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+The Project Gutenberg eBook, Luthers Glaube, by Ricarda Octavia Huch
+
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
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+
+
+
+Title: Luthers Glaube
+ Briefe an einen Freund
+
+
+Author: Ricarda Octavia Huch
+
+
+
+Release Date: April 12, 2012 [eBook #39430]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+
+***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK LUTHERS GLAUBE***
+
+
+E-text prepared by Norbert H. Langkau, Wolfgang Menges, and the Online
+Distributed Proofreading Team (http://www.pgdp.net)
+
+
+
+Note: Project Gutenberg also has an HTML version of this
+ file which includes the original illustration.
+ See 39430-h.htm or 39430-h.zip:
+ (http://www.gutenberg.org/files/39430/39430-h/39430-h.htm)
+ or
+ (http://www.gutenberg.org/files/39430/39430-h.zip)
+
+
+Anmerkungen zur Transkription
+
+ Passagen, die im Originaltext gesperrt gedruckt waren, sind
+ hier _so_ gekennzeichnet; Passagen, die im Originaltext nicht
+ in Fraktur, sondern in Antiqua gesetzt waren, sind hier #so#
+ gekennzeichnet; Passagen in griechischer Schrift sind hier
+ +so+ gekennzeichnet. Weitere Anmerkungen befinden sich am Ende
+ des Textes.
+
+
+
+
+
+LUTHERS GLAUBE
+
+Briefe an einen Freund
+
+von
+
+RICARDA HUCH
+
+#Visibilia et Invisibilia#
+
+
+
+
+
+
+
+Im Insel-Verlag zu Leipzig
+1920
+
+16.-19. Tausend
+
+
+
+
+I
+
+
+In seinen Kritischen Gängen macht F. Th. Vischer folgendermaßen seiner
+Begeisterung für Luther Luft:
+
+»Goethes Epigramm gegen das Luthertum meint die Einseitigkeit, womit sich
+Luther selbst und mit ihm seine Nation rein auf die inneren inhaltsvollen
+Interessen des Geistes warf, allem schönen Schein, aller sanften,
+menschlich schönen Bildung zunächst den Rücken kehrte, so daß die bildende
+Kunst, die Poesie stockte, die Grazien ausblieben und erst im Lauf der
+Jahrhunderte eine ästhetische Bildung eintrat, welche bei den romanischen
+Völkern in ununterbrochener Fortentwickelung mit oder nicht allzu spät nach
+dem Abschluß des Mittelalters ihre Blüte feierte. Und er vergißt sich zu
+fragen, ob er je einen Egmont, einen Faust, eine Iphigenie, ja, ob er je
+eines seiner Worte, ob Schiller je eines seiner Werke geschrieben hätte,
+wenn nicht jene unsere derben Ahnen mitten durch die Welt des bestehenden
+schönen Scheins mit grober deutscher Bauernfaust durchgeschlagen und so
+eine Krisis der Zeiten herbeigeführt hätten, eine ethische Krisis, für
+welche nie und nimmer die ästhetische Bildung ein Surrogat sein kann,
+welche vielmehr einer echten, tiefen, wahren Kunst und Poesie, wie die
+neuere es ist, vorausgehen mußte. Wohl uns, daß unsere Vorfahren überhaupt
+gar die Versuchung nicht kannten, gegen das ethisch Überlebte sich
+ästhetisch zu verblenden; daß sie solche Tendenzbären waren, daß der schöne
+Schein sie nicht bestechen, der Glanz der Belladonna sie nicht blenden
+konnte; wohl uns, daß sie nicht mit der Phantasie umfaßten, was der grobe
+Verstand, die Vernunft und der moralische Sinn zu entscheiden hat.«
+
+So spricht ein bekannter und geachteter Schriftsteller über Luther, dessen
+Lebenswerk darin bestanden hat, die Moral zu bekämpfen, der Poesie sprach,
+wenn er den Mund auftat. Er nennt Luther einen Tendenzbären, ihn, der jede
+Tendenz im Leben und in der Kunst als teuflisch entlarvt hat, ohne darum in
+den Irrtum zu verfallen, als sei die Kunst oder sonst irgend etwas um
+seiner selbst willen da, da nur Gott oder, wenn du lieber willst, das
+Weltganze um seiner selbst willen da ist. Der Kampf gegen die Moral oder
+Werkheiligkeit nämlich war der Ausgangspunkt und Mittelpunkt von Luthers
+Lehre. Als ich diese Vischersche Predigt las, begriff ich, was für ein
+Zorn, ja was für eine Raserei Luther manchmal ergreifen mußte, wenn ihn
+trotz seiner klaren und glühenden Worte niemand verstehen wollte oder
+meinetwegen konnte. Er gab sich ganz hin, und ihm grinste immer nur
+engherzige oder verstockte Persönlichkeit entgegen. Auch Goethe also, der
+ohne Luther nicht zu denken wäre, ein Sohn aus Luthers Geiste wie Lessing,
+Schiller und überhaupt jeder große Deutsche nach ihm, hat ihn verkannt und
+verleugnet; wiewohl ich glauben will, daß davon mangelhafte Kenntnis die
+Ursache war.
+
+Mein erster Gedanke war, wie dumm es ist, den Menschen Meinungen seines
+Herzens mitzuteilen; denn kraftvoller, packender, reiner ausgeprägt sich
+auszusprechen als Luther ist nicht möglich, und es ist doch nicht möglich,
+noch gründlicher mißverstanden zu werden, noch dazu von seinem eigenen
+Volke. Im Grunde ist das noch schlimmer, als gekreuzigt und verbrannt zu
+werden. Aber Luther streute den Samen seines Wortes trotz Haß und
+Mißverständnis aus, denn er tat es ja nicht aus Tendenz, sondern weil er
+mußte, und deshalb ging der Samen auch auf und nährte alle, selbst wider
+Wissen und Wollen. Ich glaube, es gibt keinen Dichter, dem es weniger um
+seinen Namen zu tun war, als Luther. Erinnerst du dich der schönen Worte
+des Marquis Posa: ihn, den Künstler, wird man nicht gewahr; bescheiden
+verhüllt er sich in ewige Gesetze. Was für ein Mensch war Luther, daß man
+auf ihn anwenden kann, was von Gott gesagt ist. Er würde aus Vischerschen
+und anderen Mißverständnissen jedenfalls nicht die Schlußfolgerung ziehen,
+daß man sich schweigend in sich zurückziehen, und noch viel weniger die,
+daß man seine Person ins hellere Licht ziehen sollte, sondern daß seine
+Ideen wiederholt und verständlicher gemacht werden müßten.
+
+Wenn ich sie gerade dir verständlich zu machen suche, so ist das, weil ich
+nun einmal so gern dir sage, was ich weiß, wie wenn es dir gehörte. Nehmen
+wir an, du seiest der König, in dessen Dienst ich stehe, und dem ich
+deshalb meine Lieder, oder was es sonst ist, widmen muß. Ob das Sinn und
+Berechtigung hat, zeigt sich vielleicht am Schlusse; einstweilen hoffe ich,
+daß du deiner Scheherazade ebensogern zuhörst, wie sie dir erzählt, und
+beschränke meine Vorrede auf die Bitte, daß du nicht ungeduldig wirst, wenn
+ich etwas sage, was du schon weißt. Es ist ein Unterschied, etwas zu wissen
+und es von einem anderen, vielleicht in einem anderen Zusammenhange, zu
+hören.
+
+Ich will mit dem Begriff der Werkheiligkeit anfangen. Luther bemühte sich
+im Kloster, vermittelst der Vorschriften des Mönchslebens die Seligkeit,
+den inneren Frieden, zu erlangen, oder, wie er es oft nennt, einen gnädigen
+Gott zu bekommen. Diese Vorschriften bestanden in Gebeten, Nachtwachen,
+Kasteiungen, kurz in allerlei Übungen zum Zwecke der Selbstüberwindung;
+Luther fand aber, daß er sich, je ernstlicher er in ihrer Ausführung war,
+desto weiter von dem ersehnten Ziel entfernte. Je tadelloser, je heiliger
+er am Maße der Werke gemessen wurde, desto dunkler, kälter und leerer
+fühlte er sein Inneres. Was er auch tat, um sich gewaltsam Gott zu nähern,
+das Ergebnis war, daß er ihm immer ferner rückte, bis an den Rand der
+Hölle. Unter Verzweiflungsqualen machte er die Erfahrung, daß man zugleich
+in seinen Handlungen gut und in seinem Innern unselig sein kann; daß
+zwischen Handeln und Sein eine unüberbrückbare Kluft besteht, solange die
+Handlungen aus dem bewußten Willen fließen, daß ein Zusammenhang zwischen
+Handeln und Sein nur da ist, wenn die Handlungen aus dem unbewußten Herzen,
+eben aus dem Sein entspringen, kurz, daß nur die Taten der Seele zugute
+kommen, die man tut, weil man muß. Alles Guthandeln, das nicht mit
+Notwendigkeit aus dem Innern fließt, sondern das der bewußte Wille macht,
+rechnete Luther unter die Werkheiligkeit, eine Vollkommenheit, die nur
+Schein ist, weil sie auf das Sein des Menschen gar keinen Bezug hat. Er
+wies alle derartige Handlungen als ungöttlich, d. h. nicht aus dem Sein
+fließend, aus dem Gebiet der Religion in das Gebiet der Moral, womit nur
+die Welt, aber nicht Gott zu tun habe; ja, er trennte nicht nur die Moral
+vom Reiche Gottes ab, sondern behauptete und wies nach, daß sie in einem
+feindlichen Gegensatz zu Gott steht.
+
+Daß sogenannte Zeremonien, nämlich kirchliche Vorschriften, als Wachen,
+Fasten, Beten, Kasteien und ähnliches, die Seligkeit nicht geben können,
+leuchtet den meisten Menschen ein; man könnte indes bezweifeln, ob
+moralische Handlungen unter denselben Begriff gehören. Auch hat schon in
+den ersten Jahrhunderten der Kirche ein kirchlicher Denker es bestritten;
+aber Augustinus stellte fest, daß Paulus durchaus nicht nur die Zeremonien,
+sondern auch die moralischen Handlungen, diese sogar vor allen Dingen, zu
+den Werken rechnete, die vor Gott nicht rechtfertigen oder gerecht machen.
+
+Unter Guthandeln versteht jeder Mensch ein Handeln, welches das Wohl des
+Nächsten, nicht das eigene Wohl bezweckt; gut ist gleichbedeutend mit
+selbstlos, böse gleichbedeutend mit selbstsüchtig. Luther sagt nun, der
+Wille des Menschen sei nicht imstande, von sich aus etwas anderes
+anzustreben als das eigene Wohl, das Gute wirke nur Gott im Menschen; jeder
+also, der seine Handlungen so einrichte, als ob er das Wohl des Nächsten
+anstrebe, sei ein Heuchler und Gleisner. Er nahm damit den Kampf gegen die
+Pharisäer wieder auf, den Christus gekämpft hat.
+
+Es versteht sich, daß es auch zu Luthers Zeit Pharisäer in Menge gab, die
+sich über seine Lehre moralisch entrüsteten. Es entspann sich der berühmte
+Streit um den freien Willen, von dem Luther, auf Augustinus und Paulus sich
+stützend, behauptete, daß er der Sünde oder dem Teufel verknechtet sei, und
+aus dieser Knechtschaft nur durch die Gnade Gottes befreit werden könne. Es
+ist höchst interessant nachzulesen, wie sich Luthers Gegner wanden und
+drehten, um ihn in diesem Punkte zu bekämpfen. Auf dem Tridentiner Konzil
+bemühte sich jeder, eine Formel zu finden, durch welche der freie Wille des
+Menschen gerettet und doch Gott nicht zunahe getreten würde. Denn man mußte
+zugeben, daß Gott, wenn überhaupt Gott sei, allmächtig, allwissend,
+allumfassend sein, daß folglich jede menschliche Kraft von ihm ausgehen
+müsse; trotzdem glaubte man um jeden Preis an der freien Selbstbestimmung
+des Menschen festhalten zu müssen, wenn man es auch nur so ausdrückte, daß
+der Mensch der göttlichen Gnade ein klein wenig entgegenkommen könne, ohne
+daß ihm das aber als Verdienst anzurechnen sei. Solche Ausflüchte in Worten
+waren Luthers Sache nicht, da er eine klare und unerschütterliche
+Überzeugung hatte. Seine Meinung war, daß Gott, Teufel und Mensch im
+tiefsten Grunde eins sind, Teufel und Mensch von Gott ausgehend, in Gott
+wurzelnd, und so versteht es sich von selbst, daß alles von Gott, dem
+einzig wahrhaft Seienden, abhängt, und daß, soweit der Mensch eine
+Selbsttätigkeit hat, auch diese von Gott verliehen sein muß und nur von
+Gott wieder zurückgenommen werden kann. Luthers Gegner hingegen hatten die
+dunkle Vorstellung, als wäre der Mensch eine selbständige Person, die von
+zwei mächtigeren selbständigen Personen, Gott und dem Teufel, vielmehr die
+nur von einer mächtigeren Person, Gott, beeinflußt oder beherrscht würde;
+denn an den Teufel glaubten die wenigsten so recht. Jetzt würde vielleicht
+mancher sagen, daß das Sein des Menschen, im allgemeinen Sein wurzelnd,
+verschiedene Entwickelungsphasen mit verschiedenen Bewußtseinsgraden
+durchläuft; aber diese Begriffe fehlten Luther, obwohl er die Idee hatte.
+Übrigens blieb er auch absichtlich bei den alten, geläufigen Symbolen und
+mied die Begriffe, die sich so leicht verflüchtigen, wie er von den
+Scholastikern wußte. Andererseits trennen sich die Symbole leicht von den
+Ideen, die sie decken, und sinken zu Hülsen herab; darum ist es in unserer
+Zeit, so scheint es mir, notwendig festzustellen, was wir uns eigentlich
+bei Luthers Worten denken können und sollen.
+
+Luther geht davon aus, ganz anders als Rousseau, daß der natürliche Mensch
+nur sich selbst und sein Wohl wollen kann, und daß, wenn sein Handeln
+andern zugute kommt, etwa sogar auf seine Kosten, seine Absicht dabei nur
+auf den Erwerb einer Belohnung oder die Vermeidung einer Strafe gerichtet
+ist. Ob er den Lohn und die Strafe von Gott in einem vermuteten jenseitigen
+Leben erwartet, oder ob es ihm um das Ansehen in der Welt zu tun ist, oder
+ob er die eigene Billigung und Mißbilligung sucht und fürchtet, das eigene
+Selbst ist immer der Endzweck. Wir unterliegen, solange wir wollend sind,
+einem inneren Gesetz der Schwere, und Luther gebraucht darum den Ausdruck,
+daß wir fallen, wie auch, daß wir wohl nach unten, aber nicht nach oben
+frei sind.
+
+Du wirst sagen, daß Luther demnach die Freiheit des Willens nicht überhaupt
+leugne, und vermutlich, daß diese seine Ansicht dadurch erst recht
+unbegreiflich würde. Nun also, daß alles, was geschieht, notwendig
+geschieht, ist selbstverständlich, da ja alles geprägte Form ist, die sich
+entwickelt; aber darum streitet Luther hier nicht. Es fragt sich, ob der
+Mensch das Gute wollen kann, und dagegen behauptet Luther, daß er wollend
+stets nur alles auf sein Selbst beziehen könne, das Gute wolle er nur durch
+Gnade, mit anderen Worten, das Gute wolle er nicht, sondern es werde in ihm
+gewollt. Ein Ausspruch der Heiligen Schrift, den Luther öfters anführt,
+heißt: Der Mensch ist wie ein Tier, Gott und Satan können ihn lenken.
+Vielleicht klingt es dir verständlicher oder sympathischer, wenn ich sage,
+der Mensch sei Werkzeug in der Hand Gottes oder in der Hand des Teufels.
+Nun gibt Luther zwar zu, daß der Mensch auch selbst wollen könne, und er
+grenzt dies Gebiet ab als das der Moral; aber er nennt es auch teuflisch,
+obwohl es sich dem Teufel gewissermaßen entgegensetzt. »Da ja dies das
+höchste Streben des freien Willens ist, in moralischer Gerechtigkeit und
+Werken des Gesetzes sich zu üben, durch die seine eigene Blindheit und
+Ohnmacht befördert wird.« Zunächst scheint es allerdings weit
+verdienstlicher zu sein, das Gute zu tun, weil man will, als weil man muß;
+ja, wenn man muß, so ist gar kein Verdienst dabei. Das soll es nach Paulus
+und Luther aber auch nicht; Werke, Verdienste, eigenen Willen vor Gott zu
+haben ist nach ihnen teuflisch. Was Gott nicht geboten hat, das ist
+verdammt, heißt es in der Bibel. »Du sollst nicht tun, was dir recht
+dünkt.« Luther führt eine Geschichte aus dem Alten Testament an, wo einer
+aus keinem anderen Grunde von Gott gestraft wird, als weil er etwas Gutes
+getan hatte, was nicht von Gott geboten war. Das scheint absurd, wenn man
+nicht bedenkt, daß es sich nur um eine Strafbarkeit vor Gott handelt. Daß
+Werke und Verdienste vor der Welt nützen, bestreitet Luther nicht; nur daß
+sie »einen gnädigen Gott machen«.
+
+Es hat etwas Überraschendes, wenn Luther sagt, eine Jungfrau, die ehelos
+bleibe in der Meinung, dadurch etwas Verdienstliches, Gottgefälliges,
+Heiliges zu tun, sei teuflisch; wenn sie aber ledig bleibe, weil sie keine
+Neigung zur Ehe habe, auch weil sie vielleicht durch die Pflichten der Ehe
+von anderen Dingen abgehalten zu werden fürchte, die ihr mehr am Herzen
+lägen, so handle sie wie eine rechte, christliche Jungfrau. Die also,
+welche ihre natürlichen Triebe mit großer Anstrengung überwinden, wird Gott
+nicht nur nicht belohnen, sondern strafen. »Und Matth. 21, 31 spricht es
+auch, daß Huren und Buben werden eher ins Himmelreich kommen, denn die
+Pharisäer und Schriftgelehrten, welche doch fromme, keusche, ehrliche Leute
+waren.« Aus dieser Stelle siehst du, daß Luther unter Pharisäern nicht nur
+schlechte Menschen verstand, die sich verstellten, sondern »fromme,
+ehrliche, keusche« Leute, deren Schuld nur darin bestand, daß sie
+absichtlich nicht sündigen wollten. Zu den Zöllnern und Sündern ist, wie du
+weißt, Christus gekommen, sie nennt er sein teuer erarntes[1] Eigentum.
+Besser sündigen als gut handeln weil man will, nicht weil man muß; denn das
+heißt eine Maske vorbinden, hinter welcher das lebendige Gesicht
+verschwindet. »Sei Sünder und sündige kräftig«, schreibt Luther an den
+werkheiligen Melanchthon, »aber noch kräftiger vertraue auf Christus und
+freue dich seiner, der ein Überwinder der Sünde ist, des Todes und der
+Welt: wir müssen sündigen, solange wir hier sind.« Das bewundere ich
+besonders an Luther, daß er begriff, daß der Teufel und die Sünde zwar
+nicht sein sollen, aber sein müssen, während die meisten Menschen nicht auf
+die Idee des Guten kommen können, ohne daß sie die Idee des Bösen aus der
+Welt schaffen möchten. Es muß aber beides sein.
+
+[1] mittelhochdeutscher Ausdruck für erworbenes (erarnen = einernten,
+erwerben).
+
+Denke nicht, geliebter Freund, du wärest kein Werkheiliger, wenn du kein
+Pharisäer, wenn du nicht tugendstolz bist. Du hast zu viel Geschmack, um
+mit Tugenden zu prahlen, die du nicht besitzest; aber du bist zu stolz, um
+von einem andern als dir selbst einen Tadel ertragen zu können. Dabei ist
+doch eine verkappte Heuchelei, denn es erscheint nicht alles, was du bist,
+wenn auch nichts erscheint, was du nicht bist. Du verstellst dich nicht,
+aber du verbirgst dich. Diejenigen, die keine andere Belohnung suchen, als
+sich selbst zu genügen, sind, gerade weil sie gottähnlich sein wollen und
+sind, am allermeisten ungöttlich; sie sind wie Luzifer, der schönste unter
+den Engeln, der durch seine Schönheit zum obersten Teufel wurde. »Gleichwie
+vom Anbeginn aller Kreaturen«, sagt Luther, »das größte Übel ist allezeit
+gekommen von den Besten.« Dein Unglück, du Liebster und Schönster unter den
+Menschenkindern, scheint mir zu sein, daß dir nichts und niemand schön
+genug scheint, um dich zur Sünde zu verführen; darum betest du dich selbst
+an und verführst, du, der selbst nicht sündigen will, andere dazu, die
+Sünde, dich anzubeten, mit dir zu teilen. Fast, fast hättest du auch mich
+dazu verführt; aber ich bin nun einmal in der Gnade und kann dich lieben,
+ohne Schaden an der Seele zu nehmen, ja ich kann sogar mit dir schelten,
+und du mußt mir zuhören. Runzle nicht die Stirn und hebe nicht warnend den
+Finger: ohnehin bricht der Morgenstern durch die erste Nacht und lächelt.
+
+
+
+
+II
+
+
+Darauf war ich vorbereitet, daß du mit einer ablehnenden Gebärde, die alles
+glatt vom Tisch streicht, was ich dir vorgelegt habe, antworten würdest. Da
+ich nun einmal deine Scheherazade oder dein Kanzler bin, mein König, finde
+ich mich hinein, zuweilen auch einem ungnädigen Herrn Vortrag halten zu
+müssen, und hoffe, daß diesmal entweder ich mich deutlicher ausdrücke oder
+er mir ein geneigteres Ohr schenkt.
+
+Du schreibst mir, das wissest du wohl, daß ein guter Baum gute Früchte
+trage und ein schlechter Baum schlechte, und daß es am schönsten sei, wenn
+einer das Gute tue, weil er müsse; es hätte dich interessiert zu erfahren,
+wie aus einem schlechten Baum ein guter werden könne, und solange du kein
+Mittel dafür wüßtest, zögest du gute Früchte, wenn auch durch Eigenwillen
+hervorgebracht, schlechten vor. Auf die Gnade warten, die vielleicht nie
+käme, sei im Grunde eine Schlamperei, und du hieltest dich einstweilen an
+das Wort Goethes: Wer immer strebend sich bemüht, den können wir erlösen.
+
+Nebenbei bemerkt liebe ich es nicht, wenn man Goethe wie einen Wandschirm
+benützt, um sich dahinter zu verstecken; denn nicht alle Worte Goethes sind
+Worte Gottes und an sich beweiskräftig. Mit diesem Ausspruch indessen
+erkläre ich mich einverstanden; denn die Engel sagen es von Faust, der
+gläubig war. Erinnere dich, daß er Mephisto stets zur Seite hat, und wer an
+den Teufel glaubt, der glaubt auch an Gott. Die ganze Faustdichtung ist
+überhaupt auf Luthersche Lehre gegründet, wenn auch im zweiten Teile
+Absicht und Wollen zuweilen störend hervortritt. Gerade Faust sündigt ja
+gründlich; aber er könnte mit den Worten der Bibel sagen: Wenn wir auch
+sündigen, so sind wir doch die Deinen und wissen, daß du groß bist. Sein
+Streben nach dem Guten ist nicht moralisch, sondern aus dem Innern geboren
+und ihm notwendig, und es macht sein Gesicht schön, anstatt ihm mit einer
+Maske auszuhelfen. Faust mußte zwar auch erst zum Sündigen aufgefordert
+werden; aber es glückte doch ziemlich rasch, ja die Aufforderung ging
+eigentlich von ihm selbst aus; unsere Zeit hingegen ist voll von
+Melanchthons, die erst nicht sündigen wollen und es schließlich nicht mehr
+können. Die meisten können es schon von Geburt an nicht mehr, sie
+liebäugeln nur mit der Sünde; denke aber nicht, daß ich dich zu diesen
+kalten Koketten zähle. Immerhin bist du des Sündigens wohl so entwöhnt, daß
+du es nicht ohne weiteres richtig anpacken würdest, und da du außerdem die
+Ordnung liebst und das letzte Warum von allen Dingen haben willst, so werde
+ich mit einer Untersuchung der Sünde anfangen.
+
+Man sollte, um eine Idee recht zu verstehen, das Wort betrachten, in dem
+sie sich ausprägt. #Res sociae verbis et verbis rebus#: die Substanz ist
+dem Wort gesellt und das Wort der Substanz. Mir scheint es hier am besten,
+die Dinge mit Substanz zu übersetzen. Die Sprache, sagt Luther, ist die
+Scheide, darin das Messer des Geistes steckt. Nun kommt das Wort Sünde von
+Sondern, und im Begriff des Sonderns, der Absonderung, ist auch der Begriff
+der Sünde gegeben. Die erste Sünde des Menschen ist die Absonderung von
+Gott: anstatt im Gehorsam Gottes zu bleiben, sonderte er sich von Gott ab
+und wollte selbst Gott sein; es ist die Erbsünde, die jedem Menschen
+anhaftet und seinen Willen knechtet, so daß er nur sich selbst wollen kann.
+Der selbstische Mensch erkennt nicht, daß er Teil eines Ganzen ist, sondern
+er hält sich selbst für ein Ganzes und den Herrn oder Mittelpunkt seiner
+Umwelt, die er für sich ausnützt, anstatt dem All-Mittelpunkt, dem Ganzen
+zu dienen. Die Erbsünde ist also zugleich eine Sünde gegen Gott und gegen
+die Menschen, was sich von selbst versteht, da Gott in der Menschheit sich
+offenbart. Um die Erbsünde oder die Selbstsucht -- nimm auch das Wort Sucht
+bitte in seiner eigentlichen Bedeutung, nämlich Seuche, Krankheit -- zu
+bekämpfen, richtete Gott das Gesetz auf, und die Verfehlungen gegen das
+Gesetz nennen wir im engeren Sinn Sünde, sie sind gewissermaßen die
+angewandte Erbsünde.
+
+Indessen habe ich mich unrichtig ausgedrückt, indem ich sagte, Gott habe
+durch das Gesetz die Sünde bekämpfen wollen; zunächst wenigstens gab er das
+Gesetz, um die Sünde zu mehren, »damit die Sünde überhandnehme«, wie Paulus
+sagt. Das Gesetz sollte den Menschen zeigen, was für Sünder sie sind, also
+handeln sie der Absicht Gottes entgegen, wenn sie nicht sündigen. Gott ruft
+uns im Gesetz zu: Zeige dich, wie du bist; aber der moralische und
+luziferische Mensch verbirgt sich hinter dem Feigenblatt der guten Werke,
+in der Meinung, Gott zu hintergehen. Wenn Luther jemand ermahnt zu
+sündigen, so will er, daß er sich so selbstsüchtig zeige, wie er ist;
+ordentliche, kräftige Sünden, auf die kommt es an, offene und offenbare,
+die der Welt und einem selbst unwiderleglich zeigen, daß man ein Sünder
+ist. Ich denke, hier spenden die modernen Psychiater Gott, Luther und mir
+Beifall und sagen: ja, die Sünde muß geäußert, nicht nach innen verdrängt,
+sie muß begangen und bekannt werden, sonst vergiftet und zerfrißt sie das
+Innere. Es geht sonst wie Luther sagt: »Auswendig hats eine gute Gestalt,
+inwendig wirds voll Gift«; und zuletzt hat es auch auswendig keine gute
+Gestalt mehr. Nur ist dabei zu bemerken, daß auch das Sündigen nicht hilft,
+wenn es gewollt wird; es muß, wie das Gute, gemußt werden, wenn es fruchten
+soll.
+
+Neben jener ersten Absonderung von Gott gibt es auch eine im
+entgegengesetzten Sinne, also eine vom Selbst ab zu Gott zurück. Wie aber
+jene erste Absonderung zugleich eine Sünde gegen die Menschen war, so muß
+auch die Wiedervereinigung mit Gott zugleich eine Vereinigung mit den
+Menschen sein; wer sich mit Gott zu vereinigen glaubt, indem er sich von
+den Menschen absondert, befindet sich auf einem Irrwege und versinkt
+anstatt in Gott nur immer tiefer in sein Selbst. »So jemand spricht: Ich
+liebe Gott! und hasset seinen Bruder, der ist noch in der Finsternis.« Dies
+ist, was gerade dem hochstehenden Menschen am wenigsten eingeht, daß er
+Gott nicht nur, aber doch vorzüglich in den Menschen lieben muß; denn
+gerade Absonderung von den Menschen verlangt seine luziferische
+Vorzüglichkeit, weil es ihn vor ihrer Gemeinheit ekelte, veredelte er sich,
+von ihnen abgewendet. »Hüte dich, daß du nicht so rein seiest, daß du von
+nichts Unreinem berührt sein willst«, schrieb Luther einem seiner Freunde.
+Die schon erwähnten Psychiater können dir bestätigen, daß es eine bekannte
+Zwangsvorstellung Geisteskranker ist, überall Staub oder andere
+Unreinlichkeit zu wittern, die ihnen Angst und Abscheu einflößt. Dabei
+fällt mir ein, daß ich einen Menschen kenne, der am liebsten den ganzen Tag
+an sich herumwaschen würde, der einen sehr feinen Geruchssinn hat und unter
+schlechten Gerüchen und Schmutz besonders leidet; aber er würde jede
+menschliche Ekelhaftigkeit, Pest, Krebs, Seuche, Verbrechen anrühren, wenn
+er den damit Behafteten helfen könnte, und zwar ohne daß es ihn Überwindung
+kostete. Das ist aber auch ein Sünder und Liebling Gottes. Der natürliche,
+naiv egoistische Mensch sündigt gegen das Gesetz, und das ist leidlich; der
+Werkheilige, sei er Pharisäer oder Luzifer, sündigt gegen die Liebe; das
+ist die Sünde, die Gott verdammt.
+
+Luther unterschied nach den Entwickelungsstufen des Menschen -- denn ich
+sagte dir ja schon, daß er der Sache nach die Idee der Entwickelung schon
+hatte -- drei Stufen der Sünde. Der Teufel, sagt er, versucht den Menschen
+dreifach, wie er auch Christus tat: durch das Fleisch, durch die Welt und
+durch den Geist. »Das Fleisch sucht Lust und Ruhe, die Welt sucht Gut,
+Gunst, Gewalt und Ehre, der böse Geist sucht Hoffart, Ruhm, eigenes
+Wohlgefallen und anderer Leute Verachtung.« Die erste betrifft wesentlich
+die Jugend, die zweite, die mit Reichtum, Ehre, Geltung unter den Menschen
+lockt, das Mannesalter, die letzte erleiden die alternden, die reifen, die
+höchstentwickelten Menschen, es ist die Versuchung des Luzifer zur
+Selbstvergötterung. Wie die Entwickelung der einzelnen ist die der
+Familien, der Völker und der Menschheit: die Sünde des Luzifer tritt in
+Zeiten des Verfalls auf. Anfangs verleiht sie wohl eine Schönheit, deren
+Wirkung sich niemand entzieht; aber allmählich zeigen sich die Folgen des
+inneren Giftes. Dann kommen die gott- und glaubenslosen Zeiten, wo die
+Menschen das bißchen Kraft, das ihnen geblieben ist, in sich selbst
+zurückziehen, um mühsam eine edle Haltung und schöne Gebärden zu tragieren.
+Es ist eine Verengung, die auf eine starke Erweiterung folgt.
+
+Es kommt dir vielleicht so vor, als zielte ich mit der Luzifer-Versuchung
+auf dich; vielleicht sagst du auch, du hättest sämtliche Stufen der
+Versuchung durchgemacht und machtest sie noch durch, und ich müßte das
+wissen; warum ich dir denn den Vorwurf machte, du sündigtest nicht? Weil
+ich, geliebter Luzifer, noch nie eine rechte, ordentliche, greifbare Sünde
+von dir gesehen habe und auch bestreite, daß du eine begangen hast.
+Natürlich bist du unendlich selbstsüchtig, unendlich ehrgeizig, unendlich
+stolz, unendlich begehrend. Du gehörst nicht zu den Guten, von denen die
+Bibel sagt, daß sie von sich selber gesättigt werden, sondern du zehrst
+dich von Begierde zu Begierde und wirst durch alle verschlungene Beute nur
+noch hungriger. Aber du verschlingst nur im Geiste, alle deine Sünden gehen
+nicht in Taten noch in Worten vor sich, du stehst still, um nicht
+irrezugehen.
+
+Treibt dich nun dein Herz nicht zu guten Handlungen, so sollte es dich
+wenigstens zu bösen treiben, oder man müßte schließen, daß du überhaupt
+keins hast. Herrgott, eben überläuft es mich ordentlich. Wenn es nun so
+wäre, und du hättest kein Herz? Wenn du nicht, wie ich bisher angenommen
+habe, deinen Willen zu sündigen unterdrückt hättest, sondern wenn dieser
+Wille nur eine Wallung oder Willenszuckung wäre, weil dein Herz zu eng oder
+zu schwach ist, um einen richtigen, zwingenden Trieb aufzubringen? Nicht
+einmal zu Worten? Ich weiß, du wärest zu stolz, um etwas zu tun oder zu
+sprechen, was nicht aus dem Herzen kommt. Du machst nie Redensarten; aber
+du schweigst auch. Du bist kein Lügner; aber ehrlich bist du auch nicht: du
+schweigst. Es ist doch nicht möglich, daß du gar nichts zu sagen hättest!
+Bist du ein lauer Neutralist, der ebensogut das eine wie das andere tun und
+sagen könnte? Ich gebe zu, bei vielen Dingen, namentlich weltlichen Dingen,
+ist das natürlich. Aber irgend etwas muß dir doch wichtig sein, wenn sonst
+nichts, doch du! Gut, wenn du dann nur von dir sprächest, die
+abscheulichsten, verdammenswertesten, von dir selbst verdammten Gedanken
+und Wünsche aussprächest, das wäre hunderttausendmal besser, als wenn gar
+kein Ich da wäre, oder nur so ein fades, schleichendes, tröpfelndes.
+
+
+
+
+III
+
+
+Der Kanzler hält heute seinen Vortrag mit dem frohen Bewußtsein, daß ihm
+ein gnädiger König zuhört. Du willst wissen, und darin sehe ich das
+Gnädige, was du eigentlich bei dem Sündigen gewinnst; denn nur um zu
+beweisen, daß du ein Herz habest, ließest du dich auf eine so heikle und
+dir ungewohnte Sache nicht ein. Du schreibst, ich müsse doch zugeben, daß
+Sünde an sich häßlich sei, beflecke, entstelle; wenn nun ein Mensch aus
+Stolz, um eines großen Namens willen, das Unreine von sich abwehre, warum
+das Gott nicht sollte leiden wollen? Ob du dir Gott so eifersüchtig
+vorstellen müßtest, daß er allen Ruhm für sich allein und den Menschen
+nicht gestatten wollte, aus eigener Kraft göttlich zu werden? und ob es,
+von Gott ganz abgesehen, nicht groß und schön sei, aus eigener Kraft etwas
+Vollendetes in sich darzustellen?
+
+Ja, eifersüchtig ist Gott allerdings, wenn du zum Beispiel das eifersüchtig
+nennst, daß der Mensch den Anspruch erhebt, die Organe seines Körpers
+selbst zu regieren. Du mußt doch immer daran denken, daß wir Teile Gottes
+oder in Gott sind. Sehen wir aber ganz von Gott ab, so dürftest du immerhin
+aus eigener Kraft göttlich oder vollendet werden, wenn du es könntest. Die
+Frage ist eben, ob du es kannst, und damit komme ich wieder auf deine erste
+Frage, was du gewinnst, wenn du sündigst, die zugleich einschließt, was du
+verlierst, wenn du nicht sündigst.
+
+Durch Sündigen gewinnst du Kraft, und durch gewaltsames Nichtsündigen
+entkräftest du dich. Es ist eine Kraftfrage, wie überhaupt die Religion
+eine Kraft- und Lebensangelegenheit ist, da Gottes Wesen in Kraft besteht.
+Und Kraft zu gewinnen, das ist doch das erste Interesse der Menschen; denn
+wer Kraft hat, hat alles. Die Alten drückten die Wahrheit, daß man durch
+Sündigen Kraft gewinnt, in der Sage vom Riesen Antäus aus, der unbesiegbar
+war, solange er, besiegt, vom Sieger auf die Erde geworfen wurde, denn aus
+seiner Mutter Erde strömte stets neue Kraft in ihn ein; erst in die Luft
+gehalten konnte er erwürgt werden. So verendet der Mensch, wenn er in einem
+naturlos geistigen Klima existieren will, das ein Nichts ist. Nun sind wir
+zwar nicht mehr in der Lage der Griechen, die Sünde in unserem Sinn noch
+gar nicht kannten, für die Gott und Natur noch eins waren und die ihre
+Kraft unmittelbar aus der Natur beziehen konnten; wir können es im
+allgemeinen nur mittelbar durch den Glauben. Bestimmen wir also zuerst den
+Begriff des Glaubens.
+
+Schalte bitte aus deiner Vorstellung aus, was man gewöhnlich unter Glauben
+versteht, nämlich ein Fürwahrhalten. »Glauben ist nicht der menschliche
+Wahn und Traum, den etliche für Glauben halten ... Das macht, wenn sie das
+Evangelium hören, so fallen sie daher und machen sich aus eigenen Kräften
+einen Gedanken im Herzen, der spricht: Ich glaube. Das halten sie dann für
+einen rechten Glauben. Aber wie es ein menschliches Gedicht und Gedanke
+ist, den des Herzens Grund nimmer erfährt: also tut er auch nichts und
+folgt keine Besserung hernach.« Und an anderer Stelle sagt Luther: »Sie
+heißen das Glauben, das sie von Christo gehört haben, und halten, es sei
+dem wohl; wie denn die Teufel auch glauben und werden dennoch nicht fromm
+dadurch.«
+
+Das Fürwahrhalten ist eine Tätigkeit des selbstbewußten Geistes, deren der
+Glaube nicht, die höchstens umgekehrt des Glaubens bedarf.
+
+Man kann häufig Glauben und Wissen gegenübergestellt lesen, wie wenn das
+eine das andere ausschlösse, und oft auch wie wenn das Glauben die Sache
+der Kinder und Träumer, das Wissen die Sache vernünftiger Männer wäre. In
+Wirklichkeit ist Glauben die Bestätigung und Besiegelung des Wissens, nicht
+umgekehrt. Was wir wissen, wird uns vermittelst unserer Sinne gelehrt: wir
+wissen zum Beispiel, daß dort ein Stuhl steht. Was hilft dir das aber, wenn
+du es nicht glaubst? Deine Sinne können dich ja betrügen. Im Traume kommt
+es dir oft so vor, als stände da ein Stuhl, wo doch nichts ist. Bevor du
+nicht glaubst, was du weißt, bleibt dein Wissen unsicher. Gewiß, fest,
+unerschütterlich, ein Fels, der nicht wankt, ist nur was du glaubst. Mit
+anderen Worten: das Wissen bezieht sich auf die Erscheinung, der Glaube auf
+das Sein.
+
+Luther pflegte den Begriff des Glaubens mit den Worten des Paulus aus dem
+11. Kapitel des Briefes an die Ebräer zu erklären: Es ist aber der Glaube
+eine gewisse Zuversicht des, das man hoffet, und nicht zweifelt an dem, das
+man nicht siehet. Sage mir nun bitte nicht, daß das Unsichtbare für dich
+nicht gelte, daß das Hirngespinste wären, daß du nur deinen Sinnen traust.
+Das ist ja, wie schon gesagt, Selbsttäuschung. Du traust deinen Sinnen,
+weil sie sich auf Übersinnliches beziehen. Was heißt es zum Beispiel, wenn
+du sagst, du glaubst an einen Menschen? Du deutest damit offenbar auf
+etwas, was deine Sinne, deine Erfahrung dir nicht von ihm mitteilen können,
+denn sonst würdest du es ja wissen. Du willst damit sagen, daß du im Wesen
+dieses Menschen eine Kraft voraussetzest, zu der du dich alles Guten und
+Großen versiehst. Da ja nun alle Kraft, alles Wesen und Sein, wie und wo es
+auch erscheint, Gott ist, so bezieht sich der Ausdruck Glauben immer auf
+Gott, wenn wir ihn auch auf Menschen anwenden.
+
+Nun offenbart sich Gott niemals unmittelbar und kann also nur durch die
+Sinne wahrgenommen werden, von dem naiven Menschen namentlich durch den
+Gesichtssinn in der Schöpfung. Der Glaube aber, heißt es bei Paulus, kommt
+durch das Gehör, das heißt, das Gehör muß das Wort, das Gott von sich
+redet, aufnehmen. Um nun Schall hören, wie um Licht sehen zu können, muß
+etwas in uns sein, was der tönenden und leuchtenden Kraft entspricht, eine
+Hörkraft und Sehkraft. Wär nicht das Auge sonnenhaft, sagt Goethe, die
+Sonne könnt es nie erblicken. Du kannst, als moderner Mensch, statt Glauben
+auch Vernunft setzen, die geistige Kraft im Menschen, die, weil sie Geist,
+also Gott wesensgleich ist, Gott vernehmen kann.
+
+Die Hörkraft und Sehkraft verhält sich zu Schall und Licht wie das Passive
+zum Aktiven, so daß wir zunächst nicht von einer Kraft, sondern von
+Schall- und Lichtempfänglichkeit reden sollten. Wie der Schoß der Frau den
+Samen des Mannes empfängt, so empfangen Auge und Ohr Licht und Schall und
+bringen durch sie Gesichts- und Gehörsbilder hervor. Die Empfänglichkeit
+beruht wieder auf der Empfindlichkeit für die betreffende Kraft, sei es
+Schall, Licht oder die göttliche Kraft selbst. Handelt es sich um diese,
+müssen wir sagen, daß wir gottempfindlich sein müssen, um Gottes Wort
+empfangen zu können, und in diesem Sinne läßt sich der Ausdruck Glauben mit
+Gottempfindlichkeit, Gottempfänglichkeit, Gottverwandtschaft übersetzen.
+»Gott und Glaube gehören zu Haufe«, sagt Luther. Sie gehören zusammen wie
+Mann und Weib, und es hat sich deshalb unwillkürlich, um das Verhältnis
+zwischen Gott und der gläubigen Seele zu bezeichnen, das Bild von Bräutigam
+und Braut eingestellt.
+
+Befragen wir die Sprache, so finden wir, daß Glauben mit Geloben, Hören mit
+Gehören und Gehorchen zusammenhängt. Darin vollendet sich der Glaube, daß
+man Gott, der uns durch sein Wort ruft, hört und ihm gehorcht: Glaube ist
+Hingebung und Gehorsam. Der Gläubige hört Gottes Stimme, wie das Schaf die
+Stimme seines Hirten, wie der Liebende die Stimme der Geliebten hört. Alle
+Stellen in Luthers Werken, die vom Glauben handeln, sind Gedicht, ja
+Liebesgedicht, wie im Grunde jedes echte Gedicht Liebesgedicht ist, handle
+es sich nun um Liebe zu Gott oder zu den Menschen. Zwischen Glauben und
+Liebe ist der Unterschied, daß sich der Glaube auf das Unsichtbare, die
+Liebe auf das Erscheinende bezieht; aber es ist ja keins ohne das andere.
+An Gott glauben wir nicht nur, sondern wir lieben ihn in der Erscheinung,
+und an alle Menschen, die wir wahrhaft lieben, glauben wir auch, d. h. wir
+lieben ihre Idee oder Gott in ihnen.
+
+Die meisten Menschen sind so geartet, daß sie Gott selbst, ohne
+Vermittlung, nicht gehorchen können, und Gott hat deshalb eine Vertretung
+in der Welt eingesetzt: im Staate die Obrigkeit, in der Familie Eltern und
+Ehemann. Wenn die Kinder ihren Eltern, die Frauen ihren Männern, die Männer
+ihren Vorgesetzten gehorchen, so gehorchen sie Gott, vorausgesetzt daß die
+Vorgesetzten Gott gehorchen. Der Gläubige, der Gottes Stimme hört und Gott
+selbst gehorcht, ist von jedem Gehorsam in der Welt frei, jenseit von Gut
+und Böse; aber er gehorcht auch den Menschen freiwillig, um sich nicht
+abzusondern. Eine glaubenslose Zeit ist eine Zeit ohne Gehorsam, richtiger
+gesagt eine Zeit, in der die Menschen nur sich selbst gehorchen wollen.
+
+Während der Gehorsam der Welt erzwungen werden kann und muß, kann der
+Glaube, dessen Quelle das Herz ist, nur freiwillig sein. Daß Gott
+erzwungene Dienste nicht gefallen, wird in der Bibel oft wiederholt. Du
+kennst vielleicht die berühmte und wundervolle Stelle aus Luthers Schrift
+von der Freiheit eines Christenmenschen, wo er vom Glauben als vom
+Brautring der Liebenden spricht; ich führe sie deshalb hier nicht an. Im
+Sermon von den guten Werken heißt es so: »Wenn ein Mann oder Weib sich zum
+anderen Liebe und Wohlgefallen versieht und dasselbe fest glaubt, wer lehrt
+sie, wie sie sich stellen, was sie tun, lassen, sagen, schweigen, denken
+sollen? Allein die Zuversicht lehrt sie das alles und mehr denn not ist. Da
+ist ihnen kein Unterschied in Werken; sie tun das Große, Lange, Viele so
+gern als das Kleine, Kurze, Wenige, und dazu mit fröhlichem, friedlichem
+Herzen und sind ganz freie Gesellen. Wo aber ein Zweifel da ist, da sucht
+jedes, welches am besten sei. Da beginnt es sich einen Unterschied der
+Werke auszumalen, womit es Huld erwerben möge, und geht dennoch mit
+schwerem Herzen und großer Unlust hinzu, ist gleich befangen, mehr denn
+halb verzweifelt, und wird oft zum Narren darüber.« Dann geht es nach dem
+Spruche Salomonis: »Wir sind müde geworden in dem unrechten Wege und sind
+schwere, saure Wege gewandelt, aber Gottes Weg haben wir nicht erkannt, und
+die Sonne der Gerechtigkeit ist uns nicht aufgegangen.« Im Gegensatz zu den
+schweren, sauren Wegen der Werke spricht Luther von dem königlichen Weg des
+Glaubens.
+
+Sobald der Glaube schwer und sauer fällt, ist es gar kein Glaube; Glaube
+ist nur, was frei aus dem Herzen kommt. Etwas im Glauben tun heißt etwas
+tun, weil man nicht anders kann, und du begreifst nun, welchen lieblichen
+Sinn die Worte des Paulus haben, daß, was nicht im Glauben geschieht, Sünde
+ist. Allerdings der, dem nichts von Herzen kommt, der Ungläubige, der kein
+Herz hat, dem ist es leichter, Brandopfer als sein Herz darzubringen.
+
+Um dem Begriff des Glaubens noch näher zu kommen, laß uns auch seinen
+Gegensatz, den Unglauben, ins Auge fassen. Luther sagt gelegentlich: der
+Ungläubige, der nur sich selbst anbetet; und das scheint mir das
+deutlichste Licht auf das Wesen des Unglaubens zu werfen. Ferner: »Gott ist
+den Sündern nicht feind, nur den Ungläubigen, das sind solche, die ihre
+Sünde nicht erkennen, klagen, noch Hilfe dafür bei Gott suchen, sondern
+durch ihre eigene Vermessenheit sich selbst reinigen wollen.« Und: »Das muß
+wohl folgen aus dem Unglauben, der da keinen Gott hat und will sich selbst
+versorgen.«
+
+Der Ungläubige ist also mein Freund Luzifer, der, weil er sich an Gottes
+Stelle setzt, sich selbst lenkt, für sich selbst sorgt, selbst Gesetze
+gibt, denen seine passive, sinnliche Hälfte gehorchen soll. Natürlich muß
+diese auch alle Kraft aus seinem Ich, seiner aktiven Hälfte, beziehen, die
+aber beschränkt, endlich ist, und wenn sie sich nicht aus Gott ersetzt,
+sich bald erschöpft. Beständiges Selbstwollen muß zu vollständiger
+Entkräftung führen, wenn es sich nicht im Zustande des Nichtwollens erholen
+kann. Glauben ist Nichtselbstwollen, statt dessen Gott in sich wollen
+lassen. Die Überspannung der eigenen Kraft zeigt sich in unserer Zeit in
+der großen Anzahl von Menschen mit überspanntem Nervensystem; sie gehen an
+ihrer Eigenwilligkeit, an ihrer Unfähigkeit, durch vorübergehende
+Selbstaufgabe Kraft zu schöpfen, zugrunde. Es wäre ja gegen den schönen
+Luzifer nichts einzuwenden, wenn er glücklich wäre; aber sein Selbst ist
+ihm keine Freuden- und Kraftquelle, kein Herrscherthron, sondern ein
+Marterpfahl, an den er gebunden ist. Die Frucht des Glaubens ist der
+Friede, heißt es im Evangelium des Johannes; daraus folgt, daß die Frucht
+des Unglaubens Unfriede ist, innere Zerrissenheit, Kraftlosigkeit. Die
+Frage: Wie werde ich selig? Wie bekomme ich einen gnädigen Gott? läßt sich
+auch so fassen: Was verschafft mir inneren Frieden und damit Kraft? Die
+Antwort lautet: Aufgabe deines Selbst und Hingabe an Gott. Nicht nur
+selbstbewußt, sondern zugleich gottbewußt oder unbewußt leben.
+
+Was der Mensch durch vollständige Aufgabe des Selbstbewußtseins vermag, das
+hat die Hypnose gezeigt. In dem seines Selbstwollens beraubten Menschen
+wirkt der Hypnotiseur Wunder: er verfügt über seinen Körper nach Belieben,
+über das Vermögen des Selbstwollenden hinaus. Fast erschrak man über diese
+Entdeckung, weil man meinte, sie könne von bösen Menschen zu gräßlichen
+Verbrechen benutzt werden. Aber erstens gibt es in unserer Zeit sehr viel
+Nervöse, und die Nervösen können ihr Selbst nicht hingeben und darum auch
+nicht hypnotisiert werden; und dann gibt es ebensowenig Teufelsgläubige,
+also im Bösen kraftvolle Menschen, wie Gottgläubige. In früheren Zeiten
+wurde die Hypnose von Bösen und Guten als schwarze und weiße Magie
+ausgeübt.
+
+Im Hinblick auf die ihm durch den Glauben zu Gebote stehende Kraft war der
+Christ für Luther wesentlich der starke, freudige, trotzige Held. »Ein
+solcher Mann muß der Christ sein, der da könne verachten alles, was die
+Welt beides, Gutes und Böses, hat, und alles, damit der Teufel reizen und
+locken oder schrecken und drohen kann, und sich allein setzen gegen alle
+ihre Gewalt, und ein solcher Ritter und Held werden, der da wider alles
+siege und überwinde.« Es ist der Ritter, den Dürer gemalt hat, der
+gelassen, des Sieges gewiß, an Tod und Teufel vorüberreitet. Luther
+übersetzte das Wort »Israel« mit Herr Gottes: »Das ist gar ein hoher,
+heiliger Name und begreift in sich das große Wunder, daß ein Mensch durch
+die göttliche Gnade gleich Gottes mächtig wurde, also daß Gott tut, was
+der Mensch will ... Da tut der Mensch, was Gott will, und wiederum Gott,
+was der Mensch will; also daß Israel ein gottförmiger und gottmächtiger
+Mensch ist, der in Gott, mit Gott und durch Gott ein Herr ist, alle Dinge
+zu tun und vermögen.«
+
+Es war Luthers feste Überzeugung, daß der Mensch Berge würde versetzen
+können, daß ihm nichts unmöglich wäre, wenn er nicht zu schwach im Glauben
+wäre. Über Schwäche des Glaubens klagt er oft schmerzlich; er hatte Zeiten,
+wo sein Selbst sich dafür rächte, daß er meistens so gar nicht zu sich
+selbst kam, wie man sehr richtig zu sagen pflegt. Wie er aber zuweilen
+Gottes mächtig war, konnte er zeigen, als er den sterbenden Melanchthon ins
+Leben zurückrief. Der ungläubige, durch seine Zwitterstellung zwischen Gott
+und Welt stets in Zwiespalt und Unwahrhaftigkeit verstrickte Melanchthon
+starb, wie ein beleidigtes Kind sich vom Spiel in einen Winkel zurückzieht;
+wie er dann das Wort des mächtigen Freundes zuerst widerwillig vernimmt,
+dann doch sich beugt und im alten Gehorsam seine Kraft in sich überströmen
+läßt, das stellt sich wie ein Abbild des Verkehrs der menschlichen Seele
+mit Gott dar. Nicht Abbild, sondern die Sache selbst: denn Luther hatte
+zuvor durch sein Gebet Kraft in sich gezogen, und diese Gotteskraft, nicht
+Luthers bewußtes Selbst war es, die den Sterbenden weckte.
+
+Ich weiß, du sagst jetzt, du habest keinen Glauben, aber Übermaß von
+Selbstwollen und Selbstvertrauen könne nicht daran schuld sein, denn das
+habest du erst recht nicht. Dann hatten es deine Vorfahren; daß es auf die
+Dauer ohne Glauben schwinden müsse, sagte ich ja. Es fällt mir aber ein,
+daß Luther überzeugt war, man könne mit seinem Glauben für den fehlenden
+oder schwachen Glauben anderer eintreten, und so werde ich einstweilen für
+dich glauben, an dich und für dich.
+
+
+
+
+IV
+
+
+Du willst mir augenscheinlich dartun, daß du wirklich kein Herz habest,
+indem du mit vernichtender Übergehung meines gefühlsbetonten Briefschlusses
+tadelst, ich schriebe chaotisch, was du am allerwenigsten vertragen
+könnest. Vollständige Dunkelheit sei weniger schädlich als Zwielicht voll
+undeutlich auftauchender Gestalten. Ich behandle, sagst du, Gott, Teufel
+und ähnliche Phänomene als selbstverständliche Voraussetzung; das sei wohl
+in religösen Zeiten unter religiösen Menschen erlaubt, welchen diese Namen
+etwas Bekanntes bezeichneten, jetzt seien sie aber leer und ich hantierte
+damit herum wie jene listigen Betrüger mit des Kaisers neuen Kleidern. Ich
+sollte dir einmal schreiben, wie wenn du ein in der Wildnis aufgelesenes,
+zwar sehr gescheites, aber ganz unwissendes Botokudenkind wärest. Du
+wissest, daß Gott sich nicht vorrechnen lasse wie ein Exempel, ich solle
+auch nicht von ihm sprechen, wie einer von seinem Freund, dem Geheimen
+Kommerzienrat Soundso, spreche; aber auf einen klaren, verständlichen
+Ausdruck müsse etwas Seiendes sich bringen lassen, wenn auch nicht auf
+einen erschöpfenden.
+
+Ich werde gehorsam versuchen, den König mit dem gescheiten Botokudenkinde
+zu verschmelzen und meinen Vortrag danach einzurichten. Die Verbindung ist
+auch gar nicht so paradox, wie es zuerst scheint. Das Kind sagt zu seiner
+Mutter: Gib mir die Sterne! Philipp III. befahl Spinola: Nimm Breda! Ich,
+der König. Du schreibst: Erkläre mir Gott! Es soll mich nicht abschrecken,
+daß Spinola, wenn eine dunkle historische Erinnerung mich nicht trügt, am
+Gram über die Ungnade seines Königs gestorben ist.
+
+Die Völker haben nicht damit angefangen, an _einen_ Gott zu glauben; denn
+der kindliche Geist nimmt die Welt nicht als Ganzes, sondern in
+Einzeleindrücken auf. Man weiß von einer ganzen Reihe von Völkern, daß sie,
+auf den ersten Stufen der Entwickelung befindlich, alles als Gott
+verehrten, was ihnen vorkam, was sie als außer sich seiend auffaßten: nicht
+nur Bäume, Wiesen, Tiere, Sterne, sondern auch Ereignisse, Vorgänge,
+Erwünschtes, Gefürchtetes. Alles, was sie von sich selbst und anderen
+Menschen unterschieden, war ihnen Gott, so daß es ihnen so viel Götter gab,
+wie sie Eindrücke empfingen. Sie nannten diese Götter zunächst Dämonen, und
+sie sind als Heilige, Engel und Teufel auch in der christlichen Kirche
+erhalten geblieben. In der Wissenschaft hat man sie sehr gut
+Augenblicksgötter genannt; es sind also Eindrücke von Einzelkräften.
+
+Der menschliche Geist hat nun die Eigenart, daß er die Eindrücke von
+Einzelkräften fortwährend verdichtet, genau so, wie die Kräfte selbst sich
+verdichten. Wie der rotierende Urnebel sich zu festen Kernen, den
+Gestirnen, verdichtet, so verdichten sich im menschlichen Geiste die
+Augenblicksgötter allmählich zu sogenannten Sondergöttern, diese allmählich
+zu persönlichen Göttern. So ist zum Beispiel dem kindlichen Menschen jede
+Sonne, im Augenblick wo sie ihm aufgeht, etwas Glückbringendes oder
+Verderbendrohendes; erst später erfand er etwa die die Saat hervorlockende
+Frühlingssonne als eine besondere Gottheit, und viele Veränderungen müssen
+erst in seinem Geiste vorgehen, bevor sich die Kraft der Sonne überhaupt in
+den persönlichen Gott Apollo verwandelt. Willst du ausführlichere Belehrung
+darüber haben, so empfehle ich dir ein vorzügliches Werk von Usener mit dem
+Titel: Götternamen. Aus unzähligen Augenblicksbildern entsteht ein Bild,
+und aus Myriaden von Augenblicksgöttern entstehen Sondergötter und endlich
+persönliche Götter.
+
+Die vergleichende Sprachwissenschaft und Mythologie gibt darüber Auskunft,
+wie die uns bekannten griechischen Götter die alten Augenblicksgötter an
+sich gezogen, sich untergeordnet und verschlungen haben, obwohl sie zum
+Teil, auf dem Lande, in dem noch unentwickelt gebliebenen menschlichen
+Geiste, ein verborgenes Dasein weiter fristeten. Ihrerseits werden die
+persönlichen Götter nach und nach wiederum verschlungen von dem _einen_
+Gott; der menschliche Geist wird allmählich fähig, die Welt als Ganzes
+aufzufassen, er erhebt sich zu der Einsicht, daß es vielerlei Kräfte gibt,
+daß aber nur _ein_ Geist ist, der da wirket alles in allem.
+
+Der menschliche Geist erfaßt also zuerst lauter Einzeleindrücke, die sich
+immer mehr verdichten, bis er zuletzt die Idee der _einen_ unendlichen Welt
+und des _einen_ unendlichen Gottes erfaßt; er geht von der Vielheit zur
+Einheit, und zwar im selben Maße, wie er sich selbst immer mehr als Einheit
+erfaßt. Solange sein eigenes Ich eine Reihe von Einzelempfindungen für ihn
+ist, ist ihm die Welt eine Reihe von Einzeleindrücken; wie sein Selbst sich
+verdichtet, verdichtet sich ihm die Welt und in ihr Gott.
+
+Jeder Mensch, der sich seines Ich, seines Selbst, bewußt ist, ist sich
+eines Nicht-Ich bewußt; denn er erfährt sein Ich ja erst, indem er es vom
+Nicht-Ich unterscheidet, und dies Nicht-Ich nennt er, soweit es nicht
+seinesgleichen ist und soweit er sich davon abhängig fühlt, Gott. Ich
+möchte den Satz aufstellen: Es gibt nichts außer der göttlichen Kraft und
+der durch das Ich zugleich beschränkten und geprägten Kraft. Luther sagte:
+Denn außer der Kreatur gibt es nichts, denn die einige, einfältige Gottheit
+selbst. Als zu sich, zu seinem Selbst gehörig empfindet der Mensch alles,
+was von ihm abhängt, als zu Gott gehörig alles, was nicht von seiner
+Willkür abhängt, wovon im Gegenteil er abhängt.
+
+Es ist natürlich, daß gerade der noch unkultivierte Mensch sich in der
+Gewalt von Naturkräften fühlt; aber auch im Menschen selbst wirken Kräfte,
+die nicht von seinem Willen abhängen: sein Leben und Sterben, sein Lieben
+und Hassen, seine Schaffenskraft und sein Unvermögen. »Das Gemüt ist dem
+Menschen sein Dämon«, hat schon Heraklit gesagt. Alle menschlichen Kräfte,
+die nicht von seinem Willen abhängen, empfand der Mensch ebensogut als
+göttlich wie die außer ihm herrschenden. Man hat sie neuerdings wohl das
+Unbewußte genannt oder darunter mitbegriffen; das, was ich meine, sollte
+man richtiger das Unwillkürliche nennen, das, was in uns wirkend doch nicht
+von unserem Willen abhängt. Allerdings entsteht das, was von uns unabhängig
+in uns gewirkt wird, nach antikem Sprachgebrauch das Dämonische, ohne unser
+Wissen; erst das vollendete Ergebnis, sei es Idee, Gefühl, Gestalt, tritt
+in unser Bewußtsein, und insofern kann man vom Unbewußten sprechen. Alles
+das, was uns nicht erst als fertiges Ergebnis ins Bewußtsein tritt, sondern
+was wir selbst machen, gehört in das Gebiet des Selbstbewußtseins. Stellt
+man Selbstbewußtes und Unbewußtes einander gegenüber, so sollte man im Sinn
+haben, daß im Unbewußten das Bewußtsein des Nicht-Ich für das Ich eintritt,
+daß man also ebensogut von Allbewußtsein oder Gottbewußtsein sprechen kann.
+Volkstümlich ist der Unterschied stets empfunden worden und ganz richtig
+als Unterschied von Kopf und Herz bezeichnet; nur führt dieser Ausdruck
+leicht zu dem Mißverständnis, als handle es sich um einen Unterschied von
+Gefühl und Gedanke, was durchaus falsch ist, da auch Gedanken aus dem
+Herzen kommen: wir nennen sie Ideen oder Einfälle. Wir sind Menschen,
+soweit wir Kopf, wir sind Gott und Teufel, soweit wir Herz sind. Gewöhnlich
+sind wir nur bald das eine, bald das andere, ein Durcheinander von beidem;
+unser Ziel ist, Gottmensch zu sein, das heißt, die gesamte göttliche und
+die gesamte menschliche Kraft in einer Person harmonisch zusammenzufassen.
+
+Der bequemeren Übersicht halber setze ich dir ein Schema her, wobei ich
+davon ausgehe, daß die göttlich-menschliche Kraft sich bildend, handelnd
+und denkend äußert.
+
+ Herz Kopf
+ Gott Mensch
+ Müssen Wollen
+ Bilden oder wachsen lassen Machen
+ Taten tun Überlegt handeln
+ Ideen haben Denken
+
+Wenn du einmal für den im Menschen sich offenbarenden Gott das Dämonische
+setzest, welchen Wortes Bedeutung dir ja wohl ohnehin klar war, so werden
+dir viele Aussprüche aus der Bibel und von Luther sofort viel
+verständlicher sein und helleres Licht ausstrahlen. Nehmen wir den Spruch:
+Wenn wir auch sündigen, so sind wir doch die Deinen und wissen, daß du groß
+bist. Das heißt: Wir sündigen, unsere Leidenschaft reißt uns hin, wir
+bereuen es, aber unsere Reue macht uns nicht kraftlos und mutlos. Denn
+gerade daß wir taten, was wir mußten, beweist uns, daß wir Kraft haben;
+diese Kraft wird uns wieder emporheben und uns große oder gute Taten tun
+lassen.
+
+Wenn Luther sagt: Der Anfang aller Sünde ist, von Gott weichen und ihm
+nicht trauen, so heißt das: wer sich nicht auf sein Herz, nur auf seinen
+Kopf verlassen kann, der hat keinen inneren Frieden, keine Sicherheit und
+keine Kraft.
+
+Wenn Luther sagt, der Glaube verschlinge die Sünde sofort auch ohne Reue,
+so heißt das wie oben: dämonische Menschen werden sündigen, aber auch
+schaffen.
+
+Wie befremdet zunächst das Wort: »Was Gott nicht geboten hat, das ist
+verdammt.« Und es heißt doch nur, was jedem unmittelbar einleuchtet: Wer
+Ideen und Gefühle hat, so stark, daß sie ihm zum Führer und Wegweiser
+werden, der ist selig. #Quo dii vocant eundum# ist eine alte Devise, die
+ich als Kind einmal las und mir zum Motto wählte, ohne ihren Sinn so
+logisch zu verstehen, wie ich jetzt tue.
+
+»Ein Christ soll pochen nicht auf sich, noch auf Menschen, noch auf den
+Mammon, sondern auf Gott!« Das heißt: Wir sollen uns nicht auf irgendeine
+weltliche Macht, noch auf die Gedanken, Überlegungen, Absichten verlassen,
+die von uns selbst oder anderen ausgehen, sondern auf die göttliche Stimme
+in uns, auf unser Gefühl und Gewissen. »Alle Pflanzen, die mein himmlischer
+Vater nicht gepflanzt hat, werden ausgereutet«, Matth. 15, das heißt: Nicht
+das Machwerk, sondern das Kunstwerk, das Gewordene, Gewachsene, nicht die
+moralische Handlung, sondern die Tat aus dem Herzen lebt und zeugt Leben.
+
+Ist es nicht eigentümlich, daß es wahrscheinlich viele Menschen gibt, die
+der Meinung sind, der Spruch bedeute, daß jeder Mensch verworfen sei, der
+nicht jeden Sonntag zur Kirche gehe, der nicht zu gegebener Zeit bete und
+dergleichen; und daß sein wahrer Sinn ungefähr auf das Gegenteil
+hinausläuft?
+
+Am schrecklichsten zürnt Gott, sagt Luther einmal, wenn er schweigt, nach
+seiner Drohung bei Jeremias: »Mein Geist wird nicht mehr Richter sein auf
+Erden.« Dann tritt an die Stelle lebendigen Wachstums abschnurrende
+Mechanik. Es ist merkwürdig, daß ein Jahrhundert nach Luther der seltsame
+Hang die Menschen ergriff, das #Perpetuum mobile# zu erfinden. Die
+heimliche Lust am Automatischen und zugleich das Grauen davor gibt den
+Werken E. T. A. Hoffmanns ihren grotesken Charakter, die Ahnung des
+Verhängnisses seiner Zeit, mit der er zu seiner eigenen Verzweiflung selbst
+verwachsen war.
+
+
+
+
+V
+
+
+Ein gewisses Brummen, das du hast ausgehen lassen, fasse ich als Zeichen
+auf, daß ich wie jene dir hoffentlich bekannte Bärenbraut dich richtig
+gekraut und gekrabbelt habe. Sogleich werde ich übermütig und gehe vom
+antiken Gottesbegriff, der dir offenbar kongenialer ist, zum christlichen
+über. Insofern nun Gott nie etwas anderes sein kann als die _eine_ Kraft,
+von der alle Kräfte ausgehen und in die alle Kräfte münden, stimmen
+natürlich die Gottesbegriffe aller reifen Völker im wesentlichen überein.
+Doch gibt es auch einen wesentlichen Unterschied zwischen antiker und
+christlicher Gottesauffassung, der dir um so störender sein wird, als du
+ihn vermutlich nur spürst und nie Lust gehabt hast, ihn genau zu
+untersuchen. Wenn ich dir nun zum voraus schwöre, daß das Christentum trotz
+des Unterschiedes doch die Erfüllung der Sehnsucht der ausgehenden Antike
+war, weswegen es ja auch bei den Griechen sich befestigte und nicht bei den
+Juden, so wirst du mir von vornherein geneigter zuhören.
+
+Der christliche Gott ist, wie du weißt, ein offenbarter und ein dreieiniger
+Gott, das heißt: er offenbart sich dreifach. Schon die Alten wußten, daß
+Gott in seiner Majestät von den Menschen nicht ertragen werden kann: Semele
+wurde von Zeus verzehrt, als sie ihn in seiner Göttlichkeit schauen wollte.
+Das reine Sein, die Kraft an sich, ist den Sinnen nicht zugänglich. Wir
+können auch nichts darüber aussagen, denn es ist jenseit aller Gegensätze,
+und Eigenschaften sind erst im Gegensatz wahrnehmbar. Eigenschaften gehören
+einem Einzelnen zu eigen, Gott ist aber nichts Einzelnes, sondern das
+Ganze. Insofern Gott nichts Einzelnes ist, ist er zugleich das Nichts, denn
+nichts heißt nicht etwas; das Nichts und das All ist also dasselbe. Ein
+Gegensatz zu Gott wäre demnach doch vorhanden, nämlich das Einzelsein oder
+die Vielheit; aber dieser Gegensatz ist im Sein enthalten, wie die Heilige
+Schrift sagt: in ihm leben, weben und sind wir.
+
+Das indessen können wir doch vom Wesen Gottes aussagen, daß er Geist ist;
+denn Gott an sich ist unsichtbar. Ferner kann er nichts anderes sein als
+Kraft; denn Gott kann nicht leidend sein; sein Wesen ist Wirken. Eine
+Kraft, ein ewig Wirkendes, ist aber ohne einen Stoff, ein Passives, auf das
+sie wirken kann, nicht zu denken; Gott und die Welt sind nur für unser
+Begriffsvermögen zu trennen, wir sind gezwungen, zeitlich und räumlich zu
+denken und sagen also: Gott schuf die Welt, als ob die Kraft irgendwann
+einmal ohne Stoff gewesen wäre. Daß das Sein wird, richtiger ausgedrückt,
+daß mit der werdenden Erscheinung ein unsichtbares Sein verbunden ist, von
+welchem sie abhängt, ist ein Geheimnis, auf das man immer wieder stößt,
+wenn man sich mit den letzten Dingen beschäftigt, und vor welchem es
+geboten ist innezuhalten. Die Welt wäre ein öder Mechanismus, wenn dies
+Geheimnis nicht wäre.
+
+Bei Gott ist alles auf einem Haufen, sagte Luther; das heißt: er ist
+jenseit von Zeit, Raum und Vielheit. Da wir hier aber an der Grenze der
+göttlichen Majestät stehen, glaube ich den mythischen Ausdruck gebrauchen
+zu dürfen: Gott schuf die Kreatur. Luther sagte gewöhnlich Kreatur, um die
+gesamte Erscheinung, den gesamten Nicht-Gott zu bezeichnen; wir sind
+gewohnt, von Stoff, Schöpfung, Welt zu sprechen. Nehmen wir das Bewußtsein
+als Standpunkt, so sagen wir nicht, Gott schuf die Welt, um etwas zu haben,
+worauf er wirken könne, sondern um sich zu erkennen, um seiner bewußt zu
+werden. Auch dies ist wieder mythisch ausgedrückt, da ja Gott natürlich
+nichts fehlt, und wir ihn uns als von jeher so gut selbstbewußt wie
+unbewußt vorstellen müssen. Wir können aber die Tatsache, daß man zugleich
+nichtbewußt und selbstbewußt sein kann, mit dem Verstande nicht fassen,
+obwohl wir sie fühlen können, da wir sie an uns selbst erfahren. Und dabei
+will ich gleich bemerken, daß wir immer von uns auf Gott und von Gott auf
+uns schließen können, was mir, als ich zuerst darauf kam, einen
+geheimnisvollen und fast schauerlichen Eindruck machte. Doch ist es
+durchaus nicht merkwürdig, sondern folgt mit Notwendigkeit daraus, daß Gott
+uns zu seinem Bilde schuf, um sich in uns zu erkennen.
