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diff --git a/40012-0.txt b/40012-0.txt new file mode 100644 index 0000000..f34cab9 --- /dev/null +++ b/40012-0.txt @@ -0,0 +1,7273 @@ +*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 40012 *** + +Anmerkungen zur Transkription: + +Schreibweise und Interpunktion des Originaltextes wurden übernommen; +lediglich offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert. Der +Originaltext ist in Fraktur gesetzt. Im Original in Antiqua gesetzter +Text wurde *so* markiert. Eine Liste der vorgenommenen Änderungen findet +sich am Ende des Textes. + +Markierung: + + _gesperrt gedruckter Text_ + =fett gedruckter Text= + + + + + Ein Buch, das gern ein Volksbuch werden möchte. + + _Aus den Schriften_ + + von + + Marie von Ebner-Eschenbach. + + Sechstes bis zehntes Tausend. + + [Illustration] + + + Berlin. + + Verlag von Gebrüder Paetel + + (*Dr.* Georg Paetel). + + *1911.* + + + + + Alle Rechte, vornehmlich das der Übersetzung in fremde Sprachen, + vorbehalten. + + + Altenburg + + Pierersche Hofbuchdruckerei + + Stephan Geibel & Co. + + + + +Inhalt. + + + Seite + + 1. Der Kreisphysikus 7 + + 2. Der Nebenbuhler 105 + + 3. Der Vorzugsschüler 147 + + 4. Er laßt die Hand küssen 205 + + 5. Fräulein Susannes Weihnachtsabend 235 + + + + + Der Kreisphysikus. + + +*I.* + +Doktor Nathanael Rosenzweig hatte eine entbehrungsreiche Jugend +durchlebt. Was genießen heißt, erfuhr er in der schönsten Zeit des +Daseins nicht. Heute hungern und dabei gerade genug erwerben, um morgen +weiter hungern zu können; nachts um zwei Uhr sich zusammenrollen wie ein +Igel und in der Ecke der Kellerstube den harten, traumlosen Schlaf der +Erschöpfung schlafen; erwachen bei dem Gewimmer der alten Großmutter, +die sich entschuldigte, daß sie noch nicht gestorben sei, daß sie ihm +noch zur Last fallen müsse; forteilen, um lehrend die Möglichkeit zu +erringen, selbst zu lernen -- so ging es jahraus, jahrein. Erwerben, der +Inbegriff all seines Dichtens und Trachtens, Geld erwerben, Kenntnisse, +Gunst, hauptsächlich die seiner Professoren (Nathanael studierte Medizin +an der Universität in Krakau), erwerben um jeden Preis, den der +Ehrlichkeit einzig ausgenommen, erwerben und nur ja nichts umsonst +hergeben, nicht den kleinsten Teil der eigenen Kraft; keine mitleidige +Regung kennen, keine hemmende Rücksicht. + +Seine Großmutter und er, er und seine Großmutter machten für ihn die +Welt aus, und wie wenn seine Welt klein war, so waren seine Ziele nahe. +Das erste und am schwersten Errungene bestand in dem Ersparnisse so +vieler Gulden, daß er und die alte Frau nicht sofort verhungern mußten, +wenn ein unvorhergesehenes Unglück seine Tätigkeit für einige Zeit +lähmen sollte. Als er es erreicht hatte, da fühlte er sich als +Kapitalist und tröstete die Großmutter bei ihrer allmorgendlichen Klage +mit den Worten: + +»Lebe du nur ruhig fort, jetzt kann uns nicht so leicht mehr etwas +geschehen.« + +Sein rastloser Fleiß verminderte sich nach dem ersten Erfolge nicht, er +wuchs vielmehr mit der Kraft dessen, der ihn anwandte. + +Nathanael wurde ein starker Mann; seine kreuzspinnenartigen Extremitäten +kräftigten sich zu muskulösen Armen und Beinen, die Brust wurde breit, +die Gestalt bekam etwas Reckenhaftes trotz ihrer Magerkeit. Sein +Auftreten war so sicher, sein Blick ruhig und klar, seine Rede so +bestimmt, daß schon seine ersten Patienten -- gar kleine Leute -- +meinten: + +»Das ist ein gescheiter Herr Doktor!« + +Seine grüne Jugend sah ihm niemand an; er hatte sich zu lange in +Gesellschaft der Sorge befunden, und wenn er sie auch bändigte und +unterwarf, -- daß sie heimlich an ihm zu nagen fortfuhr, konnte er nicht +verhindern. + +Allmählich kam er in Besitz eines Rufes, eines bescheidenen, aber eines +guten, und dem verdankte er es auch, daß er mit dreißig Jahren schon, +von Amts wegen, als Physikus nach einem der westlichen Kreise versetzt +wurde. Ein sicheres Brot von nun an, ein reichliches sogar nach +Nathanaels Begriffen. Er hätte bei der Einrichtung seiner Wohnung auf +dem Ring der Kreishauptstadt nicht so ängstlich zu knickern gebraucht, +aber er fürchtete, übermütig zu werden, wie die meisten Armen, wenn sie +plötzlich zu Geld kommen, und gab den Handwerkern wenig zu verdienen. +Immer des Wortes eingedenk: »Die Axt im Hause erspart den Zimmermann«, +schaffte er allerlei Werkzeuge an und ließ sich's nicht verdrießen, den +Tischler und den Schlosser gleichfalls zu ersparen. Und wenn es auch +wirklich ein Graus war, wie die Sachen aussahen, den Doktor beirrte das +nicht; der Schönheitssinn war bei ihm entweder nicht vorhanden oder +nicht ausgebildet. + +Als die Großmutter, steinalt und unbeweglich, ihre Stube nicht mehr zu +verlassen vermochte, sich aber doch noch herzlich sehnte nach dem +Anblick einer grünen Staude, einer blühenden Blume, da wurde der Herr +Doktor ein Gärtner, und bald sahen die Fenster seiner Wohnung aus wie +die eines Treibhauses. + +Die Greisin litt manchmal an Rückfällen in ihre ehemalige +Schwachherzigkeit, doch äußerte sich diese jetzt in andrer Weise. + +»Wenn ich nur nicht zu früh sterbe,« sagte die Neunzigjährige. »Ein +Begräbnis ist gar zu kostspielig!« + +Nathanael tröstete sie liebreich: + +»Stirb ja nicht, Großmutter, du würdest mich um den Lohn aller Mühen +betrügen, die ich um deinetwillen gehabt habe.« + +Der Besitz Nathanaels mehrte sich im Schranke, die Lust am Besitze stieg +und stieg. Pläne, deren Verwirklichung dem klugen Manne in seiner +Jugend als bare Unmöglichkeit erschienen wären, erwog er nun mit der +Zuversicht bevorstehender Erfüllung. Seine ärztliche Praxis war +ausgedehnt und einträglich. Nach allen Schlössern der Umgebung berief +man ihn. Der trockene, wortkarge Doktor Rosenzweig, der keinen +Widerspruch duldete, der nie eine Schmeichelei über die Lippen brachte, +wurde der Vertrauensmann der Edelleute und, was viel merkwürdiger war, +das Orakel ihrer liebenswürdigen und feinen Damen und der Freund ihrer +Kinder. + +»-- Der Kleine ist schwer krank, aber -- Rosenzweig behandelt ihn.« -- +»Den ganzen Tag habe ich in Todesangst um mein Töchterlein zugebracht -- +aber jetzt ist Rosenzweig gekommen.« + +Wenn nur Rosenzweig da war, so war Hilfe da, und blieb sie einmal aus, +dann hatte Gott eben nicht gewollt, daß ein Mensch sie bringe. + +Unter keinen Umständen erwies man sich karg gegen ihn, das hätte niemand +gewagt. -- Doktor Rosenzweig baut sich ein Haus, ein Haus aus gebrannten +Ziegeln; dazu braucht er Geld. Er hat außerhalb der Stadt einen Baugrund +gepachtet, und unter seiner eigenen Leitung ist auf dem ein viereckiger, +einstöckiger Wohnkasten errichtet worden. Stolz ruht er auf tüchtigen +Kellergewölben, hat eine steinerne Treppe und ein wetterfestes +Ziegeldach. Die Fensterrahmen sind schneeweiß angestrichen, die Mauern +schneeweiß getüncht. Als einzige Zierde der Fassade prangt neben der +Glocke an der Tür das Schildchen der Feuerversicherungsgesellschaft. + +Aus den Fenstern der vorderen Front -- sie liegt gegen Osten, und ihr +erstes Geschoß wird von dem Doktor und seiner Großmutter bewohnt -- hat +man eine weite, weite Aussicht: Himmel und Felder. Frei schweift der +Blick ins Grenzenlose. Kein Hügel hemmt ihn, kein Wald bringt einen +dunklen Fleck hervor auf der glatten, im Sommer goldig, im Winter +silbern schimmernden Flur. Jede Handbreit Erde kann von der lieben Sonne +durch und durch getränkt werden mit lebenweckenden Strahlen. Gibt es +einen Schatten, so ist es ein solcher, der nicht kühlt, nicht ruht, der +keinem Hälmchen die Wärme entzieht, deren es zu seinem wunderbar +geheimnisvollen Reifen bedarf -- der Schatten der fliehenden Wolken. Wie +oft verfolgt ihn Nathanael aufmerksamen Auges, sieht ihn hingleiten über +den wachsenden, schwellenden Reichtum, den sie zum Herbste einheimsen +und zu Schiff auf der Weichsel nach Deutschland und nach Rußland bringen +und teuer verkaufen werden. Wer sich doch beteiligen könnte an diesem +großartigen Erwerb, ein Hundertstel, ach ein Tausendstel nur von dem +Gewinn, den er abwirft, in die eigne Tasche fließen sähe! Der Doktor +fängt an, auf der unermeßlichen Ebene Luftschlösser zu erbauen, so bunt +und märchenhaft schön, daß er nicht umhin kann, während er sie baut, +lächelnd zu denken: Mahnst du auch mich einmal, nie angetretenes +Vätererbe -- morgenländische Phantasie? + +Er wendet sich ab von dem Anblick fremden Reichtums und will einen +Strich gezogen haben zwischen diesem und seinem bescheidenen Eigentum. +Das Doktorhaus wird in fünf Klafter breiter Entfernung von jedem Punkte +seiner Mauern mit einem Zaun aus ordentlich zugehobelten Latten +umgeben; nach je ihrer zwanzig kommt ein starker, spitz zulaufender +Pfahl. Aus dem Raume zwischen Haus und Zaun wird nach und nach ein +kleiner Garten werden; die Einteilung in Blumen- und Gemüsebeete ist +bereits getroffen. Kein Schachbrett kann genauer quadriert sein. + +»Im nächsten Jahre, liebe Großmutter, wirst du Rosen und Reseden unter +deinen Fenstern blühen sehen,« versprach Nathanael der Greisin, und sie +erwiderte: + +»Wenn ich es nur noch erlebe, mein Kind. Aufs Jahr werde ich +fünfundneunzig.« + +»Weit über hundert mußt du werden!« rief er eifrig. »Das bist du mir +schuldig, denke doch! Wie würde es das Vertrauen der Leute zu mir +erhöhen, wenn es hieße: Seine Großmutter hat er auf mehr als hundert +Jahre gebracht. Denn die Leute sind dumm, liebes Godele[1], sie +schreiben meiner Kunst zu, was deine gute Natur getan hat. Bleibe du nur +frohen Mutes, nimm dir nur recht fest vor, noch nicht zu sterben. +Solange du es dir fest vornehmen kannst, wirst du munter weiter leben.« + +Die Greisin nahm es sich vor, aber von einer rechten Munterkeit war +nicht mehr die Rede. + +»Mir ist jetzt so oft,« sagte sie, »als ob dein Großvater vor mich träte +und zu mir spräche wie in seiner Todesstunde: 'Komm bald! Wir wohnen so +friedlich beisammen im Garten Eden, wie wir gehaust haben auf Erden. +Komm bald nach, Rebekka!' ... Damals konnte ich nicht folgen dem Rufe +meines Geliebten, weil du mich hast zurückgehalten, du armes Würmchen, +du ganz verlassenes. Von Vater und Mutter zuerst, und vom Großvater bald +darauf. Ja, es war eine schreckliche Seuche, die Gott geschickt hat über +sein Volk im Kazimirz, und nicht gewußt hätte ich, wem sagen: Sei +barmherzig meinem Enkelkind, wenn ich mich nun auch hinlege zu sterben. +So habe ich damals nicht erfüllen dürfen den Wunsch meines Geliebten. +Jetzt aber, Nathanael, mein Kind, jetzt aber ist mir, als sollte ich ihn +nicht länger warten lassen.« + +Solche Reden schnitten dem Doktor ins Herz. Nie hatte die +zurückhaltende, schweigsame Großmutter ähnliche geführt. Ein +bedenkliches Zeichen, wenn alte Leute etwas tun, das außerhalb ihrer +Gewohnheiten liegt! Der kleinen Veränderung folgt oft nur gar zu bald +die unwiderrufliche -- die letzte nach. Und noch ein Symptom, das den +Doktor beunruhigte. Die Greisin, die sonst nie genug Einsamkeit haben +konnte, war jetzt nicht mehr gern allein. So oft Nathanael sich bei ihr +verabschiedete, sprach sie: + +»Geh denn in Gottes Namen, aber schicke mir den Goj[2], daß er mir +Gesellschaft leiste, und ich doch blicken könne in ein menschliches +Angesicht und nicht immer und immer nur auf die Felder und den Himmel.« + +Der »Goj« war ein Jüngling von nun achtzehn Jahren, des Doktors Famulus, +sein Diener, sein Sklave. Des Tages wußte er sich nicht zu erinnern, an +dem der »Wohltäter« ihm ein gutes Wort gegönnt oder ein gutes +Kleidungsstück geschenkt hätte. Wenn die Röcke und Stiefel Rosenzweigs +unbrauchbar wurden, erhielt der große Junge sie zur Benutzung und die +Vermahnung dazu, ihnen all die Rücksicht zu erweisen, die man fremdem +Eigentum schuldig ist. Der Doktor ging immer mehr in die Breite, und +fast schien es, als ob er kleiner würde. Sein Famulus »verdünnte« sich, +wie Rosenzweig sagte, von Tag zu Tag und schoß spargelmäßig in die Höhe. +Wie ihm die Gewänder des Wohltäters saßen, das kam dem selbst entweder +erbärmlich oder lächerlich vor -- beides mit einem Zusatze von +Verachtung. + +Den Jungen konnte er einmal nicht leiden, sein Widerwillen gegen ihn war +unüberwindlich und entsprang aus dem Gedanken, daß der Findling seines +Herrn Brot umsonst oder doch fast umsonst esse. + +Vor vier Jahren hatte ihn Rosenzweig von der Straße aufgelesen, in einer +eiskalten, herrlichen Winternacht. Mit dem Stolze eines Triumphators war +er im Schlitten des Grafen W. pfeilgeschwind dahingesaust. Der Graf +selbst hatte ihn bei der Abfahrt sorgsam in die Pelzdecke gehüllt, in +der er sich so behaglich fühlte, und ihm immer wieder gedankt und immer +von neuem Worte gesucht für das Unsagbare -- die Glückseligkeit des +Liebenden, dem sein Teuerstes, das er schon verloren gab, +wiedergeschenkt ist. Gerettet die junge Gräfin, gerettet vom beinahe +sicheren Tode durch das Genie, durch die erfinderische Sorgfalt des +unvergleichlichen Arztes, der an ihrem Krankenlager gestanden hatte wie +ein Held auf dem Schlachtfelde, fast besiegt noch den Sieg im Auge, +kampfbereit noch im Erliegen, der nicht gewichen war, bevor er sagen +konnte: + +»Wir haben gewonnen, sie wird leben!« + +Er hatte so viele Nächte durchwacht und sich auf den guten Schlaf +gefreut während der Heimfahrt im bequemen Schlitten. Aber seine +Müdigkeit mußte zu groß sein, sie verscheuchte die ersehnte Erquickung, +statt sie herbeizurufen. So oft Nathanael die Augen schloß, +unwillkürlich öffneten sie sich wieder und schwelgten im Anblick des +sternenbesäeten, mondhellen Himmels und der schneebedeckten Ebene, die +in wunderbarer Blankheit erglänzte, gleich einer ungeheuren, +neugeprägten Silbermünze ... Wieviel Gold ließe sich erwerben um solche +Münze? Die Keller des viereckigen Doktorhauses hätten nicht Raum, sie zu +fassen, die köstlichen Barren, die verehrungswürdigen! Berger und Träger +allbezwingender Kräfte, gebundene Zauber, aufgespeicherte Macht. Was +läßt sich nicht tauschen um Gold? Unschätzbares erkauft man damit, das +weiß der Mann, der denen, die ihn bezahlen, die Gesundheit wiedergibt. + +Der Doktor wurde in seinem Gedankengange plötzlich unterbrochen. Das +Gefährt stand dicht am Straßengraben still, und der Kutscher rief: + +»Herr Doktor! Herr Doktor!« ... + +»Was gibt es, mein Sohn?« + +»Herr Doktor, da liegen zwei Betrunkene.« + +»Steig ab und prügele sie ein wenig durch, damit sie nicht erfrieren.« + +Indes der Kutscher abstieg und die Zügel am Bocke verknotete, hatte +Nathanael sich aufgerichtet und vorgebeugt und sah einer der auf dem +Boden liegenden Gestalten mit gespannter Aufmerksamkeit in das vom +Mondenlicht hell erleuchtete Gesicht. Kein Säufergesicht, wahrlich! +sondern eines, das Zeugnis gab von ehrlichem Darben und Dulden bis an +die Grenze der menschlichen Kraft. + +Der arme Teufel hatte, in dem Augenblick wenigstens, kein Bewußtsein +seines Elends, er schien fest zu schlafen. Als aber der Kutscher ihn +packte und emporzerrte, fiel er sofort, steif wie ein Eisblock, in den +Schnee zurück. Jener sprach: + +»Der eine ist schon erfroren, Herr Doktor!« + +Rosenzweig sprang mit beiden Füßen aus dem Schlitten und überzeugte sich +bald, daß die Behauptung des Dieners richtig sei. Grimm erfüllte ihn. Da +war ihm einmal wieder der Tod zuvorgekommen, den er am meisten haßte, +der nicht durch Krankheit bedingte, durch das Alter herbeigeführte, der +Tod, dem der Zufall in die Hand gearbeitet hat, der Tod, der seine Beute +umsonst gewinnt, dem sie dumm und töricht zuteil wird, ohne triftigen +Grund. + +»Sehen mir nach dem andern,« sagte der Doktor zwischen den Zähnen. + +Der andre schlief auch, aber weniger tief. + +Es war ein Knabe von etwa vierzehn Jahren, dem Toten offenbar nahe +verwandt, sein viel jüngerer Bruder oder sein Sohn. + +Mit dem Feuereifer des Berufs begann der Doktor Wiederbelebungsversuche +anzustellen, und nach langen Mühen krönte sie ein schwacher Erfolg. Ein +kaum spürbares Rieseln war durch des Knaben starre Pulse geglitten, und +wenn es auch sofort wieder staute, dennoch erklärte der Doktor voll +Siegesgewißheit: + +»Jetzt hab ich ihn!« + +Und er hüllte ihn in seinen Pelz, hob ihn in den Schlitten, brachte ihn +heim und legte ihn in sein eigenes Bett, an dem er das Kind des Elends +mit derselben Hingebung bewachte, die er der Herrin im Grafenschloß +gewidmet hatte. Am Morgen war der Patient außer Lebensgefahr, und +Rosenzweig konnte nicht umhin, zu sich selbst zu sagen: Auch der +gerettet, zwischen zweimaligem Sonnenaufgang zwei! + +Schmunzelnd streichelte er seinen langen Mosesbart und freute sich +seines mächtigen Vermögens. + +Sein Patient aber erhielt noch am selben Tage die Weisung: + +»Steh auf und geh.« + +»Wohin? Gnädiger Herr Doktor, wohin? Wer nimmt mich ohne meinen Bruder?« +antwortete der Knabe verzweifelnd, und nun trat die Frage heran: Was mit +ihm beginnen? + +Die Papiere, die der Verstorbene bei sich gehabt hatte, wiesen ihn aus +als den Maschinenschlosser Julian Mierski, der viele Jahre hindurch als +Werkführer in einer Fabrik in Lemberg gedient hatte. In seinem Zeugnisse +hieß es, der vorzügliche Arbeiter habe, zum Bedauern seines Dienstherrn, +infolge schwerer Erkrankung entlassen werden müssen. Seitdem konnte er +nichts mehr verdienen, sein Bruder aber, den er nach dem Tode der Eltern +-- arme Häusler in einem Dorfe bei Lemberg -- zu sich genommen, nur gar +wenig. So gingen, erzählte der Knabe, in Monaten die Ersparnisse von +Jahren hin und wurden aufgezehrt bis auf einige Gulden, deren Anzahl er +genau angab, und die sich auch richtig im Ranzen des Verunglückten +vorgefunden hatten. + +Die Großmutter hörte dem unter Tränen erstatteten Berichte aufmerksam +zu. + +»Horch, Nathanael, mein Kind,« sagte sie. »Es ist nicht recht gewesen +von dem Goj in Lemberg, zu verlassen den Mann in seiner Krankheit, der +ihm in Gesundheit gedient hat viele Jahre.« + +»Eine Fabrik ist keine Versorgungsanstalt,« erwiderte Rosenzweig und +befahl seinem Geretteten: »Sprich weiter.« + +Dieser fuhr fort: + +»Vor acht Tagen ist ein Bekannter von meinem Bruder gekommen und hat +erzählt, daß es in Krakau eine Fabrik gibt, wie die unsre, und daß sie +uns dort gewiß nehmen werden. Mein Bruder war sehr froh: 'Komm, Joseph, +wir wandern', hat er gesagt und hat auf der Reise immer gemeint, der +lange Müßiggang ist es gewesen, der ihn nicht hat gesund werden lassen, +beim Marschieren wird ihm besser. Auf einmal hat er aber nicht weiter +gekonnt und hat sich in den Schnee gelegt, um ein wenig zu schlafen.« + +»Und du hast das zugegeben?« schrie der Doktor ihn an. »Weißt du nicht, +was einem geschieht, wenn man sich bei solchem Frost in den Schnee +legt?« + +Der Knabe senkte seine großen Augen, aus denen unaufhörlich Tränen +flossen, und schwieg. + +»Was soll man anfangen mit einem solchen Chamer[3]?« fragte Rosenzweig +die Großmutter. + +Die Greisin entgegnete: + +»Laß ihn heute noch ruhen unter deinem Dache. Sei ihm barmherzig. Er ist +eine Waise wie du.« + +Am nächsten Tage lautete ihr Rat: + +»Behalte ihn. Unsre Magd wird ohnehin alt und wackelig und kann eine +Hilfe brauchen. Behalte ihn und richte ihn ab zu deinem Dienst. Wer wird +es verargen einem großen Mann wie dir, wenn er tut sich halten einen +Famulus?« + +So wurde der Findling ein Genosse des Doktorhauses und zwar, obwohl +Rosenzweig das nicht gelten ließ, ein ungemein nützlicher. In den Augen +seines Herrn blieb Joseph ein »Chamer«, der aus Büchern nichts lernte, +nichts zu lernen vermochte. Mit achtzehn Jahren noch las er nicht ohne +Schwierigkeit die einfachsten Kindergeschichten. Ihn zur Schule zu +zwingen, hatte der Doktor schon nach den ersten Monaten aufgegeben, weil +er nur mit Schlägen dahin zu bringen war, und weil sein Wohltäter nicht +immer Muße hatte, ihm die zu spenden. Seine mechanischen Fertigkeiten +hingegen waren groß und groß der Fleiß, mit dem er sie ausübte. Auch er +pfuschte in jedes Handwerk, aber mit besserem Erfolg als dereinst der +Doktor. + +In allem, was er unternahm, offenbarte sich ein Schick, eine +Leichtigkeit, ja sogar ein Geschmack, der den Pillenschächtelchen des +Doktors ebensosehr zugute kam, wie den Blumenbeeten im Gärtlein vor dem +Hause. Immer nur mit Verdruß hörte Nathanael ihn loben, »den Tagedieb, +der nichts kann und nie etwas andres können wird als spielen.« + +Er hatte einmal wieder diesen Vorwurf ausgesprochen, da entgegnete +Joseph: + +»Wenn du dich entschließen könntest, deine Felder in deine eigene +Verwaltung zu nehmen, würde ich dir beweisen, daß ich kein Tagedieb +bin.« + +Der Doktor fuhr fort: + +»Was sprichst du von meinen Feldern? Weißt du nicht, daß ich ein Jude +bin und als solcher Grundeigentum nicht besitzen darf? Weißt du nicht, +daß sogar mein Haus auf fremdem Boden steht?« -- + +Joseph wurde rot vor Verlegenheit, sah jedoch dem Doktor vertrauensvoll +und offen ins Gesicht und erwiderte: + +»Du hast die Felder auf den Namen des Theophil von Kamatzki gekauft, +aber sie sind doch dein.« + +»Sag einmal, mein Junge, woher hast du diese Nachricht?« fragte +Rosenzweig, und höchst verdächtig war die Gebärde, mit der er dabei sein +spanisches Rohr zu schwenken begann. + +Gelassen antwortete Joseph: + +»Das ist kein Geheimnis. Alle Leute wissen es und gönnen dir die +Felder.« + +Während dieses Gespräches standen die beiden mitten auf dem Wege, der +schnurgerade von der Haustür zum Gartenpförtlein führte, zwischen zwei +säuberlich mit Reseden eingefaßten Rosenbeeten. An den Stachelbeerhecken, +die Joseph längs des Lattenzaunes gezogen hatte, reiften die ersten +Früchte. Was man überblicken konnte an zart entfalteten Salatstauden, an +Rüben mit kühnen Federbüschen, an gelblich zwischen gekräuselten +Blättern hervorleuchtendem Blumenkohl, an schier kriegerisch behelmtem +Zwiebelnachwuchs, an zierlichem Majoran und -- *dulce cum utile* -- als +Begrenzung jeglichen Gemüsekarrees an duftendem Lavendel, dessen kleine +Knospen zu schwellen anfingen, das war alles so kraftstrotzend und +kerngesund, daß bei dem Anblick jedem Menschen, besonders aber einem +Arzte, das Herz im Leibe lachen mußte. Mit geheimem Wohlgefallen +betrachtete Rosenzweig die freundlichen Himmelsgaben und sagte: + +»Weil du ein leidlicher Gärtner bist, bildest du dir ein, auch ein +Landwirt sein zu können.« Damit wollte er abbrechen, besann sich aber +und fügte hinzu, indem er die Spitze seines Stockes mit großer +Hartnäckigkeit in die Erde bohrte und diese Operation scheinbar höchst +aufmerksam verfolgte: + +»Ich hätte die Felder nicht -- eigentlich mit einem gewissen Unrecht -- +in meinen Besitz gebracht, wenn ich nicht hoffen dürfte, sie bald zu +Recht besitzen zu dürfen. Du wirst wohl wissen, daß eine Veränderung der +Landesgesetze bevorsteht, und daß an den größeren Freiheiten, die sie +dem Volke Galiziens gewähren werden, auch die Juden teilnehmen sollen.« + +Joseph wußte das und hoffte, der Doktor werde die Felder, wenn sie +einmal vor Gott und der Welt sein Eigentum sein würden, nicht mehr in +Pacht geben, sondern selbst bewirtschaften. + +»Dann wirst du Ställe und Scheuern bauen müssen,« schloß der Jüngling. +»Ich habe dem Architekten in der Stadt etwas abgesehen und die Pläne +schon fertig.« + +»Bist ein Narr,« sprach der Doktor, verlangte aber nach einigen Tagen +doch die Pläne zu sehen. + +Nun, brauchbar waren sie gewiß nicht, doch als merkwürdig mußte man es +gelten lassen, daß der Findling, dessen Schrift die eines siebenjährigen +Kindes war, doch so nett und ordentlich und vielleicht auch in den Maßen +richtig, einen Plan zu zeichnen vermochte. Das ist eben einer von denen, +die tanzen können, bevor sie das Gehen erlernt haben. Es gibt solche +Käuze. Sie setzen uns allerdings manchmal in Erstaunen; gewöhnlich wird +aber nichts aus ihnen. + +Nathanael, der einen Gedanken, der sein eigenes Wohl und Weh betraf, nie +lange verfolgte, ohne die Großmutter zu seiner Vertrauten zu machen, +fragte bald darauf bei ihr an, was sie zu einer Selbstverwaltung seiner +Gründe sagen würde. Da zeigte es sich, daß dieser Gegenstand zwischen +der Greisin und dem Findling schon erörtert worden war. + +»Du wirst reich werden wie Laban,« prophezeite die alte Frau. »Über dir +ist des Herrn sichtbarer Segen.« + +In diesem Frühjahr hatte es sich erwiesen, in diesem für Tausende +unseligen Frühjahr 1845, als die Weichsel aus ihren Ufern trat und in +einen schlammigen See verwandelte, was üppig und verheißungsvoll +grünende Saat gewesen war. Unaufhaltsam wie ein Gottesgericht waren die +Fluten hereingebrochen, hatten die ernährende Scholle hinweggespült und +mit ihr das Hab und Gut und die Hoffnung derer, die sie bebauten. + +Bis dicht an die Grenze der Felder Nathanaels erstreckte sich die +Verheerung -- vor ihnen zerrannen die Wellen. Vor ihnen waren die Wasser +hinweggefahren und hatten sich auseinander geteilt, wie einstens die +Wasser des Roten Meeres, als Moses gegen sie den Stab erhob und die Hand +reckte auf Gottes Gebot. + +Und als der Herbst kam, herrschte ringsum Hungersnot. Hunderte verließen +mit ihren Weibern und Kindern die Heimat und wanderten als Bettler, als +Tagelöhner, Brot und Arbeit suchend, aus. + +Die Großmutter aber fragte täglich: + +»Wann beginnt die Ernte? In diesem Jahre hat der Weizen hundertfachen +Wert. Wann kommen die Schnitter?« + +Nathanael erwiderte lächelnd: + +»Bald, sehr bald. Sie wetzen schon die Sensen!« + +Indessen erlebte die Greisin die Zeit der Ernte nicht mehr. Sie fiel +selbst als überreifes Körnlein in den Mutterschoß der Erde zurück, bevor +ihr Enkel zu ihr hatte sprechen können: + +»Die Schnitter kommen!« + +Unerhört spät und doch zu früh war plötzlich ihr Leben erloschen. + +Da lag sie nun in ihrem schmalen Sarge, die alte Rebekka, ein wundersam +ergreifender Anblick. Der Tod hatte ihre gekrümmte Gestalt gestreckt, +und weinend und staunend fragte Joseph: + +»So groß war sie?« + +Er fragte aber auch: + +»So schön war sie?« + +Erlöst von allen Gebresten, befreit von der Hilflosigkeit des Alters, +wie majestätisch erschien sie nun, in ihrer unendlichen Ruhe, in ihrem +untrübbaren Frieden! Das Lächeln auf dem Angesicht so vieler, die +überwunden haben, umschwebte diese Lippen nicht. Steinerne Kälte sprach +aus den Zügen, die ein Schimmer der begeisterten Liebe und Bewunderung, +welche die Gegenwart des Enkels stets auf ihnen hervorgezaubert, noch in +der Sterbestunde erhellt hatte. + +Du bist es nicht mehr! dachte Nathanael, und mit grauser Gewalt ergriff +ihn das Bewußtsein des erlittenen Verlustes. + +Er winkte Joseph hinweg, er wollte ungestört bei seiner Toten bleiben. +Am Fußende des Sarges stehend, suchte er in dem fremden, veränderten +Antlitz der Großmutter das lang bekannte, teure und -- fand es nicht. +Das einzige ideale Gut, das er besessen hatte, die Zuneigung dieser +alten Frau, war für immer dahin und er, als ein bejahrter Mann -- +allein. Mit jähem Schreck fiel es ihn an: Zwischen dieser Greisin und +dir liegt eine Generation. Du solltest jetzt hingehen können und an der +Brust deines Weibes um sie weinen, und dir Trost schöpfen aus dem +Anblick deiner Kinder. + +Der rastlos Strebende, der nie zurück, der _nur_ vorwärts geschaut +hatte, nach Zielen, die mit seinen Erfolgen wuchsen, hielt einmal still +in seinem Laufe, wandte sich und durchmaß im Geiste seinen ganzen +Lebensweg. Viel erreicht! durfte er sich gestehen, doch niemals das +geringste ohne einen Gedanken an dich -- Großmutter. So freudig ihr +Dasein ihn erfüllt und beglückt hatte, so schmerzlich klaffte jetzt der +Riß, den ihr Scheiden verursachte. + +Sie hätte ihn nicht verlassen sollen, sie, deren Nähe ihn über das +Schwinden der Zeit -- eines Begriffes, der dem hohen Alter verloren +geht, getäuscht hatte. + +»Weiche ab von dem Brauche unsres Volkes,« hatte die Greisin oft +gesprochen. »Heirate nicht zu früh, setze nicht Bettler in die Welt. Du +kannst warten, mein Kind, du bist jung.« + +Immer hatte er zu dieser Ermahnung geschwiegen; heute antwortete er ihr, +die ihn nicht mehr hören konnte: + +»Ich war dir so lange zu jung zum Freien, bis ich mir zu alt dazu +geworden bin.« + +Alsbald jedoch empfand er den Widerspruch, den er ihr ins Grab +nachgerufen, als einen Frevel. Er trat zu ihr, beugte sich über sie, +und, was nie geschehen war, so lange sie gelebt hatte, er küßte ihre +Hand, küßte ihre Stirn und den für ewig verstummten Mund, den einzigen +auf Erden, von dem er sich »mein Kind« hatte nennen gehört. + + +*II.* + +Joseph beteiligte sich als Freiwilliger an den Erntearbeiten, und eines +Nachmittags sah ihn Rosenzweig, der gleichgültig, als ob die Sache ihn +nichts anginge, vorbeischritt, hoch oben stehen auf einem beinahe völlig +beladenen Leiterwagen. Behend und kräftig schichtete er die Garben, und +dem Doktor fiel es auf, daß der Bursche in der drollig weiten Jacke, die +seinem Wohltäter als Rock gedient hatte, und in den viel zu kurzen Hosen +doch ein bildschönes Menschenkind sei. Groß, schlank und stark, weiß und +rot im Gesicht, den wohlgeformten Kopf umwallt von leicht gelocktem +blonden Haar, sein ganzes Wesen Freudigkeit atmend an der Arbeit, an der +Mühe, nahm er sich auf seiner stolzen Höhe ganz merkwürdig gut aus. + +Unter den auf dem Felde beschäftigten Weibern und Mädchen befand sich +auch die Tochter des Pächters, dem Rosenzweig die Gründe des Pan +Theophil von Kamatzki anvertraut hatte. Ein hübsches, lebhaftes Ding, +die echte Masurentochter. Rosenzweig bemerkte, daß die braunen, +funkelnden Augen des Mädchens und die blauen des Burschen einander gar +oft begegneten, und wenn sich dann die braunen verlegen senkten, wurden +sie von den blauen hartnäckig verfolgt, so hartnäckig, so kühn, daß sie +sich endlich wieder erheben mußten, mit oder ohne ihren Willen. + +Die Geringschätzung, die Rosenzweig für Joseph hegte, erhielt durch +diesen kleinen Vorgang neue Nahrung. Ein Mensch, zu ewiger Dienstbarkeit +verurteilt durch die elende Beschaffenheit seines Kopfes, befaßt sich +damit, den eines Mädchens zu verdrehen? Und in welchem Alter? In dem +eines Knaben, in den Jahren, in denen der Sohn des Doktors stände, wenn +der Doktor zur rechten Zeit geheiratet hätte. Was er in heroischer +Selbstverleugnung so lange zu erringen säumte, bis er die Hoffnung, es +zu erringen, _versäumte_, das Glück der Liebe, danach haschte in +gedankenlosem Leichtsinn ein von fremden Gnaden lebender, unreifer +Habenichts! + +Am Abend berief ihn Rosenzweig auf sein Zimmer. Das war ein so kahles +und ungemütliches Gelaß, daß jeden, der es betrat, fröstelte -- sogar in +den Hundstagen. Die Einrichtung bestand aus einigen an die Wände +gereihten Sesseln, einem riesigen, mit weißer Ölfarbe angestrichenen +Schreibtisch und einem gleichfalls weiß angestrichenen, langen und +niederen Büchergestell, das, einer Gewölbbudel ähnlich, das Gemach in +zwei Teile schied. In dem kleineren, zunächst den Fenstern, hielt sich +der Doktor auf, in dem größeren, nächst der Tür, hatten die Patienten, +die ihn besuchten, zu warten, bis er zu ihnen trat durch einen schmalen +Raum, der zwischen der Wand und dem Büchergestell frei geblieben war. +Auf dessen oberstem Brette lagen oder standen allerlei Dinge, mit deren +gruselnder Betrachtung die Leute sich die Zeit des Wartens vertrieben. +Sonderbare Instrumente, Messer und Zangen und fest verschlossene Gläser, +gefüllt mit einer durchsichtigen Flüssigkeit, in der der galizische +Instinkt sofort Weingeist witterte. Nur war leider das gute Getränk +verdorben durch höchst unappetitliche Gebilde, die darin schwammen. + +Über all diese Sachen hinweg rief Rosenzweig jetzt dem eintretenden +Joseph zu: + +»Sag einmal, was hast du mit der kleinen Lubienka des Pächters?« + +Wie gewöhnlich, wenn sein Wohltäter ihn scharf anredete, wurde der +Bursche feuerrot, fand auch nicht gleich eine Antwort. Erst nachdem +Rosenzweig seine Frage wiederholt hatte, nahm Joseph sich zusammen und +entgegnete halblaut, aber bestimmt: + +»Ich hab sie lieb.« + +»Und -- sie?« + +»-- Sie hat mich auch lieb.« + +Der Doktor lachte bitter und höhnisch: + +»Das bildest du dir ein?« + +»Das weiß ich, gnädiger Herr --« + +»Wohin soll dieses Liebhaben führen?« + +Nun meinte Joseph, der Doktor habe ihn zum besten, wolle ihn nur ein +wenig aufziehen, und erwiderte ganz munter: + +»Zu einer Heirat, Herr.« + +»Einer Heirat! Du denkst ans Heiraten?« + +»Ja, Herr! und Lubienka denkt auch daran.« + +»Sie auch!... Was sagt denn ihr Vater dazu?« + +»Dem ist es recht, Panie Kochanku!«[4] rief Joseph mit einem Ausbruch +überwallender Empfindung und machte Miene, auf dem jedem andern als dem +Doktor verbotenen Weg in das Bereich seines Wohltäters zu stürzen ... + +Der aber erhob sich gebieterisch von seinem Stuhle und bannte den +Jüngling mit einem strengen: + +»Bleib, wo du bist!« an seinen Platz. + +In grausamen Worten hielt er ihm seine Armut und seine +Aussichtslosigkeit vor. Ihn empörte der Gedanke, daß dieser Mensch +vielleicht auf ihn gerechnet habe, respektive auf seinen Geldbeutel, und +er faßte den Entschluß, dem interessierten Schlingel nach beendeter +Erntearbeit die Tür zu weisen. Vorläufig wies er ihn aus dem Zimmer und +legte sich mit dem Vorsatz zu Bett, den Pächter am folgenden Tage +ernstlich zu ermahnen, der Löffelei zwischen seiner Tochter und Joseph +ein Ende zu machen. + +Gerade an diesem Tage jedoch ereignete sich etwas, das ihn von jedem +unwesentlichen und nebensächlichen Gegenstand ein für allemal abzog. + +Er wurde am frühen Morgen zu dem plötzlich erkrankten Sohn einer +benachbarten Gutsfrau berufen, konnte die besorgte Mutter über den +Zustand des Patienten beruhigen und wäre am liebsten sogleich wieder +nach Hause gefahren. Das gestattete jedoch die landesübliche +Gastfreundschaft nicht. Gern oder ungern hieß es an einem reichlichen +Frühstück teilnehmen, das im Salon aufgetragen war. Dort hatte sich eine +große Anzahl Schloßgäste versammelt, eine Gesellschaft, dem Doktor +wohlbekannt und so widerwärtig, als ob sie aus lauter Kurpfuschern +bestanden hätte. Anhänger und Anhängerinnen »König« Adam Czartoryskis, +Konspiranten gegen die bestehende gute Ordnung, Schwärmer für die +Wiedereinführung der alten polnischen Wirtschaft. Die Frau des Hauses, +noch jung, schön, enthusiastisch, seit dem Tode ihres Mannes +unumschränkte Herrin der großen Güter, die sie ihm zugebracht hatte, war +die Seele der ganzen Partei und ihre mächtige Stütze. Sie unterhielt +eine lebhafte Korrespondenz mit der Nationalregierung in Paris, empfing +und beherbergte deren Emissäre und verwendete jährlich große Summen für +Revolutionszwecke. + +Dieses fanatische Treiben mißfiel dem Doktor und entstellte ihm das Bild +der in jeder andern Hinsicht, als gute Mutter, als kluge Verwalterin +ihres Vermögens und als humane Herrin ihrer Untertanen verehrungswürdigen +Frau. + +Mit verdrießlicher Miene nahm er am Teetische Platz, aß und trank und +sprach kein Wort, indes Herren und Damen eifrig politisierten. Ihm war, +als sei er von Kindern umgeben, die, statt Soldaten zu spielen, zur +Abwechselung einmal Verschwörer spielten. + +Da legte eine weiße Hand sich plötzlich auf die Lehne seines Sessels. + +»Warum so verstimmt, angesichts des schönsten Wunders, mein lieber +Doktor?« sprach Gräfin Aniela W. zu ihrem Lebensretter. + +Rosenzweig erhob und verneigte sich: + +»Welches Wunder meinen Euer Hochgeboren?« + +»Das der Wiedererweckung des polnischen Reiches!« versetzte die reizende +Frau, und aus ihren Taubenaugen schoß ein Adlerblick, und ihre +zierliche Gestalt richtete sich heroisch auf. + +Der Doktor verbiß ein Lächeln, und sogleich riefen mehrere Patriotinnen +in schmerzlicher Enttäuschung: + +»Sie zweifeln? O Doktor, -- ist das möglich? Ein so gescheiter Mann!« + +»Ich zweifle nicht, meine Damen! Wer sagt, daß ich zweifle?« + +»Ihr Lächeln sagt es, das ganz unmotiviert ist, da wir Ernst machen,« +sprach die Gräfin und kreuzte die Arme wie Napoleon. + +»Der Augenblick, das fremde Joch abzuschütteln, ist gekommen ... Sie +dürfen es erfahren, weil Sie ein guter Pole und unser Vertrauter sind! +Das Zeichen zum Ausbruch der Revolution wird in Lemberg auf dem ersten +Balle des Erzherzogs gegeben werden!« + +Allgemeines Schweigen folgte dieser freimütigen Erklärung. Die +Verschworenen waren betroffen über die Eigenmächtigkeit, mit der Aniela +über das gemeinsame Eigentum -- den Plan der Partei -- verfügte. + +Doch war sie viel zu liebenswürdig und sah auch viel zu reizend aus, als +daß man ihr hätte zürnen können. Sie trug ein Pariser Häubchen mit einer +Kaskade aus gesinnungstüchtigen rot und weißen Bändern. Den köstlichen +Stoff des Morgenkleides hatte ihr Gemahl von seiner letzten +Missionsreise nach Rußland, aus Nishnij Nowgorod mitgebracht, -- unter +welchen Gefahren! + +Ach, es war eine ganze Geschichte ... Heute wurde sie aber nicht +erzählt, am wenigsten in diesem Augenblick, in dem es vor allem galt, +den üblen Eindruck zu verwischen, den die Politikerin auf ihre Umgebung +hervorgebracht hatte. + +»Ihr Kleingläubigen!« rief sie, »zweifelt ihr an der Treue und +Zuverlässigkeit eines Mannes, der dem Vaterlande mein Leben erhalten +hat?« + +Einige junge Herren beeilten sich zu protestieren, und ein alter +Schlachziz mit langem, herabhängendem Schnurrbart erhob sein +Madeiragläschen, leerte es auf einen Zug und sprach: + +»Vivat, Doktor Rosenzweig!« + +Die Frau vom Hause wiederholte: + +»Vivat, Doktor Rosenzweig, dem so viele von uns ihre eigene Gesundheit +und die ihrer Kinder verdanken!« + +Sie stürzte nach diesem Toast den Rest ihrer sechsten Tasse Tee +hinunter, und statt sich erkenntlich zu zeigen, brummte der Arzt: + +»Wie oft habe ich Euer Hochgeboren ersucht, nicht so viel Tee zu +trinken. Sie ruinieren Ihre Nerven!« + +Die schöne Festgeberin lächelte überlegen: + +»Guter Gott, meine Nerven! An die werden bald ganz andre Zumutungen +gestellt werden!« + +»Ich verstehe -- auf jenem Revolutionsballe!« + +»Ja, Doktor! Ja!« rief Gräfin Aniela dazwischen, -- »dem Ball, auf dem +wir ein welthistorisches Ereignis inaugurieren!« + +»Bei der Mazurka oder bei der Française?« + +»Beim Kotillon. Die Damen wählen zugleich alle anwesenden Offiziere. Die +Offiziere legen zum Tanz ihre Säbel ab. Die Säbel werden fortgeschafft. +Kaum ist das geschehen, so werfen sich die Polen auf die waffenlosen +Feinde und machen sie nieder!« + +»Vivat!« rief der Schlachziz, »alle nieder, ohne Pardon!« + +Einige Damen widersprachen und schlugen vor, den Offizieren Pardon zu +geben, die ihn verlangen würden. Sie zogen jedoch ihren Antrag zurück, +als sie bemerkten, daß er Zweifel an der Echtheit ihres Patriotismus +erregte. + +»Meine Herrschaften,« sagte Rosenzweig, »dieser Plan ist wundersam +ausgedacht, aber ausführen werden Sie ihn nicht.« + +»Warum?« rief's von allen Seiten, »was soll uns hindern?« + +»Ihre eigene Hochherzigkeit, Ihr eigener loyaler Charakter. Edle Damen +und edle Herren, wie Sie, können hassen, können befehden, aber sie +verraten nicht, und sie morden nicht.« + +»Monsieur!« entgegnete ein neunzehnjähriges Bürschlein, das eben aus +einer Pariser Erziehungsanstalt heimgekehrt war. »Ihr Argument würde im +Kriege gelten, aber es gilt nicht in einer Konspiration.« + +»Ganz richtig -- weil ja ...« Dem alten Schlachziz war plötzlich +eingefallen, daß er jetzt eine Rede halten sollte; er sprang auf, schlug +die Fersen aneinander und rief nach langer Überlegung: + +»Vivat, Polonia! Vivat, König Adam!« + +Nun erhob sich in der Ecke des Zimmers eine zitternde, klanglose Stimme. +Wie aus der Tiefe eines Berges kam sie hervor, einem Berge von +Seiden- und Schalstoffen, von Spitzen, Rüschen und Bändern. Die Stimme +gehörte der Starostin Sulpicia, Großtante der Hausfrau, bei der die +hochbejahrte Dame ein sehr reich mit Butter bestrichenes Gnadenbrot +genoß. + +»Olga, Duschenka moja,«[5] sprach sie, »denke vor allem an dein ewiges +Heil!« + +Mit Schrecken hatte die Schloßdame das leise Sinken des Enthusiasmus +ihrer Gäste wahrgenommen, indessen sie selbst nach der siebenten Tasse +Tee auf dem Gipfel der Begeisterung angelangt war. Die Greisin goß mit +ihrer Ermahnung Öl ins Feuer. Es schlug auch sogleich lichterloh empor +in dem lauten, feierlichen Ausrufe: + +»Alles für Polen! Mein zeitliches und mein ewiges Heil!« + +Gräfin Aniela warf sich, ganz entzückt von dieser Größe, ihrer Freundin +in die Arme, die Herren küßten die Hände der Patriotinnen. Einer von +ihnen erbat sich die Ehre, aus dem Schuh der Hausfrau trinken zu dürfen. +Sie gestattete es aber nicht, aus Rücksicht für den erhabenen Ernst +dieser Stunde, und der Abgewiesene setzte sich ans Klavier und +intonierte ein melancholisches Nationallied. + +Alle schwiegen, alle horchten gerührt; in manches Auge traten Tränen. + +Die unwiderstehliche Macht dieses Gesanges ergriff sogar einen, der +bisher unbeweglich in einer Fensterecke gestanden und am Gespräch nicht +teilgenommen hatte. + +Rosenzweig kannte ihn nicht und war in angestammtem Mißtrauen geneigt +gewesen, ihn, seiner auffallenden Blässe wegen, für einen der +verschämten Patienten zu halten, die sich berühmten Ärzten so gern auf +neutralem Gebiet in den Weg stellen, um im Vorübergehen eine +Konsultation abzuhalten, für die sie später das Honorar schuldig +bleiben. + +Indessen hatte Rosenzweig sich geirrt. Der Fremde machte keinen Versuch, +in seine Nähe zu gelangen, während er selbst nicht mehr vermochte, seine +Aufmerksamkeit von ihm abzulenken. + +Er war ein mittelgroßer, schlanker Mann mit blondem, dünnem Bart, mit +blauen, offenbar sehr kurzsichtigen Augen. Der Eindruck eines ungemein +regen Geisteslebens, den seine Züge hervorbrachten, wurde durch die +Blässe erhöht, die den Doktor anfangs verleitet hatte, ihn für einen +Kranken zu halten. Doch auch von dieser Meinung war er bald abgekommen. +Krankheit vergeistigt nicht, wie die Poeten oft behaupten, sie zeichnet +vielmehr die Kinder des Staubes mit deutlichen Merkmalen ihrer Abkunft. + +In dem Wesen dieses Mannes aber gab sich kein Zeichen von körperlicher +Mühsal kund. Die Leidensspuren auf seiner marmorgleichen Stirn waren +durch rastlos arbeitende Gedanken ausgeprägt worden und der +Schmerzenszug um den jungen Mund durch frühe, schwere Seelenkämpfe. Die +Geringschätzung, mit der das Treiben der Gesellschaft ihn zu erfüllen +schien, wurde allmählich besiegt. Die Klänge des schönen Volksliedes +ergriffen und bewegten auch ihn. _Eine_ Empfindung verband ihn mit +seinen Brüdern: Sehnsucht, leidenschaftlich heiße Sehnsucht nach dem +verlorenen Vaterland. + +An diesem Leidensborn hat kein Volk sich so übersatt getrunken wie das, +aus dessen Herzen solch ein Lied geströmt. Es singt von dem verirrten +Sohne, der heimkehrt zum Elternhaus, voll Reue und glühender Liebe. +Zagend steht er an der verschlossenen Tür und hört die Stimme seines +Vaters, die nach ihm ruft, und hört das Weinen seiner Mutter ... Vater! +Mutter! stöhnt er. Sie antworten: Komm! Erlöse uns, wir liegen in Banden +... Er rüttelt an der eisernen Pforte, zerpocht sich die Hände, +zerschlägt sich die Stirn, schon fließt sein Blut. Vergeblich. Nie wird +diese Pforte weichen, nie vermag er sie aus den Angeln zu heben. -- Er +wird auf der Schwelle verschmachten. + +Der Gesang war verstummt, und die Stille, die ihm folgte, wurde erst +nach einer Weile durch die Wirtin unterbrochen, die sich erhob, auf den +Fremden zuschritt und leise mit ihm zu parlamentieren begann. + +Die stattliche Dame machte sich förmlich klein vor ihrem Gast; jede +ihrer Mienen bezeugte Ehrfurcht, jede ihrer Gebärden war Huldigung. + +Sie faltete die Hände und flehte: + +»Sprechen Sie, o sprechen Sie zu der Versammlung!« + +Die Aufforderung der Hausfrau fand lebhafte Unterstützung. + +»Ach ja, sprechen Sie!« riefen viele Stimmen durcheinander. -- »Es würde +uns beseligen.« -- »Wir wagten nur noch nicht, Sie darum zu bitten.« -- +»Aus Bescheidenheit.« + +Alle kamen heran, sehr freundlich, mit auserlesener Höflichkeit -- +keiner ohne eine gewisse Scheu. Sogar die siegessichere Gräfin Aniela +war befangen, und ihre anmutigen Lippen zitterten ein wenig, als sie +sprach: + +»Geben Sie uns eine Probe Ihrer wunderbaren Beredsamkeit, von der wir +schon so viel gehört haben. Man sagt, daß Sie steinerne Herzen zu rühren +und moralisch Tote zu den größten Taten zu wecken vermögen.« + +Der Fremde lachte, und dieses Lachen war hell und frisch, wie das eines +Kindes. Unwillkürlich mußte Rosenzweig denken: Du hast eine unschuldige +Seele. + +»Wie heißt der Mann?« fragte er die Hausfrau. + +Sie errötete und gab mit nicht sehr glücklich gespielter Unbefangenheit +zur Antwort: + +»Es ist mein Cousin Roswadowski aus dem Königreich.