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+The Project Gutenberg EBook of Die Kakomonade, by Simon Nicolas Henri Linguet
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Die Kakomonade
+ Ein Nachlaß vom Doktor Panglos, als ein Supplement des Kandide
+
+Author: Simon Nicolas Henri Linguet
+
+Release Date: March 6, 2012 [EBook #39043]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE KAKOMONADE ***
+
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+
+Produced by Jens Sadowski
+
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+
+
+Die
+Kakomonade,
+
+ein Nachlaß
+vom Doktor Panglos,
+
+als ein Supplement
+
+des Kandide,
+
+von
+
+Linguet.
+
+Nach der zweiten vermehrten Ausgabe übersetzt.
+
+Berlin, 1786.
+
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+
+
+
+
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+
+Buchhändlernachricht.
+
+
+Es leben zwo berüchtigte Schwestern in der Welt, welche mit voller Gewalt
+auf derselben regieren. Man ist gesinnet, von der Einen derselben die
+Geschichte ihres Lebenslaufes hier vorzulegen. Dem Leser wirds gar nicht
+schwer fallen, zu errathen, wer die sei, von der man spricht, sobald er
+weis -- was wir ihm eben sagen -- daß man jene, von der die Rede nicht ist,
+nach unserer französischen Mundart gemeinhin die petite vérole nenne[*].
+
+Diese nun hat sich vor undenklicher Zeit in Europen ausgebreitet; der
+andern aber gelang es nur erst um viele Jahrhunderte später, in diesem
+Welttheile festen Fuß zu fassen; indessen mag man sie für
+Zwillingsschwestern ansehen, und ihr Alter beinah so weit hinaussetzen, als
+das Alter der Welt. Es ist wahrscheinlich, daß sie bei ihrer Geburt zu
+einer Zeit mit Noe sich in das Universum theilten. Die Eine nahm die linke,
+die Andere die rechte Seite desselben in ihren Besitz. Sie zogen mit den
+Söhnen dieses Patriarchen herum, und schlugen in Wüsten, denen es an
+nichts, als an Bewohnern fehlte, ihren Wohnsitz auf.
+
+[Fußnote *: Wörtlich geteutscht die kleine Pocke; Die große Verole, ihre
+Schwester, von der sichs hier eigentlich handelt, ist ein Frauenzimmer von
+solcher Artigkeit, daß sie sich immer balsamt, und parfümt; und von solcher
+Ehrwürdigkeit, daß sie auch den ausgelassensten Lüstling, sobald er sie
+kennen lernt, voll Ehrfurcht zurückhält, sich an sie zu wagen. Anmerk. des
+Uibersetzers.]
+
+Die Kleine nahm das größte Stück für sich: Das ganze feste Land des
+Alterthums ward ihr Reich; Afrika, Asien, und Europa fielen unter ihre
+Bothmässigkeit. Ihre vornehmste Beschäfftigung war, die Menschengestalten,
+die sich da befanden, zu verderben; aber vorzüglich übte sie sich in ewigen
+Kriegen gegen die Schönheit.
+
+Die Andere trieb Anfangs ihren Ehrgeiz nicht so weit: sie begnügte sich,
+den Zepter über Amerika zu führen: Da pflegte sie des Umgangs mit den
+Schlangen, und allem kriechenden Ungeziefer, welche diesen schönen Theil
+der Welt verheeren: allein der Theil, auf welchen sie ihre Gewalt
+ausbrechen ließ, war nicht das Gesicht; sondern sie griff unmittelbar das
+an, was die Schönheit nützlich, oder schätzbar macht.
+
+So lebten sie über fünf tausend Jahre, einsam, jede in ihrem Aufenthalte.
+Nur erst im fünfzehnten Jahrhunderte kam sie die Lust an, sich zu besuchen,
+da sie zu ihrer Reise die spanischen Flotten sehr gemächlich fanden. Sie
+mußten keine Ursache gefunden haben, es sich gereuen zu lassen: von dieser
+Zeit an scheinen sie den Entschluß gefaßt zu haben, sich nimmer wieder zu
+verlassen. Sie verglichen sich, ihre Schätze gemeinschaftlich anzulegen.
+Ohne Unterschied, und ohne Eifersucht herrschen sie nun beide zusammen über
+die vier Theile dieser unteren Welt, wo, wie es ein Haufen erlauchter
+Philosophen beweist, alles gut ist. Der Vergleich dieser beiden Schwestern
+hat die Masse des allgemeinen Guten um ein Ansehnliches vermehrt; ob man
+gleich gestehen muß, daß einige einzelne Uibel daraus erwuchsen.
+
+Diese zu mildern, ja zum Theile gar zu unterdrücken, scheint die Absicht
+gewesen zu sein, welche sich der Verfasser dieses Werkes durch dasselbe zu
+erreichen bestrebet hat. Wir glaubten wahrzunehmen, daß er hierzu eben so
+sichre, als leichte Mittel an die Hand gab; und man wird sich von der Sache
+sogleich gute Begriffe machen, sobald man wissen wird, der Verfasser sei
+der Herr Doktor Panglos, Feldprediger des Freiherrn von
+Donnerstrunkshausen, und Hofmeister des Kandide.
+
+Seine Abentheuer sind Jedermann bekannt, aber Niemand weis Etwas von seinen
+Schriften. Man weis, daß er eben sowohl, als sein Zögling, auf den Befehl
+der heiligen Hermandad den Staupbesen bekam, und, was noch mehr ist,
+gehangen wurde. Seine Unglücksfälle sind, Dank sei es der Feder des
+berühmten Herrn Ralph, seines Mitbruders in der Metaphysik, zum Besitze der
+Unsterblichkeit gelangt; hingegen zweifelte man nicht, daß es ihm nicht am
+Kützel, oder an der Zeit gefehlet habe[*], ein Autor zu werden; dennoch ist
+dieß eine unläugbare Wahrheit; und hier theilen wir eine seiner Arbeiten
+mit, die uns würdig genug schien, die Aufmerksamkeit des Publikums auf sich
+zu heften.
+
+[Fußnote *: Eine seltsame, dunkle Verkettung der Gedanken! -- Ich müßte zu
+weitläuftig werden, und behalte mir vor, diese, und die nachfolgenden
+Anmerkungen am Ende des Werkchens auszuführen. Anm. des Uibersetzers.]
+
+Es hält schwer, ihren Zeitpunkt genau zu bestimmen; unterdessen ist es doch
+ziemlich wahrscheinlich, daß sie der Doktor damal verfaßte, als er sich bei
+dem Wiedertäufer Jakob aufhielt[*]. ohne Zweifel wars diese heilsame
+Einsamkeit, wo Herr Panglos sichs zum Geschäfte, machte, über die Ursache
+nachzudenken, von der er da die Wirkungen empfand. Voll von seinem
+Gegenstande, machte er sich das Vergnügen, die treffenden Bemerkungen, die
+ihm sein Zustand darboth, zu Papier zu setzen. Er kam dabei, wie man weis,
+um ein Aug, und um ein Ohr. Doch rettete er sein Manuskript, und dieses
+kostbare Stück Werk kam in der Folge unter allen dem Stürmen, die das Leben
+dieses großen Philosophen verfolgten, mit heiler Haut davon.
+
+[Fußnote *: Sieh den Kandide, oder die beste Welt, 4. Kapitel.]
+
+Diese Stürme waren mit der Epoche, womit Herr Ralph seine Geschichte
+beschließt, nicht, wie man etwa denken konnte, vorüber. Die mühsame
+Vereinigung, welche die Noth unter allen Gefährten Kandidens veranlaßt
+hatte, war von kurzer Dauer. Die kluge Alte war das Band der Gesellschaft:
+sie starb, und das Gebäude, zu dem sie so viel beigetragen hatte, zerfiel
+mit ihrem Tode.
+
+Kunegunde, ihres guten Rathes beraubt, begieng eine Thorheit auf die andre.
+Die letzte davon war, daß sie bei Barzellona mit einem Korsaren auf dem
+mittelländischen Meere kreuzen schiffte. Bald darauf machte sich auch
+Kandide, bloß von Martinen begleitet, unsichtbar, ohne Zweifel nicht so
+viel, um seiner theuern Hälfte wieder habhaft, als um des Verdrusses, daß
+er sie geheurathet hatte, los zu werden.
+
+Der Bruder Giroflee gieng einige Zeit vorher unter die Janitscharen.
+Panglos reiste mit Paquetten ab, um, falls er ihn treffen konnte, seinem
+Zöglinge Trost einzusprechen. Die kleine Mayerei blieb das Eigenthum des
+einzigen Kakambo, der zufolge des Kaim Akan von Konstantinopel, nachher
+Oberrichter geworden ist, aber trotz dieser Würde, sich so gut, als seine
+Herrschaften, neuen Unglücksfällen ausgesetzt fand.
+
+Der Doktor, und seine Gefährtinn bestanden ein klein griechisch
+Kaufmannsschiff, um darauf nach Smirna zu fahren, wo sie sich Rechnung
+machten, einige Schiffe zu finden, um nach Europa zu kommen, in der
+Hoffnung, daß Kandide diese Strasse eingeschlagen hätte. Unglücklicherweise
+hatte an der Küste von Mar di Marmora Paquette wieder Lebhaftigkeit, und
+Farbe gewonnen. Der Patron würdigte sie seiner Aufmerksamkeit. Dieser
+eifrige Muselmann fand sie weiß, wie eine Lilie, und frisch wie eine Rose,
+und sah sie für eine Zirkassierinn an, die aus irgend einem Serrail
+entwischet wäre. Er trug Bedenken, so viele Reize den Unbeschnittenen
+zuzuführen. Statt also, sie zu Smirna ans Land zu setzen, führte er sie in
+Aegypten, wo er sie um tausend Zekine an den Bascha von Kairo verkaufte.
+
+Mittels einer sehr sinnreichen, und der Schule eines Leibnitz ganz würdigen
+Verkleidung fand Panglos den Weg, sie zu entführen. Sie durchstrichen
+hierauf ganz Asien. Die Kette ihrer Begebenheiten zog sie bis nach China,
+wo sie Kunegundens Bruder, Herrn Baron von Donnerstrunkshausen wieder
+fanden. Der war noch immer der alte Starrkopf, der alte Jesuite. Er gab
+sich hier, wie man im Verfolge dieses Werkes sehn wird, mit dem Gewerbe
+nützlicher Künste ab. Endlich trafen sie nach einer Menge neuer Märsche,
+und mehr, oder minder trauriger Trennungen zu Paris wieder zusammen.
+Paquette gab sich hier einen indianischen Namen. Durch diesen Kniff, und
+durch die Neugierde, die sie gegen sich erregte, machte sie in kurzer Zeit
+ihr Glück, trotz dem, daß ihre Reisen sie etwas gebräunet hatten.
+
+In ihrem Glücke verlor sie Panglosen nicht aus dem Gedächtnisse. Sie gab
+ihm bis zu seinem Tode, der sich den 11ten Dezember des vorigen Jahres
+ereignete, seinen Unterhalt. Er hatte ziemlich schnell das Französische
+begriffen, und das Werk, das wir hier herausgeben, selbst in diese Sprache
+übersetzt. Er hat es, wie man sehen wird, seiner Wohlthäterinn zugeeignet,
+und diese hat uns das Mannuskript davon mitgetheilt.
+
+Man fand unter seinen Papieren viele andere Bemerkungen, in sehr guter
+Ordnung. Sie enthalten alle seine Reisen von der ersten von Konstantinopel
+aus angefangen.
+
+Fräulein Paquette übernahm selbst die Sorge, sie durch sichre Hände an
+Herrn Ralph gelangen zu lassen; und wir wissen ganz zuverläßlich, daß
+dieser Gelehrte des Vorhabens ist daraus einen Zweiten Theil zur besten
+Welt zu verfassen, dessen Ausgabe nicht lange ausbleiben wird. Hierbei
+bedienen wir uns mit Vergnügen der Gelegenheit, das Publikum aus einem
+Irrthume zu ziehn. Man hat bei einigen nachgedruckten Ausgaben der besten
+Welt auf den Titel gesetzt, daß Herr Ralph gestorben wäre. Ja man führte
+sogar den Ort und das Jahr dieses Vorfalls an, der, wie man sagt, sich zu
+Minden im Jahre Christi 1759. ergeben hat.
+
+Ohne Zweifel kömmt dieses Gerücht von des Herrn Doktors Feinden her. Sie
+gaben vor, er hätte sein Leben auf einem Schlachtfelde geendigt, gewiß nur,
+um verstehen zu geben, daß er vor Furcht gestorben. Diese Nachricht ist
+falsch. Der unsterbliche Herr Ralph befindet sich, zum Verdrusse seiner
+Neider, noch bei den besten Kräften. Die Herausgabe des zweiten Theils
+seines Werkes wird davon eine Probe seyn. Um ihn erscheinen zu lassen,
+erwartet er nur noch die Landkarten, womit er ihn versehen will; eine
+Vorsicht, deren Außerachtlassung beim ersten Theile er sehr bedauert.
+
+Vom Verdienste des Doktor Panglos, als Schriftstellers, wird das Publikum
+das Urtheil sprechen. Wir zweifeln nicht, daß man dieses Werk seines Ruhmes
+würdig finden werde. Was uns Anfangs befremdete, war nur der Gegenstand
+desselben. Herr Ralph nannte das Kind, das sein Held aus seinen Versuchen
+in der Experimentalphisik erhielt, ohne Umschnitte beim rechten Namen.
+Allein selbst dieser soll, nachdem er es im Französischen zu einer
+vollständigen, Kenntniß gebracht, und die Doppelsinnigkeiten, und die
+falsche Delikatesse dieser Sprache näher eingesehen hatte, es, wie man uns
+versicherte, nie gewagt haben, sich die Freiheit seines Geschichtschreibers
+zu erlauben. Er suchte Wendungen, und gab seinem Buche den ehrbaren Namen,
+den wir ihm hier beibehalten haben.
+
+Man kann sich einbilden, daß diese Herabstimmung, ihm vieles kostete. Wir
+haben in seinen Schriften davon Proben gefunden. Er hatte sogar gegen diese
+sogenannte Delikatesse eine Abhandlung angefangen, wobei wir sehr bedauern,
+daß er sie nicht zu Ende bringen konnte. Der Herr Doktor machte sich
+darinnen mit einem seiner würdigen Nachdrucke gegen diese lächerliche
+Wohlanständigkeit auf, welche die Artigkeit mehr in den Worten, als in den
+Dingen sucht, und sich über Ausdrücke, aber nicht über die Begriffe
+entrüstet. Er legte lebhaft seine Befremdung an den Tag, daß rechtschaffne
+Leute in Europa sich nicht getrauen, eine Ursache, von der sie alle Tage
+die Wirkung zu befahren haben, bei ihrem Namen zu nennen. Er sprach über
+diesen Gegenstand als ein erfahrungsvoller Philosoph, und als ein
+vollkommener Leibnizianer.
+
+Unterdessen wollen wir zur Rechtfertigung der Franzosen, bemerken, daß sie
+nicht die Einzigen sind, die sich auf diese unvernünftige
+Gewissenhaftigkeit etwas zu Gute thun können. Die Italiäner haben beinahe
+die nämliche Schwachheit: sie nennen die größere Schwester der kleineren
+Pocke mal Francese, obgleich sie unstreitig weder an der Seine, noch an der
+Rhone bürtig ist. Wahr ists, sie besucht diese Flüsse öfters, und unterhält
+sich vorzüglich mit den Nymphen, die diese Gestade verschönern; aber doch
+ist sie da nicht geboren, und die wälsche Paraphrase ist weder richtig an
+sich selbst, noch artig im Bezuge auf die benachbarten Völker.
+
+Die Spanier sollten mit dem Namen und der Sache besser bekannt seyn;
+indessen weichen sie dem Begriffe davon so viel möglich aus. Sie bezeichnen
+sie mit dem feinen Ausdrucke purgacion. Wenn man daher jenseits der
+Pyrenäen spricht: el señor marqués, el señor conde, el señor duque tiene
+las purgaciones, so will dieß nicht sagen, daß diese Herrn Arzneien
+eingenommen, sondern daß sie ihrer sehr nöthig haben. Diese kleine
+Untreuheit ist doch verzeihlicher, als jene, deren man sich im Lande des
+Vesuvs bedient.
+
+Uibrigens ist diese abgeschmackte Kleingeistigkeit nicht bei allen Völkern
+die Folge eines vagen Vorurtheils, wovon man nie versuchet hätte, einen
+Grund anzugeben. Große Schriftsteller haben sich bemühet, sie zu heben, und
+sogar zu rechtfertigen. Unter andern kann man hierüber den berühmten Herrn
+Abbé Desfontaines in seinem ein und sechzigsten Briefe seiner Beobachtungen
+über die Schriften unsrer Zeit anführen.
+
+Der Herr Abbé untersucht sehr sorgfältig, und mit all dem kritischen
+Geiste, den er besaß, worinn die sogenannte Keuschheit unsrer heut zu
+tägigen Sprachen ihren Grund habe. »Das Christenthum, und die Moral der
+Europäer,« sagt er, »machen sie so gewissenhaft in ihren Worten, da im
+Gegentheile das Griechische und Latein, welches von heidnischen Völkern
+gesprochen wurde, weit freier ist.«
+
+Wir bitten den Herrn Abbé um Vergebung; allein wir sind nicht seiner
+Meinung; und was noch mehr ist, wir haben so gar sehr gute Gründe, es nicht
+zu seyn.
+
+Der erste ist das Ansehn des Herrn Panglos, der sich ganz öffentlich für
+die entgegengesetzte Meinung erklärt, wie man in der Sammlung seiner Werke
+sehn wird, wenn man anders jemal das Fragment, von dem wir sprachen,
+darinnen mit heraus giebt. Der zweite Grund ist der, daß die Moral der
+Heiden nicht lockerer war, als die unsrige. Die wahren Begriffe von
+Schande, und Ehre findet man eben sowohl in ihren guten Schriften, als in
+unsern Kasuisten entwickelt. Uiberdieß haben die Moral und Religion nur auf
+unsre Handlungen Einfluß. Es ist ausgemacht, daß die Sprache nicht ihr
+Gegenstand ist, oder daß sie wenigstens sehr wenig darauf achten. Gott
+selbst hat, wie bekannt, sich gewürdigt, die hebräische Sprache anzunehmen;
+und dennoch ist diese unter allen Sprachen die unfläthigste, will sagen,
+die einfacheste in ihren Begriffen, und die nachdrücklichste in ihren
+Ausdrücken.
+
+Der Journalist denkt nicht, daß die Väter der beiden Kirchen Eingebungen
+vom heiligen Geiste hatten, und wenigstens eben so gut, als wir, in der
+christlichen Moral unterrichtet wurden. Indessen erlaubten sie sich doch,
+Zergliederungen zu machen, denen das Geschraubte unserer Sprache bei einer
+Uibersetzung den Schein einer Unlauterkeit giebt, da sie doch an sich
+selbst nichts mehr, als natürlich, sind. Die Tugend zeigt sich in ihren
+Schriften manchmal mit einer Rüstung, wovor in den unsrigen das Laster
+erröthen würde. Sollten sich die Bürger in Paris, die sich in Kupfer
+stechen lassen, darum getrauen, zu glauben, über diese großen Männer
+erhaben zu sein?
+
+Sehen wir uns ja vor, die scheinbare Grobheit der Alten, und selbst der
+Heiden, zu verachten. Wir haben einen heiligern Gottesdienst; aber unsre
+Sitten sind darum nicht reiner. Lassen wir uns ja nicht den dummen Stolz
+einkommen, zu glauben, daß es die Erhabenheit unserer Glaubenslehren sei,
+die der Freiheit unserer Gespräche einen Zaum anlegt. Man müßte erstaunen,
+wenn die Moral Stärke genug hätte, die Sprache zu reinigen, und dennoch
+nichts über die Sitten vermöchte; daß es der Religion gelungen habe, den
+wahren Namen der Heldinn des Herrn Panglos zu verbannen, daß sie aber ihrem
+Laufe kein Hinderniß setzen konnte.
+
+Weit gefehlt, daß die Sittsamkeit der kauderwälschen Europäer die Frucht
+einer ächten Sittsamkeit wäre, so ist sie vielmehr der Beweis einer tiefen
+Verderbtheit. Man schont der Ohren, weil man sonst nichts mehr zu schonen
+übrig hat. Die heiligen Väter, welche die Gottheit, deren Geschichte wir
+bekannt machen, nicht zu fürchten gehabt hätten, würden sich erlaubet
+haben, von ihr ohne Umschweife, und ohne Bedenklichkeiten zu sprechen.
+Unsre Leute von Welt, die fast unaufhörlich unter ihrem Zepter stehn,
+zittern, wenn sie nur ihren Namen hören; So, wie die Einwohner von Siam es
+nicht wagen, den Namen des Despoten über die Zunge zu lassen, der sie mit
+der unbeschränktesten Gewalt beherrschet.
+
+Doch muß man, wenn man für sie schreibt, auf diese alberne Delikatesse
+Rücksicht nehmen. Man muß einen Gegenstand, vor dessen nackten Anblicke sie
+sich scheuen, mit einem durchsichtigen Schleier überdecken. Man muß sich
+zufrieden geben, die furchtbare Macht, deren Thaten man lesen wird, unter
+einem allegorischen Namen aufzuführen. Diese Nothwendigkeit wars, die den
+Herrn Doktor veranlaßte, den geheimnißreichen Ausdruck: Kakomonade zu
+ersinnen.
+
+Man erkennt daran den Eifer des Lehrmeisters Kandidens für die Lehre des
+größten Metaphysikers von Deutschland. Das blosse Wort Monade, erinnert uns
+auf den Ruhm seines Erfinders zurück, und, wenn der selige Liebhaber von
+Fräulein Paquette auf den Gedanken fiel, es mit dem Beiworte Kako, das, wie
+man sieht, von dem Griechischen kakos herkömmt, und soviel, als böse,
+unbequem heißt, zu verbinden; so ist dieß ein Merkmaal von dem Scharfsinne
+seines Geistes, und von der Richtigkeit seiner Urtheilskraft. In der That
+ist auch von allen Leibnitzischen Monaden keine lästiger, als diese, und
+das Beiwort ist also mit ganz vorzüglicher Richtigkeit ausgewählt.
