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+The Project Gutenberg eBook, Das Trottelbuch, by Franz Jung
+
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
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+
+Title: Das Trottelbuch
+
+
+Author: Franz Jung
+
+
+
+Release Date: July 12, 2011 [eBook #36718]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+
+***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DAS TROTTELBUCH***
+
+
+E-text prepared by Jens Sadowski
+
+
+
+Das Trottelbuch
+
+Umschlag und Einbandzeichnung
+von _Franz Henseler_, München
+
+
+Franz Jung
+
+Das Trottelbuch
+
+
+
+
+
+
+
+Berlin-Wilmersdorf 1918
+Verlag der Wochenschrift DIE AKTION (Franz Pfemfert)
+
+
+
+
+Von Franz Jung erschienen bisher folgende Werke:
+
+Im Verlage der AKTION:
+
+_Sophie_. Ein Roman
+_Saul_. Ein Drama
+_Opferung_. Ein Roman
+_Flucht aus der Welt_. Ein Roman.
+
+Im Verlage Weißbach, Heidelberg:
+
+_Kameraden . . .!_ Ein Roman.
+
+
+
+
+Alle Rechte vorbehalten
+Copyright 1918 by Franz Pfemfert, Berlin-Wilmersdorf.
+Dieses Werk wurde gedruckt von H. Klöppel, Quedlinburg.
+
+
+
+
+Inhalt
+
+Trottel. Eine programmatische Einleitung
+Der Weg über den Berg
+Die Erlebnisse der Emma Schnalke
+Der tolle Nikolaus
+
+
+
+
+
+
+Trottel
+
+
+ Eine programmatische Einleitung
+
+
+Um einen Tisch des Café du Dôme saßen mehrere Herren. Eine Frau schritt
+draußen am Fenster vorbei.
+
+Sie hatten sie alle gekannt, und einige kannten sie noch.
+
+Einer las vor:
+
+Zwei junge Burschen stolpern aus einer Vorstadtkneipe in die Nacht.
+Blutjunge Burschen und sehr betrunken.
+
+Sie schlagen das Pflaster mit ihren Stöcken, sie johlen, krümmen sich vor
+Lachen, und sie schleppen die schwergewordenen Füße hinter sich her, daß
+sie von fern wie hinkende Greise erscheinen.
+
+Eine Katze huscht über den Weg.
+
+Die Betrunkenen bleiben stehen, die Lässigkeit ist aus ihren Gliedern
+gewichen, ein Rausch ballt sich zusammen. Sie jagen dem Tier nach,
+verstellen den Weg, sie schlagen mit ihren Stöcken -- -- als ob das Tier
+schuld wäre an ihrer Jugend und ihrer Betrunkenheit, so schlagen sie.
+
+Die Katze hält einen Baum an der Straße umkrallt und windet sich mit
+letzter Kraft hinauf.
+
+Die Burschen halten keuchend inne.
+
+Das Tier ist fast aus dem Bereich ihrer Stöcke, da holt der eine nochmals
+zum Schlag aus und trifft . . . . trifft das Rückgrat . . .
+
+Das Tier wendet den Kopf und starrt durch die Nacht -- starrt -- und
+gleitet dann -- ruckweise -- den Stamm herunter.
+
+Die beiden haben sich dann ohne Gruß getrennt.
+
+Einer warf ein:
+
+»Aber in jener Nacht schliefen sie nicht. Die Krallen gruben sich in ihr
+Hirn und lösten Krampf und Zuckungen aus.«
+
+Als niemand etwas sagte, fügte er schüchtern hinzu:
+
+»Wenigstens bei einem . . .«
+
+Da lachten sie alle.
+
+Plötzlich sagte wieder einer:
+
+»Ihr erinnert euch, ich sah sie einmal mit einem Commis oder Offizier oder
+sowas im Café. Ich ging damals an ihren Tisch und sagte: Du . . . du gehst
+nicht mit dem . . . komm. Ihr wißt, daß sie damals zu mir kam. Wir gingen
+in eine Kirche. Sie weinte. Es war sehr peinlich. Neulich war ich wieder in
+dieser Kirche, ich sah sie wieder vor mir . . . ich könnte mich heute
+ohrfeigen.«
+
+Sie nickten alle zustimmend.
+
+»Wenn ich damals an den vertrottelten Major geschrieben hätte . . .« sagte
+einer.
+
+Der andere las wieder vor:
+
+»Kann ich dafür, daß in Montmartre die Lichter stechen, kann ich dafür
+. . .?«
+
+»Hör auf, du zerreißt mich, bitte . . . bitte . . du -- du --«
+
+Weiter raste der Tanz.
+
+»Bleib bei mir. Komm, mich friert hier.«
+
+»Laß nur, Kleiner.«
+
+»Du . . .« es war ein Schrei.
+
+Ein Lächeln antwortet.
+
+Aber er liest eine Bitte um Verzeihung heraus und nickt.
+
+Das Weib rast und spiegelt sich in den Blicken aller.
+
+Weiter. Rausch. Schreie. Violinen.
+
+Er richtet sich auf, ballt die Faust, schreit: »Komm . . . «
+
+Ein Riß klafft in dem Taumel.
+
+»Haha . .« aber sie geht mit ihm.
+
+Der Freund ging mit ihnen. Sie waren nie allein, in ihrer Mansarde wohnten
+viele Freunde.
+
+Schnee lag auf den Dächern und taute, daß das Wasser in die Kammer tropfte.
+
+Er umkrallte die Hand des Freundes: »Wir haben zu sühnen, ich will ihr die
+Ruhe geben.«
+
+»Und verlasse mich . .« höhnte der andere ihm nach.
+
+»Ich habe bereits alles auf mich genommen . .« bat er wieder.
+
+»Es war eine wundervolle Nacht,« warf sie ein.
+
+»Nein,« heulte der eine.
+
+Sie lachte. »Ich hatte mich danach gesehnt . . . und gleich alle drei
+. .«
+
+Du wirst noch Orangen verkaufen, dachte der Freund. (Und der Vorleser
+lächelte selbstgefällig.)
+
+»Als ihr mich nahmt, war ich so befreit . .«
+
+»Du warst rein,« brüllte der eine. »Oh ich Schuft, aber ich werde dich noch
+. .«
+
+»Du blöder Hund.«
+
+»Du. Du weißt, wie ich dich liebe.«
+
+Sie wies mit einer Bewegung der Hand auf den Schnee über ihrem Fenster.
+
+Schweigen.
+
+Er starrte sie mit fiebernden Blicken an. Verflucht, dachte der andere,
+soll ich ihn halten?
+
+»Gut . . .« schrie der, »aber dann . . .« Er schwang sich hinaus.
+
+Ein Zucken ging über ihr Gesicht, sie rang in sich etwas nieder. Der Freund
+saß regungslos.
+
+Von draußen kam ein Kratzen und Schürfen. Dann ein Poltern, ein Schrei oder
+ein Lachen oder ein Wimmern --
+
+Man sah einen Ring über dem Dachrand zittern und brechen.
+
+Der Freund saß regungslos.
+
+In ihren Zügen lag ein Leuchten, ein Flackern, eine Flamme, eine
+Erstarrung, ihr Leben ballte sich zusammen. Sie sah den Freund ihr
+gegenüber beschmutzt, stinkend, schamlos in seiner Ohnmacht und Bestürzung.
+
+Dann zupfte sie den anderen am Rock und würgte lächelnd heraus: »Zwanzig
+Franken muß er noch haben.«
+
+Der Freund räusperte sich, er war erlöst.
+
+Dann gingen sie.
+
+Man schwieg eine Zeitlang am Tisch.
+
+Dann setzte einer schnell, wie um den anderen zuvorzukommen, hinzu: Zwei
+Freunde treffen sich in London. Der eine schwärmte: Ich habe ein Weib
+gefunden. Krampf und Zuckungen. Ich will den Rhythmus ihrer Liebe suchen.
+
+Der andere lächelt und sagt: »Dann mußt du ihr mehr zu saufen geben.«
+
+Während sie noch so sprachen, trat die Frau am Arm eines Fremden ins Café
+und schritt an ihrem Tisch vorbei.
+
+Die Herren standen auf und verbeugten sich.
+
+Sie trug eine entzückende Robe, und der Fremde sah aus wie ein russischer
+Großfürst. Vielleicht, daß in seinem Hemd Brillanten funkelten. Auch
+tranken die beiden Gott weiß was für teure Sachen.
+
+Die Herren hätten viel darum gegeben, wenn sie etwas von der Unterhaltung
+der beiden gehört hätten.
+
+Sie hörten aber nichts und machten nur die Wahrnehmung, daß beide sehr
+zufrieden aussahen.
+
+Er sog lächelnd an einer sicherlich exquisiten Zigarette, und sie führte
+von Zeit zu Zeit bedächtig das Glas an den Mund . . . .
+
+Am Tische der Herren fing schließlich einer wieder etwas zu lesen an.
+
+
+
+
+Der Weg über den Berg
+
+
+ (In drei Etappen)
+
+
+
+
+
+Der 50. Geburtstag
+
+
+Frau Päsel feierte ihren 50. Geburtstag.
+
+Frau Päsel wartete in einem Garten mit ihrer Tochter, der Frau König, zwei
+volle Stunden auf Herrn König, der unter dem Vorwande, einen Bekannten
+aufzusuchen, sich vom Tisch entfernt hatte und wahrscheinlich in einer
+Kneipe nebenan ein Wiedersehen begoß.
+
+»Du hättest ihn erst gar nicht gehen lassen sollen,« brummte die Alte.
+
+Die Tochter kniff die Augen zusammen und schien mit Tränen zu kämpfen.
+
+»Nu ja,« besänftigte die Mutter, »vertragen müßt ihr euch schon. Für dich
+ist es schwer.« Sie seufzte tief auf.
+
+Da kam Herr König.
+
+Er kam tänzelnden Schrittes, machte eine tiefe Verbeugung und rief lustig:
+»Guten Taaaag!«
+
+Wirklich ein fescher Kerl. So ein Schlingel -- -- dachte die Alte und bekam
+einen dicken, feuerroten Kopf. Dann schrie sie: »So treibst du's wieder, du
+besoffner Lump.«
+
+Herr König mühte sich, einen Zusammenhang zu finden.
+
+»So muß alles zu Grunde gehen,« jammerte seine Frau und beobachtete dabei
+einen Nebentisch, an dem irgend etwas vorgehen mußte, was Herr König nicht
+sehen konnte.
+
+Herr König blieb vorderhand ganz ruhig und setzte sich. Donnerwetter,
+dachte er, und immer leiser: Donnerwetter, die paar Glas Bier und so. Aber
+es wurmte ihn.
+
+Die Alte redete weiter:
+
+»Daß du dich auch gar nicht halten kannst. Gleich wieder den verfluchten
+Fusel.« Sie wischte sich den Schweiß von der Stirn.
+
+»Du siehst doch, wie sich die Mutter grämt,« warf die andere ein und hatte
+Verachtung im Blick.
+
+Frau Päsel weinte. Dann sagte sie sanft:
+
+»Willst du hier etwas essen?«
+
+»Nein.«
+
+»Aber iß doch, lieber Junge. Wie nett du aussiehst in dem neuen Hut . . .«
+
+»Fritz, so iß doch was.«
+
+»Halt die Fresse.«
+
+Herr König schlug auf den Tisch.
+
+»Ja, was ist denn -- -- vertragt euch doch, Kinder.«
+
+Frau Päsel zitterte.
+
+Die andere lachte auf.
+
+»Laß ihn doch, er ist ja besoffen.«
+
+»Was!? Das sollst du büßen. Warte nur . . .«
+
+»Aber Kinder . . .«
+
+»Das geht mir doch zu weit, oh warte. . .«
+
+Er keuchte vor innerer Erregung.
+
+»Sie hat es doch nicht so gemeint.«
+
+»Oh die -- das muß sein,« er schnappte mit der Stimme über.
+
+»Alle Leute werden ja auf euch aufmerksam,« flehte Frau Päsel. Sie war
+leichenblaß.
+
+Die andere riß die Augen weit auf, zog die Schultern automatisch ruckweise
+rauf und runter und stieß schrille, pfeifende Schreie aus.
+
+Die Alte hielt sie.
+
+»Um Gotteswillen, was ist dir denn?«
+
+»Der da -- der da -- der da« -- sie schrie weiter.
+
+Er stürzte mit erhobener Faust auf sie zu.
+
+»Sie hat wieder was, die Komödie, Aas verfluchtes.«
+
+Die umsitzenden Leute lachten. Ein Kellner sagte zu jemandem: »Was geht das
+Sie an . . .«
+
+Frau Päsel rang die Hände und stotterte vor sich hin: »Was ist denn los um
+Gotteswillen.« Ein entsetzlicher Gedanke fuhr ihr durch den Kopf: Wenn mich
+hier jemand kennt, um Gotteswillen, der Päsel. Dann schrie sie ihren
+Schwiegersohn an: »Dich kenn' ich jetzt.«
+
+Herr König war starr. Er nahm seinen Hut und ging hinaus.
+
+»Was ist denn, Kind?« jammerte die Alte.
+
+Die junge Frau stand hastig auf.
+
+»Mutter, er geht. Geh schnell.«
+
+Frau Päsel lief hinaus und erwischte ihn noch an der Straßenecke.
+
+»Wo willst du denn hin? Sei doch vernünftig.«
+
+»Ich kann das Frauenzimmer nicht mehr sehen.«
+
+Sie kam hinzu.
+
+»Was hab ich dir denn getan?«
+
+Sie weinte noch leise.
+
+»Ich will nicht mehr. Schluß. Immer dasselbe.«
+
+»Sprich doch nicht so . . .«
+
+»So versöhnt euch doch, Kinder. Was muß ich mit euch noch alles erleben.«
+Sie sah völlig gebrochen aus.
+
+»Mit Kerlen treibt sie sich rum und alles so, und wenn ich dann . . .«
+
+»Aber es hat ja niemand etwas gesagt,« mischte sich die Alte wieder hinein.
+
+»Ich will nicht!« Er schrie so laut, daß die Passanten stehen blieben.
+
+Frau König sah hilflos unschuldig aus. Sie schaute zu ihm auf und schien zu
+flehen: Siehst du, so bin ich. Nimm mich doch.
+
+Aber er hörte nichts. Er freute sich, daß ihm Unrecht geschah und fühlte,
+wie ein reißender Strom sie von seiner Seite fortriß und entführte.
+
+Die Frauen faßten ihn unter den Arm und lächelten.
+
+Er merkte, daß er müde war, und daß es vielleicht besser wäre, jetzt alles
+gut sein zu lassen, aber er riß sich mit einem Ruck los, daß Frau Päsel
+unter den Stand eines Obsthändlers rollte. Er sprang auf eine
+vorbeifahrende Tram und fuhr davon. Zu seiner Enttäuschung mußte er sich
+eingestehen, daß niemand hinter ihm her schrie.
+
+Abends auf der Heimfahrt sagte er zu seiner Frau:
+
+»Eigentlich haben wir nichts erreicht. Mit dem Pump wird es wohl jetzt
+nichts werden.«
+
+»Siehst du, die Mutter ist nicht mal mit auf die Bahn gekommen,« schmollte
+sie, »du bist auch immer so aufgeregt . . .«
+
+Er grübelte: Ob sie es weiß, daß sie mich betrogen hat, und weiter: aber
+der alten Kupplerin hätte ich es mal richtig geben sollen, und später: wenn
+wir nur erst allein wären . . . Sie hatten sechs Stunden zu fahren.
+
+Als sie dann im Abteil allein waren, küßten sie sich.
+
+
+
+
+Nächtliche Szene
+
+
+Gegen drei Uhr nachts stolperte der junge Bittner die Treppe zu seiner
+Dachwohnung hinauf. In dem dürftig ausgestatteten Zimmer brannte noch die
+Lampe. Die Anna Zöpfel lag angekleidet auf dem Bett und schlief.
+
+»So -- schrie er, hab ich dich erwischt!«
+
+Er rüttelte sie am Arm. Sie wachte auf und rieb sich die Augen.
+
+»Kommst du erst jetzt? Ich bin so müde. Mich friert.«
+
+»Was! Du -- du, du willst mir Vorwürfe machen? du --??« Er schrie, daß sie
+erschreckt sich aufrichtete. »Du -- hä, wo warst du denn? hä!?«
+
+Sie stammelte: »Ja, was soll das?«
+
+»Ah, ich habe es geahnt, ich weiß.«
+
+Er ging im Zimmer auf und ab.
+
+»Ich habe dich auf den Knieen gebeten, beherrsch' dich, ruiniere mich nicht
+durch deine Unüberlegtheit und Dummheit.«
+
+»Was hab ich denn aber getan?«
+
+Es war nur mehr ein leises Wimmern.