« + +Niemals hatte der Doktor von einem berühmten Redner Roswadowski auch nur +das geringste gehört; aber was lag daran? In Zeiten nationaler Erhebung +pflegen ja von heut auf morgen nationale Größen aus dem Boden zu +wachsen. + +Roswadowski erwiderte den Blick, den der Arzt auf ihm ruhen ließ, mit +einem ebenso forschend gespannten, und sich leicht gegen ihn verneigend, +sagte er: + +»Bitten Sie doch Herrn Doktor Rosenzweig zu sprechen. Er möge Ihnen +sagen, was er von der Revolution erwartet.« + +»Das wissen wir im voraus,« entgegnete Aniela, »wie jeder gute Pole, die +Wiederherstellung des Reiches, das allgemeine Wohl!« + +»Olga, Duschenka moja,« ließ wieder die Großtante sich vernehmen, »sage +deiner Freundin, daß keiner ein guter Pole ist, der nicht ein guter +Katholik ist.« + +Ohne auf die Unterbrechung zu achten, fuhr Roswadowski fort: + +»Das allgemeine Wohl soll jedes besondere in sich begreifen, also auch +das dieses Mannes und seiner Glaubensgenossen. Warum höre ich keinen von +euch, die ihr seines Lobes voll seid, davon sprechen, daß ihr die Schuld +abzutragen gedenkt, in der wir alle ihm gegenüberstehen und seinem +Volke?« + +»*Ce cher Édouard!*« rief Graf W. und fügte, sich in den Hüften +wiegend, mit süßlichem Lächeln, nur vernehmbar für seine Frau und für +den neben ihr stehenden Rosenzweig hinzu: »Er wird immer verrückter.« + +Auch die Schloßdame war unzufrieden mit dem unerwarteten Ausfall ihres +Cousins und erklärte sehr scharf, »in einer Schuld der Dankbarkeit und +Verehrung fühle sie wenigstens sich dem vortrefflichen Doktor gegenüber +nicht.« + +»Und was die Gleichberechtigung aller Konfessionen im Königreiche Polen +betrifft,« sagte Aniela, »so ist sie bereits im Prinzip festgestellt. +Mit den Modalitäten wird man sich beschäftigen. Bis jetzt hatte man aber +noch nicht Zeit, auf Details einzugehen.« + +»Ich falle Ihnen zu Füßen!« sprach Rosenzweig. »Um die Sache der Juden +ist mir nicht mehr bang.« + +»Ihre Verheißung macht ihn lachen, so groß ist sein Vertrauen --,« nahm +Roswadowski wieder das Wort. »Er, dessen ganzes Leben nur eine Übung im +Dienste der Pflicht gegen uns ist, erwartet von uns -- nichts.« + +»Herr, wenn ich meine Pflicht nicht täte, käm ich um mein Amt,« fiel der +Doktor ein, im Tone eines Menschen, der einer unangenehmen Erörterung +ein Ende machen will. + +Sein unberufener Parteigänger jedoch entgegnete: + +»Wenn ich von Pflicht sprach, so hatte ich eine höhere im Auge, als die, +die Ihr Amt Ihnen auferlegt. Von Amts wegen sind Sie ein tüchtiger +Kreisphysikus, zum Samariter macht Sie Ihr eigenes Herz.« + +»Samariter!... Ich?« + +»Jawohl, Sie! Der des Evangeliums pflegte des Sterbenden an der +Heerstraße und übergab ihn dann fremder Hut. Sie haben den Sterbenden, +den Sie auf Ihrem Wege fanden, in Ihr Haus aufgenommen, das dem +verwaisten Christenknaben ein Vaterhaus geworden ist.« + +Der Doktor deprezierte: + +»-- Wie man's nimmt,« und dachte im stillen ganz grimmig: »Du bist gut +unterrichtet, Lobhudler! Mein Haus ein Vaterhaus für einen solchen +Chamer!« + +Und in dem Augenblick beantwortete sich ihm eine Frage, die er oft +erwogen hatte, die Frage: ob man wohl zwei Gedanken auf einmal haben +könne, denn wahrhaftig, er hatte _zugleich_ auch den: ich will dem +Chamer, bevor ich ihn wegschicke, doch einen neuen Anzug machen lassen. + +»So hat ein Jude getan,« wandte der Redner sich an die Gesellschaft, +»aus freiem Willen für einen Andersgläubigen, und was haben wir +Andersgläubigen jemals aus freiem Willen für einen seines Volkes getan? +Leset eure Geschichte und fragt euch selbst, ob ein Jude die Tage +herbeiwünschen _kann_, in denen in Polen wieder Polen herrschen?« + +Olga und Aniela erhoben Einwendungen; was die Herren betraf, so waren +die meisten von ihnen dem Grafen W. in das Nebenzimmer gefolgt und +hatten dort an Spieltischen Platz genommen. Nur der ehrwürdige +Schlachziz und der Ankömmling aus Paris hielten ritterlich bei den Damen +aus, und der erste versicherte, er habe sich in seiner Jugend auch mit +der Geschichte seines Landes beschäftigt, darin jedoch niemals andre als +glorreiche Dinge gelesen. + +Jetzt wurde die Tür aufgerissen, ein Diener stürzte herein und meldete: + +»Der Herr Kreishauptmann. Er wird gleich in den Hof fahren.« + +Die mutigen Damen stießen einen Schrei des Entsetzens aus: + +»Um Gottes willen, der Kreishauptmann!« + +Voll Todesangst ergriff die Hausfrau die Hand ihres Vetters: »Fort! +fort! verbergen Sie sich!« + +»Ich denke nicht daran,« erwiderte er ganz ruhig, »ich bleibe; ich freue +mich sehr, die Bekanntschaft eines liebenswürdigen Mannes zu machen.« + +»Sie bleiben nicht! Sie gehen -- weil Ihre Gegenwart uns +kompromittiert,« rief Graf W., der mit bestürzter Miene in den Salon +zurückgekehrt war. + +Ein Wortwechsel entspann sich ... + +»Doktor, ich beschwöre Sie, eilen Sie dem Kreishauptmann entgegen, +suchen Sie ihn so lange als möglich auf der Treppe aufzuhalten,« flehte +die Herrin des Schlosses und drängte Rosenzweig zur Tür. + +»Ich werde tun, was ich kann; ich empfehle mich, meine Herrschaften!« +antwortete er und verließ den Salon, im Grund der Seele höchlich ergötzt +über das Ende, das die Versammlung der Verschwörer genommen hatte. + +Vom Gange aus sah er den Kreishauptmann soeben in das Haus treten. Ein +behäbiger, feiner, mit äußerster Sorgfalt gekleideter Herr. Der Deckel +seines Zylinders glänzte in der Vogelperspektive, in der er sich zuerst +dem Doktor zeigte, wie die Mondesscheibe. Nicht minder glänzte der +Lackstiefel an dem kleinen Fuße, den der Beamte auf die erste Stufe der +niederen Treppe setzte, als Rosenzweig bei ihm anlangte. + +»Ich habe die Ehre, Euer Hochwohlgeboren zu begrüßen!« sprach der +Doktor, seinen Hut feierlich schwenkend. + +»Wie, mein lieber Doktor? Sind Sie es wirklich? Was?« sprach der Beamte +mit dem gnädigsten Lächeln, »auch Sie im Neste der Verschwörer?« + +»-- Herausgefallen, als ein noch nicht flügges Vöglein! -- Wie befinden +sich Euer Gnaden?« + +»Gut. Dank Ihren Ordonnanzen.« + +»Und der Pünktlichkeit, mit der Euer Gnaden ihnen nachkommen. Sie sind +ein so vortrefflicher Patient, daß Sie verdienen würden, immer krank zu +sein.« + +»Sehr verbunden für den christlichen Wunsch ... Entschuldigen Sie -- da +habe ich mich versprochen.« Und nun kam die Frage, die der +Kreishauptmann dem Doktor auch bei der flüchtigsten Begegnung nicht +erließ. »Aber, mein lieber Doktor, wann werden Sie sich denn endlich +taufen lassen?« + +Auf die stehende Frage erfolgte die stehende Antwort: + +»Ich weiß es noch nicht genau.« + +»Entschließen Sie sich! Sie sind ja ohnehin nur ein halber Jude.« + +»Ich würde vermutlich auch nur ein halber Christ sein.« + +»Oho! das ist etwas andres!« entgegnete der Beamte streng. »Wir sprechen +noch davon; jetzt sagen Sie mir --« seine Miene blieb unverändert, aber +seine kleinen klugen Augen blickten den Doktor durchdringend an: »Ist er +oben, der Sendbote? Haben Sie ihn gesehen?« + +»Welchen Sendboten?« + +»Hier im Hause wird er als Herr von Roswadowski vorgestellt.« + +Auf dem Gesichte Rosenzweigs malte sich ein so aufrichtiges Erstaunen, +daß der Beamte ausrief: + +»Sie sind nicht eingeweiht! -- Nun, ich will Ihnen Ihre politische +Unschuld nicht rauben ... Ganz scharmant, diese Konspiranten! besonders +die Damen. Übrigens haben wir uns weniger in acht vor ihnen zu nehmen, +als sie sich selbst vor -- andern. Es ballt sich ein Gewitter über ihren +Häuptern zusammen, von dessen Aufsteigen sie keine Ahnung haben. Diese +harmlosen Unzufriedenen, die sich für bedrohlich halten, sind selbst von +ganz anders Unzufriedenen, in ganz anders gefährlicher Weise bedroht.« + +Rosenzweig konnte eine Erklärung dieser Worte nicht mehr erbitten. Auf +der Höhe der Treppe erschien soeben die Hausfrau, strahlend vor +Freundlichkeit, und der Kreishauptmann schwebte ihr in zierlichen +Schritten eiligst entgegen. + + +*III.* + +Rosenzweig ließ seinem Kutscher den Befehl erteilen, anzuspannen und ihm +auf der Straße nachzufahren. Er selbst ging zu Fuße voraus und schlug +bald einen schmalen Weg ein, der, die Felder quer durchschneidend, in +der Nähe eines steinernen Kreuzes in die Landstraße ausmündete. Dort +wollte er seinen Wagen erwarten. + +Er sehnte sich danach, tüchtig auszuschreiten, frische, freie Luft zu +atmen und den gesunden Erdgeruch einzuziehen, der aus den aufgerissenen +Schollen emporstieg. Nur Wunder nahm es ihn, daß er die Wonne und +Wohltat, der parfümierten Salonluft und Gesellschaft entronnen zu sein, +nicht so recht zu empfinden vermochte. + +Ein tiefinnerliches Unbehagen erfüllte ihn; ein unbestimmtes Etwas ging +ihm nach, von dem er sich keine andre Rechenschaft zu geben wußte, als +daß es sehr quälend sei. + +Plötzlich rief er mehrmals hintereinander laut aus: »Narr! Narr!« + +Die Apostrophe galt dem, den der Kreishauptmann soeben einen Sendboten +genannt, und die Erinnerung an das unverdiente Lob, das dieser Mensch +ihm gespendet hatte, das war's, was dem Doktor die Laune verdarb. Jedes +Wort, das der »Narr« gesprochen, jeder Zug seines durchgeistigten +Apostelgesichts, der Ausdruck der schwärmerischen Ehrfurcht, mit dem +seine tiefblauen Augen auf ihm geruht -- alles hörte, alles sah er +wieder, und eine zornige Beschämung erfüllte ihn. + +Er, der trockene, auf seinen Vorteil bedachte Nathanael Rosenzweig -- +ein Menschenfreund und Samariter? -- So einsam er da wandelte auf dem +Felde, ihm schoß das Blut in die Wangen, daß sie glühten. Er gedachte +all der Hände, die sich im Verlauf seines langen Lebens flehend zu ihm +ausgestreckt, und sagte sich: »Nie hast du geholfen außer im Beruf. Und +was wir dem zuliebe tun, tun wir uns selbst zuliebe.« Seine Schuldigkeit +hatte er in ihrem ganzen Umfang erfüllt; aber Schuldigkeit -- es liegt +schon im Worte -- ist nur ein Tausch. Mehr als getauscht hatte er nie. +Seine Kraft, sein Talent, die Früchte seines rastlos vermehrten Wissens +gegen den Wohlstand, den er durch sie erwarb, und gegen die Achtung der +Menschen. So hatte er bisher gehalten und -- Nathanael warf den Kopf +zurück in seinen breiten Nacken -- so wollte er es auch ferner halten. +Möge erst jeder seinem Beispiel folgen! Möge diese, im Grunde niedere +Stufe der Moral erst von der Mehrzahl erreicht sein, dann werden _sie_ +zu Worte kommen, die Idealisten, die Träumer von einem goldenen +Zeitalter allgemeiner Nächstenliebe. Früher -- nicht! + +Jetzt hatte er sich wieder zurechtgefunden und schritt rüstig und +sorglos weiter in gewohnter Seelenruhe. + +Lange vor seinem Wagen, von dem trotz allen Ausblickens keine Spur zu +entdecken war, erreichte er das steinerne Kreuz. An dessen Fuße kauerte +eine klägliche Gestalt. Ein alter Mann, die Knie heraufgezogen bis ans +Kinn, eine hohe Schafspelzmütze auf dem Kopfe, um die Schultern die +Reste eines blauen Fracks, den vermutlich dereinst in Tagen +schlummernden Nationalgefühls der verewigte Gutsherr getragen. Die +mageren Beine des Greises wurden von einer ausgefransten Leinwandhose +umschlottert und befanden sich, wie sein ganzer kleiner Körper, in einer +unaufhörlich zitternden Bewegung. + +Als der Doktor sich ihm näherte und ihn ansprach, erhob er langsam, +mühsam das juchtenfarbige, faltige Gesicht und blickte aus +halberloschenen, rotumränderten Augen mit dem demütigen Leidensausdrucke +eines alten Jagdhundes zu ihm empor. + +»Was tust du hier?« fragte Rosenzweig. + +»Ich warte, mein gnädiger Herr, ich bete und warte,« antwortete der +Angeredete und streckte seine knöcherne Rechte aus, an deren Fingern ein +vielgebrauchter Rosenkranz hing, »ich warte immer auf einen Brief von +unserm lieben Herrgott.« + +»Was soll denn unser lieber Herrgott dir schreiben?« + +»Daß ich zu ihm kommen darf, ist ja hohe, hohe Zeit.« + +»Wie alt bist du?« + +»Siebzig, nicht mehr. Aber wie ich aussehe, und wenn Euer Gnaden wüßten, +wie mir ist. Da --« er klopfte auf seine eingefallene, pfeifende Brust +-- »kein Atem. Jeden Tag meine ich, ich sterbe auf dem Wege, ich +erreiche das Kreuz nicht mehr.« + +»Warum bleibst du nicht zu Hause?« + +Der Alte öffnete die Arme mit einer unbeschreiblich hilflosen Gebärde: +»Sie jagen mich ja hinaus, die Tochter, der Schwiegersohn, die Kinder. +Nun ja -- sie haben selbst keinen Platz in der kleinen Schaluppe.« + +»Wem gehört die Schaluppe?« + +»Der Tochter. Ja, der Tochter. Ich habe sie ihr zur Aussteuer +geschenkt.« + +»Ein Schürzenvermögen also!« spöttelte der Doktor. »Und jetzt jagt sie +dich aus dem Haus, das du ihr geschenkt hast?« + +»Mein Gott, was soll sie tun? Der Schwiegersohn prügelt sie ohnehin, +weil ich so lange lebe. Der Schwiegersohn sagt zu den Kindern: 'Kinder, +betet, daß der Großvater bald stirbt.' -- Ja!« + +»Du hast da einen saubern Schwiegersohn.« + +»Mein Gott, Herr, die Leute sind schon so. Solche Herren, wie du, wissen +nicht, wie die Leute sind. Es gibt noch viel, viel ärgere im Dorf. +Besonders jetzt in dieser Zeit.« Er senkte die keuchende Stimme. »Weh +allen Panowies und Panies, die das nächste Jahr erleben!« + +»Warum denn? Was meinst du damit?« + +»O, die armen Herrschaften! Die Armen, Armen!« wimmerte der Greis und +begann bitterlich zu weinen. »Alles wird man ihnen wegnehmen, und +erschlagen wird man sie auch.« + +Der Doktor fuhr auf: »Du bist nicht bei Trost!« + +Nun begann der andre die Hände zu ringen! + +»Auch du antwortest mir so? Das ist ein Unglück! Ach, das ist ein +Unglück!... So hat der Herr Pfarrer mir geantwortet, wie ich in der +Beichte ausgesagt habe, was ich weiß; so hat der Herr Mandatar mir +geantwortet, und der Herr Verwalter hat gar gedroht, mich auf die Bank +legen zu lassen, wenn ich solche Sachen rede ...« Er richtete seinen +unsicher suchenden Blick auf den Doktor: »Bist auch du mit ihnen +einverstanden?« + +»Einverstanden -- ich? mit wem?... Sag alles!« befahl Rosenzweig. »Was +wird ums neue Jahr geschehen?« + +»Männer von jenseits des Meeres werden kommen und werden alle adeligen +Besitzungen unter die Bauern verteilen.« + +-- Auch die des Pan Theophil Kamatzki. -- Wartet, Kanaillen! dachte der +Doktor und sprach: »Was wird denn die Regierung dazu sagen?« + +»Die Regierung? Ach! Jesus! Von der Regierung aus ist im vorigen +Frühjahr schon alles Land vermessen worden, damit die fremden Männer +wissen, wie geteilt werden soll.« + +Rosenzweig brach in ein schallendes Gelächter aus: + +»O! dieses Volk!... Seit fünfzig Jahren verkehre ich mit diesem Volk, +aber die Wege seiner Dummheit habe ich noch nicht erforscht ... Alter! +die Vermessungen hat der Kaiser vornehmen lassen, weil er wissen will, +wie groß sein Galizien ist, und wie viel Steuern es ihm zahlen kann.« + +Ungläubig wackelte der Greis mit dem Kopfe: + +»Das wissen wir besser, verzeih. Der Kaiser nimmt den Herren, die gegen +ihn sind, das Land und schenkt es den Bauern, die für ihn sind. Dann +wird es gut sein, glauben die meisten ... Ich glaube, daß es schlecht +sein wird. Jeden Tag wird Sonntag sein, und was tun die Bauern am +Sonntag, als raufen und sich betrinken?... O, mein gnädiger Herr, könnt +man's doch verhüten.« + +»Sei du ganz ruhig, das wird gewiß verhütet werden,« entgegnete +Rosenzweig und lachte wieder. + +Da wurde der Alte plötzlich aufgebracht: + +»Wenn du gestern abend im Wirtshaus gewesen wärest und den Kommissär +hättest predigen gehört, du würdest nicht lachen.« + +»Den Kommissär? Den Emissär, willst du wohl sagen! Ein Emissär, wie sie +jetzt zu Dutzenden herumziehen.« + +»Nein, nein, kein solcher. Einer, der einmal ein Herr war und jetzt +sagt, daß es keine Herren mehr geben soll. Er weiß so gut, was für +Zeiten kommen werden, daß er lieber gleich von selbst ein Bauer geworden +ist und hat alles verschenkt.« + +Diese Worte erweckten Nathanaels ganze Aufmerksamkeit und erhoben es ihm +zur Überzeugung, daß der Alte von demselben Manne sprach, den der +Kreishauptmann den Sendboten genannt, und vor dem er selbst eben erst +Aug in Auge gestanden hatte. + +Derselbe! er war es -- er gewiß, der Rätselhafte, dessen +Lebensgeschichte die Vernünftigen einander mit Hohn und Spott erzählten, +die Furchtsamen mit Haß, die Phantasten mit Begeisterung, es war +-- _Eduard Dembowski_. + +Oft hatte er sagen gehört, daß von diesem Menschen ein Zauber ausgehe, +dem sich niemand zu entziehen vermöge, und dieser geheimnisvollen +Einwirkung den größten Unglauben entgegengebracht, und nun gestand er +sich, daß er doch etwas ihr Ähnliches erfahre. + +Ja! der bleiche Schwärmer schritt wie ein Gespenst neben ihm her. Ja! +sein Bild verfolgte ihn mit unleidlicher Hartnäckigkeit. Vergeblich +suchte er seine Gedanken von ihm abzulenken, immer wieder tauchte es auf +und trotzte dem Willen, es zu verscheuchen. + +Das Gefährt des Doktors stand schon seit geraumer Weile auf der Straße. +Eine bequeme Britzschka, bespannt mit einem Paar kugelrunder +Falbenstuten, in zierlichen Krakauergeschirren, mit glockenbehangenen +Kummeten. Der Kutscher war ein schlanker Bursche im saubern, einfach +verschnürten Leibrock, und das Ganze bildete eine hübsche Equipage, um +die so mancher Edelmann den Doktor beneidete. + +Dieser klopfte den Falben die starken Hälse und legte ihnen die Zöpflein +der schwarzen, eingeflochtenen Mähnen zurecht. Schon war er im Begriff, +in den Wagen zu steigen, da wandte er sich zu dem Alten am Fuße des +Kreuzes zurück: + +»Du! wie heißt du?« + +»Semen Plachta, Herr.« + +»Hör an, Semen! Krieche heim und sage deinem Schwiegersohn, daß Doktor +Rosenzweig morgen kommen wird, dich zu besuchen. Er soll dich zu Hause +lassen. Verstehst du mich? Wenn ich komme und dich nicht zu Hause finde, +werde ich dafür sorgen, daß dein Schwiegersohn noch vor der allgemeinen +Verteilung als erste Abschlagzahlung auf das Künftige eine Tracht Prügel +erhält.« Rosenzweig hatte seine Brieftasche gezogen und ihr eine +Fünfguldenbanknote entnommen. Sein Gesicht wurde sehr ernst, während er +sie betrachtete. Ein kurzes Zögern noch -- dann reichte er sie dem +Greise hin. + +»Das aber gehört dir. Ich will morgen hören, ob das Geld für dich +verwendet worden ist.« + +Semen streckte die Hand nach dem fabelhaften Reichtum aus; -- zu +sprechen, zu danken vermochte er nicht. Auch der Kutscher auf dem Bocke +blieb starr, riß die Augen auf, ließ vor Erstaunen beinah die Zügel +fallen. Was sollte das heißen, um Gottes willen? Sein Herr verschenkte +fünf Gulden an einen Straßenbettler?! + +»Herr,« sagte er, als der Doktor in den Wagen stieg, »du hast ihm fünf +Gulden gegeben. Hast du dich nicht geirrt?« + +»Schweig und fahr zu!« befahl Rosenzweig, und die Peitsche knallte, und +die Falben griffen aus. + +Bald kam auf der weiten Ebene das Doktorhaus in Sicht. Es stand jetzt +nicht mehr so allein da wie ein Grenzstein; sehr nette Stallungen und +Schuppen erhoben sich hufeisenförmig im Hintergrund, und eine +wohlgepflegte Baumschule füllte den Raum zwischen den Wohn- und +Wirtschaftsgebäuden. + +Die letzteren waren wirklich nach einem Plane des Chamers, dem der +Architekt seine Sanktion gegeben hatte, ausgeführt worden und gut +ausgefallen, das mußte man gelten lassen. + +Ob Rosenzweig zu seinem Daheim zurückkehrte aus dem Gehöft eines +Schlachziz, aus dem Hause eines Grundherrn oder aus dem Schlosse eines +Magnaten -- sein geliebtes Besitztum begrüßte er stets mit der gleichen +Freude. »Den andern das ihre, das meine mir!« -- Aufrichtig gesagt, +getauscht hätte er, wenn auch noch so gewinnreich, mit keinem. Er hatte +ja nie ein lebendes Wesen (seine Großmutter ausgenommen) so geliebt, wie +er sein kleines Gut liebte. Und wie es da so schmuck vor ihm lag, das +langsam und mühsam Erworbene, die Verkörperung seiner Kraft und +Tüchtigkeit, ein so wahrhaft zu Recht bestehendes Eigentum, wie es +wenige gab, da ballten sich seine Fäuste, und er vollzog einen +imaginären Totschlag an dem imaginären ersten, der es wagen würde, ihm +seinen Besitz anzutasten. + +Am Abend noch besuchte er den Kreishauptmann und berichtete ihm Wort für +Wort sein Gespräch mit Semen Plachta. + +Der Beamte ließ sich in eine ausführliche Erörterung der kommunistischen +Umtriebe im Lande ein; die eigentlichen Absichten ihres Urhebers jedoch, +das Wesen des seltsamen Mannes überhaupt, wußte er nicht zu erklären, so +genaue Kenntnis er auch von dessen ganzem Lebenslaufe besaß. + +Der Sendbote, der das Land rastlos durchpilgerte und in den Palästen und +den Hütten das Evangelium der Gleichberechtigung aller Menschen und der +Gleichteilung allen Grund und Bodens verkündete, gehörte, als Sohn des +Senatorkastellans von Polen und Herrn der Herrschaft Rudy im Warschauer +Gouvernement, dem hohen Adel an. Auch er war wie seine Standesgenossen +aufgewachsen und erzogen worden im Bewußtsein überkommener Rechte, +ererbter Macht und der Pflicht, sie zu wahren und sie auszuüben. + +Kaum jedoch in ihren Besitz gelangt, hatte er sich ihrer freiwillig +entäußert. Die Erträgnisse seiner Güter flossen in die Bettelsäcke der +Güterlosen oder wurden zu Revolutionszwecken verwendet. Er aber zog +umher und warb Jünger für seine Lehre und fand ihrer in den Reihen +seiner eigenen Standesgenossen. An die eindrucksfähigen Herzen der +Jugend wandte er sich, und je reiner und unschuldiger diese Herzen +waren, desto feuriger erglühten sie in Verehrung für ihn, und in +Sehnsucht, seinem opfermutigen Beispiel zu folgen. Boten des Sendboten +tauchten auf im Königreiche Polen, im westlichen Rußland, in Posen, in +Galizien. Die Worte ihres Abgottes auf den Lippen, riefen sie dem Adel +zu: -- Wirf deine Reichtümer und deine zu lang genossenen Vorrechte von +dir. Vorrecht ist Unrecht. Und dem Volke: -- Kommt, ihr Armen! Nehmt +euern Anteil an dem Boden, den seit Jahrhunderten euer Schweiß, und wie +oft! auch euer Blut gedüngt hat. -- Zu allen aber sprachen sie: Erhebt +euch, schüttelt das Joch der Fremden ab! Wir wollen ein Reich gründen, +darin es weder Überfluß noch Armut, nicht Herrschaft noch Knechtschaft +gibt, das Reich -- das Christus gepredigt hat. + +Der geistige Leiter dieser Missionen hatte sich inzwischen an dem gegen +Rußland geplanten und fast im Augenblick des Losbruchs gescheiterten +Aufstande des Jahres 1843 beteiligt. Als Flüchtling entkam er nach +Posen, wurde dort binnen kurzem wegen Verbreitung kommunistischer +Grundsätze zur Rechenschaft gezogen, in Haft genommen, endlich verbannt. +Er begab sich nach Brüssel, wo Lelewel die Verirrungen seiner +allzuheißen Freiheits- und Vaterlandsliebe in den Qualen bittersten +Heimwehs verbüßte. Der Umgang mit diesem »Großmeister der Revolutionäre« +steigerte die Begeisterung Dembowskis zum Fanatismus. Was seine Seele +fortan erfüllte, war nicht mehr Mitleid allein mit den Elenden und +Armen, es war auch Haß gegen die Starken und Reichen, hießen sie nun die +Beherrscher der Teilungsmächte oder die Inhaber der polnischen +Zentralgewalt in Paris und Usurpatoren des Königreichs, das sie +wiederherstellen wollten. + +Der Apostel der Nächstenliebe kehrte als ein politischer Agitator nach +der Heimat zurück. Er, den bisher nur seine eigenen Eingebungen geleitet +hatten, übernahm die Ausführung fremder Pläne und die Aufgabe, Galizien +zur Empörung reif zu machen. In dieser Aufgabe wirkte er nun. Wußten +die, die ihn mit ihr betrauten, was sie taten? Sahen sie ihn und seine +Lehre nur als das Ferment an, das die stumpfsinnige Menge in Gärung +bringen, in eine Bewegung setzen sollte, der die Richtung vorzuschreiben +sie sich anmaßten? -- + +Die Sympathie und Bewunderung, die jeder echte Pole für den empfindet, +der im Kampfe gegen die Fremdherrschaft gelitten hat, bewährte sich von +neuem. Der Adel nahm den Geächteten in Schutz, obwohl er einen Gegner +seiner Interessen in ihm erkannte. Mochte er welcher Partei immer +angehören, die Befreiung Polens war auch sein Ziel, auf dem Wege traf +man zusammen und drückte einander die Hand. + +»Und sehen Sie,« schloß der Kreishauptmann, »so sehr ist der Mensch in +mir im Beamten doch nicht aufgegangen, daß ich diese Polen um solcher +Züge ihres oft unbesonnenen, blinden, stets aber hochherzigen +Patriotismus willen nicht lieben und zugleich -- beneiden müßte.« + +»Euer Gnaden!« rief Nathanael mißbilligend aus, und beide Männer +schwiegen. Nach geraumer Zeit erst nahm der Doktor wieder das Wort: + +»Ich glaube, Euer Gnaden, es wäre Sache der Regierung, vor allem sich +und den Adel vor dem verderblichen Einfluß des kommunistischen großen +Herrn zu schützen.« Hier flocht er das ruthenische Sprichwort ein: 'Ein +schlechter Vogel, der sein eigenes Nest beschmutzt.' -- »Ich begreife +nicht, warum man so lange untätig zusieht. Warum man ihn nicht hindert +gleichsam unter den Augen der gesetzlichen Macht sein tödliches Gift +auszustreuen.« + +Unangenehm berührt durch die Entschiedenheit, mit der Rosenzweig sprach, +entgegnete der Kreishauptmann mit kühler Überlegenheit: + +»Es geschieht schwerlich ohne Grund. Übrigens -- unter uns! -- wir haben +Weisung, auf ihn zu fahnden -- in unauffälliger Weise.« + +»O -- dann!« rief Nathanael übereifrig -- »dann beschwöre ich Euer +Gnaden, meine Dienste in Anspruch zu nehmen. Unauffälliger wäre nichts, +als einen Kranken dem Arzte anzuvertrauen. Und daß Ihr 'Sendbote' krank +ist -- hier,« er deutete auf die Stirn, »und in das Beobachtungszimmer +des Kreisphysikus gehört, darauf schwöre ich!« + +Der Ausdruck im Gesichte des Beamten wurde immer kälter; er richtete +plötzlich eine gleichgültige Frage an den Doktor und entließ ihn, indem +er beim Abschied warnend Talleyrands berühmtes »*Surtout pas trop de +zèle!*« zitierte. + +Die Warnung blieb fruchtlos. Des Doktors ein mal entfesselter Eifer für +die Sache der Ordnung und des Gesetzes war nicht mehr zu bändigen. Er +hätte die Friedlosigkeit, die ihn umherjagte, auch den andern mitteilen +mögen, legte einen Abscheu ohnegleichen gegen die zuwartende Geduld an +den Tag, deren man sich in maßgebenden Kreisen befliß, und nannte sie +verbrecherischen Leichtsinn und unverzeihliche Lauheit. + +Sein politisches Glaubensbekenntnis hatte sich bisher in dem Satze +zusammenfassen lassen: + +»Unsre Regierung wird die denkbar beste sein, sobald sie sich nur noch +herbeiläßt, den Juden das Recht zu geben, Grund und Boden zu besitzen.« +Jetzt aber war ihm der Glaube an die Weisheit dieser Regierung +erschüttert, und er begann sich als ihr Belehrer und Ratgeber zu +gebärden. Auf dem Kreisamt hatte man wenig Ruhe vor ihm, er brachte +täglich neue, immer bedenklicher lautende Nachrichten von dem +Umsichgreifen der kommunistischen Propaganda, und riet immer dringender, +man möge sich doch entschließen, energische Sicherheitsmaßregeln zu +ergreifen. + +Die genaue Bekanntschaft des Schwiegersohnes Semen Plachtas, die er +gemacht hatte, gab ihm viel zu denken. Er hatte sich bisher niemals mit +dem Studium einer Bauernseele beschäftigt. Ein Bauer war in seinen Augen +der uninteressanteste von allen mit einer Menschenhaut überzogenen +Bipedes. Jetzt nahm er einen von der Sorte aufs Korn, beobachtete ihn +genau, ging sogar mit ihm ins Wirtshaus, ließ sich mit ihm in Gespräche +ein und wußte am dritten Tage, was er schon im ersten Augenblick gewußt +hatte, daß der Mann faul, trunksüchtig und einfältig war. Wie einfältig, +das kam erst zum Vorschein, wenn ihm der Branntwein die schwere Zunge +löste und es nur weniger Fragen bedurfte, um sich zu überzeugen, daß ihm +sogar die Kardinalerkenntnis der Unterscheidung zwischen mein und dein +fehlte. + +Der Doktor fuhr zur Gräfin Aniela und hielt ihr einen Vortrag über den +Zustand der Landbevölkerung. »Ja,« schloß er, »der Bauer ist dumm, aber +wodurch soll er denn gescheit werden, wenn er es nicht zufällig von +Natur ist? Ja, der Bauer ist faul, aber was würde die Arbeitsamkeit ihm +nützen, sie brächte ihn doch nimmer auf einen grünen Zweig. Seine +Arbeitsamkeit käme mehr dem Herrn zugute als ihm. Ja, der Bauer trägt +den heute verdienten Groschen heute noch in die Schenke, aber diese +Verschwendung kommt von seinem Elend. Das Elend ist nicht sparsam, das +Elend vermag einen so gesunden und fruchtbringenden Gedanken, wie den +der Sparsamkeit, gar nicht zu fassen.« + +Gräfin Aniela streckte das zierliche Hälschen in die Höhe, ihre +lieblichen Lippen verzogen sich spöttisch. + +»Verehrter Lebensretter, Sie sprechen ja ganz wie der 'Sendbote',« sagte +sie, »man glaubt ihn zu hören.« + +Der Doktor schwieg; der scherzhaft gemeinte Vorwurf traf ihn tief. + +Eine Stunde später stand er in seiner Baumschule vor einem Stämmchen, +nicht viel dicker als ein Finger, und doch trug es schon unter seiner +kleinen Blätterkrone drei herrliche Äpfel, völlig reif beinah, mit +gelblich glänzender Schale. Zu jeder andern Zeit hätte der Doktor an dem +Anblick seine Freude gehabt, heute vermehrte sich durch ihn nur sein +Mißmut. Joseph kam aus dem Hause, sein Arbeitsgerät auf der Schulter, +und wollte den Wohltäter noch zu andern Bäumchen führen, die ein ebenso +kräftiges Streben, brave Bäume zu werden, an den Tag legten, wie das, +welches er staunend betrachtete. + +Er erhielt keine Antwort. Mit finsterer Strenge funkelten die schwarzen +Augen Rosenzweigs unter ihren buschigen Brauen den Jüngling an, und +plötzlich sprach er: + +»Sag einmal, hast du nie etwas von einem Freiheitshelden, so eine Art +Narren gehört, der sich hier in der Gegend aufhält, und, wie man +behauptet, den Bauern in den Wirtshäusern Revolution predigt?« + +Joseph sah offenbar betroffen aus und schwieg. + +»Gesteh! Gesteh!« befahl Rosenzweig, und sein drohendes, zornrotes +Gesicht näherte sich dem des Jünglings. + +»Ich weiß nicht, Herr,« stammelte dieser, »ob du den meinst, den sie den +Sendboten nennen.« + +»Den eben meine ich!« + +»Der predigt aber nicht Revolution, der predigt Fleiß und Nüchternheit.« + +»Fleiß im Stehlen, Nüchternheit beim Totschlagen -- was?« höhnte der +Doktor. + +Ungewohnterweise ließ sich Joseph nicht aus der Fassung bringen. Noch +mehr! Er erlaubte sich einen Widerspruch: + +»Du bist im Irrtum. Ich kenne ihn.« + +Rosenzweig prallte mit einem unartikulierten Ausruf zurück, und Joseph +fuhr fort: + +»Ich habe lange mit ihm gesprochen.« + +»Wo? und wann? und was?« + +»Auf dem Felde, in der vorigen Woche; und von dir ist die Rede gewesen.« + +»-- Von mir?« + +Aus dem Munde des Chamers hat er seine Nachrichten über mich? dachte der +Doktor. -- Nun, sie sind danach! + +»Ich habe ihn nie predigen gehört,« nahm Joseph wieder das Wort. + +»Möchtest aber wohl?« + +»O ja! -- ich möchte wohl. Kein Pfarrer kann es ihm gleichtun, heißt es. +Es heißt auch, daß er heute nacht zum letztenmal in unsrer Gegend +sprechen wird, in der Schenke des Abraham Dornenkron, eine Meile von +hier, auf der Straße nach Dolego.« + +Eine lange Pause entstand, der der Doktor ein Ende machte, indem er +Joseph befahl, an die Arbeit zu gehen; er selbst begab sich zum +Kreishauptmann, meldete, was er soeben in bezug auf den Emissär in +Erfahrung gebracht hatte, und fragte an, ob es nicht geraten wäre, ein +Pikett Husaren nach der Schenke zu schicken und den Aufwiegler gefangen +nehmen zu lassen. + +»Was nötig ist, wird geschehen, mein lieber Rosenzweig!« antwortete der +Beamte. »Wir sind von allem, was vorgeht, auf das genaueste unterrichtet +und finden darin keinen Grund zur Sorge. Wovor fürchten denn Sie sich? +Sie gehören zu uns. Ich wollte, ich könnte etwas von Ihrer Vorsicht +denen einflößen, die ihrer bedürftiger wären als Sie und wir.« + +Rosenzweig machte noch einige Krankenbesuche und kam erst spät am Abend +heim. Vor dem Gartentor fand er Joseph, der ihn erwartete. + +»Was hast du dazustehen? Geh schlafen!« herrschte er ihm zu. + +Auch er hätte gern Ruhe gefunden, aber sie floh ihn in dieser Nacht, wie +in den vorhergehenden Nächten. + +Auf einmal fiel es ihm ein, ob es nicht möglich wäre, daß Joseph sich +jetzt aus dem Hause schliche, um nach der Schenke zu rennen und die +Abschiedsrede des Agitators zu hören. Der Weg ist freilich weit, und die +Nacht schon vorgeschritten, aber der Bursch hat junge Beine ... Übrigens +-- wer weiß? Wenn er fürchtet, zu spät zu kommen, nimmt er am Ende gar +ein Pferd aus dem Stall ... + +Nun, _der_ Zweifel wenigstens sollte ihn nicht lange quälen. Rasch nahm +er den Leuchter vom Tisch und eilte über die Treppe, den Gang, nach der +von Joseph bewohnten Stube. + +In Jahren hatte er sie nicht betreten; sie war die einzige schlechte im +Hause und ärgerte ihn, so oft er sie sah. Ein länglicher, schmaler Raum, +einfenstrig, mit Ziegeln gepflastert. Wäre Rosenzweig nicht der +Wohltäter, sondern der Arzt Josephs gewesen, er hätte ihm verboten, da +zu schlafen auf dem Strohsack, im Winkel zwischen der Drehbank und der +Mauer, die förmlich troff von Feuchtigkeit. + +Er sagte sich das, als er eintretend den Menschen, den er auf dem Wege +nach Dolego vermutete, lang ausgestreckt fand auf seiner mehr als +bescheidenen Lagerstätte, tief und selig schlafend. + +Als Rosenzweig sich über ihn beugte und ihm ins Gesicht leuchtete, +zuckten seine Augenlider, sein roter, frischer Mund zog sich trotzig +zusammen, aber nur um gleich wieder mit leicht aufeinander ruhenden +Lippen ungestört weiter zu atmen. Hätte er tausend Zungen gehabt, sie +würden nicht vermocht haben, kräftigere Fürsprache für die Lauterkeit +seines Herzens einzulegen, als es der Ausdruck des bewußtlosen, +schweigenden Friedens auf seinem Antlitz tat. + +Der Doktor stellte den Leuchter auf die Drehbank und begann sich in der +Kammer umzusehen. Was es da gab an begonnenen, an halb und fast +beendeten Arbeiten, das alles war die Frucht des Fleißes emsig +schaffender und geschickter Hände. Und es mußte doch kein so übler +Verstand sein, der ihr Tun leitete, denn nirgend fand sich die Spur +verwüsteten Materials oder kindischer Spielerei. Und worauf sich das +ganze Sinnen und Denken dieses Verstandes richtete, das war das Wohl und +Gedeihen des Doktorhauses, ihm kam all sein Streben zugute, das förderte +er nach bester Kraft und Einsicht. Ein Beispiel für hundert fiel dem +Doktor auf und -- fast rührte es ihn. + +Er hatte unlängst das hölzerne Gartenpförtlein durch ein eisernes +ersetzen lassen und war zufrieden gewesen mit der vom Stadtschlosser +gelieferten Arbeit, aber Joseph meinte: »Sie ist nicht schön genug, ich +will eine Verzierung anbringen.« Rosenzweig verhöhnte ihn damals, und +nun war das Werk schon unternommen, war schon mit unsäglicher Mühe aus +starkem Eisenblech herausgesägt und gefeilt, und inmitten schmucker +Arabesken zeichnete sich, gar künstlich verschlungen, der Namenszug +Rosenzweigs. + +Dieser lächelte, kreuzte die Hände und versank in eine, zum erstenmal +wohlwollende und mitleidige Betrachtung des bescheidenen +Tausendkünstlers. Zu Häupten seines Lagers bemerkte er ein Bild des +heiligen Joseph, mit vier Nägeln an der Wand befestigt, und darunter +stand in ungefügiger Schrift: + +»Von meiner Lubienka.« + +-- Die deine, du armer Junge, der auf der weiten Erde nichts besitzt? +Hab erst festen Boden unter deinen eigenen Füßen, eh du es wagst, einem +schwächeren Menschenkinde zuzurufen: Tritt zu mir! Du hast dir noch +nichts erworben, noch nichts verdient trotz deiner Arbeitsfreudigkeit +und Treue, nichts -- keinen Lohn, keinen Dank, kein Recht. Was du mir +leistest und nützest, gilt nur als Zahlung einer dereinst -- +unfreiwillig eingegangenen Schuld. + +Wann wird diese Schuld endlich getilgt sein, armer Geselle?... Ist sie +es denn im Grunde nicht längst? Besäßest du Klugheit genug, um +abzurechnen und abzuwägen, vor Jahren schon hättest du gesagt: Wir sind +quitt! Von nun an bezahle mich, Herr! Ich will auch für mich erwerben. +-- Ich sei ein harter Mann, heißt es, aber ungerecht darf mich niemand +schelten. Wenn du gefordert hättest, ich hätte dir gegeben, ich hätte +dich gelten lassen, wenn du dich geltend gemacht hättest ... Du hast es +aber nicht getan; du bist schweigend unter deinem Joche weitergeschritten +und wirst so weiterschreiten, bis du zusammenbrichst, und am Ausgang +deines Lebens so hilflos dastehst, wie du an seinem Eingang gestanden +hast.. Wessen Schuld? -- Warum denkst du nicht? Warum sprichst du nicht? +Warum verschwendest du die kostbaren Kräfte deiner Jugend?... Aber es +geschieht, und ich verbrauche sie -- und so wie ich tun Tausende, und +so wie du Hunderttausende ... + +Noch einen Blick auf den sanft Schlafenden, und Nathanael schloß die +Augen und preßte die Hände an seine Stirn. Grell und blendend drang es +auf ihn ein, wie ein im Dunkel aufflammendes Licht. Mit Grauen und +Entsetzen erfüllte ihn das Bewußtsein: Da schläft er noch still und +harmlos, und die Hunderttausende seinesgleichen schlafen wie er. Doch +werden sie erwachen -- schon weckt man sie. Zu welchen Taten? Wie werden +sie hausen, die plötzlich entfesselten Knechte? + +Ein Schwindel ergriff ihn, ihm war, als wanke sein Haus. + +»Noch nicht!« rief er und stieß den Fuß heftig gegen den Boden. + +Joseph erwachte, sprang auf: »Was befiehlst du, Herr?« Das Bewußtsein +kehrte ihm nicht schneller zurück, als diese Frage auf seine Lippen +trat. + +»Wissen will ich, was vorgeht, hören, was euch gepredigt wird. Ich will +den Sendboten hören. Spann die Falben vor den Wagen, du wirst mich nach +der Schenke des Dornenkron fahren. Spann ein!« + + +*IV.* + +Die Nacht war dunkel. Ein feiner, dichter Regen strömte unablässig, +emsig auf die Erde nieder, und ein andrer, ein kompakter Regen spritzte +von ihr auf beim energischen Gestampfe der wackeren Rößlein. »Polens +fünftes Element« umwirbelte und übersprühte das von Joseph gelenkte +Gefährt, das zwischen einer doppelten Reihe riesiger Pappeln auf der +Kaiserstraße dahinrollte. + +Der Doktor saß lange Zeit schweigend in seinen Mantel gehüllt. Ungeduld +verzehrte ihn. + +»Wir kommen zu spät,« sagte er endlich. »Treib die Falben an.« + +»Sie laufen ja, was sie können,« antwortete Joseph. »Wir sind schon +weit.« Er deutete nach einem großen, weißlichen Fleck im Nordwesten des +bleigrauen Horizonts, »die Weichsel und der Dunajec stecken schon ihre +Fahnen aus.« + +Eine Viertelstunde später war das Ziel erreicht: ein niedriges, +weitläufiges Gebäude. Vor dem standen allerlei Fuhrwerke und hinderten +Joseph, sich mit dem seinen zu nähern. + +Rosenzweig hieß ihn halten, stieg ab und suchte sich einen Weg durch das +Gewirr der Wagen und Pferde zu bahnen. Es war keine leichte Aufgabe für +einen, der möglichst unbemerkt in das Haus gelangen wollte. + +Die meisten Kutscher hatten ihr Gespann verlassen, die andern schliefen +auf dem Bocke oder taten so und leisteten dem Befehl des Doktors, ein +wenig Raum zu geben, keine Folge. Er hob eben den Stock, um sich ihnen +deutlicher verständlich zu machen, als Abraham Dornenkron auf der +Schwelle des Hauses erschien, einen brennenden Span in der Hand. + +»Schaff mir Platz, Abraham,« sprach der Doktor, »ich bin's, ich, Doktor +Rosenzweig.« + +»Gott der Gerechte!« stieß der Wirt erschrocken hervor, faßte sich aber +sogleich und patschte dienstwillig in den Sumpf, der die Zufahrt zu +seinem Gasthof bildete. Er schob die künstlich aufgestellte Wagenburg +auseinander und rief dabei fortwährend mit überflüssigem Stimmaufwand: + +»Der Herr Doktor Rosenzweig! -- Is wer krank? Wohin belieben zu reisen +der Herr Doktor?« + +Sobald die Möglichkeit vorhanden war, sich ihm zu nähern, sprang +Nathanael auf ihn los und packte ihn beim Ohr: + +»Sei still, Spitzbube! Du brauchst mich bei deinen Gästen nicht +anzumelden. Ich will das schon selbst besorgen.« + +Und als das Männlein trotzdem nicht aufhörte, seine Verwunderung über +die Ankunft des Doktors laut auszuschreien, drückte der ihn gegen den +Türpfosten, daß ihm der Atem verging, und drang an ihm vorbei in den +Flur. + +»Ein Gibor![6] Schema Isroel, ein Gibor der gewaltige Doktor!« raunte +Abraham einem mißgestalteten Wesen zu, das plötzlich im Dunkel +geräuschlos wie eine Eidechse, krummbeinig wie ein Kobold, neben ihm +aufgetaucht war. + +Es wiegte den unförmigen Kopf; seine nachtschwarzen Augen funkelten klug +und feurig. + +»Er ist eingezogen, zu spionieren, Tateleben. Wir wollen ihm kommen +zuvor, daß uns nicht kann begegnen ein Unglück,« flüsterte der Kleine. + +»Elend über Elend! Wie heißt ihm kommen zuvor?« + +»Ich will nehmen ein Pferd, Tateleben, und reiten nach Tarnow wie ein +Windstoß, zu melden bei der Polizei, daß bei uns Versammlung halten die +rebellischen Gojim, und daß die kaiserliche Regierung soll ausschicken +gegen sie Soldaten, wenn es is gefällig der kaiserlichen Regierung.« + +Abraham betrachtete seinen Sprößling mit Blicken bewundernder Liebe: + +»Reit wie ein Windstoß, mein Sohnleben, daß du mit Gott bald kommst ans +Ziel. Reit,« wiederholte er und setzte in naiver Fürsorge hinzu: »Tu +dich nur nehmen in acht, daß du nicht kommst um deine graden Glieder.« + +Rosenzweig war inzwischen in die Wirtsstube getreten oder hatte sich +vielmehr hineingezwängt. + +Es herrschte darinnen eine dicke, dumpfe Atmosphäre, das Produkt von +mehr als hundert, dicht aneinandergepferchten Menschen, in nassen +Pelzen, Kleidern und Stiefeln. Fuseldünste und der Qualm einer an der +Decke hängenden Naphthalampe trugen dazu bei, das Atmen in diesem Raume +zu erschweren. Die Anwesenden jedoch erfuhren unbewußt den beklemmenden +Einfluß, der die Gesichter der einen glühen machte und die andrer bis +zur Todesblässe entfärbte. Es waren Männer, den verschiedensten +Altersstufen und Ständen angehörig, in ärmlicher Kleidung, im reichen +Nationalkostüm, im Priestertalar, im Studentenrock, im schäbigen, +schwarzen Gewand des Winkelschreibers. Die keinen andern Platz mehr +gefunden hatten, waren auf die Bänke gestiegen und, zwischen die Mauern +und die Menge geklemmt, bezahlten sie bei jedem neuen Andrang den +Vorteil ihrer erhöhten Stellung mit der Gefahr, erdrückt zu werden. + +In der vordersten Reihe, seine Umgebung überragend, stand ein +grauhaariger, graubärtiger, breitschultriger Herr, in kostbarer +Magnatentracht. Wenn er den Kopf wandte, zeigte sich dem beobachtenden +Nathanael das ausdrucksvolle asiatische Profil eines der mächtigsten +Fürsten des Landes. + +-- Auch du, *Starosta princeps nobilitatis*? dachte Rosenzweig. Aber +eine noch größere Überraschung erwartete ihn. + +Der einzige in der Stube freigebliebene Raum war der vor dem Eingang in +das Nebenzimmer, dessen offene Tür von einigen jungen Leuten mit +wahrhaft wildem Eifer vor der Zudringlichkeit der Neugier oder des +Fanatismus behütet wurde. Dort schritt Dembowski im Gespräch mit einem +Schlachziz auf und ab, in dem Rosenzweig zu seinem grenzenlosen +Erstaunen den vertrauten Freund des Kreishauptmanns erkannte. Er lebte +in glücklichen Familien- und geordneten Vermögensverhältnissen, war ein +harmloser, aufrichtiger Mensch, dem der Friede über alles ging. Nie +hatte er es dahin gebracht, einer politischen Debatte seiner +Gutsnachbarn bis ans Ende zu folgen, weil er regelmäßig früher +einschlief. Und dieser ruhigste und stillste aller Staatsbürger, da +wandelte er nun flammend und glühend in einem Seelenkampfe, dessen Pein +sich in seinem zuckenden Gesicht malte, neben dem Aufwiegler einher. + +Der aber, leicht vorgebeugt, den Arm des Neophiten sanft berührend, +sprach eindringlich und leise zu ihm, sprach Worte, auf welche dieser +keine Erwiderung mehr zu finden schien. Ein letztes noch -- und er +wandte sich von dem Erschütterten und trat zu seiner Gemeinde, die ihn +mit unendlichem Jubel empfing. + +Der Sendbote war als Bauer gekleidet. Er trug einen langen, weißen +Kaftan, der am Halse durch zwei große Metallknöpfe geschlossen war, hohe +Stiefel, ein Hemd aus grober Leinwand und Pluderhosen aus demselben +Stoffe. Ein lederner Riemen, an dem ein kleines Kruzifix aus schwarzem +Holze hing, umgürtete seine Lenden. Sein dichtes, dunkelblondes Haar war +kurz geschoren; es wuchs in scharfer Spitze in die Stirn und zog schön +gewölbte Bogen um die mattweißen, etwas eingedrückten Schläfen. + +Ruhig ließ er den Freudensturm des Willkomms verbrausen, stand da mit +herabhängenden Armen, die Finger nur leicht gekreuzt, und schaute ins +Gewühl lässig und obenhin, wie sehr Kurzsichtige pflegen, die schauend +schon im voraus auf das Sehen verzichten. + +»Freunde, Brüder,« begann er, ohne die Stimme zu erheben, und sogleich +wurde es still bis zur Lautlosigkeit, -- »ich grüße euch zum letztenmal +vor dem Kampf, vielleicht zum letztenmal vor dem Tode.« + +»Sei uns gegrüßt!« antwortete ein brauner Kumpan von martialischem +Aussehen; »im Kampf, im Tod, im Sieg!« + +»Im Sieg!« durchlief's die Menge als Seufzer der Sehnsucht, als Schrei +der Hoffnung, als Ausruf der Zuversicht. + +»Sieg?« wiederholte der Redner, »ihr habt ihn schon errungen. Ein Kampf +wie der eure ist ein Sieg und ein Sieger jeder von euch, ob er den Fuß +auf seine Feinde stellt, ob er zertreten von ihren Rossen auf dem +Schlachtfelde liegt. Meine Brüder! was immer uns beschieden sein mag, +der Gedanke, der uns beseelt, kann nicht mehr sterben. Er wird +fortleben, sogar auf den Lippen derer, die uns um seinetwillen verfolgen +und töten. Sie selbst werden die heilige Lehre noch verbreiten, indem +sie von dem Märtyrertum erzählen, das wir erlitten haben.