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diff --git a/.gitattributes b/.gitattributes new file mode 100644 index 0000000..6833f05 --- /dev/null +++ b/.gitattributes @@ -0,0 +1,3 @@ +* text=auto +*.txt text +*.md text diff --git a/39175-8.txt b/39175-8.txt new file mode 100644 index 0000000..6065e94 --- /dev/null +++ b/39175-8.txt @@ -0,0 +1,3489 @@ +The Project Gutenberg EBook of Legenden und Geschichten, by Alexej M. Remisow + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Legenden und Geschichten + +Author: Alexej M. Remisow + +Translator: Arthur Luther + +Release Date: March 17, 2012 [EBook #39175] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK LEGENDEN UND GESCHICHTEN *** + + + + +Produced by Jens Sadowski + + + + + +Alexej Remisow + +Legenden +und Geschichten + + + + + + +Leipzig + +Kurt Wolff Verlag + + +Bücherei »Der jüngste Tag« Band 60/61 +Gedruckt bei Dietsch & Brückner · Weimar + + + + + +Berechtigte Übertragung von Arthur Luther + + + + + +Inhalt + +Legenden + Adams Schwur + Die Geburt Christi + Die Leiden der heiligen Jungfrau + Die Leiden des Heilandes + +Geschichten + Der Hofjuwelier + Maka + Die Krawatte + + + + + + + + + +Legenden + + + Als ich meine Tage in der Lehre bei einem weisen + Greise verbrachte, zündete ich einst in der Nacht in + tiefer Seelenverwirrung eine Kerze an und schlug ein + Buch auf, das der Greis, mein Meister, in meiner Stube + liegen gelassen hatte. Ich wandte die vergilbten, mit + Unzialschrift bedeckten Blätter um und begann zu lesen. + + Und die Sterne gingen mit dem nächtlichen Dunkel, + der Morgen graute, ich aber las und las und hatte nicht + gehört, daß man drüben von der Erlöserkirche längst + schon zur Frühmesse geläutet hatte. + + Und der weise Greis, mein Meister, gab mir seinen + Segen, daß ich Euch aus jenem wunderbaren, mit Unzialschrift + geschriebenen Buche einige Gleichnisse, Geschichten + und Sagen erzähle. + + + + + +Adams Schwur + + + +1. + +»Geht und glaubt nicht, daß ihr je zurückkommen könntet! Und flucht eurem +Gotte nicht. Euer Zorn würde machtlos sein und auf euch zurückfallen.« + +Und das feurige Schwert in der Hand des Cherubs flammte auf. + +Die Pforte des Paradieses fiel zu. + +Verzweifelt warfen sich Adam und Eva nieder und weinten. Sieben Tage +weinten sie, ohne die Augen aufzuschlagen, ohne sich vom Boden zu erheben. + +Und sie vernahmen die Stimme Gottes: + +»Ich breite meine Gnade über euch aus. Die Stunde der Verheißung wird +kommen, und ich werde euch das Paradies wiedergeben.« + +Sie hoben die Augen auf, aber sie sahen Gott nicht wie früher. + +An der Pforte des Paradieses stand der Cherub, grimmig, mit dem flammenden +Schwert. + +Und sie baten den Cherub, ihnen zu sagen, wann Gott kommen und ihnen das +Paradies wiedergeben werde. + +»Fünftausend fünfhundert und acht Jahre werden vergehn,« sprach der Cherub, +»und Gott wird euch befreien. Jetzt aber geht, sage ich euch, und wagt +nicht zurückzukommen. Und flucht eurem Gotte nicht. Denn euer Zorn würde +machtlos sein und auf euch zurückfallen.« + +Und sie gingen demütig, um nie mehr zurückzukommen. + +Und die Schlange kroch ihnen nach. + +Sie aber erkannten die Schlange nicht. + +Denn die Schlange war schöner gewesen als alle Tiere, und jetzt kroch sie +auf dem Bauche; sie hatte reden können, und nun war sie stumm. Sie konnte +Adam und Eva nur vorwurfsvoll ansehen. + +Trübe Tage wechselten mit bangen Nächten. Das Leben war schwer. + +Die unfruchtbare, von Gott verfluchte Erde war eine Wüste. In der Behausung +der ersten Menschen war es eng und finster. Wilde Tiere bedrohten sie. +Sehnsucht, Angst, Müdigkeit . . . + +»O weh, du mein schönes Paradies!« weinte Adam und weinte Eva. + +Sie konnten das Leben im Paradies nicht vergessen, immer wieder dachten sie +daran, und dann gingen sie bis zur Mauer des Paradiesgartens, knieten +nieder und weinten. + +Und die Schlange war mit ihnen. + +Sie war schöner gewesen als alle Tiere, und alle Kreatur hatte sich an +ihrem Anblick gefreut, -- und nun kroch sie auf dem Bauche und spie Gift +aus, und alles floh vor ihr. + +»O weh, du mein schönes Paradies!« weinte Adam und weinte Eva. + +Aber keiner hörte sie, keiner gab ihnen Antwort. + +An der Pforte des Paradieses stand der Cherub, grimmig, mit flammendem +Schwert. + +Und verzweifelnd gingen sie zurück zu ihrem verhaßten Felsen in die +finstere Höhle. + +Und die Schlange kroch ihnen nach. + +Als das erste Jahr zu Ende ging, gebar Eva dem Adam einen Sohn, den Kain. + +Er war der Erste, der auf der Erde geboren war, schön wie die Schlange und +schrecklich. Auf seinem Haupte wanden sich sieben giftige Schlangenköpfe. + +Eva war bitter geplagt. Müde und schwach, mußte sie alle nähren -- den Sohn +und die Schlangenköpfe, die wie ein Kranz seine Stirn umgaben. + +Und Adam konnte seinem Weibe nicht helfen, konnte ihre Schmerzen nicht +lindern. + +Die Schlange aber, die mit ihnen in der Höhle wohnte, war stumm und sah sie +nur vorwurfsvoll an. + +Und die Erde war voll Weh und Leid. + +Trostlose Tage wechselten mit trostlosen Nächten. + +Da kam Satan und sprach zu Adam: + +»Was gibst du mir, wenn ich Eva helfe?« + +»Alles, was du willst,« erwiderte Adam, der zu allem bereit war, wenn nur +Evas Schmerzen gelindert würden und er nicht mehr den Sohn mit dem +greulichen lebendigen Schlangenkranze ums Haupt zu sehen brauchte. + +»Schwöre mir,« sprach Satan, »daß du und deine ganze Nachkommenschaft mir +gehören sollen!« + +Und er ergriff einen _weißen_ Stein und reichte ihn dem Adam. + +Und Adam schwur. + +Und Adam schrieb den Schwur mit seinem Blut hin, daß er dem Satan angehören +wolle, er und alle seine Nachkommen bis auf den letzten. + +Und alsbald fielen die sieben Schlangenköpfe von Kains Haupte ab. + +Da freute sich Eva und Adam freute sich mit ihr. + +Und es war dies die erste Freude auf der Erde. + +Satan aber nahm den _roten_ Stein mit dem Versprechen und die sieben +Schlangenköpfe und ging von der Höhle nach dem Fluß Jordan. Und dort, am +Jordan, unter einem Felsen, wählte er einen versteckten Platz und legte den +Stein dahin und befahl den sieben Schlangenhäuptern, ihn zu hüten. + +Und als Adam starb, kam seine Seele zu Satan. Dann starb Eva, und auch ihre +Seele kam zu Satan. Und alle, die nach Adam und Eva starben, folgten ihnen +in das Reich Satans, in die Hölle, wie Adam es geschworen hatte. + + +2. + +Die Tage und Jahre gingen, wie Gott es bestimmt hatte. + +Die Menschen wurden geboren und breiteten sich über die Erde aus; sie +hofften und verzweifelten, bangten und freuten sich ihres Lebens, +verlangten nach Macht, nach Reichtum, nach Ruhm, liebten und haßten, halfen +einander und töteten einander. + +Und der rote Stein lag immer noch am Jordan unter dem Felsen, und die +Schlangen hüteten ihn. Und das Reich Satans ward größer mit jedem Jahr, +jedem Tag, jeder Stunde, denn immer mehr Söhne Adams kamen hinein. + +Und Satan freute sich seiner wachsenden Macht und Größe. + +Die Tage und Stunden gingen hin, wie Gott sie festgesetzt hatte. Sie +blieben sich immer gleich, heute war wie gestern, und jede Stunde war ein +stiller, geheimer Gottesdienst. + +Die erste Nachtstunde brach an -- die Stunde, da die Dämonen sich vor Gott +beugen. Und die Dämonen schadeten dem Menschen nicht, das Böse ruhte, wurde +nicht größer, nicht geringer. + +Die zweite Stunde kam -- die Stunde der Fische. Und es erhob sich der Ozean +mit seinem ganzen Reich, und die tiefsten Tiefen des Meeres beugten sich +vor dem Herrn. Es kam die dritte Stunde -- die Stunde der höllischen +Abgründe. + +Es kam die vierte Stunde -- die Stunde, da die Seraphim den Herrn preisen, +und das Rauschen ihrer Flügel füllte die himmlischen Tempel mit süßer +Musik. + +Es kam die fünfte Stunde -- die Stunde der Wasser über dem Himmel. + +Es kam die Mitternacht -- die sechste Stunde der Nacht --, und es zogen +sich die Wolken zusammen und erfüllten die Welt mit einem großen, heiligen +Schauer. + +Es kam die siebente Stunde -- die Stunde der Ruhe für alles Lebende. + +Es kam die achte Stunde -- und die Erde freute sich des Taus, der auf +Saaten und Gräser niederging. + +Es kam die neunte Stunde -- die Stunde des Dienens für die Engel, die vor +dem Throne der ewigen Allmacht stehen. + +Es kam die zehnte Stunde -- die Stunde des Gebets, und die Himmelstore +gingen auf, und die Gebete traten vor Gott, und Gott war gnädig zu den +Menschen, und die Seraphim schlugen mit den Flügeln, und Musik tönte durch +den Himmelsraum, und unten auf der Erde krähte der Hahn. + +Es kam die elfte Stunde -- und die Sonne ging auf und brachte der Welt +Freude und Licht und Wärme. + +Und es kam die zwölfte, die letzte Stunde -- die Stunde der Hoffnung und +des Schweigens der Engelchöre vor dem Throne Gottes. + +Aber der rote Stein lag am Jordan unter dem Felsen. Und die Schlangen +hüteten ihn. Und das Reich Satans ward größer mit jedem Jahr, jedem Tag, +jeder Stunde, denn immer mehr Söhne Adams kamen hinein. + +Und Satan freute sich seiner wachsenden Macht und Größe. + +Das währte so fünftausend fünfhundert und acht Jahre. + +Nun kam die Stunde, die verheißen war, Christus kam auf die Erde, der Sohn +Gottes. + +Niemand wußte von ihm, niemand dachte an ihn. Wie bisher aßen und tranken +die Menschen, freiten und ließen sich freien, stritten und versöhnten sich, +töteten sich selbst aus Liebe und töteten andere aus Haß. Ebenso wie bisher +ging die Sonne auf und grünten die Bäume im Frühling. Ebenso wie früher +gingen nachts die geheimen Stunden hin. + +Einzig Johannes der Täufer harrte des Heilandes am Jordan. + +Und als die Zeit erfüllt war, kam Christus aus der Wüste an den Jordan zu +Johannes. Und Johannes erkannte den Heiland. + +Und Christus trat unter den Felsen auf den roten Stein und ward von +Johannes getauft. + +Und das Wasser ward unter den Füßen Christi zu Feuer. Das Feuer verbrannte +die Schlangenköpfe, das Feuer zerfraß den roten Stein. + +Der Heilige Geist stieg auf den Gottessohn herab, und es ward eine Stimme +vom Himmel gehört: + +»Siehe, das ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe.« + + +3. + +In Zorn geriet Satan, als er den gespaltenen, vom Feuer zerfressenen roten +Stein und die sieben toten Schlangenhäupter sah. + +Er sammelte die schwarzen Stücke des roten Steins und fügte sie mit +höllischer Kunst zusammen, und den neuen _schwarzen_ Stein trug er hinab in +sein Reich, die Hölle. + +Noch war die Zeit nicht erfüllt, drei Jahre sollte Christus noch auf Erden +wandeln. Noch drei Jahre mußten Adam und Eva in banger Sehnsucht harren. + +Und Satan gab sich kühnen Träumen hin. + +Er hatte den schwarzen Stein in der Hölle versteckt und wartete auf die +letzte Stunde des Gottessohnes, um dann seine ganze Kraft zusammenzunehmen, +den Unüberwindlichen zu besiegen, ihn zu zerreißen, ihn zu verspotten in +seiner Kreuzesnot und dann seine schwarze Finsternis über die ganze Welt zu +breiten. + +Und groß war in der Hölle die Freude des von seinem Wahn betörten +Herrschers am Vorabend seiner Schmach und seiner Vernichtung. + + + + + +Die Geburt Christi + + + +1. + +In der Nacht, da Christus geboren werden sollte, befand sich die +Gottesmutter mit dem heiligen Joseph auf dem Wege nach der Stadt Bethlehem. + +Und unterwegs geschah etwas Seltsames mit der heiligen Jungfrau: sie lachte +und weinte zu gleicher Zeit. Joseph hielt sein Rößlein an. Der Alte dachte: +»Ist der Maria nicht wohl, oder hat sie Angst vor den Wölfen bekommen?« +Denn Wölfe gibt es viel in der Gegend. + +Die Gottesmutter aber sprach zu ihm: + +»Ich sehe zwei Männer, Großväterchen: der eine lacht, und mit dem freue ich +mich, denn ihm steht ein großes Glück bevor. Der andre aber weint, und mit +dem traure ich, denn ihn erwartet ein großer Schmerz.« + +Der Alte verstand die Worte der Gottesmutter nicht, aber er merkte sie sich +wohl. Sie verhießen der Erde zugleich eine große Freude und ein bitteres +Weh. + +Die Gottesmutter war auf dem Wege nach Bethlehem. Sie mußten beide zur +Schätzung. Es sollten alle Bewohner des Landes geschätzt werden, und in +welcher Stadt einer angeschrieben war, in die mußte er sich begeben. + +Es war Winterszeit. Und ein sehr schneereicher Winter. Bergehoch lag der +Schnee überall. Mit großer Anstrengung kam das Pferdchen vorwärts. Joseph +hätte sich die beschwerliche weite Reise gern geschenkt, doch er wagte es +nicht, ungehorsam zu sein. Es war ein strenger Befehl vom König +ausgegangen, daß ein jeder sich nach seiner Stadt zu begeben habe. + +Joseph war ein ganz alter Mann. In jungen Jahren war er ein Zimmermann +gewesen, aber jetzt gehorchte ihm das Beil längst nicht mehr. Der Alte +hatte geglaubt, sie würden vor Abend in der Stadt sein, doch sie waren vom +Wege abgekommen. Und so überraschte die Nacht sie im freien Felde. + +Es war eine helle, sternklare Nacht und bitter kalt. + +Die Gottesmutter stieg nicht vom Schlitten herab, -- es fror sie zu sehr. +Der Alte ging neben dem Pferde und trieb es ab und zu an. + +So kamen sie langsam vorwärts. + +Und die Gottesmutter fühlte, daß ihre Stunde gekommen war. + +Was war zu tun? Wie sollte sie hier nachts auf freiem Felde bleiben? + +Da, Gott sei Dank, zeigte sich abseits vom Wege, am Waldrand, eine +Erdhütte. + +Der Alte band das Pferd an. Sie traten in die Hütte ein. In der Hütte aber +standen ein Pferd und ein Öchslein. Sonst war keine lebende Seele zu sehn. +Ganz in der Ferne hüteten Hirten ihre Schafe. + +Aber die Zeit drängt und Hilfe tut not. + +Die heilige Jungfrau bittet den Joseph, eine Wehmutter zu holen. Wo aber +wäre hier draußen im Felde eine Wehmutter zu finden? + +Der Alte ging traurig die Landstraße weiter und wußte doch gar nicht, wo er +eine Wehmutter suchen sollte. + +Und als Christus geboren ward, da ward es hell in der Erdhütte. + +So hell, als wenn die Sonne aufgegangen wäre. + +Die Gottesmutter nahm den Sohn auf ihren Arm, hob ihn empor und legte ihn +auf das Stroh in der Krippe, wie in eine Wiege. + +Das Pferd und das Öchslein sahen das Kind und kamen näher heran. Sie +erkannten den Heiland und bliesen ihn an, um ihn mit ihres Atems Hauch zu +wärmen. Und der Knabe streckte spielend die Ärmchen nach ihnen aus und +streichelte sie. + +Die Tiere aber fuhren fort, ihn mit ihrem Atem zu wärmen. + +Und er segnete sie, -- segnete das mühevolle Dasein des Rosses und des +Ochsen. + +Joseph geht über das Feld, er wankt und stolpert, seine Augen sehen nichts +mehr, seine Füße versagen ihm den Dienst, -- er ist eben schon sehr alt. Er +fängt an zu rufen. Aber wer wird ihm nachts im Feld Antwort geben? + +Nur die Sterne flimmern, -- und so hell, als sängen sie über der Erde. + +Und da sieht Joseph eine alte Frau ihm entgegenlaufen. In atemloser Hast +klettert sie über die gewaltigen Schneehaufen. Joseph ruft sie an. Da +bleibt sie stehn und verschnauft. + +Sie war aus der Stadt Bethlehem und hieß Solomonida. Sie hatte ihren +kleinen Enkel, den Peter, den unartigen Bub, eben zu Bett gelegt und wollte +sich nun selbst zur Ruhe begeben -- man wird müde, wenn man den ganzen Tag +gearbeitet hat -- da war's ihr, als riefe sie jemand. + +»Geh ins Feld hinaus, Solomonida, man braucht deinen Beistand,« hörte sie +eine Stimme. »Und da kam so eine Angst über mich, daß ich aufsprang und +hinauslief, so schnell ich konnte.« + +Da freute sich Joseph und führte die Alte nach der Erdhütte. + +Die beiden Alten liefen in größter Hast. In der Hütte aber war es hell, als +wäre drinnen die Sonne aufgegangen. + +Und die Alten sahen das Kind und erkannten den Heiland und wagten nicht +näher heranzutreten. Das Kind aber winkte ihnen aus der Krippe mit der Hand +und segnete sie. + +Es segnete die alte Wehmutter Solomonida und den alten Zimmermann Joseph, +der die heilige Jungfrau bei sich aufgenommen hatte, segnete ihr schweres, +arbeitsvolles Leben. + +Draußen hüteten Hirten ihre Schafe vor den Wölfen. Denn Wölfe gibt es viel +in der Gegend. Den Hirten ward es bange in der Nacht, und um ihre Angst zu +vertreiben, erzählten sie sich schauerliche Geschichten. + +Da standen die Schafe auf und gingen zum Eisloch trinken. Aber sie tranken +nicht, sondern blieben dicht gedrängt rund um das Loch stehen und hoben die +Köpfe in die Höhe. Und so standen sie unbeweglich da. + +Dergleichen war den Hirten noch nie vorgekommen. Was bedeutete das? Waren +sie starr vor Schreck, weil Wölfe in der Nähe lungerten? + +Die Hirten traten näher heran. Und wie sie zum Himmel emporschauten, da +zeigte sich ihnen ein Engel und sprach: + +»Was steht ihr da, ihr Hirten? Christus, der Heiland, ist geboren! Geht +schnell nach der Erdhütte. In der Hütte, in der Krippe liegt der Heiland.« + +Und es zeigten sich unzählige Engel. So viele Engel, wie Sterne am Himmel +sind. + +»Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden und den Menschen ein +Wohlgefallen!« sangen die Engel um jenen geschart, der den Hirten die +Geburt des Heilands verkündigt hatte. + +Und der ganze Himmel war in kreisender, wirbelnder Bewegung. + +Die Schafe aber standen am Eisloch, die Köpfe emporgereckt und starrten in +die Höhe. + +Da nahmen die Hirten jeder ein Lämmlein und liefen nach der Erdhütte. Und +die Hunde liefen ihnen nach. + +In der Hütte aber war es hell, als wäre drin die Sonne aufgegangen. + +Da sahen die Hirten das Kind, Christus, den Heiland, wie der Engel es ihnen +verkündet hatte. Und sie legten ihre Lämmer vor ihm nieder und neigten sich +bis zur Erde. Das Kind sah sie an und berührte auch die Lämmer. Es segnete +die Hirten, segnete ihr schweres, arbeitsreiches Leben. + +Und die Hirten gingen zurück zu ihrer Herde. Und ihre Hunde liefen hinter +ihnen her. + +Und die Hirten sangen, wie sie es von den Engeln gehört hatten: »Ehre sei +Gott in der Höhe und Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen!« + +Da kamen ihnen Wölfe entgegen. Aber die Wölfe hatten die Schafe nicht +angerührt, -- ein Engel hütete ihre Schafe! Die Wölfe gingen nach der +Erdhütte und wichen den Hirten aus! + +Auch die wilden Tiere hatten erkannt, daß der Heiland der Welt geboren war. + +Weit drüben aber, hinter Feuer und Rauch, hinter Wäldern und breiten +Strömen, hinter dem faulen Sumpf am Eismeer, am Ozean, wo der Wind die +blauen Eiszacken bis zum Himmel emportreibt, in dem kalten, düstern Land +der Zauberer dröhnte und klirrte mitten in der Nacht das Tamburin. Und drei +weise lappländische Zauberer und Könige sahen am Himmel den Stern Christi. +Sie erkannten ihn wohl, denn ihr Lebenlang hatten die Weisen seiner geharrt +und den Tag seines Erscheinens auszurechnen versucht. Und sie nahmen ihre +Geschenke und gingen ohne Knechte und ohne Renntiere dem Sterne mit dem +Schweif nach. + +Und der Stern Christi führte die Zauberer in die Stadt Jerusalem. + + +2. + +Viel Volks war zur Schätzung nach Bethlehem gekommen, doch viel mehr noch +nach Jerusalem. Das Stadttor blieb die ganze Nacht offen. Und in den +Straßen war ein Lärm, wie zur Messe. + +Am frühen Morgen nach der Geburt des Heilandes zeigten sich zwei Wanderer +auf der Straße von Bethlehem nach Jerusalem. Es waren keine gewöhnlichen +Wanderer: es waren ein Rößlein und ein Öchslein. + +Sie gingen ohne Treiber, geradewegs nach Jerusalem. Und als sie in die +Stadt gekommen waren, liefen sie unbeirrt durch Lärm und Gedränge die +Gassen entlang. Sie atmeten, wie sie in der Nacht geatmet hatten, als sie +mit ihrem Hauch das Christkind in der kalten Erdhütte wärmten. + +Ein Lümmel warf einen Stein nach ihnen, doch der Stein glitt an ihnen ab +wie eine Feder: sie spürten seine Berührung nicht und zuckten nicht einmal +zusammen. + +Das Rößlein und das Öchslein gingen schnaufend die Gassen entlang. Ihre +Augen waren wie Menschenaugen, hell und klar. Und wenn sie hätten reden +können, so hätten sie gesagt -- sie brachten ja die Kunde von der Geburt +des Heilandes -- so hätten sie gesagt, daß in dieser Nacht der Herr +Christus geboren sei, der Erlöser, daß sie ihn gesehen hätten und daß er +sie gesegnet hätte. + +Kinder, Pilger und Narren neigten sich vor dem Roß und dem Ochsen, wo sie +ihnen begegneten. + +Nachdem sie die ganze Stadt durchschritten hatten, verschwanden die beiden +jenseits der Stadtgrenze. + +Und sie gingen weiter die Landstraße entlang, wie sie auch heute noch gehen +und immer weiter gehen werden, bis das Ende aller Tage gekommen ist. Und in +der letzten Stunde werden sie reden . . . sie werden reden, die Stummen, +das gesegnete Rößlein und der Ochse. + +Am Abend desselben Tages erschienen in Jerusalem die Hirten von Bethlehem, +vier Hirten. + +Sie gingen durch die von Menschen erfüllten Gassen, aber es war, als sähen +und hörten sie nichts von dem, was rundum geschah. Sie machten auf den +Plätzen halt und stimmten einen seltsamen, unverständlichen Gesang an. + +Sie sangen das Lied der Engel: + +»Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden und den Menschen ein +Wohlgefallen!« + +Und Kinder und Pilger und Narren drängten sich, wie Schafe, an sie heran +und starrten zum Himmel empor und fielen plötzlich mit wildem Geschrei und +Gelächter mit ein: + +»Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden und den Menschen ein +Wohlgefallen!« + +Und der ganze lärmende Marktplatz geriet gleich dem stillen Sternenhimmel +in wirbelnde Bewegung. + +Nachts verschwanden die Hirten jenseits der Stadtgrenze. + +Sie gingen weiter, dem Rößlein und dem Öchslein nach, wie sie auch heute +noch gehen und das Lied der Engel singen, und wie sie gehen und singen +werden, bis das Ende aller Tage gekommen ist. Und in der letzten Stunde +wird man ihnen lauschen, den gesegneten Hirten von Bethlehem. + +Rößlein und Öchslein waren verschwunden, die Hirten wurden nicht mehr +gesehn, und die Nacht war vorüber. + +Mit dem Morgengrauen des folgenden Tages aber zeigte sich in Jerusalem eine +alte Frau. Sie ging durch die Gassen, und keiner konnte verstehen, wovon +sie sprach und was ihre Gebärden bedeuteten. Sie tat, als wiege sie ein +Kind und als spräche sie ihm freundlich zu und scherze mit ihm -- und dann +fiel sie plötzlich auf die Knie und fing an zu weinen, doch nicht vor +Schmerz, sondern vor Freude. + +Das war die alte Solomonida, die erzählte von der Geburt des Heilandes und +zeigte, wie sie das Kind auf ihre zitternden, abgearbeiteten Arme genommen, +wie sie es geherzt und geschaukelt hatte, -- sie, die schon so vielen +Kindern zur Welt geholfen hatte. + +Kinder, Pilger und Narren liefen der Alten nach, und wenn sie weinend auf +die Knie fiel, wiederholten sie weinend ihre unverständlichen Worte. + +Und die dunkle Straße geriet gleich den Sternen am stillen Himmel in +wirbelnde, kreisende Bewegung. + +Als sie alle Gassen durchschritten hatte, verschwand Solomonida jenseits +der Stadtgrenze. + +Und sie ging weiter die Landstraße entlang, wie sie heut noch geht und von +dem Christkind erzählt und vor Freude weint, und wie sie gehen wird und +weinen, bis das Ende aller Tage gekommen ist. Und in der letzten Stunde +wird man sie verstehen, die gesegnete Greisin Solomonida. + +Und eine bange Spannung legte sich über die königliche Stadt, das große +Jerusalem. + +Drüben aber vom Eismeere her, vom Ozean, wo der Wind die blauen Eiszacken +bis zum Himmel emportreibt, durch Sümpfe und Ströme, durch Wälder, durch +Feuer und Rauch schritten die drei lappländischen Zauberer und Könige dem +Sterne Christi nach. + +Ihre königlichen Gewänder waren beschmutzt und zerschlissen, die Fetzen +hingen ihnen, wie Bettlern, von den Schultern herab, und nur die +Königskronen strahlten wie Sterne. + +Am dritten Tage brachte der Stern die Könige nach Jerusalem. Der Stern +erhob sich über die Königsstadt und verschwand. + +Und als die drei Zauberer in den Gassen Jerusalems erschienen und zu fragen +begannen, wo Christus, der König geboren sei, dessen Stern sie gesehen +hätten, da geriet die Königsstadt in große Aufregung. + +»Wo ist Christus, der Heiland der Welt, geboren?« fragten die Zauberer die +Leute auf der Gasse. »Wo ist der König geboren?« + +»Wir haben keinen König außer Herodes,« antwortete man ihnen, »und wir +kennen keinen andern König außer Herodes und seinem Sohn Archelaos.« + +Aber nicht nach Archelaos, dem Sohne des Herodes, nicht nach dem König +Herodes fragten die weisen Könige, sondern nach Christus, dem Könige, der +alle Könige besiegen und alle Reiche der Erde erobern würde, nach Christus, +dem Könige, dem Weltheiland, fragten die weisen Könige und Zauberer. + +Dicht hinter ihnen, wie sie selbst dem Sterne nachgegangen waren, gingen +Kinder, Pilger und Narren. Und wenn die Könige nach Christus, dem +Weltheiland, fragten, dann erstarrten jene in banger Erwartung. + +Aber es ward ihnen keine Antwort. + +Von Gasse zu Gasse, von Haus zu Haus, von Mund zu Mund ging die Kunde von +den lappländischen Königen und Zauberern und von dem Stern, der sie geführt +hatte, und von der Geburt des Königs Christus, -- des Königs, der alle +Könige überwinden würde. Und am Abend drang die Nachricht auch über die +hohen, unübersteigbaren Mauern des Königspalastes. + +Und das Gemüt des Königs Herodes ward verwirrt. + +Herodes ließ die fremden Könige zu sich rufen. + +Man brachte die fremden Könige vor Herodes. + +Herodes kam ihnen entgegen. + +Als sie den Herodes erblickten, fragten die Zauberer den König, wie sie an +dem Tage alle Leute gefragt hatten, nach dem neugeborenen König. + +»Wo ist der König geboren?« + +»Ich bin der König!« antwortete Herodes den Zauberern. Er war klein und +mager, mit einem kleinen Kopf auf einem kurzen, unverhältnismäßig dicken +Halse, er kniff die Augen ängstlich zusammen und sprach mit unerwartet +lauter und tiefer Stimme. + +Und dieses Unerwartete betrog und verblüffte die Leute. + +Aber die lappländischen Könige ließen sich nicht verblüffen. Die +lappländischen Könige waren Herr über die Winde, konnten den Sturm +entfesseln, konnten die Inseln im Meere von ihrem Platz rücken, konnten +alles Lebende in Stein verwandeln, drangen in alles Verborgene, wußten +durch ihre geheimen Künste, was auf Erden und im Meere geschah, selbst in +fernen Ländern bei fremden Völkern. + +Die lappländischen Könige kannten keine Furcht. + +Die Weisen hatten ihr ganzes Leben auf den Stern Christi gewartet, und nun +hatte der Stern Christi sich ihnen gezeigt. + +Die lappländischen Könige kannten keine Furcht. + +Ohne sich an die Wege und Straßen zu halten, waren sie dem Stern mit dem +Schweif gefolgt: Tag und Nacht sahen sie nichts als den Stern und fühlten +keine Ermattung und keinen Hunger. In drei Tagen legten sie eine Strecke +zurück, zu der man sonst ein Jahr braucht. + +»Wo ist Christus, der König, geboren?« fragten die Zauberer den Herodes +abermals. + +Herodes hielt eine Schale in der Hand. Er erhob die Schale nach königlichem +Brauch zu Ehren der ruhmreichen lappländischen Könige. + +Und über dem königlichen Palast stieg der Stern auf und blieb im Fenster +gegenüber den Zauberern stehen und ließ ihre Kronen wie tausend Sterne +flimmern und blitzen. + +Und die Sterne sahen aus den Augen der Zauberer. + +»Wo ist Christus, der König, geboren?« fragten die Zauberer zum drittenmal. +»Er wird alle Könige besiegen und alle Länder, alle Reiche erobern.« + +Und die Schale entfiel den Händen des Herodes. + +»Geht, ihr Könige,« sagte Herodes und zitterte am ganzen Leibe, »geht und +erkundigt euch nach dem Christkind und kommt nach Jerusalem zurück. Ich +will als erster hingehen und ihm huldigen.« + +Die Zauberer versprachen nach Jerusalem zurückzukommen und dem Könige vom +Christkind zu berichten, und verließen den Palast. + +Und die Zauberer sahen den Stern Christi und freuten sich seiner. + +Und der Stern führte sie aus der Königsstadt Jerusalem nach der Stadt +Christi Bethlehem. + + +3. + +Der Stern Christi ging den Zauberern voraus, und eilig folgten sie ihm +nach. + +Die Menge, die ihnen nachgelaufen war, blieb bald weit zurück. Auch die +Kundschafter des Königs konnten nicht mit ihnen Schritt halten. + +Wenn der Stern sich im Kreise bewegte, folgten die Zauberer ihm. Wenn er +von der Landstraße in den Wald einbog, folgten sie ihm. + +Und so gingen die drei Könige bald die Straße entlang, bald über das Feld, +bald durch den Wald. + +Es wurde Nacht, und der Frost ward stärker. + +Sternklare Nächte sind immer kalt. + +Der Schnee knirschte unter den Füßen der Wanderer. Nun hatte der Stern den +Fluß überschritten und blieb am Waldrande stehn und senkte sich langsam +über der Erdhütte nieder. + +Und es war hell in der Erdhütte, als wäre die Sonne drin aufgegangen. + +Und die Zauberer sahen das Kind und reichten ihm ihre Gaben: Gold und einen +knöchernen Stab und eine Kutja.[*] Und sie neigten sich vor dem Kinde. + +Das Christkind schaute die Gaben lange an -- das Gold, den Stab und die +Kutja. Dann segnete es die Zauberer, -- segnete das schwere, arbeitsreiche +Leben der Könige, die dem Sterne Christi entgegengesehen hatten. + +Und die enge Erdhütte war voller Sterne. + +Und die Engel sangen: + +»Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden und den Menschen ein +Wohlgefallen.« + +Und der Glanz der Sterne blendete die Zauberer. + +Da trat aus dem Reigen der Engel ein strenger Engel und löste die Zauberer +von dem Schwur, den sie dem Herodes geleistet hatten, und befahl ihnen, +nicht mehr nach Jerusalem zurückzugehen. + +[Fußnote *: Speise aus Reis und Honig, die in Rußland am Weihnachtsabend +gegessen wird.] + +»Geht nicht zum Herodes, ihr Zauberer,« sprach der strenge Engel, »geht +einen andern Weg: der König hat Böses im Sinn, der König will das Kind +töten.« + +Und der strenge Engel verschwand im Reigen der Engel. + +Und die Zauberer erwachten wie aus einem Traume. + +Die heilige Jungfrau hielt ihr Kindlein auf dem Arme und machte sich zur +Reise bereit. Joseph war am Schlitten beschäftigt und sprach mit dem +Pferde. Als er die Muttergottes mit dem Kinde in den Schlitten gesetzt +hatte, winkte der Alte mit seinem Fausthandschuh. + +Und das Pferdchen lief die Straße ins Zigeunerland hinab, die der Engel dem +Joseph gewiesen hatte, die Straße nach Ägypten. + +Der Stern schwebte ganz niedrig vor ihnen her und beleuchtete dem +Christkinde den weiten Weg nach Ägyptenland. + +Die Engel sangen: + +»Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden und den Menschen ein +Wohlgefallen!« + +Und der ganze Himmel war in wirbelnder Bewegung. + +Die Zauberer aber zogen mit Sturmeseile durch Feuer und Rauch, durch Wälder +und Sümpfe und Ströme, an der Königsstadt vorbei, vorbei an dem König +Herodes, zu dem Eismeer, dem Ozean, in ihr Lappland, in das kalte, finstre +Land der Zauberer. + +Und dort, in ihrem öden Zauberland, malten sie den Stern Christi auf ihr +geheimnisvolles, zauberhaftes Tamburin, und dann stiegen sie mit den blauen +Eiszacken empor und schwammen über das Eismeer, über den Ozean, leise und +still von der Erde zum ewigen Leben, zur ewigen Ruhe hinüber. -- -- -- + +Wilde Aufregung herrschte in Jerusalem, in der großen Königsstadt. Nachdem +er die Zauberer entlassen hatte, stellte Herodes sich ans Fenster und +schaute auf die Straße hinaus, blickte dem Leuchten der goldenen Kronen der +lappländischen Könige nach. Wie Sterne strahlten sie in der Abenddämmerung +auf der Straße nach Bethlehem. + +Und der König zitterte am ganzen Leibe. + +»Die Zauberer werden das Christkind finden, sie werden nach Jerusalem +zurückkehren, werden von dem Kinde erzählen, und ich, der König, werde als +erster hingehn, dem Kinde zu huldigen!« Und ohne den Hals zu wenden, am +ganzen Leibe zitternd, fing Herodes plötzlich an, mit unerwartet tiefer +Stimme laut zu lachen . . . »Ich werde als erster dem Kinde huldigen! +. . . Noch ehe der Tag graut, wird er nicht mehr am Leben sein, der König +Christus, der alle Könige überwinden soll, alle Länder, alle Reiche +erobern!« + +»Ich bin der König!« wiederholte Herodes zitternd und lachend. + +Den ganzen Abend blickte der König den Zauberern nach, in die Fensternische +gedrückt, und zitterte und lachte. + +Die Nacht brach an. + +Die Zauberer kamen nicht zurück. + +Die Kundschafter des Königs meldeten, daß die Zauberer aus Bethlehem +verschwunden wären. + +Nein, sie waren nicht verschwunden. Sie hatten den König betrogen. Die +Zauberer trieben ihren Spott mit König Herodes. + +Der König hatte niemand und nichts mehr zu erwarten. + +»Christus lebt! Er wird alle Könige überwinden, wird den König Herodes +besiegen, wird alle Reiche erobern, wird dem König Herodes sein Reich +nehmen!« + +Der König geriet in Wut. Er stampfte mit den Füßen und schrie und weinte +wie ein Kind, vor Zorn, Hilflosigkeit und Angst. + +Und der König Herodes befahl seinem Heer, nach Bethlehem zu gehen und dort +alle Kinder zu töten, alle Knaben unter zwei Jahren. + +Trommelwirbel, Trompetengeschmetter mitten in der Nacht in der Königsstadt +Jerusalem. + +Auf den Plätzen drängt sich das Volk. Entsetzt rennen die Leute hin und +her, wie bei einem Brande. + +Mit klingendem Spiel zogen die Soldaten aus nach Bethlehem, den Blutbefehl +des Königs zu erfüllen. + +Die Nacht war sternklar und grimmig kalt. + +Der Schnee knirschte unter den Schritten der Marschierenden. + +Um Mitternacht hatten die Soldaten Bethlehem erreicht und zogen mit +klingendem Spiel in die Stadt ein. + +Und das blutige Werk nahm seinen Anfang. + +Die Kinder ahnten nichts. Sie wußten nichts von Königen, -- weder von +Herodes, noch von seinem Sohn Archelaos. Sie kannten keinerlei Eide, +keinerlei Gebote. Sie konnten kaum sprechen. Sie redeten ihre eigene +Sprache und sahen die Welt auf ihre Weise, mit ihren Augen. Sie lächelten, +wie nur Kinder lächeln. Sie weinten, lachten, spielten. + +Und es war auf Erden keine Nacht so grauenvoll, und ist keine grauenvoller +und wird nie eine grauenvoller sein, als jene Nacht in Bethlehem nach der +Geburt des Heilandes. + +Die Soldaten stürmten in die Häuser und rissen die Kinder von der Brust der +Mutter und erwürgten sie, andere warfen sie aus ihren Wiegen und +zerstampften die Schlaftrunkenen mit ihren Stiefeln. + +Die Kinder erwachten von dem Lärm: sie begriffen nichts und boten selber +ihre Hälse den Säbeln der Soldaten. + +Und sie wurden gleich ohne weiteres abgeschlachtet. + +Man schleppte die Kinder wie junge Katzen auf die Straße hinaus und ließ +sie von Pferden zertreten, man hängte sie auf, man erstach sie mit Lanzen, +man riß sie in Stücke, man ersäufte sie im Eisloch, man begoß sie mit +siedendem Wasser, wie Ratten, man warf sie ins Feuer. + +Die mächtigen Schneehaufen schmolzen von dem heißen Kinderblut und +bedeckten die Erde mit einer Eiskruste. + +Die Sterne flammten noch einmal blutigrot auf und erloschen. + +Und die Soldaten kümmerten sich nicht mehr darum, wie alt die Kinder waren +und ob es Knaben oder Mädchen waren. + +Anläßlich der Schätzung hatte jemand unter den Kindern im Armenviertel von +Bethlehem das Gerücht ausgesprengt, man werde nachts kommen und die Kinder +aufschreiben, die zur Sonnenwendfeier geladen und beschenkt werden sollten. + +Die größeren Kinder schliefen in dieser Nacht nicht: sie warteten. Und als +die Soldaten kamen, da stürzten die Kinder ihnen entgegen, denn sie +dachten, nun käme man, sie anzuschreiben zur Bescherung. + +Peter, der Enkel der alten Solomonida, hatte die ganze Nacht gewartet und +war endlich auf dem verlassenen Bett der Großmutter eingeschlafen. Und im +Schlaf hörte er draußen Lärm, wachte auf, dachte: »Jetzt kommen sie!« -- +und lief auf die Straße hinaus. + +Peter rief den Soldaten zu: + +»Vergeßt mich nicht!