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+The Project Gutenberg EBook of Legenden und Geschichten, by Alexej M. Remisow
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Legenden und Geschichten
+
+Author: Alexej M. Remisow
+
+Translator: Arthur Luther
+
+Release Date: March 17, 2012 [EBook #39175]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK LEGENDEN UND GESCHICHTEN ***
+
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+
+Produced by Jens Sadowski
+
+
+
+
+
+Alexej Remisow
+
+Legenden
+und Geschichten
+
+
+
+
+
+
+Leipzig
+
+Kurt Wolff Verlag
+
+
+Bücherei »Der jüngste Tag« Band 60/61
+Gedruckt bei Dietsch & Brückner · Weimar
+
+
+
+
+
+Berechtigte Übertragung von Arthur Luther
+
+
+
+
+
+Inhalt
+
+Legenden
+ Adams Schwur
+ Die Geburt Christi
+ Die Leiden der heiligen Jungfrau
+ Die Leiden des Heilandes
+
+Geschichten
+ Der Hofjuwelier
+ Maka
+ Die Krawatte
+
+
+
+
+
+
+
+
+
+Legenden
+
+
+ Als ich meine Tage in der Lehre bei einem weisen
+ Greise verbrachte, zündete ich einst in der Nacht in
+ tiefer Seelenverwirrung eine Kerze an und schlug ein
+ Buch auf, das der Greis, mein Meister, in meiner Stube
+ liegen gelassen hatte. Ich wandte die vergilbten, mit
+ Unzialschrift bedeckten Blätter um und begann zu lesen.
+
+ Und die Sterne gingen mit dem nächtlichen Dunkel,
+ der Morgen graute, ich aber las und las und hatte nicht
+ gehört, daß man drüben von der Erlöserkirche längst
+ schon zur Frühmesse geläutet hatte.
+
+ Und der weise Greis, mein Meister, gab mir seinen
+ Segen, daß ich Euch aus jenem wunderbaren, mit Unzialschrift
+ geschriebenen Buche einige Gleichnisse, Geschichten
+ und Sagen erzähle.
+
+
+
+
+
+Adams Schwur
+
+
+
+1.
+
+»Geht und glaubt nicht, daß ihr je zurückkommen könntet! Und flucht eurem
+Gotte nicht. Euer Zorn würde machtlos sein und auf euch zurückfallen.«
+
+Und das feurige Schwert in der Hand des Cherubs flammte auf.
+
+Die Pforte des Paradieses fiel zu.
+
+Verzweifelt warfen sich Adam und Eva nieder und weinten. Sieben Tage
+weinten sie, ohne die Augen aufzuschlagen, ohne sich vom Boden zu erheben.
+
+Und sie vernahmen die Stimme Gottes:
+
+»Ich breite meine Gnade über euch aus. Die Stunde der Verheißung wird
+kommen, und ich werde euch das Paradies wiedergeben.«
+
+Sie hoben die Augen auf, aber sie sahen Gott nicht wie früher.
+
+An der Pforte des Paradieses stand der Cherub, grimmig, mit dem flammenden
+Schwert.
+
+Und sie baten den Cherub, ihnen zu sagen, wann Gott kommen und ihnen das
+Paradies wiedergeben werde.
+
+»Fünftausend fünfhundert und acht Jahre werden vergehn,« sprach der Cherub,
+»und Gott wird euch befreien. Jetzt aber geht, sage ich euch, und wagt
+nicht zurückzukommen. Und flucht eurem Gotte nicht. Denn euer Zorn würde
+machtlos sein und auf euch zurückfallen.«
+
+Und sie gingen demütig, um nie mehr zurückzukommen.
+
+Und die Schlange kroch ihnen nach.
+
+Sie aber erkannten die Schlange nicht.
+
+Denn die Schlange war schöner gewesen als alle Tiere, und jetzt kroch sie
+auf dem Bauche; sie hatte reden können, und nun war sie stumm. Sie konnte
+Adam und Eva nur vorwurfsvoll ansehen.
+
+Trübe Tage wechselten mit bangen Nächten. Das Leben war schwer.
+
+Die unfruchtbare, von Gott verfluchte Erde war eine Wüste. In der Behausung
+der ersten Menschen war es eng und finster. Wilde Tiere bedrohten sie.
+Sehnsucht, Angst, Müdigkeit . . .
+
+»O weh, du mein schönes Paradies!« weinte Adam und weinte Eva.
+
+Sie konnten das Leben im Paradies nicht vergessen, immer wieder dachten sie
+daran, und dann gingen sie bis zur Mauer des Paradiesgartens, knieten
+nieder und weinten.
+
+Und die Schlange war mit ihnen.
+
+Sie war schöner gewesen als alle Tiere, und alle Kreatur hatte sich an
+ihrem Anblick gefreut, -- und nun kroch sie auf dem Bauche und spie Gift
+aus, und alles floh vor ihr.
+
+»O weh, du mein schönes Paradies!« weinte Adam und weinte Eva.
+
+Aber keiner hörte sie, keiner gab ihnen Antwort.
+
+An der Pforte des Paradieses stand der Cherub, grimmig, mit flammendem
+Schwert.
+
+Und verzweifelnd gingen sie zurück zu ihrem verhaßten Felsen in die
+finstere Höhle.
+
+Und die Schlange kroch ihnen nach.
+
+Als das erste Jahr zu Ende ging, gebar Eva dem Adam einen Sohn, den Kain.
+
+Er war der Erste, der auf der Erde geboren war, schön wie die Schlange und
+schrecklich. Auf seinem Haupte wanden sich sieben giftige Schlangenköpfe.
+
+Eva war bitter geplagt. Müde und schwach, mußte sie alle nähren -- den Sohn
+und die Schlangenköpfe, die wie ein Kranz seine Stirn umgaben.
+
+Und Adam konnte seinem Weibe nicht helfen, konnte ihre Schmerzen nicht
+lindern.
+
+Die Schlange aber, die mit ihnen in der Höhle wohnte, war stumm und sah sie
+nur vorwurfsvoll an.
+
+Und die Erde war voll Weh und Leid.
+
+Trostlose Tage wechselten mit trostlosen Nächten.
+
+Da kam Satan und sprach zu Adam:
+
+»Was gibst du mir, wenn ich Eva helfe?«
+
+»Alles, was du willst,« erwiderte Adam, der zu allem bereit war, wenn nur
+Evas Schmerzen gelindert würden und er nicht mehr den Sohn mit dem
+greulichen lebendigen Schlangenkranze ums Haupt zu sehen brauchte.
+
+»Schwöre mir,« sprach Satan, »daß du und deine ganze Nachkommenschaft mir
+gehören sollen!«
+
+Und er ergriff einen _weißen_ Stein und reichte ihn dem Adam.
+
+Und Adam schwur.
+
+Und Adam schrieb den Schwur mit seinem Blut hin, daß er dem Satan angehören
+wolle, er und alle seine Nachkommen bis auf den letzten.
+
+Und alsbald fielen die sieben Schlangenköpfe von Kains Haupte ab.
+
+Da freute sich Eva und Adam freute sich mit ihr.
+
+Und es war dies die erste Freude auf der Erde.
+
+Satan aber nahm den _roten_ Stein mit dem Versprechen und die sieben
+Schlangenköpfe und ging von der Höhle nach dem Fluß Jordan. Und dort, am
+Jordan, unter einem Felsen, wählte er einen versteckten Platz und legte den
+Stein dahin und befahl den sieben Schlangenhäuptern, ihn zu hüten.
+
+Und als Adam starb, kam seine Seele zu Satan. Dann starb Eva, und auch ihre
+Seele kam zu Satan. Und alle, die nach Adam und Eva starben, folgten ihnen
+in das Reich Satans, in die Hölle, wie Adam es geschworen hatte.
+
+
+2.
+
+Die Tage und Jahre gingen, wie Gott es bestimmt hatte.
+
+Die Menschen wurden geboren und breiteten sich über die Erde aus; sie
+hofften und verzweifelten, bangten und freuten sich ihres Lebens,
+verlangten nach Macht, nach Reichtum, nach Ruhm, liebten und haßten, halfen
+einander und töteten einander.
+
+Und der rote Stein lag immer noch am Jordan unter dem Felsen, und die
+Schlangen hüteten ihn. Und das Reich Satans ward größer mit jedem Jahr,
+jedem Tag, jeder Stunde, denn immer mehr Söhne Adams kamen hinein.
+
+Und Satan freute sich seiner wachsenden Macht und Größe.
+
+Die Tage und Stunden gingen hin, wie Gott sie festgesetzt hatte. Sie
+blieben sich immer gleich, heute war wie gestern, und jede Stunde war ein
+stiller, geheimer Gottesdienst.
+
+Die erste Nachtstunde brach an -- die Stunde, da die Dämonen sich vor Gott
+beugen. Und die Dämonen schadeten dem Menschen nicht, das Böse ruhte, wurde
+nicht größer, nicht geringer.
+
+Die zweite Stunde kam -- die Stunde der Fische. Und es erhob sich der Ozean
+mit seinem ganzen Reich, und die tiefsten Tiefen des Meeres beugten sich
+vor dem Herrn. Es kam die dritte Stunde -- die Stunde der höllischen
+Abgründe.
+
+Es kam die vierte Stunde -- die Stunde, da die Seraphim den Herrn preisen,
+und das Rauschen ihrer Flügel füllte die himmlischen Tempel mit süßer
+Musik.
+
+Es kam die fünfte Stunde -- die Stunde der Wasser über dem Himmel.
+
+Es kam die Mitternacht -- die sechste Stunde der Nacht --, und es zogen
+sich die Wolken zusammen und erfüllten die Welt mit einem großen, heiligen
+Schauer.
+
+Es kam die siebente Stunde -- die Stunde der Ruhe für alles Lebende.
+
+Es kam die achte Stunde -- und die Erde freute sich des Taus, der auf
+Saaten und Gräser niederging.
+
+Es kam die neunte Stunde -- die Stunde des Dienens für die Engel, die vor
+dem Throne der ewigen Allmacht stehen.
+
+Es kam die zehnte Stunde -- die Stunde des Gebets, und die Himmelstore
+gingen auf, und die Gebete traten vor Gott, und Gott war gnädig zu den
+Menschen, und die Seraphim schlugen mit den Flügeln, und Musik tönte durch
+den Himmelsraum, und unten auf der Erde krähte der Hahn.
+
+Es kam die elfte Stunde -- und die Sonne ging auf und brachte der Welt
+Freude und Licht und Wärme.
+
+Und es kam die zwölfte, die letzte Stunde -- die Stunde der Hoffnung und
+des Schweigens der Engelchöre vor dem Throne Gottes.
+
+Aber der rote Stein lag am Jordan unter dem Felsen. Und die Schlangen
+hüteten ihn. Und das Reich Satans ward größer mit jedem Jahr, jedem Tag,
+jeder Stunde, denn immer mehr Söhne Adams kamen hinein.
+
+Und Satan freute sich seiner wachsenden Macht und Größe.
+
+Das währte so fünftausend fünfhundert und acht Jahre.
+
+Nun kam die Stunde, die verheißen war, Christus kam auf die Erde, der Sohn
+Gottes.
+
+Niemand wußte von ihm, niemand dachte an ihn. Wie bisher aßen und tranken
+die Menschen, freiten und ließen sich freien, stritten und versöhnten sich,
+töteten sich selbst aus Liebe und töteten andere aus Haß. Ebenso wie bisher
+ging die Sonne auf und grünten die Bäume im Frühling. Ebenso wie früher
+gingen nachts die geheimen Stunden hin.
+
+Einzig Johannes der Täufer harrte des Heilandes am Jordan.
+
+Und als die Zeit erfüllt war, kam Christus aus der Wüste an den Jordan zu
+Johannes. Und Johannes erkannte den Heiland.
+
+Und Christus trat unter den Felsen auf den roten Stein und ward von
+Johannes getauft.
+
+Und das Wasser ward unter den Füßen Christi zu Feuer. Das Feuer verbrannte
+die Schlangenköpfe, das Feuer zerfraß den roten Stein.
+
+Der Heilige Geist stieg auf den Gottessohn herab, und es ward eine Stimme
+vom Himmel gehört:
+
+»Siehe, das ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe.«
+
+
+3.
+
+In Zorn geriet Satan, als er den gespaltenen, vom Feuer zerfressenen roten
+Stein und die sieben toten Schlangenhäupter sah.
+
+Er sammelte die schwarzen Stücke des roten Steins und fügte sie mit
+höllischer Kunst zusammen, und den neuen _schwarzen_ Stein trug er hinab in
+sein Reich, die Hölle.
+
+Noch war die Zeit nicht erfüllt, drei Jahre sollte Christus noch auf Erden
+wandeln. Noch drei Jahre mußten Adam und Eva in banger Sehnsucht harren.
+
+Und Satan gab sich kühnen Träumen hin.
+
+Er hatte den schwarzen Stein in der Hölle versteckt und wartete auf die
+letzte Stunde des Gottessohnes, um dann seine ganze Kraft zusammenzunehmen,
+den Unüberwindlichen zu besiegen, ihn zu zerreißen, ihn zu verspotten in
+seiner Kreuzesnot und dann seine schwarze Finsternis über die ganze Welt zu
+breiten.
+
+Und groß war in der Hölle die Freude des von seinem Wahn betörten
+Herrschers am Vorabend seiner Schmach und seiner Vernichtung.
+
+
+
+
+
+Die Geburt Christi
+
+
+
+1.
+
+In der Nacht, da Christus geboren werden sollte, befand sich die
+Gottesmutter mit dem heiligen Joseph auf dem Wege nach der Stadt Bethlehem.
+
+Und unterwegs geschah etwas Seltsames mit der heiligen Jungfrau: sie lachte
+und weinte zu gleicher Zeit. Joseph hielt sein Rößlein an. Der Alte dachte:
+»Ist der Maria nicht wohl, oder hat sie Angst vor den Wölfen bekommen?«
+Denn Wölfe gibt es viel in der Gegend.
+
+Die Gottesmutter aber sprach zu ihm:
+
+»Ich sehe zwei Männer, Großväterchen: der eine lacht, und mit dem freue ich
+mich, denn ihm steht ein großes Glück bevor. Der andre aber weint, und mit
+dem traure ich, denn ihn erwartet ein großer Schmerz.«
+
+Der Alte verstand die Worte der Gottesmutter nicht, aber er merkte sie sich
+wohl. Sie verhießen der Erde zugleich eine große Freude und ein bitteres
+Weh.
+
+Die Gottesmutter war auf dem Wege nach Bethlehem. Sie mußten beide zur
+Schätzung. Es sollten alle Bewohner des Landes geschätzt werden, und in
+welcher Stadt einer angeschrieben war, in die mußte er sich begeben.
+
+Es war Winterszeit. Und ein sehr schneereicher Winter. Bergehoch lag der
+Schnee überall. Mit großer Anstrengung kam das Pferdchen vorwärts. Joseph
+hätte sich die beschwerliche weite Reise gern geschenkt, doch er wagte es
+nicht, ungehorsam zu sein. Es war ein strenger Befehl vom König
+ausgegangen, daß ein jeder sich nach seiner Stadt zu begeben habe.
+
+Joseph war ein ganz alter Mann. In jungen Jahren war er ein Zimmermann
+gewesen, aber jetzt gehorchte ihm das Beil längst nicht mehr. Der Alte
+hatte geglaubt, sie würden vor Abend in der Stadt sein, doch sie waren vom
+Wege abgekommen. Und so überraschte die Nacht sie im freien Felde.
+
+Es war eine helle, sternklare Nacht und bitter kalt.
+
+Die Gottesmutter stieg nicht vom Schlitten herab, -- es fror sie zu sehr.
+Der Alte ging neben dem Pferde und trieb es ab und zu an.
+
+So kamen sie langsam vorwärts.
+
+Und die Gottesmutter fühlte, daß ihre Stunde gekommen war.
+
+Was war zu tun? Wie sollte sie hier nachts auf freiem Felde bleiben?
+
+Da, Gott sei Dank, zeigte sich abseits vom Wege, am Waldrand, eine
+Erdhütte.
+
+Der Alte band das Pferd an. Sie traten in die Hütte ein. In der Hütte aber
+standen ein Pferd und ein Öchslein. Sonst war keine lebende Seele zu sehn.
+Ganz in der Ferne hüteten Hirten ihre Schafe.
+
+Aber die Zeit drängt und Hilfe tut not.
+
+Die heilige Jungfrau bittet den Joseph, eine Wehmutter zu holen. Wo aber
+wäre hier draußen im Felde eine Wehmutter zu finden?
+
+Der Alte ging traurig die Landstraße weiter und wußte doch gar nicht, wo er
+eine Wehmutter suchen sollte.
+
+Und als Christus geboren ward, da ward es hell in der Erdhütte.
+
+So hell, als wenn die Sonne aufgegangen wäre.
+
+Die Gottesmutter nahm den Sohn auf ihren Arm, hob ihn empor und legte ihn
+auf das Stroh in der Krippe, wie in eine Wiege.
+
+Das Pferd und das Öchslein sahen das Kind und kamen näher heran. Sie
+erkannten den Heiland und bliesen ihn an, um ihn mit ihres Atems Hauch zu
+wärmen. Und der Knabe streckte spielend die Ärmchen nach ihnen aus und
+streichelte sie.
+
+Die Tiere aber fuhren fort, ihn mit ihrem Atem zu wärmen.
+
+Und er segnete sie, -- segnete das mühevolle Dasein des Rosses und des
+Ochsen.
+
+Joseph geht über das Feld, er wankt und stolpert, seine Augen sehen nichts
+mehr, seine Füße versagen ihm den Dienst, -- er ist eben schon sehr alt. Er
+fängt an zu rufen. Aber wer wird ihm nachts im Feld Antwort geben?
+
+Nur die Sterne flimmern, -- und so hell, als sängen sie über der Erde.
+
+Und da sieht Joseph eine alte Frau ihm entgegenlaufen. In atemloser Hast
+klettert sie über die gewaltigen Schneehaufen. Joseph ruft sie an. Da
+bleibt sie stehn und verschnauft.
+
+Sie war aus der Stadt Bethlehem und hieß Solomonida. Sie hatte ihren
+kleinen Enkel, den Peter, den unartigen Bub, eben zu Bett gelegt und wollte
+sich nun selbst zur Ruhe begeben -- man wird müde, wenn man den ganzen Tag
+gearbeitet hat -- da war's ihr, als riefe sie jemand.
+
+»Geh ins Feld hinaus, Solomonida, man braucht deinen Beistand,« hörte sie
+eine Stimme. »Und da kam so eine Angst über mich, daß ich aufsprang und
+hinauslief, so schnell ich konnte.«
+
+Da freute sich Joseph und führte die Alte nach der Erdhütte.
+
+Die beiden Alten liefen in größter Hast. In der Hütte aber war es hell, als
+wäre drinnen die Sonne aufgegangen.
+
+Und die Alten sahen das Kind und erkannten den Heiland und wagten nicht
+näher heranzutreten. Das Kind aber winkte ihnen aus der Krippe mit der Hand
+und segnete sie.
+
+Es segnete die alte Wehmutter Solomonida und den alten Zimmermann Joseph,
+der die heilige Jungfrau bei sich aufgenommen hatte, segnete ihr schweres,
+arbeitsvolles Leben.
+
+Draußen hüteten Hirten ihre Schafe vor den Wölfen. Denn Wölfe gibt es viel
+in der Gegend. Den Hirten ward es bange in der Nacht, und um ihre Angst zu
+vertreiben, erzählten sie sich schauerliche Geschichten.
+
+Da standen die Schafe auf und gingen zum Eisloch trinken. Aber sie tranken
+nicht, sondern blieben dicht gedrängt rund um das Loch stehen und hoben die
+Köpfe in die Höhe. Und so standen sie unbeweglich da.
+
+Dergleichen war den Hirten noch nie vorgekommen. Was bedeutete das? Waren
+sie starr vor Schreck, weil Wölfe in der Nähe lungerten?
+
+Die Hirten traten näher heran. Und wie sie zum Himmel emporschauten, da
+zeigte sich ihnen ein Engel und sprach:
+
+»Was steht ihr da, ihr Hirten? Christus, der Heiland, ist geboren! Geht
+schnell nach der Erdhütte. In der Hütte, in der Krippe liegt der Heiland.«
+
+Und es zeigten sich unzählige Engel. So viele Engel, wie Sterne am Himmel
+sind.
+
+»Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden und den Menschen ein
+Wohlgefallen!« sangen die Engel um jenen geschart, der den Hirten die
+Geburt des Heilands verkündigt hatte.
+
+Und der ganze Himmel war in kreisender, wirbelnder Bewegung.
+
+Die Schafe aber standen am Eisloch, die Köpfe emporgereckt und starrten in
+die Höhe.
