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| author | Roger Frank <rfrank@pglaf.org> | 2025-10-14 20:06:21 -0700 |
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Langkau, Heike Leichsenring and the +Online Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net + + + + + +Anmerkungen zur Transkription: + +Mit _ umschlossene Texte sind im Original in einer anderen Schriftart +(Antiqua) als der Haupttext (Fraktur) gedruckt. Im Original sind auch +die Abkürzung "Dr." und römische Zahlen in Antiqua gedruckt; dies +wurde für die elektronische Fassung nicht übernommen. + +Umschließungen mit * zeigen "gesperrt" gedruckten Text an. + +Offensichtliche Interpunktionsfehler berichtigt. Im +Übrigen wurden Inkonsistenzen in der Schreibweise einzelner Wörter +(ungeheuere/ungeheure und Entwickelung/Entwicklung) belassen. Eine +Liste mit sonstigen Korrekturen finden Sie am Ende des Buchs. + +Im Original sind Textabschnitte, die ein zusammenhängendes Zitat aus +dem Grundwerk "Vom Kriege" darstellen, voneinander mit einer +(zusätzlichen) Leerzeile abgetrennt. Dies wurde hier in Form einer +Reihe Sternchen zwischen den Absätzen nachgebildet. + + + +General Karl von Clausewitz + + + + +Grundgedanken über Krieg +und Kriegführung + + + + +Erschienen im Insel-Verlag zu Leipzig + +21.-30. Tausend + + + + +Geleitwort des Herausgebers + + +Das Buch *Vom Kriege*, das Buch aller Bücher über den Krieg, dem die +nachfolgenden Sätze in der Hauptsache entnommen sind, ist im Jahre 1832 +erschienen, also erst nach dem -- am 16. November 1831 erfolgten -- Tode +des Verfassers, des preußischen Generalmajors Karl von Clausewitz. Wie +so viele Werke großer Geister ist auch dieses, das Hauptwerk des größten +Theoretikers der Kriegskunst, ein Fragment. Eine Sammlung von +Werkstücken, Hauptlineamente hat der Verfasser selbst sie genannt. Zur +letzten Durcharbeitung, Sichtung und Zusammenfassung ist er nicht +gekommen. Ursprünglich hatte Clausewitz auch gar nicht die Absicht, ein +vollständiges, einheitliches Buch über den Lieblingsgegenstand der +Gedankenarbeit seines ganzen Lebens zu schreiben. Er wollte zunächst +nichts, als ihn »in ganz kurzen, präzisen, gedrungenen Sentenzen, nach +der Art Montesquieus« behandeln. Diese *Körner* -- wie er sie einmal +bezeichnet -- sollten »schon mit der Sache bekannte geistvolle Menschen +anziehen, ebensosehr durch das, was weiter aus ihnen entwickelt werden +könnte, als durch das, was sie feststellen«. Ein System ist erst +allmählich, sozusagen gegen den Willen des Schreibenden, in seine +»Materialien« gekommen. + +Diese erste Absicht, in Aphorismen zu sprechen, gestattet es ohne +Zweifel, einmal die Grundgedanken als *Körner* auf einer besonderen +Schale zu reichen. Der Berufssoldat, der das ganze Werk kennt und liebt, +wird durch sie gewiß von neuem zu ihm hingezogen, während wohl mancher +Nichtsoldat zumal in einer Zeit, in der das Gesamtleben Deutschlands nur +noch die Achse des Krieges hat, es sich nun nicht länger versagen wird, +einem Geistesmonument nahezutreten, das er längst hätte besitzen sollen, +denn Clausewitz gehört zu den großen Erziehern der Deutschen. + +Auf das Leben und die Persönlichkeit des Generals kann hier aus +Raummangel nicht eingegangen werden. Es müßte ausführlich geschehen, und +dies soll in der Inselausgabe des Buches Vom Kriege erfolgen, die in +Vorbereitung ist. Ebenda wird über die Bedeutung und die Nachwirkung +seiner Lehren das Nötige dargelegt werden. Hier sei nur kurz berichtet, +daß der am 1. Juni 1780 in Burg bei Magdeburg geborene Karl von +Clausewitz als junger Soldat den Rheinfeldzug mitmachte. Nach der +Schlacht bei Jena geriet er dann als Bataillonsadjutant in französische +Gefangenschaft. Später wirkte er im Sinne Scharnhorsts und Gneisenaus, +vor allem aber als der Theoretiker des meisterlichsten aller Praktiker, +Napoleons, an der Kriegsakademie zu Berlin. 1812 trat er in russische +Dienste, erlebte im Hauptquartier den Feldzug von 1812 und kämpfte des +weiteren während der Befreiungskriege im Stabe Blüchers. + +Die Schicksale der Großen Armee in Rußland haben den tiefsten Eindruck +auf Clausewitz und seine strategischen Erkenntnisse hinterlassen. Dem +Mißerfolg des genialen Eroberers wissenschaftlich nachzuspüren, ist er +in den letzten zwanzig Jahren seines Lebens nicht müde geworden, und es +zeugt von der hohen geistigen Überlegenheit dieses preußischen +Offiziers, daß er bei all seiner glühenden Vaterlandsliebe sein Leben +lang der gerechteste Verehrer Napoleons blieb. Unberührt vom blinden +Hasse der Zeit, lag es Clausewitz ob, weiter als die Menschen von damals +zu blicken und dadurch für die Zukunft seines zu einem weltmächtigen +Deutschen Kaiserreiche erweiterten Vaterlandes Dauerndes zu schaffen. + +Kaum geht man wohl fehl, wenn man die berühmteste These im Buche Vom +Kriege: Die Verteidigung sei die an sich stärkere Form der Kriegführung +-- vor allem auf die unmittelbaren Erfahrungen des Generals im +russischen Feldzuge zurückführt. Dieser auffälligen Lehre gebühren +selbst im Rahmen dieser knappen Vorrede ein paar Worte. Jedermann in der +Welt weiß, daß unsere Armee den Geist der Offensive über alles hochhält +und bis ins kleinste zu betätigen strebt. Um so fremder erscheint uns +die Verherrlichung der Verteidigungstheorie bei Clausewitz, der die +Offensive erst aus vorheriger Defensive, aus dem Abwarten heraus +entwickelt. So sehr unsere Heerführer bis auf den heutigen Tag von dem +stählernen Kern der Lehren des Generals von Clausewitz, dem +Vernichtungsgedanken, überzeugt sind: in dem einen Problem ist er +vielumstritten worden, noch kurz vor dem großen Kriege Englands gegen +unsere Daseinsberechtigung, durch den General v. Bernhardi, den +Verfasser des hervorragenden Buches »Vom heutigen Kriege«, das zugleich +als das bedeutendste Ergänzungswerk zum alten Clausewitz neben den +gelehrten »Studien nach Clausewitz« des Generals Freiherrn v. +Freytag-Loringhoven, des jetzigen Generalquartiermeisters, hier zu +nennen ist. + + Dresden, 1915 Hauptmann Dr. *Arthur Schurig* + + + + +Wesen und Ziel des Krieges + + +Der Krieg ist nichts als die fortgesetzte Staatspolitik mit anderen +Mitteln. + + * * * * * + +Seit Napoleon Bonaparte hat sich der Krieg, indem er zuerst auf der +einen Seite, dann auch auf der anderen wieder *Sache des ganzen Volkes* +wurde, seiner wahren Natur, seiner absoluten Vollkommenheit sehr +genähert. + + * * * * * + +Der Krieg ist ein erweiterter Zweikampf. Jeder sucht den andern durch +physische Gewalt zur Erfüllung seines Willens zu zwingen. + +Der Krieg ist ein Akt der Gewalt, und es gibt in der Anwendung der +Gewalt keine Grenzen. + + * * * * * + +Die Gewalt rüstet sich mit den Erfindungen der Wissenschaften aus, um +der Gewalt zu begegnen. Unmerkliche, kaum nennenswerte Beschränkungen, +die sie sich selbst setzt unter dem Namen völkerrechtlicher Sitte, +begleiten sie, ohne ihre Kraft wesentlich zu schwächen. + + * * * * * + +Menschenfreundliche Seelen könnten leicht denken, es gäbe ein Entwaffnen +oder Niederwerfen des Gegners, ohne zu viel Wunden zu verursachen, und +das sei die wahre Kriegskunst. Wie gut sich das auch ausnimmt, so muß +man diesen Irrtum doch zerstören, denn in so gefährlichen Dingen, wie +der Krieg eins ist, sind *die* Irrtümer, die aus Gutmütigkeit entstehen, +gerade die schlimmsten. Wer sich der Gewalt *rücksichtslos* bedient, +bekommt ein Übergewicht, wenn der Gegner anders handelt. So muß man die +Sache ansehen, und es ist ein unnützes, sogar verkehrtes Bestreben, aus +Widerwillen gegen das rohe Element die Natur des Krieges zu verkennen. + + * * * * * + +Der Kampf zwischen Menschen besteht aus zwei verschiedenen Elementen: +dem feindseligen Gefühl und der feindseligen Absicht. Bei wilden Völkern +herrschen die dem Gemüt, bei gebildeten die dem Verstande angehörigen +Absichten vor. Allein dieser Unterschied liegt nicht im Wesen von Roheit +und Bildung selbst, sondern in den sie begleitenden Umständen und +Einrichtungen. Er ist also nicht in jedem einzelnen Falle notwendig, +sondern er beherrscht nur die Mehrheit der Fälle. Mit einem Worte: auch +die gebildetsten Völker können gegeneinander leidenschaftlich +entbrennen. + + * * * * * + +Gewalt, physische Gewalt ist das Mittel; dem Feinde unseren Willen +aufzudringen, der Zweck. Um diesen Zweck sicher zu erreichen, müssen wir +*den Feind wehrlos machen*. Dies ist dem Begriffe nach das eigentliche +Ziel der kriegerischen Handlung. + + * * * * * + +Wenn der Gegner unseren Willen erfüllen soll, so müssen wir ihn in eine +Lage versetzen, die nachteiliger ist als das Opfer, das wir von ihm +fordern. Die Nachteile dieser Lage dürfen aber natürlich, wenigstens dem +Anscheine nach, nicht vorübergängig sein, sonst würde der Gegner den +besseren Zeitpunkt abwarten und nicht nachgeben. Jede Veränderung dieser +Lage durch die fortgesetzte kriegerische Tätigkeit muß zu einer noch +nachteiligeren Lage führen, wenigstens in der Vorstellung. Die +schlimmste Lage, in die ein Kriegführender geraten kann, ist die +gänzliche Wehrlosigkeit. + + * * * * * + +Nun ist der Krieg nicht das Wirken einer lebendigen Kraft auf eine tote +Masse, sondern, weil ein reines Dulden auf der einen Seite kein Krieg +wäre, so ist er immer der Stoß zweier lebendiger Kräfte gegeneinander. +Solange ich den Gegner nicht niedergeworfen habe, muß ich befürchten, +daß er mich niederwirft. Ich bin also nicht Herr meiner selbst, sondern +er gibt mir das Gesetz, wie ich es ihm gebe. + + * * * * * + +Wollen wir den Gegner niederwerfen, so müssen wir *unsere* Anstrengung +nach *seiner* Widerstandskraft bemessen. Diese drückt sich durch ein +Produkt aus, deren Faktoren sich nicht trennen lassen, nämlich: die +Größe der vorhandenen Mittel und die Stärke der Willenskraft. Die Größe +der vorhandenen Mittel ließe sich bestimmen, da sie -- wiewohl nicht +ganz -- auf Zahlen beruht. Aber die Stärke der Willenskraft läßt sich +viel weniger bestimmen und nur etwa nach der Stärke des Beweggrunds +schätzen. + + * * * * * + +Das Gesetz des Äußersten, die Absicht, den Gegner wehrlos zu machen, +verschlingt gewissermaßen zunächst den politischen Zweck des Krieges. So +wie dieses Gesetz in seiner Kraft nachläßt, diese Absicht von ihrem +Ziele zurücktritt, muß der politische Zweck wieder hervortreten. Je +kleiner das Opfer ist, das wir von unserm Gegner fordern, um so +geringere Anstrengungen dürfen wir von ihm erwarten. Je geringer aber +diese sind, um so kleiner dürfen die unsrigen bleiben. Ferner, je +kleiner unser politischer Zweck ist, um so geringer wird der Wert sein, +den wir auf ihn legen; um so eher werden wir uns gefallen lassen, ihn +aufzugeben: also um so kleiner werden auch unsere Anstrengungen sein. So +wird der politische Zweck als das ursprüngliche Motiv des Krieges das Maß +sowohl für das Ziel, das durch die Kriegführung erreicht werden muß, als +auch für die Anstrengungen, die erforderlich sind. + + * * * * * + +Je großartiger und stärker die Motive des Krieges sind, je mehr sie das +ganze Dasein der Völker umfassen, je gewaltsamer die Spannung ist, die +dem Kriege vorhergeht, um so mehr wird der Krieg sich seiner abstrakten +Gestalt nähern, um so mehr wird es sich um das Niederwerfen des Feindes +handeln, um so mehr fallen das kriegerische Ziel und der politische +Zweck zusammen, um so reiner kriegerisch, weniger politisch scheint der +Krieg zu sein. + + * * * * * + +Der Krieg ist unter allen Umständen als kein selbständiges Ding, sondern +als ein politisches Instrument zu denken. Nur mit dieser Vorstellungsart +ist es möglich, nicht mit der sämtlichen Kriegsgeschichte in Widerspruch +zu geraten. + + * * * * * + +Der Krieg gehört nicht in das Gebiet der Künste und Wissenschaften, +sondern in das Gebiet des sozialen Lebens. Er ist ein Konflikt großer +Interessen, der sich blutig löst, und nur darin ist er von den anderen +verschieden. Besser als mit irgendeiner Kunst ließe er sich mit dem +Handel vergleichen, der auch ein Konflikt menschlicher Interessen und +Tätigkeiten ist, und viel näher steht ihm die Politik, die ihrerseits +wieder als eine Art von Handel in größerem Maßstabe angesehen werden +kann. + + * * * * * + +Der Krieg ist nicht nur ein wahres Chamäleon, weil er in jedem konkreten +Falle seine Natur etwas ändert, sondern er ist auch seinen +Gesamterscheinungen nach in Beziehung auf die in ihm herrschenden +Tendenzen eine wunderliche Dreifaltigkeit, zusammengesetzt aus der +ursprünglichen Gewaltsamkeit seines Elements, dem Haß und der +Feindschaft, die wie ein blinder Naturtrieb anzusehen sind, aus dem +Spiel der Wahrscheinlichkeiten und des Zufalls, die ihn zu einer freien +Seelentätigkeit machen, und aus der untergeordneten Natur eines +politischen Werkzeugs, durch die er dem bloßen Verstande anheimfällt. + + + + +Kriegskunst und Theorie + + +Mit dem Bestreben, Grundsätze, Regeln oder gar Systeme für die +Kriegführung anzugeben, setzt man sich einen positiven Zweck, ohne die +unendlichen Schwierigkeiten gehörig ins Auge zu fassen, die sie in +dieser Beziehung hat. + + * * * * * + +Die Kriegführung verläuft fast nach allen Seiten hin in unbestimmte +Grenzen. Jedes System, jedes Lehrgebäude aber hat die beschränkende +Natur einer Synthesis, und damit ist ein nie auszugleichender +Widerspruch zwischen einer solchen Theorie und der Praxis gegeben. + + * * * * * + +Unstreitig gehören die der Kriegskunst zugrunde liegenden Kenntnisse zu +den Erfahrungswissenschaften. Denn wenn sie auch größtenteils aus der +Natur der Dinge hervorgehen, so muß man doch diese Natur selbst meistens +erst durch die Erfahrung kennen lernen. Außerdem aber wird die Anwendung +durch so viele Umstände modifiziert, daß die Wirkungen nie aus der +bloßen Natur des Mittels vollständig erkannt werden können. + + * * * * * + +Bei der Ungewißheit aller Daten im Kriege müssen wir uns sagen, daß es +eine reine Unmöglichkeit wäre, die Kriegskunst durch ein positives +Lehrgebäude wie mit einem Gerüste versehen zu wollen, das dem Handelnden +überall einen äußeren Anhalt gewähren könnte. Der Handelnde würde sich +in allen jenen Fällen, wo er auf sein Talent angewiesen ist, außer +diesem Lehrgebäude und mit ihm in Widerspruch befinden, und es würde, +wie vielseitig dasselbe auch aufgefaßt sein möchte, immer dieselbe Folge +wieder eintreten, von der wir schon gesprochen haben: daß das Talent und +Genie außer dem Gesetze handelt und die Theorie ein Gegensatz zur +Wirklichkeit wird. + + * * * * * + +Historische Beispiele machen alles klar und haben nebenher in +Erfahrungswissenschaften die beste Beweiskraft. + + * * * * * + +Wenn ein Sachverständiger sein halbes Leben darauf verwendet, einen +dunklen Gegenstand überall aufzuklären, so wird er wohl weiter kommen +als einer, der in kurzer Zeit damit vertraut sein will. Daß also nicht +jeder von neuem aufzuräumen und sich durchzuarbeiten brauche, sondern +die Sache geordnet und gelichtet finde, dazu ist die Theorie vorhanden. +Sie soll den Geist des künftigen Führers im Kriege erziehen, oder +vielmehr ihn bei seiner Selbsterziehung leiten, nicht aber ihn auf das +Schlachtfeld begleiten. + + * * * * * + +Im Kriege sind die Ideen meist so einfach und naheliegend, daß das +Verdienst der Erfindung gar nicht das Talent des Feldherrn ausmachen +kann. Die Hauptsache ist die Schwierigkeit der Ausführung. Im Kriege ist +alles einfach, aber das Einfache höchst schwierig. Das Kriegsinstrument +gleicht einer Maschine mit ungeheurer Friktion, die nicht wie in der +Mechanik auf ein paar Punkte zurückgeführt werden kann, sondern überall +mit einem Heere von Zufällen im Kontakt ist. Außerdem ist der Krieg eine +Tätigkeit im erschwerenden Mittel. Eine Bewegung, die man in der Luft +mit Leichtigkeit macht, wird im Wasser sehr schwer. Gefahr und +Anstrengung sind die Elemente, in denen sich der Geist im Kriege bewegt. +So kommt es denn, daß man immer hinter *der* Linie zurückbleibt, die man +sich gezogen hat, und daß schon keine gewöhnliche Kraft dazu gehört, um +nur nicht unter dem Niveau des Mittelmäßigen zu bleiben. + + * * * * * + +Beim Handeln folgen die meisten einem bloßen Takt des Urteils, der mehr +oder weniger gut trifft, je nachdem mehr oder weniger Genie in ihnen +ist. So haben alle großen Feldherren gehandelt, und darin liegt zum +Teil ihre Größe, daß sie mit diesem Takt immer das Rechte trafen. So +wird es für das Handeln auch immer bleiben. Dieser Takt reicht dazu +vollkommen hin. Aber wenn es darauf ankommt, nicht selbst zu handeln, +sondern in einer Beratung andere zu überzeugen, dann kommt es auf klare +Vorstellungen, auf das Nachweisen des inneren Zusammenhanges an. + + * * * * * + +Alles Handeln im Kriege ist nur auf *wahrscheinliche*, nicht auf +*gewisse* Erfolge gerichtet. Was an der Gewißheit fehlt, muß überall dem +Schicksal oder dem Glück -- wie man es nennen will -- überlassen +bleiben. Es gibt Fälle, wo das höchste Wagen die höchste Weisheit ist. + + * * * * * + +Man hat früher behauptet, der Krieg sei ein Handwerk. Damit war aber +mehr verloren als gewonnen, denn ein Handwerk ist nur eine niedrige +Kunst und unterliegt als solche auch bestimmteren und engeren Gesetzen. +In der Tat hat sich die Kriegskunst eine Zeitlang im Geiste des +Handwerks bewegt, nämlich zur Zeit der Condottieri. Aber diese Richtung +hatte sie nicht nach inneren, sondern nach äußeren Gründen, und wie +wenig sie in dieser Zeit naturgemäß und befriedigend war, zeigt die +Kriegsgeschichte. + + * * * * * + +Wenn man auf der einen Seite sieht, wie das kriegerische Handeln so +höchst einfach erscheint; wenn man hört und sieht, wie die größten +Feldherren sich darüber gerade am einfachsten und schlichtesten +ausdrücken, wie das Regieren und Bewegen der aus hunderttausend Gliedern +zusammengesetzten schwerfälligen Maschine in ihrem Munde sich nicht +anders ausnimmt, als ob von ihrer Person allein die Rede sei, so daß der +ganze ungeheuere Akt des Krieges zu einer Art von Zweikampf +individualisiert wird; wenn man dabei die Motive ihres Handelns bald +mit ein paar einfachen Vorstellungen, bald mit irgendeiner Regung des +Gemütes in Verbindung gebracht findet; wenn man diese leichte, sichere, +man möchte sagen leichtfertige Weise sieht, wie sie den Gegenstand +auffassen, -- und nun von der anderen Seite die große Anzahl von +Verhältnissen, die für den untersuchenden Verstand in Anregung kommen; +die großen, oft unbestimmten Entfernungen, in die die einzelnen Fäden +auslaufen, und die Menge von Kombinationen, die