« Tränen erstickten seine Stimme: er war noch nie bei +einer Bescherung gewesen. + +Ein Soldat packte ihn: + +»Nein, nein, wir vergessen dich nicht!« Und er schnitt ihm mit dem Messer +den Hals durch, wie einem jungen Huhn. + +Trommelwirbel, Trompetenschmettern, Musik konnten das Wehgeschrei der +Mütter und das Ächzen und Weinen der Kinder nicht übertönen. + +Ein steinernes Herz muß beim Weinen eines Kindes erbeben! + +Bis zum Morgengrauen währte das Gemetzel in Bethlehem und den Vorstädten. +Vierzehntausend Kinder wurden in Bethlehem geschlachtet. + +Nachdem sie des Königs Befehl erfüllt hatten, müde von der blutigen Nacht, +verließen die Soldaten die Stadt und gingen nach Jerusalem zurück. Das Blut +troff von ihren Händen und ihren Waffen auf die Straße, die das Pferd und +der Ochse, die Hirten und die alte Solomonida gegangen waren. + +Die Musik dröhnte und trieb die blutbefleckten Füße zu schnellerm Schritt +an. + +Und das Geschrei und Geheul und die Flüche der wahnsinnigen Mütter eilten +den Abziehenden nach. + +Und weit über das Weichbild Bethlehems hinaus hörte man Weinen und Flüche +auf allen Straßen. + +Ein steinernes Herz muß erbeben beim Wehklagen einer verzweifelten Mutter! + +Das Pferdchen schnaubte. Joseph stieg vom Schlitten herunter und horchte. +Die Erde selbst schien dem Alten zu schreien. + +Und Joseph gedachte der Worte der Gottesmutter und verstand sie, die der +Erde eine große Freude und einen bittern Schmerz verheißen hatten. + +»Ich sehe zwei Männer, Großväterchen: der eine Mann lacht, und ich freue +mich mit ihm, -- ihm wird ein großes Glück zuteil werden. Der andre aber +weint, und ich traure mit ihm, denn ihm wird großes Leid widerfahren.« + +König Herodes aber, der die ganze lange Nacht schlaflos in Unruhe verbracht +hatte, ging, als der weiße Tag gekommen war, in seinem öden Palast umher +und kniff die ängstlichen Augen zusammen und lachte plötzlich laut auf, vor +Freude, daß er das Christkind aus der Welt geschafft hatte . . . + + + + +Die Leiden der heiligen Jungfrau + + + +1. + +Als sie den Purpur von seinen Schultern gerissen und ihn in seinem +ärmlichen Gewand auf die Gasse geführt hatten, als er unter dem Geschrei +und Pfeifen der erregten Menge nach der Schädelstätte getrieben ward, -- da +wußte alle Kreatur davon: es wußte es der Wald, wo der Dornstrauch stand; +es wußte es das Meer, wo der Schwamm wuchs; es wußten es die Tiere und der +Weingarten, die Berge und das Feuer, das die Nägel und den Speer +geschmiedet hatte. Nur die heilige Jungfrau wußte es nicht. + +Das ganze jüdische Volk verlangte nach seinem Blut: + +»Sein Blut komme über uns und unsere Kinder!« + +Das reine Blut des Heilands tropfte in den Straßenstaub, während er in der +Dornenkrone unter der Last des schweren Kreuzes vorwärtsschritt; -- schon +stand die Sonne feuerrot über Jerusalem und verkündete einen heißen +blutigen Tag -- -- wie viel hatte sich ereignet! -- -- und die heilige +Jungfrau wußte nichts. + +Die heilige Jungfrau schlief. + +Die ganze Nacht hatte sie kein Auge zugetan, und erst gegen Morgen war sie +am Fenster sitzend eingeschlafen. + + +2. + +In der Hölle ging es hoch her. Ihre Bewohner gebärdeten sich wie toll. + +Wie ein Blitz hatte die Kunde eingeschlagen, daß das Licht und die Sonne, +die Krone und der Ruhm der Welt, der eingeborene Sohn Gottes, der +Menschensohn gefangen genommen sei und nach Golgatha geführt werde. + +Und die rasende Hölle donnerte, wie eine dräuende unbarmherzige +Gewitterwolke; die Hölle brüllte, wie ein gereizter Löwe; die Hölle +brummte, wie ein tollgewordener Stier; die Hölle stöhnte, wie das weite +Meer bei Unwetter; die Hölle glühte, wie ein verwundetes Herz. + +Mit dem Reiche Christi, das ewig sein sollte, war es zu Ende! + +Und die finstern Teufel heulten und schwangen sich vor Freude in wildem, +rasendem Tanz. + +Der Teufel, der nur ein Hühnerbein hatte, der böse Knecht der Schlange, +hüpfte auf dem einen Hühnerbein bis zu den höchsten Türmen empor, die den +Eingang in den finsteren Wohnort der finstern, stolzen, unglücklichen +Dämonen, in das Reich der ewigen Qualen, schützten. Und die boshaften +Ratgeber der Schlange, die nur Knorpeln statt Knochen haben, kletterten in +tollem Spiel einer auf den andern und bliesen und pfauchten, daß der +giftige Dunst und Staub, der ihren Mäulern entquoll, durch die Mauern der +Hölle bis auf die Erde drang. Und inmitten des wüsten Gewirbels leuchtete +wie ein Smaragd das grüne Auge Satans. + +Die wächserne Brücke der Prüfungen zwischen Paradies und Hölle und die +Brücke der Toten, die über den brausenden Pechstrom führt, brach zusammen. +Und die unersättliche höllische Flamme leckte an den Säulen des Himmels. + +Mit dem Reiche Christi, das ewig sein sollte, war es zu Ende. + + +3. + +Entsetzen packte die Engel und Erzengel, die Seraphim und Cherubim. Alle +himmlischen Heerscharen gerieten in Bewegung. + +Hilflos schlossen die Engel ihre unsterblichen Augen. + +Wer wird zur heiligen Jungfrau gehn, wer soll ihr die traurige Kunde +bringen, wer soll ihr den unerschütterlichen Willen des allwaltenden Gottes +mitteilen, der von Ewigkeit den Tod seines Sohnes beschlossen hat? + +Der Heilige Geist, der Tröster der Mühseligen und Beladenen, konnte ihnen +keinen Trost geben. + +Der Herr sprach: + +»Du, Gabriel, warst der Bote der Freude. So sei denn heute der Bote des +Leids.« + +Und Gabriel antwortete: + +»Wie soll ich, der ich die große Freude von der Fleischwerdung des Wortes +verkündigte, nun seine Kreuzesmarter verkündigen?« + +Und der Herr sprach: + +»Du, Michael, du Führer der himmlischen Heerscharen, der du im Namen des +Allmächtigen mit deinem Speer deinen großem Bruder Lucifer trafst, du +Sieger, gehe hin und bring ihr die Kunde. Du wirst als Kriegsmann den +Schmerz leichter tragen.« + +Und Michael antwortete: + +»Mein Arm hat den Stolzen geschlagen; ich bin stark im Kampf gegen Gewalt +und Macht, aber nicht gegen Demut und Leid.« + +Da sprach der Herr: + +»Du, Rafael, der du deine Hand hilfreich aller Kreatur entgegenstreckst, du +Fürsprecher vor dem Antlitz des Allgegenwärtigen, -- gehe hin und hilf dem +ewigen Willen, daß die Marter des Wortes kund werde der, die das Wort +geboren hat.« + +Und Rafael antwortete: + +»Ich bin das Werkzeug der Liebe Gottes, ich bin der Trost der Leidenden, -- +soll ich der größten aller Frauen Schmerz bereiten?« + +In Angst und Schmerz bebten und rauschten die weißen Flügel. Tränen traten +in die sonnenklaren Augen. + +Hätte doch lieber der Herr seinen Engeln, den sanften, zornigen oder +gnädigen, befohlen, die Seele der heiligen, ewigen Jungfrau aus der +Gefangenschaft des Leibes zu befreien! + +Der Heilige Geist, der Tröster der Mühseligen und Beladenen, konnte ihnen +keinen Trost geben. + + +4. + +Ein kleines Vöglein war hoch zu den Wolken empor geflogen. Ein Hänfling +war's, der seinen Durst aus einem frischen Waldquell gestillt hatte. Er +vernahm, was die Engel redeten, und flog eilig wieder zur Erde hinab, zum +Hause, in dem die Mutter des Heilands wohnte. + +Er setzte sich aufs Fenster und zwitscherte traurig, den sonnenbeschienenen +Hals hin und her drehend. + +Da schlug die heilige Jungfrau die Augen auf. + +Sie erhob sich und fiel gleich wieder auf die Bank zurück. + +Ein Augenpaar, weiß vor Verzweiflung, ohne Lider, blickte sie aus dunkeln +Höhlen an: Judas Ischarioth, einer der zwölf Jünger Christi, der den +Meister verraten hatte, stand vor dem Fenster. + +Traurig zwitscherte der Hänfling, das graue, einfältige Vöglein. + +Und ein Schauer überlief die heilige Jungfrau, ihr Herz ahnte, was +geschehen sollte. Sie sprang auf und stürzte zur Tür. + +»Maria,« trat ihr an der Schwelle ein anderer Jünger entgegen, der Liebling +des Meisters, Johannes, »Maria, wo ist dein Sohn, wo ist unser Herr und +Meister?« + +Und die Straße entlang, am Hause vorbei, an den Fenstern vorbei, ging der +Zug, der den Heiland zur Schädelstätte geleitete. + +Freiwillig ging er in den Kreuzestod . . . + +Wer hilft einer Mutter, die ihren Sohn verloren hat? Wer beschützt sie, wer +hütet sie in der finstern Nacht? Zu wem soll sie gehen? + +Erschreckt durch das Lärmen, Pfeifen und Schreien, war das Vöglein davon +geflogen. Der bittre Schmerz preßte dem Johannes die Lippen zusammen. Wer +wird sie trösten? + +Allein war die heilige Jungfrau geblieben, allein, wie das Gras, das +Rosseshufe zerstampft haben. + +Halb von Sinnen warf sie sich auf den Boden. Und dann sprang sie wieder +auf. Sie stöhnte. Ihr Haar löste sich, vor den Augen flimmerte es, ein +Schwindel packte sie. Sie lief auf die Gasse hinaus. + +Und als sie ihren Sohn sah, zerriß sie ihren Schleier. + +Bittre Tränen brannten ihre Augen. Ihr Herz blutete, es suchte einen Ausweg +und fand keinen. Und sie schlug sich an die Brust, zerkratzte ihre Wangen, +raufte ihr Haar. + +Barhäuptig, leise vor sich hin murmelnd, schwankenden Schritts ging die +heilige Jungfrau hinter ihrem Sohn her. + +»Wehe mir vor allen Müttern! Wehe mir vor allen irdischen Kreaturen I« + +Das schwere Kreuz drückte seine Schultern. Seine Knie knickten unter den +Schlägen zusammen. Mit jedem Schritt beugte er sich tiefer und tiefer zur +Erde nieder. + +Und die Last ward ihm zu schwer, und er fiel hin. + +Der kräftige Simon von Kyrene, der hinter dem Heiland in der Menge ging, +trat vor, nahm das Kreuz auf seine Schulter und trug es. + +Die Menge pfiff. Steine flogen. Ein Wind erhob sich, wirbelte Staub auf, +blies ihn den Leuten in die Augen, daß sie kaum sehen konnten. + +»Freue dich, König der Juden!« spotteten sie des Gepeinigten und trieben +ihn mit Stößen vorwärts. + +Und nicht Tränen -- Blut rann seine Wangen hinab. Kein heiles Fleckchen war +mehr an seinem Leibe. + +Wer hilft einer Mutter, die ihren Sohn verlor? Wer beschützt sie, wer hütet +sie in der finstern Nacht? + +Man sagt zu ihr: »Geh nach Hause!« + +Wer aber zeigt ihr jetzt ihr Haus? Wer stillt, wer bändigt ihren Schmerz, +wer gibt Antwort auf die Seufzer ihres Herzens? + +Barhäuptig, leise vor sich hin murmelnd, schwankenden Schritts ging die +heilige Jungfrau hinter ihrem Sohne her. + +»Wehe mir vor allen Müttern! Wehe mir vor allen irdischen Kreaturen!« + + +5. + +Als sie ihn ans Kreuz geschlagen hatten, strömte das Blut aus seinen +Wunden. + +Und der Boden unter dem Kreuz wurde rot. + +Trostlos stand die heilige Jungfrau unter dem Kreuz und neben ihr Johannes, +des Meisters Lieblingsjünger. + +Schwer litt der Heiland. Sie sah es und konnte ihm nicht helfen. + +Er bat zu trinken. Sein Herz verging in bittrer Pein. + +Und sie konnte ihn nicht tränken, denn sie wagte nicht von dem Kreuze +fortzugehn. Sie fürchtete, er könnte in ihrer Abwesenheit sterben. + +Und der Himmel verfinsterte sich. + +Gewitterwolken türmten und ballten sich am Himmel. Eine tiefschwarze Wolke +hing über der Stadt. Und Funken sprühten über der Stadt, als brenne oben in +den Wolken ein mächtiger Feuerherd. + +Das Gesicht des Heilands am Kreuz verzerrte sich. Es war ganz bleich. + +Die Haare klebten an der Stirn. + +Und seine Stimme ertönte vom Kreuze: + +»Mein Gott, warum hast du mich verlassen!« + +Und das Blut rann über sein Antlitz und verschloß ihm den Mund. + +Und sein Haupt senkte sich auf die Brust. + +Und am andern Ende der Stadt Jerusalem, im Garten der Magdalena, hing an +seinem Ledergürtel bis tief zur Erde herab Judas, der den Herrn verraten +hatte. Die verzweifelten weißen Augen ohne Lider blickten aus ihren dunkeln +Höhlen auf die schwere Erde und sein Mund war voll Erde. + +Das Herz der unglücklichen Mutter ward entzweigerissen. Es schmolz, wie +rote Kohlen, es glühte und brannte. + +Schon schwebte ein Rabe über dem Kreuz. + +Wie schmelzendes Pech glänzten die Rabenfedern, wie helle Wachskerzen +brannten die starren Rabenaugen. Dumpf und traurig sprach die heilige +Jungfrau: + +»War es denn eine Unglücksnacht, in der du geboren wardst, du mein Herr und +mein Sohn, Jesus?! Du Unsterblicher, der die Toten auferweckte! Und nun +sehe ich, daß der unerbittliche Tod auch dich rauben will! Du konntest ihm +nicht entgehn! O mein geliebter Sohn, o mein Jesus, um wen mußt du leiden, +für wen nimmst du den Tod auf dich? An das Holz sind deine Hände +geschlagen, deine Zunge ist stumm!« + +Jesus hob sein heiliges Haupt und sprach zu seiner Mutter: + +»Weine nicht um mich, Maria, meine Mutter, habe Geduld. Die Seele verläßt +den Leib, ich will meinen Geist dem Vater befehlen. Ich gebe dir den +Johannes an meiner Statt, sei du ihm Mutter, er wird dein Sohn sein.« + +Bitter sprach die heilige Jungfrau: + +»Kann ich den Schöpfer für das Geschöpf hingeben? Wo gehst du hin? Und wie +soll ich leben ohne dich? Wem lässest du mich? Nimm mich mit! Laß auch mich +sterben! Ich leide bittre Pein! Mein Herz bricht.« + +Und einer weißen Birke gleich beugte sich die heilige Jungfrau auf die +Steine vor dem Kreuz hernieder und bat und flehte um den Tod. + +Sie mochte die Menschen nicht sehn, mochte das Licht nicht schauen, sie +wollte sich nicht wieder erheben. + +Entzweigerissen war das Herz der unglücklichen Mutter. Es schmolz wie rote +Kohlen, es glühte und brannte. + + +6. + +Drei Stunden waren vergangen, seit man ihn grausam ans Kreuz geschlagen zu +ewigem, bösem Gedächtnis und Unheil des jüdischen Volkes. + +Drei Stunden hing er, der die Erde geschaffen, über seiner von Ewigkeit +freien Erde. + +Alle Schmerzensschreie, alle Seufzer, die je auf Erden laut geworden, oder +die bis zum jüngsten Tage noch lautwerden sollen, alles Leid, alle Qualen +der vom Schicksal Verfolgten drängten sich um das Kreuz und erfüllten sein +Herz, brannten es und marterten es mit den furchtbarsten Plagen. + +Und er schrie zum Vater und es ward Nacht vor seinen Augen. + +Und Finsternis senkte sich auf die Erde herab. + +Das Licht erlosch. Die Sonne erstarrte, in Finsternis gehüllt. Die Sterne +blitzten auf, zitternd, wie Smaragde, und erloschen. Der Mond verbarg sich +in einer Wolke, auch er ward bleich. Und die Erde erbebte. Flüsse und Seen +traten aus ihren Ufern. Das Gras auf den Feldern ging in hohen Wellen. Aus +dem rauschenden Schilf flogen erschreckte Wildgänse und Schwäne empor. Die +Wälder brausten. Die Bäume bogen sich zur Erde. Blätter fielen von den +Zweigen. Das trockne Unterholz brach. + +Wie ein verglimmendes Holzscheit im Feld lag die heilige Mutter Gottes +unter dem Kreuz. + +Und das Grauen ging über die Erde. + +Die Toten vom Friedhof gingen nach der Stadt. Die Toten mengten sich an den +Kreuzwegen unter die Lebenden. + +Kalt wehte die Luft. + +Es fror. + +Und in der Finsternis flog etwas umher, brummte und zischte. Und immer +heftiger wehte der Wind. Es dröhnte und hämmerte, als ob irgendwo Eisen +geschmiedet würde. Es weinte und seufzte, als ob ein Mensch getötet würde. +Feurige Pfeile flogen den Himmel entlang und verschwanden wieder. Und es +war, als peitschte eine unsichtbare gewaltige Geißel die zitternde Luft. + +Und von einem Ende zum andern erbebte der Tempel. Der Vorhang vor dem +Allerheiligsten riß mitten entzwei. Die Steine bröckelten ab. Und alle +Kreatur stöhnte auf. + +Tiere, Vögel, Felder, Wälder, Sümpfe, Gräser, Blumen, Sträucher, Bäume, +Wasser und Steine, -- alle Kreatur stöhnte, und die heilige Mutter Gottes +weinte: + +»Herr, vergib ihnen, sie wußten nicht, was sie taten!« + + + + +Die Leiden des Heilandes + + + +1. + +Auf Golgatha, über dem Grabe Adams, richtete man den Baum der Erkenntnis +auf und der Schädel des ersten Menschen ward zur Stütze des Kreuzes, an dem +der Menschensohn hing. + +Der Baum der Erkenntnis, den einst Satan gepflanzt, da Gott den Garten des +Paradieses schuf, dessen Frucht den Menschen die Augen öffnete über Gut und +Böse, dessen Zweig die tote Stirn Adams bekränzte, -- er ward jetzt zum +Baum des Heils, zum Kreuz des Erlösers. + +Man schlug ihn mit Händen und Füßen an das Kreuz mit eisernen Nägeln, man +kleidete ihn in ein grünes Hemd aus grünen Nesseln, man gürtete ihn mit +Weißdorn, band ihn mit Hopfen und Binsen, durchstach seine Seite mit einem +Speer, stieß ihm Weidenruten unter die Nägel und legte ihm eine Dornenkrone +auf das Haupt. + +Wo die Nägel eingeschlagen wurden, da floß das Blut. Wo man ihn gürtete, da +floß Schweiß. Wo die Krone sein Haupt berührte, da flossen blutige Tränen +aus seinen Augen. + +Die am Kreuze vorübergingen, schüttelten die Köpfe und spotteten. + +»Der du den Tempel zerbrichst und in drei Tagen wieder aufbaust! Hilf dir +selber! Wenn du der Sohn Gottes bist, so steig herab vom Kreuz!« + +»Andere hat er gerettet, sich selbst kann er nicht helfen! Wenn du der +König von Israel bist, so steig herab vom Kreuz, dann wollen wir an dich +glauben!« + +»Er hat auf Gott gehofft, so mag Gott ihm helfen, wenn Gott ihn lieb hat! +Hat er nicht gesagt: Ich bin Gottes Sohn!?« + +»Freue dich, König der Juden!« + +Unzählige Scharen von Dämonen und dunkeln Teufeln kamen von Mittag und +Mitternacht, von Ost und West nach der Schädelstätte geflogen, zum +gekreuzigten Christus. + +Wie weißer Schnee schmolz der weiße Mond, und Tränen verdunkelten das +lichte Antlitz der Sonne, bis es sich endlich ganz verbarg. + +Und es war Finsternis auf der ganzen Erde von der sechsten bis zur neunten +Stunde. + +Aus blutunterlaufenen Augen sahen die Dämonen in das gemarterte Antlitz des +Erlösers, mächtige Pergamente rollten sie vor ihm auf, -- da waren alle +Sünden der Menschen vom ersten Tage bis zum letzten verzeichnet. Und kein +Ende nahmen die Rollen, kein Ende die Sünden der Menschen. + +Und alle diese Sünden wollte er auf sich nehmen. + +Und es kamen von allen Enden, da sie von den schweren, blutigen Sünden +hörten, schreckliche, erbarmungslose Engel: ihre Gesichter waren +wutverzerrt, die Zähne ragten weit aus dem Munde heraus, die Augen waren +wie Sterne, und ihr Atem war flammendes Feuer. Das waren die Engel, die +nach den Seelen der Sünder kommen, um sie ins Reich der ewigen Qual zu +führen. Unendlich war die Zahl dieser Engel, denn nicht zu zählen war die +Menge der Sünden, -- aller Sünden vom Anfang der Welt bis zu ihrem Ende. + +Kein Ende nahmen die Sünden der Menschen. + +Und alle diese Sünden wollte er auf sich nehmen. + +Die Schächer, die rechts und links vom Heiland an ihren Kreuzen hingen, +konnten die Qual nicht länger ertragen, und weil sie auf keine Rettung mehr +hofften, machten sie sich in Schmähreden Luft und schalten den Gottessohn +einen Betrüger. + +Am Fuße des Kreuzes aber, vor dem mit Christi Blut besprengten Haupt Adams, +klirrten schon die Folterwerkzeuge: Schwerter, Messer, Sägen, Sicheln, +Pfeile, Äxte. Die furchtbaren, unbarmherzigen Engel rissen die Glieder des +gemarterten Leibes auseinander, hackten die Beine ab, dann die Arme, +machten sie wieder lebendig, um sie von neuem ans Kreuz zu nageln, rissen +das festgeklebte geronnene Blut von den Wunden und leckten die blutigen +Schwären mit salzigen Zungen. + +Die Dämonen rollten die schwarzen Pergamente zusammen. Und einer von ihnen, +ein Teufel mit Gänsefüßen und einem Schweinsleib ohne Borsten, kletterte am +Kreuzesstamm hinauf bis dicht vor das Antlitz Christi und hielt ihm eine +große Schale hin, gefüllt mit Bitternis bis zum Rand. + +Und Christus trank die Schale leer bis auf den letzten Tropfen und schrie: +»Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen!« + +Da erhob sich auf den Ruf des Verlassenen, der der Welt Sünde auf sich +genommen hatte, von seinem Wolkenthron im Norden um die neunte Stunde +Satan, der Fürst der Finsternis. Und sein schwarzmähniges Roß trug ihn, wie +ein Falke, wie der Sturm, wie der Donner, wie der Blitz, zum Kreuz des +Gottessohnes. + +Auf flogen die Winde, wie Adler, hoch wirbelten sie den Staub auf den +Straßen empor. Die Berge erbebten. Aufgewühlt wurden die Tiefen der Erde. +Gewaltig wogte und brauste das Meer. Weit aus ihren Ufern traten die +Ströme. Und in der Glut der Höllenflamme rollte der Himmel sich zusammen, +wie ein Pergamentblatt. Und die Erde wallte und brannte, wie Eisen im +Schmelzkessel. + +»Freue dich, König der Juden!« sprach Satan und trat vor das Kreuz hin. + +Satan stand vor dem Kreuz und sah Christus an, und vom Kreuz, die schweren +Lider mühsam hebend, blickte Christus auf Satan. + +So blickten sie sich an, wie König und Sklave, wie Bruder und Feind, wie +König und König, wie Bruder und Bruder, wie Feind und Feind, wie der Retter +und der Verlassene. Und alle Kreatur sank nieder in bebendem Entsetzen in +dieser Stunde des Grauens. + +Und mit schnellen Schritten kam vom blauen Meer, aus unbekanntem Land, über +weite Felder, über grünes Gras, über verwehende Spuren, über wogende Saaten +ein schöner Jüngling -- der sanfte Tod. + +Ohne viel zu fragen, schob er das Eisengitter auseinander. Festen Schrittes +stieg er den Hügel von Golgatha hinauf und trat vor den Gekreuzigten. + +Leise nahm er das Haupt Christi in seine Arme. + +Und Christus neigte das Haupt und verschied. + + +2. + +Abends kam zu Pilatus ein reicher Mann aus Arimathia, namens Joseph, und +mit ihm Nikodemus, die beide heimliche Jünger Christi gewesen waren, und +baten Pilatus, er möge ihnen den Leib Christi überlassen. + +Und Pilatus gestattete es ihnen. + +Sie nahmen den Leichnam Christi und hüllten ihn in reine, wohlriechende +Tücher, und legten ihn im Garten in ein neues Grab. Dann wälzten sie einen +Stein vor des Grabes Tür und gingen von dannen. + +Und als die letzten Menschenschritte verklungen waren und die +Kriegsknechte, die den Schächern die Knie gebrochen hatten, Golgatha +verlassen hatten, und die Toten, die aus ihren Gräbern auferstanden waren, +sich in den Straßen der Stadt verloren hatten, um die schlaflose Nacht mit +Grauen zu erfüllen -- da erhob sich ein wilder Lärm, Geschrei, Gestampf, +Geheul, als wäre die ganze Welt toll geworden. Und der Garten, da der Leib +Christi bestattet war, ward zum höllischen Abgrund, denn Satan selbst, der +Fürst der Finsternis, hielt sich hier auf mit all seinen Heerscharen. + +Mit höllischen Künsten blendete Satan die Augen der Menschen und aller +Lebewesen, hüllte die Seelen in die Nacht des Wahnsinns, senkte sie in +einen teuflischen Zauberschlaf, und der finstere Teufelszauber hielt die +Welt zwei Tage und zwei Nächte gefangen und betörte sie mit grauenhaften +höllischen Gesichten und Versuchungen. + +Die Teufel stürzten sich auf den Leichnam Christi, rissen die Tücher +herunter, zerteilten den reinen heiligen Leib: das Fleisch gaben sie der +Erde, das Blut dem Feuer, die Knochen dem Stein, den Atem dem Wind, die +Augen den Blumen, die Adern dem Gras, die Gedanken den Wolken, den Schweiß +dem Tau, die Tränen dem salzigen Meer. + +Es wogte und brauste das Meer von bösen Geistern. Wild wirbelten die +Dämonen durcheinander, stießen sich, schrien, spotteten, grinsten und +fluchten. Aus allen Tiefen waren sie emporgestiegen, liefen sie, hüpften +sie, krochen sie, wälzten sie sich heran -- schmutzig und übelriechend, +krummbeinig und bucklig, dickbäuchig und spindeldürr. Und sie traten den +Leichnam des Heilands mit den Füßen, zerrten ihn hin und her, beschmutzten +und schändeten ihn . . . + +Und um Mitternacht tat sich der Himmel auf und über der Erde stieg eine +strahlende Sonne empor, wie die Welt sie noch nie gesehn hatte. + +Die Dämonen zerrten den Leib Christi aus dem neuen Grabe und hüllten ihn in +köstliche königliche Gewänder und trugen ihn auf den höchsten Berg und +setzten ihn auf einen Königsthron. + +Und vor den Thron stellte sich Satan hin und zeigte den Völkern der Erde -- +allen, die schon gelebt hatten, und allen, die noch kommen sollten -- den +Leichnam im königlichen Purpur und verkündete mit lauter Stimme: + +»Sehet, das ist euer König!« + +Und von der Höhe des Thrones blickten auf die wogende Menge von Köpfen, auf +die flehend ausgestreckten Arme die großen bleiernen Augen des entseelten, +verunstalteten Leichnams. Und im grellen Licht des plötzlich aufgegangenen +Tages glaubte man sehen zu können, wie unter dem königlichen Gewand die +starren Glieder auseinanderzufallen begannen. + +Verzweiflung lastete über dem Weltall. Und das Maß der ganzen Erde schien +nicht größer als vier Schritte -- so lang, wie ein Grab sein muß. + +Von Land zu Land, von Reich zu Reich, über Felder und Wiesen, durch Städte +und Dörfer, mitten durch die unermeßlichen Menschenmengen aller Zeiten und +Völker und Länder, jagte ein Wagen, von wilden Rossen gezogen, und in dem +Wagen saß ein zähnefletschendes Gerippe mit einer Dornenkrone auf dem +kahlen Schädel. + +»Sehet, das ist euer König!« sagte Satan und zeigte den Menschen das +grauenhafte, zähnefletschende Gerippe. + +Und dunkel wurden die lichten Gewänder der Völker. Das Lachen ward zum +Weinen. Die Menschen fielen hin und starben, einer neben dem andern, der +Bruder in den Armen des Bruders, das Kind auf dem Schoße der Mutter, die +Mutter an der Brust der Tochter. + +Von dem Geschrei und den Seufzern bog sich die Erde, spalteten sich die +unfruchtbaren Steine, taten sich gewaltige Abgründe auf, und weinten das +Meer und die Ströme und alle Tiefen der Unterwelt. + +Da zeigte sich hoch über der strahlenden Sonne am Himmel als letzte +Verheißung ein Kreuz und an dem Kreuz hing festgenagelt ein entstellter +Leichnam. + +»Sehet, das ist euer König!« verkündete Satan stolz von seinem Wolkenwagen +herab, und er blies das Kreuz an. + +Und das Kreuz und der Leichnam wurden zu Staub. + +Und die reine Luft der Erde ward vom Qualm aufgesogen, die Quellen +vertrockneten, die Bäume verloren ihre Blätter, die Sonne erlosch und der +giftige Hauch aus Satans Munde zerfraß die Rinde der Erde. + +So wütete Satan zwei Tage und zwei Nächte lang und säte Aufruhr in die +Herzen, flößte ihnen das Gift des Wahnsinns ein, erfüllte sie mit Angst und +Verzweiflung. + + +3. + +Grausame, undurchdringliche Finsternis hüllte die Stadt in banges +Schweigen. + +Die Toten irrten in den Straßen umher, klopften an die Türen. Und wie in +den Tagen des schwarzen Todes wagten die Menschen nicht, ihre Häuser zu +verlassen. In den menschenleeren Gassen tauchten Reiter auf: ihre Gesichter +konnte man nicht sehen und auch ihre Pferde nicht, man hörte nur die Hufe +aufs Pflaster schlagen. + +Und durch die schwarze Einsamkeit ertönte von der verödeten Schädelstätte +her das Wehklagen der Gottesmutter. + +Marias Herz bebt in bangem Entsetzen, ihr Kopf geht in die Runde, ihre +Zunge redet irre. Und sie ist nicht imstande, die Augen aufzuschlagen. + +»Steh auf, mein Sohn, erwache, hebe deine Augen auf, sag ein Wort! Fest +schläfst du, tief ist dein Schlaf, nie wirst du erwachen! Ich trage Leid um +dich! Meine Seele ist betrübt! Du hast dein Herz verhärtet, daß es dem +Stein gleich ward, und nirgends sehe ich dich mehr! Steh auf, mein Sohn, +erwache, nimm mich zu dir! Ich trage Leid um dich! Meine Seele ist tief +betrübt!« + +Und neben der Mutter Gottes stand auf dem Hügel von Golgatha, das Haupt an +den Kreuzesstamm gelehnt, ein schöner Jüngling. + +Und bis zum Morgengrauen des dritten Tages, da mit der auferstandenen Sonne +der Engel des Herrn kommen sollte und den Stein von des Grabes Tür wälzen, +bis zum lichten Ostermorgen ging er nicht fort von dem lebenspendenden +Kreuz, der Unersättliche, der schöne Jüngling, der sanfte Tod. + +Der Tod Christi ist das ewige Leben, die Gewähr des Heils. + +Herr, gedenke meiner, wenn du in dein Reich kommst! + + + + +Geschichten + + + + + +Der Hofjuwelier + + + +1. + +»Sie wissen selber nicht, was sie wollen!« sprach der einsame alte +Juwelier, der hundert Jahre auf Erden gelebt und in seinem Herzen +Generationen zu Grabe getragen hatte. + +Zusammengekrümmt, ein richtiger Zwerg, ewig scherzend und spottend, schien +er suchend um die Menschenherzen herum zu gehen und mit seinen langen +dünnen Fingern nach den verborgenen warmen Lebensquellen zu graben. Er +öffnete sie leicht und gewandt, wie seine mit Perlen und seltenen Steinen +gefüllten Kassetten, und er schaute mit durchdringendem Blick in die Seele +der Worte und Gedanken hinein, die tief im innersten Herzen versteckt +saßen. + +Tag und Nacht saß er über seinen Steinen; er wusch sie, streute sie auf +Sammet- und Seidendecken aus und hielt sie gegen die Lumpen, die ihm als +Kleidung dienten. Und seine sonst so winzigen Äuglein wurden dann groß wie +Teller. + +In dem Flimmern der winzigsten Schleifflächen seiner Edelsteine las er die +Geheimnisse von Jahrhunderten. Und eines nach dem andern traten die +Verbrechen und Schandtaten vergangener Zeiten vor ihn hin, stellten sich in +Reih und Glied, und er spielte mit ihnen wie mit Bleisoldaten. + +Und es gab keine Einzelverbrechen mehr, es war nur eine einzige große +Schandtat, und die nistete in allen Zeitaltern, an allen Enden des +menschlichen Lebens. + +Aus allen Zeiten und allen Ländern kamen die kostbaren Juwelen zu dem Alten +in seine elende, von Schimmel und Motten zerfressene Werkstatt, die sich in +einer Kellerwohnung an der belebtesten Straße der Hauptstadt verbarg. + +Seit langem schon träumte der Alte davon, hinauszuziehen in die Berge und +sich dort einen festen Turm zu bauen, um von dessen Höhe ungefährdet und +unbemerkt die Welt zu beobachten. + +Aber diesem Traum sollte keine Erfüllung werden. + +Und doch war es eine bewegte Zeit und vieles wäre von der Bergeshöhe aus +dem Turmfenster zu sehen gewesen. + +Nicht eine einzelne Stadt, nicht ein einzelnes Dorf, -- das ganze Land von +Meer zu Meer war von einem wahnsinnigen Wunsche beherrscht. + +Alle Sehnsüchte, Triebe und Wünsche eines schweren, trüben, qualvollen +Alltags verflochten sich ineinander und wuchsen zu einer grausigen Geißel +aus, und orkangleich schwang sich diese Geißel, schwer und blind, von Meer +zu Meer, auf alles Schreien und Rufen mit dem einen wilden Schrei +antwortend: + +»Freiheit!« + +»Wißt ihr denn, was Freiheit ist?« fragte augenzwinkernd der einsame alte +Juwelier, der hundert Jahre gelebt und in seinem Herzen Generationen zu +Grabe getragen hatte. + +Ein Menschenleben galt nichts mehr. Man spie es aus und trat mit dem Fuße +darauf. + +Man tötete die Menschen wie Flöhe. Man lauerte ihnen auf, fing sie und +vernichtete sie sofort, wie man ein Ungeziefer auf dem Fingernagel +zerdrückt. + +Aus Barmherzigkeit trieb man die Verurteilten vom Schafott ins Gefängnis. +Gnade war es, wenn man einem das Leben schenkte, damit er es in ewiger +Kerkerhaft vollende. + +Nie bisher war der Mensch so mißtrauisch gegen seinen Nächsten gewesen. +Wenn zwei Freunde sich begegneten und einer dem andern die Rechte drückte, +fühlte die Linke schon ängstlich nach dem Messer in der Tasche. + +In dunkeln Winkeln, in muffigen Löchern lauerte der Verrat. + +Und die letzten Stützen, die tiefsten Grundlagen des Lebens wurden +unterwühlt. + +Sprengstoffe wurden in ungeheuren Mengen angefertigt. Keine andere Ware +ließ sich so leicht absetzen wie diese. Tagaus, tagein wurde sie in Massen +verkauft und gekauft, wie in früheren Zeiten Streichhölzer. + +In dunkeln Winkeln, in muffigen Löchern erwürgte und erstach der Freund den +Freund. + +Die blutgetränkten Straßen wurden überall neu gepflastert. Die glühende +Sonne sog die blutigen Dünste aus dem Boden, und der berauschende, +betäubende Blutgeruch erfüllte die ganze Luft. + +Friedliche Gassen, vom Rausch gepackt, gerieten in Raserei und +zerfleischten in tobender Wut Frauen und Kinder. Das Blut klebte an den +Hufen der Pferde, und auch die Pferde wurden toll. + +Draußen aber vor der Stadt auf den Feldern wogten rote Ähren, und es reifte +ein blutgedüngtes Korn, das die Menschen vergiftete. + +Hier und da tauchten Tote in den Straßen auf. Sie redeten ihre Bekannten +an, mischten sich in das Alltagstreiben, als wären sie noch lebendig. + +Die Lebenden aber verließen ihre Häuser, als wenn sie schon tot wären, und +begaben sich nach den Friedhöfen und suchten Unterkunft im Reich der Toten, +richteten sich in Grüften und Särgen häuslich ein. + +Propheten verkündeten ein neues Reich und handelten schamlos mit ihrer +Sehergabe. + +Die Gläubigen aber verloren den Verstand und töteten sich und warfen der +Welt ihr letztes bitteres Wort ins Gesicht: + +»Es gibt keine Wahrheit auf Erden!« + +Und die erbarmungslose, wahnsinnige Geißel schwang sich empor, blind und +schwer, und flog sturmgleich von Meer zu Meer, und donnernd dröhnte ihr +grausiger Schrei: + +»Freiheit!« + +»Wißt ihr denn, was Freiheit ist?« fragte augenzwinkernd der einsame alte +Juwelier, der hundert Jahre gelebt hatte und in seinem Herzen unzählige +Generationen zu Grabe getragen hatte. + + +2. + +Am Vorabend jenes großen Tages, der die neue Freiheit zu bringen und die +ganze Welt umzugestalten versprach, wurde der alte Juwelier in aller Frühe +geweckt, in eine schwarze, wappengeschmückte Kutsche gesetzt, wie sie nur +den hohen Würdenträgern des Staates zustand, und unter militärischer +Bewachung nach dem königlichen Schlosse gebracht. + +Durch die zugezogenen Vorhänge vor den Wagenfenstern fühlte der Alte das +Bohren von hundert und aberhundert haßgeschärften Blicken. Es war ihm, als +würde von diesen stechenden Blicken das Glas glühend heiß, als klirrte und +surrte etwas unter den Rädern, was den Wagen in Stücke zu reißen drohte. + +Da in den letzten Tagen von den allmächtigen Günstlingen des Herrschers, in +deren Gewalt Städte und Provinzen, Leben und Tod des Volkes waren, zahllose +Schandtaten begangen waren, so wurden derartige vornehme Geleitzüge stets +von bösen Blicken verfolgt, und nicht immer nahm die Fahrt ein gutes Ende. + +Aber der Juwelier war ein schlichter Mann. Ihm hatte niemand das Recht zu +strafen und zu begnadigen verliehen; ihm war nur der Befehl geworden, die +goldene Krone zu putzen, in der nach der Sitte des Landes die Könige vor +das Volk traten, wenn sie, was selten genug geschah, dem Volke +Regierungsbeschlüsse von außerordentlicher Wichtigkeit zu verkündigen +hatten. + +Wem anders als ihm, dem alten erfahrenen Manne, der es so gut verstand, +seine scharfe Zunge im Zaum zu halten, konnte man die furchtbare, durch +ihren Glanz blendende Krone anvertrauen? + +Scherzend und kichernd stieg der Juwelier die goldene Schloßtreppe empor, +schloß sich in dem Saal ein, den man ihm angewiesen, und machte sich an die +Arbeit. + +Hier bot sich eine seltene Gelegenheit, Dinge zu sehen, die der Alte bisher +höchstens hatte ahnen können. + +So manchen Wunders Zeuge war er gewesen, mehr als einmal hatte das rasende +Volk seine angestammten Herrscher gleich Taschendieben und Einbrechern +davongejagt, aber immer war in solchen Fällen eine neue Krone für einen +neuen Herrscher aufgetaucht, und der Alte wurde gerufen, sie in Stand zu +setzen und zu flicken. Noch nie aber war aus den verstaubten Speichern des +königlichen Schlosses ein so wunderbares Kunstwerk in seine Hände gekommen, +von dem man kaum glauben konnte, daß es von Menschen geschaffen sei. + +Wahrlich, der morgende große Tag barg Unerhörtes in seinem Schoße. + +Mit größter Sorgfalt, zitternd, wie über einem Heiligtum, dem jeden +Augenblick der eifersüchtige böse Feind etwas antun kann, nahm er die +Steine aus der goldenen, mit Schmutz- und Lehmflecken bedeckten Krone, und, +kaum sichtbar in dem Riesensaale, die dürren Schultern in ein zerfetztes +wollenes Umschlagtuch gehüllt, wie es die Weiber tragen, fuhr er mit den +langen dünnen Fingern über die Juwelen. + +Er spielte mit dem Schatze -- mit den märchenhaften Achaten, mit leuchtend +blauen und blutroten und schwarzen Steinen, mit Frühling atmenden Türkisen; +er drehte sie hin und her, er warf sie hin, er sog ihren Duft ein, als +wären sie lebende Gewächse, er legte sie auf die gewandte Schlangenzunge, +ließ sie über seine feinfühlende Handfläche rollen, stellte sie in Reihen +auf, häufte sie aufeinander und bebte wollüstig im grünen, roten, blauen +und schwarzen Schimmer. + +Unzählige Menschengesichter tauchten vor ihm auf, unzählige Hände reckten +sich nach ihm, Scharen von Menschen aller Art gingen nacheinander an ihm +vorüber, sie füllten den ganzen Saal, sie bedeckten alle Wände von oben bis +unten, und hoch unter der Sternenkuppel des Saales hingen sie und +schwankten hin und her, ohne Arme, ohne Beine, und aus allen Ecken und +Winkeln starrten ihn staunende Augen an . . . + +Dem Alten verging der Atem, er ließ die Steine fallen. Sie klebten an +seinen Lumpen, rollten über die Teppiche, den Brokat, den Marmor, und es +war, als ob sie tönten wie dumpfe Glocken. + +Dieser Glanz und diese dumpfen Töne ließen ihn die Augen weit aufreißen. +Die winzigen Äuglein wurden groß wie Teller. + +Er sah zugleich den ersten und den letzten Tag des menschlichen Daseins. + +Er putzte die Steine in größter Hast, legte sie in der verschiedensten +Weise zusammen, bis er die Verbindung gefunden hatte, die ihm für die +Königskrone die schönste dünkte. + +Er hatte sie erkannt, die alte Königskrone, die keine Gewalt auf Erden +anzutasten wagt, die den Menschen unwiderstehlich zu sich lockt und Leichen +auf Leichen häuft. + +In der Dämmerung, als die Kronleuchter aufflammten und der Alte sich von +seinem Platze erhob und, die Krone auf dem Kopfe, einem König gleich, +mitten in den Saal trat, da strömte die Krone einen solchen Glanz aus, daß +die unerschütterlichen Wände des Palastes erbebten. + +So würde auch die morgende Freiheit, die die Welt von Grund aus umgestalten +sollte, gleich am ersten Tage an diesem Glanz zugrunde gehen; +zusammenknicken würden die Sklavenknie, und nur ganz im geheimen würde die +dunkle Rache schwören, den Thron zu zerschmettern und die leuchtenden +Steine der unzerstörbaren Königskrone über die Erde zu verstreuen. + +»Sie wissen selber nicht, was sie wollen!