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+The Project Gutenberg EBook of Prinzessin Mymra, by Alexej Remisow
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Prinzessin Mymra
+ Novellen und Träume
+
+Author: Alexej Remisow
+
+Translator: Alexander Eliasberg
+
+Release Date: March 17, 2012 [EBook #39174]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK PRINZESSIN MYMRA ***
+
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+
+Produced by Jens Sadowski
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+
+
+Alexej M. Remisow
+
+Prinzessin
+Mymra
+
+Novellen und
+Träume
+
+
+
+Aus dem Russischen übertragen
+von Alexander Eliasberg
+
+
+
+Gustav Kiepenheuer Verlag, Weimar 1917
+
+
+
+
+
+Inhalt
+
+Die Feuersbrunst
+Petuschok
+Prinzessin Mymra
+Das Opfer
+Der den Teufel rief
+Sanofa
+Das Los des Elenden. Träume
+
+
+
+
+
+
+
+
+
+
+
+Die Feuersbrunst
+
+
+Die Weiße Fjokla, die Wahrsagerin und Hexe, gebar an einem durchdringend
+kalten Herbstmorgen eine schwarze geflügelte Maus, und jedermann erkannte
+im Neugeborenen des Teufels Kind.
+
+Jermil, der stumme und lahme Sohn der Alten, verscharrte den Unrat bei der
+Müllgrube und erhängte sich gleich darauf.
+
+In der Nacht vor dem Katharinentage, an dem junge Mädchen nach alter Sitte
+Zweige von den Bäumen abreißen und mit ihnen zu Bett gehen, um im Traume
+den Zukünftigen zu sehen, erdröhnte plötzlich am Himmel mitten im wütenden
+Schneesturm ein Donner; beim Morgengrauen aber fand man im Stadtpark die
+geistesschwache Aljonka, die Tochter des Obermeisters an der
+Eisenbahnwerkstätte, geschändet und tot, mit einem Zweig zwischen den
+Zähnen.
+
+Am Nikolatag erschienen in den rauchgrauen Wolken um die grimmige
+Wintersonne herum drei andere, in allen Farben des Regenbogens schimmernde
+Sonnen.
+
+Und diese drei Sonnen bedrückten die Stadt wie eine stumme Last.
+
+»Nun kommt das Hitzefieber, eine schreckliche Krankheit! Was haben wir noch
+alles zu erwarten!«
+
+»Krächze nicht wie ein Unglücksrabe.«
+
+»Mir kann es gleich sein -- aber auch der Diakon hat neulich während des
+Gottesdienstes davon gesprochen.«
+
+Ein jeder dachte an den kommenden Tag und an die schwere Not, die vor der
+Tür stand und auf die vorbestimmte Stunde wartete.
+
+»Die Chinesen ziehen mit einer Armee von tausend Millionen gegen uns, auch
+die Türken.«
+
+»Mein Gott, dieses Heer!«
+
+»Und die Unsrigen -- glaubst du, daß die Unsrigen sich überrumpeln lassen?«
+
+»Man sagt aber, sie haben den Satan auf ihrer Seite.«
+
+»Wieso den Satan?«
+
+»Wir sind verloren, das ist alles.«
+
+An den Abenden machte man sorgfältig über jedem Fenster das Zeichen des
+Kreuzes. Am Vorabend der Feiertage schliefen die Ehegatten getrennt, und
+man gab gut acht auf die Öllämpchen vor den Heiligenbildern.
+
+»Hör einmal, Mikititschna, Awdotja erzählte neulich, man habe bei den
+Podchomutows den Teufel aus dem Tische gerufen.«
+
+»Was du nicht sagst!«
+
+»Bei Gott, so wahr mir die Himmelskönigin beistehe! Awdotja ist ja eine
+durchtriebene Frau; auch Podchomutows Frau hat selbst erzählt, daß ein
+blauer Teufel mit sechs Pfoten erschienen sei.«
+
+»Die Heilige Jungfrau steh uns bei! Gott weiß, was noch alles kommen kann,
+Agafjuschka.«
+
+»Dann hat auch neulich Saschutka, Kusmitschs Stiefsohn im Eisenbahndepot,
+erzählt, daß der neue Doktor die Säufer mit dem Blick kuriert.«
+
+Man hatte auch Nacht für Nacht böse Träume: bald sah man die Kirche des
+Neuen Heilands für das Osterfest hergerichtet, doch ohne Altar und ohne
+Heiligenbilder, und den erhängten Jermil, Fjoklas Sohn, wie er in der
+Kirche auf und ab ging und jedermann zum Feste gratulierte; bald wieder sah
+man einen ganz aufgeschwollenen Jungen, in dessen Fleisch zahllose Splitter
+steckten, auf dem Fußboden Purzelbäume schießen.
+
+»Mir erzählte neulich ein altgläubiger Soldat« lispelte Semjon, der
+Aufseher bei den Eisenbahnwerkstätten: »>Großvater<, sagte er, >ein großes
+Unglück bricht über ganz Rußland herein, und man kann sich nirgends davor
+retten.< Die Zarenglocke in Moskau, sagt er, sei in tausend kleine Splitter
+zersprungen, ein jeder Splitter habe sich in eine Schlange verwandelt, und
+die Schlangen seien unter den Glockenturm Iwans des Großen gekrochen. Und
+der Glockenturm wackelt, und wenn er einstürzt, so werden auch die Herzen
+aller Menschen zerspringen, und dann kommt das Ende allen Lebens.«
+
+»Was die Leute nicht alles sagen! Es ist wirklich lächerlich. Da sagt zum
+Beispiel Luka: Wichtig sind nur die Produktionskräfte, alles übrige ist
+Nebensache . . . Sagen wir uns von der alten Welt los . . . Freiheit,
+Gleichheit und . . .«
+
+»Schwatz nicht so, man wird mit euresgleichen wenig Umstände machen . . .«
+
+». . . und wenn es notwendig sein sollte, so wird die Regierung Mittel und
+Wege finden, um auch diese Sonnen zu beseitigen, von denen übelgesinnte
+Menschen gewisse Gerüchte verbreiten, um bei der friedlichen Bevölkerung
+Erregung hervorzurufen.«
+
+Man ergriff Maßregeln.
+
+Aber die Sonnen verschwanden nicht; immer öfter und öfter erschienen sie am
+Himmel, um die grimmige Wintersonne herum.
+
+Wer kümmerte sich aber um die Sonnen!
+
+Noch niemals hatte man in dieser Gegend einen solchen Überfluß an Getreide
+gehabt wie in diesem Winter; eine Ernte wie im letzten Sommer hatte es noch
+nie gegeben. Die Mühlen arbeiteten unermüdlich. Der Handel blühte, und die
+Käufer waren schnell entschlossen und entgegenkommend.
+
+Die Stadt war wegen ihres Getreides berühmt.
+
+Auf allen Schienenwegen, die sich hier kreuzten, rollten in allen
+Richtungen mit allerlei Getreide und Mehl angefüllte Eisenbahnwagen.
+
+Am Heiligen Abend machte man der Weißen Fjokla den Garaus und verwischte
+sorgfältig alle Spuren des Verbrechens.
+
+Für eine kurze Zeit trat Ruhe ein. Es war, als ob ein Stein vom Herzen
+gefallen wäre.
+
+Am Dreikönigstage badete man im eiskalten geweihten Wasser, malte über alle
+Türen mit Kreide Kreuze, und alles ging wie geschmiert.
+
+In der Butterwoche, in der Zeit, wo die Schlittenwege schlecht zu werden
+anfangen, gab es allerdings in jedem Hause Stöhnen und jammern: alle hatten
+Zahnweh.
+
+Es roch in der Luft eigentümlich nach Zahntropfen und Kampferöl.
+
+So ging es acht Tage lang.
+
+Der Frühling brach an, ein früher und warmer Frühling. Das viele Wasser
+ließ die Gärten schon zu Ostern ergrünen, und auf den Feldern lief die
+Wintersaat üppig und kräftig auf.
+
+In der Woche nach Ostern wurden die Hochzeiten gefeiert.
+
+Es fanden sich sogar Leute, die mit Wohlwollen der Weißen Fjokla gedachten:
+
+»Schade um sie . . . Sie hätte ja noch gut leben können!«
+
+Man begann Häuser zu bauen: unter feierlichen Zeremonien wurden Grundsteine
+zu mächtigen Bauten gelegt und mit Weihwasser besprengt. Von Tag zu Tag
+wuchsen die Baugerüste in die Höhe neben den Holzkreuzen, die die
+zukünftigen Wohnstätten beschatteten.
+
+Am Mittwoch der vierten Woche nach Ostern gab es einen bedenklichen
+Vorfall, der in der Stadt großes Aufsehen erregte: als in der Badestube des
+Bischofs Feuer ausbrach, zog man aus den Flammen die halbverkohlte Leiche
+der Vorsteherin des Nonnenklosters zum Heiligen Geist heraus, und Bischof
+Antonius konnte infolge der Brandwunden am ganzen Körper lange Zeit keinen
+Gottesdienst abhalten.
+
+Die Leute zwinkerten einander zu und machten Anspielungen.
+
+Es gab aber auch Trauer.
+
+»Der Satan hat das Kreuz gestohlen, das Kreuz ist in Händen des Satans.«
+
+»Der Verruchte hat sich des Tempels und des Altars bemächtigt. Er
+verunreinigt die Monstranz und spuckt in den Kelch. Und die Menschen
+kommunizieren nicht mit dem Blute Christi, sondern mit dem Speichel des
+Satans, und sie verzehren statt des Leibes Christi -- den Unrat des
+Satans.«
+
+»Alles ist Unsinn. Es gibt weder einen Gott noch einen Satan. Es gibt
+nichts als das Leben.«
+
+»Was für ein Leben?«
+
+Nach einem warmen und blühenden Mai begann sofort die Sommerhitze. Viele
+Tage lang ging kein einziger Regentropfen auf die verdurstenden,
+verdorrenden Felder, auf die staubbedeckten Wiesen und die von Würmern
+befallenen Gärten nieder.
+
+ * * *
+
+Sie kommt.
+
+Sie naht.
+
+Sie ballt sich zu Wolken und wächst über den Tagen empor.
+
+Und sie löscht alles aus.
+
+Aus jedem Ding, aus jedem Gesicht, zu jeder Stunde starrt sie mich an und
+straft mich für einen einzigen Augenblick des Vergessens mit unendlicher
+und unerträglicher Pein.
+
+Ich kenne sie nicht ganz. Ich ahne sie nur. Ich weiß nicht, woher sie kommt
+und von welcher Seite sie mir droht. Ich fühle nur, daß sie überall um mich
+herum ist.
+
+Meine Lippen zittern nicht mehr vor Lachen. Mein Herz kann nicht mehr
+lächeln.
+
+Mein Herz kann nicht mehr verdammen, so wie es einst verdammt hat.
+
+Es murrt leise und krampft sich zusammen.
+
+Und wenn sie kommt, wirst du sie überwinden können?
+
+Herz, du hast verdammt, du hast geliebt.
+
+Wirst du sie überwinden können?
+
+Niemals wirst du es können.
+
+Und du wirst ihr wie ein Stein zu Füßen fallen, und sie wird dich mit ihrem
+Blitze zermalmen und zu Kohle verbrennen.
+
+Ich weiß nicht, woran ich mich festklammern soll.
+
+Gib mir doch wenigstens eine Schlinge.
+
+Doch ist es möglich, so gehe sie von mir.
+
+ * * *
+
+Um die Mittagsstunde des Johannistages erdröhnte von der Kathedrale herab
+hastiges Sturmläuten.
+
+Ganze von Arbeitern und armem Volk dicht bevölkerte Straßenzüge an
+verschiedenen Enden der Stadt standen plötzlich in Flammen.
+
+Die kleinen Holzhäuser und die unförmigen riesigen Gebäude der Nachtasyle
+und Arbeiterkasernen brannten lichterloh wie zu Haufen aufgestapelter
+Rumpelkram.
+
+Die Flammen loderten empor und verloren sich in riesenhaften
+spindelförmigen Staubsäulen. Die Spindeln rasten und kreisten von oben nach
+unten, vom Zentrum zu den Vorstädten.
+
+Und eine unsichtbare wahnsinnige Hand spann am glühenden wolkenlosen Himmel
+ein erstickendes, feuriges Gespinst.
+
+Die überraschten Menschen liefen, stumm vor Schreck, wilde, tierische
+Schreie ausstoßend, mitten in diesem Gesang der Feuersbrunst hin und her.
+
+Zur gewohnten Stunde ertönte keuchend von der Fabrik her der Mittagspfiff
+
+Und dieser Pfiff klang so einsam und fremd im Chore der anderen Pfiffe.
+
+Er flehte um Gnade, um Erbarmen . . .
+
+Daß man die Kinder rette, die Habseligkeiten in Sicherheit bringe . . .
+
+Diese letzten Schreie der dem Tode geweihten Menschen und Dinge schnitten
+sich in jedes Herz.
+
+Man trug die Heiligenbilder heraus.
+
+Man glaubte: die Heiligenbilder würden beistehen und vor dem Unglück
+beschützen.
+
+Aber das Feuer drang hartnäckig beißend überall hinein, es flog empor und
+erfaßte immer neue, noch unversehrte Menschenwohnungen.
+
+Die blauen und weißen Spindeln aus Funken und aus Staub drehten sich
+verzweifelt und unaufhörlich . . . Ein in wahnsinniger Hast kreisender
+Bohrer durchlöcherte die schwere Luft mit Feuer.
+
+Karminroter Feuerschein ergoß sich bebend über die ganze Stadt.
+
+Die schwarz verkohlten Dachstühle der Brandstätten ragten in die Luft wie
+Galgen.
+
+Die Eisenbahnwerkstätten und die Naphtatanks brannten.
+
+Voller Wut und Entsetzen sprangen die brennenden Lokomotiven wie gehetzt
+aus ihren eisernen Ställen heraus. Und sie pfiffen auf den Schienenwegen
+trocken und abgerissen.
+
+Unter ihren rotglühenden Tatzen stöhnte und zischte es unheimlich und
+unheilverkündend.
+
+Und das Weinen der ohne Tränen sterbenden Maschinen machte den Abend
+erglühen.
+
+Die brennenden Getreidespeicher rauschten wie Springbrunnen.
+
+Jemand schüttelte die blutrot leuchtenden Bernsteinkörner des Getreides
+durcheinander und lachte aus vollem Halse.
+
+ * * *
+
+Mitten in der verzauberten Johannisnacht, um die Stunde des tobenden
+Lebens, erdröhnte von der Kathedrale herab die Sturmglocke.
+
+Die öffentlichen Häuser standen in Flammen.
+
+Das Feuer sog sich mit seinen Küssen eifersüchtig an den Mädchenlippen
+fest, jeden Nebenbuhler zurückwerfend und vernichtend. Mit wollüstig feiner
+Zunge beleckte es die Leiber und brannte sich in sie bis an die Knochen
+hinein.
+
+Die berauschten Gäste fielen vor diesem roten, erbarmungslosen,
+unersättlichen Gast zu Boden.
+
+Nackte, in Umarmungen verschlungene, von Glassplittern verwundete, vom
+Feuer versengte Körper stürzten aus den oberen Stockwerken herab; sie
+stürzten zu Boden und wurden von Menschenfüßen und Pferdehufen zertreten
+und zermalmt.
+
+Die brennenden Pupillen der sich drängenden Menge weiteten sich und
+platzten vor der berauschenden Glut. Das Röcheln der Tiere vermengte sich
+mit dem durchdringenden Lachen, dem Flehen und Stöhnen der Menschen.
+
+Ein Mönch in dunklem Gewande, ein Mönch mit regungslosem Gesicht stand in
+der Hölle der Feuersbrunst.
+
+Nur er allein war leidenschaftslos wie am hellen Mittag und schrecklich in
+seiner Ruhe. Er war geheimnisvoll und unheilverkündend wie ein quälender,
+verworrener Traum.
+
+Das Feuer, das in der Tiefe seiner Augen brannte, durchdrang die Flammen.
+
+Tausende von Händen griffen nach dem Saume seines Gewandes, nach den
+Zipfeln seiner schwarzen Kapuze; Tausende von Händen streckten sich aus und
+hoben den Staub unter seinen Füßen auf; Tausende von Lippen küßten diesen
+Staub.
+
+»Beschütze uns!«
+
+»Rette uns!«
+
+»Gnade!«
+
+»Erbarmen!«
+
+ * * *
+
+>Erbarmen! Erbarmen!< dröhnte die Sturmglocke der Kathedrale, als die Sonne
+sich träge erhob und ihre blutig-goldenen Strahlen in den Rauch bohrte und
+über die Erde goß.
+
+»Flieht! Flieht!« rief es aus den Rauchwirbeln, die die höllischen Spindeln
+beißenden Staubes umkreisten.
+
+Das Zuchthaus brannte.
+
+Das Spital brannte.
+
+Die Zuchthäusler erbrachen die eisernen Türen, erschlugen mit den
+Eisengittern die Aufseher und schleppten sich, verprügelt und angeschossen,
+wie Pestkranke die von der Flammenglut zersprungenen Straßen entlang.
+
+Hei, so schön brannten die von Unrat durchtränkten Zellen! Welch ein
+Freudenmahl des freien, rächenden Feuers, das die Särge der Lebenden, das
+Zuchthaus, zerstörte!
+
+Und in den dumpfen Krankensälen, im grüngelben Licht der hüpfenden Sonnen,
+klang herzzerreißend das Stöhnen der Siechen und das höllische Lachen der
+Wahnsinnigen.
+
+Das Feuer schrie und sprang wie ein Eichhörnchen. Es warf sein brennendes
+Netz über die Stadtparkmauer auf das Schlachthaus hinüber.
+
+Die Stadt zitterte vor dem vorsintflutlichen Geheul, die Tiere weinten wie
+von menschlicher Trauer ergriffen.
+
+Vom Zuchthaus kam das Feuer auf den Friedhof.
+
+Die Flammen erbrachen mit ihren schweren, glühenden Brecheisen die stummen
+Gräber.
+
+Und die Toten erhoben sich aus den Särgen und wuchsen zu schwarzen, von
+einer grauen, erstickenden Wolke beschatteten Dunstsäule empor.
+
+Der Mönch in dunklem Gewande, der Mönch mit fest zusammengepreßten Lippen
+stand mit gekreuzten Armen mitten unter den vertierten Menschen und den
+rasenden Tieren.
+
+Funken und Flammen umkreisten sein Haupt wie Scharen goldener Vögel.
+
+Und die Sturmglocke läutet und läutet ohne Unterlaß.
+
+Und die Menschen rennen zerfetzt, verbrannt, verzweifelt umher.
+
+Das staatliche Schnapslager brennt!
+
+Der brennende Schnaps frißt die Herzen.
+
+ Hab den Vater geschlachtet,
+ Die Mutter gehenkt,
+ Und die leibliche Schwester
+ Im Flusse ertränkt . . .
+
+Tausende von verstümmelten, mit Weingeist durchtränkten Leichen brennen mit
+blauen, unerträglichen Flammen.
+
+ * * *
+
+Man wurde vor Entsetzen wahnsinnig.
+
+Die Mütter verloren ihre Kinder.
+
+Kinder schleppten zentnerschwere Lasten.
+
+Niemand wagte, unter einem noch unversehrten Obdach zu bleiben.
+
+Man verließ die Häuser und zog auf die Straßen.
+
+Man suchte nach den Brandstiftern.
+
+Man glaubte schon, ihnen auf der Spur zu sein.
+
+Man wollte unbekannte Frauen gesehen haben, die sich bei den Haustoren zu
+schaffen machten.
+
+Man riß den Aufseher Semjon, der sich unbedachterweise eine Pfeife
+angezündet hatte, in Stücke.
+
+Man riß einem Studenten den Arm aus.
+
+Man warf jemanden ins Feuer.
+
+»Wer ist's? Wo soll man suchen?« fragte man den Mönch.
+
+Der Mönch schwieg.
+
+Auf den Zäunen stand mit schwarzen Lettern geschrieben: >Morgen wird keine
+Feuersbrunst sein.<
+
+»Morgen wird keine Feuersbrunst sein! Keine Feuersbrunst.«
+
+ * * *
+
+Ein blutrotes engmaschiges Netz hing über der Stadt, und irgendwo in seiner
+Tiefe schwebte ein blutig-flammender Kern, welcher Gestank und Brandgeruch
+verbreitete.
+
+So begann der dritte Morgen, der dritte und letzte Tag.
+
+In der Nacht verbrannte die Kathedrale mit allen Reliquien. Der Glockenturm
+stürzte ein, und die schreiende Zunge der Sturmglocke verstummte.
+
+Aus dem Feuer stiegen drei flammende Kreuze empor. Sie zitterten und
+verschwanden in der schrecklichen roten Nacht.
+
+Die Herzen glühten, die Arme hingen kraftlos herab.
+
+Es gab nichts mehr, was noch brennen konnte.
+
+Die Feuersbrunst ging zu Ende.
+
+Die wahnsinnigen Menschen irrten wie im Nebel umher.
+
+Einen jeden, der ihnen in den Weg kam und der etwas auf dem Kerbholz hatte,
+erschlugen sie mit brennenden Scheiten.
+
+Von Entsetzen, Verzweiflung und Blut trunken, verließen sie vor Anbruch der
+Nacht die Stadt.
+
+ * * *
+
+Alle, die noch am Leben geblieben waren, verbrachten diese letzte Nacht auf
+dem freien Feld, eng aneinander gedrängt, von geretteter Habe und geraubtem
+Gut umgeben.
+
+Und der Mönch in dunklem Gewand stand unter den Übriggebliebenen.
+
+Niemand erhob die Stimme, um ihn zu rufen oder anzuflehen, aber Hunderte
+von Augen waren auf sein unter der Kutte verborgenes Herz gerichtet.
+
+»Gnade! Gnade!«
+
+Und zum erstenmal ging ein Zucken über das regungslose Gesicht des Mönches.
+
+Der Mönch zerriß sein Gewand, holte ein Gefäß, das er auf der Brust trug,
+hervor, tauchte einen Weihwedel hinein und besprengte die flehenden Augen.
+
+Im gleichen Augenblick ergoß sich ein Feuermeer über das ganze Feld.
+
+Die Feuerwolke zerriß den Himmel, zerspaltete die Nacht, schrie auf und
+erbebte.
+
+Und nichts als Funken und wieder Funken . . .
+
+ * * *
+
+Tiefe Finsternis lag über der verbrannten Stadt.
+
+Und die Sterne fürchteten sich, auf die Erde und auf den in dunkle Fetzen
+gehüllten Menschen herabzuschauen.
+
+Und die Aasvögel wagten nicht, zu den Leichen herabzufliegen, sie wagten
+nicht, ihre Flügel vor jenem Menschen zu regen.
+
+Und er stand allein mitten in der Asche der verbrannten Erde.
+
+O du verdammte Heimaterde!
+
+
+
+
+Petuschok
+
+
+
+1
+
+Eine Kuh fraß am Eliastage dem Petka ein Fünfzehnkopekenstück auf.
+
+Als die Großmutter von der Abendmesse heimgekommen war, hatte sie vor dem
+Schlafengehen dem Knaben eine silberne Münze, ein Fünfzehnkopekenstück, zum
+Vernaschen geschenkt.
+
+Am Tage des heiligen Elias schreitet eine Prozession aus dem Kreml zur
+Eliaskirche auf dem Woronzow-Felde, eine lange Prozession mit uralten
+Kreuzen, von vielen Gendarmen zu Pferde begleitet. Nach der Messe findet im
+Garten und auf dem Platz vor der Kirche unter den Kirchenfahnen ein
+Volksfest statt; es werden dabei Kwaß, Spielzeug, Stachelbeeren, Birnen und
+Eis feilgeboten. Petka war ein großer Liebhaber von Stachelbeeren und aß
+leidenschaftlich gern Eis; seine Freude über das Fünfzehnkopekenstück war
+also wirklich groß. Während der ganzen Nacht behielt er die Münze in der
+Hand.
+
+Als die Großmutter aus der Kirche des heiligen Nikola Kobylski heimkehrte,
+war Petka schon auf: er hatte den Samowar instand gesetzt, seine Schuhe
+gewichst und sich fein herausgeputzt; fertig zum Ausgehen, stand er da. Und
+wie oft hatte der unruhige Geist schon in Erwartung der Großmutter die
+Mütze aufprobiert! Petka hatte eine Mütze mit lackledernem Schirm; früher
+hatte er einen Strohhut getragen, als er aber Schüler einer Städtischen
+Schule geworden war, hatte ihm die Großmutter diese Mütze gekauft. Er hat
+seinen Gürtel, der ebenfalls aus Lackleder ist, ins letzte Loch geschnallt
+und sich seine schwarze Tuchbluse mit den beiden Silberknöpfen am Kragen
+zurechtgezupft; bloß mit der Hose ist es nicht weit her: die Drillichhose
+ist zwar rein gewaschen -- Großmutter selbst hat sie gewaschen und gebügelt
+--, aber sie ist zu kurz: von den Waden ist ein etwa zwei Finger breites
+Stück zu sehen; Petka wächst aber noch, und die Hose ist in der Wäsche
+eingelaufen.
+
+»Ich habe dir den Samowar in einem Nu zurechtgemacht, Großmutter!« begrüßt
+Petka die Großmutter, auf einem Bein hüpfend.
+
+»Du bist ein gescheiter Junge, Petuschok!« Großmutter ist nach dem
+Gottesdienst müde und freut sich auf den Tee.
+
+Wenn die Großmutter selbst den Samowar instand setzte, brauchte sie immer
+furchtbar viel Zeit dazu -- so kam es Petka wenigstens vor. Sie pflegte
+erst die Asche auszuschütten, dann ein wenig Kohle hineinzutun, auf die
+Kohle einige Holzspäne zu streuen und, wenn die Kohle zu knistern anfing,
+noch einige Kohlen nachzulegen; das machte sie wohl zweimal. Petka
+schüttete aber nie die Asche aus, sondern stopfte den Samowar gleich mit
+Kohle voll, zündete einige Späne an, legte noch etwas Kohle auf, und der
+Samowar begann sofort, so schien es ihm wenigstens, zu summen.
+
+»Du bist ein gescheiter Junge!« wiederholte die Großmutter. Sie freute
+sich, daß der Samowar auf dem Tisch stand und summte und daß sie jetzt in
+aller Ruhe ihren Tee trinken und vor der Prozession noch etwas ausruhen
+konnte.
+
+Großmutter war gottesfürchtig und eine eifrige Kirchgängerin; sie versäumte
+keinen einzigen Gottesdienst, und wenn es beim Nikola Kobylski eine Leiche
+gab, so ging sie hin und wohnte auch mit einer Kerze in der Hand der
+Totenmesse bei; sie ging auch mit Petka bei allen Prozessionen mit.
+
+Großmutter setzte sich an den Teetisch, aber ehe sie noch ein Stückchen
+geweihtes Brot zerkauen konnte, fing Petka schon zu drängen an: sie wollten
+sofort aufbrechen, um der Prozession entgegenzugehen.
+
+Aber es sei noch viel zu früh! Die Prozession habe gewiß noch nicht den
+Kreml verlassen; die Leute sammelten sich wohl erst; die Hausmeister
+ständen noch gar nicht am Morosowschen Gitterzaun, sie säßen wohl noch in
+der warmen Stube und tränken Tee.
+
+Großmutter und Petka pflegten die Prozession in der Wedenskaja-Gasse, auf
+dem Morosowschen Zaune stehend, zu erwarten. Sie machten es sehr einfach:
+zuerst kletterte Petka hinauf und dann die Großmutter; der Alten fiel es
+zwar recht schwer, auf den Zaun hinaufzuklettern, aber sie konnte von dort
+aus besser sehen und lief auch nicht Gefahr, zertreten zu werden.
+
+»Wenn du nicht gehst, geh ich allein!« Petka setzte seine Mütze mit dem
+Lacklederschirm auf und stand schon an der Tür.
+
+Großmutter hatte Angst, Petka allein gehen zu lassen; sie meinte, man könne
+ihn im Gedränge leicht zertreten.
+
+»Man wird dich zertreten, Petuschok.«
+
+»Nein, Großmutter, man wird mich nicht zertreten. Mir hat im vorigen Jahr
+das Pferd eines Gendarmen mit dem Huf auf eine Zehe getreten, das hat
+schrecklich weh getan! Und doch hat es mir nichts geschadet. Großmutter,
+jetzt gehe ich!«
+
+Großmutter hat Angst und ist zugleich gekränkt: sie gingen doch jedes Jahr
+zusammen hin -- Petka voraus und hinter ihm die Großmutter in ihrem alten
+Umhang, mit dem Sonnenschirm in der Hand; Großmutter spannte ihren Schirm
+niemals in der Sonne auf und hielt ihn nicht am Griff, sondern stets an der
+Spitze, so daß der Griff die Erde berührte. Sie will Petka nicht allein
+gehen lassen; und sie will noch etwas ausruhen und gemächlich ihren Tee
+trinken!
+
+Was ist da zu machen? Der Junge läßt sich nicht halten!
+
+Petka geht allein fort.
+
+Der Morgen ist schön kühl, der Tag wird nicht so heiß werden. Ob Petka vom
+lieben Gott einen so herrlichen Tag erfleht oder der heilige Prophet Elias,
+dem das Fest gilt, seinen Segen gegeben hat -- die Leute werden es in der
+Prozession gut haben, die goldgestickten Kirchenfahnen werden funkeln, die
+Priester werden leichten und trockenen Fußes gehen, und auch die Chorsänger
+werden es angenehm haben.
+
+Petka ging, sein Fünfzehnkopekenstück fest in der Faust haltend, auf den
+Flur hinaus; viel Stachelbeeren, rote, behaarte Stachelbeeren wollte er
+sich dafür kaufen und außerdem für fünf Kopeken Schokoladeneis verspeisen.
+Petka lauschte; irgendwo läuteten die Glocken, aber es war noch sehr weit.
+Die Prozession hatte wohl eben erst den Kreml verlassen, und man läutete in
+den Kirchen, an denen sie vorüberzog.
+
+>Man läutet erst in der Iljinka oder in der Marossejka bei Nikola -- es ist
+ein schönes Läuten!< dachte Petka. Und da erblickte er plötzlich eine Kuh.
+
+Auf dem Hofe spazierte die Kuh des Diakons, eine schöne, wohlgenährte, rote
+Kuh.
+
+Petka freute sich jedesmal, wenn er die Milchkuh des Diakons sah, das
+>Braunchen<, wie Großmutter sie zu nennen pflegte.
+
+»Guten Tag, Braunchen!« Petka kam hüpfend näher und streckte seine Hand
+aus, um die Kuh zu streicheln . . . Das Geldstück funkelte in der Sonne,
+das Fünfzehnkopekenstück fiel ihm aus der Hand, die Kuh leckte es mit der
+Zunge auf, stieß einmal auf und verschluckte es.
+
+Kurz und gut -- weg war es.
+
+Petka suchte auf dem Rasen und zwischen den Steinchen, ging einige Male um
+die Kuh herum, stand einen Augenblick still und wartete, ob die Münze nicht
+wieder zum Vorschein käme . . . Nein, verschwunden war sein silbernes
+Geldstück, das Braunchen hatte es gefressen, es hatte ihm das
+Fünfzehnkopekenstück, das er zum Eliastage bekommen, weggenommen.
+
+Mit leeren Händen ging nun Petka zur Eliaskirche.
+
+Sollte er umkehren und der Großmutter alles erzählen? Großmutter würde wohl
+sagen: »Wolltest mir nicht folgen, bist allein gegangen, darum hat es dir
+die Kuh gefressen!« Und sie würde ihm nie wieder eine Silbermünze schenken.
+Sie würde noch sagen: »Was soll man auch so einem Schlingel Geld schenken?
+Das frißt ja doch die Kuh!« Nein, es ist doch besser, der Großmutter nichts
+zu sagen. Und die Stachelbeeren und das Schokoladeneis? Nun, er wird sich
+eben ohne Stachelbeeren und ohne Eis behelfen müssen. Und wenn Großmutter
+etwas merkt? Sie wird eben nichts merken. Er wird der Großmutter sagen, daß
+er einen ganzen Zentner Stachelbeeren und hundert Portionen Eis gegessen
+hat . . . Und wenn Großmutter es nicht glaubt? Sie wird es wohl glauben
+müssen! Die Stachelbeeren sind ja billig -- spottbillig sind sie, sagt
+Großmutter selbst. Und was ist auch dabei? Er hat eben einen ganzen Zentner
+Stachelbeeren gekauft und aufgegessen: er hat Geld genug gehabt, es sind ja
+nicht fünf, sondern fünfzehn Kopeken gewesen! Aber er hat kein
+Fünfzehnkopekenstück mehr: die Kuh hat es aufgefressen!
+
+»Was bist du für eine Kuh!« sagte Petka vorwurfsvoll zu seinem geliebten
+Braunchen. »Warum hast du das Geld gefressen? Die Stachelbeeren sind so
+schön rot und behaart, und das Schokoladeneis schmeckt so herrlich . . .
+hundert Portionen!«
+
+Petka dachte im Gehen immer an sein Fünfzehnkopekenstück, das
+unwiederbringlich verloren war. Es gab nur noch eine Möglichkeit:
+Großmutter alles zu gestehen. Sie wird ihm dann vielleicht ein neues geben.
+Aber wo sollte Großmutter eines hernehmen? Das Geld wächst nicht auf der
+Straße, pflegt Großmutter zu sagen. Sie hat ja auch nur ein paar
+Silbermünzen; Kopekenstücke hat sie genug . . . Petka ging am Kursker
+Bahnhof und an dem verwahrlosten Rjabowschen Hause, wo, wie er glaubte, die
+goldenen Zimmer immer leer und unbewohnt standen, vorbei. Er ging zur
+Eliaskirche auf dem Woronzow-Feld.
+
+Die ganze Wedenskaja-Gasse war mit Gras belegt, das ganze Pflaster mit
+frischgemähtem Gras bestreut. Da war Gras von den Chludows dabei, und von
+den Naidjonows und von Myslin, und wie alle die reichen Gemeindemitglieder
+sonst noch hießen. Die Füße glitten im Grase aus, und Petka brachte es
+fertig, sich ein paar grüne Grasflecke auf seine Hose zu machen. Im Gras
+lagen auch vereinzelte Blumen, und die Blumen dufteten nach Wiesen und
+brachten ihm die Wallfahrten in Erinnerung. Petka unternahm jeden Sommer
+mit seiner Großmutter Wallfahrten. Petka dachte nicht mehr an das
+aufgefressene Fünfzehnkopekenstück und schloß die Augen: ganz klar, ganz
+deutlich fühlte er die Erde und das Gras unter seinen Füßen; er fühlte sich
+plötzlich in die Gegend von Swenigorod versetzt, auf einen Feldweg, wo
+Glockenblumen blühen, auf einen Waldweg, wo der Kuckuck ruft, zum
+Sawwa-Kloster zum Nikola-Ugrjescha, und vom Nikola-Ugrjescha zum
+Troiza-Sergius-Kloster.
+
+Die Leute eilten schon zur Kirche; andere blieben auf dem Bürgersteig und
+suchten sich ein Plätzchen, wo sie bequem stehen und zusehen konnten. Das
+Läuten klang immer näher, es schien schon aus der nächsten Nähe, von der
+Troiza-Grjasi-Kirche zu kommen. Nein, Petka hatte sich getäuscht, es war
+noch sehr weit: man läutete erst bei Kosmas und Damian.
+
+Auf dem Morosowschen Zaun stand noch niemand. Vor dem Tore waren nur die
+Hausmeister versammelt, unter ihnen der Morosowsche Kutscher in einer
+Plüschweste, das schwarze Haar mit Butter eingefettet. Auch Petka wird sich
+einmal, wenn er groß ist, das Haar mit Butter einfetten, und es wird dann
+ebenso schön schwarz sein wie das Haar des Morosowschen Kutschers; jetzt
+aber benetzte es ihm Großmutter, wenn er aus der Badestube heimkommt, mit
+Kwaß.
+
+Petka kletterte auf den Zaun hinauf und hielt Ausschau nach der Prozession
+und der Großmutter.
+
+>Es wird sich schon irgendwo auf dem Hofe finden<, dachte er ab und zu an
+sein unglückseliges Geldstück. >Es kann gar nicht verlorengehen!<
+
+Vom Geld kamen seine Gedanken wieder auf die Prozession, und er horchte, in
+welcher Kirche gerade geläutet wurde; von der Prozession kamen sie auf den
+Morosowschen Kutscher, vom Kutscher auf das Gras und die Wallfahrten; so
+schweiften die flüchtigen Gedanken des kleinen Petka, des Petuschok,[*] wie
+Großmutter den Jungen zu nennen pflegte.
+
+Nun kam auch Großmutter mit ihrem Sonnenschirm an; sie kletterte auf den
+Zaun hinauf, die Glocken der Kirche zur Mariä Opferung in den Baraschi
+begannen zu läuten, die Prozession kam immer näher, die schweren
+Kirchenfahnen erstrahlten in goldenem Glanz, dann läutete es in der
+Eliaskirche, und Petka war vollkommen getröstet.
+
+>Großmutter wird mir ein anderes Geldstück schenken, und wenn sie mir
+keines schenkt, so werde ich auch ohne Eis und Stachelbeeren satt werden.<
+
+[Fußnote *: russ., Hähnchen.]
+
+
+2
+
+Großmutter hatte niemand außer Petka. Petka ist ihr Großneffe, der Sohn
+ihres Neffen, aber sie nennt ihn Enkel. Der Neffe ist gänzlich
+heruntergekommen: er war früher einmal Parkettwichser gewesen, hatte sich
+etwas zuschulden kommen lassen, trieb sich lange Zeit arbeitslos in Moskau
+herum, bekam endlich eine Anstellung in einer Bierhalle, blieb dort nur
+einen Winter lang, gab diese Stellung auf und wurde Arbeiter in den
+Goujon-Werken; er verließ auch diese Stellung und geriet schließlich unter
+das lichtscheue Gesindel, das den Chitrowka-Markt bevölkert. Er besuchte,
+wenn auch nur selten und meistens betrunken, die Großmutter, um sie um Geld
+zu bitten. Großmutter hatte vor dem Neffen große Angst und nannte ihn >den
+Räuber<.
+
+Petka wohnt mit der Großmutter in einer Kellerstube auf dem Semljanoj-Wall,
+in der Nähe der Kirche des heiligen Nikola Kobylski. Als Großmutter noch
+bei Kräften gewesen war, hatte sie nie müßig dagesessen und über nichts zu
+klagen gehabt; die Nachbarn sagten, sie brauche sich nie ohne Weißbrot zu
+Tisch zu setzen. Nun aber sind ihre Augen schwach, und sie kann nicht mehr
+arbeiten. Großmutter ist auch schon bei Jahren: sie war sechs Jahre alt,
+als man die Leiche des Kaisers Alexander Pawlowitsch aus Taganrog über
+Moskau überführte: so alt ist sie also schon! Gute Menschen unterstützen
+sie ab und zu, und sie bekam auch einen monatlichen Zuschuß von der
+Armenpflege; ihr Petka aber wurde in eine Städtische Schule aufgenommen.
+Auf dem Semljanoj-Wall kennt jedermann die Großmutter Iljinischna Sundukow;
+auch auf dem Woronzow-Feld und in den Syromjatniki ist sie gut bekannt. Mit
+Mühe und Not schlägt sie sich mit ihrem Petka durch.
+
+Ihre Kellerstube ist sehr klein. Vor ihr wohnten zwei alte Frauen darin,
+mit Namen Smetanin, die ebenso gottesfürchtig waren wie die Großmutter. Als
+die Smetanins starben, mietete Großmutter mit Petka die Kellerstube.
+Großmutter hat früher ein anderes, größeres Zimmer gehabt, in dem jetzt
+Stubenmaler wohnen.
+
+Großmutters Zimmer ist vollgepfropft. Es steht eine Kommode darin, die vor
+Alter eine Art Geheimkommode geworden ist: die mittlere Schublade läßt sich
+nicht mehr ganz herausziehen: man kann sie nur von rechts und auch nur
+einen Fingerbreit herausschieben. In dieser Schublade -- davon weiß aber
+nur die Großmutter allein -- sind ein silberner Teeglasuntersatz mit
+Weintraubenmuster und zwei silberne Löffel mit Blumengravierung und
+schwarzem Email an den Stielen verwahrt: das alles ist Petkas Eigentum, das
+er nach Großmutters Tode erben wird. Großmutter hat auch einen
+Kleiderschrank, gleichfalls mit einem geheimen Trick: du kannst die Tür
+zwar aufmachen, hast aber gleich die ganze Bescherung, denn die Tür fällt
+sofort ganz heraus: nur Großmutter allein versteht es, in ein bestimmtes
+Loch einen Stift hineinzustecken, so daß die Tür auf den richtigen Platz
+kommt und der Schrank sich wieder schließen läßt. Großmutter besitzt auch
+noch einen kleinen eichenen eisenbeschlagenen Koffer, in dem sie ein Hemd,
+ein Leichentuch, ein Paar Pantoffeln ohne Absätze und ein Stück Leinwand
+verwahrt: das alles bleibt für ihre Leiche aufgespart. Als man einmal im
+Herbst auf dem Hof Kraut schnitt, stopfte Petka in diese Truhe Kohlstrünke
+hinein: der Schlingel glaubte, es würde Großmutter Freude machen, wenn sie
+im Jenseits von den Kohlstrünken naschen könnte. Ein kleines Sofa steht
+auch noch da: von außen betrachtet, ist es noch ganz anständig, wenn man
+sich aber ungeschickt draufsetzt, so stößt man sich an einer Holzleiste. Im
+Winkel steht ein Heiligenschrein mit drei Abteilungen. Zuoberst hängen
+mehrere geweihte Bildchen von den Wallfahrtsorten und noch allerlei andere
+Bildchen und Messingkreuze. Darunter steht die Ikone >Die Moskauer
+Wundertäter<: Maxim der Selige, Wassili der Selige und Johannes der Narr in
+Christo stehen nebeneinander -- Wassili nackt, Maxim mit einem Schurz und
+Johannes in einem weißen Gewand --, die Arme im Gebet ausgestreckt, vor dem
+Moskauer Kreml; über dem Kreml ist die heilige Dreifaltigkeit dargestellt,
+und über den Heiligen ein dunkler Wald, die >Mutter-Einöde< mit
+zerklüfteten Bergen, Bergen, die wie Zungen aussehen: Petka hält sie für
+Feuerberge. Es ist eine uralte Ikone. Daneben steht eine zweite auf
+Goldgrund gemalte Ikone: >Die vier Marienfeste<. Sie stellt die vier
+Muttergottesfeste dar: Maria Schutz und Fürbitte, Aller Leidenden Freude,
+Mariä Erscheinung und die Muttergottes von Achtyrka. Das Bild fällt fast
+auseinander, so alt ist es. Unter dem Heiligenschrein liegen drei Knäuel:
+ein Knäuel Stricke, ein Knäuel Bindfaden und ein Knäuel bunter Schnüre:
+während vieler Jahre hat Großmutter sie aufgespart. Schließlich existiert
+noch eine Truthenne -- das ist ihre ganze Habe.
+
+Großmutter gibt Petka sein Essen und denkt auch an die Truthenne. Die
+Truthenne wohnt auf dem Hof in einem kleinen Schuppen, der Schuppen steht
+neben dem Kuhstall; die Truthenne stirbt langsam dahin und ist schon so alt
+wie die Großmutter. Großmutters >Herr Jesus< kann sie zwar nicht
+nachsprechen, versteht aber anscheinend sonst alles: in ihrem langen Leben
+hat sie alles gelernt, alles erfaßt.
+
+Als Petka klein war, hatte er vor der Truthenne Angst; aber mit den Jahren
+gewöhnte er sich an sie und liebte es, sie anzuschauen: er pflegte sich im
+Schuppen vor ihr hinzukauern und sie zu betrachten; ihn interessierte ihr
+Kopf, der ganz rosa und mit vielen kleinen rosa Warzen besät war. Die
+Truthenne stand vor ihm, blies sich auf und kauerte sich hin. Und so
+kauerten sie beide: Petka und die Truthenne.
+
+Die Hühner des Diakons haben Hähnchen, die Katze Puschok hat Kätzchen, aber
+die Truthenne hat nichts -- wie kommt das? fragte sich Petka mehr als
+einmal.
+
+Auch die Großmutter sagte manchmal nachdenklich vor sich hin:
+
+»Wenn Gott der Truthenne ein Ei schenken wollte, so gäbe es Hähnchen!«
+
+>Alles kommt vom Ei, wenn Gott der Truthenne ein Ei schenkt, so gibt es
+Hähnchen!< sagte sich auch Petka.
+
+»Großmutter, und wenn Gott der Truthenne wirklich ein Ei schenkt?«
+
+»Gott geb's!«
+
+»Was geschieht dann weiter?« prüfte der kluge Petka die Großmutter.