vor uns liegen; wenn man +dabei an die Verpflichtung denkt, die die Theorie hat, dies alles +systematisch, d. h. mit Klarheit und Vollständigkeit, aufzufassen und +das Handeln immer auf die Notwendigkeit des zureichenden Grundes +zurückzuführen, so überfällt uns die Besorgnis mit unwiderstehlicher +Gewalt, zu einem pedantischen Schulmeistertum hinabgerissen zu werden, +in den untersten Räumen schwerfälliger Begriffe herumzukriechen und dem +großen Feldherrn in seinem leichten Überblick also niemals zu begegnen. +Wenn das Resultat theoretischer Bemühungen von dieser Art sein sollte, +so wäre es ebensogut, oder vielmehr besser, sie gar nicht angestellt zu +haben. Sie ziehen der Theorie die Geringschätzung des Talentes zu und +fallen bald in Vergessenheit. Und von der andern Seite ist dieser +leichte Überblick des Feldherrn, diese einfache Vorstellungsart, diese +Personifizierung des ganzen kriegerischen Handelns so ganz und gar der +Kern jeder guten Kriegführung, daß sich nur bei dieser großartigen Weise +die Freiheit der Seele denken läßt, die nötig ist, wenn sie über die +Ereignisse herrschen und nicht von ihnen überwältigt werden soll. + + * * * * * + +Die Kriegskunst im eigentlichen Sinne ist die Kunst, sich der gegebenen +Mittel im Kampfe zu bedienen. Wir können sie nicht besser als mit dem +Namen der *Kriegführung* bezeichnen. Dagegen werden allerdings zur +Kriegskunst im weiteren Sinne auch alle Tätigkeiten gehören, die um des +Krieges willen da sind, also die ganze Schöpfung der Streitkräfte, d. i. +Aushebung, Bewaffnung, Ausrüstung und Übung. + +Es ist für die Realität einer Theorie höchst wesentlich, diese beiden +Tätigkeiten zu trennen, denn es ist leicht einzusehen, daß, wenn jede +Kriegskunst mit der Einrichtung der Streitkräfte anfangen und diese für +die Kriegführung, sowie sie dieselben angegeben, bedingen wollte, sie +nur auf die wenigen Fälle anwendbar sein könnte, wo die vorhandenen +Streitkräfte dem gerade entsprächen. Will man dagegen eine Theorie +haben, die für die große Mehrzahl der Fälle geeignet, für keinen aber +ganz unbrauchbar sei: so muß sie auf die große Mehrheit der gewöhnlichen +Streitmittel, und bei diesen auch nur auf die wesentlichsten Resultate +gebaut sein. + +Die Kriegführung ist also die Anordnung und Führung des Kampfes. Wäre +dieser Kampf ein einzelner Akt, so würde kein Grund zu einer weiteren +Einteilung sein. Allein der Kampf besteht aus einer mehr oder weniger +großen Zahl einzelner in sich geschlossener Akte, die wir Gefechte +nennen und die neue Einheiten bilden. Daraus entspringt nun die ganz +verschiedene Tätigkeit, diese einzelnen Gefechte in sich anzuordnen und +zu führen, und sie unter sich zum Zweck des Krieges zu verbinden. Das +eine ist die *Taktik*, das andere die *Strategie* genannt worden. + +Es ist also nach unserer Einteilung die Taktik die Lehre vom Gebrauch +der Streitkräfte im Gefecht, die Strategie die Lehre vom Gebrauch der +Gefechte zum Zweck des Krieges. + + + + +Kriegerische Tugenden. Heer und Feldherr + + +Der Krieg ist ein bestimmtes Geschäft. Und wie allgemein auch seine +Beziehung sei, und wenn auch alle waffenfähigen Männer eines Volkes +dasselbe trieben, so bliebe es doch immer ein solches: verschieden und +getrennt von den übrigen Fähigkeiten, die das Menschenleben in Anspruch +nehmen. + +Vom Geiste und Wesen dieses Geschäfts durchdrungen sein, -- die Kräfte, +die in ihm tätig sein sollen, in sich üben, erwecken und aufnehmen, -- +das Geschäft mit dem Verstande ganz durchdringen, -- durch Übung +Sicherheit und Leichtigkeit in ihm gewinnen, -- ganz darin aufgehen, -- +aus dem Menschen übergehen in die Rolle, die uns darin angewiesen wird: +das ist die kriegerische Tugend des Heeres in jedem einzelnen. + + * * * * * + +Die kriegerische Tugend ist für die Teile überall, was das Genie des +Feldherrn für das Ganze ist. + + * * * * * + +Je mehr ein Feldherr gewohnt ist, von seinen Soldaten zu fordern, um so +sicherer ist er, daß die Forderung geleistet wird. Der Soldat ist ebenso +stolz auf überwundene Mühseligkeiten als auf überstandene Gefahren. Aber +nur im Boden einer beständigen Tätigkeit und Anstrengung gedeiht dieser +Keim, auch nur im Sonnenlicht des Sieges. + + * * * * * + +Wenn wir ein rohes Volk betrachten, so ist ein kriegerischer Geist unter +den einzelnen Menschen viel gewöhnlicher als bei den gebildeten Völkern, +denn bei jenen besitzt ihn fast jeder einzelne Krieger, während bei den +gebildeten eine ganze Masse nur durch die Notwendigkeit und keineswegs +durch inneren Trieb mitfortgerissen wird. Aber unter rohen Völkern +findet man nie einen eigentlich großen Feldherrn und äußerst selten, +was man ein kriegerisches Genie nennen kann, weil dazu eine Entwicklung +der Verstandeskräfte erforderlich ist, die ein rohes Volk nicht haben +kann. + + * * * * * + +Der Krieg ist das Gebiet der Gefahr. Es ist also Mut vor allen Dingen +die erste Eigenschaft des Kriegers. + +Der Mut ist doppelter Art: einmal Mut gegen die persönliche Gefahr, und +dann Mut gegen die Verantwortlichkeit, sei es vor dem Richterstuhl +irgendeiner äußeren Macht, sei es vor dem einer inneren, nämlich des +Gewissens. + +Der Mut gegen die persönliche Gefahr ist wieder doppelter Art. Erstens +kann er Gleichgültigkeit gegen die Gefahr sein. Sei es, daß sie aus dem +Organismus des Individuums oder aus Geringschätzung des Lebens oder aus +Gewohnheit hervorgehe, in diesen Fällen ist der Mut als ein bleibender +Zustand anzusehen. + +Zweitens kann er aus positiven Motiven hervorgehen, wie Ehrgeiz, +Vaterlandsliebe, Begeisterung jeder Art. In diesem Fall ist der Mut +nicht sowohl ein Zustand als eine Gemütsbewegung, ein Gefühl. + +Es ist begreiflich, daß beide Arten von verschiedener Wirkung sind. Die +erste Art ist sicherer, weil sie, zur zweiten Natur geworden, den +Menschen nie verläßt; die zweite führt oft weiter. Der ersteren gehört +mehr die Standhaftigkeit, der zweiten mehr die Kühnheit an. Die erste +läßt den Verstand nüchterner, die zweite steigert ihn zuweilen, +verblendet ihn aber auch oft. Beide vereinigt geben die vollkommenste +Art des Mutes. + + * * * * * + +Der Krieg ist das Gebiet körperlicher Anstrengungen und Leiden. Um +dadurch nicht zugrunde gerichtet zu werden, bedarf es einer gewissen +Kraft des Körpers und der Seele, die, angeboren oder eingeübt, +gleichgültig dagegen macht. Mit diesen Eigenschaften, unter der bloßen +Führung des gesunden Verstandes, ist der Mensch schon ein tüchtiges +Werkzeug für den Krieg, und diese Eigenschaften sind es, die wir bei +rohen und halbkultivierten Völkern so allgemein verbreitet antreffen. + + * * * * * + +Die Kühnheit ist vom Troßknecht bis zum Feldherrn hinauf die edelste +Tugend, der rechte Stahl, der der Waffe ihre Schärfe und ihren Glanz +gibt. + + * * * * * + +Der Geist der Kühnheit kann in einem Heere zu Hause sein, entweder weil +er es im Volke ist oder weil er sich in einem glücklichen Kriege unter +kühnen Führern erzeugt hat. + + * * * * * + +Je höher wir unter den Führern hinaufsteigen, desto notwendiger wird es, +daß der Kühnheit ein überlegender Geist zur Seite trete, daß sie nicht +zwecklos, nicht ein blinder Stoß der Leidenschaft sei. Denn immer +weniger betrifft es die eigene Aufopferung, immer mehr knüpft sich die +Erhaltung anderer und die Wohlfahrt eines großen Ganzen daran. Was also +bei dem großen Haufen die zur zweiten Natur gewordene Dienstordnung +regelt, das muß in dem Führer die Überlegung regeln, und hier kann die +Kühnheit einer einzelnen Handlung schon leicht zum Fehler werden. Aber +dennoch bleibt es ein schöner Fehler, der nicht angesehen werden darf +wie jeder andere. Wohl dem Heere, wo sich unzeitige Kühnheit häufig +zeigt! Es ist ein üppiger Auswuchs, aber der Zeuge eines kräftigen +Bodens. Selbst die Tollkühnheit, d. h. die Kühnheit ohne allen Zweck, +ist nicht mit Geringschätzung anzusehen. Im Grunde ist es dieselbe Kraft +des Gemüts, nur ohne alles Zutun des Geistes, in einer Art von +Leidenschaft ausgeübt. Nur wo die Kühnheit sich gegen den Gehorsam +auflehnt, wo sie einen ausgesprochenen höheren Willen geringschätzend +verläßt: da muß sie, nicht um ihrer selbst willen, sondern wegen des +Ungehorsams, wie ein gefährliches Übel behandelt werden; denn nichts +geht im Kriege über den Gehorsam. + + * * * * * + +Der Mut ist immer das erste Element im Krieger, aber er erhält sich in +den höheren Regionen großer Verantwortlichkeit nur dann, wenn ihn ein +kräftiger Kopf unterstützt. Darum gelangen von so vielen braven Soldaten +so wenige dazu, mutige und unternehmende Feldherren zu sein. + + * * * * * + +Die Kühnheit hat im Kriege eigene Vorrechte. Über den Erfolg des Kalküls +mit Raum, Zeit und Größe hinaus müssen ihr noch gewisse Prozente +zugestanden werden, die sie jedesmal, wo sie sich überlegen zeigt, aus +der Schwäche der anderen zieht. Sie ist also eine wahrhaft schöpferische +Kraft. Das ist selbst philosophisch nicht schwer nachzuweisen. Sooft die +Kühnheit auf die Zaghaftigkeit trifft, hat sie notwendig die +Wahrscheinlichkeit des Erfolgs für sich, weil Zaghaftigkeit schon ein +verlorenes Gleichgewicht ist. Nur wo sie auf besonnene Vorsicht trifft, +die, man möchte sagen, ebenso kühn, in jedem Falle ebenso stark und +kräftig ist als sie selbst, muß sie im Nachteil sein. Das sind aber die +seltenen Fälle. In der ganzen Schar der Vorsichtigen gibt es eine +ansehnliche Mehrheit, die es aus Furchtsamkeit ist. + + * * * * * + +Solange eine Truppe voll guten Muts mit Lustigkeit und Leichtigkeit +kämpft, ist für den Feldherrn selten Veranlassung da, große Willenskraft +in der Verfolgung seiner Zwecke zu zeigen. Sowie aber die Umstände +schwierig werden, und das kann, wo Außerordentliches geleistet werden +soll, nie ausbleiben, so geht die Sache nicht mehr von selbst wie mit +einer gut eingeölten Maschine, sondern die Maschine selbst fängt an, +Widerstand zu leisten, und diesen zu überwinden, dazu gehört die große +Willenskraft des Führers. + + * * * * * + +Kriegsgewohnheit kann kein Feldherr seinem Heere geben, und schwach ist +der Ersatz, den Friedensübungen gewähren, schwach im Vergleich mit der +wirklichen Kriegserfahrung, aber nicht im Vergleich mit einem Heere, bei +dem auch diese Übungen nur auf mechanische Kunstfertigkeiten gerichtet +sind. Die Übungen des Friedens so einzurichten, daß ein Teil jener +Friktionsgegenstände darin vorkomme, daß das Urteil, die Umsicht, selbst +die Entschlossenheit der einzelnen Führer geübt werde, dies ist von viel +größerem Wert, als die glauben, die den Gegenstand nicht aus Erfahrung +kennen. Es ist unendlich wichtig, daß der Soldat, hoch oder niedrig, auf +welcher Stufe er auch stehe, diejenigen Erscheinungen des Krieges, die +ihn beim erstenmal in Verwunderung und Verlegenheit setzen, nicht erst +im Kriege zum erstenmal sieht. Sind sie ihm früher nur ein einziges Mal +vorgekommen, so ist er schon halb damit vertraut. Das bezieht sich +selbst auf körperliche Anstrengungen. Sie müssen geübt werden, weniger, +daß sich die Natur, als daß sich der Verstand daran gewöhne. Im Kriege +ist der neue Soldat sehr geneigt, ungewöhnliche Anstrengungen für Folgen +großer Fehler, Irrungen und Verlegenheiten in der Führung des Ganzen zu +halten und dadurch doppelt niedergedrückt zu werden. Dies wird nicht +geschehen, wenn er bei Friedensübungen darauf vorbereitet wird. + +Ein anderes, weniger umfassendes, aber doch höchst wichtiges Mittel, die +Kriegsgewohnheit im Frieden zu gewinnen, ist das Heranziehen +kriegserfahrener Offiziere anderer Heere. Selten ist in Europa überall +Frieden, und nie geht der Krieg in den anderen Weltteilen aus. Ein +Staat, der lange im Frieden ist, sollte also stets suchen, von diesen +Kriegsschauplätzen sich einzelne Offiziere, aber freilich nur solche, +die gut gedient haben, zu verschaffen, oder von den seinigen einige +dahin zu schicken, damit sie den Krieg kennen lernen. + +Wie gering auch die Anzahl solcher Offiziere zur Masse eines Heeres +erscheinen möge, so ist doch ihr Einfluß sehr fühlbar. Ihre Erfahrungen, +die Richtung ihres Geistes, die Ausbildung des Charakters wirken auf +ihre Untergebenen und Kameraden. + + * * * * * + +Nicht immer bringt es ein gewöhnlicher Mensch im Gefecht bis zur +völligen Unbefangenheit und zur natürlichen Elastizität der Seele, und +so mag man denn erkennen, daß mit Gewöhnlichem hier wieder nicht +auszureichen ist, was um so wahrer wird, je größer der Wirkungskreis +ist, der angeführt werden soll. Enthusiastische, stoische, angeborene +Bravour, gebieterischer Ehrgeiz, auch lange Bekanntschaft mit der +Gefahr, viel von alledem muß da sein, wenn nicht alle Wirkung in diesem +erschwerenden Mittel hinter dem Maß zurückbleiben soll, das auf dem +Zimmer als ein gewöhnliches erscheinen mag. + + * * * * * + +Wie sorgfältig man sich auch den Bürger neben dem Krieger in einem und +demselben Individuum ausgebildet denken, wie sehr man sich die Kriege +nationalisieren, und wie weit man sie sich in eine Richtung hinausdenken +möge, entgegengesetzt derjenigen der ehemaligen Condottieri: niemals +wird man die Individualität des Geschäftsganges aufheben können, und +wenn man das nicht kann, so werden auch immer diejenigen, die es +treiben, und solange sie es treiben, sich als eine Art von Innung +ansehen, in deren Ordnungen, Gesetzen und Gewohnheiten sich die Geister +des Krieges vorzugsweise fixieren. Und so wird es auch in der Tat sein. +Man würde also bei der entschiedensten Neigung, den Krieg vom höchsten +Standpunkt aus zu betrachten, sehr unrecht haben, den Innungsgeist mit +Geringschätzung anzusehen, der mehr oder weniger in einem Heer vorhanden +sein muß. + + * * * * * + +Ein gewisser schwerer Ernst und strenge Dienstordnungen können die +kriegerische Tugend einer Truppe länger erhalten, aber sie erzeugen sie +nicht. Sie behalten darum immer ihren Wert, aber man soll sie nicht +überschätzen. Ordnung, Fertigkeit, guter Wille, auch ein gewisser Stolz +und eine vorzügliche Stimmung sind Eigenschaften eines im Frieden +erzogenen Heeres, die man schätzen muß, die aber keine Selbständigkeit +haben. Das Ganze hält das Ganze, und wie bei dem zu schnell erkalteten +Glase zerbröckelt ein einziger Riß die ganze Masse. Besonders verwandelt +sich die beste Stimmung von der Welt beim ersten Unfall nur zu leicht in +Kleinmut und, man möchte sagen, in eine Art von Großsprecherei der +Angst: das französische _sauve qui peut_. Man hüte sich, Geist des +Heeres und Stimmung im Heere zu verwechseln! + + * * * * * + +Ein Heer, das im zerstörendsten Feuer seine gewohnten Ordnungen behält, +das niemals von einer eingebildeten Furcht geschreckt wird und der +begründeten den Raum Fuß für Fuß streitig macht, das, stolz im Gefühl +seiner Siege, auch mitten im Verderben der Niederlage die Kraft zum +Gehorsam nicht verliert, nicht die Achtung und das Zutrauen zu seinen +Führern, dessen körperliche Kräfte in der Übung von Entbehrung und +Anstrengung gestärkt sind wie die Muskeln eines Athleten, das diese +Anstrengungen ansieht als ein Mittel zum Siege, nicht als einen Fluch, +der auf seinen Fahnen ruht, und das an alle diese Pflichten und Tugenden +durch den kurzen Katechismus einer einzigen Vorstellung erinnert wird, +nämlich der Ehre seiner Waffen: ein solches Heer ist vom kriegerischen +Geiste durchdrungen. + + * * * * * + +Wieviel Großes dieser Geist, diese Gediegenheit des Heeres, diese +Veredelung des Erzes zum strahlenden Metall schon geleistet, sehen wir +an den Makedoniern unter Alexander, den römischen Legionen unter Cäsar, +an der spanischen Infanterie unter Alexander Farnese, den Schweden unter +Gustav Adolf und Karl XII., den Preußen unter Friedrich dem Großen und +den Franzosen unter Bonaparte. Man müßte absichtlich die Augen +verschließen gegen alle historischen Beweise, wenn man nicht zugeben +wollte, daß die wunderbaren Erfolge dieser Feldherren und ihre Größe in +den schwierigsten Lagen nur bei einem so potenzierten Heere möglich +waren. + + * * * * * + +Soll der Feldherr den beständigen Streit mit dem Unerwarteten glücklich +bestehen, so sind ihm zwei Eigenschaften unentbehrlich, einmal ein +Verstand, der auch in dieser gesteigerten Dunkelheit nicht ohne einige +Spuren des inneren Lichtes ist, die ihn zur Wahrheit führen, und dann +Mut, diesem schwachen Lichte zu folgen. Der erstere ist bildlich mit dem +französischen Ausdruck _coup d'oeil_ bezeichnet worden, der andere ist +die Entschlossenheit. + + * * * * * + +Wir glauben, daß die Entschlossenheit einer eigentümlichen Richtung des +Verstandes ihr Dasein verdankt, und zwar einer, die mehr kräftigen als +glänzenden Köpfen angehört. Wir können diese Genealogie der +Entschlossenheit dadurch belegen, daß es eine große Anzahl von +Beispielen gibt, wo Männer, die in niederen Regionen die größte +Entschlossenheit gezeigt hatten, diese in den höheren verloren. Obgleich +sie das Bedürfnis haben, sich zu entschließen, so sehen sie doch die +Gefahren ein, die in einem falschen Entschluß liegen, und da sie mit den +Dingen, die ihnen vorliegen, nicht vertraut sind, so verliert ihr +Verstand seine ursprüngliche Kraft, und sie werden nur um so zaghafter, +je mehr sie die Gefahr der Unentschlossenheit, in die sie gebannt sind, +kennen, und je mehr sie gewohnt waren, frisch von der Faust weg zu +handeln. + + * * * * * + +Bei dem _coup d'oeil_ und der Entschlossenheit liegt es uns ganz nahe, +von der damit verwandten Geistesgegenwart zu reden, die in einem Gebiete +des Unerwarteten, wie der Krieg es ist, eine große Rolle spielen muß; +denn sie ist ja nichts als eine gesteigerte Besiegung des Unerwarteten. +Man bewundert die Geistesgegenwart in einer treffenden Antwort auf eine +unerwartete Anrede, wie man sie bewundert in der schnell gefundenen +Aushilfe bei plötzlicher Gefahr. Beide, diese Antwort und diese +Aushilfe, brauchen nicht ungewöhnlich zu sein, wenn sie nur treffen; +denn was nach reiflicher und ruhiger Überlegung nichts Ungewöhnliches, +also in seinem Eindruck auf uns etwas Gleichgültiges wäre, kann als ein +schneller Akt des Verstandes Vergnügen machen. Der Ausdruck +Geistesgegenwart bezeichnet gewiß sehr passend die Nähe und +Schnelligkeit der vom Verstande dargereichten Hilfe. + + * * * * * + +Man ist gewöhnt, sich den einfachen, tüchtigen Soldaten als Gegensatz zu +denken zu den überlegsamen oder an Erfindungen und guten Einfällen +reichen Köpfen und den im Bildungsschmuck aller Art glänzenden Geistern. +Nun ist dieser Gegensatz keineswegs ohne