« + +Der Alte ging die goldene Treppe hinab, durch die Reihen dienernder +Hofleute, begleitet von einem schmeichlerischen Lächeln, hinter dem sich +schamlose Roheit verbarg und das bange Zittern kleinlicher Sklavenseelen. + + +3. + +Mitternacht war längst vorüber. Der neue Tag der Freiheit erwachte. + +Der Freiheitstrieb, der so wahnwitzig, so schmerzvoll vorwärts gedrängt +hatte, war stumpf geworden, und die wildrasende Geißel, blind und schwer, +flog nicht mehr, schlug nicht mehr. Der Wunsch, von dem königlichen +Versprechen betäubt, trieb die Menge auf die Straßen hinaus, drängte sie +auf den Märkten zusammen, schmiedete alt und jung aneinander. + +Und mit mißtrauisch schielenden Blicken gingen die tausendmal betrogenen +Massen, finster, eng aneinandergedrängt, vorwärts, ohne zu wissen wohin, +dumpfe Verzweiflung im Herzen. + +Der Alte saß in seinem Keller, die dürren Schultern in sein wollenes +zerfetztes Umschlagtuch wickelnd, und sah vor sich hin, und seine winzigen +Äuglein wurden groß wie Teller. + +Und in seinen entsetzten Augen glühte das Grauen, Angst und Hohn. + +Am Kellerfenster aber zogen Tausende von Füßen vorüber, unsicher, wie +trunken, trunken von Verzweiflung. + +Und der Alte rieb sich die Hände und krümmte sich, wie ein Gepfählter, beim +Gedanken an die heute geschenkte Freiheit. + +Und er, der einmal aus der Tiefe der menschlichen Lebensmöglichkeiten das +ganze Leben hervorgeholt hatte, der einmal dem ersten und dem letzten Tage +ins Auge geschaut hatte, -- er lachte und warf Spott- und Scherzworte in +die freie Menge. + +Und über der freien Stadt und dem freien Lande stieg die freie +Morgendämmerung auf, und immer röter flammte ihr Schein, um blutig und +wehvoll einem Zeitalter den Abschied zu geben . . . + + + + +Maka + + + +1. + +Sascha ist im April drei Jahre alt geworden. Seit drei Jahren ist sie die +Herrin des alten berühmten Schlosses von Sadory und des ganzen Olenowschen +Landes mit der weiten Steppe, den Feldern, Wiesen und Wäldern bis zu +Großmutters Kirschgarten in Gajewo, den Sascha auch zu ihrem Besitz zählt. + +Drei Jahre brennt nun nach langer Zeit wieder Licht in dem einen +Schloßturm, und tagsüber hallt der Garten wider von einer hellen +Kinderstimme; abends aber guckt aus dem Turmfenster ein Mädchenköpfchen +unter einer roten, goldgestickten Mütze heraus. Und alle, Groß und Klein, +die Großmutter Euphrosyne Iwanowna, und der Onkel Andrej, und Tante Wera +und Tante Lena, und die Wärterin Halka und das ganze Gesinde mit der +Haushälterin Nadeshda, der Kuhmagd Fedoßja, der alten Zofe Polja und den +jungen Tagelöhnerinnen Marja, Warwara, Fima und Katharina, und der Kutscher +David und der Nachtwächter Taras und der Landmesser Becker, und der +Gutsnachbar Bruch und dessen Tochter Manja und ihr Lehrer, der Student +Michail Petrowitsch, und der Pfarrer, Vater Eutychios nebst dem ganzen +Klerus, und der alte Jagdhund Kadoschka und die beiden Hofhunde Butzik und +Mischka und das kleine Hündchen Dranka und endlich die Ziege Maschka, -- +mit einem Wort alle Bewohner des Schlosses und alle Nachbarn meilenweit +herum bis zur Eisenbahn haben das Mädelchen als ihre Königin anerkannt und +fügen sich demütig ihren Launen. + +Einzig und allein die Tante Tatjana Afanasjewna, die in ihrem Stolz und +Eigensinn keinen Willen über dem ihren gelten läßt außer dem Gottes und des +Zaren, widersetzte sich lange Zeit, zuletzt aber gab auch sie nach, und zu +Weihnachten hat sie Sascha einen goldenen alten Löffel geschenkt. + +Und Sascha hütete dieses Spielzeug mit aller Sorgfalt. Sie verwahrte es +ganz hinten in ihrem roten Schränkchen, wo es von dem kahlköpfigen +Trommelhasen und zwei vom letzten Christbaum übrig gebliebenen goldenen +Nüssen treulich bewacht wurde. Und Sascha sorgte für ihren kostbaren +Schatz, so gut sie irgend konnte: sie badete den Löffel in ihrer kleinen +Wanne zusammen mit den zwei glatten Steinen, dem schwarzen und weißen; und +mit dem Kamel, dem grünen Aufziehfrosch, dem Radfahrer, dem Brummkreisel +und den drei Puppen: der Katja mit dem Loch im Kopf, der armlosen +Alexejewna, und der am heißesten geliebten Wera, die aus Lappen genäht war +und überhaupt keinen Kopf mehr besaß, -- warf sie den Löffel zum Fenster +hinaus, damit die Ziege Maschka auch ein bißchen mit all den schönen Sachen +spielen könne, wie sie auch Tantens klirrende Schlüssel zu den vielen, mit +allerlei köstlichen Dingen vollgestopften Kisten und Truhen immer +hinauswarf, damit sie sich draußen am schönen grünen Grase satt essen und +etwas frische Luft schnappen. + +In Saschas rotem Schränkchen gibt es unzählige kostbare Dinge. Von oben bis +unten ist er vollgepfropft. + +Wenn man Sascha fragt: »Wie liebst du?« drückt sie gleich irgendeinen +Teddy-Bären an ihr Herz oder den Springhasen, der keine Ohren mehr und nur +noch zwei Beine hat, und sagt: + +»So lieb ich!« + +Jeden Tag wird das Schloß belagert: alle wollen die Königin von Olenowo +sehen. + +Und Sascha begrüßt alle gleich freundlich, spricht mit allen und schenkt +denen, die sich ihrer besondern Huld erfreuen, den ganzen Inhalt ihres +roten Schrankes. Später aber nimmt sie alles wieder zurück. + +So ist nun einmal der Wille dieses weißen Mädelchens in der roten, +goldgestickten Mütze, der Königin von Olenowo. + +Sascha ist hübsch rundlich und ihre Backen sind dick und die Lippen auch, +und über den Lippen guckt das Näschen frech in die Höhe. Wenn man's sieht, +kommt einen die Lust unwiderstehlich an, mal daran zu zupfen. Aber zugleich +ist einem doch bang: so klein und weich ist das Stuppsnäschen. Sascha sagt: +»Sie ist buttrig.« Und wenn man sie an der Nase faßt, dann kneift sie die +Augen zusammen und verzieht den Mund, und sieht aus wie ein kleines wildes +Tier, ein Tierchen mit blauen, schlauen Äuglein. + +Saschas Haare aber sind für ihr Alter zwar nicht zu kurz und nicht zu dünn, +sie wachsen ganz ordentlich, wie sie wachsen sollen, aber einen Zopf kann +man aus ihnen doch noch nicht flechten, -- es sei denn einen ganz winzigen, +wie ein Schwänzchen. + +Sascha hatte sich angewöhnt, sich die Härchen auszuzupfen. + +Und so oft schon war der Mohr gekommen, ganz schwarz, mit gefletschten +Zähnen und hatte nach den ausgerissenen Haaren gefragt. Aber Sascha hatte +gar keine Angst vor dem Mohren, im Gegenteil, sie machte ihn zum ersten +Mann in ihrem Hofstaat und hörte natürlich nicht auf, sich die Härchen +auszuzupfen, sondern tat es nach wie vor jeden Tag. + +Der eine Finger war dran schuld, der Daumen an der linken Hand, -- der hieß +auch der Zupfer. + +Und so ging es immer weiter, bis Sascha schließlich eine ganz kahle Stelle +auf ihrem Kopf hatte. Da mußte Tante Lena auf den Rat desselben Mohren +Sascha ganz kurz scheren. Und nun war Sascha ganz kahl mit winzigen +Haferstoppeln auf dem runden Kopf. Aber es half alles nichts: auch diese +Stoppeln wußte sie noch festzukriegen, als wären es ganz lange Haare: immer +wieder rückte der Zupfer an und riß auch die kürzesten Härchen heraus. + +Sascha hat ganz kleine Hände, wie Mama und Großmama, und Nägel wie Perlen, +und da ist nun wieder ein Unglück: der Daumen an der rechten Hand ist auch +ungezogen: immer muß er in Saschas Mund stecken, und Sascha saugt an ihm, +wie ein Bär. Man versuchte es ihr durch allerlei Kunstgriffe abzugewöhnen, +bestrich den Finger mit Senf und mit Chinin. Aber es half alles nichts: +Sascha leckt den Finger ab, spuckt aus, und dann ist der Daumen gleich +wieder im Mund. + +Man holte den Mohren, glaubte, er würde sie zur Raison bringen, -- aber es +kam ganz anders. Es erwies sich, daß der Mohr auch lutschte und zwar mit +Hochgenuß, denn -- so erklärte Sascha -- »der Daumen schmeckt noch viel +schöner als Schokolade.« + +Was war da zu machen? Nichts war zu machen. Es blieb nichts übrig, als die +Indianer zu holen. Diese Indianer überfallen jene Buben und Mädel, die +allein in den Garten schleichen und dort Erdbeeren mit Milch essen. Und +solange die Indianer drohten, lutschte Sascha nicht am Fingerlein. Aber es +verging einige Zeit, die Indianer verschwanden, es tauchte irgendein +Zauberer auf, oder der Ägypter oder der Grüne Kater aus dem Theater, die +Gefahr war vorüber -- und Sascha machte sich von neuem an ihren Finger. Der +Zupfer und der Lutscher sind eine wahre Plage. Und wie lustig Sascha ist, +-- so ganz ohne jeden Grund, bloß weil sie nicht anders kann. Und wenn sie +lächelt, dann gibt ein dunkles Leberfleckchen über der Oberlippe dem +Lächeln etwas ganz besonders Liebliches. Man möchte es immer nur anschauen +und küssen, dieses Fleckchen, das an heißen Tagen immer etwas feucht ist. + +»Sascha, ich fresse dich auf!« + +»Was?« + +»Ich fresse dich auf, weil . . . was soll ich denn mit mir anfangen, du +bist so.« + +»Makig?« -- und der kleine Mund mit den spitzen Zähnchen lächelt wieder. + +»Grad so ein Leberfleckchen«, sagte Tatjana Afanasjewna und sah ihre +schelmisch lächelnde Urgroßnichte scharf an, »hatte die Großtante Elisabeth +Michailowna. Die verstorbene Gräfin Lydia Petrowna aber legte an dieser +Stelle eine Mouche auf, -- das bedeutete Leichtsinn. So ist sie auch +gestorben.« + +Von den Mouches redete die Tante sehr oft und immer mit großer Rührung. +Sascha aber wollte dann sofort eine Mouche haben und beruhigte sich nicht +eher, als bis man ihr eine lebendige Fliege gefangen hatte. + +»Ganz die Mutter,« sagte die Tante und erging sich weiterhin für sich +allein in köstlichen Erinnerungen an ferne schöne Zeiten, die den jetzigen +so gar nicht glichen. + +Du magst die ganze Welt nach einem zweiten Mädel absuchen, das ebenso +eigensinnig wäre, -- du findest keins. + +Was Sascha haben will, das setzt sie alles durch. + +Und auch eine so wilde Hummel findest du nirgends mehr. Wenn es mal über +sie kommt, dann gibt es kein Halten. Dann läuft sie die Hände waschen, und +ehe man ihrer habhaft geworden ist, ist sie bis an die Schultern +pitschenaß. Dann maust sie dem Onkel Andrej den Tabak und macht sich ans +Zigarrettendrehen, -- und natürlich ist in wenigen Augenblicken der ganze +Tabak auf dem Boden verstreut. + +Sascha geht gern in die Kirche zur Messe. Kaum hört sie die Glocken läuten, +so hat sie keine Ruhe mehr. Sie wird von Mama begleitet. Oder von Tante +Lena. Im Winter geht sie seltener, im Sommer öfter. Im Sommer bringt sie +auch Blumen für Großvater auf den Friedhof. + +Alle wissen, daß Sascha und der Pfarrer gute Freunde sind. Der Pfarrer, +Vater Eutychios, schickt ihr oft eine Hostie, und zu Pfingsten bekam sie +Blumen vom Altar. Als dann der Pfarrer am ersten Weihnachtstage mit dem +Kreuz ins Haus kam, sang Sascha ihm den ganzen Weihnachtschoral vor und +sprach alle Worte richtig aus. + +Wenn Sascha das Abendmahl bekommen soll, passiert allemal was: entweder +fängt sie irgend etwas zu erzählen an, und zwar so laut, daß man es in der +ganzen Kirche hört, oder sie verlangt, daß der Priester zuallererst zu ihr +komme, oder sie singt, aber nicht was vorgeschrieben ist, sondern was ihr +gerade einfällt. + +Singen tut Sascha überhaupt sehr gerne. Sie liebt es auch, wenn andere +singen. + +Und so singt das ganze Schloß von früh bis spät. Großmutter Euphrosyne +Iwanowna muß singen, und Tante Wera und Tante Lena und Mama. + +Wer aber wirklich sehr schön und sehr gerne singt, das ist der Onkel +Andrej. Früher brauchte er bloß den Mund aufzutun, dann geriet alles in die +größte Aufregung und bat flehentlich, er solle lieber nicht singen. Jetzt +aber hat sich alles geändert, jetzt muß er singen was das Zeug hält, denn +Sascha findet es sehr schön und will immer mehr haben. + +Wie geht es aber erst zu Weihnachten her, wenn im Schloß der Christbaum +angezündet wird und im Ofen das Stroh knistert und draußen der Wind heult +und den weißen Schnee in dichten Massen gegen die Fenster treibt! + +Dann hallt das alte Schloß von wehmütigen Koljadkas[*] wider. Schon +fünfundzwanzig Jahre ist es her, daß der Vater Eutychios das Koljadkasingen +streng verboten hat, aber insgeheim wird immer noch gesungen. Und der +langgedehnte Refrain, der noch wehmütiger klingt, als das Lied selbst, +verschmilzt in eins mit dem Sturmwind draußen: + +»Heiliger Abend . . .« + +Sascha setzt sich zu den Mägden und hockt unbeweglich da, ganz Spannung. +Und es ist, als verstünde sie alles und sähe alles: wie die Muttergottes in +der Schenke den Sohn in Windeln wickelt, und wie Christus gekreuzigt wird, +und wie das falkenschnelle Roß Abschied nimmt . . . + +»Heiliger Abend . . .« + +[Fußnote *: Volkstümliche Weihnachtgesänge, z. T. noch an heidnische +Sonnwendgebräuche anknüpfend.] + +»Noch!« verlangt die Königin und läßt die Sängerinnen nicht einmal zu Atem +kommen. + +Die Mägde sind schon ganz heiser geschrien, aber Saschas strenges »Noch« +und abermals »Noch« hört nicht auf. + +Auf die Koljadka folgt der Kasatschok. Fedorka tanzt famos. Und sie tanzt +bis zum Umfallen, bis Sascha sich die Pfötchen wund geklatscht hat. + +Zur Bescherung kommen auch die Nachbarskinder, die Bruchs, denn außer der +Manja gibt's da noch gute zehn Stück. Sascha macht mit ihnen, was sie will: +sie läßt sie singen und tanzen und singt und tanzt selber mit, dann gibt +sie ihnen ihre Geschenke und schickt sie nach Hause. + +Zu Sylvester spricht Sascha den Segen. + +»Heiliger Sylvester, liebster, bester, mach uns stark, gib uns Butter und +Quark. Ist die Suppe weg, so gib uns Speck, gib uns Mehl und Honigseim, das +tragen wir alles heim!« + +So klingt es vom frühen Morgen bis zum Abend. + +Am Neujahrstage aber, wenn Sascha »sät«, wird ebenso oft der Neujahrssegen +wiederholt: + +»Herr Gott im Himmel, segne die Saat, daß dein Volk was zu essen hat! +Frohes Fest, glückliches Neujahr!« + +Zu Weihnachten geht's munter zu, -- es ist eine »makige« Zeit. + +Die Großmutter spielt im langen Winter viel mit Sascha. Morgens fahren sie +die Puppen im Saal spazieren und geraten bald ins Eßzimmer, bald ins +Schlafzimmer, bald ins Kabinett, bald in die Bibliothek, denn es sieht im +Saal immer so nach Regen aus. Und jedesmal werden die Fahrgäste ausgeladen +und dann wieder in den Wagen gesetzt. Und dann muß das Essen für die Puppen +bereitet werden und sie müssen alle abgefüttert werden. Die Puppen tanzen, +gehen in die Schule, werden krank, laufen davon. Und überall muß man +aufpassen, immer muß man zusehen, daß die Puppen zufrieden sind. + +Kaum ist es draußen ein bißchen wärmer geworden und der Schnee im Garten +beginnt sich grau zu färben, so bittet Sascha schon um Erlaubnis, auf der +Heuwiese spazieren gehn zu dürfen, und dann träumt sie vom Sommer, wo -- so +meint Sascha -- auch Großmutter ganz jung sein und im Garten herumhüpfen +wird. + +Mit Tante Lena spielt Sascha oft Heuernte: Tante muß sich auf den Fußboden +setzen und ist der Heuschober, und Sascha läuft um sie herum und harkt das +Heu zusammen. + +Aber nun nehmen die Tage wirklich zu und die Sonne wärmt schon tüchtig. Und +tagtäglich versichert Sascha, die Puppen wären draußen gewesen und hätten +gesagt, es sei schon ganz trocken, und der Wind habe versprochen, ganz +still zu sein und der Regen desgleichen. + +Der Schnee schwindet immer mehr, nur noch hier und da sieht man ein weißes +Fleckchen, an den gelben Narzissen zeigen sich schon große Knospen. + +Und Sascha geht im Garten umher und erzählt lange Geschichten vom vorigen +Sommer, wie Mama baden ging, und wo sie mit Lena gespielt hat, und wie sie +den Krug in den Brunnen fallen ließen. + +»Wenn der Schnee ganz weg ist,« sagt Sascha, »holen wir ihn wieder, wir +binden einen Lappen an einen Stock und holen ihn raus.« + +So wartet man sehnsüchtig und ungeduldig auf den Frühling, auf die warme +Zeit. + +Und der Frühling zieht in Olenowka ein, mit Pflug und Egge, rote Blumen im +Haar, strahlend und lachend, und bringt das Osterfest mit. + + +2. + +Alte Leute und kleine Kinder -- der Unterschied ist wahrhaftig nicht groß. +Die zwei gehören zusammen -- Sascha und Tante Tatjana Afanasjewna. + +Immer wieder verschwindet Tantens Krückstock, ohne den sie kaum gehen kann. +Tante will hinaus an die frische Luft -- der Stock ist weg, als hätte die +Erde ihn verschluckt. + +Überall sucht man ihn, und Sascha sucht mit! Und nicht einmal lächeln tut +sie dabei, der Schelm! + +Tante weiß sich aber schon zu rächen: Saschas Spielsachen fangen an zu +verschwinden. + +Die Tante ist gern allein. In der Schummerstunde setzt sie sich in einen +Winkel im Bildersaal, der schwarzäugigen Somowschen Kokette mit Löckchen +und Bändchen gegenüber, und macht sich an ihr Geduldspiel: Ziegen und +Schafe. Die hölzernen Ziegenböcke klappern im Takt, aus dem Rahmen lächelt +die Kokette und die Tante lächelt auch, -- wieviel lustige Bälle hat sie +mitgemacht, und was gab es dazumal für Kavaliere, was für Walzer . . . + +Wenn das Spiel der Tante überdrüssig wird, legt sie es fort und holt ein +anderes heraus -- den Bären als Schmied. Und der Bär schmiedet ihr die alte +goldene Zeit neu. + +Dann denkt die Tante nicht daran, daß sie doch bald ins Grab muß. Nein, sie +ist sechzehn Jahre alt, vielleicht auch noch viel, viel jünger. + +Sascha steht morgens ganz früh auf mit Großmama und der Tante. Nur das +Zimmermädchen Polja steht noch früher auf. + +Jeden Morgen begibt sich die Tante in den Saal, um vor dem wundertätigen +Marienbild von Sadorino zu beten. Mit der linken Faust macht die Tante eine +»Feige«, den bösen Geist abzuwehren, und die Faust fest an den Rücken +gepreßt, fängt sie zu beten an. Sascha, noch nicht ganz angekleidet, nur in +Strümpfen und Leibchen, kommt vom Turme auch in den Saal hinunter gelaufen +um zu beten, bekreuzigt sich ungeschickt, beugt sich nieder und hascht mit +der linken Hand nach Tantens zitternder Feige. + +Mit Angst und Beben, ihr Gebet vergessend, sieht die Tante sich um: daß ihr +Schutzengel nur nicht davonfliegt! + +Und oft scheint es ihr, als flöge der Engel davon. Dann wird's ein böser +Tag, alle kränken die Tante, Tante kriegt ihren geliebten Nabel nicht. + +Tante kennt nämlich kein schöneres Essen, als gekochten Hühnernabel. Und +Sascha denkt ganz wie Tante. Mit dem Hühnernabel kann man viel erreichen: +man kann Sascha dazu bringen, daß sie auch Suppe und Fleisch ißt und nicht +bloß Milch ohne Brot; man kann sie dazu bringen, daß sie sich umkleiden +läßt, ihr Frätzchen wäscht, -- obgleich es dann mit dem Waschen nicht immer +sein Bewenden hat: es kommt vor, daß Sascha verlangt, alle sollten sich +waschen, und ohne jeden Grund. Aber ein Tag ist eben nicht wie der andere, +und das Wichtigste ist doch, daß man Sascha mit diesem Nabel zwingen kann, +nicht im Regen spazieren zu gehen. + +Tante holt den Nabel von Saschas Teller weg und so geschickt, daß man sie +gar nicht dabei ertappen kann. Eben war noch alles in schönster Ordnung, -- +und mit einemmal ist von dem Nabel nur eine harte Sehne geblieben. + +»Man muß es auf einen andern Teller legen,« sagt Tante Wera streng. + +Aber Tante Tatjana Afanasjewna schaut ganz unschuldig drein. Sie hat den +Nabel schon aufgegessen. + +Mit dem Mittagessen hat man überhaupt sein Kreuz. Zu Mittag geht immer +etwas schief. + +Sascha wird auf das hohe Klappstühlchen gesetzt, man bindet ihr die +Serviette um. Tante Lena fängt an, endlose Geschichten zu erzählen. Der +Inhalt dieser Geschichten ist dem Alltagsleben entnommen, er ist ganz +einfach und mit so klaren Details, wie man sie höchstens im Traum sieht. Da +wird etwa erzählt, wie Manja Bruch in die Stadt ins Töchterpensionat kam. +Manja, Onkel Andrej, der Nachbar Bruch, der Landmesser Becker müssen in +jeder Geschichte vorkommen. Und nur wenn solche Geschichten erzählt werden, +ißt Sascha ordentlich. Gott bewahre, wenn Tante Lena stecken bleibt oder +auf eine der Zwischenfragen keine Antwort weiß! Warum? wo? wieviel? wann? +Oder wenn sie auf das unaufhörliche: und dann? und weiter? nicht sofort +einfällt. Dann gibt es ein Geschrei und Tränenströme, denen gegenüber +selbst Manja, die im Sommer regelmäßig zur ersten Speise erscheint, ganz +hilflos ist, und die kein Nabel, kein Pfefferkuchen stillen kann. Manchmal +kommt es auch so: man setzt sich zu Tisch, und Sascha ist nicht da. Man hat +sie eben noch gesehen, aber nun ist sie mit einemmal verschwunden, wie +weggeblasen. Und alles macht sich auf die Suche. Man läuft durch den ganzen +Garten, guckt in die Scheune, in Pferde- und Kuhstall, und wenn alle schon +ganz außer Atem sind, kommt sie plötzlich aus dem Ofen herausgekrochen, +schwarz, wie ein Mohrenkind, und lacht so, daß selbst ein Toter im Sarge +mitlachen müßte, und die Lebendigen vor Lachen sterben möchten. + +Auch in der Küche muß man sich vorsehen. Da wird der Teig ausgerollt, damit +man die Brote in den Ofen schieben kann; alle Vorsichtsmaßregeln sind +ergriffen; die Haushälterin Nadeshda hat die Tür verriegelt und eine Bank +vorgeschoben, Halka singt Kosaken- und Zigeunerlieder. Was kann man noch +mehr tun? Aber durch irgendeine Ritze ist Sascha doch durchgeschlüpft, und +sie muß durchaus ein Brötchen mit ihren kleinen Pfoten formen. Und dann +klatscht der Teig auf den Boden und wälzt sich im Staub und Schmutz, -- und +das soll nun gebacken werden! + +Nur der Hund Kadoschka hat was davon -- o dieser Kadoschka! Er läßt sich +nicht anrühren, nicht aus dem Zimmer jagen. Kadoschka kriegt zuguterletzt +alles. + +Sadory war von je durch seine Gastfreundlichkeit berühmt. Seit aber Sascha +da ist, ist dieser Ruf noch gewachsen. Nicht nur Kadoschka, -- jeden, der +ihr in den Weg kommt, muß sie füttern und tränken, ob er will oder nicht. +Sie stopft es ihm einfach mit Gewalt hinein: iß und trink, bis du platzest. +Und da hilft kein Weigern und Sträuben. + +Sascha will alles selbst mit ihren eigenen Händen tun. Sie hat einen +eigenen kleinen Besen aus Steppengras, damit fegt sie jeden Morgen die +Stube. Der Besen macht mehr Staub, als daß er den Staub wegschaffte, -- +aber wieviel Mühe macht sich Sascha dabei! Unter jedes Bett kriecht sie, +vor jedem Sofa bückt sie sich mindestens zehnmal. + +Ordnung muß eben sein. + +Nach dem Essen spielt Sascha mit Manja »Stöckchen gib acht!«, Versteck und +Kuchenbacken. + +»Stöckchen gib acht!« wird so gespielt: man holt sich irgendwo aus einem +alten Lattenzaun ein Stöckchen, stellt es senkrecht auf den Zeigefinger, +sagt: »Stöckchen gib acht! Wieviel Stunden sind's noch bis Mitternacht?« +und zählt dann, bis das Stöckchen vom Finger heruntergefallen ist. Bei +welcher Zahl das geschieht, so viel Stunden sind's noch bis Mitternacht. + +Sascha bringt es immer zu sehr hohen Zahlen, denn sie zählt auf ihre +besondere Art. Eins, zwei, drei, zehn, zwanzig, zehn, hundert. Außerdem +mogelt Sascha: mit dem Daumen, dem Lutscher, stützt sie das Stöckchen +heimlich. + +Wie man Versteck spielt, weiß jeder. Verstecken kann man sich überall: im +Kuhstall und in Drankas Hundehütte, -- aber nur nicht lauern! Sascha +versteckt sich hinter der Tür. Das ist ganz einfach, aber man kommt nicht +so leicht drauf. + +Das alles sind friedliche Spiele, aber beim Kuchenbacken gibt es oft +Mißverständnisse. Sascha läßt die Möglichkeit nicht gelten, daß irgend +jemand außer ihr etwa einen Baumkuchen aus Sand formen könnte. Und wenn +Manja Bruch ihr ein Pralinee aus Sand überreicht, dann hätte sie's lieber +nicht getan! + +Wird das Spiel draußen langweilig, geht man ins Zimmer. Dort »liest« +Sascha, das heißt, Tante Lena liest ihr vor. Aber Sascha weiß schon eine +Menge auswendig und sie hört so zu, als wäre sie selbst der Struwwelpeter +und der Hans-Guckindieluft und das schlaue Häschen. Und was sie für +Gesichter dazu schneidet! Wo sie die nur alle her hat! Diesen Sommer hat +Mama ihr eine Fibel geschenkt mit einem Mohr, einem Indianer und einem +Ägypter. Und die Fibel ist jetzt Saschas Lieblingsbuch. + +Bilder besehen macht Sascha immer Spaß. Sämtliche Jahrgänge der »Niwa« sind +schon durchgeschmökert. Jedes Bild wird in Zusammenhang mit dem Leben auf +dem Schlosse gebracht, und wenn das garnicht angeht, so werden neue +Geschichten geschaffen, die sich ebenfalls auf dem Schlosse abgespielt +haben, und bloß nicht im Gedächtnis der Schloßbewohner haften geblieben +sind. + +Und immer muß Sascha fragen. Und wenn sie auch alle Fragen selbst auf ihre +Weise beantwortet, so überschüttet sie doch jeden, der in ihre Nähe kommt, +mit Fragen ohne Zahl. Wenn ein Lied gesungen wird, ein Märchen erzählt, +oder überhaupt nur von irgendetwas gesprochen, dann kann man auf die Fragen +gefaßt sein: + +»Warum ist Herbst? Warum muß man essen? Warum muß man gesund sein? Warum +muß man beten?« + +Und das nimmt kein Ende. + +Sascha kennt die russischen Dichter. Sie zeigt Puschkins Bild und nennt ihn +Putzekin. Lermontow kann sie auch richtig zeigen, aber seinen Namen vermag +sie nicht auszusprechen. + +Wenn das Lesen und Bilderbesehen und Fragen erledigt ist, setzt sich Sascha +an Tantens Klavier, läßt sich Noten aufs Pult legen und fängt an zu +spielen. Die Notenblätter müssen umgewendet werden, die Hefte gewechselt, +sonst wird Sascha sehr böse. + +Sie wird überhaupt sehr leicht böse, sie ist grimmiger als der alte +Landmesser Becker, den die Leute im Dorfe den Feuerspeier nennen. + +So geht der Tag hin, man merkt es gar nicht, wie. Der Abend kommt heran. +Nun geht man noch spazieren. Tante Lena, Manja und Sascha spazieren ins +Feld hinaus. + +Im Schlosse wird es still. Tante und Großmama spielen Schwarzen Peter, im +Garten oder in der Küche wird Fruchtsaft gekocht, dafür sorgt Tante Wera. + +Und gerade, wenn den Fliegen der süße Schaum über dem Kessel am schönsten +schmeckt, wird es im Schlosse wieder laut und lebendig. Vom Felde bringt +man Blumen, Kränze und eine Unmenge Geschichten: irgend jemand hat man +sicher unterwegs getroffen, -- natürlich nur von jenen Leuten, die bloß +Sascha und dem Mohren, ihrem getreuen und ergebenen Kavalier, bekannt sind +und nur von ihnen gesehen werden. + +Wenn die Sonne sinkt, wird es für Sascha Zeit, zu Bett zu gehen. + +Bei dieser Gelegenheit wird sie von den unglaublichsten Krankheiten +heimgesucht. Am häufigsten tut ihr der Fuß weh. Sascha hinkt dann. Eine +Zeitlang war man ganz unruhig, aber weder der Student Michail Petrowitsch, +noch der Doktor Korotok konnten etwas Gefährliches entdecken. Wenn jemand +der Fuß wehtat, so allenfalls nur der Großmama, die immer ihr Reißen +bekommt, wenn das Wetter sich ändern will. + +Ehe Sascha zu Bett geht, müssen alle Puppen zur Ruhe gebracht werden. Wenn +sie fertig sind, kommt die Reihe an Sascha. + +Vor dem Schlaf, auf dem Töpfchen, erzählt Sascha mit schläfrigen Lippen der +Tante Lena, was sie Neues erfahren und gelernt hat, und wen sie heute +gesehen und allerlei vom Sandmann und wie die Hunde bellen. + +Wenn es am Tage gewittert hat, erzählt Sascha vom Donner; wenn es regnete, +so berichtet sie Dinge vom Regen, die ein Erwachsener nur schwer versteht, +-- Tante Lena nicht ausgenommen, obgleich sie an Saschas Geschichten +gewöhnt ist, mit ihr in einem Zimmer schläft und sie fast nie allein läßt. + +»Der Donner wohnt über dem Himmel,« berichtet Sascha, »wo auch die Wolken +sind. Der Regen wohnt auf dem Dach. Da wohnen auch die Vöglein.« + +Sascha schläft ein, und auch die Großmutter Euphrosyne Iwanowna schläft und +die Ziege Maschka, damit Sascha morgen früh wieder frische Milch hat. + +Nur die Tante Tatjana Afanasjewna schläft nicht. Die Tante legt Karten aus. +Sie hat ihre besonderen Karten, die lügen nie. Da gibt es im Spiel eine +Amazone und einen Spanier, auf die kommt es vor allem an. Die Karten werden +in vier Reihen zu je neun ausgelegt. Und wie traurig kann die Arme sein, +wenn plötzlich irgendein Astrolog oder die Sphinx oder die Kanone nicht da +sind -- alles Saschas böse Streiche. + +Aus dem Wächterhäuschen kommt der Nachtwächter Taras mit seiner Klapper. +Und Butzik und Mischka und Dranka bellen bald laut auf, bald sind sie +mäuschenstill, bald heulen sie dreistimmig, daß es weit widerhallt. + +Tags schläft der Sandmann, aber nachts wird er lebendig. Abends steht er +von seinem Lager auf, und wenn es ganz dunkel geworden ist, kommt er ins +Schloß. Er geht geradewegs die Treppe hinauf in Saschas Turm, und selten +kommt er allein. Der Sandmann erzählt Märchen oder er nimmt Sascha an der +Hand und führt sie aus dem Turm hinaus ins Feld spazieren, im Winter über +das weiße Gras, im Sommer über rote Blumen. Der Sandmann kann gerade so, +wie Mama, aus Malven Damen machen. Er reißt eine rosa Blüte ab, dreht sie +um, bindet die Staubfäden mit einem Grashalm zusammen -- und die Dame im +Reifrock ist fertig. + +Einmal gingen Sascha und der Sandmann über das Feld nach den Tatarengräbern +-- so nennt man in Olenowka die Hünengräber -- und da kam ihnen der Wolf +entgegen. + +»Nehmt mich mit,« sagte er, »ich will auch spazieren gehn.« + +»Gut.« + +Und so gingen sie. Alles war in bester Ordnung. Der Wolf kannte die ganze +Gegend ausgezeichnet und führte sie zu den schönsten Plätzchen. Aber auf +einmal verlor der Wolf seinen Schwanz. Und da wurde er ganz betrübt. Ohne +Schwanz fühlt man sich ganz scheußlich, und nun schrie Sascha jede Nacht +aus Furcht, sie könnte auch ihr Schwänzchen verlieren. + +Tante Lena hörte das Geschrei und dachte, Sascha hätte Magenweh, und man +schob die Schuld auf die Ziege und ihre zu süße Milch. Der Student Michail +Petrowitsch erschien wieder, der Doktor Korotok untersuchte Sascha, beide +verordneten eine Mixtur, alle zwei Stunden einen Eßlöffel voll. Sascha nahm +die Mixtur und schrie nachts doch. + +Gott sei Dank, daß die Boitschicha da war, sonst hätten sie das Mädel ganz +zugrunde gerichtet. + +Die Boitschicha ist ein ur-uraltes Weibchen im Dorf. Ihre Hütte ist dicht +beim Schloß. Man erzählte, sie sei eine Hexe, die heilen und verzaubern +könne. An sie wandte man sich. + +»Der Wolf hat sie erschreckt,« sagte die Alte. »Das läßt sich wieder +gutmachen.« + +Die Boitschicha kam in aller Frühe ins Schloß, als der Ofen eben angeheizt +war. Die Hexe murmelte allerlei vor sich hin, trug Sascha durch das Zimmer, +strich mit ihren erdigen, harten Fingern über die rosige Brust und den +Rücken, dann nahm sie ein Büschel Bandgras und ließ den Schrecken sich ans +Gras hängen. Das Gras aber warf sie sofort ins Feuer. Das Gras verbrannte +-- und alles war wieder gut. Wenn Sascha auch nur ein einziges Mal in der +Nacht geschrien hätte. Wahrscheinlich war dem Wolf sein Schwanz wieder +angewachsen, so daß Sascha sich jetzt nicht mehr zu fürchten brauchte. + +Ein andermal brachte der Sandmann einen Mönch zu Sascha. So einen hatte +Sascha schon auf Bildern gesehen. Ein ganz einfacher Mönch in einer +schwarzen Mütze mit gekreuzten Armen. Der Sandmann stellte den Mönch vor +Saschas Bett am Fußende hin und verschwand selbst. + +Sascha machte die Augen auf und rief Tante Lena. Tante Lena stand auf, +zündete das Lämpchen an, sah aber keinen Mönch. Doch der stand immer noch +da, wie der Sandmann ihn hingestellt hatte, mit gekreuzten Armen und +starrte Sascha an. + +Seitdem brennt im Turmzimmer nachts immer das Lämpchen. + +Der Mönch aber mag das Licht wohl nicht, denn er ist nicht mehr +wiedergekommen. Dafür brachte der Sandmann die Maka zu Sascha. + +Maka gefiel der Sascha sehr gut, und auch Sascha gefiel der Maka. Und Maka +gewann Sascha so lieb, daß sie zu jeder Zeit auch ohne den Sandmann bei ihr +zu erscheinen begann. Sie tritt ganz dicht an Sascha heran und spricht mit +ihr. Makas Stimme kann niemand hören außer Sascha, und was Sascha zu Maka +sagt, das hören zwar alle, aber keiner versteht es, denn es sind ganz +besondere Worte, keine russischen. + +Wenn Sascha an irgendetwas besonderen Gefallen findet, sagt sie: »das ist +makig.« Mama ist makig, Tante Lena ist makig, die Ziege Maschka ist makig, +und Onkel Andrej ist es, wenn er singt oder aus der Stadt Schokolade +mitbringt. + +Die Freundschaft zwischen Sascha und Maka ist einfach rührend. Die beiden +sehen sich sehr oft. + +»Lena,« sagte Sascha und unterbricht ihr Spiel oder irgendeine interessante +Geschichte, »ich muß zu Maka gehen.« + +Und sie begibt sich nach dem zweiten Schloßturm, wo das Familienarchiv und +die Bibliothek sich befinden und wo einst der Großvater Jurij +Alexandrowitsch gewohnt hat. + +Hier haust jetzt Maka. + + +3. + +Sascha ist drei Jahre alt oder dreitausend, oder vielleicht auch dreimal +dreitausend. Sascha zählt ihr Alter nicht nach Jahren. + +Sascha meint, sie hätte von Ewigkeit an im Schlosse gelebt, sie wäre die +Enkelin nicht der Großmama Euphrosyne Iwanowna, sondern der Tante Lena; sie +hält sich für groß und alt, älter als das ganze Geschlecht, das im Schloß +gewohnt hat, älter als die Tante Tatjana Afanasjewna, denn die Tante ist ja +nicht hundert Jahr alt, sondern erst sechzehn, oder vielleicht noch +weniger. + +Sascha steigt oft in Makas Turm hinauf. + +Der Turm ist alt, und eine Unmenge von Mäusen haust darin: in der +Bibliothek und im Archiv haben sie genug zu fressen, und man hört sie Tag +und Nacht kratzen und krabbeln. Dort unterhält sich Sascha mit Maka, dort +guckt sie nach den kleinen Mäuschen und freut sich, wenn eins ohne die +geringste Furcht ganz dicht an sie herankommt und sich den Bart mit den +Pfötchen streicht. + +In Großvaters Kabinett hängen Bildnisse: eins zeigt Großvater als jungen +Mann in Leutnantsuniform; auf dem andern ist er ganz alt und hat einen +langen Bart und helle blaue Augen, ganz wie Saschas Augen. + +Sascha kennt Großvater, sie hat Großvater gesehen: einmal nachts kam +Großvater mit dem Sandmann an ihr Bett und unterhielt sich mit ihr, +Großvater sagte zu Sascha, er werde nach anderthalb Jahren ganz zu ihr ins +Schloß kommen. Und wenn Sascha jetzt in das Kabinett läuft, denkt sie +immer, Großvater würde einmal da sein. + +Mama erzählt Sascha ganz wunderschöne Märchen: von dem Fischer und seiner +Frau und vom gestiefelten Kater und vom kleinen Däumling, vom Froschkönig +und vom schlauen Fuchs. + +»Willst du, Mama? Ich erzähle dir auch ein Märchen,« sagt Sascha, als die +Mutter mit ihrer Geschichte zu Ende ist. + +»Erzähl' mal!