« + +Allmählich war die lähmende Müdigkeit von ihm gewichen, seine +geschmeidige Gestalt hatte sich emporgerichtet: + +»Vielleicht ist die Erinnerung an unsern Tod das einzige, was wir denen +hinterlassen können, für die wir so gern gelebt hätten. Wir müssen dafür +sorgen, daß dieses Erbe ein glorreiches sei ... Es wird _kein_ +glorreiches sein, wenn nicht jeder einzelne, der zu unserm Bunde +geschworen hat, sich als ein Priester fühlt, dessen Ehrgeiz Entsagung +und dessen Ruhm grenzenlose Hingebung an die Sache Gottes ist.« + +Vereinzelte Laute der Zustimmung ließen sich vernehmen, aber so manches +Antlitz drückte Enttäuschung aus. + +»Die Sache Gottes, meine Brüder!« wiederholte der Redner. »Vermöchte ich +den Feuereifer, ihr zu dienen, in euern Seelen zu erwecken, den er in +der meinen erweckt hat, und euch den Abscheu und die Scham kennen zu +lehren, womit ich zurückblicke auf die einst genossenen Erdenfreuden. +Mitten in der Fülle ihrer Genüsse fand mich der Herr. Aus ihrem Taumel +schrak ich auf bei seinem Ruf. Und die Stimme, mit der der Allerbarmer +mich rief, war die des Mitleids, und das Mitleid gebar den Zweifel und +der Zweifel die Erkenntnis.« + +Verklärung breitete sich über seine Züge; das Licht der schönsten +Liebesgedanken leuchtete auf seiner Stirn. + +»Ich lebte, wie die Verwöhnten leben. Weil der Zufall mir zuviel +beschert hatte, kannt ich kein Genügen; in meiner heißen Hand zerschmolz +das Gold. + +Da war einer unter meinen Dienern -- Jelek hieß er, ein Bauerssohn, der, +aufgeweckt und tüchtig, es bis zu dem Amte meines Güterverwalters +gebracht hatte. Er allein wagte es einmal, eine Warnung gegen mich +auszusprechen, und fiel dadurch bei mir in Ungnade. + +An einem Sommermorgen ritt ich nach fröhlich durchlebter Nacht mit +meinem Anhang von einem Feste bei meiner Geliebten heim. Ihre Küsse +brannten noch auf meinen Lippen, die Klänge der Musik summten mir noch +im Ohr, liebliche Bilder gaukelten vor meinen Augen, eine beglückende +Lebenslust erfüllte mich. In meiner Seele vermählten sich die Erinnerung +an genossene Freuden mit der Erwartung künftiger, und übermütig rief ich +meinen Gefährten zu: + +'Wie heute, so morgen, und immer!' + +Wir waren am Ausgang des Waldes angelangt; vor uns lagen im schimmernden +Duft des jungen Tages die taufrischen Wiesen, das Ährenmeer der Felder, +und aus der Ferne grüßte mein bewimpeltes Schloß mit seinen starken +Türmen. Seine Fenster blinkten, auf seinem altersgrauen Gemäuer lag der +Glanz der aufgehenden Sonne wie ein Lächeln auf dem Antlitz eines +Greises. Einen schönen Anblick bot mein ehrwürdiges, gastliches Haus, +und mit Jauchzen sprengten meine Gefährten ihm zu. + +Ich aber verhielt mein Roß. + +Ich hatte längs des Waldsaumes einen Mann in hastender Eile herbeikommen +gesehen und Jelek, meinen Verwalter, in ihm erkannt. 'Woher und wohin?' +rief ich ihn an. Er nannte einen weit entfernten Meierhof, nach dem ihn +der Intendant mit einem Auftrag schickte. -- 'Fand sich dazu kein +Geringerer? Seit wann machst du Botengänge?' -- Auf diese meine Frage gab +er zur Antwort: 'Seit ich bei dir in Ungnade gefallen bin. Dein +Intendant hat mich meines Amtes entsetzt und bedenkt mich dafür mit +allerlei Ämtern.' -- Er keuchte und wischte sich den Schweiß von der +Stirn, und ich sah es ihm an, daß ihm der Boden unter den Füßen brannte. +Ich sah auch, daß sich vom Dorfe aus ein langer Zug nach der Straße hin +bewegte, und daß der es war, dem er entgegenstrebte. Ich setzte mein +Pferd in Schritt, und er folgte mir. So kamen wir zur Landstraße, auf +der die Leute wanderten. Ein paar hundert Männer, Jünglinge, Greise, +ihre Sensen auf den Schultern, Säcke auf den Rücken. Sie schritten +stumm, mit gesenkten Köpfen, die meisten barfuß und zerlumpt -- meine +Bauern!... Und wie sie, sich bis zur Erde verneigend, an mir +vorüberschlichen, unlustig, wie eine Herde, die nach fremdem Pferch +getrieben wird, da wußt ich: die Leute sind vermietet für die Erntezeit, +weithin vielleicht, und werden den Boden, auf dem ihre eigene ärmliche +Ernte reift, nicht wiedersehen, eh der Schnee ihn bedeckt. + +Jelek hatte ein Tüchlein hervorgezogen, in dem einige Münzen +eingebunden waren, und drückte es einem Alten in die Hand, der am Ende +des Zuges mühsam nachhumpelte: -- 'Damit du nicht darbst unterweges, +Vater. Gott tröste dich. Meinetwegen mußt du fort.' + +Der Alte barg das Tuch an seiner Brust, und der Haiduk, der die Schar +geleitete, stieß ihn vorwärts. + +In die Augen Jeleks traten Tränen des Schmerzes und der Wut. + +'Warum sagtest du,' fragte ich ihn, 'dein Vater müsse um deinetwillen +fort?' + +'Weil es so ist. Der Intendant hätte sich nicht getraut, ihn zu +vermieten, wenn du mir noch gnädig wärest wie sonst.' + +Ein paar Tage später traf ich meinen Jelek, wie er einen Arbeiter auf +dem Felde, einen hochbejahrten Mann, der Faulheit anklagte und +erbärmlich schlug. + +'Siehst du nicht, daß der Mann erschöpft ist und nicht mehr arbeiten +kann?' sagte ich, und er erwiderte: + +'So werden sie es in der Fremde auch meinem Vater tun. Warum soll es dem +einen besser gehen als dem andern?' + +Was ich ihm antworten sollte, wußte ich nicht, aber zu dem Alten sagte +ich: + +'Tun dir die Schläge nicht weh, daß du dastehst und nicht einmal +klagst?' + +'O, mein gnädiger Herr!' entgegnete er, 'was würde das Klagen mir nützen?' + +Und auch darauf mußte ich schweigen ... + +Heimkehrend fand ich das Haus zum Empfang meiner Geliebten geschmückt, +und alle, die um meine Gunst buhlten, waren versammelt, um ihr zu +huldigen. Sie erschien in ihrer königlichen Schönheit, und ihr Anblick +und der Anblick der Pracht, die mich umgab, und der kriechenden +Dienstfertigkeit meines Anhangs -- Grauen, meine Brüder! Grauen +erweckten sie mir ... Ein Dämon, meint ich, habe tückisch mein Auge zu +furchtbarem Hellsehen geschärft ... All der Glanz, alle die Pracht und +Herrlichkeit und die Liebe des Weibes und die Treue der Freunde -- sie +hatten einen Preis, und bezahlt hatte ihn das Elend. Die hatten ihn +bezahlt, die zum Frondienst vermietet hingezogen waren in die Fremde.. +Das Gewühl vor mir, die Wände des Saales wurden durchsichtig. Wie durch +schimmernde Schleier sah ich eine wandernde Schar, deutlich jede Linien +der Gestalten, jeden Zug der Gesichter, die mein Auge an jenem Morgen +nur flüchtig gestreift hatte. Ergebung auf allen! Nicht schöne, +männliche -- nein! die trost- und hoffnungslose Ergebung des +Stumpfsinns. Was jenes Opfer der ungerechten Vergeltung, die mein Diener +übte, gesprochen hatte, das sprachen auch sie in ihrem Schweigen. 'Was +würden Klagen uns nützen?' + +Brüder! in dieser Stunde habe ich meiner Macht geflucht und mein Glück +gerichtet ... Meine Macht war zum Unheil andrer ausgeübt worden, mein +Glück wuchs nicht wie eine Blume aus dem gesunden Mutterschoß der Erde, +es war ein Wuchergebilde, ihrer Krankheit Frucht, und nährte sich +parasitisch von kostbaren Lebenssäften.« + +Der Redner bog den Kopf zurück; seine Lider schlossen sich, einem +Gepeinigten gleich zog er den Atem ein. + +»Da ergoß sich in meine Brust ein Strom der Schmerzen ... Die Schmerzen +jedes einzelnen, der um meinetwillen gelitten hatte, ergossen sich in +meine Brust!... Und jede Schuld und jedes Unrecht, das _die_ begangen +hatten, die mir dienten, als _meine_ Schuld empfand ich sie und vernahm +schaudernd, wie ihr Schrei gegen mich zum Himmel stieg. + +Die Luft im Saale lastete wie Blei, aus den Augen meiner Geliebten +blickte die Sünde, die Töne der Musik girrten sinnverwirrende Melodien, +und -- fort trieb es mich, hinweg von dem durchschauten Trug in die +kühle, klare Nacht. Ich wanderte unter ihren schimmernden Sternen, +soweit meine Füße mich trugen, und wie auch mein Herz blutete und rang, +mir war, als lebte ich auf. In der herben Qual, die ich litt, fühlte ich +die Hand meines Herrn, verstand die Mahnung, deren er mich gewürdigt +hatte. Und während sie mich suchten im Schlosse und in den Gärten, lag +ich im Waldesgrund auf dem Angesicht vor meinem Gott und flehte um Kraft +zur Buße und Sühne, und bot mich ihm dar zum Werkzeug seines Willens, +zum Verkünder seiner Lehre, und flehte den Urquell des Lichtes um +Erleuchtung auf meinem Wege an. + +Sie wurde mir. Wie das Auge des Blindgeborenen, als der Finger des +Heilands es berührte, sich der alten, vertrauten und ihm doch +unbekannten Welt erschloß, so erschloß sich meine Erkenntnis der +Offenbarung, in deren Licht ich gewandelt war von Jugend an -- ein +Blinder. Und je tiefer ich in den Geist des göttlichen Wortes eindrang, +desto klarer wird es mir: Inbegriff seiner Weisheit ist die Liebe. Für +uns Menschen -- die Nächstenliebe!« + +Die hochgehenden Wogen der Begeisterung, mit der der Sendbote empfangen +worden, waren allmählich verebbt. Ein Gemurmel der Mißbilligung, in das +sich nur vereinzelt warme Zurufe mischten, erhob sich jetzt. Aus der +Gruppe, die den Fürsten umdrängte, scholl rauh die Mahnung: + +»Laß den Pfarrer von Nächstenliebe sprechen, sprich du von der Befreiung +des Vaterlands!« + +»Eines, die beiden!« antwortete der Redner. »Keine Befreiung ohne die +Liebe des Nächsten. Sie ist der unermeßlich reiche Schatz, der uns an +dem Tag erlöst, an dem wir uns entschließen, ihn zu heben. Nur verstehen +müßt ihr ihr Gesetz. Für euch, ihr Mächtigen und Reichen, lauten seine +ersten Worte: Entsagung, Entbehrung, Sühne!« + +Die Lippen des Fürsten kräuselte ein Lächeln, aber mit immer mächtiger +werdender Stimme fuhr der Redner fort: + +»Es gibt nur einen Herrn, den König der Himmel und der Welten, und nur +ein Menschenvolk gleichgeborener Brüder. Der sich Herrschaft anmaßt über +seine Brüder, säet und erntet Unheil; die Seele des Knechtenden wie die +des Geknechteten verdirbt.« + +Mit einem raschen Schritte trat er auf den Fürsten zu: + +»Rette deine Seele, demütige dich! Gedenke der Sünden deiner Väter, +gedenke der Flüche, die auf deinem Haupte lasten. Wie? -- Befreiung von +fremder Tyrannei verlangt ihr? Was habt denn ihr jemals ausgeübt an dem +bejammernswerten Volke, als Tyrannei? Ihr, der Adel, ihr wart der Staat. +Niemals ist in Polen ein andrer Stand zu Wort gekommen, als der eure, +und wohin habt ihr das Land gebracht?... Euer Eigennutz hat es +ausgebeutet, eure Zwietracht es zerrissen, euer Verrat es den Feinden +ausgeliefert!« + +»Du lügst! Schweig! Wir wollen dich nicht mehr hören!« tönte es ihm +zurück. + +Ein rasender Tumult erhob sich. + +»Platz da! Platz für den Fürsten!« riefen die Begleiter des Magnaten, +der sich schweigend und verächtlich umgewandt hatte, und dem die Seinen +mit Stoßen und Drängen einen Weg zum Ausgang zu bahnen suchten. + +Nathanael, in der Nähe stehend, erwies sich ihnen hilfreich. Die Menge +war wie eingekeilt unter der Tür, aber sein eiserner Arm teilte sie, um +den Fortstürmenden Raum zu schaffen, und ein allgemeines Aufatmen gab +es, als der Fürst mit seiner Schar das Freie gewonnen hatte. + +Von draußen vernahm man ihr Schreien, Fluchen und Lachen. Die Herren +pfiffen ihren Kutschern und ihren Hunden, Peitschen knallten, Fuhrwerke +setzten sich in Bewegung. + +Der Blick des Sendboten glitt schwermütig über die gelichteten Reihen +seiner Jünger. + +»Auf die Großen dieser Erde habe ich nicht gezählt; wohl uns, wenn wir +keine andern Gegner hätten als sie,« sprach er ruhig. »Der Bedrücker +sind wenige, der Bedrückten viele. Wenn die Bedrückten sich erheben und +im Namen des Allgerechten ihren Anteil am Besitz der Erde fordern +würden, dann wäre die Macht der Mächtigen wie Spreu. Aber der Koloß, der +sich nur zu regen brauchte, um seine Bande zu sprengen -- er regt sich +nicht. Er duldet und front und wird ewig dulden und fronen. Durch das +unwürdige Leben, das er seit Jahrhunderten führt, ist das Bewußtsein +seines Menschentums, seines freien Willens in ihm erstickt worden. Sie +aber, die ihm dieses Bewußtsein raubten, haben nicht nur gegen das +elende, von ihnen verachtete Volk, sie haben -- und dessen gedenken sie +nicht! -- sie haben gegen Gott gefrevelt, indem sie Tausende seiner +Geschöpfe unfähig machten, sein Bild widerzuspiegeln.« + +Er hielt inne, und die jungen Leute jubelten ihm Beifall zu. Die älteren +Männer schwiegen. Einige Geistliche hatten sich in die Nähe der Tür +begeben. Der treulose Freund des Kreishauptmanns war samt den Edelleuten +verschwunden, nachdem er mit staunendem Schrecken den großen Kopf +Rosenzweigs aus dem Gedränge hervorragen gesehen hatte. Der Doktor +jedoch, mit der Wucht eines Pfeilers auf seinem Vordermann lastend, +brachte jeden allmählich zum Weichen und stand nun auf demselben Fleck, +auf dem früher der Fürst gestanden hatte, dicht vor dem Sendboten. + +Eine freudige Röte stieg diesem in die Wangen, als er Nathanaels +ansichtig wurde. + +»Gott wird die Schuldigen richten!« nahm er wieder das Wort. »Was uns +zukommt, ist die Erlösung der Armen, deren Jammer zu ermessen wir besser +vermögen, als sie selbst. Was ich von euch fordere, ihr Herren, ihr wißt +es, besprochen und wieder besprochen haben wir's in langen Stunden. Ihr +aber, Studenten und Männer der Wissenschaft, die ihr dem Volke nahe +steht wie euerm Vater, betreut es, als wäre es euer Kind. Lehrt es euch +lieben und vertrauen, verwendet zu seinen Gunsten euer Wissen, euer +Können, eure Erfahrung, Kraft und Zeit. Vergeßt euch selbst in seinem +Dienst. Keiner von euch pflege mehr seinen Geist in kaltsinniger +Abgeschlossenheit ... Mit welchem Rechte vertieft ihr euch in die +Erforschung der schwierigsten Welt- und Daseinsrätsel, während um euch +her noch Menschen leben, mit dem gleichen Anspruch auf Erkenntnis +ausgestattet wie ihr -- und unfähig, die einfachsten Gedankenreihen zu +bilden?... Ihr sucht nach Zielen in euern Wissenschaften und werdet +immer nur Grenzen finden. Ich nenne euch ein Ziel, das sich erreichen +läßt: die Verminderung des Irrtums, des Wahns, des Aberglaubens unter +euern Brüdern ... Dem Zug einer ungeheuern Heersäule, die nachts +aufbricht, um zum Kampfplatz zu eilen, gleicht das Wandeln des +Menschengeschlechts über die Erde. Die, denen Kraft gegeben ward, die +andern zu überholen, haben sich an die Spitze gestellt. Sie schreiten +schon im rosigen Morgenlicht, die Schatten fliehen, ein Wunderland +öffnet sich vor ihnen. Unaufhaltsam jagen sie ihm zu, auf +sonnenbeglänzter Bahn, unbekümmert um die Nachhut, die hinter ihnen im +Dunkel tappt und sich verirrt, und keinen Steg mehr findet, der zu den +Glücklichen hinüberführt, an deren Seite auch sie den Kampf des Lebens +zu kämpfen berufen waren ... Deshalb, ihr Führer, macht halt! Öffnet +eure Reihen, laßt die Nachhut herankommen. Einen breiten Weg für die +Nachhut! Zu ihrem Heil, meine Brüder! aber auch zu dem eurigen, denn aus +jedem bisher blöden Auge, das sich dank eurer fürsorgenden Liebe einem +Strahl der Wahrheit öffnet, wird euch der Himmel grüßen ...« + +Einige Schulmänner in der Nähe Rosenzweigs wechselten bedeutungsvolle +Blicke: »Ich bin sehr enttäuscht,« flüsterte ein Advokatenschreiber den +gelehrten Herren zu: »Das ist ja gar nichts.« + +Der Doktor stand nach und nach ganz bequem, von einem Gedränge war keine +Rede mehr. Das Auditorium machte sich langsam und geräuschlos fort. +Wagen um Wagen rollte, Reiter trabten davon. + +Die Zurückbleibenden widersetzten sich endlich dieser Flucht. Die +Verwünschungen, mit denen die Abtrünnigen begleitet wurden, begannen in +Tätlichkeiten auszuarten. + +Gebieterisch erhob der Redner seinen Arm. + +»Laßt jeden unbehelligt ziehen,« befahl er. »Wer von euch kann sagen, ob +das Samenkörnlein Wahrheit, das jetzt von der Brust dieser Männer +abzuprallen schien, nicht, ohne daß sie selbst es ahnen, in ihr Wurzel +geschlagen hat? Vielleicht tritt mancher von denen, die uns jetzt +verlassen, noch dereinst in unsre Reihen ein. Mir aber, meine Brüder, +mir ist es ein Segen zu fühlen: was mich in dieser Abschiedsstunde +umgibt, ist Treue, was mich vernimmt -- Verständnis. Den tiefsten Inhalt +meiner Lehre, in eure Herzen darf ich ihn gießen wie in köstliche +Schalen, die ihn rein und lauter bewahren, und ihn andern Herzen also +mitteilen werden. + +Brüder, wir müssen immer hören, ohne Kampf der Menschen untereinander +könne die Welt nicht bestehen; in einem allgemeinen Frieden würden unsre +Kräfte einrosten und unsre Geister erschlaffen. Das ist falsch. Friede +zwischen den Menschen bedeutet ja nicht das Ende aller Kämpfe, es +bedeutet vielmehr den Beginn eines neuen, eines herrlichen Kampfes. +Während der Haß der Urheber aller bisherigen Kämpfe gewesen ist, wird +die Liebe die Mutter der künftigen sein. Die Streiter, die sie aufruft, +werden nicht etwa ein leichtes Spiel haben, denn die Feinde, denen sie +gegenüberstehen, gönnen ihren Überwindern nicht Ruhe, nicht Rast; +täglich besiegt, erheben sie sich täglich wieder. _Leiden_ und +_Leidenschaft_ sind ihre Namen. Faßt sie nur einmal scharf ins Auge, und +ihr werdet euch fragen müssen: Ist es möglich, daß wir jemals einen +andern Streit unternommen haben als den gegen sie, als den gegen die +Leiden der andern und gegen die Leidenschaft in unsrer eigenen Brust? +Wie? es gibt in der Welt diese fürchterlichen Gewalten, und wir haben +mit ihnen einen faulen Frieden geschlossen? Wir haben sie hingenommen +wie das Notwendige und Unentrinnbare, wir haben schläfrig und lau den +Vampyr an unserm Marke zehren lassen und unsre Streitlust nicht an _ihm_ +gebüßt, nein, an unsern Brüdern, unsern mitleidenden Brüdern! Wir haben +Beladenen neue Lasten auferlegt, wir haben Verwundete verletzt. + +O, des Wahnsinns! Oder -- des Verbrechens -- oder vielmehr der beiden! +Verbrechen ist Wahnsinn, die Torheit ist die Quelle jedes Unrechts.« + +Ja, und tausendmal ja! dachte Rosenzweig, Tränen in den Augen, +erschüttert in allen Fugen seines Wesens. Ein unermeßliches Glück +durchdrang ihn, er empfand die höchste aller Wonnen -- die Wonne, aus +den beengenden Schranken der Selbstsucht aufzusteigen wie aus einem +Grabe. Was er bisher am meisten geschätzt hatte, erschien ihm wertlos, +die Arbeit vergeudet, die er auf die Erwerbung seines Reichtums +verwandt, verächtlich seine engherzige Freude an ihm, der, ein toter +Staub, in seinen Händen gelegen. Beschämung erfüllte seine Seele, aber +mit Entzücken gab er sich ihr hin als dem Wahrzeichen seiner Wandlung, +dem Beginn seines inneren Wachsens und Klärens. Nur ein Gedanke trübte +die reine Seligkeit dieses Augenblicks; er galt dem Apostel des Mitleids +und der Liebe und wurde schmerzlicher und sorgenvoller, als dieser die +Zukunft, die er träumte, als eine erreichbare zu schildern begann. -- +Täusche dich nicht! hätte er ihm zurufen mögen. Das Land deiner +Verheißung hat auf Erden keine Stätte. Begnüge dich damit, unsre +Sehnsucht nach ihm erweckt zu haben. Schon das ist Befreiung. + +Aber der Sendbote sprach ... Der Klang seiner Stimme füllte wie etwas +Körperliches den Raum, der Glutstrom seiner Beredsamkeit trieb seine +kühnsten, prächtigsten Wogen, und endlich schloß er: + +»Zweck und Ziel unsres Bundes ist das Wohl des Volks, das Wohl eines +jeden Bewohners der polnischen Erde; schwört Treue unserm Bunde!« Da +riefen alle, da tönte es mit der Stimme _einer_ Begeisterung aus der +Brust von jung und alt, von Besonnenen und Schwärmern: + +»Wir schwören!« + +Sie fielen vor ihm nieder und küßten seine Hände, seine Knie, seine +Füße. »Wir schwören dir Gehorsam bis in den Tod!« überschrie einer aus +der Menge alle übrigen. Der Sendbote wehrte ab: + +»Nicht mir Gehorsam -- der Sache schwört, die Armen und Bedrückten zu +lieben, wie euch selbst, und das Vaterland mehr, als euch selbst.« + +Die Beteuerungen wiederholten sich. + +»So geht denn hin. Werbt im Volke, werbt Werber für das Volk. Entsendet +keinen, der nicht auf das Kruzifix geschworen hat. Ich bringe euch die +Eidesformel und den Katechismus,« sprach der Agitator, und Stille trat +während der Verteilung der Schriften ein. + +Plötzlich wurde sie durch ein so angstvolles Gekreisch unterbrochen, daß +alle zusammenfuhren. Abraham Dornenkron stürzte herein, +schreckensbleich, mit aufgelösten Locken: + +»Rette sich, wer kann sich retten! Mein Sohnleben ist gewesen in Tarnow, +hat gesehen steigen auf die Husaren, gleich werden sie sein hier, mein +Sohnleben is geritten ihnen voraus.« + +Die Warnung Abrahams erweckte Hohn, Trotz, Bestürzung. Einige stammelten +ein leises Abschiedswort und eilten rasch davon. Was Waffen trug, +scharte sich um Dembowski und schickte sich zu seiner Verteidigung an. +Er aber wies seine Getreuen hinweg. + +»Fort! Ihr, ich, wir alle. Noch ist es nicht Zeit zum Kampfe. Ein +Hochverräter jeder, der den Kampf zu früh beginnt. Fort! Alle fort!« + +Die Stube leerte sich. Der letzte, der hinaustrat, war der Sendbote, +knapp vor ihm schritt Nathanael. In tiefer Stille bestiegen die +Verschworenen ihre Wagen und stoben auseinander wie Schatten. Das Pferd +des Redners wurde vorgeführt, er schwang sich hinauf und gab ihm die +Fersen. Das Tier bäumte sich, fiel schwer auf einen Vorderfuß zurück und +zog den andern mit schmerzvollem Zucken in die Höhe. + +Eilends sprang Rosenzweig herbei. »Ihr Pferd lahmt,« sagte er, »auf dem +Pferde kommen Sie nicht weit.« + +Der Wirt näherte sich, eine Flasche tragend, in deren Hals eine +tropfende Unschlittkerze stak, hockte am Boden nieder und bestätigte +jammernd den Ausspruch des Doktors. Diesen ergriff ein Verdacht, er +hielt dem Juden die geballte Faust vors Gesicht: + +»Wart, Kerl, wenn du das getan hast!« + +Abraham brach sofort in Wehklagen und Unschuldsbeteuerungen aus. Der +Emissär war vom Pferde gestiegen, stand regungslos und horchte. + +Deutlich vernahm man schon das Heransprengen der Reiter auf der Straße. +Sie ritten mit dem scharf herüber pfeifenden Wind. Gelblichgrau begann +der Horizont zu schimmern. Der fahle Schein der ersten Dämmerung +verbreitete sich über die Ebene. Nathanael fröstelte und glühte. Kalter +Schweiß rann ihm über die Stirn, eine eiserne Kralle schnürte ihm die +Kehle zu. _Das war Furcht_, deren Symptome er so oft an andern +beobachtet, die er an sich selbst nie erfahren hatte. + +»Verbergen Sie sich im Haus,« sprach er zum Emissär. + +»Was würde mir das nützen, wenn der Wirt falsch ist -- und er ist es,« +antwortete jener. »Ich will meinen Beinen vertrauen. So viel Klugheit +wie das gehetzte Wild habe auch ich. Irgendwo findet sich ein Hohlweg, +ein Baum, ein mitleidiger Strauch, der mich verbirgt.« + +Er schickte sich zur Flucht an. + +Da faßte ihn der Doktor mit überlegener Kraft und drängte ihn zu seinem +Wagen hin. + +»Herunter, Joseph!« befahl er, »und sieh zu, wie du nach Hause kommst. +Sie aber, nehmen Sie seinen Platz ein. Rasch!« + +Der Widerstrebende war auf den Wagen hinaufgehoben, bevor er sich's +versah. Der Doktor warf ihm seinen im Wagen zurückgebliebenen Mantel +über die Schultern, Joseph legte die Zügel in seine Hand und trat sofort +im Eilschritt den Heimweg an. + +»Du!« sprach Nathanael, und Abraham beugte sich beinahe bis zur Erde +unter dem Blitz, der aus den Augen des Doktors auf ihn niederfuhr, »du +sollst mich kennen lernen, wenn du den Verräter weiter spielst!« Einige +Verwünschungen folgten, die ihm leicht von den Lippen flossen. Schwerer +wurde es ihm, hinzuzusetzen: »Wenn du aber dein Maul hältst -- dann +kriegst du von mir für dein Schweigen das Doppelte von dem, was deine +Angeberei dir eingetragen hätte.« + +Er machte eine rasche Wendung den immer näherkommenden Reitern entgegen. + +»Hallo ho!« rief er, die Hände vor dem Munde zum Sprachrohr geformt, »zu +spät! zu spät!« + +Ein Pikett Husaren mit einem blutjungen Kadetten an der Spitze kam +angaloppiert. Der Kadett riß sein Pferd dicht vor Nathanael zusammen: + +»Gottes Donner! der Herr Doktor! Was führt Sie her?« + +»Beim Zeus! die Neugier, mein Gräflein. Aber Sie -- warum just Sie? Ein +heißer Ritt in kalter Morgenstunde, das gibt, so wahr ich Sie kenne, +eine Halsentzündung.« + +»Gottes Donner! scherzen Sie nicht! komm ich wirklich zu spät? Ist das +Nest leer? War der Emissär wirklich da? Haben Sie ihn gesehen?« fragte +der Jüngling in überstürzter Hast. + +»Gesehen, gehört, ihn als unschädlichen Schwärmer diagnostiziert.« + +»Unschädlich? Dann war er's nicht.« + +»Er war's!« + +»Es is gewesen er!« fiel Abraham geläufig ein. »Der Herr Kadett können +noch sehn stehn hier sein Pferd, das ich hab vernagelt, damit er nicht +kann reiten davon.« + +»Was ihn zwang,« bemerkte Rosenzweig, »im Wagen eines seiner Freunde +davon zu _fahren_!« + +Der Jüngling nahm das Pferd in Augenschein, ließ ihm das Eisen abreißen +und befahl einem Soldaten, es am Zügel mit zu führen. + +»Ich nehm es mit, als Pfand,« sagte er. »Und nun -- in welcher Richtung +ist er davongefahren, Doktor?« + +»Das verrate ich Ihnen um keinen Preis.« + +»In welcher Richtung? Die Sache ist ernst. Ich bin ein gemachter Mann, +wenn ich ihn fange. Wir haben verschärfte Order erhalten, heute +nachmittag. -- In welcher Richtung, Doktor?... Gottes Donner! sprechen +Sie!« + +Rosenzweig entgegnete mürrisch: »Ich weiß nichts. Vielleicht sind Sie +ihm selbst begegnet auf der Straße.« + +»Niemandem bin ich begegnet außer einigen guten Bekannten ... Übrigens« +-- er hielt inne und schlug sich vor die Stirn. »Auch die sind ja +verdächtig ... Rechts um!« kommandierte er seinen Leuten, und die +Husaren machten kehrt. »Adieu, Doktor. Und du, Jude, merk auf! Es soll +ein Preis auf den Kopf des Emissärs gesetzt sein, heißt es, ein Preis +von tausend Gulden. Dein wäre er gewesen, hätt ich den Kerl hier +erwischt.« + +Abraham zuckte zusammen, wand sich wie ein Wurm und kreischte laut. Der +Fuß des Doktors stand auf dem seinen und trat ihn unbarmherzig. + +»Was gibt's?« rief der Husar. + +»Er weint um die tausend Gulden, die ihm an der Nase vorbei geflogen +sind,« entgegnete Rosenzweig. + +Der Kadett setzte sich wieder an die Spitze seiner Mannschaft: »Ich +reite zurück. Die Wagen holen wir noch ein ... Gottes Donner! die wollen +wir jetzt aufs Korn nehmen ... In Galopp, Marsch!« Und das Pikett +rasselte davon. + +Abraham hüpfte kläglich auf einem Fuße und hielt den andern, +zurückgekrümmten, wie in einer Schlinge in der Hand. + +»Zweitausend Gulden!« winselte er. »Sie haben mir zerquetscht, Herr +Doktor, Sie Gibor, zwei Zehen.. Aber sie sollen gehen drein, ich verlang +kein Schmerzensgeld, wenn Sie mir auszahlen morgen meine zweitausend +Gulden, die Sie sind mir schuldig, so wahr Gott lebt!« + +Rosenzweig antwortete dumpf: »Komm nur, Halunke. Was ich verspreche, +halte ich -- auch einem Halunken.« + +Er trat an den Wagen und sprach, auf den Rücksitz deutend, zu seinem +Fahrgast: + +»Da hinüber steigen Sie, überlassen Sie mir Ihren Platz. Ich bringe Sie +in Sicherheit.« + +Der Sendbote stand mit einem Satze neben ihm und drückte kräftig seine +Hand: + +»Haben Sie Dank. Sorgen Sie nicht weiter um mich; ich finde Freunde +überall.« + +Vergeblich suchte der Doktor ihn zurückzuhalten, er entwand sich ihm und +war bald den Augen seines Retters im verhüllenden Zwielicht +entschwunden. + + +*V.* + +Rosenzweig kutschierte nach Hause, im kurzen Trab, im Schritt -- wie es +den Falben beliebte. Er hatte keine Eile. Wäre der Weg noch einmal so +lang gewesen, er würde ihm nicht zu lang geworden sein. Dem, der über +ein Wunder nachdenkt, vergeht die Zeit geschwind. + +Gelogen, betrogen, einen Schurken bestochen -- hatte er das wirklich +getan, er, der redliche Rosenzweig? Um eines Menschen willen getan, den +er noch vor kurzem für einen Feind der Gesellschaft, für seinen eigenen +Feind gehalten? + +Die widersprechendsten Empfindungen lieferten sich eine Schlacht in +Nathanaels sonst so gleichmütiger Seele. Nur die schlimmste von allen, +die Reue, war nicht unter ihnen. + +Am Nachmittag kam Abraham, sein Geld zu holen. Ja, der Spitzbube nannte +es sein, das schöne, zum Ankauf eines neuen Feldes bestimmte Geld. +Finster gab der Doktor es hin. + +Dann begab er sich auf das Kreisamt. + +Er hatte die Absicht, seinem Chef die Ereignisse in der Schenke genau zu +berichten, fand ihn jedoch so beschäftigt und in so ungewöhnlicher +Aufregung, daß er es vorzog, zu schweigen. Auch in den folgenden Tagen +ging es nicht besser. + +Auf dem Amte herrschte in dieser Zeit eine beständige Unruhe, eine +außerordentliche Tätigkeit. Der Kreishauptmann bewahrte mit Mühe den +Schein seines heitern Selbstvertrauens. Die Zuversicht war erzwungen, +mit der er beteuerte, alle Fäden des Netzes in seiner Hand zu halten, an +dem Tyssowski in Krakau, Skarzynski im Bochnier, Julian Goslar im +Sandezer, Wolanski im Jasloer und Mazurkiewicz im Sanoker Kreise +knüpften. Die Untreue seines besten Freundes, der offen zur +Revolutionspartei übergetreten war, machte einen tiefen Eindruck auf +ihn. Er und der Doktor tauschten allmählich die Rollen. Der Ängstliche +wurde der Sorglose und der Sorglose der Ängstliche. + +Eines Morgens überbrachte Joseph seinem Herrn einen Brief, der durch +einen Boten im Hause abgegeben worden war. Er enthielt zwei +Eintausendguldennoten in ein Blatt gefaltet, auf dem die Worte +geschrieben standen: + +Meine Schuld bleibt ewig ungetilgt. + +Nathanael barg das Blatt an seiner Brust und legte die Noten vor sich +hin auf den Tisch. + +»Joseph,« rief er. + +»Was befiehlst du?« + +»Sieh diese zwei Bilder gut an. Weißt du, was sie vorstellen?« + +»Viel Geld, mein ich.« + +»Geld! Geld! nun ja -- aber noch etwas andres.« + +»Was denn, Herr?« + +»Den Lohn deiner jahrelangen Arbeit ... Nein, nicht ihren Lohn -- ihren +redlich verdienten Ertrag.« + +Joseph sah den Gebieter fragend an. + +»_Dahin_ sieh, auf die Bilder, nicht auf mich,« rief dieser. »Sie +stellen noch ein drittes vor.« + +»Was denn, Herr?« wiederholte Joseph. + +»Was denn? Soll ich Lubienka rufen? Die wüßte es gleich, daß es nichts +andres sein kann als -- dein Heiratsgut.« + +Da rief Joseph mit einem Schrei der Wonne: + +»Mein Wohltäter, mein Herr, du Gütigster!« und wollte sich vor ihm +niederwerfen. + +»Steh!« befahl Nathanael, legte beide Hände auf seine Schultern und +blickte ernst in sein Angesicht, das sich zu ihm emporwandte wie zu +einem Gott. + +»Du hast eine harte Jugend gehabt, mein Joseph.« + +»Ich? -- Was sagst du, Herr? -- Warst du nicht immer wie ein Vater gegen +mich?« + +»Nein, nein, mein Junge, wirklich nicht. Aber du bist gegen mich immer +wie ein Sohn gewesen,« antwortete der Doktor und setzte die für Joseph +unverständlichen Worte hinzu: »Gäb es viele deinesgleichen, dann wäre +der himmlische Sendbote -- kein Tor.« + +Von nun an hatte Joseph glückliche Tage, und noch viel glücklicher wären +sie gewesen, wenn die große Veränderung, die mit seinem Herrn +vorgegangen war, ihn nicht bekümmert hätte. Sie fiel jedem auf und +erregte das Befremden aller Freunde des Doktors. Er, der emsige Sparer, +wurde oft von großmütigen Regungen ergriffen. Er, für den der Bettler +und der Dieb bisher in eine Kategorie gehört hatten, begann zwischen +ihnen einen großen Unterschied zu entdecken. Er, auf den bisher die +Reichen und der Reichtum eine starke Anziehungskraft ausgeübt, betrat +nur noch gerufen die Schlösser, ungerufen aber die Hütten der Armen. Die +Unruhe, die ihn umhergejagt hatte, war verschwunden. Mit stillem, +hartnäckigem Eifer ging er seinem Beruf nach. Als die Revolution +ausbrach und ihre ersten blutigen Opfer forderte, verstand er es, immer +da zu sein, wo man seiner am meisten bedurfte. Nie, auch nicht in den +schlimmsten Tagen, verließ ihn die kaltblütige Zuversicht: von der +Revolution ist nichts zu fürchten. + +Andrer Ansicht war der Kreishauptmann. + +Alle Mutigen wandten sich schon der Überzeugung zu, der Aufstand müsse +in kurzem beendet sein, als er noch davon sprach, die Provinz sei +verloren, wenn nicht in höchster Eile eine Armee einrücke, die +tausendköpfige Hyder der »verwüstenden Insurrektion« zu bekämpfen. Er +meinte, Rosenzweig habe den Verstand verloren, als er eines Tages +erwiderte: + +»Die Insurrektion ist keine tausendköpfige Hyder, sondern ein hilfloses +Kind. Mit Blumen in den Händen kommt es heran, mit einem Herzen voll +Liebe, und mit Worten der Erlösung auf den Lippen. So kommt es zu uns. +Aber wir sind Wölfe, Bären, Tiger, aber wir sind reißende Bestien. Wir +verstehen die Sprache dieses Kindes nicht. Es predigt Erbarmen, +Gerechtigkeit und Güte, und wir wollen von alledem nichts wissen, wir +wollen mit niemand Erbarmen haben, als mit uns selbst, wir wollen +bleiben, was wir sind, behalten, was wir haben, womöglich noch andern +etwas wegnehmen, um uns zu bereichern. Und so wird es immer sein, und +ein Narr, der daran zweifelt! Und wir, reißende Tiere, wir werden das +Kind zerfleischen und fressen, und uns zufrieden schlafen legen nach +dieser Heldentat.« + +»Phantasterei! Das ist ja pure Phantasterei!« rief der Beamte voll +Bestürzung aus. »Was ist mit Ihnen vorgegangen! Welcher Teufel hat Ihre +gesunden Sinne verwirrt?« + +»Wissen Sie,« nahm er nach kurzem Schweigen wieder das Wort, »daß mir +berichtet wurde, Sie hätten einer Zusammenkunft beigewohnt, in der der +gefährlichste Kommunistenführer eine seiner berüchtigten Ansprachen +hielt? Wissen Sie, daß schlechte Spötter behaupten, seine Beredsamkeit +habe Sie zum Schwärmer gemacht?« + +Nathanael ließ sich durch diese Anklage nicht außer Fassung bringen. + +»Ein Schwärmer wäre ich,« entgegnete er, »wenn ich an die Verwirklichung +der Utopien glaubte, für die dieser 'Kommunistenführer', wie Sie ihn +nennen, lebt, und für die er sterben wird. Nun, nicht einmal unter dem +Einfluß seiner Nähe, beim Wohllaut seines Wortes, unter den Blitzen +seines Auges ist es mir auch nur durch den Sinn geflogen: Wer weiß? +vielleicht doch!... Vielleicht vermag ein Beispiel, wie das deine, uns +Selbstlosigkeit zu lehren und allgemeine Erfüllung der einfachsten +Pflichten. O nein, nein! dazu kenne ich uns Menschen zu gut. Aber +gedacht habe ich mir: du wirst zu Boden geworfen, zertreten, ein Narr +geheißen und -- vergessen werden. Kaum gibt es in zehn Jahren noch +einen unter allen, die du liebtest, der deinen Namen nennt. Trotzdem ist +der mächtige Fürst, den die Neugier oder der Wunsch, sich populär zu +machen, in deine Versammlung trieb, ein Bettler gegen dich. Reich bleibt +ewig nur der Schenkende, und die Größe des Mannes mißt sich nach der +seiner Idee und der Opfer, die er ihr bringt. Die deine hat das Maß +überschritten, das sich in unsrer kleinen Welt verwirklichen läßt. Ihre +Größe macht sie zum Irrtum, und dich zum Irrenden. So dachte ich; und +ich, der Arzt, der eingefleischte Hasser und Verfolger alles +Krankhaften, Überspannten, Wahnbefangenen, ich tat ein Gebet für ihn zu +meinem Gott:« + +»Laß ihn sterben, umringt von allen Gebilden seiner Torheit, laß ihn +ungeheilt sterben, o Herr!« + + * * * * * + +Dieses Gebet schien bald im vollkommensten Maße erhört. + +Die Erhebung war am Widerstand der Landbevölkerung gescheitert; das +Korps, das die Insurgenten aufgebracht hatten, war durch dreihundert +Mann kaiserlicher Truppen und eine zehnfache Anzahl Bauern, die sich +ihnen anschlossen, unter Benedeks energischer Führung, bei Gdow +geschlagen worden. + +Von der erlittenen Niederlage erhielt die Revolutionsregierung in Krakau +entstellte Kunde. + +Die Freiheitshelden waren, so lautete sie, nicht durch reguläre Truppen, +sondern durch fanatisierte Bauernhorden überwältigt worden, die, bis +Wieliczka vorgedrungen, sich jetzt im Anmarsche auf die Stadt befanden. + +Ein Schrei der Rache erhob sich und -- verstummte vor der Beredsamkeit +eines Mannes, der Schonung des verblendeten und irregeführten Volkes +forderte und verlangte, ihm als Bekehrer entgegengesendet zu werden. + +Dieser Mann war Eduard Dembowski, und sein Wille geschah. + +Vertrauend auf die Gewalt seines Wortes verließ er Krakau, von Priestern +im reichen Ornate, von Fahnen und Kreuze tragenden Mönchen begleitet. +Eine große Menschenmasse folgte; dreißig Scharfschützen deckten den Zug. +Er überschritt die Weichselbrücke und bewegte sich durch die Vorstadt +Podgorze auf der Straße nach Wieliczka. + +Sie lag still und öde; so weit das Auge reichte, keine Spur von +herannahenden Bauernrotten. Von Podgorze aus kam jedoch eine +Schreckenskunde, der Nachhut durch eilende Boten zugetragen; sie +durchfiel den Zug wie ein Blitz: + +Österreichische Truppen marschieren gegen Podgorze. + +Ein rascher Befehl seines Führers, und der Zug trat den Rückweg an in +der Hoffnung, die Stadt vor den Kaiserlichen erreichen und die Brücke +noch gewinnen zu können. + +Auf den Anhöhen rechts von Podgorze angelangt, konnte der Sendbote schon +den Sturm auf die Stadt und das siegreiche Vordringen der Truppen +überblicken. + +Die Kaserne war genommen, die Kirche besetzt; die polnischen Schützen, +aus den Häusern vertrieben, jagten in ungeordneter Flucht der Brücke zu. + +Grimm und Schmerz erfüllten bei diesem Anblick die Seele des Emissärs. + +»Vorwärts! Mit Gott vorwärts, wir schlagen uns durch, wir erreichen noch +die Brücke. Mut!« rief er den zögernden Priestern zu. »Ihr habt nichts +zu fürchten. Die man zum Sturme zwingt, folgen widerwillig. Es sind +Galizier, sie schießen nicht auf ihre Landsleute, schießen nicht auf +geweihte Priester!« + +Er befahl, ein geistliches Lied anzustimmen, und in majestätischer +Ordnung, langsam und feierlich, kam die Prozession die Anhöhe herab. Der +Emissär schritt voran im Bauernkleide, sein heller Kaftan schimmerte in +der anbrechenden Dämmerung; in der Hand hielt er ein kleines schwarzes +Kreuz. + +Ungehindert gelangte der Zug durch den noch unbesetzten Stadtteil bis +zur Kirche. Hierher aber war schon eine Kompanie vorgedrungen, die den +Weg zur Brücke versperrte. + +Der Emissär machte halt. + +»Seht eure Brüder!« sprach er die Soldaten an und deutete auf die +Scharen, die ihm folgten. »Auch ihr seid Polen. Keinen Kampf, Brüder -- +gebt Raum!« + +Schweigen antwortete ihm. Noch einmal begann er die Soldaten zu +beschwören -- da ertönte das Kommando: + +»Fällt das Bajonett!« + +Mit einem Blick der Verzweiflung sah Dembowski sich um. + +Die Geistlichen und Mönche waren zurückgewichen. Seine Getreuen jedoch +und die Schützen drängten sich um ihn. + +»Kein Ausweg ... Schießt -- und vorwärts!« rief er plötzlich mit wilder +Entschlossenheit und drang auf die Soldaten ein. + +Zwei Dechargen erwiderten den unerwarteten Angriff. + +Nach der ersten sah man Dembowski noch aufrecht stehen, das Kreuz hoch +über seinem Haupte schwingend. Nach der zweiten sank er, in den Kopf +getroffen. + +Rosenzweig erfuhr den Tod des Sendboten durch den Kreishauptmann, der +seinen Bericht mit den Worten schloß: »So mußte ein Wahnsinniger enden.« + +Die Prophezeiung Nathanaels traf ein; der idealste Vertreter der +Revolution erfuhr den einstimmigen Tadel und Hohn aller Parteien; sein +Andenken erlosch auch bald im Volke. + +Seine Leiche war unter denen der in Podgorze Gefallenen nicht +aufgefunden worden, und eine Zeit lang erhielt sich das Gerücht, er sei +nicht tot, er lebe versteckt als Bauer und werde beim Ausbruch neuer +Freiheitskämpfe auf ihrem Schauplatz erscheinen. + +Als jedoch die Stürme des Jahres 1848 aufstiegen und verbrausten, ohne +ihn aus seiner vermeintlichen Verborgenheit gelockt zu haben, erlosch +auch in denen, die sie am längsten genährt hatten, die Hoffnung auf +seine Wiederkehr. + + * * * * * + +Es war zu Ende der fünfziger Jahre, an einem milden Septemberabend, in +einem Dorfe unweit der schlesischen Grenze. Vor der Schenke hielt eine +gedeckte Britschka, der ein paar tüchtige Braune vorgespannt waren. +Behaglich, ohne Eile, wie es guten Fressern geziemt, ließen sie sich den +Inhalt einer vor ihnen aufgestellten Futterkrippe schmecken. Der +Kutscher, ein ältlicher Mann, so wohlgenährt wie seine Pferde, hatte +sich auf die Bank vor dem Hause gesetzt, dampfte aus einer kurzen Pfeife +und machte sich ein Vergnügen daraus, die Fragen der hübschen Wirtsmagd +mit einer schelmischen Zurückhaltung zu beantworten, die darauf +abzielte, ihre durch die Ankunft völlig fremder Gäste ohnehin erregte +Neugier noch zu spannen. + +»Ihr fahrt wohl recht weit über Land?« fragte sie. + +»Weiter, als du denken kannst,« erwiderte er. + +»Vielleicht gar ins Ungarn hinein?« + +»Pah! Das wäre ja nur ein Katzensprung!« + +Das Mädchen stemmte den Arm in die Seite und lachte: + +»Die möcht ich sehen, die Katz, die so springen könnt!« + +»Bei uns zu Haus gibt's ihrer genug. Komm du nur hin, dann wirst sie +sehen.« + +»Ei, so was!... Aber wo ist denn Euer zu Haus?« + +»Wo?« Er deutete mit der Hand nach drei verschiedenen Richtungen: »Da -- +und da, und dort.« + +»Geh weg, du spaßest.« + +»Frag meinen Herrn, wenn du mir nicht glaubst.« + +»Ja, just,« spottete sie, »fragen -- so einen Herrn!« + +»Fürcht'st dich?« -- er zwinkerte sie verschmitzt an. »Hast es schon +weg, daß er ein Hexenmeister ist?« + +Sie schlug rasch und verstohlen ein Kreuz: + +»So? Das hätt ich ihm nicht angesehen.« + +»Ja, ein gar großer Hexenmeister. Macht die Kranken gesund, macht die +Toten lebendig.« + +»Die Toten?« ... Das Mädchen schauerte. + +»Die Halbtoten also. Zu so einem sind wir g'rad auf dem Weg.« + +»Da kommt ihr ja zu spät, wenn ihr noch lang zu fahren habt.« + +»Wir kommen nie zu spät. Der Herr sagt nur: Wart! -- und der Tod +wartet.« + +»So? Hat dein Herr auch eine Frau?« + +»Eine Frau hat er nicht, aber mehr als hundert Kinder.« + +»Was du sagst?« und wieder lachte sie hellaut auf. + +Der Gegenstand dieses Gespräches war ein Greis von kräftiger Gestalt. Er +trug eine Reisekappe und einen langen, auf der Brust leicht verschnürten +Rock. Den untern Teil des markigen, dunkelfarbigen Gesichtes bedeckte +der Bart, der, weiß und dicht wie die Haare, in zwei mächtige Strähne +geteilt, fast bis zum Gürtel herabwallte. Der Alte, die Hände auf dem +Rücken, stand am jenseitigen Ufer des Teiches, der sich auf eines +Steinwurfs Entfernung vom Wirtshaus befand und ein lang gestrecktes Oval +bildete, an dessen einem schmalen Ende knorrige, ganz schief gewachsene +Weiden ihre Zweige zu seinem trüben Spiegel niedersenkten, während das +andre sich sanft gegen die ansteigende Dorfstraße verflachte. + +Der Teich war alles in allem: Badeort für die Jugend, Waschanstalt für +die Hausfrauen, See für das schwimmtüchtige Geflügel, Schwemme für die +Pferde. Am Werktagabend ging es in seiner Umgebung lebendig zu. Große +und kleine Knaben, barfüßig, die Hosen übers Knie gezogen, ritten ihre +Pferde ins Wasser, bewundert und beneidet von den Kindern, die am Ufer +standen oder saßen, die meisten als ziemlich lässige Hüter jüngerer +Geschwister. Männer und Weiber kehrten vom Felde heim, und, von weitem +schon angekündigt durch die Töne eines schallenden Gesanges, kam eine +Mädchenschar, Rechen und Sicheln tragend, ins Dorf gezogen. + +Unter den am Teiche spielenden Kindern war eines, das die besondere +Aufmerksamkeit des Fremden erregte. Ein Bürschlein von etwa sechs +Jahren, mit sehr lieblichem, aber blassem Gesichtchen. Seine schlichten, +blonden Haare, im Nacken lang, über der Stirn gerade geschnitten, +quollen reich unter dem Mützchen hervor. Er hatte tiefliegende, blaue +Augen, eine schmale, leicht gebogene Nase und einen feinen, +ausdrucksvollen Mund. Nach der Beschaffenheit seines Kaftans und seiner +Stiefel zu schließen, gehörte er wohlhabenden Eltern an. + +In der offenen Tür eines der nächstgelegenen Häuser war ein junges, +hübsches Weib mit einem Kinde auf dem Arm erschienen und rief dem Knaben +zu: + +»Jasiu, der Vater kommt.« + +Da machte das Bübchen einen Luftsprung und lief von seinen +Spielgefährten fort, dem Angekündigten entgegen. Der blieb stehen, +beugte sich und lachte, als sein Junge im vollen Lauf an ihn anprallte. +Er rückte ihm die verschobene Mütze zurecht, nahm seine Hand und schritt +mit ihm weiter. + +Es war ergötzlich, sie daher kommen zu sehen, den Bauern und das +Bäuerlein, das zweite in Haltung, Gang, Gestalt und Kleidung das +verkleinerte Ebenbild des ersten. + +Sie näherten sich, und der Fremde bemerkte auf dem Gesicht des Bauern +die entstellenden Spuren einer schweren Verwundung. Die rechte Wange war +eingefallen und von Narben zerrissen, das rechte Auge geschlossen. + +Auch ein Veteran der letzten Kämpfe, dachte der Greis und +heftete den Blick immer aufmerksamer auf den Herankommenden. Ein +märchenhaft-wunderlicher Einfall durchzuckte ihn. Plötzlich machte er +ein paar rasche Schritte, stand dicht vor dem Bauern, starrte ihn an und +rief: + +»Ist es möglich?« + +Überrascht wich jener zurück, aber nur, um schon im nächsten Augenblick +auf ihn zuzustürzen. + +»Sie! O Gott, Sie -- Doktor Rosenzweig!