+
+NB. NB. Bei dieser zweiten Ausgabe hat man dem Werke einen Brief
+beigerückt, der sich auch unter den Schriften des Herrn Doktors vorgefunden
+hat, und über den nämlichen Gegenstand lautet. Er ist ebenfalls von eben
+den Absichten der Menschlichkeit, und Wohlthätigkeit ganz voll, und wir
+glaubten daher, ihn dem Publikum nicht vorenthalten zu dürfen.
+
+
+
+
+Die Kakomonade.
+
+
+
+
+
+Schreiben an Fräulein Therese Julie Klementine Paquette.
+
+
+Sie zwingen mich also, Fräulein, und ich soll Sie durchaus
+verunsterblichen? Sie wollen, meine Erkenntlichkeit soll Ihren Namen auf
+die Nachwelt übertragen? In einem dicken philosophischen Buche, gedruckt in
+unsern Tagen, haben Sie gelesen, daß die Phrynen, und die Aspasien ganz
+leicht die Sokraten, und Platone aufwogen; und mit Rechte hat Ihnen dieser
+artige Ausspruch Muth eingeflößt.
+
+Wahrscheinlich war Aspasia nicht so schön, als Sie, und Phryne hatte nicht
+die Geschicklichkeit, die Grazie. Sie kehren die Köpfe zu Paris, wie jene
+zu Athen oder Theben, um; und also haben Sie Recht, sich für eine Erbinn
+dieser berühmten Schönen zu halten. Und sie verlangen den Besitz ihres
+Ruhmes, wie ihrer Talente; ihres Rufes, wie ihrer glücklichen Unternehmung
+für sich.
+
+Die Eine derselben gab, wie man weis, den Philosophen ihres Zeitalters
+Unterricht in der Beredtsamkeit. Sie lehrte sie die Kunst, mit Sanftheit
+den Geist der Menschen zu regieren. Der berühmte Lehrmeister des Alcibiades
+studirte unter ihr, und er schämte sich nicht zu gestehn, wie viel Dank er
+ihr wisse. Sie wars, von welcher Sokrates die erhabenen Lehren empfieng,
+die er in der Folge mit so vieler Sorgfalt seinem jungen Schüler einprägte.
+
+Die Andere verlangte von ihren Liebhabern, daß sie, wenn sie zu ihr kämen,
+ihr einen harten Stein behändigten. Der war das Zeichen, auf welches ihre
+Thüre sich öffnete. Auch verwahrte sie, sagt man, sehr sorgfältig die
+Modelle davon. Aus dieser wunderbaren Sammlung ließ sie, zum Zeitvertreibe
+in ihrem Alter, eine sehr hohe Pyramide bauen, und die Reisenden haben
+dieses Denkmaal mit Rechte unter die sieben Weltwunder gezählet.
+
+Sie, mein Fräulein, Sie gebrauchen sich keiner Worte, um die Kunst zu
+lehren, die Herzen zu besiegen. Wenn Sie diesen großen Unterricht
+ertheilen, so ertheilen Sie ihn Ihren Gespielinnen, so ertheilen Sie ihn
+durch Ihr Beispiel. Sie fordern von denen, die es nach Ihrer Huld verlangt,
+eben keinen Stein ab; nicht als ob Sie vielleicht weniger, als eine andere,
+auf Pyramiden achteten, oder als ob Sie weniger Geschick besässen, eine zu
+errichten; nein, sondern das Klima in Frankreich ist von jenem in
+Griechenland verschieden.
+
+Attika, und Beotien waren dürre und unfruchtbare Länder, die Steine wuchsen
+da im Uiberflusse. Ein artig Frauenzimmer durfte nur die Hand ausstrecken,
+um welche zu finden. Der Marmor dehnte sich, um so zu sagen, demselben von
+selbst entgegen.
+
+Sie leben in einem glücklicheren Erdstriche, und dennoch haben Sie eben
+diese Vortheile nicht. In Paris, und in dessen Umkreise nehmen die Steine
+mit jedem Tage ab. Die Menge, welche man in den Palästen dieser Hauptstadt
+täglich verbraucht, macht die ganze Art dieser Naturprodukte zu nichte.
+Brächte man ihrer nicht von Zeit zu Zeit aus dem Schatze der Provinzen
+einige dahin, so ist zu vermuthen, daß sich diese Stadt derselben bald ganz
+beraubt sehen würde.
+
+Sie, mein Fräulein, halten sich weislich an die allgemeinen, und
+unausweichlichen Gesetze der Natur. Wie viele Andre sind eigensinnig genug,
+hartnäckig gegen ihre Schwäche zu kämpfen! Sie haben keine andere Sorge,
+als wie Sie sich für dieselbe entschädigen können. Gerne lassen Sie den
+Männern den Stein nach, wenn Sie Ihnen diesen nur mit recht viel Gold
+ersetzen.
+
+Auch wissen Sie sich hierbey so zu nehmen, daß Sie nie was verlieren. Man
+weis, welche Kunst Sie gebrauchen, die Opfer, die man Ihnen macht,
+miteinander zu vereinbaren. Niemanden ists unbekannt, mit welcher Einsicht
+Sie die verschiedenen Gattungen derselben zusammen auswählen. Sie ahmen
+jenen geschickten Wirthen nach, die aus mehrern mittelmäßigen Weinen ein
+vortrefliches Getränke bereiten.
+
+Sie mäßigen die Schwachheit eines Parisers durch den Trotz eines
+Provenzalen, und die Schaalheit eines Einwohners von Marais durch den Saft
+eines Burgunders. Sie verbinden den brausenden Schaum des Champagners mit
+Amerika's Wärme, und die Dumpfheit des Deutschen mit der Feinheit des
+Italiäners. Da Sie so die Fehler jeder Nazion durch die Zumischung der
+entgegengesetzten Tugenden verbessern, da Sie die Ungeschmacktheit der
+Einen durch das Beißende der Andern lindern, so sind Sie so glücklich, sich
+eine Reihe höchst angenehmer Lebenstage, und eine ununterbrochene Fortdauer
+von Vergnügungen zu verschaffen.
+
+Ihre Bescheidenheit will der Nachwelt die Denkmaale Ihrer Triumphe gerne
+schenken; jedoch, müßte man die Anzahl all derer, die Sie ihr noch hätten
+hinterlassen können in die Rechnung bringen; so glaube ich, alle Phrynen
+des Alterthtums würden sich nicht beygehen lassen, Ihnen das Geringste
+streitig zu machen; so viele Gründe also berechtigen Sie, sich über die
+alten und neuen Sokraten erhaben zu glauben!
+
+Indessen muß man gestehen, dieser so große Ruhm wird von einigen Ungemachen
+etwas aufgewogen, und verliert von seinem Glanze. Mit Vergnügen sehen Sie
+die Ankunft der Schätze, die der Geiz den Bergen der neuen Welt entwühlt,
+und welche die Thorheit auf den Sopha's von Europa zerstreuet, bey sich.
+Eine Danae, öffnen Sie den Schooß diesem kostbaren Regen, dessen Werth und
+Nutzen Ihnen so wohlbekannt ist.
+
+Unglücklicherweise macht er öfters in der alten Welt gewisse
+Vollkommenheiten aufzusprossen, welche die Natur bloß für die neue
+bestimmet hatte. Die kostbare Pflanze derselben brachte uns 1493. der
+Genueser Christoph Kolombo mit dem Gold aus San Domingo, und, wie wir wohl
+wissen, seit dieser Zeit haben sie sich mit einer verwundernswürdigen
+Fruchtbarkeit ausgebreitet.
+
+Die jüngere von zwoen Schwestern, die beynahe einerley Namen führen,
+scheint es am weitesten gebracht zu haben. Seit fast zweyhundert Jahren
+arbeitet sie ohne Unterlaß an der Ausbreitung ihres Reiches; und daß ihr
+alle Unternehmungen glückten, hat sie vorzüglich ihrer verschwenderischen
+Freygebigkeit zu danken. Gleich den staatsklugen Eroberern gewann sie eine
+Menge Landes, weil sie mit ihren Geschenken nicht haushälterisch war.
+
+Nicht, als ob man im Grunde so erpicht darauf wäre. Wenige Personen sind
+aufgelegt, sie freywillig sich zu wünschen; allein sie verbindet, wenn sie
+sie anbeut, damit einen so verführerischen Reiz, daß die mißtrauischsten
+Herzen manchmal genug zu thun haben, sich dagegen zu verwahren. Man
+empfängt sie, ohne es fast nur gewahr zu werden; und was dabei das
+verdrießlichste ist, wenn man sich damit beschwert fühlt, so ist man nicht
+immer im Stande, sie sich vom Halse zu schaffen.
+
+Man bringt sie nicht einmal los, wenn man ihren Kreislauf befördert. Sie
+haben die Eigenschaft, sich zu vervielfältigen, ohne die Quelle, aus der
+sie entsprungen sind, zu schwächen; gerade, wie eine brennende Wachsterze
+tausend andere anzuzünden dienen kann, ohne im mindesten von ihrem Licht,
+und dem Feuer, das sie verzehrt, zu verlieren.
+
+Gewiß, mein Fräulein, ein schreckliches Mißgeschick! Sie wünschten wohl,
+man möchte ihm abhelfen können. Auch ich wünsch es von ganzem Herzen.
+Suchen wir miteinander die Mittel auf. Die Ehre davon will ich Ihnen gerne
+lassen.
+
+Die griechischen Lustmädchen zeichneten sich, die Eine durch den Zauber
+ihres Verstandes, die andre durch die Anmuth ihres Tanzes, und diese durch
+ihre Schönheit aus. Was Sie betrift, so wünsche ich, daß Sie Ihren Namen
+durch der Menschheit geleistete Dienste verewigen. Ihre Gefälligkeit gegen
+sie, kennt man bereits zur Gnüge. Man wird sich nicht befremden, daß Sie,
+zum Tempel des Ruhmes zu kommen, diesen Weg gewählet haben.
+
+Wie viel man nicht von dieser Menschheit redet! Unsre philosophischen Tage
+geben ihr ein so herrliches Licht! Sie sehen sie von Stockholm bis
+Lissabon, von den Gränzen des Mogol bis London sich mit so großem Glanz
+entwickeln. Es sind nur eben sieben volle Jahre, während deren wir uns mit
+aller nur möglichen Artigkeit, und Leutseligleit herumgeschlagen haben; und
+alle Menschen, welche diese ganze Zeit hindurch in den Land- und
+Seegefechten verstümmelt, erschossen, gebraten, oder zermalmet worden,
+beliefen sich doch nicht höher, als auf eine Million.
+
+Die Krankheiten, Mühseligheiten, und Siechenhäuser nahmen ihrer nicht mehr,
+als zwo Millionen weg. Von Berlin an der Spree bis Villa-Veilha, an den
+Gestaden des Tagus, rechnet man nicht ganz zwanzig tausend Quadratmeilen,
+die in jedem Betrachte mit fünfzehn oder zwanzig Millionen zweifüssiger
+federloser Geschöpfe verwüstet, und von Helden in Jammer oder Verzweiflung
+gebracht worden sind.
+
+Unsre Untersuchungen hätten in keiner Zeit erscheinen können, wo die
+Menschheit größere Fortschritte gemacht hätte. Unmöglich hätte man dazu
+günstigere Umstände wählen können. Eilen wir also, sie ans Tageslicht zu
+bringen; warten wir nicht, bis wieder die Barbarei zurückkehrt. Wollen wir
+von ihren Rasereien gegen das Menschengeschlecht aus dem Zustande
+urtheilen, in dem es sich in einem erleuchteten, und philosophischen
+Jahrhunderte befindet, so würden wir Gefahr laufen, auf der Erde keine
+Menschen mehr zu finden, die uns anhören könnten.
+
+Vergeben Sie mir, Fräulein, wenn ich in der Folge dieses Werkes mich nicht
+mehr an Sie verwende. Sie sind es, denen ich es zueigne; aber die
+Menschheit ists, der sich es heilige. Ich hab es mit dem Unterrichte der
+Völker, mit der Heilung der Menschen von ihren Irrthümern zu thun. Es kömmt
+darauf an, den Dienst der Venus zu reinigen, die gefährliche Luft, die ihre
+Tempel erfüllt, zu zerstreuen, und sogar ihre Altäre zu säubern.
+
+In der Behandlung der zur Erreichung dieses Zweckes nöthigen Sühnopfer,
+werde ich nicht mehr von Ihnen reden; aber denken an Sie werd' ich
+unaufhörlich. Ich werde dem Anscheine nach Ihre Reize aus dem Gesichte
+verlieren; aber mein Gegenstand wird mich immer zur Gnüge auf dieselben
+zurückführen.
+
+Ich will mit aller Bedachtsamkeit untersuchen, welche Mittel uns zum Ziele
+führen könnten, die Macht des Feindes, über den wir uns beklagen, zu
+stürzen. Es wird nicht übel gethan seyn, zuvor ein paar Worte von seiner
+Natur und Geburt zu sagen. Ich werde bis auf seinen Ursprung zurückgehn,
+und einen Auszug seiner Geschichte geben müssen. Die Medaillen dieser
+Begebenheit bestehen noch; aber die Epoche derselben scheint in Dunkel
+gehüllt. Es wäre sehr nützlich, sehr rühmlich, wenn es uns, sie
+festzusetzen, gelänge.
+
+Uibrigens wird sie weder Befremden, noch Furcht befallen bei dem Namen
+Kakomonade, dessen ich mich bedient habe, um diese grausame Feindinn
+umzukleiden, sie, die ich mich nicht getrauet hätte, anders zu nennen. Wahr
+ist es, dieses Wort ist ganz griechisch; allein die Sache, die es
+bezeichnet, ist ganz französisch, und also unseren Damen so wenig
+unverständlich, daß sie viel mehr ein wichtiges Ingredienz guter
+Gesellschaften ist. Uiber dieß sind Sie auch mit Leibnitzens Sprache
+bekannt. Ich habe Sie gelehrt, was in dem Verstande dieses
+unvergleichlichen Mannes eine Monade sey. Von Ihnen Ihrerseits habe ich
+gelernt, diesen Namen durch das Beiwort Kako zu verlängern, das ich ohne
+Sie nie erfunden hätte. Sie werden mich also ohne Schwierigkeit verstehn,
+und ich gehe ohne Besorgniß zur Sache.
+
+
+
+
+Erstes Kapitel.
+
+
+
+Von der Natur der Kakomonade.
+
+Was ist die Kakomonade? Wo kömmt die Kakomonade her? Zwo große, und
+erhabene Fragen! Lange schon haben trefliche Gelehrte die Tiefsinnigkeit,
+und den Nutzen derselben gefühlet. Sie haben sich bestrebet, sie
+aufzulösen. Vielleicht krönte ihre Bemühungen noch kein sehr glänzender
+Erfolg; allein wenigstens führten sie doch uns auf diese Strasse. Nur an
+uns liegt es nun, auf ihren Pfaden in dem Lande, das sie durchliefen,
+fortzuwandeln, und, wenn wir können, darinnen weiter zu gehen, als sie.
+
+Erste Beobachtungen haben sie gelehrt, daß die Kakomonade ein Gift[*] sey.
+Uiber den Sinn dieses Wortes in dieser Anwendung ist man nicht ganz einig.
+Allein, wo man keine deutlichen Begriffe haben kann, da ists bei allen
+Arten Wissenschaften viel, daß man sich einen Ausdruck auffinde, der nichts
+sagt. Man hat weit weniger Mühe, ihn auf alle möglichen Sisteme passend zu
+machen, und daher ist die Kakomonade ein Gift.
+
+[Fußnote *: (Anmerkung der Verleger). Im Manuskripte steht ein kräftigerer
+Ausdruck. Sicher ist er jener, der unter den Meistern dieser Kunst wirklich
+gebraucht wird. Wir sehen ihn hier verhüllet, und so bei, daß man ihn nach
+der zerstreuten Ordnung seiner Bestandtheile auch verkennen kann, wenn man
+will. V. I. R. V. S. Wer seine Augen nicht darauf wenden will, hat die
+Freiheit, ihn zu übergehen: wer ihn hingegen ohne Schaudern besichtigt,
+kann ihn durchaus an die Stelle des Giftes setzen.]
+
+Noch mehr: dieses Gift ist phlogistisch, korrosiv, gerinnend, und fix[*].
+Phlogistisch, denn es verursacht Entzündungen. Als korrosiv greift es die
+Haut an, frißt sie auf, und trennt ihren Zusammenhang. Als gerinnend,
+stillt es den Lauf der Feuchtigkeiten, welche die Natur zu freiem Umlaufe
+bestimmet hatte. Endlich, weil es fix ist, läßt, es sich so schwer
+vertreiben. Und dieß ist die ganze Theorie von der Kakomonade, von einem
+ihrer besten Historiker entwickelt. Sie ist, wie man sieht, deutlich,
+bündig, und faßlich.
+
+Die Quacksalber mischten sich manche mal ins Spiel, und gaben eine andre
+an. So erschien Anno 1727 ein sehr berühmter zu Paris. Dieser behauptete,
+alle menschlichen Schwachheiten, und die, mit denen wirs zu thun haben, wie
+alle andere, würden durch kleine Thierchen erzeugt, die sich ins Blut
+eindrängen. Seinem Sisteme zufolge war das, was wir Arzneimittel nennen,
+ein Kompositum von andern kleinen Thierchen, als unversöhnlichen Feinden
+der ersten. Diese jagten ihre Gegner tapfer fort.
+
+[Fußnote *: Sieh die gelehrte Abhandlung des Herrn A * * de morbis
+veneris.]
+
+So war der Körper eines Kranken ein Schlachtfeld, wo Wunder der Tapferkeit
+geschahen. Das Fieber führte darauf seine leichten Geschwader an; die
+Kakomonade ihre gerinnende Infanterie. Bald sah man die Fakultät
+heranrücken in schwerer Rüstung, mit Bataillonen von Quecksilber, und
+Chinarinde. Sie ließ die verschiedenen Korps dieser fürchterlichen Miliz
+allmälig aufmarschiren. Man schlug sich lange mit Lebhaftigkeit herum, bis
+die Thierchen der Chinarinde über die des Fiebers die Oberhand erhielten,
+oder bis die korrosiven Würmchen durch die metallischen Insekten vertrieben
+wurden, wenn anders nicht, welches zum öftersten geschah, sich das
+Schlachtfeld selbst, unter dem Drucke von so heftigen Gewaltthätigkeiten
+erliegend, in die Erde versenkte, welche Uiberwinder und Uiberwundene sammt
+ihnen verschlang.
+
+Hatte diese Idee keine Wahrheit zum Grunde, so war sie wenigstens
+unterhaltlich. Aber die Steifheit der regierenden Doktoren hat sie
+verbannt. Entrüstet, daß sie sich durch sie dahin gebracht sahen, nichts
+weiter, als die Obersten über ein Regiment Sensblätter und Rhabarbar zu
+sein, machten sie allen diesen kleinen Armeen, die man ihnen anzuführen
+gab, den Garaus. Sie wollten lieber die Oberhäupter einiger blinden
+Körperchen bleiben, als zahlreiche und beseelte Legionen kommandiren. Sie
+wollten die Harmonie in den Feuchtigkeiten dem Zufalle lieber mit ganz
+materiellen Werkzeugen, als nach einer guten Ordnung, unter einer Bedeckung
+von thätigen, wohldisziplinirten Truppen einräumen. Heißt das nicht, wie
+man ihnen vorwirft, die Unthätigkeit der Bewegung, den Tod dem Leben
+vorziehen?
+
+Man kann dieses System nicht genug bedauern: es hätte Gelegenheit zu den
+unterhaltendsten Hypothesen gegeben. Die Metaphysik, die Physik, die
+Philosophie und Arzneykunde haben ungereimtere, aber keine angenehmere
+aufzuweisen. Indessen muß man sich über dessen Verlust eben wohl trösten,
+und sich mit einer Menge grosser Männer daran halten, nämlich, daß die
+Kakamonade ein korrosives, gerinnendes, phlogistisches, und fixes Gift sey.
+
+
+
+
+Zweites Kapitel.
+
+
+
+Vom Ursprunge der Kakomonade.
+
+Vom Ursprunge der Kakomonade sind wir nicht sowohl unterrichtet, wie von
+ihrer Natur: die Wirkung kennen wir besser, als die Ursache. So viel ist
+gewiß, daß jene heut zu Tage nur das Resultat der Vergemeinschaftung mit
+einer unbehutsamen, oder unglücklichen Person ist. Den Keim davon bringen
+wir nicht schon bey unserer Geburt mit. Die Natur gab uns nur bloß das
+Vermögen, ihn anzunehmen.
+
+Dennoch muß sie sich einstens in dem ersten Menschen, der sich davon
+ergriffen fühlte, von selbst hervorgebracht haben. Daß Gott, da er den Adam
+schuf, ihn nicht aus seiner Hand damit ausstattete, ist wohl außer Zweifel.
+Das höchste Wesen bildete ihn zur Zeugung, und gab ihm somit so gesunde, so
+vollkommene Organe, als es seine Bettgenoßinn nur wünschen konnte.
+
+Trug sich dießfalls hierinn eine Veränderung zu, so ists wahrscheinlich ein
+unglückliches Individuum von seiner Nachkommenschaft, das die Erstlinge
+derselben bekommen haben wird. Aber was kann von dieser sonderbaren
+Entwicklung die Ursache gewesen seyn? Die Luft? die Nahrungsmittel? oder
+der Mißbrauch des Vergnügens?
+
+Das Klima derjenigen Länder, die man für das Vaterland der Kakomonade
+ansieht, ist nicht ungesünder, als das in den Gegenden, wo sie sich nur
+durch den Vorschub der Menschen eingeschlichen hat. Ihre Produkte, weit
+gefehlt, daß sie gefährlich wären, so sind sie für uns vielmehr sichere
+Hilfsmittel gegen manche Krankheit; und die Ausgelassenheit ist nur eine
+Tochter der Prasserei und des Reichthums. Nun wußte man von diesen beiden
+Geißeln unseres Geschlechtes gewiß nichts in jenem Lande, wo wir unsere
+Geißel holten, welche in dem unsrigen oft auf sie folgt, und sie bestrafet.
+
+Dennoch sind diese drei Ursachen, die einzigen, welche auf ihre Entstehung
+Einfluß gehabt haben können. Jede derselben fand warme Vertheidiger. Einige
+sagten, die Luft allein sei genug gewesen, in der Insel Hispaniola das Gift
+hervorzubringen, das heut zu Tage in allen andern Ländern die Zeugungen
+angreift; allein es ist einleuchtend, daß sie sich geirret haben.