+
+»Dann setzt sie sich hin.«
+
+»Wie setzt sie sich hin, Großmutter?«
+
+»Auf das Ei setzt sie sich, Petuschok. So macht sie das.« Großmutter
+kauerte hin wie die Truthenne. »Einundzwanzig Tage, das sind genau drei
+Wochen, sitzt sie darauf; nur wenn sie fressen muß, steht sie auf und das
+auch nur jeden zweiten oder dritten Tag. Und dann kommt ein Truthähnchen
+heraus.«
+
+»Großmutter, wo werden wir das Hähnchen hintun?«
+
+»Es wird bei uns wohnen.«
+
+»Großmutter, wir werden es in einen Käfig tun, und es wird wie eine
+Nachtigall singen, ja, Großmutter?«
+
+»Ja, Petuschok, es wird ein kleines Hähnchen sein, ganz gelb, mit einem
+Schöpfchen.«
+
+»Großmutter, wir werden uns einen Luftballon machen und fliegen. Ja,
+Großmutter?«
+
+»Was fällt dir ein, Petuschok!«
+
+»Wir werden fliegen, Großmutter, wir werden mit dem Hähnchen in dem
+Luftballon wohnen. Ja?«
+
+Großmutter schwieg eine lange Weile. Petka glotzte aber über die Großmutter
+hinweg und sah wohl bereits im Geiste den Luftballon, in dem sie wohnen
+würden: er, das Hähnchen und die Großmutter.
+
+»Ich bin damit nicht einverstanden«, sagte die Großmutter. »Ich will hier
+unten sterben, auf dem Luftballon mag ich nicht sterben.«
+
+»Großmutter«, Petka dachte nur an seine Sachen und hörte die Großmutter
+nicht. »Alles kommt doch vom Ei?«
+
+»Möge Gott ihr doch eins schenken!« Großmutter wollte so schrecklich gern,
+daß die Truthenne legte, und sie dachte an das Hähnchen mit derselben
+Sehnsucht wie Petka.
+
+Petka hatte das Geldstück vom Eliastage vergessen und machte der Kuh keine
+Vorwürfe mehr, weil sie es gefressen hatte; er brauchte kein Geldstück
+mehr, er brauchte nur das kalikutische Hähnchen. Aber wo sollte er ein Ei
+hernehmen, wie könnte er es einrichten, daß Gott der Truthenne ein Ei
+schenkt, aus dem alles kommt, aus dem auch ein Truthähnchen kommt?
+
+>Ich könnte ja ein Ei vom Diakon nehmen und es unter die Truthenne legen<,
+überlegte sich Petka. >Der Diakon hat viele Hühner, und seine Hühner legen
+viele Eier . . . Und man braucht ja doch nur ein einziges Ei! Wenn er es
+aber merkt? Seine Eier sind ja alle gezeichnet!< Petka hatte schon in des
+Diakons Kiste hineingeschaut. >Datum und Monat sind auf jedem Ei
+verzeichnet, man wird es merken, und dann stehe ich als Dieb da. Und als
+Dieb werde ich auf den Chitrowka-Markt gehen müssen. Und Großmutter? Wie
+wird sie ohne mich leben?< -- >Ich lebe nur für dich, Petuschok, sonst wäre
+es für mich längst Zeit zu sterben!< -- pflegt Großmutter zu sagen. >Nein,
+vom Diakon will ich nichts nehmen. Aber wie kann ich mir ein Ei
+verschaffen? Ich brauche ja nur ein einziges!<
+
+Ein Zufall kam Petka zu Hilfe. Großmutter wollte einmal ihrem Petuschok
+eine Freude machen und ihn mit Spiegeleiern traktieren. Und sie schickte
+Petka zum Kaufmann, um drei Eier zu kaufen. Petka brachte bloß zwei Eier
+mit: das dritte versteckte er und sagte der Großmutter, er habe es
+zerbrochen.
+
+»Da hast du es, Petuschok: die Kuh hat dir das Geldstück gefressen, und das
+Ei hast du zerbrochen!« Das zerbrochene Ei tat der Großmutter furchtbar
+leid.
+
+Petka hätte wohl sonst die Eierspeise vor Ärger gar nicht angerührt; aber
+jetzt, wo er in seiner Tasche das Ei liegen hatte, aus dem alles kommt, aus
+dem auch ein Hähnchen kommen konnte, machte er sich nicht viel daraus: soll
+nur Großmutter sagen, was sie will. Er verzehrte schnell sein Spiegelei,
+wischte sich nicht einmal den Mund ab und lief in den Schuppen zu der
+Truthenne. Er legte ihr das Ei unter den Schwanz und wartete der Dinge, die
+da kommen sollten. Die Truthenne sah aber gar nicht hin, als wenn da gar
+kein Ei läge, und dachte gar nicht daran, sich draufzusetzen.
+
+Was ist denn das? Und wenn sie sich nicht hinsetzt?
+
+»Setz dich, Truthenne, setz dich, bitte!« Petka kauerte hin, starrte auf
+die rosa Warzen der Truthenne und verharrte so, ohne zu atmen, ohne sich zu
+regen, von dem einen hartnäckigen Gedanken, dem einen heißen Wunsch, der
+einen Bitte beseelt: »Setz dich doch, Truthenne, setz dich, bitte!«
+
+Die Truthenne blies sich auf und setzte sich auf das Ei, ja, ganz genau auf
+das Ei.
+
+Und Petka kauerte noch lange vor ihr, wandte keinen Blick von der
+Truthenne, von dem einen hartnäckigen Gedanken, von dem einen heißen Wunsch
+beseelt . . .
+
+Die Truthenne saß ruhig und fest auf dem Hühnerei.
+
+Petka erhob sich leise, ging aus dem Schuppen und lief von hinten herum zu
+einem Spalt in der Wand. Er blieb am Spalt kleben: die Truthenne saß ruhig
+und fest auf dem Hühnerei.
+
+Sollte er es der Großmutter sagen? Nein, Großmutter wird es schon selber
+sehen. Wie wird sie sich freuen, wenn sie die Truthenne auf dem Ei sitzen
+sieht!
+
+Petka stand den ganzen Tag Wache am Spalt: er paßte auf die Truthenne auf
+und wartete auf die Großmutter. Großmutter kam in den Schuppen, um der
+Truthenne ihr Futter zu geben.
+
+»Gepriesen sei der Schöpfer!« flüsterte die Alte. Sie bekreuzigte sich, sie
+trippelte aufgeregt umher, sie traute ihren Augen nicht, sie konnte es
+einfach nicht begreifen: die Truthenne hatte ein Ei gelegt, die Truthenne
+saß auf einem Ei!
+
+Am Abend nach diesem langen, wundervollen Tage legte sich Petka schlafen,
+auch Großmutter ging zu Bett. Petka drehte sich hin und her und konnte
+nicht einschlafen: er wartete immer, daß Großmutter etwas von der Truthenne
+sagen werde. Auch Großmutter wälzte sich immer von der einen Seite auf die
+andere: sie hatte große Lust, von der Neuigkeit zu sprechen, fürchtete
+aber, das Glück zu berufen.
+
+Lange beherrschte sich die Alte, hielt es aber schließlich doch nicht aus.
+»Petuschok!« rief die Großmutter.
+
+»Großmutter!« Der Schlingel begriff sofort, um was es sich handelte. Er tat
+aber so, als ob er ihr aus dem Schlafe antwortete.
+
+»Du schläfst noch nicht, Petuschok?«
+
+»Was willst du, Großmutter?«
+
+»Der liebe Gott hat uns seine Gnade erwiesen!« Großmutter fing sogar zu
+lachen an und keuchte vor Freude. »Ein Ei! Die Truthenne sitzt . . .«
+
+»Sie sitzt, Großmutter?«
+
+»Ja, Petuschok, sie sitzt . . .« Großmutter sagte es mit schwacher Stimme
+und bekam einen Hustenanfall.
+
+»O Großmutter, wir werden jetzt einen Truthahn haben, ein Hähnchen?«
+
+»Ein Truthähnchen, ein kalikutisches Hähnchen«, flüsterte die Großmutter,
+als ob im kalikutischen Hähnchen das ganze Geheimnis, das ganze Glück von
+ihrem und Petkas Leben läge.
+
+»Wird es bei uns wohnen?«
+
+»Gewiß, Petuschok, wo denn sonst?«
+
+»Wir werden es doch nicht aufessen, Großmutter?«
+
+Großmutter antwortete nicht mehr, Großmutter war schon eingeschlafen,
+beglückt und erfreut durch die göttliche Gnade, durch den Gedanken an das
+kalikutische Hähnchen, das nach einundzwanzig Tagen aus dem Hühnerei kommen
+sollte.
+
+Das Öllämpchen flackerte leise vor den Bildchen und Kreuzchen, vor den
+>Vier Marienfesten<: Maria Schutz und Fürbitte, Aller Leidenden Freude, der
+Muttergottes von Achtyrka und Mariä Erscheinung -- und vor den >Moskauer
+Wundertätern<: Maxim dem Seligen, Wassili dem Seligen und Johannes dem
+Narren in Christo. Die Berge der >Mutter-Einöde< glühten im Lichte der
+Nachtlampen rot und schnitten sich wie mit Flammenzungen in den Moskauer
+Kreml hinein.
+
+»Großmutter, ich werde das Hähnchen lieben!« Petka-Petuschok, Großmutters
+Hähnchen, schlief mit diesen Worten ein.
+
+Jeden Tag, ganz gleich, ob es nötig war oder nicht, schaute Großmutter in
+den Schuppen nach der Truthenne; sie dankte jedesmal Gott für die ihr
+erwiesene Gnade und zählte die Tage. Auch Petka zählte die Tage und war
+nicht weniger aufgeregt als die Großmutter; er ließ seinen Drachen nicht
+mehr steigen, dachte nicht mehr an seine Schlangenklapper und vergaß, daß
+er das Ei selbst unter die Truthenne gelegt hatte: er glaubte an das
+Hühnerei, als ob es ein echtes, von der Truthenne selbst gelegtes Ei wäre.
+Die Truthenne, die sich gegen jede Truthennensitte so unzeitgemäß auf das
+Ei gesetzt hatte, saß auf dem Hühnerei ruhig und fest und dachte gar nicht
+daran, aufzustehen und im Schuppen spazierenzugehen. Kam es daher, daß sie,
+seit sie auf der Welt war, bis in ihr tiefes Alter hinein, noch niemals
+gelegt und keine Ahnung von Eiern, weder von eigenen noch von Hühnereiern
+hatte? Oder daher, daß Petka durch seinen Willen wirkte oder Großmutters
+Gebet Gehör gefunden hatte -- jedenfalls entbrannte in ihr die Brutlust wie
+bei einer richtigen Glucke, und die rosa Warzen auf ihrem Kopfe wurden
+immer blasser.
+
+Und so vergingen zwanzig Tage und ein Tag.
+
+Petka konnte nicht mehr schlafen: »Und wenn kein Hähnchen herauskommt, wenn
+es ein taubes Ei ist?« Wie konnte er auch schlafen? Jeden Morgen, sobald es
+tagte, lief er in den Schuppen, nach der Truthenne zu sehen.
+
+»Petuschok kommt gegangen, hat die Sonne eingefangen!« sang Petka, auf
+einem Beine hüpfend. Draußen im Schuppen und auch in Großmutters Stube
+hauchte er das Hähnchen mit seinem warmen Atem an, als ob im Hähnchen das
+ganze Geheimnis, das ganze Glück von seinem und Großmutters Leben läge.
+
+»Gelobet seist du, Herr! Gepriesen sei dein Langmut!« Großmutter konnte
+sich vor Freude kaum auf den Beinen halten.
+
+
+3
+
+Der Herbst fiel in jenem Jahre trocken und warm aus. Die Sonne schien zwar
+nur wenige Stunden am Tage, befiederte aber doch das kalikutische Hähnchen:
+es wuchs heran, krähte mit heiserer Stimme, tat sehr vornehm, fiel über die
+im Frühjahr zur Welt gekommenen Hähne des Diakons her und raufte mit ihnen
+wie ein richtiger Hahn. Alle Anzeichen sprachen dafür, daß es einen
+spitzen, hellroten Kamm, kräftige Sporen und eine laute Stimme haben würde:
+es war eben ein echtes kalikutisches Hähnchen!
+
+Nicht die Truthenne -- wie sollte sie auch? -- die Truthenne starb langsam
+dahin --, sondern die Großmutter pflegte das Hähnchen, und als die warmen
+Tage von kalten abgelöst wurden, nahm sie es aus dem Schuppen in die Stube.
+Großmutter wird Petkas Glück wohl bewachen, sie wird das Hähnchen
+großziehen, so wie sie Petka großgezogen und sich ihr Glück für ihre alten
+Tage erhalten hat.
+
+Zugleich mit der Kälte und der Oktobernässe brach eine unruhige Zeit an,
+die denkwürdigen Tage der Volksopfer und der Freiheit.
+
+Daß auf den Hauptstraßen das elektrische Licht nicht mehr brannte und ganz
+in der Nähe auf dem Kursker Bahnhof die blank geputzten Lokomotiven
+unbeweglich dastanden und froren; daß die schrecklichen roten Schlote der
+Goujon-Werke in der Pokrowka-Vorstadt nicht mehr qualmten und am Himmel
+hinter dem Androni-Kloster kein Feuerschein bebte -- das alles hätte doch,
+könnte man meinen, auf Großmutter in ihrer Kellerstube nicht den geringsten
+Eindruck machen sollen: Großmutter brauchte kein elektrisches Licht, sie
+ging abends nie aus, beabsichtigte nicht zu verreisen und hatte auch mit
+den Goujon-Werken nicht das geringste zu schaffen. Großmutter wohnte aber
+in ihrem Keller nicht allein: ihre Nachbarn, lauter einfache Arbeiter,
+waren mit einer festen Kette an die roten Schlote der Goujon-Werke wie auch
+an die blanken Kursker Lokomotiven gebunden; der Umstand, daß die Schlote
+nicht mehr qualmten und die Lokomotiven stillstanden, hatte sie aus ihrer
+Arbeitsbahn geschleudert, ihr ganzes arbeitsvolles Leben auf den Kopf
+gestellt, die Erde erschüttert und ihre Tage zu Tagen des jüngsten Gerichts
+gemacht. Das Gefühl, das die Straßen ergriffen hatte und in das Leben und
+die Gedanken des Alltags als ein Weltuntergang eingedrungen war, das sich
+von Vorstadt zu Vorstadt, von Straße zu Straße, von Gäßchen zu Gäßchen, von
+Sackgasse zu Sackgasse, von Fabrik zu Fabrik, von Keller zu Keller als die
+dunkle Vorahnung einer schweren Not fortpflanzte, hatte auch die greise
+Seele der Großmutter an der Schwelle ihres Todes erfaßt.
+
+Der auf dem Chitrowka-Markt fast gänzlich verschollene Neffe der
+Großmutter, der >Räuber<, erschien eines Tages wieder in Großmutters
+Kellerwohnung bei der Kirche des heiligen Nikola Kobylski.
+
+Sein von Rheumatismus gekrümmter Arm, seine Nase, die wie drei Nasen
+übereinander aussah -- (es kam von der Elephantiasis), der schwarze
+abgetragene Überzieher, unter dem er nichts als die ganz zerfetzte,
+ungewaschene, vor Schmutz steife Wäsche hatte -- all das jagte der
+Großmutter Angst und Schrecken ein. Großmutter fürchtete gar nicht, daß er
+von ihr Geld verlangen und ihr das Messer an die Kehle setzen würde: sie
+würde ihm das letzte Geld geben, obwohl sie es gar nicht leicht haben und
+nachher mit Petka viele Tage würde hungern müssen; es überfiel sie die
+schreckliche Vorahnung, daß der Neffe, Petkas Vater, der >Räuber<, ihrem
+Petka etwas antun würde. Was er ihm aber antun würde und was er Petka
+überhaupt antun könnte, darüber vermochte sie sich keine Rechenschaft zu
+geben. Doch in der Tiefe ihrer greisen Seele fühlte sie ganz deutlich, daß
+Petka eine Gefahr drohte, daß das Unglück bereits aus seinem schrecklichen
+knöchernen Reiche herausgekrochen war und immer näher heranrückte, daß es
+schonungslos, unerbittlich und grausam an Petuschoks kindliches, kleines
+Herz heranschlich.
+
+Der Neffe hatte Durst und Hunger. Großmutter richtete für ihn den Samowar.
+Petka kam aus der Schule, und sie setzten sich alle an den Tisch, Tee
+trinken.
+
+Petka hatte von den Pilgern, mit denen er auf seinen Wallfahrten
+zusammengekommen war, viele Heiligengeschichten gehört und wußte, wie die
+Heiligen ihre Kronen erworben hatten: und nun sehnte er sich danach, einmal
+Räuber zu werden, sich eine schwere Sünde auf die Seele zu laden, dann Buße
+zu tun, in ein Kloster zu gehen und in einer Höhle zu leben. Nun saß er
+aber an einem Tisch mit einem Räuber, trank mit ihm aus demselben Samowar
+Tee, und dieser Räuber, Großmutters Neffe, war sein leiblicher Vater. Petka
+wandte keinen Blick vom Vater und starrte seine dreistufige Nase mit
+derselben verzehrenden Neugier an, mit der er einst im Schuppen die rosa
+Warzen der Truthenne betrachtet hatte. Und da er nicht wußte, wie er dem
+Vater gefällig sein und dem Räuber seine Kühnheit zeigen konnte, sprang er
+plötzlich von Stuhl, packte das Hähnchen, das sich unter das Sofa
+verkrochen hatte, an den Flügeln und schleppte es herbei.
+
+»Schau dir das Hähnchen an«, sagte Petka, »ein kalikutisches ist es!«
+
+»Petka und ich haben nur einen Wunsch, daß dem Hähnchen nichts geschieht;
+sonst brauchen wir nichts!« sagte Großmutter, als ob sie sich rechtfertigen
+müsse; ihre Hände zitterten, und ihr Kopf wackelte hin und her.
+
+Der Räuber blinzelte dem Hähnchen zu -- ein feines Hähnchen! Der Räuber aß
+mit großer Hast und entschädigte sich für alle die Hungertage, derentwegen
+ihm der Magen knurrte. Nachdem er Petkas und Großmutters Mittagsessen
+verzehrt hatte, machte er sich über den Tee her. Das heiße Getränk erwärmte
+ihn, machte ihn schlaff und löste ihm die Zunge. Und er begann ganz wirres
+Zeug zu reden, wobei er über Petka und die Großmutter hinwegsah, genauso
+wie Petka über die Großmutter hinweggesehen, als er ihr vom Luftballon
+erzählt hatte, auf dem sie einst wohnen würden: er, das Hähnchen und die
+Großmutter. Aus den Worten des Räubers folgte, daß nun fast alles erlaubt
+sei, daß es keine Gesetze mehr gebe, daß alle Gesetze abgeschafft seien und
+daß heute oder morgen alle Gelder in seine Hände übergehen würden; und da
+würde die blutige Abrechnung beginnen.
+
+»Die gebildeten Schichten . . . Revolution . . .« Der Räuber gebrauchte
+lauter unverständliche und schwierige Worte und machte mit dem Finger die
+Gebärde des Halsabschneidens. »Eine Gräfin werde ich mir zur Frau nehmen!«
+
+Und je wärmer es dem Räuber wurde, um so verworrener und unwahrscheinlicher
+klangen seine Worte. Petka hörte dem Vater mit offenem Munde zu und starrte
+auf seine dreistufige Nase. Großmutter schüttelte den Kopf.
+
+»Petka und ich haben nur den einen Wunsch, daß dem Hähnchen nichts
+geschieht. Sonst brauchen wir nichts«, flüsterte Großmutter, als müßte sie
+Petka und sich rechtfertigen.
+
+Der Räuber trank die letzte Tasse Tee aus und ging mit Großmutters letztem
+Kleingeld in der Hand fort. Großmutter blieb mit Petka und dem
+kalikutischen Hähnchen allein. Sie räumten alles auf, stellten den Samowar
+weg, spülten die Tassen ab und fegten mit einem Flederwisch die Brotkrumen
+in einen Beutel; Petka machte seine Schulaufgaben, dann saßen sie noch eine
+Weile beisammen, gähnten, schwiegen und schlugen so den Abend tot. Nachdem
+sie das Abendgebet gesprochen hatten, sahen sie unter das Sofa nach dem
+Hähnchen: ob es schon schlafe oder nicht. Das Hähnchen schlief schon
+längst. Nun gingen sie selbst auch zu Bett.
+
+Petka wälzte sich hin und her und konnte nicht einschlafen. Auch Großmutter
+drehte sich immer von der einen Seite auf die andere: sie fühlte Unruhe und
+Angst.
+
+»Petuschok!« rief Großmutter, als sie ihre Angst nicht länger bemeistern
+konnte.
+
+Petka warf sich im Bette mit offenen Augen hin und her: er sah sich schon
+als Räuber und baute sich aus den unverständlichen Räuberworten, die er vom
+Vater gehört hatte, Räubertaten und ein Räuberleben auf.
+
+»Petuschok, du, Petuschok!« rief Großmutter noch leiser, noch freundlicher.
+
+»Was ist denn, Großmutter?« Petka sprang auf: es war ihm, als hätte er
+Großmutters Stimme gehört.
+
+»Ich bin es, Petuschok, fürchte dich nicht.« Großmutter konnte vor Angst
+kaum sprechen. »Geh nicht fort, Petuschok . . .«
+
+»Unter die Räuber will ich gehen, Großmutter«, antwortete Petka
+augenblicklich. »Als Räuber will ich leben! Und auch du, Großmutter, sollst
+unter die Räuber gehen . . .«
+
+»Geh nicht fort, Petuschok!« piepste Großmutter so leise, daß Petka sie gar
+nicht hörte. Dann lag sie wie starr in unheimlicher Angst da: jeder Ton,
+jedes Rascheln schien ihr unheilverkündend, das Hundegebell erschreckte
+sie, und es war ihr, als schleiche sich schon jemand an ihre Kellertür
+heran, ein Dieb, ein böser Mensch, um ihr ihren Petka, ihren Petuschok zu
+nehmen.
+
+Petka lag mit offenen Augen da; er war aber nicht mehr Petka, sondern ein
+echter Räuber mit schwarzem, wie beim Morosowschen Kutscher mit Butter
+eingefettetem Haar, mit einer dreistufigen Nase und einem gekrümmten Arm;
+er wird Großmutter und das kalikutische Hähnchen abholen, sie werden zu
+dritt in einem Luftballon nach dem Chitrowka-Markt fliegen und dort als
+Räuber leben; und dann beginnt die blutige Abrechnung.
+
+Das Öllämpchen flackerte leise vor den Bildchen und Kreuzchen, vor den
+>Vier Marienfesten<: Maria Schutz und Fürbitte, Aller Leidenden Freude, der
+Muttergottes von Achtyrka und Mariä Erscheinung -- und vor den >Moskauer
+Wundertätern<: Maxim dem Seligen, Wassili dem Seligen und Johannes dem
+Narren in Christo. Die Berge der >Mutter-Einöde< glühten im Scheine der
+Nachtlampe rot und schnitten sich wie mit Flammenzungen in den Moskauer
+Kreml hinein.
+
+»Ich bin unter die Räuber gegangen, Großmutter«, murmelte Petka im Schlafe.
+
+Der unruhige Herbst war zu Ende, der Winter brach an. Großmutters Unruhe
+hatte sich nicht gelegt, und Petka war nicht mehr zu bändigen: wenn der
+Schlingel das Schlucken bekam, begann er, statt ein Vaterunser zu beten --
+früher betete er in solchen Fällen ein Vaterunser, das wirklich half --,
+ganz sinnlose Abzählreime aufzusagen. Großmutter hatte sich nicht beruhigt,
+in den Straßen war es nicht stiller geworden, der grimmige Frost hatte
+Moskau nicht abgekühlt, und das Leben war nicht zum Alltag mit seiner
+Arbeit und Sorge zurückgekehrt. Auf unbekannten, ungeahnten Wegen nahte und
+rückte an das russische Volk die schwere Not heran, die unbarmherzige,
+unerbittliche, grausame Not; sie trieb es in ferne Länder fort, zu einem
+fremden Volke, und zerstreute es dort in Spott und Schande; sie brachte es
+an die Gestade eines fremden Ozeans und ertränkte es darin, schrecklicher
+als ein Sturm und ein Ungewitter; nun schlich sie dunkel und unersättlich
+aus dem fremden gelben Lande dicht an den Moskwa-Fluß heran und bedrohte
+das Herz unseres unglückseligen, verbitterten Landes. Ob unserer großen
+Sünden wegen, wie Großmutter sagte, oder allen Einfaltigen zur Belehrung,
+wie der barfüßige Mäßigkeitsapostel aus der Teestube an der Sazepa
+behauptete, ob als Strafe für das wahnsinnige Schweigen der ganzen Welt --
+jedenfalls wurde das stumme, sprachlose, noch geschwächte, doch immer und
+immer wieder bestrafte russische Volk, nachdem es drei Plagen überstanden,
+wieder der schweren Not preisgegeben.
+
+Und gleich den feurigen Bergen auf dem Bilde der Moskauer Wundertäter
+schnitten sich auch in Wirklichkeit feurige Berge wie mit Flammenzungen in
+den Moskauer Kreml hinein, und ein rauchender Feuerschein ergoß sich über
+die Stadt.
+
+Am Samstag nach dem Nikolatage setzte sich Großmutter mit Petka um die
+Mittagszeit an den Tisch; sie wollten irgend etwas essen -- in diesen Tagen
+kümmerte sich kein Mensch um die Großmutter, man hatte sie vergessen, und
+die beiden saßen oft wochenlang ohne einen Bissen.
+
+»Großmutter«, Petka sprang auf, »hörst du es?«
+
+Großmutter legte den Löffel weg und knabberte an einer Brotrinde.
+
+»Großmutter . . .« Petka sah zum Klappfenster hinaus.
+
+Großmutter rührte sich nicht. Sie schüttelte den Kopf wie beim Besuch des
+Räubers.
+
+»Großmutter, man schießt!« und mit diesen Worten lief Petka zur Tür hinaus.
+
+Es wurde irgendwo ganz weit auf der Twerskaja geschossen, und das dumpfe
+Dröhnen klang auf dem Semljanoj-Wall wie von unter der Erde. Die
+Fensterscheiben erklirrten.
+
+Großmutter hatte noch nichts gemerkt, Petka hatte es aber sofort gehört.
+Und nun hörte es auch die Großmutter; sie bekreuzigte sich wie bei einem
+Donnerschlag.
+
+Es begann eine unruhige Zeit. Das Unglück stand an jeder Ecke, an jeder
+Straßenkreuzung; es lauerte unersättlich, dunkel, strafend bei Tag und bei
+Nacht, wo viele Menschen versammelt waren und auch, wo es gar keine
+Menschen gab.
+
+Großmutter hatte Angst, Petka von ihrer Seite zu lassen. Wie leicht konnte
+ihm etwas zustoßen: Großmutter sah in den Leuten, die die Fabrikarbeiter
+zum Streik ermunterten, in den Freischärlern, in den Kosaken und Dragonern,
+die die Sadowaja zum Kursker Bahnhof passierten, lauter Räuber. Und es
+wurde immerfort geschossen: irgendwo in Kudrino, und auf der Presnja, und
+gleich in nächster Nähe, auf der Mestschanskaja; in einem fort wurde
+geschossen, und das Gedröhn drang immer lauter in die Kellerstube hinein;
+es klang, als ob man mit Peitschen knallte oder trockene Äste abbräche.
+
+Seit dem Nikolatage konnte Großmutter keine Nacht mehr schlafen: sie paßte
+auf Petka auf, wie sie in den ersten Wochen auf das Hähnchen aufgepaßt und
+wie Petka selbst, am Spalt hinter dem Schuppen lauernd, auf die Truthenne
+mit dem Hühnerei aufgepaßt hatte.
+
+Den Jungen zog es hinaus, er konnte nicht zu Hause bleiben, er konnte nicht
+ruhig sitzen.
+
+Petka lief mit den anderen Jungen nach der Sucharewka fort; Großmutter lief
+hinter ihm her.
+
+Das war einmal eine Zerstreuung für Petka: früher pflegten die Jungen auf
+dem Eise eine Rodelbahn zu bauen: jetzt galt es, die Straße zu versperren.
+
+Petka griff nach einer Telegraphenstange.
+
+»Schlepp sie her!« schrie der Bengel der Großmutter zu.
+
+Was sollte Großmutter machen? Vor Angst zitterten ihr die Hände, wie konnte
+sie überhaupt daran denken, eine Telegraphenstange zu schleppen! Sie konnte
+nicht einmal einen Kienspan halten. Großmutter hob ein Häuflein Späne vom
+Boden auf und trug es hinter den Kindern her. Und sie legte ihr Scherflein
+auf die gemeinsame Barrikade, auf den Haufen des aufgestapelten Krams, zu
+den Kisten, Gittern, Telegraphenstangen und Ladenschildern.
+
+»Bravo, Großmutter!« spotteten die Leute über die Alte; ein Hausmeister mit
+einem Räubergesicht grinste, indem er frierend einen Fuß gegen den andern
+schlug.
+
+»Es ist unserer großen Sünden wegen«, flüsterte Großmutter. Sie war von
+ihrer Arbeit mit den Spänen ganz erschöpft, blieb aber doch nicht hinter
+Petka zurück.
+
+Er war aber ein ganzer Kerl! Er kletterte ganz hinauf, wo die rote Fahne
+wehte, schob sich die Mütze, die Mütze mit dem Lacklederschirm, wie ein
+verwegener Kosak schief aufs Ohr, und die Fahne über ihm leuchtete so rot
+wie ein Kelchtuch.
+
+»Klettere auch du herauf; Großmutter!« rief Petka, der singende Petuschok,
+zu seiner Großmutter hinunter.
+
+Wie konnte sie hinter ihm zurückbleiben? Selbst auf den Sucharewturm würde
+sie hinaufklettern!
+
+Als zur Abendmesse geläutet wurde und zugleich mit dem Glockengeläut die
+unheimliche Kanonade dröhnte, machte Großmutter sich bereit, in die Messe
+zu gehen. Petka war vorausgelaufen und spielte mit den anderen Kindern beim
+Kuhstall des Diakons; sie spielten >Kosaken und Streikende<.
+
+Als Großmutter ihre gesteppte Wattejacke angezogen und den Kopf in ein
+schwarzes Wolltuch gewickelt hatte, sah sie unter das Sofa nach dem
+hungrigen Hähnchen, ob es schon schlafe oder nicht: das Hähnchen schlief.
+Sie brachte das Öllämpchen in Ordnung -- aus der Dämmerung blickten die
+Antlitze der Wundertäter und der Muttergottes sie an --, und es wurde ihr
+plötzlich ganz traurig zumute.
+
+Sie seufzte, weil sie jetzt so dürftig leben mußten: die Feiertage rückten
+heran, und sie hatte nichts, um sie zu begehen! So schwer hatte sie es, und
+es war schon Zeit, daß sie starb; und Petka tat ihr so leid . . . Er war ja
+noch ein kleines Kind! . . . Wenn er doch schon auf eigenen Beinen stünde!
+Aber er war ja noch ein unmündiges Kind.
+
+»Heilige Muttergottes, Allgepriesene, Fürbitterin . . .« Großmutter legte
+die Finger zusammen, um sich zu bekreuzigen.
+
+»Macht schon ein Ende!« sagte jemand hinter der Wand entweder bei den
+Stubenmalern oder bei den Mützenmachern; wahrscheinlich jemand, der
+gekommen war, um die Arbeiter zum Streik zu ermuntern.
+
+Großmutter fuhr zusammen und wandte sich um: in der Tür stand ihr Neffe,
+der Räuber.
+
+»Gib Geld her, Alte!« drang der Räuber auf sie ein.
+
+Großmutter schüttelte den Kopf: »Du kannst mir den Kopf abhacken, aber ich
+habe nichts!«
+
+»Du sagst, du hast nichts?« drang der Räuber auf sie ein.
+
+»Bei Gott . . . nein . . .«
+
+Der Räuber packte die Großmutter am Kragen und stieß sie mit der Nase gegen
+die Kommode.
+
+»Such, sage ich!«
+
+Großmutter tastete unter dem Heiligenschrein herum und reichte dem Räuber
+wortlos -- sie konnte vor Angst die Zunge gar nicht bewegen -- die drei
+Knäuel: den Knäuel Stricke, den Knäuel Bindfaden und den Knäuel bunte
+Schnur, alles, was sie während der vielen Jahre zusammengebracht hatte
+. . . Der Räuber hieb auf die Alte mit der Faust ein, ein Knäuel kam ins
+Rollen, Großmutter kauerte nieder, wie die Truthenne vor Petka, und blieb
+starr am Boden sitzen.
+
+Der Räuber wirtschaftete indessen nach Herzenslust: er stürzte Großmutters
+eisenbeschlagenen eichenen Koffer um, warf die ganze Leichenausstattung
+heraus: das Hemd, das Leichentuch, die Pantoffeln und die Leinwand, riß die
+Tür des Kleiderschranks auf, sah in den Kleiderschrank hinein -- da war
+nichts! und machte sich an die Kommode: er durchstöberte alle Schubladen,
+nahm alles heraus -- aber auch in der Kommode war nichts! Die mittlere
+Schublade ließ sich nicht herausziehen: er arbeitete lange an ihr herum und
+konnte nichts machen . . .
+
+Das rollende Knäuel weckte das Hähnchen; es kam unter dem Sofa hervor,
+schlug mit den Flügeln und krähte mit heiserer Stimme wie um Mitternacht.
+Es krähte zu seinem eigenen Verderben, das kleine gelbe Hähnchen mit dem
+Schöpfchen . . .
+
+Der Räuber fing das Hähnchen ein, drehte ihm den Hals um und schmiß es der
+Großmutter vor die Füße.
+
+»Krepier daran!« Und mit diesen Worten ging er.
+
+Draußen beim Kuhstall war ein Höllenlärm: die Kinder spielten wie
+ausgelassen. Ein Haufen verfolgte den andern. Petka lief mit Geschrei auf
+die Straße hinaus und wollte auf die andere Seite hinüber. Eine Patrouille,
+die von der Sucharewka kam und eben an der Chischinschen Fabrik
+vorüberritt, eröffnete Feuer, um sich den Weg frei zu machen. Petka fiel
+mit der Nase in den Schnee, griff sich an die Mütze und stand nicht mehr
+auf.
+
+Man brachte den bereits erstarrten Petka mit zerrissener Brust und
+durchschossenem Herzen zu Großmutter in den Keller; auch Petkas Mütze mit
+dem Lacklederschirm brachte man mit.
+
+So war also das Unglück gekommen, von daher! Nun galt es, es hinzunehmen.
+
+Großmutter nahm alles hin. So alt sie auch war, lebte sie doch noch in
+ihrer Kellerstube weiter und versäumte keinen einzigen Gottesdienst; und
+wenn es beim Nikola Kobylski eine Leiche gab, so ging sie hin und wohnte
+mit einer Kerze in der Hand der Totenmesse bei. Sie hatte den
+Teeglasuntersatz mit dem Weintraubenmuster und die beiden silbernen Löffel
+ihrem Neffen gegeben; sie hatte es ja für Petka aufbewahrt, und Petka
+brauchte die Sachen nicht mehr! Der Neffe verschwand mit dem Untersatz und
+den Löffeln und kam nie mehr zu Großmutter. Und die Truthenne ging ein.
+
+>Petuschok kommt gegangen, hat die Sonne eingefangen!< Petkas Liedchen geht
+Großmutter oft durch den Kopf; sie denkt oft an ihren Petka, den Petuschok.
+Und sie erzählt so leise, als ob jemand in der Stube schliefe oder krank
+wäre und sie ihn mit ihrer Stimme zu wecken fürchtete, von der Truthenne,
+vom wunderbaren Ei, vom kalikutischen Hähnchen, vom Räuber, und wie sie mit
+Petka an der Sucharewka eine Barrikade gebaut, und wie man ihren Petka ganz
+erstarrt, mit zerrissener Brust und durchschossenem Herzen und auch Petkas
+Mütze mit dem lackledernen Schirm zu ihr in den Keller gebracht hatte.
+
+»Ich ging hin, Väterchen«, erzählte Großmutter leise und immer leiser --
+»um eine Kerze vor der Muttergottes aller Gekränkten anzuzünden: ich wollte
+die Kerze vor das Bild stellen, aber die Hand wollte sich nicht heben
+lassen . . .« Großmutter versuchte, ihre zitternde Hand zu heben, aber die
+Hand sank immer wieder herab: es war die Kränkung, die unverschuldete,
+bittere, tödliche Kränkung, die ihre Hand lähmte und ihre Augen mit
+Bitternis verdunkelte: und die Hand zitterte, sie wollte sich erheben und
+konnte es nicht, und die blauen blutleeren Adern schwollen dick an, und die
+dürren Finger krampften sich fest zusammen: so hatte sie das Lichtlein
+gehalten, das sie vor der Muttergottes aller Gekränkten, der Muttergottes,
+die alle unverschuldeten, bitteren, tödlichen Kränkungen hinnimmt, anzünden
+wollte . . . »Und ich stellte die Kerze hin!« Großmutter schüttelte den
+Kopf und hob die Hand so leicht, wie die Moskauer Wundertäter: Maxim der
+Selige, Wassili der Selige und Johannes der Narr in Christo ihre Hände
+hoben; und ihre Hand zitterte nicht mehr. So hielt sie ihr Lichtlein, ihr
+leuchtendes, unauslöschliches Flämmchen, das in ihrem Herzen den letzten
+Rest der Kränkung verzehrte, den letzten Rest der unverschuldeten,
+bitteren, tödlichen Kränkung. Und ihre Augen leuchteten so still und warm:
+es war der Glaube, der in ihren Augen leuchtete, der feste,
+unerschütterliche Glaube, der das Lichtlein, das heilige Flämmchen durch
+jedes Unglück, durch jede Plage, durch alle Not trug, da ihr schon alles
+genommen war: das kalikutische Hähnchen und Petka, der Petuschok.
+
+
+
+
+Prinzessin Mymra
+
+
+
+1
+
+Schön hat es Atja in Kljutschi gehabt: so schön, daß er, wenn die
+Erinnerung daran auch nur in einem winzigen Stückchen durch sein Gedächtnis
+huscht, sofort alles übrige, alles, was ihn jetzt umgibt, vergißt; der Alte
+Newski, wo er mit seinen Eltern wohnt, das Gymnasium mit den Aufgaben,
+Zensuren und Pausen, alle Lehrer -- vom >Deutschen< Iwan Martynytsch bis
+zum Schönschreiblehrer Iwan Jewsejitsch, alle Schüler der ersten Klasse und
+sogar seine Busenfreunde -- Romaschka und Charpik --, alles versinkt und
+verschwindet, als wäre es nie gewesen, als hätte es überhaupt niemals etwas
+anderes in der Welt gegeben als das Dorf Kljutschi.
+
+»Die Arbeit ist kein Wolf und rennt mir nicht davon«, sagt sich Atja. Er
+legt das verhaßte Lehrbuch weg und gibt sich ganz den Erinnerungen hin.
+
+Oder er erwacht mitten in der Nacht -- es genügt auch das leiseste
+Geräusch: jemand schnarcht in der Küche, oder sein Bett knarrt --, und dann
+ist ihm sofort, als liege er nicht in seinem Bett, sondern auf dem grünen
+Rasen, als sei er nicht in Petersburg, sondern fern von hier, im geliebten
+Kljutschi, wo er aufgewachsen war und bis zu seinem Eintritt ins Gymnasium
+bei seinem Großvater, dem Landgeistlichen P. Anissim, gelebt hatte. Und
+dann liegt er die ganze Nacht da und sucht sich das Rauschen des Windes und
+der Ähren vorzustellen, um endlich wieder einschlafen zu können. Der Schlaf
+will aber nicht kommen. Hätte er nur Flügel oder den fliegenden
+Zauberteppich, so würde er sofort allem ade sagen und nach Kljutschi
+fortfliegen.
+
+Das Kirchdorf liegt auf einer Anhöhe. Unten steht die weiße Kirche. Der
+Kirche gegenüber liegt das Haus des Großvaters mit dem Garten und den
+Bienenstöcken. Gleich hinter dem Zaun fließt der Fluß vorbei. Kossa heißt
+der Fluß. Und hinter dem Flusse sind Felder; auch hinter der Kirche sind
+Felder. Und dann kommt wieder eine Anhöhe, und dann zieht sich viele Werst
+weit ein Wald hin. Es ist ein dichter, nach Honig duftender, noch von
+keiner Axt berührter Wald. Ein Tier kann da noch einigermaßen durchkommen,
+aber der Mensch muß schon gut aufpassen. Die Ameisenhaufen sind hier wie
+Heuschober. Wenn man im Herbst in den Wald geht, um Pfifferlinge oder
+Reizker zu suchen, so zündet man die Ameisenhaufen an: die Wölfe können den
+Ameisengeruch nicht leiden; es ist ein gutes Mittel gegen die Wölfe.
+
+Auf dem weißen Kirchturm wohnen die Schwalben; es sind ihrer unzählige.
+Sobald die Sonne untergegangen ist, beginnen sie herumzujagen und beim
+Fliegen in ihrer Sprache zu reden. Die Schwalben sind alt: jedes Frühjahr
+kommen sie wieder auf den Kirchturm von Kljutschi. Was lockt sie her? Das
+Läuten der ausgeläuteten kleinen Kirchenglocken? Oder hängen sie so am
+alten Großvater? Die Schwalben wissen viel und können sich wohl an vieles
+erinnern: wie der Großvater noch jung war, wie seine Frau starb, wie Atjas
+Mutter zur Welt kam . . . Und jetzt:
+
+»Atja ist wieder da«, rufen die Schwalben. »Wie furchtbar groß ist er über
+den Winter geworden!«
+
+Ziegen und Schafe, Kühe und Kälber, Schweine und Pferde, Gänse und
+Truthühner -- alle wissen sofort, daß Atja wieder da ist. Tiere und Vögel
+sind ja verständig und empfinden mit ihren Haaren und Federn alles.
+
+Von der Bahnstation Medwedki kann man, wenn man schnell fährt, in einem Tag
+nach Kljutschi kommen. Atja setzt sich in den Korbwagen, Fjodor-Kostyl tut
+einen Pfiff und die kräftigen braunen Pferde ziehen an und rasen ohne Weg
+und Steg von Berg zu Berg, von Wald zu Wald, von Dorf zu Dorf, daß man kaum
+Zeit hat, die Tore zu öffnen. Der Staub steigt wie Rauch empor; an den
+Straßen stehen aber statt der langweiligen Werstpfähle Wotjakenmädchen in
+seidengestickten weißen Kleidern und silberverziertem Kopfschmuck.
+Wotjakische Lieder, wild wie das Rauschen des Waldes, tief wie das Tosen
+des Hochwassers, klangvoller als der Gesang des Schilfes und heller als die
+Töne der Schalmei schweben grüßend über den Köpfen dahin; und der Wind, der
+aus den Bergen kommt, singt dazu bald wehmütig und bald lustig. Klinge,
+Glöckchen! Das Glöckchen ist aber schon müde wie die Pferde und kann nur
+noch dumpf bimmeln. Schon ist man an der Mühle vorbeigefahren, der
+Mühlendamm erdröhnt unter den Rädern; da ist der Hegeforst, der heilige
+Hain des Wotjakengottes Keremet. Lebt dieser stolze Gott noch, der trotzige
+Bruder Inmars, des Schöpfers von Himmel, Erde und Sonne? »Er lebt!«
+flüstert der Hain . . . Und da ist schon Schaimy -- der alte wotjakische
+Friedhof. Wenn man im Dorf das Glöckchen hört, rennen alle hinaus: Panja
+und Sascha kommen aus der Küche gestürzt, die Patin, die vor Freude
+plötzlich lahm geworden ist, hinkt Atja entgegen, und das Hündchen Griwna
+beginnt zu winseln. Großvater ist nicht dabei: er ist in der Kirche.
+
+Atja begibt sich sofort zu den Hühnern. Bei den Hühnern wohnt aber ein
+Hase; es ist eigentlich nur ein Kaninchen, aber man nennt es einen Hasen.
+Seht doch nur: sonst fürchtet das Tier alle Menschen, vor Atja aber hat es
+gar keine Scheu.
+
+»Guten Tag, Häschen! Gib schön die Pfote!«
+
+Das Häschen hat ihn schon erkannt und miaut.
+
+Da ist auch schon der Großvater: er konnte es nicht länger aushalten, hat
+die Kirchenbücher liegenlassen und kommt gegangen.