« sagte er mit einer Stimme, +deren Wohllaut unvergessen in der Erinnerung des Alten gelebt hatte. +Früher als dieser gewann er seine Fassung wieder: »So habe ich Sie nicht +umsonst erwartet, nicht vergeblich gehofft, daß Sie auf einem Ihrer +Samariterzüge den Weg durch unser Dorf nehmen würden, um --« fügte er +mit Rücksicht auf das Publikum, das sie umgab, hinzu -- »Ihren Diener +Hawryl zu besuchen.« + +»Hawryl --« stammelte Rosenzweig, »Hawryl also ... Wie geht's, Hawryl?« + +»Überzeugen Sie sich selbst. Erweisen Sie mir die Ehre, in mein Haus +einzutreten, ruhen Sie ein wenig aus unter meinem Dache.« + +Schweigend, noch ganz betäubt, folgte der Doktor dieser Einladung und +ließ sich zu dem Hause geleiten, auf dessen Schwelle die junge Frau +stehen geblieben war und sich bemühte, das kräftige Kind in ihren Armen, +das dem Vater jauchzend und mit ausgestreckten Händchen entgegenstrebte, +festzuhalten. + +»Mein liebes Weib, Herr Doktor,« sprach Hawryl, und zu ihr gewandt: +»Heiße ihn willkommen, Magdusia, einen werteren Gast kann uns der Himmel +nicht schicken.« + +Ihr Gesicht spiegelte die Freude, die sich auf dem ihres Mannes malte, +rein und innig wider: »Seien Sie schön gegrüßt, Herr,« sagte sie und +lachte ihn mit ihren großen Augen treuherzig an. + +Nathanael war wie im Traum. Erst in der Stube, allein mit Hawryl, begann +er sich von seinem Staunen zu erholen: + +»Sie leben! -- Mensch, Sie leben! Ist das auch wahr, daß Sie leben? Aber +wenn es wahr ist, so stehen Sie doch nicht so gleichgültig da --« + +»Gleichgültig?« rief Hawryl. + +»So reichen Sie mir doch die Hand!« + +Zum zweitenmal hielt er sie in der seinen -- eine andre als damals, eine +derb gewordene Hand, deren Besitzer den Bauern nicht nur _spielte_. + +Sie nahmen Platz am Tische, der mitten in der freundlichen Stube stand, +und lange dauerte es, bevor Hawryl, immer von neuem durch die +verwunderten Ausrufungen des Doktors unterbrochen, die seltsame und +doch so einfache Geschichte seiner Rettung beenden konnte. + +Zunächst schrieb er sie der Kleidung zu, die er trug, als er bei der +Kirche in Podgorze verwundet wurde und für tot liegen blieb. Er war, da +sich noch Leben in ihm fand, mit andern Landleuten und Soldaten ins +Spital nach Krakau gebracht worden. Dort hatte er das Bewußtsein wieder +erlangt, bald aber auch die Überzeugung, daß der Arzt, der ihn +behandelte, ihn keineswegs für einen Bauern hielt. Später verrieten ihm +einige, wie absichtslos hingeworfene Worte des Doktors, daß er von ihm +erkannt worden war. + +An dem Tage, an dem man ihn für geheilt erklärte, kam der Direktor, ein +Pole -- man hatte die Spitalsleitung noch nicht gewechselt -- in die +Rekonvaleszentenstube. + +Der Agitator sah diesen Mann damals zum ersten- und letztenmal in seinem +Leben. + +»Du heißest Hawryl Koska,« sagte er zu ihm, »bist ein aus dem Königreich +zugereister Untertan des Grafen Branski, der dich nach seiner +galizischen Herrschaft, auf ein Bauerngut, übersiedelt. So lese ich in +deinem Passe. Ist das richtig?« + +Und ohne die Antwort abzuwarten, reichte er ihm einen auf den Namen +Hawryl Koska lautenden, mit einer auf ihn passenden Personalbeschreibung +versehenen Paß, wandte sich an seinen Nachbar und ließ den Umgetauften +stehen. + +»In der verworrensten Gemütsstimmung, Freund,« rief Hawryl, »in der ein +Mensch sich befinden kann. Ich hatte zuversichtlich erwartet, nach +meiner Genesung vor Gericht gebracht und als einer der Unruhstifter +erschossen zu werden, und hatte mich auf den Tod vorbereitet, wie ein +gläubiger Christ. Und nun sollte ich leben. -- Mein erstes Gefühl war +das der Enttäuschung, mein erster Gedanke ein Gedanke schon des +Hochmuts: Gott spart dich auf. Er will nicht deinen Tod, er will deinen +Dienst. Das Werk, das zu beginnen du ausersehen warst, du sollst es auch +vollenden. + +Von diesem stolzen Glauben erfüllt, trat ich ins Volk und wurde sein +Genosse: scheinbar ein Gleicher unter Gleichen, in meinen eigenen, +eitlen Augen -- ein verkleideter Prophet. O Freund! ein einziges Jahr +dieses Lebens, und der vermeinte Prophet war ein demütiger Mensch +geworden. Das für erreichbar gehaltene Ziel rückte in unabsehbare +Fernen. Zu der Kirche, die ich mit einer herrlichen Kuppel krönen +wollte, war der Grundstein noch nicht gelegt, ja, der Boden für ihn noch +nicht ausgehoben! Nicht die Arbeit des Künstlers war zu tun, sondern die +des bescheidenen Taglöhners. + +Das erkannte ich. + +Und nun -- wäre ich nicht ein elender Wortheld gewesen, wenn ich es +verschmäht hätte, mich an dieser Arbeit, dieser allerwichtigsten, zu +beteiligen?... So griff ich denn zu Schaufel und Spaten, nicht bloß im +bildlichen Sinn. Das Kruzifix, in dessen Zeichen ich dereinst zum Kampfe +schritt -- da hängt es über dem Bette meiner Kinder. O sehen Sie die +ausgebreiteten Arme der Liebe, die verwundete Brust, das geneigte, +edelste Haupt ... Wer darf sich vermessen, in dieses Versöhners Namen +aufzurufen zu Kampf und Streit?« + +Er seufzte, aber sein Angesicht bewahrte den Ausdruck tiefsten, klarsten +Friedens, und mit einem heiteren Lächeln fuhr er fort: + +»So finden Sie den gefährlichen Agitator wieder. Ach, wenn ich an meinen +Ausgang denke, an alles, was ich gehofft, was ich mir zugetraut habe -- +und jetzt! Vergnügt lege ich mich zur Ruhe und preise den Tag, an dem es +mir gelungen ist, den Jan abzuhalten, sein Weib zu prügeln, den Martin, +in die Schenke zu gehen, oder den Basil dahin zu bringen, seinen alten +Pflug in den Winkel zu werfen und mit dem neuen auf den Acker zu +fahren.« + +»Ihr Geheimnis aber,« fragte Nathanael, den Gang des Gespräches +unterbrechend, »war das nie in Gefahr, verraten zu werden?« + +»Der vorige Gutsherr hat es mit ins Grab genommen. Für seinen Nachfolger +bin ich ein Bauer wie ein andrer.« + +-- »Ein Bauer! Ein Bauer!... Und so wollen Sie es forttreiben bis an Ihr +Ende?« + +-- »Bis an mein Ende, und ich glaube nicht, damit etwas Großes zu tun +und ihnen mehr zu geben, als ich von ihnen empfange. Ich bin keineswegs +immer ihr Lehrer, sie sind auch die meinen. Ihre Freuden zu teilen, +vermag ich nicht, aber in Leid und Schmerz haben wir uns oft gefunden. +Ich habe Bauern vor ihrem verhagelten Feld, ich habe Mütter an der +Leiche ihrer Kinder stehen gesehen und Ehrfurcht gefühlt. Selten ist mir +einer von ihnen verachtungswürdig erschienen, aber hundert unzählige +Male beklagenswert.« + +In seinem Auge leuchtete die alte schwärmerische Glut, seine gebräunten +Wangen erbleichten vor innerer Bewegung: + +»Es ist ein Schatz an Geduld, Ausdauer, heldenmütiger Ergebung in einen +höheren Willen in diesem Volke, den alle Mißhandlung, die es erfahren +hat, nicht zu erschöpfen vermochte. Aber seines Reichtums unbewußt, +streut es ihn aus und erwirbt nichts dazu. Die Einsicht fehlt und mit +ihr das Wirken der tätigen, sittlichen Kräfte. Genug! Genug! das alles +wissen Sie so gut wie ich, und somit auch, daß es vieles nicht geringe +zu tun gibt auf meinem geringen Posten. Ihn auszufüllen, reicht mein +Können gerade hin. Hawryl Koska wird nicht umsonst gelebt haben. -- Der +_Sendbote_ ist gestorben, ohne einen Jünger zu hinterlassen.« + +»Einen doch!« rief Nathanael. »Einen, den Sie aus den Reihen Ihrer +eifrigsten Gegner geholt haben. Einen Mann, dessen Zwecke irdischer +Natur gewesen sind, dessen Herz an verlierbaren Gütern gehangen hat und +den Sie den Wert der unverlierbaren kennen gelehrt haben. Sendbote! da +steht er vor Ihnen, Ihr Jünger in weißen Haaren.« + +Beide waren zugleich aufgesprungen, stürzten einander an die Brust und +hielten sich fest umschlungen. + +FUSSNOTEN: + +[1] Großmütterchen. + +[2] Andersgläubiger. + +[3] Esel. + +[4] Lieber Herr! + +[5] Mein Seelchen. + +[6] Ein Riese. + + + + +Der Nebenbuhler. + + +*I.* + +Graf Edmund N. an seine Hochwürden Herrn Professor Erhard. + + Paris, den 10. Mai 1875. + + Mein verehrter Freund! + +Da bin ich, aus Marseille eingetroffen, vor vierzehn Tagen, die mir +vergangen sind wie vierzehn Stunden. + +Es ist unmöglich, liebenswürdiger empfangen zu werden, als ich es wurde +von Freunden und Verwandten. Freilich begegnet man auch nicht alle Tage +einem Manne, der direkt von den Antipoden kommt, mit Menschenfressern zu +Mittag gespeist, am Salzsee gewohnt, den schwarzen Turban der Kopten +getragen, den Schrei auf Ceylon gehört und bei indischen +Schlangenbändigern in die Lehre gegangen ist. + +Tante Brigitte grüßt Dich. Sie hat sich kürzlich frisch emaillieren und +perückieren lassen, und jetzt machen wir gegenseitig Staat miteinander. +Von einer Veränderung an ihr keine Spur. Sie sagt noch immer bei den +unpassenden Gelegenheiten: *Ah, je comprends ça*! Sie spricht noch +immer mit derselben Schwärmerei von meiner verstorbenen Mutter: ihrem +Kinde mehr als ihrer Schwester, und bricht plötzlich ab mitten in der +tiefsten Rührung, wischt sich die Augen, winkt mit dem Taschentuche und +seufzt: »*Va, mon enfant, va te distraire.*« + +Lieber Freund, ich bilde mir ein, daß auch sie vor Zeiten nicht +verschmäht hat, kleine Zerstreuungen zu suchen in ihrem Schmerze, erst +um die Schwester, dann um den Gatten. Heil ihr! möge noch so mancher +Frühling frisch gemalte Rosen auf ihren Wangen erblühen sehen. Sie ist +die gutmütigste Egoistin, die ich kenne. + +Ganz in Übereinstimmung mit Dir, will sie mich jetzt verheiraten, und +gegen die junge Dame, die sie mir ausgesucht hat, ist nichts +einzuwenden. Sie stammt aus gutem Hause, von braven Eltern, ist +verteufelt hübsch, hat einen klaren, schlagfertigen Verstand, eigenes +Urteil, den Mut es auszusprechen und -- was unendlich mehr: die +Fähigkeit, auch ein gegenteiliges anzuhören und sogar gelten zu lassen. +Dabei gleichmäßig heiter, harmlos, unbefangen. Ich glaube, daß sie noch +nie vor einem Menschen die Augen niedergeschlagen hat; und es wäre +schade wahrlich, denn sie sind prachtvoll; dunkelgrau wie ein +Gewitterhimmel, und wenn es in ihnen aufblitzt bei irgend einem Anlaß, +da gibt's einen schönen Anblick. + +Ich hoffe, du bestätigst mir heute oder morgen den Empfang meiner +Sendung aus Marseille. Kurz vor dem Einlaufen in den Hafen, an Bord des +»Triomphant«, schrieb ich die Schlußworte des letzten Kapitels meines +Reisetagebuchs. Streiche fort, was Dir sentimental vorkommt, ehe Du +abschreiben lässest. Nach zweijährigem Herumbummeln in fremden +Weltteilen hat mich die Heimkehr ins alte Europa seltsam bewegt. +Plötzlich ist alles vor mir gestanden, was zu vergessen ich auf und +davon gegangen ... + +Aber -- sei unbesorgt, es war nur eine flüchtige Erinnerung. In die +Tiefen des Ozeans versenkt, in den Sand der Wüste vergraben, in die +Lüfte gestreut habe ich die Leidenschaft meiner Jugend. + +Und jetzt will ich glücklich und tätig sein, ein Landwirt werden, ein +Familienvater, ein Bürgermeister, alles, alles -- nur nicht Politiker. + +Vorher indessen noch eine Zeitlang: *cum dignitate otium*. Es ist ein +gewaltiger Strom des Lebens, der hier an einem vorüberbraust, und mit +gekreuzten Armen seinem Treiben zuzusehen, hat einen großen Reiz. + +Jedenfalls, Lieber, Verehrter, dürfte der Aufenthalt in Paris mir jetzt +gesünder sein als vor zehn Jahren, da ich, ein laubfroschfarbiger +Jüngling, in dieser Stadt der Arbeit und des Genusses erschien. Damals +an Deiner Hand, mein Mentor, oder vielmehr in Deiner Hand, das reine +Postpaket, aufgegeben von meinem armen, weltentfremdeten Vater in Korin +an der Wottawa, abzugeben in Paris, Rue St. Dominique im Hotel der +Tante. Sie hatte mich reklamiert, und Ihr liefertet mich aus für ein +Jahr, in dem es mir oblag, tanzen und fechten zu lernen und mich in der +Aussprache des Französischen zu vervollkommnen. + +O, Ihr alten, unschuldigen Kinder! + +Wir haben leicht lachen heute, aber einen zwanzig-jährigen, in einem +Privat-Trappisten-Kloster zwischen zwei greisen Gelehrten erzogenen +Menschen nach Paris schicken, zu einer langmütigen Tante, die den +Bengel vergöttert -- das war ein Wagnis, das ich nicht unternehmen +werde mit meinen Söhnen. + +Ei, wenn er nur welche hätte! denkst Du im stillen. Nun, Freund, +vielleicht ist heute übers Jahr schon einer auf dem Wege. Sobald er sein +erstes Lustrum erreicht haben wird, kommt er zu Dir in die Lehre. Du +lässest einen kleinen Pfahlbau für ihn im Teiche errichten, und er +stellt mit seinen Bausteinen keltische Monumente auf und getreuliche +Nachbildungen der Stufenpyramiden auf Otaheiti. Alle Kinder, die +überhaupt Bausteine besitzen, tun das unbewußt, die meinen werden es mit +Bewußtsein tun. + +Und nun für heute lebe wohl! + + Dein Edmund. + + +*II.* + +Professor Erhard an den Grafen Edmund N. + + Korin, den 15. Mai 1875. + + Hochgeborener Herr Graf! + + Mein lieber Mundi! + +Ballen und Kisten glücklich einpassiert. Ei, wie köstlich! Gratuliere +vornehmlich zur Erwerbung des Papyrus. Da ist Arbeit für viele Jahre in +Aussicht gestellt. Möge Dein gehorsamster Diener sie zu Ende führen +können. Dazu jedoch möchte die Zeit nicht langen, und wenn sein guter, +gnädiger Gott ihn auch das Alter Methusalems erzielen ließe. + +Daß Dein edler Vater noch lebte, sich der altägyptischen Statuette zu +erfreuen, und der trefflichen Produkte textiler Kunst aus dem einstigen +Reiche der Sikhs! Lieber Mundi, mein teurer Graf, Du hast im größten wie +im kleinsten bei der Auswahl der von Dir nach Hause geschickten, +vielfach unschätzbaren Gegenstände Dich in einem hohen Grade umsichtig +und weise erwiesen. So bist und warst Du von jeher, und ich würde mich +sehr besinnen, Deiner Behauptung zuzustimmen, daß Dein hochseliger Vater +und meine Wenigkeit sich in ein Wagnis eingelassen, als wir dich vor +zehn Jahren für reif erklärten zu einem Aufenthalt im modernen Babel. +Wir wußten, was wir taten, und durften es -- wie Figura zeigt -- wohl +tun. + +Dein Reisetagebuch wird bestens abgeschrieben werden; doch darf ich +leider nicht zur Indrucklegung raten, ein Vorschlag, mit dem ich Dich zu +überraschen gedachte; es fehlt gar zu oft der nötige Zusammenhang. Die +sentimental-feurige Apostrophe an die südliche Küste Frankreichs ist +eine Zierde des Manuskriptes, und ich müßte lügen, wenn ich behauptete, +daß sie mich, wenn auch nur gelinde, erschreckt hat. Was Du so +schwungvoll die Leidenschaft Deiner Jugend nennst (ein hübscher Ausdruck +und mir durchaus neu) dürfte derzeit wohl zur Gänze erloschen sein und +Dein guter Verstand eingesehen haben, daß auf Erwiderung niemals zu +hoffen, ja, daß eine solche niemals zu wünschen war. Eine vermählte, +eine edle, heilig-zarte Frau, und zugleich die Deines besten Freundes, +der Dich liebt, wie wenn Du der Sohn wärest, den er, leider vergeblich, +ersehnt -- das müßte ein andrer als mein Mundi sein, der sich da mit +unerlaubten Gedanken trüge oder getragen hätte; denn wenn sich ja +dereinst etwas Ähnliches in seiner schönen Seele begeben hat, liegt es +derselben heute ferner als uns die Sintflut. + +Glück und Segen und des Himmels auserlesenste Gunst über Dich! Ich bitte +um Mitteilung des werten Namens derjenigen, die, Gott gebe es! bald den +teuren Deinen tragen wird. Wolle mich, wenn Du das Haus ihrer +hochschätzbaren Eltern besuchst, dort allerseits des Angelegentlichsten +empfehlen. + +In treuer Wertschätzung, Liebe, Ergebenheit + + Dein alter Lehrer P. Erhard. + +*PS.* In Deiner Wirtschaft herrscht beste Ordnung, in Deinem Schlosse +beginnt sie schon das Szepter zu schwingen. Auf Schritt und Tritt +begegnet dem Wissenden Genuß, dem Schüler Belehrung. Der Boden der Halle +mit Ausgrabungen bedeckt, darf ohne Ruhmredigkeit verglichen werden mit +einem klassischen Trümmerfeld. Aus bereits eingetretenem Mangel an Raum +waren wir genötigt, die holdig-schönen von ungemeinem antiquarischen +Reiz umflossenen Mumien in Deinem Schlafgemache unterzubringen. + + +*III.* + +Graf Edmund N. an Professor Erhard. + + Paris, den 22. Mai 1875. + + Lieber Professor, bester Freund! + +Allzubreit darf das Altertum sich in meinem Hause doch nicht machen, wer +weiß, ob wir nicht, in erwartbarer Zeit, darin Platz brauchen für eine +junge Frau. Die Mumien lasse, wenn's nicht anders geht, in den Keller +schaffen. Es gehört zu meinen Marotten, daß ich lieber in meinem Bette +schlafe als im Sarge einer Pharaonentochter. + +Um die Erlaubnis, das Elternhaus Madeleines -- so heißt nämlich die +halb und halb Erwählte -- besuchen zu dürfen, habe ich noch nicht +gebeten, mich noch nicht entschlossen zu dem entscheidenden Schritt. +Keineswegs aus Angst vor einem Korbe. Madeleine hat für mich »*de +l'amitié*« -- nicht zu übersetzen mit unserm deutschen »Freundschaft«; +es heißt weniger und mehr und jedenfalls etwas ganz andres. Die Mutter +ist mir wohlgesinnt, und geradezu geliebt werde ich vom Vater. Der würde +Dir gefallen, den würdest Du zu erwerben suchen -- für unsre Sammlung. +Denke Dir das schönste Exemplar einer Rasse, die wir für ausgestorben +hielten, einen »*chasseur du roi*«, wie ihn die Bretagne um 1794 nicht +charakteristischer aufgestellt: Untersetzt, breitnackig, breitgestirnt, +mit funkelnden Falkenaugen, kurzer Nase, runden Nüstern, Mund und Kinn +wie, ziemlich grob, aus Stein gemeißelt. Ich wette, er schwört noch bei +der heiligen Jungfrau von Auray und trägt unter dem Hemde mehr Amulette +als Ludwig *XI.* In seinen Augen ist jedes Mißgeschick, von dem +Frankreich seit dem Zusammentreten der Nationalversammlung betroffen +wurde, eine Sühne für die Zertrümmerung des Königtums. Mit dem letzten +Kriege ließ Gott die schwerste Geißel über das abtrünnige Reich des +Heiligen Ludwig niedersausen. Die Deutschen sind ihm nur Werkzeuge der +Rache des Allgerechten, und als solche dürfte er sie eigentlich nicht +hassen, aber er haßt sie doch und ingrimmig. Mich, als den Sohn eines +»Tschèche« und einer Französin, hält er für einen geborenen Widersacher +seiner Feinde und zieht in meiner Gegenwart mit besonderem Schwung gegen +sie los. + +Da habe ich denn schon oft bemerkt, wie peinlich solche Ausbrüche des +Zornes gegen uns -- welch ein Schnitzer! ich sage _uns_, ich »Tschèche«, +-- auf Madeleine wirken. + +Sie schweigt zwar, aber sie kämpft entschieden mit innerster Empörung; +wechselt die Farbe, und gestern sah ich, wie ihre schönen Hände, die +einen so ausgesprochen festen und braven Charakter haben, krampfhaft +zitterten auf ihrem Schoße. + +Vielleicht ahnt sie etwas von meiner wahren Gesinnung, dachte ich, und +fürchtet, ich könnte mich durch die Ausfälle ihres Vaters verletzt +fühlen. In der Absicht, sie darüber zu beruhigen, sagte ich ihr, daß ich +Kosmopolit bin aus ganzem Herzen. Ich wiederholte, was ich so oft von +Dir gehört, und was sich mir überzeugend eingeprägt hat: daß unsre +Nation nur unsre erweiterte Familie ist, und daß der rechte und gute +Mensch seine Familie nicht auf Kosten andrer liebt, lobt und fördert. +Indessen vermöge ich doch, mich in die Empfindungen eines, in seinem +Stolze gekränkten Patrioten hineinzudenken, und sie, trotz ihrer +Verschiedenheit von den meinen, zu ehren. + +Sie hörte mich aufmerksam an und nickte zustimmend, freilich auch etwas +spöttisch, und lächelte, wie sie pflegt, wenn ich ihr gegenüber einmal +einen warmen, vertrauensvollen Ton anschlage ... Es ist eine ungute Art +zu lächeln, die mich aus der Fassung bringt, mich immer unvorbereitet +findet und peinlich überrascht. + +Das war anders dereinst! Elsbeth konnte mich nie überraschen; sie konnte +mich nur stets von neuem in der hohen Meinung, die ich von ihr hatte, +bestärken. Bei zahlreichen Gelegenheiten fragte ich mich: was würde +jetzt das Prototyp dieser Frau tun? dachte mir das Schönste und +Schwerste aus -- und das war dann, was sie tat, so natürlich und +einfach, wie wenn es das Selbstverständliche wäre. + +Ja, diese Frau! Ich habe dem Geschick für vieles zu danken, für nichts +aber so heiß, als daß ich drei Jahre in ihrer Nähe leben und mit ihr +verkehren durfte, fast wie ein Hausgenosse. Ohne sie wäre ich +untergegangen, war auf dem besten Wege ... Sehr unrecht hast Du, es zu +bezweifeln! Erinnere Dich, wie ich Euch heimkehrte, nach jenem ersten +lehrreichen Aufenthalt in Paris. Ich sehe noch den Ausdruck des +Schreckens im Angesicht meines armen, damals schon todkranken Vaters bei +unserm ersten Tischgespräche, da ich meine neuerworbenen Ansichten vom +Leben auskramte, mit meinen Erfahrungen prahlte und mich erhaben dünkte +über Euch, wie ein aus dem Kriege kommender Soldat über ein paar alte +Ofenhocker. + +Und später -- das Eis war gebrochen, es hatte schon begonnen zu tauen in +meiner erwachenden Seele ... weißt Du noch? -- lag ich auf den Knien vor +dem Sterbenden, und er segnete mich und sprach leise mit seinem +allgütigen Lächeln: »Verliebe Dich, mein Sohn.« + +Wahrlich, ein väterlicher Rat ist nie treuer befolgt worden. Ich habe +geliebt, wie man nicht mehr liebt im neunzehnten Jahrhundert, und wie +vielleicht auch in den vorigen Jahrhunderten nur wenig Frauen geliebt +worden sind. + +Die Frau Deines väterlichen Freundes, sagst Du vorwurfsvoll. -- Aber +dieses Bewußtsein verschärfte nur die Qual und änderte nichts an der +Empfindung. + +Niemand vermag mir den Glauben zu nehmen, daß sie für mich, und daß ich +für sie geboren war, daß wir Eins gewesen sein mußten in einem früheren +Leben und nun zueinander strebten mit derselben Urgewalt, wie die Fluten +des durch Klippen getrennten Bergstroms, der zu Tale stürzt. + +Und dennoch, so zuversichtlich ich hoffte, daß jede sehnsüchtige +Empfindung meiner Seele einen Widerhall in der ihren fände, so fest war +meine Überzeugung, daß Elsbeth lieber sterben würde und lieber mich +sterben ließe, als ein Unrecht tun. Ich aber hatte Augenblicke -- Dir, +alter Mensch, darf ich's sagen, unsre Schuljungen würden mich verhöhnen +-- in denen alle meine Wünsche schwiegen vor dem einen, ihrer würdig, +ihr Freund, ihr geistiger Genosse zu bleiben. Die ich wie eine Göttin +verehrte, sollte nicht niedersteigen, um in meinen Armen eine Erdenfrau +zu werden. Aber diese Augenblicke wurden immer seltener, die +Selbstbeherrschung wurde mir immer schwerer, um so mehr, als Elsbeth ihr +Benehmen änderte, ihre Unbefangenheit zu verlieren, jedes Alleinsein mit +mir ängstlich zu vermeiden schien -- -- + +Unwandelbar derselbe blieb nur Er, der Lustspielgatte, der arglose, +alberne -- anbetungswürdige. Er hielt mich mit Gewalt fest, wenn ich +fort wollte, er plagte mich, um mir mein kroatisches Gut zu erhalten, +das ihm das seine so schön arrondiert hätte, und das schon zu Zeiten +meines Vaters losgeschlagen werden sollte, weil wir Geld brauchten für +die arg zurückgegangene Wirtschaft in Korin. + +Aber er weigerte sich zu kaufen. Im Anfang zögernd, dann immer +entschiedener. -- »Es ist halt schwer, es ist halt schwer. Mir würde der +Krempel passen. Du gehst mathematisch darauf zu Grund. Kennst Dich ja +bei uns gar nicht aus.« + +»So kaufe! kaufe! zahle, was du recht findest.« + +»Was ich recht fände, kann ich nicht zahlen, und weniger mag ich nicht +zahlen; ich mache keinen Handel mit einem Menschen, der wie Du in +Geschäften ein Mondkalb ist. Das darf nicht sein. Was meinst, Elsbeth?« + +Sie lachte. Es gibt nichts, das lieblicher wäre als ihr Lachen. Um so +lachen zu können, muß man eine großartige und milde Seele haben. Gar +wenige Frauen lachen schön. »Was soll ich nur antworten, ohne entweder +unhöflich oder gewissenlos zu sein?« fragte sie, und er schmunzelte und +begann seinen graublonden Knebelbart um den Zeigefinger zu wickeln: »Ja, +wenn ich Kinder hätte, Gott weiß, welcher Schandtat ich fähig wäre, -- +aber so!« + +Und später hieß es dann: »Weil ich keine Kinder habe und mathematisch +keine bekommen werde, will ich Deine lang vernachlässigten Interessen +vertreten, Du Junge Du, wie wenn es die meiner Kinder wären.« + +Nein, einen solchen Mann betrügt man nicht: »Das darf nicht sein,« wie +er sagt. + +Aber so schwer als möglich hat er mir's gemacht, ein ehrlicher Kerl zu +bleiben. Ich _mußte_ am Ende heraus mit einem halben Geständnis. Da +murmelte er etwas von Unsinn und wurde ein wenig rot. »Du weißt nicht +mehr, was Du erfinden sollst, damit man Dich nur fortläßt,« sagte er und +-- ließ mich ziehen. + +Kommst halt wieder, wenn Du mathematisch sicher bist: ich darf mit gutem +Gewissen! + +Und ich darf! Ich werde mit meiner jungen Frau den ersten Winter in +meinem, durch den fürsorgenden Freund bewohnbar gemachten Hause in der +Nähe von Fiume verleben, gut nachbarlich mit Elsbeth und mit meinem +lieben alten Hans. + +Seit drei Tagen schreibe ich an diesem Brief. Nun soll er endlich +abgeschickt werden. Wir reisen morgen auf das Land. + +Die Tante hat ihre Einladungen gemacht; unter den ersten Aufgeforderten +waren die Eltern Madeleines samt Tochter. + +Die letztere und ich hatten eben vom Ende der Saison gesprochen, vom +nahen Scheiden, als die Tante herantrat mit der Kunde, daß uns ein +baldiges Wiedersehen bevorstehe. + +Da bereitete mir Madeleine wieder eine Überraschung -- ein heller +Freudenglanz überflog ihr Gesicht, leuchtete aus ihren Augen. + +Dieses plötzliche Aufflammen war wirklich eigentümlich. Ich glaube, sie +hat mehr »*amitié*« für mich, als sich einbildete + + Dein treuer Schüler. + +Wenn die Eifersucht der Mumien es erlaubt, so schreibe mir doch einmal +wieder und adressiere: *Les Ormeaux, Département Meurthe et Moselle, +près Cirey les fosses*. Wie nahe der jetzt deutschen Grenze! + + +*IV.* + +Graf Edmund N. an Professor Erhard. + + Les Ormeaux, den 2. Juni 1875. + + Teurer Freund, lieber Professor! + +Gestern hatte die Tante den Besuch einer merkwürdigen Frau. + +Ich will sie Irina nennen. + +Vor Jahren in Wien lernte ich sie kennen. Sie war reizend und sehr +gefeiert. Ihr Mann, ein widerwärtiger Gesell, ein Streber, hatte sie aus +Ehrgeiz geheiratet; sie galt, als »Adoptivtochter« eines hohen +Würdenträgers, für einflußreich. Der Gatte ließ ihr volle Freiheit. +Welchen Gebrauch sie in Petersburg davon gemacht, weiß ich nicht; in +Wien bestand ihr Hauptvergnügen darin, die Herzen ihrer zahlreichen +Anbeter an langsamem Feuer zu braten. Wie niemand verstand sie sich auf +die Kunst, nichts zu versprechen und -- alles hoffen zu lassen. An mir +ging sie gerade so lange gleichgültig vorbei, als sie meine +Gleichgültigkeit nicht bemerkte. Dann begann der Kampf. Meine Seele lag +in Elsbeths Banne. Ich konnte mir jederzeit ihr Bild so deutlich +heraufbeschwören, daß ich sie sah wie mit körperlichen Augen, -- aber +kennst Du den Mann, der einer hübschen Frau gegenüber, die sich ihm an +den Kopf wirft, den Spröden spielt? -- Ich hatte nur den Abhub der Liebe +zu vergeben, Irina begnügte sich damit, sie triumphierte. Der Rausch war +kurz, aber noch vor der völligen Ernüchterung trennten uns die +Verhältnisse. + +Zwei ihrer Briefe beantwortete ich, den dritten und vierten nicht mehr. + +Und jetzt sehe ich sie wieder; etwas gealtert, aber noch immer +verlockend, und, wie ich höre, noch immer sehr umworben. Eine +gefährliche Frau; besonders für junge Leute, die die Kinderschuhe eben +ausgetreten haben, oder für die alten, die eben im Begriffe sind, wieder +hinein zu schlüpfen. + +Bei Tische schenkte sie mir keine Aufmerksamkeit; als ich aber +nachmittags in den Garten ging, um im Freien meine Zigarre zu rauchen +(aus dem Hause der Tante ist der Tabak verbannt), kam sie mir nach, eine +Zigarette dampfend. Wir wandelten eine Weile am Ufer des Teiches +nebeneinander und führten ein unbedeutendes Gespräch. Plötzlich blieb +sie stehen, sah mich fest an und sagte in ihrer nachlässigen und sanften +Weise: »Unter anderm, warum haben Sie meine letzten Briefe nicht +beantwortet?« + +Ich war auf diese Frage gefaßt und erwiderte ohne Zögern: »Weil ich +wußte, daß Sie mir einst danken würden für diese weise Zurückhaltung.« + +»Wirklich? Mir ist das nicht ausgemacht.« + +»Mir hingegen mit einer Gewißheit, so groß, daß sie auslangt für uns +beide.« + +Wir setzten unsre Wanderung wieder fort; die Luft war drückend schwül, +hinter den Hügeln an der deutschen Grenze stiegen schwere Gewitterwolken +auf. + +Irina zog mit einem tiefen Atemzuge den Rauch ihrer Zigarette ein und +ließ ihn, langsam genießend, wieder herausqualmen zwischen den leicht +geöffneten Lippen. -- »Wenn ich nicht irre, trug ich Ihnen an, mich +scheiden und mich mit Ihnen trauen zu lassen in irgendeinem +siebenbürgischen Gretna Green.« + +»Etwas dergleichen ... Denken Sie, wenn ich selbstsüchtig genug gewesen +wäre, Sie beim Wort zu nehmen?« + +»Nun?« + +»Sie hätten auf alles verzichten müssen: Ihre Stellung in der Welt, +Ihren Einfluß, die Liebe der Ihren, Ihr abwechslungsreiches Leben ...« + +»Und die Folge dieser Entbehrungen?« + +»Daß Sie sich unglücklich gefühlt hätten.« + +»Was weiter? Wer sagt Ihnen, daß Durst nach Glück mich veranlaßt hat, +Ihnen den Vorschlag zu machen, der so wenig Anwert bei Ihnen fand? Es +war Durst nach dem Gegenteil, nach Leid, nach Schmerz, mit einem Worte +-- nach Liebe.« + +Ich muß sie sehr zweifelnd angesehen haben, denn sie beeilte sich, zu +bekräftigen -- »Liebe, ja, ja. Schade, daß ich sie nur zu empfinden und +nicht einzuflößen verstand. Wir wären miteinander durchgegangen, und Sie +hätten mich unglücklich gemacht, und das wäre wundervoll gewesen -- +unglücklich durch einen Menschen, den man liebt. Die Hand, die mich +schlägt, ich küsse sie. Quäle, mißhandle mich, so viel es Dich freut, +mit meiner Liebe wirst Du doch nicht fertig, diesen Reichtum erschöpfst +Du nicht ... Und den in sich zu fühlen, den göttlichen Lebensquell ... +was ist all das kleine Glück, das sich uns im Leben bietet, gegen ein +solches Unglück?« + +Sie verlangsamte ein wenig ihren noch sehr jugendlichen und hübschen +Gang; ihre ganze Art und Weise blieb ruhig, ja gleichgültig, und dieser +Gegensatz zwischen ihren Worten und ihrem Benehmen hatte einen +eigentümlichen Reiz. + +Wir nahmen Platz auf einer Gartenbank; der Himmel verfinsterte sich mehr +und mehr, es herrschte ein malerisches Halbdunkel unter den Bäumen, das +äußerst vorteilhaft war für Irinas farblosen, durchsichtigen Teint. Ihr +feines Gesicht mit den großen grauen Augen, die zarte Gestalt im +duftigen Spitzenkleide gewannen in der schmeichelnden Beleuchtung etwas +Poetisches, Elfenhaftes. + +»Das Glück,« sagte ich, »mit dem Sie sich in Ermangelung des erwünschten +Gegenteils begnügen mußten, hat doch auch sein Gutes, es hat Sie jung +erhalten und schön.« + +»Und leichtsinnig,« setzte sie hinzu, in nur allzu überzeugtem Tone. +»Wir Frauen haben einmal im Leben nichts als die Liebe, und wenn wir mit +der unsern nicht an den Rechten gekommen sind, dann heißt es eben -- +tröste Dich, wie du kannst!... Man sucht, man findet ... das +wohlbekannte Surrogat: Zerstreuung -- ohne Liebe ... Sie aber« -- der +wehmütige Ausdruck, den ihre Züge angenommen hatten, verwandelte sich in +einen übermütig schalkhaften -- »Sie werden Liebe haben -- ohne +Zerstreuung.« + +Ich verstand sie nicht gleich und brachte ein albernes »Wieso?« vor, +dessen ich mich zur Stunde noch schäme. + +Der Donner grollte, einige Regentropfen fielen, sie achtete ihrer nicht, +schalt mich einen Geheimniskrämer, den sie jedoch durchschaue, und +gratulierte mir zu meiner bevorstehenden Heirat. Als echter Deutscher +(ihr bin ich ein Deutscher) hätte ich klug und praktisch gewählt. -- Das +Erbfräulein ist hübsch, wohlerzogen, hat einen vortrefflichen Charakter. +»Kann man mehr verlangen?« fragte sie. »Sie treffen es gut -- beinahe so +gut wie -- Ihre Braut. Und somit gebe ich Ihnen meinen Segen.« + +Sie erhob sich rasch und streifte meine Stirn mit flüchtigem Kusse. Ich +wollte sie an mich ziehen, doch entwand sie sich mir und sprach: »O nein +... Aus, aus!... Ob die Liebe gar nicht kommt, ob zur unrechten Zeit, +ist eins und dasselbe ... wir sind geschiedene Leute. -- Wenn unsre Wege +sich nicht mehr kreuzen sollten, Sie nur noch von mir hören, und nicht +immer das Beste, dann gesellen Sie sich nicht zu denen, die einen Stein +auf mich werfen. Sie haben kein Recht dazu,« schloß sie sanft. + +Ich war ergriffen und gerührt. Es ist nicht heiter, wenn jemand, mit dem +wir glaubten, längst abgerechnet zu haben, vor uns hintritt und uns +beweist, daß wir tief in seiner Schuld stehen. + +Etwas dergleichen sagte ich auch, ohne damit einen besonderen Eindruck +zu machen. + +Die schwarzen Wolken am Himmel platzten und sandten einen Guß nieder wie +aus hunderttausend Traufen. Irina, leicht aufatmend, bot dem strömenden +Regen ihr unbedecktes Haupt und schlug ohne die geringste Eile den +Heimweg ein. + +Zur Albernheit verurteilt an diesem Nachmittag, wußte ich nichts andres +zu sagen als: »Ihr schönes Kleid wird ganz verdorben.« + +»Durch Ihre Schuld!« erwiderte sie mit scherzender Anklage. »Warum +mahnten Sie nicht früher zum Aufbruch ... Jetzt haben Sie auch mein +Kleid auf dem Gewissen.« + +Triefend kamen wir nach Hause. Irina ging, sich umkleiden zu lassen, und +betrat eine halbe Stunde später im Reiseanzug den Salon. Die Tante +beschwor sie zu bleiben, wenigstens morgen noch, vergeblich, sie ließ +sich nicht erbitten. + +Wir begleiteten sie zur Bahn, im offenen Wagen. Das Gewitter hatte sich +völlig verzogen, der Sommerabend war mild und hell, ein kräftiger +Erdgeruch wallte aus den feuchten Feldern und Wiesen zu uns herauf. Ich +saß Irina gegenüber; sie lächelte mir zu und machte sich lustig über die +Melancholie, in die mich, wie sie behauptete, ihre Abreise versetzte. + +Auf der Station warteten einige Bauern, der Zug war schon signalisiert; +Irinas Leute hatten kaum Zeit, die Bagage aufzugeben und Billetts zu +lösen, da brauste er heran. + +Aus dem Fenster eines Coupés erster Klasse beugte sich ein junger Mensch +weit heraus, ein langer, hübscher, blasser Bursche, mit keimendem +Schnurr- und Backenbärtchen. Als er Irina erblickte, stieg eine dunkle +Röte ihm in die Wangen, die aufrichtigste Seligkeit funkelte aus seinen +unverwandt auf sie gerichteten Augen. Hastig winkte er den Schaffner +herbei. + +»Ach, mein Neffe Wladimir, welcher Zufall!« sagte Irina mit förmlich +herausfordernder Unbefangenheit und nahm Abschied. Ich führte sie zum +Waggon, dessen Tür bereits offen stand. Der Jüngling hatte das +Handgepäck, das der Kammerdiener hineinreichte, in Empfang genommen, +stand da und hielt selbstvergessen die Reisetasche Irinas mit +leidenschaftlicher Innigkeit an seine Brust gepreßt. Ich half der +schönen Frau einsteigen. Der Duft frischer Blumen strömte uns aus dem +Wagen entgegen; in den Netzen hingen, auf den Sitzen lagen die schönsten +Teerosensträuße. -- Ich hörte Irina noch sagen: »*Quelle folie!*« Dann +flog die Tür zu, die Lokomotive pfiff und pustete, die Räder setzten +sich in Bewegung, ein letzter Gruß, ein Taschentuch, das man flattern +sieht an einem Fenster und -- alles vorüber. + +Die Tante und ich fuhren nach Hause. Sie war außerordentlich aufgeräumt. +Durch alle ihre Kosmetikes hindurch schimmerte der Glanz stiller +Heiterkeit. In einem alten Renner, vor dessen Augen ein andres Pferd +durchgeht, mögen sich ähnliche Erinnerungen regen, wie die ihren waren +in diesem Augenblicke. + +Ganz gegen ihre Gewohnheit, denn sie gehört zu den harmlosesten +Geschöpfen, die ich kenne, bemerkte sie nach einer kleinen Pause, +während der wir uns unsren Betrachtungen überlassen hatten: + +»Früher waren es Cousins, jetzt sind es Neffen. Ich weiß nicht, ob das +ein Fortschritt oder ein Rückschritt ist.« + +»*Mais*«, setzte sie seufzend hinzu, und ihre Stirn würde sich in +nachdenkliche Falten gelegt haben, wenn die *Crême de Lys à la Ninon* +eine solche Hautgymnastik erlaubt hätte -- »*mais je comprends ça!*« + + Dein Edmund. + + +*V.* + +Graf Edmund N. an Professor Erhard. + + Les Ormeaux, den 25. Juni 1875. + + Lieber verehrter Freund! + +Bereite Dich auf eine Überraschung vor. Unsre Pläne sind umgestoßen. Ich +schrieb Dir gestern in verdrießlicher Laune. Dank der Nachlässigkeit +meines Dieners blieb der Brief liegen. Heute zerreiße ich ihn, schreibe +einen neuen und hoffe, wenn diese Zeilen in Deine Hände kommen, bin ich +ganz versöhnt mit meinem Lose und habe eingesehen, »daß alles Segen +war.« + +Was sich begeben hat, ist folgendes: + +Neulich am Abend waren wir alle auf dem Balkon. Eine Dame aus der +Nachbarschaft, die sich für eine Naturfreundin hält, hatte uns dahin +beordert, um den Aufgang des Mondes zu bewundern. Sie quittierte die Oh +und Ah, die ausgestoßen wurden, und machte die Honneurs des schönen +Schauspiels, als ob sie es erfunden hätte. Es verdroß sie, daß Madeleine +sich schweigend verhielt. -- »Die jetzige Jugend lobt nichts,« meinte +sie, »nicht einmal den lieben Gott in seinen Werken. Ein Anblick wie +dieser läßt Euch kühl. Nicht wahr, liebe Kleine?« + +Die »Kleine«, von der die dicke Naturschwärmerin um einen halben Kopf +überragt wird, sah zu ihr nieder und erwiderte rasch und lebhaft: »Sie +tun mir unrecht, niemand schätzt den Mond mehr als ich, diesen +liebenswürdigen Alten, dessen Glanz schon längst erloschen ist, der sich +aber in Ermangelung eigenen Lichtes zum Spiegel fremden Lichtes macht +und uns so hold die Nacht erhellt. Ich will mir sogar ein Beispiel an +ihm nehmen und bei fremdem Glücke borgen, was man so braucht, um den +Schein der Heiterkeit zu haben und zu verbreiten.« + +»Welche Resignation!« rief ich aus. + +»Eine sehr bedingte, wohl gemerkt,« erwiderte sie. »Mit dem Scheine +begnügt ein braves Herz sich erst, wenn das Wesen ihm unerreichbar +bleibt ... Ja, wenn die Wahl frei stände ...« sie hielt inne. Es war +wieder das Aufblitzen in ihrem Gesichte, das Leuchten der Augen, das +übermütig schalkhafte Lächeln. -- + +Plötzlich warf sie einen Blick voll Entschlossenheit auf eine junge Frau +hinüber, die ich längst im Verdachte hatte, die Vertraute aller ihrer +Mädchengeheimnisse zu sein, und fuhr fort: »Zum Beispiel Sie, meine +Damen, wenn Sie sich statt dieses Anblicks,« den Arm ausstreckend, +deutete sie nach dem Horizont, »den eines _Sonnen_aufganges gönnen +wollten, was so leicht geschehen kann, und -- ich wette, noch nicht +geschehen ist.« + +Einige widersprachen, ein kurzer Streit entspann sich. Am Ende beschloß +die ganze Gesellschaft einstimmig, morgen mit dem frühesten auszureiten +und von einem Hügel aus, der zu Pferde in zwanzig Minuten zu erreichen +war, das Erscheinen des Tagesgestirns zu erwarten. + +»Seien Sie pünktlich,« empfahl mir Madeleine, ehe wir uns trennten, und +ich versprach's und hielt Wort. Ich war der erste beim Stelldichein im +weitläufigen, kiesbestreuten Hofe, in dessen Mitte eine Fontäne +plätscherte. Ihr einförmiges Geräusch wurde allmählich eine Art Stimme +und gurgelte: »Mach Dich gefaßt! Mach Dich gefaßt!« Es kam sogar zu +einem Vers: + + Als Junggeselle reit ich aus, + Als Bräutigam kehr ich nach Haus. + +Nicht sehr schön, aber was kann man von einer Fontäne verlangen? + +Die Pferde wurden vorgeführt, streckten die Hälse, senkten die Köpfe; +alle schienen unzufrieden, gegen jede Gewohnheit so früh aus dem Stall +zu müssen. + +Und nun erschien Madeleine unter dem Portal. Im dunkeln, enganliegenden +Reitkleid nahm ihr ganzes Wesen sich so gar jung und unfertig aus ... Da +hieß es: nicht vergleichen! nicht denken an Elsbeths wundervolle +Frauengestalt. + +Madeleine, die Reitpeitsche unter dem Arme, knöpfte mit der bloßen +Rechten den Handschuh der Linken zu. Sie hatte mich gesehen, aber ohne +zu grüßen hastig den Kopf gesenkt, runzelte ein wenig die breiten Brauen +(die hat sie vom Vater), preßte die Lippen aufeinander ... + +Ich sage Dir alles, demnach auch die Vermutungen, die mir da in den Sinn +kamen: Ah, Mademoiselle, ich zögere Ihnen wohl zu lange? Sie haben +wahrscheinlich geflunkert mit ihrer Eroberung, und nun fragen die +Freundinnen: Was ist das? will der Besiegte sich noch immer nicht +ergeben?... Die Entscheidung muß endlich herbeigeführt werden. So oder +so! In der Kühlwanne läßt sich unsereines nicht halten ... Wohlan, ich +will Ihnen den Sieg nicht schwer machen, sagte ich zu mir, trat an sie +heran, und wir wünschten einander einen guten Morgen und waren gleich +einig, daß wir auf die übrige Gesellschaft nicht warten wollten. + +»Welches Pferd befehlen Mademoiselle?« fragte der Stallmeister. + +»Gleichviel, das erste beste,« gab sie zur Antwort mit kaum +unterdrückter Ungeduld und saß im nächsten Augenblick schon im Sattel +auf einem tüchtigen Braunen, und auch ich wählte nicht lange -- was mich +später reute --, sondern bestieg, weil er am nächsten bei der Hand war, +einen hochbeinigen, langohrigen Gaul, auf dem nicht einmal der Apollo +von Belvedere sich gut hätte ausnehmen können. + +Wir ritten im Schritt aus dem Hofe, dann im kurzen Trabe durch den Park +und sprengten draußen in einen munteren Jagdgalopp ein. Madeleine, des +Weges kundig, führte. Es ging immer schneller vorwärts, eine gute Weile +über das Weideland, zwischen flachen grünen Hügeln dem Licht entgegen, +das im Osten emporlohte. + +»Wohin denn?« fragte ich endlich. »Wo ist das Ziel?« + +Sie erwiderte: »Längst überholt,« hielt ihr Pferd an, lauschte und +spähte in die Ferne, und ich rief: + +»Bravo! Wissen Sie, wo wir sind? Da steht der Grenzpfahl -- auf +deutschem Boden -- in der Höhle des Löwen.« + +»Jawohl, und da schickt er einen Abgesandten.« + +Von der flammenden Morgenröte am Himmel hob sich der Schattenriß eines +Reiters, der, wie aus dem Boden gewachsen, vor uns auftauchte. Es war +ein deutscher Offizier, ein schöner Mensch, sehr sonnverbrannt, sehr +hübsch gewachsen, vortrefflich beritten. Er legte die Hand an die Mütze, +und ich dumme gute Haut dankte ihm noch und bemerkte nicht gleich, daß +der Held nur Augen hatte für Madeleine, die er voll Ehrfurcht und +frommer Anbetung begrüßte. + +O Lieber! und sie senkte den Blick vor dem seinen; und ich habe mich +geirrt -- sie kann das doch auch. + +»Madeleine,« sagte er, und seine Stimme war tief und wohlklingend und +hätte mir in jedem andern Augenblick einen angenehmen Eindruck gemacht. + +»Arnold,« sagte sie. Das D tönte so zärtlich nach, so liebevoll: +Arnolde. Sie reichten einander die Hände. + +»Ich danke Ihnen, daß Sie gekommen sind.« + +Ihre ablehnende Gebärde drückte deutlich aus: Dafür keinen Dank! -- +»Morgen also?« fragte sie nach einer langen Pause ernster, schweigender +Seligkeit. + +»Morgen. Vergessen Sie mich nicht, Sie wissen, wovon ich lebe.« + +»Und ich? -- Als neulich Ihr Brief nicht kam am bestimmten Tage und auch +am nächsten nicht -- ich wäre fast gestorben.« + +»Wie voreilig!« sprach er und wurde rot vor Bestürzung und Wonne und +drückte ihre Hand fester, »liebe Madeleine ...« + +»Mein edler, mein treuer Freund.« + +»Treu, ja, aber das ist mein Schicksal, nicht mein Verdienst.« + +»Ich lobe Sie auch nicht, ich sage nur, Sie sind es.« + +»Wie Sie.« + +»Das heißt: bis ans Ende.« + +»Bis ans Ende.« + +»Gott behüte Sie, Arnold.« + +»Sie wollen mich schon verlassen?« + +»Ich will nicht -- ich muß.« + +»Madeleine!« + +»Noch einmal, noch tausendmal: Gott behüte Sie! Ich bete zu ihm für Ihr +Glück.« + +»-- Dann beten Sie für sich.« + +Das war, glaube ich, ihr ganzes Gespräch. Möglich, daß ich einiges +überhörte. Mein Untier von einem Rotschimmel hatte einen Anfall von +Heimweh bekommen und kehrte ganz entschlossen um; ich wandte ihn und er +wieder sich; wir waren einer hartköpfiger als der andre und führten, +indem wir uns kaffeemühlenartig auf dem Fleck herumdrehten, ein +sonderbares *accompagnement* auf zu der Liebesszene, die sich zehn +Schritte von uns abspielte. + +Nachdem der Offizier (der mich gewiß für irgendeine untergeordnete +Vertrauensperson gehalten hat) sich empfohlen, ritten wir in +entgegengesetzter Richtung dem Aussichtshügel zu und erblickten, an +dessen Fuß angelangt, die vom Schlosse her trabende Kavalkade. + +»Fräulein,« sagte ich mit verachtungswürdiger Plumpheit zu Madeleine, +»wissen Ihre Eltern?...« + +»Das versteht sich,« fiel sie mir ins Wort und hatte ein gar rührendes +Lächeln, »sie wissen es, aber sie glauben es nicht.« + +»Was nicht?« + +»Daß meine Neigung alles überdauert, ihren Widerstand, die immerwährende +Trennung. Sie meinen, endlich wird diese Liebe doch erlöschen. Nur Zeit +lassen, nur Geduld haben. Ein andrer wird kommen und das Bild des +Abwesenden aus ihrem Herzen verdrängen. Da stellen sie von Zeit zu Zeit +Proben an ...« + +»Und Bewerber auf,« rief ich ungemein beleidigt. + +Sie aber erzählte in wenig Worten, das Schloß ihrer Eltern sei im +Kriegsjahre zu einem Spitale gemacht worden. Mit andren Verwundeten +wurde 'Er' gebracht, sterbend, der Arzt gab ihn auf. -- »Meine Mutter +aber,« sagte Madeleine, »pflegte ihn gesund. Ich bin ihr kaum mehr Dank +schuldig für mein Leben, als er ihr für das seine. Das verpflichtet, Sie +begreifen. Wir werden meine Eltern nie betrügen ... Er hat mir einmal +die Hand geküßt, in Gegenwart meines Vaters ... Er ist einmal aus seiner +Heimat nach Falaise gekommen, zwei Nächte und einen Tag gereist, um mich +zu sehen, an der Seite meiner Mutter, um auf der Straße an mir +vorüberzugehen und stumm zu grüßen. -- Ich war krank gewesen, er hatte +durch meine Freundin davon gehört ...