wirklichen Rückhalt, aber er +beweist nur nicht, daß die Tüchtigkeit des Soldaten bloß in seinem Mute +bestehe, und daß es nicht auch einer gewissen eigentümlichen Tätigkeit +und Tüchtigkeit des Kopfes bedarf, um nur das zu sein, was man einen +guten Degen nennt. Wir müssen immer wieder darauf zurückkommen, daß +nichts gewöhnlicher ist als das Beispiel von Männern, die ihre +Tüchtigkeit verlieren, sobald sie zu höheren Stellen gelangen, denen +ihre Einsichten nicht mehr gewachsen sind. Wir müssen aber auch immer +wieder daran erinnern, daß wir von *vorzüglichen* Leistungen reden, von +solchen, die Ruf in der Art von Tätigkeit geben, der sie angehören. Es +bildet daher jede Stufe des Befehls im Kriege ihre eigene Schicht von +erforderlichen Geisteskräften, von Ruhm und Ehre. + +Eine sehr große Kluft liegt zwischen einem Feldherrn, d. h. einem +entweder an der Spitze eines ganzen Krieges oder eines Kriegstheaters +stehenden General und der nächsten Befehlshaberstufe unter ihm, aus dem +einfachen Grunde, weil dieser einer viel näheren Leitung und Aufsicht +unterworfen ist, folglich der eigenen Geistestätigkeit einen viel +kleineren Kreis bietet. Dies hat denn veranlaßt, daß die gewöhnliche +Meinung eine ausgezeichnete Verstandestätigkeit nur in jener höchsten +Stelle sieht und bis dahin den gemeinen Verstand für ausreichend +erachtet. Ja, man ist nicht abgeneigt, in einem unter den Waffen +ergrauten Unterfeldherrn, den seine einseitige Tätigkeit zu einer +unverkennbaren Geistesarmut geführt hat, eine gewisse Verdummung zu +erblicken, und bei aller Verehrung für seinen Mut über seine Einfalt zu +lächeln. Es ist nicht unser Vorsatz, diesen braven Leuten ein besseres +Los zu erkämpfen. Dies würde nichts zu ihrer Wirksamkeit und wenig zu +ihrem Glück beitragen, sondern wir wollen nur die Sachen zeigen, wie sie +sind, und vor dem Irrtum warnen, daß im Kriege ein bloßer Bravo ohne +Verstand Vorzügliches leisten könne. + +Wenn wir schon in den niedrigsten Führerstellen für den, der +ausgezeichnet sein soll, auch ausgezeichnete Geisteskräfte fordern und +diese mit jeder Stufe steigern, so folgt daraus von selbst, daß wir eine +ganz andere Ansicht von den Leuten haben, die die zweiten Stellen in +einem Heere mit Ruhm bekleiden; und ihre scheinbare Einfalt neben dem +Polyhistor, dem federtätigen Geschäftsmann, dem konferierenden +Staatsmann soll uns nicht irre machen an der ausgezeichneten Natur +ihres werktätigen Verstandes. Freilich geschieht es zuweilen, daß Männer +den Ruhm, den sie sich in niederen Stellen erworben haben, in die +höheren mit hinüberbringen, ohne ihn dort wirklich zu verdienen. Werden +sie nun in diesen nicht viel gebraucht, kommen sie also nicht in die +Gefahr, sich Blößen zu geben, so unterscheidet das Urteil nicht so +genau, welche Art von Ruf ihnen zukommt; und so tragen solche Männer oft +dazu bei, daß man einen geringeren Begriff von der Persönlichkeit faßt, +die in gewissen Stellen noch zu glänzen vermag. + + * * * * * + +Die ausgezeichneten Feldherren sind niemals aus der Klasse der +vielwissenden oder gar gelehrten Offiziere hervorgegangen. Meistens +konnten sie ihrer ganzen Lage nach auf keine große Summe des Wissens +eingerichtet sein. Darum sind auch die immer als lächerliche Pedanten +verspottet worden, die es für die Erziehung eines künftigen Feldherrn +nötig oder auch nur nützlich halten, mit der Erkenntnis aller Details +anzufangen. Es läßt sich ohne große Mühe beweisen, daß sie ihm schaden +wird, weil der menschliche Geist durch die ihm mitgeteilten Kenntnisse +und Ideenrichtungen erzogen wird. Nur das Große kann ihn großartig, das +Kleine nur kleinlich machen, wenn er es nicht wie etwas ganz Fremdes +ganz von sich stößt. + + * * * * * + +Je höher wir in den Führerstellen hinaufsteigen, um so mehr wird Geist, +Verstand und Einsicht in der Tätigkeit vorherrschend, um so mehr wird +also die Kühnheit, die eine Eigenschaft des Gemüts ist, zurückgedrängt, +und darum finden wir sie in den höchsten Stellen so selten, aber um so +bewunderungswürdiger ist sie auch dann. Eine durch vorherrschenden Geist +geleitete Kühnheit ist der Stempel des Helden. Diese Kühnheit besteht +nicht im Wagen gegen die Natur der Dinge, in einer plumpen Verletzung +des Wahrscheinlichkeitsgesetzes, sondern in der kräftigen Unterstützung +jenes höheren Kalküls, den das Genie, der Takt des Urteils in +Blitzesschnelle und nur halb bewußt durchlaufen hat, wenn er seine Wahl +trifft. Je mehr die Kühnheit den Geist und die Einsicht beflügelt, um so +weiter reichen diese mit ihrem Flug, um so umfassender wird der Blick, +um so richtiger das Resultat. Aber freilich immer nur in dem Sinne, daß +mit den größeren Zwecken auch die größeren Gefahren verbunden bleiben. +Der gewöhnliche Mensch, um nicht von den schwachen und unentschlossenen +zu reden, kommt höchstens bei einer eingebildeten Wirksamkeit auf seinem +Zimmer, entfernt von Gefahr und Verantwortlichkeit, zu einem richtigen +Resultat, soweit nämlich ein solches ohne lebendige Anschauung möglich +ist. Treten ihm aber Gefahr und Verantwortlichkeit überall nahe, so +verliert er den Überblick, und bliebe ihm dieser etwa durch den Einfluß +anderer, so würde er den Entschluß verlieren, weil da kein anderer +aushelfen kann. + + * * * * * + +Es ist eine sehr hervorstechende Eigentümlichkeit großer Feldherren, im +Unglück und in der Bedrängnis so wenig als möglich aufzugeben, sich und +dem Glücke zu vertrauen und es darauf ankommen zu lassen, ob bessere +Zeiten ohne große Verluste zu erreichen sind. Gelingt es, so sind wir +geneigt, jedesmal alles für sichere Rechnung und klares Bewußtsein zu +halten, was erst bloß dunkles Wagen war. + +Je hervorstechender diese Eigentümlichkeit ist und je mehr wir die +innere Zuversicht bewundern, auf die alles gegründet gewesen zu sein +scheint, um so geneigter ist man, dieses hartnäckige Verweilen auf einer +Station der Laufbahn als eine notwendige Bedingung, als ein unfehlbares +Zeichen der Größe im Unglück zu betrachten. Hätte Napoleon im Jahre 1812 +im Oktober jenseits Moskau durch irgendeinen Ministerwechsel in +Petersburg noch einen vorteilhaften Frieden erhalten, so spräche man mit +der höchsten Bewunderung von der Ausdauer, die man jetzt für eine Art +Raserei ansieht. + +Daß sich unser Urteil so sehr nach dem Erfolge richtet, ist nichts +weniger als unvernünftig, denn in den meisten Fällen bleibt uns doch +nicht viel anderes übrig. Der Erfolg einer Unternehmung ist +gewissermaßen die Rechenprobe, und es ist sehr natürlich, daß man sich +an sie hält. + +Dieser natürlichen, instinktartigen Richtung entgegen sieht man oft, daß +sich eine dünkelvolle Kritik darin gefällt: in den bestgelungensten +Unternehmungen gerade die größten Fehler zu entdecken. In den meisten +Fällen sind diese Urteile wirklich nicht viel besser, als wenn ein Arzt +behaupten wollte, ein Kranker, dem er das Leben abgesprochen, lebe zu +Unrecht weiter. + + * * * * * + +Wer sich in einem Elemente bewegen will, wie der Krieg es ist, darf +durchaus aus seinen Büchern nichts mitbringen als die Erziehung seines +Geistes. Bringt er fertige Ideen mit, die ihm nicht der Stoß des +Augenblicks eingegeben, die er nicht aus seinem eigenen Fleisch und Blut +erzeugt hat, so wirft ihm der Strom der Begebenheiten sein Gebäude +nieder, ehe es fertig ist. Es wird den anderen, den Naturmenschen, +niemals verständlich sein und wird gerade unter den ausgezeichnetsten +von ihnen, die selbst wissen, was sie wollen, das wenigste Vertrauen +genießen. + + * * * * * + +Der vollkommenste Generalstab mit den richtigsten Ansichten und +Grundsätzen reicht nicht hin, die ausgezeichnete Führung einer Armee zu +bedingen, wenn die Seele eines großen Feldherrn fehlt. Die einer großen +Feldherrnnatur angeborene Richtung des Blickes und des Willens aber ist +auch da ein vortreffliches Korrektiv gegen die sich in ihre eigenen +Pläne verwickelnde Generalstabsgelehrsamkeit, wo sie dieser übrigens als +Instrument nicht entbehren kann. + + * * * * * + +Da der Krieg kein reines Produkt notwendiger Beziehungen von Zweck und +Mittel ist, sondern immer etwas von der Natur des Glückspiels behält, so +kann auch die Kriegführung jenes Elements durchaus nicht entbehren, und +der Feldherr, der zu wenig Neigung zu diesem Spiel hat, wird, ohne es zu +ahnen, hinter der Linie zurückbleiben und im großen Kontobuche der +kriegerischen Erfolge in eine tiefere Schuld geraten, als er denkt. + + * * * * * + +Der Führer im Kriege muß das Werk seiner Tätigkeit einem mitwirkenden +Raume übergeben, den seine Augen nicht überblicken, den der regste Eifer +nicht immer erforschen kann, und mit dem er bei dem beständigen Wechsel +auch selten in eigentliche Bekanntschaft kommt. Diese höchst +eigentümliche Schwierigkeit muß er durch eine eigentümliche +Geistesanlage besiegen, die, mit einem zu beschränkten Ausdruck, der +Ortssinn genannt wird. Es ist das Vermögen, sich von jeder Gegend +schnell eine richtige geometrische Vorstellung zu machen und als Folge +davon sich in ihr jedesmal leicht zurechtzufinden. Offenbar ist dies ein +Akt der Phantasie. Zwar geschieht das Auffassen dabei teils durch das +körperliche Auge, teils durch den Verstand, der mit seinen aus +Wissenschaft und Erfahrung geschöpften Einsichten das Fehlende ergänzt +und aus den Bruchstücken des körperlichen Blicks ein Ganzes macht. Aber +daß dies Ganze nun lebhaft vor die Seele trete, ein Bild, eine innerlich +gezeichnete Karte werde, daß dies Bild bleibend sei, die einzelnen Züge +nicht immer wieder auseinanderfallen, das vermag nur die Geisteskraft zu +bewirken, die wir Phantasie nennen. + + * * * * * + +Es ist natürlich, daß auch die Anwendungen dieses Talents sich nach +obenhin erweitern. Müssen sich Husar und Jäger auf einer Patrouille in +Weg und Steg leicht zurechtfinden, und bedarf es dafür immer nur weniger +Kennzeichen, einer beschränkten Auffassungs- und Vorstellungsgabe, so +muß der Feldherr sich bis zu den allgemeinen geographischen Gegenständen +einer Provinz und eines Landes erheben, den Zug der Straßen, Ströme und +Gebirge immer lebhaft vor Augen haben, ohne darum den beschränkten +Ortssinn entbehren zu können. Zwar sind ihm für die allgemeinen +Gegenstände Nachrichten aller Art, Karten, Bücher, Memoiren, und für die +Einzelheiten der Beistand seiner Umgebungen eine große Hilfe, aber gewiß +ist es dennoch, daß ein großes Talent in schneller und klarer Auffassung +der Gegend seinem ganzen Handeln einen leichteren und festeren Schritt +verleiht, ihn vor einer gewissen inneren Unbeholfenheit schützt und +weniger abhängig von andern macht. + + * * * * * + +Die sehr große Masse von Kenntnissen und Fertigkeiten, die der +kriegerischen Tätigkeit im allgemeinen dienen, und die nötig werden, ehe +ein ausgerüstetes Heer ins Feld rücken kann, drängen sich in wenige +große Resultate zusammen, ehe sie dazu kommen, im Kriege den endlichen +Zweck ihrer Tätigkeit zu erreichen, so wie die Gewässer des Landes sich +in Ströme vereinigen, ehe sie ins Meer kommen. Nur diese sich +unmittelbar ins Meer des Krieges ergießenden Tätigkeiten hat der kennen +zu lernen, der sie leiten will. + + * * * * * + +Der Feldherr braucht weder ein gelehrter Geschichtsforscher, noch +Publizist zu sein, aber er muß mit dem höheren Staatsleben vertraut +sein, die eingewohnten Richtungen, die aufgeregten Interessen, die +vorliegenden Fragen, die handelnden Personen kennen und richtig ansehen. +Er braucht kein feiner Menschenbeobachter, kein haarscharfer +Zergliederer des menschlichen Charakters zu sein, aber er muß den +Charakter, die Denkungsart und Sitte, die eigentümlichen Fehler und +Vorzüge derer kennen, denen er befehlen soll. Er braucht nichts von der +Einrichtung eines Fuhrwerks, der Anspannung der Pferde eines Geschützes +zu verstehen, aber er muß den Marsch einer Kolonne seiner Dauer nach +unter den verschiedenen Umständen richtig zu schätzen wissen. Alle diese +Kenntnisse lassen sich nicht durch den Apparat wissenschaftlicher +Formeln und Maschinerien erzwingen, sondern sie erwerben sich nur, wenn +in der Betrachtung der Dinge und im Leben ein treffendes Urteil, wenn +ein nach dieser Auffassung hin gerichtetes Talent tätig ist. + + * * * * * + +Das einer hochgestellten kriegerischen Tätigkeit nötige Wissen zeichnet +sich durchaus aus, daß es in der Betrachtung, also im Studium und +Nachdenken, nur durch ein eigentümliches Talent erworben werden kann, +das, wie die Biene den Honig aus der Blume, als ein geistiger Instinkt +aus den Erscheinungen des Lebens nur den Geist zu ziehen versteht, und +daß es neben Betrachtung und Studium auch durch das Leben zu erwerben +ist. Das Leben mit seiner reichen Belehrung wird niemals einen Newton +oder Euler hervorbringen, wohl aber den höheren Kalkül eines Condé oder +Friedrichs des Großen. + + * * * * * + +Irgendein großes Gefühl muß die großen Kräfte des Feldherrn beleben, sei +es der Ehrgeiz wie in Cäsar, der Haß des Feindes wie in Hannibal, der +Stolz eines glorreichen Unterganges wie in Friedrich dem Großen. + + + + +Kriegsplan. Numerische Überlegenheit. Friktion im Kriege. Ungewißheit +der Nachrichten + + +Der Kriegsplan faßt den ganzen kriegerischen Akt zusammen. Durch ihn +wird er zur einzelnen Handlung, die einen letzten endlichen Zweck haben +muß, in dem sich alle besonderen Zwecke ausgeglichen haben. Man fängt +keinen Krieg an, oder man sollte vernünftigerweise keinen anfangen, ohne +sich zu sagen, was man mit und was man in ihm erreichen will. Das +erstere ist der Zweck, das andere das Ziel. Durch diesen Hauptgedanken +werden alle Richtungen gegeben, der Umfang der Mittel, das Maß der +Energie bestimmt. Er äußert seinen Einfluß bis in die kleinsten Glieder +der Handlung hinab. + + * * * * * + +Zwei Hauptgrundsätze umfassen den ganzen Kriegsplan und dienen allen +übrigen zur Richtung. + +Der erste ist: das Gewicht der feindlichen Macht auf so wenige +Schwerpunkte als möglich zurückzuführen, wenn es sein kann, auf einen; +wiederum den Stoß gegen diese Schwerpunkte auf so wenige Haupthandlungen +als möglich zu beschränken, wenn es sein kann, auf eine; endlich alle +untergeordneten Handlungen so untergeordnet als möglich zu halten. Mit +einem Wort, der erste Grundsatz ist: so konzentriert als möglich zu +handeln. + +Der zweite Grundsatz lautet: so schnell als möglich zu handeln, also +keinen Aufenthalt und keinen Umweg ohne hinreichenden Grund stattfinden +zu lassen. + + * * * * * + +Jeder Plan zu einem Feldzuge ist die Auswahl *eines* Weges unter tausend +denkbaren. Je größer die kriegführenden Staaten sind und die Massen, die +sie in Bewegung setzen, um so größer ist die Zahl der möglichen +Kombinationen, und es ist ganz unmöglich, alle zu erschöpfen. Darum +bleibt man auch mehr oder weniger immer dabei stehen, *einen* fertigen +Plan hinzustellen und es dem Takt des Urteils zu überlassen, das +Treffende wie das Fehlerhafte daran herauszufühlen. Einem geraden, d. h. +unverdrehten Verstande wird die Wahrheit und das Richtige ohne weitere +Entwickelung der Gründe schon in der bloßen Aufstellung im Augenblicke +klar. Ein solcher Verstand hat für die Wahrheit eine Art musikalisches +Gefühl, das unreine Verhältnisse wie Mißtöne leicht unterscheidet. + + * * * * * + +Besonders zu berücksichtigen beim Eindringen in ein Land ist die +Hauptstadt. Jede Hauptstadt hat ein großes strategisches Gewicht, die +eine mehr als die andre: diejenige mehr, die den Begriff der Hauptstadt +stärker in sich vereinigt, und *die* am meisten, die der Knoten +politischer Parteiungen ist. Letzteres ist der Fall mit Paris. + + * * * * * + +Der Schwerpunkt des französischen Reiches liegt in seiner Kriegsmacht +und in Paris. Jene in einer Hauptschlacht besiegen, Paris erobern, die +Überreste des feindlichen Heeres über die Loire zurückwerfen, muß unser +Ziel sein. Die Herzgrube Frankreichs liegt zwischen Paris und Brüssel. +Dort ist die Grenze von der Hauptstadt nur dreißig Meilen entfernt. + + * * * * * + +Auch als Nebenunternehmung ist ein Angriff auf das südliche Frankreich +verwerflich, denn er weckt nur neue Kräfte gegen uns. Jedesmal, wenn man +eine entfernte Provinz angreift, rührt man Interessen und Tätigkeiten +auf, die sonst geschlummert hätten. + + * * * * * + +Die Theorie fordert die kürzesten Wege zum Ziel und schließt die +Erörterung über rechts und links, hierhin oder dorthin, von der +Betrachtung ganz aus. Napoleon hat niemals anders gehandelt. Die +*nächste* Hauptstraße von Heer zu Heer oder von Hauptstadt zu Hauptstadt +war ihm immer der *liebste* Weg. + + * * * * * + +Es war einer der allerbesten Grundsätze des Meisters (Bonaparte) in den +Feldzügen von 1796 und 1797: sich auf den untergeordneten Punkten mit so +wenig Truppen als möglich zu behelfen, um auf dem Hauptpunkte recht +stark zu sein. + + * * * * * + +Die _Centra gravitatis_ in der feindlichen Kriegsmacht zu unterscheiden, +ihre Wirkungsweise zu erkennen, ist ein Hauptakt des strategischen +Urteils. Man wird sich nämlich jedesmal fragen müssen, welche Wirkungen +das Vorgehen und Zurückgehen des einen Teils der gegenseitigen +Streitkräfte auf die übrigen hervorbringen wird. + + * * * * * + +Wenn wir die neueste Kriegsgeschichte ohne Vorurteil betrachten, so +müssen wir uns gestehen, daß die Überlegenheit in der Zahl mit jedem Tag +entscheidender wird. Wir müssen also den Grundsatz, möglichst stark im +entscheidenden Gefecht zu sein, allerdings jetzt etwas höher stellen, +als er vielleicht ehemals gestellt worden ist. + +Mut und Geist des Heeres haben zu allen Zeiten die physischen Kräfte +gesteigert und werden es auch ferner tun. Aber wir finden in der +Geschichte Zeiten, wo eine große Überlegenheit in der Einrichtung und +Ausrüstung der Heere, andere, wo eine solche Überlegenheit in der +Beweglichkeit ein bedeutendes moralisches Übergewicht gab. + + * * * * * + +Die Heere sind in unseren Tagen einander an Bewaffnung, Ausrüstung und +Übung so ähnlich, daß zwischen den besten und den schlechtesten kein +sehr merklicher Unterschied in diesen Dingen besteht. Die einen sind die +Erfinder und Anführer in den besseren Einrichtungen, und die anderen +die schnell folgenden Nachahmer. Selbst die Unterfeldherren, die Führer +der Korps und Divisionen, haben überall, was ihr Handwerk betrifft, +ziemlich dieselben Ansichten und Methoden, so daß außer dem Talent des +obersten Feldherrn, das schwerlich in einem konstanten Verhältnis zu der +Bildung des Volkes und Heeres zu denken, sondern ganz dem Zufall +überlassen ist, nur noch die Kriegsgewohnheit ein merkliches Übergewicht +geben kann. Je mehr das Gleichgewicht in allen jenen Dingen besteht, um +so entscheidender wird das Machtverhältnis. + + * * * * * + +Die absolute Stärke ist in der Strategie meist ein Gegebenes, an dem der +Feldherr nichts mehr ändern kann. Hieraus kann aber nicht gefolgert +werden, daß der Krieg mit einem merklich schwächeren Heer unmöglich sei. +Der Krieg ist nicht immer ein freier Entschluß der Politik, und am +wenigsten ist er es da, wo die Kräfte sehr ungleich sind. Folglich läßt +sich jedes Machtverhältnis im Kriege denken, und es wäre eine sonderbare +Kriegstheorie, die sich da ganz lossagen wollte, wo sie am meisten +gebraucht wird. + + * * * * * + +Das sukzessive Heranziehen der Kräfte zu nachhaltigen wiederholten +Stößen, das in der Taktik eine so unendlich wichtige Sache ist, ist in +der Strategie ganz gegen die Natur der Dinge. Es ist einer der +Hauptgrundsätze der Strategie, *alle* vorhandenen Streitkräfte +*gleichzeitig* in den Kampf zu führen, oder, im Falle sie nicht alle +gebraucht werden, so viel als zur Sicherung des Erfolgs notwendig sind. +Nur das, was zum Augenblicke, da das Handeln eintreten *muß*, durchaus +nicht beschafft werden *kann*, nur das darf zur Reserve und zum +nachhaltigen Gebrauch verwendet werden. + + * * * * * + +Theoretisch klingt es ganz gut: Der Bataillonskommandeur ist +verantwortlich für die Ausführung des gegebenen Befehls, und da das +Bataillon durch die Disziplin zu einem Stück zusammengeschweißt ist, +sein Führer aber ein Mann von anerkanntem Eifer sein muß, so dreht sich +der Balken um einen eisernen Zapfen mit wenig Friktion. So ist es aber +in Wirklichkeit nicht. Das Bataillon bleibt immer aus einer Anzahl +Menschen zusammengesetzt, von denen, wenn es der Zufall will, der +unbedeutendste imstande ist, einen Aufenthalt oder sonst eine +Unregelmäßigkeit zu bewirken. + +Diese entsetzliche Friktion, die sich nicht wie in der Mechanik auf +wenige Punkte konzentrieren läßt, ist überall im Kontakt mit dem Zufall +und bringt Erscheinungen hervor, die sich gar nicht berechnen lassen, +eben weil sie zum großen Teil dem Zufall angehören. + + * * * * * + +Ein großer Teil der Nachrichten, die man im Kriege bekommt, ist +widersprechend, ein noch größerer ist falsch und bei weitem der größte +einer ziemlichen Ungewißheit unterworfen. Was man hier vom Offizier +fordern kann, ist ein gewisses Unterscheiden, das nur Sach- und +Menschenkenntnis und Urteil geben können. Das Gesetz des +Wahrscheinlichen muß ihn leiten. Diese Schwierigkeit ist nicht +unbedeutend bei den ersten Entwürfen, die auf dem Zimmer und noch +außerhalb der eigentlichen Kriegssphäre gemacht werden, aber unendlich +größer ist sie da, wo im Getümmel des Krieges selbst eine Nachricht die +andere drängt. Die meisten Nachrichten sind falsch, und die +Furchtsamkeit der Menschen vermehrt die Kraft der Lüge und Unwahrheit. +In der Regel ist jeder geneigt, das Schlimme eher zu glauben als das +Gute. Jeder ist geneigt, das Schlimme etwas zu vergrößern, und die +Gefährlichkeiten, die auf diese Weise berichtet werden, obgleich sie wie +die Wellen des Meeres in sich selbst zusammensinken, kehren doch wie +jene ohne sichtbare Veranlassung immer von neuem zurück. Fest im +Vertrauen auf sein besseres inneres Wissen muß der Führer dastehen wie +der Fels, an dem sich die Welle bricht. Die Rolle ist nicht leicht. Wer +nicht von Natur mit leichtem Blute begabt oder durch kriegerische +Erfahrungen geübt und im Urteil gestärkt ist, mag es sich eine Regel +sein lassen, sich gewaltsam, d. h. gegen das innere Niveau seiner +eigenen Überzeugung, von der Seite der Befürchtungen ab auf die Seite +der Hoffnungen hinzuneigen. Er wird nur dadurch das wahre Gleichgewicht +erhalten können. Diese Schwierigkeit, richtig zu sehen, die eine der +allergrößten Friktionen im Kriege ausmacht, läßt die Dinge ganz anders +erscheinen, als man sie gedacht hat. Der Eindruck der Sinne ist stärker +als die Vorstellungen des überlegenden Kalküls, und dies geht so weit, +daß wohl noch nie eine einigermaßen wichtige Unternehmung ausgeführt +worden ist, wo der Befehlshaber nicht in den ersten Momenten der +Ausführung neue Zweifel bei sich zu besiegen gehabt hätte. Gewöhnliche +Menschen, die fremden Eingebungen folgen, werden daher meistens an Ort +und Stelle unschlüssig; sie glauben die Umstände anders gefunden zu +haben, als sie solche vorausgesetzt hatten, und zwar um so mehr, da sie +auch hier sich wieder fremden Eingebungen überlassen. Aber auch der, der +selbst entwarf und jetzt mit eigenen Augen sieht, wird leicht an seiner +vorigen Meinung irre. Festes Vertrauen zu sich selbst muß ihn gegen den +scheinbaren Drang des Augenblicks waffnen. Seine frühere Überzeugung +wird sich bei der Entwicklung bewähren, wenn die vorderen Kulissen, die +das Schicksal in die Kriegsszenen einschiebt, mit ihren dick +aufgetragenen Gestalten der Gefahr weggezogen, und der Horizont +erweitert ist. Dies ist eine der großen Klüfte zwischen Entwerfen und +Ausführen. + + + + +Operationsbasis. Märsche. Festungen. Gebirgskrieg + + +Das Heer gleicht einem Baume. Aus dem Boden, auf dem er wächst, zieht er +seine Lebenskräfte. Ist er klein, so kann er leicht verpflanzt werden; +dies wird aber schwieriger, je größer er wird. Ein kleiner Haufe hat +auch seine Lebenskanäle, aber er schlägt leicht Wurzeln, wo er sich +befindet; nicht so ein zahlreiches Heer. Wenn also von dem Einfluß der +Basis auf die Unternehmungen die Rede ist, so muß allen Vorstellungen +immer der Maßstab zugrunde liegen, den die Größe des Heeres bedingt. + + * * * * * + +Stets hat *die Schweiz* ängstliche Neutralität beobachtet. Seit +Jahrhunderten ist sie allen europäischen Händeln fremd geblieben. Es +gehört also ein viel größerer Übermut, eine entschiedene Geringschätzung +aller alten Verhältnisse dazu, sich zu einem Einbruche in die Schweiz zu +entschließen, als zur Überwältigung anderer Staaten, obgleich die +Schweiz einen hohen Wert als Angriffsstation hat, weil man durch ihren +Besitz imstande ist, das Innere Frankreichs mit einer Invasion zu +bedrohen, ohne vor den französischen Festungen stehen bleiben zu müssen. + + * * * * * + +Wenn ein Heer zu einer Unternehmung vorschreitet, sei es, um den Feind +und sein Kriegstheater anzugreifen oder sich an den Grenzen des eigenen +aufzustellen, so bleibt es von den Quellen seiner Verpflegung und +Ergänzung in einer notwendigen Abhängigkeit und muß die Verbindung mit +ihnen unterhalten, denn sie sind die Bedingungen seines Daseins und +Bestehens. Diese Abhängigkeit wächst intensiv und extensiv mit der Größe +des Heeres. Nun ist es aber weder immer möglich noch erforderlich, daß +das Heer mit dem ganzen Lande in unmittelbarer Verbindung bleibt, +sondern nur mit dem Stück, das sich gerade hinter ihm befindet und +folglich durch seine Stellung gedeckt ist. In diesem Teile des Landes +werden dann, soweit es nötig ist, besondere Anlagen von Vorräten gemacht +und Veranstaltungen zur regelmäßigen Fortschaffung der Ergänzungskräfte +getroffen. Dieses Stück des Landes ist also die Grundlage des Heeres und +aller seiner Unternehmungen; es muß als ein Ganzes mit demselben +betrachtet werden. Sind die Vorräte zu ihrer größeren Sicherheit in +befestigten Orten angelegt, so wird der Begriff einer Basis dadurch +verstärkt, aber er entsteht nicht erst dadurch, denn in einer Menge von +Fällen findet dies nicht statt. + +Aber auch ein Stück des feindlichen Landes kann die Grundlage eines +Heeres bilden, oder wenigstens mit dazu gehören. Denn wenn ein Heer im +feindlichen Lande vorgerückt ist, werden eine Menge Bedürfnisse aus dem +eingenommenen Teile gezogen. Die Bedingung ist in diesem Fall, daß man +wirklich Herr dieses Landstrichs, d. h. der Befolgung der Anordnungen +gewiß ist. + + * * * * * + +Die Bedürfnisse eines Heeres muß man in zwei Klassen teilen, nämlich +die, die jede angebaute Gegend gibt, und andere, die es nur aus den +Quellen seiner Entstehung ziehen kann. Die ersten sind hauptsächlich +Unterhalts- und die zweiten Ergänzungsmittel. Die ersteren kann auch das +feindliche Land, die letzteren in der Regel nur das eigene liefern, z. B. +Menschen, Waffen und meistens auch Munition. + + * * * * * + +Sind einmal die Anstalten zur Ergänzung und Ernährung des Heeres in +einem gewissen Bezirk und für eine gewisse Richtung getroffen, so ist +selbst im eigenen Lande nur dieser Bezirk als die Basis des Heeres zu +betrachten, und da eine Veränderung hierin immer Zeit und Kraftaufwand +erfordert, so kann auch im eigenen Lande das Heer seine Basis nicht von +einem Tage zum andern verlegen, und darum ist es auch in der Richtung +seiner Unternehmungen immer mehr oder weniger beschränkt. + + * * * * * + +Die Verpflegung der Truppen bietet, wie sie auch geschehen möge (durch +Magazine oder Beitreibungen), immer solche Schwierigkeiten, daß sie eine +sehr entscheidende Stimme bei der Wahl der Maßregeln hat. Sie ist oft +der wirksamsten Kombination entgegen und nötigt, der Nahrung +nachzugehen, wo man dem Siege, dem glänzenden Erfolge nachgehen möchte. +Durch sie vorzüglich bekommt die ganze Maschine die Schwerfälligkeit, +durch die ihre Wirkungen so weit hinter dem Fluge großer Entwürfe +zurückbleiben. + + * * * * * + +Wo aus irgendeinem Grunde der Gang der Begebenheiten weniger reißend +ist, wo mehr ein gleichgewichtiges Schweben und Abwägen der Kräfte +stattfindet, da ist das Unterbringen der Truppen unter Dach und Fach ein +Hauptgegenstand der Aufmerksamkeit des Feldherrn. + + * * * * * + +Ohne in Bonaparte den leidenschaftlichen Spieler zu verkennen, der sich +oft in ein tolles Extrem wagte, kann man doch wohl sagen, daß er und die +ihm vorangegangenen Revolutionsfeldherren in Rücksicht auf die +Verpflegung ein mächtiges Vorurteil beiseite geschafft und gezeigt +haben, daß diese nie anders als unter dem Gesichtspunkt einer Bedingung, +also niemals als Zweck betrachtet werden müsse. + +Übrigens verhält es sich mit der Entbehrung im Kriege wie mit der +körperlichen Anstrengung und der Gefahr. Die Forderungen, die der +Feldherr an sein Heer machen kann, sind durch keine bestimmten Linien +begrenzt. Ein starker Charakter fordert mehr als ein weichlicher +Gefühlsmensch. Auch die Leistungen des Heeres sind verschieden, je +nachdem Gewohnheit, kriegerischer Geist, Vertrauen und Liebe zum +Feldherrn oder Enthusiasmus für die Sache des Vaterlandes den Willen und +die Kräfte des Soldaten unterstützen. Aber das sollte man wohl als +Grundsatz aufstellen können, daß Entbehrung und Not, wie hoch sie auch +gesteigert werden mögen, immer nur als vorübergehende Zustände +betrachtet werden und daß sie zu reichlichem Unterhalt, ja wohl auch +einmal zum Überfluß führen müssen. Gibt es etwas Rührenderes als den +Gedanken an so viele tausend Soldaten, die, schlecht gekleidet, mit +einem Gepäck von dreißig bis vierzig Pfund belastet, sich auf tagelangen +Märschen in jedem Wetter und Wege mühsam fortschleppen, Gesundheit und +Leben unaufhörlich auf das Spiel setzen und sich dafür nicht einmal in +trockenem Brote sättigen können. Wenn man weiß, wie oft dies im Kriege +vorkommt, so begreift man in der Tat kaum, wie es nicht öfter zum +Versagen des Willens und der Kräfte führt, und wie eine bloße Richtung +der Vorstellungen im Menschen fähig ist, durch ihr nachhaltiges Wirken +solche Anstrengungen hervorzurufen und zu unterstützen. + +Wer also dem Soldaten große Entbehrungen auferlegt, weil große Zwecke es +fordern, der wird, sei es aus Gefühl oder aus Klugheit, auch die +Entschädigung im Auge haben, die er ihm dafür zu andern Zeiten schuldig +ist. + + * * * * * + +Über das Maß eines Marsches und die dazu erforderliche Zeit ist es +natürlich, sich an die allgemeinen Erfahrungssätze zu halten. + +Für unsere neueren Heere steht es längst fest, daß ein Marsch von drei +Meilen (21 Kilometer) das gewöhnliche Tagewerk ist, das bei langen Zügen +sogar auf zwei Meilen (14 Kilometer) heruntergesetzt werden muß, um die +nötigen Rasttage einschalten zu können, die für die Herstellung alles +schadhaft Gewordenen bestimmt sind. + + * * * * * + +Ein einzelner mäßiger Marsch nutzt das Instrument nicht ab, aber eine +Reihe von mäßigen tut es schon, und eine Reihe von schwierigen natürlich +viel mehr. + +Auf der Kriegsbühne selbst sind Mangel an Verpflegung und Unterkommen, +schlechte, ausgefahrene Wege und die Notwendigkeit beständiger +Schlagfertigkeit die Ursachen der unverhältnismäßigen Kraftanstrengungen, +durch die Menschen, Vieh, Fuhrwerk und Bekleidung zugrunde gerichtet +werden. + + * * * * * + +Man muß sich auf eine große Zerstörung seiner eigenen Kräfte gefaßt +machen, wenn man einen bewegungsreichen Krieg führen will, danach seinen +übrigen Plan errichten und vor allem die Verstärkungen, die nachrücken +sollen. + + * * * * * + +Die Entfernung (eines Heeres) von der Quelle, aus der die unaufhörlich +sich schwächende Streitkraft ebenso unaufhörlich erzeugt werden muß, +nimmt mit dem Vorrücken zu. Eine erobernde Armee gleicht hierin dem +Licht einer Lampe. Je weiter sich das nährende Öl heruntersenkt, um so +kleiner wird die Flamme. + + * * * * * + +Festungen sind ein eigentlicher Schild gegen den feindlichen Angriff, +dessen Strom sich an ihnen bricht wie an Eisblöcken. + + * * * * * + +Ein Verteidigungsheer ohne Festungen hat hundert verwundbare Stellen. Es +ist ein Körper ohne Harnisch. + + * * * * * + +Offenbar ist die Wirksamkeit einer Festung aus zwei verschiedenen +Elementen zusammengesetzt, dem passiven und dem aktiven. Durch das erste +schützt sie den Ort und alles, was in ihm enthalten ist; durch das +andere übt sie einen gewissen Einfluß auf die auch über ihre +Kanonenschußweite hinaus liegende Umgegend. + + * * * * * + +Die Unternehmungen, die die Besatzung einer Festung sich erlauben darf, +sind immer ziemlich beschränkt. Selbst bei großen Festungen und starken +Besatzungen sind die Haufen, die dazu ausgesandt werden können, in +Beziehung auf die im Felde stehenden Streitkräfte meistens nicht +beträchtlich, und der Durchmesser ihres Wirkungskreises beträgt selten +über ein paar Märsche. Ist die Festung aber klein, so werden die Haufen +ganz unbedeutend, und ihr Wirkungskreis wird meist auf die nächsten +Dörfer beschränkt sein. Solche Korps aber, die nicht zur Besatzung +gehören, also nicht notwendig in die Festung zurückkehren müssen, sind +dadurch viel weniger gebunden, und so kann durch sie die aktive +Wirkungssphäre einer Festung, wenn die übrigen Umstände dazu günstig +sind, außerordentlich erweitert werden. + + * * * * * + +Erzherzog Karl hat als erster aller Theoretiker den Satz ausgesprochen, +daß das Gebirge dem Verteidiger nachteilig sei, wobei wir hinzufügen: +insofern eine große Entscheidung gesucht wird oder zu befürchten ist. + + * * * * * + +Mit der Hauptmacht ist das Gebirge womöglich zu vermeiden und seitwärts +liegen zu lassen oder vor oder hinter sich zu behalten. Im übrigen ist +das Gebirge im allgemeinen sowohl in der Taktik wie in der Strategie der +Verteidigung ungünstig. Es raubt die Übersicht und hindert die +Bewegungen nach allen Richtungen. Es zwingt zur Passivität. + + + + +Das Gefecht. Verluste. Reserven. Die Hauptschlacht. Sieg und Verfolgung + + +Der Mittel gibt es im Kriege nur ein einziges. Es ist der Kampf. Wie +mannigfaltig dieser auch gestaltet sei, wie weit er sich von der rohen +Entledigung des Hasses und der Feindschaft im Faustkampfe entfernen +möge, wie viel Dinge sich einschieben mögen, die nicht selbst Kampf +sind: immer liegt es im Begriff des Krieges, daß alle in ihm +erscheinenden Wirkungen ursprünglich vom Kampf ausgehen müssen. + + * * * * * + +Es bezieht sich also alle kriegerische Tätigkeit notwendig auf das +Gefecht, entweder unmittelbar oder mittelbar. Der Soldat wird +ausgehoben, gekleidet, bewaffnet, geübt, er schläft, ißt, trinkt und +marschiert, alles nur, um an rechter Stelle und zu rechter Zeit zu +fechten. + +Endigen somit im Gefecht alle Fäden kriegerischer Tätigkeit, so werden +wir sie auch alle auffassen, indem wir die Anordnung der Gefechte +bestimmen. Nur von dieser Anordnung und ihrer Vollziehung gehen die +Wirkungen aus, niemals unmittelbar von den ihnen vorhergehenden +Bedingungen. Nun ist im Gefecht alle Tätigkeit auf die Vernichtung des +Gegners oder vielmehr seiner Streitfähigkeit gerichtet, denn dies liegt +in seinem Begriff. Die Vernichtung der feindlichen Streitkraft ist also +immer das Mittel, um den Zweck des Gefechts zu erreichen. + +Dieser Zweck kann ebenfalls die bloße Vernichtung der feindlichen +Streitmacht sein, aber dies ist keineswegs notwendig, sondern es kann +auch etwas ganz anderes sein. Sobald nämlich das Niederwerfen des +Gegners nicht das einzige Mittel ist, den politischen Zweck zu +erreichen, sobald es andre Gegenstände gibt, die man als Ziel im Kriege +verfolgen kann: so folgt von selbst, daß diese Gegenstände der Zweck +einzelner kriegerischer Akte werden können, also auch der Zweck von +Gefechten. + + * * * * * + +Wäre die Schlacht auch nicht das kräftigste, das gewöhnlichste und +wirksamste Mittel der Entscheidung, so würde es doch hinreichen, daß sie +überhaupt zu den Mitteln der Entscheidung gehört, um die stärkste +Vereinigung der Kräfte zu fordern, die die Umstände irgend gestatten. +Eine Hauptschlacht auf dem Kriegstheater ist der Stoß des Schwerpunktes +gegen den Schwerpunkt. Je mehr Kräfte man in dem einen oder andern +versammeln kann, um so sicherer und größer wird die Wirkung sein. Also +jede Teilung der Kräfte, die nicht durch einen Zweck hervorgerufen wird +(der entweder selbst durch eine glückliche Schlacht nicht erreicht +werden kann, oder der den glücklichen Ausgang der Schlacht selbst +bedingt), ist verwerflich. + + * * * * * + +Das Gefecht ist die eigentliche kriegerische Tätigkeit; alles übrige ist +nur Träger. Gefecht ist Kampf, und in ihm ist die Vernichtung oder +Überwindung des Gegners der Zweck. + + * * * * * + +Was ist die Überwindung des Gegners? Immer nur die Vernichtung seiner +Streitkraft, sei es durch Tod oder Wunden oder auf was für eine andere +Art, sei es ganz und gar, oder nur in einem solchen Maße, daß er den +Kampf nicht mehr fortsetzen will. Wir können also, solange wir von allen +besonderen Zwecken der Gefechte absehen, die gänzliche oder teilweise +Vernichtung des Gegners als den einzigen Zweck aller Gefechte +betrachten. + + * * * * * + +Die unmittelbare Vernichtung der feindlichen Streitkräfte