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+The Project Gutenberg EBook of Grundgedanken über Krieg und Kriegführung, by
+Karl von Clausewitz
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Grundgedanken über Krieg und Kriegführung
+
+Author: Karl von Clausewitz
+
+Release Date: July 10, 2011 [EBook #36693]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK GRUNDGEDANKEN ÜBER KRIEG UND ***
+
+
+
+
+Produced by Norbert H. Langkau, Heike Leichsenring and the
+Online Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net
+
+
+
+
+
+Anmerkungen zur Transkription:
+
+Mit _ umschlossene Texte sind im Original in einer anderen Schriftart
+(Antiqua) als der Haupttext (Fraktur) gedruckt. Im Original sind auch
+die Abkürzung "Dr." und römische Zahlen in Antiqua gedruckt; dies
+wurde für die elektronische Fassung nicht übernommen.
+
+Umschließungen mit * zeigen "gesperrt" gedruckten Text an.
+
+Offensichtliche Interpunktionsfehler berichtigt. Im
+Übrigen wurden Inkonsistenzen in der Schreibweise einzelner Wörter
+(ungeheuere/ungeheure und Entwickelung/Entwicklung) belassen. Eine
+Liste mit sonstigen Korrekturen finden Sie am Ende des Buchs.
+
+Im Original sind Textabschnitte, die ein zusammenhängendes Zitat aus
+dem Grundwerk "Vom Kriege" darstellen, voneinander mit einer
+(zusätzlichen) Leerzeile abgetrennt. Dies wurde hier in Form einer
+Reihe Sternchen zwischen den Absätzen nachgebildet.
+
+
+
+General Karl von Clausewitz
+
+
+
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+Grundgedanken über Krieg
+und Kriegführung
+
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+
+Erschienen im Insel-Verlag zu Leipzig
+
+21.-30. Tausend
+
+
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+
+Geleitwort des Herausgebers
+
+
+Das Buch *Vom Kriege*, das Buch aller Bücher über den Krieg, dem die
+nachfolgenden Sätze in der Hauptsache entnommen sind, ist im Jahre 1832
+erschienen, also erst nach dem -- am 16. November 1831 erfolgten -- Tode
+des Verfassers, des preußischen Generalmajors Karl von Clausewitz. Wie
+so viele Werke großer Geister ist auch dieses, das Hauptwerk des größten
+Theoretikers der Kriegskunst, ein Fragment. Eine Sammlung von
+Werkstücken, Hauptlineamente hat der Verfasser selbst sie genannt. Zur
+letzten Durcharbeitung, Sichtung und Zusammenfassung ist er nicht
+gekommen. Ursprünglich hatte Clausewitz auch gar nicht die Absicht, ein
+vollständiges, einheitliches Buch über den Lieblingsgegenstand der
+Gedankenarbeit seines ganzen Lebens zu schreiben. Er wollte zunächst
+nichts, als ihn »in ganz kurzen, präzisen, gedrungenen Sentenzen, nach
+der Art Montesquieus« behandeln. Diese *Körner* -- wie er sie einmal
+bezeichnet -- sollten »schon mit der Sache bekannte geistvolle Menschen
+anziehen, ebensosehr durch das, was weiter aus ihnen entwickelt werden
+könnte, als durch das, was sie feststellen«. Ein System ist erst
+allmählich, sozusagen gegen den Willen des Schreibenden, in seine
+»Materialien« gekommen.
+
+Diese erste Absicht, in Aphorismen zu sprechen, gestattet es ohne
+Zweifel, einmal die Grundgedanken als *Körner* auf einer besonderen
+Schale zu reichen. Der Berufssoldat, der das ganze Werk kennt und liebt,
+wird durch sie gewiß von neuem zu ihm hingezogen, während wohl mancher
+Nichtsoldat zumal in einer Zeit, in der das Gesamtleben Deutschlands nur
+noch die Achse des Krieges hat, es sich nun nicht länger versagen wird,
+einem Geistesmonument nahezutreten, das er längst hätte besitzen sollen,
+denn Clausewitz gehört zu den großen Erziehern der Deutschen.
+
+Auf das Leben und die Persönlichkeit des Generals kann hier aus
+Raummangel nicht eingegangen werden. Es müßte ausführlich geschehen, und
+dies soll in der Inselausgabe des Buches Vom Kriege erfolgen, die in
+Vorbereitung ist. Ebenda wird über die Bedeutung und die Nachwirkung
+seiner Lehren das Nötige dargelegt werden. Hier sei nur kurz berichtet,
+daß der am 1. Juni 1780 in Burg bei Magdeburg geborene Karl von
+Clausewitz als junger Soldat den Rheinfeldzug mitmachte. Nach der
+Schlacht bei Jena geriet er dann als Bataillonsadjutant in französische
+Gefangenschaft. Später wirkte er im Sinne Scharnhorsts und Gneisenaus,
+vor allem aber als der Theoretiker des meisterlichsten aller Praktiker,
+Napoleons, an der Kriegsakademie zu Berlin. 1812 trat er in russische
+Dienste, erlebte im Hauptquartier den Feldzug von 1812 und kämpfte des
+weiteren während der Befreiungskriege im Stabe Blüchers.
+
+Die Schicksale der Großen Armee in Rußland haben den tiefsten Eindruck
+auf Clausewitz und seine strategischen Erkenntnisse hinterlassen. Dem
+Mißerfolg des genialen Eroberers wissenschaftlich nachzuspüren, ist er
+in den letzten zwanzig Jahren seines Lebens nicht müde geworden, und es
+zeugt von der hohen geistigen Überlegenheit dieses preußischen
+Offiziers, daß er bei all seiner glühenden Vaterlandsliebe sein Leben
+lang der gerechteste Verehrer Napoleons blieb. Unberührt vom blinden
+Hasse der Zeit, lag es Clausewitz ob, weiter als die Menschen von damals
+zu blicken und dadurch für die Zukunft seines zu einem weltmächtigen
+Deutschen Kaiserreiche erweiterten Vaterlandes Dauerndes zu schaffen.
+
+Kaum geht man wohl fehl, wenn man die berühmteste These im Buche Vom
+Kriege: Die Verteidigung sei die an sich stärkere Form der Kriegführung
+-- vor allem auf die unmittelbaren Erfahrungen des Generals im
+russischen Feldzuge zurückführt. Dieser auffälligen Lehre gebühren
+selbst im Rahmen dieser knappen Vorrede ein paar Worte. Jedermann in der
+Welt weiß, daß unsere Armee den Geist der Offensive über alles hochhält
+und bis ins kleinste zu betätigen strebt. Um so fremder erscheint uns
+die Verherrlichung der Verteidigungstheorie bei Clausewitz, der die
+Offensive erst aus vorheriger Defensive, aus dem Abwarten heraus
+entwickelt. So sehr unsere Heerführer bis auf den heutigen Tag von dem
+stählernen Kern der Lehren des Generals von Clausewitz, dem
+Vernichtungsgedanken, überzeugt sind: in dem einen Problem ist er
+vielumstritten worden, noch kurz vor dem großen Kriege Englands gegen
+unsere Daseinsberechtigung, durch den General v. Bernhardi, den
+Verfasser des hervorragenden Buches »Vom heutigen Kriege«, das zugleich
+als das bedeutendste Ergänzungswerk zum alten Clausewitz neben den
+gelehrten »Studien nach Clausewitz« des Generals Freiherrn v.
+Freytag-Loringhoven, des jetzigen Generalquartiermeisters, hier zu
+nennen ist.
+
+ Dresden, 1915 Hauptmann Dr. *Arthur Schurig*
+
+
+
+
+Wesen und Ziel des Krieges
+
+
+Der Krieg ist nichts als die fortgesetzte Staatspolitik mit anderen
+Mitteln.
+
+ * * * * *
+
+Seit Napoleon Bonaparte hat sich der Krieg, indem er zuerst auf der
+einen Seite, dann auch auf der anderen wieder *Sache des ganzen Volkes*
+wurde, seiner wahren Natur, seiner absoluten Vollkommenheit sehr
+genähert.
+
+ * * * * *
+
+Der Krieg ist ein erweiterter Zweikampf. Jeder sucht den andern durch
+physische Gewalt zur Erfüllung seines Willens zu zwingen.
+
+Der Krieg ist ein Akt der Gewalt, und es gibt in der Anwendung der
+Gewalt keine Grenzen.
+
+ * * * * *
+
+Die Gewalt rüstet sich mit den Erfindungen der Wissenschaften aus, um
+der Gewalt zu begegnen. Unmerkliche, kaum nennenswerte Beschränkungen,
+die sie sich selbst setzt unter dem Namen völkerrechtlicher Sitte,
+begleiten sie, ohne ihre Kraft wesentlich zu schwächen.
+
+ * * * * *
+
+Menschenfreundliche Seelen könnten leicht denken, es gäbe ein Entwaffnen
+oder Niederwerfen des Gegners, ohne zu viel Wunden zu verursachen, und
+das sei die wahre Kriegskunst. Wie gut sich das auch ausnimmt, so muß
+man diesen Irrtum doch zerstören, denn in so gefährlichen Dingen, wie
+der Krieg eins ist, sind *die* Irrtümer, die aus Gutmütigkeit entstehen,
+gerade die schlimmsten. Wer sich der Gewalt *rücksichtslos* bedient,
+bekommt ein Übergewicht, wenn der Gegner anders handelt. So muß man die
+Sache ansehen, und es ist ein unnützes, sogar verkehrtes Bestreben, aus
+Widerwillen gegen das rohe Element die Natur des Krieges zu verkennen.
+
+ * * * * *
+
+Der Kampf zwischen Menschen besteht aus zwei verschiedenen Elementen:
+dem feindseligen Gefühl und der feindseligen Absicht. Bei wilden Völkern
+herrschen die dem Gemüt, bei gebildeten die dem Verstande angehörigen
+Absichten vor. Allein dieser Unterschied liegt nicht im Wesen von Roheit
+und Bildung selbst, sondern in den sie begleitenden Umständen und
+Einrichtungen. Er ist also nicht in jedem einzelnen Falle notwendig,
+sondern er beherrscht nur die Mehrheit der Fälle. Mit einem Worte: auch
+die gebildetsten Völker können gegeneinander leidenschaftlich
+entbrennen.
+
+ * * * * *
+
+Gewalt, physische Gewalt ist das Mittel; dem Feinde unseren Willen
+aufzudringen, der Zweck. Um diesen Zweck sicher zu erreichen, müssen wir
+*den Feind wehrlos machen*. Dies ist dem Begriffe nach das eigentliche
+Ziel der kriegerischen Handlung.
+
+ * * * * *
+
+Wenn der Gegner unseren Willen erfüllen soll, so müssen wir ihn in eine
+Lage versetzen, die nachteiliger ist als das Opfer, das wir von ihm
+fordern. Die Nachteile dieser Lage dürfen aber natürlich, wenigstens dem
+Anscheine nach, nicht vorübergängig sein, sonst würde der Gegner den
+besseren Zeitpunkt abwarten und nicht nachgeben. Jede Veränderung dieser
+Lage durch die fortgesetzte kriegerische Tätigkeit muß zu einer noch
+nachteiligeren Lage führen, wenigstens in der Vorstellung. Die
+schlimmste Lage, in die ein Kriegführender geraten kann, ist die
+gänzliche Wehrlosigkeit.
+
+ * * * * *
+
+Nun ist der Krieg nicht das Wirken einer lebendigen Kraft auf eine tote
+Masse, sondern, weil ein reines Dulden auf der einen Seite kein Krieg
+wäre, so ist er immer der Stoß zweier lebendiger Kräfte gegeneinander.
+Solange ich den Gegner nicht niedergeworfen habe, muß ich befürchten,
+daß er mich niederwirft. Ich bin also nicht Herr meiner selbst, sondern
+er gibt mir das Gesetz, wie ich es ihm gebe.
+
+ * * * * *
+
+Wollen wir den Gegner niederwerfen, so müssen wir *unsere* Anstrengung
+nach *seiner* Widerstandskraft bemessen. Diese drückt sich durch ein
+Produkt aus, deren Faktoren sich nicht trennen lassen, nämlich: die
+Größe der vorhandenen Mittel und die Stärke der Willenskraft. Die Größe
+der vorhandenen Mittel ließe sich bestimmen, da sie -- wiewohl nicht
+ganz -- auf Zahlen beruht. Aber die Stärke der Willenskraft läßt sich
+viel weniger bestimmen und nur etwa nach der Stärke des Beweggrunds
+schätzen.
+
+ * * * * *
+
+Das Gesetz des Äußersten, die Absicht, den Gegner wehrlos zu machen,
+verschlingt gewissermaßen zunächst den politischen Zweck des Krieges. So
+wie dieses Gesetz in seiner Kraft nachläßt, diese Absicht von ihrem
+Ziele zurücktritt, muß der politische Zweck wieder hervortreten. Je
+kleiner das Opfer ist, das wir von unserm Gegner fordern, um so
+geringere Anstrengungen dürfen wir von ihm erwarten. Je geringer aber
+diese sind, um so kleiner dürfen die unsrigen bleiben. Ferner, je
+kleiner unser politischer Zweck ist, um so geringer wird der Wert sein,
+den wir auf ihn legen; um so eher werden wir uns gefallen lassen, ihn
+aufzugeben: also um so kleiner werden auch unsere Anstrengungen sein. So
+wird der politische Zweck als das ursprüngliche Motiv des Krieges das Maß
+sowohl für das Ziel, das durch die Kriegführung erreicht werden muß, als
+auch für die Anstrengungen, die erforderlich sind.
+
+ * * * * *
+
+Je großartiger und stärker die Motive des Krieges sind, je mehr sie das
+ganze Dasein der Völker umfassen, je gewaltsamer die Spannung ist, die
+dem Kriege vorhergeht, um so mehr wird der Krieg sich seiner abstrakten
+Gestalt nähern, um so mehr wird es sich um das Niederwerfen des Feindes
+handeln, um so mehr fallen das kriegerische Ziel und der politische
+Zweck zusammen, um so reiner kriegerisch, weniger politisch scheint der
+Krieg zu sein.
+
+ * * * * *
+
+Der Krieg ist unter allen Umständen als kein selbständiges Ding, sondern
+als ein politisches Instrument zu denken. Nur mit dieser Vorstellungsart
+ist es möglich, nicht mit der sämtlichen Kriegsgeschichte in Widerspruch
+zu geraten.
+
+ * * * * *
+
+Der Krieg gehört nicht in das Gebiet der Künste und Wissenschaften,
+sondern in das Gebiet des sozialen Lebens. Er ist ein Konflikt großer
+Interessen, der sich blutig löst, und nur darin ist er von den anderen
+verschieden. Besser als mit irgendeiner Kunst ließe er sich mit dem
+Handel vergleichen, der auch ein Konflikt menschlicher Interessen und
+Tätigkeiten ist, und viel näher steht ihm die Politik, die ihrerseits
+wieder als eine Art von Handel in größerem Maßstabe angesehen werden
+kann.
+
+ * * * * *
+
+Der Krieg ist nicht nur ein wahres Chamäleon, weil er in jedem konkreten
+Falle seine Natur etwas ändert, sondern er ist auch seinen
+Gesamterscheinungen nach in Beziehung auf die in ihm herrschenden
+Tendenzen eine wunderliche Dreifaltigkeit, zusammengesetzt aus der
+ursprünglichen Gewaltsamkeit seines Elements, dem Haß und der
+Feindschaft, die wie ein blinder Naturtrieb anzusehen sind, aus dem
+Spiel der Wahrscheinlichkeiten und des Zufalls, die ihn zu einer freien
+Seelentätigkeit machen, und aus der untergeordneten Natur eines
+politischen Werkzeugs, durch die er dem bloßen Verstande anheimfällt.
+
+
+
+
+Kriegskunst und Theorie
+
+
+Mit dem Bestreben, Grundsätze, Regeln oder gar Systeme für die
+Kriegführung anzugeben, setzt man sich einen positiven Zweck, ohne die
+unendlichen Schwierigkeiten gehörig ins Auge zu fassen, die sie in
+dieser Beziehung hat.
+
+ * * * * *
+
+Die Kriegführung verläuft fast nach allen Seiten hin in unbestimmte
+Grenzen. Jedes System, jedes Lehrgebäude aber hat die beschränkende
+Natur einer Synthesis, und damit ist ein nie auszugleichender
+Widerspruch zwischen einer solchen Theorie und der Praxis gegeben.
+
+ * * * * *
+
+Unstreitig gehören die der Kriegskunst zugrunde liegenden Kenntnisse zu
+den Erfahrungswissenschaften. Denn wenn sie auch größtenteils aus der
+Natur der Dinge hervorgehen, so muß man doch diese Natur selbst meistens
+erst durch die Erfahrung kennen lernen. Außerdem aber wird die Anwendung
+durch so viele Umstände modifiziert, daß die Wirkungen nie aus der
+bloßen Natur des Mittels vollständig erkannt werden können.
+
+ * * * * *
+
+Bei der Ungewißheit aller Daten im Kriege müssen wir uns sagen, daß es
+eine reine Unmöglichkeit wäre, die Kriegskunst durch ein positives
+Lehrgebäude wie mit einem Gerüste versehen zu wollen, das dem Handelnden
+überall einen äußeren Anhalt gewähren könnte. Der Handelnde würde sich
+in allen jenen Fällen, wo er auf sein Talent angewiesen ist, außer
+diesem Lehrgebäude und mit ihm in Widerspruch befinden, und es würde,
+wie vielseitig dasselbe auch aufgefaßt sein möchte, immer dieselbe Folge
+wieder eintreten, von der wir schon gesprochen haben: daß das Talent und
+Genie außer dem Gesetze handelt und die Theorie ein Gegensatz zur
+Wirklichkeit wird.
+
+ * * * * *
+
+Historische Beispiele machen alles klar und haben nebenher in
+Erfahrungswissenschaften die beste Beweiskraft.
+
+ * * * * *
+
+Wenn ein Sachverständiger sein halbes Leben darauf verwendet, einen
+dunklen Gegenstand überall aufzuklären, so wird er wohl weiter kommen
+als einer, der in kurzer Zeit damit vertraut sein will. Daß also nicht
+jeder von neuem aufzuräumen und sich durchzuarbeiten brauche, sondern
+die Sache geordnet und gelichtet finde, dazu ist die Theorie vorhanden.
+Sie soll den Geist des künftigen Führers im Kriege erziehen, oder
+vielmehr ihn bei seiner Selbsterziehung leiten, nicht aber ihn auf das
+Schlachtfeld begleiten.
+
+ * * * * *
+
+Im Kriege sind die Ideen meist so einfach und naheliegend, daß das
+Verdienst der Erfindung gar nicht das Talent des Feldherrn ausmachen
+kann. Die Hauptsache ist die Schwierigkeit der Ausführung. Im Kriege ist
+alles einfach, aber das Einfache höchst schwierig. Das Kriegsinstrument
+gleicht einer Maschine mit ungeheurer Friktion, die nicht wie in der
+Mechanik auf ein paar Punkte zurückgeführt werden kann, sondern überall
+mit einem Heere von Zufällen im Kontakt ist. Außerdem ist der Krieg eine
+Tätigkeit im erschwerenden Mittel. Eine Bewegung, die man in der Luft
+mit Leichtigkeit macht, wird im Wasser sehr schwer. Gefahr und
+Anstrengung sind die Elemente, in denen sich der Geist im Kriege bewegt.
+So kommt es denn, daß man immer hinter *der* Linie zurückbleibt, die man
+sich gezogen hat, und daß schon keine gewöhnliche Kraft dazu gehört, um
+nur nicht unter dem Niveau des Mittelmäßigen zu bleiben.
+
+ * * * * *
+
+Beim Handeln folgen die meisten einem bloßen Takt des Urteils, der mehr
+oder weniger gut trifft, je nachdem mehr oder weniger Genie in ihnen
+ist. So haben alle großen Feldherren gehandelt, und darin liegt zum
+Teil ihre Größe, daß sie mit diesem Takt immer das Rechte trafen. So
+wird es für das Handeln auch immer bleiben. Dieser Takt reicht dazu
+vollkommen hin. Aber wenn es darauf ankommt, nicht selbst zu handeln,
+sondern in einer Beratung andere zu überzeugen, dann kommt es auf klare
+Vorstellungen, auf das Nachweisen des inneren Zusammenhanges an.
+
+ * * * * *
+
+Alles Handeln im Kriege ist nur auf *wahrscheinliche*, nicht auf
+*gewisse* Erfolge gerichtet. Was an der Gewißheit fehlt, muß überall dem
+Schicksal oder dem Glück -- wie man es nennen will -- überlassen
+bleiben. Es gibt Fälle, wo das höchste Wagen die höchste Weisheit ist.
+
+ * * * * *
+
+Man hat früher behauptet, der Krieg sei ein Handwerk. Damit war aber
+mehr verloren als gewonnen, denn ein Handwerk ist nur eine niedrige
+Kunst und unterliegt als solche auch bestimmteren und engeren Gesetzen.
+In der Tat hat sich die Kriegskunst eine Zeitlang im Geiste des
+Handwerks bewegt, nämlich zur Zeit der Condottieri. Aber diese Richtung
+hatte sie nicht nach inneren, sondern nach äußeren Gründen, und wie
+wenig sie in dieser Zeit naturgemäß und befriedigend war, zeigt die
+Kriegsgeschichte.
