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diff --git a/39174-h/39174-h.htm b/39174-h/39174-h.htm new file mode 100644 index 0000000..40f9a00 --- /dev/null +++ b/39174-h/39174-h.htm @@ -0,0 +1,10079 @@ +<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD XHTML 1.0 Strict//EN" +"http://www.w3.org/TR/xhtml1/DTD/xhtml1-strict.dtd"> +<html xmlns="http://www.w3.org/1999/xhtml"> +<head> +<meta http-equiv="Content-Type" content="text/html;charset=iso-8859-1" /> +<title>Prinzessin Mymra</title> +<!-- AUTHOR="Alexej M. Remisow" --> +<!-- LANGUAGE="de" --> + +<style type='text/css'> +body { margin-left: 15%; margin-right: 15%; } +h1 { text-align: center; margin-top: 2em; margin-bottom: 1em; page-break-before: always; } +h2 { text-align: center; margin-top:0.5em; margin-bottom:0.5em; page-break-before:always; } +h3 { text-align: center; margin-top: 2em; margin-bottom: 0.5em; } +p { + margin-left: 0; margin-right: 0; + margin-top: 0; margin-bottom: 0; + text-align: justify; + text-indent: 1em; + } +p.noindent { text-indent: 0; } + +div.poem { + margin-left: 2em; + text-align: left; + text-indent: 0; + margin-top: 0.5em; margin-bottom: 0.5em; +} +p.line { text-align:left; text-indent:-2em; margin-left:2em; } +p.line2 { text-align:left; text-indent:-2em; margin-left:4em; } + +p.address {text-indent: 0; text-align: center; margin-top: 1%; margin-bottom: 1%; } +p.footnote {text-indent: 0; margin-top: 1%; margin-bottom: 1%;} +p.block {text-indent: 0; margin-left: 3em; } +p.block2 {text-indent: 0; margin-left: 6em; } +p.center { text-indent: 0; text-align: center; margin-top: 2%; margin-bottom: 0; } +p.caption { text-indent: 0; text-align: center; margin-top: 0; margin-bottom: 4%; font-size:small; page-break-before: avoid;} +p.contents { text-indent: 0; text-align: center; margin-top: 0%; margin-bottom: 0; } +p.contents2 { text-indent: 0; text-align: center; margin-left: 2em; margin-top: 0; margin-bottom: 0; } + +p.first { text-indent: 0 } +span.firstchar { +float:left;font-size:3em;line-height:0.8;padding-top:1px;padding-bottom:1px;padding-right:2px; +} +span.sperr { letter-spacing:.1em; } +span.large { font-size:large; } +span.small { font-size:small; } +span.smaller { font-size:smaller; } +span.hidden { display: none; } +span.font80 { font-size: 80%; } + +.leftpic { + float: left; + clear: left; + padding-right: 0.3em; +} +.rightpic { + float: right; + clear: right; +} +.centerpic { + text-align: center; + text-indent: 0; + display: block; + margin-left: auto; + margin-right: auto; +} + +a:link { text-decoration: none; color: rgb(10%,30%,60%); } +a:visited { text-decoration: none; color: rgb(10%,30%,60%); } +a:hover { text-decoration: underline; } +a:active { text-decoration: underline; } + +ul { margin-left: 0; padding-left: 0; } +.trnote { + font-family: sans-serif; + font-size: small; + background-color: #ccc; + color: #000; + border: black 1px dotted; + margin: 2em; + padding: 1em; + page-break-before: always; +} +li { text-align: left; margin: 0; text-indent: -3em; margin-left: 3em; } +.trnote ul li { list-style-type: none; } + +</style> +</head> + +<body> + + +<pre> + +The Project Gutenberg EBook of Prinzessin Mymra, by Alexej Remisow + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Prinzessin Mymra + Novellen und Träume + +Author: Alexej Remisow + +Translator: Alexander Eliasberg + +Release Date: March 17, 2012 [EBook #39174] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK PRINZESSIN MYMRA *** + + + + +Produced by Jens Sadowski + + + + + +</pre> + +<h1 style="page-break-before:always;"> +Alexej M. Remisow<br /> +<br /> +Prinzessin<br /> +Mymra +</h1> + +<p class="center" style="font-size: 110%"> +Novellen und<br /> +Träume +</p> + +<p> </p> +<p> </p> +<p> </p> + +<p class="center"> +Aus dem Russischen übertragen +von Alexander Eliasberg +</p> + +<p style="page-break-before:always"> </p> +<p> </p> +<p> </p> + +<p class="center"> +Gustav Kiepenheuer Verlag, Weimar 1917 +</p> + +<p> </p> +<p> </p> +<p> </p> + +<h2 class="chapter">Inhalt</h2> + +<p class="contents"><a href="#chapter-1">Die Feuersbrunst</a></p> +<p class="contents"><a href="#chapter-2">Petuschok</a></p> +<p class="contents"><a href="#chapter-3">Prinzessin Mymra</a></p> +<p class="contents"><a href="#chapter-4">Das Opfer</a></p> +<p class="contents"><a href="#chapter-5">Der den Teufel rief</a></p> +<p class="contents"><a href="#chapter-6">Sanofa</a></p> +<p class="contents"><a href="#chapter-7">Das Los des Elenden. Träume</a></p> + +<p> </p> +<p> </p> +<p> </p> + +<!-- page 005 --> + +<h2 class="chapter" id="chapter-1"> +Die Feuersbrunst</h2> + +<p class="first">Die Weiße Fjokla, die Wahrsagerin und Hexe, +gebar an einem durchdringend kalten Herbstmorgen +eine schwarze geflügelte Maus, und jedermann +erkannte im Neugeborenen des Teufels +Kind. +</p> + +<p>Jermil, der stumme und lahme Sohn der Alten, +verscharrte den Unrat bei der Müllgrube und erhängte +sich gleich darauf. +</p> + +<p>In der Nacht vor dem Katharinentage, an +dem junge Mädchen nach alter Sitte Zweige +von den Bäumen abreißen und mit ihnen zu Bett +gehen, um im Traume den Zukünftigen zu sehen, +erdröhnte plötzlich am Himmel mitten +im wütenden Schneesturm ein Donner; beim +Morgengrauen aber fand man im Stadtpark +die geistesschwache Aljonka, die Tochter des +Obermeisters an der Eisenbahnwerkstätte, geschändet +und tot, mit einem Zweig zwischen den +Zähnen. +</p> + +<p>Am Nikolatag erschienen in den rauchgrauen +Wolken um die grimmige Wintersonne herum +drei andere, in allen Farben des Regenbogens +schimmernde Sonnen. +</p> +<!-- page 006 --> + +<p>Und diese drei Sonnen bedrückten die Stadt +wie eine stumme Last. +</p> + +<p>»Nun kommt das Hitzefieber, eine schreckliche +Krankheit! Was haben wir noch alles zu erwarten!« +</p> + +<p>»Krächze nicht wie ein Unglücksrabe.« +</p> + +<p>»Mir kann es gleich sein — aber auch der Diakon +hat neulich während des Gottesdienstes davon +gesprochen.« +</p> + +<p>Ein jeder dachte an den kommenden Tag und +an die schwere Not, die vor der Tür stand und auf +die vorbestimmte Stunde wartete. +</p> + +<p>»Die Chinesen ziehen mit einer Armee von +tausend Millionen gegen uns, auch die Türken.« +</p> + +<p>»Mein Gott, dieses Heer!« +</p> + +<p>»Und die Unsrigen — glaubst du, daß die Unsrigen +sich überrumpeln lassen?« +</p> + +<p>»Man sagt aber, sie haben den Satan auf ihrer +Seite.« +</p> + +<p>»Wieso den Satan?« +</p> + +<p>»Wir sind verloren, das ist alles.« +</p> + +<p>An den Abenden machte man sorgfältig über +jedem Fenster das Zeichen des Kreuzes. Am +Vorabend der Feiertage schliefen die Ehegatten +getrennt, und man gab gut acht auf die Öllämpchen +vor den Heiligenbildern. +</p> + +<p>»Hör einmal, Mikititschna, Awdotja erzählte +neulich, man habe bei den Podchomutows den +Teufel aus dem Tische gerufen.« +</p> + +<p>»Was du nicht sagst!« +</p> + +<p>»Bei Gott, so wahr mir die Himmelskönigin +<!-- page 007 --> +beistehe! Awdotja ist ja eine durchtriebene Frau; +auch Podchomutows Frau hat selbst erzählt, daß +ein blauer Teufel mit sechs Pfoten erschienen +sei.« +</p> + +<p>»Die Heilige Jungfrau steh uns bei! Gott weiß, +was noch alles kommen kann, Agafjuschka.« +</p> + +<p>»Dann hat auch neulich Saschutka, Kusmitschs +Stiefsohn im Eisenbahndepot, erzählt, +daß der neue Doktor die Säufer mit dem Blick kuriert.« +</p> + +<p>Man hatte auch Nacht für Nacht böse +Träume: bald sah man die Kirche des Neuen +Heilands für das Osterfest hergerichtet, doch +ohne Altar und ohne Heiligenbilder, und den erhängten +Jermil, Fjoklas Sohn, wie er in der Kirche +auf und ab ging und jedermann zum Feste +gratulierte; bald wieder sah man einen ganz aufgeschwollenen +Jungen, in dessen Fleisch zahllose +Splitter steckten, auf dem Fußboden Purzelbäume +schießen. +</p> + +<p>»Mir erzählte neulich ein altgläubiger Soldat« +lispelte Semjon, der Aufseher bei den Eisenbahnwerkstätten: +»›Großvater‹, sagte er, ›ein großes +Unglück bricht über ganz Rußland herein, und +man kann sich nirgends davor retten.‹ Die Zarenglocke +in Moskau, sagt er, sei in tausend +kleine Splitter zersprungen, ein jeder Splitter +habe sich in eine Schlange verwandelt, und die +Schlangen seien unter den Glockenturm Iwans +des Großen gekrochen. Und der Glockenturm +wackelt, und wenn er einstürzt, so werden auch +<!-- page 008 --> +die Herzen aller Menschen zerspringen, und +dann kommt das Ende allen Lebens.« +</p> + +<p>»Was die Leute nicht alles sagen! Es ist wirklich +lächerlich. Da sagt zum Beispiel Luka: +Wichtig sind nur die Produktionskräfte, alles übrige +ist Nebensache . . . Sagen wir uns von der alten +Welt los . . . Freiheit, Gleichheit und . . .« +</p> + +<p>»Schwatz nicht so, man wird mit euresgleichen +wenig Umstände machen . . .« +</p> + +<p>». . . und wenn es notwendig sein sollte, so wird +die Regierung Mittel und Wege finden, um auch +diese Sonnen zu beseitigen, von denen übelgesinnte +Menschen gewisse Gerüchte verbreiten, +um bei der friedlichen Bevölkerung Erregung +hervorzurufen.« +</p> + +<p>Man ergriff Maßregeln. +</p> + +<p>Aber die Sonnen verschwanden nicht; immer +öfter und öfter erschienen sie am Himmel, um die +grimmige Wintersonne herum. +</p> + +<p>Wer kümmerte sich aber um die Sonnen! +</p> + +<p>Noch niemals hatte man in dieser Gegend einen +solchen Überfluß an Getreide gehabt wie in +diesem Winter; eine Ernte wie im letzten Sommer +hatte es noch nie gegeben. Die Mühlen arbeiteten +unermüdlich. Der Handel blühte, und +die Käufer waren schnell entschlossen und entgegenkommend. +</p> + +<p>Die Stadt war wegen ihres Getreides berühmt. +</p> + +<p>Auf allen Schienenwegen, die sich hier kreuzten, +rollten in allen Richtungen mit allerlei Getreide +und Mehl angefüllte Eisenbahnwagen. +</p> +<!-- page 009 --> + +<p>Am Heiligen Abend machte man der Weißen +Fjokla den Garaus und verwischte sorgfältig alle +Spuren des Verbrechens. +</p> + +<p>Für eine kurze Zeit trat Ruhe ein. Es war, als +ob ein Stein vom Herzen gefallen wäre. +</p> + +<p>Am Dreikönigstage badete man im eiskalten +geweihten Wasser, malte über alle Türen mit +Kreide Kreuze, und alles ging wie geschmiert. +</p> + +<p>In der Butterwoche, in der Zeit, wo die Schlittenwege +schlecht zu werden anfangen, gab es allerdings +in jedem Hause Stöhnen und jammern: +alle hatten Zahnweh. +</p> + +<p>Es roch in der Luft eigentümlich nach Zahntropfen +und Kampferöl. +</p> + +<p>So ging es acht Tage lang. +</p> + +<p>Der Frühling brach an, ein früher und warmer +Frühling. Das viele Wasser ließ die Gärten schon +zu Ostern ergrünen, und auf den Feldern lief die +Wintersaat üppig und kräftig auf. +</p> + +<p>In der Woche nach Ostern wurden die Hochzeiten +gefeiert. +</p> + +<p>Es fanden sich sogar Leute, die mit Wohlwollen +der Weißen Fjokla gedachten: +</p> + +<p>»Schade um sie . . . Sie hätte ja noch gut leben +können!« +</p> + +<p>Man begann Häuser zu bauen: unter feierlichen +Zeremonien wurden Grundsteine zu mächtigen +Bauten gelegt und mit Weihwasser besprengt. +Von Tag zu Tag wuchsen die Baugerüste +in die Höhe neben den Holzkreuzen, die die +zukünftigen Wohnstätten beschatteten. +</p> +<!-- page 010 --> + +<p>Am Mittwoch der vierten Woche nach Ostern +gab es einen bedenklichen Vorfall, der in der +Stadt großes Aufsehen erregte: als in der Badestube +des Bischofs Feuer ausbrach, zog man aus +den Flammen die halbverkohlte Leiche der Vorsteherin +des Nonnenklosters zum Heiligen Geist +heraus, und Bischof Antonius konnte infolge der +Brandwunden am ganzen Körper lange Zeit keinen +Gottesdienst abhalten. +</p> + +<p>Die Leute zwinkerten einander zu und machten +Anspielungen. +</p> + +<p>Es gab aber auch Trauer. +</p> + +<p>»Der Satan hat das Kreuz gestohlen, das +Kreuz ist in Händen des Satans.« +</p> + +<p>»Der Verruchte hat sich des Tempels und des +Altars bemächtigt. Er verunreinigt die Monstranz +und spuckt in den Kelch. Und die Menschen +kommunizieren nicht mit dem Blute Christi, +sondern mit dem Speichel des Satans, und sie +verzehren statt des Leibes Christi — den Unrat +des Satans.« +</p> + +<p>»Alles ist Unsinn. Es gibt weder einen Gott +noch einen Satan. Es gibt nichts als das Leben.« +</p> + +<p>»Was für ein Leben?« +</p> + +<p>Nach einem warmen und blühenden Mai begann +sofort die Sommerhitze. Viele Tage lang +ging kein einziger Regentropfen auf die verdurstenden, +verdorrenden Felder, auf die staubbedeckten +Wiesen und die von Würmern befallenen +Gärten nieder. +</p> +<!-- page 011 --> + +<p class="tb"> </p> + +<p class="noindent">Sie kommt. +</p> + +<p>Sie naht. +</p> + +<p>Sie ballt sich zu Wolken und wächst über den +Tagen empor. +</p> + +<p>Und sie löscht alles aus. +</p> + +<p>Aus jedem Ding, aus jedem Gesicht, zu jeder +Stunde starrt sie mich an und straft mich für einen +einzigen Augenblick des Vergessens mit +unendlicher und unerträglicher Pein. +</p> + +<p>Ich kenne sie nicht ganz. Ich ahne sie nur. Ich +weiß nicht, woher sie kommt und von welcher +Seite sie mir droht. Ich fühle nur, daß sie überall +um mich herum ist. +</p> + +<p>Meine Lippen zittern nicht mehr vor Lachen. +Mein Herz kann nicht mehr lächeln. +</p> + +<p>Mein Herz kann nicht mehr verdammen, so +wie es einst verdammt hat. +</p> + +<p>Es murrt leise und krampft sich zusammen. +</p> + +<p>Und wenn sie kommt, wirst du sie überwinden +können? +</p> + +<p>Herz, du hast verdammt, du hast geliebt. +</p> + +<p>Wirst du sie überwinden können? +</p> + +<p>Niemals wirst du es können. +</p> + +<p>Und du wirst ihr wie ein Stein zu Füßen fallen, +und sie wird dich mit ihrem Blitze zermalmen +und zu Kohle verbrennen. +</p> + +<p>Ich weiß nicht, woran ich mich festklammern +soll. +</p> + +<p>Gib mir doch wenigstens eine Schlinge. +</p> + +<p>Doch ist es möglich, so gehe sie von mir. +</p> +<!-- page 012 --> + +<p class="tb"> </p> + +<p class="noindent">Um die Mittagsstunde des Johannistages erdröhnte +von der Kathedrale herab hastiges +Sturmläuten. +</p> + +<p>Ganze von Arbeitern und armem Volk dicht +bevölkerte Straßenzüge an verschiedenen Enden +der Stadt standen plötzlich in Flammen. +</p> + +<p>Die kleinen Holzhäuser und die unförmigen +riesigen Gebäude der Nachtasyle und Arbeiterkasernen +brannten lichterloh wie zu Haufen aufgestapelter +Rumpelkram. +</p> + +<p>Die Flammen loderten empor und verloren +sich in riesenhaften spindelförmigen Staubsäulen. +Die Spindeln rasten und kreisten von oben +nach unten, vom Zentrum zu den Vorstädten. +</p> + +<p>Und eine unsichtbare wahnsinnige Hand +spann am glühenden wolkenlosen Himmel ein +erstickendes, feuriges Gespinst. +</p> + +<p>Die überraschten Menschen liefen, stumm vor +Schreck, wilde, tierische Schreie ausstoßend, +mitten in diesem Gesang der Feuersbrunst hin +und her. +</p> + +<p>Zur gewohnten Stunde ertönte keuchend von +der Fabrik her der Mittagspfiff +</p> + +<p>Und dieser Pfiff klang so einsam und fremd im +Chore der anderen Pfiffe. +</p> + +<p>Er flehte um Gnade, um Erbarmen . . . +</p> + +<p>Daß man die Kinder rette, die Habseligkeiten +in Sicherheit bringe . . . +</p> + +<p>Diese letzten Schreie der dem Tode geweihten +Menschen und Dinge schnitten sich in jedes +Herz. +</p> +<!-- page 013 --> + +<p>Man trug die Heiligenbilder heraus. +</p> + +<p>Man glaubte: die Heiligenbilder würden beistehen +und vor dem Unglück beschützen. +</p> + +<p>Aber das Feuer drang hartnäckig beißend +überall hinein, es flog empor und erfaßte immer +neue, noch unversehrte Menschenwohnungen. +</p> + +<p>Die blauen und weißen Spindeln aus Funken +und aus Staub drehten sich verzweifelt und unaufhörlich +. . . Ein in wahnsinniger Hast kreisender +Bohrer durchlöcherte die schwere Luft mit +Feuer. +</p> + +<p>Karminroter Feuerschein ergoß sich bebend +über die ganze Stadt. +</p> + +<p>Die schwarz verkohlten Dachstühle der +Brandstätten ragten in die Luft wie Galgen. +</p> + +<p>Die Eisenbahnwerkstätten und die Naphtatanks +brannten. +</p> + +<p>Voller Wut und Entsetzen sprangen die brennenden +Lokomotiven wie gehetzt aus ihren eisernen +Ställen heraus. Und sie pfiffen auf den Schienenwegen +trocken und abgerissen. +</p> + +<p>Unter ihren rotglühenden Tatzen stöhnte und +zischte es unheimlich und unheilverkündend. +</p> + +<p>Und das Weinen der ohne Tränen sterbenden +Maschinen machte den Abend erglühen. +</p> + +<p>Die brennenden Getreidespeicher rauschten +wie Springbrunnen. +</p> + +<p>Jemand schüttelte die blutrot leuchtenden +Bernsteinkörner des Getreides durcheinander +und lachte aus vollem Halse. +</p> +<!-- page 014 --> + +<p class="tb"> </p> + +<p class="noindent">Mitten in der verzauberten Johannisnacht, um +die Stunde des tobenden Lebens, erdröhnte von +der Kathedrale herab die Sturmglocke. +</p> + +<p>Die öffentlichen Häuser standen in Flammen. +</p> + +<p>Das Feuer sog sich mit seinen Küssen eifersüchtig +an den Mädchenlippen fest, jeden Nebenbuhler +zurückwerfend und vernichtend. Mit +wollüstig feiner Zunge beleckte es die Leiber und +brannte sich in sie bis an die Knochen hinein. +</p> + +<p>Die berauschten Gäste fielen vor diesem roten, +erbarmungslosen, unersättlichen Gast zu Boden. +</p> + +<p>Nackte, in Umarmungen verschlungene, von +Glassplittern verwundete, vom Feuer versengte +Körper stürzten aus den oberen Stockwerken +herab; sie stürzten zu Boden und wurden von +Menschenfüßen und Pferdehufen zertreten und +zermalmt. +</p> + +<p>Die brennenden Pupillen der sich drängenden +Menge weiteten sich und platzten vor der berauschenden +Glut. Das Röcheln der Tiere vermengte +sich mit dem durchdringenden Lachen, +dem Flehen und Stöhnen der Menschen. +</p> + +<p>Ein Mönch in dunklem Gewande, ein Mönch +mit regungslosem Gesicht stand in der Hölle der +Feuersbrunst. +</p> + +<p>Nur er allein war leidenschaftslos wie am hellen +Mittag und schrecklich in seiner Ruhe. Er +war geheimnisvoll und unheilverkündend wie ein +quälender, verworrener Traum. +</p> + +<p>Das Feuer, das in der Tiefe seiner Augen +brannte, durchdrang die Flammen. +</p> +<!-- page 015 --> + +<p>Tausende von Händen griffen nach dem +Saume seines Gewandes, nach den Zipfeln seiner +schwarzen Kapuze; Tausende von Händen +streckten sich aus und hoben den Staub unter seinen +Füßen auf; Tausende von Lippen küßten diesen +Staub. +</p> + +<p>»Beschütze uns!« +</p> + +<p>»Rette uns!« +</p> + +<p>»Gnade!« +</p> + +<p>»Erbarmen!« +</p> + +<p class="tb"> </p> + +<p class="noindent">›Erbarmen! Erbarmen!‹ dröhnte die Sturmglocke +der Kathedrale, als die Sonne sich träge erhob +und ihre blutig-goldenen Strahlen in den Rauch +bohrte und über die Erde goß. +</p> + +<p>»Flieht! Flieht!« rief es aus den Rauchwirbeln, +die die höllischen Spindeln beißenden Staubes +umkreisten. +</p> + +<p>Das Zuchthaus brannte. +</p> + +<p>Das Spital brannte. +</p> + +<p>Die Zuchthäusler erbrachen die eisernen Türen, +erschlugen mit den Eisengittern die Aufseher +und schleppten sich, verprügelt und angeschossen, +wie Pestkranke die von der Flammenglut +zersprungenen Straßen entlang. +</p> + +<p>Hei, so schön brannten die von Unrat durchtränkten +Zellen! Welch ein Freudenmahl des +freien, rächenden Feuers, das die Särge der Lebenden, +das Zuchthaus, zerstörte! +</p> + +<p>Und in den dumpfen Krankensälen, im grüngelben +Licht der hüpfenden Sonnen, klang herzzerreißend +<!-- page 016 --> +das Stöhnen der Siechen und das höllische +Lachen der Wahnsinnigen. +</p> + +<p>Das Feuer schrie und sprang wie ein Eichhörnchen. +Es warf sein brennendes Netz über die +Stadtparkmauer auf das Schlachthaus hinüber. +</p> + +<p>Die Stadt zitterte vor dem vorsintflutlichen +Geheul, die Tiere weinten wie von menschlicher +Trauer ergriffen. +</p> + +<p>Vom Zuchthaus kam das Feuer auf den Friedhof. +</p> + +<p>Die Flammen erbrachen mit ihren schweren, +glühenden Brecheisen die stummen Gräber. +</p> + +<p>Und die Toten erhoben sich aus den Särgen und +wuchsen zu schwarzen, von einer grauen, erstickenden +Wolke beschatteten Dunstsäule empor. +</p> + +<p>Der Mönch in dunklem Gewande, der Mönch +mit fest zusammengepreßten Lippen stand mit +gekreuzten Armen mitten unter den vertierten +Menschen und den rasenden Tieren. +</p> + +<p>Funken und Flammen umkreisten sein Haupt +wie Scharen goldener Vögel. +</p> + +<p>Und die Sturmglocke läutet und läutet ohne +Unterlaß. +</p> + +<p>Und die Menschen rennen zerfetzt, verbrannt, +verzweifelt umher. +</p> + +<p>Das staatliche Schnapslager brennt! +</p> + +<p>Der brennende Schnaps frißt die Herzen. +</p> + +<div class="poem"> +<p class="line">Hab den Vater geschlachtet,</p> +<p class="line">Die Mutter gehenkt,</p> +<p class="line">Und die leibliche Schwester</p> +<p class="line">Im Flusse ertränkt . . .</p> +</div> +<!-- page 017 --> + +<p class="noindent">Tausende von verstümmelten, mit Weingeist +durchtränkten Leichen brennen mit blauen, unerträglichen +Flammen. +</p> + +<p class="tb"> </p> + +<p class="noindent">Man wurde vor Entsetzen wahnsinnig. +</p> + +<p>Die Mütter verloren ihre Kinder. +</p> + +<p>Kinder schleppten zentnerschwere Lasten. +</p> + +<p>Niemand wagte, unter einem noch unversehrten +Obdach zu bleiben. +</p> + +<p>Man verließ die Häuser und zog auf die Straßen. +</p> + +<p>Man suchte nach den Brandstiftern. +</p> + +<p>Man glaubte schon, ihnen auf der Spur zu sein. +</p> + +<p>Man wollte unbekannte Frauen gesehen haben, +die sich bei den Haustoren zu schaffen +machten. +</p> + +<p>Man riß den Aufseher Semjon, der sich unbedachterweise +eine Pfeife angezündet hatte, in +Stücke. +</p> + +<p>Man riß einem Studenten den Arm aus. +</p> + +<p>Man warf jemanden ins Feuer. +</p> + +<p>»Wer ist’s? Wo soll man suchen?« fragte man +den Mönch. +</p> + +<p>Der Mönch schwieg. +</p> + +<p>Auf den Zäunen stand mit schwarzen Lettern +geschrieben: ›Morgen wird keine Feuersbrunst +sein.‹ +</p> + +<p>»Morgen wird keine Feuersbrunst sein! Keine +Feuersbrunst.« +</p> + +<p class="tb"> </p> + +<p class="noindent">Ein blutrotes engmaschiges Netz hing über der +<!-- page 018 --> +Stadt, und irgendwo in seiner Tiefe schwebte ein +blutig-flammender Kern, welcher Gestank und +Brandgeruch verbreitete. +</p> + +<p>So begann der dritte Morgen, der dritte und +letzte Tag. +</p> + +<p>In der Nacht verbrannte die Kathedrale mit +allen Reliquien. Der Glockenturm stürzte ein, +und die schreiende Zunge der Sturmglocke verstummte. +</p> + +<p>Aus dem Feuer stiegen drei flammende Kreuze +empor. Sie zitterten und verschwanden in der +schrecklichen roten Nacht. +</p> + +<p>Die Herzen glühten, die Arme hingen kraftlos +herab. +</p> + +<p>Es gab nichts mehr, was noch brennen konnte. +</p> + +<p>Die Feuersbrunst ging zu Ende. +</p> + +<p>Die wahnsinnigen Menschen irrten wie im Nebel +umher. +</p> + +<p>Einen jeden, der ihnen in den Weg kam und +der etwas auf dem Kerbholz hatte, erschlugen sie +mit brennenden Scheiten. +</p> + +<p>Von Entsetzen, Verzweiflung und Blut trunken, +verließen sie vor Anbruch der Nacht die +Stadt. +</p> + +<p class="tb"> </p> + +<p class="noindent">Alle, die noch am Leben geblieben waren, verbrachten +diese letzte Nacht auf dem freien Feld, +eng aneinander gedrängt, von geretteter Habe +und geraubtem Gut umgeben. +</p> + +<p>Und der Mönch in dunklem Gewand stand +unter den Übriggebliebenen. +</p> +<!-- page 019 --> + +<p>Niemand erhob die Stimme, um ihn zu rufen +oder anzuflehen, aber Hunderte von Augen waren +auf sein unter der Kutte verborgenes Herz gerichtet. +</p> + +<p>»Gnade! Gnade!« +</p> + +<p>Und zum erstenmal ging ein Zucken über das +regungslose Gesicht des Mönches. +</p> + +<p>Der Mönch zerriß sein Gewand, holte ein Gefäß, +das er auf der Brust trug, hervor, tauchte einen +Weihwedel hinein und besprengte die flehenden +Augen. +</p> + +<p>Im gleichen Augenblick ergoß sich ein Feuermeer +über das ganze Feld. +</p> + +<p>Die Feuerwolke zerriß den Himmel, zerspaltete +die Nacht, schrie auf und erbebte. +</p> + +<p>Und nichts als Funken und wieder Funken . . . +</p> + +<p class="tb"> </p> + +<p class="noindent">Tiefe Finsternis lag über der verbrannten Stadt. +</p> + +<p>Und die Sterne fürchteten sich, auf die Erde +und auf den in dunkle Fetzen gehüllten Menschen +herabzuschauen. +</p> + +<p>Und die Aasvögel wagten nicht, zu den Leichen +herabzufliegen, sie wagten nicht, ihre Flügel +vor jenem Menschen zu regen. +</p> + +<p>Und er stand allein mitten in der Asche der +verbrannten Erde. +</p> + +<p>O du verdammte Heimaterde! +</p> +<!-- page 020 --> + +<h2 class="chapter" id="chapter-2"> +Petuschok</h2> + +<h3 class="no">1</h3> + +<p class="first">Eine Kuh fraß am Eliastage dem Petka ein Fünfzehnkopekenstück +auf. +</p> + +<p>Als die Großmutter von der Abendmesse +heimgekommen war, hatte sie vor dem Schlafengehen +dem Knaben eine silberne Münze, ein +Fünfzehnkopekenstück, zum Vernaschen geschenkt. +</p> + +<p>Am Tage des heiligen Elias schreitet eine Prozession +aus dem Kreml zur Eliaskirche auf dem +Woronzow-Felde, eine lange Prozession mit uralten +Kreuzen, von vielen Gendarmen zu Pferde +begleitet. Nach der Messe findet im Garten und +auf dem Platz vor der Kirche unter den Kirchenfahnen +ein Volksfest statt; es werden dabei +Kwaß, Spielzeug, Stachelbeeren, Birnen und Eis +feilgeboten. Petka war ein großer Liebhaber von +Stachelbeeren und aß leidenschaftlich gern Eis; +seine Freude über das Fünfzehnkopekenstück +war also wirklich groß. Während der ganzen +Nacht behielt er die Münze in der Hand. +</p> + +<p>Als die Großmutter aus der Kirche des heiligen +Nikola Kobylski heimkehrte, war Petka +schon auf: er hatte den Samowar instand gesetzt, +<!-- page 021 --> +seine Schuhe gewichst und sich fein herausgeputzt; +fertig zum Ausgehen, stand er da. Und wie +oft hatte der unruhige Geist schon in Erwartung +der Großmutter die Mütze aufprobiert! Petka +hatte eine Mütze mit lackledernem Schirm; früher +hatte er einen Strohhut getragen, als er aber +Schüler einer Städtischen Schule geworden war, +hatte ihm die Großmutter diese Mütze gekauft. +Er hat seinen Gürtel, der ebenfalls aus Lackleder +ist, ins letzte Loch geschnallt und sich seine +schwarze Tuchbluse mit den beiden Silberknöpfen +am Kragen zurechtgezupft; bloß mit der +Hose ist es nicht weit her: die Drillichhose ist +zwar rein gewaschen — Großmutter selbst hat sie +gewaschen und gebügelt —, aber sie ist zu kurz: +von den Waden ist ein etwa zwei Finger breites +Stück zu sehen; Petka wächst aber noch, und die +Hose ist in der Wäsche eingelaufen. +</p> + +<p>»Ich habe dir den Samowar in einem Nu zurechtgemacht, +Großmutter!« begrüßt Petka die +Großmutter, auf einem Bein hüpfend. +</p> + +<p>»Du bist ein gescheiter Junge, Petuschok!« +Großmutter ist nach dem Gottesdienst müde und +freut sich auf den Tee. +</p> + +<p>Wenn die Großmutter selbst den Samowar instand +setzte, brauchte sie immer furchtbar viel +Zeit dazu — so kam es Petka wenigstens vor. Sie +pflegte erst die Asche auszuschütten, dann ein +wenig Kohle hineinzutun, auf die Kohle einige +Holzspäne zu streuen und, wenn die Kohle zu +knistern anfing, noch einige Kohlen nachzulegen; +<!-- page 022 --> +das machte sie wohl zweimal. Petka schüttete +aber nie die Asche aus, sondern stopfte den +Samowar gleich mit Kohle voll, zündete einige +Späne an, legte noch etwas Kohle auf, und der +Samowar begann sofort, so schien es ihm wenigstens, +zu summen. +</p> + +<p>»Du bist ein gescheiter Junge!« wiederholte die +Großmutter. Sie freute sich, daß der Samowar +auf dem Tisch stand und summte und daß sie +jetzt in aller Ruhe ihren Tee trinken und vor der +Prozession noch etwas ausruhen konnte. +</p> + +<p>Großmutter war gottesfürchtig und eine eifrige +Kirchgängerin; sie versäumte keinen einzigen +Gottesdienst, und wenn es beim Nikola Kobylski +eine Leiche gab, so ging sie hin und wohnte auch +mit einer Kerze in der Hand der Totenmesse bei; +sie ging auch mit Petka bei allen Prozessionen mit. +</p> + +<p>Großmutter setzte sich an den Teetisch, aber +ehe sie noch ein Stückchen geweihtes Brot zerkauen +konnte, fing Petka schon zu drängen an: +sie wollten sofort aufbrechen, um der Prozession +entgegenzugehen. +</p> + +<p>Aber es sei noch viel zu früh! Die Prozession +habe gewiß noch nicht den Kreml verlassen; die +Leute sammelten sich wohl erst; die Hausmeister +ständen noch gar nicht am Morosowschen Gitterzaun, +sie säßen wohl noch in der warmen +Stube und tränken Tee. +</p> + +<p>Großmutter und Petka pflegten die Prozession +in der Wedenskaja-Gasse, auf dem Morosowschen +Zaune stehend, zu erwarten. Sie machten +<!-- page 023 --> +es sehr einfach: zuerst kletterte Petka hinauf und +dann die Großmutter; der Alten fiel es zwar recht +schwer, auf den Zaun hinaufzuklettern, aber sie +konnte von dort aus besser sehen und lief auch +nicht Gefahr, zertreten zu werden. +</p> + +<p>»Wenn du nicht gehst, geh ich allein!« Petka +setzte seine Mütze mit dem Lacklederschirm auf +und stand schon an der Tür. +</p> + +<p>Großmutter hatte Angst, Petka allein gehen zu +lassen; sie meinte, man könne ihn im Gedränge +leicht zertreten. +</p> + +<p>»Man wird dich zertreten, Petuschok.« +</p> + +<p>»Nein, Großmutter, man wird mich nicht zertreten. +Mir hat im vorigen Jahr das Pferd eines +Gendarmen mit dem Huf auf eine Zehe getreten, +das hat schrecklich weh getan! Und doch hat es +mir nichts geschadet. Großmutter, jetzt gehe +ich!« +</p> + +<p>Großmutter hat Angst und ist zugleich gekränkt: +sie gingen doch jedes Jahr zusammen hin +— Petka voraus und hinter ihm die Großmutter in +ihrem alten Umhang, mit dem Sonnenschirm in +der Hand; Großmutter spannte ihren Schirm +niemals in der Sonne auf und hielt ihn nicht am +Griff, sondern stets an der Spitze, so daß der Griff +die Erde berührte. Sie will Petka nicht allein gehen +lassen; und sie will noch etwas ausruhen und +gemächlich ihren Tee trinken! +</p> + +<p>Was ist da zu machen? Der Junge läßt sich +nicht halten! +</p> + +<p>Petka geht allein fort. +</p> +<!-- page 024 --> + +<p>Der Morgen ist schön kühl, der Tag wird nicht +so heiß werden. Ob Petka vom lieben Gott einen +so herrlichen Tag erfleht oder der heilige Prophet +Elias, dem das Fest gilt, seinen Segen gegeben +hat — die Leute werden es in der Prozession gut +haben, die goldgestickten Kirchenfahnen werden +funkeln, die Priester werden leichten und trockenen +Fußes gehen, und auch die Chorsänger werden +es angenehm haben. +</p> + +<p>Petka ging, sein Fünfzehnkopekenstück fest in +der Faust haltend, auf den Flur hinaus; viel Stachelbeeren, +rote, behaarte Stachelbeeren wollte +er sich dafür kaufen und außerdem für fünf Kopeken +Schokoladeneis verspeisen. Petka +lauschte; irgendwo läuteten die Glocken, aber es +war noch sehr weit. Die Prozession hatte wohl +eben erst den Kreml verlassen, und man läutete +in den Kirchen, an denen sie vorüberzog. +</p> + +<p>›Man läutet erst in der Iljinka oder in der Marossejka +bei Nikola — es ist ein schönes Läuten!‹ +dachte Petka. Und da erblickte er plötzlich eine +Kuh. +</p> + +<p>Auf dem Hofe spazierte die Kuh des Diakons, +eine schöne, wohlgenährte, rote Kuh. +</p> + +<p>Petka freute sich jedesmal, wenn er die Milchkuh +des Diakons sah, das ›Braunchen‹, wie Großmutter +sie zu nennen pflegte. +</p> + +<p>»Guten Tag, Braunchen!« Petka kam hüpfend +näher und streckte seine Hand aus, um die Kuh +zu streicheln . . . Das Geldstück funkelte in der +Sonne, das Fünfzehnkopekenstück fiel ihm aus +<!-- page 025 --> +der Hand, die Kuh leckte es mit der Zunge auf, +stieß einmal auf und verschluckte es. +</p> + +<p>Kurz und gut — weg war es. +</p> + +<p>Petka suchte auf dem Rasen und zwischen den +Steinchen, ging einige Male um die Kuh herum, +stand einen Augenblick still und wartete, ob die +Münze nicht wieder zum Vorschein käme . . . +Nein, verschwunden war sein silbernes Geldstück, +das Braunchen hatte es gefressen, es hatte +ihm das Fünfzehnkopekenstück, das er zum +Eliastage bekommen, weggenommen. +</p> + +<p>Mit leeren Händen ging nun Petka zur Eliaskirche. +</p> + +<p>Sollte er umkehren und der Großmutter alles +erzählen? Großmutter würde wohl sagen: »Wolltest +mir nicht folgen, bist allein gegangen, darum +hat es dir die Kuh gefressen!« Und sie würde ihm +nie wieder eine Silbermünze schenken. Sie würde +noch sagen: »Was soll man auch so einem Schlingel +Geld schenken? Das frißt ja doch die Kuh!« +Nein, es ist doch besser, der Großmutter nichts +zu sagen. Und die Stachelbeeren und das Schokoladeneis? +Nun, er wird sich eben ohne Stachelbeeren +und ohne Eis behelfen müssen. Und wenn +Großmutter etwas merkt? Sie wird eben nichts +merken. Er wird der Großmutter sagen, daß er +einen ganzen Zentner Stachelbeeren und hundert +Portionen Eis gegessen hat . . . Und wenn +Großmutter es nicht glaubt? Sie wird es wohl +glauben müssen! Die Stachelbeeren sind ja billig +— spottbillig sind sie, sagt Großmutter selbst. +<!-- page 026 --> +Und was ist auch dabei? Er hat eben einen ganzen +Zentner Stachelbeeren gekauft und aufgegessen: +er hat Geld genug gehabt, es sind ja nicht +fünf, sondern fünfzehn Kopeken gewesen! Aber +er hat kein Fünfzehnkopekenstück mehr: die +Kuh hat es aufgefressen! +</p> + +<p>»Was bist du für eine Kuh!« sagte Petka vorwurfsvoll +zu seinem geliebten Braunchen. +»Warum hast du das Geld gefressen? Die Stachelbeeren +sind so schön rot und behaart, und +das Schokoladeneis schmeckt so herrlich . . . hundert +Portionen!« +</p> + +<p>Petka dachte im Gehen immer an sein Fünfzehnkopekenstück, +das unwiederbringlich verloren +war. Es gab nur noch eine Möglichkeit: +Großmutter alles zu gestehen. Sie wird ihm dann +vielleicht ein neues geben. Aber wo sollte Großmutter +eines hernehmen? Das Geld wächst nicht +auf der Straße, pflegt Großmutter zu sagen. Sie +hat ja auch nur ein paar Silbermünzen; Kopekenstücke +hat sie genug . . . Petka ging am Kursker +Bahnhof und an dem verwahrlosten Rjabowschen +Hause, wo, wie er glaubte, die goldenen Zimmer +immer leer und unbewohnt standen, vorbei. Er +ging zur Eliaskirche auf dem Woronzow-Feld. +</p> + +<p>Die ganze Wedenskaja-Gasse war mit Gras belegt, +das ganze Pflaster mit frischgemähtem Gras +bestreut. Da war Gras von den Chludows dabei, +und von den Naidjonows und von Myslin, und +wie alle die reichen Gemeindemitglieder sonst +noch hießen. Die Füße glitten im Grase aus, und +<!-- page 027 --> +Petka brachte es fertig, sich ein paar grüne Grasflecke +auf seine Hose zu machen. Im Gras lagen +auch vereinzelte Blumen, und die Blumen dufteten +nach Wiesen und brachten ihm die Wallfahrten +in Erinnerung. Petka unternahm jeden Sommer +mit seiner Großmutter Wallfahrten. Petka +dachte nicht mehr an das aufgefressene Fünfzehnkopekenstück +und schloß die Augen: ganz +klar, ganz deutlich fühlte er die Erde und das +Gras unter seinen Füßen; er fühlte sich plötzlich +in die Gegend von Swenigorod versetzt, auf einen +Feldweg, wo Glockenblumen blühen, auf einen +Waldweg, wo der Kuckuck ruft, zum Sawwa-Kloster +zum Nikola-Ugrjescha, und vom Nikola-Ugrjescha +zum Troiza-Sergius-Kloster. +</p> + +<p>Die Leute eilten schon zur Kirche; andere blieben +auf dem Bürgersteig und suchten sich ein +Plätzchen, wo sie bequem stehen und zusehen +konnten. Das Läuten klang immer näher, es +schien schon aus der nächsten Nähe, von der +Troiza-Grjasi-Kirche zu kommen. Nein, Petka +hatte sich getäuscht, es war noch sehr weit: man +läutete erst bei Kosmas und Damian. +</p> + +<p>Auf dem Morosowschen Zaun stand noch niemand. +Vor dem Tore waren nur die Hausmeister +versammelt, unter ihnen der Morosowsche Kutscher +in einer Plüschweste, das schwarze Haar +mit Butter eingefettet. Auch Petka wird sich einmal, +wenn er groß ist, das Haar mit Butter einfetten, +und es wird dann ebenso schön schwarz sein +wie das Haar des Morosowschen Kutschers; jetzt +<!-- page 028 --> +aber benetzte es ihm Großmutter, wenn er aus +der Badestube heimkommt, mit Kwaß. +</p> + +<p>Petka kletterte auf den Zaun hinauf und hielt +Ausschau nach der Prozession und der Großmutter. +</p> + +<p>›Es wird sich schon irgendwo auf dem Hofe finden‹, +dachte er ab und zu an sein unglückseliges +Geldstück. ›Es kann gar nicht verlorengehen!‹ +</p> + +<p>Vom Geld kamen seine Gedanken wieder auf +die Prozession, und er horchte, in welcher Kirche +gerade geläutet wurde; von der Prozession kamen +sie auf den Morosowschen Kutscher, vom +Kutscher auf das Gras und die Wallfahrten; so +schweiften die flüchtigen Gedanken des kleinen +Petka, des Petuschok,<a href="#footnote-1" id="fnote-1"><sup>1</sup>)</a> wie Großmutter den Jungen +zu nennen pflegte. +</p> + +<p>Nun kam auch Großmutter mit ihrem Sonnenschirm +an; sie kletterte auf den Zaun hinauf, die +Glocken der Kirche zur Mariä Opferung in den +Baraschi begannen zu läuten, die Prozession kam +immer näher, die schweren Kirchenfahnen erstrahlten +in goldenem Glanz, dann läutete es in +der Eliaskirche, und Petka war vollkommen getröstet. +</p> + +<p>›Großmutter wird mir ein anderes Geldstück +schenken, und wenn sie mir keines schenkt, so +werde ich auch ohne Eis und Stachelbeeren satt +werden.‹ +</p> + +<!-- page 029 --> + +<h3 class="no">2</h3> + +<p class="noindent">Großmutter hatte niemand außer Petka. Petka +ist ihr Großneffe, der Sohn ihres Neffen, aber sie +nennt ihn Enkel. Der Neffe ist gänzlich heruntergekommen: +er war früher einmal Parkettwichser +gewesen, hatte sich etwas zuschulden kommen +lassen, trieb sich lange Zeit arbeitslos in Moskau +herum, bekam endlich eine Anstellung in einer +Bierhalle, blieb dort nur einen Winter lang, gab +diese Stellung auf und wurde Arbeiter in den +Goujon-Werken; er verließ auch diese Stellung +und geriet schließlich unter das lichtscheue Gesindel, +das den Chitrowka-Markt bevölkert. Er +besuchte, wenn auch nur selten und meistens betrunken, +die Großmutter, um sie um Geld zu bitten. +Großmutter hatte vor dem Neffen große +Angst und nannte ihn ›den Räuber‹. +</p> + +<p>Petka wohnt mit der Großmutter in einer Kellerstube +auf dem Semljanoj-Wall, in der Nähe +der Kirche des heiligen Nikola Kobylski. Als +Großmutter noch bei Kräften gewesen war, hatte +sie nie müßig dagesessen und über nichts zu klagen +gehabt; die Nachbarn sagten, sie brauche +sich nie ohne Weißbrot zu Tisch zu setzen. Nun +aber sind ihre Augen schwach, und sie kann nicht +mehr arbeiten. Großmutter ist auch schon bei +Jahren: sie war sechs Jahre alt, als man die Leiche +des Kaisers Alexander Pawlowitsch aus Taganrog +über Moskau überführte: so alt ist sie also +schon! Gute Menschen unterstützen sie ab und +<!-- page 030 --> +zu, und sie bekam auch einen monatlichen Zuschuß +von der Armenpflege; ihr Petka aber +wurde in eine Städtische Schule aufgenommen. +Auf dem Semljanoj-Wall kennt jedermann die +Großmutter Iljinischna Sundukow; auch auf +dem Woronzow-Feld und in den Syromjatniki ist +sie gut bekannt. Mit Mühe und Not schlägt sie +sich mit ihrem Petka durch. +</p> + +<p>Ihre Kellerstube ist sehr klein. Vor ihr wohnten +zwei alte Frauen darin, mit Namen Smetanin, +die ebenso gottesfürchtig waren wie die +Großmutter. Als die Smetanins starben, mietete +Großmutter mit Petka die Kellerstube. Großmutter +hat früher ein anderes, größeres Zimmer +gehabt, in dem jetzt Stubenmaler wohnen. +</p> + +<p>Großmutters Zimmer ist vollgepfropft. Es +steht eine Kommode darin, die vor Alter eine Art +Geheimkommode geworden ist: die mittlere +Schublade läßt sich nicht mehr ganz herausziehen: +man kann sie nur von rechts und auch nur +einen Fingerbreit herausschieben. In dieser +Schublade — davon weiß aber nur die Großmutter +allein — sind ein silberner Teeglasuntersatz +mit Weintraubenmuster und zwei silberne Löffel +mit Blumengravierung und schwarzem Email an +den Stielen verwahrt: das alles ist Petkas Eigentum, +das er nach Großmutters Tode erben wird. +Großmutter hat auch einen Kleiderschrank, +gleichfalls mit einem geheimen Trick: du kannst +die Tür zwar aufmachen, hast aber gleich die +ganze Bescherung, denn die Tür fällt sofort ganz +<!