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You may copy it, give it away or -re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included -with this eBook or online at www.gutenberg.org - - -Title: Ein Buch, das gern ein Volksbuch werden möchte - -Author: Marie von Ebner-Eschenbach - -Release Date: June 16, 2012 [EBook #40012] - -Language: German - -Character set encoding: ISO-8859-1 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK EIN BUCH, DAS GERN EIN VOLKSBUCH *** - - - - -Produced by Eleni Christofaki, Jana Srna, Alexander Bauer -and the Online Distributed Proofreading Team at -http://www.pgdp.net - - - - - - - - - -Anmerkungen zur Transkription: - -Schreibweise und Interpunktion des Originaltextes wurden übernommen; -lediglich offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert. Der -Originaltext ist in Fraktur gesetzt. Im Original in Antiqua gesetzter -Text wurde *so* markiert. Eine Liste der vorgenommenen Änderungen findet -sich am Ende des Textes. - -Markierung: - - _gesperrt gedruckter Text_ - =fett gedruckter Text= - - - - - Ein Buch, das gern ein Volksbuch werden möchte. - - _Aus den Schriften_ - - von - - Marie von Ebner-Eschenbach. - - Sechstes bis zehntes Tausend. - - [Illustration] - - - Berlin. - - Verlag von Gebrüder Paetel - - (*Dr.* Georg Paetel). - - *1911.* - - - - - Alle Rechte, vornehmlich das der Übersetzung in fremde Sprachen, - vorbehalten. - - - Altenburg - - Pierersche Hofbuchdruckerei - - Stephan Geibel & Co. - - - - -Inhalt. - - - Seite - - 1. Der Kreisphysikus 7 - - 2. Der Nebenbuhler 105 - - 3. Der Vorzugsschüler 147 - - 4. Er laßt die Hand küssen 205 - - 5. Fräulein Susannes Weihnachtsabend 235 - - - - - Der Kreisphysikus. - - -*I.* - -Doktor Nathanael Rosenzweig hatte eine entbehrungsreiche Jugend -durchlebt. Was genießen heißt, erfuhr er in der schönsten Zeit des -Daseins nicht. Heute hungern und dabei gerade genug erwerben, um morgen -weiter hungern zu können; nachts um zwei Uhr sich zusammenrollen wie ein -Igel und in der Ecke der Kellerstube den harten, traumlosen Schlaf der -Erschöpfung schlafen; erwachen bei dem Gewimmer der alten Großmutter, -die sich entschuldigte, daß sie noch nicht gestorben sei, daß sie ihm -noch zur Last fallen müsse; forteilen, um lehrend die Möglichkeit zu -erringen, selbst zu lernen -- so ging es jahraus, jahrein. Erwerben, der -Inbegriff all seines Dichtens und Trachtens, Geld erwerben, Kenntnisse, -Gunst, hauptsächlich die seiner Professoren (Nathanael studierte Medizin -an der Universität in Krakau), erwerben um jeden Preis, den der -Ehrlichkeit einzig ausgenommen, erwerben und nur ja nichts umsonst -hergeben, nicht den kleinsten Teil der eigenen Kraft; keine mitleidige -Regung kennen, keine hemmende Rücksicht. - -Seine Großmutter und er, er und seine Großmutter machten für ihn die -Welt aus, und wie wenn seine Welt klein war, so waren seine Ziele nahe. -Das erste und am schwersten Errungene bestand in dem Ersparnisse so -vieler Gulden, daß er und die alte Frau nicht sofort verhungern mußten, -wenn ein unvorhergesehenes Unglück seine Tätigkeit für einige Zeit -lähmen sollte. Als er es erreicht hatte, da fühlte er sich als -Kapitalist und tröstete die Großmutter bei ihrer allmorgendlichen Klage -mit den Worten: - -»Lebe du nur ruhig fort, jetzt kann uns nicht so leicht mehr etwas -geschehen.