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-The Project Gutenberg EBook of Ein Buch, das gern ein Volksbuch werden
-möchte, by Marie von Ebner-Eschenbach
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
-almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
-re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
-with this eBook or online at www.gutenberg.org
-
-
-Title: Ein Buch, das gern ein Volksbuch werden möchte
-
-Author: Marie von Ebner-Eschenbach
-
-Release Date: June 16, 2012 [EBook #40012]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: ISO-8859-1
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK EIN BUCH, DAS GERN EIN VOLKSBUCH ***
-
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-
-Produced by Eleni Christofaki, Jana Srna, Alexander Bauer
-and the Online Distributed Proofreading Team at
-http://www.pgdp.net
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-Anmerkungen zur Transkription:
-
-Schreibweise und Interpunktion des Originaltextes wurden übernommen;
-lediglich offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert. Der
-Originaltext ist in Fraktur gesetzt. Im Original in Antiqua gesetzter
-Text wurde *so* markiert. Eine Liste der vorgenommenen Änderungen findet
-sich am Ende des Textes.
-
-Markierung:
-
- _gesperrt gedruckter Text_
- =fett gedruckter Text=
-
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-
- Ein Buch, das gern ein Volksbuch werden möchte.
-
- _Aus den Schriften_
-
- von
-
- Marie von Ebner-Eschenbach.
-
- Sechstes bis zehntes Tausend.
-
- [Illustration]
-
-
- Berlin.
-
- Verlag von Gebrüder Paetel
-
- (*Dr.* Georg Paetel).
-
- *1911.*
-
-
-
-
- Alle Rechte, vornehmlich das der Übersetzung in fremde Sprachen,
- vorbehalten.
-
-
- Altenburg
-
- Pierersche Hofbuchdruckerei
-
- Stephan Geibel & Co.
-
-
-
-
-Inhalt.
-
-
- Seite
-
- 1. Der Kreisphysikus 7
-
- 2. Der Nebenbuhler 105
-
- 3. Der Vorzugsschüler 147
-
- 4. Er laßt die Hand küssen 205
-
- 5. Fräulein Susannes Weihnachtsabend 235
-
-
-
-
- Der Kreisphysikus.
-
-
-*I.*
-
-Doktor Nathanael Rosenzweig hatte eine entbehrungsreiche Jugend
-durchlebt. Was genießen heißt, erfuhr er in der schönsten Zeit des
-Daseins nicht. Heute hungern und dabei gerade genug erwerben, um morgen
-weiter hungern zu können; nachts um zwei Uhr sich zusammenrollen wie ein
-Igel und in der Ecke der Kellerstube den harten, traumlosen Schlaf der
-Erschöpfung schlafen; erwachen bei dem Gewimmer der alten Großmutter,
-die sich entschuldigte, daß sie noch nicht gestorben sei, daß sie ihm
-noch zur Last fallen müsse; forteilen, um lehrend die Möglichkeit zu
-erringen, selbst zu lernen -- so ging es jahraus, jahrein. Erwerben, der
-Inbegriff all seines Dichtens und Trachtens, Geld erwerben, Kenntnisse,
-Gunst, hauptsächlich die seiner Professoren (Nathanael studierte Medizin
-an der Universität in Krakau), erwerben um jeden Preis, den der
-Ehrlichkeit einzig ausgenommen, erwerben und nur ja nichts umsonst
-hergeben, nicht den kleinsten Teil der eigenen Kraft; keine mitleidige
-Regung kennen, keine hemmende Rücksicht.
-
-Seine Großmutter und er, er und seine Großmutter machten für ihn die
-Welt aus, und wie wenn seine Welt klein war, so waren seine Ziele nahe.
-Das erste und am schwersten Errungene bestand in dem Ersparnisse so
-vieler Gulden, daß er und die alte Frau nicht sofort verhungern mußten,
-wenn ein unvorhergesehenes Unglück seine Tätigkeit für einige Zeit
-lähmen sollte. Als er es erreicht hatte, da fühlte er sich als
-Kapitalist und tröstete die Großmutter bei ihrer allmorgendlichen Klage
-mit den Worten:
-
-»Lebe du nur ruhig fort, jetzt kann uns nicht so leicht mehr etwas
-geschehen.«
-
-Sein rastloser Fleiß verminderte sich nach dem ersten Erfolge nicht, er
-wuchs vielmehr mit der Kraft dessen, der ihn anwandte.
-
-Nathanael wurde ein starker Mann; seine kreuzspinnenartigen Extremitäten
-kräftigten sich zu muskulösen Armen und Beinen, die Brust wurde breit,
-die Gestalt bekam etwas Reckenhaftes trotz ihrer Magerkeit. Sein
-Auftreten war so sicher, sein Blick ruhig und klar, seine Rede so
-bestimmt, daß schon seine ersten Patienten -- gar kleine Leute --
-meinten:
-
-»Das ist ein gescheiter Herr Doktor!«
-
-Seine grüne Jugend sah ihm niemand an; er hatte sich zu lange in
-Gesellschaft der Sorge befunden, und wenn er sie auch bändigte und
-unterwarf, -- daß sie heimlich an ihm zu nagen fortfuhr, konnte er nicht
-verhindern.
-
-Allmählich kam er in Besitz eines Rufes, eines bescheidenen, aber eines
-guten, und dem verdankte er es auch, daß er mit dreißig Jahren schon,
-von Amts wegen, als Physikus nach einem der westlichen Kreise versetzt
-wurde. Ein sicheres Brot von nun an, ein reichliches sogar nach
-Nathanaels Begriffen. Er hätte bei der Einrichtung seiner Wohnung auf
-dem Ring der Kreishauptstadt nicht so ängstlich zu knickern gebraucht,
-aber er fürchtete, übermütig zu werden, wie die meisten Armen, wenn sie
-plötzlich zu Geld kommen, und gab den Handwerkern wenig zu verdienen.
-Immer des Wortes eingedenk: »Die Axt im Hause erspart den Zimmermann«,
-schaffte er allerlei Werkzeuge an und ließ sich's nicht verdrießen, den
-Tischler und den Schlosser gleichfalls zu ersparen. Und wenn es auch
-wirklich ein Graus war, wie die Sachen aussahen, den Doktor beirrte das
-nicht; der Schönheitssinn war bei ihm entweder nicht vorhanden oder
-nicht ausgebildet.
-
-Als die Großmutter, steinalt und unbeweglich, ihre Stube nicht mehr zu
-verlassen vermochte, sich aber doch noch herzlich sehnte nach dem
-Anblick einer grünen Staude, einer blühenden Blume, da wurde der Herr
-Doktor ein Gärtner, und bald sahen die Fenster seiner Wohnung aus wie
-die eines Treibhauses.
-
-Die Greisin litt manchmal an Rückfällen in ihre ehemalige
-Schwachherzigkeit, doch äußerte sich diese jetzt in andrer Weise.
-
-»Wenn ich nur nicht zu früh sterbe,« sagte die Neunzigjährige. »Ein
-Begräbnis ist gar zu kostspielig!«
-
-Nathanael tröstete sie liebreich:
-
-»Stirb ja nicht, Großmutter, du würdest mich um den Lohn aller Mühen
-betrügen, die ich um deinetwillen gehabt habe.«
-
-Der Besitz Nathanaels mehrte sich im Schranke, die Lust am Besitze stieg
-und stieg. Pläne, deren Verwirklichung dem klugen Manne in seiner
-Jugend als bare Unmöglichkeit erschienen wären, erwog er nun mit der
-Zuversicht bevorstehender Erfüllung. Seine ärztliche Praxis war
-ausgedehnt und einträglich. Nach allen Schlössern der Umgebung berief
-man ihn. Der trockene, wortkarge Doktor Rosenzweig, der keinen
-Widerspruch duldete, der nie eine Schmeichelei über die Lippen brachte,
-wurde der Vertrauensmann der Edelleute und, was viel merkwürdiger war,
-das Orakel ihrer liebenswürdigen und feinen Damen und der Freund ihrer
-Kinder.
-
-»-- Der Kleine ist schwer krank, aber -- Rosenzweig behandelt ihn.« --
-»Den ganzen Tag habe ich in Todesangst um mein Töchterlein zugebracht --
-aber jetzt ist Rosenzweig gekommen.«
-
-Wenn nur Rosenzweig da war, so war Hilfe da, und blieb sie einmal aus,
-dann hatte Gott eben nicht gewollt, daß ein Mensch sie bringe.
-
-Unter keinen Umständen erwies man sich karg gegen ihn, das hätte niemand
-gewagt. -- Doktor Rosenzweig baut sich ein Haus, ein Haus aus gebrannten
-Ziegeln; dazu braucht er Geld. Er hat außerhalb der Stadt einen Baugrund
-gepachtet, und unter seiner eigenen Leitung ist auf dem ein viereckiger,
-einstöckiger Wohnkasten errichtet worden. Stolz ruht er auf tüchtigen
-Kellergewölben, hat eine steinerne Treppe und ein wetterfestes
-Ziegeldach. Die Fensterrahmen sind schneeweiß angestrichen, die Mauern
-schneeweiß getüncht. Als einzige Zierde der Fassade prangt neben der
-Glocke an der Tür das Schildchen der Feuerversicherungsgesellschaft.
-
-Aus den Fenstern der vorderen Front -- sie liegt gegen Osten, und ihr
-erstes Geschoß wird von dem Doktor und seiner Großmutter bewohnt -- hat
-man eine weite, weite Aussicht: Himmel und Felder. Frei schweift der
-Blick ins Grenzenlose. Kein Hügel hemmt ihn, kein Wald bringt einen
-dunklen Fleck hervor auf der glatten, im Sommer goldig, im Winter
-silbern schimmernden Flur. Jede Handbreit Erde kann von der lieben Sonne
-durch und durch getränkt werden mit lebenweckenden Strahlen. Gibt es
-einen Schatten, so ist es ein solcher, der nicht kühlt, nicht ruht, der
-keinem Hälmchen die Wärme entzieht, deren es zu seinem wunderbar
-geheimnisvollen Reifen bedarf -- der Schatten der fliehenden Wolken. Wie
-oft verfolgt ihn Nathanael aufmerksamen Auges, sieht ihn hingleiten über
-den wachsenden, schwellenden Reichtum, den sie zum Herbste einheimsen
-und zu Schiff auf der Weichsel nach Deutschland und nach Rußland bringen
-und teuer verkaufen werden. Wer sich doch beteiligen könnte an diesem
-großartigen Erwerb, ein Hundertstel, ach ein Tausendstel nur von dem
-Gewinn, den er abwirft, in die eigne Tasche fließen sähe! Der Doktor
-fängt an, auf der unermeßlichen Ebene Luftschlösser zu erbauen, so bunt
-und märchenhaft schön, daß er nicht umhin kann, während er sie baut,
-lächelnd zu denken: Mahnst du auch mich einmal, nie angetretenes
-Vätererbe -- morgenländische Phantasie?
-
-Er wendet sich ab von dem Anblick fremden Reichtums und will einen
-Strich gezogen haben zwischen diesem und seinem bescheidenen Eigentum.
-Das Doktorhaus wird in fünf Klafter breiter Entfernung von jedem Punkte
-seiner Mauern mit einem Zaun aus ordentlich zugehobelten Latten
-umgeben; nach je ihrer zwanzig kommt ein starker, spitz zulaufender
-Pfahl. Aus dem Raume zwischen Haus und Zaun wird nach und nach ein
-kleiner Garten werden; die Einteilung in Blumen- und Gemüsebeete ist
-bereits getroffen. Kein Schachbrett kann genauer quadriert sein.
-
-»Im nächsten Jahre, liebe Großmutter, wirst du Rosen und Reseden unter
-deinen Fenstern blühen sehen,« versprach Nathanael der Greisin, und sie
-erwiderte:
-
-»Wenn ich es nur noch erlebe, mein Kind. Aufs Jahr werde ich
-fünfundneunzig.«
-
-»Weit über hundert mußt du werden!« rief er eifrig. »Das bist du mir
-schuldig, denke doch! Wie würde es das Vertrauen der Leute zu mir
-erhöhen, wenn es hieße: Seine Großmutter hat er auf mehr als hundert
-Jahre gebracht. Denn die Leute sind dumm, liebes Godele[1], sie
-schreiben meiner Kunst zu, was deine gute Natur getan hat. Bleibe du nur
-frohen Mutes, nimm dir nur recht fest vor, noch nicht zu sterben.
-Solange du es dir fest vornehmen kannst, wirst du munter weiter leben.«
-
-Die Greisin nahm es sich vor, aber von einer rechten Munterkeit war
-nicht mehr die Rede.
-
-»Mir ist jetzt so oft,« sagte sie, »als ob dein Großvater vor mich träte
-und zu mir spräche wie in seiner Todesstunde: 'Komm bald! Wir wohnen so
-friedlich beisammen im Garten Eden, wie wir gehaust haben auf Erden.
-Komm bald nach, Rebekka!' ... Damals konnte ich nicht folgen dem Rufe
-meines Geliebten, weil du mich hast zurückgehalten, du armes Würmchen,
-du ganz verlassenes. Von Vater und Mutter zuerst, und vom Großvater bald
-darauf. Ja, es war eine schreckliche Seuche, die Gott geschickt hat über
-sein Volk im Kazimirz, und nicht gewußt hätte ich, wem sagen: Sei
-barmherzig meinem Enkelkind, wenn ich mich nun auch hinlege zu sterben.
-So habe ich damals nicht erfüllen dürfen den Wunsch meines Geliebten.
-Jetzt aber, Nathanael, mein Kind, jetzt aber ist mir, als sollte ich ihn
-nicht länger warten lassen.«
-
-Solche Reden schnitten dem Doktor ins Herz. Nie hatte die
-zurückhaltende, schweigsame Großmutter ähnliche geführt. Ein
-bedenkliches Zeichen, wenn alte Leute etwas tun, das außerhalb ihrer
-Gewohnheiten liegt! Der kleinen Veränderung folgt oft nur gar zu bald
-die unwiderrufliche -- die letzte nach. Und noch ein Symptom, das den
-Doktor beunruhigte. Die Greisin, die sonst nie genug Einsamkeit haben
-konnte, war jetzt nicht mehr gern allein. So oft Nathanael sich bei ihr
-verabschiedete, sprach sie:
-
-»Geh denn in Gottes Namen, aber schicke mir den Goj[2], daß er mir
-Gesellschaft leiste, und ich doch blicken könne in ein menschliches
-Angesicht und nicht immer und immer nur auf die Felder und den Himmel.«
-
-Der »Goj« war ein Jüngling von nun achtzehn Jahren, des Doktors Famulus,
-sein Diener, sein Sklave. Des Tages wußte er sich nicht zu erinnern, an
-dem der »Wohltäter« ihm ein gutes Wort gegönnt oder ein gutes
-Kleidungsstück geschenkt hätte. Wenn die Röcke und Stiefel Rosenzweigs
-unbrauchbar wurden, erhielt der große Junge sie zur Benutzung und die
-Vermahnung dazu, ihnen all die Rücksicht zu erweisen, die man fremdem
-Eigentum schuldig ist. Der Doktor ging immer mehr in die Breite, und
-fast schien es, als ob er kleiner würde. Sein Famulus »verdünnte« sich,
-wie Rosenzweig sagte, von Tag zu Tag und schoß spargelmäßig in die Höhe.
-Wie ihm die Gewänder des Wohltäters saßen, das kam dem selbst entweder
-erbärmlich oder lächerlich vor -- beides mit einem Zusatze von
-Verachtung.
-
-Den Jungen konnte er einmal nicht leiden, sein Widerwillen gegen ihn war
-unüberwindlich und entsprang aus dem Gedanken, daß der Findling seines
-Herrn Brot umsonst oder doch fast umsonst esse.
-
-Vor vier Jahren hatte ihn Rosenzweig von der Straße aufgelesen, in einer
-eiskalten, herrlichen Winternacht. Mit dem Stolze eines Triumphators war
-er im Schlitten des Grafen W. pfeilgeschwind dahingesaust. Der Graf
-selbst hatte ihn bei der Abfahrt sorgsam in die Pelzdecke gehüllt, in
-der er sich so behaglich fühlte, und ihm immer wieder gedankt und immer
-von neuem Worte gesucht für das Unsagbare -- die Glückseligkeit des
-Liebenden, dem sein Teuerstes, das er schon verloren gab,
-wiedergeschenkt ist. Gerettet die junge Gräfin, gerettet vom beinahe
-sicheren Tode durch das Genie, durch die erfinderische Sorgfalt des
-unvergleichlichen Arztes, der an ihrem Krankenlager gestanden hatte wie
-ein Held auf dem Schlachtfelde, fast besiegt noch den Sieg im Auge,
-kampfbereit noch im Erliegen, der nicht gewichen war, bevor er sagen
-konnte:
-
-»Wir haben gewonnen, sie wird leben!«
-
-Er hatte so viele Nächte durchwacht und sich auf den guten Schlaf
-gefreut während der Heimfahrt im bequemen Schlitten. Aber seine
-Müdigkeit mußte zu groß sein, sie verscheuchte die ersehnte Erquickung,
-statt sie herbeizurufen. So oft Nathanael die Augen schloß,
-unwillkürlich öffneten sie sich wieder und schwelgten im Anblick des
-sternenbesäeten, mondhellen Himmels und der schneebedeckten Ebene, die
-in wunderbarer Blankheit erglänzte, gleich einer ungeheuren,
-neugeprägten Silbermünze ... Wieviel Gold ließe sich erwerben um solche
-Münze? Die Keller des viereckigen Doktorhauses hätten nicht Raum, sie zu
-fassen, die köstlichen Barren, die verehrungswürdigen! Berger und Träger
-allbezwingender Kräfte, gebundene Zauber, aufgespeicherte Macht. Was
-läßt sich nicht tauschen um Gold? Unschätzbares erkauft man damit, das
-weiß der Mann, der denen, die ihn bezahlen, die Gesundheit wiedergibt.
-
-Der Doktor wurde in seinem Gedankengange plötzlich unterbrochen. Das
-Gefährt stand dicht am Straßengraben still, und der Kutscher rief:
-
-»Herr Doktor! Herr Doktor!« ...
-
-»Was gibt es, mein Sohn?«
-
-»Herr Doktor, da liegen zwei Betrunkene.«
-
-»Steig ab und prügele sie ein wenig durch, damit sie nicht erfrieren.«
-
-Indes der Kutscher abstieg und die Zügel am Bocke verknotete, hatte
-Nathanael sich aufgerichtet und vorgebeugt und sah einer der auf dem
-Boden liegenden Gestalten mit gespannter Aufmerksamkeit in das vom
-Mondenlicht hell erleuchtete Gesicht. Kein Säufergesicht, wahrlich!
-sondern eines, das Zeugnis gab von ehrlichem Darben und Dulden bis an
-die Grenze der menschlichen Kraft.
-
-Der arme Teufel hatte, in dem Augenblick wenigstens, kein Bewußtsein
-seines Elends, er schien fest zu schlafen. Als aber der Kutscher ihn
-packte und emporzerrte, fiel er sofort, steif wie ein Eisblock, in den
-Schnee zurück. Jener sprach:
-
-»Der eine ist schon erfroren, Herr Doktor!«
-
-Rosenzweig sprang mit beiden Füßen aus dem Schlitten und überzeugte sich
-bald, daß die Behauptung des Dieners richtig sei. Grimm erfüllte ihn. Da
-war ihm einmal wieder der Tod zuvorgekommen, den er am meisten haßte,
-der nicht durch Krankheit bedingte, durch das Alter herbeigeführte, der
-Tod, dem der Zufall in die Hand gearbeitet hat, der Tod, der seine Beute
-umsonst gewinnt, dem sie dumm und töricht zuteil wird, ohne triftigen
-Grund.
-
-»Sehen mir nach dem andern,« sagte der Doktor zwischen den Zähnen.
-
-Der andre schlief auch, aber weniger tief.
-
-Es war ein Knabe von etwa vierzehn Jahren, dem Toten offenbar nahe
-verwandt, sein viel jüngerer Bruder oder sein Sohn.
-
-Mit dem Feuereifer des Berufs begann der Doktor Wiederbelebungsversuche
-anzustellen, und nach langen Mühen krönte sie ein schwacher Erfolg. Ein
-kaum spürbares Rieseln war durch des Knaben starre Pulse geglitten, und
-wenn es auch sofort wieder staute, dennoch erklärte der Doktor voll
-Siegesgewißheit:
-
-»Jetzt hab ich ihn!«
-
-Und er hüllte ihn in seinen Pelz, hob ihn in den Schlitten, brachte ihn
-heim und legte ihn in sein eigenes Bett, an dem er das Kind des Elends
-mit derselben Hingebung bewachte, die er der Herrin im Grafenschloß
-gewidmet hatte. Am Morgen war der Patient außer Lebensgefahr, und
-Rosenzweig konnte nicht umhin, zu sich selbst zu sagen: Auch der
-gerettet, zwischen zweimaligem Sonnenaufgang zwei!
-
-Schmunzelnd streichelte er seinen langen Mosesbart und freute sich
-seines mächtigen Vermögens.
-
-Sein Patient aber erhielt noch am selben Tage die Weisung:
-
-»Steh auf und geh.«
-
-»Wohin? Gnädiger Herr Doktor, wohin? Wer nimmt mich ohne meinen Bruder?«
-antwortete der Knabe verzweifelnd, und nun trat die Frage heran: Was mit
-ihm beginnen?
-
-Die Papiere, die der Verstorbene bei sich gehabt hatte, wiesen ihn aus
-als den Maschinenschlosser Julian Mierski, der viele Jahre hindurch als
-Werkführer in einer Fabrik in Lemberg gedient hatte. In seinem Zeugnisse
-hieß es, der vorzügliche Arbeiter habe, zum Bedauern seines Dienstherrn,
-infolge schwerer Erkrankung entlassen werden müssen. Seitdem konnte er
-nichts mehr verdienen, sein Bruder aber, den er nach dem Tode der Eltern
--- arme Häusler in einem Dorfe bei Lemberg -- zu sich genommen, nur gar
-wenig. So gingen, erzählte der Knabe, in Monaten die Ersparnisse von
-Jahren hin und wurden aufgezehrt bis auf einige Gulden, deren Anzahl er
-genau angab, und die sich auch richtig im Ranzen des Verunglückten
-vorgefunden hatten.
-
-Die Großmutter hörte dem unter Tränen erstatteten Berichte aufmerksam
-zu.
-
-»Horch, Nathanael, mein Kind,« sagte sie. »Es ist nicht recht gewesen
-von dem Goj in Lemberg, zu verlassen den Mann in seiner Krankheit, der
-ihm in Gesundheit gedient hat viele Jahre.«
-
-»Eine Fabrik ist keine Versorgungsanstalt,« erwiderte Rosenzweig und
-befahl seinem Geretteten: »Sprich weiter.«
-
-Dieser fuhr fort:
-
-»Vor acht Tagen ist ein Bekannter von meinem Bruder gekommen und hat
-erzählt, daß es in Krakau eine Fabrik gibt, wie die unsre, und daß sie
-uns dort gewiß nehmen werden. Mein Bruder war sehr froh: 'Komm, Joseph,
-wir wandern', hat er gesagt und hat auf der Reise immer gemeint, der
-lange Müßiggang ist es gewesen, der ihn nicht hat gesund werden lassen,
-beim Marschieren wird ihm besser. Auf einmal hat er aber nicht weiter
-gekonnt und hat sich in den Schnee gelegt, um ein wenig zu schlafen.«
-
-»Und du hast das zugegeben?« schrie der Doktor ihn an. »Weißt du nicht,
-was einem geschieht, wenn man sich bei solchem Frost in den Schnee
-legt?«
-
-Der Knabe senkte seine großen Augen, aus denen unaufhörlich Tränen
-flossen, und schwieg.
-
-»Was soll man anfangen mit einem solchen Chamer[3]?« fragte Rosenzweig
-die Großmutter.
-
-Die Greisin entgegnete:
-
-»Laß ihn heute noch ruhen unter deinem Dache. Sei ihm barmherzig. Er ist
-eine Waise wie du.«
-
-Am nächsten Tage lautete ihr Rat:
-
-»Behalte ihn. Unsre Magd wird ohnehin alt und wackelig und kann eine
-Hilfe brauchen. Behalte ihn und richte ihn ab zu deinem Dienst. Wer wird
-es verargen einem großen Mann wie dir, wenn er tut sich halten einen
-Famulus?«
-
-So wurde der Findling ein Genosse des Doktorhauses und zwar, obwohl
-Rosenzweig das nicht gelten ließ, ein ungemein nützlicher. In den Augen
-seines Herrn blieb Joseph ein »Chamer«, der aus Büchern nichts lernte,
-nichts zu lernen vermochte. Mit achtzehn Jahren noch las er nicht ohne
-Schwierigkeit die einfachsten Kindergeschichten. Ihn zur Schule zu
-zwingen, hatte der Doktor schon nach den ersten Monaten aufgegeben, weil
-er nur mit Schlägen dahin zu bringen war, und weil sein Wohltäter nicht
-immer Muße hatte, ihm die zu spenden. Seine mechanischen Fertigkeiten
-hingegen waren groß und groß der Fleiß, mit dem er sie ausübte. Auch er
-pfuschte in jedes Handwerk, aber mit besserem Erfolg als dereinst der
-Doktor.
-
-In allem, was er unternahm, offenbarte sich ein Schick, eine
-Leichtigkeit, ja sogar ein Geschmack, der den Pillenschächtelchen des
-Doktors ebensosehr zugute kam, wie den Blumenbeeten im Gärtlein vor dem
-Hause. Immer nur mit Verdruß hörte Nathanael ihn loben, »den Tagedieb,
-der nichts kann und nie etwas andres können wird als spielen.«
-
-Er hatte einmal wieder diesen Vorwurf ausgesprochen, da entgegnete
-Joseph:
-
-»Wenn du dich entschließen könntest, deine Felder in deine eigene
-Verwaltung zu nehmen, würde ich dir beweisen, daß ich kein Tagedieb
-bin.«
-
-Der Doktor fuhr fort:
-
-»Was sprichst du von meinen Feldern? Weißt du nicht, daß ich ein Jude
-bin und als solcher Grundeigentum nicht besitzen darf? Weißt du nicht,
-daß sogar mein Haus auf fremdem Boden steht?« --
-
-Joseph wurde rot vor Verlegenheit, sah jedoch dem Doktor vertrauensvoll
-und offen ins Gesicht und erwiderte:
-
-»Du hast die Felder auf den Namen des Theophil von Kamatzki gekauft,
-aber sie sind doch dein.«
-
-»Sag einmal, mein Junge, woher hast du diese Nachricht?« fragte
-Rosenzweig, und höchst verdächtig war die Gebärde, mit der er dabei sein
-spanisches Rohr zu schwenken begann.
-
-Gelassen antwortete Joseph:
-
-»Das ist kein Geheimnis. Alle Leute wissen es und gönnen dir die
-Felder.«
-
-Während dieses Gespräches standen die beiden mitten auf dem Wege, der
-schnurgerade von der Haustür zum Gartenpförtlein führte, zwischen zwei
-säuberlich mit Reseden eingefaßten Rosenbeeten. An den Stachelbeerhecken,
-die Joseph längs des Lattenzaunes gezogen hatte, reiften die ersten
-Früchte. Was man überblicken konnte an zart entfalteten Salatstauden, an
-Rüben mit kühnen Federbüschen, an gelblich zwischen gekräuselten
-Blättern hervorleuchtendem Blumenkohl, an schier kriegerisch behelmtem
-Zwiebelnachwuchs, an zierlichem Majoran und -- *dulce cum utile* -- als
-Begrenzung jeglichen Gemüsekarrees an duftendem Lavendel, dessen kleine
-Knospen zu schwellen anfingen, das war alles so kraftstrotzend und
-kerngesund, daß bei dem Anblick jedem Menschen, besonders aber einem
-Arzte, das Herz im Leibe lachen mußte. Mit geheimem Wohlgefallen
-betrachtete Rosenzweig die freundlichen Himmelsgaben und sagte:
-
-»Weil du ein leidlicher Gärtner bist, bildest du dir ein, auch ein
-Landwirt sein zu können.« Damit wollte er abbrechen, besann sich aber
-und fügte hinzu, indem er die Spitze seines Stockes mit großer
-Hartnäckigkeit in die Erde bohrte und diese Operation scheinbar höchst
-aufmerksam verfolgte:
-
-»Ich hätte die Felder nicht -- eigentlich mit einem gewissen Unrecht --
-in meinen Besitz gebracht, wenn ich nicht hoffen dürfte, sie bald zu
-Recht besitzen zu dürfen. Du wirst wohl wissen, daß eine Veränderung der
-Landesgesetze bevorsteht, und daß an den größeren Freiheiten, die sie
-dem Volke Galiziens gewähren werden, auch die Juden teilnehmen sollen.«
-
-Joseph wußte das und hoffte, der Doktor werde die Felder, wenn sie
-einmal vor Gott und der Welt sein Eigentum sein würden, nicht mehr in
-Pacht geben, sondern selbst bewirtschaften.
-
-»Dann wirst du Ställe und Scheuern bauen müssen,« schloß der Jüngling.
-»Ich habe dem Architekten in der Stadt etwas abgesehen und die Pläne
-schon fertig.«
-
-»Bist ein Narr,« sprach der Doktor, verlangte aber nach einigen Tagen
-doch die Pläne zu sehen.
-
-Nun, brauchbar waren sie gewiß nicht, doch als merkwürdig mußte man es
-gelten lassen, daß der Findling, dessen Schrift die eines siebenjährigen
-Kindes war, doch so nett und ordentlich und vielleicht auch in den Maßen
-richtig, einen Plan zu zeichnen vermochte. Das ist eben einer von denen,
-die tanzen können, bevor sie das Gehen erlernt haben. Es gibt solche
-Käuze. Sie setzen uns allerdings manchmal in Erstaunen; gewöhnlich wird
-aber nichts aus ihnen.
-
-Nathanael, der einen Gedanken, der sein eigenes Wohl und Weh betraf, nie
-lange verfolgte, ohne die Großmutter zu seiner Vertrauten zu machen,
-fragte bald darauf bei ihr an, was sie zu einer Selbstverwaltung seiner
-Gründe sagen würde. Da zeigte es sich, daß dieser Gegenstand zwischen
-der Greisin und dem Findling schon erörtert worden war.
-
-»Du wirst reich werden wie Laban,« prophezeite die alte Frau. »Über dir
-ist des Herrn sichtbarer Segen.«
-
-In diesem Frühjahr hatte es sich erwiesen, in diesem für Tausende
-unseligen Frühjahr 1845, als die Weichsel aus ihren Ufern trat und in
-einen schlammigen See verwandelte, was üppig und verheißungsvoll
-grünende Saat gewesen war. Unaufhaltsam wie ein Gottesgericht waren die
-Fluten hereingebrochen, hatten die ernährende Scholle hinweggespült und
-mit ihr das Hab und Gut und die Hoffnung derer, die sie bebauten.
-
-Bis dicht an die Grenze der Felder Nathanaels erstreckte sich die
-Verheerung -- vor ihnen zerrannen die Wellen. Vor ihnen waren die Wasser
-hinweggefahren und hatten sich auseinander geteilt, wie einstens die
-Wasser des Roten Meeres, als Moses gegen sie den Stab erhob und die Hand
-reckte auf Gottes Gebot.
-
-Und als der Herbst kam, herrschte ringsum Hungersnot. Hunderte verließen
-mit ihren Weibern und Kindern die Heimat und wanderten als Bettler, als
-Tagelöhner, Brot und Arbeit suchend, aus.
-
-Die Großmutter aber fragte täglich:
-
-»Wann beginnt die Ernte? In diesem Jahre hat der Weizen hundertfachen
-Wert. Wann kommen die Schnitter?«
-
-Nathanael erwiderte lächelnd:
-
-»Bald, sehr bald. Sie wetzen schon die Sensen!«
-
-Indessen erlebte die Greisin die Zeit der Ernte nicht mehr. Sie fiel
-selbst als überreifes Körnlein in den Mutterschoß der Erde zurück, bevor
-ihr Enkel zu ihr hatte sprechen können:
-
-»Die Schnitter kommen!«
-
-Unerhört spät und doch zu früh war plötzlich ihr Leben erloschen.
-
-Da lag sie nun in ihrem schmalen Sarge, die alte Rebekka, ein wundersam
-ergreifender Anblick. Der Tod hatte ihre gekrümmte Gestalt gestreckt,
-und weinend und staunend fragte Joseph:
-
-»So groß war sie?«
-
-Er fragte aber auch:
-
-»So schön war sie?«
-
-Erlöst von allen Gebresten, befreit von der Hilflosigkeit des Alters,
-wie majestätisch erschien sie nun, in ihrer unendlichen Ruhe, in ihrem
-untrübbaren Frieden! Das Lächeln auf dem Angesicht so vieler, die
-überwunden haben, umschwebte diese Lippen nicht. Steinerne Kälte sprach
-aus den Zügen, die ein Schimmer der begeisterten Liebe und Bewunderung,
-welche die Gegenwart des Enkels stets auf ihnen hervorgezaubert, noch in
-der Sterbestunde erhellt hatte.
-
-Du bist es nicht mehr! dachte Nathanael, und mit grauser Gewalt ergriff
-ihn das Bewußtsein des erlittenen Verlustes.
-
-Er winkte Joseph hinweg, er wollte ungestört bei seiner Toten bleiben.
-Am Fußende des Sarges stehend, suchte er in dem fremden, veränderten
-Antlitz der Großmutter das lang bekannte, teure und -- fand es nicht.
-Das einzige ideale Gut, das er besessen hatte, die Zuneigung dieser
-alten Frau, war für immer dahin und er, als ein bejahrter Mann --
-allein. Mit jähem Schreck fiel es ihn an: Zwischen dieser Greisin und
-dir liegt eine Generation. Du solltest jetzt hingehen können und an der
-Brust deines Weibes um sie weinen, und dir Trost schöpfen aus dem
-Anblick deiner Kinder.
-
-Der rastlos Strebende, der nie zurück, der _nur_ vorwärts geschaut
-hatte, nach Zielen, die mit seinen Erfolgen wuchsen, hielt einmal still
-in seinem Laufe, wandte sich und durchmaß im Geiste seinen ganzen
-Lebensweg. Viel erreicht! durfte er sich gestehen, doch niemals das
-geringste ohne einen Gedanken an dich -- Großmutter. So freudig ihr
-Dasein ihn erfüllt und beglückt hatte, so schmerzlich klaffte jetzt der
-Riß, den ihr Scheiden verursachte.
-
-Sie hätte ihn nicht verlassen sollen, sie, deren Nähe ihn über das
-Schwinden der Zeit -- eines Begriffes, der dem hohen Alter verloren
-geht, getäuscht hatte.
-
-»Weiche ab von dem Brauche unsres Volkes,« hatte die Greisin oft
-gesprochen. »Heirate nicht zu früh, setze nicht Bettler in die Welt. Du
-kannst warten, mein Kind, du bist jung.«
-
-Immer hatte er zu dieser Ermahnung geschwiegen; heute antwortete er ihr,
-die ihn nicht mehr hören konnte:
-
-»Ich war dir so lange zu jung zum Freien, bis ich mir zu alt dazu
-geworden bin.«
-
-Alsbald jedoch empfand er den Widerspruch, den er ihr ins Grab
-nachgerufen, als einen Frevel. Er trat zu ihr, beugte sich über sie,
-und, was nie geschehen war, so lange sie gelebt hatte, er küßte ihre
-Hand, küßte ihre Stirn und den für ewig verstummten Mund, den einzigen
-auf Erden, von dem er sich »mein Kind« hatte nennen gehört.
-
-
-*II.*
-
-Joseph beteiligte sich als Freiwilliger an den Erntearbeiten, und eines
-Nachmittags sah ihn Rosenzweig, der gleichgültig, als ob die Sache ihn
-nichts anginge, vorbeischritt, hoch oben stehen auf einem beinahe völlig
-beladenen Leiterwagen. Behend und kräftig schichtete er die Garben, und
-dem Doktor fiel es auf, daß der Bursche in der drollig weiten Jacke, die
-seinem Wohltäter als Rock gedient hatte, und in den viel zu kurzen Hosen
-doch ein bildschönes Menschenkind sei. Groß, schlank und stark, weiß und
-rot im Gesicht, den wohlgeformten Kopf umwallt von leicht gelocktem
-blonden Haar, sein ganzes Wesen Freudigkeit atmend an der Arbeit, an der
-Mühe, nahm er sich auf seiner stolzen Höhe ganz merkwürdig gut aus.
-
-Unter den auf dem Felde beschäftigten Weibern und Mädchen befand sich
-auch die Tochter des Pächters, dem Rosenzweig die Gründe des Pan
-Theophil von Kamatzki anvertraut hatte. Ein hübsches, lebhaftes Ding,
-die echte Masurentochter. Rosenzweig bemerkte, daß die braunen,
-funkelnden Augen des Mädchens und die blauen des Burschen einander gar
-oft begegneten, und wenn sich dann die braunen verlegen senkten, wurden
-sie von den blauen hartnäckig verfolgt, so hartnäckig, so kühn, daß sie
-sich endlich wieder erheben mußten, mit oder ohne ihren Willen.
-
-Die Geringschätzung, die Rosenzweig für Joseph hegte, erhielt durch
-diesen kleinen Vorgang neue Nahrung. Ein Mensch, zu ewiger Dienstbarkeit
-verurteilt durch die elende Beschaffenheit seines Kopfes, befaßt sich
-damit, den eines Mädchens zu verdrehen? Und in welchem Alter? In dem
-eines Knaben, in den Jahren, in denen der Sohn des Doktors stände, wenn
-der Doktor zur rechten Zeit geheiratet hätte. Was er in heroischer
-Selbstverleugnung so lange zu erringen säumte, bis er die Hoffnung, es
-zu erringen, _versäumte_, das Glück der Liebe, danach haschte in
-gedankenlosem Leichtsinn ein von fremden Gnaden lebender, unreifer
-Habenichts!
-
-Am Abend berief ihn Rosenzweig auf sein Zimmer. Das war ein so kahles
-und ungemütliches Gelaß, daß jeden, der es betrat, fröstelte -- sogar in
-den Hundstagen. Die Einrichtung bestand aus einigen an die Wände
-gereihten Sesseln, einem riesigen, mit weißer Ölfarbe angestrichenen
-Schreibtisch und einem gleichfalls weiß angestrichenen, langen und
-niederen Büchergestell, das, einer Gewölbbudel ähnlich, das Gemach in
-zwei Teile schied. In dem kleineren, zunächst den Fenstern, hielt sich
-der Doktor auf, in dem größeren, nächst der Tür, hatten die Patienten,
-die ihn besuchten, zu warten, bis er zu ihnen trat durch einen schmalen
-Raum, der zwischen der Wand und dem Büchergestell frei geblieben war.
-Auf dessen oberstem Brette lagen oder standen allerlei Dinge, mit deren
-gruselnder Betrachtung die Leute sich die Zeit des Wartens vertrieben.
-Sonderbare Instrumente, Messer und Zangen und fest verschlossene Gläser,
-gefüllt mit einer durchsichtigen Flüssigkeit, in der der galizische
-Instinkt sofort Weingeist witterte. Nur war leider das gute Getränk
-verdorben durch höchst unappetitliche Gebilde, die darin schwammen.
-
-Über all diese Sachen hinweg rief Rosenzweig jetzt dem eintretenden
-Joseph zu:
-
-»Sag einmal, was hast du mit der kleinen Lubienka des Pächters?«
-
-Wie gewöhnlich, wenn sein Wohltäter ihn scharf anredete, wurde der
-Bursche feuerrot, fand auch nicht gleich eine Antwort. Erst nachdem
-Rosenzweig seine Frage wiederholt hatte, nahm Joseph sich zusammen und
-entgegnete halblaut, aber bestimmt:
-
-»Ich hab sie lieb.«
-
-»Und -- sie?«
-
-»-- Sie hat mich auch lieb.«
-
-Der Doktor lachte bitter und höhnisch:
-
-»Das bildest du dir ein?«
-
-»Das weiß ich, gnädiger Herr --«
-
-»Wohin soll dieses Liebhaben führen?«
-
-Nun meinte Joseph, der Doktor habe ihn zum besten, wolle ihn nur ein
-wenig aufziehen, und erwiderte ganz munter:
-
-»Zu einer Heirat, Herr.«
-
-»Einer Heirat! Du denkst ans Heiraten?«
-
-»Ja, Herr! und Lubienka denkt auch daran.«
-
-»Sie auch!... Was sagt denn ihr Vater dazu?«
-
-»Dem ist es recht, Panie Kochanku!«[4] rief Joseph mit einem Ausbruch
-überwallender Empfindung und machte Miene, auf dem jedem andern als dem
-Doktor verbotenen Weg in das Bereich seines Wohltäters zu stürzen ...
-
-Der aber erhob sich gebieterisch von seinem Stuhle und bannte den
-Jüngling mit einem strengen:
-
-»Bleib, wo du bist!« an seinen Platz.
-
-In grausamen Worten hielt er ihm seine Armut und seine
-Aussichtslosigkeit vor. Ihn empörte der Gedanke, daß dieser Mensch
-vielleicht auf ihn gerechnet habe, respektive auf seinen Geldbeutel, und
-er faßte den Entschluß, dem interessierten Schlingel nach beendeter
-Erntearbeit die Tür zu weisen. Vorläufig wies er ihn aus dem Zimmer und
-legte sich mit dem Vorsatz zu Bett, den Pächter am folgenden Tage
-ernstlich zu ermahnen, der Löffelei zwischen seiner Tochter und Joseph
-ein Ende zu machen.
-
-Gerade an diesem Tage jedoch ereignete sich etwas, das ihn von jedem
-unwesentlichen und nebensächlichen Gegenstand ein für allemal abzog.
-
-Er wurde am frühen Morgen zu dem plötzlich erkrankten Sohn einer
-benachbarten Gutsfrau berufen, konnte die besorgte Mutter über den
-Zustand des Patienten beruhigen und wäre am liebsten sogleich wieder
-nach Hause gefahren. Das gestattete jedoch die landesübliche
-Gastfreundschaft nicht. Gern oder ungern hieß es an einem reichlichen
-Frühstück teilnehmen, das im Salon aufgetragen war. Dort hatte sich eine
-große Anzahl Schloßgäste versammelt, eine Gesellschaft, dem Doktor
-wohlbekannt und so widerwärtig, als ob sie aus lauter Kurpfuschern
-bestanden hätte. Anhänger und Anhängerinnen »König« Adam Czartoryskis,
-Konspiranten gegen die bestehende gute Ordnung, Schwärmer für die
-Wiedereinführung der alten polnischen Wirtschaft. Die Frau des Hauses,
-noch jung, schön, enthusiastisch, seit dem Tode ihres Mannes
-unumschränkte Herrin der großen Güter, die sie ihm zugebracht hatte, war
-die Seele der ganzen Partei und ihre mächtige Stütze. Sie unterhielt
-eine lebhafte Korrespondenz mit der Nationalregierung in Paris, empfing
-und beherbergte deren Emissäre und verwendete jährlich große Summen für
-Revolutionszwecke.
-
-Dieses fanatische Treiben mißfiel dem Doktor und entstellte ihm das Bild
-der in jeder andern Hinsicht, als gute Mutter, als kluge Verwalterin
-ihres Vermögens und als humane Herrin ihrer Untertanen verehrungswürdigen
-Frau.
-
-Mit verdrießlicher Miene nahm er am Teetische Platz, aß und trank und
-sprach kein Wort, indes Herren und Damen eifrig politisierten. Ihm war,
-als sei er von Kindern umgeben, die, statt Soldaten zu spielen, zur
-Abwechselung einmal Verschwörer spielten.
-
-Da legte eine weiße Hand sich plötzlich auf die Lehne seines Sessels.
-
-»Warum so verstimmt, angesichts des schönsten Wunders, mein lieber
-Doktor?« sprach Gräfin Aniela W. zu ihrem Lebensretter.
-
-Rosenzweig erhob und verneigte sich:
-
-»Welches Wunder meinen Euer Hochgeboren?«
-
-»Das der Wiedererweckung des polnischen Reiches!« versetzte die reizende
-Frau, und aus ihren Taubenaugen schoß ein Adlerblick, und ihre
-zierliche Gestalt richtete sich heroisch auf.
-
-Der Doktor verbiß ein Lächeln, und sogleich riefen mehrere Patriotinnen
-in schmerzlicher Enttäuschung:
-
-»Sie zweifeln? O Doktor, -- ist das möglich? Ein so gescheiter Mann!«
-
-»Ich zweifle nicht, meine Damen! Wer sagt, daß ich zweifle?«
-
-»Ihr Lächeln sagt es, das ganz unmotiviert ist, da wir Ernst machen,«
-sprach die Gräfin und kreuzte die Arme wie Napoleon.
-
-»Der Augenblick, das fremde Joch abzuschütteln, ist gekommen ... Sie
-dürfen es erfahren, weil Sie ein guter Pole und unser Vertrauter sind!
-Das Zeichen zum Ausbruch der Revolution wird in Lemberg auf dem ersten
-Balle des Erzherzogs gegeben werden!«
-
-Allgemeines Schweigen folgte dieser freimütigen Erklärung. Die
-Verschworenen waren betroffen über die Eigenmächtigkeit, mit der Aniela
-über das gemeinsame Eigentum -- den Plan der Partei -- verfügte.
-
-Doch war sie viel zu liebenswürdig und sah auch viel zu reizend aus, als
-daß man ihr hätte zürnen können. Sie trug ein Pariser Häubchen mit einer
-Kaskade aus gesinnungstüchtigen rot und weißen Bändern. Den köstlichen
-Stoff des Morgenkleides hatte ihr Gemahl von seiner letzten
-Missionsreise nach Rußland, aus Nishnij Nowgorod mitgebracht, -- unter
-welchen Gefahren!
-
-Ach, es war eine ganze Geschichte ... Heute wurde sie aber nicht
-erzählt, am wenigsten in diesem Augenblick, in dem es vor allem galt,
-den üblen Eindruck zu verwischen, den die Politikerin auf ihre Umgebung
-hervorgebracht hatte.
-
-»Ihr Kleingläubigen!« rief sie, »zweifelt ihr an der Treue und
-Zuverlässigkeit eines Mannes, der dem Vaterlande mein Leben erhalten
-hat?«
-
-Einige junge Herren beeilten sich zu protestieren, und ein alter
-Schlachziz mit langem, herabhängendem Schnurrbart erhob sein
-Madeiragläschen, leerte es auf einen Zug und sprach:
-
-»Vivat, Doktor Rosenzweig!«
-
-Die Frau vom Hause wiederholte:
-
-»Vivat, Doktor Rosenzweig, dem so viele von uns ihre eigene Gesundheit
-und die ihrer Kinder verdanken!«
-
-Sie stürzte nach diesem Toast den Rest ihrer sechsten Tasse Tee
-hinunter, und statt sich erkenntlich zu zeigen, brummte der Arzt:
-
-»Wie oft habe ich Euer Hochgeboren ersucht, nicht so viel Tee zu
-trinken. Sie ruinieren Ihre Nerven!«
-
-Die schöne Festgeberin lächelte überlegen:
-
-»Guter Gott, meine Nerven! An die werden bald ganz andre Zumutungen
-gestellt werden!«
-
-»Ich verstehe -- auf jenem Revolutionsballe!«
-
-»Ja, Doktor! Ja!« rief Gräfin Aniela dazwischen, -- »dem Ball, auf dem
-wir ein welthistorisches Ereignis inaugurieren!«
-
-»Bei der Mazurka oder bei der Française?«
-
-»Beim Kotillon. Die Damen wählen zugleich alle anwesenden Offiziere. Die
-Offiziere legen zum Tanz ihre Säbel ab. Die Säbel werden fortgeschafft.
-Kaum ist das geschehen, so werfen sich die Polen auf die waffenlosen
-Feinde und machen sie nieder!«
-
-»Vivat!« rief der Schlachziz, »alle nieder, ohne Pardon!«
-
-Einige Damen widersprachen und schlugen vor, den Offizieren Pardon zu
-geben, die ihn verlangen würden. Sie zogen jedoch ihren Antrag zurück,
-als sie bemerkten, daß er Zweifel an der Echtheit ihres Patriotismus
-erregte.
-
-»Meine Herrschaften,« sagte Rosenzweig, »dieser Plan ist wundersam
-ausgedacht, aber ausführen werden Sie ihn nicht.«
-
-»Warum?« rief's von allen Seiten, »was soll uns hindern?«
-
-»Ihre eigene Hochherzigkeit, Ihr eigener loyaler Charakter. Edle Damen
-und edle Herren, wie Sie, können hassen, können befehden, aber sie
-verraten nicht, und sie morden nicht.«
-
-»Monsieur!« entgegnete ein neunzehnjähriges Bürschlein, das eben aus
-einer Pariser Erziehungsanstalt heimgekehrt war. »Ihr Argument würde im
-Kriege gelten, aber es gilt nicht in einer Konspiration.«
-
-»Ganz richtig -- weil ja ...« Dem alten Schlachziz war plötzlich
-eingefallen, daß er jetzt eine Rede halten sollte; er sprang auf, schlug
-die Fersen aneinander und rief nach langer Überlegung:
-
-»Vivat, Polonia! Vivat, König Adam!«
-
-Nun erhob sich in der Ecke des Zimmers eine zitternde, klanglose Stimme.
-Wie aus der Tiefe eines Berges kam sie hervor, einem Berge von
-Seiden- und Schalstoffen, von Spitzen, Rüschen und Bändern. Die Stimme
-gehörte der Starostin Sulpicia, Großtante der Hausfrau, bei der die
-hochbejahrte Dame ein sehr reich mit Butter bestrichenes Gnadenbrot
-genoß.
-
-»Olga, Duschenka moja,«[5] sprach sie, »denke vor allem an dein ewiges
-Heil!«
-
-Mit Schrecken hatte die Schloßdame das leise Sinken des Enthusiasmus
-ihrer Gäste wahrgenommen, indessen sie selbst nach der siebenten Tasse
-Tee auf dem Gipfel der Begeisterung angelangt war. Die Greisin goß mit
-ihrer Ermahnung Öl ins Feuer. Es schlug auch sogleich lichterloh empor
-in dem lauten, feierlichen Ausrufe:
-
-»Alles für Polen! Mein zeitliches und mein ewiges Heil!«
-
-Gräfin Aniela warf sich, ganz entzückt von dieser Größe, ihrer Freundin
-in die Arme, die Herren küßten die Hände der Patriotinnen. Einer von
-ihnen erbat sich die Ehre, aus dem Schuh der Hausfrau trinken zu dürfen.
-Sie gestattete es aber nicht, aus Rücksicht für den erhabenen Ernst
-dieser Stunde, und der Abgewiesene setzte sich ans Klavier und
-intonierte ein melancholisches Nationallied.
-
-Alle schwiegen, alle horchten gerührt; in manches Auge traten Tränen.
-
-Die unwiderstehliche Macht dieses Gesanges ergriff sogar einen, der
-bisher unbeweglich in einer Fensterecke gestanden und am Gespräch nicht
-teilgenommen hatte.
-
-Rosenzweig kannte ihn nicht und war in angestammtem Mißtrauen geneigt
-gewesen, ihn, seiner auffallenden Blässe wegen, für einen der
-verschämten Patienten zu halten, die sich berühmten Ärzten so gern auf
-neutralem Gebiet in den Weg stellen, um im Vorübergehen eine
-Konsultation abzuhalten, für die sie später das Honorar schuldig
-bleiben.
-
-Indessen hatte Rosenzweig sich geirrt. Der Fremde machte keinen Versuch,
-in seine Nähe zu gelangen, während er selbst nicht mehr vermochte, seine
-Aufmerksamkeit von ihm abzulenken.
-
-Er war ein mittelgroßer, schlanker Mann mit blondem, dünnem Bart, mit
-blauen, offenbar sehr kurzsichtigen Augen. Der Eindruck eines ungemein
-regen Geisteslebens, den seine Züge hervorbrachten, wurde durch die
-Blässe erhöht, die den Doktor anfangs verleitet hatte, ihn für einen
-Kranken zu halten. Doch auch von dieser Meinung war er bald abgekommen.
-Krankheit vergeistigt nicht, wie die Poeten oft behaupten, sie zeichnet
-vielmehr die Kinder des Staubes mit deutlichen Merkmalen ihrer Abkunft.
-
-In dem Wesen dieses Mannes aber gab sich kein Zeichen von körperlicher
-Mühsal kund. Die Leidensspuren auf seiner marmorgleichen Stirn waren
-durch rastlos arbeitende Gedanken ausgeprägt worden und der
-Schmerzenszug um den jungen Mund durch frühe, schwere Seelenkämpfe. Die
-Geringschätzung, mit der das Treiben der Gesellschaft ihn zu erfüllen
-schien, wurde allmählich besiegt. Die Klänge des schönen Volksliedes
-ergriffen und bewegten auch ihn. _Eine_ Empfindung verband ihn mit
-seinen Brüdern: Sehnsucht, leidenschaftlich heiße Sehnsucht nach dem
-verlorenen Vaterland.
-
-An diesem Leidensborn hat kein Volk sich so übersatt getrunken wie das,
-aus dessen Herzen solch ein Lied geströmt. Es singt von dem verirrten
-Sohne, der heimkehrt zum Elternhaus, voll Reue und glühender Liebe.
-Zagend steht er an der verschlossenen Tür und hört die Stimme seines
-Vaters, die nach ihm ruft, und hört das Weinen seiner Mutter ... Vater!
-Mutter! stöhnt er. Sie antworten: Komm! Erlöse uns, wir liegen in Banden
-... Er rüttelt an der eisernen Pforte, zerpocht sich die Hände,
-zerschlägt sich die Stirn, schon fließt sein Blut. Vergeblich. Nie wird
-diese Pforte weichen, nie vermag er sie aus den Angeln zu heben. -- Er
-wird auf der Schwelle verschmachten.
-
-Der Gesang war verstummt, und die Stille, die ihm folgte, wurde erst
-nach einer Weile durch die Wirtin unterbrochen, die sich erhob, auf den
-Fremden zuschritt und leise mit ihm zu parlamentieren begann.
-
-Die stattliche Dame machte sich förmlich klein vor ihrem Gast; jede
-ihrer Mienen bezeugte Ehrfurcht, jede ihrer Gebärden war Huldigung.
-
-Sie faltete die Hände und flehte:
-
-»Sprechen Sie, o sprechen Sie zu der Versammlung!«
-
-Die Aufforderung der Hausfrau fand lebhafte Unterstützung.
-
-»Ach ja, sprechen Sie!« riefen viele Stimmen durcheinander. -- »Es würde
-uns beseligen.« -- »Wir wagten nur noch nicht, Sie darum zu bitten.« --
-»Aus Bescheidenheit.«
-
-Alle kamen heran, sehr freundlich, mit auserlesener Höflichkeit --
-keiner ohne eine gewisse Scheu. Sogar die siegessichere Gräfin Aniela
-war befangen, und ihre anmutigen Lippen zitterten ein wenig, als sie
-sprach:
-
-»Geben Sie uns eine Probe Ihrer wunderbaren Beredsamkeit, von der wir
-schon so viel gehört haben. Man sagt, daß Sie steinerne Herzen zu rühren
-und moralisch Tote zu den größten Taten zu wecken vermögen.«
-
-Der Fremde lachte, und dieses Lachen war hell und frisch, wie das eines
-Kindes. Unwillkürlich mußte Rosenzweig denken: Du hast eine unschuldige
-Seele.
-
-»Wie heißt der Mann?« fragte er die Hausfrau.