+
+Seit zweyhundert Jahren, und darüber, giebt die Erfahrung den Beweis, daß
+man zu San Domingo diese Frucht nicht anders ärnte, und säe, als wie in
+Frankreich. Sie wächst dort, wie hier, im Schooße des Vergnügens. Man
+behält da ein freyes, reines Blut, so lange man sich begnügt, frische Luft
+zu schöpfen. Hätte diese ja was Pestisches an sich, so würde sie es seit
+der Eroberung den Europäern eben sowohl, als den Eingebohrnen des Landes
+haben zu fühlen gegeben. Dieß findet sich nicht, und also ist dieses Sistem
+nicht anzunehmen.
+
+Andere behaupteten, diese Eigenschaft wäre ausschließlich den
+Menschenfressern vermöge ihrer Nahrungsmittel gegeben, gleich als ob das
+menschliche Fleisch schon von selbst ein Gift wäre. Die Völker, welch
+dergleichen minder höfliche Feyerlichkeiten halten, sind viel seltener, als
+man sichs einbildet. Uiberdies muß ihnen ihre Lebensart viele Stärke, und
+hiemit Gesundheit geben. Daher es denn sehr ungereimt ist, zu denken, daß
+ihr Fleisch, wenn es durch den Magen ihrer Feinde wandert, da die Kraft,
+sie zu vergiften, annehmen könne.
+
+Zwar wäre dieses eine ziemlich erlaubte Rache; allein, wenn man am
+Bratspieße steckt, pflegt man sich nicht mehr zu rächen. Sollte der
+Hinterschlägel eines Karaiben den ehrlichen Leuten, die sich einander damit
+beschenkten, Nachwehen haben erregen können, so müßten nur die ihm
+benachbarten Theile sich nicht in gutem Stand befunden haben; ein Umstand,
+der, wie man sieht, die Schwierigkeit nicht aufhebt.
+
+Ein geschickter Arzt hat in einem dicken Buche über diesen Gegenstand das
+dritte Sistem ergriffen. Seiner Meinung nach ist es das Uebermaaß der
+Vergnügungen in warmen Ländern, und die wenige Wahl in den zu derer Genuße
+geeigneten Augenblicken, welche die Kakomonade auf der Welt eingeführet
+haben. Er erzählt über diese Materie sehr sonderbare Geschichten.
+
+»Die Weibsleute im Königreiche Melinda,« sagt er nach Tavernier, »sind
+einmal im Monate so gefährlich, daß, wenn ein Europäer das Unglück hat,
+sich an einem Platze aufzuhalten, wo eines derselben in dieser fatalen Zeit
+gepisset hat, er davon das Fieber, Kopfschmerzen, und manchmal die Pest
+bekommt.« Ich gestehe, da ich die Stelle las, wünschte ich von
+Herzensgrunde, es möchte sich nie ein melindisches Frauengimmer beigehen
+lassen, sich unter meinem Fenster aufzuhalten.
+
+Zum Glücke gesteht H. A., da er diesen Zug anführt, selbst ein, daß er auf
+unsre Klima nicht passet; dennoch beharret er nichts destoweniger auf der
+Meinung, daß zwischen dem Ursprunge der Kakomonade, und zwischen dem
+pestischen Einflusse dieser gebräunten zanguebarischen Schönheiten ein sehr
+genaues Verhältniß Statt haben müße. Er besteht hartnäckig auf der
+Behauptung, daß dieser der zureichende Grund des andern war. Man kann auch
+in seinem Werke selbst sehen, mit welcher Stärke und Bündigkeit er darüber
+räsonnirt.
+
+Nur ist es wunderbar, daß man durch das Gebäude ähnlicher Sisteme dahin
+kommt, die Kakomonade zu verbannen; wie wenn die barbarischen Worte, mit
+denen man sie erklärt, helle, und unbestreitbare Wahrheiten bedeuteten.
+
+Just so berechnet man die Finsternißen, indem man die Planeten als kleine
+Theilchen betrachtet, welche die Sonne ausschneuzte, da zur Zeit der
+Schöpfung ein grosser Komet an derselben sich rieb. So benützt man den
+Kompaß durch die Erklärung der Abweichungen seiner Nadel, die an einem Ende
+mit dem Magnete bestrichen ist. So ermüdet man nicht, in dem Magen einen
+guten Saft hervor zu bringen, unter beständigem Streite, ob er durch
+Auflösung, oder Gährung, oder Vertreibung entstehe.
+
+Man muß es gestehen, wir haben leicht machen. Die Fortschritte des
+menschlichen Geistes in jeder Art stecken sich selber ihre Gränzen aus:
+eine Wahrheit, über die sich nicht streiten läßt. Allein so einleuchtend
+sie ist, so muß mans nicht bey ihrer Erwägung bewenden lassen; man muß
+nicht unterlassen, in den Kalender zu sehn, wenn man den Sonnenstand wissen
+will, und auf den Kompaß, wenn man die Küsten aus dem Gesichte verlohren
+hat. Man muß nicht anstehn, seinen Magen zu füllen, wenn man hungerig ist,
+und sich an die Zubereitung des Quecksilbers zu wenden, wenn man einer
+Aehnlichkeit zwischen unserm Klima, und jenem von Amerika gewahr wird.
+
+
+
+
+Drittes Kapitel.
+
+
+
+Ob wir das Recht haben, bei der Betrachtung der Uebel, die uns die
+Kakomonade verursacht, uns über die Natur zu beklagen.
+
+Wenn ja irgend etwas dem Anscheine nach den Menschen das Recht geben kann,
+über die Natur zu murren, so ist es gewiß diese Geißel, mit welcher sie sie
+schlägt. Sie hat sie mit Vergnügungen vereinbart, von denen sie die
+Fortdauer ihres Geschlechtes abhängen läßt. An die Seite der größten aller
+Reizungen hat sie die größte aller Gefahren gestellet. So setzte sie uns
+auf den Zweiweg, entweder ihre Absichten nicht zu erfüllen, oder dafür, daß
+wir sie erfüllten, immer in der Furcht zu sein, bestrafet zu werden.
+
+Bei den andern Empfindnissen hat sie die Strafe wenigstens nur mit dem
+Uibermaaße verbunden. Der Wein macht kein Kopfweh, außer man trinket
+zuviel. Der Magen leidet nicht, so lange man mäßig ißt. Das Auge wird nicht
+verwundet, außer es heftet den Blick an zu schimmernde Gegenstände.
+
+Aber das nothwendigste, das schätzbarste Sinnglied, das Sinnglied, welches
+dem Menschen eines der Gerechtsame der Gottheit mittheilt, dieß ist eben
+dasjenige, dessen auch mäßiger Gebrauch die größte Reue, und das
+empfindlichste Nachweh, verursachen kann. Nur einen Augenblick braucht es,
+um das ordentlichste Leben zu vergiften.
+
+Das höchste Wesen, sagen die Dichter, hat das Gute und Böse in zwoen Tonnen
+bei sich. Aus diesen schöpft es mit vollen Händen, so wie ihm die Laune
+kömmt, die Geschenke, die es unter unser kleines Ameisenhäufchen austheilt.
+Die Kakomonade war unstreitig mit von den Hefen in der Tonne des Bösen; und
+an dem Tage, wo wir sie erhielten, leerte Jupiter das eine seiner Fässer
+aus.
+
+Dennoch müssen wir, bevor wir gegen die Natur Klage stellen, und sie
+ungerecht nennen, einen Blick auf die Geschichte werfen. Hätte diese
+zärtliche Mutter die Absicht gehabt, uns die Geißel, über die wir seufzen,
+zu ersparen; hätte sie sich bestrebt, sie in einem kleinen Winkel eines
+unbekannten Landes zu verbergen; hätte sie zwischen uns, und dieses
+traurige Land fünfzehnhundert Meilen stürmische Meere geworfen; hätte sie
+sich Mühe gegeben, uns alle erdenklichen Mittel, dahin zu kommen, zu
+entziehn; so wären wir ihr für so weise, so liebvolle Vorsichten unsre
+Dankbarkeit schuldig.
+
+Hätte in der Folge bloß unser unruhiger Geist diese Vorsichten vereitelt;
+wären wir mitten durch fast unüberwindliche Hindernisse zu dem bittern
+Becher, der das Gift, wovon sie uns abhielt, in sich schloß, eingedrungen;
+wäre es wahr, daß, wir geeilet hätten, darinnen unsere Lippen zu netzen,
+ungeachtet aller der schrecklichen Gegenstände, die uns davon hätten
+entfernen sollen; so würde ganz gewiß von unserer Seite die Natur keinen
+Vorwurf verdienen.
+
+Wir allein würden strafbar seyn, daß wir ihre Verordnungen verletzt hätten.
+Wir würden billig gestrafet werden, daß wir ein Geheimniß entdecket hätten,
+welches ihre Nachsicht uns verbergen wollte. Dieß nun wird uns die
+Geschichte lehren. Da werden wir vielleicht die Rechtfertigung der
+Vorsehung erblicken.
+
+Die Erzählung der Begebenheiten der Vorzeit wird uns zeigen, wie sehr sie
+für uns ob der Unglücksfälle besorgt war, die uns nun drücken. Wir werden
+gezwungen seyn, einzugestehn, daß, um uns so unglücklich zu machen, als wir
+es sind, wir sie in ihrem letzten Wehrplatze dazu nöthigen mußten. Wir
+werden bekennen, daß ihre Sorgfalt hinlänglich gewesen wäre, um unsere Ruhe
+zu gründen, wenn nicht unsre Vermessenheit in jeder Art weiter gienge, als
+ihre Güte.
+
+
+
+
+Viertes Kapitel.
+
+
+
+Ob die Alten die Kakomonade kannten?
+
+Man hat sich gewaltig ermüdet, die eigentliche Epoche dieser Begebenheit
+aufzufinden. Die Kakomonade hat in mehr als einem Verstande die Geduld, und
+den Scharfsinn der Kommentatoren auf die Probe gesetzt. Einige davon eignen
+die Ehre, sie auf uns gebracht zu haben, den Griechen und Römern zu. Sie
+sehen sie in geraden Linien aus Asien in Europa, von Athen nach Rom, aus
+Wälschland in Frankreich übergehn.
+
+Sie legen ihr verschiedene Masken bei, derer sie sich nach und nach bedient
+habe, bis sie auf diejenige kam, in der sie bei unsern Tagen erscheint.
+Ihrem Sisteme zufolge mußte sie sich bei dieser wohl befunden haben; denn
+sie trägt sie schon in die dreihundert Jahre, ohne daß sie zu abgenützt
+schiene. Doch, man muß gestehn, daß diese Meinung nicht zuzugeben sey. Man
+sieht offenbar, daß die Alten, glücklicher und weiser, als wir, oder
+wenigstens den Absichten der Natur getreuer, nie die Strafe empfanden, die
+wir erdulden.
+
+Homer ist genau, sogar bis zu Kleinigkeiten. Er brachte in sein Gedicht
+alles, was er von der Medizin, Anatomie, Geographie, und Physik wußte. Er
+berichtet uns, daß man zu seiner Zeit ein Leckergetränk aus in Wein
+geriebenem Käse machte. Er spricht oft von der Venus. Er erzählt, wie sie
+Diomedes mit einer Lanze tief verwundete. Hätte er an dieser Göttinn das
+Geheimniß gekannt, das sie seit dem in Amerika besaß; ohne Zweifel hätte er
+sie davon Gebrauch machen lassen, um sich an dem Helden zu rächen. Er hätte
+den Gott Merkur mit seinen goldgeflügelten Füssen aufgeführt, wie er sie
+mit der Heilung beschäftigte.
+
+Diese Allegorie würde nicht die unsinnreicheste seines Gedichtes gewesen
+seyn. Sie wäre uns soviel richtiger gewesen, da Merkur wirklich von der
+Gegenpartei der Venus war. Kann man wohl glauben, daß dieser göttliche
+Dichter die Gelegenheit versäumet hätte, sie an den Ufern des Simois
+Angesichte der Griechen und Trojaner sich schlagen zu lassen? Wäre das
+nicht eben der Fall gewesen, wo er hätte vorstellen können, wie die Erde
+und das Meer in der Erwartung des Erfolges erschüttert wären, und die ganze
+Natur bei dem Anblicke eines Kampfes sich theilte, der ihr Schicksal
+entscheiden sollte?
+
+Wie Schade doch, daß nicht Homer selbst in Person über diese Materie auf
+einer der zykladischen Inseln Erfahrungen machen konnte? Er hätte seine
+beiden Gedichte damit bereichert. Madame Dacier wäre uns erschöpflich
+gewesen, in ihren Noten über diesen interessanten Gegenstand. Eine derlei
+Erdichtung, in die Iliade verwebt, wäre für die Kommentatoren der vorigen
+und künftigen Jahrhunderte eine ewige Quelle von Zusätzen, Anmerkungen, und
+lehrreichen Gezänken geworden.
+
+Es ist offenbar, daß es Homer angebracht haben würde, wenn er es gekonnt
+hätte. Hätten die Götter oder die Menschen zu seiner Zeit die Kakomonade
+gekannt, so würde er davon gesprochen haben. Sein Stillschweigen ist ein
+unstreitiger Beweis, daß bei der Belagerung Trojens, und lange Zeit
+darnach, Venus noch unschuldig war: sie ließ sich selbst verwunden, ohne
+wieder zu verwunden.
+
+In den spätern Jahrhunderten lebten Hyppokrates, und nach ihm Galen in eben
+der Unwissenheit. Das Quecksilber schien ihnen nur in Rücksicht seiner
+Schwere, und seiner Flüssigkeit ihrer Aufmerksamkeit würdig. Die Helden,
+derer Gesundheit sie zu regieren hatten, waren nicht vernünftiger, als die
+unsern. Sie waren eben so lustig, eben so prächtig. Man hat uns das Detail
+ihrer Thaten in jeder Art aufbewahret. Wir wissen, wie sie ihre
+Liebesromane spielten, und wie sie ihre eisernen Lanzen schwangen. Aber wir
+sehen nicht, daß sie das andre Metall gebrauchten, zu welchem unsere
+Krieger so oft ihre Zuflucht nehmen.
+
+Cäsar war ohne Widerspruch ein großer Mann. Man nannte ihn den Ehemann
+aller Weiber, und das Eheweib aller Männer. Wären diese vorübergehenden
+Beilager damal einem Ungefähr unterworfen gewesen; kann man wohl glauben,
+daß man, nachdem er derselben so viele gefeyert hatte, gefunden haben
+würde, daß er damit nichts anders, als nur die fallende Sucht, gewonnen
+habe?
+
+Vom August sagt man wohl, daß er sich oft vor dem Feuer frottiren ließ;
+dieses könnte verdächtig scheinen. Aber es war ein Striegel, womit man ihn
+frottirte; und der ists nun nicht mehr. Er fand, wie Suetonius sagt, kein
+anders Mittel, um seine Gesundheit zu erhalten, und seine Haut zu jücken.
+
+Weder Tibor, noch Kaligula, noch Nero, noch alle jene Wunder der Geilheit,
+denen die Beherrscherinn der Nazionen so lange unterworfen war, haben sich
+je des Quecksilbers gebraucht. Man sieht keinen, griechischen, oder
+römischen Dichter, seine Kraft besingen. Sogar diejenigen, die sich durch
+ihre Ausschweifungen verewiget haben, nennen keine Strafe, die mit ihren
+Unmäßigkeiten verbunden gewesen wären.
+
+Ovid, in seiner Kunst zu lieben, zeigt alles an, was man von der Seite
+einer Buhlinn zu fürchten haben kann, er spricht von den Gefahren, die mit
+dem Umgange mit einer herumstreifenden Schönen verknüpfet sind. Ohne
+Zweifel war hier der Augenblick, der Kakomonade, wenn sie auf ihn gekommen
+war, eine Stelle einzuräumen. Indessen sagt er kein Wort davon.
+
+Horaz entrüstet sich über einen Knoblauch, der ihn in die Zunge gebissen.
+Hätt' er wohl vergessen, in einer schönen Schreibart eine Verwünschung auf
+das Quecksilber zu machen, wenn er davon gejückt worden wäre? Voll
+Nervigkeit, und ohne Umschweife sagt er einem alten Mütterchen Grobheiten,
+die sich die französische Politesse nicht einmal zu Sinne kommen lassen
+kann; hätte er ihr nicht die Kakomonade angewünscht, wenn sie zu seiner
+Zeit bei guten Gesellschaften im Gebrauch gewesen wäre?
+
+Eben das kann man von den Tibullen, den Katullen, den Gallussen sagen,
+welche die schädlichen Orte besangen, und besuchten, und also ohne Zweifel
+die Gefahren derselben, wenn sich deren gefunden hätten, beweinet haben
+würden. Sie theilten in sanfter Ruhe sich in die Gunstbezeugungen ihrer
+Mätressen mit dem Publikum; und klagten sie zuweilen über ihre
+Unbeständigkeit, so kam es nicht daher, weil sie für sie unangenehme Folgen
+gehabt hat.
+
+Es ist daher klar, daß die Korinnen, die Lesbien, die Lykorissen, sonst
+weit unter den, * * * und den * * *, diesen dennoch in einem Punkte
+überlegen waren. Es bedurfte vielleicht nicht größerer Mühe, um sie sich zu
+unterwerfen; aber gewiß weniger, um sie zu vergessen. Wenn man sich an ihre
+Gunstbezeugungen erinnerte, so dachte man nur an das Vergnügen, sie
+genossen zu haben. Man suchte keine Spezifika auf, um leichter das
+Gedächtniß zu verlieren, und man sah keine heilreichen Geschöpfe mit ihren
+Rezepten die Mauern Roms tapeziren.
+
+
+
+
+Fünftes Kapitel.
+
+
+
+Ob Job mit der Kakomonade in einem persönlichen Verhältnisse stand?
+
+Da man dieser Heldinn die Ehre nicht zueignen konnte, mit den Helden der
+weltlichen Geschichte zu thun gehabt zu haben, so gab man sich Mühe, sie
+dadurch zu entschädigen, daß man sie unter die Helden der heiligen
+Geschichte aufnahm. Ein erlauchter Benediktiner verfaßte ihr einen sehr
+ehrwürdigen Stammbaum. Er schreibt ihr eine sehr nahe Verbindung mit dem
+berühmten Job zu, und läßt in gerader Linie sie von demselben absteigen.
+
+Ohne Zweifel würde man nicht erwartet haben, diesen Zug seiner Erudizion in
+einem Kommentar über die Bibel zu finden. Indeß, da der Jünger des heiligen
+Benedikt so eine Materie in einem ganz zur Erbauung bestimmten Buche ohne
+Skrupel behandeln konnte; muß man mirs erlauben, in dem meinigen seine
+Schlüsse auseinander zu setzen. Wenn so ein Gegenstand unter seiner Feder,
+und an der Stelle, wohin er ihn setzte, kein Skandal verursachet hat, muß
+man sich nicht befremden, ihn hier zu erblicken, wo er sich viel
+natürlicher findet.
+
+Der gelehrte Bruder Dom Calmet also, setzte in die Reihe der Ahnen der
+Kakomonade den tugendhaften Job, der sie seiner Seits von seiner Frau
+hatte, und die sie ohne Zweifel vom Teufel bekommen haben mochte. Aber
+wahrhaftig, es wäre wirklich genug für einen so heiligen Mann, daß er eine
+so böse Frau gehabt hat; wozu die Vermuthung, daß er über die Verhöhnungen
+von ihr auch noch ein ander Ding empfieng?
+
+Es ist wahr, er saß auf einem Misthaufen, und fühlte sich seine Säfte nicht
+recht in Ordnung. Er sagt selbst, sein Fleisch wäre mit Geschwären bedeckt,
+seine Haut wäre ganz ausgedörret, sein Blut wäre geronnen wie Käse; welches
+nach Hrn. A. -- -- -- -- mit den drei Hauptsimptomen übereinkömmt, von
+welchen er uns seine Beschreibung gemacht hat.
+
+Wahr ist auch, daß, um den Job zu trösten, drei von seinen Freunden sieben
+Tage und sieben Nächte lang, ohne nur ein Wort zu sprechen, bei ihm
+blieben.
+
+Wahr ist ferner, daß nach diesem langen Stillschweigen Eliphaz, einer von
+ihnen durch Seitenwendungen seinen lieben Freund beschuldigt, er habe sich
+der Ungerechtigkeit ergeben, und den Schmerzen gesäet, dessen Frucht er nun
+ärnte. Er wirft ihm in figürlichen Ausdrücken vor, er habe Häuser von Koth
+geliebt, derer Grundfesten nichts taugten, und habe da etwas sehr dem
+Aussatz ähnliches erbeutet.
+
+Unterdessen erweist dies alles noch nicht, daß der Teufel vor vier tausend
+Jahren nach Amerika reiste, sich da ein Körnchen von der Kakomonade zu
+holen, um damit einen armen Tropf van Kaldäer zu inokuliren. Man sieht
+wohl, daß die Krankheit desselben korrosiv, phlogistisch und koagulirend
+war; aber es ist ja doch nicht ausgemacht, daß diese drei Eigenschaften
+ausschließlich nur mit einer einzigen Art Mißbehagens verknüpft sind.
+
+Würde wohl der Geschichtschreiber Jobs vergessen haben, vom Gifte zu
+sprechen, wenn ers damit zu thun gehabt hätte? Würde er nicht den
+Standpunkt der Krankheit angezeigt haben? Er berichtet uns, daß der
+Leidende seine Wunden mit Scherben trocknete. Ich berufe mich auf alle,
+welche zu unsern Zeiten ihre eigene Erfahrung in derlei Fällen aufgekläret
+hat, ob sie sich je beygehen ließen, so eine Scharpie zu brauchen.
+
+Ueber dieß scheint es nicht, daß sich Job der Bestrafung, von der die Rede
+ist, ausgesetzt habe. Seine innigsten Freunde, nachdem sie ihm allerley
+Unbilden gesagt, und ihren stummen Trost gegeben hatten, gestehen ein, daß
+er mit unverheuratheten Frauenzimmern wenig zu schaffen hatte: Viduas
+dimisisti vacuas; woraus erhellet, daß er ein behutsamer Mann war.
