summaryrefslogtreecommitdiff
diff options
context:
space:
mode:
-rw-r--r--.gitattributes3
-rw-r--r--39174-8.txt6400
-rw-r--r--39174-8.zipbin0 -> 119853 bytes
-rw-r--r--39174-h.zipbin0 -> 126352 bytes
-rw-r--r--39174-h/39174-h.htm10079
-rw-r--r--LICENSE.txt11
-rw-r--r--README.md2
7 files changed, 16495 insertions, 0 deletions
diff --git a/.gitattributes b/.gitattributes
new file mode 100644
index 0000000..6833f05
--- /dev/null
+++ b/.gitattributes
@@ -0,0 +1,3 @@
+* text=auto
+*.txt text
+*.md text
diff --git a/39174-8.txt b/39174-8.txt
new file mode 100644
index 0000000..9912819
--- /dev/null
+++ b/39174-8.txt
@@ -0,0 +1,6400 @@
+The Project Gutenberg EBook of Prinzessin Mymra, by Alexej Remisow
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Prinzessin Mymra
+ Novellen und Träume
+
+Author: Alexej Remisow
+
+Translator: Alexander Eliasberg
+
+Release Date: March 17, 2012 [EBook #39174]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK PRINZESSIN MYMRA ***
+
+
+
+
+Produced by Jens Sadowski
+
+
+
+
+
+
+Alexej M. Remisow
+
+Prinzessin
+Mymra
+
+Novellen und
+Träume
+
+
+
+Aus dem Russischen übertragen
+von Alexander Eliasberg
+
+
+
+Gustav Kiepenheuer Verlag, Weimar 1917
+
+
+
+
+
+Inhalt
+
+Die Feuersbrunst
+Petuschok
+Prinzessin Mymra
+Das Opfer
+Der den Teufel rief
+Sanofa
+Das Los des Elenden. Träume
+
+
+
+
+
+
+
+
+
+
+
+Die Feuersbrunst
+
+
+Die Weiße Fjokla, die Wahrsagerin und Hexe, gebar an einem durchdringend
+kalten Herbstmorgen eine schwarze geflügelte Maus, und jedermann erkannte
+im Neugeborenen des Teufels Kind.
+
+Jermil, der stumme und lahme Sohn der Alten, verscharrte den Unrat bei der
+Müllgrube und erhängte sich gleich darauf.
+
+In der Nacht vor dem Katharinentage, an dem junge Mädchen nach alter Sitte
+Zweige von den Bäumen abreißen und mit ihnen zu Bett gehen, um im Traume
+den Zukünftigen zu sehen, erdröhnte plötzlich am Himmel mitten im wütenden
+Schneesturm ein Donner; beim Morgengrauen aber fand man im Stadtpark die
+geistesschwache Aljonka, die Tochter des Obermeisters an der
+Eisenbahnwerkstätte, geschändet und tot, mit einem Zweig zwischen den
+Zähnen.
+
+Am Nikolatag erschienen in den rauchgrauen Wolken um die grimmige
+Wintersonne herum drei andere, in allen Farben des Regenbogens schimmernde
+Sonnen.
+
+Und diese drei Sonnen bedrückten die Stadt wie eine stumme Last.
+
+»Nun kommt das Hitzefieber, eine schreckliche Krankheit! Was haben wir noch
+alles zu erwarten!«
+
+»Krächze nicht wie ein Unglücksrabe.«
+
+»Mir kann es gleich sein -- aber auch der Diakon hat neulich während des
+Gottesdienstes davon gesprochen.«
+
+Ein jeder dachte an den kommenden Tag und an die schwere Not, die vor der
+Tür stand und auf die vorbestimmte Stunde wartete.
+
+»Die Chinesen ziehen mit einer Armee von tausend Millionen gegen uns, auch
+die Türken.«
+
+»Mein Gott, dieses Heer!«
+
+»Und die Unsrigen -- glaubst du, daß die Unsrigen sich überrumpeln lassen?«
+
+»Man sagt aber, sie haben den Satan auf ihrer Seite.«
+
+»Wieso den Satan?«
+
+»Wir sind verloren, das ist alles.«
+
+An den Abenden machte man sorgfältig über jedem Fenster das Zeichen des
+Kreuzes. Am Vorabend der Feiertage schliefen die Ehegatten getrennt, und
+man gab gut acht auf die Öllämpchen vor den Heiligenbildern.
+
+»Hör einmal, Mikititschna, Awdotja erzählte neulich, man habe bei den
+Podchomutows den Teufel aus dem Tische gerufen.«
+
+»Was du nicht sagst!«
+
+»Bei Gott, so wahr mir die Himmelskönigin beistehe! Awdotja ist ja eine
+durchtriebene Frau; auch Podchomutows Frau hat selbst erzählt, daß ein
+blauer Teufel mit sechs Pfoten erschienen sei.«
+
+»Die Heilige Jungfrau steh uns bei! Gott weiß, was noch alles kommen kann,
+Agafjuschka.«
+
+»Dann hat auch neulich Saschutka, Kusmitschs Stiefsohn im Eisenbahndepot,
+erzählt, daß der neue Doktor die Säufer mit dem Blick kuriert.«
+
+Man hatte auch Nacht für Nacht böse Träume: bald sah man die Kirche des
+Neuen Heilands für das Osterfest hergerichtet, doch ohne Altar und ohne
+Heiligenbilder, und den erhängten Jermil, Fjoklas Sohn, wie er in der
+Kirche auf und ab ging und jedermann zum Feste gratulierte; bald wieder sah
+man einen ganz aufgeschwollenen Jungen, in dessen Fleisch zahllose Splitter
+steckten, auf dem Fußboden Purzelbäume schießen.
+
+»Mir erzählte neulich ein altgläubiger Soldat« lispelte Semjon, der
+Aufseher bei den Eisenbahnwerkstätten: »>Großvater<, sagte er, >ein großes
+Unglück bricht über ganz Rußland herein, und man kann sich nirgends davor
+retten.< Die Zarenglocke in Moskau, sagt er, sei in tausend kleine Splitter
+zersprungen, ein jeder Splitter habe sich in eine Schlange verwandelt, und
+die Schlangen seien unter den Glockenturm Iwans des Großen gekrochen. Und
+der Glockenturm wackelt, und wenn er einstürzt, so werden auch die Herzen
+aller Menschen zerspringen, und dann kommt das Ende allen Lebens.«
+
+»Was die Leute nicht alles sagen! Es ist wirklich lächerlich. Da sagt zum
+Beispiel Luka: Wichtig sind nur die Produktionskräfte, alles übrige ist
+Nebensache . . . Sagen wir uns von der alten Welt los . . . Freiheit,
+Gleichheit und . . .«
+
+»Schwatz nicht so, man wird mit euresgleichen wenig Umstände machen . . .«
+
+». . . und wenn es notwendig sein sollte, so wird die Regierung Mittel und
+Wege finden, um auch diese Sonnen zu beseitigen, von denen übelgesinnte
+Menschen gewisse Gerüchte verbreiten, um bei der friedlichen Bevölkerung
+Erregung hervorzurufen.«
+
+Man ergriff Maßregeln.
+
+Aber die Sonnen verschwanden nicht; immer öfter und öfter erschienen sie am
+Himmel, um die grimmige Wintersonne herum.
+
+Wer kümmerte sich aber um die Sonnen!
+
+Noch niemals hatte man in dieser Gegend einen solchen Überfluß an Getreide
+gehabt wie in diesem Winter; eine Ernte wie im letzten Sommer hatte es noch
+nie gegeben. Die Mühlen arbeiteten unermüdlich. Der Handel blühte, und die
+Käufer waren schnell entschlossen und entgegenkommend.
+
+Die Stadt war wegen ihres Getreides berühmt.
+
+Auf allen Schienenwegen, die sich hier kreuzten, rollten in allen
+Richtungen mit allerlei Getreide und Mehl angefüllte Eisenbahnwagen.
+
+Am Heiligen Abend machte man der Weißen Fjokla den Garaus und verwischte
+sorgfältig alle Spuren des Verbrechens.
+
+Für eine kurze Zeit trat Ruhe ein. Es war, als ob ein Stein vom Herzen
+gefallen wäre.
+
+Am Dreikönigstage badete man im eiskalten geweihten Wasser, malte über alle
+Türen mit Kreide Kreuze, und alles ging wie geschmiert.
+
+In der Butterwoche, in der Zeit, wo die Schlittenwege schlecht zu werden
+anfangen, gab es allerdings in jedem Hause Stöhnen und jammern: alle hatten
+Zahnweh.
+
+Es roch in der Luft eigentümlich nach Zahntropfen und Kampferöl.
+
+So ging es acht Tage lang.
+
+Der Frühling brach an, ein früher und warmer Frühling. Das viele Wasser
+ließ die Gärten schon zu Ostern ergrünen, und auf den Feldern lief die
+Wintersaat üppig und kräftig auf.
+
+In der Woche nach Ostern wurden die Hochzeiten gefeiert.
+
+Es fanden sich sogar Leute, die mit Wohlwollen der Weißen Fjokla gedachten:
+
+»Schade um sie . . . Sie hätte ja noch gut leben können!«
+
+Man begann Häuser zu bauen: unter feierlichen Zeremonien wurden Grundsteine
+zu mächtigen Bauten gelegt und mit Weihwasser besprengt. Von Tag zu Tag
+wuchsen die Baugerüste in die Höhe neben den Holzkreuzen, die die
+zukünftigen Wohnstätten beschatteten.
+
+Am Mittwoch der vierten Woche nach Ostern gab es einen bedenklichen
+Vorfall, der in der Stadt großes Aufsehen erregte: als in der Badestube des
+Bischofs Feuer ausbrach, zog man aus den Flammen die halbverkohlte Leiche
+der Vorsteherin des Nonnenklosters zum Heiligen Geist heraus, und Bischof
+Antonius konnte infolge der Brandwunden am ganzen Körper lange Zeit keinen
+Gottesdienst abhalten.
+
+Die Leute zwinkerten einander zu und machten Anspielungen.
+
+Es gab aber auch Trauer.
+
+»Der Satan hat das Kreuz gestohlen, das Kreuz ist in Händen des Satans.«
+
+»Der Verruchte hat sich des Tempels und des Altars bemächtigt. Er
+verunreinigt die Monstranz und spuckt in den Kelch. Und die Menschen
+kommunizieren nicht mit dem Blute Christi, sondern mit dem Speichel des
+Satans, und sie verzehren statt des Leibes Christi -- den Unrat des
+Satans.«
+
+»Alles ist Unsinn. Es gibt weder einen Gott noch einen Satan. Es gibt
+nichts als das Leben.«
+
+»Was für ein Leben?«
+
+Nach einem warmen und blühenden Mai begann sofort die Sommerhitze. Viele
+Tage lang ging kein einziger Regentropfen auf die verdurstenden,
+verdorrenden Felder, auf die staubbedeckten Wiesen und die von Würmern
+befallenen Gärten nieder.
+
+ * * *
+
+Sie kommt.
+
+Sie naht.
+
+Sie ballt sich zu Wolken und wächst über den Tagen empor.
+
+Und sie löscht alles aus.
+
+Aus jedem Ding, aus jedem Gesicht, zu jeder Stunde starrt sie mich an und
+straft mich für einen einzigen Augenblick des Vergessens mit unendlicher
+und unerträglicher Pein.
+
+Ich kenne sie nicht ganz. Ich ahne sie nur. Ich weiß nicht, woher sie kommt
+und von welcher Seite sie mir droht. Ich fühle nur, daß sie überall um mich
+herum ist.
+
+Meine Lippen zittern nicht mehr vor Lachen. Mein Herz kann nicht mehr
+lächeln.
+
+Mein Herz kann nicht mehr verdammen, so wie es einst verdammt hat.
+
+Es murrt leise und krampft sich zusammen.
+
+Und wenn sie kommt, wirst du sie überwinden können?
+
+Herz, du hast verdammt, du hast geliebt.
+
+Wirst du sie überwinden können?
+
+Niemals wirst du es können.
+
+Und du wirst ihr wie ein Stein zu Füßen fallen, und sie wird dich mit ihrem
+Blitze zermalmen und zu Kohle verbrennen.
+
+Ich weiß nicht, woran ich mich festklammern soll.
+
+Gib mir doch wenigstens eine Schlinge.
+
+Doch ist es möglich, so gehe sie von mir.
+
+ * * *
+
+Um die Mittagsstunde des Johannistages erdröhnte von der Kathedrale herab
+hastiges Sturmläuten.
+
+Ganze von Arbeitern und armem Volk dicht bevölkerte Straßenzüge an
+verschiedenen Enden der Stadt standen plötzlich in Flammen.
+
+Die kleinen Holzhäuser und die unförmigen riesigen Gebäude der Nachtasyle
+und Arbeiterkasernen brannten lichterloh wie zu Haufen aufgestapelter
+Rumpelkram.
+
+Die Flammen loderten empor und verloren sich in riesenhaften
+spindelförmigen Staubsäulen. Die Spindeln rasten und kreisten von oben nach
+unten, vom Zentrum zu den Vorstädten.
+
+Und eine unsichtbare wahnsinnige Hand spann am glühenden wolkenlosen Himmel
+ein erstickendes, feuriges Gespinst.
+
+Die überraschten Menschen liefen, stumm vor Schreck, wilde, tierische
+Schreie ausstoßend, mitten in diesem Gesang der Feuersbrunst hin und her.
+
+Zur gewohnten Stunde ertönte keuchend von der Fabrik her der Mittagspfiff
+
+Und dieser Pfiff klang so einsam und fremd im Chore der anderen Pfiffe.
+
+Er flehte um Gnade, um Erbarmen . . .
+
+Daß man die Kinder rette, die Habseligkeiten in Sicherheit bringe . . .
+
+Diese letzten Schreie der dem Tode geweihten Menschen und Dinge schnitten
+sich in jedes Herz.
+
+Man trug die Heiligenbilder heraus.
+
+Man glaubte: die Heiligenbilder würden beistehen und vor dem Unglück
+beschützen.
+
+Aber das Feuer drang hartnäckig beißend überall hinein, es flog empor und
+erfaßte immer neue, noch unversehrte Menschenwohnungen.
+
+Die blauen und weißen Spindeln aus Funken und aus Staub drehten sich
+verzweifelt und unaufhörlich . . . Ein in wahnsinniger Hast kreisender
+Bohrer durchlöcherte die schwere Luft mit Feuer.
+
+Karminroter Feuerschein ergoß sich bebend über die ganze Stadt.
+
+Die schwarz verkohlten Dachstühle der Brandstätten ragten in die Luft wie
+Galgen.
+
+Die Eisenbahnwerkstätten und die Naphtatanks brannten.
+
+Voller Wut und Entsetzen sprangen die brennenden Lokomotiven wie gehetzt
+aus ihren eisernen Ställen heraus. Und sie pfiffen auf den Schienenwegen
+trocken und abgerissen.
+
+Unter ihren rotglühenden Tatzen stöhnte und zischte es unheimlich und
+unheilverkündend.
+
+Und das Weinen der ohne Tränen sterbenden Maschinen machte den Abend
+erglühen.
+
+Die brennenden Getreidespeicher rauschten wie Springbrunnen.
+
+Jemand schüttelte die blutrot leuchtenden Bernsteinkörner des Getreides
+durcheinander und lachte aus vollem Halse.
+
+ * * *
+
+Mitten in der verzauberten Johannisnacht, um die Stunde des tobenden
+Lebens, erdröhnte von der Kathedrale herab die Sturmglocke.
+
+Die öffentlichen Häuser standen in Flammen.
+
+Das Feuer sog sich mit seinen Küssen eifersüchtig an den Mädchenlippen
+fest, jeden Nebenbuhler zurückwerfend und vernichtend. Mit wollüstig feiner
+Zunge beleckte es die Leiber und brannte sich in sie bis an die Knochen
+hinein.
+
+Die berauschten Gäste fielen vor diesem roten, erbarmungslosen,
+unersättlichen Gast zu Boden.
+
+Nackte, in Umarmungen verschlungene, von Glassplittern verwundete, vom
+Feuer versengte Körper stürzten aus den oberen Stockwerken herab; sie
+stürzten zu Boden und wurden von Menschenfüßen und Pferdehufen zertreten
+und zermalmt.
+
+Die brennenden Pupillen der sich drängenden Menge weiteten sich und
+platzten vor der berauschenden Glut. Das Röcheln der Tiere vermengte sich
+mit dem durchdringenden Lachen, dem Flehen und Stöhnen der Menschen.
+
+Ein Mönch in dunklem Gewande, ein Mönch mit regungslosem Gesicht stand in
+der Hölle der Feuersbrunst.
+
+Nur er allein war leidenschaftslos wie am hellen Mittag und schrecklich in
+seiner Ruhe. Er war geheimnisvoll und unheilverkündend wie ein quälender,
+verworrener Traum.
+
+Das Feuer, das in der Tiefe seiner Augen brannte, durchdrang die Flammen.
+
+Tausende von Händen griffen nach dem Saume seines Gewandes, nach den
+Zipfeln seiner schwarzen Kapuze; Tausende von Händen streckten sich aus und
+hoben den Staub unter seinen Füßen auf; Tausende von Lippen küßten diesen
+Staub.
+
+»Beschütze uns!«
+
+»Rette uns!«
+
+»Gnade!«
+
+»Erbarmen!«
+
+ * * *
+
+>Erbarmen! Erbarmen!< dröhnte die Sturmglocke der Kathedrale, als die Sonne
+sich träge erhob und ihre blutig-goldenen Strahlen in den Rauch bohrte und
+über die Erde goß.
+
+»Flieht! Flieht!« rief es aus den Rauchwirbeln, die die höllischen Spindeln
+beißenden Staubes umkreisten.
+
+Das Zuchthaus brannte.
+
+Das Spital brannte.
+
+Die Zuchthäusler erbrachen die eisernen Türen, erschlugen mit den
+Eisengittern die Aufseher und schleppten sich, verprügelt und angeschossen,
+wie Pestkranke die von der Flammenglut zersprungenen Straßen entlang.
+
+Hei, so schön brannten die von Unrat durchtränkten Zellen! Welch ein
+Freudenmahl des freien, rächenden Feuers, das die Särge der Lebenden, das
+Zuchthaus, zerstörte!
+
+Und in den dumpfen Krankensälen, im grüngelben Licht der hüpfenden Sonnen,
+klang herzzerreißend das Stöhnen der Siechen und das höllische Lachen der
+Wahnsinnigen.
+
+Das Feuer schrie und sprang wie ein Eichhörnchen. Es warf sein brennendes
+Netz über die Stadtparkmauer auf das Schlachthaus hinüber.
+
+Die Stadt zitterte vor dem vorsintflutlichen Geheul, die Tiere weinten wie
+von menschlicher Trauer ergriffen.
+
+Vom Zuchthaus kam das Feuer auf den Friedhof.
+
+Die Flammen erbrachen mit ihren schweren, glühenden Brecheisen die stummen
+Gräber.
+
+Und die Toten erhoben sich aus den Särgen und wuchsen zu schwarzen, von
+einer grauen, erstickenden Wolke beschatteten Dunstsäule empor.
+
+Der Mönch in dunklem Gewande, der Mönch mit fest zusammengepreßten Lippen
+stand mit gekreuzten Armen mitten unter den vertierten Menschen und den
+rasenden Tieren.
+
+Funken und Flammen umkreisten sein Haupt wie Scharen goldener Vögel.
+
+Und die Sturmglocke läutet und läutet ohne Unterlaß.
+
+Und die Menschen rennen zerfetzt, verbrannt, verzweifelt umher.
+
+Das staatliche Schnapslager brennt!
+
+Der brennende Schnaps frißt die Herzen.
+
+ Hab den Vater geschlachtet,
+ Die Mutter gehenkt,
+ Und die leibliche Schwester
+ Im Flusse ertränkt . . .
+
+Tausende von verstümmelten, mit Weingeist durchtränkten Leichen brennen mit
+blauen, unerträglichen Flammen.
+
+ * * *
+
+Man wurde vor Entsetzen wahnsinnig.
+
+Die Mütter verloren ihre Kinder.
+
+Kinder schleppten zentnerschwere Lasten.
+
+Niemand wagte, unter einem noch unversehrten Obdach zu bleiben.
+
+Man verließ die Häuser und zog auf die Straßen.
+
+Man suchte nach den Brandstiftern.
+
+Man glaubte schon, ihnen auf der Spur zu sein.
+
+Man wollte unbekannte Frauen gesehen haben, die sich bei den Haustoren zu
+schaffen machten.
+
+Man riß den Aufseher Semjon, der sich unbedachterweise eine Pfeife
+angezündet hatte, in Stücke.
+
+Man riß einem Studenten den Arm aus.
+
+Man warf jemanden ins Feuer.
+
+»Wer ist's? Wo soll man suchen?« fragte man den Mönch.
+
+Der Mönch schwieg.
+
+Auf den Zäunen stand mit schwarzen Lettern geschrieben: >Morgen wird keine
+Feuersbrunst sein.<
+
+»Morgen wird keine Feuersbrunst sein! Keine Feuersbrunst.«
+
+ * * *
+
+Ein blutrotes engmaschiges Netz hing über der Stadt, und irgendwo in seiner
+Tiefe schwebte ein blutig-flammender Kern, welcher Gestank und Brandgeruch
+verbreitete.
+
+So begann der dritte Morgen, der dritte und letzte Tag.
+
+In der Nacht verbrannte die Kathedrale mit allen Reliquien. Der Glockenturm
+stürzte ein, und die schreiende Zunge der Sturmglocke verstummte.
+
+Aus dem Feuer stiegen drei flammende Kreuze empor. Sie zitterten und
+verschwanden in der schrecklichen roten Nacht.
+
+Die Herzen glühten, die Arme hingen kraftlos herab.
+
+Es gab nichts mehr, was noch brennen konnte.
+
+Die Feuersbrunst ging zu Ende.
+
+Die wahnsinnigen Menschen irrten wie im Nebel umher.
+
+Einen jeden, der ihnen in den Weg kam und der etwas auf dem Kerbholz hatte,
+erschlugen sie mit brennenden Scheiten.
+
+Von Entsetzen, Verzweiflung und Blut trunken, verließen sie vor Anbruch der
+Nacht die Stadt.
+
+ * * *
+
+Alle, die noch am Leben geblieben waren, verbrachten diese letzte Nacht auf
+dem freien Feld, eng aneinander gedrängt, von geretteter Habe und geraubtem
+Gut umgeben.
+
+Und der Mönch in dunklem Gewand stand unter den Übriggebliebenen.
+
+Niemand erhob die Stimme, um ihn zu rufen oder anzuflehen, aber Hunderte
+von Augen waren auf sein unter der Kutte verborgenes Herz gerichtet.
+
+»Gnade! Gnade!«
+
+Und zum erstenmal ging ein Zucken über das regungslose Gesicht des Mönches.
+
+Der Mönch zerriß sein Gewand, holte ein Gefäß, das er auf der Brust trug,
+hervor, tauchte einen Weihwedel hinein und besprengte die flehenden Augen.
+
+Im gleichen Augenblick ergoß sich ein Feuermeer über das ganze Feld.
+
+Die Feuerwolke zerriß den Himmel, zerspaltete die Nacht, schrie auf und
+erbebte.
+
+Und nichts als Funken und wieder Funken . . .
+
+ * * *
+
+Tiefe Finsternis lag über der verbrannten Stadt.
+
+Und die Sterne fürchteten sich, auf die Erde und auf den in dunkle Fetzen
+gehüllten Menschen herabzuschauen.
+
+Und die Aasvögel wagten nicht, zu den Leichen herabzufliegen, sie wagten
+nicht, ihre Flügel vor jenem Menschen zu regen.
+
+Und er stand allein mitten in der Asche der verbrannten Erde.
+
+O du verdammte Heimaterde!
+
+
+
+
+Petuschok
+
+
+
+1
+
+Eine Kuh fraß am Eliastage dem Petka ein Fünfzehnkopekenstück auf.
+
+Als die Großmutter von der Abendmesse heimgekommen war, hatte sie vor dem
+Schlafengehen dem Knaben eine silberne Münze, ein Fünfzehnkopekenstück, zum
+Vernaschen geschenkt.
+
+Am Tage des heiligen Elias schreitet eine Prozession aus dem Kreml zur
+Eliaskirche auf dem Woronzow-Felde, eine lange Prozession mit uralten
+Kreuzen, von vielen Gendarmen zu Pferde begleitet. Nach der Messe findet im
+Garten und auf dem Platz vor der Kirche unter den Kirchenfahnen ein
+Volksfest statt; es werden dabei Kwaß, Spielzeug, Stachelbeeren, Birnen und
+Eis feilgeboten. Petka war ein großer Liebhaber von Stachelbeeren und aß
+leidenschaftlich gern Eis; seine Freude über das Fünfzehnkopekenstück war
+also wirklich groß. Während der ganzen Nacht behielt er die Münze in der
+Hand.
+
+Als die Großmutter aus der Kirche des heiligen Nikola Kobylski heimkehrte,
+war Petka schon auf: er hatte den Samowar instand gesetzt, seine Schuhe
+gewichst und sich fein herausgeputzt; fertig zum Ausgehen, stand er da. Und
+wie oft hatte der unruhige Geist schon in Erwartung der Großmutter die
+Mütze aufprobiert! Petka hatte eine Mütze mit lackledernem Schirm; früher
+hatte er einen Strohhut getragen, als er aber Schüler einer Städtischen
+Schule geworden war, hatte ihm die Großmutter diese Mütze gekauft. Er hat
+seinen Gürtel, der ebenfalls aus Lackleder ist, ins letzte Loch geschnallt
+und sich seine schwarze Tuchbluse mit den beiden Silberknöpfen am Kragen
+zurechtgezupft; bloß mit der Hose ist es nicht weit her: die Drillichhose
+ist zwar rein gewaschen -- Großmutter selbst hat sie gewaschen und gebügelt
+--, aber sie ist zu kurz: von den Waden ist ein etwa zwei Finger breites
+Stück zu sehen; Petka wächst aber noch, und die Hose ist in der Wäsche
+eingelaufen.
+
+»Ich habe dir den Samowar in einem Nu zurechtgemacht, Großmutter!« begrüßt
+Petka die Großmutter, auf einem Bein hüpfend.
+
+»Du bist ein gescheiter Junge, Petuschok!« Großmutter ist nach dem
+Gottesdienst müde und freut sich auf den Tee.
+
+Wenn die Großmutter selbst den Samowar instand setzte, brauchte sie immer
+furchtbar viel Zeit dazu -- so kam es Petka wenigstens vor. Sie pflegte
+erst die Asche auszuschütten, dann ein wenig Kohle hineinzutun, auf die
+Kohle einige Holzspäne zu streuen und, wenn die Kohle zu knistern anfing,
+noch einige Kohlen nachzulegen; das machte sie wohl zweimal. Petka
+schüttete aber nie die Asche aus, sondern stopfte den Samowar gleich mit
+Kohle voll, zündete einige Späne an, legte noch etwas Kohle auf, und der
+Samowar begann sofort, so schien es ihm wenigstens, zu summen.
+
+»Du bist ein gescheiter Junge!« wiederholte die Großmutter. Sie freute
+sich, daß der Samowar auf dem Tisch stand und summte und daß sie jetzt in
+aller Ruhe ihren Tee trinken und vor der Prozession noch etwas ausruhen
+konnte.
+
+Großmutter war gottesfürchtig und eine eifrige Kirchgängerin; sie versäumte
+keinen einzigen Gottesdienst, und wenn es beim Nikola Kobylski eine Leiche
+gab, so ging sie hin und wohnte auch mit einer Kerze in der Hand der
+Totenmesse bei; sie ging auch mit Petka bei allen Prozessionen mit.
+
+Großmutter setzte sich an den Teetisch, aber ehe sie noch ein Stückchen
+geweihtes Brot zerkauen konnte, fing Petka schon zu drängen an: sie wollten
+sofort aufbrechen, um der Prozession entgegenzugehen.
+
+Aber es sei noch viel zu früh! Die Prozession habe gewiß noch nicht den
+Kreml verlassen; die Leute sammelten sich wohl erst; die Hausmeister
+ständen noch gar nicht am Morosowschen Gitterzaun, sie säßen wohl noch in
+der warmen Stube und tränken Tee.
+
+Großmutter und Petka pflegten die Prozession in der Wedenskaja-Gasse, auf
+dem Morosowschen Zaune stehend, zu erwarten. Sie machten es sehr einfach:
+zuerst kletterte Petka hinauf und dann die Großmutter; der Alten fiel es
+zwar recht schwer, auf den Zaun hinaufzuklettern, aber sie konnte von dort
+aus besser sehen und lief auch nicht Gefahr, zertreten zu werden.
+
+»Wenn du nicht gehst, geh ich allein!« Petka setzte seine Mütze mit dem
+Lacklederschirm auf und stand schon an der Tür.
+
+Großmutter hatte Angst, Petka allein gehen zu lassen; sie meinte, man könne
+ihn im Gedränge leicht zertreten.
+
+»Man wird dich zertreten, Petuschok.«
+
+»Nein, Großmutter, man wird mich nicht zertreten. Mir hat im vorigen Jahr
+das Pferd eines Gendarmen mit dem Huf auf eine Zehe getreten, das hat
+schrecklich weh getan! Und doch hat es mir nichts geschadet. Großmutter,
+jetzt gehe ich!«
+
+Großmutter hat Angst und ist zugleich gekränkt: sie gingen doch jedes Jahr
+zusammen hin -- Petka voraus und hinter ihm die Großmutter in ihrem alten
+Umhang, mit dem Sonnenschirm in der Hand; Großmutter spannte ihren Schirm
+niemals in der Sonne auf und hielt ihn nicht am Griff, sondern stets an der
+Spitze, so daß der Griff die Erde berührte. Sie will Petka nicht allein
+gehen lassen; und sie will noch etwas ausruhen und gemächlich ihren Tee
+trinken!
+
+Was ist da zu machen? Der Junge läßt sich nicht halten!
+
+Petka geht allein fort.
+
+Der Morgen ist schön kühl, der Tag wird nicht so heiß werden. Ob Petka vom
+lieben Gott einen so herrlichen Tag erfleht oder der heilige Prophet Elias,
+dem das Fest gilt, seinen Segen gegeben hat -- die Leute werden es in der
+Prozession gut haben, die goldgestickten Kirchenfahnen werden funkeln, die
+Priester werden leichten und trockenen Fußes gehen, und auch die Chorsänger
+werden es angenehm haben.
+
+Petka ging, sein Fünfzehnkopekenstück fest in der Faust haltend, auf den
+Flur hinaus; viel Stachelbeeren, rote, behaarte Stachelbeeren wollte er
+sich dafür kaufen und außerdem für fünf Kopeken Schokoladeneis verspeisen.
+Petka lauschte; irgendwo läuteten die Glocken, aber es war noch sehr weit.
+Die Prozession hatte wohl eben erst den Kreml verlassen, und man läutete in
+den Kirchen, an denen sie vorüberzog.
+
+>Man läutet erst in der Iljinka oder in der Marossejka bei Nikola -- es ist
+ein schönes Läuten!< dachte Petka. Und da erblickte er plötzlich eine Kuh.
+
+Auf dem Hofe spazierte die Kuh des Diakons, eine schöne, wohlgenährte, rote
+Kuh.
+
+Petka freute sich jedesmal, wenn er die Milchkuh des Diakons sah, das
+>Braunchen<, wie Großmutter sie zu nennen pflegte.
+
+»Guten Tag, Braunchen!« Petka kam hüpfend näher und streckte seine Hand
+aus, um die Kuh zu streicheln . . . Das Geldstück funkelte in der Sonne,
+das Fünfzehnkopekenstück fiel ihm aus der Hand, die Kuh leckte es mit der
+Zunge auf, stieß einmal auf und verschluckte es.
+
+Kurz und gut -- weg war es.
+
+Petka suchte auf dem Rasen und zwischen den Steinchen, ging einige Male um
+die Kuh herum, stand einen Augenblick still und wartete, ob die Münze nicht
+wieder zum Vorschein käme . . . Nein, verschwunden war sein silbernes
+Geldstück, das Braunchen hatte es gefressen, es hatte ihm das
+Fünfzehnkopekenstück, das er zum Eliastage bekommen, weggenommen.
+
+Mit leeren Händen ging nun Petka zur Eliaskirche.
+
+Sollte er umkehren und der Großmutter alles erzählen? Großmutter würde wohl
+sagen: »Wolltest mir nicht folgen, bist allein gegangen, darum hat es dir
+die Kuh gefressen!« Und sie würde ihm nie wieder eine Silbermünze schenken.
+Sie würde noch sagen: »Was soll man auch so einem Schlingel Geld schenken?
+Das frißt ja doch die Kuh!« Nein, es ist doch besser, der Großmutter nichts
+zu sagen. Und die Stachelbeeren und das Schokoladeneis? Nun, er wird sich
+eben ohne Stachelbeeren und ohne Eis behelfen müssen. Und wenn Großmutter
+etwas merkt? Sie wird eben nichts merken. Er wird der Großmutter sagen, daß
+er einen ganzen Zentner Stachelbeeren und hundert Portionen Eis gegessen
+hat . . . Und wenn Großmutter es nicht glaubt? Sie wird es wohl glauben
+müssen! Die Stachelbeeren sind ja billig -- spottbillig sind sie, sagt
+Großmutter selbst. Und was ist auch dabei? Er hat eben einen ganzen Zentner
+Stachelbeeren gekauft und aufgegessen: er hat Geld genug gehabt, es sind ja
+nicht fünf, sondern fünfzehn Kopeken gewesen! Aber er hat kein
+Fünfzehnkopekenstück mehr: die Kuh hat es aufgefressen!
+
+»Was bist du für eine Kuh!« sagte Petka vorwurfsvoll zu seinem geliebten
+Braunchen. »Warum hast du das Geld gefressen? Die Stachelbeeren sind so
+schön rot und behaart, und das Schokoladeneis schmeckt so herrlich . . .
+hundert Portionen!«
+
+Petka dachte im Gehen immer an sein Fünfzehnkopekenstück, das
+unwiederbringlich verloren war. Es gab nur noch eine Möglichkeit:
+Großmutter alles zu gestehen. Sie wird ihm dann vielleicht ein neues geben.
+Aber wo sollte Großmutter eines hernehmen? Das Geld wächst nicht auf der
+Straße, pflegt Großmutter zu sagen. Sie hat ja auch nur ein paar
+Silbermünzen; Kopekenstücke hat sie genug . . . Petka ging am Kursker
+Bahnhof und an dem verwahrlosten Rjabowschen Hause, wo, wie er glaubte, die
+goldenen Zimmer immer leer und unbewohnt standen, vorbei. Er ging zur
+Eliaskirche auf dem Woronzow-Feld.
+
+Die ganze Wedenskaja-Gasse war mit Gras belegt, das ganze Pflaster mit
+frischgemähtem Gras bestreut. Da war Gras von den Chludows dabei, und von
+den Naidjonows und von Myslin, und wie alle die reichen Gemeindemitglieder
+sonst noch hießen. Die Füße glitten im Grase aus, und Petka brachte es
+fertig, sich ein paar grüne Grasflecke auf seine Hose zu machen. Im Gras
+lagen auch vereinzelte Blumen, und die Blumen dufteten nach Wiesen und
+brachten ihm die Wallfahrten in Erinnerung. Petka unternahm jeden Sommer
+mit seiner Großmutter Wallfahrten. Petka dachte nicht mehr an das
+aufgefressene Fünfzehnkopekenstück und schloß die Augen: ganz klar, ganz
+deutlich fühlte er die Erde und das Gras unter seinen Füßen; er fühlte sich
+plötzlich in die Gegend von Swenigorod versetzt, auf einen Feldweg, wo
+Glockenblumen blühen, auf einen Waldweg, wo der Kuckuck ruft, zum
+Sawwa-Kloster zum Nikola-Ugrjescha, und vom Nikola-Ugrjescha zum
+Troiza-Sergius-Kloster.
+
+Die Leute eilten schon zur Kirche; andere blieben auf dem Bürgersteig und
+suchten sich ein Plätzchen, wo sie bequem stehen und zusehen konnten. Das
+Läuten klang immer näher, es schien schon aus der nächsten Nähe, von der
+Troiza-Grjasi-Kirche zu kommen. Nein, Petka hatte sich getäuscht, es war
+noch sehr weit: man läutete erst bei Kosmas und Damian.
+
+Auf dem Morosowschen Zaun stand noch niemand. Vor dem Tore waren nur die
+Hausmeister versammelt, unter ihnen der Morosowsche Kutscher in einer
+Plüschweste, das schwarze Haar mit Butter eingefettet. Auch Petka wird sich
+einmal, wenn er groß ist, das Haar mit Butter einfetten, und es wird dann
+ebenso schön schwarz sein wie das Haar des Morosowschen Kutschers; jetzt
+aber benetzte es ihm Großmutter, wenn er aus der Badestube heimkommt, mit
+Kwaß.
+
+Petka kletterte auf den Zaun hinauf und hielt Ausschau nach der Prozession
+und der Großmutter.
+
+>Es wird sich schon irgendwo auf dem Hofe finden<, dachte er ab und zu an
+sein unglückseliges Geldstück. >Es kann gar nicht verlorengehen!<
+
+Vom Geld kamen seine Gedanken wieder auf die Prozession, und er horchte, in
+welcher Kirche gerade geläutet wurde; von der Prozession kamen sie auf den
+Morosowschen Kutscher, vom Kutscher auf das Gras und die Wallfahrten; so
+schweiften die flüchtigen Gedanken des kleinen Petka, des Petuschok,[*] wie
+Großmutter den Jungen zu nennen pflegte.
+
+Nun kam auch Großmutter mit ihrem Sonnenschirm an; sie kletterte auf den
+Zaun hinauf, die Glocken der Kirche zur Mariä Opferung in den Baraschi
+begannen zu läuten, die Prozession kam immer näher, die schweren
+Kirchenfahnen erstrahlten in goldenem Glanz, dann läutete es in der
+Eliaskirche, und Petka war vollkommen getröstet.
+
+>Großmutter wird mir ein anderes Geldstück schenken, und wenn sie mir
+keines schenkt, so werde ich auch ohne Eis und Stachelbeeren satt werden.<
+
+[Fußnote *: russ., Hähnchen.]
+
+
+2
+
+Großmutter hatte niemand außer Petka. Petka ist ihr Großneffe, der Sohn
+ihres Neffen, aber sie nennt ihn Enkel. Der Neffe ist gänzlich
+heruntergekommen: er war früher einmal Parkettwichser gewesen, hatte sich
+etwas zuschulden kommen lassen, trieb sich lange Zeit arbeitslos in Moskau
+herum, bekam endlich eine Anstellung in einer Bierhalle, blieb dort nur
+einen Winter lang, gab diese Stellung auf und wurde Arbeiter in den
+Goujon-Werken; er verließ auch diese Stellung und geriet schließlich unter
+das lichtscheue Gesindel, das den Chitrowka-Markt bevölkert. Er besuchte,
+wenn auch nur selten und meistens betrunken, die Großmutter, um sie um Geld
+zu bitten. Großmutter hatte vor dem Neffen große Angst und nannte ihn >den
+Räuber<.
+
+Petka wohnt mit der Großmutter in einer Kellerstube auf dem Semljanoj-Wall,
+in der Nähe der Kirche des heiligen Nikola Kobylski. Als Großmutter noch
+bei Kräften gewesen war, hatte sie nie müßig dagesessen und über nichts zu
+klagen gehabt; die Nachbarn sagten, sie brauche sich nie ohne Weißbrot zu
+Tisch zu setzen. Nun aber sind ihre Augen schwach, und sie kann nicht mehr
+arbeiten. Großmutter ist auch schon bei Jahren: sie war sechs Jahre alt,
+als man die Leiche des Kaisers Alexander Pawlowitsch aus Taganrog über
+Moskau überführte: so alt ist sie also schon! Gute Menschen unterstützen
+sie ab und zu, und sie bekam auch einen monatlichen Zuschuß von der
+Armenpflege; ihr Petka aber wurde in eine Städtische Schule aufgenommen.
+Auf dem Semljanoj-Wall kennt jedermann die Großmutter Iljinischna Sundukow;
+auch auf dem Woronzow-Feld und in den Syromjatniki ist sie gut bekannt. Mit
+Mühe und Not schlägt sie sich mit ihrem Petka durch.
+
+Ihre Kellerstube ist sehr klein. Vor ihr wohnten zwei alte Frauen darin,
+mit Namen Smetanin, die ebenso gottesfürchtig waren wie die Großmutter. Als
+die Smetanins starben, mietete Großmutter mit Petka die Kellerstube.
+Großmutter hat früher ein anderes, größeres Zimmer gehabt, in dem jetzt
+Stubenmaler wohnen.
+
+Großmutters Zimmer ist vollgepfropft. Es steht eine Kommode darin, die vor
+Alter eine Art Geheimkommode geworden ist: die mittlere Schublade läßt sich
+nicht mehr ganz herausziehen: man kann sie nur von rechts und auch nur
+einen Fingerbreit herausschieben. In dieser Schublade -- davon weiß aber
+nur die Großmutter allein -- sind ein silberner Teeglasuntersatz mit
+Weintraubenmuster und zwei silberne Löffel mit Blumengravierung und
+schwarzem Email an den Stielen verwahrt: das alles ist Petkas Eigentum, das
+er nach Großmutters Tode erben wird. Großmutter hat auch einen
+Kleiderschrank, gleichfalls mit einem geheimen Trick: du kannst die Tür
+zwar aufmachen, hast aber gleich die ganze Bescherung, denn die Tür fällt
+sofort ganz heraus: nur Großmutter allein versteht es, in ein bestimmtes
+Loch einen Stift hineinzustecken, so daß die Tür auf den richtigen Platz
+kommt und der Schrank sich wieder schließen läßt. Großmutter besitzt auch
+noch einen kleinen eichenen eisenbeschlagenen Koffer, in dem sie ein Hemd,
+ein Leichentuch, ein Paar Pantoffeln ohne Absätze und ein Stück Leinwand
+verwahrt: das alles bleibt für ihre Leiche aufgespart. Als man einmal im
+Herbst auf dem Hof Kraut schnitt, stopfte Petka in diese Truhe Kohlstrünke
+hinein: der Schlingel glaubte, es würde Großmutter Freude machen, wenn sie
+im Jenseits von den Kohlstrünken naschen könnte. Ein kleines Sofa steht
+auch noch da: von außen betrachtet, ist es noch ganz anständig, wenn man
+sich aber ungeschickt draufsetzt, so stößt man sich an einer Holzleiste. Im
+Winkel steht ein Heiligenschrein mit drei Abteilungen. Zuoberst hängen
+mehrere geweihte Bildchen von den Wallfahrtsorten und noch allerlei andere
+Bildchen und Messingkreuze. Darunter steht die Ikone >Die Moskauer
+Wundertäter<: Maxim der Selige, Wassili der Selige und Johannes der Narr in
+Christo stehen nebeneinander -- Wassili nackt, Maxim mit einem Schurz und
+Johannes in einem weißen Gewand --, die Arme im Gebet ausgestreckt, vor dem
+Moskauer Kreml; über dem Kreml ist die heilige Dreifaltigkeit dargestellt,
+und über den Heiligen ein dunkler Wald, die >Mutter-Einöde< mit
+zerklüfteten Bergen, Bergen, die wie Zungen aussehen: Petka hält sie für
+Feuerberge. Es ist eine uralte Ikone. Daneben steht eine zweite auf
+Goldgrund gemalte Ikone: >Die vier Marienfeste<. Sie stellt die vier
+Muttergottesfeste dar: Maria Schutz und Fürbitte, Aller Leidenden Freude,
+Mariä Erscheinung und die Muttergottes von Achtyrka. Das Bild fällt fast
+auseinander, so alt ist es. Unter dem Heiligenschrein liegen drei Knäuel:
+ein Knäuel Stricke, ein Knäuel Bindfaden und ein Knäuel bunter Schnüre:
+während vieler Jahre hat Großmutter sie aufgespart. Schließlich existiert
+noch eine Truthenne -- das ist ihre ganze Habe.
+
+Großmutter gibt Petka sein Essen und denkt auch an die Truthenne. Die
+Truthenne wohnt auf dem Hof in einem kleinen Schuppen, der Schuppen steht
+neben dem Kuhstall; die Truthenne stirbt langsam dahin und ist schon so alt
+wie die Großmutter. Großmutters >Herr Jesus< kann sie zwar nicht
+nachsprechen, versteht aber anscheinend sonst alles: in ihrem langen Leben
+hat sie alles gelernt, alles erfaßt.
+
+Als Petka klein war, hatte er vor der Truthenne Angst; aber mit den Jahren
+gewöhnte er sich an sie und liebte es, sie anzuschauen: er pflegte sich im
+Schuppen vor ihr hinzukauern und sie zu betrachten; ihn interessierte ihr
+Kopf, der ganz rosa und mit vielen kleinen rosa Warzen besät war. Die
+Truthenne stand vor ihm, blies sich auf und kauerte sich hin. Und so
+kauerten sie beide: Petka und die Truthenne.
+
+Die Hühner des Diakons haben Hähnchen, die Katze Puschok hat Kätzchen, aber
+die Truthenne hat nichts -- wie kommt das? fragte sich Petka mehr als
+einmal.
+
+Auch die Großmutter sagte manchmal nachdenklich vor sich hin:
+
+»Wenn Gott der Truthenne ein Ei schenken wollte, so gäbe es Hähnchen!«
+
+>Alles kommt vom Ei, wenn Gott der Truthenne ein Ei schenkt, so gibt es
+Hähnchen!< sagte sich auch Petka.
+
+»Großmutter, und wenn Gott der Truthenne wirklich ein Ei schenkt?«
+
+»Gott geb's!«
+
+»Was geschieht dann weiter?« prüfte der kluge Petka die Großmutter.
+
+»Dann setzt sie sich hin.«
+
+»Wie setzt sie sich hin, Großmutter?«
+
+»Auf das Ei setzt sie sich, Petuschok. So macht sie das.« Großmutter
+kauerte hin wie die Truthenne. »Einundzwanzig Tage, das sind genau drei
+Wochen, sitzt sie darauf; nur wenn sie fressen muß, steht sie auf und das
+auch nur jeden zweiten oder dritten Tag. Und dann kommt ein Truthähnchen
+heraus.«
+
+»Großmutter, wo werden wir das Hähnchen hintun?«
+
+»Es wird bei uns wohnen.«
+
+»Großmutter, wir werden es in einen Käfig tun, und es wird wie eine
+Nachtigall singen, ja, Großmutter?«
+
+»Ja, Petuschok, es wird ein kleines Hähnchen sein, ganz gelb, mit einem
+Schöpfchen.«
+
+»Großmutter, wir werden uns einen Luftballon machen und fliegen. Ja,
+Großmutter?«
+
+»Was fällt dir ein, Petuschok!«
+
+»Wir werden fliegen, Großmutter, wir werden mit dem Hähnchen in dem
+Luftballon wohnen. Ja?«
+
+Großmutter schwieg eine lange Weile. Petka glotzte aber über die Großmutter
+hinweg und sah wohl bereits im Geiste den Luftballon, in dem sie wohnen
+würden: er, das Hähnchen und die Großmutter.
+
+»Ich bin damit nicht einverstanden«, sagte die Großmutter. »Ich will hier
+unten sterben, auf dem Luftballon mag ich nicht sterben.«
+
+»Großmutter«, Petka dachte nur an seine Sachen und hörte die Großmutter
+nicht. »Alles kommt doch vom Ei?«
+
+»Möge Gott ihr doch eins schenken!« Großmutter wollte so schrecklich gern,
+daß die Truthenne legte, und sie dachte an das Hähnchen mit derselben
+Sehnsucht wie Petka.
+
+Petka hatte das Geldstück vom Eliastage vergessen und machte der Kuh keine
+Vorwürfe mehr, weil sie es gefressen hatte; er brauchte kein Geldstück
+mehr, er brauchte nur das kalikutische Hähnchen. Aber wo sollte er ein Ei
+hernehmen, wie könnte er es einrichten, daß Gott der Truthenne ein Ei
+schenkt, aus dem alles kommt, aus dem auch ein Truthähnchen kommt?
+
+>Ich könnte ja ein Ei vom Diakon nehmen und es unter die Truthenne legen<,
+überlegte sich Petka. >Der Diakon hat viele Hühner, und seine Hühner legen
+viele Eier . . . Und man braucht ja doch nur ein einziges Ei! Wenn er es
+aber merkt? Seine Eier sind ja alle gezeichnet!< Petka hatte schon in des
+Diakons Kiste hineingeschaut. >Datum und Monat sind auf jedem Ei
+verzeichnet, man wird es merken, und dann stehe ich als Dieb da. Und als
+Dieb werde ich auf den Chitrowka-Markt gehen müssen. Und Großmutter? Wie
+wird sie ohne mich leben?< -- >Ich lebe nur für dich, Petuschok, sonst wäre
+es für mich längst Zeit zu sterben!< -- pflegt Großmutter zu sagen. >Nein,
+vom Diakon will ich nichts nehmen. Aber wie kann ich mir ein Ei
+verschaffen? Ich brauche ja nur ein einziges!<
+
+Ein Zufall kam Petka zu Hilfe. Großmutter wollte einmal ihrem Petuschok
+eine Freude machen und ihn mit Spiegeleiern traktieren. Und sie schickte
+Petka zum Kaufmann, um drei Eier zu kaufen. Petka brachte bloß zwei Eier
+mit: das dritte versteckte er und sagte der Großmutter, er habe es
+zerbrochen.
+
+»Da hast du es, Petuschok: die Kuh hat dir das Geldstück gefressen, und das
+Ei hast du zerbrochen!« Das zerbrochene Ei tat der Großmutter furchtbar
+leid.
+
+Petka hätte wohl sonst die Eierspeise vor Ärger gar nicht angerührt; aber
+jetzt, wo er in seiner Tasche das Ei liegen hatte, aus dem alles kommt, aus
+dem auch ein Hähnchen kommen konnte, machte er sich nicht viel daraus: soll
+nur Großmutter sagen, was sie will. Er verzehrte schnell sein Spiegelei,
+wischte sich nicht einmal den Mund ab und lief in den Schuppen zu der
+Truthenne. Er legte ihr das Ei unter den Schwanz und wartete der Dinge, die
+da kommen sollten. Die Truthenne sah aber gar nicht hin, als wenn da gar
+kein Ei läge, und dachte gar nicht daran, sich draufzusetzen.
+
+Was ist denn das? Und wenn sie sich nicht hinsetzt?
+
+»Setz dich, Truthenne, setz dich, bitte!« Petka kauerte hin, starrte auf
+die rosa Warzen der Truthenne und verharrte so, ohne zu atmen, ohne sich zu
+regen, von dem einen hartnäckigen Gedanken, dem einen heißen Wunsch, der
+einen Bitte beseelt: »Setz dich doch, Truthenne, setz dich, bitte!«
+
+Die Truthenne blies sich auf und setzte sich auf das Ei, ja, ganz genau auf
+das Ei.
+
+Und Petka kauerte noch lange vor ihr, wandte keinen Blick von der
+Truthenne, von dem einen hartnäckigen Gedanken, von dem einen heißen Wunsch
+beseelt . . .
+
+Die Truthenne saß ruhig und fest auf dem Hühnerei.
+
+Petka erhob sich leise, ging aus dem Schuppen und lief von hinten herum zu
+einem Spalt in der Wand. Er blieb am Spalt kleben: die Truthenne saß ruhig
+und fest auf dem Hühnerei.
+
+Sollte er es der Großmutter sagen? Nein, Großmutter wird es schon selber
+sehen. Wie wird sie sich freuen, wenn sie die Truthenne auf dem Ei sitzen
+sieht!
+
+Petka stand den ganzen Tag Wache am Spalt: er paßte auf die Truthenne auf
+und wartete auf die Großmutter. Großmutter kam in den Schuppen, um der
+Truthenne ihr Futter zu geben.
+
+»Gepriesen sei der Schöpfer!« flüsterte die Alte. Sie bekreuzigte sich, sie
+trippelte aufgeregt umher, sie traute ihren Augen nicht, sie konnte es
+einfach nicht begreifen: die Truthenne hatte ein Ei gelegt, die Truthenne
+saß auf einem Ei!
+
+Am Abend nach diesem langen, wundervollen Tage legte sich Petka schlafen,
+auch Großmutter ging zu Bett. Petka drehte sich hin und her und konnte
+nicht einschlafen: er wartete immer, daß Großmutter etwas von der Truthenne
+sagen werde. Auch Großmutter wälzte sich immer von der einen Seite auf die
+andere: sie hatte große Lust, von der Neuigkeit zu sprechen, fürchtete
+aber, das Glück zu berufen.
+
+Lange beherrschte sich die Alte, hielt es aber schließlich doch nicht aus.
+»Petuschok!« rief die Großmutter.
+
+»Großmutter!« Der Schlingel begriff sofort, um was es sich handelte. Er tat
+aber so, als ob er ihr aus dem Schlafe antwortete.
+
+»Du schläfst noch nicht, Petuschok?«
+
+»Was willst du, Großmutter?«
+
+»Der liebe Gott hat uns seine Gnade erwiesen!« Großmutter fing sogar zu
+lachen an und keuchte vor Freude. »Ein Ei! Die Truthenne sitzt . . .«
+
+»Sie sitzt, Großmutter?«
+
+»Ja, Petuschok, sie sitzt . . .« Großmutter sagte es mit schwacher Stimme
+und bekam einen Hustenanfall.
+
+»O Großmutter, wir werden jetzt einen Truthahn haben, ein Hähnchen?«
+
+»Ein Truthähnchen, ein kalikutisches Hähnchen«, flüsterte die Großmutter,
+als ob im kalikutischen Hähnchen das ganze Geheimnis, das ganze Glück von
+ihrem und Petkas Leben läge.
+
+»Wird es bei uns wohnen?«
+
+»Gewiß, Petuschok, wo denn sonst?«
+
+»Wir werden es doch nicht aufessen, Großmutter?«
+
+Großmutter antwortete nicht mehr, Großmutter war schon eingeschlafen,
+beglückt und erfreut durch die göttliche Gnade, durch den Gedanken an das
+kalikutische Hähnchen, das nach einundzwanzig Tagen aus dem Hühnerei kommen
+sollte.
+
+Das Öllämpchen flackerte leise vor den Bildchen und Kreuzchen, vor den
+>Vier Marienfesten<: Maria Schutz und Fürbitte, Aller Leidenden Freude, der
+Muttergottes von Achtyrka und Mariä Erscheinung -- und vor den >Moskauer
+Wundertätern<: Maxim dem Seligen, Wassili dem Seligen und Johannes dem
+Narren in Christo. Die Berge der >Mutter-Einöde< glühten im Lichte der
+Nachtlampen rot und schnitten sich wie mit Flammenzungen in den Moskauer
+Kreml hinein.
+
+»Großmutter, ich werde das Hähnchen lieben!« Petka-Petuschok, Großmutters
+Hähnchen, schlief mit diesen Worten ein.
+
+Jeden Tag, ganz gleich, ob es nötig war oder nicht, schaute Großmutter in
+den Schuppen nach der Truthenne; sie dankte jedesmal Gott für die ihr
+erwiesene Gnade und zählte die Tage. Auch Petka zählte die Tage und war
+nicht weniger aufgeregt als die Großmutter; er ließ seinen Drachen nicht
+mehr steigen, dachte nicht mehr an seine Schlangenklapper und vergaß, daß
+er das Ei selbst unter die Truthenne gelegt hatte: er glaubte an das
+Hühnerei, als ob es ein echtes, von der Truthenne selbst gelegtes Ei wäre.
+Die Truthenne, die sich gegen jede Truthennensitte so unzeitgemäß auf das
+Ei gesetzt hatte, saß auf dem Hühnerei ruhig und fest und dachte gar nicht
+daran, aufzustehen und im Schuppen spazierenzugehen. Kam es daher, daß sie,
+seit sie auf der Welt war, bis in ihr tiefes Alter hinein, noch niemals
+gelegt und keine Ahnung von Eiern, weder von eigenen noch von Hühnereiern
+hatte? Oder daher, daß Petka durch seinen Willen wirkte oder Großmutters
+Gebet Gehör gefunden hatte -- jedenfalls entbrannte in ihr die Brutlust wie
+bei einer richtigen Glucke, und die rosa Warzen auf ihrem Kopfe wurden
+immer blasser.
+
+Und so vergingen zwanzig Tage und ein Tag.
+
+Petka konnte nicht mehr schlafen: »Und wenn kein Hähnchen herauskommt, wenn
+es ein taubes Ei ist?« Wie konnte er auch schlafen? Jeden Morgen, sobald es
+tagte, lief er in den Schuppen, nach der Truthenne zu sehen.
+
+»Petuschok kommt gegangen, hat die Sonne eingefangen!« sang Petka, auf
+einem Beine hüpfend. Draußen im Schuppen und auch in Großmutters Stube
+hauchte er das Hähnchen mit seinem warmen Atem an, als ob im Hähnchen das
+ganze Geheimnis, das ganze Glück von seinem und Großmutters Leben läge.
+
+»Gelobet seist du, Herr! Gepriesen sei dein Langmut!« Großmutter konnte
+sich vor Freude kaum auf den Beinen halten.
+
+
+3
+
+Der Herbst fiel in jenem Jahre trocken und warm aus. Die Sonne schien zwar
+nur wenige Stunden am Tage, befiederte aber doch das kalikutische Hähnchen:
+es wuchs heran, krähte mit heiserer Stimme, tat sehr vornehm, fiel über die
+im Frühjahr zur Welt gekommenen Hähne des Diakons her und raufte mit ihnen
+wie ein richtiger Hahn. Alle Anzeichen sprachen dafür, daß es einen
+spitzen, hellroten Kamm, kräftige Sporen und eine laute Stimme haben würde:
+es war eben ein echtes kalikutisches Hähnchen!
+
+Nicht die Truthenne -- wie sollte sie auch? -- die Truthenne starb langsam
+dahin --, sondern die Großmutter pflegte das Hähnchen, und als die warmen
+Tage von kalten abgelöst wurden, nahm sie es aus dem Schuppen in die Stube.
+Großmutter wird Petkas Glück wohl bewachen, sie wird das Hähnchen
+großziehen, so wie sie Petka großgezogen und sich ihr Glück für ihre alten
+Tage erhalten hat.
+
+Zugleich mit der Kälte und der Oktobernässe brach eine unruhige Zeit an,
+die denkwürdigen Tage der Volksopfer und der Freiheit.
+
+Daß auf den Hauptstraßen das elektrische Licht nicht mehr brannte und ganz
+in der Nähe auf dem Kursker Bahnhof die blank geputzten Lokomotiven
+unbeweglich dastanden und froren; daß die schrecklichen roten Schlote der
+Goujon-Werke in der Pokrowka-Vorstadt nicht mehr qualmten und am Himmel
+hinter dem Androni-Kloster kein Feuerschein bebte -- das alles hätte doch,
+könnte man meinen, auf Großmutter in ihrer Kellerstube nicht den geringsten
+Eindruck machen sollen: Großmutter brauchte kein elektrisches Licht, sie
+ging abends nie aus, beabsichtigte nicht zu verreisen und hatte auch mit
+den Goujon-Werken nicht das geringste zu schaffen. Großmutter wohnte aber
+in ihrem Keller nicht allein: ihre Nachbarn, lauter einfache Arbeiter,
+waren mit einer festen Kette an die roten Schlote der Goujon-Werke wie auch
+an die blanken Kursker Lokomotiven gebunden; der Umstand, daß die Schlote
+nicht mehr qualmten und die Lokomotiven stillstanden, hatte sie aus ihrer
+Arbeitsbahn geschleudert, ihr ganzes arbeitsvolles Leben auf den Kopf
+gestellt, die Erde erschüttert und ihre Tage zu Tagen des jüngsten Gerichts
+gemacht. Das Gefühl, das die Straßen ergriffen hatte und in das Leben und
+die Gedanken des Alltags als ein Weltuntergang eingedrungen war, das sich
+von Vorstadt zu Vorstadt, von Straße zu Straße, von Gäßchen zu Gäßchen, von
+Sackgasse zu Sackgasse, von Fabrik zu Fabrik, von Keller zu Keller als die
+dunkle Vorahnung einer schweren Not fortpflanzte, hatte auch die greise
+Seele der Großmutter an der Schwelle ihres Todes erfaßt.
+
+Der auf dem Chitrowka-Markt fast gänzlich verschollene Neffe der
+Großmutter, der >Räuber<, erschien eines Tages wieder in Großmutters
+Kellerwohnung bei der Kirche des heiligen Nikola Kobylski.
+
+Sein von Rheumatismus gekrümmter Arm, seine Nase, die wie drei Nasen
+übereinander aussah -- (es kam von der Elephantiasis), der schwarze
+abgetragene Überzieher, unter dem er nichts als die ganz zerfetzte,
+ungewaschene, vor Schmutz steife Wäsche hatte -- all das jagte der
+Großmutter Angst und Schrecken ein. Großmutter fürchtete gar nicht, daß er
+von ihr Geld verlangen und ihr das Messer an die Kehle setzen würde: sie
+würde ihm das letzte Geld geben, obwohl sie es gar nicht leicht haben und
+nachher mit Petka viele Tage würde hungern müssen; es überfiel sie die
+schreckliche Vorahnung, daß der Neffe, Petkas Vater, der >Räuber<, ihrem
+Petka etwas antun würde. Was er ihm aber antun würde und was er Petka
+überhaupt antun könnte, darüber vermochte sie sich keine Rechenschaft zu
+geben. Doch in der Tiefe ihrer greisen Seele fühlte sie ganz deutlich, daß
+Petka eine Gefahr drohte, daß das Unglück bereits aus seinem schrecklichen
+knöchernen Reiche herausgekrochen war und immer näher heranrückte, daß es
+schonungslos, unerbittlich und grausam an Petuschoks kindliches, kleines
+Herz heranschlich.
+
+Der Neffe hatte Durst und Hunger. Großmutter richtete für ihn den Samowar.
+Petka kam aus der Schule, und sie setzten sich alle an den Tisch, Tee
+trinken.
+
+Petka hatte von den Pilgern, mit denen er auf seinen Wallfahrten
+zusammengekommen war, viele Heiligengeschichten gehört und wußte, wie die
+Heiligen ihre Kronen erworben hatten: und nun sehnte er sich danach, einmal
+Räuber zu werden, sich eine schwere Sünde auf die Seele zu laden, dann Buße
+zu tun, in ein Kloster zu gehen und in einer Höhle zu leben. Nun saß er
+aber an einem Tisch mit einem Räuber, trank mit ihm aus demselben Samowar
+Tee, und dieser Räuber, Großmutters Neffe, war sein leiblicher Vater. Petka
+wandte keinen Blick vom Vater und starrte seine dreistufige Nase mit
+derselben verzehrenden Neugier an, mit der er einst im Schuppen die rosa
+Warzen der Truthenne betrachtet hatte. Und da er nicht wußte, wie er dem
+Vater gefällig sein und dem Räuber seine Kühnheit zeigen konnte, sprang er
+plötzlich von Stuhl, packte das Hähnchen, das sich unter das Sofa
+verkrochen hatte, an den Flügeln und schleppte es herbei.
+
+»Schau dir das Hähnchen an«, sagte Petka, »ein kalikutisches ist es!«
+
+»Petka und ich haben nur einen Wunsch, daß dem Hähnchen nichts geschieht;
+sonst brauchen wir nichts!« sagte Großmutter, als ob sie sich rechtfertigen
+müsse; ihre Hände zitterten, und ihr Kopf wackelte hin und her.
+
+Der Räuber blinzelte dem Hähnchen zu -- ein feines Hähnchen! Der Räuber aß
+mit großer Hast und entschädigte sich für alle die Hungertage, derentwegen
+ihm der Magen knurrte. Nachdem er Petkas und Großmutters Mittagsessen
+verzehrt hatte, machte er sich über den Tee her. Das heiße Getränk erwärmte
+ihn, machte ihn schlaff und löste ihm die Zunge. Und er begann ganz wirres
+Zeug zu reden, wobei er über Petka und die Großmutter hinwegsah, genauso
+wie Petka über die Großmutter hinweggesehen, als er ihr vom Luftballon
+erzählt hatte, auf dem sie einst wohnen würden: er, das Hähnchen und die
+Großmutter. Aus den Worten des Räubers folgte, daß nun fast alles erlaubt
+sei, daß es keine Gesetze mehr gebe, daß alle Gesetze abgeschafft seien und
+daß heute oder morgen alle Gelder in seine Hände übergehen würden; und da
+würde die blutige Abrechnung beginnen.
+
+»Die gebildeten Schichten . . . Revolution . . .« Der Räuber gebrauchte
+lauter unverständliche und schwierige Worte und machte mit dem Finger die
+Gebärde des Halsabschneidens. »Eine Gräfin werde ich mir zur Frau nehmen!«
+
+Und je wärmer es dem Räuber wurde, um so verworrener und unwahrscheinlicher
+klangen seine Worte. Petka hörte dem Vater mit offenem Munde zu und starrte
+auf seine dreistufige Nase. Großmutter schüttelte den Kopf.
+
+»Petka und ich haben nur den einen Wunsch, daß dem Hähnchen nichts
+geschieht. Sonst brauchen wir nichts«, flüsterte Großmutter, als müßte sie
+Petka und sich rechtfertigen.
+
+Der Räuber trank die letzte Tasse Tee aus und ging mit Großmutters letztem
+Kleingeld in der Hand fort. Großmutter blieb mit Petka und dem
+kalikutischen Hähnchen allein. Sie räumten alles auf, stellten den Samowar
+weg, spülten die Tassen ab und fegten mit einem Flederwisch die Brotkrumen
+in einen Beutel; Petka machte seine Schulaufgaben, dann saßen sie noch eine
+Weile beisammen, gähnten, schwiegen und schlugen so den Abend tot. Nachdem
+sie das Abendgebet gesprochen hatten, sahen sie unter das Sofa nach dem
+Hähnchen: ob es schon schlafe oder nicht. Das Hähnchen schlief schon
+längst. Nun gingen sie selbst auch zu Bett.
+
+Petka wälzte sich hin und her und konnte nicht einschlafen. Auch Großmutter
+drehte sich immer von der einen Seite auf die andere: sie fühlte Unruhe und
+Angst.
+
+»Petuschok!« rief Großmutter, als sie ihre Angst nicht länger bemeistern
+konnte.
+
+Petka warf sich im Bette mit offenen Augen hin und her: er sah sich schon
+als Räuber und baute sich aus den unverständlichen Räuberworten, die er vom
+Vater gehört hatte, Räubertaten und ein Räuberleben auf.
+
+»Petuschok, du, Petuschok!« rief Großmutter noch leiser, noch freundlicher.
+
+»Was ist denn, Großmutter?« Petka sprang auf: es war ihm, als hätte er
+Großmutters Stimme gehört.
+
+»Ich bin es, Petuschok, fürchte dich nicht.« Großmutter konnte vor Angst
+kaum sprechen. »Geh nicht fort, Petuschok . . .«
+
+»Unter die Räuber will ich gehen, Großmutter«, antwortete Petka
+augenblicklich. »Als Räuber will ich leben! Und auch du, Großmutter, sollst
+unter die Räuber gehen . . .«
+
+»Geh nicht fort, Petuschok!« piepste Großmutter so leise, daß Petka sie gar
+nicht hörte. Dann lag sie wie starr in unheimlicher Angst da: jeder Ton,
+jedes Rascheln schien ihr unheilverkündend, das Hundegebell erschreckte
+sie, und es war ihr, als schleiche sich schon jemand an ihre Kellertür
+heran, ein Dieb, ein böser Mensch, um ihr ihren Petka, ihren Petuschok zu
+nehmen.
+
+Petka lag mit offenen Augen da; er war aber nicht mehr Petka, sondern ein
+echter Räuber mit schwarzem, wie beim Morosowschen Kutscher mit Butter
+eingefettetem Haar, mit einer dreistufigen Nase und einem gekrümmten Arm;
+er wird Großmutter und das kalikutische Hähnchen abholen, sie werden zu
+dritt in einem Luftballon nach dem Chitrowka-Markt fliegen und dort als
+Räuber leben; und dann beginnt die blutige Abrechnung.
+
+Das Öllämpchen flackerte leise vor den Bildchen und Kreuzchen, vor den
+>Vier Marienfesten<: Maria Schutz und Fürbitte, Aller Leidenden Freude, der
+Muttergottes von Achtyrka und Mariä Erscheinung -- und vor den >Moskauer
+Wundertätern<: Maxim dem Seligen, Wassili dem Seligen und Johannes dem
+Narren in Christo. Die Berge der >Mutter-Einöde< glühten im Scheine der
+Nachtlampe rot und schnitten sich wie mit Flammenzungen in den Moskauer
+Kreml hinein.
+
+»Ich bin unter die Räuber gegangen, Großmutter«, murmelte Petka im Schlafe.
+
+Der unruhige Herbst war zu Ende, der Winter brach an. Großmutters Unruhe
+hatte sich nicht gelegt, und Petka war nicht mehr zu bändigen: wenn der
+Schlingel das Schlucken bekam, begann er, statt ein Vaterunser zu beten --
+früher betete er in solchen Fällen ein Vaterunser, das wirklich half --,
+ganz sinnlose Abzählreime aufzusagen. Großmutter hatte sich nicht beruhigt,
+in den Straßen war es nicht stiller geworden, der grimmige Frost hatte
+Moskau nicht abgekühlt, und das Leben war nicht zum Alltag mit seiner
+Arbeit und Sorge zurückgekehrt. Auf unbekannten, ungeahnten Wegen nahte und
+rückte an das russische Volk die schwere Not heran, die unbarmherzige,
+unerbittliche, grausame Not; sie trieb es in ferne Länder fort, zu einem
+fremden Volke, und zerstreute es dort in Spott und Schande; sie brachte es
+an die Gestade eines fremden Ozeans und ertränkte es darin, schrecklicher
+als ein Sturm und ein Ungewitter; nun schlich sie dunkel und unersättlich
+aus dem fremden gelben Lande dicht an den Moskwa-Fluß heran und bedrohte
+das Herz unseres unglückseligen, verbitterten Landes. Ob unserer großen
+Sünden wegen, wie Großmutter sagte, oder allen Einfaltigen zur Belehrung,
+wie der barfüßige Mäßigkeitsapostel aus der Teestube an der Sazepa
+behauptete, ob als Strafe für das wahnsinnige Schweigen der ganzen Welt --
+jedenfalls wurde das stumme, sprachlose, noch geschwächte, doch immer und
+immer wieder bestrafte russische Volk, nachdem es drei Plagen überstanden,
+wieder der schweren Not preisgegeben.
+
+Und gleich den feurigen Bergen auf dem Bilde der Moskauer Wundertäter
+schnitten sich auch in Wirklichkeit feurige Berge wie mit Flammenzungen in
+den Moskauer Kreml hinein, und ein rauchender Feuerschein ergoß sich über
+die Stadt.
+
+Am Samstag nach dem Nikolatage setzte sich Großmutter mit Petka um die
+Mittagszeit an den Tisch; sie wollten irgend etwas essen -- in diesen Tagen
+kümmerte sich kein Mensch um die Großmutter, man hatte sie vergessen, und
+die beiden saßen oft wochenlang ohne einen Bissen.
+
+»Großmutter«, Petka sprang auf, »hörst du es?«
+
+Großmutter legte den Löffel weg und knabberte an einer Brotrinde.
+
+»Großmutter . . .« Petka sah zum Klappfenster hinaus.
+
+Großmutter rührte sich nicht. Sie schüttelte den Kopf wie beim Besuch des
+Räubers.
+
+»Großmutter, man schießt!« und mit diesen Worten lief Petka zur Tür hinaus.
+
+Es wurde irgendwo ganz weit auf der Twerskaja geschossen, und das dumpfe
+Dröhnen klang auf dem Semljanoj-Wall wie von unter der Erde. Die
+Fensterscheiben erklirrten.
+
+Großmutter hatte noch nichts gemerkt, Petka hatte es aber sofort gehört.
+Und nun hörte es auch die Großmutter; sie bekreuzigte sich wie bei einem
+Donnerschlag.
+
+Es begann eine unruhige Zeit. Das Unglück stand an jeder Ecke, an jeder
+Straßenkreuzung; es lauerte unersättlich, dunkel, strafend bei Tag und bei
+Nacht, wo viele Menschen versammelt waren und auch, wo es gar keine
+Menschen gab.
+
+Großmutter hatte Angst, Petka von ihrer Seite zu lassen. Wie leicht konnte
+ihm etwas zustoßen: Großmutter sah in den Leuten, die die Fabrikarbeiter
+zum Streik ermunterten, in den Freischärlern, in den Kosaken und Dragonern,
+die die Sadowaja zum Kursker Bahnhof passierten, lauter Räuber. Und es
+wurde immerfort geschossen: irgendwo in Kudrino, und auf der Presnja, und
+gleich in nächster Nähe, auf der Mestschanskaja; in einem fort wurde
+geschossen, und das Gedröhn drang immer lauter in die Kellerstube hinein;
+es klang, als ob man mit Peitschen knallte oder trockene Äste abbräche.
+
+Seit dem Nikolatage konnte Großmutter keine Nacht mehr schlafen: sie paßte
+auf Petka auf, wie sie in den ersten Wochen auf das Hähnchen aufgepaßt und
+wie Petka selbst, am Spalt hinter dem Schuppen lauernd, auf die Truthenne
+mit dem Hühnerei aufgepaßt hatte.
+
+Den Jungen zog es hinaus, er konnte nicht zu Hause bleiben, er konnte nicht
+ruhig sitzen.
+
+Petka lief mit den anderen Jungen nach der Sucharewka fort; Großmutter lief
+hinter ihm her.
+
+Das war einmal eine Zerstreuung für Petka: früher pflegten die Jungen auf
+dem Eise eine Rodelbahn zu bauen: jetzt galt es, die Straße zu versperren.
+
+Petka griff nach einer Telegraphenstange.
+
+»Schlepp sie her!« schrie der Bengel der Großmutter zu.
+
+Was sollte Großmutter machen? Vor Angst zitterten ihr die Hände, wie konnte
+sie überhaupt daran denken, eine Telegraphenstange zu schleppen! Sie konnte
+nicht einmal einen Kienspan halten. Großmutter hob ein Häuflein Späne vom
+Boden auf und trug es hinter den Kindern her. Und sie legte ihr Scherflein
+auf die gemeinsame Barrikade, auf den Haufen des aufgestapelten Krams, zu
+den Kisten, Gittern, Telegraphenstangen und Ladenschildern.
+
+»Bravo, Großmutter!« spotteten die Leute über die Alte; ein Hausmeister mit
+einem Räubergesicht grinste, indem er frierend einen Fuß gegen den andern
+schlug.
+
+»Es ist unserer großen Sünden wegen«, flüsterte Großmutter. Sie war von
+ihrer Arbeit mit den Spänen ganz erschöpft, blieb aber doch nicht hinter
+Petka zurück.
+
+Er war aber ein ganzer Kerl! Er kletterte ganz hinauf, wo die rote Fahne
+wehte, schob sich die Mütze, die Mütze mit dem Lacklederschirm, wie ein
+verwegener Kosak schief aufs Ohr, und die Fahne über ihm leuchtete so rot
+wie ein Kelchtuch.
+
+»Klettere auch du herauf; Großmutter!« rief Petka, der singende Petuschok,
+zu seiner Großmutter hinunter.
+
+Wie konnte sie hinter ihm zurückbleiben? Selbst auf den Sucharewturm würde
+sie hinaufklettern!
+
+Als zur Abendmesse geläutet wurde und zugleich mit dem Glockengeläut die
+unheimliche Kanonade dröhnte, machte Großmutter sich bereit, in die Messe
+zu gehen. Petka war vorausgelaufen und spielte mit den anderen Kindern beim
+Kuhstall des Diakons; sie spielten >Kosaken und Streikende<.
+
+Als Großmutter ihre gesteppte Wattejacke angezogen und den Kopf in ein
+schwarzes Wolltuch gewickelt hatte, sah sie unter das Sofa nach dem
+hungrigen Hähnchen, ob es schon schlafe oder nicht: das Hähnchen schlief.
+Sie brachte das Öllämpchen in Ordnung -- aus der Dämmerung blickten die
+Antlitze der Wundertäter und der Muttergottes sie an --, und es wurde ihr
+plötzlich ganz traurig zumute.
+
+Sie seufzte, weil sie jetzt so dürftig leben mußten: die Feiertage rückten
+heran, und sie hatte nichts, um sie zu begehen! So schwer hatte sie es, und
+es war schon Zeit, daß sie starb; und Petka tat ihr so leid . . . Er war ja
+noch ein kleines Kind! . . . Wenn er doch schon auf eigenen Beinen stünde!
+Aber er war ja noch ein unmündiges Kind.
+
+»Heilige Muttergottes, Allgepriesene, Fürbitterin . . .« Großmutter legte
+die Finger zusammen, um sich zu bekreuzigen.
+
+»Macht schon ein Ende!« sagte jemand hinter der Wand entweder bei den
+Stubenmalern oder bei den Mützenmachern; wahrscheinlich jemand, der
+gekommen war, um die Arbeiter zum Streik zu ermuntern.
+
+Großmutter fuhr zusammen und wandte sich um: in der Tür stand ihr Neffe,
+der Räuber.
+
+»Gib Geld her, Alte!« drang der Räuber auf sie ein.
+
+Großmutter schüttelte den Kopf: »Du kannst mir den Kopf abhacken, aber ich
+habe nichts!«
+
+»Du sagst, du hast nichts?« drang der Räuber auf sie ein.
+
+»Bei Gott . . . nein . . .«
+
+Der Räuber packte die Großmutter am Kragen und stieß sie mit der Nase gegen
+die Kommode.
+
+»Such, sage ich!«
+
+Großmutter tastete unter dem Heiligenschrein herum und reichte dem Räuber
+wortlos -- sie konnte vor Angst die Zunge gar nicht bewegen -- die drei
+Knäuel: den Knäuel Stricke, den Knäuel Bindfaden und den Knäuel bunte
+Schnur, alles, was sie während der vielen Jahre zusammengebracht hatte
+. . . Der Räuber hieb auf die Alte mit der Faust ein, ein Knäuel kam ins
+Rollen, Großmutter kauerte nieder, wie die Truthenne vor Petka, und blieb
+starr am Boden sitzen.
+
+Der Räuber wirtschaftete indessen nach Herzenslust: er stürzte Großmutters
+eisenbeschlagenen eichenen Koffer um, warf die ganze Leichenausstattung
+heraus: das Hemd, das Leichentuch, die Pantoffeln und die Leinwand, riß die
+Tür des Kleiderschranks auf, sah in den Kleiderschrank hinein -- da war
+nichts! und machte sich an die Kommode: er durchstöberte alle Schubladen,
+nahm alles heraus -- aber auch in der Kommode war nichts! Die mittlere
+Schublade ließ sich nicht herausziehen: er arbeitete lange an ihr herum und
+konnte nichts machen . . .
+
+Das rollende Knäuel weckte das Hähnchen; es kam unter dem Sofa hervor,
+schlug mit den Flügeln und krähte mit heiserer Stimme wie um Mitternacht.
+Es krähte zu seinem eigenen Verderben, das kleine gelbe Hähnchen mit dem
+Schöpfchen . . .
+
+Der Räuber fing das Hähnchen ein, drehte ihm den Hals um und schmiß es der
+Großmutter vor die Füße.
+
+»Krepier daran!« Und mit diesen Worten ging er.
+
+Draußen beim Kuhstall war ein Höllenlärm: die Kinder spielten wie
+ausgelassen. Ein Haufen verfolgte den andern. Petka lief mit Geschrei auf
+die Straße hinaus und wollte auf die andere Seite hinüber. Eine Patrouille,
+die von der Sucharewka kam und eben an der Chischinschen Fabrik
+vorüberritt, eröffnete Feuer, um sich den Weg frei zu machen. Petka fiel
+mit der Nase in den Schnee, griff sich an die Mütze und stand nicht mehr
+auf.
+
+Man brachte den bereits erstarrten Petka mit zerrissener Brust und
+durchschossenem Herzen zu Großmutter in den Keller; auch Petkas Mütze mit
+dem Lacklederschirm brachte man mit.
+
+So war also das Unglück gekommen, von daher! Nun galt es, es hinzunehmen.
+
+Großmutter nahm alles hin. So alt sie auch war, lebte sie doch noch in
+ihrer Kellerstube weiter und versäumte keinen einzigen Gottesdienst; und
+wenn es beim Nikola Kobylski eine Leiche gab, so ging sie hin und wohnte
+mit einer Kerze in der Hand der Totenmesse bei. Sie hatte den
+Teeglasuntersatz mit dem Weintraubenmuster und die beiden silbernen Löffel
+ihrem Neffen gegeben; sie hatte es ja für Petka aufbewahrt, und Petka
+brauchte die Sachen nicht mehr! Der Neffe verschwand mit dem Untersatz und
+den Löffeln und kam nie mehr zu Großmutter. Und die Truthenne ging ein.
+
+>Petuschok kommt gegangen, hat die Sonne eingefangen!< Petkas Liedchen geht
+Großmutter oft durch den Kopf; sie denkt oft an ihren Petka, den Petuschok.
+Und sie erzählt so leise, als ob jemand in der Stube schliefe oder krank
+wäre und sie ihn mit ihrer Stimme zu wecken fürchtete, von der Truthenne,
+vom wunderbaren Ei, vom kalikutischen Hähnchen, vom Räuber, und wie sie mit
+Petka an der Sucharewka eine Barrikade gebaut, und wie man ihren Petka ganz
+erstarrt, mit zerrissener Brust und durchschossenem Herzen und auch Petkas
+Mütze mit dem lackledernen Schirm zu ihr in den Keller gebracht hatte.
+
+»Ich ging hin, Väterchen«, erzählte Großmutter leise und immer leiser --
+»um eine Kerze vor der Muttergottes aller Gekränkten anzuzünden: ich wollte
+die Kerze vor das Bild stellen, aber die Hand wollte sich nicht heben
+lassen . . .« Großmutter versuchte, ihre zitternde Hand zu heben, aber die
+Hand sank immer wieder herab: es war die Kränkung, die unverschuldete,
+bittere, tödliche Kränkung, die ihre Hand lähmte und ihre Augen mit
+Bitternis verdunkelte: und die Hand zitterte, sie wollte sich erheben und
+konnte es nicht, und die blauen blutleeren Adern schwollen dick an, und die
+dürren Finger krampften sich fest zusammen: so hatte sie das Lichtlein
+gehalten, das sie vor der Muttergottes aller Gekränkten, der Muttergottes,
+die alle unverschuldeten, bitteren, tödlichen Kränkungen hinnimmt, anzünden
+wollte . . . »Und ich stellte die Kerze hin!« Großmutter schüttelte den
+Kopf und hob die Hand so leicht, wie die Moskauer Wundertäter: Maxim der
+Selige, Wassili der Selige und Johannes der Narr in Christo ihre Hände
+hoben; und ihre Hand zitterte nicht mehr. So hielt sie ihr Lichtlein, ihr
+leuchtendes, unauslöschliches Flämmchen, das in ihrem Herzen den letzten
+Rest der Kränkung verzehrte, den letzten Rest der unverschuldeten,
+bitteren, tödlichen Kränkung. Und ihre Augen leuchteten so still und warm:
+es war der Glaube, der in ihren Augen leuchtete, der feste,
+unerschütterliche Glaube, der das Lichtlein, das heilige Flämmchen durch
+jedes Unglück, durch jede Plage, durch alle Not trug, da ihr schon alles
+genommen war: das kalikutische Hähnchen und Petka, der Petuschok.
+
+
+
+
+Prinzessin Mymra
+
+
+
+1
+
+Schön hat es Atja in Kljutschi gehabt: so schön, daß er, wenn die
+Erinnerung daran auch nur in einem winzigen Stückchen durch sein Gedächtnis
+huscht, sofort alles übrige, alles, was ihn jetzt umgibt, vergißt; der Alte
+Newski, wo er mit seinen Eltern wohnt, das Gymnasium mit den Aufgaben,
+Zensuren und Pausen, alle Lehrer -- vom >Deutschen< Iwan Martynytsch bis
+zum Schönschreiblehrer Iwan Jewsejitsch, alle Schüler der ersten Klasse und
+sogar seine Busenfreunde -- Romaschka und Charpik --, alles versinkt und
+verschwindet, als wäre es nie gewesen, als hätte es überhaupt niemals etwas
+anderes in der Welt gegeben als das Dorf Kljutschi.
+
+»Die Arbeit ist kein Wolf und rennt mir nicht davon«, sagt sich Atja. Er
+legt das verhaßte Lehrbuch weg und gibt sich ganz den Erinnerungen hin.
+
+Oder er erwacht mitten in der Nacht -- es genügt auch das leiseste
+Geräusch: jemand schnarcht in der Küche, oder sein Bett knarrt --, und dann
+ist ihm sofort, als liege er nicht in seinem Bett, sondern auf dem grünen
+Rasen, als sei er nicht in Petersburg, sondern fern von hier, im geliebten
+Kljutschi, wo er aufgewachsen war und bis zu seinem Eintritt ins Gymnasium
+bei seinem Großvater, dem Landgeistlichen P. Anissim, gelebt hatte. Und
+dann liegt er die ganze Nacht da und sucht sich das Rauschen des Windes und
+der Ähren vorzustellen, um endlich wieder einschlafen zu können. Der Schlaf
+will aber nicht kommen. Hätte er nur Flügel oder den fliegenden
+Zauberteppich, so würde er sofort allem ade sagen und nach Kljutschi
+fortfliegen.
+
+Das Kirchdorf liegt auf einer Anhöhe. Unten steht die weiße Kirche. Der
+Kirche gegenüber liegt das Haus des Großvaters mit dem Garten und den
+Bienenstöcken. Gleich hinter dem Zaun fließt der Fluß vorbei. Kossa heißt
+der Fluß. Und hinter dem Flusse sind Felder; auch hinter der Kirche sind
+Felder. Und dann kommt wieder eine Anhöhe, und dann zieht sich viele Werst
+weit ein Wald hin. Es ist ein dichter, nach Honig duftender, noch von
+keiner Axt berührter Wald. Ein Tier kann da noch einigermaßen durchkommen,
+aber der Mensch muß schon gut aufpassen. Die Ameisenhaufen sind hier wie
+Heuschober. Wenn man im Herbst in den Wald geht, um Pfifferlinge oder
+Reizker zu suchen, so zündet man die Ameisenhaufen an: die Wölfe können den
+Ameisengeruch nicht leiden; es ist ein gutes Mittel gegen die Wölfe.
+
+Auf dem weißen Kirchturm wohnen die Schwalben; es sind ihrer unzählige.
+Sobald die Sonne untergegangen ist, beginnen sie herumzujagen und beim
+Fliegen in ihrer Sprache zu reden. Die Schwalben sind alt: jedes Frühjahr
+kommen sie wieder auf den Kirchturm von Kljutschi. Was lockt sie her? Das
+Läuten der ausgeläuteten kleinen Kirchenglocken? Oder hängen sie so am
+alten Großvater? Die Schwalben wissen viel und können sich wohl an vieles
+erinnern: wie der Großvater noch jung war, wie seine Frau starb, wie Atjas
+Mutter zur Welt kam . . . Und jetzt:
+
+»Atja ist wieder da«, rufen die Schwalben. »Wie furchtbar groß ist er über
+den Winter geworden!«
+
+Ziegen und Schafe, Kühe und Kälber, Schweine und Pferde, Gänse und
+Truthühner -- alle wissen sofort, daß Atja wieder da ist. Tiere und Vögel
+sind ja verständig und empfinden mit ihren Haaren und Federn alles.
+
+Von der Bahnstation Medwedki kann man, wenn man schnell fährt, in einem Tag
+nach Kljutschi kommen. Atja setzt sich in den Korbwagen, Fjodor-Kostyl tut
+einen Pfiff und die kräftigen braunen Pferde ziehen an und rasen ohne Weg
+und Steg von Berg zu Berg, von Wald zu Wald, von Dorf zu Dorf, daß man kaum
+Zeit hat, die Tore zu öffnen. Der Staub steigt wie Rauch empor; an den
+Straßen stehen aber statt der langweiligen Werstpfähle Wotjakenmädchen in
+seidengestickten weißen Kleidern und silberverziertem Kopfschmuck.
+Wotjakische Lieder, wild wie das Rauschen des Waldes, tief wie das Tosen
+des Hochwassers, klangvoller als der Gesang des Schilfes und heller als die
+Töne der Schalmei schweben grüßend über den Köpfen dahin; und der Wind, der
+aus den Bergen kommt, singt dazu bald wehmütig und bald lustig. Klinge,
+Glöckchen! Das Glöckchen ist aber schon müde wie die Pferde und kann nur
+noch dumpf bimmeln. Schon ist man an der Mühle vorbeigefahren, der
+Mühlendamm erdröhnt unter den Rädern; da ist der Hegeforst, der heilige
+Hain des Wotjakengottes Keremet. Lebt dieser stolze Gott noch, der trotzige
+Bruder Inmars, des Schöpfers von Himmel, Erde und Sonne? »Er lebt!«
+flüstert der Hain . . . Und da ist schon Schaimy -- der alte wotjakische
+Friedhof. Wenn man im Dorf das Glöckchen hört, rennen alle hinaus: Panja
+und Sascha kommen aus der Küche gestürzt, die Patin, die vor Freude
+plötzlich lahm geworden ist, hinkt Atja entgegen, und das Hündchen Griwna
+beginnt zu winseln. Großvater ist nicht dabei: er ist in der Kirche.
+
+Atja begibt sich sofort zu den Hühnern. Bei den Hühnern wohnt aber ein
+Hase; es ist eigentlich nur ein Kaninchen, aber man nennt es einen Hasen.
+Seht doch nur: sonst fürchtet das Tier alle Menschen, vor Atja aber hat es
+gar keine Scheu.
+
+»Guten Tag, Häschen! Gib schön die Pfote!«
+
+Das Häschen hat ihn schon erkannt und miaut.
+
+Da ist auch schon der Großvater: er konnte es nicht länger aushalten, hat
+die Kirchenbücher liegenlassen und kommt gegangen.
+
+Am frühen Morgen, sobald das Morgenrot sich über Berg und Wald ergießt und
+die Sonne aufsteht, steht auch Atja auf und läuft zum Fluß baden. Und dann
+beginnt sein Arbeitstag: er muß den Dünger hinausfahren. Erst wenn der
+Abend anbricht und die untergehende Sonne der lockigen Linde einen goldenen
+Kranz aufsetzt, geht Atja, über und über mit Ackererde beschmiert, nach
+Hause. Dann sieht er wirklich nett aus! Der Großvater sagt aber:
+
+»Das ist mir ein tüchtiger Landwirt!«
+
+»Zehn Fuhren habe ich hinausgefahren, Großvater!« sagt darauf Atja lachend.
+Wenn Atja lacht, zeigt er seine gesunden, breiten, weißen Zähne, und man
+möchte ihn immer lachen sehen.
+
+Der Alte und der Junge halten treu zusammen: niemals wird sich der eine
+ohne den anderen zu Tisch setzen. Beim Abendtee liest Atja vor, was am
+betreffenden Tage auf dem Abreißkalender steht. Bauernregeln und
+Wetterprophezeiungen; manchmal liest er auch aus einem Buche vor, meistens
+arabische Märchen aus Tausendundeine Nacht. Großvater hört gern zu.
+
+»Da hast du fünf Kopeken für deine Arbeit, aber vernasche sie nicht.«
+
+»Was ich im vorigen Jahr zusammengearbeitet habe, das habe ich alles in
+Petersburg vernascht, Großvater! Ich habe mir für das Geld auch ein
+Nilpferd angesehen«, sagt Atja lachend. Und wenn er lacht, so leuchten
+seine Augen auf wie Glühwürmchen, und allen wird so lustig zumute.
+
+Und so vergeht ein Tag nach dem andern, und die Zeit fließt dahin wie der
+Fluß.
+
+Nun ist auch schon der >Neunte Freitag< angebrochen. Das Volk strömt in
+Scharen herbei. In der Prozession um das Dorf geht Atja mit dem Kreuz
+voran. Hinter den Heiligenbildern kommt das Volk, und hinter dem Volk das
+Vieh: Ziegen, Schafe, Hammel, Kühe und Pferde; sie müssen ja unbedingt
+dabei sein! Auch der Hase nimmt an der Prozession teil; er geht natürlich
+nicht wie eine Kuh auf den eigenen Beinen, sondern wird von der Patin auf
+den Armen getragen: sonst würde er ja gleich in den Wald weglaufen.
+
+Man erwartet den Onkel Arkadi. Man spricht nur von ihm. Die Patin hat ihn
+im Traume gesehen: er kam weiß gekleidet aus der Speisekammer heraus und
+sprang mit einem Satz auf den Dachboden hinauf. Sie traute dem Traum und
+buk zum Tee Pastetchen. Die Pastetchen waren gebuttert und so schmackhaft,
+daß sie von selbst im Munde zerschmolzen. Atja aß auch die Portion des
+Onkels Arkadi auf. Wann kommt er denn endlich? Die Petrifasten stehen vor
+der Tür: da muß man Gründlinge haben. Ach, wenn man doch endlich mit dem
+Angeln beginnen könnte!
+
+Atja ist ein tapferer Junge: er reitet auf jedem Pferd und schwimmt im Fluß
+bei jedem Wetter; aber vor den Leichen hat er Angst. Wenn sie vor der
+Einsegnung unter dem Glockenturm stehen, fürchtet er sich, abends aus dem
+Fenster auf die Kirche zu schauen, und will um nichts in der Welt allein zu
+Bett gehen: er sieht überall Gespenster. Panja oder die Patin oder der alte
+Wotjake Kusmitsch mit der abgehackten Hand müssen ihn auf den Dachboden
+begleiten und ihm vor dem Einschlafen Märchen oder sonst etwas erzählen;
+dann schläft er ruhig ein. Wenn man aber die Toten in die Kirche bringt
+oder den Sarg auf den Friedhof hinausträgt, läuft Atja jedesmal hinaus und
+lauscht dem Trauergeläute. Der Kirchenwächter Kostja schaufelt die Gräber
+und läutet die Glocken. Es sind zehn dumpfe, langsame Glockenschläge; die
+ersten klingen dünn und hoch, die folgenden immer tiefer, trauriger und
+unheimlicher; der zehnte dröhnt aber so, als ob alle Glocken vom Turm
+herabstürzten.
+
+ Heiliger Gott, Heiliger Starker,
+ Heiliger Unsterblicher,
+ Sei uns gnädig!
+
+Atja nimmt an jedem Gottesdienst teil. Er steht im Chor und singt mit, es
+kommt dabei aber nichts Gescheites heraus: er kann sich unmöglich den
+Küstern anpassen; die Küster sind ja einer älter als der andere!
+
+»Mein junger Psalmleser«, sagt Großvater anerkennend, »morgen müssen wir
+nach Polom zu einem Dankgottesdienst.«
+
+Und Atja begleitet seinen Großvater in die Dörfer und Kirchdörfer, hält mit
+ihm Gottesdienste ab und ißt Ochsenfleisch mit Brei. Atja kommt sich selbst
+wie ein echter Hilfsgeistlicher vor; wenn er älter wird, so wird er auch
+Geistlicher sein wie der Großvater; Onkel Arkadi wird ihm nicht mehr das
+Haar scheren dürfen: er wird langes Haar tragen, bis zum Gürtel wird es ihm
+reichen; und er wird es nicht in zwei Zöpfe flechten wie der Großvater,
+sondern in zweiundzwanzig.
+
+Onkel Arkadi! Endlich ist er angekommen und hat eine Menge Netze und Angeln
+mitgebracht; die Angelhaken allein füllten beinahe den großen Reisekorb.
+Atja angelt. Die Fische lassen sich gern von ihm fangen: einmal hat er
+einen so großen Brachsen gefangen, daß keine Pfanne groß genug war, um ihn
+zu braten; man könnte ihn wirklich wieder schwimmen lassen. Und Atja lacht.
+
+An den Abenden gibt es eine neue Zerstreuung: die Dohlen. Die Dohlen haben
+die Angewohnheit, jeden Abend vom Felde in den Garten zu kommen und im
+Gartenhause ihr Nachtquartier aufzuschlagen. Nach ihrem Besuch sieht es
+aber im Gartenhaus gar nicht schön aus. Aber man kann doch nicht wegen der
+Dohlen den Tee im Zimmer trinken! Der Tee will doch mit Behagen getrunken
+werden: man liebt in Kljutschi das Teetrinken über alles, besonders aber im
+Freien. Onkel Arkadi pflegt die Dohlen zu verscheuchen: er schüttelt die
+Bäume und schreit so durchdringend auf, daß nicht nur die Dohlen
+davonfliegen, sondern auch der Zaun wackelt, die Fenster in der Kirche
+klirren und selbst die noch nicht eingesegneten Toten unter dem Glockenturm
+sich irgendwohin verkriechen möchten, zum Beispiel in das alte Badehaus.
+Atja kann es absolut nicht lernen, die Dohlen zu verscheuchen und wie der
+Onkel zu schreien.
+
+»Großvater, die Bienen singen!« meldet Atja.
+
+Nun läßt man alles stehen und liegen; niemand denkt mehr an Essen und
+Trinken. Das ganze Haus ist auf den Beinen. Großvater, Onkel Arkadi, die
+Patin, Panja, Sascha, Kusmitsch und natürlich auch Atja binden sich Siebe
+vor die Gesichter, kauern den ganzen Tag vor dem Bienenstock und warten,
+bis die Königin ausfliegt. Sobald die Königin heraus ist, rennen sie alle
+wie ein Bienenschwarm über Beete und Sträucher, springen über Zäune und
+laufen übers Feld, bis sie sie irgendwo im Walde einfangen. Gott sei Dank,
+nun wird es einen neuen Bienenstock geben, und der Honig wird über den
+ganzen Winter bis zum Frühjahr reichen.
+
+Das Winterkorn ist reif, der Hafer ist gewachsen. Bald ist das Fest der
+Muttergottes von Kasan. In Kljutschi ist Jahrmarkt. Der >Seher<
+Syssojuschka kommt zu jedem Jahrmarkt ins Dorf Auch viele Gäste kommen. Die
+Patin bäckt einen Fleischkuchen; der ist so gut, daß man für ihn alles
+hingeben möchte. Furchtbar lustig ist es dann! Warum dauert das Fest der
+Muttergottes von Kasan nicht das ganze Jahr?
+
+Auf der Dorfstraße tanzen die Wotjakenmädchen einen Reigen. Sie stellen
+sich im Kreise auf und drehen sich langsam, mit den Absätzen im Takte
+stampfend, zu den eintönigen Klängen der Balalaika. So geht es lange
+langsam im Kreise herum; plötzlich schwingen sie die Arme, flattern wie
+Vögel auf und wechseln die Plätze. Und dann gehen sie wieder lange und
+langsam unermüdlich im Kreise herum; die Silberschnüre an ihrem Kopfputz
+rascheln ohne Wind, ihre Fingerringe funkeln ohne Licht.