-
-Sie errötete und gab mit nicht sehr glücklich gespielter Unbefangenheit
-zur Antwort:
-
-»Es ist mein Cousin Roswadowski aus dem Königreich.«
-
-Niemals hatte der Doktor von einem berühmten Redner Roswadowski auch nur
-das geringste gehört; aber was lag daran? In Zeiten nationaler Erhebung
-pflegen ja von heut auf morgen nationale Größen aus dem Boden zu
-wachsen.
-
-Roswadowski erwiderte den Blick, den der Arzt auf ihm ruhen ließ, mit
-einem ebenso forschend gespannten, und sich leicht gegen ihn verneigend,
-sagte er:
-
-»Bitten Sie doch Herrn Doktor Rosenzweig zu sprechen. Er möge Ihnen
-sagen, was er von der Revolution erwartet.«
-
-»Das wissen wir im voraus,« entgegnete Aniela, »wie jeder gute Pole, die
-Wiederherstellung des Reiches, das allgemeine Wohl!«
-
-»Olga, Duschenka moja,« ließ wieder die Großtante sich vernehmen, »sage
-deiner Freundin, daß keiner ein guter Pole ist, der nicht ein guter
-Katholik ist.«
-
-Ohne auf die Unterbrechung zu achten, fuhr Roswadowski fort:
-
-»Das allgemeine Wohl soll jedes besondere in sich begreifen, also auch
-das dieses Mannes und seiner Glaubensgenossen. Warum höre ich keinen von
-euch, die ihr seines Lobes voll seid, davon sprechen, daß ihr die Schuld
-abzutragen gedenkt, in der wir alle ihm gegenüberstehen und seinem
-Volke?«
-
-»*Ce cher Édouard!*« rief Graf W. und fügte, sich in den Hüften
-wiegend, mit süßlichem Lächeln, nur vernehmbar für seine Frau und für
-den neben ihr stehenden Rosenzweig hinzu: »Er wird immer verrückter.«
-
-Auch die Schloßdame war unzufrieden mit dem unerwarteten Ausfall ihres
-Cousins und erklärte sehr scharf, »in einer Schuld der Dankbarkeit und
-Verehrung fühle sie wenigstens sich dem vortrefflichen Doktor gegenüber
-nicht.«
-
-»Und was die Gleichberechtigung aller Konfessionen im Königreiche Polen
-betrifft,« sagte Aniela, »so ist sie bereits im Prinzip festgestellt.
-Mit den Modalitäten wird man sich beschäftigen. Bis jetzt hatte man aber
-noch nicht Zeit, auf Details einzugehen.«
-
-»Ich falle Ihnen zu Füßen!« sprach Rosenzweig. »Um die Sache der Juden
-ist mir nicht mehr bang.«
-
-»Ihre Verheißung macht ihn lachen, so groß ist sein Vertrauen --,« nahm
-Roswadowski wieder das Wort. »Er, dessen ganzes Leben nur eine Übung im
-Dienste der Pflicht gegen uns ist, erwartet von uns -- nichts.«
-
-»Herr, wenn ich meine Pflicht nicht täte, käm ich um mein Amt,« fiel der
-Doktor ein, im Tone eines Menschen, der einer unangenehmen Erörterung
-ein Ende machen will.
-
-Sein unberufener Parteigänger jedoch entgegnete:
-
-»Wenn ich von Pflicht sprach, so hatte ich eine höhere im Auge, als die,
-die Ihr Amt Ihnen auferlegt. Von Amts wegen sind Sie ein tüchtiger
-Kreisphysikus, zum Samariter macht Sie Ihr eigenes Herz.«
-
-»Samariter!... Ich?«
-
-»Jawohl, Sie! Der des Evangeliums pflegte des Sterbenden an der
-Heerstraße und übergab ihn dann fremder Hut. Sie haben den Sterbenden,
-den Sie auf Ihrem Wege fanden, in Ihr Haus aufgenommen, das dem
-verwaisten Christenknaben ein Vaterhaus geworden ist.«
-
-Der Doktor deprezierte:
-
-»-- Wie man's nimmt,« und dachte im stillen ganz grimmig: »Du bist gut
-unterrichtet, Lobhudler! Mein Haus ein Vaterhaus für einen solchen
-Chamer!«
-
-Und in dem Augenblick beantwortete sich ihm eine Frage, die er oft
-erwogen hatte, die Frage: ob man wohl zwei Gedanken auf einmal haben
-könne, denn wahrhaftig, er hatte _zugleich_ auch den: ich will dem
-Chamer, bevor ich ihn wegschicke, doch einen neuen Anzug machen lassen.
-
-»So hat ein Jude getan,« wandte der Redner sich an die Gesellschaft,
-»aus freiem Willen für einen Andersgläubigen, und was haben wir
-Andersgläubigen jemals aus freiem Willen für einen seines Volkes getan?
-Leset eure Geschichte und fragt euch selbst, ob ein Jude die Tage
-herbeiwünschen _kann_, in denen in Polen wieder Polen herrschen?«
-
-Olga und Aniela erhoben Einwendungen; was die Herren betraf, so waren
-die meisten von ihnen dem Grafen W. in das Nebenzimmer gefolgt und
-hatten dort an Spieltischen Platz genommen. Nur der ehrwürdige
-Schlachziz und der Ankömmling aus Paris hielten ritterlich bei den Damen
-aus, und der erste versicherte, er habe sich in seiner Jugend auch mit
-der Geschichte seines Landes beschäftigt, darin jedoch niemals andre als
-glorreiche Dinge gelesen.
-
-Jetzt wurde die Tür aufgerissen, ein Diener stürzte herein und meldete:
-
-»Der Herr Kreishauptmann. Er wird gleich in den Hof fahren.«
-
-Die mutigen Damen stießen einen Schrei des Entsetzens aus:
-
-»Um Gottes willen, der Kreishauptmann!«
-
-Voll Todesangst ergriff die Hausfrau die Hand ihres Vetters: »Fort!
-fort! verbergen Sie sich!«
-
-»Ich denke nicht daran,« erwiderte er ganz ruhig, »ich bleibe; ich freue
-mich sehr, die Bekanntschaft eines liebenswürdigen Mannes zu machen.«
-
-»Sie bleiben nicht! Sie gehen -- weil Ihre Gegenwart uns
-kompromittiert,« rief Graf W., der mit bestürzter Miene in den Salon
-zurückgekehrt war.
-
-Ein Wortwechsel entspann sich ...
-
-»Doktor, ich beschwöre Sie, eilen Sie dem Kreishauptmann entgegen,
-suchen Sie ihn so lange als möglich auf der Treppe aufzuhalten,« flehte
-die Herrin des Schlosses und drängte Rosenzweig zur Tür.
-
-»Ich werde tun, was ich kann; ich empfehle mich, meine Herrschaften!«
-antwortete er und verließ den Salon, im Grund der Seele höchlich ergötzt
-über das Ende, das die Versammlung der Verschwörer genommen hatte.
-
-Vom Gange aus sah er den Kreishauptmann soeben in das Haus treten. Ein
-behäbiger, feiner, mit äußerster Sorgfalt gekleideter Herr. Der Deckel
-seines Zylinders glänzte in der Vogelperspektive, in der er sich zuerst
-dem Doktor zeigte, wie die Mondesscheibe. Nicht minder glänzte der
-Lackstiefel an dem kleinen Fuße, den der Beamte auf die erste Stufe der
-niederen Treppe setzte, als Rosenzweig bei ihm anlangte.
-
-»Ich habe die Ehre, Euer Hochwohlgeboren zu begrüßen!« sprach der
-Doktor, seinen Hut feierlich schwenkend.
-
-»Wie, mein lieber Doktor? Sind Sie es wirklich? Was?« sprach der Beamte
-mit dem gnädigsten Lächeln, »auch Sie im Neste der Verschwörer?«
-
-»-- Herausgefallen, als ein noch nicht flügges Vöglein! -- Wie befinden
-sich Euer Gnaden?«
-
-»Gut. Dank Ihren Ordonnanzen.«
-
-»Und der Pünktlichkeit, mit der Euer Gnaden ihnen nachkommen. Sie sind
-ein so vortrefflicher Patient, daß Sie verdienen würden, immer krank zu
-sein.«
-
-»Sehr verbunden für den christlichen Wunsch ... Entschuldigen Sie -- da
-habe ich mich versprochen.« Und nun kam die Frage, die der
-Kreishauptmann dem Doktor auch bei der flüchtigsten Begegnung nicht
-erließ. »Aber, mein lieber Doktor, wann werden Sie sich denn endlich
-taufen lassen?«
-
-Auf die stehende Frage erfolgte die stehende Antwort:
-
-»Ich weiß es noch nicht genau.«
-
-»Entschließen Sie sich! Sie sind ja ohnehin nur ein halber Jude.«
-
-»Ich würde vermutlich auch nur ein halber Christ sein.«
-
-»Oho! das ist etwas andres!« entgegnete der Beamte streng. »Wir sprechen
-noch davon; jetzt sagen Sie mir --« seine Miene blieb unverändert, aber
-seine kleinen klugen Augen blickten den Doktor durchdringend an: »Ist er
-oben, der Sendbote? Haben Sie ihn gesehen?«
-
-»Welchen Sendboten?«
-
-»Hier im Hause wird er als Herr von Roswadowski vorgestellt.«
-
-Auf dem Gesichte Rosenzweigs malte sich ein so aufrichtiges Erstaunen,
-daß der Beamte ausrief:
-
-»Sie sind nicht eingeweiht! -- Nun, ich will Ihnen Ihre politische
-Unschuld nicht rauben ... Ganz scharmant, diese Konspiranten! besonders
-die Damen. Übrigens haben wir uns weniger in acht vor ihnen zu nehmen,
-als sie sich selbst vor -- andern. Es ballt sich ein Gewitter über ihren
-Häuptern zusammen, von dessen Aufsteigen sie keine Ahnung haben. Diese
-harmlosen Unzufriedenen, die sich für bedrohlich halten, sind selbst von
-ganz anders Unzufriedenen, in ganz anders gefährlicher Weise bedroht.«
-
-Rosenzweig konnte eine Erklärung dieser Worte nicht mehr erbitten. Auf
-der Höhe der Treppe erschien soeben die Hausfrau, strahlend vor
-Freundlichkeit, und der Kreishauptmann schwebte ihr in zierlichen
-Schritten eiligst entgegen.
-
-
-*III.*
-
-Rosenzweig ließ seinem Kutscher den Befehl erteilen, anzuspannen und ihm
-auf der Straße nachzufahren. Er selbst ging zu Fuße voraus und schlug
-bald einen schmalen Weg ein, der, die Felder quer durchschneidend, in
-der Nähe eines steinernen Kreuzes in die Landstraße ausmündete. Dort
-wollte er seinen Wagen erwarten.
-
-Er sehnte sich danach, tüchtig auszuschreiten, frische, freie Luft zu
-atmen und den gesunden Erdgeruch einzuziehen, der aus den aufgerissenen
-Schollen emporstieg. Nur Wunder nahm es ihn, daß er die Wonne und
-Wohltat, der parfümierten Salonluft und Gesellschaft entronnen zu sein,
-nicht so recht zu empfinden vermochte.
-
-Ein tiefinnerliches Unbehagen erfüllte ihn; ein unbestimmtes Etwas ging
-ihm nach, von dem er sich keine andre Rechenschaft zu geben wußte, als
-daß es sehr quälend sei.
-
-Plötzlich rief er mehrmals hintereinander laut aus: »Narr! Narr!«
-
-Die Apostrophe galt dem, den der Kreishauptmann soeben einen Sendboten
-genannt, und die Erinnerung an das unverdiente Lob, das dieser Mensch
-ihm gespendet hatte, das war's, was dem Doktor die Laune verdarb. Jedes
-Wort, das der »Narr« gesprochen, jeder Zug seines durchgeistigten
-Apostelgesichts, der Ausdruck der schwärmerischen Ehrfurcht, mit dem
-seine tiefblauen Augen auf ihm geruht -- alles hörte, alles sah er
-wieder, und eine zornige Beschämung erfüllte ihn.
-
-Er, der trockene, auf seinen Vorteil bedachte Nathanael Rosenzweig --
-ein Menschenfreund und Samariter? -- So einsam er da wandelte auf dem
-Felde, ihm schoß das Blut in die Wangen, daß sie glühten. Er gedachte
-all der Hände, die sich im Verlauf seines langen Lebens flehend zu ihm
-ausgestreckt, und sagte sich: »Nie hast du geholfen außer im Beruf. Und
-was wir dem zuliebe tun, tun wir uns selbst zuliebe.« Seine Schuldigkeit
-hatte er in ihrem ganzen Umfang erfüllt; aber Schuldigkeit -- es liegt
-schon im Worte -- ist nur ein Tausch. Mehr als getauscht hatte er nie.
-Seine Kraft, sein Talent, die Früchte seines rastlos vermehrten Wissens
-gegen den Wohlstand, den er durch sie erwarb, und gegen die Achtung der
-Menschen. So hatte er bisher gehalten und -- Nathanael warf den Kopf
-zurück in seinen breiten Nacken -- so wollte er es auch ferner halten.
-Möge erst jeder seinem Beispiel folgen! Möge diese, im Grunde niedere
-Stufe der Moral erst von der Mehrzahl erreicht sein, dann werden _sie_
-zu Worte kommen, die Idealisten, die Träumer von einem goldenen
-Zeitalter allgemeiner Nächstenliebe. Früher -- nicht!
-
-Jetzt hatte er sich wieder zurechtgefunden und schritt rüstig und
-sorglos weiter in gewohnter Seelenruhe.
-
-Lange vor seinem Wagen, von dem trotz allen Ausblickens keine Spur zu
-entdecken war, erreichte er das steinerne Kreuz. An dessen Fuße kauerte
-eine klägliche Gestalt. Ein alter Mann, die Knie heraufgezogen bis ans
-Kinn, eine hohe Schafspelzmütze auf dem Kopfe, um die Schultern die
-Reste eines blauen Fracks, den vermutlich dereinst in Tagen
-schlummernden Nationalgefühls der verewigte Gutsherr getragen. Die
-mageren Beine des Greises wurden von einer ausgefransten Leinwandhose
-umschlottert und befanden sich, wie sein ganzer kleiner Körper, in einer
-unaufhörlich zitternden Bewegung.
-
-Als der Doktor sich ihm näherte und ihn ansprach, erhob er langsam,
-mühsam das juchtenfarbige, faltige Gesicht und blickte aus
-halberloschenen, rotumränderten Augen mit dem demütigen Leidensausdrucke
-eines alten Jagdhundes zu ihm empor.
-
-»Was tust du hier?« fragte Rosenzweig.
-
-»Ich warte, mein gnädiger Herr, ich bete und warte,« antwortete der
-Angeredete und streckte seine knöcherne Rechte aus, an deren Fingern ein
-vielgebrauchter Rosenkranz hing, »ich warte immer auf einen Brief von
-unserm lieben Herrgott.«
-
-»Was soll denn unser lieber Herrgott dir schreiben?«
-
-»Daß ich zu ihm kommen darf, ist ja hohe, hohe Zeit.«
-
-»Wie alt bist du?«
-
-»Siebzig, nicht mehr. Aber wie ich aussehe, und wenn Euer Gnaden wüßten,
-wie mir ist. Da --« er klopfte auf seine eingefallene, pfeifende Brust
--- »kein Atem. Jeden Tag meine ich, ich sterbe auf dem Wege, ich
-erreiche das Kreuz nicht mehr.«
-
-»Warum bleibst du nicht zu Hause?«
-
-Der Alte öffnete die Arme mit einer unbeschreiblich hilflosen Gebärde:
-»Sie jagen mich ja hinaus, die Tochter, der Schwiegersohn, die Kinder.
-Nun ja -- sie haben selbst keinen Platz in der kleinen Schaluppe.«
-
-»Wem gehört die Schaluppe?«
-
-»Der Tochter. Ja, der Tochter. Ich habe sie ihr zur Aussteuer
-geschenkt.«
-
-»Ein Schürzenvermögen also!« spöttelte der Doktor. »Und jetzt jagt sie
-dich aus dem Haus, das du ihr geschenkt hast?«
-
-»Mein Gott, was soll sie tun? Der Schwiegersohn prügelt sie ohnehin,
-weil ich so lange lebe. Der Schwiegersohn sagt zu den Kindern: 'Kinder,
-betet, daß der Großvater bald stirbt.' -- Ja!«
-
-»Du hast da einen saubern Schwiegersohn.«
-
-»Mein Gott, Herr, die Leute sind schon so. Solche Herren, wie du, wissen
-nicht, wie die Leute sind. Es gibt noch viel, viel ärgere im Dorf.
-Besonders jetzt in dieser Zeit.« Er senkte die keuchende Stimme. »Weh
-allen Panowies und Panies, die das nächste Jahr erleben!«
-
-»Warum denn? Was meinst du damit?«
-
-»O, die armen Herrschaften! Die Armen, Armen!« wimmerte der Greis und
-begann bitterlich zu weinen. »Alles wird man ihnen wegnehmen, und
-erschlagen wird man sie auch.«
-
-Der Doktor fuhr auf: »Du bist nicht bei Trost!«
-
-Nun begann der andre die Hände zu ringen!
-
-»Auch du antwortest mir so? Das ist ein Unglück! Ach, das ist ein
-Unglück!... So hat der Herr Pfarrer mir geantwortet, wie ich in der
-Beichte ausgesagt habe, was ich weiß; so hat der Herr Mandatar mir
-geantwortet, und der Herr Verwalter hat gar gedroht, mich auf die Bank
-legen zu lassen, wenn ich solche Sachen rede ...« Er richtete seinen
-unsicher suchenden Blick auf den Doktor: »Bist auch du mit ihnen
-einverstanden?«
-
-»Einverstanden -- ich? mit wem?... Sag alles!« befahl Rosenzweig. »Was
-wird ums neue Jahr geschehen?«
-
-»Männer von jenseits des Meeres werden kommen und werden alle adeligen
-Besitzungen unter die Bauern verteilen.«
-
--- Auch die des Pan Theophil Kamatzki. -- Wartet, Kanaillen! dachte der
-Doktor und sprach: »Was wird denn die Regierung dazu sagen?«
-
-»Die Regierung? Ach! Jesus! Von der Regierung aus ist im vorigen
-Frühjahr schon alles Land vermessen worden, damit die fremden Männer
-wissen, wie geteilt werden soll.«
-
-Rosenzweig brach in ein schallendes Gelächter aus:
-
-»O! dieses Volk!... Seit fünfzig Jahren verkehre ich mit diesem Volk,
-aber die Wege seiner Dummheit habe ich noch nicht erforscht ... Alter!
-die Vermessungen hat der Kaiser vornehmen lassen, weil er wissen will,
-wie groß sein Galizien ist, und wie viel Steuern es ihm zahlen kann.«
-
-Ungläubig wackelte der Greis mit dem Kopfe:
-
-»Das wissen wir besser, verzeih. Der Kaiser nimmt den Herren, die gegen
-ihn sind, das Land und schenkt es den Bauern, die für ihn sind. Dann
-wird es gut sein, glauben die meisten ... Ich glaube, daß es schlecht
-sein wird. Jeden Tag wird Sonntag sein, und was tun die Bauern am
-Sonntag, als raufen und sich betrinken?... O, mein gnädiger Herr, könnt
-man's doch verhüten.«
-
-»Sei du ganz ruhig, das wird gewiß verhütet werden,« entgegnete
-Rosenzweig und lachte wieder.
-
-Da wurde der Alte plötzlich aufgebracht:
-
-»Wenn du gestern abend im Wirtshaus gewesen wärest und den Kommissär
-hättest predigen gehört, du würdest nicht lachen.«
-
-»Den Kommissär? Den Emissär, willst du wohl sagen! Ein Emissär, wie sie
-jetzt zu Dutzenden herumziehen.«
-
-»Nein, nein, kein solcher. Einer, der einmal ein Herr war und jetzt
-sagt, daß es keine Herren mehr geben soll. Er weiß so gut, was für
-Zeiten kommen werden, daß er lieber gleich von selbst ein Bauer geworden
-ist und hat alles verschenkt.«
-
-Diese Worte erweckten Nathanaels ganze Aufmerksamkeit und erhoben es ihm
-zur Überzeugung, daß der Alte von demselben Manne sprach, den der
-Kreishauptmann den Sendboten genannt, und vor dem er selbst eben erst
-Aug in Auge gestanden hatte.
-
-Derselbe! er war es -- er gewiß, der Rätselhafte, dessen
-Lebensgeschichte die Vernünftigen einander mit Hohn und Spott erzählten,
-die Furchtsamen mit Haß, die Phantasten mit Begeisterung, es war
--- _Eduard Dembowski_.
-
-Oft hatte er sagen gehört, daß von diesem Menschen ein Zauber ausgehe,
-dem sich niemand zu entziehen vermöge, und dieser geheimnisvollen
-Einwirkung den größten Unglauben entgegengebracht, und nun gestand er
-sich, daß er doch etwas ihr Ähnliches erfahre.
-
-Ja! der bleiche Schwärmer schritt wie ein Gespenst neben ihm her. Ja!
-sein Bild verfolgte ihn mit unleidlicher Hartnäckigkeit. Vergeblich
-suchte er seine Gedanken von ihm abzulenken, immer wieder tauchte es auf
-und trotzte dem Willen, es zu verscheuchen.
-
-Das Gefährt des Doktors stand schon seit geraumer Weile auf der Straße.
-Eine bequeme Britzschka, bespannt mit einem Paar kugelrunder
-Falbenstuten, in zierlichen Krakauergeschirren, mit glockenbehangenen
-Kummeten. Der Kutscher war ein schlanker Bursche im saubern, einfach
-verschnürten Leibrock, und das Ganze bildete eine hübsche Equipage, um
-die so mancher Edelmann den Doktor beneidete.
-
-Dieser klopfte den Falben die starken Hälse und legte ihnen die Zöpflein
-der schwarzen, eingeflochtenen Mähnen zurecht. Schon war er im Begriff,
-in den Wagen zu steigen, da wandte er sich zu dem Alten am Fuße des
-Kreuzes zurück:
-
-»Du! wie heißt du?«
-
-»Semen Plachta, Herr.«
-
-»Hör an, Semen! Krieche heim und sage deinem Schwiegersohn, daß Doktor
-Rosenzweig morgen kommen wird, dich zu besuchen. Er soll dich zu Hause
-lassen. Verstehst du mich? Wenn ich komme und dich nicht zu Hause finde,
-werde ich dafür sorgen, daß dein Schwiegersohn noch vor der allgemeinen
-Verteilung als erste Abschlagzahlung auf das Künftige eine Tracht Prügel
-erhält.« Rosenzweig hatte seine Brieftasche gezogen und ihr eine
-Fünfguldenbanknote entnommen. Sein Gesicht wurde sehr ernst, während er
-sie betrachtete. Ein kurzes Zögern noch -- dann reichte er sie dem
-Greise hin.
-
-»Das aber gehört dir. Ich will morgen hören, ob das Geld für dich
-verwendet worden ist.«
-
-Semen streckte die Hand nach dem fabelhaften Reichtum aus; -- zu
-sprechen, zu danken vermochte er nicht. Auch der Kutscher auf dem Bocke
-blieb starr, riß die Augen auf, ließ vor Erstaunen beinah die Zügel
-fallen. Was sollte das heißen, um Gottes willen? Sein Herr verschenkte
-fünf Gulden an einen Straßenbettler?!
-
-»Herr,« sagte er, als der Doktor in den Wagen stieg, »du hast ihm fünf
-Gulden gegeben. Hast du dich nicht geirrt?«
-
-»Schweig und fahr zu!« befahl Rosenzweig, und die Peitsche knallte, und
-die Falben griffen aus.
-
-Bald kam auf der weiten Ebene das Doktorhaus in Sicht. Es stand jetzt
-nicht mehr so allein da wie ein Grenzstein; sehr nette Stallungen und
-Schuppen erhoben sich hufeisenförmig im Hintergrund, und eine
-wohlgepflegte Baumschule füllte den Raum zwischen den Wohn- und
-Wirtschaftsgebäuden.
-
-Die letzteren waren wirklich nach einem Plane des Chamers, dem der
-Architekt seine Sanktion gegeben hatte, ausgeführt worden und gut
-ausgefallen, das mußte man gelten lassen.
-
-Ob Rosenzweig zu seinem Daheim zurückkehrte aus dem Gehöft eines
-Schlachziz, aus dem Hause eines Grundherrn oder aus dem Schlosse eines
-Magnaten -- sein geliebtes Besitztum begrüßte er stets mit der gleichen
-Freude. »Den andern das ihre, das meine mir!« -- Aufrichtig gesagt,
-getauscht hätte er, wenn auch noch so gewinnreich, mit keinem. Er hatte
-ja nie ein lebendes Wesen (seine Großmutter ausgenommen) so geliebt, wie
-er sein kleines Gut liebte. Und wie es da so schmuck vor ihm lag, das
-langsam und mühsam Erworbene, die Verkörperung seiner Kraft und
-Tüchtigkeit, ein so wahrhaft zu Recht bestehendes Eigentum, wie es
-wenige gab, da ballten sich seine Fäuste, und er vollzog einen
-imaginären Totschlag an dem imaginären ersten, der es wagen würde, ihm
-seinen Besitz anzutasten.
-
-Am Abend noch besuchte er den Kreishauptmann und berichtete ihm Wort für
-Wort sein Gespräch mit Semen Plachta.
-
-Der Beamte ließ sich in eine ausführliche Erörterung der kommunistischen
-Umtriebe im Lande ein; die eigentlichen Absichten ihres Urhebers jedoch,
-das Wesen des seltsamen Mannes überhaupt, wußte er nicht zu erklären, so
-genaue Kenntnis er auch von dessen ganzem Lebenslaufe besaß.
-
-Der Sendbote, der das Land rastlos durchpilgerte und in den Palästen und
-den Hütten das Evangelium der Gleichberechtigung aller Menschen und der
-Gleichteilung allen Grund und Bodens verkündete, gehörte, als Sohn des
-Senatorkastellans von Polen und Herrn der Herrschaft Rudy im Warschauer
-Gouvernement, dem hohen Adel an. Auch er war wie seine Standesgenossen
-aufgewachsen und erzogen worden im Bewußtsein überkommener Rechte,
-ererbter Macht und der Pflicht, sie zu wahren und sie auszuüben.
-
-Kaum jedoch in ihren Besitz gelangt, hatte er sich ihrer freiwillig
-entäußert. Die Erträgnisse seiner Güter flossen in die Bettelsäcke der
-Güterlosen oder wurden zu Revolutionszwecken verwendet. Er aber zog
-umher und warb Jünger für seine Lehre und fand ihrer in den Reihen
-seiner eigenen Standesgenossen. An die eindrucksfähigen Herzen der
-Jugend wandte er sich, und je reiner und unschuldiger diese Herzen
-waren, desto feuriger erglühten sie in Verehrung für ihn, und in
-Sehnsucht, seinem opfermutigen Beispiel zu folgen. Boten des Sendboten
-tauchten auf im Königreiche Polen, im westlichen Rußland, in Posen, in
-Galizien. Die Worte ihres Abgottes auf den Lippen, riefen sie dem Adel
-zu: -- Wirf deine Reichtümer und deine zu lang genossenen Vorrechte von
-dir. Vorrecht ist Unrecht. Und dem Volke: -- Kommt, ihr Armen! Nehmt
-euern Anteil an dem Boden, den seit Jahrhunderten euer Schweiß, und wie
-oft! auch euer Blut gedüngt hat. -- Zu allen aber sprachen sie: Erhebt
-euch, schüttelt das Joch der Fremden ab! Wir wollen ein Reich gründen,
-darin es weder Überfluß noch Armut, nicht Herrschaft noch Knechtschaft
-gibt, das Reich -- das Christus gepredigt hat.
-
-Der geistige Leiter dieser Missionen hatte sich inzwischen an dem gegen
-Rußland geplanten und fast im Augenblick des Losbruchs gescheiterten
-Aufstande des Jahres 1843 beteiligt. Als Flüchtling entkam er nach
-Posen, wurde dort binnen kurzem wegen Verbreitung kommunistischer
-Grundsätze zur Rechenschaft gezogen, in Haft genommen, endlich verbannt.
-Er begab sich nach Brüssel, wo Lelewel die Verirrungen seiner
-allzuheißen Freiheits- und Vaterlandsliebe in den Qualen bittersten
-Heimwehs verbüßte. Der Umgang mit diesem »Großmeister der Revolutionäre«
-steigerte die Begeisterung Dembowskis zum Fanatismus. Was seine Seele
-fortan erfüllte, war nicht mehr Mitleid allein mit den Elenden und
-Armen, es war auch Haß gegen die Starken und Reichen, hießen sie nun die
-Beherrscher der Teilungsmächte oder die Inhaber der polnischen
-Zentralgewalt in Paris und Usurpatoren des Königreichs, das sie
-wiederherstellen wollten.
-
-Der Apostel der Nächstenliebe kehrte als ein politischer Agitator nach
-der Heimat zurück. Er, den bisher nur seine eigenen Eingebungen geleitet
-hatten, übernahm die Ausführung fremder Pläne und die Aufgabe, Galizien
-zur Empörung reif zu machen. In dieser Aufgabe wirkte er nun. Wußten
-die, die ihn mit ihr betrauten, was sie taten? Sahen sie ihn und seine
-Lehre nur als das Ferment an, das die stumpfsinnige Menge in Gärung
-bringen, in eine Bewegung setzen sollte, der die Richtung vorzuschreiben
-sie sich anmaßten? --
-
-Die Sympathie und Bewunderung, die jeder echte Pole für den empfindet,
-der im Kampfe gegen die Fremdherrschaft gelitten hat, bewährte sich von
-neuem. Der Adel nahm den Geächteten in Schutz, obwohl er einen Gegner
-seiner Interessen in ihm erkannte. Mochte er welcher Partei immer
-angehören, die Befreiung Polens war auch sein Ziel, auf dem Wege traf
-man zusammen und drückte einander die Hand.
-
-»Und sehen Sie,« schloß der Kreishauptmann, »so sehr ist der Mensch in
-mir im Beamten doch nicht aufgegangen, daß ich diese Polen um solcher
-Züge ihres oft unbesonnenen, blinden, stets aber hochherzigen
-Patriotismus willen nicht lieben und zugleich -- beneiden müßte.«
-
-»Euer Gnaden!« rief Nathanael mißbilligend aus, und beide Männer
-schwiegen. Nach geraumer Zeit erst nahm der Doktor wieder das Wort:
-
-»Ich glaube, Euer Gnaden, es wäre Sache der Regierung, vor allem sich
-und den Adel vor dem verderblichen Einfluß des kommunistischen großen
-Herrn zu schützen.« Hier flocht er das ruthenische Sprichwort ein: 'Ein
-schlechter Vogel, der sein eigenes Nest beschmutzt.' -- »Ich begreife
-nicht, warum man so lange untätig zusieht. Warum man ihn nicht hindert
-gleichsam unter den Augen der gesetzlichen Macht sein tödliches Gift
-auszustreuen.«
-
-Unangenehm berührt durch die Entschiedenheit, mit der Rosenzweig sprach,
-entgegnete der Kreishauptmann mit kühler Überlegenheit:
-
-»Es geschieht schwerlich ohne Grund. Übrigens -- unter uns! -- wir haben
-Weisung, auf ihn zu fahnden -- in unauffälliger Weise.«
-
-»O -- dann!« rief Nathanael übereifrig -- »dann beschwöre ich Euer
-Gnaden, meine Dienste in Anspruch zu nehmen. Unauffälliger wäre nichts,
-als einen Kranken dem Arzte anzuvertrauen. Und daß Ihr 'Sendbote' krank
-ist -- hier,« er deutete auf die Stirn, »und in das Beobachtungszimmer
-des Kreisphysikus gehört, darauf schwöre ich!«
-
-Der Ausdruck im Gesichte des Beamten wurde immer kälter; er richtete
-plötzlich eine gleichgültige Frage an den Doktor und entließ ihn, indem
-er beim Abschied warnend Talleyrands berühmtes »*Surtout pas trop de
-zèle!*« zitierte.
-
-Die Warnung blieb fruchtlos. Des Doktors ein mal entfesselter Eifer für
-die Sache der Ordnung und des Gesetzes war nicht mehr zu bändigen. Er
-hätte die Friedlosigkeit, die ihn umherjagte, auch den andern mitteilen
-mögen, legte einen Abscheu ohnegleichen gegen die zuwartende Geduld an
-den Tag, deren man sich in maßgebenden Kreisen befliß, und nannte sie
-verbrecherischen Leichtsinn und unverzeihliche Lauheit.
-
-Sein politisches Glaubensbekenntnis hatte sich bisher in dem Satze
-zusammenfassen lassen:
-
-»Unsre Regierung wird die denkbar beste sein, sobald sie sich nur noch
-herbeiläßt, den Juden das Recht zu geben, Grund und Boden zu besitzen.«
-Jetzt aber war ihm der Glaube an die Weisheit dieser Regierung
-erschüttert, und er begann sich als ihr Belehrer und Ratgeber zu
-gebärden. Auf dem Kreisamt hatte man wenig Ruhe vor ihm, er brachte
-täglich neue, immer bedenklicher lautende Nachrichten von dem
-Umsichgreifen der kommunistischen Propaganda, und riet immer dringender,
-man möge sich doch entschließen, energische Sicherheitsmaßregeln zu
-ergreifen.
-
-Die genaue Bekanntschaft des Schwiegersohnes Semen Plachtas, die er
-gemacht hatte, gab ihm viel zu denken. Er hatte sich bisher niemals mit
-dem Studium einer Bauernseele beschäftigt. Ein Bauer war in seinen Augen
-der uninteressanteste von allen mit einer Menschenhaut überzogenen
-Bipedes. Jetzt nahm er einen von der Sorte aufs Korn, beobachtete ihn
-genau, ging sogar mit ihm ins Wirtshaus, ließ sich mit ihm in Gespräche
-ein und wußte am dritten Tage, was er schon im ersten Augenblick gewußt
-hatte, daß der Mann faul, trunksüchtig und einfältig war. Wie einfältig,
-das kam erst zum Vorschein, wenn ihm der Branntwein die schwere Zunge
-löste und es nur weniger Fragen bedurfte, um sich zu überzeugen, daß ihm
-sogar die Kardinalerkenntnis der Unterscheidung zwischen mein und dein
-fehlte.
-
-Der Doktor fuhr zur Gräfin Aniela und hielt ihr einen Vortrag über den
-Zustand der Landbevölkerung. »Ja,« schloß er, »der Bauer ist dumm, aber
-wodurch soll er denn gescheit werden, wenn er es nicht zufällig von
-Natur ist? Ja, der Bauer ist faul, aber was würde die Arbeitsamkeit ihm
-nützen, sie brächte ihn doch nimmer auf einen grünen Zweig. Seine
-Arbeitsamkeit käme mehr dem Herrn zugute als ihm. Ja, der Bauer trägt
-den heute verdienten Groschen heute noch in die Schenke, aber diese
-Verschwendung kommt von seinem Elend. Das Elend ist nicht sparsam, das
-Elend vermag einen so gesunden und fruchtbringenden Gedanken, wie den
-der Sparsamkeit, gar nicht zu fassen.«
-
-Gräfin Aniela streckte das zierliche Hälschen in die Höhe, ihre
-lieblichen Lippen verzogen sich spöttisch.
-
-»Verehrter Lebensretter, Sie sprechen ja ganz wie der 'Sendbote',« sagte
-sie, »man glaubt ihn zu hören.«
-
-Der Doktor schwieg; der scherzhaft gemeinte Vorwurf traf ihn tief.
-
-Eine Stunde später stand er in seiner Baumschule vor einem Stämmchen,
-nicht viel dicker als ein Finger, und doch trug es schon unter seiner
-kleinen Blätterkrone drei herrliche Äpfel, völlig reif beinah, mit
-gelblich glänzender Schale. Zu jeder andern Zeit hätte der Doktor an dem
-Anblick seine Freude gehabt, heute vermehrte sich durch ihn nur sein
-Mißmut. Joseph kam aus dem Hause, sein Arbeitsgerät auf der Schulter,
-und wollte den Wohltäter noch zu andern Bäumchen führen, die ein ebenso
-kräftiges Streben, brave Bäume zu werden, an den Tag legten, wie das,
-welches er staunend betrachtete.
-
-Er erhielt keine Antwort. Mit finsterer Strenge funkelten die schwarzen
-Augen Rosenzweigs unter ihren buschigen Brauen den Jüngling an, und
-plötzlich sprach er:
-
-»Sag einmal, hast du nie etwas von einem Freiheitshelden, so eine Art
-Narren gehört, der sich hier in der Gegend aufhält, und, wie man
-behauptet, den Bauern in den Wirtshäusern Revolution predigt?«
-
-Joseph sah offenbar betroffen aus und schwieg.
-
-»Gesteh! Gesteh!« befahl Rosenzweig, und sein drohendes, zornrotes
-Gesicht näherte sich dem des Jünglings.
-
-»Ich weiß nicht, Herr,« stammelte dieser, »ob du den meinst, den sie den
-Sendboten nennen.«
-
-»Den eben meine ich!«
-
-»Der predigt aber nicht Revolution, der predigt Fleiß und Nüchternheit.«
-
-»Fleiß im Stehlen, Nüchternheit beim Totschlagen -- was?« höhnte der
-Doktor.
-
-Ungewohnterweise ließ sich Joseph nicht aus der Fassung bringen. Noch
-mehr! Er erlaubte sich einen Widerspruch:
-
-»Du bist im Irrtum. Ich kenne ihn.«
-
-Rosenzweig prallte mit einem unartikulierten Ausruf zurück, und Joseph
-fuhr fort:
-
-»Ich habe lange mit ihm gesprochen.«
-
-»Wo? und wann? und was?«
-
-»Auf dem Felde, in der vorigen Woche; und von dir ist die Rede gewesen.«
-
-»-- Von mir?«
-
-Aus dem Munde des Chamers hat er seine Nachrichten über mich? dachte der
-Doktor. -- Nun, sie sind danach!
-
-»Ich habe ihn nie predigen gehört,« nahm Joseph wieder das Wort.
-
-»Möchtest aber wohl?«
-
-»O ja! -- ich möchte wohl. Kein Pfarrer kann es ihm gleichtun, heißt es.
-Es heißt auch, daß er heute nacht zum letztenmal in unsrer Gegend
-sprechen wird, in der Schenke des Abraham Dornenkron, eine Meile von
-hier, auf der Straße nach Dolego.«
-
-Eine lange Pause entstand, der der Doktor ein Ende machte, indem er
-Joseph befahl, an die Arbeit zu gehen; er selbst begab sich zum
-Kreishauptmann, meldete, was er soeben in bezug auf den Emissär in
-Erfahrung gebracht hatte, und fragte an, ob es nicht geraten wäre, ein
-Pikett Husaren nach der Schenke zu schicken und den Aufwiegler gefangen
-nehmen zu lassen.
-
-»Was nötig ist, wird geschehen, mein lieber Rosenzweig!« antwortete der
-Beamte. »Wir sind von allem, was vorgeht, auf das genaueste unterrichtet
-und finden darin keinen Grund zur Sorge. Wovor fürchten denn Sie sich?
-Sie gehören zu uns. Ich wollte, ich könnte etwas von Ihrer Vorsicht
-denen einflößen, die ihrer bedürftiger wären als Sie und wir.«
-
-Rosenzweig machte noch einige Krankenbesuche und kam erst spät am Abend
-heim. Vor dem Gartentor fand er Joseph, der ihn erwartete.
-
-»Was hast du dazustehen? Geh schlafen!« herrschte er ihm zu.
-
-Auch er hätte gern Ruhe gefunden, aber sie floh ihn in dieser Nacht, wie
-in den vorhergehenden Nächten.
-
-Auf einmal fiel es ihm ein, ob es nicht möglich wäre, daß Joseph sich
-jetzt aus dem Hause schliche, um nach der Schenke zu rennen und die
-Abschiedsrede des Agitators zu hören. Der Weg ist freilich weit, und die
-Nacht schon vorgeschritten, aber der Bursch hat junge Beine ... Übrigens
--- wer weiß? Wenn er fürchtet, zu spät zu kommen, nimmt er am Ende gar
-ein Pferd aus dem Stall ...
-
-Nun, _der_ Zweifel wenigstens sollte ihn nicht lange quälen. Rasch nahm
-er den Leuchter vom Tisch und eilte über die Treppe, den Gang, nach der
-von Joseph bewohnten Stube.
-
-In Jahren hatte er sie nicht betreten; sie war die einzige schlechte im
-Hause und ärgerte ihn, so oft er sie sah. Ein länglicher, schmaler Raum,
-einfenstrig, mit Ziegeln gepflastert. Wäre Rosenzweig nicht der
-Wohltäter, sondern der Arzt Josephs gewesen, er hätte ihm verboten, da
-zu schlafen auf dem Strohsack, im Winkel zwischen der Drehbank und der
-Mauer, die förmlich troff von Feuchtigkeit.
-
-Er sagte sich das, als er eintretend den Menschen, den er auf dem Wege
-nach Dolego vermutete, lang ausgestreckt fand auf seiner mehr als
-bescheidenen Lagerstätte, tief und selig schlafend.
-
-Als Rosenzweig sich über ihn beugte und ihm ins Gesicht leuchtete,
-zuckten seine Augenlider, sein roter, frischer Mund zog sich trotzig
-zusammen, aber nur um gleich wieder mit leicht aufeinander ruhenden
-Lippen ungestört weiter zu atmen. Hätte er tausend Zungen gehabt, sie
-würden nicht vermocht haben, kräftigere Fürsprache für die Lauterkeit
-seines Herzens einzulegen, als es der Ausdruck des bewußtlosen,
-schweigenden Friedens auf seinem Antlitz tat.
-
-Der Doktor stellte den Leuchter auf die Drehbank und begann sich in der
-Kammer umzusehen. Was es da gab an begonnenen, an halb und fast
-beendeten Arbeiten, das alles war die Frucht des Fleißes emsig
-schaffender und geschickter Hände. Und es mußte doch kein so übler
-Verstand sein, der ihr Tun leitete, denn nirgend fand sich die Spur
-verwüsteten Materials oder kindischer Spielerei. Und worauf sich das
-ganze Sinnen und Denken dieses Verstandes richtete, das war das Wohl und
-Gedeihen des Doktorhauses, ihm kam all sein Streben zugute, das förderte
-er nach bester Kraft und Einsicht. Ein Beispiel für hundert fiel dem
-Doktor auf und -- fast rührte es ihn.
-
-Er hatte unlängst das hölzerne Gartenpförtlein durch ein eisernes
-ersetzen lassen und war zufrieden gewesen mit der vom Stadtschlosser
-gelieferten Arbeit, aber Joseph meinte: »Sie ist nicht schön genug, ich
-will eine Verzierung anbringen.« Rosenzweig verhöhnte ihn damals, und
-nun war das Werk schon unternommen, war schon mit unsäglicher Mühe aus
-starkem Eisenblech herausgesägt und gefeilt, und inmitten schmucker
-Arabesken zeichnete sich, gar künstlich verschlungen, der Namenszug
-Rosenzweigs.
-
-Dieser lächelte, kreuzte die Hände und versank in eine, zum erstenmal
-wohlwollende und mitleidige Betrachtung des bescheidenen
-Tausendkünstlers. Zu Häupten seines Lagers bemerkte er ein Bild des
-heiligen Joseph, mit vier Nägeln an der Wand befestigt, und darunter
-stand in ungefügiger Schrift:
-
-»Von meiner Lubienka.«
-
--- Die deine, du armer Junge, der auf der weiten Erde nichts besitzt?
-Hab erst festen Boden unter deinen eigenen Füßen, eh du es wagst, einem
-schwächeren Menschenkinde zuzurufen: Tritt zu mir! Du hast dir noch
-nichts erworben, noch nichts verdient trotz deiner Arbeitsfreudigkeit
-und Treue, nichts -- keinen Lohn, keinen Dank, kein Recht. Was du mir
-leistest und nützest, gilt nur als Zahlung einer dereinst --
-unfreiwillig eingegangenen Schuld.
-
-Wann wird diese Schuld endlich getilgt sein, armer Geselle?... Ist sie
-es denn im Grunde nicht längst? Besäßest du Klugheit genug, um
-abzurechnen und abzuwägen, vor Jahren schon hättest du gesagt: Wir sind
-quitt! Von nun an bezahle mich, Herr! Ich will auch für mich erwerben.
--- Ich sei ein harter Mann, heißt es, aber ungerecht darf mich niemand
-schelten. Wenn du gefordert hättest, ich hätte dir gegeben, ich hätte
-dich gelten lassen, wenn du dich geltend gemacht hättest ... Du hast es
-aber nicht getan; du bist schweigend unter deinem Joche weitergeschritten
-und wirst so weiterschreiten, bis du zusammenbrichst, und am Ausgang
-deines Lebens so hilflos dastehst, wie du an seinem Eingang gestanden
-hast.. Wessen Schuld? -- Warum denkst du nicht? Warum sprichst du nicht?
-Warum verschwendest du die kostbaren Kräfte deiner Jugend?... Aber es
-geschieht, und ich verbrauche sie -- und so wie ich tun Tausende, und
-so wie du Hunderttausende ...
-
-Noch einen Blick auf den sanft Schlafenden, und Nathanael schloß die
-Augen und preßte die Hände an seine Stirn. Grell und blendend drang es
-auf ihn ein, wie ein im Dunkel aufflammendes Licht. Mit Grauen und
-Entsetzen erfüllte ihn das Bewußtsein: Da schläft er noch still und
-harmlos, und die Hunderttausende seinesgleichen schlafen wie er. Doch
-werden sie erwachen -- schon weckt man sie. Zu welchen Taten? Wie werden
-sie hausen, die plötzlich entfesselten Knechte?
-
-Ein Schwindel ergriff ihn, ihm war, als wanke sein Haus.
-
-»Noch nicht!« rief er und stieß den Fuß heftig gegen den Boden.
-
-Joseph erwachte, sprang auf: »Was befiehlst du, Herr?« Das Bewußtsein
-kehrte ihm nicht schneller zurück, als diese Frage auf seine Lippen
-trat.
-
-»Wissen will ich, was vorgeht, hören, was euch gepredigt wird. Ich will
-den Sendboten hören. Spann die Falben vor den Wagen, du wirst mich nach
-der Schenke des Dornenkron fahren. Spann ein!«
-
-
-*IV.*
-
-Die Nacht war dunkel. Ein feiner, dichter Regen strömte unablässig,
-emsig auf die Erde nieder, und ein andrer, ein kompakter Regen spritzte
-von ihr auf beim energischen Gestampfe der wackeren Rößlein. »Polens
-fünftes Element« umwirbelte und übersprühte das von Joseph gelenkte
-Gefährt, das zwischen einer doppelten Reihe riesiger Pappeln auf der
-Kaiserstraße dahinrollte.
-
-Der Doktor saß lange Zeit schweigend in seinen Mantel gehüllt. Ungeduld
-verzehrte ihn.
-
-»Wir kommen zu spät,« sagte er endlich. »Treib die Falben an.«
-
-»Sie laufen ja, was sie können,« antwortete Joseph. »Wir sind schon
-weit.« Er deutete nach einem großen, weißlichen Fleck im Nordwesten des
-bleigrauen Horizonts, »die Weichsel und der Dunajec stecken schon ihre
-Fahnen aus.«
-
-Eine Viertelstunde später war das Ziel erreicht: ein niedriges,
-weitläufiges Gebäude. Vor dem standen allerlei Fuhrwerke und hinderten
-Joseph, sich mit dem seinen zu nähern.
-
-Rosenzweig hieß ihn halten, stieg ab und suchte sich einen Weg durch das
-Gewirr der Wagen und Pferde zu bahnen. Es war keine leichte Aufgabe für
-einen, der möglichst unbemerkt in das Haus gelangen wollte.
-
-Die meisten Kutscher hatten ihr Gespann verlassen, die andern schliefen
-auf dem Bocke oder taten so und leisteten dem Befehl des Doktors, ein
-wenig Raum zu geben, keine Folge. Er hob eben den Stock, um sich ihnen
-deutlicher verständlich zu machen, als Abraham Dornenkron auf der
-Schwelle des Hauses erschien, einen brennenden Span in der Hand.
-
-»Schaff mir Platz, Abraham,« sprach der Doktor, »ich bin's, ich, Doktor
-Rosenzweig.«
-
-»Gott der Gerechte!« stieß der Wirt erschrocken hervor, faßte sich aber
-sogleich und patschte dienstwillig in den Sumpf, der die Zufahrt zu
-seinem Gasthof bildete. Er schob die künstlich aufgestellte Wagenburg
-auseinander und rief dabei fortwährend mit überflüssigem Stimmaufwand:
-
-»Der Herr Doktor Rosenzweig! -- Is wer krank? Wohin belieben zu reisen
-der Herr Doktor?«
-
-Sobald die Möglichkeit vorhanden war, sich ihm zu nähern, sprang
-Nathanael auf ihn los und packte ihn beim Ohr:
-
-»Sei still, Spitzbube! Du brauchst mich bei deinen Gästen nicht
-anzumelden. Ich will das schon selbst besorgen.«
-
-Und als das Männlein trotzdem nicht aufhörte, seine Verwunderung über
-die Ankunft des Doktors laut auszuschreien, drückte der ihn gegen den
-Türpfosten, daß ihm der Atem verging, und drang an ihm vorbei in den
-Flur.
-
-»Ein Gibor![6] Schema Isroel, ein Gibor der gewaltige Doktor!« raunte
-Abraham einem mißgestalteten Wesen zu, das plötzlich im Dunkel
-geräuschlos wie eine Eidechse, krummbeinig wie ein Kobold, neben ihm
-aufgetaucht war.
-
-Es wiegte den unförmigen Kopf; seine nachtschwarzen Augen funkelten klug
-und feurig.
-
-»Er ist eingezogen, zu spionieren, Tateleben. Wir wollen ihm kommen
-zuvor, daß uns nicht kann begegnen ein Unglück,« flüsterte der Kleine.
-
-»Elend über Elend! Wie heißt ihm kommen zuvor?«
-
-»Ich will nehmen ein Pferd, Tateleben, und reiten nach Tarnow wie ein
-Windstoß, zu melden bei der Polizei, daß bei uns Versammlung halten die
-rebellischen Gojim, und daß die kaiserliche Regierung soll ausschicken
-gegen sie Soldaten, wenn es is gefällig der kaiserlichen Regierung.«
-
-Abraham betrachtete seinen Sprößling mit Blicken bewundernder Liebe:
-
-»Reit wie ein Windstoß, mein Sohnleben, daß du mit Gott bald kommst ans
-Ziel. Reit,« wiederholte er und setzte in naiver Fürsorge hinzu: »Tu
-dich nur nehmen in acht, daß du nicht kommst um deine graden Glieder.«
-
-Rosenzweig war inzwischen in die Wirtsstube getreten oder hatte sich
-vielmehr hineingezwängt.
-
-Es herrschte darinnen eine dicke, dumpfe Atmosphäre, das Produkt von
-mehr als hundert, dicht aneinandergepferchten Menschen, in nassen
-Pelzen, Kleidern und Stiefeln. Fuseldünste und der Qualm einer an der
-Decke hängenden Naphthalampe trugen dazu bei, das Atmen in diesem Raume
-zu erschweren. Die Anwesenden jedoch erfuhren unbewußt den beklemmenden
-Einfluß, der die Gesichter der einen glühen machte und die andrer bis
-zur Todesblässe entfärbte. Es waren Männer, den verschiedensten
-Altersstufen und Ständen angehörig, in ärmlicher Kleidung, im reichen
-Nationalkostüm, im Priestertalar, im Studentenrock, im schäbigen,
-schwarzen Gewand des Winkelschreibers. Die keinen andern Platz mehr
-gefunden hatten, waren auf die Bänke gestiegen und, zwischen die Mauern
-und die Menge geklemmt, bezahlten sie bei jedem neuen Andrang den
-Vorteil ihrer erhöhten Stellung mit der Gefahr, erdrückt zu werden.
-
-In der vordersten Reihe, seine Umgebung überragend, stand ein
-grauhaariger, graubärtiger, breitschultriger Herr, in kostbarer
-Magnatentracht. Wenn er den Kopf wandte, zeigte sich dem beobachtenden
-Nathanael das ausdrucksvolle asiatische Profil eines der mächtigsten
-Fürsten des Landes.
-
--- Auch du, *Starosta princeps nobilitatis*? dachte Rosenzweig. Aber
-eine noch größere Überraschung erwartete ihn.
-
-Der einzige in der Stube freigebliebene Raum war der vor dem Eingang in
-das Nebenzimmer, dessen offene Tür von einigen jungen Leuten mit
-wahrhaft wildem Eifer vor der Zudringlichkeit der Neugier oder des
-Fanatismus behütet wurde. Dort schritt Dembowski im Gespräch mit einem
-Schlachziz auf und ab, in dem Rosenzweig zu seinem grenzenlosen
-Erstaunen den vertrauten Freund des Kreishauptmanns erkannte. Er lebte
-in glücklichen Familien- und geordneten Vermögensverhältnissen, war ein
-harmloser, aufrichtiger Mensch, dem der Friede über alles ging. Nie
-hatte er es dahin gebracht, einer politischen Debatte seiner
-Gutsnachbarn bis ans Ende zu folgen, weil er regelmäßig früher
-einschlief. Und dieser ruhigste und stillste aller Staatsbürger, da
-wandelte er nun flammend und glühend in einem Seelenkampfe, dessen Pein
-sich in seinem zuckenden Gesicht malte, neben dem Aufwiegler einher.
-
-Der aber, leicht vorgebeugt, den Arm des Neophiten sanft berührend,
-sprach eindringlich und leise zu ihm, sprach Worte, auf welche dieser
-keine Erwiderung mehr zu finden schien. Ein letztes noch -- und er
-wandte sich von dem Erschütterten und trat zu seiner Gemeinde, die ihn
-mit unendlichem Jubel empfing.
-
-Der Sendbote war als Bauer gekleidet. Er trug einen langen, weißen
-Kaftan, der am Halse durch zwei große Metallknöpfe geschlossen war, hohe
-Stiefel, ein Hemd aus grober Leinwand und Pluderhosen aus demselben
-Stoffe. Ein lederner Riemen, an dem ein kleines Kruzifix aus schwarzem
-Holze hing, umgürtete seine Lenden. Sein dichtes, dunkelblondes Haar war
-kurz geschoren; es wuchs in scharfer Spitze in die Stirn und zog schön
-gewölbte Bogen um die mattweißen, etwas eingedrückten Schläfen.
-
-Ruhig ließ er den Freudensturm des Willkomms verbrausen, stand da mit
-herabhängenden Armen, die Finger nur leicht gekreuzt, und schaute ins
-Gewühl lässig und obenhin, wie sehr Kurzsichtige pflegen, die schauend
-schon im voraus auf das Sehen verzichten.
-
-»Freunde, Brüder,« begann er, ohne die Stimme zu erheben, und sogleich
-wurde es still bis zur Lautlosigkeit, -- »ich grüße euch zum letztenmal
-vor dem Kampf, vielleicht zum letztenmal vor dem Tode.«
-
-»Sei uns gegrüßt!« antwortete ein brauner Kumpan von martialischem
-Aussehen; »im Kampf, im Tod, im Sieg!«
-
-»Im Sieg!« durchlief's die Menge als Seufzer der Sehnsucht, als Schrei
-der Hoffnung, als Ausruf der Zuversicht.
