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diff --git a/36718-8.txt b/36718-8.txt new file mode 100644 index 0000000..507ff03 --- /dev/null +++ b/36718-8.txt @@ -0,0 +1,3119 @@ +The Project Gutenberg eBook, Das Trottelbuch, by Franz Jung + + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + + + + +Title: Das Trottelbuch + + +Author: Franz Jung + + + +Release Date: July 12, 2011 [eBook #36718] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + + +***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DAS TROTTELBUCH*** + + +E-text prepared by Jens Sadowski + + + +Das Trottelbuch + +Umschlag und Einbandzeichnung +von _Franz Henseler_, München + + +Franz Jung + +Das Trottelbuch + + + + + + + +Berlin-Wilmersdorf 1918 +Verlag der Wochenschrift DIE AKTION (Franz Pfemfert) + + + + +Von Franz Jung erschienen bisher folgende Werke: + +Im Verlage der AKTION: + +_Sophie_. Ein Roman +_Saul_. Ein Drama +_Opferung_. Ein Roman +_Flucht aus der Welt_. Ein Roman. + +Im Verlage Weißbach, Heidelberg: + +_Kameraden . . .!_ Ein Roman. + + + + +Alle Rechte vorbehalten +Copyright 1918 by Franz Pfemfert, Berlin-Wilmersdorf. +Dieses Werk wurde gedruckt von H. Klöppel, Quedlinburg. + + + + +Inhalt + +Trottel. Eine programmatische Einleitung +Der Weg über den Berg +Die Erlebnisse der Emma Schnalke +Der tolle Nikolaus + + + + + + +Trottel + + + Eine programmatische Einleitung + + +Um einen Tisch des Café du Dôme saßen mehrere Herren. Eine Frau schritt +draußen am Fenster vorbei. + +Sie hatten sie alle gekannt, und einige kannten sie noch. + +Einer las vor: + +Zwei junge Burschen stolpern aus einer Vorstadtkneipe in die Nacht. +Blutjunge Burschen und sehr betrunken. + +Sie schlagen das Pflaster mit ihren Stöcken, sie johlen, krümmen sich vor +Lachen, und sie schleppen die schwergewordenen Füße hinter sich her, daß +sie von fern wie hinkende Greise erscheinen. + +Eine Katze huscht über den Weg. + +Die Betrunkenen bleiben stehen, die Lässigkeit ist aus ihren Gliedern +gewichen, ein Rausch ballt sich zusammen. Sie jagen dem Tier nach, +verstellen den Weg, sie schlagen mit ihren Stöcken -- -- als ob das Tier +schuld wäre an ihrer Jugend und ihrer Betrunkenheit, so schlagen sie. + +Die Katze hält einen Baum an der Straße umkrallt und windet sich mit +letzter Kraft hinauf. + +Die Burschen halten keuchend inne. + +Das Tier ist fast aus dem Bereich ihrer Stöcke, da holt der eine nochmals +zum Schlag aus und trifft . . . . trifft das Rückgrat . . . + +Das Tier wendet den Kopf und starrt durch die Nacht -- starrt -- und +gleitet dann -- ruckweise -- den Stamm herunter. + +Die beiden haben sich dann ohne Gruß getrennt. + +Einer warf ein: + +»Aber in jener Nacht schliefen sie nicht. Die Krallen gruben sich in ihr +Hirn und lösten Krampf und Zuckungen aus.« + +Als niemand etwas sagte, fügte er schüchtern hinzu: + +»Wenigstens bei einem . . .« + +Da lachten sie alle. + +Plötzlich sagte wieder einer: + +»Ihr erinnert euch, ich sah sie einmal mit einem Commis oder Offizier oder +sowas im Café. Ich ging damals an ihren Tisch und sagte: Du . . . du gehst +nicht mit dem . . . komm. Ihr wißt, daß sie damals zu mir kam. Wir gingen +in eine Kirche. Sie weinte. Es war sehr peinlich. Neulich war ich wieder in +dieser Kirche, ich sah sie wieder vor mir . . . ich könnte mich heute +ohrfeigen.« + +Sie nickten alle zustimmend. + +»Wenn ich damals an den vertrottelten Major geschrieben hätte . . .« sagte +einer. + +Der andere las wieder vor: + +»Kann ich dafür, daß in Montmartre die Lichter stechen, kann ich dafür +. . .?« + +»Hör auf, du zerreißt mich, bitte . . . bitte . . du -- du --« + +Weiter raste der Tanz. + +»Bleib bei mir. Komm, mich friert hier.« + +»Laß nur, Kleiner.« + +»Du . . .« es war ein Schrei. + +Ein Lächeln antwortet. + +Aber er liest eine Bitte um Verzeihung heraus und nickt. + +Das Weib rast und spiegelt sich in den Blicken aller. + +Weiter. Rausch. Schreie. Violinen. + +Er richtet sich auf, ballt die Faust, schreit: »Komm . . . « + +Ein Riß klafft in dem Taumel. + +»Haha . .« aber sie geht mit ihm. + +Der Freund ging mit ihnen. Sie waren nie allein, in ihrer Mansarde wohnten +viele Freunde. + +Schnee lag auf den Dächern und taute, daß das Wasser in die Kammer tropfte. + +Er umkrallte die Hand des Freundes: »Wir haben zu sühnen, ich will ihr die +Ruhe geben.« + +»Und verlasse mich . .« höhnte der andere ihm nach. + +»Ich habe bereits alles auf mich genommen . .« bat er wieder. + +»Es war eine wundervolle Nacht,« warf sie ein. + +»Nein,« heulte der eine. + +Sie lachte. »Ich hatte mich danach gesehnt . . . und gleich alle drei +. .« + +Du wirst noch Orangen verkaufen, dachte der Freund. (Und der Vorleser +lächelte selbstgefällig.) + +»Als ihr mich nahmt, war ich so befreit . .« + +»Du warst rein,« brüllte der eine. »Oh ich Schuft, aber ich werde dich noch +. .« + +»Du blöder Hund.« + +»Du. Du weißt, wie ich dich liebe.« + +Sie wies mit einer Bewegung der Hand auf den Schnee über ihrem Fenster. + +Schweigen. + +Er starrte sie mit fiebernden Blicken an. Verflucht, dachte der andere, +soll ich ihn halten? + +»Gut . . .« schrie der, »aber dann . . .« Er schwang sich hinaus. + +Ein Zucken ging über ihr Gesicht, sie rang in sich etwas nieder. Der Freund +saß regungslos. + +Von draußen kam ein Kratzen und Schürfen. Dann ein Poltern, ein Schrei oder +ein Lachen oder ein Wimmern -- + +Man sah einen Ring über dem Dachrand zittern und brechen. + +Der Freund saß regungslos. + +In ihren Zügen lag ein Leuchten, ein Flackern, eine Flamme, eine +Erstarrung, ihr Leben ballte sich zusammen. Sie sah den Freund ihr +gegenüber beschmutzt, stinkend, schamlos in seiner Ohnmacht und Bestürzung. + +Dann zupfte sie den anderen am Rock und würgte lächelnd heraus: »Zwanzig +Franken muß er noch haben.« + +Der Freund räusperte sich, er war erlöst. + +Dann gingen sie. + +Man schwieg eine Zeitlang am Tisch. + +Dann setzte einer schnell, wie um den anderen zuvorzukommen, hinzu: Zwei +Freunde treffen sich in London. Der eine schwärmte: Ich habe ein Weib +gefunden. Krampf und Zuckungen. Ich will den Rhythmus ihrer Liebe suchen. + +Der andere lächelt und sagt: »Dann mußt du ihr mehr zu saufen geben.« + +Während sie noch so sprachen, trat die Frau am Arm eines Fremden ins Café +und schritt an ihrem Tisch vorbei. + +Die Herren standen auf und verbeugten sich. + +Sie trug eine entzückende Robe, und der Fremde sah aus wie ein russischer +Großfürst. Vielleicht, daß in seinem Hemd Brillanten funkelten. Auch +tranken die beiden Gott weiß was für teure Sachen. + +Die Herren hätten viel darum gegeben, wenn sie etwas von der Unterhaltung +der beiden gehört hätten. + +Sie hörten aber nichts und machten nur die Wahrnehmung, daß beide sehr +zufrieden aussahen. + +Er sog lächelnd an einer sicherlich exquisiten Zigarette, und sie führte +von Zeit zu Zeit bedächtig das Glas an den Mund . . . . + +Am Tische der Herren fing schließlich einer wieder etwas zu lesen an. + + + + +Der Weg über den Berg + + + (In drei Etappen) + + + + + +Der 50. Geburtstag + + +Frau Päsel feierte ihren 50. Geburtstag. + +Frau Päsel wartete in einem Garten mit ihrer Tochter, der Frau König, zwei +volle Stunden auf Herrn König, der unter dem Vorwande, einen Bekannten +aufzusuchen, sich vom Tisch entfernt hatte und wahrscheinlich in einer +Kneipe nebenan ein Wiedersehen begoß. + +»Du hättest ihn erst gar nicht gehen lassen sollen,« brummte die Alte. + +Die Tochter kniff die Augen zusammen und schien mit Tränen zu kämpfen. + +»Nu ja,« besänftigte die Mutter, »vertragen müßt ihr euch schon. Für dich +ist es schwer.« Sie seufzte tief auf. + +Da kam Herr König. + +Er kam tänzelnden Schrittes, machte eine tiefe Verbeugung und rief lustig: +»Guten Taaaag!« + +Wirklich ein fescher Kerl. So ein Schlingel -- -- dachte die Alte und bekam +einen dicken, feuerroten Kopf. Dann schrie sie: »So treibst du's wieder, du +besoffner Lump.« + +Herr König mühte sich, einen Zusammenhang zu finden. + +»So muß alles zu Grunde gehen,« jammerte seine Frau und beobachtete dabei +einen Nebentisch, an dem irgend etwas vorgehen mußte, was Herr König nicht +sehen konnte. + +Herr König blieb vorderhand ganz ruhig und setzte sich. Donnerwetter, +dachte er, und immer leiser: Donnerwetter, die paar Glas Bier und so. Aber +es wurmte ihn. + +Die Alte redete weiter: + +»Daß du dich auch gar nicht halten kannst. Gleich wieder den verfluchten +Fusel.« Sie wischte sich den Schweiß von der Stirn. + +»Du siehst doch, wie sich die Mutter grämt,« warf die andere ein und hatte +Verachtung im Blick. + +Frau Päsel weinte. Dann sagte sie sanft: + +»Willst du hier etwas essen?« + +»Nein.« + +»Aber iß doch, lieber Junge. Wie nett du aussiehst in dem neuen Hut . . .« + +»Fritz, so iß doch was.« + +»Halt die Fresse.« + +Herr König schlug auf den Tisch. + +»Ja, was ist denn -- -- vertragt euch doch, Kinder.« + +Frau Päsel zitterte. + +Die andere lachte auf. + +»Laß ihn doch, er ist ja besoffen.« + +»Was!? Das sollst du büßen. Warte nur . . .« + +»Aber Kinder . . .« + +»Das geht mir doch zu weit, oh warte. . .« + +Er keuchte vor innerer Erregung. + +»Sie hat es doch nicht so gemeint.« + +»Oh die -- das muß sein,« er schnappte mit der Stimme über. + +»Alle Leute werden ja auf euch aufmerksam,« flehte Frau Päsel. Sie war +leichenblaß. + +Die andere riß die Augen weit auf, zog die Schultern automatisch ruckweise +rauf und runter und stieß schrille, pfeifende Schreie aus. + +Die Alte hielt sie. + +»Um Gotteswillen, was ist dir denn?« + +»Der da -- der da -- der da« -- sie schrie weiter. + +Er stürzte mit erhobener Faust auf sie zu. + +»Sie hat wieder was, die Komödie, Aas verfluchtes.« + +Die umsitzenden Leute lachten. Ein Kellner sagte zu jemandem: »Was geht das +Sie an . . .« + +Frau Päsel rang die Hände und stotterte vor sich hin: »Was ist denn los um +Gotteswillen.« Ein entsetzlicher Gedanke fuhr ihr durch den Kopf: Wenn mich +hier jemand kennt, um Gotteswillen, der Päsel. Dann schrie sie ihren +Schwiegersohn an: »Dich kenn' ich jetzt.« + +Herr König war starr. Er nahm seinen Hut und ging hinaus. + +»Was ist denn, Kind?« jammerte die Alte. + +Die junge Frau stand hastig auf. + +»Mutter, er geht. Geh schnell.« + +Frau Päsel lief hinaus und erwischte ihn noch an der Straßenecke. + +»Wo willst du denn hin? Sei doch vernünftig.« + +»Ich kann das Frauenzimmer nicht mehr sehen.« + +Sie kam hinzu. + +»Was hab ich dir denn getan?« + +Sie weinte noch leise. + +»Ich will nicht mehr. Schluß. Immer dasselbe.« + +»Sprich doch nicht so . . .« + +»So versöhnt euch doch, Kinder. Was muß ich mit euch noch alles erleben.« +Sie sah völlig gebrochen aus. + +»Mit Kerlen treibt sie sich rum und alles so, und wenn ich dann . . .« + +»Aber es hat ja niemand etwas gesagt,« mischte sich die Alte wieder hinein. + +»Ich will nicht!« Er schrie so laut, daß die Passanten stehen blieben. + +Frau König sah hilflos unschuldig aus. Sie schaute zu ihm auf und schien zu +flehen: Siehst du, so bin ich. Nimm mich doch. + +Aber er hörte nichts. Er freute sich, daß ihm Unrecht geschah und fühlte, +wie ein reißender Strom sie von seiner Seite fortriß und entführte. + +Die Frauen faßten ihn unter den Arm und lächelten. + +Er merkte, daß er müde war, und daß es vielleicht besser wäre, jetzt alles +gut sein zu lassen, aber er riß sich mit einem Ruck los, daß Frau Päsel +unter den Stand eines Obsthändlers rollte. Er sprang auf eine +vorbeifahrende Tram und fuhr davon. Zu seiner Enttäuschung mußte er sich +eingestehen, daß niemand hinter ihm her schrie. + +Abends auf der Heimfahrt sagte er zu seiner Frau: + +»Eigentlich haben wir nichts erreicht. Mit dem Pump wird es wohl jetzt +nichts werden.« + +»Siehst du, die Mutter ist nicht mal mit auf die Bahn gekommen,« schmollte +sie, »du bist auch immer so aufgeregt . . .« + +Er grübelte: Ob sie es weiß, daß sie mich betrogen hat, und weiter: aber +der alten Kupplerin hätte ich es mal richtig geben sollen, und später: wenn +wir nur erst allein wären . . . Sie hatten sechs Stunden zu fahren. + +Als sie dann im Abteil allein waren, küßten sie sich. + + + + +Nächtliche Szene + + +Gegen drei Uhr nachts stolperte der junge Bittner die Treppe zu seiner +Dachwohnung hinauf. In dem dürftig ausgestatteten Zimmer brannte noch die +Lampe. Die Anna Zöpfel lag angekleidet auf dem Bett und schlief. + +»So -- schrie er, hab ich dich erwischt!« + +Er rüttelte sie am Arm. Sie wachte auf und rieb sich die Augen. + +»Kommst du erst jetzt? Ich bin so müde. Mich friert.« + +»Was! Du -- du, du willst mir Vorwürfe machen? du --??« Er schrie, daß sie +erschreckt sich aufrichtete. »Du -- hä, wo warst du denn? hä!?« + +Sie stammelte: »Ja, was soll das?« + +»Ah, ich habe es geahnt, ich weiß.« + +Er ging im Zimmer auf und ab. + +»Ich habe dich auf den Knieen gebeten, beherrsch' dich, ruiniere mich nicht +durch deine Unüberlegtheit und Dummheit.« + +»Was hab ich denn aber getan?« + +Es war nur mehr ein leises Wimmern. + +»Nichts von heute und gestern. Aber es frißt. Weiß ich -- vielleicht vor +einem Jahr und vor Wochen, alles das Kleine, die Verzeihungen . . .