+
+Onkel Arkadi nimmt Atja mit, um dem Reigen zuzusehen. Sie stehen abseits
+bei den Burschen. Die Burschen stehen schweigend da und rühren kein Glied.
+Atja ist es etwas unheimlich zumute; bald will er mitten in den Reigen
+hineinspringen, sich mit den Mädchen im Kreise drehen und, wenn sie
+aufflattern, um die Plätze zu wechseln, sich wie ein Vogel in die Luft
+schwingen; bald denkt er wieder an die zehn dumpfen Glockenschläge, und da
+krampft sich sein Herz zusammen: sind es nicht die Toten, die aus der
+Kirche gekommen sind und sich hier im Reigen drehen? Dunkle Nebel
+umschweben sie, und am Himmel leuchten blasse Sterne.
+
+»Die Toten geben den Neugeborenen die Seele«, sagt Kusmitsch.
+
+>Wenn man doch einmal zusehen könnte, wie sie das machen<, denkt sich Atja.
+
+Kusmitsch ist sein Freund. Kusmitsch hat sich einmal mit dem Beil die Hand
+abgehackt; ohne Hand kann man doch nicht arbeiten! Also lebt er schon seit
+vielen Jahren beim Großvater als eine Art Kirchenwächter. Atja erfuhr von
+ihm manches Wunderbare; mit vielen Wundern ist er aber selbst im Walde
+zusammengetroffen.
+
+Einmal begegnete er im Dickicht dem Waldgott Poljeß. Poljeß liebt es, die
+Leute zu erschrecken, die zu ihm in den Wald kommen. Es war aber um die
+Mittagszeit, und in dieser Stunde kommt doch niemand in den Wald! Poljeß
+trieb sich darum ohne Beschäftigung umher; er ist ganz mager, kaum größer
+als ein Topf, hat nur einen Arm, ein Bein und ein Auge; doch Mund und Nase
+sind wie bei Atja. Viel schrecklicher war aber eine andere Begegnung: unter
+einer alten Tanne schnarchte im nassen Moose der schreckliche Kus-Pine; er
+hatte furchtbar lange Zähne, und vor seinen Füßen lag ein Haufen abgenagter
+weißer Menschenknochen. Atja warf nur einen einzigen Blick auf ihn und lief
+schnell davon: mit dem ist nicht zu spaßen, der frißt einen im Nu auf! Und
+wie er einmal Erdbeeren suchte, kam aus dem Graben der Geist Iskal-Pydo
+heraus. Der ist harmlos: er sieht ganz wie Kusmitsch aus und trägt auf der
+Schulter einen dicken Knüppel; er hat aber Kuhfüße: zottig und mit Hufen.
+Atja gab ihm von seinen Erdbeeren. Iskal-Pydo aß auch wirklich davon.
+
+Doch den Waldteufel und den Wassergott hat er noch niemals gesehen; er weiß
+aber ganz genau, wo der Wassergott im Flusse seine Wohnung hat; und wenn im
+Frühjahr das Wasser steigt und die Dämme zerreißt, weiß Atja sehr gut, was
+das zu bedeuten hat.
+
+>Wenn ich nur einmal zum Wassergott auf die Hochzeit kommen könnte!< träumt
+Atja. >Die Wasserprinzessin ist so schön, und die Meerprinzessin ist noch
+schöner . . . sie ist wie die Klawdija Gurjanowna . . .<
+
+
+2
+
+Atja bewahrt alle diese Gedanken in seinem Herzen und spricht mit niemand
+davon. Kljutschi ist sein Geheimnis! Selbst seine Busenfreunde Romaschka
+und Charpik sind nur zum Teil eingeweiht; nur Klawdija Gurjanowna allein
+würde er alles enthüllen. Warum gerade ihr, das weiß er selbst nicht. Aber
+sie ist einmal so!
+
+Er fühlt sich immer zu ihr ins Zimmer hingezogen; er liebt es, wenn sie mit
+ihm Tee trinkt, ihm Bonbons und Apfelsinen schenkt und ihn zu lachen
+zwingt; wenn sie ihn auf den Newski in die Läden oder in ein Kino mitnimmt.
+Er weiß, daß sie ganz anders ist als alle, daß man eine zweite Klawdija
+Gurjanowna nirgends findet: das weiße Gesicht ist stark gepudert, das Haar
+fällt in gebrannten Löckchen auf die Stirn herab, die Lippen sind rot
+geschminkt, die Augen schmal wie Ritzen; alles ist an ihr so winzigt, als
+ob sie überhaupt kein Gesicht hätte; ihr Kleid ist vorn ausgeschnitten und
+raschelt so seltsam; auch ihre Stimme klingt ganz eigen; niemand spricht so
+wie sie; er könnte ihr immer zuhören und sie immer anschauen.
+
+Atja kommt oft ohne jeden Grund zu ihr ins Zimmer, steht schweigend da und
+starrt sie an. Wenn sie ihn etwas fragt, so antwortet er so schüchtern und
+kurz; daß sie nichts verstehen kann.
+
+»Ach du dummer, dummer Junge! Lache einmal!« sagt Klawdija Gurjanowna und
+lacht dabei selbst mit seltsam tiefer Stimme. Atja glaubt, das kann kein
+gewöhnliches Lachen sein; niemand sonst lacht so!
+
+Einmal hielt er es nicht aus und sagte:
+
+»Schön war es bei uns in Kljutschi . . . Da müßten Sie auch einmal hin
+. . .«
+
+»Du weißt also, wo sie sind!« rief Klawdija Gurjanowna erfreut. Das war
+aber ein Mißverständnis: >Kljutschi< heißt ja >Schlüssel<, und sie hatte
+gerade an diesem Tage die Schlüssel von ihrem Kleiderschrank verlegt und
+konnte sie unmöglich finden.
+
+>Es ist noch zu früh<, sagte sich Atja, >es ist noch nicht die Zeit . . .
+Ich muß mich zuvor irgendwie auszeichnen, etwas Großes vollbringen, dann
+kann ich alles wagen . . .<
+
+Die Mutter sagte am gleichen Abend:
+
+»Atja, du sollst doch nicht immer bei Klawdija Gurjanowna stecken: das kann
+ihr unangenehm werden, und sie wird ausziehen.«
+
+Da sie eine große Wohnung hatten und Atjas Vater, der Doktor, in diesem
+Jahre wenig verdiente, mußte ein Zimmer vermietet werden. In diesem Zimmer
+eben wohnte Klawdija Gurjanowna.
+
+Ihr Erscheinen brachte neues Leben ins Haus. Alle Gespräche drehten sich um
+sie. Man beschäftigte sich nur mit ihr. Man erwies ihr alle möglichen
+Aufmerksamkeiten. Ihretwegen zog sich Atjas Mutter das Korsett an, während
+sie früher tagelang im Morgenrock umherging. Ihretwegen vermied es der
+Doktor, beim Mittagessen von seinen Operationen zu sprechen. Onkel Arkadi
+besorgte ihr Karten für Theater und Konzerte.
+
+Sooft von ihr gesprochen wurde, spitzte Atja die Ohren und merkte sich
+jedes Wort.
+
+Atja mußte sich jeden Morgen vom Kopf bis zu den Füßen waschen: in der
+Küche wurde ein Waschfaß aufgestellt, Atja zog sich aus und plätscherte im
+Wasser.
+
+»Du bist nicht mehr so klein, daß du nackt umherlaufen kannst«, bemerkte
+einmal die Mutter. »Klawdija Gurjanowna kann dich doch einmal sehen.«
+
+Dies geschah am ersten oder zweiten Tage nach dem Auftauchen der
+geheimnisvollen Dame. Die Worte der Mutter erschienen Atja im ersten
+Augenblick unverständlich; erst später wurde ihm der Sinn dieser Worte klar
+und bestätigte seine eigenen Wahrnehmungen.
+
+>Vor der Köchin Fjokluschka, vor Mama, und in Kljutschi vor der Patin, vor
+Panja und Sascha brauche ich mich nicht zu schämen<, sagte sich Atja, >weil
+sie alle wie die anderen Menschen sind; vor ihr darf ich aber nicht ohne
+Hemd umherlaufen, denn sie ist anders als alle: sie ist einzig!<
+
+Bald erfuhr er von Fjokluschka, daß Klawdija Gurjanowna eine Mätresse, ein
+ausgehaltenes Frauenzimmer, sei. Dieses Wort, das er zum erstenmal im Leben
+hörte, bekam für ihn sofort einen ganz anderen Sinn: es bedeutete in seiner
+Vorstellung nicht mehr und nicht weniger als den Inbegriff aller
+Gescheitheit und allen Reichtums.
+
+>Ausgehalten, Gehalt . . .< kombinierte Atja. >Wenn in meinem Aufsatz kein
+Gehalt ist, so gibt's eine Vier; ist aber im Aufsatz Gehalt, so bekomm ich
+eine Eins. Der Rektor bekommt ein großes Gehalt. Gehalt bedeutet Geld.<
+
+Nicht umsonst wandten sich alle im Hause, wie Atja bald merkte, in
+schwierigen Fällen an Klawdija Gurjanowna, um ihre Meinung zu hören; nicht
+umsonst trug sie eine lange Halskette, die ihr bis zu den Knien reichte,
+und einen weißen Pelz mit schwarzen Schwänzchen, wie ihn die Kaiserin hat.
+
+Der Doktor kam eines Abends sehr spät nach Hause und sprach während des
+Essens kein Wort. Als man aber zum Nachtisch einen Auflauf reichte, der
+gerade an diesem Tag nicht aufgegangen war, sagte er ziemlich gereizt zu
+der Mutter:
+
+»Es paßt mir gar nicht, daß du eine Prostituierte bei uns einquartiert hast
+. . .«
+
+Das war ein schwieriges Wort, und Atja konnte es sich unmöglich erklären,
+sosehr er sich auch den Kopf zerbrach.
+
+>Es ist natürlich lateinisch<, sagte er sich. >Latein kommt erst in der
+zweiten Klasse. Ich will aber nicht bis zum nächsten Jahr warten. Lieber
+werde ich gleich Onkel Arkadi fragen: der versteht lateinisch.<
+
+Als Onkel Arkadi am nächsten Sonntag zu Besuch kam, legte ihm Atja die
+Frage vor.
+
+»Prostituierte«, erklärte Onkel Arkadi, ohne mit der Wimper zu zucken,
+»heißen alle diejenigen, die ein Institut absolviert haben. Ein Institut
+ist aber eine Lehranstalt, wo nur Adlige aufgenommen werden. Dich würde man
+zum Beispiel, da du nur der Sohn eines Arztes bist, um nichts in der Welt
+aufnehmen, wenn du auch aus der Haut fährst.«
+
+Atja fuhr beinahe aus der Haut; doch nicht vor Verzweiflung darüber, daß er
+keine Prostituierte werden konnte, sondern vor Freude; er hatte also doch
+recht: sie war ganz anders als alle Menschen; sie war nicht nur ein
+ausgehaltenes Frauenzimmer, das heißt klug und reich, sondern auch eine
+Prostituierte, das heißt adlig.
+
+>Sie ist eine Fürstin<, sagte er sich. >Und wenn sie in diesem Jahr eine
+Fürstin ist, so wird sie nächstes Jahr eine Großfürstin sein, und in noch
+einem Jahre -- eine Prinzessin.<
+
+»Meine Prinzessin!« flüsterte er vor sich hin, sooft er an der Tür des
+verbotenen Zimmers vorbeiging.
+
+Klawdija Gurjanowna hatte niemals Besuch, außer einem einzigen Herrn, der
+entweder ganz früh am Morgen oder sehr spät am Abend zu ihr kam. Wenn er am
+Abend kam, so blieb er bis tief in die Nacht hinein bei ihr. Er sang, und
+sie begleitete ihn. Alle nannten ihn >den Abgeordneten<.
+
+»Der Abgeordnete ist gekommen«, sagte die Mutter zu Atja. »Mach nicht
+solchen Lärm und zupfe deine Jacke zurecht.«
+
+Wenn der Doktor den Gesang hörte, verzog er das Gesicht:
+
+»Ist das der Abgeordnete, der da singt?«
+
+»Ja, der Abgeordnete«, antwortete die Mutter.
+
+Bald erfuhr Atja, wer dieser Gast war.
+
+Mutter teilte Onkel Arkadi eines Tages die letzte Neuigkeit mit: der Doktor
+habe sich entschlossen, die Zeitung abzubestellen, da zu Klawdija
+Gurjanowna jeden Tag ein Mitglied der Reichsduma käme und sie alles viel
+besser wisse als jede Zeitung.
+
+>Ein ungewöhnlicher Gast!< sagte sich Atja. >Einer aus der Reichsduma! Der
+bedeutet natürlich viel mehr als Iwan Martynytsch und Iwan Jewsejitsch.
+Vielleicht ist er gar so viel wie der >Grieche< Kopossow, der Klassenlehrer
+der dritten Klasse.<
+
+Einmal begegnete Atja dem Gast im Hausgange und verbeugte sich vor ihm wie
+vor dem Schulinspektor. Er stellte fest, daß der Abgeordnete ebenso
+kahlköpfig war wie der Religionslehrer, den die Schüler >den Chinesen<
+nannten, und viel schöner gekleidet als Onkel Arkadi. Onkel Arkadi war zwar
+Schauspieler, hätte aber dem Abgeordneten nicht einmal die Schuhe putzen
+dürfen.
+
+Die Abendstunden verbrachte Klawdija Gurjanowna mit der Mutter im Eßzimmer;
+sie sprachen von allen möglichen Dingen. Atja saß im Nebenzimmer, tat, als
+ob er seine Aufgaben machte, und hörte dem Gespräch zu. Das Gespräch drehte
+sich meistens um den Abgeordneten.
+
+Es stellte sich allmählich heraus, daß er verheiratet war und zwei
+erwachsene Töchter hatte; seine Frau liebte er so sehr, daß er ohne sie gar
+nicht atmen konnte. Die bittere Notwendigkeit zwang ihn aber, fern von ihr
+in Petersburg zu leben; statt sich Briefe zu schreiben, wechselten sie
+tagtäglich Telegramme.
+
+»Als ich ihn kennenlernte«, erzählte einmal Klawdija Gurjanowna, »sagte er
+mir: Meine liebe Klawdija Gurjanowna, ich kann ohne Sie nicht leben;
+bleiben Sie in Petersburg, solange ich Mitglied der Reichsduma bin.«
+
+»Meine Prinzessin«, flüsterte Atja, über dem Lesebuch sitzend, »ich bleibe
+aber ewig bei dir!«
+
+Klawdija Gurjanowna sang meisterhaft. Wenn sie allein in ihrem Zimmer war,
+sang sie oft ein Straßenlied, das man sonst mit Ziehharmonikabegleitung im
+dritten Hinterhof singt. Die Worte handelten von Liebe: er liebte sie, sie
+liebte ihn nicht, dann heiratete sie einen anderen, und die Sache war aus;
+aber er liebte sie noch immer, kann sie nicht vergessen, >irrt wie ein
+Grashalm< unter den Menschen umher und >sieht sie immer und überall vor
+sich< . . .
+
+ O wär diese Nacht
+ Nicht so schwül, nicht so schön,
+ So müßt nicht das Herz
+ Vor Wehmut vergehn . . .
+
+Atja hörte in diesem Liede etwas, was seinen eigenen Gefühlen verwandt war:
+auch seine Prinzessin stand >immer und überall< vor ihm.
+
+Es war ihm, als ob die ganze Welt nur ihretwegen existierte; man durfte
+aber weder laut von ihr sprechen, noch ihren Namen nennen. Alle warteten
+auf sie und bewahrten diese Erwartung wie ein Heiligtum in ihren Seelen.
+Das war der Grund, warum man in Kljutschi, wenn in der Ferne das Glöckchen
+ertönte, vor das Tor hinauslief und mit stockendem Atem auf die Straße
+blickte: ob sie nicht schon käme? Und wenn Großvater in der Kirche die
+Messe las, wenn er die Arme hob und leise über dem Kelch betete, so betete
+er zu ihr. Und wenn die Patin lustig war, wenn ihr alles gut gelang, so kam
+es daher, weil sie von ihr geträumt hatte. Und wenn Sascha und Panja den
+ganzen Tag lachten, ohne selbst zu wissen warum, so hatten sie wohl
+irgendwie erfahren, daß sie nach Kljutschi kommen sollte. Und wenn
+Kusmitsch ein Märchen plötzlich abbrach und sagte, daß er das Ende nicht
+erzählen werde, und über seine Lippen ein Lächeln glitt, so war auch das
+verständlich: das Ende des Märchens handelte von ihr; wie konnte er das
+geheime, unaussprechliche Wort aussprechen? Atja selbst dachte immer nur an
+sie; darum lachte er, darum leuchteten seine Augen . . .
+
+»Atja hat sich in Klawdija Gurjanowna verliebt, ich gratuliere!« scherzte
+die Mutter.
+
+»Folglich bleibt er das zweite Jahr in der ersten Klasse sitzen!« fügte
+Onkel Arkadi kaltblütig hinzu.
+
+»Armes Kind!« jammerte die Köchin Fjokluschka.
+
+»Mich haben alle Kinder lieb!« lachte Klawdija Gurjanowna mit ihrer tiefen
+Stimme.
+
+>Ich muß mich irgendwie auszeichnen, anders geht es nicht<, dachte sich
+Atja. >Ich muß Indien oder das Weiße Meer erobern. Dann gebe ich ihr ein
+Zeichen, sie wird alles erfahren und sich offenbaren . . .
+
+O meine Prinzessin!<
+
+
+3
+
+Die Hoffnung, den nächsten Sommer in Kljutschi zu verbringen, fiel ins
+Wasser. Der Doktor sagte: wenn Atja das zweite Jahr in derselben Klasse
+sitzenbleibe, so sei an Kljutschi gar nicht zu denken; dann blieben alle
+den ganzen Sommer in Petersburg. Das Frühjahr brach aber schon an, das
+letzte Semester ging zu Ende, und Atjas Schicksal mußte sich bald
+entscheiden; und es war klar, daß es sich nicht zu seinen Gunsten
+entscheiden werde.
+
+Während der Schönschreibstunde spielten Charpik und Atja das >Federnspiel<:
+die Schreibfeder wird mit dem Finger emporgeschnellt, und je nachdem sie
+mit dem Rücken oder mit der Wölbung nach oben zu liegen kommt, hat man sie
+gewonnen oder verloren. Als Charpik wieder einmal eine Feder verlor, gab er
+das Spiel auf und sagte:
+
+»Willst du mit mir nach Amerika durchbrennen?«
+
+»Ja«, antwortete Atja.
+
+»Romaschka kommt auch mit.«
+
+»Wie wollen wir das machen?«
+
+»Das weiß ich ganz genau. Wir beide haben uns schon seit Weihnachten den
+Kopf darüber zerbrochen. Wir wollten dir nichts sagen, ehe wir ganz im
+klaren waren . . . Hast du ein Amerika?«
+
+»Papa hat im Sprechzimmer ein Afrika hängen.«
+
+»Mit Afrika können wir nichts anfangen. Ich muß noch Romaschka fragen. Sein
+Vater ist Architekt, also muß er eine Karte von Amerika haben. Wir wollen
+uns eine unbewohnte Insel aussuchen und uns da niederlassen.«
+
+»Wir werden uns auch ein Schloß bauen!« rief Atja aus.
+
+»Ein Schloß oder einen Palast, ganz wie du willst!«
+
+»Und außer uns wird keine Seele dort sein?«
+
+»Niemand, nur die Nilpferde.«
+
+>Nun geht es los<, dachte sich Atja. >Jetzt heißt es handeln. Charpik und
+Romaschka sind so durchtriebene Bestien, daß sie auch ans Ende der Welt den
+Weg finden.<
+
+Am nächsten Tage brachte Romaschka die Karte von Südamerika mit; die Karte
+war unbezeichnet und unvollständig: nur ein Viertelblatt, aber es war
+immerhin Amerika.
+
+Die Stunde, die sie an diesem Tage auf Geheiß des Lehrers für Deutsch Iwan
+Martynytsch für eine Reihe von Streichen nachsitzen mußten, verging mit
+Besprechungen. Charpik und Romaschka nahmen die Oberleitung in die Hand und
+weihten Atja in alle Einzelheiten ihres Planes ein. Dann nahm man ein Blatt
+Papier und begann unbewohnte Inseln zu entwerfen. Schließlich einigte man
+sich auf eine Insel, legte die Karte zusammen und beschloß, am nächsten
+Tage, gleich nach der Schule, aufzubrechen.
+
+»Kommt beide direkt zum Bahnhof und wartet dort auf mich; ich werde Geld
+mitbringen«, sagte Charpik.
+
+»Eigentlich müßte man auch einen Paß haben«, meinte Romaschka.
+
+»Den Paß werde ich beschaffen«, erklärte Atja; es fiel ihm ein, daß Onkel
+Arkadi erst vor kurzem nach Moskau gereist war und aus Versehen den Paß der
+Köchin mitgenommen hatte; mit diesem Paß hatte er eine ganze Woche ohne
+Schwierigkeiten gelebt.
+
+Es war also abgemacht: Charpik bringt das Geld, Atja den Paß und Romaschka
+die Karte.
+
+Wenn es doch schon morgen wäre!
+
+Atja tat die ganze Nacht kein Auge zu. So sehr war er mit seinen Gedanken
+beschäftigt. Er dachte aber nicht an Kljutschi, sondern an Amerika; auf der
+unbewohnten Insel wird er ein Schloß erbauen, wie es noch niemand gehabt
+hat; ein Schloß aus Pfauenfedern mit goldenen und silbernen Treppen, mit
+Fenstern aus Edelsteinen: in einem mit Nilpferden bespannten Wagen wird er
+seine Prinzessin hinbringen; und sie werden da ewig mitten im Meere unter
+der ewigen Sonne zusammenleben. Sie wird Prinzessin Mymra heißen, und die
+Insel, die er ihr schenken wird, soll ihren Namen tragen: Insel der Mymra.
+Dann wird er auch viele andere Inseln und zuletzt alle Länder der Erde für
+sie erobern. Und dann wird sie aus dem Schlosse treten und über die ganze
+Welt leuchten.
+
+Atja, Charpik und Romaschka benahmen sich während der Stunden ziemlich
+anständig und machten keine Dummheiten; sie waren auffallend zerstreut und
+redeten, wenn sie aufgerufen wurden, ganz ungereimtes Zeug. Ein jeder von
+ihnen kriegte einen Vierer. Das war ihnen aber schon ganz gleich.
+
+Als die letzte Stunde vorüber war und Atja mit heller Stimme das
+Schlußgebet vorgesprochen hatte, warf Charpik alle seine Lehrbücher unter
+die Bank und rannte nach Hause.
+
+Charpiks Eltern waren nicht zu Hause: der Vater war auf dem Gericht und die
+Mutter in der Stadt; nur die Köchin Wassilissa war allein da.
+
+»Wassilissa, gib mir bitte drei Rubel«, bat Charpik.
+
+Wassilissa besaß aber eine solche Summe nicht. Charpik stand noch eine
+Weile in der Küche herum und ging dann ins Arbeitszimmer seines Vaters. Er
+brauchte nicht lange zu suchen: unter einer alten Aktentasche lag etwas
+Kleingeld. Charpik zählte nach: es waren genau drei Rubel. Dieses Glück!
+
+»Leb wohl, Wassilissa, wir werden uns nie mehr wiedersehen«, sagte Charpik,
+an der Schwelle stehen bleibend.
+
+»Wo fährst du denn hin?« fragte Wassilissa interessiert.
+
+Der Abschied von Wassilissa stimmte Charpik plötzlich sehr traurig; er war
+schon im Begriff, das Geheimnis auszuplaudern, beherrschte sich aber noch
+zur rechten Zeit.
+
+»Auf den Nikolajewer Bahnhof. Leb wohl!«
+
+Atja und Romaschka trieben sich indessen auf dem Finnländischen Bahnhof
+umher; viele Züge waren schon abgegangen, als Charpik endlich erschien.
+Ohne lange Geschichten zu machen, kauften sie sich Fahrkarten nach Terioki,
+stiegen in den Zug und -- leb wohl, Gymnasium, lebe wohl, Rußland! Sie
+reisten nach Amerika, geradeswegs auf die unbewohnte Insel der Mymra.
+
+Unterwegs war es sehr lustig. Sie sangen die Marseillaise und rauchten. Die
+Landschaft, die sie aus den Kupeefenstern sahen, erschien ihnen als
+Amerika, und alle Fahrgäste als Detektive und Sherlock Holmes.
+
+Vor der Grenzstation Kuokkala holte Atja aus seiner Hosentasche den Paß der
+Köchin Fjokluschka hervor und zeigte ihn stolz den Freunden.
+
+»Jetzt können wir auch zum Teufel fahren: der Paß ist echt«, äußerte sich
+Charpik anerkennend.
+
+»Jeder Detektiv fällt darauf herein«, bestätigte Romaschka.
+
+So kamen sie glücklich in Terioki an.
+
+Sie stiegen aus und begaben sich nach den Sommerhäusern, die um diese
+Jahreszeit noch leer standen. Hier trieben sie sich bis zum späten Abend
+herum und taten alles, was ihnen nur einfiel. Sie kletterten über die
+Dächer, die Treppen und Bäume; Romaschka machte den Vorschlag, ein Bad zu
+nehmen, das scheiterte aber daran, daß sie zu faul waren, sich auszuziehen.
+
+Allmählich wurde es kalt, und die drei Freunde verspürten auch Hunger: sie
+hatten ja nichts zu Mittag gegessen. Also kehrten sie auf den Bahnhof
+zurück und kauften sich ein großes süß-saures Brot, das sie im Nu
+verzehrten. Nun mußten sie auch an ein Nachtquartier denken. Es war zu
+kalt, um auf dem Geleise zu nächtigen, außerdem schneite es. Auf dem
+Bahnhof konnten sie nicht bleiben, da er für die Nacht geschlossen wurde.
+Sie überlegten lange hin und her und entschlossen sich, den Stationsdiener
+zu bitten, in seinem Häuschen übernachten zu dürfen.
+
+Der Stationsdiener war freundlich und ließ sich leicht überreden. Doch ehe
+er sie zu sich hereinließ, mußten sie den Bahnhof aufräumen und die Geleise
+kehren.
+
+Sie räumten den Bahnhof auf und kehrten die Geleise; nachher schliefen sie
+aber so fest, wie sie in ihrem Leben noch niemals geschlafen hatten. Sie
+sahen im Traume allerlei Süßigkeiten: ganze Schachteln voll Schokolade,
+Fruchtpasten und gewöhnliche Bonbons: iß, soviel du willst!
+
+Hätte sie der Stationsdiener nicht geweckt, so hätten sie am Ende auch den
+Tag über durchgeschlafen. »Steht auf, ihr Sünder!« Sie gingen wieder auf
+den Bahnhof kauften sich für das letzte Geld ein neues süßsaures Brot,
+stärkten sich etwas und waren schon im Begriff, sich wie gestern zu den
+Sommerhäusern zu begeben, als plötzlich in der Tür ein Gendarm erschien.
+
+»Wo wollt ihr hin?« fragte er ziemlich ungnädig.
+
+»Wir sind aus der Nasarowschen Villa«, antwortete Romaschka, der den
+letzten Sommer in Terioki verbracht hatte und sich da auskannte.
+
+»Aus der Nasarowschen Villa?« fragte der Gendarm. Dann wechselte er einige
+Worte mit einem Herrn in Zivil, der neben ihm stand, offenbar ein Detektiv,
+und sagte sehr böse:
+
+»Ihr seid verhaftet!«
+
+In diesem Augenblick kam ein Zug, der nach Petersburg weiterging, und die
+drei Reisenden stiegen, in Begleitung des Gendarmen und des Detektivs,
+gesenkten Hauptes ein.
+
+>Was werde ich nun meiner Prinzessin sagen, wie werde ich zu ihr
+zurückkehren? Wo ist mein Indien, mein Weißes Meer und die unbewohnte
+Insel? Wird sie mich noch in Gnaden aufnehmen, oder ist alles verloren?<
+Mit diesen Fragen quälte sich Atja ab, indem er aus dem Fenster auf die
+nasse schwarze Landstraße blickte.
+
+Charpik und Romaschka rückten unruhig hin und her: einen jeden erwartete
+seine Tracht Prügel! Lebe wohl, Amerika!
+
+
+4
+
+Die folgenden Tage gingen entsetzlich langsam hin. Das Wiedersehen auf dem
+Bahnhof war übrigens gar nicht so schrecklich: Atjas Mutter weinte beinahe
+vor Freude; auch im Gymnasium lief die Sache gar nicht schlimm ab: Atja
+wurde sogar zu den Prüfungen zugelassen. Aber welchen Wert hatte für ihn
+noch das Gymnasium? Er hatte ja die Insel nicht erobert! Was konnte er mit
+leeren Händen anfangen? Ist das ein Leben! Klawdija Gurjanowna lachte über
+ihn und nannte ihn nur noch >Amerikaner a. D.<
+
+»Ich muß mir etwas Neues ausdenken«, quälte sich Atja. »Ich muß mir einen
+Finger abhacken und ihn ihr bringen, oder ein Auge ausstechen . . . Soll
+sie es nur fühlen!«
+
+»Der Großvater hat Schuld«, klagte die Mutter dem Doktor. »Ich weiß ja, was
+sie dort in Kljutschi treiben. Der Bengel ist ganz außer Rand und Band und
+will nichts lernen. Bald verliebt er sich in Klawdija Gurjanowna, bald
+phantasiert er von einer Mymra . . .«
+
+Der Doktor vertrat in seiner Praxis die Ansicht, daß jeder Unsinn von
+Magenverstopfung käme, und behandelte daher seine Patienten vorwiegend mit
+einem Gemisch aus Bier und Rizinusöl; auch in Erziehungsfragen war er stets
+für die Anwendung ebenso radikaler Mittel. Er beschloß daher, Atja bei der
+ersten Gelegenheit ordentlich zu verhauen. Die Umstände fügten es aber, daß
+es ihm auf keine Weise gelingen wollte, Atja zu diesem Behufe einzufangen:
+entweder hatte er keine Zeit, oder Atja war gerade im Gymnasium, oder er
+war zwar nicht im Gymnasium, aber nicht aufzufinden: als ob er in die Erde
+versunken wäre.
+
+Eines Morgens sah der Doktor ins Kinderzimmer hinein: Atja saß im Hemd auf
+dem Bett und dachte über etwas nach. Der Doktor schlich mit verhaltenem
+Atem zu ihm hin: nur noch ein Schritt, -- und er wird Atja erwischt und ihn
+so durchgebleut haben, daß er sein Lebtag daran denken wird; der Riemen in
+seiner Hand zittert bereits vor Freude. Atja ist aber nicht so dumm, sich
+gutwillig zu ergeben. Hopp -- die Fersen flimmerten nur so in der Luft!
+Rette sich wer kann! Ohne viel zu überlegen, rannte er wie der Blitz zu
+Klawdija Gurjanowna.
+
+Die Tür war nicht verschlossen. Klawdija Gurjanowna lag noch im Bett. Atja
+kroch zu ihr unter die Bettdecke. Er hörte noch, wie der Doktor eine Weile
+draußen vor der Tür stand und schließlich mit langer Nase abzog.
+
+»Oh, du meine Prinzessin! Du hast mich vom Tode errettet«, flüsterte Atja.
+Ihm war schwindelig vor Glück. »Du wirst mir vergeben: ich bin
+eigenmächtig, ohne eine Insel, ohne irgend etwas zu dir gekommen . . . Du
+wirst mir vergeben . . . Es ist mir noch nicht gelungen, dir ein Königreich
+zu verschaffen; ich werde es aber noch beschaffen: Indien, das Weiße Meer,
+alle Inseln und alle Länder . . . und alles, alles . . .«
+
+Ihm stockte der Atem . . . ihm war, als hätte seine Seele ihre Seele mit
+solcher Gewalt umarmt, daß sein Herz plötzlich herausspringen wollte und
+sein ganzer Körper erbebte: sie war ihm jetzt so nahe, die unzugängliche,
+stolze Prinzessin Mymra.
+
+Klawdija Gurjanowna bedeckte ihr Gesicht, mit der Hand und lachte in sich
+hinein.
+
+»Darf ich?« fragte plötzlich eine Stimme hinter der Tür.
+
+»Sofort!« Sie stieß Atja zurück und wies ihn mit der Hand unter das Bett.
+
+Atja huschte gehorsam unter das Bett und verharrte dort mit angehaltenem
+Atem und geschlossenen Augen: er glaubte, wenn er niemanden sähe, so würde
+auch ihn niemand entdecken. Er kauerte unter dem Bett genauso wie einst in
+Kljutschi im Geflügelstall, als er Gänseeier auszubrüten versucht hatte. Er
+atmete nicht, er sah nichts, er hörte aber alles.
+
+Es war der Abgeordnete. Er entkleidete sich. Er legte den Rock ab, zog dann
+die Schuhe aus. Ein Kragenknopf fiel hinunter, rollte klirrend über den
+Boden und blieb unter dem Bett vor Atjas Füßen liegen. Atja wurde es
+unerträglich heiß: als ob es nicht ein Kragenknopf, sondern eine glühende
+Kohle wäre, die ihn mit fürchterlicher Glut anhauchte. Die beiden sprachen
+miteinander. Es waren ganz gewöhnliche Worte, wie sie von allen und zu
+allen gesprochen werden. Atja überlief es aber beim Zuhören bald heiß und
+bald kalt. Die Worte klangen für ihn wie die gemeinsten Schimpfworte.
+Plötzlich hatte er begriffen, daß sie nicht die einzige, nicht die
+Prinzessin, sondern so wie die andern war, um kein Haar anders. . . Und er
+sah sich in einer Wüste . . . Er drückte sich die Ohren zu, um nichts zu
+hören, hörte aber jedes Wort; es war ihm, als ob man ihn schlüge, wie man
+einmal in Kljutschi einen Dieb, der sich unter das Bett in der Küche
+verkrochen, geschlagen hatte: auf das Gesicht, den Kopf, den Bauch: seine
+Augen blickten schon ganz gläsern, er war halb tot. »Macht doch schon ein
+Ende mit ihm!« -- »Nein«, riefen die andern, »der soll nur warten!« Und man
+ließ ihn für eine Weile los, und schlug ihn dann wieder . . . Atja war es
+plötzlich, als ob man ihm mit dem stumpfen Ende eines Beiles einen Schlag
+auf den Schädel versetzt hätte . . . Alles stürzte zusammen . . . Es war
+wie der Tod . . .
+
+Erst als der Gast das Haus verlassen hatte und Klawdija Gurjanowna sich
+ankleidete, kroch Atja unter dem Bett hervor. Er blickte sie nicht mehr an
+und gab ihr auf die Frage, ob er sie am Nachmittag auf den Newski begleiten
+möchte, keine Antwort.
+
+Ohne Bücher und ohne Frühstück ging Atja ins Gymnasium. Er sah nicht, was
+um ihn her vorging. Er wußte selbst nicht, wie er schließlich doch ins
+Gymnasium kam. Bald nach Beginn der ersten Stunde bat er, austreten zu
+dürfen. Der Lehrer erlaubte es ihm. Er ging aus der Klasse und war nun
+allein in einem leeren Raume; irgendwo tröpfelte Wasser. Und jetzt
+erinnerte er sich an alles: die Erinnerung wälzte sich ihm auf die Seele
+wie ein schwerer Stein! Seine Prinzessin war nicht mehr . . . Tränen
+rollten ihm die Wangen hinab. Atja weinte zum erstenmal in seinem Leben. So
+wird die Erde zum letztenmal weinen, wenn vom Himmel die Sterne stürzen.
+
+ O wär diese Nacht
+ Nicht so schwül, nicht so schön,
+ So müßt nicht das Herz
+ Vor Wehmut vergehn . . .
+
+Das Lied einer Straßensängerin drang von irgendwoher in den Hof des
+Gymnasiums und kam aus dem Hof, zugleich mit der Frühlingsluft, zum Fenster
+herein. Und Atja lächelte unter Tränen.
+
+Wo soll er nun seinen Stern -- seine Prinzessin suchen?
+
+
+
+
+Das Opfer
+
+
+
+1
+
+Jeder, der das alte Suchotinsche Gut >Gottessegen< auch nur einmal besucht
+hat, wird es mit gutem Gewissen loben können. Nicht zum Spott trug es von
+alters her seinen Namen, und einen besseren könnte man, soviel man auch
+klügelte, gar nicht finden: es gab zwar in seinen Gärten keine Weintrauben,
+auch sangen da keine Paradiesvögel, doch der Segen Gottes ruhte sichtbar
+auf dem guten Lande.
+
+Das alte, von Säulen flankierte Herrenhaus, die Ahornallee, der Obstgarten,
+die Wiesen, Felder und Wälder, Vieh und Menschen -- kurz alles, was es in
+Gottessegen gab, rief nicht nur bei den Nachbarn, sondern auch bei jedem
+andern Menschen, der auf der Durchreise geschäftlich oder sonst aus
+irgendeinem Grunde in die Gegend kam, helles Entzücken hervor; selbst bei
+dem blasierten, elegant zurechtgestutzten Petersburger und dem zerzausten,
+verwöhnten Moskauer.
+
+Das Haus war reich, wohl bestellt und in musterhafter Ordnung. Bei Gott --
+da brauchte man keine Biene zu beneiden!
+
+Der Gutsherr Pjotr Nikolajewitsch Suchotin selbst war durch seine Einfälle
+und Witze weit und breit bekannt: wenn er in eine beliebige Gesellschaft
+kam und bloß den Mund öffnete, so verstummte für keinen Augenblick das
+Lachen. Alle lachten mit -- Bekannte und Unbekannte. Ganz ohne Unterschied.
+
+Sonderbar war das Gesicht dieses stark ergrauten, sich immer
+gleichbleibenden Herrn. Die Jahre gingen, er hatte die Vierzig längst
+hinter sich, und doch lag immer der gleiche Ausdruck auf seinen
+unveränderlichen, gleichsam versteinerten Zügen; wenn sich alle in
+Lachkrämpfen wanden, blieb das totenblasse Gesicht des Sonderlings ganz
+regungslos, und niemand sah ihn lachen oder lächeln. Man sah nur
+unheimliche Funken in seinen unbeweglichen, eingefallenen Augen glimmen.
+Wenn er mit seinen Witzen nur so um sich warf, mußte man seltsamerweise
+immer an eine mechanische sprechende Puppe denken, und als jemand einmal
+versuchte, das, was er sprach, aufzuschreiben, da standen auf dem Papier
+ganz gewöhnliche Worte ohne jede komische Wirkung.
+
+Obwohl also sein seltsames Aussehen sowenig zu seinen Scherzen paßte, fiel
+es doch niemandem ein, zu untersuchen, worauf die Wirkung seiner Worte
+beruhte und warum sie überall Lachen und Fröhlichkeit hervorriefen. Es gibt
+aber Menschen, die gern jedem Rätsel auf den Grund kommen -- solche Käuze
+findet man überall --, und diese gaben eine treffende Erklärung: sie
+sprachen von geschicktem Mienenspiel, von fein berechnetem Satzbau, vom
+ungewöhnlich scharfen Blick seiner Augen -- alles war ihnen klar und
+verständlich. Glücklicherweise merkte sich niemand diese abgeschmackten
+Erklärungen. Niemand fragte nach den Gründen, alle kugelten sich vor Lachen
+-- was wollte man noch mehr?
+
+Pjotr Nikolajewitsch bekleidete keinerlei Ämter und zeigte auch gar kein
+Interesse für öffentliche Angelegenheiten. Vor Jahren war er einmal zum
+Adelsmarschall des Bezirks gewählt worden. Man denkt noch heute mit Grauen
+an diese Zeit! Niemand kann zwar behaupten, direkte Unannehmlichkeiten
+während Suchotins Amtstätigkeit gehabt zu haben; im Gegenteil: es war die
+lustigste Zeit, und alle Amtsgeschäfte wurden von ihm in überaus lustige
+Streiche verwandelt; doch im Resultat entstand ein solches Durcheinander,
+es kamen solche Ungereimtheiten und noch Gott weiß was für Dinge an den
+Tag, daß sich niemand mehr auskannte. Jeder, der Pjotr Nikolajewitsch nicht
+genauer kannte, mußte im besten Falle glauben, der Adelsmarschall sei nicht
+bei Trost. Ich glaube sogar, daß in Petersburg -- in einem Salon oder bei
+einem Vortrag beim Minister -- sich jemand gerade in diesem Sinne
+ausgesprochen hat. Zum Glück hatte das keine weiteren Folgen.
+
+Jeder Mensch hat doch seine Eigenheiten; warum sollte da Pjotr
+Nikolajewitsch eine Ausnahme bilden?
+
+Pjotr Nikolajewitsch hatte die Passion, alles zu ordnen und aufzuräumen; er
+machte das auf eine so scharfsinnige Weise, daß es nachher sehr schwer und
+oft sogar ganz unmöglich war, einen von ihm eingeräumten Gegenstand zu
+finden: viele Dinge, und selbst solche, die man dringend brauchte, gingen
+spurlos verloren. Dann liebte er es, die Möbel -- Tische, Stühle und
+Etageren -- umzustellen, Bilder umzuhängen und die Bücher in der Bibliothek
+umzuordnen; damit füllte er gewöhnlich den ganzen Vormittag aus. Beim
+Mittagessen bevorzugte er die süßlichen Fleischspeisen, wie Eingeweide,
+Hirn und Kalbsfüße, und da er im Essen unmäßig war, verdarb er sich oft den
+Magen und klagte über Leibschmerzen. Eine weitere Liebhaberei von ihm war
+das Heizen der Zimmeröfen: es fror ihn beständig, und er ging mit einem
+langen Schürhaken von Ofen zu Ofen und rührte die Glut um. Er liebte es,
+sich mit Dienstboten und Bauern in Gespräche einzulassen; obwohl solche
+Gespräche immer mit der Erörterung ernsthafter Angelegenheiten begannen,
+endeten sie doch immer mit irgendeinem Unsinn, was höchst unerwünschte
+Folgen hatte: nicht nur daß die Leute vor Pjotr Nikolajewitsch keinen
+Respekt hatten, sie glaubten -- offen gestanden -- kein Wort von dem, was
+er sagte. Außerdem versprach er ihnen ganz unmögliche Dinge; so schenkte er
+einem jeden etwas von seinem Landbesitz, freilich ein nicht sehr großes
+Stück: nur drei Schritt lang und einen Schritt breit -- so ein närrisches
+Maß hat er sich ausgedacht! Was noch? Ja, er hatte die Leidenschaft,
+eigenhändig Geflügel zu schlachten, und konnte es darin mit jedem
+Küchenmeister aufnehmen: niemals entriß sich ihm ein Huhn mit
+halbdurchgeschnittenem Hals, oder rannte gar ohne Kopf flügelschlagend
+umher, wie es bei minder geschickten Köchen vorkommt. Schließlich sah er
+sich gern Leichen an, und je grauenhafter so ein Toter aussah, je
+fortgeschrittener die Verwesung war, desto mehr Genuß hatte er von dem
+Anblick. Sooft im Dorf jemand starb, mußte es der Dorfpope, P. Iwan, in das
+Herrenhaus melden; sofort wurde der Wagen angespannt, und Pjotr
+Nikolajewitsch ließ alles stehen und liegen und eilte an den Ort oder nach
+dem Hause, wo die Leiche lag.
+
+Suchotins Frau -- Alexandra Pawlowna -- spottete manchmal höchst gutmütig
+über die Liebhabereien ihres verwöhnten Mannes, dem sie übrigens in inniger
+Liebe zugetan war; man hätte auch alle diese Eigenschaften, die schließlich
+Pjotr Nikolajewitschs Privatangelegenheiten waren, kaum beachtet, wenn
+nicht ein unsinniges Gerücht aufgetaucht wäre, das die Ehre und den guten
+Ruf von >Gottessegen< in Frage stellte.
+
+Vor zwei Jahren kam aufs Gut ein alter Freund Pjotr Nikolajewitschs, der
+ihn noch vom Petersburger Lyzeum her kannte und seit jener Zeit nicht mehr
+gesehen hatte. Der Grund des plötzlichen Erscheinens dieses Gastes blieb
+unbekannt; niemand fragte ihn danach, und sein Kammerdiener schwatzte im
+Dienstbotenzimmer höchst verworrenes Zeug darüber: der General sei
+gekommen, um den revoltierenden Bauern Schrecken einzujagen oder auch um
+das ganze Land unter ihnen aufzuteilen. Das ist übrigens gar nicht so
+wichtig; konnte er denn nicht auch aus purer Neugier hergekommen sein?
+
+Der Gast wurde von Alexandra Pawlowna freundlich aufgenommen; sie bedauerte
+sehr, daß nicht die ganze Familie in >Gottessegen< versammelt war -- die
+Kinder waren nämlich verreist -- und daß der Gast sich daher etwas
+langweilen werde. Der General war aber in bester Stimmung; er erzählte viel
+von seinen freundschaftlichen Beziehungen zu Pjotr Nikolajewitsch und
+schien kein Verlangen nach anderer Gesellschaft zu haben. Mit Ungeduld
+erwartete er seinen Freund, der gerade an diesem Tage vom frühen Morgen an
+irgendwo auf dem Dorfe bei einer Leiche steckte und erst gegen Abend nach
+Hause kam. Als die Freunde sich gegenüberstanden, geschah etwas sehr
+Seltsames: der Gast war sichtlich erschüttert, erschrocken und begann am
+ganzen Leibe zu zittern. Hatte er seinen Freund nicht gleich erkannt, oder
+hatte er ihn erkannt, aber eine solche Veränderung an ihm wahrgenommen, daß
+es ihn schwindelte, oder war ihm in seinem Gesicht, in seinem Gang oder in
+seiner Sprache etwas ganz Unerwartetes, Unwahrscheinliches und Unmögliches
+aufgefallen -- das weiß niemand! Der General taumelte einen Schritt zurück,
+warf die Arme empor und fiel in Ohnmacht.
+
+In den folgenden Tagen war der Gast schweigsam und traurig; er schielte
+argwöhnisch nach allen Seiten, sagte zu allem ja und lächelte so
+unglücklich wie einer, der sehr unerwartet in eine ganz gewöhnliche Presse
+hineingeraten ist, wo er jeden Augenblick zu einem Brei zerquetscht werden
+kann. Er blieb noch an die acht Tage in >Gottessegen< und jagte eines
+Morgens ganz plötzlich, ohne Gepäck und nicht ganz angekleidet, auf und
+davon; vor der Abreise war er wie verrückt, murmelte etwas ganz Unsinniges
+vor sich hin und zeigte allen Leuten irgendwelche Schriftstücke, die er
+verkehrt in der Hand hielt. Und bald nach seiner Abreise tauchten alle die
+Gerüchte bei den Nachbarn und in der Stadt auf.
+
+Man erklärte plötzlich, das berühmte Suchotinsche Gut sei gar nicht so
+hervorragend, das Haus sogar etwas schadhaft: der nach dem Brande neu
+errichtete Teil falle von den übrigen ab; auch der Garten sei in keiner
+Weise bemerkenswert: er sei zwar alt und schattig, doch könne man bei einer
+Reise durch Rußland viele solcher Gärten sehen; an den Feldern und Wäldern
+sei zwar nichts auszusetzen, aber sie seien durchaus nicht einzig in ihrer
+Art; und was die Bauern betreffe, so seien sie gar nichts wert: verarmt und
+ohne Landbesitz; einmal seien sie schon ausgewandert, dann wieder
+zurückgekehrt, und wenn sie auch bei den letzten Unruhen das Herrenhaus
+nicht niedergebrannt und den Pferden nicht die Augen ausgestochen hätten,
+wie es beim Nachbar Bessonow geschehen war, so hätten sie doch
+unzweifelhaft die Absicht gehabt, das Haus anzuzünden, alles zu verwüsten
+und sich das Land anzueignen. Und von Pjotr Nikolajewitsch selbst erzählten
+sich die Leute, nach Aufzählung aller seiner Eigenheiten, solch ungereimtes
+Zeug, daß ich mich schäme, es wiederzugeben. Schließlich waren alle darin
+einig, daß man das Haus und die Leute unter allen Umständen meiden müsse:
+der Ort sei unrein.
+
+Einer von den guten Freunden riet Alexandra Pawlowna sogar, sich beim
+Gouverneur zu beschweren. Sie wollte davon aber nichts wissen: an dem
+ganzen Gerede sei kein wahres Wort, und sie wolle nicht noch mehr Staub
+aufwirbeln. Und in der Tat: was so ein argwöhnischer Mensch in seinem
+argwöhnischen Gehirn nicht alles ausdenken kann!
+
+Übrigens hörte das Gerede nach einiger Zeit ganz von selbst auf: die Leute
+sind doch nicht so dumm, wie sie zuweilen scheinen.
+
+Und so blieb alles beim alten: >Gottessegen< ist ein Paradies, die Familie
+Suchotin das Muster einer guten Familie, und Pjotr Nikolajewitsch zwar ein
+Sonderling, doch von seltener Unterhaltungsgabe.
+
+Alexandra Pawlowna war das eigentliche Haupt des Hauses, und ihrer Begabung
+wurde auch der Wohlstand und die musterhafte Ordnung der ganzen Wirtschaft
+von >Gottessegen< zugeschrieben. Sie war ziemlich wortkarg, hatte einen
+festen Willen und verstand, die Leute im Zaume zu halten. Man hatte vor ihr
+Respekt und vertraute ihr blind. Sie hatte früh und aus Liebe geheiratet
+und schenkte in den vier ersten Ehejahren vier Kindern, drei Töchtern und
+einem Sohn, das Leben. Ihr ganzes Leben verging in ununterbrochenen Sorgen
+um die Kinder und um die Wirtschaft, und diese Sorgen wuchsen ihr
+allmählich über den Kopf, je größer die Kinder wurden und je komplizierter
+die Wirtschaft. Sie war aber bereit, jede Last zu tragen, wenn sie damit
+dem Gatten und den Kindern das Leben angenehm machen konnte. Und niemand
+hatte Grund zu klagen: weder der Gatte noch die Kinder.
+
+Jeden Abend saß sie glücklich und freudestrahlend am Klavier. Ihre
+kräftigen Finger griffen sicher in die Tasten, und feierliche Klänge zogen
+durch die hohen Räume.
+
+Wenn irgendein heimatloser Landstreicher zufällig in das erleuchtete
+Fenster geschaut und die zufriedene Frau am Klavier erblickt hätte, wie
+würde er da vor Neid vergehen! Wie würde er sein finsteres Schicksal
+verfluchen! Wie willig würde ein Verirrter ihrer Stimme folgen!
+
+Der Konteradmiral Paleolog, der Taufpate der jüngsten Tochter Sonja, dessen
+Meinung immer für maßgebend galt und in der Stadt wie auch auf allen
+Landsitzen gern zitiert wurde, pflegte Alexandra Pawlowna >eine
+verführerische Brünette< zu nennen. Und er hatte wie immer recht. Wer würde
+glauben, daß diese verführerische Brünette, die das Hauswesen so gut zu
+führen verstand und ein schönes Familienleben lebte, sich einmal für das
+unglücklichste Geschöpf auf Gottes Erde gehalten hatte? Freilich waren
+viele Jahre seitdem vergangen, und jede Erinnerung an jene Zeit war vom
+immerwährenden Glück und Erfolg in allen Dingen vollkommen ausgelöscht. Vor
+fünfzehn Jahren, bald nach Sonjas Geburt, wäre >Gottessegen< um ein Haar
+verlorengegangen: das schöne Haus war beinahe verbrannt und Pjotr
+Nikolajewitsch beinahe in den Flammen umgekommen; Alexandra Pawlowna aber
+rettete alles.
+
+Im Herbst und im Winter, wenn die Kinder fort waren, verbrachte Alexandra
+Pawlowna ihre Tage unter vier Augen mit ihrem Mann; sie sah ihn mit der
+gleichen Liebe und Zärtlichkeit an wie vor zwanzig Jahren, und er erschien
+ihr ebenso verliebt wie damals; in solchen Augenblicken verschwand die
+tiefe Furche, die sonst zwischen ihren Brauen lag. Doch er stand vor ihr,
+ganz ausgetrocknet, lang wie eine Hopfenstange, mit ergrautem Haar und
+totenblassem Gesicht, starrte sie unverwandt an mit seinen unbeweglichen
+Augen und grinste.
+
+»Ich kenne keine Langeweile«, wiederholte er zum tausendsten Mal; »Mir ist
+es immer leicht ums Herz!« Das klang so wie: >Mir ist alles gleich, ich
+brauche nichts!< Sie hörte aber diese unheimlichen Worte nicht; seine
+Stimme klang für sie genau wie damals, als sie seinen ersten Kuß empfing.
+Die Liebe machte sie blind, und sie gab ihm die ganze Leidenschaft einer
+reifen, doch gut aussehenden Frau.
+
+Wie toll hätte der am Fenster lauschende Landstreicher über eine solche
+Szene gelacht! Vielleicht hätte er aber auch keinen Ton von sich gegeben
+und wäre ohnmächtig zusammengebrochen wie jener Gast, der Jugendfreund
+Pjotr Nikolajewitschs.
+
+
+2
+
+Ganz >Gottessegen< rüstete sich zu einem großen Ereignis: gleich nach
+Weihnachten sollte die Hochzeit der ältesten Tochter Lida, die erst im
+vorigen Jahre das Institut verlassen hatte, stattfinden. Der Bräutigam war
+der reiche Großgrundbesitzer Ramejkow.
+
+Die Feier wurde von allen mit großer Spannung erwartet. Man erzählte sich,
+daß das Hochzeitsmahl besonders üppig sein werde und daß Pjotr
+Nikolajewitsch beinahe alle Hühner abgeschlachtet habe. >Gottessegen< bekam
+einen feierlichen Anstrich. Die Gäste kamen schon am frühen Morgen
+zusammen, und Pjotr Nikolajewitsch, der besonders gut aufgelegt war, sorgte
+dafür, daß alle sich vor Lachen wälzten. Alexandra Pawlowna hatte alle
+Vorbereitungen zu treffen und konnte vor Überanstrengung kaum auf den
+Beinen stehen.
+
+Endlich war die ganze Familie versammelt: aus Petersburg kam der älteste
+Sohn Mischa, Student im ersten Semester; aus Kiew die zweite Tochter Sina,
+die dort in einem Institut erzogen wurde; und aus der Kreisstadt -- die
+Gymnasiastin Sonja. Der feierliche Augenblick rückte heran. Die
+Hochzeitsfeier fiel, wie jeder zugeben mußte, ungemein lustig aus. Es gab
+natürlich einige seltsame Zwischenfälle: als Pjotr Nikolajewitsch dem
+jungen Paar vor der Trauung seinen Segen gab und offenbar die Absicht
+hatte, dem Segen einige Ermahnungen für die Ehe folgen zu lassen, platzte
+er, nach einer längeren peinlichen Pause, mit einem einzigen Wort heraus,
+das man unmöglich wiedergeben kann; der junge Ehemann war dadurch so
+frappiert, daß es ihn große Mühe kostete, sich von den Knien zu erheben,
+und alle andern konnten schwer ihr Lachen verbeißen. Während der
+kirchlichen Trauung flüsterte Pjotr Nikolajewitsch dem Geistlichen P. Iwan
+zu, daß er letzte Nacht von Eiern, die in einer Grube lagen, geträumt
+hätte. Der Geistliche kannte natürlich die böse Bedeutung dieses Traumes;
+er kam ihm aber im Augenblick so ungemein komisch vor, daß er mitten im
+Gebet in schallendes Gelächter ausbrach. Der Küster, der das Weihwasserfaß
+hielt, wieherte ganz ungeniert los, und mit ihm lachte das ganze Publikum:
+es war eher eine Narrensposse als eine Trauung.
+
+Die Neuvermählten reisten gleich nach der Tafel nach Moskau ab, die
+Festlichkeiten in >Gottessegen< dauerten aber fort. Die Jugend
+veranstaltete eine Theateraufführung und einen Maskenball. Auf dem Teich
+wurde eine Schlittschuhbahn und ein Eisberg eingerichtet, und die jungen
+Leute wetteiferten im Laufen.
+
+Mischa Suchotin galt als hervorragender Schlittschuhläufer. Er war schlank
+und gelenkig und zeigte im Kunstlauf wahre Wunder. Auch seine Schwester
+Sonja, ein flinkes, lustiges Mädchen, war ungemein geschickt. Hell klang
+ihr Lachen in den sternenklaren Januarnächten über die Eisdecke hin. Es war
+ein Vergnügen zu sehen, wie Bruder und Schwester Arm in Arm den Eisberg
+hinuntersausten. Sina war anders geartet und hatte mehr Ähnlichkeit mit
+Lida: sie war wie diese schweigsam und etwas schüchtern, aber nicht
+temperamentlos.
+
+»Die Kinder sind der Mutter nachgeraten«, sagten alle Onkel und Tanten und
+alle alten Freunde des Hauses, die Alexandra Pawlowna näher kannten.
+
+Der Dreikönigstag rückte heran. Mischas Kollegen und die Freundinnen seiner
+Schwester reisten ab. Auch die Suchotinschen Kinder mußten fort, es gefiel
+ihnen aber auf dem Lande so gut, daß die Abreise immer wieder verschoben
+wurde.
+
+Am Dreikönigsabend liefen Mischa und Sonja zum letztenmal auf die Eisbahn
+hinaus. Es war eine herrliche sternenklare Nacht; die blauen Schneefelder
+glitzerten in zahllosen Funken, und der starke Frost kniff in die Wangen
+und ließ das Eis krachen. Mischa und Sonja flogen über die Eisfläche und
+wollten gar nicht aufhören. Da fiel Mischa plötzlich der ganzen Länge nach
+hin. Sonja glaubte anfangs, es sei nur ein Scherz von ihm. Es war aber doch
+nicht so. Man hob ihn auf, trug ihn nach Hause und ließ Ärzte kommen. In
+drei Stunden war er tot. Der Schmerz war unbeschreiblich.
+
+Am Abend nach der Beerdigung, als es im Hause plötzlich so leer war und
+alle abgespannt und schwermütig herumsaßen und herumirrten, kam plötzlich
+ein dringendes Telegramm von Ramejkow aus Moskau: Alexandra Pawlowna sollte
+sofort hinreisen.
+
+Sie reiste noch in der gleichen Nacht ab.
+
+Sina und Sonja waren in der größten Sorge, Pjotr Nikolajewitsch schien aber
+ganz ruhig, als ob gar nichts vorgefallen wäre. Er änderte auch nichts an
+seiner Lebensweise und seinen Gewohnheiten. Der einzige Unterschied war
+der, daß er in diesen Tagen noch mehr Hühner schlachtete als sonst. Das
+hatte aber einen Grund: Sina, die sich bei Mischas Beerdigung erkältet
+hatte, lag krank zu Bett und brauchte besondere Diät. Und dann noch etwas
+-- das ist aber nur eine seiner Schrullen! --, er ließ zu Mittag die
+riesengroße Ochsenzunge auftragen, die noch vom Hochzeitsmahl
+übriggeblieben war.
+
+Endlich kam aus Moskau die Nachricht: Lida hatte sich erhängt. Groß war der
+Schmerz der Familie.
+
+Nun wurde der zweite Sarg in die Suchotinsche Familiengruft versenkt. Im
+Hause wurde es noch öder und einsamer. Alexandra Pawlowna schlich tagelang
+wie ein Schatten umher.
+
+Sie konnte sich jetzt nicht verzeihen, daß sie ihre Zustimmung zu dieser
+Ehe gegeben hatte: sie hatte ja den Ramejkow als einen leichtsinnigen und
+gemeinen -- ja, ganz gemeinen! -- Menschen gekannt. Warum hatte sie Lida
+nicht gewarnt? Lida hätte doch sicher auf ihre Warnung gehört. Sie hätte
+sie leicht überzeugen können, denn sie kannte so viele häßliche und gemeine
+Geschichten aus Ramejkows Vorleben, über die sogar am Hochzeitstage in
+ihrem Hause getuschelt wurde.
+
+Nun war es zu spät. Gewissensbisse halfen nicht. Alexandra Pawlowna schrie
+beinahe vor Schmerz.
+
+Pjotr Nikolajewitsch war etwas abgespannt, doch wohl kaum aus Schmerz über
+die Verluste. Der Tod der beiden Kinder rief in ihm nur die gleiche Neugier
+hervor wie der Tod jedes andern, ihm gänzlich fremden Menschen. Seine
+Abgespanntheit rührte eher von einer schlaflosen Nacht her. Lidas Leiche
+war in einem geschlossenen Sarge nach >Gottessegen< gebracht worden; Pjotr
+Nikolajewitsch bestand aber darauf, daß der Deckel abgeschraubt wurde. Er
+enthüllte mit eigenen Händen das Gesicht seiner Tochter und stand dann die
+ganze Nacht vor dem Sarge, den Blick unverwandt auf die Tote gerichtet. Nun
+saß er, mit seinem flaschengrünen Schlafrock angetan, in einem Lehnsessel
+und schlummerte.
+
+So verging die Nacht nach Lidas Beerdigung.
+
+In Sinas Zustand trat indessen eine Verschlimmerung ein. Die Ärzte
+konstatierten Typhus. Ganz >Gottessegen< hielt den Atem an und wartete auf
+die Krisis. Und die Krisis kam. Die Ärzte traten zu einem Konsilium
+zusammen und erklärten, daß keine Hoffnung mehr da sei.
+
+Bei den Suchotins herrschte eine strenge Hausordnung, an der die Kinder,
+selbst als sie erwachsen waren und in den Ferien auf Besuch nach Hause
+kamen, noch immer festhielten: Lida mußte ihrem Vater die Zigaretten
+stopfen und Sina die Uhr im Eßzimmer aufziehen. Jetzt stopfte der alte
+Kammerdiener Michej die Zigaretten, und die Uhr im Eßzimmer stand still.
+
+Sina litt sichtlich unter dem Gedanken, daß ihre Krankheit die alte
+Hausordnung störte, und wollte daher ins Krankenhaus gebracht werden; sie
+konnte diesen Wunsch aber nicht mehr aussprechen: sie hatte bereits ihre
+Sprache verloren.
+
+Unter Anspannung ihrer letzten Kräfte bat sie Sonja durch Zeichen um einen
+Bleistift und ein Stück Papier. Als sie den einen Buchstaben >K<
+geschrieben hatte, entfiel der Bleistift ihrer Hand, und sie war tot.
+Wieder war der Schmerz unbeschreiblich.
+
+
+3
+
+Der dritte Sarg wurde aus dem Hause getragen.
+
+Als Alexandra Pawlowna in der Kirche von Sinas Leiche Abschied nahm und zum
+letztenmal ihr demütiges Gesicht mit den stahlblauen Augenlidern und den
+vom Todeskampf verzerrten Lippen sah, fiel ihr plötzlich das alte,
+ängstlich gehütete Geheimnis ein, an das sie in den vielen Jahren des
+Glücks kein einziges Mal gedacht hatte. Und sie weinte bittere Tränen, und
+als sie sich von der Leiche abwandte, war sie plötzlich eine alte, gebückte
+Frau geworden.
+
+»Habe ich denn gewußt, daß ich sie in diesem Alter verlieren werde?« sagte
+sie weinend und kopfschüttelnd vor sich hin.
+
+Doch ihr Gewissen sagte ihr, statt sie zu trösten, daß nur sie allein
+schuld sei und es sonst keinen Schuldigen gäbe. Und unter der Last dieses
+Gedankens fiel sie noch mehr zusammen und wurde noch älter.
+
+Sonja wich nicht von ihrer Seite. Sie versuchte, sie zu trösten, sie weinte
+mit ihr und blickte sie mit großen Augen an -- sie war vor Schreck wie
+gelähmt.
+
+»Mutter, was sprichst du da?« fragte sie und erschrak vor der eigenen
+Stimme.
+
+Und die Mutter erzählte ihr alles.
+
+Vor fünfzehn Jahren, bald nach Sonjas Geburt, war Alexandra Pawlowna einmal
+zu ihrer Mutter auf Besuch gefahren und hatte alle Kinder mitgenommen. Es
+war das erstemal, daß sie >Gottessegen< und ihren Gatten verließ. Und sie
+hatte gleich in der ersten Nacht einen bösen Traum: sie sah ihren Mann in
+einer Kirche hinter den Altar treten. Da wurde ihr ganz bange: ob er nicht
+erkrankt oder gar tot sei? Auch in der nächsten Nacht hatte sie einen bösen
+Traum: daß ihr Trauring entzweigebrochen sei. Sie bekam wieder Angst um
+ihren Mann und beschloß, sofort heimzureisen.
+
+»Während der Heimreise«, erzählte sie Sonja, »betete ich unaufhörlich zu
+Gott: Wenn schon ein Unglück geschehen soll, so laß, o Herr, ein Kind von
+mir sterben, oder zwei Kinder, oder sogar alle drei -- Mischa, Lida und
+Sina --, erhalte aber meinen Mann am Leben! Ich dachte mir: sie sind ja
+noch so klein, ihren Verlust werde ich leichter ertragen als seinen Tod.
+Dich nannte ich aber in meinem Gebete nicht, ich konnte es nicht übers Herz
+bringen . . . Wie ich nach Hause komme, erfahre ich, daß bei uns eine
+Feuersbrunst ausgebrochen war und dein Vater todkrank darniederlag . . . Um
+ein Haar wäre er verbrannt . . . Also hatte der Herr mein Gebet erhört und
+das Haus und den Vater verschont. Ich war ganz glücklich, und wir lebten
+weiter, als ob nichts geschehen wäre . . . Und jetzt . . . Alles kommt von
+meinem Gebet. Wußte ich denn, daß ich sie in diesem Alter verlieren würde?«
+
+Alexandra Pawlowna quälte sich furchtbar und ließ Sonja nicht von ihrer
+Seite.
+
+Auch Pjotr Nikolajewitsch war jetzt zerstreut und unruhig: auch ihn quälte
+wohl ein Gedanke. Er konnte nicht mehr seinen gewohnten Beschäftigungen
+nachgehen. Abends machte er noch den Versuch, den großen Schrank im
+Eßzimmer umzustellen; er rückte ihn von seiner alten Stelle weg, hatte aber
+nicht mehr die Kraft, ihn bis an die neue Stelle zu schieben. So blieb der
+Schrank mitten im Zimmer stehen. Dann griff er nach seinem Schürhaken; doch
+auch mit dem Heizen wollte es heute nicht recht gehen. Von Zeit zu Zeit kam
+er ins Schlafzimmer, setzte sich für einen Augenblick auf den Bettrand und
+ging dann wieder hinaus, seine Frau und Tochter in Verzweiflung
+zurücklassend.
+
+»Alle waren verlorengegangen -- Mischa, Lida, Sina und Sonja, und alle
+haben sich wieder eingefunden, bis auf Sonja . . . Sonja fehlt noch . . .«
+murmelte er leise vor sich hin. Man wußte nicht, an wen er diese Worte
+richtete: an den alten Michej, an den Ofensetzer Kusma oder an die
+Wirtschafterin Darja Iwanowna, die jetzt die Hausfrau vertrat.
+
+Erst am späten Abend beruhigte er sich, ging in sein Zimmer und legte sich
+schlafen. Der Kammerdiener Michej wich keinen Augenblick von seiner Seite.
+
+So unheimlich und öde wurde es im alten Haus, so kalt in allen Winkeln. Wo
+war alles hingekommen -- Friede, Lachen, Glück? Drei Särge -- drei Tode
+ließen das warme Herdfeuer im Hause erkalten.
+
+
+4
+
+Alle diese Ereignisse, die sich innerhalb nur eines Monats abgespielt
+hatten, wurden natürlich in der ganzen Gegend viel besprochen, und das alte
+Gerede lebte wieder auf »Da geht es nicht mit rechten Dingen zu!« --
+erklärte man sofort nicht nur auf dem nahen Gute Kostomarowka und dem etwas
+weiter entfernten Britany, sondern auch in Motowilowka und
+selbstverständlich auch in der Stadt. Was? Wieso? Warum? Und es ging los.
+Die ganze Geschichte von >Gottessegen< und das ganze Leben der Suchotins
+wurden haarklein untersucht und kommentiert, alle Großmütter und Großtanten
+wurden zitiert, und selbst solche Ereignisse, die sich entweder gar nicht,
+oder jedenfalls nicht bei den Suchotins, sondern, sagen wir, bei den
+Muromzews zugetragen hatten, wurden erörtert. Und alle Geschichten, jeder
+Klatsch kam wieder ans Licht: seht nur, meine Herrschaften, urteilt selbst!
+Uns war ja alles schon früher bekannt!
+
+Aus irgendeinem Grunde klammerte man sich an jenen geheimnisvollen General,
+den Jugendfreund Pjotr Nikolajewitschs, der seinerzeit, Gott weiß warum,
+aus >Gottessegen< geflohen war. Und alle waren darin einig, daß der General
+alles wisse und jede Aufklärung geben könne. Wie soll man ihn aber finden?
+Jemand sagte: den Perewerdejew kennt ja ganz Petersburg. Folglich ist er in
+Petersburg? Gewiß! Der Gouverneur fragte also dringend in Petersburg an.
+Die Antwort traf, wie ich glaube, noch am gleichen Tage ein: in Petersburg
+gebe es General, soviel man wolle, und selbst mit solchen Familiennamen,
+die man in Damengesellschaft gar nicht aussprechen könne; ein Perewerdejew
+sei aber unbekannt. Sollte vielleicht ein General Perewersew gemeint sein?
+
+Und während man Nachforschungen nach einem General Perewersew anstellte,
+verrichtete ein eiserner Jemand gelassen und sicher sein sicheres Werk,
+ohne jemandem Rechenschaft darüber abzulegen; ein gnadenloser jemand
+näherte sich in Siebenmeilenstiefeln aus weiter Ferne, um Gericht zu
+halten.
+
+Ohne Alexandra Pawlownas Leitung mußte die Wirtschaft in Unordnung geraten;
+sie spannte ihre letzten Kräfte an, um die alte Ordnung aufrechtzuerhalten
+und für den Mann und die Tochter zu sorgen: für den Mann, dem zuliebe sie
+das große Opfer gebracht hatte, und für die Tochter -- der sie jetzt ihre
+ganze Ruhe zu opfern bereit war.
+
+Hatte sie sich nicht verrechnet, als sie in ihrem Gebet die drei älteren
+Kinder opferte und Sonja vergaß oder vielmehr absichtlich verschwieg? Warum
+verschwieg sie Sonja? Hätte sie das nicht getan, so wären vielleicht alle
+vier verschont geblieben. Und wenn alle vier gestorben wären? Nein, das
+könnte nicht sein: sie hätte ja alles geopfert, und wer alles opfert
+. . . Warum hatte sie dennoch nicht alle geopfert? Diese Frage zermarterte
+ihr Hirn und ließ sie nicht mehr los.
+
+Und wenn jetzt auch Sonja stirbt? Sie sagte ja eben, daß sie alles opfern
+möchte; also auch Sonja? -- diese Frage machte sie erschaudern. Sie war wie
+von Sinnen.
+
+»Sonja, Sonja! Wo bist du?« Jeden Augenblick sah sie sich unruhig nach
+ihrer Tochter um, obwohl diese nicht von ihrer Seite wich.
+
+Zu den quälenden Gewissensbissen und der Sorge um die einzige Tochter
+gesellte sich noch die Sorge um den geliebten Mann, dessen Leben mit dem
+Leben dreier teurer Kinder erkauft war. Pjotr Nikolajewitsch war ganz
+heruntergekommen und verließ sein Zimmer nicht mehr; er konnte nur mit Mühe
+seine Beine schleppen, sein Gesicht war blau angelaufen, seine Haare
+klebten am Schädel, und seine welke, blasse Haut schien ganz lose am Körper
+zu hängen.
+
+In allen Zimmern verbreitete sich plötzlich ein übler, dumpfer Geruch.
+
+Das Haus war alt und beherbergte eine Menge Ratten, -- ganze Generationen
+hausten unter den Dielen. Es kam vor, daß irgendeine uralte Ratte
+verendete; der unerträgliche Geruch rührte wohl von einer solchen toten
+Ratte her. Zu einer andern Zeit hätte Pjotr Nikolajewitsch sicher die
+Stelle gefunden, man hätte ein Dielenbrett aufgebrochen und den Kadaver
+entfernt; er kümmerte sich aber nicht mehr darum.
+
+Allen, die jetzt noch nach >Gottessegen< kamen, war es klar, daß es
+unmöglich so weitergehen könne, daß früher oder später irgendein Ende, ganz
+gleich was für eines, kommen müsse. Und alle warteten gespannt auf das
+Ende. Drei Tage und drei Nächte wollte man noch warten. Zwei Tage und zwei
+Nächte waren aber schon abgelaufen.
+
+Am Samstag wurde im Hause eine Abendmesse gelesen. P. Iwan sparte nicht mit
+dem Weihrauch, und alle gingen mit Kopfschmerzen zu Bett.
+
+»Nachts ließ mich der gnädige Herr kommen«, berichtete später der alte
+Michej, »und sagte mir: >Lieber Michej, hole mir bitte gleich einen jungen
+Hahn um Christi willen! Ich werde dir diesen Dienst nie vergessen!< --
+>Gnädiger Herr<, sage ich ihm, >was wollen Sie mit dem Hahn um diese
+Stunde? Es ist ja Nacht!< Er sagt darauf nichts, blinzelt mir nur so mit
+einem Auge zu, als ob er sagen wollte: Rate mal selbst, wozu ich ihn
+brauche! -- Ich ging in den Hühnerstall, suchte einen recht schönen, fetten
+Hahn aus und brachte ihn ihm. Auch ein Messer brachte ich gleich mit. Der
+Herr nahm das Messer und begann den Hahn zu schlachten; er hatte aber nicht
+mehr die Kraft, es ordentlich zu tun, und der Hahn zappelte lange in seinen
+Händen. Endlich war er mit dem Hahn doch fertig geworden, -- eine große
+Blutlache war auf dem Boden, auch er selbst war ganz mit Blut beschmiert.
+Das hatte ihn wohl etwas erleichtert. -- >Weißt du, Michej<, sagte er mir
+dann, >jetzt hätte ich Lust, mir eine Leiche anzusehen!< -- >Gott sei mit
+Ihnen!< sage ich ihm. -- >Wo soll man jetzt eine Leiche hernehmen?< Es
+überläuft mich ganz kalt, und ich sehe, daß auch der Herr nur so mit den
+Zähnen klappert. -- >Und wo ist Sonja?< fragt er noch und sieht mich dabei
+so an . . . Bis an mein Ende werde ich daran denken, wie er mich ansah! --
+>Im Schlafzimmer<, sage ich ihm, >bei der gnädigen Frau.< Da beruhigte er
+sich ein wenig, und ich ging fort und legte mich hin.«
+
+Die Haushälterin Darja Iwanowna erzählte: »Ich erwachte mitten in der Nacht
+und höre einen Kater miauen. Und ich denke mir: >Was mag das für ein Kater
+sein?< Ich rufe ihn an, doch er faucht nur so.«
+
+»Einen Hahn haben wir wirklich krähen hören«, bestätigten die anderen
+Hausbewohner.
+
+Der Hahn brachte Pjotr Nikolajewitsch keine Erleichterung, und es war doch
+so ein prächtiger Hahn gewesen! Seine Kräfte gingen zur Neige, es war ihm,
+als ob er ersticken müßte. Er richtete sich in seinem Bett auf und keuchte:
+
+»Alle waren verlorengegangen -- Mischa, Lida, Sina und Sonja, und alle
+haben sich wieder eingefunden, bis auf Sonja! Sonja fehlt noch!«
+
+Das Verlangen, Sonja sofort zu suchen, trieb ihn aus dem Bett und führte
+ihn aus dem Zimmer. Das Messer noch immer in der Hand haltend, kroch er auf
+allen vieren ins Schlafzimmer seiner Frau.
+
+Die Schlafzimmertür war nur angelehnt. Vor dem Heiligenbild glimmte ein
+Öllämpchen. Sonja schlief bei ihrer Mutter, das Gesicht zur Tür gewandt.
+
+»Mein kleines, liebes Hühnchen!« murmelte Pjotr Nikolajewitsch, an das Bett
+herankriechend.
+
+Sonja schlug die Augen auf und richtete sich auf. Mit Schrecken sah sie den
+zitternden, blutbefleckten Vater und reckte ihren Schwanenhals.
+
+»Du liebes, kleines Hühnchen!« flüsterte er und bemühte sich, vom Boden
+aufzustehen.
+
+Und er richtete sich auf.
+
+Der Schwanenhals reckte sich im Schein des Öllämpchens unter dem blitzenden
+Messer noch mehr. Einen Augenblick noch -- und ein kirschrotes Halsband
+hätte den Schwan erwürgt. Pjotr Nikolajewitsch hatte aber nicht mehr die
+Kraft. Es gab keine Rettung mehr für ihn. Das Messer entglitt seiner Hand
+und fiel zugleich mit der Haut, die sich von seinen Fingern loslöste, zu
+Boden.
+
+Der Alte fuhr zusammen und setzte sich auf den Teppich. Er begann plötzlich
+einzuschrumpfen. Die Nase, der Mund, die Ohren, alles Fleisch sammelte sich
+zu dicken Falten, die sich aufblähten und zerplatzten, und ein dünner,
+klebriger Brei löste sich von den weißen Knochen und floß zu Boden.
+
+Das Licht des Lämpchens fiel auf einen ganz nackten, blinden Totenkopf; er
+war weiß wie Zucker und schien zu grinsen. Im gleichen Augenblick wurde die
+Tür von einem Flammenmeer aufgerissen. Die Flamme warf der Mutter, der
+besinnungslosen Tochter und dem Totenkopf einen stechenden Blick zu, reckte
+sich zur Zimmerdecke empor und flog als roter Hahn knisternd durch die
+Räume.
+
+Das Haus stand in Flammen.
+
+
+
+
+Der den Teufel rief
+
+
+
+1
+
+Das alte Wersenewsche Haus ist in aller Munde. In Krutowrag ist es nicht
+geheuer.
+
+Viel Interessantes und natürlich auch viel Gruseliges erzählte man sich
+über das alte Haus.
+
+Sergej Sergejewitsch Wersenew selbst ist allerdings nicht sehr gesprächig:
+auch kümmert er sich wenig um solche Dinge. Aber seine Frau Jelisaweta
+Nikolajewna und die beiden Kinder -- der Gymnasiast Gorik und die
+Gymnasiastin Buba -- lieben es, von den alten Zeiten zu sprechen. Mit Genuß
+sprechen sie davon, wie auch das Hausgesinde, die alte Kinderfrau
+Solomowna, der Koch Prokofi Konstantinowitsch und der Lakai Sinowi, in der
+Küche beim Teetrinken gern über die gleichen Dinge sprechen; doch im
+Flüsterton!
+
+Im Garten, am Sandhügel, den noch in den Tagen der Leibeigenschaft Kinder
+und Greise aufgeschüttet hatten, zeigte man einen kleinen schlammigen
+Weiher, der selbst beim stärksten Frost nur am Rande, um die kalte Quelle
+herum, die in seiner Mitte sprudelte, zufror und, wie es hieß, gar keinen
+Grund hatte.
+
+Jede Nacht kam aus dem Weiher eine Troika heraus; sie fuhr lautlos durch
+die Lindenallee und hielt vor der Veranda des Herrenhauses; ein uralter
+Greis, Wersenews Großvater, sprang aus dem Wagen, ging auf die Veranda
+hinauf, spazierte dort auf und ab und roch an den Blumen; dann begab er
+sich in den großen Saal, stieg in den Keller hinab und kehrte schließlich
+mit seiner Troika in den grundlosen Weiher zurück.
+
+Unter dem Hause befanden sich zwei sehenswerte gewölbte Keller: ein großer,
+der jetzt leer war, und ein kleiner, der als Weinkeller benutzt wurde. Aus
+dem leeren Keller, wo man vor Zeiten die Leibeigenen, die sich etwas
+zuschulden hatten kommen lassen, zu züchtigen pflegte, hörte man nachts ein
+Stöhnen; und im kleinen Keller, wo einst die Wersenewschen Schätze verwahrt
+wurden, klirrte es oft, wie wenn jemand Dukaten zählte.
+
+Einen neuen Gast pflegte man vor allen Dingen in das Eckzimmer im
+Obergeschoß zu führen, aus dessen Fenster man die Landstraße sehen konnte.
+In diesem Zimmer standen mit altmodischen Kleidern und merkwürdigem
+Schuhwerk angefüllte Schränke: es war Großmutters Garderobe.
+
+Man erzählte sich, daß Sergej Sergejewitschs Mutter, Fedossja Alexejewna,
+von ihrem Mann in Krutowrag verlassen, Tag und Nacht vor diesem Fenster
+gesessen habe; sie sei auch, so vor dem Fenster sitzend und auf die Straße
+schauend, gestorben.
+
+Sehr traurig war es in diesem hellen, traurigen Zimmer und sehr unheimlich;
+viel unheimlicher und öder als im großen Keller, an dessen Wänden man noch
+die braunen Blutspritzer sehen konnte. Das Zimmer, das an Fedossja
+Alexejewnas Zimmer anstieß, war unbewohnt; man bewahrte die alten
+Spielsachen der Kinder dort auf.
+
+Durch eine Galerie, die das Haus in zwei Hälften teilte, gelangte man in
+das geräumige Vestibül im Erdgeschoß und von da aus in einen großen Saal
+mit zwei übereinanderliegenden Reihen Fenster; zwischen den Fenstern, die
+auf die Veranda hinausgingen, standen schmale Spiegel.
+
+In ihnen spiegelte sich der Kronleuchter, und sie begleiteten jeden, der
+vorbeiging, mit ihrem schweren Spiegelblick.
+
+Rechts folgten die innern Wohnräume, an die sich eine in späterer Zeit
+angebaute Küche anschloß, und links -- die Paradezimmer.
+
+Im Salon standen unter den Familienbildnissen L'hombretische, die schon
+manches wahnwitzige Hasardspiel gesehen hatten.
+
+Hier erschien jede Nacht, so berichteten die Augenzeugen, Sergej
+Sergejewitschs Vater, Sergej Petrowitsch, ein leidenschaftlicher Spieler,
+der im Auslande das ganze Riesenvermögen seiner von ihm verlassenen Frau
+verspielt hatte; er ging von Tisch zu Tisch, klappte sie auf und stöberte
+unter dem Tuch herum, als hoffe er, noch einen vergessenen Dukaten zu
+finden.
+
+Aus dem Salon führte man den Gast in die Bibliothek und ins Arbeitszimmer.
+
+Hier in diesem Arbeitszimmer, in die Ecke neben dem Schrank mit dem dunklen
+astronomischen Globus gekauert, war Sergej Petrowitsch gestorben; vor
+seinem Tode soll er _echte Teufel_, das heißt Teufel ohne Schweif und
+Hörner, gesehen haben.
+
+Obwohl niemand außer Sergej Sergejewitsch etwas Sicheres darüber wissen
+konnte -- der Vater ließ in seiner Sterbestunde nur ihn allein zu sich
+kommen --, konnte man die Geschichte von den echten Teufeln ohne Schweif
+und Hörner in ganz Krutowrag hören, in allen Winkeln und von allen
+Kreaturen: von dem alten tauben Gemüsegärtner Gordej bis zu der
+allmächtigen Näherin Anna Fjodorowna Raphael. Der selige Sergej Petrowitsch
+pflegte nämlich alle einfachen Leute ohne Ausnahme Kreaturen zu nennen.
+
+Nachdem der Gast die Paradezimmer, die zu beiden Seiten eines dunklen
+Korridors gelegenen Wohnräume in der rechten Hälfte des Hauses und die
+beiden Keller besichtigt hatte, führte man ihn in das Speisezimmer, wo vor
+verhältnismäßig kurzer Zeit der Wein in Strömen floß; zu der gleichen Zeit,
+als im Salon klirrendes Gold mit beiden Händen ausgestreut wurde.
+
+Im länglichen niedern Speisezimmer fanden die Wersenewschen Gespräche und
+überhaupt alle Erinnerungen ihren Abschluß.
+
+Noch manches andere Interessante und natürlich auch Gruselige erzählte man
+sich über das Haus.
+
+Darum brannten in allen Zimmern bis spät in die Nacht hinein Kerzen. Das
+nächtliche Knistern der Parkettböden verbannte aber jeden Schlaf aus dem
+Hause.
+
+Weiße Säulen, schwer und massiv wie Elefantenbeine, stützten das im Winde
+klirrende feste Eisendach. Sie allein schienen Tag und Nacht ruhig zu
+schlafen, ohne sich um all diese Geschichten, um das Grauen, das nachts in
+den Zimmern herrschte, und um die Fledermäuse, die an ihnen klebten wie die
+Fliegen an der Kinderfrau Solomowna, zu kümmern. Die alten Pappeln aber,
+die das Haus überragten, rauschten ständig, ganz gleich ob der Tag
+windstill oder stürmisch war.
+
+ * * *
+
+Die Türen stehen bei den Wersenews immer weit offen: jedermann kann zur
+beliebigen Stunde kommen. Die Wersenews haben ständig Besuch; das ganze
+Jahr ist wie ein Geburtstag.
+
+Verwandte und Bekannte, Nachbarn und Leute aus der Stadt kommen sehr oft
+und sehr gern nach Krutowrag. Sie kommen nicht einzeln und nicht in Paaren,
+sondern mit der ganzen Familie, wie in Großvaters Tagen.
+
+Selbst in Zeiten, wo alle miteinander verzankt waren, verstanden es die
+Wersenews, sich mit allen gut zu vertragen. Sie freuten sich über jeden
+Gast.
+
+Gar lustig ging es in Krutowrag zu!
+
+Warum sollte es dort auch nicht lustig zugehen! Die Nacht mit ihren
+Schmerzen währte ja nicht ewig; es gab ja auch einen Tag! Und was hatte
+auch schließlich so eine Wersenewsche Nacht mit all ihren dummen Ängsten zu
+bedeuten?
+
+Jelisaweta Nikolajewna verstand es meisterhaft, ihren Gästen Unterhaltungen
+und Zerstreuungen zu bieten. Sie war die Anstifterin aller lustigen
+Streiche und ließ auch ihren Kindern darin volle Freiheit.
+
+Gorik und Buba hatten viele Altersgenossen. Man veranstaltete
+Liebhabervorstellungen und lebende Bilder, man spielte Scharaden; immer gab
+es Feuerwerk, Picknicks, Ausflüge zu Wagen und zu Pferde und Bootfahrten.
+
+Wie sollte man sich da fürchten: es war ja zu lustig!
+
+Nur eines fehlte ihnen: ein Aeroplan. Die Wersenews träumten von einem
+Aeroplan mit der gleichen Sehnsucht, mit der die Gymnasiasten der guten
+alten Zeit von Amerika träumten. Hätten sie aber wirklich solch einen
+Aeroplan bekommen, so wäre es wohl um sie geschehen: sie wären dann in
+solche Höhen, in solche Wolkenmeere emporgeflogen, daß ihnen nur das eine
+übriggeblieben wäre: ein Ende mit Schrecken!
+
+Sie betrieben alle Zerstreuungen und Belustigungen mit viel zuviel Eifer
+und Leidenschaft; die Spiele erschienen als wichtige und bedeutsame
+Angelegenheiten, ohne die man gar nicht leben könnte, ohne die nur das eine
+übrigblieb: ein Ende mit Schrecken!
+
+Die Erwachsenen wurden von dieser Lustigkeit angesteckt und waren stets mit
+den Kindern zusammen. Sie ließen ihnen einfach keine Ruhe. Ganze Tage
+gingen im Spiel hin.
+
+Gar lustig ging es in Krutowrag zu!
+
+Alle diese Belustigungen kosteten eine Menge Geld und erforderten große
+Mühe und viele Arbeitshände. Manchmal nahmen sie auch ein schlechtes Ende.
+Aber jede vernünftige Sache kann zu einem schlechten Ende führen!
+
+Der Gärtner Eduard, den man sich nach Krutowrag aus Riga verschrieben
+hatte, ein arbeitsamer, zu philosophischen Betrachtungen neigender und
+kunstfertiger Mann, mußte einen ganzen Sommer lang, statt sein
+Gärtnerhandwerk auszuüben -- die Blumen zu pflegen und Kunstgärtnerei zu
+treiben --, Abend für Abend Raketen steigen lassen. Er erlangte darin eine
+große Fertigkeit, aber die Blumen gingen zugrunde. Und was waren das für
+Blumen!
+
+Es ist noch manches Ähnliche passiert; die Belustigungen kamen gar nicht
+billig zu stehen!
+
+Nur wenige Abende liefen ohne Feuersbrunst ab.
+
+In den letzten Jahren hatte es so oft gebrannt, daß selbst die Sterne, die
+trüben Sterne von Krutowrag, die scheu über dem Wersenewschen Hause
+flimmerten, die emporlodernden Flammen der Feuersbrünste nicht mehr
+fürchteten. Auch in den Nachbardörfern brannte es in einem fort. Das wurde
+aber weniger der Unvorsichtigkeit der Wersenews als Brandstiftungen
+zugeschrieben: es gab ja genug Gesindel in der Gegend und viele reiche
+Besitzungen.
+
+Man könnte doch meinen, die Wersenews müßten etwas vorsichtiger werden! Wie
+leicht konnte ein Unglück passieren! Und doch kannten sie kein größeres
+Vergnügen als Brennen.
+
+Man brannte Raketen und Feuerwerk ab; man legte im Walde Feuer an, um
+Kartoffeln zu braten oder auch ohne jeden Zweck; in Sommernächten brannten
+diese Feuer bis zum Morgengrauen; im Garten gab es immer Feuerwerk oder
+brennende Reisighaufen. Ohne Feuer gab es bei ihnen kein Vergnügen; man
+vergaß viel eher das Abendbrot als irgendeinen qualmenden und über die
+ganze Gegend Funken werfenden >Persischen Blitz<. Den Blitz vergaß man
+niemals!
+
+Die Wersenews brannten, wo man nur brennen konnte, und auch dort, wo man es
+gar nicht durfte. Sie steckten an, was ihnen gerade in die Hände fiel.
+
+Jelisaweta Nikolajewna begnügte sich nicht damit, ihre Kinder zu solchen
+gefährlichen Spielen zu ermuntern: nein, sie erfand selbst neue Variationen
+und war die eigentliche Rädelsführerin. Sie benahm sich bei diesen
+gefährlichen Unternehmungen so kindlich und schelmisch, als ob sie nicht
+Bubas Mutter, sondern ihre Schwester wäre; sie stand ihren Kindern in
+nichts nach und betrieb alles mit dem gleichen verrückten Eifer und
+komischen Ernst wie sie.
+
+Jelisaweta Nikolajewna konnte niemals ruhig auf einem Platze sitzen: im
+Sommer gab es jeden Augenblick Liebhaberaufführungen und Feuerwerk, im
+Winter Abendunterhaltungen und Besuche bei den Nachbarn. Sie machte
+überhaupt den Eindruck eines höchst leichtsinnigen Menschen. Wenn man aber
+mit ihr sprach, so konnte man hören, daß sie das alles nur den Kindern
+zuliebe tat; auch das viele Geld reute sie nicht, wenn sie ihnen damit eine
+Freude machen konnte.
+
+Sie sprach von ihren Mutterpflichten mit solcher Überzeugung und zeigte
+darin einen so unerschütterlichen Glauben, daß der sonst allzu auffällige
+schelmische Ausdruck in solchen Momenten spurlos in der Tiefe ihrer
+erschrockenen Augen verschwand.
+
+Die Damen aus der Nachbarschaft, die die erstaunliche Gabe besaßen, jeden
+Unsinn mit den unsinnigsten Einzelheiten aufzustöbern und zu verbreiten und
+so flink wie die Flöhe in die verborgensten Winkel einzudringen, selbst die
+bedeutendsten Spezialistinnen auf dem Gebiete des Klatsches und der
+Intrige, wußten mit ihr nichts anzufangen: man konnte ihr beim besten
+Willen nichts nachweisen und keinen Roman, in dem sie eine handelnde Person
+wäre, konstruieren.
+
+Die Kinder waren von Natur aus schwächlich, sie wären wohl dauernd krank
+gewesen, wenn die Mutter sie nicht immer zu den ausgelassensten Spielen
+angehalten hätte. Sie waren wahre Räuber, die Mutter aber eine noch größere
+Räuberin als sie. Ohne sie würde keine einzige Belustigung zustande kommen
+und kein Feuerwerk brennen; von ihr ging diese ausgelassene Freude aus, und
+ihretwegen wäre man am liebsten immer in Krutowrag geblieben; alles war das
+Werk ihrer Hände, die so klein und flink waren, sich aber auch an ein Ding
+wie mit Krallen festzuklammern verstanden . . .
+
+Man kann nicht behaupten, daß Sergej Sergejewitsch ungastlich gewesen wäre;
+im Gegenteil: er freute sich aufrichtig über jeden Gast und bot einem jeden
+von seinen vorzüglichen Havannazigarren an, mit brasilianischem oder mit
+mexikanischem Deckblatt -- ganz nach Wunsch! Es war aber einmal so
+eingeführt und konnte anscheinend gar nicht anders sein, als daß die Gäste,
+die so gern zu den Wersenews kamen, den Herrn des Hauses nach Möglichkeit
+mieden.
+
+Der Grund war sehr einfach: in Wersenews Gesellschaft war es immer
+furchtbar langweilig.
+
+Von außen gesehen, waren seine Erscheinung, seine Manieren und Gewohnheiten
+durchaus normal und in keiner Weise sonderbar oder auffallend; er war ein
+Mensch wie alle Menschen und schnaufte sogar wie mancher andere mit der
+Nase: wenn auch etwas lauter als der Krutowrager Adelsmarschall Turbejew,
+aber doch nicht so laut wie der General a. D. Belojarow. Er hielt viel auf
+gute Kleidung und trug sich nicht weniger elegant als der Landrat
+Pustoroslew, dessen beispiellose Vergeßlichkeit in seinen privaten wie auch
+öffentlichen Angelegenheiten sprichwörtlich geworden war. Was konnte man
+von ihm noch mehr verlangen? Aber trotz all seiner Liebenswürdigkeit und
+Aufmerksamkeit und trotz der berühmten Havannazigarren würde es jedermann
+vorziehen, vierundzwanzig Stunden lang auf irgendeiner gottverlassenen
+Eisenbahnstation zu sitzen, als eine Minute unter vier Augen mit Sergej
+Sergejewitsch zu verbringen.
+
+Er unterbrach seinen Gesprächspartner mitten in einem Satze und verzog das
+Gesicht mit einem Ausdruck, als ob er sich auf etwas besinnen wolle oder
+nach einem Wort suche, das präziser als alle sonst gebräuchlichen
+Umgangsworte seinen Gedanken ausdrücken könne, während es in seiner Kehle
+eigentümlich pfiff. Nachdem er den bestürzten Gesprächspartner eine
+Zeitlang in gespanntester Erwartung hatte zappeln lassen, winkte er
+plötzlich mit der Hand ab und faßte seinen Ärger und seine Ohnmacht in dem
+einzigen Worte zusammen:
+
+»Teufel!«
+
+>Teufel!< klang es zu allen Tages- und Nachtstunden im Hause, im Garten, im
+Felde, auf dem Flusse, kurz überall, wo Wersenew nur auftauchte.
+
+Wersenew blieb aber niemals der lustigen Gesellschaft fern; es zog ihn
+immer zu seinen Gästen, und er folgte ihnen, laut mit der Nase schnaufend,
+überallhin wie ein Schatten. Von allen vernachlässigt und in den Schatten
+gedrängt, wiederholte er zu den Klängen der Tanzmusik, zu dem lustigen
+Lachen und Schreien, zu dem Knistern des Feuerwerks und dem Krachen der
+Raketen sein einziges, seinen Ärger und seine Ohnmacht zusammenfassendes
+schwarzes Wort:
+
+»Teufel!«
+
+Alle hatten sich so sehr an diesen Wersenewschen >Teufel< gewöhnt, daß es
+niemand mehr merkte.
+
+Nur die alte Kinderfrau Solomowna, eigentlich Jefimija Awessalomowna, die
+den Sergej Sergejewitsch großgezogen hatte, schlug das Kreuz und schüttelte
+den Kopf.
+
+Wenn in der Küche oder in der Mägdekammer von den Herrschaften gesprochen
+wurde, tadelten sie weder deren Verschwendungssucht noch die
+Lotterwirtschaft, sondern nur das eine: daß der gnädige Herr immer den
+>Teufel< im Munde habe.
+
+Man wußte ja sehr gut, von Solomowna wußte man es, wohin das führen konnte.
+
+»Wenn man den Teufel zur ungelegenen Zeit ruft, so kommt er als schwarzer
+Sturmwind geflogen und ergreift den Menschen, und der Mensch geht
+zugrunde!« sagte die Kinderfrau, indem sie sich den Mund bekreuzigte und
+den Kopf schüttelte.
+
+Und alle waren ihrer Meinung; niemand widersprach ihr, besonders wenn
+abends davon die Rede war. Der Koch Prokofi Konstantinowitsch spottete
+nicht, der Kutscher Anton wußte nichts dagegen einzuwenden, die drei
+Zimmermädchen: Charitina, Ustja und Sanja waren ganz ihrer Meinung, ebenso
+wie die Wäscherin Matrjona Simanowna und der Bautischler Terenti; selbst
+der verwilderte Schmied, den man >Truthahn< nannte, der an keine
+übernatürliche Macht glaubte und selbst eine Art Hexenmeister oder Gott
+weiß was war, sagte kein Wort dagegen; der schweigsame Lakai Sinowi
+lächelte nicht, und sein Gehilfe, der kleine Pjotr, wagte nicht zu grinsen;
+dieser Pjotr glaubte nur an den schrecklichen Wels mit dem langen
+Schnurrbart, der einmal vor grauen Jahren ein Kalb verschlungen hatte und
+sich alle zwölf Jahre im Flusse zeigte; beim bloßen Gedanken an diesen Wels
+zitterte er am ganzen Leibe.
+
+»Auch der selige Herr Sergej Petrowitsch hatte so eine Angewohnheit«,
+pflegte Solomowna zu sagen, »alle Leute nannte er >Kreaturen<. >Kreatur<,
+pflegte er zu sagen, >komm einmal her!< Selbst den Dorfgeistlichen nannte
+er Kreatur. Die Sünde ist zwar groß, aber doch lange nicht so groß wie die
+von Sergej Sergejewitsch.«
+
+Sergej Sergejewitsch, dem es unter den Gästen langweilig wurde, kam
+plötzlich in die Küche oder in die Mägdekammer und stand, schwer mit der
+Nase schnaufend, da.
+
+Die Dienstboten sprangen erschrocken auf und erwarteten von ihm irgendeinen
+Befehl oder auch ein ordentliches Donnerwetter.