+
+Da nahmen die Hirten jeder ein Lämmlein und liefen nach der Erdhütte. Und
+die Hunde liefen ihnen nach.
+
+In der Hütte aber war es hell, als wäre drin die Sonne aufgegangen.
+
+Da sahen die Hirten das Kind, Christus, den Heiland, wie der Engel es ihnen
+verkündet hatte. Und sie legten ihre Lämmer vor ihm nieder und neigten sich
+bis zur Erde. Das Kind sah sie an und berührte auch die Lämmer. Es segnete
+die Hirten, segnete ihr schweres, arbeitsreiches Leben.
+
+Und die Hirten gingen zurück zu ihrer Herde. Und ihre Hunde liefen hinter
+ihnen her.
+
+Und die Hirten sangen, wie sie es von den Engeln gehört hatten: »Ehre sei
+Gott in der Höhe und Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen!«
+
+Da kamen ihnen Wölfe entgegen. Aber die Wölfe hatten die Schafe nicht
+angerührt, -- ein Engel hütete ihre Schafe! Die Wölfe gingen nach der
+Erdhütte und wichen den Hirten aus!
+
+Auch die wilden Tiere hatten erkannt, daß der Heiland der Welt geboren war.
+
+Weit drüben aber, hinter Feuer und Rauch, hinter Wäldern und breiten
+Strömen, hinter dem faulen Sumpf am Eismeer, am Ozean, wo der Wind die
+blauen Eiszacken bis zum Himmel emportreibt, in dem kalten, düstern Land
+der Zauberer dröhnte und klirrte mitten in der Nacht das Tamburin. Und drei
+weise lappländische Zauberer und Könige sahen am Himmel den Stern Christi.
+Sie erkannten ihn wohl, denn ihr Lebenlang hatten die Weisen seiner geharrt
+und den Tag seines Erscheinens auszurechnen versucht. Und sie nahmen ihre
+Geschenke und gingen ohne Knechte und ohne Renntiere dem Sterne mit dem
+Schweif nach.
+
+Und der Stern Christi führte die Zauberer in die Stadt Jerusalem.
+
+
+2.
+
+Viel Volks war zur Schätzung nach Bethlehem gekommen, doch viel mehr noch
+nach Jerusalem. Das Stadttor blieb die ganze Nacht offen. Und in den
+Straßen war ein Lärm, wie zur Messe.
+
+Am frühen Morgen nach der Geburt des Heilandes zeigten sich zwei Wanderer
+auf der Straße von Bethlehem nach Jerusalem. Es waren keine gewöhnlichen
+Wanderer: es waren ein Rößlein und ein Öchslein.
+
+Sie gingen ohne Treiber, geradewegs nach Jerusalem. Und als sie in die
+Stadt gekommen waren, liefen sie unbeirrt durch Lärm und Gedränge die
+Gassen entlang. Sie atmeten, wie sie in der Nacht geatmet hatten, als sie
+mit ihrem Hauch das Christkind in der kalten Erdhütte wärmten.
+
+Ein Lümmel warf einen Stein nach ihnen, doch der Stein glitt an ihnen ab
+wie eine Feder: sie spürten seine Berührung nicht und zuckten nicht einmal
+zusammen.
+
+Das Rößlein und das Öchslein gingen schnaufend die Gassen entlang. Ihre
+Augen waren wie Menschenaugen, hell und klar. Und wenn sie hätten reden
+können, so hätten sie gesagt -- sie brachten ja die Kunde von der Geburt
+des Heilandes -- so hätten sie gesagt, daß in dieser Nacht der Herr
+Christus geboren sei, der Erlöser, daß sie ihn gesehen hätten und daß er
+sie gesegnet hätte.
+
+Kinder, Pilger und Narren neigten sich vor dem Roß und dem Ochsen, wo sie
+ihnen begegneten.
+
+Nachdem sie die ganze Stadt durchschritten hatten, verschwanden die beiden
+jenseits der Stadtgrenze.
+
+Und sie gingen weiter die Landstraße entlang, wie sie auch heute noch gehen
+und immer weiter gehen werden, bis das Ende aller Tage gekommen ist. Und in
+der letzten Stunde werden sie reden . . . sie werden reden, die Stummen,
+das gesegnete Rößlein und der Ochse.
+
+Am Abend desselben Tages erschienen in Jerusalem die Hirten von Bethlehem,
+vier Hirten.
+
+Sie gingen durch die von Menschen erfüllten Gassen, aber es war, als sähen
+und hörten sie nichts von dem, was rundum geschah. Sie machten auf den
+Plätzen halt und stimmten einen seltsamen, unverständlichen Gesang an.
+
+Sie sangen das Lied der Engel:
+
+»Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden und den Menschen ein
+Wohlgefallen!«
+
+Und Kinder und Pilger und Narren drängten sich, wie Schafe, an sie heran
+und starrten zum Himmel empor und fielen plötzlich mit wildem Geschrei und
+Gelächter mit ein:
+
+»Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden und den Menschen ein
+Wohlgefallen!«
+
+Und der ganze lärmende Marktplatz geriet gleich dem stillen Sternenhimmel
+in wirbelnde Bewegung.
+
+Nachts verschwanden die Hirten jenseits der Stadtgrenze.
+
+Sie gingen weiter, dem Rößlein und dem Öchslein nach, wie sie auch heute
+noch gehen und das Lied der Engel singen, und wie sie gehen und singen
+werden, bis das Ende aller Tage gekommen ist. Und in der letzten Stunde
+wird man ihnen lauschen, den gesegneten Hirten von Bethlehem.
+
+Rößlein und Öchslein waren verschwunden, die Hirten wurden nicht mehr
+gesehn, und die Nacht war vorüber.
+
+Mit dem Morgengrauen des folgenden Tages aber zeigte sich in Jerusalem eine
+alte Frau. Sie ging durch die Gassen, und keiner konnte verstehen, wovon
+sie sprach und was ihre Gebärden bedeuteten. Sie tat, als wiege sie ein
+Kind und als spräche sie ihm freundlich zu und scherze mit ihm -- und dann
+fiel sie plötzlich auf die Knie und fing an zu weinen, doch nicht vor
+Schmerz, sondern vor Freude.
+
+Das war die alte Solomonida, die erzählte von der Geburt des Heilandes und
+zeigte, wie sie das Kind auf ihre zitternden, abgearbeiteten Arme genommen,
+wie sie es geherzt und geschaukelt hatte, -- sie, die schon so vielen
+Kindern zur Welt geholfen hatte.
+
+Kinder, Pilger und Narren liefen der Alten nach, und wenn sie weinend auf
+die Knie fiel, wiederholten sie weinend ihre unverständlichen Worte.
+
+Und die dunkle Straße geriet gleich den Sternen am stillen Himmel in
+wirbelnde, kreisende Bewegung.
+
+Als sie alle Gassen durchschritten hatte, verschwand Solomonida jenseits
+der Stadtgrenze.
+
+Und sie ging weiter die Landstraße entlang, wie sie heut noch geht und von
+dem Christkind erzählt und vor Freude weint, und wie sie gehen wird und
+weinen, bis das Ende aller Tage gekommen ist. Und in der letzten Stunde
+wird man sie verstehen, die gesegnete Greisin Solomonida.
+
+Und eine bange Spannung legte sich über die königliche Stadt, das große
+Jerusalem.
+
+Drüben aber vom Eismeere her, vom Ozean, wo der Wind die blauen Eiszacken
+bis zum Himmel emportreibt, durch Sümpfe und Ströme, durch Wälder, durch
+Feuer und Rauch schritten die drei lappländischen Zauberer und Könige dem
+Sterne Christi nach.
+
+Ihre königlichen Gewänder waren beschmutzt und zerschlissen, die Fetzen
+hingen ihnen, wie Bettlern, von den Schultern herab, und nur die
+Königskronen strahlten wie Sterne.
+
+Am dritten Tage brachte der Stern die Könige nach Jerusalem. Der Stern
+erhob sich über die Königsstadt und verschwand.
+
+Und als die drei Zauberer in den Gassen Jerusalems erschienen und zu fragen
+begannen, wo Christus, der König geboren sei, dessen Stern sie gesehen
+hätten, da geriet die Königsstadt in große Aufregung.
+
+»Wo ist Christus, der Heiland der Welt, geboren?« fragten die Zauberer die
+Leute auf der Gasse. »Wo ist der König geboren?«
+
+»Wir haben keinen König außer Herodes,« antwortete man ihnen, »und wir
+kennen keinen andern König außer Herodes und seinem Sohn Archelaos.«
+
+Aber nicht nach Archelaos, dem Sohne des Herodes, nicht nach dem König
+Herodes fragten die weisen Könige, sondern nach Christus, dem Könige, der
+alle Könige besiegen und alle Reiche der Erde erobern würde, nach Christus,
+dem Könige, dem Weltheiland, fragten die weisen Könige und Zauberer.
+
+Dicht hinter ihnen, wie sie selbst dem Sterne nachgegangen waren, gingen
+Kinder, Pilger und Narren. Und wenn die Könige nach Christus, dem
+Weltheiland, fragten, dann erstarrten jene in banger Erwartung.
+
+Aber es ward ihnen keine Antwort.
+
+Von Gasse zu Gasse, von Haus zu Haus, von Mund zu Mund ging die Kunde von
+den lappländischen Königen und Zauberern und von dem Stern, der sie geführt
+hatte, und von der Geburt des Königs Christus, -- des Königs, der alle
+Könige überwinden würde. Und am Abend drang die Nachricht auch über die
+hohen, unübersteigbaren Mauern des Königspalastes.
+
+Und das Gemüt des Königs Herodes ward verwirrt.
+
+Herodes ließ die fremden Könige zu sich rufen.
+
+Man brachte die fremden Könige vor Herodes.
+
+Herodes kam ihnen entgegen.
+
+Als sie den Herodes erblickten, fragten die Zauberer den König, wie sie an
+dem Tage alle Leute gefragt hatten, nach dem neugeborenen König.
+
+»Wo ist der König geboren?«
+
+»Ich bin der König!« antwortete Herodes den Zauberern. Er war klein und
+mager, mit einem kleinen Kopf auf einem kurzen, unverhältnismäßig dicken
+Halse, er kniff die Augen ängstlich zusammen und sprach mit unerwartet
+lauter und tiefer Stimme.
+
+Und dieses Unerwartete betrog und verblüffte die Leute.
+
+Aber die lappländischen Könige ließen sich nicht verblüffen. Die
+lappländischen Könige waren Herr über die Winde, konnten den Sturm
+entfesseln, konnten die Inseln im Meere von ihrem Platz rücken, konnten
+alles Lebende in Stein verwandeln, drangen in alles Verborgene, wußten
+durch ihre geheimen Künste, was auf Erden und im Meere geschah, selbst in
+fernen Ländern bei fremden Völkern.
+
+Die lappländischen Könige kannten keine Furcht.
+
+Die Weisen hatten ihr ganzes Leben auf den Stern Christi gewartet, und nun
+hatte der Stern Christi sich ihnen gezeigt.
+
+Die lappländischen Könige kannten keine Furcht.
+
+Ohne sich an die Wege und Straßen zu halten, waren sie dem Stern mit dem
+Schweif gefolgt: Tag und Nacht sahen sie nichts als den Stern und fühlten
+keine Ermattung und keinen Hunger. In drei Tagen legten sie eine Strecke
+zurück, zu der man sonst ein Jahr braucht.
+
+»Wo ist Christus, der König, geboren?« fragten die Zauberer den Herodes
+abermals.
+
+Herodes hielt eine Schale in der Hand. Er erhob die Schale nach königlichem
+Brauch zu Ehren der ruhmreichen lappländischen Könige.
+
+Und über dem königlichen Palast stieg der Stern auf und blieb im Fenster
+gegenüber den Zauberern stehen und ließ ihre Kronen wie tausend Sterne
+flimmern und blitzen.
+
+Und die Sterne sahen aus den Augen der Zauberer.
+
+»Wo ist Christus, der König, geboren?« fragten die Zauberer zum drittenmal.
+»Er wird alle Könige besiegen und alle Länder, alle Reiche erobern.«
+
+Und die Schale entfiel den Händen des Herodes.
+
+»Geht, ihr Könige,« sagte Herodes und zitterte am ganzen Leibe, »geht und
+erkundigt euch nach dem Christkind und kommt nach Jerusalem zurück. Ich
+will als erster hingehen und ihm huldigen.«
+
+Die Zauberer versprachen nach Jerusalem zurückzukommen und dem Könige vom
+Christkind zu berichten, und verließen den Palast.
+
+Und die Zauberer sahen den Stern Christi und freuten sich seiner.
+
+Und der Stern führte sie aus der Königsstadt Jerusalem nach der Stadt
+Christi Bethlehem.
+
+
+3.
+
+Der Stern Christi ging den Zauberern voraus, und eilig folgten sie ihm
+nach.
+
+Die Menge, die ihnen nachgelaufen war, blieb bald weit zurück. Auch die
+Kundschafter des Königs konnten nicht mit ihnen Schritt halten.
+
+Wenn der Stern sich im Kreise bewegte, folgten die Zauberer ihm. Wenn er
+von der Landstraße in den Wald einbog, folgten sie ihm.
+
+Und so gingen die drei Könige bald die Straße entlang, bald über das Feld,
+bald durch den Wald.
+
+Es wurde Nacht, und der Frost ward stärker.
+
+Sternklare Nächte sind immer kalt.
+
+Der Schnee knirschte unter den Füßen der Wanderer. Nun hatte der Stern den
+Fluß überschritten und blieb am Waldrande stehn und senkte sich langsam
+über der Erdhütte nieder.
+
+Und es war hell in der Erdhütte, als wäre die Sonne drin aufgegangen.
+
+Und die Zauberer sahen das Kind und reichten ihm ihre Gaben: Gold und einen
+knöchernen Stab und eine Kutja.[*] Und sie neigten sich vor dem Kinde.
+
+Das Christkind schaute die Gaben lange an -- das Gold, den Stab und die
+Kutja. Dann segnete es die Zauberer, -- segnete das schwere, arbeitsreiche
+Leben der Könige, die dem Sterne Christi entgegengesehen hatten.
+
+Und die enge Erdhütte war voller Sterne.
+
+Und die Engel sangen:
+
+»Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden und den Menschen ein
+Wohlgefallen.«
+
+Und der Glanz der Sterne blendete die Zauberer.
+
+Da trat aus dem Reigen der Engel ein strenger Engel und löste die Zauberer
+von dem Schwur, den sie dem Herodes geleistet hatten, und befahl ihnen,
+nicht mehr nach Jerusalem zurückzugehen.
+
+[Fußnote *: Speise aus Reis und Honig, die in Rußland am Weihnachtsabend
+gegessen wird.]
+
+»Geht nicht zum Herodes, ihr Zauberer,« sprach der strenge Engel, »geht
+einen andern Weg: der König hat Böses im Sinn, der König will das Kind
+töten.«
+
+Und der strenge Engel verschwand im Reigen der Engel.
+
+Und die Zauberer erwachten wie aus einem Traume.
+
+Die heilige Jungfrau hielt ihr Kindlein auf dem Arme und machte sich zur
+Reise bereit. Joseph war am Schlitten beschäftigt und sprach mit dem
+Pferde. Als er die Muttergottes mit dem Kinde in den Schlitten gesetzt
+hatte, winkte der Alte mit seinem Fausthandschuh.
+
+Und das Pferdchen lief die Straße ins Zigeunerland hinab, die der Engel dem
+Joseph gewiesen hatte, die Straße nach Ägypten.
+
+Der Stern schwebte ganz niedrig vor ihnen her und beleuchtete dem
+Christkinde den weiten Weg nach Ägyptenland.
+
+Die Engel sangen:
+
+»Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden und den Menschen ein
+Wohlgefallen!«
+
+Und der ganze Himmel war in wirbelnder Bewegung.
+
+Die Zauberer aber zogen mit Sturmeseile durch Feuer und Rauch, durch Wälder
+und Sümpfe und Ströme, an der Königsstadt vorbei, vorbei an dem König
+Herodes, zu dem Eismeer, dem Ozean, in ihr Lappland, in das kalte, finstre
+Land der Zauberer.
+
+Und dort, in ihrem öden Zauberland, malten sie den Stern Christi auf ihr
+geheimnisvolles, zauberhaftes Tamburin, und dann stiegen sie mit den blauen
+Eiszacken empor und schwammen über das Eismeer, über den Ozean, leise und
+still von der Erde zum ewigen Leben, zur ewigen Ruhe hinüber. -- -- --
+
+Wilde Aufregung herrschte in Jerusalem, in der großen Königsstadt. Nachdem
+er die Zauberer entlassen hatte, stellte Herodes sich ans Fenster und
+schaute auf die Straße hinaus, blickte dem Leuchten der goldenen Kronen der
+lappländischen Könige nach. Wie Sterne strahlten sie in der Abenddämmerung
+auf der Straße nach Bethlehem.
+
+Und der König zitterte am ganzen Leibe.
+
+»Die Zauberer werden das Christkind finden, sie werden nach Jerusalem
+zurückkehren, werden von dem Kinde erzählen, und ich, der König, werde als
+erster hingehn, dem Kinde zu huldigen!« Und ohne den Hals zu wenden, am
+ganzen Leibe zitternd, fing Herodes plötzlich an, mit unerwartet tiefer
+Stimme laut zu lachen . . . »Ich werde als erster dem Kinde huldigen!
+. . . Noch ehe der Tag graut, wird er nicht mehr am Leben sein, der König
+Christus, der alle Könige überwinden soll, alle Länder, alle Reiche
+erobern!«
+
+»Ich bin der König!« wiederholte Herodes zitternd und lachend.
+
+Den ganzen Abend blickte der König den Zauberern nach, in die Fensternische
+gedrückt, und zitterte und lachte.
+
+Die Nacht brach an.
+
+Die Zauberer kamen nicht zurück.
+
+Die Kundschafter des Königs meldeten, daß die Zauberer aus Bethlehem
+verschwunden wären.
+
+Nein, sie waren nicht verschwunden. Sie hatten den König betrogen. Die
+Zauberer trieben ihren Spott mit König Herodes.
+
+Der König hatte niemand und nichts mehr zu erwarten.
+
+»Christus lebt! Er wird alle Könige überwinden, wird den König Herodes
+besiegen, wird alle Reiche erobern, wird dem König Herodes sein Reich
+nehmen!«
+
+Der König geriet in Wut. Er stampfte mit den Füßen und schrie und weinte
+wie ein Kind, vor Zorn, Hilflosigkeit und Angst.
+
+Und der König Herodes befahl seinem Heer, nach Bethlehem zu gehen und dort
+alle Kinder zu töten, alle Knaben unter zwei Jahren.
+
+Trommelwirbel, Trompetengeschmetter mitten in der Nacht in der Königsstadt
+Jerusalem.
+
+Auf den Plätzen drängt sich das Volk. Entsetzt rennen die Leute hin und
+her, wie bei einem Brande.
+
+Mit klingendem Spiel zogen die Soldaten aus nach Bethlehem, den Blutbefehl
+des Königs zu erfüllen.
+
+Die Nacht war sternklar und grimmig kalt.
+
+Der Schnee knirschte unter den Schritten der Marschierenden.
+
+Um Mitternacht hatten die Soldaten Bethlehem erreicht und zogen mit
+klingendem Spiel in die Stadt ein.
+
+Und das blutige Werk nahm seinen Anfang.
+
+Die Kinder ahnten nichts. Sie wußten nichts von Königen, -- weder von
+Herodes, noch von seinem Sohn Archelaos. Sie kannten keinerlei Eide,
+keinerlei Gebote. Sie konnten kaum sprechen. Sie redeten ihre eigene
+Sprache und sahen die Welt auf ihre Weise, mit ihren Augen. Sie lächelten,
+wie nur Kinder lächeln. Sie weinten, lachten, spielten.
+
+Und es war auf Erden keine Nacht so grauenvoll, und ist keine grauenvoller
+und wird nie eine grauenvoller sein, als jene Nacht in Bethlehem nach der
+Geburt des Heilandes.
+
+Die Soldaten stürmten in die Häuser und rissen die Kinder von der Brust der
+Mutter und erwürgten sie, andere warfen sie aus ihren Wiegen und
+zerstampften die Schlaftrunkenen mit ihren Stiefeln.
+
+Die Kinder erwachten von dem Lärm: sie begriffen nichts und boten selber
+ihre Hälse den Säbeln der Soldaten.
+
+Und sie wurden gleich ohne weiteres abgeschlachtet.
+
+Man schleppte die Kinder wie junge Katzen auf die Straße hinaus und ließ
+sie von Pferden zertreten, man hängte sie auf, man erstach sie mit Lanzen,
+man riß sie in Stücke, man ersäufte sie im Eisloch, man begoß sie mit
+siedendem Wasser, wie Ratten, man warf sie ins Feuer.