+
+Gott schuf das Abbild seiner selbst, seinen Sohn, ihm zum Ebenbilde, sich
+ganz gleich, Christus, den Erstling seiner Kreatur. Aber als er erschaffen
+war, schlief er; er war ganz Stoff, ganz Passivität, ganz unbewußt. Wie
+sollte sich Gott, die pure Kraft, im puren Stoff erkennen? Der Schläfer
+mußte die Augen öffnen, damit Gott hineinsehen könne. Um ihn sehend zu
+machen, nahm Gott mit ihm dasselbe vor, was er mit sich vorgenommen hatte,
+um selbst bewußt zu werden: er spaltete ihn in zwei, das heißt: er machte
+aus dem ganzen Menschen, der Christus hätte sein sollen, das Menschenpaar,
+Adam und Eva, den aktiven Mann und das passive Weib. Mit dieser Teilung
+oder Polarisierung, die durch die gesamte Schöpfung geht, entstand noch
+etwas, nämlich die Schlange oder der Teufel. Gott konnte sich nur in einer
+Kraft selbst erkennen, das ist klar; denn die Kraft oder Aktivität ist ja
+sein Wesen; diese Kraft mußte aber von ihm unterschieden sein, denn sonst
+wäre sie ja mit ihm selbst eins, und der Zweck des Sicherkennens könnte
+nicht erzielt werden. Ein Sein oder eine Kraft aber, die nicht Gott ist
+oder sein darf, muß Gott entgegengesetzt sein, sozusagen ein Gegengott;
+denn er ist ja aus Gott, hat aber die Aufgabe, nicht Gott selbst zu sein.
+Ich finde, man stellt sich das am besten vor, wenn man sich Gott als einen
+Strahl denkt, der sich durch irgendeine Materie hemmt und spiegelt, gegen
+sich selbst umbiegt; noch besser als Sonne, deren unendliche Strahlen vom
+unendlichen Stoffe zurückgeworfen werden. Dieser abgeleitete oder
+reflektierte Strahl ist Gott und Teufel, Gott insofern er aus Gott,
+göttliche Kraft ist, Teufel insofern er sich für Gott selbst hält und
+dadurch Usurpator, Rebell, Gegengott wird.
+
+Die Selbstsucht im allereigentlichsten Sinn, die Sucht, alles auf sich zu
+beziehen, sein Ich, das in Wirklichkeit nur Mittelpunkt einer Einzelheit
+und Trabant des All-Mittelpunktes ist, für einen selbständigen Mittelpunkt
+zu halten, diese Selbstsucht ist es, was in der Bibel und bei Luther der
+Teufel oder das Böse genannt wird. Das Böse soll nicht sein, aber es muß
+sein, damit Gott sich selbst erkennen, oder, wenn du lieber willst, damit
+Leben sein kann. Gott ist ein Gott des Lebens, heißt es in der Bibel, Gott
+hat Lust zum Leben. Ohne Gegensatz aber, ohne die zwischen zwei
+entgegengesetzten Polen entstehende Spannung ist kein Leben denkbar: ohne
+das menschliche Ich wäre nur Allsein, das gleichbedeutend mit Nichtsein
+ist.
+
+Du könntest die Notwendigkeit des Teufels oder des Bösen mythisch auch so
+erklären: die pure Aktivität müßte notwendigerweise die pure Passivität
+zerstören; die Aktivität muß sich also eine Hemmung, einen Widerstand
+setzen, damit der Stoff, den sie braucht, um zu wirken, nicht verzehrt
+wird. Diese Hemmung gibt sich Gott, indem er dem Stoff Odem einbläst, ihm
+einen Teil seines Wesens, seiner Kraft gibt, die er selbständig für sich
+benutzen nicht nur darf, sondern sogar muß, damit Gott nicht nur eine
+zerstörende, sondern zugleich eine schaffende Kraft ist. Wir haben also den
+merkwürdigen Fall, daß der Teufel, die menschliche Ichsucht, da sein muß,
+damit Gott kein Teufel ist.
+
+Mißverstehe mich aber bitte nicht so, als hätte ich gesagt, der Mensch,
+oder die aktive Kraft des Menschen, und der Teufel wären ein und dasselbe.
+Die Kraft ist ja ihrem Wesen nach göttlich; teuflisch ist nur der Irrtum
+des Menschen, seine Einzelkraft für Gott selbst zu halten. Gott liebt die
+Welt, weil er weiß, daß sie aus ihm und in ihm ist: Liebe ist Bewußtsein
+der Zusammengehörigkeit. Solange der Mensch dies Bewußtsein, daß alle
+erscheinenden Kräfte Ausstrahlungen der göttlichen Kraft sind, nicht hat,
+sondern seine Kraft für den Mittelpunkt hält, ist er dem Teufel
+verknechtet. Der Teufel ist also nur etwas Negatives, ein Irrtum, ein
+Mangel an Erkenntnis, und kann deshalb nicht selbst als Person im Fleisch
+erscheinen. Er ist nur bei der Erschaffung der Welt mit entstanden, wie der
+Schatten eine Begleiterscheinung von Licht und Körper ist.
+
+Mit der Körperwelt, die ausgedehnt ist und im Raum erscheint, ist der Kampf
+ums Dasein gegeben. Seiner göttlichen Art nach muß jedes Wesen überall und
+immer sein wollen, was nur im Sein, nicht aber in der Außenwelt bei der
+Undurchdringlichkeit der Körper sein kann. Leicht beieinander wohnen die
+Gedanken, doch hart im Raume stoßen sich die Sachen, heißt es bei Schiller.
+Durch die Undurchdringlichkeit der Körperwelt, dadurch, daß sie das Licht
+nicht durchläßt, das heißt eben dadurch, daß sie auch Stoff und nicht nur
+Kraft ist, entsteht der Schatten. Der Schatten steht zum Lichte in einem
+gegensätzlichen Verhältnis, indem der Schatten wächst, wenn das Licht
+abnimmt, und umgekehrt. Wäre kein Schatten, wäre lauter Licht, es wäre dann
+aber auch nichts Einzelnes, das heißt nichts. Dasselbe läßt sich vom Teufel
+sagen: er ist nicht seiend und nicht erscheinend, er hat keinen Körper, ist
+aber von der körperlichen Welt unzertrennlich. Luther nennt den Teufel
+häufig den Affen Gottes, insofern alles, was der selbstbewußte Mensch denkt
+und tut, eine Nachahmung göttlichen Denkens und Tuns ist, oder insofern der
+selbstbewußt gewordene Mensch das mit Absicht ausführt, was der instinktive
+Mensch unbewußt tut.
+
+Der wesentlich aktive, selbstische, alles auf sich beziehende Mensch ist
+der Mann. Es würde, da es unzählig viele Ichs gibt, ein beständiger Krieg
+aller gegen alle herrschen, wenn der Mann nicht in sich und außer sich eine
+passive Hälfte hätte; die passive Hälfte, die er außer sich hat, ist das
+Weib. Daß das Weib, wesentlich Stoff, Gott zugehört, ist schon daraus
+ersichtlich, daß er durch sie, ohne Mitbetätigung ihres bewußten Willens,
+Menschen schafft; das Weib gestaltet unwillkürlich im Stoffe. Aus der
+Schöpfungsgeschichte weißt du, daß die Schlange Eva, nicht Adam verführte;
+denn sie, die mit Gott Verbundene, mußte fallen, wenn Gott gestürzt werden
+sollte, und ihre Schwäche bot auch einen Angriffspunkt. Als Stoff gut,
+selbstlos, deshalb aber auch unendlich verführbar, gab sich Eva wirklich
+dem Gegengott hin, was die Fortpflanzung, die Entwickelung, das Leben erst
+möglich machte. Das Weib liebt nicht Gott, die Güte, sondern den
+Selbstsüchtigen, der sie leiden macht, weil er nur sich selbst lieben kann.
+Durch das Leiden kommt sie, weil Leiden bewußt macht, zur Erkenntnis ihres
+Herrn und stellt die Verbindung zwischen der Welt und Gott wieder her. Die
+Bestimmung der Frau ist, die selbstische, verteufelte Welt mit Gott zu
+verbinden, der Genius und Schutzgeist des Mannes zu sein, wie auch in Sage
+und Geschichte die Frau als diejenige auftritt, die den Mann zu großen
+Taten anregt, ihm gegenüber die göttlichen Gedanken vertritt. Oft
+allerdings, wenn sie mehr ihm als Gott dient, vertritt sie auch seine
+teuflischen Gedanken, wovon Lady Macbeth ein Beispiel ist. Heute ist die
+Frau nicht mehr der Genius des Mannes, weder im Guten noch im Bösen, weil
+keine Nachfrage mehr nach solchen Frauen ist. Der heutige Mann, ganz
+weltlich, will nur ebensolche Frauen, oder, schwankend zwischen Welt und
+Gott, will er sie entweder moralisch oder was man erotisch nennt; den
+reinen Atem der göttlichen Natur fühlt er nicht oder er ist ihm zu stark,
+der nur abwechselnd gereizt und in Ordnung gehalten werden will.
+
+Nun aber hat der Mann auch eine passive Hälfte in sich, wie ihrerseits die
+Frau auch eine aktive Seite hat. Der bloß aktive Mann wäre ein Teufel,
+etwas nicht Existierendes, die bloß passive Frau wäre purer Stoff, was es
+ebensowenig gibt. Ganz ohne inneren Gegensatz lebt nichts. Jeder Mann ist
+auch durch sich selbst mit Gott verbunden, in sehr wechselnden Graden, jede
+Frau ebenso durch sich selbst mit der Welt. Der Mann im eigentlichen Sinne
+aber, seinem Wesen nach, ist aktiv, persönlich, selbstisch, teuflisch, wie
+die Frau ihrem Wesen nach passiv, unpersönlich, unselbständig, Gott
+angehörig. Insofern jedoch steht der Mann seinem Wesen nach Gott näher, als
+er Kraft ist. Es ist wohl eine Entschuldigung, zugleich aber das
+Verdammungsurteil der Frau, daß, wenn sie böse ist, die Ursache immer Liebe
+zu einem Manne ist; denn das zeigt ihre stoffliche Natur an. Daraus ist zu
+erklären, daß alte Theologen der Frau die Fähigkeit absprachen, in den
+Himmel zu kommen. Indessen sagte Luther, obwohl sonst so gut paulinisch:
+»Wenn aber kein Mann predigt, so wäre vonnöten, daß die Weiber predigen.«
+Er fühlte, daß Mann und Frau bestimmt sind, alle Stufen der Entwickelung
+durchzumachen, in der Weise, daß der Mann seine passive, die Frau ihre
+aktive Seite auszubilden hat. Offenbar wird das der Frau sehr schwer, da
+sie trotz der unsäglichen Leiden, die aus ihrer Passivität fließen, immer
+wieder in dieselbe zurücksinkt.
+
+Ich bewundere das an Luther, daß er, der das Teuflische in sich und außer
+sich so leidenschaftlich bekämpfte, doch die Notwendigkeit, ich möchte
+sagen die Würde des Teufels erkannte. Er sagt von sich selbst, daß er ohne
+den inneren Widersprecher, den Teufel, nie zu seiner Theologie gekommen
+wäre, und gelegentlich auch, daß die Anfechtungen Gott lieb wären, wenn sie
+zur wahren Erkenntnis führten. Es ist der Fehler vieler sogenannten
+Frommen, daß sie den Teufel aus der Welt schaffen wollen und von einem
+Himmel träumen, wo lauter Güte und Frieden sein soll. Dadurch verleiden sie
+Christentum, Religion und Frömmigkeit; denn jeder Mensch, wenigstens jeder
+naive Mensch, hat den Instinkt, den ewigen Sonntag und Engelsgesang
+unerträglich langweilig zu finden. Luther vergaß nie, daß der Teufel ein
+Fürst und von Gott zugelassen, ja auch in Gott ist; seinen Gegnern
+gegenüber betont er und belegt mit biblischen Beweisstellen, daß Gott auch
+in der Hölle gegenwärtig zu denken ist. An diese Notwendigkeit des
+Gegensatzes denken diejenigen von Luthers Anhängern nicht, die ihrer
+Verehrung gelegentliche Worte des Bedauerns über die vermeintlichen
+Schattenseiten seines Charakters glauben hinzufügen zu müssen, über seinen
+Stolz, seine Heftigkeit, seine Kampflust, seinen Starrsinn. Ja, wäre er ein
+Engel im landläufigen Verstande gewesen, so wäre er kein großer Mann
+gewesen. Es gibt Menschen, die behaupten, eine ganz einfache Frau oder ein
+Kind, womöglich ein Negerkind, wäre ein größeres Genie als zum Beispiel
+Beethoven -- Leute, die an Entkräftung leiden und sich darum nach der Gott
+vermittelnden Passivität zurücksehnen. Natürlich kann man niemand hindern,
+bloßen Instinkt Genie zu nennen, nur wird sich der Betreffende dann mit der
+Mehrzahl der Menschen schwerlich verständigen, die unter Genie wesentlich
+die schaffende Kraft verstehen. Und dazu gehört eben beides: auch maßloses
+Sichselbstwollen und Sichselbstbekennen, der Teufel. Luzifer, der erste
+Rebell, war der schönste unter den Engeln; Adler und Löwen sind göttliche
+Geschöpfe, obwohl sie Lämmer zerreißen, weiße, unschuldige Tiere. Man kann
+als psychologisches Axiom aufstellen, daß ein Wesen desto größer ist, je
+größere Gegensätze es umfaßt. Das gerade ist die unsägliche Herrlichkeit
+Gottes, daß er den Teufel in sich begreift. Er spaltete sich in positive
+und negative Kraft, um in der Überwindung der zwischen diesen
+entgegengesetzten Kräften entstehenden Spannung Leben zu schaffen.
+
+Macht es dir als Mann Vergnügen, daß ich die Domäne des Mannes feiere? Ach,
+die modernen Männer haben wenig Ursache, sich des Teufels zu rühmen: seine
+Zeit ist um. Das Flämmchen, das unter seinen Füßen knistert, langt gerade
+noch, um ein Mädchenherz oder eine Zigarre damit zu entzünden, die
+Hauptmasse des Feuers treibt Fabriken. Ich weiß nicht, wie weit das auf
+dich paßt; aber ich bilde mir ein, du habest auch lechzende Zungen
+eingemauert. Wäre nicht eine verheerende Feuersbrunst schöner gewesen?
+
+Die Leute haben sich stets am Übel in der Welt gestoßen, haben Gott gern
+das Böse zum Vorwurf gemacht, haben gemeint, sie, als Gott, würden eine
+Welt ohne Teufel schaffen; nun werden ihnen alle diese Rätsel durch das
+Aussterben des Teufels erklärt. Es wird ihnen klar werden, daß, wenn der
+Teufel stirbt, zugleich auch Gott stirbt, für uns wenigstens, denen er sich
+in der Welt offenbarte. Das Verschwinden der Schatten zeigt an, daß die
+Sonne untergegangen ist; sie ist nicht tot, aber wir sehen sie nicht mehr,
+bei uns ist Nacht. Nun würden wir sie auch mit den Fackeln des Nero licht
+machen.
+
+Ein Werk wie Burckhards Kultur der Renaissance und eine Erscheinung wie
+Nietzsche sind der Schrei der Menschheit nach dem Teufel, der ebenso
+berechtigt ist wie der Schrei nach dem Kinde. Nur lassen weder Kind noch
+Teufel sich willkürlich hervorbringen, und wenn ich daran denke, wie viele
+junge Leute sich bengalisch beleuchten, um den Anschein von Hölle zu
+erzielen, so überläuft mich ein Grauen vor möglichen Mißverständnissen. Es
+gebärdeten sich ja zu Nietzsches Zeit viele als blonde Bestien, die nicht
+Tierheit genug zu einem einfältigen Meerschweinchen in sich hatten. Aber
+du, Geliebter, wirst keinen Verein für Sünder gründen, noch für dich allein
+Mustersünden im Treibhaus züchten, insofern kann ich mich auf dich
+verlassen. Luzifer verachtet ja den dummen und den bösen Teufel, seine
+Vorläufer; ich zürne ihm um so mehr, als er eben, unwillkommenes Licht
+bringend, am Himmel aufgeht und die Nacht, wo du mir zuhörst, beendet.
+
+
+
+
+VI
+
+
+Geliebter Freund und gefürchteter vernünftiger Tadler, du sagst, ich hätte
+anstatt von Gott, vom Teufel gesprochen, und ich leugne das nicht, vielmehr
+freue ich mich darüber. Es kam zufällig und war tiefsinnig: das Wort Teufel
+hat die Wurzel #dev#, was im englischen Worte #devil# noch deutlich zu
+erkennen ist, und #dev# bezeichnet das Göttliche. Ich will nun aber zum
+Anfang meines vorigen Briefes zurückkehren, wo ich sagte, daß Gott in
+seiner Majestät unzugänglich sei, daß er sich aber nach christlicher Lehre
+den Menschen offenbare, und zwar ganz und gar, nichts zurückbehaltend. #Non
+est opertum quod non reveletur#: es ist nichts verborgen, das nicht
+offenbart werde. Und zwar offenbart sich Gott dreifach.
+
+Unpersönlich in der ganzen Schöpfung als bildende Kraft oder Natur.
+
+Persönlich in der Menschheit als tätige Kraft oder Liebe.
+
+Überpersönlich in der Menschheit als erkennende Kraft oder Geist.
+
+Er offenbart sich auf diesem dreifachen Wege nicht nur nacheinander,
+sondern auch nebeneinander, so daß er immer und überall zugleich in der
+Natur und in der Menschheit da ist.
+
+Der Gott, der sich in der Schöpfung als bildende Kraft offenbart, ist der
+Gottvater unseres Katechismus. Er war in der Antike der Gott, »der da
+wachsen läßt«, eine Idee, die in der Sprachwurzel +phy+ ausgedrückt war,
+von welcher das Wort Physis und eine Reihe bekannter Zusammensetzungen
+stammen. Zunächst können wir sagen, daß Gottvater alles hat wachsen lassen,
+was des Menschen Hand nicht gemacht hat: Sterne, Berge, Menschen, Blumen,
+die gesamte Schöpfung oder Natur. Diesen Gottvater, den allmächtigen
+Schöpfer Himmels und der Erden, preist Luther in wundervoller
+Bildersprache, die sich an die des Alten Testamentes anschließt. Er ist das
+Allerinwendigste und Allerauswendigste von allem, was erscheint, das, was
+unablässig wirkt im kleinsten Blatt am Baume wie in den Sternen uns zu
+Häupten. Er ist der im Innern der Welt verborgene Künstler, der nach dem
+schönen Ausdrucke Dürers voller Figur ist.
+
+In den Tischgesprächen träumt Luther einmal davon, daß der Mensch nicht
+eine einzige lebendige Rose selbst machen könne. Man hätte darauf antworten
+können, daß sie sich selbst macht. Es ist niemand, der die Rose oder der
+unseren Körper von außen machte, zusammensetzte, sondern sie wachsen von
+innen. Insofern können wir sagen, daß wir uns selbst machen, nur daß wir es
+nicht mit bewußten Willenskräften tun, sondern mit jener instinktiven
+Kraft, die nicht von unserem Willen abhängt; diese nennen wir eben Gott.
+»Doch innen im Marke lebt die schaffende Gewalt«, heißt es bei Schiller.
+»Es ist der Geist, der sich den Körper baut.« Es ist deshalb, nebenbei
+bemerkt, nicht anders möglich, als daß das Äußere das Innere offenbart.
+
+Gottvater gestaltet nun aber nicht nur unmittelbar in uns, sondern auch
+mittelbar durch die Kreatur. Er bildet Höhlen und Nester durch Tiere und
+Kunstwerke durch die Hand des Künstlers. Nicht alle menschlichen Hände
+wählt er sich, es sind besondere, eben Künstlerhände. Die Menschen der
+Gestaltungskraft sind vorwiegend instinktiv, naiv, unbewußt, Menschen der
+ersten Stufe, wesentlich die vorchristliche Menschheit. Die vorchristliche
+Menschheit war wesentlich voll Figur, plastisch, sie hat die Fülle der
+Formen geschaffen, mit denen wir jetzt noch hantieren. Die vorchristliche
+Menschheit erinnert an die sogenannten vorsündflutlichen Tiere; neue Arten
+sind nachher nicht mehr erschienen.
+
+Auch in der nachchristlichen Menschheit wirkt der gestaltende Gott, aber im
+Gegensatz zu der an sich positiven, aber in bezug auf ihn negativen
+menschlichen Kraft, man kann der Kürze halber auch sagen: im Gegensatz zum
+Teufel. Zunächst ist es das Chaos, der formlose Stoff, die unterste Stufe
+des Teuflischen, das sich dem Geformtwerden widersetzt. Den passiven Trieb
+der Natur, sich der Form zu widersetzen, die Form aufzulösen, drückt Goethe
+mit den Worten aus: »Die Natur hängt immer zum Verwildern hin«, den aktiven
+Schiller: »Die Elemente hassen das Gebild der Menschenhand.« Der
+Widerstand, den Chaos und Elemente fortwährend dem göttlichen Bilden
+entgegensetzen, läßt die natürliche Form in der Kunst entstehen; die reine
+göttliche Form macht der Mensch durch Abstraktion aus der Natur, sie ist
+nirgends wirklich, so wenig wie Gott an sich oder Geist an sich wirklich
+ist. Man hat die krumme Linie die Linie des Lebens genannt; sie entsteht
+durch die Ablenkung, die die reine göttliche Linie durch den Widerstand des
+chaotischen Triebes erfährt, und man könnte sie besser die Linie der Natur
+nennen. In der Kunst ist sie für die instinktive, volkstümliche Kunst im
+Gegensatz zur idealen, persönlichen charakteristisch. Man kann den Begriff
+des instinktiven Schaffens bestimmen als ein solches, bei welchem dem
+Bewußtsein kein Bild vorschwebt, sondern das im Maße, wie es sich auswirkt,
+als werdendes Bild erscheint. Die instinktiv geschaffenen Werke sind
+deshalb auch als Fragmente ein Ganzes. Die instinktive Kunst feiert ihre
+Triumphe in Werken, die von einer Gesamtheit ausgehen, in Städten, Domen,
+Epen zum Beispiel; wohl haften legendarische Namen an ihnen, aber sie
+können sich nur unter Mitwirkung vieler und in längerer Zeitdauer
+entwickeln.
+
+Je mehr das Selbstbewußtsein des Menschen sich entwickelt, desto mehr nimmt
+sein chaotischer Trieb ab; es setzt sich nun dem bildenden Gott die
+geformte Persönlichkeit entgegen. Das selbstbewußte künstlerische Schaffen
+ist ein solches, bei welchem dem Schaffenden eine Idee vorschwebt, und
+weil das so entstehende Werk seinem Wesen nach ein Ganzes ist, kann es auch
+nur als Ganzes, als vollendete Erscheinung genossen werden. Das aus dem
+Geiste einer Person geschaffene Kunstwerk ist ein in sich abgeschlossenes,
+nicht fragmentarisches. Nur die geistvolle Persönlichkeit kann das Chaos
+ersetzen.
+
+Jede antikisierende Kunstrichtung in nachchristlicher Zeit beruht auf
+erschlaffter Persönlichkeit und Ideenmangel. Mit antikisierender Richtung
+meine ich aber nicht die italienische Renaissance; denn diese war ein
+natürliches Wiederaufleben antiker Formen im selben oder nahverwandten
+Volke.
+
+Es ist unbegreiflich, wie man jemals verkennen konnte, daß Luther zwar
+nicht Gott und Natur gleichsetzte, aber klar erkannte, dass Gott sich in
+der Natur offenbart. Luther war ein leidenschaftlicher Gegner des
+Klosterlebens, darin mit den meisten seiner Zeitgenossen übereinstimmend.
+Es ist charakteristisch für ihn, daß er es nicht wie diese in erster Linie
+auf die Mängel in der Lebensführung der Mönche hin bekämpfte: er hätte
+wahrhaft aszetische Mönche mehr getadelt als unsittliche; sondern er ruhte
+nicht, bis er den Widerspruch in der Wurzel ihres Wesens bloßgelegt hatte,
+daß nämlich das Klosterleben nicht von Gott eingesetzt, sondern von
+Menschen erdacht ist, und deshalb nur in der Welt Wert haben könne, während
+es doch gerade vor Gott Wert zu haben behauptete. Er wies im einzelnen
+nach, daß Gehorsam, Armut und Keuschheit ohnehin Gebote Gottes sind, und
+daß die Mönche sie als besondere Gebote nur deshalb errichtet haben, um die
+göttlichen zu umgehen; denn sie gehorchen einem besonderen Oberen, um sich
+dem allgemeinen Gehorsam zu entziehen, sie verzichten auf Einzelbesitz, um
+als ein von der Allgemeinheit abgesonderter Körper zu besitzen, sie
+geloben Keuschheit, um sich entweder ihren Begierden ungezügelt im
+Verborgenen hinzugeben, oder um natürliche Begierden gewaltsam zu
+unterdrücken. Er wies nach, daß Paulus zwar den angeborenen Trieb zur
+Keuschheit als eine göttliche, das heißt geistige Gabe gerühmt hat, daß die
+Heilige Schrift aber niemandem unbedingte Enthaltsamkeit aufzwingen will,
+nur Keuschheit innerhalb der Ehe.
+
+Es ist die Bemerkung gemacht worden, der moderne Mensch erwarte, Luther
+werde den Beweis, daß Gott die Ehelosigkeit nicht geboten habe, aus der
+Natur führen, er habe aber, als ein Sohn seiner Zeit, das nicht getan,
+sondern sich nur auf die Bibel berufen. Das ist in der Tat nicht so,
+vielmehr sagt er: »Weil Gott Mann und Weib hat geschaffen, daß sie zusammen
+sollen, soll ich mir nicht vornehmen einen anderen Stand«, außer wenn, wie
+schon gesagt, die natürliche Neigung zum ehelosen Leben vorhanden ist. Nur
+»wider eingesetzte Natur« soll man nicht Jungfrau sein wollen. »Also sage
+ich auch hiervon, wir sind alle geschaffen, daß wir tun wie unsere Eltern,
+Kinder zeugen und nähren, das ist uns von Gott aufgelegt, geboten und
+eingepflanzt. Das beweisen die Gliedmaßen des Leibes und tägliches Fühlen
+und aller Welt Exempel.«
+
+Im allgemeinen bezieht sich Luther immer auf die Natur, indem er als gut
+und beglückend nur das will gelten lassen, was unser Herz, also die
+Vertretung des Göttlichen in uns, fordert. »Gott hat auch seine Richtschnur
+und Kanones«, sagt er in den Tischreden, »die heißen die zehen Gebote, die
+stehen in unserm Fleisch und Blut, und ist die Summa davon das, was du
+willst dir getan haben, das tue du einem andern auch.« Man solle überhaupt
+die zehn Gebote nicht deshalb halten, führt er an anderer Stelle aus, weil
+Moses sie gegeben habe, denn der Christ sei frei vom Judentum, sondern
+weil das natürliche Gesetz nirgends so fein und ordentlich verfaßt sei wie
+bei Moses. Einen Gott haben, sei nicht Moses Gesetz allein, sondern auch
+natürliches Gesetz, wie Paulus gesagt habe; auch die Heiden wüßten, daß ein
+Gott sei. Ebenso lehre auch das Naturgesetz das Gebot der Liebe, in welchem
+alle Gebote des Moses aufgingen: »Liebe deinen Nächsten als dich selbst.«
+»Sonst, wo es nicht natürlich im Herzen geschrieben stände, müßte man lange
+Gesetz lehren und predigen, ehe sichs das Gewissen annähme; es muß es auch
+bei sich selbst also finden und fühlen, es würde sonst niemand kein
+Gewissen machen. Wiewohl der Teufel die Herzen so verblendet und besitzt,
+daß sie solch Gesetz nicht allzeit fühlen.« Das natürliche Gesetz sei allen
+gemeinsam; daneben könnten die Völker ihre eigenen Ordnungen haben, wie die
+Sachsen den Sachsenspiegel, die aber nur dem betreffenden Volke, nicht
+allen Menschen verbindlich wären.
+
+Daß man den Sabbat oder Sonntag feiere, müsse man nicht tun, weil es Moses
+geboten habe, sondern weil die Natur lehre, daß Mensch und Vieh sich
+jezuweilen einen Tag erquicken müssen. In Krankheitsfällen rät er, entweder
+natürliche Arznei zu gebrauchen oder aus tiefem Herzen zu Gott zu beten;
+wieder das Natürliche dem Göttlichen gleichsetzend. Das Recht betreffend
+sagt er, ein gutes Urteil könne nicht aus Büchern gesprochen werden,
+sondern aus freiem Sinn daher, als wäre kein Buch. »Aber solch freies
+Urteil gibt die Liebe und natürliches Recht, des alle Vernunft voll ist.«
+Es sei eine Schande, sagt er, als er zur Gründung von Schulen ermahnt, daß
+man sich reizen lassen müsse, die Kinder und das Volk zu erziehen, da doch
+die Natur selbst einen dazu antriebe. So bezieht sich Luther häufig auf
+die Natur, als in der Gott sich offenbare, die aber vom Teufel verderbt
+sei. Dieser Umstand, daß die Natur und mit ihr das menschliche Herz, denn
+das ist ja Natur, nicht nur Gott, sondern auch dem Teufel offen ist, wird
+von den meisten Menschen nicht bedacht; gerade weil Luther so umfassend
+blickte, wurde und wird er mißverstanden. Es gibt viele, für die alles
+Natürliche schon göttlich und vorbildlich ist; andere, die das Natürliche
+dem Guten schlechthin entgegensetzen und der Natur entraten zu können
+glauben: Luther wollte sie gereinigt, aber als Gott zugehörig geschont
+wissen. Durch das Wort erhalte die Natur, sagte er, keine neue Kraft,
+sondern werde in ihrer alten bestätigt; da demnach eine und dieselbe Kraft
+im Menschen ist, aus welcher Kraft sollte er leben, wenn diese zerstört
+wäre? Die »selbsterwählte Geistlichkeit und Unbarmherzigkeit über den
+eigenen Leib« ist ihm verhaßt, »daß wir uns selbst also ums Leben bringen,
+so doch Gott geboten hat, man sollte des Leibes pflegen und ihn nicht
+töten«. Kasteiung dürfe nur getrieben werden zur »Dämpfung der
+Unkeuschheit«, nicht bis zur »Verderbung der Natur«. »Wo aber dies Ziel
+übergangen wird, und die Fasten usw. höher getrieben sind, denn das Fleisch
+leiden kann oder zur Tötung der Lust not ist und damit die Natur verdorben,
+der Kopf zerbrochen wird, da halte ihm niemand vor, daß er gute Werke getan
+habe ... Er wird geachtet werden als einer, der sich selbst verwahrlost,
+und so viel an ihm ist, ist er sein eigener Mörder geworden. Denn der Leib
+ist nicht darum gegeben, ihm sein natürliches Leben oder Werk zu töten,
+sondern allein seinen Mutwillen zu töten.« Aus diesem Satze, daß
+Gerechtigkeit zwar geschehen müsse, aber nur soweit die Natur dabei
+erhalten bleiben könne, leitet Luther unter anderem ab, daß Aneignen
+fremden Gutes, um den Hunger zu stillen, nicht als Diebstahl betrachtet
+werden dürfe, wie in den Sprüchen Salomonis steht: »Wir sollen den Dieb
+nicht verachten, wenn er stiehlt, auf daß er satt werde, wenn ihn gehungert
+hat«, was auch nach unserem heutigen Gesetze Geltung hat. »Gott hat seine
+Gebote nicht gegeben, daß der Leib, die Habe oder die Seele umkommen,
+sondern daß dies in seinen Geboten vor Schaden bewahrt werde. Darum sind
+sie immer so zu verstehen, daß du gleichzeitig nicht vergissest, daß Gott
+den Leib geschaffen habe, die Seele und den Geist, und daß er will, du
+sollst dich darum bekümmern, auf daß, wenn eines davon in Gefahr kommt, du
+nun wissest, daß seine Gebote nicht mehr Gebote sind.« Welche Kühnheit in
+diesen Gedanken, die ungeheure Folgerungen einschließen! Luther deutet sie
+selbst an in den Worten: »In der Not sind alle Güter gemeinsam.« Du weißt,
+mit welcher Härte er den aufrührerischen Bauern entgegentrat, und wie er
+überhaupt jede gewaltsame Auflehnung gegen die Obrigkeit, sei sie auch noch
+so ungerecht, verurteilte. Doch, sagte er, treibe sie es allzu arg, werde
+Gott einschreiten. Es können Fälle eintreten, wo Gottes Gebote nicht mehr
+Gebote sind, wo Krieg oder Revolution notwendig werden; aber kein einzelner
+darf das machen, kein Grund, den ein einzelner beibringen könnte, würde es
+rechtfertigen, sondern die Not muß es bringen, die Natur, durch die Gott
+seinen allmächtigen, unwidersprechlichen Willen verkündigt, wenn der Mensch
+entartet, vom göttlichen Geiste zu weit abgewichen ist. Es gibt
+geschichtliche Ereignisse, die mit der Unabwendbarkeit von Naturereignissen
+eintreten, weil die menschliche Willkür so überhandgenommen hat, daß die
+Natur unter Menschenwerk ersticken würde, wenn sie es nicht verschlänge.
+Solche geschichtlichen Naturereignisse nennen religiöse Menschen mit Recht
+Strafgerichte Gottes; sie sind nicht an sich gut, aber infolge menschlicher
+Verirrung notwendig, von Gott gewollt, um die Natur vor gänzlicher
+Verderbung zu retten. Schiller vergleicht die Empörung der Natur mit dem
+angeketteten Löwen, der »des numidischen Walds plötzlich und schrecklich
+gedenkt«. Er hat diese Idee in seinem Tell ausgeführt und insbesondere in
+die bekannten Worte gefaßt: »Nein, eine Grenze hat Tyrannenmacht« und »Gott
+hilft nur dann, wenn Menschen nicht mehr helfen«. Es ist durchaus
+lutherisch gedacht, daß die Revolution nicht von Tell, sondern vom Volke
+ausgeht, dessen Gesamtwillen er nur in einer Tat vollzieht, die ihm die
+Notwendigkeit im Verein mit dem Zufall, Gott in der Natur, aufzwingt.
+
+Niemals erscheint Luther als grämlicher Gegner der Lebenslust, sondern er
+ermuntert zur Freude. Er erinnert daran, daß Christus selbst auf der
+Hochzeit erschien und Wasser in Wein verwandelte, und er wiederholt die
+schönen Worte des Predigers: »Gehe hin fröhlich, iß und trink und wisse,
+daß dein Werk Gott wohlgefalle. Allezeit laß dein Kleid weiß sein und das
+Öl deinem Haupte nimmer gebrechen. Genieße dein Leben mit dem Weibe, das du
+lieb hast, an allen Tagen deiner unstetigen Zeit, die dir gegeben sind.«
+Das allerdings ist die Bedingung, zu wissen, daß das Werk Gott wohlgefalle:
+wer ohne inneren Frieden genießt, dem ist es Unrecht.
+
+Was für Beschimpfungen und Verdächtigungen hat Luther während seines Lebens
+und nach seinem Tode über sich ergehen lassen müssen, weil er die Natur
+heilig hielt. Es ist eigentümlich, daß den Menschen eine Art Wut innewohnt
+gegen alle, die Gott und Natur in eins fassen; es ist doch wieder am
+begreiflichsten, wenn man sagt, daß es der Teufel ist, der die Natur Gott
+entreißen und für sich haben will. Sollte einer, den Lorbeer krönt, auch
+Rosen tragen dürfen? Was wird aus den Festen der Welt, wenn die Magdalenen
+zu Christus Füßen liegen? Weil Luthers Lebenswandel keine Angriffspunkte im
+Sinne der Welt bot, warf man ihm vor, daß er seine Frau aus Liebe
+geheiratet habe; andere wieder finden, es sei nicht friedlich und
+salbungsvoll genug in seiner Ehe zugegangen; kurz, man ärgert sich so
+darüber, daß er von Fleisch und Blut war, wie die Zwinglianer sich
+ärgerten, daß der Leib des Herrn im Brot und Wein sein sollte.
+
+
+
+
+VII
+
+
+Ich erhielt eine Karte, auf welcher nichts weiter stand als dies: Du mußt
+nicht immer alles auf einmal sagen wollen. Aus deiner Handschrift schließe
+ich wohl nicht mit Unrecht auf dich als Urheber und antworte dir, daß das
+schwer zu vermeiden ist, wenn man vom All spricht. Die Leute, die immer nur
+von Einzelheiten reden, haben es leicht. Ich weiß, wie das ganze Mammut
+aussehen muß; wenn es mit der Zusammensetzung der einzelnen Knochen hapert,
+so hilf mir oder nimm es nicht so wichtig. Darin hast du freilich recht,
+daß es uns nicht eilt: die herbstlichen Nächte sind lang, und meinen König
+schläfert nicht.
+
+An Gott wolle jeder glauben, sagte Luther, auch die Heiden taten es; aber
+das wollten sie nicht glauben, daß Gott sich um die Menschen bekümmere. Da
+der Denkende auf eine letzte Ursache aller Erscheinungen stößt, so ist er
+an Gott zu glauben sogar gezwungen, wie es in der Bibel heißt: Die Toren
+sprechen in ihrem Herzen: es ist kein Gott. Ein solcher Epikureer bist du
+vermutlich auch, wie Luther diejenigen nannte, die den fleischgewordenen
+Gott ablehnten. Daß Gott Mensch wird, ist im Grunde kein anderes Problem,
+als daß das Sein überhaupt wird; und so müßte der, welcher glaubt, daß
+Gott sich in der unbewußten Natur offenbart, auch glauben können, daß er
+Mensch wird. Wie dem aber auch sei, das Wunder der Menschwerdung Gottes ist
+uns das Wunderbarste, und schon alte Kirchenlehrer meinten, es müsse heißen
+#verbum caro facta est#, nicht #factum est#, da das Werden sich nur auf das
+Fleisch, nicht auf das Wort beziehen könne.
+
+Ich habe dir kürzlich davon erzählt, daß der reifende Geist der Griechen
+allmählich anfing, die Welt als Einheit zu erfassen, und im Maße, wie er
+das tat, erlosch der Glaube an die persönlichen Götter. Schon ziemlich früh
+taucht die Idee des Einen Gottes auf: so rief man zum Beispiel bei Gebeten
+sämtliche Götter an und war sehr besorgt, keinen auszulassen; oder man
+setzte mehreren Hauptgöttern einen gemeinsamen Altar, ja man schmolz alle
+Götter schon in den einen Namen des Pantheos zusammen. Paulus fand in
+Athen, wie er in seiner wundervollen Rede sagt, einen Altar, auf dem
+geschrieben stand: Dem unbekannten Gotte. »Nun verkündige ich euch
+denselbigen, dem ihr unwissend Gottesdienst tut«, sagte er zu den Griechen.
+Es erscheint zuerst sonderbar, daß der griechische Geist so weit kam, zu
+erkennen, daß Ein Gott sei, der da wirke alles in allem, daß aber dieser
+Eine Gott trotz aller Beschwörungen nicht erschien, sondern der Unbekannte
+blieb. Es hatten sich einst unzählige Augenblicksgötter zu persönlichen
+Göttern verdichtet; man sollte meinen, einer derselben, Zeus etwa oder
+Apollo, hätte nun seinerseits alle andern besiegen und als der gesuchte
+Eine Gott hervortreten können. Das ging indessen deshalb nicht, weil dies
+nicht Augenblicksgötter, Begriffsgötter, sondern persönliche Götter waren,
+und das Persönliche ist unteilbar, kann nicht in einer anderen Person
+aufgehen. Es mußte ein anderer, Mächtigerer kommen, um die Olympier vom
+Throne zu stoßen. Jehova hätte das nicht sein können, der nur ein
+persönlicher Gott mehr in der Götterrepublik war, und dasselbe war mit
+jedem andern Gotte irgendeines andern Volkes der Fall. Man kann sagen, die
+Idee des _einen_, unendlichen, allumfassenden Gottes sei zu ungeheuer
+gewesen, um im menschlichen Geiste Person zu werden. Das Unlösbare wurde
+gelöst durch ein Wunder: die Idee personifizierte sich nicht im
+menschlichen Geiste, sondern sie erschien im Fleisch als Jesus Christus. In
+dem Gottmenschen konnten alle Göttervorstellungen aufgehen.
+
+Was geschah, kann man auch so ausdrücken: Der menschliche Geist war zu der
+Erkenntnis gereift, daß das Herz der Menschheit zugleich das Herz Gottes
+ist; daß die Menschheit, die die ganze Natur vertritt und ihrerseits durch
+Christus vertreten wird, Gott verwirklicht. Nachdem der menschliche Geist
+lange Zeit Götter hervorgebracht hatte, tat er nun den ungeheuren, den
+letzten Schritt in seiner Entwickelung, sich selbst als Gott zu erkennen.
+Diese Wahrheit wurde als frohe Botschaft verkündet und erfüllte die
+Verkündiger selbst mit überirdischer Seligkeit. Dies, daß Gott Mensch
+geworden, daß ein Mensch Gott war. Daß aber tatsächlich gerade diese Lehre
+so viel Widerstreben findet, hat meiner Ansicht nach folgende Gründe, die
+Luther ohne weiteres und ganz richtig teuflisch nennen würde, da es Gründe
+der Selbst-Sucht sind. Wäre Gott irgendein weltlicher Fürst gewesen, so
+wäre das eine Göttlichkeit gewesen, nach der man hätte streben können; aber
+Christus bekehrte die Sünder und heilte Kranke und erweckte die Toten; das
+sind Gaben, die nur die Gnade verleihen kann. Ferner: jeder Mensch,
+wenigstens jeder Mann, hat und muß die Neigung haben, sich selbst als Gott
+zu setzen; es ist ihm deshalb unerträglich, daß ein Mensch schon Gott ist,
+und daß er selbst Gott nur sein kann, soweit er sich mit diesem
+Gottmenschen eins macht. Das bloße Dasein Christi, falls man ihn als Gott
+anerkennt, macht von vornherein jeden selbstischen Entwurf des Gottseins
+zur Lüge, zum Irrtum; aus diesem Grunde fühlen sich viele Männer instinktiv
+im Widerspruch zu Christus.
+
+Dazu kommt etwas anderes. Der menschliche Geist nimmt die Welt anfangs in
+Einzelbildern auf, die sich allmählich zu persönlichen Göttern verdichten.
+Diese Götter wohnen nicht im Fleisch auf der Erde, sondern im menschlichen
+Geiste, welche unsichtbare Wohnung die Menschen selbst als Olymp, Walhalla,
+Himmel bezeichnen. Daß Götter nicht im Fleisch auf Erden, sondern im Himmel
+sind, hat sich dem menschlichen Bewußtsein als Tatsache eingeprägt; die
+meisten Menschen sind sich durchaus nicht bewußt, daß dieser Himmel ihr
+eigener Geist ist, sondern verlegen ihn an irgendeinen unauffindbaren,
+außerirdischen und sogar außerweltlichen Ort. Sie suchen ihn auf den
+Sternen und über den Sternen; daß »der geheimnisvolle Weg nach innen
+führt«, darauf kommen die wenigsten, noch wenigere aber können es fassen,
+daß der Weg auch nach außen geht, daß die im Himmel Heimischen im Fleisch
+auf Erden wandeln sollen. Der Mensch begreift nicht, daß das Unsichtbare
+mitten im Sichtbaren, daß das Sichtbare ein Ausdruck des Unsichtbaren ist.
+Daß Ideen Marmor werden, begreift jeder; daß Ideen Fleisch werden, erlebt
+man täglich um sich her und glaubt es doch nicht. Daß Kinder geboren
+werden, sagt Luther, sei ein größeres Wunder, als daß Adam aus einem
+Erdenkloß erschaffen sei.
+
+Bevor ich auf das Persönlichwerden Gottes eingehe, möchte ich dir meinen
+Begriff der Person auseinandersetzen. Dabei kommt mir das ausgezeichnete
+Werk von Usener, das ich schon anführte, sehr zustatten; es bestätigt meine
+Auffassung durch Tatsachen, wie ich es mir nicht besser wünschen konnte.
+Ich sprach dir schon von den sogenannten Augenblicksgöttern kindlicher
+Völker, die dadurch entstehen, daß der Mensch die einzelnen Eindrücke, die
+das im Sichtbaren wirkende unsichtbare Nicht-Ich ihm macht, als Dämon
+erfaßt und benennt. Solange durch diese Namen die Idee noch durchscheint,
+bleiben sie unpersönliche Idee. Denke dir zum Beispiel, es gäbe
+Augenblicksgötter, die Arbeitsamkeit oder Überfluß hießen: es ist
+einleuchtend, daß sie uns niemals persönliche Götter werden könnten. Erst
+wenn im Laufe der Zeit das Wort durch allerlei Wandlungen, die es
+durchgemacht hat, unkenntlich geworden ist, so daß seine Bedeutung nicht
+mehr durchschimmert, kann es Eigenname werden, den ein einzelnes Ding für
+sich hat: dies Ding ist dann eine Person. Wenn du dich für Beispiele aus
+der Mythologie interessierst, verweise ich dich auf den schon genannten
+Usener. Übrigens erinnere ich dich an die unwillkürliche Abneigung, die man
+gegen Eigennamen hat, die etwas bedeuten, und an die Vorliebe für Namen
+fremder Sprache, bei denen die Bedeutung ganz ausgeschlossen ist. Die Namen
+Benvenuto, Desiderata, Reine haben Reiz für uns: Willkommen, Erwünschte,
+Königin wären unmöglich. Auch bei Geschlechtsnamen ziehen wir die
+bedeutungslosen den durchsichtigen wie Hinkefuß, Butterfaß, Rosenzweig usw.
+vor, wenn auch sehr viel gebrauchte Namen der Art mit der Zeit einen Klang
+für sich bekommen, der die Bedeutung übertönt. Der Name macht zur Person,
+vielmehr indem ein Ding einen Namen für sich bekommt, ist es auch ein Ding
+für sich, eine Person. Das Tier bekommt nur als Familie, Gattung, Art
+Namen, denn es ist keine Person; nur Tieren, die wir uns persönlich
+aneignen, geben wir auch einen Eigennamen. Die Substanz tritt, wenn der
+Eigenname oder die Person geworden ist, hinter dem Namen und der Person
+zurück; man kann auch sagen, der Eigenname oder die Person bindet die Idee.
+Wenn wir Flora oder Pomona sagen, so stellen wir uns zuerst Blumen oder
+Obst vor, sagen wir Diana oder Hermes, so stehen bestimmte persönliche
+Gestalten vor uns, die Ideen, die ihnen eigentlich den Ursprung gaben,
+deren Verdichtung sie sind, werden nun durch die Person vertreten.
+
+Diesem Vorgang der Verdichtung der Substanz im Geiste entsprechen genau
+ebensolche Vorgänge in der Wirklichkeit: #nobis res sociae verbis et verba
+rebus#, d. h. die Dinge sind den Worten gesellt und die Worte den Dingen.
+Denke bitte an die Theorie von der Entstehung der Gestirne: die Substanz,
+nenne sie nun Äther oder Urweltsnebel, verdichtet sich an einigen Punkten,
+es bilden sich Kerne, Mittelpunkte, um die herum die Substanz sich drehend
+schwingt, es entstehen runde Körper, um die herum durch Erstarrung der
+Substanz eine Kruste sich bildet; sie gehören nun nicht mehr der
+allgemeinen Substanz an, sondern sind Personen, Dinge für sich, Sterne mit
+Namen. Auch den Prozeß der Bildung der persönlichen Götter nennt Usener
+einen Erstarrungsprozeß. Jede Personbildung, geschehe sie im Geiste oder in
+der Wirklichkeit, ist eine Verdichtung und Erstarrung lebendiger Substanz.
+Die von der All-Substanz abgesonderte Substanz aber muß allmählich
+versiegen, woraus folgt, daß jede Person vergehen, sterben muß. Die
+Absonderung, also die Sünde, die der Person das Leben gibt, verurteilt sie
+zugleich zum Tode. Man hat so viel Tod in sich, wie man persönliches Leben
+in sich hat. Wie erschütternd klar wird von diesem Gesichtspunkt aus der
+Name der Bibel, das Testament: Gott, das ewige Wesen, verkündet, daß es
+Person werden und als solche sterben muß.
+
+Es ist nun selbstverständlich, daß im Laufe der Entwickelung einer Idee ein
+Augenblick kommen muß, wo der Kern, die verdichtete Kraft, das
+selbstbewußte Ich des Menschen, gerade so viel lebendige Substanz gebunden
+hat, daß Selbst und Substanz miteinander im Gleichgewicht sind. Dies ist
+offenbar der Höhepunkt der Person; im selben Augenblick, wo er erreicht
+ist, beginnt der Kern sich aufzulösen, er kann die Substanz nicht mehr
+binden, sie wird frei, und der Rückfall der Person an das All fängt an.
+Nimmst du die Menschheit als Person, so ist Christus der Höhepunkt der
+Menschheit; könntest du die Welt als Person nehmen, was du aber nicht
+kannst, da sie unendlich ist, das heißt nie erstarren und sterben kann, so
+wäre die Menschheit ihr Höhepunkt. Vielleicht darf man sagen, da die Welt
+unendlich ist, ist auch ihr Höhepunkt, die Menschheit, unendlich, woraus
+dann wieder folgte, daß auch Christus unendlich wäre, was er ja auch ist.
+Der Mythus drückte den Vorgang der Persönlichkeitsbildung so aus, daß er
+erzählt, Gott habe Adam seinen Odem eingeblasen; es ist das Teil göttliche
+Kraft, das der Mensch für sich bekommt, um damit auf seine Art göttlich zu
+werden. Es ist wie ein Wettbewerb um die Gottheit: ein jeder soll, mit dem
+Pfunde wuchernd, das er bekommen hat, einen Entwurf mit seinem Gepräge,
+seine Welt, vorlegen. Dabei aber entsteht ein Widerstreit: die Substanz hat
+die Neigung, Gott zu spiegeln, sie ist das Weib im Menschen, das Ich will
+sich selbst darstellen, das ist sein Wesen und seine Aufgabe. Die Heilige
+Schrift nennt diese Ich-Sucht teuflisch, und sie ist es ja auch, insofern
+sie eine Absonderung und die Ursache des Todes ist; aber, wie schon öfters
+gesagt, ist diese Sünde zugleich die Ursache des Lebens und von Gott
+gewollt, also in gewissem Sinne göttlich. Man kann diesen Widerstreit gut
+verfolgen, wenn man die Christusbilder in der Malerei betrachtet.
+Heutzutage gibt es Maler, die schlechtweg ihr Selbstbildnis als Christus
+ausgeben. Kein Maler der Vergangenheit hat das getan: wir sehen da immer
+ein Ringen der göttlichen und persönlichen Idee, und in einzelnen Fällen
+ist eine Verschmelzung gelungen, die der Vollkommenheit nahekommt. Wenn ein
+Ich von möglichst starker Eigenart, d. h. das sich von möglichst vielen
+Menschen unterscheidet, so viel göttliche Substanz bindet, umfaßt, daß
+möglichst viele Menschen sich darin wiedererkennen, so nennen wir eine
+solche Person ein Genie. Ein Genie ist ein Mensch, der zugleich unendlich
+viel will und unendlich viel kann. Das Wesen des Ich ist unendliches
+Wollen, das Wesen Gottes ist unendliches Können. »Ein guter Maler«, sagt
+Dürer, »ist inwendig voller Figur, und obs möglich wäre, daß er ewiglich
+lebte, so hätte er aus den inneren Ideen allweg etwas Neues durch das Werk
+auszugießen.« Sein Ich bindet Ideen, prägt sie und macht sie dadurch zu
+seinem Werk.
+
+Eine Person entsteht also dadurch, daß göttliche Kraft und Substanz durch
+eine selbstbewußte Einzelkraft gebunden und ihr zu eigen gemacht wird. Auch
+in den Tieren ist göttliche Kraft; aber das einzelne Tier kann sie nicht an
+sich binden, sondern es wird durch sie gebunden, sie geht durch das Tier
+hindurch.
+
+Man kann sich vorstellen, ein Vater gäbe jedem seiner Kinder eine Handvoll
+Wachs oder Lehm zum Spielen. Einige von den Kindern wünschten ihr Teil von
+dem der andern zu unterscheiden und drückten ihm deshalb ein Zeichen auf,
+woran sie es wiedererkennten. Durch dies Gepräge erst wäre das Geschenk
+ihr Besitz, ihr Eigen geworden, mit ihnen zu einer Einheit verschmolzen.
+Wendest du das auf das menschliche Selbst und die göttliche Kraft an, die
+der Mensch in seinem Innern hat, so mußte vorhergehen, daß er die Kraft im
+Gegensatz zu seinem Selbst fühlte. Das Ich und die Kraft müssen zuvor sich
+voneinander entfernt haben und einander als zwei gegenüberstehen, wenn das
+Ich die Kraft soll prägen und binden können. Dieser Vorgang der inneren
+Trennung und Wiedergewinnung war in Christus vollendet.
+
+Insofern sagt Luther, daß kein Heide so böse sein kann wie ein Christ,
+»denn es hat die Meinung mit uns, daß uns der Teufel viel feinder ist und
+härter zusetzt denn sonst Unchristen und Heiden. Darum läßt er sich nicht
+daran genügen, daß wir sind wie die anderen Heiden, geizig, neidisch,
+untreu, sondern er will uns viel kräftiger machen denn die Heiden. Gottes
+Wort mag wohl wehren und davor behüten, aber wenn ein Christ anhebt zu
+geizen, so wird er zehnmal geiziger und ärger denn ein Türke oder Heide. Wo
+kommt es her? Vom Teufel. Der ist auf uns so erbittert: wenn er aus einem
+Christen zehn Teufel machen könnte, so tät ers.«
+
+An der inneren Spaltung, an dem rebellischen Ich, das sein eigener Gott
+sein will, ist der Christ zu erkennen. Erst der Christ ist wirklich ein
+Herr, einer für sich; wenn er sich dann vor Gott, dem Herrn der Welt,
+beugt, kann er selbst zum Herrn der Welt werden.
+
+»Und blieb allein. Da rang ein Mann mit ihm, bis die Morgenröte anbrach,
+
+Und da er sahe, daß er ihn nicht übermochte, rührete er das Gelenk seiner
+Hüfte an, und das Gelenk seiner Hüfte ward über dem Ringen mit ihm
+verrenkt.
+
+Und er sprach: Laß mich gehen, denn die Morgenröte bricht an.
+
+Aber er antwortete: Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn.
+
+Er sprach: Wie heißest du? Er antwortete: Jakob.
+
+Er sprach: Du sollst nicht mehr Jakob heißen, sondern Israel. Denn du hast
+mit Gott und mit Menschen gekämpft und bist obgelegen.«
+
+Nichts ist so verkehrt, als unter einem Christen sich ein selbstloses,
+nicht selbst denkendes und selbst wollendes Geschöpf vorzustellen. Es ist
+natürlich keine Sünde, ein schwaches Selbst zu haben, das von Gott
+verschlungen wird; ein eigenwilliges aber ohnmächtiges Selbst, das sich
+Gott vergeblich widersetzt, ist jämmerlich; nur bei einem starken Selbst
+ist die Möglichkeit, Gott ebenbürtig, wenn auch nie Gott selbst zu sein.
+»Einer, der selig werden will, soll also gesinnt sein, als sei kein Mensch
+sonst auf Erden denn er allein, und daß aller Trost und Zusagung Gottes hin
+und wieder in der Heiligen Schrift ihn allein angehe.«
+
+Stell dir nun bitte vor, das Gepräge, welches das Kind seinem Wachs
+aufdrückte, enthalte eine ätzende Säure, die allmählich das Wachs aufzehre.
+Es muß dahin kommen, daß das Gepräge, also die Persönlichkeit, die Substanz
+überwiegt; während sie anfangs eine Auszeichnung war, wird sie zur Maske,
+die das Schwinden der Kraft verdeckt. Indessen kann sie das nur eine
+Zeitlang: der Augenblick muß kommen, wo das Wachs vollständig verzehrt ist
+und damit auch das Gepräge, dessen Träger es war, sich auflöst: der Mensch
+stirbt. Es ist das ätzende Gepräge, das die Kraft zerstörte; das Selbstsein
+bedingt den Tod, ja, je mehr Persönlichkeit, desto mehr Tod hat der Mensch
+in sich. Luther hebt einmal hervor, daß ein Kind von sieben Jahren noch
+ganz ohne Todesfurcht sterbe; erst mit der Persönlichkeit entsteht und
+wächst das Bewußtsein und der Haß des Todes.
+
+Jeder Mensch hat in seinem Leben einen Höhepunkt oder eine Blütezeit, jede
+Familie hat die ihrige, jedes Volk die seinige; man kann ebensogut sagen,
+daß jeder Mensch seine geniale Zeit, jede Familie ihr Genie, jedes Volk
+seine genialen Menschen hat. Es versteht sich von selbst, daß jede Spitze
+immer nur in bezug auf andere hoch ist, und daß der Höhepunkt eines
+Menschen oder einer Familie an sich betrachtet ziemlich niedrig sein kann.
+Je mehr er sich dem göttlichen Richtepunkte nähert, desto mehr ist man
+berechtigt, von Genialität zu sprechen. Laß uns bitte irgendein Genie,
+sagen wir Beethoven, im Verhältnis zu seiner Familie untersuchen.
+
+Für uns ist es kein Zweifel, daß Beethoven die Spitze, der Höhepunkt seiner
+Familie war; er war nicht das Ergebnis seiner Familie, sondern sie war da,
+damit er sich in ihr entwickelte. Er war eine Idee, ein Urbild, vor dem
+Erscheinen seiner Familie da; in ihr entwickelte sich das Urbild in Zeit
+und Raum. Nehmen wir an, daß die Idee Beethoven in einem winzigsten Keim
+gefangen, in das irdische Leben gesenkt wurde. Wäre uns die Geschichte der
+Familie genau bekannt, so würden wir die Idee Beethoven schon in ihren
+Anfängen auftauchen sehen; die große Gestalt, die wir kennen und verehren,
+würde uns näher und näher rücken, so wie der Wanderer, der durch einen
+Nebel auf uns zukommt, immer größer und kenntlicher wird. Wie nun das Bild
+sich verwirklicht, aus der Vergangenheit in die Gegenwart schreitet, rollt
+es das auf, was vor ihm war, was es hervorgebracht zu haben scheint, und
+nimmt es mit sich. Es ist ein Gesetz organischer Entwickelung, daß jede
+höhere Entwickelungsstufe die frühere, einfachere mitnimmt, so daß durch
+die höchste alle früheren gebunden sind und zu ihr gehören; das vollendete
+Urbild verdichtet alle Stufen, durch die es hindurchgegangen ist, in seiner
+Person. Die Vorfahren Beethovens sind in ihm enthalten, er vertritt sie vor
+der Welt und vor Gott; es mag interessant für uns sein, die Geschichte
+seiner Vorfahren kennen zu lernen und zu sehen, wie sie ihm desto ähnlicher
+werden, je näher sie ihm zeitlich sind; aber wir können sicher sein, daß
+wir nichts in ihnen finden werden, was nicht in ihm Gestalt geworden wäre.
+Verdankt er das Persönliche, das, was ihn von der übrigen Menschheit
+unterscheidet, seinen männlichen Vorfahren, so hat er das Göttliche, das,
+was ihn mit der Menschheit verbindet, von seiner Mutter; wir können auch
+sagen, er hat es durch seine passive, weibliche Seite, welcher Gott oder
+die Idee sich mitteilt. Seine göttlichen Ideen stehen mit seinem
+leidenschaftlich sich selbst wollenden Ich im steten Kampfe; aber
+wenigstens vorübergehend kann es sie binden, daß sie mit ihm eins werden.
+Das Genie ist androgyn, männlich und weiblich zugleich, wenn auch im
+allgemeinen als Mann erscheinend, weil dem Manne vorzugsweise die bindende
+Kraft des Selbstbewußtseins eigen ist.
+
+Im Höhepunkt eines Menschen bzw. einer Familie sind nicht nur die
+vergangenen, sondern auch die zukünftigen Stufen seines Lebens gegenwärtig
+geworden, das heißt: nach dem Höhepunkte kann nichts Höheres und nichts
+Neues mehr kommen, sonst wäre es nicht der Höhepunkt gewesen. Nach dem
+Höhepunkt muß die Abwärtsbewegung, nach der stärksten Bindung und
+Verdichtung muß die Auflösung kommen. Es ist bekannt, daß der geniale
+Mensch sich körperlich nicht fortpflanzt, oder daß seine Nachkommen nicht
+fortpflanzungsfähig sind; die Familie erlischt mit ihm, weil ihre Kraft
+sich in ihm erschöpft hat, weil ihr persönlicher Mittelpunkt die göttliche
+Substanz nicht mehr binden kann. Es wäre auch widersinnig, wenn sie noch
+fortlebte, nachdem sie durch ihn endgültig vertreten ist, nachdem ihr
+letztes Wort gesagt ist. Etwaige Töchter können in anderen Familien
+aufgehen, bringen aber nicht mehr die lebendige Persönlichkeit ihrer
+Vorfahren, sondern höchstens ihre Maske mit. Alles, was nach dem Genie der
+Familie kommt, gleicht von innen erkaltenden Sternen mit undurchdringlicher
+Kruste oder den »Erlenmädchen hinten hohl« des Andersenschen Märchens.
+Diese Verfassung, wo die nicht mehr gebundene Substanz entweicht und an die
+Stelle der kraftvollen Persönlichkeit die Maske tritt, nennt man Dekadenz.
+
+So wie Beethoven sich in seiner Familie entwickelte, so entwickelte
+Christus sich in der Menschheit. Christus ist das Genie, die Spitze der
+Menschheit; Luther nennt ihn deutlich das Haupt, zu welchem die Menschheit
+hinzugehört als der Körper. Deutlich spricht auch die Bezeichnung der
+Bibel: des Menschen Sohn; er ist aus der Menschheit hervorgegangen als ihr
+Erbe, ihr Vertreter, ihr Ziel. So wie Beethoven sich durch seine
+persönlich-göttliche Seite von seinen Vorfahren unterscheidet,
+unterscheidet sich Christus von der gesamten Menschheit dadurch, daß er
+Mensch und Gott ist: sein von allen verschiedenes, alle vertretendes Selbst
+bindet das All, die Idee der Ideen. In dem größten menschlichen Genie ist
+doch immer nur ein Teil der Menschheit vertreten, das größte menschliche
+Genie ist doch nur auf Augenblicke und teilweise mit Gott eins; Christus
+vertrat die ganze Menschheit und war ganz und gar mit Gott eins. Christus
+umfaßt zugleich alles menschliche Wollen und alles göttliche Vermögen; wer
+eine Formulierung wünscht, kann sagen: Christus ist die ganze durch einen
+Mittelpunkt gebundene menschliche und göttliche Kraft.
+
+Mir scheint es wichtig, zu betonen, daß die Menschheit nicht deshalb Gott
+ist, weil Gott sich in ihr entwickelt hat; in diesen Irrtum verfallen
+nämlich die Menschen gern. Christus verhält sich so zur Menschheit, wie der
+Mensch zur Tierheit: das Bild des Menschen ging durch die Tierheit
+hindurch, die Tierheit entwickelte sich auf den Menschen hin, im Menschen
+sind alle Stufen der Tierheit enthalten; aber er ist doch kein Tier,
+sondern durch sein Menschsein wesentlich von der Tierheit unterschieden,
+wie Christus durch seine Übermenschlichkeit, durch seine Gottheit von der
+Menschheit. Den Menschen kann man ein Übertier, das Tier eine Überpflanze
+nennen; aber ich erwähne das nur nebenbei, es ist überflüssig, es weiter zu
+verfolgen. Mir kommt es darauf an, zu zeigen, daß die Heilige Schrift und
+Luther Christus als die Spitze, den Höhepunkt, das Genie der Menschheit
+auffassen, den Übermenschen oder den Gottmenschen.
+
+Findest du nicht, daß sich auf diesem Punkte ein unendlicher Ausblick
+öffnet? Auf alle diejenigen, die, nachdem der Übermensch schon da war,
+Übermensch außer ihm sein wollen und deshalb in Wahnsinn verfallen müssen,
+das heißt eigentlich schon wahnsinnig sind?
+
+Vielleicht sagst du, es öffne sich auf diesem Punkte kein unendlicher
+Ausblick, vielmehr schließe sich alles zu, und es gäbe nur noch Rückblick.
+
+In gewisser Hinsicht ist das wahr. Zunächst betrifft das das jüdische Volk,
+in welchem Christus sich entwickelt hat. Die Juden sind das Volk der
+Dekadenz +kat exochên+, und sie tragen die Dekadenz in alle Familien, mit
+denen sie sich verbinden. Bedenke aber bitte, daß unter Dekadenz durchaus
+nicht schlechthin etwas Schlechtes oder Minderwertiges zu verstehen ist;
+nur müssen die Dekadenten nicht etwas für sich, etwas neben dem Genie oder
+gegen das Genie sein wollen, das ihnen vorausging. Die Juden zum Beispiel
+müssen an Christus glauben, ihr Schicksal ist, in der Zerstreuung zu leben,
+in andern Völkern aufzugehen.
+
+Es ist, nebenbei bemerkt, ein sonderbarer Irrtum, daß Menschen und Völker
+so gern aus einer großen Vergangenheit auf eine große Zukunft schließen. Es
+ist sogar verdächtig, wenn wir anfangen, viel von dieser Vergangenheit zu
+reden. »Denn das sollt ihr wissen«, sagt Luther, »Gottes Wort und Gnade ist
+ein fahrender Platzregen, der nicht wiederkommt, wo er einmal gewesen ist.
+Er ist bei den Juden gewesen; aber hin ist hin, sie haben nun nichts.
+Paulus brachte ihn in Griechenland: hin ist hin; nun haben sie den Türken.
+Rom und lateinisch Land haben ihn auch gehabt: hin ist hin, sie haben nun
+den Papst. Und ihr Deutschen dürft nicht denken, daß ihr ihn ewig haben
+werdet.«
+
+Man bemerkt das Altern der Völker, wie der Einzelnen, an einem Abnehmen der
+Produktivität und an der Zunahme der Kultur. Kultur kann man den Zustand
+nennen, wo die innere Kraft als schöne Maske nach außen tritt. Es möge
+jedes kultivierte Volk auf seine Kultur und seine Vergangenheit stolz sein,
+jedes barbarische auf seine Kraft und seine Zukunft.
+
+In weiteren Grenzen ist die ganze Menschheit nach Christus dekadent, das
+heißt zeitlich nach dem Höhepunkt kommend. Aus der Auffassung Christi als
+der Spitze der Menschheit erklärt sich, daß Luther den Jüngsten Tag oder
+das Ende der Welt für bevorstehend hielt; nach den historischen Kenntnissen
+seiner Zeit konnte er die vor Christi Geburt verflossene Geschichte ganz
+wohl auf etwa 1500 Jahre ansetzen. Indessen muß man sich doch Christus
+nicht als Endpunkt einer Linie, sondern als Spitze und Mitte vorstellen; es
+gibt dann allerdings ein fortwährendes Von-ihm-Zurücksinken, aber
+gleichzeitig ein fortwährendes Zu-ihm-Hinstreben.
+
+Einen wesentlichen Unterschied zwischen der vorchristlichen und
+nachchristlichen Menschheit gibt es: sie hatte dadurch, daß Christus sich
+noch in ihr entwickelte, die göttliche Kraft; wir haben sie verloren, wenn
+wir sie aber durch den Glauben zurückgewinnen, können wir sie prägen.
+
+Die vorchristliche Menschheit war einheitlicher, harmonischer, da es für
+sie nur eine Welt gab, die sichtbare. Wir fühlen uns als Bürger der
+sichtbaren und der unsichtbaren Welt; gelingt es uns aber, diese beiden
+Welten zusammenzufassen, so ist unsere Welt reicher und unser Selbst
+stärker und inniger. Die vorchristliche Menschheit ging magnetisch auf ihr
+Ziel zu, im Können unbegrenzt, da Gott in ihr wirkte; wir haben ein
+grenzenloses Wollen und sind dadurch entkräftet und ziellos, wenn wir nicht
+durch den Glauben das Unsichtbare mit dem Sichtbaren vereinigen. Ich kann
+auch sagen: die vorchristliche Menschheit hatte die Gestaltungskraft der
+Natur, wir haben die Leuchtkraft des Geistes und die Bindekraft des
+Herzens. Das allerverkehrteste ist, wenn der nachchristliche Mensch antik
+sein will; nur der Christ kann, auf einem ganz anderen Wege, dem antiken
+Menschen gleichkommen. Man hat viel vom Einfluß Italiens und der Antike auf
+Goethe gesprochen; mir scheint, sie haben überwiegend hemmend auf ihn
+gewirkt, weil er sich nicht sicher genug in seiner christlichen Kraft
+fühlte. Luthers und Dürers Verhältnis zur Antike und zu Italien war viel
+organischer und fruchtbarer, gerade weil sie durch den Gegensatz sich ihrer
+Eigenart desto mehr bewußt wurden; ihr eigenes Wesen erfuhr keine Hemmung,
+sondern eine Erweiterung. Nur die Kraft der Persönlichkeit im Verein mit
+der Trunkenheit des Glaubens kann das antike Erfülltsein vom Gotte
+ersetzen. Wenn Toga und Maske nicht ein leidenschaftliches Herz, ein »im
+süßen Wahnsinn rollendes Auge« verhüllen, so erhalten wir nicht den
+Eindruck strenger Glut, geformten Lebens, sondern hohler Feierlichkeit.
+
+Gerade durch das, was der antike Mensch vor uns voraus hatte, durch die
+Einheitlichkeit, bleibt er auch hinter uns zurück: das Auseinandertreten
+der beiden Pole, des Menschlichen und Göttlichen, des Selbstbewußtseins und
+des Gottbewußtseins, diese Zerrissenheit und Spannung, macht erst die
+Überwindung der Spannung durch das Genie möglich. Das persönliche Genie
+gibt es erst seit Christus, dem Genie der Menschheit, und es wird immer ihm
+dem Wesen nach gleich sein, wenn auch nicht nach der Person.
+
+Wunderbar finde ich, im Grunde freilich ganz selbstverständlich, daß zu
+Christus Zeit auch Satan Fleisch wurde, nämlich in den römischen Kaisern.
+Wohlverstanden kann Satan nur in der Vielheit erscheinen, da er ja nichts
+Wesentliches ist; er kann nicht selbst in einem einzigen Menschen sich
+verkörpern. In der Vielheit jedoch mußte er zu der Zeit am mächtigsten
+sein, wo Gott Fleisch wurde; denn am größten Gegensatz entzündet sich das
+reichste Leben. Diese Blütezeit der Menschheit wiederholte sich, als in
+Italien das Altertum, in Deutschland das Christentum neu auflebte. Auf
+beiden Seiten waren gewaltige, satanische und göttliche Persönlichkeiten.
+Renaissance und Reformation stehen in einem unzertrennlichen Zusammenhange;
+aber er besteht nicht etwa darin, daß Luther und Deutschland überhaupt
+durch die Unsittlichkeit des römischen Lebens zur Einsicht in die
+Notwendigkeit einer Reform gebracht wären. Es ist ein unterirdischer
+Zusammenhang zwischen Italien und Deutschland, wenigstens gab es einen
+solchen, und es wäre meiner Ansicht nach ein schlechtes Zeichen für beide
+Völker, wenn dies Band zerrisse.