+
+Am frühen Morgen, sobald das Morgenrot sich über Berg und Wald ergießt und
+die Sonne aufsteht, steht auch Atja auf und läuft zum Fluß baden. Und dann
+beginnt sein Arbeitstag: er muß den Dünger hinausfahren. Erst wenn der
+Abend anbricht und die untergehende Sonne der lockigen Linde einen goldenen
+Kranz aufsetzt, geht Atja, über und über mit Ackererde beschmiert, nach
+Hause. Dann sieht er wirklich nett aus! Der Großvater sagt aber:
+
+»Das ist mir ein tüchtiger Landwirt!«
+
+»Zehn Fuhren habe ich hinausgefahren, Großvater!« sagt darauf Atja lachend.
+Wenn Atja lacht, zeigt er seine gesunden, breiten, weißen Zähne, und man
+möchte ihn immer lachen sehen.
+
+Der Alte und der Junge halten treu zusammen: niemals wird sich der eine
+ohne den anderen zu Tisch setzen. Beim Abendtee liest Atja vor, was am
+betreffenden Tage auf dem Abreißkalender steht. Bauernregeln und
+Wetterprophezeiungen; manchmal liest er auch aus einem Buche vor, meistens
+arabische Märchen aus Tausendundeine Nacht. Großvater hört gern zu.
+
+»Da hast du fünf Kopeken für deine Arbeit, aber vernasche sie nicht.«
+
+»Was ich im vorigen Jahr zusammengearbeitet habe, das habe ich alles in
+Petersburg vernascht, Großvater! Ich habe mir für das Geld auch ein
+Nilpferd angesehen«, sagt Atja lachend. Und wenn er lacht, so leuchten
+seine Augen auf wie Glühwürmchen, und allen wird so lustig zumute.
+
+Und so vergeht ein Tag nach dem andern, und die Zeit fließt dahin wie der
+Fluß.
+
+Nun ist auch schon der >Neunte Freitag< angebrochen. Das Volk strömt in
+Scharen herbei. In der Prozession um das Dorf geht Atja mit dem Kreuz
+voran. Hinter den Heiligenbildern kommt das Volk, und hinter dem Volk das
+Vieh: Ziegen, Schafe, Hammel, Kühe und Pferde; sie müssen ja unbedingt
+dabei sein! Auch der Hase nimmt an der Prozession teil; er geht natürlich
+nicht wie eine Kuh auf den eigenen Beinen, sondern wird von der Patin auf
+den Armen getragen: sonst würde er ja gleich in den Wald weglaufen.
+
+Man erwartet den Onkel Arkadi. Man spricht nur von ihm. Die Patin hat ihn
+im Traume gesehen: er kam weiß gekleidet aus der Speisekammer heraus und
+sprang mit einem Satz auf den Dachboden hinauf. Sie traute dem Traum und
+buk zum Tee Pastetchen. Die Pastetchen waren gebuttert und so schmackhaft,
+daß sie von selbst im Munde zerschmolzen. Atja aß auch die Portion des
+Onkels Arkadi auf. Wann kommt er denn endlich? Die Petrifasten stehen vor
+der Tür: da muß man Gründlinge haben. Ach, wenn man doch endlich mit dem
+Angeln beginnen könnte!
+
+Atja ist ein tapferer Junge: er reitet auf jedem Pferd und schwimmt im Fluß
+bei jedem Wetter; aber vor den Leichen hat er Angst. Wenn sie vor der
+Einsegnung unter dem Glockenturm stehen, fürchtet er sich, abends aus dem
+Fenster auf die Kirche zu schauen, und will um nichts in der Welt allein zu
+Bett gehen: er sieht überall Gespenster. Panja oder die Patin oder der alte
+Wotjake Kusmitsch mit der abgehackten Hand müssen ihn auf den Dachboden
+begleiten und ihm vor dem Einschlafen Märchen oder sonst etwas erzählen;
+dann schläft er ruhig ein. Wenn man aber die Toten in die Kirche bringt
+oder den Sarg auf den Friedhof hinausträgt, läuft Atja jedesmal hinaus und
+lauscht dem Trauergeläute. Der Kirchenwächter Kostja schaufelt die Gräber
+und läutet die Glocken. Es sind zehn dumpfe, langsame Glockenschläge; die
+ersten klingen dünn und hoch, die folgenden immer tiefer, trauriger und
+unheimlicher; der zehnte dröhnt aber so, als ob alle Glocken vom Turm
+herabstürzten.
+
+ Heiliger Gott, Heiliger Starker,
+ Heiliger Unsterblicher,
+ Sei uns gnädig!
+
+Atja nimmt an jedem Gottesdienst teil. Er steht im Chor und singt mit, es
+kommt dabei aber nichts Gescheites heraus: er kann sich unmöglich den
+Küstern anpassen; die Küster sind ja einer älter als der andere!
+
+»Mein junger Psalmleser«, sagt Großvater anerkennend, »morgen müssen wir
+nach Polom zu einem Dankgottesdienst.«
+
+Und Atja begleitet seinen Großvater in die Dörfer und Kirchdörfer, hält mit
+ihm Gottesdienste ab und ißt Ochsenfleisch mit Brei. Atja kommt sich selbst
+wie ein echter Hilfsgeistlicher vor; wenn er älter wird, so wird er auch
+Geistlicher sein wie der Großvater; Onkel Arkadi wird ihm nicht mehr das
+Haar scheren dürfen: er wird langes Haar tragen, bis zum Gürtel wird es ihm
+reichen; und er wird es nicht in zwei Zöpfe flechten wie der Großvater,
+sondern in zweiundzwanzig.
+
+Onkel Arkadi! Endlich ist er angekommen und hat eine Menge Netze und Angeln
+mitgebracht; die Angelhaken allein füllten beinahe den großen Reisekorb.
+Atja angelt. Die Fische lassen sich gern von ihm fangen: einmal hat er
+einen so großen Brachsen gefangen, daß keine Pfanne groß genug war, um ihn
+zu braten; man könnte ihn wirklich wieder schwimmen lassen. Und Atja lacht.
+
+An den Abenden gibt es eine neue Zerstreuung: die Dohlen. Die Dohlen haben
+die Angewohnheit, jeden Abend vom Felde in den Garten zu kommen und im
+Gartenhause ihr Nachtquartier aufzuschlagen. Nach ihrem Besuch sieht es
+aber im Gartenhaus gar nicht schön aus. Aber man kann doch nicht wegen der
+Dohlen den Tee im Zimmer trinken! Der Tee will doch mit Behagen getrunken
+werden: man liebt in Kljutschi das Teetrinken über alles, besonders aber im
+Freien. Onkel Arkadi pflegt die Dohlen zu verscheuchen: er schüttelt die
+Bäume und schreit so durchdringend auf, daß nicht nur die Dohlen
+davonfliegen, sondern auch der Zaun wackelt, die Fenster in der Kirche
+klirren und selbst die noch nicht eingesegneten Toten unter dem Glockenturm
+sich irgendwohin verkriechen möchten, zum Beispiel in das alte Badehaus.
+Atja kann es absolut nicht lernen, die Dohlen zu verscheuchen und wie der
+Onkel zu schreien.
+
+»Großvater, die Bienen singen!« meldet Atja.
+
+Nun läßt man alles stehen und liegen; niemand denkt mehr an Essen und
+Trinken. Das ganze Haus ist auf den Beinen. Großvater, Onkel Arkadi, die
+Patin, Panja, Sascha, Kusmitsch und natürlich auch Atja binden sich Siebe
+vor die Gesichter, kauern den ganzen Tag vor dem Bienenstock und warten,
+bis die Königin ausfliegt. Sobald die Königin heraus ist, rennen sie alle
+wie ein Bienenschwarm über Beete und Sträucher, springen über Zäune und
+laufen übers Feld, bis sie sie irgendwo im Walde einfangen. Gott sei Dank,
+nun wird es einen neuen Bienenstock geben, und der Honig wird über den
+ganzen Winter bis zum Frühjahr reichen.
+
+Das Winterkorn ist reif, der Hafer ist gewachsen. Bald ist das Fest der
+Muttergottes von Kasan. In Kljutschi ist Jahrmarkt. Der >Seher<
+Syssojuschka kommt zu jedem Jahrmarkt ins Dorf Auch viele Gäste kommen. Die
+Patin bäckt einen Fleischkuchen; der ist so gut, daß man für ihn alles
+hingeben möchte. Furchtbar lustig ist es dann! Warum dauert das Fest der
+Muttergottes von Kasan nicht das ganze Jahr?
+
+Auf der Dorfstraße tanzen die Wotjakenmädchen einen Reigen. Sie stellen
+sich im Kreise auf und drehen sich langsam, mit den Absätzen im Takte
+stampfend, zu den eintönigen Klängen der Balalaika. So geht es lange
+langsam im Kreise herum; plötzlich schwingen sie die Arme, flattern wie
+Vögel auf und wechseln die Plätze. Und dann gehen sie wieder lange und
+langsam unermüdlich im Kreise herum; die Silberschnüre an ihrem Kopfputz
+rascheln ohne Wind, ihre Fingerringe funkeln ohne Licht.
+
+Onkel Arkadi nimmt Atja mit, um dem Reigen zuzusehen. Sie stehen abseits
+bei den Burschen. Die Burschen stehen schweigend da und rühren kein Glied.
+Atja ist es etwas unheimlich zumute; bald will er mitten in den Reigen
+hineinspringen, sich mit den Mädchen im Kreise drehen und, wenn sie
+aufflattern, um die Plätze zu wechseln, sich wie ein Vogel in die Luft
+schwingen; bald denkt er wieder an die zehn dumpfen Glockenschläge, und da
+krampft sich sein Herz zusammen: sind es nicht die Toten, die aus der
+Kirche gekommen sind und sich hier im Reigen drehen? Dunkle Nebel
+umschweben sie, und am Himmel leuchten blasse Sterne.
+
+»Die Toten geben den Neugeborenen die Seele«, sagt Kusmitsch.
+
+>Wenn man doch einmal zusehen könnte, wie sie das machen<, denkt sich Atja.
+
+Kusmitsch ist sein Freund. Kusmitsch hat sich einmal mit dem Beil die Hand
+abgehackt; ohne Hand kann man doch nicht arbeiten! Also lebt er schon seit
+vielen Jahren beim Großvater als eine Art Kirchenwächter. Atja erfuhr von
+ihm manches Wunderbare; mit vielen Wundern ist er aber selbst im Walde
+zusammengetroffen.
+
+Einmal begegnete er im Dickicht dem Waldgott Poljeß. Poljeß liebt es, die
+Leute zu erschrecken, die zu ihm in den Wald kommen. Es war aber um die
+Mittagszeit, und in dieser Stunde kommt doch niemand in den Wald! Poljeß
+trieb sich darum ohne Beschäftigung umher; er ist ganz mager, kaum größer
+als ein Topf, hat nur einen Arm, ein Bein und ein Auge; doch Mund und Nase
+sind wie bei Atja. Viel schrecklicher war aber eine andere Begegnung: unter
+einer alten Tanne schnarchte im nassen Moose der schreckliche Kus-Pine; er
+hatte furchtbar lange Zähne, und vor seinen Füßen lag ein Haufen abgenagter
+weißer Menschenknochen. Atja warf nur einen einzigen Blick auf ihn und lief
+schnell davon: mit dem ist nicht zu spaßen, der frißt einen im Nu auf! Und
+wie er einmal Erdbeeren suchte, kam aus dem Graben der Geist Iskal-Pydo
+heraus. Der ist harmlos: er sieht ganz wie Kusmitsch aus und trägt auf der
+Schulter einen dicken Knüppel; er hat aber Kuhfüße: zottig und mit Hufen.
+Atja gab ihm von seinen Erdbeeren. Iskal-Pydo aß auch wirklich davon.
+
+Doch den Waldteufel und den Wassergott hat er noch niemals gesehen; er weiß
+aber ganz genau, wo der Wassergott im Flusse seine Wohnung hat; und wenn im
+Frühjahr das Wasser steigt und die Dämme zerreißt, weiß Atja sehr gut, was
+das zu bedeuten hat.
+
+>Wenn ich nur einmal zum Wassergott auf die Hochzeit kommen könnte!< träumt
+Atja. >Die Wasserprinzessin ist so schön, und die Meerprinzessin ist noch
+schöner . . . sie ist wie die Klawdija Gurjanowna . . .<
+
+
+2
+
+Atja bewahrt alle diese Gedanken in seinem Herzen und spricht mit niemand
+davon. Kljutschi ist sein Geheimnis! Selbst seine Busenfreunde Romaschka
+und Charpik sind nur zum Teil eingeweiht; nur Klawdija Gurjanowna allein
+würde er alles enthüllen. Warum gerade ihr, das weiß er selbst nicht. Aber
+sie ist einmal so!
+
+Er fühlt sich immer zu ihr ins Zimmer hingezogen; er liebt es, wenn sie mit
+ihm Tee trinkt, ihm Bonbons und Apfelsinen schenkt und ihn zu lachen
+zwingt; wenn sie ihn auf den Newski in die Läden oder in ein Kino mitnimmt.
+Er weiß, daß sie ganz anders ist als alle, daß man eine zweite Klawdija
+Gurjanowna nirgends findet: das weiße Gesicht ist stark gepudert, das Haar
+fällt in gebrannten Löckchen auf die Stirn herab, die Lippen sind rot
+geschminkt, die Augen schmal wie Ritzen; alles ist an ihr so winzigt, als
+ob sie überhaupt kein Gesicht hätte; ihr Kleid ist vorn ausgeschnitten und
+raschelt so seltsam; auch ihre Stimme klingt ganz eigen; niemand spricht so
+wie sie; er könnte ihr immer zuhören und sie immer anschauen.
+
+Atja kommt oft ohne jeden Grund zu ihr ins Zimmer, steht schweigend da und
+starrt sie an. Wenn sie ihn etwas fragt, so antwortet er so schüchtern und
+kurz; daß sie nichts verstehen kann.
+
+»Ach du dummer, dummer Junge! Lache einmal!« sagt Klawdija Gurjanowna und
+lacht dabei selbst mit seltsam tiefer Stimme. Atja glaubt, das kann kein
+gewöhnliches Lachen sein; niemand sonst lacht so!
+
+Einmal hielt er es nicht aus und sagte:
+
+»Schön war es bei uns in Kljutschi . . . Da müßten Sie auch einmal hin
+. . .«
+
+»Du weißt also, wo sie sind!« rief Klawdija Gurjanowna erfreut. Das war
+aber ein Mißverständnis: >Kljutschi< heißt ja >Schlüssel<, und sie hatte
+gerade an diesem Tage die Schlüssel von ihrem Kleiderschrank verlegt und
+konnte sie unmöglich finden.
+
+>Es ist noch zu früh<, sagte sich Atja, >es ist noch nicht die Zeit . . .
+Ich muß mich zuvor irgendwie auszeichnen, etwas Großes vollbringen, dann
+kann ich alles wagen . . .<
+
+Die Mutter sagte am gleichen Abend:
+
+»Atja, du sollst doch nicht immer bei Klawdija Gurjanowna stecken: das kann
+ihr unangenehm werden, und sie wird ausziehen.«
+
+Da sie eine große Wohnung hatten und Atjas Vater, der Doktor, in diesem
+Jahre wenig verdiente, mußte ein Zimmer vermietet werden. In diesem Zimmer
+eben wohnte Klawdija Gurjanowna.
+
+Ihr Erscheinen brachte neues Leben ins Haus. Alle Gespräche drehten sich um
+sie. Man beschäftigte sich nur mit ihr. Man erwies ihr alle möglichen
+Aufmerksamkeiten. Ihretwegen zog sich Atjas Mutter das Korsett an, während
+sie früher tagelang im Morgenrock umherging. Ihretwegen vermied es der
+Doktor, beim Mittagessen von seinen Operationen zu sprechen. Onkel Arkadi
+besorgte ihr Karten für Theater und Konzerte.
+
+Sooft von ihr gesprochen wurde, spitzte Atja die Ohren und merkte sich
+jedes Wort.
+
+Atja mußte sich jeden Morgen vom Kopf bis zu den Füßen waschen: in der
+Küche wurde ein Waschfaß aufgestellt, Atja zog sich aus und plätscherte im
+Wasser.
+
+»Du bist nicht mehr so klein, daß du nackt umherlaufen kannst«, bemerkte
+einmal die Mutter. »Klawdija Gurjanowna kann dich doch einmal sehen.«
+
+Dies geschah am ersten oder zweiten Tage nach dem Auftauchen der
+geheimnisvollen Dame. Die Worte der Mutter erschienen Atja im ersten
+Augenblick unverständlich; erst später wurde ihm der Sinn dieser Worte klar
+und bestätigte seine eigenen Wahrnehmungen.
+
+>Vor der Köchin Fjokluschka, vor Mama, und in Kljutschi vor der Patin, vor
+Panja und Sascha brauche ich mich nicht zu schämen<, sagte sich Atja, >weil
+sie alle wie die anderen Menschen sind; vor ihr darf ich aber nicht ohne
+Hemd umherlaufen, denn sie ist anders als alle: sie ist einzig!<
+
+Bald erfuhr er von Fjokluschka, daß Klawdija Gurjanowna eine Mätresse, ein
+ausgehaltenes Frauenzimmer, sei. Dieses Wort, das er zum erstenmal im Leben
+hörte, bekam für ihn sofort einen ganz anderen Sinn: es bedeutete in seiner
+Vorstellung nicht mehr und nicht weniger als den Inbegriff aller
+Gescheitheit und allen Reichtums.
+
+>Ausgehalten, Gehalt . . .< kombinierte Atja. >Wenn in meinem Aufsatz kein
+Gehalt ist, so gibt's eine Vier; ist aber im Aufsatz Gehalt, so bekomm ich
+eine Eins. Der Rektor bekommt ein großes Gehalt. Gehalt bedeutet Geld.<
+
+Nicht umsonst wandten sich alle im Hause, wie Atja bald merkte, in
+schwierigen Fällen an Klawdija Gurjanowna, um ihre Meinung zu hören; nicht
+umsonst trug sie eine lange Halskette, die ihr bis zu den Knien reichte,
+und einen weißen Pelz mit schwarzen Schwänzchen, wie ihn die Kaiserin hat.
+
+Der Doktor kam eines Abends sehr spät nach Hause und sprach während des
+Essens kein Wort. Als man aber zum Nachtisch einen Auflauf reichte, der
+gerade an diesem Tag nicht aufgegangen war, sagte er ziemlich gereizt zu
+der Mutter:
+
+»Es paßt mir gar nicht, daß du eine Prostituierte bei uns einquartiert hast
+. . .«
+
+Das war ein schwieriges Wort, und Atja konnte es sich unmöglich erklären,
+sosehr er sich auch den Kopf zerbrach.
+
+>Es ist natürlich lateinisch<, sagte er sich. >Latein kommt erst in der
+zweiten Klasse. Ich will aber nicht bis zum nächsten Jahr warten. Lieber
+werde ich gleich Onkel Arkadi fragen: der versteht lateinisch.<
+
+Als Onkel Arkadi am nächsten Sonntag zu Besuch kam, legte ihm Atja die
+Frage vor.
+
+»Prostituierte«, erklärte Onkel Arkadi, ohne mit der Wimper zu zucken,
+»heißen alle diejenigen, die ein Institut absolviert haben. Ein Institut
+ist aber eine Lehranstalt, wo nur Adlige aufgenommen werden. Dich würde man
+zum Beispiel, da du nur der Sohn eines Arztes bist, um nichts in der Welt
+aufnehmen, wenn du auch aus der Haut fährst.«
+
+Atja fuhr beinahe aus der Haut; doch nicht vor Verzweiflung darüber, daß er
+keine Prostituierte werden konnte, sondern vor Freude; er hatte also doch
+recht: sie war ganz anders als alle Menschen; sie war nicht nur ein
+ausgehaltenes Frauenzimmer, das heißt klug und reich, sondern auch eine
+Prostituierte, das heißt adlig.
+
+>Sie ist eine Fürstin<, sagte er sich. >Und wenn sie in diesem Jahr eine
+Fürstin ist, so wird sie nächstes Jahr eine Großfürstin sein, und in noch
+einem Jahre -- eine Prinzessin.<
+
+»Meine Prinzessin!« flüsterte er vor sich hin, sooft er an der Tür des
+verbotenen Zimmers vorbeiging.
+
+Klawdija Gurjanowna hatte niemals Besuch, außer einem einzigen Herrn, der
+entweder ganz früh am Morgen oder sehr spät am Abend zu ihr kam. Wenn er am
+Abend kam, so blieb er bis tief in die Nacht hinein bei ihr. Er sang, und
+sie begleitete ihn. Alle nannten ihn >den Abgeordneten<.
+
+»Der Abgeordnete ist gekommen«, sagte die Mutter zu Atja. »Mach nicht
+solchen Lärm und zupfe deine Jacke zurecht.«
+
+Wenn der Doktor den Gesang hörte, verzog er das Gesicht:
+
+»Ist das der Abgeordnete, der da singt?«
+
+»Ja, der Abgeordnete«, antwortete die Mutter.
+
+Bald erfuhr Atja, wer dieser Gast war.
+
+Mutter teilte Onkel Arkadi eines Tages die letzte Neuigkeit mit: der Doktor
+habe sich entschlossen, die Zeitung abzubestellen, da zu Klawdija
+Gurjanowna jeden Tag ein Mitglied der Reichsduma käme und sie alles viel
+besser wisse als jede Zeitung.
+
+>Ein ungewöhnlicher Gast!< sagte sich Atja. >Einer aus der Reichsduma! Der
+bedeutet natürlich viel mehr als Iwan Martynytsch und Iwan Jewsejitsch.
+Vielleicht ist er gar so viel wie der >Grieche< Kopossow, der Klassenlehrer
+der dritten Klasse.<
+
+Einmal begegnete Atja dem Gast im Hausgange und verbeugte sich vor ihm wie
+vor dem Schulinspektor. Er stellte fest, daß der Abgeordnete ebenso
+kahlköpfig war wie der Religionslehrer, den die Schüler >den Chinesen<
+nannten, und viel schöner gekleidet als Onkel Arkadi. Onkel Arkadi war zwar
+Schauspieler, hätte aber dem Abgeordneten nicht einmal die Schuhe putzen
+dürfen.
+
+Die Abendstunden verbrachte Klawdija Gurjanowna mit der Mutter im Eßzimmer;
+sie sprachen von allen möglichen Dingen. Atja saß im Nebenzimmer, tat, als
+ob er seine Aufgaben machte, und hörte dem Gespräch zu. Das Gespräch drehte
+sich meistens um den Abgeordneten.
+
+Es stellte sich allmählich heraus, daß er verheiratet war und zwei
+erwachsene Töchter hatte; seine Frau liebte er so sehr, daß er ohne sie gar
+nicht atmen konnte. Die bittere Notwendigkeit zwang ihn aber, fern von ihr
+in Petersburg zu leben; statt sich Briefe zu schreiben, wechselten sie
+tagtäglich Telegramme.
+
+»Als ich ihn kennenlernte«, erzählte einmal Klawdija Gurjanowna, »sagte er
+mir: Meine liebe Klawdija Gurjanowna, ich kann ohne Sie nicht leben;
+bleiben Sie in Petersburg, solange ich Mitglied der Reichsduma bin.«
+
+»Meine Prinzessin«, flüsterte Atja, über dem Lesebuch sitzend, »ich bleibe
+aber ewig bei dir!«
+
+Klawdija Gurjanowna sang meisterhaft. Wenn sie allein in ihrem Zimmer war,
+sang sie oft ein Straßenlied, das man sonst mit Ziehharmonikabegleitung im
+dritten Hinterhof singt. Die Worte handelten von Liebe: er liebte sie, sie
+liebte ihn nicht, dann heiratete sie einen anderen, und die Sache war aus;
+aber er liebte sie noch immer, kann sie nicht vergessen, >irrt wie ein
+Grashalm< unter den Menschen umher und >sieht sie immer und überall vor
+sich< . . .
+
+ O wär diese Nacht
+ Nicht so schwül, nicht so schön,
+ So müßt nicht das Herz
+ Vor Wehmut vergehn . . .
+
+Atja hörte in diesem Liede etwas, was seinen eigenen Gefühlen verwandt war:
+auch seine Prinzessin stand >immer und überall< vor ihm.
+
+Es war ihm, als ob die ganze Welt nur ihretwegen existierte; man durfte
+aber weder laut von ihr sprechen, noch ihren Namen nennen. Alle warteten
+auf sie und bewahrten diese Erwartung wie ein Heiligtum in ihren Seelen.
+Das war der Grund, warum man in Kljutschi, wenn in der Ferne das Glöckchen
+ertönte, vor das Tor hinauslief und mit stockendem Atem auf die Straße
+blickte: ob sie nicht schon käme? Und wenn Großvater in der Kirche die
+Messe las, wenn er die Arme hob und leise über dem Kelch betete, so betete
+er zu ihr. Und wenn die Patin lustig war, wenn ihr alles gut gelang, so kam
+es daher, weil sie von ihr geträumt hatte. Und wenn Sascha und Panja den
+ganzen Tag lachten, ohne selbst zu wissen warum, so hatten sie wohl
+irgendwie erfahren, daß sie nach Kljutschi kommen sollte. Und wenn
+Kusmitsch ein Märchen plötzlich abbrach und sagte, daß er das Ende nicht
+erzählen werde, und über seine Lippen ein Lächeln glitt, so war auch das
+verständlich: das Ende des Märchens handelte von ihr; wie konnte er das
+geheime, unaussprechliche Wort aussprechen? Atja selbst dachte immer nur an
+sie; darum lachte er, darum leuchteten seine Augen . . .
+
+»Atja hat sich in Klawdija Gurjanowna verliebt, ich gratuliere!« scherzte
+die Mutter.
+
+»Folglich bleibt er das zweite Jahr in der ersten Klasse sitzen!« fügte
+Onkel Arkadi kaltblütig hinzu.
+
+»Armes Kind!« jammerte die Köchin Fjokluschka.
+
+»Mich haben alle Kinder lieb!« lachte Klawdija Gurjanowna mit ihrer tiefen
+Stimme.
+
+>Ich muß mich irgendwie auszeichnen, anders geht es nicht<, dachte sich
+Atja. >Ich muß Indien oder das Weiße Meer erobern. Dann gebe ich ihr ein
+Zeichen, sie wird alles erfahren und sich offenbaren . . .
+
+O meine Prinzessin!<
+
+
+3
+
+Die Hoffnung, den nächsten Sommer in Kljutschi zu verbringen, fiel ins
+Wasser. Der Doktor sagte: wenn Atja das zweite Jahr in derselben Klasse
+sitzenbleibe, so sei an Kljutschi gar nicht zu denken; dann blieben alle
+den ganzen Sommer in Petersburg. Das Frühjahr brach aber schon an, das
+letzte Semester ging zu Ende, und Atjas Schicksal mußte sich bald
+entscheiden; und es war klar, daß es sich nicht zu seinen Gunsten
+entscheiden werde.
+
+Während der Schönschreibstunde spielten Charpik und Atja das >Federnspiel<:
+die Schreibfeder wird mit dem Finger emporgeschnellt, und je nachdem sie
+mit dem Rücken oder mit der Wölbung nach oben zu liegen kommt, hat man sie
+gewonnen oder verloren. Als Charpik wieder einmal eine Feder verlor, gab er
+das Spiel auf und sagte:
+
+»Willst du mit mir nach Amerika durchbrennen?«
+
+»Ja«, antwortete Atja.
+
+»Romaschka kommt auch mit.«
+
+»Wie wollen wir das machen?«
+
+»Das weiß ich ganz genau. Wir beide haben uns schon seit Weihnachten den
+Kopf darüber zerbrochen. Wir wollten dir nichts sagen, ehe wir ganz im
+klaren waren . . . Hast du ein Amerika?«
+
+»Papa hat im Sprechzimmer ein Afrika hängen.«
+
+»Mit Afrika können wir nichts anfangen. Ich muß noch Romaschka fragen. Sein
+Vater ist Architekt, also muß er eine Karte von Amerika haben. Wir wollen
+uns eine unbewohnte Insel aussuchen und uns da niederlassen.«
+
+»Wir werden uns auch ein Schloß bauen!« rief Atja aus.
+
+»Ein Schloß oder einen Palast, ganz wie du willst!«
+
+»Und außer uns wird keine Seele dort sein?«
+
+»Niemand, nur die Nilpferde.«
+
+>Nun geht es los<, dachte sich Atja. >Jetzt heißt es handeln. Charpik und
+Romaschka sind so durchtriebene Bestien, daß sie auch ans Ende der Welt den
+Weg finden.<
+
+Am nächsten Tage brachte Romaschka die Karte von Südamerika mit; die Karte
+war unbezeichnet und unvollständig: nur ein Viertelblatt, aber es war
+immerhin Amerika.
+
+Die Stunde, die sie an diesem Tage auf Geheiß des Lehrers für Deutsch Iwan
+Martynytsch für eine Reihe von Streichen nachsitzen mußten, verging mit
+Besprechungen. Charpik und Romaschka nahmen die Oberleitung in die Hand und
+weihten Atja in alle Einzelheiten ihres Planes ein. Dann nahm man ein Blatt
+Papier und begann unbewohnte Inseln zu entwerfen. Schließlich einigte man
+sich auf eine Insel, legte die Karte zusammen und beschloß, am nächsten
+Tage, gleich nach der Schule, aufzubrechen.
+
+»Kommt beide direkt zum Bahnhof und wartet dort auf mich; ich werde Geld
+mitbringen«, sagte Charpik.
+
+»Eigentlich müßte man auch einen Paß haben«, meinte Romaschka.
+
+»Den Paß werde ich beschaffen«, erklärte Atja; es fiel ihm ein, daß Onkel
+Arkadi erst vor kurzem nach Moskau gereist war und aus Versehen den Paß der
+Köchin mitgenommen hatte; mit diesem Paß hatte er eine ganze Woche ohne
+Schwierigkeiten gelebt.
+
+Es war also abgemacht: Charpik bringt das Geld, Atja den Paß und Romaschka
+die Karte.
+
+Wenn es doch schon morgen wäre!
+
+Atja tat die ganze Nacht kein Auge zu. So sehr war er mit seinen Gedanken
+beschäftigt. Er dachte aber nicht an Kljutschi, sondern an Amerika; auf der
+unbewohnten Insel wird er ein Schloß erbauen, wie es noch niemand gehabt
+hat; ein Schloß aus Pfauenfedern mit goldenen und silbernen Treppen, mit
+Fenstern aus Edelsteinen: in einem mit Nilpferden bespannten Wagen wird er
+seine Prinzessin hinbringen; und sie werden da ewig mitten im Meere unter
+der ewigen Sonne zusammenleben. Sie wird Prinzessin Mymra heißen, und die
+Insel, die er ihr schenken wird, soll ihren Namen tragen: Insel der Mymra.
+Dann wird er auch viele andere Inseln und zuletzt alle Länder der Erde für
+sie erobern. Und dann wird sie aus dem Schlosse treten und über die ganze
+Welt leuchten.
+
+Atja, Charpik und Romaschka benahmen sich während der Stunden ziemlich
+anständig und machten keine Dummheiten; sie waren auffallend zerstreut und
+redeten, wenn sie aufgerufen wurden, ganz ungereimtes Zeug. Ein jeder von
+ihnen kriegte einen Vierer. Das war ihnen aber schon ganz gleich.
+
+Als die letzte Stunde vorüber war und Atja mit heller Stimme das
+Schlußgebet vorgesprochen hatte, warf Charpik alle seine Lehrbücher unter
+die Bank und rannte nach Hause.
+
+Charpiks Eltern waren nicht zu Hause: der Vater war auf dem Gericht und die
+Mutter in der Stadt; nur die Köchin Wassilissa war allein da.
+
+»Wassilissa, gib mir bitte drei Rubel«, bat Charpik.
+
+Wassilissa besaß aber eine solche Summe nicht. Charpik stand noch eine
+Weile in der Küche herum und ging dann ins Arbeitszimmer seines Vaters. Er
+brauchte nicht lange zu suchen: unter einer alten Aktentasche lag etwas
+Kleingeld. Charpik zählte nach: es waren genau drei Rubel. Dieses Glück!
+
+»Leb wohl, Wassilissa, wir werden uns nie mehr wiedersehen«, sagte Charpik,
+an der Schwelle stehen bleibend.
+
+»Wo fährst du denn hin?« fragte Wassilissa interessiert.
+
+Der Abschied von Wassilissa stimmte Charpik plötzlich sehr traurig; er war
+schon im Begriff, das Geheimnis auszuplaudern, beherrschte sich aber noch
+zur rechten Zeit.
+
+»Auf den Nikolajewer Bahnhof. Leb wohl!«
+
+Atja und Romaschka trieben sich indessen auf dem Finnländischen Bahnhof
+umher; viele Züge waren schon abgegangen, als Charpik endlich erschien.
+Ohne lange Geschichten zu machen, kauften sie sich Fahrkarten nach Terioki,
+stiegen in den Zug und -- leb wohl, Gymnasium, lebe wohl, Rußland! Sie
+reisten nach Amerika, geradeswegs auf die unbewohnte Insel der Mymra.
+
+Unterwegs war es sehr lustig. Sie sangen die Marseillaise und rauchten. Die
+Landschaft, die sie aus den Kupeefenstern sahen, erschien ihnen als
+Amerika, und alle Fahrgäste als Detektive und Sherlock Holmes.
+
+Vor der Grenzstation Kuokkala holte Atja aus seiner Hosentasche den Paß der
+Köchin Fjokluschka hervor und zeigte ihn stolz den Freunden.
+
+»Jetzt können wir auch zum Teufel fahren: der Paß ist echt«, äußerte sich
+Charpik anerkennend.
+
+»Jeder Detektiv fällt darauf herein«, bestätigte Romaschka.
+
+So kamen sie glücklich in Terioki an.
+
+Sie stiegen aus und begaben sich nach den Sommerhäusern, die um diese
+Jahreszeit noch leer standen. Hier trieben sie sich bis zum späten Abend
+herum und taten alles, was ihnen nur einfiel. Sie kletterten über die
+Dächer, die Treppen und Bäume; Romaschka machte den Vorschlag, ein Bad zu
+nehmen, das scheiterte aber daran, daß sie zu faul waren, sich auszuziehen.
+
+Allmählich wurde es kalt, und die drei Freunde verspürten auch Hunger: sie
+hatten ja nichts zu Mittag gegessen. Also kehrten sie auf den Bahnhof
+zurück und kauften sich ein großes süß-saures Brot, das sie im Nu
+verzehrten. Nun mußten sie auch an ein Nachtquartier denken. Es war zu
+kalt, um auf dem Geleise zu nächtigen, außerdem schneite es. Auf dem
+Bahnhof konnten sie nicht bleiben, da er für die Nacht geschlossen wurde.
+Sie überlegten lange hin und her und entschlossen sich, den Stationsdiener
+zu bitten, in seinem Häuschen übernachten zu dürfen.
+
+Der Stationsdiener war freundlich und ließ sich leicht überreden. Doch ehe
+er sie zu sich hereinließ, mußten sie den Bahnhof aufräumen und die Geleise
+kehren.
+
+Sie räumten den Bahnhof auf und kehrten die Geleise; nachher schliefen sie
+aber so fest, wie sie in ihrem Leben noch niemals geschlafen hatten. Sie
+sahen im Traume allerlei Süßigkeiten: ganze Schachteln voll Schokolade,
+Fruchtpasten und gewöhnliche Bonbons: iß, soviel du willst!
+
+Hätte sie der Stationsdiener nicht geweckt, so hätten sie am Ende auch den
+Tag über durchgeschlafen. »Steht auf, ihr Sünder!« Sie gingen wieder auf
+den Bahnhof kauften sich für das letzte Geld ein neues süßsaures Brot,
+stärkten sich etwas und waren schon im Begriff, sich wie gestern zu den
+Sommerhäusern zu begeben, als plötzlich in der Tür ein Gendarm erschien.
+
+»Wo wollt ihr hin?« fragte er ziemlich ungnädig.
+
+»Wir sind aus der Nasarowschen Villa«, antwortete Romaschka, der den
+letzten Sommer in Terioki verbracht hatte und sich da auskannte.
+
+»Aus der Nasarowschen Villa?« fragte der Gendarm. Dann wechselte er einige
+Worte mit einem Herrn in Zivil, der neben ihm stand, offenbar ein Detektiv,
+und sagte sehr böse:
+
+»Ihr seid verhaftet!«
+
+In diesem Augenblick kam ein Zug, der nach Petersburg weiterging, und die
+drei Reisenden stiegen, in Begleitung des Gendarmen und des Detektivs,
+gesenkten Hauptes ein.
+
+>Was werde ich nun meiner Prinzessin sagen, wie werde ich zu ihr
+zurückkehren? Wo ist mein Indien, mein Weißes Meer und die unbewohnte
+Insel? Wird sie mich noch in Gnaden aufnehmen, oder ist alles verloren?<
+Mit diesen Fragen quälte sich Atja ab, indem er aus dem Fenster auf die
+nasse schwarze Landstraße blickte.
+
+Charpik und Romaschka rückten unruhig hin und her: einen jeden erwartete
+seine Tracht Prügel! Lebe wohl, Amerika!
+
+
+4
+
+Die folgenden Tage gingen entsetzlich langsam hin. Das Wiedersehen auf dem
+Bahnhof war übrigens gar nicht so schrecklich: Atjas Mutter weinte beinahe
+vor Freude; auch im Gymnasium lief die Sache gar nicht schlimm ab: Atja
+wurde sogar zu den Prüfungen zugelassen. Aber welchen Wert hatte für ihn
+noch das Gymnasium? Er hatte ja die Insel nicht erobert! Was konnte er mit
+leeren Händen anfangen? Ist das ein Leben! Klawdija Gurjanowna lachte über
+ihn und nannte ihn nur noch >Amerikaner a. D.<
+
+»Ich muß mir etwas Neues ausdenken«, quälte sich Atja. »Ich muß mir einen
+Finger abhacken und ihn ihr bringen, oder ein Auge ausstechen . . . Soll
+sie es nur fühlen!«
+
+»Der Großvater hat Schuld«, klagte die Mutter dem Doktor. »Ich weiß ja, was
+sie dort in Kljutschi treiben. Der Bengel ist ganz außer Rand und Band und
+will nichts lernen. Bald verliebt er sich in Klawdija Gurjanowna, bald
+phantasiert er von einer Mymra . . .«
+
+Der Doktor vertrat in seiner Praxis die Ansicht, daß jeder Unsinn von
+Magenverstopfung käme, und behandelte daher seine Patienten vorwiegend mit
+einem Gemisch aus Bier und Rizinusöl; auch in Erziehungsfragen war er stets
+für die Anwendung ebenso radikaler Mittel. Er beschloß daher, Atja bei der
+ersten Gelegenheit ordentlich zu verhauen. Die Umstände fügten es aber, daß
+es ihm auf keine Weise gelingen wollte, Atja zu diesem Behufe einzufangen:
+entweder hatte er keine Zeit, oder Atja war gerade im Gymnasium, oder er
+war zwar nicht im Gymnasium, aber nicht aufzufinden: als ob er in die Erde
+versunken wäre.
+
+Eines Morgens sah der Doktor ins Kinderzimmer hinein: Atja saß im Hemd auf
+dem Bett und dachte über etwas nach. Der Doktor schlich mit verhaltenem
+Atem zu ihm hin: nur noch ein Schritt, -- und er wird Atja erwischt und ihn
+so durchgebleut haben, daß er sein Lebtag daran denken wird; der Riemen in
+seiner Hand zittert bereits vor Freude. Atja ist aber nicht so dumm, sich
+gutwillig zu ergeben. Hopp -- die Fersen flimmerten nur so in der Luft!
+Rette sich wer kann! Ohne viel zu überlegen, rannte er wie der Blitz zu
+Klawdija Gurjanowna.
+
+Die Tür war nicht verschlossen. Klawdija Gurjanowna lag noch im Bett. Atja
+kroch zu ihr unter die Bettdecke. Er hörte noch, wie der Doktor eine Weile
+draußen vor der Tür stand und schließlich mit langer Nase abzog.
+
+»Oh, du meine Prinzessin! Du hast mich vom Tode errettet«, flüsterte Atja.
+Ihm war schwindelig vor Glück. »Du wirst mir vergeben: ich bin
+eigenmächtig, ohne eine Insel, ohne irgend etwas zu dir gekommen . . . Du
+wirst mir vergeben . . . Es ist mir noch nicht gelungen, dir ein Königreich
+zu verschaffen; ich werde es aber noch beschaffen: Indien, das Weiße Meer,
+alle Inseln und alle Länder . . . und alles, alles . . .«
+
+Ihm stockte der Atem . . . ihm war, als hätte seine Seele ihre Seele mit
+solcher Gewalt umarmt, daß sein Herz plötzlich herausspringen wollte und
+sein ganzer Körper erbebte: sie war ihm jetzt so nahe, die unzugängliche,
+stolze Prinzessin Mymra.
+
+Klawdija Gurjanowna bedeckte ihr Gesicht, mit der Hand und lachte in sich
+hinein.
+
+»Darf ich?« fragte plötzlich eine Stimme hinter der Tür.
+
+»Sofort!« Sie stieß Atja zurück und wies ihn mit der Hand unter das Bett.
+
+Atja huschte gehorsam unter das Bett und verharrte dort mit angehaltenem
+Atem und geschlossenen Augen: er glaubte, wenn er niemanden sähe, so würde
+auch ihn niemand entdecken. Er kauerte unter dem Bett genauso wie einst in
+Kljutschi im Geflügelstall, als er Gänseeier auszubrüten versucht hatte. Er
+atmete nicht, er sah nichts, er hörte aber alles.
+
+Es war der Abgeordnete. Er entkleidete sich. Er legte den Rock ab, zog dann
+die Schuhe aus. Ein Kragenknopf fiel hinunter, rollte klirrend über den
+Boden und blieb unter dem Bett vor Atjas Füßen liegen. Atja wurde es
+unerträglich heiß: als ob es nicht ein Kragenknopf, sondern eine glühende
+Kohle wäre, die ihn mit fürchterlicher Glut anhauchte. Die beiden sprachen
+miteinander. Es waren ganz gewöhnliche Worte, wie sie von allen und zu
+allen gesprochen werden. Atja überlief es aber beim Zuhören bald heiß und
+bald kalt. Die Worte klangen für ihn wie die gemeinsten Schimpfworte.
+Plötzlich hatte er begriffen, daß sie nicht die einzige, nicht die
+Prinzessin, sondern so wie die andern war, um kein Haar anders. . . Und er
+sah sich in einer Wüste . . . Er drückte sich die Ohren zu, um nichts zu
+hören, hörte aber jedes Wort; es war ihm, als ob man ihn schlüge, wie man
+einmal in Kljutschi einen Dieb, der sich unter das Bett in der Küche
+verkrochen, geschlagen hatte: auf das Gesicht, den Kopf, den Bauch: seine
+Augen blickten schon ganz gläsern, er war halb tot. »Macht doch schon ein
+Ende mit ihm!« -- »Nein«, riefen die andern, »der soll nur warten!« Und man
+ließ ihn für eine Weile los, und schlug ihn dann wieder . . . Atja war es
+plötzlich, als ob man ihm mit dem stumpfen Ende eines Beiles einen Schlag
+auf den Schädel versetzt hätte . . . Alles stürzte zusammen . . . Es war
+wie der Tod . . .
+
+Erst als der Gast das Haus verlassen hatte und Klawdija Gurjanowna sich
+ankleidete, kroch Atja unter dem Bett hervor. Er blickte sie nicht mehr an
+und gab ihr auf die Frage, ob er sie am Nachmittag auf den Newski begleiten
+möchte, keine Antwort.
+
+Ohne Bücher und ohne Frühstück ging Atja ins Gymnasium. Er sah nicht, was
+um ihn her vorging. Er wußte selbst nicht, wie er schließlich doch ins
+Gymnasium kam. Bald nach Beginn der ersten Stunde bat er, austreten zu
+dürfen. Der Lehrer erlaubte es ihm. Er ging aus der Klasse und war nun
+allein in einem leeren Raume; irgendwo tröpfelte Wasser. Und jetzt
+erinnerte er sich an alles: die Erinnerung wälzte sich ihm auf die Seele
+wie ein schwerer Stein! Seine Prinzessin war nicht mehr . . . Tränen
+rollten ihm die Wangen hinab. Atja weinte zum erstenmal in seinem Leben. So
+wird die Erde zum letztenmal weinen, wenn vom Himmel die Sterne stürzen.
+
+ O wär diese Nacht
+ Nicht so schwül, nicht so schön,
+ So müßt nicht das Herz
+ Vor Wehmut vergehn . . .
+
+Das Lied einer Straßensängerin drang von irgendwoher in den Hof des
+Gymnasiums und kam aus dem Hof, zugleich mit der Frühlingsluft, zum Fenster
+herein. Und Atja lächelte unter Tränen.
+
+Wo soll er nun seinen Stern -- seine Prinzessin suchen?
+
+
+
+
+Das Opfer
+
+
+
+1
+
+Jeder, der das alte Suchotinsche Gut >Gottessegen< auch nur einmal besucht
+hat, wird es mit gutem Gewissen loben können. Nicht zum Spott trug es von
+alters her seinen Namen, und einen besseren könnte man, soviel man auch
+klügelte, gar nicht finden: es gab zwar in seinen Gärten keine Weintrauben,
+auch sangen da keine Paradiesvögel, doch der Segen Gottes ruhte sichtbar
+auf dem guten Lande.