+
+ * * * * *
+
+Wenn man auf der einen Seite sieht, wie das kriegerische Handeln so
+höchst einfach erscheint; wenn man hört und sieht, wie die größten
+Feldherren sich darüber gerade am einfachsten und schlichtesten
+ausdrücken, wie das Regieren und Bewegen der aus hunderttausend Gliedern
+zusammengesetzten schwerfälligen Maschine in ihrem Munde sich nicht
+anders ausnimmt, als ob von ihrer Person allein die Rede sei, so daß der
+ganze ungeheuere Akt des Krieges zu einer Art von Zweikampf
+individualisiert wird; wenn man dabei die Motive ihres Handelns bald
+mit ein paar einfachen Vorstellungen, bald mit irgendeiner Regung des
+Gemütes in Verbindung gebracht findet; wenn man diese leichte, sichere,
+man möchte sagen leichtfertige Weise sieht, wie sie den Gegenstand
+auffassen, -- und nun von der anderen Seite die große Anzahl von
+Verhältnissen, die für den untersuchenden Verstand in Anregung kommen;
+die großen, oft unbestimmten Entfernungen, in die die einzelnen Fäden
+auslaufen, und die Menge von Kombinationen, die vor uns liegen; wenn man
+dabei an die Verpflichtung denkt, die die Theorie hat, dies alles
+systematisch, d. h. mit Klarheit und Vollständigkeit, aufzufassen und
+das Handeln immer auf die Notwendigkeit des zureichenden Grundes
+zurückzuführen, so überfällt uns die Besorgnis mit unwiderstehlicher
+Gewalt, zu einem pedantischen Schulmeistertum hinabgerissen zu werden,
+in den untersten Räumen schwerfälliger Begriffe herumzukriechen und dem
+großen Feldherrn in seinem leichten Überblick also niemals zu begegnen.
+Wenn das Resultat theoretischer Bemühungen von dieser Art sein sollte,
+so wäre es ebensogut, oder vielmehr besser, sie gar nicht angestellt zu
+haben. Sie ziehen der Theorie die Geringschätzung des Talentes zu und
+fallen bald in Vergessenheit. Und von der andern Seite ist dieser
+leichte Überblick des Feldherrn, diese einfache Vorstellungsart, diese
+Personifizierung des ganzen kriegerischen Handelns so ganz und gar der
+Kern jeder guten Kriegführung, daß sich nur bei dieser großartigen Weise
+die Freiheit der Seele denken läßt, die nötig ist, wenn sie über die
+Ereignisse herrschen und nicht von ihnen überwältigt werden soll.
+
+ * * * * *
+
+Die Kriegskunst im eigentlichen Sinne ist die Kunst, sich der gegebenen
+Mittel im Kampfe zu bedienen. Wir können sie nicht besser als mit dem
+Namen der *Kriegführung* bezeichnen. Dagegen werden allerdings zur
+Kriegskunst im weiteren Sinne auch alle Tätigkeiten gehören, die um des
+Krieges willen da sind, also die ganze Schöpfung der Streitkräfte, d. i.
+Aushebung, Bewaffnung, Ausrüstung und Übung.
+
+Es ist für die Realität einer Theorie höchst wesentlich, diese beiden
+Tätigkeiten zu trennen, denn es ist leicht einzusehen, daß, wenn jede
+Kriegskunst mit der Einrichtung der Streitkräfte anfangen und diese für
+die Kriegführung, sowie sie dieselben angegeben, bedingen wollte, sie
+nur auf die wenigen Fälle anwendbar sein könnte, wo die vorhandenen
+Streitkräfte dem gerade entsprächen. Will man dagegen eine Theorie
+haben, die für die große Mehrzahl der Fälle geeignet, für keinen aber
+ganz unbrauchbar sei: so muß sie auf die große Mehrheit der gewöhnlichen
+Streitmittel, und bei diesen auch nur auf die wesentlichsten Resultate
+gebaut sein.
+
+Die Kriegführung ist also die Anordnung und Führung des Kampfes. Wäre
+dieser Kampf ein einzelner Akt, so würde kein Grund zu einer weiteren
+Einteilung sein. Allein der Kampf besteht aus einer mehr oder weniger
+großen Zahl einzelner in sich geschlossener Akte, die wir Gefechte
+nennen und die neue Einheiten bilden. Daraus entspringt nun die ganz
+verschiedene Tätigkeit, diese einzelnen Gefechte in sich anzuordnen und
+zu führen, und sie unter sich zum Zweck des Krieges zu verbinden. Das
+eine ist die *Taktik*, das andere die *Strategie* genannt worden.
+
+Es ist also nach unserer Einteilung die Taktik die Lehre vom Gebrauch
+der Streitkräfte im Gefecht, die Strategie die Lehre vom Gebrauch der
+Gefechte zum Zweck des Krieges.
+
+
+
+
+Kriegerische Tugenden. Heer und Feldherr
+
+
+Der Krieg ist ein bestimmtes Geschäft. Und wie allgemein auch seine
+Beziehung sei, und wenn auch alle waffenfähigen Männer eines Volkes
+dasselbe trieben, so bliebe es doch immer ein solches: verschieden und
+getrennt von den übrigen Fähigkeiten, die das Menschenleben in Anspruch
+nehmen.
+
+Vom Geiste und Wesen dieses Geschäfts durchdrungen sein, -- die Kräfte,
+die in ihm tätig sein sollen, in sich üben, erwecken und aufnehmen, --
+das Geschäft mit dem Verstande ganz durchdringen, -- durch Übung
+Sicherheit und Leichtigkeit in ihm gewinnen, -- ganz darin aufgehen, --
+aus dem Menschen übergehen in die Rolle, die uns darin angewiesen wird:
+das ist die kriegerische Tugend des Heeres in jedem einzelnen.
+
+ * * * * *
+
+Die kriegerische Tugend ist für die Teile überall, was das Genie des
+Feldherrn für das Ganze ist.
+
+ * * * * *
+
+Je mehr ein Feldherr gewohnt ist, von seinen Soldaten zu fordern, um so
+sicherer ist er, daß die Forderung geleistet wird. Der Soldat ist ebenso
+stolz auf überwundene Mühseligkeiten als auf überstandene Gefahren. Aber
+nur im Boden einer beständigen Tätigkeit und Anstrengung gedeiht dieser
+Keim, auch nur im Sonnenlicht des Sieges.
+
+ * * * * *
+
+Wenn wir ein rohes Volk betrachten, so ist ein kriegerischer Geist unter
+den einzelnen Menschen viel gewöhnlicher als bei den gebildeten Völkern,
+denn bei jenen besitzt ihn fast jeder einzelne Krieger, während bei den
+gebildeten eine ganze Masse nur durch die Notwendigkeit und keineswegs
+durch inneren Trieb mitfortgerissen wird. Aber unter rohen Völkern
+findet man nie einen eigentlich großen Feldherrn und äußerst selten,
+was man ein kriegerisches Genie nennen kann, weil dazu eine Entwicklung
+der Verstandeskräfte erforderlich ist, die ein rohes Volk nicht haben
+kann.
+
+ * * * * *
+
+Der Krieg ist das Gebiet der Gefahr. Es ist also Mut vor allen Dingen
+die erste Eigenschaft des Kriegers.
+
+Der Mut ist doppelter Art: einmal Mut gegen die persönliche Gefahr, und
+dann Mut gegen die Verantwortlichkeit, sei es vor dem Richterstuhl
+irgendeiner äußeren Macht, sei es vor dem einer inneren, nämlich des
+Gewissens.
+
+Der Mut gegen die persönliche Gefahr ist wieder doppelter Art. Erstens
+kann er Gleichgültigkeit gegen die Gefahr sein. Sei es, daß sie aus dem
+Organismus des Individuums oder aus Geringschätzung des Lebens oder aus
+Gewohnheit hervorgehe, in diesen Fällen ist der Mut als ein bleibender
+Zustand anzusehen.
+
+Zweitens kann er aus positiven Motiven hervorgehen, wie Ehrgeiz,
+Vaterlandsliebe, Begeisterung jeder Art. In diesem Fall ist der Mut
+nicht sowohl ein Zustand als eine Gemütsbewegung, ein Gefühl.
+
+Es ist begreiflich, daß beide Arten von verschiedener Wirkung sind. Die
+erste Art ist sicherer, weil sie, zur zweiten Natur geworden, den
+Menschen nie verläßt; die zweite führt oft weiter. Der ersteren gehört
+mehr die Standhaftigkeit, der zweiten mehr die Kühnheit an. Die erste
+läßt den Verstand nüchterner, die zweite steigert ihn zuweilen,
+verblendet ihn aber auch oft. Beide vereinigt geben die vollkommenste
+Art des Mutes.
+
+ * * * * *
+
+Der Krieg ist das Gebiet körperlicher Anstrengungen und Leiden. Um
+dadurch nicht zugrunde gerichtet zu werden, bedarf es einer gewissen
+Kraft des Körpers und der Seele, die, angeboren oder eingeübt,
+gleichgültig dagegen macht. Mit diesen Eigenschaften, unter der bloßen
+Führung des gesunden Verstandes, ist der Mensch schon ein tüchtiges
+Werkzeug für den Krieg, und diese Eigenschaften sind es, die wir bei
+rohen und halbkultivierten Völkern so allgemein verbreitet antreffen.
+
+ * * * * *
+
+Die Kühnheit ist vom Troßknecht bis zum Feldherrn hinauf die edelste
+Tugend, der rechte Stahl, der der Waffe ihre Schärfe und ihren Glanz
+gibt.
+
+ * * * * *
+
+Der Geist der Kühnheit kann in einem Heere zu Hause sein, entweder weil
+er es im Volke ist oder weil er sich in einem glücklichen Kriege unter
+kühnen Führern erzeugt hat.
+
+ * * * * *
+
+Je höher wir unter den Führern hinaufsteigen, desto notwendiger wird es,
+daß der Kühnheit ein überlegender Geist zur Seite trete, daß sie nicht
+zwecklos, nicht ein blinder Stoß der Leidenschaft sei. Denn immer
+weniger betrifft es die eigene Aufopferung, immer mehr knüpft sich die
+Erhaltung anderer und die Wohlfahrt eines großen Ganzen daran. Was also
+bei dem großen Haufen die zur zweiten Natur gewordene Dienstordnung
+regelt, das muß in dem Führer die Überlegung regeln, und hier kann die
+Kühnheit einer einzelnen Handlung schon leicht zum Fehler werden. Aber
+dennoch bleibt es ein schöner Fehler, der nicht angesehen werden darf
+wie jeder andere. Wohl dem Heere, wo sich unzeitige Kühnheit häufig
+zeigt! Es ist ein üppiger Auswuchs, aber der Zeuge eines kräftigen
+Bodens. Selbst die Tollkühnheit, d. h. die Kühnheit ohne allen Zweck,
+ist nicht mit Geringschätzung anzusehen. Im Grunde ist es dieselbe Kraft
+des Gemüts, nur ohne alles Zutun des Geistes, in einer Art von
+Leidenschaft ausgeübt. Nur wo die Kühnheit sich gegen den Gehorsam
+auflehnt, wo sie einen ausgesprochenen höheren Willen geringschätzend
+verläßt: da muß sie, nicht um ihrer selbst willen, sondern wegen des
+Ungehorsams, wie ein gefährliches Übel behandelt werden; denn nichts
+geht im Kriege über den Gehorsam.
+
+ * * * * *
+
+Der Mut ist immer das erste Element im Krieger, aber er erhält sich in
+den höheren Regionen großer Verantwortlichkeit nur dann, wenn ihn ein
+kräftiger Kopf unterstützt. Darum gelangen von so vielen braven Soldaten
+so wenige dazu, mutige und unternehmende Feldherren zu sein.
+
+ * * * * *
+
+Die Kühnheit hat im Kriege eigene Vorrechte. Über den Erfolg des Kalküls
+mit Raum, Zeit und Größe hinaus müssen ihr noch gewisse Prozente
+zugestanden werden, die sie jedesmal, wo sie sich überlegen zeigt, aus
+der Schwäche der anderen zieht. Sie ist also eine wahrhaft schöpferische
+Kraft. Das ist selbst philosophisch nicht schwer nachzuweisen. Sooft die
+Kühnheit auf die Zaghaftigkeit trifft, hat sie notwendig die
+Wahrscheinlichkeit des Erfolgs für sich, weil Zaghaftigkeit schon ein
+verlorenes Gleichgewicht ist. Nur wo sie auf besonnene Vorsicht trifft,
+die, man möchte sagen, ebenso kühn, in jedem Falle ebenso stark und
+kräftig ist als sie selbst, muß sie im Nachteil sein. Das sind aber die
+seltenen Fälle. In der ganzen Schar der Vorsichtigen gibt es eine
+ansehnliche Mehrheit, die es aus Furchtsamkeit ist.
+
+ * * * * *
+
+Solange eine Truppe voll guten Muts mit Lustigkeit und Leichtigkeit
+kämpft, ist für den Feldherrn selten Veranlassung da, große Willenskraft
+in der Verfolgung seiner Zwecke zu zeigen. Sowie aber die Umstände
+schwierig werden, und das kann, wo Außerordentliches geleistet werden
+soll, nie ausbleiben, so geht die Sache nicht mehr von selbst wie mit
+einer gut eingeölten Maschine, sondern die Maschine selbst fängt an,
+Widerstand zu leisten, und diesen zu überwinden, dazu gehört die große
+Willenskraft des Führers.
+
+ * * * * *
+
+Kriegsgewohnheit kann kein Feldherr seinem Heere geben, und schwach ist
+der Ersatz, den Friedensübungen gewähren, schwach im Vergleich mit der
+wirklichen Kriegserfahrung, aber nicht im Vergleich mit einem Heere, bei
+dem auch diese Übungen nur auf mechanische Kunstfertigkeiten gerichtet
+sind. Die Übungen des Friedens so einzurichten, daß ein Teil jener
+Friktionsgegenstände darin vorkomme, daß das Urteil, die Umsicht, selbst
+die Entschlossenheit der einzelnen Führer geübt werde, dies ist von viel
+größerem Wert, als die glauben, die den Gegenstand nicht aus Erfahrung
+kennen. Es ist unendlich wichtig, daß der Soldat, hoch oder niedrig, auf
+welcher Stufe er auch stehe, diejenigen Erscheinungen des Krieges, die
+ihn beim erstenmal in Verwunderung und Verlegenheit setzen, nicht erst
+im Kriege zum erstenmal sieht. Sind sie ihm früher nur ein einziges Mal
+vorgekommen, so ist er schon halb damit vertraut. Das bezieht sich
+selbst auf körperliche Anstrengungen. Sie müssen geübt werden, weniger,
+daß sich die Natur, als daß sich der Verstand daran gewöhne. Im Kriege
+ist der neue Soldat sehr geneigt, ungewöhnliche Anstrengungen für Folgen
+großer Fehler, Irrungen und Verlegenheiten in der Führung des Ganzen zu
+halten und dadurch doppelt niedergedrückt zu werden. Dies wird nicht
+geschehen, wenn er bei Friedensübungen darauf vorbereitet wird.
+
+Ein anderes, weniger umfassendes, aber doch höchst wichtiges Mittel, die
+Kriegsgewohnheit im Frieden zu gewinnen, ist das Heranziehen
+kriegserfahrener Offiziere anderer Heere. Selten ist in Europa überall
+Frieden, und nie geht der Krieg in den anderen Weltteilen aus. Ein
+Staat, der lange im Frieden ist, sollte also stets suchen, von diesen
+Kriegsschauplätzen sich einzelne Offiziere, aber freilich nur solche,
+die gut gedient haben, zu verschaffen, oder von den seinigen einige
+dahin zu schicken, damit sie den Krieg kennen lernen.
+
+Wie gering auch die Anzahl solcher Offiziere zur Masse eines Heeres
+erscheinen möge, so ist doch ihr Einfluß sehr fühlbar. Ihre Erfahrungen,
+die Richtung ihres Geistes, die Ausbildung des Charakters wirken auf
+ihre Untergebenen und Kameraden.
+
+ * * * * *
+
+Nicht immer bringt es ein gewöhnlicher Mensch im Gefecht bis zur
+völligen Unbefangenheit und zur natürlichen Elastizität der Seele, und
+so mag man denn erkennen, daß mit Gewöhnlichem hier wieder nicht
+auszureichen ist, was um so wahrer wird, je größer der Wirkungskreis
+ist, der angeführt werden soll. Enthusiastische, stoische, angeborene
+Bravour, gebieterischer Ehrgeiz, auch lange Bekanntschaft mit der
+Gefahr, viel von alledem muß da sein, wenn nicht alle Wirkung in diesem
+erschwerenden Mittel hinter dem Maß zurückbleiben soll, das auf dem
+Zimmer als ein gewöhnliches erscheinen mag.
+
+ * * * * *
+
+Wie sorgfältig man sich auch den Bürger neben dem Krieger in einem und
+demselben Individuum ausgebildet denken, wie sehr man sich die Kriege
+nationalisieren, und wie weit man sie sich in eine Richtung hinausdenken
+möge, entgegengesetzt derjenigen der ehemaligen Condottieri: niemals
+wird man die Individualität des Geschäftsganges aufheben können, und
+wenn man das nicht kann, so werden auch immer diejenigen, die es
+treiben, und solange sie es treiben, sich als eine Art von Innung
+ansehen, in deren Ordnungen, Gesetzen und Gewohnheiten sich die Geister
+des Krieges vorzugsweise fixieren. Und so wird es auch in der Tat sein.
+Man würde also bei der entschiedensten Neigung, den Krieg vom höchsten
+Standpunkt aus zu betrachten, sehr unrecht haben, den Innungsgeist mit
+Geringschätzung anzusehen, der mehr oder weniger in einem Heer vorhanden
+sein muß.
+
+ * * * * *
+
+Ein gewisser schwerer Ernst und strenge Dienstordnungen können die
+kriegerische Tugend einer Truppe länger erhalten, aber sie erzeugen sie
+nicht. Sie behalten darum immer ihren Wert, aber man soll sie nicht
+überschätzen. Ordnung, Fertigkeit, guter Wille, auch ein gewisser Stolz
+und eine vorzügliche Stimmung sind Eigenschaften eines im Frieden
+erzogenen Heeres, die man schätzen muß, die aber keine Selbständigkeit
+haben. Das Ganze hält das Ganze, und wie bei dem zu schnell erkalteten
+Glase zerbröckelt ein einziger Riß die ganze Masse. Besonders verwandelt
+sich die beste Stimmung von der Welt beim ersten Unfall nur zu leicht in
+Kleinmut und, man möchte sagen, in eine Art von Großsprecherei der
+Angst: das französische _sauve qui peut_. Man hüte sich, Geist des
+Heeres und Stimmung im Heere zu verwechseln!
+
+ * * * * *
+
+Ein Heer, das im zerstörendsten Feuer seine gewohnten Ordnungen behält,
+das niemals von einer eingebildeten Furcht geschreckt wird und der
+begründeten den Raum Fuß für Fuß streitig macht, das, stolz im Gefühl
+seiner Siege, auch mitten im Verderben der Niederlage die Kraft zum
+Gehorsam nicht verliert, nicht die Achtung und das Zutrauen zu seinen
+Führern, dessen körperliche Kräfte in der Übung von Entbehrung und
+Anstrengung gestärkt sind wie die Muskeln eines Athleten, das diese
+Anstrengungen ansieht als ein Mittel zum Siege, nicht als einen Fluch,
+der auf seinen Fahnen ruht, und das an alle diese Pflichten und Tugenden
+durch den kurzen Katechismus einer einzigen Vorstellung erinnert wird,
+nämlich der Ehre seiner Waffen: ein solches Heer ist vom kriegerischen
+Geiste durchdrungen.
+
+ * * * * *
+
+Wieviel Großes dieser Geist, diese Gediegenheit des Heeres, diese
+Veredelung des Erzes zum strahlenden Metall schon geleistet, sehen wir
+an den Makedoniern unter Alexander, den römischen Legionen unter Cäsar,
+an der spanischen Infanterie unter Alexander Farnese, den Schweden unter
+Gustav Adolf und Karl XII., den Preußen unter Friedrich dem Großen und
+den Franzosen unter Bonaparte. Man müßte absichtlich die Augen
+verschließen gegen alle historischen Beweise, wenn man nicht zugeben
+wollte, daß die wunderbaren Erfolge dieser Feldherren und ihre Größe in
+den schwierigsten Lagen nur bei einem so potenzierten Heere möglich
+waren.
+
+ * * * * *
+
+Soll der Feldherr den beständigen Streit mit dem Unerwarteten glücklich
+bestehen, so sind ihm zwei Eigenschaften unentbehrlich, einmal ein
+Verstand, der auch in dieser gesteigerten Dunkelheit nicht ohne einige
+Spuren des inneren Lichtes ist, die ihn zur Wahrheit führen, und dann
+Mut, diesem schwachen Lichte zu folgen. Der erstere ist bildlich mit dem
+französischen Ausdruck _coup d'oeil_ bezeichnet worden, der andere ist
+die Entschlossenheit.
+
+ * * * * *
+
+Wir glauben, daß die Entschlossenheit einer eigentümlichen Richtung des
+Verstandes ihr Dasein verdankt, und zwar einer, die mehr kräftigen als
+glänzenden Köpfen angehört. Wir können diese Genealogie der
+Entschlossenheit dadurch belegen, daß es eine große Anzahl von
+Beispielen gibt, wo Männer, die in niederen Regionen die größte
+Entschlossenheit gezeigt hatten, diese in den höheren verloren. Obgleich
+sie das Bedürfnis haben, sich zu entschließen, so sehen sie doch die
+Gefahren ein, die in einem falschen Entschluß liegen, und da sie mit den
+Dingen, die ihnen vorliegen, nicht vertraut sind, so verliert ihr
+Verstand seine ursprüngliche Kraft, und sie werden nur um so zaghafter,
+je mehr sie die Gefahr der Unentschlossenheit, in die sie gebannt sind,
+kennen, und je mehr sie gewohnt waren, frisch von der Faust weg zu
+handeln.
+
+ * * * * *
+
+Bei dem _coup d'oeil_ und der Entschlossenheit liegt es uns ganz nahe,
+von der damit verwandten Geistesgegenwart zu reden, die in einem Gebiete
+des Unerwarteten, wie der Krieg es ist, eine große Rolle spielen muß;
+denn sie ist ja nichts als eine gesteigerte Besiegung des Unerwarteten.
+Man bewundert die Geistesgegenwart in einer treffenden Antwort auf eine
+unerwartete Anrede, wie man sie bewundert in der schnell gefundenen
+Aushilfe bei plötzlicher Gefahr. Beide, diese Antwort und diese
+Aushilfe, brauchen nicht ungewöhnlich zu sein, wenn sie nur treffen;
+denn was nach reiflicher und ruhiger Überlegung nichts Ungewöhnliches,
+also in seinem Eindruck auf uns etwas Gleichgültiges wäre, kann als ein
+schneller Akt des Verstandes Vergnügen machen. Der Ausdruck
+Geistesgegenwart bezeichnet gewiß sehr passend die Nähe und
+Schnelligkeit der vom Verstande dargereichten Hilfe.
