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@@ -0,0 +1,7273 @@
+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 40012 ***
+
+Anmerkungen zur Transkription:
+
+Schreibweise und Interpunktion des Originaltextes wurden übernommen;
+lediglich offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert. Der
+Originaltext ist in Fraktur gesetzt. Im Original in Antiqua gesetzter
+Text wurde *so* markiert. Eine Liste der vorgenommenen Änderungen findet
+sich am Ende des Textes.
+
+Markierung:
+
+ _gesperrt gedruckter Text_
+ =fett gedruckter Text=
+
+
+
+
+ Ein Buch, das gern ein Volksbuch werden möchte.
+
+ _Aus den Schriften_
+
+ von
+
+ Marie von Ebner-Eschenbach.
+
+ Sechstes bis zehntes Tausend.
+
+ [Illustration]
+
+
+ Berlin.
+
+ Verlag von Gebrüder Paetel
+
+ (*Dr.* Georg Paetel).
+
+ *1911.*
+
+
+
+
+ Alle Rechte, vornehmlich das der Übersetzung in fremde Sprachen,
+ vorbehalten.
+
+
+ Altenburg
+
+ Pierersche Hofbuchdruckerei
+
+ Stephan Geibel & Co.
+
+
+
+
+Inhalt.
+
+
+ Seite
+
+ 1. Der Kreisphysikus 7
+
+ 2. Der Nebenbuhler 105
+
+ 3. Der Vorzugsschüler 147
+
+ 4. Er laßt die Hand küssen 205
+
+ 5. Fräulein Susannes Weihnachtsabend 235
+
+
+
+
+ Der Kreisphysikus.
+
+
+*I.*
+
+Doktor Nathanael Rosenzweig hatte eine entbehrungsreiche Jugend
+durchlebt. Was genießen heißt, erfuhr er in der schönsten Zeit des
+Daseins nicht. Heute hungern und dabei gerade genug erwerben, um morgen
+weiter hungern zu können; nachts um zwei Uhr sich zusammenrollen wie ein
+Igel und in der Ecke der Kellerstube den harten, traumlosen Schlaf der
+Erschöpfung schlafen; erwachen bei dem Gewimmer der alten Großmutter,
+die sich entschuldigte, daß sie noch nicht gestorben sei, daß sie ihm
+noch zur Last fallen müsse; forteilen, um lehrend die Möglichkeit zu
+erringen, selbst zu lernen -- so ging es jahraus, jahrein. Erwerben, der
+Inbegriff all seines Dichtens und Trachtens, Geld erwerben, Kenntnisse,
+Gunst, hauptsächlich die seiner Professoren (Nathanael studierte Medizin
+an der Universität in Krakau), erwerben um jeden Preis, den der
+Ehrlichkeit einzig ausgenommen, erwerben und nur ja nichts umsonst
+hergeben, nicht den kleinsten Teil der eigenen Kraft; keine mitleidige
+Regung kennen, keine hemmende Rücksicht.
+
+Seine Großmutter und er, er und seine Großmutter machten für ihn die
+Welt aus, und wie wenn seine Welt klein war, so waren seine Ziele nahe.
+Das erste und am schwersten Errungene bestand in dem Ersparnisse so
+vieler Gulden, daß er und die alte Frau nicht sofort verhungern mußten,
+wenn ein unvorhergesehenes Unglück seine Tätigkeit für einige Zeit
+lähmen sollte. Als er es erreicht hatte, da fühlte er sich als
+Kapitalist und tröstete die Großmutter bei ihrer allmorgendlichen Klage
+mit den Worten:
+
+»Lebe du nur ruhig fort, jetzt kann uns nicht so leicht mehr etwas
+geschehen.«
+
+Sein rastloser Fleiß verminderte sich nach dem ersten Erfolge nicht, er
+wuchs vielmehr mit der Kraft dessen, der ihn anwandte.
+
+Nathanael wurde ein starker Mann; seine kreuzspinnenartigen Extremitäten
+kräftigten sich zu muskulösen Armen und Beinen, die Brust wurde breit,
+die Gestalt bekam etwas Reckenhaftes trotz ihrer Magerkeit. Sein
+Auftreten war so sicher, sein Blick ruhig und klar, seine Rede so
+bestimmt, daß schon seine ersten Patienten -- gar kleine Leute --
+meinten:
+
+»Das ist ein gescheiter Herr Doktor!«
+
+Seine grüne Jugend sah ihm niemand an; er hatte sich zu lange in
+Gesellschaft der Sorge befunden, und wenn er sie auch bändigte und
+unterwarf, -- daß sie heimlich an ihm zu nagen fortfuhr, konnte er nicht
+verhindern.
+
+Allmählich kam er in Besitz eines Rufes, eines bescheidenen, aber eines
+guten, und dem verdankte er es auch, daß er mit dreißig Jahren schon,
+von Amts wegen, als Physikus nach einem der westlichen Kreise versetzt
+wurde. Ein sicheres Brot von nun an, ein reichliches sogar nach
+Nathanaels Begriffen. Er hätte bei der Einrichtung seiner Wohnung auf
+dem Ring der Kreishauptstadt nicht so ängstlich zu knickern gebraucht,
+aber er fürchtete, übermütig zu werden, wie die meisten Armen, wenn sie
+plötzlich zu Geld kommen, und gab den Handwerkern wenig zu verdienen.
+Immer des Wortes eingedenk: »Die Axt im Hause erspart den Zimmermann«,
+schaffte er allerlei Werkzeuge an und ließ sich's nicht verdrießen, den
+Tischler und den Schlosser gleichfalls zu ersparen. Und wenn es auch
+wirklich ein Graus war, wie die Sachen aussahen, den Doktor beirrte das
+nicht; der Schönheitssinn war bei ihm entweder nicht vorhanden oder
+nicht ausgebildet.
+
+Als die Großmutter, steinalt und unbeweglich, ihre Stube nicht mehr zu
+verlassen vermochte, sich aber doch noch herzlich sehnte nach dem
+Anblick einer grünen Staude, einer blühenden Blume, da wurde der Herr
+Doktor ein Gärtner, und bald sahen die Fenster seiner Wohnung aus wie
+die eines Treibhauses.
+
+Die Greisin litt manchmal an Rückfällen in ihre ehemalige
+Schwachherzigkeit, doch äußerte sich diese jetzt in andrer Weise.
+
+»Wenn ich nur nicht zu früh sterbe,« sagte die Neunzigjährige. »Ein
+Begräbnis ist gar zu kostspielig!«
+
+Nathanael tröstete sie liebreich:
+
+»Stirb ja nicht, Großmutter, du würdest mich um den Lohn aller Mühen
+betrügen, die ich um deinetwillen gehabt habe.«
+
+Der Besitz Nathanaels mehrte sich im Schranke, die Lust am Besitze stieg
+und stieg. Pläne, deren Verwirklichung dem klugen Manne in seiner
+Jugend als bare Unmöglichkeit erschienen wären, erwog er nun mit der
+Zuversicht bevorstehender Erfüllung. Seine ärztliche Praxis war
+ausgedehnt und einträglich. Nach allen Schlössern der Umgebung berief
+man ihn. Der trockene, wortkarge Doktor Rosenzweig, der keinen
+Widerspruch duldete, der nie eine Schmeichelei über die Lippen brachte,
+wurde der Vertrauensmann der Edelleute und, was viel merkwürdiger war,
+das Orakel ihrer liebenswürdigen und feinen Damen und der Freund ihrer
+Kinder.
+
+»-- Der Kleine ist schwer krank, aber -- Rosenzweig behandelt ihn.« --
+»Den ganzen Tag habe ich in Todesangst um mein Töchterlein zugebracht --
+aber jetzt ist Rosenzweig gekommen.«
+
+Wenn nur Rosenzweig da war, so war Hilfe da, und blieb sie einmal aus,
+dann hatte Gott eben nicht gewollt, daß ein Mensch sie bringe.
+
+Unter keinen Umständen erwies man sich karg gegen ihn, das hätte niemand
+gewagt. -- Doktor Rosenzweig baut sich ein Haus, ein Haus aus gebrannten
+Ziegeln; dazu braucht er Geld. Er hat außerhalb der Stadt einen Baugrund
+gepachtet, und unter seiner eigenen Leitung ist auf dem ein viereckiger,
+einstöckiger Wohnkasten errichtet worden. Stolz ruht er auf tüchtigen
+Kellergewölben, hat eine steinerne Treppe und ein wetterfestes
+Ziegeldach. Die Fensterrahmen sind schneeweiß angestrichen, die Mauern
+schneeweiß getüncht. Als einzige Zierde der Fassade prangt neben der
+Glocke an der Tür das Schildchen der Feuerversicherungsgesellschaft.
+
+Aus den Fenstern der vorderen Front -- sie liegt gegen Osten, und ihr
+erstes Geschoß wird von dem Doktor und seiner Großmutter bewohnt -- hat
+man eine weite, weite Aussicht: Himmel und Felder. Frei schweift der
+Blick ins Grenzenlose. Kein Hügel hemmt ihn, kein Wald bringt einen
+dunklen Fleck hervor auf der glatten, im Sommer goldig, im Winter
+silbern schimmernden Flur. Jede Handbreit Erde kann von der lieben Sonne
+durch und durch getränkt werden mit lebenweckenden Strahlen. Gibt es
+einen Schatten, so ist es ein solcher, der nicht kühlt, nicht ruht, der
+keinem Hälmchen die Wärme entzieht, deren es zu seinem wunderbar
+geheimnisvollen Reifen bedarf -- der Schatten der fliehenden Wolken. Wie
+oft verfolgt ihn Nathanael aufmerksamen Auges, sieht ihn hingleiten über
+den wachsenden, schwellenden Reichtum, den sie zum Herbste einheimsen
+und zu Schiff auf der Weichsel nach Deutschland und nach Rußland bringen
+und teuer verkaufen werden. Wer sich doch beteiligen könnte an diesem
+großartigen Erwerb, ein Hundertstel, ach ein Tausendstel nur von dem
+Gewinn, den er abwirft, in die eigne Tasche fließen sähe! Der Doktor
+fängt an, auf der unermeßlichen Ebene Luftschlösser zu erbauen, so bunt
+und märchenhaft schön, daß er nicht umhin kann, während er sie baut,
+lächelnd zu denken: Mahnst du auch mich einmal, nie angetretenes
+Vätererbe -- morgenländische Phantasie?
+
+Er wendet sich ab von dem Anblick fremden Reichtums und will einen
+Strich gezogen haben zwischen diesem und seinem bescheidenen Eigentum.
+Das Doktorhaus wird in fünf Klafter breiter Entfernung von jedem Punkte
+seiner Mauern mit einem Zaun aus ordentlich zugehobelten Latten
+umgeben; nach je ihrer zwanzig kommt ein starker, spitz zulaufender
+Pfahl. Aus dem Raume zwischen Haus und Zaun wird nach und nach ein
+kleiner Garten werden; die Einteilung in Blumen- und Gemüsebeete ist
+bereits getroffen. Kein Schachbrett kann genauer quadriert sein.
+
+»Im nächsten Jahre, liebe Großmutter, wirst du Rosen und Reseden unter
+deinen Fenstern blühen sehen,« versprach Nathanael der Greisin, und sie
+erwiderte:
+
+»Wenn ich es nur noch erlebe, mein Kind. Aufs Jahr werde ich
+fünfundneunzig.«
+
+»Weit über hundert mußt du werden!« rief er eifrig. »Das bist du mir
+schuldig, denke doch! Wie würde es das Vertrauen der Leute zu mir
+erhöhen, wenn es hieße: Seine Großmutter hat er auf mehr als hundert
+Jahre gebracht. Denn die Leute sind dumm, liebes Godele[1], sie
+schreiben meiner Kunst zu, was deine gute Natur getan hat. Bleibe du nur
+frohen Mutes, nimm dir nur recht fest vor, noch nicht zu sterben.
+Solange du es dir fest vornehmen kannst, wirst du munter weiter leben.«
+
+Die Greisin nahm es sich vor, aber von einer rechten Munterkeit war
+nicht mehr die Rede.
+
+»Mir ist jetzt so oft,« sagte sie, »als ob dein Großvater vor mich träte
+und zu mir spräche wie in seiner Todesstunde: 'Komm bald! Wir wohnen so
+friedlich beisammen im Garten Eden, wie wir gehaust haben auf Erden.
+Komm bald nach, Rebekka!' ... Damals konnte ich nicht folgen dem Rufe
+meines Geliebten, weil du mich hast zurückgehalten, du armes Würmchen,
+du ganz verlassenes. Von Vater und Mutter zuerst, und vom Großvater bald
+darauf. Ja, es war eine schreckliche Seuche, die Gott geschickt hat über
+sein Volk im Kazimirz, und nicht gewußt hätte ich, wem sagen: Sei
+barmherzig meinem Enkelkind, wenn ich mich nun auch hinlege zu sterben.
+So habe ich damals nicht erfüllen dürfen den Wunsch meines Geliebten.
+Jetzt aber, Nathanael, mein Kind, jetzt aber ist mir, als sollte ich ihn
+nicht länger warten lassen.«
+
+Solche Reden schnitten dem Doktor ins Herz. Nie hatte die
+zurückhaltende, schweigsame Großmutter ähnliche geführt. Ein
+bedenkliches Zeichen, wenn alte Leute etwas tun, das außerhalb ihrer
+Gewohnheiten liegt! Der kleinen Veränderung folgt oft nur gar zu bald
+die unwiderrufliche -- die letzte nach. Und noch ein Symptom, das den
+Doktor beunruhigte. Die Greisin, die sonst nie genug Einsamkeit haben
+konnte, war jetzt nicht mehr gern allein. So oft Nathanael sich bei ihr
+verabschiedete, sprach sie:
+
+»Geh denn in Gottes Namen, aber schicke mir den Goj[2], daß er mir
+Gesellschaft leiste, und ich doch blicken könne in ein menschliches
+Angesicht und nicht immer und immer nur auf die Felder und den Himmel.«
+
+Der »Goj« war ein Jüngling von nun achtzehn Jahren, des Doktors Famulus,
+sein Diener, sein Sklave. Des Tages wußte er sich nicht zu erinnern, an
+dem der »Wohltäter« ihm ein gutes Wort gegönnt oder ein gutes
+Kleidungsstück geschenkt hätte. Wenn die Röcke und Stiefel Rosenzweigs
+unbrauchbar wurden, erhielt der große Junge sie zur Benutzung und die
+Vermahnung dazu, ihnen all die Rücksicht zu erweisen, die man fremdem
+Eigentum schuldig ist. Der Doktor ging immer mehr in die Breite, und
+fast schien es, als ob er kleiner würde. Sein Famulus »verdünnte« sich,
+wie Rosenzweig sagte, von Tag zu Tag und schoß spargelmäßig in die Höhe.
+Wie ihm die Gewänder des Wohltäters saßen, das kam dem selbst entweder
+erbärmlich oder lächerlich vor -- beides mit einem Zusatze von
+Verachtung.
+
+Den Jungen konnte er einmal nicht leiden, sein Widerwillen gegen ihn war
+unüberwindlich und entsprang aus dem Gedanken, daß der Findling seines
+Herrn Brot umsonst oder doch fast umsonst esse.
+
+Vor vier Jahren hatte ihn Rosenzweig von der Straße aufgelesen, in einer
+eiskalten, herrlichen Winternacht. Mit dem Stolze eines Triumphators war
+er im Schlitten des Grafen W. pfeilgeschwind dahingesaust. Der Graf
+selbst hatte ihn bei der Abfahrt sorgsam in die Pelzdecke gehüllt, in
+der er sich so behaglich fühlte, und ihm immer wieder gedankt und immer
+von neuem Worte gesucht für das Unsagbare -- die Glückseligkeit des
+Liebenden, dem sein Teuerstes, das er schon verloren gab,
+wiedergeschenkt ist. Gerettet die junge Gräfin, gerettet vom beinahe
+sicheren Tode durch das Genie, durch die erfinderische Sorgfalt des
+unvergleichlichen Arztes, der an ihrem Krankenlager gestanden hatte wie
+ein Held auf dem Schlachtfelde, fast besiegt noch den Sieg im Auge,
+kampfbereit noch im Erliegen, der nicht gewichen war, bevor er sagen
+konnte:
+
+»Wir haben gewonnen, sie wird leben!«
+
+Er hatte so viele Nächte durchwacht und sich auf den guten Schlaf
+gefreut während der Heimfahrt im bequemen Schlitten. Aber seine
+Müdigkeit mußte zu groß sein, sie verscheuchte die ersehnte Erquickung,
+statt sie herbeizurufen. So oft Nathanael die Augen schloß,
+unwillkürlich öffneten sie sich wieder und schwelgten im Anblick des
+sternenbesäeten, mondhellen Himmels und der schneebedeckten Ebene, die
+in wunderbarer Blankheit erglänzte, gleich einer ungeheuren,
+neugeprägten Silbermünze ... Wieviel Gold ließe sich erwerben um solche
+Münze? Die Keller des viereckigen Doktorhauses hätten nicht Raum, sie zu
+fassen, die köstlichen Barren, die verehrungswürdigen! Berger und Träger
+allbezwingender Kräfte, gebundene Zauber, aufgespeicherte Macht. Was
+läßt sich nicht tauschen um Gold? Unschätzbares erkauft man damit, das
+weiß der Mann, der denen, die ihn bezahlen, die Gesundheit wiedergibt.
+
+Der Doktor wurde in seinem Gedankengange plötzlich unterbrochen. Das
+Gefährt stand dicht am Straßengraben still, und der Kutscher rief:
+
+»Herr Doktor! Herr Doktor!« ...
+
+»Was gibt es, mein Sohn?«
+
+»Herr Doktor, da liegen zwei Betrunkene.«
+
+»Steig ab und prügele sie ein wenig durch, damit sie nicht erfrieren.«
+
+Indes der Kutscher abstieg und die Zügel am Bocke verknotete, hatte
+Nathanael sich aufgerichtet und vorgebeugt und sah einer der auf dem
+Boden liegenden Gestalten mit gespannter Aufmerksamkeit in das vom
+Mondenlicht hell erleuchtete Gesicht. Kein Säufergesicht, wahrlich!
+sondern eines, das Zeugnis gab von ehrlichem Darben und Dulden bis an
+die Grenze der menschlichen Kraft.
+
+Der arme Teufel hatte, in dem Augenblick wenigstens, kein Bewußtsein
+seines Elends, er schien fest zu schlafen. Als aber der Kutscher ihn
+packte und emporzerrte, fiel er sofort, steif wie ein Eisblock, in den
+Schnee zurück. Jener sprach:
+
+»Der eine ist schon erfroren, Herr Doktor!«
+
+Rosenzweig sprang mit beiden Füßen aus dem Schlitten und überzeugte sich
+bald, daß die Behauptung des Dieners richtig sei. Grimm erfüllte ihn. Da
+war ihm einmal wieder der Tod zuvorgekommen, den er am meisten haßte,
+der nicht durch Krankheit bedingte, durch das Alter herbeigeführte, der
+Tod, dem der Zufall in die Hand gearbeitet hat, der Tod, der seine Beute
+umsonst gewinnt, dem sie dumm und töricht zuteil wird, ohne triftigen
+Grund.
+
+»Sehen mir nach dem andern,« sagte der Doktor zwischen den Zähnen.
+
+Der andre schlief auch, aber weniger tief.
+
+Es war ein Knabe von etwa vierzehn Jahren, dem Toten offenbar nahe
+verwandt, sein viel jüngerer Bruder oder sein Sohn.
+
+Mit dem Feuereifer des Berufs begann der Doktor Wiederbelebungsversuche
+anzustellen, und nach langen Mühen krönte sie ein schwacher Erfolg. Ein
+kaum spürbares Rieseln war durch des Knaben starre Pulse geglitten, und
+wenn es auch sofort wieder staute, dennoch erklärte der Doktor voll
+Siegesgewißheit:
+
+»Jetzt hab ich ihn!«
+
+Und er hüllte ihn in seinen Pelz, hob ihn in den Schlitten, brachte ihn
+heim und legte ihn in sein eigenes Bett, an dem er das Kind des Elends
+mit derselben Hingebung bewachte, die er der Herrin im Grafenschloß
+gewidmet hatte. Am Morgen war der Patient außer Lebensgefahr, und
+Rosenzweig konnte nicht umhin, zu sich selbst zu sagen: Auch der
+gerettet, zwischen zweimaligem Sonnenaufgang zwei!
+
+Schmunzelnd streichelte er seinen langen Mosesbart und freute sich
+seines mächtigen Vermögens.
+
+Sein Patient aber erhielt noch am selben Tage die Weisung:
+
+»Steh auf und geh.«
+
+»Wohin? Gnädiger Herr Doktor, wohin? Wer nimmt mich ohne meinen Bruder?«
+antwortete der Knabe verzweifelnd, und nun trat die Frage heran: Was mit
+ihm beginnen?
+
+Die Papiere, die der Verstorbene bei sich gehabt hatte, wiesen ihn aus
+als den Maschinenschlosser Julian Mierski, der viele Jahre hindurch als
+Werkführer in einer Fabrik in Lemberg gedient hatte. In seinem Zeugnisse
+hieß es, der vorzügliche Arbeiter habe, zum Bedauern seines Dienstherrn,
+infolge schwerer Erkrankung entlassen werden müssen. Seitdem konnte er
+nichts mehr verdienen, sein Bruder aber, den er nach dem Tode der Eltern
+-- arme Häusler in einem Dorfe bei Lemberg -- zu sich genommen, nur gar
+wenig. So gingen, erzählte der Knabe, in Monaten die Ersparnisse von
+Jahren hin und wurden aufgezehrt bis auf einige Gulden, deren Anzahl er
+genau angab, und die sich auch richtig im Ranzen des Verunglückten
+vorgefunden hatten.
+
+Die Großmutter hörte dem unter Tränen erstatteten Berichte aufmerksam
+zu.
+
+»Horch, Nathanael, mein Kind,« sagte sie. »Es ist nicht recht gewesen
+von dem Goj in Lemberg, zu verlassen den Mann in seiner Krankheit, der
+ihm in Gesundheit gedient hat viele Jahre.«
+
+»Eine Fabrik ist keine Versorgungsanstalt,« erwiderte Rosenzweig und
+befahl seinem Geretteten: »Sprich weiter.«
+
+Dieser fuhr fort:
+
+»Vor acht Tagen ist ein Bekannter von meinem Bruder gekommen und hat
+erzählt, daß es in Krakau eine Fabrik gibt, wie die unsre, und daß sie
+uns dort gewiß nehmen werden. Mein Bruder war sehr froh: 'Komm, Joseph,
+wir wandern', hat er gesagt und hat auf der Reise immer gemeint, der
+lange Müßiggang ist es gewesen, der ihn nicht hat gesund werden lassen,
+beim Marschieren wird ihm besser. Auf einmal hat er aber nicht weiter
+gekonnt und hat sich in den Schnee gelegt, um ein wenig zu schlafen.«
+
+»Und du hast das zugegeben?« schrie der Doktor ihn an. »Weißt du nicht,
+was einem geschieht, wenn man sich bei solchem Frost in den Schnee
+legt?«
+
+Der Knabe senkte seine großen Augen, aus denen unaufhörlich Tränen
+flossen, und schwieg.
+
+»Was soll man anfangen mit einem solchen Chamer[3]?« fragte Rosenzweig
+die Großmutter.
+
+Die Greisin entgegnete:
+
+»Laß ihn heute noch ruhen unter deinem Dache. Sei ihm barmherzig. Er ist
+eine Waise wie du.«
+
+Am nächsten Tage lautete ihr Rat:
+
+»Behalte ihn. Unsre Magd wird ohnehin alt und wackelig und kann eine
+Hilfe brauchen. Behalte ihn und richte ihn ab zu deinem Dienst. Wer wird
+es verargen einem großen Mann wie dir, wenn er tut sich halten einen
+Famulus?«
+
+So wurde der Findling ein Genosse des Doktorhauses und zwar, obwohl
+Rosenzweig das nicht gelten ließ, ein ungemein nützlicher. In den Augen
+seines Herrn blieb Joseph ein »Chamer«, der aus Büchern nichts lernte,
+nichts zu lernen vermochte. Mit achtzehn Jahren noch las er nicht ohne
+Schwierigkeit die einfachsten Kindergeschichten. Ihn zur Schule zu
+zwingen, hatte der Doktor schon nach den ersten Monaten aufgegeben, weil
+er nur mit Schlägen dahin zu bringen war, und weil sein Wohltäter nicht
+immer Muße hatte, ihm die zu spenden. Seine mechanischen Fertigkeiten
+hingegen waren groß und groß der Fleiß, mit dem er sie ausübte. Auch er
+pfuschte in jedes Handwerk, aber mit besserem Erfolg als dereinst der
+Doktor.
+
+In allem, was er unternahm, offenbarte sich ein Schick, eine
+Leichtigkeit, ja sogar ein Geschmack, der den Pillenschächtelchen des
+Doktors ebensosehr zugute kam, wie den Blumenbeeten im Gärtlein vor dem
+Hause. Immer nur mit Verdruß hörte Nathanael ihn loben, »den Tagedieb,
+der nichts kann und nie etwas andres können wird als spielen.«
+
+Er hatte einmal wieder diesen Vorwurf ausgesprochen, da entgegnete
+Joseph:
+
+»Wenn du dich entschließen könntest, deine Felder in deine eigene
+Verwaltung zu nehmen, würde ich dir beweisen, daß ich kein Tagedieb
+bin.«
+
+Der Doktor fuhr fort:
+
+»Was sprichst du von meinen Feldern? Weißt du nicht, daß ich ein Jude
+bin und als solcher Grundeigentum nicht besitzen darf? Weißt du nicht,
+daß sogar mein Haus auf fremdem Boden steht?« --
+
+Joseph wurde rot vor Verlegenheit, sah jedoch dem Doktor vertrauensvoll
+und offen ins Gesicht und erwiderte:
+
+»Du hast die Felder auf den Namen des Theophil von Kamatzki gekauft,
+aber sie sind doch dein.«
+
+»Sag einmal, mein Junge, woher hast du diese Nachricht?« fragte
+Rosenzweig, und höchst verdächtig war die Gebärde, mit der er dabei sein
+spanisches Rohr zu schwenken begann.
+
+Gelassen antwortete Joseph:
+
+»Das ist kein Geheimnis. Alle Leute wissen es und gönnen dir die
+Felder.«
+
+Während dieses Gespräches standen die beiden mitten auf dem Wege, der
+schnurgerade von der Haustür zum Gartenpförtlein führte, zwischen zwei
+säuberlich mit Reseden eingefaßten Rosenbeeten. An den Stachelbeerhecken,
+die Joseph längs des Lattenzaunes gezogen hatte, reiften die ersten
+Früchte. Was man überblicken konnte an zart entfalteten Salatstauden, an
+Rüben mit kühnen Federbüschen, an gelblich zwischen gekräuselten
+Blättern hervorleuchtendem Blumenkohl, an schier kriegerisch behelmtem
+Zwiebelnachwuchs, an zierlichem Majoran und -- *dulce cum utile* -- als
+Begrenzung jeglichen Gemüsekarrees an duftendem Lavendel, dessen kleine
+Knospen zu schwellen anfingen, das war alles so kraftstrotzend und
+kerngesund, daß bei dem Anblick jedem Menschen, besonders aber einem
+Arzte, das Herz im Leibe lachen mußte. Mit geheimem Wohlgefallen
+betrachtete Rosenzweig die freundlichen Himmelsgaben und sagte:
+
+»Weil du ein leidlicher Gärtner bist, bildest du dir ein, auch ein
+Landwirt sein zu können.« Damit wollte er abbrechen, besann sich aber
+und fügte hinzu, indem er die Spitze seines Stockes mit großer
+Hartnäckigkeit in die Erde bohrte und diese Operation scheinbar höchst
+aufmerksam verfolgte:
+
+»Ich hätte die Felder nicht -- eigentlich mit einem gewissen Unrecht --
+in meinen Besitz gebracht, wenn ich nicht hoffen dürfte, sie bald zu
+Recht besitzen zu dürfen. Du wirst wohl wissen, daß eine Veränderung der
+Landesgesetze bevorsteht, und daß an den größeren Freiheiten, die sie
+dem Volke Galiziens gewähren werden, auch die Juden teilnehmen sollen.«
+
+Joseph wußte das und hoffte, der Doktor werde die Felder, wenn sie
+einmal vor Gott und der Welt sein Eigentum sein würden, nicht mehr in
+Pacht geben, sondern selbst bewirtschaften.
+
+»Dann wirst du Ställe und Scheuern bauen müssen,« schloß der Jüngling.
+»Ich habe dem Architekten in der Stadt etwas abgesehen und die Pläne
+schon fertig.«
+
+»Bist ein Narr,« sprach der Doktor, verlangte aber nach einigen Tagen
+doch die Pläne zu sehen.
+
+Nun, brauchbar waren sie gewiß nicht, doch als merkwürdig mußte man es
+gelten lassen, daß der Findling, dessen Schrift die eines siebenjährigen
+Kindes war, doch so nett und ordentlich und vielleicht auch in den Maßen
+richtig, einen Plan zu zeichnen vermochte. Das ist eben einer von denen,
+die tanzen können, bevor sie das Gehen erlernt haben. Es gibt solche
+Käuze. Sie setzen uns allerdings manchmal in Erstaunen; gewöhnlich wird
+aber nichts aus ihnen.
+
+Nathanael, der einen Gedanken, der sein eigenes Wohl und Weh betraf, nie
+lange verfolgte, ohne die Großmutter zu seiner Vertrauten zu machen,
+fragte bald darauf bei ihr an, was sie zu einer Selbstverwaltung seiner
+Gründe sagen würde. Da zeigte es sich, daß dieser Gegenstand zwischen
+der Greisin und dem Findling schon erörtert worden war.
+
+»Du wirst reich werden wie Laban,« prophezeite die alte Frau. »Über dir
+ist des Herrn sichtbarer Segen.«
+
+In diesem Frühjahr hatte es sich erwiesen, in diesem für Tausende
+unseligen Frühjahr 1845, als die Weichsel aus ihren Ufern trat und in
+einen schlammigen See verwandelte, was üppig und verheißungsvoll
+grünende Saat gewesen war. Unaufhaltsam wie ein Gottesgericht waren die
+Fluten hereingebrochen, hatten die ernährende Scholle hinweggespült und
+mit ihr das Hab und Gut und die Hoffnung derer, die sie bebauten.
+
+Bis dicht an die Grenze der Felder Nathanaels erstreckte sich die
+Verheerung -- vor ihnen zerrannen die Wellen. Vor ihnen waren die Wasser
+hinweggefahren und hatten sich auseinander geteilt, wie einstens die
+Wasser des Roten Meeres, als Moses gegen sie den Stab erhob und die Hand
+reckte auf Gottes Gebot.
+
+Und als der Herbst kam, herrschte ringsum Hungersnot. Hunderte verließen
+mit ihren Weibern und Kindern die Heimat und wanderten als Bettler, als
+Tagelöhner, Brot und Arbeit suchend, aus.
+
+Die Großmutter aber fragte täglich:
+
+»Wann beginnt die Ernte? In diesem Jahre hat der Weizen hundertfachen
+Wert. Wann kommen die Schnitter?«
+
+Nathanael erwiderte lächelnd:
+
+»Bald, sehr bald. Sie wetzen schon die Sensen!«
+
+Indessen erlebte die Greisin die Zeit der Ernte nicht mehr. Sie fiel
+selbst als überreifes Körnlein in den Mutterschoß der Erde zurück, bevor
+ihr Enkel zu ihr hatte sprechen können:
+
+»Die Schnitter kommen!«
+
+Unerhört spät und doch zu früh war plötzlich ihr Leben erloschen.
+
+Da lag sie nun in ihrem schmalen Sarge, die alte Rebekka, ein wundersam
+ergreifender Anblick. Der Tod hatte ihre gekrümmte Gestalt gestreckt,
+und weinend und staunend fragte Joseph:
+
+»So groß war sie?«
+
+Er fragte aber auch:
+
+»So schön war sie?«
+
+Erlöst von allen Gebresten, befreit von der Hilflosigkeit des Alters,
+wie majestätisch erschien sie nun, in ihrer unendlichen Ruhe, in ihrem
+untrübbaren Frieden! Das Lächeln auf dem Angesicht so vieler, die
+überwunden haben, umschwebte diese Lippen nicht. Steinerne Kälte sprach
+aus den Zügen, die ein Schimmer der begeisterten Liebe und Bewunderung,
+welche die Gegenwart des Enkels stets auf ihnen hervorgezaubert, noch in
+der Sterbestunde erhellt hatte.
+
+Du bist es nicht mehr! dachte Nathanael, und mit grauser Gewalt ergriff
+ihn das Bewußtsein des erlittenen Verlustes.
+
+Er winkte Joseph hinweg, er wollte ungestört bei seiner Toten bleiben.
+Am Fußende des Sarges stehend, suchte er in dem fremden, veränderten
+Antlitz der Großmutter das lang bekannte, teure und -- fand es nicht.
+Das einzige ideale Gut, das er besessen hatte, die Zuneigung dieser
+alten Frau, war für immer dahin und er, als ein bejahrter Mann --
+allein. Mit jähem Schreck fiel es ihn an: Zwischen dieser Greisin und
+dir liegt eine Generation. Du solltest jetzt hingehen können und an der
+Brust deines Weibes um sie weinen, und dir Trost schöpfen aus dem
+Anblick deiner Kinder.
+
+Der rastlos Strebende, der nie zurück, der _nur_ vorwärts geschaut
+hatte, nach Zielen, die mit seinen Erfolgen wuchsen, hielt einmal still
+in seinem Laufe, wandte sich und durchmaß im Geiste seinen ganzen
+Lebensweg. Viel erreicht! durfte er sich gestehen, doch niemals das
+geringste ohne einen Gedanken an dich -- Großmutter. So freudig ihr
+Dasein ihn erfüllt und beglückt hatte, so schmerzlich klaffte jetzt der
+Riß, den ihr Scheiden verursachte.
+
+Sie hätte ihn nicht verlassen sollen, sie, deren Nähe ihn über das
+Schwinden der Zeit -- eines Begriffes, der dem hohen Alter verloren
+geht, getäuscht hatte.
+
+»Weiche ab von dem Brauche unsres Volkes,« hatte die Greisin oft
+gesprochen. »Heirate nicht zu früh, setze nicht Bettler in die Welt. Du
+kannst warten, mein Kind, du bist jung.«
+
+Immer hatte er zu dieser Ermahnung geschwiegen; heute antwortete er ihr,
+die ihn nicht mehr hören konnte:
+
+»Ich war dir so lange zu jung zum Freien, bis ich mir zu alt dazu
+geworden bin.«
+
+Alsbald jedoch empfand er den Widerspruch, den er ihr ins Grab
+nachgerufen, als einen Frevel. Er trat zu ihr, beugte sich über sie,
+und, was nie geschehen war, so lange sie gelebt hatte, er küßte ihre
+Hand, küßte ihre Stirn und den für ewig verstummten Mund, den einzigen
+auf Erden, von dem er sich »mein Kind« hatte nennen gehört.
+
+
+*II.*
+
+Joseph beteiligte sich als Freiwilliger an den Erntearbeiten, und eines
+Nachmittags sah ihn Rosenzweig, der gleichgültig, als ob die Sache ihn
+nichts anginge, vorbeischritt, hoch oben stehen auf einem beinahe völlig
+beladenen Leiterwagen. Behend und kräftig schichtete er die Garben, und
+dem Doktor fiel es auf, daß der Bursche in der drollig weiten Jacke, die
+seinem Wohltäter als Rock gedient hatte, und in den viel zu kurzen Hosen
+doch ein bildschönes Menschenkind sei. Groß, schlank und stark, weiß und
+rot im Gesicht, den wohlgeformten Kopf umwallt von leicht gelocktem
+blonden Haar, sein ganzes Wesen Freudigkeit atmend an der Arbeit, an der
+Mühe, nahm er sich auf seiner stolzen Höhe ganz merkwürdig gut aus.
+
+Unter den auf dem Felde beschäftigten Weibern und Mädchen befand sich
+auch die Tochter des Pächters, dem Rosenzweig die Gründe des Pan
+Theophil von Kamatzki anvertraut hatte. Ein hübsches, lebhaftes Ding,
+die echte Masurentochter. Rosenzweig bemerkte, daß die braunen,
+funkelnden Augen des Mädchens und die blauen des Burschen einander gar
+oft begegneten, und wenn sich dann die braunen verlegen senkten, wurden
+sie von den blauen hartnäckig verfolgt, so hartnäckig, so kühn, daß sie
+sich endlich wieder erheben mußten, mit oder ohne ihren Willen.
+
+Die Geringschätzung, die Rosenzweig für Joseph hegte, erhielt durch
+diesen kleinen Vorgang neue Nahrung. Ein Mensch, zu ewiger Dienstbarkeit
+verurteilt durch die elende Beschaffenheit seines Kopfes, befaßt sich
+damit, den eines Mädchens zu verdrehen? Und in welchem Alter? In dem
+eines Knaben, in den Jahren, in denen der Sohn des Doktors stände, wenn
+der Doktor zur rechten Zeit geheiratet hätte. Was er in heroischer
+Selbstverleugnung so lange zu erringen säumte, bis er die Hoffnung, es
+zu erringen, _versäumte_, das Glück der Liebe, danach haschte in
+gedankenlosem Leichtsinn ein von fremden Gnaden lebender, unreifer
+Habenichts!
+
+Am Abend berief ihn Rosenzweig auf sein Zimmer. Das war ein so kahles
+und ungemütliches Gelaß, daß jeden, der es betrat, fröstelte -- sogar in
+den Hundstagen. Die Einrichtung bestand aus einigen an die Wände
+gereihten Sesseln, einem riesigen, mit weißer Ölfarbe angestrichenen
+Schreibtisch und einem gleichfalls weiß angestrichenen, langen und
+niederen Büchergestell, das, einer Gewölbbudel ähnlich, das Gemach in
+zwei Teile schied. In dem kleineren, zunächst den Fenstern, hielt sich
+der Doktor auf, in dem größeren, nächst der Tür, hatten die Patienten,
+die ihn besuchten, zu warten, bis er zu ihnen trat durch einen schmalen
+Raum, der zwischen der Wand und dem Büchergestell frei geblieben war.
+Auf dessen oberstem Brette lagen oder standen allerlei Dinge, mit deren
+gruselnder Betrachtung die Leute sich die Zeit des Wartens vertrieben.
+Sonderbare Instrumente, Messer und Zangen und fest verschlossene Gläser,
+gefüllt mit einer durchsichtigen Flüssigkeit, in der der galizische
+Instinkt sofort Weingeist witterte. Nur war leider das gute Getränk
+verdorben durch höchst unappetitliche Gebilde, die darin schwammen.
+
+Über all diese Sachen hinweg rief Rosenzweig jetzt dem eintretenden
+Joseph zu:
+
+»Sag einmal, was hast du mit der kleinen Lubienka des Pächters?«
+
+Wie gewöhnlich, wenn sein Wohltäter ihn scharf anredete, wurde der
+Bursche feuerrot, fand auch nicht gleich eine Antwort. Erst nachdem
+Rosenzweig seine Frage wiederholt hatte, nahm Joseph sich zusammen und
+entgegnete halblaut, aber bestimmt:
+
+»Ich hab sie lieb.«
+
+»Und -- sie?«
+
+»-- Sie hat mich auch lieb.«
+
+Der Doktor lachte bitter und höhnisch:
+
+»Das bildest du dir ein?«
+
+»Das weiß ich, gnädiger Herr --«
+
+»Wohin soll dieses Liebhaben führen?«
+
+Nun meinte Joseph, der Doktor habe ihn zum besten, wolle ihn nur ein
+wenig aufziehen, und erwiderte ganz munter:
+
+»Zu einer Heirat, Herr.«
+
+»Einer Heirat! Du denkst ans Heiraten?«
+
+»Ja, Herr! und Lubienka denkt auch daran.«
+
+»Sie auch!... Was sagt denn ihr Vater dazu?«
+
+»Dem ist es recht, Panie Kochanku!«[4] rief Joseph mit einem Ausbruch
+überwallender Empfindung und machte Miene, auf dem jedem andern als dem
+Doktor verbotenen Weg in das Bereich seines Wohltäters zu stürzen ...
+
+Der aber erhob sich gebieterisch von seinem Stuhle und bannte den
+Jüngling mit einem strengen:
+
+»Bleib, wo du bist!« an seinen Platz.
+
+In grausamen Worten hielt er ihm seine Armut und seine
+Aussichtslosigkeit vor. Ihn empörte der Gedanke, daß dieser Mensch
+vielleicht auf ihn gerechnet habe, respektive auf seinen Geldbeutel, und
+er faßte den Entschluß, dem interessierten Schlingel nach beendeter
+Erntearbeit die Tür zu weisen. Vorläufig wies er ihn aus dem Zimmer und
+legte sich mit dem Vorsatz zu Bett, den Pächter am folgenden Tage
+ernstlich zu ermahnen, der Löffelei zwischen seiner Tochter und Joseph
+ein Ende zu machen.
+
+Gerade an diesem Tage jedoch ereignete sich etwas, das ihn von jedem
+unwesentlichen und nebensächlichen Gegenstand ein für allemal abzog.
+
+Er wurde am frühen Morgen zu dem plötzlich erkrankten Sohn einer
+benachbarten Gutsfrau berufen, konnte die besorgte Mutter über den
+Zustand des Patienten beruhigen und wäre am liebsten sogleich wieder
+nach Hause gefahren. Das gestattete jedoch die landesübliche
+Gastfreundschaft nicht. Gern oder ungern hieß es an einem reichlichen
+Frühstück teilnehmen, das im Salon aufgetragen war. Dort hatte sich eine
+große Anzahl Schloßgäste versammelt, eine Gesellschaft, dem Doktor
+wohlbekannt und so widerwärtig, als ob sie aus lauter Kurpfuschern
+bestanden hätte. Anhänger und Anhängerinnen »König« Adam Czartoryskis,
+Konspiranten gegen die bestehende gute Ordnung, Schwärmer für die
+Wiedereinführung der alten polnischen Wirtschaft. Die Frau des Hauses,
+noch jung, schön, enthusiastisch, seit dem Tode ihres Mannes
+unumschränkte Herrin der großen Güter, die sie ihm zugebracht hatte, war
+die Seele der ganzen Partei und ihre mächtige Stütze. Sie unterhielt
+eine lebhafte Korrespondenz mit der Nationalregierung in Paris, empfing
+und beherbergte deren Emissäre und verwendete jährlich große Summen für
+Revolutionszwecke.
+
+Dieses fanatische Treiben mißfiel dem Doktor und entstellte ihm das Bild
+der in jeder andern Hinsicht, als gute Mutter, als kluge Verwalterin
+ihres Vermögens und als humane Herrin ihrer Untertanen verehrungswürdigen
+Frau.
+
+Mit verdrießlicher Miene nahm er am Teetische Platz, aß und trank und
+sprach kein Wort, indes Herren und Damen eifrig politisierten. Ihm war,
+als sei er von Kindern umgeben, die, statt Soldaten zu spielen, zur
+Abwechselung einmal Verschwörer spielten.
+
+Da legte eine weiße Hand sich plötzlich auf die Lehne seines Sessels.
+
+»Warum so verstimmt, angesichts des schönsten Wunders, mein lieber
+Doktor?« sprach Gräfin Aniela W. zu ihrem Lebensretter.
+
+Rosenzweig erhob und verneigte sich:
+
+»Welches Wunder meinen Euer Hochgeboren?«
+
+»Das der Wiedererweckung des polnischen Reiches!« versetzte die reizende
+Frau, und aus ihren Taubenaugen schoß ein Adlerblick, und ihre
+zierliche Gestalt richtete sich heroisch auf.
+
+Der Doktor verbiß ein Lächeln, und sogleich riefen mehrere Patriotinnen
+in schmerzlicher Enttäuschung:
+
+»Sie zweifeln? O Doktor, -- ist das möglich? Ein so gescheiter Mann!«
+
+»Ich zweifle nicht, meine Damen! Wer sagt, daß ich zweifle?«
+
+»Ihr Lächeln sagt es, das ganz unmotiviert ist, da wir Ernst machen,«
+sprach die Gräfin und kreuzte die Arme wie Napoleon.
+
+»Der Augenblick, das fremde Joch abzuschütteln, ist gekommen ... Sie
+dürfen es erfahren, weil Sie ein guter Pole und unser Vertrauter sind!
+Das Zeichen zum Ausbruch der Revolution wird in Lemberg auf dem ersten
+Balle des Erzherzogs gegeben werden!«
+
+Allgemeines Schweigen folgte dieser freimütigen Erklärung. Die
+Verschworenen waren betroffen über die Eigenmächtigkeit, mit der Aniela
+über das gemeinsame Eigentum -- den Plan der Partei -- verfügte.
+
+Doch war sie viel zu liebenswürdig und sah auch viel zu reizend aus, als
+daß man ihr hätte zürnen können. Sie trug ein Pariser Häubchen mit einer
+Kaskade aus gesinnungstüchtigen rot und weißen Bändern. Den köstlichen
+Stoff des Morgenkleides hatte ihr Gemahl von seiner letzten
+Missionsreise nach Rußland, aus Nishnij Nowgorod mitgebracht, -- unter
+welchen Gefahren!
+
+Ach, es war eine ganze Geschichte ... Heute wurde sie aber nicht
+erzählt, am wenigsten in diesem Augenblick, in dem es vor allem galt,
+den üblen Eindruck zu verwischen, den die Politikerin auf ihre Umgebung
+hervorgebracht hatte.
+
+»Ihr Kleingläubigen!« rief sie, »zweifelt ihr an der Treue und
+Zuverlässigkeit eines Mannes, der dem Vaterlande mein Leben erhalten
+hat?«
+
+Einige junge Herren beeilten sich zu protestieren, und ein alter
+Schlachziz mit langem, herabhängendem Schnurrbart erhob sein
+Madeiragläschen, leerte es auf einen Zug und sprach:
+
+»Vivat, Doktor Rosenzweig!«
+
+Die Frau vom Hause wiederholte:
+
+»Vivat, Doktor Rosenzweig, dem so viele von uns ihre eigene Gesundheit
+und die ihrer Kinder verdanken!«
+
+Sie stürzte nach diesem Toast den Rest ihrer sechsten Tasse Tee
+hinunter, und statt sich erkenntlich zu zeigen, brummte der Arzt:
+
+»Wie oft habe ich Euer Hochgeboren ersucht, nicht so viel Tee zu
+trinken. Sie ruinieren Ihre Nerven!«
+
+Die schöne Festgeberin lächelte überlegen:
+
+»Guter Gott, meine Nerven! An die werden bald ganz andre Zumutungen
+gestellt werden!«
+
+»Ich verstehe -- auf jenem Revolutionsballe!«
+
+»Ja, Doktor! Ja!« rief Gräfin Aniela dazwischen, -- »dem Ball, auf dem
+wir ein welthistorisches Ereignis inaugurieren!«
+
+»Bei der Mazurka oder bei der Française?«
+
+»Beim Kotillon. Die Damen wählen zugleich alle anwesenden Offiziere. Die
+Offiziere legen zum Tanz ihre Säbel ab. Die Säbel werden fortgeschafft.
+Kaum ist das geschehen, so werfen sich die Polen auf die waffenlosen
+Feinde und machen sie nieder!«
+
+»Vivat!« rief der Schlachziz, »alle nieder, ohne Pardon!«
+
+Einige Damen widersprachen und schlugen vor, den Offizieren Pardon zu
+geben, die ihn verlangen würden. Sie zogen jedoch ihren Antrag zurück,
+als sie bemerkten, daß er Zweifel an der Echtheit ihres Patriotismus
+erregte.
+
+»Meine Herrschaften,« sagte Rosenzweig, »dieser Plan ist wundersam
+ausgedacht, aber ausführen werden Sie ihn nicht.«
+
+»Warum?« rief's von allen Seiten, »was soll uns hindern?«
+
+»Ihre eigene Hochherzigkeit, Ihr eigener loyaler Charakter. Edle Damen
+und edle Herren, wie Sie, können hassen, können befehden, aber sie
+verraten nicht, und sie morden nicht.«
+
+»Monsieur!« entgegnete ein neunzehnjähriges Bürschlein, das eben aus
+einer Pariser Erziehungsanstalt heimgekehrt war. »Ihr Argument würde im
+Kriege gelten, aber es gilt nicht in einer Konspiration.«
+
+»Ganz richtig -- weil ja ...« Dem alten Schlachziz war plötzlich
+eingefallen, daß er jetzt eine Rede halten sollte; er sprang auf, schlug
+die Fersen aneinander und rief nach langer Überlegung:
+
+»Vivat, Polonia! Vivat, König Adam!«
+
+Nun erhob sich in der Ecke des Zimmers eine zitternde, klanglose Stimme.
+Wie aus der Tiefe eines Berges kam sie hervor, einem Berge von
+Seiden- und Schalstoffen, von Spitzen, Rüschen und Bändern. Die Stimme
+gehörte der Starostin Sulpicia, Großtante der Hausfrau, bei der die
+hochbejahrte Dame ein sehr reich mit Butter bestrichenes Gnadenbrot
+genoß.
+
+»Olga, Duschenka moja,«[5] sprach sie, »denke vor allem an dein ewiges
+Heil!«
+
+Mit Schrecken hatte die Schloßdame das leise Sinken des Enthusiasmus
+ihrer Gäste wahrgenommen, indessen sie selbst nach der siebenten Tasse
+Tee auf dem Gipfel der Begeisterung angelangt war. Die Greisin goß mit
+ihrer Ermahnung Öl ins Feuer. Es schlug auch sogleich lichterloh empor
+in dem lauten, feierlichen Ausrufe:
+
+»Alles für Polen! Mein zeitliches und mein ewiges Heil!«
+
+Gräfin Aniela warf sich, ganz entzückt von dieser Größe, ihrer Freundin
+in die Arme, die Herren küßten die Hände der Patriotinnen. Einer von
+ihnen erbat sich die Ehre, aus dem Schuh der Hausfrau trinken zu dürfen.
+Sie gestattete es aber nicht, aus Rücksicht für den erhabenen Ernst
+dieser Stunde, und der Abgewiesene setzte sich ans Klavier und
+intonierte ein melancholisches Nationallied.
+
+Alle schwiegen, alle horchten gerührt; in manches Auge traten Tränen.
+
+Die unwiderstehliche Macht dieses Gesanges ergriff sogar einen, der
+bisher unbeweglich in einer Fensterecke gestanden und am Gespräch nicht
+teilgenommen hatte.
+
+Rosenzweig kannte ihn nicht und war in angestammtem Mißtrauen geneigt
+gewesen, ihn, seiner auffallenden Blässe wegen, für einen der
+verschämten Patienten zu halten, die sich berühmten Ärzten so gern auf
+neutralem Gebiet in den Weg stellen, um im Vorübergehen eine
+Konsultation abzuhalten, für die sie später das Honorar schuldig
+bleiben.
+
+Indessen hatte Rosenzweig sich geirrt. Der Fremde machte keinen Versuch,
+in seine Nähe zu gelangen, während er selbst nicht mehr vermochte, seine
+Aufmerksamkeit von ihm abzulenken.
+
+Er war ein mittelgroßer, schlanker Mann mit blondem, dünnem Bart, mit
+blauen, offenbar sehr kurzsichtigen Augen. Der Eindruck eines ungemein
+regen Geisteslebens, den seine Züge hervorbrachten, wurde durch die
+Blässe erhöht, die den Doktor anfangs verleitet hatte, ihn für einen
+Kranken zu halten. Doch auch von dieser Meinung war er bald abgekommen.
+Krankheit vergeistigt nicht, wie die Poeten oft behaupten, sie zeichnet
+vielmehr die Kinder des Staubes mit deutlichen Merkmalen ihrer Abkunft.
+
+In dem Wesen dieses Mannes aber gab sich kein Zeichen von körperlicher
+Mühsal kund. Die Leidensspuren auf seiner marmorgleichen Stirn waren
+durch rastlos arbeitende Gedanken ausgeprägt worden und der
+Schmerzenszug um den jungen Mund durch frühe, schwere Seelenkämpfe. Die
+Geringschätzung, mit der das Treiben der Gesellschaft ihn zu erfüllen
+schien, wurde allmählich besiegt. Die Klänge des schönen Volksliedes
+ergriffen und bewegten auch ihn. _Eine_ Empfindung verband ihn mit
+seinen Brüdern: Sehnsucht, leidenschaftlich heiße Sehnsucht nach dem
+verlorenen Vaterland.
+
+An diesem Leidensborn hat kein Volk sich so übersatt getrunken wie das,
+aus dessen Herzen solch ein Lied geströmt. Es singt von dem verirrten
+Sohne, der heimkehrt zum Elternhaus, voll Reue und glühender Liebe.
+Zagend steht er an der verschlossenen Tür und hört die Stimme seines
+Vaters, die nach ihm ruft, und hört das Weinen seiner Mutter ... Vater!
+Mutter! stöhnt er. Sie antworten: Komm! Erlöse uns, wir liegen in Banden
+... Er rüttelt an der eisernen Pforte, zerpocht sich die Hände,
+zerschlägt sich die Stirn, schon fließt sein Blut. Vergeblich. Nie wird
+diese Pforte weichen, nie vermag er sie aus den Angeln zu heben. -- Er
+wird auf der Schwelle verschmachten.
+
+Der Gesang war verstummt, und die Stille, die ihm folgte, wurde erst
+nach einer Weile durch die Wirtin unterbrochen, die sich erhob, auf den
+Fremden zuschritt und leise mit ihm zu parlamentieren begann.
+
+Die stattliche Dame machte sich förmlich klein vor ihrem Gast; jede
+ihrer Mienen bezeugte Ehrfurcht, jede ihrer Gebärden war Huldigung.
+
+Sie faltete die Hände und flehte:
+
+»Sprechen Sie, o sprechen Sie zu der Versammlung!«
+
+Die Aufforderung der Hausfrau fand lebhafte Unterstützung.
+
+»Ach ja, sprechen Sie!« riefen viele Stimmen durcheinander. -- »Es würde
+uns beseligen.« -- »Wir wagten nur noch nicht, Sie darum zu bitten.« --
+»Aus Bescheidenheit.«
+
+Alle kamen heran, sehr freundlich, mit auserlesener Höflichkeit --
+keiner ohne eine gewisse Scheu. Sogar die siegessichere Gräfin Aniela
+war befangen, und ihre anmutigen Lippen zitterten ein wenig, als sie
+sprach:
+
+»Geben Sie uns eine Probe Ihrer wunderbaren Beredsamkeit, von der wir
+schon so viel gehört haben. Man sagt, daß Sie steinerne Herzen zu rühren
+und moralisch Tote zu den größten Taten zu wecken vermögen.«
+
+Der Fremde lachte, und dieses Lachen war hell und frisch, wie das eines
+Kindes. Unwillkürlich mußte Rosenzweig denken: Du hast eine unschuldige
+Seele.
+
+»Wie heißt der Mann?« fragte er die Hausfrau.
+
+Sie errötete und gab mit nicht sehr glücklich gespielter Unbefangenheit
+zur Antwort:
+
+»Es ist mein Cousin Roswadowski aus dem Königreich.«
+
+Niemals hatte der Doktor von einem berühmten Redner Roswadowski auch nur
+das geringste gehört; aber was lag daran? In Zeiten nationaler Erhebung
+pflegen ja von heut auf morgen nationale Größen aus dem Boden zu
+wachsen.