+
+»Nichts von heute und gestern. Aber es frißt. Weiß ich -- vielleicht vor
+einem Jahr und vor Wochen, alles das Kleine, die Verzeihungen . . .« Er
+schnappte nach Luft.
+
+Da merkte sie, daß er betrunken war und sagte leise:
+
+»Geh doch jetzt schlafen.«
+
+Er ließ sich neben sie nieder, ballte die Faust.
+
+»Du hast alle gegen mich ausgespielt, ich bin allein, verlacht, du hast
+mich zerrieben -- zwischen Steinen, getreten, bespieen und immer noch
+geschworen, du hättest mich lieb.«
+
+Sie starrte ihn verängstigt an. Er umspannte ihr Gelenk.
+
+»Ich habe keine Ruhe mehr, ich bin krank, matt -- oh du!«
+
+Er krallte sich tiefer ein. Sie fing an zu jammern.
+
+»Ich hab doch auf dich gewartet.«
+
+»Warte nur, du Aas!« Er zog eine Fresse und kniff die Augen zusammen.
+
+»Sieh nur, wie verändert du sprichst,« höhnte er.
+
+Sie weinte. Dann riß sie sich los und schrie: »Laß mich!«
+
+Die Haare hatten sich gelöst, die Miene war straff und hart. Er krallte
+sich tiefer ein.
+
+Sie heulte auf wie ein verwundetes Tier und suchte sich seiner mit den
+Füßen zu erwehren.
+
+Da schlug er sie.
+
+Er schlug mitten hinein ins Gesicht, ruckweise, überlegen, wie ein Schütze,
+der ins Schwarze zielt.
+
+Ihre Augen zuckten. Immer neue und fremde Gesichter sah er erstehen, und in
+jedes schlug er sie.
+
+Er fühlte, daß er manchen Vorgänger zu töten hätte.
+
+Immer wieder, maschinenmäßig.
+
+Es wurde für Sekunden totenstill. Dann gellten Schreie, kalt, wie hinter
+dem eigentlich Menschlichen, sie bohren, fressen. Schreie. Sie stand mitten
+im Zimmer, das Gesicht verzerrt, schrie. Der Schweiß rann ihm von der
+Stirn, er stürzte ihr nach, sprach auf sie ein. Er riß an den
+krampfzitternden Wangen und küßte sie. Die Schreie lösten sich in ein
+monotones Heulen auf. Er ging wieder zitternd auf und ab.
+
+Unter ihnen wurde geklopft, im Hause gingen Türen, Stimmen wurden laut.
+
+»Sei doch wenigstens jetzt still« -- flüsterte er.
+
+Seine Annäherung peitschte ihre Sinne, sie schrie wilder, stoßender.
+
+Es klopfte an der Tür. Hausgenossen lugten scheu herein.
+
+Er brummte etwas von einem Anfall, Hysterie.
+
+Der im zweiten Stock wohnende Trambahnschaffner schrie ihn an: »Sehn Sie
+denn nicht, daß die Frau krank ist!?«
+
+Das Blut rann aus ihren Kratzwunden.
+
+Einige Weiber sprachen ihr gut zu und gaben ihr Wasser. Eine streichelte
+ihr Haar.
+
+Anna beruhigte sich langsam.
+
+Einer brummte etwas von »Skandal« und »gebildete Leute sein«, die Frauen
+warfen auf Bittner giftige Blicke.
+
+Dann gingen sie.
+
+Er saß am Bettrand und murmelte vor sich hin: »So weit ist es also
+gekommen. Alles hat sie sich vernichtet. So weit.« Dann wurde es wieder
+eine ganze Weile still.
+
+Sie stand in einer Ecke und weinte leise.
+
+Er dachte: Das arme Ding. So dumm und unüberlegt. Soll ich wieder gut sein
+oder ihr an die Gurgel fahren -- für das alles wieder --
+
+Und während er noch so grübelte, ging er zur Tür hinaus. Langsam tastete er
+die dunkle Treppe wieder hinunter, er hörte die Ketten hinter sich
+nachschleifen.
+
+Eigentlich bin ich dumm, fühlte er, ich hätte mich versöhnen sollen, wenn
+auch -- und so. Und morgen wird uns der Wirt rauswerfen. Schließlich ist
+sie doch auch schwanger. Zu dumm.
+
+Langsam sperrte er das Tor wieder auf und ging schleppenden Schrittes in
+die Nacht hinaus.
+
+Ab und zu fuhr er zusammen. Ein Auto jagte vorüber. Wenn er jetzt darunter
+läge. Es schrie jemand.
+
+Er schleppte sich weiter. Durch endlose Straßen, Schritt für Schritt. Er
+dachte nichts mehr. Zuweilen noch zuckte es in ihm nach und polterte dumpf.
+
+
+
+
+Josef
+
+
+Sie zankten sich.
+
+Er erklärte ihr, daß er sie im allgemeinen nicht ernst nehme, daß er ihre
+Erregung irgendeiner Krankheit zuschreiben müsse, es wäre ihm im übrigen
+auch gleichgültig und so.
+
+Sie schrie ihn an: »Pack dich!«
+
+Dann bekam sie einen feuerroten Kopf.
+
+»Du blöder Einfaltspinsel!« Sie spuckte aus.
+
+Er entgegnete ruhig: »Du wirst dich beherrschen müssen.«
+
+Aber in seinen Worten zitterte etwas Geheimes, Verstecktes, Lauerndes.
+
+Er sagte: »Wenn du die Sache satt hast, so geh'.«
+
+Sie lachte gereizt: »Das willst du mir sagen, du -- aber warte!« Sie zerriß
+eine Photographie und warf ihm die Stücke vor die Füße.
+
+»So -- sie spuckte wieder aus -- ich geh'!«
+
+Dann lief sie dem Haus zu.
+
+Er setzte sich in die Laube und dachte:
+
+Was ist eigentlich, warum der Streit? Er versuchte sich der Vorgänge zu
+erinnern, ich habe sie zwar gescholten -- vorhin -- wegen der Bemerkungen
+-- aber sie sah mich so feindselig an -- ja, wieso eigentlich?
+
+In der Laube saß Josef.
+
+Er achtete nicht auf ihn.
+
+Josef war der kleine Sohn des Wirtes und auf einer Seite gelähmt. Er fuhr
+mit dem Finger die Tischritzen entlang und stieß kurze Schreie aus.
+
+Der Mann achtete nicht auf ihn. Er dachte weiter: Da unten liegt sicher
+mein Bild, was wird sie tun? Was soll das alles? -- Er sah sich Jahre
+zurück, wie er sie liebte, wie er bebte und getroffen wurde. Und
+schließlich ist sie mit mir verwachsen, fühlte er. Vielleicht ist sie auch
+über mich hinaus -- er erschrak.
+
+Eine peinigende Angst befiel ihn.
+
+Nein -- zitterte es in ihm -- mit dieser Behandlung ist es nichts. Soll ich
+ihr nach, sie küssen, um Verzeihung bitten wie früher -- oder still sein?
+
+Rasender Schmerz fraß an ihm.
+
+Er fühlte plötzlich, wie tief er Josef haßte.
+
+Was tut er hier, warum schlägt man ein solches Vieh nicht tot? Nur zum Ekel
+lebt er.
+
+Er hörte ihre Stimme. Sie stand in einem Kreis von Leuten und schien sehr
+erregt. Sie schrie und weinte und lachte dann wieder auf.
+
+Josef humpelte scheu aus der Laube heraus.
+
+Ein kleines Mädchen sammelte Steine in einen Schubkarren.
+
+Josef zeigte auf die Steine und schrie.
+
+Das Mädchen lachte und fragte ihn etwas.
+
+In der Luft lag Milde. Die Sonne brannte. An den Kirschbäumen waren die
+ersten Blüten.
+
+Josef stand mit gesenktem Kopf und lauschte. Dann schleppte er das eine
+Bein nach und drehte sich auf dem anderen langsam herum.
+
+Josef tanzte.
+
+Die Gartentür fiel ins Schloß.
+
+Der Mann in der Laube fuhr auf. Wenn sie jetzt geht -- dachte er, mag sie
+mich wieder verleumdet haben, bespieen, alles wieder breitgetreten -- vor
+den Leuten da, es ist gleich, ganz gleich, und es rang sich etwas empor in
+ihm, gewaltsam, es war für ihn schon zu spät, darüber klar zu werden, er
+schrie verzweifelt: »Du -- du --«
+
+Aber es klang hart und rauh und befehlend.
+
+Er schrak zusammen, gestand sich, daß es so weich und mild hätte klingen
+sollen.
+
+Es war zu spät.
+
+Doch er fühlte sofort: Nein, nicht zu spät. Sie wird wiederkommen,
+vielleicht wird es doch wirken. Sie wird sich damit beschäftigen. Ich werde
+sie dann prügeln -- wie früher, als sie auf dem Boden lag und ich ihr den
+Haß aus den Augen schlug. Sie braucht das. Was tut's, ich verliere einige
+Stunden, was tut's.
+
+Eine quälende Unruhe hatte ihn erfaßt.
+
+Er rief den Wirt und wies lachend auf Josef. Auch der Wirt lachte. Dann
+ging er zu seinem Sohn und faßte ihn grob am Arm.
+
+»Was tust du hier, hä? Habe ich dir nicht verboten . . . !?«
+
+Josef hing regungslos in der Faust des Vaters.
+
+Er gab keinen Laut von sich, als man ihn in seine Bodenkammer schleppte.
+
+Der Mann ging im Garten auf und ab.
+
+Ich werde sie doch anders behandeln, dachte er, mehr nach außen, mit Liebe.
+Wenn sie kommt, werde ich vielleicht vorerst gut zu ihr sein.
+
+Er wurde zufrieden und lächelte. Die Stücke seines Bildes hob er auf und
+verwahrte sie in seiner Brusttasche. Sie wird sich freuen, fühlte er.
+
+Das Mädchen sammelte weiter Steine.
+
+Ab und zu erschien Josef in der Dachluke und stieß schrille, pfeifende
+Schreie aus.
+
+Es klang wie der Schrei wandernder Affen im Urwald.
+
+Der Wirt bediente lächelnd seine Gäste. Wenn man ihn totschlagen könnte,
+dieses Rabenaas, knurrte er, und bediente lächelnd weiter.
+
+Spätabends kam sie heim.
+
+Er saß im Zimmer und wartete.
+
+Sie beobachtete ihn lauernd und sagte schnell: »Weißt du, wen ich getroffen
+habe, den T. Es war riesig nett.«
+
+»Laß nur. Eigentlich wollte ich mit dir noch fortgehen, aber jetzt . . .«
+
+»Ach ja. Er wird noch warten -- im Café -- er wußte ja nicht . .« fügte sie
+schelmisch hinzu.
+
+Er stimmte traurig zu. Eine bohrende Angst quälte ihn.
+
+Nur keine weiteren Worte, fühlte er, und wie gehetzt erzählte er von Josef,
+dem Tanz und dem Wirt und nannte ihn irgendwie.
+
+Seine Worte bekamen Würde, daß sie erstaunt zu ihm aufsah. Dann schritten
+sie schweigend durch die Nacht.
+
+
+
+
+Die Erlebnisse der Emma Schnalke
+
+
+ (Nach einem Kouplet: . . . . Der Liebe Glück und Seligkeit . . . .)
+
+
+
+
+
+I.
+
+
+Die Person, um die es sich hier hauptsächlich handelt, heißt Emma Schnalke.
+Oder auch anders. Das hat nichts zu sagen. Mit vierzehn Jahren wurde sie
+auf die Straße gesetzt. In rascher Aufeinanderfolge war sie bei einem
+Zahnarzt, in einem Konfektionsgeschäft, Beerdigungsinstitut, Friseurladen,
+Schirmgeschäft, im Chor eines Operettentheaters. Es gefiel ihr nichts.
+
+Die Männer, die ihr auf dem nächtlichen Heimwege vom Tanzlokal in die Augen
+sahen, erschraken und gestanden sich enttäuscht: Es ist nichts. Sie sucht
+etwas.
+
+Gern war sie mit älteren Leuten zusammen. Sie log ihnen ein Dirnenleben
+vor.
+
+Mit 16 Jahren kam ein Rausch über sie, der sie erhob und entzückte. Ein
+Schüler brachte sie zur Kunstschule und zeigte sie den Professoren.
+
+Sie huschte durch die Säle und tanzte und jubelte, und wohin sie kam, war
+ein Aufleuchten. Wie etwas Neues, Fernes, das zu ihnen gekommen war, das
+alle erstaunte und wiederum auch war wie etwas, das alle erwartet hatten.
+So huschte sie durch die Säle und war ihnen bei jeder Arbeit dabei.
+
+Oft saß sie auf einem zierlich gezäumten Roß, mit Schellen und Trotteln,
+als Edelfräulein, den Jagdfalken auf der Hand. Dann war es, als ob allen
+eine Erscheinung aufginge, es kam etwas Erhabenes in diese jungen Köpfe,
+und der jüngere der Professoren ging manchmal an den Steigbügel, hob sie
+herab und drückte ihr einen scheuen Kuß auf die Stirn.
+
+Nach solchen Tagen schritt sie taumelnd durch die Straßen, mit schlottrigen
+Kleidern, eine Nachtwandlerin, oder saß an den Ufern des Flusses und griff
+nach den Lichtfetzen, die die Strahlen der Bogenlampen ins Wasser rissen.
+
+Keiner wagte es auszusprechen, was alle fühlten. Künstler waren wohl kaum
+darunter. Indessen, diese jungen Leute waren sich bewußt, einen vom
+alltäglich bürgerlichen etwas abweichenden Standpunkt einnehmen zu müssen,
+auch in den Äußerungen ihres Gefühlslebens, und sie mühten sich darum. Sie
+waren ihr dankbar, daß sie ihnen gleichsam die Gelegenheit bot, ihre
+Zugehörigkeit zur Kunst zu empfinden und vor sich selbst zur Schau zu
+tragen.
+
+Ein Flackern kam in ihre Augen, und mancher krümmte sich wie unter einem
+Spott. Es war wie eine geheime Abmachung unter ihnen, ein Schauer, der
+jeden gefangen hielt, der die groteske Tragödie eines schal gewordenen
+Märchens mitanzusehen gezwungen war. Es gährte in diesen Köpfen, eine Wut
+stieg auf und ein Begehren, wenn die Straßenmodelle den Saal verlassen
+hatten.
+
+Manchmal saß sie nackt auf dem Pferde, und Bäume waren rings herum
+aufgestellt, die mithelfen sollten, die Idee einer längst verbrauchten
+Romantik in die Wirklichkeit umzusetzen. Es blieb ein Torso, und sie litten
+darunter. Ihre Kraft erlahmte, und ihre Kunst ging weit, weit fort. Aber
+sie schwiegen.
+
+Unter den vielen war einer, der rang mit sich in manchen Nächten, und sein
+heißes Blut schrie.
+
+Der Rausch und die Ruhe begann zu schwinden, der Blick wurde beseelt und
+bewußt, und einer, der draußen vor der Stadt das Gurren der Tauben vernahm,
+schlug sich vor die Stirn: er kannte es wieder.
+
+Aufregung hatte sich aller bemächtigt, mit dem schwindenden Rausch entwand
+sie sich ihnen.
+
+Es gab keine Märchen mehr.
+
+Einmal kam der ältere der Professoren zu seinem Kollegen und fragte: »Der
+H. hat mir erzählt, du willst heiraten?«
+
+Der andere schwieg.
+
+»Die v. B.?«
+
+Minuten des Schweigens verstrichen.
+
+»Und deine Kunst?« Sein Gesicht verzerrte sich, als wollte ein Pfui sich
+durchringen.
+
+Der andere beschwor ihn. Dann sprudelte es hervor. Seine Liebe zur »Katze«,
+seine Qualen, seine Gesichte, das Heilige, und seine Ängste um seine Kunst
+und um seine Professur -- -- Aber er würde sie zu sich nehmen -- Es klang
+immer bestimmter, je länger er sprach.
+
+Der Alte drückte ihm die Hand, dann redeten sie mit ernsten Mienen längere
+Zeit, und etwas Sieghaftes lag in ihren Augen.
+
+Es klopfte: -- die Katze.
+
+Verlegenheit war um sie, schwand bald, und es klang herausfordernd:
+
+»Ich habe eigentlich eine kleine Bitte, ich möchte gern 100 Mark geborgt
+haben, ich will etwas ins Gebirge fahren.«
+
+Der Alte zeigte auf den anderen:
+
+»Wende dich an ihn« -- und mit bedeutungsvollem Lächeln ging er hinaus.