+
+Die mächtigen Schneehaufen schmolzen von dem heißen Kinderblut und
+bedeckten die Erde mit einer Eiskruste.
+
+Die Sterne flammten noch einmal blutigrot auf und erloschen.
+
+Und die Soldaten kümmerten sich nicht mehr darum, wie alt die Kinder waren
+und ob es Knaben oder Mädchen waren.
+
+Anläßlich der Schätzung hatte jemand unter den Kindern im Armenviertel von
+Bethlehem das Gerücht ausgesprengt, man werde nachts kommen und die Kinder
+aufschreiben, die zur Sonnenwendfeier geladen und beschenkt werden sollten.
+
+Die größeren Kinder schliefen in dieser Nacht nicht: sie warteten. Und als
+die Soldaten kamen, da stürzten die Kinder ihnen entgegen, denn sie
+dachten, nun käme man, sie anzuschreiben zur Bescherung.
+
+Peter, der Enkel der alten Solomonida, hatte die ganze Nacht gewartet und
+war endlich auf dem verlassenen Bett der Großmutter eingeschlafen. Und im
+Schlaf hörte er draußen Lärm, wachte auf, dachte: »Jetzt kommen sie!« --
+und lief auf die Straße hinaus.
+
+Peter rief den Soldaten zu:
+
+»Vergeßt mich nicht!« Tränen erstickten seine Stimme: er war noch nie bei
+einer Bescherung gewesen.
+
+Ein Soldat packte ihn:
+
+»Nein, nein, wir vergessen dich nicht!« Und er schnitt ihm mit dem Messer
+den Hals durch, wie einem jungen Huhn.
+
+Trommelwirbel, Trompetenschmettern, Musik konnten das Wehgeschrei der
+Mütter und das Ächzen und Weinen der Kinder nicht übertönen.
+
+Ein steinernes Herz muß beim Weinen eines Kindes erbeben!
+
+Bis zum Morgengrauen währte das Gemetzel in Bethlehem und den Vorstädten.
+Vierzehntausend Kinder wurden in Bethlehem geschlachtet.
+
+Nachdem sie des Königs Befehl erfüllt hatten, müde von der blutigen Nacht,
+verließen die Soldaten die Stadt und gingen nach Jerusalem zurück. Das Blut
+troff von ihren Händen und ihren Waffen auf die Straße, die das Pferd und
+der Ochse, die Hirten und die alte Solomonida gegangen waren.
+
+Die Musik dröhnte und trieb die blutbefleckten Füße zu schnellerm Schritt
+an.
+
+Und das Geschrei und Geheul und die Flüche der wahnsinnigen Mütter eilten
+den Abziehenden nach.
+
+Und weit über das Weichbild Bethlehems hinaus hörte man Weinen und Flüche
+auf allen Straßen.
+
+Ein steinernes Herz muß erbeben beim Wehklagen einer verzweifelten Mutter!
+
+Das Pferdchen schnaubte. Joseph stieg vom Schlitten herunter und horchte.
+Die Erde selbst schien dem Alten zu schreien.
+
+Und Joseph gedachte der Worte der Gottesmutter und verstand sie, die der
+Erde eine große Freude und einen bittern Schmerz verheißen hatten.
+
+»Ich sehe zwei Männer, Großväterchen: der eine Mann lacht, und ich freue
+mich mit ihm, -- ihm wird ein großes Glück zuteil werden. Der andre aber
+weint, und ich traure mit ihm, denn ihm wird großes Leid widerfahren.«
+
+König Herodes aber, der die ganze lange Nacht schlaflos in Unruhe verbracht
+hatte, ging, als der weiße Tag gekommen war, in seinem öden Palast umher
+und kniff die ängstlichen Augen zusammen und lachte plötzlich laut auf, vor
+Freude, daß er das Christkind aus der Welt geschafft hatte . . .
+
+
+
+
+Die Leiden der heiligen Jungfrau
+
+
+
+1.
+
+Als sie den Purpur von seinen Schultern gerissen und ihn in seinem
+ärmlichen Gewand auf die Gasse geführt hatten, als er unter dem Geschrei
+und Pfeifen der erregten Menge nach der Schädelstätte getrieben ward, -- da
+wußte alle Kreatur davon: es wußte es der Wald, wo der Dornstrauch stand;
+es wußte es das Meer, wo der Schwamm wuchs; es wußten es die Tiere und der
+Weingarten, die Berge und das Feuer, das die Nägel und den Speer
+geschmiedet hatte. Nur die heilige Jungfrau wußte es nicht.
+
+Das ganze jüdische Volk verlangte nach seinem Blut:
+
+»Sein Blut komme über uns und unsere Kinder!«
+
+Das reine Blut des Heilands tropfte in den Straßenstaub, während er in der
+Dornenkrone unter der Last des schweren Kreuzes vorwärtsschritt; -- schon
+stand die Sonne feuerrot über Jerusalem und verkündete einen heißen
+blutigen Tag -- -- wie viel hatte sich ereignet! -- -- und die heilige
+Jungfrau wußte nichts.
+
+Die heilige Jungfrau schlief.
+
+Die ganze Nacht hatte sie kein Auge zugetan, und erst gegen Morgen war sie
+am Fenster sitzend eingeschlafen.
+
+
+2.
+
+In der Hölle ging es hoch her. Ihre Bewohner gebärdeten sich wie toll.
+
+Wie ein Blitz hatte die Kunde eingeschlagen, daß das Licht und die Sonne,
+die Krone und der Ruhm der Welt, der eingeborene Sohn Gottes, der
+Menschensohn gefangen genommen sei und nach Golgatha geführt werde.
+
+Und die rasende Hölle donnerte, wie eine dräuende unbarmherzige
+Gewitterwolke; die Hölle brüllte, wie ein gereizter Löwe; die Hölle
+brummte, wie ein tollgewordener Stier; die Hölle stöhnte, wie das weite
+Meer bei Unwetter; die Hölle glühte, wie ein verwundetes Herz.
+
+Mit dem Reiche Christi, das ewig sein sollte, war es zu Ende!
+
+Und die finstern Teufel heulten und schwangen sich vor Freude in wildem,
+rasendem Tanz.
+
+Der Teufel, der nur ein Hühnerbein hatte, der böse Knecht der Schlange,
+hüpfte auf dem einen Hühnerbein bis zu den höchsten Türmen empor, die den
+Eingang in den finsteren Wohnort der finstern, stolzen, unglücklichen
+Dämonen, in das Reich der ewigen Qualen, schützten. Und die boshaften
+Ratgeber der Schlange, die nur Knorpeln statt Knochen haben, kletterten in
+tollem Spiel einer auf den andern und bliesen und pfauchten, daß der
+giftige Dunst und Staub, der ihren Mäulern entquoll, durch die Mauern der
+Hölle bis auf die Erde drang. Und inmitten des wüsten Gewirbels leuchtete
+wie ein Smaragd das grüne Auge Satans.
+
+Die wächserne Brücke der Prüfungen zwischen Paradies und Hölle und die
+Brücke der Toten, die über den brausenden Pechstrom führt, brach zusammen.
+Und die unersättliche höllische Flamme leckte an den Säulen des Himmels.
+
+Mit dem Reiche Christi, das ewig sein sollte, war es zu Ende.
+
+
+3.
+
+Entsetzen packte die Engel und Erzengel, die Seraphim und Cherubim. Alle
+himmlischen Heerscharen gerieten in Bewegung.
+
+Hilflos schlossen die Engel ihre unsterblichen Augen.
+
+Wer wird zur heiligen Jungfrau gehn, wer soll ihr die traurige Kunde
+bringen, wer soll ihr den unerschütterlichen Willen des allwaltenden Gottes
+mitteilen, der von Ewigkeit den Tod seines Sohnes beschlossen hat?
+
+Der Heilige Geist, der Tröster der Mühseligen und Beladenen, konnte ihnen
+keinen Trost geben.
+
+Der Herr sprach:
+
+»Du, Gabriel, warst der Bote der Freude. So sei denn heute der Bote des
+Leids.«
+
+Und Gabriel antwortete:
+
+»Wie soll ich, der ich die große Freude von der Fleischwerdung des Wortes
+verkündigte, nun seine Kreuzesmarter verkündigen?«
+
+Und der Herr sprach:
+
+»Du, Michael, du Führer der himmlischen Heerscharen, der du im Namen des
+Allmächtigen mit deinem Speer deinen großem Bruder Lucifer trafst, du
+Sieger, gehe hin und bring ihr die Kunde. Du wirst als Kriegsmann den
+Schmerz leichter tragen.«
+
+Und Michael antwortete:
+
+»Mein Arm hat den Stolzen geschlagen; ich bin stark im Kampf gegen Gewalt
+und Macht, aber nicht gegen Demut und Leid.«
+
+Da sprach der Herr:
+
+»Du, Rafael, der du deine Hand hilfreich aller Kreatur entgegenstreckst, du
+Fürsprecher vor dem Antlitz des Allgegenwärtigen, -- gehe hin und hilf dem
+ewigen Willen, daß die Marter des Wortes kund werde der, die das Wort
+geboren hat.«
+
+Und Rafael antwortete:
+
+»Ich bin das Werkzeug der Liebe Gottes, ich bin der Trost der Leidenden, --
+soll ich der größten aller Frauen Schmerz bereiten?«
+
+In Angst und Schmerz bebten und rauschten die weißen Flügel. Tränen traten
+in die sonnenklaren Augen.
+
+Hätte doch lieber der Herr seinen Engeln, den sanften, zornigen oder
+gnädigen, befohlen, die Seele der heiligen, ewigen Jungfrau aus der
+Gefangenschaft des Leibes zu befreien!
+
+Der Heilige Geist, der Tröster der Mühseligen und Beladenen, konnte ihnen
+keinen Trost geben.
+
+
+4.
+
+Ein kleines Vöglein war hoch zu den Wolken empor geflogen. Ein Hänfling
+war's, der seinen Durst aus einem frischen Waldquell gestillt hatte. Er
+vernahm, was die Engel redeten, und flog eilig wieder zur Erde hinab, zum
+Hause, in dem die Mutter des Heilands wohnte.
+
+Er setzte sich aufs Fenster und zwitscherte traurig, den sonnenbeschienenen
+Hals hin und her drehend.
+
+Da schlug die heilige Jungfrau die Augen auf.
+
+Sie erhob sich und fiel gleich wieder auf die Bank zurück.
+
+Ein Augenpaar, weiß vor Verzweiflung, ohne Lider, blickte sie aus dunkeln
+Höhlen an: Judas Ischarioth, einer der zwölf Jünger Christi, der den
+Meister verraten hatte, stand vor dem Fenster.
+
+Traurig zwitscherte der Hänfling, das graue, einfältige Vöglein.
+
+Und ein Schauer überlief die heilige Jungfrau, ihr Herz ahnte, was
+geschehen sollte. Sie sprang auf und stürzte zur Tür.
+
+»Maria,« trat ihr an der Schwelle ein anderer Jünger entgegen, der Liebling
+des Meisters, Johannes, »Maria, wo ist dein Sohn, wo ist unser Herr und
+Meister?«
+
+Und die Straße entlang, am Hause vorbei, an den Fenstern vorbei, ging der
+Zug, der den Heiland zur Schädelstätte geleitete.
+
+Freiwillig ging er in den Kreuzestod . . .
+
+Wer hilft einer Mutter, die ihren Sohn verloren hat? Wer beschützt sie, wer
+hütet sie in der finstern Nacht? Zu wem soll sie gehen?
+
+Erschreckt durch das Lärmen, Pfeifen und Schreien, war das Vöglein davon
+geflogen. Der bittre Schmerz preßte dem Johannes die Lippen zusammen. Wer
+wird sie trösten?
+
+Allein war die heilige Jungfrau geblieben, allein, wie das Gras, das
+Rosseshufe zerstampft haben.
+
+Halb von Sinnen warf sie sich auf den Boden. Und dann sprang sie wieder
+auf. Sie stöhnte. Ihr Haar löste sich, vor den Augen flimmerte es, ein
+Schwindel packte sie. Sie lief auf die Gasse hinaus.
+
+Und als sie ihren Sohn sah, zerriß sie ihren Schleier.
+
+Bittre Tränen brannten ihre Augen. Ihr Herz blutete, es suchte einen Ausweg
+und fand keinen. Und sie schlug sich an die Brust, zerkratzte ihre Wangen,
+raufte ihr Haar.
+
+Barhäuptig, leise vor sich hin murmelnd, schwankenden Schritts ging die
+heilige Jungfrau hinter ihrem Sohn her.
+
+»Wehe mir vor allen Müttern! Wehe mir vor allen irdischen Kreaturen I«
+
+Das schwere Kreuz drückte seine Schultern. Seine Knie knickten unter den
+Schlägen zusammen. Mit jedem Schritt beugte er sich tiefer und tiefer zur
+Erde nieder.
+
+Und die Last ward ihm zu schwer, und er fiel hin.
+
+Der kräftige Simon von Kyrene, der hinter dem Heiland in der Menge ging,
+trat vor, nahm das Kreuz auf seine Schulter und trug es.
+
+Die Menge pfiff. Steine flogen. Ein Wind erhob sich, wirbelte Staub auf,
+blies ihn den Leuten in die Augen, daß sie kaum sehen konnten.
+
+»Freue dich, König der Juden!« spotteten sie des Gepeinigten und trieben
+ihn mit Stößen vorwärts.
+
+Und nicht Tränen -- Blut rann seine Wangen hinab. Kein heiles Fleckchen war
+mehr an seinem Leibe.
+
+Wer hilft einer Mutter, die ihren Sohn verlor? Wer beschützt sie, wer hütet
+sie in der finstern Nacht?
+
+Man sagt zu ihr: »Geh nach Hause!«
+
+Wer aber zeigt ihr jetzt ihr Haus? Wer stillt, wer bändigt ihren Schmerz,
+wer gibt Antwort auf die Seufzer ihres Herzens?
+
+Barhäuptig, leise vor sich hin murmelnd, schwankenden Schritts ging die
+heilige Jungfrau hinter ihrem Sohne her.
+
+»Wehe mir vor allen Müttern! Wehe mir vor allen irdischen Kreaturen!«
+
+
+5.
+
+Als sie ihn ans Kreuz geschlagen hatten, strömte das Blut aus seinen
+Wunden.
+
+Und der Boden unter dem Kreuz wurde rot.
+
+Trostlos stand die heilige Jungfrau unter dem Kreuz und neben ihr Johannes,
+des Meisters Lieblingsjünger.
+
+Schwer litt der Heiland. Sie sah es und konnte ihm nicht helfen.
+
+Er bat zu trinken. Sein Herz verging in bittrer Pein.
+
+Und sie konnte ihn nicht tränken, denn sie wagte nicht von dem Kreuze
+fortzugehn. Sie fürchtete, er könnte in ihrer Abwesenheit sterben.
+
+Und der Himmel verfinsterte sich.
+
+Gewitterwolken türmten und ballten sich am Himmel. Eine tiefschwarze Wolke
+hing über der Stadt. Und Funken sprühten über der Stadt, als brenne oben in
+den Wolken ein mächtiger Feuerherd.
+
+Das Gesicht des Heilands am Kreuz verzerrte sich. Es war ganz bleich.
+
+Die Haare klebten an der Stirn.
+
+Und seine Stimme ertönte vom Kreuze:
+
+»Mein Gott, warum hast du mich verlassen!«
+
+Und das Blut rann über sein Antlitz und verschloß ihm den Mund.
+
+Und sein Haupt senkte sich auf die Brust.
+
+Und am andern Ende der Stadt Jerusalem, im Garten der Magdalena, hing an
+seinem Ledergürtel bis tief zur Erde herab Judas, der den Herrn verraten
+hatte. Die verzweifelten weißen Augen ohne Lider blickten aus ihren dunkeln
+Höhlen auf die schwere Erde und sein Mund war voll Erde.
+
+Das Herz der unglücklichen Mutter ward entzweigerissen. Es schmolz, wie
+rote Kohlen, es glühte und brannte.
+
+Schon schwebte ein Rabe über dem Kreuz.
+
+Wie schmelzendes Pech glänzten die Rabenfedern, wie helle Wachskerzen
+brannten die starren Rabenaugen. Dumpf und traurig sprach die heilige
+Jungfrau:
+
+»War es denn eine Unglücksnacht, in der du geboren wardst, du mein Herr und
+mein Sohn, Jesus?! Du Unsterblicher, der die Toten auferweckte! Und nun
+sehe ich, daß der unerbittliche Tod auch dich rauben will! Du konntest ihm
+nicht entgehn! O mein geliebter Sohn, o mein Jesus, um wen mußt du leiden,
+für wen nimmst du den Tod auf dich? An das Holz sind deine Hände
+geschlagen, deine Zunge ist stumm!«
+
+Jesus hob sein heiliges Haupt und sprach zu seiner Mutter:
+
+»Weine nicht um mich, Maria, meine Mutter, habe Geduld. Die Seele verläßt
+den Leib, ich will meinen Geist dem Vater befehlen. Ich gebe dir den
+Johannes an meiner Statt, sei du ihm Mutter, er wird dein Sohn sein.«
+
+Bitter sprach die heilige Jungfrau:
+
+»Kann ich den Schöpfer für das Geschöpf hingeben? Wo gehst du hin? Und wie
+soll ich leben ohne dich? Wem lässest du mich? Nimm mich mit! Laß auch mich
+sterben! Ich leide bittre Pein! Mein Herz bricht.«
+
+Und einer weißen Birke gleich beugte sich die heilige Jungfrau auf die
+Steine vor dem Kreuz hernieder und bat und flehte um den Tod.
+
+Sie mochte die Menschen nicht sehn, mochte das Licht nicht schauen, sie
+wollte sich nicht wieder erheben.
+
+Entzweigerissen war das Herz der unglücklichen Mutter. Es schmolz wie rote
+Kohlen, es glühte und brannte.
+
+
+6.
+
+Drei Stunden waren vergangen, seit man ihn grausam ans Kreuz geschlagen zu
+ewigem, bösem Gedächtnis und Unheil des jüdischen Volkes.
+
+Drei Stunden hing er, der die Erde geschaffen, über seiner von Ewigkeit
+freien Erde.
+
+Alle Schmerzensschreie, alle Seufzer, die je auf Erden laut geworden, oder
+die bis zum jüngsten Tage noch lautwerden sollen, alles Leid, alle Qualen
+der vom Schicksal Verfolgten drängten sich um das Kreuz und erfüllten sein
+Herz, brannten es und marterten es mit den furchtbarsten Plagen.
+
+Und er schrie zum Vater und es ward Nacht vor seinen Augen.
+
+Und Finsternis senkte sich auf die Erde herab.
+
+Das Licht erlosch. Die Sonne erstarrte, in Finsternis gehüllt. Die Sterne
+blitzten auf, zitternd, wie Smaragde, und erloschen. Der Mond verbarg sich
+in einer Wolke, auch er ward bleich. Und die Erde erbebte. Flüsse und Seen
+traten aus ihren Ufern. Das Gras auf den Feldern ging in hohen Wellen. Aus
+dem rauschenden Schilf flogen erschreckte Wildgänse und Schwäne empor. Die
+Wälder brausten. Die Bäume bogen sich zur Erde. Blätter fielen von den
+Zweigen. Das trockne Unterholz brach.
+
+Wie ein verglimmendes Holzscheit im Feld lag die heilige Mutter Gottes
+unter dem Kreuz.
+
+Und das Grauen ging über die Erde.
+
+Die Toten vom Friedhof gingen nach der Stadt. Die Toten mengten sich an den
+Kreuzwegen unter die Lebenden.
+
+Kalt wehte die Luft.
+
+Es fror.
+
+Und in der Finsternis flog etwas umher, brummte und zischte. Und immer
+heftiger wehte der Wind. Es dröhnte und hämmerte, als ob irgendwo Eisen
+geschmiedet würde. Es weinte und seufzte, als ob ein Mensch getötet würde.
+Feurige Pfeile flogen den Himmel entlang und verschwanden wieder. Und es
+war, als peitschte eine unsichtbare gewaltige Geißel die zitternde Luft.
+
+Und von einem Ende zum andern erbebte der Tempel. Der Vorhang vor dem
+Allerheiligsten riß mitten entzwei. Die Steine bröckelten ab. Und alle
+Kreatur stöhnte auf.
+
+Tiere, Vögel, Felder, Wälder, Sümpfe, Gräser, Blumen, Sträucher, Bäume,
+Wasser und Steine, -- alle Kreatur stöhnte, und die heilige Mutter Gottes
+weinte:
+
+»Herr, vergib ihnen, sie wußten nicht, was sie taten!«
+
+
+
+
+Die Leiden des Heilandes
+
+
+
+1.
+
+Auf Golgatha, über dem Grabe Adams, richtete man den Baum der Erkenntnis
+auf und der Schädel des ersten Menschen ward zur Stütze des Kreuzes, an dem
+der Menschensohn hing.