+
+Das alte, von Säulen flankierte Herrenhaus, die Ahornallee, der Obstgarten,
+die Wiesen, Felder und Wälder, Vieh und Menschen -- kurz alles, was es in
+Gottessegen gab, rief nicht nur bei den Nachbarn, sondern auch bei jedem
+andern Menschen, der auf der Durchreise geschäftlich oder sonst aus
+irgendeinem Grunde in die Gegend kam, helles Entzücken hervor; selbst bei
+dem blasierten, elegant zurechtgestutzten Petersburger und dem zerzausten,
+verwöhnten Moskauer.
+
+Das Haus war reich, wohl bestellt und in musterhafter Ordnung. Bei Gott --
+da brauchte man keine Biene zu beneiden!
+
+Der Gutsherr Pjotr Nikolajewitsch Suchotin selbst war durch seine Einfälle
+und Witze weit und breit bekannt: wenn er in eine beliebige Gesellschaft
+kam und bloß den Mund öffnete, so verstummte für keinen Augenblick das
+Lachen. Alle lachten mit -- Bekannte und Unbekannte. Ganz ohne Unterschied.
+
+Sonderbar war das Gesicht dieses stark ergrauten, sich immer
+gleichbleibenden Herrn. Die Jahre gingen, er hatte die Vierzig längst
+hinter sich, und doch lag immer der gleiche Ausdruck auf seinen
+unveränderlichen, gleichsam versteinerten Zügen; wenn sich alle in
+Lachkrämpfen wanden, blieb das totenblasse Gesicht des Sonderlings ganz
+regungslos, und niemand sah ihn lachen oder lächeln. Man sah nur
+unheimliche Funken in seinen unbeweglichen, eingefallenen Augen glimmen.
+Wenn er mit seinen Witzen nur so um sich warf, mußte man seltsamerweise
+immer an eine mechanische sprechende Puppe denken, und als jemand einmal
+versuchte, das, was er sprach, aufzuschreiben, da standen auf dem Papier
+ganz gewöhnliche Worte ohne jede komische Wirkung.
+
+Obwohl also sein seltsames Aussehen sowenig zu seinen Scherzen paßte, fiel
+es doch niemandem ein, zu untersuchen, worauf die Wirkung seiner Worte
+beruhte und warum sie überall Lachen und Fröhlichkeit hervorriefen. Es gibt
+aber Menschen, die gern jedem Rätsel auf den Grund kommen -- solche Käuze
+findet man überall --, und diese gaben eine treffende Erklärung: sie
+sprachen von geschicktem Mienenspiel, von fein berechnetem Satzbau, vom
+ungewöhnlich scharfen Blick seiner Augen -- alles war ihnen klar und
+verständlich. Glücklicherweise merkte sich niemand diese abgeschmackten
+Erklärungen. Niemand fragte nach den Gründen, alle kugelten sich vor Lachen
+-- was wollte man noch mehr?
+
+Pjotr Nikolajewitsch bekleidete keinerlei Ämter und zeigte auch gar kein
+Interesse für öffentliche Angelegenheiten. Vor Jahren war er einmal zum
+Adelsmarschall des Bezirks gewählt worden. Man denkt noch heute mit Grauen
+an diese Zeit! Niemand kann zwar behaupten, direkte Unannehmlichkeiten
+während Suchotins Amtstätigkeit gehabt zu haben; im Gegenteil: es war die
+lustigste Zeit, und alle Amtsgeschäfte wurden von ihm in überaus lustige
+Streiche verwandelt; doch im Resultat entstand ein solches Durcheinander,
+es kamen solche Ungereimtheiten und noch Gott weiß was für Dinge an den
+Tag, daß sich niemand mehr auskannte. Jeder, der Pjotr Nikolajewitsch nicht
+genauer kannte, mußte im besten Falle glauben, der Adelsmarschall sei nicht
+bei Trost. Ich glaube sogar, daß in Petersburg -- in einem Salon oder bei
+einem Vortrag beim Minister -- sich jemand gerade in diesem Sinne
+ausgesprochen hat. Zum Glück hatte das keine weiteren Folgen.
+
+Jeder Mensch hat doch seine Eigenheiten; warum sollte da Pjotr
+Nikolajewitsch eine Ausnahme bilden?
+
+Pjotr Nikolajewitsch hatte die Passion, alles zu ordnen und aufzuräumen; er
+machte das auf eine so scharfsinnige Weise, daß es nachher sehr schwer und
+oft sogar ganz unmöglich war, einen von ihm eingeräumten Gegenstand zu
+finden: viele Dinge, und selbst solche, die man dringend brauchte, gingen
+spurlos verloren. Dann liebte er es, die Möbel -- Tische, Stühle und
+Etageren -- umzustellen, Bilder umzuhängen und die Bücher in der Bibliothek
+umzuordnen; damit füllte er gewöhnlich den ganzen Vormittag aus. Beim
+Mittagessen bevorzugte er die süßlichen Fleischspeisen, wie Eingeweide,
+Hirn und Kalbsfüße, und da er im Essen unmäßig war, verdarb er sich oft den
+Magen und klagte über Leibschmerzen. Eine weitere Liebhaberei von ihm war
+das Heizen der Zimmeröfen: es fror ihn beständig, und er ging mit einem
+langen Schürhaken von Ofen zu Ofen und rührte die Glut um. Er liebte es,
+sich mit Dienstboten und Bauern in Gespräche einzulassen; obwohl solche
+Gespräche immer mit der Erörterung ernsthafter Angelegenheiten begannen,
+endeten sie doch immer mit irgendeinem Unsinn, was höchst unerwünschte
+Folgen hatte: nicht nur daß die Leute vor Pjotr Nikolajewitsch keinen
+Respekt hatten, sie glaubten -- offen gestanden -- kein Wort von dem, was
+er sagte. Außerdem versprach er ihnen ganz unmögliche Dinge; so schenkte er
+einem jeden etwas von seinem Landbesitz, freilich ein nicht sehr großes
+Stück: nur drei Schritt lang und einen Schritt breit -- so ein närrisches
+Maß hat er sich ausgedacht! Was noch? Ja, er hatte die Leidenschaft,
+eigenhändig Geflügel zu schlachten, und konnte es darin mit jedem
+Küchenmeister aufnehmen: niemals entriß sich ihm ein Huhn mit
+halbdurchgeschnittenem Hals, oder rannte gar ohne Kopf flügelschlagend
+umher, wie es bei minder geschickten Köchen vorkommt. Schließlich sah er
+sich gern Leichen an, und je grauenhafter so ein Toter aussah, je
+fortgeschrittener die Verwesung war, desto mehr Genuß hatte er von dem
+Anblick. Sooft im Dorf jemand starb, mußte es der Dorfpope, P. Iwan, in das
+Herrenhaus melden; sofort wurde der Wagen angespannt, und Pjotr
+Nikolajewitsch ließ alles stehen und liegen und eilte an den Ort oder nach
+dem Hause, wo die Leiche lag.
+
+Suchotins Frau -- Alexandra Pawlowna -- spottete manchmal höchst gutmütig
+über die Liebhabereien ihres verwöhnten Mannes, dem sie übrigens in inniger
+Liebe zugetan war; man hätte auch alle diese Eigenschaften, die schließlich
+Pjotr Nikolajewitschs Privatangelegenheiten waren, kaum beachtet, wenn
+nicht ein unsinniges Gerücht aufgetaucht wäre, das die Ehre und den guten
+Ruf von >Gottessegen< in Frage stellte.
+
+Vor zwei Jahren kam aufs Gut ein alter Freund Pjotr Nikolajewitschs, der
+ihn noch vom Petersburger Lyzeum her kannte und seit jener Zeit nicht mehr
+gesehen hatte. Der Grund des plötzlichen Erscheinens dieses Gastes blieb
+unbekannt; niemand fragte ihn danach, und sein Kammerdiener schwatzte im
+Dienstbotenzimmer höchst verworrenes Zeug darüber: der General sei
+gekommen, um den revoltierenden Bauern Schrecken einzujagen oder auch um
+das ganze Land unter ihnen aufzuteilen. Das ist übrigens gar nicht so
+wichtig; konnte er denn nicht auch aus purer Neugier hergekommen sein?
+
+Der Gast wurde von Alexandra Pawlowna freundlich aufgenommen; sie bedauerte
+sehr, daß nicht die ganze Familie in >Gottessegen< versammelt war -- die
+Kinder waren nämlich verreist -- und daß der Gast sich daher etwas
+langweilen werde. Der General war aber in bester Stimmung; er erzählte viel
+von seinen freundschaftlichen Beziehungen zu Pjotr Nikolajewitsch und
+schien kein Verlangen nach anderer Gesellschaft zu haben. Mit Ungeduld
+erwartete er seinen Freund, der gerade an diesem Tage vom frühen Morgen an
+irgendwo auf dem Dorfe bei einer Leiche steckte und erst gegen Abend nach
+Hause kam. Als die Freunde sich gegenüberstanden, geschah etwas sehr
+Seltsames: der Gast war sichtlich erschüttert, erschrocken und begann am
+ganzen Leibe zu zittern. Hatte er seinen Freund nicht gleich erkannt, oder
+hatte er ihn erkannt, aber eine solche Veränderung an ihm wahrgenommen, daß
+es ihn schwindelte, oder war ihm in seinem Gesicht, in seinem Gang oder in
+seiner Sprache etwas ganz Unerwartetes, Unwahrscheinliches und Unmögliches
+aufgefallen -- das weiß niemand! Der General taumelte einen Schritt zurück,
+warf die Arme empor und fiel in Ohnmacht.
+
+In den folgenden Tagen war der Gast schweigsam und traurig; er schielte
+argwöhnisch nach allen Seiten, sagte zu allem ja und lächelte so
+unglücklich wie einer, der sehr unerwartet in eine ganz gewöhnliche Presse
+hineingeraten ist, wo er jeden Augenblick zu einem Brei zerquetscht werden
+kann. Er blieb noch an die acht Tage in >Gottessegen< und jagte eines
+Morgens ganz plötzlich, ohne Gepäck und nicht ganz angekleidet, auf und
+davon; vor der Abreise war er wie verrückt, murmelte etwas ganz Unsinniges
+vor sich hin und zeigte allen Leuten irgendwelche Schriftstücke, die er
+verkehrt in der Hand hielt. Und bald nach seiner Abreise tauchten alle die
+Gerüchte bei den Nachbarn und in der Stadt auf.
+
+Man erklärte plötzlich, das berühmte Suchotinsche Gut sei gar nicht so
+hervorragend, das Haus sogar etwas schadhaft: der nach dem Brande neu
+errichtete Teil falle von den übrigen ab; auch der Garten sei in keiner
+Weise bemerkenswert: er sei zwar alt und schattig, doch könne man bei einer
+Reise durch Rußland viele solcher Gärten sehen; an den Feldern und Wäldern
+sei zwar nichts auszusetzen, aber sie seien durchaus nicht einzig in ihrer
+Art; und was die Bauern betreffe, so seien sie gar nichts wert: verarmt und
+ohne Landbesitz; einmal seien sie schon ausgewandert, dann wieder
+zurückgekehrt, und wenn sie auch bei den letzten Unruhen das Herrenhaus
+nicht niedergebrannt und den Pferden nicht die Augen ausgestochen hätten,
+wie es beim Nachbar Bessonow geschehen war, so hätten sie doch
+unzweifelhaft die Absicht gehabt, das Haus anzuzünden, alles zu verwüsten
+und sich das Land anzueignen. Und von Pjotr Nikolajewitsch selbst erzählten
+sich die Leute, nach Aufzählung aller seiner Eigenheiten, solch ungereimtes
+Zeug, daß ich mich schäme, es wiederzugeben. Schließlich waren alle darin
+einig, daß man das Haus und die Leute unter allen Umständen meiden müsse:
+der Ort sei unrein.
+
+Einer von den guten Freunden riet Alexandra Pawlowna sogar, sich beim
+Gouverneur zu beschweren. Sie wollte davon aber nichts wissen: an dem
+ganzen Gerede sei kein wahres Wort, und sie wolle nicht noch mehr Staub
+aufwirbeln. Und in der Tat: was so ein argwöhnischer Mensch in seinem
+argwöhnischen Gehirn nicht alles ausdenken kann!
+
+Übrigens hörte das Gerede nach einiger Zeit ganz von selbst auf: die Leute
+sind doch nicht so dumm, wie sie zuweilen scheinen.
+
+Und so blieb alles beim alten: >Gottessegen< ist ein Paradies, die Familie
+Suchotin das Muster einer guten Familie, und Pjotr Nikolajewitsch zwar ein
+Sonderling, doch von seltener Unterhaltungsgabe.
+
+Alexandra Pawlowna war das eigentliche Haupt des Hauses, und ihrer Begabung
+wurde auch der Wohlstand und die musterhafte Ordnung der ganzen Wirtschaft
+von >Gottessegen< zugeschrieben. Sie war ziemlich wortkarg, hatte einen
+festen Willen und verstand, die Leute im Zaume zu halten. Man hatte vor ihr
+Respekt und vertraute ihr blind. Sie hatte früh und aus Liebe geheiratet
+und schenkte in den vier ersten Ehejahren vier Kindern, drei Töchtern und
+einem Sohn, das Leben. Ihr ganzes Leben verging in ununterbrochenen Sorgen
+um die Kinder und um die Wirtschaft, und diese Sorgen wuchsen ihr
+allmählich über den Kopf, je größer die Kinder wurden und je komplizierter
+die Wirtschaft. Sie war aber bereit, jede Last zu tragen, wenn sie damit
+dem Gatten und den Kindern das Leben angenehm machen konnte. Und niemand
+hatte Grund zu klagen: weder der Gatte noch die Kinder.
+
+Jeden Abend saß sie glücklich und freudestrahlend am Klavier. Ihre
+kräftigen Finger griffen sicher in die Tasten, und feierliche Klänge zogen
+durch die hohen Räume.
+
+Wenn irgendein heimatloser Landstreicher zufällig in das erleuchtete
+Fenster geschaut und die zufriedene Frau am Klavier erblickt hätte, wie
+würde er da vor Neid vergehen! Wie würde er sein finsteres Schicksal
+verfluchen! Wie willig würde ein Verirrter ihrer Stimme folgen!
+
+Der Konteradmiral Paleolog, der Taufpate der jüngsten Tochter Sonja, dessen
+Meinung immer für maßgebend galt und in der Stadt wie auch auf allen
+Landsitzen gern zitiert wurde, pflegte Alexandra Pawlowna >eine
+verführerische Brünette< zu nennen. Und er hatte wie immer recht. Wer würde
+glauben, daß diese verführerische Brünette, die das Hauswesen so gut zu
+führen verstand und ein schönes Familienleben lebte, sich einmal für das
+unglücklichste Geschöpf auf Gottes Erde gehalten hatte? Freilich waren
+viele Jahre seitdem vergangen, und jede Erinnerung an jene Zeit war vom
+immerwährenden Glück und Erfolg in allen Dingen vollkommen ausgelöscht. Vor
+fünfzehn Jahren, bald nach Sonjas Geburt, wäre >Gottessegen< um ein Haar
+verlorengegangen: das schöne Haus war beinahe verbrannt und Pjotr
+Nikolajewitsch beinahe in den Flammen umgekommen; Alexandra Pawlowna aber
+rettete alles.
+
+Im Herbst und im Winter, wenn die Kinder fort waren, verbrachte Alexandra
+Pawlowna ihre Tage unter vier Augen mit ihrem Mann; sie sah ihn mit der
+gleichen Liebe und Zärtlichkeit an wie vor zwanzig Jahren, und er erschien
+ihr ebenso verliebt wie damals; in solchen Augenblicken verschwand die
+tiefe Furche, die sonst zwischen ihren Brauen lag. Doch er stand vor ihr,
+ganz ausgetrocknet, lang wie eine Hopfenstange, mit ergrautem Haar und
+totenblassem Gesicht, starrte sie unverwandt an mit seinen unbeweglichen
+Augen und grinste.
+
+»Ich kenne keine Langeweile«, wiederholte er zum tausendsten Mal; »Mir ist
+es immer leicht ums Herz!« Das klang so wie: >Mir ist alles gleich, ich
+brauche nichts!< Sie hörte aber diese unheimlichen Worte nicht; seine
+Stimme klang für sie genau wie damals, als sie seinen ersten Kuß empfing.
+Die Liebe machte sie blind, und sie gab ihm die ganze Leidenschaft einer
+reifen, doch gut aussehenden Frau.
+
+Wie toll hätte der am Fenster lauschende Landstreicher über eine solche
+Szene gelacht! Vielleicht hätte er aber auch keinen Ton von sich gegeben
+und wäre ohnmächtig zusammengebrochen wie jener Gast, der Jugendfreund
+Pjotr Nikolajewitschs.
+
+
+2
+
+Ganz >Gottessegen< rüstete sich zu einem großen Ereignis: gleich nach
+Weihnachten sollte die Hochzeit der ältesten Tochter Lida, die erst im
+vorigen Jahre das Institut verlassen hatte, stattfinden. Der Bräutigam war
+der reiche Großgrundbesitzer Ramejkow.
+
+Die Feier wurde von allen mit großer Spannung erwartet. Man erzählte sich,
+daß das Hochzeitsmahl besonders üppig sein werde und daß Pjotr
+Nikolajewitsch beinahe alle Hühner abgeschlachtet habe. >Gottessegen< bekam
+einen feierlichen Anstrich. Die Gäste kamen schon am frühen Morgen
+zusammen, und Pjotr Nikolajewitsch, der besonders gut aufgelegt war, sorgte
+dafür, daß alle sich vor Lachen wälzten. Alexandra Pawlowna hatte alle
+Vorbereitungen zu treffen und konnte vor Überanstrengung kaum auf den
+Beinen stehen.
+
+Endlich war die ganze Familie versammelt: aus Petersburg kam der älteste
+Sohn Mischa, Student im ersten Semester; aus Kiew die zweite Tochter Sina,
+die dort in einem Institut erzogen wurde; und aus der Kreisstadt -- die
+Gymnasiastin Sonja. Der feierliche Augenblick rückte heran. Die
+Hochzeitsfeier fiel, wie jeder zugeben mußte, ungemein lustig aus. Es gab
+natürlich einige seltsame Zwischenfälle: als Pjotr Nikolajewitsch dem
+jungen Paar vor der Trauung seinen Segen gab und offenbar die Absicht
+hatte, dem Segen einige Ermahnungen für die Ehe folgen zu lassen, platzte
+er, nach einer längeren peinlichen Pause, mit einem einzigen Wort heraus,
+das man unmöglich wiedergeben kann; der junge Ehemann war dadurch so
+frappiert, daß es ihn große Mühe kostete, sich von den Knien zu erheben,
+und alle andern konnten schwer ihr Lachen verbeißen. Während der
+kirchlichen Trauung flüsterte Pjotr Nikolajewitsch dem Geistlichen P. Iwan
+zu, daß er letzte Nacht von Eiern, die in einer Grube lagen, geträumt
+hätte. Der Geistliche kannte natürlich die böse Bedeutung dieses Traumes;
+er kam ihm aber im Augenblick so ungemein komisch vor, daß er mitten im
+Gebet in schallendes Gelächter ausbrach. Der Küster, der das Weihwasserfaß
+hielt, wieherte ganz ungeniert los, und mit ihm lachte das ganze Publikum:
+es war eher eine Narrensposse als eine Trauung.
+
+Die Neuvermählten reisten gleich nach der Tafel nach Moskau ab, die
+Festlichkeiten in >Gottessegen< dauerten aber fort. Die Jugend
+veranstaltete eine Theateraufführung und einen Maskenball. Auf dem Teich
+wurde eine Schlittschuhbahn und ein Eisberg eingerichtet, und die jungen
+Leute wetteiferten im Laufen.
+
+Mischa Suchotin galt als hervorragender Schlittschuhläufer. Er war schlank
+und gelenkig und zeigte im Kunstlauf wahre Wunder. Auch seine Schwester
+Sonja, ein flinkes, lustiges Mädchen, war ungemein geschickt. Hell klang
+ihr Lachen in den sternenklaren Januarnächten über die Eisdecke hin. Es war
+ein Vergnügen zu sehen, wie Bruder und Schwester Arm in Arm den Eisberg
+hinuntersausten. Sina war anders geartet und hatte mehr Ähnlichkeit mit
+Lida: sie war wie diese schweigsam und etwas schüchtern, aber nicht
+temperamentlos.
+
+»Die Kinder sind der Mutter nachgeraten«, sagten alle Onkel und Tanten und
+alle alten Freunde des Hauses, die Alexandra Pawlowna näher kannten.
+
+Der Dreikönigstag rückte heran. Mischas Kollegen und die Freundinnen seiner
+Schwester reisten ab. Auch die Suchotinschen Kinder mußten fort, es gefiel
+ihnen aber auf dem Lande so gut, daß die Abreise immer wieder verschoben
+wurde.
+
+Am Dreikönigsabend liefen Mischa und Sonja zum letztenmal auf die Eisbahn
+hinaus. Es war eine herrliche sternenklare Nacht; die blauen Schneefelder
+glitzerten in zahllosen Funken, und der starke Frost kniff in die Wangen
+und ließ das Eis krachen. Mischa und Sonja flogen über die Eisfläche und
+wollten gar nicht aufhören. Da fiel Mischa plötzlich der ganzen Länge nach
+hin. Sonja glaubte anfangs, es sei nur ein Scherz von ihm. Es war aber doch
+nicht so. Man hob ihn auf, trug ihn nach Hause und ließ Ärzte kommen. In
+drei Stunden war er tot. Der Schmerz war unbeschreiblich.
+
+Am Abend nach der Beerdigung, als es im Hause plötzlich so leer war und
+alle abgespannt und schwermütig herumsaßen und herumirrten, kam plötzlich
+ein dringendes Telegramm von Ramejkow aus Moskau: Alexandra Pawlowna sollte
+sofort hinreisen.
+
+Sie reiste noch in der gleichen Nacht ab.
+
+Sina und Sonja waren in der größten Sorge, Pjotr Nikolajewitsch schien aber
+ganz ruhig, als ob gar nichts vorgefallen wäre. Er änderte auch nichts an
+seiner Lebensweise und seinen Gewohnheiten. Der einzige Unterschied war
+der, daß er in diesen Tagen noch mehr Hühner schlachtete als sonst. Das
+hatte aber einen Grund: Sina, die sich bei Mischas Beerdigung erkältet
+hatte, lag krank zu Bett und brauchte besondere Diät. Und dann noch etwas
+-- das ist aber nur eine seiner Schrullen! --, er ließ zu Mittag die
+riesengroße Ochsenzunge auftragen, die noch vom Hochzeitsmahl
+übriggeblieben war.
+
+Endlich kam aus Moskau die Nachricht: Lida hatte sich erhängt. Groß war der
+Schmerz der Familie.
+
+Nun wurde der zweite Sarg in die Suchotinsche Familiengruft versenkt. Im
+Hause wurde es noch öder und einsamer. Alexandra Pawlowna schlich tagelang
+wie ein Schatten umher.
+
+Sie konnte sich jetzt nicht verzeihen, daß sie ihre Zustimmung zu dieser
+Ehe gegeben hatte: sie hatte ja den Ramejkow als einen leichtsinnigen und
+gemeinen -- ja, ganz gemeinen! -- Menschen gekannt. Warum hatte sie Lida
+nicht gewarnt? Lida hätte doch sicher auf ihre Warnung gehört. Sie hätte
+sie leicht überzeugen können, denn sie kannte so viele häßliche und gemeine
+Geschichten aus Ramejkows Vorleben, über die sogar am Hochzeitstage in
+ihrem Hause getuschelt wurde.
+
+Nun war es zu spät. Gewissensbisse halfen nicht. Alexandra Pawlowna schrie
+beinahe vor Schmerz.
+
+Pjotr Nikolajewitsch war etwas abgespannt, doch wohl kaum aus Schmerz über
+die Verluste. Der Tod der beiden Kinder rief in ihm nur die gleiche Neugier
+hervor wie der Tod jedes andern, ihm gänzlich fremden Menschen. Seine
+Abgespanntheit rührte eher von einer schlaflosen Nacht her. Lidas Leiche
+war in einem geschlossenen Sarge nach >Gottessegen< gebracht worden; Pjotr
+Nikolajewitsch bestand aber darauf, daß der Deckel abgeschraubt wurde. Er
+enthüllte mit eigenen Händen das Gesicht seiner Tochter und stand dann die
+ganze Nacht vor dem Sarge, den Blick unverwandt auf die Tote gerichtet. Nun
+saß er, mit seinem flaschengrünen Schlafrock angetan, in einem Lehnsessel
+und schlummerte.
+
+So verging die Nacht nach Lidas Beerdigung.
+
+In Sinas Zustand trat indessen eine Verschlimmerung ein. Die Ärzte
+konstatierten Typhus. Ganz >Gottessegen< hielt den Atem an und wartete auf
+die Krisis. Und die Krisis kam. Die Ärzte traten zu einem Konsilium
+zusammen und erklärten, daß keine Hoffnung mehr da sei.
+
+Bei den Suchotins herrschte eine strenge Hausordnung, an der die Kinder,
+selbst als sie erwachsen waren und in den Ferien auf Besuch nach Hause
+kamen, noch immer festhielten: Lida mußte ihrem Vater die Zigaretten
+stopfen und Sina die Uhr im Eßzimmer aufziehen. Jetzt stopfte der alte
+Kammerdiener Michej die Zigaretten, und die Uhr im Eßzimmer stand still.
+
+Sina litt sichtlich unter dem Gedanken, daß ihre Krankheit die alte
+Hausordnung störte, und wollte daher ins Krankenhaus gebracht werden; sie
+konnte diesen Wunsch aber nicht mehr aussprechen: sie hatte bereits ihre
+Sprache verloren.
+
+Unter Anspannung ihrer letzten Kräfte bat sie Sonja durch Zeichen um einen
+Bleistift und ein Stück Papier. Als sie den einen Buchstaben >K<
+geschrieben hatte, entfiel der Bleistift ihrer Hand, und sie war tot.
+Wieder war der Schmerz unbeschreiblich.
+
+
+3
+
+Der dritte Sarg wurde aus dem Hause getragen.
+
+Als Alexandra Pawlowna in der Kirche von Sinas Leiche Abschied nahm und zum
+letztenmal ihr demütiges Gesicht mit den stahlblauen Augenlidern und den
+vom Todeskampf verzerrten Lippen sah, fiel ihr plötzlich das alte,
+ängstlich gehütete Geheimnis ein, an das sie in den vielen Jahren des
+Glücks kein einziges Mal gedacht hatte. Und sie weinte bittere Tränen, und
+als sie sich von der Leiche abwandte, war sie plötzlich eine alte, gebückte
+Frau geworden.
+
+»Habe ich denn gewußt, daß ich sie in diesem Alter verlieren werde?« sagte
+sie weinend und kopfschüttelnd vor sich hin.
+
+Doch ihr Gewissen sagte ihr, statt sie zu trösten, daß nur sie allein
+schuld sei und es sonst keinen Schuldigen gäbe. Und unter der Last dieses
+Gedankens fiel sie noch mehr zusammen und wurde noch älter.
+
+Sonja wich nicht von ihrer Seite. Sie versuchte, sie zu trösten, sie weinte
+mit ihr und blickte sie mit großen Augen an -- sie war vor Schreck wie
+gelähmt.
+
+»Mutter, was sprichst du da?« fragte sie und erschrak vor der eigenen
+Stimme.
+
+Und die Mutter erzählte ihr alles.
+
+Vor fünfzehn Jahren, bald nach Sonjas Geburt, war Alexandra Pawlowna einmal
+zu ihrer Mutter auf Besuch gefahren und hatte alle Kinder mitgenommen. Es
+war das erstemal, daß sie >Gottessegen< und ihren Gatten verließ. Und sie
+hatte gleich in der ersten Nacht einen bösen Traum: sie sah ihren Mann in
+einer Kirche hinter den Altar treten. Da wurde ihr ganz bange: ob er nicht
+erkrankt oder gar tot sei? Auch in der nächsten Nacht hatte sie einen bösen
+Traum: daß ihr Trauring entzweigebrochen sei. Sie bekam wieder Angst um
+ihren Mann und beschloß, sofort heimzureisen.
+
+»Während der Heimreise«, erzählte sie Sonja, »betete ich unaufhörlich zu
+Gott: Wenn schon ein Unglück geschehen soll, so laß, o Herr, ein Kind von
+mir sterben, oder zwei Kinder, oder sogar alle drei -- Mischa, Lida und
+Sina --, erhalte aber meinen Mann am Leben! Ich dachte mir: sie sind ja
+noch so klein, ihren Verlust werde ich leichter ertragen als seinen Tod.
+Dich nannte ich aber in meinem Gebete nicht, ich konnte es nicht übers Herz
+bringen . . . Wie ich nach Hause komme, erfahre ich, daß bei uns eine
+Feuersbrunst ausgebrochen war und dein Vater todkrank darniederlag . . . Um
+ein Haar wäre er verbrannt . . . Also hatte der Herr mein Gebet erhört und
+das Haus und den Vater verschont. Ich war ganz glücklich, und wir lebten
+weiter, als ob nichts geschehen wäre . . . Und jetzt . . . Alles kommt von
+meinem Gebet. Wußte ich denn, daß ich sie in diesem Alter verlieren würde?«
+
+Alexandra Pawlowna quälte sich furchtbar und ließ Sonja nicht von ihrer
+Seite.
+
+Auch Pjotr Nikolajewitsch war jetzt zerstreut und unruhig: auch ihn quälte
+wohl ein Gedanke. Er konnte nicht mehr seinen gewohnten Beschäftigungen
+nachgehen. Abends machte er noch den Versuch, den großen Schrank im
+Eßzimmer umzustellen; er rückte ihn von seiner alten Stelle weg, hatte aber
+nicht mehr die Kraft, ihn bis an die neue Stelle zu schieben. So blieb der
+Schrank mitten im Zimmer stehen. Dann griff er nach seinem Schürhaken; doch
+auch mit dem Heizen wollte es heute nicht recht gehen. Von Zeit zu Zeit kam
+er ins Schlafzimmer, setzte sich für einen Augenblick auf den Bettrand und
+ging dann wieder hinaus, seine Frau und Tochter in Verzweiflung
+zurücklassend.
+
+»Alle waren verlorengegangen -- Mischa, Lida, Sina und Sonja, und alle
+haben sich wieder eingefunden, bis auf Sonja . . . Sonja fehlt noch . . .«
+murmelte er leise vor sich hin. Man wußte nicht, an wen er diese Worte
+richtete: an den alten Michej, an den Ofensetzer Kusma oder an die
+Wirtschafterin Darja Iwanowna, die jetzt die Hausfrau vertrat.
+
+Erst am späten Abend beruhigte er sich, ging in sein Zimmer und legte sich
+schlafen. Der Kammerdiener Michej wich keinen Augenblick von seiner Seite.
+
+So unheimlich und öde wurde es im alten Haus, so kalt in allen Winkeln. Wo
+war alles hingekommen -- Friede, Lachen, Glück? Drei Särge -- drei Tode
+ließen das warme Herdfeuer im Hause erkalten.
+
+
+4
+
+Alle diese Ereignisse, die sich innerhalb nur eines Monats abgespielt
+hatten, wurden natürlich in der ganzen Gegend viel besprochen, und das alte
+Gerede lebte wieder auf »Da geht es nicht mit rechten Dingen zu!« --
+erklärte man sofort nicht nur auf dem nahen Gute Kostomarowka und dem etwas
+weiter entfernten Britany, sondern auch in Motowilowka und
+selbstverständlich auch in der Stadt. Was? Wieso? Warum? Und es ging los.
+Die ganze Geschichte von >Gottessegen< und das ganze Leben der Suchotins
+wurden haarklein untersucht und kommentiert, alle Großmütter und Großtanten
+wurden zitiert, und selbst solche Ereignisse, die sich entweder gar nicht,
+oder jedenfalls nicht bei den Suchotins, sondern, sagen wir, bei den
+Muromzews zugetragen hatten, wurden erörtert. Und alle Geschichten, jeder
+Klatsch kam wieder ans Licht: seht nur, meine Herrschaften, urteilt selbst!
+Uns war ja alles schon früher bekannt!
+
+Aus irgendeinem Grunde klammerte man sich an jenen geheimnisvollen General,
+den Jugendfreund Pjotr Nikolajewitschs, der seinerzeit, Gott weiß warum,
+aus >Gottessegen< geflohen war. Und alle waren darin einig, daß der General
+alles wisse und jede Aufklärung geben könne. Wie soll man ihn aber finden?
+Jemand sagte: den Perewerdejew kennt ja ganz Petersburg. Folglich ist er in
+Petersburg? Gewiß! Der Gouverneur fragte also dringend in Petersburg an.
+Die Antwort traf, wie ich glaube, noch am gleichen Tage ein: in Petersburg
+gebe es General, soviel man wolle, und selbst mit solchen Familiennamen,
+die man in Damengesellschaft gar nicht aussprechen könne; ein Perewerdejew
+sei aber unbekannt. Sollte vielleicht ein General Perewersew gemeint sein?
+
+Und während man Nachforschungen nach einem General Perewersew anstellte,
+verrichtete ein eiserner Jemand gelassen und sicher sein sicheres Werk,
+ohne jemandem Rechenschaft darüber abzulegen; ein gnadenloser jemand
+näherte sich in Siebenmeilenstiefeln aus weiter Ferne, um Gericht zu
+halten.
+
+Ohne Alexandra Pawlownas Leitung mußte die Wirtschaft in Unordnung geraten;
+sie spannte ihre letzten Kräfte an, um die alte Ordnung aufrechtzuerhalten
+und für den Mann und die Tochter zu sorgen: für den Mann, dem zuliebe sie
+das große Opfer gebracht hatte, und für die Tochter -- der sie jetzt ihre
+ganze Ruhe zu opfern bereit war.
+
+Hatte sie sich nicht verrechnet, als sie in ihrem Gebet die drei älteren
+Kinder opferte und Sonja vergaß oder vielmehr absichtlich verschwieg? Warum
+verschwieg sie Sonja? Hätte sie das nicht getan, so wären vielleicht alle
+vier verschont geblieben. Und wenn alle vier gestorben wären? Nein, das
+könnte nicht sein: sie hätte ja alles geopfert, und wer alles opfert
+. . . Warum hatte sie dennoch nicht alle geopfert? Diese Frage zermarterte
+ihr Hirn und ließ sie nicht mehr los.
+
+Und wenn jetzt auch Sonja stirbt? Sie sagte ja eben, daß sie alles opfern
+möchte; also auch Sonja? -- diese Frage machte sie erschaudern. Sie war wie
+von Sinnen.
+
+»Sonja, Sonja! Wo bist du?« Jeden Augenblick sah sie sich unruhig nach
+ihrer Tochter um, obwohl diese nicht von ihrer Seite wich.
+
+Zu den quälenden Gewissensbissen und der Sorge um die einzige Tochter
+gesellte sich noch die Sorge um den geliebten Mann, dessen Leben mit dem
+Leben dreier teurer Kinder erkauft war. Pjotr Nikolajewitsch war ganz
+heruntergekommen und verließ sein Zimmer nicht mehr; er konnte nur mit Mühe
+seine Beine schleppen, sein Gesicht war blau angelaufen, seine Haare
+klebten am Schädel, und seine welke, blasse Haut schien ganz lose am Körper
+zu hängen.
+
+In allen Zimmern verbreitete sich plötzlich ein übler, dumpfer Geruch.
+
+Das Haus war alt und beherbergte eine Menge Ratten, -- ganze Generationen
+hausten unter den Dielen. Es kam vor, daß irgendeine uralte Ratte
+verendete; der unerträgliche Geruch rührte wohl von einer solchen toten
+Ratte her. Zu einer andern Zeit hätte Pjotr Nikolajewitsch sicher die
+Stelle gefunden, man hätte ein Dielenbrett aufgebrochen und den Kadaver
+entfernt; er kümmerte sich aber nicht mehr darum.
+
+Allen, die jetzt noch nach >Gottessegen< kamen, war es klar, daß es
+unmöglich so weitergehen könne, daß früher oder später irgendein Ende, ganz
+gleich was für eines, kommen müsse. Und alle warteten gespannt auf das
+Ende. Drei Tage und drei Nächte wollte man noch warten. Zwei Tage und zwei
+Nächte waren aber schon abgelaufen.
+
+Am Samstag wurde im Hause eine Abendmesse gelesen. P. Iwan sparte nicht mit
+dem Weihrauch, und alle gingen mit Kopfschmerzen zu Bett.
+
+»Nachts ließ mich der gnädige Herr kommen«, berichtete später der alte
+Michej, »und sagte mir: >Lieber Michej, hole mir bitte gleich einen jungen
+Hahn um Christi willen! Ich werde dir diesen Dienst nie vergessen!< --
+>Gnädiger Herr<, sage ich ihm, >was wollen Sie mit dem Hahn um diese
+Stunde? Es ist ja Nacht!< Er sagt darauf nichts, blinzelt mir nur so mit
+einem Auge zu, als ob er sagen wollte: Rate mal selbst, wozu ich ihn
+brauche! -- Ich ging in den Hühnerstall, suchte einen recht schönen, fetten
+Hahn aus und brachte ihn ihm. Auch ein Messer brachte ich gleich mit. Der
+Herr nahm das Messer und begann den Hahn zu schlachten; er hatte aber nicht
+mehr die Kraft, es ordentlich zu tun, und der Hahn zappelte lange in seinen
+Händen. Endlich war er mit dem Hahn doch fertig geworden, -- eine große
+Blutlache war auf dem Boden, auch er selbst war ganz mit Blut beschmiert.
+Das hatte ihn wohl etwas erleichtert. -- >Weißt du, Michej<, sagte er mir
+dann, >jetzt hätte ich Lust, mir eine Leiche anzusehen!< -- >Gott sei mit
+Ihnen!< sage ich ihm. -- >Wo soll man jetzt eine Leiche hernehmen?< Es
+überläuft mich ganz kalt, und ich sehe, daß auch der Herr nur so mit den
+Zähnen klappert. -- >Und wo ist Sonja?< fragt er noch und sieht mich dabei
+so an . . . Bis an mein Ende werde ich daran denken, wie er mich ansah! --
+>Im Schlafzimmer<, sage ich ihm, >bei der gnädigen Frau.< Da beruhigte er
+sich ein wenig, und ich ging fort und legte mich hin.«
+
+Die Haushälterin Darja Iwanowna erzählte: »Ich erwachte mitten in der Nacht
+und höre einen Kater miauen. Und ich denke mir: >Was mag das für ein Kater
+sein?< Ich rufe ihn an, doch er faucht nur so.«
+
+»Einen Hahn haben wir wirklich krähen hören«, bestätigten die anderen
+Hausbewohner.
+
+Der Hahn brachte Pjotr Nikolajewitsch keine Erleichterung, und es war doch
+so ein prächtiger Hahn gewesen! Seine Kräfte gingen zur Neige, es war ihm,
+als ob er ersticken müßte. Er richtete sich in seinem Bett auf und keuchte:
+
+»Alle waren verlorengegangen -- Mischa, Lida, Sina und Sonja, und alle
+haben sich wieder eingefunden, bis auf Sonja! Sonja fehlt noch!«
+
+Das Verlangen, Sonja sofort zu suchen, trieb ihn aus dem Bett und führte
+ihn aus dem Zimmer. Das Messer noch immer in der Hand haltend, kroch er auf
+allen vieren ins Schlafzimmer seiner Frau.
+
+Die Schlafzimmertür war nur angelehnt. Vor dem Heiligenbild glimmte ein
+Öllämpchen. Sonja schlief bei ihrer Mutter, das Gesicht zur Tür gewandt.
+
+»Mein kleines, liebes Hühnchen!« murmelte Pjotr Nikolajewitsch, an das Bett
+herankriechend.
+
+Sonja schlug die Augen auf und richtete sich auf. Mit Schrecken sah sie den
+zitternden, blutbefleckten Vater und reckte ihren Schwanenhals.
+
+»Du liebes, kleines Hühnchen!« flüsterte er und bemühte sich, vom Boden
+aufzustehen.
+
+Und er richtete sich auf.
+
+Der Schwanenhals reckte sich im Schein des Öllämpchens unter dem blitzenden
+Messer noch mehr. Einen Augenblick noch -- und ein kirschrotes Halsband
+hätte den Schwan erwürgt. Pjotr Nikolajewitsch hatte aber nicht mehr die
+Kraft. Es gab keine Rettung mehr für ihn. Das Messer entglitt seiner Hand
+und fiel zugleich mit der Haut, die sich von seinen Fingern loslöste, zu
+Boden.
+
+Der Alte fuhr zusammen und setzte sich auf den Teppich. Er begann plötzlich
+einzuschrumpfen. Die Nase, der Mund, die Ohren, alles Fleisch sammelte sich
+zu dicken Falten, die sich aufblähten und zerplatzten, und ein dünner,
+klebriger Brei löste sich von den weißen Knochen und floß zu Boden.
+
+Das Licht des Lämpchens fiel auf einen ganz nackten, blinden Totenkopf; er
+war weiß wie Zucker und schien zu grinsen. Im gleichen Augenblick wurde die
+Tür von einem Flammenmeer aufgerissen. Die Flamme warf der Mutter, der
+besinnungslosen Tochter und dem Totenkopf einen stechenden Blick zu, reckte
+sich zur Zimmerdecke empor und flog als roter Hahn knisternd durch die
+Räume.
+
+Das Haus stand in Flammen.
+
+
+
+
+Der den Teufel rief
+
+
+
+1
+
+Das alte Wersenewsche Haus ist in aller Munde. In Krutowrag ist es nicht
+geheuer.
+
+Viel Interessantes und natürlich auch viel Gruseliges erzählte man sich
+über das alte Haus.
+
+Sergej Sergejewitsch Wersenew selbst ist allerdings nicht sehr gesprächig:
+auch kümmert er sich wenig um solche Dinge. Aber seine Frau Jelisaweta
+Nikolajewna und die beiden Kinder -- der Gymnasiast Gorik und die
+Gymnasiastin Buba -- lieben es, von den alten Zeiten zu sprechen. Mit Genuß
+sprechen sie davon, wie auch das Hausgesinde, die alte Kinderfrau
+Solomowna, der Koch Prokofi Konstantinowitsch und der Lakai Sinowi, in der
+Küche beim Teetrinken gern über die gleichen Dinge sprechen; doch im
+Flüsterton!
+
+Im Garten, am Sandhügel, den noch in den Tagen der Leibeigenschaft Kinder
+und Greise aufgeschüttet hatten, zeigte man einen kleinen schlammigen
+Weiher, der selbst beim stärksten Frost nur am Rande, um die kalte Quelle
+herum, die in seiner Mitte sprudelte, zufror und, wie es hieß, gar keinen
+Grund hatte.
+
+Jede Nacht kam aus dem Weiher eine Troika heraus; sie fuhr lautlos durch
+die Lindenallee und hielt vor der Veranda des Herrenhauses; ein uralter
+Greis, Wersenews Großvater, sprang aus dem Wagen, ging auf die Veranda
+hinauf, spazierte dort auf und ab und roch an den Blumen; dann begab er
+sich in den großen Saal, stieg in den Keller hinab und kehrte schließlich
+mit seiner Troika in den grundlosen Weiher zurück.
+
+Unter dem Hause befanden sich zwei sehenswerte gewölbte Keller: ein großer,
+der jetzt leer war, und ein kleiner, der als Weinkeller benutzt wurde. Aus
+dem leeren Keller, wo man vor Zeiten die Leibeigenen, die sich etwas
+zuschulden hatten kommen lassen, zu züchtigen pflegte, hörte man nachts ein
+Stöhnen; und im kleinen Keller, wo einst die Wersenewschen Schätze verwahrt
+wurden, klirrte es oft, wie wenn jemand Dukaten zählte.
+
+Einen neuen Gast pflegte man vor allen Dingen in das Eckzimmer im
+Obergeschoß zu führen, aus dessen Fenster man die Landstraße sehen konnte.
+In diesem Zimmer standen mit altmodischen Kleidern und merkwürdigem
+Schuhwerk angefüllte Schränke: es war Großmutters Garderobe.
+
+Man erzählte sich, daß Sergej Sergejewitschs Mutter, Fedossja Alexejewna,
+von ihrem Mann in Krutowrag verlassen, Tag und Nacht vor diesem Fenster
+gesessen habe; sie sei auch, so vor dem Fenster sitzend und auf die Straße
+schauend, gestorben.
+
+Sehr traurig war es in diesem hellen, traurigen Zimmer und sehr unheimlich;
+viel unheimlicher und öder als im großen Keller, an dessen Wänden man noch
+die braunen Blutspritzer sehen konnte. Das Zimmer, das an Fedossja
+Alexejewnas Zimmer anstieß, war unbewohnt; man bewahrte die alten
+Spielsachen der Kinder dort auf.