+
+Es würgte in dem anderen, Trauer und Angst, ein Fremdes, Dumpfes bedrückte
+ihn. Eine Sekunde lang stieg alles Liebe und Herzliche in ihm auf:
+
+»Du -- (er zwang sich) -- willst fortfahren?«
+
+»Ja -- mit dem Kapellmeister, du weißt -- Eine kleine Spritztour.«
+
+Noch einmal versuchte er ihre Seele zu ketten, all' seinen Schmerz
+konzentrierte er auf ein süßes, tiefes -- Du --, das er im Innern fühlte.
+Er rang und griff, aber griff ins Leere. Dann ging er langsam zum Sekretär
+und nestelte umständlich an einer Kassette.
+
+Die Bewegungen waren seltsam gezwungen, ihre Augen blieben stumpf und
+verschleiert. Eine Lüge war im Zimmer.
+
+»Hier hast du -- -- Wann sehen wir uns wieder?«
+
+»Danke schön. Nächste Woche --«
+
+Dann klang es hart: »Ich brauche dich zu einer Magdalena.«
+
+»Ja, ja --« Sie huschte hinaus.
+
+
+
+
+II.
+
+
+Wochen vergingen, es wurde Winter. In die Kunstschule ging sie nicht mehr.
+Allabendlich stand sie vor dem Variété und wartete auf ihre Gesellschaft.
+Der Kapellmeister, zwei Sängerinnen und ein Kraftmensch. Dieser entzückte
+die ganze Stadt, wenn er einen Wagen mit vier Insassen auf dem Nacken trug
+oder mit Kanonen balanzierte.
+
+Er war der Schwarm verheirateter Frauen.
+
+Er schleppte sie durch die Caféhäuser und Bars, begleitet in
+ehrfurchtsvollem Abstande von Studenten, Kommis, Kellnern und Nachtmädchen.
+Oft saßen sie in größerer Gesellschaft in den Separés der Hotels, es wurde
+Wein getrunken, Musik gemacht und getanzt.
+
+Mitunter verirrte sich auch ein Künstler unter die Gesellschaft. Meistens
+blieben sie aber allein. Sie saß zitternd mitten drin, wie ein flügellahmer
+Vogel, nur ihre Augen flackerten Sehnsucht und heißes Begehren.
+
+Man wußte in diesen Kreisen nie, was morgen war, und immer trennte man sich
+in der Besorgnis, die eine süße Erwartung war, sich nicht mehr
+wiederzusehen.
+
+Jeweilig zwei Tage vor seinem letzten Auftreten in irgendeiner Stadt
+pflegte der Athlet seinen Geburtstag zu feiern. Dann ging es hoch her. Die
+Katze saß unter all' dem lärmenden Volk an seiner Seite. Sie zitterte und
+ertappte sich dabei, wie sie irgendeine läppische Redensart, die gerade am
+Tisch gefallen war, immer wieder vor sich hersprach. Sie fürchtete sich,
+aber die Stimmung riß sie mit fort. Die Blumenarrangements, die ihm von den
+Frauen auf die Bühne geschickt worden waren, schmückten die Tafel, die
+zahllosen Einladungen zu Dämmerstunden und Soupers, die sie immer wieder in
+die Hand nahm und durchlas, der Wein, die Lichter -- kurz, es kam ein
+roher, plumper Ton in ihren Verkehr, sie scherzte mit ihm. Sie hatte ihre
+Haare zu einem Knoten zusammengebunden und eine rote Sammetkappe
+darübergestülpt. Ihre Bewegungen bekamen etwas gewollt Unfertiges und
+Kindliches.
+
+So saß sie unter den Betrunkenen, und eine qualvolle Unruhe bedrückte sie.
+Oft lachte sie plötzlich laut auf oder küßte den Athleten und drückte sich
+an ihn oder erinnerte sich irgendeines fernstehenden Menschens, der ihr ein
+lieber Bruder und Führer hätte sein können. Wenn der da wäre, dachte sie
+manchmal, der oder auch der -- Warum ist niemand da? -- Vielleicht gerade
+heute -- --
+
+In manchen Augenblicken fühlte sie etwas Verfehltes in sich, ein
+Nichtzuendekommen, Haß stieg in ihr auf, und sie warf sich dem Athleten an
+die Brust oder streichelte seine Fleischerhände.
+
+Sie wurde betrunken, die Augen funkelten.
+
+Da nahm er sie an der Hand und führte sie hinaus. Drinnen johlten die
+anderen. Er trug sie in sein Zimmer und küßte sie. Die Lichter verlöschten.
+Der Lärm kam aus weiter Ferne und drang nicht mehr zu ihnen. Ab und zu
+hörte man ein Schlürfen, verwischte Laute sich entfernender Stimmen, ein
+letztes Poltern.
+
+Die Stunden waren bitter, da er mit ihrer Seele rang, aber sie wurde blind
+-- vor dem Tier, das vor ihr winselte und bettelte.
+
+Wozu? Der Löwe und die Katze -- -- fühlte sie.
+
+So nahm er sie.
+
+Es folgten Tage wie Feuerbrände und die Stunden des ersten Erwachens. Sie
+schlug ihn blutig. Er fesselte sie an den Bettpfosten. Und immer stand sein
+Diener Bill, der abends die Gewichte schleppte, dabei, unbeweglich,
+lauernd, immer bereit, alle Wünsche zu erfüllen und die Befehle seines
+Herrn sofort zu vollziehn.
+
+So erkannte sie sich wieder und die Erinnerung kam. Sie reisten ab. Sie
+wohnte bei seinen Eltern, und er nannte sie seine Braut. Dann reiste sie
+mit ihm. Es lag etwas Verjüngtes in seinen Schritten, die Blicke verloren
+das Starre, Herzlose -- während sein Weib in einem Hotelzimmer verblutete.
+
+Er betrog sie in Brüssel und Marseille und gab Unsummen aus für Brillanten,
+mit denen er sie, um seiner Eitelkeit zu schmeicheln, herausputzte.
+Schließlich hatte er sich sogar an sie gewöhnt und fühlte einen Anflug von
+Liebe, wie er Schlächtergesellen eigen ist. Manchmal dachte er daran, ein
+Gut zu kaufen und so im bürgerlichen Leben unterzutauchen. Mit der Zeit
+sehnte er sich sogar danach. Sie wurde von den Französinnen und
+Engländerinnen beneidet, manche beschenkten sie. Oft fuhr sie des Nachts in
+Gesellschaft auf dem Züricher See, man war freundlich zu ihr und wollte ihn
+kennen lernen. Dann kam sie manchmal nach Haus und biß ihn, daß man auf
+seiner Brust abends die Spuren sehen konnte. Oder sie schlug ihm vor dem
+Hotelpersonal die Faust ins Gesicht.
+
+Er wurde weich wie ein Kind und liebte sie. Monatelang nahm er kein
+Engagement an. Und auch Bill wurde entlassen.
+
+Seine Mutter drängte sich an sie und schmeichelte, wie Schlächterfrauen zu
+schmeicheln pflegen. Die ganze Familie fing wieder an zu verarmen, niemand
+arbeitete.
+
+Da, eines Tages, nahm sie aus dem Koffer den Rest seines Geldes und blieb
+verschwunden. Krank, mit fiebernden Augen bat sie bei ihrer Mutter um
+Unterkunft.
+
+Aus ihren Träumen kam hin und wieder ein Auflachen, das man um Mitternacht
+um dunkle Straßenecken hört.
+
+
+
+
+III.
+
+
+Tage und Wochen vergingen. Tiefste Bitterkeit kämpfte mit wiedererwachter
+Sinnlichkeit, es wurde ein Haß des Vernichtenwollens, des letzten
+Auslöschens. Die Männer, die ihr bisher im Leben begegnet waren, gaben das
+Bild ab, an das sich ihre Erregungen klammerten. Sie bespie und verfluchte
+sie und glaubte, sie mit Füßen treten zu müssen. Oft saß sie mit starren
+Blicken, die Hände zusammengekrampft, und träumte, sie hielte eine Gurgel
+umkrallt.
+
+Visionen erschienen ihr und erfüllten sie mit Ekel. Dann ging sie nachts in
+ein Rummellokal und tanzte mit den Mädchen von der Straße, wild und
+zügellos. Aller Blicke begleiteten sie, die Weiber beschwerten sich, manche
+fauchten, die Männer blieben still.
+
+Es war ihnen ein Kribbeln in die Glieder gefahren, ein frischer Rhythmus,
+sie streckten sich und ihre Gesichter wurden geschäftig, als ob jeder sie
+erwartete, und jeder eine Mission zu erfüllen hätte. Der Tanzmeister, bei
+dem man sich beschwerte, aber dachte: Vielleicht ist noch ein Geschäft mit
+ihr zu machen -- und zuckte lächelnd die Achseln.
+
+An einem dieser Tage war es, daß sie erschöpft zusammenbrach, und einer der
+umstehenden Jünglinge bedauernd sagte: Wie ein gehetztes Reh. Das Wort
+durchzuckte sie wie ein Blitzstrahl und wurde eine Erkenntnis für sie.
+Immer wieder wiederholte sie für sich: Gelt, wie ein gehetztes Reh.
+
+Wie ein Kind, das die Mutter streichelt: Geltel -- wie 'hetztes Reh.
+Zitternd lief sie nach Haus und weinte.
+
+Anderntags kamen Kriminalbeamte und holten sie zur Polizeiwache. Es
+handelte sich um die überall übliche Verleumdung seitens einer Freundin,
+die die Beamten auf sie aufmerksam gemacht hatte.
+
+»Wir kennen Sie schon --« so empfing man sie.
+
+Die Leute da hatten ein selbstbewußtes, fettes Lachen, ihre Bäuche
+zitterten vor Vergnügen und der, der das »Mensch« zu verhören hatte,
+trommelte mit dicken Tintenfingern auf dem Pulte herum. Er wackelte
+mißtrauisch mit dem kahlen Schädel.
+
+Aus aller Augen leuchtete eine Befriedigung, wie nach einem guten
+Frühstück, man konnte sie noch schmatzen hören. Wirklich ein angenehmer und
+interessanter Dienst . . . die Weiber . . . und meine zu Hause . . . Hä hä
+. . . so dachten sie.
+
+Sie aber fühlte: Hunde.
+
+Dann wurde sie entlassen. Kein Wort des Bedauerns, kein Wort der
+Entschuldigung.
+
+Schweinehunde!
+
+Einer rief leise nach: »Na, dann das nächste Mal.« Ihre Fressen zogen sich
+zu einem Grinsen, einige scharrten mit den Füßen, einer schneuzte sich,
+einer seufzte aus Gewohnheit tief auf, ein Geräusch von Schreibutensilien
+-- dann schleppte sich der Dienst bis zum nächsten Fall weiter.
+
+Nun saß sie fast immer zu Haus und weinte. Manchmal las sie zwischendurch
+auch Bücher aus Budapest mit Abbildungen, die frühere Verehrer
+zurückgelassen hatten.
+
+Es war, als ob sie stumpf geworden wäre, oft fühlte sie in sich ein Tier,
+das vor Wut und Schmerzen heulte. Und immer sah sie ein Kind vor sich, das
+jämmerlich schrie und zur Mutter wollte.
+
+Ihre Seele verwirrte sich, und ihr Gefühl wurde täglich enger.
+
+Ich muß das Leben bespeien und alles vernichten -- -- fühlte sie.
+
+Es war widerlich zu sehen, wie ihre Mutter, die ein altes Unrecht glaubte,
+wett machen zu müssen, um sie herumschwänzelte und Zukunftspläne
+schmiedete. Es war widerlich anzusehen.
+
+Man sollte sie vor den Bauch treten -- -- das Aas -- -- dachte sie.
+
+»Du wirst schon deiner alten Mutter noch Glück bringen,« tröstete die, »ich
+habe noch nichts gehabt in meinem Leben, du bist noch jung und die Männer
+-- sei schlau --«
+
+Ja, du Aas -- treten --
+
+Und eines Tages kam ein Mann -- Fabrikbesitzer oder so was --, der sie von
+früher her flüchtig kannte und auf der Straße jetzt gesehen hatte, und
+machte ohne alle Umschweife ein Gebot. 300 Mark monatlich und für später
+eine größere Summe.
+
+Die Mutter tänzelte und setzte Kaffee an, sonstige Hausfreunde wünschten
+Glück.
+
+Sie aber mühte sich verzweifelt um einen Gedanken, der allen Dreck
+wegwischen könnte, aber sie fand ihn nicht und ging fort, ohne mit dem Mann
+zu sprechen. Dem Kerl wurde bedeutet, er solle noch warten und nächstens
+wiederkommen. Er ging, seelenvoll, mit schmerzlichem Augenaufschlage grüßte
+er die Bekannten, die er traf, und wartete. Er hatte es sich eigentlich
+anders gedacht.
+
+Den gleichen Nachmittag kam noch ein anderer Mann, an den man geschrieben
+hatte. Er stellte Künstlertruppen zusammen und reiste. Nach der Türkei und
+Rußland, durch Österreich und Italien. Auch er machte ein Angebot: Freie
+Wohnung, freies Essen, freie Kleidung, freier Unterricht in Gesang und
+Tanz. Als sie zurückkam, traf sie ihn noch an. Er war entzückt und wollte
+nochmal seine Frau mitbringen.
+
+»Damit Sie sehen, daß es bei mir anständig zugeht,« meinte er.
+
+Sie fühlte nichts mehr, alles war in ihr welk und abgestorben. Um ihre
+Mundwinkel lag dämonische Grausamkeit.
+
+Sie nahm sich von ihrer Mutter die goldene Uhr, die nach allerdings
+zweifelhaften Angaben ein Erbstück war, und verkaufte sie einem Trödler.
+Noch denselben Abend reiste sie in die nächste Hauptstadt. Sie fühlte: Nur
+fort. Allein sein. Weit fort von diesen Leuten.
+
+Als ihr Zug in der Morgendämmerung in die Halle einlief, empfand sie ein so
+unendliches Siegesgefühl, einen Rausch wiedergewonnener Freiheit, der sie
+beglückte. Langsam ging sie nach dem Innern der Stadt zu, um den
+heraufkommenden Morgen zu erwarten. Sie wollte vorläufig bei irgendeiner
+entfernteren Bekannten ihrer Mutter wohnen.
+
+Bitteres Weh drängte sich auf: Arbeiten und gut werden -- dann kam es ihr
+aber wieder sehr lächerlich vor, und sie lachte.
+
+Ihr Weg führte an den Markthallen vorbei. Robuste Gesellen luden das
+Fleisch auf. Wildes Stimmengewirr.
+
+Die Schritte wurden zögernd, zitternd wollte sie vorbeischleichen. Die
+niedrigen und blutrünstigen Begierden dieser Leute hatten sie indessen
+schon gewittert.
+
+Sie fing an zu laufen. Rohe Worte prasselten hinter ihr drein. Einer lief
+nach, erhaschte den flatternden Rock und wischte sich seine blutigen Hände
+drin ab. Knochenstücke flogen der Fliehenden an den Kopf.
+
+Tolles Johlen toste hinter ihr drein, bis es langsam im Lärm der ein- und
+ausfahrenden Wagen unterging.
+
+Blutbefleckt, mit Straßenkot bespritzt, schleppte sie sich auf eine
+Promenadenbank und brach zusammen.
+
+Eine mitleidige Frau brachte sie in ihr Haus und ließ sich erzählen.
+
+Drei Tage und drei Nächte saß sie in einem dunklen, kahlen Zimmer, das sie
+für wenige Pfennige gemietet hatte. Dann schrieb sie nach Haus und bat um
+Reisegeld.
+
+An einem Sonnabend kam sie zurück, mit toten, kalten Blicken, voll Ekel und
+Verachtung.
+
+»Man muß das Leben und alles vernichten --« und ihr Kindliches stieß sie
+von sich -- »mit Füßen treten muß man --«
+
+Sonntag wurde sie engagiert, und den nächsten Tag reiste sie mit der Truppe
+ab.
+
+
+
+
+IV.
+
+
+Sie war freudig bei der Arbeit, es war wie eine heilige Sache für sie. Ihr
+Tanz atmete die scheue Zurückhaltung, die Greise zu Phantasten macht. In
+vielen Städten und viele Wochen lang tanzte sie so. Die Verehrung, mit der
+man sie umgab, glitt an ihr vorüber und rührte sie nicht. Sie hatte ihren
+Haß und nährte ihn, aber sie wurde zusehends schwächer. Sie wurde müde in
+ihrem Ekel und sehnte sich. Nach dem Fernen und Weichen, dem Streicheln und
+Einschläfern, dem Katzenhaften und Kindlichen. Die Erinnerung wachte auf
+und brachte auch wieder die Eitelkeit mit. Abends saß sie inmitten ihrer
+Gesellschaft, unberührt von den Gesprächen rings um sie herum, und sehnte
+sich so.