+
+Der Baum der Erkenntnis, den einst Satan gepflanzt, da Gott den Garten des
+Paradieses schuf, dessen Frucht den Menschen die Augen öffnete über Gut und
+Böse, dessen Zweig die tote Stirn Adams bekränzte, -- er ward jetzt zum
+Baum des Heils, zum Kreuz des Erlösers.
+
+Man schlug ihn mit Händen und Füßen an das Kreuz mit eisernen Nägeln, man
+kleidete ihn in ein grünes Hemd aus grünen Nesseln, man gürtete ihn mit
+Weißdorn, band ihn mit Hopfen und Binsen, durchstach seine Seite mit einem
+Speer, stieß ihm Weidenruten unter die Nägel und legte ihm eine Dornenkrone
+auf das Haupt.
+
+Wo die Nägel eingeschlagen wurden, da floß das Blut. Wo man ihn gürtete, da
+floß Schweiß. Wo die Krone sein Haupt berührte, da flossen blutige Tränen
+aus seinen Augen.
+
+Die am Kreuze vorübergingen, schüttelten die Köpfe und spotteten.
+
+»Der du den Tempel zerbrichst und in drei Tagen wieder aufbaust! Hilf dir
+selber! Wenn du der Sohn Gottes bist, so steig herab vom Kreuz!«
+
+»Andere hat er gerettet, sich selbst kann er nicht helfen! Wenn du der
+König von Israel bist, so steig herab vom Kreuz, dann wollen wir an dich
+glauben!«
+
+»Er hat auf Gott gehofft, so mag Gott ihm helfen, wenn Gott ihn lieb hat!
+Hat er nicht gesagt: Ich bin Gottes Sohn!?«
+
+»Freue dich, König der Juden!«
+
+Unzählige Scharen von Dämonen und dunkeln Teufeln kamen von Mittag und
+Mitternacht, von Ost und West nach der Schädelstätte geflogen, zum
+gekreuzigten Christus.
+
+Wie weißer Schnee schmolz der weiße Mond, und Tränen verdunkelten das
+lichte Antlitz der Sonne, bis es sich endlich ganz verbarg.
+
+Und es war Finsternis auf der ganzen Erde von der sechsten bis zur neunten
+Stunde.
+
+Aus blutunterlaufenen Augen sahen die Dämonen in das gemarterte Antlitz des
+Erlösers, mächtige Pergamente rollten sie vor ihm auf, -- da waren alle
+Sünden der Menschen vom ersten Tage bis zum letzten verzeichnet. Und kein
+Ende nahmen die Rollen, kein Ende die Sünden der Menschen.
+
+Und alle diese Sünden wollte er auf sich nehmen.
+
+Und es kamen von allen Enden, da sie von den schweren, blutigen Sünden
+hörten, schreckliche, erbarmungslose Engel: ihre Gesichter waren
+wutverzerrt, die Zähne ragten weit aus dem Munde heraus, die Augen waren
+wie Sterne, und ihr Atem war flammendes Feuer. Das waren die Engel, die
+nach den Seelen der Sünder kommen, um sie ins Reich der ewigen Qual zu
+führen. Unendlich war die Zahl dieser Engel, denn nicht zu zählen war die
+Menge der Sünden, -- aller Sünden vom Anfang der Welt bis zu ihrem Ende.
+
+Kein Ende nahmen die Sünden der Menschen.
+
+Und alle diese Sünden wollte er auf sich nehmen.
+
+Die Schächer, die rechts und links vom Heiland an ihren Kreuzen hingen,
+konnten die Qual nicht länger ertragen, und weil sie auf keine Rettung mehr
+hofften, machten sie sich in Schmähreden Luft und schalten den Gottessohn
+einen Betrüger.
+
+Am Fuße des Kreuzes aber, vor dem mit Christi Blut besprengten Haupt Adams,
+klirrten schon die Folterwerkzeuge: Schwerter, Messer, Sägen, Sicheln,
+Pfeile, Äxte. Die furchtbaren, unbarmherzigen Engel rissen die Glieder des
+gemarterten Leibes auseinander, hackten die Beine ab, dann die Arme,
+machten sie wieder lebendig, um sie von neuem ans Kreuz zu nageln, rissen
+das festgeklebte geronnene Blut von den Wunden und leckten die blutigen
+Schwären mit salzigen Zungen.
+
+Die Dämonen rollten die schwarzen Pergamente zusammen. Und einer von ihnen,
+ein Teufel mit Gänsefüßen und einem Schweinsleib ohne Borsten, kletterte am
+Kreuzesstamm hinauf bis dicht vor das Antlitz Christi und hielt ihm eine
+große Schale hin, gefüllt mit Bitternis bis zum Rand.
+
+Und Christus trank die Schale leer bis auf den letzten Tropfen und schrie:
+»Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen!«
+
+Da erhob sich auf den Ruf des Verlassenen, der der Welt Sünde auf sich
+genommen hatte, von seinem Wolkenthron im Norden um die neunte Stunde
+Satan, der Fürst der Finsternis. Und sein schwarzmähniges Roß trug ihn, wie
+ein Falke, wie der Sturm, wie der Donner, wie der Blitz, zum Kreuz des
+Gottessohnes.
+
+Auf flogen die Winde, wie Adler, hoch wirbelten sie den Staub auf den
+Straßen empor. Die Berge erbebten. Aufgewühlt wurden die Tiefen der Erde.
+Gewaltig wogte und brauste das Meer. Weit aus ihren Ufern traten die
+Ströme. Und in der Glut der Höllenflamme rollte der Himmel sich zusammen,
+wie ein Pergamentblatt. Und die Erde wallte und brannte, wie Eisen im
+Schmelzkessel.
+
+»Freue dich, König der Juden!« sprach Satan und trat vor das Kreuz hin.
+
+Satan stand vor dem Kreuz und sah Christus an, und vom Kreuz, die schweren
+Lider mühsam hebend, blickte Christus auf Satan.
+
+So blickten sie sich an, wie König und Sklave, wie Bruder und Feind, wie
+König und König, wie Bruder und Bruder, wie Feind und Feind, wie der Retter
+und der Verlassene. Und alle Kreatur sank nieder in bebendem Entsetzen in
+dieser Stunde des Grauens.
+
+Und mit schnellen Schritten kam vom blauen Meer, aus unbekanntem Land, über
+weite Felder, über grünes Gras, über verwehende Spuren, über wogende Saaten
+ein schöner Jüngling -- der sanfte Tod.
+
+Ohne viel zu fragen, schob er das Eisengitter auseinander. Festen Schrittes
+stieg er den Hügel von Golgatha hinauf und trat vor den Gekreuzigten.
+
+Leise nahm er das Haupt Christi in seine Arme.
+
+Und Christus neigte das Haupt und verschied.
+
+
+2.
+
+Abends kam zu Pilatus ein reicher Mann aus Arimathia, namens Joseph, und
+mit ihm Nikodemus, die beide heimliche Jünger Christi gewesen waren, und
+baten Pilatus, er möge ihnen den Leib Christi überlassen.
+
+Und Pilatus gestattete es ihnen.
+
+Sie nahmen den Leichnam Christi und hüllten ihn in reine, wohlriechende
+Tücher, und legten ihn im Garten in ein neues Grab. Dann wälzten sie einen
+Stein vor des Grabes Tür und gingen von dannen.
+
+Und als die letzten Menschenschritte verklungen waren und die
+Kriegsknechte, die den Schächern die Knie gebrochen hatten, Golgatha
+verlassen hatten, und die Toten, die aus ihren Gräbern auferstanden waren,
+sich in den Straßen der Stadt verloren hatten, um die schlaflose Nacht mit
+Grauen zu erfüllen -- da erhob sich ein wilder Lärm, Geschrei, Gestampf,
+Geheul, als wäre die ganze Welt toll geworden. Und der Garten, da der Leib
+Christi bestattet war, ward zum höllischen Abgrund, denn Satan selbst, der
+Fürst der Finsternis, hielt sich hier auf mit all seinen Heerscharen.
+
+Mit höllischen Künsten blendete Satan die Augen der Menschen und aller
+Lebewesen, hüllte die Seelen in die Nacht des Wahnsinns, senkte sie in
+einen teuflischen Zauberschlaf, und der finstere Teufelszauber hielt die
+Welt zwei Tage und zwei Nächte gefangen und betörte sie mit grauenhaften
+höllischen Gesichten und Versuchungen.
+
+Die Teufel stürzten sich auf den Leichnam Christi, rissen die Tücher
+herunter, zerteilten den reinen heiligen Leib: das Fleisch gaben sie der
+Erde, das Blut dem Feuer, die Knochen dem Stein, den Atem dem Wind, die
+Augen den Blumen, die Adern dem Gras, die Gedanken den Wolken, den Schweiß
+dem Tau, die Tränen dem salzigen Meer.
+
+Es wogte und brauste das Meer von bösen Geistern. Wild wirbelten die
+Dämonen durcheinander, stießen sich, schrien, spotteten, grinsten und
+fluchten. Aus allen Tiefen waren sie emporgestiegen, liefen sie, hüpften
+sie, krochen sie, wälzten sie sich heran -- schmutzig und übelriechend,
+krummbeinig und bucklig, dickbäuchig und spindeldürr. Und sie traten den
+Leichnam des Heilands mit den Füßen, zerrten ihn hin und her, beschmutzten
+und schändeten ihn . . .
+
+Und um Mitternacht tat sich der Himmel auf und über der Erde stieg eine
+strahlende Sonne empor, wie die Welt sie noch nie gesehn hatte.
+
+Die Dämonen zerrten den Leib Christi aus dem neuen Grabe und hüllten ihn in
+köstliche königliche Gewänder und trugen ihn auf den höchsten Berg und
+setzten ihn auf einen Königsthron.
+
+Und vor den Thron stellte sich Satan hin und zeigte den Völkern der Erde --
+allen, die schon gelebt hatten, und allen, die noch kommen sollten -- den
+Leichnam im königlichen Purpur und verkündete mit lauter Stimme:
+
+»Sehet, das ist euer König!«
+
+Und von der Höhe des Thrones blickten auf die wogende Menge von Köpfen, auf
+die flehend ausgestreckten Arme die großen bleiernen Augen des entseelten,
+verunstalteten Leichnams. Und im grellen Licht des plötzlich aufgegangenen
+Tages glaubte man sehen zu können, wie unter dem königlichen Gewand die
+starren Glieder auseinanderzufallen begannen.
+
+Verzweiflung lastete über dem Weltall. Und das Maß der ganzen Erde schien
+nicht größer als vier Schritte -- so lang, wie ein Grab sein muß.
+
+Von Land zu Land, von Reich zu Reich, über Felder und Wiesen, durch Städte
+und Dörfer, mitten durch die unermeßlichen Menschenmengen aller Zeiten und
+Völker und Länder, jagte ein Wagen, von wilden Rossen gezogen, und in dem
+Wagen saß ein zähnefletschendes Gerippe mit einer Dornenkrone auf dem
+kahlen Schädel.
+
+»Sehet, das ist euer König!« sagte Satan und zeigte den Menschen das
+grauenhafte, zähnefletschende Gerippe.
+
+Und dunkel wurden die lichten Gewänder der Völker. Das Lachen ward zum
+Weinen. Die Menschen fielen hin und starben, einer neben dem andern, der
+Bruder in den Armen des Bruders, das Kind auf dem Schoße der Mutter, die
+Mutter an der Brust der Tochter.
+
+Von dem Geschrei und den Seufzern bog sich die Erde, spalteten sich die
+unfruchtbaren Steine, taten sich gewaltige Abgründe auf, und weinten das
+Meer und die Ströme und alle Tiefen der Unterwelt.
+
+Da zeigte sich hoch über der strahlenden Sonne am Himmel als letzte
+Verheißung ein Kreuz und an dem Kreuz hing festgenagelt ein entstellter
+Leichnam.
+
+»Sehet, das ist euer König!« verkündete Satan stolz von seinem Wolkenwagen
+herab, und er blies das Kreuz an.
+
+Und das Kreuz und der Leichnam wurden zu Staub.
+
+Und die reine Luft der Erde ward vom Qualm aufgesogen, die Quellen
+vertrockneten, die Bäume verloren ihre Blätter, die Sonne erlosch und der
+giftige Hauch aus Satans Munde zerfraß die Rinde der Erde.
+
+So wütete Satan zwei Tage und zwei Nächte lang und säte Aufruhr in die
+Herzen, flößte ihnen das Gift des Wahnsinns ein, erfüllte sie mit Angst und
+Verzweiflung.
+
+
+3.
+
+Grausame, undurchdringliche Finsternis hüllte die Stadt in banges
+Schweigen.
+
+Die Toten irrten in den Straßen umher, klopften an die Türen. Und wie in
+den Tagen des schwarzen Todes wagten die Menschen nicht, ihre Häuser zu
+verlassen. In den menschenleeren Gassen tauchten Reiter auf: ihre Gesichter
+konnte man nicht sehen und auch ihre Pferde nicht, man hörte nur die Hufe
+aufs Pflaster schlagen.
+
+Und durch die schwarze Einsamkeit ertönte von der verödeten Schädelstätte
+her das Wehklagen der Gottesmutter.
+
+Marias Herz bebt in bangem Entsetzen, ihr Kopf geht in die Runde, ihre
+Zunge redet irre. Und sie ist nicht imstande, die Augen aufzuschlagen.
+
+»Steh auf, mein Sohn, erwache, hebe deine Augen auf, sag ein Wort! Fest
+schläfst du, tief ist dein Schlaf, nie wirst du erwachen! Ich trage Leid um
+dich! Meine Seele ist betrübt! Du hast dein Herz verhärtet, daß es dem
+Stein gleich ward, und nirgends sehe ich dich mehr! Steh auf, mein Sohn,
+erwache, nimm mich zu dir! Ich trage Leid um dich! Meine Seele ist tief
+betrübt!«
+
+Und neben der Mutter Gottes stand auf dem Hügel von Golgatha, das Haupt an
+den Kreuzesstamm gelehnt, ein schöner Jüngling.
+
+Und bis zum Morgengrauen des dritten Tages, da mit der auferstandenen Sonne
+der Engel des Herrn kommen sollte und den Stein von des Grabes Tür wälzen,
+bis zum lichten Ostermorgen ging er nicht fort von dem lebenspendenden
+Kreuz, der Unersättliche, der schöne Jüngling, der sanfte Tod.
+
+Der Tod Christi ist das ewige Leben, die Gewähr des Heils.
+
+Herr, gedenke meiner, wenn du in dein Reich kommst!
+
+
+
+
+Geschichten
+
+
+
+
+
+Der Hofjuwelier
+
+
+
+1.
+
+»Sie wissen selber nicht, was sie wollen!« sprach der einsame alte
+Juwelier, der hundert Jahre auf Erden gelebt und in seinem Herzen
+Generationen zu Grabe getragen hatte.
+
+Zusammengekrümmt, ein richtiger Zwerg, ewig scherzend und spottend, schien
+er suchend um die Menschenherzen herum zu gehen und mit seinen langen
+dünnen Fingern nach den verborgenen warmen Lebensquellen zu graben. Er
+öffnete sie leicht und gewandt, wie seine mit Perlen und seltenen Steinen
+gefüllten Kassetten, und er schaute mit durchdringendem Blick in die Seele
+der Worte und Gedanken hinein, die tief im innersten Herzen versteckt
+saßen.
+
+Tag und Nacht saß er über seinen Steinen; er wusch sie, streute sie auf
+Sammet- und Seidendecken aus und hielt sie gegen die Lumpen, die ihm als
+Kleidung dienten. Und seine sonst so winzigen Äuglein wurden dann groß wie
+Teller.
+
+In dem Flimmern der winzigsten Schleifflächen seiner Edelsteine las er die
+Geheimnisse von Jahrhunderten. Und eines nach dem andern traten die
+Verbrechen und Schandtaten vergangener Zeiten vor ihn hin, stellten sich in
+Reih und Glied, und er spielte mit ihnen wie mit Bleisoldaten.
+
+Und es gab keine Einzelverbrechen mehr, es war nur eine einzige große
+Schandtat, und die nistete in allen Zeitaltern, an allen Enden des
+menschlichen Lebens.
+
+Aus allen Zeiten und allen Ländern kamen die kostbaren Juwelen zu dem Alten
+in seine elende, von Schimmel und Motten zerfressene Werkstatt, die sich in
+einer Kellerwohnung an der belebtesten Straße der Hauptstadt verbarg.
+
+Seit langem schon träumte der Alte davon, hinauszuziehen in die Berge und
+sich dort einen festen Turm zu bauen, um von dessen Höhe ungefährdet und
+unbemerkt die Welt zu beobachten.
+
+Aber diesem Traum sollte keine Erfüllung werden.
+
+Und doch war es eine bewegte Zeit und vieles wäre von der Bergeshöhe aus
+dem Turmfenster zu sehen gewesen.
+
+Nicht eine einzelne Stadt, nicht ein einzelnes Dorf, -- das ganze Land von
+Meer zu Meer war von einem wahnsinnigen Wunsche beherrscht.
+
+Alle Sehnsüchte, Triebe und Wünsche eines schweren, trüben, qualvollen
+Alltags verflochten sich ineinander und wuchsen zu einer grausigen Geißel
+aus, und orkangleich schwang sich diese Geißel, schwer und blind, von Meer
+zu Meer, auf alles Schreien und Rufen mit dem einen wilden Schrei
+antwortend:
+
+»Freiheit!«
+
+»Wißt ihr denn, was Freiheit ist?« fragte augenzwinkernd der einsame alte
+Juwelier, der hundert Jahre gelebt und in seinem Herzen Generationen zu
+Grabe getragen hatte.
+
+Ein Menschenleben galt nichts mehr. Man spie es aus und trat mit dem Fuße
+darauf.
+
+Man tötete die Menschen wie Flöhe. Man lauerte ihnen auf, fing sie und
+vernichtete sie sofort, wie man ein Ungeziefer auf dem Fingernagel
+zerdrückt.
+
+Aus Barmherzigkeit trieb man die Verurteilten vom Schafott ins Gefängnis.
+Gnade war es, wenn man einem das Leben schenkte, damit er es in ewiger
+Kerkerhaft vollende.
+
+Nie bisher war der Mensch so mißtrauisch gegen seinen Nächsten gewesen.
+Wenn zwei Freunde sich begegneten und einer dem andern die Rechte drückte,
+fühlte die Linke schon ängstlich nach dem Messer in der Tasche.
+
+In dunkeln Winkeln, in muffigen Löchern lauerte der Verrat.
+
+Und die letzten Stützen, die tiefsten Grundlagen des Lebens wurden
+unterwühlt.
+
+Sprengstoffe wurden in ungeheuren Mengen angefertigt. Keine andere Ware
+ließ sich so leicht absetzen wie diese. Tagaus, tagein wurde sie in Massen
+verkauft und gekauft, wie in früheren Zeiten Streichhölzer.
+
+In dunkeln Winkeln, in muffigen Löchern erwürgte und erstach der Freund den
+Freund.
+
+Die blutgetränkten Straßen wurden überall neu gepflastert. Die glühende
+Sonne sog die blutigen Dünste aus dem Boden, und der berauschende,
+betäubende Blutgeruch erfüllte die ganze Luft.
+
+Friedliche Gassen, vom Rausch gepackt, gerieten in Raserei und
+zerfleischten in tobender Wut Frauen und Kinder. Das Blut klebte an den
+Hufen der Pferde, und auch die Pferde wurden toll.
+
+Draußen aber vor der Stadt auf den Feldern wogten rote Ähren, und es reifte
+ein blutgedüngtes Korn, das die Menschen vergiftete.
+
+Hier und da tauchten Tote in den Straßen auf. Sie redeten ihre Bekannten
+an, mischten sich in das Alltagstreiben, als wären sie noch lebendig.
+
+Die Lebenden aber verließen ihre Häuser, als wenn sie schon tot wären, und
+begaben sich nach den Friedhöfen und suchten Unterkunft im Reich der Toten,
+richteten sich in Grüften und Särgen häuslich ein.
+
+Propheten verkündeten ein neues Reich und handelten schamlos mit ihrer
+Sehergabe.
+
+Die Gläubigen aber verloren den Verstand und töteten sich und warfen der
+Welt ihr letztes bitteres Wort ins Gesicht:
+
+»Es gibt keine Wahrheit auf Erden!«
+
+Und die erbarmungslose, wahnsinnige Geißel schwang sich empor, blind und
+schwer, und flog sturmgleich von Meer zu Meer, und donnernd dröhnte ihr
+grausiger Schrei:
+
+»Freiheit!«
+
+»Wißt ihr denn, was Freiheit ist?« fragte augenzwinkernd der einsame alte
+Juwelier, der hundert Jahre gelebt hatte und in seinem Herzen unzählige
+Generationen zu Grabe getragen hatte.
+
+
+2.