« Er +schnappte nach Luft. + +Da merkte sie, daß er betrunken war und sagte leise: + +»Geh doch jetzt schlafen.« + +Er ließ sich neben sie nieder, ballte die Faust. + +»Du hast alle gegen mich ausgespielt, ich bin allein, verlacht, du hast +mich zerrieben -- zwischen Steinen, getreten, bespieen und immer noch +geschworen, du hättest mich lieb.« + +Sie starrte ihn verängstigt an. Er umspannte ihr Gelenk. + +»Ich habe keine Ruhe mehr, ich bin krank, matt -- oh du!« + +Er krallte sich tiefer ein. Sie fing an zu jammern. + +»Ich hab doch auf dich gewartet.« + +»Warte nur, du Aas!« Er zog eine Fresse und kniff die Augen zusammen. + +»Sieh nur, wie verändert du sprichst,« höhnte er. + +Sie weinte. Dann riß sie sich los und schrie: »Laß mich!« + +Die Haare hatten sich gelöst, die Miene war straff und hart. Er krallte +sich tiefer ein. + +Sie heulte auf wie ein verwundetes Tier und suchte sich seiner mit den +Füßen zu erwehren. + +Da schlug er sie. + +Er schlug mitten hinein ins Gesicht, ruckweise, überlegen, wie ein Schütze, +der ins Schwarze zielt. + +Ihre Augen zuckten. Immer neue und fremde Gesichter sah er erstehen, und in +jedes schlug er sie. + +Er fühlte, daß er manchen Vorgänger zu töten hätte. + +Immer wieder, maschinenmäßig. + +Es wurde für Sekunden totenstill. Dann gellten Schreie, kalt, wie hinter +dem eigentlich Menschlichen, sie bohren, fressen. Schreie. Sie stand mitten +im Zimmer, das Gesicht verzerrt, schrie. Der Schweiß rann ihm von der +Stirn, er stürzte ihr nach, sprach auf sie ein. Er riß an den +krampfzitternden Wangen und küßte sie. Die Schreie lösten sich in ein +monotones Heulen auf. Er ging wieder zitternd auf und ab. + +Unter ihnen wurde geklopft, im Hause gingen Türen, Stimmen wurden laut. + +»Sei doch wenigstens jetzt still« -- flüsterte er. + +Seine Annäherung peitschte ihre Sinne, sie schrie wilder, stoßender. + +Es klopfte an der Tür. Hausgenossen lugten scheu herein. + +Er brummte etwas von einem Anfall, Hysterie. + +Der im zweiten Stock wohnende Trambahnschaffner schrie ihn an: »Sehn Sie +denn nicht, daß die Frau krank ist!?« + +Das Blut rann aus ihren Kratzwunden. + +Einige Weiber sprachen ihr gut zu und gaben ihr Wasser. Eine streichelte +ihr Haar. + +Anna beruhigte sich langsam. + +Einer brummte etwas von »Skandal« und »gebildete Leute sein«, die Frauen +warfen auf Bittner giftige Blicke. + +Dann gingen sie. + +Er saß am Bettrand und murmelte vor sich hin: »So weit ist es also +gekommen. Alles hat sie sich vernichtet. So weit.« Dann wurde es wieder +eine ganze Weile still. + +Sie stand in einer Ecke und weinte leise. + +Er dachte: Das arme Ding. So dumm und unüberlegt. Soll ich wieder gut sein +oder ihr an die Gurgel fahren -- für das alles wieder -- + +Und während er noch so grübelte, ging er zur Tür hinaus. Langsam tastete er +die dunkle Treppe wieder hinunter, er hörte die Ketten hinter sich +nachschleifen. + +Eigentlich bin ich dumm, fühlte er, ich hätte mich versöhnen sollen, wenn +auch -- und so. Und morgen wird uns der Wirt rauswerfen. Schließlich ist +sie doch auch schwanger. Zu dumm. + +Langsam sperrte er das Tor wieder auf und ging schleppenden Schrittes in +die Nacht hinaus. + +Ab und zu fuhr er zusammen. Ein Auto jagte vorüber. Wenn er jetzt darunter +läge. Es schrie jemand. + +Er schleppte sich weiter. Durch endlose Straßen, Schritt für Schritt. Er +dachte nichts mehr. Zuweilen noch zuckte es in ihm nach und polterte dumpf. + + + + +Josef + + +Sie zankten sich. + +Er erklärte ihr, daß er sie im allgemeinen nicht ernst nehme, daß er ihre +Erregung irgendeiner Krankheit zuschreiben müsse, es wäre ihm im übrigen +auch gleichgültig und so. + +Sie schrie ihn an: »Pack dich!« + +Dann bekam sie einen feuerroten Kopf. + +»Du blöder Einfaltspinsel!« Sie spuckte aus. + +Er entgegnete ruhig: »Du wirst dich beherrschen müssen.« + +Aber in seinen Worten zitterte etwas Geheimes, Verstecktes, Lauerndes. + +Er sagte: »Wenn du die Sache satt hast, so geh'.« + +Sie lachte gereizt: »Das willst du mir sagen, du -- aber warte!« Sie zerriß +eine Photographie und warf ihm die Stücke vor die Füße. + +»So -- sie spuckte wieder aus -- ich geh'!« + +Dann lief sie dem Haus zu. + +Er setzte sich in die Laube und dachte: + +Was ist eigentlich, warum der Streit? Er versuchte sich der Vorgänge zu +erinnern, ich habe sie zwar gescholten -- vorhin -- wegen der Bemerkungen +-- aber sie sah mich so feindselig an -- ja, wieso eigentlich? + +In der Laube saß Josef. + +Er achtete nicht auf ihn. + +Josef war der kleine Sohn des Wirtes und auf einer Seite gelähmt. Er fuhr +mit dem Finger die Tischritzen entlang und stieß kurze Schreie aus. + +Der Mann achtete nicht auf ihn. Er dachte weiter: Da unten liegt sicher +mein Bild, was wird sie tun? Was soll das alles? -- Er sah sich Jahre +zurück, wie er sie liebte, wie er bebte und getroffen wurde. Und +schließlich ist sie mit mir verwachsen, fühlte er. Vielleicht ist sie auch +über mich hinaus -- er erschrak. + +Eine peinigende Angst befiel ihn. + +Nein -- zitterte es in ihm -- mit dieser Behandlung ist es nichts. Soll ich +ihr nach, sie küssen, um Verzeihung bitten wie früher -- oder still sein? + +Rasender Schmerz fraß an ihm. + +Er fühlte plötzlich, wie tief er Josef haßte. + +Was tut er hier, warum schlägt man ein solches Vieh nicht tot? Nur zum Ekel +lebt er. + +Er hörte ihre Stimme. Sie stand in einem Kreis von Leuten und schien sehr +erregt. Sie schrie und weinte und lachte dann wieder auf. + +Josef humpelte scheu aus der Laube heraus. + +Ein kleines Mädchen sammelte Steine in einen Schubkarren. + +Josef zeigte auf die Steine und schrie. + +Das Mädchen lachte und fragte ihn etwas. + +In der Luft lag Milde. Die Sonne brannte. An den Kirschbäumen waren die +ersten Blüten. + +Josef stand mit gesenktem Kopf und lauschte. Dann schleppte er das eine +Bein nach und drehte sich auf dem anderen langsam herum. + +Josef tanzte. + +Die Gartentür fiel ins Schloß. + +Der Mann in der Laube fuhr auf. Wenn sie jetzt geht -- dachte er, mag sie +mich wieder verleumdet haben, bespieen, alles wieder breitgetreten -- vor +den Leuten da, es ist gleich, ganz gleich, und es rang sich etwas empor in +ihm, gewaltsam, es war für ihn schon zu spät, darüber klar zu werden, er +schrie verzweifelt: »Du -- du --« + +Aber es klang hart und rauh und befehlend. + +Er schrak zusammen, gestand sich, daß es so weich und mild hätte klingen +sollen. + +Es war zu spät. + +Doch er fühlte sofort: Nein, nicht zu spät. Sie wird wiederkommen, +vielleicht wird es doch wirken. Sie wird sich damit beschäftigen. Ich werde +sie dann prügeln -- wie früher, als sie auf dem Boden lag und ich ihr den +Haß aus den Augen schlug. Sie braucht das. Was tut's, ich verliere einige +Stunden, was tut's. + +Eine quälende Unruhe hatte ihn erfaßt. + +Er rief den Wirt und wies lachend auf Josef. Auch der Wirt lachte. Dann +ging er zu seinem Sohn und faßte ihn grob am Arm. + +»Was tust du hier, hä? Habe ich dir nicht verboten . . . !?« + +Josef hing regungslos in der Faust des Vaters. + +Er gab keinen Laut von sich, als man ihn in seine Bodenkammer schleppte. + +Der Mann ging im Garten auf und ab. + +Ich werde sie doch anders behandeln, dachte er, mehr nach außen, mit Liebe. +Wenn sie kommt, werde ich vielleicht vorerst gut zu ihr sein. + +Er wurde zufrieden und lächelte. Die Stücke seines Bildes hob er auf und +verwahrte sie in seiner Brusttasche. Sie wird sich freuen, fühlte er. + +Das Mädchen sammelte weiter Steine. + +Ab und zu erschien Josef in der Dachluke und stieß schrille, pfeifende +Schreie aus. + +Es klang wie der Schrei wandernder Affen im Urwald. + +Der Wirt bediente lächelnd seine Gäste. Wenn man ihn totschlagen könnte, +dieses Rabenaas, knurrte er, und bediente lächelnd weiter. + +Spätabends kam sie heim. + +Er saß im Zimmer und wartete. + +Sie beobachtete ihn lauernd und sagte schnell: »Weißt du, wen ich getroffen +habe, den T. Es war riesig nett.« + +»Laß nur. Eigentlich wollte ich mit dir noch fortgehen, aber jetzt . . .« + +»Ach ja. Er wird noch warten -- im Café -- er wußte ja nicht . .« fügte sie +schelmisch hinzu. + +Er stimmte traurig zu. Eine bohrende Angst quälte ihn. + +Nur keine weiteren Worte, fühlte er, und wie gehetzt erzählte er von Josef, +dem Tanz und dem Wirt und nannte ihn irgendwie. + +Seine Worte bekamen Würde, daß sie erstaunt zu ihm aufsah. Dann schritten +sie schweigend durch die Nacht. + + + + +Die Erlebnisse der Emma Schnalke + + + (Nach einem Kouplet: . . . . Der Liebe Glück und Seligkeit . . . .) + + + + + +I. + + +Die Person, um die es sich hier hauptsächlich handelt, heißt Emma Schnalke. +Oder auch anders. Das hat nichts zu sagen. Mit vierzehn Jahren wurde sie +auf die Straße gesetzt. In rascher Aufeinanderfolge war sie bei einem +Zahnarzt, in einem Konfektionsgeschäft, Beerdigungsinstitut, Friseurladen, +Schirmgeschäft, im Chor eines Operettentheaters. Es gefiel ihr nichts. + +Die Männer, die ihr auf dem nächtlichen Heimwege vom Tanzlokal in die Augen +sahen, erschraken und gestanden sich enttäuscht: Es ist nichts. Sie sucht +etwas. + +Gern war sie mit älteren Leuten zusammen. Sie log ihnen ein Dirnenleben +vor. + +Mit 16 Jahren kam ein Rausch über sie, der sie erhob und entzückte. Ein +Schüler brachte sie zur Kunstschule und zeigte sie den Professoren. + +Sie huschte durch die Säle und tanzte und jubelte, und wohin sie kam, war +ein Aufleuchten. Wie etwas Neues, Fernes, das zu ihnen gekommen war, das +alle erstaunte und wiederum auch war wie etwas, das alle erwartet hatten. +So huschte sie durch die Säle und war ihnen bei jeder Arbeit dabei. + +Oft saß sie auf einem zierlich gezäumten Roß, mit Schellen und Trotteln, +als Edelfräulein, den Jagdfalken auf der Hand. Dann war es, als ob allen +eine Erscheinung aufginge, es kam etwas Erhabenes in diese jungen Köpfe, +und der jüngere der Professoren ging manchmal an den Steigbügel, hob sie +herab und drückte ihr einen scheuen Kuß auf die Stirn. + +Nach solchen Tagen schritt sie taumelnd durch die Straßen, mit schlottrigen +Kleidern, eine Nachtwandlerin, oder saß an den Ufern des Flusses und griff +nach den Lichtfetzen, die die Strahlen der Bogenlampen ins Wasser rissen. + +Keiner wagte es auszusprechen, was alle fühlten. Künstler waren wohl kaum +darunter. Indessen, diese jungen Leute waren sich bewußt, einen vom +alltäglich bürgerlichen etwas abweichenden Standpunkt einnehmen zu müssen, +auch in den Äußerungen ihres Gefühlslebens, und sie mühten sich darum. Sie +waren ihr dankbar, daß sie ihnen gleichsam die Gelegenheit bot, ihre +Zugehörigkeit zur Kunst zu empfinden und vor sich selbst zur Schau zu +tragen. + +Ein Flackern kam in ihre Augen, und mancher krümmte sich wie unter einem +Spott. Es war wie eine geheime Abmachung unter ihnen, ein Schauer, der +jeden gefangen hielt, der die groteske Tragödie eines schal gewordenen +Märchens mitanzusehen gezwungen war. Es gährte in diesen Köpfen, eine Wut +stieg auf und ein Begehren, wenn die Straßenmodelle den Saal verlassen +hatten. + +Manchmal saß sie nackt auf dem Pferde, und Bäume waren rings herum +aufgestellt, die mithelfen sollten, die Idee einer längst verbrauchten +Romantik in die Wirklichkeit umzusetzen. Es blieb ein Torso, und sie litten +darunter. Ihre Kraft erlahmte, und ihre Kunst ging weit, weit fort. Aber +sie schwiegen. + +Unter den vielen war einer, der rang mit sich in manchen Nächten, und sein +heißes Blut schrie. + +Der Rausch und die Ruhe begann zu schwinden, der Blick wurde beseelt und +bewußt, und einer, der draußen vor der Stadt das Gurren der Tauben vernahm, +schlug sich vor die Stirn: er kannte es wieder. + +Aufregung hatte sich aller bemächtigt, mit dem schwindenden Rausch entwand +sie sich ihnen. + +Es gab keine Märchen mehr. + +Einmal kam der ältere der Professoren zu seinem Kollegen und fragte: »Der +H. hat mir erzählt, du willst heiraten?« + +Der andere schwieg. + +»Die v. B.?« + +Minuten des Schweigens verstrichen. + +»Und deine Kunst?« Sein Gesicht verzerrte sich, als wollte ein Pfui sich +durchringen. + +Der andere beschwor ihn. Dann sprudelte es hervor. Seine Liebe zur »Katze«, +seine Qualen, seine Gesichte, das Heilige, und seine Ängste um seine Kunst +und um seine Professur -- -- Aber er würde sie zu sich nehmen -- Es klang +immer bestimmter, je länger er sprach. + +Der Alte drückte ihm die Hand, dann redeten sie mit ernsten Mienen längere +Zeit, und etwas Sieghaftes lag in ihren Augen. + +Es klopfte: -- die Katze. + +Verlegenheit war um sie, schwand bald, und es klang herausfordernd: + +»Ich habe eigentlich eine kleine Bitte, ich möchte gern 100 Mark geborgt +haben, ich will etwas ins Gebirge fahren.« + +Der Alte zeigte auf den anderen: + +»Wende dich an ihn« -- und mit bedeutungsvollem Lächeln ging er hinaus. + +Es würgte in dem anderen, Trauer und Angst, ein Fremdes, Dumpfes bedrückte +ihn. Eine Sekunde lang stieg alles Liebe und Herzliche in ihm auf: + +»Du -- (er zwang sich) -- willst fortfahren?« + +»Ja -- mit dem Kapellmeister, du weißt -- Eine kleine Spritztour.