+
+Es war dies die Zeit, wo sie fast täglich an ihre Mutter schrieb. Ein neues
+Aufatmen schien gekommen.
+
+Und einer war, der zu ihr sprach mit leiser Stimme, von Dämmerung und
+verträumtem Zittern, von asketischem Insichhineinversenken und ewiger
+Einsamkeit.
+
+Er beweinte im voraus, daß er sie nie besitzen würde. Sie lächelte oder war
+auch plötzlich bitterernst, und streichelte seine Hand, abwesend, wie eine
+unbeteiligte Fremde. Dann pflegte er mit hohler, vibrierender Stimme Verse
+zu zitieren, manchmal auch eigene, und er bevorzugte den Refrain:
+
+ Daß ich noch einmal würde lieben,
+ Ich hätt' es nimmermehr gedacht!
+
+
+Es war ein Schauspieleleve, der schon eine Anzahl bürgerliche Berufe hinter
+sich hatte. Aber es kam so genau nicht darauf an, denn er lebte bei den
+Eltern.
+
+Einmal kam sie nach einer heißen Nacht zu ihm und gab ihm leicht blinzelnd
+die Hand. Es war wieder Bewegung in ihr. Sie schmiegte sich an ihn und
+lauerte.
+
+Da sagte er: »Sprich nicht so laut. Meine Mutter ist krank, zwei Zimmer
+weiter -- -- --« und wies mit der Hand.
+
+»Du -- -- --« sie knackte mit den Fingern, es klang gurgelnd, drohend, ein
+Befehl, dann aber in eisiger Ironie: »komm mit.«
+
+Er nahm ein Bild vom Schreibtisch und schenkte es ihr. Mit resignierter
+Miene überreichte er die Widmung: Daß ich noch einmal u. s. w.
+
+Dann ging er mit ihr durch die Straßen. Sie waren still und bedrückt.
+Plötzlich lachte sie auf, gröhlte und summte vor sich hin. Einen
+Gassenhauer mit höchst eindeutigem Text. Er war starr, wie aus dem Gleis
+geschleudert, grinste indigniert und benahm sich auch sonst seltsam, wie es
+ein Mann tut, den die Verlegenheit überrascht. Was ist das nur, so wunderte
+er sich, aber er schwieg, und sie wurde auch wieder still. An ihrer Wohnung
+verabschiedete sie ihn, und er versuchte seinem Mienenspiel, das noch immer
+eine gewisse Bestürzung zeigte, einen hündischen, treu besorgten Zug mit
+beizumischen.
+
+Wenige Stunden später polterte es an ihrer Tür.
+
+Er war betrunken und bat um Einlaß. Die Haare waren zerzaust, die Kravatte
+verschoben. Mit funkelnden Augen stand er da, bald flüsterte er Kosenamen,
+dann wieder besann er sich und stammelte von einer dringenden Angelegenheit
+oder seufzte weh und verzichtend, wie von Schmerz zerrissen, dann wieder
+drückte er an die Klinke, und sein Gesicht wurde weich und zart. Aber die
+Tür blieb verschlossen. Er schwor sogar, daß er für sie alles aufgeben
+wolle, aber sie schwieg und rührte sich nicht. Ein neuer Rausch war über
+sie gekommen, eine dumpfe Macht, die sie verwirrte und gefangen hielt.
+
+Sie schrieb an den Herrn v. B., der sie seit einigen Tagen verfolgte, ein
+Billet: »Erwarten Sie mich noch heute nach Schluß, und bringen Sie den Pelz
+mit.«
+
+Herr v. B. sprang von seinem Divan auf. Was ist das? -- -- Jaso -- -- der
+Pelz. Dann betrachtete er im Spiegel wohlgefällig sein hageres Gesicht, den
+englischen Schnitt. Er lächelte überlegen.
+
+Abends brachte er einen wundervollen echten Pelz, einen entzückenden Pelz.
+Sie hüllte sich hinein und war wieder Kind. Plauschte und stotterte, die
+ganze Gesellschaft nahm sie gefangen.
+
+Herr v. B. feierte Triumphe. Seine Freunde -- die ganze Stadt -- -- oh, es
+war wirklich ein Triumph. Er war fast traurig und gerührt, seine Augen
+wurden gläsern.
+
+Dann nahm sie ihn mit in ihr Zimmer hinauf. Sie ließ ihn eine Melodie
+summen und tanzte vor ihm. Sie kuschte sich zu ihm und trieb zu tausend
+Kapriolen und Späßen. Oder sie fuhr ihm an die Gurgel und streichelte dann
+sein erschrecktes Gesicht. Oh, es war reizend.
+
+Herr v. B. schwitzte und dachte in süßestem Selbstbewußtsein: Gerade ich --
+-- ja -- -- höchst seltsam und wunderbar -- --
+
+Sie zwickte und puffte ihn und stieß ihn zu Boden. Ein schwerer Rausch
+hielt sie umfangen.
+
+Er begann, wie aus einer Familientruhe heraus, seine Gefühle auszupacken
+und sprach von Liebe und Glück und ähnlichem. Eine hüpfende Seligkeit war
+in ihm. Oh, es war reizend -- -- -- ja gerade ich -- -- fühlte er nur immer
+wieder. An alle Bekannten dachte er.
+
+Der Morgen kam grau und abweisend, wie ein Henker.
+
+Da stieß sie ihn mit Fußtritten von sich. Ihr Gesicht war aschgrau und
+verzerrt, das Haar hing in dürren Strähnen.
+
+Herr v. B. fühlte: Das ist kein Erwachen, ich komme um den Genuß. Er
+versuchte sie zu beruhigen und sprach schöne Worte.
+
+Sie spie ihn an, eine Flut von Flüchen schwoll ihm entgegen.
+
+Dann schrie sie laut auf und Krämpfe schüttelten ihren Körper.
+
+Das Hotelpersonal lief zusammen, der Direktor kam, Kollegen.
+
+Man wusch sie mit kölnischem Wasser, alle standen ratlos.
+
+Herr v. B. blutete aus vielen Kratzwunden, aber er achtete nicht darauf.
+Herr v. B. blieb ein Ehrenmann. Er behob das Peinliche der Situation durch
+eine kurze Erklärung, bat den Direktor zu einer vertraulichen Aussprache
+auf den Korridor und stellte seine Dienste nach jeder Richtung hin zur
+Verfügung. Seine Hand zitterte, als er vor einem Spiegel die Blutrinnsel
+aus dem Gesicht entfernte. Er hatte einen greisenhaften Zug bekommen, er
+kam sich selbst wie ein zerhackter Häher vor. Es fehlte nicht viel, und er
+hätte ein ganz klein wenig gelächelt.
+
+Er schrieb einen Brief: »Teuerste -- -- wenn Ich Ihnen irgendwie noch
+behilflich sein könnte -- -- -- --« aber der erreichte sie nicht mehr.
+
+Ein paar Stunden später hatte sie sich aus dem Koffer des Direktors einiges
+Reisegeld genommen und war verschwunden.
+
+
+
+
+V.
+
+
+Es kam alles anders, wie sie gefürchtet hatte. Der Direktor schrieb einen
+versöhnlichen Brief, sie solle nur ruhig zurückkommen, sie würde es schon
+noch zu was bringen.
+
+In den Tagen, da sie zu Haus war, frischte sie alte Bekanntschaften wieder
+auf. Sie erschrak vor ihrer inneren Unruhe und suchte sich zu betäuben. Man
+muß das Leben vernichten -- -- -- erinnerte sie sich.
+
+Ein Distriktsbeamter aus einer afrikanischen Kolonie bemühte sich um sie
+und wollte sie mitnehmen. Dies schien ihr der Rausch, den sie suchte. Nur
+nicht denken -- -- -- -- fühlte sie. Ihr Blick bekam etwas lauerndes,
+haßerfülltes, etwas vom Vampyr. Schwere Tage schlichen dahin, und tolle
+Nächte verbluteten in rasendem Taumel.
+
+Eines Tages war der Afrikaner verschwunden.
+
+Er traute nicht.
+
+Sie erließ Aufforderungen in die Blätter, sie ließ ihn suchen durch die
+Polizei und Privatdetektivs. Es half alles nichts, er blieb verschwunden.
+Niemand kannte seine Adresse, und man hörte nichts mehr von ihm.
+
+Schließlich fuhr sie wieder ihrem Direktor nach und wurde der Stern der
+Truppe. Ein Schwarm junger Männer war um sie. Blumen und Schmucksachen
+flogen ihr zu. Sie verschenkte alles wieder. Mit kaltem Lächeln und
+brennendem Ekel. Zwei Monate lang lebte sie so und immer war der Direktor
+um sie herum und nannte sie seine Tochter. Er ließ sie nicht aus den Augen
+und lebte von ihr.
+
+Da erhörte sie einen ihrer hündischen Anbeter, der ihr von Stadt zu Stadt
+gefolgt war, und verließ die Truppe.
+
+Es war schon ein gereifter Mann, der irgend eine größere kaufmännische
+Position innehatte und in Petroleum spekulierte.
+
+Sie täuschten sich ein gewisses Frühlingsglück vor und waren oft still und
+traurig.
+
+Wenn sie Hand in Hand auf den Dünen entlang schritten oder den Rhein
+hinabfuhren, stiegen Erinnerungen in ihnen auf, und eine opferwillige Liebe
+ergriff ihn. Er sprach von dem Herbst seiner Liebe und der Hütte, die er
+errichten wolle, denn er hatte bei seinem gelegentlichen Umgange mit
+Künstlern sehr wohl auf deren Umgangsformen geachtet. Er traf Anstalten zum
+Ankauf eines Häuschens, das mitten im Walde gelegen war, und überhäufte sie
+mit Erbstücken von seiner Mutter und Großmutter.
+
+Sie fühlte von alledem nichts. Sinnlichkeit raste in ihr und rüttelte. Wenn
+sie sich ihm gab, fühlte er eine bittere Trockenheit aufsteigen und
+prasselndes Feuer, das sich in den Leib fraß. Er wurde in den Taumel mit
+hineingerissen. Ein unendliches Mitleid quälte ihn, und in den Nächten der
+tiefsten Ermattung rang er mit dem Entschluß, alles von sich zu werfen und
+zu heiraten. Ihr Leben wurde immer trauriger und drückender. Er fürchtete
+für seine Liebe und bebte vor deren Ende. Er fühlte sich der Situation
+nicht mehr gewachsen. Die Hilflosigkeit verstärkte indessen noch seine
+Liebe, und er fand keinen Ausweg mehr.
+
+Sie verlor allmählich ihre Sicherheit. Sie sträubte sich dagegen, als
+Heilige verehrt zu werden. Ein dämonischer Wille erfüllte sie, ihn darin zu
+erschüttern. Sie bot sich seinen Freunden an oder inszenierte auf der
+Straße einen Zank und schlug ihm den Hut vom Kopf. Sie wußte mit seiner
+Liebe nichts anzufangen und wollte sie nicht, nur Haß und Vernichtung.
+
+Sie nahm Weiber zu sich, er sah nichts. Sie trug sich mit dem Gedanken, ihn
+zu vergiften, er achtete nicht darauf. Sie zeigte ihre Wirtin wegen
+Kuppelei an, er lächelte darüber.
+
+Die ganze Stadt war voll von Gerüchten, und man riet ihm, sie aufzugeben.
+Aber in ihm lebte eine Hoffnung von einer über alles kostbar belohnten
+Mission, die ihn alles vergessen ließ.
+
+Auch ihn hatte jetzt der Rausch erfaßt.
+
+Eines Tages hielt sie ihm den Revolver unter die Nase.
+
+»Ich bin schwanger!«
+
+Sein Gesicht strahlte reine Freude.
+
+»Ich will kein Kind von dir -- -- --« ein Aufschrei in wildem Haß.
+
+Er lächelte und entwand ihr die Waffe.
+
+»Du bist doch mein -- --« und wollte sie umarmen.
+
+»Du langweiliges Spielzeug -- -- -- -- sie spie aus -- -- -- -- ich hab'
+dich satt.«
+
+Die Umrisse im Zimmer begannen sich zu verwischen. Aller Schmerz stieg in
+ihr auf. »Nichts denken« -- -- schrie sie. Sie sah sich in dieser Sekunde
+und ihr ganzes Leben. Der Rausch zerbarst.
+
+Die Krampfanfälle kamen wieder. Er lag zu ihren Füßen wie ein geprügelter
+Hund. Er hätte weinen wollen, bitten wie ein Kind, aber er fühlte, er war
+nicht rein genug. Ein Gefühl der Befriedigung zog ein, er wurde sich der
+Held eines Romanes und hatte seinem Leben endlich einen Inhalt gegeben.
+
+Er schrieb ihr nach Haus Briefe, die eines gewissen poetischen Schwunges
+nicht entbehrten. Ich will immer auf dich warten, so schrieb er, die Sonne
+wird auf- und untergehen und ich werde sie nicht sehen, solange du nicht
+bei mir bist -- -- -- -- und -- -- -- -- ich will mit dir hassen lernen.
+Der Mutter schickte er Geld und schrieb: Pflegen Sie sie mir gut. Wenn
+alles vorüber ist, will ich hinkommen und mit ihr sprechen. Und dann kam
+er. Sie sah ihn mit scheuen Augen an und fürchtete sich. Sie dachte: Was
+will er nur von mir?
+
+Oder sie schleifte ihn abends durch die Tanzsäle und suchte sich zu
+betäuben. Aber es gelang nicht mehr. Ihr Haß hatte sich entwurzelt, und
+ihre Seele war ausgebrannt. Sie sprach mit grausamem Lächeln von ihren
+Erinnerungen oder bot sich ihm an, mechanisch, wie eine Uhr, die täglich
+aufgezogen werden muß.
+
+Es wurde ihm unheimlich. Der Roman war doch nicht nach seinem Geschmack. Er
+sprach hin und wieder mit ihrer Mutter, schließlich reiste er ab. Sein
+Innenleben war ausgelöscht. Ein unbestimmtes, dumpfes Gefühl bedrückte ihn
+und wollte auch späterhin nicht mehr von ihm weichen, selbst wenn er die
+größten Geschäfte machte.
+
+
+
+
+VI.
+
+
+In dieser Zeit war es, daß ein junger Mann zu ihr kam. Bei einem Konzert
+hatte er sie inmitten einer großen Gesellschaft gesehen und ihren suchenden
+Blick gefühlt. Er ließ große Inserate in die Tageszeitungen einrücken,
+worin er um ein Rendezvous bat. Aber sie las ja keine Zeitungen. Zufällig
+traf er sie nach Wochen wieder und sprach sie an. Schließlich kam er dann
+jeden Tag zu ihr.
+
+Er war im allgemeinen scheu und zurückhaltend und verlangte nichts. Sie
+beschäftigte sich nicht allzuviel mit ihm, aber sie empfand, daß von ihm
+etwas von der Kraft reiner, wahrer Liebe ausging und fühlte eine wonnige
+Beruhigung. Manchmal sprach er den ganzen Tag kein Wort, er wollte nur um
+sie sein und träumen -- -- sagte er.
+
+Es war wirklich eine Beruhigung für sie. Oft seufzte sie in einsamen
+Nächten: Wer doch gut sein könnte, so gut.
+
+Dieses Wort hatte für sie einen besonderen Klang bekommen.
+
+Es lag soviel Befriedigung und Sehnsucht darin. Es war, als ob sie langsam
+an seinen Worten gesunden sollte.
+
+Seines Zeichens war er Journalist und beschäftigte sich auch privatim mit
+schriftstellerischen Arbeiten. Sie arbeiteten zusammen mit zwei Listen. Die
+eine führte er, auf der die Daten der Geburts- und Todestage aller großen
+Männer und Frauen verzeichnet waren, während sie die zweite Liste führte,
+auf der die Zeitungen und Journale angestrichen wurden, die refusiert oder
+angenommen hatten, mit rotem oder blauem Stift -- je nachdem. So wußte sie
+auch immer, wieviel Geld einkam.
+
+Manchmal las er künstlerische Versuche vor und enthüllte sein Innerstes
+schonungslos, seine Begierden und Befriedigungen. Und über allem schwebte
+sie, die Unantastbare, die Königin, die da kommen mußte, und der alles
+bereitet war.
+
+Sie las viel in den Schriften der neuen Generation, und jede Zeile war ihr
+ein süßer und billiger Trost.
+
+Aber es wurmte noch etwas in ihr und bäumte sich auf. Ein Bodensatz. Es
+kamen noch Tage, wo sie ihn floh. Es kamen noch Nächte, da sie durch
+Tanzsäle raste. Aber die Reste ihrer Kraft schwanden immer wieder, so daß
+sie bald zu ihm zurückkehrte. Sie fand ihn stets wie ein treues Tier
+wartend, voll Dankbarkeit.