+
+Am Vorabend jenes großen Tages, der die neue Freiheit zu bringen und die
+ganze Welt umzugestalten versprach, wurde der alte Juwelier in aller Frühe
+geweckt, in eine schwarze, wappengeschmückte Kutsche gesetzt, wie sie nur
+den hohen Würdenträgern des Staates zustand, und unter militärischer
+Bewachung nach dem königlichen Schlosse gebracht.
+
+Durch die zugezogenen Vorhänge vor den Wagenfenstern fühlte der Alte das
+Bohren von hundert und aberhundert haßgeschärften Blicken. Es war ihm, als
+würde von diesen stechenden Blicken das Glas glühend heiß, als klirrte und
+surrte etwas unter den Rädern, was den Wagen in Stücke zu reißen drohte.
+
+Da in den letzten Tagen von den allmächtigen Günstlingen des Herrschers, in
+deren Gewalt Städte und Provinzen, Leben und Tod des Volkes waren, zahllose
+Schandtaten begangen waren, so wurden derartige vornehme Geleitzüge stets
+von bösen Blicken verfolgt, und nicht immer nahm die Fahrt ein gutes Ende.
+
+Aber der Juwelier war ein schlichter Mann. Ihm hatte niemand das Recht zu
+strafen und zu begnadigen verliehen; ihm war nur der Befehl geworden, die
+goldene Krone zu putzen, in der nach der Sitte des Landes die Könige vor
+das Volk traten, wenn sie, was selten genug geschah, dem Volke
+Regierungsbeschlüsse von außerordentlicher Wichtigkeit zu verkündigen
+hatten.
+
+Wem anders als ihm, dem alten erfahrenen Manne, der es so gut verstand,
+seine scharfe Zunge im Zaum zu halten, konnte man die furchtbare, durch
+ihren Glanz blendende Krone anvertrauen?
+
+Scherzend und kichernd stieg der Juwelier die goldene Schloßtreppe empor,
+schloß sich in dem Saal ein, den man ihm angewiesen, und machte sich an die
+Arbeit.
+
+Hier bot sich eine seltene Gelegenheit, Dinge zu sehen, die der Alte bisher
+höchstens hatte ahnen können.
+
+So manchen Wunders Zeuge war er gewesen, mehr als einmal hatte das rasende
+Volk seine angestammten Herrscher gleich Taschendieben und Einbrechern
+davongejagt, aber immer war in solchen Fällen eine neue Krone für einen
+neuen Herrscher aufgetaucht, und der Alte wurde gerufen, sie in Stand zu
+setzen und zu flicken. Noch nie aber war aus den verstaubten Speichern des
+königlichen Schlosses ein so wunderbares Kunstwerk in seine Hände gekommen,
+von dem man kaum glauben konnte, daß es von Menschen geschaffen sei.
+
+Wahrlich, der morgende große Tag barg Unerhörtes in seinem Schoße.
+
+Mit größter Sorgfalt, zitternd, wie über einem Heiligtum, dem jeden
+Augenblick der eifersüchtige böse Feind etwas antun kann, nahm er die
+Steine aus der goldenen, mit Schmutz- und Lehmflecken bedeckten Krone, und,
+kaum sichtbar in dem Riesensaale, die dürren Schultern in ein zerfetztes
+wollenes Umschlagtuch gehüllt, wie es die Weiber tragen, fuhr er mit den
+langen dünnen Fingern über die Juwelen.
+
+Er spielte mit dem Schatze -- mit den märchenhaften Achaten, mit leuchtend
+blauen und blutroten und schwarzen Steinen, mit Frühling atmenden Türkisen;
+er drehte sie hin und her, er warf sie hin, er sog ihren Duft ein, als
+wären sie lebende Gewächse, er legte sie auf die gewandte Schlangenzunge,
+ließ sie über seine feinfühlende Handfläche rollen, stellte sie in Reihen
+auf, häufte sie aufeinander und bebte wollüstig im grünen, roten, blauen
+und schwarzen Schimmer.
+
+Unzählige Menschengesichter tauchten vor ihm auf, unzählige Hände reckten
+sich nach ihm, Scharen von Menschen aller Art gingen nacheinander an ihm
+vorüber, sie füllten den ganzen Saal, sie bedeckten alle Wände von oben bis
+unten, und hoch unter der Sternenkuppel des Saales hingen sie und
+schwankten hin und her, ohne Arme, ohne Beine, und aus allen Ecken und
+Winkeln starrten ihn staunende Augen an . . .
+
+Dem Alten verging der Atem, er ließ die Steine fallen. Sie klebten an
+seinen Lumpen, rollten über die Teppiche, den Brokat, den Marmor, und es
+war, als ob sie tönten wie dumpfe Glocken.
+
+Dieser Glanz und diese dumpfen Töne ließen ihn die Augen weit aufreißen.
+Die winzigen Äuglein wurden groß wie Teller.
+
+Er sah zugleich den ersten und den letzten Tag des menschlichen Daseins.
+
+Er putzte die Steine in größter Hast, legte sie in der verschiedensten
+Weise zusammen, bis er die Verbindung gefunden hatte, die ihm für die
+Königskrone die schönste dünkte.
+
+Er hatte sie erkannt, die alte Königskrone, die keine Gewalt auf Erden
+anzutasten wagt, die den Menschen unwiderstehlich zu sich lockt und Leichen
+auf Leichen häuft.
+
+In der Dämmerung, als die Kronleuchter aufflammten und der Alte sich von
+seinem Platze erhob und, die Krone auf dem Kopfe, einem König gleich,
+mitten in den Saal trat, da strömte die Krone einen solchen Glanz aus, daß
+die unerschütterlichen Wände des Palastes erbebten.
+
+So würde auch die morgende Freiheit, die die Welt von Grund aus umgestalten
+sollte, gleich am ersten Tage an diesem Glanz zugrunde gehen;
+zusammenknicken würden die Sklavenknie, und nur ganz im geheimen würde die
+dunkle Rache schwören, den Thron zu zerschmettern und die leuchtenden
+Steine der unzerstörbaren Königskrone über die Erde zu verstreuen.
+
+»Sie wissen selber nicht, was sie wollen!«
+
+Der Alte ging die goldene Treppe hinab, durch die Reihen dienernder
+Hofleute, begleitet von einem schmeichlerischen Lächeln, hinter dem sich
+schamlose Roheit verbarg und das bange Zittern kleinlicher Sklavenseelen.
+
+
+3.
+
+Mitternacht war längst vorüber. Der neue Tag der Freiheit erwachte.
+
+Der Freiheitstrieb, der so wahnwitzig, so schmerzvoll vorwärts gedrängt
+hatte, war stumpf geworden, und die wildrasende Geißel, blind und schwer,
+flog nicht mehr, schlug nicht mehr. Der Wunsch, von dem königlichen
+Versprechen betäubt, trieb die Menge auf die Straßen hinaus, drängte sie
+auf den Märkten zusammen, schmiedete alt und jung aneinander.
+
+Und mit mißtrauisch schielenden Blicken gingen die tausendmal betrogenen
+Massen, finster, eng aneinandergedrängt, vorwärts, ohne zu wissen wohin,
+dumpfe Verzweiflung im Herzen.
+
+Der Alte saß in seinem Keller, die dürren Schultern in sein wollenes
+zerfetztes Umschlagtuch wickelnd, und sah vor sich hin, und seine winzigen
+Äuglein wurden groß wie Teller.
+
+Und in seinen entsetzten Augen glühte das Grauen, Angst und Hohn.
+
+Am Kellerfenster aber zogen Tausende von Füßen vorüber, unsicher, wie
+trunken, trunken von Verzweiflung.
+
+Und der Alte rieb sich die Hände und krümmte sich, wie ein Gepfählter, beim
+Gedanken an die heute geschenkte Freiheit.
+
+Und er, der einmal aus der Tiefe der menschlichen Lebensmöglichkeiten das
+ganze Leben hervorgeholt hatte, der einmal dem ersten und dem letzten Tage
+ins Auge geschaut hatte, -- er lachte und warf Spott- und Scherzworte in
+die freie Menge.
+
+Und über der freien Stadt und dem freien Lande stieg die freie
+Morgendämmerung auf, und immer röter flammte ihr Schein, um blutig und
+wehvoll einem Zeitalter den Abschied zu geben . . .
+
+
+
+
+Maka
+
+
+
+1.
+
+Sascha ist im April drei Jahre alt geworden. Seit drei Jahren ist sie die
+Herrin des alten berühmten Schlosses von Sadory und des ganzen Olenowschen
+Landes mit der weiten Steppe, den Feldern, Wiesen und Wäldern bis zu
+Großmutters Kirschgarten in Gajewo, den Sascha auch zu ihrem Besitz zählt.
+
+Drei Jahre brennt nun nach langer Zeit wieder Licht in dem einen
+Schloßturm, und tagsüber hallt der Garten wider von einer hellen
+Kinderstimme; abends aber guckt aus dem Turmfenster ein Mädchenköpfchen
+unter einer roten, goldgestickten Mütze heraus. Und alle, Groß und Klein,
+die Großmutter Euphrosyne Iwanowna, und der Onkel Andrej, und Tante Wera
+und Tante Lena, und die Wärterin Halka und das ganze Gesinde mit der
+Haushälterin Nadeshda, der Kuhmagd Fedoßja, der alten Zofe Polja und den
+jungen Tagelöhnerinnen Marja, Warwara, Fima und Katharina, und der Kutscher
+David und der Nachtwächter Taras und der Landmesser Becker, und der
+Gutsnachbar Bruch und dessen Tochter Manja und ihr Lehrer, der Student
+Michail Petrowitsch, und der Pfarrer, Vater Eutychios nebst dem ganzen
+Klerus, und der alte Jagdhund Kadoschka und die beiden Hofhunde Butzik und
+Mischka und das kleine Hündchen Dranka und endlich die Ziege Maschka, --
+mit einem Wort alle Bewohner des Schlosses und alle Nachbarn meilenweit
+herum bis zur Eisenbahn haben das Mädelchen als ihre Königin anerkannt und
+fügen sich demütig ihren Launen.
+
+Einzig und allein die Tante Tatjana Afanasjewna, die in ihrem Stolz und
+Eigensinn keinen Willen über dem ihren gelten läßt außer dem Gottes und des
+Zaren, widersetzte sich lange Zeit, zuletzt aber gab auch sie nach, und zu
+Weihnachten hat sie Sascha einen goldenen alten Löffel geschenkt.
+
+Und Sascha hütete dieses Spielzeug mit aller Sorgfalt. Sie verwahrte es
+ganz hinten in ihrem roten Schränkchen, wo es von dem kahlköpfigen
+Trommelhasen und zwei vom letzten Christbaum übrig gebliebenen goldenen
+Nüssen treulich bewacht wurde. Und Sascha sorgte für ihren kostbaren
+Schatz, so gut sie irgend konnte: sie badete den Löffel in ihrer kleinen
+Wanne zusammen mit den zwei glatten Steinen, dem schwarzen und weißen; und
+mit dem Kamel, dem grünen Aufziehfrosch, dem Radfahrer, dem Brummkreisel
+und den drei Puppen: der Katja mit dem Loch im Kopf, der armlosen
+Alexejewna, und der am heißesten geliebten Wera, die aus Lappen genäht war
+und überhaupt keinen Kopf mehr besaß, -- warf sie den Löffel zum Fenster
+hinaus, damit die Ziege Maschka auch ein bißchen mit all den schönen Sachen
+spielen könne, wie sie auch Tantens klirrende Schlüssel zu den vielen, mit
+allerlei köstlichen Dingen vollgestopften Kisten und Truhen immer
+hinauswarf, damit sie sich draußen am schönen grünen Grase satt essen und
+etwas frische Luft schnappen.
+
+In Saschas rotem Schränkchen gibt es unzählige kostbare Dinge. Von oben bis
+unten ist er vollgepfropft.
+
+Wenn man Sascha fragt: »Wie liebst du?« drückt sie gleich irgendeinen
+Teddy-Bären an ihr Herz oder den Springhasen, der keine Ohren mehr und nur
+noch zwei Beine hat, und sagt:
+
+»So lieb ich!«
+
+Jeden Tag wird das Schloß belagert: alle wollen die Königin von Olenowo
+sehen.
+
+Und Sascha begrüßt alle gleich freundlich, spricht mit allen und schenkt
+denen, die sich ihrer besondern Huld erfreuen, den ganzen Inhalt ihres
+roten Schrankes. Später aber nimmt sie alles wieder zurück.
+
+So ist nun einmal der Wille dieses weißen Mädelchens in der roten,
+goldgestickten Mütze, der Königin von Olenowo.
+
+Sascha ist hübsch rundlich und ihre Backen sind dick und die Lippen auch,
+und über den Lippen guckt das Näschen frech in die Höhe. Wenn man's sieht,
+kommt einen die Lust unwiderstehlich an, mal daran zu zupfen. Aber zugleich
+ist einem doch bang: so klein und weich ist das Stuppsnäschen. Sascha sagt:
+»Sie ist buttrig.« Und wenn man sie an der Nase faßt, dann kneift sie die
+Augen zusammen und verzieht den Mund, und sieht aus wie ein kleines wildes
+Tier, ein Tierchen mit blauen, schlauen Äuglein.
+
+Saschas Haare aber sind für ihr Alter zwar nicht zu kurz und nicht zu dünn,
+sie wachsen ganz ordentlich, wie sie wachsen sollen, aber einen Zopf kann
+man aus ihnen doch noch nicht flechten, -- es sei denn einen ganz winzigen,
+wie ein Schwänzchen.
+
+Sascha hatte sich angewöhnt, sich die Härchen auszuzupfen.
+
+Und so oft schon war der Mohr gekommen, ganz schwarz, mit gefletschten
+Zähnen und hatte nach den ausgerissenen Haaren gefragt. Aber Sascha hatte
+gar keine Angst vor dem Mohren, im Gegenteil, sie machte ihn zum ersten
+Mann in ihrem Hofstaat und hörte natürlich nicht auf, sich die Härchen
+auszuzupfen, sondern tat es nach wie vor jeden Tag.
+
+Der eine Finger war dran schuld, der Daumen an der linken Hand, -- der hieß
+auch der Zupfer.
+
+Und so ging es immer weiter, bis Sascha schließlich eine ganz kahle Stelle
+auf ihrem Kopf hatte. Da mußte Tante Lena auf den Rat desselben Mohren
+Sascha ganz kurz scheren. Und nun war Sascha ganz kahl mit winzigen
+Haferstoppeln auf dem runden Kopf. Aber es half alles nichts: auch diese
+Stoppeln wußte sie noch festzukriegen, als wären es ganz lange Haare: immer
+wieder rückte der Zupfer an und riß auch die kürzesten Härchen heraus.
+
+Sascha hat ganz kleine Hände, wie Mama und Großmama, und Nägel wie Perlen,
+und da ist nun wieder ein Unglück: der Daumen an der rechten Hand ist auch
+ungezogen: immer muß er in Saschas Mund stecken, und Sascha saugt an ihm,
+wie ein Bär. Man versuchte es ihr durch allerlei Kunstgriffe abzugewöhnen,
+bestrich den Finger mit Senf und mit Chinin. Aber es half alles nichts:
+Sascha leckt den Finger ab, spuckt aus, und dann ist der Daumen gleich
+wieder im Mund.
+
+Man holte den Mohren, glaubte, er würde sie zur Raison bringen, -- aber es
+kam ganz anders. Es erwies sich, daß der Mohr auch lutschte und zwar mit
+Hochgenuß, denn -- so erklärte Sascha -- »der Daumen schmeckt noch viel
+schöner als Schokolade.«
+
+Was war da zu machen? Nichts war zu machen. Es blieb nichts übrig, als die
+Indianer zu holen. Diese Indianer überfallen jene Buben und Mädel, die
+allein in den Garten schleichen und dort Erdbeeren mit Milch essen. Und
+solange die Indianer drohten, lutschte Sascha nicht am Fingerlein. Aber es
+verging einige Zeit, die Indianer verschwanden, es tauchte irgendein
+Zauberer auf, oder der Ägypter oder der Grüne Kater aus dem Theater, die
+Gefahr war vorüber -- und Sascha machte sich von neuem an ihren Finger. Der
+Zupfer und der Lutscher sind eine wahre Plage. Und wie lustig Sascha ist,
+-- so ganz ohne jeden Grund, bloß weil sie nicht anders kann. Und wenn sie
+lächelt, dann gibt ein dunkles Leberfleckchen über der Oberlippe dem
+Lächeln etwas ganz besonders Liebliches. Man möchte es immer nur anschauen
+und küssen, dieses Fleckchen, das an heißen Tagen immer etwas feucht ist.
+
+»Sascha, ich fresse dich auf!«
+
+»Was?«
+
+»Ich fresse dich auf, weil . . . was soll ich denn mit mir anfangen, du
+bist so.«
+
+»Makig?« -- und der kleine Mund mit den spitzen Zähnchen lächelt wieder.
+
+»Grad so ein Leberfleckchen«, sagte Tatjana Afanasjewna und sah ihre
+schelmisch lächelnde Urgroßnichte scharf an, »hatte die Großtante Elisabeth
+Michailowna. Die verstorbene Gräfin Lydia Petrowna aber legte an dieser
+Stelle eine Mouche auf, -- das bedeutete Leichtsinn. So ist sie auch
+gestorben.«
+
+Von den Mouches redete die Tante sehr oft und immer mit großer Rührung.
+Sascha aber wollte dann sofort eine Mouche haben und beruhigte sich nicht
+eher, als bis man ihr eine lebendige Fliege gefangen hatte.
+
+»Ganz die Mutter,« sagte die Tante und erging sich weiterhin für sich
+allein in köstlichen Erinnerungen an ferne schöne Zeiten, die den jetzigen
+so gar nicht glichen.
+
+Du magst die ganze Welt nach einem zweiten Mädel absuchen, das ebenso
+eigensinnig wäre, -- du findest keins.
+
+Was Sascha haben will, das setzt sie alles durch.
+
+Und auch eine so wilde Hummel findest du nirgends mehr. Wenn es mal über
+sie kommt, dann gibt es kein Halten. Dann läuft sie die Hände waschen, und
+ehe man ihrer habhaft geworden ist, ist sie bis an die Schultern
+pitschenaß. Dann maust sie dem Onkel Andrej den Tabak und macht sich ans
+Zigarrettendrehen, -- und natürlich ist in wenigen Augenblicken der ganze
+Tabak auf dem Boden verstreut.
+
+Sascha geht gern in die Kirche zur Messe. Kaum hört sie die Glocken läuten,
+so hat sie keine Ruhe mehr. Sie wird von Mama begleitet. Oder von Tante
+Lena. Im Winter geht sie seltener, im Sommer öfter. Im Sommer bringt sie
+auch Blumen für Großvater auf den Friedhof.
+
+Alle wissen, daß Sascha und der Pfarrer gute Freunde sind. Der Pfarrer,
+Vater Eutychios, schickt ihr oft eine Hostie, und zu Pfingsten bekam sie
+Blumen vom Altar. Als dann der Pfarrer am ersten Weihnachtstage mit dem
+Kreuz ins Haus kam, sang Sascha ihm den ganzen Weihnachtschoral vor und
+sprach alle Worte richtig aus.
+
+Wenn Sascha das Abendmahl bekommen soll, passiert allemal was: entweder
+fängt sie irgend etwas zu erzählen an, und zwar so laut, daß man es in der
+ganzen Kirche hört, oder sie verlangt, daß der Priester zuallererst zu ihr
+komme, oder sie singt, aber nicht was vorgeschrieben ist, sondern was ihr
+gerade einfällt.
+
+Singen tut Sascha überhaupt sehr gerne. Sie liebt es auch, wenn andere
+singen.
+
+Und so singt das ganze Schloß von früh bis spät. Großmutter Euphrosyne
+Iwanowna muß singen, und Tante Wera und Tante Lena und Mama.
+
+Wer aber wirklich sehr schön und sehr gerne singt, das ist der Onkel
+Andrej. Früher brauchte er bloß den Mund aufzutun, dann geriet alles in die
+größte Aufregung und bat flehentlich, er solle lieber nicht singen. Jetzt
+aber hat sich alles geändert, jetzt muß er singen was das Zeug hält, denn
+Sascha findet es sehr schön und will immer mehr haben.
+
+Wie geht es aber erst zu Weihnachten her, wenn im Schloß der Christbaum
+angezündet wird und im Ofen das Stroh knistert und draußen der Wind heult
+und den weißen Schnee in dichten Massen gegen die Fenster treibt!
+
+Dann hallt das alte Schloß von wehmütigen Koljadkas[*] wider. Schon
+fünfundzwanzig Jahre ist es her, daß der Vater Eutychios das Koljadkasingen
+streng verboten hat, aber insgeheim wird immer noch gesungen. Und der
+langgedehnte Refrain, der noch wehmütiger klingt, als das Lied selbst,
+verschmilzt in eins mit dem Sturmwind draußen:
+
+»Heiliger Abend . . .«
+
+Sascha setzt sich zu den Mägden und hockt unbeweglich da, ganz Spannung.