« + +Noch einmal versuchte er ihre Seele zu ketten, all' seinen Schmerz +konzentrierte er auf ein süßes, tiefes -- Du --, das er im Innern fühlte. +Er rang und griff, aber griff ins Leere. Dann ging er langsam zum Sekretär +und nestelte umständlich an einer Kassette. + +Die Bewegungen waren seltsam gezwungen, ihre Augen blieben stumpf und +verschleiert. Eine Lüge war im Zimmer. + +»Hier hast du -- -- Wann sehen wir uns wieder?« + +»Danke schön. Nächste Woche --« + +Dann klang es hart: »Ich brauche dich zu einer Magdalena.« + +»Ja, ja --« Sie huschte hinaus. + + + + +II. + + +Wochen vergingen, es wurde Winter. In die Kunstschule ging sie nicht mehr. +Allabendlich stand sie vor dem Variété und wartete auf ihre Gesellschaft. +Der Kapellmeister, zwei Sängerinnen und ein Kraftmensch. Dieser entzückte +die ganze Stadt, wenn er einen Wagen mit vier Insassen auf dem Nacken trug +oder mit Kanonen balanzierte. + +Er war der Schwarm verheirateter Frauen. + +Er schleppte sie durch die Caféhäuser und Bars, begleitet in +ehrfurchtsvollem Abstande von Studenten, Kommis, Kellnern und Nachtmädchen. +Oft saßen sie in größerer Gesellschaft in den Separés der Hotels, es wurde +Wein getrunken, Musik gemacht und getanzt. + +Mitunter verirrte sich auch ein Künstler unter die Gesellschaft. Meistens +blieben sie aber allein. Sie saß zitternd mitten drin, wie ein flügellahmer +Vogel, nur ihre Augen flackerten Sehnsucht und heißes Begehren. + +Man wußte in diesen Kreisen nie, was morgen war, und immer trennte man sich +in der Besorgnis, die eine süße Erwartung war, sich nicht mehr +wiederzusehen. + +Jeweilig zwei Tage vor seinem letzten Auftreten in irgendeiner Stadt +pflegte der Athlet seinen Geburtstag zu feiern. Dann ging es hoch her. Die +Katze saß unter all' dem lärmenden Volk an seiner Seite. Sie zitterte und +ertappte sich dabei, wie sie irgendeine läppische Redensart, die gerade am +Tisch gefallen war, immer wieder vor sich hersprach. Sie fürchtete sich, +aber die Stimmung riß sie mit fort. Die Blumenarrangements, die ihm von den +Frauen auf die Bühne geschickt worden waren, schmückten die Tafel, die +zahllosen Einladungen zu Dämmerstunden und Soupers, die sie immer wieder in +die Hand nahm und durchlas, der Wein, die Lichter -- kurz, es kam ein +roher, plumper Ton in ihren Verkehr, sie scherzte mit ihm. Sie hatte ihre +Haare zu einem Knoten zusammengebunden und eine rote Sammetkappe +darübergestülpt. Ihre Bewegungen bekamen etwas gewollt Unfertiges und +Kindliches. + +So saß sie unter den Betrunkenen, und eine qualvolle Unruhe bedrückte sie. +Oft lachte sie plötzlich laut auf oder küßte den Athleten und drückte sich +an ihn oder erinnerte sich irgendeines fernstehenden Menschens, der ihr ein +lieber Bruder und Führer hätte sein können. Wenn der da wäre, dachte sie +manchmal, der oder auch der -- Warum ist niemand da? -- Vielleicht gerade +heute -- -- + +In manchen Augenblicken fühlte sie etwas Verfehltes in sich, ein +Nichtzuendekommen, Haß stieg in ihr auf, und sie warf sich dem Athleten an +die Brust oder streichelte seine Fleischerhände. + +Sie wurde betrunken, die Augen funkelten. + +Da nahm er sie an der Hand und führte sie hinaus. Drinnen johlten die +anderen. Er trug sie in sein Zimmer und küßte sie. Die Lichter verlöschten. +Der Lärm kam aus weiter Ferne und drang nicht mehr zu ihnen. Ab und zu +hörte man ein Schlürfen, verwischte Laute sich entfernender Stimmen, ein +letztes Poltern. + +Die Stunden waren bitter, da er mit ihrer Seele rang, aber sie wurde blind +-- vor dem Tier, das vor ihr winselte und bettelte. + +Wozu? Der Löwe und die Katze -- -- fühlte sie. + +So nahm er sie. + +Es folgten Tage wie Feuerbrände und die Stunden des ersten Erwachens. Sie +schlug ihn blutig. Er fesselte sie an den Bettpfosten. Und immer stand sein +Diener Bill, der abends die Gewichte schleppte, dabei, unbeweglich, +lauernd, immer bereit, alle Wünsche zu erfüllen und die Befehle seines +Herrn sofort zu vollziehn. + +So erkannte sie sich wieder und die Erinnerung kam. Sie reisten ab. Sie +wohnte bei seinen Eltern, und er nannte sie seine Braut. Dann reiste sie +mit ihm. Es lag etwas Verjüngtes in seinen Schritten, die Blicke verloren +das Starre, Herzlose -- während sein Weib in einem Hotelzimmer verblutete. + +Er betrog sie in Brüssel und Marseille und gab Unsummen aus für Brillanten, +mit denen er sie, um seiner Eitelkeit zu schmeicheln, herausputzte. +Schließlich hatte er sich sogar an sie gewöhnt und fühlte einen Anflug von +Liebe, wie er Schlächtergesellen eigen ist. Manchmal dachte er daran, ein +Gut zu kaufen und so im bürgerlichen Leben unterzutauchen. Mit der Zeit +sehnte er sich sogar danach. Sie wurde von den Französinnen und +Engländerinnen beneidet, manche beschenkten sie. Oft fuhr sie des Nachts in +Gesellschaft auf dem Züricher See, man war freundlich zu ihr und wollte ihn +kennen lernen. Dann kam sie manchmal nach Haus und biß ihn, daß man auf +seiner Brust abends die Spuren sehen konnte. Oder sie schlug ihm vor dem +Hotelpersonal die Faust ins Gesicht. + +Er wurde weich wie ein Kind und liebte sie. Monatelang nahm er kein +Engagement an. Und auch Bill wurde entlassen. + +Seine Mutter drängte sich an sie und schmeichelte, wie Schlächterfrauen zu +schmeicheln pflegen. Die ganze Familie fing wieder an zu verarmen, niemand +arbeitete. + +Da, eines Tages, nahm sie aus dem Koffer den Rest seines Geldes und blieb +verschwunden. Krank, mit fiebernden Augen bat sie bei ihrer Mutter um +Unterkunft. + +Aus ihren Träumen kam hin und wieder ein Auflachen, das man um Mitternacht +um dunkle Straßenecken hört. + + + + +III. + + +Tage und Wochen vergingen. Tiefste Bitterkeit kämpfte mit wiedererwachter +Sinnlichkeit, es wurde ein Haß des Vernichtenwollens, des letzten +Auslöschens. Die Männer, die ihr bisher im Leben begegnet waren, gaben das +Bild ab, an das sich ihre Erregungen klammerten. Sie bespie und verfluchte +sie und glaubte, sie mit Füßen treten zu müssen. Oft saß sie mit starren +Blicken, die Hände zusammengekrampft, und träumte, sie hielte eine Gurgel +umkrallt. + +Visionen erschienen ihr und erfüllten sie mit Ekel. Dann ging sie nachts in +ein Rummellokal und tanzte mit den Mädchen von der Straße, wild und +zügellos. Aller Blicke begleiteten sie, die Weiber beschwerten sich, manche +fauchten, die Männer blieben still. + +Es war ihnen ein Kribbeln in die Glieder gefahren, ein frischer Rhythmus, +sie streckten sich und ihre Gesichter wurden geschäftig, als ob jeder sie +erwartete, und jeder eine Mission zu erfüllen hätte. Der Tanzmeister, bei +dem man sich beschwerte, aber dachte: Vielleicht ist noch ein Geschäft mit +ihr zu machen -- und zuckte lächelnd die Achseln. + +An einem dieser Tage war es, daß sie erschöpft zusammenbrach, und einer der +umstehenden Jünglinge bedauernd sagte: Wie ein gehetztes Reh. Das Wort +durchzuckte sie wie ein Blitzstrahl und wurde eine Erkenntnis für sie. +Immer wieder wiederholte sie für sich: Gelt, wie ein gehetztes Reh. + +Wie ein Kind, das die Mutter streichelt: Geltel -- wie 'hetztes Reh. +Zitternd lief sie nach Haus und weinte. + +Anderntags kamen Kriminalbeamte und holten sie zur Polizeiwache. Es +handelte sich um die überall übliche Verleumdung seitens einer Freundin, +die die Beamten auf sie aufmerksam gemacht hatte. + +»Wir kennen Sie schon --« so empfing man sie. + +Die Leute da hatten ein selbstbewußtes, fettes Lachen, ihre Bäuche +zitterten vor Vergnügen und der, der das »Mensch« zu verhören hatte, +trommelte mit dicken Tintenfingern auf dem Pulte herum. Er wackelte +mißtrauisch mit dem kahlen Schädel. + +Aus aller Augen leuchtete eine Befriedigung, wie nach einem guten +Frühstück, man konnte sie noch schmatzen hören. Wirklich ein angenehmer und +interessanter Dienst . . . die Weiber . . . und meine zu Hause . . . Hä hä +. . . so dachten sie. + +Sie aber fühlte: Hunde. + +Dann wurde sie entlassen. Kein Wort des Bedauerns, kein Wort der +Entschuldigung. + +Schweinehunde! + +Einer rief leise nach: »Na, dann das nächste Mal.« Ihre Fressen zogen sich +zu einem Grinsen, einige scharrten mit den Füßen, einer schneuzte sich, +einer seufzte aus Gewohnheit tief auf, ein Geräusch von Schreibutensilien +-- dann schleppte sich der Dienst bis zum nächsten Fall weiter. + +Nun saß sie fast immer zu Haus und weinte. Manchmal las sie zwischendurch +auch Bücher aus Budapest mit Abbildungen, die frühere Verehrer +zurückgelassen hatten. + +Es war, als ob sie stumpf geworden wäre, oft fühlte sie in sich ein Tier, +das vor Wut und Schmerzen heulte. Und immer sah sie ein Kind vor sich, das +jämmerlich schrie und zur Mutter wollte. + +Ihre Seele verwirrte sich, und ihr Gefühl wurde täglich enger. + +Ich muß das Leben bespeien und alles vernichten -- -- fühlte sie. + +Es war widerlich zu sehen, wie ihre Mutter, die ein altes Unrecht glaubte, +wett machen zu müssen, um sie herumschwänzelte und Zukunftspläne +schmiedete. Es war widerlich anzusehen. + +Man sollte sie vor den Bauch treten -- -- das Aas -- -- dachte sie. + +»Du wirst schon deiner alten Mutter noch Glück bringen,« tröstete die, »ich +habe noch nichts gehabt in meinem Leben, du bist noch jung und die Männer +-- sei schlau --« + +Ja, du Aas -- treten -- + +Und eines Tages kam ein Mann -- Fabrikbesitzer oder so was --, der sie von +früher her flüchtig kannte und auf der Straße jetzt gesehen hatte, und +machte ohne alle Umschweife ein Gebot. 300 Mark monatlich und für später +eine größere Summe. + +Die Mutter tänzelte und setzte Kaffee an, sonstige Hausfreunde wünschten +Glück. + +Sie aber mühte sich verzweifelt um einen Gedanken, der allen Dreck +wegwischen könnte, aber sie fand ihn nicht und ging fort, ohne mit dem Mann +zu sprechen. Dem Kerl wurde bedeutet, er solle noch warten und nächstens +wiederkommen. Er ging, seelenvoll, mit schmerzlichem Augenaufschlage grüßte +er die Bekannten, die er traf, und wartete. Er hatte es sich eigentlich +anders gedacht. + +Den gleichen Nachmittag kam noch ein anderer Mann, an den man geschrieben +hatte. Er stellte Künstlertruppen zusammen und reiste. Nach der Türkei und +Rußland, durch Österreich und Italien. Auch er machte ein Angebot: Freie +Wohnung, freies Essen, freie Kleidung, freier Unterricht in Gesang und +Tanz. Als sie zurückkam, traf sie ihn noch an. Er war entzückt und wollte +nochmal seine Frau mitbringen. + +»Damit Sie sehen, daß es bei mir anständig zugeht,« meinte er. + +Sie fühlte nichts mehr, alles war in ihr welk und abgestorben. Um ihre +Mundwinkel lag dämonische Grausamkeit. + +Sie nahm sich von ihrer Mutter die goldene Uhr, die nach allerdings +zweifelhaften Angaben ein Erbstück war, und verkaufte sie einem Trödler. +Noch denselben Abend reiste sie in die nächste Hauptstadt. Sie fühlte: Nur +fort. Allein sein. Weit fort von diesen Leuten. + +Als ihr Zug in der Morgendämmerung in die Halle einlief, empfand sie ein so +unendliches Siegesgefühl, einen Rausch wiedergewonnener Freiheit, der sie +beglückte. Langsam ging sie nach dem Innern der Stadt zu, um den +heraufkommenden Morgen zu erwarten. Sie wollte vorläufig bei irgendeiner +entfernteren Bekannten ihrer Mutter wohnen. + +Bitteres Weh drängte sich auf: Arbeiten und gut werden -- dann kam es ihr +aber wieder sehr lächerlich vor, und sie lachte. + +Ihr Weg führte an den Markthallen vorbei. Robuste Gesellen luden das +Fleisch auf. Wildes Stimmengewirr. + +Die Schritte wurden zögernd, zitternd wollte sie vorbeischleichen. Die +niedrigen und blutrünstigen Begierden dieser Leute hatten sie indessen +schon gewittert. + +Sie fing an zu laufen. Rohe Worte prasselten hinter ihr drein. Einer lief +nach, erhaschte den flatternden Rock und wischte sich seine blutigen Hände +drin ab. Knochenstücke flogen der Fliehenden an den Kopf. + +Tolles Johlen toste hinter ihr drein, bis es langsam im Lärm der ein- und +ausfahrenden Wagen unterging. + +Blutbefleckt, mit Straßenkot bespritzt, schleppte sie sich auf eine +Promenadenbank und brach zusammen. + +Eine mitleidige Frau brachte sie in ihr Haus und ließ sich erzählen. + +Drei Tage und drei Nächte saß sie in einem dunklen, kahlen Zimmer, das sie +für wenige Pfennige gemietet hatte. Dann schrieb sie nach Haus und bat um +Reisegeld. + +An einem Sonnabend kam sie zurück, mit toten, kalten Blicken, voll Ekel und +Verachtung. + +»Man muß das Leben und alles vernichten --« und ihr Kindliches stieß sie +von sich -- »mit Füßen treten muß man --« + +Sonntag wurde sie engagiert, und den nächsten Tag reiste sie mit der Truppe +ab. + + + + +IV. + + +Sie war freudig bei der Arbeit, es war wie eine heilige Sache für sie. Ihr +Tanz atmete die scheue Zurückhaltung, die Greise zu Phantasten macht. In +vielen Städten und viele Wochen lang tanzte sie so. Die Verehrung, mit der +man sie umgab, glitt an ihr vorüber und rührte sie nicht. Sie hatte ihren +Haß und nährte ihn, aber sie wurde zusehends schwächer. Sie wurde müde in +ihrem Ekel und sehnte sich. Nach dem Fernen und Weichen, dem Streicheln und +Einschläfern, dem Katzenhaften und Kindlichen. Die Erinnerung wachte auf +und brachte auch wieder die Eitelkeit mit. Abends saß sie inmitten ihrer +Gesellschaft, unberührt von den Gesprächen rings um sie herum, und sehnte +sich so. + +Es war dies die Zeit, wo sie fast täglich an ihre Mutter schrieb. Ein neues +Aufatmen schien gekommen. + +Und einer war, der zu ihr sprach mit leiser Stimme, von Dämmerung und +verträumtem Zittern, von asketischem Insichhineinversenken und ewiger +Einsamkeit. + +Er beweinte im voraus, daß er sie nie besitzen würde. Sie lächelte oder war +auch plötzlich bitterernst, und streichelte seine Hand, abwesend, wie eine +unbeteiligte Fremde. Dann pflegte er mit hohler, vibrierender Stimme Verse +zu zitieren, manchmal auch eigene, und er bevorzugte den Refrain: + + Daß ich noch einmal würde lieben, + Ich hätt' es nimmermehr gedacht! + + +Es war ein Schauspieleleve, der schon eine Anzahl bürgerliche Berufe hinter +sich hatte. Aber es kam so genau nicht darauf an, denn er lebte bei den +Eltern. + +Einmal kam sie nach einer heißen Nacht zu ihm und gab ihm leicht blinzelnd +die Hand. Es war wieder Bewegung in ihr. Sie schmiegte sich an ihn und +lauerte. + +Da sagte er: »Sprich nicht so laut. Meine Mutter ist krank, zwei Zimmer +weiter -- -- --« und wies mit der Hand. + +»Du -- -- --« sie knackte mit den Fingern, es klang gurgelnd, drohend, ein +Befehl, dann aber in eisiger Ironie: »komm mit.