+
+Er selbst ruft auf: wo ist die Zeit, da ich meine Füße wusch? wo ich über
+mein Haupt meine Leuchte setzte? wo die Jugend, wenn sie mich sah, vor
+Schaam sich verbarg? Wo die Greise vor Verwunderung stehen blieben? Hat
+sich da mein Herz um ein Weib betrogen; habe ich getrachtet, mich in eine
+Thüre zu schleichen, die meinem Freunde gehörte; so möge meine Gattinn die
+-- -- -- eines andern werden; mögen alle meine Nachbarn -- -- -- -- ! --
+Wahrlich! das ist gar nicht die Sprache eines Ausschweiflings, der verdient
+hätte, an den Schätzen von Amerika Theil zu haben.
+
+Was den Kommentator hintergangen haben kann, mag dieses seyn, daß dieses
+Muster der Geduld bekennt, daß die Fäulniß sein Vater, und die Würmer seine
+Mutter, und seine Schwester seyn. Der gelehrte Benediktiner glaubte
+vermuthlich, die Kakomonade konnte in so einer Familie wohl an ihrem Platze
+stehn. Allein das ist nur eine Wahrscheinlichkeit; und sie ist nicht
+wichtig genug, uns zu bestimmen, daß wir denken sollten, Job habe sich
+jemal in dem Falle befunden, der Flüßigkeiten des Barometers zu bedürfen.
+
+
+
+
+Sechstes Kapitel.
+
+
+
+Ob der Aussatz mit der Kakomonade einerlei Ding gewesen?
+
+Leute, welche in der Geschichte der Kreuzzüge sehr bewandert sind, weil sie
+sahen, mit welcher Hitze diese ungestümmen Krieger auf dem Schutte von
+Jerusalem die Töchter der Sarazenen geschändet haben, und über dieß
+ungehalten über den Anblick, daß das Reich der Kakomonade so beschränkt
+seyn sollte, kamen auf den Gedanken, ihr zum Wohnplatze Palestinen
+anzuweisen. Sie wollten sie mit dem Aussatze vermengen, der, wie man weis,
+der ganze Nutzen war, den man aus den auferbäulichen, aber grausamen
+Feldzügen des zwölften und dreizehnten Jahrhunderts davon trug.
+
+Der Aussatz war eine kleine Unpäßlichkeit, die sich über die Haut
+verbreitete. Er veränderte ihre Farbe, ohne doch Narben nachzulassen. Er
+übersäete die Außenseite des Leibes mit grossen Blasen, die in der That so
+weiß waren, wie der schönste Alabaster, die aber nur ein heftiges Jücken,
+und eine starke Begierde verursachten sich zu kratzen.
+
+Er war weder unter den Griechen, noch unter den Römern, weder bei den
+Galliern, noch Deutschen, weder bei den Asiaten, Persern, Siriern &c.
+bekannt; sondern er scheint eine ausschließlich eigene Krankheit in
+Palestina gewesen zu seyn. Die Einwohner dieses Landes allein sind es,
+welche die Natur selbst mit diesem Vorzuge ausgestattet hatte, wobei sie
+ihnen zugleich das Vermögen ließ, ihn den vorwitzigen Proseliten, so, wie
+die Beschneidung, mitzutheilen.
+
+Die Juden hatten schon die Gewohnheit, unter beständigem Kratzen, in die
+verschiedenen Gegenden der Welt herum handeln zu gehen; allein sie scheinen
+nichts außer ihren Waaren unterlassen zu haben. Sie waren schon damal eben
+so säuisch, eben solche Wucherer, eben so verachtet, wie sie es heutiges
+Tages sind. Sie waren die einzigen, denen die Religion aus der Reinlichkeit
+eine Pflicht machte. Sie waren die einzigen, die sie vernachläßigten; und
+nur bey ihnen allein auch fand man Menschen, welche mit weissen Flecken,
+die den Kützel reizten, überdecket waren.
+
+Entgegengesetzte Sitten sicherten die Fremden vor den Folgen, welche ein
+ordentlicher Umgang mit dieser Nation haben könnte; Die Römer verbrannten
+den Tempel, erwürgten die Priester, schleiften Jerusalem, und hatten
+dennoch keinen Theil an diesem Jucken: der häufige Gebrauch des Bades, und
+die Reinlichkeit, auf welche sie grosse Stücken hielten, verwahrte sie
+davor.
+
+Sie giengen nach Europa damal über, als unsere Vorfahren sich im Jordan zu
+waschen giengen. Sie giengen bei dem Oelberge sich die Brust zu schlagen.
+Sie blieben kurze Zeit, aber doch lange genug, um so gut, als die Kinder
+Israel, sich kratzen zu lernen. Sie kamen nach Frankreich zurück ganz
+bedeckt mit Palmen und Aussatz.
+
+Da sie viel schwitzten, sich selten badeten, und ihre Oekonomie ihnen nicht
+erlaubte, öfters ihre grobtüchenen Kleider zu waschen, so übermachten sie
+auf lange Zeit ihrer Nachkommenschaft die Gewohnheit, einen milchfärbigen
+Grind an der Haut zu tragen, und ihn fein manierlich mit den Fingerspitzen
+zu kratzen. Dieß war damal der Wohlstand der Leute von feinerer Welt, wie
+heut zu Tage einen Taback zu präsentiren, oder mit den Stockquästchen zu
+spielen.
+
+Der allgemein gewordene Gebrauch der Leinwand machte, daß diese kostbare
+Gewohnheit verschwand. Sie erneuert sich nur noch an gewissen
+vorübergehenden Ungemächlichkeiten, wie zum Beispiel in der P -- -- -- der
+grössern Gattung. Man könnte sie sehr billig für einen Abkömmling, oder
+wenigstens für eine sehr nahe Verwandte des Aussatzes halten. Und hiermit
+ists alles, was uns die Geschichte von dieser Krankheit, welche die
+Kreuzzüge in Europa so empor gebracht haben, berichtet.
+
+Nach den Merkmalen, die sie karakterisiren, kann man sie durchaus mit der
+Kakomonade nicht vermengen. Die weissen Flecken, das Jucken begleiten diese
+nicht; und es scheint auch nicht, daß sie sie je begleitet haben. Wenn
+diese einiges Jucken verursacht, so ists innerlich, und ein wenig an den
+Lenden; zeigt sie sich von außen, und nimmt eine Farbe an, so weiß man zur
+Genüge, daß es nicht die ihrer Wesenheit nach der Jungferschaft geheiligte
+Weiße ist.
+
+Weiter, so griff der Aussatz nicht die Erzeugung an. Wenn er ihr nicht
+günstig war, so ist wenigstens gewiß, daß er ihr keinen Schaden that. Es
+scheint sogar, daß er die Zeugungsorgane stärkte. Es gab in dieser Zeit
+Frauen, die es nach jenen der Aussätzigen lüsterte, und man sah sich das
+Sprichwort bewähren, das Sprichwort: Unglück ist doch zu etwas gut.
+
+Man liest in einem gereimten Gedichte des zwölften Jahrhunderts diese zween
+Verse:
+
+ Felix, atque ortu vere dicenda beato,
+ Vivere quæ potuit leproso juncta marito.
+
+Indessen das Gesetz verordnete, diese armen Leute aus ihrem Hause zu jagen,
+bestrebte sich so die Natur, ihnen die Mittel zu bieten, wie sie da mit
+Ehren bleiben konnten. Dieß ist nicht das einzigemal, wo die Gesetze und
+die Natur sich mit einander im Widerspruche fanden.
+
+Ein sehr berühmter Arzt hat durch einen schönen Schluß erwiesen, daß von
+dem Aussatze diese Wirkung nothwendig erfolgen müsse. Die Kakomonade hat
+diesen Vortheil bei weitem nicht. Man kann also schließen, daß sie
+miteinander nichts gemein haben.
+
+Die einzige Aehnlichkeit, die ich an ihnen sehe, ist, daß sie alle beide
+nach eben so ungerechten, als blutigen Feldzügen in Europa überpflanzet
+worden sind. Die Kreuzzüge, und die Verheerung der Insel Hispaniola sind
+die Epochen der zwoen größten Plagen, mit denen das Menschengeschlecht seit
+der Erbsünde her in Europa heimgesucht worden ist. Es scheint, ob hätte die
+Natur den Ländern, die wir usurpiren wollten, vorsetzlich um uns zu strafen
+etwas mitgetheilet, womit sie das Blut ihrer unbarmherzigen Eroberer
+anpesten sollten.
+
+Dennoch wird uns dieß Beispiel nicht bessern. Man spricht von unentdeckten
+Ländern, von neuen noch unbekannten Welten an der Süderseite. Der Geiz ist
+auf dieses ihm so schmeichelhafte Gerücht schon aufgewacht. Man hat sich
+gewagt, sie zu suchen. Die Nebel, und vielleicht das Mitleid der Vorsicht
+haben uns ihnen bisher entzogen. Man darf alles welten; wenn wir sie je
+entdecken, so führen wir dort unsere Habsucht, und unsere Grausamkeit ein,
+und sie beschenken uns zur Wiedervergeltung mit einer dritten Plage, womit
+wir sehr sorgfältiglich unser Klima zu bereichern suchen werden.
+
+Dem sei, wie ihm wolle; aus dem Vorhergehenden sieht man übrigens, daß die
+Kakomonade in Rücksicht unser kein gar grosses Alterthum hat. Wie sehr man
+sich auch bestrebt, die Ehre ihrer Geburt den frühern Jahrhunderten
+zuzueignen; so setzen sich Vernunft und Wahrheit dagegen. Alle
+Vernünfteleien, und alle Erzählungen in dieser Hinsicht sind falsch. Keine
+ist gegründet, außer derjenigen, welche die Rückkunft des Christophorus
+Kolumbus in Europa als den Zeitpunkt angiebt, in welchem die Vergnügungen
+der Liebe da gefährlich zu werden begannen.
+
+
+
+
+Siebentes Kapitel.
+
+
+
+Ob gewisse Vorschriften, die eine große Königinn einem ordentlichen
+Hause gab, die vorstehende Behauptung über die Epoche der Kakomonade
+umstossen können?
+
+Bei der Unternehmung dieses wahrheitvollen Werkes machte ich mir die
+genaueste Aufrichtigkeit zum Gesetze. Daher muß ich selbst jene Dinge
+anführen, die meinem Sisteme entgegen zu stehen scheinen. Nun scheint dieß
+durch gewisse Vorschriften erschüttert, die um das Ende des vierzehnten
+Jahrhunderts von einer großen tugendvollen Königinn einem erbaulichen Hause
+gegeben worden sind. Ich hielt für gut, sie vollständig anzuführen, damit
+jene, die etwa versucht werden möchten, sie zu lesen, sich desto besser
+unterrichten könnten.
+
+
+Vorschriften, welche die Königinn Johanna die Erste, Königinn beider
+Sizilien, und Gräfinn von Provence einem Mädchenkloster zu Avignon gegeben
+hat.
+
+
+1.
+
+Im Jahre tausend dreihundert sieben und vierzig hat unsere gute Königinn
+Johanna erlaubet, in Avignon ein B -- -- -- zu erbauen. Sie will nicht, daß
+alle galanten Weibsleute sich in der Stadt ausbreiten; sondern sie
+befiehlt, sich in dem Hause verschlossen in halten, und, um kennbar zu
+seyn, auf der linken Achsel ein rothes Nestel zu tragen.
+
+
+2.
+
+Item: Wenn einem Mädchen eine Schwachheit zustieß, und sie sich mehrere
+erlauben will, so soll der erste Gerichtsdiener sie, unter dem Arme bei dem
+Schlage der Trommel mit dem rothen Nestel auf der Achsel, durch die Stadt
+führen, und sie zu den übrigen in das Haus einquartiren; Er soll ihr
+verbieten, sich außer dem Hause in der Stadt sehen zu lassen, unter der
+Strafe, daß sie das erstemal heimlich gepeitscht, das zweitemal öffentlich
+gepeitscht, und auf den Schub gegeben werden würde.
+
+
+3.
+
+Unsere gute Königinn befiehlt, das Haus soll in der Gasse der gebrochenen
+Brücke, nahe am Kloster der Augustinerbrüder bis zum steinernen Thore
+erbauet werden, und an der nämlichen Seite eine Thüre haben, wo Jedermann
+hindurchgehen, die man aber doch mit einem Schlüssel versperren, könne,
+damit die Jugend die Mädchen nicht zu besuchen vermöge, außer mit der
+Erlaubniß der Äbtissinn, oder Vorsteherinn, die alle Jahre durch die
+Bürgermeister ernennt werden soll. Sie soll die Jugend ermahnen, kein
+Aufsehens zu machen, und die Mädchen nicht zu kränken. Sonst würde sie, bei
+der mindesten Klage, die sich gegen sie erheben würde, mit dem Schritte aus
+dem Haufe, durch den Gerichtsdiener in Verhaft geführet werden.
+
+
+4.
+
+Die Königinn will, daß alle Sonnabende die Superiorinn, und ein von den
+Bürgermeistern abgeschickter Barbier alle Mädchen, die sich in dem B -- --
+-- befinden werden, visitiren soll; und findet sich eine darunter, für
+welche dieß Metier verdrüßliche Folgen gehabt hat; so soll diese von den
+andern abgesondert, sie soll in einem abgelegenen Orte eingewohnt werden,
+damit Niemand zu ihr könne, und man bei der Jugend gewisse Zufälle verhüte.
+
+
+5.
+
+Item: So sich ein Mädchen fände, das schwanger würde, da soll die
+Vorsteherinn wachen, daß sie ihre Frucht nicht abtreibe; auch soll sie die
+Bürgermeister davon berichten, damit sie das Kind versorgen.
+
+
+6.
+
+Item: Die Vorsteherinn soll am Charfreitag, und Charsamstag, wie auch an
+dem glorreichen heiligen Ostertag Niemanden den Eintritt in das Haus
+gestatten, bei Strafe der Kassazion, und öffentlichen Stäupung.
+
+
+7.
+
+Item: Die Königinn will, daß die Mädchen alle unter einander ohne
+Zänkereien und ohne Eifersucht leben; daß sie sich nichts entwenden, und
+sich nicht raufen, sondern sich wie Schwestern lieben sollen. So eine Klage
+entsteht, so hat die Vorsteherinn sie unter sich zu vergleichen, und sie
+sollen schuldig seyn, auf ihren Ausspruch sich zu beruhigen.
+
+
+8.
+
+Item: So ein Mädchen einen Diebstahl begangen hat, da soll die Vorsteherinn
+sie das Gestohlene in Güte zurückgeben heißen. Sollte sich die Diebinn der
+Zurückgabe weigern, so wird sie das erstemal von einem Gerichtsdiener auf
+einem Zimmer, im Rückfalle aber durch den Scharfrichter in der ganzen Stadt
+gestäupet werden.
+
+
+9.
+
+Item: Die Vorsteherinn soll keinen Juden annehmen. Im Falle sich einer
+fände, der sich durch List hineinstähle, und mit einem der Mädchen bekannt
+wäre, der soll eingezogen, und dann öffentlich durch die Stadt gepeitschet
+werden.
+
+ * * *
+
+Wenn man den letzten Artikel liest, so kann man nicht genug die Delikatesse
+des Sammlers der Gesetze bewundern. Er wollte die ungläubigen Juden eines
+Hilfsmittels berauben, welches für die gläubigen Christen bereitet war.
+Vielleicht wollte er diese verirrten Unglücklichen wie wilde Thiere
+behandeln, die man mit Hunger und Durst bändiget. Das wäre ein seltsamer
+Weg, sie in den Schooß der Kirche zu führen. Doch, man weis es ja; es gab
+Jahrhunderte, wo man allerhand Wege einschlug, um das Herz des Menschen zu
+unterjochen.
+
+Wie Johanna diese so nützliche Einrichtung machte, mochte sie beiläufig
+drei und zwanzig Jahre haben. Vielleicht wird man schwer glauben wollen,
+daß eine Prinzessinn von diesem Alter darauf bedacht gewesen sey, sich zur
+Gesetzgeberinn einer derlei Stiftung zu machen. Aber, wenn man dabei
+bedenkt, daß diese schöne Königinn damal schon einen Ehemann, der ihr
+mißfiel, aufhängen ließ; daß sie dreien anderen, derer sie nach und nach
+müde ward, das nämliche Schicksal bestimmte; daß sie in der großen, Kunst,
+sich so von eckelhaften Männern zu befreien, keine ihres Gleichen hatte,
+als die Königinn Maria Stuard, deren Tod den Umstehenden Thränen erzwang,
+und die ganze Christenheit auferbaute: -- so wird man weniger erstaunen,
+daß sich Johanna so frühzeitig mit den Vergnügungen ihrer Unterthanen
+beschäfftigt habe.
+
+Uibrigens waren die Gesetze, denen sie die Werkzeuge derselben unterwarf,
+sehr weise; und es wäre zu wünschen, daß man sie überall annähme, und daß
+unter andern die Visitation nicht vergessen würde. Denn die menschliche
+Schwachheit scheint einmal doch von den Fürsten einige Nachsicht, besonders
+aber ihre Aufmerksamkeit auf die Erleichterung, die man ihr bereitet, zu
+erheischen. Und sie sind auch im Gewissen verbunden, sorgfältig zu wachen,
+um bei der Jugend gewisse Zufälle zu verhüten.
+
+Diese Untersuchung scheint dem, was ich bisher gesagt, zu widersprechen,
+und die Epoche der Kakomonade früher anzusetzen. Wenn man schon seit dem
+vierzehnten Jahrhunderte mit den öffentlichen Lustmädchen sich in Acht
+nehmen mußte, so folgt daraus, daß auch ihre Waare schon eine koagulirende
+oder korrosive Wirkung an sich hatte. Und so könnte man vermuthen, daß sie
+schon seit jener Zeit der Unbequemlichkeit unterworfen waren, die hier der
+Gegenstand unsrer tiefsinnigsten Untersuchungen sind.
+
+Unterdessen sieht man, wenn man es recht erwägt, daß aus diesem Zuge der
+Geschichte sich gegen meine Grundsätze kein Widerspruch ergiebt. Bürge
+dafür ist mir der hochgelehrte Arzt, der mir einen Theil der seltsamen
+Bemerkungen an die Hand gab, mit denen mein Buch bereichert ist. Er
+beweiset bis zur Evidenz, daß der vierte Artikel der Königinn Johanna jene,
+die mit mir gleich denken, nicht aus der Fassung bringen darf. Vor dem
+fünfzehnten Jahrhundert konnten die Gegenstände der Zärtlichkeit dieser
+schönen Königinn andern Ungemachen ausgesetzt seyn, als diejenigen sind,
+die durch eine unbekannte Ursache auf San Domingo hervorgebracht wurden.
+
+Man weis zur Gnüge, daß auch noch in unsern Tagen die Kakomonade nicht die
+einzige gefährliche Macht ist, welche an solchen Orten, wie jene waren, die
+die Gräfinn von Avignon in ihren Schutz nahm, herrschet. Nichts also kann
+die Feste meiner Grundsätze erschüttern. Es ist evident, daß bis zum Ende
+des fünfzehnten Jahrhunderts die Vergnügungen wenig ansteckend waren. Man
+konnte sich ihnen noch ohne viele Furcht überlassen, als ein Italiäner es
+für gut fand, die Kakomonade Europen, und durch Europen der ganzen Welt
+mitzutheilen.
+
+
+
+
+Achtes Kapitel.
+
+
+
+Einführung der Kakomonade in Europa, und in Frankreich.
+
+Dreihundert Jahre sind es, daß uns ein Genueser das Glück verschaffte,
+Amerika zu kennen. Man ist nicht im Stande, sich genug bei den Vortheilen
+aufzuhalten, die uns daraus zugeflossen sind. Diese Entdeckung brachte uns
+das Vergnügen zu Wege, auf unsern Kleidern Tressen zu tragen, und um das
+Dreifache mehr für das Brod -- zu bezahlen. Seit diesem glücklichen
+Augenblicke ists, daß unsre Frauenzimmer Papageien, und unsre Matrosen den
+Scharbock haben. Seit dieser Zeit fand man sich in Europa in den Stand
+gesetzt, Jahr für Jahr nach allen Regeln zweimal hundert tausend Menschen
+zu erwürgen, anstatt, daß zuvor die durch das Kriegs- und Völkerrecht
+gesetzgekräftigten Massakres sich höchstens auf beiläufig sechzig tausend
+beliefen.
+
+Das erste Schiff, welches so, mit den Produkten der neuen Welt befrachtet,
+in Spanien anlandete, erregte da ein allgemeines Erstaunen. Man ward nicht
+müde, die Helden zu bewundern, welche so weit her, und mitten durch so
+große Gefahren, neue Quellen für die Glückseligkeit des
+Menschengeschlechtes geholet hatten. Man ward entzückt, da man die Frucht
+ihrer Arbeiten erblickte.
+
+Auf dem Verdecke, und an den für das Auge angenehmsten Orten nahm man kurze
+Gewänder von rothen Federn wahr, die mit dem Blute der Indianer gemalet
+waren; Ohrringe, an denen die Spitzen der Ohren hiengen, von denen man sie
+abgerissen hatte; Ringe, die man sammt den Fingern ihrer vormaligen
+Besitzer mit übergeführet hatte; goldne Nasenringe sammt den Nasen, die
+lange Zeit damit sich gebrüstet hatten.
+
+Die Argonauten des sechszehnten Jahrhunderts pochten mehr auf Muth, als auf
+Geduld, um sich desto geschwinder den Schmuck der Karaiben zuzueignen,
+raubten sie mit einem den Schmuck, und den Theil des Körpers, an dem er
+befestiget war, ab. Alles, was die Ehre hatte, mit Golde bedeckt zu seyn,
+blieb sammt seiner Zierde unter den Händen der Sieger. Dieß geschah, um die
+Zeit zu ersparen, mit welcher die Eroberer aller Jahrhunderte gewaltig
+geizten. Diese Oekonomie both eine überflüssige Ladung für ein Schiff, das
+nach Spanien kam, um da die Beute aus einem andern Welttheile auszukramen.
+
+Während dieses Schauspiel alle Augen auf sich zog, ward man der Kakomonade,
+die hinter so vielen kostbaren Gepäcken verborgen lag, nicht gewahr. Sie
+machte sich fertig, festen Fuß zu fassen, und wählte sich schon ihre
+Wohnungen mitten unter dem Haufen, der sie umgab. Sie hatte sich bald
+ausgeschifft, und folgte dem Christoph und Martin Kolumbus bis nach Hofe,
+wo eine tugendhafte Königinn, Namens Isabelle, den Thron besaß, von dem sie
+so eben ihren Bruder herabgestossen hatte.