+
+
+
+
+VIII
+
+
+Du bist, geliebter Freund, auf den Inhalt meines letzten Briefes nicht
+eingegangen, sondern wünschest ihn zunächst vervollständigt. Du sagst,
+damit Christus ganz fest auf der Erde stehe, müsse seine physiologische
+Seite erst erörtert werden, kurz, du willst wissen, welche Rolle Joseph
+nach Luthers Meinung bei der Geburt Christi gespielt habe.
+
+Das Kind entwickelt sich aus dem im Schoße der Mutter gehegten Ei, genährt
+von ihrem Fleisch und Blut. Der Anteil des Vaters besteht nur darin, daß er
+den Entwickelungsprozeß einleitet; die Natur, in welcher Gott, die positive
+Kraft, wirkt, wird angeregt, das Kind hervorzubringen. Die ganze Natur
+weist darauf hin, daß das Kind der Mutter gehört, und Gebrauch und Gesetz
+haben grausame Folgerungen daraus gezogen. Das Recht des Vaters am Kinde
+entsteht erst durch Vertrag; viele Väter verzichten auf ihr Recht, um die
+damit zusammenhängende Pflicht loszuwerden, und sie werden von der Welt
+deswegen weder bestraft noch verachtet. Eine Mutter dagegen, die ihr Kind
+verläßt, wird allgemein verurteilt; man fühlt, daß sie gegen Gott, gegen
+das Naturgesetz sündigt. Deshalb ist die Mutter mit dem Kinde ein ewiger
+Gegenstand der Kunst, nicht der Vater mit dem Kinde, und zwar die Mutter
+mit dem Sohne, weil der Sohn sie ergänzt, ganz macht, ihr Gottesbewußtsein
+mit seinem Selbstbewußtsein vor der Welt vertritt.
+
+Kaum habe ich den Satz geschrieben, so sehe ich, daß ich das Beste
+vergessen habe: der Mann hält sozusagen dem Weibe seine Persönlichkeit vor,
+damit sie sie dem Kinde einpräge. Der Vater gibt dem Kinde sein Bild, sein
+Selbst, also den abgeleiteten, abgesonderten Strahl der göttlichen Kraft;
+die Mutter gibt ihm die göttliche Kraft, den göttlichen Geist selbst,
+welchen sie durch den Glauben zu empfangen imstande ist. »Das
+Ewig-Weibliche zieht uns hinan.« Der Vater gibt das Fürsichsein, die
+Persönlichkeit, die Mutter das Allsein.
+
+Insofern aber, als Gott dem Kinde seinen Geist gibt, ist Gott der Vater
+aller Menschen. »Denn wer da bekennt«, heißt es bei Luther, »daß eine
+Mutter ein Kind gebiert, das Leib und Seele hat, der soll sagen und halten,
+daß die Mutter das ganze Kind geboren und des Kindes rechte Mutter ist, ob
+sie gleich der Seele Mutter nicht wäre; sonst würde daraus folgen, daß
+keine Frau eines Kindes Mutter wäre.« Dein Sohn, sagt Luther, sind ja nicht
+zwei Söhne, obwohl er zwei Naturen hat, den Leib von dir, die Seele von
+Gott allein. Kann man deutlicher sagen, daß nach Luthers Ansicht jede
+Mutter den Heiligen Geist empfängt, und daß jeder Mensch göttlich und
+menschlich ist wie Christus, wenn auch nicht, wie Christus, Gott selbst?
+»Laßt uns Redefiguren mit den Manichäern erdichten«, sagt Luther an anderer
+Stelle ironisch, »auf daß Christus nicht wahrer Mensch sei, sondern eine
+Scheingestalt, die durch die Jungfrau, wie der Sonnenstrahl durch das Glas,
+hindurchgegangen und gekreuzigt ist. So werden wir die Schriften fein
+behandeln!« Noch eine sehr deutliche Stelle aus Luther möchte ich dir
+anführen: »Da Maria, die Jungfrau, Christus empfing und gebar, da war
+Christus ein leiblicher Mensch und nicht allein ein geistliches Wesen.
+Dennoch empfing und gebar sie ihn auch geistlich. Wieso? Sie glaubte das
+Wort des Engels. Mit dem willigen Glauben an des Engels Wort empfing und
+gebar sie im Herzen Christus geistlich zugleich.«
+
+Was die Jungfräulichkeit der Maria bedeutet, wird klar durch die Bedeutung
+des Sündenfalls der Eva. Eva wurde Gott untreu, indem sie den selbstischen
+Mann liebte und ihm gehorchte. Sie hörte nicht mehr vornehmlich die Stimme
+Gottes, sondern die des Mannes, sie war nicht mehr ganz von Gott erfüllt.
+Maria liebt ihren Mann nur, weil Gott ihn ihr gegeben und es ihr befohlen
+hat, sie liebt ihn in Gott oder weil sie Gott liebt. Joseph wird von den
+Malern als älterer Mann dargestellt und etwas in den Schatten gerückt; das
+bedeutet, daß wir die Persönlichkeit des Herrn, die er vom leiblichen Vater
+empfing, als solche nicht kennen lernen sollen, sondern nur die zur
+Gottheit erweiterte Persönlichkeit. Wir erfahren, daß Christus vom Teufel
+versucht wurde und ihn überwand; aber nichts von der Art und vom Verlauf
+dieser Kämpfe. In bezug auf Maria bedeutet es, daß Joseph von ihr nicht
+fordert, sie solle in ihm aufgehen, sondern daß sie ihm als Werkzeug Gottes
+heilig ist. Eva gibt dem Manne nur vorübergehend Befriedigung; denn gerade
+weil sie sich bis zur Selbstaufgabe hingibt, sich in ihm verliert, kann sie
+ihm keine dauernde Kraftquelle sein.
+
+Es ist längst aufgefallen, daß der geniale Mann seine Begabung von der
+Mutter, nicht vom Vater ererbt, was vom Sohne selbst auch lebhaft empfunden
+wird. Man hat sich in manchen Fällen gewundert, daß bei der betreffenden
+Mutter keine besonderen Zeugnisse geistiger Begabung vorlagen; aber gewiß
+hat man wenigstens das von ihnen gesagt, daß sie fromm waren, und darauf
+kommt es ja einzig an. Mit Frömmigkeit bezeichnet man den Glauben, die
+Fähigkeit also, des Engels Stimme zu hören; man kann auch ein anderes Wort
+wählen, das manchem vielleicht mehr sagt, nämlich Phantasie. Glaube ist
+Phantasie, die Fähigkeit, sich das Unsichtbare einzubilden, daher
+Einbildungskraft. Eva wollte Erkenntnis, weil sie nicht glauben konnte;
+Maria braucht nicht zu wissen, denn sie hat alles überflüssig durch die
+Phantasie. Manche Menschen verstehen unter Phantasie eine Fähigkeit, sich
+allerlei auszudenken; aber es ist vielmehr die Kraft, das Seiende, das, was
+unsichtbar, aber gerade darum allgegenwärtig ist, aufzunehmen. Weil sie
+Phantasie hat, vermag Maria dem Sohne das Göttliche einzubilden, weil sie
+geistvoll ist, gibt sie ihm Geist; durch sie ist er aus Gott geboren und
+hört wie sie Gottes Stimme. Wie man von seinen Werken auf die Phantasie des
+Künstlers, so kann man von ihren Kindern auf die Phantasie der Mutter
+schließen. Auch Menschen kann man, wie Kunstwerken, anmerken, ob sie aus
+dem Vollen geschöpft oder dürftig zusammengekratzt sind. Es ist nicht
+sinnlos, daß man schwangeren Frauen rät, schöne Bilder anzusehen und den
+Anblick des Häßlichen zu vermeiden; allein die Frau, wie sie sein sollte,
+hat derartige Nachhilfe nicht nötig, denn sie sieht Schönes, das ist
+Göttliches, überall, weil sie im Sichtbaren zugleich das Unsichtbare sieht.
+
+Von den Eltern der Genies wird man nie hören, weder daß sie sich
+leidenschaftlich liebten, noch daß sie eine geradezu unglückliche Ehe
+führten, sondern sie lebten in einer Ehe, die ich Sakramentsehe nennen
+möchte, insofern sie auf göttlichem Gebote beruht. Die Frau achtet im Manne
+seine Überlegenheit in allen weltlichen Angelegenheiten, vermöge welcher er
+sie vor der Welt vertritt, und in allen diesen Angelegenheiten gehorcht sie
+ihm; der Mann verehrt das Göttliche in ihr und läßt sie in allem, was Gott
+betrifft, schalten. Er vernimmt Gottes Stimme durch sie.
+
+»Wohl dem, der seiner Väter gern gedenkt«, sagt Goethe. Diejenigen Söhne,
+deren Väter so weltlich waren, daß sie das Göttliche in der Frau überhaupt
+nicht erkannten oder es unterdrückten, oder deren Mütter Gott an den Mann
+verrieten, sich ihm zuliebe verweltlichten, gedenken ihrer Eltern nicht
+gern, ja, sie hassen denjenigen, der sie um ihr bestes Erbteil betrog. Am
+wenigsten verzeihen es Kinder der Mutter, wenn sie einen anderen Mann als
+den Vater liebt. Die gute Mutter ist diejenige, die, wenn sie Kinder hat,
+vorzugsweise ihnen lebt, ohne noch von Männerliebe berührt zu werden; so
+waren die Frauen und Mütter bei den Griechen, die für die Liebe eine
+besondere Klasse von Frauen hielten. Diese Einteilung, die der Genialität
+eines Volkes so sehr zugute kommt, macht sich bis zu einem gewissen Grade
+immer wieder von selbst, weil sie Gott oder der Natur entspricht; da sie
+aber der Moral widerspricht, nimmt sie bei den moralischen Völkern -- und
+das sind jetzt alle -- Formen an, die ihr Gutes und Schönes aufheben und
+sie ins Widerwärtige verzerren. So wie diese Einrichtung bei den
+nachchristlichen Völkern ist, kommt sie nur der Welt, dem Teufel, nicht
+Gott zugute. Das Schlimme ist, daß der heutige Mann keine Marienfrau mehr
+heiratet; ihr kindliches In-sich-selbst-Ruhen, ihre strahlende Heiterkeit,
+ihre reine Schönheit reizen ihn nicht, im besten Falle erregen sie in ihm
+ein Gefühl von Scheu und Ehrfurcht, das ihn fernhält. So stehen denn gerade
+diese Frauen, ohne Organe für die Welt, verlassen in ihr; aber unter dem
+Schutze Gottes.
+
+Die verhängnisvolle Verwechselung der Religion mit der Moral, an der
+wahrhaftig Luther keine Schuld trug, hat gemacht, daß man sich unter Maria,
+der Kindlichen, Phantasievollen, Strahlenden, und unter Christus, dem Genie
+der Genies, etwas tugendhaft Langweiliges vorstellt. Luther dachte sich
+Maria als ein feines, tapferes Mädchen, die Holdselige voller Gnaden,
+Christus als den Helden, den Mann der Liebe und des Hasses, voll
+freundlichen Ernstes und ernster Freundlichkeit. Du kennst den Vers von
+Goethe:
+
+ Volk und Knecht und Überwinder,
+ Sie gestehn zu jeder Zeit:
+ Höchstes Glück der Erdenkinder
+ Sei nur die Persönlichkeit.
+
+Es ist selbstverständlich, daß wir uns den Gottmenschen nicht ohne dies
+höchste Glück des Fürsichseins vorstellen dürfen. Daraus, daß er vom Teufel
+dreifach versucht wurde, geht allein schon deutlich hervor, daß er
+Selbstbewußtsein hatte, und mehr jedenfalls als irgendein Mensch. Wie hätte
+es der Mensch nicht haben sollen, der sich als das Ebenbild Gottes
+erkannte? Aber Christus war nicht nur ganz voll Selbstbewußtsein, sondern
+auch ganz voll Gottbewußtsein. Der höchste Grad des Selbstgenusses ist in
+dem Augenblick erreicht, wo das Selbst in einem höheren aufgeht; diesen
+Augenblick der höchsten Qual und Seligkeit erlebte Christus, als er sagte:
+Nicht wie ich will, sondern wie du willst. Seine Selbstform ging damit in
+die göttliche Form über; es war nicht Entpersönlichung, sondern Erweiterung
+der Einzelpersönlichkeit zur Allpersönlichkeit. Seine Persönlichkeit deckte
+sich vollkommen mit der Idee des Menschen, die zugleich die Idee Gottes
+ist. Dieser Augenblick höchster Seligkeit ist dem Teufel nicht zugänglich,
+weil er vom Anderssein als Gott lebt wie der Schatten vom Nicht-Lichtsein.
+Man kann umgekehrt auch sagen: Wer nicht fähig ist, in einem Höheren
+aufzugehen, ist in der Hölle.
+
+Aus der Tatsache, daß Christus Mensch war, natürlicher Mensch wie wir alle,
+liegt zu folgern nahe, daß wir auch Götter, wenigstens werdende Götter,
+mögliche Götter oder Gottmenschen sind. Diese Folgerung hat Luther auch
+gezogen der Heiligen Schrift gemäß, die klar sagt, daß Gott durch Christus,
+unseren Bruder, unser Vater geworden ist; diese veränderte Stellung des
+Menschen zu Gott gehört zum wesentlichen Inhalt des Neuen Testaments.
+Luther erinnert unter anderm an den 82. Psalm, in welchem es heißt: Ihr
+seid Götter und allesamt Kinder des Allerhöchsten, und daß Christus selbst
+im Johannesevangelium diese Stelle so auslegt, daß diejenigen Götter sind,
+zu denen das Wort Gottes geschieht. Sehr charakteristisch finde ich eine
+Meinungsäußerung Luthers über einen gewissen Hans Mohr, der Zwinglis
+Richtung folgte und Luther vorwarf, er mache aus der Kreatur den Schöpfer.
+In bezug darauf schreibt Luther: »Und wenn man gleich spräche, Kreatur ist
+Schöpfer worden (wie wir in diesem Artikel nicht tun), so wäre es dennoch
+nicht allerdings falsch, denn wir glauben ja und sagen alle, daß Gott
+Mensch und Mensch Gott sei in Christo, so daß Mensch Kreatur und Gott
+Schöpfer ist. Darnach solches bei den Christen nicht so greulich ist, wie
+sie lästern, und damit hinaus wollen, daß zuletzt auch falsch soll werden,
+daß Gott Mensch sei.« Man sieht, in welches Gestrüpp von Mißverständnissen
+Luther verstrickt war. Zwingli sagte, er wolle bei der alten Theologie
+bleiben, wonach die beiden Naturen nicht vermischt werden dürften. Er ahnte
+wohl selbst nicht, was er der Menschheit damit antat. Hätte er sich
+klargemacht, daß Gott der Geist ist, so würde er wohl nichts daran
+auszusetzen gefunden haben, daß der Mensch Gott-Mensch, das heißt
+Geist-Mensch werden kann. An Christus glauben heißt, an das Göttliche im
+Menschen glauben, glauben, daß der Mensch Geist hat.
+
+So wie ich dich kenne, denke ich mir, daß du noch nicht ganz befriedigt
+bist, sondern noch etwas über Christus' Leistungen hören willst, worauf du
+so viel zu geben pflegst, natürlich mit Recht; denn wo Kraft ist, da sind
+auch Leistungen. Vielleicht findest du, daß man, wenn Christus das Genie
+der Menschheit ist, künstlerische Leistungen von ihm erwarten dürfte.
+
+In der Tat übte Christus eine Kunst aus, nämlich die Heilkunst; er war der
+Heiland der Welt, das heißt, da heil ganz bedeutet, der Ganzmacher der von
+Gott abgesonderten Menschen. Luther nennt ihn deshalb den König der Sünder,
+und die Bibel sagt häufig, daß er zu den Sündern gekommen sei. Und zwar
+machte er die Zerrissenen ganz durch die Liebe, die das Band der
+Vollkommenheit ist, indem sie das Getrennte im Bewußtsein der
+Zusammengehörigkeit bindet. Viele haben die Vorstellung, als sei Christus
+ein humaner Wohltäter, ein Sozialist, Reformator oder dergleichen gewesen;
+aber wo steht das? Er bekehrte Sünder, tröstete Traurige, heilte Kranke
+durch Wort und Berührung und erweckte Tote. Was das heißt, Tote lebendig
+machen, wird klar, wenn man daran denkt, daß Gott die Welt durch sein Wort
+schuf, daß er den Dingen Namen gibt und das, was nicht ist, ruft, daß es
+sei. Die Dinge sind dadurch, daß sie dem Geiste bewußt werden: Christus
+machte der Menschheit ihr Fühlen und Ahnen bewußt durch sein Wort. Er
+lehrte die Wahrheit, Ideen strömten unerschöpflich in Bildern von seinen
+Lippen, insofern war er der größte Dichter der Menschheit. Es ist wahr, daß
+er seine Ideen nicht gestaltete; aber er brauchte das nicht, weil er
+selbst, wie es heißt, voll göttlicher Gestalt war.
+
+Durch das Heraustreten Christi aus der Menschheit zerfiel sie in ihre
+Bestandteile: Kraft und Stoff, Unsichtbares und Sichtbares, Sein und
+Erscheinen. Er zerriß sie, aber er, der Heiland, Gott, der sich als Person
+offenbart, machte sie auch wieder ganz, und zwar durch die Tat. Das
+selbstbewußte, verantwortliche Ich ist der Punkt, in welchem das Sichtbare
+und das Unsichtbare eins werden. Dies Ich, die Person, kann sich nur bilden
+durch die Tat, wie umgekehrt eine Tat auch nur getan werden kann durch ein
+verantwortliches Ich. Das Ich und die Tat hängen unzertrennlich zusammen,
+es gibt keine Person ohne Tat und keine Tat ohne Person. Solange das Ich
+betrachtend zwischen dem Sichtbaren und Unsichtbaren schwebt, bleibt es
+selbst vereinzelt und die Welt ihm Stückwerk. Der Mensch, der sich bloß
+erkennend verhält, kommt nie zur Einheit, weil es nur unendliche
+Möglichkeiten für ihn gibt; erst handelnd begrenzt er sich und wird dadurch
+ein einheitliches Selbst. Im Inneren des bloß erkennenden Menschen ist ein
+Abgrund, der ihn verschlingt, handelnd schließt er den Riß, der durch sein
+Inneres und zugleich durch seine Welt geht. Der Christ ist der Mensch, der
+nach vorausgegangener Spaltung wieder einheitlich geworden ist durch aus
+dem Herzen entspringendes und im Selbstbewußtsein bestätigtes, zugleich
+gemußtes und gewolltes Handeln.
+
+Luther hat nachdrücklich betont, wenn er zwischen Christi Leben und seinem
+Wort zu wählen hätte, würde er ohne Zögern sein Wort wählen; denn Christus
+sei in seinem Wort. Das erklärt sich aus Luthers Besorgnis, die Menschen
+möchten wähnen, sie würden dadurch Christen, daß sie nach Möglichkeit die
+Handlungen des Herrn nachahmten, wovon dann eine Veräußerlichung oder
+Moralisierung die Folge wäre. Deshalb verwirft er die Art und Weise, wie
+Christus gewöhnlich gelehrt und gepredigt werde. Man erzähle von ihm, um
+Mitleid zu erregen und als Kehrseite davon Haß auf seine Mörder, andere
+stellten ihn als Beispiel auf und predigten die Nachfolge. Dagegen sagt
+Luther, es stehe geschrieben, daß man Christus anziehen solle, und Christus
+anziehen heiße nicht Christus nachfolgen, sondern bevor man ihm nachfolgen
+könne, müsse man ihn angezogen haben. Einem Freunde erklärte er einmal, er
+fasse den Glauben oder die Liebe nicht auf als eine Eigenschaft im Herzen,
+sondern er setze Christus selbst an diese Stelle; denn Christus habe nicht
+gesagt, er gebe uns den Weg, die Wahrheit und das Leben, sondern er sei das
+alles, er wolle in uns sein, nicht außer uns.
+
+Wir sollen uns in Christus verwandeln, Tatmenschen sein, und zwar Taten aus
+dem Herzen tun. Man kann beobachten, daß die Menschen im allgemeinen sich
+blindlings, mit einer gewissen Lust, einem Tyrannen, wie zum Beispiel
+Napoleon I. war, unterwerfen und aufopfern, wie sie es einem Edlen oder
+Weisen nicht tun würden. Sie spüren die starke Persönlichkeit, das
+selbstbewußte Ich, den mystischen Punkt, in dem Gott Person werden kann.
+Das teuflische Ich kann sich jeden Augenblick in Christus verwandeln, ja es
+ist Christus auf der Stufe der Versuchung durch den Teufel. Vielleicht
+unterliegt er; aber er kann siegen, wenn auch nicht so ganz wie Christus
+siegte. Sowie das Ich seinen Eigenwillen dem göttlichen Willen aufzuopfern
+beginnt, fängt die Wiedergeburt, der Lebenslauf des Christen an.
+
+ Und solang du das nicht hast,
+ Dieses: Stirb und werde!
+ Bist du nur ein trüber Gast
+ Auf der dunklen Erde.
+
+Daß aber dem Sterben das Werden folgen muß, unterscheidet das Christentum
+von jeder das Leben verneinenden Weltanschauung. Wir sollen die
+Persönlichkeit nicht dadurch überwinden, daß wir sie unterdrücken, sondern
+daß wir sie erweitern und in unserem Ich möglichst viele Menschen
+vertreten. Obwohl Christus unerreichbar über allen Menschen ist, findet
+sich doch jeder in ihm wieder.
+
+Was Christus vor seinem öffentlichen Auftreten getan hat, danach sollen wir
+nicht fragen; denn er soll für uns weniger der historische Mensch sein als
+der Mensch, der Idealmensch, der Gottmensch. Die genialen Menschen haben
+das auch stets gefühlt, wie man an Hand der Kunst nachweisen kann. Es
+tauchten wohl in den ersten Jahrhunderten christlicher Zeitrechnung einige
+Bildnisse mit dem Anspruch auf, den historischen Christus darzustellen, und
+diese mögen bei der Entstehung des Christustypus ein wenig mitgewirkt
+haben; im allgemeinen aber haben alle großen Maler und Bildhauer in
+Christus den Idealmenschen darzustellen gesucht, die Romanen mit Überwiegen
+der göttlichen Form, die Germanen mit Überwiegen der persönlichen. Sie
+idealisierten in Christus sich selbst, ihr Volk, die Menschheit. Wenn einer
+schlechtweg sich selbst als Christus darstellt, wie das neuerdings einige
+Maler unreligiös und unkünstlerisch genug waren zu tun, so kann man
+darunter schreiben: Wenn er lügt, so redet er aus seinem Eigenen. Die
+Verschmelzung der All-Idee mit der Einzel-Idee erst gibt den Gottmenschen.
+
+Mir scheint, daß die großen Maler recht hatten, die Christus schön
+darstellten, und daß es ein Mißverständnis ist, ihn häßlich zu denken.
+Häßlich kommt von Haß und bedeutet Haß der göttlichen Form. Die
+Sklavenvölker und Barbarenvölker sind deshalb immer häßlich gemalt worden,
+weil sie Haß gegen das Geformtwerden überhaupt haben, und ebenso drückt
+sich der Haß der teuflischen Persönlichkeit gegen die göttliche Idee als
+Häßlichkeit aus. Nun ist es ja wahr, daß jedes Genie Chaos, etwas
+Ungeformtes, in sich haben muß; denn darin liegt ein Teil seiner Kraft; wie
+auch besonders, daß jedes menschliche Genie stark persönlich sein muß.
+Darum sind die Frauen das schöne Geschlecht, weil sie unpersönlicher,
+weniger teuflisch sind als der Mann. Luther hatte sicherlich recht, wenn er
+sich Paulus nicht als schlechtweg schön vorstellte: irgendwie muß sich das
+maßlos Leidenschaftliche, das Gegensätzliche in seiner Natur äußerlich
+ausgeprägt haben, wie das auch bei Luther der Fall war; aber zwischen allen
+Menschen und dem einen Christus besteht doch der Unterschied, daß Christus
+das Persönliche hatte und doch zugleich nicht hatte, überwunden hatte. Er
+muß deshalb ebenso persönlich schön wie göttlich schön gedacht werden.
+Rembrandt scheint mir der einzige Maler zu sein, der Christus auch unschön
+malen durfte; denn bei Rembrandts Christus sieht man nicht, daß er diesen
+oder jenen Umriß, diese oder jene Form hat, sondern nur, daß er leuchtet.
+Die Erscheinung strömt in das Sein über.
+
+
+
+
+IX
+
+
+Ich erwähnte schon, Geliebter, daß Christus der Menschheit zum Ersatz für
+sein Scheiden einen Tröster versprochen habe. »Wenn der Tröster kommt,
+welchen ich euch senden werde vom Vater, der Geist der Wahrheit, der vom
+Vater ausgeht, der wird zeugen von mir.« Es ist der Heilige Geist, der zu
+Pfingsten über die Jünger ausgegossen wurde, die Gabe, das Wort Gottes, die
+Wahrheit, daß Christus Gott ist, zu verkünden.
+
+Ich setze voraus, daß du meine Annahme, die Bildung und Auflösung der
+Person gehe in Wirklichkeit so vor sich, wie wir an Hand der Sprache die
+Bildung und Auflösung der persönlichen Götter im Geiste verfolgt haben,
+gelten läßt. Nimm nun bitte die Menschheit als Person. Mit dem Erscheinen
+Christi hat sie ihren Höhepunkt erreicht, in seiner Person war der gesamte
+Geist gebunden; denn du weißt ja, daß Gottvater sich in Christus ganz und
+gar ergossen und nichts zurückbehalten hat, wie Christus sagt: Wer mich
+sieht, sieht den Vater. Im Augenblick seines Sterbens ist der Höhepunkt
+überschritten, und der gesamte, durch die vor ihm dagewesene und in ihm
+vertretene Menschheit gebundene Geist wird frei. Dies ist die Ausgießung
+des Heiligen Geistes, wie du siehst, ganz wörtlich zu verstehen. Die
+Menschheit, die bisher voll Geist, von Gott erfüllt war, hat nun den Geist
+oder wenigstens sie kann ihn haben, da er im Wort verdichtet von ihr
+losgelöst ist. Sie kann ihn haben durch den Glauben, der durch das Gehör
+kommt. Ich bitte dich, zu beachten, daß Luther niemals vom Übersinnlichen
+spricht, sondern vom Unsichtbaren, welches aber hörbar ist. Durch das Wort
+und das Gehör gesellt sich der sichtbaren Welt die unsichtbare, die Welt
+des Geistes oder das Reich Gottes. Da ich den Geist nicht sehen und nicht
+betasten kann, nur hören, muß ich ihm glauben, ihn haben durch die
+Religion, welches Wort von #ligare#, binden, kommt; da Gott nicht mehr
+unbewußt in der Menschheit ist, muß er durch Religion, Glauben, Phantasie
+an sie gebunden werden. Diese Kraft des Bindens hat die Seele, das
+selbstbewußte Ich.
+
+»Das erste, was aus dem Herzen bricht und sich ergießt, ist das Wort«, sagt
+Luther. Damit, daß der Mensch spricht, beginnt sein Selbstbewußtsein und
+zugleich sein Gottbewußtsein; es kann ja eins ohne das andere nicht sein,
+da das Ich nur am Nicht-Ich zum Bewußtsein seiner selbst kommen kann. Das
+Wort unterscheidet den Menschen vom Tier; es hat wohl Selbstgefühl und
+Menschengefühl, aber nicht Selbstbewußtsein und Gottbewußtsein. In Christus
+war das Selbstbewußtsein der Menschheit und zugleich das Gottbewußtsein
+vollendet in dem Augenblick, wo er sich als Gott erkannte und damit
+Selbst- und Gottbewußtsein zusammenfloß. Mythisch sagten wir, daß Gott die
+Welt erschaffen habe, um sich seiner selbst bewußt zu werden, um sich zu
+erkennen: dies Ziel war in Christus erreicht, Gott, der Geist, erkannte
+sich selbst in ihm. Ich finde, man ist nie genug davon überwältigt; und
+doch sieht man beständig, wie stark der Trieb der Menschheit ist, Gott
+außer sich zu suchen.
+
+Gott verdichtete sich zuerst als Form, und wir nennen ihn dann Kraft; dann
+als Tat, und wir nennen ihn dann Liebe; dann als Wort, und wir nennen ihn
+Geist. Der Geist ist im Wort; ich führte schon den Ausspruch an: #res
+sociae verbis et verba rebus#, was Luther ungleich bildkräftiger ausdrückt:
+»Die Sprache ist die Scheide, in der das Messer des Geistes steckt.« Im
+Evangelium des Johannes heißt es: Im Anfang war das Wort, und das Wort war
+bei Gott, und Gott war das Wort. Anders ausgedrückt: Gott ist Geist, und
+Geist ist im Selbstbewußtsein, und mit dem Selbstbewußtsein erscheint die
+Sprache. Natürlich hatte es Wort schon vor der Ausgießung des Heiligen
+Geistes gegeben; aber es war dunkel, weil der Geist gebunden war. Erinnere
+dich bitte, daß der persönliche Gott, indem er sich auflöst, durchsichtig
+wird; die Idee schimmert durch den dünn gewordenen Eigennamen. Das bedeuten
+die wundervollen Worte des Paulus: Wir sehen jetzt durch einen Spiegel in
+einem dunklen Wort, dann aber von Angesicht zu Angesicht. Der Dichter redet
+verhüllte Wahrheit in Bildern; der Denker sieht die Wahrheit nackt.
+
+Gott wirkte zuerst gestaltend durch die Hand des Menschen und redend durch
+seinen Mund: durch den Künstler und den Dichter. Du weißt, daß Dürer gesagt
+hat: »Denn der alleredelste Sinn des Menschen ist Sehen.« Dagegen steht
+Luthers Ausspruch: »Und kein kräftigeres noch edleres Werk am Menschen ist,
+denn Reden.« Der eine geht von der Erscheinung, vom Äußeren aus, dessen
+Sinn das Auge ist, der andere vom Geist, vom Inneren, dessen Sinn das Gehör
+ist. Ich bin aber überzeugt, Dürer, der Luther so sehr verehrte, würde
+ihm, mindestens gegen das Ende seines Lebens, recht gegeben haben; denn er
+war ja ein Genie, welches sich vom bloßen Künstler dadurch unterscheidet,
+daß es nicht nur Gestalt, sondern das Wort auch hat. Das Wort, als die
+stärkste Verdichtung des Geistes, kommt zuletzt; der Dichter ist das
+eigentliche Genie, das Genie +kat exochên+, weil er die vorangegangenen
+Stufen umfaßt. Der Geist denkt in Bildern, wie das der Traum zeigt; der
+Dichter ist dadurch Maler, und Luther nennt Paulus einmal in bezug auf
+seine eindrucksvolle Bildersprache einen großen Maler. Natürlich spreche
+ich nicht vom bloßen Wortkünstler, sondern vom Dichter, der Phantasie hat.
+Die Phantasie, die Einbildungskraft, ersetzt die Gestaltungskraft, die man
+auch plastische, gestaltende Phantasie nennt; sie hat Bilder im Inneren, im
+Geiste. Genie nennen wir denjenigen Künstler, der auch Denker und Dichter
+ist, wie Dürer und alle großen Künstler der Vergangenheit waren. Jetzt gibt
+es keine Genies mehr, ja, die Künstler setzen ihren Stolz hinein, keine zu
+sein; die Maler wollen nur Maler, die Dichter wollen nur Wortkünstler usw.,
+und in erster Linie wollen alle Weltmenschen sein; was sie auch sind.
+
+Homer, der Dichter, war blind, so erzählt die Sage. Das Auge des Dichters
+ist von dem des Malers ganz verschieden: das des Malers liegt tief, wie
+wenn das Organ, welches die Erscheinung aufnimmt, geschützt sein sollte;
+das des Dichters tritt dagegen mehr oder weniger hervor. Auch hat es einen
+ganz anderen Blick als das des Malers, der die Erscheinung in sich
+hineinzieht; das des Dichters geht über die Erscheinung hinweg oder durch
+die Erscheinung hindurch in das unsichtbare Innere. Der Künstler erfaßt die
+Welt vom Äußeren aus, der Dichter vom Innern aus, und insofern ist der
+letztere wirklich blind. Man hat von schönen Bildern Homers nie den
+Eindruck, daß er blind ist, sondern daß er nach innen schaut und dort die
+Welt schöner wiederfindet. Nun ist es ja selbstverständlich, daß jeder
+große Dichter und Künstler beides, das Äußere und Innere, haben muß. Ich
+finde es sehr interessant, daß das hervortretende Auge zu den sogenannten
+Degenerationsmerkmalen gehört, das heißt, es erscheint auf einer hohen
+Entwickelungsstufe, woraus natürlich nicht folgt, daß daraus immer auf
+reiches Geistesleben geschlossen werden könne. Ohnehin hätte ich eher
+bedenken sollen, daß ich nicht zu viel auf einmal sagen soll; aber ich sehe
+dich so gern den Finger heben: Gefahren machen das Leben reizend.
+
+Laß mich bitte darauf zurückkommen, daß in Christus Gottbewußtsein und
+Selbstbewußtsein eins wurde, zugleich aber mit seinem Sterben wieder
+auseinanderfiel; es wieder zu vereinigen liegt jedem einzelnen ob. Seit
+Christus steht sich Gottbewußtsein und Selbstbewußtsein getrennt gegenüber;
+du hast wohl nichts dagegen, daß ich jenes als positiv, dies als negativ
+bezeichne. Daß das Selbst, die Person, die Verneinung oder Hemmung Gottes
+ist, darüber waren wir uns ja schon einig. Die Hemmung der formenden Kraft
+ist die Unform und die Eigenform; die Hemmung der Tatkraft die Untätigkeit
+oder die Missetat, die Hemmung der Wahrheit, des Sinns, ist Unsinn und
+Lüge; sowohl das Passive wie das Negative hemmt. Viele Menschen bestreiten,
+daß es eine Wahrheit, wie daß es eine Schönheit, wie daß es ein Gutsein
+gibt; sie behaupten, für den einen sei dies, für den andern jenes wahr, gut
+und schön. Der Christ ist anderer Meinung, weil er an das Göttliche im
+Menschen glaubt; für ihn ist Gott der ewige Richtpunkt, der Weltenrichter
+mit dem Schwerte, das Gut und Böse, Schön und Häßlich, Wahrheit und Lüge
+scheidet. Es ist ein tiefsinniger Zug im Evangelium, daß Pilatus zu dem
+verklagten Christus sagte: Was ist Wahrheit? Sie stand vor ihm, und er
+fühlte sie ahnend; aber er erkannte sie nicht. Eine andere Frage ist, woran
+man die Wahrheit erkennen kann. Die aus der Wahrheit sind, sagt Christus,
+die hören meine Stimme, und an anderer Stelle heißt es: die aus Gott
+geboren sind, hören Gottes Stimme; man muß götterhaft sein, um Gott zu
+ergreifen. Einer von den Schwärmern zu Luthers Zeit sagte einmal, wenn Gott
+sich den Menschen durch die Schrift hätte offenbaren wollen, so hätte er
+eine Bibel vom Himmel fallen lassen. Darin liegt eben die Schwierigkeit,
+daß das Wort sich durch Menschen offenbart, die doch auch ihre eigenen
+Worte haben; wie soll man Worte Gottes von Menschenworten unterscheiden, da
+der selbstbewußte Mensch als der Affe Gottes sich derselben Sprache bedient
+wie Gott? Soviel ist sicher, daß unsere Zeit es nicht kann, da sie
+überhaupt an Gott nicht glaubt; es ist noch viel, wenn sie das Menschenwort
+ausdrücklich vorzieht und dadurch ihre Theophobie, Angst vor dem
+Göttlichen, zeigt.
+
+#Verbum Dei manet in aeternum#, das Wort Gottes bleibt in Ewigkeit. Unter
+diesem stolzen und demütigen Spruch, dessen Anfangsbuchstaben der Kurfürst
+von Sachsen seiner Dienerschaft auf die Ärmel sticken ließ, und das so viel
+mißverstanden ist, forderte der deutsche Prophet die Welt in die Schranken
+und hatte natürlich alle gegen sich, die auf ihre eigenen Worte eitel
+waren. Luther hat bekanntlich die Bibel für die Richtschnur erklärt, an
+welcher alle Menschenmeinung müßte gemessen werden; aber er hielt nicht
+jedes Wort, das in der Bibel steht, für Wahrheit. Bekanntlich hat er an
+einige Bücher der Bibel scharfe Kritik angelegt. Noch weniger glaubte er,
+daß nur die Bibel Wahrheit enthalte, vielmehr sagt er ausdrücklich, daß
+Gott sich jederzeit den Menschen offenbart habe und es jederzeit tun
+werde. Nur davon war er überzeugt, daß das Wesen Gottes durch große
+Dichter, Menschen von schaffender Phantasie, in der Bibel in ewig gültigen
+Bildern erschöpfend offenbart sei, so daß jede andere Offenbarung der
+Wahrheit notwendig mit der in der Bibel verkündeten übereinstimmen müsse.
+Wirklich, vergleichst du Plato, Kant, Schopenhauer, Nietzsche, alle großen
+Dichter und Denker aller Zeit mit der Bibel, so wirst du finden, daß sie in
+der Wahrheit übereinstimmen; was sie lügen, das reden sie aus ihrem
+Eigenen. Was den Menschen zum Lügner macht, ist die Beziehung aller seiner
+Wahrnehmungen auf sein Selbst. Du erinnerst dich vielleicht der Äußerungen
+Vischers über Luther, die unseren Briefwechsel veranlaßten; sofern man
+Wechselgespräch nennen kann, wenn der eine viel redet und der andere von
+Zeit zu Zeit mißfällig oder beifällig brummt. Je mehr der Mensch imstande
+ist, von seinem Selbst abzusehen, die Dinge so aufzufassen, nicht oder
+nicht nur wie sie ihm erscheinen, sondern wie sie sind, desto weniger lügt
+er: es ist die vielgerühmte Objektivität des Künstlers und Dichters, die
+aber durchaus nicht Selbstlosigkeit, sondern vorübergehende Vereinigung von
+Selbstbewußtsein und Gottbewußtsein, also Subjektivität in der Objektivität
+ist. Das Selbstbewußtsein und somit das Menschenwort verdrängt das
+Gottbewußtsein und das Gotteswort; sie stehen in einem Verhältnis wie zwei
+Eimer, von denen der eine steigt, wenn der andere sinkt und umgekehrt.
+
+Luther erzählte dem Barbier, Meister Peter, der ihn um Belehrung bat, wie
+man beten solle, daß er selbst sich nicht an bestimmte Worte binde, wiewohl
+er mit dem Vaterunser anzufangen pflege. Darüber komme er oft, wie er sich
+ausdrückt, in reiche Gedanken spazieren: »Und wenn auch solche reiche gute
+Gedanken kommen, so soll man die anderen Gebete fahren lassen und solchen
+Gedanken Raum geben und mit Stille zuhören und beileibe nicht hindern: denn
+da predigt der Heilige Geist selber. Und seiner Predigt ein Wort ist viel
+besser denn unserer Gebete tausend. Und ich habe auch also oft mehr gelernt
+in einem Gebet, als ich aus viel Lesen und Dichten hätte kriegen können.«
+Anderswo sagt er über das Gebet, es müsse »frei aus dem Herzen gehn ohne
+alle gemachten und vorgeschriebenen Worte und muß selbst Worte machen,
+darnach das Herz brennt«. In den Psalmen heißt es: #Audiam quid loquatur in
+me Deus#; ich werde hören, was Gott in mir redet. Es gibt keine bessere
+Vorschrift für einen Dichter.
+
+Vorhin erwähnte ich den Ausspruch Luthers: »Das erste, was aus dem Herzen
+bricht und sich ergießt, ist das Wort.« Aus dem Herzen strömt Geist, und in
+dem Augenblick, wo er auf die Lippen und zugleich auf die Schwelle des
+Bewußtseins tritt, wird er Wort. Alle Worte, die das Herz zum Ursprung
+haben, die Quell- oder Urworte, sind deshalb Zauberworte, weil sie
+verdichteter Gott, also verdichtete Kraft sind.
+
+Zu allen Zeiten hat das Wort zum wirksamen Zauber gehört, das wirst du aus
+Märchen und Sagen wissen; aber es muß das rechte Wort, das Herzenswort
+sein, und die meisten Menschen vergessen es. Nur reine Jünglinge und
+Jungfrauen, das heißt Gottangehörige, wissen es und können damit erlösen.
+Mit solchem Wort hat Gott die Welt geschaffen. »Er schafft ja nicht als
+durch sein Wort«, sagt Luther, und Paulus: »Gott ruft oder nennt das da
+nicht ist, daß es sei.« Indem die Idee der Welt auf die Schwelle des
+göttlichen Bewußtseins tritt, ist die Welt da. Man möchte rasend werden,
+daß Menschen darüber nachgrübeln, ob die Schöpfung der Welt, wie die Bibel
+sie erzählt, mit den Ergebnissen der Wissenschaft übereinstimmt. Uns ist
+sie da, wenn sie uns ins Bewußtsein tritt; aus dem Chaos des Herzens steigt
+sie jeden Morgen, perlend neu, wenn wir sie sehen und nennen. Wer das nicht
+erlebt, der wird nie begreifen, daß mit dem Zauberworte Gottes: Es werde
+Licht! die Welt da war.
+
+Das Herz ist das Sprachrohr, der Mund Gottes; umgekehrt ist unser Mund der
+Brunnenrand des Herzens oder sollte es wenigstens sein. #Abundantia cordis
+os loquitur#, aus der Fülle des Herzens spricht der Mund. Luther übersetzte
+bekanntlich: Wes das Herz voll ist, fließt der Mund über; es ist
+bildkräftiger gesagt, indem es uns Herz und Mund als einen Becher, dessen
+Rand der Mund ist, vor Augen stellt. Ein geistvolles Herz muß zuerst da
+sein, damit der Mund göttliche Worte, Zauberworte, Dichterworte, sprechen
+kann: »Große Gedanken und ein reines Herz, das ist's, was wir uns von Gott
+erbitten sollten.«
+
+Du magst meinetwegen sagen, das Meer, aus welchem das Herz gespeist werde,
+sei das Gedächtnis der Menschheit. So wie der einzelne Mensch etwas in sich
+aufnehme und es vergesse, bis es gelegentlich aus dem Unbewußten wieder
+auftauche, so habe die gesamte Menschheit ein Gesamtgedächtnis, an dem
+jeder einzelne teilhabe, und aus diesem Brunnen stiegen die Ideen, die
+wahren und ewigen Worte. So läßt die griechische Mythe Mnemosyne, die
+Erinnerung, die die Welt erinnert, ins Innere aufnimmt, die Mutter der
+Musen sein. Da Gott sich in der Menschheit entwickelt hat, muß das
+Gedächtnis der Menschheit wohl die Ideen Gottes enthalten; es kommt also
+auf dasselbe heraus, ob du von Gott oder dem Unbewußten oder dem
+Gesamtgedächtnis der Menschheit sprichst. Wenn du nur den Unterschied
+zwischen Gemachtem oder Gewordenem anerkennst.
+
+Die Geschichte jedes Genies ist die Geschichte vom Kampf des göttlichen
+Wortes oder der Idee mit dem Menschenworte. Gewohnheit, Nutzen und Zweck,
+die in der Welt herrschen, müssen sich ihrer Art nach dem himmlischen
+Fremdling widersetzen.
+
+Der Kampf Luthers mit der katholischen Kirche drehte sich darum, daß der
+Papst über der Heiligen Schrift stehen, Luther dagegen in Glaubenssachen
+keine Menschenmeinung anerkennen wollte, die nicht mit der Heiligen Schrift
+übereinstimmte. Die Katholiken beriefen sich auf einen Ausspruch des
+heiligen Augustinus, er würde dem Evangelium nicht glauben, wenn er nicht
+der Kirche glaubte; Luther sagte, das Wort mache die Kirche, nicht
+umgekehrt. Nur das Vermögen, Menschenwort von Gotteswort zu unterscheiden,
+schrieb er der Kirche zu; also ein kritisches, das schöpferische sprach er
+ihr wie allen Menschen ab, das heißt den Menschen, wenn sie »aus ihrem
+Eigenen« reden. Aber auch er mußte klagen über die Blinden, »die nicht
+können so viel Unterschieds haben, daß ein ander Ding ist, wenn der Mensch
+selbst oder wenn Gott durch den Menschen redet -- #o furor et amentia his
+saeculis digna!#«
+
+Es ist in der Tat ein Zeichen äußerster Entfernung von Gott, wenn der
+Mensch nicht einmal mehr kritisieren, das heißt Echtes vom Unechten, das
+Gewordene vom Gemachten unterscheiden kann. Natürlich kann es der
+Ungläubige nicht, für den es überhaupt nur Menschliches gibt; und da im
+Gleichartigen kein Unterschied ist, frißt der ungläubige Kritiker sich
+selbst auf. Luther spricht einmal davon, daß die Kirche, weil aus der
+freien Forschung in der Schrift verschiedene miteinander streitende
+Auffassungen und Irrlehren entstanden seien, das Studium der Bibel
+überhaupt verboten habe; um Einheit des Glaubens, Wahrheit, zu erzielen,
+habe sie, eine höchst merkwürdige Verirrung, den Quell der Wahrheit
+versiegelt. Dasselbe geschieht, wenn die Wissenschaft, aus Angst vor
+Hirngespinsten und um nicht aus ihren ausgetretenen Geleisen geworfen zu
+werden, alle Ideen ablehnt; aus Ideenscheu begnügt sie sich mit
+Einzelbeobachtungen und Experimenten und schließt sich in die Mauer
+sinnlicher Erfahrung ein, hinter der aus Luftmangel das Leben ersticken
+muß. Nicht nur Kunst und Wissenschaft, die ganze Welt lebt von Ideen; der
+Mensch, sagt Christus, lebt von einem jeglichen Wort, das durch den Mund
+Gottes geht.
+
+Die Zwietracht zwischen Kopf und Herz oder dem unbewußten und bewußten, ich
+sage lieber dem gottbewußten und selbstbewußten Wort ist von jeher
+aufgefallen. Man bemerkte, daß Kinder, Narren und Betrunkene die Wahrheit
+sagen, man betäubte die delphischen Priesterinnen, zu denen man ohnedies
+einfache Bauernmädchen, nicht Gelehrte wählte. Viele Menschen werden
+erfahren haben, daß ihnen etwas nicht einfällt, wenn sie sich darauf
+besinnen, sondern erst, wenn sie nicht mehr daran denken; auf Fragen, die
+das wache Selbstdenken nicht lösen kann, taucht oft die fertige Antwort des
+Morgens aus dem Schlafe. #Spirat ubi vult#, der Geist weht, wo er will. Die
+Zwietracht unter der Schrift und Menschenlehre, sagt Luther, könne man
+nicht eins machen: »Sintemal sie nicht mögen eins werden und natürlich
+müssen untereinander sein, wie Wasser und Feuer, wie Himmel und Erde, wie
+Jesaias davon redet, Kap. 55. 8, 9: >Wie der Himmel von der Erde erhöht
+ist, so sind meine Wege erhaben von euren Wegen.<«
+
+Mir scheint das wiederum das Größte an Luther, daß er sich trotz der
+Erkenntnis dieser Zwietracht nicht darin verrannte, nur das Gotteswort
+gelten lassen zu wollen. Viele, die das genannte Wechselverhältnis zwischen
+Menschen-und Gotteswort bemerkt haben, suchen sich dadurch genial, das
+heißt schaffend, zu machen, daß sie den Verstand ganz unterdrücken,
+womöglich nichts lernen und über nichts nachdenken; was aber tatsächlich
+nicht dem Geist, sondern dem Fleisch zugute kommt. Luther sagte: »Wenn die
+Vernunft vom Heiligen Geist erleuchtet ist, so hilft sie judizieren und
+urteilen die Heilige Schrift ... Also dient die Vernunft dem Glauben auch,
+daß sie einem Ding nachdenkt, wenn sie erleuchtet ist.« Die Wahrheit
+bewährt sich zwar, aber sie kann sich nicht beweisen, beweisen muß das
+Menschenwort durch die Logik; darum sagt Luther, daß das Gotteswort an
+einem dünnen Faden, das Menschenwort an einer eisernen Kette hänge. Diese
+Kette muß das Wort Gottes binden, um es uns zu erhalten; aber es läßt sich
+nur binden, wenn es geglaubt wird. Gott der Geist selbst, sein Dasein, kann
+niemals bewiesen, er muß geglaubt werden; glaubt man ihn aber, so offenbart
+er sich in Werk und Wort, das sich beweisen läßt und bewiesen werden soll.
+Weit entfernt, der Betätigung des menschlichen Eigengeistes entgegen zu
+sein, tat Luther den Ausspruch: Schulen erhalten die Kirche. Es war ihm
+aufgefallen, daß der Erneuerung des Evangeliums das Wiederaufblühen der
+Sprachen in Italien vorausgegangen war, und er begriff den Zusammenhang.
+Wenn er sagt, der Heilige Geist habe die Sprachen vom Himmel gebracht, und
+das Nichtverstehen der Bibelworte komme vom mangelnden Verständnis der
+Sprache, so heißt das, daß die Sprache der unmittelbare Ausdruck des
+Geistes ist, und daß man den Geist in den Sprachen müsse ergründen können,
+sowie man sie nur bis in die Wurzeln verfolge. »Gott gibt niemandem seine
+Gnade oder seinen Geist«, sagt er, »ohne durch oder mit dem vorgehenden
+äußerlichen Wort.« Das äußerliche Wort aber ist dem menschlichen
+Selbstdenken zugänglich.
+
+Bemerkenswert ist in dieser Hinsicht der Brief des Apostels Paulus an die
+Korinther über den Unterschied zwischen Reden mit Zungen und Weissagen.
+Unter dem Zungenreden verstand er Worte, die sich nur an das Gefühl, nicht
+zugleich auch an den Verstand wenden, die einer also, nach seiner
+Ausdrucksweise, nur sich selbst und Gott redet, nicht den Menschen.
+Hingegen soll man auch den anderen Menschen verständlich sein und das mit
+Zungen Geredete auslegen, das heißt das Gotteswort dem menschlichen
+Begriffsvermögen anpassen. »Wie soll es aber denn sein? Nämlich also: ich
+will beten mit dem Geist und will beten auch mit dem Sinn; ich will Psalmen
+singen im Geist und will auch Psalmen beten mit dem Sinn.« Wir würden etwa
+sagen: Was wir im Rausche empfangen haben, sollen wir in Besonnenheit
+ordnen. Luther führt als Beispiel den Knaben David an, der den Riesen
+überwand: er vertraut auf Gott, daß er ihm den Sieg geben wird, aber er
+gebraucht nichtsdestoweniger seine Waffen. So sollen wir unsern
+menschlichen Verstand dem Geiste mitwirken lassen, der sich uns ohne unser
+Zutun gibt.
+
+Aber nicht nur das Gotteswort zu beweisen, soll das Menschenwort dienen,
+sondern ohne die persönliche Wahrheit wäre die göttliche gar nicht da. Das
+ist ja gerade der Grund, warum das Weib nicht selbst Genie ist, sondern ihr
+Sohn, dessen Selbst das Gotteswort, das sie ihm überträgt, binden kann. Nur
+dem Widersprecher offenbart das göttliche Wort sich ganz; andererseits hat
+er nur als Widersprecher Wert. Sowie das Menschenwort das göttliche Wort
+verdrängt, sich an seine Stelle setzt, verliert es auch die eigene Kraft
+und den eigenen Wert. »Der Teufel«, sagte Luther, »achtet meinen Geist
+nicht so sehr als meine Sprache und Feder in der Schrift. Denn mein Geist
+nimmt ihm nichts denn mich allein; aber die Heilige Schrift und Sprache
+machen ihm die Welt zu eng und tun ihm Schaden in seinem Reich.«
+
+Beide zusammen machen es aus: die Schrift und seine Sprache und Feder in
+der Schrift, die göttliche Offenbarung, und der persönliche Geist, der die
+Offenbarung vernimmt.
+
+Wenn man formulieren will, kann man sagen: das Wort ist die gewordene
+Kraft, die Christus der Menschheit gab, um ihr die werdende zu ersetzen,
+die sie mit seinem Erscheinen verloren hatte. Sie ist wissend geworden;
+aber wenn auch die Krone im Lichte steht, muß doch die Wurzel in der
+fruchtbaren Dunkelheit der Erde bleiben und der Samen aus der Frucht dort
+hineinfallen.
+
+Du wirst es deiner Scheherazade verzeihen, wenn sie dem Wort einen Überfluß
+an Worten gewidmet hat. Ich liebe das Wort, wenn es glitzernd und
+zwitschernd über bewegliche Lippen plätschert, und ich liebe es, wenn es
+als ein schöner Fremdling auf einen stolzen und scheuen Mund tritt. Ich
+liebe es, obwohl es zweischneidig ist wie das Schwert und wie das Licht.
+Ein Lichtbringer ist es, wie der schönste und unseligste der Engel, wie der
+unbarmherzig-gnädige Morgenstern. Vielleicht bist du diesmal dem silbernen
+Hahn nicht böse, der uns auseinanderkräht und mich verhindert, über die
+Doppelzüngigkeit des erleuchtenden Wortes noch mehr Worte zu verschwenden.
+
+
+
+
+X
+
+
+Laß diese dunkelwolkige Nacht dem schönen Feinde Luzifer gewidmet sein;
+doch muß ich, meiner Gründlichkeit gemäß, mit dem Teufel beginnen, was
+nicht ganz dasselbe ist. Bei dieser Gelegenheit komme ich wieder einmal auf
+gewisse lutherische Theologen, die ihren Helden zuweilen so schrecklich
+mißverstehen und dadurch sein Bild in den Dreck der Dummheit und
+Lächerlichkeit gezogen haben. Du kannst in allen, wenigstens in vielen --
+denn ich kenne längst nicht alle -- Lutherbiographien gönnerhafte Klagen
+darüber hören, daß er so abergläubisch und mystisch, wie sie es nennen,
+gewesen sei, daß er an den Teufel und an Zauberei geglaubt habe, weswegen
+man ihm jedoch nicht zürnen solle, denn es sei ja nun einmal so, daß jeder
+große Mann seine Schwächen haben müsse. Sie denken allen Ernstes, Luther
+habe an einen gefleckten Mann mit Hörnern und Schwanz geglaubt, der in den
+Straßen herumhinke mit einem Blasebalg, wie man es auf alten Bildern sieht,
+und den Leuten teuflische Gedanken durchs Ohr ins Herz blase. Sie halten
+ihn für pueril, wie Ökolampad tat, als Luther die Allgegenwart Gottes an
+dem Bilde der menschlichen Seele klarzumachen versuchte, die, obwohl eine
+Einheit, doch in jedem kleinsten Teile des Körpers gegenwärtig sei. Sie
+wissen nicht, daß, wo kein Teufel, da auch kein Gott ist, und daß, die
+nicht an den Teufel glauben, dadurch deutlich bezeugen, daß sie auch an
+Gott nicht glauben. Sie stellen sich, was sie auch sagen mögen, Gott als
+einen alten Mann mit weißem Bart vor, aus welchem Grunde sie ja auch im
+tiefsten Herzen gar nicht an ihn glauben; denn wenn sie das nicht täten,
+würden sie nicht als selbstverständlich voraussetzen, daß für den
+Teufelsgläubigen der Teufel ein Mann mit Bocksfuß und Hörnern sein müsse.
+Luther wußte, daß Gott Kraft und der Teufel von Gott abgelenkte oder sich
+Gott widersetzende Kraft ist; daß er also, soweit er ist, Gott selbst ist,
+und sein Sein nur im Begriff des Sichwidersetzens liegt, weshalb er ihn
+oft mit einem gewissen Hohn bloßen Geist, ohne Erscheinung, nennt. In einer
+berühmten Lutherbiographie kannst du lesen: »Ein wissenschaftlicher Streit
+war mit Luther nicht zu führen, da er jeden Widerspruch gegen seinen
+Glauben vom Teufel herleitete; Zwingli dagegen glaubte an das Recht der
+Vernunft und den Segen der Logik.« Wenn Luther seine zwinglianischen Gegner
+als teuflisch betrachtete, so wollte er damit sagen, es sei ihnen nicht um
+die Wahrheit, sondern um das Durchsetzen eigener Gedanken zu tun oder auch
+nur, in bezug auf Karlstadt zum Beispiel, um das eigene Ansehen. Übrigens
+waren die Gründe, die Zwingli, Ökolampad und Karlstadt gegen Luthers
+Abendmahlslehre vorbrachten, so kindisch, daß ein Kind sie widerlegen
+könnte, Luther dagegen hat nie geruht, bis er mit unerbittlicher Logik
+bewiesen hatte, was überhaupt beweisbar ist; Gott selbst, das eine und
+unteilbare Sein, läßt sich natürlich nicht beweisen, sondern wird geglaubt,
+wenn es im eigenen Ich gewußt wird.
+
+Luther hat sich über Aberglauben, Zauberei und dergleichen so deutlich
+ausgesprochen, daß die Menschen ihn nicht mißverstehen könnten, wenn der
+Teufel sie nicht verblendete, das heißt, wenn sie nicht alles durch das
+gefärbte Glas ihrer eigenen Persönlichkeit sähen. Man liest gewöhnlich nur,
+was man schon vorher wußte. Er war der Ansicht, daß der, welcher an das
+Böse glaubt, geradeso gut Berge versetzen kann wie der, welcher an Gott
+glaubt; denn Glaube ist Glaube und Kraft ist Kraft, und man kann genau so
+viel, wie man glaubt. Warum sollte es abergläubisch sein, zu glauben, daß
+Hexen und Zauberer den Menschen Böses anwünschen können, und nicht
+abergläubisch, zu glauben, daß Christus Kranke heilen und Tote lebendig
+machen konnte?
+
+Luther glaubte nichts anderes, als daß Kraft Kraft anzieht, und daß Kraft
+auf Stoff wirkt, und daß der Mensch Kraft aus seinem Herzen schöpfen kann,
+göttliche aus einem reinen, teuflische aus einem bösen Herzen.
+
+»Denn diese schwarze Kunst hat ihr verborgenes Geheimnis und geschieht, was
+sie machen, wenn sie Glauben daran haben!« Nicht glauben tat Luther, daß
+Hexen auf einem Besen reiten, daß sie sich in Katzen verwandeln, kurz
+nichts, was gegen die Naturgesetze ginge. Das sind ihm »lauter
+Teufelsgespenster und Verblendungen und ist nicht die Sache selber«. Es
+möge wohl sein, schreibt er, daß Hexen im Schlafe oder in der Verzückung
+wähnten, sie liefen oder täten dies und das, während sie tatsächlich im
+Bette lägen. »Und wer mag doch alle leichtfertigen, lächerlichen, falschen,
+närrischen, abergläubischen Dinge erzählen, so die Weiber treiben, damit
+sie der Teufel bald betrogen hat. Das ist ihnen von ihrer Mutter Eva
+angeboren, daß sie sich also äffen und betrügen lassen.«
+
+Ebenso nachdrücklich, wie er vor Verblendung warnt, betont er aber die
+Möglichkeit vom Einflusse bösen Wollens auf andere Willenskraft oder auf
+Stoffliches. »Aber ach, daß Gott erbarme! wie sind wir doch heutigen Tages
+so gar sicher allzumal, beide, groß und klein, Gelehrte und Ungelehrte;
+tun, als ob der Teufel gestorben wäre, und ist nun dahin mit uns gekommen,
+daß wir auch, unser Ding zu erhalten, des wir uns närrisch eingebildet, die
+blutigsten Kriege führen und hadern ohne Aufhören.«
+
+Wenn Luther das Tintenfaß nach dem Teufel geworfen hat, so beweist das
+nicht, daß er den Teufel leibhaftig vor sich zu sehen glaubte, sondern daß
+er sich aus einer Selbsttäuschung herausreißen wollte. Einmal entstand in
+einer Kirche, während er predigte, Aufregung, weil man glaubte, die Gerüste
+stürzten ein; er schnitt die entstehende Panik damit ab, daß er zu der
+Gemeinde sagte, sie sollten ruhig bleiben, es sei nichts, das tue der
+Teufel. Das heißt: eure Furchtsamkeit verblendet euch und läßt euch
+wahrnehmen, was nicht ist. Gott, sagte er, bestätigt wohl sein Wort mit
+einem nachfolgenden Zeichen, aber er macht es niemals umgekehrt, und wer
+Zeichen zu sehen glaube, ohne daß das Wort vorausgegangen ist, befindet
+sich in einer Selbsttäuschung. Zeichen, die durch vorausgehendes Wort
+verkündet werden, sind ja nicht Wunder, sondern von wenigen, vielleicht nur
+von einem erkannte Wahrheiten. Der gebildete Europäer kann den Wilden
+Sonnenfinsternisse voraussagen und sich dadurch als Wundertäter darstellen;
+es ist wesentlich nichts anderes, wenn die Propheten das künftige
+Erscheinen Christi weissagten.
+
+Während der ungläubige Melanchthon sich in die Astrologie versenkte, sagte
+Luther: Wir sind Herren der Sterne. Er war so vollständig von Aberglauben
+frei, wie nur der Gottgläubige oder der durchaus Weltgläubige sein kann;
+der eine hat eine exakte, auf die Wahrheit gerichtete Phantasie, der andere
+hat gar keine. Der Ungläubige hat eine lügnerische, die ihm vorspiegelt,
+was er hofft oder fürchtet, was aber nicht ist.
+
+Ich sagte, glaube ich, schon einmal, daß Luther drei Stufen der Versuchung
+unterschied: die erste durch Trägheit und Sinnlichkeit, die den Menschen in
+der Jugend befällt; die zweite durch den Ehrgeiz, das Streben nach Macht,
+Ruhm und Ansehen in der Welt, die Versuchung des Mannesalters; schließlich
+die dritte und letzte, wo der Mensch, alle anderen verachtend, sich selbst
+vergöttert, sich an Gottes Stelle setzen will. Man kann nach diesen Stufen
+den dummen Teufel, den bösen Teufel und den stolzen Teufel, Luzifer,
+unterscheiden.
+
+Den Teufel ließ Luther, wie du weißt, gelten, er glaubte an ihn. Gott und
+der Teufel sind ihm zwei Fürsten, die sich gegenseitig bekämpfen. Christus
+hat zum Teufel gesprochen: Regiere du die Welt; also ist er legitimer Fürst
+der Welt, wie Gott im Reiche Gottes Herr ist. Es ist selbstverständlich,
+daß Gott auch der Welt Herr ist; aber er hat sie sich nach einem Ausdruck
+Luthers an die linke Hand getraut und läßt zu, daß sie dem Teufel dient.
+Luther, der die Welt durch und durch kannte, haßte sie dementsprechend. Er
+wußte, daß das Gesetz des Kampfes ums Dasein in ihr herrscht; daß in der
+Welt, so drückte er es aus, der Stärkere den Schwächeren in den Sack
+steckt. Es war für ihn das Reich der Tiere, aus denen das Gesetz erst
+Menschen machen muß. Sein ganzes Leben war ein leidenschaftlicher Kampf
+gegen die Welt; dennoch dachte er nie daran, sie an sich zu verneinen. Er
+nannte den Teufel den Affen Gottes, und in diesem Sinne mußten ihm die
+sichtbare Kirche, Akademien, Universitäten Affen der unsichtbaren Kirche,
+mußte ihm die Ehe der Affe der Liebe sein; trotzdem hat er weder die
+Kirche, noch die Universitäten, noch die Ehe abschaffen wollen. Das
+Christentum ist durchaus paradox, indem es etwas als durchaus verwerflich,
+zugleich aber als notwendig, und insofern könnte man sagen, als gut
+hinstellt. Einer von Luthers Gegnern stellte einmal alle Widersprüche in
+Luthers Lehre in einem Buche zusammen. In bezug darauf schrieb Luther an
+Melanchthon: »Wie können diese Esel über Widersprüche in unserer Lehre
+urteilen, die keinen Teil des einander Widersprechenden verstehen? Was kann
+unsere Lehre in den Augen der Ungläubigen anders sein als bloßer
+Widerspruch, da sie die Werke zugleich fordert und verurteilt, die
+Gebräuche zugleich aufhebt und wieder einsetzt, die Obrigkeit zugleich
+verehrt und anschuldigt, die Sünde zugleich behauptet und leugnet?« Wie
+sehr versteht man, daß Luther sich oft Gewalt antun mußte, um seine Gegner
+nicht schweigend zu verachten, sondern zu bekämpfen!
+
+Während Luther den Teufel als einen Feind haßte, den man doch anerkennt, ja
+sogar bewundern kann, haßte er Luzifer schlechthin. Von der Versuchung des
+Luzifer, der er selbst unterworfen war, sprach er nicht ohne Furcht und
+Grauen. Den gemeinen Teufel nannte er den inkarnierten, den
+eingefleischten, weil er durch das eigene Fleisch oder in Gestalt anderer
+Menschen einen angreift, und er beneidete seine Freunde, die nur ihn
+kannten, nicht den Teufel in seiner Majestät, den Teufel im Geiste, eben
+Luzifer. Dieser nämlich ist vom Teufel wesentlich verschieden, er hat einen
+anderen Ursprung und andere Wirkungen. Der böse Teufel kommt aus dem
+Herzen, wie es in der Bibel heißt: Aus dem Herzen kommen böse Gedanken; und
+diese gemeinsame Wurzel beweist seine Gottverwandtschaft. Käme das Böse
+nicht aus dem Herzen, so könnte es keine schwarze Magie geben, da es sonst
+keine Kraft hätte. Selbstliebe ist so gut Kraft wie göttliche Liebe, es ist
+dieselbe Kraft, nur auf verschiedene Punkte bezogen; der böse, grausame,
+tyrannische Mensch kann in jedem Augenblick zum verschwenderisch gütigen
+werden, wenn seine Liebeskraft von seinem Selbst auf Gott umspringt.
+Scheinbar kann man sich besser auf den Kopf verlassen als auf das Herz,
+weil man da auf festem Boden steht; aber was gibt mir dieser Bretterboden
+oder Steinboden? Ich verlasse mich nur auf ein Herz, obwohl es ein
+bewegliches, bodenloses, ewig wechselndes Meer ist.
+
+Luzifer hat keinen Sinn für die wilde, zufällige Schönheit; er will
+vollkommen und Gott gleich sein, nämlich dem abstrahierten Gott, den er
+sich ausgedacht hat. Er läßt Hörner und Pferdefuß nicht mehr sehen, sondern
+verstellt sich in einen Engel des Lichts, an den alten Teufel erinnert
+nichts mehr; sein eigentliches Wesen, seine Selbstliebe verlarvt er. Da ist
+nun der Punkt, weswegen er so gefährlich ist: er ist nicht wie der gemeine
+Teufel eine Hemmung der Kraft, die die Kraft erst hervortreten läßt,
+sondern er ist eine Hemmung der Hemmung und hebt dadurch das Spiel des
+Lebens auf. Die Form des Lebens ist nicht der Kreis mit einem Mittelpunkte,
+sondern die Ellipse. So wie der moralische Mensch seine natürliche
+Selbstsucht erstickt, um eine erdachte Vollkommenheit zu erreichen,
+vertreibt er auch das Göttliche: er kann, mit anderen Worten, die Tätigkeit
+des Herzens nicht hemmen, ohne das ganze Herz zu lähmen. An die Stelle der
+heißen Hölle tritt die kalte oder das Nichts. Sobald der Kopf das Herz
+verdrängen und ersetzen will, ist der Mensch dem Tode geweiht, wird er aus
+einem lebendigen Organismus zu einem Automaten. Insofern die aus Gott
+abgeleitete, aber sich Gott widersetzende Kraft ihrem Wesen nach der Mann
+ist, kann man die luziferische Hemmung auch eine Selbstentmannung nennen,
+deren Folge Unproduktivität ist. Überwiegend moralische Menschen, Völker
+und Zeiten sind unproduktiv.
+
+Das beständige Wirken der eigenen Kraft, der Selbsttätigkeit, verdrängt
+Gott, die nicht von unserer Willkür abhängende Kraft, das ist die
+Liebeskraft oder Schaffenskraft. Im einzelnen äußert sich das als Mangel an
+Gestaltungskraft, plastischer und dichterischer Phantasie, Mangel an
+Tatkraft und Ideenlosigkeit. Der moralische und der edle Mensch sind
+phantasielos, tatenlos und ideenlos. Der Welt kann nun allerdings die Moral
+zugute kommen, wovon England ein sehr deutliches Beispiel ist; aber mit der
+Zeit muß infolge des Mangels an lebendiger Kraft doch ein Absterben
+eintreten. Manchmal geschieht es, daß das hinter der moralischen Larve fast
+erstickte Feuer sich empört und die Kruste zerreißt, was dann einen
+vollständigen inneren Zusammenbruch bedeutet. Davon gibt die Geschichte
+Nietzsches ein tragisches Beispiel. Er lebte in einer durchaus moralischen
+Zeit und stammte aus einer überwiegend moralischen Familie. Seine Briefe
+sind unerträglich trocken und dürftig, es fehlt ihnen ganz das, was
+Wölfflin so schön den Zauber des Zufälligen nennt, das Freie,
+Überraschende, der göttliche Hauch. Er schloß sich eng an Schopenhauer, der
+die Wahrheit ahnte, aber niemals aus der moralischen Verlarvung, die er
+doch haßte, herauszukommen vermochte; ebenso war es mit Wagner. Von diesen
+beiden bezog er seine Ideen; eigene hatte er zunächst nicht.
+Bezeichnenderweise fühlte er sich besonders zu Burckhardt hingezogen. Jeder
+genial begabte Schweizer muß, bevor er schaffen kann, eine außergewöhnlich
+starke Kruste von Moralität und Eigenheit abschmelzen. Dieser Aufwand von
+Glut und diese dicke Kruste machen, daß nur wenig Früchte gezeitigt werden,
+daß sich diese aber durch Reife und Süßigkeit auszeichnen. Die
+schweizerische Kunst ist kein Brot des Lebens für die Menschheit, sondern
+ein Leckerbissen für eine erlesene Tafel. Was aber bei Burckhardt organisch
+war, war bei Nietzsche krankhaft; denn die Schweizer bleiben geduldig in
+ihrem Gehäuse, das ihnen im Grunde bequem ist, und glühen es nur
+stellenweise etwas an. Nietzsche dagegen strebte jäh heraus und ruhte
+nicht, bis die Kruste zerrissen war, ähnlich wie Kleist; das Leben
+wechselte bei ihnen zwischen Erstarrung und vulkanischen Ausbrüchen.
+Nietzsche wollte sich von der Moralität durch Immoralität befreien, den
+Teufel durch Beelzebub austreiben; die höhere Einheit, unter der er den
+Widerstreit hätte vereinigen können, fand er nicht. Er hatte, anders
+ausgedrückt, ein Übermaß von Negation in sich, womit er sich nicht abfinden
+und das er doch nicht aufwiegen konnte. Hätte er sich begnügt, ein paar
+reife, süße Früchte zu tragen, das wäre möglich gewesen, und er hat es ja
+auch getan; aber als Deutscher mußte er Brot des Lebens allen Menschen
+geben wollen, und dazu war er zu verselbstet.
+
+Nicht die Negativität, das Fürsichsein und Fürsichwollen ist verderblich,
+es ist vielmehr erforderlich; nur dann ist es absolut zu verdammen, wenn es
+das Göttliche verdrängt, und dahin gerade strebt es mit Notwendigkeit. Es
+liegt im Wesen des Menschen, der Person, alles für sich zu wollen, also
+Gott sein zu wollen; im Augenblick, wo er alles erreicht zu haben glaubt,
+hat er alles verloren.