« + +»Sublim!« spöttelte ich. »Es muß ihre Eltern rühren, sie werden endlich +nachgeben.« + +»Sie werden nie nachgeben und wir auch nicht.« + +»In einem solchen Kampfe siegen die Überlebenden. Nach dem gewöhnlichen +Lauf der Dinge also -- die Jüngeren.« + +Wir waren nicht mehr allein, die Reiter hatten uns eingeholt. + +Madeleine sprach mit gesenkter Stimme: »Gott erhalte mir meine Eltern!« + +Oben auf dem Hügel war es herrlich. Ein feuriger Glutball, stieg sie +empor, die Lichtspenderin, die Urheberin alles Lebens ... Lieber Freund, +die Schilderung des Sonnenaufganges wirst Du mir wohl erlassen. + + Dein Edmund. + + +*VI.* + +Graf Edmund N. an Professor Erhard. + + Les Ormeaux, den 5. Juli 1875. + + Bester Freund! + +Glaubst Du, daß es heutzutage einen Romancier gibt, kühn genug, um +seinem Publikum ein Liebespaar wie Madeleine und Arnold vorzuführen? +-- Er müßte sich darauf gefaßt machen, ein lächerlicher Idealist genannt +zu werden, der faden Brei rührt für literarische Kinderstuben und +Menschen schildert, die es nie und nirgends gibt. + +Und doch wäre der Mann ein so treuer Darsteller der Wirklichkeit, wie +nur irgendein orthodoxer Naturalist. -- Allerdings würde diese +Wirklichkeit niemanden mehr interessieren. + +Ich bin veraltet, mich interessiert sie. Madeleine und ich haben ein +Freundschaftsbündnis geschlossen. + +»Konnte ich Ihnen,« sagte sie, »einen größeren Beweis von Vertrauen +geben, als den, Sie zum Zeugen meiner Zusammenkunft mit Arnold zu +machen? Auf Gnade und Ungnade habe ich Ihnen mein Geheimnis +ausgeliefert.« + +Was ich vor drei Tagen miterlebte, war ein Abschied. Das Regiment +Arnolds, das im Elsaß stand, hat Marschbefehl bekommen und kehrt zurück +nach Bayern. Die Trennung der Liebenden wird dadurch räumlich erweitert, +tatsächlich bleibt sie dieselbe. Sie sehen einander nicht, sie stehen +nur in freilich sehr eifrigem, schriftlichem Verkehr. Als Briefbote +fungiert die Freundin -- wie mir scheint, nicht ohne Wissen der Eltern. +Die denken wohl: Schwärmt Euch aus, in _solcher_ Art ist's ungefährlich; +man wird ihrer müd. + +Meine Meinung aber ist, daß diese beiden tun werden, wie sie sagen, und +einander treu bleiben bis ans Ende. Gestern machte ich mich in denkbarst +vorsichtiger Weise zu ihrem Anwalt -- bei der Mutter; an den alten +*Chouan* wollte ich erst später heran. Aber ich traf auf den +unbeugsamsten Widerstand; -- so einen sanften, wohlüberlegten, gegen +jeden Angriff gefeiten. Welche Kraft von Fanatismus in dieser +schmächtigen, blassen Frau, deren Stimme sich nie über den +Konversationston erhebt, deren Lippen ohne Beben dem Glück der armen +Madeleine das Todesurteil sprechen! Sie liebt ihr Kind, sie weiß, daß +Arnold ein braver Mensch ist, aber zugeben, daß ihre Tochter die Frau +eines Deutschen werde -- o, da würde sie _sich_ doch ebenso gern auf den +Pranger stellen und öffentlich brandmarken lassen. + +Das nenn ich einen gehörigen Rassenhaß!... Etwas Gräßliches wahrhaftig +und Dummes obendrein, wie denn jeder Haß, der sich gegen Menschen +wendet, statt gegen das Unrecht, das sie tun ... Weise ist nur die Liebe +-- halte mir den kühnen Übergang zugute, ich bin mir des Mangels an +Folgerichtigkeit in meinem Gedankengange sehr bewußt ... Weise ist +Irina, die dafür, daß sie nicht geliebt wurde, wie sie es erstrebt, +Trost findet, indem sie sich lieben läßt. Weise ist Madeleine, die im +Vollgefühl ihrer großartigen Empfindung eine höhere Befriedigung genießt +als mancher, dessen Leben eine Kette erfolggekrönter Liebesabenteuer +war. + +Unweise ist Elsbeth, unweise bin ich mit meiner Selbstüberwindung, die +so viel Verlogenheit in sich birgt. + +Jede echte Liebe, sogar eine hoffnungslose, ist herrlich, erbärmlich und +töricht, aber der Kleinmut, der verzichtet. + +»Wir Frauen haben nur die Liebe,« sagt Irina. So hat denn Elsbeth -- +nichts. + +Arme Elsbeth! + +Lebe wohl und schreibe doch einmal wieder + + Deinem treuen Edmund. + + +*VII.* + +Graf Edmund N. an Professor Erhard. + + Wien, den 12. August 1875. + + Mein verehrter Freund! + +Dir schreiben, was ich vorhabe, fällt mir schwer. Es wird Dich empören, +es wird Dir weh tun. Wenn Dich dieser Brief findet, mitten in einer +fesselnden Arbeit, dann lege ihn weg und lies ihn erst am Abend, vor dem +Einschlafen. Das ist der rechte Moment. Da bist Du in der unendlich +wohlwollenden und versöhnlichen Stimmung, die jeden guten Menschen +ergreift, wenn er sich, zufrieden mit seinem Tagewerk, auf das Lager +streckt und die angenehme Müdigkeit seiner Glieder, die köstlichste +Abgespanntheit seiner Nerven ihm eine vortreffliche Nacht verheißen ... +Dann nimm dieses Blatt zur Hand. So sanft wie die Traumseligkeit, die +Dich umfängt, wird Dein Urteil sein; Du wirst denken: Sieh doch, seinem +Verhängnis entgeht keiner ... Ei, ei! -- Nun, Gott mit ihm. Nach +Nowidworo denn ... + +Ja, nach Nowidworo, das ist das Ende vom Liede. + +Ich will hintreten vor meinen alten Hans und will ihm sagen: Alles war +vergeblich, die Flucht, die Trennung, der lange Kampf. Ich komme wieder +als derselbe, der ich gegangen, nur daß ich erprobt habe, daß meine +Liebe unüberwindlich ist. Habe ich nicht getan, was ich konnte? Habe ich +nicht sogar heiraten wollen? Danke ich's nicht ganz allein der +Seelengröße Madeleines, daß der lügenhafte Bund nicht geschlossen wurde? + +Mache mit mir, was Du willst, wirf mich hinaus, schieß mich tot, ich +verlange nur Eins: bevor Du es tust, frage Deine Frau, ob ihr damit ein +Gefallen geschieht ... Man muß doch auch an sie denken. -- Haben wir +einmal Phantasie, stellen wir uns vor, daß ich um ein Jahr früher nach +Fiume gekommen wäre, sie kennen gelernt und heimgeführt hätte ... +Verzeih, verzeih, lieber Hans! Du bist ein Engel, und ich bin nur ein +gewöhnlicher Sterblicher -- aber Elsbeth wäre vielleicht mit mir +glücklicher geworden als mit Dir ... Nicht wegen des geringeren +Unterschieds im Alter, -- was sind die Jahre! Im Gemüte wirst Du immer +ein Jüngling bleiben. Wie oft kam ich mir, mit Dir verglichen, wie ein +Greis vor. + +Aber Du kennst die Frauen nicht, hast Dich nie mit ihnen befaßt, Du bist +mit der Deinen wie der beste Vater ... Ich, mein teurer, treuer Hans, +ich würde wahrscheinlich trotz aller Anbetung weniger zart mit ihr +umgehen als Du, ich würde sie mit Eifersucht quälen, aber es gäbe +nichts, was mich je von dem Gedanken an sie ablenken könnte. Immer hätte +ich in ihrer Gegenwart die Empfindung eines reicheren, erhöhten Lebens, +immer sie in der meinen das Bewußtsein, eines andern Menschen +köstlichstes Gut, sein Um und Auf, sein Schicksal zu sein. + +Ich würde sie nicht tage- und wochenlang allein lassen, und nachmittags, +wenn ich noch so müde aus der Wirtschaft nach Hause gekommen wäre, würde +ich nicht einschlafen ... und wenn ich mit ihr im Walde spazieren ginge, +würde ich noch Sinn für andres haben, als für die Anzahl Raummeter, die +der Holzschlag ergeben wird, und für den wahrscheinlichen Ertrag der +Eichelmast. + +Hans, mein väterlicher Freund, werfen wir einmal alles über Bord: +Vorurteil, die sogenannten Gesetze der Ehre, und fragen wir uns, ob Du +Dich nicht ebenso zufrieden fühlen würdest wie jetzt, wenn Du ... nun, +das ist wirklich schwer auszusprechen ... wenn -- sagen wir, Elsbeth und +ich Deine Kinder wären, Deine dankbaren, in Dir den Schöpfer ihres +Glückes verehrenden Kinder ... + +Lieber Hans, was ist die Aufgabe des Menschenfreundes? Nach den +schwachen Kräften, die ihm als einzelnen gegeben sind, die Summe des +auf Erden vorhandenen Leids zu vermindern, die des Glückes zu erhöhen. +-- Mathematisch, um mit Dir zu sprechen: Ich besitze etwas, das mir +Freude macht = 6; doch kenne ich einen, dem dieses selbe etwas Freude +machen würde = 100.000. -- Was tue ich, der Menschenfreund? Ich schenke +ihm den bewußten Gegenstand und erhöhe damit die Summe der Weltfreude um +99.994! + +Ähnliches, liebster Professor, habe ich einmal getan. Ich hatte ein +Bild, das jeden Kenner entzückte. Einen mir befreundeten Maler machte +der Wunsch, es zu besitzen, halb verrückt. Er sann und träumte nichts +andres; er meinte, es sein nennen zu dürfen, würde ihn beseligen und +läutern und jede in seiner Künstlerseele noch schlummernde Kraft zur +höchsten Entfaltung bringen. + +Ich erwog das Glück, das ich diesem Menschen bereiten konnte, machte die +bewußte Rechnung und -- schenkte ihm das Bild. + +O Freund, es handelte sich um eine bemalte Leinwand, die nichts davon +wußte, ob der begeisterungstrunkene Blick eines Künstlers auf ihr ruhte, +ob der meine es streifte mit flüchtigem Wohlgefallen. + +Sie aber lebt, und, ich glaube es wenigstens, ist mir gut. Eigentümlich, +daß sich meiner, je näher der Augenblick des Wiedersehens kommt, Zweifel +bemächtigen, vielleicht begründete? + +Nein doch, nein! -- ich brauche mich nur der Nachmittage unter den +Linden auf der Terrasse zu erinnern ... Ich las vor -- »Faust« von +Turgenjew ... Wie sie da horchte, mit welcher Spannung, wie sie mich +ansah ... Am selben Abend entstand ein Gedicht, das natürlich verbrannt +wurde, und das ich vergessen habe, bis auf die eine Strophe: + + Zu mir erhebt mit stummem Fragen + Dein dunkles Aug sich unbewußt, + Dieselbe tiefe Sehnsucht tragen + Wir beide in verschwiegner Brust ... + +So war es. Aber freilich, zu wem hätte sie auch die Augen erheben +sollen? Mein Hans, ihr Hans, ich will sagen: unser Hans schlief oder +schlummerte wenigstens ... + +In zwei Tagen werde ich viel mehr wissen als heute. Ich schreibe Dir +gleich, noch unter dem ersten Eindruck. Was steht mir bevor? + + Dein Edmund. + + +*VIII.* + +Professor Erhard an Freiherrn Hans v. B. + + Korin, den 12. September 1875. + + Euer Hochwohlgeboren! + + Hochverehrter Herr Freiherr! + +Für die Belästigung auf das Höflichste um gnädige Nachsicht bittend, +wage ich es, Euer Hochwohlgeboren um eine Kunde von meinem lieben Grafen +zu bitten. Derselbe äußerte in seinem letzten Schreiben die Absicht, die +Gegend von Fiume zu besuchen, und dürfte es bei dieser Gelegenheit +schwerlich verabsäumt haben, Euer Hochwohlgeboren seine Aufwartung zu +machen. Auf die Annahme dieses Falles hin darf ich vermuten, daß es Euer +freiherrlichen Gnaden bekannt sein dürfte, wohin unser teurer Reisender +seine Schritte gelenkt, und dieser Vermutung wieder entspringt das oben +gestellte flehentliche Ersuchen. + +Genehmigen Euer Hochwohlgeboren den Ausdruck der unbegrenzten +Hochverehrung, mit welcher zeichnet + + Euer Hochwohlgeboren + untertänigster Diener + P. Erhard. + + +*IX.* + +Hans v. B. an Professor Erhard. + + Nowidworo, den 14. September 1875. + + Euer Hochwürden + +setzen mich in Bestürzung. + +Unser lieber Edmund hat uns nach zweitägigem Aufenthalte verlassen, um +geraden Weges heimzufahren nach Korin. + +Sieht aus wie das Leben, ist prächtig. Er muß seinen Plan geändert +haben; ich staune, daß er nichts davon schrieb. + +Mit der inständigen Bitte, mir sein Eintreffen zu Hause telegraphisch +bekannt zu geben, + + Euer Hochwürden + tief ergebener Hans B. + + +*X.* + +Graf Edmund N. an Professor Erhard. + + Abbazia, den 20. September 1875. + + Lieber, verehrter Freund! + +Ich habe noch eine kleine Seefahrt unternommen, bin aber jetzt auf dem +Heimwege; heftig regt sich in mir die Sehnsucht nach meinem Zuhause. +Eines schönen Morgens wirst Du im Frühstückszimmer erscheinen, mit einem +Schweinsledernen unter jedem Arme, und -- plumps! da liegen die +Folianten; Du hast sie fallen lassen, Du brauchst Deine beiden Hände, um +sie vor Verwunderung über dem Kopfe zusammenzuschlagen und dann dem +Freunde zu reichen, der Dir die seinen entgegenstreckt. + +Freue Dich, Du Lieber und Getreuer! ich komme für lange Zeit. + +Wenn Jahre zwischen heute und dem Tage lägen, an dem ich Dir zum letzten +Male schrieb, eine größere Wandlung könnte mit mir nicht vorgegangen +sein; ich bin, scheint mir -- klug geworden. + +Als ein ganzer Geck kam ich noch am Nachmittag des 14. August in +Karlstadt an. Ich hatte im natürlich reservierten Coupé Toilette gemacht +und gefiel mir selbst in meinem Knickerbocker und meinem englischen, +helmförmigen Hut. + +Auf dem Bahnhofe wartete der Wagen aus Nowidworo, der gelbe Phaeton, den +Hans nur bei großen Gelegenheiten ausrücken läßt; vorgespannt war der +Jucker-Viererzug, und auf dem Bocke prangte mein dicker, schweigsamer +Freund Djuro. + +»*Pomez Bog*,« rief ich, und er erwiderte: »*Ljubim ruka*.« Sein +braunes Gesicht glänzte gleich einem blankgescheuerten Kupferkessel, und +er lachte mich so vergnügt an, als ob ihm das verkörperte Trinkgeld +entgegenträte. + +Wir flogen schon ein Weilchen dahin zwischen rebenbepflanzten Hügeln und +Geländen, als er sich besann, daß er etwas an mich zu bestellen habe, +und mir einen Brief in den Wagen reichte. -- Von Hans. Sein +gewöhnliches Riesenformat, der Inhalt drei Zeilen im Telegrammstil: + +Willkommen! hochwillkommen, Du, mein Junge, Du! Erwarten Dich mit +offenen Armen. Haben uns redlich nach Dir gesehnt. + + Elsbeth und Hans. + +Beide hatten unterschrieben. + +Ich zerknüllte das Blatt und schleuderte es fort; denn es brannte wie +eine Kohle in meiner geschlossenen Hand. Die Sonne brannte auch, der +Himmel erstrahlte in feurigem Blau, zu eitel Fünkchen wurde der Staub, +der uns umwirbelte. Am Saume der großen Ebene dunkelten die Wälder, +erhoben sich die Spitzen der Okiker Gebirge. + +Mit innigem Entzücken begrüßte ich sie ... Die schönsten Bilder tauchten +vor mir empor, holde Träume umfingen mich. + +Mein Kutscher war plötzlich aufgestanden, schwang die Peitsche und +schnalzte kräftig. Ein Leiterwagen, mit türkischem Weizen beladen, +wackelte vor uns her. Die kleinen, mageren Pferde krochen nur so; ihr +Lenker schlief, der Länge nach ausgestreckt, auf seiner Ernte. Djuros +Peitschenknall weckte ihn, er fuhr empor, wich aus, und wir sausten +weiter. + +Das Gefühl ist nicht zu beschreiben, das mich ergriff, als ich die +Schloßmauern von Nowidworo durch die Bäume des Gartens schimmern sah und +bald jedes Fenster am Mansardendache unterschied. + +Die Luft schien mir dünner und reiner zu werden, mein Herz war so +leicht, der letzte Zweifel abgetan. Ich mußte mich zusammennehmen, um +nicht laut aufzujubeln. + +Beim steinernen Kreuze, wo der Weg sich abzweigt, der zwischen +Walnußbäumen gerade zum Schlosse führt, lenkte Djuro nach rechts, und +wir fuhren längs des Gartenzauns dem schlanken, zinnengekrönten Türmchen +an der Ecke, der sogenannten »Warte«, zu. + +Dort oben hatten Hans und Elsbeth gewiß gestanden und nach mir +ausgespäht, und jetzt eilen sie die Treppe hinab und zur Pforte zwischen +den Pfeilern und werden gleich heraustreten ... Wenn _sie_ zuerst kommt, +dann ist's ein gutes Zeichen. + +Das _Zeichen_ stimmte wohl -- + +Sie kam zuerst, weiß gekleidet, im reichen Schmuck ihrer dunkeln Haare, +in ihrem ganzen Liebreiz -- ein wenig blaß kam sie mir vor im ersten +Augenblick. + +Hinter ihr breitete sich's chamoisfarbig; ein paar Arme fochten sinnlos +in der Luft herum und bemächtigten sich meiner, als ich aus dem Wagen +sprang. Es waren die Arme meines alten Hans, und er drückte mich an +seine Brust wie ein Bär. Seine Augen standen voll Tränen, alle seine +Gesichtsmuskeln zitterten. + +»Elserl,« brachte er nach vielen vergeblichen Anstrengungen endlich +heraus, »umarm ihn auch -- Du darfst, weil er da ist -- -- wenn er nicht +da wäre, dürftest Du nicht,« sprach er in warnendem Tone und zwinkerte +mir voll Verständnis zu. + +Auch seine Frau verstand diese allerdings sehr einfache Logik. Sie +errötete, eine tiefe Verwirrung malte sich in ihren Zügen, doch gelang +es ihr bald, eine heitere Miene anzunehmen. Mit ihrer gewohnten, +sanften Sicherheit blickte sie zuerst ihn, dann mich an und bot mir die +Wange. + +Ich küßte sie ... das Unglaubliche geschah -- ich küßte sie, und ob es +mich auch durchzuckte vom Wirbel bis zu den Füßen, ob mir der Atem +vergehen wollte -- ich verlor meine Fassung nicht. + +»Jetzt die Überraschung,« sagte Hans zwischen Weinen und Lachen ... »Wir +haben nämlich eine Überraschung ... Du wirst Dich wundern.« + +Mein lieber Freund, eine flüchtige Erinnerung an die Absicht, mit der +ich gekommen, an die berühmte Rechnung, kam mir in den Sinn, und mich +überlief's. + +Elsbeth nahm meinen Arm, sie drückte ihn herzlich mit ihrer Hand, Hans +ging nebenher, klopfte mich von Zeit zu Zeit auf die Schulter und +murmelte: »Du, mein Junge, Du!« Er lobte und bewunderte alles an mir, +mein Aussehen, meinen Vollbart, meinen Anzug, und Elsbeth stimmte ihm +bei, und wenn er sich wie ein sehr erfreuter Vater benahm, so hatte sie +in ihrer Art und Weise gegen mich etwas entschieden Mütterliches. + +Wir näherten uns dem schattigen Platze unter den Linden, den edlen, +herrlichen, die am Rande der Wiese vor dem Schlosse stehen. + +Dort habe ich ihr das Meisterwerk des großen russischen Erzählers +vorgelesen, diese Bäume haben leise dazu gerauscht; auf der Bank unter +dem mächtigsten von ihnen hat sie gesessen, mir gegenüber in sprachloser +Ergriffenheit, und mich angesehen mit jenem unvergeßlichen Blick ... + +Auf derselben Stelle unter demselben Baum befand sich jetzt eine +stattliche Frau, in halb städtischer, halb ländlicher Tracht, und neben +ihr stand ein Korbwägelchen mit blauseidenem Dach. + +»*Spovo on?*« fragte Elsbeth. + +»*Sada isputje*,« antwortete die Frau. + +Das heißt: »Schläft er?« und: »Eben erwacht.« + +Mein dummer Kopf hatte eine plötzliche Erleuchtung. Sie war so hell -- +zu hell -- -- sie schmerzte. + +Elsbeth führte mich zu dem Wägelchen, hob die Schleier, die es +verhüllten, und der Inhalt der kleinen Equipage kam zum Vorschein. Er +hatte kugelrunde, rosige Wangen und dunkle Augen, machte Fäustchen, +strampelte und war -- mein Nebenbuhler. + +Wie sie sich zu ihm hinabneigte, gewann ihr Gesicht einen Ausdruck +stiller, vollkommener Seligkeit, der mich sofort belehrte: Wenn je ein +Funke Neigung für mich in ihrem Herzen erglomm -- er ist erloschen. Der +Atem dieses Kindleins hat ihn ausgeblasen. + +Sein Vater warf sich in die Brust, kreuzte die Arme und betrachtete +abwechselnd seinen Sohn und mich mit, -- glaube mir, -- fast gleicher +Zärtlichkeit. + +»Nun, mein Junge,« rief er mich an, »was sagst Du? sag etwas zu Deinem +*quasi* Bruder.« + +Aber ich konnte nichts sagen, ich war in den Anblick Elsbeths versunken. + +»Wir Frauen,« sagt Irina, »haben nur die Liebe,« nun -- Elsbeth ist +reich. + +Zwei Tage hielt ich es wacker aus bei ihr und ihm und dem Kinde, am +dritten räumte ich dem Nebenbuhler das Feld. + +Die Frage, ob ich nicht auch ohne ihn von dannen gegangen wäre, wie ich +ging, will ich einstweilen unerörtert lassen. + +Auf Wiedersehen, Freund und Mentor! Schalte und walte in meinem Hause, +wie's Dir gefällt. Auch wenn ich nur durch eine Allee von Mumien in mein +Zimmer gelangen kann -- mir ist alles recht und eines gewiß: Vorläufig +interessiere ich mich für keine Frau mehr, die nicht tot ist seit +mindestens dreitausend Jahren. + +»Galgenhumor,« denkst Du und irrst; es ist der ehrliche, sehr harmlose, +der einem etwas verwundeten Herzen entströmt. Aber die Wunde schließt +sich schon, bald gibt es ehrenvolle Narben. + +Erwarte mich ohne Bangen, ich bin geheilt. + + Dein Edmund. + + + + + Der Vorzugsschüler. + + +Mutter und Sohn saßen einander gegenüber am Tische, der als Arbeits- und +Speisetisch diente, und dessen eine Hälfte schon für die Abendmahlzeit +gedeckt war. Eine Petroleumlampe mit grünem Schirm beleuchtete hell die +Schulbücher, die der Knabe vor sich aufgeschichtet hatte, und die +ungemein geschont aussahen nach einer mehr als halbjährigen Benutzung. +Es war Ende März, und in wenigen Monaten mußte Georg Pfanner aus der +dritten Klasse, wie aus jeder früheren Vorbereitungs- und +Gymnasialklasse, als Vorzugsschüler hervorgegangen sein. Mußte! Wohl und +Weh des Hauses hing davon ab, der -- wenigstens relative -- Frieden +seiner Mutter, der Schlaf ihrer Nächte ... Wenn dem Vater schien, daß +»sein Bub« im Fleiß nachlasse, wurde sie zur Verantwortung gezogen. Das +wirkte viel stärker auf den Jungen, als die strengste Ermahnung und +Strafe getan hätte. Für seine Mutter empfand er eine anbetende Liebe und +war das ein und alles der freudlosen, vor der Zeit gealterten Frau. Die +beiden gehörten zueinander, verstanden einander wortlos, sie hatten, +ohne es sich selbst zu gestehen, ein Schutz- und Trutzbündnis gegen +einen Dritten geschlossen, dem sie im stillen immer Unrecht gaben, auch +wenn er recht hatte, weil sie sich im Grund ihrer Seele in steter +Empörung gegen ihn befanden. Frau Agnes würde erstaunt und +wahrscheinlich entrüstet gewesen sein, wenn man ihr gesagt hätte, daß +ihre Empfindung für ihren Mann längst nichts mehr war als eine Mischung +von Furcht und von Mitleid. Georg würde eher die ganze Schule zum Kampf +herausgefordert, als geduldet haben, daß ein unehrerbietiges Wort über +seinen Vater gesprochen werde. Aber weder der Mutter noch dem Sohne +wurde es wohl in seiner Nähe. Seine Anwesenheit bedrückte, löschte jede +heitere Regung im ersten Aufflackern aus. Und doch war der einzige +Lebenszweck dieses Mannes die Sorge um das Wohl seines Kindes in +Gegenwart und Zukunft. + +Frau Agnes ließ ihre Arbeit in den Schoß sinken und blickte nach der +Schwarzwälderuhr, die an der Wand neben dem Kleiderschrank ihr +blechernes Pendel schwang. So spät schon, und der Mann kam noch immer +nicht aus dem Bureau. Sie lasteten ihm dort so unbarmherzig viel Arbeit +auf, und er besorgte sie widerspruchslos und nahm noch Arbeit mit nach +Hause, um die Vorgesetzten nur gewiß zufrieden zu stellen und beim +nächsten Avancement berücksichtigt zu werden. + +Ja, der Mann plagte sich, und es war sehr begreiflich, daß er übermüdet +und mürrisch heimkehrte. Und der Junge, der liebe, geliebte Junge, +plagte sich auch. Heute ganz besonders. Dunkelrot brannten seine Wangen, +und sogar die Kopfhaut war gerötet, und die Stirn zog sich kraus. In +Hemdärmeln saß er da, die Ellbogen auf den Tisch gestützt, preßte das +Kinn auf seine geballten Hände und starrte ratlos zu seinem Hefte +nieder. Dreimal schon hatte er die Rechenaufgabe gemacht und jedesmal +ein andres Resultat erhalten, und keines, das sah er wohl, konnte das +richtige sein. + +Die Mutter wagte nicht, ihn anzusprechen, um ihn nicht zu stören, warf +nur verstohlen von Zeit zu Zeit einen bekümmerten Blick auf ihn und +vertiefte sich wieder in ihre Arbeit und flickte emsig am schadhaften +Futter der Jacke, die er ausgezogen hatte. + +Nun wurde nebenan ein Geräusch vernehmbar. Im Schloß der Küchentür +drehte sich der Schlüssel. + +»Der Vater kommt,« sprach Frau Agnes. »Bist fertig, Schorschi?« + +»Mit der Rechnung noch lang nicht.« Sein Mund verzog sich, und unter +seinen blonden Wimpern quollen plötzlich Tränen hervor. + +»Um Gottes willen, Schorschi, nicht weinen, du weißt ja -- der Vater ...« + +Da trat er ein, und sie stand auf und ging ihm entgegen, und er +erwiderte ihr schüchternes Willkomm mit einem ungewohnt freundlichen: + +»Na, grüß euch Gott.« + + * * * * * + +Offizial Pfanner war um ein weniges kleiner als seine Frau und ungemein +dürr. Die Kleider schlotterten ihm am Leibe. Seine dichten, eisengrauen +Haare standen auf dem Scheitel bürstenartig in die Höhe, seine noch +schwarz gebliebenen Brauen bildeten zwei breite, fast gerade Striche +über den dunkeln, sehr klugen Augen. Den Mund beschattete ein +mächtiger, ebenfalls noch schwarzer Schnurrbart, den Pfanner sorgfältig +pflegte, und der dem Beamten der Kaiserlich Königlich Österreichischen +Staatsbahn etwas Militärisches gab. + +Pfanner hatte einen großen Pack Schriften mitgebracht und war doch nicht +unwirsch. Er ließ sich von seiner Frau den Überrock ausziehen und sagte +sanft und ruhig: »Bring das Essen und lösch die Lampe in der Küche aus. +Die brennt, ich weiß nicht zu was. -- Lern weiter!« befahl er dem Sohn, +der sich nach ihm gewendet hatte und ihn scheu und ängstlich ansah. + +»Es ist so schwer,« murmelte Georg. + +Der Vater stand jetzt hinter seinem Stuhle: »Schwer, fauler Bub? Deine +Faulheit überwinden, das wird dir schwer, sonst nichts. Einem Kind, das +Talent hat, wird nichts schwer. Faul bist.« + +»Ich hab alles fertig,« sprach Georg mit einem trockenen Schluchzen und +drängte die Tränen zurück, die ihm wieder in die Augen treten wollten, +»nur die Rechnung nicht ...« da kippte seine Stimme um, der Satz endete +mit einem schrillen Jammerton, und zugleich beugte der Kopf des Jungen +sich tiefer. Seinem Bekenntnis mußte die Strafe folgen, er erwartete die +unausbleibliche mit dumpfer Resignation, den wohlbekannten Schlag der +kleinen, harten Hand, die wie ein Hammer niederfiel und das Ohr und die +Wange Georgs auf Tage hinaus grün und blau marmorierte. + +Aber heute zürnte der Vater nicht. Nach einer kleinen Weile streckte +sich sein Arm über die Schulter des Knaben, der Zeigefinger bezeichnete +eine Stelle in der Rechnung, deren sorgfältig geschriebene Zahlen eine +Seite des Heftes bedeckten. + +»Da sitzt der Fehler. Siehst du?« + +War's möglich, daß Georg ihn noch immer nicht sah? daß er sich keinen +Rat wußte, auch dann nicht, als der Vater zu erklären begann. Er tat das +auf eine so völlig andre Art als der Lehrer. Dem Kind wollte und wollte +das richtige Verständnis nicht aufgehen, trotz aller Anstrengung und +Mühe. Dazu die Furcht: Jetzt reißt dem Vater die Geduld, jetzt kommt der +Schlag. Zuletzt dachte er nur noch an den und wünschte, die Züchtigung +wäre vollzogen, damit er sich nicht mehr vor ihr ängstigen brauche. + +»Gib acht, du gibst nicht acht!« rief Pfanner und begab sich auf seinen +Platz am oberen Ende des Tisches, wo für ihn gedeckt war. Die Mutter +hatte das Abendessen aufgetragen. Kartoffeln in der Schale, ein schönes +Stück Butter, ein Laib Brot, eine Schüssel mit kaltem Fleische. Die +stellte sie zagend vor ihren Mann hin, und seine Mißbilligung blieb +nicht aus. + +»Fleisch am Abend -- was heißt das? Keine neue Einführung, bitt ich mir +aus.« + +Sie entschuldigte sich. Sie log. Die Nachbarin hätte so schönes Fleisch +vom Land bekommen und ihr dieses schon eingekaufte um ein Billiges +abgetreten: »Es ist auch noch für morgen da,« setzte sie hinzu, um einer +wiederholten Rüge vorzubeugen, die viel schärfer ausgefallen wäre. Sie +hätte aber auch die schärfste über sich ergehen lassen. Es galt einen +Kampf, in dem sie, die sonst willensschwache Frau, um keinen Preis +nachgeben durfte. + +Das Abendessen war längst vorbei, die Mutter längst zur Ruhe gegangen, +Vater und Sohn saßen noch bei ihrer Arbeit. Pfanner befaßte sich mit dem +Aufstellen einer statistischen Tabelle, Georg kam mit seiner Rechnung +nicht zu Ende. Die Aufmerksamkeit weder des einen noch des andern war +völlig bei seiner Beschäftigung. Jeder von ihnen hatte heute ein Glück +erfahren, und die Erinnerung daran stellte sich immer und immer wieder +zerstreuend und ablenkend ein. + +Pfanner war dem Herrn Subdirektor begegnet, und der hatte ihn +angesprochen und ihn der Wohlmeinung des Herrn Direktors und seiner +eigenen versichert. Der Herr Direktor warte nur auf die erste +Gelegenheit, dem unermüdlichen Fleiß und Diensteifer des Offizianten die +gebührende Anerkennung zuteil werden zu lassen. + +»Für außergewöhnliche Leistungen außergewöhnliche Auszeichnungen. +Verlassen Sie sich darauf.« Mit diesen Worten hatte der hohe Vorgesetzte +ihn verlassen, und Pfanner war weiter gewandert, von einem berauschenden +Glücksgefühl ergriffen. Worauf durfte er sich Hoffnung machen? Auf +Beförderung außer der Tour? Auf eine große Remuneration? Die wäre ihm +vielleicht das liebste. Georgs Sparkassenbuch würde dadurch eine +unverhoffte Bereicherung erfahren. An jedem letzten Tag des Monats nahm +er es aus der Lade und ließ die wenigen, mühselig vom Gehalt ersparten +Gulden eintragen, um nur ja nicht unnötigerweise einen Heller Zinsen +einzubüßen. + +Der Sparkassenbeamte lachte schon: »Was bringen's denn heut, Herr +Offizial, einen halben Gulden, einen ganzen?« + +Pfanners Hochmut litt unter diesen Spötteleien. Und jetzt stellte er +sich vor, wie ihm sein würde, wenn er einen Hunderter oder gar zwei +hinlegen könnte und nachlässig sagen: + +»Bitte, tragen Sie heute das ein, ins Buch von meinem Buben.« + +Sein Georg an der Spitze eines, wenn auch kleinen Vermögens -- er liebte +ihn mehr, wenn er daran dachte. + +Der zukünftige Kapitalist hielt die Feder in der Hand und sann. Nicht +über seine Rechnungsaufgabe. Seine Gedanken trugen ihn weit weg aus der +kahlen, dürftig eingerichteten Stube ins Freie, wo jetzt schon neues +Leben sich zu regen begann und ein Frühling sich ankündigte, von dem er +wieder nichts haben sollte. Dem Frühling würde der Sommer folgen, die +Schule geschlossen werden, und die Kameraden würden auf Ferien gehen; +einige in die Nähe von Wien, andre glückliche ganz aufs Land, auf das +wirkliche Land, oder gar ins Gebirge, in die Wälder, an die schimmernden +Seen und Flüsse, an brausende Wasserfälle ... Nur er kam nie hinaus aus +den trostlosen Straßen der Vorstadt, nie fort vom müdmachenden, +langweiligen, verhaßten Straßenpflaster, auf dem man sich die Schuhe +zerriß und die Füße wund ging. Dazu des Vaters ewig wiederholtes: + +»Lern! Hast gelernt? Kinder sind da, um zu lernen.« + +In seinem Jungen aber schrie es: Nicht _nur_ um zu lernen! Manchmal +schon hatte er sich ein Herz gefaßt und gesagt: »Die andern sind jetzt +auf Ferien und lernen nicht.« + +Da war der Vater bös geworden. »Sind das Vorzugsschüler? Wenn ja ein +paar darunter sind, dann sind sie nicht leichtsinnig und zerstreut wie +du, fauler Bub. Haben vielleicht nicht einmal Talent wie du, dafür aber +Fleiß, eisernen Fleiß. Ferien ... was Ferien! Ein tüchtiger Mensch +braucht keine, will keine. Hab ich Ferien?« Es war der Stolz Pfanners, +daß er noch nie Urlaub genommen. + +Indessen, trotz all der väterlichen Strenge, ein wahres Löschhorn für +jede heitere, lustige Regung, hatte es einige Jahre gegeben, in denen +Georg eine Frühlingsfreude genossen. Und heute war der gesegnete Tag, an +dem ihm endlich ein langgehegter, heißer Wunsch erfüllt wurde. Er trug +das Mittel, Frühlingsfreude wieder zu erwecken, in seiner Tasche. + + * * * * * + +Um ein Stockwerk tiefer als die Familie Pfanner, im dritten des +gegenüber liegenden Hauses, wohnte ein Schuster, der eine Nachtigall +besaß. Wenn der Frühling anbrach, hing er ihren Käfig unter den +Fenstersims an die Mauer. Der Käfig war eng und schmal, hatte dicke +Sprossen und bot seiner Bewohnerin wenig Raum und wenig Licht. Sie sang +wundersam in ihrer traurigen Gefangenschaft. Ihre süßen Lieder klangen +nicht nur klagend und sehnsuchtsvoll, auch hell und jubelnd und wie voll +des seligen Entzückens über die eigene Herrlichkeit, berauscht vom +Triumph über die eigene hinreißende Macht. Die Töne, die der kleinen +Brust entquollen, erfüllten die Gasse mit Wohllaut. + +Georg brachte jeden freien Augenblick am Fenster zu, beugte sich hinaus +und sandte der Nachtigall seine Liebesgrüße. Der Schuster, das konnte +man leicht bemerken, kümmerte sich nicht viel um die holde Sängerin. +Wäre sie Georgs Eigentum gewesen, wie hätte er sie gehegt und gepflegt! +Sie war sein Glück, seine Wohltäterin, sie zauberte ihm den Frühling in +die traurige Stube und Schönheit und Poesie in sein ödes Leben. Er +lauschte ihr, und märchenhaft liebliche Bilder tauchten vor ihm auf, +Landschaften im purpurnen Grün des neuen jungen Lebens, blütendurchhaucht, +lichtgetränkt. Alles, wovon er gelesen und gehört hatte das zu erblicken +er sich gesehnt, das für ihn das ewig Unerreichbare bleiben sollte. + +Bis Johannis ging es so fort, dann hörte die Nachtigall auf zu schlagen, +und der Schuster nahm das Bauer wieder ins Zimmer herein. Im letzten +Frühjahr hatte Georg vergeblich auf das Erscheinen des Bauers gewartet. +Der Schuster hatte die Nachtigall vielleicht verschenkt, oder vielleicht +war sie gestorben, und mit ihr all die schönen Träume, die ihr Gesang +geweckt, und die stille, geheimnisvolle Wonne, sich ihnen zu überlassen +und ihnen nachzuhängen. + +Nun aber, vor einigen Wochen an einem grauen, frostigen Februarmorgen, +tönten Georg, als er in die Nähe der Schule kam, die schmerzlich +vermißten Nachtigallenklänge entgegen. Er stieß einen Freudenschrei aus, +sah um sich, sah zu den Häusern empor, und da war nirgends ein +Vogelbauer zu entdecken, und nirgends stand ein Fenster offen, aus dem +der Gesang hätte dringen können. Die Töne schlugen einmal stärker, +einmal schwächer an sein Ohr. Sie wanderten, näherten, entfernten sich, +und plötzlich lachte Georg laut auf. Die Nachtigall, die so prachtvoll +sang, spazierte vor ihm her, blieb stehen, schmetterte ihre Lockrufe in +die Luft hinaus, ging ein Stück weiter, kehrte um und kam jetzt auf ihn +zu. + +Sie hieß Salomon Levi, war fünfzehn Jahre alt und trug schiefgetretene +Stiefel, einen schwarzen Kaftan, einen steifen, breitkrempigen Hut. Ihre +eingefallenen Wangen entlang baumelten ein Paar glänzende, rabenschwarze +Schläfenlocken. + +»Herrje, Salomon!« hatte Georg ausgerufen, »was ist mit dir? bist eine +Nachtigall worden?« + +Der Angeredete trug an einem fettigen Riemen ein Tabulett, noch einmal +so breit als er selbst, und hinkte von früh bis abends unermüdlich auf +dem Kai vor der Schulgasse auf und ab. Sein Warenlager erfreute sich +unter den Studenten des Rufes großer Solidität und bestand aus Brief- +und Geldtaschen, Spiegeln, Messern, Uhrketten und dergleichen. Der junge +Hausierer führte auch allerlei Spielzeug, das auf Georg eine starke +Anziehung übte. Er hatte nie, nicht einmal als kleines Kind, Spielzeug +besessen. + +»Spielereien kaufen -- Geld hinauswerfen, Unsinn!« sagte Pfanner. »Ein +Kind, das Phantasie hat, ein Kind wie das meine braucht keine. Ein +Scheit Holz oder ein hölzernes Pferd sind dasselbe für ihn, sind ihm +beide ein lebendiges Pferd. Eine Puppe in Seidenkleidern oder der in +Zeitungspapier gewickelte Stiefelknecht sind ihm eines wie das andere, +ein lebendiges Kind.« + +Für Georg haftete der Reiz des Versagten an jedem Gegenstand in Salomons +Auslagekasten. Er kam nie ohne Herzweh an ihm vorüber und knüpfte, so +oft es anging, ein Gespräch mit Levi an, um alle die Kostbarkeiten, die +er ausbot, mit Muße betrachten und sogar berühren zu dürfen. + +»Ach Salomon,« sagte er ihm einmal, »wie glücklich bist du! Kannst immer +auf und ab gehen, und mußt nicht mehr in die Schule, hast so viele +schöne Sachen und kannst sie den ganzen Tag ansehen. Wie froh mußt du +sein!« + +Salomon sah ihn wehmütig an. In welchem Irrtum war Georg befangen! Wenn +Salomon alle die »schönen Sachen« anbrächte, und noch viele andre und +Geld für sie bekäme und studieren könnte, dann wäre er froh. + +Sie hielten nun täglich eine Unterredung, eine kurze bloß, denn Georg +wußte, daß der Vater ihn daheim fast regelmäßig, mit der Uhr in der +Hand, erwartete, und wenn er sich um ein paar Minuten verspätete, dann +gab es böse Minuten für seine arme Mutter. + +So flüchtig aber auch die Begegnungen der beiden Knaben waren, sie +bildeten allmählich ein starkes Band. Jeder von ihnen kannte das Leiden; +einer bedauerte den andern und beneidete ihn auch. Fürs Leben gern +hätten sie getauscht, verhandelten oft darüber und waren schon gute +Bekannte gewesen vor jenem Februarmorgen, an dem der Vorzugsschüler dem +Hausierer zugerufen hatte: + +»Bist eine Nachtigall worden?« + +Helles Entzücken durchströmte ihn, als Salomon ihm ein Instrumentchen +zeigte, nicht größer wie eine Nuß, in dem alle Flötentöne der Nachtigall +schliefen. Man brauchte es nur zwischen die Lippen zu nehmen und +geschickt mit der Zunge zu behandeln, um den lieblichen Gesang zu +wecken. Er hätte sich auf die Knie werfen und Salomon beschwören mögen: +»Sei gut, sei großmütig, schenk mir die Nachtigall!« Aber das Bild +seines Vaters schwebte ihm vor, er vernahm die Worte: »Du bist ein +Beamtensohn, du unterstehst dich nicht, etwas anzunehmen, nicht ein +Endchen Bleistift, nicht eine Feder. Von keinem Mitschüler, von keinem +Menschen.« + +So stotterte er denn mit fliegendem Atem: »Was kostet die Nachtigall?« + +Sie kostete zwanzig Heller, und Salomon hatte heute schon ein paar +Dutzend verkauft und hoffte, noch ein paar Dutzend zu verkaufen und bald +auch seinen ganzen Vorrat, denn sie gingen reißend ab. + +Georg überlegte: »Wirst du in fünf Tagen keine mehr haben...? Hebe mir +eine auf, ich bitte dich. Wenn ich mein Jausengeld erspare, habe ich in +fünf Tagen zwanzig Heller beisammen und kann dir die Nachtigall +bezahlen.« + +Salomon war sehr ungläubig. Mehrmals schon hatte Georg versucht, sein +Jausengeld zu sparen, um bei ihm einen Einkauf machen zu können, es aber +nie weiter gebracht als bis zu acht, höchstens zu zehn Heller. Dann war +er plötzlich an einem Nachmittag zu hungrig geworden und hatte sein +ganzes Geld auf einmal ausgegeben, für eine besonders lockende Brezel. +Beim Bäcker an der Ecke bekam man so köstliche! Er hatte auch schon +seinen kleinen Besitz an Kupfermünzen Ärmeren, als er selbst war, +geschenkt. Salomon zweifelte mit gutem Grund an der Fähigkeit des +»jungen Herrn«, etwas zurückzulegen. Dennoch erfüllte er ihm seinen +Wunsch. Eine Nachtigall blieb unverkauft, die beste. Wer die zu +behandeln verstand, konnte ihr ganz besonders klangreiche Töne +entlocken. + +Und heute hatte Georg sie erworben, war glorreich vor Salomon +hingetreten, hatte ihm zehn Zweihellerstücke in die Hand gezählt und die +Nachtigall in Empfang genommen. + +Der Unterricht in der Gebrauchsanweisung war »dreingegangen«. Das kleine +Instrument wanderte von einem Mund zum andern, und sogleich, mit +bewunderungswürdiger Schnelligkeit lernte Georg dem Tabulettkrämer seine +Kunst ab. + +»Was ein Talent zur Musik! Ich hab müssen lernen drei Tag, bis ich hab +spielen gekonnt. Sie können gleich spielen, besser als ich.« + +Georg erwiderte glückselig, es sei ja so leicht. Ach, wenn alles so +leicht wäre, wenn es mit der Mathematik und der Geschichte und mit dem +Griechischen auch so ginge! + +In Salomons melancholischen Augen leuchtete es auf: »Mir möchte leicht +sein das Studieren,« sprach er und sah sehr hochmütig und sehr traurig +aus. + + * * * * * + +Jetzt war es nahe an elf Uhr. Frau Agnes hatte sich auf Befehl Pfanners +zu Bette begeben, sie schlief aber nicht; sie beobachtete vom dunkeln +Alkoven aus ihren Mann, der mit unvermindertem Eifer liniierte, +rubrizierte, und ihren Jungen, der müd und blaß sich über sein Heft +beugte oder mit verträumten Augen emporblickte zu dem grauen Fleck, den +der Rauch der Lampe allmählich an die Decke gemalt hatte. Er durfte noch +immer auf des Vaters grimmig wiederholtes »Bist fertig?« nicht mit ja +antworten; er war eben nicht bei der Sache. Er hatte eine Hand in die +Tasche gesteckt und die Finger um die Nachtigall gelegt und preßte sie +manchmal, als ob sie etwas Lebendiges wäre und es fühlen könnte, mit +großer, sanfter Liebe. + +Der Heimweg, der ihm sonst immer endlos vorkam, war ihm heute zu kurz +gewesen. Fast die ganze Zeit hindurch hatte er die Nachtigall schlagen +lassen, und Kinder und selbst Erwachsene waren stehen geblieben und +hatten ihm zugehört und sich über die herzige Musik gefreut. Es wäre ihm +ein Glück gewesen, vor der Mutter eine Probe seiner neu erlernten Kunst +abzulegen. Aber das ging nicht an, die Mutter würde sogleich gesagt +haben: »Du mußt dem Vater das Ding zeigen, du weißt ja, er mag +Spielereien nicht.« Und wenn Georg auch geantwortet hätte: »Es ist keine +Spielerei, es ist ein Instrument,« würde sie doch dabei geblieben sein: +»Hinter dem Rücken des Vaters darf man nichts tun und nichts haben.« So +hatte sie es immer gehalten ... bis heute. + +Georg aber konnte nicht vergessen, daß ihm vor Jahren der jüngste Sohn +der Nachbarin, Karl Walcher, seine Flöte geliehen; er hätte sie ihm auch +gern geschenkt, ohne Pfanners spartanisches Verbot. Was Georg einmal +hörte von den Kinderliedern, die seine Mutter ihm vorsummte, bis zum +feierlichen Kirchengesang, alles merkte er sich und brachte die Melodie +ganz richtig heraus auf dem höchst primitiven Instrumentchen. Frau +Walcher und ihre Söhne hatten ihn bewundert und sogar sein Vater ihm +manchmal ein zustimmendes: »Nicht übel« gespendet. Aber bald war ihm +seine Freude verdorben worden. + +»Laß die Dummheiten -- lern!« hatte es bald geheißen. An dem geringsten +Versäumnis, an jeder Zerstreutheit des Knaben hatte die Flöte Schuld +getragen. Bald, schrecklich bald hatte der Vater sie ihrem Eigentümer +zurückgestellt. So würde er gewiß auch die Nachtigall nicht dulden, und +deshalb mußte sie vor ihm verborgen bleiben, die liebe, herrliche. + +Als Georg endlich zur Ruhe gehen durfte, erhielt sie ihren Platz unter +seinem Kopfkissen. Nach Mitternacht erwachte er, zog sie an seine +Lippen. Um sie zu küssen; natürlich nur, sie schlagen zu lassen, konnte +ihm doch nicht einfallen ... Zwar -- die Eltern schliefen. Zwischen +ihnen und ihm, am Mauervorsprung des Alkoven, tickte kräftig, jedes +schwache Geräusch übertönend, der flinke Gang der Schwarzwälderin. +Dennoch wäre es nicht geraten ... und während er dachte: nicht geraten, +berührte seine Zungenspitze schon das kühle Metallplättchen. Ohne seinen +Willen, fast ohne sein Zutun begann die Nachtigall ihren Gesang zu +erheben. Sie klagte, sie lockte, sie verkündete eine unerfüllbare +Sehnsucht. Ihre Töne stiegen, schwollen, brachen plötzlich ab. Herrgott +im Himmel ... Zu laut, zu laut! Der Vater hat einen gar leisen Schlaf +... Entsetzlich erschrocken, von Schauern der Angst durchrieselt, +steckte Georg seinen Kopf unter die Decke. Am nächsten Morgen beim +Frühstück erzählte der Vater von einem merkwürdigen Traum, den er in der +Nacht gehabt. Der Schuster hatte wieder eine Nachtigall angeschafft, und +Pfanner war gewesen, als ob er sie so laut schlagen hörte, daß er +darüber erwachte, und dann, das war das Merkwürdige, hatte er sich +eingebildet, wach zu sein und sie noch zu hören. Seine Frau konnte nicht +genug staunen, auch ihr hatte etwas ganz Ähnliches geträumt, und das +mußte wohl etwas zu bedeuten haben. + +Georg stand auf und trat ans Fenster, damit die Eltern sein Erröten +nicht sähen. + + * * * * * + +Auch Frau Agnes hatte ihr Geheimnis, und sie mußte, um es zu bewahren, +allerlei Ausflüchte gebrauchen, die gar oft weitab von der Wahrheit +lagen. Seit einiger Zeit war bei allen Mahlzeiten der Tisch reichlicher +besetzt, und Pfanner hatte doch nicht mehr Wirtschaftsgeld bewilligt als +früher. Seine Frau konnte nicht immer bei der Wahrheit bleiben, wenn er +sie darüber zur Rede stellte. Ungern genug hörte er schon und fühlte +sich gedemütigt, wenn sie gestand, einige Konfektionsarbeiten gemacht +und durch Vermittlung Frau Walchers unter der Hand verkauft zu haben. +Nie hätte er erfahren dürfen, daß sie ein eben entbehrliches +Kleidungsstück oder Hausgerät ins Versatzamt getragen, einen noch aus +dem väterlichen Hause mitgebrachten kleinen Schmuckgegenstand veräußert +hatte. Er hielt viel auf diese Reste einer ehemaligen Wohlhabenheit; es +schmeichelte ihm, sich seine einst sehr schöne Frau -- nur leider die +Hellblonden verblühen sehr schnell! -- aus einem guten und damals fast +reichen Hause geholt zu haben. Der geringste Zufall konnte alles an den +Tag bringen und dann -- Agnes schloß die Augen und erzitterte bei dem +Gedanken, was dann geschehen würde. Aber gleichviel, das Kind mußte um +jeden Preis besser genährt werden als bisher. + +Frau Adjunkt Walcher hatte sich schon vor einem Jahre in ihrer kurz +angebundenen, offenherzigen Weise darüber ausgesprochen: »Mir scheint +immer, Sie halten Ihren Schorsch zu kurz in der Kost, Frau Offizial. So +ein Bub will tüchtig essen. 'Das Lernen zehrt, und in einen kleinen Ofen +muß man öfter nachlegen als in einen großen', sagt mein Mann. Er und ich +sind oft hungrig schlafen gegangen -- Herrgott, ein Adjunkt mit tausend +Gulden Gehalt! -- unsre zwei Buben waren immer satt geworden. Sehen auch +aus wie die Knöpf. Ihr Schorsch schießt in die Höh, wird ja bald den +Herrn Offizial eingeholt haben, setzt aber kein Lot Fleisch an.« + +»Finden Sie, daß er schlecht aussieht?« hatte Frau Agnes in Bestürzung +ausgerufen. + +Nun nein, das fand die Frau Adjunkt gerade nicht, aber so gewiß »kleber« +und eine bessere »Farb« sollt er haben: »Die Nahrung muß ausreichend +sein,« sie betonte das Wort mit Wohlgefälligkeit, es kam ihr so gebildet +vor. »Ausreichend, sagt mein Mann. Das viele Lernen schlägt sich sonst +den Kindern auf die Nerven.