« + +Und Sascha erzählt ihr Märchen: + +»Es waren einmal zwei Bauern, die gingen ans Meer, um Fische zu fangen. Sie +fingen aber nichts, und da gingen sie wieder nach Hause und legten sich +schlafen.« + +Damit ist das Märchen aus. + +Sie hat noch ein anderes ebenso schönes Märchen vom Hahn und vom Bären, wie +der Hahn den Bären auffraß. + +Sascha hat es auch sehr gerne, wenn Mama erzählt, was sie alles gemacht +hat, als sie, die Mama, noch klein war. + +»Als ich klein war, war ich sehr unartig,« erzählt die Mutter zum +hundertsten Male. »Einmal kam ich in die Küche, als gerade alle +hinausgegangen waren. Da stand der Samowar auf der Bank. Ich griff nach dem +Krahn, drehte ihn um und blieb mit der Schulter am Samowar hängen, so daß +er umfiel -- gerade auf mich. Da fing ich furchtbar zu schreien an, denn +ich hatte mir die Beinchen verbrüht. Großmama kam gelaufen und Großpapa und +Tante und die Urgroßmama. Man legte mich ins Bett und holte den Doktor. Als +der Doktor gekommen war, nahm man mir die Strümpfe ab, aber mit den +Strümpfen ging auch die Haut ab. Das tat furchtbar weh und ich weinte und +schrie. Lange mußte ich im Bett liegen, dann wurden die Beinchen allmählich +gesund, eine neue Haut wuchs drüber.« + +»Und dann noch eine?« unterbricht Sascha die Mutter. + +»Nein. Anfangs konnte ich nur kriechen. Ich hatte das Gehen ganz verlernt. +Erst nach und nach lernte ich wieder fest auf meinen Füßen stehn.« + +Sascha hört mit zusammengezogenen Brauen zu, und wenn die schöne Geschichte +zu Ende ist, die Beine wieder heil sind und die Mama wieder laufen kann -- +dann strahlt Sascha über das ganze Gesicht und lacht. + +»Noch einmal!« + +Und Mama erzählt die schöne Geschichte zum zweitenmal. + +»Aber als ich klein war,« fängt Sascha dann an, »da lag ich mit dir im +Kinderwagen, und dann zog ich dich an . . .« + +Aber das ist schon so lange her, so lange, daß Sascha klein war! Und wenn +Sascha ihrer Kindheit gedenkt, behauptet sie, daß sie wieder einmal klein +sein werde. + +»Wer wird dich liebkosen, wenn ich tot bin?« sagte Sascha einmal, als sie +wieder in Kindheitserinnerungen schwelgte und umarmte die Mama so innig, +als wäre sie ihr Teddy-Bär. + +Jeden Morgen nach dem Gebet begibt sich Sascha gewöhnlich mit der Tante zu +Mama, um sie aufzuwecken, und dann geht es hoch her: sie kriechen als Bären +auf allen Vieren, stoßen sich als wilde Kühe mit den Hörnern, stellen +Gewitter, Sturm, Regen, Hagel dar. Und Sascha sucht der Mama Angst zu +machen: sie bläst die Backen auf und sagt mit hohler Stimme, sie wäre nicht +Sascha, sondern der Froschkönig. Und dann kratzt Mama Sascha den Rücken und +die Schulter: Sascha hat das über alle Maßen gern. + +Einmal sagte Mama zu Sascha: + +»Weißt du, Sascha, ich habe Maka gesehn.« + +Da drohte Sascha mit dem Finger, kletterte der Mutter auf den Schoß und +flüsterte ihr ganz leise ins Ohr: + +»Still du, Mama, das darf man nicht laut sagen.« + +»Warum denn nicht?« + +»Man darf nicht,« wiederholte Sascha nun ganz streng und furchte die Stirn. + +»Weißt du denn, wie deine Maka aussieht?« + +»Sprich nicht so laut, Mama, sag es niemandem,« flüsterte Sascha. »Maka ist +ein ganz altes zahnloses Fräulein. Immer bittet sie um Zigaretten, und kann +doch gar nicht rauchen, denn Maka hat keinen Mund, sondern bloß zwei +Zungen.« + +Und wie sie so von ihrer geliebten geheimnisvollen Maka erzählte, lächelte +Sascha, und der dunkle Leberfleck auf der Oberlippe ließ dieses Lächeln +unbeschreiblich süß erscheinen. + + + + +Die Krawatte + + + +1. + +Schon ganz zu Anfang des Semesters hatte man auf dem Newskij-Prospekt einen +schwarzhaarigen Studenten bemerkt, der sich von den andern eleganten +Studenten in ihren neuen Uniformen scharf unterschied. Die neu +immatrikulierten Studiosi, die zum erstenmal nach Petersburg gekommen sind, +pflegen scharenweise auf dem Newskij spazieren zu gehen, gucken neugierig +nach allen Seiten und stehen lange vor den Schaufenstern. + +Der Student, der allen auffiel, war auch ein Neuling und auch elegant +gekleidet, aber sein Gesicht und seine Haltung unterschieden ihn von den +andern. + +Er hatte so feurige schwarze Augen und so schwarzes Haar -- es gab keinen +zweiten so schwarzen auf dem ganzen Newskij. + +Seine Augen behielten, auch wenn er lächelte und sogar sehr schelmisch +lächelte, immer denselben Ausdruck: ein alter Schmerz, eine Wehmut, die +Jahrhunderte überdauert zu haben schien und immer wieder durch ein +verborgenes nie verlöschendes Feuer genährt wurde, sprach aus diesen Augen. +Und wenn er, ohne den Kopf zu wenden, nach einer vorübereilenden Dame +schielte, dann sah man von den Augen nur das Weiße. + +Sein Gang war sehr sicher und solide; er schritt gleichmäßig, ohne hin und +her zu wackeln und ohne mit den Armen zu fuchteln. Und doch hatte man das +Gefühl, als müßte er von allen Spaziergängern der tollste und +phantastischeste sein. + +»Abdul Achad,« sagte der schwarze Student einmal, als er sich einem +semmelblonden, ängstlich dreinschauenden Kommilitonen vorstellte. + +»Ein Türke,« zwinkerten die Kellner in den Kaffeehäusern und die +Ladendiener einander zu, wenn sie Abdul Achad zu Gesichte bekamen. + +Die Liebhaber arabischer Märchen mußten in große Erregung geraten, wenn sie +zufällig mit Abdul Achad zusammen kamen, -- dem Türken, wie er nur noch von +den Kameraden genannt wurde. + +Vom Newskij kam der Türke auf Wasili-Ostrow. In der zwölften Linie mietete +er sich ein Zimmer. Und schon im November kannte der ganze Stadtteil den +Türken. + +Der Türke war reich und freigebig. Der Türke fiel allen auf. Und es gab +kaum ein junges Mädel im ganzen Stadtteil, in das der Türke sich nicht +verliebt hätte; es gab kein einziges, das nicht für den Türken geschwärmt +hätte. + +Es gingen die unglaublichsten und lächerlichsten Geschichten über den +Türken um. + +Allerdings liebte er selbst sehr von sich zu sprechen und allerlei +unglaubliche, lächerliche Geschichten zu erzählen, von Reisen und +Abenteuern jeder Art, -- und immer wollte er alles selbst gesehen und +selbst erlebt haben. + +Die Liebhaber arabischer Märchen mußten in große Erregung geraten, wenn sie +zufällig eine Geschichte des Abdul Achad zu hören bekamen. + +Und der semmelblonde ängstliche Studiosus, zu dem der Türke sich besonders +hingezogen fühlte und den er protegierte, der semmelblonde ängstliche +Studiosus, der stete Begleiter des Türken, berichtete einmal voll +herausfordernden Stolzes von seinem Beschützer, dieser sei schon als +Quintaner Vater gewesen und hätte sich in dieser Rolle keineswegs wohl +gefühlt. + +Übrigens hatte auch der Türke selber in einem Augenblick besonderer +Offenherzigkeit etwas Ähnliches von sich erzählt, und sogar geschildert, +wie peinlich es ihm war, als Vater eines kräftigen Jungen vom Lehrer in den +Winkel gestellt zu werden. + +Man schenkte der Geschichte nicht eben viel Glauben, aber man amüsierte +sich köstlich. + +»Nun freilich,« sagte man, »ein Türke!« + +»Der Türke ist da!« rief man mit frohem, freundlichem Lachen, wenn Abdul +Achad in der Kneipe erschien. + +Der Türke lebte sich in Petersburg ein, wie die andern Türken, die +»Schopftürken« --so nannte Abdul Achads Zimmerwirtin die Sphinxe an der +Nikolaibrücke -- sich an die kalte Newa, an den bleichen Himmel, an den +Rauhreif und an den Petersburger Wind gewöhnt hatten. + +Der Türke fand es immer heiß und knöpfte seinen kostbaren Pelz nie zu. + +»Natürlich,« hieß es, »ein Türke.« + +»Der Türke, der Türke!« wurde Abdul Achad mit frohem, freundlichem Lachen +auf der Straße begrüßt. + +Aber der Türke war launisch: heute konnte er lustig sein, und tags darauf +war er traurig; heute erzählt er die tollsten Geschichten und macht die +abenteuerlichsten Pläne, und morgen sieht man nur das Weiße seiner Augen. + +Und alle kennen das -- sie kennen sein Lachen und seine Tränen und sie +liebkosen den Türken, wenn er weint. + +»Lieber Türke, laß doch!« -- Und sie streicheln ihn wie eine Katze. + +Zu Weihnachten tanzte der Türke auf Maskenbällen und nach Weihnachten +setzte er sich an die Kolleghefte. + +Aber was ist das Kolleg für den Türken? Und was ist der Türke dem +Polizeiwachtmeister? + +Ganz unerwarteterweise kam der Türke eines schönen Tages nicht mehr nach +seiner zwölften Linie und nicht zu den Schopftürken, den Sphinxen, an denen +er sonst so oft vorübergegangen war, sondern an das Arsenal-Ufer in das +Gefängnis von Kresty. + + +2. + +Man gelangt auf sehr einfache Weise nach Kresty. + +Auf dem Newskij gab es eine Straßendemonstration. Unter den Demonstranten +befand sich auch der Türke. Wie wäre eine Demonstration ohne den Türken +möglich gewesen? Bei Demonstrationen trifft man eine Unmenge Bekannte und +es ist sehr lustig, wie auf keinem Ball, keiner Maskerade. + +»Der Türke! Der Türkei« riefen die Kameraden freudig, als sie Abdul Achad +zu Gesicht bekamen. + +Und anfangs ging alles sehr nett und lustig her, aber vor dem Rathause +hatte die Polizei den Demonstranten eine Falle gestellt, und nun gab es +Knuten- und Säbelhiebe. + +Der Türke ist alles, was ihr wollt; er ist nicht erst in der Quinta, +sondern schon in der Sexta Familienvater gewesen; das ist alles wahr. In +China war er allerdings nicht, wenn er auch sehr schön von lebendig +gebratenen Fischen zu erzählen weiß, die ihm irgendein vornehmer Chinese +vorgesetzt haben soll. Aber der Türke ist ein Ritter, der Türke kann es +nicht zulassen, daß ein hübsches Mädel, noch dazu eins, das er sehr gut +kennt, von einem Soldaten mit dem flachen Säbel geschlagen wird. + +Drei junge Studentinnen stürzten auf die Treppe des Rathauses, legten die +Hände vors Gesicht und knieten nieder, den Soldaten den Rücken zukehrend. +Ein Soldat stieg ihnen nach und begann sie der Reihe nach mit seinem +schweren, harten Säbel zu schlagen. + +Der Türke geriet in Raserei. + +In der Menge lachte jemand laut auf und sagte etwas Kränkendes über die +unglücklichen, geduldig unter den Säbelhieben knienden Mädchen. Und von +allen Seiten tönte Geschrei und Gewinsel. Man stieß sich, rannte, +stolperte, fiel. + +Der schwarze Türke mit den schwarzen brennenden Augen lief nicht, wie die +andern, er schrie nicht, wie die andern, er rollte nur seine großen +brennenden Augen. + +Und seine Raserei erreichte den Höhepunkt. + +Und das Weiße seiner Augen schimmerte so schauerlich, daß dem Schutzmann, +der aus seinem zufälligen Opfer die letzten Lebensgeister herausprügeln +wollte, plötzlich der Gedanke kam: + +»Ist das nicht der Teufel selber, der nicht umzubringen ist?« + +Die Lebensgeister ließ der Türke sich nicht herausprügeln, aber nach Kresty +kam er doch. + + +3. + +Mit dem Türken hatte man von der Demonstration noch viele Studenten nach +Kresty gebracht, und bald zeigte es sich, daß von allen der Ungebärdigste, +der Schwierigste Abdul Achad, der Türke, war. + +Als alle Beulen, Quetschungen, Risse, Schrammen geheilt waren, wurde auch +der Türke wieder lebendig. Und er war wie ein kleines Kind . . . Was konnte +man auch von einem Türken anders erwarten? + +Der Türke bekam Besuch von zwei Bräuten. Der Türke war in die eine ebenso +verliebt, wie in die andre, und er wußte selbst nicht mehr genau, welche +von beiden die schönere war und welche er lieber hatte. + +Die Bräute brachten ihm Blumen, Schokolade, Kuchen ins Gefängnis. Die +Zusammenkünfte dauerten immer sehr lange. Aber der Türke war immer noch +unzufrieden. Er bat, daß ihn noch eine dritte Braut besuchen dürfe. Und so +erhielten drei Bräute die Erlaubnis, den Türken zu besuchen, jede zu ihrer +bestimmten Stunde. + +Aber auch das war ihm noch nicht genug. Der Türke gab keine Ruhe. + +Wie wäre das auch möglich gewesen, da er in Wahrheit doch nicht drei, +sondern dreiunddreißig Bräute hatte. + +Die Zelle des Türken befand sich im Hintergebäude im vierten Stock. Das +Fenster war hoch. Vom Fußboden aus konnte man nicht durchsehen. Der Türke +stellte seinen Stuhl auf den Tisch, kletterte hinauf und schaute abends aus +dem Fenster. + +Dort am Ufer, von den Schopftürken, den Sphinxen, bis zum Arsenal gingen +seine Bräute spazieren, alle dreiunddreißig. + +Der Türke dachte nur an sie, erwartete ihren Besuch und träumte nachts von +ihnen. + +Und dann kam der Frühling. Es ward streng verboten, aus dem Fenster zu +sehn. Aber wie konnte der Türke nicht aus dem Fenster sehn, wenn der +Frühling gekommen war? + +Der Türke kümmerte sich um die Vorschriften nicht. + +Man drohte ihm mit Karzerhaft -- er ließ sich nicht bange machen. Man +sperrte ihn in den Karzer -- es half nichts. Da ließ man ihn in Frieden. +Was sollte man auch mit ihm anfangen? Früher, als er noch frei war, hatte +er die ganze Welt in drei Gruppen geteilt: hübsche Mädel, junge Mädel und +Weiber überhaupt. In die ersten verliebte er sich, in die zweiten war er +nicht abgeneigt, sich zu verlieben, und den dritten war er stets bereit, +den Hof zu machen. + +Und nun, da der Frühling gekommen war, da liebte er sie alle, alle gleich +und machte keinen Unterschied mehr zwischen hübschen und jungen und Weibern +überhaupt. + +Und am Ufer gingen abends nicht mehr dreiunddreißig, sondern mindestens +dreihundertdreiunddreißig Bräute spazieren, er sah sie mit seinen eigenen +Augen. + +Alle Frauen waren seine Bräute. + +Zu Ostern weinte der Türke sogar. Er weinte, weil man ihn nicht auch in die +Kirche gehen ließ, wie alle seine Mitgefangenen, und auch weil er abends, +als er aus dem Fenster seine am Ufer spazierenden Bräute sah, ein so großes +Mitleid mit ihnen empfand. + +Es kam der Mai und die hellen Nächte. + +Aus dem Fenster sah der Türke den Mai, die hellen Nächte. + +Einmal, als die Kontrolle eben vorüber war, und der Türke auf den Stuhl +geklettert war, um nach den Bräuten Ausschau zu halten, bemerkte er einen +schwarzen Bart, der aus dem Gitterfenster nebenan heraushing. Der Nachbar +hatte den Türken auch bemerkt und suchte ihm durch Zeichen zu verstehen zu +geben, daß er nicht reden solle. + +Aber wann hätte der Türke je guten Rat angenommen? + +Er war so erfreut über den schwarzen Bart. + +»Sitzen Sie schon lange hier?« + +»Zwei Jahre.« + +»Woher?« »Aus Wilejki.« + +»Wofür?« + +»Denunziation. Ich weiß selbst nichts Genaues.« + +»Besucht Sie jemand?« + +»Nein. Ich habe daheim eine Frau und ein kleines Mädel.« + +»Was war Ihr Beruf?« + +»Melamed. Lehrer.« + +»Langweilen Sie sich nicht?« + +»Ich klebe Schachteln.« + +»Sehnen Sie sich nicht nach Ihrer Frau?« + +Aber der Nachbar antwortete nicht. Der schwarze Bart verschwand hinter dem +Gitter. Und da klopfte auch der Wächter an die Tür. Der Türke mußte von +seinem Stuhl herunter. + +Als der Wächter vorübergegangen war, kletterte der Türke wieder hinauf und +rief wieder den Nachbar an, aber der schwarze Bart zeigte sich nicht mehr, +man sah durch das Gitter nur einen gekrümmten müden Rücken. Dann vergaß der +Türke den Bart, und endlich wurde der Türke freigelassen. Es war doch +nichts mit ihm anzufangen. + + +4. + +Aus Kresty begab der Türke sich geradewegs auf den Newskij. Er wußte gar +nicht, was er mit sich anfangen, wo er sich lassen sollte. Seine Bekannten +aufsuchen? Dazu war auch morgen noch Zeit genug. Drei Tage war ihm Frist +gegeben, drei Tage durfte er sich in Petersburg aufhalten, und in drei +Tagen konnte er alles erledigen, alle besuchen. + +Der Türke ging auf dem Newskij und lächelte, alle lächelte er an, die Alten +und die Jungen. + +»Türke, lieber Türke, wie geht es dir?« lächelten die Leute ihm entgegen, +oder zum mindesten schien es ihm so. + +Er ging in ein Kaffeehaus nach dem andern, trank Kaffee, aß Kuchen, guckte +in ein paar Kinos hinein, aber nirgends hielt er's lange aus. + +»Türke, lieber Türke! Wie schön, wie herrlich ist die Freiheit!« summten, +brummten, flüsterten die Passanten -- zum mindesten schien es ihm so. + +In einer Schaubude am Newskij gab es wilde Menschenfresser zu sehen. Aus +Neu-Guinea hatte man sie nach Petersburg gebracht. + +»Das allerwildeste Volk auf dem Erdball!« verkündete das Plakat. Der Türke +ging hinein, sich die wilden Menschenfresser anzusehen. Die Menschenfresser +sahen ganz wie Theaterteufel aus und lächelten, wie der Türke selbst. Und +der Türke konnte nicht anders -- er kletterte zu ihnen auf das Podium +hinauf. Die Wilden verstanden nicht, was der Türke zu ihnen sagte, und auch +die andern, die zahmen Zuschauer, ja der Türke selbst, verstanden kaum +etwas, aber die Wirkung war eine ganz unerwartete: die Wilden hielten ihn +wohl für einen Gott, sie spannten ihre Bogen, schossen ihre Pfeile ab, +reckten sich lang aus, wie Peter der Große, und machten so wüste +Kängurusprünge, daß dem Publikum angst und bange wurde und alles in größter +Hast zum Ausgang drängte. + +Im Gedränge kam auch der Türke hinaus. + +»Türke, lieber Türke, wie lustig ist es, wie lustig!« rief man ihm nach -- +oder zum mindesten schien es ihm so. + +Die Newa hatte das Eis vom Ladogasee schon ins Meer hinaus befördert. Es +war warm. Übrigens hätte der Türke es auch warm gefunden, wenn das Eis noch +nicht abgegangen wäre. + +Die weiße, durchsichtige Nacht lockte mit fernen silbernen Sternen. + +Es war Kaisers Geburtstag. Auf dem Newskij flammten längs dem Bürgersteig +bunte elektrische Laternchen auf, an den Häusern leuchtende Monogramme und +Wappen. Das Gedränge der Spaziergänger wurde immer größer. + +Der Türke sah nach allen Seiten und lächelte. Alles schien ihm so reich +geputzt, so jung und rein, er hätte alle ohne Unterschied küssen können. + +An der Ecke beim Katharinenkanal blieb der Türke stehen. + +Von der Kasankathedrale her kamen Gardekürassiere. + +Riesengroß, auf prächtigen Pferden, in silbernen Harnischen, bewegten sich +die schimmernden Reiter wie Gespenster vorwärts. + +Der Türke sah auf die Kürassiere und lächelte. Und lange noch schimmerten +die silbernen Harnische durch die weiße Nacht, die bunten grünen Laternchen +und die dunkeln, wie Bärte herabhängenden Fahnen. Als die Kürassiere +vorüber waren, ging der Türke mit der Menge weiter. + +Auf der Brücke fiel ihm ein Mädel auf -- schwarzhaarig, schlank, fast wie +ein Backfisch, nicht geschminkt, mit Augen, die glänzten, wie die Harnische +der Kürassiere. Er lächelte sie an und sie lächelte auch. Er faßte sie +unter den Arm. Sie ließ ihn lächelnd gewähren. Und sie gingen weiter. + +Sie gingen und lachten, wie alte Bekannte. + +Warum auch nicht? Sie war ja seine Braut! Alle waren sie seine Bräute. + +Die weiße durchsichtige Nacht lockte mit fernen silbernen Sternen. + +»Wohnen Sie weit von hier?« + +Sie nannte ein Hotel. + +Ihre Antwort belehrte den Türken, daß sie erst seit kurzem auf der Straße +war: sie empfing noch keinen Besuch in ihrer Wohnung. + +Sie gingen nach dem Gasthaus. Ließen sich ein Zimmer anweisen. + +Und noch deutlicher ward es dem Türken, daß sie erst seit kurzem auf dem +Newskij war: sie wollte kein Bier trinken. + +Der Kellner brachte Limonade. Sie tranken die Limonade. Dann kleideten sie +sich aus. + +Sie war eine Jüdin und hieß Rosa. + +»Sind Sie auch Jude?« + +»Nein.« + +»Grieche?« + +»Nein!« + +Sie sah ihn mit großen erstaunten Augen an und zählte alle Völker auf, die +sie kannte. Sie kam schließlich bis auf die Chinesen und die +menschenfressenden Papuas, die sie sich ebenso angesehen hatte wie der +Türke. + +»Ein Papua?« + +»Nein.« + +»Ein Türke?« + +Der Türke konnte sich nicht mehr beherrschen und fing laut zu lachen an. + +»Ein Türke! Ein Türke!« rief Rosa erfreut, wie Kinder sich freuen, wenn sie +einen Spielgefährten endlich in seinem gar nicht mal besonders schlau +gewählten Versteck aufgestöbert haben, und immer wiederholte sie mit +gutmütigem Lachen, wie die Kameraden, wenn sie den Abdul Achad irgendwo +trafen, wo sie ihn am allerwenigsten erwartet hatten: »Ein Türke! Ein +Türke!« + +Rosa hatte nur noch das Korsett abzunehmen. + +Der Türke schwatzte allerlei tolles Zeug, behauptete, er sei kein Türke, +sondern ein ganz richtiger Kannibale und er werde sie gleich mit Haut und +Haar auffressen, und dabei lachte er so, daß er ganz außer Atem kam. + +Aus Rosas Korsett fiel plötzlich etwas auf den Boden. Der Türke bemerkte +es. Aber Rosa bückte sich in größter Hast und verbarg den Gegenstand in +ihrer hohlen Hand. + +Was mochte das sein? Und warum wurde sie so rot? + +»Was ist das?« + +»Nein, nein, das dürfen Sie nicht . . .« Rosa trat zurück. + +»Warum nicht?« widersprach der Türke, umarmte Rosa und setzte sie auf +seinen Schoß. »Sag mir doch, was es ist!« + +»Es geht nicht,« wiederholte sie. »Bitte, fragen Sie mich nicht. Ich will +das nicht.« + +Aber wann hätte der Türke je guten Rat angenommen! Er bestand auf seinem +Stück: du mußt es mir sagen! Er schwur, daß er ihr Geheimnis keinem +verraten und auch nicht lachen werde: auf ihn, den Türken, könne man sich +verlassen. + +»Alles geht,« sagte er, »und das nicht? Warum denn nicht? Warum nur?« + +Aber sie preßte den geheimnisvollen Gegenstand nur noch fester in ihrer +Faust zusammen und schwieg. Es schien, als könnte keine Gewalt auf Erden +ihr das Geheimnis entreißen, selbst wenn alle Schutzleute vom Newskij sich +mit ihren kräftigen Fäusten auf sie gestürzt hätten. Sie weigerte sich, +auch nur ein Wort zu sagen. + +Dieser kindische Trotz ärgerte den Türken. Er gab keine Ruhe. Er mußte +Rosas Geheimnis wissen. Er rollte die schwarzen, brennenden Augen. Er +packte Rosas Hand. Und sie öffnete die Faust. + +Anfangs verstand der Türke nichts. Er traute seinen Augen nicht. + +»Eine Krawatte?!« + +Sie hielt eine ganz gewöhnliche, genähte, schwarze Krawatte in der Hand -- +das Mittelstück, das wie ein schwarzer Schmetterling aussah. + +Und Rosa fing an, ganz schnell, stotternd, einzelne Worte bald +verschluckend, bald wiederholend, zu reden. So flüstern Kinder, wenn sie +sehr froh sind, der Mutter ins Ohr: + +»Weißt du, Mama --« oder, wenn sie sich schuldig fühlen, ängstlich und +bitter: »Ich will es nie mehr tun!« + +Es war eine Krawatte. Eine Krawatte ihres Mannes. Rosa wollte dem Türken +nicht von ihrem Manne sprechen. Sie hat auch ein Kind. Ein dreijähriges +Mädel. Sie kommt aus Wilejki. + +Ihren Mann hat man in einer schwarzen Kutsche nach Petersburg gebracht. +Schon vor zwei Jahren. Ein Arbeiter aus der Nachbarschaft hatte ihn +angeschwärzt. Ihr Mann war Melamed im Cheder. + +»Ein Melamed -- ein Lehrer,« wiederholte Rosa. + +»Ich hab ihn gesehen, deinen Mann, er hat einen schwarzen Bart und einen +krummen Rücken. Er ist sehr mager. Ein richtiges schwarzbärtiges Skelett,« +sagte der Türke ganz erfreut, und deutlich sah er wieder seine Zelle im +vierten Stock vor sich und den Abendhimmel und sich selbst auf den Stuhl +stehen. + +»Ich selbst komme eben aus Kresty, und er ist auch dort, in Kresty. Das +Gefängnis Kresty auf der Wiborger Seite, Arsenalufer 5.« + +Aber Rosa saß nicht mehr auf seinem Schoß, Rosa lag auf dem Boden zu Füßen +des Türken und schrie so, als würde sie geschlagen, als wollte sie ihre +ganze Seele sich aus dem Leibe schreien. + +Der Türke griff nach der Karaffe und goß ihr Wasser ein. Was hatte er denn +getan, daß sie sich wie in Krämpfen auf dem Boden wälzte und schrie? Aber +Rosa rührte das Wasserglas nicht an, sie stand nicht auf, sie blieb liegen, +in Hemd und Strümpfen, sie winselte und schluchzte und preßte die schwarze +Schleife, die wie ein Schmetterling aussah, fest in ihrer Hand zusammen. + +Der Türke erkannte Rosa nicht wieder. Das war nicht mehr der bleiche, +schüchtern-schlaue Backfisch, sondern ein rasendes Weib, das von einem +wilden Weh gepeinigt wurde. Und der Schmerz machte ihr Gesicht alt und +häßlich. + +An die Tür wurde geklopft. Man forderte Einlaß. + +Der Türke ging um Rosa herum und wußte nicht, was er anfangen sollte. + +»Beruhige dich doch,« sagte er und streichelte sie, »was liegt denn an +einem Schlips? Bei Gott, ich habe nichts Böses gesagt!« + +An die Tür wurde geklopft. Und es war, als klopfte man nicht nur an die +Tür, sondern an alle Wände und an die Decke, nicht mit der Faust, sondern +mit einem Hammer. + +Der Türke mußte öffnen: man hätte sonst die Tür aufgebrochen. + +Ein Polizeiwachtmeister, ein Schutzmann, der Zimmerkellner, ein +Droschkenkutscher und ein Frauenzimmer, wohl aus der Stube nebenan, traten +ein. + +»Was geht hier vor?« fragte der Wachtmeister und betrachtete den +entkleideten Türken und die auf dem Boden liegende Rosa mit strengen +Blicken. + +»Nichts,« erwiderte der Türke, »ich habe gar nichts getan!« Und er stürzte +sich auf Rosa, hob sie auf und setzte sie, so gut es ging, auf das Sofa. + +Rosa beachtete die Leute gar nicht, sie sah und hörte nichts, sondern +winselte nur und schluchzte. + +Der Wachtmeister befahl Abdul Achad sich anzukleiden. Der Türke sollte ihm +auf die Polizeiwache folgen, wo man die Sache zu Protokoll bringen werde. + +Was hatte er denn getan? Hatte er sie denn geschlagen? Hatte er ihr etwas +Kränkendes gesagt? Nichts, rein gar nichts! Nichts Böses hatte er ihr +getan, ja nicht einmal gedacht. + +Der Türke zog sich hastig an, wie einer der sich schuldig fühlt. Aber die +Hände wollten ihm nicht gehorchen. Kein Knopf ging zu. Rund herum aber +standen die Leute und gafften ihn an wie einen ertappten Taschendieb, und +schienen ihm zuzuzwinkern: »Was sagst du nun? Haben wir dich doch?« + +Er hatte Gold in der Tasche. Er legte alles in Rosas offene Hand und folgte +dem Wachtmeister nach dem Polizeiamt. + +Hinter dem Wachtmeister gingen auch die andern hinaus: das Frauenzimmer von +nebenan, der Kutscher und der Zimmerkellner -- sie hatten ihre Schuldigkeit +getan, mehr konnte man nicht von ihnen verlangen. + +Rosa blieb allein zurück. Sie saß immer noch in Hemd und Strümpfen auf dem +Sofa und weinte und winselte und preßte in der einen Hand die Krawatte +zusammen, die wie ein schwarzer Schmetterling aussah, und in der andern das +Gold des Türken. Sie war allein in dem Zimmer geblieben, und vor ihr stand +der stumpfnasige Schutzmann vom Newskij-Prospekt . . . + + + + + + + +End of Project Gutenberg's Legenden und Geschichten, by Alexej M. Remisow + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK LEGENDEN UND GESCHICHTEN *** + +***** This file should be named 39175-8.txt or 39175-8.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + http://www.gutenberg.org/3/9/1/7/39175/ + +Produced by Jens Sadowski + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. 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Remisow + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Legenden und Geschichten + +Author: Alexej M. Remisow + +Translator: Arthur Luther + +Release Date: March 17, 2012 [EBook #39175] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK LEGENDEN UND GESCHICHTEN *** + + + + +Produced by Jens Sadowski + + + + + +</pre> + +<h1 style="page-break-before:always;"> +Alexej Remisow<br /> +<br /> +Legenden<br /> +und Geschichten +</h1> + +<p> </p> +<p> </p> +<p> </p> +<p> </p> +<p> </p> +<p> </p> + +<p class="center" style="letter-spacing:0.5em; margin-right:-0.5em; text-transform: uppercase;"> +Leipzig<br /> +Kurt Wolff Verlag +</p> + +<div style="text-align: right; margin-right:10%;"> +<img src="images/logo.jpg" alt="Verlagslogo"/> +</div> + +<p style="page-break-before:always"> </p> + +<p class="center" style="text-transform: uppercase; font-size:80%;"> +<span class="sperr"> +Bücherei „Der jüngste Tag“ Band 60/61<br /> +</span> +Gedruckt bei Dietsch & Brückner · Weimar +</p> + +<p> </p> +<p> </p> +<p> </p> +<p> </p> +<p> </p> +<p class="center" style="text-transform: uppercase; font-size:80%;"> +Berechtigte Übertragung von Arthur Luther +</p> + +<p> </p> +<p> </p> + +<div class="trnote"> +<p class="center"> +<a href="#Anmerkungen">Anmerkungen zur Transkription</a> finden sich am Ende des Buches. +</p> +</div> +<p> </p> +<p> </p> +<p> </p> + +<div style="text-align:left; margin-left:auto; margin-right:auto; max-width: 15em;"> +<h2 class="chapter">Inhalt</h2> + +<p class="contents"><a href="#part-1">Legenden</a></p> + <p class="contents2"><a href="#chapter-1.1">Adams Schwur</a></p> + <p class="contents2"><a href="#chapter-1.2">Die Geburt Christi</a></p> + <p class="contents2"><a href="#chapter-1.3">Die Leiden der heiligen Jungfrau</a></p> + <p class="contents2"><a href="#chapter-1.4">Die Leiden des Heilandes</a></p> + +<p class="contents"><a href="#part-2">Geschichten</a></p> + <p class="contents2"><a href="#chapter-2.1">Der Hofjuwelier</a></p> + <p class="contents2"><a href="#chapter-2.2">Maka </a></p> + <p class="contents2"><a href="#chapter-2.3">Die Krawatte</a></p> +</div> + + +<p> </p> +<p> </p> +<p> </p> + +<!-- page 005 --> + +<h2 class="part" id="part-1"> +Legenden</h2> + +<p class="blockquote"> + Als ich meine Tage in der Lehre bei einem weisen + Greise verbrachte, zündete ich einst in der Nacht in + tiefer Seelenverwirrung eine Kerze an und schlug ein + Buch auf, das der Greis, mein Meister, in meiner Stube + liegen gelassen hatte. Ich wandte die vergilbten, mit + Unzialschrift bedeckten Blätter um und begann zu lesen. +</p> + +<p class="blockquote"> + Und die Sterne gingen mit dem nächtlichen Dunkel, + der Morgen graute, ich aber las und las und hatte nicht + gehört, daß man drüben von der Erlöserkirche längst + schon zur Frühmesse geläutet hatte. +</p> + +<p class="blockquote"> + Und der weise Greis, mein Meister, gab mir seinen + Segen, daß ich Euch aus jenem wunderbaren, mit Unzialschrift + geschriebenen Buche einige Gleichnisse, Geschichten + und Sagen erzähle. +</p> + +<!-- page 006 --> +<!-- page 007 --> + +<h2 class="chapter" id="chapter-1.1"> +Adams Schwur</h2> + +<h3 class="no">1.</h3> + +<p class="first"><span class="hidden">„</span><span class="firstchar">G</span>eht und glaubt nicht, daß ihr je zurückkommen könntet! +Und flucht eurem Gotte nicht. Euer Zorn würde machtlos +sein und auf euch zurückfallen.“ +</p> + +<p>Und das feurige Schwert in der Hand des Cherubs flammte auf. +</p> + +<p>Die Pforte des Paradieses fiel zu. +</p> + +<p>Verzweifelt warfen sich Adam und Eva nieder und weinten. +Sieben Tage weinten sie, ohne die Augen aufzuschlagen, +ohne sich vom Boden zu erheben. +</p> + +<p>Und sie vernahmen die Stimme Gottes: +</p> + +<p>„Ich breite meine Gnade über euch aus. Die Stunde der +Verheißung wird kommen, und ich werde euch das Paradies +wiedergeben.“ +</p> + +<p>Sie hoben die Augen auf, aber sie sahen Gott nicht wie +früher. +</p> + +<p>An der Pforte des Paradieses stand der Cherub, grimmig, +mit dem flammenden Schwert. +</p> + +<p>Und sie baten den Cherub, ihnen zu sagen, wann Gott kommen +und ihnen das Paradies wiedergeben werde. +</p> + +<p>„Fünftausend fünfhundert und acht Jahre werden vergehn,“ +sprach der Cherub, „und Gott wird euch befreien. Jetzt aber +geht, sage ich euch, und wagt nicht zurückzukommen. Und +flucht eurem Gotte nicht. Denn euer Zorn würde machtlos +sein und auf euch zurückfallen.“ +</p> + +<p>Und sie gingen demütig, um nie mehr zurückzukommen. +</p> + +<p>Und die Schlange kroch ihnen nach. +</p> + +<p>Sie aber erkannten die Schlange nicht. +</p> + +<p>Denn die Schlange war schöner gewesen als alle Tiere, und +jetzt kroch sie auf dem Bauche; sie hatte reden können, und +nun war sie stumm. Sie konnte Adam und Eva nur vorwurfsvoll +ansehen. +</p> +<!-- page 008 --> + +<p>Trübe Tage wechselten mit bangen Nächten. Das Leben +war schwer. +</p> + +<p>Die unfruchtbare, von Gott verfluchte Erde war eine Wüste. +In der Behausung der ersten Menschen war es eng und finster. +Wilde Tiere bedrohten sie. Sehnsucht, Angst, Müdigkeit . . . +</p> + +<p>„O weh, du mein schönes Paradies!“ weinte Adam und +weinte Eva. +</p> + +<p>Sie konnten das Leben im Paradies nicht vergessen, immer +wieder dachten sie daran, und dann gingen sie bis zur Mauer +des Paradiesgartens, knieten nieder und weinten. +</p> + +<p>Und die Schlange war mit ihnen. +</p> + +<p>Sie war schöner gewesen als alle Tiere, und alle Kreatur +hatte sich an ihrem Anblick gefreut, — und nun kroch sie +auf dem Bauche und spie Gift aus, und alles floh vor ihr. +</p> + +<p>„O weh, du mein schönes Paradies!“ weinte Adam und +weinte Eva. +</p> + +<p>Aber keiner hörte sie, keiner gab ihnen Antwort. +</p> + +<p>An der Pforte des Paradieses stand der Cherub, grimmig, +mit flammendem Schwert. +</p> + +<p>Und verzweifelnd gingen sie zurück zu ihrem verhaßten Felsen +in die finstere Höhle. +</p> + +<p>Und die Schlange kroch ihnen nach. +</p> + +<p>Als das erste Jahr zu Ende ging, gebar Eva dem Adam +einen Sohn, den Kain. +</p> + +<p>Er war der Erste, der auf der Erde geboren war, schön wie +die Schlange und schrecklich. Auf seinem Haupte wanden +sich sieben giftige Schlangenköpfe. +</p> + +<p>Eva war bitter geplagt. Müde und schwach, mußte sie alle +nähren — den Sohn und die Schlangenköpfe, die wie ein +Kranz seine Stirn umgaben. +</p> + +<p>Und Adam konnte seinem Weibe nicht helfen, konnte ihre +Schmerzen nicht lindern. +</p> + +<p>Die Schlange aber, die mit ihnen in der Höhle wohnte, +war stumm und sah sie nur vorwurfsvoll an. +</p> +<!-- page 009 --> + +<p>Und die Erde war voll Weh und Leid. +</p> + +<p>Trostlose Tage wechselten mit trostlosen Nächten. +</p> + +<p>Da kam Satan und sprach zu Adam: +</p> + +<p>„Was gibst du mir, wenn ich Eva helfe?“ +</p> + +<p>„Alles, was du willst,“ erwiderte Adam, der zu allem bereit +war, wenn nur Evas Schmerzen gelindert würden und er +nicht mehr den Sohn mit dem greulichen lebendigen Schlangenkranze +ums Haupt zu sehen brauchte. +</p> + +<p>„Schwöre mir,“ sprach Satan, „daß du und deine ganze +Nachkommenschaft mir gehören sollen!“ +</p> + +<p>Und er ergriff einen <i>weißen</i> Stein und reichte ihn dem +Adam. +</p> + +<p>Und Adam schwur. +</p> + +<p>Und Adam schrieb den Schwur mit seinem Blut hin, daß +er dem Satan angehören wolle, er und alle seine Nachkommen +bis auf den letzten. +</p> + +<p>Und alsbald fielen die sieben Schlangenköpfe von Kains +Haupte ab. +</p> + +<p>Da freute sich Eva und Adam freute sich mit ihr. +</p> + +<p>Und es war dies die erste Freude auf der Erde. +</p> + +<p>Satan aber nahm den <i>roten</i> Stein mit dem Versprechen +und die sieben Schlangenköpfe und ging von der Höhle nach +dem Fluß Jordan. Und dort, am Jordan, unter einem Felsen, +wählte er einen versteckten Platz und legte den Stein dahin +und befahl den sieben Schlangenhäuptern, ihn zu hüten. +</p> + +<p>Und als Adam starb, kam seine Seele zu Satan. Dann starb +Eva, und auch ihre Seele kam zu Satan. Und alle, die nach +Adam und Eva starben, folgten ihnen in das Reich Satans, +in die Hölle, wie Adam es geschworen hatte. +</p> + +<h3 class="no">2.</h3> + +<p class="noindent">Die Tage und Jahre gingen, wie Gott es bestimmt hatte. +</p> + +<p>Die Menschen wurden geboren und breiteten sich über die +Erde aus; sie hofften und verzweifelten, bangten und freuten +<!