+
+Durch eine Galerie, die das Haus in zwei Hälften teilte, gelangte man in
+das geräumige Vestibül im Erdgeschoß und von da aus in einen großen Saal
+mit zwei übereinanderliegenden Reihen Fenster; zwischen den Fenstern, die
+auf die Veranda hinausgingen, standen schmale Spiegel.
+
+In ihnen spiegelte sich der Kronleuchter, und sie begleiteten jeden, der
+vorbeiging, mit ihrem schweren Spiegelblick.
+
+Rechts folgten die innern Wohnräume, an die sich eine in späterer Zeit
+angebaute Küche anschloß, und links -- die Paradezimmer.
+
+Im Salon standen unter den Familienbildnissen L'hombretische, die schon
+manches wahnwitzige Hasardspiel gesehen hatten.
+
+Hier erschien jede Nacht, so berichteten die Augenzeugen, Sergej
+Sergejewitschs Vater, Sergej Petrowitsch, ein leidenschaftlicher Spieler,
+der im Auslande das ganze Riesenvermögen seiner von ihm verlassenen Frau
+verspielt hatte; er ging von Tisch zu Tisch, klappte sie auf und stöberte
+unter dem Tuch herum, als hoffe er, noch einen vergessenen Dukaten zu
+finden.
+
+Aus dem Salon führte man den Gast in die Bibliothek und ins Arbeitszimmer.
+
+Hier in diesem Arbeitszimmer, in die Ecke neben dem Schrank mit dem dunklen
+astronomischen Globus gekauert, war Sergej Petrowitsch gestorben; vor
+seinem Tode soll er _echte Teufel_, das heißt Teufel ohne Schweif und
+Hörner, gesehen haben.
+
+Obwohl niemand außer Sergej Sergejewitsch etwas Sicheres darüber wissen
+konnte -- der Vater ließ in seiner Sterbestunde nur ihn allein zu sich
+kommen --, konnte man die Geschichte von den echten Teufeln ohne Schweif
+und Hörner in ganz Krutowrag hören, in allen Winkeln und von allen
+Kreaturen: von dem alten tauben Gemüsegärtner Gordej bis zu der
+allmächtigen Näherin Anna Fjodorowna Raphael. Der selige Sergej Petrowitsch
+pflegte nämlich alle einfachen Leute ohne Ausnahme Kreaturen zu nennen.
+
+Nachdem der Gast die Paradezimmer, die zu beiden Seiten eines dunklen
+Korridors gelegenen Wohnräume in der rechten Hälfte des Hauses und die
+beiden Keller besichtigt hatte, führte man ihn in das Speisezimmer, wo vor
+verhältnismäßig kurzer Zeit der Wein in Strömen floß; zu der gleichen Zeit,
+als im Salon klirrendes Gold mit beiden Händen ausgestreut wurde.
+
+Im länglichen niedern Speisezimmer fanden die Wersenewschen Gespräche und
+überhaupt alle Erinnerungen ihren Abschluß.
+
+Noch manches andere Interessante und natürlich auch Gruselige erzählte man
+sich über das Haus.
+
+Darum brannten in allen Zimmern bis spät in die Nacht hinein Kerzen. Das
+nächtliche Knistern der Parkettböden verbannte aber jeden Schlaf aus dem
+Hause.
+
+Weiße Säulen, schwer und massiv wie Elefantenbeine, stützten das im Winde
+klirrende feste Eisendach. Sie allein schienen Tag und Nacht ruhig zu
+schlafen, ohne sich um all diese Geschichten, um das Grauen, das nachts in
+den Zimmern herrschte, und um die Fledermäuse, die an ihnen klebten wie die
+Fliegen an der Kinderfrau Solomowna, zu kümmern. Die alten Pappeln aber,
+die das Haus überragten, rauschten ständig, ganz gleich ob der Tag
+windstill oder stürmisch war.
+
+ * * *
+
+Die Türen stehen bei den Wersenews immer weit offen: jedermann kann zur
+beliebigen Stunde kommen. Die Wersenews haben ständig Besuch; das ganze
+Jahr ist wie ein Geburtstag.
+
+Verwandte und Bekannte, Nachbarn und Leute aus der Stadt kommen sehr oft
+und sehr gern nach Krutowrag. Sie kommen nicht einzeln und nicht in Paaren,
+sondern mit der ganzen Familie, wie in Großvaters Tagen.
+
+Selbst in Zeiten, wo alle miteinander verzankt waren, verstanden es die
+Wersenews, sich mit allen gut zu vertragen. Sie freuten sich über jeden
+Gast.
+
+Gar lustig ging es in Krutowrag zu!
+
+Warum sollte es dort auch nicht lustig zugehen! Die Nacht mit ihren
+Schmerzen währte ja nicht ewig; es gab ja auch einen Tag! Und was hatte
+auch schließlich so eine Wersenewsche Nacht mit all ihren dummen Ängsten zu
+bedeuten?
+
+Jelisaweta Nikolajewna verstand es meisterhaft, ihren Gästen Unterhaltungen
+und Zerstreuungen zu bieten. Sie war die Anstifterin aller lustigen
+Streiche und ließ auch ihren Kindern darin volle Freiheit.
+
+Gorik und Buba hatten viele Altersgenossen. Man veranstaltete
+Liebhabervorstellungen und lebende Bilder, man spielte Scharaden; immer gab
+es Feuerwerk, Picknicks, Ausflüge zu Wagen und zu Pferde und Bootfahrten.
+
+Wie sollte man sich da fürchten: es war ja zu lustig!
+
+Nur eines fehlte ihnen: ein Aeroplan. Die Wersenews träumten von einem
+Aeroplan mit der gleichen Sehnsucht, mit der die Gymnasiasten der guten
+alten Zeit von Amerika träumten. Hätten sie aber wirklich solch einen
+Aeroplan bekommen, so wäre es wohl um sie geschehen: sie wären dann in
+solche Höhen, in solche Wolkenmeere emporgeflogen, daß ihnen nur das eine
+übriggeblieben wäre: ein Ende mit Schrecken!
+
+Sie betrieben alle Zerstreuungen und Belustigungen mit viel zuviel Eifer
+und Leidenschaft; die Spiele erschienen als wichtige und bedeutsame
+Angelegenheiten, ohne die man gar nicht leben könnte, ohne die nur das eine
+übrigblieb: ein Ende mit Schrecken!
+
+Die Erwachsenen wurden von dieser Lustigkeit angesteckt und waren stets mit
+den Kindern zusammen. Sie ließen ihnen einfach keine Ruhe. Ganze Tage
+gingen im Spiel hin.
+
+Gar lustig ging es in Krutowrag zu!
+
+Alle diese Belustigungen kosteten eine Menge Geld und erforderten große
+Mühe und viele Arbeitshände. Manchmal nahmen sie auch ein schlechtes Ende.
+Aber jede vernünftige Sache kann zu einem schlechten Ende führen!
+
+Der Gärtner Eduard, den man sich nach Krutowrag aus Riga verschrieben
+hatte, ein arbeitsamer, zu philosophischen Betrachtungen neigender und
+kunstfertiger Mann, mußte einen ganzen Sommer lang, statt sein
+Gärtnerhandwerk auszuüben -- die Blumen zu pflegen und Kunstgärtnerei zu
+treiben --, Abend für Abend Raketen steigen lassen. Er erlangte darin eine
+große Fertigkeit, aber die Blumen gingen zugrunde. Und was waren das für
+Blumen!
+
+Es ist noch manches Ähnliche passiert; die Belustigungen kamen gar nicht
+billig zu stehen!
+
+Nur wenige Abende liefen ohne Feuersbrunst ab.
+
+In den letzten Jahren hatte es so oft gebrannt, daß selbst die Sterne, die
+trüben Sterne von Krutowrag, die scheu über dem Wersenewschen Hause
+flimmerten, die emporlodernden Flammen der Feuersbrünste nicht mehr
+fürchteten. Auch in den Nachbardörfern brannte es in einem fort. Das wurde
+aber weniger der Unvorsichtigkeit der Wersenews als Brandstiftungen
+zugeschrieben: es gab ja genug Gesindel in der Gegend und viele reiche
+Besitzungen.
+
+Man könnte doch meinen, die Wersenews müßten etwas vorsichtiger werden! Wie
+leicht konnte ein Unglück passieren! Und doch kannten sie kein größeres
+Vergnügen als Brennen.
+
+Man brannte Raketen und Feuerwerk ab; man legte im Walde Feuer an, um
+Kartoffeln zu braten oder auch ohne jeden Zweck; in Sommernächten brannten
+diese Feuer bis zum Morgengrauen; im Garten gab es immer Feuerwerk oder
+brennende Reisighaufen. Ohne Feuer gab es bei ihnen kein Vergnügen; man
+vergaß viel eher das Abendbrot als irgendeinen qualmenden und über die
+ganze Gegend Funken werfenden >Persischen Blitz<. Den Blitz vergaß man
+niemals!
+
+Die Wersenews brannten, wo man nur brennen konnte, und auch dort, wo man es
+gar nicht durfte. Sie steckten an, was ihnen gerade in die Hände fiel.
+
+Jelisaweta Nikolajewna begnügte sich nicht damit, ihre Kinder zu solchen
+gefährlichen Spielen zu ermuntern: nein, sie erfand selbst neue Variationen
+und war die eigentliche Rädelsführerin. Sie benahm sich bei diesen
+gefährlichen Unternehmungen so kindlich und schelmisch, als ob sie nicht
+Bubas Mutter, sondern ihre Schwester wäre; sie stand ihren Kindern in
+nichts nach und betrieb alles mit dem gleichen verrückten Eifer und
+komischen Ernst wie sie.
+
+Jelisaweta Nikolajewna konnte niemals ruhig auf einem Platze sitzen: im
+Sommer gab es jeden Augenblick Liebhaberaufführungen und Feuerwerk, im
+Winter Abendunterhaltungen und Besuche bei den Nachbarn. Sie machte
+überhaupt den Eindruck eines höchst leichtsinnigen Menschen. Wenn man aber
+mit ihr sprach, so konnte man hören, daß sie das alles nur den Kindern
+zuliebe tat; auch das viele Geld reute sie nicht, wenn sie ihnen damit eine
+Freude machen konnte.
+
+Sie sprach von ihren Mutterpflichten mit solcher Überzeugung und zeigte
+darin einen so unerschütterlichen Glauben, daß der sonst allzu auffällige
+schelmische Ausdruck in solchen Momenten spurlos in der Tiefe ihrer
+erschrockenen Augen verschwand.
+
+Die Damen aus der Nachbarschaft, die die erstaunliche Gabe besaßen, jeden
+Unsinn mit den unsinnigsten Einzelheiten aufzustöbern und zu verbreiten und
+so flink wie die Flöhe in die verborgensten Winkel einzudringen, selbst die
+bedeutendsten Spezialistinnen auf dem Gebiete des Klatsches und der
+Intrige, wußten mit ihr nichts anzufangen: man konnte ihr beim besten
+Willen nichts nachweisen und keinen Roman, in dem sie eine handelnde Person
+wäre, konstruieren.
+
+Die Kinder waren von Natur aus schwächlich, sie wären wohl dauernd krank
+gewesen, wenn die Mutter sie nicht immer zu den ausgelassensten Spielen
+angehalten hätte. Sie waren wahre Räuber, die Mutter aber eine noch größere
+Räuberin als sie. Ohne sie würde keine einzige Belustigung zustande kommen
+und kein Feuerwerk brennen; von ihr ging diese ausgelassene Freude aus, und
+ihretwegen wäre man am liebsten immer in Krutowrag geblieben; alles war das
+Werk ihrer Hände, die so klein und flink waren, sich aber auch an ein Ding
+wie mit Krallen festzuklammern verstanden . . .
+
+Man kann nicht behaupten, daß Sergej Sergejewitsch ungastlich gewesen wäre;
+im Gegenteil: er freute sich aufrichtig über jeden Gast und bot einem jeden
+von seinen vorzüglichen Havannazigarren an, mit brasilianischem oder mit
+mexikanischem Deckblatt -- ganz nach Wunsch! Es war aber einmal so
+eingeführt und konnte anscheinend gar nicht anders sein, als daß die Gäste,
+die so gern zu den Wersenews kamen, den Herrn des Hauses nach Möglichkeit
+mieden.
+
+Der Grund war sehr einfach: in Wersenews Gesellschaft war es immer
+furchtbar langweilig.
+
+Von außen gesehen, waren seine Erscheinung, seine Manieren und Gewohnheiten
+durchaus normal und in keiner Weise sonderbar oder auffallend; er war ein
+Mensch wie alle Menschen und schnaufte sogar wie mancher andere mit der
+Nase: wenn auch etwas lauter als der Krutowrager Adelsmarschall Turbejew,
+aber doch nicht so laut wie der General a. D. Belojarow. Er hielt viel auf
+gute Kleidung und trug sich nicht weniger elegant als der Landrat
+Pustoroslew, dessen beispiellose Vergeßlichkeit in seinen privaten wie auch
+öffentlichen Angelegenheiten sprichwörtlich geworden war. Was konnte man
+von ihm noch mehr verlangen? Aber trotz all seiner Liebenswürdigkeit und
+Aufmerksamkeit und trotz der berühmten Havannazigarren würde es jedermann
+vorziehen, vierundzwanzig Stunden lang auf irgendeiner gottverlassenen
+Eisenbahnstation zu sitzen, als eine Minute unter vier Augen mit Sergej
+Sergejewitsch zu verbringen.
+
+Er unterbrach seinen Gesprächspartner mitten in einem Satze und verzog das
+Gesicht mit einem Ausdruck, als ob er sich auf etwas besinnen wolle oder
+nach einem Wort suche, das präziser als alle sonst gebräuchlichen
+Umgangsworte seinen Gedanken ausdrücken könne, während es in seiner Kehle
+eigentümlich pfiff. Nachdem er den bestürzten Gesprächspartner eine
+Zeitlang in gespanntester Erwartung hatte zappeln lassen, winkte er
+plötzlich mit der Hand ab und faßte seinen Ärger und seine Ohnmacht in dem
+einzigen Worte zusammen:
+
+»Teufel!«
+
+>Teufel!< klang es zu allen Tages- und Nachtstunden im Hause, im Garten, im
+Felde, auf dem Flusse, kurz überall, wo Wersenew nur auftauchte.
+
+Wersenew blieb aber niemals der lustigen Gesellschaft fern; es zog ihn
+immer zu seinen Gästen, und er folgte ihnen, laut mit der Nase schnaufend,
+überallhin wie ein Schatten. Von allen vernachlässigt und in den Schatten
+gedrängt, wiederholte er zu den Klängen der Tanzmusik, zu dem lustigen
+Lachen und Schreien, zu dem Knistern des Feuerwerks und dem Krachen der
+Raketen sein einziges, seinen Ärger und seine Ohnmacht zusammenfassendes
+schwarzes Wort:
+
+»Teufel!«
+
+Alle hatten sich so sehr an diesen Wersenewschen >Teufel< gewöhnt, daß es
+niemand mehr merkte.
+
+Nur die alte Kinderfrau Solomowna, eigentlich Jefimija Awessalomowna, die
+den Sergej Sergejewitsch großgezogen hatte, schlug das Kreuz und schüttelte
+den Kopf.
+
+Wenn in der Küche oder in der Mägdekammer von den Herrschaften gesprochen
+wurde, tadelten sie weder deren Verschwendungssucht noch die
+Lotterwirtschaft, sondern nur das eine: daß der gnädige Herr immer den
+>Teufel< im Munde habe.
+
+Man wußte ja sehr gut, von Solomowna wußte man es, wohin das führen konnte.
+
+»Wenn man den Teufel zur ungelegenen Zeit ruft, so kommt er als schwarzer
+Sturmwind geflogen und ergreift den Menschen, und der Mensch geht
+zugrunde!« sagte die Kinderfrau, indem sie sich den Mund bekreuzigte und
+den Kopf schüttelte.
+
+Und alle waren ihrer Meinung; niemand widersprach ihr, besonders wenn
+abends davon die Rede war. Der Koch Prokofi Konstantinowitsch spottete
+nicht, der Kutscher Anton wußte nichts dagegen einzuwenden, die drei
+Zimmermädchen: Charitina, Ustja und Sanja waren ganz ihrer Meinung, ebenso
+wie die Wäscherin Matrjona Simanowna und der Bautischler Terenti; selbst
+der verwilderte Schmied, den man >Truthahn< nannte, der an keine
+übernatürliche Macht glaubte und selbst eine Art Hexenmeister oder Gott
+weiß was war, sagte kein Wort dagegen; der schweigsame Lakai Sinowi
+lächelte nicht, und sein Gehilfe, der kleine Pjotr, wagte nicht zu grinsen;
+dieser Pjotr glaubte nur an den schrecklichen Wels mit dem langen
+Schnurrbart, der einmal vor grauen Jahren ein Kalb verschlungen hatte und
+sich alle zwölf Jahre im Flusse zeigte; beim bloßen Gedanken an diesen Wels
+zitterte er am ganzen Leibe.
+
+»Auch der selige Herr Sergej Petrowitsch hatte so eine Angewohnheit«,
+pflegte Solomowna zu sagen, »alle Leute nannte er >Kreaturen<. >Kreatur<,
+pflegte er zu sagen, >komm einmal her!< Selbst den Dorfgeistlichen nannte
+er Kreatur. Die Sünde ist zwar groß, aber doch lange nicht so groß wie die
+von Sergej Sergejewitsch.«
+
+Sergej Sergejewitsch, dem es unter den Gästen langweilig wurde, kam
+plötzlich in die Küche oder in die Mägdekammer und stand, schwer mit der
+Nase schnaufend, da.
+
+Die Dienstboten sprangen erschrocken auf und erwarteten von ihm irgendeinen
+Befehl oder auch ein ordentliches Donnerwetter.
+
+Sergej Sergejewitsch stand aber regungslos da, starrte unverwandt auf den
+verwilderten >Truthahn<, der selbst eine Art Hexenmeister oder Gott weiß
+was war, und verzog das Gesicht mit einem Ausdruck, als ob er sich auf
+etwas besinnen wollte, oder nach einem Wort suchte, das präziser als alle
+sonst gebräuchlichen Umgangsworte seinen Gedanken ausdrücken könnte,
+während es in seiner Kehle eigentümlich pfiff.
+
+Nachdem er die bestürzten Dienstboten eine Zeitlang in gespanntester
+Erwartung hatte zappeln lassen, winkte er plötzlich mit der Hand ab und
+faßte seinen Ärger und seine Ohnmacht in das eine Wort zusammen:
+
+»Teufel!«
+
+»Teufel!« -- hallte es irgendwo im Korridor wider, und irgendwo unter dem
+Ofen, und irgendwo im Keller, und irgendwo hoch über der Decke auf dem
+dunklen Dachboden; das Wort übertönte die Musik, den Tanz, das Lachen,
+Schreien, das Krachen der Raketen und das Knistern des Feuers.
+
+Die Sterne am Himmel, die trüben Sterne von Krutowrag, die sich an die
+emporlodernden Flammen längst gewöhnt hatten, blickten unruhig auf das
+Wersenewsche Haus hernieder.
+
+
+2
+
+Woher und wie lange Wersenew die üble Angewohnheit hatte, den Teufel zu
+rufen, wußte niemand; niemand dachte auch je darüber nach.
+
+Wollte man auf alle Redensarten und Scherzworte aufpassen und über sie
+nachdenken, so würde ein Menschenleben dazu nicht ausreichen; außerdem
+riskiert man dabei, sich selber eines davon anzugewöhnen: es gibt doch
+recht üble Redensarten! Der Adelsmarschall Turbejew pflegt zum Beispiel an
+jeden Satz, den er spricht, das Wort >gewissermaßen< anzuhängen, und das
+hat ihm noch niemals geschadet. Als aber der Krutowrager Krämer Charin
+diese Redensart vom Adelsmarschall übernommen hatte, kam er beinahe an den
+Bettelstab. Wie sollte er auch nicht an den Bettelstab kommen? Nehmen wir
+zum Beispiel die von einem Krämer am häufigsten gebrauchte Wendung: >Das
+kostet soundsoviel<; dieser Ausdruck ist durchaus eindeutig und bestimmt
+den Preis in Rubeln und Kopeken aber: >Das kostet gewissermaßen
+soundsoviel< -- klingt schon ganz anders. Oder: >Schicken Sie es mir
+gewissermaßen sofort<; >Schicken Sie es mir sofort< -- das versteht der
+größte Dummkopf, aber >gewissermaßen sofort< wird auch der Gescheiteste
+nicht verstehen. Dasselbe gilt von Wersenews >Teufel<: wenn man dieser
+Redensart zuviel Beachtung schenkt und immer an sie denkt, so kann sie
+leicht an einem hängenbleiben; und wenn man sie sich angewöhnt hat, geht
+man sicher zugrunde. Die alte Solomowna mußte es ja wissen: Solomowna
+stammte noch aus der Zeit der Leibeigenschaft; sie hatte vieles gesehen,
+gehört und erlebt; also hatte sie wohl recht, wenn sie sagte: _Wenn man den
+Teufel zur ungelegenen Zeit ruft, so kommt er als schwarzer Sturmwind
+geflogen und ergreift den Menschen, und der Mensch geht zugrunde!_
+
+So urteilten alle Leute in Krutowrag und auch anderwärts, die, ob sie
+wollten oder nicht, mit Sergej Sergejewitsch zusammenkommen mußten; es
+waren auch gar nicht die ersten besten, sondern lauter belesene und
+verständige Menschen, bewanderte Archäologen und Mechaniker.
+
+So urteilte auch der Geistliche von Krutowrag P. Astriosow, der zwischen
+allen Dingen und Handlungen ein >Bindeglied< zu konstruieren suchte, kein
+gewöhnliches, sondern unbedingt ein >eisernes< Bindeglied.
+
+Von den übrigen Bekannten lohnt sich gar nicht zu sprechen. Sie überhörten
+den Wersenewschen >Teufel< ganz einfach und schenkten ihm nicht die
+geringste Beachtung.
+
+»Wenn Wersenew den Teufel ruft, so ist es seine Sache! Es gibt Redensarten,
+die von Vornehmheit und Überhebung zeugen: so das >Bitte zu beachten< des
+Landrats Pustoroslew; es gibt fromme Redensarten, die ekstatisch
+veranlagten Leuten eigen sind, wie zum Beispiel >Herr Jesus!< Es kommt aber
+auch vor, daß vornehme Herren in hoher gesellschaftlicher Stellung, wie zum
+Beispiel der General a. D. Belojarow, Ausdrücke gebrauchen, die nicht
+wiederzugeben sind; und zwar nicht nur, wenn sie von etwas überrascht und
+bestürzt sind -- in diesem Fall kann es ja auch jedem wohlerzogenen
+Menschen, der sonst in seiner Ausdrucksweise sehr vorsichtig ist, passieren
+--, nein, es ist einfach eine üble Angewohnheit.«
+
+So urteilten die Gleichgültigen.
+
+Niemand wagte Sergej Sergejewitsch selbst über seine Redensart zu befragen.
+Manchmal lächelte man dazu, aber niemand hatte den Mut, die Frage ganz
+unverblümt zu stellen. Man genierte sich einfach, eine solche Bagatelle zur
+Sprache zu bringen.
+
+Wersenew selbst war sich aber seiner Angewohnheit wohl gar nicht bewußt.
+
+Wäre er sich dieser seiner Angewohnheit bewußt gewesen, so hätte er sich
+doch hie und da beherrschen können. Das war aber noch niemals vorgekommen:
+jede Begrüßungsansprache, jeder Geburtstagstoast endete bei ihm unfehlbar
+mit dem >Teufel<.
+
+Ohne den Teufel gab es bei ihm keine einzige Rede, kein einziges Gespräch
+und keinen einzigen Satz.
+
+Es wäre aber immerhin interessant zu ergründen, wann und warum er sich
+diese dumme Redensart angewöhnt hatte!
+
+Eines war klar: daß es hier weder das berühmte Astriosowsche >eiserne
+Bindeglied<, noch überhaupt ein Bindeglied gab: der Wersenewsche >Teufel<
+hing einfach in der Luft, und zwar in der gleichen Höhe wie das
+>gewissermaßen< des Adelsmarschalls, mindestens ebenso klar war es auch,
+daß Sergej Sergejewitsch ohne diesen >Teufel< undenkbar war und daß, wenn
+man ihm diese Eigenheit genommen hätte, man es nicht mehr mit Sergej
+Sergejewitsch Wersenew, sondern mit einem ganz anderen Menschen zu tun
+haben würde.
+
+ * * *
+
+Wersenew konnte sich gut an seine Mutter erinnern.
+
+Fedossja Alexejewna stammte aus einer alteingesessenen Moskauer
+Kaufmannsfamilie mit alten Traditionen. Unendliche Abendgottesdienste,
+Frühmessen, Heilung von Besessenen im Simonskloster, Schlittenfahrten im
+Karneval, rote Osterkerzen, Glockengeläut im Kreml, Maifeiern im
+Sokolniki-Wäldchen, Berichte von Pilgern, Wallfahrten nach dem
+Troiza-Sergius-Kloster, Kirchenprozessionen und die strenge Hausordnung im
+Vaterhaus -- das war das Wiegenlied, unter dem sie aufgewachsen war, das
+erste rote Bändchen in ihren Zopf geflochten, das erste Feuer in ihrem
+verzagten Herzen und ihren weitgeöffneten Augen entzündet und ihr erstes
+Lächeln durch ihren ersten Kummer getrübt hatte.
+
+Aus dem alten, frommen Moskau kam sie plötzlich in das Wersenewsche
+Herrenhaus, nach Krutowrag mit dem grundlosen Weiher und dem gewölbten
+Keller, an dessen Wänden braune Blutspritzer zu sehen waren.
+
+Wenn Wersenew an seine früheste Kindheit dachte, so erhob sich vor ihm
+sofort wie im Nebel das Bild seiner Mutter. Niemals konnte er vergessen,
+wie sie Tage und Nächte hindurch am Eckfenster ihres Zimmers im Obergeschoß
+gesessen hatte. Er schlief in ihrem Zimmer und war immer bei ihr. Und wenn
+er nachts erwachte, sah er sie oft am Fenster sitzen.
+
+Als er größer wurde und erfuhr, daß auch er, wie die andern Kinder, einen
+Vater hatte und daß dieser Vater sich irgendwo im Auslande, fern von
+Krutowrag aufhielt, als er erfuhr, daß seine Mutter immer den Vater
+erwartete und darum die Nächte aufblieb, begann auch er selbst auf den
+Vater zu warten.
+
+Manchmal kamen Briefe vom Vater.
+
+Mit welcher Ungeduld bestürmte der Knabe die Mutter, ihm diese Briefe
+vorzulesen!
+
+Die Briefe waren aber kurz und stets vom gleichen Inhalt: anfangs war die
+Rede vom Geld, und dann gab er den Tag seiner Ankunft in Krutowrag an.
+
+Und dieser Tag brach an, aber der Vater kam nicht.
+
+Die Mutter bemühte sich, ihre Erbitterung vor dem Kinde zu verbergen. Sie
+weinte nicht; sie saß wieder am Fenster und blickte wieder auf die
+Landstraße hinaus. Aber der Knabe fühlte mit seinem ganzen kindlichen Wesen
+den Kummer, der auf ihrem Herzen lastete, der sie marterte und ihr Herz vor
+Kälte zusammenschrumpfen ließ. Er wollte ihr helfen, wußte aber nicht wie,
+und weinte auch selbst still in sich hinein.
+
+Die Rückkehr seines Vaters nach Krutowrag war sein sehnlichster Wunsch.
+
+Immer wieder kamen Briefe vom Vater. Er schrieb immer wieder um Geld und
+bestimmte von neuem den Tag seiner Ankunft. Und der Tag brach an, doch der
+Vater kam nicht.
+
+Einmal, als seine Ungeduld aufs höchste gesteigert war und er nicht länger
+warten konnte, lief er auf die Landstraße hinaus, rannte eine weite
+Strecke, ohne stehenzubleiben, kehrte dann plötzlich um und eilte mit
+zusammengekniffenen Augen dem Hause zu.
+
+»Vater kommt! Vater kommt!« rief er seiner Mutter mit so echter Freude und
+so felsenfester Überzeugung zu, daß sie und auch er selbst plötzlich ein
+Glöckchen in der Ferne zu hören vermeinten.
+
+Sie zweifelte nicht, sie lief auf den Hausflur hinaus, fiel auf die Knie,
+umarmte den Sohn und hielt ihn fest umschlungen, wie ihren einzigen Schutz,
+wie einen geliebten Bruder, wie den treuen Zeugen ihrer bitteren Leiden,
+ihrer schlaflosen Nächte und all ihrer Erbitterung. Sie konnte sich nicht
+länger beherrschen, sie lachte und weinte und stieß plötzlich einen Schrei
+aus, der ihr aus der Tiefe des Herzens drang.
+
+Mutter und Sohn sahen auf die Landstraße hinaus; es war, als ob sie
+zusammen nur ein Paar Augen hätten, mit denen sie hinausblickten . . . Sie
+glaubten und zweifelten zugleich. Und das Glöckchen läutete noch immer in
+der Ferne.
+
+Einige Wagen mit Teefässern kamen vorbei. Die Räder knirschten und
+übertönten alles. Der Staub verdeckte den Ausblick. Endlich legte sich der
+Staub, und die Straße lag leer da.
+
+Bis zum Horizont war die Straße zu sehen, und kein Glöckchen läutete mehr.
+Still und leer war die Welt. Nur die Pappeln im Garten rauschten.
+
+Von diesem Tage an begann für den Knaben ein neues Leben: Er hatte ein
+neues Spiel: >Ankunft des Vaters<.
+
+Dieses Spiel hatte er selbst erfunden.
+
+Es amüsierte ihn, wenn die Mutter bei seinem Ruf: >Vater kommt!< von ihrem
+Platz am Fenster aufsprang und plötzlich leichenblaß wurde und zitterte.
+Ihn amüsierte ihr Aufschrei, der jedesmal unheimlicher und abgerissener
+klang . . .
+
+Und wenn er so spielte, glaubte er selber daran, daß er den Vater gesehen
+hätte; auch seine Mutter glaubte es.
+
+Mutter und Sohn sahen auf die Landstraße hinaus . . . So lange scheint es
+her zu sein und ist doch vor kurzem hier, auf dieser Erde, geschehen! Wie
+schön rauschten damals die Pappeln im Garten!
+
+>Es zieht mich hin zu diesem stillen Strand . . .<
+
+»Teufel!« wehrte sich Sergej Sergejewitsch gegen den Ansturm der
+Erinnerungen.
+
+Die Mutter starb, ohne den Vater wiedergesehen zu haben. Sie starb, am
+Fenster sitzend und auf die Straße blickend.
+
+Bald nach ihrem Tode kam der Vater.
+
+Der Knabe erschrak vor dem Vater: es war nicht der echte Vater, nicht der
+Vater, an den er soviel gedacht, den er mit solcher Sehnsucht erwartet
+hatte.
+
+Er versteckte sich immer vor ihm; er schrie und weinte nachts vor Angst.
+
+Der Vater, der nicht zu den weichherzigen Naturen gehörte, nahm die
+Erziehung des Sohnes energisch in die Hand. Er hielt ihn sehr streng und
+bestrafte ihn oft und hart, so daß dem Knaben jede Lust zu weinen verging.
+Er schlief jeden Abend ruhig ein und wurde ganz zahm.
+
+Im Herbst brachte man ihn in die Stadt und steckte ihn ins Kadettenkorps.
+
+Nun begann für Wersenew ein neues Leben, vielleicht die lustigste Periode
+seines Daseins.
+
+Wenn er in den Ferien nach Krutowrag kam, fühlte er sich da heimisch und
+nicht mehr so fremd und bedrückt wie früher.
+
+Von der Mutter wurde im Hause niemals gesprochen: Sergej Petrowitsch
+erwähnte niemals ihren Namen, und der Sohn wagte nicht, als erster von ihr
+zu sprechen.
+
+Das Eckzimmer im Obergeschoß mit den Kleiderschränken wurde sorgfältig im
+gleichen Zustand belassen, wie es zu Mutters Lebzeiten gewesen war: alle
+ihre Sachen, ihr Tischchen, ihr Spiegel -- alles stand noch da. Der Sohn
+suchte aber immer seltener dieses Zimmer auf. In der ersten Zeit kam er oft
+heimlich hinauf und weinte sogar manchmal am Fenster, wo die Mutter
+gesessen hatte; später interessierte er sich aber mehr für Pferde.
+
+So kam es, daß er niemals erfuhr, warum der Vater die Mutter verlassen
+hatte; in den späteren Jahren tat es ihm sogar leid, daß er es nicht wußte.
+Der Vater hatte in seinem Arbeitszimmer bis zu seinem Tode das Bildnis der
+Mutter hängen. Hatte er sie geliebt? Und wenn ja, warum hatte er sie
+verlassen? Warum hatte der Vater die Mutter verlassen? Warum mußte sie
+soviel Leid, so viele bittere Tage und Nächte über sich ergehen lassen?
+
+>Es zieht mich hin zu diesem stillen Strand . . .<
+
+»Teufel!« sagte sich Sergej Sergejewitsch, wenn er an die alten Zeiten von
+Krutowrag dachte.
+
+Nachdem er das Kadettenkorps absolviert hatte, ging er nach Petersburg und
+wurde Offizier.
+
+Da hatte er ein gutes Leben. Niemals hatte er Mangel an Geld: sein Vater
+geizte nicht und schickte ihm regelmäßig größere Summen. Der Vater war
+immer besorgt, daß es ihm gut ginge. Er konnte sich über nichts beklagen.
+Bei seinen guten Verbindungen und großen Mitteln durfte er auf eine
+glänzende Zukunft hoffen.
+
+Er lebte ebenso wie die andern Offiziere: spielte Karten, nahm an
+Trinkgelagen teil, besuchte Bälle, erzählte Witze, imitierte seine
+Kameraden und Vorgesetzten, machte Damen den Hof, war an allen
+Regimentsintrigen beteiligt, regte sich auf, zankte sich -- und die Tage
+gingen gleichmäßig dahin, und ein Tag war wie der andere. Und wenn auch
+zuweilen etwas Ausschließliches und Besonderes vorkam, so blieb es doch
+immer in den Grenzen des in seinen Kreisen Erlaubten und Üblichen: so
+verlor er zum Beispiel einmal eine Riesensumme im Kartenspiel; wem ist das
+aber noch nicht passiert? Auch die anderen Ausnahmen waren von der gleichen
+Art.
+
+Gleichmäßig, mit ganz unbedeutenden Sprüngen, floß sein Petersburger Leben
+dahin.
+
+Dieses erfolgreiche, leichte und vielversprechende Leben hätte eigentlich
+in seinem Gedächtnis keine Spuren zurücklassen müssen.
+
+Und doch hatte er eine Erinnerung.
+
+Es war allerdings nichts Besonderes, ein, ganz gewöhnliches Erlebnis.
+
+Gibt es denn im Leben auch viel Ungewöhnliches?
+
+Sergej Sergejewitsch dachte in seinen späteren Jahren mehr als einmal an
+dieses Erlebnis zurück; er prüfte sich und saß über sich selber zu Gericht
+und verantwortete sich vor sich selbst.
+
+Er hatte schon längst eingesehen, daß eine Handlung durchaus nicht
+besonders auffallend und außergewöhnlich zu sein braucht, um für immer im
+Gedächtnis haftenzubleiben; daß auch etwas ganz Unbedeutendes, etwas, das
+man kaum merkt, sich wie ein winziges Stäubchen in der Seele festsetzen
+kann.
+
+>Ein Komet fliegt vorbei, ein Stern stürzt vom Himmel, ein Erdbeben
+vernichtet eine ganze Stadt -- das kann für dich schon am nächsten Tage
+seine ganze Bedeutung verlieren und farblos werden; du kannst es vergessen
+wie den gestrigen Schnee; zuweilen kann aber irgendein bescheidenes
+Lichtchen -- ein irgendwo unter einer Brücke flackerndes Flämmchen oder die
+qualmende Petroleumlampe in einer dummen Straßenlaterne, die wie eine
+Hopfenstange unter deinem Fenster aufragt, oder sonst ein Unsinn dir für
+dein ganzes Leben im Gedächtnis bleiben.<
+
+Ja, er dachte viel darüber nach, und wie er so über sich selber zu Gericht
+saß und sich vor sich selbst verantwortete, blickte er in die dunkelste
+Tiefe, in den trübsten Bodensatz seiner Seele hinein.
+
+Kann man da aber viel sehen? Und wenn man sieht, viel erkennen? Und wenn
+man auch etwas erkennt, vermag man es denn richtig wiederzugeben? Und wenn
+man es auch kann, hat man den Mut dazu?
+
+Mord und Betrug, Lüge und Verrat sind schwere Vergehen, große Sünden, die
+von allen Gesetzen bestraft werden. Was kommt aber dabei heraus? Der Mord
+läßt den Mörder vollkommen kalt; er denkt überhaupt nicht mehr an ihn! Was
+er aber bis zu seinem letzten Atemzug tragen muß, was seine Qual, sein Lohn
+und seine Strafe ist, was im Augenblick der Tat sein ganzes Sein erfüllt,
+das ist gar nicht der Mord, sondern das ist dieses, daß er einmal einen
+Tag, eine Woche, ein Jahr oder vielleicht zehn Jahre vor dem Morde ein
+zudringliches Mädel, das ihn auf der Straße anbettelte, von sich gestoßen
+hat -- es gibt solche kleine Bettlerinnen, die einen auf der Straße
+verfolgen und schmierige Zettel mit Prophezeiungen zum Kauf anbieten:
+>Herr, kaufen Sie mir doch einen Glückszettel ab!< -- Es handelt sich auch
+gar nicht darum, daß er das Mädel, das ihm sein Glück zum Kauf anbot, von
+sich stieß, sondern darum, daß das frierende Mädel ihm einen Blick zuwarf,
+einen Blick, den er sein Lebtag nicht vergessen wird.
+
+»Teufel!« wehrte sich Sergej Sergejewitsch, als ihm das Petersburger
+Erlebnis wieder in den Sinn kam.
+
+Einer seiner Regimentskameraden hatte eine Braut. Der Offizier war von
+altem Adel, das Mädchen aber aus einfacher Familie und sehr arm. Die
+Angehörigen des Bräutigams waren gegen diese Verbindung und suchten sie auf
+jede Weise zu vereiteln.
+
+Sergej Sergejewitsch nahm sich die Angelegenheit seines Kameraden sehr zu
+Herzen; er besuchte ihn oft und wünschte ihm und seiner Braut aufrichtig
+Glück.
+
+Und als nach unendlicher Mühe die Hindernisse endlich aus dem Wege geräumt
+waren und der Tag der Hochzeit festgesetzt war, nahm die Sache ein
+unerwartetes und trauriges Ende: die Braut löste die Verlobung.
+
+Wersenew kann sich noch an den Abend erinnern, an diesen Petersburger
+Herbstabend mit dem durchdringenden feuchten Wind und den hinter dem
+Schleier des feinen Regens trübe leuchtenden Straßenlaternen; an ihr Zimmer
+irgendwo in der Rusowskaja-Straße in der Nähe der Kasernen. Sie bat ihn, zu
+ihr zu kommen, um mit ihm über die aufgehobene Verlobung zu sprechen. Er
+zweifelte nicht, daß das der wahre Grund sei, warum sie ihn zu sich gerufen
+habe; als er aber zu ihr kam, sagte sie ihm die ganze Wahrheit . . .
+
+Er kann sich auch an ihr Gesicht erinnern, das plötzlich so blaß geworden
+war, so entsetzlich blaß, wie das Gesicht seiner Mutter zu werden pflegte,
+wenn er mit den Worten: >Vater kommt!< zu ihr ins Eckzimmer hineingestürzt
+gekommen war.
+
+Sie eröffnete ihm, daß sie ihn liebgewonnen hätte und nur ihn allein
+liebte.
+
+Er liebte sie aber gar nicht. Hatte er ihr denn einen Grund gegeben,
+dergleichen anzunehmen? Er hatte sie als die zukünftige Gattin seines
+Freundes stets aufmerksam behandelt und war aufrichtig bestrebt gewesen,
+beiden, ihr und ihm, zu helfen. Er hatte sie niemals geliebt und liebte sie
+auch jetzt gar nicht.
+
+Er kann sich noch erinnern, wie sie in der Ecke am Fenster stand, während
+die Regentropfen gleichmäßig und unaufhörlich gegen die Scheiben
+prasselten; ein Tropfen folgte dem andern, ein Bächlein dem andern. Wie sie
+ihn, ohne mit den Wimpern zu zucken, die Mundwinkel traurig gesenkt, ansah
+und später mit unbeweglichen Blicken begleitete, so starr, als trüge er das
+ganze Blut ihres Körpers, die ganze Kraft ihrer Seele und die ganze
+Hoffnung ihres Herzens mit fort, als hätte er es ihr entrissen und ginge
+damit fort!
+
+Am nächsten Abend traf er sie zufällig auf der Kukuschkin-Brücke. Er hatte
+sich nicht geirrt: sie war es. Er erkannte sie an ihrem Blick, der ebenso
+unbeweglich war wie am vorigen Tag. Und etwas später hörte er etwas in das
+ekle schwarze Wasser des Kanals plumpsen. Er blickte aber nicht einmal
+zurück und setzte seinen Weg fort.
+
+War er es, der sie in das ekle schwarze Wasser gestoßen hatte?
+
+»Teufel!« wehrte sich Sergej Sergejewitsch, als ihm die Geschichte wieder
+in den Sinn kam.
+
+Bald nach diesem Vorfall mußte er plötzlich nach Krutowrag abreisen: sein
+Vater lag im Sterben.
+
+Der alte Sergej Petrowitsch Wersenew starb ganz allein und ließ niemanden,
+weder den Arzt noch den Geistlichen, zu sich herein. Nur in den
+allerdringendsten Fällen durfte als einzige >Kreatur< der Lakai Sinowi sein
+Zimmer betreten. Der Alte wollte nichts genießen und schloß des Nachts kein
+Auge.
+
+Im ganzen Hause konnte niemand schlafen. Allen war es so unheimlich zumute;
+man hatte Angst zu sprechen und selbst zu flüstern.
+
+Alle Zimmer waren erleuchtet, und alle Türen standen weit offen; nur die
+Tür des Arbeitszimmers war fest verschlossen.
+
+Sergej Sergejewitsch kam zu einer späten Nachtstunde in Krutowrag an; er
+wollte den Vater nachts nicht stören und sich erst am Morgen bei ihm
+melden. Der Vater fühlte aber sofort, daß der Sohn gekommen war, und ließ
+ihn durch Sinowi rufen.
+
+Der Alte saß in der Ecke beim Schrank mit dem alten astronomischen Globus,
+in einem Sessel zusammengekauert; er war fürchterlich abgemagert und lag
+anscheinend in den letzten Zügen. Er keuchte schwer, als ob ihm jemand die
+Kehle zusammenpreßte, die Augen waren aber ganz tot und die Pupillen trübe
+und starr; nur der Rand der Pupillen hatte einen unangenehmen scharfen
+Glanz.
+
+Der Sohn ergriff seine Hand und beugte sich über sie; die Hand war eiskalt.
+Und als er sich über sein Gesicht beugte, um den Vater auf die Wange zu
+küssen, spürte er einen unüberwindlichen Ekel und küßte die Luft.
+
+Vater und Sohn begrüßten einander.
+
+Der Alte küßte den Sohn: die Lippen waren eiskalt, noch kälter als die
+Hände.
+
+Der Sohn wartete eine Weile und beugte sich wieder zum Vater:
+
+»Nun, wie geht es Ihnen?«
+
+»Die Teufel kommen immer her«, zischte der Alte durch die Zähne.
+
+»Was für Teufel? Kleine mit Schwänzchen?« versuchte der Sohn zu scherzen;
+er verstand es sonst sehr gut, mit dem Alten auszukommen und zu sprechen.
+
+»Was fällt dir ein! Echte Teufel!« zischte der Vater, und seine Pupillen
+wurden noch dunkler.
+
+Wersenew erinnert sich an diese toten Augen und die starren, dunklen
+Pupillen mit dem scharfen, noch lebenden Rand; der scharfe, lebende Rand
+der Pupillen zog sich plötzlich zusammen und leuchtete wie rote Kohlenglut
+auf.
+
+Er griff unwillkürlich nach seinem Säbelknauf und wich einige Schritte
+zurück.
+
+Der Alte schlug seinen Schlafrock vorn auf und begann sich krampfhaft die
+Brust zu kratzen.
+
+»_Echte_ Teufel . . .« zischte der Alte, indem er sich die Brust kratzte.
+Plötzlich sprang er kreischend vom Sessel auf und fiel mit dem Gesicht auf
+den Teppich.