-
-»Sieg?« wiederholte der Redner, »ihr habt ihn schon errungen. Ein Kampf
-wie der eure ist ein Sieg und ein Sieger jeder von euch, ob er den Fuß
-auf seine Feinde stellt, ob er zertreten von ihren Rossen auf dem
-Schlachtfelde liegt. Meine Brüder! was immer uns beschieden sein mag,
-der Gedanke, der uns beseelt, kann nicht mehr sterben. Er wird
-fortleben, sogar auf den Lippen derer, die uns um seinetwillen verfolgen
-und töten. Sie selbst werden die heilige Lehre noch verbreiten, indem
-sie von dem Märtyrertum erzählen, das wir erlitten haben.«
-
-Allmählich war die lähmende Müdigkeit von ihm gewichen, seine
-geschmeidige Gestalt hatte sich emporgerichtet:
-
-»Vielleicht ist die Erinnerung an unsern Tod das einzige, was wir denen
-hinterlassen können, für die wir so gern gelebt hätten. Wir müssen dafür
-sorgen, daß dieses Erbe ein glorreiches sei ... Es wird _kein_
-glorreiches sein, wenn nicht jeder einzelne, der zu unserm Bunde
-geschworen hat, sich als ein Priester fühlt, dessen Ehrgeiz Entsagung
-und dessen Ruhm grenzenlose Hingebung an die Sache Gottes ist.«
-
-Vereinzelte Laute der Zustimmung ließen sich vernehmen, aber so manches
-Antlitz drückte Enttäuschung aus.
-
-»Die Sache Gottes, meine Brüder!« wiederholte der Redner. »Vermöchte ich
-den Feuereifer, ihr zu dienen, in euern Seelen zu erwecken, den er in
-der meinen erweckt hat, und euch den Abscheu und die Scham kennen zu
-lehren, womit ich zurückblicke auf die einst genossenen Erdenfreuden.
-Mitten in der Fülle ihrer Genüsse fand mich der Herr. Aus ihrem Taumel
-schrak ich auf bei seinem Ruf. Und die Stimme, mit der der Allerbarmer
-mich rief, war die des Mitleids, und das Mitleid gebar den Zweifel und
-der Zweifel die Erkenntnis.«
-
-Verklärung breitete sich über seine Züge; das Licht der schönsten
-Liebesgedanken leuchtete auf seiner Stirn.
-
-»Ich lebte, wie die Verwöhnten leben. Weil der Zufall mir zuviel
-beschert hatte, kannt ich kein Genügen; in meiner heißen Hand zerschmolz
-das Gold.
-
-Da war einer unter meinen Dienern -- Jelek hieß er, ein Bauerssohn, der,
-aufgeweckt und tüchtig, es bis zu dem Amte meines Güterverwalters
-gebracht hatte. Er allein wagte es einmal, eine Warnung gegen mich
-auszusprechen, und fiel dadurch bei mir in Ungnade.
-
-An einem Sommermorgen ritt ich nach fröhlich durchlebter Nacht mit
-meinem Anhang von einem Feste bei meiner Geliebten heim. Ihre Küsse
-brannten noch auf meinen Lippen, die Klänge der Musik summten mir noch
-im Ohr, liebliche Bilder gaukelten vor meinen Augen, eine beglückende
-Lebenslust erfüllte mich. In meiner Seele vermählten sich die Erinnerung
-an genossene Freuden mit der Erwartung künftiger, und übermütig rief ich
-meinen Gefährten zu:
-
-'Wie heute, so morgen, und immer!'
-
-Wir waren am Ausgang des Waldes angelangt; vor uns lagen im schimmernden
-Duft des jungen Tages die taufrischen Wiesen, das Ährenmeer der Felder,
-und aus der Ferne grüßte mein bewimpeltes Schloß mit seinen starken
-Türmen. Seine Fenster blinkten, auf seinem altersgrauen Gemäuer lag der
-Glanz der aufgehenden Sonne wie ein Lächeln auf dem Antlitz eines
-Greises. Einen schönen Anblick bot mein ehrwürdiges, gastliches Haus,
-und mit Jauchzen sprengten meine Gefährten ihm zu.
-
-Ich aber verhielt mein Roß.
-
-Ich hatte längs des Waldsaumes einen Mann in hastender Eile herbeikommen
-gesehen und Jelek, meinen Verwalter, in ihm erkannt. 'Woher und wohin?'
-rief ich ihn an. Er nannte einen weit entfernten Meierhof, nach dem ihn
-der Intendant mit einem Auftrag schickte. -- 'Fand sich dazu kein
-Geringerer? Seit wann machst du Botengänge?' -- Auf diese meine Frage gab
-er zur Antwort: 'Seit ich bei dir in Ungnade gefallen bin. Dein
-Intendant hat mich meines Amtes entsetzt und bedenkt mich dafür mit
-allerlei Ämtern.' -- Er keuchte und wischte sich den Schweiß von der
-Stirn, und ich sah es ihm an, daß ihm der Boden unter den Füßen brannte.
-Ich sah auch, daß sich vom Dorfe aus ein langer Zug nach der Straße hin
-bewegte, und daß der es war, dem er entgegenstrebte. Ich setzte mein
-Pferd in Schritt, und er folgte mir. So kamen wir zur Landstraße, auf
-der die Leute wanderten. Ein paar hundert Männer, Jünglinge, Greise,
-ihre Sensen auf den Schultern, Säcke auf den Rücken. Sie schritten
-stumm, mit gesenkten Köpfen, die meisten barfuß und zerlumpt -- meine
-Bauern!... Und wie sie, sich bis zur Erde verneigend, an mir
-vorüberschlichen, unlustig, wie eine Herde, die nach fremdem Pferch
-getrieben wird, da wußt ich: die Leute sind vermietet für die Erntezeit,
-weithin vielleicht, und werden den Boden, auf dem ihre eigene ärmliche
-Ernte reift, nicht wiedersehen, eh der Schnee ihn bedeckt.
-
-Jelek hatte ein Tüchlein hervorgezogen, in dem einige Münzen
-eingebunden waren, und drückte es einem Alten in die Hand, der am Ende
-des Zuges mühsam nachhumpelte: -- 'Damit du nicht darbst unterweges,
-Vater. Gott tröste dich. Meinetwegen mußt du fort.'
-
-Der Alte barg das Tuch an seiner Brust, und der Haiduk, der die Schar
-geleitete, stieß ihn vorwärts.
-
-In die Augen Jeleks traten Tränen des Schmerzes und der Wut.
-
-'Warum sagtest du,' fragte ich ihn, 'dein Vater müsse um deinetwillen
-fort?'
-
-'Weil es so ist. Der Intendant hätte sich nicht getraut, ihn zu
-vermieten, wenn du mir noch gnädig wärest wie sonst.'
-
-Ein paar Tage später traf ich meinen Jelek, wie er einen Arbeiter auf
-dem Felde, einen hochbejahrten Mann, der Faulheit anklagte und
-erbärmlich schlug.
-
-'Siehst du nicht, daß der Mann erschöpft ist und nicht mehr arbeiten
-kann?' sagte ich, und er erwiderte:
-
-'So werden sie es in der Fremde auch meinem Vater tun. Warum soll es dem
-einen besser gehen als dem andern?'
-
-Was ich ihm antworten sollte, wußte ich nicht, aber zu dem Alten sagte
-ich:
-
-'Tun dir die Schläge nicht weh, daß du dastehst und nicht einmal
-klagst?'
-
-'O, mein gnädiger Herr!' entgegnete er, 'was würde das Klagen mir nützen?'
-
-Und auch darauf mußte ich schweigen ...
-
-Heimkehrend fand ich das Haus zum Empfang meiner Geliebten geschmückt,
-und alle, die um meine Gunst buhlten, waren versammelt, um ihr zu
-huldigen. Sie erschien in ihrer königlichen Schönheit, und ihr Anblick
-und der Anblick der Pracht, die mich umgab, und der kriechenden
-Dienstfertigkeit meines Anhangs -- Grauen, meine Brüder! Grauen
-erweckten sie mir ... Ein Dämon, meint ich, habe tückisch mein Auge zu
-furchtbarem Hellsehen geschärft ... All der Glanz, alle die Pracht und
-Herrlichkeit und die Liebe des Weibes und die Treue der Freunde -- sie
-hatten einen Preis, und bezahlt hatte ihn das Elend. Die hatten ihn
-bezahlt, die zum Frondienst vermietet hingezogen waren in die Fremde..
-Das Gewühl vor mir, die Wände des Saales wurden durchsichtig. Wie durch
-schimmernde Schleier sah ich eine wandernde Schar, deutlich jede Linien
-der Gestalten, jeden Zug der Gesichter, die mein Auge an jenem Morgen
-nur flüchtig gestreift hatte. Ergebung auf allen! Nicht schöne,
-männliche -- nein! die trost- und hoffnungslose Ergebung des
-Stumpfsinns. Was jenes Opfer der ungerechten Vergeltung, die mein Diener
-übte, gesprochen hatte, das sprachen auch sie in ihrem Schweigen. 'Was
-würden Klagen uns nützen?'
-
-Brüder! in dieser Stunde habe ich meiner Macht geflucht und mein Glück
-gerichtet ... Meine Macht war zum Unheil andrer ausgeübt worden, mein
-Glück wuchs nicht wie eine Blume aus dem gesunden Mutterschoß der Erde,
-es war ein Wuchergebilde, ihrer Krankheit Frucht, und nährte sich
-parasitisch von kostbaren Lebenssäften.«
-
-Der Redner bog den Kopf zurück; seine Lider schlossen sich, einem
-Gepeinigten gleich zog er den Atem ein.
-
-»Da ergoß sich in meine Brust ein Strom der Schmerzen ... Die Schmerzen
-jedes einzelnen, der um meinetwillen gelitten hatte, ergossen sich in
-meine Brust!... Und jede Schuld und jedes Unrecht, das _die_ begangen
-hatten, die mir dienten, als _meine_ Schuld empfand ich sie und vernahm
-schaudernd, wie ihr Schrei gegen mich zum Himmel stieg.
-
-Die Luft im Saale lastete wie Blei, aus den Augen meiner Geliebten
-blickte die Sünde, die Töne der Musik girrten sinnverwirrende Melodien,
-und -- fort trieb es mich, hinweg von dem durchschauten Trug in die
-kühle, klare Nacht. Ich wanderte unter ihren schimmernden Sternen,
-soweit meine Füße mich trugen, und wie auch mein Herz blutete und rang,
-mir war, als lebte ich auf. In der herben Qual, die ich litt, fühlte ich
-die Hand meines Herrn, verstand die Mahnung, deren er mich gewürdigt
-hatte. Und während sie mich suchten im Schlosse und in den Gärten, lag
-ich im Waldesgrund auf dem Angesicht vor meinem Gott und flehte um Kraft
-zur Buße und Sühne, und bot mich ihm dar zum Werkzeug seines Willens,
-zum Verkünder seiner Lehre, und flehte den Urquell des Lichtes um
-Erleuchtung auf meinem Wege an.
-
-Sie wurde mir. Wie das Auge des Blindgeborenen, als der Finger des
-Heilands es berührte, sich der alten, vertrauten und ihm doch
-unbekannten Welt erschloß, so erschloß sich meine Erkenntnis der
-Offenbarung, in deren Licht ich gewandelt war von Jugend an -- ein
-Blinder. Und je tiefer ich in den Geist des göttlichen Wortes eindrang,
-desto klarer wird es mir: Inbegriff seiner Weisheit ist die Liebe. Für
-uns Menschen -- die Nächstenliebe!«
-
-Die hochgehenden Wogen der Begeisterung, mit der der Sendbote empfangen
-worden, waren allmählich verebbt. Ein Gemurmel der Mißbilligung, in das
-sich nur vereinzelt warme Zurufe mischten, erhob sich jetzt. Aus der
-Gruppe, die den Fürsten umdrängte, scholl rauh die Mahnung:
-
-»Laß den Pfarrer von Nächstenliebe sprechen, sprich du von der Befreiung
-des Vaterlands!«
-
-»Eines, die beiden!« antwortete der Redner. »Keine Befreiung ohne die
-Liebe des Nächsten. Sie ist der unermeßlich reiche Schatz, der uns an
-dem Tag erlöst, an dem wir uns entschließen, ihn zu heben. Nur verstehen
-müßt ihr ihr Gesetz. Für euch, ihr Mächtigen und Reichen, lauten seine
-ersten Worte: Entsagung, Entbehrung, Sühne!«
-
-Die Lippen des Fürsten kräuselte ein Lächeln, aber mit immer mächtiger
-werdender Stimme fuhr der Redner fort:
-
-»Es gibt nur einen Herrn, den König der Himmel und der Welten, und nur
-ein Menschenvolk gleichgeborener Brüder. Der sich Herrschaft anmaßt über
-seine Brüder, säet und erntet Unheil; die Seele des Knechtenden wie die
-des Geknechteten verdirbt.«
-
-Mit einem raschen Schritte trat er auf den Fürsten zu:
-
-»Rette deine Seele, demütige dich! Gedenke der Sünden deiner Väter,
-gedenke der Flüche, die auf deinem Haupte lasten. Wie? -- Befreiung von
-fremder Tyrannei verlangt ihr? Was habt denn ihr jemals ausgeübt an dem
-bejammernswerten Volke, als Tyrannei? Ihr, der Adel, ihr wart der Staat.
-Niemals ist in Polen ein andrer Stand zu Wort gekommen, als der eure,
-und wohin habt ihr das Land gebracht?... Euer Eigennutz hat es
-ausgebeutet, eure Zwietracht es zerrissen, euer Verrat es den Feinden
-ausgeliefert!«
-
-»Du lügst! Schweig! Wir wollen dich nicht mehr hören!« tönte es ihm
-zurück.
-
-Ein rasender Tumult erhob sich.
-
-»Platz da! Platz für den Fürsten!« riefen die Begleiter des Magnaten,
-der sich schweigend und verächtlich umgewandt hatte, und dem die Seinen
-mit Stoßen und Drängen einen Weg zum Ausgang zu bahnen suchten.
-
-Nathanael, in der Nähe stehend, erwies sich ihnen hilfreich. Die Menge
-war wie eingekeilt unter der Tür, aber sein eiserner Arm teilte sie, um
-den Fortstürmenden Raum zu schaffen, und ein allgemeines Aufatmen gab
-es, als der Fürst mit seiner Schar das Freie gewonnen hatte.
-
-Von draußen vernahm man ihr Schreien, Fluchen und Lachen. Die Herren
-pfiffen ihren Kutschern und ihren Hunden, Peitschen knallten, Fuhrwerke
-setzten sich in Bewegung.
-
-Der Blick des Sendboten glitt schwermütig über die gelichteten Reihen
-seiner Jünger.
-
-»Auf die Großen dieser Erde habe ich nicht gezählt; wohl uns, wenn wir
-keine andern Gegner hätten als sie,« sprach er ruhig. »Der Bedrücker
-sind wenige, der Bedrückten viele. Wenn die Bedrückten sich erheben und
-im Namen des Allgerechten ihren Anteil am Besitz der Erde fordern
-würden, dann wäre die Macht der Mächtigen wie Spreu. Aber der Koloß, der
-sich nur zu regen brauchte, um seine Bande zu sprengen -- er regt sich
-nicht. Er duldet und front und wird ewig dulden und fronen. Durch das
-unwürdige Leben, das er seit Jahrhunderten führt, ist das Bewußtsein
-seines Menschentums, seines freien Willens in ihm erstickt worden. Sie
-aber, die ihm dieses Bewußtsein raubten, haben nicht nur gegen das
-elende, von ihnen verachtete Volk, sie haben -- und dessen gedenken sie
-nicht! -- sie haben gegen Gott gefrevelt, indem sie Tausende seiner
-Geschöpfe unfähig machten, sein Bild widerzuspiegeln.«
-
-Er hielt inne, und die jungen Leute jubelten ihm Beifall zu. Die älteren
-Männer schwiegen. Einige Geistliche hatten sich in die Nähe der Tür
-begeben. Der treulose Freund des Kreishauptmanns war samt den Edelleuten
-verschwunden, nachdem er mit staunendem Schrecken den großen Kopf
-Rosenzweigs aus dem Gedränge hervorragen gesehen hatte. Der Doktor
-jedoch, mit der Wucht eines Pfeilers auf seinem Vordermann lastend,
-brachte jeden allmählich zum Weichen und stand nun auf demselben Fleck,
-auf dem früher der Fürst gestanden hatte, dicht vor dem Sendboten.
-
-Eine freudige Röte stieg diesem in die Wangen, als er Nathanaels
-ansichtig wurde.
-
-»Gott wird die Schuldigen richten!« nahm er wieder das Wort. »Was uns
-zukommt, ist die Erlösung der Armen, deren Jammer zu ermessen wir besser
-vermögen, als sie selbst. Was ich von euch fordere, ihr Herren, ihr wißt
-es, besprochen und wieder besprochen haben wir's in langen Stunden. Ihr
-aber, Studenten und Männer der Wissenschaft, die ihr dem Volke nahe
-steht wie euerm Vater, betreut es, als wäre es euer Kind. Lehrt es euch
-lieben und vertrauen, verwendet zu seinen Gunsten euer Wissen, euer
-Können, eure Erfahrung, Kraft und Zeit. Vergeßt euch selbst in seinem
-Dienst. Keiner von euch pflege mehr seinen Geist in kaltsinniger
-Abgeschlossenheit ... Mit welchem Rechte vertieft ihr euch in die
-Erforschung der schwierigsten Welt- und Daseinsrätsel, während um euch
-her noch Menschen leben, mit dem gleichen Anspruch auf Erkenntnis
-ausgestattet wie ihr -- und unfähig, die einfachsten Gedankenreihen zu
-bilden?... Ihr sucht nach Zielen in euern Wissenschaften und werdet
-immer nur Grenzen finden. Ich nenne euch ein Ziel, das sich erreichen
-läßt: die Verminderung des Irrtums, des Wahns, des Aberglaubens unter
-euern Brüdern ... Dem Zug einer ungeheuern Heersäule, die nachts
-aufbricht, um zum Kampfplatz zu eilen, gleicht das Wandeln des
-Menschengeschlechts über die Erde. Die, denen Kraft gegeben ward, die
-andern zu überholen, haben sich an die Spitze gestellt. Sie schreiten
-schon im rosigen Morgenlicht, die Schatten fliehen, ein Wunderland
-öffnet sich vor ihnen. Unaufhaltsam jagen sie ihm zu, auf
-sonnenbeglänzter Bahn, unbekümmert um die Nachhut, die hinter ihnen im
-Dunkel tappt und sich verirrt, und keinen Steg mehr findet, der zu den
-Glücklichen hinüberführt, an deren Seite auch sie den Kampf des Lebens
-zu kämpfen berufen waren ... Deshalb, ihr Führer, macht halt! Öffnet
-eure Reihen, laßt die Nachhut herankommen. Einen breiten Weg für die
-Nachhut! Zu ihrem Heil, meine Brüder! aber auch zu dem eurigen, denn aus
-jedem bisher blöden Auge, das sich dank eurer fürsorgenden Liebe einem
-Strahl der Wahrheit öffnet, wird euch der Himmel grüßen ...«
-
-Einige Schulmänner in der Nähe Rosenzweigs wechselten bedeutungsvolle
-Blicke: »Ich bin sehr enttäuscht,« flüsterte ein Advokatenschreiber den
-gelehrten Herren zu: »Das ist ja gar nichts.«
-
-Der Doktor stand nach und nach ganz bequem, von einem Gedränge war keine
-Rede mehr. Das Auditorium machte sich langsam und geräuschlos fort.
-Wagen um Wagen rollte, Reiter trabten davon.
-
-Die Zurückbleibenden widersetzten sich endlich dieser Flucht. Die
-Verwünschungen, mit denen die Abtrünnigen begleitet wurden, begannen in
-Tätlichkeiten auszuarten.
-
-Gebieterisch erhob der Redner seinen Arm.
-
-»Laßt jeden unbehelligt ziehen,« befahl er. »Wer von euch kann sagen, ob
-das Samenkörnlein Wahrheit, das jetzt von der Brust dieser Männer
-abzuprallen schien, nicht, ohne daß sie selbst es ahnen, in ihr Wurzel
-geschlagen hat? Vielleicht tritt mancher von denen, die uns jetzt
-verlassen, noch dereinst in unsre Reihen ein. Mir aber, meine Brüder,
-mir ist es ein Segen zu fühlen: was mich in dieser Abschiedsstunde
-umgibt, ist Treue, was mich vernimmt -- Verständnis. Den tiefsten Inhalt
-meiner Lehre, in eure Herzen darf ich ihn gießen wie in köstliche
-Schalen, die ihn rein und lauter bewahren, und ihn andern Herzen also
-mitteilen werden.
-
-Brüder, wir müssen immer hören, ohne Kampf der Menschen untereinander
-könne die Welt nicht bestehen; in einem allgemeinen Frieden würden unsre
-Kräfte einrosten und unsre Geister erschlaffen. Das ist falsch. Friede
-zwischen den Menschen bedeutet ja nicht das Ende aller Kämpfe, es
-bedeutet vielmehr den Beginn eines neuen, eines herrlichen Kampfes.
-Während der Haß der Urheber aller bisherigen Kämpfe gewesen ist, wird
-die Liebe die Mutter der künftigen sein. Die Streiter, die sie aufruft,
-werden nicht etwa ein leichtes Spiel haben, denn die Feinde, denen sie
-gegenüberstehen, gönnen ihren Überwindern nicht Ruhe, nicht Rast;
-täglich besiegt, erheben sie sich täglich wieder. _Leiden_ und
-_Leidenschaft_ sind ihre Namen. Faßt sie nur einmal scharf ins Auge, und
-ihr werdet euch fragen müssen: Ist es möglich, daß wir jemals einen
-andern Streit unternommen haben als den gegen sie, als den gegen die
-Leiden der andern und gegen die Leidenschaft in unsrer eigenen Brust?
-Wie? es gibt in der Welt diese fürchterlichen Gewalten, und wir haben
-mit ihnen einen faulen Frieden geschlossen? Wir haben sie hingenommen
-wie das Notwendige und Unentrinnbare, wir haben schläfrig und lau den
-Vampyr an unserm Marke zehren lassen und unsre Streitlust nicht an _ihm_
-gebüßt, nein, an unsern Brüdern, unsern mitleidenden Brüdern! Wir haben
-Beladenen neue Lasten auferlegt, wir haben Verwundete verletzt.
-
-O, des Wahnsinns! Oder -- des Verbrechens -- oder vielmehr der beiden!
-Verbrechen ist Wahnsinn, die Torheit ist die Quelle jedes Unrechts.«
-
-Ja, und tausendmal ja! dachte Rosenzweig, Tränen in den Augen,
-erschüttert in allen Fugen seines Wesens. Ein unermeßliches Glück
-durchdrang ihn, er empfand die höchste aller Wonnen -- die Wonne, aus
-den beengenden Schranken der Selbstsucht aufzusteigen wie aus einem
-Grabe. Was er bisher am meisten geschätzt hatte, erschien ihm wertlos,
-die Arbeit vergeudet, die er auf die Erwerbung seines Reichtums
-verwandt, verächtlich seine engherzige Freude an ihm, der, ein toter
-Staub, in seinen Händen gelegen. Beschämung erfüllte seine Seele, aber
-mit Entzücken gab er sich ihr hin als dem Wahrzeichen seiner Wandlung,
-dem Beginn seines inneren Wachsens und Klärens. Nur ein Gedanke trübte
-die reine Seligkeit dieses Augenblicks; er galt dem Apostel des Mitleids
-und der Liebe und wurde schmerzlicher und sorgenvoller, als dieser die
-Zukunft, die er träumte, als eine erreichbare zu schildern begann. --
-Täusche dich nicht! hätte er ihm zurufen mögen. Das Land deiner
-Verheißung hat auf Erden keine Stätte. Begnüge dich damit, unsre
-Sehnsucht nach ihm erweckt zu haben. Schon das ist Befreiung.
-
-Aber der Sendbote sprach ... Der Klang seiner Stimme füllte wie etwas
-Körperliches den Raum, der Glutstrom seiner Beredsamkeit trieb seine
-kühnsten, prächtigsten Wogen, und endlich schloß er:
-
-»Zweck und Ziel unsres Bundes ist das Wohl des Volks, das Wohl eines
-jeden Bewohners der polnischen Erde; schwört Treue unserm Bunde!« Da
-riefen alle, da tönte es mit der Stimme _einer_ Begeisterung aus der
-Brust von jung und alt, von Besonnenen und Schwärmern:
-
-»Wir schwören!«
-
-Sie fielen vor ihm nieder und küßten seine Hände, seine Knie, seine
-Füße. »Wir schwören dir Gehorsam bis in den Tod!« überschrie einer aus
-der Menge alle übrigen. Der Sendbote wehrte ab:
-
-»Nicht mir Gehorsam -- der Sache schwört, die Armen und Bedrückten zu
-lieben, wie euch selbst, und das Vaterland mehr, als euch selbst.«
-
-Die Beteuerungen wiederholten sich.
-
-»So geht denn hin. Werbt im Volke, werbt Werber für das Volk. Entsendet
-keinen, der nicht auf das Kruzifix geschworen hat. Ich bringe euch die
-Eidesformel und den Katechismus,« sprach der Agitator, und Stille trat
-während der Verteilung der Schriften ein.
-
-Plötzlich wurde sie durch ein so angstvolles Gekreisch unterbrochen, daß
-alle zusammenfuhren. Abraham Dornenkron stürzte herein,
-schreckensbleich, mit aufgelösten Locken:
-
-»Rette sich, wer kann sich retten! Mein Sohnleben ist gewesen in Tarnow,
-hat gesehen steigen auf die Husaren, gleich werden sie sein hier, mein
-Sohnleben is geritten ihnen voraus.«
-
-Die Warnung Abrahams erweckte Hohn, Trotz, Bestürzung. Einige stammelten
-ein leises Abschiedswort und eilten rasch davon. Was Waffen trug,
-scharte sich um Dembowski und schickte sich zu seiner Verteidigung an.
-Er aber wies seine Getreuen hinweg.
-
-»Fort! Ihr, ich, wir alle. Noch ist es nicht Zeit zum Kampfe. Ein
-Hochverräter jeder, der den Kampf zu früh beginnt. Fort! Alle fort!«
-
-Die Stube leerte sich. Der letzte, der hinaustrat, war der Sendbote,
-knapp vor ihm schritt Nathanael. In tiefer Stille bestiegen die
-Verschworenen ihre Wagen und stoben auseinander wie Schatten. Das Pferd
-des Redners wurde vorgeführt, er schwang sich hinauf und gab ihm die
-Fersen. Das Tier bäumte sich, fiel schwer auf einen Vorderfuß zurück und
-zog den andern mit schmerzvollem Zucken in die Höhe.
-
-Eilends sprang Rosenzweig herbei. »Ihr Pferd lahmt,« sagte er, »auf dem
-Pferde kommen Sie nicht weit.«
-
-Der Wirt näherte sich, eine Flasche tragend, in deren Hals eine
-tropfende Unschlittkerze stak, hockte am Boden nieder und bestätigte
-jammernd den Ausspruch des Doktors. Diesen ergriff ein Verdacht, er
-hielt dem Juden die geballte Faust vors Gesicht:
-
-»Wart, Kerl, wenn du das getan hast!«
-
-Abraham brach sofort in Wehklagen und Unschuldsbeteuerungen aus. Der
-Emissär war vom Pferde gestiegen, stand regungslos und horchte.
-
-Deutlich vernahm man schon das Heransprengen der Reiter auf der Straße.
-Sie ritten mit dem scharf herüber pfeifenden Wind. Gelblichgrau begann
-der Horizont zu schimmern. Der fahle Schein der ersten Dämmerung
-verbreitete sich über die Ebene. Nathanael fröstelte und glühte. Kalter
-Schweiß rann ihm über die Stirn, eine eiserne Kralle schnürte ihm die
-Kehle zu. _Das war Furcht_, deren Symptome er so oft an andern
-beobachtet, die er an sich selbst nie erfahren hatte.
-
-»Verbergen Sie sich im Haus,« sprach er zum Emissär.
-
-»Was würde mir das nützen, wenn der Wirt falsch ist -- und er ist es,«
-antwortete jener. »Ich will meinen Beinen vertrauen. So viel Klugheit
-wie das gehetzte Wild habe auch ich. Irgendwo findet sich ein Hohlweg,
-ein Baum, ein mitleidiger Strauch, der mich verbirgt.«
-
-Er schickte sich zur Flucht an.
-
-Da faßte ihn der Doktor mit überlegener Kraft und drängte ihn zu seinem
-Wagen hin.
-
-»Herunter, Joseph!« befahl er, »und sieh zu, wie du nach Hause kommst.
-Sie aber, nehmen Sie seinen Platz ein. Rasch!«
-
-Der Widerstrebende war auf den Wagen hinaufgehoben, bevor er sich's
-versah. Der Doktor warf ihm seinen im Wagen zurückgebliebenen Mantel
-über die Schultern, Joseph legte die Zügel in seine Hand und trat sofort
-im Eilschritt den Heimweg an.
-
-»Du!« sprach Nathanael, und Abraham beugte sich beinahe bis zur Erde
-unter dem Blitz, der aus den Augen des Doktors auf ihn niederfuhr, »du
-sollst mich kennen lernen, wenn du den Verräter weiter spielst!« Einige
-Verwünschungen folgten, die ihm leicht von den Lippen flossen. Schwerer
-wurde es ihm, hinzuzusetzen: »Wenn du aber dein Maul hältst -- dann
-kriegst du von mir für dein Schweigen das Doppelte von dem, was deine
-Angeberei dir eingetragen hätte.«
-
-Er machte eine rasche Wendung den immer näherkommenden Reitern entgegen.
-
-»Hallo ho!« rief er, die Hände vor dem Munde zum Sprachrohr geformt, »zu
-spät! zu spät!«
-
-Ein Pikett Husaren mit einem blutjungen Kadetten an der Spitze kam
-angaloppiert. Der Kadett riß sein Pferd dicht vor Nathanael zusammen:
-
-»Gottes Donner! der Herr Doktor! Was führt Sie her?«
-
-»Beim Zeus! die Neugier, mein Gräflein. Aber Sie -- warum just Sie? Ein
-heißer Ritt in kalter Morgenstunde, das gibt, so wahr ich Sie kenne,
-eine Halsentzündung.«
-
-»Gottes Donner! scherzen Sie nicht! komm ich wirklich zu spät? Ist das
-Nest leer? War der Emissär wirklich da? Haben Sie ihn gesehen?« fragte
-der Jüngling in überstürzter Hast.
-
-»Gesehen, gehört, ihn als unschädlichen Schwärmer diagnostiziert.«
-
-»Unschädlich? Dann war er's nicht.«
-
-»Er war's!«
-
-»Es is gewesen er!« fiel Abraham geläufig ein. »Der Herr Kadett können
-noch sehn stehn hier sein Pferd, das ich hab vernagelt, damit er nicht
-kann reiten davon.«
-
-»Was ihn zwang,« bemerkte Rosenzweig, »im Wagen eines seiner Freunde
-davon zu _fahren_!«
-
-Der Jüngling nahm das Pferd in Augenschein, ließ ihm das Eisen abreißen
-und befahl einem Soldaten, es am Zügel mit zu führen.
-
-»Ich nehm es mit, als Pfand,« sagte er. »Und nun -- in welcher Richtung
-ist er davongefahren, Doktor?«
-
-»Das verrate ich Ihnen um keinen Preis.«
-
-»In welcher Richtung? Die Sache ist ernst. Ich bin ein gemachter Mann,
-wenn ich ihn fange. Wir haben verschärfte Order erhalten, heute
-nachmittag. -- In welcher Richtung, Doktor?... Gottes Donner! sprechen
-Sie!«
-
-Rosenzweig entgegnete mürrisch: »Ich weiß nichts. Vielleicht sind Sie
-ihm selbst begegnet auf der Straße.«
-
-»Niemandem bin ich begegnet außer einigen guten Bekannten ... Übrigens«
--- er hielt inne und schlug sich vor die Stirn. »Auch die sind ja
-verdächtig ... Rechts um!« kommandierte er seinen Leuten, und die
-Husaren machten kehrt. »Adieu, Doktor. Und du, Jude, merk auf! Es soll
-ein Preis auf den Kopf des Emissärs gesetzt sein, heißt es, ein Preis
-von tausend Gulden. Dein wäre er gewesen, hätt ich den Kerl hier
-erwischt.«
-
-Abraham zuckte zusammen, wand sich wie ein Wurm und kreischte laut. Der
-Fuß des Doktors stand auf dem seinen und trat ihn unbarmherzig.
-
-»Was gibt's?« rief der Husar.
-
-»Er weint um die tausend Gulden, die ihm an der Nase vorbei geflogen
-sind,« entgegnete Rosenzweig.
-
-Der Kadett setzte sich wieder an die Spitze seiner Mannschaft: »Ich
-reite zurück. Die Wagen holen wir noch ein ... Gottes Donner! die wollen
-wir jetzt aufs Korn nehmen ... In Galopp, Marsch!« Und das Pikett
-rasselte davon.
-
-Abraham hüpfte kläglich auf einem Fuße und hielt den andern,
-zurückgekrümmten, wie in einer Schlinge in der Hand.
-
-»Zweitausend Gulden!« winselte er. »Sie haben mir zerquetscht, Herr
-Doktor, Sie Gibor, zwei Zehen.. Aber sie sollen gehen drein, ich verlang
-kein Schmerzensgeld, wenn Sie mir auszahlen morgen meine zweitausend
-Gulden, die Sie sind mir schuldig, so wahr Gott lebt!«
-
-Rosenzweig antwortete dumpf: »Komm nur, Halunke. Was ich verspreche,
-halte ich -- auch einem Halunken.«
-
-Er trat an den Wagen und sprach, auf den Rücksitz deutend, zu seinem
-Fahrgast:
-
-»Da hinüber steigen Sie, überlassen Sie mir Ihren Platz. Ich bringe Sie
-in Sicherheit.«
-
-Der Sendbote stand mit einem Satze neben ihm und drückte kräftig seine
-Hand:
-
-»Haben Sie Dank. Sorgen Sie nicht weiter um mich; ich finde Freunde
-überall.«
-
-Vergeblich suchte der Doktor ihn zurückzuhalten, er entwand sich ihm und
-war bald den Augen seines Retters im verhüllenden Zwielicht
-entschwunden.
-
-
-*V.*
-
-Rosenzweig kutschierte nach Hause, im kurzen Trab, im Schritt -- wie es
-den Falben beliebte. Er hatte keine Eile. Wäre der Weg noch einmal so
-lang gewesen, er würde ihm nicht zu lang geworden sein. Dem, der über
-ein Wunder nachdenkt, vergeht die Zeit geschwind.
-
-Gelogen, betrogen, einen Schurken bestochen -- hatte er das wirklich
-getan, er, der redliche Rosenzweig? Um eines Menschen willen getan, den
-er noch vor kurzem für einen Feind der Gesellschaft, für seinen eigenen
-Feind gehalten?
-
-Die widersprechendsten Empfindungen lieferten sich eine Schlacht in
-Nathanaels sonst so gleichmütiger Seele. Nur die schlimmste von allen,
-die Reue, war nicht unter ihnen.
-
-Am Nachmittag kam Abraham, sein Geld zu holen. Ja, der Spitzbube nannte
-es sein, das schöne, zum Ankauf eines neuen Feldes bestimmte Geld.
-Finster gab der Doktor es hin.
-
-Dann begab er sich auf das Kreisamt.
-
-Er hatte die Absicht, seinem Chef die Ereignisse in der Schenke genau zu
-berichten, fand ihn jedoch so beschäftigt und in so ungewöhnlicher
-Aufregung, daß er es vorzog, zu schweigen. Auch in den folgenden Tagen
-ging es nicht besser.
-
-Auf dem Amte herrschte in dieser Zeit eine beständige Unruhe, eine
-außerordentliche Tätigkeit. Der Kreishauptmann bewahrte mit Mühe den
-Schein seines heitern Selbstvertrauens. Die Zuversicht war erzwungen,
-mit der er beteuerte, alle Fäden des Netzes in seiner Hand zu halten, an
-dem Tyssowski in Krakau, Skarzynski im Bochnier, Julian Goslar im
-Sandezer, Wolanski im Jasloer und Mazurkiewicz im Sanoker Kreise
-knüpften. Die Untreue seines besten Freundes, der offen zur
-Revolutionspartei übergetreten war, machte einen tiefen Eindruck auf
-ihn. Er und der Doktor tauschten allmählich die Rollen. Der Ängstliche
-wurde der Sorglose und der Sorglose der Ängstliche.
-
-Eines Morgens überbrachte Joseph seinem Herrn einen Brief, der durch
-einen Boten im Hause abgegeben worden war. Er enthielt zwei
-Eintausendguldennoten in ein Blatt gefaltet, auf dem die Worte
-geschrieben standen:
-
-Meine Schuld bleibt ewig ungetilgt.
-
-Nathanael barg das Blatt an seiner Brust und legte die Noten vor sich
-hin auf den Tisch.
-
-»Joseph,« rief er.
-
-»Was befiehlst du?«
-
-»Sieh diese zwei Bilder gut an. Weißt du, was sie vorstellen?«
-
-»Viel Geld, mein ich.«
-
-»Geld! Geld! nun ja -- aber noch etwas andres.«
-
-»Was denn, Herr?«
-
-»Den Lohn deiner jahrelangen Arbeit ... Nein, nicht ihren Lohn -- ihren
-redlich verdienten Ertrag.«
-
-Joseph sah den Gebieter fragend an.
-
-»_Dahin_ sieh, auf die Bilder, nicht auf mich,« rief dieser. »Sie
-stellen noch ein drittes vor.«
-
-»Was denn, Herr?« wiederholte Joseph.
-
-»Was denn? Soll ich Lubienka rufen? Die wüßte es gleich, daß es nichts
-andres sein kann als -- dein Heiratsgut.«
-
-Da rief Joseph mit einem Schrei der Wonne:
-
-»Mein Wohltäter, mein Herr, du Gütigster!« und wollte sich vor ihm
-niederwerfen.
-
-»Steh!« befahl Nathanael, legte beide Hände auf seine Schultern und
-blickte ernst in sein Angesicht, das sich zu ihm emporwandte wie zu
-einem Gott.
-
-»Du hast eine harte Jugend gehabt, mein Joseph.«
-
-»Ich? -- Was sagst du, Herr? -- Warst du nicht immer wie ein Vater gegen
-mich?«
-
-»Nein, nein, mein Junge, wirklich nicht. Aber du bist gegen mich immer
-wie ein Sohn gewesen,« antwortete der Doktor und setzte die für Joseph
-unverständlichen Worte hinzu: »Gäb es viele deinesgleichen, dann wäre
-der himmlische Sendbote -- kein Tor.«
-
-Von nun an hatte Joseph glückliche Tage, und noch viel glücklicher wären
-sie gewesen, wenn die große Veränderung, die mit seinem Herrn
-vorgegangen war, ihn nicht bekümmert hätte. Sie fiel jedem auf und
-erregte das Befremden aller Freunde des Doktors. Er, der emsige Sparer,
-wurde oft von großmütigen Regungen ergriffen. Er, für den der Bettler
-und der Dieb bisher in eine Kategorie gehört hatten, begann zwischen
-ihnen einen großen Unterschied zu entdecken. Er, auf den bisher die
-Reichen und der Reichtum eine starke Anziehungskraft ausgeübt, betrat
-nur noch gerufen die Schlösser, ungerufen aber die Hütten der Armen. Die
-Unruhe, die ihn umhergejagt hatte, war verschwunden. Mit stillem,
-hartnäckigem Eifer ging er seinem Beruf nach. Als die Revolution
-ausbrach und ihre ersten blutigen Opfer forderte, verstand er es, immer
-da zu sein, wo man seiner am meisten bedurfte. Nie, auch nicht in den
-schlimmsten Tagen, verließ ihn die kaltblütige Zuversicht: von der
-Revolution ist nichts zu fürchten.
-
-Andrer Ansicht war der Kreishauptmann.
-
-Alle Mutigen wandten sich schon der Überzeugung zu, der Aufstand müsse
-in kurzem beendet sein, als er noch davon sprach, die Provinz sei
-verloren, wenn nicht in höchster Eile eine Armee einrücke, die
-tausendköpfige Hyder der »verwüstenden Insurrektion« zu bekämpfen. Er
-meinte, Rosenzweig habe den Verstand verloren, als er eines Tages
-erwiderte:
-
-»Die Insurrektion ist keine tausendköpfige Hyder, sondern ein hilfloses
-Kind. Mit Blumen in den Händen kommt es heran, mit einem Herzen voll
-Liebe, und mit Worten der Erlösung auf den Lippen. So kommt es zu uns.
-Aber wir sind Wölfe, Bären, Tiger, aber wir sind reißende Bestien. Wir
-verstehen die Sprache dieses Kindes nicht. Es predigt Erbarmen,
-Gerechtigkeit und Güte, und wir wollen von alledem nichts wissen, wir
-wollen mit niemand Erbarmen haben, als mit uns selbst, wir wollen
-bleiben, was wir sind, behalten, was wir haben, womöglich noch andern
-etwas wegnehmen, um uns zu bereichern. Und so wird es immer sein, und
-ein Narr, der daran zweifelt! Und wir, reißende Tiere, wir werden das
-Kind zerfleischen und fressen, und uns zufrieden schlafen legen nach
-dieser Heldentat.«
-
-»Phantasterei! Das ist ja pure Phantasterei!« rief der Beamte voll
-Bestürzung aus. »Was ist mit Ihnen vorgegangen! Welcher Teufel hat Ihre
-gesunden Sinne verwirrt?«
-
-»Wissen Sie,« nahm er nach kurzem Schweigen wieder das Wort, »daß mir
-berichtet wurde, Sie hätten einer Zusammenkunft beigewohnt, in der der
-gefährlichste Kommunistenführer eine seiner berüchtigten Ansprachen
-hielt? Wissen Sie, daß schlechte Spötter behaupten, seine Beredsamkeit
-habe Sie zum Schwärmer gemacht?«
-
-Nathanael ließ sich durch diese Anklage nicht außer Fassung bringen.
-
-»Ein Schwärmer wäre ich,« entgegnete er, »wenn ich an die Verwirklichung
-der Utopien glaubte, für die dieser 'Kommunistenführer', wie Sie ihn
-nennen, lebt, und für die er sterben wird. Nun, nicht einmal unter dem
-Einfluß seiner Nähe, beim Wohllaut seines Wortes, unter den Blitzen
-seines Auges ist es mir auch nur durch den Sinn geflogen: Wer weiß?
-vielleicht doch!... Vielleicht vermag ein Beispiel, wie das deine, uns
-Selbstlosigkeit zu lehren und allgemeine Erfüllung der einfachsten
-Pflichten. O nein, nein! dazu kenne ich uns Menschen zu gut. Aber
-gedacht habe ich mir: du wirst zu Boden geworfen, zertreten, ein Narr
-geheißen und -- vergessen werden. Kaum gibt es in zehn Jahren noch
-einen unter allen, die du liebtest, der deinen Namen nennt. Trotzdem ist
-der mächtige Fürst, den die Neugier oder der Wunsch, sich populär zu
-machen, in deine Versammlung trieb, ein Bettler gegen dich. Reich bleibt
-ewig nur der Schenkende, und die Größe des Mannes mißt sich nach der
-seiner Idee und der Opfer, die er ihr bringt. Die deine hat das Maß
-überschritten, das sich in unsrer kleinen Welt verwirklichen läßt. Ihre
-Größe macht sie zum Irrtum, und dich zum Irrenden. So dachte ich; und
-ich, der Arzt, der eingefleischte Hasser und Verfolger alles
-Krankhaften, Überspannten, Wahnbefangenen, ich tat ein Gebet für ihn zu
-meinem Gott:«
-
-»Laß ihn sterben, umringt von allen Gebilden seiner Torheit, laß ihn
-ungeheilt sterben, o Herr!«
-
- * * * * *
-
-Dieses Gebet schien bald im vollkommensten Maße erhört.
-
-Die Erhebung war am Widerstand der Landbevölkerung gescheitert; das
-Korps, das die Insurgenten aufgebracht hatten, war durch dreihundert
-Mann kaiserlicher Truppen und eine zehnfache Anzahl Bauern, die sich
-ihnen anschlossen, unter Benedeks energischer Führung, bei Gdow
-geschlagen worden.
-
-Von der erlittenen Niederlage erhielt die Revolutionsregierung in Krakau
-entstellte Kunde.
-
-Die Freiheitshelden waren, so lautete sie, nicht durch reguläre Truppen,
-sondern durch fanatisierte Bauernhorden überwältigt worden, die, bis
-Wieliczka vorgedrungen, sich jetzt im Anmarsche auf die Stadt befanden.
-
-Ein Schrei der Rache erhob sich und -- verstummte vor der Beredsamkeit
-eines Mannes, der Schonung des verblendeten und irregeführten Volkes
-forderte und verlangte, ihm als Bekehrer entgegengesendet zu werden.
-
-Dieser Mann war Eduard Dembowski, und sein Wille geschah.
-
-Vertrauend auf die Gewalt seines Wortes verließ er Krakau, von Priestern
-im reichen Ornate, von Fahnen und Kreuze tragenden Mönchen begleitet.
-Eine große Menschenmasse folgte; dreißig Scharfschützen deckten den Zug.
-Er überschritt die Weichselbrücke und bewegte sich durch die Vorstadt
-Podgorze auf der Straße nach Wieliczka.
-
-Sie lag still und öde; so weit das Auge reichte, keine Spur von
-herannahenden Bauernrotten. Von Podgorze aus kam jedoch eine
-Schreckenskunde, der Nachhut durch eilende Boten zugetragen; sie
-durchfiel den Zug wie ein Blitz:
-
-Österreichische Truppen marschieren gegen Podgorze.
-
-Ein rascher Befehl seines Führers, und der Zug trat den Rückweg an in
-der Hoffnung, die Stadt vor den Kaiserlichen erreichen und die Brücke
-noch gewinnen zu können.
-
-Auf den Anhöhen rechts von Podgorze angelangt, konnte der Sendbote schon
-den Sturm auf die Stadt und das siegreiche Vordringen der Truppen
-überblicken.
-
-Die Kaserne war genommen, die Kirche besetzt; die polnischen Schützen,
-aus den Häusern vertrieben, jagten in ungeordneter Flucht der Brücke zu.
-
-Grimm und Schmerz erfüllten bei diesem Anblick die Seele des Emissärs.
-
-»Vorwärts! Mit Gott vorwärts, wir schlagen uns durch, wir erreichen noch
-die Brücke. Mut!« rief er den zögernden Priestern zu. »Ihr habt nichts
-zu fürchten. Die man zum Sturme zwingt, folgen widerwillig. Es sind
-Galizier, sie schießen nicht auf ihre Landsleute, schießen nicht auf
-geweihte Priester!«
-
-Er befahl, ein geistliches Lied anzustimmen, und in majestätischer
-Ordnung, langsam und feierlich, kam die Prozession die Anhöhe herab. Der
-Emissär schritt voran im Bauernkleide, sein heller Kaftan schimmerte in
-der anbrechenden Dämmerung; in der Hand hielt er ein kleines schwarzes
-Kreuz.
-
-Ungehindert gelangte der Zug durch den noch unbesetzten Stadtteil bis
-zur Kirche. Hierher aber war schon eine Kompanie vorgedrungen, die den
-Weg zur Brücke versperrte.
-
-Der Emissär machte halt.
-
-»Seht eure Brüder!« sprach er die Soldaten an und deutete auf die
-Scharen, die ihm folgten. »Auch ihr seid Polen. Keinen Kampf, Brüder --
-gebt Raum!«
-
-Schweigen antwortete ihm. Noch einmal begann er die Soldaten zu
-beschwören -- da ertönte das Kommando:
-
-»Fällt das Bajonett!«
-
-Mit einem Blick der Verzweiflung sah Dembowski sich um.
-
-Die Geistlichen und Mönche waren zurückgewichen. Seine Getreuen jedoch
-und die Schützen drängten sich um ihn.
-
-»Kein Ausweg ... Schießt -- und vorwärts!« rief er plötzlich mit wilder
-Entschlossenheit und drang auf die Soldaten ein.
-
-Zwei Dechargen erwiderten den unerwarteten Angriff.
-
-Nach der ersten sah man Dembowski noch aufrecht stehen, das Kreuz hoch
-über seinem Haupte schwingend. Nach der zweiten sank er, in den Kopf
-getroffen.
-
-Rosenzweig erfuhr den Tod des Sendboten durch den Kreishauptmann, der
-seinen Bericht mit den Worten schloß: »So mußte ein Wahnsinniger enden.«
-
-Die Prophezeiung Nathanaels traf ein; der idealste Vertreter der
-Revolution erfuhr den einstimmigen Tadel und Hohn aller Parteien; sein
-Andenken erlosch auch bald im Volke.
-
-Seine Leiche war unter denen der in Podgorze Gefallenen nicht
-aufgefunden worden, und eine Zeit lang erhielt sich das Gerücht, er sei
-nicht tot, er lebe versteckt als Bauer und werde beim Ausbruch neuer
-Freiheitskämpfe auf ihrem Schauplatz erscheinen.
-
-Als jedoch die Stürme des Jahres 1848 aufstiegen und verbrausten, ohne
-ihn aus seiner vermeintlichen Verborgenheit gelockt zu haben, erlosch
-auch in denen, die sie am längsten genährt hatten, die Hoffnung auf
-seine Wiederkehr.
-
- * * * * *
-
-Es war zu Ende der fünfziger Jahre, an einem milden Septemberabend, in
-einem Dorfe unweit der schlesischen Grenze. Vor der Schenke hielt eine
-gedeckte Britschka, der ein paar tüchtige Braune vorgespannt waren.
-Behaglich, ohne Eile, wie es guten Fressern geziemt, ließen sie sich den
-Inhalt einer vor ihnen aufgestellten Futterkrippe schmecken. Der
-Kutscher, ein ältlicher Mann, so wohlgenährt wie seine Pferde, hatte
-sich auf die Bank vor dem Hause gesetzt, dampfte aus einer kurzen Pfeife
-und machte sich ein Vergnügen daraus, die Fragen der hübschen Wirtsmagd
-mit einer schelmischen Zurückhaltung zu beantworten, die darauf
-abzielte, ihre durch die Ankunft völlig fremder Gäste ohnehin erregte
-Neugier noch zu spannen.
-
-»Ihr fahrt wohl recht weit über Land?« fragte sie.
-
-»Weiter, als du denken kannst,« erwiderte er.
-
-»Vielleicht gar ins Ungarn hinein?«
-
-»Pah! Das wäre ja nur ein Katzensprung!«
-
-Das Mädchen stemmte den Arm in die Seite und lachte:
-
-»Die möcht ich sehen, die Katz, die so springen könnt!«
-
-»Bei uns zu Haus gibt's ihrer genug. Komm du nur hin, dann wirst sie
-sehen.«
-
-»Ei, so was!... Aber wo ist denn Euer zu Haus?«
-
-»Wo?« Er deutete mit der Hand nach drei verschiedenen Richtungen: »Da --
-und da, und dort.«
-
-»Geh weg, du spaßest.«
-
-»Frag meinen Herrn, wenn du mir nicht glaubst.«
-
-»Ja, just,« spottete sie, »fragen -- so einen Herrn!«
-
-»Fürcht'st dich?« -- er zwinkerte sie verschmitzt an. »Hast es schon
-weg, daß er ein Hexenmeister ist?«
-
-Sie schlug rasch und verstohlen ein Kreuz:
-
-»So? Das hätt ich ihm nicht angesehen.«
-
-»Ja, ein gar großer Hexenmeister. Macht die Kranken gesund, macht die
-Toten lebendig.«
-
-»Die Toten?« ... Das Mädchen schauerte.
-
-»Die Halbtoten also. Zu so einem sind wir g'rad auf dem Weg.«
-
-»Da kommt ihr ja zu spät, wenn ihr noch lang zu fahren habt.«
-
-»Wir kommen nie zu spät. Der Herr sagt nur: Wart! -- und der Tod
-wartet.«
-
-»So? Hat dein Herr auch eine Frau?«
-
-»Eine Frau hat er nicht, aber mehr als hundert Kinder.«
-
-»Was du sagst?« und wieder lachte sie hellaut auf.
-
-Der Gegenstand dieses Gespräches war ein Greis von kräftiger Gestalt. Er
-trug eine Reisekappe und einen langen, auf der Brust leicht verschnürten
-Rock. Den untern Teil des markigen, dunkelfarbigen Gesichtes bedeckte
-der Bart, der, weiß und dicht wie die Haare, in zwei mächtige Strähne
-geteilt, fast bis zum Gürtel herabwallte. Der Alte, die Hände auf dem
-Rücken, stand am jenseitigen Ufer des Teiches, der sich auf eines
-Steinwurfs Entfernung vom Wirtshaus befand und ein lang gestrecktes Oval
-bildete, an dessen einem schmalen Ende knorrige, ganz schief gewachsene
-Weiden ihre Zweige zu seinem trüben Spiegel niedersenkten, während das
-andre sich sanft gegen die ansteigende Dorfstraße verflachte.
-
-Der Teich war alles in allem: Badeort für die Jugend, Waschanstalt für
-die Hausfrauen, See für das schwimmtüchtige Geflügel, Schwemme für die
-Pferde. Am Werktagabend ging es in seiner Umgebung lebendig zu. Große
-und kleine Knaben, barfüßig, die Hosen übers Knie gezogen, ritten ihre
-Pferde ins Wasser, bewundert und beneidet von den Kindern, die am Ufer
-standen oder saßen, die meisten als ziemlich lässige Hüter jüngerer
-Geschwister. Männer und Weiber kehrten vom Felde heim, und, von weitem
-schon angekündigt durch die Töne eines schallenden Gesanges, kam eine
-Mädchenschar, Rechen und Sicheln tragend, ins Dorf gezogen.
-
-Unter den am Teiche spielenden Kindern war eines, das die besondere
-Aufmerksamkeit des Fremden erregte. Ein Bürschlein von etwa sechs
-Jahren, mit sehr lieblichem, aber blassem Gesichtchen. Seine schlichten,
-blonden Haare, im Nacken lang, über der Stirn gerade geschnitten,
-quollen reich unter dem Mützchen hervor. Er hatte tiefliegende, blaue
-Augen, eine schmale, leicht gebogene Nase und einen feinen,
-ausdrucksvollen Mund. Nach der Beschaffenheit seines Kaftans und seiner
-Stiefel zu schließen, gehörte er wohlhabenden Eltern an.
-
-In der offenen Tür eines der nächstgelegenen Häuser war ein junges,
-hübsches Weib mit einem Kinde auf dem Arm erschienen und rief dem Knaben
-zu:
-
-»Jasiu, der Vater kommt.«
-
-Da machte das Bübchen einen Luftsprung und lief von seinen
-Spielgefährten fort, dem Angekündigten entgegen. Der blieb stehen,
-beugte sich und lachte, als sein Junge im vollen Lauf an ihn anprallte.
-Er rückte ihm die verschobene Mütze zurecht, nahm seine Hand und schritt
-mit ihm weiter.
-
-Es war ergötzlich, sie daher kommen zu sehen, den Bauern und das
-Bäuerlein, das zweite in Haltung, Gang, Gestalt und Kleidung das
-verkleinerte Ebenbild des ersten.
-
-Sie näherten sich, und der Fremde bemerkte auf dem Gesicht des Bauern
-die entstellenden Spuren einer schweren Verwundung. Die rechte Wange war
-eingefallen und von Narben zerrissen, das rechte Auge geschlossen.
-
-Auch ein Veteran der letzten Kämpfe, dachte der Greis und
-heftete den Blick immer aufmerksamer auf den Herankommenden. Ein
-märchenhaft-wunderlicher Einfall durchzuckte ihn. Plötzlich machte er
-ein paar rasche Schritte, stand dicht vor dem Bauern, starrte ihn an und
-rief:
-
-»Ist es möglich?«
-
-Überrascht wich jener zurück, aber nur, um schon im nächsten Augenblick
-auf ihn zuzustürzen.