+
+Sergej Sergejewitsch stand aber regungslos da, starrte unverwandt auf den
+verwilderten >Truthahn<, der selbst eine Art Hexenmeister oder Gott weiß
+was war, und verzog das Gesicht mit einem Ausdruck, als ob er sich auf
+etwas besinnen wollte, oder nach einem Wort suchte, das präziser als alle
+sonst gebräuchlichen Umgangsworte seinen Gedanken ausdrücken könnte,
+während es in seiner Kehle eigentümlich pfiff.
+
+Nachdem er die bestürzten Dienstboten eine Zeitlang in gespanntester
+Erwartung hatte zappeln lassen, winkte er plötzlich mit der Hand ab und
+faßte seinen Ärger und seine Ohnmacht in das eine Wort zusammen:
+
+»Teufel!«
+
+»Teufel!« -- hallte es irgendwo im Korridor wider, und irgendwo unter dem
+Ofen, und irgendwo im Keller, und irgendwo hoch über der Decke auf dem
+dunklen Dachboden; das Wort übertönte die Musik, den Tanz, das Lachen,
+Schreien, das Krachen der Raketen und das Knistern des Feuers.
+
+Die Sterne am Himmel, die trüben Sterne von Krutowrag, die sich an die
+emporlodernden Flammen längst gewöhnt hatten, blickten unruhig auf das
+Wersenewsche Haus hernieder.
+
+
+2
+
+Woher und wie lange Wersenew die üble Angewohnheit hatte, den Teufel zu
+rufen, wußte niemand; niemand dachte auch je darüber nach.
+
+Wollte man auf alle Redensarten und Scherzworte aufpassen und über sie
+nachdenken, so würde ein Menschenleben dazu nicht ausreichen; außerdem
+riskiert man dabei, sich selber eines davon anzugewöhnen: es gibt doch
+recht üble Redensarten! Der Adelsmarschall Turbejew pflegt zum Beispiel an
+jeden Satz, den er spricht, das Wort >gewissermaßen< anzuhängen, und das
+hat ihm noch niemals geschadet. Als aber der Krutowrager Krämer Charin
+diese Redensart vom Adelsmarschall übernommen hatte, kam er beinahe an den
+Bettelstab. Wie sollte er auch nicht an den Bettelstab kommen? Nehmen wir
+zum Beispiel die von einem Krämer am häufigsten gebrauchte Wendung: >Das
+kostet soundsoviel<; dieser Ausdruck ist durchaus eindeutig und bestimmt
+den Preis in Rubeln und Kopeken aber: >Das kostet gewissermaßen
+soundsoviel< -- klingt schon ganz anders. Oder: >Schicken Sie es mir
+gewissermaßen sofort<; >Schicken Sie es mir sofort< -- das versteht der
+größte Dummkopf, aber >gewissermaßen sofort< wird auch der Gescheiteste
+nicht verstehen. Dasselbe gilt von Wersenews >Teufel<: wenn man dieser
+Redensart zuviel Beachtung schenkt und immer an sie denkt, so kann sie
+leicht an einem hängenbleiben; und wenn man sie sich angewöhnt hat, geht
+man sicher zugrunde. Die alte Solomowna mußte es ja wissen: Solomowna
+stammte noch aus der Zeit der Leibeigenschaft; sie hatte vieles gesehen,
+gehört und erlebt; also hatte sie wohl recht, wenn sie sagte: _Wenn man den
+Teufel zur ungelegenen Zeit ruft, so kommt er als schwarzer Sturmwind
+geflogen und ergreift den Menschen, und der Mensch geht zugrunde!_
+
+So urteilten alle Leute in Krutowrag und auch anderwärts, die, ob sie
+wollten oder nicht, mit Sergej Sergejewitsch zusammenkommen mußten; es
+waren auch gar nicht die ersten besten, sondern lauter belesene und
+verständige Menschen, bewanderte Archäologen und Mechaniker.
+
+So urteilte auch der Geistliche von Krutowrag P. Astriosow, der zwischen
+allen Dingen und Handlungen ein >Bindeglied< zu konstruieren suchte, kein
+gewöhnliches, sondern unbedingt ein >eisernes< Bindeglied.
+
+Von den übrigen Bekannten lohnt sich gar nicht zu sprechen. Sie überhörten
+den Wersenewschen >Teufel< ganz einfach und schenkten ihm nicht die
+geringste Beachtung.
+
+»Wenn Wersenew den Teufel ruft, so ist es seine Sache! Es gibt Redensarten,
+die von Vornehmheit und Überhebung zeugen: so das >Bitte zu beachten< des
+Landrats Pustoroslew; es gibt fromme Redensarten, die ekstatisch
+veranlagten Leuten eigen sind, wie zum Beispiel >Herr Jesus!< Es kommt aber
+auch vor, daß vornehme Herren in hoher gesellschaftlicher Stellung, wie zum
+Beispiel der General a. D. Belojarow, Ausdrücke gebrauchen, die nicht
+wiederzugeben sind; und zwar nicht nur, wenn sie von etwas überrascht und
+bestürzt sind -- in diesem Fall kann es ja auch jedem wohlerzogenen
+Menschen, der sonst in seiner Ausdrucksweise sehr vorsichtig ist, passieren
+--, nein, es ist einfach eine üble Angewohnheit.«
+
+So urteilten die Gleichgültigen.
+
+Niemand wagte Sergej Sergejewitsch selbst über seine Redensart zu befragen.
+Manchmal lächelte man dazu, aber niemand hatte den Mut, die Frage ganz
+unverblümt zu stellen. Man genierte sich einfach, eine solche Bagatelle zur
+Sprache zu bringen.
+
+Wersenew selbst war sich aber seiner Angewohnheit wohl gar nicht bewußt.
+
+Wäre er sich dieser seiner Angewohnheit bewußt gewesen, so hätte er sich
+doch hie und da beherrschen können. Das war aber noch niemals vorgekommen:
+jede Begrüßungsansprache, jeder Geburtstagstoast endete bei ihm unfehlbar
+mit dem >Teufel<.
+
+Ohne den Teufel gab es bei ihm keine einzige Rede, kein einziges Gespräch
+und keinen einzigen Satz.
+
+Es wäre aber immerhin interessant zu ergründen, wann und warum er sich
+diese dumme Redensart angewöhnt hatte!
+
+Eines war klar: daß es hier weder das berühmte Astriosowsche >eiserne
+Bindeglied<, noch überhaupt ein Bindeglied gab: der Wersenewsche >Teufel<
+hing einfach in der Luft, und zwar in der gleichen Höhe wie das
+>gewissermaßen< des Adelsmarschalls, mindestens ebenso klar war es auch,
+daß Sergej Sergejewitsch ohne diesen >Teufel< undenkbar war und daß, wenn
+man ihm diese Eigenheit genommen hätte, man es nicht mehr mit Sergej
+Sergejewitsch Wersenew, sondern mit einem ganz anderen Menschen zu tun
+haben würde.
+
+ * * *
+
+Wersenew konnte sich gut an seine Mutter erinnern.
+
+Fedossja Alexejewna stammte aus einer alteingesessenen Moskauer
+Kaufmannsfamilie mit alten Traditionen. Unendliche Abendgottesdienste,
+Frühmessen, Heilung von Besessenen im Simonskloster, Schlittenfahrten im
+Karneval, rote Osterkerzen, Glockengeläut im Kreml, Maifeiern im
+Sokolniki-Wäldchen, Berichte von Pilgern, Wallfahrten nach dem
+Troiza-Sergius-Kloster, Kirchenprozessionen und die strenge Hausordnung im
+Vaterhaus -- das war das Wiegenlied, unter dem sie aufgewachsen war, das
+erste rote Bändchen in ihren Zopf geflochten, das erste Feuer in ihrem
+verzagten Herzen und ihren weitgeöffneten Augen entzündet und ihr erstes
+Lächeln durch ihren ersten Kummer getrübt hatte.
+
+Aus dem alten, frommen Moskau kam sie plötzlich in das Wersenewsche
+Herrenhaus, nach Krutowrag mit dem grundlosen Weiher und dem gewölbten
+Keller, an dessen Wänden braune Blutspritzer zu sehen waren.
+
+Wenn Wersenew an seine früheste Kindheit dachte, so erhob sich vor ihm
+sofort wie im Nebel das Bild seiner Mutter. Niemals konnte er vergessen,
+wie sie Tage und Nächte hindurch am Eckfenster ihres Zimmers im Obergeschoß
+gesessen hatte. Er schlief in ihrem Zimmer und war immer bei ihr. Und wenn
+er nachts erwachte, sah er sie oft am Fenster sitzen.
+
+Als er größer wurde und erfuhr, daß auch er, wie die andern Kinder, einen
+Vater hatte und daß dieser Vater sich irgendwo im Auslande, fern von
+Krutowrag aufhielt, als er erfuhr, daß seine Mutter immer den Vater
+erwartete und darum die Nächte aufblieb, begann auch er selbst auf den
+Vater zu warten.
+
+Manchmal kamen Briefe vom Vater.
+
+Mit welcher Ungeduld bestürmte der Knabe die Mutter, ihm diese Briefe
+vorzulesen!
+
+Die Briefe waren aber kurz und stets vom gleichen Inhalt: anfangs war die
+Rede vom Geld, und dann gab er den Tag seiner Ankunft in Krutowrag an.
+
+Und dieser Tag brach an, aber der Vater kam nicht.
+
+Die Mutter bemühte sich, ihre Erbitterung vor dem Kinde zu verbergen. Sie
+weinte nicht; sie saß wieder am Fenster und blickte wieder auf die
+Landstraße hinaus. Aber der Knabe fühlte mit seinem ganzen kindlichen Wesen
+den Kummer, der auf ihrem Herzen lastete, der sie marterte und ihr Herz vor
+Kälte zusammenschrumpfen ließ. Er wollte ihr helfen, wußte aber nicht wie,
+und weinte auch selbst still in sich hinein.
+
+Die Rückkehr seines Vaters nach Krutowrag war sein sehnlichster Wunsch.
+
+Immer wieder kamen Briefe vom Vater. Er schrieb immer wieder um Geld und
+bestimmte von neuem den Tag seiner Ankunft. Und der Tag brach an, doch der
+Vater kam nicht.
+
+Einmal, als seine Ungeduld aufs höchste gesteigert war und er nicht länger
+warten konnte, lief er auf die Landstraße hinaus, rannte eine weite
+Strecke, ohne stehenzubleiben, kehrte dann plötzlich um und eilte mit
+zusammengekniffenen Augen dem Hause zu.
+
+»Vater kommt! Vater kommt!« rief er seiner Mutter mit so echter Freude und
+so felsenfester Überzeugung zu, daß sie und auch er selbst plötzlich ein
+Glöckchen in der Ferne zu hören vermeinten.
+
+Sie zweifelte nicht, sie lief auf den Hausflur hinaus, fiel auf die Knie,
+umarmte den Sohn und hielt ihn fest umschlungen, wie ihren einzigen Schutz,
+wie einen geliebten Bruder, wie den treuen Zeugen ihrer bitteren Leiden,
+ihrer schlaflosen Nächte und all ihrer Erbitterung. Sie konnte sich nicht
+länger beherrschen, sie lachte und weinte und stieß plötzlich einen Schrei
+aus, der ihr aus der Tiefe des Herzens drang.
+
+Mutter und Sohn sahen auf die Landstraße hinaus; es war, als ob sie
+zusammen nur ein Paar Augen hätten, mit denen sie hinausblickten . . . Sie
+glaubten und zweifelten zugleich. Und das Glöckchen läutete noch immer in
+der Ferne.
+
+Einige Wagen mit Teefässern kamen vorbei. Die Räder knirschten und
+übertönten alles. Der Staub verdeckte den Ausblick. Endlich legte sich der
+Staub, und die Straße lag leer da.
+
+Bis zum Horizont war die Straße zu sehen, und kein Glöckchen läutete mehr.
+Still und leer war die Welt. Nur die Pappeln im Garten rauschten.
+
+Von diesem Tage an begann für den Knaben ein neues Leben: Er hatte ein
+neues Spiel: >Ankunft des Vaters<.
+
+Dieses Spiel hatte er selbst erfunden.
+
+Es amüsierte ihn, wenn die Mutter bei seinem Ruf: >Vater kommt!< von ihrem
+Platz am Fenster aufsprang und plötzlich leichenblaß wurde und zitterte.
+Ihn amüsierte ihr Aufschrei, der jedesmal unheimlicher und abgerissener
+klang . . .
+
+Und wenn er so spielte, glaubte er selber daran, daß er den Vater gesehen
+hätte; auch seine Mutter glaubte es.
+
+Mutter und Sohn sahen auf die Landstraße hinaus . . . So lange scheint es
+her zu sein und ist doch vor kurzem hier, auf dieser Erde, geschehen! Wie
+schön rauschten damals die Pappeln im Garten!
+
+>Es zieht mich hin zu diesem stillen Strand . . .<
+
+»Teufel!« wehrte sich Sergej Sergejewitsch gegen den Ansturm der
+Erinnerungen.
+
+Die Mutter starb, ohne den Vater wiedergesehen zu haben. Sie starb, am
+Fenster sitzend und auf die Straße blickend.
+
+Bald nach ihrem Tode kam der Vater.
+
+Der Knabe erschrak vor dem Vater: es war nicht der echte Vater, nicht der
+Vater, an den er soviel gedacht, den er mit solcher Sehnsucht erwartet
+hatte.
+
+Er versteckte sich immer vor ihm; er schrie und weinte nachts vor Angst.
+
+Der Vater, der nicht zu den weichherzigen Naturen gehörte, nahm die
+Erziehung des Sohnes energisch in die Hand. Er hielt ihn sehr streng und
+bestrafte ihn oft und hart, so daß dem Knaben jede Lust zu weinen verging.
+Er schlief jeden Abend ruhig ein und wurde ganz zahm.
+
+Im Herbst brachte man ihn in die Stadt und steckte ihn ins Kadettenkorps.
+
+Nun begann für Wersenew ein neues Leben, vielleicht die lustigste Periode
+seines Daseins.
+
+Wenn er in den Ferien nach Krutowrag kam, fühlte er sich da heimisch und
+nicht mehr so fremd und bedrückt wie früher.
+
+Von der Mutter wurde im Hause niemals gesprochen: Sergej Petrowitsch
+erwähnte niemals ihren Namen, und der Sohn wagte nicht, als erster von ihr
+zu sprechen.
+
+Das Eckzimmer im Obergeschoß mit den Kleiderschränken wurde sorgfältig im
+gleichen Zustand belassen, wie es zu Mutters Lebzeiten gewesen war: alle
+ihre Sachen, ihr Tischchen, ihr Spiegel -- alles stand noch da. Der Sohn
+suchte aber immer seltener dieses Zimmer auf. In der ersten Zeit kam er oft
+heimlich hinauf und weinte sogar manchmal am Fenster, wo die Mutter
+gesessen hatte; später interessierte er sich aber mehr für Pferde.
+
+So kam es, daß er niemals erfuhr, warum der Vater die Mutter verlassen
+hatte; in den späteren Jahren tat es ihm sogar leid, daß er es nicht wußte.
+Der Vater hatte in seinem Arbeitszimmer bis zu seinem Tode das Bildnis der
+Mutter hängen. Hatte er sie geliebt? Und wenn ja, warum hatte er sie
+verlassen? Warum hatte der Vater die Mutter verlassen? Warum mußte sie
+soviel Leid, so viele bittere Tage und Nächte über sich ergehen lassen?
+
+>Es zieht mich hin zu diesem stillen Strand . . .<
+
+»Teufel!« sagte sich Sergej Sergejewitsch, wenn er an die alten Zeiten von
+Krutowrag dachte.
+
+Nachdem er das Kadettenkorps absolviert hatte, ging er nach Petersburg und
+wurde Offizier.
+
+Da hatte er ein gutes Leben. Niemals hatte er Mangel an Geld: sein Vater
+geizte nicht und schickte ihm regelmäßig größere Summen. Der Vater war
+immer besorgt, daß es ihm gut ginge. Er konnte sich über nichts beklagen.
+Bei seinen guten Verbindungen und großen Mitteln durfte er auf eine
+glänzende Zukunft hoffen.
+
+Er lebte ebenso wie die andern Offiziere: spielte Karten, nahm an
+Trinkgelagen teil, besuchte Bälle, erzählte Witze, imitierte seine
+Kameraden und Vorgesetzten, machte Damen den Hof, war an allen
+Regimentsintrigen beteiligt, regte sich auf, zankte sich -- und die Tage
+gingen gleichmäßig dahin, und ein Tag war wie der andere. Und wenn auch
+zuweilen etwas Ausschließliches und Besonderes vorkam, so blieb es doch
+immer in den Grenzen des in seinen Kreisen Erlaubten und Üblichen: so
+verlor er zum Beispiel einmal eine Riesensumme im Kartenspiel; wem ist das
+aber noch nicht passiert? Auch die anderen Ausnahmen waren von der gleichen
+Art.
+
+Gleichmäßig, mit ganz unbedeutenden Sprüngen, floß sein Petersburger Leben
+dahin.
+
+Dieses erfolgreiche, leichte und vielversprechende Leben hätte eigentlich
+in seinem Gedächtnis keine Spuren zurücklassen müssen.
+
+Und doch hatte er eine Erinnerung.
+
+Es war allerdings nichts Besonderes, ein, ganz gewöhnliches Erlebnis.
+
+Gibt es denn im Leben auch viel Ungewöhnliches?
+
+Sergej Sergejewitsch dachte in seinen späteren Jahren mehr als einmal an
+dieses Erlebnis zurück; er prüfte sich und saß über sich selber zu Gericht
+und verantwortete sich vor sich selbst.
+
+Er hatte schon längst eingesehen, daß eine Handlung durchaus nicht
+besonders auffallend und außergewöhnlich zu sein braucht, um für immer im
+Gedächtnis haftenzubleiben; daß auch etwas ganz Unbedeutendes, etwas, das
+man kaum merkt, sich wie ein winziges Stäubchen in der Seele festsetzen
+kann.
+
+>Ein Komet fliegt vorbei, ein Stern stürzt vom Himmel, ein Erdbeben
+vernichtet eine ganze Stadt -- das kann für dich schon am nächsten Tage
+seine ganze Bedeutung verlieren und farblos werden; du kannst es vergessen
+wie den gestrigen Schnee; zuweilen kann aber irgendein bescheidenes
+Lichtchen -- ein irgendwo unter einer Brücke flackerndes Flämmchen oder die
+qualmende Petroleumlampe in einer dummen Straßenlaterne, die wie eine
+Hopfenstange unter deinem Fenster aufragt, oder sonst ein Unsinn dir für
+dein ganzes Leben im Gedächtnis bleiben.<
+
+Ja, er dachte viel darüber nach, und wie er so über sich selber zu Gericht
+saß und sich vor sich selbst verantwortete, blickte er in die dunkelste
+Tiefe, in den trübsten Bodensatz seiner Seele hinein.
+
+Kann man da aber viel sehen? Und wenn man sieht, viel erkennen? Und wenn
+man auch etwas erkennt, vermag man es denn richtig wiederzugeben? Und wenn
+man es auch kann, hat man den Mut dazu?
+
+Mord und Betrug, Lüge und Verrat sind schwere Vergehen, große Sünden, die
+von allen Gesetzen bestraft werden. Was kommt aber dabei heraus? Der Mord
+läßt den Mörder vollkommen kalt; er denkt überhaupt nicht mehr an ihn! Was
+er aber bis zu seinem letzten Atemzug tragen muß, was seine Qual, sein Lohn
+und seine Strafe ist, was im Augenblick der Tat sein ganzes Sein erfüllt,
+das ist gar nicht der Mord, sondern das ist dieses, daß er einmal einen
+Tag, eine Woche, ein Jahr oder vielleicht zehn Jahre vor dem Morde ein
+zudringliches Mädel, das ihn auf der Straße anbettelte, von sich gestoßen
+hat -- es gibt solche kleine Bettlerinnen, die einen auf der Straße
+verfolgen und schmierige Zettel mit Prophezeiungen zum Kauf anbieten:
+>Herr, kaufen Sie mir doch einen Glückszettel ab!< -- Es handelt sich auch
+gar nicht darum, daß er das Mädel, das ihm sein Glück zum Kauf anbot, von
+sich stieß, sondern darum, daß das frierende Mädel ihm einen Blick zuwarf,
+einen Blick, den er sein Lebtag nicht vergessen wird.
+
+»Teufel!« wehrte sich Sergej Sergejewitsch, als ihm das Petersburger
+Erlebnis wieder in den Sinn kam.
+
+Einer seiner Regimentskameraden hatte eine Braut. Der Offizier war von
+altem Adel, das Mädchen aber aus einfacher Familie und sehr arm. Die
+Angehörigen des Bräutigams waren gegen diese Verbindung und suchten sie auf
+jede Weise zu vereiteln.
+
+Sergej Sergejewitsch nahm sich die Angelegenheit seines Kameraden sehr zu
+Herzen; er besuchte ihn oft und wünschte ihm und seiner Braut aufrichtig
+Glück.
+
+Und als nach unendlicher Mühe die Hindernisse endlich aus dem Wege geräumt
+waren und der Tag der Hochzeit festgesetzt war, nahm die Sache ein
+unerwartetes und trauriges Ende: die Braut löste die Verlobung.
+
+Wersenew kann sich noch an den Abend erinnern, an diesen Petersburger
+Herbstabend mit dem durchdringenden feuchten Wind und den hinter dem
+Schleier des feinen Regens trübe leuchtenden Straßenlaternen; an ihr Zimmer
+irgendwo in der Rusowskaja-Straße in der Nähe der Kasernen. Sie bat ihn, zu
+ihr zu kommen, um mit ihm über die aufgehobene Verlobung zu sprechen. Er
+zweifelte nicht, daß das der wahre Grund sei, warum sie ihn zu sich gerufen
+habe; als er aber zu ihr kam, sagte sie ihm die ganze Wahrheit . . .
+
+Er kann sich auch an ihr Gesicht erinnern, das plötzlich so blaß geworden
+war, so entsetzlich blaß, wie das Gesicht seiner Mutter zu werden pflegte,
+wenn er mit den Worten: >Vater kommt!< zu ihr ins Eckzimmer hineingestürzt
+gekommen war.
+
+Sie eröffnete ihm, daß sie ihn liebgewonnen hätte und nur ihn allein
+liebte.
+
+Er liebte sie aber gar nicht. Hatte er ihr denn einen Grund gegeben,
+dergleichen anzunehmen? Er hatte sie als die zukünftige Gattin seines
+Freundes stets aufmerksam behandelt und war aufrichtig bestrebt gewesen,
+beiden, ihr und ihm, zu helfen. Er hatte sie niemals geliebt und liebte sie
+auch jetzt gar nicht.
+
+Er kann sich noch erinnern, wie sie in der Ecke am Fenster stand, während
+die Regentropfen gleichmäßig und unaufhörlich gegen die Scheiben
+prasselten; ein Tropfen folgte dem andern, ein Bächlein dem andern. Wie sie
+ihn, ohne mit den Wimpern zu zucken, die Mundwinkel traurig gesenkt, ansah
+und später mit unbeweglichen Blicken begleitete, so starr, als trüge er das
+ganze Blut ihres Körpers, die ganze Kraft ihrer Seele und die ganze
+Hoffnung ihres Herzens mit fort, als hätte er es ihr entrissen und ginge
+damit fort!
+
+Am nächsten Abend traf er sie zufällig auf der Kukuschkin-Brücke. Er hatte
+sich nicht geirrt: sie war es. Er erkannte sie an ihrem Blick, der ebenso
+unbeweglich war wie am vorigen Tag. Und etwas später hörte er etwas in das
+ekle schwarze Wasser des Kanals plumpsen. Er blickte aber nicht einmal
+zurück und setzte seinen Weg fort.
+
+War er es, der sie in das ekle schwarze Wasser gestoßen hatte?
+
+»Teufel!« wehrte sich Sergej Sergejewitsch, als ihm die Geschichte wieder
+in den Sinn kam.
+
+Bald nach diesem Vorfall mußte er plötzlich nach Krutowrag abreisen: sein
+Vater lag im Sterben.
+
+Der alte Sergej Petrowitsch Wersenew starb ganz allein und ließ niemanden,
+weder den Arzt noch den Geistlichen, zu sich herein. Nur in den
+allerdringendsten Fällen durfte als einzige >Kreatur< der Lakai Sinowi sein
+Zimmer betreten. Der Alte wollte nichts genießen und schloß des Nachts kein
+Auge.
+
+Im ganzen Hause konnte niemand schlafen. Allen war es so unheimlich zumute;
+man hatte Angst zu sprechen und selbst zu flüstern.
+
+Alle Zimmer waren erleuchtet, und alle Türen standen weit offen; nur die
+Tür des Arbeitszimmers war fest verschlossen.
+
+Sergej Sergejewitsch kam zu einer späten Nachtstunde in Krutowrag an; er
+wollte den Vater nachts nicht stören und sich erst am Morgen bei ihm
+melden. Der Vater fühlte aber sofort, daß der Sohn gekommen war, und ließ
+ihn durch Sinowi rufen.
+
+Der Alte saß in der Ecke beim Schrank mit dem alten astronomischen Globus,
+in einem Sessel zusammengekauert; er war fürchterlich abgemagert und lag
+anscheinend in den letzten Zügen. Er keuchte schwer, als ob ihm jemand die
+Kehle zusammenpreßte, die Augen waren aber ganz tot und die Pupillen trübe
+und starr; nur der Rand der Pupillen hatte einen unangenehmen scharfen
+Glanz.
+
+Der Sohn ergriff seine Hand und beugte sich über sie; die Hand war eiskalt.
+Und als er sich über sein Gesicht beugte, um den Vater auf die Wange zu
+küssen, spürte er einen unüberwindlichen Ekel und küßte die Luft.
+
+Vater und Sohn begrüßten einander.
+
+Der Alte küßte den Sohn: die Lippen waren eiskalt, noch kälter als die
+Hände.
+
+Der Sohn wartete eine Weile und beugte sich wieder zum Vater:
+
+»Nun, wie geht es Ihnen?«
+
+»Die Teufel kommen immer her«, zischte der Alte durch die Zähne.
+
+»Was für Teufel? Kleine mit Schwänzchen?« versuchte der Sohn zu scherzen;
+er verstand es sonst sehr gut, mit dem Alten auszukommen und zu sprechen.
+
+»Was fällt dir ein! Echte Teufel!« zischte der Vater, und seine Pupillen
+wurden noch dunkler.
+
+Wersenew erinnert sich an diese toten Augen und die starren, dunklen
+Pupillen mit dem scharfen, noch lebenden Rand; der scharfe, lebende Rand
+der Pupillen zog sich plötzlich zusammen und leuchtete wie rote Kohlenglut
+auf.
+
+Er griff unwillkürlich nach seinem Säbelknauf und wich einige Schritte
+zurück.
+
+Der Alte schlug seinen Schlafrock vorn auf und begann sich krampfhaft die
+Brust zu kratzen.
+
+»_Echte_ Teufel . . .« zischte der Alte, indem er sich die Brust kratzte.
+Plötzlich sprang er kreischend vom Sessel auf und fiel mit dem Gesicht auf
+den Teppich.
+
+Das war also der Vater, an den er einst soviel gedacht, den er einst so
+sehnsüchtig erwartet hatte!
+
+Was quälte aber den Vater? Wen sah er vor sich? Wer besuchte ihn in seiner
+Sterbestunde? Wer war der Echte? Wer umklammerte sein Herz mit dem echten
+letzten Zucken des Gewissens, mit dem letzten Willen und dem letzten Wort?
+Wer war das?
+
+»Teufel!« wehrte sich Sergej Sergejewitsch, als er sich an den Tod seines
+Vaters erinnerte, des Vaters, an den er einst soviel gedacht, den er so
+sehnsüchtig erwartet hatte.
+
+Wersenew nahm zu Neujahr seinen Abschied, zog aus Petersburg nach Krutowrag
+und widmete sich der Landwirtschaft. Um die gleiche Zeit heiratete er.
+
+Warum er geheiratet hatte, wußte er selbst nicht mehr; wahrscheinlich hatte
+ihm Jelisaweta Nikolajewna gut gefallen: sie war so still und sanft wie ein
+stiller Engel Gottes. Auch langweilte er sich allein in dem alten Hause.
+
+Mit der Landwirtschaft beschäftigte er sich nur kurze Zeit. Dann versuchte
+er, sich in der Semstwoverwaltung zu betätigen, gab aber auch das aus
+irgendeinem ganz unsinnigen Grunde sehr bald auf. Allmählich zog er sich
+von jeder Tätigkeit zurück.
+
+Die ganze Wirtschaft und das ganze Schicksal der Wersenews ruhten nun auf
+den Schultern des tüchtigen und fleißigen Gutsverwalters, eines mürrischen
+Letten, und Jelisaweta Nikolajewnas, die es verstanden hatte, das alte Haus
+mit unaufhörlichem Lärm und lustigen Gästen anzufüllen.
+
+
+3
+
+Gorik und Buba lernten gut und absolvierten die Schule mit Auszeichnung.
+Gorik kam auf die Universität und Buba auf die Frauenhochschule.
+
+Der letzte Sommer, den sie in Krutowrag verbrachten, war ganz besonders
+lustig.
+
+Die Bauernjungen von Krutowrag, die schüchternen: Fischbein, Roßhaar und
+Schaufel, und auch die frechen: Igonka, Igoschka, Jenka, Jeschka und
+Jermoschka spielten unter Goriks Anführung >Expropriationen<; ein Überfall,
+den sie veranstalteten, war so täuschend echt, daß die tscherkessischen
+Flurwächter des Generals Belojarow den Anführer um ein Haar erschossen
+hätten.
+
+Raketen und persische Blitze stiegen über dem Hause auf im Garten qualmten
+Reisigfeuer, in der ganzen Umgegend loderten Feuersbrünste, und die Nächte
+waren stets von unheimlichem rotem Feuerschein erhellt.
+
+Als die Kinder endlich nach Petersburg abreisen mußten, begann auch
+Jelisaweta Nikolajewna zu packen.
+
+Die Kinder reisten mit ihrer Mutter ab und kehrten niemals nach Krutowrag
+zurück.
+
+Jelisaweta Nikolajewna erklärte ihrem Mann, daß sie nie wieder nach
+Krutowrag zurückkommen wolle und daß auch die Kinder niemals zurückkehren
+würden.
+
+Als sie das sagte, hatte sie nicht mehr ihren kindlich-schelmischen
+Ausdruck. Ihr Entschluß war offenbar fest und unumstößlich.
+
+Sergej Sergejewitsch begriff anfangs gar nichts; er wollte nichts
+begreifen; es war ihm zu peinlich, er wollte sich nicht von seiner Familie
+trennen, es fiel ihm schwer, ein neues Leben zu beginnen, sich das gewohnte
+Leben abzugewöhnen und sich in neue Verhältnisse zu schicken; er konnte
+sich ein anderes Leben gar nicht vorstellen. Die Wersenews hatten ja
+achtzehn Jahre zusammengelebt!
+
+Er wollte seiner Frau widersprechen, brachte aber kein einziges Wort
+hervor: statt aller Einwände drang aus seiner Kehle nur ein Röcheln und
+Pfeifen, und dann folgte sein obligates >Teufel!<
+
+Er konnte einfach nichts dagegen tun.
+
+Schließlich wurde er still wie ein Kind, dem man das Hautjucken, das es
+plagte, besprochen hat, erklärte sich mit allem einverstanden und
+unterschrieb alles, was man von ihm verlangte.
+
+Auch die Geldfrage wurde leicht und einfach gelöst.
+
+Der Gutsverwalter erstattete einen klaren und erschöpfenden Bericht über
+die Wersenewschen Verhältnisse und übernahm es, Jelisaweta Nikolajewna auch
+in Zukunft auf dem laufenden zu halten.
+
+In Krutowrag wurde es auf einmal leer.
+
+Die Kunde von diesem Ereignis verbreitete sich über die Felder von
+Krutowrag und lief dann die Landstraße entlang, bald nach rechts, bald nach
+links abschwenkend und in jeden Gutshof einkehrend.
+
+Niemand wunderte sich, niemand regte sich darüber auf; es war, als ob alle
+das Ereignis vorausgeahnt und nur aus Feingefühl geschwiegen hätten, ebenso
+wie man in Gegenwart eines Schwerkranken von seinem nahen Tode zu sprechen
+sich scheut.
+
+Das eheliche Zerwürfnis (General Belojarow gebrauchte übrigens einen
+andern, nicht wiederzugebenden Ausdruck), mit dem man sich den plötzlichen
+Entschluß Jelisaweta Nikolajewnas erklärte, beschäftigte eigentlich nur
+ihre ehemaligen Freundinnen, die nun mit ihren heimlichen Verdachtsgründen
+triumphierten.
+
+»Jetzt ist es klar, daß sie in einen Roman verwickelt ist; natürlich ist es
+ein Roman, obwohl niemand den Auserwählten ihres Herzens kennt; aber dieser
+Auserwählte muß doch irgendwo vorhanden sein! Wo käme denn sonst das
+Zerwürfnis her?«
+
+So urteilten die Damen.
+
+Niemand hatte aber Lust, sich mit der Sache eingehender abzugeben; niemand
+hatte Lust, seine Nase in ein fremdes Malheur zu stecken; denn man kommt
+immer besser weg, wenn man sich in solche Angelegenheiten nicht einmischt.
+
+Unruhig rauschte das Korn auf den Feldern, unruhig brauste es im Walde;
+auch die Sterne, die trüben Sterne von Krutowrag, flimmerten unruhig über
+dem Wersenewschen Hause.
+
+Krutowrag war nun leer. Niemand hatte Lust, Wersenew in seiner Einsamkeit
+zu besuchen.
+
+In den ersten Tagen kamen allerdings einmal drei Damen, die mit Jelisaweta
+Nikolajewna befreundet waren, zu Besuch. Sie kamen nach Krutowrag, um, wie
+sie später selbst erklärten, zu riechen, welch ein Wind jetzt dort wehte.
+
+Die Damen fielen über Wersenew her und redeten ihm die Ohren voll, so daß
+er nicht einmal die Möglichkeit hatte, seinen >Teufel< loszulassen.
+
+Obwohl Solomowna, die diese letzten Gäste hinausbegleitete, ihnen klipp und
+klar erklärte, daß die gnädige Frau nur die Krankheit des gnädigen Herrn
+nicht hätte vertragen können und daß sie nur aus diesem einen Grunde
+abgereist sei, wollten es die Damen doch nicht glauben und hielten
+hartnäckig an ihrer Ansicht, daß auch ein Auserwählter des Herzens mit im
+Spiele sein müsse, fest.
+
+Bald darauf ließ General Belojarow, als er bei einer der drei Damen
+anläßlich einer Geburtstagsfeier zu Besuch war, den bekannten pittoresken,
+doch nicht wiederzugebenden Ausdruck fallen. Er fügte übrigens
+beschwichtigend hinzu:
+
+»Alles hat sein Gewicht und Maß.«
+
+Damit war die Sache erledigt.
+
+Von den Nachbarn kam nur der Landrat Pustoroslew einmal zu Besuch, Er
+brachte den Agronomen Ratzejew mit, den er aus irgendeinem Grunde als einen
+berühmten politischen Redner aus Petersburg vorstellte, der Fischleim statt
+Knochen im Leibe habe.
+
+Ratzejew wand sich tatsächlich wie ein Sterlet, sprach aber während des
+ganzen Abends kein Wort. Pustoroslew schwatzte dafür ununterbrochen und
+führte verschiedene Beispiele seiner sprichwörtlich gewordenen
+Vergeßlichkeit an.
+
+Die Geschichte von seiner Auslandsreise in wichtiger amtlicher Mission
+erzählte er sogar zweimal: einmal vor und einmal nach dem Abendessen.
+
+Sergej Sergejewitsch hatte diese Geschichte mehr als einmal gehört. Das
+Ministerium schickte Pustoroslew zu irgendeinem Zweck nach Frankreich: er
+reiste aber aus Frankreich nach Spanien, aus Spanien nach Italien, aus
+Italien nach Algier: er ließ sich immer wieder Geld schicken, verbrauchte
+eine Riesensumme, besann sich aber auf den eigentlichen Zweck seiner Reise
+erst dann, als er nach Rußland zurückgekehrt war.
+
+»Vergessen können ist eine Gabe der Götter!« sagte Pustoroslew, indem er
+sein obligates >gewissermaßen< bedeutungsvoll dehnte und mit seinen
+farblosen Augen, die keine Wimpern hatten und blind zu sein schienen,
+zwinkerte; er spielte offenbar auf das eheliche Zerwürfnis an.
+
+Ein einziges Mal kam der Krämer Charin zum Tee.
+
+Wersenew freute sich in seiner Einsamkeit auch über diesen Gast.
+
+Charin saß in dem niedern länglichen Eßzimmer sehr lange am Teetisch. Er
+sprach von furchtbar gleichgültigen Dingen und blieb, obwohl er sich zum
+tausendsten Male das Versprechen gegeben hatte, von seiner gefährlichen
+Angewohnheit zu lassen, immer wieder in seinem >gewissermaßen< stecken,
+während Sergej Sergejewitsch den bestürzten Gast anstarrte, ab und zu mit
+der Hand winkte und seine Gedanken in dem Wort >Teufel< zusammenfaßte.
+
+»Die Gewohnheit ist gewissermaßen die zweite Natur!« stammelte Charin. Er
+war ganz rot geworden, in Schweiß gebadet und so aufgeregt, daß er kaum die
+Tür finden konnte.
+
+Nur der Geistliche P. Astriosow, der noch immer hoffte, das >eiserne
+Bindeglied< zwischen den Ereignissen zu konstruieren, kam noch öfters zu
+Wersenew.
+
+P. Astriosow, der von Natur aus schüchtern war, verlor, sobald er mit
+Sergej Sergejewitsch unter vier Augen war, jeden Mut. Er rauchte eine der
+berühmten Zigarren, an denen er allmählich Geschmack gefunden hatte, und
+parierte den Wersenewschen >Teufel< mit seinem >Bindeglied<, das ihm
+wirksamer als das Zeichen des Kreuzes schien.
+
+»Ja, ja, ein Bindeglied«, sprach P. Astriosow, indem er die Asche von der
+Zigarre schüttelte; er tat es, ganz gleich, ob es nötig war oder nicht und
+ob er eine Zigarre mit mexikanischem oder mit brasilianischem Deckblatt in
+der Hand hatte.
+
+Wersenew freute sich in seiner Einsamkeit auch über den Geistlichen.
+
+Sonst war er aber tagelang allein.
+
+Sergej Sergejewitsch hörte sogar auf, die Kirche zu besuchen; selbst
+während des Gottesdienstes konnte er sich seiner Redensart nicht mehr
+enthalten, was bei den Betenden großes Ärgernis hervorrief. Einmal führte
+es sogar zu einem unliebsamen Auftritt: der Kirchenälteste, Goloweschkin,
+versuchte während eines Festgottesdienstes an Kaisers Geburtstag den
+>Freimaurer< zu ohrfeigen. Seit diesem Zwischenfall kam Sergej
+Sergejewitsch nie wieder in die Kirche.
+
+In seinem Schlafrock aus weißem Flanell, mit der Zigarre im Munde, irrte
+Wersenew tagelang durch die leeren Zimmer. Die glimmende Zigarre
+beleuchtete seine eingefallenen trüben Augen und den grün angelaufenen
+grauen Schnurrbart.
+
+Er hatte nichts, um die Zeit totzuschlagen. Was sollte er tun? Doch nicht
+mit den Kinderspielsachen spielen! Er hatte sich so sehr an den ewigen Lärm
+und die lustigen Gäste, an seine Frau und seine Kinder gewöhnt: achtzehn
+Jahre hatten ja die Wersenews zusammen gelebt!
+
+Oft stand er stundenlang vor der Balkontür und zählte die Krähen, die über
+den nackten Linden kreisten . . . Wie viele waren es, und warum krächzten
+sie so? Oder er ging ins Eckzimmer im Obergeschoß, wo einst seine Mutter
+Fedossja Alexejewna gesessen hatte, setzte sich wie sie ans Fenster und sah
+auf die Landstraße hinaus . . . Wohin führte die Straße, und hatte sie
+irgendwo ein Ende? Oder er hörte dem Rauschen der Pappeln vor dem Hause zu
+. . . Worüber tuschelten sie? Manchmal saß er im Sessel seines Vaters, vor
+dem Schrank mit dem astronomischen Globus, starrte auf einen Punkt,
+vielleicht sogar auf denselben Punkt, wo seinem Vater die echten Teufel
+ohne Hörner und Schweife erschienen waren, und schlief, im Sessel kauernd,
+ein . . .
+
+»Teufel!« klang es Tag und Nacht, im Wachen und im Schlafen durch das leere
+Haus.
+
+Als die ersten Fröste kamen und man die Doppelfenster einsetzte, dichtete
+man auch die Balkontür mit Werg und Kitt ab.
+
+Nun kamen die dunklen Wintertage und die langen Winternächte.
+
+Im Wersenewschen Hause wurde es noch leerer, leer wie in einem großen
+Keller.
+
+Wenn er doch wenigstens ruhige Träume hätte.
+
+Einmal träumte ihm, er, Sergej Sergejewitsch Wersenew, Hauptmann a. D.,
+siebenundvierzig Jahre alt, sei gar kein Mensch, sondern krieche als ein
+böses, rachsüchtiges, giftiges Insekt, eine Art Tausendschwanz, über eine
+Wiese und klammere sich mit den Beinen an den Grashalmen fest. Es ist ein
+kalter Sommermorgen, es beginnt erst zu dämmern, und am Himmel steht ein
+riesengroßer blasser Mond mit rötlich schimmerndem Rand. Sergej
+Sergejewitsch Wersenew kriecht als ein Tausendschwanz über das Gras; er
+weiß, daß es ganz gewöhnliches Krutowrager Gras ist, aber die Halme
+erscheinen ihm so dick und hoch wie Schilf, das Schilf größer und dicker
+als jeder Baum und das schwarze Erdreich als ein Haufen von Riesenklumpen.
+Er hat es so schwer: er muß auf jeden Halm hinaufkriechen, dann wieder
+hinunter und wieder hinauf. So kriecht er und weiß nicht, wohin er kriecht
+und warum er dazu verurteilt ist, von Halm zu Halm zu kriechen. Er vergeht
+vor Bosheit, der Haß vergiftet sein Herz, und er ist so furchtbar müde. Am
+Himmel steht der riesengroße blasse Mond mit rotglühendem Rand, und es ist
+so furchtbar kalt.
+
+Er erzählte einmal diesen Traum P. Astriosow. Dieser gab die kurze Deutung:
+»Das bedeutet, daß ein Witterungsumschlag bevorsteht.« Sergej Sergejewitsch
+lächelte.
+
+»Mir ist so eigen zumute«, sagte er, »als ob alles nicht echt wäre.«
+
+Ein anderes Mal versuchte er, seinen Traum dem Lakai Sinowi zu erzählen; er
+blieb aber mitten im Satze stecken und zischte wie der selige Sergej
+Petrowitsch durch die Zähne:
+
+»Die Seele haben sie mir gestutzt . . . Teufel!« Und er brach in Tränen
+aus.
+
+Dem kleinen Pjotr soll er aber gesagt haben:
+
+»Wenn ich doch in Armut, auf einem Strohlager sterben könnte, Pjotr!«
+
+Sergej Sergejewitsch langweilte sich furchtbar.
+
+Wie sollte man sich ohne Beschäftigung und ohne Gäste an trüben Wintertagen
+nicht langweilen?
+
+»Der Herr hat oft Angstzustände«, meldete Solomowna dem P. Astriosow, als
+er um die Weihnachtszeit mit dem Kreuz ins Haus kam. »Früher hatte er vor
+nichts Angst, jetzt kommt er aber jeden Abend zu mir in die Mägdekammer
+gelaufen und zittert vor Furcht: es ist ihm immer, als ob jemand neben ihm
+stünde. Auch wartet er immer auf Gäste; er glaubt, daß jeden Augenblick
+Gäste kommen werden! Oder er sitzt da und weint.«
+
+Nach Neujahr beichtete Solomowna dem Geistlichen, daß sie böse Träume
+gehabt habe: in der Christwoche hätte sie Blei gegossen und sonstigen
+Zauber getrieben, und darum wären ihr die bösen Träume gekommen.
+
+Träume, die man in der Christwoche hat, sind immer prophetisch.
+
+Bald träumte ihr, sie wischte den Boden auf; es ist aber nicht gut, wenn
+man im Traume den Boden aufwischt. Bald träumte ihr von einer Feuersbrunst:
+das Haus brennt, man hat schon alle Balken und Bretter herausgebrochen und
+nimmt den Ofen auseinander; vom Feuer ist aber nichts zu sehen.
+
+»Zwei Männer machen sich am Ofen zu schaffen, und ich frage sie: >Was ist
+denn los?< Und sie antworten: >Wir wissen nichts, Solomowna!<«
+
+Den schlimmsten Traum hatte sie aber in der Neujahrsnacht.
+
+Es träumte ihr, sie käme in den Saal herein und aus der Balkontür träte ihr
+der selige Sergej Petrowitsch entgegen; er war nicht allein, sondern befand
+sich in Begleitung eines uralten Mannes; sie hätten die Balkontür hinter
+sich fest zugeschlossen und wären geradeaus ins Arbeitszimmer gegangen,
+sich wie Blinde an den Wänden entlangtastend.
+
+P. Astriosow hatte aber für die Träume der Kinderfrau wenig Interesse: sein
+eigener Neujahrstraum saß ihm noch im Nacken.
+
+P. Astriosow hatte sieben Kinder: der Älteste war schon Küster, und das
+jüngste ein Säugling. Im Traum war es aber umgekehrt: der Älteste war ein
+Säugling und lag in den Windeln, und der jüngste war Küster und hatte einen
+langen Bart.
+
+»Ja, ja, das Bindeglied!« sagte der Geistliche, indem er von Solomowna den
+Sack mit den Neujahrsgeschenken entgegennahm.
+
+In den Feiertagen war es gar nicht lustig.
+
+Auch in der Küche herrschte eine gedrückte Stimmung. Man sprach im
+Flüsterton, als ob ein Schwerkranker im Hause wäre.
+
+Es war noch immer die alte Gesellschaft: der alte Koch Prokofi
+Konstantinowitsch, der Kutscher Anton, die Wäscherin Matrjona Simanowna,
+der Bautischler Terenti, der Schmied >Truthahn<, der Lakai Sinowi und sein
+Gehilfe, der kleine Pjotr. Sie saßen im Kreise um Solomowna und tranken
+Tee. Nur die Stubenmädchen fehlten: Charitina war mit der gnädigen Frau
+nach Petersburg gegangen, und Ustja und Sanja hatte man gekündigt.
+
+Beim Teetrinken gedachten sie der alten Zeiten, sprachen von allen
+Wersenewschen Angelegenheiten und äußerten Bedenken wegen des gnädigen
+Herrn, mit dem es doch früher oder später ein schlimmes Ende nehmen werde.
+
+»Wenn man den Teufel zur ungelegenen Zeit ruft, so kommt er als schwarzer
+Sturmwind geflogen und ergreift den Menschen, und der Mensch geht
+zugrunde!« sagte Solomowna gähnend. Sie bekreuzigte sich den Mund und
+schüttelte den Kopf.
+
+Sergej Sergejewitsch, der den ganzen Abend durch die Zimmer gewandert war,
+kam plötzlich in die Küche und blieb, schwer mit der Nase schnaufend, vor
+den bestürzten Dienstboten stehen. Er starrte auf den verwilderten Truthahn
+und verzog das Gesicht, während es in seiner Kehle eigentümlich pfiff. Dann
+winkte er mit der Hand ab und sagte:
+
+»Teufel!«
+
+»Teufel!« hallte es irgendwo im Korridor wider und irgendwo unter dem Ofen,
+und irgendwo im Keller, und irgendwo hoch über der Decke auf dem dunklen
+Dachboden; das Wort flog auch in den Garten hinaus und umkreiste die weißen
+Säulen.
+
+ * * *
+
+Den Weihnachtsfrösten folgte plötzliches Tauwetter. Am Vorabend des
+Dreikönigstages fing es wie im Frühling an zu tröpfeln, und der Weiher im
+Garten wurde gelb.
+
+Es war wie der Hauch des Frühlings.
+
+Sergej Sergejewitsch sah den ganzen Tag unruhig zum Fenster hinaus. Er
+machte auch die Balkontür auf, stand lange in der offenen Tür und horchte
+hinaus. Den ganzen Tag konnte er keinen Augenblick ruhig sitzen und irrte
+von Zimmer zu Zimmer. Am Abend, als man in allen Zimmern Licht machte,
+wurde er noch unruhiger.
+
+Draußen taute der Schnee, und die Tropfen prasselten von den Bäumen auf das
+Dach wie ein Herbstregen gegen die Fensterscheiben.
+
+Nach dem Abendtee ging Wersenew hinauf. Eine Zeitlang hörte man nichts von
+ihm.
+
+Solomowna ging unten von Zimmer zu Zimmer, flüsterte Gebete und malte
+Kreidekreuze über die Fenster und Türen.
+
+Sergej Sergejewitsch saß oben im Eckzimmer und blickte hinaus.
+
+Die sternlose Nacht verdeckte die Landstraße; er sah nur die nackten
+Baumäste vor dem Fenster im Winde beben.
+
+Sergej Sergejewitsch saß lange da und starrte, ohne an etwas zu denken, zum
+Fenster hinaus.
+
+Und plötzlich hörte er fern auf der Straße ein Glöcklein tönen. Er sprang
+auf. Das Glöckchen tönte. Er kniff die Augen zusammen und hielt sich die
+Ohren zu. Das Glöckchen tönte noch immer. Er wollte hinunterlaufen, Sinowi,
+Solomowna, den Kutscher und alle Dienstboten zusammenrufen. Und das
+Glöckchen hörte nicht auf zu läuten.
+
+Und plötzlich kam ihm das Eckzimmer verändert vor: an der Stelle, wo der
+Spiegel hing, gähnte eine offene Tür. Er trat in diese Tür, und sie schloß
+sich sofort hinter ihm.
+
+Es war ein unendlich langer Korridor. Es kam ihm vor, als habe er das alles
+schon einmal gesehen, die vielen Marmorplatten mit erhabenem Ornament, den
+Mosaikboden aus weißen und roten Steinen. Es war heiß, schwül und feucht.
+
+Er ging durch den Korridor und wußte, daß er ihn zu Ende gehen müsse. Und
+als er das Ende erreicht hatte und eine reichverzierte Tür aus getriebenem
+Eisenblech öffnete, sah er sich vor einer zweiten Tür. Er machte auch diese
+Tür auf. Dann kam eine dritte Tür. Und so folgte eine Tür auf die andere:
+wenn er die eine öffnete, so war gleich eine andere dahinter. Und wie er so
+immer weiterging und eine Tür nach der andern aufmachte, sagte ihm das
+Gefühl, daß er wenigstens einen Augenblick stehenbleiben oder sich
+umschauen müsse, daß er sonst verloren sei. Er konnte aber weder
+stehenbleiben noch den Kopf heben, noch zurückblicken; es war ihm, als ob
+ihn jemand führte und ein anderer ihn von hinten vorwärtsstieße.
+
+Und als er endlich ganz bestürzt, sinnlose Worte stammelnd, lachend und
+schimpfend, die letzte Tür aufmachte -- er glaubte, daß es die letzte Tür
+sei --, hatte er plötzlich das Gefühl, als ob man ihn mit irgendeinem
+spitzen Gegenstand in den Rücken stieße, und er fiel hin. Im Fallen sah er,
+wie die Sterne, die trüben Sterne von Krutowrag, immer greller leuchtend
+und wie von einem Sturmwind getrieben, ihm entgegenflogen. Es war aber
+umgekehrt: die Sterne standen still, und er flog, von einem Sturmwind
+erfaßt, ihnen entgegen . . .
+
+»Ich malte Kreidekreuze über die Türen und Fenster«, berichtete später
+Solomowna, »als mich plötzlich Sinowi rief der Viehwärter Nasar sei
+gekommen, um etwas Weihwasser vom Dreikönigstag zu holen. Wie ich in die
+Küche hinausgehe, höre ich plötzlich, wie jemand die Balkontür zuschlägt.
+Und da denke ich mir: wie leicht kann da ein Unglück geschehen! Es sind ja
+unruhige Zeiten, und es treibt sich genug Gesindel herum. Und dann höre ich
+die Tür noch einmal krachen. Und ich sage zu Prokofi Konstantinowitsch:
+>Prokofi Konstantinowitsch<, sage ich, >hören Sie es?< -- >Ich höre<, sagt
+er, >wie der Wind die Tür zuschlägt.< Und kaum hat er das gesagt, als die
+Tür zum drittenmal kracht; alle Fensterscheiben zitterten, so laut krachte
+es! Ich renne in den Saal: die Balkontür steht wirklich offen. Und ich rufe
+Sinowi: >Wo ist der Herr?< Der Herr ist aber nirgends zu sehen. Der Wind
+weht so stark herein, daß wir zu zweit die Tür gar nicht zumachen können.
+Der Wind reißt sie immer wieder auf, er heult im ganzen Hause und bläst
+alle Lichter aus. >Gnädiger Herr!< schreie ich. Aber er ist nirgends zu
+sehen.«
+
+Am Morgen des Dreikönigstages fand man Wersenew im Weiher: die Fußspuren
+führten von der Balkontür direkt dorthin.
+
+Der Böse hatte ihn wohl verwirrt. Er war nachts zum Weiher gegangen, und
+das Eis war unter ihm gebrochen. Bis an die Brust war er in den Schlamm
+eingesunken, und während der Nacht hatte es ihn noch tiefer hereingezogen.
+So war er in seinem weißen Schlafrock, stehend, den Kopf im Schnee,
+erfroren.
+
+Natürlich wurde sehr viel darüber geredet; ganz Krutowrag war in Aufruhr.
+Aber vom Gerede wird man ja nicht satt!
+
+
+
+
+Sanofa
+
+
+
+1
+
+Schön ist es in Batyjewo -- ein lustiges Dorf ist's! Von allem hat man
+genug: viel Wald ringsum, und der Fluß ist gleich in der Nähe. Im Flusse
+gibt's so viel Fische, daß man sie gar nicht alle fangen kann, und im Walde
+Wild -- alles ist da, was man nur haben will. Nur eines ist unheimlich: man
+kann da nicht ordentlich lustig sein. Bist du es aber doch, so darfst du
+hinterher niemandem Vorwürfe machen: stößt dir dabei ein Unheil zu, so bist
+du selbst schuld.
+
+Solange das Dorf und die Kirche stehen, treiben hier unsaubere Mächte ihr
+Spiel, und es gibt gar keine Mittel, sie auszurotten: zählebig sind sie wie
+die Würmer. Ist man die eine Teufelei glücklich los, so taucht, eh man
+sich's versieht, auch schon eine andere auf. Und wenn es mal vorkommt, daß
+eine Hexe abkratzt, ohne ihre Kunst einer andern vermacht zu haben, so
+erscheint gewiß sofort eine neue: und keine gelernte, sondern eine
+geborene. Eine geborene Hexe ist eine solche, die schon als Hexe auf die
+Welt gekommen ist. Eine Gelernte geht noch an, aber mit einer Geborenen ist
+nicht zu spaßen: mit Kleinigkeiten gibt sie sich niemals ab, sondern geht
+gleich aufs Ganze, so daß man sich nachher sein Lebtag nicht mehr
+reinwaschen kann.
+
+Es gab im Dorfe Hexen genug, gelernte wie auch geborene. Die ältesten Leute
+erinnerten sich nicht an eine Zeit, wo es keine Hexen gegeben hätte, und
+kein Mensch konnte dahinter kommen, wo die Wurzel des Übels lag.
+
+Gar mancher Unglückliche ist schon ins Grab gestiegen, so mir nichts dir
+nichts elend zugrunde gegangen. Mit den Hexen lasse man sich lieber nicht
+ein: sie verderben den Menschen, kommen aber selbst immer mit heiler Haut
+davon und leben ruhig weiter, den Menschen zum Schrecken, dem Gehörnten zum
+Wohlgefallen -- seines bösen Willens Töchter.
+
+So ein verhexter Ort ist eben das Dorf!
+
+ * * *
+
+Es braust und tost das Gerede in Batyjewo, die Kunde dröhnt durch die
+Schwarzen Wälder: vom Meere bis zum Gebirge gibt's keine Hexe, die
+schrecklicher wäre als Sanofa.
+
+Die andern Hexen sind alte Weiber gewesen: Arischka und Agapka hatten je
+hundert Jahre und mehr auf dem Buckel; diese aber ist jung -- kaum über
+dreißig. Die andern richteten zwar viel Schaden an, hielten aber doch Maß
+und machten die Sache zuweilen wieder gut. Dieser fiel das aber niemals
+ein. Die schrecklichsten Zauberkünste kannte sie. Sie verstand, den
+Menschen so an einen Fleck zu bannen, daß er niemals mehr aus dem
+Hexenringe herauskonnte, und wenn er noch sosehr mit Armen und Beinen um
+sich schlug; er irrte im Kreise dicht vor seinem Hause herum und konnte
+nicht ins Haus herein; stand dicht vor seiner Schwelle und konnte kein
+Glied rühren. Die andern Hexen sehen eben wie Hexen aus, und auch das
+kleinste Kind kann sie auf den ersten Blick erkennen: sie sind alle dürr,
+haben Hakennasen und Schwänze; diese aber ist hübsch -- die ganze Welt kann
+man absuchen und keine ähnliche finden --, dabei aber eine Mißgeburt, wie
+man eine solche seit Erschaffung der Welt nicht gesehen hat: der Körper und
+alles andere ist echt wie bei jedem gesunden Weibe, aber die Beine sind wie
+bei einem kleinen Kinde: sie kann gar nicht gehen, nur umherkriechen. Wenn
+sie doch nur immer umherkriechen wollte! Aber die Leute sagten, daß sie
+auch fliegen konnte: wie ein Vogel konnte sie in die Luft steigen! Man
+bekam sie auch fast nie zu Gesicht, höchstens des Nachts. Gott möge aber
+einen jeden davor bewahren: besser ist's, dreimal in die Erde zu versinken
+oder der heiligen Ostermesse nicht beizuwohnen, als sie zu erblicken.
+
+
+2
+
+Sanofas Vater war Kaufmann und reiste mit seinen Waren von Jahrmarkt zu
+Jahrmarkt. Die Waren verlagen sich bei ihm niemals, die Käufer drängten
+sich nur so: auf den alten Tschabak konnte man sich verlassen, niemals
+hängte er einem faule Ware an. Hätte sich der Alte nicht die Sünde auf die
+Seele geladen, so wäre er unter die Heiligen gesetzt worden, bei Gott!
+
+Sanofas Mutter war wildes Zigeunerblut, hatte getanzt und gesungen: wenn
+sie nur einmal in die Hände klatschte, war man verloren, seine Seele wollte
+man hingeben, nur um sie einmal tanzen zu sehen. Eine zweite Marja gab's
+nicht in der Welt.
+
+Nicht immer war es dem Tschabak so gut gegangen. In der ersten Zeit schlug
+er sich mühsam durch, hatte einen Kramladen im Dorf und lebte davon. Das
+ganze Haus war voller Kinder, und es kostete schon etwas, alle zu ernähren
+und zu bekleiden. Wie die Bauern lebten sie.
+
+Sanofa kam zur Welt -- und gleich wurde alles anders.
+
+Nun hatte Tschabak auf einmal Glück und wurde ein echter Kaufmann. Die
+Käufer strömten von allen Seiten zu seinem Laden herbei, und er konnte gar
+nicht genug Ware auf Lager haben. Reich wurde der Kaufmann. Die Einkünfte
+reichten nun für alles aus: er baute sich ein Haus, pflanzte einen Garten,
+verheiratete die Töchter und brachte den Sohn in der Stadt im Handelsfache
+unter. Kornej stiftete eine Kirchenglocke, und die Glocke klang so laut,
+daß das Abendläuten durch alle Schwarzen Wälder dröhnte und selbst bis zu
+der Iljinka in Moskau reichte.
+
+Tschabak suchte den Reichtum gar nicht: das Geld kam ganz von selbst in
+seine Hände.
+
+Kluge Menschen ahnten schon damals, daß es da nicht mit rechten Dingen
+zuging, sie behielten aber ihre Meinung für sich: das Wort ist kein Spatz,
+und wenn es einmal entsprungen ist, so kann man's nicht wieder einfangen.
+Wie leicht kann man einen Unschuldigen in üblen Ruf bringen und muß es dann
+später im Jenseits büßen. Nur Mitroschka -- so hieß ein Bursche im Dorf --
+fürchtete nichts: wenn er sich einen Rausch antrank, begann er zu plaudern:
+er deutete immer auf das Mädel und schrieb ihm alles zu.
+
+Man beachtete seine Worte nicht: wenn ein Mensch angetrunken ist, kann man
+ihn für seine Worte nicht verantwortlich machen.
+
+Das Mädel war aber wirklich Gott weiß was!
+
+Sanofa wurde in der Johannisnacht, beim ersten Hahnenschrei, als letztes
+Kind ihrer Mutter geboren. Sie kam mit einer Glückshaube und einem
+Muttermal am linken Daumen zur Welt.
+
+Die Haube hatte die Hebamme auf die Seite gebracht und an sich genommen.
+Tschabak und sein Weib grämten sich deswegen, konnten aber nichts mehr
+machen: so ein Ding kann man doch nie mehr zurückerlangen; wer es zuerst in
+die Hand bekommt, der zieht eben den Nutzen daraus.
+
+Die Kunde verbreitete sich aber im Dorfe.
+
+Wanderer und Wallfahrer strömten zu Tschabak herbei. Viele kamen ins Haus,
+um aus Sanofas linker Hand ihr Glück zu holen. Die Hand teilte das Glück
+freigebig aus und wies niemanden ab. Wanderer und Wallfahrer kamen dann
+immer glücklich an ihr Ziel und kehrten ebenso glücklich heim. Niemand
+konnte sich über etwas beklagen.
+
+Aus fernen Dörfern kamen die Leute zu Tschabak, ihr Glück zu holen, und
+kehrten zufrieden heim: niemandem stieß irgendein Unheil zu.
+
+Das Kind wuchs als kluges Mädel heran und zwitscherte den ganzen lieben Tag
+wie ein Vöglein. Alles mußte man ihr zeigen und erklären, sie lief immer
+den Erwachsenen nach und hatte vor nichts Furcht.
+
+Marja nahm sie einmal zum Heuerntefest mit und stellte sie in den Reigen.
+Das Mädchen liebte es, im Reigen zu stehen. Und als der Reigen durch die
+Dorfstraße zog, erhob sich ein Wind und warf das Mädel um. Seit jener Zeit
+waren ihre Beine gelähmt, und sie konnte nicht mehr gehen.
+
+Sie lief nicht wie die andern Kinder umher, sondern lag den ganzen lieben
+Tag still.
+
+Eine wunderliche Sache: ihr Körper wuchs weiter, aber ihre Beine blieben,
+wie sie waren: kleine Kinderbeinchen.
+
+Noch mehr Menschen kamen nun zu Tschabak, und das Glück überschwemmte die
+Welt.
+
+Aber es ist nichts so fein gesponnen, es kommt doch an die Sonnen.
+
+Eine wandernde Nonne entdeckte auf Sanofas Glückshand kleine Kreuzmale, es
+waren aber keine gewöhnlichen Kreuze; und danach kam Foma, der heil zur
+Wallfahrt auszog, ohne das eine Bein zurück; dem Jerjoma wurde ein Auge
+ausgeschlagen; Katerina, des Schulzen Enkelkind, heiratete, lebte ein Jahr
+in glücklicher Ehe, begann aber im zweiten Jahr zu trinken; Baran, den man
+als Boten nach Petersburg geschickt hatte, kam nie wieder heim; der bewußte
+Mitroschka aber bekam einen Nabelbruch.
+
+Nun geschahen Dinge, die man auch einem Narren nicht zu deuten braucht.
+
+Je älter Sanofa wurde, um so mehr wuchs das Geschäft ihrem Vater über den
+Kopf. Der alte Kornej wollte die Tochter noch bei seinen Lebzeiten
+verheiraten und dann ruhig sterben. Er schickte Freiwerber aus. Gar mancher
+Freier kam ins Haus. Viele wurden durch den Reichtum angelockt: Tschabak
+war ja der reichste Mann im Dorf. Es kam aber nichts dabei heraus. Gar
+mancher Freier hätte gern zugegriffen, aber im letzten Augenblick hatte er
+doch nicht den Mut. Einen gar zu seltsamen Blick hatte Sanofa: wie ein
+Messer drang er einem ins Herz. Vor solchen Augen konnte man nichts
+verbergen. Darum kam auch nichts zustande.
+
+Sanofa konnte die Freier nicht leiden und machte dem Vater oft Vorwürfe.
+Mit dem Alten hätte aber auch der Teufel nicht fertig werden können: so
+trotzig und eigensinnig war er.
+
+Einmal kam zu Tschabak ein Kaufmann aus der Stadt; in Geschäften kam er zu
+ihm. Ein hübscher, lustiger Kerl, das ganze Dorf brachte er in Aufregung;
+Die Weiber weinen auch heute noch, wenn die Rede auf Rodionow kommt. Und
+dieser Kaufmann gefiel Sanofa. Sie selbst gestand es dem Vater. Der Alte
+freute sich mächtig und ging gleich zu dem Kaufmann. Der Alte liebte die
+Tochter so, daß er seine Seele für sie hingeben würde. Der Kaufmann war
+aber ein leichtsinniger Kerl und achtete nicht der Gefahr. Er schüttete
+drei Scheffel Scherze hin, und man wurde einig. Alles ging, wie sich's
+gehörte: die Eltern gaben ihren Segen, man feierte die Verlobung und machte
+alles, was die Sitte verlangt: Weiber verstehen sich ja darauf! Man tanzte
+so lange, bis alle lahm waren. Und als der festgesetzte Tag anbrach,
+kleidete man Sanofa zur Trauung ein. Man kam in die Kirche, das ganze Dorf
+war dabei -- denn alle wollten es sehen --, man wartete, der Bräutigam aber
+fehlte noch. Man dachte sich, es sei ihm etwas zugestoßen. Man suchte hin,
+man suchte her. Man schickte einen Boten hin, dann einen andern, der
+Kaufmann war nirgends zu finden. Man ächzte und seufzte, doch es war nichts
+zu machen. Nun fuhr man wieder heim. Sanofa wollte sich aber nicht vom
+Fleck rühren. Man bat sie, man flehte sie an, man versuchte, sie mit Gewalt
+nach Hause zu bringen, sie wollte aber um nichts in der Welt fahren. So,
+wie sie war, im Brautkleide, legte sie sich platt auf die Erde und kroch
+auf allen vieren nach Hause. War dabei so weiß wie Papier, und ihre Augen
+-- ja, wenn alle Donner des Himmels erdröhnen und alle Blitze niederführen,
+gäbe es kein solches Ungewitter: -- die Augen glühten und sengten. Ein
+jeder blieb wie angewurzelt stehen, und sie kroch immer weiter.
+
+Gegen morgen fand man den Kaufmann in Tschabaks Stall. Eine Sau hatte
+Ferkel geworfen, und im Stalle stand eine alte geflochtene Krippe für die
+Ferkel. Der Kaufmann lag in der Krippe, und die Pferdeleine war mit dem
+einen Ende an einer Pappel festgebunden. Tot war er.
+
+Nun kam die gerichtliche Untersuchung. Die Leute sagten gegen Kornej aus.
+Kornej schwor, daß er an der Sache nicht beteiligt sei. Man glaubte aber
+seinen Schwüren nicht und sprach ihn schuldig. Der Alte ging nach Sibirien
+und ist wohl auch dort gestorben.
+
+So war die Sache.
+
+Mitroschka mit dem Nabelbruch begann nun ganz laut zu schimpfen, und die
+Klugen, die früher ebenfalls alles gewußt, aber geschwiegen hatten, redeten
+drauflos.
+
+Jetzt war es allen klar, was für eine Bewandtnis es mit Tschabaks Reichtum
+und Sanofas glückbringender Hand mit dem Muttermal am linken Daumen und den
+kleinen Kreuzen hatte.
+
+Und wenn es auch Kornej war, der den Rodionow erdrosselt hatte -- das wußte
+ja jedermann --, Sanofa war jedenfalls mitbeteiligt: ihrer Hände Werk war
+es!
+
+Das ganze Dorf geriet in Aufruhr.
+
+»Sie wird noch etwas ganz anderes anstellen«, sagte man von Sanofa: »Sie
+wird einen Hagel schicken und die Felder verwüsten, sie wird einen Blitz
+herabsenden und das Korn verbrennen, das Vieh umbringen, die Kinder
+erwürgen, die Weiber verderben, die Männer zugrunde richten, den Fluß
+austrinken, den Wald mit den Wurzeln ausrotten, weder die Kirche noch ein
+einziges Haus stehenlassen und selbst den letzten Holzspan nicht
+verschonen.«
+
+»Sie wird es noch ganz anders treiben«, flüsterte man mit erstarrenden
+Lippen, »sie wird alle in Eulen verwandeln und in Erdlöchern zu leben
+zwingen.«
+
+»Einen schwarzen Blick hat sie!«
+
+»Eine verdammte Hand!«
+
+»Eine verdammte Hexe ist sie!«
+
+Foma und Jerjoma redeten den Leuten zu, der Hexe den Garaus zu machen; es
+fand sich aber kein Kühner: alle hatten viel zu kurze Arme.
+
+Alle wichen Sanofa aus, auch Bruder und Schwester sagten sich von ihr los.
+
+Jedes Unglück, das in Batyjewo vorkam, jede Sünde, alles schrieb man Sanofa
+zu.
+
+Sanofa lebte nun mit ihrer Mutter allein.
+
+Alle schielten ängstlich nach dem weißen Häuschen mit der blauen Tür und
+den blauen Fensterladen; man brach den Gesang ab und verstummte, wenn der
+Blick auf den spitzen Dachgiebel fiel, wo ein Storch wie ein Wachposten das
+Hexennest bewachte.
+
+Sie aber hielt sich im Hause versteckt, lag am Fenster, sah alles -- über
+drei Felder hinweg konnte sie sehen --, und hörte alles -- durch drei
+Wälder hindurch konnte sie hören.
+
+Sie sah alles und hörte alles, und das Herz verging ihr; aber aufstehen
+konnte sie nicht.
+
+
+3
+
+Öde ist es nun im Hause des alten Tschabak.
+
+Wo das Volk sich einst so drängte, daß die Wände erbebten, hört man weder
+Lachen noch Trampeln, und draußen vor dem fest verschlossenen Tor sieht man
+keine Pferdespuren mehr.
+
+Ein Christenmensch kommt um nichts in der Welt in den Hof; er wird lieber
+an der Schwelle sterben als das Haus betreten.
+
+In den Stuben sind überall Kräuter aufgehängt. Und sie duften so scharf,
+daß man sich kaum auf den Beinen halten kann. An allen Wänden sind Vögel
+gemalt: Sanofa hat sie selbst gemalt, es sind aber keine richtigen Vögel,
+sondern eher geflügelte Kater. Diese Vögel machen es, daß die Wände und das
+ganze Haus gleichsam davonfliegen möchten.
+
+Nicht geheuer ist es in den Stuben.
+
+Wenn die Mutter mit der Hausarbeit fertig ist, setzt sie sich zu Sanofa.
+Sie schaut die Tochter mitleidig an und weiß nicht, was sie anfangen soll.
+Sanofa aber liegt mit offenen Augen da, und in ihren Augen brennt etwas,
+was man mit keinem Wasser löschen kann.
+
+Sanofa pflegte der Mutter zu sagen:
+
+»Glücklich bist du! Hast dein Leben gelebt, hast getanzt und gesungen, hast
+so getanzt, daß die Leute herbeikamen, um dich zu sehen. Und ich habe
+nichts.«
+
+Die Alte erhob sich, schüttelte ihren grauen Kopf, und die Adern an ihrem
+bronzenen Hals schwollen an.
+
+»Nein, Sanofa, du bist schön und stark, und keine ist so schön wie du!«
+
+Sanofa hörte es nicht und sprach weiter:
+
+»Du bist glücklich. Es muß ja auch glückliche Menschen geben! Wer hat es so
+eingerichtet? Und was habe ich verbrochen? . . .«
+
+»Nichts hast du verbrochen. Aber die Menschen sind so schlecht.«
+
+»Die Menschen? Sind sie glücklich? Ich aber kenne keinen glücklichen
+Augenblick . . .«
+
+Die Alte richtete sich auf und sagte:
+
+»Gehen wir von hier fort, Sanofa. Verlassen wir dieses Haus, verlassen wir
+alles, dann finden wir unser Glück . . . Ziehen wir in die Steppe, in die
+Freiheit . . .«
+
+»Warum lügst du? Warum sagst du, daß ich schön bin? Was willst du von mir?
+Wie soll ich von hier fort? Ich bin ja ein Krüppel -- und kann nicht gehen!
+Womit hab ich das verdient? Wer hat es so eingerichtet? Wo ist die
+Gerechtigkeit?« Sanofa richtete sich auf den Armen halb auf, blickte die
+Mutter voller Haß an, verfluchte die Menschen und die ganze Welt. Alle
+erschienen ihr so glücklich, nur sie allein war so unglücklich, ein
+verkrüppeltes Kind, sie war verdammt und wußte nicht, für welche Schuld.
+
+Und ihr Herz war wie ein zähnefletschender Eber -- schreckliche Rache drang
+ihr aus dem Herzen.
+
+Die Alte ließ sich wieder auf die Bank nieder, schloß die Augen und schlief
+ein, kraftlos, ohnmächtig, etwas zu tun.
+
+Sanofa verharrte aber noch lange halbaufgerichtet, sich auf die gestreckten
+Arme stützend, und sträubte die Haare wie eine Katze. Sie zielte
+irgendwohin mit den Augen und ließ die Blicke im Kreise schweifen. Etwas
+Unmögliches, Unmenschliches geschah in ihrer Seele, etwas Unmögliches,
+Unmenschliches ging in ihrem Herzen in Erfüllung.
+
+Um diese Zeit begann es im Dorfe zu brennen, und die Menschen begannen
+dahinzusterben, und eine Seuche befiel das Vieh, und die Felder wurden
+ausgetreten -- jedes Unheil, jede Seuche, alles kam von ihrem bösen Blick.
+
+Allmählich wurde ihr leichter ums Herz, allmählich zog sie die stählernen
+Arme wieder ein.
+
+Sanofa verkroch sich in einen Winkel ihres Bettes, schrumpfte ganz zusammen
+und versteckte sich wie ein verwundetes kleines Tier.
+
+Sie gedachte ihrer Kindheit, des Vaters, ihrer glückbringenden Hand . . .
+Wie sie einst im Reigen gestanden hatte, wie der Sturmwind kam und wie sie
+zu Boden fiel, von dem sie sich nie wieder erhob . . . Wie sie sich selbst
+aus ihrer rechten Hand ihr Glück herauskratzen wollte, wie sie zur Kirche
+fuhr und, auf allen vieren kriechend, nach Hause zurückkehrte.
+
+Die Alte erwachte.
+
+Sanofa weinte.
+
+Wenn sie weinte, war ihr Gesicht wieder so winzig, kaum faustgroß, wie bei
+jenem glücklichen Mädelchen, das, ihr glückspendendes Händchen schwingend,
+auf einem Bein von der Haustür zur Gartenpforte hüpfte, mit feinem
+Stimmchen sang und das Märchen vom Hahn erzählte, der den Bären gefressen
+hatte; das mit den Lippen den Donner nachahmen wollte und selbst vor den
+eigenen Tönen erschrak; das scheltend den Regen zu verjagen suchte und
+ebenso wie jetzt weinte, wenn der Regen nicht aufhören wollte und man sie
+nicht aus dem Hause ließ.
+
+»Willst du essen?« fragte die Alte, sich über die Tochter beugend.
+
+»Sterben will ich«, flüsterte Sanofa.
+
+Die Alte biß sich in die welken Lippen, zerrte an den Enden ihres erdgrauen
+Kopftuches und war selbst so grau wie Erde.
+
+Die Vögel an der Wand reckten ihre Katzenköpfe und flogen irgendwohin; und
+auch die ganze Wand wollte sich losreißen und davonfliegen.
+
+»Ich will sterben!«
+
+ * * *
+
+Wenn die Abenddämmerung kam und der laue Abend den Wind des Tages zur Ruhe
+brachte und die Nacht, mit Sternen wie zu einem Festmahl geschmückt,
+langsam heraustrat und die von den Sternen geweckten Eulen ihre Trauer in
+gedehnten Schreien ergossen -- kroch Sanofa in den Garten hinaus. Da blieb
+sie bis zum Morgengrauen unter vier Augen mit der Nacht, grub die Erde um
+und machte sich mit ihren Blumen zu schaffen.
+
+Manche Nächte aber waren wie Tage, und Sanofa konnte in solchen Nächten
+nicht vom Bette steigen.
+
+Der Garten verwilderte von Sommer zu Sommer immer mehr. Die Blumenbeete
+wurden von Unkraut überwuchert, und die Blumen gingen zugrunde. Wildes
+Steppengras drang in alle Winkel ein. Die Baumäste neigten sich zur Erde,
+die Schatten wurden immer dicker und vertilgten jedes Licht.
+
+Nachts wurde Sanofa von Träumen heimgesucht; schreiend riß sie sich von
+ihnen los und lebte dann den ganzen Tag unter ihrem Schatten.
+
+An solchen Tagen sprachen Mutter und Tochter nicht miteinander. Sie sahen
+sich nur an. Zuweilen war es ihnen zu schrecklich, einander auch nur
+anzuschauen.
+
+Die Alte legte Karten.
+
+Die Karten prophezeiten nichts Gutes: >Schlag<, >Unannehmlichkeiten< und
+>Nachtlager<. Das bedrückte das Herz mit unsagbarer Schwere, und alles
+endete mit dem >Gastmahl< -- der Piquedame.
+
+Nur selten kam es vor, daß ein Morgen das Haus wie mit strahlendem Glück
+erleuchtete.
+
+Sanofa erwachte und rief:
+
+»Mütterchen, wenn du wüßtest, was mir heute geträumt hat?«
+
+Die Alte lief zur Tochter:
+
+»Was hat dir denn geträumt?«
+
+»Ich träumte von Stiefeln, und dann, daß du mir ein Hemd reichst und das
+Hemd ganz blutig ist.«
+
+»Stiefel bedeuten eine Reise«, erklärte die Alte. »Das Blut aber das
+Wiedersehen mit Blutsverwandten. Und mir träumte, daß ich eine aus Samen
+gezogene Zwiebel esse. Vielleicht kehrt noch der Alte zurück . . .«
+
+Die Alte versank in ihre Gedanken und begann ein Lied zu summen.
+
+»Mütterchen, ich weiß, was es für eine Reise ist: es ist mein Tod.«
+
+Die Alte schwieg.
+
+»Auf dem Friedhof ist es ruhig, dort wird mich niemand anrühren.«
+
+Die Alte schwieg.
+
+Alles fiel ihr aus den Händen: so sehr zitterten ihr die Hände, und sie
+wußte in ihrem Kummer nicht, ob sie stehend oder sitzend weinen sollte.
+
+Ein Tag folgte dem andern.
+
+So viele endlose, traurige Tage zogen durch das verödete Haus. Man könnte
+mit dem Kopf gegen die Wand rennen, nur um irgendeinen Schrei aus der Kehle
+zu pressen.
+
+Ganz gleich, ob das Wetter trocken oder naß war, ob es regnete oder die
+Sonne schien, die Augen hatten nur den einen Wunsch: sich zu schließen.
+
+Die Alte konnte es nicht länger ertragen, sie fürchtete das Schweigen, sie
+ging leise auf die Tochter zu und sagte:
+
+»Mein Kind, mein Kindchen!«
+
+»Was ist denn?« fragte Sanofa, ihre schrecklichen Augen auf die
+gramgebeugte Mutter richtend.
+
+»Ich habe nur so . . . Ich bitte mit dem Herzen . . .«
+
+
+4
+
+Es war wohl eine herrliche Nacht: im fernen Sumpfe trompeteten die Unken,
+kleine Vögel zwitscherten kaum hörbar, und ihr Gezwitscher verschmolz mit
+dem Zirpen der Grillen, von dem die ganze Erde zitterte. Jenseits des
+Flusses schrien traurig die Eulen und lärmten die Frösche: es klang, wie
+wenn ein Wagen über das Straßenpflaster rollt.
+
+Die schlanken Pappeln warfen tiefe Schatten über den mondbeschienenen Hof.
+
+Wie eine weiße Blüte lag Sanofa in ihrem weißen Hemd auf dem Rasen. Traurig
+fielen ihre dunklen Flechten von den Schultern hinab. Ihre Lippen waren
+halb offen und ließen die weißen Zähne sehen. Sie starrte zu den Sternen
+empor.
+
+Die Sterne waren aber so fern.
+
+Ein einziger Gedanke schmolz wie Mondlicht in ihrem Herzen: der Gedanke an
+den Tod.
+
+Und es kam Sanofa vor, als ob jemand mit einem Licht unter dem Stall
+hervorkrieche, dann um die Pappel herumgehe, auf den Boden falle und nun
+den Schattenstreifen entlang zum Garten krieche; das Flämmchen flackerte
+wie eine Kerze, -- wie zwei Kerzen. Und je näher es kam, um so deutlicher
+konnte sie erkennen, daß es ein Mensch war und daß seine Augen wie
+Kerzenflammen leuchteten.
+
+Sanofa stützte sich auf die Arme, bog den Kopf wie eine Katze vor und kroch
+ihm entgegen.
+
+Und so krochen sie aufeinander zu, und die Entfernung zwischen ihnen wurde
+immer kürzer; schon sah sie seine wehenden Haare und seine lächelnden
+Lippen . . .
+
+Schon war der Weg durchschritten.
+
+Er streckte seine Arme nach ihr aus, umklammerte sie und drückte sie fest,
+heiß, für das ganze Leben, für ewig an seine Brust. Plötzlich wurde er
+ebenso blau, wie er es im Stalle mit der Pferdeleine am Halse gewesen war,
+er grinste mit seinen schrecklichen Zähnen, hob sie empor, und schon flogen
+sie -- als Bräutigam und Braut -- davon.
+
+ * * *
+
+Man fand Sanofa am nächsten Morgen am Ende des Gartens beim Fischkasten tot
+auf dem Zaune sitzen: der Teufel hatte sie erwürgt.
+
+Ganz Batyjewo ist betrunken. Gesang, Geschrei und Gestampfe erfüllen die
+Luft. Man tanzt, ohne die Beine zu schonen. Ganz außer Rand und Band sind
+die Leute: Foma hat dem Jerjoma sein einziges Auge ausgeschlagen, dem
+Mitroschka riß jemand den Nabelbruch heraus. Wie sollte man auch bei einer
+solchen Gelegenheit nicht über die Schnur hauen?
+
+
+
+
+Das Los des Elenden. Träume
+
+
+
+Vom Tiger zum Haken
+
+Ich bin der Tiger der alten, von Asche verschütteten, steinernen Stadt, auf
+Gottes Geheiß geboren und nach dem Zeugnis König Davids zur Geduld
+verurteilt: Ich bin vor der Zeit, in die Zeit und für die Zeit.
+
+Ich lag träg und lässig in der Allee des Petersburger Sommergartens und
+betrachtete das Publikum. Es gab nur wenig Spaziergänger, und ich hörte gar
+kein Lachen, nur hie und da ein widerliches Kichern. Die meisten gingen mit
+ernsten Gesichtern ihren Geschäften nach, und die Geschäfte, denen sie
+nachgingen, wurden als etwas so ungemein Wichtiges hingestellt, als ob
+davon das Heil der Welt abhinge. Ich sah nur die Rücken der Vorbeigehenden
+und konnte nur aus ihren Worten und Äußerungen, die an mein Ohr schlugen,
+schließen, was für Gesichter und was für Augen sie hatten. Die Empörung
+ließ mich auf meine kräftigen Beine springen; ich stürzte voller Wut auf
+das Häuschen Peters des Großen zu, ich schlug meine Krallen in das Holz und
+begann den Leuten ins Gewissen zu reden und ihnen klarzumachen, daß sie
+Betrüger und selbst der einfachsten Sache nicht gewachsen seien, weil ihre
+Augen trüb und kurzsichtig, ihre Seelen welk und ihre Gesichter schief
+seien.
+
+Indem ich die Erlöser anklagte, begann ich solchen Unsinn zu reden, daß
+auch meine Augen sich trübten, meine Seele ausfaserte und mein Gesicht
+schief wurde. Und plötzlich war ich wie durch ein Wunder in einen Vogel mit
+lauter Stimme verwandelt.
+
+Ich sang so laut, daß es wohl auf der ganzen Welt keinen Winkel gab, in dem
+mein Gesang nicht zu hören gewesen wäre. Und da alle meinem Gesange
+lauschten und an der sonnigen Stelle, wo ich zu singen pflegte, bereits ein
+Käfig hing und ich wußte, daß man mich einfangen und in diesen Käfig
+sperren würde, empfand ich es als lästig und auch gefährlich, als Vogel
+weiterzuleben.
+
+Um mich irgendwie zu retten und mir die Freiheit zu erhalten, senkte ich
+meine Flügel und schlich mich als diebischer Fuchs in das schmutzige und
+gemeine Wirtshaus >Zu den lustigen Inseln< in der Werejskaja-Gasse, drängte
+mich irgendwie durch die Masse der betrunkenen Gäste und setzte mich an den
+ersten besten Tisch; um keinen Verdacht zu erregen, bestellte ich mir aber
+eine Flasche vom stärksten und berauschendsten Weine.
+
+Obwohl das Lokal gesteckt voll war und man sich gar nicht rühren konnte,
+brachte es irgendeine Sascha Timofejewa fertig, sich an meinen Tisch zu
+setzen. Sie umschlang meinen Hals mit einer Hand und suchte ihr Gesicht dem
+meinigen zu nähern.
+
+»Lieber Freund, führe mich fort von hier!« flehte sie mich an, und ihr
+gelber Lackledergürtel knisterte.
+
+Während sich ihr dunkelmattes Gesicht mit den riesengroßen grauen Augen
+ohne Pupillen meinem Gesicht näherte, senkte sich von der Decke ein Netz so
+fein wie Spinnweben langsam, aber sicher über mich: ich fühlte, wie ein
+seidenes Vogelnetz über mich geworfen wurde. Und als die Augen meiner
+Geliebten schon so nahe waren, daß sie zu einem einzigen grauen Auge
+verschmolzen, berührte das Netz meinen Scheitel; im gleichen Augenblick
+drang ein feiner, scharfgeschliffener Haken in mein lebendes Herz. Er hakte
+sich fest und zog mich schon im nächsten Augenblick roh und blind über die
+Sascha und den Tisch hinweg zur Decke empor.
+
+
+Affen
+
+Man hatte uns von allen Enden der Welt, aus Australien, Afrika und
+Südamerika, zusammengetrieben, und ich, der Anführer der Schimpansen, mit
+dem aus Eiderdaunen gewebten Gürtel um die Lenden, raufte mir die Haare und
+zerbrach mir den Kopf, wie ich mich von den Ketten, mit denen man uns an
+Armen und Beinen gefesselt hatte, befreien und in meine Heimat durchbrennen
+könnte; aber es war schon zu spät. Man trieb uns über die neugepflügten
+Äcker auf das Marsfeld, und nachdem wir wie Soldaten Aufstellung genommen
+hatten, begannen Herolde in goldstrotzenden Uniformen mit Straußenfedern an
+den Hüten, längs der Reihen hin- und herreitend, das Urteil zu verlesen.
+
+Man beschuldigte uns Affen der maßlosen Unzucht, Bosheit, Faulheit,
+Trunksucht und eines unausrottbaren Hanges zum Diebstahl; unter Anerkennung
+unserer ungewöhnlichen angeborenen Anlagen zur Entwicklung und
+Vervollkommnung verhängte man über uns die Anwendung der Geheimmittel des
+Bologneser Universitätsprofessors Ritters Altenaar, des Nachkommen der
+Wikinger von Grönland, Island und des Nördlichen Eismeeres.
+
+Von blinder Mutterliebe und Empörung erfüllt, folgte ich der Exekution, die
+nach all diesen närrischen Zeremonien begann: die gottlosen Menschen
+durchbohrten uns zum Scherz mit Schusterahlen und bearbeiteten uns nachher
+mit Eisenhämmern. Sie beschmierten einzelne von uns mit heißem flüssigem
+Teer, befestigten das eine Ende eines in die Teermasse eingekneteten
+Strickes an die Körper der Unglücklichen und das andere an das Kummet eines
+freien und kräftigen Pferdes und ließen sie dann unter Schreien und Johlen
+der Menge so lange über die Erde schleifen, bis die Opfer verendeten.
+Andern wiederum steckten sie die Lippen sorgfältig mit Messingnadeln
+zusammen. Und noch viele andere Scherze wurden an uns zwecks Bändigung
+verübt.
+
+Als aber das Marsfeld vom Heulen und Winseln gesättigt, als die Erde vom
+vergossenen Affenblut aufgequollen war und das getaufte und ungetaufte
+russische Volk sich krank gelacht hatte, kam auf ehernem Rosse ein Reiter
+in Rüstung aus grünem Erz dahergesprengt. Ein Lasso schwirrte durch die
+Luft und legte sich mir um den Hals, und ich fiel in die Knie. Ich,
+Anführer der Schimpansen Australiens, Afrikas und Südamerikas, blickte
+angesichts des unnötigen und ungebetenen Todes den schrecklichen und
+stolzen Reiter mit frechen Augen an und schleuderte gegen ihn und den mir
+verhaßten Tod ein dreifaches Kikeriki.
+
+
+Beinahe hätten sie mich gegessen
+
+Ich hatte zwölf unterirdische Kammern und zwölf Schlüssel -- man nahm sie
+mir weg. Ich sammelte mir im Hofe verschiedene Lumpen -- man nahm sie mir
+auch weg. Die Schlüssel und die Lumpen trug man in die Vorratskammer und
+schloß sie dort ein. Und Wlassow, mit dem ich erst vor kurzem mein Zimmer
+geteilt hatte und ohne den ich keinen Schritt machen konnte, verließ mich.
+
+Ich bin ganz nackt, und doch rauben sie mich noch immer aus: sie saugen mir
+das letzte Blut aus dem Körper. Nun hat mich auch noch eine Zitterkrankheit
+befallen. Mit Tränen in den Augen flehe ich sie an, mich in Ruhe zu lassen
+und mir nicht so furchtbar zuzusetzen. Sie will aber nicht auf mich hören.
+
+Sie hatten mich frech beraubt, und ich wußte, daß sie mich nicht am Leben
+lassen würden, daß sie mich unbedingt ins Grab bringen wollten. Ich konnte
+es nicht länger aushalten und schickte mein Dienstmädchen auf die Ligowka
+zu einem mir bekannten Sargmacher, einen Sarg zu holen. -- Meine
+Sterbestunde rückte heran, und es kam mir immer klarer zum Bewußtsein, daß
+sie meinen Leib schon nach wenigen Tagen mit Brot verzehren und nur meine
+Knochen in den Sarg legen würden.
+
+Mit unsagbarer Mühe kroch ich die Treppe hinunter und wandte mich an den
+Portier mit der Bitte um Hilfe: ich flehte ihn mit den letzten Kräften,
+mein letztes Blut vergießend, an, die vornehmsten Bürger der Stadt
+auffordern zu lassen, gleich morgen zu mir zu kommen, um mich zu bestatten,
+solange ich noch nicht verzehrt sei.
+
+Und während ich so den Portier anflehte und mich vor ihm bis zur Erde
+verneigte, sprang plötzlich das Plakat mit der Aufforderung, die
+Gummischuhe unten beim Portier abzugeben, ab, und an der Stelle, wo es
+gehangen hatte, trat aus der Wand Wlassow. Indem er seinen stechenden
+Feuerwehrmannschnurrbart drehte, reichte er mir die Schlüssel, die Lumpen
+und etwas Roggenmehl, aus dem ich einen dicken Kleister kochen sollte.
+
+
+Der Tatar
+
+Ich stieg einen Turm auf einer steilen, ungewöhnlich schmalen Treppe
+hinauf. Man hatte mir gesagt, daß ich nur die obere Plattform zu erreichen
+brauchte; oben würde ich leicht den Eingang in den Himmel finden: dort
+würde eine Wolke in Form einer Barke zu meinen Diensten bereitstehen, ich
+brauchte nur einzusteigen und könnte dann fahren, wohin ich wollte.
+
+Der Aufstieg dauerte unendlich lange, die Beine konnten mich kaum tragen,
+und auch meine Geduld ging zu Ende; der Schädel schmerzte mir; ich nahm
+mich aber doch zusammen und erreichte schließlich die Plattform. Und was
+denken Sie? Es gab oben gar keine Wolke in Form einer Barke, dafür stand
+dort ein Tatar, einer von denen, die mit alten Kleidern handeln; seine Arme
+reichten aber bis zur Erde hinab. Ich wollte schon wieder hinuntersteigen
+-- was sollte ich denn oben? --, er packte mich aber am Kragen und hob mich
+mit seinen langen Armen in die Höhe.
+
+»Du ganz gemeiner Schmarotzer! Ebensowenig wie deine Ohren wirst du die
+Wolke, die du wohl nur aus deinen Büchern kennst, zu Gesicht bekommen, noch
+die Dinge, die jenseits der Wolke sind. Putz dir erst die Augen, die in
+allen Dingen nur das Häßliche schauen, und dann bist du uns willkommen!«
+
+Ehe ich ihm etwas entgegnen oder mich rechtfertigen konnte, begann der
+Tatar mich langsam auf die Erde hinabzulassen. Und als bis zur Erde nichts
+mehr übriggeblieben war, schlug ich mit der Nase hart am Boden auf und fiel
+in warmen Kuhmist.
+
+
+Der Traber
+
+Petersburg stand in Flammen. An den Feuerwehrtürmen hing das Alarmsignal
+für sämtliche Löschkommandos; sie konnten aber alle nichts ausrichten.
+Petersburg brannte an allen Ecken und Enden.
+
+Ich und noch ein Herr, der mich bei meinen nächtlichen Abenteuern zu
+begleiten pflegte, verließen das Haus und fuhren ins Barackenlager. In den
+Baracken bekamen wir ein riesengroßes Zimmer angewiesen, und hier stellte
+sich heraus, daß wir gar nicht allein waren: in unserer Gesellschaft befand
+sich unablässig ein bekannter russischer Dichter.
+
+Wir sahen zum Fenster hinaus: die Straßen waren von Flüchtlingen
+überschwemmt, und zahlreiche Damen, mit Reisekoffern und gelben
+Hutschachteln beladen, zogen über den Bürgersteig wie in einer
+Kirchenprozession. Alle sagten, daß die Feuersbrunst entsetzlich sei und
+nicht so bald ein Ende nehmen würde. Es roch nach Verbranntem.
+
+Wir beschlossen, gleichfalls abzureisen. Wir nahmen uns eine Droschke und
+fuhren zu dritt nach Moskau. Ohne uns in Moskau aufzuhalten, begaben wir
+uns direkt nach der Sommerwohnung im Petrowski-Park. In der Sommerwohnung
+trafen wir niemanden an. Etwas später erschien ein bekannter Schauspieler,
+und wir erzählten ihm, welch ein furchtbarer Brand in Petersburg wüte, wie
+wir in den Baracken gesessen hätten, wie es nach Verbranntem gerochen hätte
+und daß wir dem Kutscher fünfundsiebzig Kopeken bezahlt hätten.
+
+»Jetzt ist das Pferd hin«, sagte der Dichter. »Wie kann man auch?
+Neunundzwanzig Werst von Petersburg nach Moskau, ohne Station zu machen,
+und dann gleich wieder nach Petersburg zurück -- das hält kein Pferd aus!«
+
+
+Die Blume
+
+Ich pflanzte meine Lieblingsblume um. Endlich war ich dazu gekommen. Ich
+fühlte mich schuldbeladen ihr gegenüber: wenn man soviel andere Geschäfte
+hat, kommt man selten dazu, sich um sie zu kümmern und das Gras auszujäten;
+nun ist es schon zu einem dichten Gebüsch ausgewachsen! Immer habe ich
+etwas zu tun, bald dies, bald jenes. >Das ist ja eben das Wesen des Lebens,
+daß man niemals Zeit hat!< hat mir einmal jemand gesagt. Nun, der Herr sei
+ihm gnädig; möchte der, der es gesagt hat, auch in Zukunft niemals Zeit
+haben!
+
+Ich schüttelte die Erde aus dem Blumentopf, ergriff die Blume am Stengel
+und bemerkte unten, wo die Wurzeln einen Knoten bilden, einen kleinen Wurm.
+Kaum hatte ich die Hand ausgestreckt, um den Wurm zu fassen, als er sich in
+eine kleine Schlange verwandelte, und die kleine Schlange verwandelte sich,
+ohne mit der Wimper zu zucken, in eine große. Nun begann ich vor Angst zu
+zittern. Ich warf die Blume zu Boden und wollte weglaufen, aber die Beine
+gehorchten mir nicht; ich wollte aufschreien, brachte aber keinen Ton
+hervor.
+
+Die riesengroße geringelte Schlange Aspis tat ihren Rachen vor mir auf,
+berührte mit ihrem glühenden Stachel meine kalte Nase und verwandelte sich
+in einen Fisch mit vielen Zähnen. Mein Gott! Das war ja Echinia selbst!
+Ohne lange zu überlegen, sperrte die Echinia (und nicht mehr die Aspis)
+ihren Rachen noch weiter auf -- ich hatte kaum Zeit, nach meiner Tasche zu
+greifen, und stürzte in ihren Bauch. Da war es um mich geschehen.
+
+
+Rotkohl
+
+Ich stehe am Flußufer mitten in einer Volksmenge. Jemand meint, daß diese
+Volksmenge von der Darstellung des jüngsten Gerichts in der
+Mariä-Verkündigungs-Kathedrale zu Solwytschegodsk herabgestiegen sei und
+daß der Fluß, an dem wir stehen, die Donau oder der Safat sei; es werden
+noch andere Namen genannt, ich kann sie aber nicht verstehen, da alles in
+einer barbarischen Sprache erzählt wird.
+
+Wir alle warten auf etwas und sind sehr aufgeregt. Ich kann nicht ruhig an
+einem Platz stehen und laufe bald zu dem einen, bald zu dem andern und
+frage:
+
+»Kommt es bald?«
+
+Statt mir zu antworten, zeigt man mit den Fingern auf eine dunkle Masse,
+die vom Walde her naht.
+
+Am Ufer, dicht am Wasser, ist ein kleiner Platz abgezäunt; auf dem Platz
+stehen zwei Fäßchen mit einem quer darüber gelegten Brett. Ich dränge mich
+bis an die Umzäunung vor, richte mich recht bequem ein und beobachte die
+heranrückende dunkle Masse.