+
+Das war also der Vater, an den er einst soviel gedacht, den er einst so
+sehnsüchtig erwartet hatte!
+
+Was quälte aber den Vater? Wen sah er vor sich? Wer besuchte ihn in seiner
+Sterbestunde? Wer war der Echte? Wer umklammerte sein Herz mit dem echten
+letzten Zucken des Gewissens, mit dem letzten Willen und dem letzten Wort?
+Wer war das?
+
+»Teufel!« wehrte sich Sergej Sergejewitsch, als er sich an den Tod seines
+Vaters erinnerte, des Vaters, an den er einst soviel gedacht, den er so
+sehnsüchtig erwartet hatte.
+
+Wersenew nahm zu Neujahr seinen Abschied, zog aus Petersburg nach Krutowrag
+und widmete sich der Landwirtschaft. Um die gleiche Zeit heiratete er.
+
+Warum er geheiratet hatte, wußte er selbst nicht mehr; wahrscheinlich hatte
+ihm Jelisaweta Nikolajewna gut gefallen: sie war so still und sanft wie ein
+stiller Engel Gottes. Auch langweilte er sich allein in dem alten Hause.
+
+Mit der Landwirtschaft beschäftigte er sich nur kurze Zeit. Dann versuchte
+er, sich in der Semstwoverwaltung zu betätigen, gab aber auch das aus
+irgendeinem ganz unsinnigen Grunde sehr bald auf. Allmählich zog er sich
+von jeder Tätigkeit zurück.
+
+Die ganze Wirtschaft und das ganze Schicksal der Wersenews ruhten nun auf
+den Schultern des tüchtigen und fleißigen Gutsverwalters, eines mürrischen
+Letten, und Jelisaweta Nikolajewnas, die es verstanden hatte, das alte Haus
+mit unaufhörlichem Lärm und lustigen Gästen anzufüllen.
+
+
+3
+
+Gorik und Buba lernten gut und absolvierten die Schule mit Auszeichnung.
+Gorik kam auf die Universität und Buba auf die Frauenhochschule.
+
+Der letzte Sommer, den sie in Krutowrag verbrachten, war ganz besonders
+lustig.
+
+Die Bauernjungen von Krutowrag, die schüchternen: Fischbein, Roßhaar und
+Schaufel, und auch die frechen: Igonka, Igoschka, Jenka, Jeschka und
+Jermoschka spielten unter Goriks Anführung >Expropriationen<; ein Überfall,
+den sie veranstalteten, war so täuschend echt, daß die tscherkessischen
+Flurwächter des Generals Belojarow den Anführer um ein Haar erschossen
+hätten.
+
+Raketen und persische Blitze stiegen über dem Hause auf im Garten qualmten
+Reisigfeuer, in der ganzen Umgegend loderten Feuersbrünste, und die Nächte
+waren stets von unheimlichem rotem Feuerschein erhellt.
+
+Als die Kinder endlich nach Petersburg abreisen mußten, begann auch
+Jelisaweta Nikolajewna zu packen.
+
+Die Kinder reisten mit ihrer Mutter ab und kehrten niemals nach Krutowrag
+zurück.
+
+Jelisaweta Nikolajewna erklärte ihrem Mann, daß sie nie wieder nach
+Krutowrag zurückkommen wolle und daß auch die Kinder niemals zurückkehren
+würden.
+
+Als sie das sagte, hatte sie nicht mehr ihren kindlich-schelmischen
+Ausdruck. Ihr Entschluß war offenbar fest und unumstößlich.
+
+Sergej Sergejewitsch begriff anfangs gar nichts; er wollte nichts
+begreifen; es war ihm zu peinlich, er wollte sich nicht von seiner Familie
+trennen, es fiel ihm schwer, ein neues Leben zu beginnen, sich das gewohnte
+Leben abzugewöhnen und sich in neue Verhältnisse zu schicken; er konnte
+sich ein anderes Leben gar nicht vorstellen. Die Wersenews hatten ja
+achtzehn Jahre zusammengelebt!
+
+Er wollte seiner Frau widersprechen, brachte aber kein einziges Wort
+hervor: statt aller Einwände drang aus seiner Kehle nur ein Röcheln und
+Pfeifen, und dann folgte sein obligates >Teufel!<
+
+Er konnte einfach nichts dagegen tun.
+
+Schließlich wurde er still wie ein Kind, dem man das Hautjucken, das es
+plagte, besprochen hat, erklärte sich mit allem einverstanden und
+unterschrieb alles, was man von ihm verlangte.
+
+Auch die Geldfrage wurde leicht und einfach gelöst.
+
+Der Gutsverwalter erstattete einen klaren und erschöpfenden Bericht über
+die Wersenewschen Verhältnisse und übernahm es, Jelisaweta Nikolajewna auch
+in Zukunft auf dem laufenden zu halten.
+
+In Krutowrag wurde es auf einmal leer.
+
+Die Kunde von diesem Ereignis verbreitete sich über die Felder von
+Krutowrag und lief dann die Landstraße entlang, bald nach rechts, bald nach
+links abschwenkend und in jeden Gutshof einkehrend.
+
+Niemand wunderte sich, niemand regte sich darüber auf; es war, als ob alle
+das Ereignis vorausgeahnt und nur aus Feingefühl geschwiegen hätten, ebenso
+wie man in Gegenwart eines Schwerkranken von seinem nahen Tode zu sprechen
+sich scheut.
+
+Das eheliche Zerwürfnis (General Belojarow gebrauchte übrigens einen
+andern, nicht wiederzugebenden Ausdruck), mit dem man sich den plötzlichen
+Entschluß Jelisaweta Nikolajewnas erklärte, beschäftigte eigentlich nur
+ihre ehemaligen Freundinnen, die nun mit ihren heimlichen Verdachtsgründen
+triumphierten.
+
+»Jetzt ist es klar, daß sie in einen Roman verwickelt ist; natürlich ist es
+ein Roman, obwohl niemand den Auserwählten ihres Herzens kennt; aber dieser
+Auserwählte muß doch irgendwo vorhanden sein! Wo käme denn sonst das
+Zerwürfnis her?«
+
+So urteilten die Damen.
+
+Niemand hatte aber Lust, sich mit der Sache eingehender abzugeben; niemand
+hatte Lust, seine Nase in ein fremdes Malheur zu stecken; denn man kommt
+immer besser weg, wenn man sich in solche Angelegenheiten nicht einmischt.
+
+Unruhig rauschte das Korn auf den Feldern, unruhig brauste es im Walde;
+auch die Sterne, die trüben Sterne von Krutowrag, flimmerten unruhig über
+dem Wersenewschen Hause.
+
+Krutowrag war nun leer. Niemand hatte Lust, Wersenew in seiner Einsamkeit
+zu besuchen.
+
+In den ersten Tagen kamen allerdings einmal drei Damen, die mit Jelisaweta
+Nikolajewna befreundet waren, zu Besuch. Sie kamen nach Krutowrag, um, wie
+sie später selbst erklärten, zu riechen, welch ein Wind jetzt dort wehte.
+
+Die Damen fielen über Wersenew her und redeten ihm die Ohren voll, so daß
+er nicht einmal die Möglichkeit hatte, seinen >Teufel< loszulassen.
+
+Obwohl Solomowna, die diese letzten Gäste hinausbegleitete, ihnen klipp und
+klar erklärte, daß die gnädige Frau nur die Krankheit des gnädigen Herrn
+nicht hätte vertragen können und daß sie nur aus diesem einen Grunde
+abgereist sei, wollten es die Damen doch nicht glauben und hielten
+hartnäckig an ihrer Ansicht, daß auch ein Auserwählter des Herzens mit im
+Spiele sein müsse, fest.
+
+Bald darauf ließ General Belojarow, als er bei einer der drei Damen
+anläßlich einer Geburtstagsfeier zu Besuch war, den bekannten pittoresken,
+doch nicht wiederzugebenden Ausdruck fallen. Er fügte übrigens
+beschwichtigend hinzu:
+
+»Alles hat sein Gewicht und Maß.«
+
+Damit war die Sache erledigt.
+
+Von den Nachbarn kam nur der Landrat Pustoroslew einmal zu Besuch, Er
+brachte den Agronomen Ratzejew mit, den er aus irgendeinem Grunde als einen
+berühmten politischen Redner aus Petersburg vorstellte, der Fischleim statt
+Knochen im Leibe habe.
+
+Ratzejew wand sich tatsächlich wie ein Sterlet, sprach aber während des
+ganzen Abends kein Wort. Pustoroslew schwatzte dafür ununterbrochen und
+führte verschiedene Beispiele seiner sprichwörtlich gewordenen
+Vergeßlichkeit an.
+
+Die Geschichte von seiner Auslandsreise in wichtiger amtlicher Mission
+erzählte er sogar zweimal: einmal vor und einmal nach dem Abendessen.
+
+Sergej Sergejewitsch hatte diese Geschichte mehr als einmal gehört. Das
+Ministerium schickte Pustoroslew zu irgendeinem Zweck nach Frankreich: er
+reiste aber aus Frankreich nach Spanien, aus Spanien nach Italien, aus
+Italien nach Algier: er ließ sich immer wieder Geld schicken, verbrauchte
+eine Riesensumme, besann sich aber auf den eigentlichen Zweck seiner Reise
+erst dann, als er nach Rußland zurückgekehrt war.
+
+»Vergessen können ist eine Gabe der Götter!« sagte Pustoroslew, indem er
+sein obligates >gewissermaßen< bedeutungsvoll dehnte und mit seinen
+farblosen Augen, die keine Wimpern hatten und blind zu sein schienen,
+zwinkerte; er spielte offenbar auf das eheliche Zerwürfnis an.
+
+Ein einziges Mal kam der Krämer Charin zum Tee.
+
+Wersenew freute sich in seiner Einsamkeit auch über diesen Gast.
+
+Charin saß in dem niedern länglichen Eßzimmer sehr lange am Teetisch. Er
+sprach von furchtbar gleichgültigen Dingen und blieb, obwohl er sich zum
+tausendsten Male das Versprechen gegeben hatte, von seiner gefährlichen
+Angewohnheit zu lassen, immer wieder in seinem >gewissermaßen< stecken,
+während Sergej Sergejewitsch den bestürzten Gast anstarrte, ab und zu mit
+der Hand winkte und seine Gedanken in dem Wort >Teufel< zusammenfaßte.
+
+»Die Gewohnheit ist gewissermaßen die zweite Natur!« stammelte Charin. Er
+war ganz rot geworden, in Schweiß gebadet und so aufgeregt, daß er kaum die
+Tür finden konnte.
+
+Nur der Geistliche P. Astriosow, der noch immer hoffte, das >eiserne
+Bindeglied< zwischen den Ereignissen zu konstruieren, kam noch öfters zu
+Wersenew.
+
+P. Astriosow, der von Natur aus schüchtern war, verlor, sobald er mit
+Sergej Sergejewitsch unter vier Augen war, jeden Mut. Er rauchte eine der
+berühmten Zigarren, an denen er allmählich Geschmack gefunden hatte, und
+parierte den Wersenewschen >Teufel< mit seinem >Bindeglied<, das ihm
+wirksamer als das Zeichen des Kreuzes schien.
+
+»Ja, ja, ein Bindeglied«, sprach P. Astriosow, indem er die Asche von der
+Zigarre schüttelte; er tat es, ganz gleich, ob es nötig war oder nicht und
+ob er eine Zigarre mit mexikanischem oder mit brasilianischem Deckblatt in
+der Hand hatte.
+
+Wersenew freute sich in seiner Einsamkeit auch über den Geistlichen.
+
+Sonst war er aber tagelang allein.
+
+Sergej Sergejewitsch hörte sogar auf, die Kirche zu besuchen; selbst
+während des Gottesdienstes konnte er sich seiner Redensart nicht mehr
+enthalten, was bei den Betenden großes Ärgernis hervorrief. Einmal führte
+es sogar zu einem unliebsamen Auftritt: der Kirchenälteste, Goloweschkin,
+versuchte während eines Festgottesdienstes an Kaisers Geburtstag den
+>Freimaurer< zu ohrfeigen. Seit diesem Zwischenfall kam Sergej
+Sergejewitsch nie wieder in die Kirche.
+
+In seinem Schlafrock aus weißem Flanell, mit der Zigarre im Munde, irrte
+Wersenew tagelang durch die leeren Zimmer. Die glimmende Zigarre
+beleuchtete seine eingefallenen trüben Augen und den grün angelaufenen
+grauen Schnurrbart.
+
+Er hatte nichts, um die Zeit totzuschlagen. Was sollte er tun? Doch nicht
+mit den Kinderspielsachen spielen! Er hatte sich so sehr an den ewigen Lärm
+und die lustigen Gäste, an seine Frau und seine Kinder gewöhnt: achtzehn
+Jahre hatten ja die Wersenews zusammen gelebt!
+
+Oft stand er stundenlang vor der Balkontür und zählte die Krähen, die über
+den nackten Linden kreisten . . . Wie viele waren es, und warum krächzten
+sie so? Oder er ging ins Eckzimmer im Obergeschoß, wo einst seine Mutter
+Fedossja Alexejewna gesessen hatte, setzte sich wie sie ans Fenster und sah
+auf die Landstraße hinaus . . . Wohin führte die Straße, und hatte sie
+irgendwo ein Ende? Oder er hörte dem Rauschen der Pappeln vor dem Hause zu
+. . . Worüber tuschelten sie? Manchmal saß er im Sessel seines Vaters, vor
+dem Schrank mit dem astronomischen Globus, starrte auf einen Punkt,
+vielleicht sogar auf denselben Punkt, wo seinem Vater die echten Teufel
+ohne Hörner und Schweife erschienen waren, und schlief, im Sessel kauernd,
+ein . . .
+
+»Teufel!« klang es Tag und Nacht, im Wachen und im Schlafen durch das leere
+Haus.
+
+Als die ersten Fröste kamen und man die Doppelfenster einsetzte, dichtete
+man auch die Balkontür mit Werg und Kitt ab.
+
+Nun kamen die dunklen Wintertage und die langen Winternächte.
+
+Im Wersenewschen Hause wurde es noch leerer, leer wie in einem großen
+Keller.
+
+Wenn er doch wenigstens ruhige Träume hätte.
+
+Einmal träumte ihm, er, Sergej Sergejewitsch Wersenew, Hauptmann a. D.,
+siebenundvierzig Jahre alt, sei gar kein Mensch, sondern krieche als ein
+böses, rachsüchtiges, giftiges Insekt, eine Art Tausendschwanz, über eine
+Wiese und klammere sich mit den Beinen an den Grashalmen fest. Es ist ein
+kalter Sommermorgen, es beginnt erst zu dämmern, und am Himmel steht ein
+riesengroßer blasser Mond mit rötlich schimmerndem Rand. Sergej
+Sergejewitsch Wersenew kriecht als ein Tausendschwanz über das Gras; er
+weiß, daß es ganz gewöhnliches Krutowrager Gras ist, aber die Halme
+erscheinen ihm so dick und hoch wie Schilf, das Schilf größer und dicker
+als jeder Baum und das schwarze Erdreich als ein Haufen von Riesenklumpen.
+Er hat es so schwer: er muß auf jeden Halm hinaufkriechen, dann wieder
+hinunter und wieder hinauf. So kriecht er und weiß nicht, wohin er kriecht
+und warum er dazu verurteilt ist, von Halm zu Halm zu kriechen. Er vergeht
+vor Bosheit, der Haß vergiftet sein Herz, und er ist so furchtbar müde. Am
+Himmel steht der riesengroße blasse Mond mit rotglühendem Rand, und es ist
+so furchtbar kalt.
+
+Er erzählte einmal diesen Traum P. Astriosow. Dieser gab die kurze Deutung:
+»Das bedeutet, daß ein Witterungsumschlag bevorsteht.« Sergej Sergejewitsch
+lächelte.
+
+»Mir ist so eigen zumute«, sagte er, »als ob alles nicht echt wäre.«
+
+Ein anderes Mal versuchte er, seinen Traum dem Lakai Sinowi zu erzählen; er
+blieb aber mitten im Satze stecken und zischte wie der selige Sergej
+Petrowitsch durch die Zähne:
+
+»Die Seele haben sie mir gestutzt . . . Teufel!« Und er brach in Tränen
+aus.
+
+Dem kleinen Pjotr soll er aber gesagt haben:
+
+»Wenn ich doch in Armut, auf einem Strohlager sterben könnte, Pjotr!«
+
+Sergej Sergejewitsch langweilte sich furchtbar.
+
+Wie sollte man sich ohne Beschäftigung und ohne Gäste an trüben Wintertagen
+nicht langweilen?
+
+»Der Herr hat oft Angstzustände«, meldete Solomowna dem P. Astriosow, als
+er um die Weihnachtszeit mit dem Kreuz ins Haus kam. »Früher hatte er vor
+nichts Angst, jetzt kommt er aber jeden Abend zu mir in die Mägdekammer
+gelaufen und zittert vor Furcht: es ist ihm immer, als ob jemand neben ihm
+stünde. Auch wartet er immer auf Gäste; er glaubt, daß jeden Augenblick
+Gäste kommen werden! Oder er sitzt da und weint.«
+
+Nach Neujahr beichtete Solomowna dem Geistlichen, daß sie böse Träume
+gehabt habe: in der Christwoche hätte sie Blei gegossen und sonstigen
+Zauber getrieben, und darum wären ihr die bösen Träume gekommen.
+
+Träume, die man in der Christwoche hat, sind immer prophetisch.
+
+Bald träumte ihr, sie wischte den Boden auf; es ist aber nicht gut, wenn
+man im Traume den Boden aufwischt. Bald träumte ihr von einer Feuersbrunst:
+das Haus brennt, man hat schon alle Balken und Bretter herausgebrochen und
+nimmt den Ofen auseinander; vom Feuer ist aber nichts zu sehen.
+
+»Zwei Männer machen sich am Ofen zu schaffen, und ich frage sie: >Was ist
+denn los?< Und sie antworten: >Wir wissen nichts, Solomowna!<«
+
+Den schlimmsten Traum hatte sie aber in der Neujahrsnacht.
+
+Es träumte ihr, sie käme in den Saal herein und aus der Balkontür träte ihr
+der selige Sergej Petrowitsch entgegen; er war nicht allein, sondern befand
+sich in Begleitung eines uralten Mannes; sie hätten die Balkontür hinter
+sich fest zugeschlossen und wären geradeaus ins Arbeitszimmer gegangen,
+sich wie Blinde an den Wänden entlangtastend.
+
+P. Astriosow hatte aber für die Träume der Kinderfrau wenig Interesse: sein
+eigener Neujahrstraum saß ihm noch im Nacken.
+
+P. Astriosow hatte sieben Kinder: der Älteste war schon Küster, und das
+jüngste ein Säugling. Im Traum war es aber umgekehrt: der Älteste war ein
+Säugling und lag in den Windeln, und der jüngste war Küster und hatte einen
+langen Bart.
+
+»Ja, ja, das Bindeglied!« sagte der Geistliche, indem er von Solomowna den
+Sack mit den Neujahrsgeschenken entgegennahm.
+
+In den Feiertagen war es gar nicht lustig.
+
+Auch in der Küche herrschte eine gedrückte Stimmung. Man sprach im
+Flüsterton, als ob ein Schwerkranker im Hause wäre.
+
+Es war noch immer die alte Gesellschaft: der alte Koch Prokofi
+Konstantinowitsch, der Kutscher Anton, die Wäscherin Matrjona Simanowna,
+der Bautischler Terenti, der Schmied >Truthahn<, der Lakai Sinowi und sein
+Gehilfe, der kleine Pjotr. Sie saßen im Kreise um Solomowna und tranken
+Tee. Nur die Stubenmädchen fehlten: Charitina war mit der gnädigen Frau
+nach Petersburg gegangen, und Ustja und Sanja hatte man gekündigt.
+
+Beim Teetrinken gedachten sie der alten Zeiten, sprachen von allen
+Wersenewschen Angelegenheiten und äußerten Bedenken wegen des gnädigen
+Herrn, mit dem es doch früher oder später ein schlimmes Ende nehmen werde.
+
+»Wenn man den Teufel zur ungelegenen Zeit ruft, so kommt er als schwarzer
+Sturmwind geflogen und ergreift den Menschen, und der Mensch geht
+zugrunde!« sagte Solomowna gähnend. Sie bekreuzigte sich den Mund und
+schüttelte den Kopf.
+
+Sergej Sergejewitsch, der den ganzen Abend durch die Zimmer gewandert war,
+kam plötzlich in die Küche und blieb, schwer mit der Nase schnaufend, vor
+den bestürzten Dienstboten stehen. Er starrte auf den verwilderten Truthahn
+und verzog das Gesicht, während es in seiner Kehle eigentümlich pfiff. Dann
+winkte er mit der Hand ab und sagte:
+
+»Teufel!«
+
+»Teufel!« hallte es irgendwo im Korridor wider und irgendwo unter dem Ofen,
+und irgendwo im Keller, und irgendwo hoch über der Decke auf dem dunklen
+Dachboden; das Wort flog auch in den Garten hinaus und umkreiste die weißen
+Säulen.
+
+ * * *
+
+Den Weihnachtsfrösten folgte plötzliches Tauwetter. Am Vorabend des
+Dreikönigstages fing es wie im Frühling an zu tröpfeln, und der Weiher im
+Garten wurde gelb.
+
+Es war wie der Hauch des Frühlings.
+
+Sergej Sergejewitsch sah den ganzen Tag unruhig zum Fenster hinaus. Er
+machte auch die Balkontür auf, stand lange in der offenen Tür und horchte
+hinaus. Den ganzen Tag konnte er keinen Augenblick ruhig sitzen und irrte
+von Zimmer zu Zimmer. Am Abend, als man in allen Zimmern Licht machte,
+wurde er noch unruhiger.
+
+Draußen taute der Schnee, und die Tropfen prasselten von den Bäumen auf das
+Dach wie ein Herbstregen gegen die Fensterscheiben.
+
+Nach dem Abendtee ging Wersenew hinauf. Eine Zeitlang hörte man nichts von
+ihm.
+
+Solomowna ging unten von Zimmer zu Zimmer, flüsterte Gebete und malte
+Kreidekreuze über die Fenster und Türen.
+
+Sergej Sergejewitsch saß oben im Eckzimmer und blickte hinaus.
+
+Die sternlose Nacht verdeckte die Landstraße; er sah nur die nackten
+Baumäste vor dem Fenster im Winde beben.
+
+Sergej Sergejewitsch saß lange da und starrte, ohne an etwas zu denken, zum
+Fenster hinaus.
+
+Und plötzlich hörte er fern auf der Straße ein Glöcklein tönen. Er sprang
+auf. Das Glöckchen tönte. Er kniff die Augen zusammen und hielt sich die
+Ohren zu. Das Glöckchen tönte noch immer. Er wollte hinunterlaufen, Sinowi,
+Solomowna, den Kutscher und alle Dienstboten zusammenrufen. Und das
+Glöckchen hörte nicht auf zu läuten.
+
+Und plötzlich kam ihm das Eckzimmer verändert vor: an der Stelle, wo der
+Spiegel hing, gähnte eine offene Tür. Er trat in diese Tür, und sie schloß
+sich sofort hinter ihm.
+
+Es war ein unendlich langer Korridor. Es kam ihm vor, als habe er das alles
+schon einmal gesehen, die vielen Marmorplatten mit erhabenem Ornament, den
+Mosaikboden aus weißen und roten Steinen. Es war heiß, schwül und feucht.
+
+Er ging durch den Korridor und wußte, daß er ihn zu Ende gehen müsse. Und
+als er das Ende erreicht hatte und eine reichverzierte Tür aus getriebenem
+Eisenblech öffnete, sah er sich vor einer zweiten Tür. Er machte auch diese
+Tür auf. Dann kam eine dritte Tür. Und so folgte eine Tür auf die andere:
+wenn er die eine öffnete, so war gleich eine andere dahinter. Und wie er so
+immer weiterging und eine Tür nach der andern aufmachte, sagte ihm das
+Gefühl, daß er wenigstens einen Augenblick stehenbleiben oder sich
+umschauen müsse, daß er sonst verloren sei. Er konnte aber weder
+stehenbleiben noch den Kopf heben, noch zurückblicken; es war ihm, als ob
+ihn jemand führte und ein anderer ihn von hinten vorwärtsstieße.
+
+Und als er endlich ganz bestürzt, sinnlose Worte stammelnd, lachend und
+schimpfend, die letzte Tür aufmachte -- er glaubte, daß es die letzte Tür
+sei --, hatte er plötzlich das Gefühl, als ob man ihn mit irgendeinem
+spitzen Gegenstand in den Rücken stieße, und er fiel hin. Im Fallen sah er,
+wie die Sterne, die trüben Sterne von Krutowrag, immer greller leuchtend
+und wie von einem Sturmwind getrieben, ihm entgegenflogen. Es war aber
+umgekehrt: die Sterne standen still, und er flog, von einem Sturmwind
+erfaßt, ihnen entgegen . . .
+
+»Ich malte Kreidekreuze über die Türen und Fenster«, berichtete später
+Solomowna, »als mich plötzlich Sinowi rief der Viehwärter Nasar sei
+gekommen, um etwas Weihwasser vom Dreikönigstag zu holen. Wie ich in die
+Küche hinausgehe, höre ich plötzlich, wie jemand die Balkontür zuschlägt.
+Und da denke ich mir: wie leicht kann da ein Unglück geschehen! Es sind ja
+unruhige Zeiten, und es treibt sich genug Gesindel herum. Und dann höre ich
+die Tür noch einmal krachen. Und ich sage zu Prokofi Konstantinowitsch:
+>Prokofi Konstantinowitsch<, sage ich, >hören Sie es?< -- >Ich höre<, sagt
+er, >wie der Wind die Tür zuschlägt.< Und kaum hat er das gesagt, als die
+Tür zum drittenmal kracht; alle Fensterscheiben zitterten, so laut krachte
+es! Ich renne in den Saal: die Balkontür steht wirklich offen. Und ich rufe
+Sinowi: >Wo ist der Herr?< Der Herr ist aber nirgends zu sehen. Der Wind
+weht so stark herein, daß wir zu zweit die Tür gar nicht zumachen können.
+Der Wind reißt sie immer wieder auf, er heult im ganzen Hause und bläst
+alle Lichter aus. >Gnädiger Herr!< schreie ich. Aber er ist nirgends zu
+sehen.«
+
+Am Morgen des Dreikönigstages fand man Wersenew im Weiher: die Fußspuren
+führten von der Balkontür direkt dorthin.
+
+Der Böse hatte ihn wohl verwirrt. Er war nachts zum Weiher gegangen, und
+das Eis war unter ihm gebrochen. Bis an die Brust war er in den Schlamm
+eingesunken, und während der Nacht hatte es ihn noch tiefer hereingezogen.
+So war er in seinem weißen Schlafrock, stehend, den Kopf im Schnee,
+erfroren.
+
+Natürlich wurde sehr viel darüber geredet; ganz Krutowrag war in Aufruhr.
+Aber vom Gerede wird man ja nicht satt!
+
+
+
+
+Sanofa
+
+
+
+1
+
+Schön ist es in Batyjewo -- ein lustiges Dorf ist's! Von allem hat man
+genug: viel Wald ringsum, und der Fluß ist gleich in der Nähe. Im Flusse
+gibt's so viel Fische, daß man sie gar nicht alle fangen kann, und im Walde
+Wild -- alles ist da, was man nur haben will. Nur eines ist unheimlich: man
+kann da nicht ordentlich lustig sein. Bist du es aber doch, so darfst du
+hinterher niemandem Vorwürfe machen: stößt dir dabei ein Unheil zu, so bist
+du selbst schuld.
+
+Solange das Dorf und die Kirche stehen, treiben hier unsaubere Mächte ihr
+Spiel, und es gibt gar keine Mittel, sie auszurotten: zählebig sind sie wie
+die Würmer. Ist man die eine Teufelei glücklich los, so taucht, eh man
+sich's versieht, auch schon eine andere auf. Und wenn es mal vorkommt, daß
+eine Hexe abkratzt, ohne ihre Kunst einer andern vermacht zu haben, so
+erscheint gewiß sofort eine neue: und keine gelernte, sondern eine
+geborene. Eine geborene Hexe ist eine solche, die schon als Hexe auf die
+Welt gekommen ist. Eine Gelernte geht noch an, aber mit einer Geborenen ist
+nicht zu spaßen: mit Kleinigkeiten gibt sie sich niemals ab, sondern geht
+gleich aufs Ganze, so daß man sich nachher sein Lebtag nicht mehr
+reinwaschen kann.
+
+Es gab im Dorfe Hexen genug, gelernte wie auch geborene. Die ältesten Leute
+erinnerten sich nicht an eine Zeit, wo es keine Hexen gegeben hätte, und
+kein Mensch konnte dahinter kommen, wo die Wurzel des Übels lag.
+
+Gar mancher Unglückliche ist schon ins Grab gestiegen, so mir nichts dir
+nichts elend zugrunde gegangen. Mit den Hexen lasse man sich lieber nicht
+ein: sie verderben den Menschen, kommen aber selbst immer mit heiler Haut
+davon und leben ruhig weiter, den Menschen zum Schrecken, dem Gehörnten zum
+Wohlgefallen -- seines bösen Willens Töchter.
+
+So ein verhexter Ort ist eben das Dorf!
+
+ * * *
+
+Es braust und tost das Gerede in Batyjewo, die Kunde dröhnt durch die
+Schwarzen Wälder: vom Meere bis zum Gebirge gibt's keine Hexe, die
+schrecklicher wäre als Sanofa.
+
+Die andern Hexen sind alte Weiber gewesen: Arischka und Agapka hatten je
+hundert Jahre und mehr auf dem Buckel; diese aber ist jung -- kaum über
+dreißig. Die andern richteten zwar viel Schaden an, hielten aber doch Maß
+und machten die Sache zuweilen wieder gut. Dieser fiel das aber niemals
+ein. Die schrecklichsten Zauberkünste kannte sie. Sie verstand, den
+Menschen so an einen Fleck zu bannen, daß er niemals mehr aus dem
+Hexenringe herauskonnte, und wenn er noch sosehr mit Armen und Beinen um
+sich schlug; er irrte im Kreise dicht vor seinem Hause herum und konnte
+nicht ins Haus herein; stand dicht vor seiner Schwelle und konnte kein
+Glied rühren. Die andern Hexen sehen eben wie Hexen aus, und auch das
+kleinste Kind kann sie auf den ersten Blick erkennen: sie sind alle dürr,
+haben Hakennasen und Schwänze; diese aber ist hübsch -- die ganze Welt kann
+man absuchen und keine ähnliche finden --, dabei aber eine Mißgeburt, wie
+man eine solche seit Erschaffung der Welt nicht gesehen hat: der Körper und
+alles andere ist echt wie bei jedem gesunden Weibe, aber die Beine sind wie
+bei einem kleinen Kinde: sie kann gar nicht gehen, nur umherkriechen. Wenn
+sie doch nur immer umherkriechen wollte! Aber die Leute sagten, daß sie
+auch fliegen konnte: wie ein Vogel konnte sie in die Luft steigen! Man
+bekam sie auch fast nie zu Gesicht, höchstens des Nachts. Gott möge aber
+einen jeden davor bewahren: besser ist's, dreimal in die Erde zu versinken
+oder der heiligen Ostermesse nicht beizuwohnen, als sie zu erblicken.
+
+
+2
+
+Sanofas Vater war Kaufmann und reiste mit seinen Waren von Jahrmarkt zu
+Jahrmarkt. Die Waren verlagen sich bei ihm niemals, die Käufer drängten
+sich nur so: auf den alten Tschabak konnte man sich verlassen, niemals
+hängte er einem faule Ware an. Hätte sich der Alte nicht die Sünde auf die
+Seele geladen, so wäre er unter die Heiligen gesetzt worden, bei Gott!
+
+Sanofas Mutter war wildes Zigeunerblut, hatte getanzt und gesungen: wenn
+sie nur einmal in die Hände klatschte, war man verloren, seine Seele wollte
+man hingeben, nur um sie einmal tanzen zu sehen. Eine zweite Marja gab's
+nicht in der Welt.
+
+Nicht immer war es dem Tschabak so gut gegangen. In der ersten Zeit schlug
+er sich mühsam durch, hatte einen Kramladen im Dorf und lebte davon. Das
+ganze Haus war voller Kinder, und es kostete schon etwas, alle zu ernähren
+und zu bekleiden. Wie die Bauern lebten sie.
+
+Sanofa kam zur Welt -- und gleich wurde alles anders.
+
+Nun hatte Tschabak auf einmal Glück und wurde ein echter Kaufmann. Die
+Käufer strömten von allen Seiten zu seinem Laden herbei, und er konnte gar
+nicht genug Ware auf Lager haben. Reich wurde der Kaufmann. Die Einkünfte
+reichten nun für alles aus: er baute sich ein Haus, pflanzte einen Garten,
+verheiratete die Töchter und brachte den Sohn in der Stadt im Handelsfache
+unter. Kornej stiftete eine Kirchenglocke, und die Glocke klang so laut,
+daß das Abendläuten durch alle Schwarzen Wälder dröhnte und selbst bis zu
+der Iljinka in Moskau reichte.
+
+Tschabak suchte den Reichtum gar nicht: das Geld kam ganz von selbst in
+seine Hände.
+
+Kluge Menschen ahnten schon damals, daß es da nicht mit rechten Dingen
+zuging, sie behielten aber ihre Meinung für sich: das Wort ist kein Spatz,
+und wenn es einmal entsprungen ist, so kann man's nicht wieder einfangen.
+Wie leicht kann man einen Unschuldigen in üblen Ruf bringen und muß es dann
+später im Jenseits büßen. Nur Mitroschka -- so hieß ein Bursche im Dorf --
+fürchtete nichts: wenn er sich einen Rausch antrank, begann er zu plaudern:
+er deutete immer auf das Mädel und schrieb ihm alles zu.
+
+Man beachtete seine Worte nicht: wenn ein Mensch angetrunken ist, kann man
+ihn für seine Worte nicht verantwortlich machen.
+
+Das Mädel war aber wirklich Gott weiß was!
+
+Sanofa wurde in der Johannisnacht, beim ersten Hahnenschrei, als letztes
+Kind ihrer Mutter geboren. Sie kam mit einer Glückshaube und einem
+Muttermal am linken Daumen zur Welt.
+
+Die Haube hatte die Hebamme auf die Seite gebracht und an sich genommen.
+Tschabak und sein Weib grämten sich deswegen, konnten aber nichts mehr
+machen: so ein Ding kann man doch nie mehr zurückerlangen; wer es zuerst in
+die Hand bekommt, der zieht eben den Nutzen daraus.
+
+Die Kunde verbreitete sich aber im Dorfe.
+
+Wanderer und Wallfahrer strömten zu Tschabak herbei. Viele kamen ins Haus,
+um aus Sanofas linker Hand ihr Glück zu holen. Die Hand teilte das Glück
+freigebig aus und wies niemanden ab. Wanderer und Wallfahrer kamen dann
+immer glücklich an ihr Ziel und kehrten ebenso glücklich heim. Niemand
+konnte sich über etwas beklagen.
+
+Aus fernen Dörfern kamen die Leute zu Tschabak, ihr Glück zu holen, und
+kehrten zufrieden heim: niemandem stieß irgendein Unheil zu.
+
+Das Kind wuchs als kluges Mädel heran und zwitscherte den ganzen lieben Tag
+wie ein Vöglein. Alles mußte man ihr zeigen und erklären, sie lief immer
+den Erwachsenen nach und hatte vor nichts Furcht.
+
+Marja nahm sie einmal zum Heuerntefest mit und stellte sie in den Reigen.
+Das Mädchen liebte es, im Reigen zu stehen. Und als der Reigen durch die
+Dorfstraße zog, erhob sich ein Wind und warf das Mädel um. Seit jener Zeit
+waren ihre Beine gelähmt, und sie konnte nicht mehr gehen.
+
+Sie lief nicht wie die andern Kinder umher, sondern lag den ganzen lieben
+Tag still.
+
+Eine wunderliche Sache: ihr Körper wuchs weiter, aber ihre Beine blieben,
+wie sie waren: kleine Kinderbeinchen.
+
+Noch mehr Menschen kamen nun zu Tschabak, und das Glück überschwemmte die
+Welt.
+
+Aber es ist nichts so fein gesponnen, es kommt doch an die Sonnen.
+
+Eine wandernde Nonne entdeckte auf Sanofas Glückshand kleine Kreuzmale, es
+waren aber keine gewöhnlichen Kreuze; und danach kam Foma, der heil zur
+Wallfahrt auszog, ohne das eine Bein zurück; dem Jerjoma wurde ein Auge
+ausgeschlagen; Katerina, des Schulzen Enkelkind, heiratete, lebte ein Jahr
+in glücklicher Ehe, begann aber im zweiten Jahr zu trinken; Baran, den man
+als Boten nach Petersburg geschickt hatte, kam nie wieder heim; der bewußte
+Mitroschka aber bekam einen Nabelbruch.
+
+Nun geschahen Dinge, die man auch einem Narren nicht zu deuten braucht.
+
+Je älter Sanofa wurde, um so mehr wuchs das Geschäft ihrem Vater über den
+Kopf. Der alte Kornej wollte die Tochter noch bei seinen Lebzeiten
+verheiraten und dann ruhig sterben. Er schickte Freiwerber aus. Gar mancher
+Freier kam ins Haus. Viele wurden durch den Reichtum angelockt: Tschabak
+war ja der reichste Mann im Dorf. Es kam aber nichts dabei heraus. Gar
+mancher Freier hätte gern zugegriffen, aber im letzten Augenblick hatte er
+doch nicht den Mut. Einen gar zu seltsamen Blick hatte Sanofa: wie ein
+Messer drang er einem ins Herz. Vor solchen Augen konnte man nichts
+verbergen. Darum kam auch nichts zustande.
+
+Sanofa konnte die Freier nicht leiden und machte dem Vater oft Vorwürfe.
+Mit dem Alten hätte aber auch der Teufel nicht fertig werden können: so
+trotzig und eigensinnig war er.
+
+Einmal kam zu Tschabak ein Kaufmann aus der Stadt; in Geschäften kam er zu
+ihm. Ein hübscher, lustiger Kerl, das ganze Dorf brachte er in Aufregung;
+Die Weiber weinen auch heute noch, wenn die Rede auf Rodionow kommt. Und
+dieser Kaufmann gefiel Sanofa. Sie selbst gestand es dem Vater. Der Alte
+freute sich mächtig und ging gleich zu dem Kaufmann. Der Alte liebte die
+Tochter so, daß er seine Seele für sie hingeben würde. Der Kaufmann war
+aber ein leichtsinniger Kerl und achtete nicht der Gefahr. Er schüttete
+drei Scheffel Scherze hin, und man wurde einig. Alles ging, wie sich's
+gehörte: die Eltern gaben ihren Segen, man feierte die Verlobung und machte
+alles, was die Sitte verlangt: Weiber verstehen sich ja darauf! Man tanzte
+so lange, bis alle lahm waren. Und als der festgesetzte Tag anbrach,
+kleidete man Sanofa zur Trauung ein. Man kam in die Kirche, das ganze Dorf
+war dabei -- denn alle wollten es sehen --, man wartete, der Bräutigam aber
+fehlte noch. Man dachte sich, es sei ihm etwas zugestoßen. Man suchte hin,
+man suchte her. Man schickte einen Boten hin, dann einen andern, der
+Kaufmann war nirgends zu finden. Man ächzte und seufzte, doch es war nichts
+zu machen. Nun fuhr man wieder heim. Sanofa wollte sich aber nicht vom
+Fleck rühren. Man bat sie, man flehte sie an, man versuchte, sie mit Gewalt
+nach Hause zu bringen, sie wollte aber um nichts in der Welt fahren. So,
+wie sie war, im Brautkleide, legte sie sich platt auf die Erde und kroch
+auf allen vieren nach Hause. War dabei so weiß wie Papier, und ihre Augen
+-- ja, wenn alle Donner des Himmels erdröhnen und alle Blitze niederführen,
+gäbe es kein solches Ungewitter: -- die Augen glühten und sengten. Ein
+jeder blieb wie angewurzelt stehen, und sie kroch immer weiter.
+
+Gegen morgen fand man den Kaufmann in Tschabaks Stall. Eine Sau hatte
+Ferkel geworfen, und im Stalle stand eine alte geflochtene Krippe für die
+Ferkel. Der Kaufmann lag in der Krippe, und die Pferdeleine war mit dem
+einen Ende an einer Pappel festgebunden. Tot war er.
+
+Nun kam die gerichtliche Untersuchung. Die Leute sagten gegen Kornej aus.
+Kornej schwor, daß er an der Sache nicht beteiligt sei. Man glaubte aber
+seinen Schwüren nicht und sprach ihn schuldig. Der Alte ging nach Sibirien
+und ist wohl auch dort gestorben.
+
+So war die Sache.
+
+Mitroschka mit dem Nabelbruch begann nun ganz laut zu schimpfen, und die
+Klugen, die früher ebenfalls alles gewußt, aber geschwiegen hatten, redeten
+drauflos.
+
+Jetzt war es allen klar, was für eine Bewandtnis es mit Tschabaks Reichtum
+und Sanofas glückbringender Hand mit dem Muttermal am linken Daumen und den
+kleinen Kreuzen hatte.
+
+Und wenn es auch Kornej war, der den Rodionow erdrosselt hatte -- das wußte
+ja jedermann --, Sanofa war jedenfalls mitbeteiligt: ihrer Hände Werk war
+es!
+
+Das ganze Dorf geriet in Aufruhr.
+
+»Sie wird noch etwas ganz anderes anstellen«, sagte man von Sanofa: »Sie
+wird einen Hagel schicken und die Felder verwüsten, sie wird einen Blitz
+herabsenden und das Korn verbrennen, das Vieh umbringen, die Kinder
+erwürgen, die Weiber verderben, die Männer zugrunde richten, den Fluß
+austrinken, den Wald mit den Wurzeln ausrotten, weder die Kirche noch ein
+einziges Haus stehenlassen und selbst den letzten Holzspan nicht
+verschonen.«
+
+»Sie wird es noch ganz anders treiben«, flüsterte man mit erstarrenden
+Lippen, »sie wird alle in Eulen verwandeln und in Erdlöchern zu leben
+zwingen.«
+
+»Einen schwarzen Blick hat sie!«
+
+»Eine verdammte Hand!«
+
+»Eine verdammte Hexe ist sie!«
+
+Foma und Jerjoma redeten den Leuten zu, der Hexe den Garaus zu machen; es
+fand sich aber kein Kühner: alle hatten viel zu kurze Arme.
+
+Alle wichen Sanofa aus, auch Bruder und Schwester sagten sich von ihr los.
+
+Jedes Unglück, das in Batyjewo vorkam, jede Sünde, alles schrieb man Sanofa
+zu.
+
+Sanofa lebte nun mit ihrer Mutter allein.
+
+Alle schielten ängstlich nach dem weißen Häuschen mit der blauen Tür und
+den blauen Fensterladen; man brach den Gesang ab und verstummte, wenn der
+Blick auf den spitzen Dachgiebel fiel, wo ein Storch wie ein Wachposten das
+Hexennest bewachte.
+
+Sie aber hielt sich im Hause versteckt, lag am Fenster, sah alles -- über
+drei Felder hinweg konnte sie sehen --, und hörte alles -- durch drei
+Wälder hindurch konnte sie hören.
+
+Sie sah alles und hörte alles, und das Herz verging ihr; aber aufstehen
+konnte sie nicht.
+
+
+3
+
+Öde ist es nun im Hause des alten Tschabak.
+
+Wo das Volk sich einst so drängte, daß die Wände erbebten, hört man weder
+Lachen noch Trampeln, und draußen vor dem fest verschlossenen Tor sieht man
+keine Pferdespuren mehr.
+
+Ein Christenmensch kommt um nichts in der Welt in den Hof; er wird lieber
+an der Schwelle sterben als das Haus betreten.
+
+In den Stuben sind überall Kräuter aufgehängt. Und sie duften so scharf,
+daß man sich kaum auf den Beinen halten kann. An allen Wänden sind Vögel
+gemalt: Sanofa hat sie selbst gemalt, es sind aber keine richtigen Vögel,
+sondern eher geflügelte Kater. Diese Vögel machen es, daß die Wände und das
+ganze Haus gleichsam davonfliegen möchten.
+
+Nicht geheuer ist es in den Stuben.
+
+Wenn die Mutter mit der Hausarbeit fertig ist, setzt sie sich zu Sanofa.
+Sie schaut die Tochter mitleidig an und weiß nicht, was sie anfangen soll.
+Sanofa aber liegt mit offenen Augen da, und in ihren Augen brennt etwas,
+was man mit keinem Wasser löschen kann.
+
+Sanofa pflegte der Mutter zu sagen:
+
+»Glücklich bist du! Hast dein Leben gelebt, hast getanzt und gesungen, hast
+so getanzt, daß die Leute herbeikamen, um dich zu sehen. Und ich habe
+nichts.«
+
+Die Alte erhob sich, schüttelte ihren grauen Kopf, und die Adern an ihrem
+bronzenen Hals schwollen an.