-
-»Sie! O Gott, Sie -- Doktor Rosenzweig!« sagte er mit einer Stimme,
-deren Wohllaut unvergessen in der Erinnerung des Alten gelebt hatte.
-Früher als dieser gewann er seine Fassung wieder: »So habe ich Sie nicht
-umsonst erwartet, nicht vergeblich gehofft, daß Sie auf einem Ihrer
-Samariterzüge den Weg durch unser Dorf nehmen würden, um --« fügte er
-mit Rücksicht auf das Publikum, das sie umgab, hinzu -- »Ihren Diener
-Hawryl zu besuchen.«
-
-»Hawryl --« stammelte Rosenzweig, »Hawryl also ... Wie geht's, Hawryl?«
-
-Ȇberzeugen Sie sich selbst. Erweisen Sie mir die Ehre, in mein Haus
-einzutreten, ruhen Sie ein wenig aus unter meinem Dache.«
-
-Schweigend, noch ganz betäubt, folgte der Doktor dieser Einladung und
-ließ sich zu dem Hause geleiten, auf dessen Schwelle die junge Frau
-stehen geblieben war und sich bemühte, das kräftige Kind in ihren Armen,
-das dem Vater jauchzend und mit ausgestreckten Händchen entgegenstrebte,
-festzuhalten.
-
-»Mein liebes Weib, Herr Doktor,« sprach Hawryl, und zu ihr gewandt:
-»Heiße ihn willkommen, Magdusia, einen werteren Gast kann uns der Himmel
-nicht schicken.«
-
-Ihr Gesicht spiegelte die Freude, die sich auf dem ihres Mannes malte,
-rein und innig wider: »Seien Sie schön gegrüßt, Herr,« sagte sie und
-lachte ihn mit ihren großen Augen treuherzig an.
-
-Nathanael war wie im Traum. Erst in der Stube, allein mit Hawryl, begann
-er sich von seinem Staunen zu erholen:
-
-»Sie leben! -- Mensch, Sie leben! Ist das auch wahr, daß Sie leben? Aber
-wenn es wahr ist, so stehen Sie doch nicht so gleichgültig da --«
-
-»Gleichgültig?« rief Hawryl.
-
-»So reichen Sie mir doch die Hand!«
-
-Zum zweitenmal hielt er sie in der seinen -- eine andre als damals, eine
-derb gewordene Hand, deren Besitzer den Bauern nicht nur _spielte_.
-
-Sie nahmen Platz am Tische, der mitten in der freundlichen Stube stand,
-und lange dauerte es, bevor Hawryl, immer von neuem durch die
-verwunderten Ausrufungen des Doktors unterbrochen, die seltsame und
-doch so einfache Geschichte seiner Rettung beenden konnte.
-
-Zunächst schrieb er sie der Kleidung zu, die er trug, als er bei der
-Kirche in Podgorze verwundet wurde und für tot liegen blieb. Er war, da
-sich noch Leben in ihm fand, mit andern Landleuten und Soldaten ins
-Spital nach Krakau gebracht worden. Dort hatte er das Bewußtsein wieder
-erlangt, bald aber auch die Überzeugung, daß der Arzt, der ihn
-behandelte, ihn keineswegs für einen Bauern hielt. Später verrieten ihm
-einige, wie absichtslos hingeworfene Worte des Doktors, daß er von ihm
-erkannt worden war.
-
-An dem Tage, an dem man ihn für geheilt erklärte, kam der Direktor, ein
-Pole -- man hatte die Spitalsleitung noch nicht gewechselt -- in die
-Rekonvaleszentenstube.
-
-Der Agitator sah diesen Mann damals zum ersten- und letztenmal in seinem
-Leben.
-
-»Du heißest Hawryl Koska,« sagte er zu ihm, »bist ein aus dem Königreich
-zugereister Untertan des Grafen Branski, der dich nach seiner
-galizischen Herrschaft, auf ein Bauerngut, übersiedelt. So lese ich in
-deinem Passe. Ist das richtig?«
-
-Und ohne die Antwort abzuwarten, reichte er ihm einen auf den Namen
-Hawryl Koska lautenden, mit einer auf ihn passenden Personalbeschreibung
-versehenen Paß, wandte sich an seinen Nachbar und ließ den Umgetauften
-stehen.
-
-»In der verworrensten Gemütsstimmung, Freund,« rief Hawryl, »in der ein
-Mensch sich befinden kann. Ich hatte zuversichtlich erwartet, nach
-meiner Genesung vor Gericht gebracht und als einer der Unruhstifter
-erschossen zu werden, und hatte mich auf den Tod vorbereitet, wie ein
-gläubiger Christ. Und nun sollte ich leben. -- Mein erstes Gefühl war
-das der Enttäuschung, mein erster Gedanke ein Gedanke schon des
-Hochmuts: Gott spart dich auf. Er will nicht deinen Tod, er will deinen
-Dienst. Das Werk, das zu beginnen du ausersehen warst, du sollst es auch
-vollenden.
-
-Von diesem stolzen Glauben erfüllt, trat ich ins Volk und wurde sein
-Genosse: scheinbar ein Gleicher unter Gleichen, in meinen eigenen,
-eitlen Augen -- ein verkleideter Prophet. O Freund! ein einziges Jahr
-dieses Lebens, und der vermeinte Prophet war ein demütiger Mensch
-geworden. Das für erreichbar gehaltene Ziel rückte in unabsehbare
-Fernen. Zu der Kirche, die ich mit einer herrlichen Kuppel krönen
-wollte, war der Grundstein noch nicht gelegt, ja, der Boden für ihn noch
-nicht ausgehoben! Nicht die Arbeit des Künstlers war zu tun, sondern die
-des bescheidenen Taglöhners.
-
-Das erkannte ich.
-
-Und nun -- wäre ich nicht ein elender Wortheld gewesen, wenn ich es
-verschmäht hätte, mich an dieser Arbeit, dieser allerwichtigsten, zu
-beteiligen?... So griff ich denn zu Schaufel und Spaten, nicht bloß im
-bildlichen Sinn. Das Kruzifix, in dessen Zeichen ich dereinst zum Kampfe
-schritt -- da hängt es über dem Bette meiner Kinder. O sehen Sie die
-ausgebreiteten Arme der Liebe, die verwundete Brust, das geneigte,
-edelste Haupt ... Wer darf sich vermessen, in dieses Versöhners Namen
-aufzurufen zu Kampf und Streit?«
-
-Er seufzte, aber sein Angesicht bewahrte den Ausdruck tiefsten, klarsten
-Friedens, und mit einem heiteren Lächeln fuhr er fort:
-
-»So finden Sie den gefährlichen Agitator wieder. Ach, wenn ich an meinen
-Ausgang denke, an alles, was ich gehofft, was ich mir zugetraut habe --
-und jetzt! Vergnügt lege ich mich zur Ruhe und preise den Tag, an dem es
-mir gelungen ist, den Jan abzuhalten, sein Weib zu prügeln, den Martin,
-in die Schenke zu gehen, oder den Basil dahin zu bringen, seinen alten
-Pflug in den Winkel zu werfen und mit dem neuen auf den Acker zu
-fahren.«
-
-»Ihr Geheimnis aber,« fragte Nathanael, den Gang des Gespräches
-unterbrechend, »war das nie in Gefahr, verraten zu werden?«
-
-»Der vorige Gutsherr hat es mit ins Grab genommen. Für seinen Nachfolger
-bin ich ein Bauer wie ein andrer.«
-
--- »Ein Bauer! Ein Bauer!... Und so wollen Sie es forttreiben bis an Ihr
-Ende?«
-
--- »Bis an mein Ende, und ich glaube nicht, damit etwas Großes zu tun
-und ihnen mehr zu geben, als ich von ihnen empfange. Ich bin keineswegs
-immer ihr Lehrer, sie sind auch die meinen. Ihre Freuden zu teilen,
-vermag ich nicht, aber in Leid und Schmerz haben wir uns oft gefunden.
-Ich habe Bauern vor ihrem verhagelten Feld, ich habe Mütter an der
-Leiche ihrer Kinder stehen gesehen und Ehrfurcht gefühlt. Selten ist mir
-einer von ihnen verachtungswürdig erschienen, aber hundert unzählige
-Male beklagenswert.«
-
-In seinem Auge leuchtete die alte schwärmerische Glut, seine gebräunten
-Wangen erbleichten vor innerer Bewegung:
-
-»Es ist ein Schatz an Geduld, Ausdauer, heldenmütiger Ergebung in einen
-höheren Willen in diesem Volke, den alle Mißhandlung, die es erfahren
-hat, nicht zu erschöpfen vermochte. Aber seines Reichtums unbewußt,
-streut es ihn aus und erwirbt nichts dazu. Die Einsicht fehlt und mit
-ihr das Wirken der tätigen, sittlichen Kräfte. Genug! Genug! das alles
-wissen Sie so gut wie ich, und somit auch, daß es vieles nicht geringe
-zu tun gibt auf meinem geringen Posten. Ihn auszufüllen, reicht mein
-Können gerade hin. Hawryl Koska wird nicht umsonst gelebt haben. -- Der
-_Sendbote_ ist gestorben, ohne einen Jünger zu hinterlassen.«
-
-»Einen doch!« rief Nathanael. »Einen, den Sie aus den Reihen Ihrer
-eifrigsten Gegner geholt haben. Einen Mann, dessen Zwecke irdischer
-Natur gewesen sind, dessen Herz an verlierbaren Gütern gehangen hat und
-den Sie den Wert der unverlierbaren kennen gelehrt haben. Sendbote! da
-steht er vor Ihnen, Ihr Jünger in weißen Haaren.«
-
-Beide waren zugleich aufgesprungen, stürzten einander an die Brust und
-hielten sich fest umschlungen.
-
-FUSSNOTEN:
-
-[1] Großmütterchen.
-
-[2] Andersgläubiger.
-
-[3] Esel.
-
-[4] Lieber Herr!
-
-[5] Mein Seelchen.
-
-[6] Ein Riese.
-
-
-
-
-Der Nebenbuhler.
-
-
-*I.*
-
-Graf Edmund N. an seine Hochwürden Herrn Professor Erhard.
-
- Paris, den 10. Mai 1875.
-
- Mein verehrter Freund!
-
-Da bin ich, aus Marseille eingetroffen, vor vierzehn Tagen, die mir
-vergangen sind wie vierzehn Stunden.
-
-Es ist unmöglich, liebenswürdiger empfangen zu werden, als ich es wurde
-von Freunden und Verwandten. Freilich begegnet man auch nicht alle Tage
-einem Manne, der direkt von den Antipoden kommt, mit Menschenfressern zu
-Mittag gespeist, am Salzsee gewohnt, den schwarzen Turban der Kopten
-getragen, den Schrei auf Ceylon gehört und bei indischen
-Schlangenbändigern in die Lehre gegangen ist.
-
-Tante Brigitte grüßt Dich. Sie hat sich kürzlich frisch emaillieren und
-perückieren lassen, und jetzt machen wir gegenseitig Staat miteinander.
-Von einer Veränderung an ihr keine Spur. Sie sagt noch immer bei den
-unpassenden Gelegenheiten: *Ah, je comprends ça*! Sie spricht noch
-immer mit derselben Schwärmerei von meiner verstorbenen Mutter: ihrem
-Kinde mehr als ihrer Schwester, und bricht plötzlich ab mitten in der
-tiefsten Rührung, wischt sich die Augen, winkt mit dem Taschentuche und
-seufzt: »*Va, mon enfant, va te distraire.*«
-
-Lieber Freund, ich bilde mir ein, daß auch sie vor Zeiten nicht
-verschmäht hat, kleine Zerstreuungen zu suchen in ihrem Schmerze, erst
-um die Schwester, dann um den Gatten. Heil ihr! möge noch so mancher
-Frühling frisch gemalte Rosen auf ihren Wangen erblühen sehen. Sie ist
-die gutmütigste Egoistin, die ich kenne.
-
-Ganz in Übereinstimmung mit Dir, will sie mich jetzt verheiraten, und
-gegen die junge Dame, die sie mir ausgesucht hat, ist nichts
-einzuwenden. Sie stammt aus gutem Hause, von braven Eltern, ist
-verteufelt hübsch, hat einen klaren, schlagfertigen Verstand, eigenes
-Urteil, den Mut es auszusprechen und -- was unendlich mehr: die
-Fähigkeit, auch ein gegenteiliges anzuhören und sogar gelten zu lassen.
-Dabei gleichmäßig heiter, harmlos, unbefangen. Ich glaube, daß sie noch
-nie vor einem Menschen die Augen niedergeschlagen hat; und es wäre
-schade wahrlich, denn sie sind prachtvoll; dunkelgrau wie ein
-Gewitterhimmel, und wenn es in ihnen aufblitzt bei irgend einem Anlaß,
-da gibt's einen schönen Anblick.
-
-Ich hoffe, du bestätigst mir heute oder morgen den Empfang meiner
-Sendung aus Marseille. Kurz vor dem Einlaufen in den Hafen, an Bord des
-»Triomphant«, schrieb ich die Schlußworte des letzten Kapitels meines
-Reisetagebuchs. Streiche fort, was Dir sentimental vorkommt, ehe Du
-abschreiben lässest. Nach zweijährigem Herumbummeln in fremden
-Weltteilen hat mich die Heimkehr ins alte Europa seltsam bewegt.
-Plötzlich ist alles vor mir gestanden, was zu vergessen ich auf und
-davon gegangen ...
-
-Aber -- sei unbesorgt, es war nur eine flüchtige Erinnerung. In die
-Tiefen des Ozeans versenkt, in den Sand der Wüste vergraben, in die
-Lüfte gestreut habe ich die Leidenschaft meiner Jugend.
-
-Und jetzt will ich glücklich und tätig sein, ein Landwirt werden, ein
-Familienvater, ein Bürgermeister, alles, alles -- nur nicht Politiker.
-
-Vorher indessen noch eine Zeitlang: *cum dignitate otium*. Es ist ein
-gewaltiger Strom des Lebens, der hier an einem vorüberbraust, und mit
-gekreuzten Armen seinem Treiben zuzusehen, hat einen großen Reiz.
-
-Jedenfalls, Lieber, Verehrter, dürfte der Aufenthalt in Paris mir jetzt
-gesünder sein als vor zehn Jahren, da ich, ein laubfroschfarbiger
-Jüngling, in dieser Stadt der Arbeit und des Genusses erschien. Damals
-an Deiner Hand, mein Mentor, oder vielmehr in Deiner Hand, das reine
-Postpaket, aufgegeben von meinem armen, weltentfremdeten Vater in Korin
-an der Wottawa, abzugeben in Paris, Rue St. Dominique im Hotel der
-Tante. Sie hatte mich reklamiert, und Ihr liefertet mich aus für ein
-Jahr, in dem es mir oblag, tanzen und fechten zu lernen und mich in der
-Aussprache des Französischen zu vervollkommnen.
-
-O, Ihr alten, unschuldigen Kinder!
-
-Wir haben leicht lachen heute, aber einen zwanzig-jährigen, in einem
-Privat-Trappisten-Kloster zwischen zwei greisen Gelehrten erzogenen
-Menschen nach Paris schicken, zu einer langmütigen Tante, die den
-Bengel vergöttert -- das war ein Wagnis, das ich nicht unternehmen
-werde mit meinen Söhnen.
-
-Ei, wenn er nur welche hätte! denkst Du im stillen. Nun, Freund,
-vielleicht ist heute übers Jahr schon einer auf dem Wege. Sobald er sein
-erstes Lustrum erreicht haben wird, kommt er zu Dir in die Lehre. Du
-lässest einen kleinen Pfahlbau für ihn im Teiche errichten, und er
-stellt mit seinen Bausteinen keltische Monumente auf und getreuliche
-Nachbildungen der Stufenpyramiden auf Otaheiti. Alle Kinder, die
-überhaupt Bausteine besitzen, tun das unbewußt, die meinen werden es mit
-Bewußtsein tun.
-
-Und nun für heute lebe wohl!
-
- Dein Edmund.
-
-
-*II.*
-
-Professor Erhard an den Grafen Edmund N.
-
- Korin, den 15. Mai 1875.
-
- Hochgeborener Herr Graf!
-
- Mein lieber Mundi!
-
-Ballen und Kisten glücklich einpassiert. Ei, wie köstlich! Gratuliere
-vornehmlich zur Erwerbung des Papyrus. Da ist Arbeit für viele Jahre in
-Aussicht gestellt. Möge Dein gehorsamster Diener sie zu Ende führen
-können. Dazu jedoch möchte die Zeit nicht langen, und wenn sein guter,
-gnädiger Gott ihn auch das Alter Methusalems erzielen ließe.
-
-Daß Dein edler Vater noch lebte, sich der altägyptischen Statuette zu
-erfreuen, und der trefflichen Produkte textiler Kunst aus dem einstigen
-Reiche der Sikhs! Lieber Mundi, mein teurer Graf, Du hast im größten wie
-im kleinsten bei der Auswahl der von Dir nach Hause geschickten,
-vielfach unschätzbaren Gegenstände Dich in einem hohen Grade umsichtig
-und weise erwiesen. So bist und warst Du von jeher, und ich würde mich
-sehr besinnen, Deiner Behauptung zuzustimmen, daß Dein hochseliger Vater
-und meine Wenigkeit sich in ein Wagnis eingelassen, als wir dich vor
-zehn Jahren für reif erklärten zu einem Aufenthalt im modernen Babel.
-Wir wußten, was wir taten, und durften es -- wie Figura zeigt -- wohl
-tun.
-
-Dein Reisetagebuch wird bestens abgeschrieben werden; doch darf ich
-leider nicht zur Indrucklegung raten, ein Vorschlag, mit dem ich Dich zu
-überraschen gedachte; es fehlt gar zu oft der nötige Zusammenhang. Die
-sentimental-feurige Apostrophe an die südliche Küste Frankreichs ist
-eine Zierde des Manuskriptes, und ich müßte lügen, wenn ich behauptete,
-daß sie mich, wenn auch nur gelinde, erschreckt hat. Was Du so
-schwungvoll die Leidenschaft Deiner Jugend nennst (ein hübscher Ausdruck
-und mir durchaus neu) dürfte derzeit wohl zur Gänze erloschen sein und
-Dein guter Verstand eingesehen haben, daß auf Erwiderung niemals zu
-hoffen, ja, daß eine solche niemals zu wünschen war. Eine vermählte,
-eine edle, heilig-zarte Frau, und zugleich die Deines besten Freundes,
-der Dich liebt, wie wenn Du der Sohn wärest, den er, leider vergeblich,
-ersehnt -- das müßte ein andrer als mein Mundi sein, der sich da mit
-unerlaubten Gedanken trüge oder getragen hätte; denn wenn sich ja
-dereinst etwas Ähnliches in seiner schönen Seele begeben hat, liegt es
-derselben heute ferner als uns die Sintflut.
-
-Glück und Segen und des Himmels auserlesenste Gunst über Dich! Ich bitte
-um Mitteilung des werten Namens derjenigen, die, Gott gebe es! bald den
-teuren Deinen tragen wird. Wolle mich, wenn Du das Haus ihrer
-hochschätzbaren Eltern besuchst, dort allerseits des Angelegentlichsten
-empfehlen.
-
-In treuer Wertschätzung, Liebe, Ergebenheit
-
- Dein alter Lehrer P. Erhard.
-
-*PS.* In Deiner Wirtschaft herrscht beste Ordnung, in Deinem Schlosse
-beginnt sie schon das Szepter zu schwingen. Auf Schritt und Tritt
-begegnet dem Wissenden Genuß, dem Schüler Belehrung. Der Boden der Halle
-mit Ausgrabungen bedeckt, darf ohne Ruhmredigkeit verglichen werden mit
-einem klassischen Trümmerfeld. Aus bereits eingetretenem Mangel an Raum
-waren wir genötigt, die holdig-schönen von ungemeinem antiquarischen
-Reiz umflossenen Mumien in Deinem Schlafgemache unterzubringen.
-
-
-*III.*
-
-Graf Edmund N. an Professor Erhard.
-
- Paris, den 22. Mai 1875.
-
- Lieber Professor, bester Freund!
-
-Allzubreit darf das Altertum sich in meinem Hause doch nicht machen, wer
-weiß, ob wir nicht, in erwartbarer Zeit, darin Platz brauchen für eine
-junge Frau. Die Mumien lasse, wenn's nicht anders geht, in den Keller
-schaffen. Es gehört zu meinen Marotten, daß ich lieber in meinem Bette
-schlafe als im Sarge einer Pharaonentochter.
-
-Um die Erlaubnis, das Elternhaus Madeleines -- so heißt nämlich die
-halb und halb Erwählte -- besuchen zu dürfen, habe ich noch nicht
-gebeten, mich noch nicht entschlossen zu dem entscheidenden Schritt.
-Keineswegs aus Angst vor einem Korbe. Madeleine hat für mich »*de
-l'amitié*« -- nicht zu übersetzen mit unserm deutschen »Freundschaft«;
-es heißt weniger und mehr und jedenfalls etwas ganz andres. Die Mutter
-ist mir wohlgesinnt, und geradezu geliebt werde ich vom Vater. Der würde
-Dir gefallen, den würdest Du zu erwerben suchen -- für unsre Sammlung.
-Denke Dir das schönste Exemplar einer Rasse, die wir für ausgestorben
-hielten, einen »*chasseur du roi*«, wie ihn die Bretagne um 1794 nicht
-charakteristischer aufgestellt: Untersetzt, breitnackig, breitgestirnt,
-mit funkelnden Falkenaugen, kurzer Nase, runden Nüstern, Mund und Kinn
-wie, ziemlich grob, aus Stein gemeißelt. Ich wette, er schwört noch bei
-der heiligen Jungfrau von Auray und trägt unter dem Hemde mehr Amulette
-als Ludwig *XI.* In seinen Augen ist jedes Mißgeschick, von dem
-Frankreich seit dem Zusammentreten der Nationalversammlung betroffen
-wurde, eine Sühne für die Zertrümmerung des Königtums. Mit dem letzten
-Kriege ließ Gott die schwerste Geißel über das abtrünnige Reich des
-Heiligen Ludwig niedersausen. Die Deutschen sind ihm nur Werkzeuge der
-Rache des Allgerechten, und als solche dürfte er sie eigentlich nicht
-hassen, aber er haßt sie doch und ingrimmig. Mich, als den Sohn eines
-»Tschèche« und einer Französin, hält er für einen geborenen Widersacher
-seiner Feinde und zieht in meiner Gegenwart mit besonderem Schwung gegen
-sie los.
-
-Da habe ich denn schon oft bemerkt, wie peinlich solche Ausbrüche des
-Zornes gegen uns -- welch ein Schnitzer! ich sage _uns_, ich »Tschèche«,
--- auf Madeleine wirken.
-
-Sie schweigt zwar, aber sie kämpft entschieden mit innerster Empörung;
-wechselt die Farbe, und gestern sah ich, wie ihre schönen Hände, die
-einen so ausgesprochen festen und braven Charakter haben, krampfhaft
-zitterten auf ihrem Schoße.
-
-Vielleicht ahnt sie etwas von meiner wahren Gesinnung, dachte ich, und
-fürchtet, ich könnte mich durch die Ausfälle ihres Vaters verletzt
-fühlen. In der Absicht, sie darüber zu beruhigen, sagte ich ihr, daß ich
-Kosmopolit bin aus ganzem Herzen. Ich wiederholte, was ich so oft von
-Dir gehört, und was sich mir überzeugend eingeprägt hat: daß unsre
-Nation nur unsre erweiterte Familie ist, und daß der rechte und gute
-Mensch seine Familie nicht auf Kosten andrer liebt, lobt und fördert.
-Indessen vermöge ich doch, mich in die Empfindungen eines, in seinem
-Stolze gekränkten Patrioten hineinzudenken, und sie, trotz ihrer
-Verschiedenheit von den meinen, zu ehren.
-
-Sie hörte mich aufmerksam an und nickte zustimmend, freilich auch etwas
-spöttisch, und lächelte, wie sie pflegt, wenn ich ihr gegenüber einmal
-einen warmen, vertrauensvollen Ton anschlage ... Es ist eine ungute Art
-zu lächeln, die mich aus der Fassung bringt, mich immer unvorbereitet
-findet und peinlich überrascht.
-
-Das war anders dereinst! Elsbeth konnte mich nie überraschen; sie konnte
-mich nur stets von neuem in der hohen Meinung, die ich von ihr hatte,
-bestärken. Bei zahlreichen Gelegenheiten fragte ich mich: was würde
-jetzt das Prototyp dieser Frau tun? dachte mir das Schönste und
-Schwerste aus -- und das war dann, was sie tat, so natürlich und
-einfach, wie wenn es das Selbstverständliche wäre.
-
-Ja, diese Frau! Ich habe dem Geschick für vieles zu danken, für nichts
-aber so heiß, als daß ich drei Jahre in ihrer Nähe leben und mit ihr
-verkehren durfte, fast wie ein Hausgenosse. Ohne sie wäre ich
-untergegangen, war auf dem besten Wege ... Sehr unrecht hast Du, es zu
-bezweifeln! Erinnere Dich, wie ich Euch heimkehrte, nach jenem ersten
-lehrreichen Aufenthalt in Paris. Ich sehe noch den Ausdruck des
-Schreckens im Angesicht meines armen, damals schon todkranken Vaters bei
-unserm ersten Tischgespräche, da ich meine neuerworbenen Ansichten vom
-Leben auskramte, mit meinen Erfahrungen prahlte und mich erhaben dünkte
-über Euch, wie ein aus dem Kriege kommender Soldat über ein paar alte
-Ofenhocker.
-
-Und später -- das Eis war gebrochen, es hatte schon begonnen zu tauen in
-meiner erwachenden Seele ... weißt Du noch? -- lag ich auf den Knien vor
-dem Sterbenden, und er segnete mich und sprach leise mit seinem
-allgütigen Lächeln: »Verliebe Dich, mein Sohn.«
-
-Wahrlich, ein väterlicher Rat ist nie treuer befolgt worden. Ich habe
-geliebt, wie man nicht mehr liebt im neunzehnten Jahrhundert, und wie
-vielleicht auch in den vorigen Jahrhunderten nur wenig Frauen geliebt
-worden sind.
-
-Die Frau Deines väterlichen Freundes, sagst Du vorwurfsvoll. -- Aber
-dieses Bewußtsein verschärfte nur die Qual und änderte nichts an der
-Empfindung.
-
-Niemand vermag mir den Glauben zu nehmen, daß sie für mich, und daß ich
-für sie geboren war, daß wir Eins gewesen sein mußten in einem früheren
-Leben und nun zueinander strebten mit derselben Urgewalt, wie die Fluten
-des durch Klippen getrennten Bergstroms, der zu Tale stürzt.
-
-Und dennoch, so zuversichtlich ich hoffte, daß jede sehnsüchtige
-Empfindung meiner Seele einen Widerhall in der ihren fände, so fest war
-meine Überzeugung, daß Elsbeth lieber sterben würde und lieber mich
-sterben ließe, als ein Unrecht tun. Ich aber hatte Augenblicke -- Dir,
-alter Mensch, darf ich's sagen, unsre Schuljungen würden mich verhöhnen
--- in denen alle meine Wünsche schwiegen vor dem einen, ihrer würdig,
-ihr Freund, ihr geistiger Genosse zu bleiben. Die ich wie eine Göttin
-verehrte, sollte nicht niedersteigen, um in meinen Armen eine Erdenfrau
-zu werden. Aber diese Augenblicke wurden immer seltener, die
-Selbstbeherrschung wurde mir immer schwerer, um so mehr, als Elsbeth ihr
-Benehmen änderte, ihre Unbefangenheit zu verlieren, jedes Alleinsein mit
-mir ängstlich zu vermeiden schien -- --
-
-Unwandelbar derselbe blieb nur Er, der Lustspielgatte, der arglose,
-alberne -- anbetungswürdige. Er hielt mich mit Gewalt fest, wenn ich
-fort wollte, er plagte mich, um mir mein kroatisches Gut zu erhalten,
-das ihm das seine so schön arrondiert hätte, und das schon zu Zeiten
-meines Vaters losgeschlagen werden sollte, weil wir Geld brauchten für
-die arg zurückgegangene Wirtschaft in Korin.
-
-Aber er weigerte sich zu kaufen. Im Anfang zögernd, dann immer
-entschiedener. -- »Es ist halt schwer, es ist halt schwer. Mir würde der
-Krempel passen. Du gehst mathematisch darauf zu Grund. Kennst Dich ja
-bei uns gar nicht aus.«
-
-»So kaufe! kaufe! zahle, was du recht findest.«
-
-»Was ich recht fände, kann ich nicht zahlen, und weniger mag ich nicht
-zahlen; ich mache keinen Handel mit einem Menschen, der wie Du in
-Geschäften ein Mondkalb ist. Das darf nicht sein. Was meinst, Elsbeth?«
-
-Sie lachte. Es gibt nichts, das lieblicher wäre als ihr Lachen. Um so
-lachen zu können, muß man eine großartige und milde Seele haben. Gar
-wenige Frauen lachen schön. »Was soll ich nur antworten, ohne entweder
-unhöflich oder gewissenlos zu sein?« fragte sie, und er schmunzelte und
-begann seinen graublonden Knebelbart um den Zeigefinger zu wickeln: »Ja,
-wenn ich Kinder hätte, Gott weiß, welcher Schandtat ich fähig wäre, --
-aber so!«
-
-Und später hieß es dann: »Weil ich keine Kinder habe und mathematisch
-keine bekommen werde, will ich Deine lang vernachlässigten Interessen
-vertreten, Du Junge Du, wie wenn es die meiner Kinder wären.«
-
-Nein, einen solchen Mann betrügt man nicht: »Das darf nicht sein,« wie
-er sagt.
-
-Aber so schwer als möglich hat er mir's gemacht, ein ehrlicher Kerl zu
-bleiben. Ich _mußte_ am Ende heraus mit einem halben Geständnis. Da
-murmelte er etwas von Unsinn und wurde ein wenig rot. »Du weißt nicht
-mehr, was Du erfinden sollst, damit man Dich nur fortläßt,« sagte er und
--- ließ mich ziehen.
-
-Kommst halt wieder, wenn Du mathematisch sicher bist: ich darf mit gutem
-Gewissen!
-
-Und ich darf! Ich werde mit meiner jungen Frau den ersten Winter in
-meinem, durch den fürsorgenden Freund bewohnbar gemachten Hause in der
-Nähe von Fiume verleben, gut nachbarlich mit Elsbeth und mit meinem
-lieben alten Hans.
-
-Seit drei Tagen schreibe ich an diesem Brief. Nun soll er endlich
-abgeschickt werden. Wir reisen morgen auf das Land.
-
-Die Tante hat ihre Einladungen gemacht; unter den ersten Aufgeforderten
-waren die Eltern Madeleines samt Tochter.
-
-Die letztere und ich hatten eben vom Ende der Saison gesprochen, vom
-nahen Scheiden, als die Tante herantrat mit der Kunde, daß uns ein
-baldiges Wiedersehen bevorstehe.
-
-Da bereitete mir Madeleine wieder eine Überraschung -- ein heller
-Freudenglanz überflog ihr Gesicht, leuchtete aus ihren Augen.
-
-Dieses plötzliche Aufflammen war wirklich eigentümlich. Ich glaube, sie
-hat mehr »*amitié*« für mich, als sich einbildete
-
- Dein treuer Schüler.
-
-Wenn die Eifersucht der Mumien es erlaubt, so schreibe mir doch einmal
-wieder und adressiere: *Les Ormeaux, Département Meurthe et Moselle,
-près Cirey les fosses*. Wie nahe der jetzt deutschen Grenze!
-
-
-*IV.*
-
-Graf Edmund N. an Professor Erhard.
-
- Les Ormeaux, den 2. Juni 1875.
-
- Teurer Freund, lieber Professor!
-
-Gestern hatte die Tante den Besuch einer merkwürdigen Frau.
-
-Ich will sie Irina nennen.
-
-Vor Jahren in Wien lernte ich sie kennen. Sie war reizend und sehr
-gefeiert. Ihr Mann, ein widerwärtiger Gesell, ein Streber, hatte sie aus
-Ehrgeiz geheiratet; sie galt, als »Adoptivtochter« eines hohen
-Würdenträgers, für einflußreich. Der Gatte ließ ihr volle Freiheit.
-Welchen Gebrauch sie in Petersburg davon gemacht, weiß ich nicht; in
-Wien bestand ihr Hauptvergnügen darin, die Herzen ihrer zahlreichen
-Anbeter an langsamem Feuer zu braten. Wie niemand verstand sie sich auf
-die Kunst, nichts zu versprechen und -- alles hoffen zu lassen. An mir
-ging sie gerade so lange gleichgültig vorbei, als sie meine
-Gleichgültigkeit nicht bemerkte. Dann begann der Kampf. Meine Seele lag
-in Elsbeths Banne. Ich konnte mir jederzeit ihr Bild so deutlich
-heraufbeschwören, daß ich sie sah wie mit körperlichen Augen, -- aber
-kennst Du den Mann, der einer hübschen Frau gegenüber, die sich ihm an
-den Kopf wirft, den Spröden spielt? -- Ich hatte nur den Abhub der Liebe
-zu vergeben, Irina begnügte sich damit, sie triumphierte. Der Rausch war
-kurz, aber noch vor der völligen Ernüchterung trennten uns die
-Verhältnisse.
-
-Zwei ihrer Briefe beantwortete ich, den dritten und vierten nicht mehr.
-
-Und jetzt sehe ich sie wieder; etwas gealtert, aber noch immer
-verlockend, und, wie ich höre, noch immer sehr umworben. Eine
-gefährliche Frau; besonders für junge Leute, die die Kinderschuhe eben
-ausgetreten haben, oder für die alten, die eben im Begriffe sind, wieder
-hinein zu schlüpfen.
-
-Bei Tische schenkte sie mir keine Aufmerksamkeit; als ich aber
-nachmittags in den Garten ging, um im Freien meine Zigarre zu rauchen
-(aus dem Hause der Tante ist der Tabak verbannt), kam sie mir nach, eine
-Zigarette dampfend. Wir wandelten eine Weile am Ufer des Teiches
-nebeneinander und führten ein unbedeutendes Gespräch. Plötzlich blieb
-sie stehen, sah mich fest an und sagte in ihrer nachlässigen und sanften
-Weise: »Unter anderm, warum haben Sie meine letzten Briefe nicht
-beantwortet?«
-
-Ich war auf diese Frage gefaßt und erwiderte ohne Zögern: »Weil ich
-wußte, daß Sie mir einst danken würden für diese weise Zurückhaltung.«
-
-»Wirklich? Mir ist das nicht ausgemacht.«
-
-»Mir hingegen mit einer Gewißheit, so groß, daß sie auslangt für uns
-beide.«
-
-Wir setzten unsre Wanderung wieder fort; die Luft war drückend schwül,
-hinter den Hügeln an der deutschen Grenze stiegen schwere Gewitterwolken
-auf.
-
-Irina zog mit einem tiefen Atemzuge den Rauch ihrer Zigarette ein und
-ließ ihn, langsam genießend, wieder herausqualmen zwischen den leicht
-geöffneten Lippen. -- »Wenn ich nicht irre, trug ich Ihnen an, mich
-scheiden und mich mit Ihnen trauen zu lassen in irgendeinem
-siebenbürgischen Gretna Green.«
-
-»Etwas dergleichen ... Denken Sie, wenn ich selbstsüchtig genug gewesen
-wäre, Sie beim Wort zu nehmen?«
-
-»Nun?«
-
-»Sie hätten auf alles verzichten müssen: Ihre Stellung in der Welt,
-Ihren Einfluß, die Liebe der Ihren, Ihr abwechslungsreiches Leben ...«
-
-»Und die Folge dieser Entbehrungen?«
-
-»Daß Sie sich unglücklich gefühlt hätten.«
-
-»Was weiter? Wer sagt Ihnen, daß Durst nach Glück mich veranlaßt hat,
-Ihnen den Vorschlag zu machen, der so wenig Anwert bei Ihnen fand? Es
-war Durst nach dem Gegenteil, nach Leid, nach Schmerz, mit einem Worte
--- nach Liebe.«
-
-Ich muß sie sehr zweifelnd angesehen haben, denn sie beeilte sich, zu
-bekräftigen -- »Liebe, ja, ja. Schade, daß ich sie nur zu empfinden und
-nicht einzuflößen verstand. Wir wären miteinander durchgegangen, und Sie
-hätten mich unglücklich gemacht, und das wäre wundervoll gewesen --
-unglücklich durch einen Menschen, den man liebt. Die Hand, die mich
-schlägt, ich küsse sie. Quäle, mißhandle mich, so viel es Dich freut,
-mit meiner Liebe wirst Du doch nicht fertig, diesen Reichtum erschöpfst
-Du nicht ... Und den in sich zu fühlen, den göttlichen Lebensquell ...
-was ist all das kleine Glück, das sich uns im Leben bietet, gegen ein
-solches Unglück?«
-
-Sie verlangsamte ein wenig ihren noch sehr jugendlichen und hübschen
-Gang; ihre ganze Art und Weise blieb ruhig, ja gleichgültig, und dieser
-Gegensatz zwischen ihren Worten und ihrem Benehmen hatte einen
-eigentümlichen Reiz.
-
-Wir nahmen Platz auf einer Gartenbank; der Himmel verfinsterte sich mehr
-und mehr, es herrschte ein malerisches Halbdunkel unter den Bäumen, das
-äußerst vorteilhaft war für Irinas farblosen, durchsichtigen Teint. Ihr
-feines Gesicht mit den großen grauen Augen, die zarte Gestalt im
-duftigen Spitzenkleide gewannen in der schmeichelnden Beleuchtung etwas
-Poetisches, Elfenhaftes.
-
-»Das Glück,« sagte ich, »mit dem Sie sich in Ermangelung des erwünschten
-Gegenteils begnügen mußten, hat doch auch sein Gutes, es hat Sie jung
-erhalten und schön.«
-
-»Und leichtsinnig,« setzte sie hinzu, in nur allzu überzeugtem Tone.
-»Wir Frauen haben einmal im Leben nichts als die Liebe, und wenn wir mit
-der unsern nicht an den Rechten gekommen sind, dann heißt es eben --
-tröste Dich, wie du kannst!... Man sucht, man findet ... das
-wohlbekannte Surrogat: Zerstreuung -- ohne Liebe ... Sie aber« -- der
-wehmütige Ausdruck, den ihre Züge angenommen hatten, verwandelte sich in
-einen übermütig schalkhaften -- »Sie werden Liebe haben -- ohne
-Zerstreuung.«
-
-Ich verstand sie nicht gleich und brachte ein albernes »Wieso?« vor,
-dessen ich mich zur Stunde noch schäme.
-
-Der Donner grollte, einige Regentropfen fielen, sie achtete ihrer nicht,
-schalt mich einen Geheimniskrämer, den sie jedoch durchschaue, und
-gratulierte mir zu meiner bevorstehenden Heirat. Als echter Deutscher
-(ihr bin ich ein Deutscher) hätte ich klug und praktisch gewählt. -- Das
-Erbfräulein ist hübsch, wohlerzogen, hat einen vortrefflichen Charakter.
-»Kann man mehr verlangen?« fragte sie. »Sie treffen es gut -- beinahe so
-gut wie -- Ihre Braut. Und somit gebe ich Ihnen meinen Segen.«
-
-Sie erhob sich rasch und streifte meine Stirn mit flüchtigem Kusse. Ich
-wollte sie an mich ziehen, doch entwand sie sich mir und sprach: »O nein
-... Aus, aus!... Ob die Liebe gar nicht kommt, ob zur unrechten Zeit,
-ist eins und dasselbe ... wir sind geschiedene Leute. -- Wenn unsre Wege
-sich nicht mehr kreuzen sollten, Sie nur noch von mir hören, und nicht
-immer das Beste, dann gesellen Sie sich nicht zu denen, die einen Stein
-auf mich werfen. Sie haben kein Recht dazu,« schloß sie sanft.
-
-Ich war ergriffen und gerührt. Es ist nicht heiter, wenn jemand, mit dem
-wir glaubten, längst abgerechnet zu haben, vor uns hintritt und uns
-beweist, daß wir tief in seiner Schuld stehen.
-
-Etwas dergleichen sagte ich auch, ohne damit einen besonderen Eindruck
-zu machen.
-
-Die schwarzen Wolken am Himmel platzten und sandten einen Guß nieder wie
-aus hunderttausend Traufen. Irina, leicht aufatmend, bot dem strömenden
-Regen ihr unbedecktes Haupt und schlug ohne die geringste Eile den
-Heimweg ein.
-
-Zur Albernheit verurteilt an diesem Nachmittag, wußte ich nichts andres
-zu sagen als: »Ihr schönes Kleid wird ganz verdorben.«
-
-»Durch Ihre Schuld!« erwiderte sie mit scherzender Anklage. »Warum
-mahnten Sie nicht früher zum Aufbruch ... Jetzt haben Sie auch mein
-Kleid auf dem Gewissen.«
-
-Triefend kamen wir nach Hause. Irina ging, sich umkleiden zu lassen, und
-betrat eine halbe Stunde später im Reiseanzug den Salon. Die Tante
-beschwor sie zu bleiben, wenigstens morgen noch, vergeblich, sie ließ
-sich nicht erbitten.
-
-Wir begleiteten sie zur Bahn, im offenen Wagen. Das Gewitter hatte sich
-völlig verzogen, der Sommerabend war mild und hell, ein kräftiger
-Erdgeruch wallte aus den feuchten Feldern und Wiesen zu uns herauf. Ich
-saß Irina gegenüber; sie lächelte mir zu und machte sich lustig über die
-Melancholie, in die mich, wie sie behauptete, ihre Abreise versetzte.
-
-Auf der Station warteten einige Bauern, der Zug war schon signalisiert;
-Irinas Leute hatten kaum Zeit, die Bagage aufzugeben und Billetts zu
-lösen, da brauste er heran.
-
-Aus dem Fenster eines Coupés erster Klasse beugte sich ein junger Mensch
-weit heraus, ein langer, hübscher, blasser Bursche, mit keimendem
-Schnurr- und Backenbärtchen. Als er Irina erblickte, stieg eine dunkle
-Röte ihm in die Wangen, die aufrichtigste Seligkeit funkelte aus seinen
-unverwandt auf sie gerichteten Augen. Hastig winkte er den Schaffner
-herbei.
-
-»Ach, mein Neffe Wladimir, welcher Zufall!« sagte Irina mit förmlich
-herausfordernder Unbefangenheit und nahm Abschied. Ich führte sie zum
-Waggon, dessen Tür bereits offen stand. Der Jüngling hatte das
-Handgepäck, das der Kammerdiener hineinreichte, in Empfang genommen,
-stand da und hielt selbstvergessen die Reisetasche Irinas mit
-leidenschaftlicher Innigkeit an seine Brust gepreßt. Ich half der
-schönen Frau einsteigen. Der Duft frischer Blumen strömte uns aus dem
-Wagen entgegen; in den Netzen hingen, auf den Sitzen lagen die schönsten
-Teerosensträuße. -- Ich hörte Irina noch sagen: »*Quelle folie!*« Dann
-flog die Tür zu, die Lokomotive pfiff und pustete, die Räder setzten
-sich in Bewegung, ein letzter Gruß, ein Taschentuch, das man flattern
-sieht an einem Fenster und -- alles vorüber.
-
-Die Tante und ich fuhren nach Hause. Sie war außerordentlich aufgeräumt.
-Durch alle ihre Kosmetikes hindurch schimmerte der Glanz stiller
-Heiterkeit. In einem alten Renner, vor dessen Augen ein andres Pferd
-durchgeht, mögen sich ähnliche Erinnerungen regen, wie die ihren waren
-in diesem Augenblicke.
-
-Ganz gegen ihre Gewohnheit, denn sie gehört zu den harmlosesten
-Geschöpfen, die ich kenne, bemerkte sie nach einer kleinen Pause,
-während der wir uns unsren Betrachtungen überlassen hatten:
-
-»Früher waren es Cousins, jetzt sind es Neffen. Ich weiß nicht, ob das
-ein Fortschritt oder ein Rückschritt ist.«
-
-»*Mais*«, setzte sie seufzend hinzu, und ihre Stirn würde sich in
-nachdenkliche Falten gelegt haben, wenn die *Crême de Lys à la Ninon*
-eine solche Hautgymnastik erlaubt hätte -- »*mais je comprends ça!*«
-
- Dein Edmund.
-
-
-*V.*
-
-Graf Edmund N. an Professor Erhard.
-
- Les Ormeaux, den 25. Juni 1875.
-
- Lieber verehrter Freund!
-
-Bereite Dich auf eine Überraschung vor. Unsre Pläne sind umgestoßen. Ich
-schrieb Dir gestern in verdrießlicher Laune. Dank der Nachlässigkeit
-meines Dieners blieb der Brief liegen. Heute zerreiße ich ihn, schreibe
-einen neuen und hoffe, wenn diese Zeilen in Deine Hände kommen, bin ich
-ganz versöhnt mit meinem Lose und habe eingesehen, »daß alles Segen
-war.«
-
-Was sich begeben hat, ist folgendes:
-
-Neulich am Abend waren wir alle auf dem Balkon. Eine Dame aus der
-Nachbarschaft, die sich für eine Naturfreundin hält, hatte uns dahin
-beordert, um den Aufgang des Mondes zu bewundern. Sie quittierte die Oh
-und Ah, die ausgestoßen wurden, und machte die Honneurs des schönen
-Schauspiels, als ob sie es erfunden hätte. Es verdroß sie, daß Madeleine
-sich schweigend verhielt. -- »Die jetzige Jugend lobt nichts,« meinte
-sie, »nicht einmal den lieben Gott in seinen Werken. Ein Anblick wie
-dieser läßt Euch kühl. Nicht wahr, liebe Kleine?«
-
-Die »Kleine«, von der die dicke Naturschwärmerin um einen halben Kopf
-überragt wird, sah zu ihr nieder und erwiderte rasch und lebhaft: »Sie
-tun mir unrecht, niemand schätzt den Mond mehr als ich, diesen
-liebenswürdigen Alten, dessen Glanz schon längst erloschen ist, der sich
-aber in Ermangelung eigenen Lichtes zum Spiegel fremden Lichtes macht
-und uns so hold die Nacht erhellt. Ich will mir sogar ein Beispiel an
-ihm nehmen und bei fremdem Glücke borgen, was man so braucht, um den
-Schein der Heiterkeit zu haben und zu verbreiten.«
-
-»Welche Resignation!« rief ich aus.
-
-»Eine sehr bedingte, wohl gemerkt,« erwiderte sie. »Mit dem Scheine
-begnügt ein braves Herz sich erst, wenn das Wesen ihm unerreichbar
-bleibt ... Ja, wenn die Wahl frei stände ...« sie hielt inne. Es war
-wieder das Aufblitzen in ihrem Gesichte, das Leuchten der Augen, das
-übermütig schalkhafte Lächeln. --
-
-Plötzlich warf sie einen Blick voll Entschlossenheit auf eine junge Frau
-hinüber, die ich längst im Verdachte hatte, die Vertraute aller ihrer
-Mädchengeheimnisse zu sein, und fuhr fort: »Zum Beispiel Sie, meine
-Damen, wenn Sie sich statt dieses Anblicks,« den Arm ausstreckend,
-deutete sie nach dem Horizont, »den eines _Sonnen_aufganges gönnen
-wollten, was so leicht geschehen kann, und -- ich wette, noch nicht
-geschehen ist.«
-
-Einige widersprachen, ein kurzer Streit entspann sich. Am Ende beschloß
-die ganze Gesellschaft einstimmig, morgen mit dem frühesten auszureiten
-und von einem Hügel aus, der zu Pferde in zwanzig Minuten zu erreichen
-war, das Erscheinen des Tagesgestirns zu erwarten.
-
-»Seien Sie pünktlich,« empfahl mir Madeleine, ehe wir uns trennten, und
-ich versprach's und hielt Wort. Ich war der erste beim Stelldichein im
-weitläufigen, kiesbestreuten Hofe, in dessen Mitte eine Fontäne
-plätscherte. Ihr einförmiges Geräusch wurde allmählich eine Art Stimme
-und gurgelte: »Mach Dich gefaßt! Mach Dich gefaßt!« Es kam sogar zu
-einem Vers:
-
- Als Junggeselle reit ich aus,
- Als Bräutigam kehr ich nach Haus.
-
-Nicht sehr schön, aber was kann man von einer Fontäne verlangen?
-
-Die Pferde wurden vorgeführt, streckten die Hälse, senkten die Köpfe;
-alle schienen unzufrieden, gegen jede Gewohnheit so früh aus dem Stall
-zu müssen.
-
-Und nun erschien Madeleine unter dem Portal. Im dunkeln, enganliegenden
-Reitkleid nahm ihr ganzes Wesen sich so gar jung und unfertig aus ... Da
-hieß es: nicht vergleichen! nicht denken an Elsbeths wundervolle
-Frauengestalt.
-
-Madeleine, die Reitpeitsche unter dem Arme, knöpfte mit der bloßen
-Rechten den Handschuh der Linken zu. Sie hatte mich gesehen, aber ohne
-zu grüßen hastig den Kopf gesenkt, runzelte ein wenig die breiten Brauen
-(die hat sie vom Vater), preßte die Lippen aufeinander ...
-
-Ich sage Dir alles, demnach auch die Vermutungen, die mir da in den Sinn
-kamen: Ah, Mademoiselle, ich zögere Ihnen wohl zu lange? Sie haben
-wahrscheinlich geflunkert mit ihrer Eroberung, und nun fragen die
-Freundinnen: Was ist das? will der Besiegte sich noch immer nicht
-ergeben?... Die Entscheidung muß endlich herbeigeführt werden. So oder
-so! In der Kühlwanne läßt sich unsereines nicht halten ... Wohlan, ich
-will Ihnen den Sieg nicht schwer machen, sagte ich zu mir, trat an sie
-heran, und wir wünschten einander einen guten Morgen und waren gleich
-einig, daß wir auf die übrige Gesellschaft nicht warten wollten.
-
-»Welches Pferd befehlen Mademoiselle?« fragte der Stallmeister.
-
-»Gleichviel, das erste beste,« gab sie zur Antwort mit kaum
-unterdrückter Ungeduld und saß im nächsten Augenblick schon im Sattel
-auf einem tüchtigen Braunen, und auch ich wählte nicht lange -- was mich
-später reute --, sondern bestieg, weil er am nächsten bei der Hand war,
-einen hochbeinigen, langohrigen Gaul, auf dem nicht einmal der Apollo
-von Belvedere sich gut hätte ausnehmen können.
-
-Wir ritten im Schritt aus dem Hofe, dann im kurzen Trabe durch den Park
-und sprengten draußen in einen munteren Jagdgalopp ein. Madeleine, des
-Weges kundig, führte. Es ging immer schneller vorwärts, eine gute Weile
-über das Weideland, zwischen flachen grünen Hügeln dem Licht entgegen,
-das im Osten emporlohte.
-
-»Wohin denn?« fragte ich endlich. »Wo ist das Ziel?«
-
-Sie erwiderte: »Längst überholt,« hielt ihr Pferd an, lauschte und
-spähte in die Ferne, und ich rief:
-
-»Bravo! Wissen Sie, wo wir sind? Da steht der Grenzpfahl -- auf
-deutschem Boden -- in der Höhle des Löwen.«
-
-»Jawohl, und da schickt er einen Abgesandten.«
-
-Von der flammenden Morgenröte am Himmel hob sich der Schattenriß eines
-Reiters, der, wie aus dem Boden gewachsen, vor uns auftauchte. Es war
-ein deutscher Offizier, ein schöner Mensch, sehr sonnverbrannt, sehr
-hübsch gewachsen, vortrefflich beritten. Er legte die Hand an die Mütze,
-und ich dumme gute Haut dankte ihm noch und bemerkte nicht gleich, daß
-der Held nur Augen hatte für Madeleine, die er voll Ehrfurcht und
-frommer Anbetung begrüßte.
-
-O Lieber! und sie senkte den Blick vor dem seinen; und ich habe mich
-geirrt -- sie kann das doch auch.
-
-»Madeleine,« sagte er, und seine Stimme war tief und wohlklingend und
-hätte mir in jedem andern Augenblick einen angenehmen Eindruck gemacht.
-
-»Arnold,« sagte sie. Das D tönte so zärtlich nach, so liebevoll:
-Arnolde. Sie reichten einander die Hände.
-
-»Ich danke Ihnen, daß Sie gekommen sind.«
-
-Ihre ablehnende Gebärde drückte deutlich aus: Dafür keinen Dank! --
-»Morgen also?« fragte sie nach einer langen Pause ernster, schweigender
-Seligkeit.
-
-»Morgen. Vergessen Sie mich nicht, Sie wissen, wovon ich lebe.«
-
-»Und ich? -- Als neulich Ihr Brief nicht kam am bestimmten Tage und auch
-am nächsten nicht -- ich wäre fast gestorben.«
-
-»Wie voreilig!« sprach er und wurde rot vor Bestürzung und Wonne und
-drückte ihre Hand fester, »liebe Madeleine ...«
-
-»Mein edler, mein treuer Freund.«
-
-»Treu, ja, aber das ist mein Schicksal, nicht mein Verdienst.«
-
-»Ich lobe Sie auch nicht, ich sage nur, Sie sind es.«
-
-»Wie Sie.«
-
-»Das heißt: bis ans Ende.«
-
-»Bis ans Ende.«
-
-»Gott behüte Sie, Arnold.«
-
-»Sie wollen mich schon verlassen?«
-
-»Ich will nicht -- ich muß.«
-
-»Madeleine!«
-
-»Noch einmal, noch tausendmal: Gott behüte Sie! Ich bete zu ihm für Ihr
-Glück.«
-
-»-- Dann beten Sie für sich.«
-
-Das war, glaube ich, ihr ganzes Gespräch. Möglich, daß ich einiges
-überhörte. Mein Untier von einem Rotschimmel hatte einen Anfall von
-Heimweh bekommen und kehrte ganz entschlossen um; ich wandte ihn und er
-wieder sich; wir waren einer hartköpfiger als der andre und führten,
-indem wir uns kaffeemühlenartig auf dem Fleck herumdrehten, ein
-sonderbares *accompagnement* auf zu der Liebesszene, die sich zehn
-Schritte von uns abspielte.
-
-Nachdem der Offizier (der mich gewiß für irgendeine untergeordnete
-Vertrauensperson gehalten hat) sich empfohlen, ritten wir in
-entgegengesetzter Richtung dem Aussichtshügel zu und erblickten, an
-dessen Fuß angelangt, die vom Schlosse her trabende Kavalkade.
-
-»Fräulein,« sagte ich mit verachtungswürdiger Plumpheit zu Madeleine,
-»wissen Ihre Eltern?...«
-
-»Das versteht sich,« fiel sie mir ins Wort und hatte ein gar rührendes
-Lächeln, »sie wissen es, aber sie glauben es nicht.«
-
-»Was nicht?«
-
-»Daß meine Neigung alles überdauert, ihren Widerstand, die immerwährende
-Trennung. Sie meinen, endlich wird diese Liebe doch erlöschen. Nur Zeit
-lassen, nur Geduld haben. Ein andrer wird kommen und das Bild des
-Abwesenden aus ihrem Herzen verdrängen. Da stellen sie von Zeit zu Zeit
-Proben an ...«
-
-»Und Bewerber auf,« rief ich ungemein beleidigt.