ist überall +das Vorherrschende. Wir stellen also das Vernichtungsprinzip auf. +Indessen befinden wir uns in der Strategie und nicht in der Taktik und +dürfen also nicht von den Mitteln sprechen, die jene haben mag, mit +wenig Kraftaufwand viel feindliche Streitkräfte zu vernichten, sondern +müssen daran erinnern, daß wir unter unmittelbarer Vernichtung die +taktischen Erfolge verstehen. Unsere Behauptung lautet also, daß nur +große taktische Erfolge zu großen strategischen führen können, oder, +bestimmter ausgedrückt, daß die taktischen Erfolge von vorherrschender +Wichtigkeit in der Kriegführung sind. + + * * * * * + +Die Frage, ob ein einfacher Stoß oder ein mehr zusammengesetzter, +kunstvoller größere Wirkung hervorbringt, mag unzweifelhaft für den +letzteren entschieden werden, solange der Gegner als ein leidender +Gegenstand gedacht wird. Allein jeder zusammengesetzte Stoß erfordert +mehr Zeit, und diese Zeit muß ihm gegönnt werden, ohne daß durch einen +Gegenstoß auf einen der Teile das Ganze in den Vorbereitungen zu seiner +Wirkung gestört wird. Entscheidet sich nun der Gegner zu einem +einfacheren Stoß, der in kurzer Zeit ausgeführt ist, so gewinnt er den +Vorsprung und stört die Wirkung des großen Plans. Man muß also bei dem +Werte des zusammengesetzten Stoßes alle Gefahren in Betracht bringen, +die man während seiner Vorbereitung läuft, und kann ihn nur anwenden, +wenn man vom Gegner nicht zu fürchten braucht, durch einen kürzeren +gestört zu werden. Sooft dies der Fall ist, muß man selber den kürzeren +wählen und in diesem Sinne so weit hinuntersteigen, als es der +Charakter, die Verhältnisse des Gegners und andere Umstände nötig +machen. Verlassen wir die schwachen Eindrücke abstrakter Begriffe und +steigen wir ins wirkliche Leben hinab, so wird ein rascher, mutiger, +entschlossener Gegner uns nicht Zeit zu weitaussehenden künstlichen +Zusammensetzungen lassen, und gerade gegen einen solchen bedürfen wir +der Kunst am meisten. Hiermit, scheint es uns, ist das Vorherrschen der +einfachen und unmittelbaren Erfolge vor den zusammengesetzten schon +gegeben. + +Unsere Meinung ist also nicht, daß der einfache Stoß der beste sei, +sondern daß man nicht weiter ausholen dürfe, als der Spielraum erlaubt, +und daß dies immer mehr zum unmittelbaren Kampf hinführen wird, je +kriegerischer der Gegner ist. Also weit entfernt, den Gegner nach der +Richtung zusammengesetzter Stöße hin überbieten zu dürfen, muß man +vielmehr suchen, ihm nach der entgegengesetzten Richtung hin immer voran +zu sein. + + * * * * * + +Was ist nun unter Vernichtung der feindlichen Streitkraft zu verstehen? +Eine Verminderung derselben, die verhältnismäßig größer ist als die +unsrer eigenen. Wenn wir eine große Überlegenheit der Zahl über den +Feind haben, so wird natürlich diese absolute Größe des Verlustes für +uns kleiner sein als für ihn und folglich schon als ein Vorteil +betrachtet werden können. Nur der unmittelbare Gewinn, den wir im +gegenseitigen Zerstörungsprozeß machen, kann als Zweck des Gefechts +betrachtet werden, denn dieser Gewinn ist ein absoluter, der die +Rechnung des ganzen Feldzugs durchläuft und sich am Schluß immer als +reiner Gewinn erweist. Jede andere Art des Sieges über unseren Gegner +aber würde entweder ihren Grund in anderen Zwecken haben, von denen wir +hier ganz absehen, oder nur einen einstweiligen relativen Vorteil geben. +Ein Beispiel soll uns dies klarmachen. + +Wenn wir unsern Gegner durch eine geschickte Anordnung in eine so +nachteilige Lage versetzt haben, daß er das Gefecht ohne Gefahr nicht +fortsetzen kann und er sich nach einigem Widerstande zurückzieht, so +können wir sagen, daß wir ihn auf diesem Punkt überwunden haben. Haben +wir aber bei dieser Überwindung gerade in demselben Verhältnis an +Streitkräften eingebüßt als er, so wird bei der Schlußrechnung des +Feldzugs von diesem Siege, wenn man einen solchen Erfolg so nennen +könnte, nichts übrigbleiben. Es kommt also das Überwinden des Gegners, +d. h. die Versetzung desselben in einen solchen Zustand, daß er das +Gefecht aufgeben muß, an und für sich nicht in Betracht und kann deshalb +auch nicht in die Definition des Zweckes aufgenommen werden, und so +bleibt denn, wie gesagt, nichts übrig als der unmittelbare Gewinn, den +wir im Zerstörungsprozeß gemacht haben. Es gehören aber dahin nicht bloß +die Verluste, die im Verlauf des Gefechts vorkommen, sondern auch die, +die nach dem Abzug des besiegten Teils als unmittelbare Folge eintreten. + +Nun ist es eine bekannte Erfahrung, daß die Verluste an physischen +Streitkräften im Laufe des Gefechts selten eine große Verschiedenheit +zwischen Sieger und Besiegtem zeigen, oft gar keine, zuweilen auch wohl +eine sich umgekehrt verhaltende, und daß die entscheidendsten Verluste +für den Besiegten erst mit dem Abzug eintreten, nämlich die, die der +Sieger nicht mit ihm teilt. + +Der Verlust an physischen Streitkräften ist nicht der einzige, den beide +Teile im Verlauf des Gefechts erleiden, sondern auch die moralischen +werden erschüttert, gebrochen und gehen zugrunde. Es ist nicht bloß der +Verlust an Menschen, Pferden und Geschützen, sondern an Ordnung, Mut, +Vertrauen, Zusammenhang und Plan, der bei der Frage in Betracht kommt, +ob das Gefecht noch fortgesetzt werden kann oder nicht. Die moralischen +Kräfte sind es vorzugsweise, die hier entscheiden, und sie waren es +allein in allen Fällen, wo der Sieger ebensoviel verloren hatte wie der +Besiegte. + +Das Verhältnis des physischen Verlustes ist ohnehin im Laufe des +Gefechts schwer zu schätzen, aber das Verhältnis des moralischen nicht. +Zwei Dinge geben ihn hauptsächlich kund. Das erste ist der Verlust des +Bodens, auf dem man gefochten, das andere das Übergewicht der +feindlichen Reserven. Je stärker unsere Reserven im Verhältnis zu den +feindlichen zusammenschwinden, um so mehr Kräfte haben wir gebraucht, +das Gleichgewicht zu erhalten. Schon darin tut sich ein fühlbarer Beweis +der moralischen Überlegenheit des Gegners kund, der auch selten +verfehlt, im Gemüt des Feldherrn eine gewisse Bitterkeit und +Geringschätzung seiner eigenen Truppen zu erzeugen. Aber die Hauptsache +ist, daß alle Truppen, die schon anhaltend gefochten haben, mehr oder +weniger wie eine ausgebrannte Schlacke erscheinen. Sie haben sich +verschossen, sind zusammengeschmolzen; ihre physische und moralische +Kraft ist erschöpft, auch wohl ihr Mut gebrochen. Eine solche Truppe ist +somit auch, abgesehen von der Verminderung ihrer Zahl, als ein +organisches Ganze betrachtet, bei weitem nicht mehr, was sie vor dem +Gefecht war, und daher kommt es, daß sich der Verlust an moralischen +Kräften an dem Maß verbrauchter Reserven wie an einem Zollstock kundtut. + +Jedes Gefecht ist also die blutige und zerstörende Ausgleichung der +Kräfte, der physischen und moralischen. Wer am Schluß die größte Summe +von beiden übrig hat, ist der Sieger. + + * * * * * + +Im Gefecht war der Verlust der moralischen Kräfte die vorherrschende +Ursache der Entscheidung. Nachdem diese gefallen, bleibt jener Verlust +im Steigen und erreicht erst am Schluß des ganzen Aktes seinen +Höhepunkt. Es wird also auch das Mittel, den Gewinn in der Zerstörung +der physischen Streitkräfte zu machen, was der eigentliche Zweck des +Gefechts war. + +Die verlorene Ordnung und Einheit macht oft sogar den Widerstand +einzelner verderblich. Der Mut des Ganzen ist gebrochen. Die +ursprüngliche Spannung über Verlust und Gewinn, in der die Gefahr +vergessen wurde, ist aufgelöst; und den meisten erscheint die Gefahr nun +nicht mehr wie eine Herausforderung des Mutes, sondern wie das Erleiden +einer harten Züchtigung. So ist das Instrument im ersten Augenblick des +Sieges geschwächt und abgestumpft und darum nicht mehr geeignet, Gefahr +mit Gefahr zu vergelten. + +Diese Zeit muß der Sieger benutzen, um den eigentlichen Gewinn an der +physischen Kraftzerstörung zu machen. Nur was er hierin erreicht, bleibt +ihm gewiß. Denn die moralischen Kräfte kehren im Gegner nach und nach +zurück; die Ordnung wird wieder hergestellt, sein Mut wieder gehoben, +und es bleibt in der Mehrheit der Fälle nur ein sehr geringer Teil vom +errungenen Übergewicht zurück, oft gar keins. Und in einzelnen, obgleich +seltenen Fällen entsteht wohl gar durch Rache und stärkeres Anfachen der +Feindschaft eine umgekehrte Wirkung. Dagegen kann, was an Toten, +Verwundeten, Gefangenen und an erobertem Geschütz und sonstigem +Kriegsgerät gewonnen ist, niemals aus der Rechnung verschwinden. + + * * * * * + +Die Verluste *in* der Schlacht bestehen mehr in Toten und Verwundeten, +die *nach* der Schlacht mehr in verlorenem Geschütz und Gefangenen. Die +ersteren teilt der Sieger mehr oder weniger mit dem Besiegten; die +letzteren nicht, und deshalb finden sie sich gewöhnlich nur auf der +einen Seite des Kampfes oder wenigstens dort in bedeutender Überzahl. + +Geschütze und Gefangene sind darum jederzeit als die wahren Trophäen des +Sieges betrachtet worden und zugleich als sein Maßstab, weil sich an +ihnen sein Umfang unzweifelhaft kundtut. + + * * * * * + +Daß sich die in dem Gefecht und seinen ersten Folgen zugrundegerichteten +moralischen Kräfte nach und nach wiederherstellen und oft keine Spur +ihrer Zerstörung lassen, ist zumeist der Fall bei kleinen Abteilungen +des Ganzen, seltener bei großen. + + * * * * * + +Wir dürfen das verlorene Gleichgewicht der moralischen Kräfte nicht +darum gering achten, weil es keinen absoluten Wert hat und nicht +unfehlbar in der endlichen Summe der Erfolge erscheint. Es kann von +einem so überwiegenden Gewicht werden, daß es mit unwiderstehlicher +Gewalt alles niederwirft. + + * * * * * + +Über den Verlust an Toten und Verwundeten sind die gegenseitigen +Berichte nie genau, selten wahrhaft und in den meisten Fällen voll +absichtlicher Entstellung. Selbst die Zahl der Trophäen wird selten ganz +zuverlässig gegeben, und wo sie nicht sehr bedeutend ist, kann auch sie +noch Zweifel an dem Siege übriglassen. Vom Verlust an moralischen +Kräften läßt sich außer den Trophäen gar kein gültiges Maß angeben. Es +bleibt also in vielen Fällen das Aufgeben des Kampfes als der einzige +wahre Beweis des Sieges allein übrig. Es ist mithin als Bekenntnis der +Schuld, als das Senken des Paniers zu betrachten, durch das dem Gegner +Recht und Überlegenheit in diesem einzelnen Falle eingeräumt wird, und +diese Seite der Demütigung und Scham, die von allen übrigen moralischen +Folgen des umschlagenden Gleichgewichts noch zu unterscheiden bleibt, +ist ein wesentliches Stück des Sieges. Dieser Teil allein ist es, der +auf die öffentliche Meinung außerhalb des Heeres wirkt, auf Volk und +Regierung in beiden kriegführenden Staaten und in allen beteiligten +anderen. + + * * * * * + +Das Aufgeben der Absicht ist nicht gerade identisch mit dem Abzug vom +Schlachtfeld, selbst da, wo der Kampf hartnäckig und anhaltend geführt +worden ist. Niemand wird von Vorposten, die sich nach einem hartnäckigen +Widerstande zurückziehen, sagen, sie hätten ihre Absicht aufgegeben. +Selbst in Gefechten, die die Vernichtung der feindlichen Streitkraft zur +Absicht haben, kann der Abzug vom Schlachtfelde nicht immer als ein +Aufgeben der Absicht angesehen werden, z. B. bei vorher beabsichtigten +Rückzügen, bei denen das Land Fuß für Fuß streitig gemacht wird. In den +meisten Fällen ist das Aufgeben der Absicht von dem Abzuge vom +Schlachtfelde schwer zu unterscheiden, und der Eindruck, den jenes in +und außer dem Heere hervorbringt, ist nicht geringzuschätzen. + +Für Feldherren und Heere, die keinen ausgemachten Ruf haben, ist dies +eine eigene, schwierige Seite mancher sonst in den Umständen begründeten +Verfahrungsarten, wo eine Reihe mit Rückzug endigender Gefechte als eine +Reihe von Niederlagen erscheinen kann, ohne es zu sein, und wo dieses +Erscheinen von sehr nachteiligem Einfluß werden kann. Es ist dem +Ausweichenden in diesem Falle nicht möglich, durch die Darlegung seiner +eigentlichen Absicht dem moralischen Eindruck überall vorzubeugen, denn +um das mit Wirksamkeit zu tun, müßte er seinen Plan vollständig +bekanntmachen, was, wie sich versteht, seinem Hauptinteresse zu sehr +entgegenliefe. + + * * * * * + +Die Dauer eines Gefechts ist gewissermaßen als ein zweiter, +untergeordneter Erfolg zu betrachten. Dem Sieger kann ein Gefecht +niemals schnell genug entschieden sein, dem Besiegten niemals lange +genug dauern. Der schnelle Sieg ist eine höhere Potenz des Sieges, die +späte Entscheidung bei der Niederlage ein Ersatz für den Verlust. + + * * * * * + +Kein Gefecht entscheidet sich in einem einzelnen Moment, obwohl es in +jedem Gefechte Momente von großer Wichtigkeit gibt, die die +Entscheidung hauptsächlich bewirken. Der Verlust eines Gefechts ist ein +stufenweises Niedersinken der Wage. Es gibt aber bei jedem Gefecht einen +Zeitpunkt, wo man es als entschieden ansehen kann, so daß der +Wiederanfang ein neues Gefecht und nicht die Fortsetzung des alten wäre. +Über diesen Zeitpunkt eine klare Vorstellung zu haben, ist sehr wichtig, +um sich entscheiden zu können, ob ein Gefecht von einer herbeieilenden +Hilfe noch mit Nutzen wieder aufgenommen werden kann. + +Oft werden in Gefechten, die nicht wiederherzustellen sind, neue Kräfte +vergeblich geopfert. Oft wird versäumt, die Entscheidung zu wenden, wo +dies noch füglich geschehen könnte. + + * * * * * + +Jedes Gefecht ist ein ganzes, in dem sich die Teilgefechte zu einem +Gesamterfolge vereinigen. In diesem Gesamterfolg liegt die Entscheidung +des Gefechts. + + * * * * * + +Je kleiner der Teil der Streitkraft ist, der wirklich gefochten, je +größer der ist, der als Reserve durch sein bloßes Dasein mitentschieden +hat, um so weniger kann uns eine neue Streitkraft des Gegners den Sieg +wieder aus den Händen winden. *Der* Feldherr wie *das* Heer, die es am +weitesten darin gebracht haben, das Gefecht mit der größten Ökonomie der +Kräfte zu führen und überall die moralische Wirkung starker Reserven +geltend zu machen, gehen den sichersten Weg zum Siege. Man muß den +Franzosen, besonders wenn Bonaparte sie führte, eine große Meisterschaft +darin einräumen. + +Ferner wird der Augenblick, wo beim Sieger der Zustand der +Gefechtskrisis aufhört und die alte Tüchtigkeit zurückkehrt, um so +früher eintreten, je kleiner das Ganze ist. Eine Reiterfeldwache, die +ihren Gegner spornstreichs verfolgt, wird in wenig Minuten wieder die +alte Ordnung gewinnen, und länger dauert auch die Krisis nicht. Ein +ganzes Regiment Reiterei braucht dazu schon mehr Zeit. Noch länger +dauert es beim Fußvolk, wenn es sich in einzelne Schützenlinien +aufgelöst hat, und wieder länger bei Abteilungen von allen Waffen, wenn +ein Teil diese, der andre jene zufällige Richtung eingeschlagen und dies +eine Störung der Ordnung veranlaßt hat, die gewöhnlich dadurch erst +schlimmer wird, daß kein Teil recht weiß, wo der andre ist. + +Wieder später tritt dieser Augenblick ein, wenn die Nacht den Sieger in +der Krisis überrascht; und endlich tritt er später ein, wenn die Gegend +durchschnitten und verdeckt ist. + + * * * * * + +Die Gefahr, sich auf zwei Seiten schlagen zu müssen, und die noch +drohendere, keinen Rückzug zu behalten, lähmen die Bewegungen und die +Kraft des Widerstandes und wirken auf die Alternative von Sieg und +Niederlage; ferner steigern sie bei der Niederlage den Verlust und +treiben ihn oft bis an die äußerste Grenze, d. h. bis zur Vernichtung. +Der bedrohte Rücken macht also die Niederlage zugleich wahrscheinlicher +und entscheidender. + +Hieraus entsteht ein wahrer Instinkt für die ganze Kriegführung und +besonders für die großen und kleinen Gefechte: nämlich die Sicherung des +eigenen Rückens und die Gewinnung des feindlichen. Er folgt aus dem +Begriff des Sieges, der, wie wir gesehen haben, noch etwas anderes als +bloßes Totschlagen ist. + + * * * * * + +Die Wirkung einer Überraschung in Seite und Rücken ist immer gesteigert, +und ein in der Krisis des Sieges Begriffener ist in seinem ausgereckten +und zerstreuten Zustande weniger imstande, ihr entgegenzuwirken. Wer +fühlt es nicht, daß ein Seiten- und Rückenanfall, der im Anfang des +Gefechts, wo die Kraft gesammelt und für solche Fälle immer vorgesehen +ist, wenig bedeuten würde, ein ganz anderes Gewicht im letzten +Augenblick des Gefechtes bekommt. + +In den meisten Fällen wird eine von der Seite oder im Rücken des Gegners +herbeikommende Hilfe viel wirksamer sein, sich wie dasselbe Gewicht an +einem längeren Hebelarm verhalten, so daß man also unter solchen +Umständen die Herstellung eines Gefechts mit derselben Kraft unternehmen +kann, die auf dem geraden Wege nicht zugereicht hätte. Hier, wo die +Wirkungen fast jeder Berechnung ausweichen, weil die moralischen Kräfte +ganz das Übergewicht gewinnen, ist das rechte Feld der Kühnheit und des +Wagens. + + * * * * * + +Der alte, auch von Napoleon betonte Grundsatz, daß der Befehlshaber +einer abgesonderten Kolonne immer seine Richtung dahin zu nehmen habe, +wo heftiger Kanonendonner die Krise einer Entscheidung andeutet, kann +nur für solche Fälle gelten, wo der Befehlshaber einer abgesonderten +Kolonne durch die Umstände in eine *zweifelhafte* Lage gesetzt worden +ist, in der sich die frühere Klarheit und Bestimmtheit seiner Aufgabe in +die Ungewißheit und die Widersprüche der Entscheidung verliert, die in +der Wirklichkeit des Krieges so häufig sind. Anstatt untätig +stehenzubleiben oder ohne bestimmten Zweck umherzuirren, wird ein +solcher Befehlshaber freilich besser tun, seinem Nachbar zu Hilfe zu +eilen, wenn ein heftiges Feuer dessen Not andeutet. + + * * * * * + +Die Vernichtung der feindlichen Streitkräfte ist das Hauptprinzip der +Kriegführung und für die ganze Seite des positiven Handelns der Hauptweg +zum Ziel. + +Diese Vernichtung der Streitkräfte findet hauptsächlich im Gefecht +statt. + +Nur große und allgemeine Gefechte geben große Erfolge. + +Am größten werden die Erfolge, wenn sich die Gefechte in eine große +Schlacht vereinigen. + +Nur in einer Hauptschlacht regiert der Feldherr mit eigenen Händen. + +Aus diesen Wahrheiten ergibt sich ein Doppelgesetz, dessen Teile sich +gegenseitig tragen, nämlich, daß die Vernichtung der feindlichen +Streitkräfte hauptsächlich in großen Schlachten und ihren Erfolgen zu +suchen ist, und daß der Hauptzweck großer Schlachten die Vernichtung der +feindlichen Streitkräfte sein muß. + + * * * * * + +Die Hauptschlacht ist als der konzentrierte Krieg, als der Schwerpunkt +des