-- page 010 --> +sich ihres Lebens, verlangten nach Macht, nach Reichtum, +nach Ruhm, liebten und haßten, halfen einander und töteten +einander. +</p> + +<p>Und der rote Stein lag immer noch am Jordan unter dem +Felsen, und die Schlangen hüteten ihn. Und das Reich Satans +ward größer mit jedem Jahr, jedem Tag, jeder Stunde, denn +immer mehr Söhne Adams kamen hinein. +</p> + +<p>Und Satan freute sich seiner wachsenden Macht und Größe. +</p> + +<p>Die Tage und Stunden gingen hin, wie Gott sie festgesetzt +hatte. Sie blieben sich immer gleich, heute war wie gestern, +und jede Stunde war ein stiller, geheimer Gottesdienst. +</p> + +<p>Die erste Nachtstunde brach an — die Stunde, da die Dämonen +sich vor Gott beugen. Und die Dämonen schadeten +dem Menschen nicht, das Böse ruhte, wurde nicht größer, +nicht geringer. +</p> + +<p>Die zweite Stunde kam — die Stunde der Fische. Und es +erhob sich der Ozean mit seinem ganzen Reich, und die tiefsten +Tiefen des Meeres beugten sich vor dem Herrn. +Es kam die dritte Stunde — die Stunde der höllischen Abgründe. +</p> + +<p>Es kam die vierte Stunde — die Stunde, da die Seraphim +den Herrn preisen, und das Rauschen ihrer Flügel füllte die +himmlischen Tempel mit süßer Musik. +</p> + +<p>Es kam die fünfte Stunde — die Stunde der Wasser über +dem Himmel. +</p> + +<p>Es kam die Mitternacht — die sechste Stunde der Nacht —, +und es zogen sich die Wolken zusammen und erfüllten die +Welt mit einem großen, heiligen Schauer. +</p> + +<p>Es kam die siebente Stunde — die Stunde der Ruhe für +alles Lebende. +</p> + +<p>Es kam die achte Stunde — und die Erde freute sich des +Taus, der auf Saaten und Gräser niederging. +</p> + +<p>Es kam die neunte Stunde — die Stunde des Dienens für +die Engel, die vor dem Throne der ewigen Allmacht stehen. +</p> +<!-- page 011 --> + +<p>Es kam die zehnte Stunde — die Stunde des Gebets, und +die Himmelstore gingen auf, und die Gebete traten vor Gott, +und Gott war gnädig zu den Menschen, und die Seraphim +schlugen mit den Flügeln, und Musik tönte durch den Himmelsraum, +und unten auf der Erde krähte der Hahn. +</p> + +<p>Es kam die elfte Stunde — und die Sonne ging auf und +brachte der Welt Freude und Licht und Wärme. +</p> + +<p>Und es kam die zwölfte, die letzte Stunde — die Stunde +der Hoffnung und des Schweigens der Engelchöre vor dem +Throne Gottes. +</p> + +<p>Aber der rote Stein lag am Jordan unter dem Felsen. Und +die Schlangen hüteten ihn. Und das Reich Satans ward größer +mit jedem Jahr, jedem Tag, jeder Stunde, denn immer +mehr Söhne Adams kamen hinein. +</p> + +<p>Und Satan freute sich seiner wachsenden Macht und Größe. +</p> + +<p>Das währte so fünftausend fünfhundert und acht Jahre. +</p> + +<p>Nun kam die Stunde, die verheißen war, Christus kam auf +die Erde, der Sohn Gottes. +</p> + +<p>Niemand wußte von ihm, niemand dachte an ihn. Wie bisher +aßen und tranken die Menschen, freiten und ließen sich +freien, stritten und versöhnten sich, töteten sich selbst aus +Liebe und töteten andere aus Haß. Ebenso wie bisher ging +die Sonne auf und grünten die Bäume im Frühling. Ebenso +wie früher gingen nachts die geheimen Stunden hin. +</p> + +<p>Einzig Johannes der Täufer harrte des Heilandes am +Jordan. +</p> + +<p>Und als die Zeit erfüllt war, kam Christus aus der Wüste +an den Jordan zu Johannes. Und Johannes erkannte den +Heiland. +</p> + +<p>Und Christus trat unter den Felsen auf den roten Stein und +ward von Johannes getauft. +</p> + +<p>Und das Wasser ward unter den Füßen Christi zu Feuer. +Das Feuer verbrannte die Schlangenköpfe, das Feuer zerfraß +den roten Stein. +</p> +<!-- page 012 --> + +<p>Der Heilige Geist stieg auf den Gottessohn herab, und es +ward eine Stimme vom Himmel gehört: +</p> + +<p>„Siehe, das ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen +habe.“ +</p> + +<h3 class="no">3.</h3> + +<p class="noindent">In Zorn geriet Satan, als er den gespaltenen, vom Feuer +zerfressenen roten Stein und die sieben toten Schlangenhäupter +sah. +</p> + +<p>Er sammelte die schwarzen Stücke des roten Steins und +fügte sie mit höllischer Kunst zusammen, und den neuen +<i>schwarzen</i> Stein trug er hinab in sein Reich, die Hölle. +</p> + +<p>Noch war die Zeit nicht erfüllt, drei Jahre sollte Christus +noch auf Erden wandeln. Noch drei Jahre mußten Adam und +Eva in banger Sehnsucht harren. +</p> + +<p>Und Satan gab sich kühnen Träumen hin. +</p> + +<p>Er hatte den schwarzen Stein in der Hölle versteckt und +wartete auf die letzte Stunde des Gottessohnes, um dann +seine ganze Kraft zusammenzunehmen, den Unüberwindlichen +zu besiegen, ihn zu zerreißen, ihn zu verspotten in seiner +Kreuzesnot und dann seine schwarze Finsternis über die +ganze Welt zu breiten. +</p> + +<p>Und groß war in der Hölle die Freude des von seinem +Wahn betörten Herrschers am Vorabend seiner Schmach und +seiner Vernichtung. +</p> + +<!-- page 013 --> + +<h2 class="chapter" id="chapter-1.2"> +Die Geburt Christi</h2> + +<h3 class="no">1.</h3> + +<p class="first"><span class="firstchar">I</span>n der Nacht, da Christus geboren werden sollte, befand +sich die Gottesmutter mit dem heiligen Joseph auf dem +Wege nach der Stadt Bethlehem. +</p> + +<p>Und unterwegs geschah etwas Seltsames mit der heiligen +Jungfrau: sie lachte und weinte zu gleicher Zeit. Joseph hielt +sein Rößlein an. Der Alte dachte: „Ist der Maria nicht wohl, +oder hat sie Angst vor den Wölfen bekommen?“ Denn +Wölfe gibt es viel in der Gegend. +</p> + +<p>Die Gottesmutter aber sprach zu ihm: +</p> + +<p>„Ich sehe zwei Männer, Großväterchen: der eine lacht, und +mit dem freue ich mich, denn ihm steht ein großes Glück bevor. +Der andre aber weint, und mit dem traure ich, denn ihn +erwartet ein großer Schmerz.“ +</p> + +<p>Der Alte verstand die Worte der Gottesmutter nicht, aber +er merkte sie sich wohl. Sie verhießen der Erde zugleich eine +große Freude und ein bitteres Weh. +</p> + +<p>Die Gottesmutter war auf dem Wege nach Bethlehem. Sie +mußten beide zur Schätzung. Es sollten alle Bewohner des +Landes geschätzt werden, und in welcher Stadt einer angeschrieben +war, in die mußte er sich begeben. +</p> + +<p>Es war Winterszeit. Und ein sehr schneereicher Winter. +Bergehoch lag der Schnee überall. Mit großer Anstrengung +kam das Pferdchen vorwärts. Joseph hätte sich die beschwerliche +weite Reise gern geschenkt, doch er wagte es nicht, ungehorsam +zu sein. Es war ein strenger Befehl vom König +ausgegangen, daß ein jeder sich nach seiner Stadt zu begeben +habe. +</p> + +<p>Joseph war ein ganz alter Mann. In jungen Jahren war er +ein Zimmermann gewesen, aber jetzt gehorchte ihm das Beil +längst nicht mehr. Der Alte hatte geglaubt, sie würden vor +<!-- page 014 --> +Abend in der Stadt sein, doch sie waren vom Wege abgekommen. +Und so überraschte die Nacht sie im freien +Felde. +</p> + +<p>Es war eine helle, sternklare Nacht und bitter kalt. +</p> + +<p>Die Gottesmutter stieg nicht vom Schlitten herab, — es +fror sie zu sehr. Der Alte ging neben dem Pferde und trieb +es ab und zu an. +</p> + +<p>So kamen sie langsam vorwärts. +</p> + +<p>Und die Gottesmutter fühlte, daß ihre Stunde gekommen +war. +</p> + +<p>Was war zu tun? Wie sollte sie hier nachts auf freiem Felde +bleiben? +</p> + +<p>Da, Gott sei Dank, zeigte sich abseits vom Wege, am Waldrand, +eine Erdhütte. +</p> + +<p>Der Alte band das Pferd an. Sie traten in die Hütte ein. +In der Hütte aber standen ein Pferd und ein Öchslein. Sonst +war keine lebende Seele zu sehn. Ganz in der Ferne hüteten +Hirten ihre Schafe. +</p> + +<p>Aber die Zeit drängt und Hilfe tut not. +</p> + +<p>Die heilige Jungfrau bittet den Joseph, eine Wehmutter zu +holen. Wo aber wäre hier draußen im Felde eine Wehmutter +zu finden? +</p> + +<p>Der Alte ging traurig die Landstraße weiter und wußte +doch gar nicht, wo er eine Wehmutter suchen sollte. +</p> + +<p>Und als Christus geboren ward, da ward es hell in der Erdhütte. +</p> + +<p>So hell, als wenn die Sonne aufgegangen wäre. +</p> + +<p>Die Gottesmutter nahm den Sohn auf ihren Arm, hob ihn +empor und legte ihn auf das Stroh in der Krippe, wie in +eine Wiege. +</p> + +<p>Das Pferd und das Öchslein sahen das Kind und kamen +näher heran. Sie erkannten den Heiland und bliesen ihn an, +um ihn mit ihres Atems Hauch zu wärmen. Und der Knabe +streckte spielend die Ärmchen nach ihnen aus und streichelte sie. +</p> +<!-- page 015 --> + +<p>Die Tiere aber fuhren fort, ihn mit ihrem Atem zu wärmen. +</p> + +<p>Und er segnete sie, — segnete das mühevolle Dasein des +Rosses und des Ochsen. +</p> + +<p>Joseph geht über das Feld, er wankt und stolpert, seine +Augen sehen nichts mehr, seine Füße versagen ihm den +Dienst, — er ist eben schon sehr alt. Er fängt an zu rufen. +Aber wer wird ihm nachts im Feld Antwort geben? +</p> + +<p>Nur die Sterne flimmern, — und so hell, als sängen sie +über der Erde. +</p> + +<p>Und da sieht Joseph eine alte Frau ihm entgegenlaufen. In +atemloser Hast klettert sie über die gewaltigen Schneehaufen. +Joseph ruft sie an. Da bleibt sie stehn und verschnauft. +</p> + +<p>Sie war aus der Stadt Bethlehem und hieß Solomonida. +Sie hatte ihren kleinen Enkel, den Peter, den unartigen Bub, +eben zu Bett gelegt und wollte sich nun selbst zur Ruhe begeben +— man wird müde, wenn man den ganzen Tag gearbeitet +hat — da war’s ihr, als riefe sie jemand. +</p> + +<p>„Geh ins Feld hinaus, Solomonida, man braucht deinen Beistand,“ +hörte sie eine Stimme. „Und da kam so eine Angst +über mich, daß ich aufsprang und hinauslief, so schnell ich +konnte.“ +</p> + +<p>Da freute sich Joseph und führte die Alte nach der Erdhütte. +</p> + +<p>Die beiden Alten liefen in größter Hast. In der Hütte aber +war es hell, als wäre drinnen die Sonne aufgegangen. +</p> + +<p>Und die Alten sahen das Kind und erkannten den Heiland +und wagten nicht näher heranzutreten. Das Kind aber winkte +ihnen aus der Krippe mit der Hand und segnete sie. +</p> + +<p>Es segnete die alte Wehmutter Solomonida und den +alten Zimmermann Joseph, der die heilige Jungfrau bei sich +aufgenommen hatte, segnete ihr schweres, arbeitsvolles +Leben. +</p> + +<p>Draußen hüteten Hirten ihre Schafe vor den Wölfen. Denn +Wölfe gibt es viel in der Gegend. Den Hirten ward es bange +<!-- page 016 --> +in der Nacht, und um ihre Angst zu vertreiben, erzählten sie +sich schauerliche Geschichten. +</p> + +<p>Da standen die Schafe auf und gingen zum Eisloch trinken. +Aber sie tranken nicht, sondern blieben dicht gedrängt rund +um das Loch stehen und hoben die Köpfe in die Höhe. Und +so standen sie unbeweglich da. +</p> + +<p>Dergleichen war den Hirten noch nie vorgekommen. Was +bedeutete das? Waren sie starr vor Schreck, weil Wölfe in +der Nähe lungerten? +</p> + +<p>Die Hirten traten näher heran. Und wie sie zum Himmel +emporschauten, da zeigte sich ihnen ein Engel und sprach: +</p> + +<p>„Was steht ihr da, ihr Hirten? Christus, der Heiland, ist +geboren! Geht schnell nach der Erdhütte. In der Hütte, in +der Krippe liegt der Heiland.“ +</p> + +<p>Und es zeigten sich unzählige Engel. So viele Engel, wie +Sterne am Himmel sind. +</p> + +<p>„Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden und den +Menschen ein Wohlgefallen!“ sangen die Engel um jenen geschart, +der den Hirten die Geburt des Heilands verkündigt +hatte. +</p> + +<p>Und der ganze Himmel war in kreisender, wirbelnder Bewegung. +</p> + +<p>Die Schafe aber standen am Eisloch, die Köpfe emporgereckt +und starrten in die Höhe. +</p> + +<p>Da nahmen die Hirten jeder ein Lämmlein und liefen nach +der Erdhütte. Und die Hunde liefen ihnen nach. +</p> + +<p>In der Hütte aber war es hell, als wäre drin die Sonne aufgegangen. +</p> + +<p>Da sahen die Hirten das Kind, Christus, den Heiland, wie +der Engel es ihnen verkündet hatte. Und sie legten ihre +Lämmer vor ihm nieder und neigten sich bis zur Erde. +Das Kind sah sie an und berührte auch die Lämmer. Es +segnete die Hirten, segnete ihr schweres, arbeitsreiches +Leben. +</p> +<!-- page 017 --> + +<p>Und die Hirten gingen zurück zu ihrer Herde. Und ihre +Hunde liefen hinter ihnen her. +</p> + +<p>Und die Hirten sangen, wie sie es von den Engeln gehört +hatten: +„Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden und den +Menschen ein Wohlgefallen!“ +</p> + +<p>Da kamen ihnen Wölfe entgegen. Aber die Wölfe hatten +die Schafe nicht angerührt, — ein Engel hütete ihre Schafe! +Die Wölfe gingen nach der Erdhütte und wichen den Hirten +aus! +</p> + +<p>Auch die wilden Tiere hatten erkannt, daß der Heiland der +Welt geboren war. +</p> + +<p>Weit drüben aber, hinter Feuer und Rauch, hinter Wäldern +und breiten Strömen, hinter dem faulen Sumpf am Eismeer, +am Ozean, wo der Wind die blauen Eiszacken bis zum Himmel +emportreibt, in dem kalten, düstern Land der Zauberer +dröhnte und klirrte mitten in der Nacht das Tamburin. Und +drei weise lappländische Zauberer und Könige sahen am Himmel +den Stern Christi. Sie erkannten ihn wohl, denn ihr Lebenlang +hatten die Weisen seiner geharrt und den Tag seines +Erscheinens auszurechnen versucht. Und sie nahmen ihre +Geschenke und gingen ohne Knechte und ohne Renntiere +dem Sterne mit dem Schweif nach. +</p> + +<p>Und der Stern Christi führte die Zauberer in die Stadt +Jerusalem. +</p> + +<h3 class="no">2.</h3> + +<p class="noindent">Viel Volks war zur Schätzung nach Bethlehem gekommen, +doch viel mehr noch nach Jerusalem. Das Stadttor blieb die +ganze Nacht offen. Und in den Straßen war ein Lärm, wie +zur Messe. +</p> + +<p>Am frühen Morgen nach der Geburt des Heilandes zeigten +sich zwei Wanderer auf der Straße von Bethlehem nach Jerusalem. +Es waren keine gewöhnlichen Wanderer: es waren +ein Rößlein und ein Öchslein. +</p> +<!-- page 018 --> + +<p>Sie gingen ohne Treiber, geradewegs nach Jerusalem. Und +als sie in die Stadt gekommen waren, liefen sie unbeirrt durch +Lärm und Gedränge die Gassen entlang. Sie atmeten, wie +sie in der Nacht geatmet hatten, als sie mit ihrem Hauch das +Christkind in der kalten Erdhütte wärmten. +</p> + +<p>Ein Lümmel warf einen Stein nach ihnen, doch der Stein +glitt an ihnen ab wie eine Feder: sie spürten seine Berührung +nicht und zuckten nicht einmal zusammen. +</p> + +<p>Das Rößlein und das Öchslein gingen schnaufend die Gassen +entlang. Ihre Augen waren wie Menschenaugen, hell und klar. +Und wenn sie hätten reden können, so hätten sie gesagt — +sie brachten ja die Kunde von der Geburt des Heilandes — +so hätten sie gesagt, daß in dieser Nacht der Herr Christus +geboren sei, der Erlöser, daß sie ihn gesehen hätten und daß +er sie gesegnet hätte. +</p> + +<p>Kinder, Pilger und Narren neigten sich vor dem Roß und +dem Ochsen, wo sie ihnen begegneten. +</p> + +<p>Nachdem sie die ganze Stadt durchschritten hatten, verschwanden +die beiden jenseits der Stadtgrenze. +</p> + +<p>Und sie gingen weiter die Landstraße entlang, wie sie auch +heute noch gehen und immer weiter gehen werden, bis das +Ende aller Tage gekommen ist. Und in der letzten Stunde +werden sie reden . . . sie werden reden, die Stummen, das +gesegnete Rößlein und der Ochse. +</p> + +<p>Am Abend desselben Tages erschienen in Jerusalem die +Hirten von Bethlehem, vier Hirten. +</p> + +<p>Sie gingen durch die von Menschen erfüllten Gassen, aber +es war, als sähen und hörten sie nichts von dem, was rundum +geschah. Sie machten auf den Plätzen halt und stimmten einen +seltsamen, unverständlichen Gesang an. +</p> + +<p>Sie sangen das Lied der Engel: +</p> + +<p>„Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden und den +Menschen ein Wohlgefallen!“ +</p> + +<p>Und Kinder und Pilger und Narren drängten sich, wie +<!-- page 019 --> +Schafe, an sie heran und starrten zum Himmel empor und +fielen plötzlich mit wildem Geschrei und Gelächter mit ein: +</p> + +<p>„Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden und den +Menschen ein Wohlgefallen!“ +</p> + +<p>Und der ganze lärmende Marktplatz geriet gleich dem stillen +Sternenhimmel in wirbelnde Bewegung. +</p> + +<p>Nachts verschwanden die Hirten jenseits der Stadtgrenze. +</p> + +<p>Sie gingen weiter, dem Rößlein und dem Öchslein nach, +wie sie auch heute noch gehen und das Lied der Engel singen, +und wie sie gehen und singen werden, bis das Ende aller +Tage gekommen ist. Und in der letzten Stunde wird man +ihnen lauschen, den gesegneten Hirten von Bethlehem. +</p> + +<p>Rößlein und Öchslein waren verschwunden, die Hirten wurden +nicht mehr gesehn, und die Nacht war vorüber. +</p> + +<p>Mit dem Morgengrauen des folgenden Tages aber zeigte +sich in Jerusalem eine alte Frau. Sie ging durch die Gassen, +und keiner konnte verstehen, wovon sie sprach und was ihre +Gebärden bedeuteten. Sie tat, als wiege sie ein Kind und als +spräche sie ihm freundlich zu und scherze mit ihm — und +dann fiel sie plötzlich auf die Knie und fing an zu weinen, +doch nicht vor Schmerz, sondern vor Freude. +</p> + +<p>Das war die alte Solomonida, die erzählte von der Geburt +des Heilandes und zeigte, wie sie das Kind auf ihre zitternden, +abgearbeiteten Arme genommen, wie sie es geherzt und +geschaukelt hatte, — sie, die schon so vielen Kindern zur +Welt geholfen hatte. +</p> + +<p>Kinder, Pilger und Narren liefen der Alten nach, und wenn +sie weinend auf die Knie fiel, wiederholten sie weinend ihre +unverständlichen Worte. +</p> + +<p>Und die dunkle Straße geriet gleich den Sternen am stillen +Himmel in wirbelnde, kreisende Bewegung. +</p> + +<p>Als sie alle Gassen durchschritten hatte, verschwand Solomonida +jenseits der Stadtgrenze. +</p> + +<p>Und sie ging weiter die Landstraße entlang, wie sie heut +<!-- page 020 --> +noch geht und von dem Christkind erzählt und vor Freude +weint, und wie sie gehen wird und weinen, bis das Ende +aller Tage gekommen ist. Und in der letzten Stunde wird +man sie verstehen, die gesegnete Greisin Solomonida. +</p> + +<p>Und eine bange Spannung legte sich über die königliche +Stadt, das große Jerusalem. +</p> + +<p>Drüben aber vom Eismeere her, vom Ozean, wo der Wind +die blauen Eiszacken bis zum Himmel emportreibt, durch +Sümpfe und Ströme, durch Wälder, durch Feuer und Rauch +schritten die drei lappländischen Zauberer und Könige dem +Sterne Christi nach. +</p> + +<p>Ihre königlichen Gewänder waren beschmutzt und zerschlissen, +die Fetzen hingen ihnen, wie Bettlern, von den +Schultern herab, und nur die Königskronen strahlten wie +Sterne. +</p> + +<p>Am dritten Tage brachte der Stern die Könige nach Jerusalem. +Der Stern erhob sich über die Königsstadt und verschwand. +</p> + +<p>Und als die drei Zauberer in den Gassen Jerusalems erschienen +und zu fragen begannen, wo Christus, der König geboren +sei, dessen Stern sie gesehen hätten, da geriet die +Königsstadt in große Aufregung. +</p> + +<p>„Wo ist Christus, der Heiland der Welt, geboren?“ fragten +die Zauberer die Leute auf der Gasse. „Wo ist der König +geboren?“ +</p> + +<p>„Wir haben keinen König außer Herodes,“ antwortete man +ihnen, „und wir kennen keinen andern König außer Herodes +und seinem Sohn Archelaos.“ +</p> + +<p>Aber nicht nach Archelaos, dem Sohne des Herodes, nicht +nach dem König Herodes fragten die weisen Könige, sondern +nach Christus, dem Könige, der alle Könige besiegen und +alle Reiche der Erde erobern würde, nach Christus, dem +Könige, dem Weltheiland, fragten die weisen Könige und +Zauberer. +</p> +<!-- page 021 --> + +<p>Dicht hinter ihnen, wie sie selbst dem Sterne nachgegangen +waren, gingen Kinder, Pilger und Narren. Und wenn die +Könige nach Christus, dem Weltheiland, fragten, dann erstarrten +jene in banger Erwartung. +</p> + +<p>Aber es ward ihnen keine Antwort. +</p> + +<p>Von Gasse zu Gasse, von Haus zu Haus, von Mund zu +Mund ging die Kunde von den lappländischen Königen und +Zauberern und von dem Stern, der sie geführt hatte, und +von der Geburt des Königs Christus, — des Königs, der +alle Könige überwinden würde. Und am Abend drang die +Nachricht auch über die hohen, unübersteigbaren Mauern des +Königspalastes. +</p> + +<p>Und das Gemüt des Königs Herodes ward verwirrt. +</p> + +<p>Herodes ließ die fremden Könige zu sich rufen. +</p> + +<p>Man brachte die fremden Könige vor Herodes. +</p> + +<p>Herodes kam ihnen entgegen. +</p> + +<p>Als sie den Herodes erblickten, fragten die Zauberer den +König, wie sie an dem Tage alle Leute gefragt hatten, nach +dem neugeborenen König. +</p> + +<p>„Wo ist der König geboren?“ +</p> + +<p>„Ich bin der König!“ antwortete Herodes den Zauberern. +Er war klein und mager, mit einem kleinen Kopf auf einem +kurzen, unverhältnismäßig dicken Halse, er kniff die Augen +ängstlich zusammen und sprach mit unerwartet lauter und +tiefer Stimme. +</p> + +<p>Und dieses Unerwartete betrog und verblüffte die Leute. +</p> + +<p>Aber die lappländischen Könige ließen sich nicht verblüffen. +Die lappländischen Könige waren Herr über die Winde, +konnten den Sturm entfesseln, konnten die Inseln im Meere +von ihrem Platz rücken, konnten alles Lebende in Stein verwandeln, +drangen in alles Verborgene, wußten durch ihre +geheimen Künste, was auf Erden und im Meere geschah, +selbst in fernen Ländern bei fremden Völkern. +</p> + +<p>Die lappländischen Könige kannten keine Furcht. +</p> +<!-- page 022 --> + +<p>Die Weisen hatten ihr ganzes Leben auf den Stern Christi +gewartet, und nun hatte der Stern Christi sich ihnen gezeigt. +</p> + +<p>Die lappländischen Könige kannten keine Furcht. +</p> + +<p>Ohne sich an die Wege und Straßen zu halten, waren sie +dem Stern mit dem Schweif gefolgt: Tag und Nacht sahen +sie nichts als den Stern und fühlten keine Ermattung und +keinen Hunger. In drei Tagen legten sie eine Strecke zurück, +zu der man sonst ein Jahr braucht. +</p> + +<p>„Wo ist Christus, der König, geboren?“ fragten die Zauberer +den Herodes abermals. +</p> + +<p>Herodes hielt eine Schale in der Hand. Er erhob die Schale +nach königlichem Brauch zu Ehren der ruhmreichen lappländischen +Könige. +</p> + +<p>Und über dem königlichen Palast stieg der Stern auf und +blieb im Fenster gegenüber den Zauberern stehen und ließ +ihre Kronen wie tausend Sterne flimmern und blitzen. +</p> + +<p>Und die Sterne sahen aus den Augen der Zauberer. +</p> + +<p>„Wo ist Christus, der König, geboren?“ fragten die Zauberer +zum drittenmal. „Er wird alle Könige besiegen und alle +Länder, alle Reiche erobern.“ +</p> + +<p>Und die Schale entfiel den Händen des Herodes. +</p> + +<p>„Geht, ihr Könige,“ sagte Herodes und zitterte am ganzen +Leibe, „geht und erkundigt euch nach dem Christkind und +kommt nach Jerusalem zurück. Ich will als erster hingehen +und ihm huldigen.“ +</p> + +<p>Die Zauberer versprachen nach Jerusalem zurückzukommen +und dem Könige vom Christkind zu berichten, und verließen +den Palast. +</p> + +<p>Und die Zauberer sahen den Stern Christi und freuten sich +seiner. +</p> + +<p>Und der Stern führte sie aus der Königsstadt Jerusalem +nach der Stadt Christi Bethlehem. +</p> +<!-- page 023 --> + +<h3 class="no">3.</h3> + +<p class="noindent">Der Stern Christi ging den Zauberern voraus, und eilig +folgten sie ihm nach. +</p> + +<p>Die Menge, die ihnen nachgelaufen war, blieb bald weit zurück. +Auch die Kundschafter des Königs konnten nicht mit +ihnen Schritt halten. +</p> + +<p>Wenn der Stern sich im Kreise bewegte, folgten die Zauberer +ihm. Wenn er von der Landstraße in den Wald einbog, +folgten sie ihm. +</p> + +<p>Und so gingen die drei Könige bald die Straße entlang, +bald über das Feld, bald durch den Wald. +</p> + +<p>Es wurde Nacht, und der Frost ward stärker. +</p> + +<p>Sternklare Nächte sind immer kalt. +</p> + +<p>Der Schnee knirschte unter den Füßen der Wanderer. +Nun hatte der Stern den Fluß überschritten und blieb am +Waldrande stehn und senkte sich langsam über der Erdhütte +nieder. +</p> + +<p>Und es war hell in der Erdhütte, als wäre die Sonne drin +aufgegangen. +</p> + +<p>Und die Zauberer sahen das Kind und reichten ihm ihre +Gaben: Gold und einen knöchernen Stab und eine Kutja.<a href="#footnote-1" id="fnote-1"><sup>*</sup></a> +Und sie neigten sich vor dem Kinde. +</p> + +<p>Das Christkind schaute die Gaben lange an — das Gold, +den Stab und die Kutja. Dann segnete es die Zauberer, — +segnete das schwere, arbeitsreiche Leben der Könige, die dem +Sterne Christi entgegengesehen hatten. +</p> + +<p>Und die enge Erdhütte war voller Sterne. +</p> + +<p>Und die Engel sangen: +</p> + +<p>„Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden und den +Menschen ein Wohlgefallen.“ +</p> + +<p>Und der Glanz der Sterne blendete die Zauberer. +</p> + +<p>Da trat aus dem Reigen der Engel ein strenger Engel und +<!-- page 024 --> +löste die Zauberer von dem Schwur, den sie dem Herodes +geleistet hatten, und befahl ihnen, nicht mehr nach Jerusalem +zurückzugehen. +</p> + +<p class="footnote" id="footnote-1"><a href="#fnote-1">* Speise aus Reis und Honig, die in Rußland am Weihnachtsabend +gegessen wird. +</a></p> + +<p>„Geht nicht zum Herodes, ihr Zauberer,“ sprach der strenge +Engel, „geht einen andern Weg: der König hat Böses im +Sinn, der König will das Kind töten.“ +</p> + +<p>Und der strenge Engel verschwand im Reigen der Engel. +</p> + +<p>Und die Zauberer erwachten wie aus einem Traume. +</p> + +<p>Die heilige Jungfrau hielt ihr Kindlein auf dem Arme und +machte sich zur Reise bereit. Joseph war am Schlitten beschäftigt +und sprach mit dem Pferde. Als er die Muttergottes +mit dem Kinde in den Schlitten gesetzt hatte, winkte der +Alte mit seinem Fausthandschuh. +</p> + +<p>Und das Pferdchen lief die Straße ins Zigeunerland hinab, +die der Engel dem Joseph gewiesen hatte, die Straße nach +Ägypten. +</p> + +<p>Der Stern schwebte ganz niedrig vor ihnen her und beleuchtete +dem Christkinde den weiten Weg nach Ägyptenland. +</p> + +<p>Die Engel sangen: +</p> + +<p>„Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden und den +Menschen ein Wohlgefallen!“ +</p> + +<p>Und der ganze Himmel war in wirbelnder Bewegung. +</p> + +<p>Die Zauberer aber zogen mit Sturmeseile durch Feuer und +Rauch, durch Wälder und Sümpfe und Ströme, an der Königsstadt +vorbei, vorbei an dem König Herodes, zu dem Eismeer, +dem Ozean, in ihr Lappland, in das kalte, finstre Land der +Zauberer. +</p> + +<p>Und dort, in ihrem öden Zauberland, malten sie den Stern +Christi auf ihr geheimnisvolles, zauberhaftes Tamburin, und +dann stiegen sie mit den blauen Eiszacken empor und schwammen +über das Eismeer, über den Ozean, leise und still von +der Erde zum ewigen Leben, zur ewigen Ruhe hinüber. — — — +</p> + +<p>Wilde Aufregung herrschte in Jerusalem, in der großen +Königsstadt. +<!-- page 025 --> +Nachdem er die Zauberer entlassen hatte, stellte Herodes +sich ans Fenster und schaute auf die Straße hinaus, blickte +dem Leuchten der goldenen Kronen der lappländischen Könige +nach. Wie Sterne strahlten sie in der Abenddämmerung +auf der Straße nach Bethlehem. +</p> + +<p>Und der König zitterte am ganzen Leibe. +</p> + +<p>„Die Zauberer werden das Christkind finden, sie werden +nach Jerusalem zurückkehren, werden von dem Kinde erzählen, +und ich, der König, werde als erster hingehn, dem +Kinde zu huldigen!“ Und ohne den Hals zu wenden, am +ganzen Leibe zitternd, fing Herodes plötzlich an, mit unerwartet +tiefer Stimme laut zu lachen . . . „Ich werde als erster +dem Kinde huldigen! . . . Noch ehe der Tag graut, wird er +nicht mehr am Leben sein, der König Christus, der alle Könige +überwinden soll, alle Länder, alle Reiche erobern!“ +</p> + +<p>„Ich bin der König!“ wiederholte Herodes zitternd und +lachend. +</p> + +<p>Den ganzen Abend blickte der König den Zauberern nach, +in die Fensternische gedrückt, und zitterte und lachte. +</p> + +<p>Die Nacht brach an. +</p> + +<p>Die Zauberer kamen nicht zurück. +</p> + +<p>Die Kundschafter des Königs meldeten, daß die Zauberer +aus Bethlehem verschwunden wären. +</p> + +<p>Nein, sie waren nicht verschwunden. Sie hatten den König +betrogen. Die Zauberer trieben ihren Spott mit König +Herodes. +</p> + +<p>Der König hatte niemand und nichts mehr zu erwarten. +</p> + +<p>„Christus lebt! Er wird alle Könige überwinden, wird den +König Herodes besiegen, wird alle Reiche erobern, wird dem +König Herodes sein Reich nehmen!“ +</p> + +<p>Der König geriet in Wut. Er stampfte mit den Füßen und +schrie und weinte wie ein Kind, vor Zorn, Hilflosigkeit und +Angst. +</p> + +<p>Und der König Herodes befahl seinem Heer, nach Bethlehem +<!-- page 026 --> +zu gehen und dort alle Kinder zu töten, alle Knaben +unter zwei Jahren. +</p> + +<p>Trommelwirbel, Trompetengeschmetter mitten in der Nacht +in der Königsstadt Jerusalem. +</p> + +<p>Auf den Plätzen drängt sich das Volk. Entsetzt rennen die +Leute hin und her, wie bei einem Brande. +</p> + +<p>Mit klingendem Spiel zogen die Soldaten aus nach Bethlehem, +den Blutbefehl des Königs zu erfüllen. +</p> + +<p>Die Nacht war sternklar und grimmig kalt. +</p> + +<p>Der Schnee knirschte unter den Schritten der Marschierenden. +</p> + +<p>Um Mitternacht hatten die Soldaten Bethlehem erreicht +und zogen mit klingendem Spiel in die Stadt ein. +</p> + +<p>Und das blutige Werk nahm seinen Anfang. +</p> + +<p>Die Kinder ahnten nichts. Sie wußten nichts von Königen, +— weder von Herodes, noch von seinem Sohn Archelaos. +Sie kannten keinerlei Eide, keinerlei Gebote. Sie konnten +kaum sprechen. Sie redeten ihre eigene Sprache und sahen +die Welt auf ihre Weise, mit ihren Augen. Sie lächelten, wie +nur Kinder lächeln. Sie weinten, lachten, spielten. +</p> + +<p>Und es war auf Erden keine Nacht so grauenvoll, und ist +keine grauenvoller und wird nie eine grauenvoller sein, als +jene Nacht in Bethlehem nach der Geburt des Heilandes. +</p> + +<p>Die Soldaten stürmten in die Häuser und rissen die Kinder +von der Brust der Mutter und erwürgten sie, andere warfen +sie aus ihren Wiegen und zerstampften die Schlaftrunkenen +mit ihren Stiefeln. +</p> + +<p>Die Kinder erwachten von dem Lärm: sie begriffen nichts +und boten selber ihre Hälse den Säbeln der Soldaten. +</p> + +<p>Und sie wurden gleich ohne weiteres abgeschlachtet. +</p> + +<p>Man schleppte die Kinder wie junge Katzen auf die Straße +hinaus und ließ sie von Pferden zertreten, man hängte sie +auf, man erstach sie mit Lanzen, man riß sie in Stücke, man +ersäufte sie im Eisloch, man begoß sie mit siedendem Wasser, +wie Ratten, man warf sie ins Feuer. +</p> +<!-- page 027 --> + +<p>Die mächtigen Schneehaufen schmolzen von dem heißen +Kinderblut und bedeckten die Erde mit einer Eiskruste. +</p> + +<p>Die Sterne flammten noch einmal blutigrot auf und erloschen. +</p> + +<p>Und die Soldaten kümmerten sich nicht mehr darum, wie +alt die Kinder waren und ob es Knaben oder Mädchen +waren. +</p> + +<p>Anläßlich der Schätzung hatte jemand unter den Kindern +im Armenviertel von Bethlehem das Gerücht ausgesprengt, +man werde nachts kommen und die Kinder aufschreiben, die +zur Sonnenwendfeier geladen und beschenkt werden sollten. +</p> + +<p>Die größeren Kinder schliefen in dieser Nacht nicht: sie +warteten. Und als die Soldaten kamen, da stürzten die Kinder +ihnen entgegen, denn sie dachten, nun käme man, sie +anzuschreiben zur Bescherung. +</p> + +<p>Peter, der Enkel der alten Solomonida, hatte die ganze +Nacht gewartet und war endlich auf dem verlassenen Bett +der Großmutter eingeschlafen. Und im Schlaf hörte er draußen +Lärm, wachte auf, dachte: „Jetzt kommen sie!“ — und +lief auf die Straße hinaus. +</p> + +<p>Peter rief den Soldaten zu: +</p> + +<p>„Vergeßt mich nicht!“ Tränen erstickten seine Stimme: er +war noch nie bei einer Bescherung gewesen. +</p> + +<p>Ein Soldat packte ihn: +</p> + +<p>„Nein, nein, wir vergessen dich nicht!“ Und er schnitt ihm +mit dem Messer den Hals durch, wie einem jungen Huhn. +</p> + +<p>Trommelwirbel, Trompetenschmettern, Musik konnten das +Wehgeschrei der Mütter und das Ächzen und Weinen der +Kinder nicht übertönen. +</p> + +<p>Ein steinernes Herz muß beim Weinen eines Kindes erbeben! +</p> + +<p>Bis zum Morgengrauen währte das Gemetzel in Bethlehem +und den Vorstädten. Vierzehntausend Kinder wurden in +Bethlehem geschlachtet. +</p> +<!-- page 028 --> + +<p>Nachdem sie des Königs Befehl erfüllt hatten, müde von +der blutigen Nacht, verließen die Soldaten die Stadt und +gingen nach Jerusalem zurück. Das Blut troff von ihren Händen +und ihren Waffen auf die Straße, die das Pferd und der +Ochse, die Hirten und die alte Solomonida gegangen waren. +</p> + +<p>Die Musik dröhnte und trieb die blutbefleckten Füße zu +schnellerm Schritt an. +</p> + +<p>Und das Geschrei und Geheul und die Flüche der wahnsinnigen +Mütter eilten den Abziehenden nach. +</p> + +<p>Und weit über das Weichbild Bethlehems hinaus hörte man +Weinen und Flüche auf allen Straßen. +</p> + +<p>Ein steinernes Herz muß erbeben beim Wehklagen einer +verzweifelten Mutter! +</p> + +<p>Das Pferdchen schnaubte. Joseph stieg vom Schlitten herunter +und horchte. Die Erde selbst schien dem Alten zu +schreien. +</p> + +<p>Und Joseph gedachte der Worte der Gottesmutter und +verstand sie, die der Erde eine große Freude und einen bittern +Schmerz verheißen hatten. +</p> + +<p>„Ich sehe zwei Männer, Großväterchen: der eine Mann +lacht, und ich freue mich mit ihm, — ihm wird ein großes +Glück zuteil werden. Der andre aber weint, und ich traure +mit ihm, denn ihm wird großes Leid widerfahren.“ +</p> + +<p>König Herodes aber, der die ganze lange Nacht schlaflos +in Unruhe verbracht hatte, ging, als der weiße Tag gekommen +war, in seinem öden Palast umher und kniff die ängstlichen +Augen zusammen und lachte plötzlich laut auf, vor +Freude, daß er das Christkind aus der Welt geschafft hatte . . . +</p> +<!-- page 029 --> + +<h2 class="chapter" id="chapter-1.3"> +Die Leiden der heiligen Jungfrau</h2> + +<h3 class="no">1.</h3> + +<p class="first"><span class="firstchar">A</span>ls sie den Purpur von seinen Schultern gerissen und ihn +in seinem ärmlichen Gewand auf die Gasse geführt hatten, +als er unter dem Geschrei und Pfeifen der erregten Menge +nach der Schädelstätte getrieben ward, — da wußte alle +Kreatur davon: es wußte es der Wald, wo der Dornstrauch +stand; es wußte es das Meer, wo der Schwamm wuchs; es +wußten es die Tiere und der Weingarten, die Berge und das +Feuer, das die Nägel und den Speer geschmiedet hatte. Nur +die heilige Jungfrau wußte es nicht. +</p> + +<p>Das ganze jüdische Volk verlangte nach seinem Blut: +</p> + +<p>„Sein Blut komme über uns und unsere Kinder!“ +</p> + +<p>Das reine Blut des Heilands tropfte in den Straßenstaub, +während er in der Dornenkrone unter der Last des schweren +Kreuzes vorwärtsschritt; — schon stand die Sonne feuerrot +über Jerusalem und verkündete einen heißen blutigen Tag +— — wie viel hatte sich ereignet! — — und die heilige +Jungfrau wußte nichts. +</p> + +<p>Die heilige Jungfrau schlief. +</p> + +<p>Die ganze Nacht hatte sie kein Auge zugetan, und erst gegen +Morgen war sie am Fenster sitzend eingeschlafen. +</p> + +<h3 class="no">2.</h3> + +<p class="noindent">In der Hölle ging es hoch her. Ihre Bewohner gebärdeten +sich wie toll. +</p> + +<p>Wie ein Blitz hatte die Kunde eingeschlagen, daß das Licht +und die Sonne, die Krone und der Ruhm der Welt, der eingeborene +Sohn Gottes, der Menschensohn gefangen genommen +sei und nach Golgatha geführt werde. +</p> + +<p>Und die rasende Hölle donnerte, wie eine dräuende unbarmherzige +Gewitterwolke; die Hölle brüllte, wie ein gereizter +<!