+
+Ich denke mir, du bist unzufrieden, daß ich die Moralischen und die Edlen
+und Stolzen zusammenwerfe, während doch die letzteren viel höher stehen.
+Also will ich den Unterschied noch einmal betonen, der darin besteht, daß
+die Moralischen irgendeine Belohnung außer sich, die Stolzen nur die eigene
+Zufriedenheit suchen. Die Worte Adel und Edel haben dieselbe Wurzel, und
+Adel ist seinem Wesen nach Selbstanbetung und infolgedessen Absonderung
+durch Inzucht. Die Folge der Inzucht ist zuerst Steigerung des erlangten
+Typus durch Häufung seiner Merkmale, dann Verkümmerung und Absterben durch
+Mangel an Gegensatz. Dem Adel in seiner Blüte, wenn er die Macht an sich
+reißt, ist es nur um diese zu tun, Reinheit des Blutes und auch seine
+Titel, soweit sie nicht Privilegien einschließen, sind ihm noch nicht sehr
+wichtig; erst auf dem Höhepunkte seiner Macht schließt er sich ab. Mit dem
+Eroberertypus, dem, der die Macht erlangt hat, ist die Kraft erschöpft;
+sein Nachfolger, der Königstypus, erbt nur »des Ahnherrn große Züge«,
+nicht mehr als Ausdruck des Innern, sondern als Maske. Die Kraft aber, die
+sein Ich nicht mehr binden kann, umgibt ihn als ein schützender Mantel und
+hält das Volk in Ehrfurcht von ihm fern, das, wenn es ihn berührte und
+gewahr würde, daß er »innen hohl« und unendlich viel schwächer ist als
+jeder einzelne von ihnen, ihn vernichten würde.
+
+Den Adel der Selbstanbetung kann jeder Mensch, jeder Stand, jedes Volk
+erreichen. Den adligsten Adel fand ich in der Schweiz; das ganze Volk
+leidet ja an Selbstanbetung und Absonderung durch Inzucht. Die
+Ausgeglichenheit und Überlegenheit, die Kultur, die in gewissen Schweizer
+Städten und Familien vorhanden ist, verhältnismäßig auch auf dem Lande, hat
+etwas unwiderstehlich Einnehmendes und Imponierendes; aber der damit
+verbundene Mangel an Herzhaftigkeit entfremdet auch wieder. Mangel an
+Phantasie, Mangel an Taten und Ideen sind die verhängnisvollste Folge der
+Selbstanbetung und Absonderung.
+
+Es ist gefährlich, wenn der Mensch in dem Augenblicke, wo er in den Spiegel
+des Sichselbsterkennens sieht, zu schön ist; je geringer der Unterschied
+zwischen ihm und der göttlichen Vollkommenheit ist, desto eher kann er sich
+selbst mit Gott verwechseln. Der Selbstgenuß der eigenen Schönheit ist ein
+Fluch, wie schon das Märchen von Narkissos lehrte, und sondert vom Leben
+ab. Deswegen will ich aber der Schönheit ihre Schönheit nicht abstreiten;
+ja, ich leugne nicht, daß der veredelte Mensch, Luzifer, der Rebell, der
+aus eigener Kraft gottähnlich werden will, einen gefährlichen Zauber auf
+mich ausübt. Es ist eine Schönheit, die durch das tragische Siegel des
+Todes geweiht ist.
+
+Luther sagte einmal: »Gott hat in tausend Jahren keinem Bischof so große
+Gaben gegeben als mir, denn Gottes Gaben soll man sich rühmen. Ich bin
+zornig auf mich selbst, daß ich mich ihrer nicht von Herzen freuen noch
+danken kann.« Ähnlich sagte Gustav Adolf, der fest glaubte, er sei von Gott
+verordnet, das Wort Gottes zu schützen, wenn er falle, so liege daran
+nichts; denn Gott könne wohl einen anderen Kavalier erwecken, der die
+Kirche noch besser verteidigte, als er getan habe. Das Geheimnis, daß das
+Genie sich seiner Größe bewußt und doch nicht eitel ist, liegt darin, daß
+sie aus dem Herzen kommt, das dem Menschen gehört, dem aber auch der Mensch
+gehört.
+
+
+
+
+XI
+
+
+Ich will die Lehre von der Dreieinigkeit noch einmal zusammenfassen: Gott
+ist schaffende Liebe; er äußert sich dreifach als Gott-Natur, Gott-Mensch
+und Gott-Geist. In Gottes Ebenbilde, dem Menschen, äußert sich die
+göttliche Kraft entsprechend als Gestaltungskraft, Tatkraft und
+Glaubenskraft oder Vernunft. Auf der ersten Stufe des Geistes, der der
+Phantasie, erfaßt der Mensch die Welt als unendlich viele Einzelheiten, die
+ihm alle göttlich sind, so daß die ganze Welt ihm göttlich ist, aber
+unbewußt; auf der Stufe der Tatkraft erfaßt er die Welt als Gegensatz
+zwischen dem Einen persönlichen Gott und dem teuflischen Gegengott, dem
+menschlichen Selbst; zuletzt glaubt er an eine göttliche Welt, deren
+Inneres mit seinem Inneren zusammenfällt. Seit die Menschheit die Welt als
+unendlich ansieht, dürfen wir ganz wohl Welt, im Sinne von Kosmos natürlich
+hier, statt Gott setzen, und da die drei Offenbarungen der göttlichen Kraft
+sowohl nebeneinander wie nacheinander erscheinen, dürfen wir sagen, daß die
+Welt sich stufenweise entwickelt. Danach lautet der wesentliche Inhalt von
+Luthers Glaubensbekenntnis, in die Sprache unserer Zeit übersetzt: Wir
+glauben an die Welt als an eine sich entwickelnde, endlose und grenzenlose
+Einheit, deren Mittelpunkt der Mensch ist. Dies Glaubensbekenntnis ist
+geozentrisch, wie mir scheint, mit Recht; denn Gott, der Geist, der sich im
+Menschen offenbart, schafft die Welt, folglich muß der Mensch und mit ihm
+die Erde der Mittelpunkt der Welt sein.
+
+Die Dreieinigkeit drücke sich auch in der allergeringsten Kreatur ab, sagt
+Luther, insbesondere natürlich im Menschen. Das antike Wort, daß der Mensch
+die Welt im kleinen, das Maß aller Dinge sei, heißt beim Christen, er sei
+das Ebenbild Gottes. Die drei Einheiten, die den Menschen bilden, nennt
+Luther, sich auf Paulus beziehend, Geist, Seele und Leib. Die betreffende
+Stelle kommt im ersten Brief an die Thessalonicher vor und heißt: Gott, der
+ein Gott des Friedens ist, der mache euch heilig durch und durch, also daß
+euer ganzer Geist und Seele und Leib unsträflich erhalten werde auf die
+Zukunft unseres Herrn Jesu Christi.
+
+Den Geist beschreibt Luther als den »höchsten, tiefsten, edelsten Teil des
+Menschen, damit er geschickt ist, unbegreifliche, unmittelbare, ewige Dinge
+zu fassen und ist kürzlich das Haus, da der Glaube und Gottes Wort
+innewohnt«. Die Seele sei derselbe Geist nach der Natur, aber doch in einem
+anderen Werke, nämlich in dem, daß er den Leib lebendig mache und durch ihn
+wirke. Durch die Seele also wirkt der Geist auf den Körper. Die Art der
+Seele sei, nicht die unbegreiflichen Dinge zu fassen, sondern was die
+Vernunft (wir würden sagen der Verstand) erkennen und ermessen könne, und
+die Vernunft sei das Licht in diesem Hause. Sowohl die Erkenntnis wie die
+Affekte schreibt er, im Einklange mit der Heiligen Schrift, der Seele zu.
+Um diese menschliche Dreieinigkeit deutlich zu machen, fügt Luther noch ein
+Bild hinzu; er vergleicht sie nämlich mit dem von Moses beschriebenen
+Tabernakel. Das Allerheiligste, in dem Gott wohne und in dem kein Licht
+sei, stellt er dem Geiste gleich, das Sanktum mit dem siebenarmigen
+Leuchter der Seele, das Atrium, den jedermann zugänglichen Vorhof, dem
+Körper.
+
+Mir stellt sich das unwillkürlich körperlich vor, nämlich als drei
+ineinander schwebende Sphären, von denen die innere der Geist, das
+Allerheiligste ist, die äußere der Körper und die mittlere, welche Geist
+und Körper verbindet, die Seele. Überträgst du diese Form des Mikrokosmos
+auf den Makrokosmos, so ergibt sich, daß die Menschheit die Seele der Welt
+ist; im Selbstbewußtsein der Menschheit wird das Sichtbare und das
+Unsichtbare, Stoff und Kraft, zur Einheit. Ohne die Menschheit wäre die
+Welt seelenlos, ja, sie wäre nicht, denn es wäre nur Chaos. Das Wort der
+zum Selbstbewußtsein erwachenden Menschheit läßt die Welt aus dem Nichts
+hervortreten.
+
+Vom Allerheiligsten, dem Geiste, sagt Luther, daß es dunkel bleiben soll,
+und zwar damit das Licht Gottes darin scheinen könne: das Licht scheinet in
+der Finsternis. Von dem gegensätzlichen Verhältnis zwischen
+Selbstbewußtsein und Gottbewußtsein war schon die Rede, daß nämlich das
+eine auf Kosten des anderen wächst und schwindet. Wir sollen Gott in allen
+seinen Äußerungen Raum lassen. Wie wir das Kind im Schoße der Mutter
+verborgen wachsen lassen müssen, wie wir Knospen nicht gewaltsam öffnen
+dürfen, so sollen wir auch Gott in unserem Geiste reifen lassen, ohne das
+geheimnisvolle Werk voreilig zu stören. Dauernder Betrieb, hastige
+Geschäftigkeit verscheucht den Gott der Tat: Tell taucht aus dem Dunkel
+auf zur großen Erlösertat, um dann wieder zu versinken. Ebenso wächst das
+Wort der Wahrheit im Schweigen und Hören. Du kennst das Gleichnis von
+Martha, die sich viel zu schaffen machte, während ihre Schwester Maria zu
+Jesu Füßen saß und seinen Worten zuhörte. Martha, Martha, du machst dir
+viel Sorge und Mühe, sagte er, aber eins ist not. Dies, was not ist, ist
+der Glauben, das Stillesein vor Gott, damit er in uns wirke, ein
+vorübergehendes Zurücktreten, Auslöschen also des Selbstbewußtseins. Ich
+habe dabei das geometrische Bild vor Augen und sehe, wie die dunkle Sphäre
+des Geistes zurückgedrängt wird, wenn die erleuchtete Sphäre der Seele zu
+stark anschwillt; das eine lebt auf Kosten des anderen, sowie die
+Persönlichkeit ein gewisses Maß übersteigt, leidet Gott. Füllt die Seele
+das Allerheiligste ganz aus, so muß, wie das Bild unwiderleglich zeigt,
+früher oder später ein völliges Versiegen folgen, da ja der Seele ihr
+Inhalt aus der innersten Sphäre zuströmt, die mit Gott eins ist.
+
+Ohne irgendeinen berauschenden Lethe ertrüge der Mensch das Leben nicht,
+und es strömen ihm zwei Brunnen des Selbstvergessens im Schlaf und in der
+Liebe. Es hat mir eine hohe Meinung von Keplers Seelenkenntnis gegeben, daß
+er an Wallenstein die »allzeit wachen Gedanken«, das emsige, unruhige Gemüt
+als etwas nicht Geheures hervorhebt; diese beständige Wachsamkeit, die uns
+als strafbare Neugier oft in Sagen begegnet, die Unfähigkeit, sich von dem
+stets regen Selbst abzulösen, verzehrt die Kraft des Menschen, wie das
+Licht die Kerze verzehrt. Die Nacht, aus der er gekommen ist, muß auch im
+Leben ihren Anteil an ihm behalten; Entziehung des Schlafes tötet, und
+Lieblosigkeit ist schon der Tod. Daß Gott die Welt aus Nichts geschaffen
+hat, muß man tiefer fassen, als gewöhnlich geschieht; er, der nie einen
+Augenblick zu schaffen aufhört, läßt sie in jedem Augenblick aus dem Chaos
+aufsteigen, und es muß umgekehrt Chaos da sein, damit geschaffen werden
+kann.
+
+Vollkommene Unpersönlichkeit und deshalb vollkommenes Unbewußtsein finden
+wir beim Kinde; denn es hat sich noch nicht zum Selbst entwickelt. Es ist
+das Nichts-von-sich-wissen und Nichts-für-sich-wollen, was den Erwachsenen
+am Kinde entzückt, das göttliche Dunkel des verlorenen Paradieses. Kindes
+Hand ist leicht zu füllen, sagt das Sprichwort; es greift nach einem
+Sonnenstrahl, den es nicht halten kann, ja, nur im Anschauen leuchtet es
+vor Glück. Es ist ganz und gar aufnehmend, im Nicht-Ich aufgehend, ein
+klarer Spiegel der Welt. Jesus sagte: »Lasset die Kindlein zu mir kommen
+und wehret ihnen nicht; denn solcher ist das Reich Gottes. Wahrlich, ich
+sage euch: wer nicht das Reich Gottes nimmt als ein Kind, der wird nicht
+hineinkommen.« Gott herrscht in dem reinen Herzen, das nichts von sich
+weiß; es ist also unmöglich, daß ein Mensch göttliche Kraft habe, der sich
+das reine Herz, das Unbewußtsein des Kindes nicht trotz des
+Selbstbewußtseins, durch das jeder hindurch muß, bewahrt.
+
+Daß es möglich ist, Person und doch Kind, selbstbewußt und zugleich
+gott- oder unbewußt zu sein, beweist jedes Genie und Luther selbst vor
+allen. In den Tischgesprächen, wo er sich ganz unbefangen äußert, spricht
+sein kindliches Herz am klarsten; vernehmbar ist es aber in jedem
+seiner Werke, ja, ich möchte sagen: in jedem seiner Worte. In fast
+übermenschlicher Liebestätigkeit vergaß er immer wieder sein Selbst; dies
+Selbst, diese gewaltige Persönlichkeit, welche sich oft dagegen wehrte in
+Qualen, die ihn an den Rand des Todes brachten; aber immer wieder ging das
+gereinigte Herz siegreich hervor und mit ihm die frisch betaute Welt.
+
+Als ein Mittel, das ihm in diesen Kämpfen geholfen habe, führt Luther die
+Beichte an; ohne sie, meint er, würde der Teufel ihn überwunden haben. Die
+Zwangsbeichte der katholischen Kirche allerdings verwarf er; nur die
+Beichte, die freiwillig aus dem Herzen fließt, hielt er für nützlich. Der
+freiwillig Beichtende nämlich äußert so viel von sich, wie schon in seiner
+Seele, in seinem Selbstbewußtsein ist, und er denkt, wenn er davon befreit
+ist, nicht weiter über sich nach, wodurch er der Gefahr der
+Selbstzergliederung entgeht; bei der erzwungenen Beichte dagegen wird man
+zur Selbsterforschung angeleitet. Kein Priester soll sich anmaßen, die
+»Heimlichkeit des Herzens« zu erforschen; denn über das Herz hat kein
+Mensch Gewalt, als den edelsten Teil des Menschen hat Gott es sich
+vorbehalten, das heißt: es soll nur freiwillig sich öffnen und geben. »Die
+Reue, die man zubereitet durch Erforschen, Betrachtung und Haß der Sünden,
+wenn ein Sünder mit Bitterkeit des Herzens seine Zeit bedenkt, der Sünde
+Größe, Menge und Unflat bewegt, dazu den Verlust ewiger Seligkeit und
+Gewinn ewiger Verdammnis, die macht nur Heuchler und größere Sünder.« Auch
+vor anderen und vor sich selbst muß der Mensch Ehrfurcht haben, denn im
+Menschen offenbart sich Gott; es ist Schamlosigkeit, einem anderen, aber
+auch sich selbst die letzten Geheimnisse des Herzens zu erpressen, und eine
+gewisse ängstliche Verlegenheit verrät diejenigen, die diese von Gott
+gezogene Grenze überschritten haben. Es verrät sie auch ihre Ohnmacht; denn
+Selbstbetrachtung macht unfruchtbar. Dadurch, daß man sich nach außen
+ausströmt, rettet man sich vor der Selbstentweihung, die zugleich
+Entweihung Gottes ist. Vielleicht erinnerst du dich, daß wir den
+Ungläubigen als denjenigen bestimmten, der sich selbst anbetet, und
+Selbstbetrachtung ist ja Selbstanbetung. Von solchen Menschen sagt Paulus,
+daß sie immerzu lernen und nimmermehr zur Wahrheit kommen. »Es sind
+Menschen, die haben einen verrückten Sinn, untüchtig zum Glauben. Aber sie
+werden fortan nichts mehr schaffen.«
+
+Beiläufig bemerkt, halte ich es für einen Erziehungsfehler, wenn man den
+Kindern als ungehörig verweist, von sich selbst zu sprechen; wenigstens
+sollte man es nur tun, wenn man ihnen zugleich ein solches Interesse für
+das Nicht-Ich erwecken kann, daß sie sich selbst darüber vergessen. Die
+meisten Menschen denken desto mehr an sich, je weniger sie von sich
+sprechen. Jeder sollte einen Freund haben, dem gegenüber er sich gehen
+lassen und sich aussprechen kann; und wer gar keinen hat, ist wohl durch
+Selbstanbetung unlösbar an sich gekettet. Wohl demjenigen, dem ein Gott
+gab, zu sagen, was er leidet; in diesem Sinne nennt Luther einmal die
+Psalmen das wahre +gnôthi sauton+.
+
+Für mein Gefühl ist es der Mangel an Naivität in den heutigen Menschen, der
+den Umgang so schwer macht und bewirkt, daß man fast am liebsten mit
+Menschen aus dem Volke verkehrt. Der siebenarmige Leuchter der Seele hat
+begonnen, alle Winkel des Allerheiligsten hell zu machen; man ißt, trinkt,
+geht, atmet bewußt, man zerrt und nagt an jeder Knospe. Etwas wesentlich
+Unwillkürliches und Unbewußtes ist der Tanz; aber heute macht man ein
+schweres Studium daraus. Dahin gehört auch die heutige Mode, wonach Frauen
+sich ganz oder fast ganz unbekleidet öffentlich sehen lassen unter dem
+Vorwande, das Anschauen des nackten menschlichen Körpers gehöre zur
+künstlerischen Bildung. Nach meiner Meinung gehört die Nacktheit zu den
+Mysterien; es ist ein Sakrileg, sie öffentlich in irgendeiner bewußten
+Absicht zur Schau zu stellen, sei sie auch moralisch oder edel. Alle
+wahrhaft schönen Darstellungen nackter Frauen in der Kunst sind sicherlich
+dadurch entstanden, daß ein Künstler seine Geliebte malte. Wie ein Dichter
+nur einen Menschen, braucht ein Künstler nur einen Körper ganz zu kennen;
+aber diesen muß er lieben. Der Körper braucht nicht vollendet schön zu
+sein, die Liebe ersetzt, was fehlt. Das Studium des Nackten kann »vor der
+Welt« nützlich sein, und es ist nichts dagegen einzuwenden, wenn man es
+studiert; aber das Beseligende der nackten Schönheit kann nur von dem
+Liebenden genossen werden, dem sie sich aus Liebe enthüllt. Sie gehört
+nicht in einen künstlich beleuchteten Saal vor das Publikum. Ebenso mag es
+für die Welt nützlich sein, wenn man die Jugend über die Mysterien der
+Liebe aufklärt; aber die Liebe muß sterben, wenn man sie aus ihrem
+göttlichen Dunkel reißt.
+
+Es ist selbstverständlich, daß man nicht davor zurückschrecken wird, auch
+die Kindlichkeit künstlich herzustellen, und vielleicht wird man sich zum
+Zwecke der Unbewußtheit Freunde halten und ihnen sein Herz ausschütten,
+lebhafte Liebestätigkeit entfalten oder Schlafmittel nehmen und dadurch nur
+immer bewußter werden. Alles, was aus dem Herzen kommt, gibt nur die Gnade;
+Vorläufer der Gnade sind aber das Gesetz und die Not, und so muß man wohl
+auf diese hoffen.
+
+
+
+
+XII
+
+
+Als ich dieser Tage in Schopenhauer blätterte, fand ich, daß er als
+körperliche Grundlage des Genies ein stark entwickeltes Gehirn betrachtet;
+indessen, fügte er hinzu, mache weder das allein noch auch ein feines
+Nervensystem das Genie vollständig, sondern es müsse ein
+leidenschaftliches Temperament dazukommen, körperlich sich darstellend als
+ungewöhnliche Energie des Herzens und folglich des Blutumlaufs, zumal nach
+dem Kopfe hin. »Denn hiedurch wird zunächst jene dem Gehirn eigene
+Turgeszenz vermehrt, vermöge deren es gegen seine Wände drückt, daher es
+aus jeder durch Verletzung entstandenen Öffnung in diesen hervorquillt;
+zweitens erhält durch die gehörige Kraft des Herzens das Gehirn diejenige
+innere, von seiner beständigen Hebung und Senkung bei jedem Atemzuge noch
+verschiedene Bewegung, welche in einer Erschütterung seiner ganzen Masse
+bei jedem Pulsschlage der vier Zerebralarterien besteht, und deren Energie
+seiner hier vermehrten Quantität entsprechen muß, wie denn diese Bewegung
+überhaupt eine unerläßliche Bedingung seiner Tätigkeit ist. Dieser ist eben
+daher auch eine kleine Statur und besonders ein kurzer Hals günstig, weil
+auf dem kürzern Wege das Blut mit mehr Energie zum Gehirn gelangt; deshalb
+sind die großen Geister selten von großem Körper.«
+
+Du erinnerst dich vielleicht, daß Luther mit Paulus den Menschen als eine
+Dreieinigkeit von Geist, Seele und Leib darstellt, und daß ich dich bat,
+dir diese Dreieinigkeit als eine Kugel vorzustellen, deren innerste Sphäre
+der Geist sei. Der körperliche Ausdruck des Geistes ist das Herz, so daß du
+Geist für Herz setzen kannst, und da Geist Gott ist, könntest du auch Gott
+für Herz setzen, mit der selbstverständlichen Einschränkung, daß deshalb
+Gott und das einzelne Herz sich nicht decken. Das Herz ist wie eine Bucht,
+in die das Meer einströmt, und die das in ihr gesammelte Meer einem
+bestimmten Lande zuteilt. Man kann dabei an das in der Gebärmutter
+wachsende Kind denken, und wie das mütterliche Blut in es hineinfließt.
+Wenn du dir vorstellst, daß man, dieser Übertragung folgend, das Blut vom
+Kind zur Mutter zurück und immer weiter zurück bis zu einer angenommenen
+Urmutter verfolgen kann, so gibt das ein Bild von der Verknüpfung des
+einzelnen mit der Unendlichkeit durch das Herzblut.
+
+Daß nach der Auffassung der Bibel und Luthers Gott durch das Herz mit dem
+Menschen verbunden ist, habe ich schon mehrmals erwähnt; du dachtest dabei
+aber wohl nicht an das körperliche Herz und nahmst es mehr für einen
+bildlichen Ausdruck. »Die Liebe Gottes«, heißt es in den Römerbriefen, »ist
+ausgegossen in unser Herz durch den Heiligen Geist, welcher uns gegeben
+ist.« Die Wiedergeburt bestehe darin, sagt Luther, daß man ein neues Herz
+und neuen Mut gewinne. Niemals werden die göttlichen Dinge in Verbindung
+mit der Seele, dem Sitz der menschlichen Vernunft, gebracht, nur insofern,
+als die Seele vom Geist erleuchtet werden kann. Ich betone das deshalb,
+weil die meisten Menschen jetzt, wenn sie von Geist sprechen, einen
+Menschen geistvoll nennen, dabei an etwas Abstraktes, Begriffliches,
+Anstrengendes denken, eine dunkle Vorstellung von Blaustrümpfen und
+Gelehrten haben. In Wirklichkeit hat aber der Geist nichts mit dem Kopf zu
+tun, sondern er offenbart sich dem Herzen, unserem unwillkürlichen Organ,
+das nicht von uns abhängt, von dem vielmehr wir abhängen. Die geistvollste
+Frau war jedenfalls Maria, die Mutter des Herrn, ohne Schulbildung, aber
+voll Liebe, voll Phantasie, voll Heiterkeit, voll von Einfällen, durch
+welche die Wahrheit hindurchstrahlte. »Des Heiligen Geistes Amt ist nicht
+Bücher schreiben noch Gesetze machen«, heißt es bei Luther, »sondern daß er
+ein solcher Geist ist, der in das Herz schreibt und schafft einen neuen
+Mut.«
+
+Alle genialen Menschen haben dieselbe Ansicht geäußert. »Der Kopf faßt
+kein Kunstprodukt als nur in Gesellschaft mit dem Herzen. Der Betrachtende
+muß sich produktiv verhalten, wenn er an irgendeiner Produktion teilnehmen
+will.« Dieser Ausspruch ist von Goethe; ich glaube, es ist überflüssig,
+andere aufzuzählen. Alles Begriffliche, Abstrakte kommt aus dem Kopfe; die
+Gedanken, die aus dem Herzen kommen, sind daran zu erkennen, daß sie nicht
+abstrakt, sondern sinnlich, bildlich sind. Das Herz denkt in Bildern; man
+kann auch sagen, es träumt. Bei Gelegenheit seines Kampfes gegen die
+Bilderstürmer bemerkte Luther, wenn von einem Kruzifix gesprochen werde, so
+entwerfe sich in seinem Herzen das Bild eines gekreuzigten Mannes, ob er
+wolle oder nicht. Wenn Goethe sagt: »Große Gedanken und ein reines Herz,
+das ist's, was wir uns von Gott erbitten sollten«, so meint er sicherlich
+eben solche Gedanken, die aus dem Herzen kommen, Ideen oder Urbilder,
+göttliche, nicht Menschengedanken.
+
+Durch die Welt, die Gott sich erschuf, wie wir mythisch sagten, geht die
+Spaltung in aktive Kraft und passiven Stoff, in zeugende Männlichkeit und
+empfangende Weiblichkeit. Das Aktive, an sich positiv, verhält sich
+gegensätzlich zu Gott, zu der Kraft, aus der es abgeleitet ist; das
+Passive, an sich negativ, wird positiv durch die göttliche Kraft, wenn es
+sich ihr hingibt. Sowohl das Fortpflanzungsorgan wie das Gehirn sind in
+eine aktive und eine passive Hälfte geteilt; das Herz dagegen ist ganz und
+gar aktiv seiner Welt gegenüber als ihr Gott; nur Gott gegenüber, dem
+Meere, das es speist, ist es passiv.
+
+Auch das Herz hat seine Geschichte und sein Schicksal; das Sein wird. Die
+einzelligen Geschöpfe, aus welchen wir erwachsen, Urzelle jedes einzelnen
+organischen Wesens und zugleich Urzelle der ganzen unendlichen Reihe,
+bestehen aus Protoplasma, der sogenannten lebendigen Substanz, in welcher
+ein Kern zu unterscheiden ist. Dieser Kern ist nicht das Herz, sondern die
+Keimzelle, das Fortpflanzungsorgan, die körperliche Darstellung des
+tierischen Selbst; es ist, soweit es mehr aktiv als passiv ist, die
+Hemmung, die Gott sich gesetzt hat, der Teufel. Das Herz mit dem Blutumlauf
+ist angedeutet durch eine Anzahl von Hohlräumen, die sich zusammenziehen
+und die uns die Kraft im Stoffe zeigen. Allmählich erst sammelt sich das
+eine, monarchische Herz, das Aristoteles das #punctum saliens# und das Tier
+im Tiere nannte. Dieser Ausdruck, der ganz falsch wäre, wenn er das ganze
+Wesen des Herzens erschöpfen sollte, ist aus dem richtigen Gefühl
+entstanden, daß das Herz ein Lebendiges, Aktives in dem gleichfalls
+lebendigen Körper ist. Richtiger wäre es, die Ernährungs- und
+Fortpflanzungsorgane Tiere im Menschen zu nennen. Wir sind Mineral, soweit
+wir Skelett sind, wir sind Pflanzen, soweit wir atmen und wachsen, wir sind
+Tiere, soweit wir uns ernähren und fortpflanzen, Menschen, soweit wir
+denken, Götter, soweit wir liebend und schaffend dies alles zugleich sind.
+Die Ernährungs- und Fortpflanzungsorgane, früher als das Gehirn entwickelt,
+sind die alten titanischen Götter, die das neue Regiment nach furchtbarem
+Kampf entthronte. So sagt die heidnische Mythologie; wir können sagen, es
+seien die Organe, durch welche Gottvater im Stoff bildet. Durch das Gehirn
+bildet er im Geiste; aber er wirkt in diesen Organen nicht unmittelbar,
+sondern mittelbar durch das Herz. Die plastischen Organe sind die
+Mittelpunkte des Tieres, das Gehirn ist der Mittelpunkt des Menschen, das
+Herz der göttliche Mittelpunkt. Geschlecht und Gehirn sind die Brennpunkte
+der Ellipse, das Herz ist der Mittelpunkt des Kreises, welcher aber, als
+die vollkommene Form, nicht Erscheinung werden kann und soll.
+
+Das Herz, dies wundervolle Organ, allgegenwärtig, allwissend und
+allmächtig in seiner Welt, erhält sie ganz, ist immer tätig und gebend,
+auch dann noch tätig, wenn es vom Körper losgelöst ist. Den Körper überall
+mit dem Netz seiner Adern berührend, ist es doch nicht durch ihn gefesselt;
+es regiert sich durch seine eigenen Nerven, selbstgenügsam, der Himmel, die
+Heimat Gottes.
+
+Das Herz ist der Gott im Menschen: #est deus in nobis, agitante calescimus
+illo#. Allein die Herrscherstellung des Herzens ist, wie schon gesagt, nur
+theoretisch: der Himmel ist nicht ohne Erde wirklich, Gott nicht ohne die
+Welt, das Herz nicht ohne den Körper, auf den es wirkt, und den es erhält,
+indem es von ihm erhalten wird.
+
+Die natürliche Einheit ist im Kinde vorhanden, dessen Herz kleiner ist als
+das des Erwachsenen, aber den aktiven Widerstand im Brennpunkte des Körpers
+und Gehirns noch nicht zu überwinden hat. Mit dem zunehmenden Widerstande
+entwickelt sich das Herz, das im reifen Mannesalter seine höchste Kraft
+erreicht hat; später nimmt es wieder ab, aber da im gleichen Maße die
+Aktivität der Geschlechtsorgane abnimmt, stellt sich ein ähnliches
+Verhältnis her wie im Kindesalter. Ebenso ist das Herz der Frau schwächer
+als das des Mannes, hat aber weniger Widerstände zu besiegen, aus welchem
+Grunde die Frau harmonischer ist als der Mann, nicht so zerrissen, aber
+andererseits nicht so genial.
+
+Vergegenwärtige dir bitte den Menschen durch folgenden Grundriß:
+
+ Gehirn
+
+ a[Symbol] [Symbol]p
+ \ /
+ \ /
+ [Symbol] Herz
+ / \
+ / \
+ a[Symbol] [Symbol]p
+
+ Geschlecht
+
+Hier wird deutlich, daß die Aktivitäten die Brennpunkte sein müssen, damit
+Funken überspringen können und der ganze Organismus lebt. Ferner siehst du,
+daß, wenn die Aktivität des Geschlechts überhandnähme, das Herz vollständig
+durch das Geschlecht gebunden wäre: ein tierähnlicher Zustand. Das Herz muß
+deshalb, im Verein mit dem Gehirn, der Aktivität des Geschlechtes Herr
+werden, wohlverstanden aber ohne sie ganz zu töten; denn geschähe das, so
+wäre das Herz ganz auf das Gehirn beschränkt. Das Gehirn hat die Neigung,
+das Herz ganz für sich in Beschlag zu nehmen, es vom Körper abzusondern.
+Der nachchristliche Mensch, dessen Gehirn eine größere Aktivität hat als
+der vorchristliche, ist immer in Gefahr, seinen eigenen Körper zu töten,
+indem er ihn vom Herzen absondert. Er entgeht dieser Gefahr nur durch
+Bewegung, welche den Blutstrom aus dem Herzen auf den ganzen Körper
+verteilt. Man hat in neuester Zeit das Übel bemerkt und ihm durch allerhand
+gymnastische Übungen abhelfen wollen; aber das ist nur eine künstliche
+Aushilfe, durch die der Zweck niemals erreicht werden, die vielmehr schaden
+kann, da sie den Organismus von außen in eine Tätigkeit versetzt, der die
+innere Kraft nicht entspricht. Die Bewegung muß zugleich eine innere sein,
+nur eine aus dem Herzen entspringende Tätigkeit, ein Überwinden innerer und
+äußerer Widerstände kann das Herz üben und kräftigen. Tätigkeit, die Seele
+des Menschen, macht das Herz so stark, daß es die inneren Widerstände
+überwindet, ohne sie zu töten. »Seid getrost«, spricht der Herr, »ich habe
+diese Welt überwunden.« Niemals hat Christus gesagt, er wolle die Welt
+töten, er, der die Ehebrecherin beschützte, weil sie viel geliebt hatte;
+das Herz muß stärker als die Welt sein, das ist das Geheimnis des Sieges.
+Das Herz, um die Einheit in der Ellipse herzustellen, muß stärker sein als
+ihre Brennpunkte. Mit Christus, der das Selbstbewußtsein vollendete, der
+sich selbst als Gott, als Geist erkannte, war die Aktivität des Gehirns so
+stark geworden, daß die kindliche Einheit des Kreises auf immer zerstört
+war. Zugleich indessen brachte er die Erlösung, indem er durch persönliches
+Handeln, durch eine stärkere Bewegung des Herzens, die Einheit als
+Dreieinigkeit wiederherstellte. Er gebot den Menschen zu handeln und zu
+glauben, beides zugleich, da eins ohne das andere nicht sein kann. Wer
+persönlich handelt, muß glauben, da er sonst die Last der Verantwortung
+nicht ertragen könnte. Als der Mensch aufhörte gläubig zu sein und dafür
+moralisch wurde, die Verantwortung auf sich selbst lud, hörte er auch auf
+zu handeln. Dadurch sonderte er die Sinnlichkeit von dem durch das Gehirn
+usurpierten Herzen ab und zerfiel in zwei Hälften, einen entgeisteten, also
+leblosen Körper und ein entkörpertes, verteufeltes Herz, die sich
+unversöhnt gegenüberstehen. Nur Menschen von solcher Verfassung können sich
+einbilden, daß sie den zürnenden Gott durch bloße Gymnastik mit der
+entfremdeten Welt versöhnen können.
+
+Das Herz an sich ist jenseit von Gut und Böse, wie es jenseit von Zeit und
+Raum ist; es ist an sich blind. Sehend und wissend wird es dadurch, daß es
+in Berührung mit unendlich vielen anderen Herzen gerät, die es als ebenso
+viele göttliche Ausstrahlungen begreifen lernt, und die es dadurch zur
+Einsicht seines eigenen Wesens führen. Durch die Berührung und den Kampf
+mit der Außenwelt also, mit dem Nicht-Ich, kann das Herz umgekehrt werden;
+das Wasser der Bucht ebbt durch den Anprall von außen in das Meer zurück,
+das es verschlingt und aus sich selbst erneuert mit der Flut wieder ins
+Land wirft. Die Berührung mit der Außenwelt wird durch die Sinnesorgane
+vermittelt; sie haben die Aufgabe, das Ich, den persönlichen Gott, von dem
+Dasein anderer persönlicher Götter zu überzeugen und durch sie und sich
+hindurch von dem Dasein des All-Gottes, der einen Strahlenquelle. Die erste
+Aufgabe des Herzens ist, sich seiner Göttlichkeit bewußt zu werden; die
+zweite, sie über die anderer zu vergessen.
+
+Sehr aktive, also sehr teuflische Herzen, wenn du den Ausdruck nicht
+mißverstehen willst, müssen ihrer Natur nach zunächst das Nicht-Ich heftig
+zurückstoßen, weil sie sich das Gefühl der Einzigkeit nicht beeinträchtigen
+lassen wollen; andererseits sind gerade diese die wahrhaft religiösen
+Herzen und durch ihre Energie zu Vertretern Gottes auf Erden berufen; sie
+sträuben sich gerade deswegen so sehr, das Nicht-Ich aufzunehmen, weil sie
+ahnen, daß sie sich ihm opfern werden.
+
+Man hat nicht mit Unrecht die Entstehung der Liebe im höchsten Sinne, auf
+lateinisch #caritas# oder #dilectio#, an die Mutterliebe geknüpft; die
+Geschlechtsorgane, durch welche die Menschheit sich von Gott absonderte,
+führen auch wieder zu Gott zurück. Nicht für sich allein, denn zunächst ist
+die Mutterliebe ein selbstisches Gefühl und kann sogar als solches
+abstoßend wirken, wenn es das Herz nicht gegen alle Schwachen und Hilflosen
+öffnet und sie zu eigenen Kindern macht. In der Heiligen Schrift heißt es,
+daß die Gnade durch das Wort bewirkt werde; das Wort nämlich öffnet das
+Herz und verbindet Menschen mit Menschen, den einzelnen mit vielen.
+
+In Gemeinschaft mit den Geschlechtsorganen verwirklicht das Herz seine
+Ideen körperlich, in Gemeinschaft mit dem Gehirn geistig. Beider bedarf das
+Herz, um seinen Verkehr mit der Außenwelt herzustellen; ohne das Gehirn
+würde das Herz nicht zu sich selbst kommen, würde die Welt ein Chaos
+bleiben, während sie ohne die Sinnlichkeit ein Begriff würde.
+
+Sind die plastischen Organe die ältesten, so ist das Gehirn, das erkennende
+Organ, das jüngste; nach der Schrift geht der Heilige Geist vom Vater und
+vom Sohn aus. Das Gehirn begleitet das Herz wie der Sänger den Helden, der
+durch die Verklärung des Wortes seine Taten verewigt und der Welt zu eigen
+macht. Besinnst du dich auf die schöne Stelle in der Odyssee, wo Odysseus,
+da der Sänger von seinen Irrfahrten singt, das Gesicht im Mantel verbirgt
+und weint? So erzittert unser Herz, wenn ihm erinnernd bewußt wird, was es
+getan und erlitten hat. Aus dem Herzen strömt der Geist, im Gehirn wird er
+befestigt; es ist wie eine photographische Platte, auf welche das Licht
+Bilder malt. Die Urbilder dazu sind im Herzen, dem seligen Hain, wo reine
+Gestalten auf Asphodeloswiesen wandeln; Leben bekommen sie aber erst
+draußen im Lichte der Sonne, nachdem sie das Blut der Tat getrunken haben.
+Was ist Wahrheit? Das Leben, das die Wahrheit verwirklicht. Wahrheit ist
+eine lebendige Seele, ein Mensch in Fleisch und Blut.
+
+Nun aber ist das Gehirn nicht nur begleitend, dienend, weiblich, sondern
+auch männlich und willkürlich; die Sonne erleuchtet nicht nur, sondern
+verbrennt auch. Der körperliche Ausdruck des willkürlichen Gehirns wird in
+der Großhirnrinde gesucht; ich bin, wie du dir denken kannst, nicht
+imstande, darüber zu urteilen, ob es sich so verhält, mir kommt es nur
+darauf an, daß diese willkürliche Kraft da ist. Von hier geht die schwerste
+Versuchung des Menschen aus, die des Teufels in seiner Majestät, die nur
+die hochentwickelte Menschheit betrifft; hier ist der Luzifer, der sich an
+Gottes Stelle setzen, das Wort des Herzens verdrängen und durch sein
+eigenes ersetzen will. Durch die Gnade des Herzens in seine Zauber
+eingeweiht, kann Luzifer sich in einen Engel des Lichts verstellen, mit den
+von seinem Herrn erlernten Sprüchen bannt er ihn und zaubert auf eigene
+Hand. Nachdem er seine Gottähnlichkeit entdeckt hat, meint er, die Welt, in
+der bisher das Herz herrschte, und die ihm sündig und mängelvoll erscheint,
+dadurch vollkommen machen zu können, daß er die Moral einführt, und er
+beginnt damit, die Trägheit, Sinnlichkeit und Herrschsucht, den dummen und
+den bösen Teufel, zu unterdrücken. Er hemmt die Hemmung, die Gott sich
+gesetzt hatte, um mit ihr das Leben zu erzeugen.
+
+Aristoteles hat die Ähnlichkeit zwischen dem Herzen mit seinen Adern und
+dem Gehirn mit seinen Nerven bemerkt und allerlei Schlüsse daraus gezogen,
+auf die es mir hier nicht ankommt. Aber die Ähnlichkeit muß auffallen, wenn
+man eine bildliche Darstellung des Herzens und Blutkreislaufes und des
+Gehirns und Nervensystems vor Augen hat; es sieht fast so aus, als ob das
+Gehirn der Schatten des Herzens wäre. Es scheint, daß das Herz das Gehirn
+durch die Schilddrüse, wie die Geschlechtsorgane durch die Geschlechtsdrüse
+beherrscht, deren Tätigkeit sich gleichsam in den betreffenden Organen
+spiegelt. Wie schlagend ist von diesem Gesichtspunkt aus der Ausdruck
+Luthers, der Teufel sei der Affe Gottes, natürlich nur auf das willkürliche
+Gehirn zu beziehen.
+
+Man hat früher gemeint, das Herz hänge vom Zentralnervensystem im Gehirn
+ab; indessen ist es festgestellt, daß das Gehirn nur einen regelnden
+Einfluß auf das Herz ausüben kann, nämlich einen hemmenden und
+beschleunigenden. Der #nervus vagus# und der #nervus depressor# sind
+hemmende Nerven; ausgezeichnet weist der Name #depressor# auf die
+Depressionen hin, die durch die Hemmung des Lebensstromes entstehen. Sowie
+aus dem leuchtenden Luzifer ein verbrennender wird, sowie das Gehirn
+befehlen, das Herz in die Zwangsjacke der Moral stecken und dadurch seine
+Kraft unterbinden will, wird sein Einfluß schädlich. Der Sieg des Teufels
+ist körperlich dadurch ausgedrückt, daß das Blut entweder in der Region der
+Geschlechtsorgane oder im Gehirn sich sammelt und diese Organe erhitzt,
+anstatt daß es immer zum Herzen, der Quelle, zurückkehrt und den ganzen
+Körper durchblutet, beseelt, zu einer Einheit macht.
+
+Das Eigenmächtigwerden des Gehirns, die neue und furchtbarste Hemmung, die
+dem Herzen erwächst, machte sich schon vor Christus bemerkbar. Das antike
+Drama hatte den Riesenkampf zwischen Göttern und Menschen zum Gegenstande,
+der immer mit dem grausamen Siege der Götter endete. Besonders merkwürdig
+scheinen mir die Bakchen des Euripides zu sein, wo sich so deutlich das
+trunken schöpferische Herz und der zweifelnd kritisierende Gedanke
+gegenüberstehen. Christus, der Gottmensch, verband Herz und Kopf in seiner
+Person zur Einheit. Er überwindet den Teufel durch die aus dem Herzen
+entspringende Tat, die den einzelnen mit den vielen verbindet. Da das
+Christentum die Erkenntnis gebracht hatte, daß Gott in der Menschheit,
+nicht außer ihr ist, verlegte das nachchristliche Drama den Kampf zwischen
+Herz und Kopf, Gott und Mensch, in das Innere des Menschen. Vieles und
+Schönes ist darüber in Schillers Wallenstein gesagt: »In deiner Brust sind
+deines Schicksals Sterne«, »Der Zug des Herzens ist des Schicksals Stimme«,
+besonders aber die Worte Wallensteins: »Recht stets behält das Schicksal;
+denn das Herz in uns ist sein gebietrischer Vollzieher.« Nun siegt nicht
+mehr das grausame Herz über den zerissenen Rebellen sondern durch den
+Überschuß seiner Kraft, die Seele, schmilzt das geniale Herz die
+Entzweiten gewaltig zusammen.
+
+Man hat in unserer Zeit eine ungemein interessante Tatsache festgestellt,
+daß nämlich die lebendige Substanz, das einzellige Lebewesen, die Amöbe,
+unsterblich ist. Sie vermehrt sich durch Teilung, und diese Teilung kann
+ins Unendliche fortgesetzt werden, ohne daß ein Teilwesen verginge.
+Allerdings tritt auch hier ein Punkt des Alterns oder der Depression ein,
+wo die Stoffwechselprodukte nicht mehr ausgeschieden werden können; aber
+dieser tote Punkt kann durch Herstellung günstiger Bedingungen überwunden
+werden. Sie bestehen darin, daß der alternden Substanz durch Kopulation
+oder durch einen sonstigen neuen chemischen oder mechanischen Reiz neues
+Leben zugeführt wird. Die Kopulation, die Verschmelzung mit einem anderen
+Lebewesen, wirkt verjüngend, wenn sie vorgenommen wird, bevor die
+Erscheinung des Alterns den Organismus ergriffen hat. Ich hätte #a priori#
+vorausgesetzt, daß für die lebendige Substanz, für das einzellige Wesen,
+dieselben Grundgesetze gelten wie für den Menschen, wie für die Familie und
+das Volk; es ist nur um so eindrucksvoller, wenn die Tatsachen dies
+bestätigen. Das einzellige Wesen hat wie der Mensch sein gefährliches
+Alter, wo er aus eigener Kraft nicht weiterleben kann, wo ihm Kraft aus dem
+Nicht-Ich zuströmen kann. Wölfflin sagt von Dürer, daß er mit dem
+50. Lebensjahr in seine letzte größte Epoche tritt, die bedingt ist durch
+die Erfrischung seiner großen Reise; und er setzt diese Verjüngung
+derjenigen gleich, die Rubens durch seine Heirat mit einer zweiten jungen,
+geliebten Frau zuteil wurde. Eine Kopulation, geistig oder körperlich, oder
+sonst ein starker, neuer Reiz, müssen es tun, ein Zuströmen göttlicher
+Kraft in das ermüdete oder erstarrte Herz.
+
+Das Herz nämlich ist dasjenige Organ, welches den Menschen regiert: wir
+leben vom Herzen aus und sterben vom Herzen aus. Sei es, daß wir aus
+Altersschwäche oder an einer Krankheit oder woran immer sterben, das
+Versagen des überlasteten Herzens ist es immer, das den Tod herbeiführt.
+Daß die Nervenzellen, welche der Herztätigkeit vorstehen, sterben, ist die
+Folge von einer Vergiftung durch die Schlacken des Stoffwechsels, welche
+nicht ausgestoßen werden können: wir sterben an Ermüdung des Herzens, die
+durch Selbstvergiftung entsteht. Der doppelten Aufgabe, den Körper zu
+ernähren und zu entgiften, seine Hemmungen zu überwinden, kann nur ein
+starkes Herz genügen: es handelt sich also im gefährlichen Alter, wie bei
+jeder Stockung des Lebens, um eine Anregung, eine Verstärkung des Herzens.
+Es gibt eine Anekdote von Luthers Frau; sie habe, als Luther einmal in eine
+schwere Melancholie verfallen sei, Trauerkleider angelegt und auf die
+erschrockene Frage des Heimkehrenden, ob eines der Kinder gestorben sei,
+geantwortet, der Herrgott sei tot, um ihn trage sie Trauer. Derselbe
+Instinkt leitete Charlotte Stieglitz, die sich bekanntlich das Leben nahm,
+um ihren Mann durch den Schmerz über den Verlust schaffenskräftig zu
+machen. Das Opfer war vergebens gebracht, Herr Stieglitz hatte offenbar
+überhaupt kein Herz oder keins für seine Gattin. Überhaupt können Willkür
+und Absicht nicht helfen, nur verderben: sie verdrängen ja gerade das Herz,
+dem Raum gemacht werden soll. Die Gott liebt, leitet er selbst zur rechten
+Zeit zur rechten Stelle. Wie könnte Einsicht den richtigen Zeitpunkt
+herausfinden, auf den alles ankommt? Ist dieser versäumt, so zerdrückt die
+einströmende Kraft den mürben Organismus und tötet anstatt zu beleben.
+
+Hier zeigt sich nun, warum es für Völker notwendig ist, Großstaaten zu
+werden. Das Leben beruht auf der Möglichkeit von Gegenwirkungen. Der
+abgeschlossene Kleinstaat kann das gefährliche Alter nicht überwinden: das
+enge verkalkte Herz erlaubt das Zuströmen fremder Kraft nicht, und es wird
+zuletzt in seiner Kruste verkümmern müssen. Ich las neulich, daß die Tiere,
+die auf Inseln leben, die Tendenz haben, zu verzwergen. Absonderung ist
+Sünde; im Kampf mit Gegensätzen, in der Verbindung mit dem Ganzen liegt das
+Leben.
+
+Diese Verkümmerung und Verzwergung erfahren alle Personen, Stände,
+Familien, Staaten, die sich absondern und dadurch das Einströmen fremder
+Kraft unmöglich machen. Der Adel hat seine Blütezeit, solange er sich
+seines Adels kaum recht bewußt ist; sowie er sich abschließt, verwelkt er
+im gleichen Maße, wie sein Selbstbewußtsein, seine Selbstvergötterung
+steigt.
+
+Man kann den Vorgang der Absonderung nach erreichter Blüte und der dann
+eintretenden Verkümmerung am besten an der Geschichte Spaniens studieren;
+ich widerstehe der Verführung, darauf einzugehen, um dich nicht zu
+langweilen. Die Schweiz, die durch Sünde, nämlich durch Absonderung von
+Deutschland, entstanden ist, hatte den Vorzug des Gegensatzes von Stadt und
+Land und des Gegensatzes der drei Nationen; diese Gegensätze haben sie so
+lange lebendig erhalten. Mehr und mehr machen sich jetzt gewisse Symptome
+beginnender Selbstvergötterung bemerkbar und andererseits ein verhaltenes
+Bedürfnis nach Erfrischung. Weniger glücklich ist Holland daran, seit es
+von dem gegensätzlichen Belgien getrennt ist. Auf diese Trennung folgte
+zuerst für beide Länder eine schnelle, wundervolle Blüte; nachher wäre wohl
+Vereinigung Belgiens mit Frankreich und Hollands mit Deutschland
+förderlicher gewesen. Die Lage der kleinen Inselstaaten zwischen großen
+Ländern, die durch sie die gegenseitige Reibung abschwächen wollen, ist
+immer bedenklich. Aber nicht nur Holland und die Schweiz, ganz Europa
+befindet sich augenscheinlich im gefährlichen Alter und strebt
+leidenschaftlich nach Erweiterung und Aufnahme neuer Kraft. Wenn einmal
+alle Nationen der Erde einen Einheitsstaat bilden, ist der Jüngste Tag
+gekommen, weil dann keine Kopulation mehr möglich ist.
+
+Der Einheitsstaat ist der moderne Staat. Als ich eben von der Notwendigkeit
+des Anschlusses kleiner Staaten an den Großstaat sprach, dachte ich nicht
+an moderne Verhältnisse. Der moderne Staat, weil er nicht von innen wächst,
+sondern von außen zusammengesetzt wird, ist seiner Art nach grenzenlos; was
+natürlich wächst, nach einem inneren Urbilde sich gestaltet, ist begrenzt.
+Die modernen Staaten müssen sich gegenseitig verschlingen, weil sie ihrem
+Wesen nach unendlich sind, und der Augenblick muß kommen, wo die Erde ihnen
+zu klein wird. Der natürliche Staat, der aus der Familie und natürlich sich
+bildenden Gruppen herauswächst, der germanisch-romanisch-slawische,
+christliche Staat des Mittelalters, erweiterte sich nicht nur, sondern zog
+sich auch zusammen, wie das gesunde Herz tut. Jede Zelle seines Körpers war
+durchblutet, selbsttätig. Unsere alten Kaiser nannten sich zwar allzeit
+Mehrer des Reichs, aber sie vermehrten, indem sie Lebendiges an Lebendiges
+angliederten. Sie waren wie weise, sorglose, gläubige Väter, die ihre
+Kinder wild aufwachsen lassen und nur zuweilen strafend dazwischenfahren,
+wenn jene es allzu bunt machen. Einem solchen Staat wird die Zeit nie zu
+lang, der Raum nie zu eng, weil er sich immer aus sich selbst erneuern
+kann. Der bloß denkende Mensch hat bald die ganze Welt durchmessen, dem
+tätigen Mann kann sein Dorf zur Welt werden.
+
+Ich glaube, es müßte sich feststellen lassen, daß die Nervenzellen der
+Westeuropäer mit Stoffwechselprodukten überladen sind, und zwar namentlich
+diejenigen Nervenzellen, die der Herztätigkeit vorstehen. Daher schreibt
+sich der Mangel an Genie bei überwiegendem Verstande. Es ist wahr, daß wir
+unabhängig von der Natur, das heißt von Gott, werden; unsere Lebensweise
+wird besser geregelt, und unsere Lebensdauer verlängert sich; aber was
+hülfe uns selbst die Ewigkeit ohne Leben? Gott hat sich das Herz
+vorbehalten: er will, daß wir es ihm opfern, und gibt es uns verjüngt
+zurück. Die dem Herrn vertrauen, kriegen neue Kraft, daß sie auffahren wie
+Adler. Es gehört allerdings zum Gottvertrauen, daß man Gott kein Ziel
+setzt. Man kann sehr vorsichtig leben, Kampf, Erregung, Schmerz vermeiden
+und damit auch das Sterben hinausschieben; aber das ist dann schon das
+Für-sich-selbst-sorgen-wollen, das Luther so sehr verdammt, ein Symptom des
+Alterns. Gott gibt nur Leben und Tod, beides gemeinsam, der Mensch gibt
+Ordnung und lange Dauer oder, wenn man so will, langes Leben; aber was für
+ein Leben! Wer weiß, was Leben heißt, findet den Preis des Todes nicht zu
+hoch, obwohl er den Tod am glühendsten haßt.
+
+Engherzigkeit ist das Merkmal der westeuropäischen Völker. Das volle Herz
+beflügelt, und da sie das nicht haben, kriechen sie an der Erde, auch wenn
+sie mit Schiffen die Luft durchfliegen. Alles, was ihr tut, sagt der
+Apostel Paulus, das tut von Herzen, als dem Herrn, und nicht den Menschen.
+Aus der Fülle des Herzens leben ist das Geheimnis des Genies; ein volles
+Herz ist die Voraussetzung dazu.
+
+Erinnere dich bitte, daß Luther lehrt, der Glaube komme durchs Gehör
+vermittelst der Predigt des Wortes. »Mit dem Wort nimmt Gott die Herzen.«
+Das Gehör ist der Weg, der das Wort zum Herzen leitet; wer
+musikempfindlich ist, weiß ohne weiteres, daß das Ohr im Herzen mündet. In
+göttlichen Worten, in Dichter- oder Zauberworten, ist das Herz der
+Menschheit gebunden, es ist also selbstverständlich, daß das einzelne Herz
+mit ihnen verbunden sein muß. Alle Dichterworte der Menschheit sind das
+Geistesmeer, das die Herzen speist, und Ohr und Mund sind die Mündungen des
+Meeres. »Ich glaube, darum rede ich«, heißt es in der Bibel. Das Gehör
+nimmt gläubig auf, und liebend gibt der Mund es weiter. Da der Geist sich
+den Körper baut, und da Ohr und Mund Aus- und Eingang des Herzens sind,
+werden Ohr und Mund durch ihre Gestalt und Bewegung uns die Art des Herzens
+am unmittelbarsten verraten.
+
+Dem Ohr muß man ansehen können, ob es mehr weltliches oder mehr göttliches
+Wort auffängt oder beides. In der Tat kann es nicht schwer sein, den Typus
+der schönen weiblichen, den der männlich-weltlichen und den beides
+vereinenden festzustellen, innerhalb welcher es natürlich eine unendliche
+Menge persönlicher Abweichungen gibt. Man liebt die Ohrmuschel rosig, das
+heißt, daß das Herz sich schon in der Pforte spiegelt; das findet man kaum
+außer bei Kindern und Frauen. Das entartete Ohr zeigt das Zurückfallen in
+die Tierheit an, die Unfähigkeit, das Wort von Gott überhaupt noch zu
+vernehmen.
+
+Entsprechend dieser Einteilung gibt es verschieden Münder, verschiedene
+Ränder des Rubinkelches, den wir Herz nennen. Einen Mund kannte ich einmal,
+den ich am allerliebsten ansah, wenn er, was sein Besitzer mit Vorliebe
+tat, frivole, unanständige oder gottlose Geschichten erzählte. Ich hörte
+nur halb nach dem Inhalt der Worte hin und betrachtete verzaubert den Mund,
+der sich mit unbeschreiblicher Anmut wie ein Quellwasser spielend und
+zwitschernd bewegte. Er war wie von Asbest und blieb vollkommen lauter,
+während die schmutzigen Geschichten über ihn hinströmten, daß es mir wie
+ein Wunder zu sehen war. Wenn er mit einem gewissen Triumph Gott lästerte,
+mußte ich an einen mutwilligen kleinen Engel denken, der sich vorgenommen
+hat, während des Lobgesanges einen entsetzlichen Fluch auszustoßen; aber
+weil er im Himmel und dicht bei Gott ist, kommt immer nur das Heilig,
+Heilig von seinen Lippen, die so abscheuliche Worte ausstoßen. Dies ist der
+Kindermund, der jenseit von Gut und Böse ist. Es springen Perlen und
+Edelsteine von ihm, was immer er auch sagt; denn ihm unbewußt ist er ein
+Brunnen Gottes. Der Mund, den ich dir eben beschrieb, gleicht dem
+Shakespeares, wie ich auf einer Abbildung seiner Totenmaske sah.
+
+Dann gibt es den Mund, der gekämpft hat, bis er vermochte, die Tiefe des
+Herzens auszusprechen, und dann den, der überhaupt nicht mehr aus dem
+Herzen sprechen kann. Vielleicht ist es ein Papageienmund, der
+nachplappert, oder er ist zu stolz, das zu tun, und schweigt. Vielleicht
+ist dann der unterirdische Gang vom Herzen zum Munde nur verschüttet und
+kann durchbrochen werden. Ist aber die Verbindung auf immer abgebrochen, so
+entsteht der Habsburger Mund, ein Brunnen, aus dem kein lebendiges Wasser
+mehr fließt. Er klafft auseinander, wie der Mund der Toten tut. Über die
+Progenie, die Erscheinung, daß die Zähne des Unterkiefers die des
+Oberkiefers in frontaler Richtung überragen, sind wertvolle Studien gemacht
+worden, und man hat bereits bemerkt, daß diese Erscheinung stets mit
+gewissen anderen Merkmalen zusammenhängt, und geahnt, daß sie alle auf eine
+biologische Ursache zurückzuführen sind. Gerade im Anschluß an das
+Habsburger Gesicht ist man schon darauf gekommen, in diesen Erscheinungen
+Degenerationsmerkmale zu sehen, und wenn man sich gewundert hat, daß auch
+hervorragende Individuen diese Merkmale führen, und deshalb die Auffassung
+ablehnen zu müssen meinte, so scheint mir das nur zu beweisen, daß man sich
+über den Begriff der Entartung noch nicht ganz klar ist. Mit dem Abnormen
+beginnt ja erst die Möglichkeit der Größe; allerdings nur die Möglichkeit,
+nicht die Notwendigkeit. Es sind viele berufen, aber wenige sind
+auserwählt.
+
+
+
+
+XIII
+
+
+In den Tischreden sagt Luther: »Menschen sind dreierlei Art. Die ersten
+sind der große Haufe, der sicher dahinlebt, ohne Gewissen, erkennet seine
+verderbte Art und Natur nicht, fühlet Gottes Zorn nicht wider die Sünde,
+fraget nicht darnach. Der andere Haufe ist derer, die durchs Gesetz
+erschreckt sind, fühlen Gottes Zorn und fliehen vor ihm, kämpfen und ringen
+mit Verzweiflung wie Saul. Der dritte Haufe ist derer, die ihre Sünde und
+Gottes Zorn erkennen und fühlen, daß sie in Sünden empfangen und geboren
+und derhalben ewig verdammt und verloren müßten sein, hören aber die
+Predigt des Evangelii, daß Gott die Sünde vergibt aus Gnaden um Christus
+willen, der für uns dem Vater dafür genug getan hat, nehmens an und
+glaubens, werden also gerecht und selig vor Gott. Darnach beweisen sie
+ihren Glauben auch mit allerlei guten Werken als Früchten, die Gott
+befohlen hat. Die andern zween Haufen gehen dahin.«
+
+Der große Haufe sind die Normalen oder die Weltmenschen, die, welche
+Nietzsche die Vielzuvielen nannte; aus diesem größten Haufen wird ein
+anderer berufen, der von der Norm abweicht, also abnorm ist und die
+Möglichkeit hat, über den großen Haufen hinauszuwachsen, der aber auch
+Gefahr läuft, unter ihn hinabzusinken. Von diesem sind einige auserwählt,
+das zu erreichen, wozu sie berufen sind, Früchte zu tragen, die allen
+übrigen Leben geben: es sind die Schaffenden oder die Genialen; der Stamm
++gen+ bedeutet ja Zeugen, Schaffen. Paulus nennt sie die Auserwählten,
+Luther auch schlechtweg Christen; man kann sie in der Sprache der Heiligen
+Schrift auch Gottmenschen oder Geistmenschen nennen.
+
+Man kann auch sagen: die Normalen sind diejenigen, deren Mittelpunkt die
+Ernährungs- und Fortpflanzungsorgane sind. Der zweite Haufe sind
+diejenigen, die angefangen haben, auf ihr Gewissen, die Stimme ihres
+Herzens, zu hören und nun zwischen der Welt und dem Reich Gottes schwanken.
+Die Geistmenschen sind diejenigen, die aus dem Herzen leben, und zwar so,
+daß das Herz einen Überschuß über das Gehirn hat.
+
+Es hat mir großen Eindruck gemacht, zu sehen, wie durchaus aristokratisch
+das Christentum ist. Man hat so viel von dem Volksmann Luther, von dem
+demokratischen, ja wohl kommunistischen Prinzip des Christentums gehört,
+daß der Blick sich erst freie Bahn machen muß für die Wahrheit; so
+wenigstens ging es mir. Allerdings ist Luther jedenfalls selbst von der
+naiven Annahme ausgegangen, alle Menschen seien in der Hauptsache so wie
+er; jeder Schaffende tut das, sonst würden ihm Mut und Lust fehlen, sein
+Herz reden zu lassen. Erst allmählich kam er zu der Einsicht, daß, wie er
+sich ausdrückte, Christi Regiment nicht über alle Menschen geht, sondern
+der Christen allezeit am wenigsten sind. »Und kehre dich nicht an die Menge
+und gemeinen Brauch«, sagte er dann, »denn es sind wenig Christen auf
+Erden, da zweifle du nicht an, dazu so ist Gottes Wort etwas anderes denn
+gemeiner Brauch.« Er erinnerte an Tertullians Worte, daß Christus nicht
+gesagt habe, ich bin die Gewohnheit, sondern ich bin die Wahrheit. Während
+ihn anfangs der allgemein gegen ihn erhobene Vorwurf, daß er als Einzelner
+der großen katholischen Kirche gegenüber recht haben wolle, die so lange
+bestehe und in der so viele gelehrte und weise Männer gelehrt hätten, sagte
+er nun: »Fürwahr eine köstliche Ursache, die man nimmt von der Größe und
+Menge wider das klare und lautere Gottes Wort.« So kam er zu derselben
+Erkenntnis, die Goethe den Seufzer erpreßte: »Ach, da ich irrte, hatt ich
+viel Gespielen, Da ich dich kenne, bin ich fast allein.« Unter die
+»Frevelartikel«, vor denen man sich hüten müsse, zählte Luther die, daß
+jeder Mensch den Heiligen Geist habe, daß jeglicher Mensch glaube, daß
+jegliche Seele das ewige Leben haben werde.
+
+Es ist merkwürdig, daß man bei den meisten Menschen anstößt, wenn man von
+einem großen Manne sagt, er sei abnorm oder degeneriert, gerade so, als ob
+es normal wäre, genial zu sein. Jeder große Mann ist von der Art
+abgewichen, also entartet; allerdings ist er über die Art emporgestiegen,
+und es wäre insofern richtiger, zu sagen, er sei überartig. Legt man
+indessen den Maßstab des normalen Menschen an ihn, so muß man ihn als krank
+bezeichnen; vor der Welt ist er minderwertig, weil er weniger tüchtig ist,
+Geld zu verdienen und normale Kinder zu erzeugen.
+
+Die normalen Menschen werden wissenschaftlich erklärt als diejenigen, die
+am besten geeignet sind, sich und die Art zu erhalten. Sie sind noch
+ungebrochen; ihr Bewußtsein ist noch nicht zum Selbst- und Gottbewußtsein
+entwickelt, nur ein blinder Instinkt, der sie ähnlich den Tieren zu den
+erwähnten Zwecken leitet. Unempfänglich für geistige Genüsse, wollen sie
+nichts anderes, als was für ihr Gedeihen und ihre Fortpflanzung dienlich
+ist, und darin erschöpft sich ihr Leben. »Sie haben ihren Lohn dahin«, sagt
+Christus, und Luther: »Sie gehen dahin.« Anders ausgedrückt: Sie stellen
+eine frühe Entwickelungsstufe dar, die von einer höheren aufgerollt,
+mitgenommen und vertreten wird.
+
+Von diesem großen Haufen sondern sich diejenigen Individuen ab, die nicht
+mehr vorwiegend tüchtig zu ihrer Erhaltung und zur Erhaltung ihrer Art
+sind. Ihr Selbst-und Gottbewußtsein hat sich so weit entwickelt, daß sie
+eine innere Sonderung und zugleich eine Sonderung von der Welt fühlen. Sie
+haben nun zwei Seelen in sich, eine göttliche und eine tierische, in der
+Bibel gewöhnlich Geist und Fleisch genannt; sie haben vom Apfel der
+Erkenntnis gegessen und unterscheiden Gut und Böse. Die Kluft zwischen
+Wollen und Vollbringen, die so im Menschen entstanden ist und ihn
+eigentlich in zwei Stücke reißt, macht ihn für seine nächstliegenden
+Aufgaben untüchtig; er wendet seine Kraft auf, die Kluft zu überbrücken
+oder zu maskieren. Der Welt, dem großen Haufen gegenüber ist er der
+Schwächere geworden und haßt und fürchtet ihn; zugleich verachtet er ihn,
+weil er ihn an Einsicht und jenseit der Welt liegenden Möglichkeiten
+überragt. Es hat sich ihm innerhalb der Welt der Erscheinung das Reich des
+Unsichtbaren aufgetan, das Reich des Geistes oder Gottes, und er ist
+reicher um die Anwartschaft darauf, ärmer um die feste, gesicherte Stellung
+in der Welt. Zu diesen Zerrissenen, Gesonderten ist Christus gekommen, um
+sie wieder ganz zu machen, indem er sie lehrt, auf die Welt zu verzichten,
+um im Reiche des Geistes zu herrschen und von dort aus die Welt zu
+überwinden. Nicht die Sünder sind gemeint, die gegen das Gesetz gesündigt
+haben und weltlicher Strafe verfallen, sondern die, welche das
+Sündenbewußtsein haben und sich nach Erlösung sehnen, nach Erlösung von der
+Welt durch den Geist. Daß Luther als Vertreter des zweiten Haufens Saul
+nennt, den königlichen Erstling der Melancholischen, zeigt seine Meinung
+klar. Es sind die Interessanten; das Wort kommt nämlich von »zwischen
+Sein«, zwischen dem unbewußten und bewußten Sein, die im Übergang
+Begriffenen, um welche Gott und der Teufel sich streiten.
+Selbstverständlich sind alle Menschen werdend; aber es kann auch ein
+Übergewicht nach unten oder nach oben geben, während bei diesen sich noch
+nichts entschieden hat. Ihre Aufgabe ist, von der sichtbaren Welt eine
+Brücke zur unsichtbaren zu schlagen, nicht um die sichtbare zu verlassen,
+sondern um beide Welten zu verbinden. Die Verbindung ist Religion; das Wort
+kommt von #ligare#, binden. Um den Vorgang möglichst zu verdeutlichen,
+möchte ich den Sprung hinüber und das zur Welt zurückgeworfene Band
+unterscheiden. Der Sprung von der sicheren Küste der Welt ins Unsichtbare
+ist der Glaube; handelt es sich dann um die Überwindung der Welt von dem
+gewonnenen Himmel aus, der neuen Heimat des Inneren, so ist zwar nicht die
+Kraft selbst geändert, aber doch ihre Richtung, und sie heißt nun Liebe. Je
+nachdem der Mensch wesentlich kindlich, unbewußt, gestaltungskräftig ist,
+oder wesentlich persönlich und handelnd, oder wesentlich überpersönlich
+oder gottbewußt, geistig, überwindet er die Welt als Künstler durch
+Kunstwerke, oder als Held und Heiliger durch Taten, oder als Dichter und
+Weiser durch die Wahrheit. Künstlerisches, tätiges und dichterisches
+Schaffen sind verschiedene Ausprägungen des menschlichen Geistes auf
+verschiedenen Entwickelungsstufen. Das Genie oder der vollkommene Christ
+umfaßt sie alle; wie er Mann und Weib zugleich ist, ist er auch Kind, Mann
+und Greis zugleich. Bei weitem die meisten unter den Berufenen wagen den
+Sprung in das »schöne Wunderland« nicht: Genies sind selten. Es gibt ja
+kein Schaffen, ohne daß beides vorhanden wäre, Gottbewußtsein und
+Weltbewußtsein, Sinnlichkeit und Geistigkeit, und es gehört eine
+außerordentlich starke Götterhaftigkeit dazu, den durstig im schönen Schein
+Schwelgenden aus dieser glücklichen Umarmung zu reißen. Die meisten
+zweifeln zwischen den beiden Welten und gehen beider verlustig; nur wer
+sich für den Göttertisch entscheidet, kann Ambrosia genießen und zugleich
+am Tische der Welt Gast sein. »Der Christenmensch«, sagt Luther, »ist ein
+allmächtiger Herr aller Dinge, der alle Dinge besitzt gänzlich ohne alle
+Sünde.« Er besitzt sie nämlich im Geiste und durch den Geist. Beethoven war
+die Welt der Töne, in der er Herrscher war, sinnlich entzogen; aber wer
+bezweifelt, daß er in seinem Geiste eine schönere Musik vernahm als
+irgendein Sterblicher mit gesundem Gehör?
+
+Die Berufung geschieht durch Leiden, wie die Briefe des Neuen Testaments
+vielfach ausführen. »Wir wissen aber, so unser irdisches Haus dieser Hütte
+zerbrochen wird, daß wir einen Bau haben von Gott erbaut, ein Haus, nicht
+mit Händen gemacht, das ewig ist, im Himmel.« Dieser ewige Himmel ist in
+unserem Herzen, der Geist; wir können aber nicht Geistmensch werden, bevor
+nicht unser irdisches Haus, das normale, der Knochen- und Muskelmensch
+gebrochen, irgendwie erschüttert ist. Wir können, sagt Luther, den
+glorifizierten Christus nicht sehen, bevor wir nicht den gekreuzigten
+gesehen haben. Das tägliche Sterben und Auferstehen, wovon in den Episteln
+so oft gesprochen wird, ist durchaus nicht bildlich zu verstehen; wirklich
+schwindet der Knochen- und Muskelmensch im Maße wie der Nervenmensch und
+endlich der Geistmensch entsteht, es ist ein allmähliches Verwandeln, bei
+dem es keinen Leichnam gibt, weil die sterbende Form fortwährend in einer
+höheren aufgeht oder aufersteht. Dies kann ohne Leiden nicht vor sich
+gehen, obwohl es nicht notwendigerweise durch Krankheit vor sich gehen muß.