+
+Roswadowski erwiderte den Blick, den der Arzt auf ihm ruhen ließ, mit
+einem ebenso forschend gespannten, und sich leicht gegen ihn verneigend,
+sagte er:
+
+»Bitten Sie doch Herrn Doktor Rosenzweig zu sprechen. Er möge Ihnen
+sagen, was er von der Revolution erwartet.«
+
+»Das wissen wir im voraus,« entgegnete Aniela, »wie jeder gute Pole, die
+Wiederherstellung des Reiches, das allgemeine Wohl!«
+
+»Olga, Duschenka moja,« ließ wieder die Großtante sich vernehmen, »sage
+deiner Freundin, daß keiner ein guter Pole ist, der nicht ein guter
+Katholik ist.«
+
+Ohne auf die Unterbrechung zu achten, fuhr Roswadowski fort:
+
+»Das allgemeine Wohl soll jedes besondere in sich begreifen, also auch
+das dieses Mannes und seiner Glaubensgenossen. Warum höre ich keinen von
+euch, die ihr seines Lobes voll seid, davon sprechen, daß ihr die Schuld
+abzutragen gedenkt, in der wir alle ihm gegenüberstehen und seinem
+Volke?«
+
+»*Ce cher Édouard!*« rief Graf W. und fügte, sich in den Hüften
+wiegend, mit süßlichem Lächeln, nur vernehmbar für seine Frau und für
+den neben ihr stehenden Rosenzweig hinzu: »Er wird immer verrückter.«
+
+Auch die Schloßdame war unzufrieden mit dem unerwarteten Ausfall ihres
+Cousins und erklärte sehr scharf, »in einer Schuld der Dankbarkeit und
+Verehrung fühle sie wenigstens sich dem vortrefflichen Doktor gegenüber
+nicht.«
+
+»Und was die Gleichberechtigung aller Konfessionen im Königreiche Polen
+betrifft,« sagte Aniela, »so ist sie bereits im Prinzip festgestellt.
+Mit den Modalitäten wird man sich beschäftigen. Bis jetzt hatte man aber
+noch nicht Zeit, auf Details einzugehen.«
+
+»Ich falle Ihnen zu Füßen!« sprach Rosenzweig. »Um die Sache der Juden
+ist mir nicht mehr bang.«
+
+»Ihre Verheißung macht ihn lachen, so groß ist sein Vertrauen --,« nahm
+Roswadowski wieder das Wort. »Er, dessen ganzes Leben nur eine Übung im
+Dienste der Pflicht gegen uns ist, erwartet von uns -- nichts.«
+
+»Herr, wenn ich meine Pflicht nicht täte, käm ich um mein Amt,« fiel der
+Doktor ein, im Tone eines Menschen, der einer unangenehmen Erörterung
+ein Ende machen will.
+
+Sein unberufener Parteigänger jedoch entgegnete:
+
+»Wenn ich von Pflicht sprach, so hatte ich eine höhere im Auge, als die,
+die Ihr Amt Ihnen auferlegt. Von Amts wegen sind Sie ein tüchtiger
+Kreisphysikus, zum Samariter macht Sie Ihr eigenes Herz.«
+
+»Samariter!... Ich?«
+
+»Jawohl, Sie! Der des Evangeliums pflegte des Sterbenden an der
+Heerstraße und übergab ihn dann fremder Hut. Sie haben den Sterbenden,
+den Sie auf Ihrem Wege fanden, in Ihr Haus aufgenommen, das dem
+verwaisten Christenknaben ein Vaterhaus geworden ist.«
+
+Der Doktor deprezierte:
+
+»-- Wie man's nimmt,« und dachte im stillen ganz grimmig: »Du bist gut
+unterrichtet, Lobhudler! Mein Haus ein Vaterhaus für einen solchen
+Chamer!«
+
+Und in dem Augenblick beantwortete sich ihm eine Frage, die er oft
+erwogen hatte, die Frage: ob man wohl zwei Gedanken auf einmal haben
+könne, denn wahrhaftig, er hatte _zugleich_ auch den: ich will dem
+Chamer, bevor ich ihn wegschicke, doch einen neuen Anzug machen lassen.
+
+»So hat ein Jude getan,« wandte der Redner sich an die Gesellschaft,
+»aus freiem Willen für einen Andersgläubigen, und was haben wir
+Andersgläubigen jemals aus freiem Willen für einen seines Volkes getan?
+Leset eure Geschichte und fragt euch selbst, ob ein Jude die Tage
+herbeiwünschen _kann_, in denen in Polen wieder Polen herrschen?«
+
+Olga und Aniela erhoben Einwendungen; was die Herren betraf, so waren
+die meisten von ihnen dem Grafen W. in das Nebenzimmer gefolgt und
+hatten dort an Spieltischen Platz genommen. Nur der ehrwürdige
+Schlachziz und der Ankömmling aus Paris hielten ritterlich bei den Damen
+aus, und der erste versicherte, er habe sich in seiner Jugend auch mit
+der Geschichte seines Landes beschäftigt, darin jedoch niemals andre als
+glorreiche Dinge gelesen.
+
+Jetzt wurde die Tür aufgerissen, ein Diener stürzte herein und meldete:
+
+»Der Herr Kreishauptmann. Er wird gleich in den Hof fahren.«
+
+Die mutigen Damen stießen einen Schrei des Entsetzens aus:
+
+»Um Gottes willen, der Kreishauptmann!«
+
+Voll Todesangst ergriff die Hausfrau die Hand ihres Vetters: »Fort!
+fort! verbergen Sie sich!«
+
+»Ich denke nicht daran,« erwiderte er ganz ruhig, »ich bleibe; ich freue
+mich sehr, die Bekanntschaft eines liebenswürdigen Mannes zu machen.«
+
+»Sie bleiben nicht! Sie gehen -- weil Ihre Gegenwart uns
+kompromittiert,« rief Graf W., der mit bestürzter Miene in den Salon
+zurückgekehrt war.
+
+Ein Wortwechsel entspann sich ...
+
+»Doktor, ich beschwöre Sie, eilen Sie dem Kreishauptmann entgegen,
+suchen Sie ihn so lange als möglich auf der Treppe aufzuhalten,« flehte
+die Herrin des Schlosses und drängte Rosenzweig zur Tür.
+
+»Ich werde tun, was ich kann; ich empfehle mich, meine Herrschaften!«
+antwortete er und verließ den Salon, im Grund der Seele höchlich ergötzt
+über das Ende, das die Versammlung der Verschwörer genommen hatte.
+
+Vom Gange aus sah er den Kreishauptmann soeben in das Haus treten. Ein
+behäbiger, feiner, mit äußerster Sorgfalt gekleideter Herr. Der Deckel
+seines Zylinders glänzte in der Vogelperspektive, in der er sich zuerst
+dem Doktor zeigte, wie die Mondesscheibe. Nicht minder glänzte der
+Lackstiefel an dem kleinen Fuße, den der Beamte auf die erste Stufe der
+niederen Treppe setzte, als Rosenzweig bei ihm anlangte.
+
+»Ich habe die Ehre, Euer Hochwohlgeboren zu begrüßen!« sprach der
+Doktor, seinen Hut feierlich schwenkend.
+
+»Wie, mein lieber Doktor? Sind Sie es wirklich? Was?« sprach der Beamte
+mit dem gnädigsten Lächeln, »auch Sie im Neste der Verschwörer?«
+
+»-- Herausgefallen, als ein noch nicht flügges Vöglein! -- Wie befinden
+sich Euer Gnaden?«
+
+»Gut. Dank Ihren Ordonnanzen.«
+
+»Und der Pünktlichkeit, mit der Euer Gnaden ihnen nachkommen. Sie sind
+ein so vortrefflicher Patient, daß Sie verdienen würden, immer krank zu
+sein.«
+
+»Sehr verbunden für den christlichen Wunsch ... Entschuldigen Sie -- da
+habe ich mich versprochen.« Und nun kam die Frage, die der
+Kreishauptmann dem Doktor auch bei der flüchtigsten Begegnung nicht
+erließ. »Aber, mein lieber Doktor, wann werden Sie sich denn endlich
+taufen lassen?«
+
+Auf die stehende Frage erfolgte die stehende Antwort:
+
+»Ich weiß es noch nicht genau.«
+
+»Entschließen Sie sich! Sie sind ja ohnehin nur ein halber Jude.«
+
+»Ich würde vermutlich auch nur ein halber Christ sein.«
+
+»Oho! das ist etwas andres!« entgegnete der Beamte streng. »Wir sprechen
+noch davon; jetzt sagen Sie mir --« seine Miene blieb unverändert, aber
+seine kleinen klugen Augen blickten den Doktor durchdringend an: »Ist er
+oben, der Sendbote? Haben Sie ihn gesehen?«
+
+»Welchen Sendboten?«
+
+»Hier im Hause wird er als Herr von Roswadowski vorgestellt.«
+
+Auf dem Gesichte Rosenzweigs malte sich ein so aufrichtiges Erstaunen,
+daß der Beamte ausrief:
+
+»Sie sind nicht eingeweiht! -- Nun, ich will Ihnen Ihre politische
+Unschuld nicht rauben ... Ganz scharmant, diese Konspiranten! besonders
+die Damen. Übrigens haben wir uns weniger in acht vor ihnen zu nehmen,
+als sie sich selbst vor -- andern. Es ballt sich ein Gewitter über ihren
+Häuptern zusammen, von dessen Aufsteigen sie keine Ahnung haben. Diese
+harmlosen Unzufriedenen, die sich für bedrohlich halten, sind selbst von
+ganz anders Unzufriedenen, in ganz anders gefährlicher Weise bedroht.«
+
+Rosenzweig konnte eine Erklärung dieser Worte nicht mehr erbitten. Auf
+der Höhe der Treppe erschien soeben die Hausfrau, strahlend vor
+Freundlichkeit, und der Kreishauptmann schwebte ihr in zierlichen
+Schritten eiligst entgegen.
+
+
+*III.*
+
+Rosenzweig ließ seinem Kutscher den Befehl erteilen, anzuspannen und ihm
+auf der Straße nachzufahren. Er selbst ging zu Fuße voraus und schlug
+bald einen schmalen Weg ein, der, die Felder quer durchschneidend, in
+der Nähe eines steinernen Kreuzes in die Landstraße ausmündete. Dort
+wollte er seinen Wagen erwarten.
+
+Er sehnte sich danach, tüchtig auszuschreiten, frische, freie Luft zu
+atmen und den gesunden Erdgeruch einzuziehen, der aus den aufgerissenen
+Schollen emporstieg. Nur Wunder nahm es ihn, daß er die Wonne und
+Wohltat, der parfümierten Salonluft und Gesellschaft entronnen zu sein,
+nicht so recht zu empfinden vermochte.
+
+Ein tiefinnerliches Unbehagen erfüllte ihn; ein unbestimmtes Etwas ging
+ihm nach, von dem er sich keine andre Rechenschaft zu geben wußte, als
+daß es sehr quälend sei.
+
+Plötzlich rief er mehrmals hintereinander laut aus: »Narr! Narr!«
+
+Die Apostrophe galt dem, den der Kreishauptmann soeben einen Sendboten
+genannt, und die Erinnerung an das unverdiente Lob, das dieser Mensch
+ihm gespendet hatte, das war's, was dem Doktor die Laune verdarb. Jedes
+Wort, das der »Narr« gesprochen, jeder Zug seines durchgeistigten
+Apostelgesichts, der Ausdruck der schwärmerischen Ehrfurcht, mit dem
+seine tiefblauen Augen auf ihm geruht -- alles hörte, alles sah er
+wieder, und eine zornige Beschämung erfüllte ihn.
+
+Er, der trockene, auf seinen Vorteil bedachte Nathanael Rosenzweig --
+ein Menschenfreund und Samariter? -- So einsam er da wandelte auf dem
+Felde, ihm schoß das Blut in die Wangen, daß sie glühten. Er gedachte
+all der Hände, die sich im Verlauf seines langen Lebens flehend zu ihm
+ausgestreckt, und sagte sich: »Nie hast du geholfen außer im Beruf. Und
+was wir dem zuliebe tun, tun wir uns selbst zuliebe.« Seine Schuldigkeit
+hatte er in ihrem ganzen Umfang erfüllt; aber Schuldigkeit -- es liegt
+schon im Worte -- ist nur ein Tausch. Mehr als getauscht hatte er nie.
+Seine Kraft, sein Talent, die Früchte seines rastlos vermehrten Wissens
+gegen den Wohlstand, den er durch sie erwarb, und gegen die Achtung der
+Menschen. So hatte er bisher gehalten und -- Nathanael warf den Kopf
+zurück in seinen breiten Nacken -- so wollte er es auch ferner halten.
+Möge erst jeder seinem Beispiel folgen! Möge diese, im Grunde niedere
+Stufe der Moral erst von der Mehrzahl erreicht sein, dann werden _sie_
+zu Worte kommen, die Idealisten, die Träumer von einem goldenen
+Zeitalter allgemeiner Nächstenliebe. Früher -- nicht!
+
+Jetzt hatte er sich wieder zurechtgefunden und schritt rüstig und
+sorglos weiter in gewohnter Seelenruhe.
+
+Lange vor seinem Wagen, von dem trotz allen Ausblickens keine Spur zu
+entdecken war, erreichte er das steinerne Kreuz. An dessen Fuße kauerte
+eine klägliche Gestalt. Ein alter Mann, die Knie heraufgezogen bis ans
+Kinn, eine hohe Schafspelzmütze auf dem Kopfe, um die Schultern die
+Reste eines blauen Fracks, den vermutlich dereinst in Tagen
+schlummernden Nationalgefühls der verewigte Gutsherr getragen. Die
+mageren Beine des Greises wurden von einer ausgefransten Leinwandhose
+umschlottert und befanden sich, wie sein ganzer kleiner Körper, in einer
+unaufhörlich zitternden Bewegung.
+
+Als der Doktor sich ihm näherte und ihn ansprach, erhob er langsam,
+mühsam das juchtenfarbige, faltige Gesicht und blickte aus
+halberloschenen, rotumränderten Augen mit dem demütigen Leidensausdrucke
+eines alten Jagdhundes zu ihm empor.
+
+»Was tust du hier?« fragte Rosenzweig.
+
+»Ich warte, mein gnädiger Herr, ich bete und warte,« antwortete der
+Angeredete und streckte seine knöcherne Rechte aus, an deren Fingern ein
+vielgebrauchter Rosenkranz hing, »ich warte immer auf einen Brief von
+unserm lieben Herrgott.«
+
+»Was soll denn unser lieber Herrgott dir schreiben?«
+
+»Daß ich zu ihm kommen darf, ist ja hohe, hohe Zeit.«
+
+»Wie alt bist du?«
+
+»Siebzig, nicht mehr. Aber wie ich aussehe, und wenn Euer Gnaden wüßten,
+wie mir ist. Da --« er klopfte auf seine eingefallene, pfeifende Brust
+-- »kein Atem. Jeden Tag meine ich, ich sterbe auf dem Wege, ich
+erreiche das Kreuz nicht mehr.«
+
+»Warum bleibst du nicht zu Hause?«
+
+Der Alte öffnete die Arme mit einer unbeschreiblich hilflosen Gebärde:
+»Sie jagen mich ja hinaus, die Tochter, der Schwiegersohn, die Kinder.
+Nun ja -- sie haben selbst keinen Platz in der kleinen Schaluppe.«
+
+»Wem gehört die Schaluppe?«
+
+»Der Tochter. Ja, der Tochter. Ich habe sie ihr zur Aussteuer
+geschenkt.«
+
+»Ein Schürzenvermögen also!« spöttelte der Doktor. »Und jetzt jagt sie
+dich aus dem Haus, das du ihr geschenkt hast?«
+
+»Mein Gott, was soll sie tun? Der Schwiegersohn prügelt sie ohnehin,
+weil ich so lange lebe. Der Schwiegersohn sagt zu den Kindern: 'Kinder,
+betet, daß der Großvater bald stirbt.' -- Ja!«
+
+»Du hast da einen saubern Schwiegersohn.«
+
+»Mein Gott, Herr, die Leute sind schon so. Solche Herren, wie du, wissen
+nicht, wie die Leute sind. Es gibt noch viel, viel ärgere im Dorf.
+Besonders jetzt in dieser Zeit.« Er senkte die keuchende Stimme. »Weh
+allen Panowies und Panies, die das nächste Jahr erleben!«
+
+»Warum denn? Was meinst du damit?«
+
+»O, die armen Herrschaften! Die Armen, Armen!« wimmerte der Greis und
+begann bitterlich zu weinen. »Alles wird man ihnen wegnehmen, und
+erschlagen wird man sie auch.«
+
+Der Doktor fuhr auf: »Du bist nicht bei Trost!«
+
+Nun begann der andre die Hände zu ringen!
+
+»Auch du antwortest mir so? Das ist ein Unglück! Ach, das ist ein
+Unglück!... So hat der Herr Pfarrer mir geantwortet, wie ich in der
+Beichte ausgesagt habe, was ich weiß; so hat der Herr Mandatar mir
+geantwortet, und der Herr Verwalter hat gar gedroht, mich auf die Bank
+legen zu lassen, wenn ich solche Sachen rede ...« Er richtete seinen
+unsicher suchenden Blick auf den Doktor: »Bist auch du mit ihnen
+einverstanden?«
+
+»Einverstanden -- ich? mit wem?... Sag alles!« befahl Rosenzweig. »Was
+wird ums neue Jahr geschehen?«
+
+»Männer von jenseits des Meeres werden kommen und werden alle adeligen
+Besitzungen unter die Bauern verteilen.«
+
+-- Auch die des Pan Theophil Kamatzki. -- Wartet, Kanaillen! dachte der
+Doktor und sprach: »Was wird denn die Regierung dazu sagen?«
+
+»Die Regierung? Ach! Jesus! Von der Regierung aus ist im vorigen
+Frühjahr schon alles Land vermessen worden, damit die fremden Männer
+wissen, wie geteilt werden soll.«
+
+Rosenzweig brach in ein schallendes Gelächter aus:
+
+»O! dieses Volk!... Seit fünfzig Jahren verkehre ich mit diesem Volk,
+aber die Wege seiner Dummheit habe ich noch nicht erforscht ... Alter!
+die Vermessungen hat der Kaiser vornehmen lassen, weil er wissen will,
+wie groß sein Galizien ist, und wie viel Steuern es ihm zahlen kann.«
+
+Ungläubig wackelte der Greis mit dem Kopfe:
+
+»Das wissen wir besser, verzeih. Der Kaiser nimmt den Herren, die gegen
+ihn sind, das Land und schenkt es den Bauern, die für ihn sind. Dann
+wird es gut sein, glauben die meisten ... Ich glaube, daß es schlecht
+sein wird. Jeden Tag wird Sonntag sein, und was tun die Bauern am
+Sonntag, als raufen und sich betrinken?... O, mein gnädiger Herr, könnt
+man's doch verhüten.«
+
+»Sei du ganz ruhig, das wird gewiß verhütet werden,« entgegnete
+Rosenzweig und lachte wieder.
+
+Da wurde der Alte plötzlich aufgebracht:
+
+»Wenn du gestern abend im Wirtshaus gewesen wärest und den Kommissär
+hättest predigen gehört, du würdest nicht lachen.«
+
+»Den Kommissär? Den Emissär, willst du wohl sagen! Ein Emissär, wie sie
+jetzt zu Dutzenden herumziehen.«
+
+»Nein, nein, kein solcher. Einer, der einmal ein Herr war und jetzt
+sagt, daß es keine Herren mehr geben soll. Er weiß so gut, was für
+Zeiten kommen werden, daß er lieber gleich von selbst ein Bauer geworden
+ist und hat alles verschenkt.«
+
+Diese Worte erweckten Nathanaels ganze Aufmerksamkeit und erhoben es ihm
+zur Überzeugung, daß der Alte von demselben Manne sprach, den der
+Kreishauptmann den Sendboten genannt, und vor dem er selbst eben erst
+Aug in Auge gestanden hatte.
+
+Derselbe! er war es -- er gewiß, der Rätselhafte, dessen
+Lebensgeschichte die Vernünftigen einander mit Hohn und Spott erzählten,
+die Furchtsamen mit Haß, die Phantasten mit Begeisterung, es war
+-- _Eduard Dembowski_.
+
+Oft hatte er sagen gehört, daß von diesem Menschen ein Zauber ausgehe,
+dem sich niemand zu entziehen vermöge, und dieser geheimnisvollen
+Einwirkung den größten Unglauben entgegengebracht, und nun gestand er
+sich, daß er doch etwas ihr Ähnliches erfahre.
+
+Ja! der bleiche Schwärmer schritt wie ein Gespenst neben ihm her. Ja!
+sein Bild verfolgte ihn mit unleidlicher Hartnäckigkeit. Vergeblich
+suchte er seine Gedanken von ihm abzulenken, immer wieder tauchte es auf
+und trotzte dem Willen, es zu verscheuchen.
+
+Das Gefährt des Doktors stand schon seit geraumer Weile auf der Straße.
+Eine bequeme Britzschka, bespannt mit einem Paar kugelrunder
+Falbenstuten, in zierlichen Krakauergeschirren, mit glockenbehangenen
+Kummeten. Der Kutscher war ein schlanker Bursche im saubern, einfach
+verschnürten Leibrock, und das Ganze bildete eine hübsche Equipage, um
+die so mancher Edelmann den Doktor beneidete.
+
+Dieser klopfte den Falben die starken Hälse und legte ihnen die Zöpflein
+der schwarzen, eingeflochtenen Mähnen zurecht. Schon war er im Begriff,
+in den Wagen zu steigen, da wandte er sich zu dem Alten am Fuße des
+Kreuzes zurück:
+
+»Du! wie heißt du?«
+
+»Semen Plachta, Herr.«
+
+»Hör an, Semen! Krieche heim und sage deinem Schwiegersohn, daß Doktor
+Rosenzweig morgen kommen wird, dich zu besuchen. Er soll dich zu Hause
+lassen. Verstehst du mich? Wenn ich komme und dich nicht zu Hause finde,
+werde ich dafür sorgen, daß dein Schwiegersohn noch vor der allgemeinen
+Verteilung als erste Abschlagzahlung auf das Künftige eine Tracht Prügel
+erhält.« Rosenzweig hatte seine Brieftasche gezogen und ihr eine
+Fünfguldenbanknote entnommen. Sein Gesicht wurde sehr ernst, während er
+sie betrachtete. Ein kurzes Zögern noch -- dann reichte er sie dem
+Greise hin.
+
+»Das aber gehört dir. Ich will morgen hören, ob das Geld für dich
+verwendet worden ist.«
+
+Semen streckte die Hand nach dem fabelhaften Reichtum aus; -- zu
+sprechen, zu danken vermochte er nicht. Auch der Kutscher auf dem Bocke
+blieb starr, riß die Augen auf, ließ vor Erstaunen beinah die Zügel
+fallen. Was sollte das heißen, um Gottes willen? Sein Herr verschenkte
+fünf Gulden an einen Straßenbettler?!
+
+»Herr,« sagte er, als der Doktor in den Wagen stieg, »du hast ihm fünf
+Gulden gegeben. Hast du dich nicht geirrt?«
+
+»Schweig und fahr zu!« befahl Rosenzweig, und die Peitsche knallte, und
+die Falben griffen aus.
+
+Bald kam auf der weiten Ebene das Doktorhaus in Sicht. Es stand jetzt
+nicht mehr so allein da wie ein Grenzstein; sehr nette Stallungen und
+Schuppen erhoben sich hufeisenförmig im Hintergrund, und eine
+wohlgepflegte Baumschule füllte den Raum zwischen den Wohn- und
+Wirtschaftsgebäuden.
+
+Die letzteren waren wirklich nach einem Plane des Chamers, dem der
+Architekt seine Sanktion gegeben hatte, ausgeführt worden und gut
+ausgefallen, das mußte man gelten lassen.
+
+Ob Rosenzweig zu seinem Daheim zurückkehrte aus dem Gehöft eines
+Schlachziz, aus dem Hause eines Grundherrn oder aus dem Schlosse eines
+Magnaten -- sein geliebtes Besitztum begrüßte er stets mit der gleichen
+Freude. »Den andern das ihre, das meine mir!« -- Aufrichtig gesagt,
+getauscht hätte er, wenn auch noch so gewinnreich, mit keinem. Er hatte
+ja nie ein lebendes Wesen (seine Großmutter ausgenommen) so geliebt, wie
+er sein kleines Gut liebte. Und wie es da so schmuck vor ihm lag, das
+langsam und mühsam Erworbene, die Verkörperung seiner Kraft und
+Tüchtigkeit, ein so wahrhaft zu Recht bestehendes Eigentum, wie es
+wenige gab, da ballten sich seine Fäuste, und er vollzog einen
+imaginären Totschlag an dem imaginären ersten, der es wagen würde, ihm
+seinen Besitz anzutasten.
+
+Am Abend noch besuchte er den Kreishauptmann und berichtete ihm Wort für
+Wort sein Gespräch mit Semen Plachta.
+
+Der Beamte ließ sich in eine ausführliche Erörterung der kommunistischen
+Umtriebe im Lande ein; die eigentlichen Absichten ihres Urhebers jedoch,
+das Wesen des seltsamen Mannes überhaupt, wußte er nicht zu erklären, so
+genaue Kenntnis er auch von dessen ganzem Lebenslaufe besaß.
+
+Der Sendbote, der das Land rastlos durchpilgerte und in den Palästen und
+den Hütten das Evangelium der Gleichberechtigung aller Menschen und der
+Gleichteilung allen Grund und Bodens verkündete, gehörte, als Sohn des
+Senatorkastellans von Polen und Herrn der Herrschaft Rudy im Warschauer
+Gouvernement, dem hohen Adel an. Auch er war wie seine Standesgenossen
+aufgewachsen und erzogen worden im Bewußtsein überkommener Rechte,
+ererbter Macht und der Pflicht, sie zu wahren und sie auszuüben.
+
+Kaum jedoch in ihren Besitz gelangt, hatte er sich ihrer freiwillig
+entäußert. Die Erträgnisse seiner Güter flossen in die Bettelsäcke der
+Güterlosen oder wurden zu Revolutionszwecken verwendet. Er aber zog
+umher und warb Jünger für seine Lehre und fand ihrer in den Reihen
+seiner eigenen Standesgenossen. An die eindrucksfähigen Herzen der
+Jugend wandte er sich, und je reiner und unschuldiger diese Herzen
+waren, desto feuriger erglühten sie in Verehrung für ihn, und in
+Sehnsucht, seinem opfermutigen Beispiel zu folgen. Boten des Sendboten
+tauchten auf im Königreiche Polen, im westlichen Rußland, in Posen, in
+Galizien. Die Worte ihres Abgottes auf den Lippen, riefen sie dem Adel
+zu: -- Wirf deine Reichtümer und deine zu lang genossenen Vorrechte von
+dir. Vorrecht ist Unrecht. Und dem Volke: -- Kommt, ihr Armen! Nehmt
+euern Anteil an dem Boden, den seit Jahrhunderten euer Schweiß, und wie
+oft! auch euer Blut gedüngt hat. -- Zu allen aber sprachen sie: Erhebt
+euch, schüttelt das Joch der Fremden ab! Wir wollen ein Reich gründen,
+darin es weder Überfluß noch Armut, nicht Herrschaft noch Knechtschaft
+gibt, das Reich -- das Christus gepredigt hat.
+
+Der geistige Leiter dieser Missionen hatte sich inzwischen an dem gegen
+Rußland geplanten und fast im Augenblick des Losbruchs gescheiterten
+Aufstande des Jahres 1843 beteiligt. Als Flüchtling entkam er nach
+Posen, wurde dort binnen kurzem wegen Verbreitung kommunistischer
+Grundsätze zur Rechenschaft gezogen, in Haft genommen, endlich verbannt.
+Er begab sich nach Brüssel, wo Lelewel die Verirrungen seiner
+allzuheißen Freiheits- und Vaterlandsliebe in den Qualen bittersten
+Heimwehs verbüßte. Der Umgang mit diesem »Großmeister der Revolutionäre«
+steigerte die Begeisterung Dembowskis zum Fanatismus. Was seine Seele
+fortan erfüllte, war nicht mehr Mitleid allein mit den Elenden und
+Armen, es war auch Haß gegen die Starken und Reichen, hießen sie nun die
+Beherrscher der Teilungsmächte oder die Inhaber der polnischen
+Zentralgewalt in Paris und Usurpatoren des Königreichs, das sie
+wiederherstellen wollten.
+
+Der Apostel der Nächstenliebe kehrte als ein politischer Agitator nach
+der Heimat zurück. Er, den bisher nur seine eigenen Eingebungen geleitet
+hatten, übernahm die Ausführung fremder Pläne und die Aufgabe, Galizien
+zur Empörung reif zu machen. In dieser Aufgabe wirkte er nun. Wußten
+die, die ihn mit ihr betrauten, was sie taten? Sahen sie ihn und seine
+Lehre nur als das Ferment an, das die stumpfsinnige Menge in Gärung
+bringen, in eine Bewegung setzen sollte, der die Richtung vorzuschreiben
+sie sich anmaßten? --
+
+Die Sympathie und Bewunderung, die jeder echte Pole für den empfindet,
+der im Kampfe gegen die Fremdherrschaft gelitten hat, bewährte sich von
+neuem. Der Adel nahm den Geächteten in Schutz, obwohl er einen Gegner
+seiner Interessen in ihm erkannte. Mochte er welcher Partei immer
+angehören, die Befreiung Polens war auch sein Ziel, auf dem Wege traf
+man zusammen und drückte einander die Hand.
+
+»Und sehen Sie,« schloß der Kreishauptmann, »so sehr ist der Mensch in
+mir im Beamten doch nicht aufgegangen, daß ich diese Polen um solcher
+Züge ihres oft unbesonnenen, blinden, stets aber hochherzigen
+Patriotismus willen nicht lieben und zugleich -- beneiden müßte.«
+
+»Euer Gnaden!« rief Nathanael mißbilligend aus, und beide Männer
+schwiegen. Nach geraumer Zeit erst nahm der Doktor wieder das Wort:
+
+»Ich glaube, Euer Gnaden, es wäre Sache der Regierung, vor allem sich
+und den Adel vor dem verderblichen Einfluß des kommunistischen großen
+Herrn zu schützen.« Hier flocht er das ruthenische Sprichwort ein: 'Ein
+schlechter Vogel, der sein eigenes Nest beschmutzt.' -- »Ich begreife
+nicht, warum man so lange untätig zusieht. Warum man ihn nicht hindert
+gleichsam unter den Augen der gesetzlichen Macht sein tödliches Gift
+auszustreuen.«
+
+Unangenehm berührt durch die Entschiedenheit, mit der Rosenzweig sprach,
+entgegnete der Kreishauptmann mit kühler Überlegenheit:
+
+»Es geschieht schwerlich ohne Grund. Übrigens -- unter uns! -- wir haben
+Weisung, auf ihn zu fahnden -- in unauffälliger Weise.«
+
+»O -- dann!« rief Nathanael übereifrig -- »dann beschwöre ich Euer
+Gnaden, meine Dienste in Anspruch zu nehmen. Unauffälliger wäre nichts,
+als einen Kranken dem Arzte anzuvertrauen. Und daß Ihr 'Sendbote' krank
+ist -- hier,« er deutete auf die Stirn, »und in das Beobachtungszimmer
+des Kreisphysikus gehört, darauf schwöre ich!«
+
+Der Ausdruck im Gesichte des Beamten wurde immer kälter; er richtete
+plötzlich eine gleichgültige Frage an den Doktor und entließ ihn, indem
+er beim Abschied warnend Talleyrands berühmtes »*Surtout pas trop de
+zèle!*« zitierte.
+
+Die Warnung blieb fruchtlos. Des Doktors ein mal entfesselter Eifer für
+die Sache der Ordnung und des Gesetzes war nicht mehr zu bändigen. Er
+hätte die Friedlosigkeit, die ihn umherjagte, auch den andern mitteilen
+mögen, legte einen Abscheu ohnegleichen gegen die zuwartende Geduld an
+den Tag, deren man sich in maßgebenden Kreisen befliß, und nannte sie
+verbrecherischen Leichtsinn und unverzeihliche Lauheit.
+
+Sein politisches Glaubensbekenntnis hatte sich bisher in dem Satze
+zusammenfassen lassen:
+
+»Unsre Regierung wird die denkbar beste sein, sobald sie sich nur noch
+herbeiläßt, den Juden das Recht zu geben, Grund und Boden zu besitzen.«
+Jetzt aber war ihm der Glaube an die Weisheit dieser Regierung
+erschüttert, und er begann sich als ihr Belehrer und Ratgeber zu
+gebärden. Auf dem Kreisamt hatte man wenig Ruhe vor ihm, er brachte
+täglich neue, immer bedenklicher lautende Nachrichten von dem
+Umsichgreifen der kommunistischen Propaganda, und riet immer dringender,
+man möge sich doch entschließen, energische Sicherheitsmaßregeln zu
+ergreifen.
+
+Die genaue Bekanntschaft des Schwiegersohnes Semen Plachtas, die er
+gemacht hatte, gab ihm viel zu denken. Er hatte sich bisher niemals mit
+dem Studium einer Bauernseele beschäftigt. Ein Bauer war in seinen Augen
+der uninteressanteste von allen mit einer Menschenhaut überzogenen
+Bipedes. Jetzt nahm er einen von der Sorte aufs Korn, beobachtete ihn
+genau, ging sogar mit ihm ins Wirtshaus, ließ sich mit ihm in Gespräche
+ein und wußte am dritten Tage, was er schon im ersten Augenblick gewußt
+hatte, daß der Mann faul, trunksüchtig und einfältig war. Wie einfältig,
+das kam erst zum Vorschein, wenn ihm der Branntwein die schwere Zunge
+löste und es nur weniger Fragen bedurfte, um sich zu überzeugen, daß ihm
+sogar die Kardinalerkenntnis der Unterscheidung zwischen mein und dein
+fehlte.
+
+Der Doktor fuhr zur Gräfin Aniela und hielt ihr einen Vortrag über den
+Zustand der Landbevölkerung. »Ja,« schloß er, »der Bauer ist dumm, aber
+wodurch soll er denn gescheit werden, wenn er es nicht zufällig von
+Natur ist? Ja, der Bauer ist faul, aber was würde die Arbeitsamkeit ihm
+nützen, sie brächte ihn doch nimmer auf einen grünen Zweig. Seine
+Arbeitsamkeit käme mehr dem Herrn zugute als ihm. Ja, der Bauer trägt
+den heute verdienten Groschen heute noch in die Schenke, aber diese
+Verschwendung kommt von seinem Elend. Das Elend ist nicht sparsam, das
+Elend vermag einen so gesunden und fruchtbringenden Gedanken, wie den
+der Sparsamkeit, gar nicht zu fassen.«
+
+Gräfin Aniela streckte das zierliche Hälschen in die Höhe, ihre
+lieblichen Lippen verzogen sich spöttisch.
+
+»Verehrter Lebensretter, Sie sprechen ja ganz wie der 'Sendbote',« sagte
+sie, »man glaubt ihn zu hören.«
+
+Der Doktor schwieg; der scherzhaft gemeinte Vorwurf traf ihn tief.
+
+Eine Stunde später stand er in seiner Baumschule vor einem Stämmchen,
+nicht viel dicker als ein Finger, und doch trug es schon unter seiner
+kleinen Blätterkrone drei herrliche Äpfel, völlig reif beinah, mit
+gelblich glänzender Schale. Zu jeder andern Zeit hätte der Doktor an dem
+Anblick seine Freude gehabt, heute vermehrte sich durch ihn nur sein
+Mißmut. Joseph kam aus dem Hause, sein Arbeitsgerät auf der Schulter,
+und wollte den Wohltäter noch zu andern Bäumchen führen, die ein ebenso
+kräftiges Streben, brave Bäume zu werden, an den Tag legten, wie das,
+welches er staunend betrachtete.
+
+Er erhielt keine Antwort. Mit finsterer Strenge funkelten die schwarzen
+Augen Rosenzweigs unter ihren buschigen Brauen den Jüngling an, und
+plötzlich sprach er:
+
+»Sag einmal, hast du nie etwas von einem Freiheitshelden, so eine Art
+Narren gehört, der sich hier in der Gegend aufhält, und, wie man
+behauptet, den Bauern in den Wirtshäusern Revolution predigt?«
+
+Joseph sah offenbar betroffen aus und schwieg.
+
+»Gesteh! Gesteh!« befahl Rosenzweig, und sein drohendes, zornrotes
+Gesicht näherte sich dem des Jünglings.
+
+»Ich weiß nicht, Herr,« stammelte dieser, »ob du den meinst, den sie den
+Sendboten nennen.«
+
+»Den eben meine ich!«
+
+»Der predigt aber nicht Revolution, der predigt Fleiß und Nüchternheit.«
+
+»Fleiß im Stehlen, Nüchternheit beim Totschlagen -- was?« höhnte der
+Doktor.
+
+Ungewohnterweise ließ sich Joseph nicht aus der Fassung bringen. Noch
+mehr! Er erlaubte sich einen Widerspruch:
+
+»Du bist im Irrtum. Ich kenne ihn.«
+
+Rosenzweig prallte mit einem unartikulierten Ausruf zurück, und Joseph
+fuhr fort:
+
+»Ich habe lange mit ihm gesprochen.«
+
+»Wo? und wann? und was?«
+
+»Auf dem Felde, in der vorigen Woche; und von dir ist die Rede gewesen.«
+
+»-- Von mir?«
+
+Aus dem Munde des Chamers hat er seine Nachrichten über mich? dachte der
+Doktor. -- Nun, sie sind danach!
+
+»Ich habe ihn nie predigen gehört,« nahm Joseph wieder das Wort.
+
+»Möchtest aber wohl?«
+
+»O ja! -- ich möchte wohl. Kein Pfarrer kann es ihm gleichtun, heißt es.
+Es heißt auch, daß er heute nacht zum letztenmal in unsrer Gegend
+sprechen wird, in der Schenke des Abraham Dornenkron, eine Meile von
+hier, auf der Straße nach Dolego.«
+
+Eine lange Pause entstand, der der Doktor ein Ende machte, indem er
+Joseph befahl, an die Arbeit zu gehen; er selbst begab sich zum
+Kreishauptmann, meldete, was er soeben in bezug auf den Emissär in
+Erfahrung gebracht hatte, und fragte an, ob es nicht geraten wäre, ein
+Pikett Husaren nach der Schenke zu schicken und den Aufwiegler gefangen
+nehmen zu lassen.
+
+»Was nötig ist, wird geschehen, mein lieber Rosenzweig!« antwortete der
+Beamte. »Wir sind von allem, was vorgeht, auf das genaueste unterrichtet
+und finden darin keinen Grund zur Sorge. Wovor fürchten denn Sie sich?
+Sie gehören zu uns. Ich wollte, ich könnte etwas von Ihrer Vorsicht
+denen einflößen, die ihrer bedürftiger wären als Sie und wir.«
+
+Rosenzweig machte noch einige Krankenbesuche und kam erst spät am Abend
+heim. Vor dem Gartentor fand er Joseph, der ihn erwartete.
+
+»Was hast du dazustehen? Geh schlafen!« herrschte er ihm zu.
+
+Auch er hätte gern Ruhe gefunden, aber sie floh ihn in dieser Nacht, wie
+in den vorhergehenden Nächten.
+
+Auf einmal fiel es ihm ein, ob es nicht möglich wäre, daß Joseph sich
+jetzt aus dem Hause schliche, um nach der Schenke zu rennen und die
+Abschiedsrede des Agitators zu hören. Der Weg ist freilich weit, und die
+Nacht schon vorgeschritten, aber der Bursch hat junge Beine ... Übrigens
+-- wer weiß? Wenn er fürchtet, zu spät zu kommen, nimmt er am Ende gar
+ein Pferd aus dem Stall ...
+
+Nun, _der_ Zweifel wenigstens sollte ihn nicht lange quälen. Rasch nahm
+er den Leuchter vom Tisch und eilte über die Treppe, den Gang, nach der
+von Joseph bewohnten Stube.
+
+In Jahren hatte er sie nicht betreten; sie war die einzige schlechte im
+Hause und ärgerte ihn, so oft er sie sah. Ein länglicher, schmaler Raum,
+einfenstrig, mit Ziegeln gepflastert. Wäre Rosenzweig nicht der
+Wohltäter, sondern der Arzt Josephs gewesen, er hätte ihm verboten, da
+zu schlafen auf dem Strohsack, im Winkel zwischen der Drehbank und der
+Mauer, die förmlich troff von Feuchtigkeit.
+
+Er sagte sich das, als er eintretend den Menschen, den er auf dem Wege
+nach Dolego vermutete, lang ausgestreckt fand auf seiner mehr als
+bescheidenen Lagerstätte, tief und selig schlafend.
+
+Als Rosenzweig sich über ihn beugte und ihm ins Gesicht leuchtete,
+zuckten seine Augenlider, sein roter, frischer Mund zog sich trotzig
+zusammen, aber nur um gleich wieder mit leicht aufeinander ruhenden
+Lippen ungestört weiter zu atmen. Hätte er tausend Zungen gehabt, sie
+würden nicht vermocht haben, kräftigere Fürsprache für die Lauterkeit
+seines Herzens einzulegen, als es der Ausdruck des bewußtlosen,
+schweigenden Friedens auf seinem Antlitz tat.
+
+Der Doktor stellte den Leuchter auf die Drehbank und begann sich in der
+Kammer umzusehen. Was es da gab an begonnenen, an halb und fast
+beendeten Arbeiten, das alles war die Frucht des Fleißes emsig
+schaffender und geschickter Hände. Und es mußte doch kein so übler
+Verstand sein, der ihr Tun leitete, denn nirgend fand sich die Spur
+verwüsteten Materials oder kindischer Spielerei. Und worauf sich das
+ganze Sinnen und Denken dieses Verstandes richtete, das war das Wohl und
+Gedeihen des Doktorhauses, ihm kam all sein Streben zugute, das förderte
+er nach bester Kraft und Einsicht. Ein Beispiel für hundert fiel dem
+Doktor auf und -- fast rührte es ihn.
+
+Er hatte unlängst das hölzerne Gartenpförtlein durch ein eisernes
+ersetzen lassen und war zufrieden gewesen mit der vom Stadtschlosser
+gelieferten Arbeit, aber Joseph meinte: »Sie ist nicht schön genug, ich
+will eine Verzierung anbringen.« Rosenzweig verhöhnte ihn damals, und
+nun war das Werk schon unternommen, war schon mit unsäglicher Mühe aus
+starkem Eisenblech herausgesägt und gefeilt, und inmitten schmucker
+Arabesken zeichnete sich, gar künstlich verschlungen, der Namenszug
+Rosenzweigs.
+
+Dieser lächelte, kreuzte die Hände und versank in eine, zum erstenmal
+wohlwollende und mitleidige Betrachtung des bescheidenen
+Tausendkünstlers. Zu Häupten seines Lagers bemerkte er ein Bild des
+heiligen Joseph, mit vier Nägeln an der Wand befestigt, und darunter
+stand in ungefügiger Schrift:
+
+»Von meiner Lubienka.«
+
+-- Die deine, du armer Junge, der auf der weiten Erde nichts besitzt?
+Hab erst festen Boden unter deinen eigenen Füßen, eh du es wagst, einem
+schwächeren Menschenkinde zuzurufen: Tritt zu mir! Du hast dir noch
+nichts erworben, noch nichts verdient trotz deiner Arbeitsfreudigkeit
+und Treue, nichts -- keinen Lohn, keinen Dank, kein Recht. Was du mir
+leistest und nützest, gilt nur als Zahlung einer dereinst --
+unfreiwillig eingegangenen Schuld.
+
+Wann wird diese Schuld endlich getilgt sein, armer Geselle?... Ist sie
+es denn im Grunde nicht längst? Besäßest du Klugheit genug, um
+abzurechnen und abzuwägen, vor Jahren schon hättest du gesagt: Wir sind
+quitt! Von nun an bezahle mich, Herr! Ich will auch für mich erwerben.
+-- Ich sei ein harter Mann, heißt es, aber ungerecht darf mich niemand
+schelten. Wenn du gefordert hättest, ich hätte dir gegeben, ich hätte
+dich gelten lassen, wenn du dich geltend gemacht hättest ... Du hast es
+aber nicht getan; du bist schweigend unter deinem Joche weitergeschritten
+und wirst so weiterschreiten, bis du zusammenbrichst, und am Ausgang
+deines Lebens so hilflos dastehst, wie du an seinem Eingang gestanden
+hast.. Wessen Schuld? -- Warum denkst du nicht? Warum sprichst du nicht?
+Warum verschwendest du die kostbaren Kräfte deiner Jugend?... Aber es
+geschieht, und ich verbrauche sie -- und so wie ich tun Tausende, und
+so wie du Hunderttausende ...
+
+Noch einen Blick auf den sanft Schlafenden, und Nathanael schloß die
+Augen und preßte die Hände an seine Stirn. Grell und blendend drang es
+auf ihn ein, wie ein im Dunkel aufflammendes Licht. Mit Grauen und
+Entsetzen erfüllte ihn das Bewußtsein: Da schläft er noch still und
+harmlos, und die Hunderttausende seinesgleichen schlafen wie er. Doch
+werden sie erwachen -- schon weckt man sie. Zu welchen Taten? Wie werden
+sie hausen, die plötzlich entfesselten Knechte?
+
+Ein Schwindel ergriff ihn, ihm war, als wanke sein Haus.
+
+»Noch nicht!« rief er und stieß den Fuß heftig gegen den Boden.
+
+Joseph erwachte, sprang auf: »Was befiehlst du, Herr?« Das Bewußtsein
+kehrte ihm nicht schneller zurück, als diese Frage auf seine Lippen
+trat.
+
+»Wissen will ich, was vorgeht, hören, was euch gepredigt wird. Ich will
+den Sendboten hören. Spann die Falben vor den Wagen, du wirst mich nach
+der Schenke des Dornenkron fahren. Spann ein!«
+
+
+*IV.*
+
+Die Nacht war dunkel. Ein feiner, dichter Regen strömte unablässig,
+emsig auf die Erde nieder, und ein andrer, ein kompakter Regen spritzte
+von ihr auf beim energischen Gestampfe der wackeren Rößlein. »Polens
+fünftes Element« umwirbelte und übersprühte das von Joseph gelenkte
+Gefährt, das zwischen einer doppelten Reihe riesiger Pappeln auf der
+Kaiserstraße dahinrollte.
+
+Der Doktor saß lange Zeit schweigend in seinen Mantel gehüllt. Ungeduld
+verzehrte ihn.
+
+»Wir kommen zu spät,« sagte er endlich. »Treib die Falben an.«
+
+»Sie laufen ja, was sie können,« antwortete Joseph. »Wir sind schon
+weit.« Er deutete nach einem großen, weißlichen Fleck im Nordwesten des
+bleigrauen Horizonts, »die Weichsel und der Dunajec stecken schon ihre
+Fahnen aus.«
+
+Eine Viertelstunde später war das Ziel erreicht: ein niedriges,
+weitläufiges Gebäude. Vor dem standen allerlei Fuhrwerke und hinderten
+Joseph, sich mit dem seinen zu nähern.
+
+Rosenzweig hieß ihn halten, stieg ab und suchte sich einen Weg durch das
+Gewirr der Wagen und Pferde zu bahnen. Es war keine leichte Aufgabe für
+einen, der möglichst unbemerkt in das Haus gelangen wollte.
+
+Die meisten Kutscher hatten ihr Gespann verlassen, die andern schliefen
+auf dem Bocke oder taten so und leisteten dem Befehl des Doktors, ein
+wenig Raum zu geben, keine Folge. Er hob eben den Stock, um sich ihnen
+deutlicher verständlich zu machen, als Abraham Dornenkron auf der
+Schwelle des Hauses erschien, einen brennenden Span in der Hand.
+
+»Schaff mir Platz, Abraham,« sprach der Doktor, »ich bin's, ich, Doktor
+Rosenzweig.«
+
+»Gott der Gerechte!« stieß der Wirt erschrocken hervor, faßte sich aber
+sogleich und patschte dienstwillig in den Sumpf, der die Zufahrt zu
+seinem Gasthof bildete. Er schob die künstlich aufgestellte Wagenburg
+auseinander und rief dabei fortwährend mit überflüssigem Stimmaufwand:
+
+»Der Herr Doktor Rosenzweig! -- Is wer krank? Wohin belieben zu reisen
+der Herr Doktor?«
+
+Sobald die Möglichkeit vorhanden war, sich ihm zu nähern, sprang
+Nathanael auf ihn los und packte ihn beim Ohr:
+
+»Sei still, Spitzbube! Du brauchst mich bei deinen Gästen nicht
+anzumelden. Ich will das schon selbst besorgen.«
+
+Und als das Männlein trotzdem nicht aufhörte, seine Verwunderung über
+die Ankunft des Doktors laut auszuschreien, drückte der ihn gegen den
+Türpfosten, daß ihm der Atem verging, und drang an ihm vorbei in den
+Flur.
+
+»Ein Gibor![6] Schema Isroel, ein Gibor der gewaltige Doktor!« raunte
+Abraham einem mißgestalteten Wesen zu, das plötzlich im Dunkel
+geräuschlos wie eine Eidechse, krummbeinig wie ein Kobold, neben ihm
+aufgetaucht war.
+
+Es wiegte den unförmigen Kopf; seine nachtschwarzen Augen funkelten klug
+und feurig.
+
+»Er ist eingezogen, zu spionieren, Tateleben. Wir wollen ihm kommen
+zuvor, daß uns nicht kann begegnen ein Unglück,« flüsterte der Kleine.
+
+»Elend über Elend! Wie heißt ihm kommen zuvor?«
+
+»Ich will nehmen ein Pferd, Tateleben, und reiten nach Tarnow wie ein
+Windstoß, zu melden bei der Polizei, daß bei uns Versammlung halten die
+rebellischen Gojim, und daß die kaiserliche Regierung soll ausschicken
+gegen sie Soldaten, wenn es is gefällig der kaiserlichen Regierung.«
+
+Abraham betrachtete seinen Sprößling mit Blicken bewundernder Liebe:
+
+»Reit wie ein Windstoß, mein Sohnleben, daß du mit Gott bald kommst ans
+Ziel. Reit,« wiederholte er und setzte in naiver Fürsorge hinzu: »Tu
+dich nur nehmen in acht, daß du nicht kommst um deine graden Glieder.«
+
+Rosenzweig war inzwischen in die Wirtsstube getreten oder hatte sich
+vielmehr hineingezwängt.
+
+Es herrschte darinnen eine dicke, dumpfe Atmosphäre, das Produkt von
+mehr als hundert, dicht aneinandergepferchten Menschen, in nassen
+Pelzen, Kleidern und Stiefeln. Fuseldünste und der Qualm einer an der
+Decke hängenden Naphthalampe trugen dazu bei, das Atmen in diesem Raume
+zu erschweren. Die Anwesenden jedoch erfuhren unbewußt den beklemmenden
+Einfluß, der die Gesichter der einen glühen machte und die andrer bis
+zur Todesblässe entfärbte. Es waren Männer, den verschiedensten
+Altersstufen und Ständen angehörig, in ärmlicher Kleidung, im reichen
+Nationalkostüm, im Priestertalar, im Studentenrock, im schäbigen,
+schwarzen Gewand des Winkelschreibers. Die keinen andern Platz mehr
+gefunden hatten, waren auf die Bänke gestiegen und, zwischen die Mauern
+und die Menge geklemmt, bezahlten sie bei jedem neuen Andrang den
+Vorteil ihrer erhöhten Stellung mit der Gefahr, erdrückt zu werden.
+
+In der vordersten Reihe, seine Umgebung überragend, stand ein
+grauhaariger, graubärtiger, breitschultriger Herr, in kostbarer
+Magnatentracht. Wenn er den Kopf wandte, zeigte sich dem beobachtenden
+Nathanael das ausdrucksvolle asiatische Profil eines der mächtigsten
+Fürsten des Landes.
+
+-- Auch du, *Starosta princeps nobilitatis*? dachte Rosenzweig. Aber
+eine noch größere Überraschung erwartete ihn.
+
+Der einzige in der Stube freigebliebene Raum war der vor dem Eingang in
+das Nebenzimmer, dessen offene Tür von einigen jungen Leuten mit
+wahrhaft wildem Eifer vor der Zudringlichkeit der Neugier oder des
+Fanatismus behütet wurde. Dort schritt Dembowski im Gespräch mit einem
+Schlachziz auf und ab, in dem Rosenzweig zu seinem grenzenlosen
+Erstaunen den vertrauten Freund des Kreishauptmanns erkannte. Er lebte
+in glücklichen Familien- und geordneten Vermögensverhältnissen, war ein
+harmloser, aufrichtiger Mensch, dem der Friede über alles ging. Nie
+hatte er es dahin gebracht, einer politischen Debatte seiner
+Gutsnachbarn bis ans Ende zu folgen, weil er regelmäßig früher
+einschlief. Und dieser ruhigste und stillste aller Staatsbürger, da
+wandelte er nun flammend und glühend in einem Seelenkampfe, dessen Pein
+sich in seinem zuckenden Gesicht malte, neben dem Aufwiegler einher.
+
+Der aber, leicht vorgebeugt, den Arm des Neophiten sanft berührend,
+sprach eindringlich und leise zu ihm, sprach Worte, auf welche dieser
+keine Erwiderung mehr zu finden schien. Ein letztes noch -- und er
+wandte sich von dem Erschütterten und trat zu seiner Gemeinde, die ihn
+mit unendlichem Jubel empfing.
+
+Der Sendbote war als Bauer gekleidet. Er trug einen langen, weißen
+Kaftan, der am Halse durch zwei große Metallknöpfe geschlossen war, hohe
+Stiefel, ein Hemd aus grober Leinwand und Pluderhosen aus demselben
+Stoffe. Ein lederner Riemen, an dem ein kleines Kruzifix aus schwarzem
+Holze hing, umgürtete seine Lenden. Sein dichtes, dunkelblondes Haar war
+kurz geschoren; es wuchs in scharfer Spitze in die Stirn und zog schön
+gewölbte Bogen um die mattweißen, etwas eingedrückten Schläfen.
+
+Ruhig ließ er den Freudensturm des Willkomms verbrausen, stand da mit
+herabhängenden Armen, die Finger nur leicht gekreuzt, und schaute ins
+Gewühl lässig und obenhin, wie sehr Kurzsichtige pflegen, die schauend
+schon im voraus auf das Sehen verzichten.
+
+»Freunde, Brüder,« begann er, ohne die Stimme zu erheben, und sogleich
+wurde es still bis zur Lautlosigkeit, -- »ich grüße euch zum letztenmal
+vor dem Kampf, vielleicht zum letztenmal vor dem Tode.«
+
+»Sei uns gegrüßt!« antwortete ein brauner Kumpan von martialischem
+Aussehen; »im Kampf, im Tod, im Sieg!«
+
+»Im Sieg!« durchlief's die Menge als Seufzer der Sehnsucht, als Schrei
+der Hoffnung, als Ausruf der Zuversicht.
+
+»Sieg?« wiederholte der Redner, »ihr habt ihn schon errungen. Ein Kampf
+wie der eure ist ein Sieg und ein Sieger jeder von euch, ob er den Fuß
+auf seine Feinde stellt, ob er zertreten von ihren Rossen auf dem
+Schlachtfelde liegt. Meine Brüder! was immer uns beschieden sein mag,
+der Gedanke, der uns beseelt, kann nicht mehr sterben. Er wird
+fortleben, sogar auf den Lippen derer, die uns um seinetwillen verfolgen
+und töten. Sie selbst werden die heilige Lehre noch verbreiten, indem
+sie von dem Märtyrertum erzählen, das wir erlitten haben.«
+
+Allmählich war die lähmende Müdigkeit von ihm gewichen, seine
+geschmeidige Gestalt hatte sich emporgerichtet:
+
+»Vielleicht ist die Erinnerung an unsern Tod das einzige, was wir denen
+hinterlassen können, für die wir so gern gelebt hätten. Wir müssen dafür
+sorgen, daß dieses Erbe ein glorreiches sei ... Es wird _kein_
+glorreiches sein, wenn nicht jeder einzelne, der zu unserm Bunde
+geschworen hat, sich als ein Priester fühlt, dessen Ehrgeiz Entsagung
+und dessen Ruhm grenzenlose Hingebung an die Sache Gottes ist.«
+
+Vereinzelte Laute der Zustimmung ließen sich vernehmen, aber so manches
+Antlitz drückte Enttäuschung aus.