+
+ * * * * *
+
+Man ist gewöhnt, sich den einfachen, tüchtigen Soldaten als Gegensatz zu
+denken zu den überlegsamen oder an Erfindungen und guten Einfällen
+reichen Köpfen und den im Bildungsschmuck aller Art glänzenden Geistern.
+Nun ist dieser Gegensatz keineswegs ohne wirklichen Rückhalt, aber er
+beweist nur nicht, daß die Tüchtigkeit des Soldaten bloß in seinem Mute
+bestehe, und daß es nicht auch einer gewissen eigentümlichen Tätigkeit
+und Tüchtigkeit des Kopfes bedarf, um nur das zu sein, was man einen
+guten Degen nennt. Wir müssen immer wieder darauf zurückkommen, daß
+nichts gewöhnlicher ist als das Beispiel von Männern, die ihre
+Tüchtigkeit verlieren, sobald sie zu höheren Stellen gelangen, denen
+ihre Einsichten nicht mehr gewachsen sind. Wir müssen aber auch immer
+wieder daran erinnern, daß wir von *vorzüglichen* Leistungen reden, von
+solchen, die Ruf in der Art von Tätigkeit geben, der sie angehören. Es
+bildet daher jede Stufe des Befehls im Kriege ihre eigene Schicht von
+erforderlichen Geisteskräften, von Ruhm und Ehre.
+
+Eine sehr große Kluft liegt zwischen einem Feldherrn, d. h. einem
+entweder an der Spitze eines ganzen Krieges oder eines Kriegstheaters
+stehenden General und der nächsten Befehlshaberstufe unter ihm, aus dem
+einfachen Grunde, weil dieser einer viel näheren Leitung und Aufsicht
+unterworfen ist, folglich der eigenen Geistestätigkeit einen viel
+kleineren Kreis bietet. Dies hat denn veranlaßt, daß die gewöhnliche
+Meinung eine ausgezeichnete Verstandestätigkeit nur in jener höchsten
+Stelle sieht und bis dahin den gemeinen Verstand für ausreichend
+erachtet. Ja, man ist nicht abgeneigt, in einem unter den Waffen
+ergrauten Unterfeldherrn, den seine einseitige Tätigkeit zu einer
+unverkennbaren Geistesarmut geführt hat, eine gewisse Verdummung zu
+erblicken, und bei aller Verehrung für seinen Mut über seine Einfalt zu
+lächeln. Es ist nicht unser Vorsatz, diesen braven Leuten ein besseres
+Los zu erkämpfen. Dies würde nichts zu ihrer Wirksamkeit und wenig zu
+ihrem Glück beitragen, sondern wir wollen nur die Sachen zeigen, wie sie
+sind, und vor dem Irrtum warnen, daß im Kriege ein bloßer Bravo ohne
+Verstand Vorzügliches leisten könne.
+
+Wenn wir schon in den niedrigsten Führerstellen für den, der
+ausgezeichnet sein soll, auch ausgezeichnete Geisteskräfte fordern und
+diese mit jeder Stufe steigern, so folgt daraus von selbst, daß wir eine
+ganz andere Ansicht von den Leuten haben, die die zweiten Stellen in
+einem Heere mit Ruhm bekleiden; und ihre scheinbare Einfalt neben dem
+Polyhistor, dem federtätigen Geschäftsmann, dem konferierenden
+Staatsmann soll uns nicht irre machen an der ausgezeichneten Natur
+ihres werktätigen Verstandes. Freilich geschieht es zuweilen, daß Männer
+den Ruhm, den sie sich in niederen Stellen erworben haben, in die
+höheren mit hinüberbringen, ohne ihn dort wirklich zu verdienen. Werden
+sie nun in diesen nicht viel gebraucht, kommen sie also nicht in die
+Gefahr, sich Blößen zu geben, so unterscheidet das Urteil nicht so
+genau, welche Art von Ruf ihnen zukommt; und so tragen solche Männer oft
+dazu bei, daß man einen geringeren Begriff von der Persönlichkeit faßt,
+die in gewissen Stellen noch zu glänzen vermag.
+
+ * * * * *
+
+Die ausgezeichneten Feldherren sind niemals aus der Klasse der
+vielwissenden oder gar gelehrten Offiziere hervorgegangen. Meistens
+konnten sie ihrer ganzen Lage nach auf keine große Summe des Wissens
+eingerichtet sein. Darum sind auch die immer als lächerliche Pedanten
+verspottet worden, die es für die Erziehung eines künftigen Feldherrn
+nötig oder auch nur nützlich halten, mit der Erkenntnis aller Details
+anzufangen. Es läßt sich ohne große Mühe beweisen, daß sie ihm schaden
+wird, weil der menschliche Geist durch die ihm mitgeteilten Kenntnisse
+und Ideenrichtungen erzogen wird. Nur das Große kann ihn großartig, das
+Kleine nur kleinlich machen, wenn er es nicht wie etwas ganz Fremdes
+ganz von sich stößt.
+
+ * * * * *
+
+Je höher wir in den Führerstellen hinaufsteigen, um so mehr wird Geist,
+Verstand und Einsicht in der Tätigkeit vorherrschend, um so mehr wird
+also die Kühnheit, die eine Eigenschaft des Gemüts ist, zurückgedrängt,
+und darum finden wir sie in den höchsten Stellen so selten, aber um so
+bewunderungswürdiger ist sie auch dann. Eine durch vorherrschenden Geist
+geleitete Kühnheit ist der Stempel des Helden. Diese Kühnheit besteht
+nicht im Wagen gegen die Natur der Dinge, in einer plumpen Verletzung
+des Wahrscheinlichkeitsgesetzes, sondern in der kräftigen Unterstützung
+jenes höheren Kalküls, den das Genie, der Takt des Urteils in
+Blitzesschnelle und nur halb bewußt durchlaufen hat, wenn er seine Wahl
+trifft. Je mehr die Kühnheit den Geist und die Einsicht beflügelt, um so
+weiter reichen diese mit ihrem Flug, um so umfassender wird der Blick,
+um so richtiger das Resultat. Aber freilich immer nur in dem Sinne, daß
+mit den größeren Zwecken auch die größeren Gefahren verbunden bleiben.
+Der gewöhnliche Mensch, um nicht von den schwachen und unentschlossenen
+zu reden, kommt höchstens bei einer eingebildeten Wirksamkeit auf seinem
+Zimmer, entfernt von Gefahr und Verantwortlichkeit, zu einem richtigen
+Resultat, soweit nämlich ein solches ohne lebendige Anschauung möglich
+ist. Treten ihm aber Gefahr und Verantwortlichkeit überall nahe, so
+verliert er den Überblick, und bliebe ihm dieser etwa durch den Einfluß
+anderer, so würde er den Entschluß verlieren, weil da kein anderer
+aushelfen kann.
+
+ * * * * *
+
+Es ist eine sehr hervorstechende Eigentümlichkeit großer Feldherren, im
+Unglück und in der Bedrängnis so wenig als möglich aufzugeben, sich und
+dem Glücke zu vertrauen und es darauf ankommen zu lassen, ob bessere
+Zeiten ohne große Verluste zu erreichen sind. Gelingt es, so sind wir
+geneigt, jedesmal alles für sichere Rechnung und klares Bewußtsein zu
+halten, was erst bloß dunkles Wagen war.
+
+Je hervorstechender diese Eigentümlichkeit ist und je mehr wir die
+innere Zuversicht bewundern, auf die alles gegründet gewesen zu sein
+scheint, um so geneigter ist man, dieses hartnäckige Verweilen auf einer
+Station der Laufbahn als eine notwendige Bedingung, als ein unfehlbares
+Zeichen der Größe im Unglück zu betrachten. Hätte Napoleon im Jahre 1812
+im Oktober jenseits Moskau durch irgendeinen Ministerwechsel in
+Petersburg noch einen vorteilhaften Frieden erhalten, so spräche man mit
+der höchsten Bewunderung von der Ausdauer, die man jetzt für eine Art
+Raserei ansieht.
+
+Daß sich unser Urteil so sehr nach dem Erfolge richtet, ist nichts
+weniger als unvernünftig, denn in den meisten Fällen bleibt uns doch
+nicht viel anderes übrig. Der Erfolg einer Unternehmung ist
+gewissermaßen die Rechenprobe, und es ist sehr natürlich, daß man sich
+an sie hält.
+
+Dieser natürlichen, instinktartigen Richtung entgegen sieht man oft, daß
+sich eine dünkelvolle Kritik darin gefällt: in den bestgelungensten
+Unternehmungen gerade die größten Fehler zu entdecken. In den meisten
+Fällen sind diese Urteile wirklich nicht viel besser, als wenn ein Arzt
+behaupten wollte, ein Kranker, dem er das Leben abgesprochen, lebe zu
+Unrecht weiter.
+
+ * * * * *
+
+Wer sich in einem Elemente bewegen will, wie der Krieg es ist, darf
+durchaus aus seinen Büchern nichts mitbringen als die Erziehung seines
+Geistes. Bringt er fertige Ideen mit, die ihm nicht der Stoß des
+Augenblicks eingegeben, die er nicht aus seinem eigenen Fleisch und Blut
+erzeugt hat, so wirft ihm der Strom der Begebenheiten sein Gebäude
+nieder, ehe es fertig ist. Es wird den anderen, den Naturmenschen,
+niemals verständlich sein und wird gerade unter den ausgezeichnetsten
+von ihnen, die selbst wissen, was sie wollen, das wenigste Vertrauen
+genießen.
+
+ * * * * *
+
+Der vollkommenste Generalstab mit den richtigsten Ansichten und
+Grundsätzen reicht nicht hin, die ausgezeichnete Führung einer Armee zu
+bedingen, wenn die Seele eines großen Feldherrn fehlt. Die einer großen
+Feldherrnnatur angeborene Richtung des Blickes und des Willens aber ist
+auch da ein vortreffliches Korrektiv gegen die sich in ihre eigenen
+Pläne verwickelnde Generalstabsgelehrsamkeit, wo sie dieser übrigens als
+Instrument nicht entbehren kann.
+
+ * * * * *
+
+Da der Krieg kein reines Produkt notwendiger Beziehungen von Zweck und
+Mittel ist, sondern immer etwas von der Natur des Glückspiels behält, so
+kann auch die Kriegführung jenes Elements durchaus nicht entbehren, und
+der Feldherr, der zu wenig Neigung zu diesem Spiel hat, wird, ohne es zu
+ahnen, hinter der Linie zurückbleiben und im großen Kontobuche der
+kriegerischen Erfolge in eine tiefere Schuld geraten, als er denkt.
+
+ * * * * *
+
+Der Führer im Kriege muß das Werk seiner Tätigkeit einem mitwirkenden
+Raume übergeben, den seine Augen nicht überblicken, den der regste Eifer
+nicht immer erforschen kann, und mit dem er bei dem beständigen Wechsel
+auch selten in eigentliche Bekanntschaft kommt. Diese höchst
+eigentümliche Schwierigkeit muß er durch eine eigentümliche
+Geistesanlage besiegen, die, mit einem zu beschränkten Ausdruck, der
+Ortssinn genannt wird. Es ist das Vermögen, sich von jeder Gegend
+schnell eine richtige geometrische Vorstellung zu machen und als Folge
+davon sich in ihr jedesmal leicht zurechtzufinden. Offenbar ist dies ein
+Akt der Phantasie. Zwar geschieht das Auffassen dabei teils durch das
+körperliche Auge, teils durch den Verstand, der mit seinen aus
+Wissenschaft und Erfahrung geschöpften Einsichten das Fehlende ergänzt
+und aus den Bruchstücken des körperlichen Blicks ein Ganzes macht. Aber
+daß dies Ganze nun lebhaft vor die Seele trete, ein Bild, eine innerlich
+gezeichnete Karte werde, daß dies Bild bleibend sei, die einzelnen Züge
+nicht immer wieder auseinanderfallen, das vermag nur die Geisteskraft zu
+bewirken, die wir Phantasie nennen.
+
+ * * * * *
+
+Es ist natürlich, daß auch die Anwendungen dieses Talents sich nach
+obenhin erweitern. Müssen sich Husar und Jäger auf einer Patrouille in
+Weg und Steg leicht zurechtfinden, und bedarf es dafür immer nur weniger
+Kennzeichen, einer beschränkten Auffassungs- und Vorstellungsgabe, so
+muß der Feldherr sich bis zu den allgemeinen geographischen Gegenständen
+einer Provinz und eines Landes erheben, den Zug der Straßen, Ströme und
+Gebirge immer lebhaft vor Augen haben, ohne darum den beschränkten
+Ortssinn entbehren zu können. Zwar sind ihm für die allgemeinen
+Gegenstände Nachrichten aller Art, Karten, Bücher, Memoiren, und für die
+Einzelheiten der Beistand seiner Umgebungen eine große Hilfe, aber gewiß
+ist es dennoch, daß ein großes Talent in schneller und klarer Auffassung
+der Gegend seinem ganzen Handeln einen leichteren und festeren Schritt
+verleiht, ihn vor einer gewissen inneren Unbeholfenheit schützt und
+weniger abhängig von andern macht.
+
+ * * * * *
+
+Die sehr große Masse von Kenntnissen und Fertigkeiten, die der
+kriegerischen Tätigkeit im allgemeinen dienen, und die nötig werden, ehe
+ein ausgerüstetes Heer ins Feld rücken kann, drängen sich in wenige
+große Resultate zusammen, ehe sie dazu kommen, im Kriege den endlichen
+Zweck ihrer Tätigkeit zu erreichen, so wie die Gewässer des Landes sich
+in Ströme vereinigen, ehe sie ins Meer kommen. Nur diese sich
+unmittelbar ins Meer des Krieges ergießenden Tätigkeiten hat der kennen
+zu lernen, der sie leiten will.
+
+ * * * * *
+
+Der Feldherr braucht weder ein gelehrter Geschichtsforscher, noch
+Publizist zu sein, aber er muß mit dem höheren Staatsleben vertraut
+sein, die eingewohnten Richtungen, die aufgeregten Interessen, die
+vorliegenden Fragen, die handelnden Personen kennen und richtig ansehen.
+Er braucht kein feiner Menschenbeobachter, kein haarscharfer
+Zergliederer des menschlichen Charakters zu sein, aber er muß den
+Charakter, die Denkungsart und Sitte, die eigentümlichen Fehler und
+Vorzüge derer kennen, denen er befehlen soll. Er braucht nichts von der
+Einrichtung eines Fuhrwerks, der Anspannung der Pferde eines Geschützes
+zu verstehen, aber er muß den Marsch einer Kolonne seiner Dauer nach
+unter den verschiedenen Umständen richtig zu schätzen wissen. Alle diese
+Kenntnisse lassen sich nicht durch den Apparat wissenschaftlicher
+Formeln und Maschinerien erzwingen, sondern sie erwerben sich nur, wenn
+in der Betrachtung der Dinge und im Leben ein treffendes Urteil, wenn
+ein nach dieser Auffassung hin gerichtetes Talent tätig ist.
+
+ * * * * *
+
+Das einer hochgestellten kriegerischen Tätigkeit nötige Wissen zeichnet
+sich durchaus aus, daß es in der Betrachtung, also im Studium und
+Nachdenken, nur durch ein eigentümliches Talent erworben werden kann,
+das, wie die Biene den Honig aus der Blume, als ein geistiger Instinkt
+aus den Erscheinungen des Lebens nur den Geist zu ziehen versteht, und
+daß es neben Betrachtung und Studium auch durch das Leben zu erwerben
+ist. Das Leben mit seiner reichen Belehrung wird niemals einen Newton
+oder Euler hervorbringen, wohl aber den höheren Kalkül eines Condé oder
+Friedrichs des Großen.
+
+ * * * * *
+
+Irgendein großes Gefühl muß die großen Kräfte des Feldherrn beleben, sei
+es der Ehrgeiz wie in Cäsar, der Haß des Feindes wie in Hannibal, der
+Stolz eines glorreichen Unterganges wie in Friedrich dem Großen.
+
+
+
+
+Kriegsplan. Numerische Überlegenheit. Friktion im Kriege. Ungewißheit
+der Nachrichten
+
+
+Der Kriegsplan faßt den ganzen kriegerischen Akt zusammen. Durch ihn
+wird er zur einzelnen Handlung, die einen letzten endlichen Zweck haben
+muß, in dem sich alle besonderen Zwecke ausgeglichen haben. Man fängt
+keinen Krieg an, oder man sollte vernünftigerweise keinen anfangen, ohne
+sich zu sagen, was man mit und was man in ihm erreichen will. Das
+erstere ist der Zweck, das andere das Ziel. Durch diesen Hauptgedanken
+werden alle Richtungen gegeben, der Umfang der Mittel, das Maß der
+Energie bestimmt. Er äußert seinen Einfluß bis in die kleinsten Glieder
+der Handlung hinab.
+
+ * * * * *
+
+Zwei Hauptgrundsätze umfassen den ganzen Kriegsplan und dienen allen
+übrigen zur Richtung.
+
+Der erste ist: das Gewicht der feindlichen Macht auf so wenige
+Schwerpunkte als möglich zurückzuführen, wenn es sein kann, auf einen;
+wiederum den Stoß gegen diese Schwerpunkte auf so wenige Haupthandlungen
+als möglich zu beschränken, wenn es sein kann, auf eine; endlich alle
+untergeordneten Handlungen so untergeordnet als möglich zu halten. Mit
+einem Wort, der erste Grundsatz ist: so konzentriert als möglich zu
+handeln.
+
+Der zweite Grundsatz lautet: so schnell als möglich zu handeln, also
+keinen Aufenthalt und keinen Umweg ohne hinreichenden Grund stattfinden
+zu lassen.
+
+ * * * * *
+
+Jeder Plan zu einem Feldzuge ist die Auswahl *eines* Weges unter tausend
+denkbaren. Je größer die kriegführenden Staaten sind und die Massen, die
+sie in Bewegung setzen, um so größer ist die Zahl der möglichen
+Kombinationen, und es ist ganz unmöglich, alle zu erschöpfen. Darum
+bleibt man auch mehr oder weniger immer dabei stehen, *einen* fertigen
+Plan hinzustellen und es dem Takt des Urteils zu überlassen, das
+Treffende wie das Fehlerhafte daran herauszufühlen. Einem geraden, d. h.
+unverdrehten Verstande wird die Wahrheit und das Richtige ohne weitere
+Entwickelung der Gründe schon in der bloßen Aufstellung im Augenblicke
+klar. Ein solcher Verstand hat für die Wahrheit eine Art musikalisches
+Gefühl, das unreine Verhältnisse wie Mißtöne leicht unterscheidet.
+
+ * * * * *
+
+Besonders zu berücksichtigen beim Eindringen in ein Land ist die
+Hauptstadt. Jede Hauptstadt hat ein großes strategisches Gewicht, die
+eine mehr als die andre: diejenige mehr, die den Begriff der Hauptstadt
+stärker in sich vereinigt, und *die* am meisten, die der Knoten
+politischer Parteiungen ist. Letzteres ist der Fall mit Paris.
+
+ * * * * *
+
+Der Schwerpunkt des französischen Reiches liegt in seiner Kriegsmacht
+und in Paris. Jene in einer Hauptschlacht besiegen, Paris erobern, die
+Überreste des feindlichen Heeres über die Loire zurückwerfen, muß unser
+Ziel sein. Die Herzgrube Frankreichs liegt zwischen Paris und Brüssel.
+Dort ist die Grenze von der Hauptstadt nur dreißig Meilen entfernt.
+
+ * * * * *
+
+Auch als Nebenunternehmung ist ein Angriff auf das südliche Frankreich
+verwerflich, denn er weckt nur neue Kräfte gegen uns. Jedesmal, wenn man
+eine entfernte Provinz angreift, rührt man Interessen und Tätigkeiten
+auf, die sonst geschlummert hätten.
+
+ * * * * *
+
+Die Theorie fordert die kürzesten Wege zum Ziel und schließt die
+Erörterung über rechts und links, hierhin oder dorthin, von der
+Betrachtung ganz aus. Napoleon hat niemals anders gehandelt. Die
+*nächste* Hauptstraße von Heer zu Heer oder von Hauptstadt zu Hauptstadt
+war ihm immer der *liebste* Weg.
+
+ * * * * *
+
+Es war einer der allerbesten Grundsätze des Meisters (Bonaparte) in den
+Feldzügen von 1796 und 1797: sich auf den untergeordneten Punkten mit so
+wenig Truppen als möglich zu behelfen, um auf dem Hauptpunkte recht
+stark zu sein.
+
+ * * * * *
+
+Die _Centra gravitatis_ in der feindlichen Kriegsmacht zu unterscheiden,
+ihre Wirkungsweise zu erkennen, ist ein Hauptakt des strategischen
+Urteils. Man wird sich nämlich jedesmal fragen müssen, welche Wirkungen
+das Vorgehen und Zurückgehen des einen Teils der gegenseitigen
+Streitkräfte auf die übrigen hervorbringen wird.
+
+ * * * * *
+
+Wenn wir die neueste Kriegsgeschichte ohne Vorurteil betrachten, so
+müssen wir uns gestehen, daß die Überlegenheit in der Zahl mit jedem Tag
+entscheidender wird. Wir müssen also den Grundsatz, möglichst stark im
+entscheidenden Gefecht zu sein, allerdings jetzt etwas höher stellen,
+als er vielleicht ehemals gestellt worden ist.
+
+Mut und Geist des Heeres haben zu allen Zeiten die physischen Kräfte
+gesteigert und werden es auch ferner tun. Aber wir finden in der
+Geschichte Zeiten, wo eine große Überlegenheit in der Einrichtung und
+Ausrüstung der Heere, andere, wo eine solche Überlegenheit in der
+Beweglichkeit ein bedeutendes moralisches Übergewicht gab.