+
+Diese weise Prinzessinn mit ihrem Gemahle, dem aufrichtigen, großmüthigen
+Ferdinand dem Katholischen, hatte dem Könige von Neapel, ihrem Blutsfreunde
+geschworen, ihn zu beschützen. In der Folge fanden sie, daß es edler,
+anständiger, und gerechter wäre, ihn auszuplündern. Sie ließen also zu
+Barzellona zu diesem Felszuge ihre Trouppen die Schiffe besteigen.
+
+Die Trouppen giengen unter Seegel mit einer ganz neuen Gattung von
+Provisionen. Einen Hauptartikel davon machte die Kakomonade, ob sie gleich
+in die Verzeichnisse der Proviantmeister nicht eingetragen war. Sie reiste
+zu gleicher Zeit mit der Armee. In Italien, dessen Landesgebräuche ihr
+nicht günstig waren, machte sie Anfangs schlechte Progressen. Aber zu ihrem
+Glücke hatte sich Karl der Achte in den Kopf gesetzt, den heiligen Vater
+Alexander den Sechsten zu Rom zu besuchen.
+
+Jedermann weis, wie unnütz, und prächtig dieser Feldzug war. Die
+französischen Ritter entwickelten da den wunderbarsten und fruchtlosesten
+Heldenmuth. Reißenden Fluges brachten sie Mailand, Florenz, Rom, Neapel,
+und die Kakomonade an sich; aber von allen Eroberungen, war diese letzte,
+die sie am liebsten aufgegeben hätten, die einzige, die ihnen blieb. Bei
+ihrer Heimkehr, überpflanzten sie sie in ihr Vaterland, wo die französische
+Galanterie sie mit allen Ehren empfieng; und dieß war beinah der einzige
+Nutzen, der unsern Verfahren aus einem so herrlichen Feldzuge zufloß.
+
+
+
+
+Neuntes Kapitel.
+
+
+
+Verschiedene Reisen der Kakomonade.
+
+Indessen die alte Bewohnerinn von Amerika sich so unter dem Gefolge einer
+Menge wackerer Krieger den Eingang in Frankreich öfnete; entwischte sie von
+Zeit zu Zeit, um auch in den übrigen Theilen der Erde Kolonien anzulegen.
+Sie schwamm die Rhone hinunter um in der Themse zu ankern. Sie maß die
+Pireneen zurück, um queer durch Spanien in Portugal zu eilen. Sie schifte
+sich zu Lisabon ein, um von Goa Besitz zu nehmen, den sie gemeinschaftlich
+mit der heiligen Inquisition noch behauptet.
+
+Von Kadix reiste sie nach Fez in Mauritanien mit einigen Juden oder
+Mahometanern, welche der religiose Ferdinand, der Katholische in seinem
+Reiche nicht dulden wollte. Sie drang mitten durch die Sandberge von Afrika
+bis zur Zone torrida ein. Sie wagte sich ohne Furcht unter jene
+schrecklichen Weiber der melindischen Küste. Sie breitete sich aus von dem
+Ursprunge des Senegal an bis zur Kafferei, und von Monomotapa bis an die
+Mündung des Nil. Sie wurzelte überall mit den Jesuiten, die dem ungeachtet
+nicht ihre eifrigsten Missionarien waren. Unermüdet, wie sie, aber in einer
+andern Art, faßte sie geschwinder als sie in den beträchtlichsten
+Wechselstuben Fuß. Sie hinterließ einsichtige Faktoren, die sichs angelegen
+hielten, die Anzahl ihrer lockeren Gesellen zu vermehren.
+
+Mit mehr Bequemlichkeit begab sie sich durch Marseille nach Syrien und
+Aegypten. Sie durchsuchte die morgenländischen Handelsplätze. Die eisernen
+Gitter am Serail machten sie knirschen vor Zorn. Röthe überzog ihr das
+Gesicht bei dem Anblicke von einem Haufen Menschengestalten, die, nicht nur
+unfähig sie mitzutheilen, sie nicht einmal anzunehmen im Stande waren.
+Unterdessen fand sie doch mittels der miethbaren Zirkassierinnen, die hier
+nicht seltner, als anderswo sind, und mit denen das Gesetz Mahomets den
+Umgang den Unbeschnittenen eben sowohl als den Gläubigen gestattet, einen
+Eingang bis zu den stolzen Muselmännern von der Sekte Omars.
+
+Liebreich übersetzten sie diese zu den Ketzern von der Sekte des Aly,
+welche sie führten zu den Unterthanen des Mogul, die da anbeten den Brama
+und den Visthnu, welche sich Mühe gaben, sie mit Binsen zu versehen, um sie
+nach Makao und Nangazoni zu den Theologen des Fo und des Kaka zu
+übersetzen.
+
+Auf ihrem Wege stieß sie an die Küste von Malabar. Sie nahm in den
+Philippinen und Moluken unter dem Schatten der Ananas und Kokusbäume
+Erfrischungen zu sich. Sie nährte sich da von Mußkatnißen, und Zimmet.
+Nachdem sie so die Ende der Welt durchwandert hatte, betrachtete sie mit
+Bewunderung den weiten Bezirk ihrer Macht.
+
+Es giebt, sagte sie mit Entzücken, rothe und erzfärbige, milch- und
+pomeranzenfärbige, aschgraue und kohlschwarze Menschen, und all das gehört
+mein.
+
+Man findet ihrer, die mit dem Safte von Trauben, von Aepfeln oder von
+Gerste, der durch die Gährung sauerte, sich berauschen; andere, die mit
+eben diesem Safte, den sie durch das Feuer distilliren, sich leckerhaft
+vergiften; andere die einen braunen, und ungesunden Staub in die Nase
+stopfen; andere, die mit Baumblättern Kalk fressen; andere, die ihre
+Nachbarn stäupen, oder erwürgen lassen; und all das gehört mein.
+
+Man sieht Weibsleute, die sich kaleinirtes Bley über das Gesicht schmieren;
+andre, die sich die Wangen, oder Arme mit Indigo, färben; andere, die ihren
+Hals zeigen; andere, die nichts, als allein ihren Hintern bloß tragen;
+andere, die sich parfümiren, und frisiren, um Liebhaber an sich zu locken;
+andere, die dieselben, wenn sie sich zu gewissen Zeiten bei ihnen
+aufhalten, mit der Pest beschenken; und all das gehört mein.
+
+O tapfrer und berühmter Christoph Kolumbus! o ihr meine getreuen, und
+vielgeliebten Kastilianer! ewiger Segen sey mit euch, die ihr mein
+Geschlecht, wie den Sand am Meere, und meine Nachkommenschaft wie die
+Sterne am Himmel vermehret habt. Mögen die Schätze, des Potosi für euch so
+unerschöpflich werden, wie die meinigen! möchtet ihr unaufhörlich eben so
+die Stützen meines Reiches seyn können, wie ihr die ersten Verbreiter
+desselben waret!
+
+Nachdem sie sich so von ihrer Dankbarkeit, und von ihren Eroberungen
+Rechenschaft gegeben hatte, begab sich die Kakomonade auf den Weg, um neue
+zu machen, oder um die alten fester zu gründen; Das Fuhrwerk, dessen sie
+sich bediente, war sanft. Kein Wunder, daß sie nach so langwierigen, und so
+schnellen Reisen dennoch im Stande war, nach Frankreich zurückzukommen, das
+sie zum Mittelpunkte ihres Reiches bestimmet zu haben schien.
+
+Man muß nicht vergessen, daß sie bey jeder ihrer Wanderschaften die
+Kleidungsart, und den Namen der Nation annahm, von welcher sie abreisete.
+In Frankreich war sie eine Neapolitanerinn, zu Neapel und Madrid eine
+Französin, zu Lisabon eine Kastilianerinn, zu Nangazaqui eine Portugiesinn,
+zu Ispahan eine Türkinn, und zu Konstantinopel[*] wieder eine Französinn.
+Vielleicht giebt es nichts so schönes, als der Anblick ist, wie sie über
+Gebirge und Meere setzte, sich vom Adamspik auf die Spitzen des Imaus
+schwang, und von den Ufern von Kalifornien nach Madagaskar flog. Wir
+glaubten, daß dieses Schauspiel wenigstens sein Kapitel verdiente.
+
+[Fußnote *: (Anmerkung der Verleger.) Wir dürfen nicht bergen, daß dieses
+Vorgehen des Doktors ziemlich offenbar demjenigen widerspricht, das ihm
+sein Geschichtschreiber im 4. Kap. des Optimism in den Mund legt. Dieser
+läßt Herrn Pangloß mit den eignen Worten sagen, daß die Türken, die
+Indianer, die Chineser, die Perser, die Samiten die F -- -- noch nicht
+kennen; sondern daß es nur lediglich einen zureichenden Grund gebe, vermög
+welchen sie sie in einigen Jahrhunderten kennen würden. Das ist eine
+triftige Autorität. Indessen glaubten wir doch nicht, daß sie der unsers
+Manuscripts vorzuziehen wäre. Gott behüte, daß wir Herrn Ralph eines
+Irrthums oder einer Untreue beschuldigen wollten; aber die Memoires, nach
+denen er gearbeitet hat, konnten nicht genau seyn; und über dieß hatte auch
+sein Held zu der Zeit, wo er ihn sprechen läßt, noch nicht alle jene
+Einsichten erlangt, welche ihm neue Reisen in der Folgezeit erworben
+haben.]
+
+
+
+
+Zehntes Kapitel.
+
+
+
+Von dem Ursprunge der Perücken.
+
+Wir sahen die Kakomonade durch eine schöne Pforte in Frankreich eingehn.
+Sie säumte nicht, der ganzen Nation Beweise ihrer Dankbarkeit zu geben. Sie
+breitete sich daselbst bis zum Uebermaaß aus. Wenn man den Geschichtbüchern
+der damaligen Zeit Glauben beimessen will, so nahm sie F -- -- E -- -- --
+sich zur Seite auf den Thron. Es kostete ihn nur fünfhundert Thaler, sein
+Zäpflein, und die Haare. Doch fand er bald Ersatz für sein Leisereden, und
+um sich das Haupt wohl zu bedecken.
+
+Die erfinderischen Köpfe, womit Frankreich von jeher angefüllt war, litten
+es nicht lange, daß ihr König so weit gebracht seyn sollte, keine andere
+Koeffüre, außer einer Schafmütze zu haben. Sie machten bald eine weit
+edlere, deren Stof vom Menschen selbst genommen war. Geschickte Hände
+verfertigten jene sinnreichen Zöpfe, welche dem Werke der Natur nachahmend
+die schmucklose Glatze einer Hirnschaale mit einem Walde von Haaren
+besetzen, die sie selber nicht hervorgebracht hat.
+
+Es hat Jemand gesagt, wenn ein König einäugig wäre, so könnte unter den
+Hofleuten leicht die Mode aufkommen, nur ein Aug zu tragen. Das Beispiel F
+-- E -- war nicht so schwer, nachzuahmen. Er hatte das Vergnügen, seine
+Unterthanen in die Wette ihm folgen zu sehn. Wenige Zeit darauf sah man von
+der Rhone an bis zur Maas keine andern, als falsche Haare, und vernahm
+keine anderen, als erstickte Stimmen.
+
+Seit dem hatten wir Könige, welche ihr Zäpflein nicht verloren, und derer
+Stimmen sich wieder eingefunden haben; dennoch sind die Perücken ungeachtet
+aller Verfolgung der Geistlichkeit geblieben. Diese hoch- und
+wohlehrwürdigen Glieder der Kirche schienen lange Zeit über die
+Unanständigkeit, welche sie hervorgebracht hat, entrüstet. Sie untersagten
+allen ihren Dienern den Gebrauch derselben, und es ist noch nicht lange,
+daß ein kahlköpfiger Priester nur mit vieler Mühe von seinem Erzbischofe
+die Erlaubniß erhielt, sich dieses Hilfsmittels, das erfahrnern Personen
+noch verdächtig scheinen kann, unschuldig zu gebrauchen.
+
+Die Noth hat in der Folge die Laien nachsichtiger gemacht; allein die
+Mönche haben den nicht gar ehrsamen Ursprung der Perücken nicht vergessen.
+Sie sind noch itzt aus allen Klöstern verbannt, oder wenigstens doch aus
+jenen, die da einen großen Geruch von Regelmässigkeit von sich geben
+wollen.
+
+Die Karmeliter, die sich wegen ihres Standes, und aus freier Willkühr der
+Keuschheit weihn, duldeten unter sich nicht einen Haarschmuck, der seinen
+Ursprung nicht ihr zu danken hat. Die Kapuziner, zufrieden, natürliche
+Haare in ihrem Gesichte zu tragen, achteten nicht darauf, sich erborgte auf
+den Kopf zu pflanzen. Die andern Mendikanten, der Mässigkeit, und ihrer
+Regel getreu, wie die Franziskaner, oder der Nettigkeit ergeben, wie die
+Baarfüsser &c. wollten ein Gut nicht haben, von dem der große heilige Franz
+nie etwas gewußt hat.
+
+Vielleicht fürchteten sie, der Gebrauch desselben möchte den Verdacht
+erregen, als hätten sie ebenfalls Wundmaalen von einer andern Art, als jene
+ihres verehrungswürdigen Patriarchen waren. Vielleicht auch schreckte sie
+der Gebrauch des Kammes ab, dessen ein geschorener Kopf entübriget ist.
+Wenigstens ist gewiß, daß sie ohne alle Unruhe kunstverständige Barbierer
+bei den Bäurinnen in den Dörfern die Schur vornehmen sehn; und wenn sie
+diese allein, oder abseits antreffen, so sind es niemal Haare, was sie sich
+von ihnen erbitten wollen.
+
+Indessen war diese ausgemachte Verachtung dennoch ihrem Gegenstande nicht
+schädlich. Die Perücken, durch ein königliches Bedürfniß veranlaßt,
+scheinen dadurch in den Augen der europäischen Nazionen nur veredelt worden
+zu seyn. Lange Zeit maß man ihr Volumen nach der Würde, oder Fähigkeit des
+Gegenstandes ab, welcher sich damit schmücken sollte. Vorzüglich bei Hofe
+schätzte man diese Art, den Werth der Menschen zu bestimmen, hoch. Man
+konnte versichert seyn, daß eine Masse Haare von drei Schuhen in das
+Gevierte ein erhabneres Verdienst ankündigte, als dasjenige war, das nur
+eine Masse von zween Schuhen bestimmte.
+
+Diese Zeit war die Zeit unsrer Herrlichkeit. Es scheint, als wäre die Ehre
+unsrer gegenwärtigen Reiche, gleich der Stärke Samsons, mit
+geheimnißreichen Zöpfen verbunden gewesen, vor denen das Schwert Ehrfurcht
+haben sollte. Wir haben gestattet, daß die unheilige Scheere der Philistäer
+sie berührte. Die Mode, als eine zweite Dalila, legte ihre Hand an die
+erhabenen Hüllen, welche den Augen des gemeinen Mannes die Weisheit, und
+den Tiefsinn der Bemerkungen unsrer Väter entzogen.
+
+Man weis auch, was daraus entstanden ist. Nach dieser fatalen Operazion
+wachten unsre itzigen Völker auf ohne Stärke, und ohne Herzhaftigkeit. Seit
+dem die kleinen Perücken auf den Köpfen sitzen, brachten sie denselben nur
+kleine Einsichten hervor. Die leichten Haaraufsätze ließen die Substanz
+evaporiren, welche zuvor die weiten Hauptdecken da nährten. Von der Zeit an
+haben sich unsre Gehirnchen volatilisirt, so wie sich bei ungeschickten
+Distillirern die Geister flüssiger Körper zerstreuen, wenn der Helm und die
+Distillirflasche nicht recht wohl verpichet sind.
+
+Das Gebieth der Perücken hat sich also vermindert; aber die Macht ihrer
+Mutter hat es sich nicht. Mit jedem Tage sieht man noch ihre Fortschritte
+sich vermehren.
+
+ Der Arme dessen Hütte Stroh und Rohr bedeckt,
+ Erkennet ihre Macht;
+
+ Sie wird vom Krieger, nicht vom Thor der Burg verschreckt,
+ Wo der des Königs wacht.
+
+Aus dem Vorhergesagten sieht man, daß die Kakomonade ein gemeinschaftlicher
+Feind ist, wider den man sich zu vereinigen hat. Sie macht sich gleich
+feindlich an den Szepter, und an den Hirtenstab. Der Szepter und der
+Hirtenstab also müssen gleich eifrig zusammen stehn, sie aus dem Felde zu
+schlagen. Zu diesem Endzwecke hat man schon verschiedene Mittel versucht,
+aber alle wenig wirksam, alle unzureichend.
+
+
+
+
+Eilftes Kapitel.
+
+
+
+Hilfsmittel, derer man sich gegen die Anfälle der Kakomonade bedient.
+Warum nicht die Aerzte den Kampf mit ihr wagen?
+
+Die Geschichte erzählt, daß bei der ersten Schlacht zwischen den Römern und
+Griechen, diese, da sie die Sieger blieben, sich zur Unterhaltung mit der
+Untersuchung der Wunden beschäftigten, welche ihre Kriegsgenossen, die im
+Gemenge umgekommen waren, empfangen hatten. Sie entdeckten gespaltene
+Köpfe, abgehauene Arme, und an Brust, und Rücken durchschossene Körper. Die
+Geschichte setzt hinzu, daß so, wie ihre Waffen sie nur etwas aufritzten,
+sie den Gedanken nicht aushalten konnten, sich mit Leuten zu schlagen, die
+solche Hiebe austheilten. Der bloße Anblick eines italiänischen Säbels
+machte in der Folge sie zittern; und dieser Schrecken, trug nicht wenig
+bei, ganz Griechenland der Macht der Römer unterwürfig zu machen.
+
+Man kann sagen, daß es bei der Ankunft unsrer Reisenden das nämliche
+Bewandniß hatte. Die Doktoren hatten sich mit den Bürgerinnen unsrer
+Himmelsstriche vertraut. Sie kurirten ohne Anstand die Unverdaulichkeiten,
+die Fieber, und andere Krankheiten, welche durch unsere Wehen ihre
+Glücksgüter befestigten. Aber das Vertrauen auf ihre Kunst fiel bei dem
+Anblicke eines Gesichtes, wovon Hyppokrates keine Züge anatomirt hatte. Bei
+der Herannäherung dieses furchtbaren und unbekannten Feindes sah man sie
+die Flucht ergreifen.
+
+Es ist wahr; ihre Gegenwart kündigte sich durch etwas schreckliche Zeichen
+an. Man ließ seine Nase im Schnupftuche zurück. Man spuckte seine Zunge
+aus, und die Drüsen, die sie stärken. Wenn man einen Stein werfen wollte,
+so erstaunte man, daß man seinen Arm hinweggeschleudert habe. Man fand sich
+ganz in den Zustand der Wächter des Serails versetzt, denen die Vorsicht
+der Türken das Vermögen nimmt, auch nur den Schatten eines Verdachts
+erregen zu können. Man sah eine so schreckliche neue Erscheinung als die
+stärkste Waffe des Todes an. Man überredete sich, das Menschengeschlecht
+sei durch diese neue Art, mit der es angegriffen wurde, seinem Untergange
+nahe gebracht.
+
+Um das Maaß der Furcht vollzufüllen, bildete man sich ein, sie wäre so
+ansteckend als die Pest. Man wußte nicht, daß es nur eine Art gäbe, sich
+ihr auszusetzen, und daß man immer die Freiheit hätte, sich davor zu
+verwahren. Das Mißtrauen war in die ganze Gesellschaft verbreitet. Jeder
+zitterte für seine Person. Unbarmherzig entfernte man sich von den
+Unglücklichen, die damit geschlagen schienen. Gleichzeitige Schriftsteller
+gestehen, daß viele davon, welche man aus allgemeiner Furcht verlassen
+hatte, in der Tiefe der Wälder zu Grunde giengen.
+
+In dieser allgemeinen Beklommenheit verlor die Fakultät ihren Kopf,
+Eskulap, aus seiner Fassung gebracht, hörte auf, Orakelsprüche zu geben.
+Das war keiner jener Augenblicke mehr, wo mit lauem Wasser, und einem
+Strome von Beredtsamkeit ein Doktor aus der Kraft der Natur sich seine Ehre
+machen konnte. Hier blieb sie in der Unthätigkeit; sie wurde auf der Stelle
+überwältigt. Mit großem Geschrei rief sie die Kunst zu Hilfe, und die
+betroffene, gedemüthigte Kunst konnte nur ihr unnützes Mitleid an sie
+verschwendet. Es fiel ihr gar nicht ein, eine Gegnerinn zu verfolgen, die
+sie sich nicht einmal zu besichtigen wagte.
+
+Unterdessen wurde mit der Zeit durch die Gewohnheit ans Schauspiel sein
+Eindruck vermindert. Leute ohne Namen, Scharlatane, frecher, oder
+gewinnsüchtiger, als die Doktoren, fanden sich zu einem Kampfe ein, dessen
+Sieg sie treflich bereichern müßte. Für den Erfolg konnten sie nicht
+stehen, aber wenigstens brachten sie doch die Hofnung aufs Geld.
+
+Man machte Versuche; man wagte Eintrichterungen von Säften; man erholte
+sich bei chymischen Zubereitungen Raths; man zog China und Amerika zur
+Steuer; man bannte den Hyppokrates ins Leben; dennoch erhielt man keine
+Kenntnisse, und zankte sich schon mit vieler Hitze über die Mittel, sich
+dieselben zu verschaffen.
+
+Endlich kam bei dieser Gelegenheit, wie bei allen andern, das Ungefähr der
+Wissenschaft zu Hilfe. Man hatte eine flüßige Materie unter den Händen,
+weiß wie Silber, und schwerer, als es; aber bekannt, durch ihre
+Eigenschaft, sich an die andern Metalle anzuhängen, und selbst unter die
+Metalle gerechnet, ohne daß man viel wußte, warum. Niemand konnte sich
+einfallen lassen, daß dieß mit Fette abgetrieben, und auf die Haut gelegt,
+oder mit andern Ingredienzien, die seine Wirksamkeit mäßigen konnten,
+vermischt, und zu trinken gegeben, den glücklichen Erfolg haben sollte,
+diese Fremdlinginn, deren Aufenthalt ihren Gastfreunden so verderblich war,
+zur Flucht zu zwingen.