+
+»Die Sache Gottes, meine Brüder!« wiederholte der Redner. »Vermöchte ich
+den Feuereifer, ihr zu dienen, in euern Seelen zu erwecken, den er in
+der meinen erweckt hat, und euch den Abscheu und die Scham kennen zu
+lehren, womit ich zurückblicke auf die einst genossenen Erdenfreuden.
+Mitten in der Fülle ihrer Genüsse fand mich der Herr. Aus ihrem Taumel
+schrak ich auf bei seinem Ruf. Und die Stimme, mit der der Allerbarmer
+mich rief, war die des Mitleids, und das Mitleid gebar den Zweifel und
+der Zweifel die Erkenntnis.«
+
+Verklärung breitete sich über seine Züge; das Licht der schönsten
+Liebesgedanken leuchtete auf seiner Stirn.
+
+»Ich lebte, wie die Verwöhnten leben. Weil der Zufall mir zuviel
+beschert hatte, kannt ich kein Genügen; in meiner heißen Hand zerschmolz
+das Gold.
+
+Da war einer unter meinen Dienern -- Jelek hieß er, ein Bauerssohn, der,
+aufgeweckt und tüchtig, es bis zu dem Amte meines Güterverwalters
+gebracht hatte. Er allein wagte es einmal, eine Warnung gegen mich
+auszusprechen, und fiel dadurch bei mir in Ungnade.
+
+An einem Sommermorgen ritt ich nach fröhlich durchlebter Nacht mit
+meinem Anhang von einem Feste bei meiner Geliebten heim. Ihre Küsse
+brannten noch auf meinen Lippen, die Klänge der Musik summten mir noch
+im Ohr, liebliche Bilder gaukelten vor meinen Augen, eine beglückende
+Lebenslust erfüllte mich. In meiner Seele vermählten sich die Erinnerung
+an genossene Freuden mit der Erwartung künftiger, und übermütig rief ich
+meinen Gefährten zu:
+
+'Wie heute, so morgen, und immer!'
+
+Wir waren am Ausgang des Waldes angelangt; vor uns lagen im schimmernden
+Duft des jungen Tages die taufrischen Wiesen, das Ährenmeer der Felder,
+und aus der Ferne grüßte mein bewimpeltes Schloß mit seinen starken
+Türmen. Seine Fenster blinkten, auf seinem altersgrauen Gemäuer lag der
+Glanz der aufgehenden Sonne wie ein Lächeln auf dem Antlitz eines
+Greises. Einen schönen Anblick bot mein ehrwürdiges, gastliches Haus,
+und mit Jauchzen sprengten meine Gefährten ihm zu.
+
+Ich aber verhielt mein Roß.
+
+Ich hatte längs des Waldsaumes einen Mann in hastender Eile herbeikommen
+gesehen und Jelek, meinen Verwalter, in ihm erkannt. 'Woher und wohin?'
+rief ich ihn an. Er nannte einen weit entfernten Meierhof, nach dem ihn
+der Intendant mit einem Auftrag schickte. -- 'Fand sich dazu kein
+Geringerer? Seit wann machst du Botengänge?' -- Auf diese meine Frage gab
+er zur Antwort: 'Seit ich bei dir in Ungnade gefallen bin. Dein
+Intendant hat mich meines Amtes entsetzt und bedenkt mich dafür mit
+allerlei Ämtern.' -- Er keuchte und wischte sich den Schweiß von der
+Stirn, und ich sah es ihm an, daß ihm der Boden unter den Füßen brannte.
+Ich sah auch, daß sich vom Dorfe aus ein langer Zug nach der Straße hin
+bewegte, und daß der es war, dem er entgegenstrebte. Ich setzte mein
+Pferd in Schritt, und er folgte mir. So kamen wir zur Landstraße, auf
+der die Leute wanderten. Ein paar hundert Männer, Jünglinge, Greise,
+ihre Sensen auf den Schultern, Säcke auf den Rücken. Sie schritten
+stumm, mit gesenkten Köpfen, die meisten barfuß und zerlumpt -- meine
+Bauern!... Und wie sie, sich bis zur Erde verneigend, an mir
+vorüberschlichen, unlustig, wie eine Herde, die nach fremdem Pferch
+getrieben wird, da wußt ich: die Leute sind vermietet für die Erntezeit,
+weithin vielleicht, und werden den Boden, auf dem ihre eigene ärmliche
+Ernte reift, nicht wiedersehen, eh der Schnee ihn bedeckt.
+
+Jelek hatte ein Tüchlein hervorgezogen, in dem einige Münzen
+eingebunden waren, und drückte es einem Alten in die Hand, der am Ende
+des Zuges mühsam nachhumpelte: -- 'Damit du nicht darbst unterweges,
+Vater. Gott tröste dich. Meinetwegen mußt du fort.'
+
+Der Alte barg das Tuch an seiner Brust, und der Haiduk, der die Schar
+geleitete, stieß ihn vorwärts.
+
+In die Augen Jeleks traten Tränen des Schmerzes und der Wut.
+
+'Warum sagtest du,' fragte ich ihn, 'dein Vater müsse um deinetwillen
+fort?'
+
+'Weil es so ist. Der Intendant hätte sich nicht getraut, ihn zu
+vermieten, wenn du mir noch gnädig wärest wie sonst.'
+
+Ein paar Tage später traf ich meinen Jelek, wie er einen Arbeiter auf
+dem Felde, einen hochbejahrten Mann, der Faulheit anklagte und
+erbärmlich schlug.
+
+'Siehst du nicht, daß der Mann erschöpft ist und nicht mehr arbeiten
+kann?' sagte ich, und er erwiderte:
+
+'So werden sie es in der Fremde auch meinem Vater tun. Warum soll es dem
+einen besser gehen als dem andern?'
+
+Was ich ihm antworten sollte, wußte ich nicht, aber zu dem Alten sagte
+ich:
+
+'Tun dir die Schläge nicht weh, daß du dastehst und nicht einmal
+klagst?'
+
+'O, mein gnädiger Herr!' entgegnete er, 'was würde das Klagen mir nützen?'
+
+Und auch darauf mußte ich schweigen ...
+
+Heimkehrend fand ich das Haus zum Empfang meiner Geliebten geschmückt,
+und alle, die um meine Gunst buhlten, waren versammelt, um ihr zu
+huldigen. Sie erschien in ihrer königlichen Schönheit, und ihr Anblick
+und der Anblick der Pracht, die mich umgab, und der kriechenden
+Dienstfertigkeit meines Anhangs -- Grauen, meine Brüder! Grauen
+erweckten sie mir ... Ein Dämon, meint ich, habe tückisch mein Auge zu
+furchtbarem Hellsehen geschärft ... All der Glanz, alle die Pracht und
+Herrlichkeit und die Liebe des Weibes und die Treue der Freunde -- sie
+hatten einen Preis, und bezahlt hatte ihn das Elend. Die hatten ihn
+bezahlt, die zum Frondienst vermietet hingezogen waren in die Fremde..
+Das Gewühl vor mir, die Wände des Saales wurden durchsichtig. Wie durch
+schimmernde Schleier sah ich eine wandernde Schar, deutlich jede Linien
+der Gestalten, jeden Zug der Gesichter, die mein Auge an jenem Morgen
+nur flüchtig gestreift hatte. Ergebung auf allen! Nicht schöne,
+männliche -- nein! die trost- und hoffnungslose Ergebung des
+Stumpfsinns. Was jenes Opfer der ungerechten Vergeltung, die mein Diener
+übte, gesprochen hatte, das sprachen auch sie in ihrem Schweigen. 'Was
+würden Klagen uns nützen?'
+
+Brüder! in dieser Stunde habe ich meiner Macht geflucht und mein Glück
+gerichtet ... Meine Macht war zum Unheil andrer ausgeübt worden, mein
+Glück wuchs nicht wie eine Blume aus dem gesunden Mutterschoß der Erde,
+es war ein Wuchergebilde, ihrer Krankheit Frucht, und nährte sich
+parasitisch von kostbaren Lebenssäften.«
+
+Der Redner bog den Kopf zurück; seine Lider schlossen sich, einem
+Gepeinigten gleich zog er den Atem ein.
+
+»Da ergoß sich in meine Brust ein Strom der Schmerzen ... Die Schmerzen
+jedes einzelnen, der um meinetwillen gelitten hatte, ergossen sich in
+meine Brust!... Und jede Schuld und jedes Unrecht, das _die_ begangen
+hatten, die mir dienten, als _meine_ Schuld empfand ich sie und vernahm
+schaudernd, wie ihr Schrei gegen mich zum Himmel stieg.
+
+Die Luft im Saale lastete wie Blei, aus den Augen meiner Geliebten
+blickte die Sünde, die Töne der Musik girrten sinnverwirrende Melodien,
+und -- fort trieb es mich, hinweg von dem durchschauten Trug in die
+kühle, klare Nacht. Ich wanderte unter ihren schimmernden Sternen,
+soweit meine Füße mich trugen, und wie auch mein Herz blutete und rang,
+mir war, als lebte ich auf. In der herben Qual, die ich litt, fühlte ich
+die Hand meines Herrn, verstand die Mahnung, deren er mich gewürdigt
+hatte. Und während sie mich suchten im Schlosse und in den Gärten, lag
+ich im Waldesgrund auf dem Angesicht vor meinem Gott und flehte um Kraft
+zur Buße und Sühne, und bot mich ihm dar zum Werkzeug seines Willens,
+zum Verkünder seiner Lehre, und flehte den Urquell des Lichtes um
+Erleuchtung auf meinem Wege an.
+
+Sie wurde mir. Wie das Auge des Blindgeborenen, als der Finger des
+Heilands es berührte, sich der alten, vertrauten und ihm doch
+unbekannten Welt erschloß, so erschloß sich meine Erkenntnis der
+Offenbarung, in deren Licht ich gewandelt war von Jugend an -- ein
+Blinder. Und je tiefer ich in den Geist des göttlichen Wortes eindrang,
+desto klarer wird es mir: Inbegriff seiner Weisheit ist die Liebe. Für
+uns Menschen -- die Nächstenliebe!«
+
+Die hochgehenden Wogen der Begeisterung, mit der der Sendbote empfangen
+worden, waren allmählich verebbt. Ein Gemurmel der Mißbilligung, in das
+sich nur vereinzelt warme Zurufe mischten, erhob sich jetzt. Aus der
+Gruppe, die den Fürsten umdrängte, scholl rauh die Mahnung:
+
+»Laß den Pfarrer von Nächstenliebe sprechen, sprich du von der Befreiung
+des Vaterlands!«
+
+»Eines, die beiden!« antwortete der Redner. »Keine Befreiung ohne die
+Liebe des Nächsten. Sie ist der unermeßlich reiche Schatz, der uns an
+dem Tag erlöst, an dem wir uns entschließen, ihn zu heben. Nur verstehen
+müßt ihr ihr Gesetz. Für euch, ihr Mächtigen und Reichen, lauten seine
+ersten Worte: Entsagung, Entbehrung, Sühne!«
+
+Die Lippen des Fürsten kräuselte ein Lächeln, aber mit immer mächtiger
+werdender Stimme fuhr der Redner fort:
+
+»Es gibt nur einen Herrn, den König der Himmel und der Welten, und nur
+ein Menschenvolk gleichgeborener Brüder. Der sich Herrschaft anmaßt über
+seine Brüder, säet und erntet Unheil; die Seele des Knechtenden wie die
+des Geknechteten verdirbt.«
+
+Mit einem raschen Schritte trat er auf den Fürsten zu:
+
+»Rette deine Seele, demütige dich! Gedenke der Sünden deiner Väter,
+gedenke der Flüche, die auf deinem Haupte lasten. Wie? -- Befreiung von
+fremder Tyrannei verlangt ihr? Was habt denn ihr jemals ausgeübt an dem
+bejammernswerten Volke, als Tyrannei? Ihr, der Adel, ihr wart der Staat.
+Niemals ist in Polen ein andrer Stand zu Wort gekommen, als der eure,
+und wohin habt ihr das Land gebracht?... Euer Eigennutz hat es
+ausgebeutet, eure Zwietracht es zerrissen, euer Verrat es den Feinden
+ausgeliefert!«
+
+»Du lügst! Schweig! Wir wollen dich nicht mehr hören!« tönte es ihm
+zurück.
+
+Ein rasender Tumult erhob sich.
+
+»Platz da! Platz für den Fürsten!« riefen die Begleiter des Magnaten,
+der sich schweigend und verächtlich umgewandt hatte, und dem die Seinen
+mit Stoßen und Drängen einen Weg zum Ausgang zu bahnen suchten.
+
+Nathanael, in der Nähe stehend, erwies sich ihnen hilfreich. Die Menge
+war wie eingekeilt unter der Tür, aber sein eiserner Arm teilte sie, um
+den Fortstürmenden Raum zu schaffen, und ein allgemeines Aufatmen gab
+es, als der Fürst mit seiner Schar das Freie gewonnen hatte.
+
+Von draußen vernahm man ihr Schreien, Fluchen und Lachen. Die Herren
+pfiffen ihren Kutschern und ihren Hunden, Peitschen knallten, Fuhrwerke
+setzten sich in Bewegung.
+
+Der Blick des Sendboten glitt schwermütig über die gelichteten Reihen
+seiner Jünger.
+
+»Auf die Großen dieser Erde habe ich nicht gezählt; wohl uns, wenn wir
+keine andern Gegner hätten als sie,« sprach er ruhig. »Der Bedrücker
+sind wenige, der Bedrückten viele. Wenn die Bedrückten sich erheben und
+im Namen des Allgerechten ihren Anteil am Besitz der Erde fordern
+würden, dann wäre die Macht der Mächtigen wie Spreu. Aber der Koloß, der
+sich nur zu regen brauchte, um seine Bande zu sprengen -- er regt sich
+nicht. Er duldet und front und wird ewig dulden und fronen. Durch das
+unwürdige Leben, das er seit Jahrhunderten führt, ist das Bewußtsein
+seines Menschentums, seines freien Willens in ihm erstickt worden. Sie
+aber, die ihm dieses Bewußtsein raubten, haben nicht nur gegen das
+elende, von ihnen verachtete Volk, sie haben -- und dessen gedenken sie
+nicht! -- sie haben gegen Gott gefrevelt, indem sie Tausende seiner
+Geschöpfe unfähig machten, sein Bild widerzuspiegeln.«
+
+Er hielt inne, und die jungen Leute jubelten ihm Beifall zu. Die älteren
+Männer schwiegen. Einige Geistliche hatten sich in die Nähe der Tür
+begeben. Der treulose Freund des Kreishauptmanns war samt den Edelleuten
+verschwunden, nachdem er mit staunendem Schrecken den großen Kopf
+Rosenzweigs aus dem Gedränge hervorragen gesehen hatte. Der Doktor
+jedoch, mit der Wucht eines Pfeilers auf seinem Vordermann lastend,
+brachte jeden allmählich zum Weichen und stand nun auf demselben Fleck,
+auf dem früher der Fürst gestanden hatte, dicht vor dem Sendboten.
+
+Eine freudige Röte stieg diesem in die Wangen, als er Nathanaels
+ansichtig wurde.
+
+»Gott wird die Schuldigen richten!« nahm er wieder das Wort. »Was uns
+zukommt, ist die Erlösung der Armen, deren Jammer zu ermessen wir besser
+vermögen, als sie selbst. Was ich von euch fordere, ihr Herren, ihr wißt
+es, besprochen und wieder besprochen haben wir's in langen Stunden. Ihr
+aber, Studenten und Männer der Wissenschaft, die ihr dem Volke nahe
+steht wie euerm Vater, betreut es, als wäre es euer Kind. Lehrt es euch
+lieben und vertrauen, verwendet zu seinen Gunsten euer Wissen, euer
+Können, eure Erfahrung, Kraft und Zeit. Vergeßt euch selbst in seinem
+Dienst. Keiner von euch pflege mehr seinen Geist in kaltsinniger
+Abgeschlossenheit ... Mit welchem Rechte vertieft ihr euch in die
+Erforschung der schwierigsten Welt- und Daseinsrätsel, während um euch
+her noch Menschen leben, mit dem gleichen Anspruch auf Erkenntnis
+ausgestattet wie ihr -- und unfähig, die einfachsten Gedankenreihen zu
+bilden?... Ihr sucht nach Zielen in euern Wissenschaften und werdet
+immer nur Grenzen finden. Ich nenne euch ein Ziel, das sich erreichen
+läßt: die Verminderung des Irrtums, des Wahns, des Aberglaubens unter
+euern Brüdern ... Dem Zug einer ungeheuern Heersäule, die nachts
+aufbricht, um zum Kampfplatz zu eilen, gleicht das Wandeln des
+Menschengeschlechts über die Erde. Die, denen Kraft gegeben ward, die
+andern zu überholen, haben sich an die Spitze gestellt. Sie schreiten
+schon im rosigen Morgenlicht, die Schatten fliehen, ein Wunderland
+öffnet sich vor ihnen. Unaufhaltsam jagen sie ihm zu, auf
+sonnenbeglänzter Bahn, unbekümmert um die Nachhut, die hinter ihnen im
+Dunkel tappt und sich verirrt, und keinen Steg mehr findet, der zu den
+Glücklichen hinüberführt, an deren Seite auch sie den Kampf des Lebens
+zu kämpfen berufen waren ... Deshalb, ihr Führer, macht halt! Öffnet
+eure Reihen, laßt die Nachhut herankommen. Einen breiten Weg für die
+Nachhut! Zu ihrem Heil, meine Brüder! aber auch zu dem eurigen, denn aus
+jedem bisher blöden Auge, das sich dank eurer fürsorgenden Liebe einem
+Strahl der Wahrheit öffnet, wird euch der Himmel grüßen ...«
+
+Einige Schulmänner in der Nähe Rosenzweigs wechselten bedeutungsvolle
+Blicke: »Ich bin sehr enttäuscht,« flüsterte ein Advokatenschreiber den
+gelehrten Herren zu: »Das ist ja gar nichts.«
+
+Der Doktor stand nach und nach ganz bequem, von einem Gedränge war keine
+Rede mehr. Das Auditorium machte sich langsam und geräuschlos fort.
+Wagen um Wagen rollte, Reiter trabten davon.
+
+Die Zurückbleibenden widersetzten sich endlich dieser Flucht. Die
+Verwünschungen, mit denen die Abtrünnigen begleitet wurden, begannen in
+Tätlichkeiten auszuarten.
+
+Gebieterisch erhob der Redner seinen Arm.
+
+»Laßt jeden unbehelligt ziehen,« befahl er. »Wer von euch kann sagen, ob
+das Samenkörnlein Wahrheit, das jetzt von der Brust dieser Männer
+abzuprallen schien, nicht, ohne daß sie selbst es ahnen, in ihr Wurzel
+geschlagen hat? Vielleicht tritt mancher von denen, die uns jetzt
+verlassen, noch dereinst in unsre Reihen ein. Mir aber, meine Brüder,
+mir ist es ein Segen zu fühlen: was mich in dieser Abschiedsstunde
+umgibt, ist Treue, was mich vernimmt -- Verständnis. Den tiefsten Inhalt
+meiner Lehre, in eure Herzen darf ich ihn gießen wie in köstliche
+Schalen, die ihn rein und lauter bewahren, und ihn andern Herzen also
+mitteilen werden.
+
+Brüder, wir müssen immer hören, ohne Kampf der Menschen untereinander
+könne die Welt nicht bestehen; in einem allgemeinen Frieden würden unsre
+Kräfte einrosten und unsre Geister erschlaffen. Das ist falsch. Friede
+zwischen den Menschen bedeutet ja nicht das Ende aller Kämpfe, es
+bedeutet vielmehr den Beginn eines neuen, eines herrlichen Kampfes.
+Während der Haß der Urheber aller bisherigen Kämpfe gewesen ist, wird
+die Liebe die Mutter der künftigen sein. Die Streiter, die sie aufruft,
+werden nicht etwa ein leichtes Spiel haben, denn die Feinde, denen sie
+gegenüberstehen, gönnen ihren Überwindern nicht Ruhe, nicht Rast;
+täglich besiegt, erheben sie sich täglich wieder. _Leiden_ und
+_Leidenschaft_ sind ihre Namen. Faßt sie nur einmal scharf ins Auge, und
+ihr werdet euch fragen müssen: Ist es möglich, daß wir jemals einen
+andern Streit unternommen haben als den gegen sie, als den gegen die
+Leiden der andern und gegen die Leidenschaft in unsrer eigenen Brust?
+Wie? es gibt in der Welt diese fürchterlichen Gewalten, und wir haben
+mit ihnen einen faulen Frieden geschlossen? Wir haben sie hingenommen
+wie das Notwendige und Unentrinnbare, wir haben schläfrig und lau den
+Vampyr an unserm Marke zehren lassen und unsre Streitlust nicht an _ihm_
+gebüßt, nein, an unsern Brüdern, unsern mitleidenden Brüdern! Wir haben
+Beladenen neue Lasten auferlegt, wir haben Verwundete verletzt.
+
+O, des Wahnsinns! Oder -- des Verbrechens -- oder vielmehr der beiden!
+Verbrechen ist Wahnsinn, die Torheit ist die Quelle jedes Unrechts.«
+
+Ja, und tausendmal ja! dachte Rosenzweig, Tränen in den Augen,
+erschüttert in allen Fugen seines Wesens. Ein unermeßliches Glück
+durchdrang ihn, er empfand die höchste aller Wonnen -- die Wonne, aus
+den beengenden Schranken der Selbstsucht aufzusteigen wie aus einem
+Grabe. Was er bisher am meisten geschätzt hatte, erschien ihm wertlos,
+die Arbeit vergeudet, die er auf die Erwerbung seines Reichtums
+verwandt, verächtlich seine engherzige Freude an ihm, der, ein toter
+Staub, in seinen Händen gelegen. Beschämung erfüllte seine Seele, aber
+mit Entzücken gab er sich ihr hin als dem Wahrzeichen seiner Wandlung,
+dem Beginn seines inneren Wachsens und Klärens. Nur ein Gedanke trübte
+die reine Seligkeit dieses Augenblicks; er galt dem Apostel des Mitleids
+und der Liebe und wurde schmerzlicher und sorgenvoller, als dieser die
+Zukunft, die er träumte, als eine erreichbare zu schildern begann. --
+Täusche dich nicht! hätte er ihm zurufen mögen. Das Land deiner
+Verheißung hat auf Erden keine Stätte. Begnüge dich damit, unsre
+Sehnsucht nach ihm erweckt zu haben. Schon das ist Befreiung.
+
+Aber der Sendbote sprach ... Der Klang seiner Stimme füllte wie etwas
+Körperliches den Raum, der Glutstrom seiner Beredsamkeit trieb seine
+kühnsten, prächtigsten Wogen, und endlich schloß er:
+
+»Zweck und Ziel unsres Bundes ist das Wohl des Volks, das Wohl eines
+jeden Bewohners der polnischen Erde; schwört Treue unserm Bunde!« Da
+riefen alle, da tönte es mit der Stimme _einer_ Begeisterung aus der
+Brust von jung und alt, von Besonnenen und Schwärmern:
+
+»Wir schwören!«
+
+Sie fielen vor ihm nieder und küßten seine Hände, seine Knie, seine
+Füße. »Wir schwören dir Gehorsam bis in den Tod!« überschrie einer aus
+der Menge alle übrigen. Der Sendbote wehrte ab:
+
+»Nicht mir Gehorsam -- der Sache schwört, die Armen und Bedrückten zu
+lieben, wie euch selbst, und das Vaterland mehr, als euch selbst.«
+
+Die Beteuerungen wiederholten sich.
+
+»So geht denn hin. Werbt im Volke, werbt Werber für das Volk. Entsendet
+keinen, der nicht auf das Kruzifix geschworen hat. Ich bringe euch die
+Eidesformel und den Katechismus,« sprach der Agitator, und Stille trat
+während der Verteilung der Schriften ein.
+
+Plötzlich wurde sie durch ein so angstvolles Gekreisch unterbrochen, daß
+alle zusammenfuhren. Abraham Dornenkron stürzte herein,
+schreckensbleich, mit aufgelösten Locken:
+
+»Rette sich, wer kann sich retten! Mein Sohnleben ist gewesen in Tarnow,
+hat gesehen steigen auf die Husaren, gleich werden sie sein hier, mein
+Sohnleben is geritten ihnen voraus.«
+
+Die Warnung Abrahams erweckte Hohn, Trotz, Bestürzung. Einige stammelten
+ein leises Abschiedswort und eilten rasch davon. Was Waffen trug,
+scharte sich um Dembowski und schickte sich zu seiner Verteidigung an.
+Er aber wies seine Getreuen hinweg.
+
+»Fort! Ihr, ich, wir alle. Noch ist es nicht Zeit zum Kampfe. Ein
+Hochverräter jeder, der den Kampf zu früh beginnt. Fort! Alle fort!«
+
+Die Stube leerte sich. Der letzte, der hinaustrat, war der Sendbote,
+knapp vor ihm schritt Nathanael. In tiefer Stille bestiegen die
+Verschworenen ihre Wagen und stoben auseinander wie Schatten. Das Pferd
+des Redners wurde vorgeführt, er schwang sich hinauf und gab ihm die
+Fersen. Das Tier bäumte sich, fiel schwer auf einen Vorderfuß zurück und
+zog den andern mit schmerzvollem Zucken in die Höhe.
+
+Eilends sprang Rosenzweig herbei. »Ihr Pferd lahmt,« sagte er, »auf dem
+Pferde kommen Sie nicht weit.«
+
+Der Wirt näherte sich, eine Flasche tragend, in deren Hals eine
+tropfende Unschlittkerze stak, hockte am Boden nieder und bestätigte
+jammernd den Ausspruch des Doktors. Diesen ergriff ein Verdacht, er
+hielt dem Juden die geballte Faust vors Gesicht:
+
+»Wart, Kerl, wenn du das getan hast!«
+
+Abraham brach sofort in Wehklagen und Unschuldsbeteuerungen aus. Der
+Emissär war vom Pferde gestiegen, stand regungslos und horchte.
+
+Deutlich vernahm man schon das Heransprengen der Reiter auf der Straße.
+Sie ritten mit dem scharf herüber pfeifenden Wind. Gelblichgrau begann
+der Horizont zu schimmern. Der fahle Schein der ersten Dämmerung
+verbreitete sich über die Ebene. Nathanael fröstelte und glühte. Kalter
+Schweiß rann ihm über die Stirn, eine eiserne Kralle schnürte ihm die
+Kehle zu. _Das war Furcht_, deren Symptome er so oft an andern
+beobachtet, die er an sich selbst nie erfahren hatte.
+
+»Verbergen Sie sich im Haus,« sprach er zum Emissär.
+
+»Was würde mir das nützen, wenn der Wirt falsch ist -- und er ist es,«
+antwortete jener. »Ich will meinen Beinen vertrauen. So viel Klugheit
+wie das gehetzte Wild habe auch ich. Irgendwo findet sich ein Hohlweg,
+ein Baum, ein mitleidiger Strauch, der mich verbirgt.«
+
+Er schickte sich zur Flucht an.
+
+Da faßte ihn der Doktor mit überlegener Kraft und drängte ihn zu seinem
+Wagen hin.
+
+»Herunter, Joseph!« befahl er, »und sieh zu, wie du nach Hause kommst.
+Sie aber, nehmen Sie seinen Platz ein. Rasch!«
+
+Der Widerstrebende war auf den Wagen hinaufgehoben, bevor er sich's
+versah. Der Doktor warf ihm seinen im Wagen zurückgebliebenen Mantel
+über die Schultern, Joseph legte die Zügel in seine Hand und trat sofort
+im Eilschritt den Heimweg an.
+
+»Du!« sprach Nathanael, und Abraham beugte sich beinahe bis zur Erde
+unter dem Blitz, der aus den Augen des Doktors auf ihn niederfuhr, »du
+sollst mich kennen lernen, wenn du den Verräter weiter spielst!« Einige
+Verwünschungen folgten, die ihm leicht von den Lippen flossen. Schwerer
+wurde es ihm, hinzuzusetzen: »Wenn du aber dein Maul hältst -- dann
+kriegst du von mir für dein Schweigen das Doppelte von dem, was deine
+Angeberei dir eingetragen hätte.«
+
+Er machte eine rasche Wendung den immer näherkommenden Reitern entgegen.
+
+»Hallo ho!« rief er, die Hände vor dem Munde zum Sprachrohr geformt, »zu
+spät! zu spät!«
+
+Ein Pikett Husaren mit einem blutjungen Kadetten an der Spitze kam
+angaloppiert. Der Kadett riß sein Pferd dicht vor Nathanael zusammen:
+
+»Gottes Donner! der Herr Doktor! Was führt Sie her?«
+
+»Beim Zeus! die Neugier, mein Gräflein. Aber Sie -- warum just Sie? Ein
+heißer Ritt in kalter Morgenstunde, das gibt, so wahr ich Sie kenne,
+eine Halsentzündung.«
+
+»Gottes Donner! scherzen Sie nicht! komm ich wirklich zu spät? Ist das
+Nest leer? War der Emissär wirklich da? Haben Sie ihn gesehen?« fragte
+der Jüngling in überstürzter Hast.
+
+»Gesehen, gehört, ihn als unschädlichen Schwärmer diagnostiziert.«
+
+»Unschädlich? Dann war er's nicht.«
+
+»Er war's!«
+
+»Es is gewesen er!« fiel Abraham geläufig ein. »Der Herr Kadett können
+noch sehn stehn hier sein Pferd, das ich hab vernagelt, damit er nicht
+kann reiten davon.«
+
+»Was ihn zwang,« bemerkte Rosenzweig, »im Wagen eines seiner Freunde
+davon zu _fahren_!«
+
+Der Jüngling nahm das Pferd in Augenschein, ließ ihm das Eisen abreißen
+und befahl einem Soldaten, es am Zügel mit zu führen.
+
+»Ich nehm es mit, als Pfand,« sagte er. »Und nun -- in welcher Richtung
+ist er davongefahren, Doktor?«
+
+»Das verrate ich Ihnen um keinen Preis.«
+
+»In welcher Richtung? Die Sache ist ernst. Ich bin ein gemachter Mann,
+wenn ich ihn fange. Wir haben verschärfte Order erhalten, heute
+nachmittag. -- In welcher Richtung, Doktor?... Gottes Donner! sprechen
+Sie!«
+
+Rosenzweig entgegnete mürrisch: »Ich weiß nichts. Vielleicht sind Sie
+ihm selbst begegnet auf der Straße.«
+
+»Niemandem bin ich begegnet außer einigen guten Bekannten ... Übrigens«
+-- er hielt inne und schlug sich vor die Stirn. »Auch die sind ja
+verdächtig ... Rechts um!« kommandierte er seinen Leuten, und die
+Husaren machten kehrt. »Adieu, Doktor. Und du, Jude, merk auf! Es soll
+ein Preis auf den Kopf des Emissärs gesetzt sein, heißt es, ein Preis
+von tausend Gulden. Dein wäre er gewesen, hätt ich den Kerl hier
+erwischt.«
+
+Abraham zuckte zusammen, wand sich wie ein Wurm und kreischte laut. Der
+Fuß des Doktors stand auf dem seinen und trat ihn unbarmherzig.
+
+»Was gibt's?« rief der Husar.
+
+»Er weint um die tausend Gulden, die ihm an der Nase vorbei geflogen
+sind,« entgegnete Rosenzweig.
+
+Der Kadett setzte sich wieder an die Spitze seiner Mannschaft: »Ich
+reite zurück. Die Wagen holen wir noch ein ... Gottes Donner! die wollen
+wir jetzt aufs Korn nehmen ... In Galopp, Marsch!« Und das Pikett
+rasselte davon.
+
+Abraham hüpfte kläglich auf einem Fuße und hielt den andern,
+zurückgekrümmten, wie in einer Schlinge in der Hand.
+
+»Zweitausend Gulden!« winselte er. »Sie haben mir zerquetscht, Herr
+Doktor, Sie Gibor, zwei Zehen.. Aber sie sollen gehen drein, ich verlang
+kein Schmerzensgeld, wenn Sie mir auszahlen morgen meine zweitausend
+Gulden, die Sie sind mir schuldig, so wahr Gott lebt!«
+
+Rosenzweig antwortete dumpf: »Komm nur, Halunke. Was ich verspreche,
+halte ich -- auch einem Halunken.«
+
+Er trat an den Wagen und sprach, auf den Rücksitz deutend, zu seinem
+Fahrgast:
+
+»Da hinüber steigen Sie, überlassen Sie mir Ihren Platz. Ich bringe Sie
+in Sicherheit.«
+
+Der Sendbote stand mit einem Satze neben ihm und drückte kräftig seine
+Hand:
+
+»Haben Sie Dank. Sorgen Sie nicht weiter um mich; ich finde Freunde
+überall.«
+
+Vergeblich suchte der Doktor ihn zurückzuhalten, er entwand sich ihm und
+war bald den Augen seines Retters im verhüllenden Zwielicht
+entschwunden.
+
+
+*V.*
+
+Rosenzweig kutschierte nach Hause, im kurzen Trab, im Schritt -- wie es
+den Falben beliebte. Er hatte keine Eile. Wäre der Weg noch einmal so
+lang gewesen, er würde ihm nicht zu lang geworden sein. Dem, der über
+ein Wunder nachdenkt, vergeht die Zeit geschwind.
+
+Gelogen, betrogen, einen Schurken bestochen -- hatte er das wirklich
+getan, er, der redliche Rosenzweig? Um eines Menschen willen getan, den
+er noch vor kurzem für einen Feind der Gesellschaft, für seinen eigenen
+Feind gehalten?
+
+Die widersprechendsten Empfindungen lieferten sich eine Schlacht in
+Nathanaels sonst so gleichmütiger Seele. Nur die schlimmste von allen,
+die Reue, war nicht unter ihnen.
+
+Am Nachmittag kam Abraham, sein Geld zu holen. Ja, der Spitzbube nannte
+es sein, das schöne, zum Ankauf eines neuen Feldes bestimmte Geld.
+Finster gab der Doktor es hin.
+
+Dann begab er sich auf das Kreisamt.
+
+Er hatte die Absicht, seinem Chef die Ereignisse in der Schenke genau zu
+berichten, fand ihn jedoch so beschäftigt und in so ungewöhnlicher
+Aufregung, daß er es vorzog, zu schweigen. Auch in den folgenden Tagen
+ging es nicht besser.
+
+Auf dem Amte herrschte in dieser Zeit eine beständige Unruhe, eine
+außerordentliche Tätigkeit. Der Kreishauptmann bewahrte mit Mühe den
+Schein seines heitern Selbstvertrauens. Die Zuversicht war erzwungen,
+mit der er beteuerte, alle Fäden des Netzes in seiner Hand zu halten, an
+dem Tyssowski in Krakau, Skarzynski im Bochnier, Julian Goslar im
+Sandezer, Wolanski im Jasloer und Mazurkiewicz im Sanoker Kreise
+knüpften. Die Untreue seines besten Freundes, der offen zur
+Revolutionspartei übergetreten war, machte einen tiefen Eindruck auf
+ihn. Er und der Doktor tauschten allmählich die Rollen. Der Ängstliche
+wurde der Sorglose und der Sorglose der Ängstliche.
+
+Eines Morgens überbrachte Joseph seinem Herrn einen Brief, der durch
+einen Boten im Hause abgegeben worden war. Er enthielt zwei
+Eintausendguldennoten in ein Blatt gefaltet, auf dem die Worte
+geschrieben standen:
+
+Meine Schuld bleibt ewig ungetilgt.
+
+Nathanael barg das Blatt an seiner Brust und legte die Noten vor sich
+hin auf den Tisch.
+
+»Joseph,« rief er.
+
+»Was befiehlst du?«
+
+»Sieh diese zwei Bilder gut an. Weißt du, was sie vorstellen?«
+
+»Viel Geld, mein ich.«
+
+»Geld! Geld! nun ja -- aber noch etwas andres.«
+
+»Was denn, Herr?«
+
+»Den Lohn deiner jahrelangen Arbeit ... Nein, nicht ihren Lohn -- ihren
+redlich verdienten Ertrag.«
+
+Joseph sah den Gebieter fragend an.
+
+»_Dahin_ sieh, auf die Bilder, nicht auf mich,« rief dieser. »Sie
+stellen noch ein drittes vor.«
+
+»Was denn, Herr?« wiederholte Joseph.
+
+»Was denn? Soll ich Lubienka rufen? Die wüßte es gleich, daß es nichts
+andres sein kann als -- dein Heiratsgut.«
+
+Da rief Joseph mit einem Schrei der Wonne:
+
+»Mein Wohltäter, mein Herr, du Gütigster!« und wollte sich vor ihm
+niederwerfen.
+
+»Steh!« befahl Nathanael, legte beide Hände auf seine Schultern und
+blickte ernst in sein Angesicht, das sich zu ihm emporwandte wie zu
+einem Gott.
+
+»Du hast eine harte Jugend gehabt, mein Joseph.«
+
+»Ich? -- Was sagst du, Herr? -- Warst du nicht immer wie ein Vater gegen
+mich?«
+
+»Nein, nein, mein Junge, wirklich nicht. Aber du bist gegen mich immer
+wie ein Sohn gewesen,« antwortete der Doktor und setzte die für Joseph
+unverständlichen Worte hinzu: »Gäb es viele deinesgleichen, dann wäre
+der himmlische Sendbote -- kein Tor.«
+
+Von nun an hatte Joseph glückliche Tage, und noch viel glücklicher wären
+sie gewesen, wenn die große Veränderung, die mit seinem Herrn
+vorgegangen war, ihn nicht bekümmert hätte. Sie fiel jedem auf und
+erregte das Befremden aller Freunde des Doktors. Er, der emsige Sparer,
+wurde oft von großmütigen Regungen ergriffen. Er, für den der Bettler
+und der Dieb bisher in eine Kategorie gehört hatten, begann zwischen
+ihnen einen großen Unterschied zu entdecken. Er, auf den bisher die
+Reichen und der Reichtum eine starke Anziehungskraft ausgeübt, betrat
+nur noch gerufen die Schlösser, ungerufen aber die Hütten der Armen. Die
+Unruhe, die ihn umhergejagt hatte, war verschwunden. Mit stillem,
+hartnäckigem Eifer ging er seinem Beruf nach. Als die Revolution
+ausbrach und ihre ersten blutigen Opfer forderte, verstand er es, immer
+da zu sein, wo man seiner am meisten bedurfte. Nie, auch nicht in den
+schlimmsten Tagen, verließ ihn die kaltblütige Zuversicht: von der
+Revolution ist nichts zu fürchten.
+
+Andrer Ansicht war der Kreishauptmann.
+
+Alle Mutigen wandten sich schon der Überzeugung zu, der Aufstand müsse
+in kurzem beendet sein, als er noch davon sprach, die Provinz sei
+verloren, wenn nicht in höchster Eile eine Armee einrücke, die
+tausendköpfige Hyder der »verwüstenden Insurrektion« zu bekämpfen. Er
+meinte, Rosenzweig habe den Verstand verloren, als er eines Tages
+erwiderte:
+
+»Die Insurrektion ist keine tausendköpfige Hyder, sondern ein hilfloses
+Kind. Mit Blumen in den Händen kommt es heran, mit einem Herzen voll
+Liebe, und mit Worten der Erlösung auf den Lippen. So kommt es zu uns.
+Aber wir sind Wölfe, Bären, Tiger, aber wir sind reißende Bestien. Wir
+verstehen die Sprache dieses Kindes nicht. Es predigt Erbarmen,
+Gerechtigkeit und Güte, und wir wollen von alledem nichts wissen, wir
+wollen mit niemand Erbarmen haben, als mit uns selbst, wir wollen
+bleiben, was wir sind, behalten, was wir haben, womöglich noch andern
+etwas wegnehmen, um uns zu bereichern. Und so wird es immer sein, und
+ein Narr, der daran zweifelt! Und wir, reißende Tiere, wir werden das
+Kind zerfleischen und fressen, und uns zufrieden schlafen legen nach
+dieser Heldentat.«
+
+»Phantasterei! Das ist ja pure Phantasterei!« rief der Beamte voll
+Bestürzung aus. »Was ist mit Ihnen vorgegangen! Welcher Teufel hat Ihre
+gesunden Sinne verwirrt?«
+
+»Wissen Sie,« nahm er nach kurzem Schweigen wieder das Wort, »daß mir
+berichtet wurde, Sie hätten einer Zusammenkunft beigewohnt, in der der
+gefährlichste Kommunistenführer eine seiner berüchtigten Ansprachen
+hielt? Wissen Sie, daß schlechte Spötter behaupten, seine Beredsamkeit
+habe Sie zum Schwärmer gemacht?«
+
+Nathanael ließ sich durch diese Anklage nicht außer Fassung bringen.
+
+»Ein Schwärmer wäre ich,« entgegnete er, »wenn ich an die Verwirklichung
+der Utopien glaubte, für die dieser 'Kommunistenführer', wie Sie ihn
+nennen, lebt, und für die er sterben wird. Nun, nicht einmal unter dem
+Einfluß seiner Nähe, beim Wohllaut seines Wortes, unter den Blitzen
+seines Auges ist es mir auch nur durch den Sinn geflogen: Wer weiß?
+vielleicht doch!... Vielleicht vermag ein Beispiel, wie das deine, uns
+Selbstlosigkeit zu lehren und allgemeine Erfüllung der einfachsten
+Pflichten. O nein, nein! dazu kenne ich uns Menschen zu gut. Aber
+gedacht habe ich mir: du wirst zu Boden geworfen, zertreten, ein Narr
+geheißen und -- vergessen werden. Kaum gibt es in zehn Jahren noch
+einen unter allen, die du liebtest, der deinen Namen nennt. Trotzdem ist
+der mächtige Fürst, den die Neugier oder der Wunsch, sich populär zu
+machen, in deine Versammlung trieb, ein Bettler gegen dich. Reich bleibt
+ewig nur der Schenkende, und die Größe des Mannes mißt sich nach der
+seiner Idee und der Opfer, die er ihr bringt. Die deine hat das Maß
+überschritten, das sich in unsrer kleinen Welt verwirklichen läßt. Ihre
+Größe macht sie zum Irrtum, und dich zum Irrenden. So dachte ich; und
+ich, der Arzt, der eingefleischte Hasser und Verfolger alles
+Krankhaften, Überspannten, Wahnbefangenen, ich tat ein Gebet für ihn zu
+meinem Gott:«
+
+»Laß ihn sterben, umringt von allen Gebilden seiner Torheit, laß ihn
+ungeheilt sterben, o Herr!«
+
+ * * * * *
+
+Dieses Gebet schien bald im vollkommensten Maße erhört.
+
+Die Erhebung war am Widerstand der Landbevölkerung gescheitert; das
+Korps, das die Insurgenten aufgebracht hatten, war durch dreihundert
+Mann kaiserlicher Truppen und eine zehnfache Anzahl Bauern, die sich
+ihnen anschlossen, unter Benedeks energischer Führung, bei Gdow
+geschlagen worden.
+
+Von der erlittenen Niederlage erhielt die Revolutionsregierung in Krakau
+entstellte Kunde.
+
+Die Freiheitshelden waren, so lautete sie, nicht durch reguläre Truppen,
+sondern durch fanatisierte Bauernhorden überwältigt worden, die, bis
+Wieliczka vorgedrungen, sich jetzt im Anmarsche auf die Stadt befanden.
+
+Ein Schrei der Rache erhob sich und -- verstummte vor der Beredsamkeit
+eines Mannes, der Schonung des verblendeten und irregeführten Volkes
+forderte und verlangte, ihm als Bekehrer entgegengesendet zu werden.
+
+Dieser Mann war Eduard Dembowski, und sein Wille geschah.
+
+Vertrauend auf die Gewalt seines Wortes verließ er Krakau, von Priestern
+im reichen Ornate, von Fahnen und Kreuze tragenden Mönchen begleitet.
+Eine große Menschenmasse folgte; dreißig Scharfschützen deckten den Zug.
+Er überschritt die Weichselbrücke und bewegte sich durch die Vorstadt
+Podgorze auf der Straße nach Wieliczka.
+
+Sie lag still und öde; so weit das Auge reichte, keine Spur von
+herannahenden Bauernrotten. Von Podgorze aus kam jedoch eine
+Schreckenskunde, der Nachhut durch eilende Boten zugetragen; sie
+durchfiel den Zug wie ein Blitz:
+
+Österreichische Truppen marschieren gegen Podgorze.
+
+Ein rascher Befehl seines Führers, und der Zug trat den Rückweg an in
+der Hoffnung, die Stadt vor den Kaiserlichen erreichen und die Brücke
+noch gewinnen zu können.
+
+Auf den Anhöhen rechts von Podgorze angelangt, konnte der Sendbote schon
+den Sturm auf die Stadt und das siegreiche Vordringen der Truppen
+überblicken.
+
+Die Kaserne war genommen, die Kirche besetzt; die polnischen Schützen,
+aus den Häusern vertrieben, jagten in ungeordneter Flucht der Brücke zu.
+
+Grimm und Schmerz erfüllten bei diesem Anblick die Seele des Emissärs.
+
+»Vorwärts! Mit Gott vorwärts, wir schlagen uns durch, wir erreichen noch
+die Brücke. Mut!« rief er den zögernden Priestern zu. »Ihr habt nichts
+zu fürchten. Die man zum Sturme zwingt, folgen widerwillig. Es sind
+Galizier, sie schießen nicht auf ihre Landsleute, schießen nicht auf
+geweihte Priester!«
+
+Er befahl, ein geistliches Lied anzustimmen, und in majestätischer
+Ordnung, langsam und feierlich, kam die Prozession die Anhöhe herab. Der
+Emissär schritt voran im Bauernkleide, sein heller Kaftan schimmerte in
+der anbrechenden Dämmerung; in der Hand hielt er ein kleines schwarzes
+Kreuz.
+
+Ungehindert gelangte der Zug durch den noch unbesetzten Stadtteil bis
+zur Kirche. Hierher aber war schon eine Kompanie vorgedrungen, die den
+Weg zur Brücke versperrte.
+
+Der Emissär machte halt.
+
+»Seht eure Brüder!« sprach er die Soldaten an und deutete auf die
+Scharen, die ihm folgten. »Auch ihr seid Polen. Keinen Kampf, Brüder --
+gebt Raum!«
+
+Schweigen antwortete ihm. Noch einmal begann er die Soldaten zu
+beschwören -- da ertönte das Kommando:
+
+»Fällt das Bajonett!«
+
+Mit einem Blick der Verzweiflung sah Dembowski sich um.
+
+Die Geistlichen und Mönche waren zurückgewichen. Seine Getreuen jedoch
+und die Schützen drängten sich um ihn.
+
+»Kein Ausweg ... Schießt -- und vorwärts!« rief er plötzlich mit wilder
+Entschlossenheit und drang auf die Soldaten ein.
+
+Zwei Dechargen erwiderten den unerwarteten Angriff.
+
+Nach der ersten sah man Dembowski noch aufrecht stehen, das Kreuz hoch
+über seinem Haupte schwingend. Nach der zweiten sank er, in den Kopf
+getroffen.
+
+Rosenzweig erfuhr den Tod des Sendboten durch den Kreishauptmann, der
+seinen Bericht mit den Worten schloß: »So mußte ein Wahnsinniger enden.«
+
+Die Prophezeiung Nathanaels traf ein; der idealste Vertreter der
+Revolution erfuhr den einstimmigen Tadel und Hohn aller Parteien; sein
+Andenken erlosch auch bald im Volke.
+
+Seine Leiche war unter denen der in Podgorze Gefallenen nicht
+aufgefunden worden, und eine Zeit lang erhielt sich das Gerücht, er sei
+nicht tot, er lebe versteckt als Bauer und werde beim Ausbruch neuer
+Freiheitskämpfe auf ihrem Schauplatz erscheinen.
+
+Als jedoch die Stürme des Jahres 1848 aufstiegen und verbrausten, ohne
+ihn aus seiner vermeintlichen Verborgenheit gelockt zu haben, erlosch
+auch in denen, die sie am längsten genährt hatten, die Hoffnung auf
+seine Wiederkehr.
+
+ * * * * *
+
+Es war zu Ende der fünfziger Jahre, an einem milden Septemberabend, in
+einem Dorfe unweit der schlesischen Grenze. Vor der Schenke hielt eine
+gedeckte Britschka, der ein paar tüchtige Braune vorgespannt waren.
+Behaglich, ohne Eile, wie es guten Fressern geziemt, ließen sie sich den
+Inhalt einer vor ihnen aufgestellten Futterkrippe schmecken. Der
+Kutscher, ein ältlicher Mann, so wohlgenährt wie seine Pferde, hatte
+sich auf die Bank vor dem Hause gesetzt, dampfte aus einer kurzen Pfeife
+und machte sich ein Vergnügen daraus, die Fragen der hübschen Wirtsmagd
+mit einer schelmischen Zurückhaltung zu beantworten, die darauf
+abzielte, ihre durch die Ankunft völlig fremder Gäste ohnehin erregte
+Neugier noch zu spannen.
+
+»Ihr fahrt wohl recht weit über Land?« fragte sie.
+
+»Weiter, als du denken kannst,« erwiderte er.
+
+»Vielleicht gar ins Ungarn hinein?«
+
+»Pah! Das wäre ja nur ein Katzensprung!«
+
+Das Mädchen stemmte den Arm in die Seite und lachte:
+
+»Die möcht ich sehen, die Katz, die so springen könnt!«
+
+»Bei uns zu Haus gibt's ihrer genug. Komm du nur hin, dann wirst sie
+sehen.«
+
+»Ei, so was!... Aber wo ist denn Euer zu Haus?«
+
+»Wo?« Er deutete mit der Hand nach drei verschiedenen Richtungen: »Da --
+und da, und dort.«
+
+»Geh weg, du spaßest.«
+
+»Frag meinen Herrn, wenn du mir nicht glaubst.«
+
+»Ja, just,« spottete sie, »fragen -- so einen Herrn!«
+
+»Fürcht'st dich?« -- er zwinkerte sie verschmitzt an. »Hast es schon
+weg, daß er ein Hexenmeister ist?«
+
+Sie schlug rasch und verstohlen ein Kreuz:
+
+»So? Das hätt ich ihm nicht angesehen.«
+
+»Ja, ein gar großer Hexenmeister. Macht die Kranken gesund, macht die
+Toten lebendig.«
+
+»Die Toten?« ... Das Mädchen schauerte.
+
+»Die Halbtoten also. Zu so einem sind wir g'rad auf dem Weg.«
+
+»Da kommt ihr ja zu spät, wenn ihr noch lang zu fahren habt.«
+
+»Wir kommen nie zu spät. Der Herr sagt nur: Wart! -- und der Tod
+wartet.«
+
+»So? Hat dein Herr auch eine Frau?«
+
+»Eine Frau hat er nicht, aber mehr als hundert Kinder.«
+
+»Was du sagst?« und wieder lachte sie hellaut auf.
+
+Der Gegenstand dieses Gespräches war ein Greis von kräftiger Gestalt. Er
+trug eine Reisekappe und einen langen, auf der Brust leicht verschnürten
+Rock. Den untern Teil des markigen, dunkelfarbigen Gesichtes bedeckte
+der Bart, der, weiß und dicht wie die Haare, in zwei mächtige Strähne
+geteilt, fast bis zum Gürtel herabwallte. Der Alte, die Hände auf dem
+Rücken, stand am jenseitigen Ufer des Teiches, der sich auf eines
+Steinwurfs Entfernung vom Wirtshaus befand und ein lang gestrecktes Oval
+bildete, an dessen einem schmalen Ende knorrige, ganz schief gewachsene
+Weiden ihre Zweige zu seinem trüben Spiegel niedersenkten, während das
+andre sich sanft gegen die ansteigende Dorfstraße verflachte.
+
+Der Teich war alles in allem: Badeort für die Jugend, Waschanstalt für
+die Hausfrauen, See für das schwimmtüchtige Geflügel, Schwemme für die
+Pferde. Am Werktagabend ging es in seiner Umgebung lebendig zu. Große
+und kleine Knaben, barfüßig, die Hosen übers Knie gezogen, ritten ihre
+Pferde ins Wasser, bewundert und beneidet von den Kindern, die am Ufer
+standen oder saßen, die meisten als ziemlich lässige Hüter jüngerer
+Geschwister. Männer und Weiber kehrten vom Felde heim, und, von weitem
+schon angekündigt durch die Töne eines schallenden Gesanges, kam eine
+Mädchenschar, Rechen und Sicheln tragend, ins Dorf gezogen.
+
+Unter den am Teiche spielenden Kindern war eines, das die besondere
+Aufmerksamkeit des Fremden erregte. Ein Bürschlein von etwa sechs
+Jahren, mit sehr lieblichem, aber blassem Gesichtchen. Seine schlichten,
+blonden Haare, im Nacken lang, über der Stirn gerade geschnitten,
+quollen reich unter dem Mützchen hervor. Er hatte tiefliegende, blaue
+Augen, eine schmale, leicht gebogene Nase und einen feinen,
+ausdrucksvollen Mund. Nach der Beschaffenheit seines Kaftans und seiner
+Stiefel zu schließen, gehörte er wohlhabenden Eltern an.
+
+In der offenen Tür eines der nächstgelegenen Häuser war ein junges,
+hübsches Weib mit einem Kinde auf dem Arm erschienen und rief dem Knaben
+zu:
+
+»Jasiu, der Vater kommt.«
+
+Da machte das Bübchen einen Luftsprung und lief von seinen
+Spielgefährten fort, dem Angekündigten entgegen. Der blieb stehen,
+beugte sich und lachte, als sein Junge im vollen Lauf an ihn anprallte.
+Er rückte ihm die verschobene Mütze zurecht, nahm seine Hand und schritt
+mit ihm weiter.
+
+Es war ergötzlich, sie daher kommen zu sehen, den Bauern und das
+Bäuerlein, das zweite in Haltung, Gang, Gestalt und Kleidung das
+verkleinerte Ebenbild des ersten.
+
+Sie näherten sich, und der Fremde bemerkte auf dem Gesicht des Bauern
+die entstellenden Spuren einer schweren Verwundung. Die rechte Wange war
+eingefallen und von Narben zerrissen, das rechte Auge geschlossen.
+
+Auch ein Veteran der letzten Kämpfe, dachte der Greis und
+heftete den Blick immer aufmerksamer auf den Herankommenden. Ein
+märchenhaft-wunderlicher Einfall durchzuckte ihn. Plötzlich machte er
+ein paar rasche Schritte, stand dicht vor dem Bauern, starrte ihn an und
+rief:
+
+»Ist es möglich?«
+
+Überrascht wich jener zurück, aber nur, um schon im nächsten Augenblick
+auf ihn zuzustürzen.
+
+»Sie! O Gott, Sie -- Doktor Rosenzweig!« sagte er mit einer Stimme,
+deren Wohllaut unvergessen in der Erinnerung des Alten gelebt hatte.