ganzen Krieges oder Feldzuges anzusehen. Wie sich die Strahlen der +Sonne im Brennpunkt des Hohlspiegels zu ihrem vollkommenen Bilde und zur +höchsten Glut vereinigen, so vereinigen sich Kräfte und Umstände des +Krieges in der Hauptschlacht zu einer zusammengedrängten höchsten +Wirkung. + + * * * * * + +Nicht bloß der Begriff des Krieges führt uns dahin, eine große +Entscheidung nur in einer großen Schlacht zu suchen, sondern auch die +Erfahrung. Von jeher haben nur große Siege zu großen Erfolgen geführt, +bei dem Angreifenden unbedingt, bei dem Verteidiger mehr oder weniger. +Selbst Bonaparte würde das in seiner Art einzige Ulm nicht erlebt haben, +wenn er das Blutvergießen gescheut hätte. Vielmehr ist es nur als eine +Nachmahd der Siegesfälle seiner früheren Feldzüge anzusehen. Es sind +nicht bloß die kühnen Feldherren, die verwegenen, die trotzigen, die ihr +Werk mit dem großen Wagstück entscheidender Schlachten zu vollbringen +gesucht haben, es sind die glücklichen insgesamt. Und von diesen können +wir uns bei einer so umfassenden Frage die Antwort gefallen lassen. + + * * * * * + +Der Hauptschlacht im Kriege ist nichts an Wichtigkeit zu vergleichen, +und die höchste Weisheit der Strategie offenbart sich in der Beschaffung +der Mittel zu ihr, in ihrer geschickten Feststellung nach Ort, Zeit und +Richtung der Kräfte und in der Ausnutzung ihres Erfolges. + + * * * * * + +Der Impuls zur Hauptschlacht, die freie sichere Bewegung zu ihr, muß von +dem Gefühl eigener Kraft und dem klaren Bewußtsein der Notwendigkeit, +mit anderen Worten: er muß von dem angeborenen Mut und von dem durch +große Lebensverhältnisse geschärften Blick ausgehen. + + * * * * * + +Die Größe eines Sieges steigt nicht bloß in dem Maße, als die besiegten +Streitkräfte an Umfang zunehmen, sondern in höheren Graden. Die +moralischen Wirkungen, die der Ausgang eines großen Gefechts hat, sind +größer beim Besiegten als beim Sieger; sie werden Veranlassung zu +größeren Verlusten an physischen Kräften, die dann wieder auf die +moralischen zurückwirken und so sich gegenseitig tragen und steigern. +Auf diese moralische Wirkung muß man daher ein besonderes Gewicht legen. +Sie findet in entgegengesetzter Richtung bei beiden Teilen statt. Wie +sie die Kräfte des Besiegten untergräbt, so erhöht sie die Kräfte und +die Tätigkeit des Siegers. Aber die Hauptwirkung liegt doch im +Besiegten, denn hier wird sie die unmittelbare Ursache zu neuen +Verlusten, und außerdem ist sie mit der Gefahr, den Anstrengungen und +Mühseligkeiten, überhaupt mit allen erschwerenden Umständen, zwischen +denen sich der Krieg bewegt, homogener Natur, tritt also mit ihnen in +Bund und wächst durch ihren Beistand, während beim Sieger sich alle +diese Dinge wie Gewichte an den höheren Schwung seines Mutes legen. Man +findet also, daß der Besiegte sich viel tiefer unter die Linie des +ursprünglichen Gleichgewichts hinuntersenkt, als der Sieger sich über +sie erhebt. + + * * * * * + +Die Hauptschlacht ist um ihrer selbst willen da, um des Sieges willen, +den sie geben soll und der in ihr mit der höchsten Anstrengung gesucht +wird. Dies ist die Geistesspannung, nicht bloß des Feldherrn, sondern +seines ganzen Heeres bis zum letzten Troßknecht hinab. Zu allen Zeiten +und nach der Natur der Dinge waren Hauptschlachten niemals +unvorbereitete, unerwartete, blinde Dienstverrichtungen, sondern ein +großartiger Akt, der aus der Masse der gewöhnlichen Tätigkeiten teils +von selbst, teils nach der Absicht der Führer hinreichend hervortritt. + + * * * * * + +Gewöhnlich kommen beide Teile mit sehr geschwächten körperlichen Kräften +in die Schlacht, denn die Bewegungen, die unmittelbar vorhergehen, haben +mindestens den Charakter dringender Umstände. Die Anstrengungen, die das +Ausringen eines langen Kampfes kostet, vollenden die Erschöpfung. Dazu +kommt, daß der siegende Teil nicht viel weniger durcheinandergekommen +und aus seinen ursprünglichen Ordnungsfugen gewichen ist als der +Besiegte und somit das Bedürfnis hat, sich zu ordnen und mit frischer +Munition zu versehen. Alle diese Umstände versetzen den Sieger selbst in +einen Zustand der Krisis. Es ist zwar ein Entreißen des Sieges nicht zu +befürchten, aber nachteilige Gefechte bleiben doch möglich. Außerdem +hängt sich nun das volle Gewicht des sinnlichen Menschen mit seinen +Bedürfnissen und Schwächen an den Willen des Feldherrn. Alle die +Tausende, die unter seinem Befehl stehen, haben das Bedürfnis nach Ruhe +und Stärkung, haben das Verlangen, die Schranken der Gefahr und Arbeit +vorderhand geschlossen zu sehen. Nur wenige, die man als Ausnahmen +betrachten kann, sehen und fühlen über den gegenwärtigen Augenblick +hinaus. Nur in diesen wenigen ist, nachdem das Notwendige vollbracht +ist, noch so viel freies Spiel des Mutes, um noch an *die* Erfolge zu +denken, die in solchem Augenblick als eine bloße Verschönerung des +Sieges, als ein Luxus des Triumphes erscheinen. Alle jene Tausende aber +haben ihre Stimme im Rate des Feldherrn, denn durch die ganze +Stufenfolge der übereinandergestellten Führer haben diese Interessen des +sinnlichen Menschen ihren sicheren Leiter bis ins Herz des Feldherrn. +Dieser selbst ist mehr oder weniger durch geistige und körperliche +Anstrengung in seiner inneren Tätigkeit geschwächt, und so geschieht es +denn, daß meistens aus diesem rein menschlichen Grunde weniger +geschieht, als geschehen könnte, und daß überhaupt, was geschieht, nur +vom Ruhmdurst, der Energie und wohl auch der Härte des obersten +Feldherrn abhängt. + + * * * * * + +Ist der große Sieg erfochten, so soll von keiner Rast, von keinem +Atemholen, von keinem Besinnen, von keinem Feststellen usw. die Rede +sein, sondern nur von der Verfolgung, von neuen Stößen, wo sie nötig +sind, von der Einnahme der feindlichen Hauptstadt, vom Angriff auf die +feindlichen Hilfsheere, oder was sonst als Stützpunkt des feindlichen +Staates erscheint. + +Führt uns der Strom des Sieges an feindlichen Festungen vorbei, so hängt +es von unserer Stärke ab, ob sie belagert werden sollen oder nicht. Bei +großer Überlegenheit wäre es ein Zeitverlust, sich ihrer nicht so früh +als möglich zu bemächtigen. Sind wir aber des ferneren Erfolges an der +Spitze nicht sicher, so müssen wir uns vor den Festungen mit so wenigem +als möglich behelfen, und das schließt ihre gründliche Belagerung aus. +Von dem Augenblick an, wo die Belagerung einer Festung uns zwingt, mit +dem Vorschreiten des Angriffs innezuhalten, hat dieser in der Regel +seinen Kulminationspunkt erreicht. Wir fordern also ein schnelles, +rastloses Vordringen und Nachdringen der Hauptmacht. Wir haben es schon +verworfen, daß sich dieses Vorschreiten auf dem Hauptpunkte nach dem +Erfolg auf den Nebenpunkten richtet. Solange der Feldherr seinen Gegner +noch nicht niedergeworfen hat, solange er glaubt, stark genug zu sein, +um das Ziel zu gewinnen, so lange muß er es auch verfolgen. Er tut es +vielleicht mit steigender Gefahr, aber auch mit steigender Größe des +Erfolgs. Kommt ein Punkt, wo er es nicht wagt, weiterzugehen, wo er +glaubt, für seinen Rücken sorgen, sich rechts und links ausbreiten zu +müssen, -- wohlan, so ist dies höchstwahrscheinlich sein +Kulminationspunkt. Die Flugkraft ist dann zu Ende, und wenn der Gegner +nicht niedergeworfen ist, wird es höchstwahrscheinlich nicht mehr +geschehen. + +Alles, was der Feldherr zur intensiven Ausbildung seines Angriffs durch +Eroberung von Festungen, Pässen, Provinzen tut, ist zwar noch ein +langsames Vorschreiten, aber nur ein relatives, kein absolutes mehr. + + * * * * * + +Jeder Zwischenraum von einem Erfolg zum andern gibt dem Feinde neue +Aussichten. Die Wirkungen des früheren Erfolges haben auf den späteren +einen sehr geringen Einfluß, oft keinen, oft einen negativen, weil sich +der Feind erholt oder gar zu größerem Widerstand entflammt wird oder +neue Hilfe von außen bekommt, während da, wo alles in einem Zuge +geschieht, der gestrige Erfolg den heutigen mit sich fortreißt, der +Brand sich am Brande entzündet. + + * * * * * + +Einer der wichtigsten und wirksamsten Grundsätze in der Strategie ist +es: einen Erfolg, den man irgendwo erfochten hat, auf der Stelle so weit +auszunutzen, als es die Umstände gestatten. + + * * * * * + +Die Energie, mit der das Verfolgen geschieht, bestimmt hauptsächlich den +Wert des Sieges. Die Verfolgung ist ein zweiter Akt des Sieges, in +vielen Fällen sogar wichtiger als der erste. Indem sich die Strategie +hier der Taktik nähert, um von ihr das rollende Werk in Empfang zu +nehmen, läßt sie den ersten Akt ihrer Autorität darin bestehen, diese +Vervollständigung des Sieges zu fordern. + + * * * * * + +Das erste Verfolgen hat verschiedene natürliche Grade. + +Der erste ist, wenn es mit bloßer Reiterei geschieht. Dann ist es im +Grunde mehr ein Schrecken und Beobachten als ein wahrhaftes Drängen, +weil der kleinste Bodenabschnitt gewöhnlich hinreicht, den Verfolgenden +aufzuhalten. Soviel die Reiterei bei einer erschütterten und +geschwächten Truppe gegen den einzelnen Haufen vermag, so ist sie doch +gegen das Ganze immer nur die Hilfswaffe, weil der Abziehende seine +frischen Reserven zur Deckung seines Rückzugs verwenden und so beim +nächsten, unbedeutendsten Bodenabschnitt durch die Verbindung aller +Waffen mit Erfolg widerstehen kann. Nur ein in wahrer Flucht und +gänzlicher Auflösung befindliches Heer macht hier eine Ausnahme. + +Der zweite Grad ist, wenn die Verfolgung durch eine starke Vorhut von +allen Waffen geschieht, bei der sich natürlich der größte Teil der +Reiterei befindet. Ein solches Verfolgen drängt den Gegner bis zur +nächsten starken Stellung seiner Nachhut oder bis zur nächsten +Aufstellung seines Heeres. + +Der dritte und stärkste Grad ist, wenn das siegreiche Heer selbst im +Vorgehen bleibt, soweit die Kräfte reichen. In diesem Fall wird der +Geschlagene die meisten Aufstellungen, zu denen ihm die Gegend einige +Gelegenheit bietet, auf die bloßen Anstalten eines Angriffs oder einer +Umgehung wieder verlassen. + + * * * * * + +Aber auch bei diesem ersten Verfolgen bleibt die Wirksamkeit des Sieges +in den seltensten Fällen stehen, und es fängt nun erst die eigentliche +Bahn an, zu der der Sieg die Schnellkraft verliehen hat. Dabei kann man +wieder drei Grade unterscheiden: ein bloßes Nachrücken, ein +eigentliches Drängen und einen Parallelmarsch zum Abschneiden. + + * * * * * + +Der wirksamste Grad der (weiteren) Verfolgung ist der Parallelmarsch +nach dem nächsten Ziel des feindlichen Rückzuges. Jedes geschlagene Heer +wird hinter sich, näher oder entfernter, einen Punkt haben, dessen +Erreichung ihm zunächst stark am Herzen liegt, sei es, daß sein fernerer +Rückzug dadurch gefährdet werden kann, wie bei Straßenengen, oder daß es +für den Punkt sehr wichtig ist, ihn *vor* dem Feinde zu erreichen, wie +bei Hauptstädten, Magazinen usw., oder endlich, daß das Heer auf diesem +Punkte neue Widerstandsfähigkeit gewinnen kann, wie bei festen +Stellungen, Vereinigung mit anderen Korps usw. + + * * * * * + +Bei der absoluten Gestalt des Krieges, wo alles aus notwendigen Gründen +geschieht, alles rasch ineinandergreift, kein, wenn ich so sagen darf, +wesenloser neutraler Zwischenraum entsteht, gibt es wegen der +vielfältigen Wechselwirkungen, die der Krieg in sich schließt, wegen des +Zusammenhanges, in dem, streng genommen, die ganze Reihe der +aufeinanderfolgenden Gefechte steht, wegen des Kulminationspunktes, den +jeder Sieg hat, über den hinaus das Gebiet der Verluste und Niederlagen +beginnt -- wegen aller dieser natürlichen Verhältnisse des Krieges, sage +ich, gibt es nur *einen* Erfolg, nämlich den *Enderfolg*. Bis dahin ist +nichts entschieden: nichts gewonnen, nichts verloren. Hier muß man sich +beständig sagen: das Ende krönt das Werk. + + + + +Die verlorene Schlacht und der Rückzug + + +Der Entschluß, das Gefecht aufzugeben, entspringt in der Hauptschlacht +mehr als in irgendeinem andern Gefechte aus dem Verhältnis der +übrigbleibenden frischen Reserven. Denn nur diese haben noch alle +moralischen Kräfte, und die vom Zerstörungselement bereits ausgeglühten +Schlacken zusammengeschossener und geworfener Bataillone können nicht +auf gleiche Linie mit ihnen gestellt werden. Auch der verlorene Boden +ist ein Maßstab verlorener moralischer Kräfte, wie wir anderswo gesagt +haben. Er kommt wohl mit in Betracht, doch mehr als ein Zeichen eines +erlittenen Verlustes denn als der Verlust selbst, und immer bleibt die +Zahl der frischen Reserven das Hauptaugenmerk beider Feldherren. + + * * * * * + +Gewöhnlich nimmt eine Schlacht ihre Richtung schon von vornherein, +wiewohl auf eine wenig merkliche Art. Oft ist sogar diese Richtung schon +durch die Anordnungen, die für sie getroffen sind, auf eine sehr +entschiedene Weise gegeben, und dann ist es Mangel an Einsicht +desjenigen Feldherrn, der die Schlacht unter so schlimmen Bedingungen +eröffnet, ohne sich ihrer bewußt zu werden. Allein wo dieser Fall auch +nicht stattfindet, liegt es in der Natur der Dinge, daß der Verlauf der +Schlachten mehr ein langsames Umschlagen des Gleichgewichts ist, das +bald, aber, wie gesagt, anfangs nicht merklich, eintritt und dann mit +jedem neuen Zeitmoment stärker und sichtlicher wird, als ein +oszillierendes Hin- und Herschwanken, wie man sie sich, durch unwahre +Schlachtenbeschreibungen verführt, gewöhnlich denkt. + +In den meisten Fällen wird der Feldherr den Verlust des Gleichgewichts +lange schon vor dem Abzug gewahr, und die Fälle, wo irgendeine +Einzelheit unvermutet stark auf den Hergang des Ganzen einwirkt, haben +ihr Dasein meistens nur in der Beschönigung, mit der jeder seine +verlorene Schlacht erzählt. + +Der besiegte Feldherr sieht den schlimmen Ausgang gewöhnlich schon eine +geraume Zeit vorher, ehe er sich zum Aufgeben der Schlacht entschließt. +Allerdings gibt es Fälle, wo eine Schlacht schon eine sehr entschiedene +Richtung nach einer Seite genommen hatte und doch eine Entscheidung nach +der anderen Seite hin bekommen hat, aber sie sind nicht die +gewöhnlichen, sondern selten. Indes auf diese seltenen Fälle rechnet +jeder Feldherr, gegen den sich das Glück erklärt, und er *muß* darauf +rechnen, solange ihm irgendeine Möglichkeit der Wendung bleibt. Er +hofft, durch stärkere Anstrengungen, durch eine Erhöhung der +übrigbleibenden moralischen Kräfte, durch ein Sichselbstübertreffen oder +auch durch einen glücklichen Zufall den Augenblick noch gewendet zu +sehen, und treibt dies so weit, wie Mut und Einsicht es in ihm +miteinander abmachen. + + * * * * * + +Das Verhältnis der übrig bleibenden frischen Reserven gibt meistens den +Hauptgrund zur völligen Entscheidung ab. Der Feldherr, der seinen Gegner +darin von entschiedener Überlegenheit sieht, entschließt sich zum +Rückzug. Es ist gerade die Eigentümlichkeit der neueren Schlachten, daß +alle Unglücksfälle und Verluste, die in ihrem Verlauf stattgehabt haben, +durch frische Kräfte gutgemacht werden können, weil die neuere Art, wie +die Truppen ins Gefecht geführt werden, ihren Gebrauch fast überall und +in jeder Lage gestatten. Solange also der Feldherr, gegen den der +Ausgang sich zu erklären scheint, noch eine Überlegenheit an Reserve +hat, wird er die Sache nicht aufgeben. Aber von dem Zeitpunkt an, wo +seine Reserven anfangen schwächer zu werden als die feindlichen, ist die +Entscheidung als gegeben zu betrachten, und was er nun noch tut, hängt +teils von besonderen Umständen, teils von dem Grade des Mutes und der +Ausdauer ab, die ihm gegeben sind und die auch wohl in unweisen +Starrsinn ausarten können. + + * * * * * + +Wenn auf der einen Seite der gebieterische Stolz eines siegreichen +Eroberers, wenn der unbeugsame Wille eines angeborenen Starrsinns, wenn +das krampfhafte Widerstreben einer edlen Begeisterung nicht vom +Schlachtfelde weichen wollen, wo sie ihre Ehre zurücklassen sollen, -- +so rät auf der anderen Seite die Einsicht, nicht alles auszugeben, nicht +das Letzte aufs Spiel zu setzen, sondern so viel übrig zu behalten, als +zu einem geordneten Rückzuge nötig ist. + +Wie hoch auch der Wert des Mutes und der Standhaftigkeit im Kriege +angeschlagen werden muß und wie wenig Aussicht *der* auf den Sieg hat, der +sich nicht entschließen kann, ihn mit der ganzen Kraftanstrengung zu +suchen, so gibt es doch einen Punkt, über den hinaus das Verharren nur +eine verzweiflungsvolle Torheit genannt werden kann. + + * * * * * + +Ein in Feindesland Zurückgehender bedarf in der Regel einer +vorbereiteten Straße. Einer, der unter sehr schlimmen Verhältnissen +zurückgeht, bedarf ihrer doppelt. Einer, der in Rußland 120 Meilen weit +zurück will, braucht sie dreifach. Unter vorbereiteter Straße verstehen +wir eine, die von seinen Etappentruppen besetzt war und auf der er +Magazine findet. + + * * * * * + +In der verlorenen Schlacht ist die Macht des Heeres gebrochen worden, +noch mehr die moralische als die physische. Eine zweite, ohne daß neue +vorteilhafte Umstände ins Spiel kommen, würde zur gänzlichen Niederlage, +vielleicht zum Untergange führen. Das ist ein militärisches Axiom. Nach +der Natur der Sache geht der Rückzug bis zu dem Punkt, wo sich das +Gleichgewicht der Kräfte wiederhergestellt haben wird, sei es durch +Verstärkung oder durch den Schutz bedeutender Festungen, oder durch +große Abschnitte des Bodens oder durch die Ausdehnung der feindlichen +Macht. Der Grad des Verlustes, die Größe der Niederlage wird diesen +Moment des Gleichgewichtes nähern oder entfernen, noch mehr aber der +Charakter des Gegners. Wie viele Beispiele gibt es nicht, daß das +geschlagene Heer sich in einer geringen Entfernung wieder aufgestellt +hat, ohne daß seine Verhältnisse seit der Schlacht sich im mindesten +verändert hätten. Der Grund davon liegt entweder in der moralischen +Schwäche des Gegners oder darin, daß das in der Schlacht gewonnene +Übergewicht nicht groß genug ist, um zu einem nachdrücklichen Stoße zu +führen. + + * * * * * + +Das erste, was sich der Einbildungskraft -- und man kann auch wohl +sagen: des Verstandes -- in einer unglücklichen Schlacht bemächtigt, ist +das Zusammenschmelzen der Massen, dann der Verlust des Bodens, der mehr +oder weniger immer, und also auch beim Angreifenden, eintritt, wenn er +nicht glücklich ist. Dann die zerstörte ursprüngliche Ordnung, das +Durcheinandergeraten der Teile, die Gefahren des Rückzugs, die mit wenig +Ausnahmen immer, bald schwächer, bald stärker, eintreten. Nun der +Rückzug, der meist in der Nacht angetreten