« + +Dies Gespräch hatte entschieden; die Liebe der Mutter hatte über den +Widerwillen der ehrlichen Frau gegen Falschheit und Lüge gesiegt. Ihrem +Manne Vorstellungen zu machen, einen Versuch zu machen, ihn zur +geringsten Mehrausgabe zu bewegen, wäre ihr so wenig eingefallen, als +einem Stein zuzureden, sich in Brot zu verwandeln. Eine Erörterung +zwischen ihm und ihr kam überhaupt nicht vor. Vom Anfang ihrer Ehe an +hatte sein herrisches und ablehnendes Wesen jede Möglichkeit, ihm +vertrauensvoll zu nahen, ausgeschlossen. Was konnte eine Frau ihm zu +sagen haben? Er war er, und außer ihm war die Pflicht, und diesen beiden +höchsten Mächten unterstand die Welt, die er begriff. Erst als ein Sohn +ihm geboren wurde, gab es ein zweites Wesen, ihm ebenso wichtig, wie er +sich selbst. Eine Fortsetzung seines Ich, eine vervollkommnete +Fortsetzung. Alles, was seinem Ehrgeiz versagt geblieben, was er nicht +errungen, sollte sein Sohn erringen. + +Er war aus Armut und Niedrigkeit hervorgegangen, hatte einen nur +mangelhaften Schulunterricht genossen und niemals die Aussicht gehabt, +es zu einer höheren Stellung zu bringen. Als kleiner Beamter lebte er +und würde er sterben. Aber der Sohn: Das Gymnasium als Primus +absolvieren, den Doktorhut *summa cum laude* erwerben, schon in den +ersten Anfängen der Laufbahn von der Glorie reichster Verheißungen +umstrahlt, steigen von Erfolg zu Erfolg, von Ehren zu Ehren -- das +sollte der Sohn. Den nüchternen Offizial Pfanner, den unfehlbaren +Rechner, den trockenen Vernunftmenschen nahm, wenn er sich diesen +Vorstellungen hingab, die Phantasie auf ihre Flügel und trug ihn über +alle Gipfel des Wahrscheinlichen sausend hinweg. Und wenn er dann wieder +zur Erde niederstieg und seinen Georg zufällig einmal müßig einhergehen +sah, wetterte er ihn an: »Lern!« + +Er selbst, immer in der Zukunft lebend, die Gegenwart und was sie +darbot, geringschätzend, entfremdete sich mehr und mehr seinen +Standesgenossen. Er erwies sich ihnen gefällig, machte Arbeiten, die +ihnen zugekommen wären, hatte aber dabei nur seinen eigenen Vorteil, die +Verbesserung seiner Stellung im Auge. Dem Verkehr mit ihnen, den +Zusammenkünften im Kaffeehaus und im Stammgasthaus, ging er so viel als +möglich aus dem Wege. Nur selten fand er sich mit den Kollegen zusammen. +Beim »goldenen Wiesel«, wo die Versammlungen der Herren Beamten +stattfanden, an denen auch einige Vorgesetzte und Bekannte der +Vorgesetzten teilnahmen, da begegnete Pfanner richtig jedesmal dem +Manne, den er haßte, dem Kunstschlosser Herrn Obernberger. Vor Jahren +hatte es dem als großer Vorzug gegolten, mit den Herren von der +Eisenbahn im Gasthaus zusammenkommen zu dürfen. Jetzt hatte der +Standpunkt sich verrückt. Seitdem die Arbeiten aus der Kunstschlosserei +Obernbergers erste Preise auf den Ausstellungen erhalten hatten, seitdem +er viele hundert Arbeiter in seinen Werkstätten beschäftigte, im eigenen +Hause wohnte, im eigenen Wagen vorfuhr und das Band des Franz +Josephs-Ordens im Knopfloch trug, eilten die meisten der Herren ihm bis +zur Tür entgegen, und bei Tische erhielt er den Platz zur Rechten des +Inspektors. + +Das alles hätte Pfanner hingehen lassen und sich nicht weiter darum +gekümmert. Aber dieser Schlosser hatte einen Sohn, und dieser Sohn trat +seinem Georg im Gymnasium auf die Fersen, konnte ihn einholen, konnte +ihn überflügeln, denn der verdammte Bub hatte Talent, sein ärgster Feind +mußte das zugeben. »Talent um eine Million«, wie Herr Obernberger sagte, +»aber nicht um einen Heller Fleiß.« + + * * * * * + +Es war nach der Schule. Pepi Obernberger und Georg Pfanner gingen ein +Stück des Weges miteinander. Sie waren beide aufgerufen worden vom +Professor des Griechischen, und Pepi hatte besser bestanden. Georg +schritt sehr kleinlaut und mit einem ganz roten Kopf neben ihm her. Der +Vater versäumte nie zu fragen: »Hat der Herr Professor dich aufgerufen, +und wen noch, und wie ist's gegangen?« + +»Du weißt immer,« sagte Georg zu seinem Kameraden. »Hast heut wieder +sehr gut gewußt. Ich wäre froh, wenn ich immer so gut wüßte wie du.« + +Pepi fing sogleich zu prahlen an: Hol's dieser und jener! Ihm lag nichts +an dem dummen Plunder. Kasusartige Endungen, Komparation der Adjektiva, +dummes Zeug! Er plagte sich auch gar nicht damit. Wenn der Trottel von +einem Professor eine neue Walze einlegte in seinen Werkelkasten und +anfing, sie herunter zu leiern, da höchstens hörte er ein bißchen zu. Zu +Hause sah er kein Buch an, das war ihm viel zu fad. + +»Geh, geh!« fiel Georg ungläubig ein, und er verbesserte sich: + +»Fast keins, auf Ehre. Daß sie mir immer so gute Zeugnisse geben, das +danke den alten Perücken der Teufel. Ich gift mich darüber, weil's +meinen Alten auf die dumme Idee bringt, einen Professor aus mir zu +machen. Aber nein! Lieber als so ein lächerlicher Zopf zu werden und auf +alles zu verzichten, was schön ist: Rad fahren, reiten, jagen, tanzen, +kutschieren, Billard spielen im Kaffeehaus, Gletscher besteigen, lieber +erschieß ich mich!« + +Georg sah ihn aufmerksam an, er war so ganz und gar das Ebenbild seines +Vaters, des braven, fröhlichen Herrn Obernberger mit dem runden Kopf und +dem runden Gesicht und dem freundlich lächelnden Munde. Und der Mensch +sprach von Selbstmord? + +»Red nicht so!« rief Georg. »Du wirst keine Todsünde begehen; Selbstmord +ist eine Todsünde und eine Feigheit.« + +»Unsinn!« stieß Pepi höhnisch aus. »Wie kann man so ein Esel sein und +alles nachplappern, was sie einem in der Schul sagen. Aber du hast nie +einen eigenen Einfall. Hast den Kopf schon ganz ausgestopft mit +Pappendeckel. Adje!« -- Du Schulesel! setzte er in Gedanken hinzu und +bog ab, um die nächste Tramwaystation zu erreichen. + +Georg ging langsam vorwärts und sagte sich doch mit Unbehagen, daß jeder +Schritt ihn dem Hause näher brachte, wo der Vater ihn gewiß schon +erwartete mit der ständigen Frage, die er heute mit so großem Zagen +beantworten würde. + +O das traurige Haus, das kahle, große mit den langen Gängen und den +schmalen Stiegen, und das Zimmer, in dem man immer saß zu dreien, und wo +keines sich vor dem andern retten konnte. Dahin mußte er zurückkehren, +heute und morgen und alle Tage und noch fünf Jahre lang. Wie soll man +das erleben, und hat man's erlebt, fangen neue Studien an, die +schwersten. Wie ein grauer Berg, den er nie werde übersteigen können, +bäumte die Zukunft sich vor ihm auf; ein ödes, trostloses, der +Verzweiflung verwandtes Gefühl ergriff sein Herz und durchtränkte es mit +unsagbarer Bitternis. Plötzlich kam ein nie gekannter Trotz über ihn. +Obwohl die Uhr am nächsten Turme halb sieben schlug, obwohl er genau +wußte, daß er werde sagen müssen: »Ja, ich habe mich aufgehalten +unterwegs,« setzte er sich auf eine Bank im kleinen Square vor Beginn +der Gasse, in der die elterliche Wohnung lag, zog die Nachtigall aus der +Tasche und ließ sie schlagen. Sie tröstete, sie milderte jedes herbe +Gefühl. Sie ließ ihn einen Übergang finden aus tiefer Niedergeschlagenheit +zu lauterem Frohmut. + +Er hatte ja nicht nur Betrübnis und Gram in seiner Seele, tief in ihrem +Innersten unter lastenden Schatten lohte rot und warm die Flamme junger +Lebensfreudigkeit, und ein unausgesprochenes, immer zum Schweigen +verdammtes Glücksgefühl wollte sich einmal hinaussingen. Es jubelte in +die laue Luft, zum lichten Frühlingshimmel empor, mit der Stimme der +Nachtigall. + + * * * * * + +Georg fand den Vater nicht daheim. Er war dagewesen, hatte sich +umgekleidet und zu einer Beamtenversammlung ins Stammgasthaus begeben. +Mutter und Sohn sprachen es nicht aus, welch ein Fest das Alleinbleiben +für sie war. Um jede Minute, die er auf dem Heimweg vertrödelt hatte, +tat es Georg jetzt leid. Die Stube kam ihm auf einmal traut und +freundlich vor, die Luft reiner, und die Lampe schien heller zu leuchten +als sonst. Unter ihr in einem Glase stand ein kleiner Veilchenstrauß; +Frau Walcher hatte ihn gebracht. + +Georg beugte sich über ihn und sog seinen zarten Duft ein: »Die gute +Frau Walcher;« er lächelte seine Mutter pfiffig an. »Hat sie den auch +vom Land gekriegt, wie neulich wieder das gute 'Junge' vom Hasen?« + +Frau Agnes errötete. So war ihr der Schorschi hinter ihre Schliche +gekommen? Sie wich seinem auf sie gerichteten Blick aus, sie antwortete +nicht, sie sprach nur: »Der Vater hat dir sagen lassen, du sollst +lernen.« + +»Schon recht,« erwiderte er übermütig und warf die Schultasche im weiten +Bogen auf das Sofa, daß sie dort, emporgeschnellt, einen fröhlichen Hupf +machte. + +»Aber Georg, du bist ja heut wie ausgewechselt.« + +»Ja, ja, Mutter!« Er stürzte auf sie zu und schloß sie in seine Arme. + +Sie wehrte: »Sei gescheit.« + +»Nein, gescheit bin ich heute einmal nicht. Ich muß dich lieb haben und +küssen, dein liebes Gesicht, deine lieben Hände, jeder Finger bekommt +einen Kuß.« + +Nun denn! Ach, die Zärtlichkeit des Kindes tat sehr wohl. »Jetzt aber +setz dich, es wird ja alles kalt.« + +Und sie setzten sich und aßen und ließen sich's schmecken und plauderten +und dachten nicht an morgen, und waren so glücklich, wie die armen Leute +sind, die ganz in der Gegenwart leben, den Augenblick genießen, den +Blick von der Zukunft abgewendet, die ihnen nichts Gutes bringen kann. + +Nach dem Abendbrot begab die Mutter sich an die Nähmaschine und wollte +noch ein Stündchen fleißig sein. Die alte Nähmaschine, die sich die +letzte Zeit hindurch nur schwer in Bewegung setzen ließ und den Dienst +auch schon mehrmals versagt hatte, glitt heute dahin wie ein Schlitten +auf festgefrorener Bahn. Was war denn da geschehen? Gestern noch hatte +die Mutter gedacht, die alte Getreue werde überhaupt nicht mehr +brauchbar sein und nicht einmal in der Fabrik hergestellt werden können. +Was geschehen war? Der Vater hatte sie auseinander genommen und sie +ausgezeichnet repariert. + +»Der Vater?« das gab dem Georg zu denken. »Hat denn der Vater gelernt, +Nähmaschinen reparieren?« + +»Gewiß nicht. Aber weißt du, der Vater kann vieles, das er nicht gelernt +hat, er hat zu allem Talent.« + +Hat es nicht gelernt und kann es, weil er Talent hat. Etwas können, das +man nicht gelernt hat, heißt also Talent haben. Er versank in +Grübeleien. + +»Aber Mutter, ich hab doch auch Talent.« + +Sie mußte lachen. Es war wirklich, wie wenn ein Zweifel aus seinen +Worten spräche: »Nun, ich meine, du hörst es oft genug, um es zu +wissen,« und sie griff zärtlich mit der Hand in seinen zerzausten +blonden Schopf. + +»Wenn's nur wahr ist, Mutter, wenn's nur recht wahr ist;« er schluckte +mühsam und benetzte die trocken gewordenen Lippen mit der Zunge. Die +Traurigkeit, die ihn nach dem Gespräch mit Pepi angewandelt hatte, +wollte sich wieder in ihm regen; aber die Anwesenheit der Mutter bannte +sie rasch. Sein Herz ging weit auf, nicht das kleinste Geheimnis blieb +darin. Von allem, was bisher stumm und schweigend in ihm gelegen, redete +er, und während er es tat, wurde ihm manches klar und ausgemacht, was er +sich selbst nie eingestanden hatte. Die Mühe, die das Lernen ihm +verursachte, und daß es ihm so schwer wurde, sich etwas »auswendig zu +merken«. Andre lernten viel leichter auswendig und merkten sich's viel +länger. + +»Du hast kein sehr gutes Gedächtnis,« meinte die Mutter und dachte, das +kommt oft vor bei sehr Talentvollen. Sie gab dem Sohn auch etwas +Ähnliches zu verstehen; er zuckte die Achseln. + +»Wer Talent hat, das findest du selbst, kann auch, was er nicht gelernt +hat. Ich hab vielleicht gar kein so großes Talent zum Lernen in der +Schule. Aber vielleicht zu etwas anderm ... Das Singen in der +Volksschule hat mich so gefreut. Da hab ich immer einen Einser gehabt +... und -- weißt du noch, die Flöte! Ach, wenn ich hätte lernen dürfen +Flöte spielen, oder gar Violine ... Jetzt hab ich halt nichts mehr als +nur -- soll ich's dir sagen? soll ich? Ja? -- -- Bleib sitzen -- ganz +ruhig.« + +Er stand auf und ging in den dunkelsten Winkel des Alkoven, und leise +schwirrten von dort her die Töne der Nachtigall zu der Mutter herüber, +und sie staunte und hörte zu und überhörte, daß die Küchentür geöffnet +wurde, und nun auch die Zimmertür. + +»Halb elf,« sprach Pfanner, eintretend, »und du bist noch auf, und wo +ist der Bub?« + + * * * * * + +Er war in schlechter Laune. + +In der Versammlung war ein Antrag, den Pfanner und einige ältere Beamten +eingebracht hatten, abgelehnt worden. Beim gemeinsamen Abendessen hatte +sich dann Obernberger eingefunden, einen Flaschenkorb in der mächtigen +Rechten, und hatte Bordeaux und Champagner mit so guter, bescheidener +Manier serviert, daß selbst der Herr Direktorstellvertreter sich +herbeiließ, ein Gläschen anzunehmen. Nur Pfanner lehnte schroff ab. In +Gift hätte sich ihm ein vom »Schlosser« kredenzter Trunk verwandelt. Bis +zum Überdruß renommierte der wieder mit seinem Pepi und gab die tollen +Streiche des Burschen so stolz und behaglich zum Besten, daß Pfanner +zuletzt nicht mehr an sich halten konnte! + +»Wenn's der meine so treiben tät, der sollt mich kennen lernen.« + +Da waren dann gleich Entschuldigungen Pepis nachgekommen und ein +zärtliches Lob des guten Kerls, der er sei, bei all seinem Übermut, und +was für ein goldenes Herz er habe und -- ein Talent! Die Herren +Professoren zweifelten gar nicht daran, daß er in diesem Jahre Primus +werden würde. + +Primus -- der Sohn des Schlossers! Pfanner hatte plötzlich einen +gallbittern Geschmack im Munde, und das Essen widerstand ihm. Sein Georg +war nur in der ersten Klasse Primus gewesen, in der zweiten zweiter +Vorzugsschüler, und nun in der dritten konnte er's allem Anschein nach +gar nur zum Vierten, dem letzten Vorzugsschüler, bringen. Er hatte ein +»Genügend« gehabt in Griechisch und ein »Befriedigend« in Geometrie. +Wohin kam er, wenn er es von nun an nicht zu lauter Vorzugsklassen +brächte? Wohin überhaupt, wenn er in seinen Leistungen von Jahr zu Jahr +zurückblieb? Pfanner sah alles schon verloren, alle Mühe umsonst +angewendet, alle Opfer umsonst gebracht. Der Sohn würde am Ende auch +nichts andres werden als der Vater, ein armseliger kleiner Beamter. +Dieser Sohn, dem alle Hilfsmittel geboten waren, der nur die Hand nach +ihnen auszustrecken brauchte. Aber es ging ihm zu gut, der Hafer stach +ihn, und er überließ sich seinem Leichtsinn und seiner Faulheit. Von +Erbitterung erfüllt, mit dem Vorsatz, die Zügel schärfer anzuziehen, war +Pfanner nach Hause gekommen. Da fand er seine Frau müßig im Zimmer +sitzend und dem Vogelgesang lauschen, den sein großer Bub, im Alkoven +versteckt, nachahmte. + +»Schämst dich nicht?« fuhr er ihn an, als Georg auf seinen Befehl +hervortrat. »Hast Ehr im Leib oder keine? Was tragst da in der Hand? +Aufmachen die Hand!« + +Der Knabe gehorchte. Der Gedanke, eine Entschuldigung vorzubringen, kam +ihm gar nicht. Pfanner erfuhr alles, und sein Unwillen, seine Entrüstung +kannten keine Grenzen. Dieser Bub! Wirklich ein ungeratener Sohn. Spielt +da, der bald Vierzehnjährige, mit einer Lockpfeife, oder was das ist. +Spielt bei Tag und Nacht, ja, ja -- er besann sich jetzt -- hat noch die +Eltern zum Narren gehalten. Wenn er abends lernen soll, fallen ihm die +Augen zu, spielen kann er bis in die Nacht. »Aber wart nur ... Her mit +dem Quark!« + +Ein fruchtloser Widerstand des Schwächeren, ein rascher Sieg des +Stärkeren, ein Armschwung ... Das Fenster stand offen -- die Nachtigall +flog hinaus. + +Frau Agnes zuckte zusammen. Georg stand mit weit aufgerissenen Augen: + +»Vater, meine einzige Freud!« schrie er auf, und galt es nun, was es +mochte, die härtesten Worte, die grausamsten Schläge, er mußte weinen um +seine »einzige Freud«, weinen, schluchzen, sich auf den Boden werfen und +sich winden in Trostlosigkeit und Verzweiflung. Daß der Vater tobte und +schrie, hörte er nicht, daß der Vater einen Knoten ins Taschentuch +flocht, sah er nicht, daß Hieb auf Hieb auf ihn niedersauste, fühlte er +nicht. Er wußte und fühlte nur, daß er ein armes Kind war, dem immer das +weggenommen wurde, woran sein Herz ihm hing. + +»Aufstehen! Still! Augenblicklich still!« wetterte Pfanner und hatte +nicht das geringste Mitleid mit dem Kinde, das sich endlich vom Boden +erhob und heftige Anstrengungen machte, sein Schluchzen zu unterdrücken. +Vielmehr forderte sein Zorn noch ein Haupt, sich darüber zu ergießen. +Wer trug Schuld an dem frevelhaften Leichtsinn des Buben, wer +unterstützte ihn noch darin? Die Mutter, die verbrecherisch schwache, +törichte Mutter! Wenn aus dem Buben nichts wird, wenn er heranwächst zu +einer Last und sogar Schande der Eltern -- Müßiggang ist aller Laster +Anfang --, wenn er elend untergeht, fällt die Verantwortung dafür auf +ihr Gewissen, und sie wird einst zur Rechenschaft gezogen werden. + +Pfanner verstand es, seine Umgebung stumm zu machen. Es kam kein Laut +über die Lippen seiner Frau. Bis zu einem gewissen Grade hatte sie sich +im Laufe ihrer Ehe an sein maßloses Übertreiben gewöhnt, und jetzt +freute sie sich gar, daß seine Vorwürfe _sie_ trafen. So diente sie +ihrem Jungen eine Zeitlang wenigstens als Schild. + +Der Mann schrie und tobte, und dabei zog er den Rock und die Weste aus +und legte sie sorgfältig auf einen Sessel. Sogar in der Wut gegen seine +nächsten Menschen verfuhr er schonend mit seinen Sachen. Nun entstand +eine Pause, aber nur als Vorbereitung zu einem neuen Schrecknis, zu der +Frage: + +»Sind die Aufgaben gemacht?« + +»Ich werd sie morgen machen,« erwiderte Georg bang und zögernd. »Morgen +ist Sonntag ...« + +»Ja so. Bring die Aufgaben!« Pfanner sah sie durch. »Eine Fabel aus +Deutsch in Latein übersetzen. Griechische Grammatik zu lernen: +Unregelmäßigkeit der Deklination. Geometrie: Drei Aufgaben. Geschichte: +Wiederholung, von den Kreuzzügen bis zu Rudolf von Habsburg. Und von +alledem nichts gemacht? nichts? Das alles soll morgen bewältigt werden?« +Er dekretierte: »Geschichte heute noch wiederholen, aufmerksam +durchlesen. Wenn man am Abend etwas aufmerksam durchliest, weiß man es +am nächsten Morgen wörtlich.« + +»Es sind sechsundzwanzig Seiten,« wagte Georg einzuwenden. + +»Zweiundzwanzig, vier Seiten nehmen die Illustrationen ein.« Er legte +das Buch vor ihn hin: »Setz dich, lern!« + +Der Knabe tat, wie ihm geheißen worden. Gut also, gut, so setzt er sich +denn hin und lernt. Daß er müd und schläfrig ist, was liegt daran, ihm +ist alles recht, er lernt. Wenn er sich nur zu Tode lernen könnte, das +wäre ihm das allerliebste. Wenn er tot wäre, hätte er Ruhe, und seine +Mutter hätte Ruhe, brauchte sich seinetwegen nicht beschimpfen lassen. +So begann er denn zu lesen: »Schon in den ersten Jahrhunderten trieben +Andacht und Glaubensinnigkeit die Christen zu den heiligen Stätten ...« + + * * * * * + +An schönen Sonntagnachmittagen unternahm Pfanner regelmäßig einen +Spaziergang, und Georg durfte ihn begleiten. Ein Vergnügen, auf das die +Mutter längst freiwillig verzichtet hatte, und von dem das Kind +trauriger heimkehrte, als es ausgewandert war. Mit dem Vater spazieren +gehen, bedeutete, an jeder Unterhaltung, jedem Genuß _vorüber_gehen. +Dort drüben, im luftigen Prater, wurde nach der Scheibe geschossen, im +Luftschiff, im mechanischen Ringelspiel gefahren, da gab's +Theateraufführungen, Wachsfigurenkabinetts, eine Damenkapelle, +Zigeunermusik. Und ein Aquarium und ein Panorama und so vieles Schöne +noch, von dem Georgs Mitschüler zu erzählen wußten. Wenn er eine +Anspielung wagte, eine Frage stellte: »Warst du schon einmal im +Wurstelprater? Hast du schon einmal die Zigeuner spielen gehört?« +antwortete der Vater voll Verachtung: Was man im Wurstelprater zu sehen +und zu hören bekäme, sei lauter elendes Zeug, an dem nur ungebildete und +rohe Menschen sich zu ergötzen vermöchten. Im Bogen wich er allem aus, +was seine eigene Neugier hätte reizen können oder gar ihn selbst in +Versuchung bringen, sich einen guten Tag zu machen. Einmal in einem +Jahr, nein -- einmal in vielen Jahren. Er _wollte_ nicht! wollte nicht +ein paar Gulden unnötig ausgeben, die ins Sparkassenbuch des Kindes +gelegt werden könnten. + +Als sie nach Hause kamen, erwartete sie ein gutes, kräftiges Abendessen. + +»Weil heute Sonntag ist,« entschuldigte sich Agnes, da Pfanner ihr +neuerdings Verschwendung vorwarf. + +Es war ein Verdacht in ihm rege geworden, den er nicht aussprach, der +ihn aber quälte, und der entweder getilgt oder gerechtfertigt werden +mußte. Kürzlich hatte er sich um Lebensmittelpreise erkundigt, hatte +gerechnet und herausgebracht, daß die Ausgaben, die sich seine Frau +fortgesetzt erlaubte, unmöglich mit dem ihr zur Verfügung gestellten +Küchengelde bestritten werden konnten. Erarbeitet wollte sie den +Überschuß haben? Lächerlich! Er, der Sohn einer armen Näherin, wußte, +was seine Mutter verdient hatte mit täglich zwölfstündiger emsiger +Arbeit. Ihm ins Gesicht sollte seine Frau, die ihren Haushalt ohne +jegliche Unterstützung bestellte, nicht behaupten, daß sie imstande sei, +sich eine regelmäßige Einnahme zu verschaffen. Womit also bestritt sie +die Mehrauslagen? Pfanner begnügte sich nicht lange mit den +ausweichenden Antworten, die sie ihm gab. Eines Tages stellte er ein +scharfes Verhör an, und sie, in die Enge getrieben, angeekelt von der +erniedrigenden Pein, immer neue Ausflüchte ersinnen zu sollen -- +gestand. + +Ja denn, ja, sie verkaufte, sie versetzte, sie gab ihr Letztes her, +damit das Kind, das in fortwährender geistiger Anspannung lebte, +ordentlich ernährt werde in den Jahren der Entwicklung und des stärksten +Wachsens. + +Pfanner zürnte, höhnte: Was hatte denn er gehabt in diesen selben +Jahren? Wer hatte denn gefragt, wie er sich nährte? Georg wuchs auf wie +ein Hofratssohn im Vergleich zu ihm. Er, zu vierzehn Jahren, hatte sich +sein Brot selbst verdienen müssen, sein Brot im Sinne des Wortes! und +nicht etwa ein frisch gebackenes. Die Entbehrungen hatten ihm sehr gut +angeschlagen, er war immer gesund geblieben. Warum sollte sein Bub +anders geartet sein als er und wie ein Weichling behandelt werden, den +man aufpäppeln muß? + +Agnes beharrte zum ersten Male während ihrer langen Ehe im Widerstand +gegen den Mann. Der Augenblick, den sie so sehr gefürchtet hatte, war +gekommen und fand sie stärker, als sie geglaubt hatte sein zu können. +Ruhig ließ sie die Anklagen Pfanners über sich ergehen, und indes er ihr +vorwarf, ihn hintergangen zu haben, grübelte sie nach über eine +Möglichkeit, ihn noch weiter zu hintergehen. Es mußte sein, um des +Kindes willen. + +So widerstandsfähig, wie sein Vater gewesen, war eben der blasse, +hochaufgeschossene Junge nicht, der jetzt mit einem: »Guten Abend, Vater +und Mutter!« eintrat und schweratmend an der Tür stehen blieb, als ob +die gewitterschwüle Atmosphäre, die im Zimmer herrschte, ihm auf die +Brust gefallen wäre. + + * * * * * + +Einige Tage später feierte Georg seinen vierzehnten Geburtstag. Er hatte +zwei Vorzugsnoten aus der Schule mitgebracht. Mit feierlichem Ernst und +mit der Mahnung, das kostbare Geschenk zu schonen, übergab ihm sein +Vater einen neuen Sommeranzug, eine hübsche Mütze und ein Paar solide +Halbschuhe. Am Nachmittag blieb Pfanner länger als gewöhnlich am Tische +sitzen und sprach, nachdem Frau Agnes das Zimmer verlassen hatte, +eingehender und zutraulicher mit Georg, als sonst seine Art war. + +Er wußte wohl, die Mutter nannte ihn grausam, und fand, daß er zu viel +verlange von seinem Sohne. Wenn es nach ihr ginge, würde der jetzt +freilich gute Tage haben, die Schule Schule sein lassen und nur tun, was +ihm gefiele. Aber dann? Wie würde die Zukunft aussehen nach einer +vertrödelten Jugend? Und ist die Zukunft nicht die Hauptsache? +Ausgerüstet mit der Macht des Wissens soll Georg der seinen +entgegengehen. Ohne Mühe freilich ist Wissen nicht zu erringen. Will er +der Feigling sein, der vor der Mühe flieht, oder der Held, der sie +aufsucht, mit ihr ringt, sie überwindet? Es gibt keinen Sieg außer +diesem ersten. Ohne ihn ist kein hohes Ziel zu erreichen. + +»Das deine soll ein hohes sein!« rief Pfanner aus. »Du bist nun kein +Kind mehr, und ich kann dir sagen, das Ziel, das du dir stecken sollst, +ist, ein Staatsmann zu werden. Einer, der mit überlegenem Geiste und mit +starker Hand die Teufel der Zwietracht, die unsre Heimat zerreißen, +bezwingt, das große Wort: 'Gleiches Recht für alle' von den Lippen in +die Herzen verpflanzt und es zur Tat, und uns einig, groß und glücklich +macht. Denk dir, ein Mann sein, der das vermöchte! Er würde der Retter, +der Erlöser, der Abgott seines Volkes.« + +Georg hörte ihm voll Bewunderung zu. Daß sein Vater mit ihm redete wie +mit einem Ebenbürtigen, machte ihn unendlich stolz. Der Glaube an sich +selbst, der ins Schwanken gekommen war, erwachte wieder. »Ein +ordentlicher Mensch sein, ist viel, und der mittelmäßig Begabte mag sich +damit begnügen,« hatte der Vater unter anderm gesagt, »ein +außerordentlich Begabter ist sich selbst und den andern schuldig, ein +großer Mensch zu werden. Bei ihm kommt es nur auf den Willen an, auf +den unerschütterlichen Entschluß ...« + +Er konnte nicht einschlafen an diesem Abend. Die Zukunftsbilder, die +sein Vater entworfen hatte, standen zu lebhaft vor ihm. Von der +Tätigkeit eines Staatsmannes machte er sich allerdings keinen rechten +Begriff, sah sich vorerst auf der Rednerbühne, einer Versammlung +gegenüber, die ihn mit höhnenden Zurufen empfing; Feindseligkeit blickte +aus aller Augen, in jedem Gesicht stand ein: Nein! geschrieben. Und er +begann zu sprechen, und allmählich verstummten die Zurufe, und von den +Gesichtern verschwand der mißgünstige Ausdruck, Teilnahme und Zustimmung +wurden rege und begannen sich zu äußern, vereinzelt erst, dann immer +häufiger, endlich völlig einstimmig. Er hatte seine Zuhörer hingerissen +durch die Gewalt seines Wortes. Und alle, vom Ersten bis zum Letzten, +sahen den Führer in ihm und folgten ihm willig und entzückt; denn sie +wußten, was er wollte, war das Gute, das Weise, und der Weg, den er sie +führte, war der Weg zu ihrem Heile. + +Auf seinen nächsten Gängen zur Schule blieb er nicht mehr bei Salomon +stehen. Er dankte für die freundlichen Winke und Verbeugungen des +Hausierers nur mit einem kurzen Grußwort. Einmal hielt er sich aber doch +bei ihm auf. Salomon hatte ihn gar zu inständig flehend angesehen und +fragte gar zu trübselig: + +»Habe ich Ihnen was getan, junger Herr, sind Sie böse auf mich?« + +»Was dir einfällt,« erwiderte Georg, »was werd ich denn bös auf dich +sein.« + +Es kam Salomon halt so vor. Vielleicht hatte die Nachtigall sich doch +nicht bewährt, hineinschauen kann man ja nicht, und vielleicht wünschte +der junge Herr eine andre. Salomon war bereit, ihm eine andre zu geben +um den halben Preis. + +»Eine andre um den halben Preis,« erwiderte Georg. Gewaltig trat die +Versuchung an ihn, den lockenden Antrag anzunehmen. Aber er bestand, er +siegte in seinem kurzen Seelenkampf. + +»Nein, nein, ich brauch keine Nachtigall mehr, ich will keine!« rief er. +»Ich bin jetzt vierzehn Jahre alt, und es gehört sich für mich nicht +mehr zu spielen. Ich muß lernen, ich muß trachten, Vorzugsschüler zu +bleiben, ich darf keinen andern Gedanken haben als lernen.« + +Diesen Vorsatz führte er aus. + + * * * * * + +Es kamen Tage, an denen sein Fleiß an Raserei grenzte. Sie verflossen +und ließen eine schauderhafte Erschöpfung zurück. Niemandem, nicht +einmal seiner Mutter, vertraute er, was um diese Zeit in ihm vorging. +»Ich werd noch närrisch,« dachte er. »In meinem Kopf ist kein Blut und +kein Hirn; in meinem Kopf ist es weiß und leer. Das Lernen hat alles +aufgefressen und muß jetzt auch aufhören, weil es nichts mehr zu fressen +findet.« Das ist ganz natürlich und ganz albern und ein peinigender +Zustand, aus dem sich aufzuraffen unmöglich ist ... + +Wie im Halbschlaf saß er bei seinen Büchern, und eben in dieser Zeit +ließ Pepi sich herab, einer Anwandlung des Fleißes nachzugeben, und kam +ihm nach, kam ihm vor in großen Sprüngen. Aus jedem Gegenstand, in dem +er aufgerufen wurde, erhielt er eine Vorzugsklasse. + +Und wieder fragte ihn Georg: »Wie machst du's, daß du immer weißt? Sag +mir's, wie du's machst?« + +Pepi steckte die Hände in die Taschen und warf die Beine, als ob er sie +von sich schleudern wollte: + +»Zu langweilig!... Dumme Fragerei!« ... In abgebrochenen Sätzen nur +geruhte er zu antworten. Sein Alter gab klein bei, weil er ihm gedroht +hatte, sich zu erschießen. So tat er ihm denn auch etwas zulieb und +legte seinem Genie keinen Kappzaum mehr an: »Und jetzt mach ich ihm halt +die Freud und werd Primus.« + +»Ja, ja, wenn's geht!« + +»Wenn's geht?« + +»Gar gewiß ist's doch nicht. Es ist noch der Rott da und der Bingler.« + +»Ich werd Primus,« wiederholte Pepi voll Aufgeblasenheit. »Alles geht +und wird, wie ich's haben will -- grad so!« + +»Wie du's haben willst?« + +»Grad so. Das kannst du nicht begreifen. Du freilich nicht, du armer +Büffler. Weil du nur ein Büffler bist, kannst du's nicht begreifen. Du +möchtest nur; ich kann, was ich mag.« + +Georg warf sich in die Brust: »Und ich auch,« wollte er antworten; doch +brach ihm die Stimme ... + +Ihm war, als ob der Boden sich aufrisse und zwischen ihm und dem +gottbegnadeten Kameraden ein unüberbrückbarer Abgrund gähne. Drüben, +mitten in fruchtbaren Gefilden, in denen alles grünte und blühte, stand +Pepi, und wohin sein Fuß trat, entsprang ein Quell, und was seine Hand +berührte, wurde zur herrlichen Frucht. Und er hüben, auf kargem, +steinigem Boden, der widerstrebend nur und ungern sich den schattigen +Zweig, den nährenden Halm entringen ließ. + +Warum die schreiende Ungerechtigkeit, warum dem andern alles und ihm so +bettelhaft wenig? + +Pepi beobachtete seinen stillen Kampf und verzog höhnisch den Mund. +»Büffler!« sprach er. »Büffeln kommt von Büffel, und Büffel gehören zu +der Gruppe der Rinder.« + +Da ergriff wilder Zorn den sanftmütigen Georg. Er sprang auf Pepi zu und +packte ihn an der Gurgel. + +Der unerwartet Angefallene brüllte und wehrte sich mit Händen und Füßen, +und bald waren die beiden umringt von einer johlenden Schar, die sich an +dem Zweikampf beteiligte, fast durchweg zugunsten Georgs. Den +vielbeneideten, vielgehaßten Pepi einmal gänzlich überwunden abziehen zu +sehen, gewährte jedem einzelnen einen köstlichen Genuß. Jämmerlich +zugerichtet, in zerfetzten Kleidern, verließ er den Plan. Das begab sich +unweit der Schule, und an der Straßenecke war Salomon gestanden und +hatte der Schlacht mit gespannter Teilnahme zugesehen. Er begleitete +Georg mit Glückwünschen und Heilrufen; der aber winkte traurig ab. Er +hatte etwas getan, was seinem ganzen Wesen widersprach, schämte sich +seines Erfolges und betrachtete mit Entsetzen seinen neuen Rock, an dem +die Spuren der Schlägerei zu sehen waren. Nun begann er zu rennen, um +früher als der Vater heimzukommen. In Schweiß gebadet betrat er die +Küche, legte das Ohr an das Schloß der Zimmertür und horchte. Alles +still, nur die Nähmaschine schnurrte, die Mutter war allein. O, Gott sei +Lob und Dank! Hastig trat er ein und sprudelte die Geschichte seines +jüngsten Erlebnisses heraus: + +»Und jetzt flick mir den Rock, Mutter, flick mir den Rock!« + + * * * * * + +Das Abendessen wurde schweigend eingenommen. Eine dumpfe Verstimmung +herrschte im Hause. Pfanner schmollte noch immer mit seiner Frau. Er +hatte die Scheine über alle von ihr versetzten Gegenstände an sich +genommen, um sie nach und nach einzulösen. Gott weiß, unter welchen +Bitternissen. Jeder Gulden, den er ins Versatzamt trug, war ein Raub am +Sparkassenbuch seines Sohnes; an diesem künftigen Vermögen, aus dem die +Kosten der Rigorosen und des Freiwilligenjahres bestritten werden +sollten. Es gab Augenblicke, in denen er sie haßte, die Schuld an dem +Raube trug. Ihn gutzumachen, lag nicht in ihrer Macht, in der seinen +aber lag, sie büßen und leiden zu machen. Tag für Tag wiederholte sich +dieselbe Tortur. Tag für Tag verlangte er die Hausrechnung zu sehen, +ging jeden einzelnen Posten durch, bemängelte jeden. Mit raffinierter +Kunst erniedrigte er die Mutter in Gegenwart des Kindes durch sein zur +Schau getragenes Mißtrauen. + +»Wer einmal betrogen hat, gleichviel in welcher Absicht, betrügt wieder! +man muß sich vor ihm in acht nehmen.« + +Gepeinigt sah Georg zu ihr hinüber und warf ihr hinter dem Rücken des +Vaters Küsse zu. Um seinetwillen wurde sie beschämt, er war der +unschuldige Urheber ihrer Qual. Und sie, alles erratend, was in ihm +vorging, bezwang sich, bemühte sich, gelassen und standhaft zu bleiben +bei den Kränkungen, die sie erfuhr. Der Mann hielt für Unempfindlichkeit, +was höchster Heldenmut war, und verschärfte die Lauge in den Ausdrücken +seiner Geringschätzung. Wie immer war es auch heute gegangen und Agnes +kaum noch imstande, ihre Selbstbeherrschung zu bewahren, als ein +heftiger Riß an der Glocke sie erschreckte. Sie schrie auf; auch Georg +erschrak. Es war etwas so völlig Ungewohntes, daß um diese Zeit jemand +Einlaß bei ihnen begehrte. + +»Nervös, wie die elektrisierten Frösch,« brummte Pfanner. »Habt ihr in +eurem Leben noch nicht läuten gehört? Sieh nach, wer's ist,« befahl er +der Frau. + +Sie zündete rasch eine Kerze an und eilte in die Küche. Schon wurde ein +zweites Mal geschellt, noch ungeduldiger, noch heftiger als früher. Als +Agnes öffnete, stand ein großer, breitschultriger, fein gekleideter Mann +da und fragte: + +»Ist Herr Offizial Pfanner zu Hause?« + +Wer konnte das sein? Vielleicht ein Vorgesetzter, der Herr Inspektor +oder gar der Herr Oberinspektor? + +»Ja, er ist zu Hause,« sagte sie, »belieben einzutreten.« + +Ohne Gruß ging er an ihr vorbei; er hielt sie offenbar für die Magd, und +ihr war der Irrtum recht. Sie hätte in ihrem grauen, ausgewaschenen +Percailkleide, in ihren geflickten Schuhen einem Vorgesetzten gegenüber +nicht für die Frau eines k. k. Beamten gelten mögen. Höflich stieß sie +die Zimmertür vor dem Fremden auf, trat in die Küche zurück und hörte +nur noch ihren Mann in durchaus nicht respektvollem Tone sagen: + +»Herr Obernberger? Was verschafft mir das Vergnügen?« + +Obernberger schloß die Tür hinter sich, die Magd sollte das Gespräch +zwischen ihm und Pfanner nicht mit anhören. + +»Vergnügen werden Sie von meinem Besuch nicht haben,« erwiderte er in +erregtem Tone, »ich komme, um mich zu beklagen.« + +Hoho! Das konnte unangenehm werden. Pfanner hatte ein böses Gewissen. +War eine der wegwerfenden Reden, die er über Obernberger zu führen +pflegte, dem »Schlosser« hinterbracht worden? Vielleicht auch einem der +Vorgesetzten, bei denen der Meister in hohem Ansehen stand? Verfluchte +Geschichte! Pfanner verbarg seine Bestürzung hinter einem besonders +borstigen Wesen: »Nur heraus mit der Sprache, genieren Sie sich nicht. +Ich kann was vertragen,« sagte er. + +Georg war aufgesprungen und hatte einen Sessel herbeigeholt. Obernberger +nahm Platz. Er betrachtete den Knaben, der mit gesenkten Augen und +krampfhaft verschlungenen Fingern vor ihm stehen blieb, streng und +prüfend: + +»Herr Obernberger! Herr Obernberger!« sprach Georg leise und +flehentlich. + +O, wenn er früher an Herrn Obernberger gedacht hätte, er würde seinen +Sohn nicht geprügelt haben. Herr Obernberger war immer so gütig mit +ihm, wenn er ihn traf, und neulich, als er im Wagen gekommen war, den +Pepi aus der Schule abzuholen, hatte er Georg eingeladen, mitzufahren. +Eine Seligkeit wäre es gewesen, der Einladung zu folgen, aber er wagte +es nicht. Der Vater hätte gewiß gesagt: »Hast vergessen, daß du keine +Gnaden annehmen sollst?« + +Je länger Obernberger seine Augen auf Georg ruhen ließ, je milder wurde +ihr Ausdruck, und jetzt redete er ihn an: »Wissen Sie, daß ich schon auf +dem Wege zum Herrn Direktor war, um mich über Sie zu beklagen? Ich mag +Ihnen aber doch Ihre gute Note in Sitten nicht verderben und will mich +mit einer häuslichen Züchtigung begnügen, die Ihnen Ihr Vater sicher +erteilen wird, wenn er hört, was vorgefallen ist. Herr Offizial,« +wendete er sich an Pfanner, »Georg hat heute nach der Schule meinen Sohn +angefallen und ihn gewürgt, und andre haben sich hineingemischt, und +mein Pepi ist mir nach Hause gekommen, ganz zerrissen, und das rechte +Auge so blau und geschwollen, daß er ein paar Tage hindurch weder lesen +noch schreiben kann. Und das ist geschehen ohne den geringsten Grund.« + +»Ohne den geringsten Grund?« wiederholte Pfanner, hob sich halb von +seinem Sitz, und es war, als ob er auf den Sohn losspringen wollte. + +»Nicht ohne Grund,« hauchte Georg mehr als er sprach. »Er hat mir +gesagt, daß ich ein Büffler bin. Büffeln kommt von Büffel, und Büffel +gehören zu der Gruppe der Rinder, hat er gesagt.« + +Pfanner schwieg und saß wieder gerade auf seinem Sessel. Obernberger war +betroffen. + +»Ist das wahr?« fragte er, und Georg beteuerte: + +»Es ist wahr.« + +»Hinaus!« rief Pfanner ihm plötzlich zu und wies mit ausgestrecktem Arm +nach der Küchentür. + +Draußen stand die Mutter neben dem Herde und zitterte an allen Gliedern +und fragte sich, was für ein neues Unheil über ihren Georg +hereingebrochen sein möchte. Er lief auf sie zu, war bleich wie Wachs, +und grünliche Schatten zogen sich längs der Nase zu den Mundwinkeln +herab: »Mutter, Mutter!« preßte er hervor, »was wird jetzt mit mir +geschehen?« + + * * * * * + +In der Stube jedoch begab sich das Unerhörte. Pfanner entschuldigte +seinen Sohn. Der Junge war schüchtern von Natur und nur zu sanft für +einen Buben. Wenn er einmal losgeschlagen hatte, mußte er arg provoziert +worden sein. Er sei auch absolut wahrhaft, versicherte der Vater, der +ihn noch nie auf einer Lüge ertappt hatte. + +»Können Sie das von Ihrem Pepi auch sagen?« fragte Pfanner und setzte +die gewisse, militärische Miene auf, die er sich angeeignet hatte, als +er einst, nach wenigen Monaten seiner Dienstzeit, zum Korporal befördert +worden war. + +Der gutmütige Obernberger stand immer noch unter dem Eindruck, den die +Todesangst auf dem Gesichte Georgs auf ihn gemacht hatte. Der große, +breite Mensch schmolz in der Nähe des kleinen, hitzigen Pfanner +ordentlich zusammen. Ein gewaltiger Schneemann in der Nähe eines +Häufleins glühender Kohlen. Er hatte keine Ursache, sich auf die +Wahrheitsliebe seines Pepi zu verlassen, und weil er das nicht +eingestehen wollte, schwieg er. + +»Fragen Sie Ihren Pepi aufs Gewissen, ob mein Sohn ihn wirklich ohne +Grund geschlagen hat,« sprach Pfanner. »Aug in Aug mit dem Buben, in +unsrer Gegenwart soll er es ihm wiederholen. Tut er das, dann lade ich +Sie zu einer Exekution ein, wie sie bei uns noch nicht stattgefunden +hat, obwohl _ich_ bei meinem Buben die Prügel nicht spare.« + +Bei dieser Abmachung blieb es. Herr Obernberger, der als Richter +gekommen war, verließ die Wohnung des Offizials mit dem Gefühl, eine +Niederlage erlitten zu haben. Er achtete nicht auf die zwei, die sich +tief verneigten, als er die Küche durchschritt. Georg lief ihm voran, +öffnete mit demütiger Beflissenheit die Tür und murmelte: + +»Verzeihen Sie mir, Herr Obernberger, verzeihen Sie mir,« so leise, mit +so von Scheu und Tränen erstickter Stimme, daß der in unangenehme +Gedanken versunkene Fabriksherr nichts davon hörte. + +Als Agnes und Georg das Zimmer wieder betraten, hatte Pfanner einen +großen, mit Zahlen bedeckten Bogen vor sich liegen, den er mit äußerster +Aufmerksamkeit durchsah. Georg holte seine Hefte herbei und machte sich +an seine Arbeit. Eine halbe Stunde verging, ehe der Vater seinen Sohn +ansprach, und dann -- o Wunder! geschah es nicht einmal in +unfreundlicher Weise. Er überzeugte sich, daß Georg beinahe fertig war +mit seinen Aufgaben: + +»Bist du aus Geschichte schon aufgerufen worden?« fragte er. + +»Noch nicht.« + +»Merkwürdig. So spät?« + +»Vielleicht morgen. Wir haben morgen Geschichte.« + +»Nun, da kriegst du doch eine Vorzugsklasse?« + +»Ich weiß nicht, vielleicht.« + +»Du!« schrie der Vater ihn an. »Weißt du, was das heißt, wenn du keine +Vorzugsklasse kriegst? Weißt du, was ein 'Genügend' dich kostet?« + +»Ich weiß es,« erwiderte Georg tonlos. + +»Den Vorzugsschüler kostet's dich, fauler Bub!« + +»Ich bin nicht faul, Vater.« + +Der Vater hob namenlos erstaunt den Kopf. Sein friedfertiger Junge war +heute der Held einer Prügelei gewesen, und jetzt vermaß er sich, ihm zu +widersprechen. Was war vorgegangen? War in dem Jungen der Mann erwacht? +Sollte er am Ende noch so schneidig werden, wie er sich ihn immer +gewünscht? + +Frau Agnes hatte ihre Hand auf den Arm des Sohnes gelegt, als er dem +Vater widersprochen: »Um Gottes willen, Schorsch!« + +»Still,« herrschte Pfanner sie an, »laß ihn reden. Ich bin nicht faul, +behauptet er. Also red, 's ist erlaubt, 's ist befohlen,« drang er in +ihn. + +»Ich lern den ganzen Tag,« sagte Georg. »Ich kann nicht mehr lernen als +ich lern, ich weiß nicht, was ich anfangen soll, damit du zufrieden +bist.« Die Tollkühnheit der Verzweiflung kam über ihn, und er wagte +hinzuzusetzen: »Andre Eltern sind schon zufrieden, wenn ihre Kinder +'Genügend' bekommen, und ich soll lauter 'Vorzüglich' und 'Lobenswert' +haben ... Und ich soll mich schinden ... Und ich ...« Er konnte nicht +weiter reden, rang die Hände, schlug mit der Stirn auf den Tisch und +wand sich in einem Schmerze, über den der Vater selbst erschrak. Zum +erstenmal im Leben fühlte er sich ratlos dem Kinde gegenüber. + +»Ich hab schon ein 'Genügend' in Griechisch!« schrie Georg in +pfeifenden, gequetschten Tönen. »Wenn ich noch ein 'Genügend' bekomme, +bin ich kein Vorzugsschüler mehr. Und ich bekomm gewiß noch ein +'Genügend' ...« + +Das war zu viel. Die Worte machten der Langmut Pfanners ein Ende. Alles +in ihm, das ein bißchen weich zu werden begonnen hatte, erstarrte +wieder: + +Kein Vorzugsschüler mehr! Dieser Bub, der die Fähigkeit besaß, einen +Platz unter den Ausgezeichneten zu behaupten, wollte durch die Schule +kriechen mit dem großen Heer der Mittelmäßigen? Pfui über den Buben! + +»Du bleibst Vorzugsschüler, oder ich geb dich zu einem Schuster in die +Lehr.« + +»Tu's, Vater, tu's! Aber warum grad zu einem Schuster!« erwiderte Georg +außer sich. »Du kannst mich auch zu Herrn Obernberger geben, und ich +werd ein Kunstschlosser ... Oder auch mit Musik kann ich mein Brot +verdienen ...« + +»Georg, Georg, um Gottes willen!« wiederholte die Mutter. Sie sah ihren +Mann fahl werden vor Wut, sah seine Fäuste sich ballen: + +»Musik? gut, gut! Ich kauf dir einen Leierkasten, kannst in den Häusern +orgeln und auf die Kreuzer warten, die sie dir aus den Fenstern +werfen.« + +Georg preßte das Kinn auf die Brust und starrte zu Boden. + +Pfanner sprang auf und führte einen schweren Schlag auf den Nacken des +Kindes: »Kein Wort mehr! Und -- das merke, komm mir nicht noch einmal +mit einer schlechten Note nach Hause. Untersteh dich nicht!« + +»Nein, nein,« murmelte Georg. Er war jetzt ganz furchtlos. Um so besser, +wenn er nicht mehr nach Hause zu kommen braucht. Der Vater wird sich +nicht mehr über ihn ärgern, und die Mutter nicht mehr quälen um +seinetwillen. Wäre er doch nicht auf die Welt gekommen ... -- oder wäre +er schon draußen -- wäre er tot! + +Am nächsten Morgen war der Vater von einer furchtbar dräuenden +Schweigsamkeit. Die dunkeln Ringe unter seinen geröteten Augen, bei ihm +das sicherste Zeichen einer schlaflos durchwachten Nacht, gaben ihm das +Aussehen eines Kranken. Er frühstückte hastig, nahm seine Schriften +unter den Arm, setzte den Hut auf und verließ das Zimmer, ohne den Gruß +seiner Frau und seines Sohnes zu erwidern. Man hörte ihn die Küchentür +zuschlagen, daß sie dröhnte. + +Georg ordnete die Hefte und Bücher in seiner Schultasche, war fertig, +nahm Stück auf Stück wieder heraus, ordnete alles von neuem, langsam und +bedächtig. Die Mutter mahnte zur Eile. Er ließ plötzlich alles liegen +und stehen und warf sich ihr in die Arme, und sie drückte ihn an ihr +Herz. Sie sprachen nicht, es kam keine Anklage über ihre Lippen, aber +glühend brannte sie in ihren Herzen. Wie glücklich könnten sie sein, +sie zwei, wie glückselig, wenn der Ehrgeiz des Vaters nicht wäre, der +blinde, törichte, der vom Apfelbäumchen, das ihm Gott in seinen Garten +gepflanzt, die Triebkraft der Eiche verlangte. + +Dreimal schon hatte Georg Lebewohl gesagt und brachte sich noch immer +nicht fort. + +»Du kommst zu spät, Schorschi,« sagte Frau Agnes. »Lauf jetzt, lauf! Und +sei nicht so traurig,« fügte sie hinzu und strich ihm über die Wangen. + +»Du bist selbst traurig,« antwortete er. + +»Ach -- das vergeht, bei der Arbeit vergeht's.