+
+Allmählich kann man die seltsamen Gestalten unterscheiden: an der Spitze
+reitet auf einem Ochsen der Zeremonienmeister, ein vornehmer Würdenträger
+mit braunem Vollbart und goldgesticktem Rock; in seinen Händen glänzt ein
+goldener Stab; nach dem Zeremonienmeister schreiten paarweise Damen in
+langen weißen Gewändern, mit bloßen Füßen, und jedem Paar folgen Diener,
+die je zwei Klappstühle und einen Fächer tragen. Endlich erscheint unter
+einem Baldachin der König: er trägt einen mit silbernen Sternen besäten
+Mantel, so blau wie der Fluß, und an den Händen weiße Ritterhandschuhe;
+sein Gesicht ist dunkel wie das eines Mohren, und seine Nase gleicht einer
+silbernen Sichel.
+
+Der Mann, der neben mir stand und eine staubige rote Perücke aufhatte,
+seines Zeichens Schwarzkünstler, schnaubte mit der Nase und sagte mir auf
+russisch:
+
+»Dieser König Napoleon hat eine angesetzte Nase!« Mit diesen Worten stürzte
+er entseelt zu Boden.
+
+Und ich sah, daß noch viele andere Menschen in der Volksmenge tot
+niederfielen, offenbar für ihre Blasphemie bestraft. Nun kam es irgendwie
+zutage, daß es durchaus kein gewöhnlicher König war.
+
+Der Zug kam immer näher. Ich unterschied schon einen schlanken, weißen
+Hofmann, der dem König folgte und Befehle erteilte. Dann kamen wieder Damen
+und Diener; polternde Bauernwagen, bis an den Rand mit Rotkohl beladen,
+beschlossen den Zug.
+
+Alle Blicke waren auf den König gerichtet. Er betrat den am Ufer
+abgezäunten Platz, und nun kam ich darauf, daß sein Gesicht unter einer
+Larve verborgen und daß der schlanke Hofmann kein lebendiger Mensch,
+sondern ein Automat war.
+
+Die Diener legten indessen den Baldachin zusammen und stellten die Stühle
+auf. Die weißen Damen rafften die Röcke hoch, nahmen Platz und begannen,
+mit ihren bloßen Beinen baumelnd, ein Gebet zu murmeln. Der König verbeugte
+sich vor dem Flusse, rief den Automaten herbei und setzte sich zugleich mit
+ihm auf das Brett, das quer über den Fässern lag, doch so, daß die Mitte
+des Brettes frei blieb.
+
+Wir riefen alle hurra und schrien so lange, bis der Zeremonienmeister mit
+dem braunen Vollbart und dem goldgestickten Rock mit seinem Stabe winkte.
+Nun trat Totenstille ein.
+
+»Warum hast du gesagt«, wandte sich der König an den Automaten, »daß diese
+Bank zusammenbrechen würde? Du siehst doch, wir beide sitzen auf ihr, und
+sie ist noch immer ganz.«
+
+Die Stimme des Königs klang so jugendlich und stark, daß ein jeder von uns,
+von einem plötzlich erwachten Gefühl von Jugend und Kraft ergriffen,
+emporsprang. Wir alle waren bereit, für unsern König zu sterben.
+
+Die Damen schrien hurra.
+
+»Kaiser, du sitzt nicht richtig, setz dich in die Mitte!« sagte der Automat
+zum König. Mit diesen Worten erhob er sich vom Brett und ging an den Zaun
+zu der Stelle, wo ich mich so bequem eingerichtet hatte.
+
+Ich konnte mich nicht enthalten und rührte ihn hinten an: meine Hand stieß
+auf etwas Metallisches und Kaltes, ich zog sie unwillkürlich zurück und
+fühlte ein Zittern wie vom elektrischen Strom.
+
+Der König erhob sich. Der König legte seinen Mantel zurecht. Der König
+setzte sich auf die Mitte des Brettes. Kaum hatte er es berührt, als das
+Brett mitten entzweibrach. Der König flog in den Fluß.
+
+Die Damen brachen in Tränen aus. Wir schrien hurra und begannen den
+Automaten zu prellen; während wir ihn in die Höhe warfen, warfen wir auch
+die Rotkohlköpfe zum Himmel empor.
+
+
+Der Wolf
+
+Man schickte mich in den Wald, Nüsse suchen. »Geh hin«, sagte man mir, »und
+bring uns recht viel Nüsse.« Ich gehe durch den Wald, schaue nach allen
+Seiten, stolpere bei jedem Schritt, kann aber keine einzige Nuß finden.
+Endlich habe ich doch einen Busch entdeckt, aber mit lauter grünen Nüssen,
+keine einzige reife ist darunter. »Es ist ja ganz gleich: ich bringe ihnen
+von den grünen, wenn sie durchaus Nüsse haben wollen . . .« Ich greife
+einen Ast, will die Nüsse abpflücken, aus dem Gebüsch springt aber ein Wolf
+auf mich los. Ich sehe, daß es schlimm um mich steht, und sage ihm: »Willst
+du mich denn wirklich fressen?!« Er schweigt. Und ich sage ihm noch: »Friß
+mich nicht, Grauer, ich werde dir später einmal nützlich sein.« Und ich
+denke mir dabei: >Wie werde ich ihm eigentlich nützlich sein können?< Und
+während ich mir das überlege, fraß mich der Wolf.
+
+
+Der Baum
+
+Über dem Kopfe knarrt ein Riesenbaum, er knarrt und wird gleich stürzen.
+Und ich stehe unter dem Baum wie gebannt.
+
+Der Baum knarrt unheimlich, das Laub fällt von den Zweigen, und der Wipfel
+bebt: ich weiß nicht, ob es der Wind macht oder ob er von selbst wie vor
+dem Sturze bebt.
+
+Der Baum knarrt, er knickt ein -- er wird mich erschlagen . . . Und ich
+kann nicht fort.
+
+
+Der Steg
+
+Ich ging über die schmale, schwankende Brücke, die von Fels zu Fels über
+den Abgrund führte. Es war aber unmöglich, direkt von der Brücke an das
+andere Ufer zu kommen: man mußte entweder hinüberspringen, wie es mein
+Gefährte getan hatte, der nun am anderen Ufer stand und mir die Arme
+entgegenstreckte, oder aber auf den Steg treten, ein schmales Brett, das
+mit Stricken an irgendeinem Nagel irgendwo in den Wolken befestigt war und
+von dem man mit einem einzigen Schritt ans Ufer gelangen konnte. So wollte
+ich es machen. Ich trat auf den Steg. Kaum aber hatte ich die Hände meines
+Gefährten ergriffen, als der Steg zu schwingen begann und immer mehr und
+mehr in Schwung kam. Ich flog auf dieser höllischen Schaukel immer höher
+empor, und mein Gefährte flog mit mir mit, und so schaukelten wir über dem
+Abgründe.
+
+Mein Herz verging und erstickte und stand endlich ganz still.
+
+
+Die Tiere
+
+Der stille Herbstregen, fein wie Staub, fällt im dichten Nebel. Ich weiß
+nicht, wohin und wozu ich gehe und was mich treibt. Endlich bleibe ich vor
+dem Stadttor stehen. Die Torhüter öffnen mir schweigend das Tor, und ich
+gerate in eine schmale, von zwei hohen Mauern eingeschlossene Gasse. Männer
+und Frauen, Körbe voll Brot auf den Köpfen, kommen mir entgegen. Wie ich
+mit diesem seltsamen Zuge zusammentreffe, wende ich mich an einen der
+Männer und sage:
+
+»Gib mir eine Semmel.«
+
+Er gab sie mir. Ich weiß aber nicht, ob ich die Semmel aufessen oder in die
+Tasche stecken oder nach Hause tragen soll; ich weiß auch gar nicht, wohin
+ich gehe.
+
+»Die Tiere hat man herausgelassen! Die Tiere!« schrie irgendein Mann, an
+mir vorbeilaufend, während die Fetzen eines zerrissenen roten Hemdes hinter
+seinen Schultern wie zwei Flügel flatterten.
+
+Und alle befiel eine furchtbare Angst, und diejenigen, die in meiner Nähe
+waren, warfen ihre Brotkörbe hin und rannten davon.
+
+Und dieser schreckliche Schrei! . . . Es wurde mir klar, daß es mein
+eigener Schrei war.
+
+Die Tiere, anfangs kaum wahrnehmbar, dann immer drohender, rückten heran.
+Das Fell auf den schwarzen und rauchgrauen Rücken sträubte sich, die
+grellgelben Flecken an den Bäuchen schimmerten in fettigem Glanz. Ich stand
+allein, rings von den vielen roten offenen Rachen umgeben; die roten Zungen
+bewegten sich in ihnen wie Uhrpendel.
+
+»Tiere, da habt ihr die Semmel!«
+
+Kaum hatte ich aber diese Worte: >Tiere, da habt ihr die Semmel<
+gesprochen, als alle Tiere, die großen und die kleinen, die grauen und die
+schwarzen, die einohrigen und die einzahnigen, die stößigen und die
+bissigen, ihre Pfoten einzogen und in Schlummer versanken.
+
+
+Unter Nackten
+
+Ich war in eine Gesellschaft von Nackten geraten: sie laufen so ganz ohne
+jede Kleidung herum. >Sie schämen sich wohl furchtbar, diese
+Unglücklichen<, dachte ich mir, alle diese mageren, dicken, aufgedunsenen,
+knochigen, häßlichen Gestalten betrachtend.
+
+»Nein, wir würden uns schämen, wenn wir uns plötzlich ankleideten«, sagte
+mir einer der Nackten, der meinen Gedanken offenbar belauscht hatte.
+
+»Schämt man sich denn, wenn man angezogen ist?«
+
+»Das eigentlich nicht . . .«
+
+»Wie häßlich ihr doch alle seid!« unterbrach ich ihn.
+
+»Wenn wir häßlich sind, so mach, daß du fortkommst, solange deine Knochen
+ganz sind«, sagte mir wütend ein anderer Nackter.
+
+»Was ist eigentlich die schwerste Sünde?« fragte ich ihn.
+
+»Einst galt es als die schwerste Sünde, ein Feuer auszulöschen. Diese Sünde
+haben wir nie begangen: die Feuerwehr nimmt keine Nackten auf.«
+
+»Ich habe auch keine Lust, zur Feuerwehr zu gehen«, stimmte ich ihm zu.
+Dann ging ich auf die Seite und zog mir die Stiefel aus.
+
+
+Das Dach
+
+Mit den Händen am Gesimse gleitend, die Beine in der Luft, bewege ich mich
+längs des unendlichen Holzdaches eines unendlichen Holzbaues fort. Grelles
+Sonnenlicht fällt mir in die Augen. Morsche Holzstücke fallen mir unter den
+Händen ab, meine Hände rutschen -- mir stockt der Atem, und ich möchte
+abstürzen, damit es doch einmal ein Ende nimmt! Aber ich bewege mich immer
+weiter.
+
+Ich sehe unter mir Bäume, Flüsse, Bäche und eine Stadt.
+
+
+Der Bau
+
+Ich kroch unter das riesenhafte Haus, das noch nicht ganz fertig war, Man
+baute es so, daß der ganze Bau in der Luft hing und nicht stürzte, weil ein
+dickes, an das Fundament befestigtes Tau ihn mit der Erde verband. Ich
+kroch mit einem Beil in der Hand unter den riesenhaften Bau, erreichte den
+Mittelpunkt, wo das Tau befestigt war, holte mit dem Beil aus und hieb auf
+das Tau ein. Und als ich so weit war, daß das Haus jeden Augenblick
+einzustürzen drohte, spuckte mir jemand von oben auf den Kopf.
+
+
+Unter dem Bett
+
+Ich liege im leeren Zimmer und fühle, daß sich unter dem Bett etwas
+aufrichtet, umwendet und wieder still wird. Ich spitze die Ohren und
+horche: die Pfoten knacken, etwas Rauhes kriecht über den Boden, es stößt
+wohl an meine Stiefel, wendet wieder um, es holt Atem und kriecht weiter.
+
+Ich liege da, ich rühre mich nicht, und ich weiß, daß es schon ganz nahe
+ist: gleich macht es einen Bogen um den Stuhl, nimmt mich aufs Korn und
+springt mit einem Satz auf mich herauf.
+
+
+Die Maus
+
+Im Hause haben sich Mäuse eingenistet und trippeln umher. Ich lauerte einem
+Mäuschen auf und packte es beim Schwanz. Es biß mich augenblicklich in den
+Finger. An der Stelle, wo es mich gebissen hatte, wuchsen mir lange Haare.
+Ich ließ die Maus los, sie fiel zu Boden, setzte sich und lief gar nicht
+fort.
+
+»Wie kann man nur so!? Man muß es vorsichtig machen und sie durch
+Liebkosungen zu gewinnen suchen!«
+
+Ich ergriff sie vorsichtig am Pfötchen, streichelte ihr den Rücken, sie
+aber sprang mir an den Hals, beschnupperte mich und bewegte ihren
+Schnurrbart.
+
+
+Makkaroni
+
+Wir standen am Rande des Kraters. Der Lange, der seit so vielen Monaten
+nicht von mir weicht und mir fortwährend allerlei Dummheiten erzählt,
+sprang, ohne sich die Lippen abzulecken, glatt hinüber, ich aber stürzte
+hinein. Mit unendlicher Mühe, mich im Finstern an die Kleiderhaken
+festklammernd, klettere ich an die Oberfläche. Der Lange ruft mir aber zu:
+
+»Komm schneller heraus. Sonst werden die Makkaroni, die ich gekocht habe,
+kalt. Gesalzen sind sie auch schon!«
+
+Scher dich zum Teufel mit deinen Makkaroni! Die Finsternis ätzt mir die
+Augen. Wenn ich doch nur herauskriechen könnte . . .
+
+
+Der Sieger
+
+Eine rote, glühende, mit dünner Asche bedeckte Steppe. Zwei rote, kräftige
+Kämpfer haben sich in verzweifeltem Ringen umfaßt. Und der, der älter
+aussah und dessen Körper gebräunter war, blieb Sieger. Ich stürzte zu
+diesem Sieger hin, ergriff seine Hand, biß mich mit den Zähnen in sie
+hinein, berauschte mich am dunklen, dicken Blut, das aus der Wunde
+emporsprudelte, und blickte ihm in die Augen, die vor Schmerz trüb geworden
+waren. Ich blickte ihm lange in die Augen und wußte es ganz gewiß: gleich
+wird er seine Hand befreien und mich mit einem Schlage zermalmen.
+
+Das Blut aber sprudelte unaufhörlich.
+
+
+Der Leichenwagen
+
+Wir wateten lange durch den Fluß, nur unsere Köpfe ragten aus dem Wasser.
+Mein vor mehreren Jahren verstorbener Freund, der immer betrunken ist und
+ein rotes, aufgedunsenes Gesicht hat, geht voraus, und ich gehe ihm nach.
+Er geht mit trägen Schritten, den zerzausten grauen Kopf auf die Brust
+gesenkt, blickt manchmal zurück und blinzelt mir zu. Endlich erreichen wir
+ein Haus und kommen, naß wie wir sind, in den Saal. Im Saale findet gerade
+ein Ball statt; wir sehen viele tanzende Paare und hören lustige Musik.
+Alle bleiben plötzlich stehen, alle Blicke sind auf uns gerichtet. Wir aber
+sind patschnaß.
+
+»Tanzen! Tanzen!« schreien plötzlich alle auf, die Musik schmettert von
+neuem, und die Töne sind so ansteckend lustig, daß man Lust hat,
+unaufhörlich, unermüdlich weiterzutanzen . . .
+
+Ich habe aber keine Lust, noch länger durch den Fluß zu waten; ich steige
+darum in den Zug und setze die Reise mit der Eisenbahn fort. Der Zug hält
+auf freiem Felde. Ich trete in das Bahnwärterhäuschen und setze mich ans
+Fenster.
+
+»Sie fahren, sie fahren!« murmelte der Weichensteller im Vorbeigehen, und
+im gleichen Augenblick fuhr eine Equipage vorbei. Ich sah ein junges Paar
+darin sitzen; sie war im Brautkleide und er im Frack.
+
+Sobald die Equipage mit dem Brautpaar verschwunden war, kam polternd ein
+riesengroßer Leichenwagen gefahren, und im Wagen lag ein riesengroßer
+Leichnam. Die Pferde liefen Galopp, auf dem Bock saß kein Kutscher, und
+niemand lenkte das Gespann.
+
+Ich sprang aus dem Bahnwärterhäuschen und ging quer über das Feld. Das Feld
+war staubig, ebenso der Wind.
+
+
+Der Turm
+
+Es ist ungemein schwierig, fast unmöglich, diesen sonderbaren
+turmähnlichen, innen vollkommen hohlen Bau zu besteigen. Die Stufen sind so
+abgenagt, daß man stellenweise Schritte von anderthalb Klaftern machen muß.
+Wir steigen in großer Gesellschaft hinauf, kennen aber einander nicht, wenn
+wir auch so tun, als ob wir einander durch und durch kennten.
+Hinunterschauen ist verboten; wer es trotzdem tut -- es gab auch solche
+Helden unter uns --, der ist erledigt: der fliegt kopfüber in den Keller.
+Niemand hat den Keller gesehen, aber alle wissen, daß er tatsächlich
+existiert und sehr kalt und finster ist. Endlich erreichen wir die obere
+Plattform; sie ist fest gebaut, ganz aus Eisen und wird von eisernen Balken
+gestützt.
+
+Eine Lehrerin -- oder Nonne, die früher einmal Lehrerin gewesen ist --
+steht oben und zeigt jedem von uns durch das offene Fenster die Welt. Sie
+sagt ausdrücklich:
+
+»Schaut, Kinder, da ist die Welt.«
+
+Wir sehen den Sonnenuntergang, kolossale Häuser, riesenhafte Ziehbrunnen,
+Feuerwehrdepots und eine Kirche mit hohem Glockenturm; oben am Kreuze der
+Kirche kleben andere Menschen und betrachten gleich uns die Welt. Die
+Gefahr ist dort wohl viel größer als bei uns; es ist ganz unverständlich,
+wie sie sich da überhaupt festhalten können und nicht herunterfallen!
+
+Es ist aber verboten, allzulange auf die Welt zu schauen. Die Lehrerin gibt
+einem jeden von uns ein Stück Talg. Wir schmieren uns damit die rechten
+Hüften ein, die Frauen binden ihre Röcke hoch, und nun beginnt der Abstieg:
+wenn man richtig eingefettet ist, gleitet man ganz leicht den Strick hinab.
+
+»Hier unten gibt es doch sicher alte Fresken?« frage ich meinen Nachbarn,
+einen alten Mann in Aluminiumstiefeln.
+
+»Ja, der Bau ist alt, sehr alt, stammt noch aus Kains Zeiten!«
+
+Ein altes Mütterchen mit Mäusepfoten bekreuzigt sich.
+
+»Es gibt hier allerlei Heiligenbilder«, sagt sie, mit ihrem einzigen Finger
+auf die Mauer zeigend, »geweihte und ungeweihte: das >Waisenkind Jesus<,
+die >Vier Festtage< . . .«
+
+Es hängen tatsächlich viele Heiligenbilder an den Wänden, und durch die
+kleinen, vergitterten Fenster, an denen wir vorbeigleiten, sind Mönche zu
+sehen.
+
+Am Keller schleichen wir mit größter Vorsicht vorbei, denn wir fürchten
+hinunterzufallen.
+
+»Wenn aber jemand zu Gott beten will?« fragt die Alte mit den Mäusepfoten.
+
+»Alles hängt von Mirax Miraxowitsch ab«, sagt ein gehörnter junger Mann.
+
+Wir drängen uns zusammen und geben uns Mühe, eine einzige kompakte Masse zu
+bilden, denn die Rothäute, die in den um den Keller herum gelegenen Zimmern
+wohnen, sind erwacht. Da haben sie eben einen Jungen gepackt und
+weggeschleppt. Die Hühnerfedern, die ihre roten Hüften verdecken, flimmern
+nur so. Wir werden unser immer weniger, sie aber bilden eine ganze Armee.
+
+»Jetzt sind Sie an der Reihe!« sagt mir halb im Scherz eine kranke Frau mit
+einer Markttasche in der Hand. Auf der Markttasche ist ein Löwe gemalt.
+
+Ich aber habe nur den einen Wunsch, möglichst tief in die Mitte zu kommen,
+und beginne schnell zu zählen: ich glaube, daß es mir helfen könnte. Aber
+meine Beine sind zu einem Stück Holz erstarrt . . .
+
+Sie haben mich schon, ich bin verloren!
+
+
+Die Schlangenkatze
+
+Eine braune Schlange liegt da -- nur die Haut allein ist von ihr
+übriggeblieben, ganz eingetrocknet ist sie. Ich berühre ihre Kehle, in der
+Kehle sitzt eine Kupferkopeke, ist wohl steckengeblieben. Nun weiß ich,
+warum die Schlange eingetrocknet ist: an der Kupferkopeke ist sie erstickt.
+
+Eine Katze läuft daher, so braun wie die Schlange, mit grauem Schnurrbart
+und leuchtenden grünen Augen. Und sie springt der Schlange in den Rachen.
+Ich sehe nur noch den Schwanz, nun ist er auch schon im Schlangenrachen
+verschwunden. Und nun beginnt die Schlange mit der Katze zu kreisen, zu
+rasen, zu wirbeln.
+
+Ich springe schnell zur Seite, verstecke mich und denke mir: >Das sind böse
+Zeiten! Die Schlange hat mich nicht angerührt, die Schlange ist
+eingetrocknet, aber die Katze in der Schlangenhaut . . .< Ich hatte nicht
+Zeit, den Gedanken zu Ende zu denken, als sich etwas in mich hineinkrallt
+und auch ich mich wie ein Kreisel zu drehen begann.
+
+
+Teufel und Tränen
+
+Ich bin nicht in meiner Stadtwohnung, sondern irgendwo in einer Villa am
+Meer. Ich wohne nicht allein, mit mir zusammen wohnt T. Jeden Morgen baden
+wir im Meere, erst er, dann ich.
+
+Unsere Petersburger Köchin Karassjewna erzählt:
+
+»Nach dem andern Herrn fische ich aus dem Meere ganz winzige Teufelchen
+heraus, aber nach Ihnen, gnädiger Herr, einen Teufel von dieser Größe!«
+
+Ich weiß nicht, was ich der Köchin darauf sagen soll: die Alte hat die
+Hände auseinandergespreizt und will mir zeigen, wie groß der Teufel war,
+den sie herausgefischt hat. Ich blicke von ihr weg und schaue auf die
+Birke: vor dem Haus steht eine alte Birke.
+
+Neben der Birke steht ein weißes Pferd. Ich schaue auf das Pferd. Ein Spatz
+fliegt vorbei, hüpft dem Pferd auf den Kopf und beginnt ihm die Augen
+auszupicken. Und er pickt sie ihm gänzlich aus. Blut fließt aus den
+Augenhöhlen.
+
+Neben der Birke steht das weiße Pferd, das Blut fließt. Und ich weine, und
+meine Tränen fließen wie das Blut.
+
+
+Die Zwergin
+
+Wir gehen beide über den Platz an der Frauenkirche, ich und mein Freund,
+der Hofmusiker im himbeerroten Rock. Ich zeige dem Musiker die Stadt
+Nürnberg, die Türme, die so schwarz sind wie das schwärzeste Gußeisen, und
+die lilagrauen, wie mit Asche überpuderten Häuser.
+
+Wir gehen und sprechen miteinander. Es ist mir so lustig zumute, das Herz
+zittert vor Freude. In mildem, goldenem Lichte strahlt der Schöne Brunnen.
+Plötzlich besinne ich mich, daß ich nach Hause muß: zu Hause habe ich etwas
+vergessen, weiß aber nicht mehr, was . . . Ich lasse den Musiker stehen und
+gehe. Ich gehe aber nicht mehr durch Nürnbergs Straßen, sondern durch die
+Tawritscheskaja zu Petersburg.
+
+Schon im Vorzimmer höre ich Lärm, Nun weiß ich es: es ist die, der ich
+erlaubte, eine einzige Stunde in meinem Zimmer zu bleiben; nun sitzt sie
+immer noch da.
+
+Ich sage mir: >Ich kann ihr doch nicht ins Gesicht sagen, daß sie fortgehen
+soll. Ich will es ihr freundlich vorhalten, ich verstehe ja auch freundlich
+zu sprechen!<
+
+Ich trete in mein Zimmer, es ist auffallend groß, viel größer, als es in
+Wirklichkeit ist. Es ist mir aber nicht mehr um das Zimmer zu tun -- ich
+fühle, wie sich mir der Magen umdreht. Es ist ja auch wirklich unerhört:
+ich hatte es ihr allein erlaubt, und nun sitzen ihrer drei da; sie haben
+sich auch nicht für eine Stunde niedergelassen, sondern für immer.
+
+Die eine, der ich es selbst erlaubt hatte, schreibt auf meinem Papier; die
+andere, die ich gar nicht kenne, eine alte Zwergin, liegt auf dem Sofa; und
+die dritte liegt im Bett, und ich kann ihr Gesicht gar nicht sehen.
+
+»Welches Recht haben Sie«, sage ich, »sich in meinem Zimmer niederzulassen?
+Ich habe es Ihnen nur für eine Stunde erlaubt, und auch nur Ihnen allein!«
+
+»Wo soll ich denn hin?« sagt der zudringliche Gast, ohne vom Papier
+aufzublicken.
+
+»Das geht mich gar nichts an! Ich kann es nicht dulden, daß Sie in meinem
+Zimmer bleiben! Verstehen Sie mich?« Die alte Zwergin aber streckt vom Sofa
+die Hand aus und packt mich plötzlich am Rockschoß.
+
+»Nun weiß ich, um was es sich handelt!« sagt die Zwergin und zieht mich
+gehässig zu sich heran.
+
+Der Haß versengt mich, ich will mich losreißen, aber ihre Hand hält mich
+fest.
+
+
+Der Fuchs
+
+Ein herbstliches Feld. Das Korn ist abgemäht und zu Garben gebunden; die
+Gerste steht noch da, und ihre Bartfäden ragen empor; zärtlich und
+liebevoll ranken die Erbsen. Plötzlich erscheint ein Fuchs, ein
+riesengroßes Tier, der Schwanz allein ist ein ganzer Pelzmantel.
+
+>Der Fuchs wird uns überfallen und auffressen!< dachte ich mir. Dasselbe
+dachte sich auch mein Gefährte. Ohne ein Wort zu sagen, liefen wir dem
+Fuchs nach.
+
+Wir holten den Fuchs ein, warfen ihn zu Boden und begannen ihn zu würgen.
+Es war aber gar nicht so leicht. Schließlich brachten wir es doch fertig.
+Tot, groß, rot und weich lag der Fuchs auf dem Boden.
+
+Wir zogen dem Fuchs das Fell ab, machten ein Feuer, sengten das Fell an und
+begannen es zu essen. Es schmeckte gar nicht gut und hatte den widerlichen
+Fuchsgeruch, wir aßen es aber doch.
+
+Und so verzehrten wir das ganze Fell. Als wir es aufgegessen hatten, schrie
+ich auf:
+
+»Mein Gott, was habe ich angerichtet! Was für einen Pelzmantel hätte man
+daraus machen können und was für einen Muff!«
+
+Es war aber schon zu spät: das Fell war aufgegessen, das Feuer erloschen,
+und es roch nur noch nach Verbranntem.
+
+
+Napoleon
+
+Ein trüber Maiabend. Bei St. Sulpice läutet es wie zu einer
+Volksversammlung. Ich gehe aber nicht in die Kirche, sondern zugleich mit
+vielen anderen Menschen zum Kai. Wir sind alle schwarz gekleidet. Auf der
+Brücke begegnen wir einem Zug Reiter; auch sie sind schwarz gekleidet und
+halten Besen in den Händen: es ist ein ganzer Besenwald.
+
+>Es ist die Revolution<, denke ich mir und höre, wie die Uhr an der
+Notre-Dame schlägt; Schlag folgt auf Schlag, elf Schläge sind es. Jeder
+Glockenschlag ist ein Vöglein mit lila Federn, das mich ins Herz pickt und
+in meinem Herzen schmilzt.
+
+»Sursum corda!«[*]
+
+Ich bin aber schon weit weg, in St. Cloud. Es ist ein warmer, sonniger Tag.
+Ich sehe eine bunte, festlich gekleidete Menge. Wir stehen um ein Podium
+herum, auf dem Feuerwehrmänner mit Blasinstrumenten sitzen: es ist ein
+Feuerwehrorchester. Wir alle warten auf etwas; die Feuerwehrmänner haben
+schon die Instrumente an die Lippen gesetzt und warten auf ein Zeichen.
+
+[Fußnote *: lat., Die Herzen in die Höhe!]
+
+Da sehe ich ihn, wenn auch im Nebel, aber ich kann ihn doch erkennen:
+Napoleon. Napoleon steht auf dem Podium und hält den Taktstock in der Hand.
+Gleich schwingt er den Stock, gleich erdröhnt die Musik.
+
+>Napoleon!< denke ich mir: >Das ist also Napoleon!< Ich blicke unverwandt
+hin und will sein Gesicht sehen, ihm einmal in die Augen schauen, er aber
+steht wie gefesselt da und wendet sich gar nicht um.
+
+Und ich höre die Glocke von St. Sulpice und zugleich die Schläge der Uhr an
+der Notre-Dame. Schlag folgt auf Schlag, elf Schläge sind es, und jeder
+Glockenschlag ist ein Vöglein mit lila Federn, das mich ins Herz pickt und
+in meinem Herzen schmilzt.
+
+»Sursum Corda!«
+
+
+Ohne Hut
+
+Ich befinde mich in einem Schuppen. Der Schuppen gehört zum Pariser Hotel
+de l'Univers. In dem Schuppen ist es sehr eng, zahllose Kisten stehen
+umher, Haufen von Stroh und Sägemehl; es ist auch finster. Ich blicke
+genauer hin und erkenne den Philosophen Sch. Der Philosoph sitzt auf einem
+zerbrochenen Vogelbauer dicht vor der Tür; er hat einen Mantel mit
+Lammfellkragen an, doch keinen Hut auf.
+
+>Natürlich muß es so sein<, denke ich mir, >er hat seinen Hut verloren und
+sitzt darum mit bloßem Kopf da.<
+
+Wir sind aber nicht mehr im Schuppen, sondern gehen über ein Feld. Auf dem
+Felde ist es öde, wir sehen nichts als Gebeine und Gräber, es ist ein
+trauriges Land.
+
+»Russisches Land! Armes Rußland! Schwarze Menschen, die sich gegen die
+Mächtigen erhoben haben! Und das nennt sich ein gerechtes und wahrhaftes
+Gericht!«
+
+Der Philosoph bückt sich über ein Grab.
+
+»An diesem Beispiel können Sie es sehen!« sagt er mir und reicht mir ein
+Knäuel Gedärme.
+
+Wir gehen schweigend von Grab zu Grab. Die Gräber sind offen. Ich sehe es
+nicht, aber ich fühle, daß sich in ihnen etwas regt, und höre, wie schwerer
+Goldbrokat knistert. Ich möchte gern in ein Grab hineinschauen, habe aber
+furchtbare Angst.
+
+»Du bist der Urheber dieses Blutvergießens«, schrie plötzlich jemand aus
+einem Grabe. »Du bist der verdammte Feind, der Christusverkäufer, der
+abgefeimte Schurke, der Feind Gottes!«
+
+>Das ist die Moskauer Unbildung!< denke ich mir und sehe: durch das Feld
+geht ein Pilger, sieht ganz wie unser Wassja der Barfüßige aus; über den
+Lumpen trägt er einen Frack und hat an der Brust ein riesengroßes
+steinernes Kreuz hängen. Der geweihte Pilger lächelt.
+
+»Noli eos esse meliores!«[*] sagt er und lächelt.
+
+[Fußnote *: lat., Wünsche sie dir nicht besser!]
+
+»Vielleicht hat er auch recht«, sagt der Philosoph.
+
+Wir stehen zu dritt vor dem offenen Grabe. Der Pilger lächelt.
+
+»Dieser Wassja der Barfüßige hat ja auch keinen Hut auf!« Ich nahm mir den
+Hut vom Kopfe und erwachte.
+
+
+Der Leim Syndetikon
+
+Im Hause fand das große Reinemachen statt -- es ist das die gräßlichste
+Zeit vor den Feiertagen und kann höchstens noch mit dem Umziehen in eine
+neue Wohnung verglichen werden. Man gab sich die größte Mühe: man holte von
+der Decke mit langen Besen den verrauchten Staub und das Spinngewebe
+herunter, wusch die Fenster und Fensterbänke und machte sich schließlich an
+die Fußböden. Diese aber starrten so vor Schmutz, daß man sie weder
+abwaschen noch abkratzen konnte; überall waren auch Spuren bloßer Füße zu
+sehen. Die Oberaufsicht bei dem Reinemachen hatte ein mir unbekannter
+zottiger Mann mit Hundeschnauze. Als dieser Mann einsah, daß alle Mühe
+vergebens war, nahm er all seine staubigen Besen und Schabeisen zusammen,
+spuckte aus und verschwand.
+
+Als ich allein geblieben war, blickte ich vorsichtig unter das Bett.
+
+>Aha!< sagte ich mir, >da ist also die Schmutzquelle!< Ich empfand solchen
+Ärger und solche Abneigung, mich vor den Leuten zu erniedrigen und sie zu
+bitten, den Schmutz unter dem Bett zu beseitigen oder mich selbst zu
+beschmutzen, daß ich meinen Rock auszog, mich bis aufs Hemd entkleidete,
+Syndetikon zur Hand nahm und mich damit ordentlich einschmierte. Dann legte
+ich mich auf den Fußboden und begann mich zu wälzen.
+
+
+Die Teufel
+
+Ich lag an ein eisernes Bett gekettet, doch nicht im Obuchowschen
+Krankenhause, sondern im Grabe, und war nicht aus dem Polizeirevier,
+sondern aus der Kirche zu Mariä Schutz und Fürbitte unmittelbar nach der
+Einsegnung hergeschafft worden.
+
+Mein Herz zerriß in Stücke! Warum hatten mich die Totengräber mit solchem
+Haß verscharrt?! Ich habe ihnen doch nichts getan, bei Gott! Ich tue keiner
+Fliege etwas zu Leide und verstehe so gar nicht, mit einem Gewehr
+umzugehen.
+
+Während ich mich in meiner traurigen Lage auf diese Weise quälte, besuchten
+mich drei Teufel. Zwei von ihnen waren mir gänzlich unbekannt: sie waren
+still und schwach und atmeten kaum; der dritte bemühte sich zwar, vor
+meinen Augen eine Verwandlung durchzumachen, doch ich erkannte ihn sofort:
+es war der Schalterbeamte von der Postfiliale Nr. 10 namens Kisseljow.
+
+Alle drei Teufel stellten sich harmlos, sanft und freundlich und stammelten
+mit feinen Kinderstimmen etwas höchst Naives und Einfältiges. Ich erriet
+aber intuitiv, was sie im Sinne hatten: sie hatten es auf meine
+Extremitäten und meine Wirbelsäule abgesehen.
+
+»Nein, so billig bekommt ihr mich nicht«, sagte ich mir, »ich werde euch
+schon von meinem Haferbrei zu kosten geben!« Ich spannte alle meine Kräfte
+an, riß mich vom eisernen Bett los, stürzte mich plötzlich auf die Teufel
+und ging mit ihnen fürchterlich ins Gericht.
+
+Der eine ließ mir zum Andenken einen Büschel Haare zurück, dem andern biß
+ich einen Finger durch; als ich aber schon triumphieren wollte, nahm dieser
+Kisseljow eine Handvoll Unrat und verpappte mir damit, ehe ich mir's
+versah, den Mund. Und ich begann zu ersticken.
+
+
+Iwan der Grausame
+
+Teils in Reih und Glied, teils einander überholend, voreinander ausweichend
+und ungestüm vorwärtsdrängend, laufen wir durch die Marossejka zum Roten
+Platz. Wir eilen alle zur Richtstätte, um die Ankündigung anzuhören, deren
+bevorstehende Verlesung heute an allen Straßenecken und in allen Sackgassen
+bekanntgegeben worden war.
+
+Die Uhr am Spaski-Turm hatte schon zwölf geschlagen, und das Volk strömte
+noch immer zusammen. Die Richtstätte selbst blieb aber noch frei; einigen
+Gassenjungen gelang es ab und zu, sich ihrer zu bemächtigen, sie flogen
+aber zum allgemeinen Vergnügen sofort wieder hinaus.
+
+Mit Hilfe eines mir befreundeten Parkettbohners von der Sazepa kletterte
+ich auf das Dach der Basiliuskathedrale, von wo aus ich auch das kleinste
+Detail verfolgen konnte.
+
+Die Menge räusperte sich plötzlich wie ein Mann, wich etwas zurück und
+entblößte die Köpfe, und auf der Richtstätte erschien ein kleiner Mann in
+hohem Stehkragen und Smoking; sein Kopf war aber nach Weiberart mit einem
+Tuch umbunden.
+
+»Es ist der Narr in Christo«, brauste es über den Platz von Mund zu Mund,
+»das ist er selbst!«
+
+Die Uhr am Spaski-Turm begann wieder zu singen und sang sehr lange:
+dreizehn.
+
+»Nehmen Sie Platz, meine Damen und Herren«, sagte der Narr, nachdem er sich
+nach allen vier Himmelsrichtungen verneigte: vor dem Kreml, vor der
+Moskwa-Vorstadt, vor dem Historischen Museum und vor dem Großen Kaufhause.
+
+Da ich schon saß, aber gegen die Aufforderung nicht verstoßen wollte,
+rückte ich ein wenig auf meinem Platz hin und her, als ob ich mich gerade
+setzte. Alle andern, die unten standen, folgten der Aufforderung
+bedingungslos und ließen sich, wenn es auch nicht ganz bequem war,
+augenblicklich auf den Boden nieder.
+
+»Meine Damen und Herren«, begann der Narr nach der Weise des Kirchenliedes,
+das am Feste der Erscheinung der Heiligen Jungfrau gesungen wird: »Wir alle
+haben in der Schule die Gebote gelernt, und jedermann weiß, daß es ihrer
+zehn gibt. Nicht wahr, zehn?«
+
+Die Menge antwortete wie aus einem Munde, wie man bei der Ostermesse in den
+Kirchen >Christ ist erstanden< ruft.
+
+»Nun sehen Sie es, meine Damen und Herren«, fuhr der Narr in der gleichen
+Weise fort. »In Wirklichkeit sind ihrer aber nicht zehn, sondern vierzehn.
+Unsere Väter haben sie vor uns verheimlicht; aber wir haben sie ebenso wie
+die weisen Väter seit jeher befolgt.«
+
+»Wir haben sie befolgt«, blökte die Menge.
+
+»Nun sehen Sie es selbst!« sang der Narr. »Nach den Berechnungen des
+Kugelheim von Gustav ist nun die Zeit gekommen, sie vollständig zu
+verkünden und nicht mehr heimlich, sondern öffentlich zu befolgen. Vernehmt
+also und schreibt euch in eure Herzen diese neuen Gebote:
+
+Das elfte: Du sollst nicht Maulaffen feilhalten.
+
+Das zwölfte: Du sollst deine Zunge im Zaum halten.
+
+Das dreizehnte: Du sollst ehebrechen.
+
+Das vierzehnte: Du sollst stehlen.«
+
+Der Narr schüttelte sich so vor Lachen, daß das Tuch in den Nacken
+rutschte; vor dem verdutzten und irre gemachten Volke leuchtete
+blitzschnell ein Augenpaar auf und erschien das grausame Antlitz des Zaren
+Iwan.
+
+Die Uhr am Spaski-Turme begann wieder zu singen und sang sehr lange:
+vierzehn.
+
+
+Die Hexe
+
+Ich bin in ein leeres Haus geraten; es sind zwar Tische, Stühle und andere
+Möbel darin, und doch ist das Haus irgendwie leer. Ich bin nicht allein,
+mit mir ist der Student P. in schwarzer Studentenjoppe, mit schwarzem
+Knebelbart und einer schwarzen Brille.
+
+Rings um mich her erscheinen eine nach der andern, anfangs verschwommen,
+dann immer deutlicher werdend, Gestalten: es sind kleine, aufgedunsene
+Knirpse. Ihre Anwesenheit in diesem unbewohnten Hause flößt mir Angst ein.
+
+»Schauen Sie doch zum Fenster hinaus«, sagt mir der Student, der offenbar
+erraten hat, wie unheimlich es mir in diesem leeren Hause zumute ist.
+
+Ich trat ans Fenster und sah hinaus. Das Fenster ging nach dem Garten. Es
+fügte sich aber irgendwie so, daß ich mich unwillkürlich vom Fenster
+abwandte und ins Zimmer blickte. Von den vielen Gestalten löste sich nun
+eine schlanke Frau mit einem Kind auf den Armen ab. Ich dachte mir:
+
+>Wenn ich über sie das Zeichen des Kreuzes mache, wird sie verschwinden.<
+
+Ich bekreuzigte sie auch tatsächlich zweimal; die Frau sah mich aber
+verständnislos an und bekreuzte sich selbst, als wollte sie mir zeigen, daß
+ich mich geirrt habe. Der Student war auf einmal verschwunden. Ich ging zur
+Tür, blieb aber stehen. Ich konnte nicht fort. Wer weiß, ob ich nicht auch
+in den anderen Zimmern auf dasselbe stoße? Und plötzlich bemerkte ich eine
+andere Frau. Sie lag in der Ecke auf einem Sofa. Sie war klein, ziemlich
+dick und hatte rote Backen, eine flache Nase und einen häßlich vorstehenden
+Unterkiefer.
+
+»Nein, so muß man es machen!« sagte sie mir, indem sie sich aufrichtete und
+ihre rote Bettdecke durch die Luft schwenkte.
+
+Im gleichen Augenblick begann sich das Gesicht der schlanken Frau mit dem
+Kinde zu verändern und die häßlichsten Mienen anzunehmen: die Nase wurde so
+lang, daß sie bis unter die Lippen reichte, die Augen aber sprangen aus
+ihren Höhlen heraus und blieben wie zwei Säcke hängen.
+
+Die Rotbackige auf dem Sofa schwenkte wieder die Bettdecke, und das Kind in
+den Armen der Frau begann zu schmelzen, sein Rumpf wurde immer kleiner und
+kleiner, Arme und Beine verschwanden, und schließlich blieb nur noch der
+Kopf übrig.
+
+
+Würfelzucker
+
+Ich rollte einen steilen Abhang hinab und geriet in einen Garten. Es war
+der Vergnügungspark >Der Meierhof<. Da ist ja auch schon die Billettkasse.
+Ich trete vor den Schalter, um mir eine Eintrittskarte zu lösen. Ich schaue
+hinein und sehe den mir bekannten Kassierer Beljakow. Ich muß bemerken, daß
+ich mit diesem Beljakow einmal eine recht unangenehme Geschichte erlebt
+hatte; die Geschichte war sehr verwickelt, jedenfalls war ich ihm ein Dorn
+im Auge.
+
+Beljakow trank Tee und biß bei jedem Schluck kleine Bröckchen Zucker ab.
+Ein anderer Kassierer lauste ihm inzwischen den Kopf.
+
+>Ohne Prügel werde ich wohl kaum davonkommen<, denke ich mir. >Er wird mich
+sicher umbringen!<
+
+»Tod den Läusen!« sage ich ihnen und sehe plötzlich, wie Beljakow vor Zorn
+blaurot wird. Er nimmt ein Stück Würfelzucker in die Hand, steht auf und
+begibt sich zum Ausgang.
+
+»Ich bringe ihn um!« höre ich seine Stimme.
+
+Ich kauere mich nieder, werde ganz klein und dünn, verkrieche mich in die
+Spalte unter der Tür und lausche mit verhaltenem Atem.
+
+Beljakow ging eine Weile vor dem Schalter auf und ab und kehrte wütend
+zurück.
+
+»Ich habe ihn nicht gefunden. Hätte ich ihn erwischt, wäre es um ihn
+geschehen!« sagt Beljakow zum andern Kassierer, und dann beginnen sie sich
+wieder zu lausen.
+
+Ich kann mich nicht beherrschen; es ist, als ob mich jemand aufhetzte. Ich
+kann den Atem nicht mehr anhalten, und plötzlich beginnt es mir, wie zum
+Trotz, im Munde zu jucken. Ich will mich kratzen und muß plötzlich miesen.
+
+Beljakow ist aber schon da.
+
+»So! Da ist er ja!« Er holt aus, und das Stück Würfelzucker trifft mich an
+die Schläfe.
+
+
+Der Doppelgänger
+
+In jener Nacht wälzte ich mich lange hin und her und konnte nicht
+einschlafen. Bald fror es mich, bald schien es mir, daß irgendwelche Flöhe
+auf mir herumhüpften. Und als endlich der Schlaf kam, befand ich mich schon
+in einem anderen geräumigen Zimmer. Ich lag auf dem Rücken. Doch seltsam,
+während ich so im Bett lag, sah ich zugleich ein anderes Ich liegen, das
+mir aber durchaus unähnlich war.
+
+Dieser Unähnliche, der mein Ich war, erhob sich vom Bett und ging durch
+einen schmalen Korridor ins Nebenzimmer. Er sah mir wirklich nicht im
+geringsten ähnlich: er war groß gewachsen, hatte ein spitzes Gesicht mit
+eingefallenen Wangen und einer raubgierigen Adlernase und war mit einem
+kurzen, recht abgetragenen und verschossenen Mantel aus purpurroter Seide
+bekleidet; in seinen Augen brannte aber ein so glühender und stechender
+Haß, daß ein einziger Blick genügte, um einen Menschen wie eine Fliege zu
+Brei zu zermalmen. Er trat vor ein Bett, in dem jemand, mit dem Kopf in die
+Bettdecke gehüllt, schlief, schluchzte vor wildem Haß, der seine Seele bis
+an den Rand füllte, auf; ergriff mit den Fingern das Bettlaken und begann,
+es unter dem Schlafenden herauszuzerren, seine Wut an dem unschuldigen
+weißen Gewebe auslassend.
+
+Meine wilde Seele war wie in einem Rausch, ich verging vor Haß.
+
+In diesem Augenblick verließ mich der Schlaf
+
+Ich lag und wagte mich nicht zu rühren. Im Zimmer, in dem nichts als einige
+Bücher und Spielsachen waren, quakte jemand. Die Nacht war aber noch nicht
+zu Ende.
+
+
+Die Gendarmen und die Leichen
+
+Vor mir erschien eine schwarze wollene Schnauze mit langen weißen Zähnen;
+sie zwinkerte mir zu und verschwand.
+
+Ich befinde mich im alten Hause in der Tolmatschowski-Gasse zu Moskau, in
+dem Zimmer, in dem ich das Licht der Welt erblickt hatte. Ein kleines
+Mädchen hat ein Album aufgeschlagen, zeigt mir trockene Blumen und fragt
+mich bei jeder neuen Blume, ob ich sie erkenne oder nicht. Ich habe gar
+nicht Zeit zu antworten, denn jemand anders antwortet für mich.
+
+»Diese Blumen hier sind von Judas. Hast du sie erkannt?« fragt mich das
+Mädchen.
+
+Ich bin aber nicht mehr im Zimmer, sondern in einer Hundehütte und schreie
+aus Leibeskräften. Nachdem ich genug geschrien habe, komme ich wieder ins
+Zimmer. Der Tisch ist zu Mittag gedeckt. Ich setze mich an den Tisch und
+schlafe ein.
+
+Und es träumt mir, daß drei Gendarmen, mit Blumen in der Hand, ins Haus
+treten.
+
+Nun erwachte ich und begann zu essen. Kaum hatte ich aber den ersten Bissen
+verschlungen, als die Tür aufging und die drei Gendarmen ins Zimmer traten.
+
+»Ich habe euch soeben im Traume gesehen«, sage ich zu den Gendarmen, »Wo
+habt ihr nur die Blumen hingetan?«
+
+»Der Hund hat sie gefressen«, antworten die Gendarmen, indem sie sich die
+Lippen belecken.
+
+Ein mir unbekannter buckliger Mann in Zivil, der plötzlich Gott weiß woher
+erschienen ist, nimmt mir gegenüber Platz. Er macht auf mich einen höchst
+unangenehmen Eindruck; ich will ihn sogar schlagen, gebe aber diese Absicht
+auf.
+
+Der Bucklige bindet sich die Serviette vor und sagt, ohne mich aus den
+Augen zu lassen:
+
+»Die Anklage gegen Sie lautet: als Sie sich über den Fluß hinübersetzen
+ließen, versuchten Sie die natürliche Abstammung der Eltern zu erklären.«
+
+Ich höre es und verstehe ihn nicht.
+
+»Ich habe nichts dergleichen erklärt.«
+
+»Jemand hat Sie wohl belauscht und Ihre Gedanken aufgeschrieben«, fährt der
+Bucklige fort und knetet mit den Fingern aus Schwarzbrot Kügelchen.
+
+»Ich weiß nichts davon!« Ich wehre mich mit beiden Händen, ich höre, daß
+die alte Kinderfrau Irinja im Nebenzimmer den Boden kehrt und aufräumt, und
+denke mir: >Was ist das nun eigentlich, träume ich oder sitzt wirklich der
+Bucklige vor mir und erhebt gegen mich Gott weiß was für Anklagen?<
+
+»Ich wollte Sie schon längst kennenlernen«, sagt mir ein erst vor ganz
+kurzer Zeit verstorbener bekannter russischer Dichter, den ich einhole, als
+er mit irgendeinem Jungen durch eine menschenleere Straße geht.
+
+»Wo leben Sie denn jetzt?« frage ich den Dichter, mich vor ihm verbeugend.
+
+»In Moskau«, antwortet er mir, »im Hause der Georgischen Kirche auf dem
+Woronzowschen Felde; die Kirche steht oben auf dem Berge, mein Haus aber
+unten zwischen den Disteln; es gibt dort so einen leeren Platz.«
+
+Ich wollte ihn fragen, ob er noch schreibe, aber er war schon verschwunden.
+Und ich stand plötzlich in der leeren Kirche, in deren Mitte viele Leichen
+unmittelbar auf den Steinfliesen aufgeschichtet lagen. Ich sah mir ihre
+Gesichter aufmerksam an und bemerkte, daß die eine von ihnen, obwohl
+wirklich tot, sich dennoch bewegte. Sie stand plötzlich auf und trat vor
+den Altar.
+
+Wir sahen einander an. Sie war nackt, ihre Füße waren mit Teer beschmiert
+und ihr Gesicht hatte auffallende Ähnlichkeit mit der Somowschen
+Illustration zu >Aimé Leboeuf<.[*]
+
+Die alte Kinderfrau Irinja kehrt aber noch immer den Boden und räumt das
+Zimmer auf. Mein kleiner Liebling, der Kater Dymka, reibt sich an meiner
+Schulter und schnurrt.
+
+
+Finale
+
+Wehe! Ich war verendet. Von Früchten und Blumen umgeben, zwischen Äpfeln,
+Aprikosen, Pfirsichen, Quitten, Zitronen, Birnen und Apfelsinen lag ich
+entseelt in der Speisekammer und harrte meines letzten Schicksals.
+
+Der König des Landes, in dem mir diese unangenehme Geschichte passiert war,
+der Enkel des glorreichen Sultans, König Avenir-Indej, hatte dem, dem die
+Zunge juckt und der Unsinn redet, zur Strafe befohlen, die tote Ratte, das
+heißt mich, zu fressen.
+
+[Fußnote *: Aimé Leboeufs Abenteuer -- Roman von M. Kusmin aus dem Jahre
+1907.]
+
+Man hatte auf einem Maskenball einen Possenreißer aufgegriffen und zu mir
+in die Kammer geschickt. Er trat lächelnd vor mich hin, berührte mich mit
+der Spitze seines Schuhs und sagte . . .
+
+Was er mir aber sagte und wie die ganze Geschichte endete: ob er mich
+tatsächlich fraß oder nur vom Obst naschte, kann ich in meinem
+Hühnergedächtnis unmöglich rekonstruieren. Und wenn Sie mich auch morden --
+ich weiß gar nichts mehr, was ich gütigst zu entschuldigen bitte.
+
+
+Die Tür
+
+Sie sagte mir:
+
+»Diese Tür haben wir mitgenommen, weil man sie doch nicht im alten Haus
+zurücklassen konnte. Du weißt, wie teuer sie uns ist.«
+
+Ich machte die Tür leise auf und ging in mein Zimmer. Die alte gußeiserne
+Tür, die sich vor mir auf unsichtbaren Angeln lautlos aufgetan hatte,
+schloß sich hinter mir ebenso lautlos und fest. Ich ergriff die Klinke und
+rüttelte mit aller Kraft, die Tür rührte sich aber nicht. Und ich begann zu
+klopfen, mit den Fäusten zu hämmern und zu schreien. Schließlich fiel ich
+ohnmächtig vor der Schwelle hin und hörte nur hinter der alten gußeisernen
+Tür ihr Herz pochen.
+
+
+Im Boot
+
+Auf dem Meere zog ein Sturm auf, ich stieg aber trotzdem ins Boot, weil
+mein Begleiter ein furchtloser Ruderer war. Als wir die tiefste Stelle
+erreichten, zog mein Ruderer die Ruder ein, sah mir spöttisch in die Augen,
+erhob sich, packte mich wie eine Katze am Genick und schleuderte mich ins
+Wasser. Ich flog durch alle Schichten des Wassers hindurch: durch die
+grüne, die trübe, die schwarze und die tiefschwarze; dann kamen wieder eine
+trübe und eine grüne Schicht, und ich saß wieder im Boot. Wir fahren, als
+ob nichts geschehen wäre, weiter; sobald wir aber einen gewissen Punkt
+erreichen, zieht mein Ruderer wieder die Ruder ein, und die ganze
+Geschichte beginnt von neuem. Und es ist gar kein Ende abzusehen.
+
+
+Das Kind in den Ähren
+
+Ich ging über ein blühendes Kornfeld. Eine Lerche sang, und ein leiser
+Windhauch brachte von einer eben gemähten Wiese frischen Heuduft. Mir
+begegneten zwei Frauen, die einen Korb mit Feldblumen trugen; zwischen den
+Blumen saß ein kleines Mädchen.
+
+»Wo geht ihr hin?« fragte ich sie.
+
+»Blumen pflücken«, antworteten die Frauen mit dem Korbe.
+
+Ich schloß mich ihnen an. Wir gingen schweigend und kamen, ohne ein Wort
+gesprochen zu haben, zum See.
+
+»Da sind deine Blumen!« riefen lachend die Frauen, auf den See zeigend.
+
+Ich stand allein am Seeufer und sah gar keine Blumen. Mit leeren Händen
+ging ich wieder zurück. Das blühende Kornfeld wogte, und die Lerche sang.
+Und plötzlich erblickte ich zwischen den Ähren dasselbe Mädchen, das man
+vorhin im Korbe getragen hatte. Es stürzte auf mich zu, umschlang meinen
+Hals mit den Ärmchen und sagte mir leise ins Ohr:
+
+»Nimm mich mit!«
+
+Ich setzte mir das Mädchen auf die Schulter, hatte aber noch keinen Schritt
+mit dieser Last getan, als es plötzlich ringsum finster wurde, schwere
+Gewitterwolken aufzogen und nur unmittelbar über meinem Kopfe ein
+trichterförmiger grünlicher Lichtschein schwebte. Vom Boden erhoben sich
+aber seltsame Vögel mit Schlangenschwänzen, und alles flog auf dieses Licht
+zu. Es waren zahllose Vögel, sie schrien nicht, sondern blökten wie Stumme,
+und bald war das Licht von ihren Schwänzen verdunkelt. Das Licht erlosch,
+und die Vögel verstummten. In dieser Finsternis vernahm ich plötzlich aus
+weiter Ferne die Stimme des kleinen Mädchens:
+
+»Nimm mich mit!«
+
+Ich weiß aber nicht einmal, was ich mit mir selbst anfangen soll.
+
+
+Die Dohle
+
+Ich versteckte mich in der Kajüte eines Dampfers, aber die Verfolger, vor
+denen ich mich versteckte, kamen mir immer wie Jagdhunde auf die Spur. Sie
+hatten alle menschliche Gesichter, doch Froschleiber und Handschuhe an den
+Händen. Da sie wohlerzogen und freundlich waren, mordeten sie mich nicht
+wie einfache Räuber, sondern erdrückten mich, wie liebkosend, mit ihren
+weichen Bäuchen, glitten mir leise unter das Hemd und preßten mir,
+gleichsam streichelnd, das Herz zusammen. Vorm Fenster aber sitzt eine
+Dohle und schreit. Ich weiß ganz gut, warum sie schreit; sie wird gleich
+ins Zimmer fliegen, sich auf meine Schulter setzen und mir die Augen
+auspicken.
+
+»Dohle«, bitte ich meinen schwarzen Gast, »verschone meine Augen, ich will
+dir ein Perlenhalsband um den Hals legen, ich will dir meine Hände
+preisgeben, verschone nur meine Augen!«
+
+Ich verkroch mich in den Winkel der Kajüte, aber die Menschen mit den
+Froschleibern stehen bereits vor der Tür, scharren an der Schwelle und
+kommen gleich herein.
+
+
+Am Nordpol
+
+Alle sagen, daß wir zum Nordpol fahren.
+
+Wir fahren tatsächlich irgendeinen Bach hinauf; und mein Begleiter, ein
+struppiger, in eine blaue Tischdecke gehüllter Kerl, steuert mit dem Ruder.
+Und wir kommen irgendwie zum Nordpol. Da steht ein großes steinernes Haus;
+davor drängen sich erregte Menschen, die über etwas streiten.
+
+»Was ist geschehen?« fragen wir einen abgerissenen, fettigen Burschen, der
+mit den Zähnen Sonnenblumenkerne aufknackt.
+
+»Auf dem Dachboden sucht man einen Dieb. Alle sieben Hausknechte haben den
+ganzen Boden abgesucht und nichts außer einem alten Rock gefunden. Drei
+Hausknechte sitzen nun oben und lauern.«
+
+>Jetzt ist unsere Wäsche hin!< dachte ich mir gleich.
+
+»Wollen Sie sich doch in die emaillierten Zimmer bemühen!« sagte der
+Bursche und grinste.
+
+
+Die Ahle
+
+Mein Bruder und ich traten in eine Kirche. Es war gerade die Abendmesse.
+Alle Heiligenbilder waren entfernt, die Kirche wurde offenbar renoviert. An
+der leeren Altarwand leuchtete seitwärts ein goldener Kreis. Vor diesem
+Kreis stand der Priester mit dem Schultertuch. Der Küster sang. Außer uns
+war niemand in der Kirche. Und wir schämten uns, daß wir die einzigen
+waren.
+
+Die Abendmesse ging zu Ende. Wir gingen auf den Priester zu, um seinen
+Segen zu empfangen. Da trat aus der Sakristei der Küster und sagte zu
+meinem Bruder:
+
+»Sie haben alles, um zu wachsen; und Sie«, er wandte sich an mich, »Sie
+haben nichts.«
+
+Ich sage mir: Mein Bruder hat ja wirklich seine Matrosenjacke an, und wenn
+er sie noch weiter trägt, wird er aus ihr herauswachsen; ich aber habe
+nichts. Und nun erstarre ich vor Angst: dicht vor mir steht ein Mann, der,
+ich fühle es, etwas Böses gegen mich im Schilde führt. Ich stürze sofort
+ans Fenster und frage mich: warum verkehrt mein Bruder mit so einem
+Menschen? In diesem Augenblick kommt in das Haus, in das ich geraten bin,
+mein Bekannter, der Lahme, und reicht mir eine Schusterahle. Mit diesem
+Werkzeug wollte er mich also erstechen! Wir stiegen in ein Boot und
+stießen, wie die Nachtigallen schmetternd, vom Ufer ab. Ein Knabe sprang zu
+uns herein, und das Boot begann langsam zu sinken.
+
+
+Am Krankenbett
+
+Seit einigen Tagen weiche ich nicht von der kranken alten Frau: sie hat
+dicke Beine und eine Vogelnase. Sie liegt im Bett und stöhnt, und ich sitze
+neben ihr auf einem Stuhl und erfülle alle ihre Wünsche und Launen. Ich
+habe Angst, sie zu verlassen, denn sie ist sehr unruhig. Nun scheint mir,
+daß sie eingeschlafen ist. Gott sei Dank, sie ist wirklich eingeschlafen!
+Ich schleiche mich leise aus dem Zimmer. Wie ich nach einer Weile
+hineinschaue, sehe ich, daß aus dem Ofen nur noch ihre Beine herausragen.
+Mein Gott, was ist denn das?! Ich stürze mich zu ihr hin, um sie aus dem
+Ofen zu ziehen, packe sie an den Beinen, die Beine sind aber schon tot.
+
+
+Die Mutter
+
+Ein heiterer Tag des Altweibersommers. Ich bin auf die Terrasse getreten
+und schaue in den entlaubten Garten hinaus. Und ich sehe, wie auf dem mit
+gelbem Laub bedeckten Wege, der zur Terrasse führt, eine alte Frau geht.
+Sie ist uralt und abgerissen, ihr Gesicht ist feucht, voller Runzeln und
+scheint ganz schwarz zu sein. Ich empfinde eine unheimliche Angst vor der
+Alten; ich fühle, daß sie etwas Häßliches im Sinn hat. Ich laufe von der
+Terrasse ins Haus, rase die Treppe hinauf und höre, daß auch sie die Treppe
+hinaufläuft. Ich stürze in eines der Zimmer, sie mir nach; ich will in ein
+anderes Zimmer, aber sie ist auch schon da. Ich verkrieche mich in die Ecke
+des Bettes und schrumpfe ganz zusammen.
+
+>Mein Gott!< denke ich mir, >laß das Unheil an mir vorüberziehen!<
+
+»Warum fürchtest du mich?« höre ich die Stimme der Alten: »Ich bin doch
+deine Mutter!«
+
+»Meine Mutter sieht ganz anders aus«, sage ich ihr, denke mir aber dabei:
+>Wie hat sich meine Mutter so furchtbar verändern können?<
+
+Die Alte aber beugte sich über mich und packte mich an der Kehle. Ich
+schrie auf.
+
+
+
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Prinzessin Mymra, by Alexej Remisow
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK PRINZESSIN MYMRA ***
+
+***** This file should be named 39174-8.txt or 39174-8.zip *****
+This and all associated files of various formats will be found in:
+ http://www.gutenberg.org/3/9/1/7/39174/
+
+Produced by Jens Sadowski
+
+Updated editions will replace the previous one--the old editions
+will be renamed.
+
+Creating the works from public domain print editions means that no
+one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
+(and you!) can copy and distribute it in the United States without
+permission and without paying copyright royalties. Special rules,
+set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
+copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to
+protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project
+Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you
+charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you
+do not charge anything for copies of this eBook, complying with the
+rules is very easy. You may use this eBook for nearly any purpose
+such as creation of derivative works, reports, performances and
+research. They may be modified and printed and given away--you may do
+practically ANYTHING with public domain eBooks. Redistribution is
+subject to the trademark license, especially commercial
+redistribution.
+
+
+
+*** START: FULL LICENSE ***
+
+THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
+PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK
+
+To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free
+distribution of electronic works, by using or distributing this work
+(or any other work associated in any way with the phrase "Project
+Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project
+Gutenberg-tm License (available with this file or online at
+http://gutenberg.org/license).
+
+
+Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg-tm
+electronic works
+
+1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm
+electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to
+and accept all the terms of this license and intellectual property
+(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all
+the terms of this agreement, you must cease using and return or destroy
+all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your possession.
+If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a Project
+Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the
+terms of this agreement, you may obtain a refund from the person or
+entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8.
+
+1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be
+used on or associated in any way with an electronic work by people who
+agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few
+things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
+even without complying with the full terms of this agreement. See
+paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
+Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
+and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
+works. See paragraph 1.E below.
+
+1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
+or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
+collection are in the public domain in the United States. If an
+individual work is in the public domain in the United States and you are
+located in the United States, we do not claim a right to prevent you from
+copying, distributing, performing, displaying or creating derivative
+works based on the work as long as all references to Project Gutenberg
+are removed. Of course, we hope that you will support the Project
+Gutenberg-tm mission of promoting free access to electronic works by
+freely sharing Project Gutenberg-tm works in compliance with the terms of
+this agreement for keeping the Project Gutenberg-tm name associated with
+the work. You can easily comply with the terms of this agreement by
+keeping this work in the same format with its attached full Project
+Gutenberg-tm License when you share it without charge with others.
+
+1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern
+what you can do with this work. Copyright laws in most countries are in
+a constant state of change. If you are outside the United States, check
+the laws of your country in addition to the terms of this agreement
+before downloading, copying, displaying, performing, distributing or
+creating derivative works based on this work or any other Project
+Gutenberg-tm work. The Foundation makes no representations concerning
+the copyright status of any work in any country outside the United
+States.
+
+1.E. Unless you have removed all references to Project Gutenberg:
+
+1.E.1. The following sentence, with active links to, or other immediate
+access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear prominently
+whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work on which the
+phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the phrase "Project
+Gutenberg" is associated) is accessed, displayed, performed, viewed,
+copied or distributed:
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+1.E.2. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is derived
+from the public domain (does not contain a notice indicating that it is
+posted with permission of the copyright holder), the work can be copied
+and distributed to anyone in the United States without paying any fees
+or charges. If you are redistributing or providing access to a work
+with the phrase "Project Gutenberg" associated with or appearing on the
+work, you must comply either with the requirements of paragraphs 1.E.1
+through 1.E.7 or obtain permission for the use of the work and the
+Project Gutenberg-tm trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or
+1.E.9.
+
+1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted
+with the permission of the copyright holder, your use and distribution
+must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any additional
+terms imposed by the copyright holder. Additional terms will be linked
+to the Project Gutenberg-tm License for all works posted with the
+permission of the copyright holder found at the beginning of this work.
+
+1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm
+License terms from this work, or any files containing a part of this
+work or any other work associated with Project Gutenberg-tm.
+
+1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this
+electronic work, or any part of this electronic work, without
+prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with
+active links or immediate access to the full terms of the Project
+Gutenberg-tm License.
+
+1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary,
+compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including any
+word processing or hypertext form. However, if you provide access to or
+distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format other than
+"Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official version
+posted on the official Project Gutenberg-tm web site (www.gutenberg.org),
+you must, at no additional cost, fee or expense to the user, provide a
+copy, a means of exporting a copy, or a means of obtaining a copy upon
+request, of the work in its original "Plain Vanilla ASCII" or other
+form. Any alternate format must include the full Project Gutenberg-tm
+License as specified in paragraph 1.E.1.
+
+1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
+performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works
+unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9.
+
+1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing
+access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works provided
+that
+
+- You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
+ the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method
+ you already use to calculate your applicable taxes. The fee is
+ owed to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he
+ has agreed to donate royalties under this paragraph to the
+ Project Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments
+ must be paid within 60 days following each date on which you
+ prepare (or are legally required to prepare) your periodic tax
+ returns. Royalty payments should be clearly marked as such and
+ sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the
+ address specified in Section 4, "Information about donations to
+ the Project Gutenberg Literary Archive Foundation."
+
+- You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
+ you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
+ does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm
+ License. You must require such a user to return or
+ destroy all copies of the works possessed in a physical medium
+ and discontinue all use of and all access to other copies of
+ Project Gutenberg-tm works.
+
+- You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of any
+ money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
+ electronic work is discovered and reported to you within 90 days
+ of receipt of the work.
+
+- You comply with all other terms of this agreement for free
+ distribution of Project Gutenberg-tm works.
+
+1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm
+electronic work or group of works on different terms than are set
+forth in this agreement, you must obtain permission in writing from
+both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
+Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark. Contact the
+Foundation as set forth in Section 3 below.
+
+1.F.
+
+1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
+effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
+public domain works in creating the Project Gutenberg-tm
+collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic
+works, and the medium on which they may be stored, may contain
+"Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate or
+corrupt data, transcription errors, a copyright or other intellectual
+property infringement, a defective or damaged disk or other medium, a
+computer virus, or computer codes that damage or cannot be read by
+your equipment.
+
+1.F.2. LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right
+of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project
+Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project
+Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all
+liability to you for damages, costs and expenses, including legal
+fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT
+LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE
+PROVIDED IN PARAGRAPH 1.F.3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE
+TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE
+LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
+INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
+DAMAGE.
+
+1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a
+defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can
+receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a
+written explanation to the person you received the work from. If you
+received the work on a physical medium, you must return the medium with
+your written explanation. The person or entity that provided you with
+the defective work may elect to provide a replacement copy in lieu of a
+refund. If you received the work electronically, the person or entity
+providing it to you may choose to give you a second opportunity to
+receive the work electronically in lieu of a refund. If the second copy
+is also defective, you may demand a refund in writing without further
+opportunities to fix the problem.
+
+1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth
+in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER
+WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
+WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
+
+1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
+warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages.
+If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
+law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
+interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
+the applicable state law. The invalidity or unenforceability of any
+provision of this agreement shall not void the remaining provisions.
+
+1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
+trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
+providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance
+with this agreement, and any volunteers associated with the production,
+promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works,
+harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
+that arise directly or indirectly from any of the following which you do
+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at http://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit http://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including checks, online payments and credit card donations.
+To donate, please visit: http://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+ http://www.gutenberg.org
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
diff --git a/39174-8.zip b/39174-8.zip
new file mode 100644
index 0000000..f1ccd66
--- /dev/null
+++ b/39174-8.zip
Binary files differ
diff --git a/39174-h.zip b/39174-h.zip
new file mode 100644
index 0000000..6fa559a
--- /dev/null
+++ b/39174-h.zip
Binary files differ
diff --git a/39174-h/39174-h.htm b/39174-h/39174-h.htm
new file mode 100644
index 0000000..40f9a00
--- /dev/null
+++ b/39174-h/39174-h.htm
@@ -0,0 +1,10079 @@
+<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD XHTML 1.0 Strict//EN"
+"http://www.w3.org/TR/xhtml1/DTD/xhtml1-strict.dtd">
+<html xmlns="http://www.w3.org/1999/xhtml">
+<head>
+<meta http-equiv="Content-Type" content="text/html;charset=iso-8859-1" />
+<title>Prinzessin Mymra</title>
+<!-- AUTHOR="Alexej M. Remisow" -->
+<!-- LANGUAGE="de" -->
+
+<style type='text/css'>
+body { margin-left: 15%; margin-right: 15%; }
+h1 { text-align: center; margin-top: 2em; margin-bottom: 1em; page-break-before: always; }
+h2 { text-align: center; margin-top:0.5em; margin-bottom:0.5em; page-break-before:always; }
+h3 { text-align: center; margin-top: 2em; margin-bottom: 0.5em; }
+p {
+ margin-left: 0; margin-right: 0;
+ margin-top: 0; margin-bottom: 0;
+ text-align: justify;
+ text-indent: 1em;
+ }
+p.noindent { text-indent: 0; }
+
+div.poem {
+ margin-left: 2em;
+ text-align: left;
+ text-indent: 0;
+ margin-top: 0.5em; margin-bottom: 0.5em;
+}
+p.line { text-align:left; text-indent:-2em; margin-left:2em; }
+p.line2 { text-align:left; text-indent:-2em; margin-left:4em; }
+
+p.address {text-indent: 0; text-align: center; margin-top: 1%; margin-bottom: 1%; }
+p.footnote {text-indent: 0; margin-top: 1%; margin-bottom: 1%;}
+p.block {text-indent: 0; margin-left: 3em; }
+p.block2 {text-indent: 0; margin-left: 6em; }
+p.center { text-indent: 0; text-align: center; margin-top: 2%; margin-bottom: 0; }
+p.caption { text-indent: 0; text-align: center; margin-top: 0; margin-bottom: 4%; font-size:small; page-break-before: avoid;}
+p.contents { text-indent: 0; text-align: center; margin-top: 0%; margin-bottom: 0; }
+p.contents2 { text-indent: 0; text-align: center; margin-left: 2em; margin-top: 0; margin-bottom: 0; }
+
+p.first { text-indent: 0 }
+span.firstchar {
+float:left;font-size:3em;line-height:0.8;padding-top:1px;padding-bottom:1px;padding-right:2px;
+}
+span.sperr { letter-spacing:.1em; }
+span.large { font-size:large; }
+span.small { font-size:small; }
+span.smaller { font-size:smaller; }
+span.hidden { display: none; }
+span.font80 { font-size: 80%; }
+
+.leftpic {
+ float: left;
+ clear: left;
+ padding-right: 0.3em;
+}
+.rightpic {
+ float: right;
+ clear: right;
+}
+.centerpic {
+ text-align: center;
+ text-indent: 0;
+ display: block;
+ margin-left: auto;
+ margin-right: auto;
+}
+
+a:link { text-decoration: none; color: rgb(10%,30%,60%); }
+a:visited { text-decoration: none; color: rgb(10%,30%,60%); }
+a:hover { text-decoration: underline; }
+a:active { text-decoration: underline; }
+
+ul { margin-left: 0; padding-left: 0; }
+.trnote {
+ font-family: sans-serif;
+ font-size: small;
+ background-color: #ccc;
+ color: #000;
+ border: black 1px dotted;
+ margin: 2em;
+ padding: 1em;
+ page-break-before: always;
+}
+li { text-align: left; margin: 0; text-indent: -3em; margin-left: 3em; }
+.trnote ul li { list-style-type: none; }
+
+</style>
+</head>
+
+<body>
+
+
+<pre>
+
+The Project Gutenberg EBook of Prinzessin Mymra, by Alexej Remisow
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Prinzessin Mymra
+ Novellen und Träume
+
+Author: Alexej Remisow
+
+Translator: Alexander Eliasberg
+
+Release Date: March 17, 2012 [EBook #39174]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK PRINZESSIN MYMRA ***
+
+
+
+
+Produced by Jens Sadowski
+
+
+
+
+
+</pre>
+
+<h1 style="page-break-before:always;">
+Alexej M. Remisow<br />
+<br />
+Prinzessin<br />
+Mymra
+</h1>
+
+<p class="center" style="font-size: 110%">
+Novellen und<br />
+Träume
+</p>
+
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+
+<p class="center">
+Aus dem Russischen übertragen
+von Alexander Eliasberg
+</p>
+
+<p style="page-break-before:always">&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+
+<p class="center">
+Gustav Kiepenheuer Verlag, Weimar 1917
+</p>
+
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+
+<h2 class="chapter">Inhalt</h2>
+
+<p class="contents"><a href="#chapter-1">Die Feuersbrunst</a></p>
+<p class="contents"><a href="#chapter-2">Petuschok</a></p>
+<p class="contents"><a href="#chapter-3">Prinzessin Mymra</a></p>
+<p class="contents"><a href="#chapter-4">Das Opfer</a></p>
+<p class="contents"><a href="#chapter-5">Der den Teufel rief</a></p>
+<p class="contents"><a href="#chapter-6">Sanofa</a></p>
+<p class="contents"><a href="#chapter-7">Das Los des Elenden. Träume</a></p>
+
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+
+<!-- page 005 -->
+
+<h2 class="chapter" id="chapter-1">
+Die Feuersbrunst</h2>
+
+<p class="first">Die Weiße Fjokla, die Wahrsagerin und Hexe,
+gebar an einem durchdringend kalten Herbstmorgen
+eine schwarze geflügelte Maus, und jedermann
+erkannte im Neugeborenen des Teufels
+Kind.
+</p>
+
+<p>Jermil, der stumme und lahme Sohn der Alten,
+verscharrte den Unrat bei der Müllgrube und erhängte
+sich gleich darauf.
+</p>
+
+<p>In der Nacht vor dem Katharinentage, an
+dem junge Mädchen nach alter Sitte Zweige
+von den Bäumen abreißen und mit ihnen zu Bett
+gehen, um im Traume den Zukünftigen zu sehen,
+erdröhnte plötzlich am Himmel mitten
+im wütenden Schneesturm ein Donner; beim
+Morgengrauen aber fand man im Stadtpark
+die geistesschwache Aljonka, die Tochter des
+Obermeisters an der Eisenbahnwerkstätte, geschändet
+und tot, mit einem Zweig zwischen den
+Zähnen.
+</p>
+
+<p>Am Nikolatag erschienen in den rauchgrauen
+Wolken um die grimmige Wintersonne herum
+drei andere, in allen Farben des Regenbogens
+schimmernde Sonnen.
+</p>
+<!-- page 006 -->
+
+<p>Und diese drei Sonnen bedrückten die Stadt
+wie eine stumme Last.
+</p>
+
+<p>»Nun kommt das Hitzefieber, eine schreckliche
+Krankheit! Was haben wir noch alles zu erwarten!«
+</p>
+
+<p>»Krächze nicht wie ein Unglücksrabe.«
+</p>
+
+<p>»Mir kann es gleich sein &mdash; aber auch der Diakon
+hat neulich während des Gottesdienstes davon
+gesprochen.«
+</p>
+
+<p>Ein jeder dachte an den kommenden Tag und
+an die schwere Not, die vor der Tür stand und auf
+die vorbestimmte Stunde wartete.
+</p>
+
+<p>»Die Chinesen ziehen mit einer Armee von
+tausend Millionen gegen uns, auch die Türken.«
+</p>
+
+<p>»Mein Gott, dieses Heer!«
+</p>
+
+<p>»Und die Unsrigen &mdash; glaubst du, daß die Unsrigen
+sich überrumpeln lassen?«
+</p>
+
+<p>»Man sagt aber, sie haben den Satan auf ihrer
+Seite.«
+</p>
+
+<p>»Wieso den Satan?«
+</p>
+
+<p>»Wir sind verloren, das ist alles.«
+</p>
+
+<p>An den Abenden machte man sorgfältig über
+jedem Fenster das Zeichen des Kreuzes. Am
+Vorabend der Feiertage schliefen die Ehegatten
+getrennt, und man gab gut acht auf die Öllämpchen
+vor den Heiligenbildern.
+</p>
+
+<p>»Hör einmal, Mikititschna, Awdotja erzählte
+neulich, man habe bei den Podchomutows den
+Teufel aus dem Tische gerufen.«
+</p>
+
+<p>»Was du nicht sagst!«
+</p>
+
+<p>»Bei Gott, so wahr mir die Himmelskönigin
+<!-- page 007 -->
+beistehe! Awdotja ist ja eine durchtriebene Frau;
+auch Podchomutows Frau hat selbst erzählt, daß
+ein blauer Teufel mit sechs Pfoten erschienen
+sei.«
+</p>
+
+<p>»Die Heilige Jungfrau steh uns bei! Gott weiß,
+was noch alles kommen kann, Agafjuschka.«
+</p>
+
+<p>»Dann hat auch neulich Saschutka, Kusmitschs
+Stiefsohn im Eisenbahndepot, erzählt,
+daß der neue Doktor die Säufer mit dem Blick kuriert.«
+</p>
+
+<p>Man hatte auch Nacht für Nacht böse
+Träume: bald sah man die Kirche des Neuen
+Heilands für das Osterfest hergerichtet, doch
+ohne Altar und ohne Heiligenbilder, und den erhängten
+Jermil, Fjoklas Sohn, wie er in der Kirche
+auf und ab ging und jedermann zum Feste
+gratulierte; bald wieder sah man einen ganz aufgeschwollenen
+Jungen, in dessen Fleisch zahllose
+Splitter steckten, auf dem Fußboden Purzelbäume
+schießen.
+</p>
+
+<p>»Mir erzählte neulich ein altgläubiger Soldat«
+lispelte Semjon, der Aufseher bei den Eisenbahnwerkstätten:
+»&rsaquo;Großvater&lsaquo;, sagte er, &rsaquo;ein großes
+Unglück bricht über ganz Rußland herein, und
+man kann sich nirgends davor retten.&lsaquo; Die Zarenglocke
+in Moskau, sagt er, sei in tausend
+kleine Splitter zersprungen, ein jeder Splitter
+habe sich in eine Schlange verwandelt, und die
+Schlangen seien unter den Glockenturm Iwans
+des Großen gekrochen. Und der Glockenturm
+wackelt, und wenn er einstürzt, so werden auch
+<!-- page 008 -->
+die Herzen aller Menschen zerspringen, und
+dann kommt das Ende allen Lebens.«
+</p>
+
+<p>»Was die Leute nicht alles sagen! Es ist wirklich
+lächerlich. Da sagt zum Beispiel Luka:
+Wichtig sind nur die Produktionskräfte, alles übrige
+ist Nebensache .&nbsp;.&nbsp;. Sagen wir uns von der alten
+Welt los .&nbsp;.&nbsp;. Freiheit, Gleichheit und .&nbsp;.&nbsp;.«
+</p>
+
+<p>»Schwatz nicht so, man wird mit euresgleichen
+wenig Umstände machen .&nbsp;.&nbsp;.«
+</p>
+
+<p>».&nbsp;.&nbsp;. und wenn es notwendig sein sollte, so wird
+die Regierung Mittel und Wege finden, um auch
+diese Sonnen zu beseitigen, von denen übelgesinnte
+Menschen gewisse Gerüchte verbreiten,
+um bei der friedlichen Bevölkerung Erregung
+hervorzurufen.«
+</p>
+
+<p>Man ergriff Maßregeln.
+</p>
+
+<p>Aber die Sonnen verschwanden nicht; immer
+öfter und öfter erschienen sie am Himmel, um die
+grimmige Wintersonne herum.
+</p>
+
+<p>Wer kümmerte sich aber um die Sonnen!
+</p>
+
+<p>Noch niemals hatte man in dieser Gegend einen
+solchen Überfluß an Getreide gehabt wie in
+diesem Winter; eine Ernte wie im letzten Sommer
+hatte es noch nie gegeben. Die Mühlen arbeiteten
+unermüdlich. Der Handel blühte, und
+die Käufer waren schnell entschlossen und entgegenkommend.
+</p>
+
+<p>Die Stadt war wegen ihres Getreides berühmt.
+</p>
+
+<p>Auf allen Schienenwegen, die sich hier kreuzten,
+rollten in allen Richtungen mit allerlei Getreide
+und Mehl angefüllte Eisenbahnwagen.
+</p>
+<!-- page 009 -->
+
+<p>Am Heiligen Abend machte man der Weißen
+Fjokla den Garaus und verwischte sorgfältig alle
+Spuren des Verbrechens.
+</p>
+
+<p>Für eine kurze Zeit trat Ruhe ein. Es war, als
+ob ein Stein vom Herzen gefallen wäre.
+</p>
+
+<p>Am Dreikönigstage badete man im eiskalten
+geweihten Wasser, malte über alle Türen mit
+Kreide Kreuze, und alles ging wie geschmiert.
+</p>
+
+<p>In der Butterwoche, in der Zeit, wo die Schlittenwege
+schlecht zu werden anfangen, gab es allerdings
+in jedem Hause Stöhnen und jammern:
+alle hatten Zahnweh.
+</p>
+
+<p>Es roch in der Luft eigentümlich nach Zahntropfen
+und Kampferöl.
+</p>
+
+<p>So ging es acht Tage lang.
+</p>
+
+<p>Der Frühling brach an, ein früher und warmer
+Frühling. Das viele Wasser ließ die Gärten schon
+zu Ostern ergrünen, und auf den Feldern lief die
+Wintersaat üppig und kräftig auf.
+</p>
+
+<p>In der Woche nach Ostern wurden die Hochzeiten
+gefeiert.
+</p>
+
+<p>Es fanden sich sogar Leute, die mit Wohlwollen
+der Weißen Fjokla gedachten:
+</p>
+
+<p>»Schade um sie .&nbsp;.&nbsp;. Sie hätte ja noch gut leben
+können!«
+</p>
+
+<p>Man begann Häuser zu bauen: unter feierlichen
+Zeremonien wurden Grundsteine zu mächtigen
+Bauten gelegt und mit Weihwasser besprengt.
+Von Tag zu Tag wuchsen die Baugerüste
+in die Höhe neben den Holzkreuzen, die die
+zukünftigen Wohnstätten beschatteten.
+</p>
+<!-- page 010 -->
+
+<p>Am Mittwoch der vierten Woche nach Ostern
+gab es einen bedenklichen Vorfall, der in der
+Stadt großes Aufsehen erregte: als in der Badestube
+des Bischofs Feuer ausbrach, zog man aus
+den Flammen die halbverkohlte Leiche der Vorsteherin
+des Nonnenklosters zum Heiligen Geist
+heraus, und Bischof Antonius konnte infolge der
+Brandwunden am ganzen Körper lange Zeit keinen
+Gottesdienst abhalten.
+</p>
+
+<p>Die Leute zwinkerten einander zu und machten
+Anspielungen.
+</p>
+
+<p>Es gab aber auch Trauer.
+</p>
+
+<p>»Der Satan hat das Kreuz gestohlen, das
+Kreuz ist in Händen des Satans.«
+</p>
+
+<p>»Der Verruchte hat sich des Tempels und des
+Altars bemächtigt. Er verunreinigt die Monstranz
+und spuckt in den Kelch. Und die Menschen
+kommunizieren nicht mit dem Blute Christi,
+sondern mit dem Speichel des Satans, und sie
+verzehren statt des Leibes Christi &mdash; den Unrat
+des Satans.«
+</p>
+
+<p>»Alles ist Unsinn. Es gibt weder einen Gott
+noch einen Satan. Es gibt nichts als das Leben.«
+</p>
+
+<p>»Was für ein Leben?«
+</p>
+
+<p>Nach einem warmen und blühenden Mai begann
+sofort die Sommerhitze. Viele Tage lang
+ging kein einziger Regentropfen auf die verdurstenden,
+verdorrenden Felder, auf die staubbedeckten
+Wiesen und die von Würmern befallenen
+Gärten nieder.
+</p>
+<!-- page 011 -->
+
+<p class="tb">&nbsp;</p>
+
+<p class="noindent">Sie kommt.
+</p>
+
+<p>Sie naht.
+</p>
+
+<p>Sie ballt sich zu Wolken und wächst über den
+Tagen empor.
+</p>
+
+<p>Und sie löscht alles aus.
+</p>
+
+<p>Aus jedem Ding, aus jedem Gesicht, zu jeder
+Stunde starrt sie mich an und straft mich für einen
+einzigen Augenblick des Vergessens mit
+unendlicher und unerträglicher Pein.
+</p>
+
+<p>Ich kenne sie nicht ganz. Ich ahne sie nur. Ich
+weiß nicht, woher sie kommt und von welcher
+Seite sie mir droht. Ich fühle nur, daß sie überall
+um mich herum ist.
+</p>
+
+<p>Meine Lippen zittern nicht mehr vor Lachen.
+Mein Herz kann nicht mehr lächeln.
+</p>
+
+<p>Mein Herz kann nicht mehr verdammen, so
+wie es einst verdammt hat.
+</p>
+
+<p>Es murrt leise und krampft sich zusammen.
+</p>
+
+<p>Und wenn sie kommt, wirst du sie überwinden
+können?
+</p>
+
+<p>Herz, du hast verdammt, du hast geliebt.
+</p>
+
+<p>Wirst du sie überwinden können?
+</p>
+
+<p>Niemals wirst du es können.
+</p>
+
+<p>Und du wirst ihr wie ein Stein zu Füßen fallen,
+und sie wird dich mit ihrem Blitze zermalmen
+und zu Kohle verbrennen.
+</p>
+
+<p>Ich weiß nicht, woran ich mich festklammern
+soll.
+</p>
+
+<p>Gib mir doch wenigstens eine Schlinge.
+</p>
+
+<p>Doch ist es möglich, so gehe sie von mir.
+</p>
+<!-- page 012 -->
+
+<p class="tb">&nbsp;</p>
+
+<p class="noindent">Um die Mittagsstunde des Johannistages erdröhnte
+von der Kathedrale herab hastiges
+Sturmläuten.
+</p>
+
+<p>Ganze von Arbeitern und armem Volk dicht
+bevölkerte Straßenzüge an verschiedenen Enden
+der Stadt standen plötzlich in Flammen.
+</p>
+
+<p>Die kleinen Holzhäuser und die unförmigen
+riesigen Gebäude der Nachtasyle und Arbeiterkasernen
+brannten lichterloh wie zu Haufen aufgestapelter
+Rumpelkram.
+</p>
+
+<p>Die Flammen loderten empor und verloren
+sich in riesenhaften spindelförmigen Staubsäulen.
+Die Spindeln rasten und kreisten von oben
+nach unten, vom Zentrum zu den Vorstädten.
+</p>
+
+<p>Und eine unsichtbare wahnsinnige Hand
+spann am glühenden wolkenlosen Himmel ein
+erstickendes, feuriges Gespinst.
+</p>
+
+<p>Die überraschten Menschen liefen, stumm vor
+Schreck, wilde, tierische Schreie ausstoßend,
+mitten in diesem Gesang der Feuersbrunst hin
+und her.
+</p>
+
+<p>Zur gewohnten Stunde ertönte keuchend von
+der Fabrik her der Mittagspfiff
+</p>
+
+<p>Und dieser Pfiff klang so einsam und fremd im
+Chore der anderen Pfiffe.
+</p>
+
+<p>Er flehte um Gnade, um Erbarmen .&nbsp;.&nbsp;.
+</p>
+
+<p>Daß man die Kinder rette, die Habseligkeiten
+in Sicherheit bringe .&nbsp;.&nbsp;.
+</p>
+
+<p>Diese letzten Schreie der dem Tode geweihten
+Menschen und Dinge schnitten sich in jedes
+Herz.
+</p>
+<!-- page 013 -->
+
+<p>Man trug die Heiligenbilder heraus.
+</p>
+
+<p>Man glaubte: die Heiligenbilder würden beistehen
+und vor dem Unglück beschützen.
+</p>
+
+<p>Aber das Feuer drang hartnäckig beißend
+überall hinein, es flog empor und erfaßte immer
+neue, noch unversehrte Menschenwohnungen.
+</p>
+
+<p>Die blauen und weißen Spindeln aus Funken
+und aus Staub drehten sich verzweifelt und unaufhörlich
+.&nbsp;.&nbsp;. Ein in wahnsinniger Hast kreisender
+Bohrer durchlöcherte die schwere Luft mit
+Feuer.
+</p>
+
+<p>Karminroter Feuerschein ergoß sich bebend
+über die ganze Stadt.
+</p>
+
+<p>Die schwarz verkohlten Dachstühle der
+Brandstätten ragten in die Luft wie Galgen.
+</p>
+
+<p>Die Eisenbahnwerkstätten und die Naphtatanks
+brannten.
+</p>
+
+<p>Voller Wut und Entsetzen sprangen die brennenden
+Lokomotiven wie gehetzt aus ihren eisernen
+Ställen heraus. Und sie pfiffen auf den Schienenwegen
+trocken und abgerissen.
+</p>
+
+<p>Unter ihren rotglühenden Tatzen stöhnte und
+zischte es unheimlich und unheilverkündend.
+</p>
+
+<p>Und das Weinen der ohne Tränen sterbenden
+Maschinen machte den Abend erglühen.
+</p>
+
+<p>Die brennenden Getreidespeicher rauschten
+wie Springbrunnen.
+</p>
+
+<p>Jemand schüttelte die blutrot leuchtenden
+Bernsteinkörner des Getreides durcheinander
+und lachte aus vollem Halse.
+</p>
+<!-- page 014 -->
+
+<p class="tb">&nbsp;</p>
+
+<p class="noindent">Mitten in der verzauberten Johannisnacht, um
+die Stunde des tobenden Lebens, erdröhnte von
+der Kathedrale herab die Sturmglocke.
+</p>
+
+<p>Die öffentlichen Häuser standen in Flammen.
+</p>
+
+<p>Das Feuer sog sich mit seinen Küssen eifersüchtig
+an den Mädchenlippen fest, jeden Nebenbuhler
+zurückwerfend und vernichtend. Mit
+wollüstig feiner Zunge beleckte es die Leiber und
+brannte sich in sie bis an die Knochen hinein.
+</p>
+
+<p>Die berauschten Gäste fielen vor diesem roten,
+erbarmungslosen, unersättlichen Gast zu Boden.
+</p>
+
+<p>Nackte, in Umarmungen verschlungene, von
+Glassplittern verwundete, vom Feuer versengte
+Körper stürzten aus den oberen Stockwerken
+herab; sie stürzten zu Boden und wurden von
+Menschenfüßen und Pferdehufen zertreten und
+zermalmt.
+</p>
+
+<p>Die brennenden Pupillen der sich drängenden
+Menge weiteten sich und platzten vor der berauschenden
+Glut. Das Röcheln der Tiere vermengte
+sich mit dem durchdringenden Lachen,
+dem Flehen und Stöhnen der Menschen.
+</p>
+
+<p>Ein Mönch in dunklem Gewande, ein Mönch
+mit regungslosem Gesicht stand in der Hölle der
+Feuersbrunst.
+</p>
+
+<p>Nur er allein war leidenschaftslos wie am hellen
+Mittag und schrecklich in seiner Ruhe. Er
+war geheimnisvoll und unheilverkündend wie ein
+quälender, verworrener Traum.
+</p>
+
+<p>Das Feuer, das in der Tiefe seiner Augen
+brannte, durchdrang die Flammen.
+</p>
+<!-- page 015 -->
+
+<p>Tausende von Händen griffen nach dem
+Saume seines Gewandes, nach den Zipfeln seiner
+schwarzen Kapuze; Tausende von Händen
+streckten sich aus und hoben den Staub unter seinen
+Füßen auf; Tausende von Lippen küßten diesen
+Staub.
+</p>
+
+<p>»Beschütze uns!«
+</p>
+
+<p>»Rette uns!«
+</p>
+
+<p>»Gnade!«
+</p>
+
+<p>»Erbarmen!«
+</p>
+
+<p class="tb">&nbsp;</p>
+
+<p class="noindent">&rsaquo;Erbarmen! Erbarmen!&lsaquo; dröhnte die Sturmglocke
+der Kathedrale, als die Sonne sich träge erhob
+und ihre blutig-goldenen Strahlen in den Rauch
+bohrte und über die Erde goß.
+</p>
+
+<p>»Flieht! Flieht!« rief es aus den Rauchwirbeln,
+die die höllischen Spindeln beißenden Staubes
+umkreisten.
+</p>
+
+<p>Das Zuchthaus brannte.
+</p>
+
+<p>Das Spital brannte.
+</p>
+
+<p>Die Zuchthäusler erbrachen die eisernen Türen,
+erschlugen mit den Eisengittern die Aufseher
+und schleppten sich, verprügelt und angeschossen,
+wie Pestkranke die von der Flammenglut
+zersprungenen Straßen entlang.
+</p>
+
+<p>Hei, so schön brannten die von Unrat durchtränkten
+Zellen! Welch ein Freudenmahl des
+freien, rächenden Feuers, das die Särge der Lebenden,
+das Zuchthaus, zerstörte!
+</p>
+
+<p>Und in den dumpfen Krankensälen, im grüngelben
+Licht der hüpfenden Sonnen, klang herzzerreißend
+<!-- page 016 -->
+das Stöhnen der Siechen und das höllische
+Lachen der Wahnsinnigen.
+</p>
+
+<p>Das Feuer schrie und sprang wie ein Eichhörnchen.
+Es warf sein brennendes Netz über die
+Stadtparkmauer auf das Schlachthaus hinüber.
+</p>
+
+<p>Die Stadt zitterte vor dem vorsintflutlichen
+Geheul, die Tiere weinten wie von menschlicher
+Trauer ergriffen.
+</p>
+
+<p>Vom Zuchthaus kam das Feuer auf den Friedhof.
+</p>
+
+<p>Die Flammen erbrachen mit ihren schweren,
+glühenden Brecheisen die stummen Gräber.
+</p>
+
+<p>Und die Toten erhoben sich aus den Särgen und
+wuchsen zu schwarzen, von einer grauen, erstickenden
+Wolke beschatteten Dunstsäule empor.
+</p>
+
+<p>Der Mönch in dunklem Gewande, der Mönch
+mit fest zusammengepreßten Lippen stand mit
+gekreuzten Armen mitten unter den vertierten
+Menschen und den rasenden Tieren.
+</p>
+
+<p>Funken und Flammen umkreisten sein Haupt
+wie Scharen goldener Vögel.
+</p>
+
+<p>Und die Sturmglocke läutet und läutet ohne
+Unterlaß.
+</p>
+
+<p>Und die Menschen rennen zerfetzt, verbrannt,
+verzweifelt umher.
+</p>
+
+<p>Das staatliche Schnapslager brennt!
+</p>
+
+<p>Der brennende Schnaps frißt die Herzen.
+</p>
+
+<div class="poem">
+<p class="line">Hab den Vater geschlachtet,</p>
+<p class="line">Die Mutter gehenkt,</p>
+<p class="line">Und die leibliche Schwester</p>
+<p class="line">Im Flusse ertränkt .&nbsp;.&nbsp;.</p>
+</div>
+<!-- page 017 -->
+
+<p class="noindent">Tausende von verstümmelten, mit Weingeist
+durchtränkten Leichen brennen mit blauen, unerträglichen
+Flammen.
+</p>
+
+<p class="tb">&nbsp;</p>
+
+<p class="noindent">Man wurde vor Entsetzen wahnsinnig.
+</p>
+
+<p>Die Mütter verloren ihre Kinder.
+</p>
+
+<p>Kinder schleppten zentnerschwere Lasten.
+</p>
+
+<p>Niemand wagte, unter einem noch unversehrten
+Obdach zu bleiben.
+</p>
+
+<p>Man verließ die Häuser und zog auf die Straßen.
+</p>
+
+<p>Man suchte nach den Brandstiftern.
+</p>
+
+<p>Man glaubte schon, ihnen auf der Spur zu sein.
+</p>
+
+<p>Man wollte unbekannte Frauen gesehen haben,
+die sich bei den Haustoren zu schaffen
+machten.
+</p>
+
+<p>Man riß den Aufseher Semjon, der sich unbedachterweise
+eine Pfeife angezündet hatte, in
+Stücke.
+</p>
+
+<p>Man riß einem Studenten den Arm aus.
+</p>
+
+<p>Man warf jemanden ins Feuer.
+</p>
+
+<p>»Wer ist&rsquo;s? Wo soll man suchen?« fragte man
+den Mönch.
+</p>
+
+<p>Der Mönch schwieg.
+</p>
+
+<p>Auf den Zäunen stand mit schwarzen Lettern
+geschrieben: &rsaquo;Morgen wird keine Feuersbrunst
+sein.&lsaquo;
+</p>
+
+<p>»Morgen wird keine Feuersbrunst sein! Keine
+Feuersbrunst.«
+</p>
+
+<p class="tb">&nbsp;</p>
+
+<p class="noindent">Ein blutrotes engmaschiges Netz hing über der
+<!-- page 018 -->
+Stadt, und irgendwo in seiner Tiefe schwebte ein
+blutig-flammender Kern, welcher Gestank und
+Brandgeruch verbreitete.
+</p>
+
+<p>So begann der dritte Morgen, der dritte und
+letzte Tag.
+</p>
+
+<p>In der Nacht verbrannte die Kathedrale mit
+allen Reliquien. Der Glockenturm stürzte ein,
+und die schreiende Zunge der Sturmglocke verstummte.