oder wenigstens die Nacht +hindurch fortgesetzt wird. Gleich bei diesem ersten Marsch müssen wir +eine Menge von Ermatteten und Verstreuten zurücklassen, oft gerade die +Bravsten, die sich am weitesten vorgewagt, die am längsten ausgeharrt +haben. Das Gefühl, besiegt zu sein, das auf dem Schlachtfelde nur die +höheren Offiziere ergriff, geht nun auf alle Klassen bis zum Gemeinen +über, verstärkt durch den abscheulichen Eindruck, so viel brave +Gefährten, die gerade in der Schlacht uns erst recht wert geworden sind, +in Feindeshänden zurücklassen zu müssen, und verstärkt durch das +erwachende Mißtrauen gegen die Führung, der mehr oder weniger jeder +Untergebene die Schuld seiner vergeblich gemachten Anstrengung beimißt. +Und dieses Gefühl, besiegt zu sein, ist keine bloße Einbildung, über die +man Herr werden könnte. Es ist die offenkundige Wahrheit, daß der Gegner +uns überlegen ist, eine Wahrheit, die in den Ursachen so versteckt sein +konnte, daß sie vorher nicht zu ersehen war, die aber beim Ausgang immer +klar und bündig hervortritt, die man auch vielleicht vorher erkannt hat, +der man aber in Ermangelung von etwas Handgreiflicherem Hoffnung auf den +Zufall, Vertrauen auf Glück und Vorsehung, mutiges Wagen entgegenstellen +mußte. Nun hat sich dies alles als unzulänglich erwiesen, und die ernste +Wahrheit tritt uns streng und gebieterisch entgegen. + + * * * * * + +Wer auf dem allgemeinen Rückzuge nach verlorener Schlacht glaubt, durch +einige schnelle Märsche einen Vorsprung zu gewinnen und leichter einen +festen Stand zu bekommen, begeht einen großen Irrtum. Die ersten +Bewegungen müssen so klein als möglich, und im allgemeinen muß es +Grundsatz sein, sich nicht das Gesetz des Feindes aufdringen zu lassen. +Diesen Grundsatz kann man nicht befolgen ohne blutige Gefechte mit dem +nachdringenden Feind, aber der Grundsatz ist dieses Opfers wert. Ohne +ihn kommt man in eine beschleunigte Bewegung, die bald ein Stürzen wird +und dann an bloßen Nachzüglern mehr Menschen kostet, als die Schlachten +der Nachhut gekostet hätten, außerdem aber die letzten Überreste des +Mutes vernichtet. + + * * * * * + +Eine starke Nachhut, von den besten Truppen gebildet, vom tapfersten +General geführt und in den wichtigsten Augenblicken von der ganzen Armee +unterstützt, eine sorgfältige Benutzung der Gegend, starke Hinterhalte, +sooft die Kühnheit der feindlichen Vorhut und die Gegend Gelegenheit +dazu geben, kurz die Einleitung und der Plan zu förmlichen kleinen +Schlachten: das sind die Mittel zur Befolgung jenes Grundsatzes. + + * * * * * + +Die Schwierigkeiten des Rückzuges sind natürlich größer oder kleiner, je +nachdem die Schlacht unter mehr oder weniger günstigen Verhältnissen +gefochten, und je nachdem sie mehr oder weniger ausgehalten worden ist. +Wie man aus allem ordnungsmäßigen Rückzuge kommen kann, wenn man sich +gegen einen überlegenen Gegner bis auf den letzten Mann wehrt, zeigen +die Schlachten von Jena und Belle-Alliance. + + * * * * * + +Um die Schwächen oder Fehler des Gegners zu benutzen, nicht einen +Zollbreit weiter zurückzugehen, als die Gewalt der Umstände erfordert, +hauptsächlich aber, um das Verhältnis der moralischen Kräfte auf einem +so vorteilhaften Punkt als möglich zu erhalten, ist ein langsamer, immer +widerstrebender Rückzug, ein kühnes, mutiges Entgegentreten, sooft der +Verfolgende seine Vorteile im Übermaß benutzen will, durchaus nötig. Die +Rückzüge großer Feldherren und kriegsgeübter Heere gleichen stets dem +Abgehen eines verwundeten Löwen, und dies ist unstreitig auch die beste +Theorie. + + + + +Verteidigung und Angriff + + +Was ist der Begriff der Verteidigung? Das Abwehren eines Stoßes. Was ist +also ihr Merkmal? Das Abwarten dieses Stoßes. Dieses Merkmal macht +jedesmal die Handlung zu einer verteidigenden, und durch dieses Merkmal +allein kann im Kriege die Verteidigung vom Angriff unterschieden werden. +Da aber eine absolute Verteidigung dem Begriff des Krieges völlig +widerspricht, weil bei ihr nur der eine Teil Krieg führen würde, so kann +auch im Kriege die Verteidigung nur relativ sein, und jenes Merkmal muß +also nur auf den Gesamtbegriff angewendet, nicht auf alle Teile von ihm +ausgedehnt werden. Ein einzelnes Gefecht ist verteidigend, wenn wir den +Anlauf, den Sturm des Feindes abwarten. Eine Schlacht, wenn wir den +Angriff, d. h. das Erscheinen vor unserer Stellung, in unserem Feuer, +abwarten. Ein Feldzug, wenn wir das Betreten unseres Kriegstheaters +abwarten. In allen diesen Fällen kommt dem Gesamtbegriff das Merkmal des +Abwartens und Abwehrens zu, ohne daß daraus ein Widerspruch mit dem +Begriff des Krieges folgt, denn wir können unsern Vorteil darin finden, +den Anlauf gegen unsere Bajonette, den Angriff auf unsere Stellung und +auf unser Kriegstheater abzuwarten. Da man aber, um wirklich auch +seinerseits Krieg zu führen, dem Feinde seine Stöße zurückgeben muß, so +geschieht dieser Akt des Angriffs im Verteidigungskriege gewissermaßen +unter dem Haupttitel der Verteidigung; d. h. die Offensive, deren wir +uns bedienen, fällt innerhalb der Begriffe von Stellung oder +Kriegstheater. Man kann also in einem verteidigenden Feldzuge +angriffsweise schlagen, in einer verteidigenden Schlacht angriffsweise +seine einzelnen Korps und Divisionen gebrauchen, endlich in einer +einfachen Stellung gegen den feindlichen Sturm schickt man ihm sogar +noch die offensiven Kugeln entgegen. Die verteidigende Form des +Kriegführens ist also kein unmittelbarer Schild, sondern ein Schild, +gebildet durch geschickte Streiche. + + * * * * * + +Was ist der Zweck der Verteidigung? Erhalten. Erhalten ist leichter als +gewinnen. Schon daraus folgt, daß die Verteidigung bei vorausgesetzt +gleichen Mitteln leichter ist als der Angriff. Worin liegt aber die +größere Leichtigkeit des Erhaltens oder Bewahrens? Darin, daß alle Zeit, +die unbenutzt verstreicht, in die Wagschale des Verteidigers fällt. Er +erntet, wo er nicht gesät hat. Jedes Unterlassen des Angriffs aus +falscher Ansicht, aus Furcht, aus Trägheit, kommt dem Verteidiger +zugute. Dieser Vorteil hat den Preußischen Staat im Siebenjährigen +Kriege mehr als einmal vom Untergang gerettet. + +Dieser sich aus Begriff und Zweck ergebende Vorteil der Verteidigung +liegt in der Natur aller Verteidigung. _Beati sunt possidentes._ Ein +anderer, der aus der Natur des Krieges hinzukommt, ist der Beistand der +örtlichen Lage, den die Verteidigung vorzugsweise genießt. + + * * * * * + +Die Verteidigung hat einen negativen Zweck: das Erhalten; der Angriff +einen positiven: das Erobern. Und da dieses die eigenen Kriegsmittel +vermehrt, das Erhalten aber nicht, so muß man sagen: die verteidigende +Form des Kriegführens ist an sich stärker als die angreifende. + + * * * * * + +Ist die Verteidigung eine stärkere Form des Kriegführens, die aber einen +negativen Zweck hat, so folgt von selbst, daß man sich ihrer nur so +lange bedienen muß, als man ihrer der Schwäche wegen bedarf, und sie +verlassen muß, sobald man stark genug ist, sich den positiven Zweck +vorzusetzen. Da man nun, indem man unter ihrem Beistand Sieger wird, +gewöhnlich ein günstigeres Verhältnis der Kräfte herbeiführt, so ist +auch der natürliche Gang im Kriege, mit der Verteidigung anzufangen und +mit der Offensive zu enden. Es ist also ebensogut im Widerspruch mit dem +Begriff des Krieges, den letzten Zweck die Verteidigung sein zu lassen, +als es Widerspruch war, die Passivität der Verteidigung nicht bloß vom +Ganzen, sondern von allen seinen Teilen zu verstehen. Mit andern Worten: +ein Krieg, bei dem man seine Siege bloß zum Abwehren benutzen und gar +nicht widerstoßen wollte, wäre ebenso widersinnig wie eine Schlacht, in +der die absoluteste Verteidigung (Passivität) in allen Maßregeln +herrschen sollte. + + * * * * * + +Wie der Vorteil der Gegend zum Siege beiträgt, ist an sich verständlich +genug, und es ist nur das eine zu bemerken, daß hier nicht bloß von den +Hindernissen die Rede ist, die dem Angreifenden bei seinem Vorrücken +aufstoßen, wie: steile Gründe, hohe Berge, sumpfige Bäche, Hecken usw., +sondern daß es auch ein Vorteil der Gegend ist, wenn sie Gelegenheit +gibt, uns verdeckt darin aufzustellen. Selbst von einer ganz +gleichgültigen Gegend kann man sagen, daß der ihren Beistand genießt, +der sie kennt. + + * * * * * + +Der Verteidiger hat den Vorteil der Gegend, der Angreifende den des +Überfalls in der Strategie wie in der Taktik. Vom Überfall ist aber zu +bemerken, daß er in der Strategie ein unendlich wirksameres und +wichtigeres Mittel ist als in der Taktik. In dieser wird man einen +Überfall selten bis zum großen Sieg ausdehnen können, wogegen ein +Überfall in der Strategie nicht selten den ganzen Krieg mit einem +Streich geendigt hat. Dagegen ist zu bemerken, daß der Gebrauch dieses +Mittels große, entschiedene, seltene Fehler beim Gegner voraussetzt, es +daher in die Wagschale des Angriffs kein sehr großes Gewicht legen +kann. + + * * * * * + +Hat die Verteidigung einmal das Prinzip der Bewegung in sich aufgenommen +(einer Bewegung, die zwar später anfängt als die des Angreifenden, aber +immer zeitig genug, um die Fesseln der erstarrenden Passivität zu +lösen), so wird der Vorteil der größeren Vereinigung und der inneren +Linien ein sehr entscheidender und meistens wirksamerer zum Siege, als +die konzentrische Figur des Angriffs. Sieg aber muß dem Erfolg +vorhergehen. Erst muß man überwinden, ehe man an das Abschneiden denken +kann. Kurz, man sieht: es besteht hier ein ähnliches Verhältnis, wie das +zwischen Angriff und Verteidigung überhaupt. Die konzentrische Form +führt zu glänzenden Erfolgen, die exzentrische gewährt die ihrigen +sicherer; jenes ist die schwächere Form mit dem positiveren, dieses die +stärkere Form mit dem negativen Zweck. Dadurch, scheint uns, sind diese +beiden Formen schon in ein gewisses schwebendes Gleichgewicht gebracht. +Fügt man nun hinzu, daß sich die Verteidigung, weil sie nicht überall +eine absolute ist, auch nicht immer in der Unmöglichkeit befindet, sich +der konzentrischen Kräfte zu bedienen, so wird man mindestens kein Recht +mehr haben, zu glauben, daß diese Wirkungsart allein hinreichend sei, +dem Angriff ein ganz allgemeines Übergewicht über die Verteidigung zu +gewähren, und so wird man sich von dem Einflusse befreien, den diese +Vorstellungsart bei jeder Gelegenheit auf das Urteil auszuüben pflegt. + + * * * * * + +Der Vorteil der inneren Linien wächst mit den Räumen, auf die sich diese +Linien beziehen. Bei Entfernungen von einigen tausend Schritten oder +einer halben Meile kann natürlich die Zeit, die man gewinnt, nicht so +groß sein, wie bei Entfernungen von mehreren Tagesmärschen oder gar von +zwanzig bis dreißig Meilen; die ersteren, nämlich die kleinen Räume, +gehören der Taktik an, die größeren der Strategie. Wenn man nun +freilich in der Strategie auch mehr Zeit zur Erreichung des Zwecks +braucht als in der Taktik, und eine Armee nicht so schnell überwunden +ist wie ein Bataillon, so nehmen doch diese Zeiten in der Strategie auch +nur bis zu einem gewissen Punkt zu, nämlich bis zur Dauer einer +Schlacht, und allenfalls der paar Tage, um die sich eine Schlacht ohne +entscheidende Opfer vermeiden läßt. Ferner findet ein noch viel größerer +Unterschied in dem eigentlichen Vorsprung statt, den man in dem einen +und dem andern Fall gewinnt. Bei den kleinen Entfernungen in der Taktik: +in der Schlacht, geschehen die Bewegungen des einen fast unter den Augen +des andern; der auf der äußeren Linie Stehende wird also die seines +Gegners meistens schnell gewahr. Bei den größeren Entfernungen der +Strategie geschieht es wohl höchst selten, daß eine Bewegung des einen +nicht wenigstens einen Tag dem andern verborgen bleibt, und es gibt +Fälle genug, in denen, besonders wenn die Bewegung nur einen Teil betraf +und in einer beträchtlichen Entsendung bestand, dies wochenlang +verborgen geblieben ist. Wie groß der Vorteil des Verbergens für +denjenigen ist, der durch die Natur seiner Lage am meisten imstande ist, +davon Gebrauch zu machen, läßt sich leicht einsehen. + + * * * * * + +Ein schneller, kräftiger Übergang zum Angriff -- das blitzende +Vergeltungsschwert -- ist der glänzendste Punkt der Verteidigung. Wer +sich ihn nicht gleich hinzudenkt, oder vielmehr, wer ihn nicht gleich in +den Begriff der Verteidigung aufnimmt, dem wird nimmermehr die +Überlegenheit der Verteidigung einleuchten; er wird immer nur an die +Mittel denken, die man durch den Angriff dem Feinde zerstört und sich +erwirbt, welche Mittel aber nicht von der Weise abhängen, den Knoten zu +schürzen, sondern ihn aufzulösen. Ferner ist es eine grobe +Verwechselung, wenn man unter Angriff immer einen Überfall versteht und +sich folglich unter Verteidigung nichts als Not und Verwirrung denkt. + +Freilich faßt der Eroberer seinen Entschluß zum Kriege früher als der +harmlose Verteidiger, und wenn er seine Maßregeln gehörig geheimzuhalten +weiß, wird er diesen wohl auch überraschen können. Aber das ist etwas +dem Kriege Fremdes. Der Krieg ist mehr für den Verteidiger als für den +Eroberer da, denn der Einbruch hat erst die Verteidigung hervorgerufen +und mit ihr den Krieg. Der Eroberer ist immer friedliebend, wie +Bonaparte auch stets von sich behauptet hat. Er zöge ganz gern ruhig in +unsern Staat ein. Damit er dies aber nicht könne, darum müssen wir den +Krieg wollen, und also auch vorbereiten, d. h. mit andern Worten: es +sollen gerade die Schwachen, der Verteidigung Unterworfenen immer +gerüstet sein, um nicht überfallen zu werden. So will es die +Kriegskunst. + + * * * * * + +Das frühere Erscheinen auf dem Kriegstheater hängt in den meisten Fällen +von ganz andern Dingen ab, als von der Angriffs- oder Verteidigungsabsicht. +Diese sind also nicht die Ursache, aber oft die Folge davon. Wer früher +fertig wird, geht, wenn der Vorteil des Überfalls groß genug ist, aus +*diesem* Grunde angriffsweise zu Werke, und der, welcher später fertig +wird, kann den Nachteil, der ihn bedroht, allein durch die Vorteile der +Verteidigung noch einigermaßen ausgleichen. + +Indessen muß es im allgemeinen als ein Vorteil des Angriffs angesehen +werden, von der früheren Bereitschaft diesen schönen Gebrauch machen zu +können; nur ist dieser allgemeine Vorteil keine unabtrennbare +Notwendigkeit für jeden einzelnen Fall. + +Wie kein Verteidigungsfeldzug aus bloßen Verteidigungselementen +zusammengesetzt ist, so besteht auch kein Angriffsfeldzug aus lauter +Angriffselementen, weil außer den kurzen Zwischenperioden eines jeden +Feldzugs, in denen sich beide Heere in der Verteidigung befinden, jeder +Angriff, der nicht bis zum Frieden reicht, notwendig mit einer +Verteidigung enden muß. + +Auf diese Weise ist es die Verteidigung selbst, die zur Schwächung des +Angriffs beiträgt. Dies ist so wenig eine müßige Spitzfindigkeit, daß +wir es vielmehr als den hauptsächlichsten Nachteil des Angriffs +betrachten, dadurch später in eine ganz unvorteilhafte Verteidigung +versetzt zu werden. + +Und hiermit ist denn erklärt, wie der Unterschied, der in der Stärke der +offensiven und defensiven Kriegsform ursprünglich besteht, nach und nach +geringer wird. + + * * * * * + +Der Zweck des Angriffs ist: in den Besitz unseres Kriegstheaters oder +wenigstens eines bedeutenden Teils davon zu gelangen, denn unter dem +Begriff des Ganzen muß wenigstens die größere Masse desselben verstanden +werden, da der Besitz eines Landstrichs von wenigen Meilen in der +Strategie in der Regel keine selbständige Wichtigkeit hat. Solange also +der Angreifende in diesem Besitz noch nicht ist, d. h. solange er, weil +er sich vor unserer Macht fürchtet, entweder noch gar nicht zum Angriff +des Kriegstheaters vorgeschritten ist, oder uns in unserer Stellung noch +nicht aufgesucht hat, oder der Schlacht, die wir ihm liefern wollten, +ausgewichen ist, so lange ist der Zweck der Verteidigung erfüllt, und +die Wirkungen der Verteidigungsmaßregeln sind also erfolgreich gewesen. +Aber freilich ist dieser Erfolg ein bloß negativer, der zu einem +eigentlichen Rückstoß zwar nicht unmittelbar die Kräfte geben kann. Er +kann sie aber mittelbar geben, d. h. er ist auf dem Wege dazu, denn die +Zeit, die verstreicht, verliert der Angreifende, und jeder Zeitverlust +ist ein Nachteil und muß auf irgendeine Art den schwächen, der ihn +erleidet. + + * * * * * + +Selten, oder wenigstens nicht immer, schreibt sich der Feldherr genau +vor, was er erobern will, sondern er läßt es von den Ereignissen +abhängen. Sein Angriff führt ihn oft weiter, als er gedacht hat. + + * * * * * + +Wir haben gesehen, daß die Verteidigung im Kriege überhaupt, also auch +die strategische, kein absolutes Abwarten und Abwehren, also kein +vollkommenes Leiden ist, sondern ein relatives, folglich von mehr oder +weniger offensiven Prinzipien durchdrungen. Ebenso ist der Angriff kein +homogenes Ganze, sondern mit der Verteidigung unaufhörlich vermischt. +Zwischen beiden findet aber der Unterschied statt, daß die Verteidigung +ohne offensiven Rückstoß gar nicht gedacht werden kann, daß dieser ein +notwendiger Bestandteil der Verteidigung ist, während beim Angriff der +Stoß oder Akt an sich ein vollständiger Begriff ist. Die Verteidigung +ist ihm an sich nicht nötig, aber Zeit und Raum, an die er gebunden ist, +führen ihm die Verteidigung als ein notwendiges Übel zu. Denn erstens +kann er nicht in einer stetigen Folge bis zur Vollendung fortgeführt +werden, sondern erfordert Ruhepunkte, und in dieser Zeit der Ruhe, wo er +selbst neutralisiert ist, tritt der Zustand der Verteidigung von selbst +ein. Zweitens ist der Raum, den die vorschreitende Streitkraft hinter +sich läßt und den sie zu ihrem Bestehen notwendig braucht, nicht immer +durch den Angriff an sich gedeckt, sondern muß besonders geschützt +werden. + +Es ist also der Akt des Angriffs im Kriege, vorzugsweise aber in der +Strategie, ein beständiges Wechseln und Verbinden von Angriff und +Verteidigung, wobei aber letztere nicht als eine wirksame Vorbereitung +zum Angriffe, nicht als eine Steigerung desselben anzusehen ist, also +nicht als ein tätiges Prinzip, sondern als ein bloßes notwendiges Übel, +als das retardierende Gewicht, das die bloße Schwere der Masse +hervorbringt. Sie ist seine Erbsünde, sein Todesprinzip. Wir sagen: ein +retardierendes Gewicht, weil, wenn die Verteidigung nichts zur +Verstärkung des Angriffs beiträgt, sie schon durch den bloßen +Zeitverlust, den sie darstellt, seine Wirkung vermindern