+Gott entziehe seinen Heiligen, sagt Luther einmal, die Güter dieser Welt
+nicht immer in der Tat, dann aber im Geiste, so also, daß sie sie zwar
+besäßen, aber kein Genügen mehr in ihnen fänden. Wäre ein Berufener zum
+Beispiel tatsächlich nicht arm, so wäre er doch geistig arm oder arm im
+Geiste; sei es, daß sein Mitgefühl mit den Armen ihn seines Reichtums nicht
+froh werden ließe, oder daß Krankheit ihn am Genuß desselben hinderte, oder
+daß nichts von allem dem, was man sich durch Reichtum verschaffen kann, ihn
+befriedigte. Das Entscheidende ist, daß einem die Welt entzogen wird, und
+daß dadurch ein innerer Gegensatz entsteht, eine Kluft zwischen Wollen und
+Können: man hat die Organe für die Welt nicht mehr und will die Welt doch
+nicht loslassen, weil man die Organe für das Reich des Geistes noch nicht
+in der Gewalt hat.
+
+Das erste Kapitel des ersten Briefes von Paulus an die Korinther handelt
+ausführlich von der Art der Berufenen, daß sie vor der Welt schwach und
+niedrig sind. »Denn es stehet geschrieben: ich will zunichte machen die
+Weisheit der Weisen, und den Verstand der Verständigen will ich verwerfen.
+Wo sind die Klugen? Wo sind die Schriftgelehrten? Wo sind die Weltweisen?
+Hat nicht Gott die Weisheit dieser Welt zur Torheit gemacht?... Denen aber,
+die berufen sind, beides, Juden und Griechen, predigen wir Christum,
+göttliche Kraft und göttliche Weisheit. Denn die göttliche Torheit ist
+weiser, denn die Menschen sind; und die göttliche Schwachheit ist stärker,
+denn die Menschen sind. Sehet an, liebe Brüder, euren Beruf; nicht viel
+Weise nach dem Fleisch, nicht viel Gewaltige, nicht viel Edle sind
+berufen.« Es ist falsch, diese Worte so aufzufassen, als wären nur
+schwachköpfige oder wenigstens einfältige Sklaven und Frauen Auserwählte.
+Paulus selbst war ein hochgebildeter Mann; das zeigt jedes Wort an, das von
+ihm erhalten ist, auch hätte er sonst die Griechen und Römer nicht so
+packen können durch seine Reden. Er stellt nur die göttliche Weisheit, die
+Genialität, der bloßen Schulweisheit und Büchergelehrsamkeit oder der
+weltlichen Macht und dem weltlichen Ansehen gegenüber. Daß die genialen
+Menschen aller Völker und Zeiten nicht aus den herrschenden Ständen,
+sondern im Durchschnitt aus dem sogenannten Mittelstande hervorgegangen
+sind, ist bekannt. Fast alle waren arm, und die meisten sind es geblieben;
+ebensowenig wie reich und mächtig waren sie gesund. Ich entsinne mich einer
+Anekdote des magenleidenden Manzoni, der einmal, als er Gelegenheit hatte,
+die gesunde rote Zunge eines jungen Anverwandten zu sehen, zwischen Neid
+und Verachtung ausrief: #Lengua d'un can!#
+
+Luther hebt gelegentlich den Gegensatz zwischen heidnischer und
+christlicher Weltanschauung hervor, indem er dem Ausspruch des Juvenal:
+#Orandum est ut sit mens sana in corpore sano# den des heiligen Augustinus
+gegenüberstellt: Wenn wir gesund sind, so wütet in uns am meisten die böse
+Begierde.
+
+Jedes Leiden besteht in einem Angriff auf die Integrität unseres Ich; um an
+das heranzugelangen, muß Gott zuerst eine Bresche in den Körper schlagen,
+in den Vorhof, der zur Seele führt. Es ist bekannt, daß in einer gewissen
+Weichheit der Knochen die Möglichkeit zur Entwickelung eines geräumigen
+Schädels gegeben ist, in welchem ein großes Gehirn Raum hat; woraus
+natürlich nicht folgt, daß jeder große Schädel und jedes große Gehirn
+Bürgschaft für geistige Größe gibt. Jedenfalls wirkt das große Gehirn als
+Magnet auf das Herz und zieht es von seinen übrigen Tätigkeitsgebieten ab,
+so daß der Körper nicht mehr so gleichmäßig wie sonst ernährt wird. Auch
+eine gewisse Entartung der Geschlechtsdrüse muß beim genialen Menschen
+vorliegen, nicht so, daß ihre Tätigkeit aufgehoben, sondern daß sie mehr
+dem Herzen unterstellt ist. Es beruht darauf die Kindlichkeit oder
+Weiblichkeit des Genies, dessen Liebesangelegenheiten immer zugleich
+Herzensangelegenheiten sind, wie man das in Goethes Leben sehen kann. Der
+männlichere Schiller litt unter rein körperlichen Trieben, die er heroisch
+überwand; sein Genie beruhte auf stärkerer Spannung, das Goethes mehr auf
+natürlicher Harmonie.
+
+Durch die veränderte Richtung oder Verteilung des Blutstromes ist das
+Gleichgewicht im Organismus gestört, der Übertätigkeit auf der einen Seite
+steht Untätigkeit und Erschlaffung auf der anderen gegenüber. Man kann den
+Körper als eine Mauer betrachten, die das Herz zugleich mit der Welt
+verbindet und vor ihr schützt. Wenn dieser Körper morsch wird, ist das Herz
+feindlichen Angriffen mehr ausgesetzt und wird zu stärkerer Tätigkeit
+gereizt. Das Genie ist also eine Alterserscheinung, nicht in dem Sinne
+natürlich, daß der einzelne alt wäre, sondern daß seine Familie es ist; er
+ist das Ende einer Entwickelungsreihe. Doch ist es nicht so, daß die
+Auflösung bereits eingetreten wäre, sondern er gibt nur das Zeichen zu ihr;
+der blitzartige Punkt zwischen dem letzten Augenblick des gesunden Lebens
+und dem ersten des hereinbrechenden Todes ist der glücklichste.
+
+Nach der Hochflut des Genies kommt die Ebbe der Dekadenz. Wenn ich bei dem
+photographischen Bilde bleiben darf, möchte ich sagen, daß bei sehr
+scharfem Licht die Platte des Gehirns zwar von Momentaufnahmen voll wird,
+daß diese aber, da keine Urbilder aus dem Herzen mehr dazukommen, nie ein
+lebendiges Ganzes werden können. Manche Menschen scheinen allwissend zur
+Welt zu kommen und sind mit fünfzig Jahren kaum reifer als mit fünfzehn;
+sie haben einen vollen Speicher in ihrem Gehirn, aber er belastet sie mehr,
+als daß sie ihn nützen könnten. Die Bausteine sind da, aber die Melodie der
+Seele nicht, die sie zusammenzauberte. Je müder das Herz wird, desto
+frostiger raschelt der Gehirnstrohsack; man fühlt, daß da kein Wort hilft,
+sondern nur das Zuströmen frischen, feurigen Blutes. Christus erkannte sich
+selbst als Gottes Sohn und starb den Opfertod; nach dem Augenblicke, wo
+Selbst- und Gotteserkenntnis eins wird, muß das Ende kommen, denn die Zeit
+ist mit ihm erfüllt. Der Gottmensch opfert sich entweder, von seinem
+Spiegelbilde sich losreißend, oder er bleibt in Selbstanbetung daran
+gebannt und wird, vom Strome des Lebens abgesondert, zur Mumie. Dem Tode
+ist der Gottmensch geweiht; es fragt sich nur, ob er sich selbst oder
+anderen sterben wird. Dies eben ist die Frage, die die Götter dem Achilles
+vorlegten, ob er ein langes und bequemes, aber ruhmloses Leben wolle, oder
+Kampf und Mühsal und frühen Tod, aber unsterblichen Ruhm; es war sein Herz,
+das die Antwort gab. Von der Großherzigkeit und Engherzigkeit des Menschen
+hängt seine Entscheidung ab.
+
+Langlebigkeit und Gesundheit beruht auf Sparen mit dem Herzen; darin liegt,
+daß geniale Menschen im allgemeinen nicht lange leben und nicht durchaus
+gesund sein können. Irgendwie muß sich ein Rückschlag des gesteigerten
+Lebens zeigen. »Judas, wer liebt, verschwendet alle Zeit.« Eines der
+schönsten Gedichte von Goethe, das von einem starken Baume handelt, der
+seine Kraft hingibt, um einen ihn umklammernden Efeu zu ernähren, schließt
+mit den Worten: »Süß ist jede Verschwendung; o laß mich der schönsten
+genießen! Wer sich der Liebe vertraut, hält er sein Leben zu Rat?«
+
+Wäre eine derartige Verschwendung allgemein, so würde das menschliche
+Geschlecht bald ausgestorben sein; es ist deshalb notwendig, daß der große
+Haufe sich von der Selbstsucht leiten läßt.
+
+Goethe wird deswegen so sehr bewundert, weil bei seinem Genie Gott- und
+Weltbewußtsein so sehr im Gleichgewicht war. Er hat dadurch das Genie
+eigentlich weltfähig gemacht, und wenn Christus die Menschen zu Göttern
+machte, kann man von Goethe sagen, daß er sich den Menschen zuliebe
+verweltlichte. Als Sohn eines durchaus weltlichen, engherzigen Vaters fing
+er früh an mit der Neigung zu sparen und glich dann einem Ofen, der sein
+Feuer Tage unterhielt, an dem man sich aber nicht gerade wärmen konnte. Er
+hat »sein volles Herz gewahrt«, geschont, und es ist dieser Umstand, der
+gerade den alten Goethe zum Liebling unserer gebildeten, wesentlich
+herzschwachen Männer macht. Luthers mächtiges, maßlos überanstrengtes Herz
+erlahmte verhältnismäßig früh, und die schmerzliche Ahnung seiner Jugend
+wurde wahr: die letzte Anfechtung wird sein, daß ich mir selbst zur Last
+fallen werde. Während seines ganzen Lebens hatten Perioden gänzlicher
+Erschöpfung, wo er sich lebend tot fühlte, mit den Perioden
+übermenschlicher Schaffenskraft gewechselt, Übertätigkeit des Herzens mit
+Versagen des Herzens.
+
+Die Meinung, daß die Heiden die Lehre von der Berufung durch Leiden nicht
+gekannt oder gar verabscheut hätten, ist übrigens ganz falsch, wenigstens
+was die Griechen betrifft, deren Weltanschauung vielmehr ganz in die
+christliche einmündete. Eine Stelle bei Äschylus lautet:
+
+ Weise macht den Erdensohn
+ Gottes Führung und Gebot:
+ Leiden soll dir Lehre sein.
+ Mahnend sinkt im Schlaf der Nacht die Qual
+ Alter Schuld
+ Ihm aufs Herz:
+ Ungewollt
+ Kommt die Weisheit über ihn.
+ Strenge Wege geht mit uns die Gnade,
+ Die am Weltensteuer sitzt.
+
+Es ist dieselbe Lehre von der Sünde, vom Leiden und der Gnade, die wir im
+Neuen Testamente finden. Die Sagen von Eros und Psyche und von Prometheus
+scheinen mir keinen anderen Sinn haben zu können, als daß das Leben im
+Geiste, symbolisiert durch Feuer und das Erschauen der Götter, nicht
+geraubt werden, sondern durch Leiden erworben werden muß. Das arbeitvolle
+Leben des Herkules, seinen Feuertod und seine Verklärung hat man längst mit
+dem Leben Christus' verglichen, und schließlich erlebte ja das ungemein
+geniale Volk der Griechen seinen höchsten und letzten Augenblick, als es in
+Christus den unbekannten Gott erkannte.
+
+Die meisten Berufenen scheitern daran, daß sie nicht kämpfen und leiden
+wollen. Sie möchten wohl Auserwählte sein, aber, wie Papageno, nicht durch
+Feuer und Wasser gehen, und gleichen Frauen, die sich nach Kindern sehnen,
+aber die Qual, sie zu tragen und hervorzubringen, nicht auf sich nehmen
+mögen. Es gibt Menschen, die dem Leiden ausweichen, und es gibt Menschen,
+die das Leiden suchen und denen das Leiden ausweicht; wen Gott auserwählt
+hat, dem zwingt er das Leiden auf. Und zwar zwingt er es ihm auf durch das
+Mittel, durch welches er überhaupt im Menschen wirkt, nämlich durch das
+Herz; insofern nun jedem sein Herz selbst angehört, macht jeder sich sein
+Schicksal selbst.
+
+Diejenigen erringen die Krone des Lebens nicht, die nicht getreu sind,
+sondern begehrlich nach den Kronen der Welt blicken. Sie bleiben entweder
+unfruchtbar und voller Unruhe zwischen den beiden Welten hangen, oder sie
+werden in der stärkeren Welt, in die sie sich ohne den Harnisch des Geistes
+zurückwagen, zertreten. Gott ist #consumens et abbrevians#, aufzehrend und
+abkürzend: auf Unzählige, die dahingehen, kommen einzelne Lebendige. Das
+Ziel, welches diese erreichen, zugleich Sieg und Krone, ist die
+Schaffenskraft. Die Auserwählten sind, wie schon gesagt, die Genies oder
+die Schaffenden; denn sie sind ja Ebenbilder Gottes, und Gottes Wesen ist
+Schaffen. Luthers quälende Frage: Wie bekomme ich einen gnädigen Gott? läßt
+sich in die Worte fassen: Wie werde ich ein Schaffender? Im Schaffen wird
+das Leiden überwunden, und wenn das Leiden das Siegel der Berufung ist, so
+siegelt der Überwinder mit Werk, Tat und Wort. Das ist aber nicht so zu
+verstehen, als ob nur große Künstler, Helden oder Dichter und Weise selig
+werden könnten: jedes volle Herz ist tätig, arbeitet, und ist arbeitend
+selig. Das Genie im engeren Sinne aber lebt nicht nur, sondern erlebt,
+erinnert sein Leben im Spiegel des Gehirns und verdoppelt es in Form, Tat
+oder Wort. Diese Verdoppelung des Lebens, die nur durch verdoppelte
+Herztätigkeit möglich wird, nennt man Schaffen; aber selig macht auch das
+einfache Leben, das im Wirken besteht.
+
+Eines der größten Genies der Welt war jedenfalls Paulus. Der Römer Festus
+begriff gut, mit wem er es zu tun hatte, da er zu ihm sagte: Paule, du
+rasest; deine große Kunst macht dich rasend. Es erinnert an Shakespeares
+Wort vom Auge des Dichters, das im süßen Wahnsinn rollt. Auffallend finde
+ich, nebenbei bemerkt, wieviel unwillkürliche Sympathie und Hochachtung
+gerade einzelne Römer für Christus wie für Paulus zeigten. Als dem
+ähnliches erscheint mir die gute Aufnahme, die England den ausländischen
+Genies zu bereiten pflegte: das Herrschervolk huldigt den Herrschern im
+Reiche des Geistes, das es ihnen gönnt. Die häufigen Schilderungen von der
+Seligkeit des geistig Schaffenden rauschen mit stürmender Gewalt durch die
+Bücher des Neuen Testaments wie die von der Kraft der Gläubigen durch die
+des Alten. Im Alten Testamente schafft Gott in dem passiv hingegebenen
+Menschen, im Neuen ist der Mensch selbst Gott geworden. »Das kein Auge
+gesehen hat und kein Ohr gehöret hat und in keines Menschen Herz gekommen
+ist, das hat Gott bereitet denen, die ihn lieben«; diese überschwengliche
+Herrlichkeit, sollte sie einem tugendhaften Bürger, einem katholischen oder
+protestantischen Pfarrer als solchem gegeben sein? Es sind vielmehr »die
+Verführer und doch wahrhaftig; die Unbekannten und doch bekannt; die
+Sterbenden, und siehe, sie leben; die Gezüchtigten und doch nicht ertötet;
+die Traurigen, aber allezeit fröhlich; die Armen, aber die doch viele reich
+machen; die nichts innehaben und doch alles haben«. Die »ewige und über
+alle Maßen wichtige Herrlichkeit« gehört denen, »die nicht sehen auf das
+Sichtbare, sondern auf das Unsichtbare«, nämlich auf den Geist.
+»Schulgezänke solcher Menschen, die zerrüttete Sinne haben und der Wahrheit
+beraubt sind, die da meinen, Gottseligkeit sei ein Gewerbe«, das verschafft
+wohl Zutritt zur sichtbaren, nicht aber zur unsichtbaren Kirche.
+
+Wenn man nicht das Wort »geistlich« beibehalten hätte, das Luther für
+geistig gebrauchte, würde sich vielleicht der mit etwas Selbstgefälligkeit,
+Salbung und Tugendseligkeit so schädlich verquickte Begriff des
+»Geistlichen« gar nicht herausgebildet haben. Wenn Luther »geistlich«
+sagte oder schrieb, schwebte ihm sicherlich nichts anderes vor, als was wir
+bei dem Worte »geistig« denken und empfinden. Diejenigen, die den
+geistigen, den innerlichen, unverweslichen Leib in dem natürlichen,
+verweslichen tragen, die können wie Paulus in das Paradies entrückt werden
+und unaussprechliche Worte hören, die kein Mensch sagen kann.
+
+Für unsere Zeit ist es charakteristisch, daß es keine Genies gibt. Sowohl
+die amtlichen Vertreter unseres Geisteslebens wie die nichtamtlichen, die
+sichtbare Kirche nicht nur, sondern auch die unsichtbare, wollen entweder
+abgesonderte Winkelprediger oder Weltmenschen sein. Es ist so weit gekommen
+und wirkt beinahe komisch, daß sie mit einer Art Entrüstung, als wäre es
+etwas Schimpfliches, die Genialität ablehnen, weil sie an die Möglichkeit
+einer echten nicht glauben. Vor allen Dingen wollen sie gut leben und
+Ansehen in der Welt haben, was ihnen denn auch zuteil wird und womit sie
+ihren Lohn dahin haben. Der Krieg ist wohl als eine große Berufung
+anzusehen; ich zweifle, ob sie jetzt schon laut genug ist, daß die der
+göttlichen Stimmen ungewohnten Ohren sie vernehmen können.
+
+Wenn ich von deiner schwermütigen Schönheit wegblicke zum Fenster, so sehe
+ich das durchsichtige Gewimmel der Sterne, das unsere Erde wie eine
+Gloriole umgibt. Die Erde kommt mir vor wie die Menschheit selbst, an ihrem
+äußersten Rande in leuchtende Körper aufgelöst, die in goldenen Ringen
+tiefer und tiefer in den unendlichen Raum dringen, eine Brücke der
+Gläubigen vom Sichtbaren ins Unsichtbare.
+
+
+
+
+XIV
+
+
+Solltest du, liebster Freund, jemals Ursache haben, an der Menschheit zu
+zweifeln oder zu verzweifeln, so studiere Luthers Streit mit Zwingli über
+das Abendmahl und tröste dich mit ihm. Luther hat ja bei Lebzeiten und nach
+seinem Tode begeisterte Anhänger gefunden; aber wo er am glühendsten
+fühlte, am tiefsten dachte, am größten handelte, da hat ihn niemand
+verstanden. Man begriff, daß Zeremonien ohne Glauben keinen Wert vor Gott
+haben; aber daß Handeln, auch das edelste, ohne Glauben auch ungöttlich
+ist, das begriff man nicht. Man wollte wohl eine sichtbare Kirche, aber
+einen Kult wollte man nicht, außer einem solchen, der mit dem Verstande zu
+begreifen wäre, mit Gott also gar nichts zu tun hätte. Luther wollte jeden
+Kult abschaffen, den Gott nicht geboten hatte; einen solchen nannte er
+Zeremonien, Menschengebote, Menschenlehre, und verdammte ihn heftig;
+denjenigen wollte er heilig bewahrt wissen, den Gott geboten hat, oder, was
+dasselbe ist, der mit Notwendigkeit aus Gottes Wesen fließt. Die Richtung
+des sechzehnten Jahrhunderts ging auf Ausbildung des Selbstbewußtseins, des
+Verstandes, der äußeren Welt; man wollte durchaus keinen Gott haben, der,
+in der äußeren Erscheinung heimisch, das Begreifen der Welt von zwei Seiten
+her gefordert hätte. Als Luther denjenigen Kult einführen wollte, den Gott
+geboten hat und der aus dem Wesen Gottes mit Notwendigkeit sich ergibt,
+bewunderten sie nicht seine Folgerichtigkeit, sondern sie nahmen Ärgernis
+daran, daß er, wie sie es nur auffassen konnten, sich plötzlich als
+Mystiker verriet. Der aus Herz, Kopf und Sinnen lebende Mensch wird stets
+von denen verkannt und gehaßt werden, die nur aus Kopf und Sinnen leben.
+
+Luther verstand unter dem Unsichtbaren das, was ist, was unsere Augen aber
+nicht wahrnehmen; die Gegner verstanden unter dem Unsichtbaren das, was
+nicht ist, wovon aber unklare Mystiker träumen. Sie verbannten das
+Unsichtbare in einen sogenannten Himmel, der jenseit, das heißt eigentlich
+nirgendwo, ein harmloses Dasein fristen durfte, obwohl Christus
+unmißverständlich gelehrt hat, daß der Himmel in unserem Inneren, daß er
+menschlicher Geist ist. Indem Gott seinen eingeborenen Sohn gab, sagte
+Luther, machte er aus Himmel und Welt ein Ding; in der Person des
+Gottmenschen sind Sein und Erscheinung eins geworden. Dieser monistischen
+Weltanschauung war die Zeit Luthers nicht zugänglich, die, nachdem in einem
+genialen Augenblick Spiritualismus und Materialismus verschmolzen waren,
+übermächtig zum Materialismus hindrängte. Der Standpunkt Zwinglis, daß man,
+wie er sich ausdrückte, die beiden Naturen, nämlich Geist und Stoff, nicht
+vermischen dürfe, wurde auch von den Katholiken geteilt, nur daß sie sich
+nicht, wie die Reformation, auf den bloßen Geist, sondern auf den bloßen
+Stoff stützten. Sie waren Heiden ohne die kindliche Blindheit der
+vorchristlichen Heiden. Auch die heutigen lutherischen Theologen sprechen
+von Luthers Mystik wie von einer Ausschweifung seines Verstandes, einer
+liebenswürdigen Schwäche, die man einem übrigens vernünftigen Menschen
+hingehen läßt. Daß Gott der Geist wirklich ist, das Unsichtbare vereint mit
+dem Sichtbaren, scheinen sie so wenig zu glauben wie die Zwinglianer und
+Katholiken des sechzehnten Jahrhunderts.
+
+Als kultliche Handlungen, die von Gott geboten sind, bezeichnet Luther die
+Taufe und das Abendmahl. Die Taufe bedeutet das Sterben des Naturmenschen
+und Auferstehen des Gott- oder Geistmenschen, die zweite Geburt des
+Menschen, die sein Leben lang währen und mit seinem Tode vollendet sein
+soll. Die Taufe soll aber durchaus nicht nur eine bildliche Handlung sein,
+sondern sie soll diesen Werdegang der Wiedergeburt im Geiste tatsächlich
+einleiten, indem in das Herz des Kindes zum erstenmal das Samenkorn des
+göttlichen Wortes fällt. Das Wort ist, wie du weißt, die höchste
+Verdichtung des Geistes und bindet den verweslichen Menschen an das
+Unverwesliche, oder es heiligt ihn; mit den Worten der Taufe nimmt die
+Heiligung ihren Anfang. Sie setzt sich fort im Leben durch die Taufe
+#flaminis et sanguinis#, die Taufe in Feuer und Blut. Zufolge eines
+begreiflichen Trugschlusses des Verstandes verlangten die Wiedertäufer, daß
+die Taufe an Erwachsenen sollte vollzogen werden, da das neugeborene Kind
+das Wort noch nicht vernehmen könne; ein Irrtum, den Luther selbst
+durchgekämpft hat. Er wandte dagegen anfangs ein, daß der Glaube der
+erwachsenen Paten für den noch unentwickelten Glauben des Kindes eintreten
+könne; später erst ging ihm die großartige Erkenntnis des unbewußten
+Glaubens auf, wie er es nannte. Er begriff, daß der Glaube ein Nichtwollen,
+ein Sichpassivverhalten des Menschen Gott gegenüber ist, und daß gerade das
+unbewußte Kind geeignet sein muß, von Gott ergriffen zu werden.
+
+Neuerdings hat man Beobachtungen darüber angestellt, daß Worte, die in
+Gegenwart von fest schlafenden Kindern gesprochen werden, obwohl nicht mit
+Bewußtsein, doch von ihnen aufgenommen werden und in ihnen wirken können;
+gehorcht doch auch der Hypnotisierte den Worten dessen, der ihn
+hypnotisiert, obwohl er sie nicht mit Bewußtsein hört. Ich habe an mir
+selbst erfahren, daß in der Kindheit vernommene Worte, die ich nicht
+verstand, die mich nur durch ihren Rhythmus ergriffen, sich in mir
+festsetzten und in mir fortwirkten; und es wird jeder Mensch Beispiele
+dafür in seinem Leben finden. Worte sind Samen, der bewußt gesät und
+unbewußt empfangen wird; sie schlummern im Stoffe, aus dem das Herz sie
+hervorglühen kann, damit sie Frucht tragen. Auf der Annahme, daß Kraft
+auch da wirken kann, wo sie unbewußt empfangen wird, beruht der Segen, den
+Eltern auch ganz kleinen oder schlafenden Kindern erteilen; Worte sind die
+stärkste Kraft, die es gibt.
+
+Luther bemerkte gelegentlich, es sei dem Sakrament der Taufe zugute
+gekommen, daß es mit unbewußten Kindern umgehe, deshalb lasse man es so
+ziemlich undisputiert. In der Tat kam wohl Zwingli gar nicht darauf, daß
+die Taufe anders könnte aufgefaßt werden als eine symbolische Handlung, sah
+deshalb keinen Grund ein, sie abzuändern, und bewirkte, daß die
+Wiedertäufer in Zürich mit dem Tode bestraft wurden. Luther, der Irrende
+nur durch das Wort bekämpft wissen wollte, begnügte sich damit, sie
+auszuweisen.
+
+Ganz anders verhält es sich mit dem Abendmahl, das im Mittelpunkte des
+Kults steht und den Erwachsenen dargeboten wird. Daß im Stoff Geist, daß
+der Stoff geistvoll sei, hatten schon die Propheten des Alten Testamentes
+gelehrt, indem sie sagten, Gott erfülle Himmel und Erde; Christus setzte
+hinzu, daß der Himmel das Herz des Menschen sei. Anders ausgedrückt: die
+Propheten lehrten, daß Gott das Herz der Welt sei, Christus, daß das Herz
+der Welt zugleich das Herz der Menschheit sei, die Einheit der Welt im
+Selbstbewußtsein des Menschen. Der Name Testament schon deutet an, daß es
+sich um eine Vergabung handelt: der Gottmensch, dessen Seele sterben wird,
+teilt sein Fleisch und Blut denen aus, die ihn lieben, deren Herzen ihm
+geöffnet sind, um sein Wort zu empfangen. Die Zauberworte der Einsetzung
+sind: Nehmet, esset, das ist mein Leib. Trinket alle daraus, das ist mein
+Blut, welches vergossen wird für viele zur Vergebung der Sünden.
+Vorbereitet hatte Christus selbst das Testament durch seine Erklärung im
+6. Kapitel des Johannes-Evangeliums, daß er das Brot des Lebens sei,
+welches er ausdrücklich als Himmelsbrot, also eine geistige Speise, der
+vergänglichen Speise gegenüberstellte.
+
+Hieronymus hat das Abendmahl #invisibilis gratiae visibilis forma# genannt,
+die sichtbare Form der unsichtbaren Gnade, das ist also der im Stoff
+erscheinende Geist. Der heilige Augustinus erklärte es mit den Worten:
+#Accedit verbum ad elementum et fit sacramentum#, Das Wort zum Element oder
+Geist zur Natur, und das Wunder geschieht. Wenn ich Wunder übersetze, so
+ist es nötig zu betonen, daß statt Sakrament im Griechischen +mystêrion+,
+Geheimnis steht. Wunder in unserem Sinne gibt es nicht, nur Geheimnisse.
+Hier handelt es sich um das letzte Geheimnis, daß in der Seele, im Ich, der
+Stoff zugleich Geist ist, und weil wir dies Geheimnis nur erleben, nicht
+machen können, scheint mir richtig, es Wunder zu nennen. Mit dem Tode wird
+unser Körper wieder eins mit der ewigen Substanz, unser Geist, sei es in
+Form, Tat oder Wort oder im Blute, geht in die Herzen ein. Brot und Wein
+sind Stoff: wenn der Blitz des Wortes sie entzündet, erglühen sie zu Geist.
+Daß Christus das Brot wählte, geschah, weil das Samenkorn die stärkste
+Verdichtung des Stoffes ist wie das Wort die stärkste Verdichtung des
+Geistes; Brot ist die natürliche Speise des Menschen. Ebenso ist Wein das
+Getränk, das am stärksten ins Blut geht, wie man volkstümlich sagt; das
+Feuerwasser, wie der Wilde es nennt, ist das gegebene Bild für das
+Feuerwasser, das aus dem Herzen des Menschen quillt. Auch unser Fleisch und
+Blut lebte nicht, wenn die Seele sie nicht mischte, gären und glühen
+machte; das Erlöschen der Seele ist der Tod. Wer sich dessen bewußt ist,
+dem kann jede Speise eine Geistesspeise sein; davon aber unterscheidet
+sich das Abendmahl dadurch, daß es von der gläubigen Gemeinde genommen
+wird. Luther beantwortete deshalb alle an ihn gerichteten Anfragen, ob
+einer sich das Abendmahl unter Umständen allein dürfe reichen lassen,
+abschlägig; Gott ist ja Person nur im Menschen, und die Verbindung mit Gott
+muß durch die Verbindung mit der Menschheit geschehen. Absonderung von den
+Menschen wäre zugleich Absonderung von Gott, also wäre das Abendmahl von
+einem Einzelnen genommen ein Widerspruch in sich selbst und eigentlich
+ungöttlich. Dem Wissenden für sich allein ist ja selbstverständlich das
+Abendmahl nicht notwendig; ist er an seinem Gebrauch verhindert, so tritt
+das Wort des Augustinus in Kraft: #crede et manducasti#, glaube, so hast du
+gegessen; als gemeinsames Mahl macht es die durch den Körper Gesonderten im
+Geiste eins.
+
+Zwingli hatte vom Wesen des Abendmahls keine Ahnung: er dachte, Christus,
+ein edler, vorbildlicher Mensch, habe seine Jünger ermahnt, seiner nach
+seinem Tode zu gedenken, und ebenso sollten es künftig die Gläubigen
+halten, wenn sie die Handlung des Abendmahls symbolisch wiederholten. Die
+katholische Kirche wollte im Sakrament den Opfertod Christi wiederholen und
+sich durch den richtigen Vollzug desselben Verdienste erwerben; sie, ebenso
+wie Zwingli, machte ein Werk, eine Selbsttätigkeit des Menschen daraus.
+Luther verstand die Sakramentshandlungen als Austeilungen göttlicher Kraft,
+bei denen die Menschen die Empfangenden sind.
+
+Eines der hauptsächlichen Argumente Zwinglis gegen Luthers Auffassung,
+Christi Fleisch und Blut sei im Brot und Wein, war, daß Christus zur
+rechten Hand Gottes sitze, also nicht im Brot und Wein sein könne. Man
+sollte meinen, eine so grobe Unfähigkeit, das Göttliche zu erfassen,
+springe jedem in die Augen. Sie veranlaßte Luther zu einer hinreißenden
+Schrift über die Allgegenwärtigkeit Gottes, die, von göttlichem Geist
+durchdrungen, dem milden Tadel der lutherischen Theologen nie entgeht. Die
+meisten wünschen, er möchte sie lieber nicht geschrieben haben, obwohl sie
+recht hübsche Bilder enthalte. Wer, außer etwa Shakespeare oder Dante, hat
+solche Bilder schaffen können? Luther sagt selbst einmal, man hasse ihn,
+weil er nicht nur die Wahrheit sagte, sondern auch sagte, daß er sie sagte.
+Hätte er sich Dichter genannt, so hätte man ihn vergöttert.
+
+Begreiflicherweise mußte Luther über Zwinglis »Gaukelhimmel« lachen, »darin
+ein goldener Stuhl stehe und Christus neben dem Vater sitze in einer
+Chorkappe und goldenen Krone, gleichwie es die Maler malen«. Daneben aber
+bemühte er sich ernstlich zu erklären, daß die allmächtige Gewalt Gottes
+zugleich nirgends und an allen Orten sein müsse; daß alles, was an einem
+Orte sei, an diesem Orte beschlossen sein müsse, welcher örtlichen
+Gebundenheit Gott doch nicht unterliegen könne, der vielmehr über Raum und
+Zeit sein müsse. Doch muß er »an allen Orten wesentlich und gegenwärtig
+sein, auch in dem geringsten Baumblatt«. »Darum muß er ja in einer
+jeglichen Kreatur in ihrem Allerinnersten, Auswendigsten, um und um, durch
+und durch, unten und oben, vorn und hinten selbst da sein, daß nichts
+Gegenwärtigeres noch Innerlicheres sein kann in allen Kreaturen, denn Gott
+selbst mit seiner Gewalt.« Er führt die majestätischen Bibelworte an: »Bin
+ich nicht ein Gott, der nahe ist, und nicht ein Gott, der ferne ist?
+Erfülle ich nicht Himmel und Erde?« Er macht klar, daß Gott unbeweglich und
+unveränderlich ist, daß er nicht hin und her fahre wie die Kreatur, daß er
+deshalb an allen Orten bereits da ist, also auch im Brot und Wein, und daß
+es sich nur ums Offenbaren handelt. Das freilich ist nicht jedem gegeben.
+»Es ist ein Unterschied unter seiner Gegenwärtigkeit und deinem Greifen, er
+ist frei und ungebunden allenthalben, wo er ist, und muß nicht da stehen
+als ein Bube am Pranger.« Um die #penetratio corporum# verständlich zu
+machen, daß ein Leib in einem anderen sein könne, gebraucht Luther das
+schöne Bild vom Eisen, das vom Feuer durchglüht wird; so durchglüht Gott
+Brot und Wein, wenn wir es glaubend empfangen.
+
+Übereinstimmend mit der Auffassung von Christus, der im Himmel zur Rechten
+Gottes sitzt, fanden die Zwinglianer, man setze Gott herab, wenn man
+glaube, er werde mit den Zähnen zerbissen und vom Bauche verdaut. Sie
+blickten hochmütig auf Luther herab, der nicht imstande sei, Gott im Geist
+und in der Wahrheit anzubeten. Wieder stellte Luther vor, daß Christi
+Fleisch nicht Rindfleisch, sondern Gottesfleisch, Geistfleisch sei. »Wird
+Christi Fleisch gegessen, so wird nichts denn Geist daraus. Denn es ist ein
+geistliches Fleisch und läßt sich nicht verwandeln, sondern verwandelt und
+gibt den Geist dem, der es ißt.« Für Luther, der wußte, daß Gott lauter
+Aktivität und Produktivität ist, war die Vorstellung, daß er mit den Zähnen
+könnte zerbissen werden, etwas Ungeheuerliches. Eine noch größere Probe von
+naiv-weltlicher Gesinnung gab Ökolampad, indem er fragte, was Christi Leib
+im Abendmahl, falls er darin sein könnte, nütze sei? Es war nicht allzu
+große Leidenschaftlichkeit oder Stolz, wenn Luther auf solche Fragen harte
+Antworten gab, es war vielmehr überflüssige Güte, daß er sich auf einen
+aussichtslosen Kampf mit Gegnern einließ, die das Problem nicht einmal
+richtig stellen konnten, um das gestritten wurde.
+
+Zwingli sagte, man müsse bei der alten rechten Theologie bleiben, wonach
+die beiden Naturen -- nämlich die göttliche und menschliche in Christus --
+nicht vermischt werden dürfen. Demnach glaubte Zwingli gar nicht, daß
+Christus Gottmensch war, daß Gott Fleisch geworden ist, und war gar kein
+Christ, sondern ein Schüler des Aristoteles, der wohl an einen Gott
+glaubte, aber an einen Gott außerhalb der Menschheit.
+
+Zwingli war, was Luther nicht war, aber nach weitverbreiteter Meinung sein
+soll, ein Bauer, besser gesagt, ein einfacher Weltmensch. Er war noch
+ungebrochen, es war noch keine Spaltung in seinem Inneren zwischen seinem
+Selbstbewußtsein und seinem Weltbewußtsein, zwischen Wollen und Können, und
+weil noch keine Spaltung da war, konnte auch noch keine Religion, kein
+Band, da sein. Ich las neulich einen schönen Vers von Dehmel auf dem
+Kalender:
+
+ Immer wieder, wenn wir sinnen,
+ Stürzt die Welt in wilde Stücke,
+ Immer wieder, still von innen,
+ Fügen wir die schöne Brücke.
+
+Zwingli war seine äußere Welt noch nicht in Stücke geschlagen, und so war
+auch noch kein Anlaß gewesen, die schöne Brücke des Glaubens über die Kluft
+zu werfen. Blindlings auf seine eigene Kraft vertrauend und voller
+Grundsätze, war er moralisch und hielt seine Moral für die einzig mögliche,
+wahre Religion. Er war Gegner der katholischen Kirche als gegen die Maske
+der Religion und Gegner der lutherischen Lehre als gegen das Wesen der
+Religion; die Katholiken hielt er für ganze Heuchler, Luther für einen
+halben, und auf beide sah er von der Höhe seines gänzlichen Nichtverstehens
+herab. Für ihn gab es keinen Gott, der im Blatt, im Tier, im Wein und Brot
+ist, sondern nur einen in Gedanken von der Summe aller Erscheinungen
+abstrahierten Gesamtbegriff. Als Paulus den Athenern das Wesen Gottes
+erklären wollte, erinnerte er sie daran, daß einer ihrer Dichter gesagt
+habe: Wir sind seines Geschlechts. Jene Spätgriechen konnten das verstehen;
+Zwingli stand noch auf einer früheren Stufe der Entwickelung, wo er Gott
+noch nicht erlebt hatte. Indessen scheint es fast, als habe er die ersten
+tragischen Schritte auf dem großen Wege noch getan. Er wird als ein
+frischer, freundlicher, tatkräftiger, zugreifender Mensch geschildert; so
+faßte auch Luther ihn auf; »aber doch so gar verdüstert und traurig danach
+geworden«. Da die Ereignisse ihm zeigten, daß er nicht alles konnte, was er
+wollte, begann seine Weltanschauung sich zu ändern. Ein Wort von ihm
+wenigstens ist sicherlich aus der Tiefe seines Herzens gebrochen: »Herr,
+nun heb den Wagen selbst«, der Anfang seines bekannten Gedichtes. Es ist
+der Aufschrei eines Menschen, der stets selbst gestrebt und gesorgt hat,
+ohne göttliche Kraft aufzunehmen, und der endlich zusammenbrechend erkennt,
+daß er über seine Kraft gelebt hat. Sein Wollen war noch großdeutsch, wenn
+ich diesen Ausdruck für jene Zeit gebrauchen darf; sein Können war schon
+schweizerisch beengt. Das Schicksal seines Volkes ist in dem seinigen
+vorgedeutet: daß sie ihre menschliche Kraft auf Kosten der göttlichen
+ausbildeten. Mehr und mehr vervollkommneten sie sich in ihrem Fürsichsein,
+in ihrer Persönlichkeit; die Kraft mußte in ihrem von einem größeren Ganzen
+abgesonderten Dasein schwinden. So wenig sich der Deutsche mit der
+eindrucksvollen, selbstbewußten Persönlichkeit, der Sittlichkeit und
+Selbstbeherrschung des Schweizers messen kann, so sehr steht die Schweiz an
+Ideenfülle, an schöpferischer Kraft Deutschland nach. Die großen
+schweizerischen Künstler haben deshalb ihre Kraft in einem Vaterlande
+ihrer Wahl betätigt; die Schweiz ist für die besten ihrer Söhne da, um,
+wenn die schöpferische Kraft versiegt, sich zur Ruhe zu setzen.
+
+Luther hat sich aufs äußerste bemüht, Zwingli die Wahrheit zu erklären;
+aber da Luther von göttlichen, Zwingli von weltlichen Dingen redete, konnte
+Luther wohl Zwinglis Irrtum begreifen, Zwingli aber nicht Luthers höheren
+Standpunkt. Sie standen auf verschiedenen Entwickelungsstufen. Übrigens hat
+Luther Zwingli so weit beeinflußt, vielleicht im Verein mit seiner
+Persönlichkeit, daß er zugab, das Abendmahl sei nicht nur eine
+Gedächtnisfeier, sondern Christi Leib sei wesentlich im Abendmahl anwesend,
+nur formulierte er, der Leib sei nicht Brot und Wein, sondern werde dabei
+genommen. Später erneuerte sich der Streit, indem die Anhänger des
+verstorbenen Zwingli sagten, der Leib sei nur für den Gläubigen, nicht für
+den Ungläubigen da. Hier widerstrebte Luther, weil so leicht das ohnehin
+naheliegende Mißverständnis entstehen konnte, als hänge der Geist vom
+Glauben ab, als mache ihn der Glaube, während doch umgekehrt Gott den
+Glauben gibt; indessen einigte man sich durch Luthers Nachgiebigkeit auf
+eine beiden Teilen genügende Formel, obwohl der prophetische Mann wohl
+erkannte, daß die anderen im Grunde nur um Begriffe, nicht um ein
+Wesentliches stritten.
+
+Es ist nach meiner Ansicht einer der größten Augenblicke in der Geschichte
+der Entwickelung des menschlichen Geistes, als Luther in Marburg vor dem
+Tisch saß, auf den er mit Kreide die Worte geschrieben hatte: Dies ist;
+allein mit Gott gegen die Häupter der Welt und der sichtbaren Kirche. Einer
+seiner Biographen meint, er habe die umstrittene Formel nur aus Langeweile
+hingemalt. O Himmel! Seine schöne kindliche Sinnlichkeit hatte das
+Bedürfnis, das Wort, das ihn leitete und von dem man ihn losreißen wollte,
+wie einen Stern mit Augen vor sich zu sehen; es war so vieles, was ihm das
+Festhalten erschwerte. Die politische Rücksicht auf den hessischen
+Landgrafen, den für sich zu gewinnen nicht unwichtig war, kam doch erst in
+zweiter Linie; aber sein liebevolles Herz drängte zu einer Verständigung
+mit Zwingli, sowie er bei persönlicher Begegnung seine Aufrichtigkeit und
+Tüchtigkeit fühlte. Der furchtbare Kampf, den es ihn kostete, treu bei der
+Wahrheit zu stehen, machte ihn krank; ebensowohl allerdings sicherlich das
+unüberwindliche Nichtverstehen der Gegner. Es wäre anders gewesen, wenn es
+sich um etwas Nebensächliches gehandelt hätte; aber daß Männer, die sich
+Führer der Christen nannten, nicht ahnten, was den Kern des Christentums
+ausmacht, und dabei auf ihn, den Gläubigen und Wissenden, bald hochmütig
+herabsahen, bald mit liebevollem Vorwurf eindrangen, das muß unendlich
+schwer zu ertragen gewesen sein.
+
+Ehrfurcht und Mitleid erregt der Mann, der den furchtbaren Riß, welcher
+durch die Welt und auch durch ihn ging, noch einmal heilend verbinden, sich
+und die Welt noch einmal ganz machen wollte!
+
+
+
+
+XV
+
+
+»In allen guten Künsten und Kreaturen findet und sieht man abgedruckt fein
+die heilige göttliche Dreifaltigkeit.« Jedes Kunstwerk muß wie jeder
+lebendige Mensch die drei Wesensteile: Geist, Seele und Leib aufweisen, das
+gilt wenigstens für die nachchristliche Zeit; an den dreieinigen Gott
+glauben wir erst seit Christus. In der antiken Kunst wurde die Kraft
+unmittelbar Form, Gestalt, und zwar gilt das für die bildende Kunst sowohl
+wie für die Dichtung. In der nachchristlichen Kunst wird die Kraft Geist,
+und das kann nur mittelbar geschehen durch die Persönlichkeit. Sie hat
+Natur und Geist gespalten und muß sie wieder vereinigen; die Persönlichkeit
+prägt den Geist der Erscheinung ein, indem sie sie vergeistigt, macht sie
+sie persönlich. Die Auszeichnung des modernen Kunstwerks besteht darin, daß
+es in jedem Atom durchgeistigt, persönlich geworden ist. Mit unbefangener
+Fröhlichkeit stellte Luther fest, daß keines seiner Worte zu verkennen sei,
+daß man jedem unwidersprechlich anmerke: das ist der Luther. So gibt es
+auch Bilder und Pinselstriche, die vernehmlich ausstrahlen: das ist der
+Rubens, das ist der Rembrandt. Deshalb kommt es in der nachchristlichen
+Kunst nicht nur auf die Kraft an, die natürlich vorhanden sein muß, sondern
+ebensosehr auf die Persönlichkeit, die die Kraft der Erscheinung einprägt.
+Die Persönlichkeit muß von hervorstechender Eigenart, zugleich aber
+möglichst umfassend sein, und das ist sie, je mehr Kraft sie vertritt. Es
+ist die merkwürdigste Sache von der Welt, daß die heutigen Künstler sich
+plagen, nicht um sich möglichst vielen verständlich, sondern um sich
+möglichst vielen unverständlich zu machen. Ein Verleger zeigte neulich ein
+Buch an, das seiner Art nach nicht für eine allgemeine Verbreitung bestimmt
+sei, dessen Verbreitung auch vom Verfasser nicht gewünscht werde. Gut, aber
+warum behält er es dann nicht ganz für sich oder liest es vielleicht
+einigen Freunden vor? Was sein sollte, ist eine eigenartige Person, die
+sich für viele ausdrückt; dagegen leben die Künstler, die sich bemühen, für
+wenige verständlich zu sein, in der Hoffnung, dadurch eine Persönlichkeit
+zu werden. Die Absonderung geschieht von selbst, das heißt: die Natur
+verdichtet Individuen durch Auslese zu Personen; der Wille sollte nur auf
+Erweiterung gerichtet sein. Weil keine Persönlichkeit mehr den Wunsch hat,
+Millionen zu umschlingen, kommt auch kein millionenfaches Echo;
+allerdings, wäre Kraft vorhanden, würde auch der Wunsch nicht fehlen.
+
+Luther lobte einen jüngeren Kollegen wegen seiner Gelehrsamkeit, Bildung
+und was weiß ich sonst für Vorzüge; predigen aber, setzte er hinzu, könne
+er, Luther, doch besser. Der jüngere Verehrer beeilte sich zu erwidern, daß
+dies selbstverständlich sei, worauf Luther entgegnete, er meine es
+vielleicht in einem anderen Sinne als jener; er predige nämlich deshalb
+besser, weil er verständlich für das Volk spreche. Mehrmals hat er betont,
+daß er bei öffentlichen Reden die Anwesenheit seiner gelehrten Freunde und
+Kollegen sich aus dem Sinne schlage, um nur an die Ungelehrten und
+Allereinfältigsten zu denken. An Dürer rühmte er die Einfachheit und
+Schlichtheit seiner Bilder. Für Klarheit muß man selbst sorgen, Tiefe und
+Eigenart verleiht die Natur durch die Persönlichkeit.
+
+Unpersönliche Werke sind der Jugend eines Künstlers angemessen; Künstler,
+die früh schon sehr persönlich, sehr beseelt oder vergeistigt wirken, sind
+verdächtig; sie werden früh ganz weltlich oder welk und hohl werden.
+Künstler, die auch in reiferen Jahren unpersönlich bleiben, verdecken
+unwillkürlich diesen Mangel hinter der Antike entlehnten Formen; da sie
+aber die Antike niemals erreichen, nur sie abschwächen können, sind sie
+eigentlich überflüssig.
+
+Was Luther vom Dichter unterscheidet, ist nur das, daß er niemals
+absichtlich gestaltet, es kam ihm nur auf Wahrheit, nie auf Schönheit an.
+Zwar sind seine Werke überreich an Schönheit, aber nur an zufälliger; er
+schüttet Edelsteine, Gold und Perlen aus unerschöpflichem Füllhorn, aber
+ein Geschmeide macht er nicht daraus. Luther war ganz und gar christlich
+insofern, als er Dichter, nicht Künstler, daß er Genie war; so wie
+umgekehrt manche Künstler nur Künstler, nicht auch Dichter und darum keine
+Genies sind. Das Gestalten macht den Künstler; im allereigentlichsten Sinn
+gibt es deshalb nach Christus überhaupt keine Kunst mehr; denn in allem,
+was Form, Gestalt betrifft, sind die nachchristlichen Menschen Schüler der
+Alten, und zwar Schüler, die ihr Vorbild nicht erreichen. Die Beseelung der
+Form durch die Persönlichkeit ist unser höchstes Ziel und das, was wir an
+Luther bewundern. Er war eine Persönlichkeit aus lebendiger Kraft, die
+Spitze einer breiten Pyramide, die Krone eines festwurzelnden Stammes.
+Daher kommt es, daß man ihn oft bäurisch, derb, primitiv genannt hat; wir
+kennen ja kaum andere Persönlichkeiten, als die auf Kosten verbrauchter
+Kraft entstanden sind, schmarotzende Gehirne, die an vampirartig
+ausgesogenen Bäumen kleben. Geist zu sein und doch Chaos in sich zu haben,
+das ist eben das Geheimnis des Genies.
+
+»Auch bei der bildenden Kunst ist das Letzte, das Entscheidende in aller
+Wirkung der Rhythmus.« Diesen Ausspruch von Heinrich Wölfflin führe ich dir
+an als einen Beweis von Übereinstimmung mit meiner Ansicht, daß Kunst und
+Poesie aus dem Herzen kommen. Rhythmus ist nämlich nichts anderes als
+Herzschlag, und der mangelnde oder vorhandene Herzschlag ist ein Prüfstein,
+um Machwerk und Kunstwerk zu unterscheiden.
+
+Indessen das Herz des nachchristlichen Menschen, das nicht mehr
+natürlicherweise mit dem Fleisch eins ist, das durch das Gehirn vereinsamte
+Herz, hat einen allzu regelmäßigen, langweiligen, eintönigen Rhythmus; es
+muß überschüssige Kraft haben, um die Verbindung mit der Sinnlichkeit
+wiederherzustellen, dann wird sein Rhythmus beseelt, persönlich, kurz:
+lebendig. Leider ist aber gerade das Herz die schwache Seite des modernen
+Menschen.
+
+Du kennst gewiß das Gedicht von Schiller »Die Teilung der Erde« und den
+Vers: Willst du in meinem Himmel mit mir leben, sooft du kommst, er soll
+dir offen sein. Derselbe Gedanke ist in dem Schriftwort ausgesprochen:
+»Seid willkommen, ihr Gesegneten, in den Wohnungen meines Vaters, die euch
+von Anfang bereitet sind.« Wie matt, von der Blässe des Gedankens
+angekränkelt, sind Schillers Worte gegen diese, in denen das Herz noch
+klopft, das Blut noch glüht; sie verraten durch den Rhythmus ihren Ursprung
+aus einem vollen, tätigen Herzen. Alles, was aus Fleisch und Blut gewachsen
+ist, hat lebendigen Rhythmus, das Machwerk ist schal. Das Gehirn ist der
+Schatten des Herzens, und Schatten ist alles, was das durch den Gedanken
+vom Körper abgesonderte Herz hervorbringt.
+
+Ich erwähnte gelegentlich, daß man den Entwickelungsgang des inneren Lebens
+als eine fortdauernde Verdichtung auffassen muß. Diesem Gesetz unterliegen
+auch alle Künste, als Äußerungen des menschlichen Geistes, die die Stufen
+seiner Entwickelung bezeichnen. Die Verdichtung der Kraft ist am geringsten
+auf dem Gebiete der Baukunst und am stärksten auf dem der Dichtkunst, wo
+der Geist sich seiner und Gottes bewußt wird. Von dieser Verdichtung zum
+Bewußtsein hat die Dichtkunst den Namen. Solange die Kraft im Herzen ist,
+nennen wir sie Gefühl; indem sie auf die Lippe tritt, wird sie Wort, und
+ist das Wort von der Lippe abgelöst, so fristet es ein selbständiges Dasein
+weiter als Gedanke.
+
+Verdichtung entsteht durch Druck. Die Verdichtung des unbewußten Geistes
+oder Gefühls zum bewußten Geist geschieht durch verstärkten Blutdruck
+infolge außergewöhnlich verstärkter Herztätigkeit. Dies erklärt die von
+Lombroso beobachtete Tatsache, daß alle produktiven Menschen ein
+gesteigertes Wärmebedürfnis haben, und daß fast alle genialen Geisteswerke
+in der warmen Jahreszeit entstanden sind. Jeder hat wohl schon an sich
+selbst erfahren, daß sich ihm im Gehen und namentlich im Steigen die
+Gefühle leichter zu Worten verdichten, das Unbewußte leichter bewußt wird.
+
+Die Alten glaubten, wenn das Lebende den Styx überschritten hätte, würde es
+zum Schatten. Der Christ sät den Samen des Wortes vertrauend in das
+Erdreich des Gehirns, weil er weiß, daß es das Grab sprengen wird, wenn die
+Posaune des Herzens tönt, um mit verklärtem Leibe in das ewige Licht zu
+schweben. Mit der Gegen- und Mitwirkung des Gehirns beginnt die persönliche
+Kunst, die im Gegensatz zur Volkskunst an den großen Namen gebunden ist.
+Von Person sprechen wir, wenn das Herz so stark geworden ist, daß es
+Sinnlichkeit und Geist erst trennen und dann zu einer lebendigen Einheit
+zusammenbinden kann. Das ist der geheimnisvolle Augenblick des heiligen
+Abendmahls, den die Katholiken als Verwandlung auffassen, wir als die
+#Penetratio corporum#, die Durchdringung des Verweslichen und
+Unverweslichen, das Einswerden von Sinnlichkeit und Geist im
+Selbstbewußtsein. Gottfried Keller bestimmte das Wesen der Schönheit als
+die in der Fülle vorgetragene Wahrheit; es ist ein anderer Ausdruck für das
+Fleischwerden des Göttlichen, und auf dasselbe kommen fast alle Erklärungen
+heraus, die Künstler gegeben haben. Die notwendige Voraussetzung dazu ist
+die Person; nur in der Person kann die göttliche Kraft Fleisch werden.
+Wieviel Sinnlichkeit ein Herz binden und im Gehirn befestigen kann, das ist
+für die nachchristliche Zeit ausschlaggebend, der Umweg über das Gehirn ist
+nicht auszuschalten. Ohne diesen bleibt die Kunst bei uns im Kindlichen und
+Volksmäßigen stecken, wie sie ohne das sinnliche Herz akademisch und
+schablonenhaft wird. Ehe wir das Wort hatten, konnte jede Äußerung des
+Herzens unmittelbar Gestalt werden; jetzt muß es zuvor dem ganzen
+Totenvolke der Gedanken Blut zu trinken geben. Das stärkere Herz, das das
+bewußte Geistesleben erfordert, macht die Persönlichkeit; Israel sein,
+ebensosehr Werkzeug Gottes wie Herr Gottes. Eitelkeit und Empfindlichkeit
+führt Luther als Kennzeichen des nichtgöttlichen Künstlers an; weil seine
+Person allein Urheber seines Werks ist, fühlt er durch jede Kritik seines
+Werks sich selbst angegriffen. Luther hatte die Spitze, wo man beides,
+Werkzeug und Herr ist, annähernd erreicht; wirklich ist persönliche
+Empfindlichkeit und persönlicher Haß, wie leidenschaftlich er auch haßte,
+kaum an ihm zu bemerken. In seinen Werken fehlt dem stürmischen Hauche der
+Eingebung und der sinnlichen Fülle nie die persönliche Bändigung und
+Beseelung.
+
+Eine merkwürdige Erscheinung der neuen Zeit sind Dichter, die, wie Fontane
+und C. F. Meyer, erst anfangen zu schaffen, wenn der Mensch sonst
+aufzuhören pflegt, so um das fünfzigste Jahr herum. Das kommt, wenn das
+Herz nicht stark genug ist, Gehirn und Sinnlichkeit zu binden, so daß das
+Ich, nach dem Ausdruck der Bibel, sich erkennt, gleichwie es erkannt ist.
+Durch die Beobachtung und Erfahrung eines Lebens fand Fontane den Anschluß
+an das Allgemeine, den er unmittelbar nicht hatte, die Beobachtung ersetzte
+ihm die Wahrheit, die dem großen Dichter das Herz eingibt. Aus seinen
+Werken spricht ein alter Mann, ja, eigentlich eine feine, alte Dame, die
+aus stillem Hafen auf das Leben zurückblickt, nicht ein Kämpfer, der es
+lebt und bändigt. Da weht nirgends ein elementarischer Hauch, vor dem das
+Tote zu Asche zerfiele, nirgends bebt die Erde unter den Füßen; man wird
+durch keine Geschmacklosigkeit gestört, aber auch von keiner tödlichen
+Wahrheit durchbohrt, durch kein Wunder geheilt. Bei C. F. Meyer liegt das
+Verhältnis anders; er hat sich nicht in die Welt hineingelebt wie Fontane,
+seine Prosawerke sind äußerlich geblieben; dafür hat sein Herz in
+Augenblicken der Gnade die Gedichte ganz und gar durchbluten, mit Worten
+gestalten und beseelen können.
+
+Daß der große Haufe irgendwelche weltlichen Machwerke echter Kunst
+vorzieht, ist nicht verwunderlich; merkwürdig und traurig ist es nur, daß
+auch unsere edleren Geister das Fehlen des Herzschlags nicht vermissen, im
+Gegenteil sich nur jenseit des goldenen Stromes wohl fühlen. Die schwachen
+Herzen schrecken furchtsam vor der Erschütterung zurück, die ihre Gefäße
+zerreißen könnte; andererseits hat das plumpe Pathos, das den Herzschlag
+nachzuahmen suchte, gerade die Menschen von Wahrheit und Geschmack
+argwöhnisch gemacht. Man glaubt nicht mehr an Großherzigkeit, und es gehört
+die Schamlosigkeit des Komödianten oder der Mut eben der Großherzigkeit
+dazu. Ist aber einmal sinnliches Herz da, so fehlt gewiß die
+Persönlichkeit, die den Stoff vergeistigt; und das Fehlen der
+Persönlichkeit wird von denen nicht vermißt, die für das sinnliche Herz
+empfänglich sind.
+
+Man sollte meinen, in einer Zeit überwiegenden Verstandes müßte es
+wenigstens gute Kritiker geben; aber der Kritiker soll ja Menschenwerk von
+Gotteswerk unterscheiden; und wie soll er das können, wenn er nicht an Gott
+glaubt? Der heutige Kritiker ist um so mehr befriedigt, je klarer ihm alles
+ist, was er sieht oder hört, je fester er überzeugt ist, daß er das alles
+gerade so gemacht hätte. Daß erst jenseit seines Begreifens das Reich der
+Kunst anfängt, scheint er nicht zu ahnen. Lies aufs Geratewohl einen Vers
+aus der Bibel. »Das Verderben ist dein, Israel, von mir allein kommt dein
+Heil.« Du verstehst das nicht gleich, aber du unterwirfst dich sofort; denn
+das Herz versteht unmittelbar. Luther sagt einmal ungefähr so: Da spricht
+kein Kaiser oder Fürst, sondern die göttliche Majestät, vor der alle
+Kreaturen sich niederwerfen und ja sagen. So ist es mit der Kunst: zu
+allererst muß das Herz sich hingeben und ja sagen, dann mag der
+kritisierende Verstand bis an die Grenze des Allerheiligsten nachgehen.
+
+»Nachahmen und tun, was man von einem andern sieht, ohne Beruf, ist ein
+menschlich und teuflisch Ding«, heißt es in den Tischreden, »darum ist es
+stracks unnütz und schädlich. Also ahmen nach die Ketzer Gottes Wort,
+führen dasselbe traun auch auf der Zunge; die Heuchler den Werken des
+Glaubens, die tun sie auch äußerlich; die Abgöttischen den Zeremonien, die
+halten sie auch; die Dummkühnen und Wagehälse folgen dem Kriege, wollen
+auch Kriegsleute sein; die Narren und Klüglinge dem Regiment, wollen auch
+regieren; die Hümpeler und Störer den Handwerken, wollen auch kunstreiche
+Meister sein; die Eselsköpfe ahmen nach guten Künsten, wollen traun auch
+gelehrt sein, wie Mäusedreck sich unter den Pfeffer menget.«
+
+»Darum, wenn Gott sein Wort, Werk und Künste gibt, so tut er nichts, denn
+daß er Affen reizet und macht, und der große Haufe folgt den Affen nach.
+Gott aber behält das übrige von dem ersten Contrafeit. Also ist die Welt
+von Anfang gewesen.«
+
+Indessen ist das nicht so zu verstehen, als müsse nicht jeder lernen und
+insofern auch nachahmen. Nachahmen muß jeder, aber nur die Antike und die
+Natur, also die unpersönliche Form. Wer das Persönliche nachahmt, stiehlt
+und lügt. Nicht wegen der Moral ist das zu tadeln, da dieser Standpunkt in
+der Kunst wegfällt, sondern weil man nichts damit erreicht. Das
+Persönliche ist unnachahmlich, es ist der geheimnisvolle Übergangspunkt des
+Geistes zum Fleisch, die unsichtbare Einheit, die einen jeden sprechen
+läßt: dies bin ich, und die noch heute, nach Jahrhunderten, aus jedem Werke
+Luthers ruft: dies ist der Luther.
+
+
+
+
+XVI
+
+
+Ich fand kürzlich bei Schopenhauer folgende interessante Ideen über das
+Wesen des Wahnsinns.
+
+»Die im Texte gegebene Darstellung der Entstehung des Wahnsinns wird
+faßlicher werden, wenn man sich erinnert, wie ungern wir an Dinge denken,
+welche unser Interesse, unsern Stolz oder unsere Wünsche stark verletzen,
+wie schwer wir uns entschließen, dergleichen dem eigenen Intellekt zu
+genauer und ernster Untersuchung vorzulegen, wie leicht wir dagegen
+unbewußt davon wieder abspringen oder abschleichen, wie hingegen angenehme
+Angelegenheiten ganz von selbst uns in den Sinn kommen, und, wenn
+verscheucht, uns stets wieder beschleichen, daher wir ihnen stundenlang
+nachhängen. In jenem Widerstreben des Willens, das ihm Widrige in die
+Beleuchtung des Intellekts kommen zu lassen, liegt die Stelle, an welcher
+der Wahnsinn auf den Geist einbrechen kann. Jeder widrige neue Vorfall
+nämlich muß vom Intellekt assimiliert werden, das heißt im System der sich
+auf unsern Willen und sein Interesse beziehenden Wahrheiten eine Stelle
+erhalten, was immer Befriedigenderes er auch zu verdrängen haben mag.
+Sobald dies geschehen ist, schmerzt er schon viel weniger, aber diese
+Operation selbst ist oft sehr schmerzlich, geht auch meistens nur langsam
+und mit Widerstreben vonstatten. Inzwischen kann nur, sofern sie jedesmal
+richtig vollzogen worden, die Gesundheit des Geistes bestehen. Erreicht
+hingegen, in einem einzelnen Fall, das Widerstreben und Sträuben des
+Willens wider die Aufnahme einer Erkenntnis den Grad, daß jene Operation
+nicht rein durchgeführt wird, werden demnach dem Intellekt gewisse Vorfälle
+oder Umstände völlig unterschlagen, weil der Wille ihren Anblick nicht
+ertragen kann, wird alsdann, des notwendigen Zusammenhangs wegen, die
+dadurch entstandene Lücke beliebig ausgefüllt, so ist der Wahnsinn da ...
+Der obigen Darstellung zufolge kann man also den Ursprung des Wahnsinns
+ansehen als ein gewaltsames >Sich-aus-dem-Sinn-schlagen< irgendeiner Sache,
+welches jedoch nur möglich ist mittelst des >Sich-in-den-Kopf-setzen<
+irgendeiner andern. Seltener ist der umgekehrte Hergang, daß nämlich das
+>Sich-in-den-Kopf-setzen< das erste und das >Sich-aus-dem-Sinn-schlagen<
+das zweite ist.« Einen Lethe unerträglicher Leiden, das letzte Hilfsmittel
+der geängstigten Natur, nennt Schopenhauer den so entstandenen Wahnsinn;
+das Verdrängen einer unleidlichen Wahrheit durch Lüge könnte man auch
+sagen. Es ist die Negation des Schwächeren, wie denn auch dieser Wahnsinn
+in der Jugend auszubrechen pflegt: das Herz ist der Aufgabe der geistigen
+Entgiftung nicht gewachsen.
+
+Dieser Äußerung Schopenhauers möchte ich eine Luthers folgen lassen, die
+einem Brief an Link entnommen ist: Ȇber die Wahnsinnigen ist meine Meinung
+die: jeder Narr und wer des Gebrauchs des Verstandes beraubt wird, ist von
+Teufeln geplagt oder besessen, nicht weil er von Gott dazu verdammt ist,
+sondern weil der Satan die Menschen auf mancherlei Art versucht, die einen
+schwer, die anderen leicht, die einen auf kurze und die anderen auf lange
+Zeit. Denn wenn die Ärzte solche Leiden oft natürlichen Ursachen
+zuschreiben und durch Heilmittel lindern wollen, so geschieht das bloß,
+weil sie die gewaltige Macht und Kraft der Dämonen nicht kennen. Christus
+nennt das krumme Weib im Evangelium unbedenklich >von Satanas gebunden<.
+Und Petrus sagt in der Apostelgeschichte 10, 38: daß alle, die Christus
+gesund gemacht hat, vom Teufel überwältigt waren. So muß ich also auch
+denken, daß Stumme, Taube und Lahme der Tücke des Satans ihr Leiden
+verdanken ... Daher glaube ich also, daß die Wahnsinnigen, von denen ihr
+schreibt, zeitlich vom Satan versucht werden. Denn sollte Satanas nicht
+auch den Verstand nehmen, wo er es doch ist, der die Herzen mit Hurerei,
+Mord, Raub und allen Lüsten erfüllt? Summa, er ist näher, als ein Mensch
+denken kann, und den Heiligsten am nächsten, und so schlägt er selbst
+Paulus mit Fäusten und greift Christus an nach Belieben Matth. 4.« Diese
+und ähnliche Äußerungen Luthers hat man im allgemeinen damit abgetan, daß
+er unbegreiflicherweise und bedauerlicherweise dem Aberglauben seiner Zeit
+unterworfen gewesen sei, wie er ja auch die Gegner seiner Lehre als vom
+Teufel besessen betrachtet habe. Nun ist es ja aber durchaus nicht so, wie
+man sich das vorstellt, als habe Luther alles Feindliche und Unerklärliche
+auf einen in einer irgendwo verborgenen Hölle wohnhaften #diabolus ex
+machina# geschoben; sondern der Teufel ist nach Luther der Widersprecher,
+den Gott sich selbst gegeben hat, und der sich ihm auf den drei Stufen
+seiner Offenbarung widersetzt, elementar als Sinnlichkeit, als Herrschsucht
+oder Stolz und Lüge oder eigener Gedanke. Auf dem untersten,
+elementarischen Zustande äußert sich das Besessensein vom Teufel in
+körperlichen Zuständen, Krämpfen u. dgl., auf der geistigen Stufe als
+Besessensein von willkürlichen Vorstellungen. Die Quelle von allem ist
+Eigenliebe: es kann keine Geisteskrankheit geben ohne Eitelkeit und
+Selbstsucht, wie sehr auch Heuchelei sie zu maskieren suchen mag, und
+obwohl ihr aus tiefem Bewußtsein mangelnder Kraft Verzweiflung am Selbst
+gegenüberstehen muß.
+
+Wenn Luther den Wahnsinn charakterisiert als Überhandnehmen der Hemmungen
+der unwillkürlichen Kräfte des Menschen durch die willkürlichen, so
+bedeutet das dasselbe wie Schopenhauers Erklärung, er bestehe in
+willkürlicher Verleugnung und endlich gänzlicher Verdrängung der Wahrheit.
+Eine Selbstentzweiung im Inneren, infolge welcher die Bindung zwischen
+Herz, Gehirn und Sinnlichkeit, die Seele, nicht zustande kommt, so daß der
+betreffende Mensch nur noch Maske, nicht mehr Person ist. Es ist die
+vollständigste Absonderung von Gott und der Menschheit, die man sich denken
+kann: der Mensch ist ein isoliertes Selbst, das immer mehr verzwergen und
+endlich ganz verschwinden muß. Der Wahnsinnige ist demnach der größte
+Sünder.
+
+Vielleicht hast du auch schon über die Sünde wider den Heiligen Geist
+nachgedacht, die einzige, die, wie die Schrift lehrt, nicht vergeben werden
+kann. Nun heißt ja Sündenvergebung nichts anderes als Gewinnung des inneren
+Friedens, innerer Übereinstimmung. Jede Sünde und jeder Irrtum kann dadurch
+aufgehoben werden, daß der Sünder und der Irrende sein Unrecht und die
+Wahrheit einsieht; sieht er aber die Wahrheit ein und lehnt sie doch ab, so
+befindet er sich in einem inneren Widerstreit, der so lange dauert, wie der
+Widerspruch gegen die Wahrheit dauert. Daß es eine Sünde gibt, die nicht
+vergeben werden kann, heißt eigentlich, daß es unheilbaren Wahnsinn gibt.
+Die Sage erzählt, daß der Adler, das einzige Geschöpf, das in die Sonne
+sehen kann, die echte Art seiner Jungen dadurch erprobt, daß er ihre Augen
+dem Sonnenlicht aussetzt; können sie es nicht ertragen, so tötet er sie.
+Der blendende Strahl der göttlichen Wahrheit erleuchtet den götterhaften
+Menschen; dem gottlosen geht er tödlich durchs Herz.
+
+Am deutlichsten wird Luthers Auffassung, wenn man zusieht, wie er praktisch
+verfuhr, wenn er mit Geisteskranken zu tun hatte. Erfahrung hatte er genug
+an sich selbst gewonnen; du wirst wissen, daß er zeitlebens an Melancholie
+und Anfechtungen, wie er es nannte, litt. Die Krankheit der Melancholie kam
+im Zeitalter Luthers häufig vor, so daß man sie für seine und die
+nachfolgende Zeit geradezu charakteristisch nennen kann. Sie wurde
+aufgefaßt als ein Kampf zwischen Gott und dem Teufel, der sich auf dem
+Schlachtfelde des menschlichen Inneren entspinnt. Er beginnt mit Zweifel,
+einer leisen, tastenden Hemmung, und endet, falls der Teufel siegt, mit
+Verzweiflung. Die Auffassung des Selbstmörders als eines von Gott
+abgefallenen Menschen hat sich bis in unsere Zeit hinein erhalten. Diesen
+Kampf, der unter völligem Bewußtsein des Menschen vor sich geht, nannte
+Luther Anfechtungen; unter Melancholie verstand er eigentlich jenen Zustand
+des weitesten Auseinandertretens der kämpfenden Kräfte, der jede Entladung
+der Kraft unmöglich macht: ein Zustand gänzlicher Unproduktivtät, den man
+lebendigen Tod nennen kann.