-- page 031 --> +heraus: nur Großmutter allein versteht es, in ein +bestimmtes Loch einen Stift hineinzustecken, so +daß die Tür auf den richtigen Platz kommt und der +Schrank sich wieder schließen läßt. Großmutter +besitzt auch noch einen kleinen eichenen eisenbeschlagenen +Koffer, in dem sie ein Hemd, ein Leichentuch, +ein Paar Pantoffeln ohne Absätze und +ein Stück Leinwand verwahrt: das alles bleibt für +ihre Leiche aufgespart. Als man einmal im Herbst +auf dem Hof Kraut schnitt, stopfte Petka in diese +Truhe Kohlstrünke hinein: der Schlingel glaubte, +es würde Großmutter Freude machen, wenn sie im +Jenseits von den Kohlstrünken naschen könnte. +Ein kleines Sofa steht auch noch da: von außen betrachtet, +ist es noch ganz anständig, wenn man +sich aber ungeschickt draufsetzt, so stößt man sich +an einer Holzleiste. Im Winkel steht ein Heiligenschrein +mit drei Abteilungen. Zuoberst hängen +mehrere geweihte Bildchen von den Wallfahrtsorten +und noch allerlei andere Bildchen und Messingkreuze. +Darunter steht die Ikone ›Die Moskauer +Wundertäter‹: Maxim der Selige, Wassili +der Selige und Johannes der Narr in Christo stehen +nebeneinander — Wassili nackt, Maxim mit einem +Schurz und Johannes in einem weißen Gewand —, +die Arme im Gebet ausgestreckt, vor dem Moskauer +Kreml; über dem Kreml ist die heilige Dreifaltigkeit +dargestellt, und über den Heiligen ein +dunkler Wald, die ›Mutter-Einöde‹ mit zerklüfteten +Bergen, Bergen, die wie Zungen aussehen: +Petka hält sie für Feuerberge. Es ist eine uralte +<!-- page 032 --> +Ikone. Daneben steht eine zweite auf Goldgrund +gemalte Ikone: ›Die vier Marienfeste‹. Sie stellt +die vier Muttergottesfeste dar: Maria Schutz und +Fürbitte, Aller Leidenden Freude, Mariä Erscheinung +und die Muttergottes von Achtyrka. +Das Bild fällt fast auseinander, so alt ist es. Unter +dem Heiligenschrein liegen drei Knäuel: ein +Knäuel Stricke, ein Knäuel Bindfaden und ein +Knäuel bunter Schnüre: während vieler Jahre hat +Großmutter sie aufgespart. Schließlich existiert +noch eine Truthenne — das ist ihre ganze Habe. +</p> + +<p>Großmutter gibt Petka sein Essen und denkt +auch an die Truthenne. Die Truthenne wohnt +auf dem Hof in einem kleinen Schuppen, der +Schuppen steht neben dem Kuhstall; die Truthenne +stirbt langsam dahin und ist schon so alt +wie die Großmutter. Großmutters ›Herr Jesus‹ +kann sie zwar nicht nachsprechen, versteht aber +anscheinend sonst alles: in ihrem langen Leben +hat sie alles gelernt, alles erfaßt. +</p> + +<p>Als Petka klein war, hatte er vor der Truthenne +Angst; aber mit den Jahren gewöhnte er sich an +sie und liebte es, sie anzuschauen: er pflegte sich +im Schuppen vor ihr hinzukauern und sie zu betrachten; +ihn interessierte ihr Kopf, der ganz rosa +und mit vielen kleinen rosa Warzen besät war. +Die Truthenne stand vor ihm, blies sich auf und +kauerte sich hin. Und so kauerten sie beide: +Petka und die Truthenne. +</p> + +<p>Die Hühner des Diakons haben Hähnchen, die +Katze Puschok hat Kätzchen, aber die Truthenne +<!-- page 033 --> +hat nichts — wie kommt das? fragte sich +Petka mehr als einmal. +</p> + +<p>Auch die Großmutter sagte manchmal nachdenklich +vor sich hin: +</p> + +<p>»Wenn Gott der Truthenne ein Ei schenken +wollte, so gäbe es Hähnchen!« +</p> + +<p>›Alles kommt vom Ei, wenn Gott der Truthenne +ein Ei schenkt, so gibt es Hähnchen!‹ sagte +sich auch Petka. +</p> + +<p>»Großmutter, und wenn Gott der Truthenne +wirklich ein Ei schenkt?« +</p> + +<p>»Gott geb’s!« +</p> + +<p>»Was geschieht dann weiter?« prüfte der kluge +Petka die Großmutter. +</p> + +<p>»Dann setzt sie sich hin.« +</p> + +<p>»Wie setzt sie sich hin, Großmutter?« +</p> + +<p>»Auf das Ei setzt sie sich, Petuschok. So macht +sie das.« Großmutter kauerte hin wie die Truthenne. +»Einundzwanzig Tage, das sind genau +drei Wochen, sitzt sie darauf; nur wenn sie fressen +muß, steht sie auf und das auch nur jeden +zweiten oder dritten Tag. Und dann kommt ein +Truthähnchen heraus.« +</p> + +<p>»Großmutter, wo werden wir das Hähnchen +hintun?« +</p> + +<p>»Es wird bei uns wohnen.« +</p> + +<p>»Großmutter, wir werden es in einen Käfig +tun, und es wird wie eine Nachtigall singen, ja, +Großmutter?« +</p> + +<p>»Ja, Petuschok, es wird ein kleines Hähnchen +sein, ganz gelb, mit einem Schöpfchen.« +</p> +<!-- page 034 --> + +<p>»Großmutter, wir werden uns einen Luftballon +machen und fliegen. Ja, Großmutter?« +</p> + +<p>»Was fällt dir ein, Petuschok!« +</p> + +<p>»Wir werden fliegen, Großmutter, wir werden +mit dem Hähnchen in dem Luftballon wohnen. +Ja?« +</p> + +<p>Großmutter schwieg eine lange Weile. Petka +glotzte aber über die Großmutter hinweg und sah +wohl bereits im Geiste den Luftballon, in dem sie +wohnen würden: er, das Hähnchen und die +Großmutter. +</p> + +<p>»Ich bin damit nicht einverstanden«, sagte die +Großmutter. »Ich will hier unten sterben, auf +dem Luftballon mag ich nicht sterben.« +</p> + +<p>»Großmutter«, Petka dachte nur an seine Sachen +und hörte die Großmutter nicht. »Alles +kommt doch vom Ei?« +</p> + +<p>»Möge Gott ihr doch eins schenken!« Großmutter +wollte so schrecklich gern, daß die Truthenne +legte, und sie dachte an das Hähnchen mit +derselben Sehnsucht wie Petka. +</p> + +<p>Petka hatte das Geldstück vom Eliastage vergessen +und machte der Kuh keine Vorwürfe +mehr, weil sie es gefressen hatte; er brauchte kein +Geldstück mehr, er brauchte nur das kalikutische +Hähnchen. Aber wo sollte er ein Ei hernehmen, +wie könnte er es einrichten, daß Gott der Truthenne +ein Ei schenkt, aus dem alles kommt, aus +dem auch ein Truthähnchen kommt? +</p> + +<p>›Ich könnte ja ein Ei vom Diakon nehmen und +es unter die Truthenne legen‹, überlegte sich +<!-- page 035 --> +Petka. ›Der Diakon hat viele Hühner, und seine +Hühner legen viele Eier . . . Und man braucht ja +doch nur ein einziges Ei! Wenn er es aber merkt? +Seine Eier sind ja alle gezeichnet!‹ Petka hatte +schon in des Diakons Kiste hineingeschaut. ›Datum +und Monat sind auf jedem Ei verzeichnet, +man wird es merken, und dann stehe ich als Dieb +da. Und als Dieb werde ich auf den Chitrowka-Markt +gehen müssen. Und Großmutter? Wie +wird sie ohne mich leben?‹ — ›Ich lebe nur für dich, +Petuschok, sonst wäre es für mich längst Zeit zu +sterben!‹ — pflegt Großmutter zu sagen. ›Nein, +vom Diakon will ich nichts nehmen. Aber wie +kann ich mir ein Ei verschaffen? Ich brauche ja +nur ein einziges!‹ +</p> + +<p>Ein Zufall kam Petka zu Hilfe. Großmutter +wollte einmal ihrem Petuschok eine Freude machen +und ihn mit Spiegeleiern traktieren. Und sie +schickte Petka zum Kaufmann, um drei Eier zu +kaufen. Petka brachte bloß zwei Eier mit: das +dritte versteckte er und sagte der Großmutter, er +habe es zerbrochen. +</p> + +<p>»Da hast du es, Petuschok: die Kuh hat dir das +Geldstück gefressen, und das Ei hast du zerbrochen!« +Das zerbrochene Ei tat der Großmutter +furchtbar leid. +</p> + +<p>Petka hätte wohl sonst die Eierspeise vor Ärger +gar nicht angerührt; aber jetzt, wo er in seiner +Tasche das Ei liegen hatte, aus dem alles kommt, +aus dem auch ein Hähnchen kommen konnte, +machte er sich nicht viel daraus: soll nur Großmutter +<!-- page 036 --> +sagen, was sie will. Er verzehrte schnell +sein Spiegelei, wischte sich nicht einmal den +Mund ab und lief in den Schuppen zu der Truthenne. +Er legte ihr das Ei unter den Schwanz und +wartete der Dinge, die da kommen sollten. Die +Truthenne sah aber gar nicht hin, als wenn da +gar kein Ei läge, und dachte gar nicht daran, sich +draufzusetzen. +</p> + +<p>Was ist denn das? Und wenn sie sich nicht hinsetzt? +</p> + +<p>»Setz dich, Truthenne, setz dich, bitte!« Petka +kauerte hin, starrte auf die rosa Warzen der Truthenne +und verharrte so, ohne zu atmen, ohne sich +zu regen, von dem einen hartnäckigen Gedanken, +dem einen heißen Wunsch, der einen Bitte +beseelt: »Setz dich doch, Truthenne, setz dich, +bitte!« +</p> + +<p>Die Truthenne blies sich auf und setzte sich auf +das Ei, ja, ganz genau auf das Ei. +</p> + +<p>Und Petka kauerte noch lange vor ihr, wandte +keinen Blick von der Truthenne, von dem einen +hartnäckigen Gedanken, von dem einen heißen +Wunsch beseelt . . . +</p> + +<p>Die Truthenne saß ruhig und fest auf dem +Hühnerei. +</p> + +<p>Petka erhob sich leise, ging aus dem Schuppen +und lief von hinten herum zu einem Spalt in der +Wand. Er blieb am Spalt kleben: die Truthenne +saß ruhig und fest auf dem Hühnerei. +</p> + +<p>Sollte er es der Großmutter sagen? Nein, Großmutter +wird es schon selber sehen. Wie wird sie +<!-- page 037 --> +sich freuen, wenn sie die Truthenne auf dem Ei +sitzen sieht! +</p> + +<p>Petka stand den ganzen Tag Wache am Spalt: +er paßte auf die Truthenne auf und wartete auf +die Großmutter. Großmutter kam in den Schuppen, +um der Truthenne ihr Futter zu geben. +</p> + +<p>»Gepriesen sei der Schöpfer!« flüsterte die +Alte. Sie bekreuzigte sich, sie trippelte aufgeregt +umher, sie traute ihren Augen nicht, sie konnte es +einfach nicht begreifen: die Truthenne hatte ein +Ei gelegt, die Truthenne saß auf einem Ei! +</p> + +<p>Am Abend nach diesem langen, wundervollen +Tage legte sich Petka schlafen, auch Großmutter +ging zu Bett. Petka drehte sich hin und her und +konnte nicht einschlafen: er wartete immer, daß +Großmutter etwas von der Truthenne sagen +werde. Auch Großmutter wälzte sich immer von +der einen Seite auf die andere: sie hatte große +Lust, von der Neuigkeit zu sprechen, fürchtete +aber, das Glück zu berufen. +</p> + +<p>Lange beherrschte sich die Alte, hielt es aber +schließlich doch nicht aus. »Petuschok!« rief die +Großmutter. +</p> + +<p>»Großmutter!« Der Schlingel begriff sofort, +um was es sich handelte. Er tat aber so, als ob er +ihr aus dem Schlafe antwortete. +</p> + +<p>»Du schläfst noch nicht, Petuschok?« +</p> + +<p>»Was willst du, Großmutter?« +</p> + +<p>»Der liebe Gott hat uns seine Gnade erwiesen!« +Großmutter fing sogar zu lachen an und keuchte +vor Freude. »Ein Ei! Die Truthenne sitzt . . .« +</p> +<!-- page 038 --> + +<p>»Sie sitzt, Großmutter?« +</p> + +<p>»Ja, Petuschok, sie sitzt . . .« Großmutter sagte +es mit schwacher Stimme und bekam einen Hustenanfall. +</p> + +<p>»O Großmutter, wir werden jetzt einen Truthahn +haben, ein Hähnchen?« +</p> + +<p>»Ein Truthähnchen, ein kalikutisches Hähnchen«, +flüsterte die Großmutter, als ob im kalikutischen +Hähnchen das ganze Geheimnis, das +ganze Glück von ihrem und Petkas Leben läge. +</p> + +<p>»Wird es bei uns wohnen?« +</p> + +<p>»Gewiß, Petuschok, wo denn sonst?« +</p> + +<p>»Wir werden es doch nicht aufessen, Großmutter?« +</p> + +<p>Großmutter antwortete nicht mehr, Großmutter +war schon eingeschlafen, beglückt und erfreut +durch die göttliche Gnade, durch den Gedanken +an das kalikutische Hähnchen, das nach einundzwanzig +Tagen aus dem Hühnerei kommen +sollte. +</p> + +<p>Das Öllämpchen flackerte leise vor den Bildchen +und Kreuzchen, vor den ›Vier Marienfesten‹: +Maria Schutz und Fürbitte, Aller Leidenden +Freude, der Muttergottes von Achtyrka und +Mariä Erscheinung — und vor den ›Moskauer +Wundertätern‹: Maxim dem Seligen, Wassili +dem Seligen und Johannes dem Narren in Christo. +Die Berge der ›Mutter-Einöde‹ glühten im +Lichte der Nachtlampen rot und schnitten sich +wie mit Flammenzungen in den Moskauer +Kreml hinein. +</p> +<!-- page 039 --> + +<p>»Großmutter, ich werde das Hähnchen lieben!« +Petka-Petuschok, Großmutters Hähnchen, +schlief mit diesen Worten ein. +</p> + +<p>Jeden Tag, ganz gleich, ob es nötig war oder +nicht, schaute Großmutter in den Schuppen +nach der Truthenne; sie dankte jedesmal Gott für +die ihr erwiesene Gnade und zählte die Tage. +Auch Petka zählte die Tage und war nicht weniger +aufgeregt als die Großmutter; er ließ seinen +Drachen nicht mehr steigen, dachte nicht mehr +an seine Schlangenklapper und vergaß, daß er +das Ei selbst unter die Truthenne gelegt hatte: er +glaubte an das Hühnerei, als ob es ein echtes, von +der Truthenne selbst gelegtes Ei wäre. Die Truthenne, +die sich gegen jede Truthennensitte so unzeitgemäß +auf das Ei gesetzt hatte, saß auf dem +Hühnerei ruhig und fest und dachte gar nicht +daran, aufzustehen und im Schuppen spazierenzugehen. +Kam es daher, daß sie, seit sie auf der +Welt war, bis in ihr tiefes Alter hinein, noch niemals +gelegt und keine Ahnung von Eiern, weder +von eigenen noch von Hühnereiern hatte? Oder +daher, daß Petka durch seinen Willen wirkte +oder Großmutters Gebet Gehör gefunden hatte — +jedenfalls entbrannte in ihr die Brutlust wie bei +einer richtigen Glucke, und die rosa Warzen auf +ihrem Kopfe wurden immer blasser. +</p> + +<p>Und so vergingen zwanzig Tage und ein Tag. +</p> + +<p>Petka konnte nicht mehr schlafen: »Und wenn +kein Hähnchen herauskommt, wenn es ein taubes +Ei ist?« Wie konnte er auch schlafen? Jeden +<!-- page 040 --> +Morgen, sobald es tagte, lief er in den Schuppen, +nach der Truthenne zu sehen. +</p> + +<p>»Petuschok kommt gegangen, hat die Sonne +eingefangen!« sang Petka, auf einem Beine hüpfend. +Draußen im Schuppen und auch in Großmutters +Stube hauchte er das Hähnchen mit seinem +warmen Atem an, als ob im Hähnchen das +ganze Geheimnis, das ganze Glück von seinem +und Großmutters Leben läge. +</p> + +<p>»Gelobet seist du, Herr! Gepriesen sei dein +Langmut!« Großmutter konnte sich vor Freude +kaum auf den Beinen halten. +</p> + +<h3 class="no">3</h3> + +<p class="noindent">Der Herbst fiel in jenem Jahre trocken und warm +aus. Die Sonne schien zwar nur wenige Stunden +am Tage, befiederte aber doch das kalikutische +Hähnchen: es wuchs heran, krähte mit heiserer +Stimme, tat sehr vornehm, fiel über die im Frühjahr +zur Welt gekommenen Hähne des Diakons +her und raufte mit ihnen wie ein richtiger Hahn. +Alle Anzeichen sprachen dafür, daß es einen spitzen, +hellroten Kamm, kräftige Sporen und eine +laute Stimme haben würde: es war eben ein echtes +kalikutisches Hähnchen! +</p> + +<p>Nicht die Truthenne — wie sollte sie auch? — die +Truthenne starb langsam dahin —, sondern die +Großmutter pflegte das Hähnchen, und als die +warmen Tage von kalten abgelöst wurden, nahm +<!-- page 041 --> +sie es aus dem Schuppen in die Stube. Großmutter +wird Petkas Glück wohl bewachen, sie wird +das Hähnchen großziehen, so wie sie Petka großgezogen +und sich ihr Glück für ihre alten Tage erhalten +hat. +</p> + +<p>Zugleich mit der Kälte und der Oktobernässe +brach eine unruhige Zeit an, die denkwürdigen +Tage der Volksopfer und der Freiheit. +</p> + +<p>Daß auf den Hauptstraßen das elektrische +Licht nicht mehr brannte und ganz in der Nähe +auf dem Kursker Bahnhof die blank geputzten +Lokomotiven unbeweglich dastanden und froren; +daß die schrecklichen roten Schlote der Goujon-Werke +in der Pokrowka-Vorstadt nicht mehr +qualmten und am Himmel hinter dem Androni-Kloster +kein Feuerschein bebte — das alles hätte +doch, könnte man meinen, auf Großmutter in ihrer +Kellerstube nicht den geringsten Eindruck +machen sollen: Großmutter brauchte kein elektrisches +Licht, sie ging abends nie aus, beabsichtigte +nicht zu verreisen und hatte auch mit den +Goujon-Werken nicht das geringste zu schaffen. +Großmutter wohnte aber in ihrem Keller nicht +allein: ihre Nachbarn, lauter einfache Arbeiter, +waren mit einer festen Kette an die roten Schlote +der Goujon-Werke wie auch an die blanken +Kursker Lokomotiven gebunden; der Umstand, +daß die Schlote nicht mehr qualmten und die Lokomotiven +stillstanden, hatte sie aus ihrer Arbeitsbahn +geschleudert, ihr ganzes arbeitsvolles +Leben auf den Kopf gestellt, die Erde erschüttert +<!-- page 042 --> +und ihre Tage zu Tagen des jüngsten Gerichts +gemacht. Das Gefühl, das die Straßen ergriffen +hatte und in das Leben und die Gedanken des +Alltags als ein Weltuntergang eingedrungen war, +das sich von Vorstadt zu Vorstadt, von Straße zu +Straße, von Gäßchen zu Gäßchen, von Sackgasse +zu Sackgasse, von Fabrik zu Fabrik, von Keller +zu Keller als die dunkle Vorahnung einer schweren +Not fortpflanzte, hatte auch die greise Seele +der Großmutter an der Schwelle ihres Todes erfaßt. +</p> + +<p>Der auf dem Chitrowka-Markt fast gänzlich +verschollene Neffe der Großmutter, der ›Räuber‹, +erschien eines Tages wieder in Großmutters +Kellerwohnung bei der Kirche des heiligen Nikola +Kobylski. +</p> + +<p>Sein von Rheumatismus gekrümmter Arm, +seine Nase, die wie drei Nasen übereinander aussah +— (es kam von der Elephantiasis), der +schwarze abgetragene Überzieher, unter dem er +nichts als die ganz zerfetzte, ungewaschene, vor +Schmutz steife Wäsche hatte — all das jagte der +Großmutter Angst und Schrecken ein. Großmutter +fürchtete gar nicht, daß er von ihr Geld verlangen +und ihr das Messer an die Kehle setzen +würde: sie würde ihm das letzte Geld geben, obwohl +sie es gar nicht leicht haben und nachher +mit Petka viele Tage würde hungern müssen; es +überfiel sie die schreckliche Vorahnung, daß der +Neffe, Petkas Vater, der ›Räuber‹, ihrem Petka +etwas antun würde. Was er ihm aber antun +<!-- page 043 --> +würde und was er Petka überhaupt antun +könnte, darüber vermochte sie sich keine Rechenschaft +zu geben. Doch in der Tiefe ihrer greisen +Seele fühlte sie ganz deutlich, daß Petka eine +Gefahr drohte, daß das Unglück bereits aus seinem +schrecklichen knöchernen Reiche herausgekrochen +war und immer näher heranrückte, daß +es schonungslos, unerbittlich und grausam an +Petuschoks kindliches, kleines Herz heranschlich. +</p> + +<p>Der Neffe hatte Durst und Hunger. Großmutter +richtete für ihn den Samowar. Petka kam aus +der Schule, und sie setzten sich alle an den Tisch, +Tee trinken. +</p> + +<p>Petka hatte von den Pilgern, mit denen er auf +seinen Wallfahrten zusammengekommen war, +viele Heiligengeschichten gehört und wußte, wie +die Heiligen ihre Kronen erworben hatten: und +nun sehnte er sich danach, einmal Räuber zu +werden, sich eine schwere Sünde auf die Seele zu +laden, dann Buße zu tun, in ein Kloster zu gehen +und in einer Höhle zu leben. Nun saß er aber an +einem Tisch mit einem Räuber, trank mit ihm +aus demselben Samowar Tee, und dieser Räuber, +Großmutters Neffe, war sein leiblicher Vater. +Petka wandte keinen Blick vom Vater und +starrte seine dreistufige Nase mit derselben verzehrenden +Neugier an, mit der er einst im Schuppen +die rosa Warzen der Truthenne betrachtet +hatte. Und da er nicht wußte, wie er dem Vater gefällig +sein und dem Räuber seine Kühnheit zeigen +<!-- page 044 --> +konnte, sprang er plötzlich von Stuhl, packte +das Hähnchen, das sich unter das Sofa verkrochen +hatte, an den Flügeln und schleppte es herbei. +</p> + +<p>»Schau dir das Hähnchen an«, sagte Petka, +»ein kalikutisches ist es!« +</p> + +<p>»Petka und ich haben nur einen Wunsch, daß +dem Hähnchen nichts geschieht; sonst brauchen +wir nichts!« sagte Großmutter, als ob sie sich +rechtfertigen müsse; ihre Hände zitterten, und +ihr Kopf wackelte hin und her. +</p> + +<p>Der Räuber blinzelte dem Hähnchen zu — ein +feines Hähnchen! Der Räuber aß mit großer Hast +und entschädigte sich für alle die Hungertage, +derentwegen ihm der Magen knurrte. Nachdem +er Petkas und Großmutters Mittagsessen verzehrt +hatte, machte er sich über den Tee her. Das +heiße Getränk erwärmte ihn, machte ihn schlaff +und löste ihm die Zunge. Und er begann ganz +wirres Zeug zu reden, wobei er über Petka und +die Großmutter hinwegsah, genauso wie Petka +über die Großmutter hinweggesehen, als er ihr +vom Luftballon erzählt hatte, auf dem sie einst +wohnen würden: er, das Hähnchen und die +Großmutter. Aus den Worten des Räubers folgte, +daß nun fast alles erlaubt sei, daß es keine Gesetze +mehr gebe, daß alle Gesetze abgeschafft +seien und daß heute oder morgen alle Gelder in +seine Hände übergehen würden; und da würde +die blutige Abrechnung beginnen. +</p> + +<p>»Die gebildeten Schichten . . . Revolution . . .« +<!-- page 045 --> +Der Räuber gebrauchte lauter unverständliche +und schwierige Worte und machte mit dem Finger +die Gebärde des Halsabschneidens. »Eine +Gräfin werde ich mir zur Frau nehmen!« +</p> + +<p>Und je wärmer es dem Räuber wurde, um so +verworrener und unwahrscheinlicher klangen +seine Worte. Petka hörte dem Vater mit offenem +Munde zu und starrte auf seine dreistufige Nase. +Großmutter schüttelte den Kopf. +</p> + +<p>»Petka und ich haben nur den einen Wunsch, +daß dem Hähnchen nichts geschieht. Sonst brauchen +wir nichts«, flüsterte Großmutter, als +müßte sie Petka und sich rechtfertigen. +</p> + +<p>Der Räuber trank die letzte Tasse Tee aus und +ging mit Großmutters letztem Kleingeld in der +Hand fort. Großmutter blieb mit Petka und dem +kalikutischen Hähnchen allein. Sie räumten alles +auf, stellten den Samowar weg, spülten die Tassen +ab und fegten mit einem Flederwisch die +Brotkrumen in einen Beutel; Petka machte seine +Schulaufgaben, dann saßen sie noch eine Weile +beisammen, gähnten, schwiegen und schlugen so +den Abend tot. Nachdem sie das Abendgebet gesprochen +hatten, sahen sie unter das Sofa nach +dem Hähnchen: ob es schon schlafe oder nicht. +Das Hähnchen schlief schon längst. Nun gingen +sie selbst auch zu Bett. +</p> + +<p>Petka wälzte sich hin und her und konnte nicht +einschlafen. Auch Großmutter drehte sich immer +von der einen Seite auf die andere: sie fühlte Unruhe +und Angst. +</p> +<!-- page 046 --> + +<p>»Petuschok!« rief Großmutter, als sie ihre +Angst nicht länger bemeistern konnte. +</p> + +<p>Petka warf sich im Bette mit offenen Augen hin +und her: er sah sich schon als Räuber und baute +sich aus den unverständlichen Räuberworten, +die er vom Vater gehört hatte, Räubertaten und +ein Räuberleben auf. +</p> + +<p>»Petuschok, du, Petuschok!« rief Großmutter +noch leiser, noch freundlicher. +</p> + +<p>»Was ist denn, Großmutter?« Petka sprang +auf: es war ihm, als hätte er Großmutters Stimme +gehört. +</p> + +<p>»Ich bin es, Petuschok, fürchte dich nicht.« +Großmutter konnte vor Angst kaum sprechen. +»Geh nicht fort, Petuschok . . .« +</p> + +<p>»Unter die Räuber will ich gehen, Großmutter«, +antwortete Petka augenblicklich. »Als Räuber +will ich leben! Und auch du, Großmutter, +sollst unter die Räuber gehen . . .« +</p> + +<p>»Geh nicht fort, Petuschok!« piepste Großmutter +so leise, daß Petka sie gar nicht hörte. +Dann lag sie wie starr in unheimlicher Angst da: +jeder Ton, jedes Rascheln schien ihr unheilverkündend, +das Hundegebell erschreckte sie, und +es war ihr, als schleiche sich schon jemand an +ihre Kellertür heran, ein Dieb, ein böser Mensch, +um ihr ihren Petka, ihren Petuschok zu nehmen. +</p> + +<p>Petka lag mit offenen Augen da; er war aber +nicht mehr Petka, sondern ein echter Räuber mit +schwarzem, wie beim Morosowschen Kutscher +mit Butter eingefettetem Haar, mit einer dreistufigen +<!-- page 047 --> +Nase und einem gekrümmten Arm; er wird +Großmutter und das kalikutische Hähnchen abholen, +sie werden zu dritt in einem Luftballon +nach dem Chitrowka-Markt fliegen und dort als +Räuber leben; und dann beginnt die blutige Abrechnung. +</p> + +<p>Das Öllämpchen flackerte leise vor den Bildchen +und Kreuzchen, vor den ›Vier Marienfesten‹: +Maria Schutz und Fürbitte, Aller Leidenden +Freude, der Muttergottes von Achtyrka und +Mariä Erscheinung — und vor den ›Moskauer +Wundertätern‹: Maxim dem Seligen, Wassili +dem Seligen und Johannes dem Narren in Christo. +Die Berge der ›Mutter-Einöde‹ glühten im +Scheine der Nachtlampe rot und schnitten sich +wie mit Flammenzungen in den Moskauer +Kreml hinein. +</p> + +<p>»Ich bin unter die Räuber gegangen, Großmutter«, +murmelte Petka im Schlafe. +</p> + +<p>Der unruhige Herbst war zu Ende, der Winter +brach an. Großmutters Unruhe hatte sich nicht +gelegt, und Petka war nicht mehr zu bändigen: +wenn der Schlingel das Schlucken bekam, begann +er, statt ein Vaterunser zu beten — früher +betete er in solchen Fällen ein Vaterunser, das +wirklich half —, ganz sinnlose Abzählreime aufzusagen. +Großmutter hatte sich nicht beruhigt, in +den Straßen war es nicht stiller geworden, der +grimmige Frost hatte Moskau nicht abgekühlt, +und das Leben war nicht zum Alltag mit seiner +Arbeit und Sorge zurückgekehrt. +<!-- page 048 --> +Auf unbekannten, ungeahnten Wegen nahte +und rückte an das russische Volk die schwere Not +heran, die unbarmherzige, unerbittliche, grausame +Not; sie trieb es in ferne Länder fort, zu einem +fremden Volke, und zerstreute es dort in +Spott und Schande; sie brachte es an die Gestade +eines fremden Ozeans und ertränkte es darin, +schrecklicher als ein Sturm und ein Ungewitter; +nun schlich sie dunkel und unersättlich aus dem +fremden gelben Lande dicht an den Moskwa-Fluß +heran und bedrohte das Herz unseres unglückseligen, +verbitterten Landes. Ob unserer +großen Sünden wegen, wie Großmutter sagte, +oder allen Einfaltigen zur Belehrung, wie der +barfüßige Mäßigkeitsapostel aus der Teestube +an der Sazepa behauptete, ob als Strafe für das +wahnsinnige Schweigen der ganzen Welt — jedenfalls +wurde das stumme, sprachlose, noch geschwächte, +doch immer und immer wieder bestrafte +russische Volk, nachdem es drei Plagen +überstanden, wieder der schweren Not preisgegeben. +</p> + +<p>Und gleich den feurigen Bergen auf dem Bilde +der Moskauer Wundertäter schnitten sich auch +in Wirklichkeit feurige Berge wie mit Flammenzungen +in den Moskauer Kreml hinein, und ein +rauchender Feuerschein ergoß sich über die +Stadt. +</p> + +<p>Am Samstag nach dem Nikolatage setzte sich +Großmutter mit Petka um die Mittagszeit an den +Tisch; sie wollten irgend etwas essen — in diesen +<!-- page 049 --> +Tagen kümmerte sich kein Mensch um die Großmutter, +man hatte sie vergessen, und die beiden +saßen oft wochenlang ohne einen Bissen. +</p> + +<p>»Großmutter«, Petka sprang auf, »hörst du +es?« +</p> + +<p>Großmutter legte den Löffel weg und knabberte +an einer Brotrinde. +</p> + +<p>»Großmutter . . .« Petka sah zum Klappfenster +hinaus. +</p> + +<p>Großmutter rührte sich nicht. Sie schüttelte +den Kopf wie beim Besuch des Räubers. +</p> + +<p>»Großmutter, man schießt!« und mit diesen +Worten lief Petka zur Tür hinaus. +</p> + +<p>Es wurde irgendwo ganz weit auf der Twerskaja +geschossen, und das dumpfe Dröhnen +klang auf dem Semljanoj-Wall wie von unter der +Erde. Die Fensterscheiben erklirrten. +</p> + +<p>Großmutter hatte noch nichts gemerkt, Petka +hatte es aber sofort gehört. Und nun hörte es +auch die Großmutter; sie bekreuzigte sich wie bei +einem Donnerschlag. +</p> + +<p>Es begann eine unruhige Zeit. Das Unglück +stand an jeder Ecke, an jeder Straßenkreuzung; +es lauerte unersättlich, dunkel, strafend bei Tag +und bei Nacht, wo viele Menschen versammelt +waren und auch, wo es gar keine Menschen gab. +</p> + +<p>Großmutter hatte Angst, Petka von ihrer Seite +zu lassen. Wie leicht konnte ihm etwas zustoßen: +Großmutter sah in den Leuten, die die Fabrikarbeiter +zum Streik ermunterten, in den Freischärlern, +in den Kosaken und Dragonern, die die Sadowaja +<!-- page 050 --> +zum Kursker Bahnhof passierten, lauter +Räuber. Und es wurde immerfort geschossen: irgendwo +in Kudrino, und auf der Presnja, und +gleich in nächster Nähe, auf der Mestschanskaja; +in einem fort wurde geschossen, und das Gedröhn +drang immer lauter in die Kellerstube hinein; +es klang, als ob man mit Peitschen knallte +oder trockene Äste abbräche. +</p> + +<p>Seit dem Nikolatage konnte Großmutter keine +Nacht mehr schlafen: sie paßte auf Petka auf, wie +sie in den ersten Wochen auf das Hähnchen aufgepaßt +und wie Petka selbst, am Spalt hinter dem +Schuppen lauernd, auf die Truthenne mit dem +Hühnerei aufgepaßt hatte. +</p> + +<p>Den Jungen zog es hinaus, er konnte nicht zu +Hause bleiben, er konnte nicht ruhig sitzen. +</p> + +<p>Petka lief mit den anderen Jungen nach der Sucharewka +fort; Großmutter lief hinter ihm her. +</p> + +<p>Das war einmal eine Zerstreuung für Petka: +früher pflegten die Jungen auf dem Eise eine Rodelbahn +zu bauen: jetzt galt es, die Straße zu versperren. +</p> + +<p>Petka griff nach einer Telegraphenstange. +</p> + +<p>»Schlepp sie her!« schrie der Bengel der Großmutter +zu. +</p> + +<p>Was sollte Großmutter machen? Vor Angst +zitterten ihr die Hände, wie konnte sie überhaupt +daran denken, eine Telegraphenstange zu +schleppen! Sie konnte nicht einmal einen Kienspan +halten. Großmutter hob ein Häuflein Späne +vom Boden auf und trug es hinter den Kindern +<!-- page 051 --> +her. Und sie legte ihr Scherflein auf die gemeinsame +Barrikade, auf den Haufen des aufgestapelten +Krams, zu den Kisten, Gittern, Telegraphenstangen +und Ladenschildern. +</p> + +<p>»Bravo, Großmutter!« spotteten die Leute +über die Alte; ein Hausmeister mit einem Räubergesicht +grinste, indem er frierend einen Fuß +gegen den andern schlug. +</p> + +<p>»Es ist unserer großen Sünden wegen«, flüsterte +Großmutter. Sie war von ihrer Arbeit mit +den Spänen ganz erschöpft, blieb aber doch nicht +hinter Petka zurück. +</p> + +<p>Er war aber ein ganzer Kerl! Er kletterte ganz +hinauf, wo die rote Fahne wehte, schob sich die +Mütze, die Mütze mit dem Lacklederschirm, wie +ein verwegener Kosak schief aufs Ohr, und die +Fahne über ihm leuchtete so rot wie ein Kelchtuch. +</p> + +<p>»Klettere auch du herauf; Großmutter!« rief +Petka, der singende Petuschok, zu seiner Großmutter +hinunter. +</p> + +<p>Wie konnte sie hinter ihm zurückbleiben? +Selbst auf den Sucharewturm würde sie hinaufklettern! +</p> + +<p>Als zur Abendmesse geläutet wurde und zugleich +mit dem Glockengeläut die unheimliche +Kanonade dröhnte, machte Großmutter sich bereit, +in die Messe zu gehen. Petka war vorausgelaufen +und spielte mit den anderen Kindern beim +Kuhstall des Diakons; sie spielten ›Kosaken und +Streikende‹. +</p> +<!-- page 052 --> + +<p>Als Großmutter ihre gesteppte Wattejacke angezogen +und den Kopf in ein schwarzes Wolltuch +gewickelt hatte, sah sie unter das Sofa nach dem +hungrigen Hähnchen, ob es schon schlafe oder +nicht: das Hähnchen schlief. Sie brachte das Öllämpchen +in Ordnung — aus der Dämmerung +blickten die Antlitze der Wundertäter und der +Muttergottes sie an —, und es wurde ihr plötzlich +ganz traurig zumute. +</p> + +<p>Sie seufzte, weil sie jetzt so dürftig leben mußten: +die Feiertage rückten heran, und sie hatte +nichts, um sie zu begehen! So schwer hatte sie es, +und es war schon Zeit, daß sie starb; und Petka +tat ihr so leid . . . Er war ja noch ein kleines +Kind! . . . Wenn er doch schon auf eigenen Beinen +stünde! Aber er war ja noch ein unmündiges +Kind. +</p> + +<p>»Heilige Muttergottes, Allgepriesene, Fürbitterin +. . .« Großmutter legte die Finger zusammen, +um sich zu bekreuzigen. +</p> + +<p>»Macht schon ein Ende!« sagte jemand hinter +der Wand entweder bei den Stubenmalern oder +bei den Mützenmachern; wahrscheinlich jemand, +der gekommen war, um die Arbeiter zum +Streik zu ermuntern. +</p> + +<p>Großmutter fuhr zusammen und wandte sich +um: in der Tür stand ihr Neffe, der Räuber. +</p> + +<p>»Gib Geld her, Alte!« drang der Räuber auf sie +ein. +</p> + +<p>Großmutter schüttelte den Kopf: »Du kannst +mir den Kopf abhacken, aber ich habe nichts!« +</p> +<!-- page 053 --> + +<p>»Du sagst, du hast nichts?« drang der Räuber +auf sie ein. +</p> + +<p>»Bei Gott . . . nein . . .« +</p> + +<p>Der Räuber packte die Großmutter am Kragen +und stieß sie mit der Nase gegen die Kommode. +</p> + +<p>»Such, sage ich!« +</p> + +<p>Großmutter tastete unter dem Heiligenschrein +herum und reichte dem Räuber wortlos — sie +konnte vor Angst die Zunge gar nicht bewegen — +die drei Knäuel: den Knäuel Stricke, den Knäuel +Bindfaden und den Knäuel bunte Schnur, alles, +was sie während der vielen Jahre zusammengebracht +hatte . . . Der Räuber hieb auf die Alte mit +der Faust ein, ein Knäuel kam ins Rollen, Großmutter +kauerte nieder, wie die Truthenne vor +Petka, und blieb starr am Boden sitzen. +</p> + +<p>Der Räuber wirtschaftete indessen nach Herzenslust: +er stürzte Großmutters eisenbeschlagenen +eichenen Koffer um, warf die ganze Leichenausstattung +heraus: das Hemd, das Leichentuch, +die Pantoffeln und die Leinwand, riß die Tür des +Kleiderschranks auf, sah in den Kleiderschrank +hinein — da war nichts! und machte sich an die +Kommode: er durchstöberte alle Schubladen, +nahm alles heraus — aber auch in der Kommode +war nichts! Die mittlere Schublade ließ sich nicht +herausziehen: er arbeitete lange an ihr herum +und konnte nichts machen . . . +</p> + +<p>Das rollende Knäuel weckte das Hähnchen; es +kam unter dem Sofa hervor, schlug mit den Flügeln +<!-- page 054 --> +und krähte mit heiserer Stimme wie um Mitternacht. +Es krähte zu seinem eigenen Verderben, +das kleine gelbe Hähnchen mit dem Schöpfchen . . . +</p> + +<p>Der Räuber fing das Hähnchen ein, drehte ihm +den Hals um und schmiß es der Großmutter vor +die Füße. +</p> + +<p>»Krepier daran!« Und mit diesen Worten ging +er. +</p> + +<p>Draußen beim Kuhstall war ein Höllenlärm: +die Kinder spielten wie ausgelassen. Ein Haufen +verfolgte den andern. Petka lief mit Geschrei auf +die Straße hinaus und wollte auf die andere Seite +hinüber. Eine Patrouille, die von der Sucharewka +kam und eben an der Chischinschen Fabrik vorüberritt, +eröffnete Feuer, um sich den Weg frei zu +machen. Petka fiel mit der Nase in den Schnee, +griff sich an die Mütze und stand nicht mehr auf. +</p> + +<p>Man brachte den bereits erstarrten Petka mit +zerrissener Brust und durchschossenem Herzen +zu Großmutter in den Keller; auch Petkas Mütze +mit dem Lacklederschirm brachte man mit. +</p> + +<p>So war also das Unglück gekommen, von daher! +Nun galt es, es hinzunehmen. +</p> + +<p>Großmutter nahm alles hin. So alt sie auch +war, lebte sie doch noch in ihrer Kellerstube weiter +und versäumte keinen einzigen Gottesdienst; +und wenn es beim Nikola Kobylski eine Leiche +gab, so ging sie hin und wohnte mit einer Kerze +in der Hand der Totenmesse bei. Sie hatte den +Teeglasuntersatz mit dem Weintraubenmuster +<!-- page 055 --> +und die beiden silbernen Löffel ihrem Neffen gegeben; +sie hatte es ja für Petka aufbewahrt, und +Petka brauchte die Sachen nicht mehr! Der Neffe +verschwand mit dem Untersatz und den Löffeln +und kam nie mehr zu Großmutter. Und die Truthenne +ging ein. +</p> + +<p>›Petuschok kommt gegangen, hat die Sonne +eingefangen!‹ Petkas Liedchen geht Großmutter +oft durch den Kopf; sie denkt oft an ihren Petka, +den Petuschok. Und sie erzählt so leise, als ob jemand +in der Stube schliefe oder krank wäre und +sie ihn mit ihrer Stimme zu wecken fürchtete, von +der Truthenne, vom wunderbaren Ei, vom kalikutischen +Hähnchen, vom Räuber, und wie sie +mit Petka an der Sucharewka eine Barrikade gebaut, +und wie man ihren Petka ganz erstarrt, mit +zerrissener Brust und durchschossenem Herzen +und auch Petkas Mütze mit dem lackledernen +Schirm zu ihr in den Keller gebracht hatte. +</p> + +<p>»Ich ging hin, Väterchen«, erzählte Großmutter +leise und immer leiser — »um eine Kerze vor +der Muttergottes aller Gekränkten anzuzünden: +ich wollte die Kerze vor das Bild stellen, aber die +Hand wollte sich nicht heben lassen . . .« Großmutter +versuchte, ihre zitternde Hand zu heben, +aber die Hand sank immer wieder herab: es war +die Kränkung, die unverschuldete, bittere, tödliche +Kränkung, die ihre Hand lähmte und ihre +Augen mit Bitternis verdunkelte: und die Hand +zitterte, sie wollte sich erheben und konnte es +nicht, und die blauen blutleeren Adern schwollen +<!-- page 056 --> +dick an, und die dürren Finger krampften sich +fest zusammen: so hatte sie das Lichtlein gehalten, +das sie vor der Muttergottes aller Gekränkten, +der Muttergottes, die alle unverschuldeten, +bitteren, tödlichen Kränkungen hinnimmt, anzünden +wollte . . . »Und ich stellte die Kerze hin!« +Großmutter schüttelte den Kopf und hob die +Hand so leicht, wie die Moskauer Wundertäter: +Maxim der Selige, Wassili der Selige und Johannes +der Narr in Christo ihre Hände hoben; und +ihre Hand zitterte nicht mehr. So hielt sie ihr +Lichtlein, ihr leuchtendes, unauslöschliches +Flämmchen, das in ihrem Herzen den letzten +Rest der Kränkung verzehrte, den letzten Rest +der unverschuldeten, bitteren, tödlichen Kränkung. +Und ihre Augen leuchteten so still und +warm: es war der Glaube, der in ihren Augen +leuchtete, der feste, unerschütterliche Glaube, +der das Lichtlein, das heilige Flämmchen durch +jedes Unglück, durch jede Plage, durch alle Not +trug, da ihr schon alles genommen war: das kalikutische +Hähnchen und Petka, der Petuschok. +</p> +<!-- page 057 --> + +<h2 class="chapter" id="chapter-3"> +Prinzessin Mymra</h2> + +<h3 class="no">1</h3> + +<p class="first">Schön hat es Atja in Kljutschi gehabt: so schön, +daß er, wenn die Erinnerung daran auch nur in +einem winzigen Stückchen durch sein Gedächtnis +huscht, sofort alles übrige, alles, was ihn jetzt +umgibt, vergißt; der Alte Newski, wo er mit seinen +Eltern wohnt, das Gymnasium mit den Aufgaben, +Zensuren und Pausen, alle Lehrer — vom +›Deutschen‹ Iwan Martynytsch bis zum Schönschreiblehrer +Iwan Jewsejitsch, alle Schüler der +ersten Klasse und sogar seine Busenfreunde — +Romaschka und Charpik —, alles versinkt und +verschwindet, als wäre es nie gewesen, als hätte +es überhaupt niemals etwas anderes in der Welt +gegeben als das Dorf Kljutschi. +</p> + +<p>»Die Arbeit ist kein Wolf und rennt mir nicht +davon«, sagt sich Atja. Er legt das verhaßte Lehrbuch +weg und gibt sich ganz den Erinnerungen +hin. +</p> + +<p>Oder er erwacht mitten in der Nacht — es genügt +auch das leiseste Geräusch: jemand +schnarcht in der Küche, oder sein Bett knarrt —, +und dann ist ihm sofort, als liege er nicht in seinem +Bett, sondern auf dem grünen Rasen, als sei +<!-- page 058 --> +er nicht in Petersburg, sondern fern von hier, im +geliebten Kljutschi, wo er aufgewachsen war und +bis zu seinem Eintritt ins Gymnasium bei seinem +Großvater, dem Landgeistlichen P. Anissim, gelebt +hatte. Und dann liegt er die ganze Nacht da +und sucht sich das Rauschen des Windes und der +Ähren vorzustellen, um endlich wieder einschlafen +zu können. Der Schlaf will aber nicht kommen. +Hätte er nur Flügel oder den fliegenden +Zauberteppich, so würde er sofort allem ade sagen +und nach Kljutschi fortfliegen. +</p> + +<p>Das Kirchdorf liegt auf einer Anhöhe. Unten +steht die weiße Kirche. Der Kirche gegenüber +liegt das Haus des Großvaters mit dem Garten +und den Bienenstöcken. Gleich hinter dem Zaun +fließt der Fluß vorbei. Kossa heißt der Fluß. Und +hinter dem Flusse sind Felder; auch hinter der +Kirche sind Felder. Und dann kommt wieder +eine Anhöhe, und dann zieht sich viele Werst +weit ein Wald hin. Es ist ein dichter, nach Honig +duftender, noch von keiner Axt berührter Wald. +Ein Tier kann da noch einigermaßen durchkommen, +aber der Mensch muß schon gut aufpassen. +Die Ameisenhaufen sind hier wie Heuschober. +Wenn man im Herbst in den Wald geht, um Pfifferlinge +oder Reizker zu suchen, so zündet man +die Ameisenhaufen an: die Wölfe können den +Ameisengeruch nicht leiden; es ist ein gutes Mittel +gegen die Wölfe. +</p> + +<p>Auf dem weißen Kirchturm wohnen die +Schwalben; es sind ihrer unzählige. Sobald die +<!-- page 059 --> +Sonne untergegangen ist, beginnen sie herumzujagen +und beim Fliegen in ihrer Sprache zu reden. +Die Schwalben sind alt: jedes Frühjahr kommen +sie wieder auf den Kirchturm von Kljutschi. +Was lockt sie her? Das Läuten der ausgeläuteten +kleinen Kirchenglocken? Oder hängen sie so am +alten Großvater? Die Schwalben wissen viel und +können sich wohl an vieles erinnern: wie der +Großvater noch jung war, wie seine Frau starb, +wie Atjas Mutter zur Welt kam . . . Und jetzt: +</p> + +<p>»Atja ist wieder da«, rufen die Schwalben. +»Wie furchtbar groß ist er über den Winter geworden!