+
+»Nein, Sanofa, du bist schön und stark, und keine ist so schön wie du!«
+
+Sanofa hörte es nicht und sprach weiter:
+
+»Du bist glücklich. Es muß ja auch glückliche Menschen geben! Wer hat es so
+eingerichtet? Und was habe ich verbrochen? . . .«
+
+»Nichts hast du verbrochen. Aber die Menschen sind so schlecht.«
+
+»Die Menschen? Sind sie glücklich? Ich aber kenne keinen glücklichen
+Augenblick . . .«
+
+Die Alte richtete sich auf und sagte:
+
+»Gehen wir von hier fort, Sanofa. Verlassen wir dieses Haus, verlassen wir
+alles, dann finden wir unser Glück . . . Ziehen wir in die Steppe, in die
+Freiheit . . .«
+
+»Warum lügst du? Warum sagst du, daß ich schön bin? Was willst du von mir?
+Wie soll ich von hier fort? Ich bin ja ein Krüppel -- und kann nicht gehen!
+Womit hab ich das verdient? Wer hat es so eingerichtet? Wo ist die
+Gerechtigkeit?« Sanofa richtete sich auf den Armen halb auf, blickte die
+Mutter voller Haß an, verfluchte die Menschen und die ganze Welt. Alle
+erschienen ihr so glücklich, nur sie allein war so unglücklich, ein
+verkrüppeltes Kind, sie war verdammt und wußte nicht, für welche Schuld.
+
+Und ihr Herz war wie ein zähnefletschender Eber -- schreckliche Rache drang
+ihr aus dem Herzen.
+
+Die Alte ließ sich wieder auf die Bank nieder, schloß die Augen und schlief
+ein, kraftlos, ohnmächtig, etwas zu tun.
+
+Sanofa verharrte aber noch lange halbaufgerichtet, sich auf die gestreckten
+Arme stützend, und sträubte die Haare wie eine Katze. Sie zielte
+irgendwohin mit den Augen und ließ die Blicke im Kreise schweifen. Etwas
+Unmögliches, Unmenschliches geschah in ihrer Seele, etwas Unmögliches,
+Unmenschliches ging in ihrem Herzen in Erfüllung.
+
+Um diese Zeit begann es im Dorfe zu brennen, und die Menschen begannen
+dahinzusterben, und eine Seuche befiel das Vieh, und die Felder wurden
+ausgetreten -- jedes Unheil, jede Seuche, alles kam von ihrem bösen Blick.
+
+Allmählich wurde ihr leichter ums Herz, allmählich zog sie die stählernen
+Arme wieder ein.
+
+Sanofa verkroch sich in einen Winkel ihres Bettes, schrumpfte ganz zusammen
+und versteckte sich wie ein verwundetes kleines Tier.
+
+Sie gedachte ihrer Kindheit, des Vaters, ihrer glückbringenden Hand . . .
+Wie sie einst im Reigen gestanden hatte, wie der Sturmwind kam und wie sie
+zu Boden fiel, von dem sie sich nie wieder erhob . . . Wie sie sich selbst
+aus ihrer rechten Hand ihr Glück herauskratzen wollte, wie sie zur Kirche
+fuhr und, auf allen vieren kriechend, nach Hause zurückkehrte.
+
+Die Alte erwachte.
+
+Sanofa weinte.
+
+Wenn sie weinte, war ihr Gesicht wieder so winzig, kaum faustgroß, wie bei
+jenem glücklichen Mädelchen, das, ihr glückspendendes Händchen schwingend,
+auf einem Bein von der Haustür zur Gartenpforte hüpfte, mit feinem
+Stimmchen sang und das Märchen vom Hahn erzählte, der den Bären gefressen
+hatte; das mit den Lippen den Donner nachahmen wollte und selbst vor den
+eigenen Tönen erschrak; das scheltend den Regen zu verjagen suchte und
+ebenso wie jetzt weinte, wenn der Regen nicht aufhören wollte und man sie
+nicht aus dem Hause ließ.
+
+»Willst du essen?« fragte die Alte, sich über die Tochter beugend.
+
+»Sterben will ich«, flüsterte Sanofa.
+
+Die Alte biß sich in die welken Lippen, zerrte an den Enden ihres erdgrauen
+Kopftuches und war selbst so grau wie Erde.
+
+Die Vögel an der Wand reckten ihre Katzenköpfe und flogen irgendwohin; und
+auch die ganze Wand wollte sich losreißen und davonfliegen.
+
+»Ich will sterben!«
+
+ * * *
+
+Wenn die Abenddämmerung kam und der laue Abend den Wind des Tages zur Ruhe
+brachte und die Nacht, mit Sternen wie zu einem Festmahl geschmückt,
+langsam heraustrat und die von den Sternen geweckten Eulen ihre Trauer in
+gedehnten Schreien ergossen -- kroch Sanofa in den Garten hinaus. Da blieb
+sie bis zum Morgengrauen unter vier Augen mit der Nacht, grub die Erde um
+und machte sich mit ihren Blumen zu schaffen.
+
+Manche Nächte aber waren wie Tage, und Sanofa konnte in solchen Nächten
+nicht vom Bette steigen.
+
+Der Garten verwilderte von Sommer zu Sommer immer mehr. Die Blumenbeete
+wurden von Unkraut überwuchert, und die Blumen gingen zugrunde. Wildes
+Steppengras drang in alle Winkel ein. Die Baumäste neigten sich zur Erde,
+die Schatten wurden immer dicker und vertilgten jedes Licht.
+
+Nachts wurde Sanofa von Träumen heimgesucht; schreiend riß sie sich von
+ihnen los und lebte dann den ganzen Tag unter ihrem Schatten.
+
+An solchen Tagen sprachen Mutter und Tochter nicht miteinander. Sie sahen
+sich nur an. Zuweilen war es ihnen zu schrecklich, einander auch nur
+anzuschauen.
+
+Die Alte legte Karten.
+
+Die Karten prophezeiten nichts Gutes: >Schlag<, >Unannehmlichkeiten< und
+>Nachtlager<. Das bedrückte das Herz mit unsagbarer Schwere, und alles
+endete mit dem >Gastmahl< -- der Piquedame.
+
+Nur selten kam es vor, daß ein Morgen das Haus wie mit strahlendem Glück
+erleuchtete.
+
+Sanofa erwachte und rief:
+
+»Mütterchen, wenn du wüßtest, was mir heute geträumt hat?«
+
+Die Alte lief zur Tochter:
+
+»Was hat dir denn geträumt?«
+
+»Ich träumte von Stiefeln, und dann, daß du mir ein Hemd reichst und das
+Hemd ganz blutig ist.«
+
+»Stiefel bedeuten eine Reise«, erklärte die Alte. »Das Blut aber das
+Wiedersehen mit Blutsverwandten. Und mir träumte, daß ich eine aus Samen
+gezogene Zwiebel esse. Vielleicht kehrt noch der Alte zurück . . .«
+
+Die Alte versank in ihre Gedanken und begann ein Lied zu summen.
+
+»Mütterchen, ich weiß, was es für eine Reise ist: es ist mein Tod.«
+
+Die Alte schwieg.
+
+»Auf dem Friedhof ist es ruhig, dort wird mich niemand anrühren.«
+
+Die Alte schwieg.
+
+Alles fiel ihr aus den Händen: so sehr zitterten ihr die Hände, und sie
+wußte in ihrem Kummer nicht, ob sie stehend oder sitzend weinen sollte.
+
+Ein Tag folgte dem andern.
+
+So viele endlose, traurige Tage zogen durch das verödete Haus. Man könnte
+mit dem Kopf gegen die Wand rennen, nur um irgendeinen Schrei aus der Kehle
+zu pressen.
+
+Ganz gleich, ob das Wetter trocken oder naß war, ob es regnete oder die
+Sonne schien, die Augen hatten nur den einen Wunsch: sich zu schließen.
+
+Die Alte konnte es nicht länger ertragen, sie fürchtete das Schweigen, sie
+ging leise auf die Tochter zu und sagte:
+
+»Mein Kind, mein Kindchen!«
+
+»Was ist denn?« fragte Sanofa, ihre schrecklichen Augen auf die
+gramgebeugte Mutter richtend.
+
+»Ich habe nur so . . . Ich bitte mit dem Herzen . . .«
+
+
+4
+
+Es war wohl eine herrliche Nacht: im fernen Sumpfe trompeteten die Unken,
+kleine Vögel zwitscherten kaum hörbar, und ihr Gezwitscher verschmolz mit
+dem Zirpen der Grillen, von dem die ganze Erde zitterte. Jenseits des
+Flusses schrien traurig die Eulen und lärmten die Frösche: es klang, wie
+wenn ein Wagen über das Straßenpflaster rollt.
+
+Die schlanken Pappeln warfen tiefe Schatten über den mondbeschienenen Hof.
+
+Wie eine weiße Blüte lag Sanofa in ihrem weißen Hemd auf dem Rasen. Traurig
+fielen ihre dunklen Flechten von den Schultern hinab. Ihre Lippen waren
+halb offen und ließen die weißen Zähne sehen. Sie starrte zu den Sternen
+empor.
+
+Die Sterne waren aber so fern.
+
+Ein einziger Gedanke schmolz wie Mondlicht in ihrem Herzen: der Gedanke an
+den Tod.
+
+Und es kam Sanofa vor, als ob jemand mit einem Licht unter dem Stall
+hervorkrieche, dann um die Pappel herumgehe, auf den Boden falle und nun
+den Schattenstreifen entlang zum Garten krieche; das Flämmchen flackerte
+wie eine Kerze, -- wie zwei Kerzen. Und je näher es kam, um so deutlicher
+konnte sie erkennen, daß es ein Mensch war und daß seine Augen wie
+Kerzenflammen leuchteten.
+
+Sanofa stützte sich auf die Arme, bog den Kopf wie eine Katze vor und kroch
+ihm entgegen.
+
+Und so krochen sie aufeinander zu, und die Entfernung zwischen ihnen wurde
+immer kürzer; schon sah sie seine wehenden Haare und seine lächelnden
+Lippen . . .
+
+Schon war der Weg durchschritten.
+
+Er streckte seine Arme nach ihr aus, umklammerte sie und drückte sie fest,
+heiß, für das ganze Leben, für ewig an seine Brust. Plötzlich wurde er
+ebenso blau, wie er es im Stalle mit der Pferdeleine am Halse gewesen war,
+er grinste mit seinen schrecklichen Zähnen, hob sie empor, und schon flogen
+sie -- als Bräutigam und Braut -- davon.
+
+ * * *
+
+Man fand Sanofa am nächsten Morgen am Ende des Gartens beim Fischkasten tot
+auf dem Zaune sitzen: der Teufel hatte sie erwürgt.
+
+Ganz Batyjewo ist betrunken. Gesang, Geschrei und Gestampfe erfüllen die
+Luft. Man tanzt, ohne die Beine zu schonen. Ganz außer Rand und Band sind
+die Leute: Foma hat dem Jerjoma sein einziges Auge ausgeschlagen, dem
+Mitroschka riß jemand den Nabelbruch heraus. Wie sollte man auch bei einer
+solchen Gelegenheit nicht über die Schnur hauen?
+
+
+
+
+Das Los des Elenden. Träume
+
+
+
+Vom Tiger zum Haken
+
+Ich bin der Tiger der alten, von Asche verschütteten, steinernen Stadt, auf
+Gottes Geheiß geboren und nach dem Zeugnis König Davids zur Geduld
+verurteilt: Ich bin vor der Zeit, in die Zeit und für die Zeit.
+
+Ich lag träg und lässig in der Allee des Petersburger Sommergartens und
+betrachtete das Publikum. Es gab nur wenig Spaziergänger, und ich hörte gar
+kein Lachen, nur hie und da ein widerliches Kichern. Die meisten gingen mit
+ernsten Gesichtern ihren Geschäften nach, und die Geschäfte, denen sie
+nachgingen, wurden als etwas so ungemein Wichtiges hingestellt, als ob
+davon das Heil der Welt abhinge. Ich sah nur die Rücken der Vorbeigehenden
+und konnte nur aus ihren Worten und Äußerungen, die an mein Ohr schlugen,
+schließen, was für Gesichter und was für Augen sie hatten. Die Empörung
+ließ mich auf meine kräftigen Beine springen; ich stürzte voller Wut auf
+das Häuschen Peters des Großen zu, ich schlug meine Krallen in das Holz und
+begann den Leuten ins Gewissen zu reden und ihnen klarzumachen, daß sie
+Betrüger und selbst der einfachsten Sache nicht gewachsen seien, weil ihre
+Augen trüb und kurzsichtig, ihre Seelen welk und ihre Gesichter schief
+seien.
+
+Indem ich die Erlöser anklagte, begann ich solchen Unsinn zu reden, daß
+auch meine Augen sich trübten, meine Seele ausfaserte und mein Gesicht
+schief wurde. Und plötzlich war ich wie durch ein Wunder in einen Vogel mit
+lauter Stimme verwandelt.
+
+Ich sang so laut, daß es wohl auf der ganzen Welt keinen Winkel gab, in dem
+mein Gesang nicht zu hören gewesen wäre. Und da alle meinem Gesange
+lauschten und an der sonnigen Stelle, wo ich zu singen pflegte, bereits ein
+Käfig hing und ich wußte, daß man mich einfangen und in diesen Käfig
+sperren würde, empfand ich es als lästig und auch gefährlich, als Vogel
+weiterzuleben.
+
+Um mich irgendwie zu retten und mir die Freiheit zu erhalten, senkte ich
+meine Flügel und schlich mich als diebischer Fuchs in das schmutzige und
+gemeine Wirtshaus >Zu den lustigen Inseln< in der Werejskaja-Gasse, drängte
+mich irgendwie durch die Masse der betrunkenen Gäste und setzte mich an den
+ersten besten Tisch; um keinen Verdacht zu erregen, bestellte ich mir aber
+eine Flasche vom stärksten und berauschendsten Weine.
+
+Obwohl das Lokal gesteckt voll war und man sich gar nicht rühren konnte,
+brachte es irgendeine Sascha Timofejewa fertig, sich an meinen Tisch zu
+setzen. Sie umschlang meinen Hals mit einer Hand und suchte ihr Gesicht dem
+meinigen zu nähern.
+
+»Lieber Freund, führe mich fort von hier!« flehte sie mich an, und ihr
+gelber Lackledergürtel knisterte.
+
+Während sich ihr dunkelmattes Gesicht mit den riesengroßen grauen Augen
+ohne Pupillen meinem Gesicht näherte, senkte sich von der Decke ein Netz so
+fein wie Spinnweben langsam, aber sicher über mich: ich fühlte, wie ein
+seidenes Vogelnetz über mich geworfen wurde. Und als die Augen meiner
+Geliebten schon so nahe waren, daß sie zu einem einzigen grauen Auge
+verschmolzen, berührte das Netz meinen Scheitel; im gleichen Augenblick
+drang ein feiner, scharfgeschliffener Haken in mein lebendes Herz. Er hakte
+sich fest und zog mich schon im nächsten Augenblick roh und blind über die
+Sascha und den Tisch hinweg zur Decke empor.
+
+
+Affen
+
+Man hatte uns von allen Enden der Welt, aus Australien, Afrika und
+Südamerika, zusammengetrieben, und ich, der Anführer der Schimpansen, mit
+dem aus Eiderdaunen gewebten Gürtel um die Lenden, raufte mir die Haare und
+zerbrach mir den Kopf, wie ich mich von den Ketten, mit denen man uns an
+Armen und Beinen gefesselt hatte, befreien und in meine Heimat durchbrennen
+könnte; aber es war schon zu spät. Man trieb uns über die neugepflügten
+Äcker auf das Marsfeld, und nachdem wir wie Soldaten Aufstellung genommen
+hatten, begannen Herolde in goldstrotzenden Uniformen mit Straußenfedern an
+den Hüten, längs der Reihen hin- und herreitend, das Urteil zu verlesen.
+
+Man beschuldigte uns Affen der maßlosen Unzucht, Bosheit, Faulheit,
+Trunksucht und eines unausrottbaren Hanges zum Diebstahl; unter Anerkennung
+unserer ungewöhnlichen angeborenen Anlagen zur Entwicklung und
+Vervollkommnung verhängte man über uns die Anwendung der Geheimmittel des
+Bologneser Universitätsprofessors Ritters Altenaar, des Nachkommen der
+Wikinger von Grönland, Island und des Nördlichen Eismeeres.
+
+Von blinder Mutterliebe und Empörung erfüllt, folgte ich der Exekution, die
+nach all diesen närrischen Zeremonien begann: die gottlosen Menschen
+durchbohrten uns zum Scherz mit Schusterahlen und bearbeiteten uns nachher
+mit Eisenhämmern. Sie beschmierten einzelne von uns mit heißem flüssigem
+Teer, befestigten das eine Ende eines in die Teermasse eingekneteten
+Strickes an die Körper der Unglücklichen und das andere an das Kummet eines
+freien und kräftigen Pferdes und ließen sie dann unter Schreien und Johlen
+der Menge so lange über die Erde schleifen, bis die Opfer verendeten.
+Andern wiederum steckten sie die Lippen sorgfältig mit Messingnadeln
+zusammen. Und noch viele andere Scherze wurden an uns zwecks Bändigung
+verübt.
+
+Als aber das Marsfeld vom Heulen und Winseln gesättigt, als die Erde vom
+vergossenen Affenblut aufgequollen war und das getaufte und ungetaufte
+russische Volk sich krank gelacht hatte, kam auf ehernem Rosse ein Reiter
+in Rüstung aus grünem Erz dahergesprengt. Ein Lasso schwirrte durch die
+Luft und legte sich mir um den Hals, und ich fiel in die Knie. Ich,
+Anführer der Schimpansen Australiens, Afrikas und Südamerikas, blickte
+angesichts des unnötigen und ungebetenen Todes den schrecklichen und
+stolzen Reiter mit frechen Augen an und schleuderte gegen ihn und den mir
+verhaßten Tod ein dreifaches Kikeriki.
+
+
+Beinahe hätten sie mich gegessen
+
+Ich hatte zwölf unterirdische Kammern und zwölf Schlüssel -- man nahm sie
+mir weg. Ich sammelte mir im Hofe verschiedene Lumpen -- man nahm sie mir
+auch weg. Die Schlüssel und die Lumpen trug man in die Vorratskammer und
+schloß sie dort ein. Und Wlassow, mit dem ich erst vor kurzem mein Zimmer
+geteilt hatte und ohne den ich keinen Schritt machen konnte, verließ mich.
+
+Ich bin ganz nackt, und doch rauben sie mich noch immer aus: sie saugen mir
+das letzte Blut aus dem Körper. Nun hat mich auch noch eine Zitterkrankheit
+befallen. Mit Tränen in den Augen flehe ich sie an, mich in Ruhe zu lassen
+und mir nicht so furchtbar zuzusetzen. Sie will aber nicht auf mich hören.
+
+Sie hatten mich frech beraubt, und ich wußte, daß sie mich nicht am Leben
+lassen würden, daß sie mich unbedingt ins Grab bringen wollten. Ich konnte
+es nicht länger aushalten und schickte mein Dienstmädchen auf die Ligowka
+zu einem mir bekannten Sargmacher, einen Sarg zu holen. -- Meine
+Sterbestunde rückte heran, und es kam mir immer klarer zum Bewußtsein, daß
+sie meinen Leib schon nach wenigen Tagen mit Brot verzehren und nur meine
+Knochen in den Sarg legen würden.
+
+Mit unsagbarer Mühe kroch ich die Treppe hinunter und wandte mich an den
+Portier mit der Bitte um Hilfe: ich flehte ihn mit den letzten Kräften,
+mein letztes Blut vergießend, an, die vornehmsten Bürger der Stadt
+auffordern zu lassen, gleich morgen zu mir zu kommen, um mich zu bestatten,
+solange ich noch nicht verzehrt sei.
+
+Und während ich so den Portier anflehte und mich vor ihm bis zur Erde
+verneigte, sprang plötzlich das Plakat mit der Aufforderung, die
+Gummischuhe unten beim Portier abzugeben, ab, und an der Stelle, wo es
+gehangen hatte, trat aus der Wand Wlassow. Indem er seinen stechenden
+Feuerwehrmannschnurrbart drehte, reichte er mir die Schlüssel, die Lumpen
+und etwas Roggenmehl, aus dem ich einen dicken Kleister kochen sollte.
+
+
+Der Tatar
+
+Ich stieg einen Turm auf einer steilen, ungewöhnlich schmalen Treppe
+hinauf. Man hatte mir gesagt, daß ich nur die obere Plattform zu erreichen
+brauchte; oben würde ich leicht den Eingang in den Himmel finden: dort
+würde eine Wolke in Form einer Barke zu meinen Diensten bereitstehen, ich
+brauchte nur einzusteigen und könnte dann fahren, wohin ich wollte.
+
+Der Aufstieg dauerte unendlich lange, die Beine konnten mich kaum tragen,
+und auch meine Geduld ging zu Ende; der Schädel schmerzte mir; ich nahm
+mich aber doch zusammen und erreichte schließlich die Plattform. Und was
+denken Sie? Es gab oben gar keine Wolke in Form einer Barke, dafür stand
+dort ein Tatar, einer von denen, die mit alten Kleidern handeln; seine Arme
+reichten aber bis zur Erde hinab. Ich wollte schon wieder hinuntersteigen
+-- was sollte ich denn oben? --, er packte mich aber am Kragen und hob mich
+mit seinen langen Armen in die Höhe.
+
+»Du ganz gemeiner Schmarotzer! Ebensowenig wie deine Ohren wirst du die
+Wolke, die du wohl nur aus deinen Büchern kennst, zu Gesicht bekommen, noch
+die Dinge, die jenseits der Wolke sind. Putz dir erst die Augen, die in
+allen Dingen nur das Häßliche schauen, und dann bist du uns willkommen!«
+
+Ehe ich ihm etwas entgegnen oder mich rechtfertigen konnte, begann der
+Tatar mich langsam auf die Erde hinabzulassen. Und als bis zur Erde nichts
+mehr übriggeblieben war, schlug ich mit der Nase hart am Boden auf und fiel
+in warmen Kuhmist.
+
+
+Der Traber
+
+Petersburg stand in Flammen. An den Feuerwehrtürmen hing das Alarmsignal
+für sämtliche Löschkommandos; sie konnten aber alle nichts ausrichten.
+Petersburg brannte an allen Ecken und Enden.
+
+Ich und noch ein Herr, der mich bei meinen nächtlichen Abenteuern zu
+begleiten pflegte, verließen das Haus und fuhren ins Barackenlager. In den
+Baracken bekamen wir ein riesengroßes Zimmer angewiesen, und hier stellte
+sich heraus, daß wir gar nicht allein waren: in unserer Gesellschaft befand
+sich unablässig ein bekannter russischer Dichter.
+
+Wir sahen zum Fenster hinaus: die Straßen waren von Flüchtlingen
+überschwemmt, und zahlreiche Damen, mit Reisekoffern und gelben
+Hutschachteln beladen, zogen über den Bürgersteig wie in einer
+Kirchenprozession. Alle sagten, daß die Feuersbrunst entsetzlich sei und
+nicht so bald ein Ende nehmen würde. Es roch nach Verbranntem.
+
+Wir beschlossen, gleichfalls abzureisen. Wir nahmen uns eine Droschke und
+fuhren zu dritt nach Moskau. Ohne uns in Moskau aufzuhalten, begaben wir
+uns direkt nach der Sommerwohnung im Petrowski-Park. In der Sommerwohnung
+trafen wir niemanden an. Etwas später erschien ein bekannter Schauspieler,
+und wir erzählten ihm, welch ein furchtbarer Brand in Petersburg wüte, wie
+wir in den Baracken gesessen hätten, wie es nach Verbranntem gerochen hätte
+und daß wir dem Kutscher fünfundsiebzig Kopeken bezahlt hätten.
+
+»Jetzt ist das Pferd hin«, sagte der Dichter. »Wie kann man auch?
+Neunundzwanzig Werst von Petersburg nach Moskau, ohne Station zu machen,
+und dann gleich wieder nach Petersburg zurück -- das hält kein Pferd aus!«
+
+
+Die Blume
+
+Ich pflanzte meine Lieblingsblume um. Endlich war ich dazu gekommen. Ich
+fühlte mich schuldbeladen ihr gegenüber: wenn man soviel andere Geschäfte
+hat, kommt man selten dazu, sich um sie zu kümmern und das Gras auszujäten;
+nun ist es schon zu einem dichten Gebüsch ausgewachsen! Immer habe ich
+etwas zu tun, bald dies, bald jenes. >Das ist ja eben das Wesen des Lebens,
+daß man niemals Zeit hat!< hat mir einmal jemand gesagt. Nun, der Herr sei
+ihm gnädig; möchte der, der es gesagt hat, auch in Zukunft niemals Zeit
+haben!
+
+Ich schüttelte die Erde aus dem Blumentopf, ergriff die Blume am Stengel
+und bemerkte unten, wo die Wurzeln einen Knoten bilden, einen kleinen Wurm.
+Kaum hatte ich die Hand ausgestreckt, um den Wurm zu fassen, als er sich in
+eine kleine Schlange verwandelte, und die kleine Schlange verwandelte sich,
+ohne mit der Wimper zu zucken, in eine große. Nun begann ich vor Angst zu
+zittern. Ich warf die Blume zu Boden und wollte weglaufen, aber die Beine
+gehorchten mir nicht; ich wollte aufschreien, brachte aber keinen Ton
+hervor.
+
+Die riesengroße geringelte Schlange Aspis tat ihren Rachen vor mir auf,
+berührte mit ihrem glühenden Stachel meine kalte Nase und verwandelte sich
+in einen Fisch mit vielen Zähnen. Mein Gott! Das war ja Echinia selbst!
+Ohne lange zu überlegen, sperrte die Echinia (und nicht mehr die Aspis)
+ihren Rachen noch weiter auf -- ich hatte kaum Zeit, nach meiner Tasche zu
+greifen, und stürzte in ihren Bauch. Da war es um mich geschehen.
+
+
+Rotkohl
+
+Ich stehe am Flußufer mitten in einer Volksmenge. Jemand meint, daß diese
+Volksmenge von der Darstellung des jüngsten Gerichts in der
+Mariä-Verkündigungs-Kathedrale zu Solwytschegodsk herabgestiegen sei und
+daß der Fluß, an dem wir stehen, die Donau oder der Safat sei; es werden
+noch andere Namen genannt, ich kann sie aber nicht verstehen, da alles in
+einer barbarischen Sprache erzählt wird.
+
+Wir alle warten auf etwas und sind sehr aufgeregt. Ich kann nicht ruhig an
+einem Platz stehen und laufe bald zu dem einen, bald zu dem andern und
+frage:
+
+»Kommt es bald?«
+
+Statt mir zu antworten, zeigt man mit den Fingern auf eine dunkle Masse,
+die vom Walde her naht.
+
+Am Ufer, dicht am Wasser, ist ein kleiner Platz abgezäunt; auf dem Platz
+stehen zwei Fäßchen mit einem quer darüber gelegten Brett. Ich dränge mich
+bis an die Umzäunung vor, richte mich recht bequem ein und beobachte die
+heranrückende dunkle Masse.
+
+Allmählich kann man die seltsamen Gestalten unterscheiden: an der Spitze
+reitet auf einem Ochsen der Zeremonienmeister, ein vornehmer Würdenträger
+mit braunem Vollbart und goldgesticktem Rock; in seinen Händen glänzt ein
+goldener Stab; nach dem Zeremonienmeister schreiten paarweise Damen in
+langen weißen Gewändern, mit bloßen Füßen, und jedem Paar folgen Diener,
+die je zwei Klappstühle und einen Fächer tragen. Endlich erscheint unter
+einem Baldachin der König: er trägt einen mit silbernen Sternen besäten
+Mantel, so blau wie der Fluß, und an den Händen weiße Ritterhandschuhe;
+sein Gesicht ist dunkel wie das eines Mohren, und seine Nase gleicht einer
+silbernen Sichel.
+
+Der Mann, der neben mir stand und eine staubige rote Perücke aufhatte,
+seines Zeichens Schwarzkünstler, schnaubte mit der Nase und sagte mir auf
+russisch:
+
+»Dieser König Napoleon hat eine angesetzte Nase!« Mit diesen Worten stürzte
+er entseelt zu Boden.
+
+Und ich sah, daß noch viele andere Menschen in der Volksmenge tot
+niederfielen, offenbar für ihre Blasphemie bestraft. Nun kam es irgendwie
+zutage, daß es durchaus kein gewöhnlicher König war.
+
+Der Zug kam immer näher. Ich unterschied schon einen schlanken, weißen
+Hofmann, der dem König folgte und Befehle erteilte. Dann kamen wieder Damen
+und Diener; polternde Bauernwagen, bis an den Rand mit Rotkohl beladen,
+beschlossen den Zug.
+
+Alle Blicke waren auf den König gerichtet. Er betrat den am Ufer
+abgezäunten Platz, und nun kam ich darauf, daß sein Gesicht unter einer
+Larve verborgen und daß der schlanke Hofmann kein lebendiger Mensch,
+sondern ein Automat war.
+
+Die Diener legten indessen den Baldachin zusammen und stellten die Stühle
+auf. Die weißen Damen rafften die Röcke hoch, nahmen Platz und begannen,
+mit ihren bloßen Beinen baumelnd, ein Gebet zu murmeln. Der König verbeugte
+sich vor dem Flusse, rief den Automaten herbei und setzte sich zugleich mit
+ihm auf das Brett, das quer über den Fässern lag, doch so, daß die Mitte
+des Brettes frei blieb.
+
+Wir riefen alle hurra und schrien so lange, bis der Zeremonienmeister mit
+dem braunen Vollbart und dem goldgestickten Rock mit seinem Stabe winkte.
+Nun trat Totenstille ein.
+
+»Warum hast du gesagt«, wandte sich der König an den Automaten, »daß diese
+Bank zusammenbrechen würde? Du siehst doch, wir beide sitzen auf ihr, und
+sie ist noch immer ganz.«
+
+Die Stimme des Königs klang so jugendlich und stark, daß ein jeder von uns,
+von einem plötzlich erwachten Gefühl von Jugend und Kraft ergriffen,
+emporsprang. Wir alle waren bereit, für unsern König zu sterben.
+
+Die Damen schrien hurra.
+
+»Kaiser, du sitzt nicht richtig, setz dich in die Mitte!« sagte der Automat
+zum König. Mit diesen Worten erhob er sich vom Brett und ging an den Zaun
+zu der Stelle, wo ich mich so bequem eingerichtet hatte.
+
+Ich konnte mich nicht enthalten und rührte ihn hinten an: meine Hand stieß
+auf etwas Metallisches und Kaltes, ich zog sie unwillkürlich zurück und
+fühlte ein Zittern wie vom elektrischen Strom.
+
+Der König erhob sich. Der König legte seinen Mantel zurecht. Der König
+setzte sich auf die Mitte des Brettes. Kaum hatte er es berührt, als das
+Brett mitten entzweibrach. Der König flog in den Fluß.
+
+Die Damen brachen in Tränen aus. Wir schrien hurra und begannen den
+Automaten zu prellen; während wir ihn in die Höhe warfen, warfen wir auch
+die Rotkohlköpfe zum Himmel empor.
+
+
+Der Wolf
+
+Man schickte mich in den Wald, Nüsse suchen. »Geh hin«, sagte man mir, »und
+bring uns recht viel Nüsse.« Ich gehe durch den Wald, schaue nach allen
+Seiten, stolpere bei jedem Schritt, kann aber keine einzige Nuß finden.
+Endlich habe ich doch einen Busch entdeckt, aber mit lauter grünen Nüssen,
+keine einzige reife ist darunter. »Es ist ja ganz gleich: ich bringe ihnen
+von den grünen, wenn sie durchaus Nüsse haben wollen . . .« Ich greife
+einen Ast, will die Nüsse abpflücken, aus dem Gebüsch springt aber ein Wolf
+auf mich los. Ich sehe, daß es schlimm um mich steht, und sage ihm: »Willst
+du mich denn wirklich fressen?!« Er schweigt. Und ich sage ihm noch: »Friß
+mich nicht, Grauer, ich werde dir später einmal nützlich sein.« Und ich
+denke mir dabei: >Wie werde ich ihm eigentlich nützlich sein können?< Und
+während ich mir das überlege, fraß mich der Wolf.
+
+
+Der Baum
+
+Über dem Kopfe knarrt ein Riesenbaum, er knarrt und wird gleich stürzen.
+Und ich stehe unter dem Baum wie gebannt.
+
+Der Baum knarrt unheimlich, das Laub fällt von den Zweigen, und der Wipfel
+bebt: ich weiß nicht, ob es der Wind macht oder ob er von selbst wie vor
+dem Sturze bebt.
+
+Der Baum knarrt, er knickt ein -- er wird mich erschlagen . . . Und ich
+kann nicht fort.
+
+
+Der Steg
+
+Ich ging über die schmale, schwankende Brücke, die von Fels zu Fels über
+den Abgrund führte. Es war aber unmöglich, direkt von der Brücke an das
+andere Ufer zu kommen: man mußte entweder hinüberspringen, wie es mein
+Gefährte getan hatte, der nun am anderen Ufer stand und mir die Arme
+entgegenstreckte, oder aber auf den Steg treten, ein schmales Brett, das
+mit Stricken an irgendeinem Nagel irgendwo in den Wolken befestigt war und
+von dem man mit einem einzigen Schritt ans Ufer gelangen konnte. So wollte
+ich es machen. Ich trat auf den Steg. Kaum aber hatte ich die Hände meines
+Gefährten ergriffen, als der Steg zu schwingen begann und immer mehr und
+mehr in Schwung kam. Ich flog auf dieser höllischen Schaukel immer höher
+empor, und mein Gefährte flog mit mir mit, und so schaukelten wir über dem
+Abgründe.
+
+Mein Herz verging und erstickte und stand endlich ganz still.
+
+
+Die Tiere
+
+Der stille Herbstregen, fein wie Staub, fällt im dichten Nebel. Ich weiß
+nicht, wohin und wozu ich gehe und was mich treibt. Endlich bleibe ich vor
+dem Stadttor stehen. Die Torhüter öffnen mir schweigend das Tor, und ich
+gerate in eine schmale, von zwei hohen Mauern eingeschlossene Gasse. Männer
+und Frauen, Körbe voll Brot auf den Köpfen, kommen mir entgegen. Wie ich
+mit diesem seltsamen Zuge zusammentreffe, wende ich mich an einen der
+Männer und sage:
+
+»Gib mir eine Semmel.«
+
+Er gab sie mir. Ich weiß aber nicht, ob ich die Semmel aufessen oder in die
+Tasche stecken oder nach Hause tragen soll; ich weiß auch gar nicht, wohin
+ich gehe.
+
+»Die Tiere hat man herausgelassen! Die Tiere!« schrie irgendein Mann, an
+mir vorbeilaufend, während die Fetzen eines zerrissenen roten Hemdes hinter
+seinen Schultern wie zwei Flügel flatterten.
+
+Und alle befiel eine furchtbare Angst, und diejenigen, die in meiner Nähe
+waren, warfen ihre Brotkörbe hin und rannten davon.
+
+Und dieser schreckliche Schrei! . . . Es wurde mir klar, daß es mein
+eigener Schrei war.
+
+Die Tiere, anfangs kaum wahrnehmbar, dann immer drohender, rückten heran.
+Das Fell auf den schwarzen und rauchgrauen Rücken sträubte sich, die
+grellgelben Flecken an den Bäuchen schimmerten in fettigem Glanz. Ich stand
+allein, rings von den vielen roten offenen Rachen umgeben; die roten Zungen
+bewegten sich in ihnen wie Uhrpendel.
+
+»Tiere, da habt ihr die Semmel!«
+
+Kaum hatte ich aber diese Worte: >Tiere, da habt ihr die Semmel<
+gesprochen, als alle Tiere, die großen und die kleinen, die grauen und die
+schwarzen, die einohrigen und die einzahnigen, die stößigen und die
+bissigen, ihre Pfoten einzogen und in Schlummer versanken.
+
+
+Unter Nackten
+
+Ich war in eine Gesellschaft von Nackten geraten: sie laufen so ganz ohne
+jede Kleidung herum. >Sie schämen sich wohl furchtbar, diese
+Unglücklichen<, dachte ich mir, alle diese mageren, dicken, aufgedunsenen,
+knochigen, häßlichen Gestalten betrachtend.
+
+»Nein, wir würden uns schämen, wenn wir uns plötzlich ankleideten«, sagte
+mir einer der Nackten, der meinen Gedanken offenbar belauscht hatte.
+
+»Schämt man sich denn, wenn man angezogen ist?«
+
+»Das eigentlich nicht . . .«
+
+»Wie häßlich ihr doch alle seid!« unterbrach ich ihn.
+
+»Wenn wir häßlich sind, so mach, daß du fortkommst, solange deine Knochen
+ganz sind«, sagte mir wütend ein anderer Nackter.
+
+»Was ist eigentlich die schwerste Sünde?« fragte ich ihn.
+
+»Einst galt es als die schwerste Sünde, ein Feuer auszulöschen. Diese Sünde
+haben wir nie begangen: die Feuerwehr nimmt keine Nackten auf.«
+
+»Ich habe auch keine Lust, zur Feuerwehr zu gehen«, stimmte ich ihm zu.
+Dann ging ich auf die Seite und zog mir die Stiefel aus.
+
+
+Das Dach
+
+Mit den Händen am Gesimse gleitend, die Beine in der Luft, bewege ich mich
+längs des unendlichen Holzdaches eines unendlichen Holzbaues fort. Grelles
+Sonnenlicht fällt mir in die Augen. Morsche Holzstücke fallen mir unter den
+Händen ab, meine Hände rutschen -- mir stockt der Atem, und ich möchte
+abstürzen, damit es doch einmal ein Ende nimmt! Aber ich bewege mich immer
+weiter.
+
+Ich sehe unter mir Bäume, Flüsse, Bäche und eine Stadt.
+
+
+Der Bau
+
+Ich kroch unter das riesenhafte Haus, das noch nicht ganz fertig war, Man
+baute es so, daß der ganze Bau in der Luft hing und nicht stürzte, weil ein
+dickes, an das Fundament befestigtes Tau ihn mit der Erde verband. Ich
+kroch mit einem Beil in der Hand unter den riesenhaften Bau, erreichte den
+Mittelpunkt, wo das Tau befestigt war, holte mit dem Beil aus und hieb auf
+das Tau ein. Und als ich so weit war, daß das Haus jeden Augenblick
+einzustürzen drohte, spuckte mir jemand von oben auf den Kopf.
+
+
+Unter dem Bett
+
+Ich liege im leeren Zimmer und fühle, daß sich unter dem Bett etwas
+aufrichtet, umwendet und wieder still wird. Ich spitze die Ohren und
+horche: die Pfoten knacken, etwas Rauhes kriecht über den Boden, es stößt
+wohl an meine Stiefel, wendet wieder um, es holt Atem und kriecht weiter.
+
+Ich liege da, ich rühre mich nicht, und ich weiß, daß es schon ganz nahe
+ist: gleich macht es einen Bogen um den Stuhl, nimmt mich aufs Korn und
+springt mit einem Satz auf mich herauf.
+
+
+Die Maus
+
+Im Hause haben sich Mäuse eingenistet und trippeln umher. Ich lauerte einem
+Mäuschen auf und packte es beim Schwanz. Es biß mich augenblicklich in den
+Finger. An der Stelle, wo es mich gebissen hatte, wuchsen mir lange Haare.
+Ich ließ die Maus los, sie fiel zu Boden, setzte sich und lief gar nicht
+fort.
+
+»Wie kann man nur so!? Man muß es vorsichtig machen und sie durch
+Liebkosungen zu gewinnen suchen!«
+
+Ich ergriff sie vorsichtig am Pfötchen, streichelte ihr den Rücken, sie
+aber sprang mir an den Hals, beschnupperte mich und bewegte ihren
+Schnurrbart.
+
+
+Makkaroni
+
+Wir standen am Rande des Kraters. Der Lange, der seit so vielen Monaten
+nicht von mir weicht und mir fortwährend allerlei Dummheiten erzählt,
+sprang, ohne sich die Lippen abzulecken, glatt hinüber, ich aber stürzte
+hinein. Mit unendlicher Mühe, mich im Finstern an die Kleiderhaken
+festklammernd, klettere ich an die Oberfläche. Der Lange ruft mir aber zu:
+
+»Komm schneller heraus. Sonst werden die Makkaroni, die ich gekocht habe,
+kalt. Gesalzen sind sie auch schon!«
+
+Scher dich zum Teufel mit deinen Makkaroni! Die Finsternis ätzt mir die
+Augen. Wenn ich doch nur herauskriechen könnte . . .
+
+
+Der Sieger
+
+Eine rote, glühende, mit dünner Asche bedeckte Steppe. Zwei rote, kräftige
+Kämpfer haben sich in verzweifeltem Ringen umfaßt. Und der, der älter
+aussah und dessen Körper gebräunter war, blieb Sieger. Ich stürzte zu
+diesem Sieger hin, ergriff seine Hand, biß mich mit den Zähnen in sie
+hinein, berauschte mich am dunklen, dicken Blut, das aus der Wunde
+emporsprudelte, und blickte ihm in die Augen, die vor Schmerz trüb geworden
+waren. Ich blickte ihm lange in die Augen und wußte es ganz gewiß: gleich
+wird er seine Hand befreien und mich mit einem Schlage zermalmen.
+
+Das Blut aber sprudelte unaufhörlich.
+
+
+Der Leichenwagen
+
+Wir wateten lange durch den Fluß, nur unsere Köpfe ragten aus dem Wasser.
+Mein vor mehreren Jahren verstorbener Freund, der immer betrunken ist und
+ein rotes, aufgedunsenes Gesicht hat, geht voraus, und ich gehe ihm nach.
+Er geht mit trägen Schritten, den zerzausten grauen Kopf auf die Brust
+gesenkt, blickt manchmal zurück und blinzelt mir zu. Endlich erreichen wir
+ein Haus und kommen, naß wie wir sind, in den Saal. Im Saale findet gerade
+ein Ball statt; wir sehen viele tanzende Paare und hören lustige Musik.
+Alle bleiben plötzlich stehen, alle Blicke sind auf uns gerichtet. Wir aber
+sind patschnaß.
+
+»Tanzen! Tanzen!« schreien plötzlich alle auf, die Musik schmettert von
+neuem, und die Töne sind so ansteckend lustig, daß man Lust hat,
+unaufhörlich, unermüdlich weiterzutanzen . . .
+
+Ich habe aber keine Lust, noch länger durch den Fluß zu waten; ich steige
+darum in den Zug und setze die Reise mit der Eisenbahn fort. Der Zug hält
+auf freiem Felde. Ich trete in das Bahnwärterhäuschen und setze mich ans
+Fenster.
+
+»Sie fahren, sie fahren!« murmelte der Weichensteller im Vorbeigehen, und
+im gleichen Augenblick fuhr eine Equipage vorbei. Ich sah ein junges Paar
+darin sitzen; sie war im Brautkleide und er im Frack.
+
+Sobald die Equipage mit dem Brautpaar verschwunden war, kam polternd ein
+riesengroßer Leichenwagen gefahren, und im Wagen lag ein riesengroßer
+Leichnam. Die Pferde liefen Galopp, auf dem Bock saß kein Kutscher, und
+niemand lenkte das Gespann.
+
+Ich sprang aus dem Bahnwärterhäuschen und ging quer über das Feld. Das Feld
+war staubig, ebenso der Wind.
+
+
+Der Turm
+
+Es ist ungemein schwierig, fast unmöglich, diesen sonderbaren
+turmähnlichen, innen vollkommen hohlen Bau zu besteigen. Die Stufen sind so
+abgenagt, daß man stellenweise Schritte von anderthalb Klaftern machen muß.
+Wir steigen in großer Gesellschaft hinauf, kennen aber einander nicht, wenn
+wir auch so tun, als ob wir einander durch und durch kennten.
+Hinunterschauen ist verboten; wer es trotzdem tut -- es gab auch solche
+Helden unter uns --, der ist erledigt: der fliegt kopfüber in den Keller.
+Niemand hat den Keller gesehen, aber alle wissen, daß er tatsächlich
+existiert und sehr kalt und finster ist. Endlich erreichen wir die obere
+Plattform; sie ist fest gebaut, ganz aus Eisen und wird von eisernen Balken
+gestützt.
+
+Eine Lehrerin -- oder Nonne, die früher einmal Lehrerin gewesen ist --
+steht oben und zeigt jedem von uns durch das offene Fenster die Welt. Sie
+sagt ausdrücklich:
+
+»Schaut, Kinder, da ist die Welt.«
+
+Wir sehen den Sonnenuntergang, kolossale Häuser, riesenhafte Ziehbrunnen,
+Feuerwehrdepots und eine Kirche mit hohem Glockenturm; oben am Kreuze der
+Kirche kleben andere Menschen und betrachten gleich uns die Welt. Die
+Gefahr ist dort wohl viel größer als bei uns; es ist ganz unverständlich,
+wie sie sich da überhaupt festhalten können und nicht herunterfallen!