+
+ Zum Beginnen, zum Vollenden
+ Zirkel, Blei und Winkelwage;
+ Alles stockt und starrt in Händen,
+ Leuchtet nicht der Stern dem Tage.
+
+Dieser Vers Goethes klingt wie eine, wenn auch etwas schwächliche
+Unterschrift zu Dürers Melancholie: das Werkzeug, das unwillkürliche
+Gehirn, ist da, aber der Geist ergreift es nicht. Das ängstliche Harren der
+Kreatur wartet auf den Herzschlag, der den gebannten Sphären das Zeichen
+zum rhythmischen Umschwung geben soll.
+
+Der volkstümliche Ausdruck für verrückte Menschen, daß sie vom Teufel
+geritten werden, erinnert an das Bild der Bibel, das den Menschen einem
+Tiere vergleicht, das entweder von Gott oder dem Teufel getrieben werde;
+auch hier wird die Geisteskrankheit unmittelbar als ein Überhandnehmen der
+negativen Kräfte betrachtet. Es leuchtet ein, daß die Kinder und Frauen,
+die vorwiegend passiv sind, der Melancholie und den Anfechtungen gar nicht
+oder weniger ausgesetzt sind, ausgenommen in Zeiten der Dekadenz, wo die
+Frauen aktiver werden. Sehr ausgesetzt dagegen sind der Melancholie und den
+Anfechtungen geniale Menschen, die reich an positiven und negativen Kräften
+sind; zum Kampfe berufen, sind sie aber auch auserwählt zum Siege. Die
+Verwandtschaft von Genie und Wahnsinn beruht auf der gleichen Stärke oder
+Menge der vorhandenen Hemmungen; im Genie ist gleichzeitig positive Kraft
+genug, um die Hemmungen zu überwinden.
+
+Luthers Leben bietet das Beispiel eines großartigen Kampfes gewaltiger
+Dämonen, die ihre Fesseln zu zerreißen suchen, gegen ein immer wieder
+siegendes, götterhaftes Herz, das seinen Sieg mit dem Leben bezahlte. Der
+Teufel müsse vorausgesehen haben, daß er viel an ihm, Luther, zu leiden
+haben werde, sagt er einmal; denn er habe ihn von seiner Jugend auf
+gequält. Wenn es eine apostolische Gabe sei, mit Dämonen zu kämpfen und
+häufig im Tode zu sein, so sei er in dem Falle des Petrus oder Paulus.
+
+Es setzte sich in Luther offenbar der Kampf fort, der durch das Erbe seiner
+Eltern gegeben war: er besaß sowohl das leidenschaftliche, jähzornige,
+herrschsüchtige Wesen des Vaters, wie die Hingebungsfähigkeit der Mutter,
+die sich, wie es scheint, ihrem Manne auch in den Stücken unterwarf, wo sie
+hätte widersprechen sollen. Der Sohn, als Vertreter der Mutter, trieb
+durch sein Wort die Teufel aus, die das väterliche Herz besessen hatten,
+bis es von Banden frei und glorreich in ihm auferstand.
+
+Aus Luthers Kindheit werden uns überwiegend Züge von Sanftmut, liebevoller
+Hingebung, weitgehender Schüchternheit berichtet. Allmählich jedoch tauchte
+die männliche Wesenshälfte in ihm auf, die selbstbewußt herrschsüchtige,
+die den Schatz seiner gläubigen Seele verneinte. »Wohlan, ich kann es nicht
+leugnen«, sagt er einmal von sich, »die alte Schlange, der Teufel, hat mich
+übel gebissen und greulich vergiftet.« Wie er oft und oft erzählt, hat er
+die höchste Versuchung, die des Luzifer, durch den Geist, schrecklich an
+sich selbst erfahren, die, welche den Menschen dazu treibt, sich Gott
+gleichzusetzen. Vom leisesten Zweifel an Gott bis zur Gottesleugnung und
+zum Gotteshaß, gleichbedeutend mit Menschenverleugnung und Menschenhaß, hat
+er alle Regungen des menschlichen Selbstgefühls durchgemacht. Er war in
+allen Angriffen gewiegt, die ihm jemals religiöse Gegner machen konnten.
+Deshalb scheint es einem, wenn er vom Teufel spricht, als habe er ihn
+persönlich gekannt, und so war es ja auch; was die Selbstanbetung dem
+Menschen eingeben kann an Selbstdenken, Selbstwollen, Selbstherrschen, das
+wußte er. Es ist charakteristisch, daß der Ausbruch der Melancholie mit dem
+Eintritt ins Kloster, einer Absonderung, begann. Er schien zu fühlen, daß
+er in der Einsamkeit mit seinem Selbst ins reine kommen müsse. In der Lage
+eines Kranken war er, der im Vorgefühl eines herannahenden epileptischen
+Krampfes sich auf das Bett wirft, um ihn dort austoben zu lassen. Was die
+Kirche ihm an Heilungsmöglichkeiten gewährte: Kasteiungen, Beichte,
+vorschriftsmäßiges Gebet und dergleichen, machte ihn nur noch kränker.
+Seine gläubige, Gott zugewandte Seele suchte erfolgreicher Trost in der
+Bibel, und vor allen Dingen hilfreich wurden ihm diejenigen Personen im
+Kloster, von denen etwas Positives, Wohlwollen, Nachsicht, Verständnis,
+Geduld ausströmte; es zeigte sich, wie der menschliche Geist aus der
+umgebenden Welt Kraft anziehen und aufnehmen kann. Die stärkste Kraftquelle
+fand Luther in Staupitz; an diesen Stützpunkt sich klammernd, vermochte er
+den selbstbejahenden und gottverneinenden Kräften seines Innern besser zu
+widerstehen. Die kurze Andeutung, die Staupitz ihm gab, daß Gottes Wesen
+die Liebe sei, und der Umstand, daß diese Liebe nun auch zugleich
+sinnenfällig in Staupitz vertreten wurde, riß ihn von seinem Selbst los und
+bereitete die Richtungsänderung, die +metanoia+, in ihm vor. Bedenke bitte
+immer, daß Gott sich persönlich nur in der Menschheit offenbart, daß es
+also darauf ankommt, die Menschen zu lieben, und daß dem Gottes- oder
+Menschenhasser jeder Mensch zum Erlöser wird, den er lieben kann und muß
+und der ihn dadurch mit der Menschheit, zugleich mit Gott, verbindet. Es
+gibt Menschen, die der Wahnidee, als sei ihr Selbst der Mittelpunkt der
+Welt und ihr eigener einziger, in sich ruhender Mittelpunkt, nicht
+genügenden Widerstand entgegensetzen, da sie nicht assimilieren können. Wie
+sich diese Wahnidee nun äußert, ob in der platten Ausprägung, daß einer
+sich für Gott oder für Christus oder für irgendeine berühmte, angesehene
+Persönlichkeit hält, ob in Schuld- und Angstgefühlen, ob im Aufsuchen der
+Einsamkeit oder gänzlichem Sich-ins-Innere-Zurückziehen, ihr Wesen ist
+Unfähigkeit der Selbstaufgabe, Mangel an Passivität. Zuweilen geschah es,
+wenn der Kampf, der sich in Luthers Seele abspielte, die Grenze dessen
+überschritt, was sein Bewußtsein erfassen konnte, daß er auf das Unbewußte
+überging. Seine Angstzustände führten dann zu völliger Bewußtlosigkeit.
+Als er das erstemal die Messe zelebrierte, ein anderes Mal, als er neben
+Staupitz in einer Prozession ging, konnte er sich nur mit Anstrengung
+aufrechthalten; aber es kamen auch Zufälle vor, die seine Feinde nach der
+Schilderung als epileptische ansehen wollen. Dafür spricht auch die
+wohltätige Wirkung, die die Musik in solchen Fällen auf ihn ausübte. Nach
+der mittelalterlichen Medizin, die sich auf Hippokrates und Galen stützte,
+wurde Musik als Heilmittel für Epileptische angewandt, und zwar sanfte,
+leise, nicht lärmende Musik.
+
+Daß von allen Künsten Musik die stärkste Heilkraft hat, kommt wohl daher,
+daß sie der unmittelbare Ausdruck des Herzens ist. Sie wirkt berauschend
+wie alle Kunst, wie der Glaube und die Liebe, nämlich die negativen,
+willkürlichen Kräfte lähmend.
+
+Wie aber die stärksten Arzneien zugleich Gift sind, so ist es mit der Liebe
+und der Musik: nur die göttliche, die aus reinem Herzen kommt, ist heilsam,
+die irdische wirkt tödlich auf den kranken Geist. Endgültig vollzog sich
+die Heilung Luthers erst dann, als er auf den Wunsch Staupitzens Professor
+und Prediger wurde und im Wirken auf andere und für andere sich selbst
+vergaß. In der Sprache der Aufklärung würde man sagen, er habe seine
+ungeheure persönliche Kraft in den Dienst einer guten Sache gestellt und
+sie dadurch unschädlich gemacht. Interessant ist, daß er seinem Vater
+Bericht über den Gang seiner Entwickelung erstattete und ihm zugleich
+erklärte, daß Gottes Gewalt noch über seine Gewalt gehe; der befreite Geist
+der Mutter stellte gleichsam fest, daß sie zu ihrem wahren Herrn
+zurückgekehrt sei.
+
+Obwohl im wesentlichen und für immer gerettet, hörte Luther doch nicht auf,
+schwere Anfälle von Melancholie zu erleiden; er hätte ja sonst aufgehört,
+Werke und Taten zu schaffen, die das Ergebnis innerer Spannung sind. Nicht
+nur die göttliche Kraft, sondern auch »der Widersprecher«, wie Luther es
+ausdrückte, ist nötig, wo Ideen hervorgebracht werden sollen. Es fiel
+Luther auf, wie die Menge des Negativen in oder außer ihm der Menge des
+Produktiven stets die Wage hielt, so daß er zu sagen pflegte, der Teufel
+ärgere sich, daß er ihm durch seine Lehre so viel Schaden tue, und wolle
+sich dafür rächen. Man wird im Leben aller genial begabten Menschen finden,
+daß sich ihr größtes Schaffen einer dunklen, feindseligen Gegenwirkung zum
+Trotze erhebt, gehe es vom Äußeren oder vom Inneren, vom Körper oder vom
+Geiste aus.
+
+In der Zeit nach seiner Verheiratung setzten sehr starke Anfechtungen ein;
+vielleicht wurde durch das heftiger erregte Geschlechtsleben das Blut vom
+Herzen abgezogen, das Herz gleichsam aus seiner Mittelpunktstellung
+gerissen und der Ablauf des ganzen Sonnensystems dadurch gestört. »Ich war
+mehr als eine Woche in Tod und Hölle geworfen, so daß ich noch jetzt am
+ganzen Körper verletzt in den Gliedern zittere. Ich hatte Christus fast
+ganz verloren und wurde umhergetrieben auf den Wellen und Stürmen der
+Verzweiflung und Blasphemie Gottes. Aber durch die Fürbitte der Heiligen
+bewegt, hat Gott angefangen, sich meiner zu erbarmen, und hat meine Seele
+aus der untersten Hölle gehoben.« Einige Zeit später: »Satan selbst wütet
+gegen mich mit seiner ganzen Kraft, und Gott setzt mich wie einen anderen
+Hiob ihm zur Zielscheibe und versucht mich durch eine wunderbare Schwäche
+des Geistes; aber durch die Fürbitte der Heiligen werde ich nicht in seinen
+Händen gelassen, obwohl die Wunden des Herzens, die ich empfangen habe, nur
+schwer heilen werden.« Er werde zwischen den beiden fürstlichen Gegnern hin
+und her geworfen, schreibt er. Mit Christus sei er durch einen schwachen
+Faden verbunden, Satan hingegen hänge mit mächtigen Seilen an ihm und ziehe
+ihn zur Tiefe. »Aber der kranke Christus siegt bis jetzt durch eure Gebete
+und kämpft wenigstens tapfer.« Diese Schilderungen malen anschaulich, wie
+das erschöpfte Herz sich vergebens gegen das im Geschlechtssystem
+verkörperte teuflische Selbst wehrt, und wie die Seele das Sterben der
+Blutleere erleidet. Luther selbst gab zuweilen körperliche Vorgänge als
+Ursache seiner seelischen Leiden an, nämlich Blutstockungen am Herzen, und
+gebrauchte auch Mittel dagegen. Er wußte ja, daß alles Geistige zugleich
+ein Körperliches ist.
+
+»Die letzte Anfechtung wird sein, daß ich mir selbst zur Last werde«,
+schrieb Luther in seinen jüngeren Jahren. Er sah eine Stufe seines Lebens
+voraus, wo die göttliche Sonnenkraft seines Herzens für immer erschöpft
+sein, nicht wieder morgendlich verjüngt aufgehen werde. Allerdings büßten
+damit die teuflischen Mächte in ihm zugleich ihre Kraft ein; die
+zermalmenden Kämpfe hörten auf, die er doch lieber ertragen hätte, als die
+dauernde Melancholie, die an ihre Stelle trat. Er wurde nun nie mehr von
+einem überirdischen Sturme getrieben, fühlte sich nie mehr als auserwähltes
+Werkzeug in der allmächtigen Hand Gottes. Allein geblieben mit seiner
+begrenzten menschlichen Willkür, sprach er zuweilen mit träumerischer
+Verwunderung von den gewaltigen Taten seiner Jugend; Gott könne einen wohl
+so toll machen, meinte er, als er sich seines Auftretens in Worms vor
+Kaiser und Reich erinnerte.
+
+Getreulich tat er weiter, was er für seine Pflicht hielt; aber, wie er
+selbst so unermüdlich gelehrt hatte, selig macht die Erfüllung der Pflicht
+nicht, selig macht nur, was im Glauben getan wird. Die Sonne brannte nicht
+mehr, die einen Goldglanz über die Welt warf; sie erschien ihm so häßlich,
+daß es ihn ekelte. Die rohe Liederlichkeit der Wittenberger, denen seine
+Liebe und Sorgfalt sein Leben lang vorzüglich gegolten hatte, stieß ihn so
+ab, daß er einmal die Stadt verließ, um nicht zurückzukommen. Sein Herz sei
+gegen sie erkaltet, sagte er ergreifend schön und wahr. Auch von
+Melanchthon sah er nicht mehr das Urbild, sondern die mängelvolle, dürftige
+Erscheinung, wenn er auch noch Liebe genug in sich hatte, um die Erinnerung
+der Vergangenheit heilig zu halten. Er stand ernüchtert in einer grauen
+Welt, die ihm einst im göttlichen Rausch der Liebe und des Hasses erglüht
+war. Wie grausam von Gott, könnte man sagen, daß er seinen Auserwählten
+sich überleben ließ; was aber doch sehr kurzsichtig gesprochen wäre. Die
+Herrlichkeit des Lebens ist nun einmal an den Tod gebunden; so verschieden
+die Verteilung auch ist, kann man doch gewiß sein, daß, könnte man
+schließlich Leben und Tod jedes für sich zusammenrechnen, das Ergebnis auf
+beiden Seiten gleich sein würde.
+
+Da Luther die Krankheit der Melancholie selbst durchgemacht und überwunden
+hatte, fühlte er sich berufen, Leidenden der Art mit Rat und Tat
+beizustehen. Überhaupt war er durch die große ihm innewohnende Lebenskraft
+zum Naturarzt bestimmt. Als der geistige Vater seiner Gemeinde besuchte er
+stets die Kranken, und es ist uns geschildert, wie er sich dabei zu
+benehmen pflegte. Er setzte sich auf das Bett der Kranken und erkundigte
+sich zunächst nach den Verordnungen des Arztes; während er ihnen dann Trost
+zusprach, beugte er sich mit ganzem Leibe über sie, eine instinktive
+Gebärde des Kraftvollen, der von seiner Kraft in den Entkräfteten möchte
+überströmen lassen. Öfters nahm er Kranke in sein Haus auf ohne Furcht vor
+Ansteckung, vor welcher er sich eben durch seine Furchtlosigkeit gesichert
+hielt; sein besonderes Feld aber waren die Melancholie und die
+Anfechtungen. Solche Kranke hat er oft auch brieflich behandelt, wodurch
+uns ein genauer Einblick in seine Heilmethode gegeben ist. Sie beruhte auf
+dem Streben, einerseits Kraft zu geben und zu wecken, andererseits
+Hemmungen aufzuheben; also in dem großen Kampfe um die Seele des
+Betreffenden Gott zu unterstützen, den Teufel zu bekämpfen.
+
+Die erste praktische Vorschrift, die er gab, war, die Einsamkeit zu meiden.
+Einsamkeit nennt er ein Gift für die Menschen; in der Wüste habe der Teufel
+Christus versucht, Eva, als sie allein gewesen sei, überredet. Man solle
+sich nicht allein mit dem Teufel herumschlagen, sondern die bösen Gedanken
+einem anderen, zu dem man Vertrauen habe, mitteilen. Er selbst würde vom
+Teufel verschlungen worden sein, wenn die Beichte ihn nicht gerettet hätte.
+Habe man sich nun aber einen Beichtvater erwählt, so solle man dessen
+Zuspruch auch annehmen, als ob er von Gott selbst käme. Er erzählt von
+sich, daß manches Wort des Bugenhagen, dem er zu beichten pflegte, ihm
+rettend, wie von Gott selbst gesprochen, aufgegangen sei. Das Gebet aller
+Freunde hielt er für heilsam, eine Quelle lebendiger Kraft, wenn es aus dem
+Herzen kam. Das im Bewußtsein angesammelte Gift sollte in der Beichte,
+überhaupt in der Mitteilung an Freunde, ausströmen. Aus demselben Grunde
+empfahl er das Sichgehenlassen im Freundeskreise. »Darum wollte ich Ew.
+Fürstl. Gnaden als einem jungen Mann lieber vermahnen, immer fröhlich zu
+sein, zu reiten, jagen und anderer guter Gesellschaft sich fleißigen«, so
+schrieb er dem schwermütigen Prinzen Joachim von Anhalt, »die sich göttlich
+und ehrlich mit Ew. Fürstl. Gnaden freuen können ... So hat auch Gott
+geboten, daß man solle fröhlich vor ihm sein und will kein trauriges Opfer
+haben ... Es glaubt niemand, was Schaden es tut, einem jungen Menschen
+Freude wehren und zur Einsamkeit und Schwermut weisen ... Denn ich denke
+fürwahr, Ew. Fürstl. Gnaden möchten zu blöde sein, fröhlich sich zu halten,
+als wäre es Sünde ... Wahr ists, Freude in Sünden ist der Teufel, aber
+Freude mit guten, frommen Leuten in Gottesfurcht, Zucht und Ehren, obgleich
+ein Wort oder Zötlein zu viel ist, gefällt Gott wohl. Ew. Fürstl. Gnaden
+seien nur immer fröhlich, beides, inwendig in Christi selbst, und auswendig
+in seinen Gaben und Gütern; er wills so haben, ist drum da und gibt darum
+uns seine Güter, sie zu gebrauchen.«
+
+Lies bitte den folgenden Brief Luthers an Hieronymus Weller, den jungen
+Hauslehrer seiner Kinder; der wird dir seine ganze Weisheit und Liebe
+zeigen: »Mein liebster Hieronymus, du mußt einsehen, daß diese deine
+Versuchung vom Teufel kommt, und daß du deswegen so von ihm gequält wirst,
+weil du an Christus glaubst; sieh doch, wie sicher und froh er die ärgsten
+Feinde des Evangeliums läßt, Eck, Zwingli und andere. Wir müssen den Teufel
+zum Gegner und Feind haben, wir, die wir Christen sind, wie Petrus sagt:
+Euer Feind, der Teufel, geht umher usw. Bester Hieronymus, freue dich
+dieser Versuchung des Teufels, die ein sicheres Zeichen ist, daß du einen
+gnädigen Gott hast. Du sagst, die Versuchung sei schwerer, als du tragen
+kannst, und du fürchtest, sie werde dich so erdrücken, daß du in
+Verzweiflung und Gotteslästerung fallest. Ich kenne diesen Kniff des
+Teufels: wenn er einen nicht mit dem ersten Anfall der Versuchung zermalmen
+kann, versucht er ihn durch Ausdauer zu ermüden und zu schwächen, bis er
+fällt und gesteht, daß er besiegt ist. Deswegen, wenn immer die Anfechtung
+kommt, hüte dich, dich in einen Streit mit dem Teufel einzulassen und
+diesen tödlichen Gedanken nachzuhängen. Das ist nämlich nichts anderes, als
+an den Teufel glauben und ihm unterliegen. Gib dir vielmehr Mühe, die vom
+Teufel gesandten Gedanken zu verachten ... Fliehe durchaus die Einsamkeit,
+denn er stellt dir am meisten nach, wenn du allein bist. Durch Spiel und
+Verachtung wird dieser Teufel besiegt, nicht durch Widerstand und Streit.
+Vergnüge dich und scherze darum mit meiner Frau und den anderen, wodurch du
+die teuflischen Anfechtungen betrügst, und sei gutes Mutes, mein
+Hieronymus. Diese Anfechtung ist dir notwendiger als Trank und Speise. Ich
+will dir erzählen, wie es mir ergangen ist, als ich ungefähr in deinem
+Alter war. Als ich zuerst im Kloster war, ging ich immer betrübt und
+traurig einher und konnte die Traurigkeit durchaus nicht loswerden.
+Deswegen besprach ich mich mit Dr. Staupitz, einem Manne, von dem ich gern
+spreche, und eröffnete ihm, was für entsetzliche Gedanken ich hätte. Darauf
+sagte er: Du weißt nicht, Martin, wie nützlich und notwendig dir diese
+Anfechtung ist. Es ist nicht zufällig, daß Gott dich versucht, sondern du
+wirst sehen, zu was für großen Dingen er dich brauchen will. Und so ist es
+gekommen. Denn ich bin ein großer Doktor geworden (das darf ich mit Recht
+von mir sagen), was ich nie für möglich gehalten hätte zu der Zeit, wo ich
+unter den Anfechtungen litt. Ohne Zweifel wird es dir auch so gehen. Du
+wirst noch ein großer Mann werden. Sieh nur zu, daß du inzwischen guten und
+tapferen Mut hast, und glaube mir, daß solche Stimmen, wie sie besonders an
+große und gelehrte Männer ergehen, von Gott eingegeben und weissagend sind.
+Ich erinnere mich, daß einmal ein Mann, den ich tröstete, weil er ein Kind
+verloren hatte, zu mir sagte: Martin, du wirst sehen, daß du ein großer
+Mann werden wirst. An diesen Ausspruch habe ich oft gedacht: wie ich dir
+gesagt habe, solche Stimmen haben etwas Prophetisches. Sei deshalb gutes
+Mutes und wirf die leeren Anfechtungen von dir. Immer wenn der Teufel dich
+mit Gedanken quält, suche den Umgang mit Menschen, oder trinke etwas
+reichlicher, vergnüge dich, scherze, tu etwas Lustiges. Man muß zuweilen
+etwas mehr trinken, spielen, scherzen und zum Haß und zur Verachtung des
+Teufels sündigen, damit wir ihm nicht Ursache geben, uns ein Gewissen aus
+leichten Dingen zu machen oder uns dadurch zu besiegen, daß wir uns
+allzusehr quälen, damit wir nicht sündigen. Wenn dir der Teufel sagt, du
+sollst nicht trinken, erwidere ihm, grade deswegen, weil du es mir
+verbietest, will ich um so mehr im Namen Jesu Christi trinken. Tu immer das
+Gegenteil von dem, was der Teufel will ... Könnte ich nur eine ordentliche
+Sünde begehen, nur um den Teufel zu überwinden, damit er einsieht, daß ich
+keine Sünde anerkenne und mir keiner Sünde bewußt bin. Wir müssen dann die
+ganzen Zehn Gebote uns aus dem Sinn schlagen, wir, sage ich, die so vom
+Teufel gequält werden. Und wenn der Teufel uns unsere Sünden vorwirft und
+uns des Todes und der Hölle schuldig spricht, dann müssen wir antworten:
+Gut, ich gestehe, daß ich des Todes und der Hölle schuldig bin, und was
+weiter? Werde ich deswegen auf ewig verdammt sein? Nicht im geringsten; ich
+weiß, daß _einer_ für mich gelitten und genug getan hat, der heißt Jesus
+Christus, der Sohn Gottes. Wo er bleibt, da werde ich bleiben.«
+
+Das heißt: Wer ein starkes Selbst ist, der muß zunächst alles hassen, was
+nicht dies Selbst ist und durch sein Dasein dies Selbst einschränken will.
+Wer aber ein starkes Selbst ist, kann auch etwas Großes und Göttliches
+werden, sowie er erkennt, daß sein Selbst nichts Vereinzeltes, sondern in
+Gott, in der Hingabe an Menschen ist. Welche Kühnheit aber, dies zu sagen,
+und welche Weisheit, es in Bildern zu sagen, wodurch das Selbst von sich
+selbst befreit und entlastet wird.
+
+Jeder Arzt kann erfahren, wie leicht gerade der Kranke, der sich als
+wehrlose Beute von Gedanken fühlt, die ihn elend machen und die er doch
+nicht loswerden kann, begreift, daß sie von einer teuflischen Macht
+ausgehen, die sich seiner bemächtigen will. Man gewinnt einen festeren
+Standpunkt, sowie man sich einem persönlichen, außer einem selbst
+befindlichen Feind gegenüber weiß.
+
+Es wird an diesem Punkte deutlich, was der Menschheit mit der Erkenntnis,
+daß Gott in ihr, nicht außer ihr ist, zugemutet ist. Gegen einen äußeren
+Feind ist es leichter, als gegen sich selbst zu kämpfen. Es ist nicht
+erwiesen, ob Luther das Tintenfaß gegen den Teufel geworfen hat; aber gewiß
+ist, daß es seinem Wesen und seinen Überzeugungen durchaus entsprochen
+hätte. »Sei der du bist!« pflegte er laut zu rufen, wenn er irgendwie die
+Macht des Bösen spürte; das heißt: der du kein Sein hast, sondern Blendwerk
+bist, verschwinde! Andererseits riet er Kranken von einem angestrengten
+Kampfe gegen den Teufel ab; lieber solle er sein Wüten über sich ergehen
+lassen und warten, bis Gottes Gnade ihn erlöse, die vielleicht schon ganz
+nahe sei. Er wollte es vermeiden, das willkürliche Selbst anzuregen, dessen
+Übermaß der Krankheit Ursache ist.
+
+Darauf gingen ja überhaupt, allen Menschen gegenüber, seine vorbeugenden
+Warnungen, die eigene Kraft nicht zu überspannen; lieber zeitweise untätig
+zu bleiben, sich gehen zu lassen, als Taten und Werke zu erzwingen.
+
+Es muß jedem auffallen, wie vielfach Luthers Art der Behandlung von
+Geisteskranken mit der moderner Seelenärzte übereinstimmt. Auch sie lassen
+den Kranken beichten, raten ihm, sich gehen zu lassen, erkennen, daß
+Neigung zur Sünde, die unterdrückt und gleichsam nach innen gebogen wird,
+das Innere vergiftet. Auch sie sorgen möglichst für ablenkende Tätigkeit,
+und auch in ihrer Behandlung spielt die Liebe eine bedeutende Rolle; aber
+gerade hier zeigt sich auch ein wesentlicher Unterschied.
+
+Das Wesen der Geisteskrankheit besteht in einer Schwäche oder Krankheit des
+Herzens, der positiven und aktiven Kraft im Menschen, infolge welcher die
+negativen, teuflischen Kräfte die Überhand gewinnen und eine Anarchie und
+Verwirrung entsteht, dann aber, da alle anderen Organe Kreaturen und
+Untertanen des Herzens sind und ihre Kraft von ihm empfangen, eine
+allgemeine Erschöpfung. Es handelt sich also um eine Kräftigung des
+Herzens. Ein leicht erklärlicher Irrtum hat zu der Annahme verführt, man
+könne dem Herzen durch Unterdrückung der negativen Kräfte zu Hilfe kommen.
+Indessen während ein starkes Herz diese Bändigung mit Nutzen selbst
+vornehmen kann und soll, so wird ein schwaches und krankes dadurch nicht
+stärker, daß seine Untertanen, gleichsam sein Reich, auch geschwächt
+werden; die Zerstörung wird dadurch nur weiter ausgedehnt.
+
+Die Kräftigung des Herzens kann auf geistigem Wege nur durch das Wesen des
+Herzens selbst geschehen, also durch Liebe und Wahrheit, und es ist ein
+großes Verdienst der modernen Seelenheilkunde, dies eingesehen zu haben.
+Nun setzte aber der Teufel, der Affe Gottes, neben die göttliche Liebe die
+teuflische, die nicht wie die göttliche Liebe auf Überfluß und Glauben
+beruht, sondern auf Mangel und Mißtrauen und demzufolge nicht Verschwendung
+und Empfangen, sondern nie gesättigtes Begehren und Verzehren ist.
+Demnach, wenn der Seelenarzt sich mit irdischer Liebe von den Kranken
+lieben läßt, so entzieht er ihnen Kraft, anstatt ihnen zu geben, und mästet
+sich auf Kosten der Bedürftigen, die er speisen sollte. Ein Herz voll
+göttlicher Liebe lenkt unwillkürlich von der irdischen, für Kranke
+gefährlichen Liebe ab; wer das nicht tut, stärkt unwillkürlich das, was
+überwunden werden sollte. Neben der unwillkürlichen Wirkung des Herzens muß
+die bewußte durch das Wort hergehen: der Arzt sollte deshalb nicht nur ein
+starkes Herz, sondern auch ein reines Herz voll großer Gedanken haben. Nur
+das Wort der Wahrheit, die richtige Selbst- und Gotteserkenntnis kann den
+Kranken selbständig machen; ohne sie würde er nie auf eigenen Füßen stehen
+können, sondern immer vom Arzte abhängig bleiben. Dem Kranken die Ursache
+seiner Leiden zum Bewußtsein zu bringen schadet nur, außer wenn man zur
+letzten, innersten Ursache vordringt, deren Wesen stets in einer
+Verdrängung der göttlichen Kraft durch Vordrängen der selbstischen
+Einzelkräfte bestehen muß. Schließlich würde eine beständige Zufuhr von
+Kraft den Kranken überladen und schwächen, wenn er sie nicht in der
+Berührung und im Kampfe mit den Menschen wieder ausgäbe. Die von den
+Menschen ausgehende Gegenwirkung erzielt dann den Reiz, der wiederum Kraft
+erregt, so daß allmählich das Spiel des Lebens sich durch sich selbst
+erhält. Die Erkenntnis, daß Gott als Person sich nur in der Menschheit
+offenbart, muß den neuen Mut zum Kampfe des Lebens geben, der ein Zeichen
+der Wiedergeburt ist.
+
+Indessen wie ich schließen will, fühle ich, wieviel Unklarheit noch
+zurückbleibt, und sehe ich ein, daß ich mich über die Physiologie des
+Teufels noch nicht deutlich genug ausgedrückt habe.
+
+Unter Teufel ist zu verstehen dasjenige Maß von Aktivität, das ist Geist
+oder Kraft, welche über das Maß von Aktivität hinausgeht, das durch
+entsprechende Passivität, also durch Stoff, gebunden werden kann. Dies Mehr
+von Aktivität ist der Widersprecher, den Gott sich gesetzt hat, damit Leben
+sei. Hieraus wird klar, warum in allen Mythologien das Feuer zugleich das
+Abzeichen des guten Gottes und des Gegengottes ist, er heiße Loki, Luzifer,
+Prometheus oder wie immer. Das reine Feuer, der Gott in seiner Majestät,
+verzehrt die Sterblichen zu Asche; das durch den Stoff, nämlich Wasser,
+Erde und Luft sowohl im Makrokosmos wie im Mikrokosmos gebundene Feuer, der
+geoffenbarte Gott, ist der Gott, den wir anbeten. Beim Menschen ist der
+Geist im Blute, vermutlich als eine der Elektrizität verwandte Kraft. Das
+Fleisch und Blut Christi, das wir im Abendmahl nehmen, ist eben wirklich
+Stoff und Geist. Jedes willkürliche Hervorbrechen und Überhandnehmen des
+Feuers verzehrt den Stoff, womit denn aus dem Göttlichen das Teuflische
+wird: das Genie grenzt an den Wahnsinn. »Laßt dicke Menschen um mich sein
+und die gut schlafen«; das natürliche Gefühl empfindet das Dicke richtig
+als das Beruhigende, welches das teuflische Feuer dämpft, allerdings auch
+das Grab des göttlichen werden kann. Gott offenbart sich nur im Stoff, im
+Fleisch, nur in Verbindung mit dem Stoffe wird das Feuer produktiv; aber
+schließlich löscht der Stoff die Kraft aus oder verzehrt umgekehrt die
+Kraft den Stoff.
+
+Auf eine richtige Verteilung des Blutes im Körper kommt also alles an; bei
+allen Kranken muß dafür gesorgt werden, daß das Blut dem ganzen Organismus
+zugute kommt. Christus, der göttliche Ganzmacher, hat uns gelehrt, daß nur
+die von Herzen kommende Tat den in unserem Blute vorhandenen Geist zur
+richtigen Wirksamkeit bringt, so daß er unseren ganzen Körper vergeistigt.
+Das Übermaß von Aktivität, welches entweder den Menschen selbst oder
+andere, seine Opfer, verzehrt, nach der von Christus gegebenen Lehre in die
+richtige Bahn zu lenken, ist die Aufgabe jedes Arztes und des Seelenarztes
+insbesondere.
+
+
+
+
+XVII
+
+
+Als einem geborenen Antisemiten ist es dir peinlich, daß Christus ein Jude
+war, und du verargst es Gott ein wenig, daß er gerade die Juden
+auserwählte, um unter ihnen Fleisch zu werden. Gott wußte indessen wohl,
+was er tat, was du glauben wirst, wenn du überhaupt an Gott glaubst: die
+Juden waren das Volk, das ihm am meisten glich, insofern es die stärksten
+Gegensätze umfaßte. Sie umfaßten in sich das Göttliche und das Teuflische,
+die höchste Liebesfähigkeit, den unbedingtesten Glauben, hingebende
+Opferwilligkeit und teuflische Grausamkeit, Tücke, Hochmut und Unglauben.
+Ihrer Habsucht und Geldgier stand großartigste Uneigennützigkeit gegenüber,
+glühender Sinnlichkeit engelgleiche Reinheit. Diese Gegensätze wurden
+zusammengefaßt durch Persönlichkeiten von noch nie dagewesener Verdichtung
+und Bindekraft, die die ungeheure Idee des _einen_ Weltgottes erst fassen
+konnten. Ihre gigantische Phantasie stellte die Gestalt Luzifers, des
+Rebellen, neben Gott und weissagte den Hölle und Tod überwindenden Erlöser.
+
+Die tiefe Spaltung in den durchgehenden Gegensatz von Selbstbewußtsein und
+Gottbewußtsein mußte der bewußten Zusammenfassung dieser Gegensätze
+vorangehen; jeder Monismus ist auf einen Dualismus gegründet, der das
+natürliche Gefühl abstößt, sowie die zusammenfassende Kraft fehlt. Bei
+keinem Volke der Erde war die Spaltung so tief gegangen; darum konnte aus
+den Herzen, die sie überwanden, zuerst das Wort von Gott fließen, so stark
+und rein, daß es seitdem alle leidenden Herzen überzeugt, erhoben,
+getröstet und begeistert hat. Dies erst, daß das menschliche Selbst sagte:
+Ich bin! bewog Gott, das Dunkel zu durchbrechen und zu sagen: Ich bin der
+Herr, dein Gott. Daß die Juden das erste monotheistische Volk waren, daß
+alle Völker ihnen insofern viel verdanken, steht in allen Geschichtsbüchern
+zu lesen. Daß Christus Jude war, gesteht man schon weniger gern zu. Luther
+nahm es als Tatsache an, und es war Grund für ihn, mit den Juden zu
+sympathisieren, obwohl sie doch Christus auch gekreuzigt haben. Aber
+welches Volk hätte das tun können außer dem, in dem er erschienen war? Aus
+dem Volke der größten Gegensätze sind die Mutter und die Mörder des
+Erlösers hervorgegangen. Übrigens hat die Unbelehrbarkeit der Juden, mit
+denen er sich anfangs gern in Dispute einließ, ihn mehr und mehr gegen sie
+erkältet und schließlich erbittert.
+
+Denn das sah er ja ein, daß den Juden nichts anderes übrigbliebe, als an
+Christus zu glauben und in anderen Völkern aufzugehen. Sie sind in der Lage
+der Nachkommen eines großen Mannes: sie können nur in ihm und durch ihn
+etwas sein; wollen sie neben ihm oder sogar gegen ihn etwas sein, so müssen
+sie zugrunde gehen. Das Schicksal der Zerstreuung mußte sie betreffen, und
+sie werden sich ihm nicht durch Begründung eines eigenen Vaterlandes
+entziehen können, weil ihnen dazu die Kraft, der Glaube an sich selbst
+fehlt. Sich zu überpersönlichen, das heißt zu sterben, in anderen, noch
+lebensvolleren Einheiten aufzugehen, ist die letzte Bestimmung der Völker
+wie der einzelnen.
+
+Was eine jüdische Partei vor Jahrhunderten veranlaßte, Christus zu
+kreuzigen, war ihre Sinnlichkeit, ihre Herrschsucht, ihre Eitelkeit und
+Ungläubigkeit, der Teufel in allen drei Gestalten. Sie wollten einen
+Messias, der ihnen weltliche Herrschaft und weltliche Genüsse verschaffte;
+sie wollten weder die Überlegenheit seiner Person noch die Wahrheit seiner
+Lehre anerkennen. Dieselben Eigenschaften sind es jetzt noch, die uns die
+Juden entfremden: Sinnlichkeit und Geist, die nicht mehr durch starke
+Persönlichkeiten zusammengefaßt werden. Was wir als jüdisch empfinden, ohne
+daß alle Juden es haben müssen, ist etwas Immerwaches, Neugieriges,
+Lüsternes, kurz ein Selbstbewußtsein, mit dem uns nur eine starke positive
+Kraft versöhnen würde, die nun aber erschöpft ist. Wir nennen jüdisch
+ferner das korrekte Pharisäertum, das aus eigener Kraft vollkommen sein zu
+können glaubt, und durch das Gebundensein, nicht an das lebendige Gesetz
+des Herzens, sondern an das starre der Moral, der inneren Freiheit und
+Unschuld entbehrt.
+
+Das Umherirren des Ewigen Juden ist jedenfalls der Wille Gottes, das heißt
+notwendig, und zwar wird es deswegen gewesen sein, damit die Juden Tropfen
+ihres Blutes den anderen Völkern der Erde mitteilen. Es ist eben dennoch
+Götterblut, wenn auch die Neige; so wie Gifte zugleich tödlich und heilsam,
+auflösend und ganzmachend. Man hat längst beobachtet, daß die Vermischung
+mit jüdischem Blut die Familien interessanter, bedeutender macht, gleichsam
+farbiger und ausdrucksvoller. Es wirkt zersetzend, Gegensätze hervorrufend
+oder verschärfend und insofern zur Reife bringend; die Farbigkeit ist die
+des Herbstes, der zugleich Früchte bringt und dem Winter annähert.
+
+Die aus dem Herzen kommende göttliche Liebe findet sich bei den Deutschen
+unserer Zeit selten; wo sie erscheint, ist sie häufig auf jüdisches Blut
+zurückzuführen. Auch der kritische Verstand kann Gutes wirken in Familien,
+wo er noch nicht entwickelt war; anderen müßte der Zuschuß verderblich
+werden. Mit Giften muß man eben sehr vorsichtig sein, und sie dürfen nur in
+kleinsten Dosen gegeben werden. Die Völker werden im allgemeinen wohl den
+richtigen Instinkt haben, wieviel Beimischung jüdischen Blutes sie bedürfen
+und ertragen können.
+
+Zunächst würde man denken, primitive Völker oder Schichten müßten Neigung
+zur Vermischung mit Juden haben; aber dies ist nicht der Fall; Bauern
+lehnen das Jüdische ab. Ich habe diese Rassefragen nicht studiert, denke
+mir aber, daß eine zu große Gegensätzlichkeit ungünstig ist, und daß erst
+bei einer gewissen Verwandtschaft Liebe von Völkern und Individuen
+fruchtbar werden kann. Nicht das Volk heischt Juden, viel eher der Adel,
+was nicht durch die äußeren Gründe allein zu erklären ist. Und nun denke an
+die merkwürdige Tatsache, die beobachtet worden ist, daß altadlige Familien
+oft den jüdischen Typus bekommen; nicht solche, in denen jüdisches Blut
+fließt, sondern gerade die mit reinem Stammbaum. Diese Tatsache scheint mir
+anzuzeigen, daß das Judentum ein Alters- und Entwickelungsgrad ist, den
+auch Völker und Familien ganz anderen Stammes durchmachen können. So
+betrachtet wäre das Judentum das Stadium der Selbstanbetung, in das ein
+Volk eintritt, wenn es sich seiner durch Inzucht ausgebildeten Eigenart und
+erreichten Höhe bewußt geworden ist und sich infolgedessen von allen
+anderen absondert.
+
+Es fällt mir dabei ein, daß mir jemand erzählte, er wußte selbst nicht, ob
+es Wahrheit oder Anekdote war, eine von den alten Baseler Familien sei
+jüdischen Ursprungs, und durch diese sei ganz Basel mit jüdischem Blute
+durchsetzt. Es liegt darin jedenfalls ausgedrückt, daß ein lange von
+fremdem Zufluß abgesondertes, auf sich selbst beschränktes Gemeinwesen
+jüdisch wird, Ähnlichkeit mit dem Volke der Selbstanbetung und Dekadenz
++kat exochên+ bekommt. Es hat sein Wort gesprochen, seinen Typus zu
+höchster Schönheit verdichtet und enthält sich, um ihn rein zu bewahren,
+jeder Vermischung mit anderen, wobei es sich endlich selbst verlieren muß.
+Man kann diesem tragischen Typus, der auch im Christustypus anklingt, immer
+begegnen, wo eine Familie oder ein Volk sich eben von der Spitze abwärts
+neigt. Es wird oft beklagt, daß Menschen und Völker sich überleben, daß
+Gott seine Kreatur nicht auf ihrem Höhepunkte zerstört; aber man hat
+unrecht, denn nicht Gott tut das. Er ist der schaffende Künstler, der den
+Stoff, sowie er ihn ganz mit Form durchdrungen hat, wegwirft, gleichgültig
+gegen das Vollendete. Das Formlose hat Zukunft, das Schöne, das Vollendete
+ist dem Tode geweiht, Gott wirkt nicht mehr darin und überläßt es sich
+selbst. Nicht Gott, sondern der Teufel ist jener Goldschmied Cardillac, der
+das eben abgelieferte Geschmeide dem Käufer hinterrücks entreißt, um es
+heimlich im Winkel, mit bösem Gewissen, blitzen zu lassen.
+
+Ich glaube, es besteht eine Wesensverwandtschaft zwischen den
+vorchristlichen Juden und den Germanen, und werde versuchen, dir zu
+erklären, wie ich das meine.
+
+Ich unterschied, wie du weißt, zwischen göttlicher und menschlicher Kraft,
+und schlug vor, jene die geniale, unwillkürliche, schaffende, diese die
+selbstbewußte, willkürliche, ordnende Kraft zu nennen. Dementsprechend kann
+man auch zwischen göttlichen und menschlichen oder gottbewußten und
+selbstbewußten oder genialen, schaffenden und ordnenden Völkern
+unterscheiden. Die genialen herrschen im Reiche Gottes, die selbstbewußten
+in der Welt. Sie haben auch ihre Genialität, das ist die Kraft des
+Organisierens, vermittelst welcher sie die göttlichen Ideen verweltlichen,
+in die Welt einordnen. Obwohl sie insofern von den genialen Völkern
+abhängen, weil sie selbst keine göttlichen Ideen hervorbringen, so
+herrschen sie doch in der Welt, welche das Reich der selbstbewußten Kraft
+ist. Wie das einzelne Genie, so wird auch das geniale Volk »gekreuzigt und
+verbrannt«; es ist in der Welt vorzugsweise leidend, denn es könnte nicht
+genial sein, das heißt nicht Gott empfangen, wenn es nicht passiv sein
+könnte.
+
+Die genialen Völker des Altertums waren die Juden und die Griechen, das
+herrschende, das politische Volk des Altertums waren die Römer; ihnen
+entsprechen in der nachchristlichen Zeit einerseits die Deutschen und
+Italiener, andererseits die Engländer. Die Juden, Griechen, Italiener und
+Deutschen hatten und haben das Gemeinsame, daß sie von den weltlichen,
+politischen Völkern teils gehaßt, teils verachtet wurden; verachtet,
+solange sie in der Welt schlechtweg die Unterliegenden waren, gehaßt, wenn
+sie auch in der Welt eine Rolle spielen wollten. Die politischen Völker
+spüren in den genialen Völkern eine Überlegenheit, die sie doch in der Welt
+nicht zur Geltung bringen können, und die deshalb in ihnen, den
+politischen, keine Furcht erregt.
+
+Was wäre die Welt ohne die Bibel und ohne die Geisteswerke der Griechen?
+Und wir dürfen wohl hinzusetzen, was wäre sie ohne die Kunst, Dichtung,
+Musik und Religion der Italiener und der Deutschen? Die herrschenden Völker
+beziehen ihr geistiges Leben zum großen Teil von den genialen; aber da sie
+sie nicht zu fürchten brauchen, gestehen sie es nicht zu und sind nicht
+dankbar dafür, sondern verleugnen sie und beschimpfen sie noch dazu. Die
+genialen Völker haben im Kampfe mit politischen Völkern nur Gott; verlassen
+sie aber Gott, um sich auf sich selbst zu stützen, so geraten sie in die
+größte Gefahr, da sie auf diesem Gebiete den politischen Völkern doch nicht
+gewachsen sind. In der Bibel hören wir nur von Gottvertrauen, niemals ein
+Wort von Selbstvertrauen; dieses Sichstarkwissen in Gott rauscht wie
+Adlerflug durch die Seiten der Schrift. Mit diesem Gottvertrauen waren die
+Juden unbesiegbar; nachdem sie Gott gekreuzigt hatten, wurden sie
+zertreten.
+
+Man sollte nun denken, daß zwischen den genialen Völkern Einigkeit
+herrsche; aber zwischen ihnen besteht ein Unterschied, der sie ebenso
+voneinander trennt, wie sie von den politischen Völkern getrennt sind,
+nämlich der Unterschied von Natur und Geist.
+
+Gott offenbart sich dreifach, nacheinander und nebeneinander auf drei
+Stufen. Er offenbart sich als Form schaffend in der Natur, als Taten
+schaffend im Leben oder in der Geschichte, als Ideen schaffend im
+menschlichen Geiste; diesen Stufen entsprechend ist der geniale Mensch
+vorzugsweise Künstler, Dichter, Held oder Weiser.
+
+Danach sind unter den genialen Völkern die gestaltenden und die dichtenden
+zu unterscheiden: jene gehen von der Erscheinung aus, die etwas Begrenztes
+und Vielfaches ist, diese vom Inneren, vom Geist, der einfach und unendlich
+ist. Der dichterische Genius, der im Nacheinander eine höhere Stufe
+bezeichnet, versteht und liebt die zurückliegende Stufe; der bildende, der
+die höhere Stufe noch nicht erreicht hat, steht ihr mißtrauisch gegenüber.
+Im Altertum waren die Griechen das vorzugsweise, auch in der Dichtkunst,
+gestaltende Volk, wie es in der nachchristlichen Zeit die Italiener sind.
+Die Deutschen unterscheiden sich dadurch von den Juden, daß sie auch
+Gestaltungskraft haben, die jenen ganz abging; aber als geniales
+Geistesvolk haben sie auch als bildende Künstler immer eine dichterische
+Phantasie, wodurch ihre Kunst sich wesentlich von der der Griechen und
+Italiener unterscheidet. In ihren höchsten Spitzen berührt sich zwar die
+griechische und italienische Kunst mit der deutschen; aber für jene
+bedeutet Überreife und Beginn der Abwärtsentwickelung, was die Blüte, das
+Natürliche der deutschen Kunst ist. Die griechische und italienische Kunst
+hat vorzugsweise die göttliche Einzelerscheinung zum Gegenstande, die
+deutsche das körperlich erscheinende Unendliche. Aus diesem Grunde kann die
+italienische Kunst leer werden, aber niemals so abstrus wie die deutsche.
+
+Ich weiß nun deinen Einwand schon, daß doch nicht jedes Phänomen in diese
+Einteilung hineinpaßt; aber das ist ja selbstverständlich, und das ganz
+gemeine Sprichwort sagt schon, daß keine Regel ohne Ausnahme ist, zugleich
+aber auch, daß die Ausnahme die Regel bestätigt. Die Einteilungen macht ja
+der Mensch, nicht Gott, Gott erlaubt sich vielmehr, sie zu durchbrechen;
+aber uns dienen sie doch zur Übersicht und zum Begreifen. Es gibt nicht nur
+ein Nacheinander, sondern auch ein Nebeneinander, und wie Gott selbst
+zugleich Künstler, Held, Dichter ist und selbst dem Teufel die Kraft gibt,
+so sind auch im Menschen alle diese Einzelkräfte zugleich tätig; nur pflegt
+ihm, da er nicht Gott ist, eine wesentlich zu sein. Je mehr ein Mensch sich
+Gott nähert, desto stärker umfaßt er alle Kräfte. Auch die politischen
+Völker bringen große Dichter und Künstler hervor; aber das ist nicht ihr
+Wesentliches, und sie werden den genialen Völkern bedeutungsvoller als
+ihnen selbst. Religionsstifter, also die allerumfassendsten Dichter, haben
+nur die Juden und die Deutschen hervorgebracht -- ich spreche von den
+europäischen Völkern, zu denen die Juden jetzt auch zu zählen sind.
+
+Im Grunde gibt es jetzt keine Juden mehr, so wenig wie es Griechen mehr
+gibt: was an ihnen lebendig war, ist in anderen Völkern aufgegangen.
+
+Wie das Herz einer Frau durch eine Geburt geschwächt werden kann, so ist
+das Herz des jüdischen Volkes erschöpft, als Christus daraus hervorgegangen
+war.
+
+Ein geniales Volk kann niemals ein Volk von hoher Kultur sein, wenn man
+Kultur ein Ausgeglichensein der Gegensätze nennt. Jedes geniale Volk wird
+namentlich den Gegensatz einer zum Gehorsam geneigten, weiblich passiven,
+unselbständigen Masse und einer herrschsüchtigen, hochmütigen Oberklasse
+aufweisen; eine göttlich-teuflische Kraft und einen formlosen Stoff, in dem
+sie sich offenbart. Diese formlose, gläubige Masse, diese chaotische, die
+immer zum Verwildern neigt, läßt die Deutschen als ein im ganzen unschönes,
+unkultiviertes, knechtisches, unklar gärendes Volk erscheinen, aus dem sich
+im schroffen und geschmacklosen Gegensatz eine hochmütig beschränkte,
+herrschende Klasse erhebt; aber zwischen diesen entgegengesetzten Polen
+flammt der Feuerfunke des Genies auf. Eine verhältnismäßig sehr große
+Anzahl genialer Persönlichkeiten pflegte im Deutschen Reiche zwischen den
+Herren und den Sklaven zu stehen und ein Gleichmachen zu verhindern, das
+das Ziel despotischer Herren gegenüber einer sklavischen Menge zu sein
+pflegt. Die Zentralisierung ist ein Zeichen entwickelten Menschentums,
+Abbild des Zentralnervensystems im Gehirn. Einheit in der Mannigfaltigkeit
+ist das schöne, farbige, verschwenderische Gesetz des göttlichen Lebens,
+das aus dem Herzen kommt; die Einheit, die der Mensch aus seiner Willkür
+schafft, ertötet Leben und Schaffenskraft. Deutschland und Italien umfassen
+die Mannigfaltigkeit sehr verschieden gearteter Einzelstaaten und den
+großen Dualismus eines geistigeren Nordens und eines sinnlicheren Südens,
+die in einer besonders produktiven geographischen Mitte zusammenstoßen.
+Auch Griechenland und Israel zerfielen in eine Menge nie ganz vereinbarter
+Stämme.
+
+Zu Luthers Zeit war die Unausgeglichenheit und das starke Einzelleben im
+Deutschen Reiche noch außerordentlich groß. Luther selbst spricht von den
+Deutschen stets als von einem wilden, rohen, rauflustigen Volke, das bei
+jedermann die deutsche Bestie heißen müsse, mit Recht. In allen Ständen
+fand er zügellose Sinnlichkeit, Eigenwilligkeit und Übermut. Er liebte und
+haßte dieses Volk zugleich, ein kochendes Chaos, aus dem göttliche
+Gestalten, Taten und Worte stiegen.
+
+Deutschland und Italien, das ist nicht zu leugnen, haben sich seit Luthers
+Zeit sehr verändert. Die musterhafte Organisation Englands und Frankreichs
+wurde ihr Ideal, dem sie auf anderen Wegen als den bisherigen nachstrebten:
+sie wollen aus genialen politische Völker werden. Der Krieg wird vermutlich
+darüber entscheiden, ob das möglich ist. Die Unzerstörbarkeit des
+persönlichen Charakters, dessen Wurzel ja aus Gott kommt, scheint dagegen
+zu sprechen; andererseits geht jede Nation, als Person, durch verschiedene
+Entwickelungsstadien hindurch und löst sich schließlich auf, wenn auch
+nicht so, daß es eine Leiche gibt, sondern indem sie sich mit anderen
+Nationen mischt und dadurch verändert. Seit Jahrhunderten sind in
+Deutschland die mehr weltlichen als genialen Preußen aufgekommen und mehr
+und mehr tonangebend geworden; sie konnten das, weil das alte Deutschland,
+das lange schaffenskräftig gewesen war, zu erschlaffen begann. Wird das
+alte Deutschland ganz in Preußen aufgehen, oder wird das alte, das geniale
+Deutschland auferstehen? Rußland ist jetzt das am meisten passive und
+gottvertrauende und zugleich das am meisten teuflische Volk, also das am
+meisten jüdische Volk; aber an Erscheinungen wie Tolstoi und Dostojewski
+sieht man auch die zunehmende Kraft des Herzens und des Wortes, die die
+Gegensätze bindet. Wer will weissagen, ob Rußland jemals oder gar schon
+bald die Rolle des alten Deutschlands übernehmen wird? Gott hat lange
+zürnend geschwiegen: er wird sich das Herz irgendeines Volkes erwählen, um
+durch dasselbe wieder zur Menschheit zu reden. Das ist aber gewiß, daß
+dieses Volk nicht zugleich ein politisch herrschendes sein kann; es wird
+leiden und entbehren müssen; dafür wird es in die Wohnungen des himmlischen
+Vaters einziehen, die ihm von Anfang bereitet sind. Aber, so würde Luther
+warnen, man muß auch das Göttliche nicht erstreben ohne Gottes Willen:
+jedes Volk muß kämpfen, um zu siegen, und schließlich Sieg oder Niederlage
+aus Gottes Hand hinnehmen.
+
+
+
+
+XVIII
+
+
+»Nun ist auch irrig, daß die Zeremonialwerke nach dem Tode Christi
+todbringend sind. Sie rechtfertigen, nur nicht vor Gott.« Diese Worte
+Luthers führe ich dir deswegen an, weil du mir neulich schriebest, das
+einseitige Betonen des Unwillkürlichen, Unbewußten oder Gottbewußten sei
+dir zuwider; der Mensch sei doch auch Mensch, ja eigentlich wesentlich
+Mensch, also selbstdenkend, selbsthandelnd, selbstbewußt,
+selbstverantwortlich; erst wenn er das ganz sei, komme das Göttliche an die
+Reihe. Ob du diese Einseitigkeit deshalb so stark empfindest, weil du
+gerade mehr göttlich als menschlich bist und als ein ritterlicher Mann auch
+dem Gegner gerecht werden willst? Oder weil du im Grunde weltlich bist? Was
+Luther betrifft, so war er sehr stark selbstbewußt -- die alte Schlange
+hatte ihn greulich vergiftet, wie er sagt -- und seine Zeitgenossen waren
+es überwiegend; aus diesem Grunde hat er den Ton auf das Göttliche gelegt,
+da das andere sich von selbst verstand. Die angeführten Worte beziehen sich
+zunächst nur auf kirchliche Gebräuche, deren der Christ nicht bedarf; die
+er aber nach Belieben beobachten kann, wenn er sich nur darüber klar ist,
+daß Zeremonien uns nicht den inneren Frieden, die Übereinstimmung mit uns
+selbst und Schaffenskraft geben können.
+
+Ähnlich sprach sich Luther auch über die guten Werke, also über die
+bürgerliche Moral aus, daß sie nicht an sich zu verdammen sei, nur vor Gott
+nicht rechtfertige. »Nun ist wahr«, sagt er, »wie ich immerdar gelehrt
+habe, daß Gott ja will fromme Leute haben, in einem fein äußerlichen Leben
+und Wandel vor der Welt, heilig und unsträflich; aber es soll und kann vor
+Gott keinen Christen machen, das ist das ewige Leben schaffen noch bringen.
+Zu diesen Ehren lassen wir kein menschliches Leben noch Heiligkeit kommen,
+sondern es soll hoch und weit über alle Werke und schönes, herrliches Leben
+schweben. Unsere Werke und Leben laß hienieden in diesem Regiment bleiben
+und eine irdische Frömmigkeit heißen, welche Gott auch von uns fordert und
+läßt sie ihn gefallen, so sie im Glauben geht, und beide, hier und dort,
+belohnen will: dies aber, wovon wir hier reden, ist eine himmlische und
+göttliche Frömmigkeit, die ein ewiges Leben schafft.«
+
+Du siehst, es kam Luther darauf an, den Unterschied zwischen der Moral zu
+zeigen, die von menschlicher Willkür abhängt, und von dem Glauben, der aus
+göttlicher Gnade, aus dem Herzen fließt, und zu erklären, was vom einen und
+was vom anderen zu erwarten ist.
+
+Leute, die die Reformation mit Jubel begrüßten, haben sich später angeekelt
+von ihr abgewandt, wie zum Beispiel der Nürnberger Patrizier Pirkheimer,
+weil sie wahrzunehmen glaubten, daß auf evangelischer Seite die
+Sittenverschlechterung mit einem großen Nachdruck und Übermut einreiße.
+Luther selbst erschrak über diese unvorhergesehene Folge seines Werkes und
+sagte: sie nehmens fleischlich auf. Daß dies geschehen konnte, liegt auf
+der Hand: Luther predigte gegen die Moral und gegen das Streben nach
+Vollkommenheit, vielmehr solle man sich gehen lassen und auch sündigen.
+»Wir sehen im Evangelium«, schreibt er, »den Zöllner Christo näher sein als
+den Pharisäer; wenn sie auch nach menschlichem Urteil ärger sind, so stellt
+sie doch das Evangelium gewißlich als seliger dar, so daß es sicherer
+erscheint, öffentlich gefallen zu sein, denn im verborgenen gottlos
+dazustehen. Aber deswegen raten wir jenen nicht, zu fallen. Wir überlassen
+Gott seine verborgenen und zu fürchtenden Urteile.«
+
+Luther hatte tiefe Einsicht in die Gefahr der Selbstüberspannung auf der
+einen Seite; aber auch in die Gefahren, die dessen warten, der sich dem
+Herzen und seiner elementarischen Unberechenbarkeit überläßt. Seine Lehre
+bedurfte deswegen einer Ergänzung, die er ihr auch gab, nämlich indem er
+das durch die Obrigkeit vertretene Gesetz stärkte.
+
+Luther verstand unter Welt mit dem Evangelisten Johannes die noch nicht zum
+Geist hinübergeführte Menschheit, anders ausgedrückt: die Gesamtheit aller
+von den Menschen willkürlich gemachten, nicht gewachsenen Organisationen
+und der ihnen dienenden, sie bedienenden Menschen. Die genialen Menschen
+und die Sünder und Verbrecher haben das Gemeinsame, daß sie außerhalb
+dieses Mechanismus stehen, mit dem Unterschied aber, daß die Auserwählten,
+die wahren Christen, sich ihm freiwillig fügen oder ihn ignorieren oder, je
+nachdem, ihn durch Worte bekämpfen, während diese, die Sünder und
+Verbrecher, ihn hinterrücks oder offen gewaltsam zu zerstören suchen. Vor
+allem aber ist der Grund des Gegensatzes zur Welt beim Christen und beim
+Verbrecher ein anderer: der Verbrecher fühlt seine Selbstsucht durch die
+Welt gehemmt, der Christ seine Göttlichkeit. Da jedoch Selbstsucht wie
+Göttlichkeit aus derselben Quelle fließen, nämlich aus dem Herzen, so ist
+zwischen beiden ein Verständnis möglich. Man kann sagen, daß Gott und Tier
+sich unmittelbar leichter verstehen als Gott und Mensch: sie beide leben
+aus dem Herzen, der Mensch aus dem Kopfe.
+
+Luther hatte vom natürlichen Menschen die Meinung, daß er dem Teufel und
+der Sünde verknechtet sei, daß er also nur sich selbst wollen könne;
+infolgedessen herrsche unter den natürlichen Menschen das Recht des
+Stärkeren, wer den anderen übermöge, stecke ihn in den Sack. Damit nun der
+Stärkere den Schwächeren nicht erdrücken könne, müsse das Gesetz sein, das
+die Aufgabe habe, aus Tieren Menschen zu machen. Luther hat bewußt für die
+Verstärkung der obrigkeitlichen Gewalt gesorgt, die in der Tat eine
+notwendige Ergänzung seiner Lehre ist: nur dann können sich die Menschen
+ihrem Herzen überlassen, wenn die Übergriffe der selbstischen, bösen, noch
+tierischen Herzen durch das Gesetz gehemmt werden. Das Gesetz überhebt den
+Menschen, diese Hemmung selbst durch die Moral auszuüben, was er nicht tun
+kann, ohne seine Herzkraft dadurch zu lähmen. Es ist Verleumdung, wenn man
+Luther nachsagt, er habe den Fürsten geschmeichelt, sei es auch nur, damit
+sie seine Ideen stützten. Die Verstärkung der obrigkeitlichen Gewalt
+gehörte vielmehr durchaus zu seinen Ideen; er tadelte an dem Kurfürsten
+Friedrich die Scheu, streng zu strafen, die vermutlich dem Adel zugute kam.
+Die in der Welt herrschende und auch in den Gesetzen sich ausprägende
+Gesinnung, nicht den Schwachen, sondern den Starken auf Kosten des
+Schwachen zu schützen, kannte Luther sehr wohl und gab sich selbst
+furchtlos preis, um mit seiner Person etwaige Schäden der Gesetzgebung in
+dieser Hinsicht zu decken; dennoch hielt er die Herrschaft selbst
+ungerechter Gesetze für besser als Gesetzlosigkeit. Was er anstrebte, war
+strenges Gesetz, dessen Handhabung durch großherzige Menschen besorgt
+würde. Dies Verhältnis bestand bis zu einem ungewöhnlich hohen Grade in
+Sachsen, solange Luther lebte; tatsächlich regierten sein reines Herz und
+seine großen Gedanken, nur selten wurden die Fürsten, die sich
+vertrauensvoll von ihrem Propheten leiten ließen, durch die Selbstsucht
+ihres Adels abgelenkt. Luthers Herz schlug ebenso stark in die Welt hinaus,
+wie in sein Inneres hinein; nach seinem Tode war das Stück Welt, das er
+dadurch beherrscht hatte, wieder sich selbst überlassen.
+
+Die Erkenntnis, daß, wenn das Gesetz in der Hand von Persönlichkeiten ruht,
+mit dem Ausscheiden derselben plötzlich Schwankungen und Störungen
+eintreten können, hat die Menschen veranlaßt, die Gesetze von der
+Handhabung durch einzelne unabhängig zu machen, da der geschriebene
+Buchstabe verläßlicher zu sein scheint als der veränderliche Mensch. Sowie
+aber der menschliche Verstand denkt, irrt er auch; es ist nämlich wohl
+richtig, daß geschriebene Gesetze nicht sterben, aber sie tun es deswegen
+nicht, weil sie nicht lebendig sind, und infolgedessen decken sie sich
+nicht mit den Erscheinungen des Lebens und können das Leben nicht
+regulieren, ohne es zu schädigen. Soviel ich weiß, ist man jetzt zu dem
+Grundsatz zurückgekehrt, die Gesetze so großzügig anzulegen, daß Raum für
+persönliche Auslegung und Anwendung bleibt. Woran es fehlt, sind die
+herzhaften Menschen, die salomonische Urteile fällen können. Alle die
+Urteile zu sammeln und herauszugeben, die Luther in den vielen ihm zur
+Entscheidung vorgelegten Sachen fällte, würde sehr verdienstlich sein und
+einen überraschenden Einblick in seine gründliche Kenntnis weltlicher
+Angelegenheiten und in die Weisheit seines Herzens gewähren. Hätte das Volk
+immer Zutrauen zu der Weisheit der richterlichen Herzen haben können, wären
+sicherlich keine Geschworenengerichte entstanden. Wenn in den rückläufigen
+Zeiten die Kraft abnimmt, versucht man durch Summierung von Menschen die
+Unkraft des einzelnen zu ersetzen, ohne zu bedenken, daß Millionen
+schwacher Herzen nicht ein einziges starkes ausmachen. Nach dem Gesetz, daß
+Organe, die sich nicht üben, immer schwächer werden, mußten die
+Einrichtungen, die zum Ersatz der mangelnden Kraft getroffen wurden, die
+Herzen immer mehr entkräften.
+
+Luthers Ideal war, daß die Welt, in der das Gesetz herrscht, sofort
+abgelöst wird durch das Reich Gottes, in dem die Liebe und infolgedessen
+die Freiheit herrscht. In ihm herrscht durchaus nicht ein unbedingtes
+Sichgehenlassen, sondern ein steter Kampf gegen das herrschsüchtige Ich; da
+aber dieser Kampf eine innere Notwendigkeit ist, vom gläubigen und
+liebenden Herzen selbst verlangt, so ist er doch gewissermaßen ein
+Sichgehenlassen und nicht schädlich, sondern heilsam.
+
+Da nun aber außer der Welt und dem Reich Gottes noch das Zwischenreich des
+zweiten Haufens besteht, der zwischen Welt und Geist schwankt, so scheint
+mir die Moral für dieses übrig zu bleiben. Zu stolz, um sich dem Gesetz des
+großen Haufens unterworfen zu fühlen, nicht stark genug, um sich dem
+eigenen Herzen zu vertrauen, müssen sie sich einstweilen mit der Moral
+rüsten. Diese Rüstung -- wer wollte das verkennen -- kann sehr blank und
+ritterlich sein, und Luzifer kann mit ihr dermaßen strahlen, daß man ihn
+fast mit der Sonne verwechseln könnte. Nur das ist gegen sie einzuwenden,
+daß das göttliche Feuer hinter ihr ersticken kann; deshalb muß sie abgetan
+werden, wenn noch Glut genug da ist, um in der Luft zur schaffenden Flamme
+zu werden.
+
+Es ist für Luther, den Deutschen, und für Luther, das Genie,
+charakteristisch, daß er bei seiner Einteilung der Menschen in die drei
+Haufen eigentlich nur die Entwickelung des natürlichen Menschen zum
+geistigen im Auge gehabt hat. Diese geschieht im Gegensatz zur Welt; aber
+es gibt auch eine innerhalb der Welt vom passiven, wesentlich dienenden
+Menschen zum aktiven, herrschenden. Solche finden sich auf den
+verschiedensten Stufen, vom Werkmeister, Schauspieldirektor, Unternehmer,
+General bis zu den Fürsten, von denen Luther sagte, daß sie gemeiniglich
+die ärgsten Buben oder größten Narren wären. Luther hatte nichts gegen sie;
+sagte er doch von Pilatus nicht ohne Wohlwollen, daß er ein frommer
+Weltmann gewesen sei; er wollte nur feststellen, daß auch ihre allergrößte
+Macht nicht imstande sei, ihnen die überschwengliche Herrlichkeit der
+Auserwählten zu verschaffen. Ich erwähnte schon, daß die Römer, im
+Gegensatz zu den Juden, Christus und Paulus sympathisch gegenüberstanden.
+»Drum soll der Sänger mit dem König gehen; sie beide wohnen auf der
+Menschheit Höhen.« Sie sind die Spitzen zweier in entgegengesetzter
+Richtung nach oben führender Linien, als Herrscher einander verwandt, als
+Herrscher sich ausschließender Reiche einander feind.
+
+Zwischen beiden Punkten jedoch ist beständiges Fließen und Übergehen. So
+senkte sich die Linie der Kurfürsten von Sachsen seit Friedrich dem Weisen
+in der Welt abwärts, um im Reiche Gottes aufwärts zu steigen, so haben
+alle Nationen ihre geistigen und ihre weltlichen Zeiten. Den Geist Gottes
+verglich Luther einem Platzregen und betonte, daß er nicht erblich sei.
+Talent vererbt sich, nicht das Genie; denn es ist ein Höhepunkt und kann
+seiner Natur nach nicht zugleich Ebene sein.
+
+Die Menschen aus dem Zwischenreiche hassen die Welt und ihre Ordnung; die
+genialen Menschen, die im Reiche Gottes Befestigten, hassen das Böse in der
+Welt und haben Sympathie für diejenigen, die Ordnung schaffen, wenn sie es
+auch nur aus Herrschsucht tun. Alle genialen Menschen lieben die
+Persönlichkeit, wie sie sich auch darstelle, weil sie göttlicher Natur ist,
+Sonnenstrahl aus dem unsichtbaren Strahlenmittelpunkte; Herrscher in der
+Welt und Herrscher im Geistesreiche müssen sich zueinander hingezogen
+fühlen, so wenig sie sich jemals ganz verständigen können. Sowie die
+Weltherrscher die Geistesherrscher binden wollen, zeigt sich ihre höhere
+Art: fesseln läßt der Geist sich nicht; aber auch die Weltherrscher wollen
+sich nicht in jenes Reich verklären lassen, zu welchem man nur durch das
+Tor der Schmerzen eingeht. So müssen die beiden Fürsten, obwohl sie sich
+anerkennen, im ewigen Kampfe liegen, eben wie Gott und der Teufel.
+
+Sieh, der Herold der Sonne setzt die beflügelte Silbersohle auf den
+Wolkenrücken jenseit jener Dächer und winkt zum Abschied. Von Sternen zu
+Sternen und Sonnen steigt die unsichtbare Leiter; der Kuß des Abschieds
+verschmilzt in dem des Wiedersehens, ist doch der Kuß selbst nur eine
+Begegnung. Ein zögernder Flor deckt die furchtlose Lampe noch einmal zu und
+vergönnt mir, noch einen Augenblick bei dir zu säumen, den Fuß schon im
+Eimer, der aufwärts an die Küste des Tages führt. Lebewohl für eine
+Tageslänge; er wächst schon, flutet nach allen Seiten, und die Nächte, die
+uns vereinen, werden frühlingshaft gedrängt. Bald weiß ich auch nichts
+mehr, nichts wenigstens, was sich sagen ließe, und wenn die kürzeste Nacht
+kommt, werde ich ausgeredet haben. Lebewohl.