« +</p> + +<p>Ziegen und Schafe, Kühe und Kälber, +Schweine und Pferde, Gänse und Truthühner — +alle wissen sofort, daß Atja wieder da ist. Tiere +und Vögel sind ja verständig und empfinden mit +ihren Haaren und Federn alles. +</p> + +<p>Von der Bahnstation Medwedki kann man, +wenn man schnell fährt, in einem Tag nach Kljutschi +kommen. Atja setzt sich in den Korbwagen, +Fjodor-Kostyl tut einen Pfiff und die kräftigen +braunen Pferde ziehen an und rasen ohne Weg +und Steg von Berg zu Berg, von Wald zu Wald, +von Dorf zu Dorf, daß man kaum Zeit hat, die +Tore zu öffnen. Der Staub steigt wie Rauch empor; +an den Straßen stehen aber statt der langweiligen +Werstpfähle Wotjakenmädchen in seidengestickten +weißen Kleidern und silberverziertem +Kopfschmuck. Wotjakische Lieder, wild wie das +Rauschen des Waldes, tief wie das Tosen des +<!-- page 060 --> +Hochwassers, klangvoller als der Gesang des +Schilfes und heller als die Töne der Schalmei +schweben grüßend über den Köpfen dahin; und +der Wind, der aus den Bergen kommt, singt dazu +bald wehmütig und bald lustig. Klinge, Glöckchen! +Das Glöckchen ist aber schon müde wie die +Pferde und kann nur noch dumpf bimmeln. +Schon ist man an der Mühle vorbeigefahren, der +Mühlendamm erdröhnt unter den Rädern; da ist +der Hegeforst, der heilige Hain des Wotjakengottes +Keremet. Lebt dieser stolze Gott noch, der +trotzige Bruder Inmars, des Schöpfers von Himmel, +Erde und Sonne? »Er lebt!« flüstert der +Hain . . . Und da ist schon Schaimy — der alte wotjakische +Friedhof. Wenn man im Dorf das Glöckchen +hört, rennen alle hinaus: Panja und Sascha +kommen aus der Küche gestürzt, die Patin, die +vor Freude plötzlich lahm geworden ist, hinkt +Atja entgegen, und das Hündchen Griwna beginnt +zu winseln. Großvater ist nicht dabei: er ist +in der Kirche. +</p> + +<p>Atja begibt sich sofort zu den Hühnern. Bei +den Hühnern wohnt aber ein Hase; es ist eigentlich +nur ein Kaninchen, aber man nennt es einen +Hasen. Seht doch nur: sonst fürchtet das Tier +alle Menschen, vor Atja aber hat es gar keine +Scheu. +</p> + +<p>»Guten Tag, Häschen! Gib schön die Pfote!« +</p> + +<p>Das Häschen hat ihn schon erkannt und +miaut. +</p> + +<p>Da ist auch schon der Großvater: er konnte es +<!-- page 061 --> +nicht länger aushalten, hat die Kirchenbücher +liegenlassen und kommt gegangen. +</p> + +<p>Am frühen Morgen, sobald das Morgenrot +sich über Berg und Wald ergießt und die Sonne +aufsteht, steht auch Atja auf und läuft zum Fluß +baden. Und dann beginnt sein Arbeitstag: er +muß den Dünger hinausfahren. Erst wenn der +Abend anbricht und die untergehende Sonne der +lockigen Linde einen goldenen Kranz aufsetzt, +geht Atja, über und über mit Ackererde beschmiert, +nach Hause. Dann sieht er wirklich +nett aus! Der Großvater sagt aber: +</p> + +<p>»Das ist mir ein tüchtiger Landwirt!« +</p> + +<p>»Zehn Fuhren habe ich hinausgefahren, Großvater!« +sagt darauf Atja lachend. Wenn Atja +lacht, zeigt er seine gesunden, breiten, weißen +Zähne, und man möchte ihn immer lachen sehen. +</p> + +<p>Der Alte und der Junge halten treu zusammen: +niemals wird sich der eine ohne den anderen zu +Tisch setzen. Beim Abendtee liest Atja vor, was +am betreffenden Tage auf dem Abreißkalender +steht. Bauernregeln und Wetterprophezeiungen; +manchmal liest er auch aus einem Buche vor, +meistens arabische Märchen aus Tausendundeine +Nacht. Großvater hört gern zu. +</p> + +<p>»Da hast du fünf Kopeken für deine Arbeit, +aber vernasche sie nicht.« +</p> + +<p>»Was ich im vorigen Jahr zusammengearbeitet +habe, das habe ich alles in Petersburg vernascht, +Großvater! Ich habe mir für das Geld +<!-- page 062 --> +auch ein Nilpferd angesehen«, sagt Atja lachend. +Und wenn er lacht, so leuchten seine Augen auf +wie Glühwürmchen, und allen wird so lustig zumute. +</p> + +<p>Und so vergeht ein Tag nach dem andern, und +die Zeit fließt dahin wie der Fluß. +</p> + +<p>Nun ist auch schon der ›Neunte Freitag‹ angebrochen. +Das Volk strömt in Scharen herbei. In +der Prozession um das Dorf geht Atja mit dem +Kreuz voran. Hinter den Heiligenbildern kommt +das Volk, und hinter dem Volk das Vieh: Ziegen, +Schafe, Hammel, Kühe und Pferde; sie müssen ja +unbedingt dabei sein! Auch der Hase nimmt an +der Prozession teil; er geht natürlich nicht wie +eine Kuh auf den eigenen Beinen, sondern wird +von der Patin auf den Armen getragen: sonst +würde er ja gleich in den Wald weglaufen. +</p> + +<p>Man erwartet den Onkel Arkadi. Man spricht +nur von ihm. Die Patin hat ihn im Traume gesehen: +er kam weiß gekleidet aus der Speisekammer +heraus und sprang mit einem Satz auf den +Dachboden hinauf. Sie traute dem Traum und +buk zum Tee Pastetchen. Die Pastetchen waren +gebuttert und so schmackhaft, daß sie von selbst +im Munde zerschmolzen. Atja aß auch die Portion +des Onkels Arkadi auf. Wann kommt er +denn endlich? Die Petrifasten stehen vor der Tür: +da muß man Gründlinge haben. Ach, wenn man +doch endlich mit dem Angeln beginnen könnte! +</p> + +<p>Atja ist ein tapferer Junge: er reitet auf jedem +Pferd und schwimmt im Fluß bei jedem Wetter; +<!-- page 063 --> +aber vor den Leichen hat er Angst. Wenn sie vor +der Einsegnung unter dem Glockenturm stehen, +fürchtet er sich, abends aus dem Fenster auf die +Kirche zu schauen, und will um nichts in der +Welt allein zu Bett gehen: er sieht überall Gespenster. +Panja oder die Patin oder der alte Wotjake +Kusmitsch mit der abgehackten Hand müssen +ihn auf den Dachboden begleiten und ihm +vor dem Einschlafen Märchen oder sonst etwas +erzählen; dann schläft er ruhig ein. Wenn man +aber die Toten in die Kirche bringt oder den Sarg +auf den Friedhof hinausträgt, läuft Atja jedesmal +hinaus und lauscht dem Trauergeläute. Der Kirchenwächter +Kostja schaufelt die Gräber und +läutet die Glocken. Es sind zehn dumpfe, langsame +Glockenschläge; die ersten klingen dünn +und hoch, die folgenden immer tiefer, trauriger +und unheimlicher; der zehnte dröhnt aber so, als +ob alle Glocken vom Turm herabstürzten. +</p> + +<div class="poem"> +<p class="line">Heiliger Gott, Heiliger Starker,</p> +<p class="line">Heiliger Unsterblicher,</p> +<p class="line">Sei uns gnädig!</p> +</div> + +<p class="noindent">Atja nimmt an jedem Gottesdienst teil. Er steht +im Chor und singt mit, es kommt dabei aber +nichts Gescheites heraus: er kann sich unmöglich +den Küstern anpassen; die Küster sind ja einer +älter als der andere! +</p> + +<p>»Mein junger Psalmleser«, sagt Großvater anerkennend, +»morgen müssen wir nach Polom zu +einem Dankgottesdienst.« +</p> +<!-- page 064 --> + +<p>Und Atja begleitet seinen Großvater in die +Dörfer und Kirchdörfer, hält mit ihm Gottesdienste +ab und ißt Ochsenfleisch mit Brei. Atja +kommt sich selbst wie ein echter Hilfsgeistlicher +vor; wenn er älter wird, so wird er auch Geistlicher +sein wie der Großvater; Onkel Arkadi wird +ihm nicht mehr das Haar scheren dürfen: er wird +langes Haar tragen, bis zum Gürtel wird es ihm +reichen; und er wird es nicht in zwei Zöpfe flechten +wie der Großvater, sondern in zweiundzwanzig. +</p> + +<p>Onkel Arkadi! Endlich ist er angekommen und +hat eine Menge Netze und Angeln mitgebracht; +die Angelhaken allein füllten beinahe den großen +Reisekorb. Atja angelt. Die Fische lassen sich +gern von ihm fangen: einmal hat er einen so großen +Brachsen gefangen, daß keine Pfanne groß +genug war, um ihn zu braten; man könnte ihn +wirklich wieder schwimmen lassen. Und Atja +lacht. +</p> + +<p>An den Abenden gibt es eine neue Zerstreuung: +die Dohlen. Die Dohlen haben die Angewohnheit, +jeden Abend vom Felde in den Garten +zu kommen und im Gartenhause ihr Nachtquartier +aufzuschlagen. Nach ihrem Besuch sieht es +aber im Gartenhaus gar nicht schön aus. Aber +man kann doch nicht wegen der Dohlen den Tee +im Zimmer trinken! Der Tee will doch mit Behagen +getrunken werden: man liebt in Kljutschi das +Teetrinken über alles, besonders aber im Freien. +Onkel Arkadi pflegt die Dohlen zu verscheuchen: +<!-- page 065 --> +er schüttelt die Bäume und schreit so durchdringend +auf, daß nicht nur die Dohlen davonfliegen, +sondern auch der Zaun wackelt, die Fenster in +der Kirche klirren und selbst die noch nicht eingesegneten +Toten unter dem Glockenturm sich +irgendwohin verkriechen möchten, zum Beispiel +in das alte Badehaus. Atja kann es absolut nicht +lernen, die Dohlen zu verscheuchen und wie der +Onkel zu schreien. +</p> + +<p>»Großvater, die Bienen singen!« meldet Atja. +</p> + +<p>Nun läßt man alles stehen und liegen; niemand +denkt mehr an Essen und Trinken. Das ganze +Haus ist auf den Beinen. Großvater, Onkel Arkadi, +die Patin, Panja, Sascha, Kusmitsch und +natürlich auch Atja binden sich Siebe vor die Gesichter, +kauern den ganzen Tag vor dem Bienenstock +und warten, bis die Königin ausfliegt. Sobald +die Königin heraus ist, rennen sie alle wie +ein Bienenschwarm über Beete und Sträucher, +springen über Zäune und laufen übers Feld, bis +sie sie irgendwo im Walde einfangen. Gott sei +Dank, nun wird es einen neuen Bienenstock geben, +und der Honig wird über den ganzen Winter +bis zum Frühjahr reichen. +</p> + +<p>Das Winterkorn ist reif, der Hafer ist gewachsen. +Bald ist das Fest der Muttergottes von +Kasan. In Kljutschi ist Jahrmarkt. Der ›Seher‹ +Syssojuschka kommt zu jedem Jahrmarkt ins +Dorf Auch viele Gäste kommen. Die Patin bäckt +einen Fleischkuchen; der ist so gut, daß man für +ihn alles hingeben möchte. Furchtbar lustig ist es +<!-- page 066 --> +dann! Warum dauert das Fest der Muttergottes +von Kasan nicht das ganze Jahr? +</p> + +<p>Auf der Dorfstraße tanzen die Wotjakenmädchen +einen Reigen. Sie stellen sich im Kreise auf +und drehen sich langsam, mit den Absätzen im +Takte stampfend, zu den eintönigen Klängen der +Balalaika. So geht es lange langsam im Kreise +herum; plötzlich schwingen sie die Arme, flattern +wie Vögel auf und wechseln die Plätze. Und dann +gehen sie wieder lange und langsam unermüdlich +im Kreise herum; die Silberschnüre an ihrem +Kopfputz rascheln ohne Wind, ihre Fingerringe +funkeln ohne Licht. +</p> + +<p>Onkel Arkadi nimmt Atja mit, um dem Reigen +zuzusehen. Sie stehen abseits bei den Burschen. +Die Burschen stehen schweigend da und rühren +kein Glied. Atja ist es etwas unheimlich zumute; +bald will er mitten in den Reigen hineinspringen, +sich mit den Mädchen im Kreise drehen und, +wenn sie aufflattern, um die Plätze zu wechseln, +sich wie ein Vogel in die Luft schwingen; bald +denkt er wieder an die zehn dumpfen Glockenschläge, +und da krampft sich sein Herz zusammen: +sind es nicht die Toten, die aus der Kirche +gekommen sind und sich hier im Reigen drehen? +Dunkle Nebel umschweben sie, und am Himmel +leuchten blasse Sterne. +</p> + +<p>»Die Toten geben den Neugeborenen die +Seele«, sagt Kusmitsch. +</p> + +<p>›Wenn man doch einmal zusehen könnte, wie +sie das machen‹, denkt sich Atja. +</p> +<!-- page 067 --> + +<p>Kusmitsch ist sein Freund. Kusmitsch hat sich +einmal mit dem Beil die Hand abgehackt; ohne +Hand kann man doch nicht arbeiten! Also lebt er +schon seit vielen Jahren beim Großvater als eine +Art Kirchenwächter. Atja erfuhr von ihm manches +Wunderbare; mit vielen Wundern ist er aber +selbst im Walde zusammengetroffen. +</p> + +<p>Einmal begegnete er im Dickicht dem Waldgott +Poljeß. Poljeß liebt es, die Leute zu erschrecken, +die zu ihm in den Wald kommen. Es war +aber um die Mittagszeit, und in dieser Stunde +kommt doch niemand in den Wald! Poljeß trieb +sich darum ohne Beschäftigung umher; er ist +ganz mager, kaum größer als ein Topf, hat nur einen +Arm, ein Bein und ein Auge; doch Mund und +Nase sind wie bei Atja. Viel schrecklicher war +aber eine andere Begegnung: unter einer alten +Tanne schnarchte im nassen Moose der schreckliche +Kus-Pine; er hatte furchtbar lange Zähne, +und vor seinen Füßen lag ein Haufen abgenagter +weißer Menschenknochen. Atja warf nur einen +einzigen Blick auf ihn und lief schnell davon: mit +dem ist nicht zu spaßen, der frißt einen im Nu +auf! Und wie er einmal Erdbeeren suchte, kam +aus dem Graben der Geist Iskal-Pydo heraus. +Der ist harmlos: er sieht ganz wie Kusmitsch aus +und trägt auf der Schulter einen dicken Knüppel; +er hat aber Kuhfüße: zottig und mit Hufen. Atja +gab ihm von seinen Erdbeeren. Iskal-Pydo aß +auch wirklich davon. +</p> + +<p>Doch den Waldteufel und den Wassergott hat +<!-- page 068 --> +er noch niemals gesehen; er weiß aber ganz genau, +wo der Wassergott im Flusse seine Wohnung +hat; und wenn im Frühjahr das Wasser +steigt und die Dämme zerreißt, weiß Atja sehr +gut, was das zu bedeuten hat. +</p> + +<p>›Wenn ich nur einmal zum Wassergott auf die +Hochzeit kommen könnte!‹ träumt Atja. ›Die +Wasserprinzessin ist so schön, und die Meerprinzessin +ist noch schöner . . . sie ist wie die Klawdija +Gurjanowna . . .‹ +</p> + +<h3 class="no">2</h3> + +<p class="noindent">Atja bewahrt alle diese Gedanken in seinem Herzen +und spricht mit niemand davon. Kljutschi ist +sein Geheimnis! Selbst seine Busenfreunde Romaschka +und Charpik sind nur zum Teil eingeweiht; +nur Klawdija Gurjanowna allein würde er +alles enthüllen. Warum gerade ihr, das weiß er +selbst nicht. Aber sie ist einmal so! +</p> + +<p>Er fühlt sich immer zu ihr ins Zimmer hingezogen; +er liebt es, wenn sie mit ihm Tee trinkt, ihm +Bonbons und Apfelsinen schenkt und ihn zu lachen +zwingt; wenn sie ihn auf den Newski in die +Läden oder in ein Kino mitnimmt. Er weiß, daß +sie ganz anders ist als alle, daß man eine zweite +Klawdija Gurjanowna nirgends findet: das weiße +Gesicht ist stark gepudert, das Haar fällt in gebrannten +Löckchen auf die Stirn herab, die Lippen +sind rot geschminkt, die Augen schmal wie +<!-- page 069 --> +Ritzen; alles ist an ihr so winzigt, als ob sie überhaupt +kein Gesicht hätte; ihr Kleid ist vorn ausgeschnitten +und raschelt so seltsam; auch ihre +Stimme klingt ganz eigen; niemand spricht so wie +sie; er könnte ihr immer zuhören und sie immer +anschauen. +</p> + +<p>Atja kommt oft ohne jeden Grund zu ihr ins +Zimmer, steht schweigend da und starrt sie an. +Wenn sie ihn etwas fragt, so antwortet er so +schüchtern und kurz; daß sie nichts verstehen +kann. +</p> + +<p>»Ach du dummer, dummer Junge! Lache einmal!« +sagt Klawdija Gurjanowna und lacht dabei +selbst mit seltsam tiefer Stimme. Atja glaubt, +das kann kein gewöhnliches Lachen sein; niemand +sonst lacht so! +</p> + +<p>Einmal hielt er es nicht aus und sagte: +</p> + +<p>»Schön war es bei uns in Kljutschi . . . Da müßten +Sie auch einmal hin . . .« +</p> + +<p>»Du weißt also, wo sie sind!« rief Klawdija +Gurjanowna erfreut. Das war aber ein Mißverständnis: +›Kljutschi‹ heißt ja ›Schlüssel‹, und sie +hatte gerade an diesem Tage die Schlüssel von ihrem +Kleiderschrank verlegt und konnte sie unmöglich +finden. +</p> + +<p>›Es ist noch zu früh‹, sagte sich Atja, ›es ist +noch nicht die Zeit . . . Ich muß mich zuvor irgendwie +auszeichnen, etwas Großes vollbringen, +dann kann ich alles wagen . . .‹ +</p> + +<p>Die Mutter sagte am gleichen Abend: +</p> + +<p>»Atja, du sollst doch nicht immer bei Klawdija +<!-- page 070 --> +Gurjanowna stecken: das kann ihr unangenehm +werden, und sie wird ausziehen.« +</p> + +<p>Da sie eine große Wohnung hatten und Atjas +Vater, der Doktor, in diesem Jahre wenig verdiente, +mußte ein Zimmer vermietet werden. In +diesem Zimmer eben wohnte Klawdija Gurjanowna. +</p> + +<p>Ihr Erscheinen brachte neues Leben ins Haus. +Alle Gespräche drehten sich um sie. Man beschäftigte +sich nur mit ihr. Man erwies ihr alle +möglichen Aufmerksamkeiten. Ihretwegen zog +sich Atjas Mutter das Korsett an, während sie +früher tagelang im Morgenrock umherging. Ihretwegen +vermied es der Doktor, beim Mittagessen +von seinen Operationen zu sprechen. Onkel +Arkadi besorgte ihr Karten für Theater und +Konzerte. +</p> + +<p>Sooft von ihr gesprochen wurde, spitzte Atja +die Ohren und merkte sich jedes Wort. +</p> + +<p>Atja mußte sich jeden Morgen vom Kopf bis +zu den Füßen waschen: in der Küche wurde ein +Waschfaß aufgestellt, Atja zog sich aus und plätscherte +im Wasser. +</p> + +<p>»Du bist nicht mehr so klein, daß du nackt umherlaufen +kannst«, bemerkte einmal die Mutter. +»Klawdija Gurjanowna kann dich doch einmal +sehen.« +</p> + +<p>Dies geschah am ersten oder zweiten Tage +nach dem Auftauchen der geheimnisvollen +Dame. Die Worte der Mutter erschienen Atja im +ersten Augenblick unverständlich; erst später +<!-- page 071 --> +wurde ihm der Sinn dieser Worte klar und bestätigte +seine eigenen Wahrnehmungen. +</p> + +<p>›Vor der Köchin Fjokluschka, vor Mama, und +in Kljutschi vor der Patin, vor Panja und Sascha +brauche ich mich nicht zu schämen‹, sagte sich +Atja, ›weil sie alle wie die anderen Menschen +sind; vor ihr darf ich aber nicht ohne Hemd umherlaufen, +denn sie ist anders als alle: sie ist einzig!‹ +</p> + +<p>Bald erfuhr er von Fjokluschka, daß Klawdija +Gurjanowna eine Mätresse, ein ausgehaltenes +Frauenzimmer, sei. Dieses Wort, das er zum erstenmal +im Leben hörte, bekam für ihn sofort einen +ganz anderen Sinn: es bedeutete in seiner +Vorstellung nicht mehr und nicht weniger als +den Inbegriff aller Gescheitheit und allen Reichtums. +</p> + +<p>›Ausgehalten, Gehalt . . .‹ kombinierte Atja. +›Wenn in meinem Aufsatz kein Gehalt ist, so +gibt’s eine Vier; ist aber im Aufsatz Gehalt, so bekomm +ich eine Eins. Der Rektor bekommt ein +großes Gehalt. Gehalt bedeutet Geld.‹ +</p> + +<p>Nicht umsonst wandten sich alle im Hause, +wie Atja bald merkte, in schwierigen Fällen an +Klawdija Gurjanowna, um ihre Meinung zu hören; +nicht umsonst trug sie eine lange Halskette, +die ihr bis zu den Knien reichte, und einen weißen +Pelz mit schwarzen Schwänzchen, wie ihn +die Kaiserin hat. +</p> + +<p>Der Doktor kam eines Abends sehr spät nach +Hause und sprach während des Essens kein +<!-- page 072 --> +Wort. Als man aber zum Nachtisch einen Auflauf +reichte, der gerade an diesem Tag nicht aufgegangen +war, sagte er ziemlich gereizt zu der Mutter: +</p> + +<p>»Es paßt mir gar nicht, daß du eine Prostituierte +bei uns einquartiert hast . . .« +</p> + +<p>Das war ein schwieriges Wort, und Atja +konnte es sich unmöglich erklären, sosehr er sich +auch den Kopf zerbrach. +</p> + +<p>›Es ist natürlich lateinisch‹, sagte er sich. ›Latein +kommt erst in der zweiten Klasse. Ich will +aber nicht bis zum nächsten Jahr warten. Lieber +werde ich gleich Onkel Arkadi fragen: der versteht +lateinisch.‹ +</p> + +<p>Als Onkel Arkadi am nächsten Sonntag zu Besuch +kam, legte ihm Atja die Frage vor. +</p> + +<p>»Prostituierte«, erklärte Onkel Arkadi, ohne +mit der Wimper zu zucken, »heißen alle diejenigen, +die ein Institut absolviert haben. Ein Institut +ist aber eine Lehranstalt, wo nur Adlige aufgenommen +werden. Dich würde man zum Beispiel, +da du nur der Sohn eines Arztes bist, um +nichts in der Welt aufnehmen, wenn du auch aus +der Haut fährst.« +</p> + +<p>Atja fuhr beinahe aus der Haut; doch nicht vor +Verzweiflung darüber, daß er keine Prostituierte +werden konnte, sondern vor Freude; er hatte also +doch recht: sie war ganz anders als alle Menschen; +sie war nicht nur ein ausgehaltenes Frauenzimmer, +das heißt klug und reich, sondern +auch eine Prostituierte, das heißt adlig. +</p> +<!-- page 073 --> + +<p>›Sie ist eine Fürstin‹, sagte er sich. ›Und wenn +sie in diesem Jahr eine Fürstin ist, so wird sie +nächstes Jahr eine Großfürstin sein, und in noch +einem Jahre — eine Prinzessin.‹ +</p> + +<p>»Meine Prinzessin!« flüsterte er vor sich hin, +sooft er an der Tür des verbotenen Zimmers vorbeiging. +</p> + +<p>Klawdija Gurjanowna hatte niemals Besuch, +außer einem einzigen Herrn, der entweder ganz +früh am Morgen oder sehr spät am Abend zu ihr +kam. Wenn er am Abend kam, so blieb er bis tief +in die Nacht hinein bei ihr. Er sang, und sie begleitete +ihn. Alle nannten ihn ›den Abgeordneten‹. +</p> + +<p>»Der Abgeordnete ist gekommen«, sagte die +Mutter zu Atja. »Mach nicht solchen Lärm und +zupfe deine Jacke zurecht.« +</p> + +<p>Wenn der Doktor den Gesang hörte, verzog er +das Gesicht: +</p> + +<p>»Ist das der Abgeordnete, der da singt?« +</p> + +<p>»Ja, der Abgeordnete«, antwortete die Mutter. +</p> + +<p>Bald erfuhr Atja, wer dieser Gast war. +</p> + +<p>Mutter teilte Onkel Arkadi eines Tages die +letzte Neuigkeit mit: der Doktor habe sich entschlossen, +die Zeitung abzubestellen, da zu +Klawdija Gurjanowna jeden Tag ein Mitglied +der Reichsduma käme und sie alles viel besser +wisse als jede Zeitung. +</p> + +<p>›Ein ungewöhnlicher Gast!‹ sagte sich Atja. +›Einer aus der Reichsduma! Der bedeutet natürlich +viel mehr als Iwan Martynytsch und Iwan +<!-- page 074 --> +Jewsejitsch. Vielleicht ist er gar so viel wie der +›Grieche‹ Kopossow, der Klassenlehrer der dritten +Klasse.‹ +</p> + +<p>Einmal begegnete Atja dem Gast im Hausgange +und verbeugte sich vor ihm wie vor dem +Schulinspektor. Er stellte fest, daß der Abgeordnete +ebenso kahlköpfig war wie der Religionslehrer, +den die Schüler ›den Chinesen‹ nannten, und +viel schöner gekleidet als Onkel Arkadi. Onkel +Arkadi war zwar Schauspieler, hätte aber dem +Abgeordneten nicht einmal die Schuhe putzen +dürfen. +</p> + +<p>Die Abendstunden verbrachte Klawdija +Gurjanowna mit der Mutter im Eßzimmer; sie +sprachen von allen möglichen Dingen. Atja saß +im Nebenzimmer, tat, als ob er seine Aufgaben +machte, und hörte dem Gespräch zu. Das Gespräch +drehte sich meistens um den Abgeordneten. +</p> + +<p>Es stellte sich allmählich heraus, daß er verheiratet +war und zwei erwachsene Töchter hatte; +seine Frau liebte er so sehr, daß er ohne sie gar +nicht atmen konnte. Die bittere Notwendigkeit +zwang ihn aber, fern von ihr in Petersburg zu leben; +statt sich Briefe zu schreiben, wechselten sie +tagtäglich Telegramme. +</p> + +<p>»Als ich ihn kennenlernte«, erzählte einmal +Klawdija Gurjanowna, »sagte er mir: Meine +liebe Klawdija Gurjanowna, ich kann ohne Sie +nicht leben; bleiben Sie in Petersburg, solange +ich Mitglied der Reichsduma bin.« +</p> +<!-- page 075 --> + +<p>»Meine Prinzessin«, flüsterte Atja, über dem +Lesebuch sitzend, »ich bleibe aber ewig bei dir!« +</p> + +<p>Klawdija Gurjanowna sang meisterhaft. +Wenn sie allein in ihrem Zimmer war, sang sie oft +ein Straßenlied, das man sonst mit Ziehharmonikabegleitung +im dritten Hinterhof singt. Die +Worte handelten von Liebe: er liebte sie, sie +liebte ihn nicht, dann heiratete sie einen anderen, +und die Sache war aus; aber er liebte sie noch immer, +kann sie nicht vergessen, ›irrt wie ein Grashalm‹ +unter den Menschen umher und ›sieht sie +immer und überall vor sich‹ . . . +</p> + +<div class="poem"> +<p class="line">O wär diese Nacht</p> +<p class="line">Nicht so schwül, nicht so schön,</p> +<p class="line">So müßt nicht das Herz</p> +<p class="line">Vor Wehmut vergehn . . .</p> +</div> + +<p class="noindent">Atja hörte in diesem Liede etwas, was seinen eigenen +Gefühlen verwandt war: auch seine Prinzessin +stand ›immer und überall‹ vor ihm. +</p> + +<p>Es war ihm, als ob die ganze Welt nur ihretwegen +existierte; man durfte aber weder laut von ihr +sprechen, noch ihren Namen nennen. Alle warteten +auf sie und bewahrten diese Erwartung wie +ein Heiligtum in ihren Seelen. Das war der +Grund, warum man in Kljutschi, wenn in der +Ferne das Glöckchen ertönte, vor das Tor hinauslief +und mit stockendem Atem auf die Straße +blickte: ob sie nicht schon käme? Und wenn +Großvater in der Kirche die Messe las, wenn er +die Arme hob und leise über dem Kelch betete, so +<!-- page 076 --> +betete er zu ihr. Und wenn die Patin lustig war, +wenn ihr alles gut gelang, so kam es daher, weil +sie von ihr geträumt hatte. Und wenn Sascha und +Panja den ganzen Tag lachten, ohne selbst zu +wissen warum, so hatten sie wohl irgendwie erfahren, +daß sie nach Kljutschi kommen sollte. +Und wenn Kusmitsch ein Märchen plötzlich abbrach +und sagte, daß er das Ende nicht erzählen +werde, und über seine Lippen ein Lächeln glitt, +so war auch das verständlich: das Ende des Märchens +handelte von ihr; wie konnte er das geheime, +unaussprechliche Wort aussprechen? +Atja selbst dachte immer nur an sie; darum +lachte er, darum leuchteten seine Augen . . . +</p> + +<p>»Atja hat sich in Klawdija Gurjanowna verliebt, +ich gratuliere!« scherzte die Mutter. +</p> + +<p>»Folglich bleibt er das zweite Jahr in der ersten +Klasse sitzen!« fügte Onkel Arkadi kaltblütig +hinzu. +</p> + +<p>»Armes Kind!« jammerte die Köchin Fjokluschka. +</p> + +<p>»Mich haben alle Kinder lieb!« lachte Klawdija +Gurjanowna mit ihrer tiefen Stimme. +</p> + +<p>›Ich muß mich irgendwie auszeichnen, anders +geht es nicht‹, dachte sich Atja. ›Ich muß Indien +oder das Weiße Meer erobern. Dann gebe ich ihr +ein Zeichen, sie wird alles erfahren und sich offenbaren +. . . +</p> + +<p>O meine Prinzessin!‹ +</p> +<!-- page 077 --> + +<h3 class="no">3</h3> + +<p class="noindent">Die Hoffnung, den nächsten Sommer in Kljutschi +zu verbringen, fiel ins Wasser. Der Doktor +sagte: wenn Atja das zweite Jahr in derselben +Klasse sitzenbleibe, so sei an Kljutschi gar nicht +zu denken; dann blieben alle den ganzen Sommer +in Petersburg. Das Frühjahr brach aber schon +an, das letzte Semester ging zu Ende, und Atjas +Schicksal mußte sich bald entscheiden; und es +war klar, daß es sich nicht zu seinen Gunsten entscheiden +werde. +</p> + +<p>Während der Schönschreibstunde spielten +Charpik und Atja das ›Federnspiel‹: die Schreibfeder +wird mit dem Finger emporgeschnellt, und +je nachdem sie mit dem Rücken oder mit der +Wölbung nach oben zu liegen kommt, hat man +sie gewonnen oder verloren. Als Charpik wieder +einmal eine Feder verlor, gab er das Spiel auf und +sagte: +</p> + +<p>»Willst du mit mir nach Amerika durchbrennen?« +</p> + +<p>»Ja«, antwortete Atja. +</p> + +<p>»Romaschka kommt auch mit.« +</p> + +<p>»Wie wollen wir das machen?« +</p> + +<p>»Das weiß ich ganz genau. Wir beide haben +uns schon seit Weihnachten den Kopf darüber +zerbrochen. Wir wollten dir nichts sagen, ehe wir +ganz im klaren waren . . . Hast du ein Amerika?« +</p> + +<p>»Papa hat im Sprechzimmer ein Afrika hängen.« +</p> +<!-- page 078 --> + +<p>»Mit Afrika können wir nichts anfangen. Ich +muß noch Romaschka fragen. Sein Vater ist Architekt, +also muß er eine Karte von Amerika haben. +Wir wollen uns eine unbewohnte Insel aussuchen +und uns da niederlassen.« +</p> + +<p>»Wir werden uns auch ein Schloß bauen!« rief +Atja aus. +</p> + +<p>»Ein Schloß oder einen Palast, ganz wie du +willst!« +</p> + +<p>»Und außer uns wird keine Seele dort sein?« +</p> + +<p>»Niemand, nur die Nilpferde.« +</p> + +<p>›Nun geht es los‹, dachte sich Atja. ›Jetzt heißt +es handeln. Charpik und Romaschka sind so +durchtriebene Bestien, daß sie auch ans Ende der +Welt den Weg finden.‹ +</p> + +<p>Am nächsten Tage brachte Romaschka die +Karte von Südamerika mit; die Karte war unbezeichnet +und unvollständig: nur ein Viertelblatt, +aber es war immerhin Amerika. +</p> + +<p>Die Stunde, die sie an diesem Tage auf Geheiß +des Lehrers für Deutsch Iwan Martynytsch für +eine Reihe von Streichen nachsitzen mußten, +verging mit Besprechungen. Charpik und Romaschka +nahmen die Oberleitung in die Hand +und weihten Atja in alle Einzelheiten ihres Planes +ein. Dann nahm man ein Blatt Papier und begann +unbewohnte Inseln zu entwerfen. Schließlich +einigte man sich auf eine Insel, legte die +Karte zusammen und beschloß, am nächsten +Tage, gleich nach der Schule, aufzubrechen. +</p> + +<p>»Kommt beide direkt zum Bahnhof und wartet +<!-- page 079 --> +dort auf mich; ich werde Geld mitbringen«, +sagte Charpik. +</p> + +<p>»Eigentlich müßte man auch einen Paß haben«, +meinte Romaschka. +</p> + +<p>»Den Paß werde ich beschaffen«, erklärte Atja; +es fiel ihm ein, daß Onkel Arkadi erst vor kurzem +nach Moskau gereist war und aus Versehen den +Paß der Köchin mitgenommen hatte; mit diesem +Paß hatte er eine ganze Woche ohne Schwierigkeiten +gelebt. +</p> + +<p>Es war also abgemacht: Charpik bringt das +Geld, Atja den Paß und Romaschka die Karte. +</p> + +<p>Wenn es doch schon morgen wäre! +</p> + +<p>Atja tat die ganze Nacht kein Auge zu. So sehr +war er mit seinen Gedanken beschäftigt. Er +dachte aber nicht an Kljutschi, sondern an Amerika; +auf der unbewohnten Insel wird er ein +Schloß erbauen, wie es noch niemand gehabt hat; +ein Schloß aus Pfauenfedern mit goldenen und +silbernen Treppen, mit Fenstern aus Edelsteinen: +in einem mit Nilpferden bespannten Wagen +wird er seine Prinzessin hinbringen; und sie werden +da ewig mitten im Meere unter der ewigen +Sonne zusammenleben. Sie wird Prinzessin +Mymra heißen, und die Insel, die er ihr schenken +wird, soll ihren Namen tragen: Insel der Mymra. +Dann wird er auch viele andere Inseln und zuletzt +alle Länder der Erde für sie erobern. Und +dann wird sie aus dem Schlosse treten und über +die ganze Welt leuchten. +</p> + +<p>Atja, Charpik und Romaschka benahmen sich +<!-- page 080 --> +während der Stunden ziemlich anständig und +machten keine Dummheiten; sie waren auffallend +zerstreut und redeten, wenn sie aufgerufen +wurden, ganz ungereimtes Zeug. Ein jeder von +ihnen kriegte einen Vierer. Das war ihnen aber +schon ganz gleich. +</p> + +<p>Als die letzte Stunde vorüber war und Atja mit +heller Stimme das Schlußgebet vorgesprochen +hatte, warf Charpik alle seine Lehrbücher unter +die Bank und rannte nach Hause. +</p> + +<p>Charpiks Eltern waren nicht zu Hause: der +Vater war auf dem Gericht und die Mutter in der +Stadt; nur die Köchin Wassilissa war allein da. +</p> + +<p>»Wassilissa, gib mir bitte drei Rubel«, bat +Charpik. +</p> + +<p>Wassilissa besaß aber eine solche Summe +nicht. Charpik stand noch eine Weile in der Küche +herum und ging dann ins Arbeitszimmer seines +Vaters. Er brauchte nicht lange zu suchen: +unter einer alten Aktentasche lag etwas Kleingeld. +Charpik zählte nach: es waren genau drei +Rubel. Dieses Glück! +</p> + +<p>»Leb wohl, Wassilissa, wir werden uns nie +mehr wiedersehen«, sagte Charpik, an der +Schwelle stehen bleibend. +</p> + +<p>»Wo fährst du denn hin?« fragte Wassilissa interessiert. +</p> + +<p>Der Abschied von Wassilissa stimmte Charpik +plötzlich sehr traurig; er war schon im Begriff, +das Geheimnis auszuplaudern, beherrschte sich +aber noch zur rechten Zeit. +</p> +<!-- page 081 --> + +<p>»Auf den Nikolajewer Bahnhof. Leb wohl!« +</p> + +<p>Atja und Romaschka trieben sich indessen auf +dem Finnländischen Bahnhof umher; viele Züge +waren schon abgegangen, als Charpik endlich erschien. +Ohne lange Geschichten zu machen, +kauften sie sich Fahrkarten nach Terioki, stiegen +in den Zug und — leb wohl, Gymnasium, lebe +wohl, Rußland! Sie reisten nach Amerika, geradeswegs +auf die unbewohnte Insel der Mymra. +</p> + +<p>Unterwegs war es sehr lustig. Sie sangen die +Marseillaise und rauchten. Die Landschaft, die +sie aus den Kupeefenstern sahen, erschien ihnen +als Amerika, und alle Fahrgäste als Detektive +und Sherlock Holmes. +</p> + +<p>Vor der Grenzstation Kuokkala holte Atja aus +seiner Hosentasche den Paß der Köchin Fjokluschka +hervor und zeigte ihn stolz den Freunden. +</p> + +<p>»Jetzt können wir auch zum Teufel fahren: der +Paß ist echt«, äußerte sich Charpik anerkennend. +</p> + +<p>»Jeder Detektiv fällt darauf herein«, bestätigte +Romaschka. +</p> + +<p>So kamen sie glücklich in Terioki an. +</p> + +<p>Sie stiegen aus und begaben sich nach den +Sommerhäusern, die um diese Jahreszeit noch +leer standen. Hier trieben sie sich bis zum späten +Abend herum und taten alles, was ihnen nur einfiel. +Sie kletterten über die Dächer, die Treppen +und Bäume; Romaschka machte den Vorschlag, +ein Bad zu nehmen, das scheiterte aber daran, +daß sie zu faul waren, sich auszuziehen. +</p> + +<p>Allmählich wurde es kalt, und die drei +<!-- page 082 --> +Freunde verspürten auch Hunger: sie hatten ja +nichts zu Mittag gegessen. Also kehrten sie auf +den Bahnhof zurück und kauften sich ein großes +süß-saures Brot, das sie im Nu verzehrten. Nun +mußten sie auch an ein Nachtquartier denken. Es +war zu kalt, um auf dem Geleise zu nächtigen, +außerdem schneite es. Auf dem Bahnhof konnten +sie nicht bleiben, da er für die Nacht geschlossen +wurde. Sie überlegten lange hin und her und entschlossen +sich, den Stationsdiener zu bitten, in +seinem Häuschen übernachten zu dürfen. +</p> + +<p>Der Stationsdiener war freundlich und ließ +sich leicht überreden. Doch ehe er sie zu sich hereinließ, +mußten sie den Bahnhof aufräumen und +die Geleise kehren. +</p> + +<p>Sie räumten den Bahnhof auf und kehrten die +Geleise; nachher schliefen sie aber so fest, wie sie +in ihrem Leben noch niemals geschlafen hatten. +Sie sahen im Traume allerlei Süßigkeiten: ganze +Schachteln voll Schokolade, Fruchtpasten und +gewöhnliche Bonbons: iß, soviel du willst! +</p> + +<p>Hätte sie der Stationsdiener nicht geweckt, so +hätten sie am Ende auch den Tag über durchgeschlafen. +»Steht auf, ihr Sünder!« Sie gingen wieder +auf den Bahnhof kauften sich für das letzte +Geld ein neues süßsaures Brot, stärkten sich etwas +und waren schon im Begriff, sich wie gestern +zu den Sommerhäusern zu begeben, als plötzlich +in der Tür ein Gendarm erschien. +</p> + +<p>»Wo wollt ihr hin?« fragte er ziemlich ungnädig. +</p> +<!-- page 083 --> + +<p>»Wir sind aus der Nasarowschen Villa«, antwortete +Romaschka, der den letzten Sommer in +Terioki verbracht hatte und sich da auskannte. +</p> + +<p>»Aus der Nasarowschen Villa?« fragte der +Gendarm. Dann wechselte er einige Worte mit +einem Herrn in Zivil, der neben ihm stand, offenbar +ein Detektiv, und sagte sehr böse: +</p> + +<p>»Ihr seid verhaftet!« +</p> + +<p>In diesem Augenblick kam ein Zug, der nach +Petersburg weiterging, und die drei Reisenden +stiegen, in Begleitung des Gendarmen und des +Detektivs, gesenkten Hauptes ein. +</p> + +<p>›Was werde ich nun meiner Prinzessin sagen, +wie werde ich zu ihr zurückkehren? Wo ist mein +Indien, mein Weißes Meer und die unbewohnte +Insel? Wird sie mich noch in Gnaden aufnehmen, +oder ist alles verloren?‹ Mit diesen Fragen quälte +sich Atja ab, indem er aus dem Fenster auf die +nasse schwarze Landstraße blickte. +</p> + +<p>Charpik und Romaschka rückten unruhig hin +und her: einen jeden erwartete seine Tracht Prügel! +Lebe wohl, Amerika! +</p> + +<h3 class="no">4</h3> + +<p class="noindent">Die folgenden Tage gingen entsetzlich langsam +hin. Das Wiedersehen auf dem Bahnhof war übrigens +gar nicht so schrecklich: Atjas Mutter +weinte beinahe vor Freude; auch im Gymnasium +lief die Sache gar nicht schlimm ab: Atja wurde +<!-- page 084 --> +sogar zu den Prüfungen zugelassen. Aber welchen +Wert hatte für ihn noch das Gymnasium? +Er hatte ja die Insel nicht erobert! Was konnte er +mit leeren Händen anfangen? Ist das ein Leben! +Klawdija Gurjanowna lachte über ihn und +nannte ihn nur noch ›Amerikaner a. D.‹ +</p> + +<p>»Ich muß mir etwas Neues ausdenken«, quälte +sich Atja. »Ich muß mir einen Finger abhacken +und ihn ihr bringen, oder ein Auge ausstechen . . . +Soll sie es nur fühlen!« +</p> + +<p>»Der Großvater hat Schuld«, klagte die Mutter +dem Doktor. »Ich weiß ja, was sie dort in +Kljutschi treiben. Der Bengel ist ganz außer +Rand und Band und will nichts lernen. Bald verliebt +er sich in Klawdija Gurjanowna, bald phantasiert +er von einer Mymra . . .« +</p> + +<p>Der Doktor vertrat in seiner Praxis die Ansicht, +daß jeder Unsinn von Magenverstopfung +käme, und behandelte daher seine Patienten vorwiegend +mit einem Gemisch aus Bier und Rizinusöl; +auch in Erziehungsfragen war er stets für +die Anwendung ebenso radikaler Mittel. Er beschloß +daher, Atja bei der ersten Gelegenheit ordentlich +zu verhauen. Die Umstände fügten es +aber, daß es ihm auf keine Weise gelingen wollte, +Atja zu diesem Behufe einzufangen: entweder +hatte er keine Zeit, oder Atja war gerade im +Gymnasium, oder er war zwar nicht im Gymnasium, +aber nicht aufzufinden: als ob er in die Erde +versunken wäre. +</p> + +<p>Eines Morgens sah der Doktor ins Kinderzimmer +<!-- page 085 --> +hinein: Atja saß im Hemd auf dem Bett und +dachte über etwas nach. Der Doktor schlich mit +verhaltenem Atem zu ihm hin: nur noch ein +Schritt, — und er wird Atja erwischt und ihn so +durchgebleut haben, daß er sein Lebtag daran +denken wird; der Riemen in seiner Hand zittert +bereits vor Freude. Atja ist aber nicht so dumm, +sich gutwillig zu ergeben. Hopp — die Fersen flimmerten +nur so in der Luft! Rette sich wer kann! +Ohne viel zu überlegen, rannte er wie der Blitz zu +Klawdija Gurjanowna. +</p> + +<p>Die Tür war nicht verschlossen. Klawdija +Gurjanowna lag noch im Bett. Atja kroch zu ihr +unter die Bettdecke. Er hörte noch, wie der Doktor +eine Weile draußen vor der Tür stand und +schließlich mit langer Nase abzog. +</p> + +<p>»Oh, du meine Prinzessin! Du hast mich vom +Tode errettet«, flüsterte Atja. Ihm war schwindelig +vor Glück. »Du wirst mir vergeben: ich bin eigenmächtig, +ohne eine Insel, ohne irgend etwas +zu dir gekommen . . . Du wirst mir vergeben . . . Es +ist mir noch nicht gelungen, dir ein Königreich +zu verschaffen; ich werde es aber noch beschaffen: +Indien, das Weiße Meer, alle Inseln und alle +Länder . . . und alles, alles . . .« +</p> + +<p>Ihm stockte der Atem . . . ihm war, als hätte +seine Seele ihre Seele mit solcher Gewalt umarmt, +daß sein Herz plötzlich herausspringen +wollte und sein ganzer Körper erbebte: sie war +ihm jetzt so nahe, die unzugängliche, stolze Prinzessin +Mymra. +</p> +<!-- page 086 --> + +<p>Klawdija Gurjanowna bedeckte ihr Gesicht, +mit der Hand und lachte in sich hinein. +</p> + +<p>»Darf ich?« fragte plötzlich eine Stimme hinter +der Tür. +</p> + +<p>»Sofort!« Sie stieß Atja zurück und wies ihn +mit der Hand unter das Bett. +</p> + +<p>Atja huschte gehorsam unter das Bett und verharrte +dort mit angehaltenem Atem und geschlossenen +Augen: er glaubte, wenn er niemanden +sähe, so würde auch ihn niemand entdecken. +Er kauerte unter dem Bett genauso wie einst in +Kljutschi im Geflügelstall, als er Gänseeier auszubrüten +versucht hatte. Er atmete nicht, er sah +nichts, er hörte aber alles. +</p> + +<p>Es war der Abgeordnete. Er entkleidete sich. +Er legte den Rock ab, zog dann die Schuhe aus. +Ein Kragenknopf fiel hinunter, rollte klirrend +über den Boden und blieb unter dem Bett vor Atjas +Füßen liegen. Atja wurde es unerträglich +heiß: als ob es nicht ein Kragenknopf, sondern +eine glühende Kohle wäre, die ihn mit fürchterlicher +Glut anhauchte. Die beiden sprachen miteinander. +Es waren ganz gewöhnliche Worte, wie +sie von allen und zu allen gesprochen werden. +Atja überlief es aber beim Zuhören bald heiß und +bald kalt. Die Worte klangen für ihn wie die gemeinsten +Schimpfworte. Plötzlich hatte er begriffen, +daß sie nicht die einzige, nicht die Prinzessin, +sondern so wie die andern war, um kein Haar anders. +. . Und er sah sich in einer Wüste . . . Er +drückte sich die Ohren zu, um nichts zu hören, +<!-- page 087 --> +hörte aber jedes Wort; es war ihm, als ob man ihn +schlüge, wie man einmal in Kljutschi einen Dieb, +der sich unter das Bett in der Küche verkrochen, +geschlagen hatte: auf das Gesicht, den Kopf, den +Bauch: seine Augen blickten schon ganz gläsern, +er war halb tot. »Macht doch schon ein Ende mit +ihm!« — »Nein«, riefen die andern, »der soll nur +warten!« Und man ließ ihn für eine Weile los, +und schlug ihn dann wieder . . . Atja war es plötzlich, +als ob man ihm mit dem stumpfen Ende eines +Beiles einen Schlag auf den Schädel versetzt +hätte . . . Alles stürzte zusammen . . . Es war wie +der Tod . . . +</p> + +<p>Erst als der Gast das Haus verlassen hatte und +Klawdija Gurjanowna sich ankleidete, kroch +Atja unter dem Bett hervor. Er blickte sie nicht +mehr an und gab ihr auf die Frage, ob er sie am +Nachmittag auf den Newski begleiten möchte, +keine Antwort. +</p> + +<p>Ohne Bücher und ohne Frühstück ging Atja +ins Gymnasium. Er sah nicht, was um ihn her +vorging. Er wußte selbst nicht, wie er schließlich +doch ins Gymnasium kam. Bald nach Beginn der +ersten Stunde bat er, austreten zu dürfen. Der +Lehrer erlaubte es ihm. Er ging aus der Klasse +und war nun allein in einem leeren Raume; irgendwo +tröpfelte Wasser. Und jetzt erinnerte er +sich an alles: die Erinnerung wälzte sich ihm auf +die Seele wie ein schwerer Stein! Seine Prinzessin +war nicht mehr . . . Tränen rollten ihm die Wangen +hinab. Atja weinte zum erstenmal in seinem +<!