+
+Wirklich behauptet man, daß manche sehr erfahrne Araber in einigen
+Umständen sich dessen schon bedienet haben. Sie brauchen es, sagt man, um
+die Läuse zu tödten, um die Zittermaale zu vertreiben, um das Jücken, und
+andre Krankheiten der Haut zu stillen. Aber in Europa wußte man von ihrer
+Methode nichts. Und hätten auch Avicenna, oder Serapion davon geredet, so
+wars darum unsern Vorfahren um nichts leichter zu errathen, daß das, was
+gegen die Läuse gut war, es auch gegen die Kakomonade sey. Was man übrigens
+Gewisses weis, ist, daß die Entdeckung davon gemacht wurde, daß man sie
+annahm, und daß sie von glücklichem Erfolge war.
+
+Der Ruf davon säumte nicht, sich zu verbreiten. Von allen Seiten nützte man
+es. Das Sonderbare dabei war, daß sich die Fakultät mit all ihrer Macht
+dagegen setzte. Es war nicht ihr Wille, daß man ein Hilfsmittel suchte. Sie
+schien nach ihrer Gewohnheit nur dazu mit Muthe gewaffnet, um das Gefundene
+zu bekämpfen. Ganz Europa erscholl von den Deklamazionen gegen dieses
+nützliche Fluidum, das sie bloß in die Barometres verbannet wissen wollte.
+Es stand nicht bei ihr, daß sich nicht die Obrigkeit ins Mittel legte, um
+den Gebrauch davon zu verbieten.
+
+So sah man die Brechmittel heftig von den Vorfahren derjenigen verschrien,
+die sie heut zu Tage verordnen. So donnerte man mit der größten Entrüstung
+wider die Chinarinde, wider die Ipekakuana &c. auf eben jenen Lehrstühlen,
+wo man itzt ihre Heilkräfte mit Enthusiasmus zergliedert. So fand in unsern
+Tagen unter Leuten, die für weise gelten, die Inokulazion unversöhnliche
+Feinde. Zu Doktoren angenommene Aerzte haben eine Schrift unterzeichnet, wo
+man sagt, man sollte die Fremden auf ihre eigene Gefahr die Probe damit
+machen lassen. Schwerlich vielleicht würde man treffendere Beispiele von
+Inkonsequenzen anführen können, zu denen Leidenschaft und Stützköpfigkeit
+sogar unterrichtete Leute bringen können. Die Mode und Meinung sind in
+allen Dingen die Königinnen der Welt; aber das Quecksilber hatte durch
+seine Nützlichkeit gewiß nicht verdient, ihrer Kaprize unterworfen zu
+werden.
+
+Man bestritt es nicht lange. Bald darauf, nachdem man versucht hatte, ihm
+den Stab zu brechen, sah man sich genötiget, es zu gebrauchen. Die
+Fakultät, von dessen Beistand versichert, wollte sich nun wieder den
+Unglücklichen nahen, an denen sie auf gewisse Art zur Verrätherinn geworden
+war. Aber der Platz war erobert. Eine Nebenbuhlerinn, von ihr lange Zeit
+verachtet, hatte sich des Augenblicks ihres Schreckens bemächtigt.
+
+Da die Zeichen des Unglücks, dem man abhelfen sollte, sich von Aussen
+zeigten, und die herrschende Fakultät sie zu fürchten schien, so hatte eine
+andre, minder furchtsame, und thätigere Fakultät sie sich zugeeignet. Diese
+war die Erste, die mit einiger Methode den Gebrauch des flüssigen Silbers
+wagte, das, in den Händen der Empiriker, vielleicht eben so viel böse, als
+gute Wirkungen machte. Sie bemeisterte sich des Zutrauens des Publikums;
+und als die andern, von ihrem Schrecken zurückgekommen, einen Posten, mit
+dem sie schalten zu können glaubten, wieder einnehmen wollten, waren ihre
+Bemühungen darum vergeblich.
+
+Eine Miene, reicher als die von Peru, öffnete sich hier. Die Usurpatoren
+behielten bis auf den heutigen Tag das Recht, beinah allein daran zu
+arbeiten. Die herrschenden Doktoren sehen sich mit Verdruß von der Quelle
+so vieler Reichthümer ausgeschlossen. Oft versuchen sies, sich dazu hinein
+zu stehlen; aber man gestattet ihnen nicht, die kostbare Komposizion zu
+verfertigen; welche die Fremde ihres Thrones beraubt, und das Geld der
+Kranken an sich zieht. Man erlaubt ihnen bloß nur, über die Theorie zu
+räsoniren, die nichts einbringt; nur am Einfahrt der Mine läßt man sie
+landen. Man gestattet ihnen, die Arbeiten, wenn sie es können, aufzuklären;
+aber das Graben darinnen, das allein nur Gewinnst trägt, ist ihnen gänzlich
+untersagt.
+
+
+Nachricht der Verleger zum folgenden Kapitel.
+
+Wir ersuchen delikate Augen vorläufig, das ganze folgende Kapitel zu
+überschlagen, obgleich es das lehrreichste im ganzen Werke ist. Ungeachtet
+der Begierde, die Herr Panglos hatte, die Sache auf eine ehrbare Art zu
+verschleyern, so ist es ihm vermuthlich nicht möglich gewesen, sie in
+diesem Dialoge zu mildern, wo er uns das Gespräch der redenden Personen
+anführt. Er würde gegen die Wahrscheinlichkeit und Wahrheit verstossen
+haben, wenn er an ihren Ausdrücken etwas geändert hätte. Dennoch muß man
+darum nicht glauben, daß sie empörend seyn. Sie haben nur die in einer
+ähnlichen Materie unvermeidliche Energie. Sies sind mit all der
+Behutsamkeit behandelt, welche man von den zween erlauchten Männern, die
+auf dem Schauplatz erscheinen, erwarten kann.
+
+
+
+
+Zwölftes Kapitel.
+
+
+
+Dialog zwischen einem Mandarin, und dem Herrn Baron von
+Donnerstrunkshausen, über den Gebrauch des Quecksilbers in dem Falle, von
+dem die Rede ist.
+
+Das Metal, von dem so eben die Rede war, ist unstreitig der einzige Damm,
+den man den Einbrüchen der Kakomonade mit Nutzen entgegen setzen kann. Es
+begnügt sich sogar nicht damit, daß es ihre weitern Umsichgriffe hemmt,
+sondern es dringt bis zu ihrer Quelle ein. Es greift sie an, drängt, und
+entwurzelt sie. Deßwegen ist es auch bei weitem dem Golde vorzuziehn, das
+nicht allein die Krankheiten nicht heilt, sondern im Gegentheile die
+Leichtigkeit vermehret, sie alle an sich zu bringen.
+
+Wenn man die Augen auf den folgenden kurzen Dialog wirft, wird man einen
+Begriff sowohl von seiner Wirksamkeit, als von den verschiedenen Arten, es
+zu zubereiten, und von ihren Folgen haben. Zween Männer führen das
+Gespräch. Der Eine davon ist eine von den litterarischen
+Magistratspersonen, die man in China Kolaos nennt, und die sich die
+Europäer, ohne davon den zureichenden Grund zu wissen, beifallen ließen,
+Mandarine zu nennen. Der zweite ist der Sohn meines nochgeehrten Herrn, des
+Herrn Baron von Donnerstrunkshausen. Ich hatte das Vergnügen, ihn zu Peking
+wieder anzutreffen, im Jahre unser Heils 1761. Er fieng da an zu Würden zu
+steigen. Er hatte mit einem Mandarin vom dritten Range folgende Unterredung
+gepflogen, und die Güte, sie mir mitzutheilen.
+
+Der Mandarin. -- Guten Tag, Eure Hochwürden. Ich ließ mich in meiner
+lakirten, unausgezierten Sänfte hieherbringen. Ich habe nur bloß dreißig
+Reuter bei mir, und achtzehn Tambours. Haben Sie mich entschuldigt darüber,
+ich wünschte Sie inkognito zu sehen.
+
+Der Baron. Wären wir wohl so glücklich, Eurer Excellenz dienen zu können?
+
+Mandarin. Ja, Sie können mir einen großen Gefallen thun.
+
+Baron. Wollten Dieselben in der pneumatischen Maschine eine Katze den Geist
+aufgeben, oder mit der elektrischen Nadel den Donner ableiten sehn?
+
+Mandarin. Nein, das führte mich nicht her.
+
+Baron. Wollten Dieselben einiger Ballen roher Seide, einiges alten
+Porzellan los werden, und sie nach Europa schicken? Es ist hohe Zeit, Eure
+Excellenz; ich möchte es rathen. Sie werden bald im Preise fallen, seit dem
+erfahrne Chimisten dieses Geheimniß entdecket haben.
+
+Mandarin. Das kümmert mich gar nicht.
+
+Baron. Wollten Sie etwa zur Beichte gehn, und auf die Fürbitte des heiligen
+Ignazius von Lojola, des seligen Franziskus Regis, des großen heiligen
+Franziskus von Gonzaga, der sich eine feuchte Leinwand auf die Brust legte,
+damit ihm von der Liebe Gottes sein Herz nicht in Flammen gerieth,
+Verzeihung Ihrer Sünden erhalten?
+
+Mandarin. Ei mein! Von all dem will ich nichts. Sie sollen mich bloß nur
+lehren, was für eines Geheimnisses Sie in den andern Ländern sich bedienen,
+wenn Sie die -- -- -- -- haben.
+
+Baron. Ach! ach! Eure Excellenz -- Wir! -- Die? -- -- -- Pfuy doch! --
+
+Mandarin. Meiner Treue, Eure Hochwürden, ich habe sie, ich, -- wie ich mit
+Ihnen rede. Nichts desto weniger habe ich alle meine Prüfungen mit Ehren
+bestanden. Ich ward bei dem grossen Konkurse im ersten Jahre der Regierung
+Fontchins aufgenommen. Ich führe den Pinsel so gut als Einer im
+Kaiserthume: der Schönheit meiner Schrift bin ich meine Stelle schuldig,
+und doch habe ich die -- -- -- -- Warum sollten nicht auch sie sie zuweilen
+haben?
+
+Baron. Aber Eure Excellenz vergessen, was für ein Kleid ich zu tragen die
+Ehre habe. Man hat uns wohl in einigen Orten vorgeworfen, daß wir dem
+Menschen viele Uibel zufügen; aber eines zu vertrauten Umganges mit den
+Frauenzimmern hat man uns nie geziehen.
+
+Mandarin. Bei, meiner Seele! desto besser für sie! Daß ich nicht auch immer
+so klug war! So fände ich mich nicht in der Verlegenheit, die mir itzt die
+Ehre Ihrer Gegenwart verschaffet. Auf dem letzten Schiffe, das Ihnen
+Purpurtücher, Rosenkränze, Uhren, und Orgeln brachte, fand sich ein sehr
+schönes Frauenzimmer. Haben Sie nicht von ihr reden gehört?
+
+Baron. Kein Wort. Wir kümmern uns um so Neuigkeiten nicht. Es maskirt sich
+der Teufel, Eure Excellenz, in dergleichen Gesichter.
+
+Mandarin. Mag seyn, aber da ist er trefflich verkappt. In dem Augenblicke
+der Ausschiffung befand ich mich eben am Borde. Ich sah dieses Frauenzimmer
+aus der Chalouppe steigen. Sie hatte so ein schön Stümpfnäschen! Ihre
+Augenlieder schloß sie mit so viel Anmuth! Ihr Mund war so schön gespalten,
+zog sich so angenehm durchschnitten von einem Ohre zum andern! Und einen
+Fuß, einen Fuß, Eure Hochwürden! -- Mein Daumen hätte ihren ganzen
+Pantoffel ausgefüllt. Ich zweifle, ob man vom Flusse der Unmöglichkeit an,
+bis zum Flusse der Vergessenheit, je etwas schöners gesehen habe.
+
+Baron. Dennoch geht der Raum zwischen diesen beiden Flüssen ziemlich in die
+Länge.
+
+Mandarin. Macht nichts. Wie ich diesen kleinen Fuß sah, bewunderte ich die
+Oekonomie der Natur. Welche Wonnen, sagte ich bei mir selbst, wenn an allen
+Theilen die Verhältnisse genau beobachtet sind!
+
+Ich wurde bald gewahr, daß die Natur dem Falle unterworfen sey, sich zu
+vergessen, und ich wollte wünschen, ich hätte außer über diesen Punkt,
+keine Erfahrung gemacht. Die schöne Fremde wurde von einem Bootsknechte
+gehohnneckt. So bald sie wußte, ich sey der Gouverneur, bath sie mich um
+Rache. Ich schlug ihr Bedingnisse vor; sie nahm sie an. Ich ließ den
+Bootsknecht abstrafen. Ich hielt mich für den glücklichsten Menschen. Der
+arme Teufel hatte die P -- -- --, und ich, geistlicher Vater, ich bekam
+noch viel was ärgers.
+
+Baron. Gott straft Eure Excellenz. Er will nicht, daß man sich gegen das
+Weibsvolk zu gefällig erzeige. Er hat gesagt: Non moechaberis, und Sie
+leiden billig -- --
+
+Mandarin. Ich weis nicht, geistlicher Herr, ob es Gott ist, der mich krank
+gemacht hat; aber das seh ich wohl, daß Menschen mich gesund machen müssen.
+Unsere Aerzte wollen mich nicht annehmen; man sagt, Sie seyn sehr
+geschickt; Sind Sie es bis auf den Grad, daß Sie mir ein Mittel hierinn
+verrathen können? Ich nehme Ihnen sechs und dreißig Dutzend Rosenkränze ab,
+und gebe Ihnen hundert Pfunde Thee Peko, der noch nicht gesotten worden
+seyn soll.
+
+Baron. Gut, wollen sehn. Ob wir gleich den Krankheiten wenig unterworfen
+sind, so haben wir doch immer allerhand Mittel bei uns, so, wie eine Menge
+anderer Dinge, die wir für uns nicht brauchen, sondern nur andern zukommen
+lassen. Hier kommts nur darauf an, daß wir eine Heilungsart wählen.
+
+Mandarin. Mir scheint aber, es wäre die bekannteste, und beste anzunehmen.
+
+Baron. Das ist bald gesagt; aber halten Sie die Wahl für eben so leicht!
+Von allen Arten, die ich kenne, ist keine einzige, die nicht durch große
+Namen, durch starke Beispiele, und durch schöne Schlüsse unterstützt, und
+bestritten wäre.
+
+Mandarin. Die Namen, und Schlüsse sind nichts. Man muß sich nur an die
+Beispiele halten.
+
+Baron. Ja in China. Aber es giebt Länder, wo man ganz anders denkt. Wenn
+etwas nur halbwegs nützlich scheint, so fragt man sogleich, von wenn das
+herrühre. Daraus zieht man denn in der Folge durch eine Kette von Schlüssen
+den Beweis, daß es böse sey; Und giebt man dessen Güte zu, so geschieht es
+immer so spät, als möglich. -- Nun, nach welcher Art wollen Sie sich
+behandeln lassen? Durch Frikzionen?
+
+Mandarin. Was verstehn Sie dadurch?
+
+Baron. Ich nehme ein wenig von jener Salbe, die man das Neapolitanum nennt.
+Sie besteht aus Fette, und Merkurius. Damit reibe ich Ihnen alle Tage einen
+gewissen Theil des Leibes. Nach vierzig Tagen werden sie sich mit einer
+ölichten Rinde überzogen finden, von der Ferse an bis über die Achsel, und
+vom Schulterbeine bis an die Fingerspitzen. Sie werden fett, stinkend, sich
+selbst unerträglich seyn.
+
+Mandarin. Aber doch endlich genesen?
+
+Baron. Man darf es hoffen.
+
+Mandarin. Ist keine Inkonvenienz dabei zu fürchten?
+
+Baron. Sie vergeben. Ihr Kopf wird ungeheuer anschwellen; ihre Zähne werden
+locker werden, und vielleicht ausfallen. Ihr Zahnfleisch und die Gurgel
+werden voll Geschwäre seyn. Sie werden eine schreckliche Menge Speichel von
+sich geben. Sie können dabei um ein Aug, um einen Arm, um ein Bein, oder um
+das Zäpflein[*] kommen, wie der höchstheilige König F -- -- E -- --
+glorreichen Andenkens, und viele andere, die, bei weniger Ruhm, kein
+besseres Glück genossen.
+
+Mandarin. Lieber Pater! Ich bedanke mich für die Frikzionen.
+
+[Fußnote *: Lettres de Gul Patin. let. 133.]
+
+Baron. Man könnte sie mäßigen, und sie ihnen nur verlöschend beibringen.
+Man müßte Sie immer frottiren, aber sparsamer. Sie müßten mir manchmal
+Milch nehmen, um die Wirkung des Merkurs, wenn sie zu stark wäre,
+aufzuhalten. Sie werden weniger, spucken, weniger geschwellen, weniger
+stinken. Dieß ist bequemer.
+
+Mandarin. In eine Gefahr dabei?
+
+Baron. Die größte wäre, daß Sie nicht gesund würden.
+
+Mandarin. Oh! oh!
+
+Baron. Ohne Widerspruch. Je sanfter die Arztnei seyn wird, desto weniger
+wird sie wirken. Die wohlthätigen Kügelchen werden in die vom Gifte
+schwangern Theile nicht so tief eindringen können. Dieses darf nur ein
+wenig überflüssig seyn, so wird genug davon zurücke bleiben, um Sie bald
+noch ärger zuzurichten, als Sie es sind. Fünf oder sechs Jahre nach einigen
+leichten Tagen werden Sie sich neuerdings krank befinden, wie ein sehr
+geschickter Professor der Beredtsamkeit an der Universität zu Paris sich
+irgendwo ausdrückt.
+
+Mandarin. Das ist traurig! Ach, mein Freund! wer hätte dieß bei dem
+Anblicke eines so kleinen Fusses gesagt?
+
+Baron. Reden Sie von ihm nichts Böses: nicht er wars, der Sie verwundet
+hat. -- Uibrigens verzweifeln sie nicht. Sie könnten auch versuchen, sich
+zu räuchern.
+
+Mandarin. Wie geschieht dieß?
+
+Baron. Sie müßten sich ganz nackt in eine Schachtel von Tannenholz setzen,
+die wohl verschlossen würde, und wo Ihnen nur der Kopf heraus stünde. Unter
+das Gesäß würde Ihnen eine Glutpfanne mit lebendigen Kohlen und Merkurius
+darauf gesetzt. Diese durch das Feuer volatilisirte, und durch die
+Maschine, und einen sie überdeckenden großen Mantel rund um Sie
+zurückgehaltene Flüssigkeit würde Ihnen nach und nach in die Poros
+eindringen. Sie würden sehr schwitzen, und vielleicht würden Sie sich
+endlich geheilet finden. Man weis Leute, denen diese Methode zu Statten
+kam.
+
+Mandarin. Mir behagt sie nicht. -- -- Aber es ist doch sonderbar: Sie sind
+so ein geschickter Mann, und alle Ihre Geheimnisse laufen darauf hinaus,
+Einem den Kopf geschwollen zu machen, oder nur eine ungewisse Genesung zu
+verschaffen, oder eine Glutpfanne unter den Arsch zu setzen.
+
+Baron. Halten Sie, ich bin noch nicht fertig. Man könnte Ihnen Panaces, und
+verschiedene Mineralien brauchen; man könnte Ihnen einen aufgelösten
+Merkur, oder Gold- und Silbertinkturen geben. Dieß alles habe ich nicht:
+aber unser Bruder Apotheker wird Ihnen die Sache machen, wenn Sie wollen.
+
+Mandarin. Ei zum Plunder lassen Sie das, was man thun könnte, bei Seite,
+und sagen Sie mir, was ich thun soll.
+
+Baron. Wollen Sie sich mir vertrauen? Sie sehen dieses kleine rothe
+Schächtelchen; an Ihrer Stelle würde ich mich an dieses halten.
+
+Mandarin. Es sind eine Menge graue Kügelchen darinnen. Wie heißen Sie die?
+
+Baron. In Europa nennt man sie Kaiserpillen. Herr Kaiser ist ein deutscher
+Praktikus, und mein Landsmann, der eine ganz neue Komposition gegen die
+Krankheit, über die Sie sich beklagen, erfunden hat. Glauben Sie mir, und
+brauchen Sie sein Rezept. Ich will Ihnen dazu die Anleitung geben, und Sie
+werden sicher genesen.
+
+Mandarin. Sind Sie dessen auch gewiß?
+
+Baron. So gewiß, daß ich die hundert Pfunde Thee nur erst nach Ihrer
+Herstellung verlange.
+
+Mandarin. Ich verlasse mich auf Ihr Wort. Ich will mich an die rothen
+Schächtelchen halten. Wohlan, ich will meine Kur auf der Stelle anfangen.
+Sie haben von meiner Erkenntlichkeit Alles zu erwarten.
+
+
+
+
+Dreizehntes Kapitel.
+
+
+
+Erstaunliche Progressen der Kakomonade. Mittel, sich ihrer zu
+entledigen.
+
+Man hat hier oben gesehen, daß die Gesellen Seiner Hochwürden des Herrn
+Baron von Donnerstrunkshausen, das Geheimniß und den Namen des Herrn Kaiser
+mit dem Blitzpulver, den Agnus Dei, und den Bataverthränen bis in China
+brachten. Man hörte ihn in wenig Worten diesen so berufenen Pillen ihre
+Lobrede halten, und seinem Proseliten ihren Gebrauch anempfehlen. Dieß
+scheint ein Bißchen demjenigen zu widersprechen, was wir im zehnten Kapitel
+sagten. Da findet man, daß alle ersonnenen Hilfsmittel sehr wenig ergiebig,
+und unzureichend seyn.
+
+Allein wir sprachen von ihrer Unzureichlichkeit in Rücksicht des
+Menschengeschlechts im Allgemeinen, in Rücksicht der Totalität der Zufälle,
+die sie im Allgemeinen, und nicht im Bezuge auf jedes einzle Individuum, zu
+fürchten haben. Gewiß ists, daß man so glücklich war, die Partikuliers
+wieder herzustellen. Man wäscht sie von dem Unrath, den sie unvorsichtig an
+sich gezogen haben, ab; man nimmt ihnen, was sie bekamen; man giebt ihnen
+wieder, was sie verloren, sogar die Unschuld beinah, die, gleich der
+Gelegenheit, nur von vorne behaaret ist, und die man, wenn man sie einmal
+entwischen ließ, nicht mehr erhaschet.