-
-Sie aber erzählte in wenig Worten, das Schloß ihrer Eltern sei im
-Kriegsjahre zu einem Spitale gemacht worden. Mit andren Verwundeten
-wurde 'Er' gebracht, sterbend, der Arzt gab ihn auf. -- »Meine Mutter
-aber,« sagte Madeleine, »pflegte ihn gesund. Ich bin ihr kaum mehr Dank
-schuldig für mein Leben, als er ihr für das seine. Das verpflichtet, Sie
-begreifen. Wir werden meine Eltern nie betrügen ... Er hat mir einmal
-die Hand geküßt, in Gegenwart meines Vaters ... Er ist einmal aus seiner
-Heimat nach Falaise gekommen, zwei Nächte und einen Tag gereist, um mich
-zu sehen, an der Seite meiner Mutter, um auf der Straße an mir
-vorüberzugehen und stumm zu grüßen. -- Ich war krank gewesen, er hatte
-durch meine Freundin davon gehört ...«
-
-»Sublim!« spöttelte ich. »Es muß ihre Eltern rühren, sie werden endlich
-nachgeben.«
-
-»Sie werden nie nachgeben und wir auch nicht.«
-
-»In einem solchen Kampfe siegen die Überlebenden. Nach dem gewöhnlichen
-Lauf der Dinge also -- die Jüngeren.«
-
-Wir waren nicht mehr allein, die Reiter hatten uns eingeholt.
-
-Madeleine sprach mit gesenkter Stimme: »Gott erhalte mir meine Eltern!«
-
-Oben auf dem Hügel war es herrlich. Ein feuriger Glutball, stieg sie
-empor, die Lichtspenderin, die Urheberin alles Lebens ... Lieber Freund,
-die Schilderung des Sonnenaufganges wirst Du mir wohl erlassen.
-
- Dein Edmund.
-
-
-*VI.*
-
-Graf Edmund N. an Professor Erhard.
-
- Les Ormeaux, den 5. Juli 1875.
-
- Bester Freund!
-
-Glaubst Du, daß es heutzutage einen Romancier gibt, kühn genug, um
-seinem Publikum ein Liebespaar wie Madeleine und Arnold vorzuführen?
--- Er müßte sich darauf gefaßt machen, ein lächerlicher Idealist genannt
-zu werden, der faden Brei rührt für literarische Kinderstuben und
-Menschen schildert, die es nie und nirgends gibt.
-
-Und doch wäre der Mann ein so treuer Darsteller der Wirklichkeit, wie
-nur irgendein orthodoxer Naturalist. -- Allerdings würde diese
-Wirklichkeit niemanden mehr interessieren.
-
-Ich bin veraltet, mich interessiert sie. Madeleine und ich haben ein
-Freundschaftsbündnis geschlossen.
-
-»Konnte ich Ihnen,« sagte sie, »einen größeren Beweis von Vertrauen
-geben, als den, Sie zum Zeugen meiner Zusammenkunft mit Arnold zu
-machen? Auf Gnade und Ungnade habe ich Ihnen mein Geheimnis
-ausgeliefert.«
-
-Was ich vor drei Tagen miterlebte, war ein Abschied. Das Regiment
-Arnolds, das im Elsaß stand, hat Marschbefehl bekommen und kehrt zurück
-nach Bayern. Die Trennung der Liebenden wird dadurch räumlich erweitert,
-tatsächlich bleibt sie dieselbe. Sie sehen einander nicht, sie stehen
-nur in freilich sehr eifrigem, schriftlichem Verkehr. Als Briefbote
-fungiert die Freundin -- wie mir scheint, nicht ohne Wissen der Eltern.
-Die denken wohl: Schwärmt Euch aus, in _solcher_ Art ist's ungefährlich;
-man wird ihrer müd.
-
-Meine Meinung aber ist, daß diese beiden tun werden, wie sie sagen, und
-einander treu bleiben bis ans Ende. Gestern machte ich mich in denkbarst
-vorsichtiger Weise zu ihrem Anwalt -- bei der Mutter; an den alten
-*Chouan* wollte ich erst später heran. Aber ich traf auf den
-unbeugsamsten Widerstand; -- so einen sanften, wohlüberlegten, gegen
-jeden Angriff gefeiten. Welche Kraft von Fanatismus in dieser
-schmächtigen, blassen Frau, deren Stimme sich nie über den
-Konversationston erhebt, deren Lippen ohne Beben dem Glück der armen
-Madeleine das Todesurteil sprechen! Sie liebt ihr Kind, sie weiß, daß
-Arnold ein braver Mensch ist, aber zugeben, daß ihre Tochter die Frau
-eines Deutschen werde -- o, da würde sie _sich_ doch ebenso gern auf den
-Pranger stellen und öffentlich brandmarken lassen.
-
-Das nenn ich einen gehörigen Rassenhaß!... Etwas Gräßliches wahrhaftig
-und Dummes obendrein, wie denn jeder Haß, der sich gegen Menschen
-wendet, statt gegen das Unrecht, das sie tun ... Weise ist nur die Liebe
--- halte mir den kühnen Übergang zugute, ich bin mir des Mangels an
-Folgerichtigkeit in meinem Gedankengange sehr bewußt ... Weise ist
-Irina, die dafür, daß sie nicht geliebt wurde, wie sie es erstrebt,
-Trost findet, indem sie sich lieben läßt. Weise ist Madeleine, die im
-Vollgefühl ihrer großartigen Empfindung eine höhere Befriedigung genießt
-als mancher, dessen Leben eine Kette erfolggekrönter Liebesabenteuer
-war.
-
-Unweise ist Elsbeth, unweise bin ich mit meiner Selbstüberwindung, die
-so viel Verlogenheit in sich birgt.
-
-Jede echte Liebe, sogar eine hoffnungslose, ist herrlich, erbärmlich und
-töricht, aber der Kleinmut, der verzichtet.
-
-»Wir Frauen haben nur die Liebe,« sagt Irina. So hat denn Elsbeth --
-nichts.
-
-Arme Elsbeth!
-
-Lebe wohl und schreibe doch einmal wieder
-
- Deinem treuen Edmund.
-
-
-*VII.*
-
-Graf Edmund N. an Professor Erhard.
-
- Wien, den 12. August 1875.
-
- Mein verehrter Freund!
-
-Dir schreiben, was ich vorhabe, fällt mir schwer. Es wird Dich empören,
-es wird Dir weh tun. Wenn Dich dieser Brief findet, mitten in einer
-fesselnden Arbeit, dann lege ihn weg und lies ihn erst am Abend, vor dem
-Einschlafen. Das ist der rechte Moment. Da bist Du in der unendlich
-wohlwollenden und versöhnlichen Stimmung, die jeden guten Menschen
-ergreift, wenn er sich, zufrieden mit seinem Tagewerk, auf das Lager
-streckt und die angenehme Müdigkeit seiner Glieder, die köstlichste
-Abgespanntheit seiner Nerven ihm eine vortreffliche Nacht verheißen ...
-Dann nimm dieses Blatt zur Hand. So sanft wie die Traumseligkeit, die
-Dich umfängt, wird Dein Urteil sein; Du wirst denken: Sieh doch, seinem
-Verhängnis entgeht keiner ... Ei, ei! -- Nun, Gott mit ihm. Nach
-Nowidworo denn ...
-
-Ja, nach Nowidworo, das ist das Ende vom Liede.
-
-Ich will hintreten vor meinen alten Hans und will ihm sagen: Alles war
-vergeblich, die Flucht, die Trennung, der lange Kampf. Ich komme wieder
-als derselbe, der ich gegangen, nur daß ich erprobt habe, daß meine
-Liebe unüberwindlich ist. Habe ich nicht getan, was ich konnte? Habe ich
-nicht sogar heiraten wollen? Danke ich's nicht ganz allein der
-Seelengröße Madeleines, daß der lügenhafte Bund nicht geschlossen wurde?
-
-Mache mit mir, was Du willst, wirf mich hinaus, schieß mich tot, ich
-verlange nur Eins: bevor Du es tust, frage Deine Frau, ob ihr damit ein
-Gefallen geschieht ... Man muß doch auch an sie denken. -- Haben wir
-einmal Phantasie, stellen wir uns vor, daß ich um ein Jahr früher nach
-Fiume gekommen wäre, sie kennen gelernt und heimgeführt hätte ...
-Verzeih, verzeih, lieber Hans! Du bist ein Engel, und ich bin nur ein
-gewöhnlicher Sterblicher -- aber Elsbeth wäre vielleicht mit mir
-glücklicher geworden als mit Dir ... Nicht wegen des geringeren
-Unterschieds im Alter, -- was sind die Jahre! Im Gemüte wirst Du immer
-ein Jüngling bleiben. Wie oft kam ich mir, mit Dir verglichen, wie ein
-Greis vor.
-
-Aber Du kennst die Frauen nicht, hast Dich nie mit ihnen befaßt, Du bist
-mit der Deinen wie der beste Vater ... Ich, mein teurer, treuer Hans,
-ich würde wahrscheinlich trotz aller Anbetung weniger zart mit ihr
-umgehen als Du, ich würde sie mit Eifersucht quälen, aber es gäbe
-nichts, was mich je von dem Gedanken an sie ablenken könnte. Immer hätte
-ich in ihrer Gegenwart die Empfindung eines reicheren, erhöhten Lebens,
-immer sie in der meinen das Bewußtsein, eines andern Menschen
-köstlichstes Gut, sein Um und Auf, sein Schicksal zu sein.
-
-Ich würde sie nicht tage- und wochenlang allein lassen, und nachmittags,
-wenn ich noch so müde aus der Wirtschaft nach Hause gekommen wäre, würde
-ich nicht einschlafen ... und wenn ich mit ihr im Walde spazieren ginge,
-würde ich noch Sinn für andres haben, als für die Anzahl Raummeter, die
-der Holzschlag ergeben wird, und für den wahrscheinlichen Ertrag der
-Eichelmast.
-
-Hans, mein väterlicher Freund, werfen wir einmal alles über Bord:
-Vorurteil, die sogenannten Gesetze der Ehre, und fragen wir uns, ob Du
-Dich nicht ebenso zufrieden fühlen würdest wie jetzt, wenn Du ... nun,
-das ist wirklich schwer auszusprechen ... wenn -- sagen wir, Elsbeth und
-ich Deine Kinder wären, Deine dankbaren, in Dir den Schöpfer ihres
-Glückes verehrenden Kinder ...
-
-Lieber Hans, was ist die Aufgabe des Menschenfreundes? Nach den
-schwachen Kräften, die ihm als einzelnen gegeben sind, die Summe des
-auf Erden vorhandenen Leids zu vermindern, die des Glückes zu erhöhen.
--- Mathematisch, um mit Dir zu sprechen: Ich besitze etwas, das mir
-Freude macht = 6; doch kenne ich einen, dem dieses selbe etwas Freude
-machen würde = 100.000. -- Was tue ich, der Menschenfreund? Ich schenke
-ihm den bewußten Gegenstand und erhöhe damit die Summe der Weltfreude um
-99.994!
-
-Ähnliches, liebster Professor, habe ich einmal getan. Ich hatte ein
-Bild, das jeden Kenner entzückte. Einen mir befreundeten Maler machte
-der Wunsch, es zu besitzen, halb verrückt. Er sann und träumte nichts
-andres; er meinte, es sein nennen zu dürfen, würde ihn beseligen und
-läutern und jede in seiner Künstlerseele noch schlummernde Kraft zur
-höchsten Entfaltung bringen.
-
-Ich erwog das Glück, das ich diesem Menschen bereiten konnte, machte die
-bewußte Rechnung und -- schenkte ihm das Bild.
-
-O Freund, es handelte sich um eine bemalte Leinwand, die nichts davon
-wußte, ob der begeisterungstrunkene Blick eines Künstlers auf ihr ruhte,
-ob der meine es streifte mit flüchtigem Wohlgefallen.
-
-Sie aber lebt, und, ich glaube es wenigstens, ist mir gut. Eigentümlich,
-daß sich meiner, je näher der Augenblick des Wiedersehens kommt, Zweifel
-bemächtigen, vielleicht begründete?
-
-Nein doch, nein! -- ich brauche mich nur der Nachmittage unter den
-Linden auf der Terrasse zu erinnern ... Ich las vor -- »Faust« von
-Turgenjew ... Wie sie da horchte, mit welcher Spannung, wie sie mich
-ansah ... Am selben Abend entstand ein Gedicht, das natürlich verbrannt
-wurde, und das ich vergessen habe, bis auf die eine Strophe:
-
- Zu mir erhebt mit stummem Fragen
- Dein dunkles Aug sich unbewußt,
- Dieselbe tiefe Sehnsucht tragen
- Wir beide in verschwiegner Brust ...
-
-So war es. Aber freilich, zu wem hätte sie auch die Augen erheben
-sollen? Mein Hans, ihr Hans, ich will sagen: unser Hans schlief oder
-schlummerte wenigstens ...
-
-In zwei Tagen werde ich viel mehr wissen als heute. Ich schreibe Dir
-gleich, noch unter dem ersten Eindruck. Was steht mir bevor?
-
- Dein Edmund.
-
-
-*VIII.*
-
-Professor Erhard an Freiherrn Hans v. B.
-
- Korin, den 12. September 1875.
-
- Euer Hochwohlgeboren!
-
- Hochverehrter Herr Freiherr!
-
-Für die Belästigung auf das Höflichste um gnädige Nachsicht bittend,
-wage ich es, Euer Hochwohlgeboren um eine Kunde von meinem lieben Grafen
-zu bitten. Derselbe äußerte in seinem letzten Schreiben die Absicht, die
-Gegend von Fiume zu besuchen, und dürfte es bei dieser Gelegenheit
-schwerlich verabsäumt haben, Euer Hochwohlgeboren seine Aufwartung zu
-machen. Auf die Annahme dieses Falles hin darf ich vermuten, daß es Euer
-freiherrlichen Gnaden bekannt sein dürfte, wohin unser teurer Reisender
-seine Schritte gelenkt, und dieser Vermutung wieder entspringt das oben
-gestellte flehentliche Ersuchen.
-
-Genehmigen Euer Hochwohlgeboren den Ausdruck der unbegrenzten
-Hochverehrung, mit welcher zeichnet
-
- Euer Hochwohlgeboren
- untertänigster Diener
- P. Erhard.
-
-
-*IX.*
-
-Hans v. B. an Professor Erhard.
-
- Nowidworo, den 14. September 1875.
-
- Euer Hochwürden
-
-setzen mich in Bestürzung.
-
-Unser lieber Edmund hat uns nach zweitägigem Aufenthalte verlassen, um
-geraden Weges heimzufahren nach Korin.
-
-Sieht aus wie das Leben, ist prächtig. Er muß seinen Plan geändert
-haben; ich staune, daß er nichts davon schrieb.
-
-Mit der inständigen Bitte, mir sein Eintreffen zu Hause telegraphisch
-bekannt zu geben,
-
- Euer Hochwürden
- tief ergebener Hans B.
-
-
-*X.*
-
-Graf Edmund N. an Professor Erhard.
-
- Abbazia, den 20. September 1875.
-
- Lieber, verehrter Freund!
-
-Ich habe noch eine kleine Seefahrt unternommen, bin aber jetzt auf dem
-Heimwege; heftig regt sich in mir die Sehnsucht nach meinem Zuhause.
-Eines schönen Morgens wirst Du im Frühstückszimmer erscheinen, mit einem
-Schweinsledernen unter jedem Arme, und -- plumps! da liegen die
-Folianten; Du hast sie fallen lassen, Du brauchst Deine beiden Hände, um
-sie vor Verwunderung über dem Kopfe zusammenzuschlagen und dann dem
-Freunde zu reichen, der Dir die seinen entgegenstreckt.
-
-Freue Dich, Du Lieber und Getreuer! ich komme für lange Zeit.
-
-Wenn Jahre zwischen heute und dem Tage lägen, an dem ich Dir zum letzten
-Male schrieb, eine größere Wandlung könnte mit mir nicht vorgegangen
-sein; ich bin, scheint mir -- klug geworden.
-
-Als ein ganzer Geck kam ich noch am Nachmittag des 14. August in
-Karlstadt an. Ich hatte im natürlich reservierten Coupé Toilette gemacht
-und gefiel mir selbst in meinem Knickerbocker und meinem englischen,
-helmförmigen Hut.
-
-Auf dem Bahnhofe wartete der Wagen aus Nowidworo, der gelbe Phaeton, den
-Hans nur bei großen Gelegenheiten ausrücken läßt; vorgespannt war der
-Jucker-Viererzug, und auf dem Bocke prangte mein dicker, schweigsamer
-Freund Djuro.
-
-»*Pomez Bog*,« rief ich, und er erwiderte: »*Ljubim ruka*.« Sein
-braunes Gesicht glänzte gleich einem blankgescheuerten Kupferkessel, und
-er lachte mich so vergnügt an, als ob ihm das verkörperte Trinkgeld
-entgegenträte.
-
-Wir flogen schon ein Weilchen dahin zwischen rebenbepflanzten Hügeln und
-Geländen, als er sich besann, daß er etwas an mich zu bestellen habe,
-und mir einen Brief in den Wagen reichte. -- Von Hans. Sein
-gewöhnliches Riesenformat, der Inhalt drei Zeilen im Telegrammstil:
-
-Willkommen! hochwillkommen, Du, mein Junge, Du! Erwarten Dich mit
-offenen Armen. Haben uns redlich nach Dir gesehnt.
-
- Elsbeth und Hans.
-
-Beide hatten unterschrieben.
-
-Ich zerknüllte das Blatt und schleuderte es fort; denn es brannte wie
-eine Kohle in meiner geschlossenen Hand. Die Sonne brannte auch, der
-Himmel erstrahlte in feurigem Blau, zu eitel Fünkchen wurde der Staub,
-der uns umwirbelte. Am Saume der großen Ebene dunkelten die Wälder,
-erhoben sich die Spitzen der Okiker Gebirge.
-
-Mit innigem Entzücken begrüßte ich sie ... Die schönsten Bilder tauchten
-vor mir empor, holde Träume umfingen mich.
-
-Mein Kutscher war plötzlich aufgestanden, schwang die Peitsche und
-schnalzte kräftig. Ein Leiterwagen, mit türkischem Weizen beladen,
-wackelte vor uns her. Die kleinen, mageren Pferde krochen nur so; ihr
-Lenker schlief, der Länge nach ausgestreckt, auf seiner Ernte. Djuros
-Peitschenknall weckte ihn, er fuhr empor, wich aus, und wir sausten
-weiter.
-
-Das Gefühl ist nicht zu beschreiben, das mich ergriff, als ich die
-Schloßmauern von Nowidworo durch die Bäume des Gartens schimmern sah und
-bald jedes Fenster am Mansardendache unterschied.
-
-Die Luft schien mir dünner und reiner zu werden, mein Herz war so
-leicht, der letzte Zweifel abgetan. Ich mußte mich zusammennehmen, um
-nicht laut aufzujubeln.
-
-Beim steinernen Kreuze, wo der Weg sich abzweigt, der zwischen
-Walnußbäumen gerade zum Schlosse führt, lenkte Djuro nach rechts, und
-wir fuhren längs des Gartenzauns dem schlanken, zinnengekrönten Türmchen
-an der Ecke, der sogenannten »Warte«, zu.
-
-Dort oben hatten Hans und Elsbeth gewiß gestanden und nach mir
-ausgespäht, und jetzt eilen sie die Treppe hinab und zur Pforte zwischen
-den Pfeilern und werden gleich heraustreten ... Wenn _sie_ zuerst kommt,
-dann ist's ein gutes Zeichen.
-
-Das _Zeichen_ stimmte wohl --
-
-Sie kam zuerst, weiß gekleidet, im reichen Schmuck ihrer dunkeln Haare,
-in ihrem ganzen Liebreiz -- ein wenig blaß kam sie mir vor im ersten
-Augenblick.
-
-Hinter ihr breitete sich's chamoisfarbig; ein paar Arme fochten sinnlos
-in der Luft herum und bemächtigten sich meiner, als ich aus dem Wagen
-sprang. Es waren die Arme meines alten Hans, und er drückte mich an
-seine Brust wie ein Bär. Seine Augen standen voll Tränen, alle seine
-Gesichtsmuskeln zitterten.
-
-»Elserl,« brachte er nach vielen vergeblichen Anstrengungen endlich
-heraus, »umarm ihn auch -- Du darfst, weil er da ist -- -- wenn er nicht
-da wäre, dürftest Du nicht,« sprach er in warnendem Tone und zwinkerte
-mir voll Verständnis zu.
-
-Auch seine Frau verstand diese allerdings sehr einfache Logik. Sie
-errötete, eine tiefe Verwirrung malte sich in ihren Zügen, doch gelang
-es ihr bald, eine heitere Miene anzunehmen. Mit ihrer gewohnten,
-sanften Sicherheit blickte sie zuerst ihn, dann mich an und bot mir die
-Wange.
-
-Ich küßte sie ... das Unglaubliche geschah -- ich küßte sie, und ob es
-mich auch durchzuckte vom Wirbel bis zu den Füßen, ob mir der Atem
-vergehen wollte -- ich verlor meine Fassung nicht.
-
-»Jetzt die Überraschung,« sagte Hans zwischen Weinen und Lachen ... »Wir
-haben nämlich eine Überraschung ... Du wirst Dich wundern.«
-
-Mein lieber Freund, eine flüchtige Erinnerung an die Absicht, mit der
-ich gekommen, an die berühmte Rechnung, kam mir in den Sinn, und mich
-überlief's.
-
-Elsbeth nahm meinen Arm, sie drückte ihn herzlich mit ihrer Hand, Hans
-ging nebenher, klopfte mich von Zeit zu Zeit auf die Schulter und
-murmelte: »Du, mein Junge, Du!« Er lobte und bewunderte alles an mir,
-mein Aussehen, meinen Vollbart, meinen Anzug, und Elsbeth stimmte ihm
-bei, und wenn er sich wie ein sehr erfreuter Vater benahm, so hatte sie
-in ihrer Art und Weise gegen mich etwas entschieden Mütterliches.
-
-Wir näherten uns dem schattigen Platze unter den Linden, den edlen,
-herrlichen, die am Rande der Wiese vor dem Schlosse stehen.
-
-Dort habe ich ihr das Meisterwerk des großen russischen Erzählers
-vorgelesen, diese Bäume haben leise dazu gerauscht; auf der Bank unter
-dem mächtigsten von ihnen hat sie gesessen, mir gegenüber in sprachloser
-Ergriffenheit, und mich angesehen mit jenem unvergeßlichen Blick ...
-
-Auf derselben Stelle unter demselben Baum befand sich jetzt eine
-stattliche Frau, in halb städtischer, halb ländlicher Tracht, und neben
-ihr stand ein Korbwägelchen mit blauseidenem Dach.
-
-»*Spovo on?*« fragte Elsbeth.
-
-»*Sada isputje*,« antwortete die Frau.
-
-Das heißt: »Schläft er?« und: »Eben erwacht.«
-
-Mein dummer Kopf hatte eine plötzliche Erleuchtung. Sie war so hell --
-zu hell -- -- sie schmerzte.
-
-Elsbeth führte mich zu dem Wägelchen, hob die Schleier, die es
-verhüllten, und der Inhalt der kleinen Equipage kam zum Vorschein. Er
-hatte kugelrunde, rosige Wangen und dunkle Augen, machte Fäustchen,
-strampelte und war -- mein Nebenbuhler.
-
-Wie sie sich zu ihm hinabneigte, gewann ihr Gesicht einen Ausdruck
-stiller, vollkommener Seligkeit, der mich sofort belehrte: Wenn je ein
-Funke Neigung für mich in ihrem Herzen erglomm -- er ist erloschen. Der
-Atem dieses Kindleins hat ihn ausgeblasen.
-
-Sein Vater warf sich in die Brust, kreuzte die Arme und betrachtete
-abwechselnd seinen Sohn und mich mit, -- glaube mir, -- fast gleicher
-Zärtlichkeit.
-
-»Nun, mein Junge,« rief er mich an, »was sagst Du? sag etwas zu Deinem
-*quasi* Bruder.«
-
-Aber ich konnte nichts sagen, ich war in den Anblick Elsbeths versunken.
-
-»Wir Frauen,« sagt Irina, »haben nur die Liebe,« nun -- Elsbeth ist
-reich.
-
-Zwei Tage hielt ich es wacker aus bei ihr und ihm und dem Kinde, am
-dritten räumte ich dem Nebenbuhler das Feld.
-
-Die Frage, ob ich nicht auch ohne ihn von dannen gegangen wäre, wie ich
-ging, will ich einstweilen unerörtert lassen.
-
-Auf Wiedersehen, Freund und Mentor! Schalte und walte in meinem Hause,
-wie's Dir gefällt. Auch wenn ich nur durch eine Allee von Mumien in mein
-Zimmer gelangen kann -- mir ist alles recht und eines gewiß: Vorläufig
-interessiere ich mich für keine Frau mehr, die nicht tot ist seit
-mindestens dreitausend Jahren.
-
-»Galgenhumor,« denkst Du und irrst; es ist der ehrliche, sehr harmlose,
-der einem etwas verwundeten Herzen entströmt. Aber die Wunde schließt
-sich schon, bald gibt es ehrenvolle Narben.
-
-Erwarte mich ohne Bangen, ich bin geheilt.
-
- Dein Edmund.
-
-
-
-
- Der Vorzugsschüler.
-
-
-Mutter und Sohn saßen einander gegenüber am Tische, der als Arbeits- und
-Speisetisch diente, und dessen eine Hälfte schon für die Abendmahlzeit
-gedeckt war. Eine Petroleumlampe mit grünem Schirm beleuchtete hell die
-Schulbücher, die der Knabe vor sich aufgeschichtet hatte, und die
-ungemein geschont aussahen nach einer mehr als halbjährigen Benutzung.
-Es war Ende März, und in wenigen Monaten mußte Georg Pfanner aus der
-dritten Klasse, wie aus jeder früheren Vorbereitungs- und
-Gymnasialklasse, als Vorzugsschüler hervorgegangen sein. Mußte! Wohl und
-Weh des Hauses hing davon ab, der -- wenigstens relative -- Frieden
-seiner Mutter, der Schlaf ihrer Nächte ... Wenn dem Vater schien, daß
-»sein Bub« im Fleiß nachlasse, wurde sie zur Verantwortung gezogen. Das
-wirkte viel stärker auf den Jungen, als die strengste Ermahnung und
-Strafe getan hätte. Für seine Mutter empfand er eine anbetende Liebe und
-war das ein und alles der freudlosen, vor der Zeit gealterten Frau. Die
-beiden gehörten zueinander, verstanden einander wortlos, sie hatten,
-ohne es sich selbst zu gestehen, ein Schutz- und Trutzbündnis gegen
-einen Dritten geschlossen, dem sie im stillen immer Unrecht gaben, auch
-wenn er recht hatte, weil sie sich im Grund ihrer Seele in steter
-Empörung gegen ihn befanden. Frau Agnes würde erstaunt und
-wahrscheinlich entrüstet gewesen sein, wenn man ihr gesagt hätte, daß
-ihre Empfindung für ihren Mann längst nichts mehr war als eine Mischung
-von Furcht und von Mitleid. Georg würde eher die ganze Schule zum Kampf
-herausgefordert, als geduldet haben, daß ein unehrerbietiges Wort über
-seinen Vater gesprochen werde. Aber weder der Mutter noch dem Sohne
-wurde es wohl in seiner Nähe. Seine Anwesenheit bedrückte, löschte jede
-heitere Regung im ersten Aufflackern aus. Und doch war der einzige
-Lebenszweck dieses Mannes die Sorge um das Wohl seines Kindes in
-Gegenwart und Zukunft.
-
-Frau Agnes ließ ihre Arbeit in den Schoß sinken und blickte nach der
-Schwarzwälderuhr, die an der Wand neben dem Kleiderschrank ihr
-blechernes Pendel schwang. So spät schon, und der Mann kam noch immer
-nicht aus dem Bureau. Sie lasteten ihm dort so unbarmherzig viel Arbeit
-auf, und er besorgte sie widerspruchslos und nahm noch Arbeit mit nach
-Hause, um die Vorgesetzten nur gewiß zufrieden zu stellen und beim
-nächsten Avancement berücksichtigt zu werden.
-
-Ja, der Mann plagte sich, und es war sehr begreiflich, daß er übermüdet
-und mürrisch heimkehrte. Und der Junge, der liebe, geliebte Junge,
-plagte sich auch. Heute ganz besonders. Dunkelrot brannten seine Wangen,
-und sogar die Kopfhaut war gerötet, und die Stirn zog sich kraus. In
-Hemdärmeln saß er da, die Ellbogen auf den Tisch gestützt, preßte das
-Kinn auf seine geballten Hände und starrte ratlos zu seinem Hefte
-nieder. Dreimal schon hatte er die Rechenaufgabe gemacht und jedesmal
-ein andres Resultat erhalten, und keines, das sah er wohl, konnte das
-richtige sein.
-
-Die Mutter wagte nicht, ihn anzusprechen, um ihn nicht zu stören, warf
-nur verstohlen von Zeit zu Zeit einen bekümmerten Blick auf ihn und
-vertiefte sich wieder in ihre Arbeit und flickte emsig am schadhaften
-Futter der Jacke, die er ausgezogen hatte.
-
-Nun wurde nebenan ein Geräusch vernehmbar. Im Schloß der Küchentür
-drehte sich der Schlüssel.
-
-»Der Vater kommt,« sprach Frau Agnes. »Bist fertig, Schorschi?«
-
-»Mit der Rechnung noch lang nicht.« Sein Mund verzog sich, und unter
-seinen blonden Wimpern quollen plötzlich Tränen hervor.
-
-»Um Gottes willen, Schorschi, nicht weinen, du weißt ja -- der Vater ...«
-
-Da trat er ein, und sie stand auf und ging ihm entgegen, und er
-erwiderte ihr schüchternes Willkomm mit einem ungewohnt freundlichen:
-
-»Na, grüß euch Gott.«
-
- * * * * *
-
-Offizial Pfanner war um ein weniges kleiner als seine Frau und ungemein
-dürr. Die Kleider schlotterten ihm am Leibe. Seine dichten, eisengrauen
-Haare standen auf dem Scheitel bürstenartig in die Höhe, seine noch
-schwarz gebliebenen Brauen bildeten zwei breite, fast gerade Striche
-über den dunkeln, sehr klugen Augen. Den Mund beschattete ein
-mächtiger, ebenfalls noch schwarzer Schnurrbart, den Pfanner sorgfältig
-pflegte, und der dem Beamten der Kaiserlich Königlich Österreichischen
-Staatsbahn etwas Militärisches gab.
-
-Pfanner hatte einen großen Pack Schriften mitgebracht und war doch nicht
-unwirsch. Er ließ sich von seiner Frau den Überrock ausziehen und sagte
-sanft und ruhig: »Bring das Essen und lösch die Lampe in der Küche aus.
-Die brennt, ich weiß nicht zu was. -- Lern weiter!« befahl er dem Sohn,
-der sich nach ihm gewendet hatte und ihn scheu und ängstlich ansah.
-
-»Es ist so schwer,« murmelte Georg.
-
-Der Vater stand jetzt hinter seinem Stuhle: »Schwer, fauler Bub? Deine
-Faulheit überwinden, das wird dir schwer, sonst nichts. Einem Kind, das
-Talent hat, wird nichts schwer. Faul bist.«
-
-»Ich hab alles fertig,« sprach Georg mit einem trockenen Schluchzen und
-drängte die Tränen zurück, die ihm wieder in die Augen treten wollten,
-»nur die Rechnung nicht ...« da kippte seine Stimme um, der Satz endete
-mit einem schrillen Jammerton, und zugleich beugte der Kopf des Jungen
-sich tiefer. Seinem Bekenntnis mußte die Strafe folgen, er erwartete die
-unausbleibliche mit dumpfer Resignation, den wohlbekannten Schlag der
-kleinen, harten Hand, die wie ein Hammer niederfiel und das Ohr und die
-Wange Georgs auf Tage hinaus grün und blau marmorierte.
-
-Aber heute zürnte der Vater nicht. Nach einer kleinen Weile streckte
-sich sein Arm über die Schulter des Knaben, der Zeigefinger bezeichnete
-eine Stelle in der Rechnung, deren sorgfältig geschriebene Zahlen eine
-Seite des Heftes bedeckten.
-
-»Da sitzt der Fehler. Siehst du?«
-
-War's möglich, daß Georg ihn noch immer nicht sah? daß er sich keinen
-Rat wußte, auch dann nicht, als der Vater zu erklären begann. Er tat das
-auf eine so völlig andre Art als der Lehrer. Dem Kind wollte und wollte
-das richtige Verständnis nicht aufgehen, trotz aller Anstrengung und
-Mühe. Dazu die Furcht: Jetzt reißt dem Vater die Geduld, jetzt kommt der
-Schlag. Zuletzt dachte er nur noch an den und wünschte, die Züchtigung
-wäre vollzogen, damit er sich nicht mehr vor ihr ängstigen brauche.
-
-»Gib acht, du gibst nicht acht!« rief Pfanner und begab sich auf seinen
-Platz am oberen Ende des Tisches, wo für ihn gedeckt war. Die Mutter
-hatte das Abendessen aufgetragen. Kartoffeln in der Schale, ein schönes
-Stück Butter, ein Laib Brot, eine Schüssel mit kaltem Fleische. Die
-stellte sie zagend vor ihren Mann hin, und seine Mißbilligung blieb
-nicht aus.
-
-»Fleisch am Abend -- was heißt das? Keine neue Einführung, bitt ich mir
-aus.«
-
-Sie entschuldigte sich. Sie log. Die Nachbarin hätte so schönes Fleisch
-vom Land bekommen und ihr dieses schon eingekaufte um ein Billiges
-abgetreten: »Es ist auch noch für morgen da,« setzte sie hinzu, um einer
-wiederholten Rüge vorzubeugen, die viel schärfer ausgefallen wäre. Sie
-hätte aber auch die schärfste über sich ergehen lassen. Es galt einen
-Kampf, in dem sie, die sonst willensschwache Frau, um keinen Preis
-nachgeben durfte.
-
-Das Abendessen war längst vorbei, die Mutter längst zur Ruhe gegangen,
-Vater und Sohn saßen noch bei ihrer Arbeit. Pfanner befaßte sich mit dem
-Aufstellen einer statistischen Tabelle, Georg kam mit seiner Rechnung
-nicht zu Ende. Die Aufmerksamkeit weder des einen noch des andern war
-völlig bei seiner Beschäftigung. Jeder von ihnen hatte heute ein Glück
-erfahren, und die Erinnerung daran stellte sich immer und immer wieder
-zerstreuend und ablenkend ein.
-
-Pfanner war dem Herrn Subdirektor begegnet, und der hatte ihn
-angesprochen und ihn der Wohlmeinung des Herrn Direktors und seiner
-eigenen versichert. Der Herr Direktor warte nur auf die erste
-Gelegenheit, dem unermüdlichen Fleiß und Diensteifer des Offizianten die
-gebührende Anerkennung zuteil werden zu lassen.
-
-»Für außergewöhnliche Leistungen außergewöhnliche Auszeichnungen.
-Verlassen Sie sich darauf.« Mit diesen Worten hatte der hohe Vorgesetzte
-ihn verlassen, und Pfanner war weiter gewandert, von einem berauschenden
-Glücksgefühl ergriffen. Worauf durfte er sich Hoffnung machen? Auf
-Beförderung außer der Tour? Auf eine große Remuneration? Die wäre ihm
-vielleicht das liebste. Georgs Sparkassenbuch würde dadurch eine
-unverhoffte Bereicherung erfahren. An jedem letzten Tag des Monats nahm
-er es aus der Lade und ließ die wenigen, mühselig vom Gehalt ersparten
-Gulden eintragen, um nur ja nicht unnötigerweise einen Heller Zinsen
-einzubüßen.
-
-Der Sparkassenbeamte lachte schon: »Was bringen's denn heut, Herr
-Offizial, einen halben Gulden, einen ganzen?«
-
-Pfanners Hochmut litt unter diesen Spötteleien. Und jetzt stellte er
-sich vor, wie ihm sein würde, wenn er einen Hunderter oder gar zwei
-hinlegen könnte und nachlässig sagen:
-
-»Bitte, tragen Sie heute das ein, ins Buch von meinem Buben.«
-
-Sein Georg an der Spitze eines, wenn auch kleinen Vermögens -- er liebte
-ihn mehr, wenn er daran dachte.
-
-Der zukünftige Kapitalist hielt die Feder in der Hand und sann. Nicht
-über seine Rechnungsaufgabe. Seine Gedanken trugen ihn weit weg aus der
-kahlen, dürftig eingerichteten Stube ins Freie, wo jetzt schon neues
-Leben sich zu regen begann und ein Frühling sich ankündigte, von dem er
-wieder nichts haben sollte. Dem Frühling würde der Sommer folgen, die
-Schule geschlossen werden, und die Kameraden würden auf Ferien gehen;
-einige in die Nähe von Wien, andre glückliche ganz aufs Land, auf das
-wirkliche Land, oder gar ins Gebirge, in die Wälder, an die schimmernden
-Seen und Flüsse, an brausende Wasserfälle ... Nur er kam nie hinaus aus
-den trostlosen Straßen der Vorstadt, nie fort vom müdmachenden,
-langweiligen, verhaßten Straßenpflaster, auf dem man sich die Schuhe
-zerriß und die Füße wund ging. Dazu des Vaters ewig wiederholtes:
-
-»Lern! Hast gelernt? Kinder sind da, um zu lernen.«
-
-In seinem Jungen aber schrie es: Nicht _nur_ um zu lernen! Manchmal
-schon hatte er sich ein Herz gefaßt und gesagt: »Die andern sind jetzt
-auf Ferien und lernen nicht.«
-
-Da war der Vater bös geworden. »Sind das Vorzugsschüler? Wenn ja ein
-paar darunter sind, dann sind sie nicht leichtsinnig und zerstreut wie
-du, fauler Bub. Haben vielleicht nicht einmal Talent wie du, dafür aber
-Fleiß, eisernen Fleiß. Ferien ... was Ferien! Ein tüchtiger Mensch
-braucht keine, will keine. Hab ich Ferien?« Es war der Stolz Pfanners,
-daß er noch nie Urlaub genommen.
-
-Indessen, trotz all der väterlichen Strenge, ein wahres Löschhorn für
-jede heitere, lustige Regung, hatte es einige Jahre gegeben, in denen
-Georg eine Frühlingsfreude genossen. Und heute war der gesegnete Tag, an
-dem ihm endlich ein langgehegter, heißer Wunsch erfüllt wurde. Er trug
-das Mittel, Frühlingsfreude wieder zu erwecken, in seiner Tasche.
-
- * * * * *
-
-Um ein Stockwerk tiefer als die Familie Pfanner, im dritten des
-gegenüber liegenden Hauses, wohnte ein Schuster, der eine Nachtigall
-besaß. Wenn der Frühling anbrach, hing er ihren Käfig unter den
-Fenstersims an die Mauer. Der Käfig war eng und schmal, hatte dicke
-Sprossen und bot seiner Bewohnerin wenig Raum und wenig Licht. Sie sang
-wundersam in ihrer traurigen Gefangenschaft. Ihre süßen Lieder klangen
-nicht nur klagend und sehnsuchtsvoll, auch hell und jubelnd und wie voll
-des seligen Entzückens über die eigene Herrlichkeit, berauscht vom
-Triumph über die eigene hinreißende Macht. Die Töne, die der kleinen
-Brust entquollen, erfüllten die Gasse mit Wohllaut.
-
-Georg brachte jeden freien Augenblick am Fenster zu, beugte sich hinaus
-und sandte der Nachtigall seine Liebesgrüße. Der Schuster, das konnte
-man leicht bemerken, kümmerte sich nicht viel um die holde Sängerin.
-Wäre sie Georgs Eigentum gewesen, wie hätte er sie gehegt und gepflegt!
-Sie war sein Glück, seine Wohltäterin, sie zauberte ihm den Frühling in
-die traurige Stube und Schönheit und Poesie in sein ödes Leben. Er
-lauschte ihr, und märchenhaft liebliche Bilder tauchten vor ihm auf,
-Landschaften im purpurnen Grün des neuen jungen Lebens, blütendurchhaucht,
-lichtgetränkt. Alles, wovon er gelesen und gehört hatte das zu erblicken
-er sich gesehnt, das für ihn das ewig Unerreichbare bleiben sollte.
-
-Bis Johannis ging es so fort, dann hörte die Nachtigall auf zu schlagen,
-und der Schuster nahm das Bauer wieder ins Zimmer herein. Im letzten
-Frühjahr hatte Georg vergeblich auf das Erscheinen des Bauers gewartet.
-Der Schuster hatte die Nachtigall vielleicht verschenkt, oder vielleicht
-war sie gestorben, und mit ihr all die schönen Träume, die ihr Gesang
-geweckt, und die stille, geheimnisvolle Wonne, sich ihnen zu überlassen
-und ihnen nachzuhängen.
-
-Nun aber, vor einigen Wochen an einem grauen, frostigen Februarmorgen,
-tönten Georg, als er in die Nähe der Schule kam, die schmerzlich
-vermißten Nachtigallenklänge entgegen. Er stieß einen Freudenschrei aus,
-sah um sich, sah zu den Häusern empor, und da war nirgends ein
-Vogelbauer zu entdecken, und nirgends stand ein Fenster offen, aus dem
-der Gesang hätte dringen können. Die Töne schlugen einmal stärker,
-einmal schwächer an sein Ohr. Sie wanderten, näherten, entfernten sich,
-und plötzlich lachte Georg laut auf. Die Nachtigall, die so prachtvoll
-sang, spazierte vor ihm her, blieb stehen, schmetterte ihre Lockrufe in
-die Luft hinaus, ging ein Stück weiter, kehrte um und kam jetzt auf ihn
-zu.
-
-Sie hieß Salomon Levi, war fünfzehn Jahre alt und trug schiefgetretene
-Stiefel, einen schwarzen Kaftan, einen steifen, breitkrempigen Hut. Ihre
-eingefallenen Wangen entlang baumelten ein Paar glänzende, rabenschwarze
-Schläfenlocken.
-
-»Herrje, Salomon!« hatte Georg ausgerufen, »was ist mit dir? bist eine
-Nachtigall worden?«
-
-Der Angeredete trug an einem fettigen Riemen ein Tabulett, noch einmal
-so breit als er selbst, und hinkte von früh bis abends unermüdlich auf
-dem Kai vor der Schulgasse auf und ab. Sein Warenlager erfreute sich
-unter den Studenten des Rufes großer Solidität und bestand aus Brief-
-und Geldtaschen, Spiegeln, Messern, Uhrketten und dergleichen. Der junge
-Hausierer führte auch allerlei Spielzeug, das auf Georg eine starke
-Anziehung übte. Er hatte nie, nicht einmal als kleines Kind, Spielzeug
-besessen.
-
-»Spielereien kaufen -- Geld hinauswerfen, Unsinn!« sagte Pfanner. »Ein
-Kind, das Phantasie hat, ein Kind wie das meine braucht keine. Ein
-Scheit Holz oder ein hölzernes Pferd sind dasselbe für ihn, sind ihm
-beide ein lebendiges Pferd. Eine Puppe in Seidenkleidern oder der in
-Zeitungspapier gewickelte Stiefelknecht sind ihm eines wie das andere,
-ein lebendiges Kind.«
-
-Für Georg haftete der Reiz des Versagten an jedem Gegenstand in Salomons
-Auslagekasten. Er kam nie ohne Herzweh an ihm vorüber und knüpfte, so
-oft es anging, ein Gespräch mit Levi an, um alle die Kostbarkeiten, die
-er ausbot, mit Muße betrachten und sogar berühren zu dürfen.
-
-»Ach Salomon,« sagte er ihm einmal, »wie glücklich bist du! Kannst immer
-auf und ab gehen, und mußt nicht mehr in die Schule, hast so viele
-schöne Sachen und kannst sie den ganzen Tag ansehen. Wie froh mußt du
-sein!«
-
-Salomon sah ihn wehmütig an. In welchem Irrtum war Georg befangen! Wenn
-Salomon alle die »schönen Sachen« anbrächte, und noch viele andre und
-Geld für sie bekäme und studieren könnte, dann wäre er froh.
-
-Sie hielten nun täglich eine Unterredung, eine kurze bloß, denn Georg
-wußte, daß der Vater ihn daheim fast regelmäßig, mit der Uhr in der
-Hand, erwartete, und wenn er sich um ein paar Minuten verspätete, dann
-gab es böse Minuten für seine arme Mutter.
-
-So flüchtig aber auch die Begegnungen der beiden Knaben waren, sie
-bildeten allmählich ein starkes Band. Jeder von ihnen kannte das Leiden;
-einer bedauerte den andern und beneidete ihn auch. Fürs Leben gern
-hätten sie getauscht, verhandelten oft darüber und waren schon gute
-Bekannte gewesen vor jenem Februarmorgen, an dem der Vorzugsschüler dem
-Hausierer zugerufen hatte:
-
-»Bist eine Nachtigall worden?«
-
-Helles Entzücken durchströmte ihn, als Salomon ihm ein Instrumentchen
-zeigte, nicht größer wie eine Nuß, in dem alle Flötentöne der Nachtigall
-schliefen. Man brauchte es nur zwischen die Lippen zu nehmen und
-geschickt mit der Zunge zu behandeln, um den lieblichen Gesang zu
-wecken. Er hätte sich auf die Knie werfen und Salomon beschwören mögen:
-»Sei gut, sei großmütig, schenk mir die Nachtigall!« Aber das Bild
-seines Vaters schwebte ihm vor, er vernahm die Worte: »Du bist ein
-Beamtensohn, du unterstehst dich nicht, etwas anzunehmen, nicht ein
-Endchen Bleistift, nicht eine Feder. Von keinem Mitschüler, von keinem
-Menschen.«
-
-So stotterte er denn mit fliegendem Atem: »Was kostet die Nachtigall?«
-
-Sie kostete zwanzig Heller, und Salomon hatte heute schon ein paar
-Dutzend verkauft und hoffte, noch ein paar Dutzend zu verkaufen und bald
-auch seinen ganzen Vorrat, denn sie gingen reißend ab.
-
-Georg überlegte: »Wirst du in fünf Tagen keine mehr haben...? Hebe mir
-eine auf, ich bitte dich. Wenn ich mein Jausengeld erspare, habe ich in
-fünf Tagen zwanzig Heller beisammen und kann dir die Nachtigall
-bezahlen.«
-
-Salomon war sehr ungläubig. Mehrmals schon hatte Georg versucht, sein
-Jausengeld zu sparen, um bei ihm einen Einkauf machen zu können, es aber
-nie weiter gebracht als bis zu acht, höchstens zu zehn Heller. Dann war
-er plötzlich an einem Nachmittag zu hungrig geworden und hatte sein
-ganzes Geld auf einmal ausgegeben, für eine besonders lockende Brezel.
-Beim Bäcker an der Ecke bekam man so köstliche! Er hatte auch schon
-seinen kleinen Besitz an Kupfermünzen Ärmeren, als er selbst war,
-geschenkt. Salomon zweifelte mit gutem Grund an der Fähigkeit des
-»jungen Herrn«, etwas zurückzulegen. Dennoch erfüllte er ihm seinen
-Wunsch. Eine Nachtigall blieb unverkauft, die beste. Wer die zu
-behandeln verstand, konnte ihr ganz besonders klangreiche Töne
-entlocken.
-
-Und heute hatte Georg sie erworben, war glorreich vor Salomon
-hingetreten, hatte ihm zehn Zweihellerstücke in die Hand gezählt und die
-Nachtigall in Empfang genommen.
-
-Der Unterricht in der Gebrauchsanweisung war »dreingegangen«. Das kleine
-Instrument wanderte von einem Mund zum andern, und sogleich, mit
-bewunderungswürdiger Schnelligkeit lernte Georg dem Tabulettkrämer seine
-Kunst ab.
-
-»Was ein Talent zur Musik! Ich hab müssen lernen drei Tag, bis ich hab
-spielen gekonnt. Sie können gleich spielen, besser als ich.«
-
-Georg erwiderte glückselig, es sei ja so leicht. Ach, wenn alles so
-leicht wäre, wenn es mit der Mathematik und der Geschichte und mit dem
-Griechischen auch so ginge!
-
-In Salomons melancholischen Augen leuchtete es auf: »Mir möchte leicht
-sein das Studieren,« sprach er und sah sehr hochmütig und sehr traurig
-aus.
-
- * * * * *
-
-Jetzt war es nahe an elf Uhr. Frau Agnes hatte sich auf Befehl Pfanners
-zu Bette begeben, sie schlief aber nicht; sie beobachtete vom dunkeln
-Alkoven aus ihren Mann, der mit unvermindertem Eifer liniierte,
-rubrizierte, und ihren Jungen, der müd und blaß sich über sein Heft
-beugte oder mit verträumten Augen emporblickte zu dem grauen Fleck, den
-der Rauch der Lampe allmählich an die Decke gemalt hatte. Er durfte noch
-immer auf des Vaters grimmig wiederholtes »Bist fertig?« nicht mit ja
-antworten; er war eben nicht bei der Sache. Er hatte eine Hand in die
-Tasche gesteckt und die Finger um die Nachtigall gelegt und preßte sie
-manchmal, als ob sie etwas Lebendiges wäre und es fühlen könnte, mit
-großer, sanfter Liebe.
-
-Der Heimweg, der ihm sonst immer endlos vorkam, war ihm heute zu kurz
-gewesen. Fast die ganze Zeit hindurch hatte er die Nachtigall schlagen
-lassen, und Kinder und selbst Erwachsene waren stehen geblieben und
-hatten ihm zugehört und sich über die herzige Musik gefreut. Es wäre ihm
-ein Glück gewesen, vor der Mutter eine Probe seiner neu erlernten Kunst
-abzulegen. Aber das ging nicht an, die Mutter würde sogleich gesagt
-haben: »Du mußt dem Vater das Ding zeigen, du weißt ja, er mag
-Spielereien nicht.« Und wenn Georg auch geantwortet hätte: »Es ist keine
-Spielerei, es ist ein Instrument,« würde sie doch dabei geblieben sein:
-»Hinter dem Rücken des Vaters darf man nichts tun und nichts haben.« So
-hatte sie es immer gehalten ... bis heute.
-
-Georg aber konnte nicht vergessen, daß ihm vor Jahren der jüngste Sohn
-der Nachbarin, Karl Walcher, seine Flöte geliehen; er hätte sie ihm auch
-gern geschenkt, ohne Pfanners spartanisches Verbot. Was Georg einmal
-hörte von den Kinderliedern, die seine Mutter ihm vorsummte, bis zum
-feierlichen Kirchengesang, alles merkte er sich und brachte die Melodie
-ganz richtig heraus auf dem höchst primitiven Instrumentchen. Frau
-Walcher und ihre Söhne hatten ihn bewundert und sogar sein Vater ihm
-manchmal ein zustimmendes: »Nicht übel« gespendet. Aber bald war ihm
-seine Freude verdorben worden.
-
-»Laß die Dummheiten -- lern!« hatte es bald geheißen. An dem geringsten
-Versäumnis, an jeder Zerstreutheit des Knaben hatte die Flöte Schuld
-getragen. Bald, schrecklich bald hatte der Vater sie ihrem Eigentümer
-zurückgestellt. So würde er gewiß auch die Nachtigall nicht dulden, und
-deshalb mußte sie vor ihm verborgen bleiben, die liebe, herrliche.
-
-Als Georg endlich zur Ruhe gehen durfte, erhielt sie ihren Platz unter
-seinem Kopfkissen. Nach Mitternacht erwachte er, zog sie an seine
-Lippen. Um sie zu küssen; natürlich nur, sie schlagen zu lassen, konnte
-ihm doch nicht einfallen ... Zwar -- die Eltern schliefen. Zwischen
-ihnen und ihm, am Mauervorsprung des Alkoven, tickte kräftig, jedes
-schwache Geräusch übertönend, der flinke Gang der Schwarzwälderin.
-Dennoch wäre es nicht geraten ... und während er dachte: nicht geraten,
-berührte seine Zungenspitze schon das kühle Metallplättchen. Ohne seinen
-Willen, fast ohne sein Zutun begann die Nachtigall ihren Gesang zu
-erheben. Sie klagte, sie lockte, sie verkündete eine unerfüllbare
-Sehnsucht. Ihre Töne stiegen, schwollen, brachen plötzlich ab. Herrgott
-im Himmel ... Zu laut, zu laut! Der Vater hat einen gar leisen Schlaf
-... Entsetzlich erschrocken, von Schauern der Angst durchrieselt,
-steckte Georg seinen Kopf unter die Decke. Am nächsten Morgen beim
-Frühstück erzählte der Vater von einem merkwürdigen Traum, den er in der
-Nacht gehabt. Der Schuster hatte wieder eine Nachtigall angeschafft, und
-Pfanner war gewesen, als ob er sie so laut schlagen hörte, daß er
-darüber erwachte, und dann, das war das Merkwürdige, hatte er sich
-eingebildet, wach zu sein und sie noch zu hören. Seine Frau konnte nicht
-genug staunen, auch ihr hatte etwas ganz Ähnliches geträumt, und das
-mußte wohl etwas zu bedeuten haben.
-
-Georg stand auf und trat ans Fenster, damit die Eltern sein Erröten
-nicht sähen.
-
- * * * * *
-
-Auch Frau Agnes hatte ihr Geheimnis, und sie mußte, um es zu bewahren,
-allerlei Ausflüchte gebrauchen, die gar oft weitab von der Wahrheit
-lagen. Seit einiger Zeit war bei allen Mahlzeiten der Tisch reichlicher
-besetzt, und Pfanner hatte doch nicht mehr Wirtschaftsgeld bewilligt als
-früher. Seine Frau konnte nicht immer bei der Wahrheit bleiben, wenn er
-sie darüber zur Rede stellte. Ungern genug hörte er schon und fühlte
-sich gedemütigt, wenn sie gestand, einige Konfektionsarbeiten gemacht
-und durch Vermittlung Frau Walchers unter der Hand verkauft zu haben.
-Nie hätte er erfahren dürfen, daß sie ein eben entbehrliches
-Kleidungsstück oder Hausgerät ins Versatzamt getragen, einen noch aus
-dem väterlichen Hause mitgebrachten kleinen Schmuckgegenstand veräußert
-hatte. Er hielt viel auf diese Reste einer ehemaligen Wohlhabenheit; es
-schmeichelte ihm, sich seine einst sehr schöne Frau -- nur leider die
-Hellblonden verblühen sehr schnell! -- aus einem guten und damals fast
-reichen Hause geholt zu haben. Der geringste Zufall konnte alles an den
-Tag bringen und dann -- Agnes schloß die Augen und erzitterte bei dem
-Gedanken, was dann geschehen würde. Aber gleichviel, das Kind mußte um
-jeden Preis besser genährt werden als bisher.
-
-Frau Adjunkt Walcher hatte sich schon vor einem Jahre in ihrer kurz
-angebundenen, offenherzigen Weise darüber ausgesprochen: »Mir scheint
-immer, Sie halten Ihren Schorsch zu kurz in der Kost, Frau Offizial. So
-ein Bub will tüchtig essen. 'Das Lernen zehrt, und in einen kleinen Ofen
-muß man öfter nachlegen als in einen großen', sagt mein Mann. Er und ich
-sind oft hungrig schlafen gegangen -- Herrgott, ein Adjunkt mit tausend
-Gulden Gehalt! -- unsre zwei Buben waren immer satt geworden. Sehen auch
-aus wie die Knöpf. Ihr Schorsch schießt in die Höh, wird ja bald den
-Herrn Offizial eingeholt haben, setzt aber kein Lot Fleisch an.«
-
-»Finden Sie, daß er schlecht aussieht?« hatte Frau Agnes in Bestürzung
-ausgerufen.