-- page 088 --> +Leben. So wird die Erde zum letztenmal weinen, +wenn vom Himmel die Sterne stürzen. +</p> + +<div class="poem"> +<p class="line">O wär diese Nacht</p> +<p class="line">Nicht so schwül, nicht so schön,</p> +<p class="line">So müßt nicht das Herz</p> +<p class="line">Vor Wehmut vergehn . . .</p> +</div> + +<p class="noindent">Das Lied einer Straßensängerin drang von irgendwoher +in den Hof des Gymnasiums und kam +aus dem Hof, zugleich mit der Frühlingsluft, zum +Fenster herein. Und Atja lächelte unter Tränen. +</p> + +<p>Wo soll er nun seinen Stern — seine Prinzessin +suchen? +</p> +<!-- page 089 --> + +<h2 class="chapter" id="chapter-4"> +Das Opfer</h2> + +<h3 class="no">1</h3> + +<p class="first">Jeder, der das alte Suchotinsche Gut ›Gottessegen‹ +auch nur einmal besucht hat, wird es mit gutem +Gewissen loben können. Nicht zum Spott +trug es von alters her seinen Namen, und einen +besseren könnte man, soviel man auch klügelte, +gar nicht finden: es gab zwar in seinen Gärten +keine Weintrauben, auch sangen da keine Paradiesvögel, +doch der Segen Gottes ruhte sichtbar +auf dem guten Lande. +</p> + +<p>Das alte, von Säulen flankierte Herrenhaus, die +Ahornallee, der Obstgarten, die Wiesen, Felder +und Wälder, Vieh und Menschen — kurz alles, was +es in Gottessegen gab, rief nicht nur bei den Nachbarn, +sondern auch bei jedem andern Menschen, +der auf der Durchreise geschäftlich oder sonst aus +irgendeinem Grunde in die Gegend kam, helles +Entzücken hervor; selbst bei dem blasierten, elegant +zurechtgestutzten Petersburger und dem zerzausten, +verwöhnten Moskauer. +</p> + +<p>Das Haus war reich, wohl bestellt und in musterhafter +Ordnung. Bei Gott — da brauchte man +keine Biene zu beneiden! +</p> + +<p>Der Gutsherr Pjotr Nikolajewitsch Suchotin +<!-- page 090 --> +selbst war durch seine Einfälle und Witze weit +und breit bekannt: wenn er in eine beliebige Gesellschaft +kam und bloß den Mund öffnete, so +verstummte für keinen Augenblick das Lachen. +Alle lachten mit — Bekannte und Unbekannte. +Ganz ohne Unterschied. +</p> + +<p>Sonderbar war das Gesicht dieses stark ergrauten, +sich immer gleichbleibenden Herrn. Die +Jahre gingen, er hatte die Vierzig längst hinter +sich, und doch lag immer der gleiche Ausdruck auf +seinen unveränderlichen, gleichsam versteinerten +Zügen; wenn sich alle in Lachkrämpfen wanden, +blieb das totenblasse Gesicht des Sonderlings +ganz regungslos, und niemand sah ihn lachen oder +lächeln. Man sah nur unheimliche Funken in seinen +unbeweglichen, eingefallenen Augen glimmen. +Wenn er mit seinen Witzen nur so um sich +warf, mußte man seltsamerweise immer an eine +mechanische sprechende Puppe denken, und als +jemand einmal versuchte, das, was er sprach, aufzuschreiben, +da standen auf dem Papier ganz gewöhnliche +Worte ohne jede komische Wirkung. +</p> + +<p>Obwohl also sein seltsames Aussehen sowenig +zu seinen Scherzen paßte, fiel es doch niemandem +ein, zu untersuchen, worauf die Wirkung +seiner Worte beruhte und warum sie überall Lachen +und Fröhlichkeit hervorriefen. Es gibt aber +Menschen, die gern jedem Rätsel auf den Grund +kommen — solche Käuze findet man überall —, und +diese gaben eine treffende Erklärung: sie sprachen +von geschicktem Mienenspiel, von fein berechnetem +<!-- page 091 --> +Satzbau, vom ungewöhnlich scharfen Blick +seiner Augen — alles war ihnen klar und verständlich. +Glücklicherweise merkte sich niemand diese +abgeschmackten Erklärungen. Niemand fragte +nach den Gründen, alle kugelten sich vor Lachen +— was wollte man noch mehr? +</p> + +<p>Pjotr Nikolajewitsch bekleidete keinerlei Ämter +und zeigte auch gar kein Interesse für öffentliche +Angelegenheiten. Vor Jahren war er einmal +zum Adelsmarschall des Bezirks gewählt worden. +Man denkt noch heute mit Grauen an diese +Zeit! Niemand kann zwar behaupten, direkte +Unannehmlichkeiten während Suchotins Amtstätigkeit +gehabt zu haben; im Gegenteil: es war +die lustigste Zeit, und alle Amtsgeschäfte wurden +von ihm in überaus lustige Streiche verwandelt; +doch im Resultat entstand ein solches Durcheinander, +es kamen solche Ungereimtheiten und +noch Gott weiß was für Dinge an den Tag, daß +sich niemand mehr auskannte. Jeder, der Pjotr +Nikolajewitsch nicht genauer kannte, mußte im +besten Falle glauben, der Adelsmarschall sei +nicht bei Trost. Ich glaube sogar, daß in Petersburg +— in einem Salon oder bei einem Vortrag +beim Minister — sich jemand gerade in diesem +Sinne ausgesprochen hat. Zum Glück hatte das +keine weiteren Folgen. +</p> + +<p>Jeder Mensch hat doch seine Eigenheiten; +warum sollte da Pjotr Nikolajewitsch eine Ausnahme +bilden? +</p> + +<p>Pjotr Nikolajewitsch hatte die Passion, alles zu +<!-- page 092 --> +ordnen und aufzuräumen; er machte das auf eine +so scharfsinnige Weise, daß es nachher sehr +schwer und oft sogar ganz unmöglich war, einen +von ihm eingeräumten Gegenstand zu finden: +viele Dinge, und selbst solche, die man dringend +brauchte, gingen spurlos verloren. Dann liebte er +es, die Möbel — Tische, Stühle und Etageren — +umzustellen, Bilder umzuhängen und die Bücher +in der Bibliothek umzuordnen; damit füllte er gewöhnlich +den ganzen Vormittag aus. Beim Mittagessen +bevorzugte er die süßlichen Fleischspeisen, +wie Eingeweide, Hirn und Kalbsfüße, und +da er im Essen unmäßig war, verdarb er sich oft +den Magen und klagte über Leibschmerzen. Eine +weitere Liebhaberei von ihm war das Heizen der +Zimmeröfen: es fror ihn beständig, und er ging +mit einem langen Schürhaken von Ofen zu Ofen +und rührte die Glut um. Er liebte es, sich mit +Dienstboten und Bauern in Gespräche einzulassen; +obwohl solche Gespräche immer mit der +Erörterung ernsthafter Angelegenheiten begannen, +endeten sie doch immer mit irgendeinem +Unsinn, was höchst unerwünschte Folgen hatte: +nicht nur daß die Leute vor Pjotr Nikolajewitsch +keinen Respekt hatten, sie glaubten — offen gestanden +— kein Wort von dem, was er sagte. Außerdem +versprach er ihnen ganz unmögliche +Dinge; so schenkte er einem jeden etwas von seinem +Landbesitz, freilich ein nicht sehr großes +Stück: nur drei Schritt lang und einen Schritt +breit — so ein närrisches Maß hat er sich ausgedacht! +<!-- page 093 --> +Was noch? Ja, er hatte die Leidenschaft, +eigenhändig Geflügel zu schlachten, und konnte +es darin mit jedem Küchenmeister aufnehmen: +niemals entriß sich ihm ein Huhn mit halbdurchgeschnittenem +Hals, oder rannte gar ohne Kopf +flügelschlagend umher, wie es bei minder geschickten +Köchen vorkommt. Schließlich sah er +sich gern Leichen an, und je grauenhafter so ein +Toter aussah, je fortgeschrittener die Verwesung +war, desto mehr Genuß hatte er von dem Anblick. +Sooft im Dorf jemand starb, mußte es der +Dorfpope, P. Iwan, in das Herrenhaus melden; +sofort wurde der Wagen angespannt, und Pjotr +Nikolajewitsch ließ alles stehen und liegen und +eilte an den Ort oder nach dem Hause, wo die +Leiche lag. +</p> + +<p>Suchotins Frau — Alexandra Pawlowna — spottete +manchmal höchst gutmütig über die Liebhabereien +ihres verwöhnten Mannes, dem sie übrigens +in inniger Liebe zugetan war; man hätte +auch alle diese Eigenschaften, die schließlich +Pjotr Nikolajewitschs Privatangelegenheiten waren, +kaum beachtet, wenn nicht ein unsinniges +Gerücht aufgetaucht wäre, das die Ehre und den +guten Ruf von ›Gottessegen‹ in Frage stellte. +</p> + +<p>Vor zwei Jahren kam aufs Gut ein alter Freund +Pjotr Nikolajewitschs, der ihn noch vom Petersburger +Lyzeum her kannte und seit jener Zeit +nicht mehr gesehen hatte. Der Grund des plötzlichen +Erscheinens dieses Gastes blieb unbekannt; +niemand fragte ihn danach, und sein Kammerdiener +<!-- page 094 --> +schwatzte im Dienstbotenzimmer höchst +verworrenes Zeug darüber: der General sei gekommen, +um den revoltierenden Bauern Schrecken +einzujagen oder auch um das ganze Land unter +ihnen aufzuteilen. Das ist übrigens gar nicht +so wichtig; konnte er denn nicht auch aus purer +Neugier hergekommen sein? +</p> + +<p>Der Gast wurde von Alexandra Pawlowna +freundlich aufgenommen; sie bedauerte sehr, +daß nicht die ganze Familie in ›Gottessegen‹ versammelt +war — die Kinder waren nämlich verreist +— und daß der Gast sich daher etwas langweilen +werde. Der General war aber in bester +Stimmung; er erzählte viel von seinen freundschaftlichen +Beziehungen zu Pjotr Nikolajewitsch +und schien kein Verlangen nach anderer +Gesellschaft zu haben. Mit Ungeduld erwartete +er seinen Freund, der gerade an diesem Tage +vom frühen Morgen an irgendwo auf dem Dorfe +bei einer Leiche steckte und erst gegen Abend +nach Hause kam. Als die Freunde sich gegenüberstanden, +geschah etwas sehr Seltsames: der +Gast war sichtlich erschüttert, erschrocken und +begann am ganzen Leibe zu zittern. Hatte er seinen +Freund nicht gleich erkannt, oder hatte er +ihn erkannt, aber eine solche Veränderung an +ihm wahrgenommen, daß es ihn schwindelte, +oder war ihm in seinem Gesicht, in seinem Gang +oder in seiner Sprache etwas ganz Unerwartetes, +Unwahrscheinliches und Unmögliches aufgefallen +— das weiß niemand! Der General taumelte einen +<!-- page 095 --> +Schritt zurück, warf die Arme empor und fiel +in Ohnmacht. +</p> + +<p>In den folgenden Tagen war der Gast schweigsam +und traurig; er schielte argwöhnisch nach allen +Seiten, sagte zu allem ja und lächelte so unglücklich +wie einer, der sehr unerwartet in eine +ganz gewöhnliche Presse hineingeraten ist, wo er +jeden Augenblick zu einem Brei zerquetscht werden +kann. Er blieb noch an die acht Tage in ›Gottessegen‹ +und jagte eines Morgens ganz plötzlich, +ohne Gepäck und nicht ganz angekleidet, auf und +davon; vor der Abreise war er wie verrückt, murmelte +etwas ganz Unsinniges vor sich hin und +zeigte allen Leuten irgendwelche Schriftstücke, +die er verkehrt in der Hand hielt. Und bald nach +seiner Abreise tauchten alle die Gerüchte bei den +Nachbarn und in der Stadt auf. +</p> + +<p>Man erklärte plötzlich, das berühmte Suchotinsche +Gut sei gar nicht so hervorragend, das +Haus sogar etwas schadhaft: der nach dem +Brande neu errichtete Teil falle von den übrigen +ab; auch der Garten sei in keiner Weise bemerkenswert: +er sei zwar alt und schattig, doch könne +man bei einer Reise durch Rußland viele solcher +Gärten sehen; an den Feldern und Wäldern sei +zwar nichts auszusetzen, aber sie seien durchaus +nicht einzig in ihrer Art; und was die Bauern betreffe, +so seien sie gar nichts wert: verarmt und +ohne Landbesitz; einmal seien sie schon ausgewandert, +dann wieder zurückgekehrt, und wenn +sie auch bei den letzten Unruhen das Herrenhaus +<!-- page 096 --> +nicht niedergebrannt und den Pferden nicht die +Augen ausgestochen hätten, wie es beim Nachbar +Bessonow geschehen war, so hätten sie doch +unzweifelhaft die Absicht gehabt, das Haus anzuzünden, +alles zu verwüsten und sich das Land +anzueignen. Und von Pjotr Nikolajewitsch selbst +erzählten sich die Leute, nach Aufzählung aller +seiner Eigenheiten, solch ungereimtes Zeug, daß +ich mich schäme, es wiederzugeben. Schließlich +waren alle darin einig, daß man das Haus und die +Leute unter allen Umständen meiden müsse: der +Ort sei unrein. +</p> + +<p>Einer von den guten Freunden riet Alexandra +Pawlowna sogar, sich beim Gouverneur zu beschweren. +Sie wollte davon aber nichts wissen: an +dem ganzen Gerede sei kein wahres Wort, und sie +wolle nicht noch mehr Staub aufwirbeln. Und in +der Tat: was so ein argwöhnischer Mensch in seinem +argwöhnischen Gehirn nicht alles ausdenken +kann! +</p> + +<p>Übrigens hörte das Gerede nach einiger Zeit +ganz von selbst auf: die Leute sind doch nicht so +dumm, wie sie zuweilen scheinen. +</p> + +<p>Und so blieb alles beim alten: ›Gottessegen‹ ist +ein Paradies, die Familie Suchotin das Muster einer +guten Familie, und Pjotr Nikolajewitsch zwar +ein Sonderling, doch von seltener Unterhaltungsgabe. +</p> + +<p>Alexandra Pawlowna war das eigentliche +Haupt des Hauses, und ihrer Begabung wurde +auch der Wohlstand und die musterhafte Ordnung +<!-- page 097 --> +der ganzen Wirtschaft von ›Gottessegen‹ zugeschrieben. +Sie war ziemlich wortkarg, hatte einen +festen Willen und verstand, die Leute im +Zaume zu halten. Man hatte vor ihr Respekt und +vertraute ihr blind. Sie hatte früh und aus Liebe +geheiratet und schenkte in den vier ersten Ehejahren +vier Kindern, drei Töchtern und einem Sohn, +das Leben. Ihr ganzes Leben verging in ununterbrochenen +Sorgen um die Kinder und um die +Wirtschaft, und diese Sorgen wuchsen ihr allmählich +über den Kopf, je größer die Kinder wurden +und je komplizierter die Wirtschaft. Sie war aber +bereit, jede Last zu tragen, wenn sie damit dem +Gatten und den Kindern das Leben angenehm +machen konnte. Und niemand hatte Grund zu +klagen: weder der Gatte noch die Kinder. +</p> + +<p>Jeden Abend saß sie glücklich und freudestrahlend +am Klavier. Ihre kräftigen Finger griffen +sicher in die Tasten, und feierliche Klänge zogen +durch die hohen Räume. +</p> + +<p>Wenn irgendein heimatloser Landstreicher +zufällig in das erleuchtete Fenster geschaut und +die zufriedene Frau am Klavier erblickt hätte, +wie würde er da vor Neid vergehen! Wie würde er +sein finsteres Schicksal verfluchen! Wie willig +würde ein Verirrter ihrer Stimme folgen! +</p> + +<p>Der Konteradmiral Paleolog, der Taufpate der +jüngsten Tochter Sonja, dessen Meinung immer +für maßgebend galt und in der Stadt wie auch auf +allen Landsitzen gern zitiert wurde, pflegte Alexandra +Pawlowna ›eine verführerische Brünette‹ +<!-- page 098 --> +zu nennen. Und er hatte wie immer recht. Wer +würde glauben, daß diese verführerische Brünette, +die das Hauswesen so gut zu führen verstand +und ein schönes Familienleben lebte, sich +einmal für das unglücklichste Geschöpf auf Gottes +Erde gehalten hatte? Freilich waren viele +Jahre seitdem vergangen, und jede Erinnerung +an jene Zeit war vom immerwährenden Glück +und Erfolg in allen Dingen vollkommen ausgelöscht. +Vor fünfzehn Jahren, bald nach Sonjas +Geburt, wäre ›Gottessegen‹ um ein Haar verlorengegangen: +das schöne Haus war beinahe verbrannt +und Pjotr Nikolajewitsch beinahe in den +Flammen umgekommen; Alexandra Pawlowna +aber rettete alles. +</p> + +<p>Im Herbst und im Winter, wenn die Kinder +fort waren, verbrachte Alexandra Pawlowna ihre +Tage unter vier Augen mit ihrem Mann; sie sah +ihn mit der gleichen Liebe und Zärtlichkeit an +wie vor zwanzig Jahren, und er erschien ihr +ebenso verliebt wie damals; in solchen Augenblicken +verschwand die tiefe Furche, die sonst +zwischen ihren Brauen lag. Doch er stand vor ihr, +ganz ausgetrocknet, lang wie eine Hopfenstange, +mit ergrautem Haar und totenblassem Gesicht, +starrte sie unverwandt an mit seinen unbeweglichen +Augen und grinste. +</p> + +<p>»Ich kenne keine Langeweile«, wiederholte er +zum tausendsten Mal; »Mir ist es immer leicht +ums Herz!« Das klang so wie: ›Mir ist alles gleich, +ich brauche nichts!‹ Sie hörte aber diese unheimlichen +<!-- page 099 --> +Worte nicht; seine Stimme klang für sie genau +wie damals, als sie seinen ersten Kuß empfing. +Die Liebe machte sie blind, und sie gab ihm +die ganze Leidenschaft einer reifen, doch gut aussehenden +Frau. +</p> + +<p>Wie toll hätte der am Fenster lauschende +Landstreicher über eine solche Szene gelacht! +Vielleicht hätte er aber auch keinen Ton von sich +gegeben und wäre ohnmächtig zusammengebrochen +wie jener Gast, der Jugendfreund Pjotr Nikolajewitschs. +</p> + +<h3 class="no">2</h3> + +<p class="noindent">Ganz ›Gottessegen‹ rüstete sich zu einem großen +Ereignis: gleich nach Weihnachten sollte die +Hochzeit der ältesten Tochter Lida, die erst im +vorigen Jahre das Institut verlassen hatte, stattfinden. +Der Bräutigam war der reiche Großgrundbesitzer +Ramejkow. +</p> + +<p>Die Feier wurde von allen mit großer Spannung +erwartet. Man erzählte sich, daß das Hochzeitsmahl +besonders üppig sein werde und daß +Pjotr Nikolajewitsch beinahe alle Hühner abgeschlachtet +habe. ›Gottessegen‹ bekam einen feierlichen +Anstrich. Die Gäste kamen schon am frühen +Morgen zusammen, und Pjotr Nikolajewitsch, +der besonders gut aufgelegt war, sorgte +dafür, daß alle sich vor Lachen wälzten. Alexandra +Pawlowna hatte alle Vorbereitungen zu treffen +<!-- page 100 --> +und konnte vor Überanstrengung kaum auf +den Beinen stehen. +</p> + +<p>Endlich war die ganze Familie versammelt: +aus Petersburg kam der älteste Sohn Mischa, +Student im ersten Semester; aus Kiew die zweite +Tochter Sina, die dort in einem Institut erzogen +wurde; und aus der Kreisstadt — die Gymnasiastin +Sonja. Der feierliche Augenblick rückte +heran. Die Hochzeitsfeier fiel, wie jeder zugeben +mußte, ungemein lustig aus. Es gab natürlich +einige seltsame Zwischenfälle: als Pjotr Nikolajewitsch +dem jungen Paar vor der Trauung seinen +Segen gab und offenbar die Absicht hatte, dem +Segen einige Ermahnungen für die Ehe folgen zu +lassen, platzte er, nach einer längeren peinlichen +Pause, mit einem einzigen Wort heraus, das man +unmöglich wiedergeben kann; der junge Ehemann +war dadurch so frappiert, daß es ihn große +Mühe kostete, sich von den Knien zu erheben, +und alle andern konnten schwer ihr Lachen verbeißen. +Während der kirchlichen Trauung flüsterte +Pjotr Nikolajewitsch dem Geistlichen P. +Iwan zu, daß er letzte Nacht von Eiern, die in einer +Grube lagen, geträumt hätte. Der Geistliche +kannte natürlich die böse Bedeutung dieses +Traumes; er kam ihm aber im Augenblick so ungemein +komisch vor, daß er mitten im Gebet in schallendes +Gelächter ausbrach. Der Küster, der das +Weihwasserfaß hielt, wieherte ganz ungeniert los, +und mit ihm lachte das ganze Publikum: es war +eher eine Narrensposse als eine Trauung. +</p> +<!-- page 101 --> + +<p>Die Neuvermählten reisten gleich nach der +Tafel nach Moskau ab, die Festlichkeiten in +›Gottessegen‹ dauerten aber fort. Die Jugend veranstaltete +eine Theateraufführung und einen +Maskenball. Auf dem Teich wurde eine Schlittschuhbahn +und ein Eisberg eingerichtet, und die +jungen Leute wetteiferten im Laufen. +</p> + +<p>Mischa Suchotin galt als hervorragender +Schlittschuhläufer. Er war schlank und gelenkig +und zeigte im Kunstlauf wahre Wunder. Auch +seine Schwester Sonja, ein flinkes, lustiges Mädchen, +war ungemein geschickt. Hell klang ihr Lachen +in den sternenklaren Januarnächten über +die Eisdecke hin. Es war ein Vergnügen zu sehen, +wie Bruder und Schwester Arm in Arm den Eisberg +hinuntersausten. Sina war anders geartet +und hatte mehr Ähnlichkeit mit Lida: sie war wie +diese schweigsam und etwas schüchtern, aber +nicht temperamentlos. +</p> + +<p>»Die Kinder sind der Mutter nachgeraten«, +sagten alle Onkel und Tanten und alle alten +Freunde des Hauses, die Alexandra Pawlowna +näher kannten. +</p> + +<p>Der Dreikönigstag rückte heran. Mischas Kollegen +und die Freundinnen seiner Schwester reisten +ab. Auch die Suchotinschen Kinder mußten +fort, es gefiel ihnen aber auf dem Lande so gut, +daß die Abreise immer wieder verschoben +wurde. +</p> + +<p>Am Dreikönigsabend liefen Mischa und Sonja +zum letztenmal auf die Eisbahn hinaus. Es war +<!-- page 102 --> +eine herrliche sternenklare Nacht; die blauen +Schneefelder glitzerten in zahllosen Funken, und +der starke Frost kniff in die Wangen und ließ das +Eis krachen. Mischa und Sonja flogen über die +Eisfläche und wollten gar nicht aufhören. Da fiel +Mischa plötzlich der ganzen Länge nach hin. +Sonja glaubte anfangs, es sei nur ein Scherz von +ihm. Es war aber doch nicht so. Man hob ihn auf, +trug ihn nach Hause und ließ Ärzte kommen. In +drei Stunden war er tot. Der Schmerz war unbeschreiblich. +</p> + +<p>Am Abend nach der Beerdigung, als es im +Hause plötzlich so leer war und alle abgespannt +und schwermütig herumsaßen und herumirrten, +kam plötzlich ein dringendes Telegramm von +Ramejkow aus Moskau: Alexandra Pawlowna +sollte sofort hinreisen. +</p> + +<p>Sie reiste noch in der gleichen Nacht ab. +</p> + +<p>Sina und Sonja waren in der größten Sorge, +Pjotr Nikolajewitsch schien aber ganz ruhig, als +ob gar nichts vorgefallen wäre. Er änderte auch +nichts an seiner Lebensweise und seinen Gewohnheiten. +Der einzige Unterschied war der, +daß er in diesen Tagen noch mehr Hühner +schlachtete als sonst. Das hatte aber einen +Grund: Sina, die sich bei Mischas Beerdigung erkältet +hatte, lag krank zu Bett und brauchte besondere +Diät. Und dann noch etwas — das ist aber +nur eine seiner Schrullen! —, er ließ zu Mittag die +riesengroße Ochsenzunge auftragen, die noch +vom Hochzeitsmahl übriggeblieben war. +</p> +<!-- page 103 --> + +<p>Endlich kam aus Moskau die Nachricht: Lida +hatte sich erhängt. Groß war der Schmerz der +Familie. +</p> + +<p>Nun wurde der zweite Sarg in die Suchotinsche +Familiengruft versenkt. Im Hause wurde es +noch öder und einsamer. Alexandra Pawlowna +schlich tagelang wie ein Schatten umher. +</p> + +<p>Sie konnte sich jetzt nicht verzeihen, daß sie +ihre Zustimmung zu dieser Ehe gegeben hatte: +sie hatte ja den Ramejkow als einen leichtsinnigen +und gemeinen — ja, ganz gemeinen! — Menschen +gekannt. Warum hatte sie Lida nicht gewarnt? +Lida hätte doch sicher auf ihre Warnung +gehört. Sie hätte sie leicht überzeugen können, +denn sie kannte so viele häßliche und gemeine +Geschichten aus Ramejkows Vorleben, über die +sogar am Hochzeitstage in ihrem Hause getuschelt +wurde. +</p> + +<p>Nun war es zu spät. Gewissensbisse halfen +nicht. Alexandra Pawlowna schrie beinahe vor +Schmerz. +</p> + +<p>Pjotr Nikolajewitsch war etwas abgespannt, +doch wohl kaum aus Schmerz über die Verluste. +Der Tod der beiden Kinder rief in ihm nur die +gleiche Neugier hervor wie der Tod jedes andern, +ihm gänzlich fremden Menschen. Seine Abgespanntheit +rührte eher von einer schlaflosen +Nacht her. Lidas Leiche war in einem geschlossenen +Sarge nach ›Gottessegen‹ gebracht worden; +Pjotr Nikolajewitsch bestand aber darauf, daß +der Deckel abgeschraubt wurde. Er enthüllte mit +<!-- page 104 --> +eigenen Händen das Gesicht seiner Tochter +und stand dann die ganze Nacht vor dem Sarge, +den Blick unverwandt auf die Tote gerichtet. +Nun saß er, mit seinem flaschengrünen Schlafrock +angetan, in einem Lehnsessel und schlummerte. +</p> + +<p>So verging die Nacht nach Lidas Beerdigung. +</p> + +<p>In Sinas Zustand trat indessen eine Verschlimmerung +ein. Die Ärzte konstatierten Typhus. +Ganz ›Gottessegen‹ hielt den Atem an und +wartete auf die Krisis. Und die Krisis kam. Die +Ärzte traten zu einem Konsilium zusammen und +erklärten, daß keine Hoffnung mehr da sei. +</p> + +<p>Bei den Suchotins herrschte eine strenge +Hausordnung, an der die Kinder, selbst als sie erwachsen +waren und in den Ferien auf Besuch +nach Hause kamen, noch immer festhielten: Lida +mußte ihrem Vater die Zigaretten stopfen und +Sina die Uhr im Eßzimmer aufziehen. Jetzt +stopfte der alte Kammerdiener Michej die Zigaretten, +und die Uhr im Eßzimmer stand still. +</p> + +<p>Sina litt sichtlich unter dem Gedanken, daß +ihre Krankheit die alte Hausordnung störte, und +wollte daher ins Krankenhaus gebracht werden; +sie konnte diesen Wunsch aber nicht mehr aussprechen: +sie hatte bereits ihre Sprache verloren. +</p> + +<p>Unter Anspannung ihrer letzten Kräfte bat sie +Sonja durch Zeichen um einen Bleistift und ein +Stück Papier. Als sie den einen Buchstaben ›K‹ +geschrieben hatte, entfiel der Bleistift ihrer +<!-- page 105 --> +Hand, und sie war tot. Wieder war der Schmerz +unbeschreiblich. +</p> + +<h3 class="no">3</h3> + +<p class="noindent">Der dritte Sarg wurde aus dem Hause getragen. +</p> + +<p>Als Alexandra Pawlowna in der Kirche von Sinas +Leiche Abschied nahm und zum letztenmal +ihr demütiges Gesicht mit den stahlblauen Augenlidern +und den vom Todeskampf verzerrten +Lippen sah, fiel ihr plötzlich das alte, ängstlich +gehütete Geheimnis ein, an das sie in den vielen +Jahren des Glücks kein einziges Mal gedacht +hatte. Und sie weinte bittere Tränen, und als sie +sich von der Leiche abwandte, war sie plötzlich +eine alte, gebückte Frau geworden. +</p> + +<p>»Habe ich denn gewußt, daß ich sie in diesem +Alter verlieren werde?« sagte sie weinend und +kopfschüttelnd vor sich hin. +</p> + +<p>Doch ihr Gewissen sagte ihr, statt sie zu trösten, +daß nur sie allein schuld sei und es sonst keinen +Schuldigen gäbe. Und unter der Last dieses +Gedankens fiel sie noch mehr zusammen und +wurde noch älter. +</p> + +<p>Sonja wich nicht von ihrer Seite. Sie versuchte, +sie zu trösten, sie weinte mit ihr und blickte sie +mit großen Augen an — sie war vor Schreck wie +gelähmt. +</p> + +<p>»Mutter, was sprichst du da?« fragte sie und +erschrak vor der eigenen Stimme. +</p> +<!-- page 106 --> + +<p>Und die Mutter erzählte ihr alles. +</p> + +<p>Vor fünfzehn Jahren, bald nach Sonjas Geburt, +war Alexandra Pawlowna einmal zu ihrer +Mutter auf Besuch gefahren und hatte alle Kinder +mitgenommen. Es war das erstemal, daß sie +›Gottessegen‹ und ihren Gatten verließ. Und sie +hatte gleich in der ersten Nacht einen bösen +Traum: sie sah ihren Mann in einer Kirche hinter +den Altar treten. Da wurde ihr ganz bange: ob +er nicht erkrankt oder gar tot sei? Auch in der +nächsten Nacht hatte sie einen bösen Traum: +daß ihr Trauring entzweigebrochen sei. Sie bekam +wieder Angst um ihren Mann und beschloß, +sofort heimzureisen. +</p> + +<p>»Während der Heimreise«, erzählte sie Sonja, +»betete ich unaufhörlich zu Gott: Wenn schon +ein Unglück geschehen soll, so laß, o Herr, ein +Kind von mir sterben, oder zwei Kinder, oder sogar +alle drei — Mischa, Lida und Sina —, erhalte +aber meinen Mann am Leben! Ich dachte mir: sie +sind ja noch so klein, ihren Verlust werde ich +leichter ertragen als seinen Tod. Dich nannte ich +aber in meinem Gebete nicht, ich konnte es nicht +übers Herz bringen . . . Wie ich nach Hause +komme, erfahre ich, daß bei uns eine Feuersbrunst +ausgebrochen war und dein Vater todkrank +darniederlag . . . Um ein Haar wäre er verbrannt . . . +Also hatte der Herr mein Gebet erhört +und das Haus und den Vater verschont. Ich war +ganz glücklich, und wir lebten weiter, als ob +nichts geschehen wäre . . . Und jetzt . . . Alles +<!-- page 107 --> +kommt von meinem Gebet. Wußte ich denn, daß +ich sie in diesem Alter verlieren würde?« +</p> + +<p>Alexandra Pawlowna quälte sich furchtbar +und ließ Sonja nicht von ihrer Seite. +</p> + +<p>Auch Pjotr Nikolajewitsch war jetzt zerstreut +und unruhig: auch ihn quälte wohl ein Gedanke. +Er konnte nicht mehr seinen gewohnten Beschäftigungen +nachgehen. Abends machte er noch den +Versuch, den großen Schrank im Eßzimmer umzustellen; +er rückte ihn von seiner alten Stelle +weg, hatte aber nicht mehr die Kraft, ihn bis an +die neue Stelle zu schieben. So blieb der Schrank +mitten im Zimmer stehen. Dann griff er nach seinem +Schürhaken; doch auch mit dem Heizen +wollte es heute nicht recht gehen. Von Zeit zu +Zeit kam er ins Schlafzimmer, setzte sich für einen +Augenblick auf den Bettrand und ging dann +wieder hinaus, seine Frau und Tochter in Verzweiflung +zurücklassend. +</p> + +<p>»Alle waren verlorengegangen — Mischa, Lida, +Sina und Sonja, und alle haben sich wieder eingefunden, +bis auf Sonja . . . Sonja fehlt noch . . .« +murmelte er leise vor sich hin. Man wußte nicht, +an wen er diese Worte richtete: an den alten Michej, +an den Ofensetzer Kusma oder an die Wirtschafterin +Darja Iwanowna, die jetzt die Hausfrau +vertrat. +</p> + +<p>Erst am späten Abend beruhigte er sich, ging +in sein Zimmer und legte sich schlafen. Der +Kammerdiener Michej wich keinen Augenblick +von seiner Seite. +</p> +<!-- page 108 --> + +<p>So unheimlich und öde wurde es im alten +Haus, so kalt in allen Winkeln. Wo war alles hingekommen +— Friede, Lachen, Glück? Drei Särge +— drei Tode ließen das warme Herdfeuer im +Hause erkalten. +</p> + +<h3 class="no">4</h3> + +<p class="noindent">Alle diese Ereignisse, die sich innerhalb nur eines +Monats abgespielt hatten, wurden natürlich in +der ganzen Gegend viel besprochen, und das alte +Gerede lebte wieder auf »Da geht es nicht mit +rechten Dingen zu!« — erklärte man sofort nicht +nur auf dem nahen Gute Kostomarowka und +dem etwas weiter entfernten Britany, sondern +auch in Motowilowka und selbstverständlich +auch in der Stadt. Was? Wieso? Warum? Und es +ging los. Die ganze Geschichte von ›Gottessegen‹ +und das ganze Leben der Suchotins wurden +haarklein untersucht und kommentiert, alle +Großmütter und Großtanten wurden zitiert, und +selbst solche Ereignisse, die sich entweder gar +nicht, oder jedenfalls nicht bei den Suchotins, +sondern, sagen wir, bei den Muromzews zugetragen +hatten, wurden erörtert. Und alle Geschichten, +jeder Klatsch kam wieder ans Licht: seht +nur, meine Herrschaften, urteilt selbst! Uns war +ja alles schon früher bekannt! +</p> + +<p>Aus irgendeinem Grunde klammerte man sich +an jenen geheimnisvollen General, den Jugendfreund +<!-- page 109 --> +Pjotr Nikolajewitschs, der seinerzeit, Gott +weiß warum, aus ›Gottessegen‹ geflohen war. +Und alle waren darin einig, daß der General alles +wisse und jede Aufklärung geben könne. Wie soll +man ihn aber finden? Jemand sagte: den Perewerdejew +kennt ja ganz Petersburg. Folglich ist +er in Petersburg? Gewiß! Der Gouverneur fragte +also dringend in Petersburg an. Die Antwort traf, +wie ich glaube, noch am gleichen Tage ein: in Petersburg +gebe es General, soviel man wolle, und +selbst mit solchen Familiennamen, die man in +Damengesellschaft gar nicht aussprechen könne; +ein Perewerdejew sei aber unbekannt. Sollte vielleicht +ein General Perewersew gemeint sein? +</p> + +<p>Und während man Nachforschungen nach einem +General Perewersew anstellte, verrichtete +ein eiserner Jemand gelassen und sicher sein sicheres +Werk, ohne jemandem Rechenschaft darüber +abzulegen; ein gnadenloser jemand näherte +sich in Siebenmeilenstiefeln aus weiter Ferne, um +Gericht zu halten. +</p> + +<p>Ohne Alexandra Pawlownas Leitung mußte +die Wirtschaft in Unordnung geraten; sie +spannte ihre letzten Kräfte an, um die alte Ordnung +aufrechtzuerhalten und für den Mann und +die Tochter zu sorgen: für den Mann, dem zuliebe +sie das große Opfer gebracht hatte, und für +die Tochter — der sie jetzt ihre ganze Ruhe zu opfern +bereit war. +</p> + +<p>Hatte sie sich nicht verrechnet, als sie in ihrem +Gebet die drei älteren Kinder opferte und Sonja +<!-- page 110 --> +vergaß oder vielmehr absichtlich verschwieg? +Warum verschwieg sie Sonja? Hätte sie das nicht +getan, so wären vielleicht alle vier verschont geblieben. +Und wenn alle vier gestorben wären? +Nein, das könnte nicht sein: sie hätte ja alles geopfert, +und wer alles opfert . . . Warum hatte sie +dennoch nicht alle geopfert? Diese Frage zermarterte +ihr Hirn und ließ sie nicht mehr los. +</p> + +<p>Und wenn jetzt auch Sonja stirbt? Sie sagte ja +eben, daß sie alles opfern möchte; also auch +Sonja? — diese Frage machte sie erschaudern. Sie +war wie von Sinnen. +</p> + +<p>»Sonja, Sonja! Wo bist du?« Jeden Augenblick +sah sie sich unruhig nach ihrer Tochter um, obwohl +diese nicht von ihrer Seite wich. +</p> + +<p>Zu den quälenden Gewissensbissen und der +Sorge um die einzige Tochter gesellte sich noch +die Sorge um den geliebten Mann, dessen Leben +mit dem Leben dreier teurer Kinder erkauft war. +Pjotr Nikolajewitsch war ganz heruntergekommen +und verließ sein Zimmer nicht mehr; er +konnte nur mit Mühe seine Beine schleppen, sein +Gesicht war blau angelaufen, seine Haare klebten +am Schädel, und seine welke, blasse Haut +schien ganz lose am Körper zu hängen. +</p> + +<p>In allen Zimmern verbreitete sich plötzlich ein +übler, dumpfer Geruch. +</p> + +<p>Das Haus war alt und beherbergte eine Menge +Ratten, — ganze Generationen hausten unter den +Dielen. Es kam vor, daß irgendeine uralte Ratte +verendete; der unerträgliche Geruch rührte wohl +<!-- page 111 --> +von einer solchen toten Ratte her. Zu einer andern +Zeit hätte Pjotr Nikolajewitsch sicher die +Stelle gefunden, man hätte ein Dielenbrett aufgebrochen +und den Kadaver entfernt; er kümmerte +sich aber nicht mehr darum. +</p> + +<p>Allen, die jetzt noch nach ›Gottessegen‹ kamen, +war es klar, daß es unmöglich so weitergehen +könne, daß früher oder später irgendein +Ende, ganz gleich was für eines, kommen müsse. +Und alle warteten gespannt auf das Ende. Drei +Tage und drei Nächte wollte man noch warten. +Zwei Tage und zwei Nächte waren aber schon +abgelaufen. +</p> + +<p>Am Samstag wurde im Hause eine Abendmesse +gelesen. P. Iwan sparte nicht mit dem +Weihrauch, und alle gingen mit Kopfschmerzen +zu Bett. +</p> + +<p>»Nachts ließ mich der gnädige Herr kommen«, +berichtete später der alte Michej, »und sagte mir: +›Lieber Michej, hole mir bitte gleich einen jungen +Hahn um Christi willen! Ich werde dir diesen +Dienst nie vergessen!‹ — ›Gnädiger Herr‹, sage ich +ihm, ›was wollen Sie mit dem Hahn um diese +Stunde? Es ist ja Nacht!‹ Er sagt darauf nichts, +blinzelt mir nur so mit einem Auge zu, als ob er +sagen wollte: Rate mal selbst, wozu ich ihn brauche! +— Ich ging in den Hühnerstall, suchte einen +recht schönen, fetten Hahn aus und brachte ihn +ihm. Auch ein Messer brachte ich gleich mit. Der +Herr nahm das Messer und begann den Hahn zu +schlachten; er hatte aber nicht mehr die Kraft, es +<!-- page 112 --> +ordentlich zu tun, und der Hahn zappelte lange +in seinen Händen. Endlich war er mit dem Hahn +doch fertig geworden, — eine große Blutlache war +auf dem Boden, auch er selbst war ganz mit Blut +beschmiert. Das hatte ihn wohl etwas erleichtert. +— ›Weißt du, Michej‹, sagte er mir dann, ›jetzt +hätte ich Lust, mir eine Leiche anzusehen!‹ — +›Gott sei mit Ihnen!‹ sage ich ihm. — ›Wo soll man +jetzt eine Leiche hernehmen?‹ Es überläuft mich +ganz kalt, und ich sehe, daß auch der Herr nur so +mit den Zähnen klappert. — ›Und wo ist Sonja?‹ +fragt er noch und sieht mich dabei so an . . . Bis an +mein Ende werde ich daran denken, wie er mich +ansah! — ›Im Schlafzimmer‹, sage ich ihm, ›bei +der gnädigen Frau.‹ Da beruhigte er sich ein wenig, +und ich ging fort und legte mich hin.« +</p> + +<p>Die Haushälterin Darja Iwanowna erzählte: +»Ich erwachte mitten in der Nacht und höre einen +Kater miauen. Und ich denke mir: ›Was mag +das für ein Kater sein?‹ Ich rufe ihn an, doch er +faucht nur so.« +</p> + +<p>»Einen Hahn haben wir wirklich krähen hören«, +bestätigten die anderen Hausbewohner. +</p> + +<p>Der Hahn brachte Pjotr Nikolajewitsch keine +Erleichterung, und es war doch so ein prächtiger +Hahn gewesen! Seine Kräfte gingen zur Neige, es +war ihm, als ob er ersticken müßte. Er richtete +sich in seinem Bett auf und keuchte: +</p> + +<p>»Alle waren verlorengegangen — Mischa, Lida, +Sina und Sonja, und alle haben sich wieder eingefunden, +bis auf Sonja! Sonja fehlt noch!« +</p> +<!-- page 113 --> + +<p>Das Verlangen, Sonja sofort zu suchen, trieb +ihn aus dem Bett und führte ihn aus dem Zimmer. +Das Messer noch immer in der Hand haltend, +kroch er auf allen vieren ins Schlafzimmer +seiner Frau. +</p> + +<p>Die Schlafzimmertür war nur angelehnt. Vor +dem Heiligenbild glimmte ein Öllämpchen. +Sonja schlief bei ihrer Mutter, das Gesicht zur +Tür gewandt. +</p> + +<p>»Mein kleines, liebes Hühnchen!« murmelte +Pjotr Nikolajewitsch, an das Bett herankriechend. +</p> + +<p>Sonja schlug die Augen auf und richtete sich +auf. Mit Schrecken sah sie den zitternden, blutbefleckten +Vater und reckte ihren Schwanenhals. +</p> + +<p>»Du liebes, kleines Hühnchen!« flüsterte er +und bemühte sich, vom Boden aufzustehen. +</p> + +<p>Und er richtete sich auf. +</p> + +<p>Der Schwanenhals reckte sich im Schein des +Öllämpchens unter dem blitzenden Messer noch +mehr. Einen Augenblick noch — und ein kirschrotes +Halsband hätte den Schwan erwürgt. Pjotr +Nikolajewitsch hatte aber nicht mehr die Kraft. +Es gab keine Rettung mehr für ihn. Das Messer +entglitt seiner Hand und fiel zugleich mit der +Haut, die sich von seinen Fingern loslöste, zu Boden. +</p> + +<p>Der Alte fuhr zusammen und setzte sich auf +den Teppich. Er begann plötzlich einzuschrumpfen. +Die Nase, der Mund, die Ohren, alles Fleisch +sammelte sich zu dicken Falten, die sich aufblähten +<!-- page 114 --> +und zerplatzten, und ein dünner, klebriger +Brei löste sich von den weißen Knochen und floß +zu Boden. +</p> + +<p>Das Licht des Lämpchens fiel auf einen ganz +nackten, blinden Totenkopf; er war weiß wie +Zucker und schien zu grinsen. Im gleichen Augenblick +wurde die Tür von einem Flammenmeer +aufgerissen. Die Flamme warf der Mutter, +der besinnungslosen Tochter und dem Totenkopf +einen stechenden Blick zu, reckte sich zur +Zimmerdecke empor und flog als roter Hahn knisternd +durch die Räume. +</p> + +<p>Das Haus stand in Flammen. +</p> +<!-- page 115 --> + +<h2 class="chapter" id="chapter-5"> +Der den Teufel rief</h2> + +<h3 class="no">1</h3> + +<p class="first">Das alte Wersenewsche Haus ist in aller Munde. +In Krutowrag ist es nicht geheuer. +</p> + +<p>Viel Interessantes und natürlich auch viel +Gruseliges erzählte man sich über das alte Haus. +</p> + +<p>Sergej Sergejewitsch Wersenew selbst ist allerdings +nicht sehr gesprächig: auch kümmert er +sich wenig um solche Dinge. Aber seine Frau Jelisaweta +Nikolajewna und die beiden Kinder — der +Gymnasiast Gorik und die Gymnasiastin Buba — +lieben es, von den alten Zeiten zu sprechen. Mit +Genuß sprechen sie davon, wie auch das Hausgesinde, +die alte Kinderfrau Solomowna, der Koch +Prokofi Konstantinowitsch und der Lakai Sinowi, +in der Küche beim Teetrinken gern über +die gleichen Dinge sprechen; doch im Flüsterton! +</p> + +<p>Im Garten, am Sandhügel, den noch in den +Tagen der Leibeigenschaft Kinder und Greise +aufgeschüttet hatten, zeigte man einen kleinen +schlammigen Weiher, der selbst beim stärksten +Frost nur am Rande, um die kalte Quelle herum, +die in seiner Mitte sprudelte, zufror und, wie es +hieß, gar keinen Grund hatte. +</p> + +<p>Jede Nacht kam aus dem Weiher eine Troika +<!-- page 116 --> +heraus; sie fuhr lautlos durch die Lindenallee +und hielt vor der Veranda des Herrenhauses; ein +uralter Greis, Wersenews Großvater, sprang aus +dem Wagen, ging auf die Veranda hinauf, spazierte +dort auf und ab und roch an den Blumen; +dann begab er sich in den großen Saal, stieg in +den Keller hinab und kehrte schließlich mit seiner +Troika in den grundlosen Weiher zurück. +</p> + +<p>Unter dem Hause befanden sich zwei sehenswerte +gewölbte Keller: ein großer, der jetzt leer +war, und ein kleiner, der als Weinkeller benutzt +wurde. Aus dem leeren Keller, wo man vor Zeiten +die Leibeigenen, die sich etwas zuschulden +hatten kommen lassen, zu züchtigen pflegte, +hörte man nachts ein Stöhnen; und im kleinen +Keller, wo einst die Wersenewschen Schätze verwahrt +wurden, klirrte es oft, wie wenn jemand +Dukaten zählte. +</p> + +<p>Einen neuen Gast pflegte man vor allen Dingen +in das Eckzimmer im Obergeschoß zu führen, +aus dessen Fenster man die Landstraße sehen +konnte. In diesem Zimmer standen mit altmodischen +Kleidern und merkwürdigem Schuhwerk +angefüllte Schränke: es war Großmutters +Garderobe. +</p> + +<p>Man erzählte sich, daß Sergej Sergejewitschs +Mutter, Fedossja Alexejewna, von ihrem Mann +in Krutowrag verlassen, Tag und Nacht vor diesem +Fenster gesessen habe; sie sei auch, so vor +dem Fenster sitzend und auf die Straße schauend, +gestorben. +</p> +<!