+
+Aber das menschliche Geschlecht wird darum nicht weniger angegriffen. Die
+Kakomonade, der Hyder in der Fabel gleich, verlor kaum einen Kopf, als sie
+dafür schon andre zehn erhält. Unterdessen, als hundert Kranke sich
+bemühen, ihrer los zu werden, so suchen sie tausend begierig auf, so, daß,
+trotz den Fluthen von Quecksilber, mit denen man Europa überschwemmt, die
+Nothwendigkeit seines Gebrauchs mit jedem Tage dringender, und
+empfindlicher wird. Man wird nie so glücklich seyn, sich davon zu befreien,
+außer das Ungeheuer, das uns das Eingeweid auffrißt, wird mit Einem
+Streiche zermalmet. Sie ist, wie wir sagten, eine Hyder, die sich eben
+durch ihren Verlust vervielfältigt. Um sie auszurotten, muß man mit
+einemmale alle ihre Köpfe abhauen. Um sie zu hindern, nachzuwachsen, muß
+man auf der Stelle Schwert und Feuer dagegen brauchen.
+
+Die Regierungen werden, so bald sie das Herz haben werden, es zu wollen,
+Herkulesse werden, im Stande, diese heroische, und heilsame Operation
+auszuführen. Hierzu wird es von ihrer Seite nur darauf ankommen,
+Vorsichten, die man für diesen Gegenstand schon lange getroffen hat, und
+die durch die Einstimmigkeit der alten Völker in viel minder wichtigen
+Gelegenheiten autorisirt worden sind, wieder zu erneuern und vorzüglich auf
+ihre Ausführung zu wachen.
+
+Die Aussätzigen bei den Juden waren aus dem Umkreise der Städte verbannt.
+Todesgefahr drohete denjenigen, die es wagten, sich hinein zu begeben. Man
+nahm ihnen die Verwaltung der Geschäfte ab. Man sonderte sie von der
+menschlichen Gesellschaft aus; und ob es gleich ein Vorzug ihres Staates
+war, das Band der Ehe, wie mans gesehen hat, fester zu knüpfen, so foderte
+man doch, daß sie ihre Gaben, und ihr Jücken weiter tragen sollen.
+
+Diese weise Politik ward in der Folge in allen Ländern, denen ihre
+Erhaltung nahe gieng, nachgeahmet. Selbst in Frankreich gebrauchte man sich
+ihrer Anfangs gegen den Aussatz, als es diesem gefiel, von den Gestaden des
+todten an die des mittelländischen Meeres zu übersiedeln, und er sich vom
+Jordan an die Seine begeben hatte. Man dachte ihrer auch in der Folge bei
+der ersten Ausschiffung seiner Nebenbuhlerinn aus Amerika. Die
+unermüdlichen Obrigkeiten, welche für die Ruhe, und Sicherheit der Bewohner
+von Paris Sorge tragen, ließen gegen dieses Erzeugniß von St. Domingo die
+strengsten Verordnungen ergehn. Sie verbothen die Uibermachung desselben in
+das Innere der Stadt, und suchten die schleunige Ausfuhr damit zu
+erleichtern. Vor dem Jahre 1498. findet man Polizeiverordnungen, die diesen
+Gegenstand zum Ziele haben.
+
+Sie gebieten allen Personen, welche eines Verständnisses mit der Prinzessin
+von Amerika verdächtig sind, jedermann, wer es immer sey, der sich durch
+ihre Listen überraschen ließ, binnen vier und zwanzig Stunden Paris zu
+verlassen bei Strafe des Strangs. Man berichtet, daß sich bei dem Thore,
+bei welchen ihnen geboten wäre, hinauszugehn, Austheiler finden werden mit
+dem Auftrage, Jedermann vier Pariser Sols zu reichen, um sie wegen der
+Reisekosten zu entschädigen. Selbst die Reichen, und die Eingebornen des
+Lands werden von den Strassen ausgeschlossen unter der Strafe, wenn sie
+betreten würden, in den Fluß geworfen zu werden[*]. Man sperrt sie, wenn
+sie Häuser haben, darinnen, und wenn sie keine Häuser haben, in
+öffentlichen, zu diesem Gebrauche bestimmten Gebäuden ein. Man übernimmt
+die Last, sie mit Lebensmitteln, und mit allem Beistande zu versehen, den
+ihr Zustand fordert, bis sie das Joch der Feindinn abgeschworen haben, und
+sich in einem Stande befinden, in der Gesellschaft auftreten zu können,
+ohne zu erröthen, oder ihr Unruhe zu machen.
+
+[Fußnote *: Sieh die registres du Parlement & du Chatelet.]
+
+Das sind die Verordnungen, die man, doch mit einigen Modifikazionen, wieder
+in den Schwang zu bringen eilen muß. Es ist sehr wohl gethan, daß man alle
+jene, die, nach einer bestimmten, zu den Reinigungen einberaumten
+Zeitfrist, mit Unreinigkeit zu erscheinen wagen werden, mit dem Strange
+bestraft. Aber genug wär es nicht, wenn man ihnen vier Parisersols zu ihrer
+Reise geben wollte. Alles, was man damit gewinnen würde, wäre, daß sie die
+Kakomonade Jeder in seinem Lande zu pflanzen abgeschickt würden. Sie würde
+sich da vervielfältigen, wenn das Land ihrer Verbreitung nur ein wenig
+günstig wäre. Die Früchte davon würde man sehr bald in einem Schwalle gegen
+die Hauptstadt zurückfließen sehn.
+
+Es ist also nicht damit gethan, daß man die Unterthanen der Fremden
+ausjagt. Man thut viel sicherer, und viel vernünftiger, wenn man sie dieser
+lästigen Unterthänigkeit entreißt. Man muß ihnen Freistätten eröffnen, wo
+sie sich ohne Zwang in Freiheit sehen können, und wo die Leichtigkeit, ihre
+Bande zu zerbrechen, in ihnen hierzu das Verlangen erwecket. Man muß in
+jeder Stadt, oder in, jedem Flecken, einen beträchtlichen Ort, ein Haus
+errichten, wo jeder Büsser, er sey wer er wolle, aufgenommen, und zur Busse
+zugelassen werden könne. Man muß da die Freiheit haben, zu zahlen, oder
+nicht zu zahlen, bekannt, oder unbekannt zu bleiben. Man muß den Eintritt
+darein allen Leuten, von allen Altern und Ständen, sogar in Masken, wenn
+sich solche darstellen, gestatten. Da es im Wesentlichen nicht das Gesicht
+ist, das der Hilfe bedarf, so erhellet, daß die Krankenwärter, um denen,
+die ihren Beistand suchen, zu helfen, ihre Gesichter nicht zu kennen
+brauchen.
+
+
+
+
+Vierzehntes Kapitel.
+
+
+
+Antwort auf einige Einwürfe, die man gegen die Mittel, die Kakomonade
+zu unterdrücken, machen könnte.
+
+Ohne Zweifel wird man gegen diese Einrichtung Lärmen erheben. Man wird
+sagen, zu einer Zeit, wo der Staat kein Gold hat, um seine Bedürfnisse zu
+bestreiten, könnte er für diese seine Glieder unmöglich so das Quecksilber
+verschwenden. Die so reden möchten, wären wohl ziemlich grausame Politiker,
+oder Räsonneurs, die von der ächten Oekonomie ziemlich schlecht
+unterrichtet wären.
+
+Wenn zu Marseille die Pest wäre, würde wohl die Dürftigkeit des Staats
+hindern, Trouppen marschiren zu lassen? Würde man kein Geld finden, das man
+dahin senden könnte, entweder der Stadt zu Hilfe zu kommen, oder die
+Gemeinschaft mit ihr abzuschneiden? Nun ist die Kakomonade aber wirklich
+noch viel schlimmer, als die Pest.
+
+Diese greift nur das gegenwärtige Geschlecht an; jene vernichtet, oder
+entächtet wenigstens fast immer sich auch die zukünftigen Geschlechter. Die
+Eine nimmt einen schrecklichen Anfang; die Klugheit kann sich davor
+verwahren; man hat gewisse Vorsichten, um sie abzuhalten. Die andere ist
+immer vom Vergnügen begleitet; sie macht ihren Anfang mit der Verblendung
+der Klugheit, und ihr Ende mit ihrem Untergange. Sie hat also viel mehr
+Leichtigkeit, sich auszubreiten. Sie zieht viel traurigere Folgen nach
+sich. Sie heischt daher von den Regierungen eine viel größere Sorgfalt.
+
+Diese Sorgfalt würde eben nicht so kostspielig seyn, als man sich
+einbildet. Erstlich hat man die Aussätzigenhäuser der Alten, von denen man
+die Stiftungen, und das Bauwerk zu diesem nützlichen Gegenstande annehmen
+könnte. Dieß hieße den Sinn der Stifter befolgen. Die Kakomonade hat die
+Stelle des Aussatzes angenommen. Sie muß die Früchte dieses reichen
+Nachlasses beziehen. Man kann ihr ihre Ansprüche nicht streitig machen.
+
+Uiberdieß, wer zweifelt, daß bei dem ersten Gerüchte von diesem Vorschlage
+nicht das allgemeine Mitleid erwachen werde? Wie viele Fürsten der Kirche,
+wie viele wachsame Hirten, würden sich mit einem uneigennützigen Eifer
+bestreben, eine Zufluchtsstätte gegen Uibel zu schaffen, worunter sie
+leiden, sobald ihre Schäflein davon angegriffen sind? Wie viele andächtige
+Schwestern würden nicht ihrem Beispiele folgen! Mit welcher Beredtsamkeit
+würden nicht die Direktoren die Nothwendigkeit predigen, Einrichtungen zu
+vervielfältigen, die bestimmet sind, Schwachheiten zu verbergen, oder die
+Kraft wieder in den Stand zu setzen, ohne Gefahr ihres Gleichen
+hervorzubringen! Gewiß ists, diese Zufluchtsörter würden in kurzer Zeit, so
+wie die volkreichsten, auch die begütertsten Häuser im ganzen Königreiche
+seyn. Sie würden bald der bequemste Stappelort seyn, um das Joch der
+Kakomonade abzulegen, so wie L -- -- -- bisher der sicherste gewesen ist,
+sich dasselbe aufzubürden.
+
+Die Leichtigkeit des ersten Verfahrens würde die Weigerung, sich dahin zu
+verstehen zum Verbrechen machen. Die Gerechtigkeit würde nur nach aller
+Billigkeit handeln, wenn sie gegen jene, die davon überwiesen wären, die
+Todesstrafe verhängte. Unterdessen giebt es zarte Herzen, bei denen die
+Sanftmuth in Schwachheit übergeht. Sie werden sich über diese strenge
+Verordnung entrüsten, sie werden zwischen der Strafe und dem Verbrechen
+kein Verhältniß sehen.
+
+Es ist so süß, so natürlich, werden sie sagen, die Gefahren zu wagen, derer
+Folge sie ist. Sollt es gerecht seyn, den Irrthum eines Augenblicks mit
+einer so schmählichen Züchtigung zu ahnden? Sollte man sich entschließen
+können, gegen ein vernünftiges Wesen den Tod zu verhängen, weil es seines
+Lebens nicht ordentlich genoß? Was man ihnen antworten könnte, ist dieses.
+
+Ich gebe Ihnen zu, meine Herrn! mein Rath mag strenge scheinen. Aber
+untersuchen Sie, was unter Ihren Augen vorgeht. Wer sind jene Armseligen,
+die sie dort mit den rothen Kappen auf den Galeeren sehn? Wer sind jene,
+derer Hinrichtung so viel Volks auf den freyen Platz spornt? Unter ihnen
+befinden sich Leute, die Schwärzer, Betrüger waren. Das Gesetz waffnet sich
+mit einer unbeugsamen Schärfe, und verurtheilt sie ohne Barmherzigkeit!
+
+Nun ich bitte Sie, giebt es wohl eine schrecklichere Schwärzerei, als die
+Kakomonade? Kann man die Einführung ihrer Geschenke mit der Einführung
+eines Holländertobaks oder Spaniols in Vergleichung ziehen? Die Kutzenelle,
+so roth sie ist, kann sie die Vergleichung mit gewissen Purpurknöpfchen
+ertragen, welche die Ehrbarkeit nicht nennen läßt.
+
+Wenn Sie ohne Anstand arme Leute, die Ihnen für wohlfeilen Preis weis nicht
+welch braunen, gelben, oder feuerfarbenen Staub brachten, rudern lassen,
+hängen und rädern; was sind Sie wohl denen schuldig, welche sich
+erdreusten, die Quelle der Vergnügungen zu vergiften? Was werden Sie jenen
+Frevlern nicht anthun, die es wagen, in das Heiligthum der Wohllust
+Betrübnis, und Thränen in die Wohnung der Freude zu bringen?
+
+Die aufgeklärte Menschheit gebietet ohne Zweifel ihre Bestrafung zum Wohle
+der leidenden Menschheit. Man muß alle ohne zu schwanken eine bestimmte
+Zeit festsetzen, nach welcher Niemand mehr angenommen werde, der sich
+angiebt, mit einem Ungemache behaftet zu seyn, wovon er sich wird haben
+entledigen können. Man muß die Kakomonade wie eine ausländische Waare
+ansehen, und die, bei denen sie gefunden wird, ohne Barmherzigkeit
+konfisziren.
+
+
+
+
+Fünfzehntes Kapitel.
+
+
+
+Nöthige Vorsichten gegen die Wiederkunft der Kakomonade, und Schluß
+des Werks.
+
+Aber auch damit wär es nicht gethan, daß man die verdächtigen Wirkungen
+hemmte. Man müßte auch Vorkehrungen treffen, ihren Eingang zu verhindern.
+Man müßte Amtsstuben, Gerichtsdiener, und Wächter haben, die über Paquette,
+wo diese traurige Gattung Kontrebandwaaren sich verbergen läßt, zu wachen
+hätten; und für dieß habe ich gesorgt.
+
+Der durch seine große Nase berufene Kaiser Heliogabal oder Elagabal, sagt
+man, habe einen Frauenzimmersenat errichtet. Diese erlauchte Gesellschaft
+hatte über alle weiblichen Angelegenheiten zu richten. Vor ihr brachte man
+all die kleinen Zänkereien, die häuslichen Klätschereien, die
+Uiberwerfungen der Verliebten an. Sie gab auch den Ausschlag über die
+Moden, den Haarputz, und den Anzug von allen Arten. Diese Politik, wünschte
+ich, sollte man in Paris, in ganz Frankreich, ja sogar in ganz Europa
+nachahmen können.
+
+Uiberall hat man da einen Haufen Wachen aufgestellt, um für die Vortheile
+der Pächter die Aufsicht zu tragen. Man erblicket Ketten von Aufsehern, die
+sich von allen Seiten die Hände reichen, am die Betrüger hindann zu halten,
+und ihre Schlauigkeit zu überlisten. Es besteht das innigste Band unter den
+Rotten, welche die Grenzen und die reichen Gesellschaften beschützen, die
+im Mittelpunkte die Früchte ihrer Sorgen ärnten. Könnte man diese Polizei
+nicht auch bei der Einrichtung, von der hier die Rede ist, sich zum Muster
+nehmen?
+
+Man bildete in den Hauptstädten Büreaux von einer Anzahl unterrichteter
+Mädchen, die im * * * sich Erfahrungen gesammelt hätten. Sie wären weder
+die drei Grazien, noch die neun Musen. So könnte man sie aus vierzig, wie
+die Academie Française, oder aus sechzig, wie die allgemeine Pachtung,
+zusammensetzen. Den Eintritt dazu hätten nur die besten Erfahrungen. Die
+Geübtesten in den Geschäften des Magazins, die Vertrautesten mit den
+Kennzeichen des Betrugs, und also die bei allem Scharfsinne der
+Schleichhändler Geschicktesten, sie zu entdecken.
+
+Nach Art dieses Hauptamts bildete man sonderheitliche in den Städten der
+Provinz, und auf allen Strassen; welches zwischen dem Haupte und den
+Gliedern eine eben so nützliche als lehrreiche Korrespondenz unterhalten
+würde. Diese fruchtbaren Versammlungen hielten alle Tage des Morgens und
+Abends ihre Sitzungen. Jeder Fremde, der an der Gränze ankommt, wäre
+gehalten, da seinen Ausweis zu machen.
+
+Hier würde er ohne Schonung untersuchet. Man würde ihm nach seinem
+Zustande, einen Geleitsbrief ausfertigen, oder die verbotene Waare unter
+Siegel verzeichnen, damit man nicht eher davon Gebrauch machen könne, bis
+sie im Rekonwaleszentenhause, wohin sie abgegeben würde, ausgeräuchert
+wäre.
+
+Von dieser Zeremonie wäre das schöne Geschlecht nicht ausgenommen. Anfangs
+würde sie lästig scheinen; man würde sich aber bald daran gewöhnen. Hat man
+sich doch gewöhnt, vor jedem Thore grobe, und manchmal treulose Hände ins
+Felleisen spazieren, alles darinn umkehren, und was da verschlossen war,
+oft unwiederbringlich verderben zu sehn. Es würde nicht lange brauchen, um
+sich zu gewöhnen, linke Hände zu fühlen, die eine lange Uibung abgerichtet
+hätte, noch dazu ihre Berührungen angenehm zu machen.
+
+Es ist anzumerken, daß man durch eine solche Zusammensetzung eines Amtes
+von aufgeklärten, und dafür bekannten Frauenzimmern den Ungemächlichkeiten
+vorbeugen würde, die aus jeder andern Administrazion entstünden. Kein
+Frauenzimmer dürfte sich schämen, der Untersuchung von Personen ihres
+Geschlechts zu unterliegen; und man würde keine Mannsperson finden, die
+sich weigern möchte, sich vor den Augen eines von seiner Erfahrung so
+berufenen Tribunals zu produziren. Es fände sich also ganz keine
+Schwierigkeit. Die Schamhaftigkeit, und Gesundheit der beyden Geschlechte
+wäre dadurch in Sicherheit vor den Anstössigkeiten, die das eine kühn, oder
+das andere schüchtern machen könnten.
+
+Das ist also der Entwurf meines Projektes. Ich unterziehe es den Einsichten
+der Politiker, die in unserm philosophischen Jahrhunderte so zahlreich
+geworden sind. Ich kann versichern, daß ich einzig das allgemeine Beste und
+das Wohl der ganzen Welt, die mein Vaterland geworden ist, zum Augenmerke
+hatte. Ich wünsche, daß er unter die Hände von Leuten komme, die an der
+gehörigen Stelle sitzen; wünsche, daß ihr persönliches Interesse sie
+bestimme, sich seiner anzunehmen, und dem allgemeinen Frommen Hand zu
+bieten.
+
+Was Sie betrifft, mein Fräulein, wenn man ihn je annimmt, so wird man nie
+vergessen, daß es Ihr Namen war, unter welchem er zum erstenmal erschien.
+Ganz Paris wird Sie laut zur Annahme einer Stelle auffodern, deren Ihre
+Bemühungen sie schon so würdig machten. Mit einer unnennbaren Freude werde
+ich an der Spitze des erlauchten Senats, wovon ich den Plan entwarf, Sie
+glänzen sehn. Sie werden die Aufseherinn von den Waffen Zylherens, und die
+Wegweiserinn des Amors werden. Sie werden die Jugend lehren, ohne Gefahr
+auf dem stürmischen Ozean der Vergnügungen zu segeln, indem Sie ihr mit der
+Geschicklichkeit, die ihnen die Erfahrung giebt, das Steuerruder lenken.
+Sie werden ihr zeigen den Klippen auszuweichen, die Ihres Gleichen, wie ein
+großer Mann sagt, oft durch ihre Schiffbrüche bezeichnet haben.
+
+
+
+
+Ein Brief als ein Supplement zu diesem Werke.
+
+
+ An M. L. A * * *.
+
+
+Uiber die Ursachen, die zu der schrecklichen Vermehrung der Kakomonade
+beitragen.
+
+Bisher, lieber Freund, hab ich nur gescherzet. Lachend schrieb ich die
+Geschichte von einer der größten Geißeln des menschlichen Geschlechtes. Es
+ist sehr seltsam, daß die Gewohnheit es nur den Aerzten erlaubt, davon
+ernsthaft zu reden, und daß, in der feineren Welt, die üble Laune nicht die
+Wirkung einer Ursache sein kann, die doch so sehr dazu gemacht ist, sie
+hervor zubringen.
+
+Sehr zuverlässig ist dieß die Folge jenes seltsamen Durcheinanders, den man
+in unsern Sitten und Gewohnheiten wahrnimmt. Sobald Jemanden das Fieber
+befällt, sobald er schlecht geschlafen hat, oder einen Abend nicht mit der
+gewöhnlichen Leichtigkeit ausspuckt; gleich sind mit dem nächsten Morgen
+die Bedienten von allen vier Winden in Bewegung; sein Thürepocher kommt
+nimmer zur Ruhe, und sein Portier hat nicht Worte genug, für all die
+höflichen Bothen, die aus ganz Paris ihn zu fragen kommen, wie der Herr
+diese Nacht sich befunden habe.
+
+Ward nun aber der nämliche Mensch das Spiel einer jungen Spitzbübinn, --
+und ach! wie viel giebt es ihrer! -- Bleiben ihm nagende Erinnerungen eines
+zärtlichen Rendezvous; sieht er sich bei dem Abschiede aus den Armen der
+Venus gezwungen, einen Gott um Hilfe zu flehen, der bei den Alten die
+Gnaden der Göttinn austheilte, der aber bei uns zu nichts weiter dient, als
+sie uns aus dem Gedächtnisse zu bringen; da sieht man ihn ohne alle Unruhe
+erbleichen, abzehren, und versiechen. Er muß die Sorgfalt, die er für seine
+Gesundheit trägt, verbergen, gerade als ob es eine böse Handlung wäre; und
+wenn irgend ein besonderer Freund ihn von Zeit zu Zeit befragt, so
+geschieht dieß immer mit einem spöttischen Mitleid, das ihn noch mehr
+demüthigt, als selbst sein Zustand.
+
+Ja, wird man sagen, das ist eine Frucht der Ausgelassenheit. Die Schande
+ist ein heilsamer Wermuth, den die Wohlanständigkeit in dieselbe gießt, um
+sie den Unvorsichtigen, die versucht werden, sie zu pflücken, zu verleiden.