-
-Nun nein, das fand die Frau Adjunkt gerade nicht, aber so gewiß »kleber«
-und eine bessere »Farb« sollt er haben: »Die Nahrung muß ausreichend
-sein,« sie betonte das Wort mit Wohlgefälligkeit, es kam ihr so gebildet
-vor. »Ausreichend, sagt mein Mann. Das viele Lernen schlägt sich sonst
-den Kindern auf die Nerven.«
-
-Dies Gespräch hatte entschieden; die Liebe der Mutter hatte über den
-Widerwillen der ehrlichen Frau gegen Falschheit und Lüge gesiegt. Ihrem
-Manne Vorstellungen zu machen, einen Versuch zu machen, ihn zur
-geringsten Mehrausgabe zu bewegen, wäre ihr so wenig eingefallen, als
-einem Stein zuzureden, sich in Brot zu verwandeln. Eine Erörterung
-zwischen ihm und ihr kam überhaupt nicht vor. Vom Anfang ihrer Ehe an
-hatte sein herrisches und ablehnendes Wesen jede Möglichkeit, ihm
-vertrauensvoll zu nahen, ausgeschlossen. Was konnte eine Frau ihm zu
-sagen haben? Er war er, und außer ihm war die Pflicht, und diesen beiden
-höchsten Mächten unterstand die Welt, die er begriff. Erst als ein Sohn
-ihm geboren wurde, gab es ein zweites Wesen, ihm ebenso wichtig, wie er
-sich selbst. Eine Fortsetzung seines Ich, eine vervollkommnete
-Fortsetzung. Alles, was seinem Ehrgeiz versagt geblieben, was er nicht
-errungen, sollte sein Sohn erringen.
-
-Er war aus Armut und Niedrigkeit hervorgegangen, hatte einen nur
-mangelhaften Schulunterricht genossen und niemals die Aussicht gehabt,
-es zu einer höheren Stellung zu bringen. Als kleiner Beamter lebte er
-und würde er sterben. Aber der Sohn: Das Gymnasium als Primus
-absolvieren, den Doktorhut *summa cum laude* erwerben, schon in den
-ersten Anfängen der Laufbahn von der Glorie reichster Verheißungen
-umstrahlt, steigen von Erfolg zu Erfolg, von Ehren zu Ehren -- das
-sollte der Sohn. Den nüchternen Offizial Pfanner, den unfehlbaren
-Rechner, den trockenen Vernunftmenschen nahm, wenn er sich diesen
-Vorstellungen hingab, die Phantasie auf ihre Flügel und trug ihn über
-alle Gipfel des Wahrscheinlichen sausend hinweg. Und wenn er dann wieder
-zur Erde niederstieg und seinen Georg zufällig einmal müßig einhergehen
-sah, wetterte er ihn an: »Lern!«
-
-Er selbst, immer in der Zukunft lebend, die Gegenwart und was sie
-darbot, geringschätzend, entfremdete sich mehr und mehr seinen
-Standesgenossen. Er erwies sich ihnen gefällig, machte Arbeiten, die
-ihnen zugekommen wären, hatte aber dabei nur seinen eigenen Vorteil, die
-Verbesserung seiner Stellung im Auge. Dem Verkehr mit ihnen, den
-Zusammenkünften im Kaffeehaus und im Stammgasthaus, ging er so viel als
-möglich aus dem Wege. Nur selten fand er sich mit den Kollegen zusammen.
-Beim »goldenen Wiesel«, wo die Versammlungen der Herren Beamten
-stattfanden, an denen auch einige Vorgesetzte und Bekannte der
-Vorgesetzten teilnahmen, da begegnete Pfanner richtig jedesmal dem
-Manne, den er haßte, dem Kunstschlosser Herrn Obernberger. Vor Jahren
-hatte es dem als großer Vorzug gegolten, mit den Herren von der
-Eisenbahn im Gasthaus zusammenkommen zu dürfen. Jetzt hatte der
-Standpunkt sich verrückt. Seitdem die Arbeiten aus der Kunstschlosserei
-Obernbergers erste Preise auf den Ausstellungen erhalten hatten, seitdem
-er viele hundert Arbeiter in seinen Werkstätten beschäftigte, im eigenen
-Hause wohnte, im eigenen Wagen vorfuhr und das Band des Franz
-Josephs-Ordens im Knopfloch trug, eilten die meisten der Herren ihm bis
-zur Tür entgegen, und bei Tische erhielt er den Platz zur Rechten des
-Inspektors.
-
-Das alles hätte Pfanner hingehen lassen und sich nicht weiter darum
-gekümmert. Aber dieser Schlosser hatte einen Sohn, und dieser Sohn trat
-seinem Georg im Gymnasium auf die Fersen, konnte ihn einholen, konnte
-ihn überflügeln, denn der verdammte Bub hatte Talent, sein ärgster Feind
-mußte das zugeben. »Talent um eine Million«, wie Herr Obernberger sagte,
-»aber nicht um einen Heller Fleiß.«
-
- * * * * *
-
-Es war nach der Schule. Pepi Obernberger und Georg Pfanner gingen ein
-Stück des Weges miteinander. Sie waren beide aufgerufen worden vom
-Professor des Griechischen, und Pepi hatte besser bestanden. Georg
-schritt sehr kleinlaut und mit einem ganz roten Kopf neben ihm her. Der
-Vater versäumte nie zu fragen: »Hat der Herr Professor dich aufgerufen,
-und wen noch, und wie ist's gegangen?«
-
-»Du weißt immer,« sagte Georg zu seinem Kameraden. »Hast heut wieder
-sehr gut gewußt. Ich wäre froh, wenn ich immer so gut wüßte wie du.«
-
-Pepi fing sogleich zu prahlen an: Hol's dieser und jener! Ihm lag nichts
-an dem dummen Plunder. Kasusartige Endungen, Komparation der Adjektiva,
-dummes Zeug! Er plagte sich auch gar nicht damit. Wenn der Trottel von
-einem Professor eine neue Walze einlegte in seinen Werkelkasten und
-anfing, sie herunter zu leiern, da höchstens hörte er ein bißchen zu. Zu
-Hause sah er kein Buch an, das war ihm viel zu fad.
-
-»Geh, geh!« fiel Georg ungläubig ein, und er verbesserte sich:
-
-»Fast keins, auf Ehre. Daß sie mir immer so gute Zeugnisse geben, das
-danke den alten Perücken der Teufel. Ich gift mich darüber, weil's
-meinen Alten auf die dumme Idee bringt, einen Professor aus mir zu
-machen. Aber nein! Lieber als so ein lächerlicher Zopf zu werden und auf
-alles zu verzichten, was schön ist: Rad fahren, reiten, jagen, tanzen,
-kutschieren, Billard spielen im Kaffeehaus, Gletscher besteigen, lieber
-erschieß ich mich!«
-
-Georg sah ihn aufmerksam an, er war so ganz und gar das Ebenbild seines
-Vaters, des braven, fröhlichen Herrn Obernberger mit dem runden Kopf und
-dem runden Gesicht und dem freundlich lächelnden Munde. Und der Mensch
-sprach von Selbstmord?
-
-»Red nicht so!« rief Georg. »Du wirst keine Todsünde begehen; Selbstmord
-ist eine Todsünde und eine Feigheit.«
-
-»Unsinn!« stieß Pepi höhnisch aus. »Wie kann man so ein Esel sein und
-alles nachplappern, was sie einem in der Schul sagen. Aber du hast nie
-einen eigenen Einfall. Hast den Kopf schon ganz ausgestopft mit
-Pappendeckel. Adje!« -- Du Schulesel! setzte er in Gedanken hinzu und
-bog ab, um die nächste Tramwaystation zu erreichen.
-
-Georg ging langsam vorwärts und sagte sich doch mit Unbehagen, daß jeder
-Schritt ihn dem Hause näher brachte, wo der Vater ihn gewiß schon
-erwartete mit der ständigen Frage, die er heute mit so großem Zagen
-beantworten würde.
-
-O das traurige Haus, das kahle, große mit den langen Gängen und den
-schmalen Stiegen, und das Zimmer, in dem man immer saß zu dreien, und wo
-keines sich vor dem andern retten konnte. Dahin mußte er zurückkehren,
-heute und morgen und alle Tage und noch fünf Jahre lang. Wie soll man
-das erleben, und hat man's erlebt, fangen neue Studien an, die
-schwersten. Wie ein grauer Berg, den er nie werde übersteigen können,
-bäumte die Zukunft sich vor ihm auf; ein ödes, trostloses, der
-Verzweiflung verwandtes Gefühl ergriff sein Herz und durchtränkte es mit
-unsagbarer Bitternis. Plötzlich kam ein nie gekannter Trotz über ihn.
-Obwohl die Uhr am nächsten Turme halb sieben schlug, obwohl er genau
-wußte, daß er werde sagen müssen: »Ja, ich habe mich aufgehalten
-unterwegs,« setzte er sich auf eine Bank im kleinen Square vor Beginn
-der Gasse, in der die elterliche Wohnung lag, zog die Nachtigall aus der
-Tasche und ließ sie schlagen. Sie tröstete, sie milderte jedes herbe
-Gefühl. Sie ließ ihn einen Übergang finden aus tiefer Niedergeschlagenheit
-zu lauterem Frohmut.
-
-Er hatte ja nicht nur Betrübnis und Gram in seiner Seele, tief in ihrem
-Innersten unter lastenden Schatten lohte rot und warm die Flamme junger
-Lebensfreudigkeit, und ein unausgesprochenes, immer zum Schweigen
-verdammtes Glücksgefühl wollte sich einmal hinaussingen. Es jubelte in
-die laue Luft, zum lichten Frühlingshimmel empor, mit der Stimme der
-Nachtigall.
-
- * * * * *
-
-Georg fand den Vater nicht daheim. Er war dagewesen, hatte sich
-umgekleidet und zu einer Beamtenversammlung ins Stammgasthaus begeben.
-Mutter und Sohn sprachen es nicht aus, welch ein Fest das Alleinbleiben
-für sie war. Um jede Minute, die er auf dem Heimweg vertrödelt hatte,
-tat es Georg jetzt leid. Die Stube kam ihm auf einmal traut und
-freundlich vor, die Luft reiner, und die Lampe schien heller zu leuchten
-als sonst. Unter ihr in einem Glase stand ein kleiner Veilchenstrauß;
-Frau Walcher hatte ihn gebracht.
-
-Georg beugte sich über ihn und sog seinen zarten Duft ein: »Die gute
-Frau Walcher;« er lächelte seine Mutter pfiffig an. »Hat sie den auch
-vom Land gekriegt, wie neulich wieder das gute 'Junge' vom Hasen?«
-
-Frau Agnes errötete. So war ihr der Schorschi hinter ihre Schliche
-gekommen? Sie wich seinem auf sie gerichteten Blick aus, sie antwortete
-nicht, sie sprach nur: »Der Vater hat dir sagen lassen, du sollst
-lernen.«
-
-»Schon recht,« erwiderte er übermütig und warf die Schultasche im weiten
-Bogen auf das Sofa, daß sie dort, emporgeschnellt, einen fröhlichen Hupf
-machte.
-
-»Aber Georg, du bist ja heut wie ausgewechselt.«
-
-»Ja, ja, Mutter!« Er stürzte auf sie zu und schloß sie in seine Arme.
-
-Sie wehrte: »Sei gescheit.«
-
-»Nein, gescheit bin ich heute einmal nicht. Ich muß dich lieb haben und
-küssen, dein liebes Gesicht, deine lieben Hände, jeder Finger bekommt
-einen Kuß.«
-
-Nun denn! Ach, die Zärtlichkeit des Kindes tat sehr wohl. »Jetzt aber
-setz dich, es wird ja alles kalt.«
-
-Und sie setzten sich und aßen und ließen sich's schmecken und plauderten
-und dachten nicht an morgen, und waren so glücklich, wie die armen Leute
-sind, die ganz in der Gegenwart leben, den Augenblick genießen, den
-Blick von der Zukunft abgewendet, die ihnen nichts Gutes bringen kann.
-
-Nach dem Abendbrot begab die Mutter sich an die Nähmaschine und wollte
-noch ein Stündchen fleißig sein. Die alte Nähmaschine, die sich die
-letzte Zeit hindurch nur schwer in Bewegung setzen ließ und den Dienst
-auch schon mehrmals versagt hatte, glitt heute dahin wie ein Schlitten
-auf festgefrorener Bahn. Was war denn da geschehen? Gestern noch hatte
-die Mutter gedacht, die alte Getreue werde überhaupt nicht mehr
-brauchbar sein und nicht einmal in der Fabrik hergestellt werden können.
-Was geschehen war? Der Vater hatte sie auseinander genommen und sie
-ausgezeichnet repariert.
-
-»Der Vater?« das gab dem Georg zu denken. »Hat denn der Vater gelernt,
-Nähmaschinen reparieren?«
-
-»Gewiß nicht. Aber weißt du, der Vater kann vieles, das er nicht gelernt
-hat, er hat zu allem Talent.«
-
-Hat es nicht gelernt und kann es, weil er Talent hat. Etwas können, das
-man nicht gelernt hat, heißt also Talent haben. Er versank in
-Grübeleien.
-
-»Aber Mutter, ich hab doch auch Talent.«
-
-Sie mußte lachen. Es war wirklich, wie wenn ein Zweifel aus seinen
-Worten spräche: »Nun, ich meine, du hörst es oft genug, um es zu
-wissen,« und sie griff zärtlich mit der Hand in seinen zerzausten
-blonden Schopf.
-
-»Wenn's nur wahr ist, Mutter, wenn's nur recht wahr ist;« er schluckte
-mühsam und benetzte die trocken gewordenen Lippen mit der Zunge. Die
-Traurigkeit, die ihn nach dem Gespräch mit Pepi angewandelt hatte,
-wollte sich wieder in ihm regen; aber die Anwesenheit der Mutter bannte
-sie rasch. Sein Herz ging weit auf, nicht das kleinste Geheimnis blieb
-darin. Von allem, was bisher stumm und schweigend in ihm gelegen, redete
-er, und während er es tat, wurde ihm manches klar und ausgemacht, was er
-sich selbst nie eingestanden hatte. Die Mühe, die das Lernen ihm
-verursachte, und daß es ihm so schwer wurde, sich etwas »auswendig zu
-merken«. Andre lernten viel leichter auswendig und merkten sich's viel
-länger.
-
-»Du hast kein sehr gutes Gedächtnis,« meinte die Mutter und dachte, das
-kommt oft vor bei sehr Talentvollen. Sie gab dem Sohn auch etwas
-Ähnliches zu verstehen; er zuckte die Achseln.
-
-»Wer Talent hat, das findest du selbst, kann auch, was er nicht gelernt
-hat. Ich hab vielleicht gar kein so großes Talent zum Lernen in der
-Schule. Aber vielleicht zu etwas anderm ... Das Singen in der
-Volksschule hat mich so gefreut. Da hab ich immer einen Einser gehabt
-... und -- weißt du noch, die Flöte! Ach, wenn ich hätte lernen dürfen
-Flöte spielen, oder gar Violine ... Jetzt hab ich halt nichts mehr als
-nur -- soll ich's dir sagen? soll ich? Ja? -- -- Bleib sitzen -- ganz
-ruhig.«
-
-Er stand auf und ging in den dunkelsten Winkel des Alkoven, und leise
-schwirrten von dort her die Töne der Nachtigall zu der Mutter herüber,
-und sie staunte und hörte zu und überhörte, daß die Küchentür geöffnet
-wurde, und nun auch die Zimmertür.
-
-»Halb elf,« sprach Pfanner, eintretend, »und du bist noch auf, und wo
-ist der Bub?«
-
- * * * * *
-
-Er war in schlechter Laune.
-
-In der Versammlung war ein Antrag, den Pfanner und einige ältere Beamten
-eingebracht hatten, abgelehnt worden. Beim gemeinsamen Abendessen hatte
-sich dann Obernberger eingefunden, einen Flaschenkorb in der mächtigen
-Rechten, und hatte Bordeaux und Champagner mit so guter, bescheidener
-Manier serviert, daß selbst der Herr Direktorstellvertreter sich
-herbeiließ, ein Gläschen anzunehmen. Nur Pfanner lehnte schroff ab. In
-Gift hätte sich ihm ein vom »Schlosser« kredenzter Trunk verwandelt. Bis
-zum Überdruß renommierte der wieder mit seinem Pepi und gab die tollen
-Streiche des Burschen so stolz und behaglich zum Besten, daß Pfanner
-zuletzt nicht mehr an sich halten konnte!
-
-»Wenn's der meine so treiben tät, der sollt mich kennen lernen.«
-
-Da waren dann gleich Entschuldigungen Pepis nachgekommen und ein
-zärtliches Lob des guten Kerls, der er sei, bei all seinem Übermut, und
-was für ein goldenes Herz er habe und -- ein Talent! Die Herren
-Professoren zweifelten gar nicht daran, daß er in diesem Jahre Primus
-werden würde.
-
-Primus -- der Sohn des Schlossers! Pfanner hatte plötzlich einen
-gallbittern Geschmack im Munde, und das Essen widerstand ihm. Sein Georg
-war nur in der ersten Klasse Primus gewesen, in der zweiten zweiter
-Vorzugsschüler, und nun in der dritten konnte er's allem Anschein nach
-gar nur zum Vierten, dem letzten Vorzugsschüler, bringen. Er hatte ein
-»Genügend« gehabt in Griechisch und ein »Befriedigend« in Geometrie.
-Wohin kam er, wenn er es von nun an nicht zu lauter Vorzugsklassen
-brächte? Wohin überhaupt, wenn er in seinen Leistungen von Jahr zu Jahr
-zurückblieb? Pfanner sah alles schon verloren, alle Mühe umsonst
-angewendet, alle Opfer umsonst gebracht. Der Sohn würde am Ende auch
-nichts andres werden als der Vater, ein armseliger kleiner Beamter.
-Dieser Sohn, dem alle Hilfsmittel geboten waren, der nur die Hand nach
-ihnen auszustrecken brauchte. Aber es ging ihm zu gut, der Hafer stach
-ihn, und er überließ sich seinem Leichtsinn und seiner Faulheit. Von
-Erbitterung erfüllt, mit dem Vorsatz, die Zügel schärfer anzuziehen, war
-Pfanner nach Hause gekommen. Da fand er seine Frau müßig im Zimmer
-sitzend und dem Vogelgesang lauschen, den sein großer Bub, im Alkoven
-versteckt, nachahmte.
-
-»Schämst dich nicht?« fuhr er ihn an, als Georg auf seinen Befehl
-hervortrat. »Hast Ehr im Leib oder keine? Was tragst da in der Hand?
-Aufmachen die Hand!«
-
-Der Knabe gehorchte. Der Gedanke, eine Entschuldigung vorzubringen, kam
-ihm gar nicht. Pfanner erfuhr alles, und sein Unwillen, seine Entrüstung
-kannten keine Grenzen. Dieser Bub! Wirklich ein ungeratener Sohn. Spielt
-da, der bald Vierzehnjährige, mit einer Lockpfeife, oder was das ist.
-Spielt bei Tag und Nacht, ja, ja -- er besann sich jetzt -- hat noch die
-Eltern zum Narren gehalten. Wenn er abends lernen soll, fallen ihm die
-Augen zu, spielen kann er bis in die Nacht. »Aber wart nur ... Her mit
-dem Quark!«
-
-Ein fruchtloser Widerstand des Schwächeren, ein rascher Sieg des
-Stärkeren, ein Armschwung ... Das Fenster stand offen -- die Nachtigall
-flog hinaus.
-
-Frau Agnes zuckte zusammen. Georg stand mit weit aufgerissenen Augen:
-
-»Vater, meine einzige Freud!« schrie er auf, und galt es nun, was es
-mochte, die härtesten Worte, die grausamsten Schläge, er mußte weinen um
-seine »einzige Freud«, weinen, schluchzen, sich auf den Boden werfen und
-sich winden in Trostlosigkeit und Verzweiflung. Daß der Vater tobte und
-schrie, hörte er nicht, daß der Vater einen Knoten ins Taschentuch
-flocht, sah er nicht, daß Hieb auf Hieb auf ihn niedersauste, fühlte er
-nicht. Er wußte und fühlte nur, daß er ein armes Kind war, dem immer das
-weggenommen wurde, woran sein Herz ihm hing.
-
-»Aufstehen! Still! Augenblicklich still!« wetterte Pfanner und hatte
-nicht das geringste Mitleid mit dem Kinde, das sich endlich vom Boden
-erhob und heftige Anstrengungen machte, sein Schluchzen zu unterdrücken.
-Vielmehr forderte sein Zorn noch ein Haupt, sich darüber zu ergießen.
-Wer trug Schuld an dem frevelhaften Leichtsinn des Buben, wer
-unterstützte ihn noch darin? Die Mutter, die verbrecherisch schwache,
-törichte Mutter! Wenn aus dem Buben nichts wird, wenn er heranwächst zu
-einer Last und sogar Schande der Eltern -- Müßiggang ist aller Laster
-Anfang --, wenn er elend untergeht, fällt die Verantwortung dafür auf
-ihr Gewissen, und sie wird einst zur Rechenschaft gezogen werden.
-
-Pfanner verstand es, seine Umgebung stumm zu machen. Es kam kein Laut
-über die Lippen seiner Frau. Bis zu einem gewissen Grade hatte sie sich
-im Laufe ihrer Ehe an sein maßloses Übertreiben gewöhnt, und jetzt
-freute sie sich gar, daß seine Vorwürfe _sie_ trafen. So diente sie
-ihrem Jungen eine Zeitlang wenigstens als Schild.
-
-Der Mann schrie und tobte, und dabei zog er den Rock und die Weste aus
-und legte sie sorgfältig auf einen Sessel. Sogar in der Wut gegen seine
-nächsten Menschen verfuhr er schonend mit seinen Sachen. Nun entstand
-eine Pause, aber nur als Vorbereitung zu einem neuen Schrecknis, zu der
-Frage:
-
-»Sind die Aufgaben gemacht?«
-
-»Ich werd sie morgen machen,« erwiderte Georg bang und zögernd. »Morgen
-ist Sonntag ...«
-
-»Ja so. Bring die Aufgaben!« Pfanner sah sie durch. »Eine Fabel aus
-Deutsch in Latein übersetzen. Griechische Grammatik zu lernen:
-Unregelmäßigkeit der Deklination. Geometrie: Drei Aufgaben. Geschichte:
-Wiederholung, von den Kreuzzügen bis zu Rudolf von Habsburg. Und von
-alledem nichts gemacht? nichts? Das alles soll morgen bewältigt werden?«
-Er dekretierte: »Geschichte heute noch wiederholen, aufmerksam
-durchlesen. Wenn man am Abend etwas aufmerksam durchliest, weiß man es
-am nächsten Morgen wörtlich.«
-
-»Es sind sechsundzwanzig Seiten,« wagte Georg einzuwenden.
-
-»Zweiundzwanzig, vier Seiten nehmen die Illustrationen ein.« Er legte
-das Buch vor ihn hin: »Setz dich, lern!«
-
-Der Knabe tat, wie ihm geheißen worden. Gut also, gut, so setzt er sich
-denn hin und lernt. Daß er müd und schläfrig ist, was liegt daran, ihm
-ist alles recht, er lernt. Wenn er sich nur zu Tode lernen könnte, das
-wäre ihm das allerliebste. Wenn er tot wäre, hätte er Ruhe, und seine
-Mutter hätte Ruhe, brauchte sich seinetwegen nicht beschimpfen lassen.
-So begann er denn zu lesen: »Schon in den ersten Jahrhunderten trieben
-Andacht und Glaubensinnigkeit die Christen zu den heiligen Stätten ...«
-
- * * * * *
-
-An schönen Sonntagnachmittagen unternahm Pfanner regelmäßig einen
-Spaziergang, und Georg durfte ihn begleiten. Ein Vergnügen, auf das die
-Mutter längst freiwillig verzichtet hatte, und von dem das Kind
-trauriger heimkehrte, als es ausgewandert war. Mit dem Vater spazieren
-gehen, bedeutete, an jeder Unterhaltung, jedem Genuß _vorüber_gehen.
-Dort drüben, im luftigen Prater, wurde nach der Scheibe geschossen, im
-Luftschiff, im mechanischen Ringelspiel gefahren, da gab's
-Theateraufführungen, Wachsfigurenkabinetts, eine Damenkapelle,
-Zigeunermusik. Und ein Aquarium und ein Panorama und so vieles Schöne
-noch, von dem Georgs Mitschüler zu erzählen wußten. Wenn er eine
-Anspielung wagte, eine Frage stellte: »Warst du schon einmal im
-Wurstelprater? Hast du schon einmal die Zigeuner spielen gehört?«
-antwortete der Vater voll Verachtung: Was man im Wurstelprater zu sehen
-und zu hören bekäme, sei lauter elendes Zeug, an dem nur ungebildete und
-rohe Menschen sich zu ergötzen vermöchten. Im Bogen wich er allem aus,
-was seine eigene Neugier hätte reizen können oder gar ihn selbst in
-Versuchung bringen, sich einen guten Tag zu machen. Einmal in einem
-Jahr, nein -- einmal in vielen Jahren. Er _wollte_ nicht! wollte nicht
-ein paar Gulden unnötig ausgeben, die ins Sparkassenbuch des Kindes
-gelegt werden könnten.
-
-Als sie nach Hause kamen, erwartete sie ein gutes, kräftiges Abendessen.
-
-»Weil heute Sonntag ist,« entschuldigte sich Agnes, da Pfanner ihr
-neuerdings Verschwendung vorwarf.
-
-Es war ein Verdacht in ihm rege geworden, den er nicht aussprach, der
-ihn aber quälte, und der entweder getilgt oder gerechtfertigt werden
-mußte. Kürzlich hatte er sich um Lebensmittelpreise erkundigt, hatte
-gerechnet und herausgebracht, daß die Ausgaben, die sich seine Frau
-fortgesetzt erlaubte, unmöglich mit dem ihr zur Verfügung gestellten
-Küchengelde bestritten werden konnten. Erarbeitet wollte sie den
-Überschuß haben? Lächerlich! Er, der Sohn einer armen Näherin, wußte,
-was seine Mutter verdient hatte mit täglich zwölfstündiger emsiger
-Arbeit. Ihm ins Gesicht sollte seine Frau, die ihren Haushalt ohne
-jegliche Unterstützung bestellte, nicht behaupten, daß sie imstande sei,
-sich eine regelmäßige Einnahme zu verschaffen. Womit also bestritt sie
-die Mehrauslagen? Pfanner begnügte sich nicht lange mit den
-ausweichenden Antworten, die sie ihm gab. Eines Tages stellte er ein
-scharfes Verhör an, und sie, in die Enge getrieben, angeekelt von der
-erniedrigenden Pein, immer neue Ausflüchte ersinnen zu sollen --
-gestand.
-
-Ja denn, ja, sie verkaufte, sie versetzte, sie gab ihr Letztes her,
-damit das Kind, das in fortwährender geistiger Anspannung lebte,
-ordentlich ernährt werde in den Jahren der Entwicklung und des stärksten
-Wachsens.
-
-Pfanner zürnte, höhnte: Was hatte denn er gehabt in diesen selben
-Jahren? Wer hatte denn gefragt, wie er sich nährte? Georg wuchs auf wie
-ein Hofratssohn im Vergleich zu ihm. Er, zu vierzehn Jahren, hatte sich
-sein Brot selbst verdienen müssen, sein Brot im Sinne des Wortes! und
-nicht etwa ein frisch gebackenes. Die Entbehrungen hatten ihm sehr gut
-angeschlagen, er war immer gesund geblieben. Warum sollte sein Bub
-anders geartet sein als er und wie ein Weichling behandelt werden, den
-man aufpäppeln muß?
-
-Agnes beharrte zum ersten Male während ihrer langen Ehe im Widerstand
-gegen den Mann. Der Augenblick, den sie so sehr gefürchtet hatte, war
-gekommen und fand sie stärker, als sie geglaubt hatte sein zu können.
-Ruhig ließ sie die Anklagen Pfanners über sich ergehen, und indes er ihr
-vorwarf, ihn hintergangen zu haben, grübelte sie nach über eine
-Möglichkeit, ihn noch weiter zu hintergehen. Es mußte sein, um des
-Kindes willen.
-
-So widerstandsfähig, wie sein Vater gewesen, war eben der blasse,
-hochaufgeschossene Junge nicht, der jetzt mit einem: »Guten Abend, Vater
-und Mutter!« eintrat und schweratmend an der Tür stehen blieb, als ob
-die gewitterschwüle Atmosphäre, die im Zimmer herrschte, ihm auf die
-Brust gefallen wäre.
-
- * * * * *
-
-Einige Tage später feierte Georg seinen vierzehnten Geburtstag. Er hatte
-zwei Vorzugsnoten aus der Schule mitgebracht. Mit feierlichem Ernst und
-mit der Mahnung, das kostbare Geschenk zu schonen, übergab ihm sein
-Vater einen neuen Sommeranzug, eine hübsche Mütze und ein Paar solide
-Halbschuhe. Am Nachmittag blieb Pfanner länger als gewöhnlich am Tische
-sitzen und sprach, nachdem Frau Agnes das Zimmer verlassen hatte,
-eingehender und zutraulicher mit Georg, als sonst seine Art war.
-
-Er wußte wohl, die Mutter nannte ihn grausam, und fand, daß er zu viel
-verlange von seinem Sohne. Wenn es nach ihr ginge, würde der jetzt
-freilich gute Tage haben, die Schule Schule sein lassen und nur tun, was
-ihm gefiele. Aber dann? Wie würde die Zukunft aussehen nach einer
-vertrödelten Jugend? Und ist die Zukunft nicht die Hauptsache?
-Ausgerüstet mit der Macht des Wissens soll Georg der seinen
-entgegengehen. Ohne Mühe freilich ist Wissen nicht zu erringen. Will er
-der Feigling sein, der vor der Mühe flieht, oder der Held, der sie
-aufsucht, mit ihr ringt, sie überwindet? Es gibt keinen Sieg außer
-diesem ersten. Ohne ihn ist kein hohes Ziel zu erreichen.
-
-»Das deine soll ein hohes sein!« rief Pfanner aus. »Du bist nun kein
-Kind mehr, und ich kann dir sagen, das Ziel, das du dir stecken sollst,
-ist, ein Staatsmann zu werden. Einer, der mit überlegenem Geiste und mit
-starker Hand die Teufel der Zwietracht, die unsre Heimat zerreißen,
-bezwingt, das große Wort: 'Gleiches Recht für alle' von den Lippen in
-die Herzen verpflanzt und es zur Tat, und uns einig, groß und glücklich
-macht. Denk dir, ein Mann sein, der das vermöchte! Er würde der Retter,
-der Erlöser, der Abgott seines Volkes.«
-
-Georg hörte ihm voll Bewunderung zu. Daß sein Vater mit ihm redete wie
-mit einem Ebenbürtigen, machte ihn unendlich stolz. Der Glaube an sich
-selbst, der ins Schwanken gekommen war, erwachte wieder. »Ein
-ordentlicher Mensch sein, ist viel, und der mittelmäßig Begabte mag sich
-damit begnügen,« hatte der Vater unter anderm gesagt, »ein
-außerordentlich Begabter ist sich selbst und den andern schuldig, ein
-großer Mensch zu werden. Bei ihm kommt es nur auf den Willen an, auf
-den unerschütterlichen Entschluß ...«
-
-Er konnte nicht einschlafen an diesem Abend. Die Zukunftsbilder, die
-sein Vater entworfen hatte, standen zu lebhaft vor ihm. Von der
-Tätigkeit eines Staatsmannes machte er sich allerdings keinen rechten
-Begriff, sah sich vorerst auf der Rednerbühne, einer Versammlung
-gegenüber, die ihn mit höhnenden Zurufen empfing; Feindseligkeit blickte
-aus aller Augen, in jedem Gesicht stand ein: Nein! geschrieben. Und er
-begann zu sprechen, und allmählich verstummten die Zurufe, und von den
-Gesichtern verschwand der mißgünstige Ausdruck, Teilnahme und Zustimmung
-wurden rege und begannen sich zu äußern, vereinzelt erst, dann immer
-häufiger, endlich völlig einstimmig. Er hatte seine Zuhörer hingerissen
-durch die Gewalt seines Wortes. Und alle, vom Ersten bis zum Letzten,
-sahen den Führer in ihm und folgten ihm willig und entzückt; denn sie
-wußten, was er wollte, war das Gute, das Weise, und der Weg, den er sie
-führte, war der Weg zu ihrem Heile.
-
-Auf seinen nächsten Gängen zur Schule blieb er nicht mehr bei Salomon
-stehen. Er dankte für die freundlichen Winke und Verbeugungen des
-Hausierers nur mit einem kurzen Grußwort. Einmal hielt er sich aber doch
-bei ihm auf. Salomon hatte ihn gar zu inständig flehend angesehen und
-fragte gar zu trübselig:
-
-»Habe ich Ihnen was getan, junger Herr, sind Sie böse auf mich?«
-
-»Was dir einfällt,« erwiderte Georg, »was werd ich denn bös auf dich
-sein.«
-
-Es kam Salomon halt so vor. Vielleicht hatte die Nachtigall sich doch
-nicht bewährt, hineinschauen kann man ja nicht, und vielleicht wünschte
-der junge Herr eine andre. Salomon war bereit, ihm eine andre zu geben
-um den halben Preis.
-
-»Eine andre um den halben Preis,« erwiderte Georg. Gewaltig trat die
-Versuchung an ihn, den lockenden Antrag anzunehmen. Aber er bestand, er
-siegte in seinem kurzen Seelenkampf.
-
-»Nein, nein, ich brauch keine Nachtigall mehr, ich will keine!« rief er.
-»Ich bin jetzt vierzehn Jahre alt, und es gehört sich für mich nicht
-mehr zu spielen. Ich muß lernen, ich muß trachten, Vorzugsschüler zu
-bleiben, ich darf keinen andern Gedanken haben als lernen.«
-
-Diesen Vorsatz führte er aus.
-
- * * * * *
-
-Es kamen Tage, an denen sein Fleiß an Raserei grenzte. Sie verflossen
-und ließen eine schauderhafte Erschöpfung zurück. Niemandem, nicht
-einmal seiner Mutter, vertraute er, was um diese Zeit in ihm vorging.
-»Ich werd noch närrisch,« dachte er. »In meinem Kopf ist kein Blut und
-kein Hirn; in meinem Kopf ist es weiß und leer. Das Lernen hat alles
-aufgefressen und muß jetzt auch aufhören, weil es nichts mehr zu fressen
-findet.« Das ist ganz natürlich und ganz albern und ein peinigender
-Zustand, aus dem sich aufzuraffen unmöglich ist ...
-
-Wie im Halbschlaf saß er bei seinen Büchern, und eben in dieser Zeit
-ließ Pepi sich herab, einer Anwandlung des Fleißes nachzugeben, und kam
-ihm nach, kam ihm vor in großen Sprüngen. Aus jedem Gegenstand, in dem
-er aufgerufen wurde, erhielt er eine Vorzugsklasse.
-
-Und wieder fragte ihn Georg: »Wie machst du's, daß du immer weißt? Sag
-mir's, wie du's machst?«
-
-Pepi steckte die Hände in die Taschen und warf die Beine, als ob er sie
-von sich schleudern wollte:
-
-»Zu langweilig!... Dumme Fragerei!« ... In abgebrochenen Sätzen nur
-geruhte er zu antworten. Sein Alter gab klein bei, weil er ihm gedroht
-hatte, sich zu erschießen. So tat er ihm denn auch etwas zulieb und
-legte seinem Genie keinen Kappzaum mehr an: »Und jetzt mach ich ihm halt
-die Freud und werd Primus.«
-
-»Ja, ja, wenn's geht!«
-
-»Wenn's geht?«
-
-»Gar gewiß ist's doch nicht. Es ist noch der Rott da und der Bingler.«
-
-»Ich werd Primus,« wiederholte Pepi voll Aufgeblasenheit. »Alles geht
-und wird, wie ich's haben will -- grad so!«
-
-»Wie du's haben willst?«
-
-»Grad so. Das kannst du nicht begreifen. Du freilich nicht, du armer
-Büffler. Weil du nur ein Büffler bist, kannst du's nicht begreifen. Du
-möchtest nur; ich kann, was ich mag.«
-
-Georg warf sich in die Brust: »Und ich auch,« wollte er antworten; doch
-brach ihm die Stimme ...
-
-Ihm war, als ob der Boden sich aufrisse und zwischen ihm und dem
-gottbegnadeten Kameraden ein unüberbrückbarer Abgrund gähne. Drüben,
-mitten in fruchtbaren Gefilden, in denen alles grünte und blühte, stand
-Pepi, und wohin sein Fuß trat, entsprang ein Quell, und was seine Hand
-berührte, wurde zur herrlichen Frucht. Und er hüben, auf kargem,
-steinigem Boden, der widerstrebend nur und ungern sich den schattigen
-Zweig, den nährenden Halm entringen ließ.
-
-Warum die schreiende Ungerechtigkeit, warum dem andern alles und ihm so
-bettelhaft wenig?
-
-Pepi beobachtete seinen stillen Kampf und verzog höhnisch den Mund.
-»Büffler!« sprach er. »Büffeln kommt von Büffel, und Büffel gehören zu
-der Gruppe der Rinder.«
-
-Da ergriff wilder Zorn den sanftmütigen Georg. Er sprang auf Pepi zu und
-packte ihn an der Gurgel.
-
-Der unerwartet Angefallene brüllte und wehrte sich mit Händen und Füßen,
-und bald waren die beiden umringt von einer johlenden Schar, die sich an
-dem Zweikampf beteiligte, fast durchweg zugunsten Georgs. Den
-vielbeneideten, vielgehaßten Pepi einmal gänzlich überwunden abziehen zu
-sehen, gewährte jedem einzelnen einen köstlichen Genuß. Jämmerlich
-zugerichtet, in zerfetzten Kleidern, verließ er den Plan. Das begab sich
-unweit der Schule, und an der Straßenecke war Salomon gestanden und
-hatte der Schlacht mit gespannter Teilnahme zugesehen. Er begleitete
-Georg mit Glückwünschen und Heilrufen; der aber winkte traurig ab. Er
-hatte etwas getan, was seinem ganzen Wesen widersprach, schämte sich
-seines Erfolges und betrachtete mit Entsetzen seinen neuen Rock, an dem
-die Spuren der Schlägerei zu sehen waren. Nun begann er zu rennen, um
-früher als der Vater heimzukommen. In Schweiß gebadet betrat er die
-Küche, legte das Ohr an das Schloß der Zimmertür und horchte. Alles
-still, nur die Nähmaschine schnurrte, die Mutter war allein. O, Gott sei
-Lob und Dank! Hastig trat er ein und sprudelte die Geschichte seines
-jüngsten Erlebnisses heraus:
-
-»Und jetzt flick mir den Rock, Mutter, flick mir den Rock!«
-
- * * * * *
-
-Das Abendessen wurde schweigend eingenommen. Eine dumpfe Verstimmung
-herrschte im Hause. Pfanner schmollte noch immer mit seiner Frau. Er
-hatte die Scheine über alle von ihr versetzten Gegenstände an sich
-genommen, um sie nach und nach einzulösen. Gott weiß, unter welchen
-Bitternissen. Jeder Gulden, den er ins Versatzamt trug, war ein Raub am
-Sparkassenbuch seines Sohnes; an diesem künftigen Vermögen, aus dem die
-Kosten der Rigorosen und des Freiwilligenjahres bestritten werden
-sollten. Es gab Augenblicke, in denen er sie haßte, die Schuld an dem
-Raube trug. Ihn gutzumachen, lag nicht in ihrer Macht, in der seinen
-aber lag, sie büßen und leiden zu machen. Tag für Tag wiederholte sich
-dieselbe Tortur. Tag für Tag verlangte er die Hausrechnung zu sehen,
-ging jeden einzelnen Posten durch, bemängelte jeden. Mit raffinierter
-Kunst erniedrigte er die Mutter in Gegenwart des Kindes durch sein zur
-Schau getragenes Mißtrauen.
-
-»Wer einmal betrogen hat, gleichviel in welcher Absicht, betrügt wieder!
-man muß sich vor ihm in acht nehmen.«
-
-Gepeinigt sah Georg zu ihr hinüber und warf ihr hinter dem Rücken des
-Vaters Küsse zu. Um seinetwillen wurde sie beschämt, er war der
-unschuldige Urheber ihrer Qual. Und sie, alles erratend, was in ihm
-vorging, bezwang sich, bemühte sich, gelassen und standhaft zu bleiben
-bei den Kränkungen, die sie erfuhr. Der Mann hielt für Unempfindlichkeit,
-was höchster Heldenmut war, und verschärfte die Lauge in den Ausdrücken
-seiner Geringschätzung. Wie immer war es auch heute gegangen und Agnes
-kaum noch imstande, ihre Selbstbeherrschung zu bewahren, als ein
-heftiger Riß an der Glocke sie erschreckte. Sie schrie auf; auch Georg
-erschrak. Es war etwas so völlig Ungewohntes, daß um diese Zeit jemand
-Einlaß bei ihnen begehrte.
-
-»Nervös, wie die elektrisierten Frösch,« brummte Pfanner. »Habt ihr in
-eurem Leben noch nicht läuten gehört? Sieh nach, wer's ist,« befahl er
-der Frau.
-
-Sie zündete rasch eine Kerze an und eilte in die Küche. Schon wurde ein
-zweites Mal geschellt, noch ungeduldiger, noch heftiger als früher. Als
-Agnes öffnete, stand ein großer, breitschultriger, fein gekleideter Mann
-da und fragte:
-
-»Ist Herr Offizial Pfanner zu Hause?«
-
-Wer konnte das sein? Vielleicht ein Vorgesetzter, der Herr Inspektor
-oder gar der Herr Oberinspektor?
-
-»Ja, er ist zu Hause,« sagte sie, »belieben einzutreten.«
-
-Ohne Gruß ging er an ihr vorbei; er hielt sie offenbar für die Magd, und
-ihr war der Irrtum recht. Sie hätte in ihrem grauen, ausgewaschenen
-Percailkleide, in ihren geflickten Schuhen einem Vorgesetzten gegenüber
-nicht für die Frau eines k. k. Beamten gelten mögen. Höflich stieß sie
-die Zimmertür vor dem Fremden auf, trat in die Küche zurück und hörte
-nur noch ihren Mann in durchaus nicht respektvollem Tone sagen:
-
-»Herr Obernberger? Was verschafft mir das Vergnügen?«
-
-Obernberger schloß die Tür hinter sich, die Magd sollte das Gespräch
-zwischen ihm und Pfanner nicht mit anhören.
-
-»Vergnügen werden Sie von meinem Besuch nicht haben,« erwiderte er in
-erregtem Tone, »ich komme, um mich zu beklagen.«
-
-Hoho! Das konnte unangenehm werden. Pfanner hatte ein böses Gewissen.
-War eine der wegwerfenden Reden, die er über Obernberger zu führen
-pflegte, dem »Schlosser« hinterbracht worden? Vielleicht auch einem der
-Vorgesetzten, bei denen der Meister in hohem Ansehen stand? Verfluchte
-Geschichte! Pfanner verbarg seine Bestürzung hinter einem besonders
-borstigen Wesen: »Nur heraus mit der Sprache, genieren Sie sich nicht.
-Ich kann was vertragen,« sagte er.
-
-Georg war aufgesprungen und hatte einen Sessel herbeigeholt. Obernberger
-nahm Platz. Er betrachtete den Knaben, der mit gesenkten Augen und
-krampfhaft verschlungenen Fingern vor ihm stehen blieb, streng und
-prüfend:
-
-»Herr Obernberger! Herr Obernberger!« sprach Georg leise und
-flehentlich.
-
-O, wenn er früher an Herrn Obernberger gedacht hätte, er würde seinen
-Sohn nicht geprügelt haben. Herr Obernberger war immer so gütig mit
-ihm, wenn er ihn traf, und neulich, als er im Wagen gekommen war, den
-Pepi aus der Schule abzuholen, hatte er Georg eingeladen, mitzufahren.
-Eine Seligkeit wäre es gewesen, der Einladung zu folgen, aber er wagte
-es nicht. Der Vater hätte gewiß gesagt: »Hast vergessen, daß du keine
-Gnaden annehmen sollst?«
-
-Je länger Obernberger seine Augen auf Georg ruhen ließ, je milder wurde
-ihr Ausdruck, und jetzt redete er ihn an: »Wissen Sie, daß ich schon auf
-dem Wege zum Herrn Direktor war, um mich über Sie zu beklagen? Ich mag
-Ihnen aber doch Ihre gute Note in Sitten nicht verderben und will mich
-mit einer häuslichen Züchtigung begnügen, die Ihnen Ihr Vater sicher
-erteilen wird, wenn er hört, was vorgefallen ist. Herr Offizial,«
-wendete er sich an Pfanner, »Georg hat heute nach der Schule meinen Sohn
-angefallen und ihn gewürgt, und andre haben sich hineingemischt, und
-mein Pepi ist mir nach Hause gekommen, ganz zerrissen, und das rechte
-Auge so blau und geschwollen, daß er ein paar Tage hindurch weder lesen
-noch schreiben kann. Und das ist geschehen ohne den geringsten Grund.«
-
-»Ohne den geringsten Grund?« wiederholte Pfanner, hob sich halb von
-seinem Sitz, und es war, als ob er auf den Sohn losspringen wollte.
-
-»Nicht ohne Grund,« hauchte Georg mehr als er sprach. »Er hat mir
-gesagt, daß ich ein Büffler bin. Büffeln kommt von Büffel, und Büffel
-gehören zu der Gruppe der Rinder, hat er gesagt.«
-
-Pfanner schwieg und saß wieder gerade auf seinem Sessel. Obernberger war
-betroffen.
-
-»Ist das wahr?« fragte er, und Georg beteuerte:
-
-»Es ist wahr.«
-
-»Hinaus!« rief Pfanner ihm plötzlich zu und wies mit ausgestrecktem Arm
-nach der Küchentür.
-
-Draußen stand die Mutter neben dem Herde und zitterte an allen Gliedern
-und fragte sich, was für ein neues Unheil über ihren Georg
-hereingebrochen sein möchte. Er lief auf sie zu, war bleich wie Wachs,
-und grünliche Schatten zogen sich längs der Nase zu den Mundwinkeln
-herab: »Mutter, Mutter!« preßte er hervor, »was wird jetzt mit mir
-geschehen?«
-
- * * * * *
-
-In der Stube jedoch begab sich das Unerhörte. Pfanner entschuldigte
-seinen Sohn. Der Junge war schüchtern von Natur und nur zu sanft für
-einen Buben. Wenn er einmal losgeschlagen hatte, mußte er arg provoziert
-worden sein. Er sei auch absolut wahrhaft, versicherte der Vater, der
-ihn noch nie auf einer Lüge ertappt hatte.
-
-»Können Sie das von Ihrem Pepi auch sagen?« fragte Pfanner und setzte
-die gewisse, militärische Miene auf, die er sich angeeignet hatte, als
-er einst, nach wenigen Monaten seiner Dienstzeit, zum Korporal befördert
-worden war.
-
-Der gutmütige Obernberger stand immer noch unter dem Eindruck, den die
-Todesangst auf dem Gesichte Georgs auf ihn gemacht hatte. Der große,
-breite Mensch schmolz in der Nähe des kleinen, hitzigen Pfanner
-ordentlich zusammen. Ein gewaltiger Schneemann in der Nähe eines
-Häufleins glühender Kohlen. Er hatte keine Ursache, sich auf die
-Wahrheitsliebe seines Pepi zu verlassen, und weil er das nicht
-eingestehen wollte, schwieg er.
-
-»Fragen Sie Ihren Pepi aufs Gewissen, ob mein Sohn ihn wirklich ohne
-Grund geschlagen hat,« sprach Pfanner. »Aug in Aug mit dem Buben, in
-unsrer Gegenwart soll er es ihm wiederholen. Tut er das, dann lade ich
-Sie zu einer Exekution ein, wie sie bei uns noch nicht stattgefunden
-hat, obwohl _ich_ bei meinem Buben die Prügel nicht spare.«
-
-Bei dieser Abmachung blieb es. Herr Obernberger, der als Richter
-gekommen war, verließ die Wohnung des Offizials mit dem Gefühl, eine
-Niederlage erlitten zu haben. Er achtete nicht auf die zwei, die sich
-tief verneigten, als er die Küche durchschritt. Georg lief ihm voran,
-öffnete mit demütiger Beflissenheit die Tür und murmelte:
-
-»Verzeihen Sie mir, Herr Obernberger, verzeihen Sie mir,« so leise, mit
-so von Scheu und Tränen erstickter Stimme, daß der in unangenehme
-Gedanken versunkene Fabriksherr nichts davon hörte.
-
-Als Agnes und Georg das Zimmer wieder betraten, hatte Pfanner einen
-großen, mit Zahlen bedeckten Bogen vor sich liegen, den er mit äußerster
-Aufmerksamkeit durchsah. Georg holte seine Hefte herbei und machte sich
-an seine Arbeit. Eine halbe Stunde verging, ehe der Vater seinen Sohn
-ansprach, und dann -- o Wunder! geschah es nicht einmal in
-unfreundlicher Weise. Er überzeugte sich, daß Georg beinahe fertig war
-mit seinen Aufgaben:
-
-»Bist du aus Geschichte schon aufgerufen worden?« fragte er.
-
-»Noch nicht.«
-
-»Merkwürdig. So spät?«
-
-»Vielleicht morgen. Wir haben morgen Geschichte.«
-
-»Nun, da kriegst du doch eine Vorzugsklasse?«
-
-»Ich weiß nicht, vielleicht.«
-
-»Du!« schrie der Vater ihn an. »Weißt du, was das heißt, wenn du keine
-Vorzugsklasse kriegst? Weißt du, was ein 'Genügend' dich kostet?«
-
-»Ich weiß es,« erwiderte Georg tonlos.
-
-»Den Vorzugsschüler kostet's dich, fauler Bub!«
-
-»Ich bin nicht faul, Vater.«
-
-Der Vater hob namenlos erstaunt den Kopf. Sein friedfertiger Junge war
-heute der Held einer Prügelei gewesen, und jetzt vermaß er sich, ihm zu
-widersprechen. Was war vorgegangen? War in dem Jungen der Mann erwacht?
-Sollte er am Ende noch so schneidig werden, wie er sich ihn immer
-gewünscht?
-
-Frau Agnes hatte ihre Hand auf den Arm des Sohnes gelegt, als er dem
-Vater widersprochen: »Um Gottes willen, Schorsch!«
-
-»Still,« herrschte Pfanner sie an, »laß ihn reden. Ich bin nicht faul,
-behauptet er. Also red, 's ist erlaubt, 's ist befohlen,« drang er in
-ihn.
-
-»Ich lern den ganzen Tag,« sagte Georg. »Ich kann nicht mehr lernen als
-ich lern, ich weiß nicht, was ich anfangen soll, damit du zufrieden
-bist.« Die Tollkühnheit der Verzweiflung kam über ihn, und er wagte
-hinzuzusetzen: »Andre Eltern sind schon zufrieden, wenn ihre Kinder
-'Genügend' bekommen, und ich soll lauter 'Vorzüglich' und 'Lobenswert'
-haben ... Und ich soll mich schinden ... Und ich ...« Er konnte nicht
-weiter reden, rang die Hände, schlug mit der Stirn auf den Tisch und
-wand sich in einem Schmerze, über den der Vater selbst erschrak. Zum
-erstenmal im Leben fühlte er sich ratlos dem Kinde gegenüber.
-
-»Ich hab schon ein 'Genügend' in Griechisch!« schrie Georg in
-pfeifenden, gequetschten Tönen. »Wenn ich noch ein 'Genügend' bekomme,
-bin ich kein Vorzugsschüler mehr. Und ich bekomm gewiß noch ein
-'Genügend' ...«
-
-Das war zu viel. Die Worte machten der Langmut Pfanners ein Ende. Alles
-in ihm, das ein bißchen weich zu werden begonnen hatte, erstarrte
-wieder:
-
-Kein Vorzugsschüler mehr! Dieser Bub, der die Fähigkeit besaß, einen
-Platz unter den Ausgezeichneten zu behaupten, wollte durch die Schule
-kriechen mit dem großen Heer der Mittelmäßigen? Pfui über den Buben!
-
-»Du bleibst Vorzugsschüler, oder ich geb dich zu einem Schuster in die
-Lehr.«
-
-»Tu's, Vater, tu's! Aber warum grad zu einem Schuster!« erwiderte Georg
-außer sich. »Du kannst mich auch zu Herrn Obernberger geben, und ich
-werd ein Kunstschlosser ... Oder auch mit Musik kann ich mein Brot
-verdienen ...«
-
-»Georg, Georg, um Gottes willen!« wiederholte die Mutter. Sie sah ihren
-Mann fahl werden vor Wut, sah seine Fäuste sich ballen:
-
-»Musik? gut, gut! Ich kauf dir einen Leierkasten, kannst in den Häusern
-orgeln und auf die Kreuzer warten, die sie dir aus den Fenstern
-werfen.«
-
-Georg preßte das Kinn auf die Brust und starrte zu Boden.
-
-Pfanner sprang auf und führte einen schweren Schlag auf den Nacken des
-Kindes: »Kein Wort mehr! Und -- das merke, komm mir nicht noch einmal
-mit einer schlechten Note nach Hause. Untersteh dich nicht!«
-
-»Nein, nein,« murmelte Georg. Er war jetzt ganz furchtlos. Um so besser,
-wenn er nicht mehr nach Hause zu kommen braucht. Der Vater wird sich
-nicht mehr über ihn ärgern, und die Mutter nicht mehr quälen um
-seinetwillen. Wäre er doch nicht auf die Welt gekommen ... -- oder wäre
-er schon draußen -- wäre er tot!
-
-Am nächsten Morgen war der Vater von einer furchtbar dräuenden
-Schweigsamkeit. Die dunkeln Ringe unter seinen geröteten Augen, bei ihm
-das sicherste Zeichen einer schlaflos durchwachten Nacht, gaben ihm das
-Aussehen eines Kranken. Er frühstückte hastig, nahm seine Schriften
-unter den Arm, setzte den Hut auf und verließ das Zimmer, ohne den Gruß
-seiner Frau und seines Sohnes zu erwidern. Man hörte ihn die Küchentür
-zuschlagen, daß sie dröhnte.
-
-Georg ordnete die Hefte und Bücher in seiner Schultasche, war fertig,
-nahm Stück auf Stück wieder heraus, ordnete alles von neuem, langsam und
-bedächtig. Die Mutter mahnte zur Eile. Er ließ plötzlich alles liegen
-und stehen und warf sich ihr in die Arme, und sie drückte ihn an ihr
-Herz. Sie sprachen nicht, es kam keine Anklage über ihre Lippen, aber
-glühend brannte sie in ihren Herzen. Wie glücklich könnten sie sein,
-sie zwei, wie glückselig, wenn der Ehrgeiz des Vaters nicht wäre, der
-blinde, törichte, der vom Apfelbäumchen, das ihm Gott in seinen Garten
-gepflanzt, die Triebkraft der Eiche verlangte.
-
-Dreimal schon hatte Georg Lebewohl gesagt und brachte sich noch immer
-nicht fort.
-
-»Du kommst zu spät, Schorschi,« sagte Frau Agnes. »Lauf jetzt, lauf! Und
-sei nicht so traurig,« fügte sie hinzu und strich ihm über die Wangen.
-
-»Du bist selbst traurig,« antwortete er.
-
-»Ach -- das vergeht, bei der Arbeit vergeht's.«
-
-»Also adieu,« sagte er und schritt resolut der Tür zu, und über die
-Treppe hinab bis zum ersten Stockwerk. Dort blieb er stehen, besann
-sich, kehrte plötzlich um und stürmte in raschen Sätzen wieder zurück,
-und wie er oben ankam, sah er die Mutter vor der Wohnungstür stehen, auf
-derselben Stelle, bis zu der sie ihn begleitet hatte.