« + +Er nahm ein Bild vom Schreibtisch und schenkte es ihr. Mit resignierter +Miene überreichte er die Widmung: Daß ich noch einmal u. s. w. + +Dann ging er mit ihr durch die Straßen. Sie waren still und bedrückt. +Plötzlich lachte sie auf, gröhlte und summte vor sich hin. Einen +Gassenhauer mit höchst eindeutigem Text. Er war starr, wie aus dem Gleis +geschleudert, grinste indigniert und benahm sich auch sonst seltsam, wie es +ein Mann tut, den die Verlegenheit überrascht. Was ist das nur, so wunderte +er sich, aber er schwieg, und sie wurde auch wieder still. An ihrer Wohnung +verabschiedete sie ihn, und er versuchte seinem Mienenspiel, das noch immer +eine gewisse Bestürzung zeigte, einen hündischen, treu besorgten Zug mit +beizumischen. + +Wenige Stunden später polterte es an ihrer Tür. + +Er war betrunken und bat um Einlaß. Die Haare waren zerzaust, die Kravatte +verschoben. Mit funkelnden Augen stand er da, bald flüsterte er Kosenamen, +dann wieder besann er sich und stammelte von einer dringenden Angelegenheit +oder seufzte weh und verzichtend, wie von Schmerz zerrissen, dann wieder +drückte er an die Klinke, und sein Gesicht wurde weich und zart. Aber die +Tür blieb verschlossen. Er schwor sogar, daß er für sie alles aufgeben +wolle, aber sie schwieg und rührte sich nicht. Ein neuer Rausch war über +sie gekommen, eine dumpfe Macht, die sie verwirrte und gefangen hielt. + +Sie schrieb an den Herrn v. B., der sie seit einigen Tagen verfolgte, ein +Billet: »Erwarten Sie mich noch heute nach Schluß, und bringen Sie den Pelz +mit.« + +Herr v. B. sprang von seinem Divan auf. Was ist das? -- -- Jaso -- -- der +Pelz. Dann betrachtete er im Spiegel wohlgefällig sein hageres Gesicht, den +englischen Schnitt. Er lächelte überlegen. + +Abends brachte er einen wundervollen echten Pelz, einen entzückenden Pelz. +Sie hüllte sich hinein und war wieder Kind. Plauschte und stotterte, die +ganze Gesellschaft nahm sie gefangen. + +Herr v. B. feierte Triumphe. Seine Freunde -- die ganze Stadt -- -- oh, es +war wirklich ein Triumph. Er war fast traurig und gerührt, seine Augen +wurden gläsern. + +Dann nahm sie ihn mit in ihr Zimmer hinauf. Sie ließ ihn eine Melodie +summen und tanzte vor ihm. Sie kuschte sich zu ihm und trieb zu tausend +Kapriolen und Späßen. Oder sie fuhr ihm an die Gurgel und streichelte dann +sein erschrecktes Gesicht. Oh, es war reizend. + +Herr v. B. schwitzte und dachte in süßestem Selbstbewußtsein: Gerade ich -- +-- ja -- -- höchst seltsam und wunderbar -- -- + +Sie zwickte und puffte ihn und stieß ihn zu Boden. Ein schwerer Rausch +hielt sie umfangen. + +Er begann, wie aus einer Familientruhe heraus, seine Gefühle auszupacken +und sprach von Liebe und Glück und ähnlichem. Eine hüpfende Seligkeit war +in ihm. Oh, es war reizend -- -- -- ja gerade ich -- -- fühlte er nur immer +wieder. An alle Bekannten dachte er. + +Der Morgen kam grau und abweisend, wie ein Henker. + +Da stieß sie ihn mit Fußtritten von sich. Ihr Gesicht war aschgrau und +verzerrt, das Haar hing in dürren Strähnen. + +Herr v. B. fühlte: Das ist kein Erwachen, ich komme um den Genuß. Er +versuchte sie zu beruhigen und sprach schöne Worte. + +Sie spie ihn an, eine Flut von Flüchen schwoll ihm entgegen. + +Dann schrie sie laut auf und Krämpfe schüttelten ihren Körper. + +Das Hotelpersonal lief zusammen, der Direktor kam, Kollegen. + +Man wusch sie mit kölnischem Wasser, alle standen ratlos. + +Herr v. B. blutete aus vielen Kratzwunden, aber er achtete nicht darauf. +Herr v. B. blieb ein Ehrenmann. Er behob das Peinliche der Situation durch +eine kurze Erklärung, bat den Direktor zu einer vertraulichen Aussprache +auf den Korridor und stellte seine Dienste nach jeder Richtung hin zur +Verfügung. Seine Hand zitterte, als er vor einem Spiegel die Blutrinnsel +aus dem Gesicht entfernte. Er hatte einen greisenhaften Zug bekommen, er +kam sich selbst wie ein zerhackter Häher vor. Es fehlte nicht viel, und er +hätte ein ganz klein wenig gelächelt. + +Er schrieb einen Brief: »Teuerste -- -- wenn Ich Ihnen irgendwie noch +behilflich sein könnte -- -- -- --« aber der erreichte sie nicht mehr. + +Ein paar Stunden später hatte sie sich aus dem Koffer des Direktors einiges +Reisegeld genommen und war verschwunden. + + + + +V. + + +Es kam alles anders, wie sie gefürchtet hatte. Der Direktor schrieb einen +versöhnlichen Brief, sie solle nur ruhig zurückkommen, sie würde es schon +noch zu was bringen. + +In den Tagen, da sie zu Haus war, frischte sie alte Bekanntschaften wieder +auf. Sie erschrak vor ihrer inneren Unruhe und suchte sich zu betäuben. Man +muß das Leben vernichten -- -- -- erinnerte sie sich. + +Ein Distriktsbeamter aus einer afrikanischen Kolonie bemühte sich um sie +und wollte sie mitnehmen. Dies schien ihr der Rausch, den sie suchte. Nur +nicht denken -- -- -- -- fühlte sie. Ihr Blick bekam etwas lauerndes, +haßerfülltes, etwas vom Vampyr. Schwere Tage schlichen dahin, und tolle +Nächte verbluteten in rasendem Taumel. + +Eines Tages war der Afrikaner verschwunden. + +Er traute nicht. + +Sie erließ Aufforderungen in die Blätter, sie ließ ihn suchen durch die +Polizei und Privatdetektivs. Es half alles nichts, er blieb verschwunden. +Niemand kannte seine Adresse, und man hörte nichts mehr von ihm. + +Schließlich fuhr sie wieder ihrem Direktor nach und wurde der Stern der +Truppe. Ein Schwarm junger Männer war um sie. Blumen und Schmucksachen +flogen ihr zu. Sie verschenkte alles wieder. Mit kaltem Lächeln und +brennendem Ekel. Zwei Monate lang lebte sie so und immer war der Direktor +um sie herum und nannte sie seine Tochter. Er ließ sie nicht aus den Augen +und lebte von ihr. + +Da erhörte sie einen ihrer hündischen Anbeter, der ihr von Stadt zu Stadt +gefolgt war, und verließ die Truppe. + +Es war schon ein gereifter Mann, der irgend eine größere kaufmännische +Position innehatte und in Petroleum spekulierte. + +Sie täuschten sich ein gewisses Frühlingsglück vor und waren oft still und +traurig. + +Wenn sie Hand in Hand auf den Dünen entlang schritten oder den Rhein +hinabfuhren, stiegen Erinnerungen in ihnen auf, und eine opferwillige Liebe +ergriff ihn. Er sprach von dem Herbst seiner Liebe und der Hütte, die er +errichten wolle, denn er hatte bei seinem gelegentlichen Umgange mit +Künstlern sehr wohl auf deren Umgangsformen geachtet. Er traf Anstalten zum +Ankauf eines Häuschens, das mitten im Walde gelegen war, und überhäufte sie +mit Erbstücken von seiner Mutter und Großmutter. + +Sie fühlte von alledem nichts. Sinnlichkeit raste in ihr und rüttelte. Wenn +sie sich ihm gab, fühlte er eine bittere Trockenheit aufsteigen und +prasselndes Feuer, das sich in den Leib fraß. Er wurde in den Taumel mit +hineingerissen. Ein unendliches Mitleid quälte ihn, und in den Nächten der +tiefsten Ermattung rang er mit dem Entschluß, alles von sich zu werfen und +zu heiraten. Ihr Leben wurde immer trauriger und drückender. Er fürchtete +für seine Liebe und bebte vor deren Ende. Er fühlte sich der Situation +nicht mehr gewachsen. Die Hilflosigkeit verstärkte indessen noch seine +Liebe, und er fand keinen Ausweg mehr. + +Sie verlor allmählich ihre Sicherheit. Sie sträubte sich dagegen, als +Heilige verehrt zu werden. Ein dämonischer Wille erfüllte sie, ihn darin zu +erschüttern. Sie bot sich seinen Freunden an oder inszenierte auf der +Straße einen Zank und schlug ihm den Hut vom Kopf. Sie wußte mit seiner +Liebe nichts anzufangen und wollte sie nicht, nur Haß und Vernichtung. + +Sie nahm Weiber zu sich, er sah nichts. Sie trug sich mit dem Gedanken, ihn +zu vergiften, er achtete nicht darauf. Sie zeigte ihre Wirtin wegen +Kuppelei an, er lächelte darüber. + +Die ganze Stadt war voll von Gerüchten, und man riet ihm, sie aufzugeben. +Aber in ihm lebte eine Hoffnung von einer über alles kostbar belohnten +Mission, die ihn alles vergessen ließ. + +Auch ihn hatte jetzt der Rausch erfaßt. + +Eines Tages hielt sie ihm den Revolver unter die Nase. + +»Ich bin schwanger!« + +Sein Gesicht strahlte reine Freude. + +»Ich will kein Kind von dir -- -- --« ein Aufschrei in wildem Haß. + +Er lächelte und entwand ihr die Waffe. + +»Du bist doch mein -- --« und wollte sie umarmen. + +»Du langweiliges Spielzeug -- -- -- -- sie spie aus -- -- -- -- ich hab' +dich satt.« + +Die Umrisse im Zimmer begannen sich zu verwischen. Aller Schmerz stieg in +ihr auf. »Nichts denken« -- -- schrie sie. Sie sah sich in dieser Sekunde +und ihr ganzes Leben. Der Rausch zerbarst. + +Die Krampfanfälle kamen wieder. Er lag zu ihren Füßen wie ein geprügelter +Hund. Er hätte weinen wollen, bitten wie ein Kind, aber er fühlte, er war +nicht rein genug. Ein Gefühl der Befriedigung zog ein, er wurde sich der +Held eines Romanes und hatte seinem Leben endlich einen Inhalt gegeben. + +Er schrieb ihr nach Haus Briefe, die eines gewissen poetischen Schwunges +nicht entbehrten. Ich will immer auf dich warten, so schrieb er, die Sonne +wird auf- und untergehen und ich werde sie nicht sehen, solange du nicht +bei mir bist -- -- -- -- und -- -- -- -- ich will mit dir hassen lernen. +Der Mutter schickte er Geld und schrieb: Pflegen Sie sie mir gut. Wenn +alles vorüber ist, will ich hinkommen und mit ihr sprechen. Und dann kam +er. Sie sah ihn mit scheuen Augen an und fürchtete sich. Sie dachte: Was +will er nur von mir? + +Oder sie schleifte ihn abends durch die Tanzsäle und suchte sich zu +betäuben. Aber es gelang nicht mehr. Ihr Haß hatte sich entwurzelt, und +ihre Seele war ausgebrannt. Sie sprach mit grausamem Lächeln von ihren +Erinnerungen oder bot sich ihm an, mechanisch, wie eine Uhr, die täglich +aufgezogen werden muß. + +Es wurde ihm unheimlich. Der Roman war doch nicht nach seinem Geschmack. Er +sprach hin und wieder mit ihrer Mutter, schließlich reiste er ab. Sein +Innenleben war ausgelöscht. Ein unbestimmtes, dumpfes Gefühl bedrückte ihn +und wollte auch späterhin nicht mehr von ihm weichen, selbst wenn er die +größten Geschäfte machte. + + + + +VI. + + +In dieser Zeit war es, daß ein junger Mann zu ihr kam. Bei einem Konzert +hatte er sie inmitten einer großen Gesellschaft gesehen und ihren suchenden +Blick gefühlt. Er ließ große Inserate in die Tageszeitungen einrücken, +worin er um ein Rendezvous bat. Aber sie las ja keine Zeitungen. Zufällig +traf er sie nach Wochen wieder und sprach sie an. Schließlich kam er dann +jeden Tag zu ihr. + +Er war im allgemeinen scheu und zurückhaltend und verlangte nichts. Sie +beschäftigte sich nicht allzuviel mit ihm, aber sie empfand, daß von ihm +etwas von der Kraft reiner, wahrer Liebe ausging und fühlte eine wonnige +Beruhigung. Manchmal sprach er den ganzen Tag kein Wort, er wollte nur um +sie sein und träumen -- -- sagte er. + +Es war wirklich eine Beruhigung für sie. Oft seufzte sie in einsamen +Nächten: Wer doch gut sein könnte, so gut. + +Dieses Wort hatte für sie einen besonderen Klang bekommen. + +Es lag soviel Befriedigung und Sehnsucht darin. Es war, als ob sie langsam +an seinen Worten gesunden sollte. + +Seines Zeichens war er Journalist und beschäftigte sich auch privatim mit +schriftstellerischen Arbeiten. Sie arbeiteten zusammen mit zwei Listen. Die +eine führte er, auf der die Daten der Geburts- und Todestage aller großen +Männer und Frauen verzeichnet waren, während sie die zweite Liste führte, +auf der die Zeitungen und Journale angestrichen wurden, die refusiert oder +angenommen hatten, mit rotem oder blauem Stift -- je nachdem. So wußte sie +auch immer, wieviel Geld einkam. + +Manchmal las er künstlerische Versuche vor und enthüllte sein Innerstes +schonungslos, seine Begierden und Befriedigungen. Und über allem schwebte +sie, die