-- page 030 --> +Löwe; die Hölle brummte, wie ein tollgewordener +Stier; die Hölle stöhnte, wie das weite Meer bei Unwetter; +die Hölle glühte, wie ein verwundetes Herz. +</p> + +<p>Mit dem Reiche Christi, das ewig sein sollte, war es zu Ende! +</p> + +<p>Und die finstern Teufel heulten und schwangen sich vor +Freude in wildem, rasendem Tanz. +</p> + +<p>Der Teufel, der nur ein Hühnerbein hatte, der böse Knecht +der Schlange, hüpfte auf dem einen Hühnerbein bis zu den höchsten +Türmen empor, die den Eingang in den finsteren Wohnort +der finstern, stolzen, unglücklichen Dämonen, in das Reich +der ewigen Qualen, schützten. Und die boshaften Ratgeber +der Schlange, die nur Knorpeln statt Knochen haben, kletterten +in tollem Spiel einer auf den andern und bliesen und +pfauchten, daß der giftige Dunst und Staub, der ihren Mäulern +entquoll, durch die Mauern der Hölle bis auf die Erde +drang. Und inmitten des wüsten Gewirbels leuchtete wie ein +Smaragd das grüne Auge Satans. +</p> + +<p>Die wächserne Brücke der Prüfungen zwischen Paradies und +Hölle und die Brücke der Toten, die über den brausenden +Pechstrom führt, brach zusammen. Und die unersättliche höllische +Flamme leckte an den Säulen des Himmels. +</p> + +<p>Mit dem Reiche Christi, das ewig sein sollte, war es zu Ende. +</p> + +<h3 class="no">3.</h3> + +<p class="noindent">Entsetzen packte die Engel und Erzengel, die Seraphim und +Cherubim. Alle himmlischen Heerscharen gerieten in Bewegung. +</p> + +<p>Hilflos schlossen die Engel ihre unsterblichen Augen. +</p> + +<p>Wer wird zur heiligen Jungfrau gehn, wer soll ihr die traurige +Kunde bringen, wer soll ihr den unerschütterlichen Willen +des allwaltenden Gottes mitteilen, der von Ewigkeit den +Tod seines Sohnes beschlossen hat? +</p> + +<p>Der Heilige Geist, der Tröster der Mühseligen und Beladenen, +konnte ihnen keinen Trost geben. +</p> +<!-- page 031 --> + +<p>Der Herr sprach: +</p> + +<p>„Du, Gabriel, warst der Bote der Freude. So sei denn +heute der Bote des Leids.“ +</p> + +<p>Und Gabriel antwortete: +</p> + +<p>„Wie soll ich, der ich die große Freude von der Fleischwerdung +des Wortes verkündigte, nun seine Kreuzesmarter +verkündigen?“ +</p> + +<p>Und der Herr sprach: +</p> + +<p>„Du, Michael, du Führer der himmlischen Heerscharen, der +du im Namen des Allmächtigen mit deinem Speer deinen +großem Bruder Lucifer trafst, du Sieger, gehe hin und bring +ihr die Kunde. Du wirst als Kriegsmann den Schmerz leichter +tragen.“ +</p> + +<p>Und Michael antwortete: +</p> + +<p>„Mein Arm hat den Stolzen geschlagen; ich bin stark im +Kampf gegen Gewalt und Macht, aber nicht gegen Demut +und Leid.“ +</p> + +<p>Da sprach der Herr: +</p> + +<p>„Du, Rafael, der du deine Hand hilfreich aller Kreatur entgegenstreckst, +du Fürsprecher vor dem Antlitz des Allgegenwärtigen, +— gehe hin und hilf dem ewigen Willen, daß die +Marter des Wortes kund werde der, die das Wort geboren hat.“ +</p> + +<p>Und Rafael antwortete: +</p> + +<p>„Ich bin das Werkzeug der Liebe Gottes, ich bin der Trost +der Leidenden, — soll ich der größten aller Frauen Schmerz +bereiten?“ +</p> + +<p>In Angst und Schmerz bebten und rauschten die weißen +Flügel. Tränen traten in die sonnenklaren Augen. +</p> + +<p>Hätte doch lieber der Herr seinen Engeln, den sanften, +zornigen oder gnädigen, befohlen, die Seele der heiligen, +ewigen Jungfrau aus der Gefangenschaft des Leibes zu befreien! +</p> + +<p>Der Heilige Geist, der Tröster der Mühseligen und Beladenen, +konnte ihnen keinen Trost geben. +</p> +<!-- page 032 --> + +<h3 class="no">4.</h3> + +<p class="noindent">Ein kleines Vöglein war hoch zu den Wolken empor geflogen. +Ein Hänfling war’s, der seinen Durst aus einem frischen +Waldquell gestillt hatte. Er vernahm, was die Engel redeten, +und flog eilig wieder zur Erde hinab, zum Hause, in dem die +Mutter des Heilands wohnte. +</p> + +<p>Er setzte sich aufs Fenster und zwitscherte traurig, den sonnenbeschienenen +Hals hin und her drehend. +</p> + +<p>Da schlug die heilige Jungfrau die Augen auf. +</p> + +<p>Sie erhob sich und fiel gleich wieder auf die Bank zurück. +</p> + +<p>Ein Augenpaar, weiß vor Verzweiflung, ohne Lider, blickte +sie aus dunkeln Höhlen an: Judas Ischarioth, einer der zwölf +Jünger Christi, der den Meister verraten hatte, stand vor dem +Fenster. +</p> + +<p>Traurig zwitscherte der Hänfling, das graue, einfältige Vöglein. +</p> + +<p>Und ein Schauer überlief die heilige Jungfrau, ihr Herz +ahnte, was geschehen sollte. Sie sprang auf und stürzte zur Tür. +</p> + +<p>„Maria,“ trat ihr an der Schwelle ein anderer Jünger entgegen, +der Liebling des Meisters, Johannes, „Maria, wo ist dein +Sohn, wo ist unser Herr und Meister?“ +</p> + +<p>Und die Straße entlang, am Hause vorbei, an den Fenstern +vorbei, ging der Zug, der den Heiland zur Schädelstätte geleitete. +</p> + +<p>Freiwillig ging er in den Kreuzestod . . . +</p> + +<p>Wer hilft einer Mutter, die ihren Sohn verloren hat? Wer +beschützt sie, wer hütet sie in der finstern Nacht? Zu wem +soll sie gehen? +</p> + +<p>Erschreckt durch das Lärmen, Pfeifen und Schreien, war das +Vöglein davon geflogen. Der bittre Schmerz preßte dem +Johannes die Lippen zusammen. Wer wird sie trösten? +</p> + +<p>Allein war die heilige Jungfrau geblieben, allein, wie das +Gras, das Rosseshufe zerstampft haben. +</p> + +<p>Halb von Sinnen warf sie sich auf den Boden. Und dann +<!-- page 033 --> +sprang sie wieder auf. Sie stöhnte. Ihr Haar löste sich, vor +den Augen flimmerte es, ein Schwindel packte sie. Sie lief auf +die Gasse hinaus. +</p> + +<p>Und als sie ihren Sohn sah, zerriß sie ihren Schleier. +</p> + +<p>Bittre Tränen brannten ihre Augen. Ihr Herz blutete, es +suchte einen Ausweg und fand keinen. Und sie schlug sich an +die Brust, zerkratzte ihre Wangen, raufte ihr Haar. +</p> + +<p>Barhäuptig, leise vor sich hin murmelnd, schwankenden +Schritts ging die heilige Jungfrau hinter ihrem Sohn her. +</p> + +<p>„Wehe mir vor allen Müttern! Wehe mir vor allen irdischen +Kreaturen I“ +</p> + +<p>Das schwere Kreuz drückte seine Schultern. Seine Knie knickten +unter den Schlägen zusammen. Mit jedem Schritt beugte +er sich tiefer und tiefer zur Erde nieder. +</p> + +<p>Und die Last ward ihm zu schwer, und er fiel hin. +</p> + +<p>Der kräftige Simon von Kyrene, der hinter dem Heiland in +der Menge ging, trat vor, nahm das Kreuz auf seine Schulter +und trug es. +</p> + +<p>Die Menge pfiff. Steine flogen. Ein Wind erhob sich, wirbelte +Staub auf, blies ihn den Leuten in die Augen, daß sie +kaum sehen konnten. +</p> + +<p>„Freue dich, König der Juden!“ spotteten sie des Gepeinigten +und trieben ihn mit Stößen vorwärts. +</p> + +<p>Und nicht Tränen — Blut rann seine Wangen hinab. Kein +heiles Fleckchen war mehr an seinem Leibe. +</p> + +<p>Wer hilft einer Mutter, die ihren Sohn verlor? Wer beschützt +sie, wer hütet sie in der finstern Nacht? +</p> + +<p>Man sagt zu ihr: „Geh nach Hause!“ +</p> + +<p>Wer aber zeigt ihr jetzt ihr Haus? Wer stillt, wer bändigt +ihren Schmerz, wer gibt Antwort auf die Seufzer ihres Herzens? +</p> + +<p>Barhäuptig, leise vor sich hin murmelnd, schwankenden +Schritts ging die heilige Jungfrau hinter ihrem Sohne her. +</p> + +<p>„Wehe mir vor allen Müttern! Wehe mir vor allen irdischen +Kreaturen!“ +</p> +<!-- page 034 --> + +<h3 class="no">5.</h3> + +<p class="noindent">Als sie ihn ans Kreuz geschlagen hatten, strömte das Blut +aus seinen Wunden. +</p> + +<p>Und der Boden unter dem Kreuz wurde rot. +</p> + +<p>Trostlos stand die heilige Jungfrau unter dem Kreuz und +neben ihr Johannes, des Meisters Lieblingsjünger. +</p> + +<p>Schwer litt der Heiland. Sie sah es und konnte ihm nicht helfen. +</p> + +<p>Er bat zu trinken. Sein Herz verging in bittrer Pein. +</p> + +<p>Und sie konnte ihn nicht tränken, denn sie wagte nicht von +dem Kreuze fortzugehn. Sie fürchtete, er könnte in ihrer Abwesenheit +sterben. +</p> + +<p>Und der Himmel verfinsterte sich. +</p> + +<p>Gewitterwolken türmten und ballten sich am Himmel. Eine +tiefschwarze Wolke hing über der Stadt. Und Funken sprühten +über der Stadt, als brenne oben in den Wolken ein mächtiger +Feuerherd. +</p> + +<p>Das Gesicht des Heilands am Kreuz verzerrte sich. Es war +ganz bleich. +</p> + +<p>Die Haare klebten an der Stirn. +</p> + +<p>Und seine Stimme ertönte vom Kreuze: +</p> + +<p>„Mein Gott, warum hast du mich verlassen!“ +</p> + +<p>Und das Blut rann über sein Antlitz und verschloß ihm den +Mund. +</p> + +<p>Und sein Haupt senkte sich auf die Brust. +</p> + +<p>Und am andern Ende der Stadt Jerusalem, im Garten der +Magdalena, hing an seinem Ledergürtel bis tief zur Erde herab +Judas, der den Herrn verraten hatte. Die verzweifelten weißen +Augen ohne Lider blickten aus ihren dunkeln Höhlen +auf die schwere Erde und sein Mund war voll Erde. +</p> + +<p>Das Herz der unglücklichen Mutter ward entzweigerissen. +Es schmolz, wie rote Kohlen, es glühte und brannte. +</p> + +<p>Schon schwebte ein Rabe über dem Kreuz. +</p> + +<p>Wie schmelzendes Pech glänzten die Rabenfedern, wie helle +Wachskerzen brannten die starren Rabenaugen. +<!-- page 035 --> +Dumpf und traurig sprach die heilige Jungfrau: +</p> + +<p>„War es denn eine Unglücksnacht, in der du geboren wardst, +du mein Herr und mein Sohn, Jesus?! Du Unsterblicher, der +die Toten auferweckte! Und nun sehe ich, daß der unerbittliche +Tod auch dich rauben will! Du konntest ihm nicht entgehn! +O mein geliebter Sohn, o mein Jesus, um wen mußt +du leiden, für wen nimmst du den Tod auf dich? An das +Holz sind deine Hände geschlagen, deine Zunge ist stumm!“ +</p> + +<p>Jesus hob sein heiliges Haupt und sprach zu seiner Mutter: +</p> + +<p>„Weine nicht um mich, Maria, meine Mutter, habe Geduld. +Die Seele verläßt den Leib, ich will meinen Geist dem Vater +befehlen. Ich gebe dir den Johannes an meiner Statt, sei du +ihm Mutter, er wird dein Sohn sein.“ +</p> + +<p>Bitter sprach die heilige Jungfrau: +</p> + +<p>„Kann ich den Schöpfer für das Geschöpf hingeben? Wo +gehst du hin? Und wie soll ich leben ohne dich? Wem lässest +du mich? Nimm mich mit! Laß auch mich sterben! Ich +leide bittre Pein! Mein Herz bricht.“ +</p> + +<p>Und einer weißen Birke gleich beugte sich die heilige Jungfrau +auf die Steine vor dem Kreuz hernieder und bat und +flehte um den Tod. +</p> + +<p>Sie mochte die Menschen nicht sehn, mochte das Licht nicht +schauen, sie wollte sich nicht wieder erheben. +</p> + +<p>Entzweigerissen war das Herz der unglücklichen Mutter. Es +schmolz wie rote Kohlen, es glühte und brannte. +</p> + +<h3 class="no">6.</h3> + +<p class="noindent">Drei Stunden waren vergangen, seit man ihn grausam ans +Kreuz geschlagen zu ewigem, bösem Gedächtnis und Unheil +des jüdischen Volkes. +</p> + +<p>Drei Stunden hing er, der die Erde geschaffen, über seiner +von Ewigkeit freien Erde. +</p> + +<p>Alle Schmerzensschreie, alle Seufzer, die je auf Erden laut +geworden, oder die bis zum jüngsten Tage noch lautwerden +<!-- page 036 --> +sollen, alles Leid, alle Qualen der vom Schicksal Verfolgten +drängten sich um das Kreuz und erfüllten sein Herz, brannten +es und marterten es mit den furchtbarsten Plagen. +</p> + +<p>Und er schrie zum Vater und es ward Nacht vor seinen Augen. +</p> + +<p>Und Finsternis senkte sich auf die Erde herab. +</p> + +<p>Das Licht erlosch. Die Sonne erstarrte, in Finsternis gehüllt. +Die Sterne blitzten auf, zitternd, wie Smaragde, und erloschen. +Der Mond verbarg sich in einer Wolke, auch er ward bleich. +Und die Erde erbebte. Flüsse und Seen traten aus ihren Ufern. +Das Gras auf den Feldern ging in hohen Wellen. Aus dem +rauschenden Schilf flogen erschreckte Wildgänse und Schwäne +empor. Die Wälder brausten. Die Bäume bogen sich zur Erde. +Blätter fielen von den Zweigen. Das trockne Unterholz brach. +</p> + +<p>Wie ein verglimmendes Holzscheit im Feld lag die heilige +Mutter Gottes unter dem Kreuz. +</p> + +<p>Und das Grauen ging über die Erde. +</p> + +<p>Die Toten vom Friedhof gingen nach der Stadt. Die Toten +mengten sich an den Kreuzwegen unter die Lebenden. +</p> + +<p>Kalt wehte die Luft. +</p> + +<p>Es fror. +</p> + +<p>Und in der Finsternis flog etwas umher, brummte und zischte. +Und immer heftiger wehte der Wind. Es dröhnte und hämmerte, +als ob irgendwo Eisen geschmiedet würde. Es weinte +und seufzte, als ob ein Mensch getötet würde. Feurige Pfeile +flogen den Himmel entlang und verschwanden wieder. Und +es war, als peitschte eine unsichtbare gewaltige Geißel die +zitternde Luft. +</p> + +<p>Und von einem Ende zum andern erbebte der Tempel. Der +Vorhang vor dem Allerheiligsten riß mitten entzwei. Die Steine +bröckelten ab. Und alle Kreatur stöhnte auf. +</p> + +<p>Tiere, Vögel, Felder, Wälder, Sümpfe, Gräser, Blumen, Sträucher, +Bäume, Wasser und Steine, — alle Kreatur stöhnte, und +die heilige Mutter Gottes weinte: +</p> + +<p>„Herr, vergib ihnen, sie wußten nicht, was sie taten!“ +</p> +<!-- page 037 --> + +<h2 class="chapter" id="chapter-1.4"> +Die Leiden des Heilandes</h2> + +<h3 class="no">1.</h3> + +<p class="first"><span class="firstchar">A</span>uf Golgatha, über dem Grabe Adams, richtete man den +Baum der Erkenntnis auf und der Schädel des ersten +Menschen ward zur Stütze des Kreuzes, an dem der Menschensohn +hing. +</p> + +<p>Der Baum der Erkenntnis, den einst Satan gepflanzt, da +Gott den Garten des Paradieses schuf, dessen Frucht den +Menschen die Augen öffnete über Gut und Böse, dessen Zweig +die tote Stirn Adams bekränzte, — er ward jetzt zum Baum +des Heils, zum Kreuz des Erlösers. +</p> + +<p>Man schlug ihn mit Händen und Füßen an das Kreuz mit +eisernen Nägeln, man kleidete ihn in ein grünes Hemd aus +grünen Nesseln, man gürtete ihn mit Weißdorn, band ihn +mit Hopfen und Binsen, durchstach seine Seite mit einem +Speer, stieß ihm Weidenruten unter die Nägel und legte ihm +eine Dornenkrone auf das Haupt. +</p> + +<p>Wo die Nägel eingeschlagen wurden, da floß das Blut. Wo +man ihn gürtete, da floß Schweiß. Wo die Krone sein Haupt +berührte, da flossen blutige Tränen aus seinen Augen. +</p> + +<p>Die am Kreuze vorübergingen, schüttelten die Köpfe und +spotteten. +</p> + +<p>„Der du den Tempel zerbrichst und in drei Tagen wieder +aufbaust! Hilf dir selber! Wenn du der Sohn Gottes bist, so +steig herab vom Kreuz!“ +</p> + +<p>„Andere hat er gerettet, sich selbst kann er nicht helfen! +Wenn du der König von Israel bist, so steig herab vom Kreuz, +dann wollen wir an dich glauben!“ +</p> + +<p>„Er hat auf Gott gehofft, so mag Gott ihm helfen, wenn +Gott ihn lieb hat! Hat er nicht gesagt: Ich bin Gottes Sohn!?“ +</p> + +<p>„Freue dich, König der Juden!“ +</p> + +<p>Unzählige Scharen von Dämonen und dunkeln Teufeln +<!-- page 038 --> +kamen von Mittag und Mitternacht, von Ost und West nach +der Schädelstätte geflogen, zum gekreuzigten Christus. +</p> + +<p>Wie weißer Schnee schmolz der weiße Mond, und Tränen +verdunkelten das lichte Antlitz der Sonne, bis es sich endlich +ganz verbarg. +</p> + +<p>Und es war Finsternis auf der ganzen Erde von der sechsten +bis zur neunten Stunde. +</p> + +<p>Aus blutunterlaufenen Augen sahen die Dämonen in das +gemarterte Antlitz des Erlösers, mächtige Pergamente rollten +sie vor ihm auf, — da waren alle Sünden der Menschen vom +ersten Tage bis zum letzten verzeichnet. Und kein Ende nahmen +die Rollen, kein Ende die Sünden der Menschen. +</p> + +<p>Und alle diese Sünden wollte er auf sich nehmen. +</p> + +<p>Und es kamen von allen Enden, da sie von den schweren, +blutigen Sünden hörten, schreckliche, erbarmungslose Engel: +ihre Gesichter waren wutverzerrt, die Zähne ragten weit aus +dem Munde heraus, die Augen waren wie Sterne, und ihr +Atem war flammendes Feuer. Das waren die Engel, die nach +den Seelen der Sünder kommen, um sie ins Reich der ewigen +Qual zu führen. Unendlich war die Zahl dieser Engel, denn +nicht zu zählen war die Menge der Sünden, — aller Sünden +vom Anfang der Welt bis zu ihrem Ende. +</p> + +<p>Kein Ende nahmen die Sünden der Menschen. +</p> + +<p>Und alle diese Sünden wollte er auf sich nehmen. +</p> + +<p>Die Schächer, die rechts und links vom Heiland an ihren +Kreuzen hingen, konnten die Qual nicht länger ertragen, und +weil sie auf keine Rettung mehr hofften, machten sie sich in +Schmähreden Luft und schalten den Gottessohn einen Betrüger. +</p> + +<p>Am Fuße des Kreuzes aber, vor dem mit Christi Blut besprengten +Haupt Adams, klirrten schon die Folterwerkzeuge: +Schwerter, Messer, Sägen, Sicheln, Pfeile, Äxte. Die furchtbaren, +unbarmherzigen Engel rissen die Glieder des gemarterten +Leibes auseinander, hackten die Beine ab, dann die +<!-- page 039 --> +Arme, machten sie wieder lebendig, um sie von neuem ans Kreuz +zu nageln, rissen das festgeklebte geronnene Blut von den Wunden +und leckten die blutigen Schwären mit salzigen Zungen. +</p> + +<p>Die Dämonen rollten die schwarzen Pergamente zusammen. +Und einer von ihnen, ein Teufel mit Gänsefüßen und einem +Schweinsleib ohne Borsten, kletterte am Kreuzesstamm hinauf +bis dicht vor das Antlitz Christi und hielt ihm eine große +Schale hin, gefüllt mit Bitternis bis zum Rand. +</p> + +<p>Und Christus trank die Schale leer bis auf den letzten Tropfen +und schrie: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich +verlassen!“ +</p> + +<p>Da erhob sich auf den Ruf des Verlassenen, der der Welt +Sünde auf sich genommen hatte, von seinem Wolkenthron +im Norden um die neunte Stunde Satan, der Fürst der Finsternis. +Und sein schwarzmähniges Roß trug ihn, wie ein +Falke, wie der Sturm, wie der Donner, wie der Blitz, zum +Kreuz des Gottessohnes. +</p> + +<p>Auf flogen die Winde, wie Adler, hoch wirbelten sie den +Staub auf den Straßen empor. Die Berge erbebten. Aufgewühlt +wurden die Tiefen der Erde. Gewaltig wogte und +brauste das Meer. Weit aus ihren Ufern traten die Ströme. +Und in der Glut der Höllenflamme rollte der Himmel sich +zusammen, wie ein Pergamentblatt. Und die Erde wallte und +brannte, wie Eisen im Schmelzkessel. +</p> + +<p>„Freue dich, König der Juden!“ sprach Satan und trat vor +das Kreuz hin. +</p> + +<p>Satan stand vor dem Kreuz und sah Christus an, und vom +Kreuz, die schweren Lider mühsam hebend, blickte Christus +auf Satan. +</p> + +<p>So blickten sie sich an, wie König und Sklave, wie Bruder +und Feind, wie König und König, wie Bruder und Bruder, +wie Feind und Feind, wie der Retter und der Verlassene. +Und alle Kreatur sank nieder in bebendem Entsetzen in +dieser Stunde des Grauens. +</p> +<!-- page 040 --> + +<p>Und mit schnellen Schritten kam vom blauen Meer, aus +unbekanntem Land, über weite Felder, über grünes Gras, +über verwehende Spuren, über wogende Saaten ein schöner +Jüngling — der sanfte Tod. +</p> + +<p>Ohne viel zu fragen, schob er das Eisengitter auseinander. +Festen Schrittes stieg er den Hügel von Golgatha hinauf und +trat vor den Gekreuzigten. +</p> + +<p>Leise nahm er das Haupt Christi in seine Arme. +</p> + +<p>Und Christus neigte das Haupt und verschied. +</p> + +<h3 class="no">2.</h3> + +<p class="noindent">Abends kam zu Pilatus ein reicher Mann aus Arimathia, namens +Joseph, und mit ihm Nikodemus, die beide heimliche +Jünger Christi gewesen waren, und baten Pilatus, er möge +ihnen den Leib Christi überlassen. +</p> + +<p>Und Pilatus gestattete es ihnen. +</p> + +<p>Sie nahmen den Leichnam Christi und hüllten ihn in reine, +wohlriechende Tücher, und legten ihn im Garten in ein neues +Grab. Dann wälzten sie einen Stein vor des Grabes Tür und +gingen von dannen. +</p> + +<p>Und als die letzten Menschenschritte verklungen waren und +die Kriegsknechte, die den Schächern die Knie gebrochen +hatten, Golgatha verlassen hatten, und die Toten, die aus +ihren Gräbern auferstanden waren, sich in den Straßen der +Stadt verloren hatten, um die schlaflose Nacht mit Grauen +zu erfüllen — da erhob sich ein wilder Lärm, Geschrei, Gestampf, +Geheul, als wäre die ganze Welt toll geworden. Und +der Garten, da der Leib Christi bestattet war, ward zum höllischen +Abgrund, denn Satan selbst, der Fürst der Finsternis, +hielt sich hier auf mit all seinen Heerscharen. +</p> + +<p>Mit höllischen Künsten blendete Satan die Augen der Menschen +und aller Lebewesen, hüllte die Seelen in die Nacht +des Wahnsinns, senkte sie in einen teuflischen Zauberschlaf, +und der finstere Teufelszauber hielt die Welt zwei Tage und +<!-- page 041 --> +zwei Nächte gefangen und betörte sie mit grauenhaften höllischen +Gesichten und Versuchungen. +</p> + +<p>Die Teufel stürzten sich auf den Leichnam Christi, rissen +die Tücher herunter, zerteilten den reinen heiligen Leib: das +Fleisch gaben sie der Erde, das Blut dem Feuer, die Knochen +dem Stein, den Atem dem Wind, die Augen den Blumen, die +Adern dem Gras, die Gedanken den Wolken, den Schweiß +dem Tau, die Tränen dem salzigen Meer. +</p> + +<p>Es wogte und brauste das Meer von bösen Geistern. Wild +wirbelten die Dämonen durcheinander, stießen sich, schrien, +spotteten, grinsten und fluchten. Aus allen Tiefen waren sie +emporgestiegen, liefen sie, hüpften sie, krochen sie, wälzten +sie sich heran — schmutzig und übelriechend, krummbeinig +und bucklig, dickbäuchig und spindeldürr. Und sie traten den +Leichnam des Heilands mit den Füßen, zerrten ihn hin und +her, beschmutzten und schändeten ihn . . . +</p> + +<p>Und um Mitternacht tat sich der Himmel auf und über der +Erde stieg eine strahlende Sonne empor, wie die Welt sie noch +nie gesehn hatte. +</p> + +<p>Die Dämonen zerrten den Leib Christi aus dem neuen Grabe +und hüllten ihn in köstliche königliche Gewänder und trugen +ihn auf den höchsten Berg und setzten ihn auf einen Königsthron. +</p> + +<p>Und vor den Thron stellte sich Satan hin und zeigte den +Völkern der Erde — allen, die schon gelebt hatten, und allen, +die noch kommen sollten — den Leichnam im königlichen +Purpur und verkündete mit lauter Stimme: +</p> + +<p>„Sehet, das ist euer König!“ +</p> + +<p>Und von der Höhe des Thrones blickten auf die wogende +Menge von Köpfen, auf die flehend ausgestreckten Arme die +großen bleiernen Augen des entseelten, verunstalteten Leichnams. +Und im grellen Licht des plötzlich aufgegangenen Tages +glaubte man sehen zu können, wie unter dem königlichen Gewand +die starren Glieder auseinanderzufallen begannen. +</p> +<!-- page 042 --> + +<p>Verzweiflung lastete über dem Weltall. Und das Maß der +ganzen Erde schien nicht größer als vier Schritte — so lang, +wie ein Grab sein muß. +</p> + +<p>Von Land zu Land, von Reich zu Reich, über Felder und +Wiesen, durch Städte und Dörfer, mitten durch die unermeßlichen +Menschenmengen aller Zeiten und Völker und Länder, +jagte ein Wagen, von wilden Rossen gezogen, und in dem +Wagen saß ein zähnefletschendes Gerippe mit einer Dornenkrone +auf dem kahlen Schädel. +</p> + +<p>„Sehet, das ist euer König!“ sagte Satan und zeigte den +Menschen das grauenhafte, zähnefletschende Gerippe. +</p> + +<p>Und dunkel wurden die lichten Gewänder der Völker. Das +Lachen ward zum Weinen. Die Menschen fielen hin und starben, +einer neben dem andern, der Bruder in den Armen des +Bruders, das Kind auf dem Schoße der Mutter, die Mutter +an der Brust der Tochter. +</p> + +<p>Von dem Geschrei und den Seufzern bog sich die Erde, +spalteten sich die unfruchtbaren Steine, taten sich gewaltige +Abgründe auf, und weinten das Meer und die Ströme und +alle Tiefen der Unterwelt. +</p> + +<p>Da zeigte sich hoch über der strahlenden Sonne am Himmel +als letzte Verheißung ein Kreuz und an dem Kreuz hing festgenagelt +ein entstellter Leichnam. +</p> + +<p>„Sehet, das ist euer König!“ verkündete Satan stolz von +seinem Wolkenwagen herab, und er blies das Kreuz an. +</p> + +<p>Und das Kreuz und der Leichnam wurden zu Staub. +</p> + +<p>Und die reine Luft der Erde ward vom Qualm aufgesogen, +die Quellen vertrockneten, die Bäume verloren ihre Blätter, +die Sonne erlosch und der giftige Hauch aus Satans Munde +zerfraß die Rinde der Erde. +</p> + +<p>So wütete Satan zwei Tage und zwei Nächte lang und säte +Aufruhr in die Herzen, flößte ihnen das Gift des Wahnsinns +ein, erfüllte sie mit Angst und Verzweiflung. +</p> +<!-- page 043 --> + +<h3 class="no">3.</h3> + +<p class="noindent">Grausame, undurchdringliche Finsternis hüllte die Stadt in +banges Schweigen. +</p> + +<p>Die Toten irrten in den Straßen umher, klopften an die +Türen. Und wie in den Tagen des schwarzen Todes wagten +die Menschen nicht, ihre Häuser zu verlassen. In den menschenleeren +Gassen tauchten Reiter auf: ihre Gesichter konnte man +nicht sehen und auch ihre Pferde nicht, man hörte nur die +Hufe aufs Pflaster schlagen. +</p> + +<p>Und durch die schwarze Einsamkeit ertönte von der verödeten +Schädelstätte her das Wehklagen der Gottesmutter. +</p> + +<p>Marias Herz bebt in bangem Entsetzen, ihr Kopf geht in +die Runde, ihre Zunge redet irre. Und sie ist nicht imstande, +die Augen aufzuschlagen. +</p> + +<p>„Steh auf, mein Sohn, erwache, hebe deine Augen auf, sag +ein Wort! Fest schläfst du, tief ist dein Schlaf, nie wirst du +erwachen! Ich trage Leid um dich! Meine Seele ist betrübt! +Du hast dein Herz verhärtet, daß es dem Stein gleich ward, +und nirgends sehe ich dich mehr! Steh auf, mein Sohn, erwache, +nimm mich zu dir! Ich trage Leid um dich! Meine +Seele ist tief betrübt!“ +</p> + +<p>Und neben der Mutter Gottes stand auf dem Hügel von +Golgatha, das Haupt an den Kreuzesstamm gelehnt, ein +schöner Jüngling. +</p> + +<p>Und bis zum Morgengrauen des dritten Tages, da mit der +auferstandenen Sonne der Engel des Herrn kommen sollte +und den Stein von des Grabes Tür wälzen, bis zum lichten +Ostermorgen ging er nicht fort von dem lebenspendenden +Kreuz, der Unersättliche, der schöne Jüngling, der sanfte Tod. +</p> + +<p>Der Tod Christi ist das ewige Leben, die Gewähr des Heils. +</p> + +<p>Herr, gedenke meiner, wenn du in dein Reich kommst! +<!-- page 044 --> +</p> +<!-- page 045 --> + +<h2 class="part" id="part-2"> +Geschichten +<!-- page 046 --> +<!-- page 047 --></h2> + +<h2 class="chapter" id="chapter-2.1"> +Der Hofjuwelier</h2> + +<h3 class="no">1.</h3> + +<p class="first"><span class="hidden">„</span><span class="firstchar">S</span>ie wissen selber nicht, was sie wollen!“ sprach der einsame +alte Juwelier, der hundert Jahre auf Erden gelebt +und in seinem Herzen Generationen zu Grabe getragen +hatte. +</p> + +<p>Zusammengekrümmt, ein richtiger Zwerg, ewig scherzend +und spottend, schien er suchend um die Menschenherzen +herum zu gehen und mit seinen langen dünnen Fingern nach +den verborgenen warmen Lebensquellen zu graben. Er öffnete +sie leicht und gewandt, wie seine mit Perlen und seltenen +Steinen gefüllten Kassetten, und er schaute mit durchdringendem +Blick in die Seele der Worte und Gedanken hinein, die +tief im innersten Herzen versteckt saßen. +</p> + +<p>Tag und Nacht saß er über seinen Steinen; er wusch sie, +streute sie auf Sammet- und Seidendecken aus und hielt sie +gegen die Lumpen, die ihm als Kleidung dienten. Und seine +sonst so winzigen Äuglein wurden dann groß wie Teller. +</p> + +<p>In dem Flimmern der winzigsten Schleifflächen seiner Edelsteine +las er die Geheimnisse von Jahrhunderten. Und eines +nach dem andern traten die Verbrechen und Schandtaten +vergangener Zeiten vor ihn hin, stellten sich in Reih und +Glied, und er spielte mit ihnen wie mit Bleisoldaten. +</p> + +<p>Und es gab keine Einzelverbrechen mehr, es war nur eine +einzige große Schandtat, und die nistete in allen Zeitaltern, +an allen Enden des menschlichen Lebens. +</p> + +<p>Aus allen Zeiten und allen Ländern kamen die kostbaren +Juwelen zu dem Alten in seine elende, von Schimmel und +Motten zerfressene Werkstatt, die sich in einer Kellerwohnung +an der belebtesten Straße der Hauptstadt verbarg. +</p> + +<p>Seit langem schon träumte der Alte davon, hinauszuziehen +in die Berge und sich dort einen festen Turm zu bauen, um +<!-- page 048 --> +von dessen Höhe ungefährdet und unbemerkt die Welt zu +beobachten. +</p> + +<p>Aber diesem Traum sollte keine Erfüllung werden. +</p> + +<p>Und doch war es eine bewegte Zeit und vieles wäre von +der Bergeshöhe aus dem Turmfenster zu sehen gewesen. +</p> + +<p>Nicht eine einzelne Stadt, nicht ein einzelnes Dorf, — das +ganze Land von Meer zu Meer war von einem wahnsinnigen +Wunsche beherrscht. +</p> + +<p>Alle Sehnsüchte, Triebe und Wünsche eines schweren, trüben, +qualvollen Alltags verflochten sich ineinander und wuchsen +zu einer grausigen Geißel aus, und orkangleich schwang +sich diese Geißel, schwer und blind, von Meer zu Meer, auf +alles Schreien und Rufen mit dem einen wilden Schrei antwortend: +</p> + +<p>„Freiheit!“ +</p> + +<p>„Wißt ihr denn, was Freiheit ist?“ fragte augenzwinkernd +der einsame alte Juwelier, der hundert Jahre gelebt und in +seinem Herzen Generationen zu Grabe getragen hatte. +</p> + +<p>Ein Menschenleben galt nichts mehr. Man spie es aus und +trat mit dem Fuße darauf. +</p> + +<p>Man tötete die Menschen wie Flöhe. Man lauerte ihnen auf, +fing sie und vernichtete sie sofort, wie man ein Ungeziefer +auf dem Fingernagel zerdrückt. +</p> + +<p>Aus Barmherzigkeit trieb man die Verurteilten vom Schafott +ins Gefängnis. Gnade war es, wenn man einem das Leben +schenkte, damit er es in ewiger Kerkerhaft vollende. +</p> + +<p>Nie bisher war der Mensch so mißtrauisch gegen seinen +Nächsten gewesen. Wenn zwei Freunde sich begegneten und +einer dem andern die Rechte drückte, fühlte die Linke schon +ängstlich nach dem Messer in der Tasche. +</p> + +<p>In dunkeln Winkeln, in muffigen Löchern lauerte der Verrat. +</p> + +<p>Und die letzten Stützen, die tiefsten Grundlagen des Lebens +wurden unterwühlt. +</p> + +<p>Sprengstoffe wurden in ungeheuren Mengen angefertigt. +<!-- page 049 --> +Keine andere Ware ließ sich so leicht absetzen wie diese. +Tagaus, tagein wurde sie in Massen verkauft und gekauft, +wie in früheren Zeiten Streichhölzer. +</p> + +<p>In dunkeln Winkeln, in muffigen Löchern erwürgte und erstach +der Freund den Freund. +</p> + +<p>Die blutgetränkten Straßen wurden überall neu gepflastert. +Die glühende Sonne sog die blutigen Dünste aus dem Boden, +und der berauschende, betäubende Blutgeruch erfüllte die +ganze Luft. +</p> + +<p>Friedliche Gassen, vom Rausch gepackt, gerieten in Raserei +und zerfleischten in tobender Wut Frauen und Kinder. +Das Blut klebte an den Hufen der Pferde, und auch die +Pferde wurden toll. +</p> + +<p>Draußen aber vor der Stadt auf den Feldern wogten rote +Ähren, und es reifte ein blutgedüngtes Korn, das die Menschen +vergiftete. +</p> + +<p>Hier und da tauchten Tote in den Straßen auf. Sie redeten +ihre Bekannten an, mischten sich in das Alltagstreiben, als +wären sie noch lebendig. +</p> + +<p>Die Lebenden aber verließen ihre Häuser, als wenn sie +schon tot wären, und begaben sich nach den Friedhöfen und +suchten Unterkunft im Reich der Toten, richteten sich in +Grüften und Särgen häuslich ein. +</p> + +<p>Propheten verkündeten ein neues Reich und handelten +schamlos mit ihrer Sehergabe. +</p> + +<p>Die Gläubigen aber verloren den Verstand und töteten sich +und warfen der Welt ihr letztes bitteres Wort ins Gesicht: +</p> + +<p>„Es gibt keine Wahrheit auf Erden!“ +</p> + +<p>Und die erbarmungslose, wahnsinnige Geißel schwang sich +empor, blind und schwer, und flog sturmgleich von Meer zu +Meer, und donnernd dröhnte ihr grausiger Schrei: +</p> + +<p>„Freiheit!“ +</p> + +<p>„Wißt ihr denn, was Freiheit ist?“ fragte augenzwinkernd +der einsame alte Juwelier, der hundert Jahre gelebt hatte +<!-- page 050 --> +und in seinem Herzen unzählige Generationen zu Grabe getragen +hatte. +</p> + +<h3 class="no">2.</h3> + +<p class="noindent">Am Vorabend jenes großen Tages, der die neue Freiheit +zu bringen und die ganze Welt umzugestalten versprach, +wurde der alte Juwelier in aller Frühe geweckt, in eine +schwarze, wappengeschmückte Kutsche gesetzt, wie sie nur +den hohen Würdenträgern des Staates zustand, und unter +militärischer Bewachung nach dem königlichen Schlosse gebracht. +</p> + +<p>Durch die zugezogenen Vorhänge vor den Wagenfenstern +fühlte der Alte das Bohren von hundert und aberhundert +haßgeschärften Blicken. Es war ihm, als würde von diesen +stechenden Blicken das Glas glühend heiß, als klirrte und +surrte etwas unter den Rädern, was den Wagen in Stücke zu +reißen drohte. +</p> + +<p>Da in den letzten Tagen von den allmächtigen Günstlingen +des Herrschers, in deren Gewalt Städte und Provinzen, Leben +und Tod des Volkes waren, zahllose Schandtaten begangen +waren, so wurden derartige vornehme Geleitzüge stets von +bösen Blicken verfolgt, und nicht immer nahm die Fahrt ein +gutes Ende. +</p> + +<p>Aber der Juwelier war ein schlichter Mann. Ihm hatte niemand +das Recht zu strafen und zu begnadigen verliehen; ihm +war nur der Befehl geworden, die goldene Krone zu putzen, +in der nach der Sitte des Landes die Könige vor das Volk +traten, wenn sie, was selten genug geschah, dem Volke Regierungsbeschlüsse +von außerordentlicher Wichtigkeit zu verkündigen +hatten. +</p> + +<p>Wem anders als ihm, dem alten erfahrenen Manne, der es +so gut verstand, seine scharfe Zunge im Zaum zu halten, +konnte man die furchtbare, durch ihren Glanz blendende +Krone anvertrauen? +</p> + +<p>Scherzend und kichernd stieg der Juwelier die goldene +<!-- page 051 --> +Schloßtreppe empor, schloß sich in dem Saal ein, den man +ihm angewiesen, und machte sich an die Arbeit. +</p> + +<p>Hier bot sich eine seltene Gelegenheit, Dinge zu sehen, die +der Alte bisher höchstens hatte ahnen können. +</p> + +<p>So manchen Wunders Zeuge war er gewesen, mehr als einmal +hatte das rasende Volk seine angestammten Herrscher +gleich Taschendieben und Einbrechern davongejagt, aber +immer war in solchen Fällen eine neue Krone für einen neuen +Herrscher aufgetaucht, und der Alte wurde gerufen, sie in +Stand zu setzen und zu flicken. Noch nie aber war aus den +verstaubten Speichern des königlichen Schlosses ein so wunderbares +Kunstwerk in seine Hände gekommen, von dem man +kaum glauben konnte, daß es von Menschen geschaffen sei. +</p> + +<p>Wahrlich, der morgende große Tag barg Unerhörtes in +seinem Schoße. +</p> + +<p>Mit größter Sorgfalt, zitternd, wie über einem Heiligtum, +dem jeden Augenblick der eifersüchtige böse Feind etwas +antun kann, nahm er die Steine aus der goldenen, mit Schmutz- und +Lehmflecken bedeckten Krone, und, kaum sichtbar in +dem Riesensaale, die dürren Schultern in ein zerfetztes wollenes +Umschlagtuch gehüllt, wie es die Weiber tragen, fuhr er +mit den langen dünnen Fingern über die Juwelen. +</p> + +<p>Er spielte mit dem Schatze — mit den märchenhaften Achaten, +mit leuchtend blauen und blutroten und schwarzen Steinen, +mit Frühling atmenden Türkisen; er drehte sie hin und +her, er warf sie hin, er sog ihren Duft ein, als wären sie +lebende Gewächse, er legte sie auf die gewandte Schlangenzunge, +ließ sie über seine feinfühlende Handfläche rollen, +stellte sie in Reihen auf, häufte sie aufeinander und bebte +wollüstig im grünen, roten, blauen und schwarzen Schimmer. +</p> + +<p>Unzählige Menschengesichter tauchten vor ihm auf, unzählige +Hände reckten sich nach ihm, Scharen von Menschen +aller Art gingen nacheinander an ihm vorüber, sie füllten den +ganzen Saal, sie bedeckten alle Wände von oben bis unten, +<!