+Früher als dieser gewann er seine Fassung wieder: »So habe ich Sie nicht
+umsonst erwartet, nicht vergeblich gehofft, daß Sie auf einem Ihrer
+Samariterzüge den Weg durch unser Dorf nehmen würden, um --« fügte er
+mit Rücksicht auf das Publikum, das sie umgab, hinzu -- »Ihren Diener
+Hawryl zu besuchen.«
+
+»Hawryl --« stammelte Rosenzweig, »Hawryl also ... Wie geht's, Hawryl?«
+
+Ȇberzeugen Sie sich selbst. Erweisen Sie mir die Ehre, in mein Haus
+einzutreten, ruhen Sie ein wenig aus unter meinem Dache.«
+
+Schweigend, noch ganz betäubt, folgte der Doktor dieser Einladung und
+ließ sich zu dem Hause geleiten, auf dessen Schwelle die junge Frau
+stehen geblieben war und sich bemühte, das kräftige Kind in ihren Armen,
+das dem Vater jauchzend und mit ausgestreckten Händchen entgegenstrebte,
+festzuhalten.
+
+»Mein liebes Weib, Herr Doktor,« sprach Hawryl, und zu ihr gewandt:
+»Heiße ihn willkommen, Magdusia, einen werteren Gast kann uns der Himmel
+nicht schicken.«
+
+Ihr Gesicht spiegelte die Freude, die sich auf dem ihres Mannes malte,
+rein und innig wider: »Seien Sie schön gegrüßt, Herr,« sagte sie und
+lachte ihn mit ihren großen Augen treuherzig an.
+
+Nathanael war wie im Traum. Erst in der Stube, allein mit Hawryl, begann
+er sich von seinem Staunen zu erholen:
+
+»Sie leben! -- Mensch, Sie leben! Ist das auch wahr, daß Sie leben? Aber
+wenn es wahr ist, so stehen Sie doch nicht so gleichgültig da --«
+
+»Gleichgültig?« rief Hawryl.
+
+»So reichen Sie mir doch die Hand!«
+
+Zum zweitenmal hielt er sie in der seinen -- eine andre als damals, eine
+derb gewordene Hand, deren Besitzer den Bauern nicht nur _spielte_.
+
+Sie nahmen Platz am Tische, der mitten in der freundlichen Stube stand,
+und lange dauerte es, bevor Hawryl, immer von neuem durch die
+verwunderten Ausrufungen des Doktors unterbrochen, die seltsame und
+doch so einfache Geschichte seiner Rettung beenden konnte.
+
+Zunächst schrieb er sie der Kleidung zu, die er trug, als er bei der
+Kirche in Podgorze verwundet wurde und für tot liegen blieb. Er war, da
+sich noch Leben in ihm fand, mit andern Landleuten und Soldaten ins
+Spital nach Krakau gebracht worden. Dort hatte er das Bewußtsein wieder
+erlangt, bald aber auch die Überzeugung, daß der Arzt, der ihn
+behandelte, ihn keineswegs für einen Bauern hielt. Später verrieten ihm
+einige, wie absichtslos hingeworfene Worte des Doktors, daß er von ihm
+erkannt worden war.
+
+An dem Tage, an dem man ihn für geheilt erklärte, kam der Direktor, ein
+Pole -- man hatte die Spitalsleitung noch nicht gewechselt -- in die
+Rekonvaleszentenstube.
+
+Der Agitator sah diesen Mann damals zum ersten- und letztenmal in seinem
+Leben.
+
+»Du heißest Hawryl Koska,« sagte er zu ihm, »bist ein aus dem Königreich
+zugereister Untertan des Grafen Branski, der dich nach seiner
+galizischen Herrschaft, auf ein Bauerngut, übersiedelt. So lese ich in
+deinem Passe. Ist das richtig?«
+
+Und ohne die Antwort abzuwarten, reichte er ihm einen auf den Namen
+Hawryl Koska lautenden, mit einer auf ihn passenden Personalbeschreibung
+versehenen Paß, wandte sich an seinen Nachbar und ließ den Umgetauften
+stehen.
+
+»In der verworrensten Gemütsstimmung, Freund,« rief Hawryl, »in der ein
+Mensch sich befinden kann. Ich hatte zuversichtlich erwartet, nach
+meiner Genesung vor Gericht gebracht und als einer der Unruhstifter
+erschossen zu werden, und hatte mich auf den Tod vorbereitet, wie ein
+gläubiger Christ. Und nun sollte ich leben. -- Mein erstes Gefühl war
+das der Enttäuschung, mein erster Gedanke ein Gedanke schon des
+Hochmuts: Gott spart dich auf. Er will nicht deinen Tod, er will deinen
+Dienst. Das Werk, das zu beginnen du ausersehen warst, du sollst es auch
+vollenden.
+
+Von diesem stolzen Glauben erfüllt, trat ich ins Volk und wurde sein
+Genosse: scheinbar ein Gleicher unter Gleichen, in meinen eigenen,
+eitlen Augen -- ein verkleideter Prophet. O Freund! ein einziges Jahr
+dieses Lebens, und der vermeinte Prophet war ein demütiger Mensch
+geworden. Das für erreichbar gehaltene Ziel rückte in unabsehbare
+Fernen. Zu der Kirche, die ich mit einer herrlichen Kuppel krönen
+wollte, war der Grundstein noch nicht gelegt, ja, der Boden für ihn noch
+nicht ausgehoben! Nicht die Arbeit des Künstlers war zu tun, sondern die
+des bescheidenen Taglöhners.
+
+Das erkannte ich.
+
+Und nun -- wäre ich nicht ein elender Wortheld gewesen, wenn ich es
+verschmäht hätte, mich an dieser Arbeit, dieser allerwichtigsten, zu
+beteiligen?... So griff ich denn zu Schaufel und Spaten, nicht bloß im
+bildlichen Sinn. Das Kruzifix, in dessen Zeichen ich dereinst zum Kampfe
+schritt -- da hängt es über dem Bette meiner Kinder. O sehen Sie die
+ausgebreiteten Arme der Liebe, die verwundete Brust, das geneigte,
+edelste Haupt ... Wer darf sich vermessen, in dieses Versöhners Namen
+aufzurufen zu Kampf und Streit?«
+
+Er seufzte, aber sein Angesicht bewahrte den Ausdruck tiefsten, klarsten
+Friedens, und mit einem heiteren Lächeln fuhr er fort:
+
+»So finden Sie den gefährlichen Agitator wieder. Ach, wenn ich an meinen
+Ausgang denke, an alles, was ich gehofft, was ich mir zugetraut habe --
+und jetzt! Vergnügt lege ich mich zur Ruhe und preise den Tag, an dem es
+mir gelungen ist, den Jan abzuhalten, sein Weib zu prügeln, den Martin,
+in die Schenke zu gehen, oder den Basil dahin zu bringen, seinen alten
+Pflug in den Winkel zu werfen und mit dem neuen auf den Acker zu
+fahren.«
+
+»Ihr Geheimnis aber,« fragte Nathanael, den Gang des Gespräches
+unterbrechend, »war das nie in Gefahr, verraten zu werden?«
+
+»Der vorige Gutsherr hat es mit ins Grab genommen. Für seinen Nachfolger
+bin ich ein Bauer wie ein andrer.«
+
+-- »Ein Bauer! Ein Bauer!... Und so wollen Sie es forttreiben bis an Ihr
+Ende?«
+
+-- »Bis an mein Ende, und ich glaube nicht, damit etwas Großes zu tun
+und ihnen mehr zu geben, als ich von ihnen empfange. Ich bin keineswegs
+immer ihr Lehrer, sie sind auch die meinen. Ihre Freuden zu teilen,
+vermag ich nicht, aber in Leid und Schmerz haben wir uns oft gefunden.
+Ich habe Bauern vor ihrem verhagelten Feld, ich habe Mütter an der
+Leiche ihrer Kinder stehen gesehen und Ehrfurcht gefühlt. Selten ist mir
+einer von ihnen verachtungswürdig erschienen, aber hundert unzählige
+Male beklagenswert.«
+
+In seinem Auge leuchtete die alte schwärmerische Glut, seine gebräunten
+Wangen erbleichten vor innerer Bewegung:
+
+»Es ist ein Schatz an Geduld, Ausdauer, heldenmütiger Ergebung in einen
+höheren Willen in diesem Volke, den alle Mißhandlung, die es erfahren
+hat, nicht zu erschöpfen vermochte. Aber seines Reichtums unbewußt,
+streut es ihn aus und erwirbt nichts dazu. Die Einsicht fehlt und mit
+ihr das Wirken der tätigen, sittlichen Kräfte. Genug! Genug! das alles
+wissen Sie so gut wie ich, und somit auch, daß es vieles nicht geringe
+zu tun gibt auf meinem geringen Posten. Ihn auszufüllen, reicht mein
+Können gerade hin. Hawryl Koska wird nicht umsonst gelebt haben. -- Der
+_Sendbote_ ist gestorben, ohne einen Jünger zu hinterlassen.«
+
+»Einen doch!« rief Nathanael. »Einen, den Sie aus den Reihen Ihrer
+eifrigsten Gegner geholt haben. Einen Mann, dessen Zwecke irdischer
+Natur gewesen sind, dessen Herz an verlierbaren Gütern gehangen hat und
+den Sie den Wert der unverlierbaren kennen gelehrt haben. Sendbote! da
+steht er vor Ihnen, Ihr Jünger in weißen Haaren.«
+
+Beide waren zugleich aufgesprungen, stürzten einander an die Brust und
+hielten sich fest umschlungen.
+
+FUSSNOTEN:
+
+[1] Großmütterchen.
+
+[2] Andersgläubiger.
+
+[3] Esel.
+
+[4] Lieber Herr!
+
+[5] Mein Seelchen.
+
+[6] Ein Riese.
+
+
+
+
+Der Nebenbuhler.
+
+
+*I.*
+
+Graf Edmund N. an seine Hochwürden Herrn Professor Erhard.
+
+ Paris, den 10. Mai 1875.
+
+ Mein verehrter Freund!
+
+Da bin ich, aus Marseille eingetroffen, vor vierzehn Tagen, die mir
+vergangen sind wie vierzehn Stunden.
+
+Es ist unmöglich, liebenswürdiger empfangen zu werden, als ich es wurde
+von Freunden und Verwandten. Freilich begegnet man auch nicht alle Tage
+einem Manne, der direkt von den Antipoden kommt, mit Menschenfressern zu
+Mittag gespeist, am Salzsee gewohnt, den schwarzen Turban der Kopten
+getragen, den Schrei auf Ceylon gehört und bei indischen
+Schlangenbändigern in die Lehre gegangen ist.
+
+Tante Brigitte grüßt Dich. Sie hat sich kürzlich frisch emaillieren und
+perückieren lassen, und jetzt machen wir gegenseitig Staat miteinander.
+Von einer Veränderung an ihr keine Spur. Sie sagt noch immer bei den
+unpassenden Gelegenheiten: *Ah, je comprends ça*! Sie spricht noch
+immer mit derselben Schwärmerei von meiner verstorbenen Mutter: ihrem
+Kinde mehr als ihrer Schwester, und bricht plötzlich ab mitten in der
+tiefsten Rührung, wischt sich die Augen, winkt mit dem Taschentuche und
+seufzt: »*Va, mon enfant, va te distraire.*«
+
+Lieber Freund, ich bilde mir ein, daß auch sie vor Zeiten nicht
+verschmäht hat, kleine Zerstreuungen zu suchen in ihrem Schmerze, erst
+um die Schwester, dann um den Gatten. Heil ihr! möge noch so mancher
+Frühling frisch gemalte Rosen auf ihren Wangen erblühen sehen. Sie ist
+die gutmütigste Egoistin, die ich kenne.
+
+Ganz in Übereinstimmung mit Dir, will sie mich jetzt verheiraten, und
+gegen die junge Dame, die sie mir ausgesucht hat, ist nichts
+einzuwenden. Sie stammt aus gutem Hause, von braven Eltern, ist
+verteufelt hübsch, hat einen klaren, schlagfertigen Verstand, eigenes
+Urteil, den Mut es auszusprechen und -- was unendlich mehr: die
+Fähigkeit, auch ein gegenteiliges anzuhören und sogar gelten zu lassen.
+Dabei gleichmäßig heiter, harmlos, unbefangen. Ich glaube, daß sie noch
+nie vor einem Menschen die Augen niedergeschlagen hat; und es wäre
+schade wahrlich, denn sie sind prachtvoll; dunkelgrau wie ein
+Gewitterhimmel, und wenn es in ihnen aufblitzt bei irgend einem Anlaß,
+da gibt's einen schönen Anblick.
+
+Ich hoffe, du bestätigst mir heute oder morgen den Empfang meiner
+Sendung aus Marseille. Kurz vor dem Einlaufen in den Hafen, an Bord des
+»Triomphant«, schrieb ich die Schlußworte des letzten Kapitels meines
+Reisetagebuchs. Streiche fort, was Dir sentimental vorkommt, ehe Du
+abschreiben lässest. Nach zweijährigem Herumbummeln in fremden
+Weltteilen hat mich die Heimkehr ins alte Europa seltsam bewegt.
+Plötzlich ist alles vor mir gestanden, was zu vergessen ich auf und
+davon gegangen ...
+
+Aber -- sei unbesorgt, es war nur eine flüchtige Erinnerung. In die
+Tiefen des Ozeans versenkt, in den Sand der Wüste vergraben, in die
+Lüfte gestreut habe ich die Leidenschaft meiner Jugend.
+
+Und jetzt will ich glücklich und tätig sein, ein Landwirt werden, ein
+Familienvater, ein Bürgermeister, alles, alles -- nur nicht Politiker.
+
+Vorher indessen noch eine Zeitlang: *cum dignitate otium*. Es ist ein
+gewaltiger Strom des Lebens, der hier an einem vorüberbraust, und mit
+gekreuzten Armen seinem Treiben zuzusehen, hat einen großen Reiz.
+
+Jedenfalls, Lieber, Verehrter, dürfte der Aufenthalt in Paris mir jetzt
+gesünder sein als vor zehn Jahren, da ich, ein laubfroschfarbiger
+Jüngling, in dieser Stadt der Arbeit und des Genusses erschien. Damals
+an Deiner Hand, mein Mentor, oder vielmehr in Deiner Hand, das reine
+Postpaket, aufgegeben von meinem armen, weltentfremdeten Vater in Korin
+an der Wottawa, abzugeben in Paris, Rue St. Dominique im Hotel der
+Tante. Sie hatte mich reklamiert, und Ihr liefertet mich aus für ein
+Jahr, in dem es mir oblag, tanzen und fechten zu lernen und mich in der
+Aussprache des Französischen zu vervollkommnen.
+
+O, Ihr alten, unschuldigen Kinder!
+
+Wir haben leicht lachen heute, aber einen zwanzig-jährigen, in einem
+Privat-Trappisten-Kloster zwischen zwei greisen Gelehrten erzogenen
+Menschen nach Paris schicken, zu einer langmütigen Tante, die den
+Bengel vergöttert -- das war ein Wagnis, das ich nicht unternehmen
+werde mit meinen Söhnen.
+
+Ei, wenn er nur welche hätte! denkst Du im stillen. Nun, Freund,
+vielleicht ist heute übers Jahr schon einer auf dem Wege. Sobald er sein
+erstes Lustrum erreicht haben wird, kommt er zu Dir in die Lehre. Du
+lässest einen kleinen Pfahlbau für ihn im Teiche errichten, und er
+stellt mit seinen Bausteinen keltische Monumente auf und getreuliche
+Nachbildungen der Stufenpyramiden auf Otaheiti. Alle Kinder, die
+überhaupt Bausteine besitzen, tun das unbewußt, die meinen werden es mit
+Bewußtsein tun.
+
+Und nun für heute lebe wohl!
+
+ Dein Edmund.
+
+
+*II.*
+
+Professor Erhard an den Grafen Edmund N.
+
+ Korin, den 15. Mai 1875.
+
+ Hochgeborener Herr Graf!
+
+ Mein lieber Mundi!
+
+Ballen und Kisten glücklich einpassiert. Ei, wie köstlich! Gratuliere
+vornehmlich zur Erwerbung des Papyrus. Da ist Arbeit für viele Jahre in
+Aussicht gestellt. Möge Dein gehorsamster Diener sie zu Ende führen
+können. Dazu jedoch möchte die Zeit nicht langen, und wenn sein guter,
+gnädiger Gott ihn auch das Alter Methusalems erzielen ließe.
+
+Daß Dein edler Vater noch lebte, sich der altägyptischen Statuette zu
+erfreuen, und der trefflichen Produkte textiler Kunst aus dem einstigen
+Reiche der Sikhs! Lieber Mundi, mein teurer Graf, Du hast im größten wie
+im kleinsten bei der Auswahl der von Dir nach Hause geschickten,
+vielfach unschätzbaren Gegenstände Dich in einem hohen Grade umsichtig
+und weise erwiesen. So bist und warst Du von jeher, und ich würde mich
+sehr besinnen, Deiner Behauptung zuzustimmen, daß Dein hochseliger Vater
+und meine Wenigkeit sich in ein Wagnis eingelassen, als wir dich vor
+zehn Jahren für reif erklärten zu einem Aufenthalt im modernen Babel.
+Wir wußten, was wir taten, und durften es -- wie Figura zeigt -- wohl
+tun.
+
+Dein Reisetagebuch wird bestens abgeschrieben werden; doch darf ich
+leider nicht zur Indrucklegung raten, ein Vorschlag, mit dem ich Dich zu
+überraschen gedachte; es fehlt gar zu oft der nötige Zusammenhang. Die
+sentimental-feurige Apostrophe an die südliche Küste Frankreichs ist
+eine Zierde des Manuskriptes, und ich müßte lügen, wenn ich behauptete,
+daß sie mich, wenn auch nur gelinde, erschreckt hat. Was Du so
+schwungvoll die Leidenschaft Deiner Jugend nennst (ein hübscher Ausdruck
+und mir durchaus neu) dürfte derzeit wohl zur Gänze erloschen sein und
+Dein guter Verstand eingesehen haben, daß auf Erwiderung niemals zu
+hoffen, ja, daß eine solche niemals zu wünschen war. Eine vermählte,
+eine edle, heilig-zarte Frau, und zugleich die Deines besten Freundes,
+der Dich liebt, wie wenn Du der Sohn wärest, den er, leider vergeblich,
+ersehnt -- das müßte ein andrer als mein Mundi sein, der sich da mit
+unerlaubten Gedanken trüge oder getragen hätte; denn wenn sich ja
+dereinst etwas Ähnliches in seiner schönen Seele begeben hat, liegt es
+derselben heute ferner als uns die Sintflut.
+
+Glück und Segen und des Himmels auserlesenste Gunst über Dich! Ich bitte
+um Mitteilung des werten Namens derjenigen, die, Gott gebe es! bald den
+teuren Deinen tragen wird. Wolle mich, wenn Du das Haus ihrer
+hochschätzbaren Eltern besuchst, dort allerseits des Angelegentlichsten
+empfehlen.
+
+In treuer Wertschätzung, Liebe, Ergebenheit
+
+ Dein alter Lehrer P. Erhard.
+
+*PS.* In Deiner Wirtschaft herrscht beste Ordnung, in Deinem Schlosse
+beginnt sie schon das Szepter zu schwingen. Auf Schritt und Tritt
+begegnet dem Wissenden Genuß, dem Schüler Belehrung. Der Boden der Halle
+mit Ausgrabungen bedeckt, darf ohne Ruhmredigkeit verglichen werden mit
+einem klassischen Trümmerfeld. Aus bereits eingetretenem Mangel an Raum
+waren wir genötigt, die holdig-schönen von ungemeinem antiquarischen
+Reiz umflossenen Mumien in Deinem Schlafgemache unterzubringen.
+
+
+*III.*
+
+Graf Edmund N. an Professor Erhard.
+
+ Paris, den 22. Mai 1875.
+
+ Lieber Professor, bester Freund!
+
+Allzubreit darf das Altertum sich in meinem Hause doch nicht machen, wer
+weiß, ob wir nicht, in erwartbarer Zeit, darin Platz brauchen für eine
+junge Frau. Die Mumien lasse, wenn's nicht anders geht, in den Keller
+schaffen. Es gehört zu meinen Marotten, daß ich lieber in meinem Bette
+schlafe als im Sarge einer Pharaonentochter.
+
+Um die Erlaubnis, das Elternhaus Madeleines -- so heißt nämlich die
+halb und halb Erwählte -- besuchen zu dürfen, habe ich noch nicht
+gebeten, mich noch nicht entschlossen zu dem entscheidenden Schritt.
+Keineswegs aus Angst vor einem Korbe. Madeleine hat für mich »*de
+l'amitié*« -- nicht zu übersetzen mit unserm deutschen »Freundschaft«;
+es heißt weniger und mehr und jedenfalls etwas ganz andres. Die Mutter
+ist mir wohlgesinnt, und geradezu geliebt werde ich vom Vater. Der würde
+Dir gefallen, den würdest Du zu erwerben suchen -- für unsre Sammlung.
+Denke Dir das schönste Exemplar einer Rasse, die wir für ausgestorben
+hielten, einen »*chasseur du roi*«, wie ihn die Bretagne um 1794 nicht
+charakteristischer aufgestellt: Untersetzt, breitnackig, breitgestirnt,
+mit funkelnden Falkenaugen, kurzer Nase, runden Nüstern, Mund und Kinn
+wie, ziemlich grob, aus Stein gemeißelt. Ich wette, er schwört noch bei
+der heiligen Jungfrau von Auray und trägt unter dem Hemde mehr Amulette
+als Ludwig *XI.* In seinen Augen ist jedes Mißgeschick, von dem
+Frankreich seit dem Zusammentreten der Nationalversammlung betroffen
+wurde, eine Sühne für die Zertrümmerung des Königtums. Mit dem letzten
+Kriege ließ Gott die schwerste Geißel über das abtrünnige Reich des
+Heiligen Ludwig niedersausen. Die Deutschen sind ihm nur Werkzeuge der
+Rache des Allgerechten, und als solche dürfte er sie eigentlich nicht
+hassen, aber er haßt sie doch und ingrimmig. Mich, als den Sohn eines
+»Tschèche« und einer Französin, hält er für einen geborenen Widersacher
+seiner Feinde und zieht in meiner Gegenwart mit besonderem Schwung gegen
+sie los.
+
+Da habe ich denn schon oft bemerkt, wie peinlich solche Ausbrüche des
+Zornes gegen uns -- welch ein Schnitzer! ich sage _uns_, ich »Tschèche«,
+-- auf Madeleine wirken.
+
+Sie schweigt zwar, aber sie kämpft entschieden mit innerster Empörung;
+wechselt die Farbe, und gestern sah ich, wie ihre schönen Hände, die
+einen so ausgesprochen festen und braven Charakter haben, krampfhaft
+zitterten auf ihrem Schoße.
+
+Vielleicht ahnt sie etwas von meiner wahren Gesinnung, dachte ich, und
+fürchtet, ich könnte mich durch die Ausfälle ihres Vaters verletzt
+fühlen. In der Absicht, sie darüber zu beruhigen, sagte ich ihr, daß ich
+Kosmopolit bin aus ganzem Herzen. Ich wiederholte, was ich so oft von
+Dir gehört, und was sich mir überzeugend eingeprägt hat: daß unsre
+Nation nur unsre erweiterte Familie ist, und daß der rechte und gute
+Mensch seine Familie nicht auf Kosten andrer liebt, lobt und fördert.
+Indessen vermöge ich doch, mich in die Empfindungen eines, in seinem
+Stolze gekränkten Patrioten hineinzudenken, und sie, trotz ihrer
+Verschiedenheit von den meinen, zu ehren.
+
+Sie hörte mich aufmerksam an und nickte zustimmend, freilich auch etwas
+spöttisch, und lächelte, wie sie pflegt, wenn ich ihr gegenüber einmal
+einen warmen, vertrauensvollen Ton anschlage ... Es ist eine ungute Art
+zu lächeln, die mich aus der Fassung bringt, mich immer unvorbereitet
+findet und peinlich überrascht.
+
+Das war anders dereinst! Elsbeth konnte mich nie überraschen; sie konnte
+mich nur stets von neuem in der hohen Meinung, die ich von ihr hatte,
+bestärken. Bei zahlreichen Gelegenheiten fragte ich mich: was würde
+jetzt das Prototyp dieser Frau tun? dachte mir das Schönste und
+Schwerste aus -- und das war dann, was sie tat, so natürlich und
+einfach, wie wenn es das Selbstverständliche wäre.
+
+Ja, diese Frau! Ich habe dem Geschick für vieles zu danken, für nichts
+aber so heiß, als daß ich drei Jahre in ihrer Nähe leben und mit ihr
+verkehren durfte, fast wie ein Hausgenosse. Ohne sie wäre ich
+untergegangen, war auf dem besten Wege ... Sehr unrecht hast Du, es zu
+bezweifeln! Erinnere Dich, wie ich Euch heimkehrte, nach jenem ersten
+lehrreichen Aufenthalt in Paris. Ich sehe noch den Ausdruck des
+Schreckens im Angesicht meines armen, damals schon todkranken Vaters bei
+unserm ersten Tischgespräche, da ich meine neuerworbenen Ansichten vom
+Leben auskramte, mit meinen Erfahrungen prahlte und mich erhaben dünkte
+über Euch, wie ein aus dem Kriege kommender Soldat über ein paar alte
+Ofenhocker.
+
+Und später -- das Eis war gebrochen, es hatte schon begonnen zu tauen in
+meiner erwachenden Seele ... weißt Du noch? -- lag ich auf den Knien vor
+dem Sterbenden, und er segnete mich und sprach leise mit seinem
+allgütigen Lächeln: »Verliebe Dich, mein Sohn.«
+
+Wahrlich, ein väterlicher Rat ist nie treuer befolgt worden. Ich habe
+geliebt, wie man nicht mehr liebt im neunzehnten Jahrhundert, und wie
+vielleicht auch in den vorigen Jahrhunderten nur wenig Frauen geliebt
+worden sind.
+
+Die Frau Deines väterlichen Freundes, sagst Du vorwurfsvoll. -- Aber
+dieses Bewußtsein verschärfte nur die Qual und änderte nichts an der
+Empfindung.
+
+Niemand vermag mir den Glauben zu nehmen, daß sie für mich, und daß ich
+für sie geboren war, daß wir Eins gewesen sein mußten in einem früheren
+Leben und nun zueinander strebten mit derselben Urgewalt, wie die Fluten
+des durch Klippen getrennten Bergstroms, der zu Tale stürzt.
+
+Und dennoch, so zuversichtlich ich hoffte, daß jede sehnsüchtige
+Empfindung meiner Seele einen Widerhall in der ihren fände, so fest war
+meine Überzeugung, daß Elsbeth lieber sterben würde und lieber mich
+sterben ließe, als ein Unrecht tun. Ich aber hatte Augenblicke -- Dir,
+alter Mensch, darf ich's sagen, unsre Schuljungen würden mich verhöhnen
+-- in denen alle meine Wünsche schwiegen vor dem einen, ihrer würdig,
+ihr Freund, ihr geistiger Genosse zu bleiben. Die ich wie eine Göttin
+verehrte, sollte nicht niedersteigen, um in meinen Armen eine Erdenfrau
+zu werden. Aber diese Augenblicke wurden immer seltener, die
+Selbstbeherrschung wurde mir immer schwerer, um so mehr, als Elsbeth ihr
+Benehmen änderte, ihre Unbefangenheit zu verlieren, jedes Alleinsein mit
+mir ängstlich zu vermeiden schien -- --
+
+Unwandelbar derselbe blieb nur Er, der Lustspielgatte, der arglose,
+alberne -- anbetungswürdige. Er hielt mich mit Gewalt fest, wenn ich
+fort wollte, er plagte mich, um mir mein kroatisches Gut zu erhalten,
+das ihm das seine so schön arrondiert hätte, und das schon zu Zeiten
+meines Vaters losgeschlagen werden sollte, weil wir Geld brauchten für
+die arg zurückgegangene Wirtschaft in Korin.
+
+Aber er weigerte sich zu kaufen. Im Anfang zögernd, dann immer
+entschiedener. -- »Es ist halt schwer, es ist halt schwer. Mir würde der
+Krempel passen. Du gehst mathematisch darauf zu Grund. Kennst Dich ja
+bei uns gar nicht aus.«
+
+»So kaufe! kaufe! zahle, was du recht findest.«
+
+»Was ich recht fände, kann ich nicht zahlen, und weniger mag ich nicht
+zahlen; ich mache keinen Handel mit einem Menschen, der wie Du in
+Geschäften ein Mondkalb ist. Das darf nicht sein. Was meinst, Elsbeth?«
+
+Sie lachte. Es gibt nichts, das lieblicher wäre als ihr Lachen. Um so
+lachen zu können, muß man eine großartige und milde Seele haben. Gar
+wenige Frauen lachen schön. »Was soll ich nur antworten, ohne entweder
+unhöflich oder gewissenlos zu sein?« fragte sie, und er schmunzelte und
+begann seinen graublonden Knebelbart um den Zeigefinger zu wickeln: »Ja,
+wenn ich Kinder hätte, Gott weiß, welcher Schandtat ich fähig wäre, --
+aber so!«
+
+Und später hieß es dann: »Weil ich keine Kinder habe und mathematisch
+keine bekommen werde, will ich Deine lang vernachlässigten Interessen
+vertreten, Du Junge Du, wie wenn es die meiner Kinder wären.«
+
+Nein, einen solchen Mann betrügt man nicht: »Das darf nicht sein,« wie
+er sagt.
+
+Aber so schwer als möglich hat er mir's gemacht, ein ehrlicher Kerl zu
+bleiben. Ich _mußte_ am Ende heraus mit einem halben Geständnis. Da
+murmelte er etwas von Unsinn und wurde ein wenig rot. »Du weißt nicht
+mehr, was Du erfinden sollst, damit man Dich nur fortläßt,« sagte er und
+-- ließ mich ziehen.
+
+Kommst halt wieder, wenn Du mathematisch sicher bist: ich darf mit gutem
+Gewissen!
+
+Und ich darf! Ich werde mit meiner jungen Frau den ersten Winter in
+meinem, durch den fürsorgenden Freund bewohnbar gemachten Hause in der
+Nähe von Fiume verleben, gut nachbarlich mit Elsbeth und mit meinem
+lieben alten Hans.
+
+Seit drei Tagen schreibe ich an diesem Brief. Nun soll er endlich
+abgeschickt werden. Wir reisen morgen auf das Land.
+
+Die Tante hat ihre Einladungen gemacht; unter den ersten Aufgeforderten
+waren die Eltern Madeleines samt Tochter.
+
+Die letztere und ich hatten eben vom Ende der Saison gesprochen, vom
+nahen Scheiden, als die Tante herantrat mit der Kunde, daß uns ein
+baldiges Wiedersehen bevorstehe.
+
+Da bereitete mir Madeleine wieder eine Überraschung -- ein heller
+Freudenglanz überflog ihr Gesicht, leuchtete aus ihren Augen.
+
+Dieses plötzliche Aufflammen war wirklich eigentümlich. Ich glaube, sie
+hat mehr »*amitié*« für mich, als sich einbildete
+
+ Dein treuer Schüler.
+
+Wenn die Eifersucht der Mumien es erlaubt, so schreibe mir doch einmal
+wieder und adressiere: *Les Ormeaux, Département Meurthe et Moselle,
+près Cirey les fosses*. Wie nahe der jetzt deutschen Grenze!
+
+
+*IV.*
+
+Graf Edmund N. an Professor Erhard.
+
+ Les Ormeaux, den 2. Juni 1875.
+
+ Teurer Freund, lieber Professor!
+
+Gestern hatte die Tante den Besuch einer merkwürdigen Frau.
+
+Ich will sie Irina nennen.
+
+Vor Jahren in Wien lernte ich sie kennen. Sie war reizend und sehr
+gefeiert. Ihr Mann, ein widerwärtiger Gesell, ein Streber, hatte sie aus
+Ehrgeiz geheiratet; sie galt, als »Adoptivtochter« eines hohen
+Würdenträgers, für einflußreich. Der Gatte ließ ihr volle Freiheit.
+Welchen Gebrauch sie in Petersburg davon gemacht, weiß ich nicht; in
+Wien bestand ihr Hauptvergnügen darin, die Herzen ihrer zahlreichen
+Anbeter an langsamem Feuer zu braten. Wie niemand verstand sie sich auf
+die Kunst, nichts zu versprechen und -- alles hoffen zu lassen. An mir
+ging sie gerade so lange gleichgültig vorbei, als sie meine
+Gleichgültigkeit nicht bemerkte. Dann begann der Kampf. Meine Seele lag
+in Elsbeths Banne. Ich konnte mir jederzeit ihr Bild so deutlich
+heraufbeschwören, daß ich sie sah wie mit körperlichen Augen, -- aber
+kennst Du den Mann, der einer hübschen Frau gegenüber, die sich ihm an
+den Kopf wirft, den Spröden spielt? -- Ich hatte nur den Abhub der Liebe
+zu vergeben, Irina begnügte sich damit, sie triumphierte. Der Rausch war
+kurz, aber noch vor der völligen Ernüchterung trennten uns die
+Verhältnisse.
+
+Zwei ihrer Briefe beantwortete ich, den dritten und vierten nicht mehr.
+
+Und jetzt sehe ich sie wieder; etwas gealtert, aber noch immer
+verlockend, und, wie ich höre, noch immer sehr umworben. Eine
+gefährliche Frau; besonders für junge Leute, die die Kinderschuhe eben
+ausgetreten haben, oder für die alten, die eben im Begriffe sind, wieder
+hinein zu schlüpfen.
+
+Bei Tische schenkte sie mir keine Aufmerksamkeit; als ich aber
+nachmittags in den Garten ging, um im Freien meine Zigarre zu rauchen
+(aus dem Hause der Tante ist der Tabak verbannt), kam sie mir nach, eine
+Zigarette dampfend. Wir wandelten eine Weile am Ufer des Teiches
+nebeneinander und führten ein unbedeutendes Gespräch. Plötzlich blieb
+sie stehen, sah mich fest an und sagte in ihrer nachlässigen und sanften
+Weise: »Unter anderm, warum haben Sie meine letzten Briefe nicht
+beantwortet?«
+
+Ich war auf diese Frage gefaßt und erwiderte ohne Zögern: »Weil ich
+wußte, daß Sie mir einst danken würden für diese weise Zurückhaltung.«
+
+»Wirklich? Mir ist das nicht ausgemacht.«
+
+»Mir hingegen mit einer Gewißheit, so groß, daß sie auslangt für uns
+beide.«
+
+Wir setzten unsre Wanderung wieder fort; die Luft war drückend schwül,
+hinter den Hügeln an der deutschen Grenze stiegen schwere Gewitterwolken
+auf.
+
+Irina zog mit einem tiefen Atemzuge den Rauch ihrer Zigarette ein und
+ließ ihn, langsam genießend, wieder herausqualmen zwischen den leicht
+geöffneten Lippen. -- »Wenn ich nicht irre, trug ich Ihnen an, mich
+scheiden und mich mit Ihnen trauen zu lassen in irgendeinem
+siebenbürgischen Gretna Green.«
+
+»Etwas dergleichen ... Denken Sie, wenn ich selbstsüchtig genug gewesen
+wäre, Sie beim Wort zu nehmen?«
+
+»Nun?«
+
+»Sie hätten auf alles verzichten müssen: Ihre Stellung in der Welt,
+Ihren Einfluß, die Liebe der Ihren, Ihr abwechslungsreiches Leben ...«
+
+»Und die Folge dieser Entbehrungen?«
+
+»Daß Sie sich unglücklich gefühlt hätten.«
+
+»Was weiter? Wer sagt Ihnen, daß Durst nach Glück mich veranlaßt hat,
+Ihnen den Vorschlag zu machen, der so wenig Anwert bei Ihnen fand? Es
+war Durst nach dem Gegenteil, nach Leid, nach Schmerz, mit einem Worte
+-- nach Liebe.«
+
+Ich muß sie sehr zweifelnd angesehen haben, denn sie beeilte sich, zu
+bekräftigen -- »Liebe, ja, ja. Schade, daß ich sie nur zu empfinden und
+nicht einzuflößen verstand. Wir wären miteinander durchgegangen, und Sie
+hätten mich unglücklich gemacht, und das wäre wundervoll gewesen --
+unglücklich durch einen Menschen, den man liebt. Die Hand, die mich
+schlägt, ich küsse sie. Quäle, mißhandle mich, so viel es Dich freut,
+mit meiner Liebe wirst Du doch nicht fertig, diesen Reichtum erschöpfst
+Du nicht ... Und den in sich zu fühlen, den göttlichen Lebensquell ...
+was ist all das kleine Glück, das sich uns im Leben bietet, gegen ein
+solches Unglück?«
+
+Sie verlangsamte ein wenig ihren noch sehr jugendlichen und hübschen
+Gang; ihre ganze Art und Weise blieb ruhig, ja gleichgültig, und dieser
+Gegensatz zwischen ihren Worten und ihrem Benehmen hatte einen
+eigentümlichen Reiz.
+
+Wir nahmen Platz auf einer Gartenbank; der Himmel verfinsterte sich mehr
+und mehr, es herrschte ein malerisches Halbdunkel unter den Bäumen, das
+äußerst vorteilhaft war für Irinas farblosen, durchsichtigen Teint. Ihr
+feines Gesicht mit den großen grauen Augen, die zarte Gestalt im
+duftigen Spitzenkleide gewannen in der schmeichelnden Beleuchtung etwas
+Poetisches, Elfenhaftes.
+
+»Das Glück,« sagte ich, »mit dem Sie sich in Ermangelung des erwünschten
+Gegenteils begnügen mußten, hat doch auch sein Gutes, es hat Sie jung
+erhalten und schön.«
+
+»Und leichtsinnig,« setzte sie hinzu, in nur allzu überzeugtem Tone.
+»Wir Frauen haben einmal im Leben nichts als die Liebe, und wenn wir mit
+der unsern nicht an den Rechten gekommen sind, dann heißt es eben --
+tröste Dich, wie du kannst!... Man sucht, man findet ... das
+wohlbekannte Surrogat: Zerstreuung -- ohne Liebe ... Sie aber« -- der
+wehmütige Ausdruck, den ihre Züge angenommen hatten, verwandelte sich in
+einen übermütig schalkhaften -- »Sie werden Liebe haben -- ohne
+Zerstreuung.«
+
+Ich verstand sie nicht gleich und brachte ein albernes »Wieso?« vor,
+dessen ich mich zur Stunde noch schäme.
+
+Der Donner grollte, einige Regentropfen fielen, sie achtete ihrer nicht,
+schalt mich einen Geheimniskrämer, den sie jedoch durchschaue, und
+gratulierte mir zu meiner bevorstehenden Heirat. Als echter Deutscher
+(ihr bin ich ein Deutscher) hätte ich klug und praktisch gewählt. -- Das
+Erbfräulein ist hübsch, wohlerzogen, hat einen vortrefflichen Charakter.
+»Kann man mehr verlangen?« fragte sie. »Sie treffen es gut -- beinahe so
+gut wie -- Ihre Braut. Und somit gebe ich Ihnen meinen Segen.«
+
+Sie erhob sich rasch und streifte meine Stirn mit flüchtigem Kusse. Ich
+wollte sie an mich ziehen, doch entwand sie sich mir und sprach: »O nein
+... Aus, aus!... Ob die Liebe gar nicht kommt, ob zur unrechten Zeit,
+ist eins und dasselbe ... wir sind geschiedene Leute. -- Wenn unsre Wege
+sich nicht mehr kreuzen sollten, Sie nur noch von mir hören, und nicht
+immer das Beste, dann gesellen Sie sich nicht zu denen, die einen Stein
+auf mich werfen. Sie haben kein Recht dazu,« schloß sie sanft.
+
+Ich war ergriffen und gerührt. Es ist nicht heiter, wenn jemand, mit dem
+wir glaubten, längst abgerechnet zu haben, vor uns hintritt und uns
+beweist, daß wir tief in seiner Schuld stehen.
+
+Etwas dergleichen sagte ich auch, ohne damit einen besonderen Eindruck
+zu machen.
+
+Die schwarzen Wolken am Himmel platzten und sandten einen Guß nieder wie
+aus hunderttausend Traufen. Irina, leicht aufatmend, bot dem strömenden
+Regen ihr unbedecktes Haupt und schlug ohne die geringste Eile den
+Heimweg ein.
+
+Zur Albernheit verurteilt an diesem Nachmittag, wußte ich nichts andres
+zu sagen als: »Ihr schönes Kleid wird ganz verdorben.«
+
+»Durch Ihre Schuld!« erwiderte sie mit scherzender Anklage. »Warum
+mahnten Sie nicht früher zum Aufbruch ... Jetzt haben Sie auch mein
+Kleid auf dem Gewissen.«
+
+Triefend kamen wir nach Hause. Irina ging, sich umkleiden zu lassen, und
+betrat eine halbe Stunde später im Reiseanzug den Salon. Die Tante
+beschwor sie zu bleiben, wenigstens morgen noch, vergeblich, sie ließ
+sich nicht erbitten.
+
+Wir begleiteten sie zur Bahn, im offenen Wagen. Das Gewitter hatte sich
+völlig verzogen, der Sommerabend war mild und hell, ein kräftiger
+Erdgeruch wallte aus den feuchten Feldern und Wiesen zu uns herauf. Ich
+saß Irina gegenüber; sie lächelte mir zu und machte sich lustig über die
+Melancholie, in die mich, wie sie behauptete, ihre Abreise versetzte.
+
+Auf der Station warteten einige Bauern, der Zug war schon signalisiert;
+Irinas Leute hatten kaum Zeit, die Bagage aufzugeben und Billetts zu
+lösen, da brauste er heran.
+
+Aus dem Fenster eines Coupés erster Klasse beugte sich ein junger Mensch
+weit heraus, ein langer, hübscher, blasser Bursche, mit keimendem
+Schnurr- und Backenbärtchen. Als er Irina erblickte, stieg eine dunkle
+Röte ihm in die Wangen, die aufrichtigste Seligkeit funkelte aus seinen
+unverwandt auf sie gerichteten Augen. Hastig winkte er den Schaffner
+herbei.
+
+»Ach, mein Neffe Wladimir, welcher Zufall!« sagte Irina mit förmlich
+herausfordernder Unbefangenheit und nahm Abschied. Ich führte sie zum
+Waggon, dessen Tür bereits offen stand. Der Jüngling hatte das
+Handgepäck, das der Kammerdiener hineinreichte, in Empfang genommen,
+stand da und hielt selbstvergessen die Reisetasche Irinas mit
+leidenschaftlicher Innigkeit an seine Brust gepreßt. Ich half der
+schönen Frau einsteigen. Der Duft frischer Blumen strömte uns aus dem
+Wagen entgegen; in den Netzen hingen, auf den Sitzen lagen die schönsten
+Teerosensträuße. -- Ich hörte Irina noch sagen: »*Quelle folie!*« Dann
+flog die Tür zu, die Lokomotive pfiff und pustete, die Räder setzten
+sich in Bewegung, ein letzter Gruß, ein Taschentuch, das man flattern
+sieht an einem Fenster und -- alles vorüber.
+
+Die Tante und ich fuhren nach Hause. Sie war außerordentlich aufgeräumt.
+Durch alle ihre Kosmetikes hindurch schimmerte der Glanz stiller
+Heiterkeit. In einem alten Renner, vor dessen Augen ein andres Pferd
+durchgeht, mögen sich ähnliche Erinnerungen regen, wie die ihren waren
+in diesem Augenblicke.
+
+Ganz gegen ihre Gewohnheit, denn sie gehört zu den harmlosesten
+Geschöpfen, die ich kenne, bemerkte sie nach einer kleinen Pause,
+während der wir uns unsren Betrachtungen überlassen hatten:
+
+»Früher waren es Cousins, jetzt sind es Neffen. Ich weiß nicht, ob das
+ein Fortschritt oder ein Rückschritt ist.«
+
+»*Mais*«, setzte sie seufzend hinzu, und ihre Stirn würde sich in
+nachdenkliche Falten gelegt haben, wenn die *Crême de Lys à la Ninon*
+eine solche Hautgymnastik erlaubt hätte -- »*mais je comprends ça!*«
+
+ Dein Edmund.
+
+
+*V.*
+
+Graf Edmund N. an Professor Erhard.
+
+ Les Ormeaux, den 25. Juni 1875.
+
+ Lieber verehrter Freund!
+
+Bereite Dich auf eine Überraschung vor. Unsre Pläne sind umgestoßen. Ich
+schrieb Dir gestern in verdrießlicher Laune. Dank der Nachlässigkeit
+meines Dieners blieb der Brief liegen. Heute zerreiße ich ihn, schreibe
+einen neuen und hoffe, wenn diese Zeilen in Deine Hände kommen, bin ich
+ganz versöhnt mit meinem Lose und habe eingesehen, »daß alles Segen
+war.«
+
+Was sich begeben hat, ist folgendes:
+
+Neulich am Abend waren wir alle auf dem Balkon. Eine Dame aus der
+Nachbarschaft, die sich für eine Naturfreundin hält, hatte uns dahin
+beordert, um den Aufgang des Mondes zu bewundern. Sie quittierte die Oh
+und Ah, die ausgestoßen wurden, und machte die Honneurs des schönen
+Schauspiels, als ob sie es erfunden hätte. Es verdroß sie, daß Madeleine
+sich schweigend verhielt. -- »Die jetzige Jugend lobt nichts,« meinte
+sie, »nicht einmal den lieben Gott in seinen Werken. Ein Anblick wie
+dieser läßt Euch kühl. Nicht wahr, liebe Kleine?«
+
+Die »Kleine«, von der die dicke Naturschwärmerin um einen halben Kopf
+überragt wird, sah zu ihr nieder und erwiderte rasch und lebhaft: »Sie
+tun mir unrecht, niemand schätzt den Mond mehr als ich, diesen
+liebenswürdigen Alten, dessen Glanz schon längst erloschen ist, der sich
+aber in Ermangelung eigenen Lichtes zum Spiegel fremden Lichtes macht
+und uns so hold die Nacht erhellt. Ich will mir sogar ein Beispiel an
+ihm nehmen und bei fremdem Glücke borgen, was man so braucht, um den
+Schein der Heiterkeit zu haben und zu verbreiten.«
+
+»Welche Resignation!« rief ich aus.
+
+»Eine sehr bedingte, wohl gemerkt,« erwiderte sie. »Mit dem Scheine
+begnügt ein braves Herz sich erst, wenn das Wesen ihm unerreichbar
+bleibt ... Ja, wenn die Wahl frei stände ...« sie hielt inne. Es war
+wieder das Aufblitzen in ihrem Gesichte, das Leuchten der Augen, das
+übermütig schalkhafte Lächeln. --
+
+Plötzlich warf sie einen Blick voll Entschlossenheit auf eine junge Frau
+hinüber, die ich längst im Verdachte hatte, die Vertraute aller ihrer
+Mädchengeheimnisse zu sein, und fuhr fort: »Zum Beispiel Sie, meine
+Damen, wenn Sie sich statt dieses Anblicks,« den Arm ausstreckend,
+deutete sie nach dem Horizont, »den eines _Sonnen_aufganges gönnen
+wollten, was so leicht geschehen kann, und -- ich wette, noch nicht
+geschehen ist.«
+
+Einige widersprachen, ein kurzer Streit entspann sich. Am Ende beschloß
+die ganze Gesellschaft einstimmig, morgen mit dem frühesten auszureiten
+und von einem Hügel aus, der zu Pferde in zwanzig Minuten zu erreichen
+war, das Erscheinen des Tagesgestirns zu erwarten.
+
+»Seien Sie pünktlich,« empfahl mir Madeleine, ehe wir uns trennten, und
+ich versprach's und hielt Wort. Ich war der erste beim Stelldichein im
+weitläufigen, kiesbestreuten Hofe, in dessen Mitte eine Fontäne
+plätscherte. Ihr einförmiges Geräusch wurde allmählich eine Art Stimme
+und gurgelte: »Mach Dich gefaßt! Mach Dich gefaßt!« Es kam sogar zu
+einem Vers:
+
+ Als Junggeselle reit ich aus,
+ Als Bräutigam kehr ich nach Haus.
+
+Nicht sehr schön, aber was kann man von einer Fontäne verlangen?
+
+Die Pferde wurden vorgeführt, streckten die Hälse, senkten die Köpfe;
+alle schienen unzufrieden, gegen jede Gewohnheit so früh aus dem Stall
+zu müssen.
+
+Und nun erschien Madeleine unter dem Portal. Im dunkeln, enganliegenden
+Reitkleid nahm ihr ganzes Wesen sich so gar jung und unfertig aus ... Da
+hieß es: nicht vergleichen! nicht denken an Elsbeths wundervolle
+Frauengestalt.
+
+Madeleine, die Reitpeitsche unter dem Arme, knöpfte mit der bloßen
+Rechten den Handschuh der Linken zu. Sie hatte mich gesehen, aber ohne
+zu grüßen hastig den Kopf gesenkt, runzelte ein wenig die breiten Brauen
+(die hat sie vom Vater), preßte die Lippen aufeinander ...
+
+Ich sage Dir alles, demnach auch die Vermutungen, die mir da in den Sinn
+kamen: Ah, Mademoiselle, ich zögere Ihnen wohl zu lange? Sie haben
+wahrscheinlich geflunkert mit ihrer Eroberung, und nun fragen die
+Freundinnen: Was ist das? will der Besiegte sich noch immer nicht
+ergeben?... Die Entscheidung muß endlich herbeigeführt werden. So oder
+so! In der Kühlwanne läßt sich unsereines nicht halten ... Wohlan, ich
+will Ihnen den Sieg nicht schwer machen, sagte ich zu mir, trat an sie
+heran, und wir wünschten einander einen guten Morgen und waren gleich
+einig, daß wir auf die übrige Gesellschaft nicht warten wollten.
+
+»Welches Pferd befehlen Mademoiselle?« fragte der Stallmeister.
+
+»Gleichviel, das erste beste,« gab sie zur Antwort mit kaum
+unterdrückter Ungeduld und saß im nächsten Augenblick schon im Sattel
+auf einem tüchtigen Braunen, und auch ich wählte nicht lange -- was mich
+später reute --, sondern bestieg, weil er am nächsten bei der Hand war,
+einen hochbeinigen, langohrigen Gaul, auf dem nicht einmal der Apollo
+von Belvedere sich gut hätte ausnehmen können.
+
+Wir ritten im Schritt aus dem Hofe, dann im kurzen Trabe durch den Park
+und sprengten draußen in einen munteren Jagdgalopp ein. Madeleine, des
+Weges kundig, führte. Es ging immer schneller vorwärts, eine gute Weile
+über das Weideland, zwischen flachen grünen Hügeln dem Licht entgegen,
+das im Osten emporlohte.
+
+»Wohin denn?« fragte ich endlich. »Wo ist das Ziel?«
+
+Sie erwiderte: »Längst überholt,« hielt ihr Pferd an, lauschte und
+spähte in die Ferne, und ich rief:
+
+»Bravo! Wissen Sie, wo wir sind? Da steht der Grenzpfahl -- auf
+deutschem Boden -- in der Höhle des Löwen.«
+
+»Jawohl, und da schickt er einen Abgesandten.«
+
+Von der flammenden Morgenröte am Himmel hob sich der Schattenriß eines
+Reiters, der, wie aus dem Boden gewachsen, vor uns auftauchte. Es war
+ein deutscher Offizier, ein schöner Mensch, sehr sonnverbrannt, sehr
+hübsch gewachsen, vortrefflich beritten. Er legte die Hand an die Mütze,
+und ich dumme gute Haut dankte ihm noch und bemerkte nicht gleich, daß
+der Held nur Augen hatte für Madeleine, die er voll Ehrfurcht und
+frommer Anbetung begrüßte.
+
+O Lieber! und sie senkte den Blick vor dem seinen; und ich habe mich
+geirrt -- sie kann das doch auch.
+
+»Madeleine,« sagte er, und seine Stimme war tief und wohlklingend und
+hätte mir in jedem andern Augenblick einen angenehmen Eindruck gemacht.
+
+»Arnold,« sagte sie. Das D tönte so zärtlich nach, so liebevoll:
+Arnolde. Sie reichten einander die Hände.
+
+»Ich danke Ihnen, daß Sie gekommen sind.«
+
+Ihre ablehnende Gebärde drückte deutlich aus: Dafür keinen Dank! --
+»Morgen also?« fragte sie nach einer langen Pause ernster, schweigender
+Seligkeit.
+
+»Morgen. Vergessen Sie mich nicht, Sie wissen, wovon ich lebe.«
+
+»Und ich? -- Als neulich Ihr Brief nicht kam am bestimmten Tage und auch
+am nächsten nicht -- ich wäre fast gestorben.«
+
+»Wie voreilig!« sprach er und wurde rot vor Bestürzung und Wonne und
+drückte ihre Hand fester, »liebe Madeleine ...«
+
+»Mein edler, mein treuer Freund.«
+
+»Treu, ja, aber das ist mein Schicksal, nicht mein Verdienst.«
+
+»Ich lobe Sie auch nicht, ich sage nur, Sie sind es.«
+
+»Wie Sie.«
+
+»Das heißt: bis ans Ende.«
+
+»Bis ans Ende.«
+
+»Gott behüte Sie, Arnold.«
+
+»Sie wollen mich schon verlassen?«
+
+»Ich will nicht -- ich muß.«
+
+»Madeleine!«
+
+»Noch einmal, noch tausendmal: Gott behüte Sie! Ich bete zu ihm für Ihr
+Glück.«
+
+»-- Dann beten Sie für sich.«
+
+Das war, glaube ich, ihr ganzes Gespräch. Möglich, daß ich einiges
+überhörte. Mein Untier von einem Rotschimmel hatte einen Anfall von
+Heimweh bekommen und kehrte ganz entschlossen um; ich wandte ihn und er
+wieder sich; wir waren einer hartköpfiger als der andre und führten,
+indem wir uns kaffeemühlenartig auf dem Fleck herumdrehten, ein
+sonderbares *accompagnement* auf zu der Liebesszene, die sich zehn
+Schritte von uns abspielte.
+
+Nachdem der Offizier (der mich gewiß für irgendeine untergeordnete
+Vertrauensperson gehalten hat) sich empfohlen, ritten wir in
+entgegengesetzter Richtung dem Aussichtshügel zu und erblickten, an
+dessen Fuß angelangt, die vom Schlosse her trabende Kavalkade.
+
+»Fräulein,« sagte ich mit verachtungswürdiger Plumpheit zu Madeleine,
+»wissen Ihre Eltern?...«
+
+»Das versteht sich,« fiel sie mir ins Wort und hatte ein gar rührendes
+Lächeln, »sie wissen es, aber sie glauben es nicht.«
+
+»Was nicht?«
+
+»Daß meine Neigung alles überdauert, ihren Widerstand, die immerwährende
+Trennung. Sie meinen, endlich wird diese Liebe doch erlöschen. Nur Zeit
+lassen, nur Geduld haben. Ein andrer wird kommen und das Bild des
+Abwesenden aus ihrem Herzen verdrängen. Da stellen sie von Zeit zu Zeit
+Proben an ...«
+
+»Und Bewerber auf,« rief ich ungemein beleidigt.