muß. + + * * * * * + +Jeder Angriff muß mit einem Verteidigen enden. Wie dies beschaffen sein +wird, hängt von Umständen ab. Sie können sehr günstig sein, wenn die +feindlichen Streitkräfte zerstört sind, aber auch sehr schwierig, wenn +dies nicht der Fall ist. Bei jedem Angriffe muß daher auf die ihm +notwendig anhängende Verteidigung Rücksicht genommen werden, um sich auf +die Nachteile, denen er unterworfen ist, gefaßt zu machen. + + * * * * * + +Wo der Sieg gesucht wird, darf der offensive Teil in der +Verteidigungsschlacht niemals fehlen, und von diesem offensiven Teile +aus können alle Wirkungen eines entscheidenden Sieges hervorgehen, so +gut wie aus einer reinen Offensivschlacht, so daß für die strategische +Kombination im Grunde zwischen Angriffs- und Verteidigungsschlacht gar +kein Unterschied besteht. + + * * * * * + +Was wir von der Defensivschlacht gesagt haben, wirft schon ein großes +Licht auf die Offensivschlacht. + +Wir haben dort die Schlacht im Auge gehabt, in der die Verteidigung am +stärksten ausgesprochen ist, um ihr Wesen fühlbar zu machen. Die +wenigsten Schlachten sind aber von dieser Art; die meisten sind halbe +Renkontres, in denen der Defensivcharakter sehr verloren geht. Anders +verhält es sich mit der Offensivschlacht. Sie behält ihren Charakter +unter allen Umständen. Die Haupteigentümlichkeit der Offensivschlacht +ist das Umfassen oder Umgehen. + + * * * * * + +Das Gefecht mit umfassenden Linien gewährt an sich ganz offenbar große +Vorteile. Es ist indes ein Gegenstand der Taktik. Diese Vorteile kann +der Angriff nicht aufgeben, weil die Verteidigung ein Mittel dagegen +hat. Denn dieses Mittel kann er selbst nicht anwenden, insofern es mit +den übrigen Verhältnissen der Verteidigung zu eng zusammenhängt. Um den +umfassenden Feind mit Erfolg wieder umfassen zu können, muß man sich in +einer ausgesuchten und wohleingerichteten Stellung befinden. Aber was +viel wichtiger ist, nicht alle Vorteile, die die Verteidigung darbietet, +kommen wirklich zur Anwendung. Die meisten Verteidigungen sind dürftige +Notbehelfe; die Mehrzahl der Verteidiger befindet sich in einer sehr +bedrängten und bedrohten Lage, in der sie, das Schlimmste erwartend, dem +Angriff auf halbem Wege entgegenkommen. Die Folge davon ist, daß +Schlachten mit umfassenden Linien oder gar mit verwandter Front, die +eigentlich die Folge eines vorteilhaften Verhältnisses der +Verbindungslinien sein sollten, gewöhnlich die Folge der moralischen und +physischen Überlegenheit sind. + +So wie in der Verteidigungsschlacht der Feldherr das Bedürfnis hat, die +Entscheidung möglichst lange hinzuhalten und Zeit zu gewinnen, weil eine +unentschiedene Verteidigungsschlacht gewöhnlich eine gewonnene ist, so +hat der Feldherr in der Angriffsschlacht das Bedürfnis, die Entscheidung +zu beschleunigen; aber andrerseits ist mit der Übereilung große Gefahr +verbunden, weil sie zur Verschwendung der Kräfte führt. + +Eine Eigentümlichkeit der Angriffsschlacht ist in den meisten Fällen die +Ungewißheit über die Lage des Gegners. Sie ist ein wirkliches +Hineintappen in unbekannte Verhältnisse. Je mehr sie das ist, um so mehr +ist Vereinigung der Kräfte geboten; um so mehr ist Umgehen dem Umfassen +vorzuziehen. + +Daß die Hauptfrüchte des Sieges erst im Verfolgen errungen werden, ist +an anderer Stelle hervorgehoben. Der Natur der Sache nach ist bei der +Offensivschlacht die Verfolgung in höherem Maße ein unerläßlicher Teil +der ganzen Handlung als in der Verteidigungsschlacht. + + * * * * * + +Ein Stillstand im kriegerischen Akt ist streng genommen ein Widerspruch +mit der Natur der Sache, weil beide Heere wie zwei feindliche Elemente +einander unausgesetzt vertilgen müssen, so wie Feuer und Wasser sich nie +ins Gleichgewicht setzen, sondern so lange aufeinander einwirken, bis +eines ganz verschwunden ist. Was würde man von zwei Ringern sagen, die +sich stundenlang umfaßt halten, ohne eine Bewegung zu machen? Der +kriegerische Akt sollte also wie ein aufgezogenes Uhrwerk in stetiger +Bewegung ablaufen. Aber so wild die Natur des Krieges ist, so liegt sie +doch an der Kette der menschlichen Schwächen. + +Richten wir einen Blick auf die Kriegsgeschichte, so finden wir so sehr +das Gegenteil von einem unaufhaltsamen Fortschreiten zum Ziel, daß ganz +offenbar Stillstehen und Nichtstun der Grundzustand der Heere mitten im +Kriege ist und das Handeln die Ausnahme. Es sind dabei drei Ursachen zu +bemerken. + +Die erste, die einen beständigen Hang zum Aufenthalt hervorbringt und +dadurch ein retardierendes Prinzip wird, ist die natürliche +Furchtsamkeit und Unentschlossenheit des menschlichen Geistes, eine Art +von Schwere in der seelischen Welt. + +Im Flammenelement des Krieges müssen die gewöhnlichen Naturen schwerer +erscheinen. Die Anstöße müssen also stärker und wiederholter sein, wenn +die Bewegung eine dauernde werden soll. Wenn nicht ein kriegerischer, +unternehmender Geist an der Spitze steht, der sich im Kriege wie der +Fisch im Wasser in seinem rechten Element befindet, oder wenn nicht +große Verantwortlichkeit von oben drückt: wird Stillstand zur +Tagesordnung und das Vorschreiten zu den Ausnahmen gehören. + +Die zweite Ursache ist die Unvollkommenheit menschlicher Einsicht und +Beurteilung, die im Kriege größer ist als irgendwo, weil man kaum die +eigene Lage in jedem Augenblick genau kennt, die des Gegners aber, weil +sie verschleiert ist, aus wenigem erraten muß. Dies bringt denn oft den +Fall hervor, daß *beide* Teile auch da einen und denselben Gegenstand +für *ihren* Vorteil ansehen, wo das Interesse des einen überwiegend ist. + +Die dritte Ursache, die wie ein Sperrad in das Uhrwerk eingreift und von +Zeit zu Zeit gänzlichen Stillstand hervorbringt, ist die größere Stärke +der Verteidigung. Es kann vorkommen, daß beide Teile zugleich zum +Angriff sich nicht bloß zu schwach fühlen, sondern es wirklich sind. + + * * * * * + +Jeder Angreifende, der an seinem Gegner vorbeigehen will, ist in zwei +ganz entgegengesetzte Bestrebungen verwickelt. Ursprünglich will er +vorwärts, um den Gegenstand des Angriffs zu erreichen. Die Möglichkeit +aber, jeden Augenblick von der Seite angefallen zu werden, erzeugt das +Bedürfnis, nach dieser Seite hin in jedem Augenblick einen Stoß, und +zwar einen Stoß mit vereinter Macht, zu richten. Diese beiden +Bestrebungen widersprechen sich und erzeugen eine solche Verwickelung +der inneren Verhältnisse, eine solche Schwierigkeit der Maßregeln, wenn +sie für alle Fälle passen sollen, daß es strategisch kaum eine +schlimmere Lage geben kann. Wüßte der Angreifende mit Gewißheit den +Augenblick, wo er angefallen werden wird, so könnte er mit Kunst und +Geschick alles dazu vorbereiten, aber in der Ungewißheit darüber und bei +der Notwendigkeit des Vorschreitens kann es kaum fehlen, daß, wenn die +Schlacht erfolgt, sie ihn in höchst dürftig zusammengerafften und also +gewiß nicht vorteilhaften Verhältnissen findet. + + * * * * * + +Eine strategische Umgehung mit der Absicht einer Gefechtsentscheidung +hat, verglichen mit einem gewöhnlichen Angriff, den Charakter einer +größeren Entscheidung, denn die Größe der Erfolge wird gesteigert, ihre +Wahrscheinlichkeit aber vermindert. Eine solche Unternehmung ziemt also +an sich dem Stärkeren, der durch seine Überzahl die Sicherheit des +Erfolgs schon in einem gewissen Grade hat und dem es um einen recht +großen Erfolg zu tun sein muß. Aber freilich kann man im Kriege niemals +feststellen wollen, wie hoch der Feldherr seine eigene Kraft, d. h. sein +Talent und sein Glück, in Anschlag bringen darf. Dies muß ihm +schlechterdings überlassen bleiben: also der Grad der Kühnheit, womit er +seinen Weg verfolgt. Die Theorie kann nur fordern, daß er die objektiven +Verhältnisse alle kennt und richtig beurteilt, also nicht wagt, ohne es +zu wissen. + + + + +Betrachtungen und Ausblicke + + +Niemals wird man sehen, daß der Staat, der in der Sache eines andern +auftritt, diese so ernsthaft nimmt wie seine eigene. Eine mäßige +Hilfsarmee wird abgesandt. Ist sie nicht glücklich, so sieht man die +Sache ziemlich als abgemacht an und sucht so wohlfeil als möglich +herauszukommen. + +Aber selbst dann, wenn zwei Staaten wirklich gegen einen dritten Krieg +führen, so betrachten sie diesen doch nicht immer gleichmäßig als einen +Feind, den sie vernichten müssen, damit er sie nicht vernichte, sondern +die Angelegenheit wird oft wie ein Handelsgeschäft abgemacht; ein jeder +legt nach Verhältnis der Gefahr, die er zu bestehen, und der Vorteile, +die er zu erwarten hat, eine Aktie von soundsoviel hunderttausend Mann +ein und tut, als könne er dabei nichts als diese verlieren. + +Die Sache würde eine Art von innerem Zusammenhang haben, und die Theorie +des Krieges dabei weniger in Verlegenheit kommen, wenn diese zugesagte +Hilfe dem im Kriege begriffenen Staate völlig überlassen würde, so daß +er sie nach seinem Bedürfnis brauchen könnte. Alsdann wäre sie wie eine +gemietete Truppe zu betrachten. Allein davon ist der Gebrauch weit +entfernt. Gewöhnlich haben die Hilfstruppen ihren eigenen Feldherrn, der +nur von seiner Regierung abhängt und dem diese ein Ziel steckt, wie es +sich mit der Halbheit ihrer Absichten am besten verträgt. + + * * * * * + +Es ist eine Eigentümlichkeit der Kriegführung Verbündeter, die nicht von +der äußersten Gefahr zur Einheit und Konsequenz gedrängt wird, daß die +geteilten politischen Interessen ihr Spiel treiben, Uneinigkeit, +Widersprüche und zuletzt völligen Unsinn hervorbringen. + + * * * * * + +Wenn eine Macht allein Krieg führt, mag sie Zeit und Kräfte nach +Gefallen verschwenden. Es entsteht wenigstens kein zweiter Nachteil +daraus. Aber bei einem Bündniskriege kann es nie fehlen, daß auffallende +Untätigkeit des einen den andern entweder zu ebensolcher veranlaßt oder +so empört, daß ein baldiger Bruch des Bündnisses erfolgt. + + * * * * * + +Schon die Führung einer Armee, von der drei Viertel einem fremden +Monarchen gehört, ist ein Auftrag ganz andrer Art als die Führung einer +Armee entweder als Landesherr oder wenigstens mit der Autorität einer +nach und nach in ihr erworbenen Feldherrnwürde. Wer fühlt nicht, daß man +in seinem eigenen Hause ein ganz anderer Herr ist als in einem fremden, +trotz aller übertragenen Machtvollkommenheit? + + * * * * * + +Man kann ganz allgemein sagen, daß alle die unglücklichen +Kriegsunternehmungen, die durch *eine Reihe* von Fehlern hervorgebracht +sind, niemals in ihrem inneren Zusammenhang so beschaffen sind, wie die +Allgemeinheit glaubt. Die Leute, die handeln, wenn sie auch zu den +schlechtesten Feldherren gehören, sind doch nicht ohne gesunden +Menschenverstand und würden nimmermehr solche Torheiten begehen, wie der +Laie und die historischen Kritiker ihnen in Bausch und Bogen anrechnen. +Die meisten Beurteiler wären erstaunt, wenn sie alle die näheren Motive +des Handelns kennen lernten, und höchstwahrscheinlich ebensogut +verleitet worden wie der Feldherr, der jetzt wie ein halber Schwachkopf +vor uns steht. Fehler müssen allerdings vorhanden sein; nur liegen sie +gewöhnlich tiefer, in Fehlern der Ansicht und in Schwächen des +Charakters, die nicht auf den ersten Blick als solche erscheinen, +sondern die man erst auffindet und deutlich erkennt, wenn man alle +Gründe, die den Besiegten zu seinem Handeln bestimmt haben, mit dem +Erfolg vergleicht. Dieses Finden des Wahren hinterher ist der Kritik +gestattet; es kann ihr nicht höhnisch vorgeworfen werden, sondern ist +ihr eigentliches Geschäft, das aber allerdings viel leichter ist als das +Treffen des Rechten im Augenblick des Handelns. + +Es ist darum in der Tat eine Torheit, wenn wir fast sämtliche Armeen den +Grundsatz befolgen sehen, über unglückliche Kriegsereignisse so wenig +als möglich bekanntzumachen. Die Dinge, bis ins einzelne bekanntgemacht, +werden sich immer viel besser ausnehmen als in Bausch und Bogen. + + * * * * * + +So wie das Schlachtfeld strategisch nur ein Punkt ist, so ist die Zeit +einer Schlacht strategisch nur ein Moment, und nicht der Verlauf, +sondern das Ende und Ergebnis einer Schlacht ist eine strategische +Größe. + + * * * * * + +In der Strategie gibt es keinen Sieg. Der strategische Erfolg ist von +der einen Seite die günstige Vorbereitung des taktischen Sieges. Je +größer dieser strategische Erfolg ist, um so wahrscheinlicher wird der +Sieg im Gefecht. Von der anderen Seite liegt der strategische Erfolg in +der Ausnutzung des erfochtenen Sieges. Je mehr Ereignisse die Strategie +durch ihre Kombinationen *nach* einer gewonnenen Schlacht in die Folgen +derselben hineinzuziehen, je mehr sie von den nachfallenden Trümmern, +deren Grundfeste durch die Schlacht erschüttert worden, an sich zu +reißen vermag, je mehr sie in großen Zügen eintreibt, was in der +Schlacht selbst mühevoll einzeln errungen werden mußte, um so +großartiger sind ihre Erfolge. + + * * * * * + +Die Kriegskunst auf ihrem höchsten Standpunkte wird zur Politik, aber +freilich einer Politik, die statt Noten zu schreiben, Schlachten +liefert. + + * * * * * + +Man sagt eigentlich etwas ganz anderes, als man sagen will, wenn man, +was häufig geschieht, vom schädlichen Einfluß der Politik auf die +Führung des Krieges spricht. Es ist nicht dieser Einfluß, sondern die +Politik selbst, die man tadeln sollte. Ist die Politik richtig, d. h. +trifft sie ihr Ziel, so kann sie auf den Krieg in ihrem Sinne auch nur +vorteilhaft wirken; und wo diese Einwirkung vom Ziel entfernt, ist die +Quelle nur in der verkehrten Politik zu suchen. + + * * * * * + +Die Aufgabe und das Recht der Kriegskunst der Politik gegenüber ist es +hauptsächlich, zu verhüten, daß die Politik Dinge fordere, die gegen die +Natur des Krieges sind, daß sie aus Unkenntnis über die Wirkungen des +Instruments Fehler begehe im Gebrauche desselben. + + * * * * * + +Nichts ist im Leben so wichtig, als genau den Standpunkt zu ermitteln, +von dem die Dinge aufgefaßt und beurteilt werden müssen, und dann an ihm +festzuhalten. Denn nur von *einem* Standpunkt aus können wir die Masse +der Erscheinungen in ihrer Einheit auffassen, und nur die Einheit des +Standpunkts kann uns vor Widersprüchen sichern. + +Gehört der Krieg der Politik an, so wird er ihren Charakter annehmen. +Ist sie großartig und kräftig, so wird es auch der Krieg. Nur durch +diese Vorstellungsart wird der Krieg zur Einheit, nur mit ihr kann man +alle Kriege als Dinge *einer* Art betrachten, und nur durch sie wird dem +Urteil der rechte und genaue Stand- und Gesichtspunkt gegeben. + + * * * * * + +Die ungeheuren Wirkungen der Französischen Revolution nach außen sind +offenbar viel weniger in neuen Mitteln und Ansichten der französischen +Kriegführung zu suchen, als in der ganz veränderten Staats- und +Verwaltungskunst, im Charakter der Regierung, im Zustande des Volkes +usw. Daß die anderen Regierungen alle diese Dinge unrichtig ansahen, -- +daß sie mit gewöhnlichen Mitteln Kräften die Wage halten wollten, die +neu und überwältigend waren: das alles sind Fehler der Politik. Man kann +sagen: die zwanzigjährigen Siege der Revolution sind hauptsächlich die +Folge der fehlerhaften Politik der ihr gegenüberstehenden Regierungen +gewesen, wenn auch der eigentliche Überfall, von dem sich die +Intelligenz getroffen fühlte, innerhalb der Kriegführung stattfand. + + * * * * * + +Wenn blutige Schlachten ein schreckliches Schauspiel sind, so muß dies +eine Veranlassung sein, den Krieg mehr zu würdigen, aber nicht die +Waffen, die man führt, nach und nach aus Menschlichkeit stumpfer zu +machen, bis einmal wieder einer dazwischenkommt mit einem scharfen +Schwerte und uns die Arme vom Leibe weghaut. + + * * * * * + +Ein Fürst oder Feldherr, der seinen Krieg genau nach seinen Zwecken und +Mitteln einzurichten weiß, nicht zu viel und nicht zu wenig tut, gibt +dadurch den größten Beweis seines Genies. Aber die Wirkungen dieser +Genialität zeigen sich nicht sowohl in neuerfundenen Formen des +Handelns, die sogleich in die Augen fallen, als im glücklichen +Endergebnis des Ganzen. Es ist das richtige Zutreffen der stillen +Voraussetzungen, es ist die geräuschlose Harmonie des ganzen Handelns, +die wir bewundern sollten und die sich erst im Gesamterfolge verkündet. + + + + +Inhaltsübersicht + + + Seite + + Geleitwort des Herausgebers 3 + + Wesen und Ziel des Krieges 6 + + Kriegskunst und Theorie 10 + + Kriegerische Tugenden. Heer und Feldherr 15 + + Kriegsplan. Numerische Überlegenheit. Friktion im Kriege. + Ungewißheit der Nachrichten 31 + + Operationsbasis. Märsche. Festungen. Gebirgskrieg 37 + + Das Gefecht. Verluste. Reserven. Die Hauptschlacht. + Sieg und Verfolgung 43 + + Die verlorene Schlacht und der Rückzug 62 + + Verteidigung und Angriff 68 + + Betrachtungen und Ausblicke 81 + + +Druck der Spamerschen Buchdruckerei in Leipzig + + + + +Bei der Transkription erfolgte Korrekturen: + +Folgende Berichtigungen am Originaltext wurden aus grammatikalischen +oder Konsistenzgründen vorgenommen: + +- Im Kontext "mit einer guteingeölten Maschine": Änderung von "guteingeölt" +in "gut eingeölt". + +- Im Kontext "Stoß zweier lebendigen Kräfte": Änderung von "lebendigen" in +"lebendiger". + +- Im Kontext von "das ursprüngliche Motiv des Kriegs": Änderung von +"Kriegs" in "Krieges". + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Grundgedanken über Krieg und +Kriegführung, by Karl von Clausewitz + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK GRUNDGEDANKEN ÜBER KRIEG UND *** + +***** This file should be named 36693-8.txt or 36693-8.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + https://www.gutenberg.org/3/6/6/9/36693/ + +Produced by Norbert H. Langkau, Heike Leichsenring and the +Online Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. Special rules, +set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to +copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to +protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project +Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you +charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you +do not charge anything for copies of this eBook, complying with the +rules is very easy. 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It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation web page at https://www.pglaf.org. + + +Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at +https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. 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