-- page 052 --> +und hoch unter der Sternenkuppel des Saales hingen sie und +schwankten hin und her, ohne Arme, ohne Beine, und aus +allen Ecken und Winkeln starrten ihn staunende Augen an . . . +</p> + +<p>Dem Alten verging der Atem, er ließ die Steine fallen. Sie +klebten an seinen Lumpen, rollten über die Teppiche, den +Brokat, den Marmor, und es war, als ob sie tönten wie +dumpfe Glocken. +</p> + +<p>Dieser Glanz und diese dumpfen Töne ließen ihn die Augen +weit aufreißen. Die winzigen Äuglein wurden groß wie Teller. +</p> + +<p>Er sah zugleich den ersten und den letzten Tag des menschlichen +Daseins. +</p> + +<p>Er putzte die Steine in größter Hast, legte sie in der verschiedensten +Weise zusammen, bis er die Verbindung gefunden +hatte, die ihm für die Königskrone die schönste dünkte. +</p> + +<p>Er hatte sie erkannt, die alte Königskrone, die keine Gewalt +auf Erden anzutasten wagt, die den Menschen unwiderstehlich +zu sich lockt und Leichen auf Leichen häuft. +</p> + +<p>In der Dämmerung, als die Kronleuchter aufflammten und +der Alte sich von seinem Platze erhob und, die Krone auf +dem Kopfe, einem König gleich, mitten in den Saal trat, da +strömte die Krone einen solchen Glanz aus, daß die unerschütterlichen +Wände des Palastes erbebten. +</p> + +<p>So würde auch die morgende Freiheit, die die Welt von +Grund aus umgestalten sollte, gleich am ersten Tage an diesem +Glanz zugrunde gehen; zusammenknicken würden die +Sklavenknie, und nur ganz im geheimen würde die dunkle +Rache schwören, den Thron zu zerschmettern und die leuchtenden +Steine der unzerstörbaren Königskrone über die Erde +zu verstreuen. +</p> + +<p>„Sie wissen selber nicht, was sie wollen!“ +</p> + +<p>Der Alte ging die goldene Treppe hinab, durch die Reihen +dienernder Hofleute, begleitet von einem schmeichlerischen +Lächeln, hinter dem sich schamlose Roheit verbarg und das +bange Zittern kleinlicher Sklavenseelen. +</p> +<!-- page 053 --> + +<h3 class="no">3.</h3> + +<p class="noindent">Mitternacht war längst vorüber. Der neue Tag der Freiheit +erwachte. +</p> + +<p>Der Freiheitstrieb, der so wahnwitzig, so schmerzvoll vorwärts +gedrängt hatte, war stumpf geworden, und die wildrasende +Geißel, blind und schwer, flog nicht mehr, schlug +nicht mehr. Der Wunsch, von dem königlichen Versprechen +betäubt, trieb die Menge auf die Straßen hinaus, drängte sie +auf den Märkten zusammen, schmiedete alt und jung aneinander. +</p> + +<p>Und mit mißtrauisch schielenden Blicken gingen die tausendmal +betrogenen Massen, finster, eng aneinandergedrängt, +vorwärts, ohne zu wissen wohin, dumpfe Verzweiflung im +Herzen. +</p> + +<p>Der Alte saß in seinem Keller, die dürren Schultern in sein +wollenes zerfetztes Umschlagtuch wickelnd, und sah vor sich +hin, und seine winzigen Äuglein wurden groß wie Teller. +</p> + +<p>Und in seinen entsetzten Augen glühte das Grauen, Angst +und Hohn. +</p> + +<p>Am Kellerfenster aber zogen Tausende von Füßen vorüber, +unsicher, wie trunken, trunken von Verzweiflung. +</p> + +<p>Und der Alte rieb sich die Hände und krümmte sich, wie +ein Gepfählter, beim Gedanken an die heute geschenkte +Freiheit. +</p> + +<p>Und er, der einmal aus der Tiefe der menschlichen Lebensmöglichkeiten +das ganze Leben hervorgeholt hatte, der einmal +dem ersten und dem letzten Tage ins Auge geschaut hatte, — +er lachte und warf Spott- und Scherzworte in die freie Menge. +</p> + +<p>Und über der freien Stadt und dem freien Lande stieg die +freie Morgendämmerung auf, und immer röter flammte ihr +Schein, um blutig und wehvoll einem Zeitalter <a id="corr-1"></a>den Abschied +zu geben . . . +</p> +<!-- page 054 --> + +<h2 class="chapter" id="chapter-2.2"> +Maka</h2> + +<h3 class="no">1.</h3> + +<p class="first"><span class="firstchar">S</span>ascha ist im April drei Jahre alt geworden. Seit drei Jahren +ist sie die Herrin des alten berühmten Schlosses von +Sadory und des ganzen Olenowschen Landes mit der weiten +Steppe, den Feldern, Wiesen und Wäldern bis zu Großmutters +Kirschgarten in Gajewo, den Sascha auch zu ihrem +Besitz zählt. +</p> + +<p>Drei Jahre brennt nun nach langer Zeit wieder Licht in dem +einen Schloßturm, und tagsüber hallt der Garten wider von +einer hellen Kinderstimme; abends aber guckt aus dem Turmfenster +ein Mädchenköpfchen unter einer roten, goldgestickten +Mütze heraus. Und alle, Groß und Klein, die Großmutter +Euphrosyne Iwanowna, und der Onkel Andrej, und Tante Wera +und Tante Lena, und die Wärterin Halka und das ganze Gesinde +mit der Haushälterin Nadeshda, der Kuhmagd Fedoßja, +der alten Zofe Polja und den jungen Tagelöhnerinnen Marja, +Warwara, Fima und Katharina, und der Kutscher David und +der Nachtwächter Taras und der Landmesser Becker, und der +Gutsnachbar Bruch und dessen Tochter Manja und ihr Lehrer, +der Student Michail Petrowitsch, und der Pfarrer, Vater +Eutychios nebst dem ganzen Klerus, und der alte Jagdhund +Kadoschka und die beiden Hofhunde Butzik und Mischka +und das kleine Hündchen Dranka und endlich die Ziege +Maschka, — mit einem Wort alle Bewohner des Schlosses +und alle Nachbarn meilenweit herum bis zur Eisenbahn haben +das Mädelchen als ihre Königin anerkannt und fügen sich +demütig ihren Launen. +</p> + +<p>Einzig und allein die Tante Tatjana Afanasjewna, die in +ihrem Stolz und Eigensinn keinen Willen über dem ihren +gelten läßt außer dem Gottes und des Zaren, widersetzte +sich lange Zeit, zuletzt aber gab auch sie nach, und zu +<!-- page 055 --> +Weihnachten hat sie Sascha einen goldenen alten Löffel +geschenkt. +</p> + +<p>Und Sascha hütete dieses Spielzeug mit aller Sorgfalt. Sie +verwahrte es ganz hinten in ihrem roten Schränkchen, wo es +von dem kahlköpfigen Trommelhasen und zwei vom letzten +Christbaum übrig gebliebenen goldenen Nüssen treulich bewacht +wurde. Und Sascha sorgte für ihren kostbaren Schatz, +so gut sie irgend konnte: sie badete den Löffel in ihrer kleinen +Wanne zusammen mit den zwei glatten Steinen, dem +schwarzen und weißen; und mit dem Kamel, dem grünen +Aufziehfrosch, dem Radfahrer, dem Brummkreisel und den +drei Puppen: der Katja mit dem Loch im Kopf, der armlosen +Alexejewna, und der am heißesten geliebten Wera, die aus +Lappen genäht war und überhaupt keinen Kopf mehr besaß, +— warf sie den Löffel zum Fenster hinaus, damit die Ziege +Maschka auch ein bißchen mit all den schönen Sachen spielen +könne, wie sie auch Tantens klirrende Schlüssel zu den vielen, +mit allerlei köstlichen Dingen vollgestopften Kisten und Truhen +immer hinauswarf, damit sie sich draußen am schönen +grünen Grase satt essen und etwas frische Luft schnappen. +</p> + +<p>In Saschas rotem Schränkchen gibt es unzählige kostbare +Dinge. Von oben bis unten ist er vollgepfropft. +</p> + +<p>Wenn man Sascha fragt: „Wie liebst du?“ drückt sie gleich +irgendeinen Teddy-Bären an ihr Herz oder den Springhasen, +der keine Ohren mehr und nur noch zwei Beine hat, und sagt: +</p> + +<p>„So lieb ich!“ +</p> + +<p>Jeden Tag wird das Schloß belagert: alle wollen die Königin +von Olenowo sehen. +</p> + +<p>Und Sascha begrüßt alle gleich freundlich, spricht mit allen +und schenkt denen, die sich ihrer besondern Huld erfreuen, +den ganzen Inhalt ihres roten Schrankes. Später aber nimmt +sie alles wieder zurück. +</p> + +<p>So ist nun einmal der Wille dieses weißen Mädelchens in der +roten, goldgestickten Mütze, der Königin von Olenowo. +</p> +<!-- page 056 --> + +<p>Sascha ist hübsch rundlich und ihre Backen sind dick und +die Lippen auch, und über den Lippen guckt das Näschen +frech in die Höhe. Wenn man’s sieht, kommt einen die Lust +unwiderstehlich an, mal daran zu zupfen. Aber zugleich ist +einem doch bang: so klein und weich ist das Stuppsnäschen. +Sascha sagt: „Sie ist buttrig.“ Und wenn man sie an der +Nase faßt, dann kneift sie die Augen zusammen und verzieht +den Mund, und sieht aus wie ein kleines wildes Tier, ein +Tierchen mit blauen, schlauen Äuglein. +</p> + +<p>Saschas Haare aber sind für ihr Alter zwar nicht zu kurz +und nicht zu dünn, sie wachsen ganz ordentlich, wie sie wachsen +sollen, aber einen Zopf kann man aus ihnen doch noch +nicht flechten, — es sei denn einen ganz winzigen, wie ein +Schwänzchen. +</p> + +<p>Sascha hatte sich angewöhnt, sich die Härchen auszuzupfen. +</p> + +<p>Und so oft schon war der Mohr gekommen, ganz schwarz, +mit gefletschten Zähnen und hatte nach den ausgerissenen +Haaren gefragt. Aber Sascha hatte gar keine Angst vor dem +Mohren, im Gegenteil, sie machte ihn zum ersten Mann in +ihrem Hofstaat und hörte natürlich nicht auf, sich die Härchen +auszuzupfen, sondern tat es nach wie vor jeden Tag. +</p> + +<p>Der eine Finger war dran schuld, der Daumen an der linken +Hand, — der hieß auch der Zupfer. +</p> + +<p>Und so ging es immer weiter, bis Sascha schließlich eine +ganz kahle Stelle auf ihrem Kopf hatte. Da mußte Tante +Lena auf den Rat desselben Mohren Sascha ganz kurz scheren. +Und nun war Sascha ganz kahl mit winzigen Haferstoppeln +auf dem runden Kopf. Aber es half alles nichts: +auch diese Stoppeln wußte sie noch festzukriegen, als wären +es ganz lange Haare: immer wieder rückte der Zupfer an +und riß auch die kürzesten Härchen heraus. +</p> + +<p>Sascha hat ganz kleine Hände, wie Mama und Großmama, +und Nägel wie Perlen, und da ist nun wieder ein Unglück: +der Daumen an der rechten Hand ist auch ungezogen: immer +<!-- page 057 --> +muß er in Saschas Mund stecken, und Sascha saugt an ihm, +wie ein Bär. Man versuchte es ihr durch allerlei Kunstgriffe +abzugewöhnen, bestrich den Finger mit Senf und mit Chinin. +Aber es half alles nichts: Sascha leckt den Finger ab, spuckt +aus, und dann ist der Daumen gleich wieder im Mund. +</p> + +<p>Man holte den Mohren, glaubte, er würde sie zur Raison +bringen, — aber es kam ganz anders. Es erwies sich, daß der +Mohr auch lutschte und zwar mit Hochgenuß, denn — so erklärte +Sascha — „der Daumen schmeckt noch viel schöner +als Schokolade.“ +</p> + +<p>Was war da zu machen? Nichts war zu machen. Es blieb +nichts übrig, als die Indianer zu holen. Diese Indianer überfallen +jene Buben und Mädel, die allein in den Garten schleichen +und dort Erdbeeren mit Milch essen. Und solange die +Indianer drohten, lutschte Sascha nicht am Fingerlein. Aber +es verging einige Zeit, die Indianer verschwanden, es tauchte +irgendein Zauberer auf, oder der Ägypter oder der Grüne +Kater aus dem Theater, die Gefahr war vorüber — und +Sascha machte sich von neuem an ihren Finger. +Der Zupfer und der Lutscher sind eine wahre Plage. +Und wie lustig Sascha ist, — so ganz ohne jeden Grund, +bloß weil sie nicht anders kann. Und wenn sie lächelt, dann +gibt ein dunkles Leberfleckchen über der Oberlippe dem +Lächeln etwas ganz besonders Liebliches. Man möchte es +immer nur anschauen und küssen, dieses Fleckchen, das an +heißen Tagen immer etwas feucht ist. +</p> + +<p>„Sascha, ich fresse dich auf!“ +</p> + +<p>„Was?“ +</p> + +<p>„Ich fresse dich auf, weil . . . was soll ich denn mit mir anfangen, +du bist so.“ +</p> + +<p>„Makig?“ — und der kleine Mund mit den spitzen Zähnchen +lächelt wieder. +</p> + +<p>„Grad so ein Leberfleckchen“, sagte Tatjana Afanasjewna +und sah ihre schelmisch lächelnde Urgroßnichte scharf an, +<!-- page 058 --> +„hatte die Großtante Elisabeth Michailowna. Die verstorbene +Gräfin Lydia Petrowna aber legte an dieser Stelle +eine Mouche auf, — das bedeutete Leichtsinn. So ist sie auch +gestorben.“ +</p> + +<p>Von den Mouches redete die Tante sehr oft und immer mit +großer Rührung. Sascha aber wollte dann sofort eine Mouche +haben und beruhigte sich nicht eher, als bis man ihr eine +lebendige Fliege gefangen hatte. +</p> + +<p>„Ganz die Mutter,“ sagte die Tante und erging sich weiterhin +für sich allein in köstlichen Erinnerungen an ferne schöne +Zeiten, die den jetzigen so gar nicht glichen. +</p> + +<p>Du magst die ganze Welt nach einem zweiten Mädel absuchen, +das ebenso eigensinnig wäre, — du findest keins. +</p> + +<p>Was Sascha haben will, das setzt sie alles durch. +</p> + +<p>Und auch eine so wilde Hummel findest du nirgends mehr. +Wenn es mal über sie kommt, dann gibt es kein Halten. +Dann läuft sie die Hände waschen, und ehe man ihrer habhaft +geworden ist, ist sie bis an die Schultern pitschenaß. Dann +maust sie dem Onkel Andrej den Tabak und macht sich ans +Zigarrettendrehen, — und natürlich ist in wenigen Augenblicken +der ganze Tabak auf dem Boden verstreut. +</p> + +<p>Sascha geht gern in die Kirche zur Messe. Kaum hört sie +die Glocken läuten, so hat sie keine Ruhe mehr. Sie wird +von Mama begleitet. Oder von Tante Lena. Im Winter geht +sie seltener, im Sommer öfter. Im Sommer bringt sie auch +Blumen für Großvater auf den Friedhof. +</p> + +<p>Alle wissen, daß Sascha und der Pfarrer gute Freunde sind. +Der Pfarrer, Vater Eutychios, schickt ihr oft eine Hostie, und +zu Pfingsten bekam sie Blumen vom Altar. Als dann der +Pfarrer am ersten Weihnachtstage mit dem Kreuz ins Haus kam, +sang Sascha ihm den ganzen Weihnachtschoral vor und sprach +alle Worte richtig aus. +</p> + +<p>Wenn Sascha das Abendmahl bekommen soll, passiert allemal +was: entweder fängt sie irgend etwas zu erzählen an, und +<!-- page 059 --> +zwar so laut, daß man es in der ganzen Kirche hört, oder sie +verlangt, daß der Priester zuallererst zu ihr komme, oder +sie singt, aber nicht was vorgeschrieben ist, sondern was +ihr gerade einfällt. +</p> + +<p>Singen tut Sascha überhaupt sehr gerne. Sie liebt es auch, +wenn andere singen. +</p> + +<p>Und so singt das ganze Schloß von früh bis spät. Großmutter +Euphrosyne Iwanowna muß singen, und Tante Wera +und Tante Lena und Mama. +</p> + +<p>Wer aber wirklich sehr schön und sehr gerne singt, das ist +der Onkel Andrej. Früher brauchte er bloß den Mund aufzutun, +dann geriet alles in die größte Aufregung und bat +flehentlich, er solle lieber nicht singen. Jetzt aber hat sich +alles geändert, jetzt muß er singen was das Zeug hält, denn +Sascha findet es sehr schön und will immer mehr haben. +</p> + +<p>Wie geht es aber erst zu Weihnachten her, wenn im Schloß +der Christbaum angezündet wird und im Ofen das Stroh +knistert und draußen der Wind heult und den weißen Schnee +in dichten Massen gegen die Fenster treibt! +</p> + +<p>Dann hallt das alte Schloß von wehmütigen Koljadkas<a href="#footnote-2" id="fnote-2"><sup>*</sup></a> +wider. Schon fünfundzwanzig Jahre ist es her, daß der Vater +Eutychios das Koljadkasingen streng verboten hat, aber insgeheim +wird immer noch gesungen. Und der langgedehnte +Refrain, der noch wehmütiger klingt, als das Lied selbst, +verschmilzt in eins mit dem Sturmwind draußen: +</p> + +<p>„Heiliger Abend . . .“ +</p> + +<p>Sascha setzt sich zu den Mägden und hockt unbeweglich da, +ganz Spannung. Und es ist, als verstünde sie alles und sähe +alles: wie die Muttergottes in der Schenke den Sohn in Windeln +wickelt, und wie Christus gekreuzigt wird, und wie das +falkenschnelle Roß Abschied nimmt . . . +</p> + +<p>„Heiliger Abend . . .“ +</p> + +<p class="footnote" id="footnote-2"><a href="#fnote-2">* Volkstümliche Weihnachtgesänge, z. T. noch an heidnische Sonnwendgebräuche +anknüpfend. +</a></p> +<!-- page 060 --> + +<p>„Noch!“ verlangt die Königin und läßt die Sängerinnen +nicht einmal zu Atem kommen. +</p> + +<p>Die Mägde sind schon ganz heiser geschrien, aber Saschas +strenges „Noch“ und abermals „Noch“ hört nicht auf. +</p> + +<p>Auf die Koljadka folgt der Kasatschok. Fedorka tanzt famos. +Und sie tanzt bis zum Umfallen, bis Sascha sich die Pfötchen +wund geklatscht hat. +</p> + +<p>Zur Bescherung kommen auch die Nachbarskinder, die +Bruchs, denn außer der Manja gibt’s da noch gute zehn Stück. +Sascha macht mit ihnen, was sie will: sie läßt sie singen und +tanzen und singt und tanzt selber mit, dann gibt sie ihnen +ihre Geschenke und schickt sie nach Hause. +</p> + +<p>Zu Sylvester spricht Sascha den Segen. +</p> + +<p>„Heiliger Sylvester, liebster, bester, mach uns stark, gib +uns Butter und Quark. Ist die Suppe weg, so gib uns Speck, +gib uns Mehl und Honigseim, das tragen wir alles heim!“ +</p> + +<p>So klingt es vom frühen Morgen bis zum Abend. +</p> + +<p>Am Neujahrstage aber, wenn Sascha „sät“, wird ebenso +oft der Neujahrssegen wiederholt: +</p> + +<p>„Herr Gott im Himmel, segne die Saat, daß dein Volk was +zu essen hat! Frohes Fest, glückliches Neujahr!“ +</p> + +<p>Zu Weihnachten geht’s munter zu, — es ist eine „makige“ +Zeit. +</p> + +<p>Die Großmutter spielt im langen Winter viel mit Sascha. +Morgens fahren sie die Puppen im Saal spazieren und geraten +bald ins Eßzimmer, bald ins Schlafzimmer, bald ins Kabinett, +bald in die Bibliothek, denn es sieht im Saal immer +so nach Regen aus. Und jedesmal werden die Fahrgäste ausgeladen +und dann wieder in den Wagen gesetzt. Und dann +muß das Essen für die Puppen bereitet werden und sie müssen +alle abgefüttert werden. Die Puppen tanzen, gehen in die +Schule, werden krank, laufen davon. Und überall muß man +aufpassen, immer muß man zusehen, daß die Puppen zufrieden +sind. +</p> +<!-- page 061 --> + +<p>Kaum ist es draußen ein bißchen wärmer geworden und der +Schnee im Garten beginnt sich grau zu färben, so bittet +Sascha schon um Erlaubnis, auf der Heuwiese spazieren gehn +zu dürfen, und dann träumt sie vom Sommer, wo — so meint +Sascha — auch Großmutter ganz jung sein und im Garten +herumhüpfen wird. +</p> + +<p>Mit Tante Lena spielt Sascha oft Heuernte: Tante muß +sich auf den Fußboden setzen und ist der Heuschober, und +Sascha läuft um sie herum und harkt das Heu zusammen. +</p> + +<p>Aber nun nehmen die Tage wirklich zu und die Sonne +wärmt schon tüchtig. Und tagtäglich versichert Sascha, die +Puppen wären draußen gewesen und hätten gesagt, es sei +schon ganz trocken, und der Wind habe versprochen, ganz +still zu sein und der Regen desgleichen. +</p> + +<p>Der Schnee schwindet immer mehr, nur noch hier und da +sieht man ein weißes Fleckchen, an den gelben Narzissen +zeigen sich schon große Knospen. +</p> + +<p>Und Sascha geht im Garten umher und erzählt lange Geschichten +vom vorigen Sommer, wie Mama baden ging, und +wo sie mit Lena gespielt hat, und wie sie den Krug in den +Brunnen fallen ließen. +</p> + +<p>„Wenn der Schnee ganz weg ist,“ sagt Sascha, „holen wir +ihn wieder, wir binden einen Lappen an einen Stock und +holen ihn raus.“ +</p> + +<p>So wartet man sehnsüchtig und ungeduldig auf den Frühling, +auf die warme Zeit. +</p> + +<p>Und der Frühling zieht in Olenowka ein, mit Pflug und +Egge, rote Blumen im Haar, strahlend und lachend, und bringt +das Osterfest mit. +</p> + +<h3 class="no">2.</h3> + +<p class="noindent">Alte Leute und kleine Kinder — der Unterschied ist wahrhaftig +nicht groß. Die zwei gehören zusammen — Sascha +und Tante Tatjana Afanasjewna. +</p> + +<p>Immer wieder verschwindet Tantens Krückstock, ohne den +<!-- page 062 --> +sie kaum gehen kann. Tante will hinaus an die frische Luft +— der Stock ist weg, als hätte die Erde ihn verschluckt. +</p> + +<p>Überall sucht man ihn, und Sascha sucht mit! Und nicht einmal +lächeln tut sie dabei, der Schelm! +</p> + +<p>Tante weiß sich aber schon zu rächen: Saschas Spielsachen +fangen an zu verschwinden. +</p> + +<p>Die Tante ist gern allein. In der Schummerstunde setzt sie +sich in einen Winkel im Bildersaal, der schwarzäugigen Somowschen +Kokette mit Löckchen und Bändchen gegenüber, +und macht sich an ihr Geduldspiel: Ziegen und Schafe. Die +hölzernen Ziegenböcke klappern im Takt, aus dem Rahmen +lächelt die Kokette und die Tante lächelt auch, — wieviel +lustige Bälle hat sie mitgemacht, und was gab es dazumal +für Kavaliere, was für Walzer . . . +</p> + +<p>Wenn das Spiel der Tante überdrüssig wird, legt sie es fort +und holt ein anderes heraus — den Bären als Schmied. Und +der Bär schmiedet ihr die alte goldene Zeit neu. +</p> + +<p>Dann denkt die Tante nicht daran, daß sie doch bald ins +Grab muß. Nein, sie ist sechzehn Jahre alt, vielleicht auch +noch viel, viel jünger. +</p> + +<p>Sascha steht morgens ganz früh auf mit Großmama und der +Tante. Nur das Zimmermädchen Polja steht noch früher auf. +</p> + +<p>Jeden Morgen begibt sich die Tante in den Saal, um vor +dem wundertätigen Marienbild von Sadorino zu beten. Mit +der linken Faust macht die Tante eine „Feige“, den bösen +Geist abzuwehren, und die Faust fest an den Rücken gepreßt, +fängt sie zu beten an. Sascha, noch nicht ganz angekleidet, +nur in Strümpfen und Leibchen, kommt vom Turme auch in +den Saal hinunter gelaufen um zu beten, bekreuzigt sich ungeschickt, +beugt sich nieder und hascht mit der linken Hand +nach Tantens zitternder Feige. +</p> + +<p>Mit Angst und Beben, ihr Gebet vergessend, sieht die Tante +sich um: daß ihr Schutzengel nur nicht davonfliegt! +</p> + +<p>Und oft scheint es ihr, als flöge der Engel davon. Dann +<!-- page 063 --> +wird’s ein böser Tag, alle kränken die Tante, Tante kriegt +ihren geliebten Nabel nicht. +</p> + +<p>Tante kennt nämlich kein schöneres Essen, als gekochten +Hühnernabel. Und Sascha denkt ganz wie Tante. Mit dem +Hühnernabel kann man viel erreichen: man kann Sascha dazu +bringen, daß sie auch Suppe und Fleisch ißt und nicht +bloß Milch ohne Brot; man kann sie dazu bringen, daß sie +sich umkleiden läßt, ihr Frätzchen wäscht, — obgleich es +dann mit dem Waschen nicht immer sein Bewenden hat: es +kommt vor, daß Sascha verlangt, alle sollten sich waschen, +und ohne jeden Grund. Aber ein Tag ist eben nicht wie der +andere, und das Wichtigste ist doch, daß man Sascha mit +diesem Nabel zwingen kann, nicht im Regen spazieren zu +gehen. +</p> + +<p>Tante holt den Nabel von Saschas Teller weg und so geschickt, +daß man sie gar nicht dabei ertappen kann. Eben war +noch alles in schönster Ordnung, — und mit einemmal ist +von dem Nabel nur eine harte Sehne geblieben. +</p> + +<p>„Man muß es auf einen andern Teller legen,“ sagt Tante +Wera streng. +</p> + +<p>Aber Tante Tatjana Afanasjewna schaut ganz unschuldig +drein. Sie hat den Nabel schon aufgegessen. +</p> + +<p>Mit dem Mittagessen hat man überhaupt sein Kreuz. Zu +Mittag geht immer etwas schief. +</p> + +<p>Sascha wird auf das hohe Klappstühlchen gesetzt, man bindet +ihr die Serviette um. Tante Lena fängt an, endlose Geschichten +zu erzählen. Der Inhalt dieser Geschichten ist dem +Alltagsleben entnommen, er ist ganz einfach und mit so klaren +Details, wie man sie höchstens im Traum sieht. Da wird +etwa erzählt, wie Manja Bruch in die Stadt ins Töchterpensionat +kam. Manja, Onkel Andrej, der Nachbar Bruch, der +Landmesser Becker müssen in jeder Geschichte vorkommen. +Und nur wenn solche Geschichten erzählt werden, ißt Sascha +ordentlich. Gott bewahre, wenn Tante Lena stecken bleibt +<!-- page 064 --> +oder auf eine der Zwischenfragen keine Antwort weiß! Warum? +wo? wieviel? wann? Oder wenn sie auf das unaufhörliche: +und dann? und weiter? nicht sofort einfällt. Dann gibt es ein +Geschrei und Tränenströme, denen gegenüber selbst Manja, +die im Sommer regelmäßig zur ersten Speise erscheint, ganz +hilflos ist, und die kein Nabel, kein Pfefferkuchen stillen kann. +Manchmal kommt es auch so: man setzt sich zu Tisch, und +Sascha ist nicht da. Man hat sie eben noch gesehen, aber nun +ist sie mit einemmal verschwunden, wie weggeblasen. Und +alles macht sich auf die Suche. Man läuft durch den ganzen +Garten, guckt in die Scheune, in Pferde- und Kuhstall, und +wenn alle schon ganz außer Atem sind, kommt sie plötzlich +aus dem Ofen herausgekrochen, schwarz, wie ein Mohrenkind, +und lacht so, daß selbst ein Toter im Sarge mitlachen +müßte, und die Lebendigen vor Lachen sterben möchten. +</p> + +<p>Auch in der Küche muß man sich vorsehen. Da wird der +Teig ausgerollt, damit man die Brote in den Ofen schieben +kann; alle Vorsichtsmaßregeln sind ergriffen; die Haushälterin +Nadeshda hat die Tür verriegelt und eine Bank vorgeschoben, +Halka singt Kosaken- und Zigeunerlieder. Was kann +man noch mehr tun? Aber durch irgendeine Ritze ist Sascha +doch durchgeschlüpft, und sie muß durchaus ein Brötchen +mit ihren kleinen Pfoten formen. Und dann klatscht der Teig +auf den Boden und wälzt sich im Staub und Schmutz, — und +das soll nun gebacken werden! +</p> + +<p>Nur der Hund Kadoschka hat was davon — o dieser Kadoschka! +Er läßt sich nicht anrühren, nicht aus dem Zimmer +jagen. Kadoschka kriegt zuguterletzt alles. +</p> + +<p>Sadory war von je durch seine Gastfreundlichkeit berühmt. +Seit aber Sascha da ist, ist dieser Ruf noch gewachsen. Nicht +nur Kadoschka, — jeden, der ihr in den Weg kommt, muß +sie füttern und tränken, ob er will oder nicht. Sie stopft es +ihm einfach mit Gewalt hinein: iß und trink, bis du platzest. +Und da hilft kein Weigern und Sträuben. +</p> +<!-- page 065 --> + +<p>Sascha will alles selbst mit ihren eigenen Händen tun. Sie +hat einen eigenen kleinen Besen aus Steppengras, damit fegt +sie jeden Morgen die Stube. Der Besen macht mehr Staub, +als daß er den Staub wegschaffte, — aber wieviel Mühe macht +sich Sascha dabei! Unter jedes Bett kriecht sie, vor jedem +Sofa bückt sie sich mindestens zehnmal. +</p> + +<p>Ordnung muß eben sein. +</p> + +<p>Nach dem Essen spielt Sascha mit Manja „Stöckchen gib +acht!“, Versteck und Kuchenbacken. +</p> + +<p>„Stöckchen gib acht!“ wird so gespielt: man holt sich +irgendwo aus einem alten Lattenzaun ein Stöckchen, stellt es +senkrecht auf den Zeigefinger, sagt: „Stöckchen gib acht! +Wieviel Stunden sind’s noch bis Mitternacht?“ und zählt +dann, bis das Stöckchen vom Finger heruntergefallen ist. Bei +welcher Zahl das geschieht, so viel Stunden sind’s noch bis +Mitternacht. +</p> + +<p>Sascha bringt es immer zu sehr hohen Zahlen, denn sie zählt +auf ihre besondere Art. Eins, zwei, drei, zehn, zwanzig, zehn, +hundert. Außerdem mogelt Sascha: mit dem Daumen, dem +Lutscher, stützt sie das Stöckchen heimlich. +</p> + +<p>Wie man Versteck spielt, weiß jeder. Verstecken kann man +sich überall: im Kuhstall und in Drankas Hundehütte, — aber +nur nicht lauern! Sascha versteckt sich hinter der Tür. Das +ist ganz einfach, aber man kommt nicht so leicht drauf. +</p> + +<p>Das alles sind friedliche Spiele, aber beim Kuchenbacken +gibt es oft Mißverständnisse. Sascha läßt die Möglichkeit nicht +gelten, daß irgend jemand außer ihr etwa einen Baumkuchen +aus Sand formen könnte. Und wenn Manja Bruch ihr ein Pralinee +aus Sand überreicht, dann hätte sie’s lieber nicht +getan! +</p> + +<p>Wird das Spiel draußen langweilig, geht man ins Zimmer. +Dort „liest“ Sascha, das heißt, Tante Lena liest ihr vor. Aber +Sascha weiß schon eine Menge auswendig und sie hört so zu, +als wäre sie selbst der Struwwelpeter und der Hans-Guckindieluft +<!-- page 066 --> +und das schlaue Häschen. Und was sie für Gesichter +dazu schneidet! Wo sie die nur alle her hat! Diesen Sommer +hat Mama ihr eine Fibel geschenkt mit einem Mohr, einem +Indianer und einem Ägypter. Und die Fibel ist jetzt Saschas +Lieblingsbuch. +</p> + +<p>Bilder besehen macht Sascha immer Spaß. Sämtliche Jahrgänge +der „Niwa“ sind schon durchgeschmökert. Jedes Bild +wird in Zusammenhang mit dem Leben auf dem Schlosse gebracht, +und wenn das garnicht angeht, so werden neue Geschichten +geschaffen, die sich ebenfalls auf dem Schlosse abgespielt +haben, und bloß nicht im Gedächtnis der Schloßbewohner +haften geblieben sind. +</p> + +<p>Und immer muß Sascha fragen. Und wenn sie auch alle +Fragen selbst auf ihre Weise beantwortet, so überschüttet sie +doch jeden, der in ihre Nähe kommt, mit Fragen ohne Zahl. +Wenn ein Lied gesungen wird, ein Märchen erzählt, oder +überhaupt nur von irgendetwas gesprochen, dann kann man +auf die Fragen gefaßt sein: +</p> + +<p>„Warum ist Herbst? Warum muß man essen? Warum muß +man gesund sein? Warum muß man beten?“ +</p> + +<p>Und das nimmt kein Ende. +</p> + +<p>Sascha kennt die russischen Dichter. Sie zeigt Puschkins +Bild und nennt ihn Putzekin. Lermontow kann sie auch +richtig zeigen, aber seinen Namen vermag sie nicht auszusprechen. +</p> + +<p>Wenn das Lesen und Bilderbesehen und Fragen erledigt +ist, setzt sich Sascha an Tantens Klavier, läßt sich Noten aufs +Pult legen und fängt an zu spielen. Die Notenblätter müssen +umgewendet werden, die Hefte gewechselt, sonst wird Sascha +sehr böse. +</p> + +<p>Sie wird überhaupt sehr leicht böse, sie ist grimmiger als +der alte Landmesser Becker, den die Leute im Dorfe den +Feuerspeier nennen. +</p> + +<p>So geht der Tag hin, man merkt es gar nicht, wie. Der +<!-- page 067 --> +Abend kommt heran. Nun geht man noch spazieren. Tante +Lena, Manja und Sascha spazieren ins Feld hinaus. +</p> + +<p>Im Schlosse wird es still. Tante und Großmama spielen +Schwarzen Peter, im Garten oder in der Küche wird Fruchtsaft +gekocht, dafür sorgt Tante Wera. +</p> + +<p>Und gerade, wenn den Fliegen der süße Schaum über dem +Kessel am schönsten schmeckt, wird es im Schlosse wieder +laut und lebendig. Vom Felde bringt man Blumen, Kränze +und eine Unmenge Geschichten: irgend jemand hat man sicher +unterwegs getroffen, — natürlich nur von jenen Leuten, die +bloß Sascha und dem Mohren, ihrem getreuen und ergebenen +Kavalier, bekannt sind und nur von ihnen gesehen werden. +</p> + +<p>Wenn die Sonne sinkt, wird es für Sascha Zeit, zu Bett zu +gehen. +</p> + +<p>Bei dieser Gelegenheit wird sie von den unglaublichsten +Krankheiten heimgesucht. Am häufigsten tut ihr der Fuß +weh. Sascha hinkt dann. Eine Zeitlang war man ganz unruhig, +aber weder der Student Michail Petrowitsch, noch der Doktor +Korotok konnten etwas Gefährliches entdecken. Wenn jemand +der Fuß wehtat, so allenfalls nur der Großmama, die immer +ihr Reißen bekommt, wenn das Wetter sich ändern will. +</p> + +<p>Ehe Sascha zu Bett geht, müssen alle Puppen zur Ruhe gebracht +werden. Wenn sie fertig sind, kommt die Reihe an +Sascha. +</p> + +<p>Vor dem Schlaf, auf dem Töpfchen, erzählt Sascha mit schläfrigen +Lippen der Tante Lena, was sie Neues erfahren und gelernt +hat, und wen sie heute gesehen und allerlei vom Sandmann +und wie die Hunde bellen. +</p> + +<p>Wenn es am Tage gewittert hat, erzählt Sascha vom Donner; +wenn es regnete, so berichtet sie Dinge vom Regen, die ein +Erwachsener nur schwer versteht, — Tante Lena nicht ausgenommen, +obgleich sie an Saschas Geschichten gewöhnt ist, +mit ihr in einem Zimmer schläft und sie fast nie allein läßt. +</p> + +<p>„Der Donner wohnt über dem Himmel,“ berichtet Sascha, +<!-- page 068 --> +„wo auch die Wolken sind. Der Regen wohnt auf dem Dach. +Da wohnen auch die Vöglein.“ +</p> + +<p>Sascha schläft ein, und auch die Großmutter Euphrosyne +Iwanowna schläft und die Ziege Maschka, damit Sascha morgen +früh wieder frische Milch hat. +</p> + +<p>Nur die Tante Tatjana Afanasjewna schläft nicht. Die Tante +legt Karten aus. Sie hat ihre besonderen Karten, die lügen +nie. Da gibt es im Spiel eine Amazone und einen Spanier, +auf die kommt es vor allem an. Die Karten werden in vier +Reihen zu je neun ausgelegt. Und wie traurig kann die Arme +sein, wenn plötzlich irgendein Astrolog oder die Sphinx +oder die Kanone nicht da sind — alles Saschas böse Streiche. +</p> + +<p>Aus dem Wächterhäuschen kommt der Nachtwächter Taras +mit seiner Klapper. Und Butzik und Mischka und Dranka +bellen bald laut auf, bald sind sie mäuschenstill, bald heulen +sie dreistimmig, daß es weit widerhallt. +</p> + +<p>Tags schläft der Sandmann, aber nachts wird er lebendig. +Abends steht er von seinem Lager auf, und wenn es ganz +dunkel geworden ist, kommt er ins Schloß. Er geht geradewegs +die Treppe hinauf in Saschas Turm, und selten kommt +er allein. Der Sandmann erzählt Märchen oder er nimmt +Sascha an der Hand und führt sie aus dem Turm hinaus ins +Feld spazieren, im Winter über das weiße Gras, im Sommer +über rote Blumen. Der Sandmann kann gerade so, wie Mama, +aus Malven Damen machen. Er reißt eine rosa Blüte ab, dreht +sie um, bindet die Staubfäden mit einem Grashalm zusammen +— und die Dame im Reifrock ist fertig. +</p> + +<p>Einmal gingen Sascha und der Sandmann über das Feld +nach den Tatarengräbern — so nennt man in Olenowka die +Hünengräber — und da kam ihnen der Wolf entgegen. +</p> + +<p>„Nehmt mich mit,“ sagte er, „ich will auch spazieren gehn.“ +</p> + +<p>„Gut.“ +</p> + +<p>Und so gingen sie. Alles war in bester Ordnung. Der Wolf +kannte die ganze Gegend ausgezeichnet und führte sie zu +<!-- page 069 --> +den schönsten Plätzchen. Aber auf einmal verlor der Wolf +seinen Schwanz. Und da wurde er ganz betrübt. Ohne Schwanz +fühlt man sich ganz scheußlich, und nun schrie Sascha jede +Nacht aus Furcht, sie könnte auch ihr Schwänzchen verlieren. +</p> + +<p>Tante Lena hörte das Geschrei und dachte, Sascha hätte +Magenweh, und man schob die Schuld auf die Ziege und ihre +zu süße Milch. Der Student Michail Petrowitsch erschien +wieder, der Doktor Korotok untersuchte Sascha, beide verordneten +eine Mixtur, alle zwei Stunden einen Eßlöffel voll. +Sascha nahm die Mixtur und schrie nachts doch. +</p> + +<p>Gott sei Dank, daß die Boitschicha da war, sonst hätten +sie das Mädel ganz zugrunde gerichtet. +</p> + +<p>Die Boitschicha ist ein ur-uraltes Weibchen im Dorf. Ihre +Hütte ist dicht beim Schloß. Man erzählte, sie sei eine Hexe, +die heilen und verzaubern könne. An sie wandte man sich. +</p> + +<p>„Der Wolf hat sie erschreckt,“ sagte die Alte. „Das läßt +sich wieder gutmachen.“ +</p> + +<p>Die Boitschicha kam in aller Frühe ins Schloß, als der Ofen +eben angeheizt war. Die Hexe murmelte allerlei vor sich hin, +trug Sascha durch das Zimmer, strich mit ihren erdigen, harten +Fingern über die rosige Brust und den Rücken, dann nahm +sie ein Büschel Bandgras und ließ den Schrecken sich ans +Gras hängen. Das Gras aber warf sie sofort ins Feuer. Das +Gras verbrannte — und alles war wieder gut. Wenn Sascha +auch nur ein einziges Mal in der Nacht geschrien hätte. Wahrscheinlich +war dem Wolf sein Schwanz wieder angewachsen, +so daß Sascha sich jetzt nicht mehr zu fürchten brauchte. +</p> + +<p>Ein andermal brachte der Sandmann einen Mönch zu Sascha. +So einen hatte Sascha schon auf Bildern gesehen. Ein ganz +einfacher Mönch in einer schwarzen Mütze mit gekreuzten +Armen. Der Sandmann stellte den Mönch vor Saschas Bett +am Fußende hin und verschwand selbst. +</p> + +<p>Sascha machte die Augen auf und rief Tante Lena. Tante +Lena stand auf, zündete das Lämpchen an, sah aber keinen +<!-- page 070 --> +Mönch. Doch der stand immer noch da, wie der Sandmann ihn +hingestellt hatte, mit gekreuzten Armen und starrte Sascha an. +</p> + +<p>Seitdem brennt im Turmzimmer nachts immer das Lämpchen. +</p> + +<p>Der Mönch aber mag das Licht wohl nicht, denn er ist nicht +mehr wiedergekommen. Dafür brachte der Sandmann die +Maka zu Sascha. +</p> + +<p>Maka gefiel der Sascha sehr gut, und auch Sascha gefiel +der Maka. Und Maka gewann Sascha so lieb, daß sie zu jeder +Zeit auch ohne den Sandmann bei ihr zu erscheinen begann. +Sie tritt ganz dicht an Sascha heran und spricht mit ihr. Makas +Stimme kann niemand hören außer Sascha, und was Sascha +zu Maka sagt, das hören zwar alle, aber keiner versteht es, +denn es sind ganz besondere Worte, keine russischen. +</p> + +<p>Wenn Sascha an irgendetwas besonderen Gefallen findet, +sagt sie: „das ist makig.“ Mama ist makig, Tante Lena ist +makig, die Ziege Maschka ist makig, und Onkel Andrej ist +es, wenn er singt oder aus der Stadt Schokolade mitbringt. +</p> + +<p>Die Freundschaft zwischen Sascha und Maka ist einfach rührend. +Die beiden sehen sich sehr oft. +</p> + +<p>„Lena,“ sagte Sascha und unterbricht ihr Spiel oder irgendeine +interessante Geschichte, „ich muß zu Maka gehen.“ +</p> + +<p>Und sie begibt sich nach dem zweiten Schloßturm, wo das +Familienarchiv und die Bibliothek sich befinden und wo einst +der Großvater Jurij Alexandrowitsch gewohnt hat. +</p> + +<p>Hier haust jetzt Maka. +</p> + +<h3 class="no">3.</h3> + +<p class="noindent">Sascha ist drei Jahre alt oder dreitausend, oder vielleicht auch +dreimal dreitausend. Sascha zählt ihr Alter nicht nach Jahren. +</p> + +<p>Sascha meint, sie hätte von Ewigkeit an im Schlosse gelebt, +sie wäre die Enkelin nicht der Großmama Euphrosyne Iwanowna, +sondern der Tante Lena; sie hält sich für groß und alt, +älter als das ganze Geschlecht, das im Schloß gewohnt hat, +älter als die Tante Tatjana Afanasjewna, denn die Tante ist +<!