+Dieser scheinbare Widerspruch ist ein Zug der Weisheit. Man hat große
+Ursache, Krankheiten, die eine unzertrennliche Folge der Schwachheiten der
+Natur sind, zu bemitleiden; aber auch nur Verachtung gegen diejenigen
+blicken zu lassen, die einen Mißbrauch ihrer Gutthaten verkünden.
+
+Ach! lassen Sie uns, mein lieber Freund, diesem Gegenstande nicht ins Innre
+dringen. Diese Frucht ist eine Geburt der Ausgelassenheit, ich wills
+glauben, aber sie muß dem Hundszahne gleichen, und überall ohne Unterschied
+wachsen, wie dieses Kraut, in einem bösen Erdreich sowohl, als in einem
+guten. Man ärntet sie an so vielen Orten, die das Wappen der Tugend führen,
+daß man wahrhaftig auf nichts schwören darf; und vorzüglich an derlei
+Plätzen sind die Schilde betrügerisch. La Fontaine sagte:
+
+ Unterm Jungfern-Unterröckchen kann
+ Eben so viel Schönheit wohnen,
+ Als so mancher gute Ehemann
+ Findet unterm Hemde bei Madonnen.
+
+Aber gestehn Sie es nur ein, daß es, wenigstens in unsern Tagen, nicht die
+Schönheit allein ist, die da allenthalben so gleich ausgetheilt wohnt; und
+daß die Ungemächlichkeiten, die sie furchtbar machen, mit nicht weniger
+Gleichheit ausgetheilet sind.
+
+Doch, das befremdet mich nicht, sondern, worüber ich mich wundere, was ich
+nicht begreife, ist die Sicherheit, mit welcher wir mitten unter so vielen
+Gefahren leben. Offenbar sehn wir die Kakomonade mit den nämlichen Augen
+an, wie die angesteckten Dünste zu Paris, die man daüberall einathmet, und
+an die man sich, trotz ihrer Anpestung, gewöhnet: allein zwischen ihnen
+beiden herrscht ein himmelweiter Unterschied.
+
+Wenigstens trägt die Polizei doch einige Sorge, um das letztere zu mindern:
+Man kehrt die Gassen: man schafft den Mist weg; die Arbeit eines Tages
+macht das verschwinden, was die Verzehrung eines Tages von Unreinigkeiten
+hinterlassen hat. Aber ists mit dem andern Gegenstande auch so? Leider!
+nein. In Rücksicht desselben trägt man entweder gar keine Sorge, oder die,
+die man dafür hat, ist so schwach, daß sie, anstatt dem Uibel abzuhelfen,
+nicht einmal im Stande ist, seinen weitern Umsichgriffen Einhalt zu thun.
+
+Unterdessen ist es hohe Zeit, daß die Regierungen aus der Lethargie, worinn
+sie über diesen Artikel zu liegen scheinen, erwachen. Mit welcher Ruhe sehn
+sie nicht das Uibel sich reißend um sie her verbreiten! Die Bevölkerung,
+von dieser Pest bis auf die Wurzeln angegriffen, verwelkt und vertrocknet.
+Man kann es merken, wie das menschliche Geschlecht an Anzahl und Stärke
+abnimmt, Uiberall findet man unzählige Menschen, mit denen es soweit kam,
+daß sie die traurigen Gedenkzeichen von den Graden ihrer Prüfung, die sie
+seit ihrer Kindheit gleich den Metallen durchwandelten, welche die Chemie,
+so bald sie aus dem Schmelztigel kommen, durch gewaltsame Operazionen
+entnaturt, ihr ganzes Leben hindurch behalten.
+
+So lange die Krankheit nur in den Städten herumgieng, war diese
+Nachlässigkeit noch einiger Maaßen zu entschuldigen. Aufgeklärte Politiker
+konnten weniger davor erschrecken, so lange sie nur müssigen
+Güterbesitzern, oder unarbeitsamen Bürgern drohte. Vieleicht dürfte man
+sich noch itzt nicht sehr entrüsten, wenn sie sich inner die Mauern der
+Städte beschränkte, wenn sie sich begnügte, daselbst die Ausschweifungen
+einer herabgewürdigten Jugend, oder eines schwärmerischen Alters zu
+strafen. Sie griffe dann nur Menschen an, die dieses Namens nicht werth
+sind, und dieß wäre für das menschliche Geschlecht ein kleiner Verlust.
+
+Aber zum Unglücke bindet sie sich hieran nicht; und fällt sehr oft in die
+Dörfer hinaus. Da greift sie unsern armen Stamm unter dem Strohdach an, das
+doch noch etwas seinen Adel, und seine Kraft erhält. Sie findet keine
+Schwierigkeit, sich da niederzulassen. Die Unwissenheit, und vor allen die
+Armuth erleichtern die Gefälligkeiten, durch die sie sich fortpflanzt, und
+verbannen hiemit die Mittel, die sie unterdrücken könnten.
+
+Die Zeit ist vorbei, wo man das Land als den Freiort der Unschuld, als die
+Zufluchtsstätte schuldloser Ergötzungen ansehn konnte. Mit Rechte lobten
+unsre alten Dichter seine Schönheiten, und Annehmlichkeiten; sie rühmten
+die Sicherheit der Wälder, die es umgeben; das Grün der Matten, die es
+schmücken; die Klarheit der Gewässer, die es befeuchten, die Blüthe der
+Nymphen, die es verschönern. Die unsrigen sieht man so was nicht mehr thun.
+
+Nicht, als ob wir nicht auch noch Wälder, Gewässer, Matten, und Nymphen
+hätten: aber bei uns ists keine Diana mehr, die in unsern Wäldern jaget;
+keine Venus mehr, die sich in unsern Bächen bespiegelt; keine Flora, die in
+ihrem Laufe auf dem Grase ausglitscht. Die Stelle dieser Göttinnen hat die
+Kakomonade eingenommen. Alles, was vormals diente, die Vergnügungen, zu
+umschleiern, und zu vergrößern, dient nun unter ihren Händen zu nichts
+mehr, als nur die Gelegenheiten zur Reue zu vermehren; und wenn noch ein
+kühner Faun es wagt, die Schäferinnen ins Gehölze zu verfolgen, so fühlt er
+sich bald mit einer ganz andern Wunde geschlagen, als wie sie Amors Pfeile
+schlugen.
+
+Welche Macht könnte doch eine so traurige Metamorphose in Gegenden
+verursachen, die von dem Verderbnisse so entfernt sind? Wie kann da jenes
+der Schein der Tugend verhüllen, was anderswo nur die Folge der
+Ausgelassenheit ist? Wie geht es doch zu, daß oft die Simplizität selber
+denen gefährlich wird, die sich schmeicheln, sie zu mißbrauchen? Man kann
+hiervon drei sehr dunkle, aber sehr wirksame Ursachen angeben, welche die
+Hauptbeweggründe der Verwüstung sind, welche die Kakomonade auf dem Lande
+hervorbringt.
+
+Die erste davon ist jene ungeheure Anzahl Kinder, die mit jedem Tage aus
+den großen Städten fortziehn, um sich auf viele Meilen in die Runde,
+auszubreiten. Sie begehren da von ihnen gemietheten Nährmüttern jenen
+Beistand, den ihnen die Eltern, von denen sie das Leben haben, versagen.
+Dieß ist oft ein Glück für sie. Sie würden das Leben, das sie erst
+empfiengen, bald verlieren, wenn man sie nicht hurtig aus dem angepesteten
+Schoosse entfernte, in welchem sie es schöpften: aber dieses Glück wird
+sehr traurig für den mitleidigen Schooß derjenigen, die sich würdigen, sie
+zu sich aufzunehmen.
+
+Für die Milch, die sie daraus saugen, strömen sie das Gift darein, vor dem
+sie ihre Unschuld nicht retten konnte. Mit diesem Augenblicke wird die
+eheliche Zärtlichkeit ein Netz, worinn der Gatte sehr bald sich fängt. Er
+wird zum Zeitvertreibe mit einer Seuche behaftet, die er nicht fürchten
+konnte, da sie für ihn mitten in den Armen der Weisheit, und der
+Fruchtbarkeit entsproß. Wenn sich die Merkmaale davon sehen lassen, so hält
+die Schamhaftigkeit öfters ihre Entdeckung zurück, und fast immer steht die
+Dürftigkeit der Abhilfe derselben im Wege. Die Nothwendigkeit einer
+mühsamen Arbeit vermehret und verschlimmert die Symptomen derselben. Die
+Schwachheit, die die Einen mit sich bringen, macht, daß die Früchte der
+andern nicht hinreichen werden. Die Bedürfnisse vervielfältigen sich nach
+dem Maaße, nach welchem die Kräfte sich verlieren; endlich, wenn die
+armselige Familie eine Zeitlang in Elend und Verzweiflung geschmachtet hat,
+erwartet sie in irgend einem Siechenhause ihre Vernichtung.
+
+Nicht ein Zug ist hier übertrieben, sondern es ist dieß ein sehr wahres,
+ein sehr lebhaftes Gemälde von dem, was sich alle Tage um uns herum
+zuträgt. Man findet keinen Dorfpriester, keinen Landjunker in den
+Provinzen, der nicht die Wahrheit davon erkennte. Dieß ist die Gestalt der
+ersten Quelle der Entvölkerung der Dörfer, welche die Krankheit, von der
+hier die Rede ist, verursacht.
+
+Doch, es sind es nicht die Kinder in der Wiege allein, durch die sie sich
+da einschleicht. Auch jene parfümirten Puppen, jene fünf und
+zwanzigjährigen Greise, welche ein grausames Loos bei Zeiten reich, und zu
+müssigen Herren gemacht hat, müssen ihr mittelbar zu ihren Absichten
+dienen. Sie führen öfters die Langeweile, die sie aufzehrt, die
+Eckelhaftigkeit, die ihnen das Herz abdrückt, auf ihren Landgütern mit sich
+spazieren. Aus Furcht, sie möchten in diesem neuen Aufenthalte sich selbst
+gelassen sein, sind sie sehr besorgt, all den Prunk, und Firlefanz des
+Luxus, der sie in den Städten, aus denen sie sich flüchten, tödtet, mit
+sich dahin nachzuschleppen.
+
+Ein zahlreicher Hofstaat, eine prächtige Equipage ist ihr Geleite bis in
+die Mitte der ländlichen Einfalt. Es gefällt ihnen, ihre groben, und
+verbordirten Bedienten, die sie schlecht bedienen, mitten unter demüthigen,
+und mit Kütteln angethanen Landleuten, die sich nur von ferne sie
+anzublicken, getrauen, glänzen zu sehn. Es ist ihnen lieb, in den
+Vorzimmern ihrer Lustschlösser mehr unnütze Thunichtse zu zählen, als sie
+arbeitsame Unterthanen auf dem Felde haben.
+
+Dieses lächerliche Großthun, dieser unerträgliche Stolz wäre doch noch ein
+leidliches Uibel, wenn es nichts weiter schadete, als die Kleingeistigteit
+des Ortsherrn zu nähren. Aber was ihn erst wirklich schrecklich macht, ist
+dieß, daß er die Zügellosigkeit der Bedienten begünstigt, und die Folgen
+davon ins Unendliche vermehret. Die Kakomonade macht sie zu neuen
+Prometheussen, die sie mit ihrer Fackel bewaffnet; auf ihren Befehl ziehn
+sie aus, die Bildsäulen, womit das Land erfüllet ist, mit einer
+verderblichen Flamme zu beleben, die sie nicht von den Strahlen der Sonne
+entwendet haben.
+
+Die drei Viertheile der Menschen, die sich bei uns zur Dienstbarkeit
+verschreiben, sind durch ihren Stand Müssiggänger, und aus Noth Hagestolze.
+Eine vollkommene Unabhänglichkeit ist das erste Bedingniß, welches der
+Luxus fordert, um sie zu den Würden der Livree zuzulassen, und er macht
+diese Forderung nur, um sie sich selbst zum Opfer zu bringen. Er will die
+Herrschaft über seine Unterthanen mit Niemandem theilen. Er macht Ansprüche
+über Sklaven zu gebieten, die außer ihm keinen Herrn haben sollen. Er meint
+sich hierdurch Unruhen zu ersparen. Er bildet sich ein, sich dadurch eines
+hurtigern Dienstes, einer genaueren Treue zu versichern.
+
+Ich weis nicht, ob er es damit wohl macht; was ich gewiß weis, ist, daß
+dieser Haufen arbeitloser, einsamer Bedienten, überall, wo er sie nur zu
+finden glaubt, Gesellschaften aufsucht. Ihr Temperament treibt sie zu
+lebhaften Vergnügungen, und ihr Anzug bringt sie in Gesellschaften, wo
+ihnen diese leicht gemacht werden. Von dieser Seite der Wonnen des
+Ehestandes beraubt, von der andern zur Ausübung seiner Geschäffte
+eingeladen, überlassen sie sich einem Umgange, der ihnen seine Vergnügungen
+gewährt, ohne seine Beschwerden zu haben. In diesem schändlichen Mißbrauche
+der Kräfte der Natur folgen sie den Absichten, und oft dem Beispiele ihrer
+Herren.
+
+Ihr gegenwärtiges Bedürfnis macht sie taub für die Folgen der Zukunft. Man
+weis, was man, von der Gattung Weibsleute, auf die sie sich beschränken
+müssen, zu erwarten hat, und in kurzer Seit erlangen sie die Erfahrung
+davon. Dadurch werden sie kecker, so, wie ein Mensch, dessen Kleid schon
+einmal durchnäßt ist, sich desto weniger gegen den Regen sperret. Die Kraft
+ihrer Jugend erhält sie eine Zeitlang. Die Schuldigkeit, vor der Herrschaft
+zu erscheinen, oder gar die Mittellosigkeit, wehrt es ihnen, auf ihre
+Heilung zu denken. Sie müssen ihrem Herrn überall, wo es seine Kaprize
+immer hin will, folgen, und man stellt sich auf seinen Wink, es mag um den
+Körper stehn, wie es wolle. So ist indessen der Trupp beschaffen, mit
+welchem der Reiche sich brüstet, auf seiner Herrschaft zu erscheinen, wenn
+er sich würdigt, sie mit seiner Gegenwart zu beehren.
+
+Ist er nun einmal auf dem Dorfe, so sind seine Bedienten, in der Kleidung
+oft besser bestellt, als er, Leute von Wichtigkeit. Ihre Borden werden nun
+ein Ehrenzeichen. Sie behaupten unter diesen Leuten ohne Widerspruch den
+vornehmsten Rang, und ziehen alle Augen auf sich. Das Prächtige ihres
+Anzugs, ihr Bau, der Vorrang, den sie über die Landleute affektiren,
+unterwirft ihnen sehr bald die Mädchen auf dem Lande, die auf alles
+aufmerksam sind.
+
+Und dann wehe der Tugend, die sich mit einem Bißchen Reiz, und Anmuth
+waffnet; wehe der Unschuld, welche die Jugend schmücket, und welche die
+Grazien dieses Alters vielmehr schwächen, als beschützen! Wie bald ist sie
+verführt, und vergiftet! Die ihrer genoß, -- nichts bleibt der
+Unglücklichen, außer ein unaustilgbarer Jammer, und schändliche Schmerzen.
+Ihr Ende ist -- sie bringt, oft ohne es selbst zu wissen, dem Hymen Blumen
+zu, die auf ihrem Erdreiche nicht wachsen sollten, und die die Liebe auf
+ewig verbannen, und es ist noch ein Glück; wenn sie der Versuchung nicht
+nachgiebt, in die Stadt zu ziehn, um mit den Reizen, die sie zu Grunde
+gerichtet haben, ein Gewerbe zu treiben, und die Folgen ihrer Schwachheit
+mit dem Publikum zu theilen!
+
+So arbeiten denn ungeheure Armeen, unter der Uniforme der Sklaverei, daran,
+in den Schlund der Hauptstädte das Gift, das darinnen gähret, zurück zu
+gießen, und in diesem Geschäfte muß man ihnen noch eine andere Klasse von
+Sklaven beigesellen, die an sich selbst edler, obgleich in der Sache selbst
+sehr wenig in Betrachtung gezogen sind; jene Automaten muß man ihnen
+zugesellen, die mit zu dem Machwerk eines so genannten Regimentes gehören,
+und derer Ressorts, wenn sie einmal zugenommen haben, ihnen eine ziemliche
+Geschicklichkeit geben, eine gewisse Anzahl Bewegungen zu machen, die unter
+dem Namen Exercizien bekannt sind.
+
+Diese, begabt mit der ausschließenden Befugniß, eine Flinte, oder eine
+Bajonette zu führen, haben noch in einem höheren Grade jene, überall die
+traurigen Geschenke, von denen wir sprechen, anzunehmen, und mitzutheilen
+Durch ihre Mitwirkung dringet sich die Kakomonade in die entlegensten
+Provinzen ein. Sie eröffnen ihr einen Weg in Gegenden, wohin selbst das
+Gold kaum einen Eingang findet.
+
+Offenbar sind dieses Laster, die sie gegen das menschliche Geschlecht
+begehn; doch läßt es sich schwer entscheiden, ob sie dabei mehr strafbar,
+als unglücklich sind. Gewiß ists, daß der Ehestand für den Soldaten sich
+nicht schicke. Noch gewisser, daß der Zölibat ihm die Ausschweifung
+nothwendig macht. Nicht weniger gewiß ists, daß diese Ausschweifung für
+ihn, und für alle Länder, die er durchzieht, die schrecklichsten Folgen
+habe. Um sich davon zu überzeugen, darf man nur den Zustand der Plätze, wo
+Krieg ist, und ihre Gegenden umher betrachten.
+
+Täglich schleicht sich da, trotz aller Wachen, die ihn beobachten, ein
+verkappter Feind hinein. Er herrscht da mit größerer Macht, als die
+Statthalter des Königs. Die Wachsamkeit derselben, ihn hindanzuhalten, ist
+unnütz. Er ist sogar mit den Offizieren, die man dahin beordern könnte,
+verstanden. Uiber dieß, wie wollte man junge Leute hindern, sich einem
+Gelüste zu ergeben, das der Müssigang, aus dem sie sich eine Ehre machen,
+bei ihnen genährt hat? Wie wollte man Begierden unterdrücken, die ein,
+lange Zeit, bezähmtes Temperament, oder die Gewohnheit der Ausschweifung
+wüthig gemacht hat? Weder die Bestrafung so einer Unglücklichen, die sie
+anpestet, noch die langwierigen Peinen, womit sie die Schwachheit eines
+Augenblicks abbüssen müssen, werden sie je vor dem Rückfalle bewahren. Ein
+Soldat glaubt, er sei da, um des Gegenwärtigen zu genießen: seine
+Bestimmung ist, den Gefahren Trotz zu bieten, und er rechnet sichs zum
+Verdienste an, ihnen in jeder Gestalt zu trotzen.
+
+Was noch trauriger ist: da sich der Soldat so selbst verderbt, verderbt er
+auch andere mit. Er erhält, wie Midas, die Eigenschaft, allem, was er
+berührt, die Kraft, die er empfangen hat, mitzutheilen. Und so wird eine
+Armee selbst in Feindes Lande dadurch viel verderblicher, als die
+schrecklichste Verwüstung des Krieges. Nicht das, was sie daraus fortträgt,
+sondern das, was sie darinnen läßt, schlägt ihm eine unheilbare Wunde.
+
+Wahr ists; sie empfängt dafür bald ihre Strafe. Das Weibervolk dieses
+Landes bewaffnen sich ihrerseits gleichfalls mit der Plage, die sie
+verletzet hat, wie Montesquieus Präsident vom Despotismus sagt, daß er sich
+mit seinen eigenen Ketten bewaffnet, und dadurch desto schreckbarer wird.
+Damit, schlagen, sie bei ihrem Durchmarsche die Soldaten, die sich davor
+verwahrt, oder davon entlediget haben. Dieser mörderische Kriegslauf
+unterhält unter den Truppen eine weit furchtbarere Pest, als die best
+eingerichtete Artillerie.
+
+Auch dieses wissen alle, die die letzten Feldzüge mitgemacht haben. Die
+deutschen Bauerndirnen waren, wie die römischen Frauen, die sicherste
+Vormauer ihres Vaterlandes geworden. Die Gefälligkeit der kirre gewordenen
+Hessinnen war mehr zu fürchten, als das Schwert ihrer vaterländischen
+Helden. Eine einzige Westphälerinn brachte mehr Unordnungen aus, und füllte
+die Spitäler mehr an, als die Armee von einem ganzen Detachement
+Hanovrianer.
+
+
+Lieber Freund, sehen Sie hier wirkliche, offenbare Thatsachen, an denen
+sich nicht zweifeln läßt. Sie geschehn vor unsern Augen, und leider! sind
+der Zeugen nur zu viele, die die Wirklichkeit davon bestättigen können.
+Unter allen den Reformazionsgegenständen, womit man sich in diesem
+philosophischen Jahrhunderte beschäftigt, ist vielleicht dieser der
+einzige, woran man nicht denkt, da er doch wahrlich der allerwesentlichste
+ist. Die übrigen interessiren nur die moralische Glückseligkeit der
+Menschen, indeß dieser sich mit ihrer phisischen Existenz befaßt. Die
+Mißbräuche bei den Finanzen und in der politischen Verfassung werden ganz
+gewiß übertrieben. Die Uibel, die daraus entstehn, lassen sich vielleicht
+bezweifeln, oder es könnten wenigstens die Verbesserungen derselben sehr
+leicht noch trauriger ausfallen. Allein hier stehts mit der Sache ganz
+anders. Das Uibel ist gewiß, die Nothwendigkeit, ihm zu steuern, ist
+dringend, und die Anwendung des Heilmittels dagegen wäre ohne Widerrede der
+nützlichste Dienst, den man der Menschheit erzeigen könnte.
+
+
+
+
+
+
+
+End of Project Gutenberg's Die Kakomonade, by Simon Nicolas Henri Linguet
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE KAKOMONADE ***
+
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+Produced by Jens Sadowski
+
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+will be renamed.
+
+Creating the works from public domain print editions means that no
+one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
+(and you!) can copy and distribute it in the United States without
+permission and without paying copyright royalties. Special rules,
+set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
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+Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you
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+such as creation of derivative works, reports, performances and
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+redistribution.
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+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
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+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
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+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at http://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit http://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including checks, online payments and credit card donations.
+To donate, please visit: http://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
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+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
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+
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