+
+
+
+
+XIX
+
+
+Vor Jahren lernte ich ein paar junge Japaner kennen, die sich zu
+Studienzwecken in Europa aufhielten. Sie führten ein sehr ordentliches und
+ehrbares Leben, sie tranken nichts Alkoholisches, schweiften nach keiner
+Richtung aus und hielten sich im Grunde für viel kultivierter als uns
+Europäer. Sie mißbilligten, daß man sich bei uns küsse, überhaupt im
+Ausdruck der Gefühle gehen lasse; einer erzählte, wenn er nach jahrelanger
+Abwesenheit heimkäme, würde er die Seinigen, die ihn am Landungsplatze des
+Schiffes abholten, mit einer Verbeugung, höchstens mit einem Händedruck
+begrüßen. Selbstbeherrschung werde bei ihnen vom Menschen verlangt.
+
+Mir hat das einen befremdenden und unauslöschlichen Eindruck gemacht, den
+ich damals nicht weiter auslegte und verfolgte; ich fand, daß die
+einwandfreien Japaner eher künstlichen Affen als Menschen glichen, von
+schönen, liebenswerten Menschen ganz zu schweigen. Es kam mir komisch vor,
+daß sie sich für Menschen hielten und mit Selbstbeherrschung protzten,
+obwohl gar nichts zu beherrschen da war, höchstens daß irgendein Rädchen
+hätte kaputt gehen können. Als Menschen genommen flößten sie mir Ekel ein.
+
+Wie anders die Griechen, die wie Löwen brüllten, wenn sie verwundet waren,
+die wie Kinder weinten, wenn ihnen etwas nicht nach Wunsch ging, und sich
+wie Straßenjungen beschimpften, wenn sie wütend aufeinander waren. Luther,
+den man so oft zur Renaissance in Gegensatz stellt, war vielleicht unter
+seinen deutschen Zeitgenossen am meisten Grieche. Was hatte der trockene,
+klügelnde Erasmus mit Griechenland zu tun, und was die meisten der
+fleißigen, strebsamen Humanisten? Wenn Luther einen großen Schmerz erfuhr,
+wie zum Beispiel durch den Tod seines Vaters, zog er sich zurück und
+betete, das heißt, er raste sich aus. In seinen Gebeten sprach er mit Gott,
+hielt ihm sein Unrecht vor, schrie ihm seinen Zorn ins Gesicht und machte
+dann seinen Frieden. Seine Heftigkeit im Verkehr mit seinen Gegnern ist
+bekannt, auch seine Freunde machten ihm einen Vorwurf daraus; er gab ihnen
+recht, blieb aber dabei. Sicherlich hat er nicht gedacht, daß er seine
+Naturkraft schonen wolle, sondern sie war da und behauptete sich siegreich
+allem Besserwissen anderer und allen etwaigen guten Vorsätzen, die er
+selbst faßte, zum Trotz; es gehörte zu seinem Genie. »Die Stoiker, die
+Stockheiligen, die nicht weinen, sich der Natur gar nichts annehmen, es
+geschehe, was da wolle«, verurteilte er; denn es sei im Grunde »eine
+gemachte Tugend und erdichtete Stärke, die Gott nicht geschaffen hat, ihm
+auch gar nichts gefällt. Denn Gott hat den Menschen nicht also geschaffen,
+daß er Stein oder Holz sein sollte.«
+
+Luthers Ideal konnte in seiner Zeit nicht verstanden werden, weil es eine
+Zeit versiegender Natur war. Er und einige seiner Zeitgenossen, zum
+Beispiel Dürer, waren noch durchdrungen von ihrer Heiligkeit und hielten
+sie fest; dann fing man an sie zu verachten, ja, man kannte sie kaum noch.
+Der vornehme Mensch bildete sich aus, der seinen Stolz darein setzte, nicht
+Tier mehr, nur noch Mensch sein zu wollen, und ihm folgte der moralische
+und tugendhafte Mensch, der sich nur noch im Gehege der bürgerlichen
+Ordnung bewegen konnte. Immer fader und flacher wird alles, was getan und
+gemacht wird; man wundert sich zuweilen, wie die Menschheit ohne Hunger und
+Liebe sich erhielt und fortpflanzte. Es lockert sich wohl alles wieder in
+der Weimarischen Epoche, aber ich empfinde doch immer, als habe auf dem
+Boden der Bildung, Wohlanständigkeit und Kleinbürgerlichkeit das ungezähmte
+Element nie losbrechen können.
+
+Das deutsche Volk ist im allgemeinen durchaus kein vornehmes Volk, wie zum
+Beispiel das spanische, und zwar aus einem sehr erfreulichen Grunde, weil
+das Chaotische und Elementare, das der Form sich Widersetzende, in den
+Deutschen noch stark ist. Wo noch viel zu formen ist, hat Gott noch viel zu
+tun, es ist noch viel Zukunft und Leben da; um den Preis darf ein Volk auf
+die Zier der Vornehmheit wohl verzichten. Indessen ist etwas anderes da,
+was dieser instinktiven Kraft zu widersprechen und sie zu bedrohen scheint,
+nämlich das System.
+
+Vergleicht man etwa den Dreißigjährigen Krieg mit dem heutigen, so springt
+jedem ein wesentlicher Unterschied in die Augen. Dort, im 17. Jahrhundert,
+eine lächerliche Umständlichkeit, Ahnungslosigkeit, Ziellosigkeit, dabei
+eine unübersehbare Fülle der Erscheinung. Etwas Überschwengliches, zugleich
+Entsetzliches und Schönes stellt sich unserem inneren Auge vor, wenn wir
+daran denken. Dagegen jetzt eine Zielsicherheit, ein schnelles und sicheres
+Funktionieren, das jeden in Erstaunen setzt; das System bewährt sich über
+alle Erwartung. Es geschehen bekanntlich auch bei uns Greuel, und man
+vergleicht sogar hier und da mit dem Dreißigjährigen Kriege; aber in
+Wahrheit besteht vielleicht nur auf russischer Seite eine wirkliche
+Ähnlichkeit. Ich las die Schilderung eines Pfarrers in Ostpreußen, wie ein
+russischer hoher Offizier die ganze Einwohnerschaft eines Dorfes töten zu
+lassen drohte, sich an ihrer Angst weidete und besonders den Geistlichen
+zur Zielscheibe seiner Grausamkeit machte; wie dann aber plötzlich das Herz
+dieses Teufels sich wendete, und er mit einer wahrhaft großmütigen Wallung
+alle begnadigte. Das war ganz und gar ein Auftritt aus dem Dreißigjährigen
+Kriege.
+
+Diese Unberechenbarkeit deutet auf Gott; das System arbeitet folgerichtig,
+von Gott heißt es #spirat ubi vult#. Luther sagte einmal, als eine Stadt
+mit irgendwelchen derzeitig neuen Kanonen beschossen wurde, daß diese
+Maschinen wahrhaft eine Erfindung des Teufels zu nennen wären; denn dadurch
+würde die Tugend, durch die auch ein Kriegsmann sich hervortun könne, die
+persönliche Tapferkeit, ihm genommen. Du mußt nicht denken, ich wolle die
+Tapferkeit und Opferwilligkeit unserer Soldaten herabsetzen, zweifelsohne
+sind sie im Gegenteil bedeutend selbstloser als die Soldaten des 16. und
+17. Jahrhunderts, denen es in allen Schichten hauptsächlich um Beute zu tun
+war; aber das ist nicht zu leugnen, daß der Krieg fortwährend mehr
+systematisiert und mechanisiert wird, das heißt, daß der Ausgang weniger
+von lebendiger persönlicher Kraft abhängt als davon, daß jeder einzelne an
+seinem Orte pünktlich die ihm vorgeschriebene Pflicht tut. Wenn jeder
+Arbeiter im richtigen Augenblicke sein kleines Rädchen dreht oder auf sein
+kleines Knöpfchen drückt, so geht die Maschine und arbeitet mit soundsoviel
+Pferdekräften. Im Dreißigjährigen Kriege sprachen die größten Feldherren
+immer von der launischen Fortuna und dem Umschwunge des Glücksrades; es lag
+alles, wie in den Kriegen des Alten Testamentes, weniger in der Hand der
+Menschen als in der Hand Gottes. Es ist selbstverständlich, daß die Welt
+dabei gewonnen hat; das Reich Gottes hat dabei verloren.
+
+Ebenso verhält es sich mit der heutigen Wohltätigkeit. Früher fanden die
+von den Stärkeren zertretenen Schwachen Zuflucht bei der erbarmenden Liebe
+einzelner, auch konnte der Unterdrücker selbst sich plötzlich in einen
+Großmütigen verwandeln; kurz, über dem Armen waltete lebendige Kraft und
+darum unendliche Hoffnung beim Elend. Der wohltätige Betrieb ersetzt nicht
+nur die erbarmende Liebe des einzelnen, er merzt sie sogar aus. Man muß den
+Bettler von der Tür weisen und ihn mit Suppenkarten erquicken, etwaiges
+Mitleid darf sich nur bessernd äußern. Unter Ausschaltung des einzelnen
+übernimmt es das System, die Almosen gerecht zu verteilen, gute Lehren
+beizufügen, für richtige Verwendung des Gegebenen zu sorgen. Der Empfänger
+soll um keinen Preis durch die Gabe beglückt werden, sondern soll sie so
+anwenden, daß die allgemeine Ordnung dadurch gehoben wird. Da die
+Privatpersonen nach Maß ihres Besitzes zur Erhaltung der
+Wohltätigkeitsmaschine beigesteuert haben, lassen sie die Menschenliebe
+nachher brachliegen; die an der Maschine Arbeitenden sind im besten Falle
+wohlwollende Geschäftsleute. Daß unter den Privatpersonen wie beim
+Betriebspersonal auch solche sind, die von Liebe für die Leidenden bewogen
+werden, ist selbstverständlich; im allgemeinen kommt auch auf diesem
+Gebiete das System der Welt zugute und engt das Reich Gottes ein. Dies
+wurde natürlich auch schon bemerkt, und die merkwürdigsten Vorschläge
+wurden gemacht, um eine Änderung herbeizuführen. Einmal las ich, es sollte
+in jedem Herrschaftshause unter dem Dache eine arme Familie einquartiert
+werden, welche die betreffenden Herrschaften in Obhut nehmen sollten; so
+dachte man das System durch ein besonders feines System aufzuheben.
+
+Das System ist das, was am Preußentum gehaßt und gefürchtet wird. Die
+Abneigung dagegen ist instinktiv und unausrottbar und läßt sich nicht
+dadurch widerlegen, daß das System es gut meint, korrekt und löblich ist
+und sehr viel leistet, natürlich in der Welt. Jedes organische Wesen, je
+lebendiger es ist, wird abgestoßen durch die Kennzeichen des Systems: die
+schnurgerade Linie, die Starrheit und Übersehbarkeit; denn alles Lebendige,
+wie überzeugend es auch dasteht und atmet, ist ein Geheimnis. Nun hat zwar
+seit dem siebzehnten Jahrhundert in ganz Europa das System Triumphe
+gefeiert durch den Jesuitismus, den Militarismus und den Sozialismus,
+nirgends aber so wie in Deutschland. Daß das gerade in diesem kindlichen,
+phantasievollen Volke möglich war, ist merkwürdig; ich erkläre es mir
+folgendermaßen.
+
+Wie ich dir schon sagte, halte ich die Gabe des Organisierens für das Genie
+der politischen oder weltlichen Völker. Sie organisieren die Gesellschaft,
+wie Frauen, Kinder und Genies ihre Taten und Werke. Herrische Menschen
+pflegen mit einer Leidenschaftlichkeit, wie von einem inneren Sturm
+getrieben, zu organisieren, so wie ein Künstler sich auf sein Werk stürzt;
+ist die Einrichtung fertig, so ergreifen sie eine andere. Dieser
+Bearbeitung, diesem Druck setzt ein einigermaßen selbstbewußtes Volk einen
+Gegendruck entgegen, der der Organisation ebenso zugute kommt, wie dem
+Kunstwerk eine Hemmung. Bei dem deutschen Volke nun, dieser sehr passiven,
+zum Gehorsam neigenden Masse, ist dieser Widerstand gering; der starken
+Persönlichkeiten, die früher zwischen dem Volke und den Herrschenden
+standen, sind immer weniger geworden, und so gelingt es dem knetenden
+Willen, den unförmigen Teig einförmig zu machen. Ein geniales Volk in
+seiner Blütezeit widersteht der Organisierung ganz und gar: es entzückt
+durch die Fülle seiner üppig wachsenden Formen, während wir an England die
+logische Entwickelung seiner Staatsform bewundern. Hier sind alle Vorzüge
+der Welt zu finden: Macht und Reichtum, gutes Funktionieren der Maschine,
+Freiheit und Gerechtigkeit, Gesundheit und Schönheit; dort ist Leben,
+Geist, Genie, Liebe bei äußeren Verhältnissen, die einem Weltmenschen als
+chaotische Unordnung erscheinen müssen. Das Organisieren möchte ich als
+eine natürliche Gabe betrachten, aus der Natur politischer Völker
+hervorgehend; das System verdeckt den Mangel an weltlicher Begabung. Wer
+nicht organisieren kann, verfällt auf das Mechanisieren.
+
+Man hat Luther nachgesagt, daß er kein Organisator gewesen sei, aber das
+ist ganz unrichtig. Er hatte genug von einem Herrscher in sich, um
+organisieren zu können; aber er war zugleich ein Genie und haßte alles
+Mechanische, so wollte er keine Einrichtung schaffen, die nicht nach allen
+Richtungen frei beweglich und entwickelungsfähig wäre, damit nicht aus dem
+Organismus ein Mechanismus würde.
+
+Der Organisator hemmt die Menschen in dem, worin er selbst sein höchstes
+Glück findet: im Handeln. Er will das Handeln an sich allein reißen, für
+alle handeln, wie die Kirche für alle denken wollte. Christus hat nie
+organisiert, nur Leben geweckt, wohin er kam; ich möchte mit Absicht den
+entwerteten Ausdruck anwenden: er lebte und ließ leben. Während Zwingli und
+Calvin vorzugsweise Organisatoren, also Weltmenschen waren, organisierte
+Luther nur der Welt zuliebe, nicht ohne das Gefühl, sich dadurch tragisch
+zu verstricken, obwohl er das Erdenkliche tat, um der Erstarrung
+vorzubeugen.
+
+Sein Wirken auf kirchlichem, politischem, sozialem und juristischem Gebiete
+ist in dieser Hinsicht staunenswert weise, oder sogar durch und durch
+genial; er entschied immer nach dem einzelnen Fall, immer unter
+Miteinrechnung der jeweiligen Möglichkeiten, immer mit ebensoviel Freiheit
+und Liebe wie Gerechtigkeit. Beim Festsetzen von Glaubensartikeln wie bei
+der Einführung von Zeremonien steckte er immer die Grenzen weit und machte
+sie beweglich und vermied jede Willkür. Er organisierte wie die Natur, das
+heißt wie Gott schafft. Traf er irgendeine Anordnung, so fügte er
+nachdrücklich bei, daß es durchaus nicht überall und nicht immer ebenso
+gehalten werden müsse. Am Schlusse seiner Deutschen Messe und Ordnung des
+Gottesdienstes sagt er: »Summa, dieser und aller Ordnung ist also zu
+gebrauchen, daß, wo ein Mißbrauch daraus wird, daß man sie flugs abtue und
+eine andere mache; gleichwie der König Ezechias die eherne Schlange, die
+doch Gott selbst befohlen hatte zu machen, darum zerbrach und abtat, daß
+die Kinder Israel derselbigen mißbrauchten. Denn die Ordnungen sollen zur
+Förderung des Glaubens und der Liebe dienen und nicht zu Nachteil des
+Glaubens. Wenn sie nun das nicht mehr tun, so sind sie schon tot und ab und
+gelten nichts mehr; gleich als wenn eine gute Münze verfälscht, um des
+Mißbrauchs willen aufgehoben und geändert wird, oder als wenn die neuen
+Schuhe alt werden und drücken, nicht mehr getragen, sondern weggeworfen und
+andere gekauft werden. Ordnung ist ein äußerliches Ding; sie sei wie gut
+sie will, so kann sie in Mißbrauch geraten. Dann aber ists nicht mehr eine
+Ordnung, sondern eine Unordnung. Darum steht und gilt keine Ordnung von ihr
+selbst etwas, wie bisher die päpstlichen Ordnungen geachtet gewesen sind;
+sondern aller Ordnung Leben, Würde, Kraft und Tugend ist der rechte Brauch;
+sonst gilt sie und taugt sie gar nichts.«
+
+Die Kirche, die Luther vorschwebte, war ein dreigliedriger Bau unter einer
+Kuppel, entsprechend den drei Haufen, in welche die Menschheit, ein Abbild
+der Heiligen Dreifaltigkeit, sich gliedert. Sie sollte einschließen einen
+Bau für den großen Haufen der Normalen, denen das Gesetz gepredigt werden
+muß; einen anderen Bau für die zwischen der Welt und dem Reiche Gottes
+Schwankenden, denen die Verheißung des Evangeliums offenbart wird, damit
+sie um der Herrlichkeit der Auserwählten willen den Flug in das Geistesland
+wagen; den dritten Bau für diese, die wahren Christen, die freiwillig mit
+den anderen in der Kirche anbeten, obwohl ihnen die ganze Welt heilig ist.
+Diese gigantisch gedachte Kathedrale blieb unvollendet, wie die Dome des
+Mittelalters, weil Luther keine wahren Christen fand. Welche Tragik des
+genialen Einsamen! In dieser Spitze sollten die Bauglieder der Kirche
+münden, diese wären das Herz gewesen, das sie mit stets frischem Blut
+versorgt und vor der Erstarrung bewahrt hätte. Ich weiß keine Tragödie, die
+mich mehr erschütterte als diese; der von Christus im Wesen gleich, als er
+seine Jünger auf dem Ölberge schlafend fand.
+
+Es scheint eine Binsenweisheit zu sein, daß die Menschen die Einrichtungen
+machen, und zwar für sich; tatsächlich verschwinden aber bei uns die
+Menschen hinter den Einrichtungen, in die das Leben übergeht. »Es kann in
+der Welt nur gut werden durch die Guten«, das ist, glaube ich, ein Wort der
+Königin Luise. Luther sagte: »Darum ist dem Staate mehr dafür zu sorgen,
+daß gute und verständige Männer an der Spitze stehen, als daß Gesetze
+gegeben werden.« Wenn die Wut nachläßt, Verordnungen, Pläne, Organisationen
+zu machen und Maschinen zu mästen, werden wir auch wieder mehr
+Persönlichkeiten haben, deren gerade wir bedürfen, weil wir im ganzen ein
+unpersönliches Volk sind.
+
+Mit dem Verschwinden einzelner Organisationen freilich ist es nicht getan:
+der moderne Staat ist das System, das keine Persönlichkeit duldet; denn er
+ist ja die Maschine, die schwächer werdende Persönlichkeiten sich zum
+Ersatz für ihre versiegende Kraft gemacht haben. Wie sie aus Mangel an
+Übung schwächer und schwächer wurden, so könnte die Übung sie auch wieder
+kräftiger machen. Das mittelalterliche Feudalsystem, das System der
+persönlichen Beziehungen, der Selbstverwaltung kleiner Gruppen, die sich
+schließlich zu größeren zusammengliedern, war der Ausfluß persönlicher
+Kraft und könnte auch wieder zur Schule persönlicher Kraft werden. Handeln
+ist die unmittelbare persönliche Wirkung von Mensch auf Mensch, und nur
+handelnd bildet sich das selbstbewußte, selbsttätige Ich, der Mann.
+
+Unser Druck- und Zeitungswesen ist auch ein Symptom für das Aufhören des
+unmittelbaren gegenseitigen Aufeinanderwirkens. Man sagt seine Meinung in
+Büchern und Aufsätzen, man widerspricht ebenso, zu einer eigentlichen
+Berührung kommt es nicht, und schließlich bleibt jeder bei seinen
+taubstummen Ideen. Es gibt jetzt wohl auch etwas den alten öffentlichen
+Disputationen Ähnliches; aber im Grunde vermeidet man doch das
+Aufeinanderplatzen der Geister, weil jeder sich zu schwach zum Kampfe
+fühlt. Wir leben wie die fensterlosen Leibnizischen Monaden.
+
+So wird es begreiflich, wie ein Fontane der Schriftsteller unserer Zeit
+werden konnte, gerade von Männern gern gelesen. Fontane hatte sich durch
+fünfzigjährige Beobachtung eine Ansicht von der Welt gewonnen und stellte
+sie dar, lauter Ausschnitte, die aber, da sie mit dem von den anderen auch
+Eingeheimsten übereinstimmten, als vollgültige Bilder angenommen und
+begrüßt wurden. Die Ideen des Herzens, die nur in der Bewegung des Kampfes,
+im Leben, Eigentum der Seele, bewußt werden, und durch welche die
+Ausschnitte aus der Außenseite der Welt erst zum Bilde ergänzt werden,
+fehlen ganz; aber gerade in dem verständigen Gerüste fühlt der moderne
+Mensch sich heimisch. Andere Dichter und Künstler geben nur ihre
+Traumbilder, und auch diese finden ihr Publikum, bei anderen stehen die
+Visionen hart neben den Ausschnitten; im tätigen Ich würden sie zum
+lebendigen Ganzen verschmelzen.
+
+Es gab Zeiten, wo aus Jünglingen, die verantwortlich ins Leben
+hineingestellt wurden, zur rechten Zeit Männer wurden, denen eine
+religiöse, das heißt einheitliche Weltanschauung, die sie trug und hob, von
+selbst erwuchs. Die Jünglinge der neuen Zeit können nicht Männer werden,
+weil sie nicht verantwortlich, schaffend tätig sind, und es kommt nicht
+selten vor, daß das Ich um das fünfzigste Lebensjahr herum, zu einer Zeit,
+wo es sich allmählich auflösen sollte, sich noch gar nicht gebildet hat.
+Diese stehengebliebene Jugend ist nichts Erfreuliches, sondern etwas
+Tieftrauriges. Zuweilen kommt, wie bei Fontane, noch eine ohne Sonne
+reifgewordene Frucht zustande; aber im Grunde bleibt es doch zwischen
+Jünglingshaftem und Greisenhaftem unbeglückend schwanken. Vielen ergeht es
+wie jenem sagenhaften Mönch, der sich träumend im Walde verlor, und als er
+nach einem verpaßten Leben, das ihm zeitlos verlaufen war -- denn Zeit und
+Raum entstehen nur dem selbstbewußten, selbsttätigen Ich, nicht dem Träumer
+-- zu den Menschen zurückkam, von dem starken Anhauch des Lebens in Asche
+fiel.
+
+Ich las neulich eine kleine Schrift, die mir sehr deutsch und sehr
+belustigend vorkam, mit dem Titel: Unabhängigkeit von der Natur. Der Titel
+bezieht sich auf die künstliche Erzeugung von Nährstoffen, Farbstoffen,
+Heilstoffen und anderen Naturprodukten, wodurch die Natur dem Menschen
+entbehrlich werde. Es wurde darin erzählt, wie schäbig der Purpur der Alten
+in der Tat gewesen sei, wenn man ihn mit unseren künstlich hergestellten
+Farben vergleiche, und es könnte vielleicht, wurde hinzugefügt, mit manchem
+Glanze der Antike so gehen, wenn er mittels ähnlicher exakter Methoden, wie
+sie die Chemie besitzt, neu vor uns erstehen könne. Und doch, dachte ich,
+hat die Glut dieses schäbigen Purpurs über Jahrhunderte weg die Phantasie
+der Menschen entzündet, daß sie ihre imperatorischen Träume, ihre
+herrlichsten Gesichte dahinein hüllten. Was hülfe uns die königlichste
+Farbe, wenn kein Held mehr da wäre, dessen Schultern sie trügen? »Jetzt gib
+mir einen Menschen, gute Vorsicht!« läßt Schiller seinen König Philipp
+flehen, der die Natur zu einem toten Räderwerk hat erstarren lassen. Der
+Menschen scheinen auch wir um so mehr zu bedürfen, je imposanter unsere
+naturfreien Purpurfarben werden. Ich weiß wohl, daß es nicht an solchen
+fehlt, die in der Welt, und solchen, die im Reiche des Geistes etwas
+bedeuten; aber es kommt auf solche an, die beide Welten zusammenfassen. Man
+kann nicht Gott dienen und dem Mammon; aber man kann mit Gott den Mammon
+beherrschen. Marquis Posa war Gott zu treu, um Fürstendiener sein zu
+können; den klügsten und mächtigsten Fürsten seiner Zeit durch Gott zu
+regieren traute er sich zu, ja er liebte ihn, weil er das Elend seiner
+Gottesferne durchschaute. Solche Menschen brauchen wir, die zugleich
+Mittelpunkt und Peripherie, zugleich der Eine und das All, zugleich
+lichtbringendes Wort und Chaos sind.
+
+Das Licht ist ein Strahl, und der Strahl ist ein Schwert; das Licht
+erschafft die Welt, indem es die Finsternis von ihr abtrennt. Aber alle
+Lichter steigen auf aus Nacht und gehen in Nacht unter; das Feuer in
+seiner Majestät vernichtet. Aus den Mythologien wissen wir, daß die
+Feuergötter zweischneidig sind, böse und gut, tötend und lebendigmachend
+zugleich. Hast du nicht Ursache mir zu zürnen, daß ich dich mit Worten um
+den schwarzen Wein der Nacht bringe? Was mich entschuldigt, ist nur, daß es
+Worte aus dem Herzen, und daß sie also doch vielleicht etwas alkoholisch
+waren.
+
+
+
+
+XX
+
+
+Du sagst, geliebter Freund, mit dem Augenblick, wo Luther klar geworden
+wäre, daß er seine Kirche nicht fertig bauen konnte, weil er die wahren
+Christen nicht fand, die ihre Spitze hätten bilden sollen, hätte er den
+Kampf gegen die katholische Kirche aufgeben müssen. Es hätte ihm bewußt
+werden müssen, daß es der Natur der unsichtbaren Kirche widerspreche,
+sichtbar zu werden, daß also jede sichtbare Kirche zur unsichtbaren Kirche
+in dem Gegensatz stehen müsse, den das Sichtbare zum Unsichtbaren bilde. Er
+hätte doch auch den Zeremoniendienst der katholischen Kirche billigen
+müssen, insofern er der Entwickelung der Moral entgegenstehe und die Natur
+schütze.
+
+Darauf erwidere ich, daß das Sichtbare dem Unsichtbaren nicht nur
+entgegengesetzt, sondern auch mit ihm verbunden ist; Luther wollte eine
+solche Kirche gründen, die aus dem Sichtbaren ins Unsichtbare hinüberführt,
+die sichtbar und zugleich unsichtbar ist, und ich glaube, daß er das getan
+hat, soweit es damals möglich war.
+
+In der vorchristlichen Zeit vertrat der Hohepriester die Gemeinde vor Gott.
+Nur er konnte mit Gott verkehren, er hütete die heiligen Örter, vollzog die
+Opfer und betete für alle. Jede heilige, das heißt Gott zugeordnete
+Handlung war ein #opus operatum#, das heißt ein Werk, das durch seinen
+richtigen Vollzug wirksam war, also ein Zauber; derjenige, der das Werk
+vollziehen konnte, der Priester, war ein Zauberer. Die Möglichkeit des
+Zaubers, das heißt die Wirksamkeit richtig vollzogener Werke oder die
+Wirksamkeit bestimmter Örter, beruht auf dem, was wir jetzt Aberglauben
+nennen, was aber der Glaube der vorchristlichen Zeit war, auf dem Glauben
+an durch die Mittlerschaft des Priesters Gott geweihte Zeichen oder Werke.
+Mit dem Erscheinen Christi trat ein wesentlicher Unterschied ein, indem nun
+Christus die ganze Menschheit vertrat und dadurch das Priesteramt aufhob,
+wie das im Ebräerbriefe tiefsinnig und klar zugleich dargestellt ist.
+
+Danach besteht der Unterschied des Neuen Bundes gegenüber dem alten darin,
+daß Gott nunmehr seine Gesetze in den Sinn und das Herz der Menschen
+schreiben will, und daß niemand mehr seinem Nächsten die Erkenntnis des
+Herrn lehren soll: »Denn sie sollen mich alle erkennen, von dem Kleinsten
+an bis zu den Größesten.« Es soll auch nach Christus nicht mehr geopfert
+werden, da Christus einmal sein eigenes Blut geopfert und damit für ewige
+Zeit alle Opfer aufgehoben hat. Kurz: vor Christus suchte die Menschheit
+die Gottheit außer sich und glaubte an den Priester, von welchem sie
+voraussetzte, daß er die Gottheit kenne und den rechten Verkehr mit ihr
+wisse; Christus offenbarte, daß die Gottheit in uns selbst ist, und daß wir
+infolgedessen selbst mit Gott verkehren können, ja, mehr, daß nur jeder
+selbst glauben kann, nicht ein anderer für uns. Priester im alten Sinne
+brauchten demnach nur diejenigen, die nichts von Christus wußten oder nicht
+an ihn glaubten.
+
+Der lutherische Geistliche soll nichts weiter als Diener am Wort sein, die
+Heilige Schrift erklären und das Sakrament austeilen. Sie haben kein Werk
+zu vollziehen und zaubern nicht das Brot zu Gott; sondern den Zauber üben
+die Empfangenden durch den Glauben oder, insofern Gott den Glauben gibt,
+Gott selbst. Das Erscheinen Christi bedeutet demnach eine
+Mündigkeitserklärung der Menschen: vorher vermochten sie nur Sichtbares zu
+ergreifen, nun aber auch das Unsichtbare. Solange Sichtbares und
+Unsichtbares, Wort und Zeichen überhaupt nicht geschieden waren, war es
+durchaus nicht abergläubisch, an Äußerliches zu glauben; der Zustand der
+katholischen Kirche zu Luthers Zeit bewies aber, daß der Zeremonien- und
+Werkdienst Aberglauben geworden war.
+
+Ich glaube, du stimmst mir darin bei, daß die Priesterkirche für diejenigen
+überflüssig, ja verdammlich ist, die an Christus glauben. Luther durfte die
+Katholiken in diesem Sinne, wie er oft tat, die Synagoge oder die Juden zu
+Rom nennen, indem sie wie diese Christus nicht als einzigen und ewigen
+Hohepriester anerkannten. Allein Gott offenbart sich nicht nur
+nacheinander, sondern auch nebeneinander, und infolgedessen gibt es jetzt
+noch eine vorchristliche Menschheit; für diese muß die Priesterkirche da
+sein. Diejenigen, welche nicht glauben können, muß, wie einst, der
+Priester, an den sie glauben, weil sie ihn sehen, vor Gott vertreten.
+
+Die sogenannten Gebildeten zu Luthers Zeit glaubten tatsächlich alle nicht
+mehr an den Priester und das #opus operatum#; über diese Stufe waren sie
+hinaus. Luther wurde deshalb in diesem Punkte, im Kampfe gegen die
+Zeremonien, sehr gut verstanden; die Kirche selbst machte sich schleunig
+seine Gedanken über die Werke zu eigen. Im Gegensatz zu den Zeremonien
+empfahl Luther damals Werke der christlichen Liebe: man diene Gott, sagte
+er, wenn man mit dem bisher durch allerhand Werke verschlungenen Gelde den
+Armen beistehe oder seine Familie versorge. Er betonte damals, daß jeder
+Christ ein Heiliger sei, das heißt ein Gott geweihter Mensch, und daß man
+Gott mehr diene, wenn man den lebenden Heiligen in der Not helfe, als wenn
+man den toten Heiligen opfere. Dies leuchtete der damaligen, besonders der
+nordischen, auf das Weltliche und Moralische gerichteten Menschheit sehr
+ein, und Luther bemerkte bald, daß die guten Werke blieben, nur daß die
+gottesdienstlichen durch die weltdienstlichen oder bürgerlichen ersetzt
+wurden. Wenn er selbst den Armen half, so geschah es »im Glauben«, das
+heißt sein Herz trieb ihn dazu; aber die anderen übten die Werke der Liebe
+um irgendeines weltlichen Zweckes willen, sei es der bürgerlichen Ordnung
+wegen, oder um ihr Gewissen zu beschwichtigen, oder um für mildtätig
+gehalten zu werden oder was sonst immer. Nur betonte Luther, daß unter den
+zu verdammenden »guten Werken« durchaus nicht nur die Zeremonien, sondern
+ebensowohl die moralischen Handlungen zu verstehen seien; und du weißt ja,
+daß dieser verzweifelte Kampf gegen die Moral dann sein Leben ausfüllte,
+ohne Ergebnis und ohne Verständnis seiner Anhänger. Trotzdem verfiel er nie
+in den Irrtum, nun etwa doch zu den Zeremonien zurückzukehren, wie so viele
+andere getan hätten; man kann immer nur wieder das Allumfassende und
+Unbestechliche an Luthers Geist bestaunen. Waren deshalb die Zeremonien
+besser, weil die Moral noch gefährlicher war? Die Prüfungen, die der
+Auserwählte zu bestehen hat, werden immer schwerer, wie in der Zauberflöte.
+Die Versuchungen des Teufels durch das Fleisch erscheinen dem fast
+kindlich, den der Teufel in seiner Majestät, als Luzifer, im Geiste
+versucht. Auf die Versuchung der Moral folgt die, ohne Gottes Beistand
+vollkommen zu werden, das heißt edel. Das alles sah Luther; indessen
+dachte er nie daran, das Rad der Zeit aufzuhalten, er warnte nur.
+Betrachtet man den Lauf der Geschichte, so sieht man, daß Gott durchaus
+nicht mehr bei den Menschen des Zeremoniendienstes als bei denen der
+Werkheiligkeit war.
+
+Außer denjenigen, die ihrer Natur nach nicht glauben können, weil sie auf
+einer vorchristlichen Stufe stehen geblieben sind, nimmt die Priesterkirche
+auch diejenigen auf, die durch eine Schwäche des Geistes daran gehindert
+sind, die Allzupersönlichen, deren großes Wollen durch keine Kraft des
+Vollbringens gestützt wird. Es ist Luthers »zweiter Haufen«, soweit er sein
+Ziel, das Reich des Geistes, nicht erreichen kann. Diese Gescheiterten, die
+den naiven Zusammenhang mit der Welt verloren, aber den Mut nicht fanden,
+sie entschieden von sich zu stoßen und endlich zu überwinden, retten sich
+in den Hafen der Weltkirche, die ihnen die Selbsttäuschung gewährt, als
+wären sie mitten in der Welt bei Gott. Die zu hochmütig waren, sich vor
+einer Person zu demütigen, die vor Gott flohen, der das Opfer des Herzens
+fordert, unterwerfen sich dem unpersönlichen Stellvertreter Gottes, der,
+mit äußerlichen Opfern zufrieden, weltliche Gaben dafür gibt, die aber in
+der Welt als göttlich kursieren. Es gibt Menschen, die nicht zum großen
+Haufen zählen, sondern Auserwählte sein wollen, aber ohne den Preis dafür
+zu zahlen; die Priesterkirche ist für sie wie eine Universität, die den
+Doktortitel ohne Arbeit verleiht, oder wie ein fürstlicher Hof, der
+unbegabte Eitle zu Hofpoeten macht. Häufig ist das Katholischwerden für die
+Interessanten der höchste und letzte Augenblick ihres Lebens, dessen Wesen
+Genuß ihres Werdezustandes ist. Gehören zur katholischen Kirche alle
+Weltleute, diejenigen also, die einer sichtbaren Mittlerschaft bedürfen,
+um das Unsichtbare zu ergreifen, so will die lutherische Kirche durch
+Gesetz und Evangelium zum Glauben anleiten. Sie sammelt diejenigen, die für
+das ewige Licht empfänglich sind und sich von stärkeren Brüdern allmählich
+»von einer Klarheit zur anderen« führen lassen wollen. Wenn diese
+Stärkeren, die wahren Christen, der Kirche auch nicht förmlich einverleibt
+sind, so wie Luther sich das ursprünglich dachte, so daß sie ein Recht der
+Aufsicht über die Schwächeren hätten, strömt doch ihr Geist fortwährend den
+unteren Kreisen zu, wenigstens kann er es tun. Die Spitze der lutherischen
+Kirche wird sich immer in den Wolken verlieren; das aber ist kein Mangel,
+sondern ihr eigenstes Wesen, in dem Sichtbares und Unsichtbares eins
+werden. Sowie die Auserwählten sich zu einer sichtbaren Kirche formten,
+wären sie die Auserwählten nicht mehr; der Geist Gottes weht, wo er will,
+und läßt sich nicht binden. Nach Luther haben immer wieder hochgesinnte
+Geistliche versucht, wahre Christen zu finden und zur Hebung des
+öffentlichen Geistes zu vereinigen, woraus die Rosenkreuzer und ähnliche
+Verbindungen entstanden; aber das hat zu keinem Ziele geführt, während
+Goethe und Schiller, und natürlich nicht nur sie, mit ihren Werken dem
+Glauben zugute gekommen sind, ja gerade lutherischen Geist ausgeteilt
+haben. Der erste Teil von Goethes Faust ist eine dichterische Gestaltung
+der wesentlichen Ideen Luthers.
+
+Luther wußte genau, was für ein Segen ihm der Kampf gegen die
+Priesterkirche sei. Es beglückte ihn, als er zu der Einsicht gekommen war,
+daß der Papst der in der Schrift geweissagte Antichrist sei. Als ein Teil
+seiner Anhänger, namentlich Melanchthon, die Wiedervereinigung mit der
+Kirche wünschte, sagte er zwar, daß man den Papst anerkennen könne, wenn er
+das Evangelium freiließe und darauf verzichtete, Stellvertreter Gottes auf
+Erden sein zu wollen; aber er setzte hinzu, daß der Papst das nicht könnte,
+selbst wenn er es wollte, da die Welt ihn so haben wollte. Wer recht haßt,
+muß wünschen, das Gehaßte zu vernichten; aber irgendwie wird er doch
+fühlen, daß das Gehaßte dennoch zu seinem Leben gehört, ja, er würde es
+sonst arg nicht hassen. Es hat Maler angezogen, Cromwell vor der Leiche des
+von ihm getöteten Königs zu malen: in jenem Augenblick muß ihm die
+Notwendigkeit des eigenen Unterganges bewußt geworden sein. Eine ähnliche
+dunkle Ahnung mag Wallenstein bewegt haben, als man ihm den blutigen Koller
+Gustav Adolfs brachte.
+
+Luther hat öfters den Wunsch ausgesprochen, sein Tod solle dem Papsttum Tod
+bringen; und wirklich hat die Kirche allmählich ihren mittelalterlichen
+Charakter abgetan, aufgehört Ketzer zu verbrennen. Ich bin zu
+selbstsüchtig, um zu wünschen, sie möchten wieder damit anfangen; das
+glaube ich aber, daß eine Erneuerung der Religion auch eine Erneuerung der
+religiösen Gegensätze mit sich bringen würde.
+
+Gibt es nicht eine andere Möglichkeit? Ja, wenn das Unmögliche wirklich
+würde, und der Papst darauf verzichtete, Stellvertreter Gottes sein zu
+wollen, damit Christus selbst das Haupt der Kirche würde. Es bleibt uns
+nichts, als dieses Urteil Luthers zu wiederholen, der ja keine neue Kirche
+gründen, sondern die alte erneuern wollte. Noch im siebzehnten Jahrhundert
+betonten die Evangelischen, daß sie die eigentlichen Katholiken wären, die
+Glieder der urchristlichen Kirche. Vielleicht wird einmal noch die Idee des
+Mittelalters verwirklicht: ein Kaiserreich des Sichtbaren, begeistert und
+beseelt durch das in ihm wirkende Reich des Unsichtbaren, die Kirche.
+
+
+
+
+XXI
+
+
+Luther datierte seine endgültige Erlösung von der Melancholie nicht von dem
+Augenblick, wo er durch Staupitzens Vermittelung das Wesen Gottes erkannte,
+sondern von dem, wo er auf Staupitzens Befehl Professor und Prediger wurde.
+Dieser erste Schritt riß ihn göttlich zwingend auf seine gewaltige
+Laufbahn. Seine bewußte Seele kämpfte fortwährend gegen die hohe Berufung,
+wie die Propheten des Alten Bundes sich unter Qualen gegen Gottes Wort
+wehrten. Denn es ist so, daß Gott die am meisten Abgesonderten, die größten
+Sünder, zu seinem Werkzeug wählt; die Sterbenwollenden zwingt er zum Leben,
+weil er ein Gott des Lebens ist und den Tod haßt. Luthers persönliche
+Sehnsucht ging in den kühlen Tempel seines Innern, und wen rührte nicht der
+Schmelz seiner Stimme, wenn er dort kniet und anbetet. Die Süßigkeit dieser
+Stimme stand aber in Wechselbeziehung zu ihrer donnernden Kraft im Kampfe
+gegen die Welt. Einen Gegensatz zur Welt bedingt das Christentum; ist
+dieser Gegensatz einmal da, die Wendung nach dem Unsichtbaren hin
+vollzogen, so folgt natürlich die Neigung, sich ganz von der Welt abzulösen
+und in Gott zu versenken. Dies ist der Punkt, an dem viele, die berufen
+sind, scheitern: sie wissen nicht oder wollen nicht wissen, daß Gott zwar
+der Unsichtbare ist, aber im Sichtbaren erscheint; daß er das Zeichen zum
+Wort gesetzt hat. Gott, die Liebe, hat sich als Form, als Tat, als Wahrheit
+geäußert; daraus folgt, daß auch wir uns äußern und betätigen sollen. »Das
+Reich Gottes besteht nicht in Worten, sondern in der Kraft.« Gott sollen
+wir nicht nur im Herzen erkennen, sondern auch öffentlich bekennen.
+Christus war die Liebe, die Tat wurde, und Liebe, die nicht Tat wird, ist
+keine Liebe. Das enge Herz, das nur die eigene Welt erhält, ist
+menschlich; das göttliche hat einen Überfluß, der in die Welt hinaus wirkt.
+
+Das Problem der Beziehungen des Menschen zu Gott und den Menschen wurde zu
+Luthers Zeit als das Verhältnis von Glaube und Liebe verhandelt; ob der
+Glaube der Liebe vorangehen müsse oder umgekehrt, und welches von beiden
+größer sei. Da Luther damit begann, die guten Werke zu bekämpfen, war es
+natürlich, daß er zuerst die Notwendigkeit des Glaubens, der göttlichen
+Gesinnung, betonte, die Betätigung derselben nicht oder weniger erwähnend,
+hauptsächlich auch deshalb, weil sie ihm, seiner Natur nach,
+selbstverständlich war; indessen fügte er doch stets hinzu, daß aus dem
+Glauben an Gott die Liebe zu den Menschen von selbst folge, ja er sagte
+einmal, daß Glaube und Liebe überhaupt zusammenfielen, in der Weise, daß
+man ein und dieselbe Kraft in bezug auf Gott Glaube, in bezug auf die
+Menschen Liebe nennte. Bekanntlich hat Paulus in seinem Hoheliede der Liebe
+gesagt: »Und wenn ich allen Glauben hätte, also daß ich Berge versetzte,
+und hätte der Liebe nicht, so wäre ich nichts.« Luther mißbilligte das
+insofern, als es keinen Glauben, das heißt natürlich keinen Glauben an
+Gott, ohne Betätigung in der Liebe zu den Menschen gebe. Gott liebt die
+Menschen, weil sie »seines Geschlechts« sind; Liebe ist das Bewußtsein der
+Zusammengehörigkeit. Wer die Zusammengehörigkeit der Menschen nicht erkannt
+hat, hat auch Gott nicht erkannt, von dem alle Menschen ausgehen und in den
+alle münden. #Plenitudo legis est dilectio#, die Liebe ist des Gesetzes
+Erfüllung. Wer die Menschen liebt, ist gläubig und Gottes Kind, wenn er es
+auch selbst nicht wüßte, ja mit Worten bestritte; wer die Menschen nicht
+liebt, ist ungläubig, wenn er auch sein Leben mit der Betrachtung Gottes
+und Beobachtung göttlicher Gebote zubrächte. »Und wenn ich alle meine Habe
+den Armen gäbe und ließe meinen Leib brennen, und hätte der Liebe nicht, so
+wäre mirs nichts nütze.« Wie aber aus dem Glauben an Gott mit Notwendigkeit
+die Liebe des Göttlichen in der Menschheit fließt, so der Haß des
+Ungöttlichen in Form, Tat und Wort.
+
+Wenn man die Darstellungen Christi in der bildenden Kunst betrachtet, so
+sieht man, wieviel besser die Menschen den liebenden und verzeihenden
+Christus als den zürnenden begreifen; daß es keine Liebe des Guten ohne Haß
+des Bösen und Kampf gegen das Böse gibt, möchten sie sich gern verhehlen.
+Dennoch schildert die Heilige Schrift Christus deutlich als den kämpfenden
+und triumphierenden Helden, den allerdings im Gefühl seiner Liebe, im
+Bewußtsein seines Rechtes, seines notwendigen Unterganges in der Welt und
+seines Sieges im Geist auch im glühendsten Zorne eine großherzige
+Gelassenheit, eine strenge Sammlung nie verläßt. »Christus ist zu einem
+Zeichen gesetzt, dem widersprochen werden soll«, sagt Luther einmal, »und
+viele werden sich an ihm stoßen, fallen und sterben. Alles Streiten und
+Krieg des Alten Testaments sind Figur gewesen der Predigt des Evangelii,
+das muß und soll Streit, Uneinigkeit, Hader und Rumor anrichten.« Daß
+Christus selbst gesagt hat, er sei nicht gekommen, den Frieden zu bringen,
+sondern das Schwert, wirst du wissen. Sowie Christus das Boot betrete, sagt
+Luther, erhebe sich Sturm, und ein anderes Mal: »Denn wo der Mann kommt und
+sich sehen läßt, da hebt sich bald ein Rumor und Fallen an.« Widerspruch
+erregt und überwindet Christus durch die Liebe und die Wahrheit, die er
+vertritt, gegenüber der Selbstsucht und der Lüge, die in der Welt
+herrschen. Mitten in den Kampf ums Dasein hinein verkündet er das Recht
+der Liebe; der Lüge und Selbsttäuschung der Welt, daß sie, die Scheinende,
+Gott sei, stellt er die Wahrheit entgegen, daß er, der Unsichtbare, Gott
+ist. Den einzelnen, der sich an Gottes Stelle setzt, wirft er vom
+angemaßten Throne und ruft ihm zu, daß Gott im Ganzen ist, während der
+einzelne vergeht. Darum kann es nicht anders sein, als daß die wahren
+Christen um Christi willen werden Verfolgung leiden. »Kein Volk auf Erden
+muß solchen bitteren Haß leiden, sie müssen Ketzer, Buben, Teufel und die
+schädlichsten Leute auf Erden heißen.« Ja, man erkennt die Auserwählten
+daran, daß sie von der Welt gehaßt werden. Daß Luther die Werke, durch die
+der Glaube sich betätigt, den Kampf gegen das Böse außer uns, sowie den
+Kampf gegen das Böse in uns, diesen allerbittersten und allerschwersten
+verhältnismäßig viel weniger als den Glauben betonte, ist aus seiner Furcht
+zu erklären, die Menschen würden diese unwillkürlichen Werke, die der
+Glaube von selbst mit sich bringt, mit den willkürlichen Werken der Moral
+verwechseln. Dazu kommt, daß derjenige, der wirklich Glauben und Liebe hat
+und sie mit Notwendigkeit betätigt, vergißt, davon zu sprechen. Luthers
+Leben war ein fortwährendes Ausüben der Liebe, ein beständiges Sichopfern
+für die Menschen. Er wandte sich nicht mit vornehmer Verachtung von der
+Welt ab, sondern warf sich mitten in sie hinein, so daß er kaum noch, wie
+man sinnvoll sagt, zu sich selbst kam. Das ist es eben, was den Christen
+macht: Der sinnliche Mensch bejaht die Welt und genießt sie, der Buddhist
+oder Mystiker verneint sie und entsagt ihr, der Christ bejaht und verneint
+sie zugleich, das heißt er überwindet sie. Gewiß hat Luther die Hälfte
+seines köstlichen Lebens damit zugebracht, »Mansfeldische Säuhändel« zu
+schlichten, vom selben Wert wie jener letzte von allen, nach dessen
+Beilegung er starb. Er war der Beschützer aller Schwachen und Unterdrückten
+ohne eine Spur von Menschenfurcht. Was menschliche Größe ist, kann man aus
+Luthers Briefen an die Fürsten, mit denen er zu tun hatte, ersehen, vor
+allem an seine kursächsischen Oberherren. Es ist, als höre man Gott selbst
+sprechen: gütig, langmütig, wahr, die Herzen kennend und führend, zuweilen
+streng und blitzend, immer weit, himmelweit überlegen. Die gegnerischen
+Fürsten donnert er zusammen, daß man meint, es bleibe kein Stück von ihnen
+übrig; aber bei alledem ist es Donner, der aus einem Himmel
+unerschöpflicher Liebe kommt. Man begreift nicht, wie er die ungeheure
+Arbeit, die ihm durch die Sorge für andere Menschen auferlegt wurde,
+bewältigte; in der Tat hätte menschliche Kraft dazu nicht ausgereicht.
+Solche Menschen pflegen nicht viel von Liebe zu reden; tat Luther es
+einmal, so wurde allen anderen bange, weil sie merkten, daß das, was sie
+Liebe oder Mitleid nannten, gar nicht Liebe war. Sein Wirken ging immer
+gleichzeitig nach drei Seiten: liebend gegen die Hilfsbedürftigen, hassend
+gegen die Bösen, mahnend gegen die Gleichgültigen. Der schwerste Kampf ist
+eigentlich gar nicht der gegen das Böse; sondern der gegen die menschliche
+Trägheit, die unter der Maske der Nachgiebigkeit, Versöhnlichkeit und Milde
+das Böse und Unwahre vertuscht und sich dem Kampfe entziehen will. »Wenn du
+über das Evangelium richtig denkst, kann seine Sache nicht ohne Aufruhr,
+Skandal, Unruhe geführt werden. Du wirst aus dem Schwert keine Feder, aus
+dem Kriege keinen Frieden machen: das Wort Gottes ist Schwert, ist Krieg,
+ist Verderben, ist Ärgernis, ist Gift und wie ein Bär auf der Straße und
+ein Löwe im Walde.« So schrieb er an seinen Freund Spalatin, den Hofkaplan
+des Kurfürsten, der die Gegensätze wohl sah, aber nach weltlicher Art
+umgehen wollte. »Hüte dich zu glauben«, schrieb er demselben, »du könntest
+Christus in der Welt fördern mit Frieden und Sanftmut, der mit eigenem
+Blute gekämpft hat wie nach ihm alle Märtyrer.« Die Welt zieht deshalb den
+stets zum Vertuschen neigenden Melanchthon dem nie die Wahrheit
+verleugnenden, kämpfenden Luther vor. Auf Melanchthon allein gestellt,
+würde das von Luther neu aufgerichtete Evangelium kaum eine Spur
+hinterlassen haben; auch so verflachte es bald nach Luthers Tode. Das
+Größte ist, mit seiner Person für sein Wort eintreten, das ist, es mit
+seiner Person wie mit einem Schilde decken; aber »es gehört dazu ein
+trefflicher Mann, der ein Löwenherz habe, unerschrocken die Wahrheit zu
+sagen«. Die meisten Kämpfer unterscheiden sich von Luther dadurch, daß sie
+nicht aus Liebe Gottes und Haß des Teufels, sondern aus Eitelkeit, Neid und
+persönlichem Haß kämpfen; Luther hatte nur wenig redliche Gegner und keinen
+von göttlicher Liebe in den Kampf getriebenen. Viele unter seinen Feinden
+waren Neider und Nebenbuhler, denen seine Größe keine Ruhe ließ; nachdem er
+das Tor der Erkenntnis aufgebrochen hatte, drängten sie nach und wollten
+die vordersten sein. Anderen war es um ihre weltlichen Vorteile zu tun,
+andere wollten nur Aufsehen erregen. Luther durchschaute seine Gegner, und
+es war nicht anders möglich, als daß sie ihm widerwärtig waren, denen es
+immer in erster Linie um sich selbst, nicht um die Wahrheit zu tun war;
+aber selbst Karlstadt, der ihm mit seiner Eitelkeit das Leben so sauer
+gemacht hat, nahm er liebevoll auf, als derselbe sich im Elend an ihn
+wandte, und wurde sein Fürbitter beim Kurfürsten. Was für großmütige Liebe
+bricht aus seinen Worten über Ökolampad mitten im Abendmahlstreit: »Welchem
+Gott viel Gaben geschenkt hat vor viel anderen und mir ja herzlich für den
+Mann leid ist.« Wer in solchen Worten den Rhythmus des Herzens nicht
+fühlt, dem hat es selbst nie geschlagen. Kein einziger von Luthers Gegnern,
+wie bedeutend er auch sein möge, hat wie er Worte der Liebe; wie auch
+keiner wie er Worte des Zornes und Hasses hat.
+
+Gegen die Mystiker aller Art verhielt sich Luther deshalb streng ablehnend,
+weit mehr als gegen schlechtweg weltliche, religiös gleichgültige Leute. Er
+nannte sie Enthusiasten, Schwärmer und Flattergeister, insofern sie Gott
+nicht in der sinnlichen Erscheinung suchen, wo sie ihren Glauben irgendwie
+betätigen müßten, sondern im Geist, der eigentlich nirgends ist, und wo sie
+deshalb nur zu schwärmen und zu flattern brauchen. »Ich hasse die
+Flattergeister und liebe dein Gesetz«, sagte Luther mit David, das
+göttliche Gesetz, das Gehorsam und ein bestimmtes Tun verlangt, der
+unfruchtbaren Gefühlsschwelgerei des Mystikers entgegenstellend. Alles
+Frommtun im Winkel, das Pochen auf göttliche Eingebung außerhalb der Bibel,
+die Heiligkeit und Rührseligkeit gewisser Wanderprediger, jede Absonderung
+vom allgemeinen und öffentlichen Gottesdienst, wie sich das bei Waldensern
+und ähnlichen Sekten fand, flößte Luther Abneigung und Mißtrauen ein, auch
+wenn es zunächst sittlich makellos erschien. Zahlreiche Beispiele bewiesen,
+wie leicht die übersinnliche Geistigkeit in ungeistige Sinnlichkeit, in
+Zügellosigkeit nach jeder Richtung umschlägt. Aber auch die Mystik feiner,
+gutgesinnter Menschen bekämpfte er, zum Beispiel an Staupitz, den er wohl
+von allen Menschen am meisten geliebt hat. Ohne daß er darin je
+nachgelassen hätte, forderte er doch auch von ihm lautes Bekennen und
+Eintreten für seinen Glauben.
+
+ Selig, wer sich vor der Welt
+ Ohne Haß verschließt.
+
+Empfunden hat das Luther auch; viel mehr als Goethe, da er sich der Welt
+weit mehr in Liebe und Haß opferte und deshalb mehr unter ihr litt. Gegen
+das Ende seines Lebens verließ er einmal Wittenberg, um nie mehr
+zurückzukehren, so widerte ihn die zunehmende Gottlosigkeit seiner Umgebung
+an; aber die Bitten seines Fürsten bewogen ihn, das Joch wieder auf sich zu
+nehmen. Der gemarterte Prophet sehnte sich bitterlich nach Ruhe; aber der
+Gott des Lebens hieß ihn bis zum letzten Atemzuge leben. Leben ist die
+Aufgabe des Menschen und der Lohn des Heiligen, Tod ist das Ziel des
+Sichabsondernden und seine Strafe.
+
+Daß Tolstois Kampf, der mit so großer Gebärde der Welt den Handschuh
+hinwarf, doch verhältnismäßig wenig fruchtete, lag, wie mir scheint, an
+einer gewissen persönlichen Verschrobenheit und Schrullenhaftigkeit, die
+nun einmal den heutigen Menschen anhängt. Wir sind allzu persönlich
+geworden; unsere Verschiedenheit von den anderen, unser Fürsichsein, sollte
+das Gepräge sein, das das Allgemeine, das Göttliche, uns zueignet; aber es
+ist eine Maske geworden, unter der das Allgemeine geschwunden ist. Unsere
+Herzen sind teils zu enge, teils zu weit; sie haben den rhythmischen
+Wechsel von Flut und Ebbe nicht mehr. Alle die einzelnen, um die sich in
+Deutschland Gemeinden sammeln, haben weit mehr als Tolstoi etwas
+Gewaltsames, Groteskes, Winkelpredigerhaftes, Lächerliches. Die meisten von
+ihnen sind durch die Worte des Paulus gerichtet: »Und wenn ich mit
+Menschen- und mit Engelzungen redete, und hätte der Liebe nicht, so wäre
+ich ein klingendes Erz und eine tönende Schelle.« Sie wären wohl auch
+niemals auf den Markt getreten, wenn sie des Weihrauchs entbehren könnten,
+und mit Recht: ihr bißchen Gottähnlichkeit kann sich unserem glaubenslosen
+Klima nicht aussetzen.
+
+An die Stelle von Haß und Liebe, von Kampf und Opfer tritt bei den allzu
+persönlichen, ungläubigen Menschen unserer Zeit, bei den »Heuchlern und
+Gleisnern« die Medisance. Man läßt sich gefallen, was einem zuwider ist,
+und es ist einem alles zuwider außer man selbst; aber man rächt sich daran
+durch einen Spott, der zu höflich ist, um eine Herausforderung zu sein, und
+witzig genug, um sich nötigenfalls für einen Spaß auszugeben. Die
+Duldsamkeit ist nicht auf Großmut gegründet, sondern auf Gleichgültigkeit
+oder Angst vor dem Kampfe.
+
+Luther war allerdings der erste, der in religiösen Dingen den Grundsatz der
+Toleranz aufstellte; aber nur insoweit er es für unsinnig erklärte, Irrende
+dadurch überzeugen zu wollen, daß man sie verbrennte. Mit dem Wort aber
+solle man sich befehden, und er selbst vergleicht sich mit dem Propheten,
+der in einer Hand die Kelle führte und baute, in der anderen das Schwert,
+um sein Werk gegen die Feinde zu verteidigen. In einem brieflichen
+Gutachten an seinen kurfürstlichen Herrn schrieb er die berühmten Worte:
+»Man lasse sie nur getrost und frisch predigen, was sie künnten, und wider
+was sie wöllen; denn wie ich gesagt habe, es müssen Secten seyen
+(1. Kor. 11, 19), und das Wort Gottes muß zu Felde liegen und kämpfen,
+daher auch die Evangelisten heißen Heerscharen und Christus ein Heerkönig
+ist der Propheten. Ist der Geist recht, so wird er sich vor uns nicht
+furchten und wohl bleiben. Ist unser recht, so wird er sich vor ihnen auch
+nicht, noch vor jemand furchten. Man lasse die Geister aufeinander platzen
+und treffen. Werden etliche indes verführt, wohlan, so gehts nach rechtem
+Kriegslauf; wo ein Streit und Schlacht ist, da müssen etliche fallen und
+wund werden; wer aber redlich ficht, wird gekrönt werden.«
+
+Für Luther war der Christ wesentlich der Ritter, wie später für Gustav
+Adolf der Kavalier, der für Gottes Wort kämpft. »Ein Christenleben soll ein
+Krieg sein, und die das Wort haben, sollen vorhergehen in der Heerspitzen,
+das Schwert in der Faust haben und den Haufen hinter sich herziehen,
+gerüstet sein und allerwege auf die Puffe warten, wie in einer rechten
+Schlacht; sonst liegen wir bald darnieder.«
+
+Dickens, auch ein Genie der Liebe, pflegte während seines Aufenthaltes in
+Lausanne eine Blindenanstalt zu besuchen und beobachtete dort ein
+zehnjähriges Mädchen, das taub, stumm und blind geboren war und bisher ganz
+ununterrichtet im Hause seiner Eltern gelebt hatte. Sowie man dies Kind
+sich selbst überließ, das heißt, es nicht anrührte, kauerte es sich mit an
+die Ohren hinaufgezogenen Händen nieder, genau in der Haltung eines Kindes
+vor seiner Geburt, und blieb so. Es fiel Dickens auf, daß dies auch die
+Haltung der Wilden ist, wie verschiedene Reisende sie beschrieben haben,
+unter anderem Defoe: »Ihre Haltung bestand gewöhnlich darin, daß sie auf
+der Erde saßen, die Knie an den Mund hinaufgezogen und den Kopf zwischen
+beiden Händen auf die Knie herabgeneigt«; und er erkannte es als die
+embryonische Haltung der noch unentwickelten Seele. In der Anstalt
+versuchte man nun eine Verbindung des Kindes mit der Außenwelt
+herzustellen. Der Direktor gab ihr zwei glatte runde Steine, die sie
+zwischen den Händen hin und her rollte: »Sie scheint zu denken, daß dies zu
+etwas führen soll, erkennt deutlich die Hand, welche ihr die Steine gibt,
+als eine freundliche und schützende, und sitzt stundenlang ganz geschäftig
+da.« Man gewöhnte ihr die seltsame kauernde Haltung ab, erweckte in ihr das
+Vergnügen an der Geselligkeit, und sie begann zu lachen und in die Hände zu
+klatschen. »Ich habe nie in meinem Leben etwas in seiner Art
+Ergreifenderes gesehen«, erzählt Dickens, »als da man sie neulich in die
+Mitte einer Gruppe blinder Kinder stellte, die zur Klavierbegleitung im
+Chore sangen, und ihre Hand mit dem Instrument in Zusammenhang setzte und
+hielt. Ein Schauer durchdrang ihr ganzes Wesen, ihr Atem wurde schneller,
+ihr Gesicht rötete sich, und ich kann es mit nichts anderem vergleichen,
+als mit der Wiederbelebung eines beinah toten Menschen. Es war wahrhaft
+erschütternd, zu sehen, wie die Empfindung der Musik die in ihr
+verschlossene Seele erregte und aufscheuchte.« Ich mußte an das Bild
+denken, wie Gott mit seinem Finger den noch in seiner bewußtlosen Dumpfheit
+daliegenden Menschen anrührt und durch das Überströmen seiner Kraft das
+schlafende Herz weckt. Die Stellung, die Dickens beschreibt, ist die des
+ganz einsamen Ich, des noch nicht mit der Außenwelt verbundenen Ich, das
+eigentlich noch gar keins ist, weil es seiner noch nicht bewußt geworden
+ist; es ist die Stellung der Seele des an Dementia, an Geistesabwesenheit
+Kranken, des sich selbst anbetenden Ungläubigen, des hochmütig und
+furchtsam zugleich vor dem Kampfe des Lebens sich Verkriechenden. Man kann
+auch sagen, es ist die Haltung der Seele des Nichtchristen und des modernen
+Menschen. Und wie erschütternd, daß Dickens durch jenes Schauspiel so
+erschüttert wurde, der Mensch mit dem zarten, scheuen Kinderherzen, dennoch
+in einem beständigen qualvollen Kampfe den Abgrund überwand, der ihn von
+den anderen Menschen trennte, um sich ihnen hinzugeben und sie an sich zu
+reißen. In ganz anderen Formen sich darstellend, ist es doch dem Gehalte
+nach das Leben Luthers.
+
+Es ist auffallend, wie die Menschen der neuen Zeit zur indischen
+Philosophie hinneigen, sei es, daß sie indische Ideen in die christliche
+Religion hineinlegen oder geradezu die indische Philosophie über die
+christliche Religion erheben. Religion ist nur das Christentum, ja,
+Christentum und Religion ist gleichbedeutend, denn es ist die Verbindung
+der Menschheit zu einem Ganzen. Der Christ ist der, dem die Tat und das
+Wort gegeben sind, die die Menschen zu Brüdern und zu Gottessöhnen macht.
+Der Christ weiß, daß der Geist im Blute ist, ausgegossen zugleich mit dem
+vergossenen Blute Christi, und daß wir nur, wenn wir auch unser Blut
+vergießen, zu Gottmenschen werden. Die Frau vergießt ihr Blut, indem sie
+Kinder hervorbringt und alle Liebebedürftigen als ihre Kinder liebt, der
+Mann, indem er nicht nur für die Seinigen, sondern, soweit sein Einfluß
+reicht, für alle Hilfsbedürftigen kämpft. Du verstehst wohl, ohne daß ich
+es ausdrücklich bemerke, daß ich nicht an Krieg und Schwert denke, obwohl
+ja auch das in Betracht kommen kann; Liebe ist tatsächlich ein
+Blutvergießen, die starke Bewegung eines Herzens, das sein Blut durch den
+ganzen Körper hinströmt und ihn dadurch vergeistigt.
+
+Die Seele ist das im Gehirn sich spiegelnde Herz, das bewußt gewordene Ich.
+Setzt das Blut sich im Gehirn fest, so wird es dem Herzen entzogen, das
+Dunkel des Allerheiligsten wird allmählich hell gemacht, die Kraft in
+Wissen verwandelt, der Mensch entherzt, entgeistet, entgöttert. Es ist ein
+großer Augenblick, wenn das Ich sich erkennt; reißt es sich aber nicht
+rechtzeitig vom Spiegel los, so ist es wie Narziß verzaubert und verloren.
+Hier muß sich der Christ seines Herrn erinnern, der sich als Gottes Sohn
+erkannte, aber, wie es in der Bibel so schön heißt, seine Gottheit nicht
+für einen Raub hielt, nicht für sich behielt, sondern seinen geringeren
+Brüdern opferte. Je höher wir zu stehen glauben, desto mehr sollten wir uns
+getrieben fühlen, uns anderen hinzugeben. Nicht daß wir, wie Don
+Quichotte, der Welt unsere Ritterdienste aufzwingen sollen; das möchten die
+modernen Menschen wohl auch, ruhmvolle Taten tun, unerhörte Opfer bringen,
+zu denen durchaus keine Gelegenheit ist. Auch da kann man wieder von Luther
+lernen, daß es darauf ankommt, das Nächstliegende zu tun, daß wir uns nicht
+mit selbstausgedachten, wunderlichen Geboten quälen sollen, während wir
+nicht imstande sind, die einfachen, von Gott gegebenen zu erfüllen.
+
+
+
+
+XXII
+
+
+Einer von den neuen Bibelübersetzern hat herausgefunden, daß Luther den
+Spruch, es werde eher ein Kamel durch ein Nadelöhr gehen, als daß ein
+Reicher in das Reich Gottes eingehen werde, falsch übersetzt habe, indem
+das betreffende Wort nicht Nadelöhr, sondern eine besondere Tür, ich glaube
+eine niedrige Stalltür heiße, durch welche ein Kamel allenfalls, wenn auch
+mit Mühe, sich zwängen könne. Dies erzählte jemand in einer Gesellschaft
+nicht ohne Genugtuung und mit einer gewissen Schadenfreude, daß
+seinesgleichen durchaus nicht vom Himmel ausgeschlossen sei, wenn er etwa
+hinein wolle. Ich finde, man könnte immerhin beim Nadelöhr bleiben, das am
+anschaulichsten ausdrückt, was die Meinung der Heiligen Schrift und Luthers
+war, daß es nicht unmöglich, aber doch einem Wunder gleichzuachten sei,
+wenn ein Reicher in das Reich Gottes eingehe. Man muß nur bedenken, daß das
+Reich Gottes das Reich des Geistes, das innere Reich ist, das zum Reiche
+der Welt, dem äußeren Reiche, im Gegensatz steht, ebenso wie Äußeres und
+Inneres einander entgegengesetzt sind. Im Gelde ist die Welt verdichtet,
+insofern man für Geld die äußeren Güter haben kann, und Geld ist also schon
+ein Ausdruck dafür, daß jemand in der Welt heimisch ist; Reichtum ist ein
+Ergebnis, ein Aushängeschild der Welt, das beweist und nicht erst noch
+bewiesen zu werden braucht. Es beweist, daß, wenn nicht der Reiche selbst,
+so doch seine Eltern oder entferntere Vorfahren Weltmenschen waren, und daß
+seine eigene Neigung zum Geistes- oder Herzensleben nicht so stark ist, daß
+seine weltliche Erbschaft dadurch beeinträchtigt würde. Letzteres ist auch
+aus folgendem Grunde schwierig: Reichtum wird auf einem Höhepunkte der
+Kraft erworben, die bei den Erben schon nachzulassen anfängt; es kann
+demnach in der Regel nur ein geringes Maß von Kraft auf die Erwerbung der
+geistigen Güter verwendet werden. Auch vererbt sich die weltliche Begabung,
+welche den Vorfahren zu Erfolgen in der Welt verhalf, wenn auch nur in dem
+negativen Sinne, daß die Flügel, deren der Geistesmensch bedarf, durch
+langen Nichtgebrauch lahm geworden sind.
+
+»Niemand wickelt sich in weltliche Geschäfte, der göttlicher Ritterschaft
+warten will«, sagte Paulus. Es ist unmöglich, daß jemand, der stark im
+Geiste lebt, im Kampfe um äußere Güter siegreich sein, überhaupt sich in
+ihn ernstlich einlassen wird. Und »wo Christus ist, da ist auch Armut«,
+sagt Luther. Verdient ein Auserwählter etwa auch Geld, so wird er es doch
+nicht festhalten können, da er zum Geben, Mitteilen und Verschwenden
+überhaupt geneigt sein wird. »Wer liebt, verschwendet allezeit.« Es wird
+aber auch schwerlich ein Genie viel verdienen; denn die Welt bezahlt nur,
+was ihr nützt, die Wahrheit nützt ihr aber durchaus nicht, steht eher im
+Gegensatz zu ihr oder geht sie nichts an. Erst wenn das Göttliche
+verweltlicht ist, wenn die Idee irgendwie für weltliche Zwecke ausgebeutet
+werden kann, wird es bezahlt; dann aber pflegt derjenige nicht mehr zu
+leben, durch den es offenbart wurde. Erschiene Christus jetzt ohne
+Ausweis, der seine Identität feststellte, so würde er wieder gekreuzigt in
+irgendeiner Form, obwohl die Welt sich nach seinem Namen nennt.
+
+Luther sagte nun allerdings, es könne wohl auch ein Reicher ins Himmelreich
+kommen, wenn er nämlich geistig arm sei, das soll heißen, wenn er seinen
+Reichtum so habe, als habe er ihn nicht, als könne er ihn jeden Augenblick
+verlieren, ohne in seinem Inneren dadurch beeinträchtigt zu werden. In den
+Händen solle das Gut sein, nicht im Herzen, sagte er an anderer Stelle. Ist
+es aber nicht im Herzen, so wird es auch leicht aus den Händen fließen. Und
+wie sollte jemand, der die Möglichkeit hat, die Welt zu genießen, nicht
+dazu verlockt werden, es zu tun? Das würde auf einen Mangel an Kraft und
+Genußfähigkeit oder an ein Überwiegen der Moral, also auch wieder auf eine
+geistige Hemmung deuten. Genießt einer aber die Welt, so wird er dadurch
+allzu leicht vom Reiche des Geistes abgezogen. Ganz besonders wird einem
+göttlichen Herzen durch die Hilfsbedürftigkeit derer, die kein Geld haben,
+überflüssige Gelegenheit gegeben, das seinige loszuwerden.
+
+Es empört mich, wenn man mit einer gewissen hochmütigen Nachsicht über die
+Unordnung urteilt, die in den Finanzen des alternden Rembrandt herrschte.