+Und es ist, als verstünde sie alles und sähe alles: wie die Muttergottes in
+der Schenke den Sohn in Windeln wickelt, und wie Christus gekreuzigt wird,
+und wie das falkenschnelle Roß Abschied nimmt . . .
+
+»Heiliger Abend . . .«
+
+[Fußnote *: Volkstümliche Weihnachtgesänge, z. T. noch an heidnische
+Sonnwendgebräuche anknüpfend.]
+
+»Noch!« verlangt die Königin und läßt die Sängerinnen nicht einmal zu Atem
+kommen.
+
+Die Mägde sind schon ganz heiser geschrien, aber Saschas strenges »Noch«
+und abermals »Noch« hört nicht auf.
+
+Auf die Koljadka folgt der Kasatschok. Fedorka tanzt famos. Und sie tanzt
+bis zum Umfallen, bis Sascha sich die Pfötchen wund geklatscht hat.
+
+Zur Bescherung kommen auch die Nachbarskinder, die Bruchs, denn außer der
+Manja gibt's da noch gute zehn Stück. Sascha macht mit ihnen, was sie will:
+sie läßt sie singen und tanzen und singt und tanzt selber mit, dann gibt
+sie ihnen ihre Geschenke und schickt sie nach Hause.
+
+Zu Sylvester spricht Sascha den Segen.
+
+»Heiliger Sylvester, liebster, bester, mach uns stark, gib uns Butter und
+Quark. Ist die Suppe weg, so gib uns Speck, gib uns Mehl und Honigseim, das
+tragen wir alles heim!«
+
+So klingt es vom frühen Morgen bis zum Abend.
+
+Am Neujahrstage aber, wenn Sascha »sät«, wird ebenso oft der Neujahrssegen
+wiederholt:
+
+»Herr Gott im Himmel, segne die Saat, daß dein Volk was zu essen hat!
+Frohes Fest, glückliches Neujahr!«
+
+Zu Weihnachten geht's munter zu, -- es ist eine »makige« Zeit.
+
+Die Großmutter spielt im langen Winter viel mit Sascha. Morgens fahren sie
+die Puppen im Saal spazieren und geraten bald ins Eßzimmer, bald ins
+Schlafzimmer, bald ins Kabinett, bald in die Bibliothek, denn es sieht im
+Saal immer so nach Regen aus. Und jedesmal werden die Fahrgäste ausgeladen
+und dann wieder in den Wagen gesetzt. Und dann muß das Essen für die Puppen
+bereitet werden und sie müssen alle abgefüttert werden. Die Puppen tanzen,
+gehen in die Schule, werden krank, laufen davon. Und überall muß man
+aufpassen, immer muß man zusehen, daß die Puppen zufrieden sind.
+
+Kaum ist es draußen ein bißchen wärmer geworden und der Schnee im Garten
+beginnt sich grau zu färben, so bittet Sascha schon um Erlaubnis, auf der
+Heuwiese spazieren gehn zu dürfen, und dann träumt sie vom Sommer, wo -- so
+meint Sascha -- auch Großmutter ganz jung sein und im Garten herumhüpfen
+wird.
+
+Mit Tante Lena spielt Sascha oft Heuernte: Tante muß sich auf den Fußboden
+setzen und ist der Heuschober, und Sascha läuft um sie herum und harkt das
+Heu zusammen.
+
+Aber nun nehmen die Tage wirklich zu und die Sonne wärmt schon tüchtig. Und
+tagtäglich versichert Sascha, die Puppen wären draußen gewesen und hätten
+gesagt, es sei schon ganz trocken, und der Wind habe versprochen, ganz
+still zu sein und der Regen desgleichen.
+
+Der Schnee schwindet immer mehr, nur noch hier und da sieht man ein weißes
+Fleckchen, an den gelben Narzissen zeigen sich schon große Knospen.
+
+Und Sascha geht im Garten umher und erzählt lange Geschichten vom vorigen
+Sommer, wie Mama baden ging, und wo sie mit Lena gespielt hat, und wie sie
+den Krug in den Brunnen fallen ließen.
+
+»Wenn der Schnee ganz weg ist,« sagt Sascha, »holen wir ihn wieder, wir
+binden einen Lappen an einen Stock und holen ihn raus.«
+
+So wartet man sehnsüchtig und ungeduldig auf den Frühling, auf die warme
+Zeit.
+
+Und der Frühling zieht in Olenowka ein, mit Pflug und Egge, rote Blumen im
+Haar, strahlend und lachend, und bringt das Osterfest mit.
+
+
+2.
+
+Alte Leute und kleine Kinder -- der Unterschied ist wahrhaftig nicht groß.
+Die zwei gehören zusammen -- Sascha und Tante Tatjana Afanasjewna.
+
+Immer wieder verschwindet Tantens Krückstock, ohne den sie kaum gehen kann.
+Tante will hinaus an die frische Luft -- der Stock ist weg, als hätte die
+Erde ihn verschluckt.
+
+Überall sucht man ihn, und Sascha sucht mit! Und nicht einmal lächeln tut
+sie dabei, der Schelm!
+
+Tante weiß sich aber schon zu rächen: Saschas Spielsachen fangen an zu
+verschwinden.
+
+Die Tante ist gern allein. In der Schummerstunde setzt sie sich in einen
+Winkel im Bildersaal, der schwarzäugigen Somowschen Kokette mit Löckchen
+und Bändchen gegenüber, und macht sich an ihr Geduldspiel: Ziegen und
+Schafe. Die hölzernen Ziegenböcke klappern im Takt, aus dem Rahmen lächelt
+die Kokette und die Tante lächelt auch, -- wieviel lustige Bälle hat sie
+mitgemacht, und was gab es dazumal für Kavaliere, was für Walzer . . .
+
+Wenn das Spiel der Tante überdrüssig wird, legt sie es fort und holt ein
+anderes heraus -- den Bären als Schmied. Und der Bär schmiedet ihr die alte
+goldene Zeit neu.
+
+Dann denkt die Tante nicht daran, daß sie doch bald ins Grab muß. Nein, sie
+ist sechzehn Jahre alt, vielleicht auch noch viel, viel jünger.
+
+Sascha steht morgens ganz früh auf mit Großmama und der Tante. Nur das
+Zimmermädchen Polja steht noch früher auf.
+
+Jeden Morgen begibt sich die Tante in den Saal, um vor dem wundertätigen
+Marienbild von Sadorino zu beten. Mit der linken Faust macht die Tante eine
+»Feige«, den bösen Geist abzuwehren, und die Faust fest an den Rücken
+gepreßt, fängt sie zu beten an. Sascha, noch nicht ganz angekleidet, nur in
+Strümpfen und Leibchen, kommt vom Turme auch in den Saal hinunter gelaufen
+um zu beten, bekreuzigt sich ungeschickt, beugt sich nieder und hascht mit
+der linken Hand nach Tantens zitternder Feige.
+
+Mit Angst und Beben, ihr Gebet vergessend, sieht die Tante sich um: daß ihr
+Schutzengel nur nicht davonfliegt!
+
+Und oft scheint es ihr, als flöge der Engel davon. Dann wird's ein böser
+Tag, alle kränken die Tante, Tante kriegt ihren geliebten Nabel nicht.
+
+Tante kennt nämlich kein schöneres Essen, als gekochten Hühnernabel. Und
+Sascha denkt ganz wie Tante. Mit dem Hühnernabel kann man viel erreichen:
+man kann Sascha dazu bringen, daß sie auch Suppe und Fleisch ißt und nicht
+bloß Milch ohne Brot; man kann sie dazu bringen, daß sie sich umkleiden
+läßt, ihr Frätzchen wäscht, -- obgleich es dann mit dem Waschen nicht immer
+sein Bewenden hat: es kommt vor, daß Sascha verlangt, alle sollten sich
+waschen, und ohne jeden Grund. Aber ein Tag ist eben nicht wie der andere,
+und das Wichtigste ist doch, daß man Sascha mit diesem Nabel zwingen kann,
+nicht im Regen spazieren zu gehen.
+
+Tante holt den Nabel von Saschas Teller weg und so geschickt, daß man sie
+gar nicht dabei ertappen kann. Eben war noch alles in schönster Ordnung, --
+und mit einemmal ist von dem Nabel nur eine harte Sehne geblieben.
+
+»Man muß es auf einen andern Teller legen,« sagt Tante Wera streng.
+
+Aber Tante Tatjana Afanasjewna schaut ganz unschuldig drein. Sie hat den
+Nabel schon aufgegessen.
+
+Mit dem Mittagessen hat man überhaupt sein Kreuz. Zu Mittag geht immer
+etwas schief.
+
+Sascha wird auf das hohe Klappstühlchen gesetzt, man bindet ihr die
+Serviette um. Tante Lena fängt an, endlose Geschichten zu erzählen. Der
+Inhalt dieser Geschichten ist dem Alltagsleben entnommen, er ist ganz
+einfach und mit so klaren Details, wie man sie höchstens im Traum sieht. Da
+wird etwa erzählt, wie Manja Bruch in die Stadt ins Töchterpensionat kam.
+Manja, Onkel Andrej, der Nachbar Bruch, der Landmesser Becker müssen in
+jeder Geschichte vorkommen. Und nur wenn solche Geschichten erzählt werden,
+ißt Sascha ordentlich. Gott bewahre, wenn Tante Lena stecken bleibt oder
+auf eine der Zwischenfragen keine Antwort weiß! Warum? wo? wieviel? wann?
+Oder wenn sie auf das unaufhörliche: und dann? und weiter? nicht sofort
+einfällt. Dann gibt es ein Geschrei und Tränenströme, denen gegenüber
+selbst Manja, die im Sommer regelmäßig zur ersten Speise erscheint, ganz
+hilflos ist, und die kein Nabel, kein Pfefferkuchen stillen kann. Manchmal
+kommt es auch so: man setzt sich zu Tisch, und Sascha ist nicht da. Man hat
+sie eben noch gesehen, aber nun ist sie mit einemmal verschwunden, wie
+weggeblasen. Und alles macht sich auf die Suche. Man läuft durch den ganzen
+Garten, guckt in die Scheune, in Pferde- und Kuhstall, und wenn alle schon
+ganz außer Atem sind, kommt sie plötzlich aus dem Ofen herausgekrochen,
+schwarz, wie ein Mohrenkind, und lacht so, daß selbst ein Toter im Sarge
+mitlachen müßte, und die Lebendigen vor Lachen sterben möchten.
+
+Auch in der Küche muß man sich vorsehen. Da wird der Teig ausgerollt, damit
+man die Brote in den Ofen schieben kann; alle Vorsichtsmaßregeln sind
+ergriffen; die Haushälterin Nadeshda hat die Tür verriegelt und eine Bank
+vorgeschoben, Halka singt Kosaken- und Zigeunerlieder. Was kann man noch
+mehr tun? Aber durch irgendeine Ritze ist Sascha doch durchgeschlüpft, und
+sie muß durchaus ein Brötchen mit ihren kleinen Pfoten formen. Und dann
+klatscht der Teig auf den Boden und wälzt sich im Staub und Schmutz, -- und
+das soll nun gebacken werden!
+
+Nur der Hund Kadoschka hat was davon -- o dieser Kadoschka! Er läßt sich
+nicht anrühren, nicht aus dem Zimmer jagen. Kadoschka kriegt zuguterletzt
+alles.
+
+Sadory war von je durch seine Gastfreundlichkeit berühmt. Seit aber Sascha
+da ist, ist dieser Ruf noch gewachsen. Nicht nur Kadoschka, -- jeden, der
+ihr in den Weg kommt, muß sie füttern und tränken, ob er will oder nicht.
+Sie stopft es ihm einfach mit Gewalt hinein: iß und trink, bis du platzest.
+Und da hilft kein Weigern und Sträuben.
+
+Sascha will alles selbst mit ihren eigenen Händen tun. Sie hat einen
+eigenen kleinen Besen aus Steppengras, damit fegt sie jeden Morgen die
+Stube. Der Besen macht mehr Staub, als daß er den Staub wegschaffte, --
+aber wieviel Mühe macht sich Sascha dabei! Unter jedes Bett kriecht sie,
+vor jedem Sofa bückt sie sich mindestens zehnmal.
+
+Ordnung muß eben sein.
+
+Nach dem Essen spielt Sascha mit Manja »Stöckchen gib acht!«, Versteck und
+Kuchenbacken.
+
+»Stöckchen gib acht!« wird so gespielt: man holt sich irgendwo aus einem
+alten Lattenzaun ein Stöckchen, stellt es senkrecht auf den Zeigefinger,
+sagt: »Stöckchen gib acht! Wieviel Stunden sind's noch bis Mitternacht?«
+und zählt dann, bis das Stöckchen vom Finger heruntergefallen ist. Bei
+welcher Zahl das geschieht, so viel Stunden sind's noch bis Mitternacht.
+
+Sascha bringt es immer zu sehr hohen Zahlen, denn sie zählt auf ihre
+besondere Art. Eins, zwei, drei, zehn, zwanzig, zehn, hundert. Außerdem
+mogelt Sascha: mit dem Daumen, dem Lutscher, stützt sie das Stöckchen
+heimlich.
+
+Wie man Versteck spielt, weiß jeder. Verstecken kann man sich überall: im
+Kuhstall und in Drankas Hundehütte, -- aber nur nicht lauern! Sascha
+versteckt sich hinter der Tür. Das ist ganz einfach, aber man kommt nicht
+so leicht drauf.
+
+Das alles sind friedliche Spiele, aber beim Kuchenbacken gibt es oft
+Mißverständnisse. Sascha läßt die Möglichkeit nicht gelten, daß irgend
+jemand außer ihr etwa einen Baumkuchen aus Sand formen könnte. Und wenn
+Manja Bruch ihr ein Pralinee aus Sand überreicht, dann hätte sie's lieber
+nicht getan!
+
+Wird das Spiel draußen langweilig, geht man ins Zimmer. Dort »liest«
+Sascha, das heißt, Tante Lena liest ihr vor. Aber Sascha weiß schon eine
+Menge auswendig und sie hört so zu, als wäre sie selbst der Struwwelpeter
+und der Hans-Guckindieluft und das schlaue Häschen. Und was sie für
+Gesichter dazu schneidet! Wo sie die nur alle her hat! Diesen Sommer hat
+Mama ihr eine Fibel geschenkt mit einem Mohr, einem Indianer und einem
+Ägypter. Und die Fibel ist jetzt Saschas Lieblingsbuch.
+
+Bilder besehen macht Sascha immer Spaß. Sämtliche Jahrgänge der »Niwa« sind
+schon durchgeschmökert. Jedes Bild wird in Zusammenhang mit dem Leben auf
+dem Schlosse gebracht, und wenn das garnicht angeht, so werden neue
+Geschichten geschaffen, die sich ebenfalls auf dem Schlosse abgespielt
+haben, und bloß nicht im Gedächtnis der Schloßbewohner haften geblieben
+sind.
+
+Und immer muß Sascha fragen. Und wenn sie auch alle Fragen selbst auf ihre
+Weise beantwortet, so überschüttet sie doch jeden, der in ihre Nähe kommt,
+mit Fragen ohne Zahl. Wenn ein Lied gesungen wird, ein Märchen erzählt,
+oder überhaupt nur von irgendetwas gesprochen, dann kann man auf die Fragen
+gefaßt sein:
+
+»Warum ist Herbst? Warum muß man essen? Warum muß man gesund sein? Warum
+muß man beten?«
+
+Und das nimmt kein Ende.
+
+Sascha kennt die russischen Dichter. Sie zeigt Puschkins Bild und nennt ihn
+Putzekin. Lermontow kann sie auch richtig zeigen, aber seinen Namen vermag
+sie nicht auszusprechen.
+
+Wenn das Lesen und Bilderbesehen und Fragen erledigt ist, setzt sich Sascha
+an Tantens Klavier, läßt sich Noten aufs Pult legen und fängt an zu
+spielen. Die Notenblätter müssen umgewendet werden, die Hefte gewechselt,
+sonst wird Sascha sehr böse.
+
+Sie wird überhaupt sehr leicht böse, sie ist grimmiger als der alte
+Landmesser Becker, den die Leute im Dorfe den Feuerspeier nennen.
+
+So geht der Tag hin, man merkt es gar nicht, wie. Der Abend kommt heran.
+Nun geht man noch spazieren. Tante Lena, Manja und Sascha spazieren ins
+Feld hinaus.
+
+Im Schlosse wird es still. Tante und Großmama spielen Schwarzen Peter, im
+Garten oder in der Küche wird Fruchtsaft gekocht, dafür sorgt Tante Wera.
+
+Und gerade, wenn den Fliegen der süße Schaum über dem Kessel am schönsten
+schmeckt, wird es im Schlosse wieder laut und lebendig. Vom Felde bringt
+man Blumen, Kränze und eine Unmenge Geschichten: irgend jemand hat man
+sicher unterwegs getroffen, -- natürlich nur von jenen Leuten, die bloß
+Sascha und dem Mohren, ihrem getreuen und ergebenen Kavalier, bekannt sind
+und nur von ihnen gesehen werden.
+
+Wenn die Sonne sinkt, wird es für Sascha Zeit, zu Bett zu gehen.
+
+Bei dieser Gelegenheit wird sie von den unglaublichsten Krankheiten
+heimgesucht. Am häufigsten tut ihr der Fuß weh. Sascha hinkt dann. Eine
+Zeitlang war man ganz unruhig, aber weder der Student Michail Petrowitsch,
+noch der Doktor Korotok konnten etwas Gefährliches entdecken. Wenn jemand
+der Fuß wehtat, so allenfalls nur der Großmama, die immer ihr Reißen
+bekommt, wenn das Wetter sich ändern will.
+
+Ehe Sascha zu Bett geht, müssen alle Puppen zur Ruhe gebracht werden. Wenn
+sie fertig sind, kommt die Reihe an Sascha.
+
+Vor dem Schlaf, auf dem Töpfchen, erzählt Sascha mit schläfrigen Lippen der
+Tante Lena, was sie Neues erfahren und gelernt hat, und wen sie heute
+gesehen und allerlei vom Sandmann und wie die Hunde bellen.
+
+Wenn es am Tage gewittert hat, erzählt Sascha vom Donner; wenn es regnete,
+so berichtet sie Dinge vom Regen, die ein Erwachsener nur schwer versteht,
+-- Tante Lena nicht ausgenommen, obgleich sie an Saschas Geschichten
+gewöhnt ist, mit ihr in einem Zimmer schläft und sie fast nie allein läßt.
+
+»Der Donner wohnt über dem Himmel,« berichtet Sascha, »wo auch die Wolken
+sind. Der Regen wohnt auf dem Dach. Da wohnen auch die Vöglein.«
+
+Sascha schläft ein, und auch die Großmutter Euphrosyne Iwanowna schläft und
+die Ziege Maschka, damit Sascha morgen früh wieder frische Milch hat.
+
+Nur die Tante Tatjana Afanasjewna schläft nicht. Die Tante legt Karten aus.
+Sie hat ihre besonderen Karten, die lügen nie. Da gibt es im Spiel eine
+Amazone und einen Spanier, auf die kommt es vor allem an. Die Karten werden
+in vier Reihen zu je neun ausgelegt. Und wie traurig kann die Arme sein,
+wenn plötzlich irgendein Astrolog oder die Sphinx oder die Kanone nicht da
+sind -- alles Saschas böse Streiche.
+
+Aus dem Wächterhäuschen kommt der Nachtwächter Taras mit seiner Klapper.
+Und Butzik und Mischka und Dranka bellen bald laut auf, bald sind sie
+mäuschenstill, bald heulen sie dreistimmig, daß es weit widerhallt.
+
+Tags schläft der Sandmann, aber nachts wird er lebendig. Abends steht er
+von seinem Lager auf, und wenn es ganz dunkel geworden ist, kommt er ins
+Schloß. Er geht geradewegs die Treppe hinauf in Saschas Turm, und selten
+kommt er allein. Der Sandmann erzählt Märchen oder er nimmt Sascha an der
+Hand und führt sie aus dem Turm hinaus ins Feld spazieren, im Winter über
+das weiße Gras, im Sommer über rote Blumen. Der Sandmann kann gerade so,
+wie Mama, aus Malven Damen machen. Er reißt eine rosa Blüte ab, dreht sie
+um, bindet die Staubfäden mit einem Grashalm zusammen -- und die Dame im
+Reifrock ist fertig.
+
+Einmal gingen Sascha und der Sandmann über das Feld nach den Tatarengräbern
+-- so nennt man in Olenowka die Hünengräber -- und da kam ihnen der Wolf
+entgegen.