-- page 117 --> + +<p>Sehr traurig war es in diesem hellen, traurigen +Zimmer und sehr unheimlich; viel unheimlicher +und öder als im großen Keller, an dessen Wänden +man noch die braunen Blutspritzer sehen +konnte. Das Zimmer, das an Fedossja Alexejewnas +Zimmer anstieß, war unbewohnt; man bewahrte +die alten Spielsachen der Kinder dort +auf. +</p> + +<p>Durch eine Galerie, die das Haus in zwei Hälften +teilte, gelangte man in das geräumige Vestibül +im Erdgeschoß und von da aus in einen großen +Saal mit zwei übereinanderliegenden Reihen +Fenster; zwischen den Fenstern, die auf die Veranda +hinausgingen, standen schmale Spiegel. +</p> + +<p>In ihnen spiegelte sich der Kronleuchter, und +sie begleiteten jeden, der vorbeiging, mit ihrem +schweren Spiegelblick. +</p> + +<p>Rechts folgten die innern Wohnräume, an die +sich eine in späterer Zeit angebaute Küche anschloß, +und links — die Paradezimmer. +</p> + +<p>Im Salon standen unter den Familienbildnissen +L’hombretische, die schon manches wahnwitzige +Hasardspiel gesehen hatten. +</p> + +<p>Hier erschien jede Nacht, so berichteten die +Augenzeugen, Sergej Sergejewitschs Vater, Sergej +Petrowitsch, ein leidenschaftlicher Spieler, +der im Auslande das ganze Riesenvermögen seiner +von ihm verlassenen Frau verspielt hatte; er +ging von Tisch zu Tisch, klappte sie auf und stöberte +unter dem Tuch herum, als hoffe er, noch +einen vergessenen Dukaten zu finden. +</p> +<!-- page 118 --> + +<p>Aus dem Salon führte man den Gast in die Bibliothek +und ins Arbeitszimmer. +</p> + +<p>Hier in diesem Arbeitszimmer, in die Ecke neben +dem Schrank mit dem dunklen astronomischen +Globus gekauert, war Sergej Petrowitsch +gestorben; vor seinem Tode soll er <i>echte Teufel</i>, das +heißt Teufel ohne Schweif und Hörner, gesehen +haben. +</p> + +<p>Obwohl niemand außer Sergej Sergejewitsch +etwas Sicheres darüber wissen konnte — der +Vater ließ in seiner Sterbestunde nur ihn allein +zu sich kommen —, konnte man die Geschichte +von den echten Teufeln ohne Schweif und Hörner +in ganz Krutowrag hören, in allen Winkeln +und von allen Kreaturen: von dem alten tauben +Gemüsegärtner Gordej bis zu der allmächtigen +Näherin Anna Fjodorowna Raphael. Der selige +Sergej Petrowitsch pflegte nämlich alle einfachen +Leute ohne Ausnahme Kreaturen zu nennen. +</p> + +<p>Nachdem der Gast die Paradezimmer, die zu +beiden Seiten eines dunklen Korridors gelegenen +Wohnräume in der rechten Hälfte des Hauses +und die beiden Keller besichtigt hatte, führte +man ihn in das Speisezimmer, wo vor verhältnismäßig +kurzer Zeit der Wein in Strömen floß; zu +der gleichen Zeit, als im Salon klirrendes Gold +mit beiden Händen ausgestreut wurde. +</p> + +<p>Im länglichen niedern Speisezimmer fanden +die Wersenewschen Gespräche und überhaupt +alle Erinnerungen ihren Abschluß. +</p> +<!-- page 119 --> + +<p>Noch manches andere Interessante und natürlich +auch Gruselige erzählte man sich über das +Haus. +</p> + +<p>Darum brannten in allen Zimmern bis spät in +die Nacht hinein Kerzen. Das nächtliche Knistern +der Parkettböden verbannte aber jeden +Schlaf aus dem Hause. +</p> + +<p>Weiße Säulen, schwer und massiv wie Elefantenbeine, +stützten das im Winde klirrende feste +Eisendach. Sie allein schienen Tag und Nacht ruhig +zu schlafen, ohne sich um all diese Geschichten, +um das Grauen, das nachts in den Zimmern +herrschte, und um die Fledermäuse, die an ihnen +klebten wie die Fliegen an der Kinderfrau Solomowna, +zu kümmern. Die alten Pappeln aber, +die das Haus überragten, rauschten ständig, +ganz gleich ob der Tag windstill oder stürmisch +war. +</p> + +<p class="tb"> </p> + +<p class="noindent">Die Türen stehen bei den Wersenews immer weit +offen: jedermann kann zur beliebigen Stunde +kommen. Die Wersenews haben ständig Besuch; +das ganze Jahr ist wie ein Geburtstag. +</p> + +<p>Verwandte und Bekannte, Nachbarn und +Leute aus der Stadt kommen sehr oft und sehr +gern nach Krutowrag. Sie kommen nicht einzeln +und nicht in Paaren, sondern mit der ganzen Familie, +wie in Großvaters Tagen. +</p> + +<p>Selbst in Zeiten, wo alle miteinander verzankt +waren, verstanden es die Wersenews, sich mit allen +gut zu vertragen. Sie freuten sich über jeden Gast. +</p> +<!-- page 120 --> + +<p>Gar lustig ging es in Krutowrag zu! +</p> + +<p>Warum sollte es dort auch nicht lustig zugehen! +Die Nacht mit ihren Schmerzen währte ja +nicht ewig; es gab ja auch einen Tag! Und was +hatte auch schließlich so eine Wersenewsche +Nacht mit all ihren dummen Ängsten zu bedeuten? +</p> + +<p>Jelisaweta Nikolajewna verstand es meisterhaft, +ihren Gästen Unterhaltungen und Zerstreuungen +zu bieten. Sie war die Anstifterin aller +lustigen Streiche und ließ auch ihren Kindern +darin volle Freiheit. +</p> + +<p>Gorik und Buba hatten viele Altersgenossen. +Man veranstaltete Liebhabervorstellungen und +lebende Bilder, man spielte Scharaden; immer +gab es Feuerwerk, Picknicks, Ausflüge zu Wagen +und zu Pferde und Bootfahrten. +</p> + +<p>Wie sollte man sich da fürchten: es war ja zu +lustig! +</p> + +<p>Nur eines fehlte ihnen: ein Aeroplan. Die Wersenews +träumten von einem Aeroplan mit der +gleichen Sehnsucht, mit der die Gymnasiasten +der guten alten Zeit von Amerika träumten. Hätten +sie aber wirklich solch einen Aeroplan bekommen, +so wäre es wohl um sie geschehen: sie +wären dann in solche Höhen, in solche Wolkenmeere +emporgeflogen, daß ihnen nur das eine übriggeblieben +wäre: ein Ende mit Schrecken! +</p> + +<p>Sie betrieben alle Zerstreuungen und Belustigungen +mit viel zuviel Eifer und Leidenschaft; +die Spiele erschienen als wichtige und bedeutsame +<!-- page 121 --> +Angelegenheiten, ohne die man gar nicht +leben könnte, ohne die nur das eine übrigblieb: +ein Ende mit Schrecken! +</p> + +<p>Die Erwachsenen wurden von dieser Lustigkeit +angesteckt und waren stets mit den Kindern +zusammen. Sie ließen ihnen einfach keine Ruhe. +Ganze Tage gingen im Spiel hin. +</p> + +<p>Gar lustig ging es in Krutowrag zu! +</p> + +<p>Alle diese Belustigungen kosteten eine Menge +Geld und erforderten große Mühe und viele Arbeitshände. +Manchmal nahmen sie auch ein +schlechtes Ende. Aber jede vernünftige Sache +kann zu einem schlechten Ende führen! +</p> + +<p>Der Gärtner Eduard, den man sich nach Krutowrag +aus Riga verschrieben hatte, ein arbeitsamer, +zu philosophischen Betrachtungen neigender +und kunstfertiger Mann, mußte einen ganzen +Sommer lang, statt sein Gärtnerhandwerk auszuüben +— die Blumen zu pflegen und Kunstgärtnerei +zu treiben —, Abend für Abend Raketen steigen +lassen. Er erlangte darin eine große Fertigkeit, +aber die Blumen gingen zugrunde. Und was +waren das für Blumen! +</p> + +<p>Es ist noch manches Ähnliche passiert; die Belustigungen +kamen gar nicht billig zu stehen! +</p> + +<p>Nur wenige Abende liefen ohne Feuersbrunst +ab. +</p> + +<p>In den letzten Jahren hatte es so oft gebrannt, +daß selbst die Sterne, die trüben Sterne von Krutowrag, +die scheu über dem Wersenewschen +Hause flimmerten, die emporlodernden Flammen +<!-- page 122 --> +der Feuersbrünste nicht mehr fürchteten. +Auch in den Nachbardörfern brannte es in einem +fort. Das wurde aber weniger der Unvorsichtigkeit +der Wersenews als Brandstiftungen zugeschrieben: +es gab ja genug Gesindel in der Gegend +und viele reiche Besitzungen. +</p> + +<p>Man könnte doch meinen, die Wersenews +müßten etwas vorsichtiger werden! Wie leicht +konnte ein Unglück passieren! Und doch kannten +sie kein größeres Vergnügen als Brennen. +</p> + +<p>Man brannte Raketen und Feuerwerk ab; man +legte im Walde Feuer an, um Kartoffeln zu braten +oder auch ohne jeden Zweck; in Sommernächten +brannten diese Feuer bis zum Morgengrauen; +im Garten gab es immer Feuerwerk oder +brennende Reisighaufen. Ohne Feuer gab es bei +ihnen kein Vergnügen; man vergaß viel eher das +Abendbrot als irgendeinen qualmenden und +über die ganze Gegend Funken werfenden ›Persischen +Blitz‹. Den Blitz vergaß man niemals! +</p> + +<p>Die Wersenews brannten, wo man nur brennen +konnte, und auch dort, wo man es gar nicht +durfte. Sie steckten an, was ihnen gerade in die +Hände fiel. +</p> + +<p>Jelisaweta Nikolajewna begnügte sich nicht +damit, ihre Kinder zu solchen gefährlichen Spielen +zu ermuntern: nein, sie erfand selbst neue Variationen +und war die eigentliche Rädelsführerin. +Sie benahm sich bei diesen gefährlichen Unternehmungen +so kindlich und schelmisch, als ob sie +nicht Bubas Mutter, sondern ihre Schwester +<!-- page 123 --> +wäre; sie stand ihren Kindern in nichts nach und +betrieb alles mit dem gleichen verrückten Eifer +und komischen Ernst wie sie. +</p> + +<p>Jelisaweta Nikolajewna konnte niemals ruhig +auf einem Platze sitzen: im Sommer gab es jeden +Augenblick Liebhaberaufführungen und Feuerwerk, +im Winter Abendunterhaltungen und Besuche +bei den Nachbarn. Sie machte überhaupt den +Eindruck eines höchst leichtsinnigen Menschen. +Wenn man aber mit ihr sprach, so konnte man hören, +daß sie das alles nur den Kindern zuliebe tat; +auch das viele Geld reute sie nicht, wenn sie ihnen +damit eine Freude machen konnte. +</p> + +<p>Sie sprach von ihren Mutterpflichten mit solcher +Überzeugung und zeigte darin einen so unerschütterlichen +Glauben, daß der sonst allzu +auffällige schelmische Ausdruck in solchen Momenten +spurlos in der Tiefe ihrer erschrockenen +Augen verschwand. +</p> + +<p>Die Damen aus der Nachbarschaft, die die erstaunliche +Gabe besaßen, jeden Unsinn mit den +unsinnigsten Einzelheiten aufzustöbern und zu +verbreiten und so flink wie die Flöhe in die verborgensten +Winkel einzudringen, selbst die bedeutendsten +Spezialistinnen auf dem Gebiete des +Klatsches und der Intrige, wußten mit ihr nichts +anzufangen: man konnte ihr beim besten Willen +nichts nachweisen und keinen Roman, in dem sie +eine handelnde Person wäre, konstruieren. +</p> + +<p>Die Kinder waren von Natur aus schwächlich, +sie wären wohl dauernd krank gewesen, wenn die +<!-- page 124 --> +Mutter sie nicht immer zu den ausgelassensten +Spielen angehalten hätte. Sie waren wahre Räuber, +die Mutter aber eine noch größere Räuberin +als sie. Ohne sie würde keine einzige Belustigung +zustande kommen und kein Feuerwerk brennen; +von ihr ging diese ausgelassene Freude aus, und +ihretwegen wäre man am liebsten immer in Krutowrag +geblieben; alles war das Werk ihrer +Hände, die so klein und flink waren, sich aber +auch an ein Ding wie mit Krallen festzuklammern +verstanden . . . +</p> + +<p>Man kann nicht behaupten, daß Sergej Sergejewitsch +ungastlich gewesen wäre; im Gegenteil: +er freute sich aufrichtig über jeden Gast und bot +einem jeden von seinen vorzüglichen Havannazigarren +an, mit brasilianischem oder mit mexikanischem +Deckblatt — ganz nach Wunsch! Es war +aber einmal so eingeführt und konnte anscheinend +gar nicht anders sein, als daß die Gäste, die +so gern zu den Wersenews kamen, den Herrn des +Hauses nach Möglichkeit mieden. +</p> + +<p>Der Grund war sehr einfach: in Wersenews +Gesellschaft war es immer furchtbar langweilig. +</p> + +<p>Von außen gesehen, waren seine Erscheinung, +seine Manieren und Gewohnheiten durchaus +normal und in keiner Weise sonderbar oder auffallend; +er war ein Mensch wie alle Menschen +und schnaufte sogar wie mancher andere mit der +Nase: wenn auch etwas lauter als der Krutowrager +Adelsmarschall Turbejew, aber doch nicht so +laut wie der General a. D. Belojarow. Er hielt viel +<!-- page 125 --> +auf gute Kleidung und trug sich nicht weniger +elegant als der Landrat Pustoroslew, dessen beispiellose +Vergeßlichkeit in seinen privaten wie +auch öffentlichen Angelegenheiten sprichwörtlich +geworden war. Was konnte man von ihm +noch mehr verlangen? Aber trotz all seiner Liebenswürdigkeit +und Aufmerksamkeit und trotz +der berühmten Havannazigarren würde es jedermann +vorziehen, vierundzwanzig Stunden lang +auf irgendeiner gottverlassenen Eisenbahnstation +zu sitzen, als eine Minute unter vier Augen +mit Sergej Sergejewitsch zu verbringen. +</p> + +<p>Er unterbrach seinen Gesprächspartner mitten +in einem Satze und verzog das Gesicht mit einem +Ausdruck, als ob er sich auf etwas besinnen +wolle oder nach einem Wort suche, das präziser +als alle sonst gebräuchlichen Umgangsworte seinen +Gedanken ausdrücken könne, während es in +seiner Kehle eigentümlich pfiff. Nachdem er den +bestürzten Gesprächspartner eine Zeitlang in gespanntester +Erwartung hatte zappeln lassen, +winkte er plötzlich mit der Hand ab und faßte seinen +Ärger und seine Ohnmacht in dem einzigen +Worte zusammen: +</p> + +<p>»Teufel!« +</p> + +<p>›Teufel!‹ klang es zu allen Tages- und Nachtstunden +im Hause, im Garten, im Felde, auf dem +Flusse, kurz überall, wo Wersenew nur auftauchte. +</p> + +<p>Wersenew blieb aber niemals der lustigen Gesellschaft +fern; es zog ihn immer zu seinen Gästen, +<!-- page 126 --> +und er folgte ihnen, laut mit der Nase +schnaufend, überallhin wie ein Schatten. Von allen +vernachlässigt und in den Schatten gedrängt, +wiederholte er zu den Klängen der Tanzmusik, +zu dem lustigen Lachen und Schreien, zu dem +Knistern des Feuerwerks und dem Krachen der +Raketen sein einziges, seinen Ärger und seine +Ohnmacht zusammenfassendes schwarzes Wort: +</p> + +<p>»Teufel!« +</p> + +<p>Alle hatten sich so sehr an diesen Wersenewschen +›Teufel‹ gewöhnt, daß es niemand mehr +merkte. +</p> + +<p>Nur die alte Kinderfrau Solomowna, eigentlich +Jefimija Awessalomowna, die den Sergej Sergejewitsch +großgezogen hatte, schlug das Kreuz +und schüttelte den Kopf. +</p> + +<p>Wenn in der Küche oder in der Mägdekammer +von den Herrschaften gesprochen wurde, tadelten +sie weder deren Verschwendungssucht noch +die Lotterwirtschaft, sondern nur das eine: daß +der gnädige Herr immer den ›Teufel‹ im Munde +habe. +</p> + +<p>Man wußte ja sehr gut, von Solomowna wußte +man es, wohin das führen konnte. +</p> + +<p>»Wenn man den Teufel zur ungelegenen Zeit +ruft, so kommt er als schwarzer Sturmwind geflogen +und ergreift den Menschen, und der Mensch +geht zugrunde!« sagte die Kinderfrau, indem sie +sich den Mund bekreuzigte und den Kopf schüttelte. +</p> + +<p>Und alle waren ihrer Meinung; niemand widersprach +<!-- page 127 --> +ihr, besonders wenn abends davon die +Rede war. Der Koch Prokofi Konstantinowitsch +spottete nicht, der Kutscher Anton wußte nichts +dagegen einzuwenden, die drei Zimmermädchen: +Charitina, Ustja und Sanja waren ganz ihrer +Meinung, ebenso wie die Wäscherin Matrjona +Simanowna und der Bautischler Terenti; +selbst der verwilderte Schmied, den man ›Truthahn‹ +nannte, der an keine übernatürliche +Macht glaubte und selbst eine Art Hexenmeister +oder Gott weiß was war, sagte kein Wort dagegen; +der schweigsame Lakai Sinowi lächelte +nicht, und sein Gehilfe, der kleine Pjotr, wagte +nicht zu grinsen; dieser Pjotr glaubte nur an den +schrecklichen Wels mit dem langen Schnurrbart, +der einmal vor grauen Jahren ein Kalb verschlungen +hatte und sich alle zwölf Jahre im +Flusse zeigte; beim bloßen Gedanken an diesen +Wels zitterte er am ganzen Leibe. +</p> + +<p>»Auch der selige Herr Sergej Petrowitsch hatte +so eine Angewohnheit«, pflegte Solomowna zu +sagen, »alle Leute nannte er ›Kreaturen‹. ›Kreatur‹, +pflegte er zu sagen, ›komm einmal her!‹ +Selbst den Dorfgeistlichen nannte er Kreatur. +Die Sünde ist zwar groß, aber doch lange nicht so +groß wie die von Sergej Sergejewitsch.« +</p> + +<p>Sergej Sergejewitsch, dem es unter den Gästen +langweilig wurde, kam plötzlich in die Küche +oder in die Mägdekammer und stand, schwer mit +der Nase schnaufend, da. +</p> + +<p>Die Dienstboten sprangen erschrocken auf +<!-- page 128 --> +und erwarteten von ihm irgendeinen Befehl oder +auch ein ordentliches Donnerwetter. +</p> + +<p>Sergej Sergejewitsch stand aber regungslos da, +starrte unverwandt auf den verwilderten ›Truthahn‹, +der selbst eine Art Hexenmeister oder +Gott weiß was war, und verzog das Gesicht mit +einem Ausdruck, als ob er sich auf etwas besinnen +wollte, oder nach einem Wort suchte, das +präziser als alle sonst gebräuchlichen Umgangsworte +seinen Gedanken ausdrücken könnte, während +es in seiner Kehle eigentümlich pfiff. +</p> + +<p>Nachdem er die bestürzten Dienstboten eine +Zeitlang in gespanntester Erwartung hatte zappeln +lassen, winkte er plötzlich mit der Hand ab +und faßte seinen Ärger und seine Ohnmacht in +das eine Wort zusammen: +</p> + +<p>»Teufel!« +</p> + +<p>»Teufel!« — hallte es irgendwo im Korridor wider, +und irgendwo unter dem Ofen, und irgendwo +im Keller, und irgendwo hoch über der +Decke auf dem dunklen Dachboden; das Wort +übertönte die Musik, den Tanz, das Lachen, +Schreien, das Krachen der Raketen und das Knistern +des Feuers. +</p> + +<p>Die Sterne am Himmel, die trüben Sterne von +Krutowrag, die sich an die emporlodernden +Flammen längst gewöhnt hatten, blickten unruhig +auf das Wersenewsche Haus hernieder. +</p> +<!-- page 129 --> + +<h3 class="no">2</h3> + +<p class="noindent">Woher und wie lange Wersenew die üble Angewohnheit +hatte, den Teufel zu rufen, wußte niemand; +niemand dachte auch je darüber nach. +</p> + +<p>Wollte man auf alle Redensarten und Scherzworte +aufpassen und über sie nachdenken, so +würde ein Menschenleben dazu nicht ausreichen; +außerdem riskiert man dabei, sich selber +eines davon anzugewöhnen: es gibt doch recht +üble Redensarten! Der Adelsmarschall Turbejew +pflegt zum Beispiel an jeden Satz, den er spricht, +das Wort ›gewissermaßen‹ anzuhängen, und das +hat ihm noch niemals geschadet. Als aber der +Krutowrager Krämer Charin diese Redensart +vom Adelsmarschall übernommen hatte, kam er +beinahe an den Bettelstab. Wie sollte er auch +nicht an den Bettelstab kommen? Nehmen wir +zum Beispiel die von einem Krämer am häufigsten +gebrauchte Wendung: ›Das kostet soundsoviel‹; +dieser Ausdruck ist durchaus eindeutig und +bestimmt den Preis in Rubeln und Kopeken +aber: ›Das kostet gewissermaßen soundsoviel‹ — +klingt schon ganz anders. Oder: ›Schicken Sie es +mir gewissermaßen sofort‹; ›Schicken Sie es mir +sofort‹ — das versteht der größte Dummkopf, aber +›gewissermaßen sofort‹ wird auch der Gescheiteste +nicht verstehen. Dasselbe gilt von Wersenews +›Teufel‹: wenn man dieser Redensart zuviel Beachtung +schenkt und immer an sie denkt, so kann +sie leicht an einem hängenbleiben; und wenn +<!-- page 130 --> +man sie sich angewöhnt hat, geht man sicher zugrunde. +Die alte Solomowna mußte es ja wissen: +Solomowna stammte noch aus der Zeit der Leibeigenschaft; +sie hatte vieles gesehen, gehört und +erlebt; also hatte sie wohl recht, wenn sie sagte: +<i>Wenn man den Teufel zur ungelegenen Zeit ruft, so +kommt er als schwarzer Sturmwind geflogen und ergreift +den Menschen, und der Mensch geht zugrunde!</i> +</p> + +<p>So urteilten alle Leute in Krutowrag und auch +anderwärts, die, ob sie wollten oder nicht, mit +Sergej Sergejewitsch zusammenkommen mußten; +es waren auch gar nicht die ersten besten, sondern +lauter belesene und verständige Menschen, bewanderte +Archäologen und Mechaniker. +</p> + +<p>So urteilte auch der Geistliche von Krutowrag +P. Astriosow, der zwischen allen Dingen und +Handlungen ein ›Bindeglied‹ zu konstruieren +suchte, kein gewöhnliches, sondern unbedingt +ein ›eisernes‹ Bindeglied. +</p> + +<p>Von den übrigen Bekannten lohnt sich gar +nicht zu sprechen. Sie überhörten den Wersenewschen +›Teufel‹ ganz einfach und schenkten +ihm nicht die geringste Beachtung. +</p> + +<p>»Wenn Wersenew den Teufel ruft, so ist es +seine Sache! Es gibt Redensarten, die von Vornehmheit +und Überhebung zeugen: so das ›Bitte +zu beachten‹ des Landrats Pustoroslew; es gibt +fromme Redensarten, die ekstatisch veranlagten +Leuten eigen sind, wie zum Beispiel ›Herr Jesus!‹ +Es kommt aber auch vor, daß vornehme Herren +in hoher gesellschaftlicher Stellung, wie zum Beispiel +<!-- page 131 --> +der General a. D. Belojarow, Ausdrücke gebrauchen, +die nicht wiederzugeben sind; und +zwar nicht nur, wenn sie von etwas überrascht und +bestürzt sind — in diesem Fall kann es ja auch jedem +wohlerzogenen Menschen, der sonst in seiner +Ausdrucksweise sehr vorsichtig ist, passieren —, +nein, es ist einfach eine üble Angewohnheit.« +</p> + +<p>So urteilten die Gleichgültigen. +</p> + +<p>Niemand wagte Sergej Sergejewitsch selbst +über seine Redensart zu befragen. Manchmal lächelte +man dazu, aber niemand hatte den Mut, +die Frage ganz unverblümt zu stellen. Man genierte +sich einfach, eine solche Bagatelle zur +Sprache zu bringen. +</p> + +<p>Wersenew selbst war sich aber seiner Angewohnheit +wohl gar nicht bewußt. +</p> + +<p>Wäre er sich dieser seiner Angewohnheit bewußt +gewesen, so hätte er sich doch hie und da +beherrschen können. Das war aber noch niemals +vorgekommen: jede Begrüßungsansprache, jeder +Geburtstagstoast endete bei ihm unfehlbar mit +dem ›Teufel‹. +</p> + +<p>Ohne den Teufel gab es bei ihm keine einzige +Rede, kein einziges Gespräch und keinen einzigen +Satz. +</p> + +<p>Es wäre aber immerhin interessant zu ergründen, +wann und warum er sich diese dumme Redensart +angewöhnt hatte! +</p> + +<p>Eines war klar: daß es hier weder das berühmte +Astriosowsche ›eiserne Bindeglied‹, noch +überhaupt ein Bindeglied gab: der Wersenewsche +<!-- page 132 --> +›Teufel‹ hing einfach in der Luft, und zwar +in der gleichen Höhe wie das ›gewissermaßen‹ +des Adelsmarschalls, mindestens ebenso klar war +es auch, daß Sergej Sergejewitsch ohne diesen +›Teufel‹ undenkbar war und daß, wenn man ihm +diese Eigenheit genommen hätte, man es nicht +mehr mit Sergej Sergejewitsch Wersenew, sondern +mit einem ganz anderen Menschen zu tun +haben würde. +</p> + +<p class="tb"> </p> + +<p class="noindent">Wersenew konnte sich gut an seine Mutter erinnern. +</p> + +<p>Fedossja Alexejewna stammte aus einer alteingesessenen +Moskauer Kaufmannsfamilie mit alten +Traditionen. Unendliche Abendgottesdienste, +Frühmessen, Heilung von Besessenen im Simonskloster, +Schlittenfahrten im Karneval, rote +Osterkerzen, Glockengeläut im Kreml, Maifeiern +im Sokolniki-Wäldchen, Berichte von Pilgern, +Wallfahrten nach dem Troiza-Sergius-Kloster, +Kirchenprozessionen und die strenge Hausordnung +im Vaterhaus — das war das Wiegenlied, +unter dem sie aufgewachsen war, das erste +rote Bändchen in ihren Zopf geflochten, das +erste Feuer in ihrem verzagten Herzen und ihren +weitgeöffneten Augen entzündet und ihr erstes +Lächeln durch ihren ersten Kummer getrübt +hatte. +</p> + +<p>Aus dem alten, frommen Moskau kam sie plötzlich +in das Wersenewsche Herrenhaus, nach +Krutowrag mit dem grundlosen Weiher und dem +<!-- page 133 --> +gewölbten Keller, an dessen Wänden braune +Blutspritzer zu sehen waren. +</p> + +<p>Wenn Wersenew an seine früheste Kindheit +dachte, so erhob sich vor ihm sofort wie im Nebel +das Bild seiner Mutter. Niemals konnte er vergessen, +wie sie Tage und Nächte hindurch am +Eckfenster ihres Zimmers im Obergeschoß gesessen +hatte. Er schlief in ihrem Zimmer und war +immer bei ihr. Und wenn er nachts erwachte, sah +er sie oft am Fenster sitzen. +</p> + +<p>Als er größer wurde und erfuhr, daß auch er, +wie die andern Kinder, einen Vater hatte und +daß dieser Vater sich irgendwo im Auslande, fern +von Krutowrag aufhielt, als er erfuhr, daß seine +Mutter immer den Vater erwartete und darum +die Nächte aufblieb, begann auch er selbst auf +den Vater zu warten. +</p> + +<p>Manchmal kamen Briefe vom Vater. +</p> + +<p>Mit welcher Ungeduld bestürmte der Knabe +die Mutter, ihm diese Briefe vorzulesen! +</p> + +<p>Die Briefe waren aber kurz und stets vom gleichen +Inhalt: anfangs war die Rede vom Geld, +und dann gab er den Tag seiner Ankunft in Krutowrag +an. +</p> + +<p>Und dieser Tag brach an, aber der Vater kam +nicht. +</p> + +<p>Die Mutter bemühte sich, ihre Erbitterung vor +dem Kinde zu verbergen. Sie weinte nicht; sie saß +wieder am Fenster und blickte wieder auf die +Landstraße hinaus. Aber der Knabe fühlte mit +seinem ganzen kindlichen Wesen den Kummer, +<!-- page 134 --> +der auf ihrem Herzen lastete, der sie marterte +und ihr Herz vor Kälte zusammenschrumpfen +ließ. Er wollte ihr helfen, wußte aber nicht wie, +und weinte auch selbst still in sich hinein. +</p> + +<p>Die Rückkehr seines Vaters nach Krutowrag +war sein sehnlichster Wunsch. +</p> + +<p>Immer wieder kamen Briefe vom Vater. Er +schrieb immer wieder um Geld und bestimmte +von neuem den Tag seiner Ankunft. Und der Tag +brach an, doch der Vater kam nicht. +</p> + +<p>Einmal, als seine Ungeduld aufs höchste gesteigert +war und er nicht länger warten konnte, +lief er auf die Landstraße hinaus, rannte eine +weite Strecke, ohne stehenzubleiben, kehrte +dann plötzlich um und eilte mit zusammengekniffenen +Augen dem Hause zu. +</p> + +<p>»Vater kommt! Vater kommt!« rief er seiner +Mutter mit so echter Freude und so felsenfester +Überzeugung zu, daß sie und auch er selbst +plötzlich ein Glöckchen in der Ferne zu hören +vermeinten. +</p> + +<p>Sie zweifelte nicht, sie lief auf den Hausflur +hinaus, fiel auf die Knie, umarmte den Sohn und +hielt ihn fest umschlungen, wie ihren einzigen +Schutz, wie einen geliebten Bruder, wie den +treuen Zeugen ihrer bitteren Leiden, ihrer schlaflosen +Nächte und all ihrer Erbitterung. Sie +konnte sich nicht länger beherrschen, sie lachte +und weinte und stieß plötzlich einen Schrei aus, +der ihr aus der Tiefe des Herzens drang. +</p> + +<p>Mutter und Sohn sahen auf die Landstraße +<!-- page 135 --> +hinaus; es war, als ob sie zusammen nur ein Paar +Augen hätten, mit denen sie hinausblickten . . . +Sie glaubten und zweifelten zugleich. Und das +Glöckchen läutete noch immer in der Ferne. +</p> + +<p>Einige Wagen mit Teefässern kamen vorbei. +Die Räder knirschten und übertönten alles. Der +Staub verdeckte den Ausblick. Endlich legte sich +der Staub, und die Straße lag leer da. +</p> + +<p>Bis zum Horizont war die Straße zu sehen, und +kein Glöckchen läutete mehr. Still und leer war +die Welt. Nur die Pappeln im Garten rauschten. +</p> + +<p>Von diesem Tage an begann für den Knaben +ein neues Leben: Er hatte ein neues Spiel: ›Ankunft +des Vaters‹. +</p> + +<p>Dieses Spiel hatte er selbst erfunden. +</p> + +<p>Es amüsierte ihn, wenn die Mutter bei seinem +Ruf: ›Vater kommt!‹ von ihrem Platz am Fenster +aufsprang und plötzlich leichenblaß wurde und +zitterte. Ihn amüsierte ihr Aufschrei, der jedesmal +unheimlicher und abgerissener klang . . . +</p> + +<p>Und wenn er so spielte, glaubte er selber +daran, daß er den Vater gesehen hätte; auch +seine Mutter glaubte es. +</p> + +<p>Mutter und Sohn sahen auf die Landstraße +hinaus . . . So lange scheint es her zu sein und ist +doch vor kurzem hier, auf dieser Erde, geschehen! +Wie schön rauschten damals die Pappeln im +Garten! +</p> + +<p>›Es zieht mich hin zu diesem stillen Strand . . .‹ +</p> + +<p>»Teufel!« wehrte sich Sergej Sergejewitsch gegen +den Ansturm der Erinnerungen. +</p> +<!-- page 136 --> + +<p>Die Mutter starb, ohne den Vater wiedergesehen +zu haben. Sie starb, am Fenster sitzend und +auf die Straße blickend. +</p> + +<p>Bald nach ihrem Tode kam der Vater. +</p> + +<p>Der Knabe erschrak vor dem Vater: es war +nicht der echte Vater, nicht der Vater, an den er +soviel gedacht, den er mit solcher Sehnsucht erwartet +hatte. +</p> + +<p>Er versteckte sich immer vor ihm; er schrie und +weinte nachts vor Angst. +</p> + +<p>Der Vater, der nicht zu den weichherzigen Naturen +gehörte, nahm die Erziehung des Sohnes +energisch in die Hand. Er hielt ihn sehr streng +und bestrafte ihn oft und hart, so daß dem Knaben jede +Lust zu weinen verging. Er schlief jeden +Abend ruhig ein und wurde ganz zahm. +</p> + +<p>Im Herbst brachte man ihn in die Stadt und +steckte ihn ins Kadettenkorps. +</p> + +<p>Nun begann für Wersenew ein neues Leben, +vielleicht die lustigste Periode seines Daseins. +</p> + +<p>Wenn er in den Ferien nach Krutowrag kam, +fühlte er sich da heimisch und nicht mehr so +fremd und bedrückt wie früher. +</p> + +<p>Von der Mutter wurde im Hause niemals gesprochen: +Sergej Petrowitsch erwähnte niemals +ihren Namen, und der Sohn wagte nicht, als erster +von ihr zu sprechen. +</p> + +<p>Das Eckzimmer im Obergeschoß mit den Kleiderschränken +wurde sorgfältig im gleichen Zustand +belassen, wie es zu Mutters Lebzeiten gewesen +war: alle ihre Sachen, ihr Tischchen, ihr +<!-- page 137 --> +Spiegel — alles stand noch da. Der Sohn suchte +aber immer seltener dieses Zimmer auf. In der ersten +Zeit kam er oft heimlich hinauf und weinte +sogar manchmal am Fenster, wo die Mutter gesessen +hatte; später interessierte er sich aber +mehr für Pferde. +</p> + +<p>So kam es, daß er niemals erfuhr, warum der +Vater die Mutter verlassen hatte; in den späteren +Jahren tat es ihm sogar leid, daß er es nicht +wußte. Der Vater hatte in seinem Arbeitszimmer +bis zu seinem Tode das Bildnis der Mutter hängen. +Hatte er sie geliebt? Und wenn ja, warum +hatte er sie verlassen? Warum hatte der Vater die +Mutter verlassen? Warum mußte sie soviel Leid, +so viele bittere Tage und Nächte über sich ergehen +lassen? +</p> + +<p>›Es zieht mich hin zu diesem stillen Strand . . .‹ +</p> + +<p>»Teufel!« sagte sich Sergej Sergejewitsch, +wenn er an die alten Zeiten von Krutowrag +dachte. +</p> + +<p>Nachdem er das Kadettenkorps absolviert +hatte, ging er nach Petersburg und wurde Offizier. +</p> + +<p>Da hatte er ein gutes Leben. Niemals hatte er +Mangel an Geld: sein Vater geizte nicht und +schickte ihm regelmäßig größere Summen. Der +Vater war immer besorgt, daß es ihm gut ginge. +Er konnte sich über nichts beklagen. Bei seinen +guten Verbindungen und großen Mitteln durfte +er auf eine glänzende Zukunft hoffen. +</p> + +<p>Er lebte ebenso wie die andern Offiziere: +<!-- page 138 --> +spielte Karten, nahm an Trinkgelagen teil, besuchte +Bälle, erzählte Witze, imitierte seine Kameraden +und Vorgesetzten, machte Damen den +Hof, war an allen Regimentsintrigen beteiligt, +regte sich auf, zankte sich — und die Tage gingen +gleichmäßig dahin, und ein Tag war wie der andere. +Und wenn auch zuweilen etwas Ausschließliches +und Besonderes vorkam, so blieb es +doch immer in den Grenzen des in seinen Kreisen +Erlaubten und Üblichen: so verlor er zum Beispiel +einmal eine Riesensumme im Kartenspiel; +wem ist das aber noch nicht passiert? Auch die +anderen Ausnahmen waren von der gleichen Art. +</p> + +<p>Gleichmäßig, mit ganz unbedeutenden Sprüngen, +floß sein Petersburger Leben dahin. +</p> + +<p>Dieses erfolgreiche, leichte und vielversprechende +Leben hätte eigentlich in seinem Gedächtnis +keine Spuren zurücklassen müssen. +</p> + +<p>Und doch hatte er eine Erinnerung. +</p> + +<p>Es war allerdings nichts Besonderes, ein, ganz +gewöhnliches Erlebnis. +</p> + +<p>Gibt es denn im Leben auch viel Ungewöhnliches? +</p> + +<p>Sergej Sergejewitsch dachte in seinen späteren +Jahren mehr als einmal an dieses Erlebnis zurück; +er prüfte sich und saß über sich selber zu +Gericht und verantwortete sich vor sich selbst. +</p> + +<p>Er hatte schon längst eingesehen, daß eine +Handlung durchaus nicht besonders auffallend +und außergewöhnlich zu sein braucht, um für +immer im Gedächtnis haftenzubleiben; daß auch +<!-- page 139 --> +etwas ganz Unbedeutendes, etwas, das man +kaum merkt, sich wie ein winziges Stäubchen in +der Seele festsetzen kann. +</p> + +<p>›Ein Komet fliegt vorbei, ein Stern stürzt vom +Himmel, ein Erdbeben vernichtet eine ganze +Stadt — das kann für dich schon am nächsten +Tage seine ganze Bedeutung verlieren und farblos +werden; du kannst es vergessen wie den gestrigen +Schnee; zuweilen kann aber irgendein bescheidenes +Lichtchen — ein irgendwo unter einer +Brücke flackerndes Flämmchen oder die qualmende +Petroleumlampe in einer dummen Straßenlaterne, +die wie eine Hopfenstange unter deinem +Fenster aufragt, oder sonst ein Unsinn dir +für dein ganzes Leben im Gedächtnis bleiben.‹ +</p> + +<p>Ja, er dachte viel darüber nach, und wie er so +über sich selber zu Gericht saß und sich vor sich +selbst verantwortete, blickte er in die dunkelste +Tiefe, in den trübsten Bodensatz seiner Seele hinein. +</p> + +<p>Kann man da aber viel sehen? Und wenn man +sieht, viel erkennen? Und wenn man auch etwas +erkennt, vermag man es denn richtig wiederzugeben? +Und wenn man es auch kann, hat man den +Mut dazu? +</p> + +<p>Mord und Betrug, Lüge und Verrat sind +schwere Vergehen, große Sünden, die von allen +Gesetzen bestraft werden. Was kommt aber dabei +heraus? Der Mord läßt den Mörder vollkommen +kalt; er denkt überhaupt nicht mehr an ihn! +Was er aber bis zu seinem letzten Atemzug tragen +<!-- page 140 --> +muß, was seine Qual, sein Lohn und seine +Strafe ist, was im Augenblick der Tat sein ganzes +Sein erfüllt, das ist gar nicht der Mord, sondern +das ist dieses, daß er einmal einen Tag, eine Woche, +ein Jahr oder vielleicht zehn Jahre vor dem +Morde ein zudringliches Mädel, das ihn auf der +Straße anbettelte, von sich gestoßen hat — es gibt +solche kleine Bettlerinnen, die einen auf der +Straße verfolgen und schmierige Zettel mit Prophezeiungen +zum Kauf anbieten: ›Herr, kaufen +Sie mir doch einen Glückszettel ab!‹ — Es handelt +sich auch gar nicht darum, daß er das Mädel, das +ihm sein Glück zum Kauf anbot, von sich stieß, +sondern darum, daß das frierende Mädel ihm einen +Blick zuwarf, einen Blick, den er sein Lebtag +nicht vergessen wird. +</p> + +<p>»Teufel!« wehrte sich Sergej Sergejewitsch, als +ihm das Petersburger Erlebnis wieder in den +Sinn kam. +</p> + +<p>Einer seiner Regimentskameraden hatte eine +Braut. Der Offizier war von altem Adel, das +Mädchen aber aus einfacher Familie und sehr +arm. Die Angehörigen des Bräutigams waren gegen +diese Verbindung und suchten sie auf jede +Weise zu vereiteln. +</p> + +<p>Sergej Sergejewitsch nahm sich die Angelegenheit +seines Kameraden sehr zu Herzen; er besuchte +ihn oft und wünschte ihm und seiner +Braut aufrichtig Glück. +</p> + +<p>Und als nach unendlicher Mühe die Hindernisse +endlich aus dem Wege geräumt waren und +<!-- page 141 --> +der Tag der Hochzeit festgesetzt war, nahm die +Sache ein unerwartetes und trauriges Ende: die +Braut löste die Verlobung. +</p> + +<p>Wersenew kann sich noch an den Abend erinnern, +an diesen Petersburger Herbstabend mit +dem durchdringenden feuchten Wind und den +hinter dem Schleier des feinen Regens trübe +leuchtenden Straßenlaternen; an ihr Zimmer irgendwo +in der Rusowskaja-Straße in der Nähe +der Kasernen. Sie bat ihn, zu ihr zu kommen, um +mit ihm über die aufgehobene Verlobung zu +sprechen. Er zweifelte nicht, daß das der wahre +Grund sei, warum sie ihn zu sich gerufen habe; +als er aber zu ihr kam, sagte sie ihm die ganze +Wahrheit . . . +</p> + +<p>Er kann sich auch an ihr Gesicht erinnern, das +plötzlich so blaß geworden war, so entsetzlich +blaß, wie das Gesicht seiner Mutter zu werden +pflegte, wenn er mit den Worten: ›Vater kommt!‹ +zu ihr ins Eckzimmer hineingestürzt gekommen +war. +</p> + +<p>Sie eröffnete ihm, daß sie ihn liebgewonnen +hätte und nur ihn allein liebte. +</p> + +<p>Er liebte sie aber gar nicht. Hatte er ihr denn +einen Grund gegeben, dergleichen anzunehmen? +Er hatte sie als die zukünftige Gattin seines +Freundes stets aufmerksam behandelt und war +aufrichtig bestrebt gewesen, beiden, ihr und ihm, +zu helfen. Er hatte sie niemals geliebt und liebte +sie auch jetzt gar nicht. +</p> + +<p>Er kann sich noch erinnern, wie sie in der Ecke +<!-- page 142 --> +am Fenster stand, während die Regentropfen +gleichmäßig und unaufhörlich gegen die Scheiben +prasselten; ein Tropfen folgte dem andern, +ein Bächlein dem andern. Wie sie ihn, ohne mit +den Wimpern zu zucken, die Mundwinkel traurig +gesenkt, ansah und später mit unbeweglichen +Blicken begleitete, so starr, als trüge er das ganze +Blut ihres Körpers, die ganze Kraft ihrer Seele +und die ganze Hoffnung ihres Herzens mit fort, +als hätte er es ihr entrissen und ginge damit +fort! +</p> + +<p>Am nächsten Abend traf er sie zufällig auf der +Kukuschkin-Brücke. Er hatte sich nicht geirrt: +sie war es. Er erkannte sie an ihrem Blick, der +ebenso unbeweglich war wie am vorigen Tag. +Und etwas später hörte er etwas in das ekle +schwarze Wasser des Kanals plumpsen. Er +blickte aber nicht einmal zurück und setzte seinen +Weg fort. +</p> + +<p>War er es, der sie in das ekle schwarze Wasser +gestoßen hatte? +</p> + +<p>»Teufel!« wehrte sich Sergej Sergejewitsch, als +ihm die Geschichte wieder in den Sinn kam. +</p> + +<p>Bald nach diesem Vorfall mußte er plötzlich +nach Krutowrag abreisen: sein Vater lag im Sterben. +</p> + +<p>Der alte Sergej Petrowitsch Wersenew starb +ganz allein und ließ niemanden, weder den Arzt +noch den Geistlichen, zu sich herein. Nur in den +allerdringendsten Fällen durfte als einzige ›Kreatur‹ +der Lakai Sinowi sein Zimmer betreten. Der +<!-- page 143 --> +Alte wollte nichts genießen und schloß des +Nachts kein Auge. +</p> + +<p>Im ganzen Hause konnte niemand schlafen. +Allen war es so unheimlich zumute; man hatte +Angst zu sprechen und selbst zu flüstern. +</p> + +<p>Alle Zimmer waren erleuchtet, und alle Türen +standen weit offen; nur die Tür des Arbeitszimmers +war fest verschlossen. +</p> + +<p>Sergej Sergejewitsch kam zu einer späten +Nachtstunde in Krutowrag an; er wollte den Vater +nachts nicht stören und sich erst am Morgen +bei ihm melden. Der Vater fühlte aber sofort, daß +der Sohn gekommen war, und ließ ihn durch Sinowi +rufen. +</p> + +<p>Der Alte saß in der Ecke beim Schrank mit +dem alten astronomischen Globus, in einem Sessel +zusammengekauert; er war fürchterlich abgemagert +und lag anscheinend in den letzten Zügen. +Er keuchte schwer, als ob ihm jemand die +Kehle zusammenpreßte, die Augen waren aber +ganz tot und die Pupillen trübe und starr; nur der +Rand der Pupillen hatte einen unangenehmen +scharfen Glanz. +</p> + +<p>Der Sohn ergriff seine Hand und beugte sich +über sie; die Hand war eiskalt. Und als er sich +über sein Gesicht beugte, um den Vater auf die +Wange zu küssen, spürte er einen unüberwindlichen +Ekel und küßte die Luft. +</p> + +<p>Vater und Sohn begrüßten einander. +</p> + +<p>Der Alte küßte den Sohn: die Lippen waren +eiskalt, noch kälter als die Hände. +</p> +<!-- page 144 --> + +<p>Der Sohn wartete eine Weile und beugte sich +wieder zum Vater: +</p> + +<p>»Nun, wie geht es Ihnen?« +</p> + +<p>»Die Teufel kommen immer her«, zischte der +Alte durch die Zähne. +</p> + +<p>»Was für Teufel? Kleine mit Schwänzchen?« +versuchte der Sohn zu scherzen; er verstand es +sonst sehr gut, mit dem Alten auszukommen und +zu sprechen. +</p> + +<p>»Was fällt dir ein! Echte Teufel!« zischte der +Vater, und seine Pupillen wurden noch dunkler. +</p> + +<p>Wersenew erinnert sich an diese toten Augen +und die starren, dunklen Pupillen mit dem scharfen, +noch lebenden Rand; der scharfe, lebende +Rand der Pupillen zog sich plötzlich zusammen +und leuchtete wie rote Kohlenglut auf. +</p> + +<p>Er griff unwillkürlich nach seinem Säbelknauf +und wich einige Schritte zurück. +</p> + +<p>Der Alte schlug seinen Schlafrock vorn auf und +begann sich krampfhaft die Brust zu kratzen. +</p> + +<p>»<i>Echte</i> Teufel . . .« zischte der Alte, indem er +sich die Brust kratzte. Plötzlich sprang er kreischend +vom Sessel auf und fiel mit dem Gesicht +auf den Teppich. +</p> + +<p>Das war also der Vater, an den er einst soviel +gedacht, den er einst so sehnsüchtig erwartet +hatte! +</p> + +<p>Was quälte aber den Vater? Wen sah er vor +sich? Wer besuchte ihn in seiner Sterbestunde? +Wer war der Echte? Wer umklammerte sein Herz +mit dem echten letzten Zucken des Gewissens, +<!-- page 145 --> +mit dem letzten Willen und dem letzten Wort? +Wer war das? +</p> + +<p>»Teufel!