+
+Sie aber erzählte in wenig Worten, das Schloß ihrer Eltern sei im
+Kriegsjahre zu einem Spitale gemacht worden. Mit andren Verwundeten
+wurde 'Er' gebracht, sterbend, der Arzt gab ihn auf. -- »Meine Mutter
+aber,« sagte Madeleine, »pflegte ihn gesund. Ich bin ihr kaum mehr Dank
+schuldig für mein Leben, als er ihr für das seine. Das verpflichtet, Sie
+begreifen. Wir werden meine Eltern nie betrügen ... Er hat mir einmal
+die Hand geküßt, in Gegenwart meines Vaters ... Er ist einmal aus seiner
+Heimat nach Falaise gekommen, zwei Nächte und einen Tag gereist, um mich
+zu sehen, an der Seite meiner Mutter, um auf der Straße an mir
+vorüberzugehen und stumm zu grüßen. -- Ich war krank gewesen, er hatte
+durch meine Freundin davon gehört ...«
+
+»Sublim!« spöttelte ich. »Es muß ihre Eltern rühren, sie werden endlich
+nachgeben.«
+
+»Sie werden nie nachgeben und wir auch nicht.«
+
+»In einem solchen Kampfe siegen die Überlebenden. Nach dem gewöhnlichen
+Lauf der Dinge also -- die Jüngeren.«
+
+Wir waren nicht mehr allein, die Reiter hatten uns eingeholt.
+
+Madeleine sprach mit gesenkter Stimme: »Gott erhalte mir meine Eltern!«
+
+Oben auf dem Hügel war es herrlich. Ein feuriger Glutball, stieg sie
+empor, die Lichtspenderin, die Urheberin alles Lebens ... Lieber Freund,
+die Schilderung des Sonnenaufganges wirst Du mir wohl erlassen.
+
+ Dein Edmund.
+
+
+*VI.*
+
+Graf Edmund N. an Professor Erhard.
+
+ Les Ormeaux, den 5. Juli 1875.
+
+ Bester Freund!
+
+Glaubst Du, daß es heutzutage einen Romancier gibt, kühn genug, um
+seinem Publikum ein Liebespaar wie Madeleine und Arnold vorzuführen?
+-- Er müßte sich darauf gefaßt machen, ein lächerlicher Idealist genannt
+zu werden, der faden Brei rührt für literarische Kinderstuben und
+Menschen schildert, die es nie und nirgends gibt.
+
+Und doch wäre der Mann ein so treuer Darsteller der Wirklichkeit, wie
+nur irgendein orthodoxer Naturalist. -- Allerdings würde diese
+Wirklichkeit niemanden mehr interessieren.
+
+Ich bin veraltet, mich interessiert sie. Madeleine und ich haben ein
+Freundschaftsbündnis geschlossen.
+
+»Konnte ich Ihnen,« sagte sie, »einen größeren Beweis von Vertrauen
+geben, als den, Sie zum Zeugen meiner Zusammenkunft mit Arnold zu
+machen? Auf Gnade und Ungnade habe ich Ihnen mein Geheimnis
+ausgeliefert.«
+
+Was ich vor drei Tagen miterlebte, war ein Abschied. Das Regiment
+Arnolds, das im Elsaß stand, hat Marschbefehl bekommen und kehrt zurück
+nach Bayern. Die Trennung der Liebenden wird dadurch räumlich erweitert,
+tatsächlich bleibt sie dieselbe. Sie sehen einander nicht, sie stehen
+nur in freilich sehr eifrigem, schriftlichem Verkehr. Als Briefbote
+fungiert die Freundin -- wie mir scheint, nicht ohne Wissen der Eltern.
+Die denken wohl: Schwärmt Euch aus, in _solcher_ Art ist's ungefährlich;
+man wird ihrer müd.
+
+Meine Meinung aber ist, daß diese beiden tun werden, wie sie sagen, und
+einander treu bleiben bis ans Ende. Gestern machte ich mich in denkbarst
+vorsichtiger Weise zu ihrem Anwalt -- bei der Mutter; an den alten
+*Chouan* wollte ich erst später heran. Aber ich traf auf den
+unbeugsamsten Widerstand; -- so einen sanften, wohlüberlegten, gegen
+jeden Angriff gefeiten. Welche Kraft von Fanatismus in dieser
+schmächtigen, blassen Frau, deren Stimme sich nie über den
+Konversationston erhebt, deren Lippen ohne Beben dem Glück der armen
+Madeleine das Todesurteil sprechen! Sie liebt ihr Kind, sie weiß, daß
+Arnold ein braver Mensch ist, aber zugeben, daß ihre Tochter die Frau
+eines Deutschen werde -- o, da würde sie _sich_ doch ebenso gern auf den
+Pranger stellen und öffentlich brandmarken lassen.
+
+Das nenn ich einen gehörigen Rassenhaß!... Etwas Gräßliches wahrhaftig
+und Dummes obendrein, wie denn jeder Haß, der sich gegen Menschen
+wendet, statt gegen das Unrecht, das sie tun ... Weise ist nur die Liebe
+-- halte mir den kühnen Übergang zugute, ich bin mir des Mangels an
+Folgerichtigkeit in meinem Gedankengange sehr bewußt ... Weise ist
+Irina, die dafür, daß sie nicht geliebt wurde, wie sie es erstrebt,
+Trost findet, indem sie sich lieben läßt. Weise ist Madeleine, die im
+Vollgefühl ihrer großartigen Empfindung eine höhere Befriedigung genießt
+als mancher, dessen Leben eine Kette erfolggekrönter Liebesabenteuer
+war.
+
+Unweise ist Elsbeth, unweise bin ich mit meiner Selbstüberwindung, die
+so viel Verlogenheit in sich birgt.
+
+Jede echte Liebe, sogar eine hoffnungslose, ist herrlich, erbärmlich und
+töricht, aber der Kleinmut, der verzichtet.
+
+»Wir Frauen haben nur die Liebe,« sagt Irina. So hat denn Elsbeth --
+nichts.
+
+Arme Elsbeth!
+
+Lebe wohl und schreibe doch einmal wieder
+
+ Deinem treuen Edmund.
+
+
+*VII.*
+
+Graf Edmund N. an Professor Erhard.
+
+ Wien, den 12. August 1875.
+
+ Mein verehrter Freund!
+
+Dir schreiben, was ich vorhabe, fällt mir schwer. Es wird Dich empören,
+es wird Dir weh tun. Wenn Dich dieser Brief findet, mitten in einer
+fesselnden Arbeit, dann lege ihn weg und lies ihn erst am Abend, vor dem
+Einschlafen. Das ist der rechte Moment. Da bist Du in der unendlich
+wohlwollenden und versöhnlichen Stimmung, die jeden guten Menschen
+ergreift, wenn er sich, zufrieden mit seinem Tagewerk, auf das Lager
+streckt und die angenehme Müdigkeit seiner Glieder, die köstlichste
+Abgespanntheit seiner Nerven ihm eine vortreffliche Nacht verheißen ...
+Dann nimm dieses Blatt zur Hand. So sanft wie die Traumseligkeit, die
+Dich umfängt, wird Dein Urteil sein; Du wirst denken: Sieh doch, seinem
+Verhängnis entgeht keiner ... Ei, ei! -- Nun, Gott mit ihm. Nach
+Nowidworo denn ...
+
+Ja, nach Nowidworo, das ist das Ende vom Liede.
+
+Ich will hintreten vor meinen alten Hans und will ihm sagen: Alles war
+vergeblich, die Flucht, die Trennung, der lange Kampf. Ich komme wieder
+als derselbe, der ich gegangen, nur daß ich erprobt habe, daß meine
+Liebe unüberwindlich ist. Habe ich nicht getan, was ich konnte? Habe ich
+nicht sogar heiraten wollen? Danke ich's nicht ganz allein der
+Seelengröße Madeleines, daß der lügenhafte Bund nicht geschlossen wurde?
+
+Mache mit mir, was Du willst, wirf mich hinaus, schieß mich tot, ich
+verlange nur Eins: bevor Du es tust, frage Deine Frau, ob ihr damit ein
+Gefallen geschieht ... Man muß doch auch an sie denken. -- Haben wir
+einmal Phantasie, stellen wir uns vor, daß ich um ein Jahr früher nach
+Fiume gekommen wäre, sie kennen gelernt und heimgeführt hätte ...
+Verzeih, verzeih, lieber Hans! Du bist ein Engel, und ich bin nur ein
+gewöhnlicher Sterblicher -- aber Elsbeth wäre vielleicht mit mir
+glücklicher geworden als mit Dir ... Nicht wegen des geringeren
+Unterschieds im Alter, -- was sind die Jahre! Im Gemüte wirst Du immer
+ein Jüngling bleiben. Wie oft kam ich mir, mit Dir verglichen, wie ein
+Greis vor.
+
+Aber Du kennst die Frauen nicht, hast Dich nie mit ihnen befaßt, Du bist
+mit der Deinen wie der beste Vater ... Ich, mein teurer, treuer Hans,
+ich würde wahrscheinlich trotz aller Anbetung weniger zart mit ihr
+umgehen als Du, ich würde sie mit Eifersucht quälen, aber es gäbe
+nichts, was mich je von dem Gedanken an sie ablenken könnte. Immer hätte
+ich in ihrer Gegenwart die Empfindung eines reicheren, erhöhten Lebens,
+immer sie in der meinen das Bewußtsein, eines andern Menschen
+köstlichstes Gut, sein Um und Auf, sein Schicksal zu sein.
+
+Ich würde sie nicht tage- und wochenlang allein lassen, und nachmittags,
+wenn ich noch so müde aus der Wirtschaft nach Hause gekommen wäre, würde
+ich nicht einschlafen ... und wenn ich mit ihr im Walde spazieren ginge,
+würde ich noch Sinn für andres haben, als für die Anzahl Raummeter, die
+der Holzschlag ergeben wird, und für den wahrscheinlichen Ertrag der
+Eichelmast.
+
+Hans, mein väterlicher Freund, werfen wir einmal alles über Bord:
+Vorurteil, die sogenannten Gesetze der Ehre, und fragen wir uns, ob Du
+Dich nicht ebenso zufrieden fühlen würdest wie jetzt, wenn Du ... nun,
+das ist wirklich schwer auszusprechen ... wenn -- sagen wir, Elsbeth und
+ich Deine Kinder wären, Deine dankbaren, in Dir den Schöpfer ihres
+Glückes verehrenden Kinder ...
+
+Lieber Hans, was ist die Aufgabe des Menschenfreundes? Nach den
+schwachen Kräften, die ihm als einzelnen gegeben sind, die Summe des
+auf Erden vorhandenen Leids zu vermindern, die des Glückes zu erhöhen.
+-- Mathematisch, um mit Dir zu sprechen: Ich besitze etwas, das mir
+Freude macht = 6; doch kenne ich einen, dem dieses selbe etwas Freude
+machen würde = 100.000. -- Was tue ich, der Menschenfreund? Ich schenke
+ihm den bewußten Gegenstand und erhöhe damit die Summe der Weltfreude um
+99.994!
+
+Ähnliches, liebster Professor, habe ich einmal getan. Ich hatte ein
+Bild, das jeden Kenner entzückte. Einen mir befreundeten Maler machte
+der Wunsch, es zu besitzen, halb verrückt. Er sann und träumte nichts
+andres; er meinte, es sein nennen zu dürfen, würde ihn beseligen und
+läutern und jede in seiner Künstlerseele noch schlummernde Kraft zur
+höchsten Entfaltung bringen.
+
+Ich erwog das Glück, das ich diesem Menschen bereiten konnte, machte die
+bewußte Rechnung und -- schenkte ihm das Bild.
+
+O Freund, es handelte sich um eine bemalte Leinwand, die nichts davon
+wußte, ob der begeisterungstrunkene Blick eines Künstlers auf ihr ruhte,
+ob der meine es streifte mit flüchtigem Wohlgefallen.
+
+Sie aber lebt, und, ich glaube es wenigstens, ist mir gut. Eigentümlich,
+daß sich meiner, je näher der Augenblick des Wiedersehens kommt, Zweifel
+bemächtigen, vielleicht begründete?
+
+Nein doch, nein! -- ich brauche mich nur der Nachmittage unter den
+Linden auf der Terrasse zu erinnern ... Ich las vor -- »Faust« von
+Turgenjew ... Wie sie da horchte, mit welcher Spannung, wie sie mich
+ansah ... Am selben Abend entstand ein Gedicht, das natürlich verbrannt
+wurde, und das ich vergessen habe, bis auf die eine Strophe:
+
+ Zu mir erhebt mit stummem Fragen
+ Dein dunkles Aug sich unbewußt,
+ Dieselbe tiefe Sehnsucht tragen
+ Wir beide in verschwiegner Brust ...
+
+So war es. Aber freilich, zu wem hätte sie auch die Augen erheben
+sollen? Mein Hans, ihr Hans, ich will sagen: unser Hans schlief oder
+schlummerte wenigstens ...
+
+In zwei Tagen werde ich viel mehr wissen als heute. Ich schreibe Dir
+gleich, noch unter dem ersten Eindruck. Was steht mir bevor?
+
+ Dein Edmund.
+
+
+*VIII.*
+
+Professor Erhard an Freiherrn Hans v. B.
+
+ Korin, den 12. September 1875.
+
+ Euer Hochwohlgeboren!
+
+ Hochverehrter Herr Freiherr!
+
+Für die Belästigung auf das Höflichste um gnädige Nachsicht bittend,
+wage ich es, Euer Hochwohlgeboren um eine Kunde von meinem lieben Grafen
+zu bitten. Derselbe äußerte in seinem letzten Schreiben die Absicht, die
+Gegend von Fiume zu besuchen, und dürfte es bei dieser Gelegenheit
+schwerlich verabsäumt haben, Euer Hochwohlgeboren seine Aufwartung zu
+machen. Auf die Annahme dieses Falles hin darf ich vermuten, daß es Euer
+freiherrlichen Gnaden bekannt sein dürfte, wohin unser teurer Reisender
+seine Schritte gelenkt, und dieser Vermutung wieder entspringt das oben
+gestellte flehentliche Ersuchen.
+
+Genehmigen Euer Hochwohlgeboren den Ausdruck der unbegrenzten
+Hochverehrung, mit welcher zeichnet
+
+ Euer Hochwohlgeboren
+ untertänigster Diener
+ P. Erhard.
+
+
+*IX.*
+
+Hans v. B. an Professor Erhard.
+
+ Nowidworo, den 14. September 1875.
+
+ Euer Hochwürden
+
+setzen mich in Bestürzung.
+
+Unser lieber Edmund hat uns nach zweitägigem Aufenthalte verlassen, um
+geraden Weges heimzufahren nach Korin.
+
+Sieht aus wie das Leben, ist prächtig. Er muß seinen Plan geändert
+haben; ich staune, daß er nichts davon schrieb.
+
+Mit der inständigen Bitte, mir sein Eintreffen zu Hause telegraphisch
+bekannt zu geben,
+
+ Euer Hochwürden
+ tief ergebener Hans B.
+
+
+*X.*
+
+Graf Edmund N. an Professor Erhard.
+
+ Abbazia, den 20. September 1875.
+
+ Lieber, verehrter Freund!
+
+Ich habe noch eine kleine Seefahrt unternommen, bin aber jetzt auf dem
+Heimwege; heftig regt sich in mir die Sehnsucht nach meinem Zuhause.
+Eines schönen Morgens wirst Du im Frühstückszimmer erscheinen, mit einem
+Schweinsledernen unter jedem Arme, und -- plumps! da liegen die
+Folianten; Du hast sie fallen lassen, Du brauchst Deine beiden Hände, um
+sie vor Verwunderung über dem Kopfe zusammenzuschlagen und dann dem
+Freunde zu reichen, der Dir die seinen entgegenstreckt.
+
+Freue Dich, Du Lieber und Getreuer! ich komme für lange Zeit.
+
+Wenn Jahre zwischen heute und dem Tage lägen, an dem ich Dir zum letzten
+Male schrieb, eine größere Wandlung könnte mit mir nicht vorgegangen
+sein; ich bin, scheint mir -- klug geworden.
+
+Als ein ganzer Geck kam ich noch am Nachmittag des 14. August in
+Karlstadt an. Ich hatte im natürlich reservierten Coupé Toilette gemacht
+und gefiel mir selbst in meinem Knickerbocker und meinem englischen,
+helmförmigen Hut.
+
+Auf dem Bahnhofe wartete der Wagen aus Nowidworo, der gelbe Phaeton, den
+Hans nur bei großen Gelegenheiten ausrücken läßt; vorgespannt war der
+Jucker-Viererzug, und auf dem Bocke prangte mein dicker, schweigsamer
+Freund Djuro.
+
+»*Pomez Bog*,« rief ich, und er erwiderte: »*Ljubim ruka*.« Sein
+braunes Gesicht glänzte gleich einem blankgescheuerten Kupferkessel, und
+er lachte mich so vergnügt an, als ob ihm das verkörperte Trinkgeld
+entgegenträte.
+
+Wir flogen schon ein Weilchen dahin zwischen rebenbepflanzten Hügeln und
+Geländen, als er sich besann, daß er etwas an mich zu bestellen habe,
+und mir einen Brief in den Wagen reichte. -- Von Hans. Sein
+gewöhnliches Riesenformat, der Inhalt drei Zeilen im Telegrammstil:
+
+Willkommen! hochwillkommen, Du, mein Junge, Du! Erwarten Dich mit
+offenen Armen. Haben uns redlich nach Dir gesehnt.
+
+ Elsbeth und Hans.
+
+Beide hatten unterschrieben.
+
+Ich zerknüllte das Blatt und schleuderte es fort; denn es brannte wie
+eine Kohle in meiner geschlossenen Hand. Die Sonne brannte auch, der
+Himmel erstrahlte in feurigem Blau, zu eitel Fünkchen wurde der Staub,
+der uns umwirbelte. Am Saume der großen Ebene dunkelten die Wälder,
+erhoben sich die Spitzen der Okiker Gebirge.
+
+Mit innigem Entzücken begrüßte ich sie ... Die schönsten Bilder tauchten
+vor mir empor, holde Träume umfingen mich.
+
+Mein Kutscher war plötzlich aufgestanden, schwang die Peitsche und
+schnalzte kräftig. Ein Leiterwagen, mit türkischem Weizen beladen,
+wackelte vor uns her. Die kleinen, mageren Pferde krochen nur so; ihr
+Lenker schlief, der Länge nach ausgestreckt, auf seiner Ernte. Djuros
+Peitschenknall weckte ihn, er fuhr empor, wich aus, und wir sausten
+weiter.
+
+Das Gefühl ist nicht zu beschreiben, das mich ergriff, als ich die
+Schloßmauern von Nowidworo durch die Bäume des Gartens schimmern sah und
+bald jedes Fenster am Mansardendache unterschied.
+
+Die Luft schien mir dünner und reiner zu werden, mein Herz war so
+leicht, der letzte Zweifel abgetan. Ich mußte mich zusammennehmen, um
+nicht laut aufzujubeln.
+
+Beim steinernen Kreuze, wo der Weg sich abzweigt, der zwischen
+Walnußbäumen gerade zum Schlosse führt, lenkte Djuro nach rechts, und
+wir fuhren längs des Gartenzauns dem schlanken, zinnengekrönten Türmchen
+an der Ecke, der sogenannten »Warte«, zu.
+
+Dort oben hatten Hans und Elsbeth gewiß gestanden und nach mir
+ausgespäht, und jetzt eilen sie die Treppe hinab und zur Pforte zwischen
+den Pfeilern und werden gleich heraustreten ... Wenn _sie_ zuerst kommt,
+dann ist's ein gutes Zeichen.
+
+Das _Zeichen_ stimmte wohl --
+
+Sie kam zuerst, weiß gekleidet, im reichen Schmuck ihrer dunkeln Haare,
+in ihrem ganzen Liebreiz -- ein wenig blaß kam sie mir vor im ersten
+Augenblick.
+
+Hinter ihr breitete sich's chamoisfarbig; ein paar Arme fochten sinnlos
+in der Luft herum und bemächtigten sich meiner, als ich aus dem Wagen
+sprang. Es waren die Arme meines alten Hans, und er drückte mich an
+seine Brust wie ein Bär. Seine Augen standen voll Tränen, alle seine
+Gesichtsmuskeln zitterten.
+
+»Elserl,« brachte er nach vielen vergeblichen Anstrengungen endlich
+heraus, »umarm ihn auch -- Du darfst, weil er da ist -- -- wenn er nicht
+da wäre, dürftest Du nicht,« sprach er in warnendem Tone und zwinkerte
+mir voll Verständnis zu.
+
+Auch seine Frau verstand diese allerdings sehr einfache Logik. Sie
+errötete, eine tiefe Verwirrung malte sich in ihren Zügen, doch gelang
+es ihr bald, eine heitere Miene anzunehmen. Mit ihrer gewohnten,
+sanften Sicherheit blickte sie zuerst ihn, dann mich an und bot mir die
+Wange.
+
+Ich küßte sie ... das Unglaubliche geschah -- ich küßte sie, und ob es
+mich auch durchzuckte vom Wirbel bis zu den Füßen, ob mir der Atem
+vergehen wollte -- ich verlor meine Fassung nicht.
+
+»Jetzt die Überraschung,« sagte Hans zwischen Weinen und Lachen ... »Wir
+haben nämlich eine Überraschung ... Du wirst Dich wundern.«
+
+Mein lieber Freund, eine flüchtige Erinnerung an die Absicht, mit der
+ich gekommen, an die berühmte Rechnung, kam mir in den Sinn, und mich
+überlief's.
+
+Elsbeth nahm meinen Arm, sie drückte ihn herzlich mit ihrer Hand, Hans
+ging nebenher, klopfte mich von Zeit zu Zeit auf die Schulter und
+murmelte: »Du, mein Junge, Du!« Er lobte und bewunderte alles an mir,
+mein Aussehen, meinen Vollbart, meinen Anzug, und Elsbeth stimmte ihm
+bei, und wenn er sich wie ein sehr erfreuter Vater benahm, so hatte sie
+in ihrer Art und Weise gegen mich etwas entschieden Mütterliches.
+
+Wir näherten uns dem schattigen Platze unter den Linden, den edlen,
+herrlichen, die am Rande der Wiese vor dem Schlosse stehen.
+
+Dort habe ich ihr das Meisterwerk des großen russischen Erzählers
+vorgelesen, diese Bäume haben leise dazu gerauscht; auf der Bank unter
+dem mächtigsten von ihnen hat sie gesessen, mir gegenüber in sprachloser
+Ergriffenheit, und mich angesehen mit jenem unvergeßlichen Blick ...
+
+Auf derselben Stelle unter demselben Baum befand sich jetzt eine
+stattliche Frau, in halb städtischer, halb ländlicher Tracht, und neben
+ihr stand ein Korbwägelchen mit blauseidenem Dach.
+
+»*Spovo on?*« fragte Elsbeth.
+
+»*Sada isputje*,« antwortete die Frau.
+
+Das heißt: »Schläft er?« und: »Eben erwacht.«
+
+Mein dummer Kopf hatte eine plötzliche Erleuchtung. Sie war so hell --
+zu hell -- -- sie schmerzte.
+
+Elsbeth führte mich zu dem Wägelchen, hob die Schleier, die es
+verhüllten, und der Inhalt der kleinen Equipage kam zum Vorschein. Er
+hatte kugelrunde, rosige Wangen und dunkle Augen, machte Fäustchen,
+strampelte und war -- mein Nebenbuhler.
+
+Wie sie sich zu ihm hinabneigte, gewann ihr Gesicht einen Ausdruck
+stiller, vollkommener Seligkeit, der mich sofort belehrte: Wenn je ein
+Funke Neigung für mich in ihrem Herzen erglomm -- er ist erloschen. Der
+Atem dieses Kindleins hat ihn ausgeblasen.
+
+Sein Vater warf sich in die Brust, kreuzte die Arme und betrachtete
+abwechselnd seinen Sohn und mich mit, -- glaube mir, -- fast gleicher
+Zärtlichkeit.
+
+»Nun, mein Junge,« rief er mich an, »was sagst Du? sag etwas zu Deinem
+*quasi* Bruder.«
+
+Aber ich konnte nichts sagen, ich war in den Anblick Elsbeths versunken.
+
+»Wir Frauen,« sagt Irina, »haben nur die Liebe,« nun -- Elsbeth ist
+reich.
+
+Zwei Tage hielt ich es wacker aus bei ihr und ihm und dem Kinde, am
+dritten räumte ich dem Nebenbuhler das Feld.
+
+Die Frage, ob ich nicht auch ohne ihn von dannen gegangen wäre, wie ich
+ging, will ich einstweilen unerörtert lassen.
+
+Auf Wiedersehen, Freund und Mentor! Schalte und walte in meinem Hause,
+wie's Dir gefällt. Auch wenn ich nur durch eine Allee von Mumien in mein
+Zimmer gelangen kann -- mir ist alles recht und eines gewiß: Vorläufig
+interessiere ich mich für keine Frau mehr, die nicht tot ist seit
+mindestens dreitausend Jahren.
+
+»Galgenhumor,« denkst Du und irrst; es ist der ehrliche, sehr harmlose,
+der einem etwas verwundeten Herzen entströmt. Aber die Wunde schließt
+sich schon, bald gibt es ehrenvolle Narben.
+
+Erwarte mich ohne Bangen, ich bin geheilt.
+
+ Dein Edmund.
+
+
+
+
+ Der Vorzugsschüler.
+
+
+Mutter und Sohn saßen einander gegenüber am Tische, der als Arbeits- und
+Speisetisch diente, und dessen eine Hälfte schon für die Abendmahlzeit
+gedeckt war. Eine Petroleumlampe mit grünem Schirm beleuchtete hell die
+Schulbücher, die der Knabe vor sich aufgeschichtet hatte, und die
+ungemein geschont aussahen nach einer mehr als halbjährigen Benutzung.
+Es war Ende März, und in wenigen Monaten mußte Georg Pfanner aus der
+dritten Klasse, wie aus jeder früheren Vorbereitungs- und
+Gymnasialklasse, als Vorzugsschüler hervorgegangen sein. Mußte! Wohl und
+Weh des Hauses hing davon ab, der -- wenigstens relative -- Frieden
+seiner Mutter, der Schlaf ihrer Nächte ... Wenn dem Vater schien, daß
+»sein Bub« im Fleiß nachlasse, wurde sie zur Verantwortung gezogen. Das
+wirkte viel stärker auf den Jungen, als die strengste Ermahnung und
+Strafe getan hätte. Für seine Mutter empfand er eine anbetende Liebe und
+war das ein und alles der freudlosen, vor der Zeit gealterten Frau. Die
+beiden gehörten zueinander, verstanden einander wortlos, sie hatten,
+ohne es sich selbst zu gestehen, ein Schutz- und Trutzbündnis gegen
+einen Dritten geschlossen, dem sie im stillen immer Unrecht gaben, auch
+wenn er recht hatte, weil sie sich im Grund ihrer Seele in steter
+Empörung gegen ihn befanden. Frau Agnes würde erstaunt und
+wahrscheinlich entrüstet gewesen sein, wenn man ihr gesagt hätte, daß
+ihre Empfindung für ihren Mann längst nichts mehr war als eine Mischung
+von Furcht und von Mitleid. Georg würde eher die ganze Schule zum Kampf
+herausgefordert, als geduldet haben, daß ein unehrerbietiges Wort über
+seinen Vater gesprochen werde. Aber weder der Mutter noch dem Sohne
+wurde es wohl in seiner Nähe. Seine Anwesenheit bedrückte, löschte jede
+heitere Regung im ersten Aufflackern aus. Und doch war der einzige
+Lebenszweck dieses Mannes die Sorge um das Wohl seines Kindes in
+Gegenwart und Zukunft.
+
+Frau Agnes ließ ihre Arbeit in den Schoß sinken und blickte nach der
+Schwarzwälderuhr, die an der Wand neben dem Kleiderschrank ihr
+blechernes Pendel schwang. So spät schon, und der Mann kam noch immer
+nicht aus dem Bureau. Sie lasteten ihm dort so unbarmherzig viel Arbeit
+auf, und er besorgte sie widerspruchslos und nahm noch Arbeit mit nach
+Hause, um die Vorgesetzten nur gewiß zufrieden zu stellen und beim
+nächsten Avancement berücksichtigt zu werden.
+
+Ja, der Mann plagte sich, und es war sehr begreiflich, daß er übermüdet
+und mürrisch heimkehrte. Und der Junge, der liebe, geliebte Junge,
+plagte sich auch. Heute ganz besonders. Dunkelrot brannten seine Wangen,
+und sogar die Kopfhaut war gerötet, und die Stirn zog sich kraus. In
+Hemdärmeln saß er da, die Ellbogen auf den Tisch gestützt, preßte das
+Kinn auf seine geballten Hände und starrte ratlos zu seinem Hefte
+nieder. Dreimal schon hatte er die Rechenaufgabe gemacht und jedesmal
+ein andres Resultat erhalten, und keines, das sah er wohl, konnte das
+richtige sein.
+
+Die Mutter wagte nicht, ihn anzusprechen, um ihn nicht zu stören, warf
+nur verstohlen von Zeit zu Zeit einen bekümmerten Blick auf ihn und
+vertiefte sich wieder in ihre Arbeit und flickte emsig am schadhaften
+Futter der Jacke, die er ausgezogen hatte.
+
+Nun wurde nebenan ein Geräusch vernehmbar. Im Schloß der Küchentür
+drehte sich der Schlüssel.
+
+»Der Vater kommt,« sprach Frau Agnes. »Bist fertig, Schorschi?«
+
+»Mit der Rechnung noch lang nicht.« Sein Mund verzog sich, und unter
+seinen blonden Wimpern quollen plötzlich Tränen hervor.
+
+»Um Gottes willen, Schorschi, nicht weinen, du weißt ja -- der Vater ...«
+
+Da trat er ein, und sie stand auf und ging ihm entgegen, und er
+erwiderte ihr schüchternes Willkomm mit einem ungewohnt freundlichen:
+
+»Na, grüß euch Gott.«
+
+ * * * * *
+
+Offizial Pfanner war um ein weniges kleiner als seine Frau und ungemein
+dürr. Die Kleider schlotterten ihm am Leibe. Seine dichten, eisengrauen
+Haare standen auf dem Scheitel bürstenartig in die Höhe, seine noch
+schwarz gebliebenen Brauen bildeten zwei breite, fast gerade Striche
+über den dunkeln, sehr klugen Augen. Den Mund beschattete ein
+mächtiger, ebenfalls noch schwarzer Schnurrbart, den Pfanner sorgfältig
+pflegte, und der dem Beamten der Kaiserlich Königlich Österreichischen
+Staatsbahn etwas Militärisches gab.
+
+Pfanner hatte einen großen Pack Schriften mitgebracht und war doch nicht
+unwirsch. Er ließ sich von seiner Frau den Überrock ausziehen und sagte
+sanft und ruhig: »Bring das Essen und lösch die Lampe in der Küche aus.
+Die brennt, ich weiß nicht zu was. -- Lern weiter!« befahl er dem Sohn,
+der sich nach ihm gewendet hatte und ihn scheu und ängstlich ansah.
+
+»Es ist so schwer,« murmelte Georg.
+
+Der Vater stand jetzt hinter seinem Stuhle: »Schwer, fauler Bub? Deine
+Faulheit überwinden, das wird dir schwer, sonst nichts. Einem Kind, das
+Talent hat, wird nichts schwer. Faul bist.«
+
+»Ich hab alles fertig,« sprach Georg mit einem trockenen Schluchzen und
+drängte die Tränen zurück, die ihm wieder in die Augen treten wollten,
+»nur die Rechnung nicht ...« da kippte seine Stimme um, der Satz endete
+mit einem schrillen Jammerton, und zugleich beugte der Kopf des Jungen
+sich tiefer. Seinem Bekenntnis mußte die Strafe folgen, er erwartete die
+unausbleibliche mit dumpfer Resignation, den wohlbekannten Schlag der
+kleinen, harten Hand, die wie ein Hammer niederfiel und das Ohr und die
+Wange Georgs auf Tage hinaus grün und blau marmorierte.
+
+Aber heute zürnte der Vater nicht. Nach einer kleinen Weile streckte
+sich sein Arm über die Schulter des Knaben, der Zeigefinger bezeichnete
+eine Stelle in der Rechnung, deren sorgfältig geschriebene Zahlen eine
+Seite des Heftes bedeckten.
+
+»Da sitzt der Fehler. Siehst du?«
+
+War's möglich, daß Georg ihn noch immer nicht sah? daß er sich keinen
+Rat wußte, auch dann nicht, als der Vater zu erklären begann. Er tat das
+auf eine so völlig andre Art als der Lehrer. Dem Kind wollte und wollte
+das richtige Verständnis nicht aufgehen, trotz aller Anstrengung und
+Mühe. Dazu die Furcht: Jetzt reißt dem Vater die Geduld, jetzt kommt der
+Schlag. Zuletzt dachte er nur noch an den und wünschte, die Züchtigung
+wäre vollzogen, damit er sich nicht mehr vor ihr ängstigen brauche.
+
+»Gib acht, du gibst nicht acht!« rief Pfanner und begab sich auf seinen
+Platz am oberen Ende des Tisches, wo für ihn gedeckt war. Die Mutter
+hatte das Abendessen aufgetragen. Kartoffeln in der Schale, ein schönes
+Stück Butter, ein Laib Brot, eine Schüssel mit kaltem Fleische. Die
+stellte sie zagend vor ihren Mann hin, und seine Mißbilligung blieb
+nicht aus.
+
+»Fleisch am Abend -- was heißt das? Keine neue Einführung, bitt ich mir
+aus.«
+
+Sie entschuldigte sich. Sie log. Die Nachbarin hätte so schönes Fleisch
+vom Land bekommen und ihr dieses schon eingekaufte um ein Billiges
+abgetreten: »Es ist auch noch für morgen da,« setzte sie hinzu, um einer
+wiederholten Rüge vorzubeugen, die viel schärfer ausgefallen wäre. Sie
+hätte aber auch die schärfste über sich ergehen lassen. Es galt einen
+Kampf, in dem sie, die sonst willensschwache Frau, um keinen Preis
+nachgeben durfte.
+
+Das Abendessen war längst vorbei, die Mutter längst zur Ruhe gegangen,
+Vater und Sohn saßen noch bei ihrer Arbeit. Pfanner befaßte sich mit dem
+Aufstellen einer statistischen Tabelle, Georg kam mit seiner Rechnung
+nicht zu Ende. Die Aufmerksamkeit weder des einen noch des andern war
+völlig bei seiner Beschäftigung. Jeder von ihnen hatte heute ein Glück
+erfahren, und die Erinnerung daran stellte sich immer und immer wieder
+zerstreuend und ablenkend ein.
+
+Pfanner war dem Herrn Subdirektor begegnet, und der hatte ihn
+angesprochen und ihn der Wohlmeinung des Herrn Direktors und seiner
+eigenen versichert. Der Herr Direktor warte nur auf die erste
+Gelegenheit, dem unermüdlichen Fleiß und Diensteifer des Offizianten die
+gebührende Anerkennung zuteil werden zu lassen.
+
+»Für außergewöhnliche Leistungen außergewöhnliche Auszeichnungen.
+Verlassen Sie sich darauf.« Mit diesen Worten hatte der hohe Vorgesetzte
+ihn verlassen, und Pfanner war weiter gewandert, von einem berauschenden
+Glücksgefühl ergriffen. Worauf durfte er sich Hoffnung machen? Auf
+Beförderung außer der Tour? Auf eine große Remuneration? Die wäre ihm
+vielleicht das liebste. Georgs Sparkassenbuch würde dadurch eine
+unverhoffte Bereicherung erfahren. An jedem letzten Tag des Monats nahm
+er es aus der Lade und ließ die wenigen, mühselig vom Gehalt ersparten
+Gulden eintragen, um nur ja nicht unnötigerweise einen Heller Zinsen
+einzubüßen.
+
+Der Sparkassenbeamte lachte schon: »Was bringen's denn heut, Herr
+Offizial, einen halben Gulden, einen ganzen?«
+
+Pfanners Hochmut litt unter diesen Spötteleien. Und jetzt stellte er
+sich vor, wie ihm sein würde, wenn er einen Hunderter oder gar zwei
+hinlegen könnte und nachlässig sagen:
+
+»Bitte, tragen Sie heute das ein, ins Buch von meinem Buben.«
+
+Sein Georg an der Spitze eines, wenn auch kleinen Vermögens -- er liebte
+ihn mehr, wenn er daran dachte.
+
+Der zukünftige Kapitalist hielt die Feder in der Hand und sann. Nicht
+über seine Rechnungsaufgabe. Seine Gedanken trugen ihn weit weg aus der
+kahlen, dürftig eingerichteten Stube ins Freie, wo jetzt schon neues
+Leben sich zu regen begann und ein Frühling sich ankündigte, von dem er
+wieder nichts haben sollte. Dem Frühling würde der Sommer folgen, die
+Schule geschlossen werden, und die Kameraden würden auf Ferien gehen;
+einige in die Nähe von Wien, andre glückliche ganz aufs Land, auf das
+wirkliche Land, oder gar ins Gebirge, in die Wälder, an die schimmernden
+Seen und Flüsse, an brausende Wasserfälle ... Nur er kam nie hinaus aus
+den trostlosen Straßen der Vorstadt, nie fort vom müdmachenden,
+langweiligen, verhaßten Straßenpflaster, auf dem man sich die Schuhe
+zerriß und die Füße wund ging. Dazu des Vaters ewig wiederholtes:
+
+»Lern! Hast gelernt? Kinder sind da, um zu lernen.«
+
+In seinem Jungen aber schrie es: Nicht _nur_ um zu lernen! Manchmal
+schon hatte er sich ein Herz gefaßt und gesagt: »Die andern sind jetzt
+auf Ferien und lernen nicht.«
+
+Da war der Vater bös geworden. »Sind das Vorzugsschüler? Wenn ja ein
+paar darunter sind, dann sind sie nicht leichtsinnig und zerstreut wie
+du, fauler Bub. Haben vielleicht nicht einmal Talent wie du, dafür aber
+Fleiß, eisernen Fleiß. Ferien ... was Ferien! Ein tüchtiger Mensch
+braucht keine, will keine. Hab ich Ferien?« Es war der Stolz Pfanners,
+daß er noch nie Urlaub genommen.
+
+Indessen, trotz all der väterlichen Strenge, ein wahres Löschhorn für
+jede heitere, lustige Regung, hatte es einige Jahre gegeben, in denen
+Georg eine Frühlingsfreude genossen. Und heute war der gesegnete Tag, an
+dem ihm endlich ein langgehegter, heißer Wunsch erfüllt wurde. Er trug
+das Mittel, Frühlingsfreude wieder zu erwecken, in seiner Tasche.
+
+ * * * * *
+
+Um ein Stockwerk tiefer als die Familie Pfanner, im dritten des
+gegenüber liegenden Hauses, wohnte ein Schuster, der eine Nachtigall
+besaß. Wenn der Frühling anbrach, hing er ihren Käfig unter den
+Fenstersims an die Mauer. Der Käfig war eng und schmal, hatte dicke
+Sprossen und bot seiner Bewohnerin wenig Raum und wenig Licht. Sie sang
+wundersam in ihrer traurigen Gefangenschaft. Ihre süßen Lieder klangen
+nicht nur klagend und sehnsuchtsvoll, auch hell und jubelnd und wie voll
+des seligen Entzückens über die eigene Herrlichkeit, berauscht vom
+Triumph über die eigene hinreißende Macht. Die Töne, die der kleinen
+Brust entquollen, erfüllten die Gasse mit Wohllaut.
+
+Georg brachte jeden freien Augenblick am Fenster zu, beugte sich hinaus
+und sandte der Nachtigall seine Liebesgrüße. Der Schuster, das konnte
+man leicht bemerken, kümmerte sich nicht viel um die holde Sängerin.
+Wäre sie Georgs Eigentum gewesen, wie hätte er sie gehegt und gepflegt!
+Sie war sein Glück, seine Wohltäterin, sie zauberte ihm den Frühling in
+die traurige Stube und Schönheit und Poesie in sein ödes Leben. Er
+lauschte ihr, und märchenhaft liebliche Bilder tauchten vor ihm auf,
+Landschaften im purpurnen Grün des neuen jungen Lebens, blütendurchhaucht,
+lichtgetränkt. Alles, wovon er gelesen und gehört hatte das zu erblicken
+er sich gesehnt, das für ihn das ewig Unerreichbare bleiben sollte.
+
+Bis Johannis ging es so fort, dann hörte die Nachtigall auf zu schlagen,
+und der Schuster nahm das Bauer wieder ins Zimmer herein. Im letzten
+Frühjahr hatte Georg vergeblich auf das Erscheinen des Bauers gewartet.
+Der Schuster hatte die Nachtigall vielleicht verschenkt, oder vielleicht
+war sie gestorben, und mit ihr all die schönen Träume, die ihr Gesang
+geweckt, und die stille, geheimnisvolle Wonne, sich ihnen zu überlassen
+und ihnen nachzuhängen.
+
+Nun aber, vor einigen Wochen an einem grauen, frostigen Februarmorgen,
+tönten Georg, als er in die Nähe der Schule kam, die schmerzlich
+vermißten Nachtigallenklänge entgegen. Er stieß einen Freudenschrei aus,
+sah um sich, sah zu den Häusern empor, und da war nirgends ein
+Vogelbauer zu entdecken, und nirgends stand ein Fenster offen, aus dem
+der Gesang hätte dringen können. Die Töne schlugen einmal stärker,
+einmal schwächer an sein Ohr. Sie wanderten, näherten, entfernten sich,
+und plötzlich lachte Georg laut auf. Die Nachtigall, die so prachtvoll
+sang, spazierte vor ihm her, blieb stehen, schmetterte ihre Lockrufe in
+die Luft hinaus, ging ein Stück weiter, kehrte um und kam jetzt auf ihn
+zu.
+
+Sie hieß Salomon Levi, war fünfzehn Jahre alt und trug schiefgetretene
+Stiefel, einen schwarzen Kaftan, einen steifen, breitkrempigen Hut. Ihre
+eingefallenen Wangen entlang baumelten ein Paar glänzende, rabenschwarze
+Schläfenlocken.
+
+»Herrje, Salomon!« hatte Georg ausgerufen, »was ist mit dir? bist eine
+Nachtigall worden?«
+
+Der Angeredete trug an einem fettigen Riemen ein Tabulett, noch einmal
+so breit als er selbst, und hinkte von früh bis abends unermüdlich auf
+dem Kai vor der Schulgasse auf und ab. Sein Warenlager erfreute sich
+unter den Studenten des Rufes großer Solidität und bestand aus Brief-
+und Geldtaschen, Spiegeln, Messern, Uhrketten und dergleichen. Der junge
+Hausierer führte auch allerlei Spielzeug, das auf Georg eine starke
+Anziehung übte. Er hatte nie, nicht einmal als kleines Kind, Spielzeug
+besessen.
+
+»Spielereien kaufen -- Geld hinauswerfen, Unsinn!« sagte Pfanner. »Ein
+Kind, das Phantasie hat, ein Kind wie das meine braucht keine. Ein
+Scheit Holz oder ein hölzernes Pferd sind dasselbe für ihn, sind ihm
+beide ein lebendiges Pferd. Eine Puppe in Seidenkleidern oder der in
+Zeitungspapier gewickelte Stiefelknecht sind ihm eines wie das andere,
+ein lebendiges Kind.«
+
+Für Georg haftete der Reiz des Versagten an jedem Gegenstand in Salomons
+Auslagekasten. Er kam nie ohne Herzweh an ihm vorüber und knüpfte, so
+oft es anging, ein Gespräch mit Levi an, um alle die Kostbarkeiten, die
+er ausbot, mit Muße betrachten und sogar berühren zu dürfen.
+
+»Ach Salomon,« sagte er ihm einmal, »wie glücklich bist du! Kannst immer
+auf und ab gehen, und mußt nicht mehr in die Schule, hast so viele
+schöne Sachen und kannst sie den ganzen Tag ansehen. Wie froh mußt du
+sein!«
+
+Salomon sah ihn wehmütig an. In welchem Irrtum war Georg befangen! Wenn
+Salomon alle die »schönen Sachen« anbrächte, und noch viele andre und
+Geld für sie bekäme und studieren könnte, dann wäre er froh.
+
+Sie hielten nun täglich eine Unterredung, eine kurze bloß, denn Georg
+wußte, daß der Vater ihn daheim fast regelmäßig, mit der Uhr in der
+Hand, erwartete, und wenn er sich um ein paar Minuten verspätete, dann
+gab es böse Minuten für seine arme Mutter.
+
+So flüchtig aber auch die Begegnungen der beiden Knaben waren, sie
+bildeten allmählich ein starkes Band. Jeder von ihnen kannte das Leiden;
+einer bedauerte den andern und beneidete ihn auch. Fürs Leben gern
+hätten sie getauscht, verhandelten oft darüber und waren schon gute
+Bekannte gewesen vor jenem Februarmorgen, an dem der Vorzugsschüler dem
+Hausierer zugerufen hatte:
+
+»Bist eine Nachtigall worden?«
+
+Helles Entzücken durchströmte ihn, als Salomon ihm ein Instrumentchen
+zeigte, nicht größer wie eine Nuß, in dem alle Flötentöne der Nachtigall
+schliefen. Man brauchte es nur zwischen die Lippen zu nehmen und
+geschickt mit der Zunge zu behandeln, um den lieblichen Gesang zu
+wecken. Er hätte sich auf die Knie werfen und Salomon beschwören mögen:
+»Sei gut, sei großmütig, schenk mir die Nachtigall!« Aber das Bild
+seines Vaters schwebte ihm vor, er vernahm die Worte: »Du bist ein
+Beamtensohn, du unterstehst dich nicht, etwas anzunehmen, nicht ein
+Endchen Bleistift, nicht eine Feder. Von keinem Mitschüler, von keinem
+Menschen.«
+
+So stotterte er denn mit fliegendem Atem: »Was kostet die Nachtigall?«
+
+Sie kostete zwanzig Heller, und Salomon hatte heute schon ein paar
+Dutzend verkauft und hoffte, noch ein paar Dutzend zu verkaufen und bald
+auch seinen ganzen Vorrat, denn sie gingen reißend ab.
+
+Georg überlegte: »Wirst du in fünf Tagen keine mehr haben...? Hebe mir
+eine auf, ich bitte dich. Wenn ich mein Jausengeld erspare, habe ich in
+fünf Tagen zwanzig Heller beisammen und kann dir die Nachtigall
+bezahlen.«
+
+Salomon war sehr ungläubig. Mehrmals schon hatte Georg versucht, sein
+Jausengeld zu sparen, um bei ihm einen Einkauf machen zu können, es aber
+nie weiter gebracht als bis zu acht, höchstens zu zehn Heller. Dann war
+er plötzlich an einem Nachmittag zu hungrig geworden und hatte sein
+ganzes Geld auf einmal ausgegeben, für eine besonders lockende Brezel.
+Beim Bäcker an der Ecke bekam man so köstliche! Er hatte auch schon
+seinen kleinen Besitz an Kupfermünzen Ärmeren, als er selbst war,
+geschenkt. Salomon zweifelte mit gutem Grund an der Fähigkeit des
+»jungen Herrn«, etwas zurückzulegen. Dennoch erfüllte er ihm seinen
+Wunsch. Eine Nachtigall blieb unverkauft, die beste. Wer die zu
+behandeln verstand, konnte ihr ganz besonders klangreiche Töne
+entlocken.
+
+Und heute hatte Georg sie erworben, war glorreich vor Salomon
+hingetreten, hatte ihm zehn Zweihellerstücke in die Hand gezählt und die
+Nachtigall in Empfang genommen.
+
+Der Unterricht in der Gebrauchsanweisung war »dreingegangen«. Das kleine
+Instrument wanderte von einem Mund zum andern, und sogleich, mit
+bewunderungswürdiger Schnelligkeit lernte Georg dem Tabulettkrämer seine
+Kunst ab.
+
+»Was ein Talent zur Musik! Ich hab müssen lernen drei Tag, bis ich hab
+spielen gekonnt. Sie können gleich spielen, besser als ich.«
+
+Georg erwiderte glückselig, es sei ja so leicht. Ach, wenn alles so
+leicht wäre, wenn es mit der Mathematik und der Geschichte und mit dem
+Griechischen auch so ginge!
+
+In Salomons melancholischen Augen leuchtete es auf: »Mir möchte leicht
+sein das Studieren,« sprach er und sah sehr hochmütig und sehr traurig
+aus.
+
+ * * * * *
+
+Jetzt war es nahe an elf Uhr. Frau Agnes hatte sich auf Befehl Pfanners
+zu Bette begeben, sie schlief aber nicht; sie beobachtete vom dunkeln
+Alkoven aus ihren Mann, der mit unvermindertem Eifer liniierte,
+rubrizierte, und ihren Jungen, der müd und blaß sich über sein Heft
+beugte oder mit verträumten Augen emporblickte zu dem grauen Fleck, den
+der Rauch der Lampe allmählich an die Decke gemalt hatte. Er durfte noch
+immer auf des Vaters grimmig wiederholtes »Bist fertig?« nicht mit ja
+antworten; er war eben nicht bei der Sache. Er hatte eine Hand in die
+Tasche gesteckt und die Finger um die Nachtigall gelegt und preßte sie
+manchmal, als ob sie etwas Lebendiges wäre und es fühlen könnte, mit
+großer, sanfter Liebe.
+
+Der Heimweg, der ihm sonst immer endlos vorkam, war ihm heute zu kurz
+gewesen. Fast die ganze Zeit hindurch hatte er die Nachtigall schlagen
+lassen, und Kinder und selbst Erwachsene waren stehen geblieben und
+hatten ihm zugehört und sich über die herzige Musik gefreut. Es wäre ihm
+ein Glück gewesen, vor der Mutter eine Probe seiner neu erlernten Kunst
+abzulegen. Aber das ging nicht an, die Mutter würde sogleich gesagt
+haben: »Du mußt dem Vater das Ding zeigen, du weißt ja, er mag
+Spielereien nicht.« Und wenn Georg auch geantwortet hätte: »Es ist keine
+Spielerei, es ist ein Instrument,« würde sie doch dabei geblieben sein:
+»Hinter dem Rücken des Vaters darf man nichts tun und nichts haben.« So
+hatte sie es immer gehalten ... bis heute.
+
+Georg aber konnte nicht vergessen, daß ihm vor Jahren der jüngste Sohn
+der Nachbarin, Karl Walcher, seine Flöte geliehen; er hätte sie ihm auch
+gern geschenkt, ohne Pfanners spartanisches Verbot. Was Georg einmal
+hörte von den Kinderliedern, die seine Mutter ihm vorsummte, bis zum
+feierlichen Kirchengesang, alles merkte er sich und brachte die Melodie
+ganz richtig heraus auf dem höchst primitiven Instrumentchen. Frau
+Walcher und ihre Söhne hatten ihn bewundert und sogar sein Vater ihm
+manchmal ein zustimmendes: »Nicht übel« gespendet. Aber bald war ihm
+seine Freude verdorben worden.
+
+»Laß die Dummheiten -- lern!« hatte es bald geheißen. An dem geringsten
+Versäumnis, an jeder Zerstreutheit des Knaben hatte die Flöte Schuld
+getragen. Bald, schrecklich bald hatte der Vater sie ihrem Eigentümer
+zurückgestellt. So würde er gewiß auch die Nachtigall nicht dulden, und
+deshalb mußte sie vor ihm verborgen bleiben, die liebe, herrliche.
+
+Als Georg endlich zur Ruhe gehen durfte, erhielt sie ihren Platz unter
+seinem Kopfkissen. Nach Mitternacht erwachte er, zog sie an seine
+Lippen. Um sie zu küssen; natürlich nur, sie schlagen zu lassen, konnte
+ihm doch nicht einfallen ... Zwar -- die Eltern schliefen. Zwischen
+ihnen und ihm, am Mauervorsprung des Alkoven, tickte kräftig, jedes
+schwache Geräusch übertönend, der flinke Gang der Schwarzwälderin.
+Dennoch wäre es nicht geraten ... und während er dachte: nicht geraten,
+berührte seine Zungenspitze schon das kühle Metallplättchen. Ohne seinen
+Willen, fast ohne sein Zutun begann die Nachtigall ihren Gesang zu
+erheben. Sie klagte, sie lockte, sie verkündete eine unerfüllbare
+Sehnsucht. Ihre Töne stiegen, schwollen, brachen plötzlich ab. Herrgott
+im Himmel ... Zu laut, zu laut! Der Vater hat einen gar leisen Schlaf
+... Entsetzlich erschrocken, von Schauern der Angst durchrieselt,
+steckte Georg seinen Kopf unter die Decke. Am nächsten Morgen beim
+Frühstück erzählte der Vater von einem merkwürdigen Traum, den er in der
+Nacht gehabt. Der Schuster hatte wieder eine Nachtigall angeschafft, und
+Pfanner war gewesen, als ob er sie so laut schlagen hörte, daß er
+darüber erwachte, und dann, das war das Merkwürdige, hatte er sich
+eingebildet, wach zu sein und sie noch zu hören. Seine Frau konnte nicht
+genug staunen, auch ihr hatte etwas ganz Ähnliches geträumt, und das
+mußte wohl etwas zu bedeuten haben.
+
+Georg stand auf und trat ans Fenster, damit die Eltern sein Erröten
+nicht sähen.
+
+ * * * * *
+
+Auch Frau Agnes hatte ihr Geheimnis, und sie mußte, um es zu bewahren,
+allerlei Ausflüchte gebrauchen, die gar oft weitab von der Wahrheit
+lagen. Seit einiger Zeit war bei allen Mahlzeiten der Tisch reichlicher
+besetzt, und Pfanner hatte doch nicht mehr Wirtschaftsgeld bewilligt als
+früher. Seine Frau konnte nicht immer bei der Wahrheit bleiben, wenn er
+sie darüber zur Rede stellte. Ungern genug hörte er schon und fühlte
+sich gedemütigt, wenn sie gestand, einige Konfektionsarbeiten gemacht
+und durch Vermittlung Frau Walchers unter der Hand verkauft zu haben.
+Nie hätte er erfahren dürfen, daß sie ein eben entbehrliches
+Kleidungsstück oder Hausgerät ins Versatzamt getragen, einen noch aus
+dem väterlichen Hause mitgebrachten kleinen Schmuckgegenstand veräußert
+hatte. Er hielt viel auf diese Reste einer ehemaligen Wohlhabenheit; es
+schmeichelte ihm, sich seine einst sehr schöne Frau -- nur leider die
+Hellblonden verblühen sehr schnell! -- aus einem guten und damals fast
+reichen Hause geholt zu haben. Der geringste Zufall konnte alles an den
+Tag bringen und dann -- Agnes schloß die Augen und erzitterte bei dem
+Gedanken, was dann geschehen würde. Aber gleichviel, das Kind mußte um
+jeden Preis besser genährt werden als bisher.
+
+Frau Adjunkt Walcher hatte sich schon vor einem Jahre in ihrer kurz
+angebundenen, offenherzigen Weise darüber ausgesprochen: »Mir scheint
+immer, Sie halten Ihren Schorsch zu kurz in der Kost, Frau Offizial. So
+ein Bub will tüchtig essen. 'Das Lernen zehrt, und in einen kleinen Ofen
+muß man öfter nachlegen als in einen großen', sagt mein Mann. Er und ich
+sind oft hungrig schlafen gegangen -- Herrgott, ein Adjunkt mit tausend
+Gulden Gehalt! -- unsre zwei Buben waren immer satt geworden. Sehen auch
+aus wie die Knöpf. Ihr Schorsch schießt in die Höh, wird ja bald den
+Herrn Offizial eingeholt haben, setzt aber kein Lot Fleisch an.«
+
+»Finden Sie, daß er schlecht aussieht?« hatte Frau Agnes in Bestürzung
+ausgerufen.