+
+ * * * * *
+
+Die Heere sind in unseren Tagen einander an Bewaffnung, Ausrüstung und
+Übung so ähnlich, daß zwischen den besten und den schlechtesten kein
+sehr merklicher Unterschied in diesen Dingen besteht. Die einen sind die
+Erfinder und Anführer in den besseren Einrichtungen, und die anderen
+die schnell folgenden Nachahmer. Selbst die Unterfeldherren, die Führer
+der Korps und Divisionen, haben überall, was ihr Handwerk betrifft,
+ziemlich dieselben Ansichten und Methoden, so daß außer dem Talent des
+obersten Feldherrn, das schwerlich in einem konstanten Verhältnis zu der
+Bildung des Volkes und Heeres zu denken, sondern ganz dem Zufall
+überlassen ist, nur noch die Kriegsgewohnheit ein merkliches Übergewicht
+geben kann. Je mehr das Gleichgewicht in allen jenen Dingen besteht, um
+so entscheidender wird das Machtverhältnis.
+
+ * * * * *
+
+Die absolute Stärke ist in der Strategie meist ein Gegebenes, an dem der
+Feldherr nichts mehr ändern kann. Hieraus kann aber nicht gefolgert
+werden, daß der Krieg mit einem merklich schwächeren Heer unmöglich sei.
+Der Krieg ist nicht immer ein freier Entschluß der Politik, und am
+wenigsten ist er es da, wo die Kräfte sehr ungleich sind. Folglich läßt
+sich jedes Machtverhältnis im Kriege denken, und es wäre eine sonderbare
+Kriegstheorie, die sich da ganz lossagen wollte, wo sie am meisten
+gebraucht wird.
+
+ * * * * *
+
+Das sukzessive Heranziehen der Kräfte zu nachhaltigen wiederholten
+Stößen, das in der Taktik eine so unendlich wichtige Sache ist, ist in
+der Strategie ganz gegen die Natur der Dinge. Es ist einer der
+Hauptgrundsätze der Strategie, *alle* vorhandenen Streitkräfte
+*gleichzeitig* in den Kampf zu führen, oder, im Falle sie nicht alle
+gebraucht werden, so viel als zur Sicherung des Erfolgs notwendig sind.
+Nur das, was zum Augenblicke, da das Handeln eintreten *muß*, durchaus
+nicht beschafft werden *kann*, nur das darf zur Reserve und zum
+nachhaltigen Gebrauch verwendet werden.
+
+ * * * * *
+
+Theoretisch klingt es ganz gut: Der Bataillonskommandeur ist
+verantwortlich für die Ausführung des gegebenen Befehls, und da das
+Bataillon durch die Disziplin zu einem Stück zusammengeschweißt ist,
+sein Führer aber ein Mann von anerkanntem Eifer sein muß, so dreht sich
+der Balken um einen eisernen Zapfen mit wenig Friktion. So ist es aber
+in Wirklichkeit nicht. Das Bataillon bleibt immer aus einer Anzahl
+Menschen zusammengesetzt, von denen, wenn es der Zufall will, der
+unbedeutendste imstande ist, einen Aufenthalt oder sonst eine
+Unregelmäßigkeit zu bewirken.
+
+Diese entsetzliche Friktion, die sich nicht wie in der Mechanik auf
+wenige Punkte konzentrieren läßt, ist überall im Kontakt mit dem Zufall
+und bringt Erscheinungen hervor, die sich gar nicht berechnen lassen,
+eben weil sie zum großen Teil dem Zufall angehören.
+
+ * * * * *
+
+Ein großer Teil der Nachrichten, die man im Kriege bekommt, ist
+widersprechend, ein noch größerer ist falsch und bei weitem der größte
+einer ziemlichen Ungewißheit unterworfen. Was man hier vom Offizier
+fordern kann, ist ein gewisses Unterscheiden, das nur Sach- und
+Menschenkenntnis und Urteil geben können. Das Gesetz des
+Wahrscheinlichen muß ihn leiten. Diese Schwierigkeit ist nicht
+unbedeutend bei den ersten Entwürfen, die auf dem Zimmer und noch
+außerhalb der eigentlichen Kriegssphäre gemacht werden, aber unendlich
+größer ist sie da, wo im Getümmel des Krieges selbst eine Nachricht die
+andere drängt. Die meisten Nachrichten sind falsch, und die
+Furchtsamkeit der Menschen vermehrt die Kraft der Lüge und Unwahrheit.
+In der Regel ist jeder geneigt, das Schlimme eher zu glauben als das
+Gute. Jeder ist geneigt, das Schlimme etwas zu vergrößern, und die
+Gefährlichkeiten, die auf diese Weise berichtet werden, obgleich sie wie
+die Wellen des Meeres in sich selbst zusammensinken, kehren doch wie
+jene ohne sichtbare Veranlassung immer von neuem zurück. Fest im
+Vertrauen auf sein besseres inneres Wissen muß der Führer dastehen wie
+der Fels, an dem sich die Welle bricht. Die Rolle ist nicht leicht. Wer
+nicht von Natur mit leichtem Blute begabt oder durch kriegerische
+Erfahrungen geübt und im Urteil gestärkt ist, mag es sich eine Regel
+sein lassen, sich gewaltsam, d. h. gegen das innere Niveau seiner
+eigenen Überzeugung, von der Seite der Befürchtungen ab auf die Seite
+der Hoffnungen hinzuneigen. Er wird nur dadurch das wahre Gleichgewicht
+erhalten können. Diese Schwierigkeit, richtig zu sehen, die eine der
+allergrößten Friktionen im Kriege ausmacht, läßt die Dinge ganz anders
+erscheinen, als man sie gedacht hat. Der Eindruck der Sinne ist stärker
+als die Vorstellungen des überlegenden Kalküls, und dies geht so weit,
+daß wohl noch nie eine einigermaßen wichtige Unternehmung ausgeführt
+worden ist, wo der Befehlshaber nicht in den ersten Momenten der
+Ausführung neue Zweifel bei sich zu besiegen gehabt hätte. Gewöhnliche
+Menschen, die fremden Eingebungen folgen, werden daher meistens an Ort
+und Stelle unschlüssig; sie glauben die Umstände anders gefunden zu
+haben, als sie solche vorausgesetzt hatten, und zwar um so mehr, da sie
+auch hier sich wieder fremden Eingebungen überlassen. Aber auch der, der
+selbst entwarf und jetzt mit eigenen Augen sieht, wird leicht an seiner
+vorigen Meinung irre. Festes Vertrauen zu sich selbst muß ihn gegen den
+scheinbaren Drang des Augenblicks waffnen. Seine frühere Überzeugung
+wird sich bei der Entwicklung bewähren, wenn die vorderen Kulissen, die
+das Schicksal in die Kriegsszenen einschiebt, mit ihren dick
+aufgetragenen Gestalten der Gefahr weggezogen, und der Horizont
+erweitert ist. Dies ist eine der großen Klüfte zwischen Entwerfen und
+Ausführen.
+
+
+
+
+Operationsbasis. Märsche. Festungen. Gebirgskrieg
+
+
+Das Heer gleicht einem Baume. Aus dem Boden, auf dem er wächst, zieht er
+seine Lebenskräfte. Ist er klein, so kann er leicht verpflanzt werden;
+dies wird aber schwieriger, je größer er wird. Ein kleiner Haufe hat
+auch seine Lebenskanäle, aber er schlägt leicht Wurzeln, wo er sich
+befindet; nicht so ein zahlreiches Heer. Wenn also von dem Einfluß der
+Basis auf die Unternehmungen die Rede ist, so muß allen Vorstellungen
+immer der Maßstab zugrunde liegen, den die Größe des Heeres bedingt.
+
+ * * * * *
+
+Stets hat *die Schweiz* ängstliche Neutralität beobachtet. Seit
+Jahrhunderten ist sie allen europäischen Händeln fremd geblieben. Es
+gehört also ein viel größerer Übermut, eine entschiedene Geringschätzung
+aller alten Verhältnisse dazu, sich zu einem Einbruche in die Schweiz zu
+entschließen, als zur Überwältigung anderer Staaten, obgleich die
+Schweiz einen hohen Wert als Angriffsstation hat, weil man durch ihren
+Besitz imstande ist, das Innere Frankreichs mit einer Invasion zu
+bedrohen, ohne vor den französischen Festungen stehen bleiben zu müssen.
+
+ * * * * *
+
+Wenn ein Heer zu einer Unternehmung vorschreitet, sei es, um den Feind
+und sein Kriegstheater anzugreifen oder sich an den Grenzen des eigenen
+aufzustellen, so bleibt es von den Quellen seiner Verpflegung und
+Ergänzung in einer notwendigen Abhängigkeit und muß die Verbindung mit
+ihnen unterhalten, denn sie sind die Bedingungen seines Daseins und
+Bestehens. Diese Abhängigkeit wächst intensiv und extensiv mit der Größe
+des Heeres. Nun ist es aber weder immer möglich noch erforderlich, daß
+das Heer mit dem ganzen Lande in unmittelbarer Verbindung bleibt,
+sondern nur mit dem Stück, das sich gerade hinter ihm befindet und
+folglich durch seine Stellung gedeckt ist. In diesem Teile des Landes
+werden dann, soweit es nötig ist, besondere Anlagen von Vorräten gemacht
+und Veranstaltungen zur regelmäßigen Fortschaffung der Ergänzungskräfte
+getroffen. Dieses Stück des Landes ist also die Grundlage des Heeres und
+aller seiner Unternehmungen; es muß als ein Ganzes mit demselben
+betrachtet werden. Sind die Vorräte zu ihrer größeren Sicherheit in
+befestigten Orten angelegt, so wird der Begriff einer Basis dadurch
+verstärkt, aber er entsteht nicht erst dadurch, denn in einer Menge von
+Fällen findet dies nicht statt.
+
+Aber auch ein Stück des feindlichen Landes kann die Grundlage eines
+Heeres bilden, oder wenigstens mit dazu gehören. Denn wenn ein Heer im
+feindlichen Lande vorgerückt ist, werden eine Menge Bedürfnisse aus dem
+eingenommenen Teile gezogen. Die Bedingung ist in diesem Fall, daß man
+wirklich Herr dieses Landstrichs, d. h. der Befolgung der Anordnungen
+gewiß ist.
+
+ * * * * *
+
+Die Bedürfnisse eines Heeres muß man in zwei Klassen teilen, nämlich
+die, die jede angebaute Gegend gibt, und andere, die es nur aus den
+Quellen seiner Entstehung ziehen kann. Die ersten sind hauptsächlich
+Unterhalts- und die zweiten Ergänzungsmittel. Die ersteren kann auch das
+feindliche Land, die letzteren in der Regel nur das eigene liefern, z. B.
+Menschen, Waffen und meistens auch Munition.
+
+ * * * * *
+
+Sind einmal die Anstalten zur Ergänzung und Ernährung des Heeres in
+einem gewissen Bezirk und für eine gewisse Richtung getroffen, so ist
+selbst im eigenen Lande nur dieser Bezirk als die Basis des Heeres zu
+betrachten, und da eine Veränderung hierin immer Zeit und Kraftaufwand
+erfordert, so kann auch im eigenen Lande das Heer seine Basis nicht von
+einem Tage zum andern verlegen, und darum ist es auch in der Richtung
+seiner Unternehmungen immer mehr oder weniger beschränkt.
+
+ * * * * *
+
+Die Verpflegung der Truppen bietet, wie sie auch geschehen möge (durch
+Magazine oder Beitreibungen), immer solche Schwierigkeiten, daß sie eine
+sehr entscheidende Stimme bei der Wahl der Maßregeln hat. Sie ist oft
+der wirksamsten Kombination entgegen und nötigt, der Nahrung
+nachzugehen, wo man dem Siege, dem glänzenden Erfolge nachgehen möchte.
+Durch sie vorzüglich bekommt die ganze Maschine die Schwerfälligkeit,
+durch die ihre Wirkungen so weit hinter dem Fluge großer Entwürfe
+zurückbleiben.
+
+ * * * * *
+
+Wo aus irgendeinem Grunde der Gang der Begebenheiten weniger reißend
+ist, wo mehr ein gleichgewichtiges Schweben und Abwägen der Kräfte
+stattfindet, da ist das Unterbringen der Truppen unter Dach und Fach ein
+Hauptgegenstand der Aufmerksamkeit des Feldherrn.
+
+ * * * * *
+
+Ohne in Bonaparte den leidenschaftlichen Spieler zu verkennen, der sich
+oft in ein tolles Extrem wagte, kann man doch wohl sagen, daß er und die
+ihm vorangegangenen Revolutionsfeldherren in Rücksicht auf die
+Verpflegung ein mächtiges Vorurteil beiseite geschafft und gezeigt
+haben, daß diese nie anders als unter dem Gesichtspunkt einer Bedingung,
+also niemals als Zweck betrachtet werden müsse.
+
+Übrigens verhält es sich mit der Entbehrung im Kriege wie mit der
+körperlichen Anstrengung und der Gefahr. Die Forderungen, die der
+Feldherr an sein Heer machen kann, sind durch keine bestimmten Linien
+begrenzt. Ein starker Charakter fordert mehr als ein weichlicher
+Gefühlsmensch. Auch die Leistungen des Heeres sind verschieden, je
+nachdem Gewohnheit, kriegerischer Geist, Vertrauen und Liebe zum
+Feldherrn oder Enthusiasmus für die Sache des Vaterlandes den Willen und
+die Kräfte des Soldaten unterstützen. Aber das sollte man wohl als
+Grundsatz aufstellen können, daß Entbehrung und Not, wie hoch sie auch
+gesteigert werden mögen, immer nur als vorübergehende Zustände
+betrachtet werden und daß sie zu reichlichem Unterhalt, ja wohl auch
+einmal zum Überfluß führen müssen. Gibt es etwas Rührenderes als den
+Gedanken an so viele tausend Soldaten, die, schlecht gekleidet, mit
+einem Gepäck von dreißig bis vierzig Pfund belastet, sich auf tagelangen
+Märschen in jedem Wetter und Wege mühsam fortschleppen, Gesundheit und
+Leben unaufhörlich auf das Spiel setzen und sich dafür nicht einmal in
+trockenem Brote sättigen können. Wenn man weiß, wie oft dies im Kriege
+vorkommt, so begreift man in der Tat kaum, wie es nicht öfter zum
+Versagen des Willens und der Kräfte führt, und wie eine bloße Richtung
+der Vorstellungen im Menschen fähig ist, durch ihr nachhaltiges Wirken
+solche Anstrengungen hervorzurufen und zu unterstützen.
+
+Wer also dem Soldaten große Entbehrungen auferlegt, weil große Zwecke es
+fordern, der wird, sei es aus Gefühl oder aus Klugheit, auch die
+Entschädigung im Auge haben, die er ihm dafür zu andern Zeiten schuldig
+ist.
+
+ * * * * *
+
+Über das Maß eines Marsches und die dazu erforderliche Zeit ist es
+natürlich, sich an die allgemeinen Erfahrungssätze zu halten.
+
+Für unsere neueren Heere steht es längst fest, daß ein Marsch von drei
+Meilen (21 Kilometer) das gewöhnliche Tagewerk ist, das bei langen Zügen
+sogar auf zwei Meilen (14 Kilometer) heruntergesetzt werden muß, um die
+nötigen Rasttage einschalten zu können, die für die Herstellung alles
+schadhaft Gewordenen bestimmt sind.
+
+ * * * * *
+
+Ein einzelner mäßiger Marsch nutzt das Instrument nicht ab, aber eine
+Reihe von mäßigen tut es schon, und eine Reihe von schwierigen natürlich
+viel mehr.
+
+Auf der Kriegsbühne selbst sind Mangel an Verpflegung und Unterkommen,
+schlechte, ausgefahrene Wege und die Notwendigkeit beständiger
+Schlagfertigkeit die Ursachen der unverhältnismäßigen Kraftanstrengungen,
+durch die Menschen, Vieh, Fuhrwerk und Bekleidung zugrunde gerichtet
+werden.
+
+ * * * * *
+
+Man muß sich auf eine große Zerstörung seiner eigenen Kräfte gefaßt
+machen, wenn man einen bewegungsreichen Krieg führen will, danach seinen
+übrigen Plan errichten und vor allem die Verstärkungen, die nachrücken
+sollen.
+
+ * * * * *
+
+Die Entfernung (eines Heeres) von der Quelle, aus der die unaufhörlich
+sich schwächende Streitkraft ebenso unaufhörlich erzeugt werden muß,
+nimmt mit dem Vorrücken zu. Eine erobernde Armee gleicht hierin dem
+Licht einer Lampe. Je weiter sich das nährende Öl heruntersenkt, um so
+kleiner wird die Flamme.
+
+ * * * * *
+
+Festungen sind ein eigentlicher Schild gegen den feindlichen Angriff,
+dessen Strom sich an ihnen bricht wie an Eisblöcken.
+
+ * * * * *
+
+Ein Verteidigungsheer ohne Festungen hat hundert verwundbare Stellen. Es
+ist ein Körper ohne Harnisch.
+
+ * * * * *
+
+Offenbar ist die Wirksamkeit einer Festung aus zwei verschiedenen
+Elementen zusammengesetzt, dem passiven und dem aktiven. Durch das erste
+schützt sie den Ort und alles, was in ihm enthalten ist; durch das
+andere übt sie einen gewissen Einfluß auf die auch über ihre
+Kanonenschußweite hinaus liegende Umgegend.
+
+ * * * * *
+
+Die Unternehmungen, die die Besatzung einer Festung sich erlauben darf,
+sind immer ziemlich beschränkt. Selbst bei großen Festungen und starken
+Besatzungen sind die Haufen, die dazu ausgesandt werden können, in
+Beziehung auf die im Felde stehenden Streitkräfte meistens nicht
+beträchtlich, und der Durchmesser ihres Wirkungskreises beträgt selten
+über ein paar Märsche. Ist die Festung aber klein, so werden die Haufen
+ganz unbedeutend, und ihr Wirkungskreis wird meist auf die nächsten
+Dörfer beschränkt sein. Solche Korps aber, die nicht zur Besatzung
+gehören, also nicht notwendig in die Festung zurückkehren müssen, sind
+dadurch viel weniger gebunden, und so kann durch sie die aktive
+Wirkungssphäre einer Festung, wenn die übrigen Umstände dazu günstig
+sind, außerordentlich erweitert werden.
+
+ * * * * *
+
+Erzherzog Karl hat als erster aller Theoretiker den Satz ausgesprochen,
+daß das Gebirge dem Verteidiger nachteilig sei, wobei wir hinzufügen:
+insofern eine große Entscheidung gesucht wird oder zu befürchten ist.
+
+ * * * * *
+
+Mit der Hauptmacht ist das Gebirge womöglich zu vermeiden und seitwärts
+liegen zu lassen oder vor oder hinter sich zu behalten. Im übrigen ist
+das Gebirge im allgemeinen sowohl in der Taktik wie in der Strategie der
+Verteidigung ungünstig. Es raubt die Übersicht und hindert die
+Bewegungen nach allen Richtungen. Es zwingt zur Passivität.
+
+
+
+
+Das Gefecht. Verluste. Reserven. Die Hauptschlacht. Sieg und Verfolgung
+
+
+Der Mittel gibt es im Kriege nur ein einziges. Es ist der Kampf. Wie
+mannigfaltig dieser auch gestaltet sei, wie weit er sich von der rohen
+Entledigung des Hasses und der Feindschaft im Faustkampfe entfernen
+möge, wie viel Dinge sich einschieben mögen, die nicht selbst Kampf
+sind: immer liegt es im Begriff des Krieges, daß alle in ihm
+erscheinenden Wirkungen ursprünglich vom Kampf ausgehen müssen.
+
+ * * * * *
+
+Es bezieht sich also alle kriegerische Tätigkeit notwendig auf das
+Gefecht, entweder unmittelbar oder mittelbar. Der Soldat wird
+ausgehoben, gekleidet, bewaffnet, geübt, er schläft, ißt, trinkt und
+marschiert, alles nur, um an rechter Stelle und zu rechter Zeit zu
+fechten.
+
+Endigen somit im Gefecht alle Fäden kriegerischer Tätigkeit, so werden
+wir sie auch alle auffassen, indem wir die Anordnung der Gefechte
+bestimmen. Nur von dieser Anordnung und ihrer Vollziehung gehen die
+Wirkungen aus, niemals unmittelbar von den ihnen vorhergehenden
+Bedingungen. Nun ist im Gefecht alle Tätigkeit auf die Vernichtung des
+Gegners oder vielmehr seiner Streitfähigkeit gerichtet, denn dies liegt
+in seinem Begriff. Die Vernichtung der feindlichen Streitkraft ist also
+immer das Mittel, um den Zweck des Gefechts zu erreichen.
+
+Dieser Zweck kann ebenfalls die bloße Vernichtung der feindlichen
+Streitmacht sein, aber dies ist keineswegs notwendig, sondern es kann
+auch etwas ganz anderes sein. Sobald nämlich das Niederwerfen des
+Gegners nicht das einzige Mittel ist, den politischen Zweck zu
+erreichen, sobald es andre Gegenstände gibt, die man als Ziel im Kriege
+verfolgen kann: so folgt von selbst, daß diese Gegenstände der Zweck
+einzelner kriegerischer Akte werden können, also auch der Zweck von
+Gefechten.
+
+ * * * * *
+
+Wäre die Schlacht auch nicht das kräftigste, das gewöhnlichste und
+wirksamste Mittel der Entscheidung, so würde es doch hinreichen, daß sie
+überhaupt zu den Mitteln der Entscheidung gehört, um die stärkste
+Vereinigung der Kräfte zu fordern, die die Umstände irgend gestatten.
+Eine Hauptschlacht auf dem Kriegstheater ist der Stoß des Schwerpunktes
+gegen den Schwerpunkt. Je mehr Kräfte man in dem einen oder andern
+versammeln kann, um so sicherer und größer wird die Wirkung sein. Also
+jede Teilung der Kräfte, die nicht durch einen Zweck hervorgerufen wird
+(der entweder selbst durch eine glückliche Schlacht nicht erreicht
+werden kann, oder der den glücklichen Ausgang der Schlacht selbst
+bedingt), ist verwerflich.
+
+ * * * * *
+
+Das Gefecht ist die eigentliche kriegerische Tätigkeit; alles übrige ist
+nur Träger. Gefecht ist Kampf, und in ihm ist die Vernichtung oder
+Überwindung des Gegners der Zweck.