« wehrte sich Sergej Sergejewitsch, als +er sich an den Tod seines Vaters erinnerte, des +Vaters, an den er einst soviel gedacht, den er so +sehnsüchtig erwartet hatte. +</p> + +<p>Wersenew nahm zu Neujahr seinen Abschied, +zog aus Petersburg nach Krutowrag und widmete +sich der Landwirtschaft. Um die gleiche +Zeit heiratete er. +</p> + +<p>Warum er geheiratet hatte, wußte er selbst +nicht mehr; wahrscheinlich hatte ihm Jelisaweta +Nikolajewna gut gefallen: sie war so still und +sanft wie ein stiller Engel Gottes. Auch langweilte +er sich allein in dem alten Hause. +</p> + +<p>Mit der Landwirtschaft beschäftigte er sich +nur kurze Zeit. Dann versuchte er, sich in der +Semstwoverwaltung zu betätigen, gab aber auch +das aus irgendeinem ganz unsinnigen Grunde +sehr bald auf. Allmählich zog er sich von jeder +Tätigkeit zurück. +</p> + +<p>Die ganze Wirtschaft und das ganze Schicksal +der Wersenews ruhten nun auf den Schultern des +tüchtigen und fleißigen Gutsverwalters, eines +mürrischen Letten, und Jelisaweta Nikolajewnas, +die es verstanden hatte, das alte Haus mit +unaufhörlichem Lärm und lustigen Gästen anzufüllen. +</p> +<!-- page 146 --> + +<h3 class="no">3</h3> + +<p class="noindent">Gorik und Buba lernten gut und absolvierten die +Schule mit Auszeichnung. Gorik kam auf die +Universität und Buba auf die Frauenhochschule. +</p> + +<p>Der letzte Sommer, den sie in Krutowrag verbrachten, +war ganz besonders lustig. +</p> + +<p>Die Bauernjungen von Krutowrag, die +schüchternen: Fischbein, Roßhaar und Schaufel, +und auch die frechen: Igonka, Igoschka, Jenka, +Jeschka und Jermoschka spielten unter Goriks +Anführung ›Expropriationen‹; ein Überfall, den +sie veranstalteten, war so täuschend echt, daß die +tscherkessischen Flurwächter des Generals Belojarow +den Anführer um ein Haar erschossen hätten. +</p> + +<p>Raketen und persische Blitze stiegen über dem +Hause auf im Garten qualmten Reisigfeuer, in +der ganzen Umgegend loderten Feuersbrünste, +und die Nächte waren stets von unheimlichem +rotem Feuerschein erhellt. +</p> + +<p>Als die Kinder endlich nach Petersburg abreisen +mußten, begann auch Jelisaweta Nikolajewna +zu packen. +</p> + +<p>Die Kinder reisten mit ihrer Mutter ab und +kehrten niemals nach Krutowrag zurück. +</p> + +<p>Jelisaweta Nikolajewna erklärte ihrem Mann, +daß sie nie wieder nach Krutowrag zurückkommen +wolle und daß auch die Kinder niemals zurückkehren +würden. +</p> + +<p>Als sie das sagte, hatte sie nicht mehr ihren +<!-- page 147 --> +kindlich-schelmischen Ausdruck. Ihr Entschluß +war offenbar fest und unumstößlich. +</p> + +<p>Sergej Sergejewitsch begriff anfangs gar +nichts; er wollte nichts begreifen; es war ihm zu +peinlich, er wollte sich nicht von seiner Familie +trennen, es fiel ihm schwer, ein neues Leben zu +beginnen, sich das gewohnte Leben abzugewöhnen +und sich in neue Verhältnisse zu schicken; er +konnte sich ein anderes Leben gar nicht vorstellen. +Die Wersenews hatten ja achtzehn Jahre zusammengelebt! +</p> + +<p>Er wollte seiner Frau widersprechen, brachte +aber kein einziges Wort hervor: statt aller Einwände +drang aus seiner Kehle nur ein Röcheln +und Pfeifen, und dann folgte sein obligates ›Teufel!‹ +</p> + +<p>Er konnte einfach nichts dagegen tun. +</p> + +<p>Schließlich wurde er still wie ein Kind, dem +man das Hautjucken, das es plagte, besprochen +hat, erklärte sich mit allem einverstanden und +unterschrieb alles, was man von ihm verlangte. +</p> + +<p>Auch die Geldfrage wurde leicht und einfach +gelöst. +</p> + +<p>Der Gutsverwalter erstattete einen klaren und +erschöpfenden Bericht über die Wersenewschen +Verhältnisse und übernahm es, Jelisaweta Nikolajewna +auch in Zukunft auf dem laufenden zu +halten. +</p> + +<p>In Krutowrag wurde es auf einmal leer. +</p> + +<p>Die Kunde von diesem Ereignis verbreitete +sich über die Felder von Krutowrag und lief dann +<!-- page 148 --> +die Landstraße entlang, bald nach rechts, bald +nach links abschwenkend und in jeden Gutshof +einkehrend. +</p> + +<p>Niemand wunderte sich, niemand regte sich +darüber auf; es war, als ob alle das Ereignis vorausgeahnt +und nur aus Feingefühl geschwiegen +hätten, ebenso wie man in Gegenwart eines +Schwerkranken von seinem nahen Tode zu sprechen +sich scheut. +</p> + +<p>Das eheliche Zerwürfnis (General Belojarow +gebrauchte übrigens einen andern, nicht wiederzugebenden +Ausdruck), mit dem man sich den +plötzlichen Entschluß Jelisaweta Nikolajewnas +erklärte, beschäftigte eigentlich nur ihre ehemaligen +Freundinnen, die nun mit ihren heimlichen +Verdachtsgründen triumphierten. +</p> + +<p>»Jetzt ist es klar, daß sie in einen Roman verwickelt +ist; natürlich ist es ein Roman, obwohl +niemand den Auserwählten ihres Herzens kennt; +aber dieser Auserwählte muß doch irgendwo vorhanden +sein! Wo käme denn sonst das Zerwürfnis +her?« +</p> + +<p>So urteilten die Damen. +</p> + +<p>Niemand hatte aber Lust, sich mit der Sache +eingehender abzugeben; niemand hatte Lust, +seine Nase in ein fremdes Malheur zu stecken; +denn man kommt immer besser weg, wenn man +sich in solche Angelegenheiten nicht einmischt. +</p> + +<p>Unruhig rauschte das Korn auf den Feldern, +unruhig brauste es im Walde; auch die +Sterne, die trüben Sterne von Krutowrag, +<!-- page 149 --> +flimmerten unruhig über dem Wersenewschen +Hause. +</p> + +<p>Krutowrag war nun leer. Niemand hatte Lust, +Wersenew in seiner Einsamkeit zu besuchen. +</p> + +<p>In den ersten Tagen kamen allerdings einmal +drei Damen, die mit Jelisaweta Nikolajewna befreundet +waren, zu Besuch. Sie kamen nach Krutowrag, +um, wie sie später selbst erklärten, zu riechen, +welch ein Wind jetzt dort wehte. +</p> + +<p>Die Damen fielen über Wersenew her und redeten +ihm die Ohren voll, so daß er nicht einmal +die Möglichkeit hatte, seinen ›Teufel‹ loszulassen. +</p> + +<p>Obwohl Solomowna, die diese letzten Gäste +hinausbegleitete, ihnen klipp und klar erklärte, +daß die gnädige Frau nur die Krankheit des gnädigen +Herrn nicht hätte vertragen können und +daß sie nur aus diesem einen Grunde abgereist +sei, wollten es die Damen doch nicht glauben und +hielten hartnäckig an ihrer Ansicht, daß auch ein +Auserwählter des Herzens mit im Spiele sein +müsse, fest. +</p> + +<p>Bald darauf ließ General Belojarow, als er +bei einer der drei Damen anläßlich einer Geburtstagsfeier +zu Besuch war, den bekannten pittoresken, +doch nicht wiederzugebenden Ausdruck +fallen. Er fügte übrigens beschwichtigend +hinzu: +</p> + +<p>»Alles hat sein Gewicht und Maß.« +</p> + +<p>Damit war die Sache erledigt. +</p> + +<p>Von den Nachbarn kam nur der Landrat Pustoroslew +<!-- page 150 --> +einmal zu Besuch, Er brachte den +Agronomen Ratzejew mit, den er aus irgendeinem +Grunde als einen berühmten politischen +Redner aus Petersburg vorstellte, der Fischleim +statt Knochen im Leibe habe. +</p> + +<p>Ratzejew wand sich tatsächlich wie ein Sterlet, +sprach aber während des ganzen Abends +kein Wort. Pustoroslew schwatzte dafür ununterbrochen +und führte verschiedene Beispiele +seiner sprichwörtlich gewordenen Vergeßlichkeit +an. +</p> + +<p>Die Geschichte von seiner Auslandsreise in +wichtiger amtlicher Mission erzählte er sogar +zweimal: einmal vor und einmal nach dem +Abendessen. +</p> + +<p>Sergej Sergejewitsch hatte diese Geschichte +mehr als einmal gehört. Das Ministerium +schickte Pustoroslew zu irgendeinem Zweck +nach Frankreich: er reiste aber aus Frankreich +nach Spanien, aus Spanien nach Italien, aus Italien +nach Algier: er ließ sich immer wieder Geld +schicken, verbrauchte eine Riesensumme, besann +sich aber auf den eigentlichen Zweck seiner +Reise erst dann, als er nach Rußland zurückgekehrt +war. +</p> + +<p>»Vergessen können ist eine Gabe der Götter!« +sagte Pustoroslew, indem er sein obligates ›gewissermaßen‹ +bedeutungsvoll dehnte und mit +seinen farblosen Augen, die keine Wimpern hatten +und blind zu sein schienen, zwinkerte; er +spielte offenbar auf das eheliche Zerwürfnis an. +</p> +<!-- page 151 --> + +<p>Ein einziges Mal kam der Krämer Charin zum +Tee. +</p> + +<p>Wersenew freute sich in seiner Einsamkeit +auch über diesen Gast. +</p> + +<p>Charin saß in dem niedern länglichen Eßzimmer +sehr lange am Teetisch. Er sprach von +furchtbar gleichgültigen Dingen und blieb, obwohl +er sich zum tausendsten Male das Versprechen +gegeben hatte, von seiner gefährlichen Angewohnheit +zu lassen, immer wieder in seinem +›gewissermaßen‹ stecken, während Sergej Sergejewitsch +den bestürzten Gast anstarrte, ab und +zu mit der Hand winkte und seine Gedanken in +dem Wort ›Teufel‹ zusammenfaßte. +</p> + +<p>»Die Gewohnheit ist gewissermaßen die zweite +Natur!« stammelte Charin. Er war ganz rot geworden, +in Schweiß gebadet und so aufgeregt, +daß er kaum die Tür finden konnte. +</p> + +<p>Nur der Geistliche P. Astriosow, der noch immer +hoffte, das ›eiserne Bindeglied‹ zwischen den +Ereignissen zu konstruieren, kam noch öfters zu +Wersenew. +</p> + +<p>P. Astriosow, der von Natur aus schüchtern +war, verlor, sobald er mit Sergej Sergejewitsch +unter vier Augen war, jeden Mut. Er rauchte eine +der berühmten Zigarren, an denen er allmählich +Geschmack gefunden hatte, und parierte den +Wersenewschen ›Teufel‹ mit seinem ›Bindeglied‹, +das ihm wirksamer als das Zeichen des +Kreuzes schien. +</p> + +<p>»Ja, ja, ein Bindeglied«, sprach P. Astriosow, +<!-- page 152 --> +indem er die Asche von der Zigarre schüttelte; er +tat es, ganz gleich, ob es nötig war oder nicht und +ob er eine Zigarre mit mexikanischem oder mit +brasilianischem Deckblatt in der Hand hatte. +</p> + +<p>Wersenew freute sich in seiner Einsamkeit +auch über den Geistlichen. +</p> + +<p>Sonst war er aber tagelang allein. +</p> + +<p>Sergej Sergejewitsch hörte sogar auf, die Kirche +zu besuchen; selbst während des Gottesdienstes +konnte er sich seiner Redensart nicht mehr +enthalten, was bei den Betenden großes Ärgernis +hervorrief. Einmal führte es sogar zu einem unliebsamen +Auftritt: der Kirchenälteste, Goloweschkin, +versuchte während eines Festgottesdienstes +an Kaisers Geburtstag den ›Freimaurer‹ +zu ohrfeigen. Seit diesem Zwischenfall kam Sergej +Sergejewitsch nie wieder in die Kirche. +</p> + +<p>In seinem Schlafrock aus weißem Flanell, mit +der Zigarre im Munde, irrte Wersenew tagelang +durch die leeren Zimmer. Die glimmende Zigarre +beleuchtete seine eingefallenen trüben Augen +und den grün angelaufenen grauen Schnurrbart. +</p> + +<p>Er hatte nichts, um die Zeit totzuschlagen. +Was sollte er tun? Doch nicht mit den Kinderspielsachen +spielen! Er hatte sich so sehr an den +ewigen Lärm und die lustigen Gäste, an seine +Frau und seine Kinder gewöhnt: achtzehn Jahre +hatten ja die Wersenews zusammen gelebt! +</p> + +<p>Oft stand er stundenlang vor der Balkontür und +zählte die Krähen, die über den nackten Linden +<!-- page 153 --> +kreisten . . . Wie viele waren es, und warum +krächzten sie so? Oder er ging ins Eckzimmer im +Obergeschoß, wo einst seine Mutter Fedossja +Alexejewna gesessen hatte, setzte sich wie sie ans +Fenster und sah auf die Landstraße hinaus . . . +Wohin führte die Straße, und hatte sie irgendwo +ein Ende? Oder er hörte dem Rauschen der Pappeln +vor dem Hause zu . . . Worüber tuschelten +sie? Manchmal saß er im Sessel seines Vaters, vor +dem Schrank mit dem astronomischen Globus, +starrte auf einen Punkt, vielleicht sogar auf denselben +Punkt, wo seinem Vater die echten Teufel +ohne Hörner und Schweife erschienen waren, +und schlief, im Sessel kauernd, ein . . . +</p> + +<p>»Teufel!« klang es Tag und Nacht, im Wachen +und im Schlafen durch das leere Haus. +</p> + +<p>Als die ersten Fröste kamen und man die Doppelfenster +einsetzte, dichtete man auch die Balkontür +mit Werg und Kitt ab. +</p> + +<p>Nun kamen die dunklen Wintertage und die +langen Winternächte. +</p> + +<p>Im Wersenewschen Hause wurde es noch leerer, +leer wie in einem großen Keller. +</p> + +<p>Wenn er doch wenigstens ruhige Träume +hätte. +</p> + +<p>Einmal träumte ihm, er, Sergej Sergejewitsch +Wersenew, Hauptmann a. D., siebenundvierzig +Jahre alt, sei gar kein Mensch, sondern krieche +als ein böses, rachsüchtiges, giftiges Insekt, eine +Art Tausendschwanz, über eine Wiese und klammere +sich mit den Beinen an den Grashalmen +<!-- page 154 --> +fest. Es ist ein kalter Sommermorgen, es beginnt +erst zu dämmern, und am Himmel steht ein riesengroßer +blasser Mond mit rötlich schimmerndem +Rand. Sergej Sergejewitsch Wersenew +kriecht als ein Tausendschwanz über das Gras; +er weiß, daß es ganz gewöhnliches Krutowrager +Gras ist, aber die Halme erscheinen ihm so dick +und hoch wie Schilf, das Schilf größer und dicker +als jeder Baum und das schwarze Erdreich als ein +Haufen von Riesenklumpen. Er hat es so schwer: +er muß auf jeden Halm hinaufkriechen, dann +wieder hinunter und wieder hinauf. So kriecht er +und weiß nicht, wohin er kriecht und warum er +dazu verurteilt ist, von Halm zu Halm zu kriechen. +Er vergeht vor Bosheit, der Haß vergiftet +sein Herz, und er ist so furchtbar müde. Am +Himmel steht der riesengroße blasse Mond mit +rotglühendem Rand, und es ist so furchtbar kalt. +</p> + +<p>Er erzählte einmal diesen Traum P. Astriosow. +Dieser gab die kurze Deutung: »Das bedeutet, +daß ein Witterungsumschlag bevorsteht.« Sergej +Sergejewitsch lächelte. +</p> + +<p>»Mir ist so eigen zumute«, sagte er, »als ob alles +nicht echt wäre.« +</p> + +<p>Ein anderes Mal versuchte er, seinen Traum +dem Lakai Sinowi zu erzählen; er blieb aber mitten +im Satze stecken und zischte wie der selige +Sergej Petrowitsch durch die Zähne: +</p> + +<p>»Die Seele haben sie mir gestutzt . . . Teufel!« +Und er brach in Tränen aus. +</p> + +<p>Dem kleinen Pjotr soll er aber gesagt haben: +</p> +<!-- page 155 --> + +<p>»Wenn ich doch in Armut, auf einem Strohlager +sterben könnte, Pjotr!« +</p> + +<p>Sergej Sergejewitsch langweilte sich furchtbar. +</p> + +<p>Wie sollte man sich ohne Beschäftigung und +ohne Gäste an trüben Wintertagen nicht langweilen? +</p> + +<p>»Der Herr hat oft Angstzustände«, meldete +Solomowna dem P. Astriosow, als er um die +Weihnachtszeit mit dem Kreuz ins Haus kam. +»Früher hatte er vor nichts Angst, jetzt kommt er +aber jeden Abend zu mir in die Mägdekammer +gelaufen und zittert vor Furcht: es ist ihm immer, +als ob jemand neben ihm stünde. Auch wartet er +immer auf Gäste; er glaubt, daß jeden Augenblick +Gäste kommen werden! Oder er sitzt da +und weint.« +</p> + +<p>Nach Neujahr beichtete Solomowna dem +Geistlichen, daß sie böse Träume gehabt habe: in +der Christwoche hätte sie Blei gegossen und sonstigen +Zauber getrieben, und darum wären ihr +die bösen Träume gekommen. +</p> + +<p>Träume, die man in der Christwoche hat, sind +immer prophetisch. +</p> + +<p>Bald träumte ihr, sie wischte den Boden auf; es +ist aber nicht gut, wenn man im Traume den Boden +aufwischt. Bald träumte ihr von einer +Feuersbrunst: das Haus brennt, man hat schon +alle Balken und Bretter herausgebrochen und +nimmt den Ofen auseinander; vom Feuer ist aber +nichts zu sehen. +</p> + +<p>»Zwei Männer machen sich am Ofen zu schaffen, +<!-- page 156 --> +und ich frage sie: ›Was ist denn los?‹ Und sie +antworten: ›Wir wissen nichts, Solomowna!‹« +</p> + +<p>Den schlimmsten Traum hatte sie aber in der +Neujahrsnacht. +</p> + +<p>Es träumte ihr, sie käme in den Saal herein und +aus der Balkontür träte ihr der selige Sergej Petrowitsch +entgegen; er war nicht allein, sondern +befand sich in Begleitung eines uralten Mannes; +sie hätten die Balkontür hinter sich fest zugeschlossen +und wären geradeaus ins Arbeitszimmer +gegangen, sich wie Blinde an den Wänden +entlangtastend. +</p> + +<p>P. Astriosow hatte aber für die Träume der +Kinderfrau wenig Interesse: sein eigener Neujahrstraum +saß ihm noch im Nacken. +</p> + +<p>P. Astriosow hatte sieben Kinder: der Älteste +war schon Küster, und das jüngste ein Säugling. +Im Traum war es aber umgekehrt: der Älteste +war ein Säugling und lag in den Windeln, und +der jüngste war Küster und hatte einen langen +Bart. +</p> + +<p>»Ja, ja, das Bindeglied!« sagte der Geistliche, +indem er von Solomowna den Sack mit den Neujahrsgeschenken +entgegennahm. +</p> + +<p>In den Feiertagen war es gar nicht lustig. +</p> + +<p>Auch in der Küche herrschte eine gedrückte +Stimmung. Man sprach im Flüsterton, als ob ein +Schwerkranker im Hause wäre. +</p> + +<p>Es war noch immer die alte Gesellschaft: der +alte Koch Prokofi Konstantinowitsch, der Kutscher +Anton, die Wäscherin Matrjona Simanowna, +<!-- page 157 --> +der Bautischler Terenti, der Schmied +›Truthahn‹, der Lakai Sinowi und sein Gehilfe, +der kleine Pjotr. Sie saßen im Kreise um Solomowna +und tranken Tee. Nur die Stubenmädchen +fehlten: Charitina war mit der gnädigen +Frau nach Petersburg gegangen, und Ustja und +Sanja hatte man gekündigt. +</p> + +<p>Beim Teetrinken gedachten sie der alten Zeiten, +sprachen von allen Wersenewschen Angelegenheiten +und äußerten Bedenken wegen des +gnädigen Herrn, mit dem es doch früher oder +später ein schlimmes Ende nehmen werde. +</p> + +<p>»Wenn man den Teufel zur ungelegenen Zeit +ruft, so kommt er als schwarzer Sturmwind geflogen +und ergreift den Menschen, und der Mensch +geht zugrunde!« sagte Solomowna gähnend. Sie +bekreuzigte sich den Mund und schüttelte den +Kopf. +</p> + +<p>Sergej Sergejewitsch, der den ganzen Abend +durch die Zimmer gewandert war, kam plötzlich +in die Küche und blieb, schwer mit der Nase +schnaufend, vor den bestürzten Dienstboten stehen. +Er starrte auf den verwilderten Truthahn +und verzog das Gesicht, während es in seiner +Kehle eigentümlich pfiff. Dann winkte er mit der +Hand ab und sagte: +</p> + +<p>»Teufel!« +</p> + +<p>»Teufel!« hallte es irgendwo im Korridor wider +und irgendwo unter dem Ofen, und irgendwo +im Keller, und irgendwo hoch über der Decke auf +dem dunklen Dachboden; das Wort flog auch in +<!-- page 158 --> +den Garten hinaus und umkreiste die weißen +Säulen. +</p> + +<p class="tb"> </p> + +<p class="noindent">Den Weihnachtsfrösten folgte plötzliches Tauwetter. +Am Vorabend des Dreikönigstages fing es +wie im Frühling an zu tröpfeln, und der Weiher +im Garten wurde gelb. +</p> + +<p>Es war wie der Hauch des Frühlings. +</p> + +<p>Sergej Sergejewitsch sah den ganzen Tag unruhig +zum Fenster hinaus. Er machte auch die Balkontür +auf, stand lange in der offenen Tür und +horchte hinaus. Den ganzen Tag konnte er keinen +Augenblick ruhig sitzen und irrte von Zimmer zu +Zimmer. Am Abend, als man in allen Zimmern +Licht machte, wurde er noch unruhiger. +</p> + +<p>Draußen taute der Schnee, und die Tropfen +prasselten von den Bäumen auf das Dach wie ein +Herbstregen gegen die Fensterscheiben. +</p> + +<p>Nach dem Abendtee ging Wersenew hinauf. +Eine Zeitlang hörte man nichts von ihm. +</p> + +<p>Solomowna ging unten von Zimmer zu Zimmer, +flüsterte Gebete und malte Kreidekreuze +über die Fenster und Türen. +</p> + +<p>Sergej Sergejewitsch saß oben im Eckzimmer +und blickte hinaus. +</p> + +<p>Die sternlose Nacht verdeckte die Landstraße; +er sah nur die nackten Baumäste vor dem Fenster +im Winde beben. +</p> + +<p>Sergej Sergejewitsch saß lange da und starrte, +ohne an etwas zu denken, zum Fenster hinaus. +</p> + +<p>Und plötzlich hörte er fern auf der Straße ein +<!-- page 159 --> +Glöcklein tönen. Er sprang auf. Das Glöckchen +tönte. Er kniff die Augen zusammen und hielt +sich die Ohren zu. Das Glöckchen tönte noch immer. +Er wollte hinunterlaufen, Sinowi, Solomowna, +den Kutscher und alle Dienstboten zusammenrufen. +Und das Glöckchen hörte nicht +auf zu läuten. +</p> + +<p>Und plötzlich kam ihm das Eckzimmer verändert +vor: an der Stelle, wo der Spiegel hing, +gähnte eine offene Tür. Er trat in diese Tür, und +sie schloß sich sofort hinter ihm. +</p> + +<p>Es war ein unendlich langer Korridor. Es kam +ihm vor, als habe er das alles schon einmal gesehen, +die vielen Marmorplatten mit erhabenem +Ornament, den Mosaikboden aus weißen und roten +Steinen. Es war heiß, schwül und feucht. +</p> + +<p>Er ging durch den Korridor und wußte, daß er +ihn zu Ende gehen müsse. Und als er das Ende erreicht +hatte und eine reichverzierte Tür aus getriebenem +Eisenblech öffnete, sah er sich vor einer +zweiten Tür. Er machte auch diese Tür auf. Dann +kam eine dritte Tür. Und so folgte eine Tür auf die +andere: wenn er die eine öffnete, so war gleich eine +andere dahinter. Und wie er so immer weiterging +und eine Tür nach der andern aufmachte, sagte +ihm das Gefühl, daß er wenigstens einen Augenblick +stehenbleiben oder sich umschauen müsse, +daß er sonst verloren sei. Er konnte aber weder +stehenbleiben noch den Kopf heben, noch zurückblicken; +es war ihm, als ob ihn jemand führte und +ein anderer ihn von hinten vorwärtsstieße. +</p> +<!-- page 160 --> + +<p>Und als er endlich ganz bestürzt, sinnlose +Worte stammelnd, lachend und schimpfend, die +letzte Tür aufmachte — er glaubte, daß es die +letzte Tür sei —, hatte er plötzlich das Gefühl, als +ob man ihn mit irgendeinem spitzen Gegenstand +in den Rücken stieße, und er fiel hin. Im Fallen +sah er, wie die Sterne, die trüben Sterne von Krutowrag, +immer greller leuchtend und wie von einem +Sturmwind getrieben, ihm entgegenflogen. +Es war aber umgekehrt: die Sterne standen still, +und er flog, von einem Sturmwind erfaßt, ihnen +entgegen . . . +</p> + +<p>»Ich malte Kreidekreuze über die Türen und +Fenster«, berichtete später Solomowna, »als +mich plötzlich Sinowi rief der Viehwärter Nasar +sei gekommen, um etwas Weihwasser vom Dreikönigstag +zu holen. Wie ich in die Küche hinausgehe, +höre ich plötzlich, wie jemand die Balkontür +zuschlägt. Und da denke ich mir: wie leicht +kann da ein Unglück geschehen! Es sind ja unruhige +Zeiten, und es treibt sich genug Gesindel +herum. Und dann höre ich die Tür noch einmal +krachen. Und ich sage zu Prokofi Konstantinowitsch: +›Prokofi Konstantinowitsch‹, sage ich, +›hören Sie es?‹ — ›Ich höre‹, sagt er, ›wie der Wind +die Tür zuschlägt.‹ Und kaum hat er das gesagt, +als die Tür zum drittenmal kracht; alle Fensterscheiben +zitterten, so laut krachte es! Ich renne in +den Saal: die Balkontür steht wirklich offen. Und +ich rufe Sinowi: ›Wo ist der Herr?‹ Der Herr ist +aber nirgends zu sehen. Der Wind weht so stark +<!-- page 161 --> +herein, daß wir zu zweit die Tür gar nicht zumachen +können. Der Wind reißt sie immer wieder +auf, er heult im ganzen Hause und bläst alle +Lichter aus. ›Gnädiger Herr!‹ schreie ich. Aber er +ist nirgends zu sehen.« +</p> + +<p>Am Morgen des Dreikönigstages fand man +Wersenew im Weiher: die Fußspuren führten +von der Balkontür direkt dorthin. +</p> + +<p>Der Böse hatte ihn wohl verwirrt. Er war +nachts zum Weiher gegangen, und das Eis war +unter ihm gebrochen. Bis an die Brust war er in +den Schlamm eingesunken, und während der +Nacht hatte es ihn noch tiefer hereingezogen. So +war er in seinem weißen Schlafrock, stehend, den +Kopf im Schnee, erfroren. +</p> + +<p>Natürlich wurde sehr viel darüber geredet; +ganz Krutowrag war in Aufruhr. Aber vom Gerede +wird man ja nicht satt! +</p> +<!-- page 162 --> + +<h2 class="chapter" id="chapter-6"> +Sanofa</h2> + +<h3 class="no">1</h3> + +<p class="first">Schön ist es in Batyjewo — ein lustiges Dorf ist’s! +Von allem hat man genug: viel Wald ringsum, +und der Fluß ist gleich in der Nähe. Im Flusse +gibt’s so viel Fische, daß man sie gar nicht alle +fangen kann, und im Walde Wild — alles ist da, +was man nur haben will. Nur eines ist unheimlich: +man kann da nicht ordentlich lustig sein. +Bist du es aber doch, so darfst du hinterher niemandem +Vorwürfe machen: stößt dir dabei ein +Unheil zu, so bist du selbst schuld. +</p> + +<p>Solange das Dorf und die Kirche stehen, treiben +hier unsaubere Mächte ihr Spiel, und es gibt +gar keine Mittel, sie auszurotten: zählebig sind +sie wie die Würmer. Ist man die eine Teufelei +glücklich los, so taucht, eh man sich’s versieht, +auch schon eine andere auf. Und wenn es mal +vorkommt, daß eine Hexe abkratzt, ohne ihre +Kunst einer andern vermacht zu haben, so erscheint +gewiß sofort eine neue: und keine gelernte, +sondern eine geborene. Eine geborene +Hexe ist eine solche, die schon als Hexe auf die +Welt gekommen ist. Eine Gelernte geht noch an, +aber mit einer Geborenen ist nicht zu spaßen: mit +<!-- page 163 --> +Kleinigkeiten gibt sie sich niemals ab, sondern +geht gleich aufs Ganze, so daß man sich nachher +sein Lebtag nicht mehr reinwaschen kann. +</p> + +<p>Es gab im Dorfe Hexen genug, gelernte wie +auch geborene. Die ältesten Leute erinnerten +sich nicht an eine Zeit, wo es keine Hexen gegeben +hätte, und kein Mensch konnte dahinter +kommen, wo die Wurzel des Übels lag. +</p> + +<p>Gar mancher Unglückliche ist schon ins Grab +gestiegen, so mir nichts dir nichts elend zugrunde +gegangen. Mit den Hexen lasse man sich lieber +nicht ein: sie verderben den Menschen, kommen +aber selbst immer mit heiler Haut davon und leben +ruhig weiter, den Menschen zum Schrecken, +dem Gehörnten zum Wohlgefallen — seines bösen +Willens Töchter. +</p> + +<p>So ein verhexter Ort ist eben das Dorf! +</p> + +<p class="tb"> </p> + +<p class="noindent">Es braust und tost das Gerede in Batyjewo, die +Kunde dröhnt durch die Schwarzen Wälder: +vom Meere bis zum Gebirge gibt’s keine Hexe, +die schrecklicher wäre als Sanofa. +</p> + +<p>Die andern Hexen sind alte Weiber gewesen: +Arischka und Agapka hatten je hundert Jahre +und mehr auf dem Buckel; diese aber ist jung — +kaum über dreißig. Die andern richteten zwar +viel Schaden an, hielten aber doch Maß und +machten die Sache zuweilen wieder gut. Dieser +fiel das aber niemals ein. Die schrecklichsten +Zauberkünste kannte sie. Sie verstand, den Menschen +so an einen Fleck zu bannen, daß er niemals +<!-- page 164 --> +mehr aus dem Hexenringe herauskonnte, +und wenn er noch sosehr mit Armen und Beinen +um sich schlug; er irrte im Kreise dicht vor seinem +Hause herum und konnte nicht ins Haus +herein; stand dicht vor seiner Schwelle und +konnte kein Glied rühren. Die andern Hexen sehen +eben wie Hexen aus, und auch das kleinste +Kind kann sie auf den ersten Blick erkennen: +sie sind alle dürr, haben Hakennasen und +Schwänze; diese aber ist hübsch — die ganze Welt +kann man absuchen und keine ähnliche finden —, +dabei aber eine Mißgeburt, wie man eine solche +seit Erschaffung der Welt nicht gesehen hat: der +Körper und alles andere ist echt wie bei jedem gesunden +Weibe, aber die Beine sind wie bei einem +kleinen Kinde: sie kann gar nicht gehen, nur umherkriechen. +Wenn sie doch nur immer umherkriechen +wollte! Aber die Leute sagten, daß sie +auch fliegen konnte: wie ein Vogel konnte sie in +die Luft steigen! Man bekam sie auch fast nie zu +Gesicht, höchstens des Nachts. Gott möge aber +einen jeden davor bewahren: besser ist’s, dreimal +in die Erde zu versinken oder der heiligen Ostermesse +nicht beizuwohnen, als sie zu erblicken. +</p> + +<h3 class="no">2</h3> + +<p class="noindent">Sanofas Vater war Kaufmann und reiste mit seinen +Waren von Jahrmarkt zu Jahrmarkt. Die +Waren verlagen sich bei ihm niemals, die Käufer +<!-- page 165 --> +drängten sich nur so: auf den alten Tschabak +konnte man sich verlassen, niemals hängte er einem +faule Ware an. Hätte sich der Alte nicht die +Sünde auf die Seele geladen, so wäre er unter die +Heiligen gesetzt worden, bei Gott! +</p> + +<p>Sanofas Mutter war wildes Zigeunerblut, +hatte getanzt und gesungen: wenn sie nur einmal +in die Hände klatschte, war man verloren, seine +Seele wollte man hingeben, nur um sie einmal +tanzen zu sehen. Eine zweite Marja gab’s nicht in +der Welt. +</p> + +<p>Nicht immer war es dem Tschabak so gut gegangen. +In der ersten Zeit schlug er sich mühsam +durch, hatte einen Kramladen im Dorf und lebte +davon. Das ganze Haus war voller Kinder, und +es kostete schon etwas, alle zu ernähren und zu +bekleiden. Wie die Bauern lebten sie. +</p> + +<p>Sanofa kam zur Welt — und gleich wurde alles +anders. +</p> + +<p>Nun hatte Tschabak auf einmal Glück und +wurde ein echter Kaufmann. Die Käufer strömten +von allen Seiten zu seinem Laden herbei, und +er konnte gar nicht genug Ware auf Lager haben. +Reich wurde der Kaufmann. Die Einkünfte +reichten nun für alles aus: er baute sich ein Haus, +pflanzte einen Garten, verheiratete die Töchter +und brachte den Sohn in der Stadt im Handelsfache +unter. Kornej stiftete eine Kirchenglocke, +und die Glocke klang so laut, daß das Abendläuten +durch alle Schwarzen Wälder dröhnte und +selbst bis zu der Iljinka in Moskau reichte. +</p> +<!-- page 166 --> + +<p>Tschabak suchte den Reichtum gar nicht: das +Geld kam ganz von selbst in seine Hände. +</p> + +<p>Kluge Menschen ahnten schon damals, daß es +da nicht mit rechten Dingen zuging, sie behielten +aber ihre Meinung für sich: das Wort ist kein +Spatz, und wenn es einmal entsprungen ist, so +kann man’s nicht wieder einfangen. Wie leicht +kann man einen Unschuldigen in üblen Ruf bringen +und muß es dann später im Jenseits büßen. +Nur Mitroschka — so hieß ein Bursche im Dorf — +fürchtete nichts: wenn er sich einen Rausch antrank, +begann er zu plaudern: er deutete immer +auf das Mädel und schrieb ihm alles zu. +</p> + +<p>Man beachtete seine Worte nicht: wenn ein +Mensch angetrunken ist, kann man ihn für seine +Worte nicht verantwortlich machen. +</p> + +<p>Das Mädel war aber wirklich Gott weiß was! +</p> + +<p>Sanofa wurde in der Johannisnacht, beim ersten +Hahnenschrei, als letztes Kind ihrer Mutter +geboren. Sie kam mit einer Glückshaube und einem +Muttermal am linken Daumen zur Welt. +</p> + +<p>Die Haube hatte die Hebamme auf die Seite gebracht +und an sich genommen. Tschabak und sein +Weib grämten sich deswegen, konnten aber nichts +mehr machen: so ein Ding kann man doch nie +mehr zurückerlangen; wer es zuerst in die Hand +bekommt, der zieht eben den Nutzen daraus. +</p> + +<p>Die Kunde verbreitete sich aber im Dorfe. +</p> + +<p>Wanderer und Wallfahrer strömten zu Tschabak +herbei. Viele kamen ins Haus, um aus Sanofas +linker Hand ihr Glück zu holen. Die Hand +<!-- page 167 --> +teilte das Glück freigebig aus und wies niemanden +ab. Wanderer und Wallfahrer kamen dann +immer glücklich an ihr Ziel und kehrten ebenso +glücklich heim. Niemand konnte sich über etwas +beklagen. +</p> + +<p>Aus fernen Dörfern kamen die Leute zu Tschabak, +ihr Glück zu holen, und kehrten zufrieden +heim: niemandem stieß irgendein Unheil zu. +</p> + +<p>Das Kind wuchs als kluges Mädel heran und +zwitscherte den ganzen lieben Tag wie ein Vöglein. +Alles mußte man ihr zeigen und erklären, sie +lief immer den Erwachsenen nach und hatte vor +nichts Furcht. +</p> + +<p>Marja nahm sie einmal zum Heuerntefest mit +und stellte sie in den Reigen. Das Mädchen liebte +es, im Reigen zu stehen. Und als der Reigen +durch die Dorfstraße zog, erhob sich ein Wind +und warf das Mädel um. Seit jener Zeit waren +ihre Beine gelähmt, und sie konnte nicht mehr +gehen. +</p> + +<p>Sie lief nicht wie die andern Kinder umher, +sondern lag den ganzen lieben Tag still. +</p> + +<p>Eine wunderliche Sache: ihr Körper wuchs +weiter, aber ihre Beine blieben, wie sie waren: +kleine Kinderbeinchen. +</p> + +<p>Noch mehr Menschen kamen nun zu Tschabak, +und das Glück überschwemmte die Welt. +</p> + +<p>Aber es ist nichts so fein gesponnen, es kommt +doch an die Sonnen. +</p> + +<p>Eine wandernde Nonne entdeckte auf Sanofas +Glückshand kleine Kreuzmale, es waren aber +<!-- page 168 --> +keine gewöhnlichen Kreuze; und danach kam +Foma, der heil zur Wallfahrt auszog, ohne das +eine Bein zurück; dem Jerjoma wurde ein Auge +ausgeschlagen; Katerina, des Schulzen Enkelkind, +heiratete, lebte ein Jahr in glücklicher Ehe, +begann aber im zweiten Jahr zu trinken; Baran, +den man als Boten nach Petersburg geschickt +hatte, kam nie wieder heim; der bewußte Mitroschka +aber bekam einen Nabelbruch. +</p> + +<p>Nun geschahen Dinge, die man auch einem +Narren nicht zu deuten braucht. +</p> + +<p>Je älter Sanofa wurde, um so mehr wuchs das +Geschäft ihrem Vater über den Kopf. Der alte +Kornej wollte die Tochter noch bei seinen Lebzeiten +verheiraten und dann ruhig sterben. Er +schickte Freiwerber aus. Gar mancher Freier +kam ins Haus. Viele wurden durch den Reichtum +angelockt: Tschabak war ja der reichste +Mann im Dorf. Es kam aber nichts dabei heraus. +Gar mancher Freier hätte gern zugegriffen, aber +im letzten Augenblick hatte er doch nicht den +Mut. Einen gar zu seltsamen Blick hatte Sanofa: +wie ein Messer drang er einem ins Herz. Vor solchen +Augen konnte man nichts verbergen. +Darum kam auch nichts zustande. +</p> + +<p>Sanofa konnte die Freier nicht leiden und +machte dem Vater oft Vorwürfe. Mit dem Alten +hätte aber auch der Teufel nicht fertig werden +können: so trotzig und eigensinnig war er. +</p> + +<p>Einmal kam zu Tschabak ein Kaufmann aus +der Stadt; in Geschäften kam er zu ihm. Ein hübscher, +<!-- page 169 --> +lustiger Kerl, das ganze Dorf brachte er in +Aufregung; Die Weiber weinen auch heute noch, +wenn die Rede auf Rodionow kommt. Und dieser +Kaufmann gefiel Sanofa. Sie selbst gestand es +dem Vater. Der Alte freute sich mächtig und ging +gleich zu dem Kaufmann. Der Alte liebte die +Tochter so, daß er seine Seele für sie hingeben +würde. Der Kaufmann war aber ein leichtsinniger +Kerl und achtete nicht der Gefahr. Er schüttete +drei Scheffel Scherze hin, und man wurde einig. +Alles ging, wie sich’s gehörte: die Eltern gaben +ihren Segen, man feierte die Verlobung und +machte alles, was die Sitte verlangt: Weiber verstehen +sich ja darauf! Man tanzte so lange, bis +alle lahm waren. Und als der festgesetzte Tag anbrach, +kleidete man Sanofa zur Trauung ein. +Man kam in die Kirche, das ganze Dorf war dabei +— denn alle wollten es sehen —, man wartete, +der Bräutigam aber fehlte noch. Man dachte +sich, es sei ihm etwas zugestoßen. Man suchte +hin, man suchte her. Man schickte einen Boten +hin, dann einen andern, der Kaufmann war nirgends +zu finden. Man ächzte und seufzte, doch es +war nichts zu machen. Nun fuhr man wieder +heim. Sanofa wollte sich aber nicht vom Fleck +rühren. Man bat sie, man flehte sie an, man versuchte, +sie mit Gewalt nach Hause zu bringen, sie +wollte aber um nichts in der Welt fahren. So, wie +sie war, im Brautkleide, legte sie sich platt auf die +Erde und kroch auf allen vieren nach Hause. War +dabei so weiß wie Papier, und ihre Augen — ja, +<!-- page 170 --> +wenn alle Donner des Himmels erdröhnen und +alle Blitze niederführen, gäbe es kein solches Ungewitter: +— die Augen glühten und sengten. Ein +jeder blieb wie angewurzelt stehen, und sie kroch +immer weiter. +</p> + +<p>Gegen morgen fand man den Kaufmann in +Tschabaks Stall. Eine Sau hatte Ferkel geworfen, +und im Stalle stand eine alte geflochtene Krippe +für die Ferkel. Der Kaufmann lag in der Krippe, +und die Pferdeleine war mit dem einen Ende an +einer Pappel festgebunden. Tot war er. +</p> + +<p>Nun kam die gerichtliche Untersuchung. Die +Leute sagten gegen Kornej aus. Kornej schwor, +daß er an der Sache nicht beteiligt sei. Man +glaubte aber seinen Schwüren nicht und sprach +ihn schuldig. Der Alte ging nach Sibirien und ist +wohl auch dort gestorben. +</p> + +<p>So war die Sache. +</p> + +<p>Mitroschka mit dem Nabelbruch begann nun +ganz laut zu schimpfen, und die Klugen, die früher +ebenfalls alles gewußt, aber geschwiegen hatten, +redeten drauflos. +</p> + +<p>Jetzt war es allen klar, was für eine Bewandtnis +es mit Tschabaks Reichtum und Sanofas glückbringender +Hand mit dem Muttermal am linken +Daumen und den kleinen Kreuzen hatte. +</p> + +<p>Und wenn es auch Kornej war, der den Rodionow +erdrosselt hatte — das wußte ja jedermann —, +Sanofa war jedenfalls mitbeteiligt: ihrer Hände +Werk war es! +</p> + +<p>Das ganze Dorf geriet in Aufruhr. +</p> +<!-- page 171 --> + +<p>»Sie wird noch etwas ganz anderes anstellen«, +sagte man von Sanofa: »Sie wird einen Hagel +schicken und die Felder verwüsten, sie wird einen +Blitz herabsenden und das Korn verbrennen, das +Vieh umbringen, die Kinder erwürgen, die Weiber +verderben, die Männer zugrunde richten, +den Fluß austrinken, den Wald mit den Wurzeln +ausrotten, weder die Kirche noch ein einziges +Haus stehenlassen und selbst den letzten Holzspan +nicht verschonen.« +</p> + +<p>»Sie wird es noch ganz anders treiben«, flüsterte +man mit erstarrenden Lippen, »sie wird +alle in Eulen verwandeln und in Erdlöchern zu +leben zwingen.« +</p> + +<p>»Einen schwarzen Blick hat sie!« +</p> + +<p>»Eine verdammte Hand!« +</p> + +<p>»Eine verdammte Hexe ist sie!« +</p> + +<p>Foma und Jerjoma redeten den Leuten zu, der +Hexe den Garaus zu machen; es fand sich aber +kein Kühner: alle hatten viel zu kurze Arme. +</p> + +<p>Alle wichen Sanofa aus, auch Bruder und +Schwester sagten sich von ihr los. +</p> + +<p>Jedes Unglück, das in Batyjewo vorkam, jede +Sünde, alles schrieb man Sanofa zu. +</p> + +<p>Sanofa lebte nun mit ihrer Mutter allein. +</p> + +<p>Alle schielten ängstlich nach dem weißen +Häuschen mit der blauen Tür und den blauen +Fensterladen; man brach den Gesang ab und verstummte, +wenn der Blick auf den spitzen Dachgiebel +fiel, wo ein Storch wie ein Wachposten das +Hexennest bewachte. +</p> +<!-- page 172 --> + +<p>Sie aber hielt sich im Hause versteckt, lag am +Fenster, sah alles — über drei Felder hinweg +konnte sie sehen —, und hörte alles — durch drei +Wälder hindurch konnte sie hören. +</p> + +<p>Sie sah alles und hörte alles, und das Herz verging +ihr; aber aufstehen konnte sie nicht. +</p> + +<h3 class="no">3</h3> + +<p class="noindent">Öde ist es nun im Hause des alten Tschabak. +</p> + +<p>Wo das Volk sich einst so drängte, daß die +Wände erbebten, hört man weder Lachen noch +Trampeln, und draußen vor dem fest verschlossenen +Tor sieht man keine Pferdespuren mehr. +</p> + +<p>Ein Christenmensch kommt um nichts in der +Welt in den Hof; er wird lieber an der Schwelle +sterben als das Haus betreten. +</p> + +<p>In den Stuben sind überall Kräuter aufgehängt. +Und sie duften so scharf, daß man sich +kaum auf den Beinen halten kann. An allen Wänden +sind Vögel gemalt: Sanofa hat sie selbst gemalt, +es sind aber keine richtigen Vögel, sondern +eher geflügelte Kater. Diese Vögel machen es, +daß die Wände und das ganze Haus gleichsam +davonfliegen möchten. +</p> + +<p>Nicht geheuer ist es in den Stuben. +</p> + +<p>Wenn die Mutter mit der Hausarbeit fertig ist, +setzt sie sich zu Sanofa. Sie schaut die Tochter +mitleidig an und weiß nicht, was sie anfangen +soll. Sanofa aber liegt mit offenen Augen da, und +<!-- page 173 --> +in ihren Augen brennt etwas, was man mit keinem +Wasser löschen kann. +</p> + +<p>Sanofa pflegte der Mutter zu sagen: +</p> + +<p>»Glücklich bist du! Hast dein Leben gelebt, +hast getanzt und gesungen, hast so getanzt, daß +die Leute herbeikamen, um dich zu sehen. Und +ich habe nichts.« +</p> + +<p>Die Alte erhob sich, schüttelte ihren grauen +Kopf, und die Adern an ihrem bronzenen Hals +schwollen an. +</p> + +<p>»Nein, Sanofa, du bist schön und stark, und +keine ist so schön wie du!« +</p> + +<p>Sanofa hörte es nicht und sprach weiter: +</p> + +<p>»Du bist glücklich. Es muß ja auch glückliche +Menschen geben! Wer hat es so eingerichtet? +Und was habe ich verbrochen? . . .« +</p> + +<p>»Nichts hast du verbrochen. Aber die Menschen +sind so schlecht.« +</p> + +<p>»Die Menschen? Sind sie glücklich? Ich aber +kenne keinen glücklichen Augenblick . . .« +</p> + +<p>Die Alte richtete sich auf und sagte: +</p> + +<p>»Gehen wir von hier fort, Sanofa. Verlassen +wir dieses Haus, verlassen wir alles, dann finden +wir unser Glück . . . Ziehen wir in die Steppe, in +die Freiheit . . .« +</p> + +<p>»Warum lügst du? Warum sagst du, daß ich +schön bin? Was willst du von mir? Wie soll ich +von hier fort? Ich bin ja ein Krüppel — und kann +nicht gehen! Womit hab ich das verdient? Wer +hat es so eingerichtet? Wo ist die Gerechtigkeit?« +Sanofa richtete sich auf den Armen halb auf, +<!