+
+Nun nein, das fand die Frau Adjunkt gerade nicht, aber so gewiß »kleber«
+und eine bessere »Farb« sollt er haben: »Die Nahrung muß ausreichend
+sein,« sie betonte das Wort mit Wohlgefälligkeit, es kam ihr so gebildet
+vor. »Ausreichend, sagt mein Mann. Das viele Lernen schlägt sich sonst
+den Kindern auf die Nerven.«
+
+Dies Gespräch hatte entschieden; die Liebe der Mutter hatte über den
+Widerwillen der ehrlichen Frau gegen Falschheit und Lüge gesiegt. Ihrem
+Manne Vorstellungen zu machen, einen Versuch zu machen, ihn zur
+geringsten Mehrausgabe zu bewegen, wäre ihr so wenig eingefallen, als
+einem Stein zuzureden, sich in Brot zu verwandeln. Eine Erörterung
+zwischen ihm und ihr kam überhaupt nicht vor. Vom Anfang ihrer Ehe an
+hatte sein herrisches und ablehnendes Wesen jede Möglichkeit, ihm
+vertrauensvoll zu nahen, ausgeschlossen. Was konnte eine Frau ihm zu
+sagen haben? Er war er, und außer ihm war die Pflicht, und diesen beiden
+höchsten Mächten unterstand die Welt, die er begriff. Erst als ein Sohn
+ihm geboren wurde, gab es ein zweites Wesen, ihm ebenso wichtig, wie er
+sich selbst. Eine Fortsetzung seines Ich, eine vervollkommnete
+Fortsetzung. Alles, was seinem Ehrgeiz versagt geblieben, was er nicht
+errungen, sollte sein Sohn erringen.
+
+Er war aus Armut und Niedrigkeit hervorgegangen, hatte einen nur
+mangelhaften Schulunterricht genossen und niemals die Aussicht gehabt,
+es zu einer höheren Stellung zu bringen. Als kleiner Beamter lebte er
+und würde er sterben. Aber der Sohn: Das Gymnasium als Primus
+absolvieren, den Doktorhut *summa cum laude* erwerben, schon in den
+ersten Anfängen der Laufbahn von der Glorie reichster Verheißungen
+umstrahlt, steigen von Erfolg zu Erfolg, von Ehren zu Ehren -- das
+sollte der Sohn. Den nüchternen Offizial Pfanner, den unfehlbaren
+Rechner, den trockenen Vernunftmenschen nahm, wenn er sich diesen
+Vorstellungen hingab, die Phantasie auf ihre Flügel und trug ihn über
+alle Gipfel des Wahrscheinlichen sausend hinweg. Und wenn er dann wieder
+zur Erde niederstieg und seinen Georg zufällig einmal müßig einhergehen
+sah, wetterte er ihn an: »Lern!«
+
+Er selbst, immer in der Zukunft lebend, die Gegenwart und was sie
+darbot, geringschätzend, entfremdete sich mehr und mehr seinen
+Standesgenossen. Er erwies sich ihnen gefällig, machte Arbeiten, die
+ihnen zugekommen wären, hatte aber dabei nur seinen eigenen Vorteil, die
+Verbesserung seiner Stellung im Auge. Dem Verkehr mit ihnen, den
+Zusammenkünften im Kaffeehaus und im Stammgasthaus, ging er so viel als
+möglich aus dem Wege. Nur selten fand er sich mit den Kollegen zusammen.
+Beim »goldenen Wiesel«, wo die Versammlungen der Herren Beamten
+stattfanden, an denen auch einige Vorgesetzte und Bekannte der
+Vorgesetzten teilnahmen, da begegnete Pfanner richtig jedesmal dem
+Manne, den er haßte, dem Kunstschlosser Herrn Obernberger. Vor Jahren
+hatte es dem als großer Vorzug gegolten, mit den Herren von der
+Eisenbahn im Gasthaus zusammenkommen zu dürfen. Jetzt hatte der
+Standpunkt sich verrückt. Seitdem die Arbeiten aus der Kunstschlosserei
+Obernbergers erste Preise auf den Ausstellungen erhalten hatten, seitdem
+er viele hundert Arbeiter in seinen Werkstätten beschäftigte, im eigenen
+Hause wohnte, im eigenen Wagen vorfuhr und das Band des Franz
+Josephs-Ordens im Knopfloch trug, eilten die meisten der Herren ihm bis
+zur Tür entgegen, und bei Tische erhielt er den Platz zur Rechten des
+Inspektors.
+
+Das alles hätte Pfanner hingehen lassen und sich nicht weiter darum
+gekümmert. Aber dieser Schlosser hatte einen Sohn, und dieser Sohn trat
+seinem Georg im Gymnasium auf die Fersen, konnte ihn einholen, konnte
+ihn überflügeln, denn der verdammte Bub hatte Talent, sein ärgster Feind
+mußte das zugeben. »Talent um eine Million«, wie Herr Obernberger sagte,
+»aber nicht um einen Heller Fleiß.«
+
+ * * * * *
+
+Es war nach der Schule. Pepi Obernberger und Georg Pfanner gingen ein
+Stück des Weges miteinander. Sie waren beide aufgerufen worden vom
+Professor des Griechischen, und Pepi hatte besser bestanden. Georg
+schritt sehr kleinlaut und mit einem ganz roten Kopf neben ihm her. Der
+Vater versäumte nie zu fragen: »Hat der Herr Professor dich aufgerufen,
+und wen noch, und wie ist's gegangen?«
+
+»Du weißt immer,« sagte Georg zu seinem Kameraden. »Hast heut wieder
+sehr gut gewußt. Ich wäre froh, wenn ich immer so gut wüßte wie du.«
+
+Pepi fing sogleich zu prahlen an: Hol's dieser und jener! Ihm lag nichts
+an dem dummen Plunder. Kasusartige Endungen, Komparation der Adjektiva,
+dummes Zeug! Er plagte sich auch gar nicht damit. Wenn der Trottel von
+einem Professor eine neue Walze einlegte in seinen Werkelkasten und
+anfing, sie herunter zu leiern, da höchstens hörte er ein bißchen zu. Zu
+Hause sah er kein Buch an, das war ihm viel zu fad.
+
+»Geh, geh!« fiel Georg ungläubig ein, und er verbesserte sich:
+
+»Fast keins, auf Ehre. Daß sie mir immer so gute Zeugnisse geben, das
+danke den alten Perücken der Teufel. Ich gift mich darüber, weil's
+meinen Alten auf die dumme Idee bringt, einen Professor aus mir zu
+machen. Aber nein! Lieber als so ein lächerlicher Zopf zu werden und auf
+alles zu verzichten, was schön ist: Rad fahren, reiten, jagen, tanzen,
+kutschieren, Billard spielen im Kaffeehaus, Gletscher besteigen, lieber
+erschieß ich mich!«
+
+Georg sah ihn aufmerksam an, er war so ganz und gar das Ebenbild seines
+Vaters, des braven, fröhlichen Herrn Obernberger mit dem runden Kopf und
+dem runden Gesicht und dem freundlich lächelnden Munde. Und der Mensch
+sprach von Selbstmord?
+
+»Red nicht so!« rief Georg. »Du wirst keine Todsünde begehen; Selbstmord
+ist eine Todsünde und eine Feigheit.«
+
+»Unsinn!« stieß Pepi höhnisch aus. »Wie kann man so ein Esel sein und
+alles nachplappern, was sie einem in der Schul sagen. Aber du hast nie
+einen eigenen Einfall. Hast den Kopf schon ganz ausgestopft mit
+Pappendeckel. Adje!« -- Du Schulesel! setzte er in Gedanken hinzu und
+bog ab, um die nächste Tramwaystation zu erreichen.
+
+Georg ging langsam vorwärts und sagte sich doch mit Unbehagen, daß jeder
+Schritt ihn dem Hause näher brachte, wo der Vater ihn gewiß schon
+erwartete mit der ständigen Frage, die er heute mit so großem Zagen
+beantworten würde.
+
+O das traurige Haus, das kahle, große mit den langen Gängen und den
+schmalen Stiegen, und das Zimmer, in dem man immer saß zu dreien, und wo
+keines sich vor dem andern retten konnte. Dahin mußte er zurückkehren,
+heute und morgen und alle Tage und noch fünf Jahre lang. Wie soll man
+das erleben, und hat man's erlebt, fangen neue Studien an, die
+schwersten. Wie ein grauer Berg, den er nie werde übersteigen können,
+bäumte die Zukunft sich vor ihm auf; ein ödes, trostloses, der
+Verzweiflung verwandtes Gefühl ergriff sein Herz und durchtränkte es mit
+unsagbarer Bitternis. Plötzlich kam ein nie gekannter Trotz über ihn.
+Obwohl die Uhr am nächsten Turme halb sieben schlug, obwohl er genau
+wußte, daß er werde sagen müssen: »Ja, ich habe mich aufgehalten
+unterwegs,« setzte er sich auf eine Bank im kleinen Square vor Beginn
+der Gasse, in der die elterliche Wohnung lag, zog die Nachtigall aus der
+Tasche und ließ sie schlagen. Sie tröstete, sie milderte jedes herbe
+Gefühl. Sie ließ ihn einen Übergang finden aus tiefer Niedergeschlagenheit
+zu lauterem Frohmut.
+
+Er hatte ja nicht nur Betrübnis und Gram in seiner Seele, tief in ihrem
+Innersten unter lastenden Schatten lohte rot und warm die Flamme junger
+Lebensfreudigkeit, und ein unausgesprochenes, immer zum Schweigen
+verdammtes Glücksgefühl wollte sich einmal hinaussingen. Es jubelte in
+die laue Luft, zum lichten Frühlingshimmel empor, mit der Stimme der
+Nachtigall.
+
+ * * * * *
+
+Georg fand den Vater nicht daheim. Er war dagewesen, hatte sich
+umgekleidet und zu einer Beamtenversammlung ins Stammgasthaus begeben.
+Mutter und Sohn sprachen es nicht aus, welch ein Fest das Alleinbleiben
+für sie war. Um jede Minute, die er auf dem Heimweg vertrödelt hatte,
+tat es Georg jetzt leid. Die Stube kam ihm auf einmal traut und
+freundlich vor, die Luft reiner, und die Lampe schien heller zu leuchten
+als sonst. Unter ihr in einem Glase stand ein kleiner Veilchenstrauß;
+Frau Walcher hatte ihn gebracht.
+
+Georg beugte sich über ihn und sog seinen zarten Duft ein: »Die gute
+Frau Walcher;« er lächelte seine Mutter pfiffig an. »Hat sie den auch
+vom Land gekriegt, wie neulich wieder das gute 'Junge' vom Hasen?«
+
+Frau Agnes errötete. So war ihr der Schorschi hinter ihre Schliche
+gekommen? Sie wich seinem auf sie gerichteten Blick aus, sie antwortete
+nicht, sie sprach nur: »Der Vater hat dir sagen lassen, du sollst
+lernen.«
+
+»Schon recht,« erwiderte er übermütig und warf die Schultasche im weiten
+Bogen auf das Sofa, daß sie dort, emporgeschnellt, einen fröhlichen Hupf
+machte.
+
+»Aber Georg, du bist ja heut wie ausgewechselt.«
+
+»Ja, ja, Mutter!« Er stürzte auf sie zu und schloß sie in seine Arme.
+
+Sie wehrte: »Sei gescheit.«
+
+»Nein, gescheit bin ich heute einmal nicht. Ich muß dich lieb haben und
+küssen, dein liebes Gesicht, deine lieben Hände, jeder Finger bekommt
+einen Kuß.«
+
+Nun denn! Ach, die Zärtlichkeit des Kindes tat sehr wohl. »Jetzt aber
+setz dich, es wird ja alles kalt.«
+
+Und sie setzten sich und aßen und ließen sich's schmecken und plauderten
+und dachten nicht an morgen, und waren so glücklich, wie die armen Leute
+sind, die ganz in der Gegenwart leben, den Augenblick genießen, den
+Blick von der Zukunft abgewendet, die ihnen nichts Gutes bringen kann.
+
+Nach dem Abendbrot begab die Mutter sich an die Nähmaschine und wollte
+noch ein Stündchen fleißig sein. Die alte Nähmaschine, die sich die
+letzte Zeit hindurch nur schwer in Bewegung setzen ließ und den Dienst
+auch schon mehrmals versagt hatte, glitt heute dahin wie ein Schlitten
+auf festgefrorener Bahn. Was war denn da geschehen? Gestern noch hatte
+die Mutter gedacht, die alte Getreue werde überhaupt nicht mehr
+brauchbar sein und nicht einmal in der Fabrik hergestellt werden können.
+Was geschehen war? Der Vater hatte sie auseinander genommen und sie
+ausgezeichnet repariert.
+
+»Der Vater?« das gab dem Georg zu denken. »Hat denn der Vater gelernt,
+Nähmaschinen reparieren?«
+
+»Gewiß nicht. Aber weißt du, der Vater kann vieles, das er nicht gelernt
+hat, er hat zu allem Talent.«
+
+Hat es nicht gelernt und kann es, weil er Talent hat. Etwas können, das
+man nicht gelernt hat, heißt also Talent haben. Er versank in
+Grübeleien.
+
+»Aber Mutter, ich hab doch auch Talent.«
+
+Sie mußte lachen. Es war wirklich, wie wenn ein Zweifel aus seinen
+Worten spräche: »Nun, ich meine, du hörst es oft genug, um es zu
+wissen,« und sie griff zärtlich mit der Hand in seinen zerzausten
+blonden Schopf.
+
+»Wenn's nur wahr ist, Mutter, wenn's nur recht wahr ist;« er schluckte
+mühsam und benetzte die trocken gewordenen Lippen mit der Zunge. Die
+Traurigkeit, die ihn nach dem Gespräch mit Pepi angewandelt hatte,
+wollte sich wieder in ihm regen; aber die Anwesenheit der Mutter bannte
+sie rasch. Sein Herz ging weit auf, nicht das kleinste Geheimnis blieb
+darin. Von allem, was bisher stumm und schweigend in ihm gelegen, redete
+er, und während er es tat, wurde ihm manches klar und ausgemacht, was er
+sich selbst nie eingestanden hatte. Die Mühe, die das Lernen ihm
+verursachte, und daß es ihm so schwer wurde, sich etwas »auswendig zu
+merken«. Andre lernten viel leichter auswendig und merkten sich's viel
+länger.
+
+»Du hast kein sehr gutes Gedächtnis,« meinte die Mutter und dachte, das
+kommt oft vor bei sehr Talentvollen. Sie gab dem Sohn auch etwas
+Ähnliches zu verstehen; er zuckte die Achseln.
+
+»Wer Talent hat, das findest du selbst, kann auch, was er nicht gelernt
+hat. Ich hab vielleicht gar kein so großes Talent zum Lernen in der
+Schule. Aber vielleicht zu etwas anderm ... Das Singen in der
+Volksschule hat mich so gefreut. Da hab ich immer einen Einser gehabt
+... und -- weißt du noch, die Flöte! Ach, wenn ich hätte lernen dürfen
+Flöte spielen, oder gar Violine ... Jetzt hab ich halt nichts mehr als
+nur -- soll ich's dir sagen? soll ich? Ja? -- -- Bleib sitzen -- ganz
+ruhig.«
+
+Er stand auf und ging in den dunkelsten Winkel des Alkoven, und leise
+schwirrten von dort her die Töne der Nachtigall zu der Mutter herüber,
+und sie staunte und hörte zu und überhörte, daß die Küchentür geöffnet
+wurde, und nun auch die Zimmertür.
+
+»Halb elf,« sprach Pfanner, eintretend, »und du bist noch auf, und wo
+ist der Bub?«
+
+ * * * * *
+
+Er war in schlechter Laune.
+
+In der Versammlung war ein Antrag, den Pfanner und einige ältere Beamten
+eingebracht hatten, abgelehnt worden. Beim gemeinsamen Abendessen hatte
+sich dann Obernberger eingefunden, einen Flaschenkorb in der mächtigen
+Rechten, und hatte Bordeaux und Champagner mit so guter, bescheidener
+Manier serviert, daß selbst der Herr Direktorstellvertreter sich
+herbeiließ, ein Gläschen anzunehmen. Nur Pfanner lehnte schroff ab. In
+Gift hätte sich ihm ein vom »Schlosser« kredenzter Trunk verwandelt. Bis
+zum Überdruß renommierte der wieder mit seinem Pepi und gab die tollen
+Streiche des Burschen so stolz und behaglich zum Besten, daß Pfanner
+zuletzt nicht mehr an sich halten konnte!
+
+»Wenn's der meine so treiben tät, der sollt mich kennen lernen.«
+
+Da waren dann gleich Entschuldigungen Pepis nachgekommen und ein
+zärtliches Lob des guten Kerls, der er sei, bei all seinem Übermut, und
+was für ein goldenes Herz er habe und -- ein Talent! Die Herren
+Professoren zweifelten gar nicht daran, daß er in diesem Jahre Primus
+werden würde.
+
+Primus -- der Sohn des Schlossers! Pfanner hatte plötzlich einen
+gallbittern Geschmack im Munde, und das Essen widerstand ihm. Sein Georg
+war nur in der ersten Klasse Primus gewesen, in der zweiten zweiter
+Vorzugsschüler, und nun in der dritten konnte er's allem Anschein nach
+gar nur zum Vierten, dem letzten Vorzugsschüler, bringen. Er hatte ein
+»Genügend« gehabt in Griechisch und ein »Befriedigend« in Geometrie.
+Wohin kam er, wenn er es von nun an nicht zu lauter Vorzugsklassen
+brächte? Wohin überhaupt, wenn er in seinen Leistungen von Jahr zu Jahr
+zurückblieb? Pfanner sah alles schon verloren, alle Mühe umsonst
+angewendet, alle Opfer umsonst gebracht. Der Sohn würde am Ende auch
+nichts andres werden als der Vater, ein armseliger kleiner Beamter.
+Dieser Sohn, dem alle Hilfsmittel geboten waren, der nur die Hand nach
+ihnen auszustrecken brauchte. Aber es ging ihm zu gut, der Hafer stach
+ihn, und er überließ sich seinem Leichtsinn und seiner Faulheit. Von
+Erbitterung erfüllt, mit dem Vorsatz, die Zügel schärfer anzuziehen, war
+Pfanner nach Hause gekommen. Da fand er seine Frau müßig im Zimmer
+sitzend und dem Vogelgesang lauschen, den sein großer Bub, im Alkoven
+versteckt, nachahmte.
+
+»Schämst dich nicht?« fuhr er ihn an, als Georg auf seinen Befehl
+hervortrat. »Hast Ehr im Leib oder keine? Was tragst da in der Hand?
+Aufmachen die Hand!«
+
+Der Knabe gehorchte. Der Gedanke, eine Entschuldigung vorzubringen, kam
+ihm gar nicht. Pfanner erfuhr alles, und sein Unwillen, seine Entrüstung
+kannten keine Grenzen. Dieser Bub! Wirklich ein ungeratener Sohn. Spielt
+da, der bald Vierzehnjährige, mit einer Lockpfeife, oder was das ist.
+Spielt bei Tag und Nacht, ja, ja -- er besann sich jetzt -- hat noch die
+Eltern zum Narren gehalten. Wenn er abends lernen soll, fallen ihm die
+Augen zu, spielen kann er bis in die Nacht. »Aber wart nur ... Her mit
+dem Quark!«
+
+Ein fruchtloser Widerstand des Schwächeren, ein rascher Sieg des
+Stärkeren, ein Armschwung ... Das Fenster stand offen -- die Nachtigall
+flog hinaus.
+
+Frau Agnes zuckte zusammen. Georg stand mit weit aufgerissenen Augen:
+
+»Vater, meine einzige Freud!« schrie er auf, und galt es nun, was es
+mochte, die härtesten Worte, die grausamsten Schläge, er mußte weinen um
+seine »einzige Freud«, weinen, schluchzen, sich auf den Boden werfen und
+sich winden in Trostlosigkeit und Verzweiflung. Daß der Vater tobte und
+schrie, hörte er nicht, daß der Vater einen Knoten ins Taschentuch
+flocht, sah er nicht, daß Hieb auf Hieb auf ihn niedersauste, fühlte er
+nicht. Er wußte und fühlte nur, daß er ein armes Kind war, dem immer das
+weggenommen wurde, woran sein Herz ihm hing.
+
+»Aufstehen! Still! Augenblicklich still!« wetterte Pfanner und hatte
+nicht das geringste Mitleid mit dem Kinde, das sich endlich vom Boden
+erhob und heftige Anstrengungen machte, sein Schluchzen zu unterdrücken.
+Vielmehr forderte sein Zorn noch ein Haupt, sich darüber zu ergießen.
+Wer trug Schuld an dem frevelhaften Leichtsinn des Buben, wer
+unterstützte ihn noch darin? Die Mutter, die verbrecherisch schwache,
+törichte Mutter! Wenn aus dem Buben nichts wird, wenn er heranwächst zu
+einer Last und sogar Schande der Eltern -- Müßiggang ist aller Laster
+Anfang --, wenn er elend untergeht, fällt die Verantwortung dafür auf
+ihr Gewissen, und sie wird einst zur Rechenschaft gezogen werden.
+
+Pfanner verstand es, seine Umgebung stumm zu machen. Es kam kein Laut
+über die Lippen seiner Frau. Bis zu einem gewissen Grade hatte sie sich
+im Laufe ihrer Ehe an sein maßloses Übertreiben gewöhnt, und jetzt
+freute sie sich gar, daß seine Vorwürfe _sie_ trafen. So diente sie
+ihrem Jungen eine Zeitlang wenigstens als Schild.
+
+Der Mann schrie und tobte, und dabei zog er den Rock und die Weste aus
+und legte sie sorgfältig auf einen Sessel. Sogar in der Wut gegen seine
+nächsten Menschen verfuhr er schonend mit seinen Sachen. Nun entstand
+eine Pause, aber nur als Vorbereitung zu einem neuen Schrecknis, zu der
+Frage:
+
+»Sind die Aufgaben gemacht?«
+
+»Ich werd sie morgen machen,« erwiderte Georg bang und zögernd. »Morgen
+ist Sonntag ...«
+
+»Ja so. Bring die Aufgaben!« Pfanner sah sie durch. »Eine Fabel aus
+Deutsch in Latein übersetzen. Griechische Grammatik zu lernen:
+Unregelmäßigkeit der Deklination. Geometrie: Drei Aufgaben. Geschichte:
+Wiederholung, von den Kreuzzügen bis zu Rudolf von Habsburg. Und von
+alledem nichts gemacht? nichts? Das alles soll morgen bewältigt werden?«
+Er dekretierte: »Geschichte heute noch wiederholen, aufmerksam
+durchlesen. Wenn man am Abend etwas aufmerksam durchliest, weiß man es
+am nächsten Morgen wörtlich.«
+
+»Es sind sechsundzwanzig Seiten,« wagte Georg einzuwenden.
+
+»Zweiundzwanzig, vier Seiten nehmen die Illustrationen ein.« Er legte
+das Buch vor ihn hin: »Setz dich, lern!«
+
+Der Knabe tat, wie ihm geheißen worden. Gut also, gut, so setzt er sich
+denn hin und lernt. Daß er müd und schläfrig ist, was liegt daran, ihm
+ist alles recht, er lernt. Wenn er sich nur zu Tode lernen könnte, das
+wäre ihm das allerliebste. Wenn er tot wäre, hätte er Ruhe, und seine
+Mutter hätte Ruhe, brauchte sich seinetwegen nicht beschimpfen lassen.
+So begann er denn zu lesen: »Schon in den ersten Jahrhunderten trieben
+Andacht und Glaubensinnigkeit die Christen zu den heiligen Stätten ...«
+
+ * * * * *
+
+An schönen Sonntagnachmittagen unternahm Pfanner regelmäßig einen
+Spaziergang, und Georg durfte ihn begleiten. Ein Vergnügen, auf das die
+Mutter längst freiwillig verzichtet hatte, und von dem das Kind
+trauriger heimkehrte, als es ausgewandert war. Mit dem Vater spazieren
+gehen, bedeutete, an jeder Unterhaltung, jedem Genuß _vorüber_gehen.
+Dort drüben, im luftigen Prater, wurde nach der Scheibe geschossen, im
+Luftschiff, im mechanischen Ringelspiel gefahren, da gab's
+Theateraufführungen, Wachsfigurenkabinetts, eine Damenkapelle,
+Zigeunermusik. Und ein Aquarium und ein Panorama und so vieles Schöne
+noch, von dem Georgs Mitschüler zu erzählen wußten. Wenn er eine
+Anspielung wagte, eine Frage stellte: »Warst du schon einmal im
+Wurstelprater? Hast du schon einmal die Zigeuner spielen gehört?«
+antwortete der Vater voll Verachtung: Was man im Wurstelprater zu sehen
+und zu hören bekäme, sei lauter elendes Zeug, an dem nur ungebildete und
+rohe Menschen sich zu ergötzen vermöchten. Im Bogen wich er allem aus,
+was seine eigene Neugier hätte reizen können oder gar ihn selbst in
+Versuchung bringen, sich einen guten Tag zu machen. Einmal in einem
+Jahr, nein -- einmal in vielen Jahren. Er _wollte_ nicht! wollte nicht
+ein paar Gulden unnötig ausgeben, die ins Sparkassenbuch des Kindes
+gelegt werden könnten.
+
+Als sie nach Hause kamen, erwartete sie ein gutes, kräftiges Abendessen.
+
+»Weil heute Sonntag ist,« entschuldigte sich Agnes, da Pfanner ihr
+neuerdings Verschwendung vorwarf.
+
+Es war ein Verdacht in ihm rege geworden, den er nicht aussprach, der
+ihn aber quälte, und der entweder getilgt oder gerechtfertigt werden
+mußte. Kürzlich hatte er sich um Lebensmittelpreise erkundigt, hatte
+gerechnet und herausgebracht, daß die Ausgaben, die sich seine Frau
+fortgesetzt erlaubte, unmöglich mit dem ihr zur Verfügung gestellten
+Küchengelde bestritten werden konnten. Erarbeitet wollte sie den
+Überschuß haben? Lächerlich! Er, der Sohn einer armen Näherin, wußte,
+was seine Mutter verdient hatte mit täglich zwölfstündiger emsiger
+Arbeit. Ihm ins Gesicht sollte seine Frau, die ihren Haushalt ohne
+jegliche Unterstützung bestellte, nicht behaupten, daß sie imstande sei,
+sich eine regelmäßige Einnahme zu verschaffen. Womit also bestritt sie
+die Mehrauslagen? Pfanner begnügte sich nicht lange mit den
+ausweichenden Antworten, die sie ihm gab. Eines Tages stellte er ein
+scharfes Verhör an, und sie, in die Enge getrieben, angeekelt von der
+erniedrigenden Pein, immer neue Ausflüchte ersinnen zu sollen --
+gestand.
+
+Ja denn, ja, sie verkaufte, sie versetzte, sie gab ihr Letztes her,
+damit das Kind, das in fortwährender geistiger Anspannung lebte,
+ordentlich ernährt werde in den Jahren der Entwicklung und des stärksten
+Wachsens.
+
+Pfanner zürnte, höhnte: Was hatte denn er gehabt in diesen selben
+Jahren? Wer hatte denn gefragt, wie er sich nährte? Georg wuchs auf wie
+ein Hofratssohn im Vergleich zu ihm. Er, zu vierzehn Jahren, hatte sich
+sein Brot selbst verdienen müssen, sein Brot im Sinne des Wortes! und
+nicht etwa ein frisch gebackenes. Die Entbehrungen hatten ihm sehr gut
+angeschlagen, er war immer gesund geblieben. Warum sollte sein Bub
+anders geartet sein als er und wie ein Weichling behandelt werden, den
+man aufpäppeln muß?
+
+Agnes beharrte zum ersten Male während ihrer langen Ehe im Widerstand
+gegen den Mann. Der Augenblick, den sie so sehr gefürchtet hatte, war
+gekommen und fand sie stärker, als sie geglaubt hatte sein zu können.
+Ruhig ließ sie die Anklagen Pfanners über sich ergehen, und indes er ihr
+vorwarf, ihn hintergangen zu haben, grübelte sie nach über eine
+Möglichkeit, ihn noch weiter zu hintergehen. Es mußte sein, um des
+Kindes willen.
+
+So widerstandsfähig, wie sein Vater gewesen, war eben der blasse,
+hochaufgeschossene Junge nicht, der jetzt mit einem: »Guten Abend, Vater
+und Mutter!« eintrat und schweratmend an der Tür stehen blieb, als ob
+die gewitterschwüle Atmosphäre, die im Zimmer herrschte, ihm auf die
+Brust gefallen wäre.
+
+ * * * * *
+
+Einige Tage später feierte Georg seinen vierzehnten Geburtstag. Er hatte
+zwei Vorzugsnoten aus der Schule mitgebracht. Mit feierlichem Ernst und
+mit der Mahnung, das kostbare Geschenk zu schonen, übergab ihm sein
+Vater einen neuen Sommeranzug, eine hübsche Mütze und ein Paar solide
+Halbschuhe. Am Nachmittag blieb Pfanner länger als gewöhnlich am Tische
+sitzen und sprach, nachdem Frau Agnes das Zimmer verlassen hatte,
+eingehender und zutraulicher mit Georg, als sonst seine Art war.
+
+Er wußte wohl, die Mutter nannte ihn grausam, und fand, daß er zu viel
+verlange von seinem Sohne. Wenn es nach ihr ginge, würde der jetzt
+freilich gute Tage haben, die Schule Schule sein lassen und nur tun, was
+ihm gefiele. Aber dann? Wie würde die Zukunft aussehen nach einer
+vertrödelten Jugend? Und ist die Zukunft nicht die Hauptsache?
+Ausgerüstet mit der Macht des Wissens soll Georg der seinen
+entgegengehen. Ohne Mühe freilich ist Wissen nicht zu erringen. Will er
+der Feigling sein, der vor der Mühe flieht, oder der Held, der sie
+aufsucht, mit ihr ringt, sie überwindet? Es gibt keinen Sieg außer
+diesem ersten. Ohne ihn ist kein hohes Ziel zu erreichen.
+
+»Das deine soll ein hohes sein!« rief Pfanner aus. »Du bist nun kein
+Kind mehr, und ich kann dir sagen, das Ziel, das du dir stecken sollst,
+ist, ein Staatsmann zu werden. Einer, der mit überlegenem Geiste und mit
+starker Hand die Teufel der Zwietracht, die unsre Heimat zerreißen,
+bezwingt, das große Wort: 'Gleiches Recht für alle' von den Lippen in
+die Herzen verpflanzt und es zur Tat, und uns einig, groß und glücklich
+macht. Denk dir, ein Mann sein, der das vermöchte! Er würde der Retter,
+der Erlöser, der Abgott seines Volkes.«
+
+Georg hörte ihm voll Bewunderung zu. Daß sein Vater mit ihm redete wie
+mit einem Ebenbürtigen, machte ihn unendlich stolz. Der Glaube an sich
+selbst, der ins Schwanken gekommen war, erwachte wieder. »Ein
+ordentlicher Mensch sein, ist viel, und der mittelmäßig Begabte mag sich
+damit begnügen,« hatte der Vater unter anderm gesagt, »ein
+außerordentlich Begabter ist sich selbst und den andern schuldig, ein
+großer Mensch zu werden. Bei ihm kommt es nur auf den Willen an, auf
+den unerschütterlichen Entschluß ...«
+
+Er konnte nicht einschlafen an diesem Abend. Die Zukunftsbilder, die
+sein Vater entworfen hatte, standen zu lebhaft vor ihm. Von der
+Tätigkeit eines Staatsmannes machte er sich allerdings keinen rechten
+Begriff, sah sich vorerst auf der Rednerbühne, einer Versammlung
+gegenüber, die ihn mit höhnenden Zurufen empfing; Feindseligkeit blickte
+aus aller Augen, in jedem Gesicht stand ein: Nein! geschrieben. Und er
+begann zu sprechen, und allmählich verstummten die Zurufe, und von den
+Gesichtern verschwand der mißgünstige Ausdruck, Teilnahme und Zustimmung
+wurden rege und begannen sich zu äußern, vereinzelt erst, dann immer
+häufiger, endlich völlig einstimmig. Er hatte seine Zuhörer hingerissen
+durch die Gewalt seines Wortes. Und alle, vom Ersten bis zum Letzten,
+sahen den Führer in ihm und folgten ihm willig und entzückt; denn sie
+wußten, was er wollte, war das Gute, das Weise, und der Weg, den er sie
+führte, war der Weg zu ihrem Heile.
+
+Auf seinen nächsten Gängen zur Schule blieb er nicht mehr bei Salomon
+stehen. Er dankte für die freundlichen Winke und Verbeugungen des
+Hausierers nur mit einem kurzen Grußwort. Einmal hielt er sich aber doch
+bei ihm auf. Salomon hatte ihn gar zu inständig flehend angesehen und
+fragte gar zu trübselig:
+
+»Habe ich Ihnen was getan, junger Herr, sind Sie böse auf mich?«
+
+»Was dir einfällt,« erwiderte Georg, »was werd ich denn bös auf dich
+sein.«
+
+Es kam Salomon halt so vor. Vielleicht hatte die Nachtigall sich doch
+nicht bewährt, hineinschauen kann man ja nicht, und vielleicht wünschte
+der junge Herr eine andre. Salomon war bereit, ihm eine andre zu geben
+um den halben Preis.
+
+»Eine andre um den halben Preis,« erwiderte Georg. Gewaltig trat die
+Versuchung an ihn, den lockenden Antrag anzunehmen. Aber er bestand, er
+siegte in seinem kurzen Seelenkampf.
+
+»Nein, nein, ich brauch keine Nachtigall mehr, ich will keine!« rief er.
+»Ich bin jetzt vierzehn Jahre alt, und es gehört sich für mich nicht
+mehr zu spielen. Ich muß lernen, ich muß trachten, Vorzugsschüler zu
+bleiben, ich darf keinen andern Gedanken haben als lernen.«
+
+Diesen Vorsatz führte er aus.
+
+ * * * * *
+
+Es kamen Tage, an denen sein Fleiß an Raserei grenzte. Sie verflossen
+und ließen eine schauderhafte Erschöpfung zurück. Niemandem, nicht
+einmal seiner Mutter, vertraute er, was um diese Zeit in ihm vorging.
+»Ich werd noch närrisch,« dachte er. »In meinem Kopf ist kein Blut und
+kein Hirn; in meinem Kopf ist es weiß und leer. Das Lernen hat alles
+aufgefressen und muß jetzt auch aufhören, weil es nichts mehr zu fressen
+findet.« Das ist ganz natürlich und ganz albern und ein peinigender
+Zustand, aus dem sich aufzuraffen unmöglich ist ...
+
+Wie im Halbschlaf saß er bei seinen Büchern, und eben in dieser Zeit
+ließ Pepi sich herab, einer Anwandlung des Fleißes nachzugeben, und kam
+ihm nach, kam ihm vor in großen Sprüngen. Aus jedem Gegenstand, in dem
+er aufgerufen wurde, erhielt er eine Vorzugsklasse.
+
+Und wieder fragte ihn Georg: »Wie machst du's, daß du immer weißt? Sag
+mir's, wie du's machst?«
+
+Pepi steckte die Hände in die Taschen und warf die Beine, als ob er sie
+von sich schleudern wollte:
+
+»Zu langweilig!... Dumme Fragerei!« ... In abgebrochenen Sätzen nur
+geruhte er zu antworten. Sein Alter gab klein bei, weil er ihm gedroht
+hatte, sich zu erschießen. So tat er ihm denn auch etwas zulieb und
+legte seinem Genie keinen Kappzaum mehr an: »Und jetzt mach ich ihm halt
+die Freud und werd Primus.«
+
+»Ja, ja, wenn's geht!«
+
+»Wenn's geht?«
+
+»Gar gewiß ist's doch nicht. Es ist noch der Rott da und der Bingler.«
+
+»Ich werd Primus,« wiederholte Pepi voll Aufgeblasenheit. »Alles geht
+und wird, wie ich's haben will -- grad so!«
+
+»Wie du's haben willst?«
+
+»Grad so. Das kannst du nicht begreifen. Du freilich nicht, du armer
+Büffler. Weil du nur ein Büffler bist, kannst du's nicht begreifen. Du
+möchtest nur; ich kann, was ich mag.«
+
+Georg warf sich in die Brust: »Und ich auch,« wollte er antworten; doch
+brach ihm die Stimme ...
+
+Ihm war, als ob der Boden sich aufrisse und zwischen ihm und dem
+gottbegnadeten Kameraden ein unüberbrückbarer Abgrund gähne. Drüben,
+mitten in fruchtbaren Gefilden, in denen alles grünte und blühte, stand
+Pepi, und wohin sein Fuß trat, entsprang ein Quell, und was seine Hand
+berührte, wurde zur herrlichen Frucht. Und er hüben, auf kargem,
+steinigem Boden, der widerstrebend nur und ungern sich den schattigen
+Zweig, den nährenden Halm entringen ließ.
+
+Warum die schreiende Ungerechtigkeit, warum dem andern alles und ihm so
+bettelhaft wenig?
+
+Pepi beobachtete seinen stillen Kampf und verzog höhnisch den Mund.
+»Büffler!« sprach er. »Büffeln kommt von Büffel, und Büffel gehören zu
+der Gruppe der Rinder.«
+
+Da ergriff wilder Zorn den sanftmütigen Georg. Er sprang auf Pepi zu und
+packte ihn an der Gurgel.
+
+Der unerwartet Angefallene brüllte und wehrte sich mit Händen und Füßen,
+und bald waren die beiden umringt von einer johlenden Schar, die sich an
+dem Zweikampf beteiligte, fast durchweg zugunsten Georgs. Den
+vielbeneideten, vielgehaßten Pepi einmal gänzlich überwunden abziehen zu
+sehen, gewährte jedem einzelnen einen köstlichen Genuß. Jämmerlich
+zugerichtet, in zerfetzten Kleidern, verließ er den Plan. Das begab sich
+unweit der Schule, und an der Straßenecke war Salomon gestanden und
+hatte der Schlacht mit gespannter Teilnahme zugesehen. Er begleitete
+Georg mit Glückwünschen und Heilrufen; der aber winkte traurig ab. Er
+hatte etwas getan, was seinem ganzen Wesen widersprach, schämte sich
+seines Erfolges und betrachtete mit Entsetzen seinen neuen Rock, an dem
+die Spuren der Schlägerei zu sehen waren. Nun begann er zu rennen, um
+früher als der Vater heimzukommen. In Schweiß gebadet betrat er die
+Küche, legte das Ohr an das Schloß der Zimmertür und horchte. Alles
+still, nur die Nähmaschine schnurrte, die Mutter war allein. O, Gott sei
+Lob und Dank! Hastig trat er ein und sprudelte die Geschichte seines
+jüngsten Erlebnisses heraus:
+
+»Und jetzt flick mir den Rock, Mutter, flick mir den Rock!«
+
+ * * * * *
+
+Das Abendessen wurde schweigend eingenommen. Eine dumpfe Verstimmung
+herrschte im Hause. Pfanner schmollte noch immer mit seiner Frau. Er
+hatte die Scheine über alle von ihr versetzten Gegenstände an sich
+genommen, um sie nach und nach einzulösen. Gott weiß, unter welchen
+Bitternissen. Jeder Gulden, den er ins Versatzamt trug, war ein Raub am
+Sparkassenbuch seines Sohnes; an diesem künftigen Vermögen, aus dem die
+Kosten der Rigorosen und des Freiwilligenjahres bestritten werden
+sollten. Es gab Augenblicke, in denen er sie haßte, die Schuld an dem
+Raube trug. Ihn gutzumachen, lag nicht in ihrer Macht, in der seinen
+aber lag, sie büßen und leiden zu machen. Tag für Tag wiederholte sich
+dieselbe Tortur. Tag für Tag verlangte er die Hausrechnung zu sehen,
+ging jeden einzelnen Posten durch, bemängelte jeden. Mit raffinierter
+Kunst erniedrigte er die Mutter in Gegenwart des Kindes durch sein zur
+Schau getragenes Mißtrauen.
+
+»Wer einmal betrogen hat, gleichviel in welcher Absicht, betrügt wieder!
+man muß sich vor ihm in acht nehmen.«
+
+Gepeinigt sah Georg zu ihr hinüber und warf ihr hinter dem Rücken des
+Vaters Küsse zu. Um seinetwillen wurde sie beschämt, er war der
+unschuldige Urheber ihrer Qual. Und sie, alles erratend, was in ihm
+vorging, bezwang sich, bemühte sich, gelassen und standhaft zu bleiben
+bei den Kränkungen, die sie erfuhr. Der Mann hielt für Unempfindlichkeit,
+was höchster Heldenmut war, und verschärfte die Lauge in den Ausdrücken
+seiner Geringschätzung. Wie immer war es auch heute gegangen und Agnes
+kaum noch imstande, ihre Selbstbeherrschung zu bewahren, als ein
+heftiger Riß an der Glocke sie erschreckte. Sie schrie auf; auch Georg
+erschrak. Es war etwas so völlig Ungewohntes, daß um diese Zeit jemand
+Einlaß bei ihnen begehrte.
+
+»Nervös, wie die elektrisierten Frösch,« brummte Pfanner. »Habt ihr in
+eurem Leben noch nicht läuten gehört? Sieh nach, wer's ist,« befahl er
+der Frau.
+
+Sie zündete rasch eine Kerze an und eilte in die Küche. Schon wurde ein
+zweites Mal geschellt, noch ungeduldiger, noch heftiger als früher. Als
+Agnes öffnete, stand ein großer, breitschultriger, fein gekleideter Mann
+da und fragte:
+
+»Ist Herr Offizial Pfanner zu Hause?«
+
+Wer konnte das sein? Vielleicht ein Vorgesetzter, der Herr Inspektor
+oder gar der Herr Oberinspektor?
+
+»Ja, er ist zu Hause,« sagte sie, »belieben einzutreten.«
+
+Ohne Gruß ging er an ihr vorbei; er hielt sie offenbar für die Magd, und
+ihr war der Irrtum recht. Sie hätte in ihrem grauen, ausgewaschenen
+Percailkleide, in ihren geflickten Schuhen einem Vorgesetzten gegenüber
+nicht für die Frau eines k. k. Beamten gelten mögen. Höflich stieß sie
+die Zimmertür vor dem Fremden auf, trat in die Küche zurück und hörte
+nur noch ihren Mann in durchaus nicht respektvollem Tone sagen:
+
+»Herr Obernberger? Was verschafft mir das Vergnügen?«
+
+Obernberger schloß die Tür hinter sich, die Magd sollte das Gespräch
+zwischen ihm und Pfanner nicht mit anhören.
+
+»Vergnügen werden Sie von meinem Besuch nicht haben,« erwiderte er in
+erregtem Tone, »ich komme, um mich zu beklagen.«
+
+Hoho! Das konnte unangenehm werden. Pfanner hatte ein böses Gewissen.
+War eine der wegwerfenden Reden, die er über Obernberger zu führen
+pflegte, dem »Schlosser« hinterbracht worden? Vielleicht auch einem der
+Vorgesetzten, bei denen der Meister in hohem Ansehen stand? Verfluchte
+Geschichte! Pfanner verbarg seine Bestürzung hinter einem besonders
+borstigen Wesen: »Nur heraus mit der Sprache, genieren Sie sich nicht.
+Ich kann was vertragen,« sagte er.
+
+Georg war aufgesprungen und hatte einen Sessel herbeigeholt. Obernberger
+nahm Platz. Er betrachtete den Knaben, der mit gesenkten Augen und
+krampfhaft verschlungenen Fingern vor ihm stehen blieb, streng und
+prüfend:
+
+»Herr Obernberger! Herr Obernberger!« sprach Georg leise und
+flehentlich.
+
+O, wenn er früher an Herrn Obernberger gedacht hätte, er würde seinen
+Sohn nicht geprügelt haben. Herr Obernberger war immer so gütig mit
+ihm, wenn er ihn traf, und neulich, als er im Wagen gekommen war, den
+Pepi aus der Schule abzuholen, hatte er Georg eingeladen, mitzufahren.
+Eine Seligkeit wäre es gewesen, der Einladung zu folgen, aber er wagte
+es nicht. Der Vater hätte gewiß gesagt: »Hast vergessen, daß du keine
+Gnaden annehmen sollst?«
+
+Je länger Obernberger seine Augen auf Georg ruhen ließ, je milder wurde
+ihr Ausdruck, und jetzt redete er ihn an: »Wissen Sie, daß ich schon auf
+dem Wege zum Herrn Direktor war, um mich über Sie zu beklagen? Ich mag
+Ihnen aber doch Ihre gute Note in Sitten nicht verderben und will mich
+mit einer häuslichen Züchtigung begnügen, die Ihnen Ihr Vater sicher
+erteilen wird, wenn er hört, was vorgefallen ist. Herr Offizial,«
+wendete er sich an Pfanner, »Georg hat heute nach der Schule meinen Sohn
+angefallen und ihn gewürgt, und andre haben sich hineingemischt, und
+mein Pepi ist mir nach Hause gekommen, ganz zerrissen, und das rechte
+Auge so blau und geschwollen, daß er ein paar Tage hindurch weder lesen
+noch schreiben kann. Und das ist geschehen ohne den geringsten Grund.«
+
+»Ohne den geringsten Grund?« wiederholte Pfanner, hob sich halb von
+seinem Sitz, und es war, als ob er auf den Sohn losspringen wollte.
+
+»Nicht ohne Grund,« hauchte Georg mehr als er sprach. »Er hat mir
+gesagt, daß ich ein Büffler bin. Büffeln kommt von Büffel, und Büffel
+gehören zu der Gruppe der Rinder, hat er gesagt.«
+
+Pfanner schwieg und saß wieder gerade auf seinem Sessel. Obernberger war
+betroffen.
+
+»Ist das wahr?« fragte er, und Georg beteuerte:
+
+»Es ist wahr.«
+
+»Hinaus!« rief Pfanner ihm plötzlich zu und wies mit ausgestrecktem Arm
+nach der Küchentür.
+
+Draußen stand die Mutter neben dem Herde und zitterte an allen Gliedern
+und fragte sich, was für ein neues Unheil über ihren Georg
+hereingebrochen sein möchte. Er lief auf sie zu, war bleich wie Wachs,
+und grünliche Schatten zogen sich längs der Nase zu den Mundwinkeln
+herab: »Mutter, Mutter!« preßte er hervor, »was wird jetzt mit mir
+geschehen?«
+
+ * * * * *
+
+In der Stube jedoch begab sich das Unerhörte. Pfanner entschuldigte
+seinen Sohn. Der Junge war schüchtern von Natur und nur zu sanft für
+einen Buben. Wenn er einmal losgeschlagen hatte, mußte er arg provoziert
+worden sein. Er sei auch absolut wahrhaft, versicherte der Vater, der
+ihn noch nie auf einer Lüge ertappt hatte.
+
+»Können Sie das von Ihrem Pepi auch sagen?« fragte Pfanner und setzte
+die gewisse, militärische Miene auf, die er sich angeeignet hatte, als
+er einst, nach wenigen Monaten seiner Dienstzeit, zum Korporal befördert
+worden war.
+
+Der gutmütige Obernberger stand immer noch unter dem Eindruck, den die
+Todesangst auf dem Gesichte Georgs auf ihn gemacht hatte. Der große,
+breite Mensch schmolz in der Nähe des kleinen, hitzigen Pfanner
+ordentlich zusammen. Ein gewaltiger Schneemann in der Nähe eines
+Häufleins glühender Kohlen. Er hatte keine Ursache, sich auf die
+Wahrheitsliebe seines Pepi zu verlassen, und weil er das nicht
+eingestehen wollte, schwieg er.
+
+»Fragen Sie Ihren Pepi aufs Gewissen, ob mein Sohn ihn wirklich ohne
+Grund geschlagen hat,« sprach Pfanner. »Aug in Aug mit dem Buben, in
+unsrer Gegenwart soll er es ihm wiederholen. Tut er das, dann lade ich
+Sie zu einer Exekution ein, wie sie bei uns noch nicht stattgefunden
+hat, obwohl _ich_ bei meinem Buben die Prügel nicht spare.«
+
+Bei dieser Abmachung blieb es. Herr Obernberger, der als Richter
+gekommen war, verließ die Wohnung des Offizials mit dem Gefühl, eine
+Niederlage erlitten zu haben. Er achtete nicht auf die zwei, die sich
+tief verneigten, als er die Küche durchschritt. Georg lief ihm voran,
+öffnete mit demütiger Beflissenheit die Tür und murmelte:
+
+»Verzeihen Sie mir, Herr Obernberger, verzeihen Sie mir,« so leise, mit
+so von Scheu und Tränen erstickter Stimme, daß der in unangenehme
+Gedanken versunkene Fabriksherr nichts davon hörte.
+
+Als Agnes und Georg das Zimmer wieder betraten, hatte Pfanner einen
+großen, mit Zahlen bedeckten Bogen vor sich liegen, den er mit äußerster
+Aufmerksamkeit durchsah. Georg holte seine Hefte herbei und machte sich
+an seine Arbeit. Eine halbe Stunde verging, ehe der Vater seinen Sohn
+ansprach, und dann -- o Wunder! geschah es nicht einmal in
+unfreundlicher Weise. Er überzeugte sich, daß Georg beinahe fertig war
+mit seinen Aufgaben:
+
+»Bist du aus Geschichte schon aufgerufen worden?« fragte er.
+
+»Noch nicht.«
+
+»Merkwürdig. So spät?«
+
+»Vielleicht morgen. Wir haben morgen Geschichte.«
+
+»Nun, da kriegst du doch eine Vorzugsklasse?«
+
+»Ich weiß nicht, vielleicht.«
+
+»Du!« schrie der Vater ihn an. »Weißt du, was das heißt, wenn du keine
+Vorzugsklasse kriegst? Weißt du, was ein 'Genügend' dich kostet?«
+
+»Ich weiß es,« erwiderte Georg tonlos.
+
+»Den Vorzugsschüler kostet's dich, fauler Bub!«
+
+»Ich bin nicht faul, Vater.«
+
+Der Vater hob namenlos erstaunt den Kopf. Sein friedfertiger Junge war
+heute der Held einer Prügelei gewesen, und jetzt vermaß er sich, ihm zu
+widersprechen. Was war vorgegangen? War in dem Jungen der Mann erwacht?
+Sollte er am Ende noch so schneidig werden, wie er sich ihn immer
+gewünscht?
+
+Frau Agnes hatte ihre Hand auf den Arm des Sohnes gelegt, als er dem
+Vater widersprochen: »Um Gottes willen, Schorsch!«
+
+»Still,« herrschte Pfanner sie an, »laß ihn reden. Ich bin nicht faul,
+behauptet er. Also red, 's ist erlaubt, 's ist befohlen,« drang er in
+ihn.
+
+»Ich lern den ganzen Tag,« sagte Georg. »Ich kann nicht mehr lernen als
+ich lern, ich weiß nicht, was ich anfangen soll, damit du zufrieden
+bist.« Die Tollkühnheit der Verzweiflung kam über ihn, und er wagte
+hinzuzusetzen: »Andre Eltern sind schon zufrieden, wenn ihre Kinder
+'Genügend' bekommen, und ich soll lauter 'Vorzüglich' und 'Lobenswert'
+haben ... Und ich soll mich schinden ... Und ich ...« Er konnte nicht
+weiter reden, rang die Hände, schlug mit der Stirn auf den Tisch und
+wand sich in einem Schmerze, über den der Vater selbst erschrak. Zum
+erstenmal im Leben fühlte er sich ratlos dem Kinde gegenüber.
+
+»Ich hab schon ein 'Genügend' in Griechisch!« schrie Georg in
+pfeifenden, gequetschten Tönen. »Wenn ich noch ein 'Genügend' bekomme,
+bin ich kein Vorzugsschüler mehr. Und ich bekomm gewiß noch ein
+'Genügend' ...«
+
+Das war zu viel. Die Worte machten der Langmut Pfanners ein Ende. Alles
+in ihm, das ein bißchen weich zu werden begonnen hatte, erstarrte
+wieder:
+
+Kein Vorzugsschüler mehr! Dieser Bub, der die Fähigkeit besaß, einen
+Platz unter den Ausgezeichneten zu behaupten, wollte durch die Schule
+kriechen mit dem großen Heer der Mittelmäßigen? Pfui über den Buben!
+
+»Du bleibst Vorzugsschüler, oder ich geb dich zu einem Schuster in die
+Lehr.«
+
+»Tu's, Vater, tu's! Aber warum grad zu einem Schuster!« erwiderte Georg
+außer sich. »Du kannst mich auch zu Herrn Obernberger geben, und ich
+werd ein Kunstschlosser ... Oder auch mit Musik kann ich mein Brot
+verdienen ...«
+
+»Georg, Georg, um Gottes willen!« wiederholte die Mutter. Sie sah ihren
+Mann fahl werden vor Wut, sah seine Fäuste sich ballen:
+
+»Musik? gut, gut! Ich kauf dir einen Leierkasten, kannst in den Häusern
+orgeln und auf die Kreuzer warten, die sie dir aus den Fenstern
+werfen.«
+
+Georg preßte das Kinn auf die Brust und starrte zu Boden.
+
+Pfanner sprang auf und führte einen schweren Schlag auf den Nacken des
+Kindes: »Kein Wort mehr! Und -- das merke, komm mir nicht noch einmal
+mit einer schlechten Note nach Hause. Untersteh dich nicht!«
+
+»Nein, nein,« murmelte Georg. Er war jetzt ganz furchtlos. Um so besser,
+wenn er nicht mehr nach Hause zu kommen braucht. Der Vater wird sich
+nicht mehr über ihn ärgern, und die Mutter nicht mehr quälen um
+seinetwillen. Wäre er doch nicht auf die Welt gekommen ... -- oder wäre
+er schon draußen -- wäre er tot!
+
+Am nächsten Morgen war der Vater von einer furchtbar dräuenden
+Schweigsamkeit. Die dunkeln Ringe unter seinen geröteten Augen, bei ihm
+das sicherste Zeichen einer schlaflos durchwachten Nacht, gaben ihm das
+Aussehen eines Kranken. Er frühstückte hastig, nahm seine Schriften
+unter den Arm, setzte den Hut auf und verließ das Zimmer, ohne den Gruß
+seiner Frau und seines Sohnes zu erwidern. Man hörte ihn die Küchentür
+zuschlagen, daß sie dröhnte.
+
+Georg ordnete die Hefte und Bücher in seiner Schultasche, war fertig,
+nahm Stück auf Stück wieder heraus, ordnete alles von neuem, langsam und
+bedächtig. Die Mutter mahnte zur Eile. Er ließ plötzlich alles liegen
+und stehen und warf sich ihr in die Arme, und sie drückte ihn an ihr
+Herz. Sie sprachen nicht, es kam keine Anklage über ihre Lippen, aber
+glühend brannte sie in ihren Herzen. Wie glücklich könnten sie sein,
+sie zwei, wie glückselig, wenn der Ehrgeiz des Vaters nicht wäre, der
+blinde, törichte, der vom Apfelbäumchen, das ihm Gott in seinen Garten
+gepflanzt, die Triebkraft der Eiche verlangte.
+
+Dreimal schon hatte Georg Lebewohl gesagt und brachte sich noch immer
+nicht fort.
+
+»Du kommst zu spät, Schorschi,« sagte Frau Agnes. »Lauf jetzt, lauf! Und
+sei nicht so traurig,« fügte sie hinzu und strich ihm über die Wangen.
+
+»Du bist selbst traurig,« antwortete er.
+
+»Ach -- das vergeht, bei der Arbeit vergeht's.«
+
+»Also adieu,« sagte er und schritt resolut der Tür zu, und über die
+Treppe hinab bis zum ersten Stockwerk. Dort blieb er stehen, besann
+sich, kehrte plötzlich um und stürmte in raschen Sätzen wieder zurück,
+und wie er oben ankam, sah er die Mutter vor der Wohnungstür stehen, auf
+derselben Stelle, bis zu der sie ihn begleitet hatte.