Unantastbare, die Königin, die da kommen mußte, und der alles +bereitet war. + +Sie las viel in den Schriften der neuen Generation, und jede Zeile war ihr +ein süßer und billiger Trost. + +Aber es wurmte noch etwas in ihr und bäumte sich auf. Ein Bodensatz. Es +kamen noch Tage, wo sie ihn floh. Es kamen noch Nächte, da sie durch +Tanzsäle raste. Aber die Reste ihrer Kraft schwanden immer wieder, so daß +sie bald zu ihm zurückkehrte. Sie fand ihn stets wie ein treues Tier +wartend, voll Dankbarkeit. + +Er litt, doch es war eine tröstende Gewißheit um ihn. + +Auch als sie noch einmal mit einer Lüge zu ihrem Kaufmann reiste. Auf acht +Tage. Sie kam wie eine Fremde und dachte auf Schritt und Tritt an ihren +armen Jungen. Noch vor der Zeit war sie wieder bei ihm. Sie raffte alle +Schönheiten in ihrer Erinnerung zusammen, wie jemand, der vor den Trümmern +seines abgebrannten Hauses das letzte sucht, und sie bauten darauf auf. Mit +blutendem Herzen tat der andere seine Phantasie hinzu. + +Dann aber drückte sie wieder ihre Stille. + +Ein neuer Taumel riß sie mit fort. + +Sie betrog ihn mit einem Studenten, der ihr über den Weg lief -- -- -- +nein, sie betrog ihn nicht, sie sagte es ihm. + +Er hetzte hinter ihr her, Tag und Nacht. + +Noch einmal war alles Rausch in ihr und Grausamkeit. + +Dann aber würgte sie die Scham, etwas Neues, Unbekanntes. Urplötzlich griff +sie zu und riß sie zu Boden und schleuderte sie herum und zerrte und zog. +Die Scham. + +Sie saß an einem Caféhaustisch unter lärmenden Gesellen. Man sprach +Persönliches und schien sie vergessen zu haben. Ringsum gleichgültige +Menschen, mit dreckigem Lachen und blinzelnden Augen. Und fernes +Musikgepolter. Lüge und Einsamkeit. + +Da stand sie auf und lief hinaus. Jubelnd lief sie in seine Wohnung, frei +und strahlend. Er war nicht da, sie schrieb. Tage vergingen. Endlich lag es +vor ihr: Ich habe unter Qualen auf dich gewartet. Du wirst mich finden. + +Ihre Stimmung war verflogen. Sie schüttelte den Kopf: Das war es nicht, was +sie erwartet hatte. Wochenlang lebten sie nebeneinander her, es keimte +Mißtrauen zwischen ihnen. + +Ich habe was verpaßt, fühlte er, -- -- oder der Eigensinn -- -- -- -- + +Sein Vater war in alles eingeweiht und traf Anstalten für eine dauernde +Verbindung. Sie sahen einen heißen Kampf unter sich vor Augen, doch der +Sieg schien sicher. Das Wort >gut< hatte eine zu tiefe Bedeutung für sie +gewonnen, und sie baute sich aus dem Gelesenen ein System zusammen, das sie +freisprach und befriedigen sollte. Er selbst trug dazu bei und stellte sie +in den Mittelpunkt von Komödien und Novelletten, die er an die +Zeitschriften verschickte, mit Rückporto versehen. + +Ihre Abende vergingen etwa so, daß sie daran dachte, wem sie wohl von ihren +früheren Freunden Verlobungsanzeigen schicken solle, während er Verse +deklamierte und sich pathetisch mit den fahrenden Sängern des Mittelalters +verglich. + +Es war eine himmlische Ruhe in ihr. Der Blick begann sich für das Leben zu +schärfen. Sie hatte wieder ihren suchenden Blick. Sie begann zu hänseln und +zu widersprechen. Zu dem anfangs gutmütigen Spott gesellte sich unmerklich +Bosheit und Hohn. Aus dem sichern Gefühl eines wiedererwachten +Selbstbewußtseins heraus. + +Sie trieb ihn zu Freunden und Gesellschaften. Ihr Blick wurde unstät und +flackernd. Da kam sie mit einem seiner Bekannten, dem Werner, zusammen und +wurde nachdenklich und unruhig. + +Aber es war eine Unruhe, die ihr neu war, und die sie entzückte. Sie +zitterte, wenn sie den anderen nach ihm fragte. + +Er schien sie nicht zu beachten, denn er war fast immer betrunken. In +seinen Bewegungen war wie Entschuldigung, und seine Blicke hatten etwas +Hilfloses, Verzichtendes. Das war einer, der haßte und vernichtete. Ein +Kind. + +Da hielt aber auch der andere seine Zeit für gekommen, und eine geheime +Furcht, seine Bemühungen ergebnislos zu sehen, ließ ihn alle Besonnenheit +vergessen. Er fühlte, wie sie seinen Händen entglitt. Er zermarterte sich +den Kopf; aber er fand keinen Anhaltspunkt mehr. + +Es war plump, wie er sein Spiel verloren gab. Er fühlte es selbst, es war +plump. + +Ganz unvermittelt drängte er in sie, ohne Übergang, ungeschickt, mit +verlegenem Lächeln. Er griff zu Reizmitteln und stammelte Andeutungen. Oh, +es war sehr plump. + +Ein Abgrund tat sich auf. + +Sie hatte den Moment seit Wochen gewittert und empfing ihn: »Du -- -- also +auch einer,« sie lachte verächtlich. »Pfui Teufel!« + +Er versteckte sich hinter einem Wortschwall, er empfand eine Lust sich zu +erniedrigen und dachte: es ist gewiß meine letzte Niederlage. Wo liegt der +Fehler -- -- -- -- + +»Ja, ja -- -- so bin ich!« schrie er. + +Es folgte jetzt eine Szene, von der man nicht weiß, ob sie sich wirklich +abgespielt hat. Sie zerrten sich, spieen sich an, er riß sie an den Haaren +im Zimmer herum, sie riß ihm die Fetzen vom Leibe, er fühlte ihren Mund in +Wollust zittern -- -- -- -- -- -- ihren heißen, süßen Mund. Er sah das +Zittern, aber er wußte nicht, ob etwas war. Er wurde stumpf und sank +ermattet in sich zusammen. + +Anderntags schrieb sie: + +»Ich danke dir vieles, vielleicht alles, meinen Körper kann ich dir nicht +geben. Nie! Mich ekelt. Daß du es weißt . . . . .« + +Wieder einen Tag später schrieb sie: + +»Schicke mir durch den P. etwas Reisegeld, ich muß nach Haus fahren.« + +Ihre Seele war frei, sie fühlte: ein Tempel. Es war ihr, als ob sie etwas +unendlich Zartes und Heiliges behütete. Erregt schritt sie im Zimmer auf +und ab oder lief weit hinaus vor das Tor der Stadt. Sie fühlte dieses +Glücksgefühl dumpf und in süßer Ungewißheit emporwachsen. Und immer +wiederholte sie sich: Nur nicht denken. + +Die Leute entsetzten sich, als sie durch die Straßen zum Bahnhof ging. Alle +hielten sie für betrunken. Sie lehnte sich zum Coupefenster hinaus, und +alles war verklärt. Die Leute, die rauchgeschwärzte Halle. Die Trains +donnerten in die Halle, Lokomotiven kreischten und pfiffen. Es waren ihr +himmlische Fanfaren. Dann setzte sich der Zug in Bewegung. + +Jemand rief: + +»Also leb wohl und grüß mir . . . . .« + +Aber das galt ihr nicht. + + + + +VII. + + +Einige Tage später erhielt sie von Werner ein Schreiben: + +Wenn Sie sich vielleicht auch meiner nicht mehr erinnern, so erlaube ich +mir doch, Ihnen zu sagen, daß ich die Lösung Ihrer Verbindung für eine sehr +glückliche halte. R. ist zu sehr ein Mann mit festen Plänen und Zielen, +einer, der weiß, was er will. Es ist gleichgültig, ob er etwas für sich +allein tut oder dabei für andere noch mit zu tun meint, es bleibt immer die +eine Selbstliebe. Es gibt Männer, die das Weib als Spiegel ihrer selbst, +als Bank zum Ausruhen, als Kissen in der Dämmerstunde benutzen. + +Sie brauchen ja selbst einen, an dem sie sich ausruhen wollen. Ich weiß +nicht, ob es ein Wurstl oder ein k. k. Staatsrat sein muß, aber das weiß +ich, daß es einer sein muß, der Ihnen die Ruhe gibt, indem er Ihre Seele +ständig in Atem hält. + +Sehen Sie den Mann, den Menschen, den Sie so inbrünstig suchen. Was tut er? +Er sieht das Weib und greift danach. Wie ein Knabe, der nach dem Falter +hascht. Er greift danach, nach jedem, das ihm in den Weg kommt, und sieht +dann ein graues etwas, zerbrochene Flügel, und wischt sich die Hand ab. Das +Weib ist der Stieglitz, den man ins Bauer sperrt, das zitternde Körperchen, +das alle Sehnsucht löst, und das sich so entzückend sträubt, wenn man ihm +Futter geben will. Das ist das Weib, das wir lieben. Und das Weib ist die +Pest, die sich ins Blut setzt und alles Leben aufsaugt und verdorren läßt. +Das ist das Weib, das wir hassen müssen. Wo sind sie, die Gezeichneten und +Auserwählten, die auch dann in himmlischen Wonnen lächeln. Wir zittern +manchmal voll Ahnungen und Erkenntnissen, voll Dämmerungen und +Schummrigkeiten und hören in der Ferne den Ruf. Aber das Mitleid macht uns +dreckig, das verfluchte Mitleid, das uns blind und zu eitlen Trotteln +macht. + +Viele sitzen und stellen das Weib vor sich hin, wie ein Petschaft und +grübeln. Und merken nicht, daß es längst in ihnen ist und fault. Sie sehen +nicht, daß das Weib unsere Versöhnung mit Gott ist und unsere Strafe, der +lächelnde Tod, der uns einlullt. Aber für Sie ist der Mann Taumel und +Straßenkot, Wurstl und Staatsrat -- -- -- -- sie las nicht mehr weiter. + +Sie dachte, er ist doch ein verrückter Kerl, und fuhr zu ihm. + +Sie traf ihn inmitten betrunkener Bürger. + +Sie folgte ihm von Schänke zu Schänke, saß die Nächte mit ihm zusammen und +wich nicht von seiner Seite. Wenn er stöhnend umsank, war sie glücklich, +ihn stützen zu dürfen, oder sie steckte ihm den Finger in den Mund, um ihm +beim Speien behülflich zu sein. Voll innerer Seligkeit fühlte sie: Endlich +habe ich dich gefunden. + +Er dachte: Wie mag es nur sein mit dem Mitleid. Verflucht -- -- -- -- daß +ich mir auch noch ein Weib aufgeladen. + +Er diskutierte mit ihr über die Psyche des Weibes und zergliederte +Einzelheiten. Dann sagte er: + +»Du solltest dir etwas Geld verdienen.« + +Er teilte alles mit ihr, und seine Kasse war knapp. + +Sie sah ihn erstaunt an und schwieg. + +»Wir werden dann schon sehen, wo wir dich unterbringen.« + +Ihr Lächeln wurde höhnisch. Es war die Entscheidung, als sie sagte: + +»Ich finde schon immer noch einen. Aber ich glaubte, du wärest mehr --« +Peinvolle Minuten des Schweigens vergingen. + +Wann ist man eigentlich verpflichtet, dachte er sich, und im Grunde +genommen . . . ich kenne das Leben nicht . . . . + +»Sprich nicht so . . . du . . .« bat er und rang mit seinem Mitleid. + +Sie zitterte beglückt unter seinen hilfesuchenden Blicken. + +Jetzt kommt meine Feigheit, fühlte er. + +Dann nahm er ihre Hand und sah die Tränen aufsteigen. + +Dann küßten sie sich. + +Ihre Körper blieben kalt, und eine fast unüberwindliche Scham trat zwischen +sie. Einmal sagte sie: + +»Ich will dich herausreißen aus diesem Leben.« + +Er lächelte. Es war eine Willenlosigkeit in ihm, die ihn erschreckte. + +»Ja, ich bin ein Verurteilter,« erwiderte er. + +Sie schwieg, aber in ihrem Blick lag soviel Hingebung und kindliche Bitte, +daß er weich wurde. + +»Du solltest in einem Palaste wohnen, oder nein, in einer Hütte und wissen, +daß dir ein Palast gehört.« + +Es klang lächerlich, aber er mußte etwas sagen und schwieg jetzt beschämt. + +»Ich will doch nur immer um dich sein« . . . es war fast ein Vorwurf. + +Das Leben kam ihr zu Hilfe. Er war arm und schlug sich mühselig durch. +Hunger und die Angst vor dem Morgen trieb sie enger zusammen. Sie drängte +ihn, eine bescheidene Stellung anzunehmen. Sie selbst traf Anstalten, +wieder zu ihrem Direktor zurückzukehren, er sollte mitkommen. + +Sein allmähliches Unterliegen genoß er wie eine unaussprechliche Seligkeit. +Er fühlte im Innersten eine Fülle aufsteigen, die seine Zweifel nicht mehr +zu durchdringen vermochten. Das Äußere wurde leicht und frei, seine Freunde +suchte er nicht mehr auf. + +In ihre Küsse mischte sich unmerklich Sehnsucht und quälte. + +Er erschrak, aber das stündliche Auf und Nieder seiner Stimmungen ließ +Überlegungen nicht aufkommen. Sie schrieb ihm: + +Wie der Nordwind braust durch der Eichen Zweige und Wipfel, so will ich +mich einwühlen in das Geäst deiner Seele und bei dir sein Tag und Nacht. +Denn du bist meine Heimat. Oder sie erinnerte sich: Weiß denn die +Nachtigall warum sie singt ihr süßes Lied? + +Plötzlich war die Sehnsucht Herr über sie geworden. In ihren Küssen stand +das Blut gegen sie auf und zwang sie. + +Im Taumel vergaßen sie sich und alles, was sie über ihre Liebe geschworen +hatten. + +Noch einmal wurde er aus dem Rausch zurückgerissen. Er sah eine Vision +. . . wie ein Stab zerbrochen wurde . . . . . aber er fühlte: Weiter! + +Sie fürchteten sich und zitterten. Er schritt kopfschüttelnd durch die +nächtlichen Straßen und dachte: Wer bin ich -- -- -- wie ist alles gekommen +. . . gerade ich . . . Er tappte im dunklen. Im Geiste sah er turmhohe +Felswände aufstehen, die ihn zu erdrücken drohten, und sah tausend Wege zu +sich und neue Möglichkeiten. Aber er rührte nicht daran. Dann setzte er +seinen Weg fort und erinnerte sich: »Ja, ich will dich lieben . . . .« + + + + +VIII. + + +Was ist das Leben? -- so grübelte er -- Dämmerschlaf, Minuten des +Erwachens, eine Sekunde der Erkenntnis oder nur der so kurze Rausch des +Erkennens? Der Rest ist Verwesung -- -- Was ist das Leben? + +Sie verkauften alles, was sie nicht unbedingt nötig hatten und logierten +sich in einem kleinen Ausflugsort unweit der Stadt ein. + +Es ging in den Monat März. Draußen wechselten sich Regen und Schneegestöber +ab. Der Sturm rüttelte. Manchmal kam ein Sonnenstrahl, daß alles glitzerte. +In die graue Ebene leuchtete erstes Grün. + +Oft stapften sie Hand in Hand durch das Tal, an einem Flüßchen entlang, +dessen Eisdecke rostbraun war, und ihre Füße wurden von dem Boden, der sich +in Klumpen daran gehängt hatte, schwer. + +Oder sie standen an den Ufern des Weihers und lauschten dem Krachen des +Eises, das sich bäumte, oder zeigten sich die erste Lerche, die zum Himmel +stieg. Oder sie gingen durch den Wald und folgten trunkenen Blicks den +Wolken, die am Horizont dahinschossen. + +Und immer war Hoffnung und gedämpfter Jubel um sie. + +Sie saßen in der niedrigen, rauchgeschwärzten Wirtsstube und herzten und +drückten sich, daß die Brust sich in tiefem Seufzer hob, und die Augen +glänzten. + +Ein Musiksprechapparat krähte, Tänze und Märsche und auch einen Chorus -- +(Teure Heimat . . . . .) + +Sie sprachen mit der Wirtin, dem Wirt, den Mädchen und dem Haushälter lang +und breit. Sie fühlten sich zugehörig. + +Dann sprachen sie von ihrem Leben und dem Gewesenen. Sie sahen sich in die +Augen und verschwiegen sich nichts. Es lag ein Schleier über dem +Durchlebten und jeder fühlte: + +»Was tut es. Wenn ich bei dir bin . . .