-- page 174 --> +blickte die Mutter voller Haß an, verfluchte die +Menschen und die ganze Welt. Alle erschienen +ihr so glücklich, nur sie allein war so unglücklich, +ein verkrüppeltes Kind, sie war verdammt und +wußte nicht, für welche Schuld. +</p> + +<p>Und ihr Herz war wie ein zähnefletschender +Eber — schreckliche Rache drang ihr aus dem +Herzen. +</p> + +<p>Die Alte ließ sich wieder auf die Bank nieder, +schloß die Augen und schlief ein, kraftlos, ohnmächtig, +etwas zu tun. +</p> + +<p>Sanofa verharrte aber noch lange halbaufgerichtet, +sich auf die gestreckten Arme stützend, +und sträubte die Haare wie eine Katze. Sie zielte +irgendwohin mit den Augen und ließ die Blicke +im Kreise schweifen. Etwas Unmögliches, Unmenschliches +geschah in ihrer Seele, etwas Unmögliches, +Unmenschliches ging in ihrem Herzen +in Erfüllung. +</p> + +<p>Um diese Zeit begann es im Dorfe zu brennen, +und die Menschen begannen dahinzusterben, +und eine Seuche befiel das Vieh, und die Felder +wurden ausgetreten — jedes Unheil, jede Seuche, +alles kam von ihrem bösen Blick. +</p> + +<p>Allmählich wurde ihr leichter ums Herz, allmählich +zog sie die stählernen Arme wieder ein. +</p> + +<p>Sanofa verkroch sich in einen Winkel ihres +Bettes, schrumpfte ganz zusammen und versteckte +sich wie ein verwundetes kleines Tier. +</p> + +<p>Sie gedachte ihrer Kindheit, des Vaters, ihrer +glückbringenden Hand . . . Wie sie einst im Reigen +<!-- page 175 --> +gestanden hatte, wie der Sturmwind kam +und wie sie zu Boden fiel, von dem sie sich nie +wieder erhob . . . Wie sie sich selbst aus ihrer rechten +Hand ihr Glück herauskratzen wollte, wie sie +zur Kirche fuhr und, auf allen vieren kriechend, +nach Hause zurückkehrte. +</p> + +<p>Die Alte erwachte. +</p> + +<p>Sanofa weinte. +</p> + +<p>Wenn sie weinte, war ihr Gesicht wieder so +winzig, kaum faustgroß, wie bei jenem glücklichen +Mädelchen, das, ihr glückspendendes +Händchen schwingend, auf einem Bein von der +Haustür zur Gartenpforte hüpfte, mit feinem +Stimmchen sang und das Märchen vom Hahn erzählte, +der den Bären gefressen hatte; das mit den +Lippen den Donner nachahmen wollte und selbst +vor den eigenen Tönen erschrak; das scheltend +den Regen zu verjagen suchte und ebenso wie +jetzt weinte, wenn der Regen nicht aufhören +wollte und man sie nicht aus dem Hause ließ. +</p> + +<p>»Willst du essen?« fragte die Alte, sich über die +Tochter beugend. +</p> + +<p>»Sterben will ich«, flüsterte Sanofa. +</p> + +<p>Die Alte biß sich in die welken Lippen, zerrte +an den Enden ihres erdgrauen Kopftuches und +war selbst so grau wie Erde. +</p> + +<p>Die Vögel an der Wand reckten ihre Katzenköpfe +und flogen irgendwohin; und auch die +ganze Wand wollte sich losreißen und davonfliegen. +</p> + +<p>»Ich will sterben!« +</p> +<!-- page 176 --> + +<p class="tb"> </p> + +<p class="noindent">Wenn die Abenddämmerung kam und der laue +Abend den Wind des Tages zur Ruhe brachte +und die Nacht, mit Sternen wie zu einem Festmahl +geschmückt, langsam heraustrat und die +von den Sternen geweckten Eulen ihre Trauer in +gedehnten Schreien ergossen — kroch Sanofa in +den Garten hinaus. Da blieb sie bis zum Morgengrauen +unter vier Augen mit der Nacht, grub die +Erde um und machte sich mit ihren Blumen zu +schaffen. +</p> + +<p>Manche Nächte aber waren wie Tage, und Sanofa +konnte in solchen Nächten nicht vom Bette +steigen. +</p> + +<p>Der Garten verwilderte von Sommer zu Sommer +immer mehr. Die Blumenbeete wurden von +Unkraut überwuchert, und die Blumen gingen +zugrunde. Wildes Steppengras drang in alle +Winkel ein. Die Baumäste neigten sich zur Erde, +die Schatten wurden immer dicker und vertilgten +jedes Licht. +</p> + +<p>Nachts wurde Sanofa von Träumen heimgesucht; +schreiend riß sie sich von ihnen los und lebte +dann den ganzen Tag unter ihrem Schatten. +</p> + +<p>An solchen Tagen sprachen Mutter und Tochter +nicht miteinander. Sie sahen sich nur an. Zuweilen +war es ihnen zu schrecklich, einander +auch nur anzuschauen. +</p> + +<p>Die Alte legte Karten. +</p> + +<p>Die Karten prophezeiten nichts Gutes: +›Schlag‹, ›Unannehmlichkeiten‹ und ›Nachtlager‹. +Das bedrückte das Herz mit unsagbarer +<!-- page 177 --> +Schwere, und alles endete mit dem ›Gastmahl‹ — +der Piquedame. +</p> + +<p>Nur selten kam es vor, daß ein Morgen das +Haus wie mit strahlendem Glück erleuchtete. +</p> + +<p>Sanofa erwachte und rief: +</p> + +<p>»Mütterchen, wenn du wüßtest, was mir heute +geträumt hat?« +</p> + +<p>Die Alte lief zur Tochter: +</p> + +<p>»Was hat dir denn geträumt?« +</p> + +<p>»Ich träumte von Stiefeln, und dann, daß du +mir ein Hemd reichst und das Hemd ganz blutig +ist.« +</p> + +<p>»Stiefel bedeuten eine Reise«, erklärte die Alte. +»Das Blut aber das Wiedersehen mit Blutsverwandten. +Und mir träumte, daß ich eine aus Samen +gezogene Zwiebel esse. Vielleicht kehrt noch +der Alte zurück . . .« +</p> + +<p>Die Alte versank in ihre Gedanken und begann +ein Lied zu summen. +</p> + +<p>»Mütterchen, ich weiß, was es für eine Reise +ist: es ist mein Tod.« +</p> + +<p>Die Alte schwieg. +</p> + +<p>»Auf dem Friedhof ist es ruhig, dort wird mich +niemand anrühren.« +</p> + +<p>Die Alte schwieg. +</p> + +<p>Alles fiel ihr aus den Händen: so sehr zitterten +ihr die Hände, und sie wußte in ihrem Kummer +nicht, ob sie stehend oder sitzend weinen sollte. +</p> + +<p>Ein Tag folgte dem andern. +</p> + +<p>So viele endlose, traurige Tage zogen durch +das verödete Haus. Man könnte mit dem Kopf +<!-- page 178 --> +gegen die Wand rennen, nur um irgendeinen +Schrei aus der Kehle zu pressen. +</p> + +<p>Ganz gleich, ob das Wetter trocken oder naß +war, ob es regnete oder die Sonne schien, die Augen +hatten nur den einen Wunsch: sich zu schließen. +</p> + +<p>Die Alte konnte es nicht länger ertragen, sie +fürchtete das Schweigen, sie ging leise auf die +Tochter zu und sagte: +</p> + +<p>»Mein Kind, mein Kindchen!« +</p> + +<p>»Was ist denn?« fragte Sanofa, ihre schrecklichen +Augen auf die gramgebeugte Mutter richtend. +</p> + +<p>»Ich habe nur so . . . Ich bitte mit dem Herzen . . .« +</p> + +<h3 class="no">4</h3> + +<p class="noindent">Es war wohl eine herrliche Nacht: im fernen +Sumpfe trompeteten die Unken, kleine Vögel +zwitscherten kaum hörbar, und ihr Gezwitscher +verschmolz mit dem Zirpen der Grillen, von dem +die ganze Erde zitterte. Jenseits des Flusses +schrien traurig die Eulen und lärmten die Frösche: +es klang, wie wenn ein Wagen über das +Straßenpflaster rollt. +</p> + +<p>Die schlanken Pappeln warfen tiefe Schatten +über den mondbeschienenen Hof. +</p> + +<p>Wie eine weiße Blüte lag Sanofa in ihrem weißen +Hemd auf dem Rasen. Traurig fielen ihre +<!-- page 179 --> +dunklen Flechten von den Schultern hinab. Ihre +Lippen waren halb offen und ließen die weißen +Zähne sehen. Sie starrte zu den Sternen empor. +</p> + +<p>Die Sterne waren aber so fern. +</p> + +<p>Ein einziger Gedanke schmolz wie Mondlicht +in ihrem Herzen: der Gedanke an den Tod. +</p> + +<p>Und es kam Sanofa vor, als ob jemand mit einem +Licht unter dem Stall hervorkrieche, dann +um die Pappel herumgehe, auf den Boden falle +und nun den Schattenstreifen entlang zum Garten +krieche; das Flämmchen flackerte wie eine +Kerze, — wie zwei Kerzen. Und je näher es kam, +um so deutlicher konnte sie erkennen, daß es ein +Mensch war und daß seine Augen wie Kerzenflammen +leuchteten. +</p> + +<p>Sanofa stützte sich auf die Arme, bog den Kopf +wie eine Katze vor und kroch ihm entgegen. +</p> + +<p>Und so krochen sie aufeinander zu, und die +Entfernung zwischen ihnen wurde immer kürzer; +schon sah sie seine wehenden Haare und seine lächelnden +Lippen . . . +</p> + +<p>Schon war der Weg durchschritten. +</p> + +<p>Er streckte seine Arme nach ihr aus, umklammerte +sie und drückte sie fest, heiß, für das ganze +Leben, für ewig an seine Brust. Plötzlich wurde +er ebenso blau, wie er es im Stalle mit der Pferdeleine +am Halse gewesen war, er grinste mit seinen +schrecklichen Zähnen, hob sie empor, und schon +flogen sie — als Bräutigam und Braut — davon. +</p> + +<p class="tb"> </p> + +<p class="noindent">Man fand Sanofa am nächsten Morgen am Ende +<!-- page 180 --> +des Gartens beim Fischkasten tot auf dem Zaune +sitzen: der Teufel hatte sie erwürgt. +</p> + +<p>Ganz Batyjewo ist betrunken. Gesang, Geschrei +und Gestampfe erfüllen die Luft. Man +tanzt, ohne die Beine zu schonen. Ganz außer +Rand und Band sind die Leute: Foma hat dem +Jerjoma sein einziges Auge ausgeschlagen, dem +Mitroschka riß jemand den Nabelbruch heraus. +Wie sollte man auch bei einer solchen Gelegenheit +nicht über die Schnur hauen? +</p> +<!-- page 181 --> + +<h2 class="chapter" id="chapter-7" style="page-break-after:always"> +Das Los des Elenden<br />Träume +<!-- page 183 --></h2> + +<h3 class="sub">Vom Tiger zum Haken</h3> + +<p class="first">Ich bin der Tiger der alten, von Asche verschütteten, +steinernen Stadt, auf Gottes Geheiß geboren +und nach dem Zeugnis König Davids zur Geduld +verurteilt: Ich bin vor der Zeit, in die Zeit +und für die Zeit. +</p> + +<p>Ich lag träg und lässig in der Allee des Petersburger +Sommergartens und betrachtete das Publikum. +Es gab nur wenig Spaziergänger, und ich +hörte gar kein Lachen, nur hie und da ein widerliches +Kichern. Die meisten gingen mit ernsten +Gesichtern ihren Geschäften nach, und die Geschäfte, +denen sie nachgingen, wurden als etwas +so ungemein Wichtiges hingestellt, als ob davon +das Heil der Welt abhinge. Ich sah nur die Rücken +der Vorbeigehenden und konnte nur aus ihren +Worten und Äußerungen, die an mein Ohr +schlugen, schließen, was für Gesichter und was +für Augen sie hatten. Die Empörung ließ mich +auf meine kräftigen Beine springen; ich stürzte +voller Wut auf das Häuschen Peters des Großen +zu, ich schlug meine Krallen in das Holz und begann +den Leuten ins Gewissen zu reden und ihnen +klarzumachen, daß sie Betrüger und selbst +der einfachsten Sache nicht gewachsen seien, +weil ihre Augen trüb und kurzsichtig, ihre Seelen +welk und ihre Gesichter schief seien. +</p> + +<p>Indem ich die Erlöser anklagte, begann ich solchen +Unsinn zu reden, daß auch meine Augen +sich trübten, meine Seele ausfaserte und mein +<!-- page 184 --> +Gesicht schief wurde. Und plötzlich war ich wie +durch ein Wunder in einen Vogel mit lauter +Stimme verwandelt. +</p> + +<p>Ich sang so laut, daß es wohl auf der ganzen +Welt keinen Winkel gab, in dem mein Gesang +nicht zu hören gewesen wäre. Und da alle meinem +Gesange lauschten und an der sonnigen +Stelle, wo ich zu singen pflegte, bereits ein Käfig +hing und ich wußte, daß man mich einfangen +und in diesen Käfig sperren würde, empfand ich +es als lästig und auch gefährlich, als Vogel weiterzuleben. +</p> + +<p>Um mich irgendwie zu retten und mir die Freiheit +zu erhalten, senkte ich meine Flügel und +schlich mich als diebischer Fuchs in das schmutzige +und gemeine Wirtshaus ›Zu den lustigen Inseln‹ +in der Werejskaja-Gasse, drängte mich irgendwie +durch die Masse der betrunkenen Gäste +und setzte mich an den ersten besten Tisch; um +keinen Verdacht zu erregen, bestellte ich mir +aber eine Flasche vom stärksten und berauschendsten +Weine. +</p> + +<p>Obwohl das Lokal gesteckt voll war und man +sich gar nicht rühren konnte, brachte es irgendeine +Sascha Timofejewa fertig, sich an meinen +Tisch zu setzen. Sie umschlang meinen Hals mit +einer Hand und suchte ihr Gesicht dem meinigen +zu nähern. +</p> + +<p>»Lieber Freund, führe mich fort von hier!« +flehte sie mich an, und ihr gelber Lackledergürtel +knisterte. +</p> +<!-- page 185 --> + +<p>Während sich ihr dunkelmattes Gesicht mit +den riesengroßen grauen Augen ohne Pupillen +meinem Gesicht näherte, senkte sich von der +Decke ein Netz so fein wie Spinnweben langsam, +aber sicher über mich: ich fühlte, wie ein seidenes +Vogelnetz über mich geworfen wurde. Und als +die Augen meiner Geliebten schon so nahe waren, +daß sie zu einem einzigen grauen Auge verschmolzen, +berührte das Netz meinen Scheitel; +im gleichen Augenblick drang ein feiner, scharfgeschliffener +Haken in mein lebendes Herz. Er +hakte sich fest und zog mich schon im nächsten +Augenblick roh und blind über die Sascha und +den Tisch hinweg zur Decke empor. +</p> + +<h3 class="sub">Affen</h3> + +<p class="first">Man hatte uns von allen Enden der Welt, aus +Australien, Afrika und Südamerika, zusammengetrieben, +und ich, der Anführer der Schimpansen, +mit dem aus Eiderdaunen gewebten Gürtel +um die Lenden, raufte mir die Haare und zerbrach +mir den Kopf, wie ich mich von den Ketten, +mit denen man uns an Armen und Beinen gefesselt +hatte, befreien und in meine Heimat +durchbrennen könnte; aber es war schon zu spät. +Man trieb uns über die neugepflügten Äcker auf +das Marsfeld, und nachdem wir wie Soldaten +Aufstellung genommen hatten, begannen Herolde +in goldstrotzenden Uniformen mit Straußenfedern +<!-- page 186 --> +an den Hüten, längs der Reihen hin- und +herreitend, das Urteil zu verlesen. +</p> + +<p>Man beschuldigte uns Affen der maßlosen Unzucht, +Bosheit, Faulheit, Trunksucht und eines +unausrottbaren Hanges zum Diebstahl; unter +Anerkennung unserer ungewöhnlichen angeborenen +Anlagen zur Entwicklung und Vervollkommnung +verhängte man über uns die Anwendung +der Geheimmittel des Bologneser Universitätsprofessors +Ritters Altenaar, des Nachkommen +der Wikinger von Grönland, Island und des +Nördlichen Eismeeres. +</p> + +<p>Von blinder Mutterliebe und Empörung erfüllt, +folgte ich der Exekution, die nach all diesen närrischen +Zeremonien begann: die gottlosen Menschen +durchbohrten uns zum Scherz mit Schusterahlen +und bearbeiteten uns nachher mit Eisenhämmern. +Sie beschmierten einzelne von uns mit +heißem flüssigem Teer, befestigten das eine Ende +eines in die Teermasse eingekneteten Strickes an +die Körper der Unglücklichen und das andere an +das Kummet eines freien und kräftigen Pferdes +und ließen sie dann unter Schreien und Johlen der +Menge so lange über die Erde schleifen, bis die +Opfer verendeten. Andern wiederum steckten sie +die Lippen sorgfältig mit Messingnadeln zusammen. +Und noch viele andere Scherze wurden an +uns zwecks Bändigung verübt. +</p> + +<p>Als aber das Marsfeld vom Heulen und Winseln +gesättigt, als die Erde vom vergossenen Affenblut +aufgequollen war und das getaufte und +<!-- page 187 --> +ungetaufte russische Volk sich krank gelacht +hatte, kam auf ehernem Rosse ein Reiter in Rüstung +aus grünem Erz dahergesprengt. Ein Lasso +schwirrte durch die Luft und legte sich mir um +den Hals, und ich fiel in die Knie. Ich, Anführer +der Schimpansen Australiens, Afrikas und Südamerikas, +blickte angesichts des unnötigen und +ungebetenen Todes den schrecklichen und stolzen +Reiter mit frechen Augen an und schleuderte +gegen ihn und den mir verhaßten Tod ein dreifaches +Kikeriki. +</p> + +<h3 class="sub">Beinahe hätten sie mich gegessen</h3> + +<p class="first">Ich hatte zwölf unterirdische Kammern und +zwölf Schlüssel — man nahm sie mir weg. Ich +sammelte mir im Hofe verschiedene Lumpen — +man nahm sie mir auch weg. Die Schlüssel und +die Lumpen trug man in die Vorratskammer und +schloß sie dort ein. Und Wlassow, mit dem ich +erst vor kurzem mein Zimmer geteilt hatte und +ohne den ich keinen Schritt machen konnte, verließ +mich. +</p> + +<p>Ich bin ganz nackt, und doch rauben sie mich +noch immer aus: sie saugen mir das letzte Blut +aus dem Körper. Nun hat mich auch noch eine +Zitterkrankheit befallen. Mit Tränen in den Augen +flehe ich sie an, mich in Ruhe zu lassen und +mir nicht so furchtbar zuzusetzen. Sie will aber +nicht auf mich hören. +</p> +<!-- page 188 --> + +<p>Sie hatten mich frech beraubt, und ich wußte, +daß sie mich nicht am Leben lassen würden, daß +sie mich unbedingt ins Grab bringen wollten. Ich +konnte es nicht länger aushalten und schickte +mein Dienstmädchen auf die Ligowka zu einem +mir bekannten Sargmacher, einen Sarg zu holen. +— Meine Sterbestunde rückte heran, und es kam +mir immer klarer zum Bewußtsein, daß sie meinen +Leib schon nach wenigen Tagen mit Brot +verzehren und nur meine Knochen in den Sarg +legen würden. +</p> + +<p>Mit unsagbarer Mühe kroch ich die Treppe +hinunter und wandte mich an den Portier mit der +Bitte um Hilfe: ich flehte ihn mit den letzten +Kräften, mein letztes Blut vergießend, an, die +vornehmsten Bürger der Stadt auffordern zu lassen, +gleich morgen zu mir zu kommen, um mich +zu bestatten, solange ich noch nicht verzehrt sei. +</p> + +<p>Und während ich so den Portier anflehte und +mich vor ihm bis zur Erde verneigte, sprang +plötzlich das Plakat mit der Aufforderung, die +Gummischuhe unten beim Portier abzugeben, +ab, und an der Stelle, wo es gehangen hatte, trat +aus der Wand Wlassow. Indem er seinen stechenden +Feuerwehrmannschnurrbart drehte, +reichte er mir die Schlüssel, die Lumpen und etwas +Roggenmehl, aus dem ich einen dicken Kleister +kochen sollte. +</p> +<!-- page 189 --> + +<h3 class="sub">Der Tatar</h3> + +<p class="first">Ich stieg einen Turm auf einer steilen, ungewöhnlich +schmalen Treppe hinauf. Man hatte +mir gesagt, daß ich nur die obere Plattform zu erreichen +brauchte; oben würde ich leicht den Eingang +in den Himmel finden: dort würde eine +Wolke in Form einer Barke zu meinen Diensten +bereitstehen, ich brauchte nur einzusteigen und +könnte dann fahren, wohin ich wollte. +</p> + +<p>Der Aufstieg dauerte unendlich lange, die +Beine konnten mich kaum tragen, und auch +meine Geduld ging zu Ende; der Schädel +schmerzte mir; ich nahm mich aber doch zusammen +und erreichte schließlich die Plattform. Und +was denken Sie? Es gab oben gar keine Wolke in +Form einer Barke, dafür stand dort ein Tatar, einer +von denen, die mit alten Kleidern handeln; +seine Arme reichten aber bis zur Erde hinab. Ich +wollte schon wieder hinuntersteigen — was sollte +ich denn oben? —, er packte mich aber am Kragen +und hob mich mit seinen langen Armen in die +Höhe. +</p> + +<p>»Du ganz gemeiner Schmarotzer! Ebensowenig +wie deine Ohren wirst du die Wolke, die du +wohl nur aus deinen Büchern kennst, zu Gesicht +bekommen, noch die Dinge, die jenseits der +Wolke sind. Putz dir erst die Augen, die in allen +Dingen nur das Häßliche schauen, und dann bist +du uns willkommen!« +</p> + +<p>Ehe ich ihm etwas entgegnen oder mich rechtfertigen +<!-- page 190 --> +konnte, begann der Tatar mich langsam +auf die Erde hinabzulassen. Und als bis zur Erde +nichts mehr übriggeblieben war, schlug ich mit +der Nase hart am Boden auf und fiel in warmen +Kuhmist. +</p> + +<h3 class="sub">Der Traber</h3> + +<p class="first">Petersburg stand in Flammen. An den Feuerwehrtürmen +hing das Alarmsignal für sämtliche +Löschkommandos; sie konnten aber alle nichts +ausrichten. Petersburg brannte an allen Ecken +und Enden. +</p> + +<p>Ich und noch ein Herr, der mich bei meinen +nächtlichen Abenteuern zu begleiten pflegte, verließen +das Haus und fuhren ins Barackenlager. +In den Baracken bekamen wir ein riesengroßes +Zimmer angewiesen, und hier stellte sich heraus, +daß wir gar nicht allein waren: in unserer Gesellschaft +befand sich unablässig ein bekannter russischer +Dichter. +</p> + +<p>Wir sahen zum Fenster hinaus: die Straßen +waren von Flüchtlingen überschwemmt, und +zahlreiche Damen, mit Reisekoffern und gelben +Hutschachteln beladen, zogen über den Bürgersteig +wie in einer Kirchenprozession. Alle sagten, +daß die Feuersbrunst entsetzlich sei und nicht so +bald ein Ende nehmen würde. Es roch nach Verbranntem. +</p> + +<p>Wir beschlossen, gleichfalls abzureisen. Wir +<!-- page 191 --> +nahmen uns eine Droschke und fuhren zu dritt +nach Moskau. Ohne uns in Moskau aufzuhalten, +begaben wir uns direkt nach der Sommerwohnung +im Petrowski-Park. In der Sommerwohnung +trafen wir niemanden an. Etwas später erschien +ein bekannter Schauspieler, und wir erzählten +ihm, welch ein furchtbarer Brand in Petersburg +wüte, wie wir in den Baracken gesessen +hätten, wie es nach Verbranntem gerochen hätte +und daß wir dem Kutscher fünfundsiebzig Kopeken +bezahlt hätten. +</p> + +<p>»Jetzt ist das Pferd hin«, sagte der Dichter. +»Wie kann man auch? Neunundzwanzig Werst +von Petersburg nach Moskau, ohne Station zu +machen, und dann gleich wieder nach Petersburg +zurück — das hält kein Pferd aus!« +</p> + +<h3 class="sub">Die Blume</h3> + +<p class="first">Ich pflanzte meine Lieblingsblume um. Endlich +war ich dazu gekommen. Ich fühlte mich schuldbeladen +ihr gegenüber: wenn man soviel andere +Geschäfte hat, kommt man selten dazu, sich um sie +zu kümmern und das Gras auszujäten; nun ist es +schon zu einem dichten Gebüsch ausgewachsen! +Immer habe ich etwas zu tun, bald dies, bald jenes. +›Das ist ja eben das Wesen des Lebens, daß man +niemals Zeit hat!‹ hat mir einmal jemand gesagt. +Nun, der Herr sei ihm gnädig; möchte der, der es +gesagt hat, auch in Zukunft niemals Zeit haben! +</p> +<!-- page 192 --> + +<p>Ich schüttelte die Erde aus dem Blumentopf, +ergriff die Blume am Stengel und bemerkte unten, +wo die Wurzeln einen Knoten bilden, einen +kleinen Wurm. Kaum hatte ich die Hand ausgestreckt, +um den Wurm zu fassen, als er sich in +eine kleine Schlange verwandelte, und die kleine +Schlange verwandelte sich, ohne mit der Wimper +zu zucken, in eine große. Nun begann ich vor +Angst zu zittern. Ich warf die Blume zu Boden +und wollte weglaufen, aber die Beine gehorchten +mir nicht; ich wollte aufschreien, brachte aber +keinen Ton hervor. +</p> + +<p>Die riesengroße geringelte Schlange Aspis tat +ihren Rachen vor mir auf, berührte mit ihrem +glühenden Stachel meine kalte Nase und verwandelte +sich in einen Fisch mit vielen Zähnen. Mein +Gott! Das war ja Echinia selbst! Ohne lange zu +überlegen, sperrte die Echinia (und nicht mehr +die Aspis) ihren Rachen noch weiter auf — ich +hatte kaum Zeit, nach meiner Tasche zu greifen, +und stürzte in ihren Bauch. Da war es um mich +geschehen. +</p> + +<h3 class="sub">Rotkohl</h3> + +<p class="first">Ich stehe am Flußufer mitten in einer Volksmenge. +Jemand meint, daß diese Volksmenge +von der Darstellung des jüngsten Gerichts in der +Mariä-Verkündigungs-Kathedrale zu Solwytschegodsk +herabgestiegen sei und daß der Fluß, +<!-- page 193 --> +an dem wir stehen, die Donau oder der Safat sei; +es werden noch andere Namen genannt, ich kann +sie aber nicht verstehen, da alles in einer barbarischen +Sprache erzählt wird. +</p> + +<p>Wir alle warten auf etwas und sind sehr aufgeregt. +Ich kann nicht ruhig an einem Platz stehen +und laufe bald zu dem einen, bald zu dem andern +und frage: +</p> + +<p>»Kommt es bald?« +</p> + +<p>Statt mir zu antworten, zeigt man mit den Fingern +auf eine dunkle Masse, die vom Walde her +naht. +</p> + +<p>Am Ufer, dicht am Wasser, ist ein kleiner Platz +abgezäunt; auf dem Platz stehen zwei Fäßchen +mit einem quer darüber gelegten Brett. Ich +dränge mich bis an die Umzäunung vor, richte +mich recht bequem ein und beobachte die heranrückende +dunkle Masse. +</p> + +<p>Allmählich kann man die seltsamen Gestalten +unterscheiden: an der Spitze reitet auf einem +Ochsen der Zeremonienmeister, ein vornehmer +Würdenträger mit braunem Vollbart und goldgesticktem +Rock; in seinen Händen glänzt ein +goldener Stab; nach dem Zeremonienmeister +schreiten paarweise Damen in langen weißen Gewändern, +mit bloßen Füßen, und jedem Paar folgen +Diener, die je zwei Klappstühle und einen +Fächer tragen. Endlich erscheint unter einem +Baldachin der König: er trägt einen mit silbernen +Sternen besäten Mantel, so blau wie der Fluß, +und an den Händen weiße Ritterhandschuhe; +<!-- page 194 --> +sein Gesicht ist dunkel wie das eines Mohren, +und seine Nase gleicht einer silbernen Sichel. +</p> + +<p>Der Mann, der neben mir stand und eine staubige +rote Perücke aufhatte, seines Zeichens +Schwarzkünstler, schnaubte mit der Nase und +sagte mir auf russisch: +</p> + +<p>»Dieser König Napoleon hat eine angesetzte +Nase!« Mit diesen Worten stürzte er entseelt zu +Boden. +</p> + +<p>Und ich sah, daß noch viele andere Menschen +in der Volksmenge tot niederfielen, offenbar für +ihre Blasphemie bestraft. Nun kam es irgendwie +zutage, daß es durchaus kein gewöhnlicher König +war. +</p> + +<p>Der Zug kam immer näher. Ich unterschied +schon einen schlanken, weißen Hofmann, der +dem König folgte und Befehle erteilte. Dann kamen +wieder Damen und Diener; polternde Bauernwagen, +bis an den Rand mit Rotkohl beladen, +beschlossen den Zug. +</p> + +<p>Alle Blicke waren auf den König gerichtet. Er +betrat den am Ufer abgezäunten Platz, und nun +kam ich darauf, daß sein Gesicht unter einer +Larve verborgen und daß der schlanke Hofmann +kein lebendiger Mensch, sondern ein Automat +war. +</p> + +<p>Die Diener legten indessen den Baldachin zusammen +und stellten die Stühle auf. Die weißen +Damen rafften die Röcke hoch, nahmen Platz +und begannen, mit ihren bloßen Beinen baumelnd, +ein Gebet zu murmeln. Der König verbeugte +<!-- page 195 --> +sich vor dem Flusse, rief den Automaten +herbei und setzte sich zugleich mit ihm auf das +Brett, das quer über den Fässern lag, doch so, +daß die Mitte des Brettes frei blieb. +</p> + +<p>Wir riefen alle hurra und schrien so lange, bis +der Zeremonienmeister mit dem braunen Vollbart +und dem goldgestickten Rock mit seinem +Stabe winkte. Nun trat Totenstille ein. +</p> + +<p>»Warum hast du gesagt«, wandte sich der König +an den Automaten, »daß diese Bank zusammenbrechen +würde? Du siehst doch, wir beide +sitzen auf ihr, und sie ist noch immer ganz.« +</p> + +<p>Die Stimme des Königs klang so jugendlich +und stark, daß ein jeder von uns, von einem +plötzlich erwachten Gefühl von Jugend und +Kraft ergriffen, emporsprang. Wir alle waren bereit, +für unsern König zu sterben. +</p> + +<p>Die Damen schrien hurra. +</p> + +<p>»Kaiser, du sitzt nicht richtig, setz dich in die +Mitte!« sagte der Automat zum König. Mit diesen +Worten erhob er sich vom Brett und ging an +den Zaun zu der Stelle, wo ich mich so bequem +eingerichtet hatte. +</p> + +<p>Ich konnte mich nicht enthalten und rührte +ihn hinten an: meine Hand stieß auf etwas Metallisches +und Kaltes, ich zog sie unwillkürlich zurück +und fühlte ein Zittern wie vom elektrischen +Strom. +</p> + +<p>Der König erhob sich. Der König legte seinen +Mantel zurecht. Der König setzte sich auf die +Mitte des Brettes. Kaum hatte er es berührt, als +<!-- page 196 --> +das Brett mitten entzweibrach. Der König flog in +den Fluß. +</p> + +<p>Die Damen brachen in Tränen aus. Wir +schrien hurra und begannen den Automaten zu +prellen; während wir ihn in die Höhe warfen, +warfen wir auch die Rotkohlköpfe zum Himmel +empor. +</p> + +<h3 class="sub">Der Wolf</h3> + +<p class="first">Man schickte mich in den Wald, Nüsse suchen. +»Geh hin«, sagte man mir, »und bring uns recht +viel Nüsse.« Ich gehe durch den Wald, schaue +nach allen Seiten, stolpere bei jedem Schritt, +kann aber keine einzige Nuß finden. Endlich +habe ich doch einen Busch entdeckt, aber mit +lauter grünen Nüssen, keine einzige reife ist darunter. +»Es ist ja ganz gleich: ich bringe ihnen von +den grünen, wenn sie durchaus Nüsse haben wollen . . .« +Ich greife einen Ast, will die Nüsse abpflücken, +aus dem Gebüsch springt aber ein Wolf +auf mich los. Ich sehe, daß es schlimm um mich +steht, und sage ihm: »Willst du mich denn wirklich +fressen?!« Er schweigt. Und ich sage ihm +noch: »Friß mich nicht, Grauer, ich werde dir +später einmal nützlich sein.« Und ich denke mir +dabei: ›Wie werde ich ihm eigentlich nützlich +sein können?‹ Und während ich mir das überlege, +fraß mich der Wolf. +</p> +<!-- page 197 --> + +<h3 class="sub">Der Baum</h3> + +<p class="first">Über dem Kopfe knarrt ein Riesenbaum, er +knarrt und wird gleich stürzen. Und ich stehe unter +dem Baum wie gebannt. +</p> + +<p>Der Baum knarrt unheimlich, das Laub fällt +von den Zweigen, und der Wipfel bebt: ich weiß +nicht, ob es der Wind macht oder ob er von selbst +wie vor dem Sturze bebt. +</p> + +<p>Der Baum knarrt, er knickt ein — er wird mich +erschlagen . . . Und ich kann nicht fort. +</p> + +<h3 class="sub">Der Steg</h3> + +<p class="first">Ich ging über die schmale, schwankende Brücke, +die von Fels zu Fels über den Abgrund führte. Es +war aber unmöglich, direkt von der Brücke an +das andere Ufer zu kommen: man mußte entweder +hinüberspringen, wie es mein Gefährte getan +hatte, der nun am anderen Ufer stand und mir +die Arme entgegenstreckte, oder aber auf den +Steg treten, ein schmales Brett, das mit Stricken +an irgendeinem Nagel irgendwo in den Wolken +befestigt war und von dem man mit einem einzigen +Schritt ans Ufer gelangen konnte. So wollte +ich es machen. Ich trat auf den Steg. Kaum aber +hatte ich die Hände meines Gefährten ergriffen, als +der Steg zu schwingen begann und immer mehr +und mehr in Schwung kam. Ich flog auf dieser höllischen +Schaukel immer höher empor, und mein +<!-- page 198 --> +Gefährte flog mit mir mit, und so schaukelten wir +über dem Abgründe. +</p> + +<p>Mein Herz verging und erstickte und stand +endlich ganz still. +</p> + +<h3 class="sub">Die Tiere</h3> + +<p class="first">Der stille Herbstregen, fein wie Staub, fällt im +dichten Nebel. Ich weiß nicht, wohin und wozu +ich gehe und was mich treibt. Endlich bleibe ich +vor dem Stadttor stehen. Die Torhüter öffnen mir +schweigend das Tor, und ich gerate in eine +schmale, von zwei hohen Mauern eingeschlossene +Gasse. Männer und Frauen, Körbe voll Brot +auf den Köpfen, kommen mir entgegen. Wie ich +mit diesem seltsamen Zuge zusammentreffe, +wende ich mich an einen der Männer und sage: +</p> + +<p>»Gib mir eine Semmel.« +</p> + +<p>Er gab sie mir. Ich weiß aber nicht, ob ich die +Semmel aufessen oder in die Tasche stecken oder +nach Hause tragen soll; ich weiß auch gar nicht, +wohin ich gehe. +</p> + +<p>»Die Tiere hat man herausgelassen! Die +Tiere!« schrie irgendein Mann, an mir vorbeilaufend, +während die Fetzen eines zerrissenen roten +Hemdes hinter seinen Schultern wie zwei Flügel +flatterten. +</p> + +<p>Und alle befiel eine furchtbare Angst, und diejenigen, +die in meiner Nähe waren, warfen ihre +Brotkörbe hin und rannten davon. +</p> +<!-- page 199 --> + +<p>Und dieser schreckliche Schrei! . . . Es wurde +mir klar, daß es mein eigener Schrei war. +</p> + +<p>Die Tiere, anfangs kaum wahrnehmbar, dann +immer drohender, rückten heran. Das Fell auf +den schwarzen und rauchgrauen Rücken +sträubte sich, die grellgelben Flecken an den +Bäuchen schimmerten in fettigem Glanz. Ich +stand allein, rings von den vielen roten offenen +Rachen umgeben; die roten Zungen bewegten +sich in ihnen wie Uhrpendel. +</p> + +<p>»Tiere, da habt ihr die Semmel!« +</p> + +<p>Kaum hatte ich aber diese Worte: ›Tiere, da +habt ihr die Semmel‹ gesprochen, als alle Tiere, +die großen und die kleinen, die grauen und die +schwarzen, die einohrigen und die einzahnigen, +die stößigen und die bissigen, ihre Pfoten einzogen +und in Schlummer versanken. +</p> + +<h3 class="sub">Unter Nackten</h3> + +<p class="first">Ich war in eine Gesellschaft von Nackten geraten: +sie laufen so ganz ohne jede Kleidung herum. +›Sie schämen sich wohl furchtbar, diese Unglücklichen‹, +dachte ich mir, alle diese mageren, dicken, +aufgedunsenen, knochigen, häßlichen Gestalten +betrachtend. +</p> + +<p>»Nein, wir würden uns schämen, wenn wir uns +plötzlich ankleideten«, sagte mir einer der Nackten, +der meinen Gedanken offenbar belauscht +hatte. +</p> +<!-- page 200 --> + +<p>»Schämt man sich denn, wenn man angezogen +ist?« +</p> + +<p>»Das eigentlich nicht . . .« +</p> + +<p>»Wie häßlich ihr doch alle seid!« unterbrach +ich ihn. +</p> + +<p>»Wenn wir häßlich sind, so mach, daß du fortkommst, +solange deine Knochen ganz sind«, +sagte mir wütend ein anderer Nackter. +</p> + +<p>»Was ist eigentlich die schwerste Sünde?« +fragte ich ihn. +</p> + +<p>»Einst galt es als die schwerste Sünde, ein Feuer +auszulöschen. Diese Sünde haben wir nie begangen: +die Feuerwehr nimmt keine Nackten auf.« +</p> + +<p>»Ich habe auch keine Lust, zur Feuerwehr zu +gehen«, stimmte ich ihm zu. Dann ging ich auf +die Seite und zog mir die Stiefel aus. +</p> + +<h3 class="sub">Das Dach</h3> + +<p class="first">Mit den Händen am Gesimse gleitend, die Beine +in der Luft, bewege ich mich längs des unendlichen +Holzdaches eines unendlichen Holzbaues +fort. Grelles Sonnenlicht fällt mir in die Augen. +Morsche Holzstücke fallen mir unter den Händen +ab, meine Hände rutschen — mir stockt der +Atem, und ich möchte abstürzen, damit es doch +einmal ein Ende nimmt! Aber ich bewege mich +immer weiter. +</p> + +<p>Ich sehe unter mir Bäume, Flüsse, Bäche und +eine Stadt. +</p> +<!-- page 201 --> + +<h3 class="sub">Der Bau</h3> + +<p class="first">Ich kroch unter das riesenhafte Haus, das noch +nicht ganz fertig war, Man baute es so, daß der +ganze Bau in der Luft hing und nicht stürzte, weil +ein dickes, an das Fundament befestigtes Tau ihn +mit der Erde verband. Ich kroch mit einem Beil +in der Hand unter den riesenhaften Bau, erreichte +den Mittelpunkt, wo das Tau befestigt +war, holte mit dem Beil aus und hieb auf das Tau +ein. Und als ich so weit war, daß das Haus jeden +Augenblick einzustürzen drohte, spuckte mir jemand +von oben auf den Kopf. +</p> + +<h3 class="sub">Unter dem Bett</h3> + +<p class="first">Ich liege im leeren Zimmer und fühle, daß sich +unter dem Bett etwas aufrichtet, umwendet und +wieder still wird. Ich spitze die Ohren und horche: +die Pfoten knacken, etwas Rauhes kriecht +über den Boden, es stößt wohl an meine Stiefel, +wendet wieder um, es holt Atem und kriecht weiter. +</p> + +<p>Ich liege da, ich rühre mich nicht, und ich +weiß, daß es schon ganz nahe ist: gleich macht es +einen Bogen um den Stuhl, nimmt mich aufs +Korn und springt mit einem Satz auf mich herauf. +</p> +<!-- page 202 --> + +<h3 class="sub">Die Maus</h3> + +<p class="first">Im Hause haben sich Mäuse eingenistet und +trippeln umher. Ich lauerte einem Mäuschen auf +und packte es beim Schwanz. Es biß mich augenblicklich +in den Finger. An der Stelle, wo es mich +gebissen hatte, wuchsen mir lange Haare. Ich +ließ die Maus los, sie fiel zu Boden, setzte sich +und lief gar nicht fort. +</p> + +<p>»Wie kann man nur so!? Man muß es vorsichtig +machen und sie durch Liebkosungen zu gewinnen +suchen!« +</p> + +<p>Ich ergriff sie vorsichtig am Pfötchen, streichelte +ihr den Rücken, sie aber sprang mir an den +Hals, beschnupperte mich und bewegte ihren +Schnurrbart. +</p> + +<h3 class="sub">Makkaroni</h3> + +<p class="first">Wir standen am Rande des Kraters. Der Lange, +der seit so vielen Monaten nicht von mir weicht +und mir fortwährend allerlei Dummheiten erzählt, +sprang, ohne sich die Lippen abzulecken, +glatt hinüber, ich aber stürzte hinein. Mit unendlicher +Mühe, mich im Finstern an die Kleiderhaken +festklammernd, klettere ich an die Oberfläche. +Der Lange ruft mir aber zu: +</p> + +<p>»Komm schneller heraus. Sonst werden die +Makkaroni, die ich gekocht habe, kalt. Gesalzen +sind sie auch schon!« +</p> +<!-- page 203 --> + +<p>Scher dich zum Teufel mit deinen Makkaroni! +Die Finsternis ätzt mir die Augen. Wenn ich doch +nur herauskriechen könnte . . . +</p> + +<h3 class="sub">Der Sieger</h3> + +<p class="first">Eine rote, glühende, mit dünner Asche bedeckte +Steppe. Zwei rote, kräftige Kämpfer haben sich +in verzweifeltem Ringen umfaßt. Und der, der älter +aussah und dessen Körper gebräunter war, +blieb Sieger. Ich stürzte zu diesem Sieger hin, ergriff +seine Hand, biß mich mit den Zähnen in sie +hinein, berauschte mich am dunklen, dicken +Blut, das aus der Wunde emporsprudelte, und +blickte ihm in die Augen, die vor Schmerz trüb +geworden waren. Ich blickte ihm lange in die Augen +und wußte es ganz gewiß: gleich wird er seine +Hand befreien und mich mit einem Schlage zermalmen. +</p> + +<p>Das Blut aber sprudelte unaufhörlich. +</p> + +<h3 class="sub">Der Leichenwagen</h3> + +<p class="first">Wir wateten lange durch den Fluß, nur unsere +Köpfe ragten aus dem Wasser. Mein vor mehreren +Jahren verstorbener Freund, der immer betrunken +ist und ein rotes, aufgedunsenes Gesicht +hat, geht voraus, und ich gehe ihm nach. Er geht +mit trägen Schritten, den zerzausten grauen +<!-- page 204 --> +Kopf auf die Brust gesenkt, blickt manchmal zurück +und blinzelt mir zu. Endlich erreichen wir +ein Haus und kommen, naß wie wir sind, in den +Saal. Im Saale findet gerade ein Ball statt; wir sehen +viele tanzende Paare und hören lustige Musik. +Alle bleiben plötzlich stehen, alle Blicke sind +auf uns gerichtet. Wir aber sind patschnaß. +</p> + +<p>»Tanzen! Tanzen!« schreien plötzlich alle auf, +die Musik schmettert von neuem, und die Töne +sind so ansteckend lustig, daß man Lust hat, unaufhörlich, +unermüdlich weiterzutanzen . . . +</p> + +<p>Ich habe aber keine Lust, noch länger durch +den Fluß zu waten; ich steige darum in den Zug +und setze die Reise mit der Eisenbahn fort. Der +Zug hält auf freiem Felde. Ich trete in das Bahnwärterhäuschen +und setze mich ans Fenster. +</p> + +<p>»Sie fahren, sie fahren!« murmelte der Weichensteller +im Vorbeigehen, und im gleichen Augenblick +fuhr eine Equipage vorbei. Ich sah ein +junges Paar darin sitzen; sie war im Brautkleide +und er im Frack. +</p> + +<p>Sobald die Equipage mit dem Brautpaar verschwunden +war, kam polternd ein riesengroßer +Leichenwagen gefahren, und im Wagen lag ein +riesengroßer Leichnam. Die Pferde liefen Galopp, +auf dem Bock saß kein Kutscher, und niemand +lenkte das Gespann. +</p> + +<p>Ich sprang aus dem Bahnwärterhäuschen und +ging quer über das Feld. Das Feld war staubig, +ebenso der Wind. +</p> +<!-- page 205 --> + +<h3 class="sub">Der Turm</h3> + +<p class="first">Es ist ungemein schwierig, fast unmöglich, diesen +sonderbaren turmähnlichen, innen vollkommen +hohlen Bau zu besteigen. Die Stufen sind so +abgenagt, daß man stellenweise Schritte von anderthalb +Klaftern machen muß. Wir steigen in +großer Gesellschaft hinauf, kennen aber einander +nicht, wenn wir auch so tun, als ob wir einander +durch und durch kennten. Hinunterschauen ist +verboten; wer es trotzdem tut — es gab auch solche +Helden unter uns —, der ist erledigt: der fliegt +kopfüber in den Keller. Niemand hat den Keller +gesehen, aber alle wissen, daß er tatsächlich existiert +und sehr kalt und finster ist. Endlich erreichen +wir die obere Plattform; sie ist fest gebaut, +ganz aus Eisen und wird von eisernen Balken gestützt. +</p> + +<p>Eine Lehrerin — oder Nonne, die früher einmal +Lehrerin gewesen ist — steht oben und zeigt jedem +von uns durch das offene Fenster die Welt. Sie +sagt ausdrücklich: +</p> + +<p>»Schaut, Kinder, da ist die Welt.« +</p> + +<p>Wir sehen den Sonnenuntergang, kolossale +Häuser, riesenhafte Ziehbrunnen, Feuerwehrdepots +und eine Kirche mit hohem Glockenturm; +oben am Kreuze der Kirche kleben andere Menschen +und betrachten gleich uns die Welt. Die +Gefahr ist dort wohl viel größer als bei uns; es ist +ganz unverständlich, wie sie sich da überhaupt +festhalten können und nicht herunterfallen! +</p> +<!-- page 206 --> + +<p>Es ist aber verboten, allzulange auf die Welt zu +schauen. Die Lehrerin gibt einem jeden von uns +ein Stück Talg. Wir schmieren uns damit die +rechten Hüften ein, die Frauen binden ihre +Röcke hoch, und nun beginnt der Abstieg: wenn +man richtig eingefettet ist, gleitet man ganz leicht +den Strick hinab. +</p> + +<p>»Hier unten gibt es doch sicher alte Fresken?« +frage ich meinen Nachbarn, einen alten Mann in +Aluminiumstiefeln. +</p> + +<p>»Ja, der Bau ist alt, sehr alt, stammt noch aus +Kains Zeiten!« +</p> + +<p>Ein altes Mütterchen mit Mäusepfoten bekreuzigt +sich. +</p> + +<p>»Es gibt hier allerlei Heiligenbilder«, sagt sie, +mit ihrem einzigen Finger auf die Mauer zeigend, +»geweihte und ungeweihte: das ›Waisenkind Jesus‹, +die ›Vier Festtage‹ . . .« +</p> + +<p>Es hängen tatsächlich viele Heiligenbilder an +den Wänden, und durch die kleinen, vergitterten +Fenster, an denen wir vorbeigleiten, sind Mönche +zu sehen. +</p> + +<p>Am Keller schleichen wir mit größter Vorsicht +vorbei, denn wir fürchten hinunterzufallen. +</p> + +<p>»Wenn aber jemand zu Gott beten will?