+
+Er litt, doch es war eine tröstende Gewißheit um ihn.
+
+Auch als sie noch einmal mit einer Lüge zu ihrem Kaufmann reiste. Auf acht
+Tage. Sie kam wie eine Fremde und dachte auf Schritt und Tritt an ihren
+armen Jungen. Noch vor der Zeit war sie wieder bei ihm. Sie raffte alle
+Schönheiten in ihrer Erinnerung zusammen, wie jemand, der vor den Trümmern
+seines abgebrannten Hauses das letzte sucht, und sie bauten darauf auf. Mit
+blutendem Herzen tat der andere seine Phantasie hinzu.
+
+Dann aber drückte sie wieder ihre Stille.
+
+Ein neuer Taumel riß sie mit fort.
+
+Sie betrog ihn mit einem Studenten, der ihr über den Weg lief -- -- --
+nein, sie betrog ihn nicht, sie sagte es ihm.
+
+Er hetzte hinter ihr her, Tag und Nacht.
+
+Noch einmal war alles Rausch in ihr und Grausamkeit.
+
+Dann aber würgte sie die Scham, etwas Neues, Unbekanntes. Urplötzlich griff
+sie zu und riß sie zu Boden und schleuderte sie herum und zerrte und zog.
+Die Scham.
+
+Sie saß an einem Caféhaustisch unter lärmenden Gesellen. Man sprach
+Persönliches und schien sie vergessen zu haben. Ringsum gleichgültige
+Menschen, mit dreckigem Lachen und blinzelnden Augen. Und fernes
+Musikgepolter. Lüge und Einsamkeit.
+
+Da stand sie auf und lief hinaus. Jubelnd lief sie in seine Wohnung, frei
+und strahlend. Er war nicht da, sie schrieb. Tage vergingen. Endlich lag es
+vor ihr: Ich habe unter Qualen auf dich gewartet. Du wirst mich finden.
+
+Ihre Stimmung war verflogen. Sie schüttelte den Kopf: Das war es nicht, was
+sie erwartet hatte. Wochenlang lebten sie nebeneinander her, es keimte
+Mißtrauen zwischen ihnen.
+
+Ich habe was verpaßt, fühlte er, -- -- oder der Eigensinn -- -- -- --
+
+Sein Vater war in alles eingeweiht und traf Anstalten für eine dauernde
+Verbindung. Sie sahen einen heißen Kampf unter sich vor Augen, doch der
+Sieg schien sicher. Das Wort >gut< hatte eine zu tiefe Bedeutung für sie
+gewonnen, und sie baute sich aus dem Gelesenen ein System zusammen, das sie
+freisprach und befriedigen sollte. Er selbst trug dazu bei und stellte sie
+in den Mittelpunkt von Komödien und Novelletten, die er an die
+Zeitschriften verschickte, mit Rückporto versehen.
+
+Ihre Abende vergingen etwa so, daß sie daran dachte, wem sie wohl von ihren
+früheren Freunden Verlobungsanzeigen schicken solle, während er Verse
+deklamierte und sich pathetisch mit den fahrenden Sängern des Mittelalters
+verglich.
+
+Es war eine himmlische Ruhe in ihr. Der Blick begann sich für das Leben zu
+schärfen. Sie hatte wieder ihren suchenden Blick. Sie begann zu hänseln und
+zu widersprechen. Zu dem anfangs gutmütigen Spott gesellte sich unmerklich
+Bosheit und Hohn. Aus dem sichern Gefühl eines wiedererwachten
+Selbstbewußtseins heraus.
+
+Sie trieb ihn zu Freunden und Gesellschaften. Ihr Blick wurde unstät und
+flackernd. Da kam sie mit einem seiner Bekannten, dem Werner, zusammen und
+wurde nachdenklich und unruhig.
+
+Aber es war eine Unruhe, die ihr neu war, und die sie entzückte. Sie
+zitterte, wenn sie den anderen nach ihm fragte.
+
+Er schien sie nicht zu beachten, denn er war fast immer betrunken. In
+seinen Bewegungen war wie Entschuldigung, und seine Blicke hatten etwas
+Hilfloses, Verzichtendes. Das war einer, der haßte und vernichtete. Ein
+Kind.
+
+Da hielt aber auch der andere seine Zeit für gekommen, und eine geheime
+Furcht, seine Bemühungen ergebnislos zu sehen, ließ ihn alle Besonnenheit
+vergessen. Er fühlte, wie sie seinen Händen entglitt. Er zermarterte sich
+den Kopf; aber er fand keinen Anhaltspunkt mehr.
+
+Es war plump, wie er sein Spiel verloren gab. Er fühlte es selbst, es war
+plump.
+
+Ganz unvermittelt drängte er in sie, ohne Übergang, ungeschickt, mit
+verlegenem Lächeln. Er griff zu Reizmitteln und stammelte Andeutungen. Oh,
+es war sehr plump.
+
+Ein Abgrund tat sich auf.
+
+Sie hatte den Moment seit Wochen gewittert und empfing ihn: »Du -- -- also
+auch einer,« sie lachte verächtlich. »Pfui Teufel!«
+
+Er versteckte sich hinter einem Wortschwall, er empfand eine Lust sich zu
+erniedrigen und dachte: es ist gewiß meine letzte Niederlage. Wo liegt der
+Fehler -- -- -- --
+
+»Ja, ja -- -- so bin ich!« schrie er.
+
+Es folgte jetzt eine Szene, von der man nicht weiß, ob sie sich wirklich
+abgespielt hat. Sie zerrten sich, spieen sich an, er riß sie an den Haaren
+im Zimmer herum, sie riß ihm die Fetzen vom Leibe, er fühlte ihren Mund in
+Wollust zittern -- -- -- -- -- -- ihren heißen, süßen Mund. Er sah das
+Zittern, aber er wußte nicht, ob etwas war. Er wurde stumpf und sank
+ermattet in sich zusammen.
+
+Anderntags schrieb sie:
+
+»Ich danke dir vieles, vielleicht alles, meinen Körper kann ich dir nicht
+geben. Nie! Mich ekelt. Daß du es weißt . . . . .«
+
+Wieder einen Tag später schrieb sie:
+
+»Schicke mir durch den P. etwas Reisegeld, ich muß nach Haus fahren.«
+
+Ihre Seele war frei, sie fühlte: ein Tempel. Es war ihr, als ob sie etwas
+unendlich Zartes und Heiliges behütete. Erregt schritt sie im Zimmer auf
+und ab oder lief weit hinaus vor das Tor der Stadt. Sie fühlte dieses
+Glücksgefühl dumpf und in süßer Ungewißheit emporwachsen. Und immer
+wiederholte sie sich: Nur nicht denken.
+
+Die Leute entsetzten sich, als sie durch die Straßen zum Bahnhof ging. Alle
+hielten sie für betrunken. Sie lehnte sich zum Coupefenster hinaus, und
+alles war verklärt. Die Leute, die rauchgeschwärzte Halle. Die Trains
+donnerten in die Halle, Lokomotiven kreischten und pfiffen. Es waren ihr
+himmlische Fanfaren. Dann setzte sich der Zug in Bewegung.
+
+Jemand rief:
+
+»Also leb wohl und grüß mir . . . . .«
+
+Aber das galt ihr nicht.
+
+
+
+
+VII.
+
+
+Einige Tage später erhielt sie von Werner ein Schreiben:
+
+Wenn Sie sich vielleicht auch meiner nicht mehr erinnern, so erlaube ich
+mir doch, Ihnen zu sagen, daß ich die Lösung Ihrer Verbindung für eine sehr
+glückliche halte. R. ist zu sehr ein Mann mit festen Plänen und Zielen,
+einer, der weiß, was er will. Es ist gleichgültig, ob er etwas für sich
+allein tut oder dabei für andere noch mit zu tun meint, es bleibt immer die
+eine Selbstliebe. Es gibt Männer, die das Weib als Spiegel ihrer selbst,
+als Bank zum Ausruhen, als Kissen in der Dämmerstunde benutzen.
+
+Sie brauchen ja selbst einen, an dem sie sich ausruhen wollen. Ich weiß
+nicht, ob es ein Wurstl oder ein k. k. Staatsrat sein muß, aber das weiß
+ich, daß es einer sein muß, der Ihnen die Ruhe gibt, indem er Ihre Seele
+ständig in Atem hält.
+
+Sehen Sie den Mann, den Menschen, den Sie so inbrünstig suchen. Was tut er?
+Er sieht das Weib und greift danach. Wie ein Knabe, der nach dem Falter
+hascht. Er greift danach, nach jedem, das ihm in den Weg kommt, und sieht
+dann ein graues etwas, zerbrochene Flügel, und wischt sich die Hand ab. Das
+Weib ist der Stieglitz, den man ins Bauer sperrt, das zitternde Körperchen,
+das alle Sehnsucht löst, und das sich so entzückend sträubt, wenn man ihm
+Futter geben will. Das ist das Weib, das wir lieben. Und das Weib ist die
+Pest, die sich ins Blut setzt und alles Leben aufsaugt und verdorren läßt.
+Das ist das Weib, das wir hassen müssen. Wo sind sie, die Gezeichneten und
+Auserwählten, die auch dann in himmlischen Wonnen lächeln. Wir zittern
+manchmal voll Ahnungen und Erkenntnissen, voll Dämmerungen und
+Schummrigkeiten und hören in der Ferne den Ruf. Aber das Mitleid macht uns
+dreckig, das verfluchte Mitleid, das uns blind und zu eitlen Trotteln
+macht.
+
+Viele sitzen und stellen das Weib vor sich hin, wie ein Petschaft und
+grübeln. Und merken nicht, daß es längst in ihnen ist und fault. Sie sehen
+nicht, daß das Weib unsere Versöhnung mit Gott ist und unsere Strafe, der
+lächelnde Tod, der uns einlullt. Aber für Sie ist der Mann Taumel und
+Straßenkot, Wurstl und Staatsrat -- -- -- -- sie las nicht mehr weiter.
+
+Sie dachte, er ist doch ein verrückter Kerl, und fuhr zu ihm.
+
+Sie traf ihn inmitten betrunkener Bürger.
+
+Sie folgte ihm von Schänke zu Schänke, saß die Nächte mit ihm zusammen und
+wich nicht von seiner Seite. Wenn er stöhnend umsank, war sie glücklich,
+ihn stützen zu dürfen, oder sie steckte ihm den Finger in den Mund, um ihm
+beim Speien behülflich zu sein. Voll innerer Seligkeit fühlte sie: Endlich
+habe ich dich gefunden.
+
+Er dachte: Wie mag es nur sein mit dem Mitleid. Verflucht -- -- -- -- daß
+ich mir auch noch ein Weib aufgeladen.
+
+Er diskutierte mit ihr über die Psyche des Weibes und zergliederte
+Einzelheiten. Dann sagte er:
+
+»Du solltest dir etwas Geld verdienen.«
+
+Er teilte alles mit ihr, und seine Kasse war knapp.
+
+Sie sah ihn erstaunt an und schwieg.
+
+»Wir werden dann schon sehen, wo wir dich unterbringen.«
+
+Ihr Lächeln wurde höhnisch. Es war die Entscheidung, als sie sagte:
+
+»Ich finde schon immer noch einen. Aber ich glaubte, du wärest mehr --«
+Peinvolle Minuten des Schweigens vergingen.
+
+Wann ist man eigentlich verpflichtet, dachte er sich, und im Grunde
+genommen . . . ich kenne das Leben nicht . . . .
+
+»Sprich nicht so . . . du . . .« bat er und rang mit seinem Mitleid.
+
+Sie zitterte beglückt unter seinen hilfesuchenden Blicken.
+
+Jetzt kommt meine Feigheit, fühlte er.
+
+Dann nahm er ihre Hand und sah die Tränen aufsteigen.
+
+Dann küßten sie sich.
+
+Ihre Körper blieben kalt, und eine fast unüberwindliche Scham trat zwischen
+sie. Einmal sagte sie:
+
+»Ich will dich herausreißen aus diesem Leben.«
+
+Er lächelte. Es war eine Willenlosigkeit in ihm, die ihn erschreckte.
+
+»Ja, ich bin ein Verurteilter,« erwiderte er.
+
+Sie schwieg, aber in ihrem Blick lag soviel Hingebung und kindliche Bitte,
+daß er weich wurde.
+
+»Du solltest in einem Palaste wohnen, oder nein, in einer Hütte und wissen,
+daß dir ein Palast gehört.«
+
+Es klang lächerlich, aber er mußte etwas sagen und schwieg jetzt beschämt.
+
+»Ich will doch nur immer um dich sein« . . . es war fast ein Vorwurf.
+
+Das Leben kam ihr zu Hilfe. Er war arm und schlug sich mühselig durch.
+Hunger und die Angst vor dem Morgen trieb sie enger zusammen. Sie drängte
+ihn, eine bescheidene Stellung anzunehmen. Sie selbst traf Anstalten,
+wieder zu ihrem Direktor zurückzukehren, er sollte mitkommen.
+
+Sein allmähliches Unterliegen genoß er wie eine unaussprechliche Seligkeit.
+Er fühlte im Innersten eine Fülle aufsteigen, die seine Zweifel nicht mehr
+zu durchdringen vermochten. Das Äußere wurde leicht und frei, seine Freunde
+suchte er nicht mehr auf.
+
+In ihre Küsse mischte sich unmerklich Sehnsucht und quälte.
+
+Er erschrak, aber das stündliche Auf und Nieder seiner Stimmungen ließ
+Überlegungen nicht aufkommen. Sie schrieb ihm:
+
+Wie der Nordwind braust durch der Eichen Zweige und Wipfel, so will ich
+mich einwühlen in das Geäst deiner Seele und bei dir sein Tag und Nacht.
+Denn du bist meine Heimat. Oder sie erinnerte sich: Weiß denn die
+Nachtigall warum sie singt ihr süßes Lied?
+
+Plötzlich war die Sehnsucht Herr über sie geworden. In ihren Küssen stand
+das Blut gegen sie auf und zwang sie.
+
+Im Taumel vergaßen sie sich und alles, was sie über ihre Liebe geschworen
+hatten.
+
+Noch einmal wurde er aus dem Rausch zurückgerissen. Er sah eine Vision
+. . . wie ein Stab zerbrochen wurde . . . . . aber er fühlte: Weiter!
+
+Sie fürchteten sich und zitterten. Er schritt kopfschüttelnd durch die
+nächtlichen Straßen und dachte: Wer bin ich -- -- -- wie ist alles gekommen
+. . . gerade ich . . . Er tappte im dunklen. Im Geiste sah er turmhohe
+Felswände aufstehen, die ihn zu erdrücken drohten, und sah tausend Wege zu
+sich und neue Möglichkeiten. Aber er rührte nicht daran. Dann setzte er
+seinen Weg fort und erinnerte sich: »Ja, ich will dich lieben . . . .«
+
+
+
+
+VIII.
+
+
+Was ist das Leben? -- so grübelte er -- Dämmerschlaf, Minuten des
+Erwachens, eine Sekunde der Erkenntnis oder nur der so kurze Rausch des
+Erkennens? Der Rest ist Verwesung -- -- Was ist das Leben?
+
+Sie verkauften alles, was sie nicht unbedingt nötig hatten und logierten
+sich in einem kleinen Ausflugsort unweit der Stadt ein.
+
+Es ging in den Monat März. Draußen wechselten sich Regen und Schneegestöber
+ab. Der Sturm rüttelte. Manchmal kam ein Sonnenstrahl, daß alles glitzerte.
+In die graue Ebene leuchtete erstes Grün.
+
+Oft stapften sie Hand in Hand durch das Tal, an einem Flüßchen entlang,
+dessen Eisdecke rostbraun war, und ihre Füße wurden von dem Boden, der sich
+in Klumpen daran gehängt hatte, schwer.
+
+Oder sie standen an den Ufern des Weihers und lauschten dem Krachen des
+Eises, das sich bäumte, oder zeigten sich die erste Lerche, die zum Himmel
+stieg. Oder sie gingen durch den Wald und folgten trunkenen Blicks den
+Wolken, die am Horizont dahinschossen.
+
+Und immer war Hoffnung und gedämpfter Jubel um sie.
+
+Sie saßen in der niedrigen, rauchgeschwärzten Wirtsstube und herzten und
+drückten sich, daß die Brust sich in tiefem Seufzer hob, und die Augen
+glänzten.
+
+Ein Musiksprechapparat krähte, Tänze und Märsche und auch einen Chorus --
+(Teure Heimat . . . . .)