+
+»Was gibt's?« fragte sie wie aus dem Schlaf auffahrend, warf den Kopf
+zurück und bemühte sich, eine strenge Miene anzunehmen. »Hast was
+vergessen?«
+
+»Ich hab dir ja nicht ordentlich Adieu gesagt,« und er fiel ihr um den
+Hals und küßte sie mit stürmischer Zärtlichkeit.
+
+ * * * * *
+
+In der Schule kam er zu spät. Der erste Vortrag hatte schon vor einer
+Viertelstunde begonnen, als er eintrat und sich auf seinen Platz setzte.
+
+»Wo steckst denn?« raunte der Nachbar ihm zu. »Du bist aufgerufen worden
+und warst nicht da.«
+
+»Unglück, Unglück,« murmelte Georg und gab sich alle erdenkliche Mühe,
+aufmerksam zuzuhören. In seinem Kopfe ging es sonderbar zu. Es summte
+und hämmerte darin, und der Stimme, die vom Katheder zu ihm herübertönte
+-- sonst eine laute, kraftvolle Stimme --, fehlte der Klang. Die Worte,
+die sie sprach, waren nicht artikuliert, flossen ineinander wie Wellen
+... Noch etwas Sonderbares! der breite Saal schien sich zu verlängern
+ins Unglaubliche. Es war kein Saal mehr, es war ein langer Gang, von
+merkwürdig kaltem, weißem Licht erfüllt, und ganz weit am Ende stand ein
+schwarzer Strich auf einem Piedestal. Georg mußte mit Gewalt alle seine
+Denkkraft zusammen nehmen, um sich klar zu machen: das ist der Herr
+Professor, der einen Vortrag hält.
+
+Er schloß die Augen, lehnte sich zurück und dachte: Ich werde heute
+nicht lernen können. Nach einer Weile aber wurde es besser, er vermochte
+sich aus dem unheimlich traumhaften Zustand, in den er geraten war,
+heraus zu reißen. Der zweite Vortrag hatte begonnen. Der jetzt sprach,
+war ein sehr beliebter, von der ganzen Schule verehrter Lehrer, der
+Professor der Geschichte. Er hatte einen sonst kaum mittelmäßigen
+Schüler aufgerufen, und der bestand mit Ehren. Georg folgte. Ach! wenn
+er auch so viel Glück hätte wie sein Vorgänger. Es schien beinahe. Der
+Professor prüfte aus dem unlängst von Georg Wiederholten und sagte:
+
+»Gut, bis auf zwei Jahreszahlen. Sie bekommen 'Lobenswert'. Ich möchte
+Ihnen aber gern 'Vorzüglich' geben können und stelle deshalb noch einige
+Fragen. Nennen Sie mir alle deutschen Kaiser bis zu Rudolf dem Ersten.«
+
+Das war keine sehr schwere Frage. Voll Zuversicht begann er sie zu
+beantworten und gelangte glorreich bis zu Otto *III.* Da verriet ihn
+sein Gedächtnis -- er ließ den gelehrten und frommen Kaiser ein hohes
+Alter erreichen und Heinrich *II.* den ersten Salier sein.
+
+Der Professor zuckte bedauernd die Achseln und unterbrach ihn: »Das geht
+nicht gut. -- Etwas andres! Erzählen Sie mir die Geschichte von
+Konradin.«
+
+O -- die wußte er! die hatte er seiner Mutter erzählt; so rührend, daß
+sie dabei weinen mußte. Konradin war ja -- nun ja -- war ja König Enzio
+... Oder nein, richtig -- Enzio war Konradin ...
+
+Ein kaum unterdrücktes boshaftes Kichern erhob sich, der Pepi lachte ihn
+aus. Die Augen des Professors hefteten sich fest auf ihn. Er verstand,
+daß diese guten, wohlwollenden Augen ganz besorgt fragten: »Sind Sie bei
+Trost?«
+
+Er hätte schreien mögen: »Nein! ganz verwirrt und konfus bin ich!«
+
+»Sie tun mir leid,« sprach der Professor, »aber -- sagen Sie selbst --
+welche Klasse haben Sie verdient?«
+
+Georg flüsterte etwas völlig Unverständliches. Dem Lehrer schien, es sei
+ein Dank gewesen. Der Junge wußte heute nichts, erriet aber viel, erriet
+das innige Mitleid, das er seinem Lehrer einflößte.
+
+Ehe der dritte Vortrag begann, verließ er die Schule und ging langsam
+die Straße hinab. Es war ein Frühlingstag mit sommerlichem Sonnenschein,
+der Himmel wolkenlos, die Luft noch frei von Staub und Dunst. Georg
+schritt mit weit aufgerissenen, verglasten Augen zwischen den Menschen
+dahin, die sich in der Hauptverkehrsstraße der Vorstadt drängten. Einem
+oder dem andern fiel auf, wie sonderbar »verloren« er aussah. Keiner
+hatte Lust und Zeit, ihn zu fragen, was ihm sei. Ein Tischlerjunge nur,
+der einen Handwagen schleppte, und an den er angestoßen war, rief ihm
+zu:
+
+»Hüo! wo hast dein Schädel? Anbaut mit samt der Mitzen?«
+
+Unwillkürlich griff Georg nach seinem Kopfe. Er war barhaupt, hatte
+seine Mütze in der Schule gelassen, und auch seine Lernsachen. Daran lag
+aber nichts. Ihn würde niemand nach ihnen fragen. Er konnte ja nicht
+mehr heim. »Komm mir nicht nach Hause mit einer schlechten Note!« Diese
+Worte dröhnten unablässig an sein Ohr. Jetzt mußte er sie bekommen, die
+schlechte Note, die erste, wirklich schlechte. Was würde der Vater jetzt
+mit ihm tun? Und wie würde die Mutter sich kränken ... Nein, nein, Vater
+und Mutter, er wagt es nicht, er kommt nicht mehr zurück, er geht, wohin
+schon mancher unglückliche Schüler gegangen ist: in die Donau. Und
+dieser eine Gedanke, je länger er ihn vor sich sah, als das
+Unabwendbare, Einzige, je mehr befreundete er sich mit ihm. Dieser
+Gedanke mit dem dunklen Kerne hatte eine blendende Atmosphäre und fing
+an, eine große Helligkeit zu verbreiten. Er gestaltete sich jetzt so:
+»Ich _muß_ in die Donau, ich will aber auch, und gern. Wie gut ist es,
+tot zu sein, nicht mehr hören müssen: Lern! Wie gut auch, wenn es keinen
+Zwiespalt mehr zwischen den Eltern gibt. Aber du begehst einen
+Selbstmord,« fuhr es ihm durch den Sinn, »und ein Selbstmord ist eine
+Todsünde.« Ihn schauderte. »Lieber Gott! Allgütiger!« stöhnte er und
+blickte flehend zum Himmel empor. »Rechne mir meinen Tod nicht als Sünde
+an! Ich will keine Sünde begehen, ich will sterben für den Frieden
+meiner Eltern. Mein Tod ist ein Opfertod.«
+
+Ein Opfertod!
+
+An dieses Wort klammerte er sich; es brachte ihm Trost. Er verwandelte
+die Tat der Verzweiflung in eine Heldentat und schwerste Schuld in ein
+Märtyrertum. Es ging auf vor dem armen, irrenden, suchenden Kinde wie
+ein Stern in der Nacht. Keine Erwägung, keine Überlegung, kein Zweifel
+mehr, nicht die geringste Fähigkeit, sich etwas andres vorzustellen, nur
+die rasende, unbezwingliche Sehnsucht, Erlösung zu erfahren und Erlösung
+zu bringen.
+
+ * * * * *
+
+Er war am Ende der Straße angelangt, bog in die Seitengasse ein, die auf
+den Kai mündete. Bleierne Müdigkeit lag ihm in den Gliedern, sein Kopf
+brannte und schmerzte bis zur Bewußtlosigkeit. Die Donau, die ist ein
+kühles, weiches Bett, da findet man Ruhe und Labung. Nur sie erreichen,
+nur bis zu ihr hinkommen! Eine dumpfe Angst: »sie mißgönnen mir die
+Erlösung, sind hinter mir, verfolgen mich,« jagte ihn vorwärts. Er
+begann zu laufen, und dabei schien ihm, daß er immer auf demselben Fleck
+bliebe. Das war fürchterlich, noch einmal einen so argen Kampf mit dem
+Unüberwindlichen kämpfen zu müssen.
+
+»Wohin? Was sind Sie so eilig?« sprach eine wohlbekannte Stimme ihn an.
+Der Hausierer stand vor ihm.
+
+»Du?« sagte er, »du Salomon?«
+
+Ein wenig Zeit nahm er sich zum Abschied von dem Armen. Auch der war
+elend, dem es Seligkeit gewesen wäre, in der Schule zu sitzen, aus der
+Georg entflohen war, und der auf und ab wandeln mußte vom frühen Morgen
+bis in die späte Nacht in Staub und Sonnenbrand, und sah so krank aus,
+und seine schmächtige Gestalt war schon ganz schief vom Tragen des
+schweren Warenkastens. Ja, ja, wem zu Schweres auferlegt wird, der
+verkrüppelt. Armer Salomon, den der Wachmann aufscheucht und einzuführen
+droht, wenn er ganz erschöpft einige Augenblicke auf einer Bank ausruhen
+möchte. Fort, fort auf müden Füßen in den ausgetretenen, geplatzten
+Stiefeln ... Georgs Blick glitt über sie hinweg, und plötzlich beugte er
+sich, zog rasch seine neuen Halbschuhe aus und legte sie auf den
+Warenkasten.
+
+»Nimm sie, ich brauche sie nicht mehr,« sprach er und -- lachte. Ja,
+wahrhaftig, Salomon schwor später darauf, daß er gelacht habe, und wie
+unaussprechlich schmerzvoll dieses Lachen geklungen, kam ihm erst später
+zum Bewußtsein, nachdem alles vorüber war. Zuerst in seiner freudigen
+Verblüffung hatte er nur Augen für die schönen, guten Schuhe, die ihm
+wie aus dem Füllhorn des Glückes zugefallen waren. Als er sich besann,
+daß Georg seine Schuhe gar nicht verschenken dürfe, und wohl nur einen
+Spaß mit ihm gemacht habe und er sich umsah und rief: »Junger Herr!
+junger Herr!« -- drang schon lautes, vielstimmiges Geschrei an sein Ohr:
+»Im Wasser!« -- »Hineingesprungen!« -- »Hilfe! Hilfe!« Von allen Seiten
+stürzten sie herbei, rannten, krochen die steile Böschung hinab, standen
+mit vorgestreckten Hälsen, Entsetzen oder stumpfsinnige oder
+abscheuliche Neugier in den Gesichtern, und deuteten: »Da! dort! Siehst
+ihn?«
+
+Anstalten zur Rettung wurden getroffen -- vergebliche. Eine
+Stromschnelle hatte den schwimmenden Körper erfaßt und häuptlings an
+einen Brückenpfeiler geschleudert.
+
+Mit gellenden Wehrufen drängte sich Salomon durch die Menge zum Ufer
+hin. Die Schuhe hatte er von sich geworfen, streute seine Waren im Laufe
+achtlos aus ... Gott! Gott! Ins Wasser gesprungen -- in den Tod
+gegangen, der, den er bewundert hatte und beneidet, und der immer so gut
+gegen ihn gewesen war.
+
+ * * * * *
+
+Pfanner hatte einen schweren Entschluß gefaßt und ausgeführt. Er war zum
+Direktor des Gymnasiums gegangen, um Georg seiner Nachsicht zu
+empfehlen. Vor wenigen Tagen noch würde er einen solchen Schritt für
+unmöglich gehalten und geglaubt haben, sich und Georg durch ihn zu
+erniedrigen.
+
+Mit so viel Wärme und Verbindlichkeit, als ihm irgend zu Gebote stand,
+sprach er die Bitte aus, seinen Sohn nachsichtig zu klassifizieren, wenn
+der Bursche auch in letzter Zeit etwas nachgelassen habe im Fleiße. Sein
+Vater bürgte dafür, daß es von nun an besser werden sollte.
+
+»Nachgelassen im Fleiße?« Das war dem Direktor neu. So viel er wußte,
+hatte noch keiner der Professoren sich über Georgs Mangel an Fleiß
+beklagt. »Ich wäre froh«, sagte er, »wenn ich allen Eltern so Gutes über
+ihre Söhne sagen könnte, wie Ihnen über Georg. Er ist bei sämtlichen
+Lehrern vortrefflich angeschrieben, sehr brav und auch durchaus nicht
+unbegabt« ...
+
+»O, das glaub ich!« warf Pfanner hochfahrend ein.
+
+»Durchaus nicht unbegabt,« wiederholte der Direktor kühl, »aber auch
+nicht ungewöhnlich begabt. Ich fürchte, daß Sie zu viel von ihm
+verlangen, ihm eine größere Leistungsfähigkeit zutrauen, als er besitzt.
+Wenn Sie ihn zwingen, seine Kräfte zu überspannen, ruinieren Sie ihn.«
+
+Der Offizial kam tief niedergeschlagen ins Bureau. So verlangte er also
+zu viel von seinem Buben, so ruinierte er ihn, so sollte Georg nur
+mittelmäßig begabt sein? Er glaubte es nicht. Diese Schulleute irren so
+oft. Wie viele, von denen ihre Lehrer nichts gehalten, sind große Männer
+geworden. Er ging an seine Arbeit, vergrub sich in sie, suchte Rettung
+in ihr vor dem schweren Drucke, der ihm auf dem Herzen lastete.
+
+Gegen Mittag meldete ihm der Bureaudiener, es sei jemand da, der ihn
+sprechen wolle. Auf dem Gange erwartete ihn Frau Walcher in einem
+Zustand furchtbarer Zerstörtheit. Etwas Entsetzliches sei geschehen,
+stotterte sie, das Ärgste, das man sich denken könne. Er solle nur
+gleich mit ihr kommen.
+
+»Was ist das Ärgste?« fuhr er sie an. »Was ist's mit meinem Buben?«
+
+Ihre Antwort war eine Gebärde der Verzweiflung.
+
+ * * * * *
+
+Dem Liebling des Gymnasiums wurde ein feierliches Leichenbegängnis
+bereitet. Alle Professoren, alle Schulkameraden beteiligten sich daran.
+Meister Obernberger folgte dem Zuge, weinend wie ein Kind, und sein Pepi
+hatte heute allen Hochmut abgetan.
+
+Der Vater schritt in guter Haltung hinter dem Sarge. Jedes Wort, das am
+Grabe zum Preise seines Sohnes gesprochen wurde, schien ihm wohl zu tun,
+während die Mutter immer tiefer in sich zusammensank.
+
+»Am besten für sie wär's,« sagte schwerbekümmert Frau Walcher zu ihrem
+Manne, »wenn man sie gleich mitbegraben könnt.«
+
+Die zwei Ehepaare traten die Rückfahrt im selben Wagen an. Pfanner und
+seine Frau wechselten nicht eine Silbe. Einer wich scheu dem Blick des
+andern aus. Daheim angelangt, gab Agnes den dringenden Bitten der
+Freundin, zuerst bei ihr einzutreten, nach.
+
+»Da hat sie doch ein paar Stunden Frieden,« dachte die Getreue.
+
+Als der Abend kam und die gewohnte Pflicht sie rief, ging Agnes
+mechanisch daran, das Abendbrot zu bereiten. Sie betrat das Zimmer, um
+die Lampe anzuzünden. Aber Pfanner hatte das schon selbst getan. Die
+Lampe brannte auf dem Tische, und dort lagen die Bücher und die Mütze,
+die der Schuldiener zurückgebracht hatte. Vor sich aufgeschlagen hatte
+Pfanner ein dünnes Büchlein -- das Vermögen des Kindes, das guldenweise
+zusammen gesparte. Und in der gebrochenen Gestalt, die da saß und die
+Gegenstände alle betrachtete, drückte eine herzzerreißende
+Trostlosigkeit sich aus. Was ging jetzt vor in dieser Seele!
+
+Agnes kam leise heran.
+
+Die Frau, die er zermalmt und zertreten und zu einer dienenden Maschine
+herabgewürdigt hatte, fühlte sich in diesem Augenblick als die Größere
+und Stärkere und, im Vergleiche zu ihm -- die Glückliche. Sie durfte
+ihres Kindes ohne Selbstvorwurf gedenken, von ihr hatte es mit
+zärtlicher Liebe Abschied genommen.
+
+»Pfanner,« sprach sie.
+
+Er fuhr auf und starrte sie an mit Entsetzen. Wollte sie Rechenschaft
+von ihm fordern? Seine Lippen zuckten und zitterten, er brachte keinen
+Laut hervor. Etwas Greisenhaftes lag in seinen entstellten Zügen.
+
+Da wich der Haß, da schwieg jeder Vorwurf. Sie näherte sich langsam und
+sagte:
+
+»Du hast ja nur sein Bestes gewollt.«
+
+Überrascht in demütiger Dankbarkeit nahm er ihre beiden Hände, legte
+sein Gesicht hinein und schluchzte.
+
+
+
+
+ Er laßt die Hand küssen.
+
+
+»So reden Sie denn in Gottes Namen«, sprach die Gräfin, »ich werde Ihnen
+zuhören; glauben aber nicht ein Wort.«
+
+Der Graf lehnte sich behaglich zurück in seinem großen Lehnsessel: »Und
+warum nicht?« fragte er.
+
+Sie zuckte leise mit den Achseln: »Vermutlich erfinden Sie nicht
+überzeugend genug.«
+
+»Ich erfinde gar nicht, ich erinnere mich. Das Gedächtnis ist meine
+Muße.«
+
+»Eine einseitige, wohldienerische Muße! Sie erinnert sich nur der Dinge,
+die Ihnen in den Kram passen. Und doch gibt es auf Erden noch manches
+Interessante und Schöne außer dem -- Nihilismus.« Sie hatte ihre
+Häkelnadel erhoben und das letzte Wort wie einen Schuß gegen ihren alten
+Verehrer abgefeuert.
+
+Er vernahm es ohne Zucken, strich behaglich seinen weißen Bart und sah
+die Gräfin beinahe dankbar aus seinen klugen Augen an. »Ich wollte Ihnen
+etwas von meiner Großmutter erzählen,« sprach er. »Auf dem Wege hierher,
+mitten im Walde, ist es mir eingefallen.«
+
+Die Gräfin beugte den Kopf über ihre Arbeit und murmelte: »Wird eine
+Räubergeschichte sein.«
+
+»O, nichts weniger! So friedlich wie das Wesen, durch dessen Anblick
+jene Erinnerung in mir wachgerufen wurde, Mischka *IV.* nämlich, ein
+Urenkel des ersten Mischka, der meiner Großmutter Anlaß zu einer kleinen
+Übereilung gab, die ihr später leid getan haben soll,« sagte der Graf
+mit etwas affektierter Nachlässigkeit, und fuhr dann wieder eifrig fort:
+»Ein sauberer Heger, mein Mischka, das muß man ihm lassen! er kriegte
+aber auch keinen geringen Schrecken, als ich ihm unvermutet in den Weg
+trat -- hatte ihn vorher schon eine Weile beobachtet ... Wie ein
+Käfersammler schlich er herum, die Augen auf den Boden geheftet, und was
+hatte er im Laufe seines Gewehres stecken? Denken Sie: -- ein Büschel
+Erdbeeren!«
+
+»Sehr hübsch!« versetzte die Gräfin. »Machen Sie sich darauf gefaßt --
+in Bälde wandern Sie zu mir herüber durch die Steppe, weil man Ihnen den
+Wald fortgetragen haben wird.«
+
+»Der Mischka wenigstens verhindert's nicht.«
+
+»Und Sie sehen zu?«
+
+»Und ich sehe zu. Ja, ja, es ist schrecklich. Die Schwäche liegt mir im
+Blut -- von meinen Vorfahren her.« Er seufzte ironisch und sah die
+Gräfin mit einer gewissen Tücke von der Seite an.
+
+Sie verschluckte ihre Ungeduld, zwang sich, zu lächeln und suchte ihrer
+Stimme einen möglichst gleichgültigen Ton zu geben, indem sie sprach:
+»Wie wär's, wenn Sie noch eine Tasse Tee trinken und die Schatten Ihrer
+Ahnen heute einmal unbeschworen lassen würden? Ich hätte mit Ihnen vor
+meiner Abreise noch etwas zu besprechen.«
+
+»Ihren Prozeß mit der Gemeinde? -- Sie werden ihn gewinnen.«
+
+»Weil ich recht habe.«
+
+»Weil Sie vollkommen recht haben.«
+
+»Machen Sie das den Bauern begreiflich. Raten Sie ihnen, die Klage
+zurückzuziehen.«
+
+»Das tun sie nicht.«
+
+»Verbluten sich lieber, tragen lieber den letzten Gulden zum Advokaten.
+Und zu welchem Advokaten, guter Gott!... ein ruchloser Rabulist. Dem
+glauben sie, mir nicht, und wie mir scheint, Ihnen auch nicht, trotz all
+Ihrer Popularitätshascherei!«
+
+Die Gräfin richtete die hohe Gestalt empor und holte tief Atem.
+»Gestehen Sie, daß es für diese Leute, die so töricht vertrauen und
+mißtrauen, besser wäre, wenn ihnen die Wahl ihrer Ratgeber nicht frei
+stände.«
+
+»Besser wär's natürlich! Ein bestellter Ratgeber, und -- auch bestellt
+-- der Glaube an ihn.«
+
+»Torheit!« zürnte die Gräfin.
+
+»Wie so? Sie meinen vielleicht, der Glaube lasse sich nicht
+bestellen?... Ich sage Ihnen, wenn ich vor vierzig Jahren meinem Diener
+eine Anweisung auf ein Dutzend Stockprügel gab und dann den Rat, aufs
+Amt zu gehen, um sie einzukassieren, nicht einmal im Rausch wäre es ihm
+eingefallen, daß er etwas Besseres tun könnte, als diesen meinen Rat
+befolgen.«
+
+»Ach, Ihre alten Schnurren! -- Und ich, die gehofft hatte, Sie heute
+ausnahmsweise zu einem vernünftigen Gespräch zu bringen!«
+
+Der alte Herr ergötzte sich eine Weile an ihrem Ärger und sprach dann:
+»Verzeihen Sie, liebe Freundin. Ich bekenne, Unsinn geschwatzt zu haben.
+Nein, der Glaube läßt sich nicht bestellen, aber leider der Gehorsam
+ohne Glauben. Das eben war das Unglück des armen Mischka und so mancher
+andrer, und deshalb bestehen heutzutage die Leute darauf, wenigstens auf
+ihre eigne Fasson ins Elend zu kommen.«
+
+Die Gräfin erhob ihre nachtschwarzen, noch immer schönen Augen gegen den
+Himmel, bevor sie dieselben wieder auf ihre Arbeit senkte und mit einem
+Seufzer der Resignation sagte: »Die Geschichte Mischkas also!«
+
+»Ich will sie so kurz machen als möglich,« versetzte der Graf, »und mit
+dem Augenblick beginnen, in dem meine Großmutter zum erstenmal auf ihn
+aufmerksam wurde. Ein hübscher Bursche muß er gewesen sein; ich besinne
+mich eines Bildes von ihm, das ein Künstler, der sich einst im Schlosse
+aufhielt, gezeichnet hatte. Zu meinem Bedauern fand ich es nicht im
+Nachlaß meines Vaters und weiß doch, daß er es lange aufbewahrt hat, zum
+Andenken an die Zeiten, in denen wir noch das *jus gladii* ausübten.«
+
+»O Gott!« unterbrach ihn die Gräfin, »spielt das *jus gladii* eine
+Rolle in Ihrer Geschichte?«
+
+Der Erzähler machte eine Bewegung der höflichen Abwehr und fuhr fort:
+»Es war bei einem Erntefest und Mischka einer der Kranzträger, und er
+überreichte den seinen schweigend, aber nicht mit gesenkten Augen, sah
+vielmehr die hohe Gebieterin ernsthaft und unbefangen an, während ein
+Aufseher im Namen der Feldarbeiter die übliche Ansprache
+herunterleierte.
+
+»Meine Großmutter erkundigte sich nach dem Jungen und hörte, er sei ein
+Häuslersohn, zwanzig Jahre alt, ziemlich brav, ziemlich fleißig und so
+still, daß er als Kind für stumm gegolten hatte, für dummlich galt er
+noch jetzt. -- Warum? wollte die Herrin wissen; warum galt er für
+dummlich?... Die befragten Dorfweisen senkten die Köpfe, blinzelten
+einander verstohlen zu und mehr als: 'So, -- ja eben so', und: -- 'je
+nun, wie's schon ist', war aus ihnen nicht herauszubringen.
+
+»Nun hatte meine Großmutter einen Kammerdiener, eine wahre Perle von
+einem Menschen. Wenn er mit einem Vornehmen sprach, verklärte sich sein
+Gesicht dergestalt vor Freude, daß er beinahe leuchtete. Den schickte
+meine Großmutter andern Tages zu den Eltern Mischkas mit der Botschaft,
+ihr Sohn sei vom Feldarbeiter zum Gartenarbeiter avanciert und habe
+morgen den neuen Dienst anzutreten.
+
+»Der eifrigste von allen Dienern flog hin und her und stand bald wieder
+vor seiner Gebieterin. 'Nun,' fragte diese -- 'was sagen die Alten?'
+Der Kammerdiener schob das rechte, auswärts gedrehte Bein weit vor ...«
+
+»Waren Sie dabei?« fiel die Gräfin ihrem Gaste ins Wort.
+
+»Bei dieser Referenz gerade nicht, aber bei späteren des edlen Fritz,«
+erwiderte der Graf, ohne sich irre machen zu lassen. »Er schob das Bein
+vor, sank aus Ehrfurcht völlig in sich zusammen und meldete, die Alten
+schwämmen in Tränen der Dankbarkeit.
+
+»'Und der Mischka?'
+
+»'O, der' -- lautete die devote Antwort, und nun rutschte das linke Bein
+mit anmutigem Schwunge vor -- 'o der -- der laßt die Hand küssen.'
+
+»Daß es einer Tracht väterlicher Prügel bedurft hatte, um den Burschen
+zu diesem Handkuß im Gedanken zu bewegen, verschwieg Fritz. Die
+Darlegung der Gründe, die Mischka hatte, die Arbeit im freien Felde der
+im Garten vorzuziehen, würde sich für Damenohren nicht geschickt haben.
+-- Genug, Mischka trat die neue Beschäftigung an und versah sie schlecht
+und recht. 'Wenn er fleißiger wäre, könnt's nicht schaden,' sagte der
+Gärtner. Dieselbe Bemerkung machte meine Großmutter, als sie einmal vom
+Balkon aus zusah, wie die Wiese vor dem Schlosse gemäht wurde. Was ihr
+noch auffiel, war, daß alle andern Mäher von Zeit zu Zeit einen Schluck
+aus einem Fläschchen taten, das sie unter einem Haufen abgelegter
+Kleider hervorzogen und wieder darin verbargen. Mischka war der einzige,
+der diesen Quell der Labung verschmähend sich aus einem irdenen, im
+Schatten des Gebüsches aufgestellten Krüglein erquickte. Meine
+Großmutter rief den Kammerdiener. 'Was haben die Mäher in der Flasche?'
+fragte sie. -- 'Branntwein, hochgräfliche Gnaden.' -- 'Und was hat Mischka
+in dem Krug?'
+
+»Fritz verdrehte die runden Augen, neigte den Kopf auf die Seite, ganz
+wie unser alter Papagei, dem er ähnlich sah wie ein Bruder dem andern,
+und antwortete schmelzenden Tones: 'Mein Gott, hochgräfliche Gnaden --
+Wasser!'
+
+»Meine Großmutter wurde sogleich von einer mitleidigen Regung ergriffen
+und befahl, allen Gartenarbeitern nach vollbrachtem Tagewerk Branntwein
+zu reichen. 'Dem Mischka auch,' setzte sie noch eigens hinzu.
+
+»Diese Anordnung erregte Jubel. Daß Mischka keinen Branntwein trinken
+wollte, war einer der Gründe, warum man ihn für dummlich hielt. Jetzt
+freilich, nachdem die Einladung der Frau Gräfin an ihn ergangen, war's
+aus mit Wollen und Nichtwollen. Als er in seiner Einfalt sich zu wehren
+versuchte, ward er *mores* gelehrt, zur höchsten Belustigung der Alten
+und der Jungen. Einige rissen ihn auf den Boden nieder, ein handfester
+Bursche schob ihm einen Keil zwischen die vor Grimm zusammengebissenen
+Zähne, ein zweiter setzte ihm das Knie auf die Brust und goß ihm solange
+Branntwein ein, bis sein Gesicht so rot und der Ausdruck desselben so
+furchtbar wurde, daß die übermütigen Quäler sich selbst davor
+entsetzten. Sie gaben ihm etwas Luft, und gleich hatte er sie mit einer
+wütenden Anstrengung abgeschüttelt, sprang auf und ballte die Fäuste ...
+aber plötzlich sanken seine Arme, er taumelte und fiel zu Boden. Da
+fluchte, stöhnte er, suchte mehrmals vergeblich sich aufzuraffen und
+schlief endlich auf dem Fleck ein, auf den er hingestürzt war, im Hofe,
+vor der Scheune, schlief bis zum nächsten Morgen, und als er erwachte,
+weil ihm die aufgehende Sonne auf die Nase schien, kam just der Knecht
+vorbei, der ihm gestern den Branntwein eingeschüttet hatte. Der wollte
+schon die Flucht ergreifen, nichts andres erwartend, als daß Mischka für
+die gestrige Mißhandlung Rache üben werde. Statt dessen reckt sich der
+Bursche, sieht den andern traumselig an und lallt: 'Noch einen
+Schluck!'
+
+»Sein Abscheu vor dem Branntwein war überwunden.
+
+»Bald darauf, an einem Sonntag nachmittag, begab es sich, daß meine
+Großmutter auf ihrer Spazierfahrt, von einem hübschen Feldweg gelockt,
+ausstieg und bei Gelegenheit dieser Wanderung eine idyllische Szene
+belauschte. Sie sah Mischka unter einem Apfelbaum am Feldrain sitzen,
+ein Kindlein in seinen Armen. Wie er selbst, hatte auch das Kind den
+Kopf voll dunkelbrauner Löckchen, der wohlgebildete kleine Körper
+hingegen war von lichtbrauner Farbe und das armselige Hemdchen, das
+denselben notdürftig bedeckte, hielt die Mitte zwischen den beiden
+Schattierungen. Der kleine Balg krähte förmlich vor Vergnügen, so oft
+ihn Mischka in die Höhe schnellte, stieß mit den Füßchen gegen dessen
+Brust, und suchte ihm mit dem ausgestreckten Zeigefinger in die Augen zu
+fahren. Und Mischka lachte und schien sich mindestens ebensogut zu
+unterhalten wie das Bübchen. Dem Treiben der beiden sah ein junges
+Mädchen zu, auch ein braunes Ding und so zart und zierlich, als ob ihre
+Wiege am Ganges gestanden hätte. Sie trug über dem geflickten kurzen
+Rocke eine ebenfalls geflickte Schürze und darin einen kleinen Vorrat
+aufgelesener Ähren. Nun brach sie eine derselben vom Stiele, schlich
+sich an Mischka heran und ließ ihm die Ähre zwischen der Haut und dem
+Hemd ins Genick gleiten. Er schüttelte sich, setzte das Kind auf den
+Boden und sprang dem Mädchen nach, das leicht und hurtig und ordentlich
+wie im Tanze vor ihm floh; einmal pfeilgerade, dann wieder einen
+Garbenschober umkreisend, voll Ängstlichkeit und dabei doch neckend und
+immer höchst anmutig. Allerdings ist bei unsren Landleuten eine gewisse
+angeborene Grazie nichts Seltenes, aber diese beiden jungen Geschöpfe
+gewährten in ihrer harmlosen Lustigkeit ein so angenehmes Schauspiel,
+daß meine Großmutter es mit wahrem Wohlgefallen genoß. Einen andern
+Eindruck brachte hingegen ihr Erscheinen auf Mischka und das Mädchen
+hervor. Wie versteinert standen beide beim Anblick der Gutsherrin. Er,
+zuerst gefaßt, neigte sich beinahe bis zur Erde, sie ließ die Schürze
+samt den Ähren sinken und verbarg das Gesicht in den Händen.
+
+»Beim Souper, an dem, wie an jeder Mahlzeit, der Hofstaat, bestehend aus
+einigen armen Verwandten und aus den Spitzen der gräflichen Behörden,
+teilnahm, sagte meine Großmutter zum Herrn Direktor, der neben ihr saß:
+'Die Schwester des Mischka, des neuen Gartenarbeiters, scheint mir ein
+nettes, flinkes Mädchen zu sein, und ich wünsche, es möge für die Kleine
+ein Posten ausgemittelt werden, an dem sie sich etwas verdienen kann.'
+Der Direktor erwiderte: 'Zu Befehl, hochgräfliche Gnaden, sogleich ...
+obwohl der Mischka meines Wissens eine Schwester eigentlich gar nicht
+hat.'
+
+»'Ihres Wissens,' versetzte meine Großmutter, 'das ist auch etwas, Ihr
+Wissen!... Eine Schwester hat Mischka und ein Brüderchen. Ich habe heute
+alle drei auf dem Felde gesehen.'
+
+»'Hm, hm,' lautete die ehrerbietige Entgegnung, und der Direktor hielt
+die Serviette vor den Mund, um den Ton seiner Stimme zu dämpfen, 'es
+wird wohl -- ich bitte um Verzeihung des obszönen Ausdrucks, die
+Geliebte Mischkas und, mit Respekt zu sagen, ihr Kind gewesen sein.'«
+
+Der unwilligen Zuhörerin dieser Erzählung wurde es immer schwerer, an
+sich zu halten, und sie rief nun: »Sie behaupten, daß Sie nicht dabei
+waren, als diese denkwürdigen Reden gewechselt wurden? Woher wissen Sie
+denn nicht nur über jedes Wort, sondern auch über jede Miene und Gebärde
+zu berichten?«
+
+»Ich habe die meisten der Beteiligten gekannt, und weiß -- ein bißchen
+Maler, ein bißchen Dichter, wie ich nun einmal bin -- weiß aufs Haar
+genau, wie sie sich in einer bestimmten Lage benommen und ausgedrückt
+haben müssen. Glauben Sie Ihrem treuen Berichterstatter, daß meine
+Großmutter nach der Mitteilung, welche der Direktor ihr gemacht, eine
+Wallung des Zornes und der Menschenverachtung hatte. Wie gut und
+fürsorglich für ihre Untertanen sie war, darüber können Sie nach dem
+bisher Gehörten nicht in Zweifel sein. Im Punkte der Moral jedoch
+verstand sie nur äußerste Strenge, gegen sich selbst nicht minder als
+gegen andre. Sie hatte oft erfahren, daß sie bei Männern und Frauen der
+Sittenverderbnis nicht zu steuern vermöge, der Sittenverderbnis bei
+halbreifen Geschöpfen jedoch, der mußte ein Zügel angelegt werden
+können. -- Meine Großmutter schickte ihren Kammerdiener wieder zu den
+Eltern Mischkas. Mit der Liebschaft des Burschen habe es aus zu sein.
+Das sei eine Schande für so einen Buben, ließ sie sagen, ein solcher Bub
+habe an andre Dinge zu denken.
+
+»Der Mischka, der zu Hause war, als die Botschaft kam, schämte sich in
+seine Haut hinein ...«
+
+»Es ist doch stark, daß Sie jetzt gar in der Haut Mischkas stecken
+wollen!« fuhr die Gräfin höhnisch auf.
+
+»Bis über die Ohren!« entgegnete der Graf, »bis über die Ohren steck ich
+darin! Ich fühle, als wäre ich es selbst, die Bestürzung und Beschämung,
+die ihn ergriff. Ich sehe ihn, wie er sich windet in Angst und
+Verlegenheit, einen scheuen Blick auf Vater und Mutter wirft, die auch
+nicht wissen, wo ein und aus vor Schrecken, ich höre sein jammervoll
+klingendes Lachen bei den Worten des Vaters: 'Erbarmen Sie sich, Herr
+Kammerdiener! Er wird ein Ende machen, das versteht sich, gleich wird er
+ein Ende machen!'«
+
+»Diese Versicherung genügte dem edlen Fritz, er kehrte ins Schloß zurück
+und berichtete, glücklich über die treffliche Erfüllung seiner Mission,
+mit den gewohnten Kniebeugungen und dem gewohnten demütigen und
+freudestrahlenden Ausdruck in seiner Vogelphysiognomie: 'Er laßt die
+Hand küssen, er wird ein Ende machen.'«
+
+»Lächerlich!« sagte die Gräfin.
+
+»Höchst lächerlich!« bestätigte der Graf. »Meine gute, vertrauensselige
+Großmutter hielt die Sache damit für abgetan, dachte auch nicht weiter
+darüber nach. Sie war sehr in Anspruch genommen durch die Vorbereitungen
+zu den großen Festen, die alljährlich am zehnten September, ihrem
+Geburtstage, im Schlosse gefeiert wurden, und einen Vor- und Nachtrab
+von kleinen Festen hatten. Da kam die ganze Nachbarschaft zusammen, und
+Dejeuners, auf dem grünen Teppich der Wiesen, Jagden, Pirutschaden,
+Soupers bei schönster Waldbeleuchtung, Bälle -- und so weiter folgten
+einander in fröhlicher Reihe ... Man muß gestehen, unsre Alten
+verstanden Platz einzunehmen und Lärm zu machen in der Welt. Gott weiß,
+wie langweilig und öde unser heutiges Leben auf dem Schlosse ihnen
+erscheinen müßte.«
+
+»Sie waren eben große Herren,« entgegnete die Gräfin bitter, »wir sind
+auf das Land zurückgezogene Armenväter.«
+
+»Und -- Armenmütter,« versetzte der Graf mit einer galanten Verneigung,
+die von derjenigen, der sie galt, nicht eben gnädig aufgenommen wurde.
+Der Graf aber nahm sich das Mißfallen, das er erregt hatte, keineswegs
+zu Herzen, sondern spann mit hellem Erzählerbehagen den Faden seiner
+Geschichte fort:
+
+»So groß der Dienertroß im Schlosse auch war, während der Dauer der
+Festlichkeiten genügte er doch nicht, und es mußten da immer Leute aus
+dem Dorfe zur Aushilfe requiriert werden. Wie es kam, daß sich gerade
+dieses Mal auch Mischkas Geliebte unter ihnen befand, weiß ich nicht,
+genug, es war der Fall, und die beiden Menschen, die einander hätten
+meiden sollen, wurden im Dienste der Gebieterin noch öfter
+zusammengeführt, als dies in früheren Tagen bei der gemeinsamen
+Feldarbeit geschehen war. Er, mit einem Botengang betraut, lief vom
+Garten in die Küche, sie von der Küche in den Garten -- manchmal trafen
+sie sich auch unterwegs und verweilten plaudernd ein Viertelstündchen ...«
+
+»Äußerst interessant!« spottete die Gräfin -- »wenn man doch nur wüßte,
+was sie einander gesagt haben.«
+
+»O, wie Sie schon neugierig geworden sind! -- aber ich verrate Ihnen
+nur, was unumgänglich zu meiner Geschichte gehört. -- Eines Morgens
+lustwandelte die Schloßfrau mit ihren Gästen im Garten. Zufällig lenkte
+die Gesellschaft ihre Schritte nach einem selten betretenen Laubgang und
+gewahrte am Ende desselben ein junges Pärchen, das, aus verschiedenen
+Richtungen kommend, wie freudig überrascht stehen blieb. Der Bursche,
+kein andrer als Mischka, nahm das Mädchen rasch in die Arme und küßte
+es, was es sich ruhig gefallen ließ. Ein schallendes Gelächter brach los
+-- von den Herren und, ich fürchte, auch von einigen der Damen
+ausgestoßen, die der Zufall zu Zeugen dieses kleinen Auftritts gemacht
+hatte. Nur meine Großmutter nahm nicht teil an der allgemeinen
+Heiterkeit. Mischka und seine Geliebte stoben natürlich davon. Der
+Bursche -- man hat es mir erzählt« -- kam der Graf scherzend einer
+voraussichtlichen Einwendung der Gräfin entgegen, »glaubte in dem
+Augenblick sein armes Mädchen zu hassen. Am selben Abend jedoch
+überzeugte er sich des Gegenteils, als er nämlich erfuhr, die Kleine
+werde mit ihrem Kinde nach einer andern Herrschaft der Frau Gräfin
+geschickt; zwei Tagereisen weit für einen Mann, für eine Frau, die noch
+dazu ein anderthalb Jahre altes Kind mitschleppen mußte, wohl noch
+einmal so viel. -- Mehr als: 'Herrgott! Herrgott! o du lieber Herrgott!'
+sprach Mischka nicht, gebärdete sich wie ein Träumender, begriff nicht,
+was man von ihm wolle, als es hieß an die Arbeit gehen -- warf plötzlich
+den Rechen, den ein Gehilfe ihm samt einem erweckenden Rippenstoß
+verabfolgte, auf den Boden, und rannte ins Dorf, nach dem Hüttchen, in
+dem seine Geliebte bei ihrer kranken Mutter wohnte, das heißt, gewohnt
+hatte, denn nun war es damit vorbei. Die Kleine stand reisefertig am
+Lager der völlig gelähmten Alten, die ihr nicht einmal zum Abschiedsegen
+die Hand aufs Haupt legen konnte, und die bitterlich weinte. 'Hört jetzt
+auf zu weinen,' sprach die Tochter, 'hört auf, liebe Mutter. Wer soll euch
+denn die Tränen abwischen, wenn ich einmal fort bin?'
+
+»Sie trocknete die Wangen ihrer Mutter und dann auch ihre eigenen mit
+der Schürze, nahm ihr Kind an die Hand und das Bündel mit ihren wenigen
+Habseligkeiten auf den Rücken und ging ihres Weges an Mischka vorbei,
+und wagte nicht einmal, ihn anzusehen. Er aber folgte ihr von weitem,
+und als der Knecht, der dafür zu sorgen hatte, daß sie ihre Wanderung
+auch richtig antrete, sie auf der Straße hinter dem Dorfe verließ, war
+Mischka bald an ihrer Seite, nahm ihr das Bündel ab, hob das Kind auf
+den Arm und schritt so neben ihr her.
+
+»Die Feldarbeiter, die in der Nähe waren, wunderten sich: -- 'Was tut er
+denn, der Tropf?... Geht er mit? Glaubt er, weil er so dumm ist, daß er
+nur so mitgehen kann?'
+
+»Bald nachher kam keuchend und schreiend der Vater Mischkas gerannt: 'O,
+ihr lieben Heiligen! Heilige Mutter Gottes! hab ich mir's doch gedacht
+-- seiner Dirne läuft er nach, bringt uns noch alle ins Unglück ...
+Mischka! Sohn -- mein Junge!... Nichtsnutz! Teufelsbrut!' -- jammerte
+und fluchte er abwechselnd.
+
+»Als Mischka die Stimme seines Vaters hörte und ihn mit drohend
+geschwungenem Stocke immer näher herankommen sah, ergriff er die
+Flucht, zur größten Freude des Knäbleins, das 'Hott! hott!' jauchzte.
+Bald jedoch besann er sich, daß er seine Gefährtin, die ihm nicht so
+rasch folgen konnte, im Stich gelassen, wandte sich und lief zu ihr
+zurück. Sie war bereits von seinem Vater erreicht und zu Boden
+geschlagen worden. Wie wahnsinnig raste der Zornige, schlug drein mit
+den Füßen und mit dem Stocke, und ließ seinen ganzen Grimm über den Sohn
+an dem wehrlosen Geschöpfe aus.
+
+»Mischka warf sich dem Vater entgegen, und ein furchtbares Ringen
+zwischen den beiden begann, das mit der völligen Niederlage des
+Schwächeren, des Jüngeren, endete. Windelweich geprügelt, aus einer
+Stirnwunde blutend, gab er den Kampf und den Widerstand auf. Der Häusler
+faßte ihn am Hemdkragen und zerrte ihn mit sich; der armen kleinen Frau
+aber, die sich inzwischen mühsam aufgerafft hatte, rief er zu: 'Mach
+fort!'
+
+»Sie gehorchte lautlos, und selbst die Arbeiter auf dem Felde, stumpfes,
+gleichgültiges Volk, fühlten Mitleid und sahen ihr lange nach, wie sie
+so dahinwankte mit ihrem Kinde, so hilfsbedürftig und so völlig
+verlassen.
+
+»In der Nähe des Schlosses trafen Mischka und sein Vater den Gärtner,
+den der Häusler sogleich als 'gnädiger Herr' ansprach und flehentlich
+ersuchte, nur eine Stunde Geduld zu haben mit seinem Sohne. In einer
+Stunde werde Mischka gewiß wieder bei der Arbeit sein; jetzt müsse er
+nur geschwind heimgehen und sich waschen und sein Hemd auch. Der Gärtner
+fragte: 'Was ist ihm denn? er ist ja ganz blutig.' -- 'Nichts ist ihm,'
+lautete die Antwort, 'er ist nur von der Leiter gefallen.'
+
+»Mischka hielt das Wort, das sein Vater für ihn gegeben, und war eine
+Stunde später richtig wieder bei der Arbeit. Am Abend aber ging er ins
+Wirtshaus und trank sich einen Rausch an, den ersten freiwilligen, war
+überhaupt seit dem Tage wie verwandelt. Mit dem Vater, der ihn gern
+versöhnt hätte, denn Mischka war, seitdem er im Schloßgarten
+Beschäftigung gefunden, ein Kapital geworden, das Zinsen trug, sprach er
+kein Wort, und von dem Gelde, das er verdiente, brachte er keinen
+Kreuzer nach Hause. Es wurde teils für Branntwein verausgabt, teils für
+Unterstützungen, die Mischka der Mutter seiner Geliebten angedeihen ließ
+-- und diese zweite Verwendung des von dem Burschen Erworbenen erschien
+dem Häusler als der ärgste Frevel, den sein Sohn an ihm begehen konnte.
+Daß der arme Teufel, der arme Eltern hatte, etwas wegschenkte, an eine
+Fremde wegschenkte, der Gedanke wurde der Alp des Alten, sein nagender
+Wurm. Je wütender der Vater sich gebärdete, desto verstockter zeigte
+sich der Sohn. Er kam zuletzt gar nicht mehr nach Hause, oder höchstens
+einmal im geheimen, wenn er den Vater auswärts mußte, um die Mutter zu
+sehen, an der ihm das Herz hing. Diese Mutter ...« der Graf machte eine
+Pause -- »Sie, liebe Freundin, kennen sie, wie ich sie kenne.«
+
+»Ich soll sie kennen?... Sie lebt noch?« fragte die Gräfin ungläubig.
+
+»Sie lebt; nicht im Urbilde zwar, aber in vielfachen Abbildern. Das
+kleine, schwächliche, immer bebende Weiblein mit dem sanften, vor der
+Zeit gealterten Gesicht, mit den Bewegungen des verprügelten Hundes, das
+untertänigst in sich zusammensinkt und zu lächeln versucht, wenn eine so
+hohe Dame, wie Sie sind, oder ein so guter Herr, wie ich bin, ihm einmal
+zuruft: 'Wie geht's?' und in demütigster Freundlichkeit antwortet:
+'Vergelt's Gott -- wie's eben kann.' -- Gut genug für unsereins, ist
+seine Meinung, für ein Lasttier in Menschengestalt. Was dürfte man
+anders verlangen, und wenn man's verlangte, wer gäbe es einem? -- Du
+nicht, hohe Frau, und du nicht, guter Herr ...«
+
+»Weiter, weiter!« sprach die Gräfin. »Sind Sie bald zu Ende?«
+
+»Bald. -- Der Vater Mischkas kam einst zu ungewohnter Stunde nach der
+Hütte und fand da seinen Jungen. 'Zur Mutter also kann er kommen, zu mir
+nicht,' schrie er, schimpfte beide Verräter und Verschwörer und begann
+Mischka zu mißhandeln, was sich der gefallen ließ. Als der Häusler sich
+jedoch anschickte, auch sein Weib zu züchtigen, fiel der Bursche ihm in
+den Arm. Merkwürdig genug, warum just damals? Wenn man ihn gefragt
+hätte, wie oft er den Vater die Mutter schlagen sah, hätte er sagen
+müssen: 'Soviel Jahre, als ich ihrer gedenke, mit dreihundertfünfundsechzig
+multipliziert, das gibt die Zahl.' -- Und die ganze Zeit hindurch hatte
+er dazu geschwiegen, und heute loderte beim längst gewohnten Anblick
+plötzlich ein unbezwinglicher Zorn in ihm empor. Zum zweiten Male nahm
+er gegen den Vater Partei für das schwächere Geschlecht, und dieses Mal
+blieb er Sieger. Er scheint aber mehr Entsetzen als Freude über seinen
+Triumph empfunden zu haben. Mit einem heftigen Aufschluchzen rief er dem
+Vater, der nun klein beigeben wollte, rief er der weinenden Mutter zu:
+'Lebt wohl, mich seht ihr nie wieder!' und stürmte davon. Vierzehn Tage
+lang hofften die Eltern umsonst auf seine Rückkehr, er war und blieb
+verschwunden. Bis ins Schloß gelangte die Kunde seiner Flucht; meiner
+Großmutter wurde angezeigt, Mischka habe seinen Vater halbtot geschlagen
+und sich dann davon gemacht. Nun aber war es nach der Verletzung des
+sechsten Gebotes diejenige des vierten, die von meiner Großmutter am
+schärfsten verdammt wurde; gegen schlechte und undankbare Kinder kannte
+sie keine Nachsicht ... Sie befahl, auf den Mischka zu fahnden, sie
+befahl, seiner habhaft zu werden und ihn heimzubringen zu exemplarischer
+Bestrafung.
+
+»Ein paarmal war die Sonne auf- und untergegangen, da stand eines
+Morgens Herr Fritz an der Gartenpforte und blickte auf die Landstraße
+hinaus. Lau und leise wehte der Wind über die Stoppelfelder, die
+Atmosphäre war voll feinen Staubes, den die Allverklärerin Sonne
+durchleuchtete und goldig schimmern ließ. Ihre Strahlen bildeten in dem
+beweglichen Element reizende kleine Milchstraßen, in denen Milliarden
+von winzigen Sternchen aufblitzten. Und nun kam durch das flimmernde,
+tanzende Atomengewimmel eine schwere, graue Wolkensäule, bewegte sich
+immer näher und rollte endlich so nahe an der Pforte vorbei, daß Fritz
+deutlich unterscheiden konnte, wen sie umhüllte. Zwei Heiducken waren es
+und Mischka. Er sah aus blaß und hohläugig wie der Tod und wankte beim
+Gehen. In den Armen trug er sein Kind, das die Händchen um seinen Hals
+geschlungen, den Kopf auf seine Schulter gelegt hatte und schlief. Fritz
+öffnete das Tor, schloß sich der kleinen Karawane an, holte rasch einige
+Erkundigungen ein und schwebte dann, ein Papagei im Taubenfluge, ins
+Haus, über die Treppe, in den Saal hinein, in dem meine Großmutter eben
+die sonnabendliche Ratsversammlung hielt. Der Kammerdiener, von dem
+Glücksgefühl getragen, das Bedientenseelen beim Überbringen einer
+neuesten Nachricht zu empfinden pflegen, rundete ausdrucksvoll seine
+Arme und sprach, vor Wonne fast platzend: 'Der Mischka laßt die Hand
+küssen. Er ist wieder da.'
+
+»'Wo war er?' fragte meine Großmutter.
+
+»'Mein Gott, hochgräfliche Gnaden' -- lispelte Fritz, schlug mehrmals
+schnell nacheinander mit der Zunge an den Gaumen und blickte die
+Gebieterin so zärtlich an, als die tiefste, unterwürfigste Knechtschaft
+es ihm nur irgend erlaubte. 'Wo wird er gewesen sein ... Bei seiner
+Geliebten. Ja,' bestätigte er, während die Herrin, empört über diesen
+frechen Ungehorsam, die Stirn runzelte, 'ja, und gewehrt hat er sich
+gegen die Heiducken, und dem Janko hat er, ja, beinahe ein Auge
+ausgeschlagen.'
+
+»Meine Großmutter fuhr auf: 'Ich hätte wirklich Lust, ihn henken zu
+lassen.'
+
+»Alle Beamten verneigten sich stumm; nur der Oberförster warf nach
+einigem Zagen die Behauptung hin: 'Hochgräfliche Gnaden werden es aber
+nicht tun.'
+
+»'Woher weiß er das?' fragte meine Großmutter mit der strengen
+Herrschermiene, die so vortrefflich wiedergegeben ist auf ihrem Bilde
+und die mich gruseln macht, wenn ich im Ahnensaal an ihm vorübergehe.
+'Daß ich mein Recht über Leben und Tod noch nie ausgeübt habe, bürgt
+nicht dafür, daß ich es nie ausüben werde.'
+
+»Wieder verneigten sich alle Beamten, wieder trat Schweigen ein, das der
+Inspektor unterbrach, indem er die Entscheidung der Gebieterin in einer
+wichtigen Angelegenheit erbat. Erst nach beendigter Konferenz erkundigte
+er sich, gleichsam privatim, nach der hohen Verfügung betreffs Mischkas.
+
+»Und nun beging meine Großmutter jene Übereilung, von der ich im Anfang
+sprach.
+
+»'Fünfzig Stockprügel,' lautete ihr rasch gefällter Urteilsspruch;
+'gleich heute, es ist ohnehin Samstag.'
+
+»Der Samstag war nämlich zu jener Zeit, deren Sie,« diesem Worte gab der
+Graf eine besondere, sehr schalkhafte Betonung -- »sich unmöglich
+besinnen können, der Tag der Exekutionen. Da wurde die Bank vor das
+Amtshaus gestellt ...«
+
+»Weiter, weiter!« sagte die Gräfin, »halten Sie sich nicht auf mit
+unnötigen Details.«
+
+»Zur Sache denn! -- An demselben Samstag sollten die letzten Gäste
+abreisen, es herrschte große Bewegung im Schlosse; meine Großmutter, mit
+den Vorbereitungen zu einer Abschiedsüberraschung, die sie den
+Scheidenden bereiten ließ, beschäftigt, kam spät dazu, Toilette zum
+Diner zu machen, und trieb ihre Kammerzofen zur Eile an. In diesem
+allerungünstigsten Momente ließ der Doktor sich anmelden. Er war unter
+allen Dignitären der Herrin derjenige, der am wenigsten in Gnaden bei
+ihr stand, verdiente es auch nicht besser, denn einen langweiligeren,
+schwerfälligeren Pedanten hat es nie gegeben.
+
+»Meine Großmutter befahl, ihn abzuweisen, er aber kehrte sich nicht
+daran, sondern schickte ein zweites Mal und ließ die hochgeborene Frau
+Gräfin untertänigst um Gehör bitten, er hätte nur ein paar Worte über
+den Mischka zu sprechen.
+
+»'Was will man denn noch mit dem?' rief die Gebieterin; 'gebt mir Ruhe,
+ich habe andre Sorgen.'
+
+»Der zudringliche Arzt entfernte sich murrend.