+
+ * * * * *
+
+Was ist die Überwindung des Gegners? Immer nur die Vernichtung seiner
+Streitkraft, sei es durch Tod oder Wunden oder auf was für eine andere
+Art, sei es ganz und gar, oder nur in einem solchen Maße, daß er den
+Kampf nicht mehr fortsetzen will. Wir können also, solange wir von allen
+besonderen Zwecken der Gefechte absehen, die gänzliche oder teilweise
+Vernichtung des Gegners als den einzigen Zweck aller Gefechte
+betrachten.
+
+ * * * * *
+
+Die unmittelbare Vernichtung der feindlichen Streitkräfte ist überall
+das Vorherrschende. Wir stellen also das Vernichtungsprinzip auf.
+Indessen befinden wir uns in der Strategie und nicht in der Taktik und
+dürfen also nicht von den Mitteln sprechen, die jene haben mag, mit
+wenig Kraftaufwand viel feindliche Streitkräfte zu vernichten, sondern
+müssen daran erinnern, daß wir unter unmittelbarer Vernichtung die
+taktischen Erfolge verstehen. Unsere Behauptung lautet also, daß nur
+große taktische Erfolge zu großen strategischen führen können, oder,
+bestimmter ausgedrückt, daß die taktischen Erfolge von vorherrschender
+Wichtigkeit in der Kriegführung sind.
+
+ * * * * *
+
+Die Frage, ob ein einfacher Stoß oder ein mehr zusammengesetzter,
+kunstvoller größere Wirkung hervorbringt, mag unzweifelhaft für den
+letzteren entschieden werden, solange der Gegner als ein leidender
+Gegenstand gedacht wird. Allein jeder zusammengesetzte Stoß erfordert
+mehr Zeit, und diese Zeit muß ihm gegönnt werden, ohne daß durch einen
+Gegenstoß auf einen der Teile das Ganze in den Vorbereitungen zu seiner
+Wirkung gestört wird. Entscheidet sich nun der Gegner zu einem
+einfacheren Stoß, der in kurzer Zeit ausgeführt ist, so gewinnt er den
+Vorsprung und stört die Wirkung des großen Plans. Man muß also bei dem
+Werte des zusammengesetzten Stoßes alle Gefahren in Betracht bringen,
+die man während seiner Vorbereitung läuft, und kann ihn nur anwenden,
+wenn man vom Gegner nicht zu fürchten braucht, durch einen kürzeren
+gestört zu werden. Sooft dies der Fall ist, muß man selber den kürzeren
+wählen und in diesem Sinne so weit hinuntersteigen, als es der
+Charakter, die Verhältnisse des Gegners und andere Umstände nötig
+machen. Verlassen wir die schwachen Eindrücke abstrakter Begriffe und
+steigen wir ins wirkliche Leben hinab, so wird ein rascher, mutiger,
+entschlossener Gegner uns nicht Zeit zu weitaussehenden künstlichen
+Zusammensetzungen lassen, und gerade gegen einen solchen bedürfen wir
+der Kunst am meisten. Hiermit, scheint es uns, ist das Vorherrschen der
+einfachen und unmittelbaren Erfolge vor den zusammengesetzten schon
+gegeben.
+
+Unsere Meinung ist also nicht, daß der einfache Stoß der beste sei,
+sondern daß man nicht weiter ausholen dürfe, als der Spielraum erlaubt,
+und daß dies immer mehr zum unmittelbaren Kampf hinführen wird, je
+kriegerischer der Gegner ist. Also weit entfernt, den Gegner nach der
+Richtung zusammengesetzter Stöße hin überbieten zu dürfen, muß man
+vielmehr suchen, ihm nach der entgegengesetzten Richtung hin immer voran
+zu sein.
+
+ * * * * *
+
+Was ist nun unter Vernichtung der feindlichen Streitkraft zu verstehen?
+Eine Verminderung derselben, die verhältnismäßig größer ist als die
+unsrer eigenen. Wenn wir eine große Überlegenheit der Zahl über den
+Feind haben, so wird natürlich diese absolute Größe des Verlustes für
+uns kleiner sein als für ihn und folglich schon als ein Vorteil
+betrachtet werden können. Nur der unmittelbare Gewinn, den wir im
+gegenseitigen Zerstörungsprozeß machen, kann als Zweck des Gefechts
+betrachtet werden, denn dieser Gewinn ist ein absoluter, der die
+Rechnung des ganzen Feldzugs durchläuft und sich am Schluß immer als
+reiner Gewinn erweist. Jede andere Art des Sieges über unseren Gegner
+aber würde entweder ihren Grund in anderen Zwecken haben, von denen wir
+hier ganz absehen, oder nur einen einstweiligen relativen Vorteil geben.
+Ein Beispiel soll uns dies klarmachen.
+
+Wenn wir unsern Gegner durch eine geschickte Anordnung in eine so
+nachteilige Lage versetzt haben, daß er das Gefecht ohne Gefahr nicht
+fortsetzen kann und er sich nach einigem Widerstande zurückzieht, so
+können wir sagen, daß wir ihn auf diesem Punkt überwunden haben. Haben
+wir aber bei dieser Überwindung gerade in demselben Verhältnis an
+Streitkräften eingebüßt als er, so wird bei der Schlußrechnung des
+Feldzugs von diesem Siege, wenn man einen solchen Erfolg so nennen
+könnte, nichts übrigbleiben. Es kommt also das Überwinden des Gegners,
+d. h. die Versetzung desselben in einen solchen Zustand, daß er das
+Gefecht aufgeben muß, an und für sich nicht in Betracht und kann deshalb
+auch nicht in die Definition des Zweckes aufgenommen werden, und so
+bleibt denn, wie gesagt, nichts übrig als der unmittelbare Gewinn, den
+wir im Zerstörungsprozeß gemacht haben. Es gehören aber dahin nicht bloß
+die Verluste, die im Verlauf des Gefechts vorkommen, sondern auch die,
+die nach dem Abzug des besiegten Teils als unmittelbare Folge eintreten.
+
+Nun ist es eine bekannte Erfahrung, daß die Verluste an physischen
+Streitkräften im Laufe des Gefechts selten eine große Verschiedenheit
+zwischen Sieger und Besiegtem zeigen, oft gar keine, zuweilen auch wohl
+eine sich umgekehrt verhaltende, und daß die entscheidendsten Verluste
+für den Besiegten erst mit dem Abzug eintreten, nämlich die, die der
+Sieger nicht mit ihm teilt.
+
+Der Verlust an physischen Streitkräften ist nicht der einzige, den beide
+Teile im Verlauf des Gefechts erleiden, sondern auch die moralischen
+werden erschüttert, gebrochen und gehen zugrunde. Es ist nicht bloß der
+Verlust an Menschen, Pferden und Geschützen, sondern an Ordnung, Mut,
+Vertrauen, Zusammenhang und Plan, der bei der Frage in Betracht kommt,
+ob das Gefecht noch fortgesetzt werden kann oder nicht. Die moralischen
+Kräfte sind es vorzugsweise, die hier entscheiden, und sie waren es
+allein in allen Fällen, wo der Sieger ebensoviel verloren hatte wie der
+Besiegte.
+
+Das Verhältnis des physischen Verlustes ist ohnehin im Laufe des
+Gefechts schwer zu schätzen, aber das Verhältnis des moralischen nicht.
+Zwei Dinge geben ihn hauptsächlich kund. Das erste ist der Verlust des
+Bodens, auf dem man gefochten, das andere das Übergewicht der
+feindlichen Reserven. Je stärker unsere Reserven im Verhältnis zu den
+feindlichen zusammenschwinden, um so mehr Kräfte haben wir gebraucht,
+das Gleichgewicht zu erhalten. Schon darin tut sich ein fühlbarer Beweis
+der moralischen Überlegenheit des Gegners kund, der auch selten
+verfehlt, im Gemüt des Feldherrn eine gewisse Bitterkeit und
+Geringschätzung seiner eigenen Truppen zu erzeugen. Aber die Hauptsache
+ist, daß alle Truppen, die schon anhaltend gefochten haben, mehr oder
+weniger wie eine ausgebrannte Schlacke erscheinen. Sie haben sich
+verschossen, sind zusammengeschmolzen; ihre physische und moralische
+Kraft ist erschöpft, auch wohl ihr Mut gebrochen. Eine solche Truppe ist
+somit auch, abgesehen von der Verminderung ihrer Zahl, als ein
+organisches Ganze betrachtet, bei weitem nicht mehr, was sie vor dem
+Gefecht war, und daher kommt es, daß sich der Verlust an moralischen
+Kräften an dem Maß verbrauchter Reserven wie an einem Zollstock kundtut.
+
+Jedes Gefecht ist also die blutige und zerstörende Ausgleichung der
+Kräfte, der physischen und moralischen. Wer am Schluß die größte Summe
+von beiden übrig hat, ist der Sieger.
+
+ * * * * *
+
+Im Gefecht war der Verlust der moralischen Kräfte die vorherrschende
+Ursache der Entscheidung. Nachdem diese gefallen, bleibt jener Verlust
+im Steigen und erreicht erst am Schluß des ganzen Aktes seinen
+Höhepunkt. Es wird also auch das Mittel, den Gewinn in der Zerstörung
+der physischen Streitkräfte zu machen, was der eigentliche Zweck des
+Gefechts war.
+
+Die verlorene Ordnung und Einheit macht oft sogar den Widerstand
+einzelner verderblich. Der Mut des Ganzen ist gebrochen. Die
+ursprüngliche Spannung über Verlust und Gewinn, in der die Gefahr
+vergessen wurde, ist aufgelöst; und den meisten erscheint die Gefahr nun
+nicht mehr wie eine Herausforderung des Mutes, sondern wie das Erleiden
+einer harten Züchtigung. So ist das Instrument im ersten Augenblick des
+Sieges geschwächt und abgestumpft und darum nicht mehr geeignet, Gefahr
+mit Gefahr zu vergelten.
+
+Diese Zeit muß der Sieger benutzen, um den eigentlichen Gewinn an der
+physischen Kraftzerstörung zu machen. Nur was er hierin erreicht, bleibt
+ihm gewiß. Denn die moralischen Kräfte kehren im Gegner nach und nach
+zurück; die Ordnung wird wieder hergestellt, sein Mut wieder gehoben,
+und es bleibt in der Mehrheit der Fälle nur ein sehr geringer Teil vom
+errungenen Übergewicht zurück, oft gar keins. Und in einzelnen, obgleich
+seltenen Fällen entsteht wohl gar durch Rache und stärkeres Anfachen der
+Feindschaft eine umgekehrte Wirkung. Dagegen kann, was an Toten,
+Verwundeten, Gefangenen und an erobertem Geschütz und sonstigem
+Kriegsgerät gewonnen ist, niemals aus der Rechnung verschwinden.
+
+ * * * * *
+
+Die Verluste *in* der Schlacht bestehen mehr in Toten und Verwundeten,
+die *nach* der Schlacht mehr in verlorenem Geschütz und Gefangenen. Die
+ersteren teilt der Sieger mehr oder weniger mit dem Besiegten; die
+letzteren nicht, und deshalb finden sie sich gewöhnlich nur auf der
+einen Seite des Kampfes oder wenigstens dort in bedeutender Überzahl.
+
+Geschütze und Gefangene sind darum jederzeit als die wahren Trophäen des
+Sieges betrachtet worden und zugleich als sein Maßstab, weil sich an
+ihnen sein Umfang unzweifelhaft kundtut.
+
+ * * * * *
+
+Daß sich die in dem Gefecht und seinen ersten Folgen zugrundegerichteten
+moralischen Kräfte nach und nach wiederherstellen und oft keine Spur
+ihrer Zerstörung lassen, ist zumeist der Fall bei kleinen Abteilungen
+des Ganzen, seltener bei großen.
+
+ * * * * *
+
+Wir dürfen das verlorene Gleichgewicht der moralischen Kräfte nicht
+darum gering achten, weil es keinen absoluten Wert hat und nicht
+unfehlbar in der endlichen Summe der Erfolge erscheint. Es kann von
+einem so überwiegenden Gewicht werden, daß es mit unwiderstehlicher
+Gewalt alles niederwirft.
+
+ * * * * *
+
+Über den Verlust an Toten und Verwundeten sind die gegenseitigen
+Berichte nie genau, selten wahrhaft und in den meisten Fällen voll
+absichtlicher Entstellung. Selbst die Zahl der Trophäen wird selten ganz
+zuverlässig gegeben, und wo sie nicht sehr bedeutend ist, kann auch sie
+noch Zweifel an dem Siege übriglassen. Vom Verlust an moralischen
+Kräften läßt sich außer den Trophäen gar kein gültiges Maß angeben. Es
+bleibt also in vielen Fällen das Aufgeben des Kampfes als der einzige
+wahre Beweis des Sieges allein übrig. Es ist mithin als Bekenntnis der
+Schuld, als das Senken des Paniers zu betrachten, durch das dem Gegner
+Recht und Überlegenheit in diesem einzelnen Falle eingeräumt wird, und
+diese Seite der Demütigung und Scham, die von allen übrigen moralischen
+Folgen des umschlagenden Gleichgewichts noch zu unterscheiden bleibt,
+ist ein wesentliches Stück des Sieges. Dieser Teil allein ist es, der
+auf die öffentliche Meinung außerhalb des Heeres wirkt, auf Volk und
+Regierung in beiden kriegführenden Staaten und in allen beteiligten
+anderen.
+
+ * * * * *
+
+Das Aufgeben der Absicht ist nicht gerade identisch mit dem Abzug vom
+Schlachtfeld, selbst da, wo der Kampf hartnäckig und anhaltend geführt
+worden ist. Niemand wird von Vorposten, die sich nach einem hartnäckigen
+Widerstande zurückziehen, sagen, sie hätten ihre Absicht aufgegeben.
+Selbst in Gefechten, die die Vernichtung der feindlichen Streitkraft zur
+Absicht haben, kann der Abzug vom Schlachtfelde nicht immer als ein
+Aufgeben der Absicht angesehen werden, z. B. bei vorher beabsichtigten
+Rückzügen, bei denen das Land Fuß für Fuß streitig gemacht wird. In den
+meisten Fällen ist das Aufgeben der Absicht von dem Abzuge vom
+Schlachtfelde schwer zu unterscheiden, und der Eindruck, den jenes in
+und außer dem Heere hervorbringt, ist nicht geringzuschätzen.
+
+Für Feldherren und Heere, die keinen ausgemachten Ruf haben, ist dies
+eine eigene, schwierige Seite mancher sonst in den Umständen begründeten
+Verfahrungsarten, wo eine Reihe mit Rückzug endigender Gefechte als eine
+Reihe von Niederlagen erscheinen kann, ohne es zu sein, und wo dieses
+Erscheinen von sehr nachteiligem Einfluß werden kann. Es ist dem
+Ausweichenden in diesem Falle nicht möglich, durch die Darlegung seiner
+eigentlichen Absicht dem moralischen Eindruck überall vorzubeugen, denn
+um das mit Wirksamkeit zu tun, müßte er seinen Plan vollständig
+bekanntmachen, was, wie sich versteht, seinem Hauptinteresse zu sehr
+entgegenliefe.
+
+ * * * * *
+
+Die Dauer eines Gefechts ist gewissermaßen als ein zweiter,
+untergeordneter Erfolg zu betrachten. Dem Sieger kann ein Gefecht
+niemals schnell genug entschieden sein, dem Besiegten niemals lange
+genug dauern. Der schnelle Sieg ist eine höhere Potenz des Sieges, die
+späte Entscheidung bei der Niederlage ein Ersatz für den Verlust.
+
+ * * * * *
+
+Kein Gefecht entscheidet sich in einem einzelnen Moment, obwohl es in
+jedem Gefechte Momente von großer Wichtigkeit gibt, die die
+Entscheidung hauptsächlich bewirken. Der Verlust eines Gefechts ist ein
+stufenweises Niedersinken der Wage. Es gibt aber bei jedem Gefecht einen
+Zeitpunkt, wo man es als entschieden ansehen kann, so daß der
+Wiederanfang ein neues Gefecht und nicht die Fortsetzung des alten wäre.
+Über diesen Zeitpunkt eine klare Vorstellung zu haben, ist sehr wichtig,
+um sich entscheiden zu können, ob ein Gefecht von einer herbeieilenden
+Hilfe noch mit Nutzen wieder aufgenommen werden kann.
+
+Oft werden in Gefechten, die nicht wiederherzustellen sind, neue Kräfte
+vergeblich geopfert. Oft wird versäumt, die Entscheidung zu wenden, wo
+dies noch füglich geschehen könnte.
+
+ * * * * *
+
+Jedes Gefecht ist ein ganzes, in dem sich die Teilgefechte zu einem
+Gesamterfolge vereinigen. In diesem Gesamterfolg liegt die Entscheidung
+des Gefechts.
+
+ * * * * *
+
+Je kleiner der Teil der Streitkraft ist, der wirklich gefochten, je
+größer der ist, der als Reserve durch sein bloßes Dasein mitentschieden
+hat, um so weniger kann uns eine neue Streitkraft des Gegners den Sieg
+wieder aus den Händen winden. *Der* Feldherr wie *das* Heer, die es am
+weitesten darin gebracht haben, das Gefecht mit der größten Ökonomie der
+Kräfte zu führen und überall die moralische Wirkung starker Reserven
+geltend zu machen, gehen den sichersten Weg zum Siege. Man muß den
+Franzosen, besonders wenn Bonaparte sie führte, eine große Meisterschaft
+darin einräumen.
+
+Ferner wird der Augenblick, wo beim Sieger der Zustand der
+Gefechtskrisis aufhört und die alte Tüchtigkeit zurückkehrt, um so
+früher eintreten, je kleiner das Ganze ist. Eine Reiterfeldwache, die
+ihren Gegner spornstreichs verfolgt, wird in wenig Minuten wieder die
+alte Ordnung gewinnen, und länger dauert auch die Krisis nicht. Ein
+ganzes Regiment Reiterei braucht dazu schon mehr Zeit. Noch länger
+dauert es beim Fußvolk, wenn es sich in einzelne Schützenlinien
+aufgelöst hat, und wieder länger bei Abteilungen von allen Waffen, wenn
+ein Teil diese, der andre jene zufällige Richtung eingeschlagen und dies
+eine Störung der Ordnung veranlaßt hat, die gewöhnlich dadurch erst
+schlimmer wird, daß kein Teil recht weiß, wo der andre ist.
+
+Wieder später tritt dieser Augenblick ein, wenn die Nacht den Sieger in
+der Krisis überrascht; und endlich tritt er später ein, wenn die Gegend
+durchschnitten und verdeckt ist.
+
+ * * * * *
+
+Die Gefahr, sich auf zwei Seiten schlagen zu müssen, und die noch
+drohendere, keinen Rückzug zu behalten, lähmen die Bewegungen und die
+Kraft des Widerstandes und wirken auf die Alternative von Sieg und
+Niederlage; ferner steigern sie bei der Niederlage den Verlust und
+treiben ihn oft bis an die äußerste Grenze, d. h. bis zur Vernichtung.
+Der bedrohte Rücken macht also die Niederlage zugleich wahrscheinlicher
+und entscheidender.
+
+Hieraus entsteht ein wahrer Instinkt für die ganze Kriegführung und
+besonders für die großen und kleinen Gefechte: nämlich die Sicherung des
+eigenen Rückens und die Gewinnung des feindlichen. Er folgt aus dem
+Begriff des Sieges, der, wie wir gesehen haben, noch etwas anderes als
+bloßes Totschlagen ist.
+
+ * * * * *
+
+Die Wirkung einer Überraschung in Seite und Rücken ist immer gesteigert,
+und ein in der Krisis des Sieges Begriffener ist in seinem ausgereckten
+und zerstreuten Zustande weniger imstande, ihr entgegenzuwirken. Wer
+fühlt es nicht, daß ein Seiten- und Rückenanfall, der im Anfang des
+Gefechts, wo die Kraft gesammelt und für solche Fälle immer vorgesehen
+ist, wenig bedeuten würde, ein ganz anderes Gewicht im letzten
+Augenblick des Gefechtes bekommt.
+
+In den meisten Fällen wird eine von der Seite oder im Rücken des Gegners
+herbeikommende Hilfe viel wirksamer sein, sich wie dasselbe Gewicht an
+einem längeren Hebelarm verhalten, so daß man also unter solchen
+Umständen die Herstellung eines Gefechts mit derselben Kraft unternehmen
+kann, die auf dem geraden Wege nicht zugereicht hätte. Hier, wo die
+Wirkungen fast jeder Berechnung ausweichen, weil die moralischen Kräfte
+ganz das Übergewicht gewinnen, ist das rechte Feld der Kühnheit und des
+Wagens.
+
+ * * * * *
+
+Der alte, auch von Napoleon betonte Grundsatz, daß der Befehlshaber
+einer abgesonderten Kolonne immer seine Richtung dahin zu nehmen habe,
+wo heftiger Kanonendonner die Krise einer Entscheidung andeutet, kann
+nur für solche Fälle gelten, wo der Befehlshaber einer abgesonderten
+Kolonne durch die Umstände in eine *zweifelhafte* Lage gesetzt worden
+ist, in der sich die frühere Klarheit und Bestimmtheit seiner Aufgabe in
+die Ungewißheit und die Widersprüche der Entscheidung verliert, die in
+der Wirklichkeit des Krieges so häufig sind. Anstatt untätig
+stehenzubleiben oder ohne bestimmten Zweck umherzuirren, wird ein
+solcher Befehlshaber freilich besser tun, seinem Nachbar zu Hilfe zu
+eilen, wenn ein heftiges Feuer dessen Not andeutet.
+
+ * * * * *
+
+Die Vernichtung der feindlichen Streitkräfte ist das Hauptprinzip der
+Kriegführung und für die ganze Seite des positiven Handelns der Hauptweg
+zum Ziel.
+
+Diese Vernichtung der Streitkräfte findet hauptsächlich im Gefecht
+statt.
+
+Nur große und allgemeine Gefechte geben große Erfolge.
+
+Am größten werden die Erfolge, wenn sich die Gefechte in eine große
+Schlacht vereinigen.
+
+Nur in einer Hauptschlacht regiert der Feldherr mit eigenen Händen.