+
+Sie sprachen mit der Wirtin, dem Wirt, den Mädchen und dem Haushälter lang
+und breit. Sie fühlten sich zugehörig.
+
+Dann sprachen sie von ihrem Leben und dem Gewesenen. Sie sahen sich in die
+Augen und verschwiegen sich nichts. Es lag ein Schleier über dem
+Durchlebten und jeder fühlte:
+
+»Was tut es. Wenn ich bei dir bin . . .«
+
+Aber eines Tages packte ihn ein Anfall und drohte ihn zu zerbrechen. Ein
+schleichendes Gift fühlte er in sich und er sah fern seine Mutter. Sie
+schrie nach ihm und weinte. Ihre Arme reichten bis zu ihm, und ihr Gesicht
+war gramverzerrt. Die weißen Haare flatterten und wurden Pfeile.
+
+Die andere verstand nichts von seiner Vision, aber sie fürchtete sich, wenn
+er jetzt im Hause herumschlich, gedrückt, wie von Zentnerlasten. Sie
+glaubte, sie müsse ihn wiedergewinnen, wurde abweisend und versuchte seine
+Kälte noch zu übertrumpfen. Er aber dachte: Warum streichelt sie mich nicht
+-- -- und rief im Innersten: Hilf mir und sei gut!
+
+Sie verstand ihn nicht und hörte nicht auf sein Flehen.
+
+Sie warf ihm Worte hin, schneidend, brutal, voll Abgründe. Um ihn zu sich
+zu reizen. Mit der Hoffnung, die Liebe durchbrechen zu lassen. Da ballten
+sich die Fäuste. Er schlug sie ins Gesicht, daß sie auf die Diele
+aufplumpste. Mit Füßen trat er sie. »So!« -- -- er wischte sich den Schaum
+vom Mund, »so . . . hier hast du . . .«
+
+Er fühlte alles verloren, empfand einen beißenden Schmerz im Kopf, ein
+quälendes Würgen, das ihn betäubte.
+
+Dann aber stieg es in ihm auf, hüpfend und prickelnd und wurde stärker, wie
+Schellengeläute, und tanzte. Eine sieghafte göttliche Heiterkeit kehrte
+ein. Er sah sich verzerrt, die Fäuste geballt, und lachte, lachte laut auf.
+
+Sie lag noch am Boden, in sich zusammengeduckt, regungslos. Sie sah ihn
+groß an und wurde ganz verschüchtert.
+
+Dann fühlte sie, wie er sie in seine Arme nahm und sie herzte und küßte.
+
+Sein Lachen war wie süße Musik. Da lächelte sie auch und flüsterte:
+
+»Hab mich doch lieb . . . .«
+
+So ketteten sie sich immer fester.
+
+Manchmal dachte sie: Wo ist meine Kraft hin, und wird's sich auch lohnen
+. . . aber sie schmiegte sich schnell an ihn und wies alle Gedanken von
+sich.
+
+Sie nannte sich Rehchen oder Kätzchen oder Osterhase, so hatte er sie
+getauft.
+
+Sie hüpfte wie ein Hase im Zimmer herum, wackelte mit den Ohren, kuschte
+sich, spielte Männchen und kroch zu seinen Füßen und sah zu ihm auf, lange,
+voller Demut.
+
+Aber es kamen Tage, wo sie an die Zukunft denken mußten, trotzdem sie sich
+dagegen verschworen hatten, und dann gestanden sie sich, daß sie nur noch
+drei Tage wohnen bleiben konnten.
+
+Da fühlte jeder: Wir gehören uns nur noch drei Tage und drei Nächte . . . .
+und dann werden wir weiter sehen, dachten sie. Und jeder machte ein
+entschlossenes Gesicht.
+
+Sie schlossen sich in ihr Zimmer ein und liebten sich. Immer wieder fielen
+sie sich um den Hals und liebten sich. Sie aßen und tranken nichts, und
+wenn eins sich an den Tisch setzte und eine lebte Zeile schreiben wollte,
+flugs sprang das andere hinzu und küßte und drängte so lange, bis alles im
+Taumel wieder unterging.
+
+Sie fürchteten sich allein, und jeder floh das Erwachen.
+
+Doch am Mittag des zweiten Tages wachten sie auf, und ihre Blicke trafen
+sich. Lange maßen sie sich wie zwei Fechter, die gegeneinander schreiten.
+
+Er senkte den Kopf und schien zu allem entschlossen.
+
+Da hängte sie sich an ihn und sprudelte hervor, sie hätte bereits einen
+Plan, und es würde vorderhand gehen, und zählte alle Einzelheiten auf.
+
+Er hätte aufjauchzen mögen, aber er fühlte: ich muß überlegen sein.
+
+So streichelte er sie und küßte sie auf die Stirn.
+
+Dann sahen sie sich wieder an, und dann tanzten sie und jubelten, und das
+Glück war losgelöst und frei.
+
+Noch denselben Abend gingen sie nach der Stadt, einen weiten steinigen Weg.
+
+
+
+
+IX.
+
+
+Harte Arbeit empfing sie. Tagtäglich mühten sie sich, aber es langte nicht.
+Sie schrieben Adressen, gaben Stunden, spielten des Nachts in Kaschemmen,
+aber es langte nicht. Er suchte wieder häufiger Bekannte auf und traf auf
+einen Schauspieler, der sich Sören nannte. Dieser empfahl ihn für einen
+Posten bei irgendeiner Gesellschaft. Er schleppte ihn in Familien, wo er zu
+Mittag aß und auch kleine Geldunterstützungen bekam.
+
+Sören machte Geschäfte als Bücherreisender, seine Frau wurde durch einen
+Freund, mit dem sie ein Verhältnis hatte, zur Hebamme ausgebildet. Er
+führte sich ein, indem er aus einer Gesellschaft den Verschüchtertsten
+herausgriff und ihn als den einzigsten Menschen begrüßte. Er vertraute ihm
+seine geistige Einöde und Verlassenheit an und verkaufte ihm dann seine
+Lexiken.
+
+Diesem Sören schloß sich Werner an.
+
+In einer Aufwallung mitleidsvollen Verstehens führte er ihn zu ihr, er
+solle noch einen anderen Menschen kennen lernen.
+
+Sören sah und himmelte. Er murmelte nur wie im Rausch oder rollte mit den
+Augen. Er führte beide ins Café und unterstützte sie auch sonst.
+
+Er blieb jetzt fast immer um sie.
+
+Werner war stolz und kam sich wie ein König vor, der aus der Fülle seiner
+Schätze verteilt. Sie bangte und zitterte.
+
+Sören hatte sich bereits fest eingenistet.
+
+Eines Tages sagte er zu Werner:
+
+»Eine wahre Liebe hat Raum für drei. Ich will die Brosamen nehmen, die von
+eurem Tische fallen.«
+
+»Du lieber Freund . . .« und er schüttelte ihm die Hand.
+
+Dann küßten sie sich und waren gerührt. Es ist etwas Schönes um die
+Freundschaft, dachte Werner.
+
+Man muß die Feste im Sturm nehmen, dachte der andere.
+
+Sie saßen die Nächte wieder in den Kneipen und tranken. Jeden Tag kam Sören
+mit einem neuen Tragödienstoff und schwärmte von Anregungen und Entwürfen.
+
+Einmal, als Werner schon sehr betrunken war, ließ Sören sie holen und bat
+sie zu kommen.
+
+Sie kam und sah die Blumen auf dem Tisch und die vielen Flaschen und wurde
+traurig. Da flüsterte ihr Sören ins Ohr:
+
+»Wir wollen in ein Café gehen und ihn hier sitzen lassen.«
+
+Sie sah ihn erschreckt an. Verneinte.
+
+Da bedrängte er sie: Es handelte sich um Werners Interesse. Der würde dann
+nachkommen, und vieles ähnliche.
+
+So gingen sie heimlich, wie Diebe.
+
+Werner sah alles und trank.
+
+Erst drängte es sich ihm auf: Wie dumm, wenn sie stark bliebe. Ich würde
+doch nicht glauben . . . Stunden vergingen in qualvoller Dämmerung. Dann
+aber wieder trieb es ihn, und er suchte sie im Geiste zu umklammern. Die
+Bilder an den Wänden sprachen zu ihm und die Blumen, die Flaschen, und alle
+hatten ihre Stimme.
+
+Sie sprach zu Sören: »Wo mag er nur bleiben. Holen Sie ihn her.«
+
+Sie fürchtete sich.
+
+»Sprich nur das eine Wort, und ich gehe sofort zu meiner Frau. Ein Wort.
+Heute abend ist alles perfekt. Siehst du denn nicht, daß er immer betrunken
+ist? Meine Frau weiß, daß sie mir nicht gehören kann. Noch heute abend
+. . .«
+
+»Holen Sie Werner!« und sie entwand sich ihm. Hoffnungslosigkeit
+bemächtigte sich ihrer. Werner! Werner! Er konnte ihre Schmerzensschreie
+nicht hören. Er saß unbeweglich und eisig und trank. Er träumte von weißem
+Flieder und roten Rosen, die er zu einem Strauß wand, und den er ihr zu
+Füßen legen müßte. Blitzhell durchzuckten ihn einige Gedanken, aber er
+kroch immer wieder in sich zusammen. Er dachte schließlich: Wozu etwas
+abwenden, was ich verursacht. Verurteilt. Dem Henker ausgeliefert.
+
+Da kam Sören und stotterte, er wolle ihn nach Haus begleiten. Er bat und
+drängte, aber Werner ging nicht. Da ging der andere wieder fort.
+
+Er sprach zu ihr: »Ich habe ihn nach Haus gebracht.«
+
+Sie dankte ihm und sagte: »Wir wollen Freunde bleiben.«
+
+Dann verließ sie ihn. Sie dachte: Vielleicht, wenn es ein anderer wäre
+. . .
+
+Er raste und tobte.
+
+Es war eine Nacht, in der drei Menschen sich zerfleischten.
+
+Anderentags sandte ihr Werner in aller Frühe weiße Rosen und einen Zettel:
+Weiß denn die Nachtigall usw.
+
+Er war mit der Hoffnung eingeschlafen: Wenn ich ihm jetzt zuvorkomme
+. . .
+
+Sie weinte Freudentränen, es war, als ob sie ihn wiedergefunden hätte. Eine
+Last, die sie bedrückt hatte, wich von ihr. Nun kann ich dir wieder ganz
+gehören, fühlte sie.
+
+Sie dachte aber auch: Ob er mich wirklich liebt, da er mich so leicht
+aufgab? . . . Und es blieb eine Mißstimmung in ihr zurück.
+
+Ihr Ärger wuchs von Tag zu Tag, und als ihr Sören schrieb: Ich muß eine
+Aussprache herbeiführen, antwortete sie: Komm, Werner und ich erwarten
+dich.
+
+Es geht also doch zum Henker, dachte Werner.
+
+In einem Café trafen sie sich.
+
+Jeder schien entschlossen den Platz zu behaupten. Sie maßen sich mit
+feindseligen Blicken. Sören fing an:
+
+»Es ist feig von dir, jetzt davon zu laufen.«
+
+Und Werner: »Gemein von dir, meine Freundschaft zu mißbrauchen.«
+
+»Du bist ja noch ein Kind,« warf der andere verächtlich hin.
+
+Werner schwieg. Sie rührte sich nicht. Du mußt kämpfen, dachte sie, und sah
+auf Sören.
+
+»Einen Menschen braucht sie. Du, ein heruntergekommener Student, bietest
+nichts und kannst's auch nicht.«
+
+»Aber ich werde sie mir noch erringen . .« Es klang ganz eingeschüchtert.
+
+»Ich dagegen brauche sie für meine Kunst. Zeige, was du leistest, und dann
+wage es, sie von mir zurückzufordern.«
+
+Werner schwieg. Ja, so wird es wohl sein, fühlte er.
+
+Eine Furcht, die in ihr aufstieg, wich. Es war belustigend.
+
+Ich suche mir doch meine Menschen selbst, dachte sie, aber sie schwieg.
+
+Stockend entrang es sich den Lippen Werners: »Du hattest doch gesagt, du
+wolltest bei mir bleiben.«
+
+Da lachte sie laut auf, wie ein Peitschenhieb war ihr Lachen.
+
+Aber es wurde gequält und verstummte und Mitleid ergriff sie.
+
+Sie fühlte sich selbst getroffen, und dachte, ein zu dummer Kerl . . . Die
+Unterhaltung wurde erregt. Sören schrie. Die Kellner standen um sie herum.
+Die Gäste reckten die Hälse. Dann gingen sie. Auf der Straße setzten sie
+ihre Reden fort.
+
+Werner fühlte einen Zusammenbruch, ein Ende. Bitterkeit stieg in ihm auf.
+Er riß sich los.
+
+»Siehst du, da geht er hin,« sagte Sören und triumphierte.
+
+Sie antwortete ihm nicht. Wenn er wirklich ginge, dachte sie, und voll
+bitterer Reue lief sie ihm nach.
+
+»Ich erwarte dich in . . .« hörte sie noch hinter sich herrufen.
+
+Wenn er wirklich ginge . . .
+
+Qualvolle Angst jagte sie durch die Straßen, durch die Schänken.
+
+Sie fand ihn nicht. Stundenlang hockte sie vor seiner Tür.
+
+Da kam er, schleppend, voll dumpfer Gefühle eines neuen Anfangs. Er ging
+kopfschüttelnd an ihr vorbei. Sie zwängte sich ins Zimmer. Sie flehte und
+beschwor ihn. Sie fiel vor ihm nieder, heulte auf.
+
+Er ging im Zimmer schweigend auf und ab. Sie fühlte: der andere . . . Sie
+hing sich an ihn. Er stieß sie zurück.
+
+Da warf sie mit einem Fluch die Tür hinter sich zu. Sekundenlang stand sie
+draußen wie gebannt. Dann jagte sie die Treppe hinunter. Er nach und holte
+sie unten ein.
+
+Lange sahen sie sich an und fanden sich nicht. Und immer wieder trafen sich
+ihre Blicke, und jeder fing den brodelnden Zorn in geballten Fäusten ein.
+Da lächelte er, und sie schmiegte sich an ihn.
+
+»Du . . . glaub mir doch . . .«
+
+Und später flüsterte sie:
+
+»Weißt du denn nicht, daß ich immer bei dir bin . . .«
+
+
+
+
+X.
+
+
+Es ging mehr und mehr bergab. Die paar Pfennige, die er verdiente, reichten
+zu ihrem Unterhalte nicht aus. Sie bewohnten ein kleines möbliertes Zimmer,
+mitten im Lärm der Stadt.
+
+Eines Tages sagte sie zu ihm: »Man sollte wieder als Modell gehen.«
+
+Er wehrte ab. Sie erwiderte höhnisch: »Oder vielleicht zum Theater? Aber
+ich muß erst Garderobe -- -- -- machen.«
+
+Sie verschaffte sich Empfehlungen und ging zu Leuten, die er kannte.
+
+Er redete sich ein, es wäre von diesen aus Gefälligkeit, und das beruhigte
+ihn.
+
+Als er sie das erstemal hinbrachte, hielt er sie an der Haustür zurück und
+sah sie lange an. Dann war sie ohne ein Wort im Hausflur verschwunden. Er
+hätte das Haus aus seinen Fugen reißen mögen. Sie arbeitete drei Stunden
+vormittags und drei Stunden nachmittags. Er brachte sie hin und holte sie
+ab. Schließlich wurde ihr Kommen immer unregelmäßiger, und er stellte seine
+Gänge ein. Ab und zu ging er mit hinauf und trank den Tee, den sie
+übriggelassen hatten.
+
+Er sah immer eine Fliege, die sich auf ihren Körper setzte, und immer den
+Mann, der sie mit einem Wedel verscheuchte.
+
+Einmal sah er, wie das dreijährige Töchterchen des Malers zu ihren Füßen
+spielte und dann mit den belillten Händen den Körper betatschte.
+
+Die »gnädige Frau« rief aus einer Türspalte im Hintergrunde mit flötender
+Stimme das »ungezogene Kindchen« zurück.
+
+Da ging er nicht mehr mit zu den Malern.
+
+Er dachte manchmal: Was nun? -- -- was hab' ich überhaupt mit dem Weib zu
+schaffen . .
+
+Sein Verdienst hörte fast ganz auf. Er trieb sich wieder in Kaschemmen
+herum und brandschatzte alte Bekannte.
+
+Wenn er spät nachts ins Zimmer kam, von Zweifeln müde und betrunken,
+tastete er mit zitternden Händen, ob ihr Körper schweißig ist . . . .