+
+»Die Sorgen aber, von denen meine Großmutter gesprochen hatte, waren
+nicht etwa frivole, sondern solche, die zu den peinvollsten gehören --
+Sorgen, für die Ihnen, liebe Freundin, allerdings das Verständnis und
+infolgedessen auch das Mitleid fehlt -- Poetensorgen.«
+
+»O mein Gott!« sagte die Gräfin unbeschreiblich wegwerfend, und der
+Erzähler entgegnete:
+
+»Verachten Sie's, soviel Sie wollen, meine Großmutter besaß poetisches
+Talent, und es manifestierte sich deutlich in dem Schäferspiel »*Les
+adieux de Chloë*«, das sie gedichtet und den Darstellern selbst
+einstudiert hatte. Das Stückchen sollte nach der Tafel, die man im
+Freien abhielt, aufgeführt werden, und der Dichterin, obwohl sie ihres
+Erfolges ziemlich sicher war, bemächtigte sich, je näher der
+entscheidende Augenblick kam, eine desto weniger angenehme Unruhe. Beim
+Dessert, nach einem feierlichen, auf die Frau des Hauses ausgebrachten
+Toast, gab jene ein Zeichen. Die mit Laub überflochtenen Wände, welche
+den Einblick in ein aus beschnittenen Buchenhecken gebildetes Halbrund
+verdeckt hatten, rollten auseinander, und eine improvisierte Bühne wurde
+sichtbar. Man erblickte die Wohnung der Hirtin Chloë, die mit
+Rosenblättern bestreute Moosbank, auf der sie schlief, den mit Tragant
+überzogenen Hausaltar, an dem sie betete, und den mit einem rosafarbigen
+Band umwundenen Rocken, an dem sie die schneeig weiße Wolle ihrer
+Lämmchen spann. Als idyllische Schäferin besaß Chloë das Geheimnis
+dieser Kunst. Nun trat sie selbst aus einem Taxusgange, und hinter ihr
+schritt ihr Gefolge, darunter ihr Liebling, der Schäfer Myrtill. Alle
+trugen Blumen, und in vortrefflichen Alexandrinern teilte nun die zarte
+Chloë dem aufmerksam lauschenden Publikum mit, dies seien die Blumen der
+Erinnerung, gepflückt auf dem Felde der Treue, und bestimmt, dargebracht
+zu werden auf dem Altar der Freundschaft. Gleich nach dieser Eröffnung
+brach ungemessener Jubel im Auditorium los und steigerte sich von Vers
+zu Vers. Einige Damen, die Racine kannten, erklärten, er könne sich vor
+meiner Großmutter verstecken, und einige Herren, die ihn nicht kannten,
+bestätigten es. Sie aber konnte über die Echtheit des Enthusiasmus, den
+ihre Dichtung erweckte, nicht in Zweifel sein. Die Ovationen dauerten
+noch fort, als die Herrschaften schon ihre Wagen oder ihre Pferde
+bestiegen hatten und teils in stattlichen Equipagen, teils in leichten
+Fuhrwerken, teils auf flinken Rossen aus dem Hoftor rollten oder
+sprengten.
+
+»Die Herrin stand unter dem Portal des Schlosses und winkte den
+Scheidenden grüßend und für ihre Hochrufe dankend zu. Sie war so
+friedlich und fröhlich gestimmt, wie dies einem Selbstherrscher, auch
+des kleinsten Reiches, selten zuteil wird. Da -- eben im Begriff, sich
+ins Haus zurückzuwenden, gewahrte sie ein altes Weiblein, das in
+respektvoller Entfernung vor den Stufen des Portals kniete. Es hatte den
+günstigen Augenblick wahrgenommen und sich durch das offenstehende Tor
+im Gewirr und Gedränge unbemerkt hereingeschlichen. Jetzt erst wurde es
+von einigen Lakaien erblickt. Sogleich rannten sie, Herrn Fritz an der
+Spitze, auf das Weiblein zu, um es gröblich hinwegzuschaffen. Zum
+allgemeinen Erstaunen jedoch winkte meine Großmutter die dienstfertige
+Meute ab und befahl zu fragen, wer die Alte sei und was sie wolle. Im
+nämlichen Moment räusperte sich's hinter der Gebieterin und nießte, und,
+den breitkrempigen Hut in der einen Hand und mit der andern die
+Tabaksdose im Busen verbergend, trat der Herr Doktor bedächtig heran.
+'Es ist, hm, hm, hochgräfliche Gnaden werden entschuldigen,' sprach er,
+'es ist die Mutter des Mischka.'
+
+»'Schon wieder Mischka, hat das noch immer kein Ende mit dem Mischka?...
+Und was will die Alte!'«
+
+»'Was wird sie wollen, hochgräfliche Gnaden? Bitten wird sie für ihn
+wollen, nichts andres.'
+
+»'Was denn bitten? Da gibt's nichts zu bitten.'
+
+»'Freilich nicht, ich habe es ihr ohnehin gesagt, aber was nutzt's? Sie
+will doch bitten, hm, hm.'
+
+»'Ganz umsonst, sagen Sie ihr das. Soll ich nicht mehr aus dem Hause
+treten können, ohne zu sehen, wie die Gartenarbeiter ihre Geliebten
+embrassieren?'
+
+»Der Doktor räusperte sich, und meine Großmutter fuhr fort: 'Auch hat er
+seinen Vater halbtot geschlagen.'
+
+»'Hm, hm, er hat ihm eigentlich nichts getan, auch nichts tun _wollen_,
+nur abhalten, die Mutter nicht _ganz_ totzuschlagen.'
+
+»'So?'
+
+»'Ja, hochgräfliche Gnaden. Der Vater, hochgräfliche Gnaden, ist ein
+Mistvieh, hat einen Zahn auf den Mischka, weil der der Mutter seiner
+Geliebten manchmal ein paar Kreuzer zukommen läßt.'
+
+»'Wem?'
+
+»'Der Mutter seiner Geliebten, hochgräfliche Gnaden, ein
+erwerbsunfähiges Weib, dem sozusagen die Quellen der Subsistenzmittel
+abgeschnitten worden sind ... dadurch, daß man die Tochter fortgeschickt
+hat.'
+
+»'Schon gut, schon gut!... Mit den häuslichen Angelegenheiten der Leute
+verschonen Sie mich, Doktor, da mische ich mich nicht hinein.'
+
+»Der Doktor schob mit einer breiten Gebärde den Hut unter den Arm, zog
+das Taschentuch und schneuzte sich diskret. 'So werde ich also der Alten
+sagen, daß es nichts ist.' Er machte, was die Franzosen *une fausse
+sortie* nennen, und setzte hinzu: 'Freilich, hochgräfliche Gnaden, wenn
+es nur wegen des Vaters wäre ...'
+
+»'Nicht bloß wegen des Vaters, er hat auch dem Janko ein Auge
+ausgeschlagen.'
+
+»Der Doktor nahm eine wichtige Miene an, zog die Augenbrauen so hoch in
+die Höhe, daß seine dicke Stirnhaut förmliche Wülste bildete, und
+sprach: 'Was dieses Auge betrifft, das sitzt fest und wird dem Janko
+noch gute Dienste leisten, sobald die Sugillation, die sich durch den
+erhaltenen Faustschlag gebildet hat, aufgesaugt sein wird. Hätte mich
+auch gewundert, wenn der Mischka imstande gewesen wäre, einen kräftigen
+Hieb zu führen nach der Behandlung, die er von den Heiducken erfahren
+hat. Die Heiducken, hochgräfliche Gnaden, haben ihn übel zugerichtet.'
+
+»'Seine Schuld; warum wollte er ihnen nicht gutwillig folgen.'
+
+»'Freilich, freilich, warum wollte er nicht? Vermutlich, weil sie ihn
+vom Sterbebette seiner Geliebten abgeholt haben -- da hat er sich schwer
+getrennt ... Das Mädchen, hm, hm, war in andern Umständen, soll vom
+Vater des Mischka sehr geprügelt worden sein, bevor sie die Wanderung
+angetreten hat. Und dann -- die Wanderung, die weit ist, und die Person,
+hm, hm, die immer schwach gewesen ist ... kein Wunder, wenn sie am Ziele
+zusammengebrochen ist.'
+
+»Meine Großmutter vernahm jedes Wort dieser abgebrochenen Sätze, wenn
+sie sich auch den Anschein zu geben suchte, daß sie ihnen nur eine
+oberflächliche Aufmerksamkeit schenkte. 'Eine merkwürdige Verkettung von
+Fatalitäten,' sprach sie, 'vielleicht eine Strafe des Himmels.'
+
+»'Wohl, wohl,' nickte der Doktor, dessen Gesicht zwar immer seinen
+gleichmütigen Ausdruck behielt, sich aber allmählich purpurrot gefärbt
+hatte. 'Wohl, wohl, des Himmels, und wenn der Himmel sich bereits
+dreingelegt hat, dürfen hochgräfliche Gnaden ihm vielleicht auch das
+Weitere in der Sache überlassen ... ich meine nur so!' schaltete er,
+seine vorlaute Schlußfolgerung entschuldigend, ein -- 'und dieser
+Bettlerin', er deutete nachlässig auf die Mutter Mischkas, 'huldvollst
+ihre flehentliche Bitte erfüllen.'
+
+»Die kniende Alte hatte dem Gespräch zu folgen gesucht, sich aber mit
+keinem Laut daran beteiligt. Ihre Zähne schlugen vor Angst aneinander,
+und sie sank immer tiefer in sich zusammen.
+
+»'Was will sie denn eigentlich?' fragte meine Großmutter.
+
+»'Um acht Tage Aufschub, hochgräfliche Gnaden, der ihrem Sohne
+diktierten Strafe, untersteht sie sich zu bitten, und ich, hochgräfliche
+Gnaden, unterstütze das Gesuch, durch dessen Genehmigung der
+Gerechtigkeit besser Genüge geschähe, als heute der Fall sein kann.'
+
+»'Warum?'
+
+»'Weil der Delinquent in seinem gegenwärtigen Zustande den Vollzug der
+ganzen Strafe schwerlich aushalten würde.'
+
+»Meine Großmutter machte eine unwillige Bewegung und begann langsam die
+Stufen des Portals niederzusteigen. Fritz sprang hinzu und wollte sie
+dabei unterstützen. Sie aber winkte ihn hinweg: 'Geh aufs Amt,' befahl
+sie, 'Mischka ist begnadigt.'
+
+»'Ah!' stieß der treue Knecht bewundernd hervor und enteilte, während
+der Doktor bedächtig die Uhr aus der Tasche zog und leise vor sich
+hinbrummte: 'Hm, hm, es wird noch Zeit sein, die Exekution dürfte eben
+begonnen haben.'
+
+»Das Wort 'begnadigt' war von der Alten verstanden worden; ein Gewinsel
+der Rührung, des Entzückens drang von ihren Lippen, sie fiel nieder und
+drückte, als die Herrin näher trat, das Gesicht auf die Erde, als ob sie
+sich vor so viel Größe und Hoheit dem Boden förmlich gleichzumachen
+suche.
+
+»Der Blick meiner Großmutter glitt mit einer gewissen Scheu über dieses
+Bild verkörperter Demut: 'Steh auf', sagte sie und -- zuckte zusammen
+und horchte ... und alle Anwesenden horchten erschaudernd, die einen
+starr, die andern mit dem albernen Lachen des Entsetzens. Aus der Gegend
+des Amtshauses hatten die Lüfte einen gräßlichen Schrei herübergetragen.
+Er schien ein Echo geweckt zu haben in der Brust des alten Weibleins,
+denn es erhob stöhnend den Kopf und murmelte ein Gebet ...
+
+»'Nun?' fragte einige Minuten später meine Großmutter den atemlos
+herbeistürzenden Fritz: 'Hast du's bestellt?'
+
+»'Zu dienen,' antwortete Fritz und brachte es diesmal statt zu seinem
+süßen Lächeln nur zu einem kläglichen Grinsen: 'Er laßt die Hand küssen,
+er ist schon tot.'« --
+
+»Fürchterlich!« rief die Gräfin aus, »und das nennen Sie eine friedliche
+Geschichte?«
+
+»Verzeihen Sie die Kriegslist, Sie hätten mich ja sonst nicht angehört,«
+erwiderte der Graf. »Aber vielleicht begreifen Sie jetzt, warum ich den
+sanftmütigen Nachkommen Mischkas nicht aus dem Dienst jage, obwohl er
+meine Interessen eigentlich recht nachlässig vertritt.«
+
+
+
+
+ Fräulein Susannens Weihnachtsabend.
+
+
+Fräulein Susette, oder wie sie sich lieber nennt, Susanne, spazierte am
+Weihnachtsabend munter in ihrem Zimmer hin und her. Sie hatte viele
+Leute beschenkt, versetzte sich nun im Geiste zu dem und jenem der
+angenehm Überraschten und befand sich da sehr behaglich. Ihre zu
+kleinen, aber flinken und geschickten Hände schlugen gleichsam den Takt
+zu der Freudenmusik in ihrem Innern, indem sie die beinernen Nadeln der
+Strickerei rasch und lieblich klappern ließen.
+
+Andern Vergnügen machen ist ein Vergnügen für jeden natürlich gearteten
+Menschen, dachte sie, für mich aber, die so spät dazu kam, ein
+berauschendes Glück. -- Wenn einem die Eltern mißraten sind, wenn man
+ein langes Dasein der freudlosen Pflichterfüllung, der Unterwürfigkeit
+und Entbehrung hinter sich hat, und erwacht eines Morgens selbständig,
+frei, wohlhabend, gar nicht mehr jung, aber mit einem ungehobenen Schatz
+an Heiterkeit im Herzen, das ist zum Übermütigwerden, und Susanne wurde
+übermütig und machte ausschweifenden Gebrauch von ihrer Unabhängigkeit
+und von ihrem Reichtum.
+
+Sie hatte viele Jahre mit ihrer begüterten, aber vom Geizteufel
+besessenen Großmutter in einer armen Leuten abgemieteten Dachkammer
+gelebt. Wie gelebt! Als geduldige und mißhandelte Magd. Dennoch vergoß
+sie am Sterbebette ihrer Tyrannin ehrliche Tränen.
+
+Nach dem Tode der alten Frau befand sich Susanne, deren einziges
+Enkelkind, an der Spitze eines nach ihren Begriffen großen Vermögens.
+Die Erbin bezog nun eine hübsche, aus drei Zimmern und einer Küche
+bestehende Wohnung im vierten Stock eines stattlichen Hauses in der
+Göttweihergasse. Sie nahm ein Dienstmädchen auf, ging oft spazieren und
+stieg, wenn sie müde wurde, in einen Stellwagen, ohne weiteres -- wie
+eine Prinzessin.
+
+Der Luxus jedoch, den sie am maßlosesten betrieb, war der
+Verschenkluxus; ihm ergab sie sich immer, besonders aber um die
+gesegnete Weihnachtszeit, und ein solcher Christabend, an dem Susanne
+auf und ab pendelte in ihrer guten Stube -- sorgfältig vermeidend, den
+Rand des kleinen, unter dem Tische liegenden Teppichs zu betreten, um
+ihn nicht abzunützen -- und an alle die Menschen dachte, denen sie eine
+Freude bereitet hatte -- ein solcher Christabend ... Niemand vermag
+seine stillen Entzückungen zu schildern. Das Fräulein wußte nur eins:
+sich die Hochgefühle, von denen sie jetzt beseelt wird, in Permanenz
+versetzt denken, und sie hat eine Vorstellung dessen, was himmlische
+Seligkeit ist.
+
+Auf einmal blieb Susanne stehen und horchte. Durch die Wand, aus der
+Wohnung nebenan, war das Gekreische jubelnder Stimmen zu ihr gedrungen.
+Haha, die Kunzelkinder! Nur zu! Dieser Jubel macht dem Fräulein kein
+geringes Vergnügen, denn sie ist dessen Urheberin. Sie hat den
+Christbaum gekauft und geschmückt, der jetzt so begeistert akklamiert
+wird. Ohne sie hätten die Nachbarn einen traurigen Weihnachtsabend
+gehabt. Sie war kürzlich dem Haupte der Familie, dem Herrn
+Kürschnermeister Kunzel, und seinem ältesten Sprößling, dem
+siebenjährigen Toni, auf der Treppe begegnet und hatte zu dem Kinde
+gesagt: »Nun, Toni, freust du dich auf den Christbaum?« worauf der Junge
+seine kleinen, tiefliegenden Augen gesenkt, die Unterlippe vorgeschoben
+und etwas Unverständliches gemurmelt, der Kürschnermeister jedoch mit
+einer weit ausholenden Schwenkung des Hutes und ehrfürchtiger Verbeugung
+geantwortet hatte: »Ach nein, gnädigstes Fräulein, heuer hält sich das
+Christkinderl bei uns nicht auf ... Es wird ... es hat ...« Er stockte,
+fuhr langsam mit seiner breiten Hand über den Kopf und das Gesicht und
+setzte verlegen hinzu: »Es muß sparen ... auf eine neue Wiege -- mit
+Zubehör ... die alte tut's durchaus nicht mehr ...«
+
+»Mein Gott, das sechste, und ich habe schon das vierte und das fünfte
+aus der Taufe gehoben!« sagte Susanne zu sich selbst, und zu Herrn
+Kunzel sagte sie nichts, sondern ging stumm und unaufhaltsam ihrer Wege,
+was sie später sehr bereute. Wenn man auch keineswegs gesonnen ist, bei
+Nummer sechs Taufpatenstelle zu vertreten, läuft man doch nicht mit
+unanständiger Eile davon, weil einem dessen bevorstehende Ankunft
+angezeigt wird.
+
+Das Schlimme, ja das Abscheuliche dabei ist, daß Susanne um die Gunst,
+welche sie eben in Gedanken verweigerte -- nie gebeten worden ist,
+dieselbe vielmehr selbst angeboten und sogar nach der Geburt von Nummer
+fünf aufgedrungen, als sie gehört hatte: die Kürschnersleute finden
+keine Taufpatin für ihre Jüngste.
+
+Wie überrascht waren jene gewesen, da Susanne im Augenblick der größten
+Verlegenheit als rettender Engel erschien, aber auch wie ehrlich
+beschämt! Der Mann ganz rot, und die Frau ganz blaß, hatten zuerst an
+das großmütige Anerbieten kaum glauben können. Sie hatten einander
+bestürzt angesehen und gemurmelt: »Nein, Mutter ... das wäre zu viel.«
+-- »Nein, Vater, das gibt's nicht ...«
+
+Und einmal wieder hatte Susanne was »zu viel« ist und »was es nicht
+gibt« getan und einmal wieder in den auserlesensten Hochgefühlen
+geschwelgt und sich in eine neue Gelegenheit zu fortwährenden Opfern
+hineingestürzt mit Mutius Scävolaischer Begeisterung.
+
+Das der wirkliche Sachverhalt, bei dem sich die Noblesse des braven
+Ehepaares so deutlich geoffenbart, und aus dem Susanne so wenig gelernt
+hatte, daß sie entfloh wie vor einer Gefahr, vor der Aussicht auf ein
+neues Kunzelchen.
+
+Welche Abgründe im Menschenherzen, sogar in einem ganz passablen! klagte
+sie. Stille, schwarze Wässerchen, verborgene Miserabilitätsadern in
+einem scheinbar leidlich gesunden Organismus.
+
+Susanne hatte viel gelitten durch die Erinnerung an ihr schnödes
+Benehmen gegen Herrn Kunzel, und das Gejauchze seiner Kinder, das sie
+jetzt vernahm, wirkte unsagbar heilend auf ihre Seelenwunde. Gar lebhaft
+und innig regte sich in dem Fräulein der Wunsch, ein bißchen
+hinüberzugehen zu den guten Leutchen, um persönlich an ihrer Freude
+teilzunehmen.
+
+Aber der Respekt der Einsamen vor der Familie, die man an einem Tage,
+wie der heutige, in ihrem friedlichen Beisammensein nicht stören darf,
+hielt sie davon ab, und so fuhr sie fort, ihre Besuche vergnügt in
+Gedanken abzustatten.
+
+Sie flog in die Brigittenau zu ihrer Wäscherin und von da zu dem
+Buchbinder Hasse in Lerchenfeld, und von Lerchenfeld in die Kumpfgasse
+zur alten Blumenresel, zu lauter wackeren, schwer ringenden Menschen,
+die heute aufatmen -- Susanne hat sie von ihren drückenden Sorgen
+befreit. Von der Kumpfgasse begibt sich das Fräulein nach der Freiung,
+sie tut es ein wenig zögernd.
+
+Ach -- es kann nicht anders sein!... Wenn sie von Leuten kommt, die sich
+eine Ehre aus ihr machen -- jetzt naht sie einer Wohnung, die auch nur
+im Geiste zu betreten eitel Ehre für sie ist, denn in dieser Wohnung
+residiert ihr Vetter Joseph, der kaiserlich königliche Hofrat. Ein
+Pracht- und Mustermensch, der Vetter Hofrat, angebetet von seinen
+Untergebenen, hochgeschätzt von seinen Vorgesetzten, ein Beamter mit
+großer Zukunft. Und was für ein Ehemann! Die Ritterlichkeit, die Liebe
+selbst. -- Verehrter Joseph!... Ja, was für ein Ehemann! Was für ein
+Vater, und -- Susanne darf sagen -- was für ein Vetter!
+
+Musterhaft schon von jeher, hatte Joseph aus reinem Pflichtgefühl die
+Großtante manchmal in ihrer Dachkammer besucht und auf Susanne einen
+Eindruck gemacht, dessen Tiefe sie erst ermaß, als sie hörte: der Vetter
+heiratet ein schönes, sehr reiches Fräulein.
+
+Sie erschrak tödlich über diese Nachricht und dann über ihr
+Erschrecken. Hatte sie denn auf ihn gehofft, den Hohen, Einzigen? --
+Niemals! Mit Seelenstärke überwand sie ihren unberechtigten Schmerz; sie
+begeisterte sich sogar für die Frau ihres Vetters und fuhr fort, ihn zu
+bewundern. Seine glänzende Heirat machte ihn nicht hochmütig, er blieb
+immer gleich huldvoll gegen die arme Susanne.
+
+In ihren schwersten Tagen -- nie wird sie es ihm vergessen --, wenn sie
+ihn auf der Straße traf und wegen ihres in der Auflösung begriffenen
+Fähnchens und ihres ärmlichen alten Umhängetuches vor Beschämung am
+liebsten zu einem Schatten auf dem Trottoir zerflossen wäre -- hatte er
+sie nie verleugnet. Im Gegenteil, sie immer herablassend gegrüßt mit
+zwei Fingern der schwedisch behandschuhten Rechten, die er eigens zu
+diesem Behufe, sogar im Winter, aus der Tasche des kostbaren,
+ehrfurchtgebietenden Paletots gezogen; manchmal auch: »Gu'n Morgen,
+Sette,« dazu gesagt ...
+
+»Gu'n Morgen, Sette!« ... Wie lange, wie süß hatte es immer in ihr
+nachgehallt und sie mit einem Klange umschmeichelt, für den sie nur
+_eine_ richtige Bezeichnung fand -- einem balsamischen Klange.
+
+Jetzt, zu Geld und Gut gekommen, zeigte Susanne sich dankbar, indem sie
+jede Gelegenheit ergriff, ihrem Vetter oder einem der Seinen eine
+Aufmerksamkeit zu erweisen, und mit den Christgeschenken trieb sie es
+großmütiger von Jahr zu Jahr. Ihr Budget wurde dadurch sehr beschwert --
+aber ihre Seele bekam Flügel.
+
+Und nicht genug ...
+
+Mit den Wonnen des heutigen Tages fand das Glück sich noch nicht ab. Es
+brachte Fortsetzung -- einen unaussprechlich lieben Besuch. Morgen,
+Susanne darf darauf rechnen, nach der heiligen Messe, wird der Vetter
+weihrauchduftend erscheinen, in Begleitung seiner imponierend schönen
+Frau, seines lieben fünfzehnjährigen Sohnes und seiner kleinen Tochter.
+Sein mächtiges, glatt rasiertes Gesicht wird von dem Lichte würdevollen
+Wohlwollens erhellt sein, und er wird sagen: »Wirklich, Sette, zu viel,
+wir bitten ...«
+
+Die schöne Base jedoch wird ihm ins Wort fallen -- spöttisch lachend,
+wie sie pflegt, wahrscheinlich weil es ihr so reizend steht: »Nein, wie
+die gute Susette nur jedesmal errät, was wir uns am meisten wünschen!
+Wie sie das nur anfängt, die gute Susette!«
+
+Eine große Verwirrung wird sich des Fräuleins bemächtigen. Sollte die
+Kammerjungfer das geheime Einverständnis, in dem sie sich befinden,
+verraten haben? -- Aber nein, das wäre zu schlecht, solche
+Schlechtigkeit kann nicht vorkommen in der Nähe _dieser_ Menschen. Damit
+wird sie sich trösten; es werden noch einige Reden gewechselt werden,
+und dann wird Joseph aufstehen und sprechen: »Wir sind auch gekommen, um
+dir glückliche Feiertage und ein glückliches neues Jahr zu wünschen,
+Sette. Kinder, gratuliert der Tante!«
+
+Die wohlerzogenen artigen Kinder werden sogleich die Absicht an den Tag
+legen, dem Fräulein die Hände zu küssen, was sie natürlich nicht zugeben
+wird. Und die schöne Cousine wird -- abermals mit ihrem reizend
+spöttischen Lächeln, ihre Wange derjenigen Susannes bis auf einen
+Zentimeter nähern und dabei die Luft küssen ... Und dann werden sie
+gehen, und Susanne wird sie bis an die Haustür begleiten, ins Zimmer
+zurückeilen, die Arme ausbreiten und rufen:
+
+»Sie waren da! Sie waren da!« und Rosi, die verdienstvolle Magd, wird
+ihre Zustimmung kundgeben. »No jo. Dos sind holt Herrschoften. Do
+hoben's Fräul'n auch amol an B'such von Herrschoften kriegt und nit
+immer nur von so Leut, die wos wolln. No joh!«
+
+Ach, der Vorgenuß und der Nachgenuß, das sind die rechten. Der
+Augenblick selbst hat etwas Überwältigendes ... Schon das gewisse Würgen
+im Halse, das sich einstellt, wenn um Zwölf die Glocke ertönt ...
+
+Hilf Gott! just als sie es denkt, da läutet's. Was bedeutet das? Wem
+kann es nur einfallen, daher zu kommen am Weihnachtsabend? Rosi erwartet
+allerdings ihre Schwestern, aber die klingeln nicht, die klopfen.
+
+Etwas Unheimliches ist's zum Glücke nicht, das Fräulein hört ihre
+Dienerin auf dem Gange sehr heiter sprechen, und nun tritt die
+schmunzelnd ein und sagt:
+
+»Eine Visit soll ich anmelden. Noh, Tonerl, is g'fällig?«
+
+Es ist gefällig; der Angerufene, Toni Kunzel, erscheint. Mit ernster,
+geschäftsmäßiger Miene, den großen, lichtblonden Kopf vorgebeugt, geht
+er gradaus auf den Tisch zu und legt drei Pakete von verschiedener Größe
+darauf. Zu grüßen hat er vergessen vor lauter Wichtigkeit. Er wickelt
+das Mitgebrachte schweigend aus den vielen, nicht eben blanken Papieren,
+in die es eingehüllt ist, knüllt jedes extra zusammen und steckt es in
+die rückwärtige Tasche seines grünen Jäckchens, das zuletzt wegragt wie
+ein Pfauenschwanz.
+
+Nach und nach sind zum Vorschein gekommen: eine vergoldete Nuß, ein
+roter Apfel und ein lebzeltener Husar, mit einem von kleinen Zähnen
+etwas angenagten Federbusch. Toni legt alles schön nebeneinander, ändert
+die Reihenfolge einige Male, bis sie ihm recht ist und der Husar zuerst
+und die Nuß zuletzt kommt. Dann fährt er mit dem Rücken der Hand an
+dieser Darbringung, sie gleichsam unterstreichend, vorbei und sagt:
+
+»So, Fräul'n. Nimm Sie sich das. Weil heut Christabend is. Daß Sie auch
+was hat;« und sieht sie dabei so kapabel und überlegen an, aus unsagbar
+ehrlichen und unschuldigen Augen, und wartet siegessicher auf die
+Äußerung des Beifalls, den seine Großmut erwecken muß.
+
+»O du Toni!« will Susanne ausrufen, aber mitten im Satze kippt ihre
+Stimme um; es schießt ihr heiß in die Augen, und ihr Näschen rötet sich.
+Sie nimmt den edlen Spender beim Kopf und drückt einen Kuß auf seinen
+Scheitel, und Toni, offenbar ungemein geschmeichelt und gerührt, packt
+ihre kleine Rechte und küßt sie auf das allerinnigste. Dann läßt er noch
+eine Anpreisung und Gebrauchsanweisung seiner Gaben folgen: »'s is alles
+gut. Alles vom Christkinderl. Sie kann alles essen, auch die Nuß. Aber
+schad wär's halt.«
+
+Damit empfiehlt er sich.
+
+Das Fräulein ist wieder allein. Süße, schöner denn je belebte
+Einsamkeit!... »O du Toni!« und! »Nein, das Kind!« sagt sie unzählige
+Male. Da hat sie nun die erste Christbescherung erhalten in ihrem
+ganzen Leben, und das macht ihr einen Eindruck ... sie wird ganz
+töricht, als sie sich Rechenschaft von ihm geben will ... Es ist ein
+himmelblauer Eindruck, meint sie, und lacht und strickt dazu. Himmelblau
+mit goldenen Sternchen, und stellenweise, wo er durchsichtig wird, guckt
+ein wehmütig grauer Hintergrund heraus. Musik ist auch dabei, die
+Sternchen klingen. Ein wenig verrückt diese Idee ... sei's darum! Nach
+einem außerordentlichen Ereignis hat man eben andre als
+Werkeltagsgedanken, und -- was fährt Susannen nicht alles durch den Kopf!
+Viel angenehmer Unsinn, an den sie beileibe nicht glaubt, den sie sich
+aber doch vorspiegeln läßt von Dame Phantasie, weil die heute so gut bei
+Laune ist.
+
+-- Wenn ein Kind das Herzensbedürfnis empfand, dich zu beschenken,
+spricht die alte, ewig junge Faslerin, warum sollten nicht auch
+Erwachsene es empfinden? Warte nur, was heute noch alles kommt!
+
+Susanne depreziert: Wer sollte mir etwas schenken? Der es tun könnte,
+der Vetter, ein Familienvater, hat andre Sorgen -- und meine übrigen
+Bekannten sind arme Leute. --
+
+Das macht nichts, auch die können geben. Die Blumenresel zum Beispiel,
+die gerade jetzt, dank deiner Verwendung, dreißig Jubiläumssträuße in
+der Singerstraße abzuliefern hat, könnte wohl im Vorübergehen eine
+schöne, frische Rose für dich abgeben. Sie brauchte sich deiner nur zu
+erinnern, wie der kleine Toni sich deiner erinnert hat ... Und der
+Buchbinder Hasse in Lerchenfeld, für den du den Mietzins erlegtest, und
+der aus Abschnitzeln so allerliebste Notizbüchelchen macht. Ein Dutzend
+davon hast du ihm abgenommen und verschenkt bis auf eines, das du
+kindische alte Person gar zu gern selbst behalten hättest, das rehbraune
+mit dem vierblättrigen Klee -- du überwandest diese Regung des Geizes,
+denn Rosi lechzte ja förmlich nach dem Büchlein, im Interesse ihres
+Liebhabers, ohne Zweifel. Wenn nun dem guten Hasse einfiele, was dem
+Kunzeltoni eingefallen ist, daß auch du am Christabend etwas haben
+sollst, wenn der Meister ein solches Büchlein brächte, oder schickte,
+durch die Post ... Es wäre noch Zeit, eben schlägt's Sieben, da kommt
+der Briefträger ins Haus ...
+
+Kling! kling! o Tag der Wunder! wird die Schwätzerin recht behalten? --
+Es hat wieder geläutet: Rosi geht die Haustür öffnen und schreit so laut
+auf, daß man's deutlich bis ins Zimmer hört: »Jo wos denn? Na, so wos
+...« Und schon wirbelt sie herein, und ihr auf dem Fuße folgt ein
+Kommissionär, dessen Gesicht feuerfarbig und dessen Gang schwankend ist,
+und trägt ein mit winzigen Kerzen bestecktes, mit dem feinsten Konfekt
+behangenes Christbäumchen.
+
+Susanne starrt und starrt und bringt keine Silbe über die Lippen.
+
+Um so beredter ist Rosi, die spricht ohne Aufhören: »Von der Freiung
+Nummer sechzehn is er geschickt, sogt er. No joh, vom Herrn Vetter, no i
+sog's holt -- die Herrschoften ... 's is lang nix kommen, ober wenn emol
+was kommt, kommt was Rechts. Do stellen's es her auf'n Tisch, 's
+Christbäumerl.«
+
+Merkwürdigerweise zögert der Kommissionär, er sieht sowohl Rosi wie
+Susanne betroffen an, und sagt, er habe den Auftrag, das Präsent dem
+Fräulein persönlich zu übergeben. Die Versicherung Rosis, das Fräulein
+stehe vor ihm, will ihm nicht recht einleuchten. Fräulein Rainer mit
+einem A sei ihm gesagt worden.
+
+»Reiner mit E,« berichtigt Susanne, und er wiederholt:
+
+»Mit E?« und stellt das Bäumchen auf den Tisch, um in seiner Tasche nach
+dem Adreßzettel zu suchen, den ihm sein Auftraggeber eingehändigt hat.
+Rosis Geduld jedoch ist erschöpft. Sie nimmt den Mann bei den Schultern
+und schiebt ihn mit kräftigen Armen aus dem Zimmer. Der Angetrunkene
+sucht Widerstand zu leisten, es ist aber vergeblich. »Gib ihm einen
+Gulden!« ruft Susanne ihrer Dienerin nach, und das kommt mit einem
+Jauchzen heraus, glückseliger als das der Kunzelkinder. Die Jugend ist
+die Zeit der Freude, sagen die Leute. Irrtum! Irrtum! alt muß man sein
+und eine Freude kaum mehr erwartet haben, um sie zu begrüßen, wenn sie
+kommt, wie Frühlingsodem an einem Wintertag.
+
+Unwillkürlich hat Susanne vor dem Bäumchen die Hände gefaltet. Ich lasse
+einen Glassturz darüber machen, beschließt sie, an meinem Sterbebette
+soll es stehen. Mein letzter Blick soll darauf fallen und Gott danken,
+daß er seine Menschen so gut gegen mich sein ließ.
+
+Wie Susanne das Bäumchen immer aufmerksamer betrachtet, entdeckt sie
+halb verborgen im Moose, das den zierlichen Stamm umgibt, ein Päckchen
+in schneeweißem Papier. Sie entfaltet es: sein Inhalt besteht in einem
+mit rosafarbigem Atlas überzogenen Etui. Auf dem Deckel ist ein
+Papierstreifen angesteckt, der eine in der mikroskopischen Schrift des
+Vetters ausgeführte Widmung trägt. Sie lautet:
+
+ Es zeigt Dir dieser Stein hier,
+ Was immer ist ohne Dir:
+
+ Dein Seppel.
+
+Ohne »Dir« und -- »Seppel!« O verehrter Joseph! -- Nun, ein Scherz,
+aber, Susanne kann sich nicht helfen, er hat etwas Verletzendes für sie,
+und geradezu von Schwindel wird sie ergriffen, als sie das Etui öffnet
+und ... Gott! was blinkt und blitzt ihr entgegen in allen Farben des
+Regenbogens? -- ein wundervoll gefaßter Solitär ...
+
+Wahrlich, das übersteigt das Maß, innerhalb dessen eine freudige
+Überraschung noch angenehm ist; das geht in das Gebiet des beunruhigend
+Unbegreiflichen über.
+
+Am liebsten würde Susanne die Widmung von dem Etui herabnehmen, dasselbe
+sorgfältig zusammenpacken und sogleich mit einigen dankend ablehnenden
+Zeilen an den Vetter zurückschicken. Doch fürchtet sie, ihn dadurch zu
+verletzen, und beschließt, die delikate Angelegenheit morgen mündlich
+abzumachen. Halb im Scherz, halb im Ernst wird sie den Vetter fragen, ob
+er sie für eine Person hält, die man ohne weiteres grausam beschämen
+darf? und den Solitär an _das_ Herz legen, an dem er seine Heimstätte zu
+suchen und zu finden hat, das Herz der Gemahlin.
+
+Susanne hat sich in Gedanken alles zurecht gelegt, aber schlafen wird
+sie heute kaum. Die Sorge um den wertvollen Schmuckgegenstand, den sie
+gegen ihren Willen in Verwahrung hat, wird ihr die Ruhe rauben. Noch ist
+sie unentschieden, in welchem ihrer Schränke sie ihn bergen soll, als
+derbe Schritte das Nahen Rosis anzeigen, und Susanne nichts übrig
+bleibt, als das Päckchen einstweilen wieder im Moose zu verstecken. Mit
+einem brennenden Wachsstock in der Hand tritt die Magd ein, ist sehr
+unwirsch und brummt: »Nit zum Wegbringen der Mensch. Betrunken wie a
+Kanon am heilgen Weihnachtsabend. Steht noch auf der Stieg'n und
+studiert sei schmierige Adreß. 'Nummer fünf heißt's,' sogt er, Nummer
+drei heißt's, sog i, kennen's nit lesen?«
+
+»Nummer fünf?« fragt das Fräulein beunruhigt, »liebe Rosi, wenn es
+wirklich fünf hieße und nicht drei?«
+
+Ihr Bedenken wird mit Überlegenheit belächelt, die ihr wohltut; dabei
+zündet die Magd Kerzlein um Kerzlein an. Das reich geputzte Bäumchen
+erstrahlt in magischem Glanze, und dieser Glanz dringt in alle
+Seelentiefen Susannens und leuchtet jeden Zweifel, jede leise
+auftauchende Sorge hinaus.
+
+Sie ist völlig verzückt. Ihr gutes, kleines Mopsgesicht gewinnt einen
+Ausdruck rührend reiner Freude, und sie sagt glückselig bewegt: »Mein
+erster Christbaum, Rosi, mein erster Christbaum, Ro -- --«
+
+Die zweite Silbe bleibt ihr in der Kehle stecken ... Es hat wieder
+geläutet, hastig, ja wild. Susannens Augen richten sich erschrocken auf
+ihre Magd. Die jedoch ist ganz übermütig: »Heut geht's ober zu. No jo,
+vielleicht schickt Seine Majestät der Kaiser wos.«
+
+Sie enteilt, um die Tür aufzureißen vor der neuen Überraschung, und
+eine Überraschung ist's, aber was für eine!
+
+Draußen läßt das Drohen und Fluchen einer rauhen Männerstimme sich
+vernehmen. Ohne anzuklopfen, ohne die Mütze zu rücken, poltert der
+Kommissionär ins Zimmer, schimpft fürchterlich, als er die angezündeten
+Kerzchen am Christbaum erblickt, bläst gleich drei, vier auf einmal aus
+und fährt Rosi, die ihm auf dem Fuße gefolgt ist, mit unglaublicher
+Grobheit an. Er hat es ja gesagt, hinüber auf Nummer fünf gehört das
+Bäumerl, zur Rainer mit A, und nicht zu einer alten Schachtel mit E. Den
+Guldenzettel, den sie ihm gespendet hat, wirft er auf den Tisch. Da hat
+sie das Ihrige, und jetzt hofft er nur, daß ihm nichts weggekommen ist,
+sonst -- den Weg zur Polizei kennt er, den braucht ihm niemand weisen.
+
+Kurz, nachdem er sich benommen wie in einer Diebeshöhle, nimmt er das
+Bäumchen unter den Arm, trampelt davon und schlägt hinter sich die Tür
+zu, daß alles dröhnt.
+
+Susanne ließ sich auf einen Sessel, nicht wie sie sonst pflegte aus
+Rücksicht für den Überzug, nieder_gleiten_, sonder nieder_fallen_, Rosi
+stand vor ihr, nahm einen Zipfel der blanken Schürze, und steckte ihn in
+den Gürtel. Ihre Augen funkelten vor Entrüstung, ihre Lippen wurden dick
+und scharlachrot. Sie kreuzte die nackten Arme und sprach erregt:
+
+»Na, dos is aber doch!«
+
+Das Fräulein hat indessen ein stilles Gebet verrichtet: Lieber Gott, gib
+mir Kraft, vor diesem braven, aber der höchsten Politur ermangelnden
+Mädchen die Würde des Familienlebens meines tiefgesunkenen Vetters zu
+wahren. Gib mir Kraft, ich brauche sie; ich glaube, ich habe keinen
+Puls, und meine Füße sind ganz steif. Wie mir jetzt ist, so dürfte es
+der Erde sein, wenn sie dereinst in die Eisperiode tritt. O meine Sonne,
+mein Prachtmenschenexemplar -- wie siehst du aus!
+
+»Die Rainer,« nimmt Rosi wieder das Wort, »dos is die Lokalsängerin, wo
+neulich so viel in der Zeitung g'standen is. Doß die daneben wohnt, weiß
+freilich die ganze Straß'n. Daß aber der Herr Vetter zu _der_ ihrer
+Bekonntschoft g'hört, hätt i mer nit denkt. Hot so e scheene Frau und
+lauft der schiechen Astel nach.«
+
+Susannens Zähne klappern aneinander, die Zunge klebt ihr am Gaumen, doch
+gelingt es ihr, dank ihrer heroischen Anstrengung, in ziemlich
+natürlichem Tone zu sagen: »Ja, meine liebe Rosi, die Rainer ist eben
+eine große Künstlerin.«
+
+»So? und drum schickt er ihr wos zu Weihnachten, und vielleicht gar
+hinterm Rucken der gnädigen Frau?«
+
+»Liebe Rosi,« erwidert Susanna zurechtweisend und setzt ihre
+Wahrheitsliebe hintan, um die Familienehre zu schützen, »dieses
+Geschenk, es wird von ihm und von ihr sein. Es ist so Sitte bei den
+Herrschaften, daß sie großen Künstlerinnen zu passenden Gelegenheiten
+Blumen schicken oder -- Christbäume.«
+
+»Meinen's Fräulein? -- No jo,« spricht Rosi mit ihrem gewohnten
+überlegenen Lächeln und geht, das Abendessen anzurichten, das heute aus
+Fisch und Gugelhupf besteht. Dazu braut sie einen guten Punsch für sich
+und ihre Schwestern. Es geschieht ohne Wissen der Gebieterin, die nicht
+ahnen darf, daß in ihrem Hause Spirituosen, diese Mörder der
+Intelligenz, genossen werden.
+
+Während der kleine Betrug an ihr verübt wird, bleibt Susanne ihren
+traurigen Betrachtungen überlassen.
+
+-- Solitär, wenn er nicht bei Fräulein Rainer ist! Ein Ehegatte und
+Familienvater? -- »Ohne _Dir_ ...« Sie sind also auf dem Du-Fuße, --
+»Ohne _Dir_,« schauderhaft. Wenn er noch gesagt hätte: »Ohne _Dich_!«
+-- Gott, wie tief sinkt man sofort in jeder Hinsicht, wenn man in einer
+das Gleichgewicht verloren hat.
+
+Tiefbekümmert fragt sich Susanne, ob sie dem ahnungslosen Vetter, hinter
+dessen tiefstes Geheimnis sie gekommen ist, je wieder unter die Augen
+wird treten können, und gar seiner betrogenen Gattin und seinen armen
+Kindern, deren Vater, statt für sie zu sparen, Solitäre kauft für
+Fräulein Rainer.
+
+Zu Tode schämen muß sie sich vor ihnen allen ... sie, die Mitwisserin
+einer großen Schuld. Es wird ihr aufs Herz fallen, verdammende Stimmen
+werden ihr zurufen: Mitwisserin! -- Ach, gar zu gern hätte sie sich den
+morgigen Besuch, vor dem ihr schaudert, erspart, sich krank melden, sich
+entschuldigen lassen. Doch nein! Sie hat leider schon gelogen am
+heiligen Abend, sie wird nicht wieder lügen am heiligen Tage. Durch!
+sagt sie mit Strafford, mitten durch die gehäuften Trümmer ihres
+schönsten Wahngebildes.
+
+Nun sitzt sie da, die Hände im Schoße, wie sie nicht mehr gesessen,
+seitdem sie Totenwache gehalten hat an der Bahre ihrer Großmutter.
+
+Rosi läßt sich wieder sehen, deckt den Tisch, stellt mit berechtigtem
+Stolze das Souper auf und wünscht guten Appetit. Sie wird für heute des
+weiteren Dienstes enthoben und kehrt zu ihren Schwestern zurück, die
+bereits eingetroffen sind.
+
+In der Küche geht es munter zu. Man schmaust, man plaudert, man findet
+des Kicherns kein Ende.
+
+Susanne nickt zustimmend mit dem Kopfe, so oft sie lachen hört: »Freut
+euch des Lebens, ihr Armen, euch glüht ja noch das Lämpchen des Glaubens
+an die Menschen,« sagt sie leise und würgt einige Stückchen Fisch
+hinunter.
+
+Sie tut es nur, um Rosi, wenn die am nächsten Tage fragen sollte: »Hat's
+geschmeckt?« erwidern zu können: »Es war so gut, daß ich nicht alles auf
+einmal verspeisen wollte, und mir etwas aufgehoben habe für heute.« --
+Ach Gott ja, morgen ist wieder ein Heute, und übermorgen auch, und so
+geht es fort und dürfte noch lange fortgehen, denn Susanne hat eine
+eiserne Gesundheit. Vor ihr liegt ein weiter, ein einsamer Weg. Die
+Menschen, denen sie Gutes tut, was ist sie ihnen? Eine unermeßlich
+reiche Person, die einen Teil ihres Überflusses dazu verwendet, sie aus
+drückender Not zu befreien. Mit der Erinnerung an diese schwindet auch
+die Erinnerung an die Befreierin.
+
+Stunden verfließen. Im Hause ist alles still geworden. Das Fräulein geht
+sich überzeugen, ob die Wohnungstür versperrt und verriegelt und die
+Sicherheitskette vorgelegt ist. Ja wohl, so müde und schläfrig Rosi
+gewesen sein mag, sie hat alles in Ordnung gebracht, ehe sie zur Ruhe
+ging. Brave Person! Eine brave Dienerin zu haben ist ein Glück, das ein
+einzeln stehendes weibliches Wesen nicht hoch genug schätzen kann. Als
+Susanne in ihrem Schlafzimmer niederkniet zum Abendgebet, dankt sie dem
+Himmel ganz besonders für diese Gnade; sie betet überhaupt sehr lange,
+gibt immer wieder einige Vaterunser zu für einen vom rechten Wege weit
+Abgeirrten.
+
+Endlich legt sie sich zu Bette und will schlafen. Aber der Wille
+gebietet dem Schlaf nicht, verscheucht ihn im Gegenteil durch
+energisches Herbeirufen. Schweige denn, Wille, weichet hinweg, Gedanken!
+Ein tiefer, gesunder Schlaf wird Susannen heute schwerlich erquicken,
+doch vielleicht gelingt es ihr, in einen ihre Traurigkeit abstumpfenden
+Dusel zu kommen. So dämmert sie hin in der Finsternis, die rings um sie,
+die in ihr herrscht, schließt die Augen und rührt sich nicht.
+
+Nach einer Weile, was sieht sie mit ihren geschlossenen Augen? Gerade
+vor sich das Erglimmen eines schwachen Lichtscheins. Er wird immer
+heller und geht von einer vergoldeten Nuß aus, die langsam über den Rand
+des Bettes aufsteigt, wie ein kleinwinziger Mond. Das Licht, das er
+verbreitet, ist warm wie das Leben und rosig wie junge Liebe. Allmählich
+nimmt er eine noch schönere Färbung an, und darüber braucht man sich
+nicht zu wundern, denn die Morgenröte ist dazu gekommen, eine herrlich
+strahlende Morgenröte, die das Nahen der Sonne verkündet, und da flammt
+sie auch schon empor in Gestalt eines feuerfarbigen Apfels. Als Herold,
+mit etwas defektem Federbusch, sprengt ein gelber Reiter vor ihr her. Er
+gibt seinem Rosse die Sporen, ein mächtiger Satz, und da steht er
+salutierend auf dem Federbette des Fräuleins.
+
+Sie fährt auf, schlägt sich vor die Stirn, hat im Nu Licht gemacht,
+schlüpft in ihre Pantoffelchen und eilt ins Nebenzimmer.
+
+Da liegt auf dem Tische vergessen ihre Christbescherung, der sichtbare
+Beweis, daß es doch ein Wesen gibt, das sich ihrer am heiligen Abende
+erinnert und das -- _selbst_ ein Kind, die Geschenke des Christkindleins
+mit ihr geteilt hat.
+
+Dieses wunderbare Erlebnis ist ihr aufgespart worden, ihr, der alten
+Jungfer, die gar keinen Anspruch machen darf auf die Liebe von Kindern.
+Kürzlich erst hat sie ein solches Glück erfahren, und statt sich seiner
+innigst zu freuen, setzt sie sich hin, die undankbare Kröte! und
+melancholisiert und überläßt sich feigem Selbstbedauern!
+
+Beschämt und reuig, aber mit einer sozusagen wonnegetränkten Seele
+ergriff Susanne ihren Husaren, ihren Apfel, ihre Nuß, und begab sich
+zurück ins Schlafgemach. Bevor sie ihr Lager wieder aufsuchte, legte sie
+die Geschenke Tonis auf das Nachtkästchen in derselben Reihenfolge, die
+er ihnen mit Ordnungssinn und seinem Gefühle für Rangunterschiede
+angewiesen hatte.
+
+Sie blieb hellmunter und überließ sich heiteren Vorstellungen.
+
+Den Mittelpunkt derselben bildete Toni. Was für treuherzige Augen er
+hat, und _treu_herzig ist er und _warm_herzig dazu, das sprach sich gar
+deutlich in seinem Handkuß aus. Welch ein Unterschied zwischen diesem
+und den *pro forma*-Handküssen des höflichen Neffen und der
+zierlichen Nichte. Susanne erinnert sich vieler kleiner Züge, die ihr im
+Benehmen Tonis angenehm aufgefallen sind; des Ernstes, den sie so oft an
+ihm bewundert hat, des Buckels voll Sorgen, den er macht, wenn ihm die
+Obhut über seine jüngeren Geschwister anvertraut wird. Er nimmt seinen
+Teil der häuslichen Sorgenlast auf seine jungen Schultern. Und wie brav
+und verläßlich er ist! er vergißt nie einen Auftrag, den man ihm gibt.
+
+Zum Pfadfinder und Genie scheint Toni -- wohl ihm! -- keine Anlage zu
+haben, aber ein vortrefflicher Mann, geschickt in seinem Fache, ein
+Muster für seine Standesgenossen, die Vorsehung seiner Gehilfen könnte
+er werden, wenn er eine tüchtige Erziehung, wenn er Bildung bekäme, die
+echte Bildung, die von innen heraus kommt, die den Wert des Menschen
+erhöht und den Stolz auf seinen Wert verringert.
+
+-- Wenn er die bekommen _könnte_? wiederholt Susanne und ruft auf einmal
+laut aus: »Er _soll_ sie bekommen!«
+
+Ein Gedanke über alle Gedanken ist raketenartig in ihr emporgeschossen;
+sie setzt sich auf in ihrem Bette, sie lacht und weint. Es vergeht eine
+lange Zeit, bevor die hochgehenden Fluten ihrer Empfindungen sanft und
+selig verebben. Endlich liegt der Kopf wieder auf dem Kissen, sie atmet
+leicht und wird gut schlafen.
+
+Vorher aber komme noch einmal, Freundin Phantasie, und male ihr die am
+morgigen Tage bevorstehenden Ereignisse deutlich aus.
+
+Sie sieht sich, bereits um acht Uhr früh, in größter Parade und mit der
+Spitzencoiffe, federnden Ganges hinüberwandeln zu Kunzel. Die
+Bedienerin läßt sie ein, und sie findet die Familie, wie immer zu dieser
+Stunde an einem Feiertage, um den Frühstückstisch versammelt.
+
+Beim Eintreten des verehrten und unerwarteten Gastes springen alle auf.
+Sie aber spricht: »Sitzen bleiben! Ich allein stehe, wie sich's gehört
+für eine Bittende.
+
+»Lieber Meister, liebe Meisterin, erlauben Sie mir, den Toni zu
+adoptieren. Er bleibt Ihr Sohn und wird auch der meine, und im nächsten
+Jahre nehme ich als Familienglied teil an Ihrem Weihnachtsfeste.«
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+Verlag von _Gebrüder Paetel_ (Dr. Georg Paetel) in Berlin W.
+
+Ein Buch für die Jugend.
+
+Aus meinen Schriften.
+
+Von
+
+Marie von Ebner-Eschenbach.
+
+_Dritte Auflage._
+
+(Elftes bis fünfzehntes Tausend.)
+
+Quart; 6 Bogen.
+
+In Originalleinenband 1 Mark.
+
+Inhalt:
+
+ _Zum Geleite._ -- _Erzählungen_: Der Fink; Die Spitzin; Der Muff;
+ Krambambuli; Aus »Meine Kinderjahre«. -- _Märchen und Parabeln_:
+ Brautwahl; Die Begegnung; Das Blatt; Die Siegerin; Doppelfreude;
+ Wertbestimmung; Die Nachbarn. -- _Spruchverse._ -- _Die
+ Erdbeerfrau._ -- _Zwanzig Aphorismen._
+
+_Zu beziehen durch alle Buchhandlungen._
+
+
+
+
+Verlag von _Gebrüder Paetel_ (Dr. Georg Paetel) in Berlin W.
+
+Werke von Marie von Ebner-Eschenbach:
+
+=Das Gemeindekind.= Erzählung. Zwölfte Auflage. Oktav. Geheftet 3 Mark.
+Elegant gebunden 4 Mark.
+
+=Dorf- und Schloßgeschichten.= Neunte Auflage. Oktav. Geheftet 4 Mark.
+Elegant gebunden 5 Mark.
+
+ _Inhalt_: 1. Der Kreisphysikus. -- 2. Jakob Szela. -- 3.
+ Krambambuli. -- 4. Die Resel. -- 5. Die Poesie des Unbewußten.
+ Novellchen in Korrespondenzkarten.
+
+=Neue Dorf- und Schloßgeschichten.= Fünfte Auflage. Oktav. Geheftet 4
+Mark. Elegant gebunden 5 Mark.
+
+ _Inhalt_: 1. Die Unverstandene auf dem Dorfe. -- 2. Er laßt die Hand
+ küssen. -- 3. Der gute Mond.
+
+=Lotti, die Uhrmacherin.= Erzählung. Achte Auflage. Oktav. Geheftet 4
+Mark. Elegant gebunden 5 Mark.
+
+_Zu beziehen durch alle Buchhandlungen._
+
+
+
+
+Liste der vorgenommenen Änderungen
+
+Unter der Beschreibung der Änderung steht jeweils zuerst die Textstelle
+im Original, dann die geänderte Textstelle.
+
+ S. 56: nur noch herbeiläßt, den Juden das Gecht zu geben
+ nur noch herbeiläßt, den Juden das Recht zu geben
+
+ S. 64: die Weichsel und der Dunajec
+ die Weichsel und der Dujanec
+
+ S. 135: halte mir den kühnen Ubergang zugute
+ halte mir den kühnen Übergang zugute
+
+ S. 229: »'Schon wieder Mischka, hat das noch immer kein Ende mit dem
+ Mischka?... Und was will die Alte!«
+ »'Schon wieder Mischka, hat das noch immer kein Ende mit dem
+ Mischka?... Und was will die Alte!'«
+
+ S. 253: »Ohne _Dir_,« schauderschaft.
+ »Ohne _Dir_,« schauderhaft.
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Ein Buch, das gern ein Volksbuch
+werden möchte, by Marie von Ebner-Eschenbach
+
+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 40012 ***