« + +Aber eines Tages packte ihn ein Anfall und drohte ihn zu zerbrechen. Ein +schleichendes Gift fühlte er in sich und er sah fern seine Mutter. Sie +schrie nach ihm und weinte. Ihre Arme reichten bis zu ihm, und ihr Gesicht +war gramverzerrt. Die weißen Haare flatterten und wurden Pfeile. + +Die andere verstand nichts von seiner Vision, aber sie fürchtete sich, wenn +er jetzt im Hause herumschlich, gedrückt, wie von Zentnerlasten. Sie +glaubte, sie müsse ihn wiedergewinnen, wurde abweisend und versuchte seine +Kälte noch zu übertrumpfen. Er aber dachte: Warum streichelt sie mich nicht +-- -- und rief im Innersten: Hilf mir und sei gut! + +Sie verstand ihn nicht und hörte nicht auf sein Flehen. + +Sie warf ihm Worte hin, schneidend, brutal, voll Abgründe. Um ihn zu sich +zu reizen. Mit der Hoffnung, die Liebe durchbrechen zu lassen. Da ballten +sich die Fäuste. Er schlug sie ins Gesicht, daß sie auf die Diele +aufplumpste. Mit Füßen trat er sie. »So!« -- -- er wischte sich den Schaum +vom Mund, »so . . . hier hast du . . .« + +Er fühlte alles verloren, empfand einen beißenden Schmerz im Kopf, ein +quälendes Würgen, das ihn betäubte. + +Dann aber stieg es in ihm auf, hüpfend und prickelnd und wurde stärker, wie +Schellengeläute, und tanzte. Eine sieghafte göttliche Heiterkeit kehrte +ein. Er sah sich verzerrt, die Fäuste geballt, und lachte, lachte laut auf. + +Sie lag noch am Boden, in sich zusammengeduckt, regungslos. Sie sah ihn +groß an und wurde ganz verschüchtert. + +Dann fühlte sie, wie er sie in seine Arme nahm und sie herzte und küßte. + +Sein Lachen war wie süße Musik. Da lächelte sie auch und flüsterte: + +»Hab mich doch lieb . . . .« + +So ketteten sie sich immer fester. + +Manchmal dachte sie: Wo ist meine Kraft hin, und wird's sich auch lohnen +. . . aber sie schmiegte sich schnell an ihn und wies alle Gedanken von +sich. + +Sie nannte sich Rehchen oder Kätzchen oder Osterhase, so hatte er sie +getauft. + +Sie hüpfte wie ein Hase im Zimmer herum, wackelte mit den Ohren, kuschte +sich, spielte Männchen und kroch zu seinen Füßen und sah zu ihm auf, lange, +voller Demut. + +Aber es kamen Tage, wo sie an die Zukunft denken mußten, trotzdem sie sich +dagegen verschworen hatten, und dann gestanden sie sich, daß sie nur noch +drei Tage wohnen bleiben konnten. + +Da fühlte jeder: Wir gehören uns nur noch drei Tage und drei Nächte . . . . +und dann werden wir weiter sehen, dachten sie. Und jeder machte ein +entschlossenes Gesicht. + +Sie schlossen sich in ihr Zimmer ein und liebten sich. Immer wieder fielen +sie sich um den Hals und liebten sich. Sie aßen und tranken nichts, und +wenn eins sich an den Tisch setzte und eine lebte Zeile schreiben wollte, +flugs sprang das andere hinzu und küßte und drängte so lange, bis alles im +Taumel wieder unterging. + +Sie fürchteten sich allein, und jeder floh das Erwachen. + +Doch am Mittag des zweiten Tages wachten sie auf, und ihre Blicke trafen +sich. Lange maßen sie sich wie zwei Fechter, die gegeneinander schreiten. + +Er senkte den Kopf und schien zu allem entschlossen. + +Da hängte sie sich an ihn und sprudelte hervor, sie hätte bereits einen +Plan, und es würde vorderhand gehen, und zählte alle Einzelheiten auf. + +Er hätte aufjauchzen mögen, aber er fühlte: ich muß überlegen sein. + +So streichelte er sie und küßte sie auf die Stirn. + +Dann sahen sie sich wieder an, und dann tanzten sie und jubelten, und das +Glück war losgelöst und frei. + +Noch denselben Abend gingen sie nach der Stadt, einen weiten steinigen Weg. + + + + +IX. + + +Harte Arbeit empfing sie. Tagtäglich mühten sie sich, aber es langte nicht. +Sie schrieben Adressen, gaben Stunden, spielten des Nachts in Kaschemmen, +aber es langte nicht. Er suchte wieder häufiger Bekannte auf und traf auf +einen Schauspieler, der sich Sören nannte. Dieser empfahl ihn für einen +Posten bei irgendeiner Gesellschaft. Er schleppte ihn in Familien, wo er zu +Mittag aß und auch kleine Geldunterstützungen bekam. + +Sören machte Geschäfte als Bücherreisender, seine Frau wurde durch einen +Freund, mit dem sie ein Verhältnis hatte, zur Hebamme ausgebildet. Er +führte sich ein, indem er aus einer Gesellschaft den Verschüchtertsten +herausgriff und ihn als den einzigsten Menschen begrüßte. Er vertraute ihm +seine geistige Einöde und Verlassenheit an und verkaufte ihm dann seine +Lexiken. + +Diesem Sören schloß sich Werner an. + +In einer Aufwallung mitleidsvollen Verstehens führte er ihn zu ihr, er +solle noch einen anderen Menschen kennen lernen. + +Sören sah und himmelte. Er murmelte nur wie im Rausch oder rollte mit den +Augen. Er führte beide ins Café und unterstützte sie auch sonst. + +Er blieb jetzt fast immer um sie. + +Werner war stolz und kam sich wie ein König vor, der aus der Fülle seiner +Schätze verteilt. Sie bangte und zitterte. + +Sören hatte sich bereits fest eingenistet. + +Eines Tages sagte er zu Werner: + +»Eine wahre Liebe hat Raum für drei. Ich will die Brosamen nehmen, die von +eurem Tische fallen.« + +»Du lieber Freund . . .« und er schüttelte ihm die Hand. + +Dann küßten sie sich und waren gerührt. Es ist etwas Schönes um die +Freundschaft, dachte Werner. + +Man muß die Feste im Sturm nehmen, dachte der andere. + +Sie saßen die Nächte wieder in den Kneipen und tranken. Jeden Tag kam Sören +mit einem neuen Tragödienstoff und schwärmte von Anregungen und Entwürfen. + +Einmal, als Werner schon sehr betrunken war, ließ Sören sie holen und bat +sie zu kommen. + +Sie kam und sah die Blumen auf dem Tisch und die vielen Flaschen und wurde +traurig. Da flüsterte ihr Sören ins Ohr: + +»Wir wollen in ein Café gehen und ihn hier sitzen lassen.« + +Sie sah ihn erschreckt an. Verneinte. + +Da bedrängte er sie: Es handelte sich um Werners Interesse. Der würde dann +nachkommen, und vieles ähnliche. + +So gingen sie heimlich, wie Diebe. + +Werner sah alles und trank. + +Erst drängte es sich ihm auf: Wie dumm, wenn sie stark bliebe. Ich würde +doch nicht glauben . . . Stunden vergingen in qualvoller Dämmerung. Dann +aber wieder trieb es ihn, und er suchte sie im Geiste zu umklammern. Die +Bilder an den Wänden sprachen zu ihm und die Blumen, die Flaschen, und alle +hatten ihre Stimme. + +Sie sprach zu Sören: »Wo mag er nur bleiben. Holen Sie ihn her.« + +Sie fürchtete sich. + +»Sprich nur das eine Wort, und ich gehe sofort zu meiner Frau. Ein Wort. +Heute abend ist alles perfekt. Siehst du denn nicht, daß er immer betrunken +ist? Meine Frau weiß, daß sie mir nicht gehören kann. Noch heute abend +. . .« + +»Holen Sie Werner!« und sie entwand sich ihm. Hoffnungslosigkeit +bemächtigte sich ihrer. Werner! Werner! Er konnte ihre Schmerzensschreie +nicht hören. Er saß unbeweglich und eisig und trank. Er träumte von weißem +Flieder und roten Rosen, die er zu einem Strauß wand, und den er ihr zu +Füßen legen müßte. Blitzhell durchzuckten ihn einige Gedanken, aber er +kroch immer wieder in sich zusammen. Er dachte schließlich: Wozu etwas +abwenden, was ich verursacht. Verurteilt. Dem Henker ausgeliefert. + +Da kam Sören und stotterte, er wolle ihn nach Haus begleiten. Er bat und +drängte, aber Werner ging nicht. Da ging der andere wieder fort. + +Er sprach zu ihr: »Ich habe ihn nach Haus gebracht.« + +Sie dankte ihm und sagte: »Wir wollen Freunde bleiben.« + +Dann verließ sie ihn. Sie dachte: Vielleicht, wenn es ein anderer wäre +. . . + +Er raste und tobte. + +Es war eine Nacht, in der drei Menschen sich zerfleischten. + +Anderentags sandte ihr Werner in aller Frühe weiße Rosen und einen Zettel: +Weiß denn die Nachtigall usw. + +Er war mit der Hoffnung eingeschlafen: Wenn ich ihm jetzt zuvorkomme +. . . + +Sie weinte Freudentränen, es war, als ob sie ihn wiedergefunden hätte. Eine +Last, die sie bedrückt hatte, wich von ihr. Nun kann ich dir wieder ganz +gehören, fühlte sie. + +Sie dachte aber auch: Ob er mich wirklich liebt, da er mich so leicht +aufgab? . . . Und es blieb eine Mißstimmung in ihr zurück. + +Ihr Ärger wuchs von Tag zu Tag, und als ihr Sören schrieb: Ich muß eine +Aussprache herbeiführen, antwortete sie: Komm, Werner und ich erwarten +dich. + +Es geht also doch zum Henker, dachte Werner. + +In einem Café trafen sie sich. + +Jeder schien entschlossen den Platz zu behaupten. Sie maßen sich mit +feindseligen Blicken. Sören fing an: + +»Es ist feig von dir, jetzt davon zu laufen.« + +Und Werner: »Gemein von dir, meine Freundschaft zu mißbrauchen.« + +»Du bist ja noch ein Kind,« warf der andere verächtlich hin. + +Werner schwieg. Sie rührte sich nicht. Du mußt kämpfen, dachte sie, und sah +auf Sören. + +»Einen Menschen braucht sie. Du, ein heruntergekommener Student, bietest +nichts und kannst's auch nicht.« + +»Aber ich werde sie mir noch erringen . .« Es klang ganz eingeschüchtert. + +»Ich dagegen brauche sie für meine Kunst. Zeige, was du leistest, und dann +wage es, sie von mir zurückzufordern.« + +Werner schwieg. Ja, so wird es wohl sein, fühlte er. + +Eine Furcht, die in ihr aufstieg, wich. Es war belustigend. + +Ich suche mir doch meine Menschen selbst, dachte sie, aber sie schwieg. + +Stockend entrang es sich den Lippen Werners: »Du hattest doch gesagt, du +wolltest bei mir bleiben.« + +Da lachte sie laut auf, wie ein Peitschenhieb war ihr Lachen. + +Aber es wurde gequält und verstummte und Mitleid ergriff sie. + +Sie fühlte sich selbst getroffen, und dachte, ein zu dummer Kerl . . . Die +Unterhaltung wurde erregt. Sören schrie. Die Kellner standen um sie herum. +Die Gäste reckten die Hälse. Dann gingen sie. Auf der Straße setzten sie +ihre Reden fort. + +Werner fühlte einen Zusammenbruch, ein Ende. Bitterkeit stieg in ihm auf. +Er riß sich los. + +»Siehst du, da geht er hin,« sagte Sören und triumphierte. + +Sie antwortete ihm nicht. Wenn er wirklich ginge, dachte sie, und voll +bitterer Reue lief sie ihm nach. + +»Ich erwarte dich in . . .« hörte sie noch hinter sich herrufen. + +Wenn er wirklich ginge . . . + +Qualvolle Angst jagte sie durch die Straßen, durch die Schänken. + +Sie fand ihn nicht. Stundenlang hockte sie vor seiner Tür. + +Da kam er, schleppend, voll dumpfer Gefühle eines neuen Anfangs. Er ging +kopfschüttelnd an ihr vorbei. Sie zwängte sich ins Zimmer. Sie flehte und +beschwor ihn. Sie fiel vor ihm nieder, heulte auf. + +Er ging im Zimmer schweigend auf und ab. Sie fühlte: der andere . . . Sie +hing sich an ihn. Er stieß sie zurück. + +Da warf sie mit einem Fluch die Tür hinter sich zu. Sekundenlang stand sie +draußen wie gebannt. Dann jagte sie die Treppe hinunter. Er nach und holte +sie unten ein. + +Lange sahen sie sich an und fanden sich nicht. Und immer wieder trafen sich +ihre Blicke, und jeder fing den brodelnden Zorn in geballten Fäusten ein. +Da lächelte er, und sie schmiegte sich an ihn. + +»Du . . . glaub mir doch . . .« + +Und später flüsterte sie: + +»Weißt du denn nicht, daß ich immer bei dir bin . . .« + + + + +X. + + +Es ging mehr und mehr bergab. Die paar Pfennige, die er verdiente, reichten +zu ihrem Unterhalte nicht aus. Sie bewohnten ein kleines möbliertes Zimmer, +mitten im Lärm der Stadt. + +Eines Tages sagte sie zu ihm: »Man sollte wieder als Modell gehen.« + +Er wehrte ab. Sie erwiderte höhnisch: »Oder vielleicht zum Theater? Aber +ich muß erst Garderobe -- -- -- machen.« + +Sie verschaffte sich Empfehlungen und ging zu Leuten, die er kannte. + +Er redete sich ein, es wäre von diesen aus Gefälligkeit, und das beruhigte +ihn. + +Als er sie das erstemal hinbrachte, hielt er sie an der Haustür zurück und +sah sie lange an. Dann war sie ohne ein Wort im Hausflur verschwunden. Er +hätte das Haus aus seinen Fugen reißen mögen. Sie arbeitete drei Stunden +vormittags und drei Stunden nachmittags. Er brachte sie hin und holte sie +ab. Schließlich wurde ihr Kommen immer unregelmäßiger, und er stellte seine +Gänge ein. Ab und zu ging er mit hinauf und trank den Tee, den sie +übriggelassen hatten. + +Er sah immer eine Fliege, die sich auf ihren Körper setzte, und immer den +Mann, der sie mit einem Wedel verscheuchte. + +Einmal sah er, wie das dreijährige Töchterchen des Malers zu ihren Füßen +spielte und dann mit den belillten Händen den Körper betatschte. + +Die »gnädige Frau« rief aus einer Türspalte im Hintergrunde mit flötender +Stimme das »ungezogene Kindchen« zurück. + +Da ging er nicht mehr mit zu den Malern. + +Er dachte manchmal: Was nun? -- -- was hab' ich überhaupt mit dem Weib zu +schaffen . . + +Sein Verdienst hörte fast ganz auf. Er trieb sich wieder in Kaschemmen +herum und brandschatzte alte Bekannte. + +Wenn er spät nachts ins Zimmer kam, von Zweifeln müde und betrunken, +tastete er mit zitternden Händen, ob ihr Körper schweißig ist . . . . + +Sie sprachen wenig zusammen. Manchmal erzählte sie ihm Atelierwitze oder +weinte: »Tu ich denn nicht alles nur für dich?