-
-»Was gibt's?« fragte sie wie aus dem Schlaf auffahrend, warf den Kopf
-zurück und bemühte sich, eine strenge Miene anzunehmen. »Hast was
-vergessen?«
-
-»Ich hab dir ja nicht ordentlich Adieu gesagt,« und er fiel ihr um den
-Hals und küßte sie mit stürmischer Zärtlichkeit.
-
- * * * * *
-
-In der Schule kam er zu spät. Der erste Vortrag hatte schon vor einer
-Viertelstunde begonnen, als er eintrat und sich auf seinen Platz setzte.
-
-»Wo steckst denn?« raunte der Nachbar ihm zu. »Du bist aufgerufen worden
-und warst nicht da.«
-
-»Unglück, Unglück,« murmelte Georg und gab sich alle erdenkliche Mühe,
-aufmerksam zuzuhören. In seinem Kopfe ging es sonderbar zu. Es summte
-und hämmerte darin, und der Stimme, die vom Katheder zu ihm herübertönte
--- sonst eine laute, kraftvolle Stimme --, fehlte der Klang. Die Worte,
-die sie sprach, waren nicht artikuliert, flossen ineinander wie Wellen
-... Noch etwas Sonderbares! der breite Saal schien sich zu verlängern
-ins Unglaubliche. Es war kein Saal mehr, es war ein langer Gang, von
-merkwürdig kaltem, weißem Licht erfüllt, und ganz weit am Ende stand ein
-schwarzer Strich auf einem Piedestal. Georg mußte mit Gewalt alle seine
-Denkkraft zusammen nehmen, um sich klar zu machen: das ist der Herr
-Professor, der einen Vortrag hält.
-
-Er schloß die Augen, lehnte sich zurück und dachte: Ich werde heute
-nicht lernen können. Nach einer Weile aber wurde es besser, er vermochte
-sich aus dem unheimlich traumhaften Zustand, in den er geraten war,
-heraus zu reißen. Der zweite Vortrag hatte begonnen. Der jetzt sprach,
-war ein sehr beliebter, von der ganzen Schule verehrter Lehrer, der
-Professor der Geschichte. Er hatte einen sonst kaum mittelmäßigen
-Schüler aufgerufen, und der bestand mit Ehren. Georg folgte. Ach! wenn
-er auch so viel Glück hätte wie sein Vorgänger. Es schien beinahe. Der
-Professor prüfte aus dem unlängst von Georg Wiederholten und sagte:
-
-»Gut, bis auf zwei Jahreszahlen. Sie bekommen 'Lobenswert'. Ich möchte
-Ihnen aber gern 'Vorzüglich' geben können und stelle deshalb noch einige
-Fragen. Nennen Sie mir alle deutschen Kaiser bis zu Rudolf dem Ersten.«
-
-Das war keine sehr schwere Frage. Voll Zuversicht begann er sie zu
-beantworten und gelangte glorreich bis zu Otto *III.* Da verriet ihn
-sein Gedächtnis -- er ließ den gelehrten und frommen Kaiser ein hohes
-Alter erreichen und Heinrich *II.* den ersten Salier sein.
-
-Der Professor zuckte bedauernd die Achseln und unterbrach ihn: »Das geht
-nicht gut. -- Etwas andres! Erzählen Sie mir die Geschichte von
-Konradin.«
-
-O -- die wußte er! die hatte er seiner Mutter erzählt; so rührend, daß
-sie dabei weinen mußte. Konradin war ja -- nun ja -- war ja König Enzio
-... Oder nein, richtig -- Enzio war Konradin ...
-
-Ein kaum unterdrücktes boshaftes Kichern erhob sich, der Pepi lachte ihn
-aus. Die Augen des Professors hefteten sich fest auf ihn. Er verstand,
-daß diese guten, wohlwollenden Augen ganz besorgt fragten: »Sind Sie bei
-Trost?«
-
-Er hätte schreien mögen: »Nein! ganz verwirrt und konfus bin ich!«
-
-»Sie tun mir leid,« sprach der Professor, »aber -- sagen Sie selbst --
-welche Klasse haben Sie verdient?«
-
-Georg flüsterte etwas völlig Unverständliches. Dem Lehrer schien, es sei
-ein Dank gewesen. Der Junge wußte heute nichts, erriet aber viel, erriet
-das innige Mitleid, das er seinem Lehrer einflößte.
-
-Ehe der dritte Vortrag begann, verließ er die Schule und ging langsam
-die Straße hinab. Es war ein Frühlingstag mit sommerlichem Sonnenschein,
-der Himmel wolkenlos, die Luft noch frei von Staub und Dunst. Georg
-schritt mit weit aufgerissenen, verglasten Augen zwischen den Menschen
-dahin, die sich in der Hauptverkehrsstraße der Vorstadt drängten. Einem
-oder dem andern fiel auf, wie sonderbar »verloren« er aussah. Keiner
-hatte Lust und Zeit, ihn zu fragen, was ihm sei. Ein Tischlerjunge nur,
-der einen Handwagen schleppte, und an den er angestoßen war, rief ihm
-zu:
-
-»Hüo! wo hast dein Schädel? Anbaut mit samt der Mitzen?«
-
-Unwillkürlich griff Georg nach seinem Kopfe. Er war barhaupt, hatte
-seine Mütze in der Schule gelassen, und auch seine Lernsachen. Daran lag
-aber nichts. Ihn würde niemand nach ihnen fragen. Er konnte ja nicht
-mehr heim. »Komm mir nicht nach Hause mit einer schlechten Note!« Diese
-Worte dröhnten unablässig an sein Ohr. Jetzt mußte er sie bekommen, die
-schlechte Note, die erste, wirklich schlechte. Was würde der Vater jetzt
-mit ihm tun? Und wie würde die Mutter sich kränken ... Nein, nein, Vater
-und Mutter, er wagt es nicht, er kommt nicht mehr zurück, er geht, wohin
-schon mancher unglückliche Schüler gegangen ist: in die Donau. Und
-dieser eine Gedanke, je länger er ihn vor sich sah, als das
-Unabwendbare, Einzige, je mehr befreundete er sich mit ihm. Dieser
-Gedanke mit dem dunklen Kerne hatte eine blendende Atmosphäre und fing
-an, eine große Helligkeit zu verbreiten. Er gestaltete sich jetzt so:
-»Ich _muß_ in die Donau, ich will aber auch, und gern. Wie gut ist es,
-tot zu sein, nicht mehr hören müssen: Lern! Wie gut auch, wenn es keinen
-Zwiespalt mehr zwischen den Eltern gibt. Aber du begehst einen
-Selbstmord,« fuhr es ihm durch den Sinn, »und ein Selbstmord ist eine
-Todsünde.« Ihn schauderte. »Lieber Gott! Allgütiger!« stöhnte er und
-blickte flehend zum Himmel empor. »Rechne mir meinen Tod nicht als Sünde
-an! Ich will keine Sünde begehen, ich will sterben für den Frieden
-meiner Eltern. Mein Tod ist ein Opfertod.«
-
-Ein Opfertod!
-
-An dieses Wort klammerte er sich; es brachte ihm Trost. Er verwandelte
-die Tat der Verzweiflung in eine Heldentat und schwerste Schuld in ein
-Märtyrertum. Es ging auf vor dem armen, irrenden, suchenden Kinde wie
-ein Stern in der Nacht. Keine Erwägung, keine Überlegung, kein Zweifel
-mehr, nicht die geringste Fähigkeit, sich etwas andres vorzustellen, nur
-die rasende, unbezwingliche Sehnsucht, Erlösung zu erfahren und Erlösung
-zu bringen.
-
- * * * * *
-
-Er war am Ende der Straße angelangt, bog in die Seitengasse ein, die auf
-den Kai mündete. Bleierne Müdigkeit lag ihm in den Gliedern, sein Kopf
-brannte und schmerzte bis zur Bewußtlosigkeit. Die Donau, die ist ein
-kühles, weiches Bett, da findet man Ruhe und Labung. Nur sie erreichen,
-nur bis zu ihr hinkommen! Eine dumpfe Angst: »sie mißgönnen mir die
-Erlösung, sind hinter mir, verfolgen mich,« jagte ihn vorwärts. Er
-begann zu laufen, und dabei schien ihm, daß er immer auf demselben Fleck
-bliebe. Das war fürchterlich, noch einmal einen so argen Kampf mit dem
-Unüberwindlichen kämpfen zu müssen.
-
-»Wohin? Was sind Sie so eilig?« sprach eine wohlbekannte Stimme ihn an.
-Der Hausierer stand vor ihm.
-
-»Du?« sagte er, »du Salomon?«
-
-Ein wenig Zeit nahm er sich zum Abschied von dem Armen. Auch der war
-elend, dem es Seligkeit gewesen wäre, in der Schule zu sitzen, aus der
-Georg entflohen war, und der auf und ab wandeln mußte vom frühen Morgen
-bis in die späte Nacht in Staub und Sonnenbrand, und sah so krank aus,
-und seine schmächtige Gestalt war schon ganz schief vom Tragen des
-schweren Warenkastens. Ja, ja, wem zu Schweres auferlegt wird, der
-verkrüppelt. Armer Salomon, den der Wachmann aufscheucht und einzuführen
-droht, wenn er ganz erschöpft einige Augenblicke auf einer Bank ausruhen
-möchte. Fort, fort auf müden Füßen in den ausgetretenen, geplatzten
-Stiefeln ... Georgs Blick glitt über sie hinweg, und plötzlich beugte er
-sich, zog rasch seine neuen Halbschuhe aus und legte sie auf den
-Warenkasten.
-
-»Nimm sie, ich brauche sie nicht mehr,« sprach er und -- lachte. Ja,
-wahrhaftig, Salomon schwor später darauf, daß er gelacht habe, und wie
-unaussprechlich schmerzvoll dieses Lachen geklungen, kam ihm erst später
-zum Bewußtsein, nachdem alles vorüber war. Zuerst in seiner freudigen
-Verblüffung hatte er nur Augen für die schönen, guten Schuhe, die ihm
-wie aus dem Füllhorn des Glückes zugefallen waren. Als er sich besann,
-daß Georg seine Schuhe gar nicht verschenken dürfe, und wohl nur einen
-Spaß mit ihm gemacht habe und er sich umsah und rief: »Junger Herr!
-junger Herr!« -- drang schon lautes, vielstimmiges Geschrei an sein Ohr:
-»Im Wasser!« -- »Hineingesprungen!« -- »Hilfe! Hilfe!« Von allen Seiten
-stürzten sie herbei, rannten, krochen die steile Böschung hinab, standen
-mit vorgestreckten Hälsen, Entsetzen oder stumpfsinnige oder
-abscheuliche Neugier in den Gesichtern, und deuteten: »Da! dort! Siehst
-ihn?«
-
-Anstalten zur Rettung wurden getroffen -- vergebliche. Eine
-Stromschnelle hatte den schwimmenden Körper erfaßt und häuptlings an
-einen Brückenpfeiler geschleudert.
-
-Mit gellenden Wehrufen drängte sich Salomon durch die Menge zum Ufer
-hin. Die Schuhe hatte er von sich geworfen, streute seine Waren im Laufe
-achtlos aus ... Gott! Gott! Ins Wasser gesprungen -- in den Tod
-gegangen, der, den er bewundert hatte und beneidet, und der immer so gut
-gegen ihn gewesen war.
-
- * * * * *
-
-Pfanner hatte einen schweren Entschluß gefaßt und ausgeführt. Er war zum
-Direktor des Gymnasiums gegangen, um Georg seiner Nachsicht zu
-empfehlen. Vor wenigen Tagen noch würde er einen solchen Schritt für
-unmöglich gehalten und geglaubt haben, sich und Georg durch ihn zu
-erniedrigen.
-
-Mit so viel Wärme und Verbindlichkeit, als ihm irgend zu Gebote stand,
-sprach er die Bitte aus, seinen Sohn nachsichtig zu klassifizieren, wenn
-der Bursche auch in letzter Zeit etwas nachgelassen habe im Fleiße. Sein
-Vater bürgte dafür, daß es von nun an besser werden sollte.
-
-»Nachgelassen im Fleiße?« Das war dem Direktor neu. So viel er wußte,
-hatte noch keiner der Professoren sich über Georgs Mangel an Fleiß
-beklagt. »Ich wäre froh«, sagte er, »wenn ich allen Eltern so Gutes über
-ihre Söhne sagen könnte, wie Ihnen über Georg. Er ist bei sämtlichen
-Lehrern vortrefflich angeschrieben, sehr brav und auch durchaus nicht
-unbegabt« ...
-
-»O, das glaub ich!« warf Pfanner hochfahrend ein.
-
-»Durchaus nicht unbegabt,« wiederholte der Direktor kühl, »aber auch
-nicht ungewöhnlich begabt. Ich fürchte, daß Sie zu viel von ihm
-verlangen, ihm eine größere Leistungsfähigkeit zutrauen, als er besitzt.
-Wenn Sie ihn zwingen, seine Kräfte zu überspannen, ruinieren Sie ihn.«
-
-Der Offizial kam tief niedergeschlagen ins Bureau. So verlangte er also
-zu viel von seinem Buben, so ruinierte er ihn, so sollte Georg nur
-mittelmäßig begabt sein? Er glaubte es nicht. Diese Schulleute irren so
-oft. Wie viele, von denen ihre Lehrer nichts gehalten, sind große Männer
-geworden. Er ging an seine Arbeit, vergrub sich in sie, suchte Rettung
-in ihr vor dem schweren Drucke, der ihm auf dem Herzen lastete.
-
-Gegen Mittag meldete ihm der Bureaudiener, es sei jemand da, der ihn
-sprechen wolle. Auf dem Gange erwartete ihn Frau Walcher in einem
-Zustand furchtbarer Zerstörtheit. Etwas Entsetzliches sei geschehen,
-stotterte sie, das Ärgste, das man sich denken könne. Er solle nur
-gleich mit ihr kommen.
-
-»Was ist das Ärgste?« fuhr er sie an. »Was ist's mit meinem Buben?«
-
-Ihre Antwort war eine Gebärde der Verzweiflung.
-
- * * * * *
-
-Dem Liebling des Gymnasiums wurde ein feierliches Leichenbegängnis
-bereitet. Alle Professoren, alle Schulkameraden beteiligten sich daran.
-Meister Obernberger folgte dem Zuge, weinend wie ein Kind, und sein Pepi
-hatte heute allen Hochmut abgetan.
-
-Der Vater schritt in guter Haltung hinter dem Sarge. Jedes Wort, das am
-Grabe zum Preise seines Sohnes gesprochen wurde, schien ihm wohl zu tun,
-während die Mutter immer tiefer in sich zusammensank.
-
-»Am besten für sie wär's,« sagte schwerbekümmert Frau Walcher zu ihrem
-Manne, »wenn man sie gleich mitbegraben könnt.«
-
-Die zwei Ehepaare traten die Rückfahrt im selben Wagen an. Pfanner und
-seine Frau wechselten nicht eine Silbe. Einer wich scheu dem Blick des
-andern aus. Daheim angelangt, gab Agnes den dringenden Bitten der
-Freundin, zuerst bei ihr einzutreten, nach.
-
-»Da hat sie doch ein paar Stunden Frieden,« dachte die Getreue.
-
-Als der Abend kam und die gewohnte Pflicht sie rief, ging Agnes
-mechanisch daran, das Abendbrot zu bereiten. Sie betrat das Zimmer, um
-die Lampe anzuzünden. Aber Pfanner hatte das schon selbst getan. Die
-Lampe brannte auf dem Tische, und dort lagen die Bücher und die Mütze,
-die der Schuldiener zurückgebracht hatte. Vor sich aufgeschlagen hatte
-Pfanner ein dünnes Büchlein -- das Vermögen des Kindes, das guldenweise
-zusammen gesparte. Und in der gebrochenen Gestalt, die da saß und die
-Gegenstände alle betrachtete, drückte eine herzzerreißende
-Trostlosigkeit sich aus. Was ging jetzt vor in dieser Seele!
-
-Agnes kam leise heran.
-
-Die Frau, die er zermalmt und zertreten und zu einer dienenden Maschine
-herabgewürdigt hatte, fühlte sich in diesem Augenblick als die Größere
-und Stärkere und, im Vergleiche zu ihm -- die Glückliche. Sie durfte
-ihres Kindes ohne Selbstvorwurf gedenken, von ihr hatte es mit
-zärtlicher Liebe Abschied genommen.
-
-»Pfanner,« sprach sie.
-
-Er fuhr auf und starrte sie an mit Entsetzen. Wollte sie Rechenschaft
-von ihm fordern? Seine Lippen zuckten und zitterten, er brachte keinen
-Laut hervor. Etwas Greisenhaftes lag in seinen entstellten Zügen.
-
-Da wich der Haß, da schwieg jeder Vorwurf. Sie näherte sich langsam und
-sagte:
-
-»Du hast ja nur sein Bestes gewollt.«
-
-Überrascht in demütiger Dankbarkeit nahm er ihre beiden Hände, legte
-sein Gesicht hinein und schluchzte.
-
-
-
-
- Er laßt die Hand küssen.
-
-
-»So reden Sie denn in Gottes Namen«, sprach die Gräfin, »ich werde Ihnen
-zuhören; glauben aber nicht ein Wort.«
-
-Der Graf lehnte sich behaglich zurück in seinem großen Lehnsessel: »Und
-warum nicht?« fragte er.
-
-Sie zuckte leise mit den Achseln: »Vermutlich erfinden Sie nicht
-überzeugend genug.«
-
-»Ich erfinde gar nicht, ich erinnere mich. Das Gedächtnis ist meine
-Muße.«
-
-»Eine einseitige, wohldienerische Muße! Sie erinnert sich nur der Dinge,
-die Ihnen in den Kram passen. Und doch gibt es auf Erden noch manches
-Interessante und Schöne außer dem -- Nihilismus.« Sie hatte ihre
-Häkelnadel erhoben und das letzte Wort wie einen Schuß gegen ihren alten
-Verehrer abgefeuert.
-
-Er vernahm es ohne Zucken, strich behaglich seinen weißen Bart und sah
-die Gräfin beinahe dankbar aus seinen klugen Augen an. »Ich wollte Ihnen
-etwas von meiner Großmutter erzählen,« sprach er. »Auf dem Wege hierher,
-mitten im Walde, ist es mir eingefallen.«
-
-Die Gräfin beugte den Kopf über ihre Arbeit und murmelte: »Wird eine
-Räubergeschichte sein.«
-
-»O, nichts weniger! So friedlich wie das Wesen, durch dessen Anblick
-jene Erinnerung in mir wachgerufen wurde, Mischka *IV.* nämlich, ein
-Urenkel des ersten Mischka, der meiner Großmutter Anlaß zu einer kleinen
-Übereilung gab, die ihr später leid getan haben soll,« sagte der Graf
-mit etwas affektierter Nachlässigkeit, und fuhr dann wieder eifrig fort:
-»Ein sauberer Heger, mein Mischka, das muß man ihm lassen! er kriegte
-aber auch keinen geringen Schrecken, als ich ihm unvermutet in den Weg
-trat -- hatte ihn vorher schon eine Weile beobachtet ... Wie ein
-Käfersammler schlich er herum, die Augen auf den Boden geheftet, und was
-hatte er im Laufe seines Gewehres stecken? Denken Sie: -- ein Büschel
-Erdbeeren!«
-
-»Sehr hübsch!« versetzte die Gräfin. »Machen Sie sich darauf gefaßt --
-in Bälde wandern Sie zu mir herüber durch die Steppe, weil man Ihnen den
-Wald fortgetragen haben wird.«
-
-»Der Mischka wenigstens verhindert's nicht.«
-
-»Und Sie sehen zu?«
-
-»Und ich sehe zu. Ja, ja, es ist schrecklich. Die Schwäche liegt mir im
-Blut -- von meinen Vorfahren her.« Er seufzte ironisch und sah die
-Gräfin mit einer gewissen Tücke von der Seite an.
-
-Sie verschluckte ihre Ungeduld, zwang sich, zu lächeln und suchte ihrer
-Stimme einen möglichst gleichgültigen Ton zu geben, indem sie sprach:
-»Wie wär's, wenn Sie noch eine Tasse Tee trinken und die Schatten Ihrer
-Ahnen heute einmal unbeschworen lassen würden? Ich hätte mit Ihnen vor
-meiner Abreise noch etwas zu besprechen.«
-
-»Ihren Prozeß mit der Gemeinde? -- Sie werden ihn gewinnen.«
-
-»Weil ich recht habe.«
-
-»Weil Sie vollkommen recht haben.«
-
-»Machen Sie das den Bauern begreiflich. Raten Sie ihnen, die Klage
-zurückzuziehen.«
-
-»Das tun sie nicht.«
-
-»Verbluten sich lieber, tragen lieber den letzten Gulden zum Advokaten.
-Und zu welchem Advokaten, guter Gott!... ein ruchloser Rabulist. Dem
-glauben sie, mir nicht, und wie mir scheint, Ihnen auch nicht, trotz all
-Ihrer Popularitätshascherei!«
-
-Die Gräfin richtete die hohe Gestalt empor und holte tief Atem.
-»Gestehen Sie, daß es für diese Leute, die so töricht vertrauen und
-mißtrauen, besser wäre, wenn ihnen die Wahl ihrer Ratgeber nicht frei
-stände.«
-
-»Besser wär's natürlich! Ein bestellter Ratgeber, und -- auch bestellt
--- der Glaube an ihn.«
-
-»Torheit!« zürnte die Gräfin.
-
-»Wie so? Sie meinen vielleicht, der Glaube lasse sich nicht
-bestellen?... Ich sage Ihnen, wenn ich vor vierzig Jahren meinem Diener
-eine Anweisung auf ein Dutzend Stockprügel gab und dann den Rat, aufs
-Amt zu gehen, um sie einzukassieren, nicht einmal im Rausch wäre es ihm
-eingefallen, daß er etwas Besseres tun könnte, als diesen meinen Rat
-befolgen.«
-
-»Ach, Ihre alten Schnurren! -- Und ich, die gehofft hatte, Sie heute
-ausnahmsweise zu einem vernünftigen Gespräch zu bringen!«
-
-Der alte Herr ergötzte sich eine Weile an ihrem Ärger und sprach dann:
-»Verzeihen Sie, liebe Freundin. Ich bekenne, Unsinn geschwatzt zu haben.
-Nein, der Glaube läßt sich nicht bestellen, aber leider der Gehorsam
-ohne Glauben. Das eben war das Unglück des armen Mischka und so mancher
-andrer, und deshalb bestehen heutzutage die Leute darauf, wenigstens auf
-ihre eigne Fasson ins Elend zu kommen.«
-
-Die Gräfin erhob ihre nachtschwarzen, noch immer schönen Augen gegen den
-Himmel, bevor sie dieselben wieder auf ihre Arbeit senkte und mit einem
-Seufzer der Resignation sagte: »Die Geschichte Mischkas also!«
-
-»Ich will sie so kurz machen als möglich,« versetzte der Graf, »und mit
-dem Augenblick beginnen, in dem meine Großmutter zum erstenmal auf ihn
-aufmerksam wurde. Ein hübscher Bursche muß er gewesen sein; ich besinne
-mich eines Bildes von ihm, das ein Künstler, der sich einst im Schlosse
-aufhielt, gezeichnet hatte. Zu meinem Bedauern fand ich es nicht im
-Nachlaß meines Vaters und weiß doch, daß er es lange aufbewahrt hat, zum
-Andenken an die Zeiten, in denen wir noch das *jus gladii* ausübten.«
-
-»O Gott!« unterbrach ihn die Gräfin, »spielt das *jus gladii* eine
-Rolle in Ihrer Geschichte?«
-
-Der Erzähler machte eine Bewegung der höflichen Abwehr und fuhr fort:
-»Es war bei einem Erntefest und Mischka einer der Kranzträger, und er
-überreichte den seinen schweigend, aber nicht mit gesenkten Augen, sah
-vielmehr die hohe Gebieterin ernsthaft und unbefangen an, während ein
-Aufseher im Namen der Feldarbeiter die übliche Ansprache
-herunterleierte.
-
-»Meine Großmutter erkundigte sich nach dem Jungen und hörte, er sei ein
-Häuslersohn, zwanzig Jahre alt, ziemlich brav, ziemlich fleißig und so
-still, daß er als Kind für stumm gegolten hatte, für dummlich galt er
-noch jetzt. -- Warum? wollte die Herrin wissen; warum galt er für
-dummlich?... Die befragten Dorfweisen senkten die Köpfe, blinzelten
-einander verstohlen zu und mehr als: 'So, -- ja eben so', und: -- 'je
-nun, wie's schon ist', war aus ihnen nicht herauszubringen.
-
-»Nun hatte meine Großmutter einen Kammerdiener, eine wahre Perle von
-einem Menschen. Wenn er mit einem Vornehmen sprach, verklärte sich sein
-Gesicht dergestalt vor Freude, daß er beinahe leuchtete. Den schickte
-meine Großmutter andern Tages zu den Eltern Mischkas mit der Botschaft,
-ihr Sohn sei vom Feldarbeiter zum Gartenarbeiter avanciert und habe
-morgen den neuen Dienst anzutreten.
-
-»Der eifrigste von allen Dienern flog hin und her und stand bald wieder
-vor seiner Gebieterin. 'Nun,' fragte diese -- 'was sagen die Alten?'
-Der Kammerdiener schob das rechte, auswärts gedrehte Bein weit vor ...«
-
-»Waren Sie dabei?« fiel die Gräfin ihrem Gaste ins Wort.
-
-»Bei dieser Referenz gerade nicht, aber bei späteren des edlen Fritz,«
-erwiderte der Graf, ohne sich irre machen zu lassen. »Er schob das Bein
-vor, sank aus Ehrfurcht völlig in sich zusammen und meldete, die Alten
-schwämmen in Tränen der Dankbarkeit.
-
-»'Und der Mischka?'
-
-»'O, der' -- lautete die devote Antwort, und nun rutschte das linke Bein
-mit anmutigem Schwunge vor -- 'o der -- der laßt die Hand küssen.'
-
-»Daß es einer Tracht väterlicher Prügel bedurft hatte, um den Burschen
-zu diesem Handkuß im Gedanken zu bewegen, verschwieg Fritz. Die
-Darlegung der Gründe, die Mischka hatte, die Arbeit im freien Felde der
-im Garten vorzuziehen, würde sich für Damenohren nicht geschickt haben.
--- Genug, Mischka trat die neue Beschäftigung an und versah sie schlecht
-und recht. 'Wenn er fleißiger wäre, könnt's nicht schaden,' sagte der
-Gärtner. Dieselbe Bemerkung machte meine Großmutter, als sie einmal vom
-Balkon aus zusah, wie die Wiese vor dem Schlosse gemäht wurde. Was ihr
-noch auffiel, war, daß alle andern Mäher von Zeit zu Zeit einen Schluck
-aus einem Fläschchen taten, das sie unter einem Haufen abgelegter
-Kleider hervorzogen und wieder darin verbargen. Mischka war der einzige,
-der diesen Quell der Labung verschmähend sich aus einem irdenen, im
-Schatten des Gebüsches aufgestellten Krüglein erquickte. Meine
-Großmutter rief den Kammerdiener. 'Was haben die Mäher in der Flasche?'
-fragte sie. -- 'Branntwein, hochgräfliche Gnaden.' -- 'Und was hat Mischka
-in dem Krug?'
-
-»Fritz verdrehte die runden Augen, neigte den Kopf auf die Seite, ganz
-wie unser alter Papagei, dem er ähnlich sah wie ein Bruder dem andern,
-und antwortete schmelzenden Tones: 'Mein Gott, hochgräfliche Gnaden --
-Wasser!'
-
-»Meine Großmutter wurde sogleich von einer mitleidigen Regung ergriffen
-und befahl, allen Gartenarbeitern nach vollbrachtem Tagewerk Branntwein
-zu reichen. 'Dem Mischka auch,' setzte sie noch eigens hinzu.
-
-»Diese Anordnung erregte Jubel. Daß Mischka keinen Branntwein trinken
-wollte, war einer der Gründe, warum man ihn für dummlich hielt. Jetzt
-freilich, nachdem die Einladung der Frau Gräfin an ihn ergangen, war's
-aus mit Wollen und Nichtwollen. Als er in seiner Einfalt sich zu wehren
-versuchte, ward er *mores* gelehrt, zur höchsten Belustigung der Alten
-und der Jungen. Einige rissen ihn auf den Boden nieder, ein handfester
-Bursche schob ihm einen Keil zwischen die vor Grimm zusammengebissenen
-Zähne, ein zweiter setzte ihm das Knie auf die Brust und goß ihm solange
-Branntwein ein, bis sein Gesicht so rot und der Ausdruck desselben so
-furchtbar wurde, daß die übermütigen Quäler sich selbst davor
-entsetzten. Sie gaben ihm etwas Luft, und gleich hatte er sie mit einer
-wütenden Anstrengung abgeschüttelt, sprang auf und ballte die Fäuste ...
-aber plötzlich sanken seine Arme, er taumelte und fiel zu Boden. Da
-fluchte, stöhnte er, suchte mehrmals vergeblich sich aufzuraffen und
-schlief endlich auf dem Fleck ein, auf den er hingestürzt war, im Hofe,
-vor der Scheune, schlief bis zum nächsten Morgen, und als er erwachte,
-weil ihm die aufgehende Sonne auf die Nase schien, kam just der Knecht
-vorbei, der ihm gestern den Branntwein eingeschüttet hatte. Der wollte
-schon die Flucht ergreifen, nichts andres erwartend, als daß Mischka für
-die gestrige Mißhandlung Rache üben werde. Statt dessen reckt sich der
-Bursche, sieht den andern traumselig an und lallt: 'Noch einen
-Schluck!'
-
-»Sein Abscheu vor dem Branntwein war überwunden.
-
-»Bald darauf, an einem Sonntag nachmittag, begab es sich, daß meine
-Großmutter auf ihrer Spazierfahrt, von einem hübschen Feldweg gelockt,
-ausstieg und bei Gelegenheit dieser Wanderung eine idyllische Szene
-belauschte. Sie sah Mischka unter einem Apfelbaum am Feldrain sitzen,
-ein Kindlein in seinen Armen. Wie er selbst, hatte auch das Kind den
-Kopf voll dunkelbrauner Löckchen, der wohlgebildete kleine Körper
-hingegen war von lichtbrauner Farbe und das armselige Hemdchen, das
-denselben notdürftig bedeckte, hielt die Mitte zwischen den beiden
-Schattierungen. Der kleine Balg krähte förmlich vor Vergnügen, so oft
-ihn Mischka in die Höhe schnellte, stieß mit den Füßchen gegen dessen
-Brust, und suchte ihm mit dem ausgestreckten Zeigefinger in die Augen zu
-fahren. Und Mischka lachte und schien sich mindestens ebensogut zu
-unterhalten wie das Bübchen. Dem Treiben der beiden sah ein junges
-Mädchen zu, auch ein braunes Ding und so zart und zierlich, als ob ihre
-Wiege am Ganges gestanden hätte. Sie trug über dem geflickten kurzen
-Rocke eine ebenfalls geflickte Schürze und darin einen kleinen Vorrat
-aufgelesener Ähren. Nun brach sie eine derselben vom Stiele, schlich
-sich an Mischka heran und ließ ihm die Ähre zwischen der Haut und dem
-Hemd ins Genick gleiten. Er schüttelte sich, setzte das Kind auf den
-Boden und sprang dem Mädchen nach, das leicht und hurtig und ordentlich
-wie im Tanze vor ihm floh; einmal pfeilgerade, dann wieder einen
-Garbenschober umkreisend, voll Ängstlichkeit und dabei doch neckend und
-immer höchst anmutig. Allerdings ist bei unsren Landleuten eine gewisse
-angeborene Grazie nichts Seltenes, aber diese beiden jungen Geschöpfe
-gewährten in ihrer harmlosen Lustigkeit ein so angenehmes Schauspiel,
-daß meine Großmutter es mit wahrem Wohlgefallen genoß. Einen andern
-Eindruck brachte hingegen ihr Erscheinen auf Mischka und das Mädchen
-hervor. Wie versteinert standen beide beim Anblick der Gutsherrin. Er,
-zuerst gefaßt, neigte sich beinahe bis zur Erde, sie ließ die Schürze
-samt den Ähren sinken und verbarg das Gesicht in den Händen.
-
-»Beim Souper, an dem, wie an jeder Mahlzeit, der Hofstaat, bestehend aus
-einigen armen Verwandten und aus den Spitzen der gräflichen Behörden,
-teilnahm, sagte meine Großmutter zum Herrn Direktor, der neben ihr saß:
-'Die Schwester des Mischka, des neuen Gartenarbeiters, scheint mir ein
-nettes, flinkes Mädchen zu sein, und ich wünsche, es möge für die Kleine
-ein Posten ausgemittelt werden, an dem sie sich etwas verdienen kann.'
-Der Direktor erwiderte: 'Zu Befehl, hochgräfliche Gnaden, sogleich ...
-obwohl der Mischka meines Wissens eine Schwester eigentlich gar nicht
-hat.'
-
-»'Ihres Wissens,' versetzte meine Großmutter, 'das ist auch etwas, Ihr
-Wissen!... Eine Schwester hat Mischka und ein Brüderchen. Ich habe heute
-alle drei auf dem Felde gesehen.'
-
-»'Hm, hm,' lautete die ehrerbietige Entgegnung, und der Direktor hielt
-die Serviette vor den Mund, um den Ton seiner Stimme zu dämpfen, 'es
-wird wohl -- ich bitte um Verzeihung des obszönen Ausdrucks, die
-Geliebte Mischkas und, mit Respekt zu sagen, ihr Kind gewesen sein.'«
-
-Der unwilligen Zuhörerin dieser Erzählung wurde es immer schwerer, an
-sich zu halten, und sie rief nun: »Sie behaupten, daß Sie nicht dabei
-waren, als diese denkwürdigen Reden gewechselt wurden? Woher wissen Sie
-denn nicht nur über jedes Wort, sondern auch über jede Miene und Gebärde
-zu berichten?«
-
-»Ich habe die meisten der Beteiligten gekannt, und weiß -- ein bißchen
-Maler, ein bißchen Dichter, wie ich nun einmal bin -- weiß aufs Haar
-genau, wie sie sich in einer bestimmten Lage benommen und ausgedrückt
-haben müssen. Glauben Sie Ihrem treuen Berichterstatter, daß meine
-Großmutter nach der Mitteilung, welche der Direktor ihr gemacht, eine
-Wallung des Zornes und der Menschenverachtung hatte. Wie gut und
-fürsorglich für ihre Untertanen sie war, darüber können Sie nach dem
-bisher Gehörten nicht in Zweifel sein. Im Punkte der Moral jedoch
-verstand sie nur äußerste Strenge, gegen sich selbst nicht minder als
-gegen andre. Sie hatte oft erfahren, daß sie bei Männern und Frauen der
-Sittenverderbnis nicht zu steuern vermöge, der Sittenverderbnis bei
-halbreifen Geschöpfen jedoch, der mußte ein Zügel angelegt werden
-können. -- Meine Großmutter schickte ihren Kammerdiener wieder zu den
-Eltern Mischkas. Mit der Liebschaft des Burschen habe es aus zu sein.
-Das sei eine Schande für so einen Buben, ließ sie sagen, ein solcher Bub
-habe an andre Dinge zu denken.
-
-»Der Mischka, der zu Hause war, als die Botschaft kam, schämte sich in
-seine Haut hinein ...«
-
-»Es ist doch stark, daß Sie jetzt gar in der Haut Mischkas stecken
-wollen!« fuhr die Gräfin höhnisch auf.
-
-»Bis über die Ohren!« entgegnete der Graf, »bis über die Ohren steck ich
-darin! Ich fühle, als wäre ich es selbst, die Bestürzung und Beschämung,
-die ihn ergriff. Ich sehe ihn, wie er sich windet in Angst und
-Verlegenheit, einen scheuen Blick auf Vater und Mutter wirft, die auch
-nicht wissen, wo ein und aus vor Schrecken, ich höre sein jammervoll
-klingendes Lachen bei den Worten des Vaters: 'Erbarmen Sie sich, Herr
-Kammerdiener! Er wird ein Ende machen, das versteht sich, gleich wird er
-ein Ende machen!'«
-
-»Diese Versicherung genügte dem edlen Fritz, er kehrte ins Schloß zurück
-und berichtete, glücklich über die treffliche Erfüllung seiner Mission,
-mit den gewohnten Kniebeugungen und dem gewohnten demütigen und
-freudestrahlenden Ausdruck in seiner Vogelphysiognomie: 'Er laßt die
-Hand küssen, er wird ein Ende machen.'«
-
-»Lächerlich!« sagte die Gräfin.
-
-»Höchst lächerlich!« bestätigte der Graf. »Meine gute, vertrauensselige
-Großmutter hielt die Sache damit für abgetan, dachte auch nicht weiter
-darüber nach. Sie war sehr in Anspruch genommen durch die Vorbereitungen
-zu den großen Festen, die alljährlich am zehnten September, ihrem
-Geburtstage, im Schlosse gefeiert wurden, und einen Vor- und Nachtrab
-von kleinen Festen hatten. Da kam die ganze Nachbarschaft zusammen, und
-Dejeuners, auf dem grünen Teppich der Wiesen, Jagden, Pirutschaden,
-Soupers bei schönster Waldbeleuchtung, Bälle -- und so weiter folgten
-einander in fröhlicher Reihe ... Man muß gestehen, unsre Alten
-verstanden Platz einzunehmen und Lärm zu machen in der Welt. Gott weiß,
-wie langweilig und öde unser heutiges Leben auf dem Schlosse ihnen
-erscheinen müßte.«
-
-»Sie waren eben große Herren,« entgegnete die Gräfin bitter, »wir sind
-auf das Land zurückgezogene Armenväter.«
-
-»Und -- Armenmütter,« versetzte der Graf mit einer galanten Verneigung,
-die von derjenigen, der sie galt, nicht eben gnädig aufgenommen wurde.
-Der Graf aber nahm sich das Mißfallen, das er erregt hatte, keineswegs
-zu Herzen, sondern spann mit hellem Erzählerbehagen den Faden seiner
-Geschichte fort:
-
-»So groß der Dienertroß im Schlosse auch war, während der Dauer der
-Festlichkeiten genügte er doch nicht, und es mußten da immer Leute aus
-dem Dorfe zur Aushilfe requiriert werden. Wie es kam, daß sich gerade
-dieses Mal auch Mischkas Geliebte unter ihnen befand, weiß ich nicht,
-genug, es war der Fall, und die beiden Menschen, die einander hätten
-meiden sollen, wurden im Dienste der Gebieterin noch öfter
-zusammengeführt, als dies in früheren Tagen bei der gemeinsamen
-Feldarbeit geschehen war. Er, mit einem Botengang betraut, lief vom
-Garten in die Küche, sie von der Küche in den Garten -- manchmal trafen
-sie sich auch unterwegs und verweilten plaudernd ein Viertelstündchen ...«
-
-»Äußerst interessant!« spottete die Gräfin -- »wenn man doch nur wüßte,
-was sie einander gesagt haben.«
-
-»O, wie Sie schon neugierig geworden sind! -- aber ich verrate Ihnen
-nur, was unumgänglich zu meiner Geschichte gehört. -- Eines Morgens
-lustwandelte die Schloßfrau mit ihren Gästen im Garten. Zufällig lenkte
-die Gesellschaft ihre Schritte nach einem selten betretenen Laubgang und
-gewahrte am Ende desselben ein junges Pärchen, das, aus verschiedenen
-Richtungen kommend, wie freudig überrascht stehen blieb. Der Bursche,
-kein andrer als Mischka, nahm das Mädchen rasch in die Arme und küßte
-es, was es sich ruhig gefallen ließ. Ein schallendes Gelächter brach los
--- von den Herren und, ich fürchte, auch von einigen der Damen
-ausgestoßen, die der Zufall zu Zeugen dieses kleinen Auftritts gemacht
-hatte. Nur meine Großmutter nahm nicht teil an der allgemeinen
-Heiterkeit. Mischka und seine Geliebte stoben natürlich davon. Der
-Bursche -- man hat es mir erzählt« -- kam der Graf scherzend einer
-voraussichtlichen Einwendung der Gräfin entgegen, »glaubte in dem
-Augenblick sein armes Mädchen zu hassen. Am selben Abend jedoch
-überzeugte er sich des Gegenteils, als er nämlich erfuhr, die Kleine
-werde mit ihrem Kinde nach einer andern Herrschaft der Frau Gräfin
-geschickt; zwei Tagereisen weit für einen Mann, für eine Frau, die noch
-dazu ein anderthalb Jahre altes Kind mitschleppen mußte, wohl noch
-einmal so viel. -- Mehr als: 'Herrgott! Herrgott! o du lieber Herrgott!'
-sprach Mischka nicht, gebärdete sich wie ein Träumender, begriff nicht,
-was man von ihm wolle, als es hieß an die Arbeit gehen -- warf plötzlich
-den Rechen, den ein Gehilfe ihm samt einem erweckenden Rippenstoß
-verabfolgte, auf den Boden, und rannte ins Dorf, nach dem Hüttchen, in
-dem seine Geliebte bei ihrer kranken Mutter wohnte, das heißt, gewohnt
-hatte, denn nun war es damit vorbei. Die Kleine stand reisefertig am
-Lager der völlig gelähmten Alten, die ihr nicht einmal zum Abschiedsegen
-die Hand aufs Haupt legen konnte, und die bitterlich weinte. 'Hört jetzt
-auf zu weinen,' sprach die Tochter, 'hört auf, liebe Mutter. Wer soll euch
-denn die Tränen abwischen, wenn ich einmal fort bin?'
-
-»Sie trocknete die Wangen ihrer Mutter und dann auch ihre eigenen mit
-der Schürze, nahm ihr Kind an die Hand und das Bündel mit ihren wenigen
-Habseligkeiten auf den Rücken und ging ihres Weges an Mischka vorbei,
-und wagte nicht einmal, ihn anzusehen. Er aber folgte ihr von weitem,
-und als der Knecht, der dafür zu sorgen hatte, daß sie ihre Wanderung
-auch richtig antrete, sie auf der Straße hinter dem Dorfe verließ, war
-Mischka bald an ihrer Seite, nahm ihr das Bündel ab, hob das Kind auf
-den Arm und schritt so neben ihr her.
-
-»Die Feldarbeiter, die in der Nähe waren, wunderten sich: -- 'Was tut er
-denn, der Tropf?... Geht er mit? Glaubt er, weil er so dumm ist, daß er
-nur so mitgehen kann?'
-
-»Bald nachher kam keuchend und schreiend der Vater Mischkas gerannt: 'O,
-ihr lieben Heiligen! Heilige Mutter Gottes! hab ich mir's doch gedacht
--- seiner Dirne läuft er nach, bringt uns noch alle ins Unglück ...
-Mischka! Sohn -- mein Junge!... Nichtsnutz! Teufelsbrut!' -- jammerte
-und fluchte er abwechselnd.
-
-»Als Mischka die Stimme seines Vaters hörte und ihn mit drohend
-geschwungenem Stocke immer näher herankommen sah, ergriff er die
-Flucht, zur größten Freude des Knäbleins, das 'Hott! hott!' jauchzte.
-Bald jedoch besann er sich, daß er seine Gefährtin, die ihm nicht so
-rasch folgen konnte, im Stich gelassen, wandte sich und lief zu ihr
-zurück. Sie war bereits von seinem Vater erreicht und zu Boden
-geschlagen worden. Wie wahnsinnig raste der Zornige, schlug drein mit
-den Füßen und mit dem Stocke, und ließ seinen ganzen Grimm über den Sohn
-an dem wehrlosen Geschöpfe aus.
-
-»Mischka warf sich dem Vater entgegen, und ein furchtbares Ringen
-zwischen den beiden begann, das mit der völligen Niederlage des
-Schwächeren, des Jüngeren, endete. Windelweich geprügelt, aus einer
-Stirnwunde blutend, gab er den Kampf und den Widerstand auf. Der Häusler
-faßte ihn am Hemdkragen und zerrte ihn mit sich; der armen kleinen Frau
-aber, die sich inzwischen mühsam aufgerafft hatte, rief er zu: 'Mach
-fort!'
-
-»Sie gehorchte lautlos, und selbst die Arbeiter auf dem Felde, stumpfes,
-gleichgültiges Volk, fühlten Mitleid und sahen ihr lange nach, wie sie
-so dahinwankte mit ihrem Kinde, so hilfsbedürftig und so völlig
-verlassen.
-
-»In der Nähe des Schlosses trafen Mischka und sein Vater den Gärtner,
-den der Häusler sogleich als 'gnädiger Herr' ansprach und flehentlich
-ersuchte, nur eine Stunde Geduld zu haben mit seinem Sohne. In einer
-Stunde werde Mischka gewiß wieder bei der Arbeit sein; jetzt müsse er
-nur geschwind heimgehen und sich waschen und sein Hemd auch. Der Gärtner
-fragte: 'Was ist ihm denn? er ist ja ganz blutig.' -- 'Nichts ist ihm,'
-lautete die Antwort, 'er ist nur von der Leiter gefallen.'
-
-»Mischka hielt das Wort, das sein Vater für ihn gegeben, und war eine
-Stunde später richtig wieder bei der Arbeit. Am Abend aber ging er ins
-Wirtshaus und trank sich einen Rausch an, den ersten freiwilligen, war
-überhaupt seit dem Tage wie verwandelt. Mit dem Vater, der ihn gern
-versöhnt hätte, denn Mischka war, seitdem er im Schloßgarten
-Beschäftigung gefunden, ein Kapital geworden, das Zinsen trug, sprach er
-kein Wort, und von dem Gelde, das er verdiente, brachte er keinen
-Kreuzer nach Hause. Es wurde teils für Branntwein verausgabt, teils für
-Unterstützungen, die Mischka der Mutter seiner Geliebten angedeihen ließ
--- und diese zweite Verwendung des von dem Burschen Erworbenen erschien
-dem Häusler als der ärgste Frevel, den sein Sohn an ihm begehen konnte.
-Daß der arme Teufel, der arme Eltern hatte, etwas wegschenkte, an eine
-Fremde wegschenkte, der Gedanke wurde der Alp des Alten, sein nagender
-Wurm. Je wütender der Vater sich gebärdete, desto verstockter zeigte
-sich der Sohn. Er kam zuletzt gar nicht mehr nach Hause, oder höchstens
-einmal im geheimen, wenn er den Vater auswärts mußte, um die Mutter zu
-sehen, an der ihm das Herz hing. Diese Mutter ...« der Graf machte eine
-Pause -- »Sie, liebe Freundin, kennen sie, wie ich sie kenne.«
-
-»Ich soll sie kennen?... Sie lebt noch?« fragte die Gräfin ungläubig.
-
-»Sie lebt; nicht im Urbilde zwar, aber in vielfachen Abbildern. Das
-kleine, schwächliche, immer bebende Weiblein mit dem sanften, vor der
-Zeit gealterten Gesicht, mit den Bewegungen des verprügelten Hundes, das
-untertänigst in sich zusammensinkt und zu lächeln versucht, wenn eine so
-hohe Dame, wie Sie sind, oder ein so guter Herr, wie ich bin, ihm einmal
-zuruft: 'Wie geht's?' und in demütigster Freundlichkeit antwortet:
-'Vergelt's Gott -- wie's eben kann.' -- Gut genug für unsereins, ist
-seine Meinung, für ein Lasttier in Menschengestalt. Was dürfte man
-anders verlangen, und wenn man's verlangte, wer gäbe es einem? -- Du
-nicht, hohe Frau, und du nicht, guter Herr ...«
-
-»Weiter, weiter!« sprach die Gräfin. »Sind Sie bald zu Ende?«
-
-»Bald. -- Der Vater Mischkas kam einst zu ungewohnter Stunde nach der
-Hütte und fand da seinen Jungen. 'Zur Mutter also kann er kommen, zu mir
-nicht,' schrie er, schimpfte beide Verräter und Verschwörer und begann
-Mischka zu mißhandeln, was sich der gefallen ließ. Als der Häusler sich
-jedoch anschickte, auch sein Weib zu züchtigen, fiel der Bursche ihm in
-den Arm. Merkwürdig genug, warum just damals? Wenn man ihn gefragt
-hätte, wie oft er den Vater die Mutter schlagen sah, hätte er sagen
-müssen: 'Soviel Jahre, als ich ihrer gedenke, mit dreihundertfünfundsechzig
-multipliziert, das gibt die Zahl.' -- Und die ganze Zeit hindurch hatte
-er dazu geschwiegen, und heute loderte beim längst gewohnten Anblick
-plötzlich ein unbezwinglicher Zorn in ihm empor. Zum zweiten Male nahm
-er gegen den Vater Partei für das schwächere Geschlecht, und dieses Mal
-blieb er Sieger. Er scheint aber mehr Entsetzen als Freude über seinen
-Triumph empfunden zu haben. Mit einem heftigen Aufschluchzen rief er dem
-Vater, der nun klein beigeben wollte, rief er der weinenden Mutter zu:
-'Lebt wohl, mich seht ihr nie wieder!' und stürmte davon. Vierzehn Tage
-lang hofften die Eltern umsonst auf seine Rückkehr, er war und blieb
-verschwunden. Bis ins Schloß gelangte die Kunde seiner Flucht; meiner
-Großmutter wurde angezeigt, Mischka habe seinen Vater halbtot geschlagen
-und sich dann davon gemacht. Nun aber war es nach der Verletzung des
-sechsten Gebotes diejenige des vierten, die von meiner Großmutter am
-schärfsten verdammt wurde; gegen schlechte und undankbare Kinder kannte
-sie keine Nachsicht ... Sie befahl, auf den Mischka zu fahnden, sie
-befahl, seiner habhaft zu werden und ihn heimzubringen zu exemplarischer
-Bestrafung.
-
-»Ein paarmal war die Sonne auf- und untergegangen, da stand eines
-Morgens Herr Fritz an der Gartenpforte und blickte auf die Landstraße
-hinaus. Lau und leise wehte der Wind über die Stoppelfelder, die
-Atmosphäre war voll feinen Staubes, den die Allverklärerin Sonne
-durchleuchtete und goldig schimmern ließ. Ihre Strahlen bildeten in dem
-beweglichen Element reizende kleine Milchstraßen, in denen Milliarden
-von winzigen Sternchen aufblitzten. Und nun kam durch das flimmernde,
-tanzende Atomengewimmel eine schwere, graue Wolkensäule, bewegte sich
-immer näher und rollte endlich so nahe an der Pforte vorbei, daß Fritz
-deutlich unterscheiden konnte, wen sie umhüllte. Zwei Heiducken waren es
-und Mischka. Er sah aus blaß und hohläugig wie der Tod und wankte beim
-Gehen. In den Armen trug er sein Kind, das die Händchen um seinen Hals
-geschlungen, den Kopf auf seine Schulter gelegt hatte und schlief. Fritz
-öffnete das Tor, schloß sich der kleinen Karawane an, holte rasch einige
-Erkundigungen ein und schwebte dann, ein Papagei im Taubenfluge, ins
-Haus, über die Treppe, in den Saal hinein, in dem meine Großmutter eben
-die sonnabendliche Ratsversammlung hielt. Der Kammerdiener, von dem
-Glücksgefühl getragen, das Bedientenseelen beim Überbringen einer
-neuesten Nachricht zu empfinden pflegen, rundete ausdrucksvoll seine
-Arme und sprach, vor Wonne fast platzend: 'Der Mischka laßt die Hand
-küssen. Er ist wieder da.'
-
-»'Wo war er?' fragte meine Großmutter.
-
-»'Mein Gott, hochgräfliche Gnaden' -- lispelte Fritz, schlug mehrmals
-schnell nacheinander mit der Zunge an den Gaumen und blickte die
-Gebieterin so zärtlich an, als die tiefste, unterwürfigste Knechtschaft
-es ihm nur irgend erlaubte. 'Wo wird er gewesen sein ... Bei seiner
-Geliebten. Ja,' bestätigte er, während die Herrin, empört über diesen
-frechen Ungehorsam, die Stirn runzelte, 'ja, und gewehrt hat er sich
-gegen die Heiducken, und dem Janko hat er, ja, beinahe ein Auge
-ausgeschlagen.'
-
-»Meine Großmutter fuhr auf: 'Ich hätte wirklich Lust, ihn henken zu
-lassen.'
-
-»Alle Beamten verneigten sich stumm; nur der Oberförster warf nach
-einigem Zagen die Behauptung hin: 'Hochgräfliche Gnaden werden es aber
-nicht tun.'
-
-»'Woher weiß er das?' fragte meine Großmutter mit der strengen
-Herrschermiene, die so vortrefflich wiedergegeben ist auf ihrem Bilde
-und die mich gruseln macht, wenn ich im Ahnensaal an ihm vorübergehe.
-'Daß ich mein Recht über Leben und Tod noch nie ausgeübt habe, bürgt
-nicht dafür, daß ich es nie ausüben werde.'
-
-»Wieder verneigten sich alle Beamten, wieder trat Schweigen ein, das der
-Inspektor unterbrach, indem er die Entscheidung der Gebieterin in einer
-wichtigen Angelegenheit erbat. Erst nach beendigter Konferenz erkundigte
-er sich, gleichsam privatim, nach der hohen Verfügung betreffs Mischkas.
-
-»Und nun beging meine Großmutter jene Übereilung, von der ich im Anfang
-sprach.
-
-»'Fünfzig Stockprügel,' lautete ihr rasch gefällter Urteilsspruch;
-'gleich heute, es ist ohnehin Samstag.'
-
-»Der Samstag war nämlich zu jener Zeit, deren Sie,« diesem Worte gab der
-Graf eine besondere, sehr schalkhafte Betonung -- »sich unmöglich
-besinnen können, der Tag der Exekutionen. Da wurde die Bank vor das
-Amtshaus gestellt ...«
-
-»Weiter, weiter!« sagte die Gräfin, »halten Sie sich nicht auf mit
-unnötigen Details.«
-
-»Zur Sache denn! -- An demselben Samstag sollten die letzten Gäste
-abreisen, es herrschte große Bewegung im Schlosse; meine Großmutter, mit
-den Vorbereitungen zu einer Abschiedsüberraschung, die sie den
-Scheidenden bereiten ließ, beschäftigt, kam spät dazu, Toilette zum
-Diner zu machen, und trieb ihre Kammerzofen zur Eile an. In diesem
-allerungünstigsten Momente ließ der Doktor sich anmelden. Er war unter
-allen Dignitären der Herrin derjenige, der am wenigsten in Gnaden bei
-ihr stand, verdiente es auch nicht besser, denn einen langweiligeren,
-schwerfälligeren Pedanten hat es nie gegeben.
-
-»Meine Großmutter befahl, ihn abzuweisen, er aber kehrte sich nicht
-daran, sondern schickte ein zweites Mal und ließ die hochgeborene Frau
-Gräfin untertänigst um Gehör bitten, er hätte nur ein paar Worte über
-den Mischka zu sprechen.
-
-»'Was will man denn noch mit dem?' rief die Gebieterin; 'gebt mir Ruhe,
-ich habe andre Sorgen.'
-
-»Der zudringliche Arzt entfernte sich murrend.