+
+Aus diesen Wahrheiten ergibt sich ein Doppelgesetz, dessen Teile sich
+gegenseitig tragen, nämlich, daß die Vernichtung der feindlichen
+Streitkräfte hauptsächlich in großen Schlachten und ihren Erfolgen zu
+suchen ist, und daß der Hauptzweck großer Schlachten die Vernichtung der
+feindlichen Streitkräfte sein muß.
+
+ * * * * *
+
+Die Hauptschlacht ist als der konzentrierte Krieg, als der Schwerpunkt
+des ganzen Krieges oder Feldzuges anzusehen. Wie sich die Strahlen der
+Sonne im Brennpunkt des Hohlspiegels zu ihrem vollkommenen Bilde und zur
+höchsten Glut vereinigen, so vereinigen sich Kräfte und Umstände des
+Krieges in der Hauptschlacht zu einer zusammengedrängten höchsten
+Wirkung.
+
+ * * * * *
+
+Nicht bloß der Begriff des Krieges führt uns dahin, eine große
+Entscheidung nur in einer großen Schlacht zu suchen, sondern auch die
+Erfahrung. Von jeher haben nur große Siege zu großen Erfolgen geführt,
+bei dem Angreifenden unbedingt, bei dem Verteidiger mehr oder weniger.
+Selbst Bonaparte würde das in seiner Art einzige Ulm nicht erlebt haben,
+wenn er das Blutvergießen gescheut hätte. Vielmehr ist es nur als eine
+Nachmahd der Siegesfälle seiner früheren Feldzüge anzusehen. Es sind
+nicht bloß die kühnen Feldherren, die verwegenen, die trotzigen, die ihr
+Werk mit dem großen Wagstück entscheidender Schlachten zu vollbringen
+gesucht haben, es sind die glücklichen insgesamt. Und von diesen können
+wir uns bei einer so umfassenden Frage die Antwort gefallen lassen.
+
+ * * * * *
+
+Der Hauptschlacht im Kriege ist nichts an Wichtigkeit zu vergleichen,
+und die höchste Weisheit der Strategie offenbart sich in der Beschaffung
+der Mittel zu ihr, in ihrer geschickten Feststellung nach Ort, Zeit und
+Richtung der Kräfte und in der Ausnutzung ihres Erfolges.
+
+ * * * * *
+
+Der Impuls zur Hauptschlacht, die freie sichere Bewegung zu ihr, muß von
+dem Gefühl eigener Kraft und dem klaren Bewußtsein der Notwendigkeit,
+mit anderen Worten: er muß von dem angeborenen Mut und von dem durch
+große Lebensverhältnisse geschärften Blick ausgehen.
+
+ * * * * *
+
+Die Größe eines Sieges steigt nicht bloß in dem Maße, als die besiegten
+Streitkräfte an Umfang zunehmen, sondern in höheren Graden. Die
+moralischen Wirkungen, die der Ausgang eines großen Gefechts hat, sind
+größer beim Besiegten als beim Sieger; sie werden Veranlassung zu
+größeren Verlusten an physischen Kräften, die dann wieder auf die
+moralischen zurückwirken und so sich gegenseitig tragen und steigern.
+Auf diese moralische Wirkung muß man daher ein besonderes Gewicht legen.
+Sie findet in entgegengesetzter Richtung bei beiden Teilen statt. Wie
+sie die Kräfte des Besiegten untergräbt, so erhöht sie die Kräfte und
+die Tätigkeit des Siegers. Aber die Hauptwirkung liegt doch im
+Besiegten, denn hier wird sie die unmittelbare Ursache zu neuen
+Verlusten, und außerdem ist sie mit der Gefahr, den Anstrengungen und
+Mühseligkeiten, überhaupt mit allen erschwerenden Umständen, zwischen
+denen sich der Krieg bewegt, homogener Natur, tritt also mit ihnen in
+Bund und wächst durch ihren Beistand, während beim Sieger sich alle
+diese Dinge wie Gewichte an den höheren Schwung seines Mutes legen. Man
+findet also, daß der Besiegte sich viel tiefer unter die Linie des
+ursprünglichen Gleichgewichts hinuntersenkt, als der Sieger sich über
+sie erhebt.
+
+ * * * * *
+
+Die Hauptschlacht ist um ihrer selbst willen da, um des Sieges willen,
+den sie geben soll und der in ihr mit der höchsten Anstrengung gesucht
+wird. Dies ist die Geistesspannung, nicht bloß des Feldherrn, sondern
+seines ganzen Heeres bis zum letzten Troßknecht hinab. Zu allen Zeiten
+und nach der Natur der Dinge waren Hauptschlachten niemals
+unvorbereitete, unerwartete, blinde Dienstverrichtungen, sondern ein
+großartiger Akt, der aus der Masse der gewöhnlichen Tätigkeiten teils
+von selbst, teils nach der Absicht der Führer hinreichend hervortritt.
+
+ * * * * *
+
+Gewöhnlich kommen beide Teile mit sehr geschwächten körperlichen Kräften
+in die Schlacht, denn die Bewegungen, die unmittelbar vorhergehen, haben
+mindestens den Charakter dringender Umstände. Die Anstrengungen, die das
+Ausringen eines langen Kampfes kostet, vollenden die Erschöpfung. Dazu
+kommt, daß der siegende Teil nicht viel weniger durcheinandergekommen
+und aus seinen ursprünglichen Ordnungsfugen gewichen ist als der
+Besiegte und somit das Bedürfnis hat, sich zu ordnen und mit frischer
+Munition zu versehen. Alle diese Umstände versetzen den Sieger selbst in
+einen Zustand der Krisis. Es ist zwar ein Entreißen des Sieges nicht zu
+befürchten, aber nachteilige Gefechte bleiben doch möglich. Außerdem
+hängt sich nun das volle Gewicht des sinnlichen Menschen mit seinen
+Bedürfnissen und Schwächen an den Willen des Feldherrn. Alle die
+Tausende, die unter seinem Befehl stehen, haben das Bedürfnis nach Ruhe
+und Stärkung, haben das Verlangen, die Schranken der Gefahr und Arbeit
+vorderhand geschlossen zu sehen. Nur wenige, die man als Ausnahmen
+betrachten kann, sehen und fühlen über den gegenwärtigen Augenblick
+hinaus. Nur in diesen wenigen ist, nachdem das Notwendige vollbracht
+ist, noch so viel freies Spiel des Mutes, um noch an *die* Erfolge zu
+denken, die in solchem Augenblick als eine bloße Verschönerung des
+Sieges, als ein Luxus des Triumphes erscheinen. Alle jene Tausende aber
+haben ihre Stimme im Rate des Feldherrn, denn durch die ganze
+Stufenfolge der übereinandergestellten Führer haben diese Interessen des
+sinnlichen Menschen ihren sicheren Leiter bis ins Herz des Feldherrn.
+Dieser selbst ist mehr oder weniger durch geistige und körperliche
+Anstrengung in seiner inneren Tätigkeit geschwächt, und so geschieht es
+denn, daß meistens aus diesem rein menschlichen Grunde weniger
+geschieht, als geschehen könnte, und daß überhaupt, was geschieht, nur
+vom Ruhmdurst, der Energie und wohl auch der Härte des obersten
+Feldherrn abhängt.
+
+ * * * * *
+
+Ist der große Sieg erfochten, so soll von keiner Rast, von keinem
+Atemholen, von keinem Besinnen, von keinem Feststellen usw. die Rede
+sein, sondern nur von der Verfolgung, von neuen Stößen, wo sie nötig
+sind, von der Einnahme der feindlichen Hauptstadt, vom Angriff auf die
+feindlichen Hilfsheere, oder was sonst als Stützpunkt des feindlichen
+Staates erscheint.
+
+Führt uns der Strom des Sieges an feindlichen Festungen vorbei, so hängt
+es von unserer Stärke ab, ob sie belagert werden sollen oder nicht. Bei
+großer Überlegenheit wäre es ein Zeitverlust, sich ihrer nicht so früh
+als möglich zu bemächtigen. Sind wir aber des ferneren Erfolges an der
+Spitze nicht sicher, so müssen wir uns vor den Festungen mit so wenigem
+als möglich behelfen, und das schließt ihre gründliche Belagerung aus.
+Von dem Augenblick an, wo die Belagerung einer Festung uns zwingt, mit
+dem Vorschreiten des Angriffs innezuhalten, hat dieser in der Regel
+seinen Kulminationspunkt erreicht. Wir fordern also ein schnelles,
+rastloses Vordringen und Nachdringen der Hauptmacht. Wir haben es schon
+verworfen, daß sich dieses Vorschreiten auf dem Hauptpunkte nach dem
+Erfolg auf den Nebenpunkten richtet. Solange der Feldherr seinen Gegner
+noch nicht niedergeworfen hat, solange er glaubt, stark genug zu sein,
+um das Ziel zu gewinnen, so lange muß er es auch verfolgen. Er tut es
+vielleicht mit steigender Gefahr, aber auch mit steigender Größe des
+Erfolgs. Kommt ein Punkt, wo er es nicht wagt, weiterzugehen, wo er
+glaubt, für seinen Rücken sorgen, sich rechts und links ausbreiten zu
+müssen, -- wohlan, so ist dies höchstwahrscheinlich sein
+Kulminationspunkt. Die Flugkraft ist dann zu Ende, und wenn der Gegner
+nicht niedergeworfen ist, wird es höchstwahrscheinlich nicht mehr
+geschehen.
+
+Alles, was der Feldherr zur intensiven Ausbildung seines Angriffs durch
+Eroberung von Festungen, Pässen, Provinzen tut, ist zwar noch ein
+langsames Vorschreiten, aber nur ein relatives, kein absolutes mehr.
+
+ * * * * *
+
+Jeder Zwischenraum von einem Erfolg zum andern gibt dem Feinde neue
+Aussichten. Die Wirkungen des früheren Erfolges haben auf den späteren
+einen sehr geringen Einfluß, oft keinen, oft einen negativen, weil sich
+der Feind erholt oder gar zu größerem Widerstand entflammt wird oder
+neue Hilfe von außen bekommt, während da, wo alles in einem Zuge
+geschieht, der gestrige Erfolg den heutigen mit sich fortreißt, der
+Brand sich am Brande entzündet.
+
+ * * * * *
+
+Einer der wichtigsten und wirksamsten Grundsätze in der Strategie ist
+es: einen Erfolg, den man irgendwo erfochten hat, auf der Stelle so weit
+auszunutzen, als es die Umstände gestatten.
+
+ * * * * *
+
+Die Energie, mit der das Verfolgen geschieht, bestimmt hauptsächlich den
+Wert des Sieges. Die Verfolgung ist ein zweiter Akt des Sieges, in
+vielen Fällen sogar wichtiger als der erste. Indem sich die Strategie
+hier der Taktik nähert, um von ihr das rollende Werk in Empfang zu
+nehmen, läßt sie den ersten Akt ihrer Autorität darin bestehen, diese
+Vervollständigung des Sieges zu fordern.
+
+ * * * * *
+
+Das erste Verfolgen hat verschiedene natürliche Grade.
+
+Der erste ist, wenn es mit bloßer Reiterei geschieht. Dann ist es im
+Grunde mehr ein Schrecken und Beobachten als ein wahrhaftes Drängen,
+weil der kleinste Bodenabschnitt gewöhnlich hinreicht, den Verfolgenden
+aufzuhalten. Soviel die Reiterei bei einer erschütterten und
+geschwächten Truppe gegen den einzelnen Haufen vermag, so ist sie doch
+gegen das Ganze immer nur die Hilfswaffe, weil der Abziehende seine
+frischen Reserven zur Deckung seines Rückzugs verwenden und so beim
+nächsten, unbedeutendsten Bodenabschnitt durch die Verbindung aller
+Waffen mit Erfolg widerstehen kann. Nur ein in wahrer Flucht und
+gänzlicher Auflösung befindliches Heer macht hier eine Ausnahme.
+
+Der zweite Grad ist, wenn die Verfolgung durch eine starke Vorhut von
+allen Waffen geschieht, bei der sich natürlich der größte Teil der
+Reiterei befindet. Ein solches Verfolgen drängt den Gegner bis zur
+nächsten starken Stellung seiner Nachhut oder bis zur nächsten
+Aufstellung seines Heeres.
+
+Der dritte und stärkste Grad ist, wenn das siegreiche Heer selbst im
+Vorgehen bleibt, soweit die Kräfte reichen. In diesem Fall wird der
+Geschlagene die meisten Aufstellungen, zu denen ihm die Gegend einige
+Gelegenheit bietet, auf die bloßen Anstalten eines Angriffs oder einer
+Umgehung wieder verlassen.
+
+ * * * * *
+
+Aber auch bei diesem ersten Verfolgen bleibt die Wirksamkeit des Sieges
+in den seltensten Fällen stehen, und es fängt nun erst die eigentliche
+Bahn an, zu der der Sieg die Schnellkraft verliehen hat. Dabei kann man
+wieder drei Grade unterscheiden: ein bloßes Nachrücken, ein
+eigentliches Drängen und einen Parallelmarsch zum Abschneiden.
+
+ * * * * *
+
+Der wirksamste Grad der (weiteren) Verfolgung ist der Parallelmarsch
+nach dem nächsten Ziel des feindlichen Rückzuges. Jedes geschlagene Heer
+wird hinter sich, näher oder entfernter, einen Punkt haben, dessen
+Erreichung ihm zunächst stark am Herzen liegt, sei es, daß sein fernerer
+Rückzug dadurch gefährdet werden kann, wie bei Straßenengen, oder daß es
+für den Punkt sehr wichtig ist, ihn *vor* dem Feinde zu erreichen, wie
+bei Hauptstädten, Magazinen usw., oder endlich, daß das Heer auf diesem
+Punkte neue Widerstandsfähigkeit gewinnen kann, wie bei festen
+Stellungen, Vereinigung mit anderen Korps usw.
+
+ * * * * *
+
+Bei der absoluten Gestalt des Krieges, wo alles aus notwendigen Gründen
+geschieht, alles rasch ineinandergreift, kein, wenn ich so sagen darf,
+wesenloser neutraler Zwischenraum entsteht, gibt es wegen der
+vielfältigen Wechselwirkungen, die der Krieg in sich schließt, wegen des
+Zusammenhanges, in dem, streng genommen, die ganze Reihe der
+aufeinanderfolgenden Gefechte steht, wegen des Kulminationspunktes, den
+jeder Sieg hat, über den hinaus das Gebiet der Verluste und Niederlagen
+beginnt -- wegen aller dieser natürlichen Verhältnisse des Krieges, sage
+ich, gibt es nur *einen* Erfolg, nämlich den *Enderfolg*. Bis dahin ist
+nichts entschieden: nichts gewonnen, nichts verloren. Hier muß man sich
+beständig sagen: das Ende krönt das Werk.
+
+
+
+
+Die verlorene Schlacht und der Rückzug
+
+
+Der Entschluß, das Gefecht aufzugeben, entspringt in der Hauptschlacht
+mehr als in irgendeinem andern Gefechte aus dem Verhältnis der
+übrigbleibenden frischen Reserven. Denn nur diese haben noch alle
+moralischen Kräfte, und die vom Zerstörungselement bereits ausgeglühten
+Schlacken zusammengeschossener und geworfener Bataillone können nicht
+auf gleiche Linie mit ihnen gestellt werden. Auch der verlorene Boden
+ist ein Maßstab verlorener moralischer Kräfte, wie wir anderswo gesagt
+haben. Er kommt wohl mit in Betracht, doch mehr als ein Zeichen eines
+erlittenen Verlustes denn als der Verlust selbst, und immer bleibt die
+Zahl der frischen Reserven das Hauptaugenmerk beider Feldherren.
+
+ * * * * *
+
+Gewöhnlich nimmt eine Schlacht ihre Richtung schon von vornherein,
+wiewohl auf eine wenig merkliche Art. Oft ist sogar diese Richtung schon
+durch die Anordnungen, die für sie getroffen sind, auf eine sehr
+entschiedene Weise gegeben, und dann ist es Mangel an Einsicht
+desjenigen Feldherrn, der die Schlacht unter so schlimmen Bedingungen
+eröffnet, ohne sich ihrer bewußt zu werden. Allein wo dieser Fall auch
+nicht stattfindet, liegt es in der Natur der Dinge, daß der Verlauf der
+Schlachten mehr ein langsames Umschlagen des Gleichgewichts ist, das
+bald, aber, wie gesagt, anfangs nicht merklich, eintritt und dann mit
+jedem neuen Zeitmoment stärker und sichtlicher wird, als ein
+oszillierendes Hin- und Herschwanken, wie man sie sich, durch unwahre
+Schlachtenbeschreibungen verführt, gewöhnlich denkt.
+
+In den meisten Fällen wird der Feldherr den Verlust des Gleichgewichts
+lange schon vor dem Abzug gewahr, und die Fälle, wo irgendeine
+Einzelheit unvermutet stark auf den Hergang des Ganzen einwirkt, haben
+ihr Dasein meistens nur in der Beschönigung, mit der jeder seine
+verlorene Schlacht erzählt.
+
+Der besiegte Feldherr sieht den schlimmen Ausgang gewöhnlich schon eine
+geraume Zeit vorher, ehe er sich zum Aufgeben der Schlacht entschließt.
+Allerdings gibt es Fälle, wo eine Schlacht schon eine sehr entschiedene
+Richtung nach einer Seite genommen hatte und doch eine Entscheidung nach
+der anderen Seite hin bekommen hat, aber sie sind nicht die
+gewöhnlichen, sondern selten. Indes auf diese seltenen Fälle rechnet
+jeder Feldherr, gegen den sich das Glück erklärt, und er *muß* darauf
+rechnen, solange ihm irgendeine Möglichkeit der Wendung bleibt. Er
+hofft, durch stärkere Anstrengungen, durch eine Erhöhung der
+übrigbleibenden moralischen Kräfte, durch ein Sichselbstübertreffen oder
+auch durch einen glücklichen Zufall den Augenblick noch gewendet zu
+sehen, und treibt dies so weit, wie Mut und Einsicht es in ihm
+miteinander abmachen.
+
+ * * * * *
+
+Das Verhältnis der übrig bleibenden frischen Reserven gibt meistens den
+Hauptgrund zur völligen Entscheidung ab. Der Feldherr, der seinen Gegner
+darin von entschiedener Überlegenheit sieht, entschließt sich zum
+Rückzug. Es ist gerade die Eigentümlichkeit der neueren Schlachten, daß
+alle Unglücksfälle und Verluste, die in ihrem Verlauf stattgehabt haben,
+durch frische Kräfte gutgemacht werden können, weil die neuere Art, wie
+die Truppen ins Gefecht geführt werden, ihren Gebrauch fast überall und
+in jeder Lage gestatten. Solange also der Feldherr, gegen den der
+Ausgang sich zu erklären scheint, noch eine Überlegenheit an Reserve
+hat, wird er die Sache nicht aufgeben. Aber von dem Zeitpunkt an, wo
+seine Reserven anfangen schwächer zu werden als die feindlichen, ist die
+Entscheidung als gegeben zu betrachten, und was er nun noch tut, hängt
+teils von besonderen Umständen, teils von dem Grade des Mutes und der
+Ausdauer ab, die ihm gegeben sind und die auch wohl in unweisen
+Starrsinn ausarten können.
+
+ * * * * *
+
+Wenn auf der einen Seite der gebieterische Stolz eines siegreichen
+Eroberers, wenn der unbeugsame Wille eines angeborenen Starrsinns, wenn
+das krampfhafte Widerstreben einer edlen Begeisterung nicht vom
+Schlachtfelde weichen wollen, wo sie ihre Ehre zurücklassen sollen, --
+so rät auf der anderen Seite die Einsicht, nicht alles auszugeben, nicht
+das Letzte aufs Spiel zu setzen, sondern so viel übrig zu behalten, als
+zu einem geordneten Rückzuge nötig ist.
+
+Wie hoch auch der Wert des Mutes und der Standhaftigkeit im Kriege
+angeschlagen werden muß und wie wenig Aussicht *der* auf den Sieg hat, der
+sich nicht entschließen kann, ihn mit der ganzen Kraftanstrengung zu
+suchen, so gibt es doch einen Punkt, über den hinaus das Verharren nur
+eine verzweiflungsvolle Torheit genannt werden kann.
+
+ * * * * *
+
+Ein in Feindesland Zurückgehender bedarf in der Regel einer
+vorbereiteten Straße. Einer, der unter sehr schlimmen Verhältnissen
+zurückgeht, bedarf ihrer doppelt. Einer, der in Rußland 120 Meilen weit
+zurück will, braucht sie dreifach. Unter vorbereiteter Straße verstehen
+wir eine, die von seinen Etappentruppen besetzt war und auf der er
+Magazine findet.
+
+ * * * * *
+
+In der verlorenen Schlacht ist die Macht des Heeres gebrochen worden,
+noch mehr die moralische als die physische. Eine zweite, ohne daß neue
+vorteilhafte Umstände ins Spiel kommen, würde zur gänzlichen Niederlage,
+vielleicht zum Untergange führen. Das ist ein militärisches Axiom. Nach
+der Natur der Sache geht der Rückzug bis zu dem Punkt, wo sich das
+Gleichgewicht der Kräfte wiederhergestellt haben wird, sei es durch
+Verstärkung oder durch den Schutz bedeutender Festungen, oder durch
+große Abschnitte des Bodens oder durch die Ausdehnung der feindlichen
+Macht. Der Grad des Verlustes, die Größe der Niederlage wird diesen
+Moment des Gleichgewichtes nähern oder entfernen, noch mehr aber der
+Charakter des Gegners. Wie viele Beispiele gibt es nicht, daß das
+geschlagene Heer sich in einer geringen Entfernung wieder aufgestellt
+hat, ohne daß seine Verhältnisse seit der Schlacht sich im mindesten
+verändert hätten. Der Grund davon liegt entweder in der moralischen
+Schwäche des Gegners oder darin, daß das in der Schlacht gewonnene
+Übergewicht nicht groß genug ist, um zu einem nachdrücklichen Stoße zu
+führen.