+
+»Nehmt mich mit,« sagte er, »ich will auch spazieren gehn.«
+
+»Gut.«
+
+Und so gingen sie. Alles war in bester Ordnung. Der Wolf kannte die ganze
+Gegend ausgezeichnet und führte sie zu den schönsten Plätzchen. Aber auf
+einmal verlor der Wolf seinen Schwanz. Und da wurde er ganz betrübt. Ohne
+Schwanz fühlt man sich ganz scheußlich, und nun schrie Sascha jede Nacht
+aus Furcht, sie könnte auch ihr Schwänzchen verlieren.
+
+Tante Lena hörte das Geschrei und dachte, Sascha hätte Magenweh, und man
+schob die Schuld auf die Ziege und ihre zu süße Milch. Der Student Michail
+Petrowitsch erschien wieder, der Doktor Korotok untersuchte Sascha, beide
+verordneten eine Mixtur, alle zwei Stunden einen Eßlöffel voll. Sascha nahm
+die Mixtur und schrie nachts doch.
+
+Gott sei Dank, daß die Boitschicha da war, sonst hätten sie das Mädel ganz
+zugrunde gerichtet.
+
+Die Boitschicha ist ein ur-uraltes Weibchen im Dorf. Ihre Hütte ist dicht
+beim Schloß. Man erzählte, sie sei eine Hexe, die heilen und verzaubern
+könne. An sie wandte man sich.
+
+»Der Wolf hat sie erschreckt,« sagte die Alte. »Das läßt sich wieder
+gutmachen.«
+
+Die Boitschicha kam in aller Frühe ins Schloß, als der Ofen eben angeheizt
+war. Die Hexe murmelte allerlei vor sich hin, trug Sascha durch das Zimmer,
+strich mit ihren erdigen, harten Fingern über die rosige Brust und den
+Rücken, dann nahm sie ein Büschel Bandgras und ließ den Schrecken sich ans
+Gras hängen. Das Gras aber warf sie sofort ins Feuer. Das Gras verbrannte
+-- und alles war wieder gut. Wenn Sascha auch nur ein einziges Mal in der
+Nacht geschrien hätte. Wahrscheinlich war dem Wolf sein Schwanz wieder
+angewachsen, so daß Sascha sich jetzt nicht mehr zu fürchten brauchte.
+
+Ein andermal brachte der Sandmann einen Mönch zu Sascha. So einen hatte
+Sascha schon auf Bildern gesehen. Ein ganz einfacher Mönch in einer
+schwarzen Mütze mit gekreuzten Armen. Der Sandmann stellte den Mönch vor
+Saschas Bett am Fußende hin und verschwand selbst.
+
+Sascha machte die Augen auf und rief Tante Lena. Tante Lena stand auf,
+zündete das Lämpchen an, sah aber keinen Mönch. Doch der stand immer noch
+da, wie der Sandmann ihn hingestellt hatte, mit gekreuzten Armen und
+starrte Sascha an.
+
+Seitdem brennt im Turmzimmer nachts immer das Lämpchen.
+
+Der Mönch aber mag das Licht wohl nicht, denn er ist nicht mehr
+wiedergekommen. Dafür brachte der Sandmann die Maka zu Sascha.
+
+Maka gefiel der Sascha sehr gut, und auch Sascha gefiel der Maka. Und Maka
+gewann Sascha so lieb, daß sie zu jeder Zeit auch ohne den Sandmann bei ihr
+zu erscheinen begann. Sie tritt ganz dicht an Sascha heran und spricht mit
+ihr. Makas Stimme kann niemand hören außer Sascha, und was Sascha zu Maka
+sagt, das hören zwar alle, aber keiner versteht es, denn es sind ganz
+besondere Worte, keine russischen.
+
+Wenn Sascha an irgendetwas besonderen Gefallen findet, sagt sie: »das ist
+makig.« Mama ist makig, Tante Lena ist makig, die Ziege Maschka ist makig,
+und Onkel Andrej ist es, wenn er singt oder aus der Stadt Schokolade
+mitbringt.
+
+Die Freundschaft zwischen Sascha und Maka ist einfach rührend. Die beiden
+sehen sich sehr oft.
+
+»Lena,« sagte Sascha und unterbricht ihr Spiel oder irgendeine interessante
+Geschichte, »ich muß zu Maka gehen.«
+
+Und sie begibt sich nach dem zweiten Schloßturm, wo das Familienarchiv und
+die Bibliothek sich befinden und wo einst der Großvater Jurij
+Alexandrowitsch gewohnt hat.
+
+Hier haust jetzt Maka.
+
+
+3.
+
+Sascha ist drei Jahre alt oder dreitausend, oder vielleicht auch dreimal
+dreitausend. Sascha zählt ihr Alter nicht nach Jahren.
+
+Sascha meint, sie hätte von Ewigkeit an im Schlosse gelebt, sie wäre die
+Enkelin nicht der Großmama Euphrosyne Iwanowna, sondern der Tante Lena; sie
+hält sich für groß und alt, älter als das ganze Geschlecht, das im Schloß
+gewohnt hat, älter als die Tante Tatjana Afanasjewna, denn die Tante ist ja
+nicht hundert Jahr alt, sondern erst sechzehn, oder vielleicht noch
+weniger.
+
+Sascha steigt oft in Makas Turm hinauf.
+
+Der Turm ist alt, und eine Unmenge von Mäusen haust darin: in der
+Bibliothek und im Archiv haben sie genug zu fressen, und man hört sie Tag
+und Nacht kratzen und krabbeln. Dort unterhält sich Sascha mit Maka, dort
+guckt sie nach den kleinen Mäuschen und freut sich, wenn eins ohne die
+geringste Furcht ganz dicht an sie herankommt und sich den Bart mit den
+Pfötchen streicht.
+
+In Großvaters Kabinett hängen Bildnisse: eins zeigt Großvater als jungen
+Mann in Leutnantsuniform; auf dem andern ist er ganz alt und hat einen
+langen Bart und helle blaue Augen, ganz wie Saschas Augen.
+
+Sascha kennt Großvater, sie hat Großvater gesehen: einmal nachts kam
+Großvater mit dem Sandmann an ihr Bett und unterhielt sich mit ihr,
+Großvater sagte zu Sascha, er werde nach anderthalb Jahren ganz zu ihr ins
+Schloß kommen. Und wenn Sascha jetzt in das Kabinett läuft, denkt sie
+immer, Großvater würde einmal da sein.
+
+Mama erzählt Sascha ganz wunderschöne Märchen: von dem Fischer und seiner
+Frau und vom gestiefelten Kater und vom kleinen Däumling, vom Froschkönig
+und vom schlauen Fuchs.
+
+»Willst du, Mama? Ich erzähle dir auch ein Märchen,« sagt Sascha, als die
+Mutter mit ihrer Geschichte zu Ende ist.
+
+»Erzähl' mal!«
+
+Und Sascha erzählt ihr Märchen:
+
+»Es waren einmal zwei Bauern, die gingen ans Meer, um Fische zu fangen. Sie
+fingen aber nichts, und da gingen sie wieder nach Hause und legten sich
+schlafen.«
+
+Damit ist das Märchen aus.
+
+Sie hat noch ein anderes ebenso schönes Märchen vom Hahn und vom Bären, wie
+der Hahn den Bären auffraß.
+
+Sascha hat es auch sehr gerne, wenn Mama erzählt, was sie alles gemacht
+hat, als sie, die Mama, noch klein war.
+
+»Als ich klein war, war ich sehr unartig,« erzählt die Mutter zum
+hundertsten Male. »Einmal kam ich in die Küche, als gerade alle
+hinausgegangen waren. Da stand der Samowar auf der Bank. Ich griff nach dem
+Krahn, drehte ihn um und blieb mit der Schulter am Samowar hängen, so daß
+er umfiel -- gerade auf mich. Da fing ich furchtbar zu schreien an, denn
+ich hatte mir die Beinchen verbrüht. Großmama kam gelaufen und Großpapa und
+Tante und die Urgroßmama. Man legte mich ins Bett und holte den Doktor. Als
+der Doktor gekommen war, nahm man mir die Strümpfe ab, aber mit den
+Strümpfen ging auch die Haut ab. Das tat furchtbar weh und ich weinte und
+schrie. Lange mußte ich im Bett liegen, dann wurden die Beinchen allmählich
+gesund, eine neue Haut wuchs drüber.«
+
+»Und dann noch eine?« unterbricht Sascha die Mutter.
+
+»Nein. Anfangs konnte ich nur kriechen. Ich hatte das Gehen ganz verlernt.
+Erst nach und nach lernte ich wieder fest auf meinen Füßen stehn.«
+
+Sascha hört mit zusammengezogenen Brauen zu, und wenn die schöne Geschichte
+zu Ende ist, die Beine wieder heil sind und die Mama wieder laufen kann --
+dann strahlt Sascha über das ganze Gesicht und lacht.
+
+»Noch einmal!«
+
+Und Mama erzählt die schöne Geschichte zum zweitenmal.
+
+»Aber als ich klein war,« fängt Sascha dann an, »da lag ich mit dir im
+Kinderwagen, und dann zog ich dich an . . .«
+
+Aber das ist schon so lange her, so lange, daß Sascha klein war! Und wenn
+Sascha ihrer Kindheit gedenkt, behauptet sie, daß sie wieder einmal klein
+sein werde.
+
+»Wer wird dich liebkosen, wenn ich tot bin?« sagte Sascha einmal, als sie
+wieder in Kindheitserinnerungen schwelgte und umarmte die Mama so innig,
+als wäre sie ihr Teddy-Bär.
+
+Jeden Morgen nach dem Gebet begibt sich Sascha gewöhnlich mit der Tante zu
+Mama, um sie aufzuwecken, und dann geht es hoch her: sie kriechen als Bären
+auf allen Vieren, stoßen sich als wilde Kühe mit den Hörnern, stellen
+Gewitter, Sturm, Regen, Hagel dar. Und Sascha sucht der Mama Angst zu
+machen: sie bläst die Backen auf und sagt mit hohler Stimme, sie wäre nicht
+Sascha, sondern der Froschkönig. Und dann kratzt Mama Sascha den Rücken und
+die Schulter: Sascha hat das über alle Maßen gern.
+
+Einmal sagte Mama zu Sascha:
+
+»Weißt du, Sascha, ich habe Maka gesehn.«
+
+Da drohte Sascha mit dem Finger, kletterte der Mutter auf den Schoß und
+flüsterte ihr ganz leise ins Ohr:
+
+»Still du, Mama, das darf man nicht laut sagen.«
+
+»Warum denn nicht?«
+
+»Man darf nicht,« wiederholte Sascha nun ganz streng und furchte die Stirn.
+
+»Weißt du denn, wie deine Maka aussieht?«
+
+»Sprich nicht so laut, Mama, sag es niemandem,« flüsterte Sascha. »Maka ist
+ein ganz altes zahnloses Fräulein. Immer bittet sie um Zigaretten, und kann
+doch gar nicht rauchen, denn Maka hat keinen Mund, sondern bloß zwei
+Zungen.«
+
+Und wie sie so von ihrer geliebten geheimnisvollen Maka erzählte, lächelte
+Sascha, und der dunkle Leberfleck auf der Oberlippe ließ dieses Lächeln
+unbeschreiblich süß erscheinen.
+
+
+
+
+Die Krawatte
+
+
+
+1.
+
+Schon ganz zu Anfang des Semesters hatte man auf dem Newskij-Prospekt einen
+schwarzhaarigen Studenten bemerkt, der sich von den andern eleganten
+Studenten in ihren neuen Uniformen scharf unterschied. Die neu
+immatrikulierten Studiosi, die zum erstenmal nach Petersburg gekommen sind,
+pflegen scharenweise auf dem Newskij spazieren zu gehen, gucken neugierig
+nach allen Seiten und stehen lange vor den Schaufenstern.
+
+Der Student, der allen auffiel, war auch ein Neuling und auch elegant
+gekleidet, aber sein Gesicht und seine Haltung unterschieden ihn von den
+andern.
+
+Er hatte so feurige schwarze Augen und so schwarzes Haar -- es gab keinen
+zweiten so schwarzen auf dem ganzen Newskij.
+
+Seine Augen behielten, auch wenn er lächelte und sogar sehr schelmisch
+lächelte, immer denselben Ausdruck: ein alter Schmerz, eine Wehmut, die
+Jahrhunderte überdauert zu haben schien und immer wieder durch ein
+verborgenes nie verlöschendes Feuer genährt wurde, sprach aus diesen Augen.
+Und wenn er, ohne den Kopf zu wenden, nach einer vorübereilenden Dame
+schielte, dann sah man von den Augen nur das Weiße.
+
+Sein Gang war sehr sicher und solide; er schritt gleichmäßig, ohne hin und
+her zu wackeln und ohne mit den Armen zu fuchteln. Und doch hatte man das
+Gefühl, als müßte er von allen Spaziergängern der tollste und
+phantastischeste sein.
+
+»Abdul Achad,« sagte der schwarze Student einmal, als er sich einem
+semmelblonden, ängstlich dreinschauenden Kommilitonen vorstellte.
+
+»Ein Türke,« zwinkerten die Kellner in den Kaffeehäusern und die
+Ladendiener einander zu, wenn sie Abdul Achad zu Gesichte bekamen.
+
+Die Liebhaber arabischer Märchen mußten in große Erregung geraten, wenn sie
+zufällig mit Abdul Achad zusammen kamen, -- dem Türken, wie er nur noch von
+den Kameraden genannt wurde.
+
+Vom Newskij kam der Türke auf Wasili-Ostrow. In der zwölften Linie mietete
+er sich ein Zimmer. Und schon im November kannte der ganze Stadtteil den
+Türken.
+
+Der Türke war reich und freigebig. Der Türke fiel allen auf. Und es gab
+kaum ein junges Mädel im ganzen Stadtteil, in das der Türke sich nicht
+verliebt hätte; es gab kein einziges, das nicht für den Türken geschwärmt
+hätte.
+
+Es gingen die unglaublichsten und lächerlichsten Geschichten über den
+Türken um.
+
+Allerdings liebte er selbst sehr von sich zu sprechen und allerlei
+unglaubliche, lächerliche Geschichten zu erzählen, von Reisen und
+Abenteuern jeder Art, -- und immer wollte er alles selbst gesehen und
+selbst erlebt haben.
+
+Die Liebhaber arabischer Märchen mußten in große Erregung geraten, wenn sie
+zufällig eine Geschichte des Abdul Achad zu hören bekamen.
+
+Und der semmelblonde ängstliche Studiosus, zu dem der Türke sich besonders
+hingezogen fühlte und den er protegierte, der semmelblonde ängstliche
+Studiosus, der stete Begleiter des Türken, berichtete einmal voll
+herausfordernden Stolzes von seinem Beschützer, dieser sei schon als
+Quintaner Vater gewesen und hätte sich in dieser Rolle keineswegs wohl
+gefühlt.
+
+Übrigens hatte auch der Türke selber in einem Augenblick besonderer
+Offenherzigkeit etwas Ähnliches von sich erzählt, und sogar geschildert,
+wie peinlich es ihm war, als Vater eines kräftigen Jungen vom Lehrer in den
+Winkel gestellt zu werden.
+
+Man schenkte der Geschichte nicht eben viel Glauben, aber man amüsierte
+sich köstlich.
+
+»Nun freilich,« sagte man, »ein Türke!«
+
+»Der Türke ist da!« rief man mit frohem, freundlichem Lachen, wenn Abdul
+Achad in der Kneipe erschien.
+
+Der Türke lebte sich in Petersburg ein, wie die andern Türken, die
+»Schopftürken« --so nannte Abdul Achads Zimmerwirtin die Sphinxe an der
+Nikolaibrücke -- sich an die kalte Newa, an den bleichen Himmel, an den
+Rauhreif und an den Petersburger Wind gewöhnt hatten.
+
+Der Türke fand es immer heiß und knöpfte seinen kostbaren Pelz nie zu.
+
+»Natürlich,« hieß es, »ein Türke.«
+
+»Der Türke, der Türke!« wurde Abdul Achad mit frohem, freundlichem Lachen
+auf der Straße begrüßt.
+
+Aber der Türke war launisch: heute konnte er lustig sein, und tags darauf
+war er traurig; heute erzählt er die tollsten Geschichten und macht die
+abenteuerlichsten Pläne, und morgen sieht man nur das Weiße seiner Augen.
+
+Und alle kennen das -- sie kennen sein Lachen und seine Tränen und sie
+liebkosen den Türken, wenn er weint.
+
+»Lieber Türke, laß doch!« -- Und sie streicheln ihn wie eine Katze.
+
+Zu Weihnachten tanzte der Türke auf Maskenbällen und nach Weihnachten
+setzte er sich an die Kolleghefte.
+
+Aber was ist das Kolleg für den Türken? Und was ist der Türke dem
+Polizeiwachtmeister?
+
+Ganz unerwarteterweise kam der Türke eines schönen Tages nicht mehr nach
+seiner zwölften Linie und nicht zu den Schopftürken, den Sphinxen, an denen
+er sonst so oft vorübergegangen war, sondern an das Arsenal-Ufer in das
+Gefängnis von Kresty.
+
+
+2.
+
+Man gelangt auf sehr einfache Weise nach Kresty.
+
+Auf dem Newskij gab es eine Straßendemonstration. Unter den Demonstranten
+befand sich auch der Türke. Wie wäre eine Demonstration ohne den Türken
+möglich gewesen? Bei Demonstrationen trifft man eine Unmenge Bekannte und
+es ist sehr lustig, wie auf keinem Ball, keiner Maskerade.
+
+»Der Türke! Der Türkei« riefen die Kameraden freudig, als sie Abdul Achad
+zu Gesicht bekamen.
+
+Und anfangs ging alles sehr nett und lustig her, aber vor dem Rathause
+hatte die Polizei den Demonstranten eine Falle gestellt, und nun gab es
+Knuten- und Säbelhiebe.
+
+Der Türke ist alles, was ihr wollt; er ist nicht erst in der Quinta,
+sondern schon in der Sexta Familienvater gewesen; das ist alles wahr. In
+China war er allerdings nicht, wenn er auch sehr schön von lebendig
+gebratenen Fischen zu erzählen weiß, die ihm irgendein vornehmer Chinese
+vorgesetzt haben soll. Aber der Türke ist ein Ritter, der Türke kann es
+nicht zulassen, daß ein hübsches Mädel, noch dazu eins, das er sehr gut
+kennt, von einem Soldaten mit dem flachen Säbel geschlagen wird.
+
+Drei junge Studentinnen stürzten auf die Treppe des Rathauses, legten die
+Hände vors Gesicht und knieten nieder, den Soldaten den Rücken zukehrend.
+Ein Soldat stieg ihnen nach und begann sie der Reihe nach mit seinem
+schweren, harten Säbel zu schlagen.
+
+Der Türke geriet in Raserei.
+
+In der Menge lachte jemand laut auf und sagte etwas Kränkendes über die
+unglücklichen, geduldig unter den Säbelhieben knienden Mädchen. Und von
+allen Seiten tönte Geschrei und Gewinsel. Man stieß sich, rannte,
+stolperte, fiel.
+
+Der schwarze Türke mit den schwarzen brennenden Augen lief nicht, wie die
+andern, er schrie nicht, wie die andern, er rollte nur seine großen
+brennenden Augen.
+
+Und seine Raserei erreichte den Höhepunkt.
+
+Und das Weiße seiner Augen schimmerte so schauerlich, daß dem Schutzmann,
+der aus seinem zufälligen Opfer die letzten Lebensgeister herausprügeln
+wollte, plötzlich der Gedanke kam:
+
+»Ist das nicht der Teufel selber, der nicht umzubringen ist?«
+
+Die Lebensgeister ließ der Türke sich nicht herausprügeln, aber nach Kresty
+kam er doch.
+
+
+3.
+
+Mit dem Türken hatte man von der Demonstration noch viele Studenten nach
+Kresty gebracht, und bald zeigte es sich, daß von allen der Ungebärdigste,
+der Schwierigste Abdul Achad, der Türke, war.
+
+Als alle Beulen, Quetschungen, Risse, Schrammen geheilt waren, wurde auch
+der Türke wieder lebendig. Und er war wie ein kleines Kind . . . Was konnte
+man auch von einem Türken anders erwarten?
+
+Der Türke bekam Besuch von zwei Bräuten. Der Türke war in die eine ebenso
+verliebt, wie in die andre, und er wußte selbst nicht mehr genau, welche
+von beiden die schönere war und welche er lieber hatte.
+
+Die Bräute brachten ihm Blumen, Schokolade, Kuchen ins Gefängnis. Die
+Zusammenkünfte dauerten immer sehr lange. Aber der Türke war immer noch
+unzufrieden. Er bat, daß ihn noch eine dritte Braut besuchen dürfe. Und so
+erhielten drei Bräute die Erlaubnis, den Türken zu besuchen, jede zu ihrer
+bestimmten Stunde.