+
+Sie sprachen wenig zusammen. Manchmal erzählte sie ihm Atelierwitze oder
+weinte: »Tu ich denn nicht alles nur für dich?«
+
+Er hatte sich daran gewöhnt, gleichgültige Worte vor sich hinzumurmeln.
+
+»Was hast du denn? -- Ich bin dir wohl zu dreckig geworden.«
+
+Haß keimte in ihren Worten.
+
+Einer von seinen Leuten sprach von ihm: »Schade. Er ist an dem Weibe hörig
+geworden.« Und einer seiner Freunde sagte: »Wenn ich wollte, hätte ich sie
+nehmen können. Man könnte ihm vielleicht einen Dienst erweisen . .«
+
+Aber es waren eben keine Freunde.
+
+Er selbst fühlte: Wie feig, daß ich sie damals nicht gehen ließ. Ich hätte
+aushalten sollen. Acht Tage vielleicht.
+
+An einem leuchtenden Herbsttage raffte er sich auf. Blitzhelle Gedanken
+hatten ihn durchzuckt. Er schrieb an Verwandte und Studienfreunde, Briefe
+um Protektion, Bettelbriefe. Es gelang ihm auch wirklich, eine Position
+irgendwo zu bekommen. Es ging wieder vorwärts.
+
+Ihr Leben änderte sich. Sie saß jetzt wieder zu Haus und wartete auf ihn.
+Sie gingen dann noch ein Stück in die hereinbrechende Nacht und weideten
+sich daran, tausend Kleinigkeiten durchzusprechen. Oder sie holte ihn ab,
+und sie fuhren weit hinaus vor die Stadt und schmiedeten Zukunftspläne. Man
+muß sich zwingen, dachte er.
+
+Aber eine zuckende, flackernde Unruhe wich nicht mehr von ihm.
+
+Sein Mißtrauen quälte sie, und sie wurde scheu.
+
+Einmal kam ein Paket an sie. Ein Kostüm, ohne Brief, ohne Karte.
+
+Sie war erstaunt und verlegen. Ein älterer Herr hätte sie angesprochen und
+bis ins Haus verfolgt.
+
+Er rang mit sich und schwieg. Sie beschwor ihn und weinte.
+
+Schließlich dachte er auch: Ihre Kleider sind heruntergerissen, es wird
+ganz praktisch sein.
+
+In der Nacht umkrallte er plötzlich die Gurgel.
+
+»Du -- -- -- ich werde dich erwürgen! Was ist's mit dem Kostüm?«
+
+Es wurde ein Skandal. Sie schlugen sich. Worte fielen, von der Straße
+aufgelesen, und ihre Erinnerung bespieen sie.
+
+Die Hausbewohner liefen zusammen. Den nächsten Tag warf sie der Wirt raus.
+Aber es war, als ob ein Gewitter die Luft gereinigt hätte.
+
+Eines Tages schmiegte sie sich an ihn:
+
+»Gib mir ein Kind . . . ich will ein Kind von dir . . . .«
+
+Sie kaufte sich eine Puppe und einen kleinen Bären und trug sie im Zimmer
+herum. Gib mir ein Kind . . . . so waren ihre Träume.
+
+Sie wanderten Hand in Hand durch die Straßen der Stadt und sahen die Leute
+nicht. Die Gedanken waren frei und leicht, ein sieghaftes Lächeln schwebte
+über ihnen. Es war wie das Glück. Mit seiner Stellung kamen auch wieder
+Freunde und Bekannte in sein Haus, und sie blieben sich gute Kameraden.
+
+Oft dachte er über seine Liebe nach.
+
+Was ist überhaupt die Liebe? Vielleicht eine Ordnung, ein Geschäft oder ein
+Fehltritt, sicher eine Seligkeit ohne Glück.
+
+Oft sagte er, wenn sie schmeichelte: »Ich liebe dich, aber laß mich
+allein.« (Wenn sie die Haare sich waschen wollte!)
+
+Manchmal dachte er: Nein, ich liebe sie nicht, aber ich kann sie nicht
+missen. Manchmal wiederum kam ihm der Ekel, wenn er sie essen sah, so wie
+sich das Kind vor den Eltern graut . . .
+
+»Was ist überhaupt die Liebe?«
+
+Dann streichelte er ihre Wangen, und sie bedeckte seine Hände mit heißen
+Küssen.
+
+Oft saß er in der dunkelsten Ecke einer Weinstube und grübelte. Da sah er
+die Maler, den Athleten, den Kapellmeister, den Kaufmann, den Studenten,
+den Schauspieler, den Herrn v. B., ein langer Zug, an sich vorbeiziehn. Oh,
+wer so glücklich ist, dabei zu sein, dachte er.
+
+Er kroch förmlich in sich zusammen und wurde alt.
+
+Es bleibt etwas für mich zu tun, fühlte er, aber ich weiß nichts Näheres,
+vielleicht eine Mission . . . .
+
+Im Grunde genommen wurde ihm das gleichgültig. Er träumte:
+
+Sie ist müde in der Erfüllung und ruhig. Wie aber die, die in der Sehnsucht
+altern? Er ging wieder unter die Bürger und trank.
+
+Einmal hielt er in der Trunkenheit den johlenden Bürgern folgende Rede: Man
+muß einen Aufruf erlassen. Zur Befreiung eurer Töchter. Gegen die
+Ladenschwengel und Referendare. Gegen Einjährige und sonstiges Gesindel
+. . . .
+
+Da war ihm eine Vision. Er sah den Studenten als Amtsrichter, dickbäuchig,
+beim Frühschoppen. Man witzelt über Weiber. Der Dickbauch lächelt in sein
+Glas. Voll leiser Erinnerung. Überlegen. Interessant. Dann nimmt er einen
+Schluck, sieht sich verstohlen im Kreise um und seufzt erleichtert auf. Im
+Hafen . . . . der Hund!
+
+Werner starrt in den Qualm, stürzt hinaus. Der Lärm tost hinter ihm drein.
+Von qualvoller Angst gehetzt, jagt er durch die Straßen.
+
+»Uh jeh! Wenn jetzt der D., der Kujon, bei meiner Frau liegt,« denkt er und
+jagt weiter. Nach Haus.
+
+Sie sieht ihn vorwurfsvoll an: »Ich sage dir's schon, wenn ich gehe.«
+
+Er fühlt: Um Gotteswillen, vielleicht schon Ruine . . .
+
+
+
+
+Der tolle Nikolaus
+
+
+
+
+
+I.
+
+
+In den neunziger Jahren des 15. Jahrhunderts wurde Herzog Nikolaus von
+Oppeln zu einem Bankett des schlesischen Adels nach Breslau geladen.
+
+Der Küfer im Schlosse zu Oppeln rollte die Fässer aus dem Keller. Nikolaus
+nahm mit seinen Kumpanen den Abschiedstrunk.
+
+Frau Bertha saß am Erkerfenster und weinte.
+
+Gewiß, Nikolaus war wieder in Gnaden aufgenommen, nachdem man ihn jahrelang
+bei diesem Bankett übergangen hatte. Allerdings war erst vor Wochen der
+Sohn und Stammhalter ertrunken.
+
+Auf Frau Berthas Geheiß hatte der Vogt die Bauern prügeln lassen. Nikolaus
+liebte das nicht. Man wußte eigentlich nicht, warum und sprach dies und
+jenes. Diesmal kam er zu spät, um es noch zu verhindern. Er hatte getobt
+und die Fäuste gegen Frau Bertha geballt und nachher noch manches in sich
+hinein gebrummt, daß sie im Innersten erschrak. Dann hatte er die heulenden
+Bauern mit in den Keller genommen und ein tolles Gelage begonnen. Der
+Kleine spielte gerade am Weiher, als am nächsten Morgen die Bauern nach
+Hause schwankten. Man hat niemals erfahren, ob sie nur täppische Reverenzen
+gemacht und mit ihm Späße getrieben, daß er erschrecken mußte und
+verängstigt wurde und in den Weiher fiel, oder vielleicht einer aus Übermut
+Hand an ihn legte und dann vergaß, oder gar eine Verschwörung bestand, das
+alles hat man nicht erfahren.
+
+Nikolaus wurde zu Frau Bertha hart wie Stein.
+
+Der kleine Nikolaus wurde nachts verscharrt, während die Fürstlichkeiten
+und Bischöfe, die auf die Kunde von dem Unglücksfall herbeigeeilt waren,
+den Rausch, der ihnen beim Empfang verabreicht wurde, ausschliefen.
+
+Man fand es zwar absonderlich, aber es wunderte nicht weiter, denn man
+dachte und mutmaßte so und so.
+
+Jedenfalls wurde er wieder eingeladen. Was tat's, daß er mit den Bauern
+zusammensteckte und soff. Es standen ernste Zeiten bevor, und auch Frau
+Bertha hatte heimlich manches Brieflein ausgesandt und teilnehmende Vettern
+geworben.
+
+Aber ihre Güter blieben unbestellt. Die Pächter warfen die Boten, die den
+Zins fordern sollten, vor die Tür. Die Prügelmaschine verstaubte. Nikolaus
+wollte seine Bauern frei. Grund genug, daß Frau Bertha weinte.
+
+Am dritten Tage ritt Nikolaus mit seinen Kumpanen nach Breslau. Als die
+Schloßbrücke hinter ihm aufgezogen wurde, war es ihm, als sollte er sich
+umwenden und sprechen oder hinaufwinken oder noch schnell einen Vertrauten
+gewinnen oder ein ganz klein wenig Anordnungen treffen, aber das Etwas, das
+aufblitzte und anschwoll und ihn zu zerreißen drohte, zerbarst in dem
+Rattern und Knirschen der Zugketten.
+
+Es stak im Innersten, was er vor sich hermurmelte.
+
+Es war ein tierischer Laut und wie ein Fluch, so daß auch die anderen
+begeistert fluchten und lachten.
+
+
+
+
+II.
+
+
+Die Keller und Schenken in Breslau wurden zu klein. Die Bürger stritten
+sich mit den Pfaffen, und die Pfaffen mit den Felljuden, die gerade
+Markttag hatten.
+
+Unter all diesem Volk saßen Nikolaus und seine Gesellen und soffen.
+
+Manch fürstlicher Vetter ritt über den Markt und stieg am Stadthaus ab.
+Schuster und Schneider liefen zum Empfang geschäftig in Ratsfräcken hin und
+her.
+
+Nikolaus sparte nicht mit Witz und Schimpf. Das Gejohle seiner Gesellen
+schwoll gegen die Maskerade, daß die Bürger still wurden. Als der Abend
+hereinbrach, lagen die Meisterlein unter dem Tisch. Die Weiber keiften.
+
+Dann läuteten alle Glocken, und Fanfaren ertönten.
+
+Nikolaus erhob sich und seufzte schwer.
+
+Die Fanfaren schrieen ihn an und rüttelten.
+
+Aus dem Rülpsen seiner Gesellen sprach jetzt eine leise milde Stimme zu
+ihm. Er krampfte die Faust zusammen, Sturm war in ihm. Er wollte schreien,
+brüllen und sah irr um sich. Es schrie jemand in ihm -- wie ein Fährmann,
+dann klang es wie geborstenes Metall.
+
+Nikolaus schritt langsam über den Markt und die Treppe zum Bankettsaal
+hinauf. Den Kopf hielt er gesenkt. Wie zum Stoß. Die breiten Schultern
+zitterten.
+
+Man beachtete ihn drinnen nicht sonderlich.
+
+Er fühlte sich bedrückt, gefesselt und tat mit in feinen Manieren. Stunden
+verflossen. Der Wein und die mancherlei Reden taten das ihrige.
+
+Nikolaus blieb schweigsam. Kaum daß überhaupt jemand ihm Anrede gab.
+
+Es wurde wie bei jedem Bankett. Welche fingen mit rauhen Späßen an, wieder
+welche sprachen von Weibern. Es gab wohl auch Püffe und Maulschellen, und
+man vertrug sich dann wieder.
+
+Nikolaus blieb schweigsam. Man hatte ihn zwar geladen, aber man beachtete
+ihn nicht.
+
+Er hätte wohl gern mitreden mögen, und er wunderte sich, daß sie dasselbe
+taten, was sie bei ihm so verachteten. Er hatte auch jene Weiber besessen,
+die sie lästerten, die heiligen und die Weiber der Bürgermeister und
+Schöffen. Er liebte sie noch alle und bewahrte es wie etwas Kostbares, so
+daß er nie davon sprach.
+
+Er sehnte sich fort. Er dachte, wie er sich doch besser von mancherlei
+trennen sollte, er dachte an sein Haus, still liegen und in die Sonne
+schauen. Seine Gedanken verwirrten sich. Er fühlte, daß er die Heilkraft
+der Ruhe nicht finden würde. Der Ruf von Haus war so trübe und vergiftet
+und viel zu schwach.
+
+Sie wurden lärmender.
+
+Es war ihm, als ob sie alle von ihm sprachen. Als ob sie ihn um seine
+Streiche beneideten.
+
+Der Fürstbischof meckerte etwas und alle lachten.
+
+Nikolaus schien es, als starrten sie ihn an, daß jeder etwas Besonderes von
+ihm wüßte und er jedem mit dem Becher Bescheid trinken müßte.
+
+Er sah sich wie an den Schandpfahl geschlossen.
+
+Plötzlich sprang er auf, daß seine Tischnachbarn vom Sessel fielen.
+
+Er bahnte sich unter dem Gelächter der übrigen zu dem Fürstbischof einen
+Weg und schlug ihm in das vor Lachen verkrampfte Gesicht.
+
+Es wurde ganz still im Saal.
+
+Nikolaus duckte sich, als ob er unter einer Last zusammenbrechen müßte.
+
+Er faßte blitzschnell die Eminenz und schritt durch den Saal zur Tür.
+
+Und er warf den zitternden Pfaffen die Treppe hinunter, daß das Volk unten
+aufschrie.
+
+Dann stieg er langsam die Stufen hinab, schritt durch die Volksmenge und
+hinüber in seine Herberge.
+
+Seine Stimme bebte, als er seine Leute zu sich rief.
+
+Die Humpen wurden wieder gefüllt. Man hörte aus dem Geschrei der draußen
+stehenden Menge, wie die Stadtwache aufzog.
+
+Nikolaus saß schweigend und trank.
+
+So will ich mich selbst vertrinken, dachte er und fühlte dumpf, wie eine
+Woge seine Erinnerungen und Träume hinwegspülte.
+
+Später kamen Frau Berthas Brüder.
+
+»Wir wollen dich vor der Wut des Pfaffengesindels schützen,« sagten sie.
+»Füge dich in unsere Anordnungen.«
+
+Dann legten sie ihn in Fesseln.
+
+
+
+
+III.
+
+
+Viele Boten kamen ins Oppelner Schloß. Schließlich ritten auch Frau Berthas
+Vettern über die Brücke.
+
+Im Schloßhof saßen die Bauern und soffen.
+
+Es gab ein großes Gelächter, als die Kunde von Breslau offenbar wurde. Frau
+Bertha sparte nicht.
+
+Manchmal dachte sie: Vielleicht haben sie einen bestimmten Plan, sie hassen
+ihn alle.
+
+Dann aber wieder: Aber es wird ihm eine gute Lehre sein. Dieser Saufbold!
+Kein Bauer will arbeiten.
+
+Und auch: Was mag geschehen? Schließlich ein freier Herzog und Späße
+. . . Aber dann lachte sie wieder laut auf. Wie er nur aussehen mag. Der
+Bär. In Ketten. Vielleicht ganz hilflos. Mit suchenden Blicken. Hin und ihm
+helfen. Das Tor öffnen und knurren: Na komm, diesmal noch . . . und sie sah
+lange dann starr vor sich hin.
+
+Frau Bertha empfing die Gäste mit Hohn im Blick.
+
+Gestern hätte man ihn nach Neiße geschafft. Vielleicht werde dort ein
+Gericht sein.
+
+Sie hatten würdevolle Mienen.
+
+Dann wieder schüttelten sie sich vor Lachen.
+
+Die Frau sagte spitz: »Ihr werdet den Spaß zu bezahlen haben, wie ich ihn
+kenne.«
+
+Sie beeilten sich mit Gegenreden. Es läge doch anders und nur ihrem Einfluß
+sei es zu danken und vor Jahren hätten sie schon gewarnt. Die
+Verdächtigungen als Lutherischer, ernste Verwicklungen, die Bauern, die
+Steuern . . . Überhaupt der Adel sei gegen ihn, und wenn schließlich nicht
+die Frau wäre und die Familie . . .
+
+Sie liefen wie aufgescheuchte Vögel hin und her, traten von einem Bein aufs
+andere und verbeugten sich.
+
+Frau Bertha ließ Wein auffahren.
+
+»Soll man nun eingreifen oder dem Scherz seinen Lauf lassen?«
+
+Da lachten sie wieder und tranken sich bedeutsam Bescheid.