« + +»Also adieu,« sagte er und schritt resolut der Tür zu, und über die +Treppe hinab bis zum ersten Stockwerk. Dort blieb er stehen, besann +sich, kehrte plötzlich um und stürmte in raschen Sätzen wieder zurück, +und wie er oben ankam, sah er die Mutter vor der Wohnungstür stehen, auf +derselben Stelle, bis zu der sie ihn begleitet hatte. + +»Was gibt's?« fragte sie wie aus dem Schlaf auffahrend, warf den Kopf +zurück und bemühte sich, eine strenge Miene anzunehmen. »Hast was +vergessen?« + +»Ich hab dir ja nicht ordentlich Adieu gesagt,« und er fiel ihr um den +Hals und küßte sie mit stürmischer Zärtlichkeit. + + * * * * * + +In der Schule kam er zu spät. Der erste Vortrag hatte schon vor einer +Viertelstunde begonnen, als er eintrat und sich auf seinen Platz setzte. + +»Wo steckst denn?« raunte der Nachbar ihm zu. »Du bist aufgerufen worden +und warst nicht da.« + +»Unglück, Unglück,« murmelte Georg und gab sich alle erdenkliche Mühe, +aufmerksam zuzuhören. In seinem Kopfe ging es sonderbar zu. Es summte +und hämmerte darin, und der Stimme, die vom Katheder zu ihm herübertönte +-- sonst eine laute, kraftvolle Stimme --, fehlte der Klang. Die Worte, +die sie sprach, waren nicht artikuliert, flossen ineinander wie Wellen +... Noch etwas Sonderbares! der breite Saal schien sich zu verlängern +ins Unglaubliche. Es war kein Saal mehr, es war ein langer Gang, von +merkwürdig kaltem, weißem Licht erfüllt, und ganz weit am Ende stand ein +schwarzer Strich auf einem Piedestal. Georg mußte mit Gewalt alle seine +Denkkraft zusammen nehmen, um sich klar zu machen: das ist der Herr +Professor, der einen Vortrag hält. + +Er schloß die Augen, lehnte sich zurück und dachte: Ich werde heute +nicht lernen können. Nach einer Weile aber wurde es besser, er vermochte +sich aus dem unheimlich traumhaften Zustand, in den er geraten war, +heraus zu reißen. Der zweite Vortrag hatte begonnen. Der jetzt sprach, +war ein sehr beliebter, von der ganzen Schule verehrter Lehrer, der +Professor der Geschichte. Er hatte einen sonst kaum mittelmäßigen +Schüler aufgerufen, und der bestand mit Ehren. Georg folgte. Ach! wenn +er auch so viel Glück hätte wie sein Vorgänger. Es schien beinahe. Der +Professor prüfte aus dem unlängst von Georg Wiederholten und sagte: + +»Gut, bis auf zwei Jahreszahlen. Sie bekommen 'Lobenswert'. Ich möchte +Ihnen aber gern 'Vorzüglich' geben können und stelle deshalb noch einige +Fragen. Nennen Sie mir alle deutschen Kaiser bis zu Rudolf dem Ersten.« + +Das war keine sehr schwere Frage. Voll Zuversicht begann er sie zu +beantworten und gelangte glorreich bis zu Otto *III.* Da verriet ihn +sein Gedächtnis -- er ließ den gelehrten und frommen Kaiser ein hohes +Alter erreichen und Heinrich *II.* den ersten Salier sein. + +Der Professor zuckte bedauernd die Achseln und unterbrach ihn: »Das geht +nicht gut. -- Etwas andres! Erzählen Sie mir die Geschichte von +Konradin.« + +O -- die wußte er! die hatte er seiner Mutter erzählt; so rührend, daß +sie dabei weinen mußte. Konradin war ja -- nun ja -- war ja König Enzio +... Oder nein, richtig -- Enzio war Konradin ... + +Ein kaum unterdrücktes boshaftes Kichern erhob sich, der Pepi lachte ihn +aus. Die Augen des Professors hefteten sich fest auf ihn. Er verstand, +daß diese guten, wohlwollenden Augen ganz besorgt fragten: »Sind Sie bei +Trost?« + +Er hätte schreien mögen: »Nein! ganz verwirrt und konfus bin ich!« + +»Sie tun mir leid,« sprach der Professor, »aber -- sagen Sie selbst -- +welche Klasse haben Sie verdient?« + +Georg flüsterte etwas völlig Unverständliches. Dem Lehrer schien, es sei +ein Dank gewesen. Der Junge wußte heute nichts, erriet aber viel, erriet +das innige Mitleid, das er seinem Lehrer einflößte. + +Ehe der dritte Vortrag begann, verließ er die Schule und ging langsam +die Straße hinab. Es war ein Frühlingstag mit sommerlichem Sonnenschein, +der Himmel wolkenlos, die Luft noch frei von Staub und Dunst. Georg +schritt mit weit aufgerissenen, verglasten Augen zwischen den Menschen +dahin, die sich in der Hauptverkehrsstraße der Vorstadt drängten. Einem +oder dem andern fiel auf, wie sonderbar »verloren« er aussah. Keiner +hatte Lust und Zeit, ihn zu fragen, was ihm sei. Ein Tischlerjunge nur, +der einen Handwagen schleppte, und an den er angestoßen war, rief ihm +zu: + +»Hüo! wo hast dein Schädel? Anbaut mit samt der Mitzen?« + +Unwillkürlich griff Georg nach seinem Kopfe. Er war barhaupt, hatte +seine Mütze in der Schule gelassen, und auch seine Lernsachen. Daran lag +aber nichts. Ihn würde niemand nach ihnen fragen. Er konnte ja nicht +mehr heim. »Komm mir nicht nach Hause mit einer schlechten Note!« Diese +Worte dröhnten unablässig an sein Ohr. Jetzt mußte er sie bekommen, die +schlechte Note, die erste, wirklich schlechte. Was würde der Vater jetzt +mit ihm tun? Und wie würde die Mutter sich kränken ... Nein, nein, Vater +und Mutter, er wagt es nicht, er kommt nicht mehr zurück, er geht, wohin +schon mancher unglückliche Schüler gegangen ist: in die Donau. Und +dieser eine Gedanke, je länger er ihn vor sich sah, als das +Unabwendbare, Einzige, je mehr befreundete er sich mit ihm. Dieser +Gedanke mit dem dunklen Kerne hatte eine blendende Atmosphäre und fing +an, eine große Helligkeit zu verbreiten. Er gestaltete sich jetzt so: +»Ich _muß_ in die Donau, ich will aber auch, und gern. Wie gut ist es, +tot zu sein, nicht mehr hören müssen: Lern! Wie gut auch, wenn es keinen +Zwiespalt mehr zwischen den Eltern gibt. Aber du begehst einen +Selbstmord,« fuhr es ihm durch den Sinn, »und ein Selbstmord ist eine +Todsünde.« Ihn schauderte. »Lieber Gott! Allgütiger!« stöhnte er und +blickte flehend zum Himmel empor. »Rechne mir meinen Tod nicht als Sünde +an! Ich will keine Sünde begehen, ich will sterben für den Frieden +meiner Eltern. Mein Tod ist ein Opfertod.« + +Ein Opfertod! + +An dieses Wort klammerte er sich; es brachte ihm Trost. Er verwandelte +die Tat der Verzweiflung in eine Heldentat und schwerste Schuld in ein +Märtyrertum. Es ging auf vor dem armen, irrenden, suchenden Kinde wie +ein Stern in der Nacht. Keine Erwägung, keine Überlegung, kein Zweifel +mehr, nicht die geringste Fähigkeit, sich etwas andres vorzustellen, nur +die rasende, unbezwingliche Sehnsucht, Erlösung zu erfahren und Erlösung +zu bringen. + + * * * * * + +Er war am Ende der Straße angelangt, bog in die Seitengasse ein, die auf +den Kai mündete. Bleierne Müdigkeit lag ihm in den Gliedern, sein Kopf +brannte und schmerzte bis zur Bewußtlosigkeit. Die Donau, die ist ein +kühles, weiches Bett, da findet man Ruhe und Labung. Nur sie erreichen, +nur bis zu ihr hinkommen! Eine dumpfe Angst: »sie mißgönnen mir die +Erlösung, sind hinter mir, verfolgen mich,« jagte ihn vorwärts. Er +begann zu laufen, und dabei schien ihm, daß er immer auf demselben Fleck +bliebe. Das war fürchterlich, noch einmal einen so argen Kampf mit dem +Unüberwindlichen kämpfen zu müssen. + +»Wohin? Was sind Sie so eilig?« sprach eine wohlbekannte Stimme ihn an. +Der Hausierer stand vor ihm. + +»Du?« sagte er, »du Salomon?« + +Ein wenig Zeit nahm er sich zum Abschied von dem Armen. Auch der war +elend, dem es Seligkeit gewesen wäre, in der Schule zu sitzen, aus der +Georg entflohen war, und der auf und ab wandeln mußte vom frühen Morgen +bis in die späte Nacht in Staub und Sonnenbrand, und sah so krank aus, +und seine schmächtige Gestalt war schon ganz schief vom Tragen des +schweren Warenkastens. Ja, ja, wem zu Schweres auferlegt wird, der +verkrüppelt. Armer Salomon, den der Wachmann aufscheucht und einzuführen +droht, wenn er ganz erschöpft einige Augenblicke auf einer Bank ausruhen +möchte. Fort, fort auf müden Füßen in den ausgetretenen, geplatzten +Stiefeln ... Georgs Blick glitt über sie hinweg, und plötzlich beugte er +sich, zog rasch seine neuen Halbschuhe aus und legte sie auf den +Warenkasten. + +»Nimm sie, ich brauche sie nicht mehr,« sprach er und -- lachte. Ja, +wahrhaftig, Salomon schwor später darauf, daß er gelacht habe, und wie +unaussprechlich schmerzvoll dieses Lachen geklungen, kam ihm erst später +zum Bewußtsein, nachdem alles vorüber war. Zuerst in seiner freudigen +Verblüffung hatte er nur Augen für die schönen, guten Schuhe, die ihm +wie aus dem Füllhorn des Glückes zugefallen waren. Als er sich besann, +daß Georg seine Schuhe gar nicht verschenken dürfe, und wohl nur einen +Spaß mit ihm gemacht habe und er sich umsah und rief: »Junger Herr! +junger Herr!« -- drang schon lautes, vielstimmiges Geschrei an sein Ohr: +»Im Wasser!« -- »Hineingesprungen!« -- »Hilfe! Hilfe!« Von allen Seiten +stürzten sie herbei, rannten, krochen die steile Böschung hinab, standen +mit vorgestreckten Hälsen, Entsetzen oder stumpfsinnige oder +abscheuliche Neugier in den Gesichtern, und deuteten: »Da! dort! Siehst +ihn?« + +Anstalten zur Rettung wurden getroffen -- vergebliche. Eine +Stromschnelle hatte den schwimmenden Körper erfaßt und häuptlings an +einen Brückenpfeiler geschleudert. + +Mit gellenden Wehrufen drängte sich Salomon durch die Menge zum Ufer +hin. Die Schuhe hatte er von sich geworfen, streute seine Waren im Laufe +achtlos aus ... Gott! Gott! Ins Wasser gesprungen -- in den Tod +gegangen, der, den er bewundert hatte und beneidet, und der immer so gut +gegen ihn gewesen war. + + * * * * * + +Pfanner hatte einen schweren Entschluß gefaßt und ausgeführt. Er war zum +Direktor des Gymnasiums gegangen, um Georg seiner Nachsicht zu +empfehlen. Vor wenigen Tagen noch würde er einen solchen Schritt für +unmöglich gehalten und geglaubt haben, sich und Georg durch ihn zu +erniedrigen. + +Mit so viel Wärme und Verbindlichkeit, als ihm irgend zu Gebote stand, +sprach er die Bitte aus, seinen Sohn nachsichtig zu klassifizieren, wenn +der Bursche auch in letzter Zeit etwas nachgelassen habe im Fleiße. Sein +Vater bürgte dafür, daß es von nun an besser werden sollte. + +»Nachgelassen im Fleiße?« Das war dem Direktor neu. So viel er wußte, +hatte noch keiner der Professoren sich über Georgs Mangel an Fleiß +beklagt. »Ich wäre froh«, sagte er, »wenn ich allen Eltern so Gutes über +ihre Söhne sagen könnte, wie Ihnen über Georg. Er ist bei sämtlichen +Lehrern vortrefflich angeschrieben, sehr brav und auch durchaus nicht +unbegabt« ... + +»O, das glaub ich!« warf Pfanner hochfahrend ein. + +»Durchaus nicht unbegabt,« wiederholte der Direktor kühl, »aber auch +nicht ungewöhnlich begabt. Ich fürchte, daß Sie zu viel von ihm +verlangen, ihm eine größere Leistungsfähigkeit zutrauen, als er besitzt. +Wenn Sie ihn zwingen, seine Kräfte zu überspannen, ruinieren Sie ihn.« + +Der Offizial kam tief niedergeschlagen ins Bureau. So verlangte er also +zu viel von seinem Buben, so ruinierte er ihn, so sollte Georg nur +mittelmäßig begabt sein? Er glaubte es nicht. Diese Schulleute irren so +oft. Wie viele, von denen ihre Lehrer nichts gehalten, sind große Männer +geworden. Er ging an seine Arbeit, vergrub sich in sie, suchte Rettung +in ihr vor dem schweren Drucke, der ihm auf dem Herzen lastete. + +Gegen Mittag meldete ihm der Bureaudiener, es sei jemand da, der ihn +sprechen wolle. Auf dem Gange erwartete ihn Frau Walcher in einem +Zustand furchtbarer Zerstörtheit. Etwas Entsetzliches sei geschehen, +stotterte sie, das Ärgste, das man sich denken könne. Er solle nur +gleich mit ihr kommen. + +»Was ist das Ärgste?« fuhr er sie an. »Was ist's mit meinem Buben?« + +Ihre Antwort war eine Gebärde der Verzweiflung. + + * * * * * + +Dem Liebling des Gymnasiums wurde ein feierliches Leichenbegängnis +bereitet. Alle Professoren, alle Schulkameraden beteiligten sich daran. +Meister Obernberger folgte dem Zuge, weinend wie ein Kind, und sein Pepi +hatte heute allen Hochmut abgetan. + +Der Vater schritt in guter Haltung hinter dem Sarge. Jedes Wort, das am +Grabe zum Preise seines Sohnes gesprochen wurde, schien ihm wohl zu tun, +während die Mutter immer tiefer in sich zusammensank. + +»Am besten für sie wär's,« sagte schwerbekümmert Frau Walcher zu ihrem +Manne, »wenn man sie gleich mitbegraben könnt.« + +Die zwei Ehepaare traten die Rückfahrt im selben Wagen an. Pfanner und +seine Frau wechselten nicht eine Silbe. Einer wich scheu dem Blick des +andern aus. Daheim angelangt, gab Agnes den dringenden Bitten der +Freundin, zuerst bei ihr einzutreten, nach. + +»Da hat sie doch ein paar Stunden Frieden,« dachte die Getreue. + +Als der Abend kam und die gewohnte Pflicht sie rief, ging Agnes +mechanisch daran, das Abendbrot zu bereiten. Sie betrat das Zimmer, um +die Lampe anzuzünden. Aber Pfanner hatte das schon selbst getan. Die +Lampe brannte auf dem Tische, und dort lagen die Bücher und die Mütze, +die der Schuldiener zurückgebracht hatte. Vor sich aufgeschlagen hatte +Pfanner ein dünnes Büchlein -- das Vermögen des Kindes, das guldenweise +zusammen gesparte. Und in der gebrochenen Gestalt, die da saß und die +Gegenstände alle betrachtete, drückte eine herzzerreißende +Trostlosigkeit sich aus. Was ging jetzt vor in dieser Seele! + +Agnes kam leise heran. + +Die Frau, die er zermalmt und zertreten und zu einer dienenden Maschine +herabgewürdigt hatte, fühlte sich in diesem Augenblick als die Größere +und Stärkere und, im Vergleiche zu ihm -- die Glückliche. Sie durfte +ihres Kindes ohne Selbstvorwurf gedenken, von ihr hatte es mit +zärtlicher Liebe Abschied genommen. + +»Pfanner,« sprach sie. + +Er fuhr auf und starrte sie an mit Entsetzen. Wollte sie Rechenschaft +von ihm fordern? Seine Lippen zuckten und zitterten, er brachte keinen +Laut hervor. Etwas Greisenhaftes lag in seinen entstellten Zügen. + +Da wich der Haß, da schwieg jeder Vorwurf. Sie näherte sich langsam und +sagte: + +»Du hast ja nur sein Bestes gewollt.« + +Überrascht in demütiger Dankbarkeit nahm er ihre beiden Hände, legte +sein Gesicht hinein und schluchzte. + + + + + Er laßt die Hand küssen. + + +»So reden Sie denn in Gottes Namen«, sprach die Gräfin, »ich werde Ihnen +zuhören; glauben aber nicht ein Wort.« + +Der Graf lehnte sich behaglich zurück in seinem großen Lehnsessel: »Und +warum nicht?« fragte er. + +Sie zuckte leise mit den Achseln: »Vermutlich erfinden Sie nicht +überzeugend genug.« + +»Ich erfinde gar nicht, ich erinnere mich. Das Gedächtnis ist meine +Muße.« + +»Eine einseitige, wohldienerische Muße! Sie erinnert sich nur der Dinge, +die Ihnen in den Kram passen. Und doch gibt es auf Erden noch manches +Interessante und Schöne außer dem -- Nihilismus.« Sie hatte ihre +Häkelnadel erhoben und das letzte Wort wie einen Schuß gegen ihren alten +Verehrer abgefeuert. + +Er vernahm es ohne Zucken, strich behaglich seinen weißen Bart und sah +die Gräfin beinahe dankbar aus seinen klugen Augen an. »Ich wollte Ihnen +etwas von meiner Großmutter erzählen,« sprach er. »Auf dem Wege hierher, +mitten im Walde, ist es mir eingefallen.« + +Die Gräfin beugte den Kopf über ihre Arbeit und murmelte: »Wird eine +Räubergeschichte sein.« + +»O, nichts weniger! So friedlich wie das Wesen, durch dessen Anblick +jene Erinnerung in mir wachgerufen wurde, Mischka *IV.* nämlich, ein +Urenkel des ersten Mischka, der meiner Großmutter Anlaß zu einer kleinen +Übereilung gab, die ihr später leid getan haben soll,« sagte der Graf +mit etwas affektierter Nachlässigkeit, und fuhr dann wieder eifrig fort: +»Ein sauberer Heger, mein Mischka, das muß man ihm lassen! er kriegte +aber auch keinen geringen Schrecken, als ich ihm unvermutet in den Weg +trat -- hatte ihn vorher schon eine Weile beobachtet ... Wie ein +Käfersammler schlich er herum, die Augen auf den Boden geheftet, und was +hatte er im Laufe seines Gewehres stecken? Denken Sie: -- ein Büschel +Erdbeeren!« + +»Sehr hübsch!« versetzte die Gräfin. »Machen Sie sich darauf gefaßt -- +in Bälde wandern Sie zu mir herüber durch die Steppe, weil man Ihnen den +Wald fortgetragen haben wird.« + +»Der Mischka wenigstens verhindert's nicht.« + +»Und Sie sehen zu?« + +»Und ich sehe zu. Ja, ja, es ist schrecklich. Die Schwäche liegt mir im +Blut -- von meinen Vorfahren her.« Er seufzte ironisch und sah die +Gräfin mit einer gewissen Tücke von der Seite an. + +Sie verschluckte ihre Ungeduld, zwang sich, zu lächeln und suchte ihrer +Stimme einen möglichst gleichgültigen Ton zu geben, indem sie sprach: +»Wie wär's, wenn Sie noch eine Tasse Tee trinken und die Schatten Ihrer +Ahnen heute einmal unbeschworen lassen würden? Ich hätte mit Ihnen vor +meiner Abreise noch etwas zu besprechen.« + +»Ihren Prozeß mit der Gemeinde? -- Sie werden ihn gewinnen.« + +»Weil ich recht habe.« + +»Weil Sie vollkommen recht haben.« + +»Machen Sie das den Bauern begreiflich. Raten Sie ihnen, die Klage +zurückzuziehen.« + +»Das tun sie nicht.« + +»Verbluten sich lieber, tragen lieber den letzten Gulden zum Advokaten. +Und zu welchem Advokaten, guter Gott!... ein ruchloser Rabulist. Dem +glauben sie, mir nicht, und wie mir scheint, Ihnen auch nicht, trotz all +Ihrer Popularitätshascherei!« + +Die Gräfin richtete die hohe Gestalt empor und holte tief Atem. +»Gestehen Sie, daß es für diese Leute, die so töricht vertrauen und +mißtrauen, besser wäre, wenn ihnen die Wahl ihrer Ratgeber nicht frei +stände.« + +»Besser wär's natürlich! Ein bestellter Ratgeber, und -- auch bestellt +-- der Glaube an ihn.« + +»Torheit!« zürnte die Gräfin. + +»Wie so? Sie meinen vielleicht, der Glaube lasse sich nicht +bestellen?... Ich sage Ihnen, wenn ich vor vierzig Jahren meinem Diener +eine Anweisung auf ein Dutzend Stockprügel gab und dann den Rat, aufs +Amt zu gehen, um sie einzukassieren, nicht einmal im Rausch wäre es ihm +eingefallen, daß er etwas Besseres tun könnte, als diesen meinen Rat +befolgen.« + +»Ach, Ihre alten Schnurren! -- Und ich, die gehofft hatte, Sie heute +ausnahmsweise zu einem vernünftigen Gespräch zu bringen!« + +Der alte Herr ergötzte sich eine Weile an ihrem Ärger und sprach dann: +»Verzeihen Sie, liebe Freundin. Ich bekenne, Unsinn geschwatzt zu haben. +Nein, der Glaube läßt sich nicht bestellen, aber leider der Gehorsam +ohne Glauben. Das eben war das Unglück des armen Mischka und so mancher +andrer, und deshalb bestehen heutzutage die Leute darauf, wenigstens auf +ihre eigne Fasson ins Elend zu kommen.« + +Die Gräfin erhob ihre nachtschwarzen, noch immer schönen Augen gegen den +Himmel, bevor sie dieselben wieder auf ihre Arbeit senkte und mit einem +Seufzer der Resignation sagte: »Die Geschichte Mischkas also!« + +»Ich will sie so kurz machen als möglich,« versetzte der Graf, »und mit +dem Augenblick beginnen, in dem meine Großmutter zum erstenmal auf ihn +aufmerksam wurde. Ein hübscher Bursche muß er gewesen sein; ich besinne +mich eines Bildes von ihm, das ein Künstler, der sich einst im Schlosse +aufhielt, gezeichnet hatte. Zu meinem Bedauern fand ich es nicht im +Nachlaß meines Vaters und weiß doch, daß er es lange aufbewahrt hat, zum +Andenken an die Zeiten, in denen wir noch das *jus gladii* ausübten.« + +»O Gott!« unterbrach ihn die Gräfin, »spielt das *jus gladii* eine +Rolle in Ihrer Geschichte?« + +Der Erzähler machte eine Bewegung der höflichen Abwehr und fuhr fort: +»Es war bei einem Erntefest und Mischka einer der Kranzträger, und er +überreichte den seinen schweigend, aber nicht mit gesenkten Augen, sah +vielmehr die hohe Gebieterin ernsthaft und unbefangen an, während ein +Aufseher im Namen der Feldarbeiter die übliche Ansprache +herunterleierte. + +»Meine Großmutter erkundigte sich nach dem Jungen und hörte, er sei ein +Häuslersohn, zwanzig Jahre alt, ziemlich brav, ziemlich fleißig und so +still, daß er als Kind für stumm gegolten hatte, für dummlich galt er +noch jetzt. -- Warum? wollte die Herrin wissen; warum galt er für +dummlich?... Die befragten Dorfweisen senkten die Köpfe, blinzelten +einander verstohlen zu und mehr als: 'So, -- ja eben so', und: -- 'je +nun, wie's schon ist', war aus ihnen nicht herauszubringen. + +»Nun hatte meine Großmutter einen Kammerdiener, eine wahre Perle von +einem Menschen. Wenn er mit einem Vornehmen sprach, verklärte sich sein +Gesicht dergestalt vor Freude, daß er beinahe leuchtete. Den schickte +meine Großmutter andern Tages zu den Eltern Mischkas mit der Botschaft, +ihr Sohn sei vom Feldarbeiter zum Gartenarbeiter avanciert und habe +morgen den neuen Dienst anzutreten. + +»Der eifrigste von allen Dienern flog hin und her und stand bald wieder +vor seiner Gebieterin. 'Nun,' fragte diese -- 'was sagen die Alten?' +Der Kammerdiener schob das rechte, auswärts gedrehte Bein weit vor ...« + +»Waren Sie dabei?« fiel die Gräfin ihrem Gaste ins Wort. + +»Bei dieser Referenz gerade nicht, aber bei späteren des edlen Fritz,« +erwiderte der Graf, ohne sich irre machen zu lassen. »Er schob das Bein +vor, sank aus Ehrfurcht völlig in sich zusammen und meldete, die Alten +schwämmen in Tränen der Dankbarkeit. + +»'Und der Mischka?' + +»'O, der' -- lautete die devote Antwort, und nun rutschte das linke Bein +mit anmutigem Schwunge vor -- 'o der -- der laßt die Hand küssen.' + +»Daß es einer Tracht väterlicher Prügel bedurft hatte, um den Burschen +zu diesem Handkuß im Gedanken zu bewegen, verschwieg Fritz. Die +Darlegung der Gründe, die Mischka hatte, die Arbeit im freien Felde der +im Garten vorzuziehen, würde sich für Damenohren nicht geschickt haben. +-- Genug, Mischka trat die neue Beschäftigung an und versah sie schlecht +und recht. 'Wenn er fleißiger wäre, könnt's nicht schaden,' sagte der +Gärtner. Dieselbe Bemerkung machte meine Großmutter, als sie einmal vom +Balkon aus zusah, wie die Wiese vor dem Schlosse gemäht wurde. Was ihr +noch auffiel, war, daß alle andern Mäher von Zeit zu Zeit einen Schluck +aus einem Fläschchen taten, das sie unter einem Haufen abgelegter +Kleider hervorzogen und wieder darin verbargen. Mischka war der einzige, +der diesen Quell der Labung verschmähend sich aus einem irdenen, im +Schatten des Gebüsches aufgestellten Krüglein erquickte. Meine +Großmutter rief den Kammerdiener. 'Was haben die Mäher in der Flasche?' +fragte sie. -- 'Branntwein, hochgräfliche Gnaden.' -- 'Und was hat Mischka +in dem Krug?' + +»Fritz verdrehte die runden Augen, neigte den Kopf auf die Seite, ganz +wie unser alter Papagei, dem er ähnlich sah wie ein Bruder dem andern, +und antwortete schmelzenden Tones: 'Mein Gott, hochgräfliche Gnaden -- +Wasser!' + +»Meine Großmutter wurde sogleich von einer mitleidigen Regung ergriffen +und befahl, allen Gartenarbeitern nach vollbrachtem Tagewerk Branntwein +zu reichen. 'Dem Mischka auch,' setzte sie noch eigens hinzu. + +»Diese Anordnung erregte Jubel. Daß Mischka keinen Branntwein trinken +wollte, war einer der Gründe, warum man ihn für dummlich hielt. Jetzt +freilich, nachdem die Einladung der Frau Gräfin an ihn ergangen, war's +aus mit Wollen und Nichtwollen. Als er in seiner Einfalt sich zu wehren +versuchte, ward er *mores* gelehrt, zur höchsten Belustigung der Alten +und der Jungen. Einige rissen ihn auf den Boden nieder, ein handfester +Bursche schob ihm einen Keil zwischen die vor Grimm zusammengebissenen +Zähne, ein zweiter setzte ihm das Knie auf die Brust und goß ihm solange +Branntwein ein, bis sein Gesicht so rot und der Ausdruck desselben so +furchtbar wurde, daß die übermütigen Quäler sich selbst davor +entsetzten. Sie gaben ihm etwas Luft, und gleich hatte er sie mit einer +wütenden Anstrengung abgeschüttelt, sprang auf und ballte die Fäuste ... +aber plötzlich sanken seine Arme, er taumelte und fiel zu Boden. Da +fluchte, stöhnte er, suchte mehrmals vergeblich sich aufzuraffen und +schlief endlich auf dem Fleck ein, auf den er hingestürzt war, im Hofe, +vor der Scheune, schlief bis zum nächsten Morgen, und als er erwachte, +weil ihm die aufgehende Sonne auf die Nase schien, kam just der Knecht +vorbei, der ihm gestern den Branntwein eingeschüttet hatte. Der wollte +schon die Flucht ergreifen, nichts andres erwartend, als daß Mischka für +die gestrige Mißhandlung Rache üben werde. Statt dessen reckt sich der +Bursche, sieht den andern traumselig an und lallt: 'Noch einen +Schluck!' + +»Sein Abscheu vor dem Branntwein war überwunden. + +»Bald darauf, an einem Sonntag nachmittag, begab es sich, daß meine +Großmutter auf ihrer Spazierfahrt, von einem hübschen Feldweg gelockt, +ausstieg und bei Gelegenheit dieser Wanderung eine idyllische Szene +belauschte. Sie sah Mischka unter einem Apfelbaum am Feldrain sitzen, +ein Kindlein in seinen Armen. Wie er selbst, hatte auch das Kind den +Kopf voll dunkelbrauner Löckchen, der wohlgebildete kleine Körper +hingegen war von lichtbrauner Farbe und das armselige Hemdchen, das +denselben notdürftig bedeckte, hielt die Mitte zwischen den beiden +Schattierungen. Der kleine Balg krähte förmlich vor Vergnügen, so oft +ihn Mischka in die Höhe schnellte, stieß mit den Füßchen gegen dessen +Brust, und suchte ihm mit dem ausgestreckten Zeigefinger in die Augen zu +fahren. Und Mischka lachte und schien sich mindestens ebensogut zu +unterhalten wie das Bübchen. Dem Treiben der beiden sah ein junges +Mädchen zu, auch ein braunes Ding und so zart und zierlich, als ob ihre +Wiege am Ganges gestanden hätte. Sie trug über dem geflickten kurzen +Rocke eine ebenfalls geflickte Schürze und darin einen kleinen Vorrat +aufgelesener Ähren. Nun brach sie eine derselben vom Stiele, schlich +sich an Mischka heran und ließ ihm die Ähre zwischen der Haut und dem +Hemd ins Genick gleiten. Er schüttelte sich, setzte das Kind auf den +Boden und sprang dem Mädchen nach, das leicht und hurtig und ordentlich +wie im Tanze vor ihm floh; einmal pfeilgerade, dann wieder einen +Garbenschober umkreisend, voll Ängstlichkeit und dabei doch neckend und +immer höchst anmutig. Allerdings ist bei unsren Landleuten eine gewisse +angeborene Grazie nichts Seltenes, aber diese beiden jungen Geschöpfe +gewährten in ihrer harmlosen Lustigkeit ein so angenehmes Schauspiel, +daß meine Großmutter es mit wahrem Wohlgefallen genoß. Einen andern +Eindruck brachte hingegen ihr Erscheinen auf Mischka und das Mädchen +hervor. Wie versteinert standen beide beim Anblick der Gutsherrin. Er, +zuerst gefaßt, neigte sich beinahe bis zur Erde, sie ließ die Schürze +samt den Ähren sinken und verbarg das Gesicht in den Händen. + +»Beim Souper, an dem, wie an jeder Mahlzeit, der Hofstaat, bestehend aus +einigen armen Verwandten und aus den Spitzen der gräflichen Behörden, +teilnahm, sagte meine Großmutter zum Herrn Direktor, der neben ihr saß: +'Die Schwester des Mischka, des neuen Gartenarbeiters, scheint mir ein +nettes, flinkes Mädchen zu sein, und ich wünsche, es möge für die Kleine +ein Posten ausgemittelt werden, an dem sie sich etwas verdienen kann.' +Der Direktor erwiderte: 'Zu Befehl, hochgräfliche Gnaden, sogleich ... +obwohl der Mischka meines Wissens eine Schwester eigentlich gar nicht +hat.' + +»'Ihres Wissens,' versetzte meine Großmutter, 'das ist auch etwas, Ihr +Wissen!... Eine Schwester hat Mischka und ein Brüderchen. Ich habe heute +alle drei auf dem Felde gesehen.' + +»'Hm, hm,' lautete die ehrerbietige Entgegnung, und der Direktor hielt +die Serviette vor den Mund, um den Ton seiner Stimme zu dämpfen, 'es +wird wohl -- ich bitte um Verzeihung des obszönen Ausdrucks, die +Geliebte Mischkas und, mit Respekt zu sagen, ihr Kind gewesen sein.'« + +Der unwilligen Zuhörerin dieser Erzählung wurde es immer schwerer, an +sich zu halten, und sie rief nun: »Sie behaupten, daß Sie nicht dabei +waren, als diese denkwürdigen Reden gewechselt wurden? Woher wissen Sie +denn nicht nur über jedes Wort, sondern auch über jede Miene und Gebärde +zu berichten?« + +»Ich habe die meisten der Beteiligten gekannt, und weiß -- ein bißchen +Maler, ein bißchen Dichter, wie ich nun einmal bin -- weiß aufs Haar +genau, wie sie sich in einer bestimmten Lage benommen und ausgedrückt +haben müssen. Glauben Sie Ihrem treuen Berichterstatter, daß meine +Großmutter nach der Mitteilung, welche der Direktor ihr gemacht, eine +Wallung des Zornes und der Menschenverachtung hatte. Wie gut und +fürsorglich für ihre Untertanen sie war, darüber können Sie nach dem +bisher Gehörten nicht in Zweifel sein. Im Punkte der Moral jedoch +verstand sie nur äußerste Strenge, gegen sich selbst nicht minder als +gegen andre. Sie hatte oft erfahren, daß sie bei Männern und Frauen der +Sittenverderbnis nicht zu steuern vermöge, der Sittenverderbnis bei +halbreifen Geschöpfen jedoch, der mußte ein Zügel angelegt werden +können. -- Meine Großmutter schickte ihren Kammerdiener wieder zu den +Eltern Mischkas. Mit der Liebschaft des Burschen habe es aus zu sein. +Das sei eine Schande für so einen Buben, ließ sie sagen, ein solcher Bub +habe an andre Dinge zu denken. + +»Der Mischka, der zu Hause war, als die Botschaft kam, schämte sich in +seine Haut hinein ...« + +»Es ist doch stark, daß Sie jetzt gar in der Haut Mischkas stecken +wollen!« fuhr die Gräfin höhnisch auf. + +»Bis über die Ohren!« entgegnete der Graf, »bis über die Ohren steck ich +darin! Ich fühle, als wäre ich es selbst, die Bestürzung und Beschämung, +die ihn ergriff. Ich sehe ihn, wie er sich windet in Angst und +Verlegenheit, einen scheuen Blick auf Vater und Mutter wirft, die auch +nicht wissen, wo ein und aus vor Schrecken, ich höre sein jammervoll +klingendes Lachen bei den Worten des Vaters: 'Erbarmen Sie sich, Herr +Kammerdiener! Er wird ein Ende machen, das versteht sich, gleich wird er +ein Ende machen!'« + +»Diese Versicherung genügte dem edlen Fritz, er kehrte ins Schloß zurück +und berichtete, glücklich über die treffliche Erfüllung seiner Mission, +mit den gewohnten Kniebeugungen und dem gewohnten demütigen und +freudestrahlenden Ausdruck in seiner Vogelphysiognomie: 'Er laßt die +Hand küssen, er wird ein Ende machen.'« + +»Lächerlich!« sagte die Gräfin. + +»Höchst lächerlich!« bestätigte der Graf. »Meine gute, vertrauensselige +Großmutter hielt die Sache damit für abgetan, dachte auch nicht weiter +darüber nach. Sie war sehr in Anspruch genommen durch die Vorbereitungen +zu den großen Festen, die alljährlich am zehnten September, ihrem +Geburtstage, im Schlosse gefeiert wurden, und einen Vor- und Nachtrab +von kleinen Festen hatten. Da kam die ganze Nachbarschaft zusammen, und +Dejeuners, auf dem grünen Teppich der Wiesen, Jagden, Pirutschaden, +Soupers bei schönster Waldbeleuchtung, Bälle -- und so weiter folgten +einander in fröhlicher Reihe ... Man muß gestehen, unsre Alten +verstanden Platz einzunehmen und Lärm zu machen in der Welt. Gott weiß, +wie langweilig und öde unser heutiges Leben auf dem Schlosse ihnen +erscheinen müßte.« + +»Sie waren eben große Herren,« entgegnete die Gräfin bitter, »wir sind +auf das Land zurückgezogene Armenväter.« + +»Und -- Armenmütter,« versetzte der Graf mit einer galanten Verneigung, +die von derjenigen, der sie galt, nicht eben gnädig aufgenommen wurde. +Der Graf aber nahm sich das Mißfallen, das er erregt hatte, keineswegs +zu Herzen, sondern spann mit hellem Erzählerbehagen den Faden seiner +Geschichte fort: + +»So groß der Dienertroß im Schlosse auch war, während der Dauer der +Festlichkeiten genügte er doch nicht, und es mußten da immer Leute aus +dem Dorfe zur Aushilfe requiriert werden. Wie es kam, daß sich gerade +dieses Mal auch Mischkas Geliebte unter ihnen befand, weiß ich nicht, +genug, es war der Fall, und die beiden Menschen, die einander hätten +meiden sollen, wurden im Dienste der Gebieterin noch öfter +zusammengeführt, als dies in früheren Tagen bei der gemeinsamen +Feldarbeit geschehen war. Er, mit einem Botengang betraut, lief vom +Garten in die Küche, sie von der Küche in den Garten -- manchmal trafen +sie sich auch unterwegs und verweilten plaudernd ein Viertelstündchen ...« + +»Äußerst interessant!« spottete die Gräfin -- »wenn man doch nur wüßte, +was sie einander gesagt haben.« + +»O, wie Sie schon neugierig geworden sind! -- aber ich verrate Ihnen +nur, was unumgänglich zu meiner Geschichte gehört. -- Eines Morgens +lustwandelte die Schloßfrau mit ihren Gästen im Garten. Zufällig lenkte +die Gesellschaft ihre Schritte nach einem selten betretenen Laubgang und +gewahrte am Ende desselben ein junges Pärchen, das, aus verschiedenen +Richtungen kommend, wie freudig überrascht stehen blieb. Der Bursche, +kein andrer als Mischka, nahm das Mädchen rasch in die Arme und küßte +es, was es sich ruhig gefallen ließ. Ein schallendes Gelächter brach los +-- von den Herren und, ich fürchte, auch von einigen der Damen +ausgestoßen, die der Zufall zu Zeugen dieses kleinen Auftritts gemacht +hatte. Nur meine Großmutter nahm nicht teil an der allgemeinen +Heiterkeit. Mischka und seine Geliebte stoben natürlich davon. Der +Bursche -- man hat es mir erzählt« -- kam der Graf scherzend einer +voraussichtlichen Einwendung der Gräfin entgegen, »glaubte in dem +Augenblick sein armes Mädchen zu hassen. Am selben Abend jedoch +überzeugte er sich des Gegenteils, als er nämlich erfuhr, die Kleine +werde mit ihrem Kinde nach einer andern Herrschaft der Frau Gräfin +geschickt; zwei Tagereisen weit für einen Mann, für eine Frau, die noch +dazu ein anderthalb Jahre altes Kind mitschleppen mußte, wohl noch +einmal so viel. -- Mehr als: 'Herrgott! Herrgott! o du lieber Herrgott!' +sprach Mischka nicht, gebärdete sich wie ein Träumender, begriff nicht, +was man von ihm wolle, als es hieß an die Arbeit gehen -- warf plötzlich +den Rechen, den ein Gehilfe ihm samt einem erweckenden Rippenstoß +verabfolgte, auf den Boden, und rannte ins Dorf, nach dem Hüttchen, in +dem seine Geliebte bei ihrer kranken Mutter wohnte, das heißt, gewohnt +hatte, denn nun war es damit vorbei. Die Kleine stand reisefertig am +Lager der völlig gelähmten Alten, die ihr nicht einmal zum Abschiedsegen +die Hand aufs Haupt legen konnte, und die bitterlich weinte. 'Hört jetzt +auf zu weinen,' sprach die Tochter, 'hört auf, liebe Mutter. Wer soll euch +denn die Tränen abwischen, wenn ich einmal fort bin?' + +»Sie trocknete die Wangen ihrer Mutter und dann auch ihre eigenen mit +der Schürze, nahm ihr Kind an die Hand und das Bündel mit ihren wenigen +Habseligkeiten auf den Rücken und ging ihres Weges an Mischka vorbei, +und wagte nicht einmal, ihn anzusehen. Er aber folgte ihr von weitem, +und als der Knecht, der dafür zu sorgen hatte, daß sie ihre Wanderung +auch richtig antrete, sie auf der Straße hinter dem Dorfe verließ, war +Mischka bald an ihrer Seite, nahm ihr das Bündel ab, hob das Kind auf +den Arm und schritt so neben ihr her. + +»Die Feldarbeiter, die in der Nähe waren, wunderten sich: -- 'Was tut er +denn, der Tropf?... Geht er mit? Glaubt er, weil er so dumm ist, daß er +nur so mitgehen kann?' + +»Bald nachher kam keuchend und schreiend der Vater Mischkas gerannt: 'O, +ihr lieben Heiligen! Heilige Mutter Gottes! hab ich mir's doch gedacht +-- seiner Dirne läuft er nach, bringt uns noch alle ins Unglück ... +Mischka! Sohn -- mein Junge!... Nichtsnutz! Teufelsbrut!' -- jammerte +und fluchte er abwechselnd. + +»Als Mischka die Stimme seines Vaters hörte und ihn mit drohend +geschwungenem Stocke immer näher herankommen sah, ergriff er die +Flucht, zur größten Freude des Knäbleins, das 'Hott! hott!' jauchzte. +Bald jedoch besann er sich, daß er seine Gefährtin, die ihm nicht so +rasch folgen konnte, im Stich gelassen, wandte sich und lief zu ihr +zurück. Sie war bereits von seinem Vater erreicht und zu Boden +geschlagen worden. Wie wahnsinnig raste der Zornige, schlug drein mit +den Füßen und mit dem Stocke, und ließ seinen ganzen Grimm über den Sohn +an dem wehrlosen Geschöpfe aus. + +»Mischka warf sich dem Vater entgegen, und ein furchtbares Ringen +zwischen den beiden begann, das mit der völligen Niederlage des +Schwächeren, des Jüngeren, endete. Windelweich geprügelt, aus einer +Stirnwunde blutend, gab er den Kampf und den Widerstand auf. Der Häusler +faßte ihn am Hemdkragen und zerrte ihn mit sich; der armen kleinen Frau +aber, die sich inzwischen mühsam aufgerafft hatte, rief er zu: 'Mach +fort!' + +»Sie gehorchte lautlos, und selbst die Arbeiter auf dem Felde, stumpfes, +gleichgültiges Volk, fühlten Mitleid und sahen ihr lange nach, wie sie +so dahinwankte mit ihrem Kinde, so hilfsbedürftig und so völlig +verlassen. + +»In der Nähe des Schlosses trafen Mischka und sein Vater den Gärtner, +den der Häusler sogleich als 'gnädiger Herr' ansprach und flehentlich +ersuchte, nur eine Stunde Geduld zu haben mit seinem Sohne. In einer +Stunde werde Mischka gewiß wieder bei der Arbeit sein; jetzt müsse er +nur geschwind heimgehen und sich waschen und sein Hemd auch. Der Gärtner +fragte: 'Was ist ihm denn? er ist ja ganz blutig.' -- 'Nichts ist ihm,' +lautete die Antwort, 'er ist nur von der Leiter gefallen.' + +»Mischka hielt das Wort, das sein Vater für ihn gegeben, und war eine +Stunde später richtig wieder bei der Arbeit. Am Abend aber ging er ins +Wirtshaus und trank sich einen Rausch an, den ersten freiwilligen, war +überhaupt seit dem Tage wie verwandelt. Mit dem Vater, der ihn gern +versöhnt hätte, denn Mischka war, seitdem er im Schloßgarten +Beschäftigung gefunden, ein Kapital geworden, das Zinsen trug, sprach er +kein Wort, und von dem Gelde, das er verdiente, brachte er keinen +Kreuzer nach Hause. Es wurde teils für Branntwein verausgabt, teils für +Unterstützungen, die Mischka der Mutter seiner Geliebten angedeihen ließ +-- und diese zweite Verwendung des von dem Burschen Erworbenen erschien +dem Häusler als der ärgste Frevel, den sein Sohn an ihm begehen konnte. +Daß der arme Teufel, der arme Eltern hatte, etwas wegschenkte, an eine +Fremde wegschenkte, der Gedanke wurde der Alp des Alten, sein nagender +Wurm. Je wütender der Vater sich gebärdete, desto verstockter zeigte +sich der Sohn. Er kam zuletzt gar nicht mehr nach Hause, oder höchstens +einmal im geheimen, wenn er den Vater auswärts mußte, um die Mutter zu +sehen, an der ihm das Herz hing. Diese Mutter ...« der Graf machte eine +Pause -- »Sie, liebe Freundin, kennen sie, wie ich sie kenne.« + +»Ich soll sie kennen?... Sie lebt noch?« fragte die Gräfin ungläubig. + +»Sie lebt; nicht im Urbilde zwar, aber in vielfachen Abbildern. Das +kleine, schwächliche, immer bebende Weiblein mit dem sanften, vor der +Zeit gealterten Gesicht, mit den Bewegungen des verprügelten Hundes, das +untertänigst in sich zusammensinkt und zu lächeln versucht, wenn eine so +hohe Dame, wie Sie sind, oder ein so guter Herr, wie ich bin, ihm einmal +zuruft: 'Wie geht's?' und in demütigster Freundlichkeit antwortet: +'Vergelt's Gott -- wie's eben kann.' -- Gut genug für unsereins, ist +seine Meinung, für ein Lasttier in Menschengestalt. Was dürfte man +anders verlangen, und wenn man's verlangte, wer gäbe es einem? -- Du +nicht, hohe Frau, und du nicht, guter Herr ...« + +»Weiter, weiter!« sprach die Gräfin. »Sind Sie bald zu Ende?« + +»Bald. -- Der Vater Mischkas kam einst zu ungewohnter Stunde nach der +Hütte und fand da seinen Jungen. 'Zur Mutter also kann er kommen, zu mir +nicht,' schrie er, schimpfte beide Verräter und Verschwörer und begann +Mischka zu mißhandeln, was sich der gefallen ließ. Als der Häusler sich +jedoch anschickte, auch sein Weib zu züchtigen, fiel der Bursche ihm in +den Arm. Merkwürdig genug, warum just damals? Wenn man ihn gefragt +hätte, wie oft er den Vater die Mutter schlagen sah, hätte er sagen +müssen: 'Soviel Jahre, als ich ihrer gedenke, mit dreihundertfünfundsechzig +multipliziert, das gibt die Zahl.' -- Und die ganze Zeit hindurch hatte +er dazu geschwiegen, und heute loderte beim längst gewohnten Anblick +plötzlich ein unbezwinglicher Zorn in ihm empor. Zum zweiten Male nahm +er gegen den Vater Partei für das schwächere Geschlecht, und dieses Mal +blieb er Sieger. Er scheint aber mehr Entsetzen als Freude über seinen +Triumph empfunden zu haben. Mit einem heftigen Aufschluchzen rief er dem +Vater, der nun klein beigeben wollte, rief er der weinenden Mutter zu: +'Lebt wohl, mich seht ihr nie wieder!' und stürmte davon. Vierzehn Tage +lang hofften die Eltern umsonst auf seine Rückkehr, er war und blieb +verschwunden. Bis ins Schloß gelangte die Kunde seiner Flucht; meiner +Großmutter wurde angezeigt, Mischka habe seinen Vater halbtot geschlagen +und sich dann davon gemacht. Nun aber war es nach der Verletzung des +sechsten Gebotes diejenige des vierten, die von meiner Großmutter am +schärfsten verdammt wurde; gegen schlechte und undankbare Kinder kannte +sie keine Nachsicht ... Sie befahl, auf den Mischka zu fahnden, sie +befahl, seiner habhaft zu werden und ihn heimzubringen zu exemplarischer +Bestrafung. + +»Ein paarmal war die Sonne auf- und untergegangen, da stand eines +Morgens Herr Fritz an der Gartenpforte und blickte auf die Landstraße +hinaus. Lau und leise wehte der Wind über die Stoppelfelder, die +Atmosphäre war voll feinen Staubes, den die Allverklärerin Sonne +durchleuchtete und goldig schimmern ließ. Ihre Strahlen bildeten in dem +beweglichen Element reizende kleine Milchstraßen, in denen Milliarden +von winzigen Sternchen aufblitzten. Und nun kam durch das flimmernde, +tanzende Atomengewimmel eine schwere, graue Wolkensäule, bewegte sich +immer näher und rollte endlich so nahe an der Pforte vorbei, daß Fritz +deutlich unterscheiden konnte, wen sie umhüllte. Zwei Heiducken waren es +und Mischka. Er sah aus blaß und hohläugig wie der Tod und wankte beim +Gehen. In den Armen trug er sein Kind, das die Händchen um seinen Hals +geschlungen, den Kopf auf seine Schulter gelegt hatte und schlief. Fritz +öffnete das Tor, schloß sich der kleinen Karawane an, holte rasch einige +Erkundigungen ein und schwebte dann, ein Papagei im Taubenfluge, ins +Haus, über die Treppe, in den Saal hinein, in dem meine Großmutter eben +die sonnabendliche Ratsversammlung hielt. Der Kammerdiener, von dem +Glücksgefühl getragen, das Bedientenseelen beim Überbringen einer +neuesten Nachricht zu empfinden pflegen, rundete ausdrucksvoll seine +Arme und sprach, vor Wonne fast platzend: 'Der Mischka laßt die Hand +küssen. Er ist wieder da.' + +»'Wo war er?' fragte meine Großmutter. + +»'Mein Gott, hochgräfliche Gnaden' -- lispelte Fritz, schlug mehrmals +schnell nacheinander mit der Zunge an den Gaumen und blickte die +Gebieterin so zärtlich an, als die tiefste, unterwürfigste Knechtschaft +es ihm nur irgend erlaubte. 'Wo wird er gewesen sein ... Bei seiner +Geliebten. Ja,' bestätigte er, während die Herrin, empört über diesen +frechen Ungehorsam, die Stirn runzelte, 'ja, und gewehrt hat er sich +gegen die Heiducken, und dem Janko hat er, ja, beinahe ein Auge +ausgeschlagen.' + +»Meine Großmutter fuhr auf: 'Ich hätte wirklich Lust, ihn henken zu +lassen.' + +»Alle Beamten verneigten sich stumm; nur der Oberförster warf nach +einigem Zagen die Behauptung hin: 'Hochgräfliche Gnaden werden es aber +nicht tun.' + +»'Woher weiß er das?' fragte meine Großmutter mit der strengen +Herrschermiene, die so vortrefflich wiedergegeben ist auf ihrem Bilde +und die mich gruseln macht, wenn ich im Ahnensaal an ihm vorübergehe. +'Daß ich mein Recht über Leben und Tod noch nie ausgeübt habe, bürgt +nicht dafür, daß ich es nie ausüben werde.' + +»Wieder verneigten sich alle Beamten, wieder trat Schweigen ein, das der +Inspektor unterbrach, indem er die Entscheidung der Gebieterin in einer +wichtigen Angelegenheit erbat. Erst nach beendigter Konferenz erkundigte +er sich, gleichsam privatim, nach der hohen Verfügung betreffs Mischkas. + +»Und nun beging meine Großmutter jene Übereilung, von der ich im Anfang +sprach. + +»'Fünfzig Stockprügel,' lautete ihr rasch gefällter Urteilsspruch; +'gleich heute, es ist ohnehin Samstag.' + +»Der Samstag war nämlich zu jener Zeit, deren Sie,« diesem Worte gab der +Graf eine besondere, sehr schalkhafte Betonung -- »sich unmöglich +besinnen können, der Tag der Exekutionen. Da wurde die Bank vor das +Amtshaus gestellt ...« + +»Weiter, weiter!« sagte die Gräfin, »halten Sie sich nicht auf mit +unnötigen Details.« + +»Zur Sache denn! -- An demselben Samstag sollten die letzten Gäste +abreisen, es herrschte große Bewegung im Schlosse; meine Großmutter, mit +den Vorbereitungen zu einer Abschiedsüberraschung, die sie den +Scheidenden bereiten ließ, beschäftigt, kam spät dazu, Toilette zum +Diner zu machen, und trieb ihre Kammerzofen zur Eile an. In diesem +allerungünstigsten Momente ließ der Doktor sich anmelden. Er war unter +allen Dignitären der Herrin derjenige, der am wenigsten in Gnaden bei +ihr stand, verdiente es auch nicht besser, denn einen langweiligeren, +schwerfälligeren Pedanten hat es nie gegeben. + +»Meine Großmutter befahl, ihn abzuweisen, er aber kehrte sich nicht +daran, sondern schickte ein zweites Mal und ließ die hochgeborene Frau +Gräfin untertänigst um Gehör bitten, er hätte nur ein paar Worte über +den Mischka zu sprechen. + +»'Was will man denn noch mit dem?' rief die Gebieterin; 'gebt mir Ruhe, +ich habe andre Sorgen.' + +»Der zudringliche Arzt entfernte sich murrend. + +»Die Sorgen aber, von denen meine Großmutter gesprochen hatte, waren +nicht etwa frivole, sondern solche, die zu den peinvollsten gehören -- +Sorgen, für die Ihnen, liebe Freundin, allerdings das Verständnis und +infolgedessen auch das Mitleid fehlt -- Poetensorgen.