+
+Aber auch das war ihm noch nicht genug. Der Türke gab keine Ruhe.
+
+Wie wäre das auch möglich gewesen, da er in Wahrheit doch nicht drei,
+sondern dreiunddreißig Bräute hatte.
+
+Die Zelle des Türken befand sich im Hintergebäude im vierten Stock. Das
+Fenster war hoch. Vom Fußboden aus konnte man nicht durchsehen. Der Türke
+stellte seinen Stuhl auf den Tisch, kletterte hinauf und schaute abends aus
+dem Fenster.
+
+Dort am Ufer, von den Schopftürken, den Sphinxen, bis zum Arsenal gingen
+seine Bräute spazieren, alle dreiunddreißig.
+
+Der Türke dachte nur an sie, erwartete ihren Besuch und träumte nachts von
+ihnen.
+
+Und dann kam der Frühling. Es ward streng verboten, aus dem Fenster zu
+sehn. Aber wie konnte der Türke nicht aus dem Fenster sehn, wenn der
+Frühling gekommen war?
+
+Der Türke kümmerte sich um die Vorschriften nicht.
+
+Man drohte ihm mit Karzerhaft -- er ließ sich nicht bange machen. Man
+sperrte ihn in den Karzer -- es half nichts. Da ließ man ihn in Frieden.
+Was sollte man auch mit ihm anfangen? Früher, als er noch frei war, hatte
+er die ganze Welt in drei Gruppen geteilt: hübsche Mädel, junge Mädel und
+Weiber überhaupt. In die ersten verliebte er sich, in die zweiten war er
+nicht abgeneigt, sich zu verlieben, und den dritten war er stets bereit,
+den Hof zu machen.
+
+Und nun, da der Frühling gekommen war, da liebte er sie alle, alle gleich
+und machte keinen Unterschied mehr zwischen hübschen und jungen und Weibern
+überhaupt.
+
+Und am Ufer gingen abends nicht mehr dreiunddreißig, sondern mindestens
+dreihundertdreiunddreißig Bräute spazieren, er sah sie mit seinen eigenen
+Augen.
+
+Alle Frauen waren seine Bräute.
+
+Zu Ostern weinte der Türke sogar. Er weinte, weil man ihn nicht auch in die
+Kirche gehen ließ, wie alle seine Mitgefangenen, und auch weil er abends,
+als er aus dem Fenster seine am Ufer spazierenden Bräute sah, ein so großes
+Mitleid mit ihnen empfand.
+
+Es kam der Mai und die hellen Nächte.
+
+Aus dem Fenster sah der Türke den Mai, die hellen Nächte.
+
+Einmal, als die Kontrolle eben vorüber war, und der Türke auf den Stuhl
+geklettert war, um nach den Bräuten Ausschau zu halten, bemerkte er einen
+schwarzen Bart, der aus dem Gitterfenster nebenan heraushing. Der Nachbar
+hatte den Türken auch bemerkt und suchte ihm durch Zeichen zu verstehen zu
+geben, daß er nicht reden solle.
+
+Aber wann hätte der Türke je guten Rat angenommen?
+
+Er war so erfreut über den schwarzen Bart.
+
+»Sitzen Sie schon lange hier?«
+
+»Zwei Jahre.«
+
+»Woher?« »Aus Wilejki.«
+
+»Wofür?«
+
+»Denunziation. Ich weiß selbst nichts Genaues.«
+
+»Besucht Sie jemand?«
+
+»Nein. Ich habe daheim eine Frau und ein kleines Mädel.«
+
+»Was war Ihr Beruf?«
+
+»Melamed. Lehrer.«
+
+»Langweilen Sie sich nicht?«
+
+»Ich klebe Schachteln.«
+
+»Sehnen Sie sich nicht nach Ihrer Frau?«
+
+Aber der Nachbar antwortete nicht. Der schwarze Bart verschwand hinter dem
+Gitter. Und da klopfte auch der Wächter an die Tür. Der Türke mußte von
+seinem Stuhl herunter.
+
+Als der Wächter vorübergegangen war, kletterte der Türke wieder hinauf und
+rief wieder den Nachbar an, aber der schwarze Bart zeigte sich nicht mehr,
+man sah durch das Gitter nur einen gekrümmten müden Rücken. Dann vergaß der
+Türke den Bart, und endlich wurde der Türke freigelassen. Es war doch
+nichts mit ihm anzufangen.
+
+
+4.
+
+Aus Kresty begab der Türke sich geradewegs auf den Newskij. Er wußte gar
+nicht, was er mit sich anfangen, wo er sich lassen sollte. Seine Bekannten
+aufsuchen? Dazu war auch morgen noch Zeit genug. Drei Tage war ihm Frist
+gegeben, drei Tage durfte er sich in Petersburg aufhalten, und in drei
+Tagen konnte er alles erledigen, alle besuchen.
+
+Der Türke ging auf dem Newskij und lächelte, alle lächelte er an, die Alten
+und die Jungen.
+
+»Türke, lieber Türke, wie geht es dir?« lächelten die Leute ihm entgegen,
+oder zum mindesten schien es ihm so.
+
+Er ging in ein Kaffeehaus nach dem andern, trank Kaffee, aß Kuchen, guckte
+in ein paar Kinos hinein, aber nirgends hielt er's lange aus.
+
+»Türke, lieber Türke! Wie schön, wie herrlich ist die Freiheit!« summten,
+brummten, flüsterten die Passanten -- zum mindesten schien es ihm so.
+
+In einer Schaubude am Newskij gab es wilde Menschenfresser zu sehen. Aus
+Neu-Guinea hatte man sie nach Petersburg gebracht.
+
+»Das allerwildeste Volk auf dem Erdball!« verkündete das Plakat. Der Türke
+ging hinein, sich die wilden Menschenfresser anzusehen. Die Menschenfresser
+sahen ganz wie Theaterteufel aus und lächelten, wie der Türke selbst. Und
+der Türke konnte nicht anders -- er kletterte zu ihnen auf das Podium
+hinauf. Die Wilden verstanden nicht, was der Türke zu ihnen sagte, und auch
+die andern, die zahmen Zuschauer, ja der Türke selbst, verstanden kaum
+etwas, aber die Wirkung war eine ganz unerwartete: die Wilden hielten ihn
+wohl für einen Gott, sie spannten ihre Bogen, schossen ihre Pfeile ab,
+reckten sich lang aus, wie Peter der Große, und machten so wüste
+Kängurusprünge, daß dem Publikum angst und bange wurde und alles in größter
+Hast zum Ausgang drängte.
+
+Im Gedränge kam auch der Türke hinaus.
+
+»Türke, lieber Türke, wie lustig ist es, wie lustig!« rief man ihm nach --
+oder zum mindesten schien es ihm so.
+
+Die Newa hatte das Eis vom Ladogasee schon ins Meer hinaus befördert. Es
+war warm. Übrigens hätte der Türke es auch warm gefunden, wenn das Eis noch
+nicht abgegangen wäre.
+
+Die weiße, durchsichtige Nacht lockte mit fernen silbernen Sternen.
+
+Es war Kaisers Geburtstag. Auf dem Newskij flammten längs dem Bürgersteig
+bunte elektrische Laternchen auf, an den Häusern leuchtende Monogramme und
+Wappen. Das Gedränge der Spaziergänger wurde immer größer.
+
+Der Türke sah nach allen Seiten und lächelte. Alles schien ihm so reich
+geputzt, so jung und rein, er hätte alle ohne Unterschied küssen können.
+
+An der Ecke beim Katharinenkanal blieb der Türke stehen.
+
+Von der Kasankathedrale her kamen Gardekürassiere.
+
+Riesengroß, auf prächtigen Pferden, in silbernen Harnischen, bewegten sich
+die schimmernden Reiter wie Gespenster vorwärts.
+
+Der Türke sah auf die Kürassiere und lächelte. Und lange noch schimmerten
+die silbernen Harnische durch die weiße Nacht, die bunten grünen Laternchen
+und die dunkeln, wie Bärte herabhängenden Fahnen. Als die Kürassiere
+vorüber waren, ging der Türke mit der Menge weiter.
+
+Auf der Brücke fiel ihm ein Mädel auf -- schwarzhaarig, schlank, fast wie
+ein Backfisch, nicht geschminkt, mit Augen, die glänzten, wie die Harnische
+der Kürassiere. Er lächelte sie an und sie lächelte auch. Er faßte sie
+unter den Arm. Sie ließ ihn lächelnd gewähren. Und sie gingen weiter.
+
+Sie gingen und lachten, wie alte Bekannte.
+
+Warum auch nicht? Sie war ja seine Braut! Alle waren sie seine Bräute.
+
+Die weiße durchsichtige Nacht lockte mit fernen silbernen Sternen.
+
+»Wohnen Sie weit von hier?«
+
+Sie nannte ein Hotel.
+
+Ihre Antwort belehrte den Türken, daß sie erst seit kurzem auf der Straße
+war: sie empfing noch keinen Besuch in ihrer Wohnung.
+
+Sie gingen nach dem Gasthaus. Ließen sich ein Zimmer anweisen.
+
+Und noch deutlicher ward es dem Türken, daß sie erst seit kurzem auf dem
+Newskij war: sie wollte kein Bier trinken.
+
+Der Kellner brachte Limonade. Sie tranken die Limonade. Dann kleideten sie
+sich aus.
+
+Sie war eine Jüdin und hieß Rosa.
+
+»Sind Sie auch Jude?«
+
+»Nein.«
+
+»Grieche?«
+
+»Nein!«
+
+Sie sah ihn mit großen erstaunten Augen an und zählte alle Völker auf, die
+sie kannte. Sie kam schließlich bis auf die Chinesen und die
+menschenfressenden Papuas, die sie sich ebenso angesehen hatte wie der
+Türke.
+
+»Ein Papua?«
+
+»Nein.«
+
+»Ein Türke?«
+
+Der Türke konnte sich nicht mehr beherrschen und fing laut zu lachen an.
+
+»Ein Türke! Ein Türke!« rief Rosa erfreut, wie Kinder sich freuen, wenn sie
+einen Spielgefährten endlich in seinem gar nicht mal besonders schlau
+gewählten Versteck aufgestöbert haben, und immer wiederholte sie mit
+gutmütigem Lachen, wie die Kameraden, wenn sie den Abdul Achad irgendwo
+trafen, wo sie ihn am allerwenigsten erwartet hatten: »Ein Türke! Ein
+Türke!«
+
+Rosa hatte nur noch das Korsett abzunehmen.
+
+Der Türke schwatzte allerlei tolles Zeug, behauptete, er sei kein Türke,
+sondern ein ganz richtiger Kannibale und er werde sie gleich mit Haut und
+Haar auffressen, und dabei lachte er so, daß er ganz außer Atem kam.
+
+Aus Rosas Korsett fiel plötzlich etwas auf den Boden. Der Türke bemerkte
+es. Aber Rosa bückte sich in größter Hast und verbarg den Gegenstand in
+ihrer hohlen Hand.
+
+Was mochte das sein? Und warum wurde sie so rot?
+
+»Was ist das?«
+
+»Nein, nein, das dürfen Sie nicht . . .« Rosa trat zurück.
+
+»Warum nicht?« widersprach der Türke, umarmte Rosa und setzte sie auf
+seinen Schoß. »Sag mir doch, was es ist!«
+
+»Es geht nicht,« wiederholte sie. »Bitte, fragen Sie mich nicht. Ich will
+das nicht.«
+
+Aber wann hätte der Türke je guten Rat angenommen! Er bestand auf seinem
+Stück: du mußt es mir sagen! Er schwur, daß er ihr Geheimnis keinem
+verraten und auch nicht lachen werde: auf ihn, den Türken, könne man sich
+verlassen.
+
+»Alles geht,« sagte er, »und das nicht? Warum denn nicht? Warum nur?«
+
+Aber sie preßte den geheimnisvollen Gegenstand nur noch fester in ihrer
+Faust zusammen und schwieg. Es schien, als könnte keine Gewalt auf Erden
+ihr das Geheimnis entreißen, selbst wenn alle Schutzleute vom Newskij sich
+mit ihren kräftigen Fäusten auf sie gestürzt hätten. Sie weigerte sich,
+auch nur ein Wort zu sagen.
+
+Dieser kindische Trotz ärgerte den Türken. Er gab keine Ruhe. Er mußte
+Rosas Geheimnis wissen. Er rollte die schwarzen, brennenden Augen. Er
+packte Rosas Hand. Und sie öffnete die Faust.
+
+Anfangs verstand der Türke nichts. Er traute seinen Augen nicht.
+
+»Eine Krawatte?!«
+
+Sie hielt eine ganz gewöhnliche, genähte, schwarze Krawatte in der Hand --
+das Mittelstück, das wie ein schwarzer Schmetterling aussah.
+
+Und Rosa fing an, ganz schnell, stotternd, einzelne Worte bald
+verschluckend, bald wiederholend, zu reden. So flüstern Kinder, wenn sie
+sehr froh sind, der Mutter ins Ohr:
+
+»Weißt du, Mama --« oder, wenn sie sich schuldig fühlen, ängstlich und
+bitter: »Ich will es nie mehr tun!«
+
+Es war eine Krawatte. Eine Krawatte ihres Mannes. Rosa wollte dem Türken
+nicht von ihrem Manne sprechen. Sie hat auch ein Kind. Ein dreijähriges
+Mädel. Sie kommt aus Wilejki.
+
+Ihren Mann hat man in einer schwarzen Kutsche nach Petersburg gebracht.
+Schon vor zwei Jahren. Ein Arbeiter aus der Nachbarschaft hatte ihn
+angeschwärzt. Ihr Mann war Melamed im Cheder.
+
+»Ein Melamed -- ein Lehrer,« wiederholte Rosa.
+
+»Ich hab ihn gesehen, deinen Mann, er hat einen schwarzen Bart und einen
+krummen Rücken. Er ist sehr mager. Ein richtiges schwarzbärtiges Skelett,«
+sagte der Türke ganz erfreut, und deutlich sah er wieder seine Zelle im
+vierten Stock vor sich und den Abendhimmel und sich selbst auf den Stuhl
+stehen.
+
+»Ich selbst komme eben aus Kresty, und er ist auch dort, in Kresty. Das
+Gefängnis Kresty auf der Wiborger Seite, Arsenalufer 5.«
+
+Aber Rosa saß nicht mehr auf seinem Schoß, Rosa lag auf dem Boden zu Füßen
+des Türken und schrie so, als würde sie geschlagen, als wollte sie ihre
+ganze Seele sich aus dem Leibe schreien.
+
+Der Türke griff nach der Karaffe und goß ihr Wasser ein. Was hatte er denn
+getan, daß sie sich wie in Krämpfen auf dem Boden wälzte und schrie? Aber
+Rosa rührte das Wasserglas nicht an, sie stand nicht auf, sie blieb liegen,
+in Hemd und Strümpfen, sie winselte und schluchzte und preßte die schwarze
+Schleife, die wie ein Schmetterling aussah, fest in ihrer Hand zusammen.
+
+Der Türke erkannte Rosa nicht wieder. Das war nicht mehr der bleiche,
+schüchtern-schlaue Backfisch, sondern ein rasendes Weib, das von einem
+wilden Weh gepeinigt wurde. Und der Schmerz machte ihr Gesicht alt und
+häßlich.
+
+An die Tür wurde geklopft. Man forderte Einlaß.
+
+Der Türke ging um Rosa herum und wußte nicht, was er anfangen sollte.
+
+»Beruhige dich doch,« sagte er und streichelte sie, »was liegt denn an
+einem Schlips? Bei Gott, ich habe nichts Böses gesagt!«
+
+An die Tür wurde geklopft. Und es war, als klopfte man nicht nur an die
+Tür, sondern an alle Wände und an die Decke, nicht mit der Faust, sondern
+mit einem Hammer.
+
+Der Türke mußte öffnen: man hätte sonst die Tür aufgebrochen.
+
+Ein Polizeiwachtmeister, ein Schutzmann, der Zimmerkellner, ein
+Droschkenkutscher und ein Frauenzimmer, wohl aus der Stube nebenan, traten
+ein.
+
+»Was geht hier vor?« fragte der Wachtmeister und betrachtete den
+entkleideten Türken und die auf dem Boden liegende Rosa mit strengen
+Blicken.
+
+»Nichts,« erwiderte der Türke, »ich habe gar nichts getan!« Und er stürzte
+sich auf Rosa, hob sie auf und setzte sie, so gut es ging, auf das Sofa.
+
+Rosa beachtete die Leute gar nicht, sie sah und hörte nichts, sondern
+winselte nur und schluchzte.
+
+Der Wachtmeister befahl Abdul Achad sich anzukleiden. Der Türke sollte ihm
+auf die Polizeiwache folgen, wo man die Sache zu Protokoll bringen werde.
+
+Was hatte er denn getan? Hatte er sie denn geschlagen? Hatte er ihr etwas
+Kränkendes gesagt? Nichts, rein gar nichts! Nichts Böses hatte er ihr
+getan, ja nicht einmal gedacht.
+
+Der Türke zog sich hastig an, wie einer der sich schuldig fühlt. Aber die
+Hände wollten ihm nicht gehorchen. Kein Knopf ging zu. Rund herum aber
+standen die Leute und gafften ihn an wie einen ertappten Taschendieb, und
+schienen ihm zuzuzwinkern: »Was sagst du nun? Haben wir dich doch?«
+
+Er hatte Gold in der Tasche. Er legte alles in Rosas offene Hand und folgte
+dem Wachtmeister nach dem Polizeiamt.
+
+Hinter dem Wachtmeister gingen auch die andern hinaus: das Frauenzimmer von
+nebenan, der Kutscher und der Zimmerkellner -- sie hatten ihre Schuldigkeit
+getan, mehr konnte man nicht von ihnen verlangen.
+
+Rosa blieb allein zurück. Sie saß immer noch in Hemd und Strümpfen auf dem
+Sofa und weinte und winselte und preßte in der einen Hand die Krawatte
+zusammen, die wie ein schwarzer Schmetterling aussah, und in der andern das
+Gold des Türken. Sie war allein in dem Zimmer geblieben, und vor ihr stand
+der stumpfnasige Schutzmann vom Newskij-Prospekt . . .
+
+
+
+
+
+
+
+End of Project Gutenberg's Legenden und Geschichten, by Alexej M. Remisow
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK LEGENDEN UND GESCHICHTEN ***
+
+***** This file should be named 39175-8.txt or 39175-8.zip *****
+This and all associated files of various formats will be found in:
+ http://www.gutenberg.org/3/9/1/7/39175/
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+Produced by Jens Sadowski
+
+Updated editions will replace the previous one--the old editions
+will be renamed.
+
+Creating the works from public domain print editions means that no
+one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
+(and you!) can copy and distribute it in the United States without
+permission and without paying copyright royalties. Special rules,
+set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
+copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to
+protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project
+Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you
+charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you
+do not charge anything for copies of this eBook, complying with the
+rules is very easy. You may use this eBook for nearly any purpose
+such as creation of derivative works, reports, performances and
+research. They may be modified and printed and given away--you may do
+practically ANYTHING with public domain eBooks. Redistribution is
+subject to the trademark license, especially commercial
+redistribution.
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+*** START: FULL LICENSE ***
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+THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
+PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK
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+
+1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be
+used on or associated in any way with an electronic work by people who
+agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few
+things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
+even without complying with the full terms of this agreement. See
+paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
+Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
+and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
+works. See paragraph 1.E below.
+
+1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
+or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
+collection are in the public domain in the United States. If an
+individual work is in the public domain in the United States and you are
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+ money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
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+ of receipt of the work.
+
+- You comply with all other terms of this agreement for free
+ distribution of Project Gutenberg-tm works.
+
+1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm
+electronic work or group of works on different terms than are set
+forth in this agreement, you must obtain permission in writing from
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+Foundation as set forth in Section 3 below.
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+1.F.
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+effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
+public domain works in creating the Project Gutenberg-tm
+collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic
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+LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
+INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
+DAMAGE.
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+your written explanation. The person or entity that provided you with
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+refund. If you received the work electronically, the person or entity
+providing it to you may choose to give you a second opportunity to
+receive the work electronically in lieu of a refund. If the second copy
+is also defective, you may demand a refund in writing without further
+opportunities to fix the problem.
+
+1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth
+in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER
+WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
+WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
+
+1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
+warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages.
+If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
+law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
+interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
+the applicable state law. The invalidity or unenforceability of any
+provision of this agreement shall not void the remaining provisions.
+
+1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
+trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
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+with this agreement, and any volunteers associated with the production,
+promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works,
+harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
+that arise directly or indirectly from any of the following which you do
+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at http://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit http://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including checks, online payments and credit card donations.
+To donate, please visit: http://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
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+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
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+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
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