« fragt +die Alte mit den Mäusepfoten. +</p> + +<p>»Alles hängt von Mirax Miraxowitsch ab«, +sagt ein gehörnter junger Mann. +</p> + +<p>Wir drängen uns zusammen und geben uns +Mühe, eine einzige kompakte Masse zu bilden, +denn die Rothäute, die in den um den Keller +<!-- page 207 --> +herum gelegenen Zimmern wohnen, sind erwacht. +Da haben sie eben einen Jungen gepackt +und weggeschleppt. Die Hühnerfedern, die ihre +roten Hüften verdecken, flimmern nur so. Wir +werden unser immer weniger, sie aber bilden eine +ganze Armee. +</p> + +<p>»Jetzt sind Sie an der Reihe!« sagt mir halb im +Scherz eine kranke Frau mit einer Markttasche +in der Hand. Auf der Markttasche ist ein Löwe +gemalt. +</p> + +<p>Ich aber habe nur den einen Wunsch, möglichst +tief in die Mitte zu kommen, und beginne +schnell zu zählen: ich glaube, daß es mir helfen +könnte. Aber meine Beine sind zu einem Stück +Holz erstarrt . . . +</p> + +<p>Sie haben mich schon, ich bin verloren! +</p> + +<h3 class="sub">Die Schlangenkatze</h3> + +<p class="first">Eine braune Schlange liegt da — nur die Haut allein +ist von ihr übriggeblieben, ganz eingetrocknet +ist sie. Ich berühre ihre Kehle, in der Kehle +sitzt eine Kupferkopeke, ist wohl steckengeblieben. +Nun weiß ich, warum die Schlange eingetrocknet +ist: an der Kupferkopeke ist sie erstickt. +</p> + +<p>Eine Katze läuft daher, so braun wie die +Schlange, mit grauem Schnurrbart und leuchtenden +grünen Augen. Und sie springt der +Schlange in den Rachen. Ich sehe nur noch den +Schwanz, nun ist er auch schon im Schlangenrachen +<!-- page 208 --> +verschwunden. Und nun beginnt die +Schlange mit der Katze zu kreisen, zu rasen, zu +wirbeln. +</p> + +<p>Ich springe schnell zur Seite, verstecke mich +und denke mir: ›Das sind böse Zeiten! Die +Schlange hat mich nicht angerührt, die Schlange +ist eingetrocknet, aber die Katze in der Schlangenhaut . . .‹ +Ich hatte nicht Zeit, den Gedanken +zu Ende zu denken, als sich etwas in mich hineinkrallt +und auch ich mich wie ein Kreisel zu drehen +begann. +</p> + +<h3 class="sub">Teufel und Tränen</h3> + +<p class="first">Ich bin nicht in meiner Stadtwohnung, sondern +irgendwo in einer Villa am Meer. Ich wohne +nicht allein, mit mir zusammen wohnt T. Jeden +Morgen baden wir im Meere, erst er, dann ich. +</p> + +<p>Unsere Petersburger Köchin Karassjewna erzählt: +</p> + +<p>»Nach dem andern Herrn fische ich aus dem +Meere ganz winzige Teufelchen heraus, aber +nach Ihnen, gnädiger Herr, einen Teufel von dieser +Größe!« +</p> + +<p>Ich weiß nicht, was ich der Köchin darauf sagen +soll: die Alte hat die Hände auseinandergespreizt +und will mir zeigen, wie groß der Teufel +war, den sie herausgefischt hat. Ich blicke von ihr +weg und schaue auf die Birke: vor dem Haus +steht eine alte Birke. +</p> +<!-- page 209 --> + +<p>Neben der Birke steht ein weißes Pferd. Ich +schaue auf das Pferd. Ein Spatz fliegt vorbei, +hüpft dem Pferd auf den Kopf und beginnt ihm +die Augen auszupicken. Und er pickt sie ihm +gänzlich aus. Blut fließt aus den Augenhöhlen. +</p> + +<p>Neben der Birke steht das weiße Pferd, das +Blut fließt. Und ich weine, und meine Tränen +fließen wie das Blut. +</p> + +<h3 class="sub">Die Zwergin</h3> + +<p class="first">Wir gehen beide über den Platz an der Frauenkirche, +ich und mein Freund, der Hofmusiker im +himbeerroten Rock. Ich zeige dem Musiker die +Stadt Nürnberg, die Türme, die so schwarz sind +wie das schwärzeste Gußeisen, und die lilagrauen, +wie mit Asche überpuderten Häuser. +</p> + +<p>Wir gehen und sprechen miteinander. Es ist +mir so lustig zumute, das Herz zittert vor Freude. +In mildem, goldenem Lichte strahlt der Schöne +Brunnen. Plötzlich besinne ich mich, daß ich +nach Hause muß: zu Hause habe ich etwas vergessen, +weiß aber nicht mehr, was . . . Ich lasse +den Musiker stehen und gehe. Ich gehe aber +nicht mehr durch Nürnbergs Straßen, sondern +durch die Tawritscheskaja zu Petersburg. +</p> + +<p>Schon im Vorzimmer höre ich Lärm, Nun +weiß ich es: es ist die, der ich erlaubte, eine einzige +Stunde in meinem Zimmer zu bleiben; nun +sitzt sie immer noch da. +</p> +<!-- page 210 --> + +<p>Ich sage mir: ›Ich kann ihr doch nicht ins Gesicht +sagen, daß sie fortgehen soll. Ich will es ihr +freundlich vorhalten, ich verstehe ja auch freundlich +zu sprechen!‹ +</p> + +<p>Ich trete in mein Zimmer, es ist auffallend +groß, viel größer, als es in Wirklichkeit ist. Es ist +mir aber nicht mehr um das Zimmer zu tun — ich +fühle, wie sich mir der Magen umdreht. Es ist ja +auch wirklich unerhört: ich hatte es ihr allein erlaubt, +und nun sitzen ihrer drei da; sie haben sich +auch nicht für eine Stunde niedergelassen, sondern +für immer. +</p> + +<p>Die eine, der ich es selbst erlaubt hatte, +schreibt auf meinem Papier; die andere, die ich +gar nicht kenne, eine alte Zwergin, liegt auf dem +Sofa; und die dritte liegt im Bett, und ich kann ihr +Gesicht gar nicht sehen. +</p> + +<p>»Welches Recht haben Sie«, sage ich, »sich in +meinem Zimmer niederzulassen? Ich habe es Ihnen +nur für eine Stunde erlaubt, und auch nur Ihnen +allein!« +</p> + +<p>»Wo soll ich denn hin?« sagt der zudringliche +Gast, ohne vom Papier aufzublicken. +</p> + +<p>»Das geht mich gar nichts an! Ich kann es +nicht dulden, daß Sie in meinem Zimmer bleiben! +Verstehen Sie mich?« Die alte Zwergin aber +streckt vom Sofa die Hand aus und packt mich +plötzlich am Rockschoß. +</p> + +<p>»Nun weiß ich, um was es sich handelt!« sagt +die Zwergin und zieht mich gehässig zu sich +heran. +</p> +<!-- page 211 --> + +<p>Der Haß versengt mich, ich will mich losreißen, +aber ihre Hand hält mich fest. +</p> + +<h3 class="sub">Der Fuchs</h3> + +<p class="first">Ein herbstliches Feld. Das Korn ist abgemäht +und zu Garben gebunden; die Gerste steht noch +da, und ihre Bartfäden ragen empor; zärtlich und +liebevoll ranken die Erbsen. Plötzlich erscheint +ein Fuchs, ein riesengroßes Tier, der Schwanz allein +ist ein ganzer Pelzmantel. +</p> + +<p>›Der Fuchs wird uns überfallen und auffressen!‹ +dachte ich mir. Dasselbe dachte sich auch +mein Gefährte. Ohne ein Wort zu sagen, liefen +wir dem Fuchs nach. +</p> + +<p>Wir holten den Fuchs ein, warfen ihn zu Boden +und begannen ihn zu würgen. Es war aber gar +nicht so leicht. Schließlich brachten wir es doch +fertig. Tot, groß, rot und weich lag der Fuchs auf +dem Boden. +</p> + +<p>Wir zogen dem Fuchs das Fell ab, machten +ein Feuer, sengten das Fell an und begannen es +zu essen. Es schmeckte gar nicht gut und hatte +den widerlichen Fuchsgeruch, wir aßen es aber +doch. +</p> + +<p>Und so verzehrten wir das ganze Fell. Als wir +es aufgegessen hatten, schrie ich auf: +</p> + +<p>»Mein Gott, was habe ich angerichtet! Was für +einen Pelzmantel hätte man daraus machen können +und was für einen Muff!« +</p> +<!-- page 212 --> + +<p>Es war aber schon zu spät: das Fell war aufgegessen, +das Feuer erloschen, und es roch nur +noch nach Verbranntem. +</p> + +<h3 class="sub">Napoleon</h3> + +<p class="first">Ein trüber Maiabend. Bei St. Sulpice läutet es +wie zu einer Volksversammlung. Ich gehe aber +nicht in die Kirche, sondern zugleich mit vielen +anderen Menschen zum Kai. Wir sind alle +schwarz gekleidet. Auf der Brücke begegnen wir +einem Zug Reiter; auch sie sind schwarz gekleidet +und halten Besen in den Händen: es ist ein +ganzer Besenwald. +</p> + +<p>›Es ist die Revolution‹, denke ich mir und höre, +wie die Uhr an der Notre-Dame schlägt; Schlag +folgt auf Schlag, elf Schläge sind es. Jeder Glockenschlag +ist ein Vöglein mit lila Federn, das mich +ins Herz pickt und in meinem Herzen schmilzt. +</p> + +<p>»Sursum corda!«<a href="#footnote-2" id="fnote-2"><sup>2</sup>)</a> +</p> + +<p>Ich bin aber schon weit weg, in St. Cloud. Es +ist ein warmer, sonniger Tag. Ich sehe eine +bunte, festlich gekleidete Menge. Wir stehen um +ein Podium herum, auf dem Feuerwehrmänner +mit Blasinstrumenten sitzen: es ist ein Feuerwehrorchester. +Wir alle warten auf etwas; die +Feuerwehrmänner haben schon die Instrumente +an die Lippen gesetzt und warten auf ein Zeichen. +</p> + +<!-- page 213 --> + +<p>Da sehe ich ihn, wenn auch im Nebel, aber ich +kann ihn doch erkennen: Napoleon. Napoleon +steht auf dem Podium und hält den Taktstock in +der Hand. Gleich schwingt er den Stock, gleich +erdröhnt die Musik. +</p> + +<p>›Napoleon!‹ denke ich mir: ›Das ist also Napoleon!‹ +Ich blicke unverwandt hin und will sein +Gesicht sehen, ihm einmal in die Augen schauen, +er aber steht wie gefesselt da und wendet sich gar +nicht um. +</p> + +<p>Und ich höre die Glocke von St. Sulpice und +zugleich die Schläge der Uhr an der Notre-Dame. +Schlag folgt auf Schlag, elf Schläge sind +es, und jeder Glockenschlag ist ein Vöglein mit +lila Federn, das mich ins Herz pickt und in meinem +Herzen schmilzt. +</p> + +<p>»Sursum Corda!« +</p> + +<h3 class="sub">Ohne Hut</h3> + +<p class="first">Ich befinde mich in einem Schuppen. Der Schuppen +gehört zum Pariser Hotel de l’Univers. In +dem Schuppen ist es sehr eng, zahllose Kisten +stehen umher, Haufen von Stroh und Sägemehl; +es ist auch finster. Ich blicke genauer hin und erkenne +den Philosophen Sch. Der Philosoph sitzt +auf einem zerbrochenen Vogelbauer dicht vor +der Tür; er hat einen Mantel mit Lammfellkragen +an, doch keinen Hut auf. +</p> + +<p>›Natürlich muß es so sein‹, denke ich mir, ›er +<!-- page 214 --> +hat seinen Hut verloren und sitzt darum mit bloßem +Kopf da.‹ +</p> + +<p>Wir sind aber nicht mehr im Schuppen, sondern +gehen über ein Feld. Auf dem Felde ist es +öde, wir sehen nichts als Gebeine und Gräber, es +ist ein trauriges Land. +</p> + +<p>»Russisches Land! Armes Rußland! Schwarze +Menschen, die sich gegen die Mächtigen erhoben +haben! Und das nennt sich ein gerechtes und +wahrhaftes Gericht!« +</p> + +<p>Der Philosoph bückt sich über ein Grab. +</p> + +<p>»An diesem Beispiel können Sie es sehen!« sagt +er mir und reicht mir ein Knäuel Gedärme. +</p> + +<p>Wir gehen schweigend von Grab zu Grab. Die +Gräber sind offen. Ich sehe es nicht, aber ich +fühle, daß sich in ihnen etwas regt, und höre, wie +schwerer Goldbrokat knistert. Ich möchte gern +in ein Grab hineinschauen, habe aber furchtbare +Angst. +</p> + +<p>»Du bist der Urheber dieses Blutvergießens«, +schrie plötzlich jemand aus einem Grabe. »Du +bist der verdammte Feind, der Christusverkäufer, +der abgefeimte Schurke, der Feind Gottes!« +</p> + +<p>›Das ist die Moskauer Unbildung!‹ denke ich +mir und sehe: durch das Feld geht ein Pilger, +sieht ganz wie unser Wassja der Barfüßige aus; +über den Lumpen trägt er einen Frack und hat an +der Brust ein riesengroßes steinernes Kreuz hängen. +Der geweihte Pilger lächelt. +</p> + +<p>»Noli eos esse meliores!«<a href="#footnote-3" id="fnote-3"><sup>3</sup>)</a> sagt er und lächelt. +</p> + +<!-- page 215 --> + +<p>»Vielleicht hat er auch recht«, sagt der Philosoph. +</p> + +<p>Wir stehen zu dritt vor dem offenen Grabe. +Der Pilger lächelt. +</p> + +<p>»Dieser Wassja der Barfüßige hat ja auch keinen +Hut auf!« Ich nahm mir den Hut vom Kopfe +und erwachte. +</p> + +<h3 class="sub">Der Leim Syndetikon</h3> + +<p class="first">Im Hause fand das große Reinemachen statt — es +ist das die gräßlichste Zeit vor den Feiertagen +und kann höchstens noch mit dem Umziehen in +eine neue Wohnung verglichen werden. Man gab +sich die größte Mühe: man holte von der Decke +mit langen Besen den verrauchten Staub und das +Spinngewebe herunter, wusch die Fenster und +Fensterbänke und machte sich schließlich an die +Fußböden. Diese aber starrten so vor Schmutz, +daß man sie weder abwaschen noch abkratzen +konnte; überall waren auch Spuren bloßer Füße +zu sehen. Die Oberaufsicht bei dem Reinemachen +hatte ein mir unbekannter zottiger Mann +mit Hundeschnauze. Als dieser Mann einsah, +daß alle Mühe vergebens war, nahm er all seine +staubigen Besen und Schabeisen zusammen, +spuckte aus und verschwand. +</p> + +<p>Als ich allein geblieben war, blickte ich vorsichtig +unter das Bett. +</p> + +<p>›Aha!‹ sagte ich mir, ›da ist also die Schmutzquelle!‹ +<!-- page 216 --> +Ich empfand solchen Ärger und solche +Abneigung, mich vor den Leuten zu erniedrigen +und sie zu bitten, den Schmutz unter dem Bett zu +beseitigen oder mich selbst zu beschmutzen, daß +ich meinen Rock auszog, mich bis aufs Hemd +entkleidete, Syndetikon zur Hand nahm und +mich damit ordentlich einschmierte. Dann legte +ich mich auf den Fußboden und begann mich zu +wälzen. +</p> + +<h3 class="sub">Die Teufel</h3> + +<p class="first">Ich lag an ein eisernes Bett gekettet, doch nicht +im Obuchowschen Krankenhause, sondern im +Grabe, und war nicht aus dem Polizeirevier, sondern +aus der Kirche zu Mariä Schutz und Fürbitte +unmittelbar nach der Einsegnung hergeschafft +worden. +</p> + +<p>Mein Herz zerriß in Stücke! Warum hatten +mich die Totengräber mit solchem Haß verscharrt?! +Ich habe ihnen doch nichts getan, bei +Gott! Ich tue keiner Fliege etwas zu Leide und +verstehe so gar nicht, mit einem Gewehr umzugehen. +</p> + +<p>Während ich mich in meiner traurigen Lage +auf diese Weise quälte, besuchten mich drei Teufel. +Zwei von ihnen waren mir gänzlich unbekannt: +sie waren still und schwach und atmeten +kaum; der dritte bemühte sich zwar, vor meinen +Augen eine Verwandlung durchzumachen, doch +<!-- page 217 --> +ich erkannte ihn sofort: es war der Schalterbeamte +von der Postfiliale Nr. 10 namens Kisseljow. +</p> + +<p>Alle drei Teufel stellten sich harmlos, sanft +und freundlich und stammelten mit feinen Kinderstimmen +etwas höchst Naives und Einfältiges. +Ich erriet aber intuitiv, was sie im Sinne hatten: +sie hatten es auf meine Extremitäten und meine +Wirbelsäule abgesehen. +</p> + +<p>»Nein, so billig bekommt ihr mich nicht«, +sagte ich mir, »ich werde euch schon von meinem +Haferbrei zu kosten geben!« Ich spannte alle +meine Kräfte an, riß mich vom eisernen Bett los, +stürzte mich plötzlich auf die Teufel und ging mit +ihnen fürchterlich ins Gericht. +</p> + +<p>Der eine ließ mir zum Andenken einen Büschel +Haare zurück, dem andern biß ich einen Finger +durch; als ich aber schon triumphieren wollte, +nahm dieser Kisseljow eine Handvoll Unrat und +verpappte mir damit, ehe ich mir’s versah, den +Mund. Und ich begann zu ersticken. +</p> + +<h3 class="sub">Iwan der Grausame</h3> + +<p class="first">Teils in Reih und Glied, teils einander überholend, +voreinander ausweichend und ungestüm +vorwärtsdrängend, laufen wir durch die Marossejka +zum Roten Platz. Wir eilen alle zur Richtstätte, +um die Ankündigung anzuhören, deren +bevorstehende Verlesung heute an allen Straßenecken +<!-- page 218 --> +und in allen Sackgassen bekanntgegeben +worden war. +</p> + +<p>Die Uhr am Spaski-Turm hatte schon zwölf +geschlagen, und das Volk strömte noch immer +zusammen. Die Richtstätte selbst blieb aber +noch frei; einigen Gassenjungen gelang es ab und +zu, sich ihrer zu bemächtigen, sie flogen aber +zum allgemeinen Vergnügen sofort wieder hinaus. +</p> + +<p>Mit Hilfe eines mir befreundeten Parkettbohners +von der Sazepa kletterte ich auf das Dach +der Basiliuskathedrale, von wo aus ich auch das +kleinste Detail verfolgen konnte. +</p> + +<p>Die Menge räusperte sich plötzlich wie ein +Mann, wich etwas zurück und entblößte die +Köpfe, und auf der Richtstätte erschien ein kleiner +Mann in hohem Stehkragen und Smoking; +sein Kopf war aber nach Weiberart mit einem +Tuch umbunden. +</p> + +<p>»Es ist der Narr in Christo«, brauste es über +den Platz von Mund zu Mund, »das ist er selbst!« +</p> + +<p>Die Uhr am Spaski-Turm begann wieder zu +singen und sang sehr lange: dreizehn. +</p> + +<p>»Nehmen Sie Platz, meine Damen und Herren«, +sagte der Narr, nachdem er sich nach allen +vier Himmelsrichtungen verneigte: vor dem +Kreml, vor der Moskwa-Vorstadt, vor dem Historischen +Museum und vor dem Großen Kaufhause. +</p> + +<p>Da ich schon saß, aber gegen die Aufforderung +nicht verstoßen wollte, rückte ich ein wenig auf +<!-- page 219 --> +meinem Platz hin und her, als ob ich mich gerade +setzte. Alle andern, die unten standen, folgten +der Aufforderung bedingungslos und ließen sich, +wenn es auch nicht ganz bequem war, augenblicklich +auf den Boden nieder. +</p> + +<p>»Meine Damen und Herren«, begann der Narr +nach der Weise des Kirchenliedes, das am Feste +der Erscheinung der Heiligen Jungfrau gesungen +wird: »Wir alle haben in der Schule die Gebote +gelernt, und jedermann weiß, daß es ihrer zehn +gibt. Nicht wahr, zehn?« +</p> + +<p>Die Menge antwortete wie aus einem Munde, +wie man bei der Ostermesse in den Kirchen +›Christ ist erstanden‹ ruft. +</p> + +<p>»Nun sehen Sie es, meine Damen und Herren«, +fuhr der Narr in der gleichen Weise fort. +»In Wirklichkeit sind ihrer aber nicht zehn, sondern +vierzehn. Unsere Väter haben sie vor uns +verheimlicht; aber wir haben sie ebenso wie die +weisen Väter seit jeher befolgt.« +</p> + +<p>»Wir haben sie befolgt«, blökte die Menge. +</p> + +<p>»Nun sehen Sie es selbst!« sang der Narr. +»Nach den Berechnungen des Kugelheim von +Gustav ist nun die Zeit gekommen, sie vollständig +zu verkünden und nicht mehr heimlich, sondern +öffentlich zu befolgen. Vernehmt also und +schreibt euch in eure Herzen diese neuen Gebote: +</p> + +<p>Das elfte: Du sollst nicht Maulaffen feilhalten. +</p> + +<p>Das zwölfte: Du sollst deine Zunge im Zaum +halten. +</p> +<!-- page 220 --> + +<p>Das dreizehnte: Du sollst ehebrechen. +</p> + +<p>Das vierzehnte: Du sollst stehlen.« +</p> + +<p>Der Narr schüttelte sich so vor Lachen, daß +das Tuch in den Nacken rutschte; vor dem verdutzten +und irre gemachten Volke leuchtete +blitzschnell ein Augenpaar auf und erschien das +grausame Antlitz des Zaren Iwan. +</p> + +<p>Die Uhr am Spaski-Turme begann wieder zu +singen und sang sehr lange: vierzehn. +</p> + +<h3 class="sub">Die Hexe</h3> + +<p class="first">Ich bin in ein leeres Haus geraten; es sind zwar +Tische, Stühle und andere Möbel darin, und +doch ist das Haus irgendwie leer. Ich bin nicht allein, +mit mir ist der Student P. in schwarzer Studentenjoppe, +mit schwarzem Knebelbart und einer +schwarzen Brille. +</p> + +<p>Rings um mich her erscheinen eine nach der +andern, anfangs verschwommen, dann immer +deutlicher werdend, Gestalten: es sind kleine, +aufgedunsene Knirpse. Ihre Anwesenheit in diesem +unbewohnten Hause flößt mir Angst ein. +</p> + +<p>»Schauen Sie doch zum Fenster hinaus«, sagt +mir der Student, der offenbar erraten hat, wie unheimlich +es mir in diesem leeren Hause zumute +ist. +</p> + +<p>Ich trat ans Fenster und sah hinaus. Das Fenster +ging nach dem Garten. Es fügte sich aber irgendwie +so, daß ich mich unwillkürlich vom Fenster +<!-- page 221 --> +abwandte und ins Zimmer blickte. Von den +vielen Gestalten löste sich nun eine schlanke +Frau mit einem Kind auf den Armen ab. Ich +dachte mir: +</p> + +<p>›Wenn ich über sie das Zeichen des Kreuzes +mache, wird sie verschwinden.‹ +</p> + +<p>Ich bekreuzigte sie auch tatsächlich zweimal; +die Frau sah mich aber verständnislos an und bekreuzte +sich selbst, als wollte sie mir zeigen, daß +ich mich geirrt habe. Der Student war auf einmal +verschwunden. Ich ging zur Tür, blieb aber stehen. +Ich konnte nicht fort. Wer weiß, ob ich nicht +auch in den anderen Zimmern auf dasselbe +stoße? Und plötzlich bemerkte ich eine andere +Frau. Sie lag in der Ecke auf einem Sofa. Sie war +klein, ziemlich dick und hatte rote Backen, eine +flache Nase und einen häßlich vorstehenden Unterkiefer. +</p> + +<p>»Nein, so muß man es machen!« sagte sie mir, +indem sie sich aufrichtete und ihre rote Bettdecke +durch die Luft schwenkte. +</p> + +<p>Im gleichen Augenblick begann sich das Gesicht +der schlanken Frau mit dem Kinde zu verändern +und die häßlichsten Mienen anzunehmen: +die Nase wurde so lang, daß sie bis unter die +Lippen reichte, die Augen aber sprangen aus ihren +Höhlen heraus und blieben wie zwei Säcke +hängen. +</p> + +<p>Die Rotbackige auf dem Sofa schwenkte wieder +die Bettdecke, und das Kind in den Armen +der Frau begann zu schmelzen, sein Rumpf +<!-- page 222 --> +wurde immer kleiner und kleiner, Arme und +Beine verschwanden, und schließlich blieb nur +noch der Kopf übrig. +</p> + +<h3 class="sub">Würfelzucker</h3> + +<p class="first">Ich rollte einen steilen Abhang hinab und geriet +in einen Garten. Es war der Vergnügungspark +›Der Meierhof‹. Da ist ja auch schon die Billettkasse. +Ich trete vor den Schalter, um mir eine +Eintrittskarte zu lösen. Ich schaue hinein und +sehe den mir bekannten Kassierer Beljakow. Ich +muß bemerken, daß ich mit diesem Beljakow einmal +eine recht unangenehme Geschichte erlebt +hatte; die Geschichte war sehr verwickelt, jedenfalls +war ich ihm ein Dorn im Auge. +</p> + +<p>Beljakow trank Tee und biß bei jedem Schluck +kleine Bröckchen Zucker ab. Ein anderer Kassierer +lauste ihm inzwischen den Kopf. +</p> + +<p>›Ohne Prügel werde ich wohl kaum davonkommen‹, +denke ich mir. ›Er wird mich sicher +umbringen!‹ +</p> + +<p>»Tod den Läusen!« sage ich ihnen und sehe +plötzlich, wie Beljakow vor Zorn blaurot wird. Er +nimmt ein Stück Würfelzucker in die Hand, steht +auf und begibt sich zum Ausgang. +</p> + +<p>»Ich bringe ihn um!« höre ich seine Stimme. +</p> + +<p>Ich kauere mich nieder, werde ganz klein und +dünn, verkrieche mich in die Spalte unter der +Tür und lausche mit verhaltenem Atem. +</p> +<!-- page 223 --> + +<p>Beljakow ging eine Weile vor dem Schalter auf +und ab und kehrte wütend zurück. +</p> + +<p>»Ich habe ihn nicht gefunden. Hätte ich ihn erwischt, +wäre es um ihn geschehen!« sagt Beljakow +zum andern Kassierer, und dann beginnen +sie sich wieder zu lausen. +</p> + +<p>Ich kann mich nicht beherrschen; es ist, als ob +mich jemand aufhetzte. Ich kann den Atem nicht +mehr anhalten, und plötzlich beginnt es mir, wie +zum Trotz, im Munde zu jucken. Ich will mich +kratzen und muß plötzlich miesen. +</p> + +<p>Beljakow ist aber schon da. +</p> + +<p>»So! Da ist er ja!« Er holt aus, und das Stück +Würfelzucker trifft mich an die Schläfe. +</p> + +<h3 class="sub">Der Doppelgänger</h3> + +<p class="first">In jener Nacht wälzte ich mich lange hin und her +und konnte nicht einschlafen. Bald fror es mich, +bald schien es mir, daß irgendwelche Flöhe auf +mir herumhüpften. Und als endlich der Schlaf +kam, befand ich mich schon in einem anderen geräumigen +Zimmer. Ich lag auf dem Rücken. +Doch seltsam, während ich so im Bett lag, sah ich +zugleich ein anderes Ich liegen, das mir aber +durchaus unähnlich war. +</p> + +<p>Dieser Unähnliche, der mein Ich war, erhob +sich vom Bett und ging durch einen schmalen +Korridor ins Nebenzimmer. Er sah mir wirklich +nicht im geringsten ähnlich: er war groß gewachsen, +<!-- page 224 --> +hatte ein spitzes Gesicht mit eingefallenen +Wangen und einer raubgierigen Adlernase und +war mit einem kurzen, recht abgetragenen und +verschossenen Mantel aus purpurroter Seide bekleidet; +in seinen Augen brannte aber ein so glühender +und stechender Haß, daß ein einziger +Blick genügte, um einen Menschen wie eine +Fliege zu Brei zu zermalmen. Er trat vor ein Bett, +in dem jemand, mit dem Kopf in die Bettdecke +gehüllt, schlief, schluchzte vor wildem Haß, der +seine Seele bis an den Rand füllte, auf; ergriff mit +den Fingern das Bettlaken und begann, es unter +dem Schlafenden herauszuzerren, seine Wut an +dem unschuldigen weißen Gewebe auslassend. +</p> + +<p>Meine wilde Seele war wie in einem Rausch, +ich verging vor Haß. +</p> + +<p>In diesem Augenblick verließ mich der Schlaf +</p> + +<p>Ich lag und wagte mich nicht zu rühren. Im +Zimmer, in dem nichts als einige Bücher und +Spielsachen waren, quakte jemand. Die Nacht +war aber noch nicht zu Ende. +</p> + +<h3 class="sub">Die Gendarmen und die Leichen</h3> + +<p class="first">Vor mir erschien eine schwarze wollene +Schnauze mit langen weißen Zähnen; sie zwinkerte +mir zu und verschwand. +</p> + +<p>Ich befinde mich im alten Hause in der Tolmatschowski-Gasse +zu Moskau, in dem Zimmer, +in dem ich das Licht der Welt erblickt hatte. Ein +<!-- page 225 --> +kleines Mädchen hat ein Album aufgeschlagen, +zeigt mir trockene Blumen und fragt mich bei jeder +neuen Blume, ob ich sie erkenne oder nicht. +Ich habe gar nicht Zeit zu antworten, denn jemand +anders antwortet für mich. +</p> + +<p>»Diese Blumen hier sind von Judas. Hast du +sie erkannt?« fragt mich das Mädchen. +</p> + +<p>Ich bin aber nicht mehr im Zimmer, sondern +in einer Hundehütte und schreie aus Leibeskräften. +Nachdem ich genug geschrien habe, komme +ich wieder ins Zimmer. Der Tisch ist zu Mittag +gedeckt. Ich setze mich an den Tisch und schlafe +ein. +</p> + +<p>Und es träumt mir, daß drei Gendarmen, mit +Blumen in der Hand, ins Haus treten. +</p> + +<p>Nun erwachte ich und begann zu essen. Kaum +hatte ich aber den ersten Bissen verschlungen, als +die Tür aufging und die drei Gendarmen ins +Zimmer traten. +</p> + +<p>»Ich habe euch soeben im Traume gesehen«, +sage ich zu den Gendarmen, »Wo habt ihr nur +die Blumen hingetan?« +</p> + +<p>»Der Hund hat sie gefressen«, antworten die +Gendarmen, indem sie sich die Lippen belecken. +</p> + +<p>Ein mir unbekannter buckliger Mann in Zivil, +der plötzlich Gott weiß woher erschienen ist, +nimmt mir gegenüber Platz. Er macht auf mich +einen höchst unangenehmen Eindruck; ich will +ihn sogar schlagen, gebe aber diese Absicht auf. +</p> + +<p>Der Bucklige bindet sich die Serviette vor und +sagt, ohne mich aus den Augen zu lassen: +</p> +<!-- page 226 --> + +<p>»Die Anklage gegen Sie lautet: als Sie sich über +den Fluß hinübersetzen ließen, versuchten Sie +die natürliche Abstammung der Eltern zu erklären.« +</p> + +<p>Ich höre es und verstehe ihn nicht. +</p> + +<p>»Ich habe nichts dergleichen erklärt.« +</p> + +<p>»Jemand hat Sie wohl belauscht und Ihre Gedanken +aufgeschrieben«, fährt der Bucklige fort +und knetet mit den Fingern aus Schwarzbrot Kügelchen. +</p> + +<p>»Ich weiß nichts davon!« Ich wehre mich mit +beiden Händen, ich höre, daß die alte Kinderfrau +Irinja im Nebenzimmer den Boden kehrt und +aufräumt, und denke mir: ›Was ist das nun eigentlich, +träume ich oder sitzt wirklich der Bucklige +vor mir und erhebt gegen mich Gott weiß was +für Anklagen?‹ +</p> + +<p>»Ich wollte Sie schon längst kennenlernen«, +sagt mir ein erst vor ganz kurzer Zeit verstorbener +bekannter russischer Dichter, den ich einhole, +als er mit irgendeinem Jungen durch eine +menschenleere Straße geht. +</p> + +<p>»Wo leben Sie denn jetzt?« frage ich den Dichter, +mich vor ihm verbeugend. +</p> + +<p>»In Moskau«, antwortet er mir, »im Hause der +Georgischen Kirche auf dem Woronzowschen +Felde; die Kirche steht oben auf dem Berge, mein +Haus aber unten zwischen den Disteln; es gibt +dort so einen leeren Platz.« +</p> + +<p>Ich wollte ihn fragen, ob er noch schreibe, aber +er war schon verschwunden. Und ich stand +<!-- page 227 --> +plötzlich in der leeren Kirche, in deren Mitte viele +Leichen unmittelbar auf den Steinfliesen aufgeschichtet +lagen. Ich sah mir ihre Gesichter aufmerksam +an und bemerkte, daß die eine von ihnen, +obwohl wirklich tot, sich dennoch bewegte. +Sie stand plötzlich auf und trat vor den Altar. +</p> + +<p>Wir sahen einander an. Sie war nackt, ihre +Füße waren mit Teer beschmiert und ihr Gesicht +hatte auffallende Ähnlichkeit mit der Somowschen +Illustration zu ›Aimé Lebœuf‹.<a href="#footnote-4" id="fnote-4"><sup>4</sup>)</a> +</p> + +<p>Die alte Kinderfrau Irinja kehrt aber noch immer +den Boden und räumt das Zimmer auf. Mein +kleiner Liebling, der Kater Dymka, reibt sich an +meiner Schulter und schnurrt. +</p> + +<h3 class="sub">Finale</h3> + +<p class="first">Wehe! Ich war verendet. Von Früchten und Blumen +umgeben, zwischen Äpfeln, Aprikosen, Pfirsichen, +Quitten, Zitronen, Birnen und Apfelsinen +lag ich entseelt in der Speisekammer und +harrte meines letzten Schicksals. +</p> + +<p>Der König des Landes, in dem mir diese unangenehme +Geschichte passiert war, der Enkel des +glorreichen Sultans, König Avenir-Indej, hatte +dem, dem die Zunge juckt und der Unsinn redet, +zur Strafe befohlen, die tote Ratte, das heißt +mich, zu fressen. +</p> + +<!-- page 228 --> + +<p>Man hatte auf einem Maskenball einen Possenreißer +aufgegriffen und zu mir in die Kammer +geschickt. Er trat lächelnd vor mich hin, berührte +mich mit der Spitze seines Schuhs und sagte . . . +</p> + +<p>Was er mir aber sagte und wie die ganze Geschichte +endete: ob er mich tatsächlich fraß oder +nur vom Obst naschte, kann ich in meinem Hühnergedächtnis +unmöglich rekonstruieren. Und +wenn Sie mich auch morden — ich weiß gar nichts +mehr, was ich gütigst zu entschuldigen bitte. +</p> + +<h3 class="sub">Die Tür</h3> + +<p class="first">Sie sagte mir: +</p> + +<p>»Diese Tür haben wir mitgenommen, weil +man sie doch nicht im alten Haus zurücklassen +konnte. Du weißt, wie teuer sie uns ist.« +</p> + +<p>Ich machte die Tür leise auf und ging in mein +Zimmer. Die alte gußeiserne Tür, die sich vor +mir auf unsichtbaren Angeln lautlos aufgetan +hatte, schloß sich hinter mir ebenso lautlos und +fest. Ich ergriff die Klinke und rüttelte mit aller +Kraft, die Tür rührte sich aber nicht. Und ich begann +zu klopfen, mit den Fäusten zu hämmern +und zu schreien. Schließlich fiel ich ohnmächtig +vor der Schwelle hin und hörte nur hinter der alten +gußeisernen Tür ihr Herz pochen. +</p> +<!-- page 229 --> + +<h3 class="sub">Im Boot</h3> + +<p class="first">Auf dem Meere zog ein Sturm auf, ich stieg aber +trotzdem ins Boot, weil mein Begleiter ein furchtloser +Ruderer war. Als wir die tiefste Stelle erreichten, +zog mein Ruderer die Ruder ein, sah +mir spöttisch in die Augen, erhob sich, packte +mich wie eine Katze am Genick und schleuderte +mich ins Wasser. Ich flog durch alle Schichten +des Wassers hindurch: durch die grüne, die +trübe, die schwarze und die tiefschwarze; dann +kamen wieder eine trübe und eine grüne Schicht, +und ich saß wieder im Boot. Wir fahren, als ob +nichts geschehen wäre, weiter; sobald wir aber einen +gewissen Punkt erreichen, zieht mein Ruderer +wieder die Ruder ein, und die ganze Geschichte +beginnt von neuem. Und es ist gar kein +Ende abzusehen. +</p> + +<h3 class="sub">Das Kind in den Ähren</h3> + +<p class="first">Ich ging über ein blühendes Kornfeld. Eine Lerche +sang, und ein leiser Windhauch brachte von +einer eben gemähten Wiese frischen Heuduft. +Mir begegneten zwei Frauen, die einen Korb mit +Feldblumen trugen; zwischen den Blumen saß +ein kleines Mädchen. +</p> + +<p>»Wo geht ihr hin?« fragte ich sie. +</p> + +<p>»Blumen pflücken«, antworteten die Frauen +mit dem Korbe. +</p> +<!-- page 230 --> + +<p>Ich schloß mich ihnen an. Wir gingen schweigend +und kamen, ohne ein Wort gesprochen zu +haben, zum See. +</p> + +<p>»Da sind deine Blumen!« riefen lachend die +Frauen, auf den See zeigend. +</p> + +<p>Ich stand allein am Seeufer und sah gar keine +Blumen. Mit leeren Händen ging ich wieder zurück. +Das blühende Kornfeld wogte, und die Lerche +sang. Und plötzlich erblickte ich zwischen +den Ähren dasselbe Mädchen, das man vorhin +im Korbe getragen hatte. Es stürzte auf mich zu, +umschlang meinen Hals mit den Ärmchen und +sagte mir leise ins Ohr: +</p> + +<p>»Nimm mich mit!« +</p> + +<p>Ich setzte mir das Mädchen auf die Schulter, +hatte aber noch keinen Schritt mit dieser Last getan, +als es plötzlich ringsum finster wurde, +schwere Gewitterwolken aufzogen und nur unmittelbar +über meinem Kopfe ein trichterförmiger +grünlicher Lichtschein schwebte. Vom Boden +erhoben sich aber seltsame Vögel mit +Schlangenschwänzen, und alles flog auf dieses +Licht zu. Es waren zahllose Vögel, sie schrien +nicht, sondern blökten wie Stumme, und bald +war das Licht von ihren Schwänzen verdunkelt. +Das Licht erlosch, und die Vögel verstummten. +In dieser Finsternis vernahm ich plötzlich aus +weiter Ferne die Stimme des kleinen Mädchens: +</p> + +<p>»Nimm mich mit!« +</p> + +<p>Ich weiß aber nicht einmal, was ich mit mir +selbst anfangen soll. +</p> +<!-- page 231 --> + +<h3 class="sub">Die Dohle</h3> + +<p class="first">Ich versteckte mich in der Kajüte eines Dampfers, +aber die Verfolger, vor denen ich mich versteckte, +kamen mir immer wie Jagdhunde auf die +Spur. Sie hatten alle menschliche Gesichter, +doch Froschleiber und Handschuhe an den Händen. +Da sie wohlerzogen und freundlich waren, +mordeten sie mich nicht wie einfache Räuber, +sondern erdrückten mich, wie liebkosend, mit ihren +weichen Bäuchen, glitten mir leise unter das +Hemd und preßten mir, gleichsam streichelnd, +das Herz zusammen. Vorm Fenster aber sitzt +eine Dohle und schreit. Ich weiß ganz gut, +warum sie schreit; sie wird gleich ins Zimmer fliegen, +sich auf meine Schulter setzen und mir die +Augen auspicken. +</p> + +<p>»Dohle«, bitte ich meinen schwarzen Gast, +»verschone meine Augen, ich will dir ein Perlenhalsband +um den Hals legen, ich will dir meine +Hände preisgeben, verschone nur meine Augen!« +</p> + +<p>Ich verkroch mich in den Winkel der Kajüte, +aber die Menschen mit den Froschleibern stehen +bereits vor der Tür, scharren an der Schwelle und +kommen gleich herein. +</p> + +<h3 class="sub">Am Nordpol</h3> + +<p class="first">Alle sagen, daß wir zum Nordpol fahren. +</p> + +<p>Wir fahren tatsächlich irgendeinen Bach hinauf; +<!-- page 232 --> +und mein Begleiter, ein struppiger, in eine +blaue Tischdecke gehüllter Kerl, steuert mit dem +Ruder. Und wir kommen irgendwie zum Nordpol. +Da steht ein großes steinernes Haus; davor +drängen sich erregte Menschen, die über etwas +streiten. +</p> + +<p>»Was ist geschehen?« fragen wir einen abgerissenen, +fettigen Burschen, der mit den Zähnen +Sonnenblumenkerne aufknackt. +</p> + +<p>»Auf dem Dachboden sucht man einen Dieb. +Alle sieben Hausknechte haben den ganzen Boden +abgesucht und nichts außer einem alten +Rock gefunden. Drei Hausknechte sitzen nun +oben und lauern.« +</p> + +<p>›Jetzt ist unsere Wäsche hin!‹ dachte ich mir +gleich. +</p> + +<p>»Wollen Sie sich doch in die emaillierten Zimmer +bemühen!« sagte der Bursche und grinste. +</p> + +<h3 class="sub">Die Ahle</h3> + +<p class="first">Mein Bruder und ich traten in eine Kirche. Es +war gerade die Abendmesse. Alle Heiligenbilder +waren entfernt, die Kirche wurde offenbar renoviert. +An der leeren Altarwand leuchtete seitwärts +ein goldener Kreis. Vor diesem Kreis stand +der Priester mit dem Schultertuch. Der Küster +sang. Außer uns war niemand in der Kirche. +Und wir schämten uns, daß wir die einzigen waren. +</p> +<!-- page 233 --> + +<p>Die Abendmesse ging zu Ende. Wir gingen auf +den Priester zu, um seinen Segen zu empfangen. +Da trat aus der Sakristei der Küster und sagte zu +meinem Bruder: +</p> + +<p>»Sie haben alles, um zu wachsen; und Sie«, er +wandte sich an mich, »Sie haben nichts.« +</p> + +<p>Ich sage mir: Mein Bruder hat ja wirklich seine +Matrosenjacke an, und wenn er sie noch weiter +trägt, wird er aus ihr herauswachsen; ich aber +habe nichts. Und nun erstarre ich vor Angst: +dicht vor mir steht ein Mann, der, ich fühle es, etwas +Böses gegen mich im Schilde führt. Ich +stürze sofort ans Fenster und frage mich: warum +verkehrt mein Bruder mit so einem Menschen? +In diesem Augenblick kommt in das Haus, in das +ich geraten bin, mein Bekannter, der Lahme, und +reicht mir eine Schusterahle. Mit diesem Werkzeug +wollte er mich also erstechen! Wir stiegen in +ein Boot und stießen, wie die Nachtigallen +schmetternd, vom Ufer ab. Ein Knabe sprang zu +uns herein, und das Boot begann langsam zu sinken. +</p> + +<h3 class="sub">Am Krankenbett</h3> + +<p class="first">Seit einigen Tagen weiche ich nicht von der kranken +alten Frau: sie hat dicke Beine und eine Vogelnase. +Sie liegt im Bett und stöhnt, und ich sitze +neben ihr auf einem Stuhl und erfülle alle ihre +Wünsche und Launen. Ich habe Angst, sie zu +<!-- page 234 --> +verlassen, denn sie ist sehr unruhig. Nun scheint +mir, daß sie eingeschlafen ist. Gott sei Dank, sie +ist wirklich eingeschlafen! Ich schleiche mich +leise aus dem Zimmer. Wie ich nach einer Weile +hineinschaue, sehe ich, daß aus dem Ofen nur +noch ihre Beine herausragen. Mein Gott, was ist +denn das?! Ich stürze mich zu ihr hin, um sie aus +dem Ofen zu ziehen, packe sie an den Beinen, die +Beine sind aber schon tot. +</p> + +<h3 class="sub">Die Mutter</h3> + +<p class="first">Ein heiterer Tag des Altweibersommers. Ich bin +auf die Terrasse getreten und schaue in den entlaubten +Garten hinaus. Und ich sehe, wie auf +dem mit gelbem Laub bedeckten Wege, der zur +Terrasse führt, eine alte Frau geht. Sie ist uralt +und abgerissen, ihr Gesicht ist feucht, voller +Runzeln und scheint ganz schwarz zu sein. Ich +empfinde eine unheimliche Angst vor der Alten; +ich fühle, daß sie etwas Häßliches im Sinn hat. +Ich laufe von der Terrasse ins Haus, rase die +Treppe hinauf und höre, daß auch sie die Treppe +hinaufläuft. Ich stürze in eines der Zimmer, sie +mir nach; ich will in ein anderes Zimmer, aber +sie ist auch schon da. Ich verkrieche mich in +die Ecke des Bettes und schrumpfe ganz zusammen. +</p> + +<p>›Mein Gott!‹ denke ich mir, ›laß das Unheil an +mir vorüberziehen!‹ +</p> +<!-- page 235 --> + +<p>»Warum fürchtest du mich?« höre ich die +Stimme der Alten: »Ich bin doch deine Mutter!« +</p> + +<p>»Meine Mutter sieht ganz anders aus«, sage +ich ihr, denke mir aber dabei: ›Wie hat sich meine +Mutter so furchtbar verändern können?‹ +</p> + +<p>Die Alte aber beugte sich über mich und +packte mich an der Kehle. Ich schrie auf. +</p> + +<p> </p> +<p> </p> +<p> </p> + +<h3 class="sub" style="page-break-before:always">Fußnoten</h3> + +<p class="footnote" id="footnote-1"><a href="#fnote-1">1) russ., Hähnchen. +</a></p> +<p class="footnote" id="footnote-2"><a href="#fnote-2">2) lat., Die Herzen in die Höhe! +</a></p> +<p class="footnote" id="footnote-3"><a href="#fnote-3">3) lat., Wünsche sie dir nicht besser! +</a></p> +<p class="footnote" id="footnote-4"><a href="#fnote-4">4) Aimé Lebœufs Abenteuer — Roman von M. Kusmin aus dem Jahre 1907. +</a></p> + + + + + + + + +<pre> + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Prinzessin Mymra, by Alexej Remisow + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK PRINZESSIN MYMRA *** + +***** This file should be named 39174-h.htm or 39174-h.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + http://www.gutenberg.org/3/9/1/7/39174/ + +Produced by Jens Sadowski + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. Special rules, +set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to +copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to +protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. 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It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation web page at http://www.pglaf.org. + + +Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at +http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact +information can be found at the Foundation's web site and official +page at http://pglaf.org + +For additional contact information: + Dr. Gregory B. Newby + Chief Executive and Director + gbnewby@pglaf.org + + +Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation + +Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide +spread public support and donations to carry out its mission of +increasing the number of public domain and licensed works that can be +freely distributed in machine readable form accessible by the widest +array of equipment including outdated equipment. Many small donations +($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt +status with the IRS. + +The Foundation is committed to complying with the laws regulating +charities and charitable donations in all 50 states of the United +States. 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