+</p>
+
+<p>Aus dem Feuer stiegen drei flammende Kreuze
+empor. Sie zitterten und verschwanden in der
+schrecklichen roten Nacht.
+</p>
+
+<p>Die Herzen glühten, die Arme hingen kraftlos
+herab.
+</p>
+
+<p>Es gab nichts mehr, was noch brennen konnte.
+</p>
+
+<p>Die Feuersbrunst ging zu Ende.
+</p>
+
+<p>Die wahnsinnigen Menschen irrten wie im Nebel
+umher.
+</p>
+
+<p>Einen jeden, der ihnen in den Weg kam und
+der etwas auf dem Kerbholz hatte, erschlugen sie
+mit brennenden Scheiten.
+</p>
+
+<p>Von Entsetzen, Verzweiflung und Blut trunken,
+verließen sie vor Anbruch der Nacht die
+Stadt.
+</p>
+
+<p class="tb">&nbsp;</p>
+
+<p class="noindent">Alle, die noch am Leben geblieben waren, verbrachten
+diese letzte Nacht auf dem freien Feld,
+eng aneinander gedrängt, von geretteter Habe
+und geraubtem Gut umgeben.
+</p>
+
+<p>Und der Mönch in dunklem Gewand stand
+unter den Übriggebliebenen.
+</p>
+<!-- page 019 -->
+
+<p>Niemand erhob die Stimme, um ihn zu rufen
+oder anzuflehen, aber Hunderte von Augen waren
+auf sein unter der Kutte verborgenes Herz gerichtet.
+</p>
+
+<p>»Gnade! Gnade!«
+</p>
+
+<p>Und zum erstenmal ging ein Zucken über das
+regungslose Gesicht des Mönches.
+</p>
+
+<p>Der Mönch zerriß sein Gewand, holte ein Gefäß,
+das er auf der Brust trug, hervor, tauchte einen
+Weihwedel hinein und besprengte die flehenden
+Augen.
+</p>
+
+<p>Im gleichen Augenblick ergoß sich ein Feuermeer
+über das ganze Feld.
+</p>
+
+<p>Die Feuerwolke zerriß den Himmel, zerspaltete
+die Nacht, schrie auf und erbebte.
+</p>
+
+<p>Und nichts als Funken und wieder Funken .&nbsp;.&nbsp;.
+</p>
+
+<p class="tb">&nbsp;</p>
+
+<p class="noindent">Tiefe Finsternis lag über der verbrannten Stadt.
+</p>
+
+<p>Und die Sterne fürchteten sich, auf die Erde
+und auf den in dunkle Fetzen gehüllten Menschen
+herabzuschauen.
+</p>
+
+<p>Und die Aasvögel wagten nicht, zu den Leichen
+herabzufliegen, sie wagten nicht, ihre Flügel
+vor jenem Menschen zu regen.
+</p>
+
+<p>Und er stand allein mitten in der Asche der
+verbrannten Erde.
+</p>
+
+<p>O du verdammte Heimaterde!
+</p>
+<!-- page 020 -->
+
+<h2 class="chapter" id="chapter-2">
+Petuschok</h2>
+
+<h3 class="no">1</h3>
+
+<p class="first">Eine Kuh fraß am Eliastage dem Petka ein Fünfzehnkopekenstück
+auf.
+</p>
+
+<p>Als die Großmutter von der Abendmesse
+heimgekommen war, hatte sie vor dem Schlafengehen
+dem Knaben eine silberne Münze, ein
+Fünfzehnkopekenstück, zum Vernaschen geschenkt.
+</p>
+
+<p>Am Tage des heiligen Elias schreitet eine Prozession
+aus dem Kreml zur Eliaskirche auf dem
+Woronzow-Felde, eine lange Prozession mit uralten
+Kreuzen, von vielen Gendarmen zu Pferde
+begleitet. Nach der Messe findet im Garten und
+auf dem Platz vor der Kirche unter den Kirchenfahnen
+ein Volksfest statt; es werden dabei
+Kwaß, Spielzeug, Stachelbeeren, Birnen und Eis
+feilgeboten. Petka war ein großer Liebhaber von
+Stachelbeeren und aß leidenschaftlich gern Eis;
+seine Freude über das Fünfzehnkopekenstück
+war also wirklich groß. Während der ganzen
+Nacht behielt er die Münze in der Hand.
+</p>
+
+<p>Als die Großmutter aus der Kirche des heiligen
+Nikola Kobylski heimkehrte, war Petka
+schon auf: er hatte den Samowar instand gesetzt,
+<!-- page 021 -->
+seine Schuhe gewichst und sich fein herausgeputzt;
+fertig zum Ausgehen, stand er da. Und wie
+oft hatte der unruhige Geist schon in Erwartung
+der Großmutter die Mütze aufprobiert! Petka
+hatte eine Mütze mit lackledernem Schirm; früher
+hatte er einen Strohhut getragen, als er aber
+Schüler einer Städtischen Schule geworden war,
+hatte ihm die Großmutter diese Mütze gekauft.
+Er hat seinen Gürtel, der ebenfalls aus Lackleder
+ist, ins letzte Loch geschnallt und sich seine
+schwarze Tuchbluse mit den beiden Silberknöpfen
+am Kragen zurechtgezupft; bloß mit der
+Hose ist es nicht weit her: die Drillichhose ist
+zwar rein gewaschen &mdash; Großmutter selbst hat sie
+gewaschen und gebügelt &mdash;, aber sie ist zu kurz:
+von den Waden ist ein etwa zwei Finger breites
+Stück zu sehen; Petka wächst aber noch, und die
+Hose ist in der Wäsche eingelaufen.
+</p>
+
+<p>»Ich habe dir den Samowar in einem Nu zurechtgemacht,
+Großmutter!« begrüßt Petka die
+Großmutter, auf einem Bein hüpfend.
+</p>
+
+<p>»Du bist ein gescheiter Junge, Petuschok!«
+Großmutter ist nach dem Gottesdienst müde und
+freut sich auf den Tee.
+</p>
+
+<p>Wenn die Großmutter selbst den Samowar instand
+setzte, brauchte sie immer furchtbar viel
+Zeit dazu &mdash; so kam es Petka wenigstens vor. Sie
+pflegte erst die Asche auszuschütten, dann ein
+wenig Kohle hineinzutun, auf die Kohle einige
+Holzspäne zu streuen und, wenn die Kohle zu
+knistern anfing, noch einige Kohlen nachzulegen;
+<!-- page 022 -->
+das machte sie wohl zweimal. Petka schüttete
+aber nie die Asche aus, sondern stopfte den
+Samowar gleich mit Kohle voll, zündete einige
+Späne an, legte noch etwas Kohle auf, und der
+Samowar begann sofort, so schien es ihm wenigstens,
+zu summen.
+</p>
+
+<p>»Du bist ein gescheiter Junge!« wiederholte die
+Großmutter. Sie freute sich, daß der Samowar
+auf dem Tisch stand und summte und daß sie
+jetzt in aller Ruhe ihren Tee trinken und vor der
+Prozession noch etwas ausruhen konnte.
+</p>
+
+<p>Großmutter war gottesfürchtig und eine eifrige
+Kirchgängerin; sie versäumte keinen einzigen
+Gottesdienst, und wenn es beim Nikola Kobylski
+eine Leiche gab, so ging sie hin und wohnte auch
+mit einer Kerze in der Hand der Totenmesse bei;
+sie ging auch mit Petka bei allen Prozessionen mit.
+</p>
+
+<p>Großmutter setzte sich an den Teetisch, aber
+ehe sie noch ein Stückchen geweihtes Brot zerkauen
+konnte, fing Petka schon zu drängen an:
+sie wollten sofort aufbrechen, um der Prozession
+entgegenzugehen.
+</p>
+
+<p>Aber es sei noch viel zu früh! Die Prozession
+habe gewiß noch nicht den Kreml verlassen; die
+Leute sammelten sich wohl erst; die Hausmeister
+ständen noch gar nicht am Morosowschen Gitterzaun,
+sie säßen wohl noch in der warmen
+Stube und tränken Tee.
+</p>
+
+<p>Großmutter und Petka pflegten die Prozession
+in der Wedenskaja-Gasse, auf dem Morosowschen
+Zaune stehend, zu erwarten. Sie machten
+<!-- page 023 -->
+es sehr einfach: zuerst kletterte Petka hinauf und
+dann die Großmutter; der Alten fiel es zwar recht
+schwer, auf den Zaun hinaufzuklettern, aber sie
+konnte von dort aus besser sehen und lief auch
+nicht Gefahr, zertreten zu werden.
+</p>
+
+<p>»Wenn du nicht gehst, geh ich allein!« Petka
+setzte seine Mütze mit dem Lacklederschirm auf
+und stand schon an der Tür.
+</p>
+
+<p>Großmutter hatte Angst, Petka allein gehen zu
+lassen; sie meinte, man könne ihn im Gedränge
+leicht zertreten.
+</p>
+
+<p>»Man wird dich zertreten, Petuschok.«
+</p>
+
+<p>»Nein, Großmutter, man wird mich nicht zertreten.
+Mir hat im vorigen Jahr das Pferd eines
+Gendarmen mit dem Huf auf eine Zehe getreten,
+das hat schrecklich weh getan! Und doch hat es
+mir nichts geschadet. Großmutter, jetzt gehe
+ich!«
+</p>
+
+<p>Großmutter hat Angst und ist zugleich gekränkt:
+sie gingen doch jedes Jahr zusammen hin
+&mdash; Petka voraus und hinter ihm die Großmutter in
+ihrem alten Umhang, mit dem Sonnenschirm in
+der Hand; Großmutter spannte ihren Schirm
+niemals in der Sonne auf und hielt ihn nicht am
+Griff, sondern stets an der Spitze, so daß der Griff
+die Erde berührte. Sie will Petka nicht allein gehen
+lassen; und sie will noch etwas ausruhen und
+gemächlich ihren Tee trinken!
+</p>
+
+<p>Was ist da zu machen? Der Junge läßt sich
+nicht halten!
+</p>
+
+<p>Petka geht allein fort.
+</p>
+<!-- page 024 -->
+
+<p>Der Morgen ist schön kühl, der Tag wird nicht
+so heiß werden. Ob Petka vom lieben Gott einen
+so herrlichen Tag erfleht oder der heilige Prophet
+Elias, dem das Fest gilt, seinen Segen gegeben
+hat &mdash; die Leute werden es in der Prozession gut
+haben, die goldgestickten Kirchenfahnen werden
+funkeln, die Priester werden leichten und trockenen
+Fußes gehen, und auch die Chorsänger werden
+es angenehm haben.
+</p>
+
+<p>Petka ging, sein Fünfzehnkopekenstück fest in
+der Faust haltend, auf den Flur hinaus; viel Stachelbeeren,
+rote, behaarte Stachelbeeren wollte
+er sich dafür kaufen und außerdem für fünf Kopeken
+Schokoladeneis verspeisen. Petka
+lauschte; irgendwo läuteten die Glocken, aber es
+war noch sehr weit. Die Prozession hatte wohl
+eben erst den Kreml verlassen, und man läutete
+in den Kirchen, an denen sie vorüberzog.
+</p>
+
+<p>&rsaquo;Man läutet erst in der Iljinka oder in der Marossejka
+bei Nikola &mdash; es ist ein schönes Läuten!&lsaquo;
+dachte Petka. Und da erblickte er plötzlich eine
+Kuh.
+</p>
+
+<p>Auf dem Hofe spazierte die Kuh des Diakons,
+eine schöne, wohlgenährte, rote Kuh.
+</p>
+
+<p>Petka freute sich jedesmal, wenn er die Milchkuh
+des Diakons sah, das &rsaquo;Braunchen&lsaquo;, wie Großmutter
+sie zu nennen pflegte.
+</p>
+
+<p>»Guten Tag, Braunchen!« Petka kam hüpfend
+näher und streckte seine Hand aus, um die Kuh
+zu streicheln .&nbsp;.&nbsp;. Das Geldstück funkelte in der
+Sonne, das Fünfzehnkopekenstück fiel ihm aus
+<!-- page 025 -->
+der Hand, die Kuh leckte es mit der Zunge auf,
+stieß einmal auf und verschluckte es.
+</p>
+
+<p>Kurz und gut &mdash; weg war es.
+</p>
+
+<p>Petka suchte auf dem Rasen und zwischen den
+Steinchen, ging einige Male um die Kuh herum,
+stand einen Augenblick still und wartete, ob die
+Münze nicht wieder zum Vorschein käme .&nbsp;.&nbsp;.
+Nein, verschwunden war sein silbernes Geldstück,
+das Braunchen hatte es gefressen, es hatte
+ihm das Fünfzehnkopekenstück, das er zum
+Eliastage bekommen, weggenommen.
+</p>
+
+<p>Mit leeren Händen ging nun Petka zur Eliaskirche.
+</p>
+
+<p>Sollte er umkehren und der Großmutter alles
+erzählen? Großmutter würde wohl sagen: »Wolltest
+mir nicht folgen, bist allein gegangen, darum
+hat es dir die Kuh gefressen!« Und sie würde ihm
+nie wieder eine Silbermünze schenken. Sie würde
+noch sagen: »Was soll man auch so einem Schlingel
+Geld schenken? Das frißt ja doch die Kuh!«
+Nein, es ist doch besser, der Großmutter nichts
+zu sagen. Und die Stachelbeeren und das Schokoladeneis?
+Nun, er wird sich eben ohne Stachelbeeren
+und ohne Eis behelfen müssen. Und wenn
+Großmutter etwas merkt? Sie wird eben nichts
+merken. Er wird der Großmutter sagen, daß er
+einen ganzen Zentner Stachelbeeren und hundert
+Portionen Eis gegessen hat .&nbsp;.&nbsp;. Und wenn
+Großmutter es nicht glaubt? Sie wird es wohl
+glauben müssen! Die Stachelbeeren sind ja billig
+&mdash; spottbillig sind sie, sagt Großmutter selbst.
+<!-- page 026 -->
+Und was ist auch dabei? Er hat eben einen ganzen
+Zentner Stachelbeeren gekauft und aufgegessen:
+er hat Geld genug gehabt, es sind ja nicht
+fünf, sondern fünfzehn Kopeken gewesen! Aber
+er hat kein Fünfzehnkopekenstück mehr: die
+Kuh hat es aufgefressen!
+</p>
+
+<p>»Was bist du für eine Kuh!« sagte Petka vorwurfsvoll
+zu seinem geliebten Braunchen.
+»Warum hast du das Geld gefressen? Die Stachelbeeren
+sind so schön rot und behaart, und
+das Schokoladeneis schmeckt so herrlich .&nbsp;.&nbsp;. hundert
+Portionen!«
+</p>
+
+<p>Petka dachte im Gehen immer an sein Fünfzehnkopekenstück,
+das unwiederbringlich verloren
+war. Es gab nur noch eine Möglichkeit:
+Großmutter alles zu gestehen. Sie wird ihm dann
+vielleicht ein neues geben. Aber wo sollte Großmutter
+eines hernehmen? Das Geld wächst nicht
+auf der Straße, pflegt Großmutter zu sagen. Sie
+hat ja auch nur ein paar Silbermünzen; Kopekenstücke
+hat sie genug .&nbsp;.&nbsp;. Petka ging am Kursker
+Bahnhof und an dem verwahrlosten Rjabowschen
+Hause, wo, wie er glaubte, die goldenen Zimmer
+immer leer und unbewohnt standen, vorbei. Er
+ging zur Eliaskirche auf dem Woronzow-Feld.
+</p>
+
+<p>Die ganze Wedenskaja-Gasse war mit Gras belegt,
+das ganze Pflaster mit frischgemähtem Gras
+bestreut. Da war Gras von den Chludows dabei,
+und von den Naidjonows und von Myslin, und
+wie alle die reichen Gemeindemitglieder sonst
+noch hießen. Die Füße glitten im Grase aus, und
+<!-- page 027 -->
+Petka brachte es fertig, sich ein paar grüne Grasflecke
+auf seine Hose zu machen. Im Gras lagen
+auch vereinzelte Blumen, und die Blumen dufteten
+nach Wiesen und brachten ihm die Wallfahrten
+in Erinnerung. Petka unternahm jeden Sommer
+mit seiner Großmutter Wallfahrten. Petka
+dachte nicht mehr an das aufgefressene Fünfzehnkopekenstück
+und schloß die Augen: ganz
+klar, ganz deutlich fühlte er die Erde und das
+Gras unter seinen Füßen; er fühlte sich plötzlich
+in die Gegend von Swenigorod versetzt, auf einen
+Feldweg, wo Glockenblumen blühen, auf einen
+Waldweg, wo der Kuckuck ruft, zum Sawwa-Kloster
+zum Nikola-Ugrjescha, und vom Nikola-Ugrjescha
+zum Troiza-Sergius-Kloster.
+</p>
+
+<p>Die Leute eilten schon zur Kirche; andere blieben
+auf dem Bürgersteig und suchten sich ein
+Plätzchen, wo sie bequem stehen und zusehen
+konnten. Das Läuten klang immer näher, es
+schien schon aus der nächsten Nähe, von der
+Troiza-Grjasi-Kirche zu kommen. Nein, Petka
+hatte sich getäuscht, es war noch sehr weit: man
+läutete erst bei Kosmas und Damian.
+</p>
+
+<p>Auf dem Morosowschen Zaun stand noch niemand.
+Vor dem Tore waren nur die Hausmeister
+versammelt, unter ihnen der Morosowsche Kutscher
+in einer Plüschweste, das schwarze Haar
+mit Butter eingefettet. Auch Petka wird sich einmal,
+wenn er groß ist, das Haar mit Butter einfetten,
+und es wird dann ebenso schön schwarz sein
+wie das Haar des Morosowschen Kutschers; jetzt
+<!-- page 028 -->
+aber benetzte es ihm Großmutter, wenn er aus
+der Badestube heimkommt, mit Kwaß.
+</p>
+
+<p>Petka kletterte auf den Zaun hinauf und hielt
+Ausschau nach der Prozession und der Großmutter.
+</p>
+
+<p>&rsaquo;Es wird sich schon irgendwo auf dem Hofe finden&lsaquo;,
+dachte er ab und zu an sein unglückseliges
+Geldstück. &rsaquo;Es kann gar nicht verlorengehen!&lsaquo;
+</p>
+
+<p>Vom Geld kamen seine Gedanken wieder auf
+die Prozession, und er horchte, in welcher Kirche
+gerade geläutet wurde; von der Prozession kamen
+sie auf den Morosowschen Kutscher, vom
+Kutscher auf das Gras und die Wallfahrten; so
+schweiften die flüchtigen Gedanken des kleinen
+Petka, des Petuschok,<a href="#footnote-1" id="fnote-1"><sup>1</sup>)</a> wie Großmutter den Jungen
+zu nennen pflegte.
+</p>
+
+<p>Nun kam auch Großmutter mit ihrem Sonnenschirm
+an; sie kletterte auf den Zaun hinauf, die
+Glocken der Kirche zur Mariä Opferung in den
+Baraschi begannen zu läuten, die Prozession kam
+immer näher, die schweren Kirchenfahnen erstrahlten
+in goldenem Glanz, dann läutete es in
+der Eliaskirche, und Petka war vollkommen getröstet.
+</p>
+
+<p>&rsaquo;Großmutter wird mir ein anderes Geldstück
+schenken, und wenn sie mir keines schenkt, so
+werde ich auch ohne Eis und Stachelbeeren satt
+werden.&lsaquo;
+</p>
+
+<!-- page 029 -->
+
+<h3 class="no">2</h3>
+
+<p class="noindent">Großmutter hatte niemand außer Petka. Petka
+ist ihr Großneffe, der Sohn ihres Neffen, aber sie
+nennt ihn Enkel. Der Neffe ist gänzlich heruntergekommen:
+er war früher einmal Parkettwichser
+gewesen, hatte sich etwas zuschulden kommen
+lassen, trieb sich lange Zeit arbeitslos in Moskau
+herum, bekam endlich eine Anstellung in einer
+Bierhalle, blieb dort nur einen Winter lang, gab
+diese Stellung auf und wurde Arbeiter in den
+Goujon-Werken; er verließ auch diese Stellung
+und geriet schließlich unter das lichtscheue Gesindel,
+das den Chitrowka-Markt bevölkert. Er
+besuchte, wenn auch nur selten und meistens betrunken,
+die Großmutter, um sie um Geld zu bitten.
+Großmutter hatte vor dem Neffen große
+Angst und nannte ihn &rsaquo;den Räuber&lsaquo;.
+</p>
+
+<p>Petka wohnt mit der Großmutter in einer Kellerstube
+auf dem Semljanoj-Wall, in der Nähe
+der Kirche des heiligen Nikola Kobylski. Als
+Großmutter noch bei Kräften gewesen war, hatte
+sie nie müßig dagesessen und über nichts zu klagen
+gehabt; die Nachbarn sagten, sie brauche
+sich nie ohne Weißbrot zu Tisch zu setzen. Nun
+aber sind ihre Augen schwach, und sie kann nicht
+mehr arbeiten. Großmutter ist auch schon bei
+Jahren: sie war sechs Jahre alt, als man die Leiche
+des Kaisers Alexander Pawlowitsch aus Taganrog
+über Moskau überführte: so alt ist sie also
+schon! Gute Menschen unterstützen sie ab und
+<!-- page 030 -->
+zu, und sie bekam auch einen monatlichen Zuschuß
+von der Armenpflege; ihr Petka aber
+wurde in eine Städtische Schule aufgenommen.
+Auf dem Semljanoj-Wall kennt jedermann die
+Großmutter Iljinischna Sundukow; auch auf
+dem Woronzow-Feld und in den Syromjatniki ist
+sie gut bekannt. Mit Mühe und Not schlägt sie
+sich mit ihrem Petka durch.
+</p>
+
+<p>Ihre Kellerstube ist sehr klein. Vor ihr wohnten
+zwei alte Frauen darin, mit Namen Smetanin,
+die ebenso gottesfürchtig waren wie die
+Großmutter. Als die Smetanins starben, mietete
+Großmutter mit Petka die Kellerstube. Großmutter
+hat früher ein anderes, größeres Zimmer
+gehabt, in dem jetzt Stubenmaler wohnen.
+</p>
+
+<p>Großmutters Zimmer ist vollgepfropft. Es
+steht eine Kommode darin, die vor Alter eine Art
+Geheimkommode geworden ist: die mittlere
+Schublade läßt sich nicht mehr ganz herausziehen:
+man kann sie nur von rechts und auch nur
+einen Fingerbreit herausschieben. In dieser
+Schublade &mdash; davon weiß aber nur die Großmutter
+allein &mdash; sind ein silberner Teeglasuntersatz
+mit Weintraubenmuster und zwei silberne Löffel
+mit Blumengravierung und schwarzem Email an
+den Stielen verwahrt: das alles ist Petkas Eigentum,
+das er nach Großmutters Tode erben wird.
+Großmutter hat auch einen Kleiderschrank,
+gleichfalls mit einem geheimen Trick: du kannst
+die Tür zwar aufmachen, hast aber gleich die
+ganze Bescherung, denn die Tür fällt sofort ganz
+<!-- page 031 -->
+heraus: nur Großmutter allein versteht es, in ein
+bestimmtes Loch einen Stift hineinzustecken, so
+daß die Tür auf den richtigen Platz kommt und der
+Schrank sich wieder schließen läßt. Großmutter
+besitzt auch noch einen kleinen eichenen eisenbeschlagenen
+Koffer, in dem sie ein Hemd, ein Leichentuch,
+ein Paar Pantoffeln ohne Absätze und
+ein Stück Leinwand verwahrt: das alles bleibt für
+ihre Leiche aufgespart. Als man einmal im Herbst
+auf dem Hof Kraut schnitt, stopfte Petka in diese
+Truhe Kohlstrünke hinein: der Schlingel glaubte,
+es würde Großmutter Freude machen, wenn sie im
+Jenseits von den Kohlstrünken naschen könnte.
+Ein kleines Sofa steht auch noch da: von außen betrachtet,
+ist es noch ganz anständig, wenn man
+sich aber ungeschickt draufsetzt, so stößt man sich
+an einer Holzleiste. Im Winkel steht ein Heiligenschrein
+mit drei Abteilungen. Zuoberst hängen
+mehrere geweihte Bildchen von den Wallfahrtsorten
+und noch allerlei andere Bildchen und Messingkreuze.
+Darunter steht die Ikone &rsaquo;Die Moskauer
+Wundertäter&lsaquo;: Maxim der Selige, Wassili
+der Selige und Johannes der Narr in Christo stehen
+nebeneinander &mdash; Wassili nackt, Maxim mit einem
+Schurz und Johannes in einem weißen Gewand &mdash;,
+die Arme im Gebet ausgestreckt, vor dem Moskauer
+Kreml; über dem Kreml ist die heilige Dreifaltigkeit
+dargestellt, und über den Heiligen ein
+dunkler Wald, die &rsaquo;Mutter-Einöde&lsaquo; mit zerklüfteten
+Bergen, Bergen, die wie Zungen aussehen:
+Petka hält sie für Feuerberge. Es ist eine uralte
+<!-- page 032 -->
+Ikone. Daneben steht eine zweite auf Goldgrund
+gemalte Ikone: &rsaquo;Die vier Marienfeste&lsaquo;. Sie stellt
+die vier Muttergottesfeste dar: Maria Schutz und
+Fürbitte, Aller Leidenden Freude, Mariä Erscheinung
+und die Muttergottes von Achtyrka.
+Das Bild fällt fast auseinander, so alt ist es. Unter
+dem Heiligenschrein liegen drei Knäuel: ein
+Knäuel Stricke, ein Knäuel Bindfaden und ein
+Knäuel bunter Schnüre: während vieler Jahre hat
+Großmutter sie aufgespart. Schließlich existiert
+noch eine Truthenne &mdash; das ist ihre ganze Habe.
+</p>
+
+<p>Großmutter gibt Petka sein Essen und denkt
+auch an die Truthenne. Die Truthenne wohnt
+auf dem Hof in einem kleinen Schuppen, der
+Schuppen steht neben dem Kuhstall; die Truthenne
+stirbt langsam dahin und ist schon so alt
+wie die Großmutter. Großmutters &rsaquo;Herr Jesus&lsaquo;
+kann sie zwar nicht nachsprechen, versteht aber
+anscheinend sonst alles: in ihrem langen Leben
+hat sie alles gelernt, alles erfaßt.
+</p>
+
+<p>Als Petka klein war, hatte er vor der Truthenne
+Angst; aber mit den Jahren gewöhnte er sich an
+sie und liebte es, sie anzuschauen: er pflegte sich
+im Schuppen vor ihr hinzukauern und sie zu betrachten;
+ihn interessierte ihr Kopf, der ganz rosa
+und mit vielen kleinen rosa Warzen besät war.
+Die Truthenne stand vor ihm, blies sich auf und
+kauerte sich hin. Und so kauerten sie beide:
+Petka und die Truthenne.
+</p>
+
+<p>Die Hühner des Diakons haben Hähnchen, die
+Katze Puschok hat Kätzchen, aber die Truthenne
+<!-- page 033 -->
+hat nichts &mdash; wie kommt das? fragte sich
+Petka mehr als einmal.
+</p>
+
+<p>Auch die Großmutter sagte manchmal nachdenklich
+vor sich hin:
+</p>
+
+<p>»Wenn Gott der Truthenne ein Ei schenken
+wollte, so gäbe es Hähnchen!«
+</p>
+
+<p>&rsaquo;Alles kommt vom Ei, wenn Gott der Truthenne
+ein Ei schenkt, so gibt es Hähnchen!&lsaquo; sagte
+sich auch Petka.
+</p>
+
+<p>»Großmutter, und wenn Gott der Truthenne
+wirklich ein Ei schenkt?«
+</p>
+
+<p>»Gott geb&rsquo;s!«
+</p>
+
+<p>»Was geschieht dann weiter?« prüfte der kluge
+Petka die Großmutter.
+</p>
+
+<p>»Dann setzt sie sich hin.«
+</p>
+
+<p>»Wie setzt sie sich hin, Großmutter?«
+</p>
+
+<p>»Auf das Ei setzt sie sich, Petuschok. So macht
+sie das.« Großmutter kauerte hin wie die Truthenne.
+»Einundzwanzig Tage, das sind genau
+drei Wochen, sitzt sie darauf; nur wenn sie fressen
+muß, steht sie auf und das auch nur jeden
+zweiten oder dritten Tag. Und dann kommt ein
+Truthähnchen heraus.«
+</p>
+
+<p>»Großmutter, wo werden wir das Hähnchen
+hintun?«
+</p>
+
+<p>»Es wird bei uns wohnen.«
+</p>
+
+<p>»Großmutter, wir werden es in einen Käfig
+tun, und es wird wie eine Nachtigall singen, ja,
+Großmutter?«
+</p>
+
+<p>»Ja, Petuschok, es wird ein kleines Hähnchen
+sein, ganz gelb, mit einem Schöpfchen.«
+</p>
+<!-- page 034 -->
+
+<p>»Großmutter, wir werden uns einen Luftballon
+machen und fliegen. Ja, Großmutter?«
+</p>
+
+<p>»Was fällt dir ein, Petuschok!«
+</p>
+
+<p>»Wir werden fliegen, Großmutter, wir werden
+mit dem Hähnchen in dem Luftballon wohnen.
+Ja?«
+</p>
+
+<p>Großmutter schwieg eine lange Weile. Petka
+glotzte aber über die Großmutter hinweg und sah
+wohl bereits im Geiste den Luftballon, in dem sie
+wohnen würden: er, das Hähnchen und die
+Großmutter.
+</p>
+
+<p>»Ich bin damit nicht einverstanden«, sagte die
+Großmutter. »Ich will hier unten sterben, auf
+dem Luftballon mag ich nicht sterben.«
+</p>
+
+<p>»Großmutter«, Petka dachte nur an seine Sachen
+und hörte die Großmutter nicht. »Alles
+kommt doch vom Ei?«
+</p>
+
+<p>»Möge Gott ihr doch eins schenken!« Großmutter
+wollte so schrecklich gern, daß die Truthenne
+legte, und sie dachte an das Hähnchen mit
+derselben Sehnsucht wie Petka.
+</p>
+
+<p>Petka hatte das Geldstück vom Eliastage vergessen
+und machte der Kuh keine Vorwürfe
+mehr, weil sie es gefressen hatte; er brauchte kein
+Geldstück mehr, er brauchte nur das kalikutische
+Hähnchen. Aber wo sollte er ein Ei hernehmen,
+wie könnte er es einrichten, daß Gott der Truthenne
+ein Ei schenkt, aus dem alles kommt, aus
+dem auch ein Truthähnchen kommt?
+</p>
+
+<p>&rsaquo;Ich könnte ja ein Ei vom Diakon nehmen und
+es unter die Truthenne legen&lsaquo;, überlegte sich
+<!-- page 035 -->
+Petka. &rsaquo;Der Diakon hat viele Hühner, und seine
+Hühner legen viele Eier .&nbsp;.&nbsp;. Und man braucht ja
+doch nur ein einziges Ei! Wenn er es aber merkt?
+Seine Eier sind ja alle gezeichnet!&lsaquo; Petka hatte
+schon in des Diakons Kiste hineingeschaut. &rsaquo;Datum
+und Monat sind auf jedem Ei verzeichnet,
+man wird es merken, und dann stehe ich als Dieb
+da. Und als Dieb werde ich auf den Chitrowka-Markt
+gehen müssen. Und Großmutter? Wie
+wird sie ohne mich leben?&lsaquo; &mdash; &rsaquo;Ich lebe nur für dich,
+Petuschok, sonst wäre es für mich längst Zeit zu
+sterben!&lsaquo; &mdash; pflegt Großmutter zu sagen. &rsaquo;Nein,
+vom Diakon will ich nichts nehmen. Aber wie
+kann ich mir ein Ei verschaffen? Ich brauche ja
+nur ein einziges!&lsaquo;
+</p>
+
+<p>Ein Zufall kam Petka zu Hilfe. Großmutter
+wollte einmal ihrem Petuschok eine Freude machen
+und ihn mit Spiegeleiern traktieren. Und sie
+schickte Petka zum Kaufmann, um drei Eier zu
+kaufen. Petka brachte bloß zwei Eier mit: das
+dritte versteckte er und sagte der Großmutter, er
+habe es zerbrochen.
+</p>
+
+<p>»Da hast du es, Petuschok: die Kuh hat dir das
+Geldstück gefressen, und das Ei hast du zerbrochen!«
+Das zerbrochene Ei tat der Großmutter
+furchtbar leid.
+</p>
+
+<p>Petka hätte wohl sonst die Eierspeise vor Ärger
+gar nicht angerührt; aber jetzt, wo er in seiner
+Tasche das Ei liegen hatte, aus dem alles kommt,
+aus dem auch ein Hähnchen kommen konnte,
+machte er sich nicht viel daraus: soll nur Großmutter
+<!-- page 036 -->
+sagen, was sie will. Er verzehrte schnell
+sein Spiegelei, wischte sich nicht einmal den
+Mund ab und lief in den Schuppen zu der Truthenne.
+Er legte ihr das Ei unter den Schwanz und
+wartete der Dinge, die da kommen sollten. Die
+Truthenne sah aber gar nicht hin, als wenn da
+gar kein Ei läge, und dachte gar nicht daran, sich
+draufzusetzen.
+</p>
+
+<p>Was ist denn das? Und wenn sie sich nicht hinsetzt?
+</p>
+
+<p>»Setz dich, Truthenne, setz dich, bitte!« Petka
+kauerte hin, starrte auf die rosa Warzen der Truthenne
+und verharrte so, ohne zu atmen, ohne sich
+zu regen, von dem einen hartnäckigen Gedanken,
+dem einen heißen Wunsch, der einen Bitte
+beseelt: »Setz dich doch, Truthenne, setz dich,
+bitte!«
+</p>
+
+<p>Die Truthenne blies sich auf und setzte sich auf
+das Ei, ja, ganz genau auf das Ei.
+</p>
+
+<p>Und Petka kauerte noch lange vor ihr, wandte
+keinen Blick von der Truthenne, von dem einen
+hartnäckigen Gedanken, von dem einen heißen
+Wunsch beseelt .&nbsp;.&nbsp;.
+</p>
+
+<p>Die Truthenne saß ruhig und fest auf dem
+Hühnerei.
+</p>
+
+<p>Petka erhob sich leise, ging aus dem Schuppen
+und lief von hinten herum zu einem Spalt in der
+Wand. Er blieb am Spalt kleben: die Truthenne
+saß ruhig und fest auf dem Hühnerei.
+</p>
+
+<p>Sollte er es der Großmutter sagen? Nein, Großmutter
+wird es schon selber sehen. Wie wird sie
+<!-- page 037 -->
+sich freuen, wenn sie die Truthenne auf dem Ei
+sitzen sieht!
+</p>
+
+<p>Petka stand den ganzen Tag Wache am Spalt:
+er paßte auf die Truthenne auf und wartete auf
+die Großmutter. Großmutter kam in den Schuppen,
+um der Truthenne ihr Futter zu geben.
+</p>
+
+<p>»Gepriesen sei der Schöpfer!« flüsterte die
+Alte. Sie bekreuzigte sich, sie trippelte aufgeregt
+umher, sie traute ihren Augen nicht, sie konnte es
+einfach nicht begreifen: die Truthenne hatte ein
+Ei gelegt, die Truthenne saß auf einem Ei!
+</p>
+
+<p>Am Abend nach diesem langen, wundervollen
+Tage legte sich Petka schlafen, auch Großmutter
+ging zu Bett. Petka drehte sich hin und her und
+konnte nicht einschlafen: er wartete immer, daß
+Großmutter etwas von der Truthenne sagen
+werde. Auch Großmutter wälzte sich immer von
+der einen Seite auf die andere: sie hatte große
+Lust, von der Neuigkeit zu sprechen, fürchtete
+aber, das Glück zu berufen.
+</p>
+
+<p>Lange beherrschte sich die Alte, hielt es aber
+schließlich doch nicht aus. »Petuschok!« rief die
+Großmutter.
+</p>
+
+<p>»Großmutter!« Der Schlingel begriff sofort,
+um was es sich handelte. Er tat aber so, als ob er
+ihr aus dem Schlafe antwortete.
+</p>
+
+<p>»Du schläfst noch nicht, Petuschok?«
+</p>
+
+<p>»Was willst du, Großmutter?«
+</p>
+
+<p>»Der liebe Gott hat uns seine Gnade erwiesen!«
+Großmutter fing sogar zu lachen an und keuchte
+vor Freude. »Ein Ei! Die Truthenne sitzt .&nbsp;.&nbsp;.«
+</p>
+<!-- page 038 -->
+
+<p>»Sie sitzt, Großmutter?«
+</p>
+
+<p>»Ja, Petuschok, sie sitzt .&nbsp;.&nbsp;.« Großmutter sagte
+es mit schwacher Stimme und bekam einen Hustenanfall.
+</p>
+
+<p>»O Großmutter, wir werden jetzt einen Truthahn
+haben, ein Hähnchen?«
+</p>
+
+<p>»Ein Truthähnchen, ein kalikutisches Hähnchen«,
+flüsterte die Großmutter, als ob im kalikutischen
+Hähnchen das ganze Geheimnis, das
+ganze Glück von ihrem und Petkas Leben läge.
+</p>
+
+<p>»Wird es bei uns wohnen?«
+</p>
+
+<p>»Gewiß, Petuschok, wo denn sonst?«
+</p>
+
+<p>»Wir werden es doch nicht aufessen, Großmutter?«
+</p>
+
+<p>Großmutter antwortete nicht mehr, Großmutter
+war schon eingeschlafen, beglückt und erfreut
+durch die göttliche Gnade, durch den Gedanken
+an das kalikutische Hähnchen, das nach einundzwanzig
+Tagen aus dem Hühnerei kommen
+sollte.
+</p>
+
+<p>Das Öllämpchen flackerte leise vor den Bildchen
+und Kreuzchen, vor den &rsaquo;Vier Marienfesten&lsaquo;:
+Maria Schutz und Fürbitte, Aller Leidenden
+Freude, der Muttergottes von Achtyrka und
+Mariä Erscheinung &mdash; und vor den &rsaquo;Moskauer
+Wundertätern&lsaquo;: Maxim dem Seligen, Wassili
+dem Seligen und Johannes dem Narren in Christo.
+Die Berge der &rsaquo;Mutter-Einöde&lsaquo; glühten im
+Lichte der Nachtlampen rot und schnitten sich
+wie mit Flammenzungen in den Moskauer
+Kreml hinein.
+</p>
+<!-- page 039 -->
+
+<p>»Großmutter, ich werde das Hähnchen lieben!«
+Petka-Petuschok, Großmutters Hähnchen,
+schlief mit diesen Worten ein.
+</p>
+
+<p>Jeden Tag, ganz gleich, ob es nötig war oder
+nicht, schaute Großmutter in den Schuppen
+nach der Truthenne; sie dankte jedesmal Gott für
+die ihr erwiesene Gnade und zählte die Tage.
+Auch Petka zählte die Tage und war nicht weniger
+aufgeregt als die Großmutter; er ließ seinen
+Drachen nicht mehr steigen, dachte nicht mehr
+an seine Schlangenklapper und vergaß, daß er
+das Ei selbst unter die Truthenne gelegt hatte: er
+glaubte an das Hühnerei, als ob es ein echtes, von
+der Truthenne selbst gelegtes Ei wäre. Die Truthenne,
+die sich gegen jede Truthennensitte so unzeitgemäß
+auf das Ei gesetzt hatte, saß auf dem
+Hühnerei ruhig und fest und dachte gar nicht
+daran, aufzustehen und im Schuppen spazierenzugehen.
+Kam es daher, daß sie, seit sie auf der
+Welt war, bis in ihr tiefes Alter hinein, noch niemals
+gelegt und keine Ahnung von Eiern, weder
+von eigenen noch von Hühnereiern hatte? Oder
+daher, daß Petka durch seinen Willen wirkte
+oder Großmutters Gebet Gehör gefunden hatte &mdash;
+jedenfalls entbrannte in ihr die Brutlust wie bei
+einer richtigen Glucke, und die rosa Warzen auf
+ihrem Kopfe wurden immer blasser.
+</p>
+
+<p>Und so vergingen zwanzig Tage und ein Tag.
+</p>
+
+<p>Petka konnte nicht mehr schlafen: »Und wenn
+kein Hähnchen herauskommt, wenn es ein taubes
+Ei ist?« Wie konnte er auch schlafen? Jeden
+<!-- page 040 -->
+Morgen, sobald es tagte, lief er in den Schuppen,
+nach der Truthenne zu sehen.
+</p>
+
+<p>»Petuschok kommt gegangen, hat die Sonne
+eingefangen!« sang Petka, auf einem Beine hüpfend.
+Draußen im Schuppen und auch in Großmutters
+Stube hauchte er das Hähnchen mit seinem
+warmen Atem an, als ob im Hähnchen das
+ganze Geheimnis, das ganze Glück von seinem
+und Großmutters Leben läge.
+</p>
+
+<p>»Gelobet seist du, Herr! Gepriesen sei dein
+Langmut!« Großmutter konnte sich vor Freude
+kaum auf den Beinen halten.
+</p>
+
+<h3 class="no">3</h3>
+
+<p class="noindent">Der Herbst fiel in jenem Jahre trocken und warm
+aus. Die Sonne schien zwar nur wenige Stunden
+am Tage, befiederte aber doch das kalikutische
+Hähnchen: es wuchs heran, krähte mit heiserer
+Stimme, tat sehr vornehm, fiel über die im Frühjahr
+zur Welt gekommenen Hähne des Diakons
+her und raufte mit ihnen wie ein richtiger Hahn.
+Alle Anzeichen sprachen dafür, daß es einen spitzen,
+hellroten Kamm, kräftige Sporen und eine
+laute Stimme haben würde: es war eben ein echtes
+kalikutisches Hähnchen!
+</p>
+
+<p>Nicht die Truthenne &mdash; wie sollte sie auch? &mdash; die
+Truthenne starb langsam dahin &mdash;, sondern die
+Großmutter pflegte das Hähnchen, und als die
+warmen Tage von kalten abgelöst wurden, nahm
+<!-- page 041 -->
+sie es aus dem Schuppen in die Stube. Großmutter
+wird Petkas Glück wohl bewachen, sie wird
+das Hähnchen großziehen, so wie sie Petka großgezogen
+und sich ihr Glück für ihre alten Tage erhalten
+hat.
+</p>
+
+<p>Zugleich mit der Kälte und der Oktobernässe
+brach eine unruhige Zeit an, die denkwürdigen
+Tage der Volksopfer und der Freiheit.
+</p>
+
+<p>Daß auf den Hauptstraßen das elektrische
+Licht nicht mehr brannte und ganz in der Nähe
+auf dem Kursker Bahnhof die blank geputzten
+Lokomotiven unbeweglich dastanden und froren;
+daß die schrecklichen roten Schlote der Goujon-Werke
+in der Pokrowka-Vorstadt nicht mehr
+qualmten und am Himmel hinter dem Androni-Kloster
+kein Feuerschein bebte &mdash; das alles hätte
+doch, könnte man meinen, auf Großmutter in ihrer
+Kellerstube nicht den geringsten Eindruck
+machen sollen: Großmutter brauchte kein elektrisches
+Licht, sie ging abends nie aus, beabsichtigte
+nicht zu verreisen und hatte auch mit den
+Goujon-Werken nicht das geringste zu schaffen.
+Großmutter wohnte aber in ihrem Keller nicht
+allein: ihre Nachbarn, lauter einfache Arbeiter,
+waren mit einer festen Kette an die roten Schlote
+der Goujon-Werke wie auch an die blanken
+Kursker Lokomotiven gebunden; der Umstand,
+daß die Schlote nicht mehr qualmten und die Lokomotiven
+stillstanden, hatte sie aus ihrer Arbeitsbahn
+geschleudert, ihr ganzes arbeitsvolles
+Leben auf den Kopf gestellt, die Erde erschüttert
+<!-- page 042 -->
+und ihre Tage zu Tagen des jüngsten Gerichts
+gemacht. Das Gefühl, das die Straßen ergriffen
+hatte und in das Leben und die Gedanken des
+Alltags als ein Weltuntergang eingedrungen war,
+das sich von Vorstadt zu Vorstadt, von Straße zu
+Straße, von Gäßchen zu Gäßchen, von Sackgasse
+zu Sackgasse, von Fabrik zu Fabrik, von Keller
+zu Keller als die dunkle Vorahnung einer schweren
+Not fortpflanzte, hatte auch die greise Seele
+der Großmutter an der Schwelle ihres Todes erfaßt.
+</p>
+
+<p>Der auf dem Chitrowka-Markt fast gänzlich
+verschollene Neffe der Großmutter, der &rsaquo;Räuber&lsaquo;,
+erschien eines Tages wieder in Großmutters
+Kellerwohnung bei der Kirche des heiligen Nikola
+Kobylski.
+</p>
+
+<p>Sein von Rheumatismus gekrümmter Arm,
+seine Nase, die wie drei Nasen übereinander aussah
+&mdash; (es kam von der Elephantiasis), der
+schwarze abgetragene Überzieher, unter dem er
+nichts als die ganz zerfetzte, ungewaschene, vor
+Schmutz steife Wäsche hatte &mdash; all das jagte der
+Großmutter Angst und Schrecken ein. Großmutter
+fürchtete gar nicht, daß er von ihr Geld verlangen
+und ihr das Messer an die Kehle setzen
+würde: sie würde ihm das letzte Geld geben, obwohl
+sie es gar nicht leicht haben und nachher
+mit Petka viele Tage würde hungern müssen; es
+überfiel sie die schreckliche Vorahnung, daß der
+Neffe, Petkas Vater, der &rsaquo;Räuber&lsaquo;, ihrem Petka
+etwas antun würde. Was er ihm aber antun
+<!-- page 043 -->
+würde und was er Petka überhaupt antun
+könnte, darüber vermochte sie sich keine Rechenschaft
+zu geben. Doch in der Tiefe ihrer greisen
+Seele fühlte sie ganz deutlich, daß Petka eine
+Gefahr drohte, daß das Unglück bereits aus seinem
+schrecklichen knöchernen Reiche herausgekrochen
+war und immer näher heranrückte, daß
+es schonungslos, unerbittlich und grausam an
+Petuschoks kindliches, kleines Herz heranschlich.
+</p>
+
+<p>Der Neffe hatte Durst und Hunger. Großmutter
+richtete für ihn den Samowar. Petka kam aus
+der Schule, und sie setzten sich alle an den Tisch,
+Tee trinken.
+</p>
+
+<p>Petka hatte von den Pilgern, mit denen er auf
+seinen Wallfahrten zusammengekommen war,
+viele Heiligengeschichten gehört und wußte, wie
+die Heiligen ihre Kronen erworben hatten: und
+nun sehnte er sich danach, einmal Räuber zu
+werden, sich eine schwere Sünde auf die Seele zu
+laden, dann Buße zu tun, in ein Kloster zu gehen
+und in einer Höhle zu leben. Nun saß er aber an
+einem Tisch mit einem Räuber, trank mit ihm
+aus demselben Samowar Tee, und dieser Räuber,
+Großmutters Neffe, war sein leiblicher Vater.
+Petka wandte keinen Blick vom Vater und
+starrte seine dreistufige Nase mit derselben verzehrenden
+Neugier an, mit der er einst im Schuppen
+die rosa Warzen der Truthenne betrachtet
+hatte. Und da er nicht wußte, wie er dem Vater gefällig
+sein und dem Räuber seine Kühnheit zeigen
+<!-- page 044 -->
+konnte, sprang er plötzlich von Stuhl, packte
+das Hähnchen, das sich unter das Sofa verkrochen
+hatte, an den Flügeln und schleppte es herbei.
+</p>
+
+<p>»Schau dir das Hähnchen an«, sagte Petka,
+»ein kalikutisches ist es!«
+</p>
+
+<p>»Petka und ich haben nur einen Wunsch, daß
+dem Hähnchen nichts geschieht; sonst brauchen
+wir nichts!« sagte Großmutter, als ob sie sich
+rechtfertigen müsse; ihre Hände zitterten, und
+ihr Kopf wackelte hin und her.
+</p>
+
+<p>Der Räuber blinzelte dem Hähnchen zu &mdash; ein
+feines Hähnchen! Der Räuber aß mit großer Hast
+und entschädigte sich für alle die Hungertage,
+derentwegen ihm der Magen knurrte. Nachdem
+er Petkas und Großmutters Mittagsessen verzehrt
+hatte, machte er sich über den Tee her. Das
+heiße Getränk erwärmte ihn, machte ihn schlaff
+und löste ihm die Zunge. Und er begann ganz
+wirres Zeug zu reden, wobei er über Petka und
+die Großmutter hinwegsah, genauso wie Petka
+über die Großmutter hinweggesehen, als er ihr
+vom Luftballon erzählt hatte, auf dem sie einst
+wohnen würden: er, das Hähnchen und die
+Großmutter. Aus den Worten des Räubers folgte,
+daß nun fast alles erlaubt sei, daß es keine Gesetze
+mehr gebe, daß alle Gesetze abgeschafft
+seien und daß heute oder morgen alle Gelder in
+seine Hände übergehen würden; und da würde
+die blutige Abrechnung beginnen.
+</p>
+
+<p>»Die gebildeten Schichten .&nbsp;.&nbsp;. Revolution .&nbsp;.&nbsp;.«
+<!-- page 045 -->
+Der Räuber gebrauchte lauter unverständliche
+und schwierige Worte und machte mit dem Finger
+die Gebärde des Halsabschneidens. »Eine
+Gräfin werde ich mir zur Frau nehmen!«
+</p>
+
+<p>Und je wärmer es dem Räuber wurde, um so
+verworrener und unwahrscheinlicher klangen
+seine Worte. Petka hörte dem Vater mit offenem
+Munde zu und starrte auf seine dreistufige Nase.
+Großmutter schüttelte den Kopf.
+</p>
+
+<p>»Petka und ich haben nur den einen Wunsch,
+daß dem Hähnchen nichts geschieht. Sonst brauchen
+wir nichts«, flüsterte Großmutter, als
+müßte sie Petka und sich rechtfertigen.
+</p>
+
+<p>Der Räuber trank die letzte Tasse Tee aus und
+ging mit Großmutters letztem Kleingeld in der
+Hand fort. Großmutter blieb mit Petka und dem
+kalikutischen Hähnchen allein. Sie räumten alles
+auf, stellten den Samowar weg, spülten die Tassen
+ab und fegten mit einem Flederwisch die
+Brotkrumen in einen Beutel; Petka machte seine
+Schulaufgaben, dann saßen sie noch eine Weile
+beisammen, gähnten, schwiegen und schlugen so
+den Abend tot. Nachdem sie das Abendgebet gesprochen
+hatten, sahen sie unter das Sofa nach
+dem Hähnchen: ob es schon schlafe oder nicht.
+Das Hähnchen schlief schon längst. Nun gingen
+sie selbst auch zu Bett.
+</p>
+
+<p>Petka wälzte sich hin und her und konnte nicht
+einschlafen. Auch Großmutter drehte sich immer
+von der einen Seite auf die andere: sie fühlte Unruhe
+und Angst.
+</p>
+<!-- page 046 -->
+
+<p>»Petuschok!« rief Großmutter, als sie ihre
+Angst nicht länger bemeistern konnte.
+</p>
+
+<p>Petka warf sich im Bette mit offenen Augen hin
+und her: er sah sich schon als Räuber und baute
+sich aus den unverständlichen Räuberworten,
+die er vom Vater gehört hatte, Räubertaten und
+ein Räuberleben auf.
+</p>
+
+<p>»Petuschok, du, Petuschok!« rief Großmutter
+noch leiser, noch freundlicher.
+</p>
+
+<p>»Was ist denn, Großmutter?« Petka sprang
+auf: es war ihm, als hätte er Großmutters Stimme
+gehört.
+</p>
+
+<p>»Ich bin es, Petuschok, fürchte dich nicht.«
+Großmutter konnte vor Angst kaum sprechen.
+»Geh nicht fort, Petuschok .&nbsp;.&nbsp;.«
+</p>
+
+<p>»Unter die Räuber will ich gehen, Großmutter«,
+antwortete Petka augenblicklich. »Als Räuber
+will ich leben! Und auch du, Großmutter,
+sollst unter die Räuber gehen .&nbsp;.&nbsp;.«
+</p>
+
+<p>»Geh nicht fort, Petuschok!« piepste Großmutter
+so leise, daß Petka sie gar nicht hörte.
+Dann lag sie wie starr in unheimlicher Angst da:
+jeder Ton, jedes Rascheln schien ihr unheilverkündend,
+das Hundegebell erschreckte sie, und
+es war ihr, als schleiche sich schon jemand an
+ihre Kellertür heran, ein Dieb, ein böser Mensch,
+um ihr ihren Petka, ihren Petuschok zu nehmen.
+</p>
+
+<p>Petka lag mit offenen Augen da; er war aber
+nicht mehr Petka, sondern ein echter Räuber mit
+schwarzem, wie beim Morosowschen Kutscher
+mit Butter eingefettetem Haar, mit einer dreistufigen
+<!-- page 047 -->
+Nase und einem gekrümmten Arm; er wird
+Großmutter und das kalikutische Hähnchen abholen,
+sie werden zu dritt in einem Luftballon
+nach dem Chitrowka-Markt fliegen und dort als
+Räuber leben; und dann beginnt die blutige Abrechnung.
+</p>
+
+<p>Das Öllämpchen flackerte leise vor den Bildchen
+und Kreuzchen, vor den &rsaquo;Vier Marienfesten&lsaquo;:
+Maria Schutz und Fürbitte, Aller Leidenden
+Freude, der Muttergottes von Achtyrka und
+Mariä Erscheinung &mdash; und vor den &rsaquo;Moskauer
+Wundertätern&lsaquo;: Maxim dem Seligen, Wassili
+dem Seligen und Johannes dem Narren in Christo.
+Die Berge der &rsaquo;Mutter-Einöde&lsaquo; glühten im
+Scheine der Nachtlampe rot und schnitten sich
+wie mit Flammenzungen in den Moskauer
+Kreml hinein.
+</p>
+
+<p>»Ich bin unter die Räuber gegangen, Großmutter«,
+murmelte Petka im Schlafe.
+</p>
+
+<p>Der unruhige Herbst war zu Ende, der Winter
+brach an. Großmutters Unruhe hatte sich nicht
+gelegt, und Petka war nicht mehr zu bändigen:
+wenn der Schlingel das Schlucken bekam, begann
+er, statt ein Vaterunser zu beten &mdash; früher
+betete er in solchen Fällen ein Vaterunser, das
+wirklich half &mdash;, ganz sinnlose Abzählreime aufzusagen.
+Großmutter hatte sich nicht beruhigt, in
+den Straßen war es nicht stiller geworden, der
+grimmige Frost hatte Moskau nicht abgekühlt,
+und das Leben war nicht zum Alltag mit seiner
+Arbeit und Sorge zurückgekehrt.
+<!-- page 048 -->
+Auf unbekannten, ungeahnten Wegen nahte
+und rückte an das russische Volk die schwere Not
+heran, die unbarmherzige, unerbittliche, grausame
+Not; sie trieb es in ferne Länder fort, zu einem
+fremden Volke, und zerstreute es dort in
+Spott und Schande; sie brachte es an die Gestade
+eines fremden Ozeans und ertränkte es darin,
+schrecklicher als ein Sturm und ein Ungewitter;
+nun schlich sie dunkel und unersättlich aus dem
+fremden gelben Lande dicht an den Moskwa-Fluß
+heran und bedrohte das Herz unseres unglückseligen,
+verbitterten Landes. Ob unserer
+großen Sünden wegen, wie Großmutter sagte,
+oder allen Einfaltigen zur Belehrung, wie der
+barfüßige Mäßigkeitsapostel aus der Teestube
+an der Sazepa behauptete, ob als Strafe für das
+wahnsinnige Schweigen der ganzen Welt &mdash; jedenfalls
+wurde das stumme, sprachlose, noch geschwächte,
+doch immer und immer wieder bestrafte
+russische Volk, nachdem es drei Plagen
+überstanden, wieder der schweren Not preisgegeben.
+</p>
+
+<p>Und gleich den feurigen Bergen auf dem Bilde
+der Moskauer Wundertäter schnitten sich auch
+in Wirklichkeit feurige Berge wie mit Flammenzungen
+in den Moskauer Kreml hinein, und ein
+rauchender Feuerschein ergoß sich über die
+Stadt.
+</p>
+
+<p>Am Samstag nach dem Nikolatage setzte sich
+Großmutter mit Petka um die Mittagszeit an den
+Tisch; sie wollten irgend etwas essen &mdash; in diesen
+<!-- page 049 -->
+Tagen kümmerte sich kein Mensch um die Großmutter,
+man hatte sie vergessen, und die beiden
+saßen oft wochenlang ohne einen Bissen.
+</p>
+
+<p>»Großmutter«, Petka sprang auf, »hörst du
+es?«
+</p>
+
+<p>Großmutter legte den Löffel weg und knabberte
+an einer Brotrinde.
+</p>
+
+<p>»Großmutter .&nbsp;.&nbsp;.« Petka sah zum Klappfenster
+hinaus.
+</p>
+
+<p>Großmutter rührte sich nicht. Sie schüttelte
+den Kopf wie beim Besuch des Räubers.
+</p>
+
+<p>»Großmutter, man schießt!« und mit diesen
+Worten lief Petka zur Tür hinaus.
+</p>
+
+<p>Es wurde irgendwo ganz weit auf der Twerskaja
+geschossen, und das dumpfe Dröhnen
+klang auf dem Semljanoj-Wall wie von unter der
+Erde. Die Fensterscheiben erklirrten.
+</p>
+
+<p>Großmutter hatte noch nichts gemerkt, Petka
+hatte es aber sofort gehört. Und nun hörte es
+auch die Großmutter; sie bekreuzigte sich wie bei
+einem Donnerschlag.
+</p>
+
+<p>Es begann eine unruhige Zeit. Das Unglück
+stand an jeder Ecke, an jeder Straßenkreuzung;
+es lauerte unersättlich, dunkel, strafend bei Tag
+und bei Nacht, wo viele Menschen versammelt
+waren und auch, wo es gar keine Menschen gab.
+</p>
+
+<p>Großmutter hatte Angst, Petka von ihrer Seite
+zu lassen. Wie leicht konnte ihm etwas zustoßen:
+Großmutter sah in den Leuten, die die Fabrikarbeiter
+zum Streik ermunterten, in den Freischärlern,
+in den Kosaken und Dragonern, die die Sadowaja
+<!-- page 050 -->
+zum Kursker Bahnhof passierten, lauter
+Räuber. Und es wurde immerfort geschossen: irgendwo
+in Kudrino, und auf der Presnja, und
+gleich in nächster Nähe, auf der Mestschanskaja;
+in einem fort wurde geschossen, und das Gedröhn
+drang immer lauter in die Kellerstube hinein;
+es klang, als ob man mit Peitschen knallte
+oder trockene Äste abbräche.
+</p>
+
+<p>Seit dem Nikolatage konnte Großmutter keine
+Nacht mehr schlafen: sie paßte auf Petka auf, wie
+sie in den ersten Wochen auf das Hähnchen aufgepaßt
+und wie Petka selbst, am Spalt hinter dem
+Schuppen lauernd, auf die Truthenne mit dem
+Hühnerei aufgepaßt hatte.
+</p>
+
+<p>Den Jungen zog es hinaus, er konnte nicht zu
+Hause bleiben, er konnte nicht ruhig sitzen.
+</p>
+
+<p>Petka lief mit den anderen Jungen nach der Sucharewka
+fort; Großmutter lief hinter ihm her.
+</p>
+
+<p>Das war einmal eine Zerstreuung für Petka:
+früher pflegten die Jungen auf dem Eise eine Rodelbahn
+zu bauen: jetzt galt es, die Straße zu versperren.
+</p>
+
+<p>Petka griff nach einer Telegraphenstange.
+</p>
+
+<p>»Schlepp sie her!« schrie der Bengel der Großmutter
+zu.
+</p>
+
+<p>Was sollte Großmutter machen? Vor Angst
+zitterten ihr die Hände, wie konnte sie überhaupt
+daran denken, eine Telegraphenstange zu
+schleppen! Sie konnte nicht einmal einen Kienspan
+halten. Großmutter hob ein Häuflein Späne
+vom Boden auf und trug es hinter den Kindern
+<!-- page 051 -->
+her. Und sie legte ihr Scherflein auf die gemeinsame
+Barrikade, auf den Haufen des aufgestapelten
+Krams, zu den Kisten, Gittern, Telegraphenstangen
+und Ladenschildern.
+</p>
+
+<p>»Bravo, Großmutter!« spotteten die Leute
+über die Alte; ein Hausmeister mit einem Räubergesicht
+grinste, indem er frierend einen Fuß
+gegen den andern schlug.
+</p>
+
+<p>»Es ist unserer großen Sünden wegen«, flüsterte
+Großmutter. Sie war von ihrer Arbeit mit
+den Spänen ganz erschöpft, blieb aber doch nicht
+hinter Petka zurück.
+</p>
+
+<p>Er war aber ein ganzer Kerl! Er kletterte ganz
+hinauf, wo die rote Fahne wehte, schob sich die
+Mütze, die Mütze mit dem Lacklederschirm, wie
+ein verwegener Kosak schief aufs Ohr, und die
+Fahne über ihm leuchtete so rot wie ein Kelchtuch.
+</p>
+
+<p>»Klettere auch du herauf; Großmutter!« rief
+Petka, der singende Petuschok, zu seiner Großmutter
+hinunter.
+</p>
+
+<p>Wie konnte sie hinter ihm zurückbleiben?
+Selbst auf den Sucharewturm würde sie hinaufklettern!
+</p>
+
+<p>Als zur Abendmesse geläutet wurde und zugleich
+mit dem Glockengeläut die unheimliche
+Kanonade dröhnte, machte Großmutter sich bereit,
+in die Messe zu gehen. Petka war vorausgelaufen
+und spielte mit den anderen Kindern beim
+Kuhstall des Diakons; sie spielten &rsaquo;Kosaken und
+Streikende&lsaquo;.
+</p>
+<!-- page 052 -->
+
+<p>Als Großmutter ihre gesteppte Wattejacke angezogen
+und den Kopf in ein schwarzes Wolltuch
+gewickelt hatte, sah sie unter das Sofa nach dem
+hungrigen Hähnchen, ob es schon schlafe oder
+nicht: das Hähnchen schlief. Sie brachte das Öllämpchen
+in Ordnung &mdash; aus der Dämmerung
+blickten die Antlitze der Wundertäter und der
+Muttergottes sie an &mdash;, und es wurde ihr plötzlich
+ganz traurig zumute.
+</p>
+
+<p>Sie seufzte, weil sie jetzt so dürftig leben mußten:
+die Feiertage rückten heran, und sie hatte
+nichts, um sie zu begehen! So schwer hatte sie es,
+und es war schon Zeit, daß sie starb; und Petka
+tat ihr so leid .&nbsp;.&nbsp;. Er war ja noch ein kleines
+Kind! .&nbsp;.&nbsp;. Wenn er doch schon auf eigenen Beinen
+stünde! Aber er war ja noch ein unmündiges
+Kind.
+</p>
+
+<p>»Heilige Muttergottes, Allgepriesene, Fürbitterin
+.&nbsp;.&nbsp;.« Großmutter legte die Finger zusammen,
+um sich zu bekreuzigen.
+</p>
+
+<p>»Macht schon ein Ende!« sagte jemand hinter
+der Wand entweder bei den Stubenmalern oder
+bei den Mützenmachern; wahrscheinlich jemand,
+der gekommen war, um die Arbeiter zum
+Streik zu ermuntern.
+</p>
+
+<p>Großmutter fuhr zusammen und wandte sich
+um: in der Tür stand ihr Neffe, der Räuber.
+</p>
+
+<p>»Gib Geld her, Alte!« drang der Räuber auf sie
+ein.
+</p>
+
+<p>Großmutter schüttelte den Kopf: »Du kannst
+mir den Kopf abhacken, aber ich habe nichts!«
+</p>
+<!-- page 053 -->
+
+<p>»Du sagst, du hast nichts?« drang der Räuber
+auf sie ein.
+</p>
+
+<p>»Bei Gott .&nbsp;.&nbsp;. nein .&nbsp;.&nbsp;.«
+</p>
+
+<p>Der Räuber packte die Großmutter am Kragen
+und stieß sie mit der Nase gegen die Kommode.
+</p>
+
+<p>»Such, sage ich!«
+</p>
+
+<p>Großmutter tastete unter dem Heiligenschrein
+herum und reichte dem Räuber wortlos &mdash; sie
+konnte vor Angst die Zunge gar nicht bewegen &mdash;
+die drei Knäuel: den Knäuel Stricke, den Knäuel
+Bindfaden und den Knäuel bunte Schnur, alles,
+was sie während der vielen Jahre zusammengebracht
+hatte .&nbsp;.&nbsp;. Der Räuber hieb auf die Alte mit
+der Faust ein, ein Knäuel kam ins Rollen, Großmutter
+kauerte nieder, wie die Truthenne vor
+Petka, und blieb starr am Boden sitzen.
+</p>
+
+<p>Der Räuber wirtschaftete indessen nach Herzenslust:
+er stürzte Großmutters eisenbeschlagenen
+eichenen Koffer um, warf die ganze Leichenausstattung
+heraus: das Hemd, das Leichentuch,
+die Pantoffeln und die Leinwand, riß die Tür des
+Kleiderschranks auf, sah in den Kleiderschrank
+hinein &mdash; da war nichts! und machte sich an die
+Kommode: er durchstöberte alle Schubladen,
+nahm alles heraus &mdash; aber auch in der Kommode
+war nichts! Die mittlere Schublade ließ sich nicht
+herausziehen: er arbeitete lange an ihr herum
+und konnte nichts machen .&nbsp;.&nbsp;.
+</p>
+
+<p>Das rollende Knäuel weckte das Hähnchen; es
+kam unter dem Sofa hervor, schlug mit den Flügeln
+<!-- page 054 -->
+und krähte mit heiserer Stimme wie um Mitternacht.
+Es krähte zu seinem eigenen Verderben,
+das kleine gelbe Hähnchen mit dem Schöpfchen .&nbsp;.&nbsp;.
+</p>
+
+<p>Der Räuber fing das Hähnchen ein, drehte ihm
+den Hals um und schmiß es der Großmutter vor
+die Füße.
+</p>
+
+<p>»Krepier daran!« Und mit diesen Worten ging
+er.
+</p>
+
+<p>Draußen beim Kuhstall war ein Höllenlärm:
+die Kinder spielten wie ausgelassen. Ein Haufen
+verfolgte den andern. Petka lief mit Geschrei auf
+die Straße hinaus und wollte auf die andere Seite
+hinüber. Eine Patrouille, die von der Sucharewka
+kam und eben an der Chischinschen Fabrik vorüberritt,
+eröffnete Feuer, um sich den Weg frei zu
+machen. Petka fiel mit der Nase in den Schnee,
+griff sich an die Mütze und stand nicht mehr auf.
+</p>
+
+<p>Man brachte den bereits erstarrten Petka mit
+zerrissener Brust und durchschossenem Herzen
+zu Großmutter in den Keller; auch Petkas Mütze
+mit dem Lacklederschirm brachte man mit.
+</p>
+
+<p>So war also das Unglück gekommen, von daher!
+Nun galt es, es hinzunehmen.
+</p>
+
+<p>Großmutter nahm alles hin. So alt sie auch
+war, lebte sie doch noch in ihrer Kellerstube weiter
+und versäumte keinen einzigen Gottesdienst;
+und wenn es beim Nikola Kobylski eine Leiche
+gab, so ging sie hin und wohnte mit einer Kerze
+in der Hand der Totenmesse bei. Sie hatte den
+Teeglasuntersatz mit dem Weintraubenmuster
+<!-- page 055 -->
+und die beiden silbernen Löffel ihrem Neffen gegeben;
+sie hatte es ja für Petka aufbewahrt, und
+Petka brauchte die Sachen nicht mehr! Der Neffe
+verschwand mit dem Untersatz und den Löffeln
+und kam nie mehr zu Großmutter. Und die Truthenne
+ging ein.
+</p>
+
+<p>&rsaquo;Petuschok kommt gegangen, hat die Sonne
+eingefangen!&lsaquo; Petkas Liedchen geht Großmutter
+oft durch den Kopf; sie denkt oft an ihren Petka,
+den Petuschok. Und sie erzählt so leise, als ob jemand
+in der Stube schliefe oder krank wäre und
+sie ihn mit ihrer Stimme zu wecken fürchtete, von
+der Truthenne, vom wunderbaren Ei, vom kalikutischen
+Hähnchen, vom Räuber, und wie sie
+mit Petka an der Sucharewka eine Barrikade gebaut,
+und wie man ihren Petka ganz erstarrt, mit
+zerrissener Brust und durchschossenem Herzen
+und auch Petkas Mütze mit dem lackledernen
+Schirm zu ihr in den Keller gebracht hatte.
+</p>
+
+<p>»Ich ging hin, Väterchen«, erzählte Großmutter
+leise und immer leiser &mdash; »um eine Kerze vor
+der Muttergottes aller Gekränkten anzuzünden:
+ich wollte die Kerze vor das Bild stellen, aber die
+Hand wollte sich nicht heben lassen .&nbsp;.&nbsp;.« Großmutter
+versuchte, ihre zitternde Hand zu heben,
+aber die Hand sank immer wieder herab: es war
+die Kränkung, die unverschuldete, bittere, tödliche
+Kränkung, die ihre Hand lähmte und ihre
+Augen mit Bitternis verdunkelte: und die Hand
+zitterte, sie wollte sich erheben und konnte es
+nicht, und die blauen blutleeren Adern schwollen
+<!-- page 056 -->
+dick an, und die dürren Finger krampften sich
+fest zusammen: so hatte sie das Lichtlein gehalten,
+das sie vor der Muttergottes aller Gekränkten,
+der Muttergottes, die alle unverschuldeten,
+bitteren, tödlichen Kränkungen hinnimmt, anzünden
+wollte .&nbsp;.&nbsp;. »Und ich stellte die Kerze hin!«
+Großmutter schüttelte den Kopf und hob die
+Hand so leicht, wie die Moskauer Wundertäter:
+Maxim der Selige, Wassili der Selige und Johannes
+der Narr in Christo ihre Hände hoben; und
+ihre Hand zitterte nicht mehr. So hielt sie ihr
+Lichtlein, ihr leuchtendes, unauslöschliches
+Flämmchen, das in ihrem Herzen den letzten
+Rest der Kränkung verzehrte, den letzten Rest
+der unverschuldeten, bitteren, tödlichen Kränkung.
+Und ihre Augen leuchteten so still und
+warm: es war der Glaube, der in ihren Augen
+leuchtete, der feste, unerschütterliche Glaube,
+der das Lichtlein, das heilige Flämmchen durch
+jedes Unglück, durch jede Plage, durch alle Not
+trug, da ihr schon alles genommen war: das kalikutische
+Hähnchen und Petka, der Petuschok.
+</p>
+<!-- page 057 -->
+
+<h2 class="chapter" id="chapter-3">
+Prinzessin Mymra</h2>
+
+<h3 class="no">1</h3>
+
+<p class="first">Schön hat es Atja in Kljutschi gehabt: so schön,
+daß er, wenn die Erinnerung daran auch nur in
+einem winzigen Stückchen durch sein Gedächtnis
+huscht, sofort alles übrige, alles, was ihn jetzt
+umgibt, vergißt; der Alte Newski, wo er mit seinen
+Eltern wohnt, das Gymnasium mit den Aufgaben,
+Zensuren und Pausen, alle Lehrer &mdash; vom
+&rsaquo;Deutschen&lsaquo; Iwan Martynytsch bis zum Schönschreiblehrer
+Iwan Jewsejitsch, alle Schüler der
+ersten Klasse und sogar seine Busenfreunde &mdash;
+Romaschka und Charpik &mdash;, alles versinkt und
+verschwindet, als wäre es nie gewesen, als hätte
+es überhaupt niemals etwas anderes in der Welt
+gegeben als das Dorf Kljutschi.
+</p>
+
+<p>»Die Arbeit ist kein Wolf und rennt mir nicht
+davon«, sagt sich Atja. Er legt das verhaßte Lehrbuch
+weg und gibt sich ganz den Erinnerungen
+hin.
+</p>
+
+<p>Oder er erwacht mitten in der Nacht &mdash; es genügt
+auch das leiseste Geräusch: jemand
+schnarcht in der Küche, oder sein Bett knarrt &mdash;,
+und dann ist ihm sofort, als liege er nicht in seinem
+Bett, sondern auf dem grünen Rasen, als sei
+<!-- page 058 -->
+er nicht in Petersburg, sondern fern von hier, im
+geliebten Kljutschi, wo er aufgewachsen war und
+bis zu seinem Eintritt ins Gymnasium bei seinem
+Großvater, dem Landgeistlichen P. Anissim, gelebt
+hatte. Und dann liegt er die ganze Nacht da
+und sucht sich das Rauschen des Windes und der
+Ähren vorzustellen, um endlich wieder einschlafen
+zu können. Der Schlaf will aber nicht kommen.
+Hätte er nur Flügel oder den fliegenden
+Zauberteppich, so würde er sofort allem ade sagen
+und nach Kljutschi fortfliegen.
+</p>
+
+<p>Das Kirchdorf liegt auf einer Anhöhe. Unten
+steht die weiße Kirche. Der Kirche gegenüber
+liegt das Haus des Großvaters mit dem Garten
+und den Bienenstöcken. Gleich hinter dem Zaun
+fließt der Fluß vorbei. Kossa heißt der Fluß. Und
+hinter dem Flusse sind Felder; auch hinter der
+Kirche sind Felder. Und dann kommt wieder
+eine Anhöhe, und dann zieht sich viele Werst
+weit ein Wald hin. Es ist ein dichter, nach Honig
+duftender, noch von keiner Axt berührter Wald.
+Ein Tier kann da noch einigermaßen durchkommen,
+aber der Mensch muß schon gut aufpassen.
+Die Ameisenhaufen sind hier wie Heuschober.
+Wenn man im Herbst in den Wald geht, um Pfifferlinge
+oder Reizker zu suchen, so zündet man
+die Ameisenhaufen an: die Wölfe können den
+Ameisengeruch nicht leiden; es ist ein gutes Mittel
+gegen die Wölfe.
+</p>
+
+<p>Auf dem weißen Kirchturm wohnen die
+Schwalben; es sind ihrer unzählige. Sobald die
+<!-- page 059 -->
+Sonne untergegangen ist, beginnen sie herumzujagen
+und beim Fliegen in ihrer Sprache zu reden.
+Die Schwalben sind alt: jedes Frühjahr kommen
+sie wieder auf den Kirchturm von Kljutschi.
+Was lockt sie her? Das Läuten der ausgeläuteten
+kleinen Kirchenglocken? Oder hängen sie so am
+alten Großvater? Die Schwalben wissen viel und
+können sich wohl an vieles erinnern: wie der
+Großvater noch jung war, wie seine Frau starb,
+wie Atjas Mutter zur Welt kam .&nbsp;.&nbsp;. Und jetzt:
+</p>
+
+<p>»Atja ist wieder da«, rufen die Schwalben.
+»Wie furchtbar groß ist er über den Winter geworden!«
+</p>
+
+<p>Ziegen und Schafe, Kühe und Kälber,
+Schweine und Pferde, Gänse und Truthühner &mdash;
+alle wissen sofort, daß Atja wieder da ist. Tiere
+und Vögel sind ja verständig und empfinden mit
+ihren Haaren und Federn alles.
+</p>
+
+<p>Von der Bahnstation Medwedki kann man,
+wenn man schnell fährt, in einem Tag nach Kljutschi
+kommen. Atja setzt sich in den Korbwagen,
+Fjodor-Kostyl tut einen Pfiff und die kräftigen
+braunen Pferde ziehen an und rasen ohne Weg
+und Steg von Berg zu Berg, von Wald zu Wald,
+von Dorf zu Dorf, daß man kaum Zeit hat, die
+Tore zu öffnen. Der Staub steigt wie Rauch empor;
+an den Straßen stehen aber statt der langweiligen
+Werstpfähle Wotjakenmädchen in seidengestickten
+weißen Kleidern und silberverziertem
+Kopfschmuck. Wotjakische Lieder, wild wie das
+Rauschen des Waldes, tief wie das Tosen des
+<!-- page 060 -->
+Hochwassers, klangvoller als der Gesang des
+Schilfes und heller als die Töne der Schalmei
+schweben grüßend über den Köpfen dahin; und
+der Wind, der aus den Bergen kommt, singt dazu
+bald wehmütig und bald lustig. Klinge, Glöckchen!
+Das Glöckchen ist aber schon müde wie die
+Pferde und kann nur noch dumpf bimmeln.
+Schon ist man an der Mühle vorbeigefahren, der
+Mühlendamm erdröhnt unter den Rädern; da ist
+der Hegeforst, der heilige Hain des Wotjakengottes
+Keremet. Lebt dieser stolze Gott noch, der
+trotzige Bruder Inmars, des Schöpfers von Himmel,
+Erde und Sonne? »Er lebt!« flüstert der
+Hain .&nbsp;.&nbsp;. Und da ist schon Schaimy &mdash; der alte wotjakische
+Friedhof. Wenn man im Dorf das Glöckchen
+hört, rennen alle hinaus: Panja und Sascha
+kommen aus der Küche gestürzt, die Patin, die
+vor Freude plötzlich lahm geworden ist, hinkt
+Atja entgegen, und das Hündchen Griwna beginnt
+zu winseln. Großvater ist nicht dabei: er ist
+in der Kirche.
+</p>
+
+<p>Atja begibt sich sofort zu den Hühnern. Bei
+den Hühnern wohnt aber ein Hase; es ist eigentlich
+nur ein Kaninchen, aber man nennt es einen
+Hasen. Seht doch nur: sonst fürchtet das Tier
+alle Menschen, vor Atja aber hat es gar keine
+Scheu.
+</p>
+
+<p>»Guten Tag, Häschen! Gib schön die Pfote!«
+</p>
+
+<p>Das Häschen hat ihn schon erkannt und
+miaut.
+</p>
+
+<p>Da ist auch schon der Großvater: er konnte es
+<!-- page 061 -->
+nicht länger aushalten, hat die Kirchenbücher
+liegenlassen und kommt gegangen.
+</p>
+
+<p>Am frühen Morgen, sobald das Morgenrot
+sich über Berg und Wald ergießt und die Sonne
+aufsteht, steht auch Atja auf und läuft zum Fluß
+baden. Und dann beginnt sein Arbeitstag: er
+muß den Dünger hinausfahren. Erst wenn der
+Abend anbricht und die untergehende Sonne der
+lockigen Linde einen goldenen Kranz aufsetzt,
+geht Atja, über und über mit Ackererde beschmiert,
+nach Hause. Dann sieht er wirklich
+nett aus! Der Großvater sagt aber:
+</p>
+
+<p>»Das ist mir ein tüchtiger Landwirt!«
+</p>
+
+<p>»Zehn Fuhren habe ich hinausgefahren, Großvater!«
+sagt darauf Atja lachend. Wenn Atja
+lacht, zeigt er seine gesunden, breiten, weißen
+Zähne, und man möchte ihn immer lachen sehen.
+</p>
+
+<p>Der Alte und der Junge halten treu zusammen:
+niemals wird sich der eine ohne den anderen zu
+Tisch setzen. Beim Abendtee liest Atja vor, was
+am betreffenden Tage auf dem Abreißkalender
+steht. Bauernregeln und Wetterprophezeiungen;
+manchmal liest er auch aus einem Buche vor,
+meistens arabische Märchen aus Tausendundeine
+Nacht. Großvater hört gern zu.
+</p>
+
+<p>»Da hast du fünf Kopeken für deine Arbeit,
+aber vernasche sie nicht.«
+</p>
+
+<p>»Was ich im vorigen Jahr zusammengearbeitet
+habe, das habe ich alles in Petersburg vernascht,
+Großvater! Ich habe mir für das Geld
+<!-- page 062 -->
+auch ein Nilpferd angesehen«, sagt Atja lachend.
+Und wenn er lacht, so leuchten seine Augen auf
+wie Glühwürmchen, und allen wird so lustig zumute.
+</p>
+
+<p>Und so vergeht ein Tag nach dem andern, und
+die Zeit fließt dahin wie der Fluß.
+</p>
+
+<p>Nun ist auch schon der &rsaquo;Neunte Freitag&lsaquo; angebrochen.
+Das Volk strömt in Scharen herbei. In
+der Prozession um das Dorf geht Atja mit dem
+Kreuz voran. Hinter den Heiligenbildern kommt
+das Volk, und hinter dem Volk das Vieh: Ziegen,
+Schafe, Hammel, Kühe und Pferde; sie müssen ja
+unbedingt dabei sein! Auch der Hase nimmt an
+der Prozession teil; er geht natürlich nicht wie
+eine Kuh auf den eigenen Beinen, sondern wird
+von der Patin auf den Armen getragen: sonst
+würde er ja gleich in den Wald weglaufen.
+</p>
+
+<p>Man erwartet den Onkel Arkadi. Man spricht
+nur von ihm. Die Patin hat ihn im Traume gesehen:
+er kam weiß gekleidet aus der Speisekammer
+heraus und sprang mit einem Satz auf den
+Dachboden hinauf. Sie traute dem Traum und
+buk zum Tee Pastetchen. Die Pastetchen waren
+gebuttert und so schmackhaft, daß sie von selbst
+im Munde zerschmolzen. Atja aß auch die Portion
+des Onkels Arkadi auf. Wann kommt er
+denn endlich? Die Petrifasten stehen vor der Tür:
+da muß man Gründlinge haben. Ach, wenn man
+doch endlich mit dem Angeln beginnen könnte!
+</p>
+
+<p>Atja ist ein tapferer Junge: er reitet auf jedem
+Pferd und schwimmt im Fluß bei jedem Wetter;
+<!-- page 063 -->
+aber vor den Leichen hat er Angst. Wenn sie vor
+der Einsegnung unter dem Glockenturm stehen,
+fürchtet er sich, abends aus dem Fenster auf die
+Kirche zu schauen, und will um nichts in der
+Welt allein zu Bett gehen: er sieht überall Gespenster.
+Panja oder die Patin oder der alte Wotjake
+Kusmitsch mit der abgehackten Hand müssen
+ihn auf den Dachboden begleiten und ihm
+vor dem Einschlafen Märchen oder sonst etwas
+erzählen; dann schläft er ruhig ein. Wenn man
+aber die Toten in die Kirche bringt oder den Sarg
+auf den Friedhof hinausträgt, läuft Atja jedesmal
+hinaus und lauscht dem Trauergeläute. Der Kirchenwächter
+Kostja schaufelt die Gräber und
+läutet die Glocken. Es sind zehn dumpfe, langsame
+Glockenschläge; die ersten klingen dünn
+und hoch, die folgenden immer tiefer, trauriger
+und unheimlicher; der zehnte dröhnt aber so, als
+ob alle Glocken vom Turm herabstürzten.
+</p>
+
+<div class="poem">
+<p class="line">Heiliger Gott, Heiliger Starker,</p>
+<p class="line">Heiliger Unsterblicher,</p>
+<p class="line">Sei uns gnädig!</p>
+</div>
+
+<p class="noindent">Atja nimmt an jedem Gottesdienst teil. Er steht
+im Chor und singt mit, es kommt dabei aber
+nichts Gescheites heraus: er kann sich unmöglich
+den Küstern anpassen; die Küster sind ja einer
+älter als der andere!
+</p>
+
+<p>»Mein junger Psalmleser«, sagt Großvater anerkennend,
+»morgen müssen wir nach Polom zu
+einem Dankgottesdienst.«
+</p>
+<!-- page 064 -->
+
+<p>Und Atja begleitet seinen Großvater in die
+Dörfer und Kirchdörfer, hält mit ihm Gottesdienste
+ab und ißt Ochsenfleisch mit Brei. Atja
+kommt sich selbst wie ein echter Hilfsgeistlicher
+vor; wenn er älter wird, so wird er auch Geistlicher
+sein wie der Großvater; Onkel Arkadi wird
+ihm nicht mehr das Haar scheren dürfen: er wird
+langes Haar tragen, bis zum Gürtel wird es ihm
+reichen; und er wird es nicht in zwei Zöpfe flechten
+wie der Großvater, sondern in zweiundzwanzig.
+</p>
+
+<p>Onkel Arkadi! Endlich ist er angekommen und
+hat eine Menge Netze und Angeln mitgebracht;
+die Angelhaken allein füllten beinahe den großen
+Reisekorb. Atja angelt. Die Fische lassen sich
+gern von ihm fangen: einmal hat er einen so großen
+Brachsen gefangen, daß keine Pfanne groß
+genug war, um ihn zu braten; man könnte ihn
+wirklich wieder schwimmen lassen. Und Atja
+lacht.
+</p>
+
+<p>An den Abenden gibt es eine neue Zerstreuung:
+die Dohlen. Die Dohlen haben die Angewohnheit,
+jeden Abend vom Felde in den Garten
+zu kommen und im Gartenhause ihr Nachtquartier
+aufzuschlagen. Nach ihrem Besuch sieht es
+aber im Gartenhaus gar nicht schön aus. Aber
+man kann doch nicht wegen der Dohlen den Tee
+im Zimmer trinken! Der Tee will doch mit Behagen
+getrunken werden: man liebt in Kljutschi das
+Teetrinken über alles, besonders aber im Freien.
+Onkel Arkadi pflegt die Dohlen zu verscheuchen:
+<!-- page 065 -->
+er schüttelt die Bäume und schreit so durchdringend
+auf, daß nicht nur die Dohlen davonfliegen,
+sondern auch der Zaun wackelt, die Fenster in
+der Kirche klirren und selbst die noch nicht eingesegneten
+Toten unter dem Glockenturm sich
+irgendwohin verkriechen möchten, zum Beispiel
+in das alte Badehaus. Atja kann es absolut nicht
+lernen, die Dohlen zu verscheuchen und wie der
+Onkel zu schreien.
+</p>
+
+<p>»Großvater, die Bienen singen!« meldet Atja.
+</p>
+
+<p>Nun läßt man alles stehen und liegen; niemand
+denkt mehr an Essen und Trinken. Das ganze
+Haus ist auf den Beinen. Großvater, Onkel Arkadi,
+die Patin, Panja, Sascha, Kusmitsch und
+natürlich auch Atja binden sich Siebe vor die Gesichter,
+kauern den ganzen Tag vor dem Bienenstock
+und warten, bis die Königin ausfliegt. Sobald
+die Königin heraus ist, rennen sie alle wie
+ein Bienenschwarm über Beete und Sträucher,
+springen über Zäune und laufen übers Feld, bis
+sie sie irgendwo im Walde einfangen. Gott sei
+Dank, nun wird es einen neuen Bienenstock geben,
+und der Honig wird über den ganzen Winter
+bis zum Frühjahr reichen.
+</p>
+
+<p>Das Winterkorn ist reif, der Hafer ist gewachsen.
+Bald ist das Fest der Muttergottes von
+Kasan. In Kljutschi ist Jahrmarkt. Der &rsaquo;Seher&lsaquo;
+Syssojuschka kommt zu jedem Jahrmarkt ins
+Dorf Auch viele Gäste kommen. Die Patin bäckt
+einen Fleischkuchen; der ist so gut, daß man für
+ihn alles hingeben möchte. Furchtbar lustig ist es
+<!-- page 066 -->
+dann! Warum dauert das Fest der Muttergottes
+von Kasan nicht das ganze Jahr?
+</p>
+
+<p>Auf der Dorfstraße tanzen die Wotjakenmädchen
+einen Reigen. Sie stellen sich im Kreise auf
+und drehen sich langsam, mit den Absätzen im
+Takte stampfend, zu den eintönigen Klängen der
+Balalaika. So geht es lange langsam im Kreise
+herum; plötzlich schwingen sie die Arme, flattern
+wie Vögel auf und wechseln die Plätze. Und dann
+gehen sie wieder lange und langsam unermüdlich
+im Kreise herum; die Silberschnüre an ihrem
+Kopfputz rascheln ohne Wind, ihre Fingerringe
+funkeln ohne Licht.
+</p>
+
+<p>Onkel Arkadi nimmt Atja mit, um dem Reigen
+zuzusehen. Sie stehen abseits bei den Burschen.
+Die Burschen stehen schweigend da und rühren
+kein Glied. Atja ist es etwas unheimlich zumute;
+bald will er mitten in den Reigen hineinspringen,
+sich mit den Mädchen im Kreise drehen und,
+wenn sie aufflattern, um die Plätze zu wechseln,
+sich wie ein Vogel in die Luft schwingen; bald
+denkt er wieder an die zehn dumpfen Glockenschläge,
+und da krampft sich sein Herz zusammen:
+sind es nicht die Toten, die aus der Kirche
+gekommen sind und sich hier im Reigen drehen?
+Dunkle Nebel umschweben sie, und am Himmel
+leuchten blasse Sterne.
+</p>
+
+<p>»Die Toten geben den Neugeborenen die
+Seele«, sagt Kusmitsch.
+</p>
+
+<p>&rsaquo;Wenn man doch einmal zusehen könnte, wie
+sie das machen&lsaquo;, denkt sich Atja.
+</p>
+<!-- page 067 -->
+
+<p>Kusmitsch ist sein Freund. Kusmitsch hat sich
+einmal mit dem Beil die Hand abgehackt; ohne
+Hand kann man doch nicht arbeiten! Also lebt er
+schon seit vielen Jahren beim Großvater als eine
+Art Kirchenwächter. Atja erfuhr von ihm manches
+Wunderbare; mit vielen Wundern ist er aber
+selbst im Walde zusammengetroffen.
+</p>
+
+<p>Einmal begegnete er im Dickicht dem Waldgott
+Poljeß. Poljeß liebt es, die Leute zu erschrecken,
+die zu ihm in den Wald kommen. Es war
+aber um die Mittagszeit, und in dieser Stunde
+kommt doch niemand in den Wald! Poljeß trieb
+sich darum ohne Beschäftigung umher; er ist
+ganz mager, kaum größer als ein Topf, hat nur einen
+Arm, ein Bein und ein Auge; doch Mund und
+Nase sind wie bei Atja. Viel schrecklicher war
+aber eine andere Begegnung: unter einer alten
+Tanne schnarchte im nassen Moose der schreckliche
+Kus-Pine; er hatte furchtbar lange Zähne,
+und vor seinen Füßen lag ein Haufen abgenagter
+weißer Menschenknochen. Atja warf nur einen
+einzigen Blick auf ihn und lief schnell davon: mit
+dem ist nicht zu spaßen, der frißt einen im Nu
+auf! Und wie er einmal Erdbeeren suchte, kam
+aus dem Graben der Geist Iskal-Pydo heraus.
+Der ist harmlos: er sieht ganz wie Kusmitsch aus
+und trägt auf der Schulter einen dicken Knüppel;
+er hat aber Kuhfüße: zottig und mit Hufen. Atja
+gab ihm von seinen Erdbeeren. Iskal-Pydo aß
+auch wirklich davon.
+</p>
+
+<p>Doch den Waldteufel und den Wassergott hat
+<!-- page 068 -->
+er noch niemals gesehen; er weiß aber ganz genau,
+wo der Wassergott im Flusse seine Wohnung
+hat; und wenn im Frühjahr das Wasser
+steigt und die Dämme zerreißt, weiß Atja sehr
+gut, was das zu bedeuten hat.
+</p>
+
+<p>&rsaquo;Wenn ich nur einmal zum Wassergott auf die
+Hochzeit kommen könnte!&lsaquo; träumt Atja. &rsaquo;Die
+Wasserprinzessin ist so schön, und die Meerprinzessin
+ist noch schöner .&nbsp;.&nbsp;. sie ist wie die Klawdija
+Gurjanowna .&nbsp;.&nbsp;.&lsaquo;
+</p>
+
+<h3 class="no">2</h3>
+
+<p class="noindent">Atja bewahrt alle diese Gedanken in seinem Herzen
+und spricht mit niemand davon. Kljutschi ist
+sein Geheimnis! Selbst seine Busenfreunde Romaschka
+und Charpik sind nur zum Teil eingeweiht;
+nur Klawdija Gurjanowna allein würde er
+alles enthüllen. Warum gerade ihr, das weiß er
+selbst nicht. Aber sie ist einmal so!
+</p>
+
+<p>Er fühlt sich immer zu ihr ins Zimmer hingezogen;
+er liebt es, wenn sie mit ihm Tee trinkt, ihm
+Bonbons und Apfelsinen schenkt und ihn zu lachen
+zwingt; wenn sie ihn auf den Newski in die
+Läden oder in ein Kino mitnimmt. Er weiß, daß
+sie ganz anders ist als alle, daß man eine zweite
+Klawdija Gurjanowna nirgends findet: das weiße
+Gesicht ist stark gepudert, das Haar fällt in gebrannten
+Löckchen auf die Stirn herab, die Lippen
+sind rot geschminkt, die Augen schmal wie
+<!-- page 069 -->
+Ritzen; alles ist an ihr so winzigt, als ob sie überhaupt
+kein Gesicht hätte; ihr Kleid ist vorn ausgeschnitten
+und raschelt so seltsam; auch ihre
+Stimme klingt ganz eigen; niemand spricht so wie
+sie; er könnte ihr immer zuhören und sie immer
+anschauen.
+</p>
+
+<p>Atja kommt oft ohne jeden Grund zu ihr ins
+Zimmer, steht schweigend da und starrt sie an.
+Wenn sie ihn etwas fragt, so antwortet er so
+schüchtern und kurz; daß sie nichts verstehen
+kann.
+</p>
+
+<p>»Ach du dummer, dummer Junge! Lache einmal!«
+sagt Klawdija Gurjanowna und lacht dabei
+selbst mit seltsam tiefer Stimme. Atja glaubt,
+das kann kein gewöhnliches Lachen sein; niemand
+sonst lacht so!
+</p>
+
+<p>Einmal hielt er es nicht aus und sagte:
+</p>
+
+<p>»Schön war es bei uns in Kljutschi .&nbsp;.&nbsp;. Da müßten
+Sie auch einmal hin .&nbsp;.&nbsp;.«
+</p>
+
+<p>»Du weißt also, wo sie sind!« rief Klawdija
+Gurjanowna erfreut. Das war aber ein Mißverständnis:
+&rsaquo;Kljutschi&lsaquo; heißt ja &rsaquo;Schlüssel&lsaquo;, und sie
+hatte gerade an diesem Tage die Schlüssel von ihrem
+Kleiderschrank verlegt und konnte sie unmöglich
+finden.
+</p>
+
+<p>&rsaquo;Es ist noch zu früh&lsaquo;, sagte sich Atja, &rsaquo;es ist
+noch nicht die Zeit .&nbsp;.&nbsp;. Ich muß mich zuvor irgendwie
+auszeichnen, etwas Großes vollbringen,
+dann kann ich alles wagen .&nbsp;.&nbsp;.&lsaquo;
+</p>
+
+<p>Die Mutter sagte am gleichen Abend:
+</p>
+
+<p>»Atja, du sollst doch nicht immer bei Klawdija
+<!-- page 070 -->
+Gurjanowna stecken: das kann ihr unangenehm
+werden, und sie wird ausziehen.«
+</p>
+
+<p>Da sie eine große Wohnung hatten und Atjas
+Vater, der Doktor, in diesem Jahre wenig verdiente,
+mußte ein Zimmer vermietet werden. In
+diesem Zimmer eben wohnte Klawdija Gurjanowna.
+</p>
+
+<p>Ihr Erscheinen brachte neues Leben ins Haus.
+Alle Gespräche drehten sich um sie. Man beschäftigte
+sich nur mit ihr. Man erwies ihr alle
+möglichen Aufmerksamkeiten. Ihretwegen zog
+sich Atjas Mutter das Korsett an, während sie
+früher tagelang im Morgenrock umherging. Ihretwegen
+vermied es der Doktor, beim Mittagessen
+von seinen Operationen zu sprechen. Onkel
+Arkadi besorgte ihr Karten für Theater und
+Konzerte.
+</p>
+
+<p>Sooft von ihr gesprochen wurde, spitzte Atja
+die Ohren und merkte sich jedes Wort.
+</p>
+
+<p>Atja mußte sich jeden Morgen vom Kopf bis
+zu den Füßen waschen: in der Küche wurde ein
+Waschfaß aufgestellt, Atja zog sich aus und plätscherte
+im Wasser.
+</p>
+
+<p>»Du bist nicht mehr so klein, daß du nackt umherlaufen
+kannst«, bemerkte einmal die Mutter.
+»Klawdija Gurjanowna kann dich doch einmal
+sehen.«
+</p>
+
+<p>Dies geschah am ersten oder zweiten Tage
+nach dem Auftauchen der geheimnisvollen
+Dame. Die Worte der Mutter erschienen Atja im
+ersten Augenblick unverständlich; erst später
+<!-- page 071 -->
+wurde ihm der Sinn dieser Worte klar und bestätigte
+seine eigenen Wahrnehmungen.
+</p>
+
+<p>&rsaquo;Vor der Köchin Fjokluschka, vor Mama, und
+in Kljutschi vor der Patin, vor Panja und Sascha
+brauche ich mich nicht zu schämen&lsaquo;, sagte sich
+Atja, &rsaquo;weil sie alle wie die anderen Menschen
+sind; vor ihr darf ich aber nicht ohne Hemd umherlaufen,
+denn sie ist anders als alle: sie ist einzig!&lsaquo;
+</p>
+
+<p>Bald erfuhr er von Fjokluschka, daß Klawdija
+Gurjanowna eine Mätresse, ein ausgehaltenes
+Frauenzimmer, sei. Dieses Wort, das er zum erstenmal
+im Leben hörte, bekam für ihn sofort einen
+ganz anderen Sinn: es bedeutete in seiner
+Vorstellung nicht mehr und nicht weniger als
+den Inbegriff aller Gescheitheit und allen Reichtums.
+</p>
+
+<p>&rsaquo;Ausgehalten, Gehalt .&nbsp;.&nbsp;.&lsaquo; kombinierte Atja.
+&rsaquo;Wenn in meinem Aufsatz kein Gehalt ist, so
+gibt&rsquo;s eine Vier; ist aber im Aufsatz Gehalt, so bekomm
+ich eine Eins. Der Rektor bekommt ein
+großes Gehalt. Gehalt bedeutet Geld.&lsaquo;
+</p>
+
+<p>Nicht umsonst wandten sich alle im Hause,
+wie Atja bald merkte, in schwierigen Fällen an
+Klawdija Gurjanowna, um ihre Meinung zu hören;
+nicht umsonst trug sie eine lange Halskette,
+die ihr bis zu den Knien reichte, und einen weißen
+Pelz mit schwarzen Schwänzchen, wie ihn
+die Kaiserin hat.