+
+ * * * * *
+
+Das erste, was sich der Einbildungskraft -- und man kann auch wohl
+sagen: des Verstandes -- in einer unglücklichen Schlacht bemächtigt, ist
+das Zusammenschmelzen der Massen, dann der Verlust des Bodens, der mehr
+oder weniger immer, und also auch beim Angreifenden, eintritt, wenn er
+nicht glücklich ist. Dann die zerstörte ursprüngliche Ordnung, das
+Durcheinandergeraten der Teile, die Gefahren des Rückzugs, die mit wenig
+Ausnahmen immer, bald schwächer, bald stärker, eintreten. Nun der
+Rückzug, der meist in der Nacht angetreten oder wenigstens die Nacht
+hindurch fortgesetzt wird. Gleich bei diesem ersten Marsch müssen wir
+eine Menge von Ermatteten und Verstreuten zurücklassen, oft gerade die
+Bravsten, die sich am weitesten vorgewagt, die am längsten ausgeharrt
+haben. Das Gefühl, besiegt zu sein, das auf dem Schlachtfelde nur die
+höheren Offiziere ergriff, geht nun auf alle Klassen bis zum Gemeinen
+über, verstärkt durch den abscheulichen Eindruck, so viel brave
+Gefährten, die gerade in der Schlacht uns erst recht wert geworden sind,
+in Feindeshänden zurücklassen zu müssen, und verstärkt durch das
+erwachende Mißtrauen gegen die Führung, der mehr oder weniger jeder
+Untergebene die Schuld seiner vergeblich gemachten Anstrengung beimißt.
+Und dieses Gefühl, besiegt zu sein, ist keine bloße Einbildung, über die
+man Herr werden könnte. Es ist die offenkundige Wahrheit, daß der Gegner
+uns überlegen ist, eine Wahrheit, die in den Ursachen so versteckt sein
+konnte, daß sie vorher nicht zu ersehen war, die aber beim Ausgang immer
+klar und bündig hervortritt, die man auch vielleicht vorher erkannt hat,
+der man aber in Ermangelung von etwas Handgreiflicherem Hoffnung auf den
+Zufall, Vertrauen auf Glück und Vorsehung, mutiges Wagen entgegenstellen
+mußte. Nun hat sich dies alles als unzulänglich erwiesen, und die ernste
+Wahrheit tritt uns streng und gebieterisch entgegen.
+
+ * * * * *
+
+Wer auf dem allgemeinen Rückzuge nach verlorener Schlacht glaubt, durch
+einige schnelle Märsche einen Vorsprung zu gewinnen und leichter einen
+festen Stand zu bekommen, begeht einen großen Irrtum. Die ersten
+Bewegungen müssen so klein als möglich, und im allgemeinen muß es
+Grundsatz sein, sich nicht das Gesetz des Feindes aufdringen zu lassen.
+Diesen Grundsatz kann man nicht befolgen ohne blutige Gefechte mit dem
+nachdringenden Feind, aber der Grundsatz ist dieses Opfers wert. Ohne
+ihn kommt man in eine beschleunigte Bewegung, die bald ein Stürzen wird
+und dann an bloßen Nachzüglern mehr Menschen kostet, als die Schlachten
+der Nachhut gekostet hätten, außerdem aber die letzten Überreste des
+Mutes vernichtet.
+
+ * * * * *
+
+Eine starke Nachhut, von den besten Truppen gebildet, vom tapfersten
+General geführt und in den wichtigsten Augenblicken von der ganzen Armee
+unterstützt, eine sorgfältige Benutzung der Gegend, starke Hinterhalte,
+sooft die Kühnheit der feindlichen Vorhut und die Gegend Gelegenheit
+dazu geben, kurz die Einleitung und der Plan zu förmlichen kleinen
+Schlachten: das sind die Mittel zur Befolgung jenes Grundsatzes.
+
+ * * * * *
+
+Die Schwierigkeiten des Rückzuges sind natürlich größer oder kleiner, je
+nachdem die Schlacht unter mehr oder weniger günstigen Verhältnissen
+gefochten, und je nachdem sie mehr oder weniger ausgehalten worden ist.
+Wie man aus allem ordnungsmäßigen Rückzuge kommen kann, wenn man sich
+gegen einen überlegenen Gegner bis auf den letzten Mann wehrt, zeigen
+die Schlachten von Jena und Belle-Alliance.
+
+ * * * * *
+
+Um die Schwächen oder Fehler des Gegners zu benutzen, nicht einen
+Zollbreit weiter zurückzugehen, als die Gewalt der Umstände erfordert,
+hauptsächlich aber, um das Verhältnis der moralischen Kräfte auf einem
+so vorteilhaften Punkt als möglich zu erhalten, ist ein langsamer, immer
+widerstrebender Rückzug, ein kühnes, mutiges Entgegentreten, sooft der
+Verfolgende seine Vorteile im Übermaß benutzen will, durchaus nötig. Die
+Rückzüge großer Feldherren und kriegsgeübter Heere gleichen stets dem
+Abgehen eines verwundeten Löwen, und dies ist unstreitig auch die beste
+Theorie.
+
+
+
+
+Verteidigung und Angriff
+
+
+Was ist der Begriff der Verteidigung? Das Abwehren eines Stoßes. Was ist
+also ihr Merkmal? Das Abwarten dieses Stoßes. Dieses Merkmal macht
+jedesmal die Handlung zu einer verteidigenden, und durch dieses Merkmal
+allein kann im Kriege die Verteidigung vom Angriff unterschieden werden.
+Da aber eine absolute Verteidigung dem Begriff des Krieges völlig
+widerspricht, weil bei ihr nur der eine Teil Krieg führen würde, so kann
+auch im Kriege die Verteidigung nur relativ sein, und jenes Merkmal muß
+also nur auf den Gesamtbegriff angewendet, nicht auf alle Teile von ihm
+ausgedehnt werden. Ein einzelnes Gefecht ist verteidigend, wenn wir den
+Anlauf, den Sturm des Feindes abwarten. Eine Schlacht, wenn wir den
+Angriff, d. h. das Erscheinen vor unserer Stellung, in unserem Feuer,
+abwarten. Ein Feldzug, wenn wir das Betreten unseres Kriegstheaters
+abwarten. In allen diesen Fällen kommt dem Gesamtbegriff das Merkmal des
+Abwartens und Abwehrens zu, ohne daß daraus ein Widerspruch mit dem
+Begriff des Krieges folgt, denn wir können unsern Vorteil darin finden,
+den Anlauf gegen unsere Bajonette, den Angriff auf unsere Stellung und
+auf unser Kriegstheater abzuwarten. Da man aber, um wirklich auch
+seinerseits Krieg zu führen, dem Feinde seine Stöße zurückgeben muß, so
+geschieht dieser Akt des Angriffs im Verteidigungskriege gewissermaßen
+unter dem Haupttitel der Verteidigung; d. h. die Offensive, deren wir
+uns bedienen, fällt innerhalb der Begriffe von Stellung oder
+Kriegstheater. Man kann also in einem verteidigenden Feldzuge
+angriffsweise schlagen, in einer verteidigenden Schlacht angriffsweise
+seine einzelnen Korps und Divisionen gebrauchen, endlich in einer
+einfachen Stellung gegen den feindlichen Sturm schickt man ihm sogar
+noch die offensiven Kugeln entgegen. Die verteidigende Form des
+Kriegführens ist also kein unmittelbarer Schild, sondern ein Schild,
+gebildet durch geschickte Streiche.
+
+ * * * * *
+
+Was ist der Zweck der Verteidigung? Erhalten. Erhalten ist leichter als
+gewinnen. Schon daraus folgt, daß die Verteidigung bei vorausgesetzt
+gleichen Mitteln leichter ist als der Angriff. Worin liegt aber die
+größere Leichtigkeit des Erhaltens oder Bewahrens? Darin, daß alle Zeit,
+die unbenutzt verstreicht, in die Wagschale des Verteidigers fällt. Er
+erntet, wo er nicht gesät hat. Jedes Unterlassen des Angriffs aus
+falscher Ansicht, aus Furcht, aus Trägheit, kommt dem Verteidiger
+zugute. Dieser Vorteil hat den Preußischen Staat im Siebenjährigen
+Kriege mehr als einmal vom Untergang gerettet.
+
+Dieser sich aus Begriff und Zweck ergebende Vorteil der Verteidigung
+liegt in der Natur aller Verteidigung. _Beati sunt possidentes._ Ein
+anderer, der aus der Natur des Krieges hinzukommt, ist der Beistand der
+örtlichen Lage, den die Verteidigung vorzugsweise genießt.
+
+ * * * * *
+
+Die Verteidigung hat einen negativen Zweck: das Erhalten; der Angriff
+einen positiven: das Erobern. Und da dieses die eigenen Kriegsmittel
+vermehrt, das Erhalten aber nicht, so muß man sagen: die verteidigende
+Form des Kriegführens ist an sich stärker als die angreifende.
+
+ * * * * *
+
+Ist die Verteidigung eine stärkere Form des Kriegführens, die aber einen
+negativen Zweck hat, so folgt von selbst, daß man sich ihrer nur so
+lange bedienen muß, als man ihrer der Schwäche wegen bedarf, und sie
+verlassen muß, sobald man stark genug ist, sich den positiven Zweck
+vorzusetzen. Da man nun, indem man unter ihrem Beistand Sieger wird,
+gewöhnlich ein günstigeres Verhältnis der Kräfte herbeiführt, so ist
+auch der natürliche Gang im Kriege, mit der Verteidigung anzufangen und
+mit der Offensive zu enden. Es ist also ebensogut im Widerspruch mit dem
+Begriff des Krieges, den letzten Zweck die Verteidigung sein zu lassen,
+als es Widerspruch war, die Passivität der Verteidigung nicht bloß vom
+Ganzen, sondern von allen seinen Teilen zu verstehen. Mit andern Worten:
+ein Krieg, bei dem man seine Siege bloß zum Abwehren benutzen und gar
+nicht widerstoßen wollte, wäre ebenso widersinnig wie eine Schlacht, in
+der die absoluteste Verteidigung (Passivität) in allen Maßregeln
+herrschen sollte.
+
+ * * * * *
+
+Wie der Vorteil der Gegend zum Siege beiträgt, ist an sich verständlich
+genug, und es ist nur das eine zu bemerken, daß hier nicht bloß von den
+Hindernissen die Rede ist, die dem Angreifenden bei seinem Vorrücken
+aufstoßen, wie: steile Gründe, hohe Berge, sumpfige Bäche, Hecken usw.,
+sondern daß es auch ein Vorteil der Gegend ist, wenn sie Gelegenheit
+gibt, uns verdeckt darin aufzustellen. Selbst von einer ganz
+gleichgültigen Gegend kann man sagen, daß der ihren Beistand genießt,
+der sie kennt.
+
+ * * * * *
+
+Der Verteidiger hat den Vorteil der Gegend, der Angreifende den des
+Überfalls in der Strategie wie in der Taktik. Vom Überfall ist aber zu
+bemerken, daß er in der Strategie ein unendlich wirksameres und
+wichtigeres Mittel ist als in der Taktik. In dieser wird man einen
+Überfall selten bis zum großen Sieg ausdehnen können, wogegen ein
+Überfall in der Strategie nicht selten den ganzen Krieg mit einem
+Streich geendigt hat. Dagegen ist zu bemerken, daß der Gebrauch dieses
+Mittels große, entschiedene, seltene Fehler beim Gegner voraussetzt, es
+daher in die Wagschale des Angriffs kein sehr großes Gewicht legen
+kann.
+
+ * * * * *
+
+Hat die Verteidigung einmal das Prinzip der Bewegung in sich aufgenommen
+(einer Bewegung, die zwar später anfängt als die des Angreifenden, aber
+immer zeitig genug, um die Fesseln der erstarrenden Passivität zu
+lösen), so wird der Vorteil der größeren Vereinigung und der inneren
+Linien ein sehr entscheidender und meistens wirksamerer zum Siege, als
+die konzentrische Figur des Angriffs. Sieg aber muß dem Erfolg
+vorhergehen. Erst muß man überwinden, ehe man an das Abschneiden denken
+kann. Kurz, man sieht: es besteht hier ein ähnliches Verhältnis, wie das
+zwischen Angriff und Verteidigung überhaupt. Die konzentrische Form
+führt zu glänzenden Erfolgen, die exzentrische gewährt die ihrigen
+sicherer; jenes ist die schwächere Form mit dem positiveren, dieses die
+stärkere Form mit dem negativen Zweck. Dadurch, scheint uns, sind diese
+beiden Formen schon in ein gewisses schwebendes Gleichgewicht gebracht.
+Fügt man nun hinzu, daß sich die Verteidigung, weil sie nicht überall
+eine absolute ist, auch nicht immer in der Unmöglichkeit befindet, sich
+der konzentrischen Kräfte zu bedienen, so wird man mindestens kein Recht
+mehr haben, zu glauben, daß diese Wirkungsart allein hinreichend sei,
+dem Angriff ein ganz allgemeines Übergewicht über die Verteidigung zu
+gewähren, und so wird man sich von dem Einflusse befreien, den diese
+Vorstellungsart bei jeder Gelegenheit auf das Urteil auszuüben pflegt.
+
+ * * * * *
+
+Der Vorteil der inneren Linien wächst mit den Räumen, auf die sich diese
+Linien beziehen. Bei Entfernungen von einigen tausend Schritten oder
+einer halben Meile kann natürlich die Zeit, die man gewinnt, nicht so
+groß sein, wie bei Entfernungen von mehreren Tagesmärschen oder gar von
+zwanzig bis dreißig Meilen; die ersteren, nämlich die kleinen Räume,
+gehören der Taktik an, die größeren der Strategie. Wenn man nun
+freilich in der Strategie auch mehr Zeit zur Erreichung des Zwecks
+braucht als in der Taktik, und eine Armee nicht so schnell überwunden
+ist wie ein Bataillon, so nehmen doch diese Zeiten in der Strategie auch
+nur bis zu einem gewissen Punkt zu, nämlich bis zur Dauer einer
+Schlacht, und allenfalls der paar Tage, um die sich eine Schlacht ohne
+entscheidende Opfer vermeiden läßt. Ferner findet ein noch viel größerer
+Unterschied in dem eigentlichen Vorsprung statt, den man in dem einen
+und dem andern Fall gewinnt. Bei den kleinen Entfernungen in der Taktik:
+in der Schlacht, geschehen die Bewegungen des einen fast unter den Augen
+des andern; der auf der äußeren Linie Stehende wird also die seines
+Gegners meistens schnell gewahr. Bei den größeren Entfernungen der
+Strategie geschieht es wohl höchst selten, daß eine Bewegung des einen
+nicht wenigstens einen Tag dem andern verborgen bleibt, und es gibt
+Fälle genug, in denen, besonders wenn die Bewegung nur einen Teil betraf
+und in einer beträchtlichen Entsendung bestand, dies wochenlang
+verborgen geblieben ist. Wie groß der Vorteil des Verbergens für
+denjenigen ist, der durch die Natur seiner Lage am meisten imstande ist,
+davon Gebrauch zu machen, läßt sich leicht einsehen.
+
+ * * * * *
+
+Ein schneller, kräftiger Übergang zum Angriff -- das blitzende
+Vergeltungsschwert -- ist der glänzendste Punkt der Verteidigung. Wer
+sich ihn nicht gleich hinzudenkt, oder vielmehr, wer ihn nicht gleich in
+den Begriff der Verteidigung aufnimmt, dem wird nimmermehr die
+Überlegenheit der Verteidigung einleuchten; er wird immer nur an die
+Mittel denken, die man durch den Angriff dem Feinde zerstört und sich
+erwirbt, welche Mittel aber nicht von der Weise abhängen, den Knoten zu
+schürzen, sondern ihn aufzulösen. Ferner ist es eine grobe
+Verwechselung, wenn man unter Angriff immer einen Überfall versteht und
+sich folglich unter Verteidigung nichts als Not und Verwirrung denkt.
+
+Freilich faßt der Eroberer seinen Entschluß zum Kriege früher als der
+harmlose Verteidiger, und wenn er seine Maßregeln gehörig geheimzuhalten
+weiß, wird er diesen wohl auch überraschen können. Aber das ist etwas
+dem Kriege Fremdes. Der Krieg ist mehr für den Verteidiger als für den
+Eroberer da, denn der Einbruch hat erst die Verteidigung hervorgerufen
+und mit ihr den Krieg. Der Eroberer ist immer friedliebend, wie
+Bonaparte auch stets von sich behauptet hat. Er zöge ganz gern ruhig in
+unsern Staat ein. Damit er dies aber nicht könne, darum müssen wir den
+Krieg wollen, und also auch vorbereiten, d. h. mit andern Worten: es
+sollen gerade die Schwachen, der Verteidigung Unterworfenen immer
+gerüstet sein, um nicht überfallen zu werden. So will es die
+Kriegskunst.
+
+ * * * * *
+
+Das frühere Erscheinen auf dem Kriegstheater hängt in den meisten Fällen
+von ganz andern Dingen ab, als von der Angriffs- oder Verteidigungsabsicht.
+Diese sind also nicht die Ursache, aber oft die Folge davon. Wer früher
+fertig wird, geht, wenn der Vorteil des Überfalls groß genug ist, aus
+*diesem* Grunde angriffsweise zu Werke, und der, welcher später fertig
+wird, kann den Nachteil, der ihn bedroht, allein durch die Vorteile der
+Verteidigung noch einigermaßen ausgleichen.
+
+Indessen muß es im allgemeinen als ein Vorteil des Angriffs angesehen
+werden, von der früheren Bereitschaft diesen schönen Gebrauch machen zu
+können; nur ist dieser allgemeine Vorteil keine unabtrennbare
+Notwendigkeit für jeden einzelnen Fall.
+
+Wie kein Verteidigungsfeldzug aus bloßen Verteidigungselementen
+zusammengesetzt ist, so besteht auch kein Angriffsfeldzug aus lauter
+Angriffselementen, weil außer den kurzen Zwischenperioden eines jeden
+Feldzugs, in denen sich beide Heere in der Verteidigung befinden, jeder
+Angriff, der nicht bis zum Frieden reicht, notwendig mit einer
+Verteidigung enden muß.
+
+Auf diese Weise ist es die Verteidigung selbst, die zur Schwächung des
+Angriffs beiträgt. Dies ist so wenig eine müßige Spitzfindigkeit, daß
+wir es vielmehr als den hauptsächlichsten Nachteil des Angriffs
+betrachten, dadurch später in eine ganz unvorteilhafte Verteidigung
+versetzt zu werden.
+
+Und hiermit ist denn erklärt, wie der Unterschied, der in der Stärke der
+offensiven und defensiven Kriegsform ursprünglich besteht, nach und nach
+geringer wird.
+
+ * * * * *
+
+Der Zweck des Angriffs ist: in den Besitz unseres Kriegstheaters oder
+wenigstens eines bedeutenden Teils davon zu gelangen, denn unter dem
+Begriff des Ganzen muß wenigstens die größere Masse desselben verstanden
+werden, da der Besitz eines Landstrichs von wenigen Meilen in der
+Strategie in der Regel keine selbständige Wichtigkeit hat. Solange also
+der Angreifende in diesem Besitz noch nicht ist, d. h. solange er, weil
+er sich vor unserer Macht fürchtet, entweder noch gar nicht zum Angriff
+des Kriegstheaters vorgeschritten ist, oder uns in unserer Stellung noch
+nicht aufgesucht hat, oder der Schlacht, die wir ihm liefern wollten,
+ausgewichen ist, so lange ist der Zweck der Verteidigung erfüllt, und
+die Wirkungen der Verteidigungsmaßregeln sind also erfolgreich gewesen.
+Aber freilich ist dieser Erfolg ein bloß negativer, der zu einem
+eigentlichen Rückstoß zwar nicht unmittelbar die Kräfte geben kann. Er
+kann sie aber mittelbar geben, d. h. er ist auf dem Wege dazu, denn die
+Zeit, die verstreicht, verliert der Angreifende, und jeder Zeitverlust
+ist ein Nachteil und muß auf irgendeine Art den schwächen, der ihn
+erleidet.
+
+ * * * * *
+
+Selten, oder wenigstens nicht immer, schreibt sich der Feldherr genau
+vor, was er erobern will, sondern er läßt es von den Ereignissen
+abhängen. Sein Angriff führt ihn oft weiter, als er gedacht hat.
+
+ * * * * *
+
+Wir haben gesehen, daß die Verteidigung im Kriege überhaupt, also auch
+die strategische, kein absolutes Abwarten und Abwehren, also kein
+vollkommenes Leiden ist, sondern ein relatives, folglich von mehr oder
+weniger offensiven Prinzipien durchdrungen. Ebenso ist der Angriff kein
+homogenes Ganze, sondern mit der Verteidigung unaufhörlich vermischt.
+Zwischen beiden findet aber der Unterschied statt, daß die Verteidigung
+ohne offensiven Rückstoß gar nicht gedacht werden kann, daß dieser ein
+notwendiger Bestandteil der Verteidigung ist, während beim Angriff der
+Stoß oder Akt an sich ein vollständiger Begriff ist. Die Verteidigung
+ist ihm an sich nicht nötig, aber Zeit und Raum, an die er gebunden ist,
+führen ihm die Verteidigung als ein notwendiges Übel zu. Denn erstens
+kann er nicht in einer stetigen Folge bis zur Vollendung fortgeführt
+werden, sondern erfordert Ruhepunkte, und in dieser Zeit der Ruhe, wo er
+selbst neutralisiert ist, tritt der Zustand der Verteidigung von selbst
+ein. Zweitens ist der Raum, den die vorschreitende Streitkraft hinter
+sich läßt und den sie zu ihrem Bestehen notwendig braucht, nicht immer
+durch den Angriff an sich gedeckt, sondern muß besonders geschützt
+werden.
+
+Es ist also der Akt des Angriffs im Kriege, vorzugsweise aber in der
+Strategie, ein beständiges Wechseln und Verbinden von Angriff und
+Verteidigung, wobei aber letztere nicht als eine wirksame Vorbereitung
+zum Angriffe, nicht als eine Steigerung desselben anzusehen ist, also
+nicht als ein tätiges Prinzip, sondern als ein bloßes notwendiges Übel,
+als das retardierende Gewicht, das die bloße Schwere der Masse
+hervorbringt. Sie ist seine Erbsünde, sein Todesprinzip. Wir sagen: ein
+retardierendes Gewicht, weil, wenn die Verteidigung nichts zur
+Verstärkung des Angriffs beiträgt, sie schon durch den bloßen
+Zeitverlust, den sie darstellt, seine Wirkung vermindern muß.