+
+Aber Frau Bertha ließ nicht locker.
+
+Es schade dem Ansehen und auch nur eine Sekunde Ernüchterung wäre der Tod.
+
+Gewiß, und es sei für alles gesorgt.
+
+Dann redete der eine bedächtig von Gerüchten, die ihm zu Ohren gekommen
+wären, ehelichen Zwisten und Frau Berthas traurigem Los und dem abnehmenden
+Wohlstand. Seine Stimme wurde butterweich. Der andere half mit in
+Klagetönen. Es waren zwei Stimmen, die sich gegenseitig immer wieder wie
+Wettläufer überholten und sich scheu nacheinander umblickten.
+
+Frau Bertha sah durch ihre Reden hindurch und hörte sich sprechen: Was
+wollt ihr von mir, warum quält ihr mich.
+
+Und sie antworten: Laß ab von ihm. Acht Jahre sind es her, daß wir ebenso
+sprachen. Der oder Jener. Willst du uns wieder ziehen lassen?
+
+Es war, als ob sie schreien müßte: »Hinaus -- -- oh ihr -- -- -- -- Er und
+du oder du -- -- -- -- haha.«
+
+Heben sie nicht die Finger und grinsen?
+
+Frau Bertha fuhr sich über die Stirn und schwieg.
+
+Sie fühlte dumpf, wie etwas Geheimnisvolles, Schleichendes sie einspann.
+Sie werden Geld verlangen, vielleicht alles Land. Soll ich ihn aufgeben?
+Sie erschauerte.
+
+Der Liegnitzer sprach von ihrer Kindheit. Sie hatte ihm ein ganz klein
+wenig Liebe gegeben, damals. Sie war allein, und er war stattlich, voller
+Pläne. Es sah alles damals so viel und groß aus. Aber jetzt -- -- -- nein.
+Und war schon Nikolaus für sie verloren, nicht denen da opfern. Nie.
+
+Ihre Miene wurde zornig. Sie sah das Ende ihrer Reden. Sie erkannte
+geifernde Schwätzer, denen sie selbst nur zu oft Gehör geschenkt hatte. Wie
+hatte sie dagegen ihn manchmal getroffen und im Innersten erschüttert.
+
+Es zuckte in ihr, krampfte sich, schrie.
+
+Plötzlich fühlte sie, wie sie zum Schlag ausholten, sie sah es näher kommen
+-- -- -- -- nur nicht hören -- -- -- die Bestätigung, die Besiegelung, die
+Schuld.
+
+Sie sank mit einem Aufschrei zu Boden.
+
+Die Vettern sahen sich betroffen an.
+
+Gurgelndes Stöhnen, leidenschaftliche Anklagen fielen auf sie ein.
+Hilferufe.
+
+Einige alte Weiber liefen zitternd herbei. Sie hielten sich scheu in einer
+Ecke des Zimmers und glotzten die beiden an. Die Vettern lächelten gequält.
+
+Der eine dachte: die ist hart wie Stein, und schaute den anderen sonderbar
+von der Seite an.
+
+Der Liegnitzer recke sich und fühlte: Also dann das nächste Mal. Vielleicht
+ein Brieflein?
+
+Sie gingen auf den Zehenspitzen hinaus.
+
+Als sie wieder über die Brücke ritten, dachte der eine, ob ich ihr doch
+noch einen Boten sende, entweder -- oder. Der andere aber besah sich alles
+Land und sprach bei sich: Man sollte den Herzog retten, und er machte sich
+eine Rechnung.
+
+Frau Bertha stand im Schloßhof und lachte seit langer Zeit wieder aus
+tiefstem Herzen.
+
+Ich werde offen mit ihm reden, dachte sie, ein neues Leben wird beginnen.
+Nicht mehr er, wir. Gegen die anderen.
+
+Tanz und Spiel gingen bis zum Morgen.
+
+Um den Weiher stellten sich die besoffenen Bauern und schwuren, nach
+Breslau zu ziehen und ihren Herzog zu befreien.
+
+Ihr wieherndes Gelächter ließ ab und zu Frau Bertha erschreckt im Schlafe
+auffahren.
+
+
+
+
+IV.
+
+
+Zwischen Obst- und Gemüsegärten liegt die bischöfliche Residenz Neiße.
+
+Um viele runde und eckige Kirchtürme lebt ein Volk von Krämern.
+
+Dorthin wurde Nikolaus gebracht.
+
+Man hatte sich eigentlich nicht mehr sonderlich um ihn gekümmert. Der Adel
+wollte nicht mithineingezogen werden, der Fürstbischof fürchtete ein zu
+großes Aufsehen, vielleicht auch eine Einmischung fremder Fürsten, es wäre
+ihm sogar lieb gewesen, man hätte den Herzog überhaupt nicht festgehalten.
+Er wußte, daß jetzt etwas getan werden müsse. Die Scherereien würden kein
+Ende nehmen. Schließlich stand auch sein Ansehen auf dem Spiel. Das Volk
+wollte sich in Forderungen und Rachegelüsten nicht genugtun.
+
+Er übergab seinem Kabinett die Angelegenheit zu weiterer Verfolgung und
+reiste irgendwohin.
+
+Den Kämmerern war die Sache sehr unbequem. Sie schoben den Herzog nach
+Neiße ab. Die hätten den Vorfall dort ordnungsmäßig zu regeln.
+
+Der Rat der Stadt war in arger Bedrängnis. Der Bürgermeister las das
+Schreiben, das die Ankunft des Gefangenen ankündigte und schüttelte den
+Kopf. Es kam ihm dunkel zu Bewußtsein, daß man etwas Besonderes von ihm
+verlange.
+
+Bald war es den Schustern und Schneidern und sonstigen Leuten bekannt. Eine
+furchtbare Aufregung kam in die Stadt. Alles lief hin und her. Die
+Fleischer schlugen Wurstbuden auf, die Bäcker boten frische Semmeln und
+Brezeln aus, die Komödianten bauten die bereits abgerissenen Zelte wieder
+auf. Ratsherren liefen mit hochroten Köpfen umher und erzählten einander im
+Flüstertone, daß etwas ganz Außerordentliches bevorstehe. Der Bürgermeister
+fieberte. Seine Frau, die lange Jahre bei Pfaffen gedient hatte, besaß
+mancherlei Erfahrung in Sitten und Rechten. Sie verstand sich darauf, daß
+der Herzog noch am gleichen Tage hingerichtet werden müßte. Der
+Bürgermeister schwitzte.
+
+Die Schöffen drängten, sogleich das Gericht abzuhalten. Der und jener hatte
+keine Zeit, die Weiber kneiften am Portal des Rathauses, fahrende
+Musikanten spielten zum Tanz auf. Es war ein Volksfest, das dem Herzog bei
+seinem Einzug in die Stadt entgegenflutete.
+
+Der Weg bis Neiße hatte ihn weidlich belustigt. Die Komödie war köstlich
+und dieser Empfang . . .
+
+Er lachte, daß es von einem Tor bis zum anderen schallte.
+
+Das Volk johlte und jubelte auf den Straßen.
+
+Es lag so gar kein Unwillen und Haß darin, so daß Nikolaus nachdenklich
+wurde.
+
+Was hat dieses Volk, dachte er, sie sind Kinder, die ein Spielzeug
+zerbrechen, warum lachen sie . . .
+
+Er wurde vor den Rat geführt.
+
+Jemand las einen langen Schriftsatz vor.
+
+Er hörte nichts.
+
+Schuster und Schneider sprachen auf ihn ein. Der Bürgermeister schlug auf
+den Tisch und brüllte.
+
+Der Herzog gähnte.
+
+Er sah, wie sie mit wichtigen Mienen Schriftstücke aufsetzten, berieten,
+abstimmten, die Köpfe schüttelten. Draußen schrie alles durcheinander.
+
+Der Bürgermeister verbeugte sich gegen den Herzog und begann wieder etwas
+vorzulesen.
+
+Nikolaus versetzte ihm einen Fußtritt.
+
+Ein Schöffe nach dem anderen schlich sich hinaus.
+
+Nikolaus schrie auf. Er hatte den Bürgermeister gefaßt und schleuderte ihn
+gegen die Wand.
+
+Sie waren für eine Sekunde allein im Saal.
+
+Dann kamen Schergen und schleppten den Herzog in das Turmverlies. Sie
+griffen roh zu.
+
+Nikolaus blieb stumm. Seine Miene wurde eisenhart.
+
+Vor der Bürgermeisterei lief alles Volk zusammen. Man hörte das Weib
+keifen. Teller flogen auf die Diele. Es war ein Gehaste, als ob drinnen ein
+Toter wäre. Der Bürgermeister hatte sich in die Hosen geschissen.
+
+
+
+
+V.
+
+
+Die Stadt wurde still.
+
+Der Raum, in den man den Herzog gebracht hatte, war niedrig und fast ohne
+Licht. Ein schmales Fenster ging auf eine Seitengasse.
+
+Nikolaus schlief. Vielleicht zwei Tage, und es war wie eine Stunde. Er
+hatte schwere Träume und eine Vision, daß er auffuhr und erwachte.
+
+Nikolaus . . . ., schrie es, und dann leiser: Nikolaus . . . . Es fing sich
+in den Gängen und Gewölben, es kam immer leiser wieder zurück, und doch wie
+ein Boot, das auf einem schwarzen Strom vorüberschaukelte.
+
+Er brüllte. Wie ein verendendes Tier, nein: ruckweise und dann immer wieder
+in der Tiefe versinkend.
+
+Dann wurde er wieder ganz still.
+
+Er fühlte: Ich setze mich ins Unrecht damit. Nicht betteln. Was fällt denen
+ein? He . . . .
+
+Niemand antwortete.
+
+Heee . . . . er tastete sich an den Wänden zum Fenster und zerschlug das
+Glas. Heee . . .
+
+Niemand antwortete.
+
+Wartet . . . . er knurrte einen wilden Fluch.
+
+Der Raum war dunkel und niedrig.
+
+Er fühlte: die Brust wird zerspringen -- -- -- oh, wer rief doch? Sie kam
+wieder. Die ihn quälte, marterte, ihm das Blut aus dem Herzen trieb.
+
+Nicht du . . . . er brüllte wieder auf.
+
+Dann lauschte er und hörte sagen: »Was tu ich dir, Nikolaus, hörst du, was
+. . .«
+
+»Hee . . . du . . . ich hasse dich . . . du willst mich am Boden sehen
+. . . oh . . du hast gesiegt.«
+
+Er sank in sich zusammen.
+
+Wieder rief die Stimme: Nikolaus . . bin ich dir nicht gefolgt, ich war
+doch bei dir, du Meines . . du . .
+
+»Hahahaha . . . .« Wie Stahl schlug das Lachen gegen die Wände. Aber es
+sprach weiter: Und siehst du, ich mußte dich quälen, so lieb hatte ich
+dich, denn das Kind, vielleicht stand es zwischen uns . . . .
+
+»Hör auf,« er keuchte, »ich habe dich nicht verstanden.«
+
+Es war totenstill im Raum.
+
+»Du hast dich seit jenem Tag gegen mich gewendet, mich gehetzt, verjagt mit
+deinem Haß, und du hättest mich streicheln sollen, vielleicht kannst du
+das, spielen sollen wie früher, noch mehr Kind sein, gutmachen alles
+. . . .«
+
+Es war als ob etwas schrill anschlüge: Nein, das hattest du, gerade du
+. . . es schien sich zu zwingen . . . und warum kamst du nicht mehr, ich
+wartete Tag um Tag . . .
+
+»Nein, ich . . . ich . . . ich.« Er wurde unruhig. »Was wollen die, hee
+. . . was ist?«
+
+Wieder schlief er ein.
+
+Der Raum war dunkel und niedrig.
+
+Von allen Ecken wisperte es: Nikolaus . . . Nikolaus . . .
+
+Er fuhr auf. Als ob er eine Last abschüttelte.
+
+Er seufzte: »Komm, laß gut sein. Ich war Schuld und wenn auch . . . nur
+ich, denn du vielleicht warst bei mir, auch so.«
+
+Er schlug gegen die Wand: »Teufel . . . meinetwegen, ich lüge.«
+
+»Warum gingst du fort, weiter und weiter . .«
+
+Er schrie: »Nein, nein, nicht ich . . .«
+
+Seine Stimme schien sich wo anklammern zu wollen.
+
+Dann wurde er ruhig und lächelte.
+
+Komm zu mir, dachte er, ich will dich streicheln, ist es auch meine Schuld
+. .
+
+Er schlief wieder ein.
+
+Doch bald schrie er auf, er krallte sich in die Mauer ein.
+
+»Du hast mich zu Boden getreten, du . .«
+
+Er besänftigte sich: Wer hilft mir, eigentlich wer und wozu?
+
+Er lachte grimmig. Heee . . . .
+
+Niemand antwortete.
+
+Habe ich etwas getan, dachte er, und was? Heee . . . .
+
+Er lauschte.
+
+Dann flehte er: Sprich wieder . . . Zwar kennst du mich nicht. Und
+trotziger: Nein, du -- -- du nicht und ihr alle nicht.
+
+Er lachte und ballte die Fäuste. Wie gegen Erinnerungen. Stunden
+verflossen. Vielleicht waren es Tage.
+
+Kinder standen in der Gasse. Der Herzog brüllte und lachte und stöhnte. Es
+klang immer wie eine Erlösung nach einem verzweifelten Kampf.
+
+Das kann eine schlimme Sache werden, dachten die Krämer und kratzen sich am
+Kopf. Am nächsten Morgen tupfte der Böttcher Kunze sich seinen Brummschädel
+und dachte: diesmal geht es noch. Der Mützenmacher Glatzel erhob sich
+gähnend aus einem Winkel. Der Bürgermeister kroch zu seinem Weibe und
+dachte: bald wird wieder Ruhe sein. Und so weiter.
+
+Um diese Stunde schlichen Fleischergesellen zum Herzog und schlugen ihm den
+Kopf ab.
+
+Man weiß nicht, ob er sich gewehrt oder gelacht oder geseufzt oder sonst
+irgendetwas getan und gesagt hat.
+
+
+
+
+Nachschrift.
+
+
+Viel ist nicht mehr zu sagen.
+
+Ein Gesindel von Geschichts- und Geschichtenschreibern ist an die Arbeit
+gegangen. Manche sind genauer . . und viele haben damit recht. Was tut's.
+
+Mancherlei ist vom tollen Nikolaus im Umlauf.
+
+In Neiße liegen darüber Aktenbündel, und ein verrostetes Schwert wird
+gezeigt, vielleicht auch ein Bild, wie Nikolaus auf dem Marktplatz
+enthauptet wird. Vielleicht hat dabei auch ein Glöcklein geläutet. Das muß
+spaßhaft gewesen sein.
+
+Vielleicht wird erzählt, daß Frau Bertha mit Roß und Reisigen wutschnaubend
+in Neiße eingezogen ist oder auch wehklagend. (Mit Roß und Reisigen.)
+Sicherlich sind auch Boten gekommen, vielleicht kam einer gesprengt mit
+verhängtem Zügel durch das Stadttor um die Morgenstunde und hat geschrieen:
+Haaalt . . haltet ein . . . Aber aber . . . . Vielleicht ist mit dem
+Bürgermeister noch etwas geschehen. Das kommt vor.
+
+Aber man wird verstehen, daß das alles nichts zu sagen hat.
+
+
+
+***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DAS TROTTELBUCH***
+
+
+******* This file should be named 36718-8.txt or 36718-8.zip *******
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+
+This and all associated files of various formats will be found in:
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+
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+Updated editions will replace the previous one--the old editions
+will be renamed.
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+Creating the works from public domain print editions means that no
+one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
+(and you!) can copy and distribute it in the United States without
+permission and without paying copyright royalties. Special rules,
+set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
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+Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you
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+practically ANYTHING with public domain eBooks. Redistribution is
+subject to the trademark license, especially commercial
+redistribution.
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+THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
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+works. See paragraph 1.E below.
+
+1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
+or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
+collection are in the public domain in the United States. If an
+individual work is in the public domain in the United States and you are
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+is also defective, you may demand a refund in writing without further
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+
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+in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS', WITH NO OTHER
+WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
+WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
+
+1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
+warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages.
+If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
+law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
+interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
+the applicable state law. The invalidity or unenforceability of any
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+that arise directly or indirectly from any of the following which you do
+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at http://www.gutenberg.org/fundraising/pglaf.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at http://www.gutenberg.org/about/contact
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit http://www.gutenberg.org/fundraising/donate
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including checks, online payments and credit card donations.
+To donate, please visit:
+http://www.gutenberg.org/fundraising/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
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+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
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+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
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