+</p>
+
+<p>Der Doktor kam eines Abends sehr spät nach
+Hause und sprach während des Essens kein
+<!-- page 072 -->
+Wort. Als man aber zum Nachtisch einen Auflauf
+reichte, der gerade an diesem Tag nicht aufgegangen
+war, sagte er ziemlich gereizt zu der Mutter:
+</p>
+
+<p>»Es paßt mir gar nicht, daß du eine Prostituierte
+bei uns einquartiert hast .&nbsp;.&nbsp;.«
+</p>
+
+<p>Das war ein schwieriges Wort, und Atja
+konnte es sich unmöglich erklären, sosehr er sich
+auch den Kopf zerbrach.
+</p>
+
+<p>&rsaquo;Es ist natürlich lateinisch&lsaquo;, sagte er sich. &rsaquo;Latein
+kommt erst in der zweiten Klasse. Ich will
+aber nicht bis zum nächsten Jahr warten. Lieber
+werde ich gleich Onkel Arkadi fragen: der versteht
+lateinisch.&lsaquo;
+</p>
+
+<p>Als Onkel Arkadi am nächsten Sonntag zu Besuch
+kam, legte ihm Atja die Frage vor.
+</p>
+
+<p>»Prostituierte«, erklärte Onkel Arkadi, ohne
+mit der Wimper zu zucken, »heißen alle diejenigen,
+die ein Institut absolviert haben. Ein Institut
+ist aber eine Lehranstalt, wo nur Adlige aufgenommen
+werden. Dich würde man zum Beispiel,
+da du nur der Sohn eines Arztes bist, um
+nichts in der Welt aufnehmen, wenn du auch aus
+der Haut fährst.«
+</p>
+
+<p>Atja fuhr beinahe aus der Haut; doch nicht vor
+Verzweiflung darüber, daß er keine Prostituierte
+werden konnte, sondern vor Freude; er hatte also
+doch recht: sie war ganz anders als alle Menschen;
+sie war nicht nur ein ausgehaltenes Frauenzimmer,
+das heißt klug und reich, sondern
+auch eine Prostituierte, das heißt adlig.
+</p>
+<!-- page 073 -->
+
+<p>&rsaquo;Sie ist eine Fürstin&lsaquo;, sagte er sich. &rsaquo;Und wenn
+sie in diesem Jahr eine Fürstin ist, so wird sie
+nächstes Jahr eine Großfürstin sein, und in noch
+einem Jahre &mdash; eine Prinzessin.&lsaquo;
+</p>
+
+<p>»Meine Prinzessin!« flüsterte er vor sich hin,
+sooft er an der Tür des verbotenen Zimmers vorbeiging.
+</p>
+
+<p>Klawdija Gurjanowna hatte niemals Besuch,
+außer einem einzigen Herrn, der entweder ganz
+früh am Morgen oder sehr spät am Abend zu ihr
+kam. Wenn er am Abend kam, so blieb er bis tief
+in die Nacht hinein bei ihr. Er sang, und sie begleitete
+ihn. Alle nannten ihn &rsaquo;den Abgeordneten&lsaquo;.
+</p>
+
+<p>»Der Abgeordnete ist gekommen«, sagte die
+Mutter zu Atja. »Mach nicht solchen Lärm und
+zupfe deine Jacke zurecht.«
+</p>
+
+<p>Wenn der Doktor den Gesang hörte, verzog er
+das Gesicht:
+</p>
+
+<p>»Ist das der Abgeordnete, der da singt?«
+</p>
+
+<p>»Ja, der Abgeordnete«, antwortete die Mutter.
+</p>
+
+<p>Bald erfuhr Atja, wer dieser Gast war.
+</p>
+
+<p>Mutter teilte Onkel Arkadi eines Tages die
+letzte Neuigkeit mit: der Doktor habe sich entschlossen,
+die Zeitung abzubestellen, da zu
+Klawdija Gurjanowna jeden Tag ein Mitglied
+der Reichsduma käme und sie alles viel besser
+wisse als jede Zeitung.
+</p>
+
+<p>&rsaquo;Ein ungewöhnlicher Gast!&lsaquo; sagte sich Atja.
+&rsaquo;Einer aus der Reichsduma! Der bedeutet natürlich
+viel mehr als Iwan Martynytsch und Iwan
+<!-- page 074 -->
+Jewsejitsch. Vielleicht ist er gar so viel wie der
+&rsaquo;Grieche&lsaquo; Kopossow, der Klassenlehrer der dritten
+Klasse.&lsaquo;
+</p>
+
+<p>Einmal begegnete Atja dem Gast im Hausgange
+und verbeugte sich vor ihm wie vor dem
+Schulinspektor. Er stellte fest, daß der Abgeordnete
+ebenso kahlköpfig war wie der Religionslehrer,
+den die Schüler &rsaquo;den Chinesen&lsaquo; nannten, und
+viel schöner gekleidet als Onkel Arkadi. Onkel
+Arkadi war zwar Schauspieler, hätte aber dem
+Abgeordneten nicht einmal die Schuhe putzen
+dürfen.
+</p>
+
+<p>Die Abendstunden verbrachte Klawdija
+Gurjanowna mit der Mutter im Eßzimmer; sie
+sprachen von allen möglichen Dingen. Atja saß
+im Nebenzimmer, tat, als ob er seine Aufgaben
+machte, und hörte dem Gespräch zu. Das Gespräch
+drehte sich meistens um den Abgeordneten.
+</p>
+
+<p>Es stellte sich allmählich heraus, daß er verheiratet
+war und zwei erwachsene Töchter hatte;
+seine Frau liebte er so sehr, daß er ohne sie gar
+nicht atmen konnte. Die bittere Notwendigkeit
+zwang ihn aber, fern von ihr in Petersburg zu leben;
+statt sich Briefe zu schreiben, wechselten sie
+tagtäglich Telegramme.
+</p>
+
+<p>»Als ich ihn kennenlernte«, erzählte einmal
+Klawdija Gurjanowna, »sagte er mir: Meine
+liebe Klawdija Gurjanowna, ich kann ohne Sie
+nicht leben; bleiben Sie in Petersburg, solange
+ich Mitglied der Reichsduma bin.«
+</p>
+<!-- page 075 -->
+
+<p>»Meine Prinzessin«, flüsterte Atja, über dem
+Lesebuch sitzend, »ich bleibe aber ewig bei dir!«
+</p>
+
+<p>Klawdija Gurjanowna sang meisterhaft.
+Wenn sie allein in ihrem Zimmer war, sang sie oft
+ein Straßenlied, das man sonst mit Ziehharmonikabegleitung
+im dritten Hinterhof singt. Die
+Worte handelten von Liebe: er liebte sie, sie
+liebte ihn nicht, dann heiratete sie einen anderen,
+und die Sache war aus; aber er liebte sie noch immer,
+kann sie nicht vergessen, &rsaquo;irrt wie ein Grashalm&lsaquo;
+unter den Menschen umher und &rsaquo;sieht sie
+immer und überall vor sich&lsaquo; .&nbsp;.&nbsp;.
+</p>
+
+<div class="poem">
+<p class="line">O wär diese Nacht</p>
+<p class="line">Nicht so schwül, nicht so schön,</p>
+<p class="line">So müßt nicht das Herz</p>
+<p class="line">Vor Wehmut vergehn .&nbsp;.&nbsp;.</p>
+</div>
+
+<p class="noindent">Atja hörte in diesem Liede etwas, was seinen eigenen
+Gefühlen verwandt war: auch seine Prinzessin
+stand &rsaquo;immer und überall&lsaquo; vor ihm.
+</p>
+
+<p>Es war ihm, als ob die ganze Welt nur ihretwegen
+existierte; man durfte aber weder laut von ihr
+sprechen, noch ihren Namen nennen. Alle warteten
+auf sie und bewahrten diese Erwartung wie
+ein Heiligtum in ihren Seelen. Das war der
+Grund, warum man in Kljutschi, wenn in der
+Ferne das Glöckchen ertönte, vor das Tor hinauslief
+und mit stockendem Atem auf die Straße
+blickte: ob sie nicht schon käme? Und wenn
+Großvater in der Kirche die Messe las, wenn er
+die Arme hob und leise über dem Kelch betete, so
+<!-- page 076 -->
+betete er zu ihr. Und wenn die Patin lustig war,
+wenn ihr alles gut gelang, so kam es daher, weil
+sie von ihr geträumt hatte. Und wenn Sascha und
+Panja den ganzen Tag lachten, ohne selbst zu
+wissen warum, so hatten sie wohl irgendwie erfahren,
+daß sie nach Kljutschi kommen sollte.
+Und wenn Kusmitsch ein Märchen plötzlich abbrach
+und sagte, daß er das Ende nicht erzählen
+werde, und über seine Lippen ein Lächeln glitt,
+so war auch das verständlich: das Ende des Märchens
+handelte von ihr; wie konnte er das geheime,
+unaussprechliche Wort aussprechen?
+Atja selbst dachte immer nur an sie; darum
+lachte er, darum leuchteten seine Augen .&nbsp;.&nbsp;.
+</p>
+
+<p>»Atja hat sich in Klawdija Gurjanowna verliebt,
+ich gratuliere!« scherzte die Mutter.
+</p>
+
+<p>»Folglich bleibt er das zweite Jahr in der ersten
+Klasse sitzen!« fügte Onkel Arkadi kaltblütig
+hinzu.
+</p>
+
+<p>»Armes Kind!« jammerte die Köchin Fjokluschka.
+</p>
+
+<p>»Mich haben alle Kinder lieb!« lachte Klawdija
+Gurjanowna mit ihrer tiefen Stimme.
+</p>
+
+<p>&rsaquo;Ich muß mich irgendwie auszeichnen, anders
+geht es nicht&lsaquo;, dachte sich Atja. &rsaquo;Ich muß Indien
+oder das Weiße Meer erobern. Dann gebe ich ihr
+ein Zeichen, sie wird alles erfahren und sich offenbaren
+.&nbsp;.&nbsp;.
+</p>
+
+<p>O meine Prinzessin!&lsaquo;
+</p>
+<!-- page 077 -->
+
+<h3 class="no">3</h3>
+
+<p class="noindent">Die Hoffnung, den nächsten Sommer in Kljutschi
+zu verbringen, fiel ins Wasser. Der Doktor
+sagte: wenn Atja das zweite Jahr in derselben
+Klasse sitzenbleibe, so sei an Kljutschi gar nicht
+zu denken; dann blieben alle den ganzen Sommer
+in Petersburg. Das Frühjahr brach aber schon
+an, das letzte Semester ging zu Ende, und Atjas
+Schicksal mußte sich bald entscheiden; und es
+war klar, daß es sich nicht zu seinen Gunsten entscheiden
+werde.
+</p>
+
+<p>Während der Schönschreibstunde spielten
+Charpik und Atja das &rsaquo;Federnspiel&lsaquo;: die Schreibfeder
+wird mit dem Finger emporgeschnellt, und
+je nachdem sie mit dem Rücken oder mit der
+Wölbung nach oben zu liegen kommt, hat man
+sie gewonnen oder verloren. Als Charpik wieder
+einmal eine Feder verlor, gab er das Spiel auf und
+sagte:
+</p>
+
+<p>»Willst du mit mir nach Amerika durchbrennen?«
+</p>
+
+<p>»Ja«, antwortete Atja.
+</p>
+
+<p>»Romaschka kommt auch mit.«
+</p>
+
+<p>»Wie wollen wir das machen?«
+</p>
+
+<p>»Das weiß ich ganz genau. Wir beide haben
+uns schon seit Weihnachten den Kopf darüber
+zerbrochen. Wir wollten dir nichts sagen, ehe wir
+ganz im klaren waren .&nbsp;.&nbsp;. Hast du ein Amerika?«
+</p>
+
+<p>»Papa hat im Sprechzimmer ein Afrika hängen.«
+</p>
+<!-- page 078 -->
+
+<p>»Mit Afrika können wir nichts anfangen. Ich
+muß noch Romaschka fragen. Sein Vater ist Architekt,
+also muß er eine Karte von Amerika haben.
+Wir wollen uns eine unbewohnte Insel aussuchen
+und uns da niederlassen.«
+</p>
+
+<p>»Wir werden uns auch ein Schloß bauen!« rief
+Atja aus.
+</p>
+
+<p>»Ein Schloß oder einen Palast, ganz wie du
+willst!«
+</p>
+
+<p>»Und außer uns wird keine Seele dort sein?«
+</p>
+
+<p>»Niemand, nur die Nilpferde.«
+</p>
+
+<p>&rsaquo;Nun geht es los&lsaquo;, dachte sich Atja. &rsaquo;Jetzt heißt
+es handeln. Charpik und Romaschka sind so
+durchtriebene Bestien, daß sie auch ans Ende der
+Welt den Weg finden.&lsaquo;
+</p>
+
+<p>Am nächsten Tage brachte Romaschka die
+Karte von Südamerika mit; die Karte war unbezeichnet
+und unvollständig: nur ein Viertelblatt,
+aber es war immerhin Amerika.
+</p>
+
+<p>Die Stunde, die sie an diesem Tage auf Geheiß
+des Lehrers für Deutsch Iwan Martynytsch für
+eine Reihe von Streichen nachsitzen mußten,
+verging mit Besprechungen. Charpik und Romaschka
+nahmen die Oberleitung in die Hand
+und weihten Atja in alle Einzelheiten ihres Planes
+ein. Dann nahm man ein Blatt Papier und begann
+unbewohnte Inseln zu entwerfen. Schließlich
+einigte man sich auf eine Insel, legte die
+Karte zusammen und beschloß, am nächsten
+Tage, gleich nach der Schule, aufzubrechen.
+</p>
+
+<p>»Kommt beide direkt zum Bahnhof und wartet
+<!-- page 079 -->
+dort auf mich; ich werde Geld mitbringen«,
+sagte Charpik.
+</p>
+
+<p>»Eigentlich müßte man auch einen Paß haben«,
+meinte Romaschka.
+</p>
+
+<p>»Den Paß werde ich beschaffen«, erklärte Atja;
+es fiel ihm ein, daß Onkel Arkadi erst vor kurzem
+nach Moskau gereist war und aus Versehen den
+Paß der Köchin mitgenommen hatte; mit diesem
+Paß hatte er eine ganze Woche ohne Schwierigkeiten
+gelebt.
+</p>
+
+<p>Es war also abgemacht: Charpik bringt das
+Geld, Atja den Paß und Romaschka die Karte.
+</p>
+
+<p>Wenn es doch schon morgen wäre!
+</p>
+
+<p>Atja tat die ganze Nacht kein Auge zu. So sehr
+war er mit seinen Gedanken beschäftigt. Er
+dachte aber nicht an Kljutschi, sondern an Amerika;
+auf der unbewohnten Insel wird er ein
+Schloß erbauen, wie es noch niemand gehabt hat;
+ein Schloß aus Pfauenfedern mit goldenen und
+silbernen Treppen, mit Fenstern aus Edelsteinen:
+in einem mit Nilpferden bespannten Wagen
+wird er seine Prinzessin hinbringen; und sie werden
+da ewig mitten im Meere unter der ewigen
+Sonne zusammenleben. Sie wird Prinzessin
+Mymra heißen, und die Insel, die er ihr schenken
+wird, soll ihren Namen tragen: Insel der Mymra.
+Dann wird er auch viele andere Inseln und zuletzt
+alle Länder der Erde für sie erobern. Und
+dann wird sie aus dem Schlosse treten und über
+die ganze Welt leuchten.
+</p>
+
+<p>Atja, Charpik und Romaschka benahmen sich
+<!-- page 080 -->
+während der Stunden ziemlich anständig und
+machten keine Dummheiten; sie waren auffallend
+zerstreut und redeten, wenn sie aufgerufen
+wurden, ganz ungereimtes Zeug. Ein jeder von
+ihnen kriegte einen Vierer. Das war ihnen aber
+schon ganz gleich.
+</p>
+
+<p>Als die letzte Stunde vorüber war und Atja mit
+heller Stimme das Schlußgebet vorgesprochen
+hatte, warf Charpik alle seine Lehrbücher unter
+die Bank und rannte nach Hause.
+</p>
+
+<p>Charpiks Eltern waren nicht zu Hause: der
+Vater war auf dem Gericht und die Mutter in der
+Stadt; nur die Köchin Wassilissa war allein da.
+</p>
+
+<p>»Wassilissa, gib mir bitte drei Rubel«, bat
+Charpik.
+</p>
+
+<p>Wassilissa besaß aber eine solche Summe
+nicht. Charpik stand noch eine Weile in der Küche
+herum und ging dann ins Arbeitszimmer seines
+Vaters. Er brauchte nicht lange zu suchen:
+unter einer alten Aktentasche lag etwas Kleingeld.
+Charpik zählte nach: es waren genau drei
+Rubel. Dieses Glück!
+</p>
+
+<p>»Leb wohl, Wassilissa, wir werden uns nie
+mehr wiedersehen«, sagte Charpik, an der
+Schwelle stehen bleibend.
+</p>
+
+<p>»Wo fährst du denn hin?« fragte Wassilissa interessiert.
+</p>
+
+<p>Der Abschied von Wassilissa stimmte Charpik
+plötzlich sehr traurig; er war schon im Begriff,
+das Geheimnis auszuplaudern, beherrschte sich
+aber noch zur rechten Zeit.
+</p>
+<!-- page 081 -->
+
+<p>»Auf den Nikolajewer Bahnhof. Leb wohl!«
+</p>
+
+<p>Atja und Romaschka trieben sich indessen auf
+dem Finnländischen Bahnhof umher; viele Züge
+waren schon abgegangen, als Charpik endlich erschien.
+Ohne lange Geschichten zu machen,
+kauften sie sich Fahrkarten nach Terioki, stiegen
+in den Zug und &mdash; leb wohl, Gymnasium, lebe
+wohl, Rußland! Sie reisten nach Amerika, geradeswegs
+auf die unbewohnte Insel der Mymra.
+</p>
+
+<p>Unterwegs war es sehr lustig. Sie sangen die
+Marseillaise und rauchten. Die Landschaft, die
+sie aus den Kupeefenstern sahen, erschien ihnen
+als Amerika, und alle Fahrgäste als Detektive
+und Sherlock Holmes.
+</p>
+
+<p>Vor der Grenzstation Kuokkala holte Atja aus
+seiner Hosentasche den Paß der Köchin Fjokluschka
+hervor und zeigte ihn stolz den Freunden.
+</p>
+
+<p>»Jetzt können wir auch zum Teufel fahren: der
+Paß ist echt«, äußerte sich Charpik anerkennend.
+</p>
+
+<p>»Jeder Detektiv fällt darauf herein«, bestätigte
+Romaschka.
+</p>
+
+<p>So kamen sie glücklich in Terioki an.
+</p>
+
+<p>Sie stiegen aus und begaben sich nach den
+Sommerhäusern, die um diese Jahreszeit noch
+leer standen. Hier trieben sie sich bis zum späten
+Abend herum und taten alles, was ihnen nur einfiel.
+Sie kletterten über die Dächer, die Treppen
+und Bäume; Romaschka machte den Vorschlag,
+ein Bad zu nehmen, das scheiterte aber daran,
+daß sie zu faul waren, sich auszuziehen.
+</p>
+
+<p>Allmählich wurde es kalt, und die drei
+<!-- page 082 -->
+Freunde verspürten auch Hunger: sie hatten ja
+nichts zu Mittag gegessen. Also kehrten sie auf
+den Bahnhof zurück und kauften sich ein großes
+süß-saures Brot, das sie im Nu verzehrten. Nun
+mußten sie auch an ein Nachtquartier denken. Es
+war zu kalt, um auf dem Geleise zu nächtigen,
+außerdem schneite es. Auf dem Bahnhof konnten
+sie nicht bleiben, da er für die Nacht geschlossen
+wurde. Sie überlegten lange hin und her und entschlossen
+sich, den Stationsdiener zu bitten, in
+seinem Häuschen übernachten zu dürfen.
+</p>
+
+<p>Der Stationsdiener war freundlich und ließ
+sich leicht überreden. Doch ehe er sie zu sich hereinließ,
+mußten sie den Bahnhof aufräumen und
+die Geleise kehren.
+</p>
+
+<p>Sie räumten den Bahnhof auf und kehrten die
+Geleise; nachher schliefen sie aber so fest, wie sie
+in ihrem Leben noch niemals geschlafen hatten.
+Sie sahen im Traume allerlei Süßigkeiten: ganze
+Schachteln voll Schokolade, Fruchtpasten und
+gewöhnliche Bonbons: iß, soviel du willst!
+</p>
+
+<p>Hätte sie der Stationsdiener nicht geweckt, so
+hätten sie am Ende auch den Tag über durchgeschlafen.
+»Steht auf, ihr Sünder!« Sie gingen wieder
+auf den Bahnhof kauften sich für das letzte
+Geld ein neues süßsaures Brot, stärkten sich etwas
+und waren schon im Begriff, sich wie gestern
+zu den Sommerhäusern zu begeben, als plötzlich
+in der Tür ein Gendarm erschien.
+</p>
+
+<p>»Wo wollt ihr hin?« fragte er ziemlich ungnädig.
+</p>
+<!-- page 083 -->
+
+<p>»Wir sind aus der Nasarowschen Villa«, antwortete
+Romaschka, der den letzten Sommer in
+Terioki verbracht hatte und sich da auskannte.
+</p>
+
+<p>»Aus der Nasarowschen Villa?« fragte der
+Gendarm. Dann wechselte er einige Worte mit
+einem Herrn in Zivil, der neben ihm stand, offenbar
+ein Detektiv, und sagte sehr böse:
+</p>
+
+<p>»Ihr seid verhaftet!«
+</p>
+
+<p>In diesem Augenblick kam ein Zug, der nach
+Petersburg weiterging, und die drei Reisenden
+stiegen, in Begleitung des Gendarmen und des
+Detektivs, gesenkten Hauptes ein.
+</p>
+
+<p>&rsaquo;Was werde ich nun meiner Prinzessin sagen,
+wie werde ich zu ihr zurückkehren? Wo ist mein
+Indien, mein Weißes Meer und die unbewohnte
+Insel? Wird sie mich noch in Gnaden aufnehmen,
+oder ist alles verloren?&lsaquo; Mit diesen Fragen quälte
+sich Atja ab, indem er aus dem Fenster auf die
+nasse schwarze Landstraße blickte.
+</p>
+
+<p>Charpik und Romaschka rückten unruhig hin
+und her: einen jeden erwartete seine Tracht Prügel!
+Lebe wohl, Amerika!
+</p>
+
+<h3 class="no">4</h3>
+
+<p class="noindent">Die folgenden Tage gingen entsetzlich langsam
+hin. Das Wiedersehen auf dem Bahnhof war übrigens
+gar nicht so schrecklich: Atjas Mutter
+weinte beinahe vor Freude; auch im Gymnasium
+lief die Sache gar nicht schlimm ab: Atja wurde
+<!-- page 084 -->
+sogar zu den Prüfungen zugelassen. Aber welchen
+Wert hatte für ihn noch das Gymnasium?
+Er hatte ja die Insel nicht erobert! Was konnte er
+mit leeren Händen anfangen? Ist das ein Leben!
+Klawdija Gurjanowna lachte über ihn und
+nannte ihn nur noch &rsaquo;Amerikaner a. D.&lsaquo;
+</p>
+
+<p>»Ich muß mir etwas Neues ausdenken«, quälte
+sich Atja. »Ich muß mir einen Finger abhacken
+und ihn ihr bringen, oder ein Auge ausstechen .&nbsp;.&nbsp;.
+Soll sie es nur fühlen!«
+</p>
+
+<p>»Der Großvater hat Schuld«, klagte die Mutter
+dem Doktor. »Ich weiß ja, was sie dort in
+Kljutschi treiben. Der Bengel ist ganz außer
+Rand und Band und will nichts lernen. Bald verliebt
+er sich in Klawdija Gurjanowna, bald phantasiert
+er von einer Mymra .&nbsp;.&nbsp;.«
+</p>
+
+<p>Der Doktor vertrat in seiner Praxis die Ansicht,
+daß jeder Unsinn von Magenverstopfung
+käme, und behandelte daher seine Patienten vorwiegend
+mit einem Gemisch aus Bier und Rizinusöl;
+auch in Erziehungsfragen war er stets für
+die Anwendung ebenso radikaler Mittel. Er beschloß
+daher, Atja bei der ersten Gelegenheit ordentlich
+zu verhauen. Die Umstände fügten es
+aber, daß es ihm auf keine Weise gelingen wollte,
+Atja zu diesem Behufe einzufangen: entweder
+hatte er keine Zeit, oder Atja war gerade im
+Gymnasium, oder er war zwar nicht im Gymnasium,
+aber nicht aufzufinden: als ob er in die Erde
+versunken wäre.
+</p>
+
+<p>Eines Morgens sah der Doktor ins Kinderzimmer
+<!-- page 085 -->
+hinein: Atja saß im Hemd auf dem Bett und
+dachte über etwas nach. Der Doktor schlich mit
+verhaltenem Atem zu ihm hin: nur noch ein
+Schritt, &mdash; und er wird Atja erwischt und ihn so
+durchgebleut haben, daß er sein Lebtag daran
+denken wird; der Riemen in seiner Hand zittert
+bereits vor Freude. Atja ist aber nicht so dumm,
+sich gutwillig zu ergeben. Hopp &mdash; die Fersen flimmerten
+nur so in der Luft! Rette sich wer kann!
+Ohne viel zu überlegen, rannte er wie der Blitz zu
+Klawdija Gurjanowna.
+</p>
+
+<p>Die Tür war nicht verschlossen. Klawdija
+Gurjanowna lag noch im Bett. Atja kroch zu ihr
+unter die Bettdecke. Er hörte noch, wie der Doktor
+eine Weile draußen vor der Tür stand und
+schließlich mit langer Nase abzog.
+</p>
+
+<p>»Oh, du meine Prinzessin! Du hast mich vom
+Tode errettet«, flüsterte Atja. Ihm war schwindelig
+vor Glück. »Du wirst mir vergeben: ich bin eigenmächtig,
+ohne eine Insel, ohne irgend etwas
+zu dir gekommen .&nbsp;.&nbsp;. Du wirst mir vergeben .&nbsp;.&nbsp;. Es
+ist mir noch nicht gelungen, dir ein Königreich
+zu verschaffen; ich werde es aber noch beschaffen:
+Indien, das Weiße Meer, alle Inseln und alle
+Länder .&nbsp;.&nbsp;. und alles, alles .&nbsp;.&nbsp;.«
+</p>
+
+<p>Ihm stockte der Atem .&nbsp;.&nbsp;. ihm war, als hätte
+seine Seele ihre Seele mit solcher Gewalt umarmt,
+daß sein Herz plötzlich herausspringen
+wollte und sein ganzer Körper erbebte: sie war
+ihm jetzt so nahe, die unzugängliche, stolze Prinzessin
+Mymra.
+</p>
+<!-- page 086 -->
+
+<p>Klawdija Gurjanowna bedeckte ihr Gesicht,
+mit der Hand und lachte in sich hinein.
+</p>
+
+<p>»Darf ich?« fragte plötzlich eine Stimme hinter
+der Tür.
+</p>
+
+<p>»Sofort!« Sie stieß Atja zurück und wies ihn
+mit der Hand unter das Bett.
+</p>
+
+<p>Atja huschte gehorsam unter das Bett und verharrte
+dort mit angehaltenem Atem und geschlossenen
+Augen: er glaubte, wenn er niemanden
+sähe, so würde auch ihn niemand entdecken.
+Er kauerte unter dem Bett genauso wie einst in
+Kljutschi im Geflügelstall, als er Gänseeier auszubrüten
+versucht hatte. Er atmete nicht, er sah
+nichts, er hörte aber alles.
+</p>
+
+<p>Es war der Abgeordnete. Er entkleidete sich.
+Er legte den Rock ab, zog dann die Schuhe aus.
+Ein Kragenknopf fiel hinunter, rollte klirrend
+über den Boden und blieb unter dem Bett vor Atjas
+Füßen liegen. Atja wurde es unerträglich
+heiß: als ob es nicht ein Kragenknopf, sondern
+eine glühende Kohle wäre, die ihn mit fürchterlicher
+Glut anhauchte. Die beiden sprachen miteinander.
+Es waren ganz gewöhnliche Worte, wie
+sie von allen und zu allen gesprochen werden.
+Atja überlief es aber beim Zuhören bald heiß und
+bald kalt. Die Worte klangen für ihn wie die gemeinsten
+Schimpfworte. Plötzlich hatte er begriffen,
+daß sie nicht die einzige, nicht die Prinzessin,
+sondern so wie die andern war, um kein Haar anders.
+.&nbsp;. Und er sah sich in einer Wüste .&nbsp;.&nbsp;. Er
+drückte sich die Ohren zu, um nichts zu hören,
+<!-- page 087 -->
+hörte aber jedes Wort; es war ihm, als ob man ihn
+schlüge, wie man einmal in Kljutschi einen Dieb,
+der sich unter das Bett in der Küche verkrochen,
+geschlagen hatte: auf das Gesicht, den Kopf, den
+Bauch: seine Augen blickten schon ganz gläsern,
+er war halb tot. »Macht doch schon ein Ende mit
+ihm!« &mdash; »Nein«, riefen die andern, »der soll nur
+warten!« Und man ließ ihn für eine Weile los,
+und schlug ihn dann wieder .&nbsp;.&nbsp;. Atja war es plötzlich,
+als ob man ihm mit dem stumpfen Ende eines
+Beiles einen Schlag auf den Schädel versetzt
+hätte .&nbsp;.&nbsp;. Alles stürzte zusammen .&nbsp;.&nbsp;. Es war wie
+der Tod .&nbsp;.&nbsp;.
+</p>
+
+<p>Erst als der Gast das Haus verlassen hatte und
+Klawdija Gurjanowna sich ankleidete, kroch
+Atja unter dem Bett hervor. Er blickte sie nicht
+mehr an und gab ihr auf die Frage, ob er sie am
+Nachmittag auf den Newski begleiten möchte,
+keine Antwort.
+</p>
+
+<p>Ohne Bücher und ohne Frühstück ging Atja
+ins Gymnasium. Er sah nicht, was um ihn her
+vorging. Er wußte selbst nicht, wie er schließlich
+doch ins Gymnasium kam. Bald nach Beginn der
+ersten Stunde bat er, austreten zu dürfen. Der
+Lehrer erlaubte es ihm. Er ging aus der Klasse
+und war nun allein in einem leeren Raume; irgendwo
+tröpfelte Wasser. Und jetzt erinnerte er
+sich an alles: die Erinnerung wälzte sich ihm auf
+die Seele wie ein schwerer Stein! Seine Prinzessin
+war nicht mehr .&nbsp;.&nbsp;. Tränen rollten ihm die Wangen
+hinab. Atja weinte zum erstenmal in seinem
+<!-- page 088 -->
+Leben. So wird die Erde zum letztenmal weinen,
+wenn vom Himmel die Sterne stürzen.
+</p>
+
+<div class="poem">
+<p class="line">O wär diese Nacht</p>
+<p class="line">Nicht so schwül, nicht so schön,</p>
+<p class="line">So müßt nicht das Herz</p>
+<p class="line">Vor Wehmut vergehn .&nbsp;.&nbsp;.</p>
+</div>
+
+<p class="noindent">Das Lied einer Straßensängerin drang von irgendwoher
+in den Hof des Gymnasiums und kam
+aus dem Hof, zugleich mit der Frühlingsluft, zum
+Fenster herein. Und Atja lächelte unter Tränen.
+</p>
+
+<p>Wo soll er nun seinen Stern &mdash; seine Prinzessin
+suchen?
+</p>
+<!-- page 089 -->
+
+<h2 class="chapter" id="chapter-4">
+Das Opfer</h2>
+
+<h3 class="no">1</h3>
+
+<p class="first">Jeder, der das alte Suchotinsche Gut &rsaquo;Gottessegen&lsaquo;
+auch nur einmal besucht hat, wird es mit gutem
+Gewissen loben können. Nicht zum Spott
+trug es von alters her seinen Namen, und einen
+besseren könnte man, soviel man auch klügelte,
+gar nicht finden: es gab zwar in seinen Gärten
+keine Weintrauben, auch sangen da keine Paradiesvögel,
+doch der Segen Gottes ruhte sichtbar
+auf dem guten Lande.
+</p>
+
+<p>Das alte, von Säulen flankierte Herrenhaus, die
+Ahornallee, der Obstgarten, die Wiesen, Felder
+und Wälder, Vieh und Menschen &mdash; kurz alles, was
+es in Gottessegen gab, rief nicht nur bei den Nachbarn,
+sondern auch bei jedem andern Menschen,
+der auf der Durchreise geschäftlich oder sonst aus
+irgendeinem Grunde in die Gegend kam, helles
+Entzücken hervor; selbst bei dem blasierten, elegant
+zurechtgestutzten Petersburger und dem zerzausten,
+verwöhnten Moskauer.
+</p>
+
+<p>Das Haus war reich, wohl bestellt und in musterhafter
+Ordnung. Bei Gott &mdash; da brauchte man
+keine Biene zu beneiden!
+</p>
+
+<p>Der Gutsherr Pjotr Nikolajewitsch Suchotin
+<!-- page 090 -->
+selbst war durch seine Einfälle und Witze weit
+und breit bekannt: wenn er in eine beliebige Gesellschaft
+kam und bloß den Mund öffnete, so
+verstummte für keinen Augenblick das Lachen.
+Alle lachten mit &mdash; Bekannte und Unbekannte.
+Ganz ohne Unterschied.
+</p>
+
+<p>Sonderbar war das Gesicht dieses stark ergrauten,
+sich immer gleichbleibenden Herrn. Die
+Jahre gingen, er hatte die Vierzig längst hinter
+sich, und doch lag immer der gleiche Ausdruck auf
+seinen unveränderlichen, gleichsam versteinerten
+Zügen; wenn sich alle in Lachkrämpfen wanden,
+blieb das totenblasse Gesicht des Sonderlings
+ganz regungslos, und niemand sah ihn lachen oder
+lächeln. Man sah nur unheimliche Funken in seinen
+unbeweglichen, eingefallenen Augen glimmen.
+Wenn er mit seinen Witzen nur so um sich
+warf, mußte man seltsamerweise immer an eine
+mechanische sprechende Puppe denken, und als
+jemand einmal versuchte, das, was er sprach, aufzuschreiben,
+da standen auf dem Papier ganz gewöhnliche
+Worte ohne jede komische Wirkung.
+</p>
+
+<p>Obwohl also sein seltsames Aussehen sowenig
+zu seinen Scherzen paßte, fiel es doch niemandem
+ein, zu untersuchen, worauf die Wirkung
+seiner Worte beruhte und warum sie überall Lachen
+und Fröhlichkeit hervorriefen. Es gibt aber
+Menschen, die gern jedem Rätsel auf den Grund
+kommen &mdash; solche Käuze findet man überall &mdash;, und
+diese gaben eine treffende Erklärung: sie sprachen
+von geschicktem Mienenspiel, von fein berechnetem
+<!-- page 091 -->
+Satzbau, vom ungewöhnlich scharfen Blick
+seiner Augen &mdash; alles war ihnen klar und verständlich.
+Glücklicherweise merkte sich niemand diese
+abgeschmackten Erklärungen. Niemand fragte
+nach den Gründen, alle kugelten sich vor Lachen
+&mdash; was wollte man noch mehr?
+</p>
+
+<p>Pjotr Nikolajewitsch bekleidete keinerlei Ämter
+und zeigte auch gar kein Interesse für öffentliche
+Angelegenheiten. Vor Jahren war er einmal
+zum Adelsmarschall des Bezirks gewählt worden.
+Man denkt noch heute mit Grauen an diese
+Zeit! Niemand kann zwar behaupten, direkte
+Unannehmlichkeiten während Suchotins Amtstätigkeit
+gehabt zu haben; im Gegenteil: es war
+die lustigste Zeit, und alle Amtsgeschäfte wurden
+von ihm in überaus lustige Streiche verwandelt;
+doch im Resultat entstand ein solches Durcheinander,
+es kamen solche Ungereimtheiten und
+noch Gott weiß was für Dinge an den Tag, daß
+sich niemand mehr auskannte. Jeder, der Pjotr
+Nikolajewitsch nicht genauer kannte, mußte im
+besten Falle glauben, der Adelsmarschall sei
+nicht bei Trost. Ich glaube sogar, daß in Petersburg
+&mdash; in einem Salon oder bei einem Vortrag
+beim Minister &mdash; sich jemand gerade in diesem
+Sinne ausgesprochen hat. Zum Glück hatte das
+keine weiteren Folgen.
+</p>
+
+<p>Jeder Mensch hat doch seine Eigenheiten;
+warum sollte da Pjotr Nikolajewitsch eine Ausnahme
+bilden?
+</p>
+
+<p>Pjotr Nikolajewitsch hatte die Passion, alles zu
+<!-- page 092 -->
+ordnen und aufzuräumen; er machte das auf eine
+so scharfsinnige Weise, daß es nachher sehr
+schwer und oft sogar ganz unmöglich war, einen
+von ihm eingeräumten Gegenstand zu finden:
+viele Dinge, und selbst solche, die man dringend
+brauchte, gingen spurlos verloren. Dann liebte er
+es, die Möbel &mdash; Tische, Stühle und Etageren &mdash;
+umzustellen, Bilder umzuhängen und die Bücher
+in der Bibliothek umzuordnen; damit füllte er gewöhnlich
+den ganzen Vormittag aus. Beim Mittagessen
+bevorzugte er die süßlichen Fleischspeisen,
+wie Eingeweide, Hirn und Kalbsfüße, und
+da er im Essen unmäßig war, verdarb er sich oft
+den Magen und klagte über Leibschmerzen. Eine
+weitere Liebhaberei von ihm war das Heizen der
+Zimmeröfen: es fror ihn beständig, und er ging
+mit einem langen Schürhaken von Ofen zu Ofen
+und rührte die Glut um. Er liebte es, sich mit
+Dienstboten und Bauern in Gespräche einzulassen;
+obwohl solche Gespräche immer mit der
+Erörterung ernsthafter Angelegenheiten begannen,
+endeten sie doch immer mit irgendeinem
+Unsinn, was höchst unerwünschte Folgen hatte:
+nicht nur daß die Leute vor Pjotr Nikolajewitsch
+keinen Respekt hatten, sie glaubten &mdash; offen gestanden
+&mdash; kein Wort von dem, was er sagte. Außerdem
+versprach er ihnen ganz unmögliche
+Dinge; so schenkte er einem jeden etwas von seinem
+Landbesitz, freilich ein nicht sehr großes
+Stück: nur drei Schritt lang und einen Schritt
+breit &mdash; so ein närrisches Maß hat er sich ausgedacht!
+<!-- page 093 -->
+Was noch? Ja, er hatte die Leidenschaft,
+eigenhändig Geflügel zu schlachten, und konnte
+es darin mit jedem Küchenmeister aufnehmen:
+niemals entriß sich ihm ein Huhn mit halbdurchgeschnittenem
+Hals, oder rannte gar ohne Kopf
+flügelschlagend umher, wie es bei minder geschickten
+Köchen vorkommt. Schließlich sah er
+sich gern Leichen an, und je grauenhafter so ein
+Toter aussah, je fortgeschrittener die Verwesung
+war, desto mehr Genuß hatte er von dem Anblick.
+Sooft im Dorf jemand starb, mußte es der
+Dorfpope, P. Iwan, in das Herrenhaus melden;
+sofort wurde der Wagen angespannt, und Pjotr
+Nikolajewitsch ließ alles stehen und liegen und
+eilte an den Ort oder nach dem Hause, wo die
+Leiche lag.
+</p>
+
+<p>Suchotins Frau &mdash; Alexandra Pawlowna &mdash; spottete
+manchmal höchst gutmütig über die Liebhabereien
+ihres verwöhnten Mannes, dem sie übrigens
+in inniger Liebe zugetan war; man hätte
+auch alle diese Eigenschaften, die schließlich
+Pjotr Nikolajewitschs Privatangelegenheiten waren,
+kaum beachtet, wenn nicht ein unsinniges
+Gerücht aufgetaucht wäre, das die Ehre und den
+guten Ruf von &rsaquo;Gottessegen&lsaquo; in Frage stellte.
+</p>
+
+<p>Vor zwei Jahren kam aufs Gut ein alter Freund
+Pjotr Nikolajewitschs, der ihn noch vom Petersburger
+Lyzeum her kannte und seit jener Zeit
+nicht mehr gesehen hatte. Der Grund des plötzlichen
+Erscheinens dieses Gastes blieb unbekannt;
+niemand fragte ihn danach, und sein Kammerdiener
+<!-- page 094 -->
+schwatzte im Dienstbotenzimmer höchst
+verworrenes Zeug darüber: der General sei gekommen,
+um den revoltierenden Bauern Schrecken
+einzujagen oder auch um das ganze Land unter
+ihnen aufzuteilen. Das ist übrigens gar nicht
+so wichtig; konnte er denn nicht auch aus purer
+Neugier hergekommen sein?
+</p>
+
+<p>Der Gast wurde von Alexandra Pawlowna
+freundlich aufgenommen; sie bedauerte sehr,
+daß nicht die ganze Familie in &rsaquo;Gottessegen&lsaquo; versammelt
+war &mdash; die Kinder waren nämlich verreist
+&mdash; und daß der Gast sich daher etwas langweilen
+werde. Der General war aber in bester
+Stimmung; er erzählte viel von seinen freundschaftlichen
+Beziehungen zu Pjotr Nikolajewitsch
+und schien kein Verlangen nach anderer
+Gesellschaft zu haben. Mit Ungeduld erwartete
+er seinen Freund, der gerade an diesem Tage
+vom frühen Morgen an irgendwo auf dem Dorfe
+bei einer Leiche steckte und erst gegen Abend
+nach Hause kam. Als die Freunde sich gegenüberstanden,
+geschah etwas sehr Seltsames: der
+Gast war sichtlich erschüttert, erschrocken und
+begann am ganzen Leibe zu zittern. Hatte er seinen
+Freund nicht gleich erkannt, oder hatte er
+ihn erkannt, aber eine solche Veränderung an
+ihm wahrgenommen, daß es ihn schwindelte,
+oder war ihm in seinem Gesicht, in seinem Gang
+oder in seiner Sprache etwas ganz Unerwartetes,
+Unwahrscheinliches und Unmögliches aufgefallen
+&mdash; das weiß niemand! Der General taumelte einen
+<!-- page 095 -->
+Schritt zurück, warf die Arme empor und fiel
+in Ohnmacht.
+</p>
+
+<p>In den folgenden Tagen war der Gast schweigsam
+und traurig; er schielte argwöhnisch nach allen
+Seiten, sagte zu allem ja und lächelte so unglücklich
+wie einer, der sehr unerwartet in eine
+ganz gewöhnliche Presse hineingeraten ist, wo er
+jeden Augenblick zu einem Brei zerquetscht werden
+kann. Er blieb noch an die acht Tage in &rsaquo;Gottessegen&lsaquo;
+und jagte eines Morgens ganz plötzlich,
+ohne Gepäck und nicht ganz angekleidet, auf und
+davon; vor der Abreise war er wie verrückt, murmelte
+etwas ganz Unsinniges vor sich hin und
+zeigte allen Leuten irgendwelche Schriftstücke,
+die er verkehrt in der Hand hielt. Und bald nach
+seiner Abreise tauchten alle die Gerüchte bei den
+Nachbarn und in der Stadt auf.
+</p>
+
+<p>Man erklärte plötzlich, das berühmte Suchotinsche
+Gut sei gar nicht so hervorragend, das
+Haus sogar etwas schadhaft: der nach dem
+Brande neu errichtete Teil falle von den übrigen
+ab; auch der Garten sei in keiner Weise bemerkenswert:
+er sei zwar alt und schattig, doch könne
+man bei einer Reise durch Rußland viele solcher
+Gärten sehen; an den Feldern und Wäldern sei
+zwar nichts auszusetzen, aber sie seien durchaus
+nicht einzig in ihrer Art; und was die Bauern betreffe,
+so seien sie gar nichts wert: verarmt und
+ohne Landbesitz; einmal seien sie schon ausgewandert,
+dann wieder zurückgekehrt, und wenn
+sie auch bei den letzten Unruhen das Herrenhaus
+<!-- page 096 -->
+nicht niedergebrannt und den Pferden nicht die
+Augen ausgestochen hätten, wie es beim Nachbar
+Bessonow geschehen war, so hätten sie doch
+unzweifelhaft die Absicht gehabt, das Haus anzuzünden,
+alles zu verwüsten und sich das Land
+anzueignen. Und von Pjotr Nikolajewitsch selbst
+erzählten sich die Leute, nach Aufzählung aller
+seiner Eigenheiten, solch ungereimtes Zeug, daß
+ich mich schäme, es wiederzugeben. Schließlich
+waren alle darin einig, daß man das Haus und die
+Leute unter allen Umständen meiden müsse: der
+Ort sei unrein.
+</p>
+
+<p>Einer von den guten Freunden riet Alexandra
+Pawlowna sogar, sich beim Gouverneur zu beschweren.
+Sie wollte davon aber nichts wissen: an
+dem ganzen Gerede sei kein wahres Wort, und sie
+wolle nicht noch mehr Staub aufwirbeln. Und in
+der Tat: was so ein argwöhnischer Mensch in seinem
+argwöhnischen Gehirn nicht alles ausdenken
+kann!
+</p>
+
+<p>Übrigens hörte das Gerede nach einiger Zeit
+ganz von selbst auf: die Leute sind doch nicht so
+dumm, wie sie zuweilen scheinen.
+</p>
+
+<p>Und so blieb alles beim alten: &rsaquo;Gottessegen&lsaquo; ist
+ein Paradies, die Familie Suchotin das Muster einer
+guten Familie, und Pjotr Nikolajewitsch zwar
+ein Sonderling, doch von seltener Unterhaltungsgabe.
+</p>
+
+<p>Alexandra Pawlowna war das eigentliche
+Haupt des Hauses, und ihrer Begabung wurde
+auch der Wohlstand und die musterhafte Ordnung
+<!-- page 097 -->
+der ganzen Wirtschaft von &rsaquo;Gottessegen&lsaquo; zugeschrieben.
+Sie war ziemlich wortkarg, hatte einen
+festen Willen und verstand, die Leute im
+Zaume zu halten. Man hatte vor ihr Respekt und
+vertraute ihr blind. Sie hatte früh und aus Liebe
+geheiratet und schenkte in den vier ersten Ehejahren
+vier Kindern, drei Töchtern und einem Sohn,
+das Leben. Ihr ganzes Leben verging in ununterbrochenen
+Sorgen um die Kinder und um die
+Wirtschaft, und diese Sorgen wuchsen ihr allmählich
+über den Kopf, je größer die Kinder wurden
+und je komplizierter die Wirtschaft. Sie war aber
+bereit, jede Last zu tragen, wenn sie damit dem
+Gatten und den Kindern das Leben angenehm
+machen konnte. Und niemand hatte Grund zu
+klagen: weder der Gatte noch die Kinder.
+</p>
+
+<p>Jeden Abend saß sie glücklich und freudestrahlend
+am Klavier. Ihre kräftigen Finger griffen
+sicher in die Tasten, und feierliche Klänge zogen
+durch die hohen Räume.
+</p>
+
+<p>Wenn irgendein heimatloser Landstreicher
+zufällig in das erleuchtete Fenster geschaut und
+die zufriedene Frau am Klavier erblickt hätte,
+wie würde er da vor Neid vergehen! Wie würde er
+sein finsteres Schicksal verfluchen! Wie willig
+würde ein Verirrter ihrer Stimme folgen!
+</p>
+
+<p>Der Konteradmiral Paleolog, der Taufpate der
+jüngsten Tochter Sonja, dessen Meinung immer
+für maßgebend galt und in der Stadt wie auch auf
+allen Landsitzen gern zitiert wurde, pflegte Alexandra
+Pawlowna &rsaquo;eine verführerische Brünette&lsaquo;
+<!-- page 098 -->
+zu nennen. Und er hatte wie immer recht. Wer
+würde glauben, daß diese verführerische Brünette,
+die das Hauswesen so gut zu führen verstand
+und ein schönes Familienleben lebte, sich
+einmal für das unglücklichste Geschöpf auf Gottes
+Erde gehalten hatte? Freilich waren viele
+Jahre seitdem vergangen, und jede Erinnerung
+an jene Zeit war vom immerwährenden Glück
+und Erfolg in allen Dingen vollkommen ausgelöscht.
+Vor fünfzehn Jahren, bald nach Sonjas
+Geburt, wäre &rsaquo;Gottessegen&lsaquo; um ein Haar verlorengegangen:
+das schöne Haus war beinahe verbrannt
+und Pjotr Nikolajewitsch beinahe in den
+Flammen umgekommen; Alexandra Pawlowna
+aber rettete alles.
+</p>
+
+<p>Im Herbst und im Winter, wenn die Kinder
+fort waren, verbrachte Alexandra Pawlowna ihre
+Tage unter vier Augen mit ihrem Mann; sie sah
+ihn mit der gleichen Liebe und Zärtlichkeit an
+wie vor zwanzig Jahren, und er erschien ihr
+ebenso verliebt wie damals; in solchen Augenblicken
+verschwand die tiefe Furche, die sonst
+zwischen ihren Brauen lag. Doch er stand vor ihr,
+ganz ausgetrocknet, lang wie eine Hopfenstange,
+mit ergrautem Haar und totenblassem Gesicht,
+starrte sie unverwandt an mit seinen unbeweglichen
+Augen und grinste.
+</p>
+
+<p>»Ich kenne keine Langeweile«, wiederholte er
+zum tausendsten Mal; »Mir ist es immer leicht
+ums Herz!« Das klang so wie: &rsaquo;Mir ist alles gleich,
+ich brauche nichts!&lsaquo; Sie hörte aber diese unheimlichen
+<!-- page 099 -->
+Worte nicht; seine Stimme klang für sie genau
+wie damals, als sie seinen ersten Kuß empfing.
+Die Liebe machte sie blind, und sie gab ihm
+die ganze Leidenschaft einer reifen, doch gut aussehenden
+Frau.
+</p>
+
+<p>Wie toll hätte der am Fenster lauschende
+Landstreicher über eine solche Szene gelacht!
+Vielleicht hätte er aber auch keinen Ton von sich
+gegeben und wäre ohnmächtig zusammengebrochen
+wie jener Gast, der Jugendfreund Pjotr Nikolajewitschs.
+</p>
+
+<h3 class="no">2</h3>
+
+<p class="noindent">Ganz &rsaquo;Gottessegen&lsaquo; rüstete sich zu einem großen
+Ereignis: gleich nach Weihnachten sollte die
+Hochzeit der ältesten Tochter Lida, die erst im
+vorigen Jahre das Institut verlassen hatte, stattfinden.
+Der Bräutigam war der reiche Großgrundbesitzer
+Ramejkow.
+</p>
+
+<p>Die Feier wurde von allen mit großer Spannung
+erwartet. Man erzählte sich, daß das Hochzeitsmahl
+besonders üppig sein werde und daß
+Pjotr Nikolajewitsch beinahe alle Hühner abgeschlachtet
+habe. &rsaquo;Gottessegen&lsaquo; bekam einen feierlichen
+Anstrich. Die Gäste kamen schon am frühen
+Morgen zusammen, und Pjotr Nikolajewitsch,
+der besonders gut aufgelegt war, sorgte
+dafür, daß alle sich vor Lachen wälzten. Alexandra
+Pawlowna hatte alle Vorbereitungen zu treffen
+<!-- page 100 -->
+und konnte vor Überanstrengung kaum auf
+den Beinen stehen.
+</p>
+
+<p>Endlich war die ganze Familie versammelt:
+aus Petersburg kam der älteste Sohn Mischa,
+Student im ersten Semester; aus Kiew die zweite
+Tochter Sina, die dort in einem Institut erzogen
+wurde; und aus der Kreisstadt &mdash; die Gymnasiastin
+Sonja. Der feierliche Augenblick rückte
+heran. Die Hochzeitsfeier fiel, wie jeder zugeben
+mußte, ungemein lustig aus. Es gab natürlich
+einige seltsame Zwischenfälle: als Pjotr Nikolajewitsch
+dem jungen Paar vor der Trauung seinen
+Segen gab und offenbar die Absicht hatte, dem
+Segen einige Ermahnungen für die Ehe folgen zu
+lassen, platzte er, nach einer längeren peinlichen
+Pause, mit einem einzigen Wort heraus, das man
+unmöglich wiedergeben kann; der junge Ehemann
+war dadurch so frappiert, daß es ihn große
+Mühe kostete, sich von den Knien zu erheben,
+und alle andern konnten schwer ihr Lachen verbeißen.
+Während der kirchlichen Trauung flüsterte
+Pjotr Nikolajewitsch dem Geistlichen P.
+Iwan zu, daß er letzte Nacht von Eiern, die in einer
+Grube lagen, geträumt hätte. Der Geistliche
+kannte natürlich die böse Bedeutung dieses
+Traumes; er kam ihm aber im Augenblick so ungemein
+komisch vor, daß er mitten im Gebet in schallendes
+Gelächter ausbrach. Der Küster, der das
+Weihwasserfaß hielt, wieherte ganz ungeniert los,
+und mit ihm lachte das ganze Publikum: es war
+eher eine Narrensposse als eine Trauung.
+</p>
+<!-- page 101 -->
+
+<p>Die Neuvermählten reisten gleich nach der
+Tafel nach Moskau ab, die Festlichkeiten in
+&rsaquo;Gottessegen&lsaquo; dauerten aber fort. Die Jugend veranstaltete
+eine Theateraufführung und einen
+Maskenball. Auf dem Teich wurde eine Schlittschuhbahn
+und ein Eisberg eingerichtet, und die
+jungen Leute wetteiferten im Laufen.
+</p>
+
+<p>Mischa Suchotin galt als hervorragender
+Schlittschuhläufer. Er war schlank und gelenkig
+und zeigte im Kunstlauf wahre Wunder. Auch
+seine Schwester Sonja, ein flinkes, lustiges Mädchen,
+war ungemein geschickt. Hell klang ihr Lachen
+in den sternenklaren Januarnächten über
+die Eisdecke hin. Es war ein Vergnügen zu sehen,
+wie Bruder und Schwester Arm in Arm den Eisberg
+hinuntersausten. Sina war anders geartet
+und hatte mehr Ähnlichkeit mit Lida: sie war wie
+diese schweigsam und etwas schüchtern, aber
+nicht temperamentlos.
+</p>
+
+<p>»Die Kinder sind der Mutter nachgeraten«,
+sagten alle Onkel und Tanten und alle alten
+Freunde des Hauses, die Alexandra Pawlowna
+näher kannten.
+</p>
+
+<p>Der Dreikönigstag rückte heran. Mischas Kollegen
+und die Freundinnen seiner Schwester reisten
+ab. Auch die Suchotinschen Kinder mußten
+fort, es gefiel ihnen aber auf dem Lande so gut,
+daß die Abreise immer wieder verschoben
+wurde.
+</p>
+
+<p>Am Dreikönigsabend liefen Mischa und Sonja
+zum letztenmal auf die Eisbahn hinaus. Es war
+<!-- page 102 -->
+eine herrliche sternenklare Nacht; die blauen
+Schneefelder glitzerten in zahllosen Funken, und
+der starke Frost kniff in die Wangen und ließ das
+Eis krachen. Mischa und Sonja flogen über die
+Eisfläche und wollten gar nicht aufhören. Da fiel
+Mischa plötzlich der ganzen Länge nach hin.
+Sonja glaubte anfangs, es sei nur ein Scherz von
+ihm. Es war aber doch nicht so. Man hob ihn auf,
+trug ihn nach Hause und ließ Ärzte kommen. In
+drei Stunden war er tot. Der Schmerz war unbeschreiblich.
+</p>
+
+<p>Am Abend nach der Beerdigung, als es im
+Hause plötzlich so leer war und alle abgespannt
+und schwermütig herumsaßen und herumirrten,
+kam plötzlich ein dringendes Telegramm von
+Ramejkow aus Moskau: Alexandra Pawlowna
+sollte sofort hinreisen.
+</p>
+
+<p>Sie reiste noch in der gleichen Nacht ab.
+</p>
+
+<p>Sina und Sonja waren in der größten Sorge,
+Pjotr Nikolajewitsch schien aber ganz ruhig, als
+ob gar nichts vorgefallen wäre. Er änderte auch
+nichts an seiner Lebensweise und seinen Gewohnheiten.
+Der einzige Unterschied war der,
+daß er in diesen Tagen noch mehr Hühner
+schlachtete als sonst. Das hatte aber einen
+Grund: Sina, die sich bei Mischas Beerdigung erkältet
+hatte, lag krank zu Bett und brauchte besondere
+Diät. Und dann noch etwas &mdash; das ist aber
+nur eine seiner Schrullen! &mdash;, er ließ zu Mittag die
+riesengroße Ochsenzunge auftragen, die noch
+vom Hochzeitsmahl übriggeblieben war.
+</p>
+<!-- page 103 -->
+
+<p>Endlich kam aus Moskau die Nachricht: Lida
+hatte sich erhängt. Groß war der Schmerz der
+Familie.
+</p>
+
+<p>Nun wurde der zweite Sarg in die Suchotinsche
+Familiengruft versenkt. Im Hause wurde es
+noch öder und einsamer. Alexandra Pawlowna
+schlich tagelang wie ein Schatten umher.
+</p>
+
+<p>Sie konnte sich jetzt nicht verzeihen, daß sie
+ihre Zustimmung zu dieser Ehe gegeben hatte:
+sie hatte ja den Ramejkow als einen leichtsinnigen
+und gemeinen &mdash; ja, ganz gemeinen! &mdash; Menschen
+gekannt. Warum hatte sie Lida nicht gewarnt?
+Lida hätte doch sicher auf ihre Warnung
+gehört. Sie hätte sie leicht überzeugen können,
+denn sie kannte so viele häßliche und gemeine
+Geschichten aus Ramejkows Vorleben, über die
+sogar am Hochzeitstage in ihrem Hause getuschelt
+wurde.
+</p>
+
+<p>Nun war es zu spät. Gewissensbisse halfen
+nicht. Alexandra Pawlowna schrie beinahe vor
+Schmerz.
+</p>
+
+<p>Pjotr Nikolajewitsch war etwas abgespannt,
+doch wohl kaum aus Schmerz über die Verluste.
+Der Tod der beiden Kinder rief in ihm nur die
+gleiche Neugier hervor wie der Tod jedes andern,
+ihm gänzlich fremden Menschen. Seine Abgespanntheit
+rührte eher von einer schlaflosen
+Nacht her. Lidas Leiche war in einem geschlossenen
+Sarge nach &rsaquo;Gottessegen&lsaquo; gebracht worden;
+Pjotr Nikolajewitsch bestand aber darauf, daß
+der Deckel abgeschraubt wurde. Er enthüllte mit
+<!-- page 104 -->
+eigenen Händen das Gesicht seiner Tochter
+und stand dann die ganze Nacht vor dem Sarge,
+den Blick unverwandt auf die Tote gerichtet.
+Nun saß er, mit seinem flaschengrünen Schlafrock
+angetan, in einem Lehnsessel und schlummerte.
+</p>
+
+<p>So verging die Nacht nach Lidas Beerdigung.
+</p>
+
+<p>In Sinas Zustand trat indessen eine Verschlimmerung
+ein. Die Ärzte konstatierten Typhus.
+Ganz &rsaquo;Gottessegen&lsaquo; hielt den Atem an und
+wartete auf die Krisis. Und die Krisis kam. Die
+Ärzte traten zu einem Konsilium zusammen und
+erklärten, daß keine Hoffnung mehr da sei.
+</p>
+
+<p>Bei den Suchotins herrschte eine strenge
+Hausordnung, an der die Kinder, selbst als sie erwachsen
+waren und in den Ferien auf Besuch
+nach Hause kamen, noch immer festhielten: Lida
+mußte ihrem Vater die Zigaretten stopfen und
+Sina die Uhr im Eßzimmer aufziehen. Jetzt
+stopfte der alte Kammerdiener Michej die Zigaretten,
+und die Uhr im Eßzimmer stand still.
+</p>
+
+<p>Sina litt sichtlich unter dem Gedanken, daß
+ihre Krankheit die alte Hausordnung störte, und
+wollte daher ins Krankenhaus gebracht werden;
+sie konnte diesen Wunsch aber nicht mehr aussprechen:
+sie hatte bereits ihre Sprache verloren.
+</p>
+
+<p>Unter Anspannung ihrer letzten Kräfte bat sie
+Sonja durch Zeichen um einen Bleistift und ein
+Stück Papier. Als sie den einen Buchstaben &rsaquo;K&lsaquo;
+geschrieben hatte, entfiel der Bleistift ihrer
+<!-- page 105 -->
+Hand, und sie war tot. Wieder war der Schmerz
+unbeschreiblich.
+</p>
+
+<h3 class="no">3</h3>
+
+<p class="noindent">Der dritte Sarg wurde aus dem Hause getragen.
+</p>
+
+<p>Als Alexandra Pawlowna in der Kirche von Sinas
+Leiche Abschied nahm und zum letztenmal
+ihr demütiges Gesicht mit den stahlblauen Augenlidern
+und den vom Todeskampf verzerrten
+Lippen sah, fiel ihr plötzlich das alte, ängstlich
+gehütete Geheimnis ein, an das sie in den vielen
+Jahren des Glücks kein einziges Mal gedacht
+hatte. Und sie weinte bittere Tränen, und als sie
+sich von der Leiche abwandte, war sie plötzlich
+eine alte, gebückte Frau geworden.
+</p>
+
+<p>»Habe ich denn gewußt, daß ich sie in diesem
+Alter verlieren werde?« sagte sie weinend und
+kopfschüttelnd vor sich hin.
+</p>
+
+<p>Doch ihr Gewissen sagte ihr, statt sie zu trösten,
+daß nur sie allein schuld sei und es sonst keinen
+Schuldigen gäbe. Und unter der Last dieses
+Gedankens fiel sie noch mehr zusammen und
+wurde noch älter.
+</p>
+
+<p>Sonja wich nicht von ihrer Seite. Sie versuchte,
+sie zu trösten, sie weinte mit ihr und blickte sie
+mit großen Augen an &mdash; sie war vor Schreck wie
+gelähmt.
+</p>
+
+<p>»Mutter, was sprichst du da?« fragte sie und
+erschrak vor der eigenen Stimme.
+</p>
+<!-- page 106 -->
+
+<p>Und die Mutter erzählte ihr alles.
+</p>
+
+<p>Vor fünfzehn Jahren, bald nach Sonjas Geburt,
+war Alexandra Pawlowna einmal zu ihrer
+Mutter auf Besuch gefahren und hatte alle Kinder
+mitgenommen. Es war das erstemal, daß sie
+&rsaquo;Gottessegen&lsaquo; und ihren Gatten verließ. Und sie
+hatte gleich in der ersten Nacht einen bösen
+Traum: sie sah ihren Mann in einer Kirche hinter
+den Altar treten. Da wurde ihr ganz bange: ob
+er nicht erkrankt oder gar tot sei? Auch in der
+nächsten Nacht hatte sie einen bösen Traum:
+daß ihr Trauring entzweigebrochen sei. Sie bekam
+wieder Angst um ihren Mann und beschloß,
+sofort heimzureisen.
+</p>
+
+<p>»Während der Heimreise«, erzählte sie Sonja,
+»betete ich unaufhörlich zu Gott: Wenn schon
+ein Unglück geschehen soll, so laß, o Herr, ein
+Kind von mir sterben, oder zwei Kinder, oder sogar
+alle drei &mdash; Mischa, Lida und Sina &mdash;, erhalte
+aber meinen Mann am Leben! Ich dachte mir: sie
+sind ja noch so klein, ihren Verlust werde ich
+leichter ertragen als seinen Tod. Dich nannte ich
+aber in meinem Gebete nicht, ich konnte es nicht
+übers Herz bringen .&nbsp;.&nbsp;. Wie ich nach Hause
+komme, erfahre ich, daß bei uns eine Feuersbrunst
+ausgebrochen war und dein Vater todkrank
+darniederlag .&nbsp;.&nbsp;. Um ein Haar wäre er verbrannt .&nbsp;.&nbsp;.
+Also hatte der Herr mein Gebet erhört
+und das Haus und den Vater verschont. Ich war
+ganz glücklich, und wir lebten weiter, als ob
+nichts geschehen wäre .&nbsp;.&nbsp;. Und jetzt .&nbsp;.&nbsp;. Alles
+<!-- page 107 -->
+kommt von meinem Gebet. Wußte ich denn, daß
+ich sie in diesem Alter verlieren würde?«
+</p>
+
+<p>Alexandra Pawlowna quälte sich furchtbar
+und ließ Sonja nicht von ihrer Seite.
+</p>
+
+<p>Auch Pjotr Nikolajewitsch war jetzt zerstreut
+und unruhig: auch ihn quälte wohl ein Gedanke.
+Er konnte nicht mehr seinen gewohnten Beschäftigungen
+nachgehen. Abends machte er noch den
+Versuch, den großen Schrank im Eßzimmer umzustellen;
+er rückte ihn von seiner alten Stelle
+weg, hatte aber nicht mehr die Kraft, ihn bis an
+die neue Stelle zu schieben. So blieb der Schrank
+mitten im Zimmer stehen. Dann griff er nach seinem
+Schürhaken; doch auch mit dem Heizen
+wollte es heute nicht recht gehen. Von Zeit zu
+Zeit kam er ins Schlafzimmer, setzte sich für einen
+Augenblick auf den Bettrand und ging dann
+wieder hinaus, seine Frau und Tochter in Verzweiflung
+zurücklassend.
+</p>
+
+<p>»Alle waren verlorengegangen &mdash; Mischa, Lida,
+Sina und Sonja, und alle haben sich wieder eingefunden,
+bis auf Sonja .&nbsp;.&nbsp;. Sonja fehlt noch .&nbsp;.&nbsp;.«
+murmelte er leise vor sich hin. Man wußte nicht,
+an wen er diese Worte richtete: an den alten Michej,
+an den Ofensetzer Kusma oder an die Wirtschafterin
+Darja Iwanowna, die jetzt die Hausfrau
+vertrat.
+</p>
+
+<p>Erst am späten Abend beruhigte er sich, ging
+in sein Zimmer und legte sich schlafen. Der
+Kammerdiener Michej wich keinen Augenblick
+von seiner Seite.
+</p>
+<!-- page 108 -->
+
+<p>So unheimlich und öde wurde es im alten
+Haus, so kalt in allen Winkeln. Wo war alles hingekommen
+&mdash; Friede, Lachen, Glück? Drei Särge
+&mdash; drei Tode ließen das warme Herdfeuer im
+Hause erkalten.
+</p>
+
+<h3 class="no">4</h3>
+
+<p class="noindent">Alle diese Ereignisse, die sich innerhalb nur eines
+Monats abgespielt hatten, wurden natürlich in
+der ganzen Gegend viel besprochen, und das alte
+Gerede lebte wieder auf »Da geht es nicht mit
+rechten Dingen zu!« &mdash; erklärte man sofort nicht
+nur auf dem nahen Gute Kostomarowka und
+dem etwas weiter entfernten Britany, sondern
+auch in Motowilowka und selbstverständlich
+auch in der Stadt. Was? Wieso? Warum? Und es
+ging los. Die ganze Geschichte von &rsaquo;Gottessegen&lsaquo;
+und das ganze Leben der Suchotins wurden
+haarklein untersucht und kommentiert, alle
+Großmütter und Großtanten wurden zitiert, und
+selbst solche Ereignisse, die sich entweder gar
+nicht, oder jedenfalls nicht bei den Suchotins,
+sondern, sagen wir, bei den Muromzews zugetragen
+hatten, wurden erörtert. Und alle Geschichten,
+jeder Klatsch kam wieder ans Licht: seht
+nur, meine Herrschaften, urteilt selbst! Uns war
+ja alles schon früher bekannt!
+</p>
+
+<p>Aus irgendeinem Grunde klammerte man sich
+an jenen geheimnisvollen General, den Jugendfreund
+<!-- page 109 -->
+Pjotr Nikolajewitschs, der seinerzeit, Gott
+weiß warum, aus &rsaquo;Gottessegen&lsaquo; geflohen war.
+Und alle waren darin einig, daß der General alles
+wisse und jede Aufklärung geben könne. Wie soll
+man ihn aber finden? Jemand sagte: den Perewerdejew
+kennt ja ganz Petersburg. Folglich ist
+er in Petersburg? Gewiß! Der Gouverneur fragte
+also dringend in Petersburg an. Die Antwort traf,
+wie ich glaube, noch am gleichen Tage ein: in Petersburg
+gebe es General, soviel man wolle, und
+selbst mit solchen Familiennamen, die man in
+Damengesellschaft gar nicht aussprechen könne;
+ein Perewerdejew sei aber unbekannt. Sollte vielleicht
+ein General Perewersew gemeint sein?
+</p>
+
+<p>Und während man Nachforschungen nach einem
+General Perewersew anstellte, verrichtete
+ein eiserner Jemand gelassen und sicher sein sicheres
+Werk, ohne jemandem Rechenschaft darüber
+abzulegen; ein gnadenloser jemand näherte
+sich in Siebenmeilenstiefeln aus weiter Ferne, um
+Gericht zu halten.
+</p>
+
+<p>Ohne Alexandra Pawlownas Leitung mußte
+die Wirtschaft in Unordnung geraten; sie
+spannte ihre letzten Kräfte an, um die alte Ordnung
+aufrechtzuerhalten und für den Mann und
+die Tochter zu sorgen: für den Mann, dem zuliebe
+sie das große Opfer gebracht hatte, und für
+die Tochter &mdash; der sie jetzt ihre ganze Ruhe zu opfern
+bereit war.
+</p>
+
+<p>Hatte sie sich nicht verrechnet, als sie in ihrem
+Gebet die drei älteren Kinder opferte und Sonja
+<!-- page 110 -->
+vergaß oder vielmehr absichtlich verschwieg?
+Warum verschwieg sie Sonja? Hätte sie das nicht
+getan, so wären vielleicht alle vier verschont geblieben.
+Und wenn alle vier gestorben wären?
+Nein, das könnte nicht sein: sie hätte ja alles geopfert,
+und wer alles opfert .&nbsp;.&nbsp;. Warum hatte sie
+dennoch nicht alle geopfert? Diese Frage zermarterte
+ihr Hirn und ließ sie nicht mehr los.
+</p>
+
+<p>Und wenn jetzt auch Sonja stirbt? Sie sagte ja
+eben, daß sie alles opfern möchte; also auch
+Sonja? &mdash; diese Frage machte sie erschaudern. Sie
+war wie von Sinnen.
+</p>
+
+<p>»Sonja, Sonja! Wo bist du?« Jeden Augenblick
+sah sie sich unruhig nach ihrer Tochter um, obwohl
+diese nicht von ihrer Seite wich.
+</p>
+
+<p>Zu den quälenden Gewissensbissen und der
+Sorge um die einzige Tochter gesellte sich noch
+die Sorge um den geliebten Mann, dessen Leben
+mit dem Leben dreier teurer Kinder erkauft war.
+Pjotr Nikolajewitsch war ganz heruntergekommen
+und verließ sein Zimmer nicht mehr; er
+konnte nur mit Mühe seine Beine schleppen, sein
+Gesicht war blau angelaufen, seine Haare klebten
+am Schädel, und seine welke, blasse Haut
+schien ganz lose am Körper zu hängen.
+</p>
+
+<p>In allen Zimmern verbreitete sich plötzlich ein
+übler, dumpfer Geruch.
+</p>
+
+<p>Das Haus war alt und beherbergte eine Menge
+Ratten, &mdash; ganze Generationen hausten unter den
+Dielen. Es kam vor, daß irgendeine uralte Ratte
+verendete; der unerträgliche Geruch rührte wohl
+<!-- page 111 -->
+von einer solchen toten Ratte her. Zu einer andern
+Zeit hätte Pjotr Nikolajewitsch sicher die
+Stelle gefunden, man hätte ein Dielenbrett aufgebrochen
+und den Kadaver entfernt; er kümmerte
+sich aber nicht mehr darum.
+</p>
+
+<p>Allen, die jetzt noch nach &rsaquo;Gottessegen&lsaquo; kamen,
+war es klar, daß es unmöglich so weitergehen
+könne, daß früher oder später irgendein
+Ende, ganz gleich was für eines, kommen müsse.
+Und alle warteten gespannt auf das Ende. Drei
+Tage und drei Nächte wollte man noch warten.
+Zwei Tage und zwei Nächte waren aber schon
+abgelaufen.
+</p>
+
+<p>Am Samstag wurde im Hause eine Abendmesse
+gelesen. P. Iwan sparte nicht mit dem
+Weihrauch, und alle gingen mit Kopfschmerzen
+zu Bett.
+</p>
+
+<p>»Nachts ließ mich der gnädige Herr kommen«,
+berichtete später der alte Michej, »und sagte mir:
+&rsaquo;Lieber Michej, hole mir bitte gleich einen jungen
+Hahn um Christi willen! Ich werde dir diesen
+Dienst nie vergessen!&lsaquo; &mdash; &rsaquo;Gnädiger Herr&lsaquo;, sage ich
+ihm, &rsaquo;was wollen Sie mit dem Hahn um diese
+Stunde? Es ist ja Nacht!&lsaquo; Er sagt darauf nichts,
+blinzelt mir nur so mit einem Auge zu, als ob er
+sagen wollte: Rate mal selbst, wozu ich ihn brauche!
+&mdash; Ich ging in den Hühnerstall, suchte einen
+recht schönen, fetten Hahn aus und brachte ihn
+ihm. Auch ein Messer brachte ich gleich mit. Der
+Herr nahm das Messer und begann den Hahn zu
+schlachten; er hatte aber nicht mehr die Kraft, es
+<!-- page 112 -->
+ordentlich zu tun, und der Hahn zappelte lange
+in seinen Händen. Endlich war er mit dem Hahn
+doch fertig geworden, &mdash; eine große Blutlache war
+auf dem Boden, auch er selbst war ganz mit Blut
+beschmiert. Das hatte ihn wohl etwas erleichtert.
+&mdash; &rsaquo;Weißt du, Michej&lsaquo;, sagte er mir dann, &rsaquo;jetzt
+hätte ich Lust, mir eine Leiche anzusehen!&lsaquo; &mdash;
+&rsaquo;Gott sei mit Ihnen!&lsaquo; sage ich ihm. &mdash; &rsaquo;Wo soll man
+jetzt eine Leiche hernehmen?&lsaquo; Es überläuft mich
+ganz kalt, und ich sehe, daß auch der Herr nur so
+mit den Zähnen klappert. &mdash; &rsaquo;Und wo ist Sonja?&lsaquo;
+fragt er noch und sieht mich dabei so an .&nbsp;.&nbsp;. Bis an
+mein Ende werde ich daran denken, wie er mich
+ansah! &mdash; &rsaquo;Im Schlafzimmer&lsaquo;, sage ich ihm, &rsaquo;bei
+der gnädigen Frau.&lsaquo; Da beruhigte er sich ein wenig,
+und ich ging fort und legte mich hin.«
+</p>
+
+<p>Die Haushälterin Darja Iwanowna erzählte:
+»Ich erwachte mitten in der Nacht und höre einen
+Kater miauen. Und ich denke mir: &rsaquo;Was mag
+das für ein Kater sein?&lsaquo; Ich rufe ihn an, doch er
+faucht nur so.«
+</p>
+
+<p>»Einen Hahn haben wir wirklich krähen hören«,
+bestätigten die anderen Hausbewohner.
+</p>
+
+<p>Der Hahn brachte Pjotr Nikolajewitsch keine
+Erleichterung, und es war doch so ein prächtiger
+Hahn gewesen! Seine Kräfte gingen zur Neige, es
+war ihm, als ob er ersticken müßte. Er richtete
+sich in seinem Bett auf und keuchte:
+</p>
+
+<p>»Alle waren verlorengegangen &mdash; Mischa, Lida,
+Sina und Sonja, und alle haben sich wieder eingefunden,
+bis auf Sonja! Sonja fehlt noch!«
+</p>
+<!-- page 113 -->
+
+<p>Das Verlangen, Sonja sofort zu suchen, trieb
+ihn aus dem Bett und führte ihn aus dem Zimmer.
+Das Messer noch immer in der Hand haltend,
+kroch er auf allen vieren ins Schlafzimmer
+seiner Frau.
+</p>
+
+<p>Die Schlafzimmertür war nur angelehnt. Vor
+dem Heiligenbild glimmte ein Öllämpchen.
+Sonja schlief bei ihrer Mutter, das Gesicht zur
+Tür gewandt.
+</p>
+
+<p>»Mein kleines, liebes Hühnchen!« murmelte
+Pjotr Nikolajewitsch, an das Bett herankriechend.
+</p>
+
+<p>Sonja schlug die Augen auf und richtete sich
+auf. Mit Schrecken sah sie den zitternden, blutbefleckten
+Vater und reckte ihren Schwanenhals.
+</p>
+
+<p>»Du liebes, kleines Hühnchen!« flüsterte er
+und bemühte sich, vom Boden aufzustehen.
+</p>
+
+<p>Und er richtete sich auf.
+</p>
+
+<p>Der Schwanenhals reckte sich im Schein des
+Öllämpchens unter dem blitzenden Messer noch
+mehr. Einen Augenblick noch &mdash; und ein kirschrotes
+Halsband hätte den Schwan erwürgt. Pjotr
+Nikolajewitsch hatte aber nicht mehr die Kraft.
+Es gab keine Rettung mehr für ihn. Das Messer
+entglitt seiner Hand und fiel zugleich mit der
+Haut, die sich von seinen Fingern loslöste, zu Boden.
+</p>
+
+<p>Der Alte fuhr zusammen und setzte sich auf
+den Teppich. Er begann plötzlich einzuschrumpfen.
+Die Nase, der Mund, die Ohren, alles Fleisch
+sammelte sich zu dicken Falten, die sich aufblähten
+<!-- page 114 -->
+und zerplatzten, und ein dünner, klebriger
+Brei löste sich von den weißen Knochen und floß
+zu Boden.
+</p>
+
+<p>Das Licht des Lämpchens fiel auf einen ganz
+nackten, blinden Totenkopf; er war weiß wie
+Zucker und schien zu grinsen. Im gleichen Augenblick
+wurde die Tür von einem Flammenmeer
+aufgerissen. Die Flamme warf der Mutter,
+der besinnungslosen Tochter und dem Totenkopf
+einen stechenden Blick zu, reckte sich zur
+Zimmerdecke empor und flog als roter Hahn knisternd
+durch die Räume.
+</p>
+
+<p>Das Haus stand in Flammen.
+</p>
+<!-- page 115 -->
+
+<h2 class="chapter" id="chapter-5">
+Der den Teufel rief</h2>
+
+<h3 class="no">1</h3>
+
+<p class="first">Das alte Wersenewsche Haus ist in aller Munde.
+In Krutowrag ist es nicht geheuer.
+</p>
+
+<p>Viel Interessantes und natürlich auch viel
+Gruseliges erzählte man sich über das alte Haus.
+</p>
+
+<p>Sergej Sergejewitsch Wersenew selbst ist allerdings
+nicht sehr gesprächig: auch kümmert er
+sich wenig um solche Dinge. Aber seine Frau Jelisaweta
+Nikolajewna und die beiden Kinder &mdash; der
+Gymnasiast Gorik und die Gymnasiastin Buba &mdash;
+lieben es, von den alten Zeiten zu sprechen. Mit
+Genuß sprechen sie davon, wie auch das Hausgesinde,
+die alte Kinderfrau Solomowna, der Koch
+Prokofi Konstantinowitsch und der Lakai Sinowi,
+in der Küche beim Teetrinken gern über
+die gleichen Dinge sprechen; doch im Flüsterton!
+</p>
+
+<p>Im Garten, am Sandhügel, den noch in den
+Tagen der Leibeigenschaft Kinder und Greise
+aufgeschüttet hatten, zeigte man einen kleinen
+schlammigen Weiher, der selbst beim stärksten
+Frost nur am Rande, um die kalte Quelle herum,
+die in seiner Mitte sprudelte, zufror und, wie es
+hieß, gar keinen Grund hatte.
+</p>
+
+<p>Jede Nacht kam aus dem Weiher eine Troika
+<!-- page 116 -->
+heraus; sie fuhr lautlos durch die Lindenallee
+und hielt vor der Veranda des Herrenhauses; ein
+uralter Greis, Wersenews Großvater, sprang aus
+dem Wagen, ging auf die Veranda hinauf, spazierte
+dort auf und ab und roch an den Blumen;
+dann begab er sich in den großen Saal, stieg in
+den Keller hinab und kehrte schließlich mit seiner
+Troika in den grundlosen Weiher zurück.
+</p>
+
+<p>Unter dem Hause befanden sich zwei sehenswerte
+gewölbte Keller: ein großer, der jetzt leer
+war, und ein kleiner, der als Weinkeller benutzt
+wurde. Aus dem leeren Keller, wo man vor Zeiten
+die Leibeigenen, die sich etwas zuschulden
+hatten kommen lassen, zu züchtigen pflegte,
+hörte man nachts ein Stöhnen; und im kleinen
+Keller, wo einst die Wersenewschen Schätze verwahrt
+wurden, klirrte es oft, wie wenn jemand
+Dukaten zählte.
+</p>
+
+<p>Einen neuen Gast pflegte man vor allen Dingen
+in das Eckzimmer im Obergeschoß zu führen,
+aus dessen Fenster man die Landstraße sehen
+konnte. In diesem Zimmer standen mit altmodischen
+Kleidern und merkwürdigem Schuhwerk
+angefüllte Schränke: es war Großmutters
+Garderobe.
+</p>
+
+<p>Man erzählte sich, daß Sergej Sergejewitschs
+Mutter, Fedossja Alexejewna, von ihrem Mann
+in Krutowrag verlassen, Tag und Nacht vor diesem
+Fenster gesessen habe; sie sei auch, so vor
+dem Fenster sitzend und auf die Straße schauend,
+gestorben.
+</p>
+<!-- page 117 -->
+
+<p>Sehr traurig war es in diesem hellen, traurigen
+Zimmer und sehr unheimlich; viel unheimlicher
+und öder als im großen Keller, an dessen Wänden
+man noch die braunen Blutspritzer sehen
+konnte. Das Zimmer, das an Fedossja Alexejewnas
+Zimmer anstieß, war unbewohnt; man bewahrte
+die alten Spielsachen der Kinder dort
+auf.
+</p>
+
+<p>Durch eine Galerie, die das Haus in zwei Hälften
+teilte, gelangte man in das geräumige Vestibül
+im Erdgeschoß und von da aus in einen großen
+Saal mit zwei übereinanderliegenden Reihen
+Fenster; zwischen den Fenstern, die auf die Veranda
+hinausgingen, standen schmale Spiegel.
+</p>
+
+<p>In ihnen spiegelte sich der Kronleuchter, und
+sie begleiteten jeden, der vorbeiging, mit ihrem
+schweren Spiegelblick.
+</p>
+
+<p>Rechts folgten die innern Wohnräume, an die
+sich eine in späterer Zeit angebaute Küche anschloß,
+und links &mdash; die Paradezimmer.
+</p>
+
+<p>Im Salon standen unter den Familienbildnissen
+L&rsquo;hombretische, die schon manches wahnwitzige
+Hasardspiel gesehen hatten.
+</p>
+
+<p>Hier erschien jede Nacht, so berichteten die
+Augenzeugen, Sergej Sergejewitschs Vater, Sergej
+Petrowitsch, ein leidenschaftlicher Spieler,
+der im Auslande das ganze Riesenvermögen seiner
+von ihm verlassenen Frau verspielt hatte; er
+ging von Tisch zu Tisch, klappte sie auf und stöberte
+unter dem Tuch herum, als hoffe er, noch
+einen vergessenen Dukaten zu finden.
+</p>
+<!-- page 118 -->
+
+<p>Aus dem Salon führte man den Gast in die Bibliothek
+und ins Arbeitszimmer.
+</p>
+
+<p>Hier in diesem Arbeitszimmer, in die Ecke neben
+dem Schrank mit dem dunklen astronomischen
+Globus gekauert, war Sergej Petrowitsch
+gestorben; vor seinem Tode soll er <i>echte Teufel</i>, das
+heißt Teufel ohne Schweif und Hörner, gesehen
+haben.
+</p>
+
+<p>Obwohl niemand außer Sergej Sergejewitsch
+etwas Sicheres darüber wissen konnte &mdash; der
+Vater ließ in seiner Sterbestunde nur ihn allein
+zu sich kommen &mdash;, konnte man die Geschichte
+von den echten Teufeln ohne Schweif und Hörner
+in ganz Krutowrag hören, in allen Winkeln
+und von allen Kreaturen: von dem alten tauben
+Gemüsegärtner Gordej bis zu der allmächtigen
+Näherin Anna Fjodorowna Raphael. Der selige
+Sergej Petrowitsch pflegte nämlich alle einfachen
+Leute ohne Ausnahme Kreaturen zu nennen.
+</p>
+
+<p>Nachdem der Gast die Paradezimmer, die zu
+beiden Seiten eines dunklen Korridors gelegenen
+Wohnräume in der rechten Hälfte des Hauses
+und die beiden Keller besichtigt hatte, führte
+man ihn in das Speisezimmer, wo vor verhältnismäßig
+kurzer Zeit der Wein in Strömen floß; zu
+der gleichen Zeit, als im Salon klirrendes Gold
+mit beiden Händen ausgestreut wurde.
+</p>
+
+<p>Im länglichen niedern Speisezimmer fanden
+die Wersenewschen Gespräche und überhaupt
+alle Erinnerungen ihren Abschluß.
+</p>
+<!-- page 119 -->
+
+<p>Noch manches andere Interessante und natürlich
+auch Gruselige erzählte man sich über das
+Haus.
+</p>
+
+<p>Darum brannten in allen Zimmern bis spät in
+die Nacht hinein Kerzen. Das nächtliche Knistern
+der Parkettböden verbannte aber jeden
+Schlaf aus dem Hause.
+</p>
+
+<p>Weiße Säulen, schwer und massiv wie Elefantenbeine,
+stützten das im Winde klirrende feste
+Eisendach. Sie allein schienen Tag und Nacht ruhig
+zu schlafen, ohne sich um all diese Geschichten,
+um das Grauen, das nachts in den Zimmern
+herrschte, und um die Fledermäuse, die an ihnen
+klebten wie die Fliegen an der Kinderfrau Solomowna,
+zu kümmern. Die alten Pappeln aber,
+die das Haus überragten, rauschten ständig,
+ganz gleich ob der Tag windstill oder stürmisch
+war.
+</p>
+
+<p class="tb">&nbsp;</p>
+
+<p class="noindent">Die Türen stehen bei den Wersenews immer weit
+offen: jedermann kann zur beliebigen Stunde
+kommen. Die Wersenews haben ständig Besuch;
+das ganze Jahr ist wie ein Geburtstag.
+</p>
+
+<p>Verwandte und Bekannte, Nachbarn und
+Leute aus der Stadt kommen sehr oft und sehr
+gern nach Krutowrag. Sie kommen nicht einzeln
+und nicht in Paaren, sondern mit der ganzen Familie,
+wie in Großvaters Tagen.
+</p>
+
+<p>Selbst in Zeiten, wo alle miteinander verzankt
+waren, verstanden es die Wersenews, sich mit allen
+gut zu vertragen. Sie freuten sich über jeden Gast.
+</p>
+<!-- page 120 -->
+
+<p>Gar lustig ging es in Krutowrag zu!
+</p>
+
+<p>Warum sollte es dort auch nicht lustig zugehen!
+Die Nacht mit ihren Schmerzen währte ja
+nicht ewig; es gab ja auch einen Tag! Und was
+hatte auch schließlich so eine Wersenewsche
+Nacht mit all ihren dummen Ängsten zu bedeuten?
+</p>
+
+<p>Jelisaweta Nikolajewna verstand es meisterhaft,
+ihren Gästen Unterhaltungen und Zerstreuungen
+zu bieten. Sie war die Anstifterin aller
+lustigen Streiche und ließ auch ihren Kindern
+darin volle Freiheit.
+</p>
+
+<p>Gorik und Buba hatten viele Altersgenossen.
+Man veranstaltete Liebhabervorstellungen und
+lebende Bilder, man spielte Scharaden; immer
+gab es Feuerwerk, Picknicks, Ausflüge zu Wagen
+und zu Pferde und Bootfahrten.
+</p>
+
+<p>Wie sollte man sich da fürchten: es war ja zu
+lustig!
+</p>
+
+<p>Nur eines fehlte ihnen: ein Aeroplan. Die Wersenews
+träumten von einem Aeroplan mit der
+gleichen Sehnsucht, mit der die Gymnasiasten
+der guten alten Zeit von Amerika träumten. Hätten
+sie aber wirklich solch einen Aeroplan bekommen,
+so wäre es wohl um sie geschehen: sie
+wären dann in solche Höhen, in solche Wolkenmeere
+emporgeflogen, daß ihnen nur das eine übriggeblieben
+wäre: ein Ende mit Schrecken!
+</p>
+
+<p>Sie betrieben alle Zerstreuungen und Belustigungen
+mit viel zuviel Eifer und Leidenschaft;
+die Spiele erschienen als wichtige und bedeutsame
+<!-- page 121 -->
+Angelegenheiten, ohne die man gar nicht
+leben könnte, ohne die nur das eine übrigblieb:
+ein Ende mit Schrecken!
+</p>
+
+<p>Die Erwachsenen wurden von dieser Lustigkeit
+angesteckt und waren stets mit den Kindern
+zusammen. Sie ließen ihnen einfach keine Ruhe.
+Ganze Tage gingen im Spiel hin.
+</p>
+
+<p>Gar lustig ging es in Krutowrag zu!
+</p>
+
+<p>Alle diese Belustigungen kosteten eine Menge
+Geld und erforderten große Mühe und viele Arbeitshände.
+Manchmal nahmen sie auch ein
+schlechtes Ende. Aber jede vernünftige Sache
+kann zu einem schlechten Ende führen!
+</p>
+
+<p>Der Gärtner Eduard, den man sich nach Krutowrag
+aus Riga verschrieben hatte, ein arbeitsamer,
+zu philosophischen Betrachtungen neigender
+und kunstfertiger Mann, mußte einen ganzen
+Sommer lang, statt sein Gärtnerhandwerk auszuüben
+&mdash; die Blumen zu pflegen und Kunstgärtnerei
+zu treiben &mdash;, Abend für Abend Raketen steigen
+lassen. Er erlangte darin eine große Fertigkeit,
+aber die Blumen gingen zugrunde. Und was
+waren das für Blumen!
+</p>
+
+<p>Es ist noch manches Ähnliche passiert; die Belustigungen
+kamen gar nicht billig zu stehen!
+</p>
+
+<p>Nur wenige Abende liefen ohne Feuersbrunst
+ab.
+</p>
+
+<p>In den letzten Jahren hatte es so oft gebrannt,
+daß selbst die Sterne, die trüben Sterne von Krutowrag,
+die scheu über dem Wersenewschen
+Hause flimmerten, die emporlodernden Flammen
+<!-- page 122 -->
+der Feuersbrünste nicht mehr fürchteten.
+Auch in den Nachbardörfern brannte es in einem
+fort. Das wurde aber weniger der Unvorsichtigkeit
+der Wersenews als Brandstiftungen zugeschrieben:
+es gab ja genug Gesindel in der Gegend
+und viele reiche Besitzungen.
+</p>
+
+<p>Man könnte doch meinen, die Wersenews
+müßten etwas vorsichtiger werden! Wie leicht
+konnte ein Unglück passieren! Und doch kannten
+sie kein größeres Vergnügen als Brennen.
+</p>
+
+<p>Man brannte Raketen und Feuerwerk ab; man
+legte im Walde Feuer an, um Kartoffeln zu braten
+oder auch ohne jeden Zweck; in Sommernächten
+brannten diese Feuer bis zum Morgengrauen;
+im Garten gab es immer Feuerwerk oder
+brennende Reisighaufen. Ohne Feuer gab es bei
+ihnen kein Vergnügen; man vergaß viel eher das
+Abendbrot als irgendeinen qualmenden und
+über die ganze Gegend Funken werfenden &rsaquo;Persischen
+Blitz&lsaquo;. Den Blitz vergaß man niemals!
+</p>
+
+<p>Die Wersenews brannten, wo man nur brennen
+konnte, und auch dort, wo man es gar nicht
+durfte. Sie steckten an, was ihnen gerade in die
+Hände fiel.
+</p>
+
+<p>Jelisaweta Nikolajewna begnügte sich nicht
+damit, ihre Kinder zu solchen gefährlichen Spielen
+zu ermuntern: nein, sie erfand selbst neue Variationen
+und war die eigentliche Rädelsführerin.
+Sie benahm sich bei diesen gefährlichen Unternehmungen
+so kindlich und schelmisch, als ob sie
+nicht Bubas Mutter, sondern ihre Schwester
+<!-- page 123 -->
+wäre; sie stand ihren Kindern in nichts nach und
+betrieb alles mit dem gleichen verrückten Eifer
+und komischen Ernst wie sie.
+</p>
+
+<p>Jelisaweta Nikolajewna konnte niemals ruhig
+auf einem Platze sitzen: im Sommer gab es jeden
+Augenblick Liebhaberaufführungen und Feuerwerk,
+im Winter Abendunterhaltungen und Besuche
+bei den Nachbarn. Sie machte überhaupt den
+Eindruck eines höchst leichtsinnigen Menschen.
+Wenn man aber mit ihr sprach, so konnte man hören,
+daß sie das alles nur den Kindern zuliebe tat;
+auch das viele Geld reute sie nicht, wenn sie ihnen
+damit eine Freude machen konnte.
+</p>
+
+<p>Sie sprach von ihren Mutterpflichten mit solcher
+Überzeugung und zeigte darin einen so unerschütterlichen
+Glauben, daß der sonst allzu
+auffällige schelmische Ausdruck in solchen Momenten
+spurlos in der Tiefe ihrer erschrockenen
+Augen verschwand.
+</p>
+
+<p>Die Damen aus der Nachbarschaft, die die erstaunliche
+Gabe besaßen, jeden Unsinn mit den
+unsinnigsten Einzelheiten aufzustöbern und zu
+verbreiten und so flink wie die Flöhe in die verborgensten
+Winkel einzudringen, selbst die bedeutendsten
+Spezialistinnen auf dem Gebiete des
+Klatsches und der Intrige, wußten mit ihr nichts
+anzufangen: man konnte ihr beim besten Willen
+nichts nachweisen und keinen Roman, in dem sie
+eine handelnde Person wäre, konstruieren.
+</p>
+
+<p>Die Kinder waren von Natur aus schwächlich,
+sie wären wohl dauernd krank gewesen, wenn die
+<!-- page 124 -->
+Mutter sie nicht immer zu den ausgelassensten
+Spielen angehalten hätte. Sie waren wahre Räuber,
+die Mutter aber eine noch größere Räuberin
+als sie. Ohne sie würde keine einzige Belustigung
+zustande kommen und kein Feuerwerk brennen;
+von ihr ging diese ausgelassene Freude aus, und
+ihretwegen wäre man am liebsten immer in Krutowrag
+geblieben; alles war das Werk ihrer
+Hände, die so klein und flink waren, sich aber
+auch an ein Ding wie mit Krallen festzuklammern
+verstanden .&nbsp;.&nbsp;.
+</p>
+
+<p>Man kann nicht behaupten, daß Sergej Sergejewitsch
+ungastlich gewesen wäre; im Gegenteil:
+er freute sich aufrichtig über jeden Gast und bot
+einem jeden von seinen vorzüglichen Havannazigarren
+an, mit brasilianischem oder mit mexikanischem
+Deckblatt &mdash; ganz nach Wunsch! Es war
+aber einmal so eingeführt und konnte anscheinend
+gar nicht anders sein, als daß die Gäste, die
+so gern zu den Wersenews kamen, den Herrn des
+Hauses nach Möglichkeit mieden.
+</p>
+
+<p>Der Grund war sehr einfach: in Wersenews
+Gesellschaft war es immer furchtbar langweilig.
+</p>
+
+<p>Von außen gesehen, waren seine Erscheinung,
+seine Manieren und Gewohnheiten durchaus
+normal und in keiner Weise sonderbar oder auffallend;
+er war ein Mensch wie alle Menschen
+und schnaufte sogar wie mancher andere mit der
+Nase: wenn auch etwas lauter als der Krutowrager
+Adelsmarschall Turbejew, aber doch nicht so
+laut wie der General a. D. Belojarow. Er hielt viel
+<!-- page 125 -->
+auf gute Kleidung und trug sich nicht weniger
+elegant als der Landrat Pustoroslew, dessen beispiellose
+Vergeßlichkeit in seinen privaten wie
+auch öffentlichen Angelegenheiten sprichwörtlich
+geworden war. Was konnte man von ihm
+noch mehr verlangen? Aber trotz all seiner Liebenswürdigkeit
+und Aufmerksamkeit und trotz
+der berühmten Havannazigarren würde es jedermann
+vorziehen, vierundzwanzig Stunden lang
+auf irgendeiner gottverlassenen Eisenbahnstation
+zu sitzen, als eine Minute unter vier Augen
+mit Sergej Sergejewitsch zu verbringen.
+</p>
+
+<p>Er unterbrach seinen Gesprächspartner mitten
+in einem Satze und verzog das Gesicht mit einem
+Ausdruck, als ob er sich auf etwas besinnen
+wolle oder nach einem Wort suche, das präziser
+als alle sonst gebräuchlichen Umgangsworte seinen
+Gedanken ausdrücken könne, während es in
+seiner Kehle eigentümlich pfiff. Nachdem er den
+bestürzten Gesprächspartner eine Zeitlang in gespanntester
+Erwartung hatte zappeln lassen,
+winkte er plötzlich mit der Hand ab und faßte seinen
+Ärger und seine Ohnmacht in dem einzigen
+Worte zusammen:
+</p>
+
+<p>»Teufel!«
+</p>
+
+<p>&rsaquo;Teufel!&lsaquo; klang es zu allen Tages- und Nachtstunden
+im Hause, im Garten, im Felde, auf dem
+Flusse, kurz überall, wo Wersenew nur auftauchte.
+</p>
+
+<p>Wersenew blieb aber niemals der lustigen Gesellschaft
+fern; es zog ihn immer zu seinen Gästen,
+<!-- page 126 -->
+und er folgte ihnen, laut mit der Nase
+schnaufend, überallhin wie ein Schatten. Von allen
+vernachlässigt und in den Schatten gedrängt,
+wiederholte er zu den Klängen der Tanzmusik,
+zu dem lustigen Lachen und Schreien, zu dem
+Knistern des Feuerwerks und dem Krachen der
+Raketen sein einziges, seinen Ärger und seine
+Ohnmacht zusammenfassendes schwarzes Wort:
+</p>
+
+<p>»Teufel!«
+</p>
+
+<p>Alle hatten sich so sehr an diesen Wersenewschen
+&rsaquo;Teufel&lsaquo; gewöhnt, daß es niemand mehr
+merkte.
+</p>
+
+<p>Nur die alte Kinderfrau Solomowna, eigentlich
+Jefimija Awessalomowna, die den Sergej Sergejewitsch
+großgezogen hatte, schlug das Kreuz
+und schüttelte den Kopf.