+
+ * * * * *
+
+Jeder Angriff muß mit einem Verteidigen enden. Wie dies beschaffen sein
+wird, hängt von Umständen ab. Sie können sehr günstig sein, wenn die
+feindlichen Streitkräfte zerstört sind, aber auch sehr schwierig, wenn
+dies nicht der Fall ist. Bei jedem Angriffe muß daher auf die ihm
+notwendig anhängende Verteidigung Rücksicht genommen werden, um sich auf
+die Nachteile, denen er unterworfen ist, gefaßt zu machen.
+
+ * * * * *
+
+Wo der Sieg gesucht wird, darf der offensive Teil in der
+Verteidigungsschlacht niemals fehlen, und von diesem offensiven Teile
+aus können alle Wirkungen eines entscheidenden Sieges hervorgehen, so
+gut wie aus einer reinen Offensivschlacht, so daß für die strategische
+Kombination im Grunde zwischen Angriffs- und Verteidigungsschlacht gar
+kein Unterschied besteht.
+
+ * * * * *
+
+Was wir von der Defensivschlacht gesagt haben, wirft schon ein großes
+Licht auf die Offensivschlacht.
+
+Wir haben dort die Schlacht im Auge gehabt, in der die Verteidigung am
+stärksten ausgesprochen ist, um ihr Wesen fühlbar zu machen. Die
+wenigsten Schlachten sind aber von dieser Art; die meisten sind halbe
+Renkontres, in denen der Defensivcharakter sehr verloren geht. Anders
+verhält es sich mit der Offensivschlacht. Sie behält ihren Charakter
+unter allen Umständen. Die Haupteigentümlichkeit der Offensivschlacht
+ist das Umfassen oder Umgehen.
+
+ * * * * *
+
+Das Gefecht mit umfassenden Linien gewährt an sich ganz offenbar große
+Vorteile. Es ist indes ein Gegenstand der Taktik. Diese Vorteile kann
+der Angriff nicht aufgeben, weil die Verteidigung ein Mittel dagegen
+hat. Denn dieses Mittel kann er selbst nicht anwenden, insofern es mit
+den übrigen Verhältnissen der Verteidigung zu eng zusammenhängt. Um den
+umfassenden Feind mit Erfolg wieder umfassen zu können, muß man sich in
+einer ausgesuchten und wohleingerichteten Stellung befinden. Aber was
+viel wichtiger ist, nicht alle Vorteile, die die Verteidigung darbietet,
+kommen wirklich zur Anwendung. Die meisten Verteidigungen sind dürftige
+Notbehelfe; die Mehrzahl der Verteidiger befindet sich in einer sehr
+bedrängten und bedrohten Lage, in der sie, das Schlimmste erwartend, dem
+Angriff auf halbem Wege entgegenkommen. Die Folge davon ist, daß
+Schlachten mit umfassenden Linien oder gar mit verwandter Front, die
+eigentlich die Folge eines vorteilhaften Verhältnisses der
+Verbindungslinien sein sollten, gewöhnlich die Folge der moralischen und
+physischen Überlegenheit sind.
+
+So wie in der Verteidigungsschlacht der Feldherr das Bedürfnis hat, die
+Entscheidung möglichst lange hinzuhalten und Zeit zu gewinnen, weil eine
+unentschiedene Verteidigungsschlacht gewöhnlich eine gewonnene ist, so
+hat der Feldherr in der Angriffsschlacht das Bedürfnis, die Entscheidung
+zu beschleunigen; aber andrerseits ist mit der Übereilung große Gefahr
+verbunden, weil sie zur Verschwendung der Kräfte führt.
+
+Eine Eigentümlichkeit der Angriffsschlacht ist in den meisten Fällen die
+Ungewißheit über die Lage des Gegners. Sie ist ein wirkliches
+Hineintappen in unbekannte Verhältnisse. Je mehr sie das ist, um so mehr
+ist Vereinigung der Kräfte geboten; um so mehr ist Umgehen dem Umfassen
+vorzuziehen.
+
+Daß die Hauptfrüchte des Sieges erst im Verfolgen errungen werden, ist
+an anderer Stelle hervorgehoben. Der Natur der Sache nach ist bei der
+Offensivschlacht die Verfolgung in höherem Maße ein unerläßlicher Teil
+der ganzen Handlung als in der Verteidigungsschlacht.
+
+ * * * * *
+
+Ein Stillstand im kriegerischen Akt ist streng genommen ein Widerspruch
+mit der Natur der Sache, weil beide Heere wie zwei feindliche Elemente
+einander unausgesetzt vertilgen müssen, so wie Feuer und Wasser sich nie
+ins Gleichgewicht setzen, sondern so lange aufeinander einwirken, bis
+eines ganz verschwunden ist. Was würde man von zwei Ringern sagen, die
+sich stundenlang umfaßt halten, ohne eine Bewegung zu machen? Der
+kriegerische Akt sollte also wie ein aufgezogenes Uhrwerk in stetiger
+Bewegung ablaufen. Aber so wild die Natur des Krieges ist, so liegt sie
+doch an der Kette der menschlichen Schwächen.
+
+Richten wir einen Blick auf die Kriegsgeschichte, so finden wir so sehr
+das Gegenteil von einem unaufhaltsamen Fortschreiten zum Ziel, daß ganz
+offenbar Stillstehen und Nichtstun der Grundzustand der Heere mitten im
+Kriege ist und das Handeln die Ausnahme. Es sind dabei drei Ursachen zu
+bemerken.
+
+Die erste, die einen beständigen Hang zum Aufenthalt hervorbringt und
+dadurch ein retardierendes Prinzip wird, ist die natürliche
+Furchtsamkeit und Unentschlossenheit des menschlichen Geistes, eine Art
+von Schwere in der seelischen Welt.
+
+Im Flammenelement des Krieges müssen die gewöhnlichen Naturen schwerer
+erscheinen. Die Anstöße müssen also stärker und wiederholter sein, wenn
+die Bewegung eine dauernde werden soll. Wenn nicht ein kriegerischer,
+unternehmender Geist an der Spitze steht, der sich im Kriege wie der
+Fisch im Wasser in seinem rechten Element befindet, oder wenn nicht
+große Verantwortlichkeit von oben drückt: wird Stillstand zur
+Tagesordnung und das Vorschreiten zu den Ausnahmen gehören.
+
+Die zweite Ursache ist die Unvollkommenheit menschlicher Einsicht und
+Beurteilung, die im Kriege größer ist als irgendwo, weil man kaum die
+eigene Lage in jedem Augenblick genau kennt, die des Gegners aber, weil
+sie verschleiert ist, aus wenigem erraten muß. Dies bringt denn oft den
+Fall hervor, daß *beide* Teile auch da einen und denselben Gegenstand
+für *ihren* Vorteil ansehen, wo das Interesse des einen überwiegend ist.
+
+Die dritte Ursache, die wie ein Sperrad in das Uhrwerk eingreift und von
+Zeit zu Zeit gänzlichen Stillstand hervorbringt, ist die größere Stärke
+der Verteidigung. Es kann vorkommen, daß beide Teile zugleich zum
+Angriff sich nicht bloß zu schwach fühlen, sondern es wirklich sind.
+
+ * * * * *
+
+Jeder Angreifende, der an seinem Gegner vorbeigehen will, ist in zwei
+ganz entgegengesetzte Bestrebungen verwickelt. Ursprünglich will er
+vorwärts, um den Gegenstand des Angriffs zu erreichen. Die Möglichkeit
+aber, jeden Augenblick von der Seite angefallen zu werden, erzeugt das
+Bedürfnis, nach dieser Seite hin in jedem Augenblick einen Stoß, und
+zwar einen Stoß mit vereinter Macht, zu richten. Diese beiden
+Bestrebungen widersprechen sich und erzeugen eine solche Verwickelung
+der inneren Verhältnisse, eine solche Schwierigkeit der Maßregeln, wenn
+sie für alle Fälle passen sollen, daß es strategisch kaum eine
+schlimmere Lage geben kann. Wüßte der Angreifende mit Gewißheit den
+Augenblick, wo er angefallen werden wird, so könnte er mit Kunst und
+Geschick alles dazu vorbereiten, aber in der Ungewißheit darüber und bei
+der Notwendigkeit des Vorschreitens kann es kaum fehlen, daß, wenn die
+Schlacht erfolgt, sie ihn in höchst dürftig zusammengerafften und also
+gewiß nicht vorteilhaften Verhältnissen findet.
+
+ * * * * *
+
+Eine strategische Umgehung mit der Absicht einer Gefechtsentscheidung
+hat, verglichen mit einem gewöhnlichen Angriff, den Charakter einer
+größeren Entscheidung, denn die Größe der Erfolge wird gesteigert, ihre
+Wahrscheinlichkeit aber vermindert. Eine solche Unternehmung ziemt also
+an sich dem Stärkeren, der durch seine Überzahl die Sicherheit des
+Erfolgs schon in einem gewissen Grade hat und dem es um einen recht
+großen Erfolg zu tun sein muß. Aber freilich kann man im Kriege niemals
+feststellen wollen, wie hoch der Feldherr seine eigene Kraft, d. h. sein
+Talent und sein Glück, in Anschlag bringen darf. Dies muß ihm
+schlechterdings überlassen bleiben: also der Grad der Kühnheit, womit er
+seinen Weg verfolgt. Die Theorie kann nur fordern, daß er die objektiven
+Verhältnisse alle kennt und richtig beurteilt, also nicht wagt, ohne es
+zu wissen.
+
+
+
+
+Betrachtungen und Ausblicke
+
+
+Niemals wird man sehen, daß der Staat, der in der Sache eines andern
+auftritt, diese so ernsthaft nimmt wie seine eigene. Eine mäßige
+Hilfsarmee wird abgesandt. Ist sie nicht glücklich, so sieht man die
+Sache ziemlich als abgemacht an und sucht so wohlfeil als möglich
+herauszukommen.
+
+Aber selbst dann, wenn zwei Staaten wirklich gegen einen dritten Krieg
+führen, so betrachten sie diesen doch nicht immer gleichmäßig als einen
+Feind, den sie vernichten müssen, damit er sie nicht vernichte, sondern
+die Angelegenheit wird oft wie ein Handelsgeschäft abgemacht; ein jeder
+legt nach Verhältnis der Gefahr, die er zu bestehen, und der Vorteile,
+die er zu erwarten hat, eine Aktie von soundsoviel hunderttausend Mann
+ein und tut, als könne er dabei nichts als diese verlieren.
+
+Die Sache würde eine Art von innerem Zusammenhang haben, und die Theorie
+des Krieges dabei weniger in Verlegenheit kommen, wenn diese zugesagte
+Hilfe dem im Kriege begriffenen Staate völlig überlassen würde, so daß
+er sie nach seinem Bedürfnis brauchen könnte. Alsdann wäre sie wie eine
+gemietete Truppe zu betrachten. Allein davon ist der Gebrauch weit
+entfernt. Gewöhnlich haben die Hilfstruppen ihren eigenen Feldherrn, der
+nur von seiner Regierung abhängt und dem diese ein Ziel steckt, wie es
+sich mit der Halbheit ihrer Absichten am besten verträgt.
+
+ * * * * *
+
+Es ist eine Eigentümlichkeit der Kriegführung Verbündeter, die nicht von
+der äußersten Gefahr zur Einheit und Konsequenz gedrängt wird, daß die
+geteilten politischen Interessen ihr Spiel treiben, Uneinigkeit,
+Widersprüche und zuletzt völligen Unsinn hervorbringen.
+
+ * * * * *
+
+Wenn eine Macht allein Krieg führt, mag sie Zeit und Kräfte nach
+Gefallen verschwenden. Es entsteht wenigstens kein zweiter Nachteil
+daraus. Aber bei einem Bündniskriege kann es nie fehlen, daß auffallende
+Untätigkeit des einen den andern entweder zu ebensolcher veranlaßt oder
+so empört, daß ein baldiger Bruch des Bündnisses erfolgt.
+
+ * * * * *
+
+Schon die Führung einer Armee, von der drei Viertel einem fremden
+Monarchen gehört, ist ein Auftrag ganz andrer Art als die Führung einer
+Armee entweder als Landesherr oder wenigstens mit der Autorität einer
+nach und nach in ihr erworbenen Feldherrnwürde. Wer fühlt nicht, daß man
+in seinem eigenen Hause ein ganz anderer Herr ist als in einem fremden,
+trotz aller übertragenen Machtvollkommenheit?
+
+ * * * * *
+
+Man kann ganz allgemein sagen, daß alle die unglücklichen
+Kriegsunternehmungen, die durch *eine Reihe* von Fehlern hervorgebracht
+sind, niemals in ihrem inneren Zusammenhang so beschaffen sind, wie die
+Allgemeinheit glaubt. Die Leute, die handeln, wenn sie auch zu den
+schlechtesten Feldherren gehören, sind doch nicht ohne gesunden
+Menschenverstand und würden nimmermehr solche Torheiten begehen, wie der
+Laie und die historischen Kritiker ihnen in Bausch und Bogen anrechnen.
+Die meisten Beurteiler wären erstaunt, wenn sie alle die näheren Motive
+des Handelns kennen lernten, und höchstwahrscheinlich ebensogut
+verleitet worden wie der Feldherr, der jetzt wie ein halber Schwachkopf
+vor uns steht. Fehler müssen allerdings vorhanden sein; nur liegen sie
+gewöhnlich tiefer, in Fehlern der Ansicht und in Schwächen des
+Charakters, die nicht auf den ersten Blick als solche erscheinen,
+sondern die man erst auffindet und deutlich erkennt, wenn man alle
+Gründe, die den Besiegten zu seinem Handeln bestimmt haben, mit dem
+Erfolg vergleicht. Dieses Finden des Wahren hinterher ist der Kritik
+gestattet; es kann ihr nicht höhnisch vorgeworfen werden, sondern ist
+ihr eigentliches Geschäft, das aber allerdings viel leichter ist als das
+Treffen des Rechten im Augenblick des Handelns.
+
+Es ist darum in der Tat eine Torheit, wenn wir fast sämtliche Armeen den
+Grundsatz befolgen sehen, über unglückliche Kriegsereignisse so wenig
+als möglich bekanntzumachen. Die Dinge, bis ins einzelne bekanntgemacht,
+werden sich immer viel besser ausnehmen als in Bausch und Bogen.
+
+ * * * * *
+
+So wie das Schlachtfeld strategisch nur ein Punkt ist, so ist die Zeit
+einer Schlacht strategisch nur ein Moment, und nicht der Verlauf,
+sondern das Ende und Ergebnis einer Schlacht ist eine strategische
+Größe.
+
+ * * * * *
+
+In der Strategie gibt es keinen Sieg. Der strategische Erfolg ist von
+der einen Seite die günstige Vorbereitung des taktischen Sieges. Je
+größer dieser strategische Erfolg ist, um so wahrscheinlicher wird der
+Sieg im Gefecht. Von der anderen Seite liegt der strategische Erfolg in
+der Ausnutzung des erfochtenen Sieges. Je mehr Ereignisse die Strategie
+durch ihre Kombinationen *nach* einer gewonnenen Schlacht in die Folgen
+derselben hineinzuziehen, je mehr sie von den nachfallenden Trümmern,
+deren Grundfeste durch die Schlacht erschüttert worden, an sich zu
+reißen vermag, je mehr sie in großen Zügen eintreibt, was in der
+Schlacht selbst mühevoll einzeln errungen werden mußte, um so
+großartiger sind ihre Erfolge.
+
+ * * * * *
+
+Die Kriegskunst auf ihrem höchsten Standpunkte wird zur Politik, aber
+freilich einer Politik, die statt Noten zu schreiben, Schlachten
+liefert.
+
+ * * * * *
+
+Man sagt eigentlich etwas ganz anderes, als man sagen will, wenn man,
+was häufig geschieht, vom schädlichen Einfluß der Politik auf die
+Führung des Krieges spricht. Es ist nicht dieser Einfluß, sondern die
+Politik selbst, die man tadeln sollte. Ist die Politik richtig, d. h.
+trifft sie ihr Ziel, so kann sie auf den Krieg in ihrem Sinne auch nur
+vorteilhaft wirken; und wo diese Einwirkung vom Ziel entfernt, ist die
+Quelle nur in der verkehrten Politik zu suchen.
+
+ * * * * *
+
+Die Aufgabe und das Recht der Kriegskunst der Politik gegenüber ist es
+hauptsächlich, zu verhüten, daß die Politik Dinge fordere, die gegen die
+Natur des Krieges sind, daß sie aus Unkenntnis über die Wirkungen des
+Instruments Fehler begehe im Gebrauche desselben.
+
+ * * * * *
+
+Nichts ist im Leben so wichtig, als genau den Standpunkt zu ermitteln,
+von dem die Dinge aufgefaßt und beurteilt werden müssen, und dann an ihm
+festzuhalten. Denn nur von *einem* Standpunkt aus können wir die Masse
+der Erscheinungen in ihrer Einheit auffassen, und nur die Einheit des
+Standpunkts kann uns vor Widersprüchen sichern.
+
+Gehört der Krieg der Politik an, so wird er ihren Charakter annehmen.
+Ist sie großartig und kräftig, so wird es auch der Krieg. Nur durch
+diese Vorstellungsart wird der Krieg zur Einheit, nur mit ihr kann man
+alle Kriege als Dinge *einer* Art betrachten, und nur durch sie wird dem
+Urteil der rechte und genaue Stand- und Gesichtspunkt gegeben.
+
+ * * * * *
+
+Die ungeheuren Wirkungen der Französischen Revolution nach außen sind
+offenbar viel weniger in neuen Mitteln und Ansichten der französischen
+Kriegführung zu suchen, als in der ganz veränderten Staats- und
+Verwaltungskunst, im Charakter der Regierung, im Zustande des Volkes
+usw. Daß die anderen Regierungen alle diese Dinge unrichtig ansahen, --
+daß sie mit gewöhnlichen Mitteln Kräften die Wage halten wollten, die
+neu und überwältigend waren: das alles sind Fehler der Politik. Man kann
+sagen: die zwanzigjährigen Siege der Revolution sind hauptsächlich die
+Folge der fehlerhaften Politik der ihr gegenüberstehenden Regierungen
+gewesen, wenn auch der eigentliche Überfall, von dem sich die
+Intelligenz getroffen fühlte, innerhalb der Kriegführung stattfand.
+
+ * * * * *
+
+Wenn blutige Schlachten ein schreckliches Schauspiel sind, so muß dies
+eine Veranlassung sein, den Krieg mehr zu würdigen, aber nicht die
+Waffen, die man führt, nach und nach aus Menschlichkeit stumpfer zu
+machen, bis einmal wieder einer dazwischenkommt mit einem scharfen
+Schwerte und uns die Arme vom Leibe weghaut.
+
+ * * * * *
+
+Ein Fürst oder Feldherr, der seinen Krieg genau nach seinen Zwecken und
+Mitteln einzurichten weiß, nicht zu viel und nicht zu wenig tut, gibt
+dadurch den größten Beweis seines Genies. Aber die Wirkungen dieser
+Genialität zeigen sich nicht sowohl in neuerfundenen Formen des
+Handelns, die sogleich in die Augen fallen, als im glücklichen
+Endergebnis des Ganzen. Es ist das richtige Zutreffen der stillen
+Voraussetzungen, es ist die geräuschlose Harmonie des ganzen Handelns,
+die wir bewundern sollten und die sich erst im Gesamterfolge verkündet.
+
+
+
+
+Inhaltsübersicht
+
+
+ Seite
+
+ Geleitwort des Herausgebers 3
+
+ Wesen und Ziel des Krieges 6
+
+ Kriegskunst und Theorie 10
+
+ Kriegerische Tugenden. Heer und Feldherr 15
+
+ Kriegsplan. Numerische Überlegenheit. Friktion im Kriege.
+ Ungewißheit der Nachrichten 31
+
+ Operationsbasis. Märsche. Festungen. Gebirgskrieg 37
+
+ Das Gefecht. Verluste. Reserven. Die Hauptschlacht.
+ Sieg und Verfolgung 43
+
+ Die verlorene Schlacht und der Rückzug 62
+
+ Verteidigung und Angriff 68
+
+ Betrachtungen und Ausblicke 81
+
+
+Druck der Spamerschen Buchdruckerei in Leipzig
+
+
+
+
+Bei der Transkription erfolgte Korrekturen:
+
+Folgende Berichtigungen am Originaltext wurden aus grammatikalischen
+oder Konsistenzgründen vorgenommen:
+
+- Im Kontext "mit einer guteingeölten Maschine": Änderung von "guteingeölt"
+in "gut eingeölt".
+
+- Im Kontext "Stoß zweier lebendigen Kräfte": Änderung von "lebendigen" in
+"lebendiger".
+
+- Im Kontext von "das ursprüngliche Motiv des Kriegs": Änderung von
+"Kriegs" in "Krieges".
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Grundgedanken über Krieg und
+Kriegführung, by Karl von Clausewitz
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK GRUNDGEDANKEN ÜBER KRIEG UND ***
+
+***** This file should be named 36693-8.txt or 36693-8.zip *****
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+Produced by Norbert H. Langkau, Heike Leichsenring and the
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+will be renamed.
+
+Creating the works from public domain print editions means that no
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+(and you!) can copy and distribute it in the United States without
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+set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
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+Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you
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+research. They may be modified and printed and given away--you may do
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+subject to the trademark license, especially commercial
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+*** START: FULL LICENSE ***
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+things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
+even without complying with the full terms of this agreement. See
+paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
+Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
+and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
+works. See paragraph 1.E below.
+
+1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
+or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
+collection are in the public domain in the United States. If an
+individual work is in the public domain in the United States and you are
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+are removed. Of course, we hope that you will support the Project
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+ of receipt of the work.
+
+- You comply with all other terms of this agreement for free
+ distribution of Project Gutenberg-tm works.
+
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+opportunities to fix the problem.
+
+1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth
+in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER
+WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
+WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
+
+1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
+warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages.
+If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
+law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
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+that arise directly or indirectly from any of the following which you do
+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at https://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at https://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit https://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including including checks, online payments and credit card
+donations. To donate, please visit: https://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+ https://www.gutenberg.org
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
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