« + +Er hatte sich daran gewöhnt, gleichgültige Worte vor sich hinzumurmeln. + +»Was hast du denn? -- Ich bin dir wohl zu dreckig geworden.« + +Haß keimte in ihren Worten. + +Einer von seinen Leuten sprach von ihm: »Schade. Er ist an dem Weibe hörig +geworden.« Und einer seiner Freunde sagte: »Wenn ich wollte, hätte ich sie +nehmen können. Man könnte ihm vielleicht einen Dienst erweisen . .« + +Aber es waren eben keine Freunde. + +Er selbst fühlte: Wie feig, daß ich sie damals nicht gehen ließ. Ich hätte +aushalten sollen. Acht Tage vielleicht. + +An einem leuchtenden Herbsttage raffte er sich auf. Blitzhelle Gedanken +hatten ihn durchzuckt. Er schrieb an Verwandte und Studienfreunde, Briefe +um Protektion, Bettelbriefe. Es gelang ihm auch wirklich, eine Position +irgendwo zu bekommen. Es ging wieder vorwärts. + +Ihr Leben änderte sich. Sie saß jetzt wieder zu Haus und wartete auf ihn. +Sie gingen dann noch ein Stück in die hereinbrechende Nacht und weideten +sich daran, tausend Kleinigkeiten durchzusprechen. Oder sie holte ihn ab, +und sie fuhren weit hinaus vor die Stadt und schmiedeten Zukunftspläne. Man +muß sich zwingen, dachte er. + +Aber eine zuckende, flackernde Unruhe wich nicht mehr von ihm. + +Sein Mißtrauen quälte sie, und sie wurde scheu. + +Einmal kam ein Paket an sie. Ein Kostüm, ohne Brief, ohne Karte. + +Sie war erstaunt und verlegen. Ein älterer Herr hätte sie angesprochen und +bis ins Haus verfolgt. + +Er rang mit sich und schwieg. Sie beschwor ihn und weinte. + +Schließlich dachte er auch: Ihre Kleider sind heruntergerissen, es wird +ganz praktisch sein. + +In der Nacht umkrallte er plötzlich die Gurgel. + +»Du -- -- -- ich werde dich erwürgen! Was ist's mit dem Kostüm?« + +Es wurde ein Skandal. Sie schlugen sich. Worte fielen, von der Straße +aufgelesen, und ihre Erinnerung bespieen sie. + +Die Hausbewohner liefen zusammen. Den nächsten Tag warf sie der Wirt raus. +Aber es war, als ob ein Gewitter die Luft gereinigt hätte. + +Eines Tages schmiegte sie sich an ihn: + +»Gib mir ein Kind . . . ich will ein Kind von dir . . . .« + +Sie kaufte sich eine Puppe und einen kleinen Bären und trug sie im Zimmer +herum. Gib mir ein Kind . . . . so waren ihre Träume. + +Sie wanderten Hand in Hand durch die Straßen der Stadt und sahen die Leute +nicht. Die Gedanken waren frei und leicht, ein sieghaftes Lächeln schwebte +über ihnen. Es war wie das Glück. Mit seiner Stellung kamen auch wieder +Freunde und Bekannte in sein Haus, und sie blieben sich gute Kameraden. + +Oft dachte er über seine Liebe nach. + +Was ist überhaupt die Liebe? Vielleicht eine Ordnung, ein Geschäft oder ein +Fehltritt, sicher eine Seligkeit ohne Glück. + +Oft sagte er, wenn sie schmeichelte: »Ich liebe dich, aber laß mich +allein.« (Wenn sie die Haare sich waschen wollte!) + +Manchmal dachte er: Nein, ich liebe sie nicht, aber ich kann sie nicht +missen. Manchmal wiederum kam ihm der Ekel, wenn er sie essen sah, so wie +sich das Kind vor den Eltern graut . . . + +»Was ist überhaupt die Liebe?« + +Dann streichelte er ihre Wangen, und sie bedeckte seine Hände mit heißen +Küssen. + +Oft saß er in der dunkelsten Ecke einer Weinstube und grübelte. Da sah er +die Maler, den Athleten, den Kapellmeister, den Kaufmann, den Studenten, +den Schauspieler, den Herrn v. B., ein langer Zug, an sich vorbeiziehn. Oh, +wer so glücklich ist, dabei zu sein, dachte er. + +Er kroch förmlich in sich zusammen und wurde alt. + +Es bleibt etwas für mich zu tun, fühlte er, aber ich weiß nichts Näheres, +vielleicht eine Mission . . . . + +Im Grunde genommen wurde ihm das gleichgültig. Er träumte: + +Sie ist müde in der Erfüllung und ruhig. Wie aber die, die in der Sehnsucht +altern? Er ging wieder unter die Bürger und trank. + +Einmal hielt er in der Trunkenheit den johlenden Bürgern folgende Rede: Man +muß einen Aufruf erlassen. Zur Befreiung eurer Töchter. Gegen die +Ladenschwengel und Referendare. Gegen Einjährige und sonstiges Gesindel +. . . . + +Da war ihm eine Vision. Er sah den Studenten als Amtsrichter, dickbäuchig, +beim Frühschoppen. Man witzelt über Weiber. Der Dickbauch lächelt in sein +Glas. Voll leiser Erinnerung. Überlegen. Interessant. Dann nimmt er einen +Schluck, sieht sich verstohlen im Kreise um und seufzt erleichtert auf. Im +Hafen . . . . der Hund! + +Werner starrt in den Qualm, stürzt hinaus. Der Lärm tost hinter ihm drein. +Von qualvoller Angst gehetzt, jagt er durch die Straßen. + +»Uh jeh! Wenn jetzt der D., der Kujon, bei meiner Frau liegt,« denkt er und +jagt weiter. Nach Haus. + +Sie sieht ihn vorwurfsvoll an: »Ich sage dir's schon, wenn ich gehe.« + +Er fühlt: Um Gotteswillen, vielleicht schon Ruine . . . + + + + +Der tolle Nikolaus + + + + + +I. + + +In den neunziger Jahren des 15. Jahrhunderts wurde Herzog Nikolaus von +Oppeln zu einem Bankett des schlesischen Adels nach Breslau geladen. + +Der Küfer im Schlosse zu Oppeln rollte die Fässer aus dem Keller. Nikolaus +nahm mit seinen Kumpanen den Abschiedstrunk. + +Frau Bertha saß am Erkerfenster und weinte. + +Gewiß, Nikolaus war wieder in Gnaden aufgenommen, nachdem man ihn jahrelang +bei diesem Bankett übergangen hatte. Allerdings war erst vor Wochen der +Sohn und Stammhalter ertrunken. + +Auf Frau Berthas Geheiß hatte der Vogt die Bauern prügeln lassen. Nikolaus +liebte das nicht. Man wußte eigentlich nicht, warum und sprach dies und +jenes. Diesmal kam er zu spät, um es noch zu verhindern. Er hatte getobt +und die Fäuste gegen Frau Bertha geballt und nachher noch manches in sich +hinein gebrummt, daß sie im Innersten erschrak. Dann hatte er die heulenden +Bauern mit in den Keller genommen und ein tolles Gelage begonnen. Der +Kleine spielte gerade am Weiher, als am nächsten Morgen die Bauern nach +Hause schwankten. Man hat niemals erfahren, ob sie nur täppische Reverenzen +gemacht und mit ihm Späße getrieben, daß er erschrecken mußte und +verängstigt wurde und in den Weiher fiel, oder vielleicht einer aus Übermut +Hand an ihn legte und dann vergaß, oder gar eine Verschwörung bestand, das +alles hat man nicht erfahren. + +Nikolaus wurde zu Frau Bertha hart wie Stein. + +Der kleine Nikolaus wurde nachts verscharrt, während die Fürstlichkeiten +und Bischöfe, die auf die Kunde von dem Unglücksfall herbeigeeilt waren, +den Rausch, der ihnen beim Empfang verabreicht wurde, ausschliefen. + +Man fand es zwar absonderlich, aber es wunderte nicht weiter, denn man +dachte und mutmaßte so und so. + +Jedenfalls wurde er wieder eingeladen. Was tat's, daß er mit den Bauern +zusammensteckte und soff. Es standen ernste Zeiten bevor, und auch Frau +Bertha hatte heimlich manches Brieflein ausgesandt und teilnehmende Vettern +geworben. + +Aber ihre Güter blieben unbestellt. Die Pächter warfen die Boten, die den +Zins fordern sollten, vor die Tür. Die Prügelmaschine verstaubte. Nikolaus +wollte seine Bauern frei. Grund genug, daß Frau Bertha weinte. + +Am dritten Tage ritt Nikolaus mit seinen Kumpanen nach Breslau. Als die +Schloßbrücke hinter ihm aufgezogen wurde, war es ihm, als sollte er sich +umwenden und sprechen oder hinaufwinken oder noch schnell einen Vertrauten +gewinnen oder ein ganz klein wenig Anordnungen treffen, aber das Etwas, das +aufblitzte und anschwoll und ihn zu zerreißen drohte, zerbarst in dem +Rattern und Knirschen der Zugketten. + +Es stak im Innersten, was er vor sich hermurmelte. + +Es war ein tierischer Laut und wie ein Fluch, so daß auch die anderen +begeistert fluchten und lachten. + + + + +II. + + +Die Keller und Schenken in Breslau wurden zu klein. Die Bürger stritten +sich mit den Pfaffen, und die Pfaffen mit den Felljuden, die gerade +Markttag hatten. + +Unter all diesem Volk saßen Nikolaus und seine Gesellen und soffen. + +Manch fürstlicher Vetter ritt über den Markt und stieg am Stadthaus ab. +Schuster und Schneider liefen zum Empfang geschäftig in Ratsfräcken hin und +her. + +Nikolaus sparte nicht mit Witz und Schimpf. Das Gejohle seiner Gesellen +schwoll gegen die Maskerade, daß die Bürger still wurden. Als der Abend +hereinbrach, lagen die Meisterlein unter dem Tisch. Die Weiber keiften. + +Dann läuteten alle Glocken, und Fanfaren ertönten. + +Nikolaus erhob sich und seufzte schwer. + +Die Fanfaren schrieen ihn an und rüttelten. + +Aus dem Rülpsen seiner Gesellen sprach jetzt eine leise milde Stimme zu +ihm. Er krampfte die Faust zusammen, Sturm war in ihm. Er wollte schreien, +brüllen und sah irr um sich. Es schrie jemand in ihm -- wie ein Fährmann, +dann klang es wie geborstenes Metall. + +Nikolaus schritt langsam über den Markt und die Treppe zum Bankettsaal +hinauf. Den Kopf hielt er gesenkt. Wie zum Stoß. Die breiten Schultern +zitterten. + +Man beachtete ihn drinnen nicht sonderlich. + +Er fühlte sich bedrückt, gefesselt und tat mit in feinen Manieren. Stunden +verflossen. Der Wein und die mancherlei Reden taten das ihrige. + +Nikolaus blieb schweigsam. Kaum daß überhaupt jemand ihm Anrede gab. + +Es wurde wie bei jedem Bankett. Welche fingen mit rauhen Späßen an, wieder +welche sprachen von Weibern. Es gab wohl auch Püffe und Maulschellen, und +man vertrug sich dann wieder. + +Nikolaus blieb schweigsam. Man hatte ihn zwar geladen, aber man beachtete +ihn nicht. + +Er hätte wohl gern mitreden mögen, und er wunderte sich, daß sie dasselbe +taten, was sie bei ihm so verachteten. Er hatte auch jene Weiber besessen, +die sie lästerten, die heiligen und die Weiber der Bürgermeister und +Schöffen. Er liebte sie noch alle und bewahrte es wie etwas Kostbares, so +daß er nie davon sprach. + +Er sehnte sich fort. Er dachte, wie er sich doch besser von mancherlei +trennen sollte, er dachte an sein Haus, still liegen und in die Sonne +schauen. Seine Gedanken verwirrten sich. Er fühlte, daß er die Heilkraft +der Ruhe nicht finden würde. Der Ruf von Haus war so trübe und vergiftet +und viel zu schwach. + +Sie wurden lärmender. + +Es war ihm, als ob sie alle von ihm sprachen. Als ob sie ihn um seine +Streiche beneideten. + +Der Fürstbischof meckerte etwas und alle lachten. + +Nikolaus schien es, als starrten sie ihn an, daß jeder etwas Besonderes von +ihm wüßte und er jedem mit dem Becher Bescheid trinken müßte. + +Er sah sich wie an den Schandpfahl geschlossen. + +Plötzlich sprang er auf, daß seine Tischnachbarn vom Sessel fielen. + +Er bahnte sich unter dem Gelächter der übrigen zu dem Fürstbischof einen +Weg und schlug ihm in das vor Lachen verkrampfte Gesicht. + +Es wurde ganz still im Saal. + +Nikolaus duckte sich, als ob er unter einer Last zusammenbrechen müßte. + +Er faßte blitzschnell die Eminenz und schritt durch den Saal zur Tür. + +Und er warf den zitternden Pfaffen die Treppe hinunter, daß das Volk unten +aufschrie. + +Dann stieg er langsam die Stufen hinab, schritt durch die Volksmenge und +hinüber in seine Herberge. + +Seine Stimme bebte, als er seine Leute zu sich rief. + +Die Humpen wurden wieder gefüllt. Man hörte aus dem Geschrei der draußen +stehenden Menge, wie die Stadtwache aufzog. + +Nikolaus saß schweigend und trank. + +So will ich mich selbst vertrinken, dachte er und fühlte dumpf, wie eine +Woge seine Erinnerungen und Träume hinwegspülte. + +Später kamen Frau Berthas Brüder. + +»Wir wollen dich vor der Wut des Pfaffengesindels schützen,« sagten sie. +»Füge dich in unsere Anordnungen.« + +Dann legten sie ihn in Fesseln. + + + + +III. + + +Viele Boten kamen ins Oppelner Schloß. Schließlich ritten auch Frau Berthas +Vettern über die Brücke. + +Im Schloßhof saßen die Bauern und soffen. + +Es gab ein großes Gelächter, als die Kunde von Breslau offenbar wurde. Frau +Bertha sparte nicht. + +Manchmal dachte sie: Vielleicht haben sie einen bestimmten Plan, sie hassen +ihn alle. + +Dann aber wieder: Aber es wird ihm eine gute Lehre sein. Dieser Saufbold! +Kein Bauer will arbeiten. + +Und auch: Was mag geschehen? Schließlich ein freier Herzog und Späße +. . . Aber dann lachte sie wieder laut auf. Wie er nur aussehen mag. Der +Bär. In Ketten. Vielleicht ganz hilflos. Mit suchenden Blicken. Hin und ihm +helfen. Das Tor öffnen und knurren: Na komm, diesmal noch . . . und sie sah +lange dann starr vor sich hin. + +Frau Bertha empfing die Gäste mit Hohn im Blick. + +Gestern hätte man ihn nach Neiße geschafft. Vielleicht werde dort ein +Gericht sein. + +Sie hatten würdevolle Mienen. + +Dann wieder schüttelten sie sich vor Lachen. + +Die Frau sagte spitz: »Ihr werdet den Spaß zu bezahlen haben, wie ich ihn +kenne.