« + +»O mein Gott!« sagte die Gräfin unbeschreiblich wegwerfend, und der +Erzähler entgegnete: + +»Verachten Sie's, soviel Sie wollen, meine Großmutter besaß poetisches +Talent, und es manifestierte sich deutlich in dem Schäferspiel »*Les +adieux de Chloë*«, das sie gedichtet und den Darstellern selbst +einstudiert hatte. Das Stückchen sollte nach der Tafel, die man im +Freien abhielt, aufgeführt werden, und der Dichterin, obwohl sie ihres +Erfolges ziemlich sicher war, bemächtigte sich, je näher der +entscheidende Augenblick kam, eine desto weniger angenehme Unruhe. Beim +Dessert, nach einem feierlichen, auf die Frau des Hauses ausgebrachten +Toast, gab jene ein Zeichen. Die mit Laub überflochtenen Wände, welche +den Einblick in ein aus beschnittenen Buchenhecken gebildetes Halbrund +verdeckt hatten, rollten auseinander, und eine improvisierte Bühne wurde +sichtbar. Man erblickte die Wohnung der Hirtin Chloë, die mit +Rosenblättern bestreute Moosbank, auf der sie schlief, den mit Tragant +überzogenen Hausaltar, an dem sie betete, und den mit einem rosafarbigen +Band umwundenen Rocken, an dem sie die schneeig weiße Wolle ihrer +Lämmchen spann. Als idyllische Schäferin besaß Chloë das Geheimnis +dieser Kunst. Nun trat sie selbst aus einem Taxusgange, und hinter ihr +schritt ihr Gefolge, darunter ihr Liebling, der Schäfer Myrtill. Alle +trugen Blumen, und in vortrefflichen Alexandrinern teilte nun die zarte +Chloë dem aufmerksam lauschenden Publikum mit, dies seien die Blumen der +Erinnerung, gepflückt auf dem Felde der Treue, und bestimmt, dargebracht +zu werden auf dem Altar der Freundschaft. Gleich nach dieser Eröffnung +brach ungemessener Jubel im Auditorium los und steigerte sich von Vers +zu Vers. Einige Damen, die Racine kannten, erklärten, er könne sich vor +meiner Großmutter verstecken, und einige Herren, die ihn nicht kannten, +bestätigten es. Sie aber konnte über die Echtheit des Enthusiasmus, den +ihre Dichtung erweckte, nicht in Zweifel sein. Die Ovationen dauerten +noch fort, als die Herrschaften schon ihre Wagen oder ihre Pferde +bestiegen hatten und teils in stattlichen Equipagen, teils in leichten +Fuhrwerken, teils auf flinken Rossen aus dem Hoftor rollten oder +sprengten. + +»Die Herrin stand unter dem Portal des Schlosses und winkte den +Scheidenden grüßend und für ihre Hochrufe dankend zu. Sie war so +friedlich und fröhlich gestimmt, wie dies einem Selbstherrscher, auch +des kleinsten Reiches, selten zuteil wird. Da -- eben im Begriff, sich +ins Haus zurückzuwenden, gewahrte sie ein altes Weiblein, das in +respektvoller Entfernung vor den Stufen des Portals kniete. Es hatte den +günstigen Augenblick wahrgenommen und sich durch das offenstehende Tor +im Gewirr und Gedränge unbemerkt hereingeschlichen. Jetzt erst wurde es +von einigen Lakaien erblickt. Sogleich rannten sie, Herrn Fritz an der +Spitze, auf das Weiblein zu, um es gröblich hinwegzuschaffen. Zum +allgemeinen Erstaunen jedoch winkte meine Großmutter die dienstfertige +Meute ab und befahl zu fragen, wer die Alte sei und was sie wolle. Im +nämlichen Moment räusperte sich's hinter der Gebieterin und nießte, und, +den breitkrempigen Hut in der einen Hand und mit der andern die +Tabaksdose im Busen verbergend, trat der Herr Doktor bedächtig heran. +'Es ist, hm, hm, hochgräfliche Gnaden werden entschuldigen,' sprach er, +'es ist die Mutter des Mischka.' + +»'Schon wieder Mischka, hat das noch immer kein Ende mit dem Mischka?... +Und was will die Alte!'« + +»'Was wird sie wollen, hochgräfliche Gnaden? Bitten wird sie für ihn +wollen, nichts andres.' + +»'Was denn bitten? Da gibt's nichts zu bitten.' + +»'Freilich nicht, ich habe es ihr ohnehin gesagt, aber was nutzt's? Sie +will doch bitten, hm, hm.' + +»'Ganz umsonst, sagen Sie ihr das. Soll ich nicht mehr aus dem Hause +treten können, ohne zu sehen, wie die Gartenarbeiter ihre Geliebten +embrassieren?' + +»Der Doktor räusperte sich, und meine Großmutter fuhr fort: 'Auch hat er +seinen Vater halbtot geschlagen.' + +»'Hm, hm, er hat ihm eigentlich nichts getan, auch nichts tun _wollen_, +nur abhalten, die Mutter nicht _ganz_ totzuschlagen.' + +»'So?' + +»'Ja, hochgräfliche Gnaden. Der Vater, hochgräfliche Gnaden, ist ein +Mistvieh, hat einen Zahn auf den Mischka, weil der der Mutter seiner +Geliebten manchmal ein paar Kreuzer zukommen läßt.' + +»'Wem?' + +»'Der Mutter seiner Geliebten, hochgräfliche Gnaden, ein +erwerbsunfähiges Weib, dem sozusagen die Quellen der Subsistenzmittel +abgeschnitten worden sind ... dadurch, daß man die Tochter fortgeschickt +hat.' + +»'Schon gut, schon gut!... Mit den häuslichen Angelegenheiten der Leute +verschonen Sie mich, Doktor, da mische ich mich nicht hinein.' + +»Der Doktor schob mit einer breiten Gebärde den Hut unter den Arm, zog +das Taschentuch und schneuzte sich diskret. 'So werde ich also der Alten +sagen, daß es nichts ist.' Er machte, was die Franzosen *une fausse +sortie* nennen, und setzte hinzu: 'Freilich, hochgräfliche Gnaden, wenn +es nur wegen des Vaters wäre ...' + +»'Nicht bloß wegen des Vaters, er hat auch dem Janko ein Auge +ausgeschlagen.' + +»Der Doktor nahm eine wichtige Miene an, zog die Augenbrauen so hoch in +die Höhe, daß seine dicke Stirnhaut förmliche Wülste bildete, und +sprach: 'Was dieses Auge betrifft, das sitzt fest und wird dem Janko +noch gute Dienste leisten, sobald die Sugillation, die sich durch den +erhaltenen Faustschlag gebildet hat, aufgesaugt sein wird. Hätte mich +auch gewundert, wenn der Mischka imstande gewesen wäre, einen kräftigen +Hieb zu führen nach der Behandlung, die er von den Heiducken erfahren +hat. Die Heiducken, hochgräfliche Gnaden, haben ihn übel zugerichtet.' + +»'Seine Schuld; warum wollte er ihnen nicht gutwillig folgen.' + +»'Freilich, freilich, warum wollte er nicht? Vermutlich, weil sie ihn +vom Sterbebette seiner Geliebten abgeholt haben -- da hat er sich schwer +getrennt ... Das Mädchen, hm, hm, war in andern Umständen, soll vom +Vater des Mischka sehr geprügelt worden sein, bevor sie die Wanderung +angetreten hat. Und dann -- die Wanderung, die weit ist, und die Person, +hm, hm, die immer schwach gewesen ist ... kein Wunder, wenn sie am Ziele +zusammengebrochen ist.' + +»Meine Großmutter vernahm jedes Wort dieser abgebrochenen Sätze, wenn +sie sich auch den Anschein zu geben suchte, daß sie ihnen nur eine +oberflächliche Aufmerksamkeit schenkte. 'Eine merkwürdige Verkettung von +Fatalitäten,' sprach sie, 'vielleicht eine Strafe des Himmels.' + +»'Wohl, wohl,' nickte der Doktor, dessen Gesicht zwar immer seinen +gleichmütigen Ausdruck behielt, sich aber allmählich purpurrot gefärbt +hatte. 'Wohl, wohl, des Himmels, und wenn der Himmel sich bereits +dreingelegt hat, dürfen hochgräfliche Gnaden ihm vielleicht auch das +Weitere in der Sache überlassen ... ich meine nur so!' schaltete er, +seine vorlaute Schlußfolgerung entschuldigend, ein -- 'und dieser +Bettlerin', er deutete nachlässig auf die Mutter Mischkas, 'huldvollst +ihre flehentliche Bitte erfüllen.' + +»Die kniende Alte hatte dem Gespräch zu folgen gesucht, sich aber mit +keinem Laut daran beteiligt. Ihre Zähne schlugen vor Angst aneinander, +und sie sank immer tiefer in sich zusammen. + +»'Was will sie denn eigentlich?' fragte meine Großmutter. + +»'Um acht Tage Aufschub, hochgräfliche Gnaden, der ihrem Sohne +diktierten Strafe, untersteht sie sich zu bitten, und ich, hochgräfliche +Gnaden, unterstütze das Gesuch, durch dessen Genehmigung der +Gerechtigkeit besser Genüge geschähe, als heute der Fall sein kann.' + +»'Warum?' + +»'Weil der Delinquent in seinem gegenwärtigen Zustande den Vollzug der +ganzen Strafe schwerlich aushalten würde.' + +»Meine Großmutter machte eine unwillige Bewegung und begann langsam die +Stufen des Portals niederzusteigen. Fritz sprang hinzu und wollte sie +dabei unterstützen. Sie aber winkte ihn hinweg: 'Geh aufs Amt,' befahl +sie, 'Mischka ist begnadigt.' + +»'Ah!' stieß der treue Knecht bewundernd hervor und enteilte, während +der Doktor bedächtig die Uhr aus der Tasche zog und leise vor sich +hinbrummte: 'Hm, hm, es wird noch Zeit sein, die Exekution dürfte eben +begonnen haben.' + +»Das Wort 'begnadigt' war von der Alten verstanden worden; ein Gewinsel +der Rührung, des Entzückens drang von ihren Lippen, sie fiel nieder und +drückte, als die Herrin näher trat, das Gesicht auf die Erde, als ob sie +sich vor so viel Größe und Hoheit dem Boden förmlich gleichzumachen +suche. + +»Der Blick meiner Großmutter glitt mit einer gewissen Scheu über dieses +Bild verkörperter Demut: 'Steh auf', sagte sie und -- zuckte zusammen +und horchte ... und alle Anwesenden horchten erschaudernd, die einen +starr, die andern mit dem albernen Lachen des Entsetzens. Aus der Gegend +des Amtshauses hatten die Lüfte einen gräßlichen Schrei herübergetragen. +Er schien ein Echo geweckt zu haben in der Brust des alten Weibleins, +denn es erhob stöhnend den Kopf und murmelte ein Gebet ... + +»'Nun?' fragte einige Minuten später meine Großmutter den atemlos +herbeistürzenden Fritz: 'Hast du's bestellt?' + +»'Zu dienen,' antwortete Fritz und brachte es diesmal statt zu seinem +süßen Lächeln nur zu einem kläglichen Grinsen: 'Er laßt die Hand küssen, +er ist schon tot.'« -- + +»Fürchterlich!« rief die Gräfin aus, »und das nennen Sie eine friedliche +Geschichte?« + +»Verzeihen Sie die Kriegslist, Sie hätten mich ja sonst nicht angehört,« +erwiderte der Graf. »Aber vielleicht begreifen Sie jetzt, warum ich den +sanftmütigen Nachkommen Mischkas nicht aus dem Dienst jage, obwohl er +meine Interessen eigentlich recht nachlässig vertritt.« + + + + + Fräulein Susannens Weihnachtsabend. + + +Fräulein Susette, oder wie sie sich lieber nennt, Susanne, spazierte am +Weihnachtsabend munter in ihrem Zimmer hin und her. Sie hatte viele +Leute beschenkt, versetzte sich nun im Geiste zu dem und jenem der +angenehm Überraschten und befand sich da sehr behaglich. Ihre zu +kleinen, aber flinken und geschickten Hände schlugen gleichsam den Takt +zu der Freudenmusik in ihrem Innern, indem sie die beinernen Nadeln der +Strickerei rasch und lieblich klappern ließen. + +Andern Vergnügen machen ist ein Vergnügen für jeden natürlich gearteten +Menschen, dachte sie, für mich aber, die so spät dazu kam, ein +berauschendes Glück. -- Wenn einem die Eltern mißraten sind, wenn man +ein langes Dasein der freudlosen Pflichterfüllung, der Unterwürfigkeit +und Entbehrung hinter sich hat, und erwacht eines Morgens selbständig, +frei, wohlhabend, gar nicht mehr jung, aber mit einem ungehobenen Schatz +an Heiterkeit im Herzen, das ist zum Übermütigwerden, und Susanne wurde +übermütig und machte ausschweifenden Gebrauch von ihrer Unabhängigkeit +und von ihrem Reichtum. + +Sie hatte viele Jahre mit ihrer begüterten, aber vom Geizteufel +besessenen Großmutter in einer armen Leuten abgemieteten Dachkammer +gelebt. Wie gelebt! Als geduldige und mißhandelte Magd. Dennoch vergoß +sie am Sterbebette ihrer Tyrannin ehrliche Tränen. + +Nach dem Tode der alten Frau befand sich Susanne, deren einziges +Enkelkind, an der Spitze eines nach ihren Begriffen großen Vermögens. +Die Erbin bezog nun eine hübsche, aus drei Zimmern und einer Küche +bestehende Wohnung im vierten Stock eines stattlichen Hauses in der +Göttweihergasse. Sie nahm ein Dienstmädchen auf, ging oft spazieren und +stieg, wenn sie müde wurde, in einen Stellwagen, ohne weiteres -- wie +eine Prinzessin. + +Der Luxus jedoch, den sie am maßlosesten betrieb, war der +Verschenkluxus; ihm ergab sie sich immer, besonders aber um die +gesegnete Weihnachtszeit, und ein solcher Christabend, an dem Susanne +auf und ab pendelte in ihrer guten Stube -- sorgfältig vermeidend, den +Rand des kleinen, unter dem Tische liegenden Teppichs zu betreten, um +ihn nicht abzunützen -- und an alle die Menschen dachte, denen sie eine +Freude bereitet hatte -- ein solcher Christabend ... Niemand vermag +seine stillen Entzückungen zu schildern. Das Fräulein wußte nur eins: +sich die Hochgefühle, von denen sie jetzt beseelt wird, in Permanenz +versetzt denken, und sie hat eine Vorstellung dessen, was himmlische +Seligkeit ist. + +Auf einmal blieb Susanne stehen und horchte. Durch die Wand, aus der +Wohnung nebenan, war das Gekreische jubelnder Stimmen zu ihr gedrungen. +Haha, die Kunzelkinder! Nur zu! Dieser Jubel macht dem Fräulein kein +geringes Vergnügen, denn sie ist dessen Urheberin. Sie hat den +Christbaum gekauft und geschmückt, der jetzt so begeistert akklamiert +wird. Ohne sie hätten die Nachbarn einen traurigen Weihnachtsabend +gehabt. Sie war kürzlich dem Haupte der Familie, dem Herrn +Kürschnermeister Kunzel, und seinem ältesten Sprößling, dem +siebenjährigen Toni, auf der Treppe begegnet und hatte zu dem Kinde +gesagt: »Nun, Toni, freust du dich auf den Christbaum?« worauf der Junge +seine kleinen, tiefliegenden Augen gesenkt, die Unterlippe vorgeschoben +und etwas Unverständliches gemurmelt, der Kürschnermeister jedoch mit +einer weit ausholenden Schwenkung des Hutes und ehrfürchtiger Verbeugung +geantwortet hatte: »Ach nein, gnädigstes Fräulein, heuer hält sich das +Christkinderl bei uns nicht auf ... Es wird ... es hat ...« Er stockte, +fuhr langsam mit seiner breiten Hand über den Kopf und das Gesicht und +setzte verlegen hinzu: »Es muß sparen ... auf eine neue Wiege -- mit +Zubehör ... die alte tut's durchaus nicht mehr ...« + +»Mein Gott, das sechste, und ich habe schon das vierte und das fünfte +aus der Taufe gehoben!« sagte Susanne zu sich selbst, und zu Herrn +Kunzel sagte sie nichts, sondern ging stumm und unaufhaltsam ihrer Wege, +was sie später sehr bereute. Wenn man auch keineswegs gesonnen ist, bei +Nummer sechs Taufpatenstelle zu vertreten, läuft man doch nicht mit +unanständiger Eile davon, weil einem dessen bevorstehende Ankunft +angezeigt wird. + +Das Schlimme, ja das Abscheuliche dabei ist, daß Susanne um die Gunst, +welche sie eben in Gedanken verweigerte -- nie gebeten worden ist, +dieselbe vielmehr selbst angeboten und sogar nach der Geburt von Nummer +fünf aufgedrungen, als sie gehört hatte: die Kürschnersleute finden +keine Taufpatin für ihre Jüngste. + +Wie überrascht waren jene gewesen, da Susanne im Augenblick der größten +Verlegenheit als rettender Engel erschien, aber auch wie ehrlich +beschämt! Der Mann ganz rot, und die Frau ganz blaß, hatten zuerst an +das großmütige Anerbieten kaum glauben können. Sie hatten einander +bestürzt angesehen und gemurmelt: »Nein, Mutter ... das wäre zu viel.« +-- »Nein, Vater, das gibt's nicht ...« + +Und einmal wieder hatte Susanne was »zu viel« ist und »was es nicht +gibt« getan und einmal wieder in den auserlesensten Hochgefühlen +geschwelgt und sich in eine neue Gelegenheit zu fortwährenden Opfern +hineingestürzt mit Mutius Scävolaischer Begeisterung. + +Das der wirkliche Sachverhalt, bei dem sich die Noblesse des braven +Ehepaares so deutlich geoffenbart, und aus dem Susanne so wenig gelernt +hatte, daß sie entfloh wie vor einer Gefahr, vor der Aussicht auf ein +neues Kunzelchen. + +Welche Abgründe im Menschenherzen, sogar in einem ganz passablen! klagte +sie. Stille, schwarze Wässerchen, verborgene Miserabilitätsadern in +einem scheinbar leidlich gesunden Organismus. + +Susanne hatte viel gelitten durch die Erinnerung an ihr schnödes +Benehmen gegen Herrn Kunzel, und das Gejauchze seiner Kinder, das sie +jetzt vernahm, wirkte unsagbar heilend auf ihre Seelenwunde. Gar lebhaft +und innig regte sich in dem Fräulein der Wunsch, ein bißchen +hinüberzugehen zu den guten Leutchen, um persönlich an ihrer Freude +teilzunehmen. + +Aber der Respekt der Einsamen vor der Familie, die man an einem Tage, +wie der heutige, in ihrem friedlichen Beisammensein nicht stören darf, +hielt sie davon ab, und so fuhr sie fort, ihre Besuche vergnügt in +Gedanken abzustatten. + +Sie flog in die Brigittenau zu ihrer Wäscherin und von da zu dem +Buchbinder Hasse in Lerchenfeld, und von Lerchenfeld in die Kumpfgasse +zur alten Blumenresel, zu lauter wackeren, schwer ringenden Menschen, +die heute aufatmen -- Susanne hat sie von ihren drückenden Sorgen +befreit. Von der Kumpfgasse begibt sich das Fräulein nach der Freiung, +sie tut es ein wenig zögernd. + +Ach -- es kann nicht anders sein!... Wenn sie von Leuten kommt, die sich +eine Ehre aus ihr machen -- jetzt naht sie einer Wohnung, die auch nur +im Geiste zu betreten eitel Ehre für sie ist, denn in dieser Wohnung +residiert ihr Vetter Joseph, der kaiserlich königliche Hofrat. Ein +Pracht- und Mustermensch, der Vetter Hofrat, angebetet von seinen +Untergebenen, hochgeschätzt von seinen Vorgesetzten, ein Beamter mit +großer Zukunft. Und was für ein Ehemann! Die Ritterlichkeit, die Liebe +selbst. -- Verehrter Joseph!... Ja, was für ein Ehemann! Was für ein +Vater, und -- Susanne darf sagen -- was für ein Vetter! + +Musterhaft schon von jeher, hatte Joseph aus reinem Pflichtgefühl die +Großtante manchmal in ihrer Dachkammer besucht und auf Susanne einen +Eindruck gemacht, dessen Tiefe sie erst ermaß, als sie hörte: der Vetter +heiratet ein schönes, sehr reiches Fräulein. + +Sie erschrak tödlich über diese Nachricht und dann über ihr +Erschrecken. Hatte sie denn auf ihn gehofft, den Hohen, Einzigen? -- +Niemals! Mit Seelenstärke überwand sie ihren unberechtigten Schmerz; sie +begeisterte sich sogar für die Frau ihres Vetters und fuhr fort, ihn zu +bewundern. Seine glänzende Heirat machte ihn nicht hochmütig, er blieb +immer gleich huldvoll gegen die arme Susanne. + +In ihren schwersten Tagen -- nie wird sie es ihm vergessen --, wenn sie +ihn auf der Straße traf und wegen ihres in der Auflösung begriffenen +Fähnchens und ihres ärmlichen alten Umhängetuches vor Beschämung am +liebsten zu einem Schatten auf dem Trottoir zerflossen wäre -- hatte er +sie nie verleugnet. Im Gegenteil, sie immer herablassend gegrüßt mit +zwei Fingern der schwedisch behandschuhten Rechten, die er eigens zu +diesem Behufe, sogar im Winter, aus der Tasche des kostbaren, +ehrfurchtgebietenden Paletots gezogen; manchmal auch: »Gu'n Morgen, +Sette,« dazu gesagt ... + +»Gu'n Morgen, Sette!« ... Wie lange, wie süß hatte es immer in ihr +nachgehallt und sie mit einem Klange umschmeichelt, für den sie nur +_eine_ richtige Bezeichnung fand -- einem balsamischen Klange. + +Jetzt, zu Geld und Gut gekommen, zeigte Susanne sich dankbar, indem sie +jede Gelegenheit ergriff, ihrem Vetter oder einem der Seinen eine +Aufmerksamkeit zu erweisen, und mit den Christgeschenken trieb sie es +großmütiger von Jahr zu Jahr. Ihr Budget wurde dadurch sehr beschwert -- +aber ihre Seele bekam Flügel. + +Und nicht genug ... + +Mit den Wonnen des heutigen Tages fand das Glück sich noch nicht ab. Es +brachte Fortsetzung -- einen unaussprechlich lieben Besuch. Morgen, +Susanne darf darauf rechnen, nach der heiligen Messe, wird der Vetter +weihrauchduftend erscheinen, in Begleitung seiner imponierend schönen +Frau, seines lieben fünfzehnjährigen Sohnes und seiner kleinen Tochter. +Sein mächtiges, glatt rasiertes Gesicht wird von dem Lichte würdevollen +Wohlwollens erhellt sein, und er wird sagen: »Wirklich, Sette, zu viel, +wir bitten ...« + +Die schöne Base jedoch wird ihm ins Wort fallen -- spöttisch lachend, +wie sie pflegt, wahrscheinlich weil es ihr so reizend steht: »Nein, wie +die gute Susette nur jedesmal errät, was wir uns am meisten wünschen! +Wie sie das nur anfängt, die gute Susette!« + +Eine große Verwirrung wird sich des Fräuleins bemächtigen. Sollte die +Kammerjungfer das geheime Einverständnis, in dem sie sich befinden, +verraten haben? -- Aber nein, das wäre zu schlecht, solche +Schlechtigkeit kann nicht vorkommen in der Nähe _dieser_ Menschen. Damit +wird sie sich trösten; es werden noch einige Reden gewechselt werden, +und dann wird Joseph aufstehen und sprechen: »Wir sind auch gekommen, um +dir glückliche Feiertage und ein glückliches neues Jahr zu wünschen, +Sette. Kinder, gratuliert der Tante!« + +Die wohlerzogenen artigen Kinder werden sogleich die Absicht an den Tag +legen, dem Fräulein die Hände zu küssen, was sie natürlich nicht zugeben +wird. Und die schöne Cousine wird -- abermals mit ihrem reizend +spöttischen Lächeln, ihre Wange derjenigen Susannes bis auf einen +Zentimeter nähern und dabei die Luft küssen ... Und dann werden sie +gehen, und Susanne wird sie bis an die Haustür begleiten, ins Zimmer +zurückeilen, die Arme ausbreiten und rufen: + +»Sie waren da! Sie waren da!« und Rosi, die verdienstvolle Magd, wird +ihre Zustimmung kundgeben. »No jo. Dos sind holt Herrschoften. Do +hoben's Fräul'n auch amol an B'such von Herrschoften kriegt und nit +immer nur von so Leut, die wos wolln. No joh!« + +Ach, der Vorgenuß und der Nachgenuß, das sind die rechten. Der +Augenblick selbst hat etwas Überwältigendes ... Schon das gewisse Würgen +im Halse, das sich einstellt, wenn um Zwölf die Glocke ertönt ... + +Hilf Gott! just als sie es denkt, da läutet's. Was bedeutet das? Wem +kann es nur einfallen, daher zu kommen am Weihnachtsabend? Rosi erwartet +allerdings ihre Schwestern, aber die klingeln nicht, die klopfen. + +Etwas Unheimliches ist's zum Glücke nicht, das Fräulein hört ihre +Dienerin auf dem Gange sehr heiter sprechen, und nun tritt die +schmunzelnd ein und sagt: + +»Eine Visit soll ich anmelden. Noh, Tonerl, is g'fällig?« + +Es ist gefällig; der Angerufene, Toni Kunzel, erscheint. Mit ernster, +geschäftsmäßiger Miene, den großen, lichtblonden Kopf vorgebeugt, geht +er gradaus auf den Tisch zu und legt drei Pakete von verschiedener Größe +darauf. Zu grüßen hat er vergessen vor lauter Wichtigkeit. Er wickelt +das Mitgebrachte schweigend aus den vielen, nicht eben blanken Papieren, +in die es eingehüllt ist, knüllt jedes extra zusammen und steckt es in +die rückwärtige Tasche seines grünen Jäckchens, das zuletzt wegragt wie +ein Pfauenschwanz. + +Nach und nach sind zum Vorschein gekommen: eine vergoldete Nuß, ein +roter Apfel und ein lebzeltener Husar, mit einem von kleinen Zähnen +etwas angenagten Federbusch. Toni legt alles schön nebeneinander, ändert +die Reihenfolge einige Male, bis sie ihm recht ist und der Husar zuerst +und die Nuß zuletzt kommt. Dann fährt er mit dem Rücken der Hand an +dieser Darbringung, sie gleichsam unterstreichend, vorbei und sagt: + +»So, Fräul'n. Nimm Sie sich das. Weil heut Christabend is. Daß Sie auch +was hat;« und sieht sie dabei so kapabel und überlegen an, aus unsagbar +ehrlichen und unschuldigen Augen, und wartet siegessicher auf die +Äußerung des Beifalls, den seine Großmut erwecken muß. + +»O du Toni!« will Susanne ausrufen, aber mitten im Satze kippt ihre +Stimme um; es schießt ihr heiß in die Augen, und ihr Näschen rötet sich. +Sie nimmt den edlen Spender beim Kopf und drückt einen Kuß auf seinen +Scheitel, und Toni, offenbar ungemein geschmeichelt und gerührt, packt +ihre kleine Rechte und küßt sie auf das allerinnigste. Dann läßt er noch +eine Anpreisung und Gebrauchsanweisung seiner Gaben folgen: »'s is alles +gut. Alles vom Christkinderl. Sie kann alles essen, auch die Nuß. Aber +schad wär's halt.« + +Damit empfiehlt er sich. + +Das Fräulein ist wieder allein. Süße, schöner denn je belebte +Einsamkeit!... »O du Toni!« und! »Nein, das Kind!« sagt sie unzählige +Male. Da hat sie nun die erste Christbescherung erhalten in ihrem +ganzen Leben, und das macht ihr einen Eindruck ... sie wird ganz +töricht, als sie sich Rechenschaft von ihm geben will ... Es ist ein +himmelblauer Eindruck, meint sie, und lacht und strickt dazu. Himmelblau +mit goldenen Sternchen, und stellenweise, wo er durchsichtig wird, guckt +ein wehmütig grauer Hintergrund heraus. Musik ist auch dabei, die +Sternchen klingen. Ein wenig verrückt diese Idee ... sei's darum! Nach +einem außerordentlichen Ereignis hat man eben andre als +Werkeltagsgedanken, und -- was fährt Susannen nicht alles durch den Kopf! +Viel angenehmer Unsinn, an den sie beileibe nicht glaubt, den sie sich +aber doch vorspiegeln läßt von Dame Phantasie, weil die heute so gut bei +Laune ist. + +-- Wenn ein Kind das Herzensbedürfnis empfand, dich zu beschenken, +spricht die alte, ewig junge Faslerin, warum sollten nicht auch +Erwachsene es empfinden? Warte nur, was heute noch alles kommt! + +Susanne depreziert: Wer sollte mir etwas schenken? Der es tun könnte, +der Vetter, ein Familienvater, hat andre Sorgen -- und meine übrigen +Bekannten sind arme Leute. -- + +Das macht nichts, auch die können geben. Die Blumenresel zum Beispiel, +die gerade jetzt, dank deiner Verwendung, dreißig Jubiläumssträuße in +der Singerstraße abzuliefern hat, könnte wohl im Vorübergehen eine +schöne, frische Rose für dich abgeben. Sie brauchte sich deiner nur zu +erinnern, wie der kleine Toni sich deiner erinnert hat ... Und der +Buchbinder Hasse in Lerchenfeld, für den du den Mietzins erlegtest, und +der aus Abschnitzeln so allerliebste Notizbüchelchen macht. Ein Dutzend +davon hast du ihm abgenommen und verschenkt bis auf eines, das du +kindische alte Person gar zu gern selbst behalten hättest, das rehbraune +mit dem vierblättrigen Klee -- du überwandest diese Regung des Geizes, +denn Rosi lechzte ja förmlich nach dem Büchlein, im Interesse ihres +Liebhabers, ohne Zweifel. Wenn nun dem guten Hasse einfiele, was dem +Kunzeltoni eingefallen ist, daß auch du am Christabend etwas haben +sollst, wenn der Meister ein solches Büchlein brächte, oder schickte, +durch die Post ... Es wäre noch Zeit, eben schlägt's Sieben, da kommt +der Briefträger ins Haus ... + +Kling! kling! o Tag der Wunder! wird die Schwätzerin recht behalten? -- +Es hat wieder geläutet: Rosi geht die Haustür öffnen und schreit so laut +auf, daß man's deutlich bis ins Zimmer hört: »Jo wos denn? Na, so wos +...« Und schon wirbelt sie herein, und ihr auf dem Fuße folgt ein +Kommissionär, dessen Gesicht feuerfarbig und dessen Gang schwankend ist, +und trägt ein mit winzigen Kerzen bestecktes, mit dem feinsten Konfekt +behangenes Christbäumchen. + +Susanne starrt und starrt und bringt keine Silbe über die Lippen. + +Um so beredter ist Rosi, die spricht ohne Aufhören: »Von der Freiung +Nummer sechzehn is er geschickt, sogt er. No joh, vom Herrn Vetter, no i +sog's holt -- die Herrschoften ... 's is lang nix kommen, ober wenn emol +was kommt, kommt was Rechts. Do stellen's es her auf'n Tisch, 's +Christbäumerl.« + +Merkwürdigerweise zögert der Kommissionär, er sieht sowohl Rosi wie +Susanne betroffen an, und sagt, er habe den Auftrag, das Präsent dem +Fräulein persönlich zu übergeben. Die Versicherung Rosis, das Fräulein +stehe vor ihm, will ihm nicht recht einleuchten. Fräulein Rainer mit +einem A sei ihm gesagt worden. + +»Reiner mit E,« berichtigt Susanne, und er wiederholt: + +»Mit E?« und stellt das Bäumchen auf den Tisch, um in seiner Tasche nach +dem Adreßzettel zu suchen, den ihm sein Auftraggeber eingehändigt hat. +Rosis Geduld jedoch ist erschöpft. Sie nimmt den Mann bei den Schultern +und schiebt ihn mit kräftigen Armen aus dem Zimmer. Der Angetrunkene +sucht Widerstand zu leisten, es ist aber vergeblich. »Gib ihm einen +Gulden!« ruft Susanne ihrer Dienerin nach, und das kommt mit einem +Jauchzen heraus, glückseliger als das der Kunzelkinder. Die Jugend ist +die Zeit der Freude, sagen die Leute. Irrtum! Irrtum! alt muß man sein +und eine Freude kaum mehr erwartet haben, um sie zu begrüßen, wenn sie +kommt, wie Frühlingsodem an einem Wintertag. + +Unwillkürlich hat Susanne vor dem Bäumchen die Hände gefaltet. Ich lasse +einen Glassturz darüber machen, beschließt sie, an meinem Sterbebette +soll es stehen. Mein letzter Blick soll darauf fallen und Gott danken, +daß er seine Menschen so gut gegen mich sein ließ. + +Wie Susanne das Bäumchen immer aufmerksamer betrachtet, entdeckt sie +halb verborgen im Moose, das den zierlichen Stamm umgibt, ein Päckchen +in schneeweißem Papier. Sie entfaltet es: sein Inhalt besteht in einem +mit rosafarbigem Atlas überzogenen Etui. Auf dem Deckel ist ein +Papierstreifen angesteckt, der eine in der mikroskopischen Schrift des +Vetters ausgeführte Widmung trägt. Sie lautet: + + Es zeigt Dir dieser Stein hier, + Was immer ist ohne Dir: + + Dein Seppel. + +Ohne »Dir« und -- »Seppel!« O verehrter Joseph! -- Nun, ein Scherz, +aber, Susanne kann sich nicht helfen, er hat etwas Verletzendes für sie, +und geradezu von Schwindel wird sie ergriffen, als sie das Etui öffnet +und ... Gott! was blinkt und blitzt ihr entgegen in allen Farben des +Regenbogens? -- ein wundervoll gefaßter Solitär ... + +Wahrlich, das übersteigt das Maß, innerhalb dessen eine freudige +Überraschung noch angenehm ist; das geht in das Gebiet des beunruhigend +Unbegreiflichen über. + +Am liebsten würde Susanne die Widmung von dem Etui herabnehmen, dasselbe +sorgfältig zusammenpacken und sogleich mit einigen dankend ablehnenden +Zeilen an den Vetter zurückschicken. Doch fürchtet sie, ihn dadurch zu +verletzen, und beschließt, die delikate Angelegenheit morgen mündlich +abzumachen. Halb im Scherz, halb im Ernst wird sie den Vetter fragen, ob +er sie für eine Person hält, die man ohne weiteres grausam beschämen +darf? und den Solitär an _das_ Herz legen, an dem er seine Heimstätte zu +suchen und zu finden hat, das Herz der Gemahlin. + +Susanne hat sich in Gedanken alles zurecht gelegt, aber schlafen wird +sie heute kaum. Die Sorge um den wertvollen Schmuckgegenstand, den sie +gegen ihren Willen in Verwahrung hat, wird ihr die Ruhe rauben. Noch ist +sie unentschieden, in welchem ihrer Schränke sie ihn bergen soll, als +derbe Schritte das Nahen Rosis anzeigen, und Susanne nichts übrig +bleibt, als das Päckchen einstweilen wieder im Moose zu verstecken. Mit +einem brennenden Wachsstock in der Hand tritt die Magd ein, ist sehr +unwirsch und brummt: »Nit zum Wegbringen der Mensch. Betrunken wie a +Kanon am heilgen Weihnachtsabend. Steht noch auf der Stieg'n und +studiert sei schmierige Adreß. 'Nummer fünf heißt's,' sogt er, Nummer +drei heißt's, sog i, kennen's nit lesen?« + +»Nummer fünf?« fragt das Fräulein beunruhigt, »liebe Rosi, wenn es +wirklich fünf hieße und nicht drei?« + +Ihr Bedenken wird mit Überlegenheit belächelt, die ihr wohltut; dabei +zündet die Magd Kerzlein um Kerzlein an. Das reich geputzte Bäumchen +erstrahlt in magischem Glanze, und dieser Glanz dringt in alle +Seelentiefen Susannens und leuchtet jeden Zweifel, jede leise +auftauchende Sorge hinaus. + +Sie ist völlig verzückt. Ihr gutes, kleines Mopsgesicht gewinnt einen +Ausdruck rührend reiner Freude, und sie sagt glückselig bewegt: »Mein +erster Christbaum, Rosi, mein erster Christbaum, Ro -- --« + +Die zweite Silbe bleibt ihr in der Kehle stecken ... Es hat wieder +geläutet, hastig, ja wild. Susannens Augen richten sich erschrocken auf +ihre Magd. Die jedoch ist ganz übermütig: »Heut geht's ober zu. No jo, +vielleicht schickt Seine Majestät der Kaiser wos.« + +Sie enteilt, um die Tür aufzureißen vor der neuen Überraschung, und +eine Überraschung ist's, aber was für eine! + +Draußen läßt das Drohen und Fluchen einer rauhen Männerstimme sich +vernehmen. Ohne anzuklopfen, ohne die Mütze zu rücken, poltert der +Kommissionär ins Zimmer, schimpft fürchterlich, als er die angezündeten +Kerzchen am Christbaum erblickt, bläst gleich drei, vier auf einmal aus +und fährt Rosi, die ihm auf dem Fuße gefolgt ist, mit unglaublicher +Grobheit an. Er hat es ja gesagt, hinüber auf Nummer fünf gehört das +Bäumerl, zur Rainer mit A, und nicht zu einer alten Schachtel mit E. Den +Guldenzettel, den sie ihm gespendet hat, wirft er auf den Tisch. Da hat +sie das Ihrige, und jetzt hofft er nur, daß ihm nichts weggekommen ist, +sonst -- den Weg zur Polizei kennt er, den braucht ihm niemand weisen. + +Kurz, nachdem er sich benommen wie in einer Diebeshöhle, nimmt er das +Bäumchen unter den Arm, trampelt davon und schlägt hinter sich die Tür +zu, daß alles dröhnt. + +Susanne ließ sich auf einen Sessel, nicht wie sie sonst pflegte aus +Rücksicht für den Überzug, nieder_gleiten_, sonder nieder_fallen_, Rosi +stand vor ihr, nahm einen Zipfel der blanken Schürze, und steckte ihn in +den Gürtel. Ihre Augen funkelten vor Entrüstung, ihre Lippen wurden dick +und scharlachrot. Sie kreuzte die nackten Arme und sprach erregt: + +»Na, dos is aber doch!« + +Das Fräulein hat indessen ein stilles Gebet verrichtet: Lieber Gott, gib +mir Kraft, vor diesem braven, aber der höchsten Politur ermangelnden +Mädchen die Würde des Familienlebens meines tiefgesunkenen Vetters zu +wahren. Gib mir Kraft, ich brauche sie; ich glaube, ich habe keinen +Puls, und meine Füße sind ganz steif. Wie mir jetzt ist, so dürfte es +der Erde sein, wenn sie dereinst in die Eisperiode tritt. O meine Sonne, +mein Prachtmenschenexemplar -- wie siehst du aus! + +»Die Rainer,« nimmt Rosi wieder das Wort, »dos is die Lokalsängerin, wo +neulich so viel in der Zeitung g'standen is. Doß die daneben wohnt, weiß +freilich die ganze Straß'n. Daß aber der Herr Vetter zu _der_ ihrer +Bekonntschoft g'hört, hätt i mer nit denkt. Hot so e scheene Frau und +lauft der schiechen Astel nach.« + +Susannens Zähne klappern aneinander, die Zunge klebt ihr am Gaumen, doch +gelingt es ihr, dank ihrer heroischen Anstrengung, in ziemlich +natürlichem Tone zu sagen: »Ja, meine liebe Rosi, die Rainer ist eben +eine große Künstlerin.« + +»So? und drum schickt er ihr wos zu Weihnachten, und vielleicht gar +hinterm Rucken der gnädigen Frau?« + +»Liebe Rosi,« erwidert Susanna zurechtweisend und setzt ihre +Wahrheitsliebe hintan, um die Familienehre zu schützen, »dieses +Geschenk, es wird von ihm und von ihr sein. Es ist so Sitte bei den +Herrschaften, daß sie großen Künstlerinnen zu passenden Gelegenheiten +Blumen schicken oder -- Christbäume.« + +»Meinen's Fräulein? -- No jo,« spricht Rosi mit ihrem gewohnten +überlegenen Lächeln und geht, das Abendessen anzurichten, das heute aus +Fisch und Gugelhupf besteht. Dazu braut sie einen guten Punsch für sich +und ihre Schwestern. Es geschieht ohne Wissen der Gebieterin, die nicht +ahnen darf, daß in ihrem Hause Spirituosen, diese Mörder der +Intelligenz, genossen werden. + +Während der kleine Betrug an ihr verübt wird, bleibt Susanne ihren +traurigen Betrachtungen überlassen. + +-- Solitär, wenn er nicht bei Fräulein Rainer ist! Ein Ehegatte und +Familienvater? -- »Ohne _Dir_ ...« Sie sind also auf dem Du-Fuße, -- +»Ohne _Dir_,« schauderhaft. Wenn er noch gesagt hätte: »Ohne _Dich_!« +-- Gott, wie tief sinkt man sofort in jeder Hinsicht, wenn man in einer +das Gleichgewicht verloren hat. + +Tiefbekümmert fragt sich Susanne, ob sie dem ahnungslosen Vetter, hinter +dessen tiefstes Geheimnis sie gekommen ist, je wieder unter die Augen +wird treten können, und gar seiner betrogenen Gattin und seinen armen +Kindern, deren Vater, statt für sie zu sparen, Solitäre kauft für +Fräulein Rainer. + +Zu Tode schämen muß sie sich vor ihnen allen ... sie, die Mitwisserin +einer großen Schuld. Es wird ihr aufs Herz fallen, verdammende Stimmen +werden ihr zurufen: Mitwisserin! -- Ach, gar zu gern hätte sie sich den +morgigen Besuch, vor dem ihr schaudert, erspart, sich krank melden, sich +entschuldigen lassen. Doch nein! Sie hat leider schon gelogen am +heiligen Abend, sie wird nicht wieder lügen am heiligen Tage. Durch! +sagt sie mit Strafford, mitten durch die gehäuften Trümmer ihres +schönsten Wahngebildes. + +Nun sitzt sie da, die Hände im Schoße, wie sie nicht mehr gesessen, +seitdem sie Totenwache gehalten hat an der Bahre ihrer Großmutter. + +Rosi läßt sich wieder sehen, deckt den Tisch, stellt mit berechtigtem +Stolze das Souper auf und wünscht guten Appetit. Sie wird für heute des +weiteren Dienstes enthoben und kehrt zu ihren Schwestern zurück, die +bereits eingetroffen sind. + +In der Küche geht es munter zu. Man schmaust, man plaudert, man findet +des Kicherns kein Ende. + +Susanne nickt zustimmend mit dem Kopfe, so oft sie lachen hört: »Freut +euch des Lebens, ihr Armen, euch glüht ja noch das Lämpchen des Glaubens +an die Menschen,« sagt sie leise und würgt einige Stückchen Fisch +hinunter. + +Sie tut es nur, um Rosi, wenn die am nächsten Tage fragen sollte: »Hat's +geschmeckt?« erwidern zu können: »Es war so gut, daß ich nicht alles auf +einmal verspeisen wollte, und mir etwas aufgehoben habe für heute.« -- +Ach Gott ja, morgen ist wieder ein Heute, und übermorgen auch, und so +geht es fort und dürfte noch lange fortgehen, denn Susanne hat eine +eiserne Gesundheit. Vor ihr liegt ein weiter, ein einsamer Weg. Die +Menschen, denen sie Gutes tut, was ist sie ihnen? Eine unermeßlich +reiche Person, die einen Teil ihres Überflusses dazu verwendet, sie aus +drückender Not zu befreien. Mit der Erinnerung an diese schwindet auch +die Erinnerung an die Befreierin. + +Stunden verfließen. Im Hause ist alles still geworden. Das Fräulein geht +sich überzeugen, ob die Wohnungstür versperrt und verriegelt und die +Sicherheitskette vorgelegt ist. Ja wohl, so müde und schläfrig Rosi +gewesen sein mag, sie hat alles in Ordnung gebracht, ehe sie zur Ruhe +ging. Brave Person! Eine brave Dienerin zu haben ist ein Glück, das ein +einzeln stehendes weibliches Wesen nicht hoch genug schätzen kann. Als +Susanne in ihrem Schlafzimmer niederkniet zum Abendgebet, dankt sie dem +Himmel ganz besonders für diese Gnade; sie betet überhaupt sehr lange, +gibt immer wieder einige Vaterunser zu für einen vom rechten Wege weit +Abgeirrten. + +Endlich legt sie sich zu Bette und will schlafen. Aber der Wille +gebietet dem Schlaf nicht, verscheucht ihn im Gegenteil durch +energisches Herbeirufen. Schweige denn, Wille, weichet hinweg, Gedanken! +Ein tiefer, gesunder Schlaf wird Susannen heute schwerlich erquicken, +doch vielleicht gelingt es ihr, in einen ihre Traurigkeit abstumpfenden +Dusel zu kommen. So dämmert sie hin in der Finsternis, die rings um sie, +die in ihr herrscht, schließt die Augen und rührt sich nicht. + +Nach einer Weile, was sieht sie mit ihren geschlossenen Augen? Gerade +vor sich das Erglimmen eines schwachen Lichtscheins. Er wird immer +heller und geht von einer vergoldeten Nuß aus, die langsam über den Rand +des Bettes aufsteigt, wie ein kleinwinziger Mond. Das Licht, das er +verbreitet, ist warm wie das Leben und rosig wie junge Liebe. Allmählich +nimmt er eine noch schönere Färbung an, und darüber braucht man sich +nicht zu wundern, denn die Morgenröte ist dazu gekommen, eine herrlich +strahlende Morgenröte, die das Nahen der Sonne verkündet, und da flammt +sie auch schon empor in Gestalt eines feuerfarbigen Apfels. Als Herold, +mit etwas defektem Federbusch, sprengt ein gelber Reiter vor ihr her. Er +gibt seinem Rosse die Sporen, ein mächtiger Satz, und da steht er +salutierend auf dem Federbette des Fräuleins. + +Sie fährt auf, schlägt sich vor die Stirn, hat im Nu Licht gemacht, +schlüpft in ihre Pantoffelchen und eilt ins Nebenzimmer. + +Da liegt auf dem Tische vergessen ihre Christbescherung, der sichtbare +Beweis, daß es doch ein Wesen gibt, das sich ihrer am heiligen Abende +erinnert und das -- _selbst_ ein Kind, die Geschenke des Christkindleins +mit ihr geteilt hat. + +Dieses wunderbare Erlebnis ist ihr aufgespart worden, ihr, der alten +Jungfer, die gar keinen Anspruch machen darf auf die Liebe von Kindern. +Kürzlich erst hat sie ein solches Glück erfahren, und statt sich seiner +innigst zu freuen, setzt sie sich hin, die undankbare Kröte! und +melancholisiert und überläßt sich feigem Selbstbedauern! + +Beschämt und reuig, aber mit einer sozusagen wonnegetränkten Seele +ergriff Susanne ihren Husaren, ihren Apfel, ihre Nuß, und begab sich +zurück ins Schlafgemach. Bevor sie ihr Lager wieder aufsuchte, legte sie +die Geschenke Tonis auf das Nachtkästchen in derselben Reihenfolge, die +er ihnen mit Ordnungssinn und seinem Gefühle für Rangunterschiede +angewiesen hatte. + +Sie blieb hellmunter und überließ sich heiteren Vorstellungen. + +Den Mittelpunkt derselben bildete Toni. Was für treuherzige Augen er +hat, und _treu_herzig ist er und _warm_herzig dazu, das sprach sich gar +deutlich in seinem Handkuß aus. Welch ein Unterschied zwischen diesem +und den *pro forma*-Handküssen des höflichen Neffen und der +zierlichen Nichte. Susanne erinnert sich vieler kleiner Züge, die ihr im +Benehmen Tonis angenehm aufgefallen sind; des Ernstes, den sie so oft an +ihm bewundert hat, des Buckels voll Sorgen, den er macht, wenn ihm die +Obhut über seine jüngeren Geschwister anvertraut wird. Er nimmt seinen +Teil der häuslichen Sorgenlast auf seine jungen Schultern. Und wie brav +und verläßlich er ist! er vergißt nie einen Auftrag, den man ihm gibt. + +Zum Pfadfinder und Genie scheint Toni -- wohl ihm! -- keine Anlage zu +haben, aber ein vortrefflicher Mann, geschickt in seinem Fache, ein +Muster für seine Standesgenossen, die Vorsehung seiner Gehilfen könnte +er werden, wenn er eine tüchtige Erziehung, wenn er Bildung bekäme, die +echte Bildung, die von innen heraus kommt, die den Wert des Menschen +erhöht und den Stolz auf seinen Wert verringert. + +-- Wenn er die bekommen _könnte_? wiederholt Susanne und ruft auf einmal +laut aus: »Er _soll_ sie bekommen!« + +Ein Gedanke über alle Gedanken ist raketenartig in ihr emporgeschossen; +sie setzt sich auf in ihrem Bette, sie lacht und weint. Es vergeht eine +lange Zeit, bevor die hochgehenden Fluten ihrer Empfindungen sanft und +selig verebben. Endlich liegt der Kopf wieder auf dem Kissen, sie atmet +leicht und wird gut schlafen. + +Vorher aber komme noch einmal, Freundin Phantasie, und male ihr die am +morgigen Tage bevorstehenden Ereignisse deutlich aus. + +Sie sieht sich, bereits um acht Uhr früh, in größter Parade und mit der +Spitzencoiffe, federnden Ganges hinüberwandeln zu Kunzel. Die +Bedienerin läßt sie ein, und sie findet die Familie, wie immer zu dieser +Stunde an einem Feiertage, um den Frühstückstisch versammelt. + +Beim Eintreten des verehrten und unerwarteten Gastes springen alle auf. +Sie aber spricht: »Sitzen bleiben! Ich allein stehe, wie sich's gehört +für eine Bittende. + +»Lieber Meister, liebe Meisterin, erlauben Sie mir, den Toni zu +adoptieren. Er bleibt Ihr Sohn und wird auch der meine, und im nächsten +Jahre nehme ich als Familienglied teil an Ihrem Weihnachtsfeste.« + +[Illustration] + + + + +Verlag von _Gebrüder Paetel_ (Dr. Georg Paetel) in Berlin W. + +Ein Buch für die Jugend. + +Aus meinen Schriften. + +Von + +Marie von Ebner-Eschenbach. + +_Dritte Auflage._ + +(Elftes bis fünfzehntes Tausend.) + +Quart; 6 Bogen. + +In Originalleinenband 1 Mark. + +Inhalt: + + _Zum Geleite._ -- _Erzählungen_: Der Fink; Die Spitzin; Der Muff; + Krambambuli; Aus »Meine Kinderjahre«. -- _Märchen und Parabeln_: + Brautwahl; Die Begegnung; Das Blatt; Die Siegerin; Doppelfreude; + Wertbestimmung; Die Nachbarn. -- _Spruchverse._ -- _Die + Erdbeerfrau._ -- _Zwanzig Aphorismen._ + +_Zu beziehen durch alle Buchhandlungen._ + + + + +Verlag von _Gebrüder Paetel_ (Dr. Georg Paetel) in Berlin W. + +Werke von Marie von Ebner-Eschenbach: + +=Das Gemeindekind.= Erzählung. Zwölfte Auflage. Oktav. Geheftet 3 Mark. +Elegant gebunden 4 Mark. + +=Dorf- und Schloßgeschichten.= Neunte Auflage. Oktav. Geheftet 4 Mark. +Elegant gebunden 5 Mark. + + _Inhalt_: 1. Der Kreisphysikus. -- 2. Jakob Szela. -- 3. + Krambambuli. -- 4. Die Resel. -- 5. Die Poesie des Unbewußten. + Novellchen in Korrespondenzkarten. + +=Neue Dorf- und Schloßgeschichten.= Fünfte Auflage. Oktav. Geheftet 4 +Mark. Elegant gebunden 5 Mark. + + _Inhalt_: 1. Die Unverstandene auf dem Dorfe. -- 2. Er laßt die Hand + küssen. -- 3. Der gute Mond. + +=Lotti, die Uhrmacherin.= Erzählung. Achte Auflage. Oktav. Geheftet 4 +Mark. Elegant gebunden 5 Mark. + +_Zu beziehen durch alle Buchhandlungen._ + + + + +Liste der vorgenommenen Änderungen + +Unter der Beschreibung der Änderung steht jeweils zuerst die Textstelle +im Original, dann die geänderte Textstelle. + + S. 56: nur noch herbeiläßt, den Juden das Gecht zu geben + nur noch herbeiläßt, den Juden das Recht zu geben + + S. 64: die Weichsel und der Dunajec + die Weichsel und der Dujanec + + S. 135: halte mir den kühnen Ubergang zugute + halte mir den kühnen Übergang zugute + + S. 229: »'Schon wieder Mischka, hat das noch immer kein Ende mit dem + Mischka?... Und was will die Alte!« + »'Schon wieder Mischka, hat das noch immer kein Ende mit dem + Mischka?... Und was will die Alte!'« + + S. 253: »Ohne _Dir_,« schauderschaft. + »Ohne _Dir_,« schauderhaft. + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Ein Buch, das gern ein Volksbuch +werden möchte, by Marie von Ebner-Eschenbach + +*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 40012 *** |