+</p>
+
+<p>Wenn in der Küche oder in der Mägdekammer
+von den Herrschaften gesprochen wurde, tadelten
+sie weder deren Verschwendungssucht noch
+die Lotterwirtschaft, sondern nur das eine: daß
+der gnädige Herr immer den &rsaquo;Teufel&lsaquo; im Munde
+habe.
+</p>
+
+<p>Man wußte ja sehr gut, von Solomowna wußte
+man es, wohin das führen konnte.
+</p>
+
+<p>»Wenn man den Teufel zur ungelegenen Zeit
+ruft, so kommt er als schwarzer Sturmwind geflogen
+und ergreift den Menschen, und der Mensch
+geht zugrunde!« sagte die Kinderfrau, indem sie
+sich den Mund bekreuzigte und den Kopf schüttelte.
+</p>
+
+<p>Und alle waren ihrer Meinung; niemand widersprach
+<!-- page 127 -->
+ihr, besonders wenn abends davon die
+Rede war. Der Koch Prokofi Konstantinowitsch
+spottete nicht, der Kutscher Anton wußte nichts
+dagegen einzuwenden, die drei Zimmermädchen:
+Charitina, Ustja und Sanja waren ganz ihrer
+Meinung, ebenso wie die Wäscherin Matrjona
+Simanowna und der Bautischler Terenti;
+selbst der verwilderte Schmied, den man &rsaquo;Truthahn&lsaquo;
+nannte, der an keine übernatürliche
+Macht glaubte und selbst eine Art Hexenmeister
+oder Gott weiß was war, sagte kein Wort dagegen;
+der schweigsame Lakai Sinowi lächelte
+nicht, und sein Gehilfe, der kleine Pjotr, wagte
+nicht zu grinsen; dieser Pjotr glaubte nur an den
+schrecklichen Wels mit dem langen Schnurrbart,
+der einmal vor grauen Jahren ein Kalb verschlungen
+hatte und sich alle zwölf Jahre im
+Flusse zeigte; beim bloßen Gedanken an diesen
+Wels zitterte er am ganzen Leibe.
+</p>
+
+<p>»Auch der selige Herr Sergej Petrowitsch hatte
+so eine Angewohnheit«, pflegte Solomowna zu
+sagen, »alle Leute nannte er &rsaquo;Kreaturen&lsaquo;. &rsaquo;Kreatur&lsaquo;,
+pflegte er zu sagen, &rsaquo;komm einmal her!&lsaquo;
+Selbst den Dorfgeistlichen nannte er Kreatur.
+Die Sünde ist zwar groß, aber doch lange nicht so
+groß wie die von Sergej Sergejewitsch.«
+</p>
+
+<p>Sergej Sergejewitsch, dem es unter den Gästen
+langweilig wurde, kam plötzlich in die Küche
+oder in die Mägdekammer und stand, schwer mit
+der Nase schnaufend, da.
+</p>
+
+<p>Die Dienstboten sprangen erschrocken auf
+<!-- page 128 -->
+und erwarteten von ihm irgendeinen Befehl oder
+auch ein ordentliches Donnerwetter.
+</p>
+
+<p>Sergej Sergejewitsch stand aber regungslos da,
+starrte unverwandt auf den verwilderten &rsaquo;Truthahn&lsaquo;,
+der selbst eine Art Hexenmeister oder
+Gott weiß was war, und verzog das Gesicht mit
+einem Ausdruck, als ob er sich auf etwas besinnen
+wollte, oder nach einem Wort suchte, das
+präziser als alle sonst gebräuchlichen Umgangsworte
+seinen Gedanken ausdrücken könnte, während
+es in seiner Kehle eigentümlich pfiff.
+</p>
+
+<p>Nachdem er die bestürzten Dienstboten eine
+Zeitlang in gespanntester Erwartung hatte zappeln
+lassen, winkte er plötzlich mit der Hand ab
+und faßte seinen Ärger und seine Ohnmacht in
+das eine Wort zusammen:
+</p>
+
+<p>»Teufel!«
+</p>
+
+<p>»Teufel!« &mdash; hallte es irgendwo im Korridor wider,
+und irgendwo unter dem Ofen, und irgendwo
+im Keller, und irgendwo hoch über der
+Decke auf dem dunklen Dachboden; das Wort
+übertönte die Musik, den Tanz, das Lachen,
+Schreien, das Krachen der Raketen und das Knistern
+des Feuers.
+</p>
+
+<p>Die Sterne am Himmel, die trüben Sterne von
+Krutowrag, die sich an die emporlodernden
+Flammen längst gewöhnt hatten, blickten unruhig
+auf das Wersenewsche Haus hernieder.
+</p>
+<!-- page 129 -->
+
+<h3 class="no">2</h3>
+
+<p class="noindent">Woher und wie lange Wersenew die üble Angewohnheit
+hatte, den Teufel zu rufen, wußte niemand;
+niemand dachte auch je darüber nach.
+</p>
+
+<p>Wollte man auf alle Redensarten und Scherzworte
+aufpassen und über sie nachdenken, so
+würde ein Menschenleben dazu nicht ausreichen;
+außerdem riskiert man dabei, sich selber
+eines davon anzugewöhnen: es gibt doch recht
+üble Redensarten! Der Adelsmarschall Turbejew
+pflegt zum Beispiel an jeden Satz, den er spricht,
+das Wort &rsaquo;gewissermaßen&lsaquo; anzuhängen, und das
+hat ihm noch niemals geschadet. Als aber der
+Krutowrager Krämer Charin diese Redensart
+vom Adelsmarschall übernommen hatte, kam er
+beinahe an den Bettelstab. Wie sollte er auch
+nicht an den Bettelstab kommen? Nehmen wir
+zum Beispiel die von einem Krämer am häufigsten
+gebrauchte Wendung: &rsaquo;Das kostet soundsoviel&lsaquo;;
+dieser Ausdruck ist durchaus eindeutig und
+bestimmt den Preis in Rubeln und Kopeken
+aber: &rsaquo;Das kostet gewissermaßen soundsoviel&lsaquo; &mdash;
+klingt schon ganz anders. Oder: &rsaquo;Schicken Sie es
+mir gewissermaßen sofort&lsaquo;; &rsaquo;Schicken Sie es mir
+sofort&lsaquo; &mdash; das versteht der größte Dummkopf, aber
+&rsaquo;gewissermaßen sofort&lsaquo; wird auch der Gescheiteste
+nicht verstehen. Dasselbe gilt von Wersenews
+&rsaquo;Teufel&lsaquo;: wenn man dieser Redensart zuviel Beachtung
+schenkt und immer an sie denkt, so kann
+sie leicht an einem hängenbleiben; und wenn
+<!-- page 130 -->
+man sie sich angewöhnt hat, geht man sicher zugrunde.
+Die alte Solomowna mußte es ja wissen:
+Solomowna stammte noch aus der Zeit der Leibeigenschaft;
+sie hatte vieles gesehen, gehört und
+erlebt; also hatte sie wohl recht, wenn sie sagte:
+<i>Wenn man den Teufel zur ungelegenen Zeit ruft, so
+kommt er als schwarzer Sturmwind geflogen und ergreift
+den Menschen, und der Mensch geht zugrunde!</i>
+</p>
+
+<p>So urteilten alle Leute in Krutowrag und auch
+anderwärts, die, ob sie wollten oder nicht, mit
+Sergej Sergejewitsch zusammenkommen mußten;
+es waren auch gar nicht die ersten besten, sondern
+lauter belesene und verständige Menschen, bewanderte
+Archäologen und Mechaniker.
+</p>
+
+<p>So urteilte auch der Geistliche von Krutowrag
+P. Astriosow, der zwischen allen Dingen und
+Handlungen ein &rsaquo;Bindeglied&lsaquo; zu konstruieren
+suchte, kein gewöhnliches, sondern unbedingt
+ein &rsaquo;eisernes&lsaquo; Bindeglied.
+</p>
+
+<p>Von den übrigen Bekannten lohnt sich gar
+nicht zu sprechen. Sie überhörten den Wersenewschen
+&rsaquo;Teufel&lsaquo; ganz einfach und schenkten
+ihm nicht die geringste Beachtung.
+</p>
+
+<p>»Wenn Wersenew den Teufel ruft, so ist es
+seine Sache! Es gibt Redensarten, die von Vornehmheit
+und Überhebung zeugen: so das &rsaquo;Bitte
+zu beachten&lsaquo; des Landrats Pustoroslew; es gibt
+fromme Redensarten, die ekstatisch veranlagten
+Leuten eigen sind, wie zum Beispiel &rsaquo;Herr Jesus!&lsaquo;
+Es kommt aber auch vor, daß vornehme Herren
+in hoher gesellschaftlicher Stellung, wie zum Beispiel
+<!-- page 131 -->
+der General a. D. Belojarow, Ausdrücke gebrauchen,
+die nicht wiederzugeben sind; und
+zwar nicht nur, wenn sie von etwas überrascht und
+bestürzt sind &mdash; in diesem Fall kann es ja auch jedem
+wohlerzogenen Menschen, der sonst in seiner
+Ausdrucksweise sehr vorsichtig ist, passieren &mdash;,
+nein, es ist einfach eine üble Angewohnheit.«
+</p>
+
+<p>So urteilten die Gleichgültigen.
+</p>
+
+<p>Niemand wagte Sergej Sergejewitsch selbst
+über seine Redensart zu befragen. Manchmal lächelte
+man dazu, aber niemand hatte den Mut,
+die Frage ganz unverblümt zu stellen. Man genierte
+sich einfach, eine solche Bagatelle zur
+Sprache zu bringen.
+</p>
+
+<p>Wersenew selbst war sich aber seiner Angewohnheit
+wohl gar nicht bewußt.
+</p>
+
+<p>Wäre er sich dieser seiner Angewohnheit bewußt
+gewesen, so hätte er sich doch hie und da
+beherrschen können. Das war aber noch niemals
+vorgekommen: jede Begrüßungsansprache, jeder
+Geburtstagstoast endete bei ihm unfehlbar mit
+dem &rsaquo;Teufel&lsaquo;.
+</p>
+
+<p>Ohne den Teufel gab es bei ihm keine einzige
+Rede, kein einziges Gespräch und keinen einzigen
+Satz.
+</p>
+
+<p>Es wäre aber immerhin interessant zu ergründen,
+wann und warum er sich diese dumme Redensart
+angewöhnt hatte!
+</p>
+
+<p>Eines war klar: daß es hier weder das berühmte
+Astriosowsche &rsaquo;eiserne Bindeglied&lsaquo;, noch
+überhaupt ein Bindeglied gab: der Wersenewsche
+<!-- page 132 -->
+&rsaquo;Teufel&lsaquo; hing einfach in der Luft, und zwar
+in der gleichen Höhe wie das &rsaquo;gewissermaßen&lsaquo;
+des Adelsmarschalls, mindestens ebenso klar war
+es auch, daß Sergej Sergejewitsch ohne diesen
+&rsaquo;Teufel&lsaquo; undenkbar war und daß, wenn man ihm
+diese Eigenheit genommen hätte, man es nicht
+mehr mit Sergej Sergejewitsch Wersenew, sondern
+mit einem ganz anderen Menschen zu tun
+haben würde.
+</p>
+
+<p class="tb">&nbsp;</p>
+
+<p class="noindent">Wersenew konnte sich gut an seine Mutter erinnern.
+</p>
+
+<p>Fedossja Alexejewna stammte aus einer alteingesessenen
+Moskauer Kaufmannsfamilie mit alten
+Traditionen. Unendliche Abendgottesdienste,
+Frühmessen, Heilung von Besessenen im Simonskloster,
+Schlittenfahrten im Karneval, rote
+Osterkerzen, Glockengeläut im Kreml, Maifeiern
+im Sokolniki-Wäldchen, Berichte von Pilgern,
+Wallfahrten nach dem Troiza-Sergius-Kloster,
+Kirchenprozessionen und die strenge Hausordnung
+im Vaterhaus &mdash; das war das Wiegenlied,
+unter dem sie aufgewachsen war, das erste
+rote Bändchen in ihren Zopf geflochten, das
+erste Feuer in ihrem verzagten Herzen und ihren
+weitgeöffneten Augen entzündet und ihr erstes
+Lächeln durch ihren ersten Kummer getrübt
+hatte.
+</p>
+
+<p>Aus dem alten, frommen Moskau kam sie plötzlich
+in das Wersenewsche Herrenhaus, nach
+Krutowrag mit dem grundlosen Weiher und dem
+<!-- page 133 -->
+gewölbten Keller, an dessen Wänden braune
+Blutspritzer zu sehen waren.
+</p>
+
+<p>Wenn Wersenew an seine früheste Kindheit
+dachte, so erhob sich vor ihm sofort wie im Nebel
+das Bild seiner Mutter. Niemals konnte er vergessen,
+wie sie Tage und Nächte hindurch am
+Eckfenster ihres Zimmers im Obergeschoß gesessen
+hatte. Er schlief in ihrem Zimmer und war
+immer bei ihr. Und wenn er nachts erwachte, sah
+er sie oft am Fenster sitzen.
+</p>
+
+<p>Als er größer wurde und erfuhr, daß auch er,
+wie die andern Kinder, einen Vater hatte und
+daß dieser Vater sich irgendwo im Auslande, fern
+von Krutowrag aufhielt, als er erfuhr, daß seine
+Mutter immer den Vater erwartete und darum
+die Nächte aufblieb, begann auch er selbst auf
+den Vater zu warten.
+</p>
+
+<p>Manchmal kamen Briefe vom Vater.
+</p>
+
+<p>Mit welcher Ungeduld bestürmte der Knabe
+die Mutter, ihm diese Briefe vorzulesen!
+</p>
+
+<p>Die Briefe waren aber kurz und stets vom gleichen
+Inhalt: anfangs war die Rede vom Geld,
+und dann gab er den Tag seiner Ankunft in Krutowrag
+an.
+</p>
+
+<p>Und dieser Tag brach an, aber der Vater kam
+nicht.
+</p>
+
+<p>Die Mutter bemühte sich, ihre Erbitterung vor
+dem Kinde zu verbergen. Sie weinte nicht; sie saß
+wieder am Fenster und blickte wieder auf die
+Landstraße hinaus. Aber der Knabe fühlte mit
+seinem ganzen kindlichen Wesen den Kummer,
+<!-- page 134 -->
+der auf ihrem Herzen lastete, der sie marterte
+und ihr Herz vor Kälte zusammenschrumpfen
+ließ. Er wollte ihr helfen, wußte aber nicht wie,
+und weinte auch selbst still in sich hinein.
+</p>
+
+<p>Die Rückkehr seines Vaters nach Krutowrag
+war sein sehnlichster Wunsch.
+</p>
+
+<p>Immer wieder kamen Briefe vom Vater. Er
+schrieb immer wieder um Geld und bestimmte
+von neuem den Tag seiner Ankunft. Und der Tag
+brach an, doch der Vater kam nicht.
+</p>
+
+<p>Einmal, als seine Ungeduld aufs höchste gesteigert
+war und er nicht länger warten konnte,
+lief er auf die Landstraße hinaus, rannte eine
+weite Strecke, ohne stehenzubleiben, kehrte
+dann plötzlich um und eilte mit zusammengekniffenen
+Augen dem Hause zu.
+</p>
+
+<p>»Vater kommt! Vater kommt!« rief er seiner
+Mutter mit so echter Freude und so felsenfester
+Überzeugung zu, daß sie und auch er selbst
+plötzlich ein Glöckchen in der Ferne zu hören
+vermeinten.
+</p>
+
+<p>Sie zweifelte nicht, sie lief auf den Hausflur
+hinaus, fiel auf die Knie, umarmte den Sohn und
+hielt ihn fest umschlungen, wie ihren einzigen
+Schutz, wie einen geliebten Bruder, wie den
+treuen Zeugen ihrer bitteren Leiden, ihrer schlaflosen
+Nächte und all ihrer Erbitterung. Sie
+konnte sich nicht länger beherrschen, sie lachte
+und weinte und stieß plötzlich einen Schrei aus,
+der ihr aus der Tiefe des Herzens drang.
+</p>
+
+<p>Mutter und Sohn sahen auf die Landstraße
+<!-- page 135 -->
+hinaus; es war, als ob sie zusammen nur ein Paar
+Augen hätten, mit denen sie hinausblickten .&nbsp;.&nbsp;.
+Sie glaubten und zweifelten zugleich. Und das
+Glöckchen läutete noch immer in der Ferne.
+</p>
+
+<p>Einige Wagen mit Teefässern kamen vorbei.
+Die Räder knirschten und übertönten alles. Der
+Staub verdeckte den Ausblick. Endlich legte sich
+der Staub, und die Straße lag leer da.
+</p>
+
+<p>Bis zum Horizont war die Straße zu sehen, und
+kein Glöckchen läutete mehr. Still und leer war
+die Welt. Nur die Pappeln im Garten rauschten.
+</p>
+
+<p>Von diesem Tage an begann für den Knaben
+ein neues Leben: Er hatte ein neues Spiel: &rsaquo;Ankunft
+des Vaters&lsaquo;.
+</p>
+
+<p>Dieses Spiel hatte er selbst erfunden.
+</p>
+
+<p>Es amüsierte ihn, wenn die Mutter bei seinem
+Ruf: &rsaquo;Vater kommt!&lsaquo; von ihrem Platz am Fenster
+aufsprang und plötzlich leichenblaß wurde und
+zitterte. Ihn amüsierte ihr Aufschrei, der jedesmal
+unheimlicher und abgerissener klang .&nbsp;.&nbsp;.
+</p>
+
+<p>Und wenn er so spielte, glaubte er selber
+daran, daß er den Vater gesehen hätte; auch
+seine Mutter glaubte es.
+</p>
+
+<p>Mutter und Sohn sahen auf die Landstraße
+hinaus .&nbsp;.&nbsp;. So lange scheint es her zu sein und ist
+doch vor kurzem hier, auf dieser Erde, geschehen!
+Wie schön rauschten damals die Pappeln im
+Garten!
+</p>
+
+<p>&rsaquo;Es zieht mich hin zu diesem stillen Strand .&nbsp;.&nbsp;.&lsaquo;
+</p>
+
+<p>»Teufel!« wehrte sich Sergej Sergejewitsch gegen
+den Ansturm der Erinnerungen.
+</p>
+<!-- page 136 -->
+
+<p>Die Mutter starb, ohne den Vater wiedergesehen
+zu haben. Sie starb, am Fenster sitzend und
+auf die Straße blickend.
+</p>
+
+<p>Bald nach ihrem Tode kam der Vater.
+</p>
+
+<p>Der Knabe erschrak vor dem Vater: es war
+nicht der echte Vater, nicht der Vater, an den er
+soviel gedacht, den er mit solcher Sehnsucht erwartet
+hatte.
+</p>
+
+<p>Er versteckte sich immer vor ihm; er schrie und
+weinte nachts vor Angst.
+</p>
+
+<p>Der Vater, der nicht zu den weichherzigen Naturen
+gehörte, nahm die Erziehung des Sohnes
+energisch in die Hand. Er hielt ihn sehr streng
+und bestrafte ihn oft und hart, so daß dem Knaben jede
+Lust zu weinen verging. Er schlief jeden
+Abend ruhig ein und wurde ganz zahm.
+</p>
+
+<p>Im Herbst brachte man ihn in die Stadt und
+steckte ihn ins Kadettenkorps.
+</p>
+
+<p>Nun begann für Wersenew ein neues Leben,
+vielleicht die lustigste Periode seines Daseins.
+</p>
+
+<p>Wenn er in den Ferien nach Krutowrag kam,
+fühlte er sich da heimisch und nicht mehr so
+fremd und bedrückt wie früher.
+</p>
+
+<p>Von der Mutter wurde im Hause niemals gesprochen:
+Sergej Petrowitsch erwähnte niemals
+ihren Namen, und der Sohn wagte nicht, als erster
+von ihr zu sprechen.
+</p>
+
+<p>Das Eckzimmer im Obergeschoß mit den Kleiderschränken
+wurde sorgfältig im gleichen Zustand
+belassen, wie es zu Mutters Lebzeiten gewesen
+war: alle ihre Sachen, ihr Tischchen, ihr
+<!-- page 137 -->
+Spiegel &mdash; alles stand noch da. Der Sohn suchte
+aber immer seltener dieses Zimmer auf. In der ersten
+Zeit kam er oft heimlich hinauf und weinte
+sogar manchmal am Fenster, wo die Mutter gesessen
+hatte; später interessierte er sich aber
+mehr für Pferde.
+</p>
+
+<p>So kam es, daß er niemals erfuhr, warum der
+Vater die Mutter verlassen hatte; in den späteren
+Jahren tat es ihm sogar leid, daß er es nicht
+wußte. Der Vater hatte in seinem Arbeitszimmer
+bis zu seinem Tode das Bildnis der Mutter hängen.
+Hatte er sie geliebt? Und wenn ja, warum
+hatte er sie verlassen? Warum hatte der Vater die
+Mutter verlassen? Warum mußte sie soviel Leid,
+so viele bittere Tage und Nächte über sich ergehen
+lassen?
+</p>
+
+<p>&rsaquo;Es zieht mich hin zu diesem stillen Strand .&nbsp;.&nbsp;.&lsaquo;
+</p>
+
+<p>»Teufel!« sagte sich Sergej Sergejewitsch,
+wenn er an die alten Zeiten von Krutowrag
+dachte.
+</p>
+
+<p>Nachdem er das Kadettenkorps absolviert
+hatte, ging er nach Petersburg und wurde Offizier.
+</p>
+
+<p>Da hatte er ein gutes Leben. Niemals hatte er
+Mangel an Geld: sein Vater geizte nicht und
+schickte ihm regelmäßig größere Summen. Der
+Vater war immer besorgt, daß es ihm gut ginge.
+Er konnte sich über nichts beklagen. Bei seinen
+guten Verbindungen und großen Mitteln durfte
+er auf eine glänzende Zukunft hoffen.
+</p>
+
+<p>Er lebte ebenso wie die andern Offiziere:
+<!-- page 138 -->
+spielte Karten, nahm an Trinkgelagen teil, besuchte
+Bälle, erzählte Witze, imitierte seine Kameraden
+und Vorgesetzten, machte Damen den
+Hof, war an allen Regimentsintrigen beteiligt,
+regte sich auf, zankte sich &mdash; und die Tage gingen
+gleichmäßig dahin, und ein Tag war wie der andere.
+Und wenn auch zuweilen etwas Ausschließliches
+und Besonderes vorkam, so blieb es
+doch immer in den Grenzen des in seinen Kreisen
+Erlaubten und Üblichen: so verlor er zum Beispiel
+einmal eine Riesensumme im Kartenspiel;
+wem ist das aber noch nicht passiert? Auch die
+anderen Ausnahmen waren von der gleichen Art.
+</p>
+
+<p>Gleichmäßig, mit ganz unbedeutenden Sprüngen,
+floß sein Petersburger Leben dahin.
+</p>
+
+<p>Dieses erfolgreiche, leichte und vielversprechende
+Leben hätte eigentlich in seinem Gedächtnis
+keine Spuren zurücklassen müssen.
+</p>
+
+<p>Und doch hatte er eine Erinnerung.
+</p>
+
+<p>Es war allerdings nichts Besonderes, ein, ganz
+gewöhnliches Erlebnis.
+</p>
+
+<p>Gibt es denn im Leben auch viel Ungewöhnliches?
+</p>
+
+<p>Sergej Sergejewitsch dachte in seinen späteren
+Jahren mehr als einmal an dieses Erlebnis zurück;
+er prüfte sich und saß über sich selber zu
+Gericht und verantwortete sich vor sich selbst.
+</p>
+
+<p>Er hatte schon längst eingesehen, daß eine
+Handlung durchaus nicht besonders auffallend
+und außergewöhnlich zu sein braucht, um für
+immer im Gedächtnis haftenzubleiben; daß auch
+<!-- page 139 -->
+etwas ganz Unbedeutendes, etwas, das man
+kaum merkt, sich wie ein winziges Stäubchen in
+der Seele festsetzen kann.
+</p>
+
+<p>&rsaquo;Ein Komet fliegt vorbei, ein Stern stürzt vom
+Himmel, ein Erdbeben vernichtet eine ganze
+Stadt &mdash; das kann für dich schon am nächsten
+Tage seine ganze Bedeutung verlieren und farblos
+werden; du kannst es vergessen wie den gestrigen
+Schnee; zuweilen kann aber irgendein bescheidenes
+Lichtchen &mdash; ein irgendwo unter einer
+Brücke flackerndes Flämmchen oder die qualmende
+Petroleumlampe in einer dummen Straßenlaterne,
+die wie eine Hopfenstange unter deinem
+Fenster aufragt, oder sonst ein Unsinn dir
+für dein ganzes Leben im Gedächtnis bleiben.&lsaquo;
+</p>
+
+<p>Ja, er dachte viel darüber nach, und wie er so
+über sich selber zu Gericht saß und sich vor sich
+selbst verantwortete, blickte er in die dunkelste
+Tiefe, in den trübsten Bodensatz seiner Seele hinein.
+</p>
+
+<p>Kann man da aber viel sehen? Und wenn man
+sieht, viel erkennen? Und wenn man auch etwas
+erkennt, vermag man es denn richtig wiederzugeben?
+Und wenn man es auch kann, hat man den
+Mut dazu?
+</p>
+
+<p>Mord und Betrug, Lüge und Verrat sind
+schwere Vergehen, große Sünden, die von allen
+Gesetzen bestraft werden. Was kommt aber dabei
+heraus? Der Mord läßt den Mörder vollkommen
+kalt; er denkt überhaupt nicht mehr an ihn!
+Was er aber bis zu seinem letzten Atemzug tragen
+<!-- page 140 -->
+muß, was seine Qual, sein Lohn und seine
+Strafe ist, was im Augenblick der Tat sein ganzes
+Sein erfüllt, das ist gar nicht der Mord, sondern
+das ist dieses, daß er einmal einen Tag, eine Woche,
+ein Jahr oder vielleicht zehn Jahre vor dem
+Morde ein zudringliches Mädel, das ihn auf der
+Straße anbettelte, von sich gestoßen hat &mdash; es gibt
+solche kleine Bettlerinnen, die einen auf der
+Straße verfolgen und schmierige Zettel mit Prophezeiungen
+zum Kauf anbieten: &rsaquo;Herr, kaufen
+Sie mir doch einen Glückszettel ab!&lsaquo; &mdash; Es handelt
+sich auch gar nicht darum, daß er das Mädel, das
+ihm sein Glück zum Kauf anbot, von sich stieß,
+sondern darum, daß das frierende Mädel ihm einen
+Blick zuwarf, einen Blick, den er sein Lebtag
+nicht vergessen wird.
+</p>
+
+<p>»Teufel!« wehrte sich Sergej Sergejewitsch, als
+ihm das Petersburger Erlebnis wieder in den
+Sinn kam.
+</p>
+
+<p>Einer seiner Regimentskameraden hatte eine
+Braut. Der Offizier war von altem Adel, das
+Mädchen aber aus einfacher Familie und sehr
+arm. Die Angehörigen des Bräutigams waren gegen
+diese Verbindung und suchten sie auf jede
+Weise zu vereiteln.
+</p>
+
+<p>Sergej Sergejewitsch nahm sich die Angelegenheit
+seines Kameraden sehr zu Herzen; er besuchte
+ihn oft und wünschte ihm und seiner
+Braut aufrichtig Glück.
+</p>
+
+<p>Und als nach unendlicher Mühe die Hindernisse
+endlich aus dem Wege geräumt waren und
+<!-- page 141 -->
+der Tag der Hochzeit festgesetzt war, nahm die
+Sache ein unerwartetes und trauriges Ende: die
+Braut löste die Verlobung.
+</p>
+
+<p>Wersenew kann sich noch an den Abend erinnern,
+an diesen Petersburger Herbstabend mit
+dem durchdringenden feuchten Wind und den
+hinter dem Schleier des feinen Regens trübe
+leuchtenden Straßenlaternen; an ihr Zimmer irgendwo
+in der Rusowskaja-Straße in der Nähe
+der Kasernen. Sie bat ihn, zu ihr zu kommen, um
+mit ihm über die aufgehobene Verlobung zu
+sprechen. Er zweifelte nicht, daß das der wahre
+Grund sei, warum sie ihn zu sich gerufen habe;
+als er aber zu ihr kam, sagte sie ihm die ganze
+Wahrheit .&nbsp;.&nbsp;.
+</p>
+
+<p>Er kann sich auch an ihr Gesicht erinnern, das
+plötzlich so blaß geworden war, so entsetzlich
+blaß, wie das Gesicht seiner Mutter zu werden
+pflegte, wenn er mit den Worten: &rsaquo;Vater kommt!&lsaquo;
+zu ihr ins Eckzimmer hineingestürzt gekommen
+war.
+</p>
+
+<p>Sie eröffnete ihm, daß sie ihn liebgewonnen
+hätte und nur ihn allein liebte.
+</p>
+
+<p>Er liebte sie aber gar nicht. Hatte er ihr denn
+einen Grund gegeben, dergleichen anzunehmen?
+Er hatte sie als die zukünftige Gattin seines
+Freundes stets aufmerksam behandelt und war
+aufrichtig bestrebt gewesen, beiden, ihr und ihm,
+zu helfen. Er hatte sie niemals geliebt und liebte
+sie auch jetzt gar nicht.
+</p>
+
+<p>Er kann sich noch erinnern, wie sie in der Ecke
+<!-- page 142 -->
+am Fenster stand, während die Regentropfen
+gleichmäßig und unaufhörlich gegen die Scheiben
+prasselten; ein Tropfen folgte dem andern,
+ein Bächlein dem andern. Wie sie ihn, ohne mit
+den Wimpern zu zucken, die Mundwinkel traurig
+gesenkt, ansah und später mit unbeweglichen
+Blicken begleitete, so starr, als trüge er das ganze
+Blut ihres Körpers, die ganze Kraft ihrer Seele
+und die ganze Hoffnung ihres Herzens mit fort,
+als hätte er es ihr entrissen und ginge damit
+fort!
+</p>
+
+<p>Am nächsten Abend traf er sie zufällig auf der
+Kukuschkin-Brücke. Er hatte sich nicht geirrt:
+sie war es. Er erkannte sie an ihrem Blick, der
+ebenso unbeweglich war wie am vorigen Tag.
+Und etwas später hörte er etwas in das ekle
+schwarze Wasser des Kanals plumpsen. Er
+blickte aber nicht einmal zurück und setzte seinen
+Weg fort.
+</p>
+
+<p>War er es, der sie in das ekle schwarze Wasser
+gestoßen hatte?
+</p>
+
+<p>»Teufel!« wehrte sich Sergej Sergejewitsch, als
+ihm die Geschichte wieder in den Sinn kam.
+</p>
+
+<p>Bald nach diesem Vorfall mußte er plötzlich
+nach Krutowrag abreisen: sein Vater lag im Sterben.
+</p>
+
+<p>Der alte Sergej Petrowitsch Wersenew starb
+ganz allein und ließ niemanden, weder den Arzt
+noch den Geistlichen, zu sich herein. Nur in den
+allerdringendsten Fällen durfte als einzige &rsaquo;Kreatur&lsaquo;
+der Lakai Sinowi sein Zimmer betreten. Der
+<!-- page 143 -->
+Alte wollte nichts genießen und schloß des
+Nachts kein Auge.
+</p>
+
+<p>Im ganzen Hause konnte niemand schlafen.
+Allen war es so unheimlich zumute; man hatte
+Angst zu sprechen und selbst zu flüstern.
+</p>
+
+<p>Alle Zimmer waren erleuchtet, und alle Türen
+standen weit offen; nur die Tür des Arbeitszimmers
+war fest verschlossen.
+</p>
+
+<p>Sergej Sergejewitsch kam zu einer späten
+Nachtstunde in Krutowrag an; er wollte den Vater
+nachts nicht stören und sich erst am Morgen
+bei ihm melden. Der Vater fühlte aber sofort, daß
+der Sohn gekommen war, und ließ ihn durch Sinowi
+rufen.
+</p>
+
+<p>Der Alte saß in der Ecke beim Schrank mit
+dem alten astronomischen Globus, in einem Sessel
+zusammengekauert; er war fürchterlich abgemagert
+und lag anscheinend in den letzten Zügen.
+Er keuchte schwer, als ob ihm jemand die
+Kehle zusammenpreßte, die Augen waren aber
+ganz tot und die Pupillen trübe und starr; nur der
+Rand der Pupillen hatte einen unangenehmen
+scharfen Glanz.
+</p>
+
+<p>Der Sohn ergriff seine Hand und beugte sich
+über sie; die Hand war eiskalt. Und als er sich
+über sein Gesicht beugte, um den Vater auf die
+Wange zu küssen, spürte er einen unüberwindlichen
+Ekel und küßte die Luft.
+</p>
+
+<p>Vater und Sohn begrüßten einander.
+</p>
+
+<p>Der Alte küßte den Sohn: die Lippen waren
+eiskalt, noch kälter als die Hände.
+</p>
+<!-- page 144 -->
+
+<p>Der Sohn wartete eine Weile und beugte sich
+wieder zum Vater:
+</p>
+
+<p>»Nun, wie geht es Ihnen?«
+</p>
+
+<p>»Die Teufel kommen immer her«, zischte der
+Alte durch die Zähne.
+</p>
+
+<p>»Was für Teufel? Kleine mit Schwänzchen?«
+versuchte der Sohn zu scherzen; er verstand es
+sonst sehr gut, mit dem Alten auszukommen und
+zu sprechen.
+</p>
+
+<p>»Was fällt dir ein! Echte Teufel!« zischte der
+Vater, und seine Pupillen wurden noch dunkler.
+</p>
+
+<p>Wersenew erinnert sich an diese toten Augen
+und die starren, dunklen Pupillen mit dem scharfen,
+noch lebenden Rand; der scharfe, lebende
+Rand der Pupillen zog sich plötzlich zusammen
+und leuchtete wie rote Kohlenglut auf.
+</p>
+
+<p>Er griff unwillkürlich nach seinem Säbelknauf
+und wich einige Schritte zurück.
+</p>
+
+<p>Der Alte schlug seinen Schlafrock vorn auf und
+begann sich krampfhaft die Brust zu kratzen.
+</p>
+
+<p>»<i>Echte</i> Teufel .&nbsp;.&nbsp;.« zischte der Alte, indem er
+sich die Brust kratzte. Plötzlich sprang er kreischend
+vom Sessel auf und fiel mit dem Gesicht
+auf den Teppich.
+</p>
+
+<p>Das war also der Vater, an den er einst soviel
+gedacht, den er einst so sehnsüchtig erwartet
+hatte!
+</p>
+
+<p>Was quälte aber den Vater? Wen sah er vor
+sich? Wer besuchte ihn in seiner Sterbestunde?
+Wer war der Echte? Wer umklammerte sein Herz
+mit dem echten letzten Zucken des Gewissens,
+<!-- page 145 -->
+mit dem letzten Willen und dem letzten Wort?
+Wer war das?
+</p>
+
+<p>»Teufel!« wehrte sich Sergej Sergejewitsch, als
+er sich an den Tod seines Vaters erinnerte, des
+Vaters, an den er einst soviel gedacht, den er so
+sehnsüchtig erwartet hatte.
+</p>
+
+<p>Wersenew nahm zu Neujahr seinen Abschied,
+zog aus Petersburg nach Krutowrag und widmete
+sich der Landwirtschaft. Um die gleiche
+Zeit heiratete er.
+</p>
+
+<p>Warum er geheiratet hatte, wußte er selbst
+nicht mehr; wahrscheinlich hatte ihm Jelisaweta
+Nikolajewna gut gefallen: sie war so still und
+sanft wie ein stiller Engel Gottes. Auch langweilte
+er sich allein in dem alten Hause.
+</p>
+
+<p>Mit der Landwirtschaft beschäftigte er sich
+nur kurze Zeit. Dann versuchte er, sich in der
+Semstwoverwaltung zu betätigen, gab aber auch
+das aus irgendeinem ganz unsinnigen Grunde
+sehr bald auf. Allmählich zog er sich von jeder
+Tätigkeit zurück.
+</p>
+
+<p>Die ganze Wirtschaft und das ganze Schicksal
+der Wersenews ruhten nun auf den Schultern des
+tüchtigen und fleißigen Gutsverwalters, eines
+mürrischen Letten, und Jelisaweta Nikolajewnas,
+die es verstanden hatte, das alte Haus mit
+unaufhörlichem Lärm und lustigen Gästen anzufüllen.
+</p>
+<!-- page 146 -->
+
+<h3 class="no">3</h3>
+
+<p class="noindent">Gorik und Buba lernten gut und absolvierten die
+Schule mit Auszeichnung. Gorik kam auf die
+Universität und Buba auf die Frauenhochschule.
+</p>
+
+<p>Der letzte Sommer, den sie in Krutowrag verbrachten,
+war ganz besonders lustig.
+</p>
+
+<p>Die Bauernjungen von Krutowrag, die
+schüchternen: Fischbein, Roßhaar und Schaufel,
+und auch die frechen: Igonka, Igoschka, Jenka,
+Jeschka und Jermoschka spielten unter Goriks
+Anführung &rsaquo;Expropriationen&lsaquo;; ein Überfall, den
+sie veranstalteten, war so täuschend echt, daß die
+tscherkessischen Flurwächter des Generals Belojarow
+den Anführer um ein Haar erschossen hätten.
+</p>
+
+<p>Raketen und persische Blitze stiegen über dem
+Hause auf im Garten qualmten Reisigfeuer, in
+der ganzen Umgegend loderten Feuersbrünste,
+und die Nächte waren stets von unheimlichem
+rotem Feuerschein erhellt.
+</p>
+
+<p>Als die Kinder endlich nach Petersburg abreisen
+mußten, begann auch Jelisaweta Nikolajewna
+zu packen.
+</p>
+
+<p>Die Kinder reisten mit ihrer Mutter ab und
+kehrten niemals nach Krutowrag zurück.
+</p>
+
+<p>Jelisaweta Nikolajewna erklärte ihrem Mann,
+daß sie nie wieder nach Krutowrag zurückkommen
+wolle und daß auch die Kinder niemals zurückkehren
+würden.
+</p>
+
+<p>Als sie das sagte, hatte sie nicht mehr ihren
+<!-- page 147 -->
+kindlich-schelmischen Ausdruck. Ihr Entschluß
+war offenbar fest und unumstößlich.
+</p>
+
+<p>Sergej Sergejewitsch begriff anfangs gar
+nichts; er wollte nichts begreifen; es war ihm zu
+peinlich, er wollte sich nicht von seiner Familie
+trennen, es fiel ihm schwer, ein neues Leben zu
+beginnen, sich das gewohnte Leben abzugewöhnen
+und sich in neue Verhältnisse zu schicken; er
+konnte sich ein anderes Leben gar nicht vorstellen.
+Die Wersenews hatten ja achtzehn Jahre zusammengelebt!
+</p>
+
+<p>Er wollte seiner Frau widersprechen, brachte
+aber kein einziges Wort hervor: statt aller Einwände
+drang aus seiner Kehle nur ein Röcheln
+und Pfeifen, und dann folgte sein obligates &rsaquo;Teufel!&lsaquo;
+</p>
+
+<p>Er konnte einfach nichts dagegen tun.
+</p>
+
+<p>Schließlich wurde er still wie ein Kind, dem
+man das Hautjucken, das es plagte, besprochen
+hat, erklärte sich mit allem einverstanden und
+unterschrieb alles, was man von ihm verlangte.
+</p>
+
+<p>Auch die Geldfrage wurde leicht und einfach
+gelöst.
+</p>
+
+<p>Der Gutsverwalter erstattete einen klaren und
+erschöpfenden Bericht über die Wersenewschen
+Verhältnisse und übernahm es, Jelisaweta Nikolajewna
+auch in Zukunft auf dem laufenden zu
+halten.
+</p>
+
+<p>In Krutowrag wurde es auf einmal leer.
+</p>
+
+<p>Die Kunde von diesem Ereignis verbreitete
+sich über die Felder von Krutowrag und lief dann
+<!-- page 148 -->
+die Landstraße entlang, bald nach rechts, bald
+nach links abschwenkend und in jeden Gutshof
+einkehrend.
+</p>
+
+<p>Niemand wunderte sich, niemand regte sich
+darüber auf; es war, als ob alle das Ereignis vorausgeahnt
+und nur aus Feingefühl geschwiegen
+hätten, ebenso wie man in Gegenwart eines
+Schwerkranken von seinem nahen Tode zu sprechen
+sich scheut.
+</p>
+
+<p>Das eheliche Zerwürfnis (General Belojarow
+gebrauchte übrigens einen andern, nicht wiederzugebenden
+Ausdruck), mit dem man sich den
+plötzlichen Entschluß Jelisaweta Nikolajewnas
+erklärte, beschäftigte eigentlich nur ihre ehemaligen
+Freundinnen, die nun mit ihren heimlichen
+Verdachtsgründen triumphierten.
+</p>
+
+<p>»Jetzt ist es klar, daß sie in einen Roman verwickelt
+ist; natürlich ist es ein Roman, obwohl
+niemand den Auserwählten ihres Herzens kennt;
+aber dieser Auserwählte muß doch irgendwo vorhanden
+sein! Wo käme denn sonst das Zerwürfnis
+her?«
+</p>
+
+<p>So urteilten die Damen.
+</p>
+
+<p>Niemand hatte aber Lust, sich mit der Sache
+eingehender abzugeben; niemand hatte Lust,
+seine Nase in ein fremdes Malheur zu stecken;
+denn man kommt immer besser weg, wenn man
+sich in solche Angelegenheiten nicht einmischt.
+</p>
+
+<p>Unruhig rauschte das Korn auf den Feldern,
+unruhig brauste es im Walde; auch die
+Sterne, die trüben Sterne von Krutowrag,
+<!-- page 149 -->
+flimmerten unruhig über dem Wersenewschen
+Hause.
+</p>
+
+<p>Krutowrag war nun leer. Niemand hatte Lust,
+Wersenew in seiner Einsamkeit zu besuchen.
+</p>
+
+<p>In den ersten Tagen kamen allerdings einmal
+drei Damen, die mit Jelisaweta Nikolajewna befreundet
+waren, zu Besuch. Sie kamen nach Krutowrag,
+um, wie sie später selbst erklärten, zu riechen,
+welch ein Wind jetzt dort wehte.
+</p>
+
+<p>Die Damen fielen über Wersenew her und redeten
+ihm die Ohren voll, so daß er nicht einmal
+die Möglichkeit hatte, seinen &rsaquo;Teufel&lsaquo; loszulassen.
+</p>
+
+<p>Obwohl Solomowna, die diese letzten Gäste
+hinausbegleitete, ihnen klipp und klar erklärte,
+daß die gnädige Frau nur die Krankheit des gnädigen
+Herrn nicht hätte vertragen können und
+daß sie nur aus diesem einen Grunde abgereist
+sei, wollten es die Damen doch nicht glauben und
+hielten hartnäckig an ihrer Ansicht, daß auch ein
+Auserwählter des Herzens mit im Spiele sein
+müsse, fest.
+</p>
+
+<p>Bald darauf ließ General Belojarow, als er
+bei einer der drei Damen anläßlich einer Geburtstagsfeier
+zu Besuch war, den bekannten pittoresken,
+doch nicht wiederzugebenden Ausdruck
+fallen. Er fügte übrigens beschwichtigend
+hinzu:
+</p>
+
+<p>»Alles hat sein Gewicht und Maß.«
+</p>
+
+<p>Damit war die Sache erledigt.
+</p>
+
+<p>Von den Nachbarn kam nur der Landrat Pustoroslew
+<!-- page 150 -->
+einmal zu Besuch, Er brachte den
+Agronomen Ratzejew mit, den er aus irgendeinem
+Grunde als einen berühmten politischen
+Redner aus Petersburg vorstellte, der Fischleim
+statt Knochen im Leibe habe.
+</p>
+
+<p>Ratzejew wand sich tatsächlich wie ein Sterlet,
+sprach aber während des ganzen Abends
+kein Wort. Pustoroslew schwatzte dafür ununterbrochen
+und führte verschiedene Beispiele
+seiner sprichwörtlich gewordenen Vergeßlichkeit
+an.
+</p>
+
+<p>Die Geschichte von seiner Auslandsreise in
+wichtiger amtlicher Mission erzählte er sogar
+zweimal: einmal vor und einmal nach dem
+Abendessen.
+</p>
+
+<p>Sergej Sergejewitsch hatte diese Geschichte
+mehr als einmal gehört. Das Ministerium
+schickte Pustoroslew zu irgendeinem Zweck
+nach Frankreich: er reiste aber aus Frankreich
+nach Spanien, aus Spanien nach Italien, aus Italien
+nach Algier: er ließ sich immer wieder Geld
+schicken, verbrauchte eine Riesensumme, besann
+sich aber auf den eigentlichen Zweck seiner
+Reise erst dann, als er nach Rußland zurückgekehrt
+war.
+</p>
+
+<p>»Vergessen können ist eine Gabe der Götter!«
+sagte Pustoroslew, indem er sein obligates &rsaquo;gewissermaßen&lsaquo;
+bedeutungsvoll dehnte und mit
+seinen farblosen Augen, die keine Wimpern hatten
+und blind zu sein schienen, zwinkerte; er
+spielte offenbar auf das eheliche Zerwürfnis an.
+</p>
+<!-- page 151 -->
+
+<p>Ein einziges Mal kam der Krämer Charin zum
+Tee.
+</p>
+
+<p>Wersenew freute sich in seiner Einsamkeit
+auch über diesen Gast.
+</p>
+
+<p>Charin saß in dem niedern länglichen Eßzimmer
+sehr lange am Teetisch. Er sprach von
+furchtbar gleichgültigen Dingen und blieb, obwohl
+er sich zum tausendsten Male das Versprechen
+gegeben hatte, von seiner gefährlichen Angewohnheit
+zu lassen, immer wieder in seinem
+&rsaquo;gewissermaßen&lsaquo; stecken, während Sergej Sergejewitsch
+den bestürzten Gast anstarrte, ab und
+zu mit der Hand winkte und seine Gedanken in
+dem Wort &rsaquo;Teufel&lsaquo; zusammenfaßte.
+</p>
+
+<p>»Die Gewohnheit ist gewissermaßen die zweite
+Natur!« stammelte Charin. Er war ganz rot geworden,
+in Schweiß gebadet und so aufgeregt,
+daß er kaum die Tür finden konnte.
+</p>
+
+<p>Nur der Geistliche P. Astriosow, der noch immer
+hoffte, das &rsaquo;eiserne Bindeglied&lsaquo; zwischen den
+Ereignissen zu konstruieren, kam noch öfters zu
+Wersenew.
+</p>
+
+<p>P. Astriosow, der von Natur aus schüchtern
+war, verlor, sobald er mit Sergej Sergejewitsch
+unter vier Augen war, jeden Mut. Er rauchte eine
+der berühmten Zigarren, an denen er allmählich
+Geschmack gefunden hatte, und parierte den
+Wersenewschen &rsaquo;Teufel&lsaquo; mit seinem &rsaquo;Bindeglied&lsaquo;,
+das ihm wirksamer als das Zeichen des
+Kreuzes schien.
+</p>
+
+<p>»Ja, ja, ein Bindeglied«, sprach P. Astriosow,
+<!-- page 152 -->
+indem er die Asche von der Zigarre schüttelte; er
+tat es, ganz gleich, ob es nötig war oder nicht und
+ob er eine Zigarre mit mexikanischem oder mit
+brasilianischem Deckblatt in der Hand hatte.
+</p>
+
+<p>Wersenew freute sich in seiner Einsamkeit
+auch über den Geistlichen.
+</p>
+
+<p>Sonst war er aber tagelang allein.
+</p>
+
+<p>Sergej Sergejewitsch hörte sogar auf, die Kirche
+zu besuchen; selbst während des Gottesdienstes
+konnte er sich seiner Redensart nicht mehr
+enthalten, was bei den Betenden großes Ärgernis
+hervorrief. Einmal führte es sogar zu einem unliebsamen
+Auftritt: der Kirchenälteste, Goloweschkin,
+versuchte während eines Festgottesdienstes
+an Kaisers Geburtstag den &rsaquo;Freimaurer&lsaquo;
+zu ohrfeigen. Seit diesem Zwischenfall kam Sergej
+Sergejewitsch nie wieder in die Kirche.
+</p>
+
+<p>In seinem Schlafrock aus weißem Flanell, mit
+der Zigarre im Munde, irrte Wersenew tagelang
+durch die leeren Zimmer. Die glimmende Zigarre
+beleuchtete seine eingefallenen trüben Augen
+und den grün angelaufenen grauen Schnurrbart.
+</p>
+
+<p>Er hatte nichts, um die Zeit totzuschlagen.
+Was sollte er tun? Doch nicht mit den Kinderspielsachen
+spielen! Er hatte sich so sehr an den
+ewigen Lärm und die lustigen Gäste, an seine
+Frau und seine Kinder gewöhnt: achtzehn Jahre
+hatten ja die Wersenews zusammen gelebt!
+</p>
+
+<p>Oft stand er stundenlang vor der Balkontür und
+zählte die Krähen, die über den nackten Linden
+<!-- page 153 -->
+kreisten .&nbsp;.&nbsp;. Wie viele waren es, und warum
+krächzten sie so? Oder er ging ins Eckzimmer im
+Obergeschoß, wo einst seine Mutter Fedossja
+Alexejewna gesessen hatte, setzte sich wie sie ans
+Fenster und sah auf die Landstraße hinaus .&nbsp;.&nbsp;.
+Wohin führte die Straße, und hatte sie irgendwo
+ein Ende? Oder er hörte dem Rauschen der Pappeln
+vor dem Hause zu .&nbsp;.&nbsp;. Worüber tuschelten
+sie? Manchmal saß er im Sessel seines Vaters, vor
+dem Schrank mit dem astronomischen Globus,
+starrte auf einen Punkt, vielleicht sogar auf denselben
+Punkt, wo seinem Vater die echten Teufel
+ohne Hörner und Schweife erschienen waren,
+und schlief, im Sessel kauernd, ein .&nbsp;.&nbsp;.
+</p>
+
+<p>»Teufel!« klang es Tag und Nacht, im Wachen
+und im Schlafen durch das leere Haus.
+</p>
+
+<p>Als die ersten Fröste kamen und man die Doppelfenster
+einsetzte, dichtete man auch die Balkontür
+mit Werg und Kitt ab.
+</p>
+
+<p>Nun kamen die dunklen Wintertage und die
+langen Winternächte.
+</p>
+
+<p>Im Wersenewschen Hause wurde es noch leerer,
+leer wie in einem großen Keller.
+</p>
+
+<p>Wenn er doch wenigstens ruhige Träume
+hätte.
+</p>
+
+<p>Einmal träumte ihm, er, Sergej Sergejewitsch
+Wersenew, Hauptmann a. D., siebenundvierzig
+Jahre alt, sei gar kein Mensch, sondern krieche
+als ein böses, rachsüchtiges, giftiges Insekt, eine
+Art Tausendschwanz, über eine Wiese und klammere
+sich mit den Beinen an den Grashalmen
+<!-- page 154 -->
+fest. Es ist ein kalter Sommermorgen, es beginnt
+erst zu dämmern, und am Himmel steht ein riesengroßer
+blasser Mond mit rötlich schimmerndem
+Rand. Sergej Sergejewitsch Wersenew
+kriecht als ein Tausendschwanz über das Gras;
+er weiß, daß es ganz gewöhnliches Krutowrager
+Gras ist, aber die Halme erscheinen ihm so dick
+und hoch wie Schilf, das Schilf größer und dicker
+als jeder Baum und das schwarze Erdreich als ein
+Haufen von Riesenklumpen. Er hat es so schwer:
+er muß auf jeden Halm hinaufkriechen, dann
+wieder hinunter und wieder hinauf. So kriecht er
+und weiß nicht, wohin er kriecht und warum er
+dazu verurteilt ist, von Halm zu Halm zu kriechen.
+Er vergeht vor Bosheit, der Haß vergiftet
+sein Herz, und er ist so furchtbar müde. Am
+Himmel steht der riesengroße blasse Mond mit
+rotglühendem Rand, und es ist so furchtbar kalt.
+</p>
+
+<p>Er erzählte einmal diesen Traum P. Astriosow.
+Dieser gab die kurze Deutung: »Das bedeutet,
+daß ein Witterungsumschlag bevorsteht.« Sergej
+Sergejewitsch lächelte.
+</p>
+
+<p>»Mir ist so eigen zumute«, sagte er, »als ob alles
+nicht echt wäre.«
+</p>
+
+<p>Ein anderes Mal versuchte er, seinen Traum
+dem Lakai Sinowi zu erzählen; er blieb aber mitten
+im Satze stecken und zischte wie der selige
+Sergej Petrowitsch durch die Zähne:
+</p>
+
+<p>»Die Seele haben sie mir gestutzt .&nbsp;.&nbsp;. Teufel!«
+Und er brach in Tränen aus.
+</p>
+
+<p>Dem kleinen Pjotr soll er aber gesagt haben:
+</p>
+<!-- page 155 -->
+
+<p>»Wenn ich doch in Armut, auf einem Strohlager
+sterben könnte, Pjotr!«
+</p>
+
+<p>Sergej Sergejewitsch langweilte sich furchtbar.
+</p>
+
+<p>Wie sollte man sich ohne Beschäftigung und
+ohne Gäste an trüben Wintertagen nicht langweilen?
+</p>
+
+<p>»Der Herr hat oft Angstzustände«, meldete
+Solomowna dem P. Astriosow, als er um die
+Weihnachtszeit mit dem Kreuz ins Haus kam.
+»Früher hatte er vor nichts Angst, jetzt kommt er
+aber jeden Abend zu mir in die Mägdekammer
+gelaufen und zittert vor Furcht: es ist ihm immer,
+als ob jemand neben ihm stünde. Auch wartet er
+immer auf Gäste; er glaubt, daß jeden Augenblick
+Gäste kommen werden! Oder er sitzt da
+und weint.«
+</p>
+
+<p>Nach Neujahr beichtete Solomowna dem
+Geistlichen, daß sie böse Träume gehabt habe: in
+der Christwoche hätte sie Blei gegossen und sonstigen
+Zauber getrieben, und darum wären ihr
+die bösen Träume gekommen.
+</p>
+
+<p>Träume, die man in der Christwoche hat, sind
+immer prophetisch.
+</p>
+
+<p>Bald träumte ihr, sie wischte den Boden auf; es
+ist aber nicht gut, wenn man im Traume den Boden
+aufwischt. Bald träumte ihr von einer
+Feuersbrunst: das Haus brennt, man hat schon
+alle Balken und Bretter herausgebrochen und
+nimmt den Ofen auseinander; vom Feuer ist aber
+nichts zu sehen.
+</p>
+
+<p>»Zwei Männer machen sich am Ofen zu schaffen,
+<!-- page 156 -->
+und ich frage sie: &rsaquo;Was ist denn los?&lsaquo; Und sie
+antworten: &rsaquo;Wir wissen nichts, Solomowna!&lsaquo;«
+</p>
+
+<p>Den schlimmsten Traum hatte sie aber in der
+Neujahrsnacht.
+</p>
+
+<p>Es träumte ihr, sie käme in den Saal herein und
+aus der Balkontür träte ihr der selige Sergej Petrowitsch
+entgegen; er war nicht allein, sondern
+befand sich in Begleitung eines uralten Mannes;
+sie hätten die Balkontür hinter sich fest zugeschlossen
+und wären geradeaus ins Arbeitszimmer
+gegangen, sich wie Blinde an den Wänden
+entlangtastend.
+</p>
+
+<p>P. Astriosow hatte aber für die Träume der
+Kinderfrau wenig Interesse: sein eigener Neujahrstraum
+saß ihm noch im Nacken.
+</p>
+
+<p>P. Astriosow hatte sieben Kinder: der Älteste
+war schon Küster, und das jüngste ein Säugling.
+Im Traum war es aber umgekehrt: der Älteste
+war ein Säugling und lag in den Windeln, und
+der jüngste war Küster und hatte einen langen
+Bart.
+</p>
+
+<p>»Ja, ja, das Bindeglied!« sagte der Geistliche,
+indem er von Solomowna den Sack mit den Neujahrsgeschenken
+entgegennahm.
+</p>
+
+<p>In den Feiertagen war es gar nicht lustig.
+</p>
+
+<p>Auch in der Küche herrschte eine gedrückte
+Stimmung. Man sprach im Flüsterton, als ob ein
+Schwerkranker im Hause wäre.
+</p>
+
+<p>Es war noch immer die alte Gesellschaft: der
+alte Koch Prokofi Konstantinowitsch, der Kutscher
+Anton, die Wäscherin Matrjona Simanowna,
+<!-- page 157 -->
+der Bautischler Terenti, der Schmied
+&rsaquo;Truthahn&lsaquo;, der Lakai Sinowi und sein Gehilfe,
+der kleine Pjotr. Sie saßen im Kreise um Solomowna
+und tranken Tee. Nur die Stubenmädchen
+fehlten: Charitina war mit der gnädigen
+Frau nach Petersburg gegangen, und Ustja und
+Sanja hatte man gekündigt.
+</p>
+
+<p>Beim Teetrinken gedachten sie der alten Zeiten,
+sprachen von allen Wersenewschen Angelegenheiten
+und äußerten Bedenken wegen des
+gnädigen Herrn, mit dem es doch früher oder
+später ein schlimmes Ende nehmen werde.
+</p>
+
+<p>»Wenn man den Teufel zur ungelegenen Zeit
+ruft, so kommt er als schwarzer Sturmwind geflogen
+und ergreift den Menschen, und der Mensch
+geht zugrunde!« sagte Solomowna gähnend. Sie
+bekreuzigte sich den Mund und schüttelte den
+Kopf.
+</p>
+
+<p>Sergej Sergejewitsch, der den ganzen Abend
+durch die Zimmer gewandert war, kam plötzlich
+in die Küche und blieb, schwer mit der Nase
+schnaufend, vor den bestürzten Dienstboten stehen.
+Er starrte auf den verwilderten Truthahn
+und verzog das Gesicht, während es in seiner
+Kehle eigentümlich pfiff. Dann winkte er mit der
+Hand ab und sagte:
+</p>
+
+<p>»Teufel!«
+</p>
+
+<p>»Teufel!« hallte es irgendwo im Korridor wider
+und irgendwo unter dem Ofen, und irgendwo
+im Keller, und irgendwo hoch über der Decke auf
+dem dunklen Dachboden; das Wort flog auch in
+<!-- page 158 -->
+den Garten hinaus und umkreiste die weißen
+Säulen.
+</p>
+
+<p class="tb">&nbsp;</p>
+
+<p class="noindent">Den Weihnachtsfrösten folgte plötzliches Tauwetter.
+Am Vorabend des Dreikönigstages fing es
+wie im Frühling an zu tröpfeln, und der Weiher
+im Garten wurde gelb.
+</p>
+
+<p>Es war wie der Hauch des Frühlings.
+</p>
+
+<p>Sergej Sergejewitsch sah den ganzen Tag unruhig
+zum Fenster hinaus. Er machte auch die Balkontür
+auf, stand lange in der offenen Tür und
+horchte hinaus. Den ganzen Tag konnte er keinen
+Augenblick ruhig sitzen und irrte von Zimmer zu
+Zimmer. Am Abend, als man in allen Zimmern
+Licht machte, wurde er noch unruhiger.
+</p>
+
+<p>Draußen taute der Schnee, und die Tropfen
+prasselten von den Bäumen auf das Dach wie ein
+Herbstregen gegen die Fensterscheiben.
+</p>
+
+<p>Nach dem Abendtee ging Wersenew hinauf.
+Eine Zeitlang hörte man nichts von ihm.
+</p>
+
+<p>Solomowna ging unten von Zimmer zu Zimmer,
+flüsterte Gebete und malte Kreidekreuze
+über die Fenster und Türen.
+</p>
+
+<p>Sergej Sergejewitsch saß oben im Eckzimmer
+und blickte hinaus.
+</p>
+
+<p>Die sternlose Nacht verdeckte die Landstraße;
+er sah nur die nackten Baumäste vor dem Fenster
+im Winde beben.
+</p>
+
+<p>Sergej Sergejewitsch saß lange da und starrte,
+ohne an etwas zu denken, zum Fenster hinaus.
+</p>
+
+<p>Und plötzlich hörte er fern auf der Straße ein
+<!-- page 159 -->
+Glöcklein tönen. Er sprang auf. Das Glöckchen
+tönte. Er kniff die Augen zusammen und hielt
+sich die Ohren zu. Das Glöckchen tönte noch immer.
+Er wollte hinunterlaufen, Sinowi, Solomowna,
+den Kutscher und alle Dienstboten zusammenrufen.
+Und das Glöckchen hörte nicht
+auf zu läuten.
+</p>
+
+<p>Und plötzlich kam ihm das Eckzimmer verändert
+vor: an der Stelle, wo der Spiegel hing,
+gähnte eine offene Tür. Er trat in diese Tür, und
+sie schloß sich sofort hinter ihm.
+</p>
+
+<p>Es war ein unendlich langer Korridor. Es kam
+ihm vor, als habe er das alles schon einmal gesehen,
+die vielen Marmorplatten mit erhabenem
+Ornament, den Mosaikboden aus weißen und roten
+Steinen. Es war heiß, schwül und feucht.
+</p>
+
+<p>Er ging durch den Korridor und wußte, daß er
+ihn zu Ende gehen müsse. Und als er das Ende erreicht
+hatte und eine reichverzierte Tür aus getriebenem
+Eisenblech öffnete, sah er sich vor einer
+zweiten Tür. Er machte auch diese Tür auf. Dann
+kam eine dritte Tür. Und so folgte eine Tür auf die
+andere: wenn er die eine öffnete, so war gleich eine
+andere dahinter. Und wie er so immer weiterging
+und eine Tür nach der andern aufmachte, sagte
+ihm das Gefühl, daß er wenigstens einen Augenblick
+stehenbleiben oder sich umschauen müsse,
+daß er sonst verloren sei. Er konnte aber weder
+stehenbleiben noch den Kopf heben, noch zurückblicken;
+es war ihm, als ob ihn jemand führte und
+ein anderer ihn von hinten vorwärtsstieße.
+</p>
+<!-- page 160 -->
+
+<p>Und als er endlich ganz bestürzt, sinnlose
+Worte stammelnd, lachend und schimpfend, die
+letzte Tür aufmachte &mdash; er glaubte, daß es die
+letzte Tür sei &mdash;, hatte er plötzlich das Gefühl, als
+ob man ihn mit irgendeinem spitzen Gegenstand
+in den Rücken stieße, und er fiel hin. Im Fallen
+sah er, wie die Sterne, die trüben Sterne von Krutowrag,
+immer greller leuchtend und wie von einem
+Sturmwind getrieben, ihm entgegenflogen.
+Es war aber umgekehrt: die Sterne standen still,
+und er flog, von einem Sturmwind erfaßt, ihnen
+entgegen .&nbsp;.&nbsp;.
+</p>
+
+<p>»Ich malte Kreidekreuze über die Türen und
+Fenster«, berichtete später Solomowna, »als
+mich plötzlich Sinowi rief der Viehwärter Nasar
+sei gekommen, um etwas Weihwasser vom Dreikönigstag
+zu holen. Wie ich in die Küche hinausgehe,
+höre ich plötzlich, wie jemand die Balkontür
+zuschlägt. Und da denke ich mir: wie leicht
+kann da ein Unglück geschehen! Es sind ja unruhige
+Zeiten, und es treibt sich genug Gesindel
+herum. Und dann höre ich die Tür noch einmal
+krachen. Und ich sage zu Prokofi Konstantinowitsch:
+&rsaquo;Prokofi Konstantinowitsch&lsaquo;, sage ich,
+&rsaquo;hören Sie es?&lsaquo; &mdash; &rsaquo;Ich höre&lsaquo;, sagt er, &rsaquo;wie der Wind
+die Tür zuschlägt.&lsaquo; Und kaum hat er das gesagt,
+als die Tür zum drittenmal kracht; alle Fensterscheiben
+zitterten, so laut krachte es! Ich renne in
+den Saal: die Balkontür steht wirklich offen. Und
+ich rufe Sinowi: &rsaquo;Wo ist der Herr?&lsaquo; Der Herr ist
+aber nirgends zu sehen. Der Wind weht so stark
+<!-- page 161 -->
+herein, daß wir zu zweit die Tür gar nicht zumachen
+können. Der Wind reißt sie immer wieder
+auf, er heult im ganzen Hause und bläst alle
+Lichter aus. &rsaquo;Gnädiger Herr!&lsaquo; schreie ich. Aber er
+ist nirgends zu sehen.«
+</p>
+
+<p>Am Morgen des Dreikönigstages fand man
+Wersenew im Weiher: die Fußspuren führten
+von der Balkontür direkt dorthin.
+</p>
+
+<p>Der Böse hatte ihn wohl verwirrt. Er war
+nachts zum Weiher gegangen, und das Eis war
+unter ihm gebrochen. Bis an die Brust war er in
+den Schlamm eingesunken, und während der
+Nacht hatte es ihn noch tiefer hereingezogen. So
+war er in seinem weißen Schlafrock, stehend, den
+Kopf im Schnee, erfroren.
+</p>
+
+<p>Natürlich wurde sehr viel darüber geredet;
+ganz Krutowrag war in Aufruhr. Aber vom Gerede
+wird man ja nicht satt!
+</p>
+<!-- page 162 -->
+
+<h2 class="chapter" id="chapter-6">
+Sanofa</h2>
+
+<h3 class="no">1</h3>
+
+<p class="first">Schön ist es in Batyjewo &mdash; ein lustiges Dorf ist&rsquo;s!
+Von allem hat man genug: viel Wald ringsum,
+und der Fluß ist gleich in der Nähe. Im Flusse
+gibt&rsquo;s so viel Fische, daß man sie gar nicht alle
+fangen kann, und im Walde Wild &mdash; alles ist da,
+was man nur haben will. Nur eines ist unheimlich:
+man kann da nicht ordentlich lustig sein.
+Bist du es aber doch, so darfst du hinterher niemandem
+Vorwürfe machen: stößt dir dabei ein
+Unheil zu, so bist du selbst schuld.
+</p>
+
+<p>Solange das Dorf und die Kirche stehen, treiben
+hier unsaubere Mächte ihr Spiel, und es gibt
+gar keine Mittel, sie auszurotten: zählebig sind
+sie wie die Würmer. Ist man die eine Teufelei
+glücklich los, so taucht, eh man sich&rsquo;s versieht,
+auch schon eine andere auf. Und wenn es mal
+vorkommt, daß eine Hexe abkratzt, ohne ihre
+Kunst einer andern vermacht zu haben, so erscheint
+gewiß sofort eine neue: und keine gelernte,
+sondern eine geborene. Eine geborene
+Hexe ist eine solche, die schon als Hexe auf die
+Welt gekommen ist. Eine Gelernte geht noch an,
+aber mit einer Geborenen ist nicht zu spaßen: mit
+<!-- page 163 -->
+Kleinigkeiten gibt sie sich niemals ab, sondern
+geht gleich aufs Ganze, so daß man sich nachher
+sein Lebtag nicht mehr reinwaschen kann.
+</p>
+
+<p>Es gab im Dorfe Hexen genug, gelernte wie
+auch geborene. Die ältesten Leute erinnerten
+sich nicht an eine Zeit, wo es keine Hexen gegeben
+hätte, und kein Mensch konnte dahinter
+kommen, wo die Wurzel des Übels lag.
+</p>
+
+<p>Gar mancher Unglückliche ist schon ins Grab
+gestiegen, so mir nichts dir nichts elend zugrunde
+gegangen. Mit den Hexen lasse man sich lieber
+nicht ein: sie verderben den Menschen, kommen
+aber selbst immer mit heiler Haut davon und leben
+ruhig weiter, den Menschen zum Schrecken,
+dem Gehörnten zum Wohlgefallen &mdash; seines bösen
+Willens Töchter.
+</p>
+
+<p>So ein verhexter Ort ist eben das Dorf!
+</p>
+
+<p class="tb">&nbsp;</p>
+
+<p class="noindent">Es braust und tost das Gerede in Batyjewo, die
+Kunde dröhnt durch die Schwarzen Wälder:
+vom Meere bis zum Gebirge gibt&rsquo;s keine Hexe,
+die schrecklicher wäre als Sanofa.
+</p>
+
+<p>Die andern Hexen sind alte Weiber gewesen:
+Arischka und Agapka hatten je hundert Jahre
+und mehr auf dem Buckel; diese aber ist jung &mdash;
+kaum über dreißig. Die andern richteten zwar
+viel Schaden an, hielten aber doch Maß und
+machten die Sache zuweilen wieder gut. Dieser
+fiel das aber niemals ein. Die schrecklichsten
+Zauberkünste kannte sie. Sie verstand, den Menschen
+so an einen Fleck zu bannen, daß er niemals
+<!-- page 164 -->
+mehr aus dem Hexenringe herauskonnte,
+und wenn er noch sosehr mit Armen und Beinen
+um sich schlug; er irrte im Kreise dicht vor seinem
+Hause herum und konnte nicht ins Haus
+herein; stand dicht vor seiner Schwelle und
+konnte kein Glied rühren. Die andern Hexen sehen
+eben wie Hexen aus, und auch das kleinste
+Kind kann sie auf den ersten Blick erkennen:
+sie sind alle dürr, haben Hakennasen und
+Schwänze; diese aber ist hübsch &mdash; die ganze Welt
+kann man absuchen und keine ähnliche finden &mdash;,
+dabei aber eine Mißgeburt, wie man eine solche
+seit Erschaffung der Welt nicht gesehen hat: der
+Körper und alles andere ist echt wie bei jedem gesunden
+Weibe, aber die Beine sind wie bei einem
+kleinen Kinde: sie kann gar nicht gehen, nur umherkriechen.
+Wenn sie doch nur immer umherkriechen
+wollte! Aber die Leute sagten, daß sie
+auch fliegen konnte: wie ein Vogel konnte sie in
+die Luft steigen! Man bekam sie auch fast nie zu
+Gesicht, höchstens des Nachts. Gott möge aber
+einen jeden davor bewahren: besser ist&rsquo;s, dreimal
+in die Erde zu versinken oder der heiligen Ostermesse
+nicht beizuwohnen, als sie zu erblicken.
+</p>
+
+<h3 class="no">2</h3>
+
+<p class="noindent">Sanofas Vater war Kaufmann und reiste mit seinen
+Waren von Jahrmarkt zu Jahrmarkt. Die
+Waren verlagen sich bei ihm niemals, die Käufer
+<!-- page 165 -->
+drängten sich nur so: auf den alten Tschabak
+konnte man sich verlassen, niemals hängte er einem
+faule Ware an. Hätte sich der Alte nicht die
+Sünde auf die Seele geladen, so wäre er unter die
+Heiligen gesetzt worden, bei Gott!
+</p>
+
+<p>Sanofas Mutter war wildes Zigeunerblut,
+hatte getanzt und gesungen: wenn sie nur einmal
+in die Hände klatschte, war man verloren, seine
+Seele wollte man hingeben, nur um sie einmal
+tanzen zu sehen. Eine zweite Marja gab&rsquo;s nicht in
+der Welt.
+</p>
+
+<p>Nicht immer war es dem Tschabak so gut gegangen.
+In der ersten Zeit schlug er sich mühsam
+durch, hatte einen Kramladen im Dorf und lebte
+davon. Das ganze Haus war voller Kinder, und
+es kostete schon etwas, alle zu ernähren und zu
+bekleiden. Wie die Bauern lebten sie.
+</p>
+
+<p>Sanofa kam zur Welt &mdash; und gleich wurde alles
+anders.
+</p>
+
+<p>Nun hatte Tschabak auf einmal Glück und
+wurde ein echter Kaufmann. Die Käufer strömten
+von allen Seiten zu seinem Laden herbei, und
+er konnte gar nicht genug Ware auf Lager haben.
+Reich wurde der Kaufmann. Die Einkünfte
+reichten nun für alles aus: er baute sich ein Haus,
+pflanzte einen Garten, verheiratete die Töchter
+und brachte den Sohn in der Stadt im Handelsfache
+unter. Kornej stiftete eine Kirchenglocke,
+und die Glocke klang so laut, daß das Abendläuten
+durch alle Schwarzen Wälder dröhnte und
+selbst bis zu der Iljinka in Moskau reichte.
+</p>
+<!-- page 166 -->
+
+<p>Tschabak suchte den Reichtum gar nicht: das
+Geld kam ganz von selbst in seine Hände.
+</p>
+
+<p>Kluge Menschen ahnten schon damals, daß es
+da nicht mit rechten Dingen zuging, sie behielten
+aber ihre Meinung für sich: das Wort ist kein
+Spatz, und wenn es einmal entsprungen ist, so
+kann man&rsquo;s nicht wieder einfangen. Wie leicht
+kann man einen Unschuldigen in üblen Ruf bringen
+und muß es dann später im Jenseits büßen.
+Nur Mitroschka &mdash; so hieß ein Bursche im Dorf &mdash;
+fürchtete nichts: wenn er sich einen Rausch antrank,
+begann er zu plaudern: er deutete immer
+auf das Mädel und schrieb ihm alles zu.
+</p>
+
+<p>Man beachtete seine Worte nicht: wenn ein
+Mensch angetrunken ist, kann man ihn für seine
+Worte nicht verantwortlich machen.
+</p>
+
+<p>Das Mädel war aber wirklich Gott weiß was!
+</p>
+
+<p>Sanofa wurde in der Johannisnacht, beim ersten
+Hahnenschrei, als letztes Kind ihrer Mutter
+geboren. Sie kam mit einer Glückshaube und einem
+Muttermal am linken Daumen zur Welt.
+</p>
+
+<p>Die Haube hatte die Hebamme auf die Seite gebracht
+und an sich genommen. Tschabak und sein
+Weib grämten sich deswegen, konnten aber nichts
+mehr machen: so ein Ding kann man doch nie
+mehr zurückerlangen; wer es zuerst in die Hand
+bekommt, der zieht eben den Nutzen daraus.
+</p>
+
+<p>Die Kunde verbreitete sich aber im Dorfe.
+</p>
+
+<p>Wanderer und Wallfahrer strömten zu Tschabak
+herbei. Viele kamen ins Haus, um aus Sanofas
+linker Hand ihr Glück zu holen. Die Hand
+<!-- page 167 -->
+teilte das Glück freigebig aus und wies niemanden
+ab. Wanderer und Wallfahrer kamen dann
+immer glücklich an ihr Ziel und kehrten ebenso
+glücklich heim. Niemand konnte sich über etwas
+beklagen.
+</p>
+
+<p>Aus fernen Dörfern kamen die Leute zu Tschabak,
+ihr Glück zu holen, und kehrten zufrieden
+heim: niemandem stieß irgendein Unheil zu.
+</p>
+
+<p>Das Kind wuchs als kluges Mädel heran und
+zwitscherte den ganzen lieben Tag wie ein Vöglein.
+Alles mußte man ihr zeigen und erklären, sie
+lief immer den Erwachsenen nach und hatte vor
+nichts Furcht.
+</p>
+
+<p>Marja nahm sie einmal zum Heuerntefest mit
+und stellte sie in den Reigen. Das Mädchen liebte
+es, im Reigen zu stehen. Und als der Reigen
+durch die Dorfstraße zog, erhob sich ein Wind
+und warf das Mädel um. Seit jener Zeit waren
+ihre Beine gelähmt, und sie konnte nicht mehr
+gehen.
+</p>
+
+<p>Sie lief nicht wie die andern Kinder umher,
+sondern lag den ganzen lieben Tag still.
+</p>
+
+<p>Eine wunderliche Sache: ihr Körper wuchs
+weiter, aber ihre Beine blieben, wie sie waren:
+kleine Kinderbeinchen.
+</p>
+
+<p>Noch mehr Menschen kamen nun zu Tschabak,
+und das Glück überschwemmte die Welt.
+</p>
+
+<p>Aber es ist nichts so fein gesponnen, es kommt
+doch an die Sonnen.
+</p>
+
+<p>Eine wandernde Nonne entdeckte auf Sanofas
+Glückshand kleine Kreuzmale, es waren aber
+<!-- page 168 -->
+keine gewöhnlichen Kreuze; und danach kam
+Foma, der heil zur Wallfahrt auszog, ohne das
+eine Bein zurück; dem Jerjoma wurde ein Auge
+ausgeschlagen; Katerina, des Schulzen Enkelkind,
+heiratete, lebte ein Jahr in glücklicher Ehe,
+begann aber im zweiten Jahr zu trinken; Baran,
+den man als Boten nach Petersburg geschickt
+hatte, kam nie wieder heim; der bewußte Mitroschka
+aber bekam einen Nabelbruch.
+</p>
+
+<p>Nun geschahen Dinge, die man auch einem
+Narren nicht zu deuten braucht.
+</p>
+
+<p>Je älter Sanofa wurde, um so mehr wuchs das
+Geschäft ihrem Vater über den Kopf. Der alte
+Kornej wollte die Tochter noch bei seinen Lebzeiten
+verheiraten und dann ruhig sterben. Er
+schickte Freiwerber aus. Gar mancher Freier
+kam ins Haus. Viele wurden durch den Reichtum
+angelockt: Tschabak war ja der reichste
+Mann im Dorf. Es kam aber nichts dabei heraus.
+Gar mancher Freier hätte gern zugegriffen, aber
+im letzten Augenblick hatte er doch nicht den
+Mut. Einen gar zu seltsamen Blick hatte Sanofa:
+wie ein Messer drang er einem ins Herz. Vor solchen
+Augen konnte man nichts verbergen.
+Darum kam auch nichts zustande.
+</p>
+
+<p>Sanofa konnte die Freier nicht leiden und
+machte dem Vater oft Vorwürfe. Mit dem Alten
+hätte aber auch der Teufel nicht fertig werden
+können: so trotzig und eigensinnig war er.
+</p>
+
+<p>Einmal kam zu Tschabak ein Kaufmann aus
+der Stadt; in Geschäften kam er zu ihm. Ein hübscher,
+<!-- page 169 -->
+lustiger Kerl, das ganze Dorf brachte er in
+Aufregung; Die Weiber weinen auch heute noch,
+wenn die Rede auf Rodionow kommt. Und dieser
+Kaufmann gefiel Sanofa. Sie selbst gestand es
+dem Vater. Der Alte freute sich mächtig und ging
+gleich zu dem Kaufmann. Der Alte liebte die
+Tochter so, daß er seine Seele für sie hingeben
+würde. Der Kaufmann war aber ein leichtsinniger
+Kerl und achtete nicht der Gefahr. Er schüttete
+drei Scheffel Scherze hin, und man wurde einig.
+Alles ging, wie sich&rsquo;s gehörte: die Eltern gaben
+ihren Segen, man feierte die Verlobung und
+machte alles, was die Sitte verlangt: Weiber verstehen
+sich ja darauf! Man tanzte so lange, bis
+alle lahm waren. Und als der festgesetzte Tag anbrach,
+kleidete man Sanofa zur Trauung ein.
+Man kam in die Kirche, das ganze Dorf war dabei
+&mdash; denn alle wollten es sehen &mdash;, man wartete,
+der Bräutigam aber fehlte noch. Man dachte
+sich, es sei ihm etwas zugestoßen. Man suchte
+hin, man suchte her. Man schickte einen Boten
+hin, dann einen andern, der Kaufmann war nirgends
+zu finden. Man ächzte und seufzte, doch es
+war nichts zu machen. Nun fuhr man wieder
+heim. Sanofa wollte sich aber nicht vom Fleck
+rühren. Man bat sie, man flehte sie an, man versuchte,
+sie mit Gewalt nach Hause zu bringen, sie
+wollte aber um nichts in der Welt fahren. So, wie
+sie war, im Brautkleide, legte sie sich platt auf die
+Erde und kroch auf allen vieren nach Hause. War
+dabei so weiß wie Papier, und ihre Augen &mdash; ja,
+<!-- page 170 -->
+wenn alle Donner des Himmels erdröhnen und
+alle Blitze niederführen, gäbe es kein solches Ungewitter:
+&mdash; die Augen glühten und sengten. Ein
+jeder blieb wie angewurzelt stehen, und sie kroch
+immer weiter.
+</p>
+
+<p>Gegen morgen fand man den Kaufmann in
+Tschabaks Stall. Eine Sau hatte Ferkel geworfen,
+und im Stalle stand eine alte geflochtene Krippe
+für die Ferkel. Der Kaufmann lag in der Krippe,
+und die Pferdeleine war mit dem einen Ende an
+einer Pappel festgebunden. Tot war er.
+</p>
+
+<p>Nun kam die gerichtliche Untersuchung. Die
+Leute sagten gegen Kornej aus. Kornej schwor,
+daß er an der Sache nicht beteiligt sei. Man
+glaubte aber seinen Schwüren nicht und sprach
+ihn schuldig. Der Alte ging nach Sibirien und ist
+wohl auch dort gestorben.
+</p>
+
+<p>So war die Sache.
+</p>
+
+<p>Mitroschka mit dem Nabelbruch begann nun
+ganz laut zu schimpfen, und die Klugen, die früher
+ebenfalls alles gewußt, aber geschwiegen hatten,
+redeten drauflos.
+</p>
+
+<p>Jetzt war es allen klar, was für eine Bewandtnis
+es mit Tschabaks Reichtum und Sanofas glückbringender
+Hand mit dem Muttermal am linken
+Daumen und den kleinen Kreuzen hatte.
+</p>
+
+<p>Und wenn es auch Kornej war, der den Rodionow
+erdrosselt hatte &mdash; das wußte ja jedermann &mdash;,
+Sanofa war jedenfalls mitbeteiligt: ihrer Hände
+Werk war es!
+</p>
+
+<p>Das ganze Dorf geriet in Aufruhr.
+</p>
+<!-- page 171 -->
+
+<p>»Sie wird noch etwas ganz anderes anstellen«,
+sagte man von Sanofa: »Sie wird einen Hagel
+schicken und die Felder verwüsten, sie wird einen
+Blitz herabsenden und das Korn verbrennen, das
+Vieh umbringen, die Kinder erwürgen, die Weiber
+verderben, die Männer zugrunde richten,
+den Fluß austrinken, den Wald mit den Wurzeln
+ausrotten, weder die Kirche noch ein einziges
+Haus stehenlassen und selbst den letzten Holzspan
+nicht verschonen.«
+</p>
+
+<p>»Sie wird es noch ganz anders treiben«, flüsterte
+man mit erstarrenden Lippen, »sie wird
+alle in Eulen verwandeln und in Erdlöchern zu
+leben zwingen.«
+</p>
+
+<p>»Einen schwarzen Blick hat sie!«
+</p>
+
+<p>»Eine verdammte Hand!«
+</p>
+
+<p>»Eine verdammte Hexe ist sie!«
+</p>
+
+<p>Foma und Jerjoma redeten den Leuten zu, der
+Hexe den Garaus zu machen; es fand sich aber
+kein Kühner: alle hatten viel zu kurze Arme.
+</p>
+
+<p>Alle wichen Sanofa aus, auch Bruder und
+Schwester sagten sich von ihr los.
+</p>
+
+<p>Jedes Unglück, das in Batyjewo vorkam, jede
+Sünde, alles schrieb man Sanofa zu.
+</p>
+
+<p>Sanofa lebte nun mit ihrer Mutter allein.
+</p>
+
+<p>Alle schielten ängstlich nach dem weißen
+Häuschen mit der blauen Tür und den blauen
+Fensterladen; man brach den Gesang ab und verstummte,
+wenn der Blick auf den spitzen Dachgiebel
+fiel, wo ein Storch wie ein Wachposten das
+Hexennest bewachte.
+</p>
+<!-- page 172 -->
+
+<p>Sie aber hielt sich im Hause versteckt, lag am
+Fenster, sah alles &mdash; über drei Felder hinweg
+konnte sie sehen &mdash;, und hörte alles &mdash; durch drei
+Wälder hindurch konnte sie hören.
+</p>
+
+<p>Sie sah alles und hörte alles, und das Herz verging
+ihr; aber aufstehen konnte sie nicht.
+</p>
+
+<h3 class="no">3</h3>
+
+<p class="noindent">Öde ist es nun im Hause des alten Tschabak.
+</p>
+
+<p>Wo das Volk sich einst so drängte, daß die
+Wände erbebten, hört man weder Lachen noch
+Trampeln, und draußen vor dem fest verschlossenen
+Tor sieht man keine Pferdespuren mehr.
+</p>
+
+<p>Ein Christenmensch kommt um nichts in der
+Welt in den Hof; er wird lieber an der Schwelle
+sterben als das Haus betreten.
+</p>
+
+<p>In den Stuben sind überall Kräuter aufgehängt.
+Und sie duften so scharf, daß man sich
+kaum auf den Beinen halten kann. An allen Wänden
+sind Vögel gemalt: Sanofa hat sie selbst gemalt,
+es sind aber keine richtigen Vögel, sondern
+eher geflügelte Kater. Diese Vögel machen es,
+daß die Wände und das ganze Haus gleichsam
+davonfliegen möchten.
+</p>
+
+<p>Nicht geheuer ist es in den Stuben.
+</p>
+
+<p>Wenn die Mutter mit der Hausarbeit fertig ist,
+setzt sie sich zu Sanofa. Sie schaut die Tochter
+mitleidig an und weiß nicht, was sie anfangen
+soll. Sanofa aber liegt mit offenen Augen da, und
+<!-- page 173 -->
+in ihren Augen brennt etwas, was man mit keinem
+Wasser löschen kann.
+</p>
+
+<p>Sanofa pflegte der Mutter zu sagen:
+</p>
+
+<p>»Glücklich bist du! Hast dein Leben gelebt,
+hast getanzt und gesungen, hast so getanzt, daß
+die Leute herbeikamen, um dich zu sehen. Und
+ich habe nichts.«
+</p>
+
+<p>Die Alte erhob sich, schüttelte ihren grauen
+Kopf, und die Adern an ihrem bronzenen Hals
+schwollen an.
+</p>
+
+<p>»Nein, Sanofa, du bist schön und stark, und
+keine ist so schön wie du!«
+</p>
+
+<p>Sanofa hörte es nicht und sprach weiter:
+</p>
+
+<p>»Du bist glücklich. Es muß ja auch glückliche
+Menschen geben! Wer hat es so eingerichtet?
+Und was habe ich verbrochen? .&nbsp;.&nbsp;.«
+</p>
+
+<p>»Nichts hast du verbrochen. Aber die Menschen
+sind so schlecht.«
+</p>
+
+<p>»Die Menschen? Sind sie glücklich? Ich aber
+kenne keinen glücklichen Augenblick .&nbsp;.&nbsp;.«
+</p>
+
+<p>Die Alte richtete sich auf und sagte:
+</p>
+
+<p>»Gehen wir von hier fort, Sanofa. Verlassen
+wir dieses Haus, verlassen wir alles, dann finden
+wir unser Glück .&nbsp;.&nbsp;. Ziehen wir in die Steppe, in
+die Freiheit .&nbsp;.&nbsp;.«
+</p>
+
+<p>»Warum lügst du? Warum sagst du, daß ich
+schön bin? Was willst du von mir? Wie soll ich
+von hier fort? Ich bin ja ein Krüppel &mdash; und kann
+nicht gehen! Womit hab ich das verdient? Wer
+hat es so eingerichtet? Wo ist die Gerechtigkeit?«
+Sanofa richtete sich auf den Armen halb auf,
+<!-- page 174 -->
+blickte die Mutter voller Haß an, verfluchte die
+Menschen und die ganze Welt. Alle erschienen
+ihr so glücklich, nur sie allein war so unglücklich,
+ein verkrüppeltes Kind, sie war verdammt und
+wußte nicht, für welche Schuld.
+</p>
+
+<p>Und ihr Herz war wie ein zähnefletschender
+Eber &mdash; schreckliche Rache drang ihr aus dem
+Herzen.
+</p>
+
+<p>Die Alte ließ sich wieder auf die Bank nieder,
+schloß die Augen und schlief ein, kraftlos, ohnmächtig,
+etwas zu tun.
+</p>
+
+<p>Sanofa verharrte aber noch lange halbaufgerichtet,
+sich auf die gestreckten Arme stützend,
+und sträubte die Haare wie eine Katze. Sie zielte
+irgendwohin mit den Augen und ließ die Blicke
+im Kreise schweifen. Etwas Unmögliches, Unmenschliches
+geschah in ihrer Seele, etwas Unmögliches,
+Unmenschliches ging in ihrem Herzen
+in Erfüllung.
+</p>
+
+<p>Um diese Zeit begann es im Dorfe zu brennen,
+und die Menschen begannen dahinzusterben,
+und eine Seuche befiel das Vieh, und die Felder
+wurden ausgetreten &mdash; jedes Unheil, jede Seuche,
+alles kam von ihrem bösen Blick.
+</p>
+
+<p>Allmählich wurde ihr leichter ums Herz, allmählich
+zog sie die stählernen Arme wieder ein.
+</p>
+
+<p>Sanofa verkroch sich in einen Winkel ihres
+Bettes, schrumpfte ganz zusammen und versteckte
+sich wie ein verwundetes kleines Tier.
+</p>
+
+<p>Sie gedachte ihrer Kindheit, des Vaters, ihrer
+glückbringenden Hand .&nbsp;.&nbsp;. Wie sie einst im Reigen
+<!-- page 175 -->
+gestanden hatte, wie der Sturmwind kam
+und wie sie zu Boden fiel, von dem sie sich nie
+wieder erhob .&nbsp;.&nbsp;. Wie sie sich selbst aus ihrer rechten
+Hand ihr Glück herauskratzen wollte, wie sie
+zur Kirche fuhr und, auf allen vieren kriechend,
+nach Hause zurückkehrte.
+</p>
+
+<p>Die Alte erwachte.
+</p>
+
+<p>Sanofa weinte.
+</p>
+
+<p>Wenn sie weinte, war ihr Gesicht wieder so
+winzig, kaum faustgroß, wie bei jenem glücklichen
+Mädelchen, das, ihr glückspendendes
+Händchen schwingend, auf einem Bein von der
+Haustür zur Gartenpforte hüpfte, mit feinem
+Stimmchen sang und das Märchen vom Hahn erzählte,
+der den Bären gefressen hatte; das mit den
+Lippen den Donner nachahmen wollte und selbst
+vor den eigenen Tönen erschrak; das scheltend
+den Regen zu verjagen suchte und ebenso wie
+jetzt weinte, wenn der Regen nicht aufhören
+wollte und man sie nicht aus dem Hause ließ.
+</p>
+
+<p>»Willst du essen?« fragte die Alte, sich über die
+Tochter beugend.
+</p>
+
+<p>»Sterben will ich«, flüsterte Sanofa.
+</p>
+
+<p>Die Alte biß sich in die welken Lippen, zerrte
+an den Enden ihres erdgrauen Kopftuches und
+war selbst so grau wie Erde.
+</p>
+
+<p>Die Vögel an der Wand reckten ihre Katzenköpfe
+und flogen irgendwohin; und auch die
+ganze Wand wollte sich losreißen und davonfliegen.
+</p>
+
+<p>»Ich will sterben!«
+</p>
+<!-- page 176 -->
+
+<p class="tb">&nbsp;</p>
+
+<p class="noindent">Wenn die Abenddämmerung kam und der laue
+Abend den Wind des Tages zur Ruhe brachte
+und die Nacht, mit Sternen wie zu einem Festmahl
+geschmückt, langsam heraustrat und die
+von den Sternen geweckten Eulen ihre Trauer in
+gedehnten Schreien ergossen &mdash; kroch Sanofa in
+den Garten hinaus. Da blieb sie bis zum Morgengrauen
+unter vier Augen mit der Nacht, grub die
+Erde um und machte sich mit ihren Blumen zu
+schaffen.
+</p>
+
+<p>Manche Nächte aber waren wie Tage, und Sanofa
+konnte in solchen Nächten nicht vom Bette
+steigen.
+</p>
+
+<p>Der Garten verwilderte von Sommer zu Sommer
+immer mehr. Die Blumenbeete wurden von
+Unkraut überwuchert, und die Blumen gingen
+zugrunde. Wildes Steppengras drang in alle
+Winkel ein. Die Baumäste neigten sich zur Erde,
+die Schatten wurden immer dicker und vertilgten
+jedes Licht.
+</p>
+
+<p>Nachts wurde Sanofa von Träumen heimgesucht;
+schreiend riß sie sich von ihnen los und lebte
+dann den ganzen Tag unter ihrem Schatten.
+</p>
+
+<p>An solchen Tagen sprachen Mutter und Tochter
+nicht miteinander. Sie sahen sich nur an. Zuweilen
+war es ihnen zu schrecklich, einander
+auch nur anzuschauen.
+</p>
+
+<p>Die Alte legte Karten.
+</p>
+
+<p>Die Karten prophezeiten nichts Gutes:
+&rsaquo;Schlag&lsaquo;, &rsaquo;Unannehmlichkeiten&lsaquo; und &rsaquo;Nachtlager&lsaquo;.
+Das bedrückte das Herz mit unsagbarer
+<!-- page 177 -->
+Schwere, und alles endete mit dem &rsaquo;Gastmahl&lsaquo; &mdash;
+der Piquedame.
+</p>
+
+<p>Nur selten kam es vor, daß ein Morgen das
+Haus wie mit strahlendem Glück erleuchtete.
+</p>
+
+<p>Sanofa erwachte und rief:
+</p>
+
+<p>»Mütterchen, wenn du wüßtest, was mir heute
+geträumt hat?«
+</p>
+
+<p>Die Alte lief zur Tochter:
+</p>
+
+<p>»Was hat dir denn geträumt?«
+</p>
+
+<p>»Ich träumte von Stiefeln, und dann, daß du
+mir ein Hemd reichst und das Hemd ganz blutig
+ist.«
+</p>
+
+<p>»Stiefel bedeuten eine Reise«, erklärte die Alte.
+»Das Blut aber das Wiedersehen mit Blutsverwandten.
+Und mir träumte, daß ich eine aus Samen
+gezogene Zwiebel esse. Vielleicht kehrt noch
+der Alte zurück .&nbsp;.&nbsp;.«
+</p>
+
+<p>Die Alte versank in ihre Gedanken und begann
+ein Lied zu summen.
+</p>
+
+<p>»Mütterchen, ich weiß, was es für eine Reise
+ist: es ist mein Tod.«
+</p>
+
+<p>Die Alte schwieg.
+</p>
+
+<p>»Auf dem Friedhof ist es ruhig, dort wird mich
+niemand anrühren.«
+</p>
+
+<p>Die Alte schwieg.
+</p>
+
+<p>Alles fiel ihr aus den Händen: so sehr zitterten
+ihr die Hände, und sie wußte in ihrem Kummer
+nicht, ob sie stehend oder sitzend weinen sollte.
+</p>
+
+<p>Ein Tag folgte dem andern.
+</p>
+
+<p>So viele endlose, traurige Tage zogen durch
+das verödete Haus. Man könnte mit dem Kopf
+<!-- page 178 -->
+gegen die Wand rennen, nur um irgendeinen
+Schrei aus der Kehle zu pressen.
+</p>
+
+<p>Ganz gleich, ob das Wetter trocken oder naß
+war, ob es regnete oder die Sonne schien, die Augen
+hatten nur den einen Wunsch: sich zu schließen.
+</p>
+
+<p>Die Alte konnte es nicht länger ertragen, sie
+fürchtete das Schweigen, sie ging leise auf die
+Tochter zu und sagte:
+</p>
+
+<p>»Mein Kind, mein Kindchen!«
+</p>
+
+<p>»Was ist denn?« fragte Sanofa, ihre schrecklichen
+Augen auf die gramgebeugte Mutter richtend.
+</p>
+
+<p>»Ich habe nur so .&nbsp;.&nbsp;. Ich bitte mit dem Herzen .&nbsp;.&nbsp;.«
+</p>
+
+<h3 class="no">4</h3>
+
+<p class="noindent">Es war wohl eine herrliche Nacht: im fernen
+Sumpfe trompeteten die Unken, kleine Vögel
+zwitscherten kaum hörbar, und ihr Gezwitscher
+verschmolz mit dem Zirpen der Grillen, von dem
+die ganze Erde zitterte. Jenseits des Flusses
+schrien traurig die Eulen und lärmten die Frösche:
+es klang, wie wenn ein Wagen über das
+Straßenpflaster rollt.
+</p>
+
+<p>Die schlanken Pappeln warfen tiefe Schatten
+über den mondbeschienenen Hof.
+</p>
+
+<p>Wie eine weiße Blüte lag Sanofa in ihrem weißen
+Hemd auf dem Rasen. Traurig fielen ihre
+<!-- page 179 -->
+dunklen Flechten von den Schultern hinab. Ihre
+Lippen waren halb offen und ließen die weißen
+Zähne sehen. Sie starrte zu den Sternen empor.
+</p>
+
+<p>Die Sterne waren aber so fern.
+</p>
+
+<p>Ein einziger Gedanke schmolz wie Mondlicht
+in ihrem Herzen: der Gedanke an den Tod.
+</p>
+
+<p>Und es kam Sanofa vor, als ob jemand mit einem
+Licht unter dem Stall hervorkrieche, dann
+um die Pappel herumgehe, auf den Boden falle
+und nun den Schattenstreifen entlang zum Garten
+krieche; das Flämmchen flackerte wie eine
+Kerze, &mdash; wie zwei Kerzen. Und je näher es kam,
+um so deutlicher konnte sie erkennen, daß es ein
+Mensch war und daß seine Augen wie Kerzenflammen
+leuchteten.
+</p>
+
+<p>Sanofa stützte sich auf die Arme, bog den Kopf
+wie eine Katze vor und kroch ihm entgegen.
+</p>
+
+<p>Und so krochen sie aufeinander zu, und die
+Entfernung zwischen ihnen wurde immer kürzer;
+schon sah sie seine wehenden Haare und seine lächelnden
+Lippen .&nbsp;.&nbsp;.
+</p>
+
+<p>Schon war der Weg durchschritten.
+</p>
+
+<p>Er streckte seine Arme nach ihr aus, umklammerte
+sie und drückte sie fest, heiß, für das ganze
+Leben, für ewig an seine Brust. Plötzlich wurde
+er ebenso blau, wie er es im Stalle mit der Pferdeleine
+am Halse gewesen war, er grinste mit seinen
+schrecklichen Zähnen, hob sie empor, und schon
+flogen sie &mdash; als Bräutigam und Braut &mdash; davon.
+</p>
+
+<p class="tb">&nbsp;</p>
+
+<p class="noindent">Man fand Sanofa am nächsten Morgen am Ende
+<!-- page 180 -->
+des Gartens beim Fischkasten tot auf dem Zaune
+sitzen: der Teufel hatte sie erwürgt.
+</p>
+
+<p>Ganz Batyjewo ist betrunken. Gesang, Geschrei
+und Gestampfe erfüllen die Luft. Man
+tanzt, ohne die Beine zu schonen. Ganz außer
+Rand und Band sind die Leute: Foma hat dem
+Jerjoma sein einziges Auge ausgeschlagen, dem
+Mitroschka riß jemand den Nabelbruch heraus.