« + +Sie beeilten sich mit Gegenreden. Es läge doch anders und nur ihrem Einfluß +sei es zu danken und vor Jahren hätten sie schon gewarnt. Die +Verdächtigungen als Lutherischer, ernste Verwicklungen, die Bauern, die +Steuern . . . Überhaupt der Adel sei gegen ihn, und wenn schließlich nicht +die Frau wäre und die Familie . . . + +Sie liefen wie aufgescheuchte Vögel hin und her, traten von einem Bein aufs +andere und verbeugten sich. + +Frau Bertha ließ Wein auffahren. + +»Soll man nun eingreifen oder dem Scherz seinen Lauf lassen?« + +Da lachten sie wieder und tranken sich bedeutsam Bescheid. + +Aber Frau Bertha ließ nicht locker. + +Es schade dem Ansehen und auch nur eine Sekunde Ernüchterung wäre der Tod. + +Gewiß, und es sei für alles gesorgt. + +Dann redete der eine bedächtig von Gerüchten, die ihm zu Ohren gekommen +wären, ehelichen Zwisten und Frau Berthas traurigem Los und dem abnehmenden +Wohlstand. Seine Stimme wurde butterweich. Der andere half mit in +Klagetönen. Es waren zwei Stimmen, die sich gegenseitig immer wieder wie +Wettläufer überholten und sich scheu nacheinander umblickten. + +Frau Bertha sah durch ihre Reden hindurch und hörte sich sprechen: Was +wollt ihr von mir, warum quält ihr mich. + +Und sie antworten: Laß ab von ihm. Acht Jahre sind es her, daß wir ebenso +sprachen. Der oder Jener. Willst du uns wieder ziehen lassen? + +Es war, als ob sie schreien müßte: »Hinaus -- -- oh ihr -- -- -- -- Er und +du oder du -- -- -- -- haha.« + +Heben sie nicht die Finger und grinsen? + +Frau Bertha fuhr sich über die Stirn und schwieg. + +Sie fühlte dumpf, wie etwas Geheimnisvolles, Schleichendes sie einspann. +Sie werden Geld verlangen, vielleicht alles Land. Soll ich ihn aufgeben? +Sie erschauerte. + +Der Liegnitzer sprach von ihrer Kindheit. Sie hatte ihm ein ganz klein +wenig Liebe gegeben, damals. Sie war allein, und er war stattlich, voller +Pläne. Es sah alles damals so viel und groß aus. Aber jetzt -- -- -- nein. +Und war schon Nikolaus für sie verloren, nicht denen da opfern. Nie. + +Ihre Miene wurde zornig. Sie sah das Ende ihrer Reden. Sie erkannte +geifernde Schwätzer, denen sie selbst nur zu oft Gehör geschenkt hatte. Wie +hatte sie dagegen ihn manchmal getroffen und im Innersten erschüttert. + +Es zuckte in ihr, krampfte sich, schrie. + +Plötzlich fühlte sie, wie sie zum Schlag ausholten, sie sah es näher kommen +-- -- -- -- nur nicht hören -- -- -- die Bestätigung, die Besiegelung, die +Schuld. + +Sie sank mit einem Aufschrei zu Boden. + +Die Vettern sahen sich betroffen an. + +Gurgelndes Stöhnen, leidenschaftliche Anklagen fielen auf sie ein. +Hilferufe. + +Einige alte Weiber liefen zitternd herbei. Sie hielten sich scheu in einer +Ecke des Zimmers und glotzten die beiden an. Die Vettern lächelten gequält. + +Der eine dachte: die ist hart wie Stein, und schaute den anderen sonderbar +von der Seite an. + +Der Liegnitzer recke sich und fühlte: Also dann das nächste Mal. Vielleicht +ein Brieflein? + +Sie gingen auf den Zehenspitzen hinaus. + +Als sie wieder über die Brücke ritten, dachte der eine, ob ich ihr doch +noch einen Boten sende, entweder -- oder. Der andere aber besah sich alles +Land und sprach bei sich: Man sollte den Herzog retten, und er machte sich +eine Rechnung. + +Frau Bertha stand im Schloßhof und lachte seit langer Zeit wieder aus +tiefstem Herzen. + +Ich werde offen mit ihm reden, dachte sie, ein neues Leben wird beginnen. +Nicht mehr er, wir. Gegen die anderen. + +Tanz und Spiel gingen bis zum Morgen. + +Um den Weiher stellten sich die besoffenen Bauern und schwuren, nach +Breslau zu ziehen und ihren Herzog zu befreien. + +Ihr wieherndes Gelächter ließ ab und zu Frau Bertha erschreckt im Schlafe +auffahren. + + + + +IV. + + +Zwischen Obst- und Gemüsegärten liegt die bischöfliche Residenz Neiße. + +Um viele runde und eckige Kirchtürme lebt ein Volk von Krämern. + +Dorthin wurde Nikolaus gebracht. + +Man hatte sich eigentlich nicht mehr sonderlich um ihn gekümmert. Der Adel +wollte nicht mithineingezogen werden, der Fürstbischof fürchtete ein zu +großes Aufsehen, vielleicht auch eine Einmischung fremder Fürsten, es wäre +ihm sogar lieb gewesen, man hätte den Herzog überhaupt nicht festgehalten. +Er wußte, daß jetzt etwas getan werden müsse. Die Scherereien würden kein +Ende nehmen. Schließlich stand auch sein Ansehen auf dem Spiel. Das Volk +wollte sich in Forderungen und Rachegelüsten nicht genugtun. + +Er übergab seinem Kabinett die Angelegenheit zu weiterer Verfolgung und +reiste irgendwohin. + +Den Kämmerern war die Sache sehr unbequem. Sie schoben den Herzog nach +Neiße ab. Die hätten den Vorfall dort ordnungsmäßig zu regeln. + +Der Rat der Stadt war in arger Bedrängnis. Der Bürgermeister las das +Schreiben, das die Ankunft des Gefangenen ankündigte und schüttelte den +Kopf. Es kam ihm dunkel zu Bewußtsein, daß man etwas Besonderes von ihm +verlange. + +Bald war es den Schustern und Schneidern und sonstigen Leuten bekannt. Eine +furchtbare Aufregung kam in die Stadt. Alles lief hin und her. Die +Fleischer schlugen Wurstbuden auf, die Bäcker boten frische Semmeln und +Brezeln aus, die Komödianten bauten die bereits abgerissenen Zelte wieder +auf. Ratsherren liefen mit hochroten Köpfen umher und erzählten einander im +Flüstertone, daß etwas ganz Außerordentliches bevorstehe. Der Bürgermeister +fieberte. Seine Frau, die lange Jahre bei Pfaffen gedient hatte, besaß +mancherlei Erfahrung in Sitten und Rechten. Sie verstand sich darauf, daß +der Herzog noch am gleichen Tage hingerichtet werden müßte. Der +Bürgermeister schwitzte. + +Die Schöffen drängten, sogleich das Gericht abzuhalten. Der und jener hatte +keine Zeit, die Weiber kneiften am Portal des Rathauses, fahrende +Musikanten spielten zum Tanz auf. Es war ein Volksfest, das dem Herzog bei +seinem Einzug in die Stadt entgegenflutete. + +Der Weg bis Neiße hatte ihn weidlich belustigt. Die Komödie war köstlich +und dieser Empfang . . . + +Er lachte, daß es von einem Tor bis zum anderen schallte. + +Das Volk johlte und jubelte auf den Straßen. + +Es lag so gar kein Unwillen und Haß darin, so daß Nikolaus nachdenklich +wurde. + +Was hat dieses Volk, dachte er, sie sind Kinder, die ein Spielzeug +zerbrechen, warum lachen sie . . . + +Er wurde vor den Rat geführt. + +Jemand las einen langen Schriftsatz vor. + +Er hörte nichts. + +Schuster und Schneider sprachen auf ihn ein. Der Bürgermeister schlug auf +den Tisch und brüllte. + +Der Herzog gähnte. + +Er sah, wie sie mit wichtigen Mienen Schriftstücke aufsetzten, berieten, +abstimmten, die Köpfe schüttelten. Draußen schrie alles durcheinander. + +Der Bürgermeister verbeugte sich gegen den Herzog und begann wieder etwas +vorzulesen. + +Nikolaus versetzte ihm einen Fußtritt. + +Ein Schöffe nach dem anderen schlich sich hinaus. + +Nikolaus schrie auf. Er hatte den Bürgermeister gefaßt und schleuderte ihn +gegen die Wand. + +Sie waren für eine Sekunde allein im Saal. + +Dann kamen Schergen und schleppten den Herzog in das Turmverlies. Sie +griffen roh zu. + +Nikolaus blieb stumm. Seine Miene wurde eisenhart. + +Vor der Bürgermeisterei lief alles Volk zusammen. Man hörte das Weib +keifen. Teller flogen auf die Diele. Es war ein Gehaste, als ob drinnen ein +Toter wäre. Der Bürgermeister hatte sich in die Hosen geschissen. + + + + +V. + + +Die Stadt wurde still. + +Der Raum, in den man den Herzog gebracht hatte, war niedrig und fast ohne +Licht. Ein schmales Fenster ging auf eine Seitengasse. + +Nikolaus schlief. Vielleicht zwei Tage, und es war wie eine Stunde. Er +hatte schwere Träume und eine Vision, daß er auffuhr und erwachte. + +Nikolaus . . . ., schrie es, und dann leiser: Nikolaus . . . . Es fing sich +in den Gängen und Gewölben, es kam immer leiser wieder zurück, und doch wie +ein Boot, das auf einem schwarzen Strom vorüberschaukelte. + +Er brüllte. Wie ein verendendes Tier, nein: ruckweise und dann immer wieder +in der Tiefe versinkend. + +Dann wurde er wieder ganz still. + +Er fühlte: Ich setze mich ins Unrecht damit. Nicht betteln. Was fällt denen +ein? He . . . . + +Niemand antwortete. + +Heee . . . . er tastete sich an den Wänden zum Fenster und zerschlug das +Glas. Heee . . . + +Niemand antwortete. + +Wartet . . . . er knurrte einen wilden Fluch. + +Der Raum war dunkel und niedrig. + +Er fühlte: die Brust wird zerspringen -- -- -- oh, wer rief doch? Sie kam +wieder. Die ihn quälte, marterte, ihm das Blut aus dem Herzen trieb. + +Nicht du . . . . er brüllte wieder auf. + +Dann lauschte er und hörte sagen: »Was tu ich dir, Nikolaus, hörst du, was +. . .« + +»Hee . . . du . . . ich hasse dich . . . du willst mich am Boden sehen +. . . oh . . du hast gesiegt.« + +Er sank in sich zusammen. + +Wieder rief die Stimme: Nikolaus . . bin ich dir nicht gefolgt, ich war +doch bei dir, du Meines . . du . . + +»Hahahaha . . . .« Wie Stahl schlug das Lachen gegen die Wände. Aber es +sprach weiter: Und siehst du, ich mußte dich quälen, so lieb hatte ich +dich, denn das Kind, vielleicht stand es zwischen uns . . . . + +»Hör auf,« er keuchte, »ich habe dich nicht verstanden.« + +Es war totenstill im Raum. + +»Du hast dich seit jenem Tag gegen mich gewendet, mich gehetzt, verjagt mit +deinem Haß, und du hättest mich streicheln sollen, vielleicht kannst du +das, spielen sollen wie früher, noch mehr Kind sein, gutmachen alles +. . . .« + +Es war als ob etwas schrill anschlüge: Nein, das hattest du, gerade du +. . . es schien sich zu zwingen . . . und warum kamst du nicht mehr, ich +wartete Tag um Tag . . . + +»Nein, ich . . . ich . . . ich.« Er wurde unruhig. »Was wollen die, hee +. . . was ist?« + +Wieder schlief er ein. + +Der Raum war dunkel und niedrig. + +Von allen Ecken wisperte es: Nikolaus . . . Nikolaus . . . + +Er fuhr auf. Als ob er eine Last abschüttelte. + +Er seufzte: »Komm, laß gut sein. Ich war Schuld und wenn auch . . . nur +ich, denn du vielleicht warst bei mir, auch so.« + +Er schlug gegen die Wand: »Teufel . . . meinetwegen, ich lüge.« + +»Warum gingst du fort, weiter und weiter . .« + +Er schrie: »Nein, nein, nicht ich . . .« + +Seine Stimme schien sich wo anklammern zu wollen. + +Dann wurde er ruhig und lächelte. + +Komm zu mir, dachte er, ich will dich streicheln, ist es auch meine Schuld +. . + +Er schlief wieder ein. + +Doch bald schrie er auf, er krallte sich in die Mauer ein. + +»Du hast mich zu Boden getreten, du . .« + +Er besänftigte sich: Wer hilft mir, eigentlich wer und wozu? + +Er lachte grimmig. Heee . . . . + +Niemand antwortete. + +Habe ich etwas getan, dachte er, und was? Heee . . . . + +Er lauschte. + +Dann flehte er: Sprich wieder . . . Zwar kennst du mich nicht. Und +trotziger: Nein, du -- -- du nicht und ihr alle nicht. + +Er lachte und ballte die Fäuste. Wie gegen Erinnerungen. Stunden +verflossen. Vielleicht waren es Tage. + +Kinder standen in der Gasse. Der Herzog brüllte und lachte und stöhnte. Es +klang immer wie eine Erlösung nach einem verzweifelten Kampf. + +Das kann eine schlimme Sache werden, dachten die Krämer und kratzen sich am +Kopf. Am nächsten Morgen tupfte der Böttcher Kunze sich seinen Brummschädel +und dachte: diesmal geht es noch. Der Mützenmacher Glatzel erhob sich +gähnend aus einem Winkel. Der Bürgermeister kroch zu seinem Weibe und +dachte: bald wird wieder Ruhe sein. Und so weiter. + +Um diese Stunde schlichen Fleischergesellen zum Herzog und schlugen ihm den +Kopf ab. + +Man weiß nicht, ob er sich gewehrt oder gelacht oder geseufzt oder sonst +irgendetwas getan und gesagt hat. + + + + +Nachschrift. + + +Viel ist nicht mehr zu sagen. + +Ein Gesindel von Geschichts- und Geschichtenschreibern ist an die Arbeit +gegangen. Manche sind genauer . . und viele haben damit recht. Was tut's. + +Mancherlei ist vom tollen Nikolaus im Umlauf. + +In Neiße liegen darüber Aktenbündel, und ein verrostetes Schwert wird +gezeigt, vielleicht auch ein Bild, wie Nikolaus auf dem Marktplatz +enthauptet wird. Vielleicht hat dabei auch ein Glöcklein geläutet. Das muß +spaßhaft gewesen sein. + +Vielleicht wird erzählt, daß Frau Bertha mit Roß und Reisigen wutschnaubend +in Neiße eingezogen ist oder auch wehklagend. (Mit Roß und Reisigen.) +Sicherlich sind auch Boten gekommen, vielleicht kam einer gesprengt mit +verhängtem Zügel durch das Stadttor um die Morgenstunde und hat geschrieen: +Haaalt . . haltet ein . . . Aber aber . . . . Vielleicht ist mit dem +Bürgermeister noch etwas geschehen. Das kommt vor. + +Aber man wird verstehen, daß das alles nichts zu sagen hat. + + + +***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DAS TROTTELBUCH*** + + +******* This file should be named 36718-8.txt or 36718-8.zip ******* + + +This and all associated files of various formats will be found in: +http://www.gutenberg.org/dirs/3/6/7/1/36718 + + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. Special rules, +set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to +copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to +protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. 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