+Es geht gegen die göttliche Logik, daß ein Genie ein guter Haushalter ist;
+ist es doch einer, so gehört das zu den Freiheiten, die Gott sich seinen
+Gesetzen gegenüber herausnimmt. Goethe wird deswegen von allen Weltmenschen
+auf den Schild gehoben, weil er zu beweisen scheint, daß man Weltmann und
+Genie zugleich sein könne; und es ist gewiß, daß er einer von den
+»hochgeistlichen« Menschen war, wie Luther es ausdrückte, die sich tief in
+die Welt verwickeln können, ohne ihren göttlichen Geist dabei einzubüßen.
+Andererseits beruht dies Phänomen wie Goethes Langlebigkeit doch auf einer
+Selbstbeschränkung, auf einem Sparen mit Herzkraft; das ermöglichte die
+Erscheinung eines vollständig abgerollten, auf allen seinen Stufen
+mustergültigen Lebens, das bewundernswert ist, aber nicht bewundernswerter
+als ein kürzer zusammengedrängtes und schneller verschwendetes wie das von
+Shakespeare, Beethoven oder Luther. Es ist wahr, daß man auch in weltlichen
+Dingen, ich meine in weltlich fördernden Dingen, von Goethe lernen kann;
+aber braucht man ein Genie dazu? Wenn nur das Göttliche mit ihm erscheint,
+das niemand lernen kann, das aber überspringt und zündet wie der Funke von
+der Flamme.
+
+Luther hätte sehr reich werden können, mir scheint, einer der reichsten
+Deutschen in damaliger Zeit; denn es gibt doch keinen Schriftsteller, der
+so gelesen worden wäre. Er hielt aber daran fest, kein Geld für seine
+Bücher zu nehmen, und lebte von einem dürftigen Professorengehalte. Einmal
+hatte er sogar, wie die Theologen nicht ohne Grauen bekennen, Schulden. Er
+nahm alle Zufluchtsuchenden bei sich auf, beschenkte alle Armen und
+Bettler, wenn er sonst nichts hatte, gab er die silbernen Becher weg, die
+ihm zuweilen verehrt wurden. Denke aber nicht, er sei ja ein Bauer gewesen
+und habe keine Bedürfnisse gehabt. Jeder geniale Mensch hat eine starke
+Sinnlichkeit, sieht gern Schönes, liebt Wohllaut, süße Gerüche und
+Wohlschmeckendes. Die Frömmler, die nur von Gott dem Geist etwas wissen
+wollten, machten es Luther zum Vorwurf, daß er die Laute spiele, Hemden mit
+bunten Bändern trage, Bilder in seinem Zimmer hängen habe und gern guten
+Wein trinke. Er hatte sogar zur Leipziger Disputation einen Blumenstrauß
+mitgenommen und zuweilen daran gerochen. Dennoch war er für seine Person
+anspruchslos und konnte mit dem Apostel Paulus sagen: »Ich kann niedrig
+sein und kann hoch sein; ich bin in allen Dingen und bei allen geschickt,
+beides, satt sein und hungern, beides, übrig haben und Mangel leiden.«
+
+Mir scheint, es wäre nicht so durchaus zu beklagen, wenn der Krieg zu einer
+Verarmung Europas führte; vielmehr ist vielleicht gerade das mit der Zweck
+des Krieges, aber nicht nur eine Verarmung, sondern auf der anderen Seite
+eine Bereicherung. Man hat viel von der Verarmung Deutschlands durch den
+Dreißigjährigen, den verheerendsten aller Kriege, gesprochen; in
+Wirklichkeit hat er nur die Armen ganz arm, die Reichen hat er reicher
+gemacht. Auf dem Lande namentlich und auch in den Städten war Dürftigkeit,
+an den Höfen war Überfluß sondergleichen; Reichtum und Armut waren also
+sehr scharf voneinander geschieden und bildeten einen starken Gegensatz.
+Auf der einen Seite war äußerste Selbstsucht und Genußfähigkeit, auf der
+anderen Seite Kampf und Not; aber aus den furchtlosen Herzen der Gequälten
+wuchs die Musik Bachs, ein Baum des Lebens, tropfend in allen Zweigen von
+Unsterblichkeit. Gott ist #consumens et abbrevians#: es wird unendlich viel
+Stoff verzehrt, aber er wird vertreten durch die Schönheit und Wahrheit, in
+die er sich verwandelt. Anstatt des Genusses hatten die Armen den Glauben.
+Wie mochte jenen evangelischen Pfarrern zumute sein, die, um ihre Gemeinde
+zu schützen, sich den Soldatenhorden entgegenwarfen und niedergestochen
+wurden und mitten im Sterben beteten: Ich werde nicht sterben, sondern
+leben! Die Ungläubigen verlachten das, da sie von dem Leben, das jene
+empfanden, nichts wußten. Armut ist nur unerträglich für Gottlose und in
+gottlosen Zeiten. Dementsprechend entstehen in gottlosen Zeiten die
+Wohltätigkeitsbestrebungen der Heuchler und Gleisner, die die Armen nicht
+wahrhaft beglücken können, was auch gar nicht ihr eigentlicher Zweck ist;
+sondern der ist, das eigene Gewissen zu befriedigen und die eigenen Genüsse
+dadurch von jeder Einschränkung zu befreien. Die wohleingerichteten
+Arbeiterheime und dergleichen muten an wie Friedhöfe, wo das Lebendige
+vermodert; ausgepumpte, luftleere Räume, wo die Menschen zu Mumien werden.
+Wenn ganz Europa so aussieht, ist wohl kein anderer Ausweg, als daß der
+Krieg es wieder zum Chaos stampft.
+
+Ich brauche, denke ich, nicht zu erwähnen, daß Luther weit entfernt war,
+den Müßiggang zu loben. Seine eigene Tätigkeit schildert er in einem Briefe
+einmal so: »Ich brauche beinah zwei Schreiber oder Kanzler und tue fast
+nichts den Tag über als Briefe schreiben; ich bin Klosterprediger, ich bin
+Prediger bei Tisch, man begehrt mich täglich zum Predigen in der
+Pfarrkirche; ich bin Leiter des Klosterstudiums, ich bin Ordensvikar, das
+ist soviel wie ein elffacher Prior, ich bin gesetzt über den Leitzkauer
+Fischteich, ich bin Sachwalter der Herzberger Mönche zu Torgau, ich lese
+über Paulus, ich trage die Psaltervorlesung zusammen; dazu kommt das
+Briefschreiben; selten habe ich die Zeit, meine Gebetsstunden ordentlich zu
+feiern, neben den mir eigenen Anfechtungen durch Fleisch, Welt und Teufel;
+sieh, was ich für ein müßiger Mensch bin.«
+
+Wovon er abmahnte und was er als Merkmal des ärgsten Unglaubens
+bezeichnete, ist das Sorgen und Geizen, allerdings ein Beweis des
+Mißtrauens in Gottes Kraft oder Milde. Das Erwerben des Geldes ist eine
+Form, in der die Sucht der Menschen nach Macht sich ausspricht; im Sparen
+und Geizen äußert sich mehr die Sucht nach Ruhe, die Angst vor Widerständen
+und dem Kampfe dagegen. Überwiegende Sehnsucht nach Ruhe ist aber Instinkt
+zum Tode, wenigstens zum geistigen Tode: wer sich gänzlich dem Kampf
+entzieht, entzieht sich dem Leben; alle solche Fälle pflegte Luther mit den
+Worten abzutun: lasset die Toten ihre Toten begraben. Armut ist eine äußere
+Hemmung, die nicht weggenommen werden kann, ohne daß innere, viel
+gefährlichere Hemmungen eintreten, deren letzte der Tod ist.
+
+Es liegt tiefe Weisheit und Liebe in dem Gebote Gottes, daß der Mensch im
+Schweiße seines Angesichts sein Brot verdienen soll. Mit Hinblick auf dies
+Gebot bekämpfte Luther unter anderem das Mönchsleben, wo der einzelne zwar
+Armut gelobt, aber nur, um sich ihr im ganzen zu entziehen. In den
+Tischreden sagt er: »Am sichersten ists, daß einer in einem gemeinen Stande
+sei und lebe, wie auch Christus unter dem Volk, wie sonst ein anderer
+gemeiner Mann, gelebt und kein sonderliches Leben geführt hat. Nicht in
+Winkeln und Kammern.« Das wiederholt er an anderer Stelle und gebraucht
+dabei den Ausdruck, Christus habe nicht wie ein Unhold gelebt.
+
+Wie Unholde in Winkeln leben viele, die sich jetzt für Auserwählte halten,
+vom Leben in eine künstliche Feierlichkeit zurückgezogen. Sie heiraten
+nicht, wenn sie arm sind, um nicht von den kleinen Widerwärtigkeiten des
+Lebens, Kindergeschrei, Geldmangel, Lärm und Enge, angegriffen zu werden,
+sie sehnen sich nach der Pracht oder kühlen Stille von Schlössern und
+Klöstern. Ein Herz muß sehr eng und schwach sein, das solche
+Schädlichkeiten nicht verzehren kann, nicht vielmehr durch sie angeregt
+wird.
+
+Im Grunde kann sich jeder glücklich schätzen, dem im Mangel eine äußere
+Hemmung gesetzt ist, die leichter zu überwinden ist als diejenige, die der
+Überfluß ins Innere treibt. Vielleicht überwindet man sie noch am ehesten,
+wenn man sie ganz wegwirft, wie Franz von Assisi tat; das wäre aber nicht
+eigentlich Luthers Ideal, der sich die höhere Aufgabe stellte, die Welt
+ganz zu erleben und dennoch zu bändigen.
+
+Es ist natürlich ebenso wie mit den einzelnen mit den Völkern: sie haben
+ihre geniale Zeit, wenn sie arm sind, sowie sie reich werden, werden sie
+auch weltlich. Beides ist berechtigt; nur muß man nicht glauben, daß man
+beides zugleich sein könne.
+
+Dein Brief berührte mich wehmütig, in dem du schriebst, es sei gewiß wahr,
+daß das Leben nicht im Denken oder Träumen, sondern im Wirken sei, und es
+sei sonderbar, daß die Menschen sich trotzdem stets nach Ruhe sehnten,
+unter der sie doch litten, und daß sie etwas Gutes zu tun glaubten, wenn
+sie ihren Kindern so viel Geld hinterließen, daß sie dadurch des Kampfes
+ums Dasein überhoben wären.
+
+Ja, als die verhängnisvolle Sehnsucht nach Ruhe, die Todessehnsucht, sich
+der Menschen bemächtigte, organisierten sie den Maschinenstaat und die
+Geldwirtschaft. Wenn die aus dem Herzen kommenden Worte von der Lippe
+abgelöst werden, sind sie nicht mehr Fleisch und Blut, sondern werden sie
+Schatten, Begriffe, etwas Unendliches und Unfruchtbares. Ebenso geht es mit
+dem Gelde, wenn es von dem Gegenstande, dessen Wert es vertritt, abgelöst
+wird. Mit dem wissenschaftlichen Denken zugleich entstand die
+Geldwirtschaft. Beides war der Ausdruck der Auflösung des kraftvollen,
+arbeitenden und Werte schaffenden Menschen und hat die Auflösung mehr und
+mehr befördert, hat die Toten begraben und haspelt über ihrem Grabe weiter.
+Nicht der Sozialismus kann uns vom Kapitalismus erretten, er führt nur die
+materielle Weltanschauung und die Geldwirtschaft #ad absurdum#; ein
+verjüngtes Leben, dessen Wesen schöpferische Arbeit ist, muß irgendwie auf
+Naturalwirtschaft begründet sein.
+
+Als wir alt und lahm wurden, machten wir uns goldene Flügel; aber sie
+tragen nicht, sie ziehen nur in den Staub. Erst wenn wir sie abgeworfen
+haben, werden wir wieder fliegen können.
+
+
+
+
+XXIII
+
+
+Als von dem Kampfe zwischen Menschenwort und Gotteswort die Rede war,
+erwähnte ich, glaube ich, daß man beobachtet hat, wie es die
+unwillkürlichen Vorgänge im Menschen stört, wenn man die Aufmerksamkeit
+darauf lenkt. Das geht so weit, daß die Wünsche erst dann in Erfüllung zu
+gehen pflegen, wenn man aufgehört hat zu wünschen, wie das Sprichwort wohl
+weiß: Was man in der Jugend wünscht, hat man im Alter die Fülle. Nietzsche
+bemerkte sehr gut und richtig, denn er hatte es wohl an sich selbst
+erfahren, daß eine gewisse »feurige Pressiertheit« dem Erfolge im Wege
+stehe. Das mag daher kommen, daß der Wille sich besonders nachdrücklich auf
+die Stellen wirft, die er im tiefsten Grunde als schwach erkannt hat: wer
+zutiefst weiß, daß ihm der Ruhm versagt ist, sucht heftig den Ruhm, ein
+anderer ebenso die Liebe, ein anderer anderes, das ihm nicht werden kann.
+Wie dem auch sei, man muß Gott »Raum lassen«, man muß überhaupt die
+selbsttätigen Kräfte zuweilen von sich werfen, damit sie einen nicht
+auffressen. Man muß in der Formlosigkeit, in der Bewußtlosigkeit, im
+Schweigen, im Gehorchen, im Nichtstun, in der Willenlosigkeit sich zuweilen
+von aller Selbsttätigkeit erholen, sonst würde sie eines Tages ganz
+abgenützt sein. Es ist eine Weisheit von der Gasse, daß nur wer gehorchen
+gelernt hat, befehlen kann, und wer nicht im Nichtstun versinken kann, wird
+keine Taten tun. Das ist ja eben der Glaube, die Passivität im Menschen,
+die uns fast ganz, ja sogar den Frauen abhanden gekommen ist; nicht die
+Ruhe der Erschöpfung, sondern lebendiges Ruhen, Aufnehmen Gottes. Das
+köstlichste und unentbehrlichste Verjüngungsbad des Menschen ist der
+Schlaf: tränke er nicht den Lethe aus dieser Schale, würde er nicht täglich
+neu erleben können. Der Schlaf ist dem Tagesleben gegenüber göttlich, und
+so ist es der Tod dem ganzen Leben gegenüber: er ist der tiefste Brunnen
+der Vergessenheit, aus dem der berauschte Schläfer dereinst ganz neu und
+jung auftauchen wird. Allerdings ist dieser letzte Schlaf unendlich viel
+tiefer als der zwischen einer unter- und aufgehenden Sonne, und er wird
+tiefer auflösen, tiefer verwandeln.
+
+Erinnerst du dich, daß ich erwähnte, man habe die Entdeckung von der
+Unsterblichkeit der Amöbe, des einzelligen Lebewesens oder der lebendigen
+Substanz, gemacht? Diese Amöben pflanzen sich durch Teilung fort und können
+das, bei richtiger Behandlung, ins Unendliche fortsetzen; aber sie sind
+auch keine Personen, sie sind und haben nichts für sich. Wenn eine Amöbe
+sich teilt, so ist es unmöglich, zu sagen, welche die Mutter und welche die
+Tochter sei: es ist immer nur lebendige Substanz. Im Maße, wie die Substanz
+selbsttätig, also geschlechtlich gespalten wird, entwickelt sich die
+Notwendigkeit des Sterbens. Das einzellige Wesen hat es noch leicht, seine
+Schlacken abzusondern; dem vielzelligen wird das immer schwerer und
+schwerer gemacht: wir sterben, weil wir ein Selbst, weil wir Person sind.
+Unsterblichkeit ist dem Menschen in der Heiligen Schrift auch niemals
+zugesprochen; im Gegenteil, es heißt von Gott: #Qui solus habet
+immortalitatem# -- Der allein Unsterblichkeit hat.
+
+Die Tatsache, daß die lebendige Substanz unsterblich ist, war Luther wohl
+bekannt; er drückte sie mit den Worten aus: Gott in seiner Natur kann nicht
+sterben. Ebenso hat die Bibel das Gesetz von der Erhaltung der Kraft
+gepredigt, daß Gott in seinem Wesen nicht sterben kann, welches die Kraft
+ist. Nur in seiner Person muß er sterben; das ist die große Tragödie des
+Menschen, auf welche das Alte Testament hinweist, und die im Neuen
+Testament unter Teilnahme der erbebenden Natur sich vollzieht.
+
+Daß der Mensch sterben muß, obwohl göttlichen Geschlechts, und daß nur die
+göttliche Kraft bleibt, die sich in ihm offenbarte, das ist in der
+Geschichte vom Kreuzestode des Herrn das Herz zerreißend unauslöschlich
+dargestellt. Alles, was man als heidnische Sinnenfreude rühmt, kann doch
+die Herrlichkeit des persönlichen Lebens nicht inbrünstiger ausdrücken, als
+diese Stunde des ewigen Abschieds. Allerdings ist es ja gerade die
+Schönheit des verhältnismäßig unbewußten und unpersönlichen Lebens, die wir
+heidnisch nennen und die uns zum Heidentum hinzieht; erst mit Christus
+konnte die ganze Furchtbarkeit des persönlichen Todes Erlebnis werden.
+
+Luther sagt in seinen Tischreden, Gott hasse den Tod so, daß er nicht
+einmal seinen Namen genannt habe, sondern er habe zu Adam gesagt: von Erde
+bist du genommen und sollst wieder Erde werden. »Ach, wenn Adams Fall nicht
+alles verderbt hätte, wie eine schöne, herrliche Kreatur Gottes wäre doch
+der Mensch, gezieret mit allerlei Erkenntnis und Weisheit! Wie seliglich
+hätte er gelebt ohne alle Mühe, Unglück, Krankheit, und wäre danach ohne
+alles Fühlen des Todes verwandelt worden, hätte dies zeitliche Leben
+abgelegt, an allen Kreaturen seine Lust und Freude gehabt und wäre eine
+feine, lustige Veränderung und Verwechselung aller Dinge gewesen. Wie in
+diesem elenden Leben Gott in vielen Kreaturen die Auferstehung der Toten
+entworfen und abgemalet hat.«
+
+Ja, wenn wir kein Selbstbewußtsein hätten, würden wir nicht sterben; aber
+gerade um Erhaltung unseres Selbst, das des Sterbens Ursache ist, ist es
+uns zu tun. Der dringende Wunsch, unser persönliches Selbst erhalten zu
+wissen, ist jedenfalls die Ursache, daß viele Menschen aus der Bibel und
+der christlichen Lehre die Verheißung eines Himmels herauslesen, in welchem
+sie persönlich weiterleben dürfen.
+
+Himmel, Hölle, Reich Gottes sind für Luther innerliche Zustände. Schon in
+den Thesen, die Herold seines Lebenswerkes waren, stellte er folgende Sätze
+auf: »Ist ein Sterbender von Sünden nur unvollkommen genesen oder ist seine
+Liebe nur unvollkommen, so empfindet er notwendigerweise große Furcht, und
+zwar um so größere, je geringer jene ist. Diese Furcht und dies Grauen sind
+an sich selbst hinreichend, um die Pein des Fegefeuers zu bereiten, da sie
+dem Grauen der Verzweiflung ganz nahe kommen. Wie mich dünkt, unterscheiden
+sich Hölle, Fegefeuer, Himmel genau so wie Verzweifeln, beinahe Verzweifeln
+und des Heils gewiß sein. Augenscheinlich bedürfen die Seelen im Fegefeuer
+Milderung des Grauens und Mehrung der Liebe.«
+
+Ebenso deutlich spricht sich Luther in seinem Trostschreiben an den
+sterbenskranken Kurfürsten Friedrich aus: »Denn wenn der Mensch sein
+[inneres] Übel empfände, so würde er die Hölle empfinden; denn er hat die
+Hölle in sich selbst.« Dementsprechend über den Himmel: »Alle diese Güter
+sind leibliche Güter und allen Menschen gemein. Aber ein Christenmensch hat
+viel bessere und vortrefflichere Güter inwendig in sich; das ist, er hat in
+sich den Glauben an Christum ... Denn wenn ein Christenmensch dasselbige
+Gut sichtbar empfände, so wäre er bereits im Himmel; denn das Himmelreich,
+wie Christus sagt, ist in uns selbst. Denn wer den Glauben hat, hat die
+Wahrheit und das Wort Gottes, wer das Wort Gottes hat, hat Gott, den
+Schöpfer aller Dinge. Und wenn der Seele offenbar würde, was das für große
+Güter wären, so würde sie im Augenblick von dem Leibe abgesondert vor
+überschwenglicher Gnadenfülle.«
+
+Die vielen Worte Christi über das Wesen des Reiches Gottes, daß es nicht in
+äußerlichen Gebärden stehe, daß es inwendig in uns sei, sind bekannt; und
+wie er den Juden vorwarf, daß sie einen Weltkönig wollten, der äußerliche
+Güter bringe, nicht einen Erlöser, der die Herrlichkeit des Inneren auftut.
+Dies ist so klar und oft betont, daß die Menschen, die sich ein Studium aus
+Gott und den göttlichen Dingen gemacht haben, es notwendigerweise
+eingesehen haben müssen; trotzdem schleicht sich offenbar wider besseres
+Wissen immer die Vorstellung ein, als handle es sich um etwas teils mit den
+Sinnen Ergreifbares, teils außer der Erscheinungswelt Bestehendes. So hat
+man zum Beispiel es Zwingli hoch angerechnet, als ein Zeichen seines
+umfassenden, vorurteilsfreien Geistes, daß er den großen Männern des
+Altertums einen Platz im Himmel einräumte, was Luther nicht tat. Und doch
+hat gerade Luther immer hervorgehoben, daß die Alten in weltlichen Dingen,
+die Sittlichkeit inbegriffen, den Christen weit überlegen waren, in allem,
+was Staat, Vaterland, Schule, Bildung, Kunst, wir würden sagen, was Kultur
+betrifft. Diesen Vorzug in der Kultur räumte er ihnen unbedingt ein; was er
+ihnen absprach, war die Kraft des Glaubens, alles, was mit dem stärkeren
+Persönlichkeitsbewußtsein, den inneren Spaltungen und der überwindenden
+Liebe zusammenhängt. Zwingli stellte sich unter Himmel etwas wie eine
+verklärte Wiese oder Wandelhalle vor, wo sich große Männer und edle Frauen
+im Gespräch ergingen, und er mochte unter ihnen die ihm aus der Geschichte
+vertrauten Helden und Philosophen des Altertums nicht missen. Davon
+abgesehen sprach er über die vorchristlichen Menschen ein Werturteil aus,
+welches sie von den Christen nicht wesentlich unterschied, während Luther
+einen wesentlichen Unterschied sah. Luther fragte zum Beispiel: Ist die
+Seligkeit des unbewußt Schaffenden so groß wie die dessen, der zwar auch
+unbewußt, zugleich aber unter Mitwirkung und im Gegensatz zu seinem
+bewußten Selbst schafft? Kann das Gefühl des naiven Menschen so innig sein,
+wie das dessen, der durch alle Kämpfe des Selbstseins und Selbstwollens
+hindurchgegangen ist? Kennt einer den Himmel, der ihn nicht der Hölle
+abgerungen hat? Hat man die Welt, wenn man sie nur von außen sieht, nicht
+auch in ihr Inneres eingedrungen ist? Antike Helden nahmen unerhörte Qualen
+auf sich, um das Vaterland zu retten oder ein gegebenes Wort nicht zu
+brechen, also um der Ehre willen; empfanden sie aber eine solche Seligkeit
+wie der christliche Märtyrer, der, während sein Körper brannte, über sich
+den Himmel offen sah? Hier entschied Luther, die Harmonie der höheren
+Kultur der Antike willig zugestehend, zugunsten des modernen persönlichen,
+des aus Liebe sich opfernden Menschen. Von jener überschwenglichen
+Gnadenfülle, die den Menschen töten würde, wenn er sie ganz erfaßte, ahnte
+Zwingli nichts und begriff infolgedessen auch nicht, was für Probleme
+Luther stellte.
+
+Denkt man daran, wie deutlich in der Bibel das Himmelreich als im Inneren
+des Menschen liegend gekennzeichnet ist, wie deutlich ferner öfters gesagt
+wird, daß Gott die Person nicht ansehe, so scheint es fast unbegreiflich,
+daß doch vielfach ein persönliches Weiterleben nach dem Tode als Lehre der
+Bibel angenommen wird. Dies liegt nun zum Teil daran, daß die Menschen
+geneigt sind, zu glauben, was sie wünschen, daß sie durch das gefärbte Glas
+der Persönlichkeit sehen, die ihr eigenes Weiterleben natürlich zumeist
+wünscht; daneben aber auch an der Bildersprache der großen Dichter, denen
+wir die Heilige Schrift verdanken. In bezug auf die Schilderung der
+Auferstehung der Toten im Thessalonicherbriefe sagte Luther, daß das eitel
+#verba allegorica# wären. Das geht auf das Blasen der Posaune und das
+Hinaufgerücktwerden der Toten in die Wolken, dem Herrn entgegen. Etwas
+anderes ist es mit der Lehre des Paulus vom unverweslichen Fleische, die
+natürlich wörtlich und nicht bildlich zu nehmen ist. Luther sagte, man
+würde sich richtiger ausdrücken, wenn man von der Auferstehung des Leibes
+und nicht von der Auferstehung des Fleisches spräche; woraus hervorgeht,
+daß es sich für ihn nur um die Dauer der Form oder der Idee des Menschen
+handelte. Er gebrauchte für Form in der Regel das Wort Gestalt, wie zum
+Beispiel an der Stelle im Evangelium, daß Christus, obwohl er voll
+göttlicher Gestalt gewesen sei, doch Knechtsgestalt angenommen habe. Er
+war, heißt das, das vollendete Ebenbild Gottes im Fleische oder die
+vollendete Idee des Gottmenschen. Im Anfange seiner Laufbahn disputierte
+Luther einmal über Platos Ideenlehre, deren Verwandtschaft mit der
+christlichen er jedenfalls erkannte; er gab aber seine ursprüngliche
+Absicht, die Lehre des Christentums philosophisch zu begründen, aus
+Instinkt vielleicht mehr als aus bewußten Gründen gänzlich auf. Doch
+spricht er in den Tischreden mit vieler Liebe und Bewunderung von Cicero,
+und wie ihm das Argument zu Herzen gegangen sei: »Daß er aus dem, daß die
+lebendigen Kreaturen, Vieh und Menschen, eins das andere, das ihm ähnlich
+und gleich ist, zeuget und gebieret, beweiset, daß ein Gott sei.« Gott ist
+die Einheit in der Vielheit, das Bleibende im Wandel. »Ich bin, der sich
+nicht verändert.«
+
+Nach christlicher Lehre nun offenbart sich Gott ganz und gar im Stoffe,
+ohne etwas zurückzubehalten, die bloße Majestät außer der Erscheinung, das
+Ding an sich, ist ein bloßer, vom Verstande ausgesparter Begriff. So weit
+wir auch die Erscheinung zerkleinern und teilen, um zur Idee zu gelangen,
+sie bleibt immer körperlich, wenn auch, wie Paulus es unvergleichlich klar
+und schön auseinandersetzt, in einer anderen Körperlichkeit, als die
+unseren Sinnen vertraut ist. Unverwesliches Fleisch nennt er eine letzte
+Einheit des Stoffes, die unser Verstand annimmt, von der wir uns aber keine
+Vorstellung machen können. Soweit der Mensch schon während seines
+persönlichen Lebens göttlich, also unvergänglich und unwandelbar ist,
+soweit bleibt er auch in jener ätherischen Körperlichkeit, über deren Natur
+wir nichts aussagen können. Diese Auffassung hat mit Spiritismus natürlich
+nichts zu tun; denn der Geisterglaube beruht ja gerade auf der Annahme
+persönlicher Fortdauer, während der Christ glaubt, daß nur die Substanz
+unsterblich ist. Luther lehnte den in seiner Zeit verbreiteten Glauben an
+die Möglichkeit des Wiedererscheinens Verstorbener scharf ab und sah nichts
+als Teufelwerk darin; das heißt, er hielt alle Geistererscheinungen, auch
+wenn er selbst sie sah, für absichtliche Täuschung oder Selbsttäuschung.
+
+Denke dir bitte Gott als einen Künstler, der die Idee eines Bildes hat,
+seines Ebenbildes; denn welcher Künstler schüfe im Grunde jemals etwas
+anderes als sein Ebenbild, wenn auch in unendlich vielen, immer neuen
+Gestaltungen. In einer einzigen Gestalt, nämlich in Christus, spiegelte
+Gott sich ganz, er faßte oder band die göttliche Idee ganz und gar;
+trotzdem er, soweit er historisch war, an einem gewissen Orte und zu einer
+gewissen Zeit erschien, unterstand er auch dem Gesetze der Vielheit und ist
+mit der Menschheit verbunden als ihr Haupt, ohne sie kein ganzer Körper,
+wie sie ohne ihn ein toter Rumpf wäre. Daß sich Christus bewußt war, Gott
+zu verkörpern, das macht seine Unsterblichkeit, seine Himmelfahrt aus;
+soweit wir Christus anziehen, das heißt sein Gottesbewußtsein teilen
+können, teilen wir auch seine Unsterblichkeit. Ein Bild besteht aus
+zahllosen Farbentupfen, die für sich nichts sind, da nur das Bild etwas ist
+und sie, soweit sie im Bilde sind. Wären die einzelnen Farbentupfen
+lebendig, so könnten sie, je mehr das Bild sich der Vollendung näherte,
+desto mehr sich des ganzen Bildes bewußt werden, vollständig aber erst
+könnte es der letzte, mit dem das Bild fertig wäre. In ihm lebte die Idee
+des Bildes und durch ihn könnten alle anderen an der ewigen Idee teilhaben,
+wenn sie sich mit ihm identifizierten. »Es fährt niemand gen Himmel, denn
+der herabgefahren ist, Jesus Christus.« Die Idee allein ist ewig, wir
+können nur ewig sein, soweit wir uns mit der Idee identifizieren. Darum
+wird gesagt, daß wir Christus anziehen müssen, wenn wir das ewige Leben
+haben wollen, und daß das ewige Leben bereits in diesem Leben beginnen muß.
+Nicht daß wir Christus nachfolgen, seine Werke tun, ist das wichtigste,
+wenigstens nicht das erste; das erste ist, daß wir selbst Christen werden,
+denn dadurch werden wir »Mitgenossen der göttlichen Natur«. Diese
+Identifikation der Menschen mit Christus liegt nun einerseits darin, daß
+Christus sich in der Menschheit entwickelt hat, andererseits darin, daß sie
+an ihn glauben, was die Bibel so ausdrückt, daß Christus der Menschheit
+Haupt sei. Insofern, sagt Luther, daß Christi Auferstehung täglich sich
+vollende, wenn wir hernach kämen. »Denn Christi Auferstehung und unsere muß
+man zusammenbinden und aneinanderhängen als für eine, weil er unser Haupt
+ist.« Er ist der Erstling der Kreatur und der Erstling derer, die schlafen:
+die Menschheit ist in ihm verewigt.
+
+»Summa, der tolle Geist geht mit Kindergedanken um, als fahre Christus auf
+und nieder«, sagte Luther einmal. Der Geist bewegt sich nicht von einem
+Orte zum anderen, wie Menschen tun, denn er ist ja schon überall
+gegenwärtig. Das Auffahren Christi gen Himmel ist ein Bild, welches
+ausdrückt, daß sein persönliches Dasein aufgehört hat, daß er aber nie
+aufhört, im Geiste zu sein. Daß dies Bild des Auffahrens nach oben sich
+unwillkürlich einstellt, kommt daher, daß der Mensch das Maß aller Dinge
+ist, und daß das Gehirn, das Organ, durch welches der Heilige Geist sich
+offenbart, das Organ des bewußten Geisteslebens, der Erinnerung, in unserem
+Körper oben liegt.
+
+Viele Menschen werden sagen, das wäre eine windige Unsterblichkeit, und ich
+gebe zu, uns eingefleischte Menschen kann nichts über den Verlust des
+Persönlichen trösten. Luther selbst, als mächtige Person, erklärte den Tod
+für die größte Anfechtung des Menschen. Bei der Stärke und Durchsichtigkeit
+seiner Äußerungen sieht man ihn oft mit dem Tode ringen, ihn herausfordern
+und verachten, dann wieder mit wunderschönen Phantomen ihn beschwören, wie
+man Schlangen tut mit Musik.
+
+Ich sagte gelegentlich, Gott, die pure Aktivität, hätte die Welt vernichten
+müssen, wenn sie nur leidend gewesen wäre; er habe deswegen eine Aktivität
+in sie gesetzt, die seine eigene hemmte, und habe sich dadurch ermöglicht,
+trotz beständigen Vernichtens schaffend zu bleiben. Ein Tun, bei welchem
+ebensoviel vernichtet wie geschaffen wird, nennt man verwandeln. »Ich sage
+euch ein Geheimnis«, sagt Paulus, »wir werden nicht ganz entschlafen,
+sondern wir werden verwandelt werden.« Dies Geheimnis eröffnet eine
+fabelhafte Aussicht.
+
+Ich bitte dich, dir Gott jetzt wieder als den Künstler zu denken, der
+inwendig voller Figur ist, und weil er ewiglich lebt, ewig etwas Neues
+ausgießt aus den Ideen durch das Werk. Er wird nie ruhen, sein Wesen ist ja
+Schaffen, und im selben Augenblick, wo er sein Bild, Christus, vollendet
+hat, beginnt er es von neuem. Christus ist immer da, sei es im Fleisch
+persönlich erscheinend, sei es im Fleisch sich entwickelnd. »Ich bin bei
+euch bis an das Ende der Tage.« Insofern hatte Nietzsche recht mit der
+Mahnung, wir sollten den Alp von uns werfen, als wären wir Epigonen. Die
+Menschheit ist immer zugleich nachchristlich und vorchristlich, wie
+Christus immer zugleich künftig und vergangen. Zwar gibt es immer irgendwo
+Epigonen, aber auch immer irgendwo Vorläufer. Daß Christus wiederkommen
+werde, ist in der Heiligen Schrift ausdrücklich gesagt; nur hebt das den
+Christus, den wir aus der Schrift kennen, nicht auf.
+
+Was Nietzsche die Ewige Wiederkunft nannte, ist dasselbe wie die
+christliche Lehre von der Restitution aller Dinge. Es ist sehr wohl
+möglich, daß Nietzsche darin nicht von Luther beeinflußt war, denn Ideen
+offenbaren sich nicht nur einmal, sondern immer wieder; jedenfalls haben
+seine schönen darauf bezüglichen Phantasien dem Wesen nach große
+Ähnlichkeit mit denen Luthers in den Tischreden. »Dieser Finger, daran
+dieser Ring steckt, muß mein wieder werden«, sagt er da. Und die Erde werde
+nicht leer, wüste und einödig sein, sondern alles werde da sein, was dazu
+gehört, »Schafe, Ochsen, Vieh, Fische, ohne welche die Erde und Himmel oder
+Luft nicht sein kann«. Indessen nahm Luther bei der Restitution der Dinge
+doch eine Veränderung an, wie er denn sagt, auf dieser neuen Erde werde
+Gott Hündlein schaffen, deren Haut werde golden sein und ihre Haare oder
+Locken von Edelstein. Das Wesen der Veränderung soll aber nach seiner
+Auffassung offenbar im Menschen liegen. »Denn ein Herz, das voll Freuden
+ist, was es siehet, das ist ihm alles fröhlich; aber ein traurig Herz, dem
+ist alles traurig, was es siehet. Änderung des Herzens ist eine große
+Änderung.« Er pflegte oft zu klagen, daß er schwach im Glauben sei und
+darum so wenig vermöchte, während der wahre Christ in Gott allmächtig sein
+sollte. In einer Vermehrung der Kraft sollte wesentlich die Seligkeit
+bestehen. »Wenn ich werde zum Ziegelstein sagen, daß er ein Smaragd werde,
+so wirds von Stund an geschehen.« Luther hatte viele Augenblicke im Leben,
+wo er aus Ziegelsteinen Smaragden machte, so wie die Griechen aus ihrem
+schäbigen Purpur die Götterfarbe machten. »Änderung des Herzens ist eine
+große Änderung.« In einer Kräftigung des Herzens liegt jede Vergöttlichung,
+und wenn Luther sagt, Gott werde einen neuen Himmel und eine neue Erde
+schaffen, viel weiter und breiter als heute, so wird er das auch nur durch
+Erneuerung des Herzens tun.
+
+Ich erwähnte vorhin, daß Luther den Heiden die Seligkeit absprach. Doch
+äußert er sich gelegentlich auch anders, so in den Tischreden über Cicero:
+»Cicero, ein weiser und fleißiger Mann, hat viel gelitten und getan. Ich
+hoffe, unser Herrgott werde ihm und seinesgleichen gnädig sein. Wiewohl uns
+nicht gebührt, das gewiß zu sagen noch zu definieren und schließen, sondern
+sollen bei dem Wort, das uns offenbart ist, bleiben: >Wer glaubet und
+getauft wird, der wird selig<; daß aber Gott nicht könnte dispensieren und
+einen Unterschied halten unter anderen Heiden und Völkern; da gebühret uns
+nicht zu wissen Zeit und Maße. Denn es wird ein neuer Himmel und eine neue
+Erde werden, viel weiter und breiter, denn sie jetzt ist. Er kann wohl
+einem jeglichen geben nach seinem Gefallen.«
+
+Das sind Phantasien über die Einheit des Menschengeschlechtes, wie Luther
+auch gern über die Zugehörigkeit des Tierreichs zu den Menschen, ja, über
+die Einheit der ganzen Schöpfung phantasierte.
+
+Gewiß ist eins: das dereinstige Ende unserer Erde im Feuer. »Der Herr unser
+Gott ist ein verzehrendes Feuer.« Das Feuer, Gott in seiner Majestät, wird
+am Jüngsten Tage alle seine Offenbarungen wieder zu sich nehmen; aber er
+wird sie auch wiederbringen, der ewig Schaffende, nie Ruhende, der zugleich
+Feuer und Geist ist, lebendige Kraft. Wird er alles wiederbringen so wie es
+war? Gibt es ewige Höllenstrafen? ewige Vernichtung dessen, was einmal war?
+Das sind Fragen, über denen Luther wohl einmal träumte, um sich schließlich
+doch gläubig der allmächtigen Gotteshand anzuvertrauen. Er hatte ein
+bewundernswert feines Gefühl für die Grenze des Allerheiligsten, jenseit
+welcher das heilige Dunkel herrschen soll; Scheu und Ehrfurcht hielten ihn
+dort zurück, und er verbot eindringlich, darüber zu grübeln, was Gott mit
+den Menschen nach ihrem Tode tun werde. Deutlich sagte er hingegen, was er
+nicht glaubte, nämlich eine Fortdauer der Person; ist doch Erweiterung, das
+ist Überwindung des Persönlichen, unsere irdische Aufgabe. Wenn er trotzdem
+sagt, daß dieser selbe Finger ihm wieder werden müsse, so ist das wohl
+nicht so aufzufassen, als werde er wissen, daß dies der Finger Martin
+Luthers sei; sondern es bedeutet, daß alles, was erschienen ist, stets
+wieder erscheinen müsse, als ewige Spiegelung des Seienden, der Idee, im
+Werdenden. Jedenfalls gibt es kein gröberes Mißverständnis, als wenn jemand
+sich einbildete, er wäre der wiedererschienene Martin Luther oder der
+wiedererschienene Christus. Für uns kann es keinen anderen Martin Luther
+geben als den historischen und keinen anderen Christus als den
+historischen; fühlen doch auch wir, wenn anders wir eine Person sind, daß
+die Wurzel unseres Selbst zwar jenseit unseres stetig sich verändernden
+Körpers, daß es aber doch unzertrennlich mit ihm verbunden ist.
+
+Der Schauder der Frühe überläuft die Erde schon; doch bitte ich dich, mir
+noch ein Weilchen zuzuhören: es ist süß, den Abschied hinauszuschieben,
+indem man vom Abschied plaudert.
+
+Die Kraft, Gott, das ewig wirkende Feuer, verdichtet sich zum Stoffe und im
+Stoffe zur Person, damit dieser Kern seine Strahlen zurückwerfen kann,
+damit Gott seiner bewußt wird, sich in seinem Ebenbild erkennt. Der Kern
+muß sich vom Ganzen absondern, sonst wäre er ja Gott selbst und könnte Gott
+sich nicht in ihm spiegeln: er hüllt sich in eine Kruste oder Haut, die ihn
+vom Nicht-Ich abschließt, zugleich aber mit dem Nicht-Ich verbindet. Die
+Haut ist reizbar, empfindlich; als ein Teil der Einheit, die in der
+Vielheit erscheint, ist das Einzelwesen berührbar durch die Kraft, die in
+zahllosen anderen Einzelwesen sich offenbart. Die Sinnlichkeit, durch
+welche die Haut den einzelnen mit der Welt verbindet, verteilt sich
+allmählich auf verschiedene Zonen: der Mensch empfindet die Außenwelt nicht
+nur mehr als Ganzes, sondern er sieht, er hört sie, er schmeckt, riecht und
+fühlt sie. Mit der Zeit aber, im Maße, wie das göttliche Feuer, welches das
+Einzelwesen für sich von der feurigen Gottheit zugeteilt bekam, verbraucht
+und verwandelt wird, erstarrt die Kruste und wird mürbe; die Haut wird
+runzlig, der Körper zerfällt. Wenn das Gehäuse, durch welches wir von Gott,
+dem Ganzen, dem Unsichtbaren, abgesondert und mit der erscheinenden Welt
+verbunden waren, zerbricht, so ist unsere Verbindung mit der erscheinenden
+Welt abgerissen, wir sind wieder eins mit der unsichtbaren Kraft. Wir sind
+wie Prinzen, die aus ihrem Königreich verbannt wurden. Damit man nicht
+erkennt, welchen Geblüts sie sind, tragen sie eine schützende Maske, bald
+diese, bald jene, und es kann vorkommen, daß sie in einem Kostüm heimisch
+werden und die Krone und den Purpur, der ihnen gebührte, fast vergessen.
+Sollten sie aber in dem Augenblick, wo sie jenes abwerfen dürfen, um ihre
+königliche Herrlichkeit anzulegen, um die bunte Maske traurig sein, die sie
+in der Verbannung vermummte? Ach, ich gestehe dir, ich kenne Masken, die so
+schön sind, daß der Gedanke an ihre Vergänglichkeit mir das Herz zerreißt.
+Aber kommt das vielleicht daher, daß ich diese durchsichtigen Verkleidungen
+liebe, durch welche der Stern, der die göttliche Abkunft verrät,
+verhängnisvoll hindurchscheint? Schon erfaßt sein strenges Feuer das
+farbenselige Gewand, das im Staube der Verbannung schleppte; das, was
+unerreichbar über allem Irdischen steht, wird gegenwärtig. Das Vollendete
+macht glücklich und traurig zugleich; trotz der morgendlichen Helle kann
+ich dich nicht sehen vor Tränen.
+
+
+
+
+XXIV
+
+
+Du hast mir strenger geschrieben, als ich ertragen kann, und ich glaube
+auch, als ich verdiene. Du sagst, ich hätte mit unheiligen Händen das
+Heilige zerfleischt, ich hätte getan wie ein Kind, das sein Spielzeug
+entzwei macht, um zu sehn, wie es inwendig aussieht; dann starrt es
+entsetzt auf seine leeren Hände und die Fetzen. Ja, es ist wahr, ich habe
+häßliche Verstandesarbeit getan; aber ich tat sie doch für dich. Erinnere
+dich, daß du mir schriebest, ich solle dir Gott beweisen; du tatest es wohl
+nur so leichthin, und doch können wir uns nicht verhehlen, daß wir beide an
+der Krankheit unseres Zeitalters teilhaben, und selbst wenn wir unserem
+Herzen trauen -- was die allerwenigsten tun --, denken wollen, was wir
+glauben. Gott ist ja auch kein Spielzeug, überhaupt kein Ding, dem ich
+etwas anhaben könnte; habe ich das je vergessen? Zurück können wir nicht;
+da wir einmal angefangen haben, das Wort von der Lippe abzulösen und
+Menschenworte, grundlose, unfruchtbare, in der Luft schwebende und darum
+endlose Gedanken daraus zu machen, müssen wir bis zur Verzweiflung
+weiterdenken: darin waren sich alle Reformatoren einig, daß der Glaube
+beginnt, wenn wir an uns selbst verzweifeln. Ich meine, die Verzweiflung
+durchbricht schon das laute Pochen auf die eigene Kraft. Jetzt müßte ein
+Johannes kommen, der predigte: Tut Buße, denn das Himmelreich ist nahe
+herbeigekommen! Wie schön ist dieses »denn«! Wäre das Himmelreich nicht
+nah, so verzweifelten wir auch nicht, die Gnade begegnet schon der Buße.
+
+Auch Luther wirfst du eine gewisse Zweideutigkeit vor; er habe einem den
+alten, weihnachtlichen Gottvater im Himmel geraubt, zugleich aber geahnt,
+was er den Menschen damit nehme, und darum das letzte Wort zurückbehalten.
+Mir scheint, er war nicht zweideutig, sondern zweiseitig: er stand auf
+einer schmalen Grenzscheide zwischen dem Reich der Phantasie und des
+Glaubens und dem der Wissenschaft und des Denkens, in das seine
+Zeitgenossen sich begierig ergossen. Er faßte das Unsichtbare und das
+Sichtbare noch einmal gewaltig zusammen; das aber konnte er freilich nicht
+ändern, daß es eine natürliche Einheit für ihn auch nicht mehr war. Er
+konnte und mußte denken wie alle Gebildeten seiner Zeit; aber er konnte
+auch glauben und lieben und aus Liebe handeln, was die andern nicht
+konnten. Daß hier und da eine Ritze klaffte, das ihm vorzuwerfen, sollte
+die Ehrfurcht vor seiner Größe und Güte verbieten.
+
+Im Anfange seiner Laufbahn disputierte Luther einmal über Sätze der
+Platonischen Philosophie und gab sich auch Mühe, die Heilige Schrift mit
+der scholastischen Philosophie in Einklang zu bringen. Nach seiner eigenen
+Aussage gab er es auf, weil es zu schwer sei, die »mehr als tartarische
+Verwirrung« zu lösen, die daraus hervorgeht, daß gleiche Ausdrücke für ganz
+verschiedene Begriffe gebraucht werden. Die Neigung, den Ideengehalt der
+Religion wissenschaftlich zu begründen, das Sein zu beweisen, welches doch
+eine bloße Fiktion des Gedankens ist, blieb trotzdem mächtig in ihm und
+tobte sich in Anfechtungen aus, da er sie möglichst unterdrückte. Mit Bezug
+auf seine gelegentlichen Versuche, von göttlichen Dingen wissenschaftlich
+zu reden, haben ihm sogar begeisterte Anhänger vorgeworfen, er tue zuweilen
+dasselbe, wofür er die Scholastiker gescholten habe, daß sie von Gott
+sprächen wie der Schuster vom Leder.
+
+Wie hätte er das aber ändern können? Seine Gemeinde bestand aus »rohen
+Bauern und einfältiger Jugend« und Männern, die überwiegend mit Verstand
+begabt waren, Verstand, der nur trennen und deshalb Gott, der gerade im
+Zusammenhang ist, gar nicht begreifen kann. Er kannte die Zudringlichkeit
+und Indiskretion solcher Menschen, die erst das Geistige, das Hörbare, vom
+Sichtbaren trennen, und es dann, weil es unsichtbar ist, für ein Loch
+halten, durch das sie eindringen und alles zerstören und zerkleinern zu
+können meinen, was sich ihrer Fassungskraft entzieht. Darum war er
+ängstlich, das Denken an die göttlichen Dinge herankommen zu lassen, und
+beim Abendmahlstreit brach es aus ihm heraus: »Das weiß Gott, ich schreibe
+solche hohe Dinge sehr ungern, weil es muß unter solche Hunde und Säue
+kommen.«
+
+Hast du die Erfahrung nicht auch schon gemacht, daß die Kritik sich am
+dreistesten an die höchsten Dinge macht, weil sie ja sie am wenigsten
+versteht und deswegen am meisten haßt?
+
+Daß Luther Deutschland vom Papste losriß und das Recht der freien Forschung
+verkündete, das begriffen seine Zeitgenossen, und Theologen, Soziologen,
+Juristen und Politiker zogen ihre Folgerungen daraus; daß er die Hand auf
+die Bibel legte, um die zentrifugalen Kräfte durch das geoffenbarte Wort an
+den Mittelpunkt zu binden, das übersahen sie geflissentlich oder legten es
+buchstäblich aus. In seiner liebevollen Sorge um die Menschen, als deren
+Genius er sich fühlte, entrollte er sein großes Göttergemälde wie einen
+Vorhang, der nicht Gott vor ihrer Dreistigkeit, aber sie vor dem Schicksal
+derer behüten sollte, die sich erkühnen, die Majestät mit unheiligen
+Fingern zu berühren.
+
+Auf die Ausbildung einer Art Geheimlehre gänzlich verzichtend, erklärte
+sich Luther einverstanden mit der Art der Behandlung des Christentums, die
+Melanchthon in seinen #loci communes# ausarbeitete: danach sollte über die
+göttliche Majestät, Dreieinigkeit, Schöpfung, Menschwerdung nicht
+spekuliert werden, sondern man sollte sich an Christus allein halten und
+mit den Forderungen des Gesetzes und Verheißungen des Evangeliums begnügen.
+Luther, der Gläubige und Wissende, konnte das tun; für die Menge aber hieß
+das, aus dem Göttlichen eine Historie machen; man schnitt Christus und sein
+Wort ab von seiner mystischen Verbindung mit dem Unsichtbaren, wodurch er
+immer blutleerer, flacher und fader wurde. Es hätte nicht aus der Religion
+Moral werden können, wenn man das Geheimnis nicht zugedeckt hätte. Das
+Evangelium, der Ausdruck des Gottbewußtseins, rauschte nicht mehr wie ein
+Strom durch die Welt, sondern lag wie ein erratischer Block darin,
+losgelöst von Gott, und der Welt nicht einverleibt. Nicht Luthers Schuld
+war das, sondern die seiner Zeitgenossen, die, wie Zwingli, es für geboten
+hielten, die beiden Naturen, die göttliche und menschliche, zu trennen, und
+damit Gott aus der Welt schafften.
+
+Diese Trennung zu vermeiden, gebot Luther, man solle Gott nur in seinem
+Wort und Werk suchen. »Gott ist entweder sichtlich oder unsichtlich.
+Sichtlich ist er in seinem Wort und Werk; wo aber sein Wort und Werk nicht
+ist, da soll man ihn nicht haben wollen, denn er läßt sich anderswo nicht
+finden, denn wie er sich offenbart hat. Sie aber wollen Gott mit ihrem
+Spekulieren ergreifen, da wird nichts aus; ergreifen den leidigen Teufel
+dafür, der will auch Gott sein.«
+
+Hier sehe ich einen einzigen Fehler darin, daß Luther hätte sagen müssen:
+sichtlich ist er in seinem Werk und unsichtlich in seinem Wort.
+
+Unter Spekulieren verstand Luther die Beschäftigung mit einem von der
+Erscheinung losgelösten Gott, dem Ding an sich, ein Hantieren mit Begriffen
+oder ein angebliches Philosophieren, das nichts als ein Ausspinnen eigener,
+willkürlicher Gedanken ist. Daß er gegen ein vernunftmäßiges, das heißt mit
+der Idee zusammenhängendes Denken nichts hatte, geht unter anderem aus
+folgender Briefstelle hervor; sie ist der Antwort auf die Frage eines
+adligen Herrn entnommen, ob der Mensch auch ohne Glauben selig werden
+könne.
+
+»Denn da muß der Natur Auge ganz ausgerissen sein und lauter Glaube da
+sein. Es gehet sonst ohne gräuliche fährliche Ärgernis nicht ab, und wo
+hierein fallen (wie denn gemeiniglich geschieht, daß jedermann am höchsten
+will anfahen), die noch jung und ungeübt im Glauben sind und mit der Natur
+Licht dies ansehn wollen, die stehen gar nahe dabei, daß sie einen großen
+Sturz und Fall nehmen, und in heimlich Widerwillen und Haß auf Gott
+geraten, dem darnach schwerlich zu raten ist. Deshalb ihnen zu raten ist,
+daß sie mit Gottes Gerichten unverworren bleiben, bis sie baß im Glauben
+erwachsen, und dieweil, wie S. Petrus sagt, der Milch sich nähren und
+soliden, starken Wein sparen, sich in den Leiden und der Menschheit Christi
+üben, und sein leiblich Leben und Wandel ansehn; sonst wird ihnen geschehen
+nach dem Spruch Salomonis: #Quis scrutator est Majestatis opprimetur a
+gloria.# Wer nach der Majestät forschet, den wird die Herrlichkeit
+verdrucken. Sind es Naturvernünftige, hohe, verständige Leute, so meiden
+sie nur bald diese Frage; sind es aber einfältige, tiefe, geistliche und
+versuchte Menschen im Glauben, mit denen kann man nichts Nützlichers denn
+solichs handeln. Denn wie der stark Wein den Kindern der Tod ist, also ist
+er der Alten Erquickung des Lebens. -- Wer nicht glaubt, der ist schon
+gericht.«
+
+Du siehst, unter naturvernünftigen, hohen, verständigen Leuten versteht
+Luther solche, die nur kritisch denken und infolgedessen nur einzelnes
+erfassen können; einfältige, tiefe, geistliche, im Glauben versuchte
+Menschen sind ihm die, welche das Ganze ergreifen und in der Erscheinung
+das ewige Sein sehen können. Jene können sich nur einen außerweltlichen
+Gott denken, also etwas, was eigentlich gar nicht ist, etwas Erdichtetes,
+womit sie sich gegenseitig täuschen; diese, daß Gott lebt, und Leben ist
+Wirken, Wirken der Kraft auf den Stoff, also gerade die Einheit von beidem.
+Der kritische Verstand betritt den heiligen Bezirk Gottes ohne Nutzen,
+höchstens zu seinem Schaden; aber »der Geist erforschet alle Dinge, auch
+die Tiefen der Gottheit«, wie es in den Korintherbriefen heißt. »Der
+natürliche Mensch vernimmt nichts vom Geist Gottes; es ist ihm eine Torheit
+und kann es nicht erkennen, denn es muß geistig gerichtet sein. Der
+geistige aber richtet alles und wird von niemand gerichtet.«
+
+Wovor Luther besonders warnte, war das Spekulieren über die Absichten
+Gottes in der Führung der Menschen; warum es einem Guten schlecht ginge,
+warum einem Bösen gut, warum überhaupt der Mensch so viel leiden müsse,
+warum der eine die Gnade habe, der andere nicht. Man sieht aus der
+Häufigkeit derartiger Fragestellungen, wie weit entfernt die Zeitgenossen
+Luthers davon waren, was Gott überhaupt sei, zu begreifen. Sie sahen im
+Grunde doch alle einen gutbürgerlichen Vater in ihm, der die Pflicht hat,
+für ein standesgemäßes, das heißt wohlhabendes Auftreten seiner Kinder zu
+sorgen und ihnen ein reichliche Zinsen abwerfendes Vermögen zu
+hinterlassen. Er war der Gott des großen Haufens, der für Erhaltung jedes
+einzelnen und Erhaltung der Art aufzukommen hat. Es ist rührend, zu sehen,
+wie Luther diese einseitige Auffassung zu berichtigen suchte voll
+Besorgnis, sie könnten dann von Gott gar nichts mehr wissen wollen. Es war
+ihm lächerlich, daß die Leute Gott und den Heiligen beständig mit den
+allerweltlichsten Gebeten in den Ohren lagen, und er stellte ihnen vor, daß
+ihm diese Angelegenheiten unmöglich so wichtig sein könnten; aber er
+unterließ nicht, freundlich hinzuzufügen, daß er das alles wohl auch noch
+überflüssig dazu gebe. Er erinnerte daran, daß schon Sokrates, der Heide,
+gesagt habe, man solle die Gottheit nicht um bestimmte Dinge bitten,
+sondern daß sie einem das gebe, wovon sie wisse, daß es einem gut und
+dienlich sei; aber er wußte, daß die »verkehrte Art« Wunder und Zeichen
+verlangte, durch die Gott seine Gottheit beweise, und, wenn er sagte, daß
+der Allwissende schon alles zuvor versehen habe, einwandten, Gott müsse
+doch den Weltlauf ändern können, wenn er allmächtig sei. Er erklärte, wenn
+geschrieben stehe, daß Gott die Niedrigen erhebe, sei das nicht so zu
+verstehen, als ob er die Hoffärtigen absetze und die Niedrigen auf ihre
+Plätze stelle; sondern es sei ein Erheben in Gott gemeint, wodurch sie
+innerlich und im Geiste über die Hohen der Welt erhoben würden. Er suchte
+stets die Logik des Geschehens nachzuweisen, durch die Gott sich dartue;
+aber zugleich glaubte er und wollte geglaubt haben, daß das Folgerichtige
+gut sei. Er wich deshalb niemals davon ab, von Gott als von einer
+persönlich menschlichen Kraft zu sprechen, nicht etwa vom Schicksal oder
+von der Weltseele, nicht einmal von der Vorsehung. Davon war die Folge bei
+anderen eine Vermenschlichung der Idee Gottes, die ihn selbst immer wieder
+in Staunen und Schrecken setzte. »Darum«, sagte er, »wenn wir der Gottheit
+gedenken, so müssen wir Ort und Zeit aus den Augen tun, denn unser Herrgott
+und Schöpfer muß etwas Höheres sein denn Ort, Zeit und Raum.« Immer wieder
+stieß er sich an seinen Zeitgenossen, die Gott entweder grobsinnlich sich
+vorstellten oder ihn in leere Begriffe auflösten.
+
+Gott als Person erfassen kann nur ein phantasievolles Kind oder ein Mann,
+in dessen kraftvollem Ich das göttliche Ich sich spiegelt. Deshalb ist in
+kraftvollen Zeiten, wo der Mann männlich und deshalb die Frau weiblich und
+das Kind kindlich ist, der Glaube an Gott selbstverständlich: der Mann
+erkennt ihn in seinem eigenen Selbst, Frauen und Kinder ergreifen ihn mit
+der Phantasie. Das ändert sich in den Zeiten des Alterns, wo die Kraft
+sich in Denken auflöst. Wenn Luther sagte, daß Gott in jedem Menschen sei,
+so erregte das grobe Mißverständnisse, und man warf ihm vor, er wolle, wie
+man sich ausdrückte, die Kreatur zum Schöpfer machen. Die Verbindung des
+einzelnen mit Gott fühlt der, den sie betrifft; mit Gottlosen davon zu
+sprechen ist gefährlich.
+
+Erst unsere Klassiker haben das inzwischen vorgerückte Weltbewußtsein
+wieder mit dem Gottesbewußtsein zu vereinigen gesucht; aber, besonders
+Schiller, doch im Geiste ihrer Zeit vom Gedanken ausgehend. Schiller sagte:
+»Welche Religion ich bekenne? Keine von allen, die du mir nennst. -- Und
+warum keine? Aus Religion.« Goethe empfand zwar viel einheitlicher, doch
+war auch seine Überzeugung: »Wer darf ihn nennen? Und wer bekennen: ich
+glaub ihn? Gefühl ist alles; Name ist Schall und Rauch, umnebelnd
+Himmelsglut.« Das ist durch und durch antilutherisch. Wenn das Brot
+überkommt das Nennen von Gott, dann wird es der Leib Christi. Dadurch, daß
+Gott die Welt nannte, ward sie. Ich hasse die Flattergeister, sagte Luther
+mit David, und liebe deine Gesetze. Gott ist nicht im Unsichtbaren und
+nicht im Sichtbaren, sondern in der Wirkung des Unsichtbaren auf das
+Sichtbare, woraus Form, Tat oder Wort entsteht. Was nicht Form, Tat oder
+Wort geworden ist, das ist im Werden, aber nicht im Sein. In der bildenden
+Kunst muß die Kraft Form werden, in der Liebe Tat, in der Erkenntnis Wort,
+in der Religion Kult. Luther wußte, daß dem wahren Christen jeder Tag und
+jede Erscheinung göttlich und darum heilig ist; trotzdem wollte er den
+Glauben an das Abendmahl gebunden haben, weil Gott sein Wort eben mit
+diesem Zeichen verbunden hatte. Der einzelne kann Gott immer und überall
+anbeten; aber die Gemeinde soll es in dem von Gott gestifteten Kult tun,
+und jeder einzelne ist ein Teil der Gemeinde.
+
+Übrigens hat Goethe, dessen Wesensart Luther von den Späteren doch am
+nächsten stand, das Fehlen einer Kirche begriffen und tief beklagt. In
+seinem Märchen hat er von den drei Bildern der Weisheit, der Schönheit und
+der Kraft gesprochen, die aus der Liebe hervorgehen: der göttlichen
+Dreieinigkeit, die in der Liebe eins ist. »Ach! warum steht der Tempel
+nicht am Flusse!« Wenn es aber an der Zeit ist, wird er aus der Tiefe an
+das Licht des Tages auftauchen.
+
+Ich habe vorhin eins nicht erwähnt, was es Luther erschwerte, das Innere am
+Äußeren zu demonstrieren; das war nämlich die geringe Kenntnis der Natur zu
+seiner Zeit. Die einseitige Richtung auf das Äußere, die den Glauben
+aufhob, mag notwendig gewesen sein, damit der Glauben ins Schauen übergehen
+könnte. Die Idee, Gott in seiner Majestät, wird immer im heiligen Dunkel
+bleiben; aber die Schöpfung, in der die Idee sich offenbart, ihr
+mannigfaches Kleid, das ist der Forschung zugänglich, und je besser man das
+erkennt, desto besser erkennt man Gott, der es trägt. Da die Form, in der
+eine Idee sich ausprägt, diese Idee selbst ist, nur von außen gesehen, so
+muß man durch die Form die Idee selbst erkennen, und zwar ohne sie zu
+betasten und zu entweihen. Durch die Erkenntnis der Natur nähert man sich
+Gott mit dem Verstande und den Sinnen, den Luther fast nur intuitiv durch
+das Herz und die Sinne begreifen konnte; insofern haben vielleicht die
+Jahrhunderte der Naturwissenschaft der tieferen Gottesverehrung den Weg
+bereitet.
+
+Wenn ich sagte tiefere Gottesverehrung, so meinte ich das nicht in bezug
+auf Luther. Ein genialer Mensch, ein solcher, dessen großes Herz Geist und
+Natur zusammenbinden kann, hat immer das allertiefste Gottesbewußtsein,
+weil Gott in ihm ist; er erkennt unmittelbar und weiß, daß der mittelbare
+Zusammenhang da ist. Für die Allgemeinheit mußte die Möglichkeit dieses
+mittelbaren Zusammenhanges erst erobert werden, bevor sie sich dem Glauben
+wieder hingeben konnte. Die Menschen scheinen jetzt aus dem unterirdischen
+Gange, den sie sich gegraben haben, wieder ans Licht zu wollen; vom
+umgekehrten Standpunkte aus gesehen, sehnen sie sich aus dem Vorhofe wieder
+ins Dunkel des Allerheiligsten. Wer wohl, wenn die Kirche neu, siebenmal
+geglüht aus der feurigen Tiefe steigt, Haushalter über den göttlichen
+Geheimnissen, Diener am Wort und Sakrament sein wird? Kein Geistlicher,
+sondern ein Geistmensch.
+
+Die Kirche als Gebäude hat sich vom Dunkel zur Helligkeit entwickelt: in
+dem vorchristlichen Tempel verhüllte Finsternis die Götterbilder, und die
+altchristliche Kirche war im Innern der Erde, woran die Krypta der
+romanischen Kirche noch erinnerte. Noch in der gotischen Kathedrale, wenn
+sie auch farbig gebrochenes Licht durch hohe Fenster einließ, die ihre
+Mauern auflösten, wogte es chaotisch; erst die Kirchen der Renaissance, des
+Barock und Rokoko ließen das Licht ganz einströmen und das Allerheiligste
+in einen Festsaal verwandeln. Wo die sinnliche Schönheit fehlte, wie in der
+reformierten Kirche, herrschte statt der Weltfreudigkeit die schamlose
+Nüchternheit des bloßen Verstandes. Nun gibt es nur zwei Wege, die zum
+Berge der Seligkeiten, wo der Herr die Freiheit der Liebe verkündete, das
+ist außerhalb der sichtbaren Kirche, oder zurück in das Dunkel heiliger
+Mauern. Man muß sich klar sein, daß nicht beides zusammenfallen kann, daß
+»die wahren Göttersöhne« unter den Sternen anbeten, daß die sichtbare
+Kirche begrenzt ist. Was hatte Luther im tiefsten Grunde mit Konfessionen
+zu tun! Er schrieb einmal einen wundervollen Brief an den bayrischen
+Hofmusiker Ludwig Senfel, in dem er um die Komposition des Psalms bat, den
+er vor allen liebte. »Obwohl mein Name verhaßt ist, so daß ich fürchten
+muß, daß dieser Brief, den ich dir schreibe, liebster Ludwig, nicht sicher
+von dir empfangen und gelesen werden kann, so hat doch meine Liebe zur
+Musik, mit der ich dich von meinem Gott begabt und geschmückt sehe, diese
+Furcht überwunden. Diese Liebe gibt mir auch Hoffnung, daß dir dieser Brief
+nicht Gefahr bringt: denn wer außer in der Türkei würde es tadeln, wenn
+einer die Kunst liebt und den Künstler rühmt? Lobe ich doch auch deine
+bayrischen Herzöge sehr, obwohl sie mir gar nicht gnädig sind, und verehre
+sie vor andern, weil sie die Musik so schützen und ehren. Denn es ist kein
+Zweifel, daß viel Samen des Guten in den Gemütern ist, die die Musik
+lieben; die sie aber nicht lieben, halte ich Stümpfen und Steinen für
+ähnlich.« So dachte und sprach Luther in seiner unsichtbaren Kirche, da, wo
+er heimisch war. Das Reich des Geistes ist jenseit von Katholizismus und
+Protestantismus; aber gerade weil es unsichtbar ist, kann es in der Welt
+nie verkörpert und umgrenzt sein. In jeder sichtbaren Kirche oder Akademie
+oder was für eine Korporation es sonst sei, wird der Geist immer nur Gast
+sein, die schwebende Taube, das Feuer, das in Flocken tropft wann und wohin
+es will.
+
+Folgt aber daraus, daß keine sichtbare Kirche sein könnte? Mir scheint, nur
+das, daß die eine, allgemeine, sichtbare Kirche sich mächtig auf die Erde
+gründen, mit der Spitze aber in den Himmel ragen sollte, Menschen ihre
+Diener, Christus ihr Haupt.
+
+Eben fällt aus dem Allerheiligsten der Nacht von dem Götterbild, das sie
+verbirgt, ein Glänzen in den erschaudernden Raum. Der Augenblick der
+Schöpfung ist bald da, der zugleich ein Augenblick des Scheidens ist. Es
+bleibt noch so viel Zeit übrig, auf die letzte und heikelste Bemerkung zu
+antworten, die du mir in deinem Briefe machtest. Du schreibst, die
+Nutzanwendung meiner Fabeln lasse sich in dem Verse Goethes zusammenfassen:
+
+ Nur wo du bist, sei alles, immer kindlich,
+ So bist du alles, bist unüberwindlich.
+
+Nun hätte ich aber selbst gesagt, nichts schlage so sehr in ein häßliches
+Gegenteil um, wenn man es bewußt sein oder ausüben wolle, als Kindlichkeit,
+Naivität. Ich müßte, wenn ich folgerichtig wäre, eher dazu tun, daß alles
+geschriebene und gedruckte Wort verbrannt würde, als seine Masse vermehren.
+Das wäre wohl richtig, wenn meine Worte etwas anderes sein wollten, als
+Wegweiser zum Worte von Gott. An dich richtete ich überhaupt nur die
+Fabeln, nicht die Nutzanwendung, da ich nicht denke, daß du ihrer bedarfst;
+ich schreibe an einen Wissenden, sie sollten dir nicht mehr als ein Spiegel
+sein, in dem man sich zur Kurzweil einmal betrachtet. Läse sie sonst
+jemand, sollten sie ihm nur Mut machen, den Adlerweg des Glaubens zu
+betreten, der, pfeilerlos und geländerlos, doch der sicherste zum Ziel ist.
+
+In meiner Ausgabe der Märchen von Tausendundeine Nacht gibt es ein
+Titelbild, wo zu sehen ist, wie der Sultan der vor ihm knienden
+Scheherazade verzeiht. Darüber mußte ich immer lachen, denn es schien mir,
+als hätte er ihr vielmehr für die schönen Geschichten zu danken, die sie
+ihm erzählt hatte. Märchen indessen haben immer recht, und so bittet denn
+auch dich, nun der unerbittliche Luzifer, mit dem Schwerte trennend, ihr
+den redseligen Mund endgültig schließt, Scheherazade um Verzeihung. Es ist
+die Flutzeit des Lichtes, schon donnert es an den Strand der Erde, und die
+summenden Sterne verlieren sich; nun rede du, nein, vielmehr nun handle du!
+
+
+
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+Anmerkungen zur Transkription
+
+ Seite 12: »Math. 21, 31« wurde geändert in »Matth. 21, 31«
+ Seite 48: »Jede antikisiernde Kunstrichtung« wurde geändert in
+ »Jede antikisierende Kunstrichtung«
+ Seite 51: »Diesen Umstand, daß die Natur« wurde geändert in
+ »Dieser Umstand, daß die Natur«
+ Seite 141: »nie ein lebendiges Ganze werden können« wurde geändert in
+ »nie ein lebendiges Ganzes werden können«
+ Seite 144: »consumans et abbrevians« wurde geändert in
+ »consumens et abbrevians«
+ Seite 160: »um nur an die Ungegelehrten« wurde geändert in
+ »um nur an die Ungelehrten«
+ Seite 182: »Daß heißt« wurde geändert in »Das heißt«
+ Seite 186: »sowohl im Makrokosmus wie im Mikrokosmus« wurde geändert in
+ »sowohl im Makrokosmos wie im Mikrokosmos«
+ Seite 214: »das keine Persönlichket duldet« wurde geändert in
+ »das keine Persönlichkeit duldet«
+ Seite 240: »consummans et abbrevians« wurde geändert in
+ »consumens et abbrevians«
+
+
+
+***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK LUTHERS GLAUBE***
+
+
+******* This file should be named 39430-8.txt or 39430-8.zip *******
+
+
+This and all associated files of various formats will be found in:
+http://www.gutenberg.org/dirs/3/9/4/3/39430
+
+
+
+Updated editions will replace the previous one--the old editions
+will be renamed.
+
+Creating the works from public domain print editions means that no
+one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
+(and you!) can copy and distribute it in the United States without
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+set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
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+Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you
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+such as creation of derivative works, reports, performances and
+research. They may be modified and printed and given away--you may do
+practically ANYTHING with public domain eBooks. Redistribution is
+subject to the trademark license, especially commercial
+redistribution.
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+*** START: FULL LICENSE ***
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+
+1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be
+used on or associated in any way with an electronic work by people who
+agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few
+things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
+even without complying with the full terms of this agreement. See
+paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
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+and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
+works. See paragraph 1.E below.
+
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+or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
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+opportunities to fix the problem.
+
+1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth
+in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS', WITH NO OTHER
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+
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+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at http://www.gutenberg.org/fundraising/pglaf.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at http://www.gutenberg.org/about/contact
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit http://www.gutenberg.org/fundraising/donate
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including checks, online payments and credit card donations.
+To donate, please visit:
+http://www.gutenberg.org/fundraising/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
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+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
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