-
-»Die Sorgen aber, von denen meine Großmutter gesprochen hatte, waren
-nicht etwa frivole, sondern solche, die zu den peinvollsten gehören --
-Sorgen, für die Ihnen, liebe Freundin, allerdings das Verständnis und
-infolgedessen auch das Mitleid fehlt -- Poetensorgen.«
-
-»O mein Gott!« sagte die Gräfin unbeschreiblich wegwerfend, und der
-Erzähler entgegnete:
-
-»Verachten Sie's, soviel Sie wollen, meine Großmutter besaß poetisches
-Talent, und es manifestierte sich deutlich in dem Schäferspiel »*Les
-adieux de Chloë*«, das sie gedichtet und den Darstellern selbst
-einstudiert hatte. Das Stückchen sollte nach der Tafel, die man im
-Freien abhielt, aufgeführt werden, und der Dichterin, obwohl sie ihres
-Erfolges ziemlich sicher war, bemächtigte sich, je näher der
-entscheidende Augenblick kam, eine desto weniger angenehme Unruhe. Beim
-Dessert, nach einem feierlichen, auf die Frau des Hauses ausgebrachten
-Toast, gab jene ein Zeichen. Die mit Laub überflochtenen Wände, welche
-den Einblick in ein aus beschnittenen Buchenhecken gebildetes Halbrund
-verdeckt hatten, rollten auseinander, und eine improvisierte Bühne wurde
-sichtbar. Man erblickte die Wohnung der Hirtin Chloë, die mit
-Rosenblättern bestreute Moosbank, auf der sie schlief, den mit Tragant
-überzogenen Hausaltar, an dem sie betete, und den mit einem rosafarbigen
-Band umwundenen Rocken, an dem sie die schneeig weiße Wolle ihrer
-Lämmchen spann. Als idyllische Schäferin besaß Chloë das Geheimnis
-dieser Kunst. Nun trat sie selbst aus einem Taxusgange, und hinter ihr
-schritt ihr Gefolge, darunter ihr Liebling, der Schäfer Myrtill. Alle
-trugen Blumen, und in vortrefflichen Alexandrinern teilte nun die zarte
-Chloë dem aufmerksam lauschenden Publikum mit, dies seien die Blumen der
-Erinnerung, gepflückt auf dem Felde der Treue, und bestimmt, dargebracht
-zu werden auf dem Altar der Freundschaft. Gleich nach dieser Eröffnung
-brach ungemessener Jubel im Auditorium los und steigerte sich von Vers
-zu Vers. Einige Damen, die Racine kannten, erklärten, er könne sich vor
-meiner Großmutter verstecken, und einige Herren, die ihn nicht kannten,
-bestätigten es. Sie aber konnte über die Echtheit des Enthusiasmus, den
-ihre Dichtung erweckte, nicht in Zweifel sein. Die Ovationen dauerten
-noch fort, als die Herrschaften schon ihre Wagen oder ihre Pferde
-bestiegen hatten und teils in stattlichen Equipagen, teils in leichten
-Fuhrwerken, teils auf flinken Rossen aus dem Hoftor rollten oder
-sprengten.
-
-»Die Herrin stand unter dem Portal des Schlosses und winkte den
-Scheidenden grüßend und für ihre Hochrufe dankend zu. Sie war so
-friedlich und fröhlich gestimmt, wie dies einem Selbstherrscher, auch
-des kleinsten Reiches, selten zuteil wird. Da -- eben im Begriff, sich
-ins Haus zurückzuwenden, gewahrte sie ein altes Weiblein, das in
-respektvoller Entfernung vor den Stufen des Portals kniete. Es hatte den
-günstigen Augenblick wahrgenommen und sich durch das offenstehende Tor
-im Gewirr und Gedränge unbemerkt hereingeschlichen. Jetzt erst wurde es
-von einigen Lakaien erblickt. Sogleich rannten sie, Herrn Fritz an der
-Spitze, auf das Weiblein zu, um es gröblich hinwegzuschaffen. Zum
-allgemeinen Erstaunen jedoch winkte meine Großmutter die dienstfertige
-Meute ab und befahl zu fragen, wer die Alte sei und was sie wolle. Im
-nämlichen Moment räusperte sich's hinter der Gebieterin und nießte, und,
-den breitkrempigen Hut in der einen Hand und mit der andern die
-Tabaksdose im Busen verbergend, trat der Herr Doktor bedächtig heran.
-'Es ist, hm, hm, hochgräfliche Gnaden werden entschuldigen,' sprach er,
-'es ist die Mutter des Mischka.'
-
-»'Schon wieder Mischka, hat das noch immer kein Ende mit dem Mischka?...
-Und was will die Alte!'«
-
-»'Was wird sie wollen, hochgräfliche Gnaden? Bitten wird sie für ihn
-wollen, nichts andres.'
-
-»'Was denn bitten? Da gibt's nichts zu bitten.'
-
-»'Freilich nicht, ich habe es ihr ohnehin gesagt, aber was nutzt's? Sie
-will doch bitten, hm, hm.'
-
-»'Ganz umsonst, sagen Sie ihr das. Soll ich nicht mehr aus dem Hause
-treten können, ohne zu sehen, wie die Gartenarbeiter ihre Geliebten
-embrassieren?'
-
-»Der Doktor räusperte sich, und meine Großmutter fuhr fort: 'Auch hat er
-seinen Vater halbtot geschlagen.'
-
-»'Hm, hm, er hat ihm eigentlich nichts getan, auch nichts tun _wollen_,
-nur abhalten, die Mutter nicht _ganz_ totzuschlagen.'
-
-»'So?'
-
-»'Ja, hochgräfliche Gnaden. Der Vater, hochgräfliche Gnaden, ist ein
-Mistvieh, hat einen Zahn auf den Mischka, weil der der Mutter seiner
-Geliebten manchmal ein paar Kreuzer zukommen läßt.'
-
-»'Wem?'
-
-»'Der Mutter seiner Geliebten, hochgräfliche Gnaden, ein
-erwerbsunfähiges Weib, dem sozusagen die Quellen der Subsistenzmittel
-abgeschnitten worden sind ... dadurch, daß man die Tochter fortgeschickt
-hat.'
-
-»'Schon gut, schon gut!... Mit den häuslichen Angelegenheiten der Leute
-verschonen Sie mich, Doktor, da mische ich mich nicht hinein.'
-
-»Der Doktor schob mit einer breiten Gebärde den Hut unter den Arm, zog
-das Taschentuch und schneuzte sich diskret. 'So werde ich also der Alten
-sagen, daß es nichts ist.' Er machte, was die Franzosen *une fausse
-sortie* nennen, und setzte hinzu: 'Freilich, hochgräfliche Gnaden, wenn
-es nur wegen des Vaters wäre ...'
-
-»'Nicht bloß wegen des Vaters, er hat auch dem Janko ein Auge
-ausgeschlagen.'
-
-»Der Doktor nahm eine wichtige Miene an, zog die Augenbrauen so hoch in
-die Höhe, daß seine dicke Stirnhaut förmliche Wülste bildete, und
-sprach: 'Was dieses Auge betrifft, das sitzt fest und wird dem Janko
-noch gute Dienste leisten, sobald die Sugillation, die sich durch den
-erhaltenen Faustschlag gebildet hat, aufgesaugt sein wird. Hätte mich
-auch gewundert, wenn der Mischka imstande gewesen wäre, einen kräftigen
-Hieb zu führen nach der Behandlung, die er von den Heiducken erfahren
-hat. Die Heiducken, hochgräfliche Gnaden, haben ihn übel zugerichtet.'
-
-»'Seine Schuld; warum wollte er ihnen nicht gutwillig folgen.'
-
-»'Freilich, freilich, warum wollte er nicht? Vermutlich, weil sie ihn
-vom Sterbebette seiner Geliebten abgeholt haben -- da hat er sich schwer
-getrennt ... Das Mädchen, hm, hm, war in andern Umständen, soll vom
-Vater des Mischka sehr geprügelt worden sein, bevor sie die Wanderung
-angetreten hat. Und dann -- die Wanderung, die weit ist, und die Person,
-hm, hm, die immer schwach gewesen ist ... kein Wunder, wenn sie am Ziele
-zusammengebrochen ist.'
-
-»Meine Großmutter vernahm jedes Wort dieser abgebrochenen Sätze, wenn
-sie sich auch den Anschein zu geben suchte, daß sie ihnen nur eine
-oberflächliche Aufmerksamkeit schenkte. 'Eine merkwürdige Verkettung von
-Fatalitäten,' sprach sie, 'vielleicht eine Strafe des Himmels.'
-
-»'Wohl, wohl,' nickte der Doktor, dessen Gesicht zwar immer seinen
-gleichmütigen Ausdruck behielt, sich aber allmählich purpurrot gefärbt
-hatte. 'Wohl, wohl, des Himmels, und wenn der Himmel sich bereits
-dreingelegt hat, dürfen hochgräfliche Gnaden ihm vielleicht auch das
-Weitere in der Sache überlassen ... ich meine nur so!' schaltete er,
-seine vorlaute Schlußfolgerung entschuldigend, ein -- 'und dieser
-Bettlerin', er deutete nachlässig auf die Mutter Mischkas, 'huldvollst
-ihre flehentliche Bitte erfüllen.'
-
-»Die kniende Alte hatte dem Gespräch zu folgen gesucht, sich aber mit
-keinem Laut daran beteiligt. Ihre Zähne schlugen vor Angst aneinander,
-und sie sank immer tiefer in sich zusammen.
-
-»'Was will sie denn eigentlich?' fragte meine Großmutter.
-
-»'Um acht Tage Aufschub, hochgräfliche Gnaden, der ihrem Sohne
-diktierten Strafe, untersteht sie sich zu bitten, und ich, hochgräfliche
-Gnaden, unterstütze das Gesuch, durch dessen Genehmigung der
-Gerechtigkeit besser Genüge geschähe, als heute der Fall sein kann.'
-
-»'Warum?'
-
-»'Weil der Delinquent in seinem gegenwärtigen Zustande den Vollzug der
-ganzen Strafe schwerlich aushalten würde.'
-
-»Meine Großmutter machte eine unwillige Bewegung und begann langsam die
-Stufen des Portals niederzusteigen. Fritz sprang hinzu und wollte sie
-dabei unterstützen. Sie aber winkte ihn hinweg: 'Geh aufs Amt,' befahl
-sie, 'Mischka ist begnadigt.'
-
-»'Ah!' stieß der treue Knecht bewundernd hervor und enteilte, während
-der Doktor bedächtig die Uhr aus der Tasche zog und leise vor sich
-hinbrummte: 'Hm, hm, es wird noch Zeit sein, die Exekution dürfte eben
-begonnen haben.'
-
-»Das Wort 'begnadigt' war von der Alten verstanden worden; ein Gewinsel
-der Rührung, des Entzückens drang von ihren Lippen, sie fiel nieder und
-drückte, als die Herrin näher trat, das Gesicht auf die Erde, als ob sie
-sich vor so viel Größe und Hoheit dem Boden förmlich gleichzumachen
-suche.
-
-»Der Blick meiner Großmutter glitt mit einer gewissen Scheu über dieses
-Bild verkörperter Demut: 'Steh auf', sagte sie und -- zuckte zusammen
-und horchte ... und alle Anwesenden horchten erschaudernd, die einen
-starr, die andern mit dem albernen Lachen des Entsetzens. Aus der Gegend
-des Amtshauses hatten die Lüfte einen gräßlichen Schrei herübergetragen.
-Er schien ein Echo geweckt zu haben in der Brust des alten Weibleins,
-denn es erhob stöhnend den Kopf und murmelte ein Gebet ...
-
-»'Nun?' fragte einige Minuten später meine Großmutter den atemlos
-herbeistürzenden Fritz: 'Hast du's bestellt?'
-
-»'Zu dienen,' antwortete Fritz und brachte es diesmal statt zu seinem
-süßen Lächeln nur zu einem kläglichen Grinsen: 'Er laßt die Hand küssen,
-er ist schon tot.'« --
-
-»Fürchterlich!« rief die Gräfin aus, »und das nennen Sie eine friedliche
-Geschichte?«
-
-»Verzeihen Sie die Kriegslist, Sie hätten mich ja sonst nicht angehört,«
-erwiderte der Graf. »Aber vielleicht begreifen Sie jetzt, warum ich den
-sanftmütigen Nachkommen Mischkas nicht aus dem Dienst jage, obwohl er
-meine Interessen eigentlich recht nachlässig vertritt.«
-
-
-
-
- Fräulein Susannens Weihnachtsabend.
-
-
-Fräulein Susette, oder wie sie sich lieber nennt, Susanne, spazierte am
-Weihnachtsabend munter in ihrem Zimmer hin und her. Sie hatte viele
-Leute beschenkt, versetzte sich nun im Geiste zu dem und jenem der
-angenehm Überraschten und befand sich da sehr behaglich. Ihre zu
-kleinen, aber flinken und geschickten Hände schlugen gleichsam den Takt
-zu der Freudenmusik in ihrem Innern, indem sie die beinernen Nadeln der
-Strickerei rasch und lieblich klappern ließen.
-
-Andern Vergnügen machen ist ein Vergnügen für jeden natürlich gearteten
-Menschen, dachte sie, für mich aber, die so spät dazu kam, ein
-berauschendes Glück. -- Wenn einem die Eltern mißraten sind, wenn man
-ein langes Dasein der freudlosen Pflichterfüllung, der Unterwürfigkeit
-und Entbehrung hinter sich hat, und erwacht eines Morgens selbständig,
-frei, wohlhabend, gar nicht mehr jung, aber mit einem ungehobenen Schatz
-an Heiterkeit im Herzen, das ist zum Übermütigwerden, und Susanne wurde
-übermütig und machte ausschweifenden Gebrauch von ihrer Unabhängigkeit
-und von ihrem Reichtum.
-
-Sie hatte viele Jahre mit ihrer begüterten, aber vom Geizteufel
-besessenen Großmutter in einer armen Leuten abgemieteten Dachkammer
-gelebt. Wie gelebt! Als geduldige und mißhandelte Magd. Dennoch vergoß
-sie am Sterbebette ihrer Tyrannin ehrliche Tränen.
-
-Nach dem Tode der alten Frau befand sich Susanne, deren einziges
-Enkelkind, an der Spitze eines nach ihren Begriffen großen Vermögens.
-Die Erbin bezog nun eine hübsche, aus drei Zimmern und einer Küche
-bestehende Wohnung im vierten Stock eines stattlichen Hauses in der
-Göttweihergasse. Sie nahm ein Dienstmädchen auf, ging oft spazieren und
-stieg, wenn sie müde wurde, in einen Stellwagen, ohne weiteres -- wie
-eine Prinzessin.
-
-Der Luxus jedoch, den sie am maßlosesten betrieb, war der
-Verschenkluxus; ihm ergab sie sich immer, besonders aber um die
-gesegnete Weihnachtszeit, und ein solcher Christabend, an dem Susanne
-auf und ab pendelte in ihrer guten Stube -- sorgfältig vermeidend, den
-Rand des kleinen, unter dem Tische liegenden Teppichs zu betreten, um
-ihn nicht abzunützen -- und an alle die Menschen dachte, denen sie eine
-Freude bereitet hatte -- ein solcher Christabend ... Niemand vermag
-seine stillen Entzückungen zu schildern. Das Fräulein wußte nur eins:
-sich die Hochgefühle, von denen sie jetzt beseelt wird, in Permanenz
-versetzt denken, und sie hat eine Vorstellung dessen, was himmlische
-Seligkeit ist.
-
-Auf einmal blieb Susanne stehen und horchte. Durch die Wand, aus der
-Wohnung nebenan, war das Gekreische jubelnder Stimmen zu ihr gedrungen.
-Haha, die Kunzelkinder! Nur zu! Dieser Jubel macht dem Fräulein kein
-geringes Vergnügen, denn sie ist dessen Urheberin. Sie hat den
-Christbaum gekauft und geschmückt, der jetzt so begeistert akklamiert
-wird. Ohne sie hätten die Nachbarn einen traurigen Weihnachtsabend
-gehabt. Sie war kürzlich dem Haupte der Familie, dem Herrn
-Kürschnermeister Kunzel, und seinem ältesten Sprößling, dem
-siebenjährigen Toni, auf der Treppe begegnet und hatte zu dem Kinde
-gesagt: »Nun, Toni, freust du dich auf den Christbaum?« worauf der Junge
-seine kleinen, tiefliegenden Augen gesenkt, die Unterlippe vorgeschoben
-und etwas Unverständliches gemurmelt, der Kürschnermeister jedoch mit
-einer weit ausholenden Schwenkung des Hutes und ehrfürchtiger Verbeugung
-geantwortet hatte: »Ach nein, gnädigstes Fräulein, heuer hält sich das
-Christkinderl bei uns nicht auf ... Es wird ... es hat ...« Er stockte,
-fuhr langsam mit seiner breiten Hand über den Kopf und das Gesicht und
-setzte verlegen hinzu: »Es muß sparen ... auf eine neue Wiege -- mit
-Zubehör ... die alte tut's durchaus nicht mehr ...«
-
-»Mein Gott, das sechste, und ich habe schon das vierte und das fünfte
-aus der Taufe gehoben!« sagte Susanne zu sich selbst, und zu Herrn
-Kunzel sagte sie nichts, sondern ging stumm und unaufhaltsam ihrer Wege,
-was sie später sehr bereute. Wenn man auch keineswegs gesonnen ist, bei
-Nummer sechs Taufpatenstelle zu vertreten, läuft man doch nicht mit
-unanständiger Eile davon, weil einem dessen bevorstehende Ankunft
-angezeigt wird.
-
-Das Schlimme, ja das Abscheuliche dabei ist, daß Susanne um die Gunst,
-welche sie eben in Gedanken verweigerte -- nie gebeten worden ist,
-dieselbe vielmehr selbst angeboten und sogar nach der Geburt von Nummer
-fünf aufgedrungen, als sie gehört hatte: die Kürschnersleute finden
-keine Taufpatin für ihre Jüngste.
-
-Wie überrascht waren jene gewesen, da Susanne im Augenblick der größten
-Verlegenheit als rettender Engel erschien, aber auch wie ehrlich
-beschämt! Der Mann ganz rot, und die Frau ganz blaß, hatten zuerst an
-das großmütige Anerbieten kaum glauben können. Sie hatten einander
-bestürzt angesehen und gemurmelt: »Nein, Mutter ... das wäre zu viel.«
--- »Nein, Vater, das gibt's nicht ...«
-
-Und einmal wieder hatte Susanne was »zu viel« ist und »was es nicht
-gibt« getan und einmal wieder in den auserlesensten Hochgefühlen
-geschwelgt und sich in eine neue Gelegenheit zu fortwährenden Opfern
-hineingestürzt mit Mutius Scävolaischer Begeisterung.
-
-Das der wirkliche Sachverhalt, bei dem sich die Noblesse des braven
-Ehepaares so deutlich geoffenbart, und aus dem Susanne so wenig gelernt
-hatte, daß sie entfloh wie vor einer Gefahr, vor der Aussicht auf ein
-neues Kunzelchen.
-
-Welche Abgründe im Menschenherzen, sogar in einem ganz passablen! klagte
-sie. Stille, schwarze Wässerchen, verborgene Miserabilitätsadern in
-einem scheinbar leidlich gesunden Organismus.
-
-Susanne hatte viel gelitten durch die Erinnerung an ihr schnödes
-Benehmen gegen Herrn Kunzel, und das Gejauchze seiner Kinder, das sie
-jetzt vernahm, wirkte unsagbar heilend auf ihre Seelenwunde. Gar lebhaft
-und innig regte sich in dem Fräulein der Wunsch, ein bißchen
-hinüberzugehen zu den guten Leutchen, um persönlich an ihrer Freude
-teilzunehmen.
-
-Aber der Respekt der Einsamen vor der Familie, die man an einem Tage,
-wie der heutige, in ihrem friedlichen Beisammensein nicht stören darf,
-hielt sie davon ab, und so fuhr sie fort, ihre Besuche vergnügt in
-Gedanken abzustatten.
-
-Sie flog in die Brigittenau zu ihrer Wäscherin und von da zu dem
-Buchbinder Hasse in Lerchenfeld, und von Lerchenfeld in die Kumpfgasse
-zur alten Blumenresel, zu lauter wackeren, schwer ringenden Menschen,
-die heute aufatmen -- Susanne hat sie von ihren drückenden Sorgen
-befreit. Von der Kumpfgasse begibt sich das Fräulein nach der Freiung,
-sie tut es ein wenig zögernd.
-
-Ach -- es kann nicht anders sein!... Wenn sie von Leuten kommt, die sich
-eine Ehre aus ihr machen -- jetzt naht sie einer Wohnung, die auch nur
-im Geiste zu betreten eitel Ehre für sie ist, denn in dieser Wohnung
-residiert ihr Vetter Joseph, der kaiserlich königliche Hofrat. Ein
-Pracht- und Mustermensch, der Vetter Hofrat, angebetet von seinen
-Untergebenen, hochgeschätzt von seinen Vorgesetzten, ein Beamter mit
-großer Zukunft. Und was für ein Ehemann! Die Ritterlichkeit, die Liebe
-selbst. -- Verehrter Joseph!... Ja, was für ein Ehemann! Was für ein
-Vater, und -- Susanne darf sagen -- was für ein Vetter!
-
-Musterhaft schon von jeher, hatte Joseph aus reinem Pflichtgefühl die
-Großtante manchmal in ihrer Dachkammer besucht und auf Susanne einen
-Eindruck gemacht, dessen Tiefe sie erst ermaß, als sie hörte: der Vetter
-heiratet ein schönes, sehr reiches Fräulein.
-
-Sie erschrak tödlich über diese Nachricht und dann über ihr
-Erschrecken. Hatte sie denn auf ihn gehofft, den Hohen, Einzigen? --
-Niemals! Mit Seelenstärke überwand sie ihren unberechtigten Schmerz; sie
-begeisterte sich sogar für die Frau ihres Vetters und fuhr fort, ihn zu
-bewundern. Seine glänzende Heirat machte ihn nicht hochmütig, er blieb
-immer gleich huldvoll gegen die arme Susanne.
-
-In ihren schwersten Tagen -- nie wird sie es ihm vergessen --, wenn sie
-ihn auf der Straße traf und wegen ihres in der Auflösung begriffenen
-Fähnchens und ihres ärmlichen alten Umhängetuches vor Beschämung am
-liebsten zu einem Schatten auf dem Trottoir zerflossen wäre -- hatte er
-sie nie verleugnet. Im Gegenteil, sie immer herablassend gegrüßt mit
-zwei Fingern der schwedisch behandschuhten Rechten, die er eigens zu
-diesem Behufe, sogar im Winter, aus der Tasche des kostbaren,
-ehrfurchtgebietenden Paletots gezogen; manchmal auch: »Gu'n Morgen,
-Sette,« dazu gesagt ...
-
-»Gu'n Morgen, Sette!« ... Wie lange, wie süß hatte es immer in ihr
-nachgehallt und sie mit einem Klange umschmeichelt, für den sie nur
-_eine_ richtige Bezeichnung fand -- einem balsamischen Klange.
-
-Jetzt, zu Geld und Gut gekommen, zeigte Susanne sich dankbar, indem sie
-jede Gelegenheit ergriff, ihrem Vetter oder einem der Seinen eine
-Aufmerksamkeit zu erweisen, und mit den Christgeschenken trieb sie es
-großmütiger von Jahr zu Jahr. Ihr Budget wurde dadurch sehr beschwert --
-aber ihre Seele bekam Flügel.
-
-Und nicht genug ...
-
-Mit den Wonnen des heutigen Tages fand das Glück sich noch nicht ab. Es
-brachte Fortsetzung -- einen unaussprechlich lieben Besuch. Morgen,
-Susanne darf darauf rechnen, nach der heiligen Messe, wird der Vetter
-weihrauchduftend erscheinen, in Begleitung seiner imponierend schönen
-Frau, seines lieben fünfzehnjährigen Sohnes und seiner kleinen Tochter.
-Sein mächtiges, glatt rasiertes Gesicht wird von dem Lichte würdevollen
-Wohlwollens erhellt sein, und er wird sagen: »Wirklich, Sette, zu viel,
-wir bitten ...«
-
-Die schöne Base jedoch wird ihm ins Wort fallen -- spöttisch lachend,
-wie sie pflegt, wahrscheinlich weil es ihr so reizend steht: »Nein, wie
-die gute Susette nur jedesmal errät, was wir uns am meisten wünschen!
-Wie sie das nur anfängt, die gute Susette!«
-
-Eine große Verwirrung wird sich des Fräuleins bemächtigen. Sollte die
-Kammerjungfer das geheime Einverständnis, in dem sie sich befinden,
-verraten haben? -- Aber nein, das wäre zu schlecht, solche
-Schlechtigkeit kann nicht vorkommen in der Nähe _dieser_ Menschen. Damit
-wird sie sich trösten; es werden noch einige Reden gewechselt werden,
-und dann wird Joseph aufstehen und sprechen: »Wir sind auch gekommen, um
-dir glückliche Feiertage und ein glückliches neues Jahr zu wünschen,
-Sette. Kinder, gratuliert der Tante!«
-
-Die wohlerzogenen artigen Kinder werden sogleich die Absicht an den Tag
-legen, dem Fräulein die Hände zu küssen, was sie natürlich nicht zugeben
-wird. Und die schöne Cousine wird -- abermals mit ihrem reizend
-spöttischen Lächeln, ihre Wange derjenigen Susannes bis auf einen
-Zentimeter nähern und dabei die Luft küssen ... Und dann werden sie
-gehen, und Susanne wird sie bis an die Haustür begleiten, ins Zimmer
-zurückeilen, die Arme ausbreiten und rufen:
-
-»Sie waren da! Sie waren da!« und Rosi, die verdienstvolle Magd, wird
-ihre Zustimmung kundgeben. »No jo. Dos sind holt Herrschoften. Do
-hoben's Fräul'n auch amol an B'such von Herrschoften kriegt und nit
-immer nur von so Leut, die wos wolln. No joh!«
-
-Ach, der Vorgenuß und der Nachgenuß, das sind die rechten. Der
-Augenblick selbst hat etwas Überwältigendes ... Schon das gewisse Würgen
-im Halse, das sich einstellt, wenn um Zwölf die Glocke ertönt ...
-
-Hilf Gott! just als sie es denkt, da läutet's. Was bedeutet das? Wem
-kann es nur einfallen, daher zu kommen am Weihnachtsabend? Rosi erwartet
-allerdings ihre Schwestern, aber die klingeln nicht, die klopfen.
-
-Etwas Unheimliches ist's zum Glücke nicht, das Fräulein hört ihre
-Dienerin auf dem Gange sehr heiter sprechen, und nun tritt die
-schmunzelnd ein und sagt:
-
-»Eine Visit soll ich anmelden. Noh, Tonerl, is g'fällig?«
-
-Es ist gefällig; der Angerufene, Toni Kunzel, erscheint. Mit ernster,
-geschäftsmäßiger Miene, den großen, lichtblonden Kopf vorgebeugt, geht
-er gradaus auf den Tisch zu und legt drei Pakete von verschiedener Größe
-darauf. Zu grüßen hat er vergessen vor lauter Wichtigkeit. Er wickelt
-das Mitgebrachte schweigend aus den vielen, nicht eben blanken Papieren,
-in die es eingehüllt ist, knüllt jedes extra zusammen und steckt es in
-die rückwärtige Tasche seines grünen Jäckchens, das zuletzt wegragt wie
-ein Pfauenschwanz.
-
-Nach und nach sind zum Vorschein gekommen: eine vergoldete Nuß, ein
-roter Apfel und ein lebzeltener Husar, mit einem von kleinen Zähnen
-etwas angenagten Federbusch. Toni legt alles schön nebeneinander, ändert
-die Reihenfolge einige Male, bis sie ihm recht ist und der Husar zuerst
-und die Nuß zuletzt kommt. Dann fährt er mit dem Rücken der Hand an
-dieser Darbringung, sie gleichsam unterstreichend, vorbei und sagt:
-
-»So, Fräul'n. Nimm Sie sich das. Weil heut Christabend is. Daß Sie auch
-was hat;« und sieht sie dabei so kapabel und überlegen an, aus unsagbar
-ehrlichen und unschuldigen Augen, und wartet siegessicher auf die
-Äußerung des Beifalls, den seine Großmut erwecken muß.
-
-»O du Toni!« will Susanne ausrufen, aber mitten im Satze kippt ihre
-Stimme um; es schießt ihr heiß in die Augen, und ihr Näschen rötet sich.
-Sie nimmt den edlen Spender beim Kopf und drückt einen Kuß auf seinen
-Scheitel, und Toni, offenbar ungemein geschmeichelt und gerührt, packt
-ihre kleine Rechte und küßt sie auf das allerinnigste. Dann läßt er noch
-eine Anpreisung und Gebrauchsanweisung seiner Gaben folgen: »'s is alles
-gut. Alles vom Christkinderl. Sie kann alles essen, auch die Nuß. Aber
-schad wär's halt.«
-
-Damit empfiehlt er sich.
-
-Das Fräulein ist wieder allein. Süße, schöner denn je belebte
-Einsamkeit!... »O du Toni!« und! »Nein, das Kind!« sagt sie unzählige
-Male. Da hat sie nun die erste Christbescherung erhalten in ihrem
-ganzen Leben, und das macht ihr einen Eindruck ... sie wird ganz
-töricht, als sie sich Rechenschaft von ihm geben will ... Es ist ein
-himmelblauer Eindruck, meint sie, und lacht und strickt dazu. Himmelblau
-mit goldenen Sternchen, und stellenweise, wo er durchsichtig wird, guckt
-ein wehmütig grauer Hintergrund heraus. Musik ist auch dabei, die
-Sternchen klingen. Ein wenig verrückt diese Idee ... sei's darum! Nach
-einem außerordentlichen Ereignis hat man eben andre als
-Werkeltagsgedanken, und -- was fährt Susannen nicht alles durch den Kopf!
-Viel angenehmer Unsinn, an den sie beileibe nicht glaubt, den sie sich
-aber doch vorspiegeln läßt von Dame Phantasie, weil die heute so gut bei
-Laune ist.
-
--- Wenn ein Kind das Herzensbedürfnis empfand, dich zu beschenken,
-spricht die alte, ewig junge Faslerin, warum sollten nicht auch
-Erwachsene es empfinden? Warte nur, was heute noch alles kommt!
-
-Susanne depreziert: Wer sollte mir etwas schenken? Der es tun könnte,
-der Vetter, ein Familienvater, hat andre Sorgen -- und meine übrigen
-Bekannten sind arme Leute. --
-
-Das macht nichts, auch die können geben. Die Blumenresel zum Beispiel,
-die gerade jetzt, dank deiner Verwendung, dreißig Jubiläumssträuße in
-der Singerstraße abzuliefern hat, könnte wohl im Vorübergehen eine
-schöne, frische Rose für dich abgeben. Sie brauchte sich deiner nur zu
-erinnern, wie der kleine Toni sich deiner erinnert hat ... Und der
-Buchbinder Hasse in Lerchenfeld, für den du den Mietzins erlegtest, und
-der aus Abschnitzeln so allerliebste Notizbüchelchen macht. Ein Dutzend
-davon hast du ihm abgenommen und verschenkt bis auf eines, das du
-kindische alte Person gar zu gern selbst behalten hättest, das rehbraune
-mit dem vierblättrigen Klee -- du überwandest diese Regung des Geizes,
-denn Rosi lechzte ja förmlich nach dem Büchlein, im Interesse ihres
-Liebhabers, ohne Zweifel. Wenn nun dem guten Hasse einfiele, was dem
-Kunzeltoni eingefallen ist, daß auch du am Christabend etwas haben
-sollst, wenn der Meister ein solches Büchlein brächte, oder schickte,
-durch die Post ... Es wäre noch Zeit, eben schlägt's Sieben, da kommt
-der Briefträger ins Haus ...
-
-Kling! kling! o Tag der Wunder! wird die Schwätzerin recht behalten? --
-Es hat wieder geläutet: Rosi geht die Haustür öffnen und schreit so laut
-auf, daß man's deutlich bis ins Zimmer hört: »Jo wos denn? Na, so wos
-...« Und schon wirbelt sie herein, und ihr auf dem Fuße folgt ein
-Kommissionär, dessen Gesicht feuerfarbig und dessen Gang schwankend ist,
-und trägt ein mit winzigen Kerzen bestecktes, mit dem feinsten Konfekt
-behangenes Christbäumchen.
-
-Susanne starrt und starrt und bringt keine Silbe über die Lippen.
-
-Um so beredter ist Rosi, die spricht ohne Aufhören: »Von der Freiung
-Nummer sechzehn is er geschickt, sogt er. No joh, vom Herrn Vetter, no i
-sog's holt -- die Herrschoften ... 's is lang nix kommen, ober wenn emol
-was kommt, kommt was Rechts. Do stellen's es her auf'n Tisch, 's
-Christbäumerl.«
-
-Merkwürdigerweise zögert der Kommissionär, er sieht sowohl Rosi wie
-Susanne betroffen an, und sagt, er habe den Auftrag, das Präsent dem
-Fräulein persönlich zu übergeben. Die Versicherung Rosis, das Fräulein
-stehe vor ihm, will ihm nicht recht einleuchten. Fräulein Rainer mit
-einem A sei ihm gesagt worden.
-
-»Reiner mit E,« berichtigt Susanne, und er wiederholt:
-
-»Mit E?« und stellt das Bäumchen auf den Tisch, um in seiner Tasche nach
-dem Adreßzettel zu suchen, den ihm sein Auftraggeber eingehändigt hat.
-Rosis Geduld jedoch ist erschöpft. Sie nimmt den Mann bei den Schultern
-und schiebt ihn mit kräftigen Armen aus dem Zimmer. Der Angetrunkene
-sucht Widerstand zu leisten, es ist aber vergeblich. »Gib ihm einen
-Gulden!« ruft Susanne ihrer Dienerin nach, und das kommt mit einem
-Jauchzen heraus, glückseliger als das der Kunzelkinder. Die Jugend ist
-die Zeit der Freude, sagen die Leute. Irrtum! Irrtum! alt muß man sein
-und eine Freude kaum mehr erwartet haben, um sie zu begrüßen, wenn sie
-kommt, wie Frühlingsodem an einem Wintertag.
-
-Unwillkürlich hat Susanne vor dem Bäumchen die Hände gefaltet. Ich lasse
-einen Glassturz darüber machen, beschließt sie, an meinem Sterbebette
-soll es stehen. Mein letzter Blick soll darauf fallen und Gott danken,
-daß er seine Menschen so gut gegen mich sein ließ.
-
-Wie Susanne das Bäumchen immer aufmerksamer betrachtet, entdeckt sie
-halb verborgen im Moose, das den zierlichen Stamm umgibt, ein Päckchen
-in schneeweißem Papier. Sie entfaltet es: sein Inhalt besteht in einem
-mit rosafarbigem Atlas überzogenen Etui. Auf dem Deckel ist ein
-Papierstreifen angesteckt, der eine in der mikroskopischen Schrift des
-Vetters ausgeführte Widmung trägt. Sie lautet:
-
- Es zeigt Dir dieser Stein hier,
- Was immer ist ohne Dir:
-
- Dein Seppel.
-
-Ohne »Dir« und -- »Seppel!« O verehrter Joseph! -- Nun, ein Scherz,
-aber, Susanne kann sich nicht helfen, er hat etwas Verletzendes für sie,
-und geradezu von Schwindel wird sie ergriffen, als sie das Etui öffnet
-und ... Gott! was blinkt und blitzt ihr entgegen in allen Farben des
-Regenbogens? -- ein wundervoll gefaßter Solitär ...
-
-Wahrlich, das übersteigt das Maß, innerhalb dessen eine freudige
-Überraschung noch angenehm ist; das geht in das Gebiet des beunruhigend
-Unbegreiflichen über.
-
-Am liebsten würde Susanne die Widmung von dem Etui herabnehmen, dasselbe
-sorgfältig zusammenpacken und sogleich mit einigen dankend ablehnenden
-Zeilen an den Vetter zurückschicken. Doch fürchtet sie, ihn dadurch zu
-verletzen, und beschließt, die delikate Angelegenheit morgen mündlich
-abzumachen. Halb im Scherz, halb im Ernst wird sie den Vetter fragen, ob
-er sie für eine Person hält, die man ohne weiteres grausam beschämen
-darf? und den Solitär an _das_ Herz legen, an dem er seine Heimstätte zu
-suchen und zu finden hat, das Herz der Gemahlin.
-
-Susanne hat sich in Gedanken alles zurecht gelegt, aber schlafen wird
-sie heute kaum. Die Sorge um den wertvollen Schmuckgegenstand, den sie
-gegen ihren Willen in Verwahrung hat, wird ihr die Ruhe rauben. Noch ist
-sie unentschieden, in welchem ihrer Schränke sie ihn bergen soll, als
-derbe Schritte das Nahen Rosis anzeigen, und Susanne nichts übrig
-bleibt, als das Päckchen einstweilen wieder im Moose zu verstecken. Mit
-einem brennenden Wachsstock in der Hand tritt die Magd ein, ist sehr
-unwirsch und brummt: »Nit zum Wegbringen der Mensch. Betrunken wie a
-Kanon am heilgen Weihnachtsabend. Steht noch auf der Stieg'n und
-studiert sei schmierige Adreß. 'Nummer fünf heißt's,' sogt er, Nummer
-drei heißt's, sog i, kennen's nit lesen?«
-
-»Nummer fünf?« fragt das Fräulein beunruhigt, »liebe Rosi, wenn es
-wirklich fünf hieße und nicht drei?«
-
-Ihr Bedenken wird mit Überlegenheit belächelt, die ihr wohltut; dabei
-zündet die Magd Kerzlein um Kerzlein an. Das reich geputzte Bäumchen
-erstrahlt in magischem Glanze, und dieser Glanz dringt in alle
-Seelentiefen Susannens und leuchtet jeden Zweifel, jede leise
-auftauchende Sorge hinaus.
-
-Sie ist völlig verzückt. Ihr gutes, kleines Mopsgesicht gewinnt einen
-Ausdruck rührend reiner Freude, und sie sagt glückselig bewegt: »Mein
-erster Christbaum, Rosi, mein erster Christbaum, Ro -- --«
-
-Die zweite Silbe bleibt ihr in der Kehle stecken ... Es hat wieder
-geläutet, hastig, ja wild. Susannens Augen richten sich erschrocken auf
-ihre Magd. Die jedoch ist ganz übermütig: »Heut geht's ober zu. No jo,
-vielleicht schickt Seine Majestät der Kaiser wos.«
-
-Sie enteilt, um die Tür aufzureißen vor der neuen Überraschung, und
-eine Überraschung ist's, aber was für eine!
-
-Draußen läßt das Drohen und Fluchen einer rauhen Männerstimme sich
-vernehmen. Ohne anzuklopfen, ohne die Mütze zu rücken, poltert der
-Kommissionär ins Zimmer, schimpft fürchterlich, als er die angezündeten
-Kerzchen am Christbaum erblickt, bläst gleich drei, vier auf einmal aus
-und fährt Rosi, die ihm auf dem Fuße gefolgt ist, mit unglaublicher
-Grobheit an. Er hat es ja gesagt, hinüber auf Nummer fünf gehört das
-Bäumerl, zur Rainer mit A, und nicht zu einer alten Schachtel mit E. Den
-Guldenzettel, den sie ihm gespendet hat, wirft er auf den Tisch. Da hat
-sie das Ihrige, und jetzt hofft er nur, daß ihm nichts weggekommen ist,
-sonst -- den Weg zur Polizei kennt er, den braucht ihm niemand weisen.
-
-Kurz, nachdem er sich benommen wie in einer Diebeshöhle, nimmt er das
-Bäumchen unter den Arm, trampelt davon und schlägt hinter sich die Tür
-zu, daß alles dröhnt.
-
-Susanne ließ sich auf einen Sessel, nicht wie sie sonst pflegte aus
-Rücksicht für den Überzug, nieder_gleiten_, sonder nieder_fallen_, Rosi
-stand vor ihr, nahm einen Zipfel der blanken Schürze, und steckte ihn in
-den Gürtel. Ihre Augen funkelten vor Entrüstung, ihre Lippen wurden dick
-und scharlachrot. Sie kreuzte die nackten Arme und sprach erregt:
-
-»Na, dos is aber doch!«
-
-Das Fräulein hat indessen ein stilles Gebet verrichtet: Lieber Gott, gib
-mir Kraft, vor diesem braven, aber der höchsten Politur ermangelnden
-Mädchen die Würde des Familienlebens meines tiefgesunkenen Vetters zu
-wahren. Gib mir Kraft, ich brauche sie; ich glaube, ich habe keinen
-Puls, und meine Füße sind ganz steif. Wie mir jetzt ist, so dürfte es
-der Erde sein, wenn sie dereinst in die Eisperiode tritt. O meine Sonne,
-mein Prachtmenschenexemplar -- wie siehst du aus!
-
-»Die Rainer,« nimmt Rosi wieder das Wort, »dos is die Lokalsängerin, wo
-neulich so viel in der Zeitung g'standen is. Doß die daneben wohnt, weiß
-freilich die ganze Straß'n. Daß aber der Herr Vetter zu _der_ ihrer
-Bekonntschoft g'hört, hätt i mer nit denkt. Hot so e scheene Frau und
-lauft der schiechen Astel nach.«
-
-Susannens Zähne klappern aneinander, die Zunge klebt ihr am Gaumen, doch
-gelingt es ihr, dank ihrer heroischen Anstrengung, in ziemlich
-natürlichem Tone zu sagen: »Ja, meine liebe Rosi, die Rainer ist eben
-eine große Künstlerin.«
-
-»So? und drum schickt er ihr wos zu Weihnachten, und vielleicht gar
-hinterm Rucken der gnädigen Frau?«
-
-»Liebe Rosi,« erwidert Susanna zurechtweisend und setzt ihre
-Wahrheitsliebe hintan, um die Familienehre zu schützen, »dieses
-Geschenk, es wird von ihm und von ihr sein. Es ist so Sitte bei den
-Herrschaften, daß sie großen Künstlerinnen zu passenden Gelegenheiten
-Blumen schicken oder -- Christbäume.«
-
-»Meinen's Fräulein? -- No jo,« spricht Rosi mit ihrem gewohnten
-überlegenen Lächeln und geht, das Abendessen anzurichten, das heute aus
-Fisch und Gugelhupf besteht. Dazu braut sie einen guten Punsch für sich
-und ihre Schwestern. Es geschieht ohne Wissen der Gebieterin, die nicht
-ahnen darf, daß in ihrem Hause Spirituosen, diese Mörder der
-Intelligenz, genossen werden.
-
-Während der kleine Betrug an ihr verübt wird, bleibt Susanne ihren
-traurigen Betrachtungen überlassen.
-
--- Solitär, wenn er nicht bei Fräulein Rainer ist! Ein Ehegatte und
-Familienvater? -- »Ohne _Dir_ ...« Sie sind also auf dem Du-Fuße, --
-»Ohne _Dir_,« schauderhaft. Wenn er noch gesagt hätte: »Ohne _Dich_!«
--- Gott, wie tief sinkt man sofort in jeder Hinsicht, wenn man in einer
-das Gleichgewicht verloren hat.
-
-Tiefbekümmert fragt sich Susanne, ob sie dem ahnungslosen Vetter, hinter
-dessen tiefstes Geheimnis sie gekommen ist, je wieder unter die Augen
-wird treten können, und gar seiner betrogenen Gattin und seinen armen
-Kindern, deren Vater, statt für sie zu sparen, Solitäre kauft für
-Fräulein Rainer.
-
-Zu Tode schämen muß sie sich vor ihnen allen ... sie, die Mitwisserin
-einer großen Schuld. Es wird ihr aufs Herz fallen, verdammende Stimmen
-werden ihr zurufen: Mitwisserin! -- Ach, gar zu gern hätte sie sich den
-morgigen Besuch, vor dem ihr schaudert, erspart, sich krank melden, sich
-entschuldigen lassen. Doch nein! Sie hat leider schon gelogen am
-heiligen Abend, sie wird nicht wieder lügen am heiligen Tage. Durch!
-sagt sie mit Strafford, mitten durch die gehäuften Trümmer ihres
-schönsten Wahngebildes.
-
-Nun sitzt sie da, die Hände im Schoße, wie sie nicht mehr gesessen,
-seitdem sie Totenwache gehalten hat an der Bahre ihrer Großmutter.
-
-Rosi läßt sich wieder sehen, deckt den Tisch, stellt mit berechtigtem
-Stolze das Souper auf und wünscht guten Appetit. Sie wird für heute des
-weiteren Dienstes enthoben und kehrt zu ihren Schwestern zurück, die
-bereits eingetroffen sind.
-
-In der Küche geht es munter zu. Man schmaust, man plaudert, man findet
-des Kicherns kein Ende.
-
-Susanne nickt zustimmend mit dem Kopfe, so oft sie lachen hört: »Freut
-euch des Lebens, ihr Armen, euch glüht ja noch das Lämpchen des Glaubens
-an die Menschen,« sagt sie leise und würgt einige Stückchen Fisch
-hinunter.
-
-Sie tut es nur, um Rosi, wenn die am nächsten Tage fragen sollte: »Hat's
-geschmeckt?« erwidern zu können: »Es war so gut, daß ich nicht alles auf
-einmal verspeisen wollte, und mir etwas aufgehoben habe für heute.« --
-Ach Gott ja, morgen ist wieder ein Heute, und übermorgen auch, und so
-geht es fort und dürfte noch lange fortgehen, denn Susanne hat eine
-eiserne Gesundheit. Vor ihr liegt ein weiter, ein einsamer Weg. Die
-Menschen, denen sie Gutes tut, was ist sie ihnen? Eine unermeßlich
-reiche Person, die einen Teil ihres Überflusses dazu verwendet, sie aus
-drückender Not zu befreien. Mit der Erinnerung an diese schwindet auch
-die Erinnerung an die Befreierin.
-
-Stunden verfließen. Im Hause ist alles still geworden. Das Fräulein geht
-sich überzeugen, ob die Wohnungstür versperrt und verriegelt und die
-Sicherheitskette vorgelegt ist. Ja wohl, so müde und schläfrig Rosi
-gewesen sein mag, sie hat alles in Ordnung gebracht, ehe sie zur Ruhe
-ging. Brave Person! Eine brave Dienerin zu haben ist ein Glück, das ein
-einzeln stehendes weibliches Wesen nicht hoch genug schätzen kann. Als
-Susanne in ihrem Schlafzimmer niederkniet zum Abendgebet, dankt sie dem
-Himmel ganz besonders für diese Gnade; sie betet überhaupt sehr lange,
-gibt immer wieder einige Vaterunser zu für einen vom rechten Wege weit
-Abgeirrten.
-
-Endlich legt sie sich zu Bette und will schlafen. Aber der Wille
-gebietet dem Schlaf nicht, verscheucht ihn im Gegenteil durch
-energisches Herbeirufen. Schweige denn, Wille, weichet hinweg, Gedanken!
-Ein tiefer, gesunder Schlaf wird Susannen heute schwerlich erquicken,
-doch vielleicht gelingt es ihr, in einen ihre Traurigkeit abstumpfenden
-Dusel zu kommen. So dämmert sie hin in der Finsternis, die rings um sie,
-die in ihr herrscht, schließt die Augen und rührt sich nicht.
-
-Nach einer Weile, was sieht sie mit ihren geschlossenen Augen? Gerade
-vor sich das Erglimmen eines schwachen Lichtscheins. Er wird immer
-heller und geht von einer vergoldeten Nuß aus, die langsam über den Rand
-des Bettes aufsteigt, wie ein kleinwinziger Mond. Das Licht, das er
-verbreitet, ist warm wie das Leben und rosig wie junge Liebe. Allmählich
-nimmt er eine noch schönere Färbung an, und darüber braucht man sich
-nicht zu wundern, denn die Morgenröte ist dazu gekommen, eine herrlich
-strahlende Morgenröte, die das Nahen der Sonne verkündet, und da flammt
-sie auch schon empor in Gestalt eines feuerfarbigen Apfels. Als Herold,
-mit etwas defektem Federbusch, sprengt ein gelber Reiter vor ihr her. Er
-gibt seinem Rosse die Sporen, ein mächtiger Satz, und da steht er
-salutierend auf dem Federbette des Fräuleins.
-
-Sie fährt auf, schlägt sich vor die Stirn, hat im Nu Licht gemacht,
-schlüpft in ihre Pantoffelchen und eilt ins Nebenzimmer.
-
-Da liegt auf dem Tische vergessen ihre Christbescherung, der sichtbare
-Beweis, daß es doch ein Wesen gibt, das sich ihrer am heiligen Abende
-erinnert und das -- _selbst_ ein Kind, die Geschenke des Christkindleins
-mit ihr geteilt hat.
-
-Dieses wunderbare Erlebnis ist ihr aufgespart worden, ihr, der alten
-Jungfer, die gar keinen Anspruch machen darf auf die Liebe von Kindern.
-Kürzlich erst hat sie ein solches Glück erfahren, und statt sich seiner
-innigst zu freuen, setzt sie sich hin, die undankbare Kröte! und
-melancholisiert und überläßt sich feigem Selbstbedauern!
-
-Beschämt und reuig, aber mit einer sozusagen wonnegetränkten Seele
-ergriff Susanne ihren Husaren, ihren Apfel, ihre Nuß, und begab sich
-zurück ins Schlafgemach. Bevor sie ihr Lager wieder aufsuchte, legte sie
-die Geschenke Tonis auf das Nachtkästchen in derselben Reihenfolge, die
-er ihnen mit Ordnungssinn und seinem Gefühle für Rangunterschiede
-angewiesen hatte.
-
-Sie blieb hellmunter und überließ sich heiteren Vorstellungen.
-
-Den Mittelpunkt derselben bildete Toni. Was für treuherzige Augen er
-hat, und _treu_herzig ist er und _warm_herzig dazu, das sprach sich gar
-deutlich in seinem Handkuß aus. Welch ein Unterschied zwischen diesem
-und den *pro forma*-Handküssen des höflichen Neffen und der
-zierlichen Nichte. Susanne erinnert sich vieler kleiner Züge, die ihr im
-Benehmen Tonis angenehm aufgefallen sind; des Ernstes, den sie so oft an
-ihm bewundert hat, des Buckels voll Sorgen, den er macht, wenn ihm die
-Obhut über seine jüngeren Geschwister anvertraut wird. Er nimmt seinen
-Teil der häuslichen Sorgenlast auf seine jungen Schultern. Und wie brav
-und verläßlich er ist! er vergißt nie einen Auftrag, den man ihm gibt.
-
-Zum Pfadfinder und Genie scheint Toni -- wohl ihm! -- keine Anlage zu
-haben, aber ein vortrefflicher Mann, geschickt in seinem Fache, ein
-Muster für seine Standesgenossen, die Vorsehung seiner Gehilfen könnte
-er werden, wenn er eine tüchtige Erziehung, wenn er Bildung bekäme, die
-echte Bildung, die von innen heraus kommt, die den Wert des Menschen
-erhöht und den Stolz auf seinen Wert verringert.
-
--- Wenn er die bekommen _könnte_? wiederholt Susanne und ruft auf einmal
-laut aus: »Er _soll_ sie bekommen!«
-
-Ein Gedanke über alle Gedanken ist raketenartig in ihr emporgeschossen;
-sie setzt sich auf in ihrem Bette, sie lacht und weint. Es vergeht eine
-lange Zeit, bevor die hochgehenden Fluten ihrer Empfindungen sanft und
-selig verebben. Endlich liegt der Kopf wieder auf dem Kissen, sie atmet
-leicht und wird gut schlafen.
-
-Vorher aber komme noch einmal, Freundin Phantasie, und male ihr die am
-morgigen Tage bevorstehenden Ereignisse deutlich aus.
-
-Sie sieht sich, bereits um acht Uhr früh, in größter Parade und mit der
-Spitzencoiffe, federnden Ganges hinüberwandeln zu Kunzel. Die
-Bedienerin läßt sie ein, und sie findet die Familie, wie immer zu dieser
-Stunde an einem Feiertage, um den Frühstückstisch versammelt.
-
-Beim Eintreten des verehrten und unerwarteten Gastes springen alle auf.
-Sie aber spricht: »Sitzen bleiben! Ich allein stehe, wie sich's gehört
-für eine Bittende.
-
-»Lieber Meister, liebe Meisterin, erlauben Sie mir, den Toni zu
-adoptieren. Er bleibt Ihr Sohn und wird auch der meine, und im nächsten
-Jahre nehme ich als Familienglied teil an Ihrem Weihnachtsfeste.«
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-Verlag von _Gebrüder Paetel_ (Dr. Georg Paetel) in Berlin W.
-
-Ein Buch für die Jugend.
-
-Aus meinen Schriften.
-
-Von
-
-Marie von Ebner-Eschenbach.
-
-_Dritte Auflage._
-
-(Elftes bis fünfzehntes Tausend.)
-
-Quart; 6 Bogen.
-
-In Originalleinenband 1 Mark.
-
-Inhalt:
-
- _Zum Geleite._ -- _Erzählungen_: Der Fink; Die Spitzin; Der Muff;
- Krambambuli; Aus »Meine Kinderjahre«. -- _Märchen und Parabeln_:
- Brautwahl; Die Begegnung; Das Blatt; Die Siegerin; Doppelfreude;
- Wertbestimmung; Die Nachbarn. -- _Spruchverse._ -- _Die
- Erdbeerfrau._ -- _Zwanzig Aphorismen._
-
-_Zu beziehen durch alle Buchhandlungen._
-
-
-
-
-Verlag von _Gebrüder Paetel_ (Dr. Georg Paetel) in Berlin W.
-
-Werke von Marie von Ebner-Eschenbach:
-
-=Das Gemeindekind.= Erzählung. Zwölfte Auflage. Oktav. Geheftet 3 Mark.
-Elegant gebunden 4 Mark.
-
-=Dorf- und Schloßgeschichten.= Neunte Auflage. Oktav. Geheftet 4 Mark.
-Elegant gebunden 5 Mark.
-
- _Inhalt_: 1. Der Kreisphysikus. -- 2. Jakob Szela. -- 3.
- Krambambuli. -- 4. Die Resel. -- 5. Die Poesie des Unbewußten.
- Novellchen in Korrespondenzkarten.
-
-=Neue Dorf- und Schloßgeschichten.= Fünfte Auflage. Oktav. Geheftet 4
-Mark. Elegant gebunden 5 Mark.
-
- _Inhalt_: 1. Die Unverstandene auf dem Dorfe. -- 2. Er laßt die Hand
- küssen. -- 3. Der gute Mond.
-
-=Lotti, die Uhrmacherin.= Erzählung. Achte Auflage. Oktav. Geheftet 4
-Mark. Elegant gebunden 5 Mark.
-
-_Zu beziehen durch alle Buchhandlungen._
-
-
-
-
-Liste der vorgenommenen Änderungen
-
-Unter der Beschreibung der Änderung steht jeweils zuerst die Textstelle
-im Original, dann die geänderte Textstelle.
-
- S. 56: nur noch herbeiläßt, den Juden das Gecht zu geben
- nur noch herbeiläßt, den Juden das Recht zu geben
-
- S. 64: die Weichsel und der Dunajec
- die Weichsel und der Dujanec
-
- S. 135: halte mir den kühnen Ubergang zugute
- halte mir den kühnen Übergang zugute
-
- S. 229: »'Schon wieder Mischka, hat das noch immer kein Ende mit dem
- Mischka?... Und was will die Alte!«
- »'Schon wieder Mischka, hat das noch immer kein Ende mit dem
- Mischka?... Und was will die Alte!'«
-
- S. 253: »Ohne _Dir_,« schauderschaft.
- »Ohne _Dir_,« schauderhaft.
-
-
-
-
-
-End of the Project Gutenberg EBook of Ein Buch, das gern ein Volksbuch
-werden möchte, by Marie von Ebner-Eschenbach
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK EIN BUCH, DAS GERN EIN VOLKSBUCH ***
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-and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
-To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
-and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
-and the Foundation information page at www.gutenberg.org
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-Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
-Foundation
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-The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
-501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
-state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
-Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
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-Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
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