-- page 071 --> +ja nicht hundert Jahr alt, sondern erst sechzehn, oder vielleicht +noch weniger. +</p> + +<p>Sascha steigt oft in Makas Turm hinauf. +</p> + +<p>Der Turm ist alt, und eine Unmenge von Mäusen haust +darin: in der Bibliothek und im Archiv haben sie genug zu +fressen, und man hört sie Tag und Nacht kratzen und krabbeln. +Dort unterhält sich Sascha mit Maka, dort guckt sie nach +den kleinen Mäuschen und freut sich, wenn eins ohne die +geringste Furcht ganz dicht an sie herankommt und sich den +Bart mit den Pfötchen streicht. +</p> + +<p>In Großvaters Kabinett hängen Bildnisse: eins zeigt +Großvater als jungen Mann in Leutnantsuniform; auf dem andern +ist er ganz alt und hat einen langen Bart und helle blaue +Augen, ganz wie Saschas Augen. +</p> + +<p>Sascha kennt Großvater, sie hat Großvater gesehen: einmal +nachts kam Großvater mit dem Sandmann an ihr Bett und unterhielt +sich mit ihr, Großvater sagte zu Sascha, er werde nach +anderthalb Jahren ganz zu ihr ins Schloß kommen. Und wenn +Sascha jetzt in das Kabinett läuft, denkt sie immer, Großvater +würde einmal da sein. +</p> + +<p>Mama erzählt Sascha ganz wunderschöne Märchen: von dem +Fischer und seiner Frau und vom gestiefelten Kater und +vom kleinen Däumling, vom Froschkönig und vom schlauen +Fuchs. +</p> + +<p>„Willst du, Mama? Ich erzähle dir auch ein Märchen,“ sagt +Sascha, als die Mutter mit ihrer Geschichte zu Ende ist. +</p> + +<p>„Erzähl’ mal!“ +</p> + +<p>Und Sascha erzählt ihr Märchen: +</p> + +<p>„Es waren einmal zwei Bauern, die gingen ans Meer, um +Fische zu fangen. Sie fingen aber nichts, und da gingen sie +wieder nach Hause und legten sich schlafen.“ +</p> + +<p>Damit ist das Märchen aus. +</p> + +<p>Sie hat noch ein anderes ebenso schönes Märchen vom Hahn +und vom Bären, wie der Hahn den Bären auffraß. +</p> +<!-- page 072 --> + +<p>Sascha hat es auch sehr gerne, wenn Mama erzählt, was sie +alles gemacht hat, als sie, die Mama, noch klein war. +</p> + +<p>„Als ich klein war, war ich sehr unartig,“ erzählt die Mutter +zum hundertsten Male. „Einmal kam ich in die Küche, als gerade +alle hinausgegangen waren. Da stand der Samowar auf +der Bank. Ich griff nach dem Krahn, drehte ihn um und blieb +mit der Schulter am Samowar hängen, so daß er umfiel — +gerade auf mich. Da fing ich furchtbar zu schreien an, denn +ich hatte mir die Beinchen verbrüht. Großmama kam gelaufen +und Großpapa und Tante und die Urgroßmama. Man legte +mich ins Bett und holte den Doktor. Als der Doktor gekommen +war, nahm man mir die Strümpfe ab, aber mit den Strümpfen +ging auch die Haut ab. Das tat furchtbar weh und ich weinte +und schrie. Lange mußte ich im Bett liegen, dann wurden die +Beinchen allmählich gesund, eine neue Haut wuchs drüber.“ +</p> + +<p>„Und dann noch eine?“ unterbricht Sascha die Mutter. +</p> + +<p>„Nein. Anfangs konnte ich nur kriechen. Ich hatte das Gehen +ganz verlernt. Erst nach und nach lernte ich wieder fest +auf meinen Füßen stehn.“ +</p> + +<p>Sascha hört mit zusammengezogenen Brauen zu, und wenn +die schöne Geschichte zu Ende ist, die Beine wieder heil sind +und die Mama wieder laufen kann — dann strahlt Sascha über +das ganze Gesicht und lacht. +</p> + +<p>„Noch einmal!“ +</p> + +<p>Und Mama erzählt die schöne Geschichte zum zweitenmal. +</p> + +<p>„Aber als ich klein war,“ fängt Sascha dann an, „da lag ich +mit dir im Kinderwagen, und dann zog ich dich an . . .“ +</p> + +<p>Aber das ist schon so lange her, so lange, daß Sascha klein +war! Und wenn Sascha ihrer Kindheit gedenkt, behauptet +sie, daß sie wieder einmal klein sein werde. +</p> + +<p>„Wer wird dich liebkosen, wenn ich tot bin?“ sagte Sascha +einmal, als sie wieder in Kindheitserinnerungen schwelgte und +umarmte die Mama so innig, als wäre sie ihr Teddy-Bär. +</p> + +<p>Jeden Morgen nach dem Gebet begibt sich Sascha gewöhnlich +<!-- page 073 --> +mit der Tante zu Mama, um sie aufzuwecken, und dann +geht es hoch her: sie kriechen als Bären auf allen Vieren, +stoßen sich als wilde Kühe mit den Hörnern, stellen Gewitter, +Sturm, Regen, Hagel dar. Und Sascha sucht der Mama Angst +zu machen: sie bläst die Backen auf und sagt mit hohler +Stimme, sie wäre nicht Sascha, sondern der Froschkönig. Und +dann kratzt Mama Sascha den Rücken und die Schulter: Sascha +hat das über alle Maßen gern. +</p> + +<p>Einmal sagte Mama zu Sascha: +</p> + +<p>„Weißt du, Sascha, ich habe Maka gesehn.“ +</p> + +<p>Da drohte Sascha mit dem Finger, kletterte der Mutter auf +den Schoß und flüsterte ihr ganz leise ins Ohr: +</p> + +<p>„Still du, Mama, das darf man nicht laut sagen.“ +</p> + +<p>„Warum denn nicht?“ +</p> + +<p>„Man darf nicht,“ wiederholte Sascha nun ganz streng und +furchte die Stirn. +</p> + +<p>„Weißt du denn, wie deine Maka aussieht?“ +</p> + +<p>„Sprich nicht so laut, Mama, sag es niemandem,“ flüsterte +Sascha. „Maka ist ein ganz altes zahnloses Fräulein. Immer +bittet sie um Zigaretten, und kann doch gar nicht rauchen, +denn Maka hat keinen Mund, sondern bloß zwei Zungen.“ +</p> + +<p>Und wie sie so von ihrer geliebten geheimnisvollen Maka erzählte, +lächelte Sascha, und der dunkle Leberfleck auf der +Oberlippe ließ dieses Lächeln unbeschreiblich süß erscheinen. +</p> +<!-- page 074 --> + +<h2 class="chapter" id="chapter-2.3"> +Die Krawatte</h2> + +<h3 class="no">1.</h3> + +<p class="first"><span class="firstchar">S</span>chon ganz zu Anfang des Semesters hatte man auf dem +Newskij-Prospekt einen schwarzhaarigen Studenten bemerkt, +der sich von den andern eleganten Studenten in ihren +neuen Uniformen scharf unterschied. Die neu immatrikulierten +Studiosi, die zum erstenmal nach Petersburg gekommen sind, +pflegen scharenweise auf dem Newskij spazieren zu gehen, +gucken neugierig nach allen Seiten und stehen lange vor den +Schaufenstern. +</p> + +<p>Der Student, der allen auffiel, war auch ein Neuling und +auch elegant gekleidet, aber sein Gesicht und seine Haltung +unterschieden ihn von den andern. +</p> + +<p>Er hatte so feurige schwarze Augen und so schwarzes Haar +— es gab keinen zweiten so schwarzen auf dem ganzen +Newskij. +</p> + +<p>Seine Augen behielten, auch wenn er lächelte und sogar +sehr schelmisch lächelte, immer denselben Ausdruck: ein alter +Schmerz, eine Wehmut, die Jahrhunderte überdauert zu haben +schien und immer wieder durch ein verborgenes nie verlöschendes +Feuer genährt wurde, sprach aus diesen Augen. +Und wenn er, ohne den Kopf zu wenden, nach einer vorübereilenden +Dame schielte, dann sah man von den Augen nur +das Weiße. +</p> + +<p>Sein Gang war sehr sicher und solide; er schritt gleichmäßig, +ohne hin und her zu wackeln und ohne mit den Armen +zu fuchteln. Und doch hatte man das Gefühl, als müßte er +von allen Spaziergängern der tollste und phantastischeste sein. +</p> + +<p>„Abdul Achad,“ sagte der schwarze Student einmal, als +er sich einem semmelblonden, ängstlich dreinschauenden +Kommilitonen vorstellte. +</p> + +<p>„Ein Türke,“ zwinkerten die Kellner in den Kaffeehäusern +<!-- page 075 --> +und die Ladendiener einander zu, wenn sie Abdul Achad zu +Gesichte bekamen. +</p> + +<p>Die Liebhaber arabischer Märchen mußten in große Erregung +geraten, wenn sie zufällig mit Abdul Achad zusammen +kamen, — dem Türken, wie er nur noch von den Kameraden +genannt wurde. +</p> + +<p>Vom Newskij kam der Türke auf Wasili-Ostrow. In der +zwölften Linie mietete er sich ein Zimmer. Und schon im November +kannte der ganze Stadtteil den Türken. +</p> + +<p>Der Türke war reich und freigebig. Der Türke fiel allen auf. +Und es gab kaum ein junges Mädel im ganzen Stadtteil, in +das der Türke sich nicht verliebt hätte; es gab kein einziges, +das nicht für den Türken geschwärmt hätte. +</p> + +<p>Es gingen die unglaublichsten und lächerlichsten Geschichten +über den Türken um. +</p> + +<p>Allerdings liebte er selbst sehr von sich zu sprechen und +allerlei unglaubliche, lächerliche Geschichten zu erzählen, von +Reisen und Abenteuern jeder Art, — und immer wollte er +alles selbst gesehen und selbst erlebt haben. +</p> + +<p>Die Liebhaber arabischer Märchen mußten in große Erregung +geraten, wenn sie zufällig eine Geschichte des Abdul +Achad zu hören bekamen. +</p> + +<p>Und der semmelblonde ängstliche Studiosus, zu dem der +Türke sich besonders hingezogen fühlte und den er protegierte, +der semmelblonde ängstliche Studiosus, der stete Begleiter +des Türken, berichtete einmal voll herausfordernden +Stolzes von seinem Beschützer, dieser sei schon als Quintaner +Vater gewesen und hätte sich in dieser Rolle keineswegs +wohl gefühlt. +</p> + +<p>Übrigens hatte auch der Türke selber in einem Augenblick +besonderer Offenherzigkeit etwas Ähnliches von sich erzählt, +und sogar geschildert, wie peinlich es ihm war, als Vater +eines kräftigen Jungen vom Lehrer in den Winkel gestellt zu +werden. +</p> +<!-- page 076 --> + +<p>Man schenkte der Geschichte nicht eben viel Glauben, aber +man amüsierte sich köstlich. +</p> + +<p>„Nun freilich,“ sagte man, „ein Türke!“ +</p> + +<p>„Der Türke ist da!“ rief man mit frohem, freundlichem +Lachen, wenn Abdul Achad in der Kneipe erschien. +</p> + +<p>Der Türke lebte sich in Petersburg ein, wie die andern Türken, +die „Schopftürken“ —so nannte Abdul Achads Zimmerwirtin +die Sphinxe an der Nikolaibrücke — sich an die kalte +Newa, an den bleichen Himmel, an den Rauhreif und an den +Petersburger Wind gewöhnt hatten. +</p> + +<p>Der Türke fand es immer heiß und knöpfte seinen kostbaren +Pelz nie zu. +</p> + +<p>„Natürlich,“ hieß es, „ein Türke.“ +</p> + +<p>„Der Türke, der Türke!“ wurde Abdul Achad mit frohem, +freundlichem Lachen auf der Straße begrüßt. +</p> + +<p>Aber der Türke war launisch: heute konnte er lustig sein, +und tags darauf war er traurig; heute erzählt er die tollsten +Geschichten und macht die abenteuerlichsten Pläne, und +morgen sieht man nur das Weiße seiner Augen. +</p> + +<p>Und alle kennen das — sie kennen sein Lachen und seine +Tränen und sie liebkosen den Türken, wenn er weint. +</p> + +<p>„Lieber Türke, laß doch!“ — Und sie streicheln ihn wie +eine Katze. +</p> + +<p>Zu Weihnachten tanzte der Türke auf Maskenbällen und +nach Weihnachten setzte er sich an die Kolleghefte. +</p> + +<p>Aber was ist das Kolleg für den Türken? Und was ist der +Türke dem Polizeiwachtmeister? +</p> + +<p>Ganz unerwarteterweise kam der Türke eines schönen Tages +nicht mehr nach seiner zwölften Linie und nicht zu den +Schopftürken, den Sphinxen, an denen er sonst so oft vorübergegangen +war, sondern an das Arsenal-Ufer in das Gefängnis +von Kresty. +</p> +<!-- page 077 --> + +<h3 class="no">2.</h3> + +<p class="noindent">Man gelangt auf sehr einfache Weise nach Kresty. +</p> + +<p>Auf dem Newskij gab es eine Straßendemonstration. Unter +den Demonstranten befand sich auch der Türke. Wie wäre +eine Demonstration ohne den Türken möglich gewesen? Bei +Demonstrationen trifft man eine Unmenge Bekannte und es +ist sehr lustig, wie auf keinem Ball, keiner Maskerade. +</p> + +<p>„Der Türke! Der Türkei“ riefen die Kameraden freudig, +als sie Abdul Achad zu Gesicht bekamen. +</p> + +<p>Und anfangs ging alles sehr nett und lustig her, aber vor +dem Rathause hatte die Polizei den Demonstranten eine +Falle gestellt, und nun gab es Knuten- und Säbelhiebe. +</p> + +<p>Der Türke ist alles, was ihr wollt; er ist nicht erst in der +Quinta, sondern schon in der Sexta Familienvater gewesen; +das ist alles wahr. In China war er allerdings nicht, wenn er +auch sehr schön von lebendig gebratenen Fischen zu erzählen +weiß, die ihm irgendein vornehmer Chinese vorgesetzt haben +soll. Aber der Türke ist ein Ritter, der Türke kann es +nicht zulassen, daß ein hübsches Mädel, noch dazu eins, das +er sehr gut kennt, von einem Soldaten mit dem flachen Säbel +geschlagen wird. +</p> + +<p>Drei junge Studentinnen stürzten auf die Treppe des Rathauses, +legten die Hände vors Gesicht und knieten nieder, +den Soldaten den Rücken zukehrend. Ein Soldat stieg ihnen +nach und begann sie der Reihe nach mit seinem schweren, +harten Säbel zu schlagen. +</p> + +<p>Der Türke geriet in Raserei. +</p> + +<p>In der Menge lachte jemand laut auf und sagte etwas Kränkendes +über die unglücklichen, geduldig unter den Säbelhieben +knienden Mädchen. Und von allen Seiten tönte Geschrei +und Gewinsel. Man stieß sich, rannte, stolperte, fiel. +</p> + +<p>Der schwarze Türke mit den schwarzen brennenden Augen +lief nicht, wie die andern, er schrie nicht, wie die andern, er +rollte nur seine großen brennenden Augen. +</p> +<!-- page 078 --> + +<p>Und seine Raserei erreichte den Höhepunkt. +</p> + +<p>Und das Weiße seiner Augen schimmerte so schauerlich, daß +dem Schutzmann, der aus seinem zufälligen Opfer die letzten +Lebensgeister herausprügeln wollte, plötzlich der Gedanke +kam: +</p> + +<p>„Ist das nicht der Teufel selber, der nicht umzubringen ist?“ +</p> + +<p>Die Lebensgeister ließ der Türke sich nicht herausprügeln, +aber nach Kresty kam er doch. +</p> + +<h3 class="no">3.</h3> + +<p class="noindent">Mit dem Türken hatte man von der Demonstration noch +viele Studenten nach Kresty gebracht, und bald zeigte es +sich, daß von allen der Ungebärdigste, der Schwierigste Abdul +Achad, der Türke, war. +</p> + +<p>Als alle Beulen, Quetschungen, Risse, Schrammen geheilt +waren, wurde auch der Türke wieder lebendig. Und er war +wie ein kleines Kind . . . Was konnte man auch von einem +Türken anders erwarten? +</p> + +<p>Der Türke bekam Besuch von zwei Bräuten. Der Türke +war in die eine ebenso verliebt, wie in die andre, und er +wußte selbst nicht mehr genau, welche von beiden die schönere +war und welche er lieber hatte. +</p> + +<p>Die Bräute brachten ihm Blumen, Schokolade, Kuchen ins +Gefängnis. Die Zusammenkünfte dauerten immer sehr lange. +Aber der Türke war immer noch unzufrieden. Er bat, daß +ihn noch eine dritte Braut besuchen dürfe. Und so erhielten +drei Bräute die Erlaubnis, den Türken zu besuchen, jede zu +ihrer bestimmten Stunde. +</p> + +<p>Aber auch das war ihm noch nicht genug. Der Türke gab +keine Ruhe. +</p> + +<p>Wie wäre das auch möglich gewesen, da er in Wahrheit +doch nicht drei, sondern dreiunddreißig Bräute hatte. +</p> + +<p>Die Zelle des Türken befand sich im Hintergebäude im +vierten Stock. Das Fenster war hoch. Vom Fußboden aus +<!-- page 079 --> +konnte man nicht durchsehen. Der Türke stellte seinen Stuhl auf +den Tisch, kletterte hinauf und schaute abends aus dem Fenster. +</p> + +<p>Dort am Ufer, von den Schopftürken, den Sphinxen, bis zum +Arsenal gingen seine Bräute spazieren, alle dreiunddreißig. +</p> + +<p>Der Türke dachte nur an sie, erwartete ihren Besuch und +träumte nachts von ihnen. +</p> + +<p>Und dann kam der Frühling. Es ward streng verboten, aus +dem Fenster zu sehn. Aber wie konnte der Türke nicht aus +dem Fenster sehn, wenn der Frühling gekommen war? +</p> + +<p>Der Türke kümmerte sich um die Vorschriften nicht. +</p> + +<p>Man drohte ihm mit Karzerhaft — er ließ sich nicht bange +machen. Man sperrte ihn in den Karzer — es half nichts. Da ließ +man ihn in Frieden. Was sollte man auch mit ihm anfangen? +Früher, als er noch frei war, hatte er die ganze Welt in drei +Gruppen geteilt: hübsche Mädel, junge Mädel und Weiber +überhaupt. In die ersten verliebte er sich, in die zweiten war +er nicht abgeneigt, sich zu verlieben, und den dritten war er +stets bereit, den Hof zu machen. +</p> + +<p>Und nun, da der Frühling gekommen war, da liebte er sie +alle, alle gleich und machte keinen Unterschied mehr zwischen +hübschen und jungen und Weibern überhaupt. +</p> + +<p>Und am Ufer gingen abends nicht mehr dreiunddreißig, +sondern mindestens dreihundertdreiunddreißig Bräute spazieren, +er sah sie mit seinen eigenen Augen. +</p> + +<p>Alle Frauen waren seine Bräute. +</p> + +<p>Zu Ostern weinte der Türke sogar. Er weinte, weil man ihn +nicht auch in die Kirche gehen ließ, wie alle seine Mitgefangenen, +und auch weil er abends, als er aus dem Fenster seine +am Ufer spazierenden Bräute sah, ein so großes Mitleid mit +ihnen empfand. +</p> + +<p>Es kam der Mai und die hellen Nächte. +</p> + +<p>Aus dem Fenster sah der Türke den Mai, die hellen Nächte. +</p> + +<p>Einmal, als die Kontrolle eben vorüber war, und der Türke +auf den Stuhl geklettert war, um nach den Bräuten Ausschau +<!-- page 080 --> +zu halten, bemerkte er einen schwarzen Bart, der aus dem +Gitterfenster nebenan heraushing. Der Nachbar hatte den +Türken auch bemerkt und suchte ihm durch Zeichen zu verstehen +zu geben, daß er nicht reden solle. +</p> + +<p>Aber wann hätte der Türke je guten Rat angenommen? +</p> + +<p>Er war so erfreut über den schwarzen Bart. +</p> + +<p>„Sitzen Sie schon lange hier?“ +</p> + +<p>„Zwei Jahre.“ +</p> + +<p>„Woher?“ +„Aus Wilejki.“ +</p> + +<p>„Wofür?“ +</p> + +<p>„Denunziation. Ich weiß selbst nichts Genaues.“ +</p> + +<p>„Besucht Sie jemand?“ +</p> + +<p>„Nein. Ich habe daheim eine Frau und ein kleines Mädel.“ +</p> + +<p>„Was war Ihr Beruf?“ +</p> + +<p>„Melamed. Lehrer.“ +</p> + +<p>„Langweilen Sie sich nicht?“ +</p> + +<p>„Ich klebe Schachteln.“ +</p> + +<p>„Sehnen Sie sich nicht nach Ihrer Frau?“ +</p> + +<p>Aber der Nachbar antwortete nicht. Der schwarze Bart verschwand +hinter dem Gitter. Und da klopfte auch der Wächter +an die Tür. Der Türke mußte von seinem Stuhl herunter. +</p> + +<p>Als der Wächter vorübergegangen war, kletterte der Türke +wieder hinauf und rief wieder den Nachbar an, aber der +schwarze Bart zeigte sich nicht mehr, man sah durch das +Gitter nur einen gekrümmten müden Rücken. Dann vergaß +der Türke den Bart, und endlich wurde der Türke freigelassen. +Es war doch nichts mit ihm anzufangen. +</p> + +<h3 class="no">4.</h3> + +<p class="noindent">Aus Kresty begab der Türke sich geradewegs auf den +Newskij. Er wußte gar nicht, was er mit sich anfangen, wo +er sich lassen sollte. Seine Bekannten aufsuchen? Dazu war +auch morgen noch Zeit genug. Drei Tage war ihm Frist gegeben, +<!-- page 081 --> +drei Tage durfte er sich in Petersburg aufhalten, und +in drei Tagen konnte er alles erledigen, alle besuchen. +</p> + +<p>Der Türke ging auf dem Newskij und lächelte, alle lächelte +er an, die Alten und die Jungen. +</p> + +<p>„Türke, lieber Türke, wie geht es dir?“ lächelten die Leute +ihm entgegen, oder zum mindesten schien es ihm so. +</p> + +<p>Er ging in ein Kaffeehaus nach dem andern, trank Kaffee, +aß Kuchen, guckte in ein paar Kinos hinein, aber nirgends +hielt er’s lange aus. +</p> + +<p>„Türke, lieber Türke! Wie schön, wie herrlich ist die Freiheit!“ +summten, brummten, flüsterten die Passanten — zum +mindesten schien es ihm so. +</p> + +<p>In einer Schaubude am Newskij gab es wilde Menschenfresser +zu sehen. Aus Neu-Guinea hatte man sie nach Petersburg +gebracht. +</p> + +<p>„Das allerwildeste Volk auf dem Erdball!“ verkündete das +Plakat. Der Türke ging hinein, sich die wilden Menschenfresser +anzusehen. Die Menschenfresser sahen ganz wie Theaterteufel +aus und lächelten, wie der Türke selbst. Und der Türke +konnte nicht anders — er kletterte zu ihnen auf das Podium +hinauf. Die Wilden verstanden nicht, was der Türke zu ihnen +sagte, und auch die andern, die zahmen Zuschauer, ja der +Türke selbst, verstanden kaum etwas, aber die Wirkung war +eine ganz unerwartete: die Wilden hielten ihn wohl für einen +Gott, sie spannten ihre Bogen, schossen ihre Pfeile ab, reckten +sich lang aus, wie Peter der Große, und machten so wüste +Kängurusprünge, daß dem Publikum angst und bange wurde +und alles in größter Hast zum Ausgang drängte. +</p> + +<p>Im Gedränge kam auch der Türke hinaus. +</p> + +<p>„Türke, lieber Türke, wie lustig ist es, wie lustig!“ rief man +ihm nach — oder zum mindesten schien es ihm so. +</p> + +<p>Die Newa hatte das Eis vom Ladogasee schon ins Meer hinaus +befördert. Es war warm. Übrigens hätte der Türke es auch +warm gefunden, wenn das Eis noch nicht abgegangen wäre. +</p> +<!-- page 082 --> + +<p>Die weiße, durchsichtige Nacht lockte mit fernen silbernen +Sternen. +</p> + +<p>Es war Kaisers Geburtstag. Auf dem Newskij flammten +längs dem Bürgersteig bunte elektrische Laternchen auf, an +den Häusern leuchtende Monogramme und Wappen. Das +Gedränge der Spaziergänger wurde immer größer. +</p> + +<p>Der Türke sah nach allen Seiten und lächelte. Alles schien +ihm so reich geputzt, so jung und rein, er hätte alle ohne +Unterschied küssen können. +</p> + +<p>An der Ecke beim Katharinenkanal blieb der Türke stehen. +</p> + +<p>Von der Kasankathedrale her kamen Gardekürassiere. +</p> + +<p>Riesengroß, auf prächtigen Pferden, in silbernen Harnischen, +bewegten sich die schimmernden Reiter wie Gespenster vorwärts. +</p> + +<p>Der Türke sah auf die Kürassiere und lächelte. Und lange +noch schimmerten die silbernen Harnische durch die weiße +Nacht, die bunten grünen Laternchen und die dunkeln, wie +Bärte herabhängenden Fahnen. Als die Kürassiere vorüber +waren, ging der Türke mit der Menge weiter. +</p> + +<p>Auf der Brücke fiel ihm ein Mädel auf — schwarzhaarig, +schlank, fast wie ein Backfisch, nicht geschminkt, mit Augen, +die glänzten, wie die Harnische der Kürassiere. Er lächelte +sie an und sie lächelte auch. Er faßte sie unter den Arm. Sie +ließ ihn lächelnd gewähren. Und sie gingen weiter. +</p> + +<p>Sie gingen und lachten, wie alte Bekannte. +</p> + +<p>Warum auch nicht? Sie war ja seine Braut! Alle waren sie +seine Bräute. +</p> + +<p>Die weiße durchsichtige Nacht lockte mit fernen silbernen +Sternen. +</p> + +<p>„Wohnen Sie weit von hier?“ +</p> + +<p>Sie nannte ein Hotel. +</p> + +<p>Ihre Antwort belehrte den Türken, daß sie erst seit kurzem +auf der Straße war: sie empfing noch keinen Besuch in ihrer +Wohnung. +</p> +<!-- page 083 --> + +<p>Sie gingen nach dem Gasthaus. Ließen sich ein Zimmer +anweisen. +</p> + +<p>Und noch deutlicher ward es dem Türken, daß sie erst +seit kurzem auf dem Newskij war: sie wollte kein Bier +trinken. +</p> + +<p>Der Kellner brachte Limonade. Sie tranken die Limonade. +Dann kleideten sie sich aus. +</p> + +<p>Sie war eine Jüdin und hieß Rosa. +</p> + +<p>„Sind Sie auch Jude?“ +</p> + +<p>„Nein.“ +</p> + +<p>„Grieche?“ +</p> + +<p>„Nein!“ +</p> + +<p>Sie sah ihn mit großen erstaunten Augen an und zählte +alle Völker auf, die sie kannte. Sie kam schließlich bis auf +die Chinesen und die menschenfressenden Papuas, die sie +sich ebenso angesehen hatte wie der Türke. +</p> + +<p>„Ein Papua?“ +</p> + +<p>„Nein.“ +</p> + +<p>„Ein Türke?“ +</p> + +<p>Der Türke konnte sich nicht mehr beherrschen und fing +laut zu lachen an. +</p> + +<p>„Ein Türke! Ein Türke!“ rief Rosa erfreut, wie Kinder sich +freuen, wenn sie einen Spielgefährten endlich in seinem gar +nicht mal besonders schlau gewählten Versteck aufgestöbert +haben, und immer wiederholte sie mit gutmütigem Lachen, +wie die Kameraden, wenn sie den Abdul Achad irgendwo +trafen, wo sie ihn am allerwenigsten erwartet hatten: „Ein +Türke! Ein Türke!“ +</p> + +<p>Rosa hatte nur noch das Korsett abzunehmen. +</p> + +<p>Der Türke schwatzte allerlei tolles Zeug, behauptete, er +sei kein Türke, sondern ein ganz richtiger Kannibale und er +werde sie gleich mit Haut und Haar auffressen, und dabei +lachte er so, daß er ganz außer Atem kam. +</p> + +<p>Aus Rosas Korsett fiel plötzlich etwas auf den Boden. Der +<!-- page 084 --> +Türke bemerkte es. Aber Rosa bückte sich in größter Hast +und verbarg den Gegenstand in ihrer hohlen Hand. +</p> + +<p>Was mochte das sein? Und warum wurde sie so rot? +</p> + +<p>„Was ist das?“ +</p> + +<p>„Nein, nein, das dürfen Sie nicht . . .“ Rosa trat zurück. +</p> + +<p>„Warum nicht?“ widersprach der Türke, umarmte Rosa und +setzte sie auf seinen Schoß. „Sag mir doch, was es ist!“ +</p> + +<p>„Es geht nicht,“ wiederholte sie. „Bitte, fragen Sie mich +nicht. Ich will das nicht.“ +</p> + +<p>Aber wann hätte der Türke je guten Rat angenommen! Er +bestand auf seinem Stück: du mußt es mir sagen! Er schwur, +daß er ihr Geheimnis keinem verraten und auch nicht lachen +werde: auf ihn, den Türken, könne man sich verlassen. +</p> + +<p>„Alles geht,“ sagte er, „und das nicht? Warum denn nicht? +Warum nur?“ +</p> + +<p>Aber sie preßte den geheimnisvollen Gegenstand nur noch +fester in ihrer Faust zusammen und schwieg. Es schien, als +könnte keine Gewalt auf Erden ihr das Geheimnis entreißen, +selbst wenn alle Schutzleute vom Newskij sich mit ihren kräftigen +Fäusten auf sie gestürzt hätten. Sie weigerte sich, auch +nur ein Wort zu sagen. +</p> + +<p>Dieser kindische Trotz ärgerte den Türken. Er gab keine +Ruhe. Er mußte Rosas Geheimnis wissen. Er rollte die schwarzen, +brennenden Augen. Er packte Rosas Hand. Und sie +öffnete die Faust. +</p> + +<p>Anfangs verstand der Türke nichts. Er traute seinen Augen +nicht. +</p> + +<p>„Eine Krawatte?!“ +</p> + +<p>Sie hielt eine ganz gewöhnliche, genähte, schwarze Krawatte +in der Hand — das Mittelstück, das wie ein schwarzer Schmetterling +aussah. +</p> + +<p>Und Rosa fing an, ganz schnell, stotternd, einzelne Worte +bald verschluckend, bald wiederholend, zu reden. So flüstern +Kinder, wenn sie sehr froh sind, der Mutter ins Ohr: +</p> +<!-- page 085 --> + +<p>„Weißt du, Mama —“ oder, wenn sie sich schuldig fühlen, +ängstlich und bitter: „Ich will es nie mehr tun!“ +</p> + +<p>Es war eine Krawatte. Eine Krawatte ihres Mannes. Rosa +wollte dem Türken nicht von ihrem Manne sprechen. Sie hat +auch ein Kind. Ein dreijähriges Mädel. Sie kommt aus Wilejki. +</p> + +<p>Ihren Mann hat man in einer schwarzen Kutsche nach Petersburg +gebracht. Schon vor zwei Jahren. Ein Arbeiter aus der +Nachbarschaft hatte ihn angeschwärzt. Ihr Mann war Melamed +im Cheder. +</p> + +<p>„Ein Melamed — ein Lehrer,“ wiederholte Rosa. +</p> + +<p>„Ich hab ihn gesehen, deinen Mann, er hat einen schwarzen +Bart und einen krummen Rücken. Er ist sehr mager. Ein richtiges +schwarzbärtiges <a id="corr-2"></a>Skelett,“ sagte der Türke ganz erfreut, +und deutlich sah er wieder seine Zelle im vierten Stock vor +sich und den Abendhimmel und sich selbst auf den Stuhl +stehen. +</p> + +<p>„Ich selbst komme eben aus Kresty, und er ist auch dort, in +Kresty. Das Gefängnis Kresty auf der Wiborger Seite, Arsenalufer +5.“ +</p> + +<p>Aber Rosa saß nicht mehr auf seinem Schoß, Rosa lag auf +dem Boden zu Füßen des Türken und schrie so, als würde sie +geschlagen, als wollte sie ihre ganze Seele sich aus dem Leibe +schreien. +</p> + +<p>Der Türke griff nach der Karaffe und goß ihr Wasser ein. +Was hatte er denn getan, daß sie sich wie in Krämpfen auf +dem Boden wälzte und schrie? Aber Rosa rührte das Wasserglas +nicht an, sie stand nicht auf, sie blieb liegen, in Hemd +und Strümpfen, sie winselte und schluchzte und preßte die +schwarze Schleife, die wie ein Schmetterling aussah, fest in +ihrer Hand zusammen. +</p> + +<p>Der Türke erkannte Rosa nicht wieder. Das war nicht mehr +der bleiche, schüchtern-schlaue Backfisch, sondern ein rasendes +Weib, das von einem wilden Weh gepeinigt wurde. Und +der Schmerz machte ihr Gesicht <a id="corr-3"></a>alt und häßlich. +</p> +<!-- page 086 --> + +<p>An die Tür wurde geklopft. Man forderte Einlaß. +</p> + +<p>Der Türke ging um Rosa herum und wußte nicht, was er +anfangen sollte. +</p> + +<p>„Beruhige dich doch,“ sagte er und streichelte sie, „was liegt +denn an einem Schlips? Bei Gott, ich habe nichts Böses gesagt!“ +</p> + +<p>An die Tür wurde geklopft. Und es war, als klopfte man +nicht nur an die Tür, sondern an alle Wände und an die Decke, +nicht mit der Faust, sondern mit einem Hammer. +</p> + +<p>Der Türke mußte öffnen: man hätte sonst die Tür aufgebrochen. +</p> + +<p>Ein Polizeiwachtmeister, ein Schutzmann, der Zimmerkellner, +ein Droschkenkutscher und ein Frauenzimmer, wohl aus der +Stube nebenan, traten ein. +</p> + +<p>„Was geht hier vor?“ fragte der Wachtmeister und betrachtete +den entkleideten Türken und die auf dem Boden liegende +Rosa mit strengen Blicken. +</p> + +<p>„Nichts,“ erwiderte der Türke, „ich habe gar nichts getan!“ +Und er stürzte sich auf Rosa, hob sie auf und setzte sie, so +gut es ging, auf das Sofa. +</p> + +<p>Rosa beachtete die Leute gar nicht, sie sah und hörte nichts, +sondern winselte nur und schluchzte. +</p> + +<p>Der Wachtmeister befahl Abdul Achad sich anzukleiden. Der +Türke sollte ihm auf die Polizeiwache folgen, wo man die +Sache zu Protokoll bringen werde. +</p> + +<p>Was hatte er denn getan? Hatte er sie denn geschlagen? +Hatte er ihr etwas Kränkendes gesagt? Nichts, rein gar nichts! +Nichts Böses hatte er ihr getan, ja nicht einmal gedacht. +</p> + +<p>Der Türke zog sich hastig an, wie einer der sich schuldig +fühlt. Aber die Hände wollten ihm nicht gehorchen. Kein Knopf +ging zu. Rund herum aber standen die Leute und gafften ihn +an wie einen ertappten Taschendieb, und schienen ihm zuzuzwinkern: +„Was sagst du nun? Haben wir dich doch?“ +</p> + +<p>Er hatte Gold in der Tasche. Er legte alles in Rosas offene +Hand und folgte dem Wachtmeister nach dem Polizeiamt. +</p> +<!-- page 087 --> + +<p>Hinter dem Wachtmeister gingen auch die andern hinaus: +das Frauenzimmer von nebenan, der Kutscher und der Zimmerkellner +— sie hatten ihre Schuldigkeit getan, mehr konnte +man nicht von ihnen verlangen. +</p> + +<p>Rosa blieb allein zurück. Sie saß immer noch in Hemd und +Strümpfen auf dem Sofa und weinte und winselte und preßte +in der einen Hand die Krawatte zusammen, die wie ein schwarzer +Schmetterling aussah, und in der andern das Gold des +Türken. Sie war allein in dem Zimmer geblieben, und vor ihr +stand der stumpfnasige Schutzmann vom Newskij-Prospekt . . . +</p> + +<p> </p> +<p> </p> +<p> </p> + +<div class="trnote"> +<p class="center" id="Anmerkungen"><b>Anmerkungen zur Transkription</b></p> + +<p> </p> +<p class="noindent"> +Das Inhaltsverzeichnis wurde vom Ende des Buches an den Anfang verschoben. +</p> + +<p> </p> +<p class="noindent"> +Die folgenden Korrekturen am Originaltext wurden vorgenommen: +</p> + +<ul> + +<li> +... Schein, um blutig und wehvoll einem Zeitalter <span class="underline">dem</span> Abschied ...<br /> +... Schein, um blutig und wehvoll einem Zeitalter <a href="#corr-1"><span class="underline">den</span></a> Abschied ... +</li> + +<li> +... schwarzbärtiges <span class="underline">Skelet</span>,“ sagte der Türke ganz erfreut, ...<br /> +... schwarzbärtiges <a href="#corr-2"><span class="underline">Skelett</span></a>,“ sagte der Türke ganz erfreut, ... +</li> + +<li> +... der Schmerz machte ihr Gesicht <span class="underline">und althäßlich</span>. ...<br /> +... der Schmerz machte ihr Gesicht <a href="#corr-3"><span class="underline">alt und häßlich</span></a>. ... +</li> + +</ul> +</div> + + + + + + + + +<pre> + + + + + +End of Project Gutenberg's Legenden und Geschichten, by Alexej M. Remisow + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK LEGENDEN UND GESCHICHTEN *** + +***** This file should be named 39175-h.htm or 39175-h.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + http://www.gutenberg.org/3/9/1/7/39175/ + +Produced by Jens Sadowski + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. Special rules, +set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to +copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to +protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project +Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you +charge for the eBooks, unless you receive specific permission. 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General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg-tm +electronic works + +1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm +electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to +and accept all the terms of this license and intellectual property +(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all +the terms of this agreement, you must cease using and return or destroy +all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your possession. +If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a Project +Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the +terms of this agreement, you may obtain a refund from the person or +entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8. + +1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be +used on or associated in any way with an electronic work by people who +agree to be bound by the terms of this agreement. 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It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation web page at http://www.pglaf.org. + + +Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at +http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact +information can be found at the Foundation's web site and official +page at http://pglaf.org + +For additional contact information: + Dr. Gregory B. Newby + Chief Executive and Director + gbnewby@pglaf.org + + +Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation + +Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide +spread public support and donations to carry out its mission of +increasing the number of public domain and licensed works that can be +freely distributed in machine readable form accessible by the widest +array of equipment including outdated equipment. Many small donations +($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt +status with the IRS. + +The Foundation is committed to complying with the laws regulating +charities and charitable donations in all 50 states of the United +States. 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Donations are accepted in a number of other +ways including checks, online payments and credit card donations. +To donate, please visit: http://pglaf.org/donate + + +Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic +works. + +Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm +concept of a library of electronic works that could be freely shared +with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project +Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support. + + +Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed +editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S. +unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily +keep eBooks in compliance with any particular paper edition. + + +Most people start at our Web site which has the main PG search facility: + + http://www.gutenberg.org + +This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, +including how to make donations to the Project Gutenberg Literary +Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to +subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. + + +</pre> + +</body> +</html> diff --git a/39175-h/images/logo.jpg b/39175-h/images/logo.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..320d69c --- /dev/null +++ b/39175-h/images/logo.jpg diff --git a/LICENSE.txt b/LICENSE.txt new file mode 100644 index 0000000..6312041 --- /dev/null +++ b/LICENSE.txt @@ -0,0 +1,11 @@ +This eBook, including all associated images, markup, improvements, +metadata, and any other content or labor, has been confirmed to be +in the PUBLIC DOMAIN IN THE UNITED STATES. + +Procedures for determining public domain status are described in +the "Copyright How-To" at https://www.gutenberg.org. + +No investigation has been made concerning possible copyrights in +jurisdictions other than the United States. 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