+
+Es ist aber verboten, allzulange auf die Welt zu schauen. Die Lehrerin gibt
+einem jeden von uns ein Stück Talg. Wir schmieren uns damit die rechten
+Hüften ein, die Frauen binden ihre Röcke hoch, und nun beginnt der Abstieg:
+wenn man richtig eingefettet ist, gleitet man ganz leicht den Strick hinab.
+
+»Hier unten gibt es doch sicher alte Fresken?« frage ich meinen Nachbarn,
+einen alten Mann in Aluminiumstiefeln.
+
+»Ja, der Bau ist alt, sehr alt, stammt noch aus Kains Zeiten!«
+
+Ein altes Mütterchen mit Mäusepfoten bekreuzigt sich.
+
+»Es gibt hier allerlei Heiligenbilder«, sagt sie, mit ihrem einzigen Finger
+auf die Mauer zeigend, »geweihte und ungeweihte: das >Waisenkind Jesus<,
+die >Vier Festtage< . . .«
+
+Es hängen tatsächlich viele Heiligenbilder an den Wänden, und durch die
+kleinen, vergitterten Fenster, an denen wir vorbeigleiten, sind Mönche zu
+sehen.
+
+Am Keller schleichen wir mit größter Vorsicht vorbei, denn wir fürchten
+hinunterzufallen.
+
+»Wenn aber jemand zu Gott beten will?« fragt die Alte mit den Mäusepfoten.
+
+»Alles hängt von Mirax Miraxowitsch ab«, sagt ein gehörnter junger Mann.
+
+Wir drängen uns zusammen und geben uns Mühe, eine einzige kompakte Masse zu
+bilden, denn die Rothäute, die in den um den Keller herum gelegenen Zimmern
+wohnen, sind erwacht. Da haben sie eben einen Jungen gepackt und
+weggeschleppt. Die Hühnerfedern, die ihre roten Hüften verdecken, flimmern
+nur so. Wir werden unser immer weniger, sie aber bilden eine ganze Armee.
+
+»Jetzt sind Sie an der Reihe!« sagt mir halb im Scherz eine kranke Frau mit
+einer Markttasche in der Hand. Auf der Markttasche ist ein Löwe gemalt.
+
+Ich aber habe nur den einen Wunsch, möglichst tief in die Mitte zu kommen,
+und beginne schnell zu zählen: ich glaube, daß es mir helfen könnte. Aber
+meine Beine sind zu einem Stück Holz erstarrt . . .
+
+Sie haben mich schon, ich bin verloren!
+
+
+Die Schlangenkatze
+
+Eine braune Schlange liegt da -- nur die Haut allein ist von ihr
+übriggeblieben, ganz eingetrocknet ist sie. Ich berühre ihre Kehle, in der
+Kehle sitzt eine Kupferkopeke, ist wohl steckengeblieben. Nun weiß ich,
+warum die Schlange eingetrocknet ist: an der Kupferkopeke ist sie erstickt.
+
+Eine Katze läuft daher, so braun wie die Schlange, mit grauem Schnurrbart
+und leuchtenden grünen Augen. Und sie springt der Schlange in den Rachen.
+Ich sehe nur noch den Schwanz, nun ist er auch schon im Schlangenrachen
+verschwunden. Und nun beginnt die Schlange mit der Katze zu kreisen, zu
+rasen, zu wirbeln.
+
+Ich springe schnell zur Seite, verstecke mich und denke mir: >Das sind böse
+Zeiten! Die Schlange hat mich nicht angerührt, die Schlange ist
+eingetrocknet, aber die Katze in der Schlangenhaut . . .< Ich hatte nicht
+Zeit, den Gedanken zu Ende zu denken, als sich etwas in mich hineinkrallt
+und auch ich mich wie ein Kreisel zu drehen begann.
+
+
+Teufel und Tränen
+
+Ich bin nicht in meiner Stadtwohnung, sondern irgendwo in einer Villa am
+Meer. Ich wohne nicht allein, mit mir zusammen wohnt T. Jeden Morgen baden
+wir im Meere, erst er, dann ich.
+
+Unsere Petersburger Köchin Karassjewna erzählt:
+
+»Nach dem andern Herrn fische ich aus dem Meere ganz winzige Teufelchen
+heraus, aber nach Ihnen, gnädiger Herr, einen Teufel von dieser Größe!«
+
+Ich weiß nicht, was ich der Köchin darauf sagen soll: die Alte hat die
+Hände auseinandergespreizt und will mir zeigen, wie groß der Teufel war,
+den sie herausgefischt hat. Ich blicke von ihr weg und schaue auf die
+Birke: vor dem Haus steht eine alte Birke.
+
+Neben der Birke steht ein weißes Pferd. Ich schaue auf das Pferd. Ein Spatz
+fliegt vorbei, hüpft dem Pferd auf den Kopf und beginnt ihm die Augen
+auszupicken. Und er pickt sie ihm gänzlich aus. Blut fließt aus den
+Augenhöhlen.
+
+Neben der Birke steht das weiße Pferd, das Blut fließt. Und ich weine, und
+meine Tränen fließen wie das Blut.
+
+
+Die Zwergin
+
+Wir gehen beide über den Platz an der Frauenkirche, ich und mein Freund,
+der Hofmusiker im himbeerroten Rock. Ich zeige dem Musiker die Stadt
+Nürnberg, die Türme, die so schwarz sind wie das schwärzeste Gußeisen, und
+die lilagrauen, wie mit Asche überpuderten Häuser.
+
+Wir gehen und sprechen miteinander. Es ist mir so lustig zumute, das Herz
+zittert vor Freude. In mildem, goldenem Lichte strahlt der Schöne Brunnen.
+Plötzlich besinne ich mich, daß ich nach Hause muß: zu Hause habe ich etwas
+vergessen, weiß aber nicht mehr, was . . . Ich lasse den Musiker stehen und
+gehe. Ich gehe aber nicht mehr durch Nürnbergs Straßen, sondern durch die
+Tawritscheskaja zu Petersburg.
+
+Schon im Vorzimmer höre ich Lärm, Nun weiß ich es: es ist die, der ich
+erlaubte, eine einzige Stunde in meinem Zimmer zu bleiben; nun sitzt sie
+immer noch da.
+
+Ich sage mir: >Ich kann ihr doch nicht ins Gesicht sagen, daß sie fortgehen
+soll. Ich will es ihr freundlich vorhalten, ich verstehe ja auch freundlich
+zu sprechen!<
+
+Ich trete in mein Zimmer, es ist auffallend groß, viel größer, als es in
+Wirklichkeit ist. Es ist mir aber nicht mehr um das Zimmer zu tun -- ich
+fühle, wie sich mir der Magen umdreht. Es ist ja auch wirklich unerhört:
+ich hatte es ihr allein erlaubt, und nun sitzen ihrer drei da; sie haben
+sich auch nicht für eine Stunde niedergelassen, sondern für immer.
+
+Die eine, der ich es selbst erlaubt hatte, schreibt auf meinem Papier; die
+andere, die ich gar nicht kenne, eine alte Zwergin, liegt auf dem Sofa; und
+die dritte liegt im Bett, und ich kann ihr Gesicht gar nicht sehen.
+
+»Welches Recht haben Sie«, sage ich, »sich in meinem Zimmer niederzulassen?
+Ich habe es Ihnen nur für eine Stunde erlaubt, und auch nur Ihnen allein!«
+
+»Wo soll ich denn hin?« sagt der zudringliche Gast, ohne vom Papier
+aufzublicken.
+
+»Das geht mich gar nichts an! Ich kann es nicht dulden, daß Sie in meinem
+Zimmer bleiben! Verstehen Sie mich?« Die alte Zwergin aber streckt vom Sofa
+die Hand aus und packt mich plötzlich am Rockschoß.
+
+»Nun weiß ich, um was es sich handelt!« sagt die Zwergin und zieht mich
+gehässig zu sich heran.
+
+Der Haß versengt mich, ich will mich losreißen, aber ihre Hand hält mich
+fest.
+
+
+Der Fuchs
+
+Ein herbstliches Feld. Das Korn ist abgemäht und zu Garben gebunden; die
+Gerste steht noch da, und ihre Bartfäden ragen empor; zärtlich und
+liebevoll ranken die Erbsen. Plötzlich erscheint ein Fuchs, ein
+riesengroßes Tier, der Schwanz allein ist ein ganzer Pelzmantel.
+
+>Der Fuchs wird uns überfallen und auffressen!< dachte ich mir. Dasselbe
+dachte sich auch mein Gefährte. Ohne ein Wort zu sagen, liefen wir dem
+Fuchs nach.
+
+Wir holten den Fuchs ein, warfen ihn zu Boden und begannen ihn zu würgen.
+Es war aber gar nicht so leicht. Schließlich brachten wir es doch fertig.
+Tot, groß, rot und weich lag der Fuchs auf dem Boden.
+
+Wir zogen dem Fuchs das Fell ab, machten ein Feuer, sengten das Fell an und
+begannen es zu essen. Es schmeckte gar nicht gut und hatte den widerlichen
+Fuchsgeruch, wir aßen es aber doch.
+
+Und so verzehrten wir das ganze Fell. Als wir es aufgegessen hatten, schrie
+ich auf:
+
+»Mein Gott, was habe ich angerichtet! Was für einen Pelzmantel hätte man
+daraus machen können und was für einen Muff!«
+
+Es war aber schon zu spät: das Fell war aufgegessen, das Feuer erloschen,
+und es roch nur noch nach Verbranntem.
+
+
+Napoleon
+
+Ein trüber Maiabend. Bei St. Sulpice läutet es wie zu einer
+Volksversammlung. Ich gehe aber nicht in die Kirche, sondern zugleich mit
+vielen anderen Menschen zum Kai. Wir sind alle schwarz gekleidet. Auf der
+Brücke begegnen wir einem Zug Reiter; auch sie sind schwarz gekleidet und
+halten Besen in den Händen: es ist ein ganzer Besenwald.
+
+>Es ist die Revolution<, denke ich mir und höre, wie die Uhr an der
+Notre-Dame schlägt; Schlag folgt auf Schlag, elf Schläge sind es. Jeder
+Glockenschlag ist ein Vöglein mit lila Federn, das mich ins Herz pickt und
+in meinem Herzen schmilzt.
+
+»Sursum corda!«[*]
+
+Ich bin aber schon weit weg, in St. Cloud. Es ist ein warmer, sonniger Tag.
+Ich sehe eine bunte, festlich gekleidete Menge. Wir stehen um ein Podium
+herum, auf dem Feuerwehrmänner mit Blasinstrumenten sitzen: es ist ein
+Feuerwehrorchester. Wir alle warten auf etwas; die Feuerwehrmänner haben
+schon die Instrumente an die Lippen gesetzt und warten auf ein Zeichen.
+
+[Fußnote *: lat., Die Herzen in die Höhe!]
+
+Da sehe ich ihn, wenn auch im Nebel, aber ich kann ihn doch erkennen:
+Napoleon. Napoleon steht auf dem Podium und hält den Taktstock in der Hand.
+Gleich schwingt er den Stock, gleich erdröhnt die Musik.
+
+>Napoleon!< denke ich mir: >Das ist also Napoleon!< Ich blicke unverwandt
+hin und will sein Gesicht sehen, ihm einmal in die Augen schauen, er aber
+steht wie gefesselt da und wendet sich gar nicht um.
+
+Und ich höre die Glocke von St. Sulpice und zugleich die Schläge der Uhr an
+der Notre-Dame. Schlag folgt auf Schlag, elf Schläge sind es, und jeder
+Glockenschlag ist ein Vöglein mit lila Federn, das mich ins Herz pickt und
+in meinem Herzen schmilzt.
+
+»Sursum Corda!«
+
+
+Ohne Hut
+
+Ich befinde mich in einem Schuppen. Der Schuppen gehört zum Pariser Hotel
+de l'Univers. In dem Schuppen ist es sehr eng, zahllose Kisten stehen
+umher, Haufen von Stroh und Sägemehl; es ist auch finster. Ich blicke
+genauer hin und erkenne den Philosophen Sch. Der Philosoph sitzt auf einem
+zerbrochenen Vogelbauer dicht vor der Tür; er hat einen Mantel mit
+Lammfellkragen an, doch keinen Hut auf.
+
+>Natürlich muß es so sein<, denke ich mir, >er hat seinen Hut verloren und
+sitzt darum mit bloßem Kopf da.<
+
+Wir sind aber nicht mehr im Schuppen, sondern gehen über ein Feld. Auf dem
+Felde ist es öde, wir sehen nichts als Gebeine und Gräber, es ist ein
+trauriges Land.
+
+»Russisches Land! Armes Rußland! Schwarze Menschen, die sich gegen die
+Mächtigen erhoben haben! Und das nennt sich ein gerechtes und wahrhaftes
+Gericht!«
+
+Der Philosoph bückt sich über ein Grab.
+
+»An diesem Beispiel können Sie es sehen!« sagt er mir und reicht mir ein
+Knäuel Gedärme.
+
+Wir gehen schweigend von Grab zu Grab. Die Gräber sind offen. Ich sehe es
+nicht, aber ich fühle, daß sich in ihnen etwas regt, und höre, wie schwerer
+Goldbrokat knistert. Ich möchte gern in ein Grab hineinschauen, habe aber
+furchtbare Angst.
+
+»Du bist der Urheber dieses Blutvergießens«, schrie plötzlich jemand aus
+einem Grabe. »Du bist der verdammte Feind, der Christusverkäufer, der
+abgefeimte Schurke, der Feind Gottes!«
+
+>Das ist die Moskauer Unbildung!< denke ich mir und sehe: durch das Feld
+geht ein Pilger, sieht ganz wie unser Wassja der Barfüßige aus; über den
+Lumpen trägt er einen Frack und hat an der Brust ein riesengroßes
+steinernes Kreuz hängen. Der geweihte Pilger lächelt.
+
+»Noli eos esse meliores!«[*] sagt er und lächelt.
+
+[Fußnote *: lat., Wünsche sie dir nicht besser!]
+
+»Vielleicht hat er auch recht«, sagt der Philosoph.
+
+Wir stehen zu dritt vor dem offenen Grabe. Der Pilger lächelt.
+
+»Dieser Wassja der Barfüßige hat ja auch keinen Hut auf!« Ich nahm mir den
+Hut vom Kopfe und erwachte.
+
+
+Der Leim Syndetikon
+
+Im Hause fand das große Reinemachen statt -- es ist das die gräßlichste
+Zeit vor den Feiertagen und kann höchstens noch mit dem Umziehen in eine
+neue Wohnung verglichen werden. Man gab sich die größte Mühe: man holte von
+der Decke mit langen Besen den verrauchten Staub und das Spinngewebe
+herunter, wusch die Fenster und Fensterbänke und machte sich schließlich an
+die Fußböden. Diese aber starrten so vor Schmutz, daß man sie weder
+abwaschen noch abkratzen konnte; überall waren auch Spuren bloßer Füße zu
+sehen. Die Oberaufsicht bei dem Reinemachen hatte ein mir unbekannter
+zottiger Mann mit Hundeschnauze. Als dieser Mann einsah, daß alle Mühe
+vergebens war, nahm er all seine staubigen Besen und Schabeisen zusammen,
+spuckte aus und verschwand.
+
+Als ich allein geblieben war, blickte ich vorsichtig unter das Bett.
+
+>Aha!< sagte ich mir, >da ist also die Schmutzquelle!< Ich empfand solchen
+Ärger und solche Abneigung, mich vor den Leuten zu erniedrigen und sie zu
+bitten, den Schmutz unter dem Bett zu beseitigen oder mich selbst zu
+beschmutzen, daß ich meinen Rock auszog, mich bis aufs Hemd entkleidete,
+Syndetikon zur Hand nahm und mich damit ordentlich einschmierte. Dann legte
+ich mich auf den Fußboden und begann mich zu wälzen.
+
+
+Die Teufel
+
+Ich lag an ein eisernes Bett gekettet, doch nicht im Obuchowschen
+Krankenhause, sondern im Grabe, und war nicht aus dem Polizeirevier,
+sondern aus der Kirche zu Mariä Schutz und Fürbitte unmittelbar nach der
+Einsegnung hergeschafft worden.
+
+Mein Herz zerriß in Stücke! Warum hatten mich die Totengräber mit solchem
+Haß verscharrt?! Ich habe ihnen doch nichts getan, bei Gott! Ich tue keiner
+Fliege etwas zu Leide und verstehe so gar nicht, mit einem Gewehr
+umzugehen.
+
+Während ich mich in meiner traurigen Lage auf diese Weise quälte, besuchten
+mich drei Teufel. Zwei von ihnen waren mir gänzlich unbekannt: sie waren
+still und schwach und atmeten kaum; der dritte bemühte sich zwar, vor
+meinen Augen eine Verwandlung durchzumachen, doch ich erkannte ihn sofort:
+es war der Schalterbeamte von der Postfiliale Nr. 10 namens Kisseljow.
+
+Alle drei Teufel stellten sich harmlos, sanft und freundlich und stammelten
+mit feinen Kinderstimmen etwas höchst Naives und Einfältiges. Ich erriet
+aber intuitiv, was sie im Sinne hatten: sie hatten es auf meine
+Extremitäten und meine Wirbelsäule abgesehen.
+
+»Nein, so billig bekommt ihr mich nicht«, sagte ich mir, »ich werde euch
+schon von meinem Haferbrei zu kosten geben!« Ich spannte alle meine Kräfte
+an, riß mich vom eisernen Bett los, stürzte mich plötzlich auf die Teufel
+und ging mit ihnen fürchterlich ins Gericht.
+
+Der eine ließ mir zum Andenken einen Büschel Haare zurück, dem andern biß
+ich einen Finger durch; als ich aber schon triumphieren wollte, nahm dieser
+Kisseljow eine Handvoll Unrat und verpappte mir damit, ehe ich mir's
+versah, den Mund. Und ich begann zu ersticken.
+
+
+Iwan der Grausame
+
+Teils in Reih und Glied, teils einander überholend, voreinander ausweichend
+und ungestüm vorwärtsdrängend, laufen wir durch die Marossejka zum Roten
+Platz. Wir eilen alle zur Richtstätte, um die Ankündigung anzuhören, deren
+bevorstehende Verlesung heute an allen Straßenecken und in allen Sackgassen
+bekanntgegeben worden war.
+
+Die Uhr am Spaski-Turm hatte schon zwölf geschlagen, und das Volk strömte
+noch immer zusammen. Die Richtstätte selbst blieb aber noch frei; einigen
+Gassenjungen gelang es ab und zu, sich ihrer zu bemächtigen, sie flogen
+aber zum allgemeinen Vergnügen sofort wieder hinaus.
+
+Mit Hilfe eines mir befreundeten Parkettbohners von der Sazepa kletterte
+ich auf das Dach der Basiliuskathedrale, von wo aus ich auch das kleinste
+Detail verfolgen konnte.
+
+Die Menge räusperte sich plötzlich wie ein Mann, wich etwas zurück und
+entblößte die Köpfe, und auf der Richtstätte erschien ein kleiner Mann in
+hohem Stehkragen und Smoking; sein Kopf war aber nach Weiberart mit einem
+Tuch umbunden.
+
+»Es ist der Narr in Christo«, brauste es über den Platz von Mund zu Mund,
+»das ist er selbst!«
+
+Die Uhr am Spaski-Turm begann wieder zu singen und sang sehr lange:
+dreizehn.
+
+»Nehmen Sie Platz, meine Damen und Herren«, sagte der Narr, nachdem er sich
+nach allen vier Himmelsrichtungen verneigte: vor dem Kreml, vor der
+Moskwa-Vorstadt, vor dem Historischen Museum und vor dem Großen Kaufhause.
+
+Da ich schon saß, aber gegen die Aufforderung nicht verstoßen wollte,
+rückte ich ein wenig auf meinem Platz hin und her, als ob ich mich gerade
+setzte. Alle andern, die unten standen, folgten der Aufforderung
+bedingungslos und ließen sich, wenn es auch nicht ganz bequem war,
+augenblicklich auf den Boden nieder.
+
+»Meine Damen und Herren«, begann der Narr nach der Weise des Kirchenliedes,
+das am Feste der Erscheinung der Heiligen Jungfrau gesungen wird: »Wir alle
+haben in der Schule die Gebote gelernt, und jedermann weiß, daß es ihrer
+zehn gibt. Nicht wahr, zehn?«
+
+Die Menge antwortete wie aus einem Munde, wie man bei der Ostermesse in den
+Kirchen >Christ ist erstanden< ruft.
+
+»Nun sehen Sie es, meine Damen und Herren«, fuhr der Narr in der gleichen
+Weise fort. »In Wirklichkeit sind ihrer aber nicht zehn, sondern vierzehn.
+Unsere Väter haben sie vor uns verheimlicht; aber wir haben sie ebenso wie
+die weisen Väter seit jeher befolgt.«
+
+»Wir haben sie befolgt«, blökte die Menge.
+
+»Nun sehen Sie es selbst!« sang der Narr. »Nach den Berechnungen des
+Kugelheim von Gustav ist nun die Zeit gekommen, sie vollständig zu
+verkünden und nicht mehr heimlich, sondern öffentlich zu befolgen. Vernehmt
+also und schreibt euch in eure Herzen diese neuen Gebote:
+
+Das elfte: Du sollst nicht Maulaffen feilhalten.
+
+Das zwölfte: Du sollst deine Zunge im Zaum halten.
+
+Das dreizehnte: Du sollst ehebrechen.
+
+Das vierzehnte: Du sollst stehlen.«
+
+Der Narr schüttelte sich so vor Lachen, daß das Tuch in den Nacken
+rutschte; vor dem verdutzten und irre gemachten Volke leuchtete
+blitzschnell ein Augenpaar auf und erschien das grausame Antlitz des Zaren
+Iwan.
+
+Die Uhr am Spaski-Turme begann wieder zu singen und sang sehr lange:
+vierzehn.
+
+
+Die Hexe
+
+Ich bin in ein leeres Haus geraten; es sind zwar Tische, Stühle und andere
+Möbel darin, und doch ist das Haus irgendwie leer. Ich bin nicht allein,
+mit mir ist der Student P. in schwarzer Studentenjoppe, mit schwarzem
+Knebelbart und einer schwarzen Brille.
+
+Rings um mich her erscheinen eine nach der andern, anfangs verschwommen,
+dann immer deutlicher werdend, Gestalten: es sind kleine, aufgedunsene
+Knirpse. Ihre Anwesenheit in diesem unbewohnten Hause flößt mir Angst ein.
+
+»Schauen Sie doch zum Fenster hinaus«, sagt mir der Student, der offenbar
+erraten hat, wie unheimlich es mir in diesem leeren Hause zumute ist.
+
+Ich trat ans Fenster und sah hinaus. Das Fenster ging nach dem Garten. Es
+fügte sich aber irgendwie so, daß ich mich unwillkürlich vom Fenster
+abwandte und ins Zimmer blickte. Von den vielen Gestalten löste sich nun
+eine schlanke Frau mit einem Kind auf den Armen ab. Ich dachte mir:
+
+>Wenn ich über sie das Zeichen des Kreuzes mache, wird sie verschwinden.<
+
+Ich bekreuzigte sie auch tatsächlich zweimal; die Frau sah mich aber
+verständnislos an und bekreuzte sich selbst, als wollte sie mir zeigen, daß
+ich mich geirrt habe. Der Student war auf einmal verschwunden. Ich ging zur
+Tür, blieb aber stehen. Ich konnte nicht fort. Wer weiß, ob ich nicht auch
+in den anderen Zimmern auf dasselbe stoße? Und plötzlich bemerkte ich eine
+andere Frau. Sie lag in der Ecke auf einem Sofa. Sie war klein, ziemlich
+dick und hatte rote Backen, eine flache Nase und einen häßlich vorstehenden
+Unterkiefer.
+
+»Nein, so muß man es machen!« sagte sie mir, indem sie sich aufrichtete und
+ihre rote Bettdecke durch die Luft schwenkte.
+
+Im gleichen Augenblick begann sich das Gesicht der schlanken Frau mit dem
+Kinde zu verändern und die häßlichsten Mienen anzunehmen: die Nase wurde so
+lang, daß sie bis unter die Lippen reichte, die Augen aber sprangen aus
+ihren Höhlen heraus und blieben wie zwei Säcke hängen.
+
+Die Rotbackige auf dem Sofa schwenkte wieder die Bettdecke, und das Kind in
+den Armen der Frau begann zu schmelzen, sein Rumpf wurde immer kleiner und
+kleiner, Arme und Beine verschwanden, und schließlich blieb nur noch der
+Kopf übrig.
+
+
+Würfelzucker
+
+Ich rollte einen steilen Abhang hinab und geriet in einen Garten. Es war
+der Vergnügungspark >Der Meierhof<. Da ist ja auch schon die Billettkasse.
+Ich trete vor den Schalter, um mir eine Eintrittskarte zu lösen. Ich schaue
+hinein und sehe den mir bekannten Kassierer Beljakow. Ich muß bemerken, daß
+ich mit diesem Beljakow einmal eine recht unangenehme Geschichte erlebt
+hatte; die Geschichte war sehr verwickelt, jedenfalls war ich ihm ein Dorn
+im Auge.
+
+Beljakow trank Tee und biß bei jedem Schluck kleine Bröckchen Zucker ab.
+Ein anderer Kassierer lauste ihm inzwischen den Kopf.
+
+>Ohne Prügel werde ich wohl kaum davonkommen<, denke ich mir. >Er wird mich
+sicher umbringen!<
+
+»Tod den Läusen!« sage ich ihnen und sehe plötzlich, wie Beljakow vor Zorn
+blaurot wird. Er nimmt ein Stück Würfelzucker in die Hand, steht auf und
+begibt sich zum Ausgang.
+
+»Ich bringe ihn um!« höre ich seine Stimme.
+
+Ich kauere mich nieder, werde ganz klein und dünn, verkrieche mich in die
+Spalte unter der Tür und lausche mit verhaltenem Atem.
+
+Beljakow ging eine Weile vor dem Schalter auf und ab und kehrte wütend
+zurück.
+
+»Ich habe ihn nicht gefunden. Hätte ich ihn erwischt, wäre es um ihn
+geschehen!« sagt Beljakow zum andern Kassierer, und dann beginnen sie sich
+wieder zu lausen.
+
+Ich kann mich nicht beherrschen; es ist, als ob mich jemand aufhetzte. Ich
+kann den Atem nicht mehr anhalten, und plötzlich beginnt es mir, wie zum
+Trotz, im Munde zu jucken. Ich will mich kratzen und muß plötzlich miesen.
+
+Beljakow ist aber schon da.
+
+»So! Da ist er ja!« Er holt aus, und das Stück Würfelzucker trifft mich an
+die Schläfe.
+
+
+Der Doppelgänger
+
+In jener Nacht wälzte ich mich lange hin und her und konnte nicht
+einschlafen. Bald fror es mich, bald schien es mir, daß irgendwelche Flöhe
+auf mir herumhüpften. Und als endlich der Schlaf kam, befand ich mich schon
+in einem anderen geräumigen Zimmer. Ich lag auf dem Rücken. Doch seltsam,
+während ich so im Bett lag, sah ich zugleich ein anderes Ich liegen, das
+mir aber durchaus unähnlich war.
+
+Dieser Unähnliche, der mein Ich war, erhob sich vom Bett und ging durch
+einen schmalen Korridor ins Nebenzimmer. Er sah mir wirklich nicht im
+geringsten ähnlich: er war groß gewachsen, hatte ein spitzes Gesicht mit
+eingefallenen Wangen und einer raubgierigen Adlernase und war mit einem
+kurzen, recht abgetragenen und verschossenen Mantel aus purpurroter Seide
+bekleidet; in seinen Augen brannte aber ein so glühender und stechender
+Haß, daß ein einziger Blick genügte, um einen Menschen wie eine Fliege zu
+Brei zu zermalmen. Er trat vor ein Bett, in dem jemand, mit dem Kopf in die
+Bettdecke gehüllt, schlief, schluchzte vor wildem Haß, der seine Seele bis
+an den Rand füllte, auf; ergriff mit den Fingern das Bettlaken und begann,
+es unter dem Schlafenden herauszuzerren, seine Wut an dem unschuldigen
+weißen Gewebe auslassend.
+
+Meine wilde Seele war wie in einem Rausch, ich verging vor Haß.
+
+In diesem Augenblick verließ mich der Schlaf
+
+Ich lag und wagte mich nicht zu rühren. Im Zimmer, in dem nichts als einige
+Bücher und Spielsachen waren, quakte jemand. Die Nacht war aber noch nicht
+zu Ende.
+
+
+Die Gendarmen und die Leichen
+
+Vor mir erschien eine schwarze wollene Schnauze mit langen weißen Zähnen;
+sie zwinkerte mir zu und verschwand.
+
+Ich befinde mich im alten Hause in der Tolmatschowski-Gasse zu Moskau, in
+dem Zimmer, in dem ich das Licht der Welt erblickt hatte. Ein kleines
+Mädchen hat ein Album aufgeschlagen, zeigt mir trockene Blumen und fragt
+mich bei jeder neuen Blume, ob ich sie erkenne oder nicht. Ich habe gar
+nicht Zeit zu antworten, denn jemand anders antwortet für mich.
+
+»Diese Blumen hier sind von Judas. Hast du sie erkannt?« fragt mich das
+Mädchen.
+
+Ich bin aber nicht mehr im Zimmer, sondern in einer Hundehütte und schreie
+aus Leibeskräften. Nachdem ich genug geschrien habe, komme ich wieder ins
+Zimmer. Der Tisch ist zu Mittag gedeckt. Ich setze mich an den Tisch und
+schlafe ein.
+
+Und es träumt mir, daß drei Gendarmen, mit Blumen in der Hand, ins Haus
+treten.
+
+Nun erwachte ich und begann zu essen. Kaum hatte ich aber den ersten Bissen
+verschlungen, als die Tür aufging und die drei Gendarmen ins Zimmer traten.
+
+»Ich habe euch soeben im Traume gesehen«, sage ich zu den Gendarmen, »Wo
+habt ihr nur die Blumen hingetan?«
+
+»Der Hund hat sie gefressen«, antworten die Gendarmen, indem sie sich die
+Lippen belecken.
+
+Ein mir unbekannter buckliger Mann in Zivil, der plötzlich Gott weiß woher
+erschienen ist, nimmt mir gegenüber Platz. Er macht auf mich einen höchst
+unangenehmen Eindruck; ich will ihn sogar schlagen, gebe aber diese Absicht
+auf.
+
+Der Bucklige bindet sich die Serviette vor und sagt, ohne mich aus den
+Augen zu lassen:
+
+»Die Anklage gegen Sie lautet: als Sie sich über den Fluß hinübersetzen
+ließen, versuchten Sie die natürliche Abstammung der Eltern zu erklären.«
+
+Ich höre es und verstehe ihn nicht.
+
+»Ich habe nichts dergleichen erklärt.«
+
+»Jemand hat Sie wohl belauscht und Ihre Gedanken aufgeschrieben«, fährt der
+Bucklige fort und knetet mit den Fingern aus Schwarzbrot Kügelchen.
+
+»Ich weiß nichts davon!« Ich wehre mich mit beiden Händen, ich höre, daß
+die alte Kinderfrau Irinja im Nebenzimmer den Boden kehrt und aufräumt, und
+denke mir: >Was ist das nun eigentlich, träume ich oder sitzt wirklich der
+Bucklige vor mir und erhebt gegen mich Gott weiß was für Anklagen?<
+
+»Ich wollte Sie schon längst kennenlernen«, sagt mir ein erst vor ganz
+kurzer Zeit verstorbener bekannter russischer Dichter, den ich einhole, als
+er mit irgendeinem Jungen durch eine menschenleere Straße geht.
+
+»Wo leben Sie denn jetzt?« frage ich den Dichter, mich vor ihm verbeugend.
+
+»In Moskau«, antwortet er mir, »im Hause der Georgischen Kirche auf dem
+Woronzowschen Felde; die Kirche steht oben auf dem Berge, mein Haus aber
+unten zwischen den Disteln; es gibt dort so einen leeren Platz.«
+
+Ich wollte ihn fragen, ob er noch schreibe, aber er war schon verschwunden.
+Und ich stand plötzlich in der leeren Kirche, in deren Mitte viele Leichen
+unmittelbar auf den Steinfliesen aufgeschichtet lagen. Ich sah mir ihre
+Gesichter aufmerksam an und bemerkte, daß die eine von ihnen, obwohl
+wirklich tot, sich dennoch bewegte. Sie stand plötzlich auf und trat vor
+den Altar.
+
+Wir sahen einander an. Sie war nackt, ihre Füße waren mit Teer beschmiert
+und ihr Gesicht hatte auffallende Ähnlichkeit mit der Somowschen
+Illustration zu >Aimé Leboeuf<.[*]
+
+Die alte Kinderfrau Irinja kehrt aber noch immer den Boden und räumt das
+Zimmer auf. Mein kleiner Liebling, der Kater Dymka, reibt sich an meiner
+Schulter und schnurrt.
+
+
+Finale
+
+Wehe! Ich war verendet. Von Früchten und Blumen umgeben, zwischen Äpfeln,
+Aprikosen, Pfirsichen, Quitten, Zitronen, Birnen und Apfelsinen lag ich
+entseelt in der Speisekammer und harrte meines letzten Schicksals.
+
+Der König des Landes, in dem mir diese unangenehme Geschichte passiert war,
+der Enkel des glorreichen Sultans, König Avenir-Indej, hatte dem, dem die
+Zunge juckt und der Unsinn redet, zur Strafe befohlen, die tote Ratte, das
+heißt mich, zu fressen.
+
+[Fußnote *: Aimé Leboeufs Abenteuer -- Roman von M. Kusmin aus dem Jahre
+1907.]
+
+Man hatte auf einem Maskenball einen Possenreißer aufgegriffen und zu mir
+in die Kammer geschickt. Er trat lächelnd vor mich hin, berührte mich mit
+der Spitze seines Schuhs und sagte . . .
+
+Was er mir aber sagte und wie die ganze Geschichte endete: ob er mich
+tatsächlich fraß oder nur vom Obst naschte, kann ich in meinem
+Hühnergedächtnis unmöglich rekonstruieren. Und wenn Sie mich auch morden --
+ich weiß gar nichts mehr, was ich gütigst zu entschuldigen bitte.
+
+
+Die Tür
+
+Sie sagte mir:
+
+»Diese Tür haben wir mitgenommen, weil man sie doch nicht im alten Haus
+zurücklassen konnte. Du weißt, wie teuer sie uns ist.«
+
+Ich machte die Tür leise auf und ging in mein Zimmer. Die alte gußeiserne
+Tür, die sich vor mir auf unsichtbaren Angeln lautlos aufgetan hatte,
+schloß sich hinter mir ebenso lautlos und fest. Ich ergriff die Klinke und
+rüttelte mit aller Kraft, die Tür rührte sich aber nicht. Und ich begann zu
+klopfen, mit den Fäusten zu hämmern und zu schreien. Schließlich fiel ich
+ohnmächtig vor der Schwelle hin und hörte nur hinter der alten gußeisernen
+Tür ihr Herz pochen.
+
+
+Im Boot
+
+Auf dem Meere zog ein Sturm auf, ich stieg aber trotzdem ins Boot, weil
+mein Begleiter ein furchtloser Ruderer war. Als wir die tiefste Stelle
+erreichten, zog mein Ruderer die Ruder ein, sah mir spöttisch in die Augen,
+erhob sich, packte mich wie eine Katze am Genick und schleuderte mich ins
+Wasser. Ich flog durch alle Schichten des Wassers hindurch: durch die
+grüne, die trübe, die schwarze und die tiefschwarze; dann kamen wieder eine
+trübe und eine grüne Schicht, und ich saß wieder im Boot. Wir fahren, als
+ob nichts geschehen wäre, weiter; sobald wir aber einen gewissen Punkt
+erreichen, zieht mein Ruderer wieder die Ruder ein, und die ganze
+Geschichte beginnt von neuem. Und es ist gar kein Ende abzusehen.
+
+
+Das Kind in den Ähren
+
+Ich ging über ein blühendes Kornfeld. Eine Lerche sang, und ein leiser
+Windhauch brachte von einer eben gemähten Wiese frischen Heuduft. Mir
+begegneten zwei Frauen, die einen Korb mit Feldblumen trugen; zwischen den
+Blumen saß ein kleines Mädchen.
+
+»Wo geht ihr hin?« fragte ich sie.
+
+»Blumen pflücken«, antworteten die Frauen mit dem Korbe.
+
+Ich schloß mich ihnen an. Wir gingen schweigend und kamen, ohne ein Wort
+gesprochen zu haben, zum See.
+
+»Da sind deine Blumen!« riefen lachend die Frauen, auf den See zeigend.
+
+Ich stand allein am Seeufer und sah gar keine Blumen. Mit leeren Händen
+ging ich wieder zurück. Das blühende Kornfeld wogte, und die Lerche sang.
+Und plötzlich erblickte ich zwischen den Ähren dasselbe Mädchen, das man
+vorhin im Korbe getragen hatte. Es stürzte auf mich zu, umschlang meinen
+Hals mit den Ärmchen und sagte mir leise ins Ohr:
+
+»Nimm mich mit!«
+
+Ich setzte mir das Mädchen auf die Schulter, hatte aber noch keinen Schritt
+mit dieser Last getan, als es plötzlich ringsum finster wurde, schwere
+Gewitterwolken aufzogen und nur unmittelbar über meinem Kopfe ein
+trichterförmiger grünlicher Lichtschein schwebte. Vom Boden erhoben sich
+aber seltsame Vögel mit Schlangenschwänzen, und alles flog auf dieses Licht
+zu. Es waren zahllose Vögel, sie schrien nicht, sondern blökten wie Stumme,
+und bald war das Licht von ihren Schwänzen verdunkelt. Das Licht erlosch,
+und die Vögel verstummten. In dieser Finsternis vernahm ich plötzlich aus
+weiter Ferne die Stimme des kleinen Mädchens:
+
+»Nimm mich mit!«
+
+Ich weiß aber nicht einmal, was ich mit mir selbst anfangen soll.
+
+
+Die Dohle
+
+Ich versteckte mich in der Kajüte eines Dampfers, aber die Verfolger, vor
+denen ich mich versteckte, kamen mir immer wie Jagdhunde auf die Spur. Sie
+hatten alle menschliche Gesichter, doch Froschleiber und Handschuhe an den
+Händen. Da sie wohlerzogen und freundlich waren, mordeten sie mich nicht
+wie einfache Räuber, sondern erdrückten mich, wie liebkosend, mit ihren
+weichen Bäuchen, glitten mir leise unter das Hemd und preßten mir,
+gleichsam streichelnd, das Herz zusammen. Vorm Fenster aber sitzt eine
+Dohle und schreit. Ich weiß ganz gut, warum sie schreit; sie wird gleich
+ins Zimmer fliegen, sich auf meine Schulter setzen und mir die Augen
+auspicken.
+
+»Dohle«, bitte ich meinen schwarzen Gast, »verschone meine Augen, ich will
+dir ein Perlenhalsband um den Hals legen, ich will dir meine Hände
+preisgeben, verschone nur meine Augen!«
+
+Ich verkroch mich in den Winkel der Kajüte, aber die Menschen mit den
+Froschleibern stehen bereits vor der Tür, scharren an der Schwelle und
+kommen gleich herein.
+
+
+Am Nordpol
+
+Alle sagen, daß wir zum Nordpol fahren.
+
+Wir fahren tatsächlich irgendeinen Bach hinauf; und mein Begleiter, ein
+struppiger, in eine blaue Tischdecke gehüllter Kerl, steuert mit dem Ruder.
+Und wir kommen irgendwie zum Nordpol. Da steht ein großes steinernes Haus;
+davor drängen sich erregte Menschen, die über etwas streiten.
+
+»Was ist geschehen?« fragen wir einen abgerissenen, fettigen Burschen, der
+mit den Zähnen Sonnenblumenkerne aufknackt.
+
+»Auf dem Dachboden sucht man einen Dieb. Alle sieben Hausknechte haben den
+ganzen Boden abgesucht und nichts außer einem alten Rock gefunden. Drei
+Hausknechte sitzen nun oben und lauern.«
+
+>Jetzt ist unsere Wäsche hin!< dachte ich mir gleich.
+
+»Wollen Sie sich doch in die emaillierten Zimmer bemühen!« sagte der
+Bursche und grinste.
+
+
+Die Ahle
+
+Mein Bruder und ich traten in eine Kirche. Es war gerade die Abendmesse.
+Alle Heiligenbilder waren entfernt, die Kirche wurde offenbar renoviert. An
+der leeren Altarwand leuchtete seitwärts ein goldener Kreis. Vor diesem
+Kreis stand der Priester mit dem Schultertuch. Der Küster sang. Außer uns
+war niemand in der Kirche. Und wir schämten uns, daß wir die einzigen
+waren.
+
+Die Abendmesse ging zu Ende. Wir gingen auf den Priester zu, um seinen
+Segen zu empfangen. Da trat aus der Sakristei der Küster und sagte zu
+meinem Bruder:
+
+»Sie haben alles, um zu wachsen; und Sie«, er wandte sich an mich, »Sie
+haben nichts.«
+
+Ich sage mir: Mein Bruder hat ja wirklich seine Matrosenjacke an, und wenn
+er sie noch weiter trägt, wird er aus ihr herauswachsen; ich aber habe
+nichts. Und nun erstarre ich vor Angst: dicht vor mir steht ein Mann, der,
+ich fühle es, etwas Böses gegen mich im Schilde führt. Ich stürze sofort
+ans Fenster und frage mich: warum verkehrt mein Bruder mit so einem
+Menschen? In diesem Augenblick kommt in das Haus, in das ich geraten bin,
+mein Bekannter, der Lahme, und reicht mir eine Schusterahle. Mit diesem
+Werkzeug wollte er mich also erstechen! Wir stiegen in ein Boot und
+stießen, wie die Nachtigallen schmetternd, vom Ufer ab. Ein Knabe sprang zu
+uns herein, und das Boot begann langsam zu sinken.
+
+
+Am Krankenbett
+
+Seit einigen Tagen weiche ich nicht von der kranken alten Frau: sie hat
+dicke Beine und eine Vogelnase. Sie liegt im Bett und stöhnt, und ich sitze
+neben ihr auf einem Stuhl und erfülle alle ihre Wünsche und Launen. Ich
+habe Angst, sie zu verlassen, denn sie ist sehr unruhig. Nun scheint mir,
+daß sie eingeschlafen ist. Gott sei Dank, sie ist wirklich eingeschlafen!
+Ich schleiche mich leise aus dem Zimmer. Wie ich nach einer Weile
+hineinschaue, sehe ich, daß aus dem Ofen nur noch ihre Beine herausragen.
+Mein Gott, was ist denn das?! Ich stürze mich zu ihr hin, um sie aus dem
+Ofen zu ziehen, packe sie an den Beinen, die Beine sind aber schon tot.
+
+
+Die Mutter
+
+Ein heiterer Tag des Altweibersommers. Ich bin auf die Terrasse getreten
+und schaue in den entlaubten Garten hinaus. Und ich sehe, wie auf dem mit
+gelbem Laub bedeckten Wege, der zur Terrasse führt, eine alte Frau geht.
+Sie ist uralt und abgerissen, ihr Gesicht ist feucht, voller Runzeln und
+scheint ganz schwarz zu sein. Ich empfinde eine unheimliche Angst vor der
+Alten; ich fühle, daß sie etwas Häßliches im Sinn hat. Ich laufe von der
+Terrasse ins Haus, rase die Treppe hinauf und höre, daß auch sie die Treppe
+hinaufläuft. Ich stürze in eines der Zimmer, sie mir nach; ich will in ein
+anderes Zimmer, aber sie ist auch schon da. Ich verkrieche mich in die Ecke
+des Bettes und schrumpfe ganz zusammen.
+
+>Mein Gott!< denke ich mir, >laß das Unheil an mir vorüberziehen!<
+
+»Warum fürchtest du mich?« höre ich die Stimme der Alten: »Ich bin doch
+deine Mutter!«
+
+»Meine Mutter sieht ganz anders aus«, sage ich ihr, denke mir aber dabei:
+>Wie hat sich meine Mutter so furchtbar verändern können?<
+
+Die Alte aber beugte sich über mich und packte mich an der Kehle. Ich
+schrie auf.
+
+
+
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Prinzessin Mymra, by Alexej Remisow
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK PRINZESSIN MYMRA ***
+
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+Produced by Jens Sadowski
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+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at http://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit http://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including checks, online payments and credit card donations.
+To donate, please visit: http://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+ http://www.gutenberg.org
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+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
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