+Wie sollte man auch bei einer solchen Gelegenheit
+nicht über die Schnur hauen?
+</p>
+<!-- page 181 -->
+
+<h2 class="chapter" id="chapter-7" style="page-break-after:always">
+Das Los des Elenden<br />Träume
+<!-- page 183 --></h2>
+
+<h3 class="sub">Vom Tiger zum Haken</h3>
+
+<p class="first">Ich bin der Tiger der alten, von Asche verschütteten,
+steinernen Stadt, auf Gottes Geheiß geboren
+und nach dem Zeugnis König Davids zur Geduld
+verurteilt: Ich bin vor der Zeit, in die Zeit
+und für die Zeit.
+</p>
+
+<p>Ich lag träg und lässig in der Allee des Petersburger
+Sommergartens und betrachtete das Publikum.
+Es gab nur wenig Spaziergänger, und ich
+hörte gar kein Lachen, nur hie und da ein widerliches
+Kichern. Die meisten gingen mit ernsten
+Gesichtern ihren Geschäften nach, und die Geschäfte,
+denen sie nachgingen, wurden als etwas
+so ungemein Wichtiges hingestellt, als ob davon
+das Heil der Welt abhinge. Ich sah nur die Rücken
+der Vorbeigehenden und konnte nur aus ihren
+Worten und Äußerungen, die an mein Ohr
+schlugen, schließen, was für Gesichter und was
+für Augen sie hatten. Die Empörung ließ mich
+auf meine kräftigen Beine springen; ich stürzte
+voller Wut auf das Häuschen Peters des Großen
+zu, ich schlug meine Krallen in das Holz und begann
+den Leuten ins Gewissen zu reden und ihnen
+klarzumachen, daß sie Betrüger und selbst
+der einfachsten Sache nicht gewachsen seien,
+weil ihre Augen trüb und kurzsichtig, ihre Seelen
+welk und ihre Gesichter schief seien.
+</p>
+
+<p>Indem ich die Erlöser anklagte, begann ich solchen
+Unsinn zu reden, daß auch meine Augen
+sich trübten, meine Seele ausfaserte und mein
+<!-- page 184 -->
+Gesicht schief wurde. Und plötzlich war ich wie
+durch ein Wunder in einen Vogel mit lauter
+Stimme verwandelt.
+</p>
+
+<p>Ich sang so laut, daß es wohl auf der ganzen
+Welt keinen Winkel gab, in dem mein Gesang
+nicht zu hören gewesen wäre. Und da alle meinem
+Gesange lauschten und an der sonnigen
+Stelle, wo ich zu singen pflegte, bereits ein Käfig
+hing und ich wußte, daß man mich einfangen
+und in diesen Käfig sperren würde, empfand ich
+es als lästig und auch gefährlich, als Vogel weiterzuleben.
+</p>
+
+<p>Um mich irgendwie zu retten und mir die Freiheit
+zu erhalten, senkte ich meine Flügel und
+schlich mich als diebischer Fuchs in das schmutzige
+und gemeine Wirtshaus &rsaquo;Zu den lustigen Inseln&lsaquo;
+in der Werejskaja-Gasse, drängte mich irgendwie
+durch die Masse der betrunkenen Gäste
+und setzte mich an den ersten besten Tisch; um
+keinen Verdacht zu erregen, bestellte ich mir
+aber eine Flasche vom stärksten und berauschendsten
+Weine.
+</p>
+
+<p>Obwohl das Lokal gesteckt voll war und man
+sich gar nicht rühren konnte, brachte es irgendeine
+Sascha Timofejewa fertig, sich an meinen
+Tisch zu setzen. Sie umschlang meinen Hals mit
+einer Hand und suchte ihr Gesicht dem meinigen
+zu nähern.
+</p>
+
+<p>»Lieber Freund, führe mich fort von hier!«
+flehte sie mich an, und ihr gelber Lackledergürtel
+knisterte.
+</p>
+<!-- page 185 -->
+
+<p>Während sich ihr dunkelmattes Gesicht mit
+den riesengroßen grauen Augen ohne Pupillen
+meinem Gesicht näherte, senkte sich von der
+Decke ein Netz so fein wie Spinnweben langsam,
+aber sicher über mich: ich fühlte, wie ein seidenes
+Vogelnetz über mich geworfen wurde. Und als
+die Augen meiner Geliebten schon so nahe waren,
+daß sie zu einem einzigen grauen Auge verschmolzen,
+berührte das Netz meinen Scheitel;
+im gleichen Augenblick drang ein feiner, scharfgeschliffener
+Haken in mein lebendes Herz. Er
+hakte sich fest und zog mich schon im nächsten
+Augenblick roh und blind über die Sascha und
+den Tisch hinweg zur Decke empor.
+</p>
+
+<h3 class="sub">Affen</h3>
+
+<p class="first">Man hatte uns von allen Enden der Welt, aus
+Australien, Afrika und Südamerika, zusammengetrieben,
+und ich, der Anführer der Schimpansen,
+mit dem aus Eiderdaunen gewebten Gürtel
+um die Lenden, raufte mir die Haare und zerbrach
+mir den Kopf, wie ich mich von den Ketten,
+mit denen man uns an Armen und Beinen gefesselt
+hatte, befreien und in meine Heimat
+durchbrennen könnte; aber es war schon zu spät.
+Man trieb uns über die neugepflügten Äcker auf
+das Marsfeld, und nachdem wir wie Soldaten
+Aufstellung genommen hatten, begannen Herolde
+in goldstrotzenden Uniformen mit Straußenfedern
+<!-- page 186 -->
+an den Hüten, längs der Reihen hin- und
+herreitend, das Urteil zu verlesen.
+</p>
+
+<p>Man beschuldigte uns Affen der maßlosen Unzucht,
+Bosheit, Faulheit, Trunksucht und eines
+unausrottbaren Hanges zum Diebstahl; unter
+Anerkennung unserer ungewöhnlichen angeborenen
+Anlagen zur Entwicklung und Vervollkommnung
+verhängte man über uns die Anwendung
+der Geheimmittel des Bologneser Universitätsprofessors
+Ritters Altenaar, des Nachkommen
+der Wikinger von Grönland, Island und des
+Nördlichen Eismeeres.
+</p>
+
+<p>Von blinder Mutterliebe und Empörung erfüllt,
+folgte ich der Exekution, die nach all diesen närrischen
+Zeremonien begann: die gottlosen Menschen
+durchbohrten uns zum Scherz mit Schusterahlen
+und bearbeiteten uns nachher mit Eisenhämmern.
+Sie beschmierten einzelne von uns mit
+heißem flüssigem Teer, befestigten das eine Ende
+eines in die Teermasse eingekneteten Strickes an
+die Körper der Unglücklichen und das andere an
+das Kummet eines freien und kräftigen Pferdes
+und ließen sie dann unter Schreien und Johlen der
+Menge so lange über die Erde schleifen, bis die
+Opfer verendeten. Andern wiederum steckten sie
+die Lippen sorgfältig mit Messingnadeln zusammen.
+Und noch viele andere Scherze wurden an
+uns zwecks Bändigung verübt.
+</p>
+
+<p>Als aber das Marsfeld vom Heulen und Winseln
+gesättigt, als die Erde vom vergossenen Affenblut
+aufgequollen war und das getaufte und
+<!-- page 187 -->
+ungetaufte russische Volk sich krank gelacht
+hatte, kam auf ehernem Rosse ein Reiter in Rüstung
+aus grünem Erz dahergesprengt. Ein Lasso
+schwirrte durch die Luft und legte sich mir um
+den Hals, und ich fiel in die Knie. Ich, Anführer
+der Schimpansen Australiens, Afrikas und Südamerikas,
+blickte angesichts des unnötigen und
+ungebetenen Todes den schrecklichen und stolzen
+Reiter mit frechen Augen an und schleuderte
+gegen ihn und den mir verhaßten Tod ein dreifaches
+Kikeriki.
+</p>
+
+<h3 class="sub">Beinahe hätten sie mich gegessen</h3>
+
+<p class="first">Ich hatte zwölf unterirdische Kammern und
+zwölf Schlüssel &mdash; man nahm sie mir weg. Ich
+sammelte mir im Hofe verschiedene Lumpen &mdash;
+man nahm sie mir auch weg. Die Schlüssel und
+die Lumpen trug man in die Vorratskammer und
+schloß sie dort ein. Und Wlassow, mit dem ich
+erst vor kurzem mein Zimmer geteilt hatte und
+ohne den ich keinen Schritt machen konnte, verließ
+mich.
+</p>
+
+<p>Ich bin ganz nackt, und doch rauben sie mich
+noch immer aus: sie saugen mir das letzte Blut
+aus dem Körper. Nun hat mich auch noch eine
+Zitterkrankheit befallen. Mit Tränen in den Augen
+flehe ich sie an, mich in Ruhe zu lassen und
+mir nicht so furchtbar zuzusetzen. Sie will aber
+nicht auf mich hören.
+</p>
+<!-- page 188 -->
+
+<p>Sie hatten mich frech beraubt, und ich wußte,
+daß sie mich nicht am Leben lassen würden, daß
+sie mich unbedingt ins Grab bringen wollten. Ich
+konnte es nicht länger aushalten und schickte
+mein Dienstmädchen auf die Ligowka zu einem
+mir bekannten Sargmacher, einen Sarg zu holen.
+&mdash; Meine Sterbestunde rückte heran, und es kam
+mir immer klarer zum Bewußtsein, daß sie meinen
+Leib schon nach wenigen Tagen mit Brot
+verzehren und nur meine Knochen in den Sarg
+legen würden.
+</p>
+
+<p>Mit unsagbarer Mühe kroch ich die Treppe
+hinunter und wandte mich an den Portier mit der
+Bitte um Hilfe: ich flehte ihn mit den letzten
+Kräften, mein letztes Blut vergießend, an, die
+vornehmsten Bürger der Stadt auffordern zu lassen,
+gleich morgen zu mir zu kommen, um mich
+zu bestatten, solange ich noch nicht verzehrt sei.
+</p>
+
+<p>Und während ich so den Portier anflehte und
+mich vor ihm bis zur Erde verneigte, sprang
+plötzlich das Plakat mit der Aufforderung, die
+Gummischuhe unten beim Portier abzugeben,
+ab, und an der Stelle, wo es gehangen hatte, trat
+aus der Wand Wlassow. Indem er seinen stechenden
+Feuerwehrmannschnurrbart drehte,
+reichte er mir die Schlüssel, die Lumpen und etwas
+Roggenmehl, aus dem ich einen dicken Kleister
+kochen sollte.
+</p>
+<!-- page 189 -->
+
+<h3 class="sub">Der Tatar</h3>
+
+<p class="first">Ich stieg einen Turm auf einer steilen, ungewöhnlich
+schmalen Treppe hinauf. Man hatte
+mir gesagt, daß ich nur die obere Plattform zu erreichen
+brauchte; oben würde ich leicht den Eingang
+in den Himmel finden: dort würde eine
+Wolke in Form einer Barke zu meinen Diensten
+bereitstehen, ich brauchte nur einzusteigen und
+könnte dann fahren, wohin ich wollte.
+</p>
+
+<p>Der Aufstieg dauerte unendlich lange, die
+Beine konnten mich kaum tragen, und auch
+meine Geduld ging zu Ende; der Schädel
+schmerzte mir; ich nahm mich aber doch zusammen
+und erreichte schließlich die Plattform. Und
+was denken Sie? Es gab oben gar keine Wolke in
+Form einer Barke, dafür stand dort ein Tatar, einer
+von denen, die mit alten Kleidern handeln;
+seine Arme reichten aber bis zur Erde hinab. Ich
+wollte schon wieder hinuntersteigen &mdash; was sollte
+ich denn oben? &mdash;, er packte mich aber am Kragen
+und hob mich mit seinen langen Armen in die
+Höhe.
+</p>
+
+<p>»Du ganz gemeiner Schmarotzer! Ebensowenig
+wie deine Ohren wirst du die Wolke, die du
+wohl nur aus deinen Büchern kennst, zu Gesicht
+bekommen, noch die Dinge, die jenseits der
+Wolke sind. Putz dir erst die Augen, die in allen
+Dingen nur das Häßliche schauen, und dann bist
+du uns willkommen!«
+</p>
+
+<p>Ehe ich ihm etwas entgegnen oder mich rechtfertigen
+<!-- page 190 -->
+konnte, begann der Tatar mich langsam
+auf die Erde hinabzulassen. Und als bis zur Erde
+nichts mehr übriggeblieben war, schlug ich mit
+der Nase hart am Boden auf und fiel in warmen
+Kuhmist.
+</p>
+
+<h3 class="sub">Der Traber</h3>
+
+<p class="first">Petersburg stand in Flammen. An den Feuerwehrtürmen
+hing das Alarmsignal für sämtliche
+Löschkommandos; sie konnten aber alle nichts
+ausrichten. Petersburg brannte an allen Ecken
+und Enden.
+</p>
+
+<p>Ich und noch ein Herr, der mich bei meinen
+nächtlichen Abenteuern zu begleiten pflegte, verließen
+das Haus und fuhren ins Barackenlager.
+In den Baracken bekamen wir ein riesengroßes
+Zimmer angewiesen, und hier stellte sich heraus,
+daß wir gar nicht allein waren: in unserer Gesellschaft
+befand sich unablässig ein bekannter russischer
+Dichter.
+</p>
+
+<p>Wir sahen zum Fenster hinaus: die Straßen
+waren von Flüchtlingen überschwemmt, und
+zahlreiche Damen, mit Reisekoffern und gelben
+Hutschachteln beladen, zogen über den Bürgersteig
+wie in einer Kirchenprozession. Alle sagten,
+daß die Feuersbrunst entsetzlich sei und nicht so
+bald ein Ende nehmen würde. Es roch nach Verbranntem.
+</p>
+
+<p>Wir beschlossen, gleichfalls abzureisen. Wir
+<!-- page 191 -->
+nahmen uns eine Droschke und fuhren zu dritt
+nach Moskau. Ohne uns in Moskau aufzuhalten,
+begaben wir uns direkt nach der Sommerwohnung
+im Petrowski-Park. In der Sommerwohnung
+trafen wir niemanden an. Etwas später erschien
+ein bekannter Schauspieler, und wir erzählten
+ihm, welch ein furchtbarer Brand in Petersburg
+wüte, wie wir in den Baracken gesessen
+hätten, wie es nach Verbranntem gerochen hätte
+und daß wir dem Kutscher fünfundsiebzig Kopeken
+bezahlt hätten.
+</p>
+
+<p>»Jetzt ist das Pferd hin«, sagte der Dichter.
+»Wie kann man auch? Neunundzwanzig Werst
+von Petersburg nach Moskau, ohne Station zu
+machen, und dann gleich wieder nach Petersburg
+zurück &mdash; das hält kein Pferd aus!«
+</p>
+
+<h3 class="sub">Die Blume</h3>
+
+<p class="first">Ich pflanzte meine Lieblingsblume um. Endlich
+war ich dazu gekommen. Ich fühlte mich schuldbeladen
+ihr gegenüber: wenn man soviel andere
+Geschäfte hat, kommt man selten dazu, sich um sie
+zu kümmern und das Gras auszujäten; nun ist es
+schon zu einem dichten Gebüsch ausgewachsen!
+Immer habe ich etwas zu tun, bald dies, bald jenes.
+&rsaquo;Das ist ja eben das Wesen des Lebens, daß man
+niemals Zeit hat!&lsaquo; hat mir einmal jemand gesagt.
+Nun, der Herr sei ihm gnädig; möchte der, der es
+gesagt hat, auch in Zukunft niemals Zeit haben!
+</p>
+<!-- page 192 -->
+
+<p>Ich schüttelte die Erde aus dem Blumentopf,
+ergriff die Blume am Stengel und bemerkte unten,
+wo die Wurzeln einen Knoten bilden, einen
+kleinen Wurm. Kaum hatte ich die Hand ausgestreckt,
+um den Wurm zu fassen, als er sich in
+eine kleine Schlange verwandelte, und die kleine
+Schlange verwandelte sich, ohne mit der Wimper
+zu zucken, in eine große. Nun begann ich vor
+Angst zu zittern. Ich warf die Blume zu Boden
+und wollte weglaufen, aber die Beine gehorchten
+mir nicht; ich wollte aufschreien, brachte aber
+keinen Ton hervor.
+</p>
+
+<p>Die riesengroße geringelte Schlange Aspis tat
+ihren Rachen vor mir auf, berührte mit ihrem
+glühenden Stachel meine kalte Nase und verwandelte
+sich in einen Fisch mit vielen Zähnen. Mein
+Gott! Das war ja Echinia selbst! Ohne lange zu
+überlegen, sperrte die Echinia (und nicht mehr
+die Aspis) ihren Rachen noch weiter auf &mdash; ich
+hatte kaum Zeit, nach meiner Tasche zu greifen,
+und stürzte in ihren Bauch. Da war es um mich
+geschehen.
+</p>
+
+<h3 class="sub">Rotkohl</h3>
+
+<p class="first">Ich stehe am Flußufer mitten in einer Volksmenge.
+Jemand meint, daß diese Volksmenge
+von der Darstellung des jüngsten Gerichts in der
+Mariä-Verkündigungs-Kathedrale zu Solwytschegodsk
+herabgestiegen sei und daß der Fluß,
+<!-- page 193 -->
+an dem wir stehen, die Donau oder der Safat sei;
+es werden noch andere Namen genannt, ich kann
+sie aber nicht verstehen, da alles in einer barbarischen
+Sprache erzählt wird.
+</p>
+
+<p>Wir alle warten auf etwas und sind sehr aufgeregt.
+Ich kann nicht ruhig an einem Platz stehen
+und laufe bald zu dem einen, bald zu dem andern
+und frage:
+</p>
+
+<p>»Kommt es bald?«
+</p>
+
+<p>Statt mir zu antworten, zeigt man mit den Fingern
+auf eine dunkle Masse, die vom Walde her
+naht.
+</p>
+
+<p>Am Ufer, dicht am Wasser, ist ein kleiner Platz
+abgezäunt; auf dem Platz stehen zwei Fäßchen
+mit einem quer darüber gelegten Brett. Ich
+dränge mich bis an die Umzäunung vor, richte
+mich recht bequem ein und beobachte die heranrückende
+dunkle Masse.
+</p>
+
+<p>Allmählich kann man die seltsamen Gestalten
+unterscheiden: an der Spitze reitet auf einem
+Ochsen der Zeremonienmeister, ein vornehmer
+Würdenträger mit braunem Vollbart und goldgesticktem
+Rock; in seinen Händen glänzt ein
+goldener Stab; nach dem Zeremonienmeister
+schreiten paarweise Damen in langen weißen Gewändern,
+mit bloßen Füßen, und jedem Paar folgen
+Diener, die je zwei Klappstühle und einen
+Fächer tragen. Endlich erscheint unter einem
+Baldachin der König: er trägt einen mit silbernen
+Sternen besäten Mantel, so blau wie der Fluß,
+und an den Händen weiße Ritterhandschuhe;
+<!-- page 194 -->
+sein Gesicht ist dunkel wie das eines Mohren,
+und seine Nase gleicht einer silbernen Sichel.
+</p>
+
+<p>Der Mann, der neben mir stand und eine staubige
+rote Perücke aufhatte, seines Zeichens
+Schwarzkünstler, schnaubte mit der Nase und
+sagte mir auf russisch:
+</p>
+
+<p>»Dieser König Napoleon hat eine angesetzte
+Nase!« Mit diesen Worten stürzte er entseelt zu
+Boden.
+</p>
+
+<p>Und ich sah, daß noch viele andere Menschen
+in der Volksmenge tot niederfielen, offenbar für
+ihre Blasphemie bestraft. Nun kam es irgendwie
+zutage, daß es durchaus kein gewöhnlicher König
+war.
+</p>
+
+<p>Der Zug kam immer näher. Ich unterschied
+schon einen schlanken, weißen Hofmann, der
+dem König folgte und Befehle erteilte. Dann kamen
+wieder Damen und Diener; polternde Bauernwagen,
+bis an den Rand mit Rotkohl beladen,
+beschlossen den Zug.
+</p>
+
+<p>Alle Blicke waren auf den König gerichtet. Er
+betrat den am Ufer abgezäunten Platz, und nun
+kam ich darauf, daß sein Gesicht unter einer
+Larve verborgen und daß der schlanke Hofmann
+kein lebendiger Mensch, sondern ein Automat
+war.
+</p>
+
+<p>Die Diener legten indessen den Baldachin zusammen
+und stellten die Stühle auf. Die weißen
+Damen rafften die Röcke hoch, nahmen Platz
+und begannen, mit ihren bloßen Beinen baumelnd,
+ein Gebet zu murmeln. Der König verbeugte
+<!-- page 195 -->
+sich vor dem Flusse, rief den Automaten
+herbei und setzte sich zugleich mit ihm auf das
+Brett, das quer über den Fässern lag, doch so,
+daß die Mitte des Brettes frei blieb.
+</p>
+
+<p>Wir riefen alle hurra und schrien so lange, bis
+der Zeremonienmeister mit dem braunen Vollbart
+und dem goldgestickten Rock mit seinem
+Stabe winkte. Nun trat Totenstille ein.
+</p>
+
+<p>»Warum hast du gesagt«, wandte sich der König
+an den Automaten, »daß diese Bank zusammenbrechen
+würde? Du siehst doch, wir beide
+sitzen auf ihr, und sie ist noch immer ganz.«
+</p>
+
+<p>Die Stimme des Königs klang so jugendlich
+und stark, daß ein jeder von uns, von einem
+plötzlich erwachten Gefühl von Jugend und
+Kraft ergriffen, emporsprang. Wir alle waren bereit,
+für unsern König zu sterben.
+</p>
+
+<p>Die Damen schrien hurra.
+</p>
+
+<p>»Kaiser, du sitzt nicht richtig, setz dich in die
+Mitte!« sagte der Automat zum König. Mit diesen
+Worten erhob er sich vom Brett und ging an
+den Zaun zu der Stelle, wo ich mich so bequem
+eingerichtet hatte.
+</p>
+
+<p>Ich konnte mich nicht enthalten und rührte
+ihn hinten an: meine Hand stieß auf etwas Metallisches
+und Kaltes, ich zog sie unwillkürlich zurück
+und fühlte ein Zittern wie vom elektrischen
+Strom.
+</p>
+
+<p>Der König erhob sich. Der König legte seinen
+Mantel zurecht. Der König setzte sich auf die
+Mitte des Brettes. Kaum hatte er es berührt, als
+<!-- page 196 -->
+das Brett mitten entzweibrach. Der König flog in
+den Fluß.
+</p>
+
+<p>Die Damen brachen in Tränen aus. Wir
+schrien hurra und begannen den Automaten zu
+prellen; während wir ihn in die Höhe warfen,
+warfen wir auch die Rotkohlköpfe zum Himmel
+empor.
+</p>
+
+<h3 class="sub">Der Wolf</h3>
+
+<p class="first">Man schickte mich in den Wald, Nüsse suchen.
+»Geh hin«, sagte man mir, »und bring uns recht
+viel Nüsse.« Ich gehe durch den Wald, schaue
+nach allen Seiten, stolpere bei jedem Schritt,
+kann aber keine einzige Nuß finden. Endlich
+habe ich doch einen Busch entdeckt, aber mit
+lauter grünen Nüssen, keine einzige reife ist darunter.
+»Es ist ja ganz gleich: ich bringe ihnen von
+den grünen, wenn sie durchaus Nüsse haben wollen .&nbsp;.&nbsp;.«
+Ich greife einen Ast, will die Nüsse abpflücken,
+aus dem Gebüsch springt aber ein Wolf
+auf mich los. Ich sehe, daß es schlimm um mich
+steht, und sage ihm: »Willst du mich denn wirklich
+fressen?!« Er schweigt. Und ich sage ihm
+noch: »Friß mich nicht, Grauer, ich werde dir
+später einmal nützlich sein.« Und ich denke mir
+dabei: &rsaquo;Wie werde ich ihm eigentlich nützlich
+sein können?&lsaquo; Und während ich mir das überlege,
+fraß mich der Wolf.
+</p>
+<!-- page 197 -->
+
+<h3 class="sub">Der Baum</h3>
+
+<p class="first">Über dem Kopfe knarrt ein Riesenbaum, er
+knarrt und wird gleich stürzen. Und ich stehe unter
+dem Baum wie gebannt.
+</p>
+
+<p>Der Baum knarrt unheimlich, das Laub fällt
+von den Zweigen, und der Wipfel bebt: ich weiß
+nicht, ob es der Wind macht oder ob er von selbst
+wie vor dem Sturze bebt.
+</p>
+
+<p>Der Baum knarrt, er knickt ein &mdash; er wird mich
+erschlagen .&nbsp;.&nbsp;. Und ich kann nicht fort.
+</p>
+
+<h3 class="sub">Der Steg</h3>
+
+<p class="first">Ich ging über die schmale, schwankende Brücke,
+die von Fels zu Fels über den Abgrund führte. Es
+war aber unmöglich, direkt von der Brücke an
+das andere Ufer zu kommen: man mußte entweder
+hinüberspringen, wie es mein Gefährte getan
+hatte, der nun am anderen Ufer stand und mir
+die Arme entgegenstreckte, oder aber auf den
+Steg treten, ein schmales Brett, das mit Stricken
+an irgendeinem Nagel irgendwo in den Wolken
+befestigt war und von dem man mit einem einzigen
+Schritt ans Ufer gelangen konnte. So wollte
+ich es machen. Ich trat auf den Steg. Kaum aber
+hatte ich die Hände meines Gefährten ergriffen, als
+der Steg zu schwingen begann und immer mehr
+und mehr in Schwung kam. Ich flog auf dieser höllischen
+Schaukel immer höher empor, und mein
+<!-- page 198 -->
+Gefährte flog mit mir mit, und so schaukelten wir
+über dem Abgründe.
+</p>
+
+<p>Mein Herz verging und erstickte und stand
+endlich ganz still.
+</p>
+
+<h3 class="sub">Die Tiere</h3>
+
+<p class="first">Der stille Herbstregen, fein wie Staub, fällt im
+dichten Nebel. Ich weiß nicht, wohin und wozu
+ich gehe und was mich treibt. Endlich bleibe ich
+vor dem Stadttor stehen. Die Torhüter öffnen mir
+schweigend das Tor, und ich gerate in eine
+schmale, von zwei hohen Mauern eingeschlossene
+Gasse. Männer und Frauen, Körbe voll Brot
+auf den Köpfen, kommen mir entgegen. Wie ich
+mit diesem seltsamen Zuge zusammentreffe,
+wende ich mich an einen der Männer und sage:
+</p>
+
+<p>»Gib mir eine Semmel.«
+</p>
+
+<p>Er gab sie mir. Ich weiß aber nicht, ob ich die
+Semmel aufessen oder in die Tasche stecken oder
+nach Hause tragen soll; ich weiß auch gar nicht,
+wohin ich gehe.
+</p>
+
+<p>»Die Tiere hat man herausgelassen! Die
+Tiere!« schrie irgendein Mann, an mir vorbeilaufend,
+während die Fetzen eines zerrissenen roten
+Hemdes hinter seinen Schultern wie zwei Flügel
+flatterten.
+</p>
+
+<p>Und alle befiel eine furchtbare Angst, und diejenigen,
+die in meiner Nähe waren, warfen ihre
+Brotkörbe hin und rannten davon.
+</p>
+<!-- page 199 -->
+
+<p>Und dieser schreckliche Schrei! .&nbsp;.&nbsp;. Es wurde
+mir klar, daß es mein eigener Schrei war.
+</p>
+
+<p>Die Tiere, anfangs kaum wahrnehmbar, dann
+immer drohender, rückten heran. Das Fell auf
+den schwarzen und rauchgrauen Rücken
+sträubte sich, die grellgelben Flecken an den
+Bäuchen schimmerten in fettigem Glanz. Ich
+stand allein, rings von den vielen roten offenen
+Rachen umgeben; die roten Zungen bewegten
+sich in ihnen wie Uhrpendel.
+</p>
+
+<p>»Tiere, da habt ihr die Semmel!«
+</p>
+
+<p>Kaum hatte ich aber diese Worte: &rsaquo;Tiere, da
+habt ihr die Semmel&lsaquo; gesprochen, als alle Tiere,
+die großen und die kleinen, die grauen und die
+schwarzen, die einohrigen und die einzahnigen,
+die stößigen und die bissigen, ihre Pfoten einzogen
+und in Schlummer versanken.
+</p>
+
+<h3 class="sub">Unter Nackten</h3>
+
+<p class="first">Ich war in eine Gesellschaft von Nackten geraten:
+sie laufen so ganz ohne jede Kleidung herum.
+&rsaquo;Sie schämen sich wohl furchtbar, diese Unglücklichen&lsaquo;,
+dachte ich mir, alle diese mageren, dicken,
+aufgedunsenen, knochigen, häßlichen Gestalten
+betrachtend.
+</p>
+
+<p>»Nein, wir würden uns schämen, wenn wir uns
+plötzlich ankleideten«, sagte mir einer der Nackten,
+der meinen Gedanken offenbar belauscht
+hatte.
+</p>
+<!-- page 200 -->
+
+<p>»Schämt man sich denn, wenn man angezogen
+ist?«
+</p>
+
+<p>»Das eigentlich nicht .&nbsp;.&nbsp;.«
+</p>
+
+<p>»Wie häßlich ihr doch alle seid!« unterbrach
+ich ihn.
+</p>
+
+<p>»Wenn wir häßlich sind, so mach, daß du fortkommst,
+solange deine Knochen ganz sind«,
+sagte mir wütend ein anderer Nackter.
+</p>
+
+<p>»Was ist eigentlich die schwerste Sünde?«
+fragte ich ihn.
+</p>
+
+<p>»Einst galt es als die schwerste Sünde, ein Feuer
+auszulöschen. Diese Sünde haben wir nie begangen:
+die Feuerwehr nimmt keine Nackten auf.«
+</p>
+
+<p>»Ich habe auch keine Lust, zur Feuerwehr zu
+gehen«, stimmte ich ihm zu. Dann ging ich auf
+die Seite und zog mir die Stiefel aus.
+</p>
+
+<h3 class="sub">Das Dach</h3>
+
+<p class="first">Mit den Händen am Gesimse gleitend, die Beine
+in der Luft, bewege ich mich längs des unendlichen
+Holzdaches eines unendlichen Holzbaues
+fort. Grelles Sonnenlicht fällt mir in die Augen.
+Morsche Holzstücke fallen mir unter den Händen
+ab, meine Hände rutschen &mdash; mir stockt der
+Atem, und ich möchte abstürzen, damit es doch
+einmal ein Ende nimmt! Aber ich bewege mich
+immer weiter.
+</p>
+
+<p>Ich sehe unter mir Bäume, Flüsse, Bäche und
+eine Stadt.
+</p>
+<!-- page 201 -->
+
+<h3 class="sub">Der Bau</h3>
+
+<p class="first">Ich kroch unter das riesenhafte Haus, das noch
+nicht ganz fertig war, Man baute es so, daß der
+ganze Bau in der Luft hing und nicht stürzte, weil
+ein dickes, an das Fundament befestigtes Tau ihn
+mit der Erde verband. Ich kroch mit einem Beil
+in der Hand unter den riesenhaften Bau, erreichte
+den Mittelpunkt, wo das Tau befestigt
+war, holte mit dem Beil aus und hieb auf das Tau
+ein. Und als ich so weit war, daß das Haus jeden
+Augenblick einzustürzen drohte, spuckte mir jemand
+von oben auf den Kopf.
+</p>
+
+<h3 class="sub">Unter dem Bett</h3>
+
+<p class="first">Ich liege im leeren Zimmer und fühle, daß sich
+unter dem Bett etwas aufrichtet, umwendet und
+wieder still wird. Ich spitze die Ohren und horche:
+die Pfoten knacken, etwas Rauhes kriecht
+über den Boden, es stößt wohl an meine Stiefel,
+wendet wieder um, es holt Atem und kriecht weiter.
+</p>
+
+<p>Ich liege da, ich rühre mich nicht, und ich
+weiß, daß es schon ganz nahe ist: gleich macht es
+einen Bogen um den Stuhl, nimmt mich aufs
+Korn und springt mit einem Satz auf mich herauf.
+</p>
+<!-- page 202 -->
+
+<h3 class="sub">Die Maus</h3>
+
+<p class="first">Im Hause haben sich Mäuse eingenistet und
+trippeln umher. Ich lauerte einem Mäuschen auf
+und packte es beim Schwanz. Es biß mich augenblicklich
+in den Finger. An der Stelle, wo es mich
+gebissen hatte, wuchsen mir lange Haare. Ich
+ließ die Maus los, sie fiel zu Boden, setzte sich
+und lief gar nicht fort.
+</p>
+
+<p>»Wie kann man nur so!? Man muß es vorsichtig
+machen und sie durch Liebkosungen zu gewinnen
+suchen!«
+</p>
+
+<p>Ich ergriff sie vorsichtig am Pfötchen, streichelte
+ihr den Rücken, sie aber sprang mir an den
+Hals, beschnupperte mich und bewegte ihren
+Schnurrbart.
+</p>
+
+<h3 class="sub">Makkaroni</h3>
+
+<p class="first">Wir standen am Rande des Kraters. Der Lange,
+der seit so vielen Monaten nicht von mir weicht
+und mir fortwährend allerlei Dummheiten erzählt,
+sprang, ohne sich die Lippen abzulecken,
+glatt hinüber, ich aber stürzte hinein. Mit unendlicher
+Mühe, mich im Finstern an die Kleiderhaken
+festklammernd, klettere ich an die Oberfläche.
+Der Lange ruft mir aber zu:
+</p>
+
+<p>»Komm schneller heraus. Sonst werden die
+Makkaroni, die ich gekocht habe, kalt. Gesalzen
+sind sie auch schon!«
+</p>
+<!-- page 203 -->
+
+<p>Scher dich zum Teufel mit deinen Makkaroni!
+Die Finsternis ätzt mir die Augen. Wenn ich doch
+nur herauskriechen könnte .&nbsp;.&nbsp;.
+</p>
+
+<h3 class="sub">Der Sieger</h3>
+
+<p class="first">Eine rote, glühende, mit dünner Asche bedeckte
+Steppe. Zwei rote, kräftige Kämpfer haben sich
+in verzweifeltem Ringen umfaßt. Und der, der älter
+aussah und dessen Körper gebräunter war,
+blieb Sieger. Ich stürzte zu diesem Sieger hin, ergriff
+seine Hand, biß mich mit den Zähnen in sie
+hinein, berauschte mich am dunklen, dicken
+Blut, das aus der Wunde emporsprudelte, und
+blickte ihm in die Augen, die vor Schmerz trüb
+geworden waren. Ich blickte ihm lange in die Augen
+und wußte es ganz gewiß: gleich wird er seine
+Hand befreien und mich mit einem Schlage zermalmen.
+</p>
+
+<p>Das Blut aber sprudelte unaufhörlich.
+</p>
+
+<h3 class="sub">Der Leichenwagen</h3>
+
+<p class="first">Wir wateten lange durch den Fluß, nur unsere
+Köpfe ragten aus dem Wasser. Mein vor mehreren
+Jahren verstorbener Freund, der immer betrunken
+ist und ein rotes, aufgedunsenes Gesicht
+hat, geht voraus, und ich gehe ihm nach. Er geht
+mit trägen Schritten, den zerzausten grauen
+<!-- page 204 -->
+Kopf auf die Brust gesenkt, blickt manchmal zurück
+und blinzelt mir zu. Endlich erreichen wir
+ein Haus und kommen, naß wie wir sind, in den
+Saal. Im Saale findet gerade ein Ball statt; wir sehen
+viele tanzende Paare und hören lustige Musik.
+Alle bleiben plötzlich stehen, alle Blicke sind
+auf uns gerichtet. Wir aber sind patschnaß.
+</p>
+
+<p>»Tanzen! Tanzen!« schreien plötzlich alle auf,
+die Musik schmettert von neuem, und die Töne
+sind so ansteckend lustig, daß man Lust hat, unaufhörlich,
+unermüdlich weiterzutanzen .&nbsp;.&nbsp;.
+</p>
+
+<p>Ich habe aber keine Lust, noch länger durch
+den Fluß zu waten; ich steige darum in den Zug
+und setze die Reise mit der Eisenbahn fort. Der
+Zug hält auf freiem Felde. Ich trete in das Bahnwärterhäuschen
+und setze mich ans Fenster.
+</p>
+
+<p>»Sie fahren, sie fahren!« murmelte der Weichensteller
+im Vorbeigehen, und im gleichen Augenblick
+fuhr eine Equipage vorbei. Ich sah ein
+junges Paar darin sitzen; sie war im Brautkleide
+und er im Frack.
+</p>
+
+<p>Sobald die Equipage mit dem Brautpaar verschwunden
+war, kam polternd ein riesengroßer
+Leichenwagen gefahren, und im Wagen lag ein
+riesengroßer Leichnam. Die Pferde liefen Galopp,
+auf dem Bock saß kein Kutscher, und niemand
+lenkte das Gespann.
+</p>
+
+<p>Ich sprang aus dem Bahnwärterhäuschen und
+ging quer über das Feld. Das Feld war staubig,
+ebenso der Wind.
+</p>
+<!-- page 205 -->
+
+<h3 class="sub">Der Turm</h3>
+
+<p class="first">Es ist ungemein schwierig, fast unmöglich, diesen
+sonderbaren turmähnlichen, innen vollkommen
+hohlen Bau zu besteigen. Die Stufen sind so
+abgenagt, daß man stellenweise Schritte von anderthalb
+Klaftern machen muß. Wir steigen in
+großer Gesellschaft hinauf, kennen aber einander
+nicht, wenn wir auch so tun, als ob wir einander
+durch und durch kennten. Hinunterschauen ist
+verboten; wer es trotzdem tut &mdash; es gab auch solche
+Helden unter uns &mdash;, der ist erledigt: der fliegt
+kopfüber in den Keller. Niemand hat den Keller
+gesehen, aber alle wissen, daß er tatsächlich existiert
+und sehr kalt und finster ist. Endlich erreichen
+wir die obere Plattform; sie ist fest gebaut,
+ganz aus Eisen und wird von eisernen Balken gestützt.
+</p>
+
+<p>Eine Lehrerin &mdash; oder Nonne, die früher einmal
+Lehrerin gewesen ist &mdash; steht oben und zeigt jedem
+von uns durch das offene Fenster die Welt. Sie
+sagt ausdrücklich:
+</p>
+
+<p>»Schaut, Kinder, da ist die Welt.«
+</p>
+
+<p>Wir sehen den Sonnenuntergang, kolossale
+Häuser, riesenhafte Ziehbrunnen, Feuerwehrdepots
+und eine Kirche mit hohem Glockenturm;
+oben am Kreuze der Kirche kleben andere Menschen
+und betrachten gleich uns die Welt. Die
+Gefahr ist dort wohl viel größer als bei uns; es ist
+ganz unverständlich, wie sie sich da überhaupt
+festhalten können und nicht herunterfallen!
+</p>
+<!-- page 206 -->
+
+<p>Es ist aber verboten, allzulange auf die Welt zu
+schauen. Die Lehrerin gibt einem jeden von uns
+ein Stück Talg. Wir schmieren uns damit die
+rechten Hüften ein, die Frauen binden ihre
+Röcke hoch, und nun beginnt der Abstieg: wenn
+man richtig eingefettet ist, gleitet man ganz leicht
+den Strick hinab.
+</p>
+
+<p>»Hier unten gibt es doch sicher alte Fresken?«
+frage ich meinen Nachbarn, einen alten Mann in
+Aluminiumstiefeln.
+</p>
+
+<p>»Ja, der Bau ist alt, sehr alt, stammt noch aus
+Kains Zeiten!«
+</p>
+
+<p>Ein altes Mütterchen mit Mäusepfoten bekreuzigt
+sich.
+</p>
+
+<p>»Es gibt hier allerlei Heiligenbilder«, sagt sie,
+mit ihrem einzigen Finger auf die Mauer zeigend,
+»geweihte und ungeweihte: das &rsaquo;Waisenkind Jesus&lsaquo;,
+die &rsaquo;Vier Festtage&lsaquo; .&nbsp;.&nbsp;.«
+</p>
+
+<p>Es hängen tatsächlich viele Heiligenbilder an
+den Wänden, und durch die kleinen, vergitterten
+Fenster, an denen wir vorbeigleiten, sind Mönche
+zu sehen.
+</p>
+
+<p>Am Keller schleichen wir mit größter Vorsicht
+vorbei, denn wir fürchten hinunterzufallen.
+</p>
+
+<p>»Wenn aber jemand zu Gott beten will?« fragt
+die Alte mit den Mäusepfoten.
+</p>
+
+<p>»Alles hängt von Mirax Miraxowitsch ab«,
+sagt ein gehörnter junger Mann.
+</p>
+
+<p>Wir drängen uns zusammen und geben uns
+Mühe, eine einzige kompakte Masse zu bilden,
+denn die Rothäute, die in den um den Keller
+<!-- page 207 -->
+herum gelegenen Zimmern wohnen, sind erwacht.
+Da haben sie eben einen Jungen gepackt
+und weggeschleppt. Die Hühnerfedern, die ihre
+roten Hüften verdecken, flimmern nur so. Wir
+werden unser immer weniger, sie aber bilden eine
+ganze Armee.
+</p>
+
+<p>»Jetzt sind Sie an der Reihe!« sagt mir halb im
+Scherz eine kranke Frau mit einer Markttasche
+in der Hand. Auf der Markttasche ist ein Löwe
+gemalt.
+</p>
+
+<p>Ich aber habe nur den einen Wunsch, möglichst
+tief in die Mitte zu kommen, und beginne
+schnell zu zählen: ich glaube, daß es mir helfen
+könnte. Aber meine Beine sind zu einem Stück
+Holz erstarrt .&nbsp;.&nbsp;.
+</p>
+
+<p>Sie haben mich schon, ich bin verloren!
+</p>
+
+<h3 class="sub">Die Schlangenkatze</h3>
+
+<p class="first">Eine braune Schlange liegt da &mdash; nur die Haut allein
+ist von ihr übriggeblieben, ganz eingetrocknet
+ist sie. Ich berühre ihre Kehle, in der Kehle
+sitzt eine Kupferkopeke, ist wohl steckengeblieben.
+Nun weiß ich, warum die Schlange eingetrocknet
+ist: an der Kupferkopeke ist sie erstickt.
+</p>
+
+<p>Eine Katze läuft daher, so braun wie die
+Schlange, mit grauem Schnurrbart und leuchtenden
+grünen Augen. Und sie springt der
+Schlange in den Rachen. Ich sehe nur noch den
+Schwanz, nun ist er auch schon im Schlangenrachen
+<!-- page 208 -->
+verschwunden. Und nun beginnt die
+Schlange mit der Katze zu kreisen, zu rasen, zu
+wirbeln.
+</p>
+
+<p>Ich springe schnell zur Seite, verstecke mich
+und denke mir: &rsaquo;Das sind böse Zeiten! Die
+Schlange hat mich nicht angerührt, die Schlange
+ist eingetrocknet, aber die Katze in der Schlangenhaut .&nbsp;.&nbsp;.&lsaquo;
+Ich hatte nicht Zeit, den Gedanken
+zu Ende zu denken, als sich etwas in mich hineinkrallt
+und auch ich mich wie ein Kreisel zu drehen
+begann.
+</p>
+
+<h3 class="sub">Teufel und Tränen</h3>
+
+<p class="first">Ich bin nicht in meiner Stadtwohnung, sondern
+irgendwo in einer Villa am Meer. Ich wohne
+nicht allein, mit mir zusammen wohnt T. Jeden
+Morgen baden wir im Meere, erst er, dann ich.
+</p>
+
+<p>Unsere Petersburger Köchin Karassjewna erzählt:
+</p>
+
+<p>»Nach dem andern Herrn fische ich aus dem
+Meere ganz winzige Teufelchen heraus, aber
+nach Ihnen, gnädiger Herr, einen Teufel von dieser
+Größe!«
+</p>
+
+<p>Ich weiß nicht, was ich der Köchin darauf sagen
+soll: die Alte hat die Hände auseinandergespreizt
+und will mir zeigen, wie groß der Teufel
+war, den sie herausgefischt hat. Ich blicke von ihr
+weg und schaue auf die Birke: vor dem Haus
+steht eine alte Birke.
+</p>
+<!-- page 209 -->
+
+<p>Neben der Birke steht ein weißes Pferd. Ich
+schaue auf das Pferd. Ein Spatz fliegt vorbei,
+hüpft dem Pferd auf den Kopf und beginnt ihm
+die Augen auszupicken. Und er pickt sie ihm
+gänzlich aus. Blut fließt aus den Augenhöhlen.
+</p>
+
+<p>Neben der Birke steht das weiße Pferd, das
+Blut fließt. Und ich weine, und meine Tränen
+fließen wie das Blut.
+</p>
+
+<h3 class="sub">Die Zwergin</h3>
+
+<p class="first">Wir gehen beide über den Platz an der Frauenkirche,
+ich und mein Freund, der Hofmusiker im
+himbeerroten Rock. Ich zeige dem Musiker die
+Stadt Nürnberg, die Türme, die so schwarz sind
+wie das schwärzeste Gußeisen, und die lilagrauen,
+wie mit Asche überpuderten Häuser.
+</p>
+
+<p>Wir gehen und sprechen miteinander. Es ist
+mir so lustig zumute, das Herz zittert vor Freude.
+In mildem, goldenem Lichte strahlt der Schöne
+Brunnen. Plötzlich besinne ich mich, daß ich
+nach Hause muß: zu Hause habe ich etwas vergessen,
+weiß aber nicht mehr, was .&nbsp;.&nbsp;. Ich lasse
+den Musiker stehen und gehe. Ich gehe aber
+nicht mehr durch Nürnbergs Straßen, sondern
+durch die Tawritscheskaja zu Petersburg.
+</p>
+
+<p>Schon im Vorzimmer höre ich Lärm, Nun
+weiß ich es: es ist die, der ich erlaubte, eine einzige
+Stunde in meinem Zimmer zu bleiben; nun
+sitzt sie immer noch da.
+</p>
+<!-- page 210 -->
+
+<p>Ich sage mir: &rsaquo;Ich kann ihr doch nicht ins Gesicht
+sagen, daß sie fortgehen soll. Ich will es ihr
+freundlich vorhalten, ich verstehe ja auch freundlich
+zu sprechen!&lsaquo;
+</p>
+
+<p>Ich trete in mein Zimmer, es ist auffallend
+groß, viel größer, als es in Wirklichkeit ist. Es ist
+mir aber nicht mehr um das Zimmer zu tun &mdash; ich
+fühle, wie sich mir der Magen umdreht. Es ist ja
+auch wirklich unerhört: ich hatte es ihr allein erlaubt,
+und nun sitzen ihrer drei da; sie haben sich
+auch nicht für eine Stunde niedergelassen, sondern
+für immer.
+</p>
+
+<p>Die eine, der ich es selbst erlaubt hatte,
+schreibt auf meinem Papier; die andere, die ich
+gar nicht kenne, eine alte Zwergin, liegt auf dem
+Sofa; und die dritte liegt im Bett, und ich kann ihr
+Gesicht gar nicht sehen.
+</p>
+
+<p>»Welches Recht haben Sie«, sage ich, »sich in
+meinem Zimmer niederzulassen? Ich habe es Ihnen
+nur für eine Stunde erlaubt, und auch nur Ihnen
+allein!«
+</p>
+
+<p>»Wo soll ich denn hin?« sagt der zudringliche
+Gast, ohne vom Papier aufzublicken.
+</p>
+
+<p>»Das geht mich gar nichts an! Ich kann es
+nicht dulden, daß Sie in meinem Zimmer bleiben!
+Verstehen Sie mich?« Die alte Zwergin aber
+streckt vom Sofa die Hand aus und packt mich
+plötzlich am Rockschoß.
+</p>
+
+<p>»Nun weiß ich, um was es sich handelt!« sagt
+die Zwergin und zieht mich gehässig zu sich
+heran.
+</p>
+<!-- page 211 -->
+
+<p>Der Haß versengt mich, ich will mich losreißen,
+aber ihre Hand hält mich fest.
+</p>
+
+<h3 class="sub">Der Fuchs</h3>
+
+<p class="first">Ein herbstliches Feld. Das Korn ist abgemäht
+und zu Garben gebunden; die Gerste steht noch
+da, und ihre Bartfäden ragen empor; zärtlich und
+liebevoll ranken die Erbsen. Plötzlich erscheint
+ein Fuchs, ein riesengroßes Tier, der Schwanz allein
+ist ein ganzer Pelzmantel.
+</p>
+
+<p>&rsaquo;Der Fuchs wird uns überfallen und auffressen!&lsaquo;
+dachte ich mir. Dasselbe dachte sich auch
+mein Gefährte. Ohne ein Wort zu sagen, liefen
+wir dem Fuchs nach.
+</p>
+
+<p>Wir holten den Fuchs ein, warfen ihn zu Boden
+und begannen ihn zu würgen. Es war aber gar
+nicht so leicht. Schließlich brachten wir es doch
+fertig. Tot, groß, rot und weich lag der Fuchs auf
+dem Boden.
+</p>
+
+<p>Wir zogen dem Fuchs das Fell ab, machten
+ein Feuer, sengten das Fell an und begannen es
+zu essen. Es schmeckte gar nicht gut und hatte
+den widerlichen Fuchsgeruch, wir aßen es aber
+doch.
+</p>
+
+<p>Und so verzehrten wir das ganze Fell. Als wir
+es aufgegessen hatten, schrie ich auf:
+</p>
+
+<p>»Mein Gott, was habe ich angerichtet! Was für
+einen Pelzmantel hätte man daraus machen können
+und was für einen Muff!«
+</p>
+<!-- page 212 -->
+
+<p>Es war aber schon zu spät: das Fell war aufgegessen,
+das Feuer erloschen, und es roch nur
+noch nach Verbranntem.
+</p>
+
+<h3 class="sub">Napoleon</h3>
+
+<p class="first">Ein trüber Maiabend. Bei St. Sulpice läutet es
+wie zu einer Volksversammlung. Ich gehe aber
+nicht in die Kirche, sondern zugleich mit vielen
+anderen Menschen zum Kai. Wir sind alle
+schwarz gekleidet. Auf der Brücke begegnen wir
+einem Zug Reiter; auch sie sind schwarz gekleidet
+und halten Besen in den Händen: es ist ein
+ganzer Besenwald.
+</p>
+
+<p>&rsaquo;Es ist die Revolution&lsaquo;, denke ich mir und höre,
+wie die Uhr an der Notre-Dame schlägt; Schlag
+folgt auf Schlag, elf Schläge sind es. Jeder Glockenschlag
+ist ein Vöglein mit lila Federn, das mich
+ins Herz pickt und in meinem Herzen schmilzt.
+</p>
+
+<p>»Sursum corda!«<a href="#footnote-2" id="fnote-2"><sup>2</sup>)</a>
+</p>
+
+<p>Ich bin aber schon weit weg, in St. Cloud. Es
+ist ein warmer, sonniger Tag. Ich sehe eine
+bunte, festlich gekleidete Menge. Wir stehen um
+ein Podium herum, auf dem Feuerwehrmänner
+mit Blasinstrumenten sitzen: es ist ein Feuerwehrorchester.
+Wir alle warten auf etwas; die
+Feuerwehrmänner haben schon die Instrumente
+an die Lippen gesetzt und warten auf ein Zeichen.
+</p>
+
+<!-- page 213 -->
+
+<p>Da sehe ich ihn, wenn auch im Nebel, aber ich
+kann ihn doch erkennen: Napoleon. Napoleon
+steht auf dem Podium und hält den Taktstock in
+der Hand. Gleich schwingt er den Stock, gleich
+erdröhnt die Musik.
+</p>
+
+<p>&rsaquo;Napoleon!&lsaquo; denke ich mir: &rsaquo;Das ist also Napoleon!&lsaquo;
+Ich blicke unverwandt hin und will sein
+Gesicht sehen, ihm einmal in die Augen schauen,
+er aber steht wie gefesselt da und wendet sich gar
+nicht um.
+</p>
+
+<p>Und ich höre die Glocke von St. Sulpice und
+zugleich die Schläge der Uhr an der Notre-Dame.
+Schlag folgt auf Schlag, elf Schläge sind
+es, und jeder Glockenschlag ist ein Vöglein mit
+lila Federn, das mich ins Herz pickt und in meinem
+Herzen schmilzt.
+</p>
+
+<p>»Sursum Corda!«
+</p>
+
+<h3 class="sub">Ohne Hut</h3>
+
+<p class="first">Ich befinde mich in einem Schuppen. Der Schuppen
+gehört zum Pariser Hotel de l&rsquo;Univers. In
+dem Schuppen ist es sehr eng, zahllose Kisten
+stehen umher, Haufen von Stroh und Sägemehl;
+es ist auch finster. Ich blicke genauer hin und erkenne
+den Philosophen Sch. Der Philosoph sitzt
+auf einem zerbrochenen Vogelbauer dicht vor
+der Tür; er hat einen Mantel mit Lammfellkragen
+an, doch keinen Hut auf.
+</p>
+
+<p>&rsaquo;Natürlich muß es so sein&lsaquo;, denke ich mir, &rsaquo;er
+<!-- page 214 -->
+hat seinen Hut verloren und sitzt darum mit bloßem
+Kopf da.&lsaquo;
+</p>
+
+<p>Wir sind aber nicht mehr im Schuppen, sondern
+gehen über ein Feld. Auf dem Felde ist es
+öde, wir sehen nichts als Gebeine und Gräber, es
+ist ein trauriges Land.
+</p>
+
+<p>»Russisches Land! Armes Rußland! Schwarze
+Menschen, die sich gegen die Mächtigen erhoben
+haben! Und das nennt sich ein gerechtes und
+wahrhaftes Gericht!«
+</p>
+
+<p>Der Philosoph bückt sich über ein Grab.
+</p>
+
+<p>»An diesem Beispiel können Sie es sehen!« sagt
+er mir und reicht mir ein Knäuel Gedärme.
+</p>
+
+<p>Wir gehen schweigend von Grab zu Grab. Die
+Gräber sind offen. Ich sehe es nicht, aber ich
+fühle, daß sich in ihnen etwas regt, und höre, wie
+schwerer Goldbrokat knistert. Ich möchte gern
+in ein Grab hineinschauen, habe aber furchtbare
+Angst.
+</p>
+
+<p>»Du bist der Urheber dieses Blutvergießens«,
+schrie plötzlich jemand aus einem Grabe. »Du
+bist der verdammte Feind, der Christusverkäufer,
+der abgefeimte Schurke, der Feind Gottes!«
+</p>
+
+<p>&rsaquo;Das ist die Moskauer Unbildung!&lsaquo; denke ich
+mir und sehe: durch das Feld geht ein Pilger,
+sieht ganz wie unser Wassja der Barfüßige aus;
+über den Lumpen trägt er einen Frack und hat an
+der Brust ein riesengroßes steinernes Kreuz hängen.
+Der geweihte Pilger lächelt.
+</p>
+
+<p>»Noli eos esse meliores!«<a href="#footnote-3" id="fnote-3"><sup>3</sup>)</a> sagt er und lächelt.
+</p>
+
+<!-- page 215 -->
+
+<p>»Vielleicht hat er auch recht«, sagt der Philosoph.
+</p>
+
+<p>Wir stehen zu dritt vor dem offenen Grabe.
+Der Pilger lächelt.
+</p>
+
+<p>»Dieser Wassja der Barfüßige hat ja auch keinen
+Hut auf!« Ich nahm mir den Hut vom Kopfe
+und erwachte.
+</p>
+
+<h3 class="sub">Der Leim Syndetikon</h3>
+
+<p class="first">Im Hause fand das große Reinemachen statt &mdash; es
+ist das die gräßlichste Zeit vor den Feiertagen
+und kann höchstens noch mit dem Umziehen in
+eine neue Wohnung verglichen werden. Man gab
+sich die größte Mühe: man holte von der Decke
+mit langen Besen den verrauchten Staub und das
+Spinngewebe herunter, wusch die Fenster und
+Fensterbänke und machte sich schließlich an die
+Fußböden. Diese aber starrten so vor Schmutz,
+daß man sie weder abwaschen noch abkratzen
+konnte; überall waren auch Spuren bloßer Füße
+zu sehen. Die Oberaufsicht bei dem Reinemachen
+hatte ein mir unbekannter zottiger Mann
+mit Hundeschnauze. Als dieser Mann einsah,
+daß alle Mühe vergebens war, nahm er all seine
+staubigen Besen und Schabeisen zusammen,
+spuckte aus und verschwand.
+</p>
+
+<p>Als ich allein geblieben war, blickte ich vorsichtig
+unter das Bett.
+</p>
+
+<p>&rsaquo;Aha!&lsaquo; sagte ich mir, &rsaquo;da ist also die Schmutzquelle!&lsaquo;
+<!-- page 216 -->
+Ich empfand solchen Ärger und solche
+Abneigung, mich vor den Leuten zu erniedrigen
+und sie zu bitten, den Schmutz unter dem Bett zu
+beseitigen oder mich selbst zu beschmutzen, daß
+ich meinen Rock auszog, mich bis aufs Hemd
+entkleidete, Syndetikon zur Hand nahm und
+mich damit ordentlich einschmierte. Dann legte
+ich mich auf den Fußboden und begann mich zu
+wälzen.
+</p>
+
+<h3 class="sub">Die Teufel</h3>
+
+<p class="first">Ich lag an ein eisernes Bett gekettet, doch nicht
+im Obuchowschen Krankenhause, sondern im
+Grabe, und war nicht aus dem Polizeirevier, sondern
+aus der Kirche zu Mariä Schutz und Fürbitte
+unmittelbar nach der Einsegnung hergeschafft
+worden.
+</p>
+
+<p>Mein Herz zerriß in Stücke! Warum hatten
+mich die Totengräber mit solchem Haß verscharrt?!
+Ich habe ihnen doch nichts getan, bei
+Gott! Ich tue keiner Fliege etwas zu Leide und
+verstehe so gar nicht, mit einem Gewehr umzugehen.
+</p>
+
+<p>Während ich mich in meiner traurigen Lage
+auf diese Weise quälte, besuchten mich drei Teufel.
+Zwei von ihnen waren mir gänzlich unbekannt:
+sie waren still und schwach und atmeten
+kaum; der dritte bemühte sich zwar, vor meinen
+Augen eine Verwandlung durchzumachen, doch
+<!-- page 217 -->
+ich erkannte ihn sofort: es war der Schalterbeamte
+von der Postfiliale Nr. 10 namens Kisseljow.
+</p>
+
+<p>Alle drei Teufel stellten sich harmlos, sanft
+und freundlich und stammelten mit feinen Kinderstimmen
+etwas höchst Naives und Einfältiges.
+Ich erriet aber intuitiv, was sie im Sinne hatten:
+sie hatten es auf meine Extremitäten und meine
+Wirbelsäule abgesehen.
+</p>
+
+<p>»Nein, so billig bekommt ihr mich nicht«,
+sagte ich mir, »ich werde euch schon von meinem
+Haferbrei zu kosten geben!« Ich spannte alle
+meine Kräfte an, riß mich vom eisernen Bett los,
+stürzte mich plötzlich auf die Teufel und ging mit
+ihnen fürchterlich ins Gericht.
+</p>
+
+<p>Der eine ließ mir zum Andenken einen Büschel
+Haare zurück, dem andern biß ich einen Finger
+durch; als ich aber schon triumphieren wollte,
+nahm dieser Kisseljow eine Handvoll Unrat und
+verpappte mir damit, ehe ich mir&rsquo;s versah, den
+Mund. Und ich begann zu ersticken.
+</p>
+
+<h3 class="sub">Iwan der Grausame</h3>
+
+<p class="first">Teils in Reih und Glied, teils einander überholend,
+voreinander ausweichend und ungestüm
+vorwärtsdrängend, laufen wir durch die Marossejka
+zum Roten Platz. Wir eilen alle zur Richtstätte,
+um die Ankündigung anzuhören, deren
+bevorstehende Verlesung heute an allen Straßenecken
+<!-- page 218 -->
+und in allen Sackgassen bekanntgegeben
+worden war.
+</p>
+
+<p>Die Uhr am Spaski-Turm hatte schon zwölf
+geschlagen, und das Volk strömte noch immer
+zusammen. Die Richtstätte selbst blieb aber
+noch frei; einigen Gassenjungen gelang es ab und
+zu, sich ihrer zu bemächtigen, sie flogen aber
+zum allgemeinen Vergnügen sofort wieder hinaus.
+</p>
+
+<p>Mit Hilfe eines mir befreundeten Parkettbohners
+von der Sazepa kletterte ich auf das Dach
+der Basiliuskathedrale, von wo aus ich auch das
+kleinste Detail verfolgen konnte.
+</p>
+
+<p>Die Menge räusperte sich plötzlich wie ein
+Mann, wich etwas zurück und entblößte die
+Köpfe, und auf der Richtstätte erschien ein kleiner
+Mann in hohem Stehkragen und Smoking;
+sein Kopf war aber nach Weiberart mit einem
+Tuch umbunden.
+</p>
+
+<p>»Es ist der Narr in Christo«, brauste es über
+den Platz von Mund zu Mund, »das ist er selbst!«
+</p>
+
+<p>Die Uhr am Spaski-Turm begann wieder zu
+singen und sang sehr lange: dreizehn.
+</p>
+
+<p>»Nehmen Sie Platz, meine Damen und Herren«,
+sagte der Narr, nachdem er sich nach allen
+vier Himmelsrichtungen verneigte: vor dem
+Kreml, vor der Moskwa-Vorstadt, vor dem Historischen
+Museum und vor dem Großen Kaufhause.
+</p>
+
+<p>Da ich schon saß, aber gegen die Aufforderung
+nicht verstoßen wollte, rückte ich ein wenig auf
+<!-- page 219 -->
+meinem Platz hin und her, als ob ich mich gerade
+setzte. Alle andern, die unten standen, folgten
+der Aufforderung bedingungslos und ließen sich,
+wenn es auch nicht ganz bequem war, augenblicklich
+auf den Boden nieder.
+</p>
+
+<p>»Meine Damen und Herren«, begann der Narr
+nach der Weise des Kirchenliedes, das am Feste
+der Erscheinung der Heiligen Jungfrau gesungen
+wird: »Wir alle haben in der Schule die Gebote
+gelernt, und jedermann weiß, daß es ihrer zehn
+gibt. Nicht wahr, zehn?«
+</p>
+
+<p>Die Menge antwortete wie aus einem Munde,
+wie man bei der Ostermesse in den Kirchen
+&rsaquo;Christ ist erstanden&lsaquo; ruft.
+</p>
+
+<p>»Nun sehen Sie es, meine Damen und Herren«,
+fuhr der Narr in der gleichen Weise fort.
+»In Wirklichkeit sind ihrer aber nicht zehn, sondern
+vierzehn. Unsere Väter haben sie vor uns
+verheimlicht; aber wir haben sie ebenso wie die
+weisen Väter seit jeher befolgt.«
+</p>
+
+<p>»Wir haben sie befolgt«, blökte die Menge.
+</p>
+
+<p>»Nun sehen Sie es selbst!« sang der Narr.
+»Nach den Berechnungen des Kugelheim von
+Gustav ist nun die Zeit gekommen, sie vollständig
+zu verkünden und nicht mehr heimlich, sondern
+öffentlich zu befolgen. Vernehmt also und
+schreibt euch in eure Herzen diese neuen Gebote:
+</p>
+
+<p>Das elfte: Du sollst nicht Maulaffen feilhalten.
+</p>
+
+<p>Das zwölfte: Du sollst deine Zunge im Zaum
+halten.
+</p>
+<!-- page 220 -->
+
+<p>Das dreizehnte: Du sollst ehebrechen.
+</p>
+
+<p>Das vierzehnte: Du sollst stehlen.«
+</p>
+
+<p>Der Narr schüttelte sich so vor Lachen, daß
+das Tuch in den Nacken rutschte; vor dem verdutzten
+und irre gemachten Volke leuchtete
+blitzschnell ein Augenpaar auf und erschien das
+grausame Antlitz des Zaren Iwan.
+</p>
+
+<p>Die Uhr am Spaski-Turme begann wieder zu
+singen und sang sehr lange: vierzehn.
+</p>
+
+<h3 class="sub">Die Hexe</h3>
+
+<p class="first">Ich bin in ein leeres Haus geraten; es sind zwar
+Tische, Stühle und andere Möbel darin, und
+doch ist das Haus irgendwie leer. Ich bin nicht allein,
+mit mir ist der Student P. in schwarzer Studentenjoppe,
+mit schwarzem Knebelbart und einer
+schwarzen Brille.
+</p>
+
+<p>Rings um mich her erscheinen eine nach der
+andern, anfangs verschwommen, dann immer
+deutlicher werdend, Gestalten: es sind kleine,
+aufgedunsene Knirpse. Ihre Anwesenheit in diesem
+unbewohnten Hause flößt mir Angst ein.
+</p>
+
+<p>»Schauen Sie doch zum Fenster hinaus«, sagt
+mir der Student, der offenbar erraten hat, wie unheimlich
+es mir in diesem leeren Hause zumute
+ist.
+</p>
+
+<p>Ich trat ans Fenster und sah hinaus. Das Fenster
+ging nach dem Garten. Es fügte sich aber irgendwie
+so, daß ich mich unwillkürlich vom Fenster
+<!-- page 221 -->
+abwandte und ins Zimmer blickte. Von den
+vielen Gestalten löste sich nun eine schlanke
+Frau mit einem Kind auf den Armen ab. Ich
+dachte mir:
+</p>
+
+<p>&rsaquo;Wenn ich über sie das Zeichen des Kreuzes
+mache, wird sie verschwinden.&lsaquo;
+</p>
+
+<p>Ich bekreuzigte sie auch tatsächlich zweimal;
+die Frau sah mich aber verständnislos an und bekreuzte
+sich selbst, als wollte sie mir zeigen, daß
+ich mich geirrt habe. Der Student war auf einmal
+verschwunden. Ich ging zur Tür, blieb aber stehen.
+Ich konnte nicht fort. Wer weiß, ob ich nicht
+auch in den anderen Zimmern auf dasselbe
+stoße? Und plötzlich bemerkte ich eine andere
+Frau. Sie lag in der Ecke auf einem Sofa. Sie war
+klein, ziemlich dick und hatte rote Backen, eine
+flache Nase und einen häßlich vorstehenden Unterkiefer.
+</p>
+
+<p>»Nein, so muß man es machen!« sagte sie mir,
+indem sie sich aufrichtete und ihre rote Bettdecke
+durch die Luft schwenkte.
+</p>
+
+<p>Im gleichen Augenblick begann sich das Gesicht
+der schlanken Frau mit dem Kinde zu verändern
+und die häßlichsten Mienen anzunehmen:
+die Nase wurde so lang, daß sie bis unter die
+Lippen reichte, die Augen aber sprangen aus ihren
+Höhlen heraus und blieben wie zwei Säcke
+hängen.
+</p>
+
+<p>Die Rotbackige auf dem Sofa schwenkte wieder
+die Bettdecke, und das Kind in den Armen
+der Frau begann zu schmelzen, sein Rumpf
+<!-- page 222 -->
+wurde immer kleiner und kleiner, Arme und
+Beine verschwanden, und schließlich blieb nur
+noch der Kopf übrig.
+</p>
+
+<h3 class="sub">Würfelzucker</h3>
+
+<p class="first">Ich rollte einen steilen Abhang hinab und geriet
+in einen Garten. Es war der Vergnügungspark
+&rsaquo;Der Meierhof&lsaquo;. Da ist ja auch schon die Billettkasse.
+Ich trete vor den Schalter, um mir eine
+Eintrittskarte zu lösen. Ich schaue hinein und
+sehe den mir bekannten Kassierer Beljakow. Ich
+muß bemerken, daß ich mit diesem Beljakow einmal
+eine recht unangenehme Geschichte erlebt
+hatte; die Geschichte war sehr verwickelt, jedenfalls
+war ich ihm ein Dorn im Auge.
+</p>
+
+<p>Beljakow trank Tee und biß bei jedem Schluck
+kleine Bröckchen Zucker ab. Ein anderer Kassierer
+lauste ihm inzwischen den Kopf.
+</p>
+
+<p>&rsaquo;Ohne Prügel werde ich wohl kaum davonkommen&lsaquo;,
+denke ich mir. &rsaquo;Er wird mich sicher
+umbringen!&lsaquo;
+</p>
+
+<p>»Tod den Läusen!« sage ich ihnen und sehe
+plötzlich, wie Beljakow vor Zorn blaurot wird. Er
+nimmt ein Stück Würfelzucker in die Hand, steht
+auf und begibt sich zum Ausgang.
+</p>
+
+<p>»Ich bringe ihn um!« höre ich seine Stimme.
+</p>
+
+<p>Ich kauere mich nieder, werde ganz klein und
+dünn, verkrieche mich in die Spalte unter der
+Tür und lausche mit verhaltenem Atem.
+</p>
+<!-- page 223 -->
+
+<p>Beljakow ging eine Weile vor dem Schalter auf
+und ab und kehrte wütend zurück.
+</p>
+
+<p>»Ich habe ihn nicht gefunden. Hätte ich ihn erwischt,
+wäre es um ihn geschehen!« sagt Beljakow
+zum andern Kassierer, und dann beginnen
+sie sich wieder zu lausen.
+</p>
+
+<p>Ich kann mich nicht beherrschen; es ist, als ob
+mich jemand aufhetzte. Ich kann den Atem nicht
+mehr anhalten, und plötzlich beginnt es mir, wie
+zum Trotz, im Munde zu jucken. Ich will mich
+kratzen und muß plötzlich miesen.
+</p>
+
+<p>Beljakow ist aber schon da.
+</p>
+
+<p>»So! Da ist er ja!« Er holt aus, und das Stück
+Würfelzucker trifft mich an die Schläfe.
+</p>
+
+<h3 class="sub">Der Doppelgänger</h3>
+
+<p class="first">In jener Nacht wälzte ich mich lange hin und her
+und konnte nicht einschlafen. Bald fror es mich,
+bald schien es mir, daß irgendwelche Flöhe auf
+mir herumhüpften. Und als endlich der Schlaf
+kam, befand ich mich schon in einem anderen geräumigen
+Zimmer. Ich lag auf dem Rücken.
+Doch seltsam, während ich so im Bett lag, sah ich
+zugleich ein anderes Ich liegen, das mir aber
+durchaus unähnlich war.
+</p>
+
+<p>Dieser Unähnliche, der mein Ich war, erhob
+sich vom Bett und ging durch einen schmalen
+Korridor ins Nebenzimmer. Er sah mir wirklich
+nicht im geringsten ähnlich: er war groß gewachsen,
+<!-- page 224 -->
+hatte ein spitzes Gesicht mit eingefallenen
+Wangen und einer raubgierigen Adlernase und
+war mit einem kurzen, recht abgetragenen und
+verschossenen Mantel aus purpurroter Seide bekleidet;
+in seinen Augen brannte aber ein so glühender
+und stechender Haß, daß ein einziger
+Blick genügte, um einen Menschen wie eine
+Fliege zu Brei zu zermalmen. Er trat vor ein Bett,
+in dem jemand, mit dem Kopf in die Bettdecke
+gehüllt, schlief, schluchzte vor wildem Haß, der
+seine Seele bis an den Rand füllte, auf; ergriff mit
+den Fingern das Bettlaken und begann, es unter
+dem Schlafenden herauszuzerren, seine Wut an
+dem unschuldigen weißen Gewebe auslassend.
+</p>
+
+<p>Meine wilde Seele war wie in einem Rausch,
+ich verging vor Haß.
+</p>
+
+<p>In diesem Augenblick verließ mich der Schlaf
+</p>
+
+<p>Ich lag und wagte mich nicht zu rühren. Im
+Zimmer, in dem nichts als einige Bücher und
+Spielsachen waren, quakte jemand. Die Nacht
+war aber noch nicht zu Ende.
+</p>
+
+<h3 class="sub">Die Gendarmen und die Leichen</h3>
+
+<p class="first">Vor mir erschien eine schwarze wollene
+Schnauze mit langen weißen Zähnen; sie zwinkerte
+mir zu und verschwand.
+</p>
+
+<p>Ich befinde mich im alten Hause in der Tolmatschowski-Gasse
+zu Moskau, in dem Zimmer,
+in dem ich das Licht der Welt erblickt hatte. Ein
+<!-- page 225 -->
+kleines Mädchen hat ein Album aufgeschlagen,
+zeigt mir trockene Blumen und fragt mich bei jeder
+neuen Blume, ob ich sie erkenne oder nicht.
+Ich habe gar nicht Zeit zu antworten, denn jemand
+anders antwortet für mich.
+</p>
+
+<p>»Diese Blumen hier sind von Judas. Hast du
+sie erkannt?« fragt mich das Mädchen.
+</p>
+
+<p>Ich bin aber nicht mehr im Zimmer, sondern
+in einer Hundehütte und schreie aus Leibeskräften.
+Nachdem ich genug geschrien habe, komme
+ich wieder ins Zimmer. Der Tisch ist zu Mittag
+gedeckt. Ich setze mich an den Tisch und schlafe
+ein.
+</p>
+
+<p>Und es träumt mir, daß drei Gendarmen, mit
+Blumen in der Hand, ins Haus treten.
+</p>
+
+<p>Nun erwachte ich und begann zu essen. Kaum
+hatte ich aber den ersten Bissen verschlungen, als
+die Tür aufging und die drei Gendarmen ins
+Zimmer traten.
+</p>
+
+<p>»Ich habe euch soeben im Traume gesehen«,
+sage ich zu den Gendarmen, »Wo habt ihr nur
+die Blumen hingetan?«
+</p>
+
+<p>»Der Hund hat sie gefressen«, antworten die
+Gendarmen, indem sie sich die Lippen belecken.
+</p>
+
+<p>Ein mir unbekannter buckliger Mann in Zivil,
+der plötzlich Gott weiß woher erschienen ist,
+nimmt mir gegenüber Platz. Er macht auf mich
+einen höchst unangenehmen Eindruck; ich will
+ihn sogar schlagen, gebe aber diese Absicht auf.
+</p>
+
+<p>Der Bucklige bindet sich die Serviette vor und
+sagt, ohne mich aus den Augen zu lassen:
+</p>
+<!-- page 226 -->
+
+<p>»Die Anklage gegen Sie lautet: als Sie sich über
+den Fluß hinübersetzen ließen, versuchten Sie
+die natürliche Abstammung der Eltern zu erklären.«
+</p>
+
+<p>Ich höre es und verstehe ihn nicht.
+</p>
+
+<p>»Ich habe nichts dergleichen erklärt.«
+</p>
+
+<p>»Jemand hat Sie wohl belauscht und Ihre Gedanken
+aufgeschrieben«, fährt der Bucklige fort
+und knetet mit den Fingern aus Schwarzbrot Kügelchen.
+</p>
+
+<p>»Ich weiß nichts davon!« Ich wehre mich mit
+beiden Händen, ich höre, daß die alte Kinderfrau
+Irinja im Nebenzimmer den Boden kehrt und
+aufräumt, und denke mir: &rsaquo;Was ist das nun eigentlich,
+träume ich oder sitzt wirklich der Bucklige
+vor mir und erhebt gegen mich Gott weiß was
+für Anklagen?&lsaquo;
+</p>
+
+<p>»Ich wollte Sie schon längst kennenlernen«,
+sagt mir ein erst vor ganz kurzer Zeit verstorbener
+bekannter russischer Dichter, den ich einhole,
+als er mit irgendeinem Jungen durch eine
+menschenleere Straße geht.
+</p>
+
+<p>»Wo leben Sie denn jetzt?« frage ich den Dichter,
+mich vor ihm verbeugend.
+</p>
+
+<p>»In Moskau«, antwortet er mir, »im Hause der
+Georgischen Kirche auf dem Woronzowschen
+Felde; die Kirche steht oben auf dem Berge, mein
+Haus aber unten zwischen den Disteln; es gibt
+dort so einen leeren Platz.«
+</p>
+
+<p>Ich wollte ihn fragen, ob er noch schreibe, aber
+er war schon verschwunden. Und ich stand
+<!-- page 227 -->
+plötzlich in der leeren Kirche, in deren Mitte viele
+Leichen unmittelbar auf den Steinfliesen aufgeschichtet
+lagen. Ich sah mir ihre Gesichter aufmerksam
+an und bemerkte, daß die eine von ihnen,
+obwohl wirklich tot, sich dennoch bewegte.
+Sie stand plötzlich auf und trat vor den Altar.
+</p>
+
+<p>Wir sahen einander an. Sie war nackt, ihre
+Füße waren mit Teer beschmiert und ihr Gesicht
+hatte auffallende Ähnlichkeit mit der Somowschen
+Illustration zu &rsaquo;Aimé Leb&oelig;uf&lsaquo;.<a href="#footnote-4" id="fnote-4"><sup>4</sup>)</a>
+</p>
+
+<p>Die alte Kinderfrau Irinja kehrt aber noch immer
+den Boden und räumt das Zimmer auf. Mein
+kleiner Liebling, der Kater Dymka, reibt sich an
+meiner Schulter und schnurrt.
+</p>
+
+<h3 class="sub">Finale</h3>
+
+<p class="first">Wehe! Ich war verendet. Von Früchten und Blumen
+umgeben, zwischen Äpfeln, Aprikosen, Pfirsichen,
+Quitten, Zitronen, Birnen und Apfelsinen
+lag ich entseelt in der Speisekammer und
+harrte meines letzten Schicksals.
+</p>
+
+<p>Der König des Landes, in dem mir diese unangenehme
+Geschichte passiert war, der Enkel des
+glorreichen Sultans, König Avenir-Indej, hatte
+dem, dem die Zunge juckt und der Unsinn redet,
+zur Strafe befohlen, die tote Ratte, das heißt
+mich, zu fressen.
+</p>
+
+<!-- page 228 -->
+
+<p>Man hatte auf einem Maskenball einen Possenreißer
+aufgegriffen und zu mir in die Kammer
+geschickt. Er trat lächelnd vor mich hin, berührte
+mich mit der Spitze seines Schuhs und sagte .&nbsp;.&nbsp;.
+</p>
+
+<p>Was er mir aber sagte und wie die ganze Geschichte
+endete: ob er mich tatsächlich fraß oder
+nur vom Obst naschte, kann ich in meinem Hühnergedächtnis
+unmöglich rekonstruieren. Und
+wenn Sie mich auch morden &mdash; ich weiß gar nichts
+mehr, was ich gütigst zu entschuldigen bitte.
+</p>
+
+<h3 class="sub">Die Tür</h3>
+
+<p class="first">Sie sagte mir:
+</p>
+
+<p>»Diese Tür haben wir mitgenommen, weil
+man sie doch nicht im alten Haus zurücklassen
+konnte. Du weißt, wie teuer sie uns ist.«
+</p>
+
+<p>Ich machte die Tür leise auf und ging in mein
+Zimmer. Die alte gußeiserne Tür, die sich vor
+mir auf unsichtbaren Angeln lautlos aufgetan
+hatte, schloß sich hinter mir ebenso lautlos und
+fest. Ich ergriff die Klinke und rüttelte mit aller
+Kraft, die Tür rührte sich aber nicht. Und ich begann
+zu klopfen, mit den Fäusten zu hämmern
+und zu schreien. Schließlich fiel ich ohnmächtig
+vor der Schwelle hin und hörte nur hinter der alten
+gußeisernen Tür ihr Herz pochen.
+</p>
+<!-- page 229 -->
+
+<h3 class="sub">Im Boot</h3>
+
+<p class="first">Auf dem Meere zog ein Sturm auf, ich stieg aber
+trotzdem ins Boot, weil mein Begleiter ein furchtloser
+Ruderer war. Als wir die tiefste Stelle erreichten,
+zog mein Ruderer die Ruder ein, sah
+mir spöttisch in die Augen, erhob sich, packte
+mich wie eine Katze am Genick und schleuderte
+mich ins Wasser. Ich flog durch alle Schichten
+des Wassers hindurch: durch die grüne, die
+trübe, die schwarze und die tiefschwarze; dann
+kamen wieder eine trübe und eine grüne Schicht,
+und ich saß wieder im Boot. Wir fahren, als ob
+nichts geschehen wäre, weiter; sobald wir aber einen
+gewissen Punkt erreichen, zieht mein Ruderer
+wieder die Ruder ein, und die ganze Geschichte
+beginnt von neuem. Und es ist gar kein
+Ende abzusehen.
+</p>
+
+<h3 class="sub">Das Kind in den Ähren</h3>
+
+<p class="first">Ich ging über ein blühendes Kornfeld. Eine Lerche
+sang, und ein leiser Windhauch brachte von
+einer eben gemähten Wiese frischen Heuduft.
+Mir begegneten zwei Frauen, die einen Korb mit
+Feldblumen trugen; zwischen den Blumen saß
+ein kleines Mädchen.
+</p>
+
+<p>»Wo geht ihr hin?« fragte ich sie.
+</p>
+
+<p>»Blumen pflücken«, antworteten die Frauen
+mit dem Korbe.
+</p>
+<!-- page 230 -->
+
+<p>Ich schloß mich ihnen an. Wir gingen schweigend
+und kamen, ohne ein Wort gesprochen zu
+haben, zum See.
+</p>
+
+<p>»Da sind deine Blumen!« riefen lachend die
+Frauen, auf den See zeigend.
+</p>
+
+<p>Ich stand allein am Seeufer und sah gar keine
+Blumen. Mit leeren Händen ging ich wieder zurück.
+Das blühende Kornfeld wogte, und die Lerche
+sang. Und plötzlich erblickte ich zwischen
+den Ähren dasselbe Mädchen, das man vorhin
+im Korbe getragen hatte. Es stürzte auf mich zu,
+umschlang meinen Hals mit den Ärmchen und
+sagte mir leise ins Ohr:
+</p>
+
+<p>»Nimm mich mit!«
+</p>
+
+<p>Ich setzte mir das Mädchen auf die Schulter,
+hatte aber noch keinen Schritt mit dieser Last getan,
+als es plötzlich ringsum finster wurde,
+schwere Gewitterwolken aufzogen und nur unmittelbar
+über meinem Kopfe ein trichterförmiger
+grünlicher Lichtschein schwebte. Vom Boden
+erhoben sich aber seltsame Vögel mit
+Schlangenschwänzen, und alles flog auf dieses
+Licht zu. Es waren zahllose Vögel, sie schrien
+nicht, sondern blökten wie Stumme, und bald
+war das Licht von ihren Schwänzen verdunkelt.
+Das Licht erlosch, und die Vögel verstummten.
+In dieser Finsternis vernahm ich plötzlich aus
+weiter Ferne die Stimme des kleinen Mädchens:
+</p>
+
+<p>»Nimm mich mit!«
+</p>
+
+<p>Ich weiß aber nicht einmal, was ich mit mir
+selbst anfangen soll.
+</p>
+<!-- page 231 -->
+
+<h3 class="sub">Die Dohle</h3>
+
+<p class="first">Ich versteckte mich in der Kajüte eines Dampfers,
+aber die Verfolger, vor denen ich mich versteckte,
+kamen mir immer wie Jagdhunde auf die
+Spur. Sie hatten alle menschliche Gesichter,
+doch Froschleiber und Handschuhe an den Händen.
+Da sie wohlerzogen und freundlich waren,
+mordeten sie mich nicht wie einfache Räuber,
+sondern erdrückten mich, wie liebkosend, mit ihren
+weichen Bäuchen, glitten mir leise unter das
+Hemd und preßten mir, gleichsam streichelnd,
+das Herz zusammen. Vorm Fenster aber sitzt
+eine Dohle und schreit. Ich weiß ganz gut,
+warum sie schreit; sie wird gleich ins Zimmer fliegen,
+sich auf meine Schulter setzen und mir die
+Augen auspicken.
+</p>
+
+<p>»Dohle«, bitte ich meinen schwarzen Gast,
+»verschone meine Augen, ich will dir ein Perlenhalsband
+um den Hals legen, ich will dir meine
+Hände preisgeben, verschone nur meine Augen!«
+</p>
+
+<p>Ich verkroch mich in den Winkel der Kajüte,
+aber die Menschen mit den Froschleibern stehen
+bereits vor der Tür, scharren an der Schwelle und
+kommen gleich herein.
+</p>
+
+<h3 class="sub">Am Nordpol</h3>
+
+<p class="first">Alle sagen, daß wir zum Nordpol fahren.
+</p>
+
+<p>Wir fahren tatsächlich irgendeinen Bach hinauf;
+<!-- page 232 -->
+und mein Begleiter, ein struppiger, in eine
+blaue Tischdecke gehüllter Kerl, steuert mit dem
+Ruder. Und wir kommen irgendwie zum Nordpol.
+Da steht ein großes steinernes Haus; davor
+drängen sich erregte Menschen, die über etwas
+streiten.
+</p>
+
+<p>»Was ist geschehen?« fragen wir einen abgerissenen,
+fettigen Burschen, der mit den Zähnen
+Sonnenblumenkerne aufknackt.
+</p>
+
+<p>»Auf dem Dachboden sucht man einen Dieb.
+Alle sieben Hausknechte haben den ganzen Boden
+abgesucht und nichts außer einem alten
+Rock gefunden. Drei Hausknechte sitzen nun
+oben und lauern.«
+</p>
+
+<p>&rsaquo;Jetzt ist unsere Wäsche hin!&lsaquo; dachte ich mir
+gleich.
+</p>
+
+<p>»Wollen Sie sich doch in die emaillierten Zimmer
+bemühen!« sagte der Bursche und grinste.
+</p>
+
+<h3 class="sub">Die Ahle</h3>
+
+<p class="first">Mein Bruder und ich traten in eine Kirche. Es
+war gerade die Abendmesse. Alle Heiligenbilder
+waren entfernt, die Kirche wurde offenbar renoviert.
+An der leeren Altarwand leuchtete seitwärts
+ein goldener Kreis. Vor diesem Kreis stand
+der Priester mit dem Schultertuch. Der Küster
+sang. Außer uns war niemand in der Kirche.
+Und wir schämten uns, daß wir die einzigen waren.
+</p>
+<!-- page 233 -->
+
+<p>Die Abendmesse ging zu Ende. Wir gingen auf
+den Priester zu, um seinen Segen zu empfangen.
+Da trat aus der Sakristei der Küster und sagte zu
+meinem Bruder:
+</p>
+
+<p>»Sie haben alles, um zu wachsen; und Sie«, er
+wandte sich an mich, »Sie haben nichts.«
+</p>
+
+<p>Ich sage mir: Mein Bruder hat ja wirklich seine
+Matrosenjacke an, und wenn er sie noch weiter
+trägt, wird er aus ihr herauswachsen; ich aber
+habe nichts. Und nun erstarre ich vor Angst:
+dicht vor mir steht ein Mann, der, ich fühle es, etwas
+Böses gegen mich im Schilde führt. Ich
+stürze sofort ans Fenster und frage mich: warum
+verkehrt mein Bruder mit so einem Menschen?
+In diesem Augenblick kommt in das Haus, in das
+ich geraten bin, mein Bekannter, der Lahme, und
+reicht mir eine Schusterahle. Mit diesem Werkzeug
+wollte er mich also erstechen! Wir stiegen in
+ein Boot und stießen, wie die Nachtigallen
+schmetternd, vom Ufer ab. Ein Knabe sprang zu
+uns herein, und das Boot begann langsam zu sinken.
+</p>
+
+<h3 class="sub">Am Krankenbett</h3>
+
+<p class="first">Seit einigen Tagen weiche ich nicht von der kranken
+alten Frau: sie hat dicke Beine und eine Vogelnase.
+Sie liegt im Bett und stöhnt, und ich sitze
+neben ihr auf einem Stuhl und erfülle alle ihre
+Wünsche und Launen. Ich habe Angst, sie zu
+<!-- page 234 -->
+verlassen, denn sie ist sehr unruhig. Nun scheint
+mir, daß sie eingeschlafen ist. Gott sei Dank, sie
+ist wirklich eingeschlafen! Ich schleiche mich
+leise aus dem Zimmer. Wie ich nach einer Weile
+hineinschaue, sehe ich, daß aus dem Ofen nur
+noch ihre Beine herausragen. Mein Gott, was ist
+denn das?! Ich stürze mich zu ihr hin, um sie aus
+dem Ofen zu ziehen, packe sie an den Beinen, die
+Beine sind aber schon tot.
+</p>
+
+<h3 class="sub">Die Mutter</h3>
+
+<p class="first">Ein heiterer Tag des Altweibersommers. Ich bin
+auf die Terrasse getreten und schaue in den entlaubten
+Garten hinaus. Und ich sehe, wie auf
+dem mit gelbem Laub bedeckten Wege, der zur
+Terrasse führt, eine alte Frau geht. Sie ist uralt
+und abgerissen, ihr Gesicht ist feucht, voller
+Runzeln und scheint ganz schwarz zu sein. Ich
+empfinde eine unheimliche Angst vor der Alten;
+ich fühle, daß sie etwas Häßliches im Sinn hat.
+Ich laufe von der Terrasse ins Haus, rase die
+Treppe hinauf und höre, daß auch sie die Treppe
+hinaufläuft. Ich stürze in eines der Zimmer, sie
+mir nach; ich will in ein anderes Zimmer, aber
+sie ist auch schon da. Ich verkrieche mich in
+die Ecke des Bettes und schrumpfe ganz zusammen.
+</p>
+
+<p>&rsaquo;Mein Gott!&lsaquo; denke ich mir, &rsaquo;laß das Unheil an
+mir vorüberziehen!&lsaquo;
+</p>
+<!-- page 235 -->
+
+<p>»Warum fürchtest du mich?« höre ich die
+Stimme der Alten: »Ich bin doch deine Mutter!«
+</p>
+
+<p>»Meine Mutter sieht ganz anders aus«, sage
+ich ihr, denke mir aber dabei: &rsaquo;Wie hat sich meine
+Mutter so furchtbar verändern können?&lsaquo;
+</p>
+
+<p>Die Alte aber beugte sich über mich und
+packte mich an der Kehle. Ich schrie auf.
+</p>
+
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+
+<h3 class="sub" style="page-break-before:always">Fußnoten</h3>
+
+<p class="footnote" id="footnote-1"><a href="#fnote-1">1) russ., Hähnchen.
+</a></p>
+<p class="footnote" id="footnote-2"><a href="#fnote-2">2) lat., Die Herzen in die Höhe!
+</a></p>
+<p class="footnote" id="footnote-3"><a href="#fnote-3">3) lat., Wünsche sie dir nicht besser!
+</a></p>
+<p class="footnote" id="footnote-4"><a href="#fnote-4">4) Aimé Leb&oelig;ufs Abenteuer &mdash; Roman von M. Kusmin aus dem Jahre 1907.
+</a></p>
+
+
+
+
+
+
+
+
+<pre>
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Prinzessin Mymra, by Alexej Remisow
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK PRINZESSIN MYMRA ***
+
+***** This file should be named 39174-h.htm or 39174-h.zip *****
+This and all associated files of various formats will be found in:
+ http://www.gutenberg.org/3/9/1/7/39174/
+
+Produced by Jens Sadowski
+
+Updated editions will replace the previous one--the old editions
+will be renamed.
+
+Creating the works from public domain print editions means that no
+one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
+(and you!) can copy and distribute it in the United States without
+permission and without paying copyright royalties. Special rules,
+set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
+copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to
+protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project
+Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you
+charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you
+do not charge anything for copies of this eBook, complying with the
+rules is very easy. You may use this eBook for nearly any purpose
+such as creation of derivative works, reports, performances and
+research. They may be modified and printed and given away--you may do
+practically ANYTHING with public domain eBooks. Redistribution is
+subject to the trademark license, especially commercial
+redistribution.
+
+
+
+*** START: FULL LICENSE ***
+
+THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
+PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK
+
+To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free
+distribution of electronic works, by using or distributing this work
+(or any other work associated in any way with the phrase "Project
+Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project
+Gutenberg-tm License (available with this file or online at
+http://gutenberg.org/license).
+
+
+Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg-tm
+electronic works
+
+1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm
+electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to
+and accept all the terms of this license and intellectual property
+(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all
+the terms of this agreement, you must cease using and return or destroy
+all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your possession.
+If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a Project
+Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the
+terms of this agreement, you may obtain a refund from the person or
+entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8.
+
+1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be
+used on or associated in any way with an electronic work by people who
+agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few
+things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
+even without complying with the full terms of this agreement. See
+paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
+Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
+and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
+works. See paragraph 1.E below.
+
+1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
+or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
+collection are in the public domain in the United States. If an
+individual work is in the public domain in the United States and you are
+located in the United States, we do not claim a right to prevent you from
+copying, distributing, performing, displaying or creating derivative
+works based on the work as long as all references to Project Gutenberg
+are removed. Of course, we hope that you will support the Project
+Gutenberg-tm mission of promoting free access to electronic works by
+freely sharing Project Gutenberg-tm works in compliance with the terms of
+this agreement for keeping the Project Gutenberg-tm name associated with
+the work. You can easily comply with the terms of this agreement by
+keeping this work in the same format with its attached full Project
+Gutenberg-tm License when you share it without charge with others.
+
+1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern
+what you can do with this work. Copyright laws in most countries are in
+a constant state of change. If you are outside the United States, check
+the laws of your country in addition to the terms of this agreement
+before downloading, copying, displaying, performing, distributing or
+creating derivative works based on this work or any other Project
+Gutenberg-tm work. The Foundation makes no representations concerning
+the copyright status of any work in any country outside the United
+States.
+
+1.E. Unless you have removed all references to Project Gutenberg:
+
+1.E.1. The following sentence, with active links to, or other immediate
+access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear prominently
+whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work on which the
+phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the phrase "Project
+Gutenberg" is associated) is accessed, displayed, performed, viewed,
+copied or distributed:
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+1.E.2. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is derived
+from the public domain (does not contain a notice indicating that it is
+posted with permission of the copyright holder), the work can be copied
+and distributed to anyone in the United States without paying any fees
+or charges. If you are redistributing or providing access to a work
+with the phrase "Project Gutenberg" associated with or appearing on the
+work, you must comply either with the requirements of paragraphs 1.E.1
+through 1.E.7 or obtain permission for the use of the work and the
+Project Gutenberg-tm trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or
+1.E.9.
+
+1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted
+with the permission of the copyright holder, your use and distribution
+must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any additional
+terms imposed by the copyright holder. Additional terms will be linked
+to the Project Gutenberg-tm License for all works posted with the
+permission of the copyright holder found at the beginning of this work.
+
+1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm
+License terms from this work, or any files containing a part of this
+work or any other work associated with Project Gutenberg-tm.
+
+1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this
+electronic work, or any part of this electronic work, without
+prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with
+active links or immediate access to the full terms of the Project
+Gutenberg-tm License.
+
+1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary,
+compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including any
+word processing or hypertext form. However, if you provide access to or
+distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format other than
+"Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official version
+posted on the official Project Gutenberg-tm web site (www.gutenberg.org),
+you must, at no additional cost, fee or expense to the user, provide a
+copy, a means of exporting a copy, or a means of obtaining a copy upon
+request, of the work in its original "Plain Vanilla ASCII" or other
+form. Any alternate format must include the full Project Gutenberg-tm
+License as specified in paragraph 1.E.1.
+
+1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
+performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works
+unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9.
+
+1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing
+access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works provided
+that
+
+- You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
+ the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method
+ you already use to calculate your applicable taxes. The fee is
+ owed to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he
+ has agreed to donate royalties under this paragraph to the
+ Project Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments
+ must be paid within 60 days following each date on which you
+ prepare (or are legally required to prepare) your periodic tax
+ returns. Royalty payments should be clearly marked as such and
+ sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the
+ address specified in Section 4, "Information about donations to
+ the Project Gutenberg Literary Archive Foundation."
+
+- You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
+ you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
+ does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm
+ License. You must require such a user to return or
+ destroy all copies of the works possessed in a physical medium
+ and discontinue all use of and all access to other copies of
+ Project Gutenberg-tm works.
+
+- You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of any
+ money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
+ electronic work is discovered and reported to you within 90 days
+ of receipt of the work.
+
+- You comply with all other terms of this agreement for free
+ distribution of Project Gutenberg-tm works.
+
+1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm
+electronic work or group of works on different terms than are set
+forth in this agreement, you must obtain permission in writing from
+both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
+Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark. Contact the
+Foundation as set forth in Section 3 below.
+
+1.F.
+
+1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
+effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
+public domain works in creating the Project Gutenberg-tm
+collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic
+works, and the medium on which they may be stored, may contain
+"Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate or
+corrupt data, transcription errors, a copyright or other intellectual
+property infringement, a defective or damaged disk or other medium, a
+computer virus, or computer codes that damage or cannot be read by
+your equipment.
+
+1.F.2. LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right
+of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project
+Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project
+Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all
+liability to you for damages, costs and expenses, including legal
+fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT
+LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE
+PROVIDED IN PARAGRAPH 1.F.3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE
+TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE
+LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
+INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
+DAMAGE.
+
+1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a
+defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can
+receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a
+written explanation to the person you received the work from. If you
+received the work on a physical medium, you must return the medium with
+your written explanation. The person or entity that provided you with
+the defective work may elect to provide a replacement copy in lieu of a
+refund. If you received the work electronically, the person or entity
+providing it to you may choose to give you a second opportunity to
+receive the work electronically in lieu of a refund. If the second copy
+is also defective, you may demand a refund in writing without further
+opportunities to fix the problem.
+
+1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth
+in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER
+WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
+WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
+
+1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
+warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages.
+If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
+law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
+interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
+the applicable state law. The invalidity or unenforceability of any
+provision of this agreement shall not void the remaining provisions.
+
+1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
+trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
+providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance
+with this agreement, and any volunteers associated with the production,
+promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works,
+harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
+that arise directly or indirectly from any of the following which you do
+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at http://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit http://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including checks, online payments and credit card donations.
+To donate, please visit: http://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+ http://www.gutenberg.org
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
+
+
+</pre>
+
+</body>
+</html>
diff --git a/LICENSE.txt b/LICENSE.txt
new file mode 100644
index 0000000..6312041
--- /dev/null
+++ b/LICENSE.txt
@@ -0,0 +1,11 @@
+This eBook, including all associated images, markup, improvements,
+metadata, and any other content or labor, has been confirmed to be
+in the PUBLIC DOMAIN IN THE UNITED STATES.
+
+Procedures for determining public domain status are described in
+the "Copyright How-To" at https://www.gutenberg.org.
+
+No investigation has been made concerning possible copyrights in
+jurisdictions other than the United States. Anyone seeking to utilize
+this eBook outside of the United States should confirm copyright
+status under the laws that apply to them.
diff --git a/README.md b/README.md
new file mode 100644
index 0000000..c084484
--- /dev/null
+++ b/README.md
@@ -0,0 +1,2 @@
+Project Gutenberg (https://www.gutenberg.org) public repository for
+eBook #39174 (https://www.gutenberg.org/ebooks/39174)