« - -Sein rastloser Fleiß verminderte sich nach dem ersten Erfolge nicht, er -wuchs vielmehr mit der Kraft dessen, der ihn anwandte. - -Nathanael wurde ein starker Mann; seine kreuzspinnenartigen Extremitäten -kräftigten sich zu muskulösen Armen und Beinen, die Brust wurde breit, -die Gestalt bekam etwas Reckenhaftes trotz ihrer Magerkeit. Sein -Auftreten war so sicher, sein Blick ruhig und klar, seine Rede so -bestimmt, daß schon seine ersten Patienten -- gar kleine Leute -- -meinten: - -»Das ist ein gescheiter Herr Doktor!« - -Seine grüne Jugend sah ihm niemand an; er hatte sich zu lange in -Gesellschaft der Sorge befunden, und wenn er sie auch bändigte und -unterwarf, -- daß sie heimlich an ihm zu nagen fortfuhr, konnte er nicht -verhindern. - -Allmählich kam er in Besitz eines Rufes, eines bescheidenen, aber eines -guten, und dem verdankte er es auch, daß er mit dreißig Jahren schon, -von Amts wegen, als Physikus nach einem der westlichen Kreise versetzt -wurde. Ein sicheres Brot von nun an, ein reichliches sogar nach -Nathanaels Begriffen. Er hätte bei der Einrichtung seiner Wohnung auf -dem Ring der Kreishauptstadt nicht so ängstlich zu knickern gebraucht, -aber er fürchtete, übermütig zu werden, wie die meisten Armen, wenn sie -plötzlich zu Geld kommen, und gab den Handwerkern wenig zu verdienen. -Immer des Wortes eingedenk: »Die Axt im Hause erspart den Zimmermann«, -schaffte er allerlei Werkzeuge an und ließ sich's nicht verdrießen, den -Tischler und den Schlosser gleichfalls zu ersparen. Und wenn es auch -wirklich ein Graus war, wie die Sachen aussahen, den Doktor beirrte das -nicht; der Schönheitssinn war bei ihm entweder nicht vorhanden oder -nicht ausgebildet. - -Als die Großmutter, steinalt und unbeweglich, ihre Stube nicht mehr zu -verlassen vermochte, sich aber doch noch herzlich sehnte nach dem -Anblick einer grünen Staude, einer blühenden Blume, da wurde der Herr -Doktor ein Gärtner, und bald sahen die Fenster seiner Wohnung aus wie -die eines Treibhauses. - -Die Greisin litt manchmal an Rückfällen in ihre ehemalige -Schwachherzigkeit, doch äußerte sich diese jetzt in andrer Weise. - -»Wenn ich nur nicht zu früh sterbe,« sagte die Neunzigjährige. »Ein -Begräbnis ist gar zu kostspielig!« - -Nathanael tröstete sie liebreich: - -»Stirb ja nicht, Großmutter, du würdest mich um den Lohn aller Mühen -betrügen, die ich um deinetwillen gehabt habe.« - -Der Besitz Nathanaels mehrte sich im Schranke, die Lust am Besitze stieg -und stieg. Pläne, deren Verwirklichung dem klugen Manne in seiner -Jugend als bare Unmöglichkeit erschienen wären, erwog er nun mit der -Zuversicht bevorstehender Erfüllung. Seine ärztliche Praxis war -ausgedehnt und einträglich. Nach allen Schlössern der Umgebung berief -man ihn. Der trockene, wortkarge Doktor Rosenzweig, der keinen -Widerspruch duldete, der nie eine Schmeichelei über die Lippen brachte, -wurde der Vertrauensmann der Edelleute und, was viel merkwürdiger war, -das Orakel ihrer liebenswürdigen und feinen Damen und der Freund ihrer -Kinder. - -»-- Der Kleine ist schwer krank, aber -- Rosenzweig behandelt ihn.« -- -»Den ganzen Tag habe ich in Todesangst um mein Töchterlein zugebracht -- -aber jetzt ist Rosenzweig gekommen.« - -Wenn nur Rosenzweig da war, so war Hilfe da, und blieb sie einmal aus, -dann hatte Gott eben nicht gewollt, daß ein Mensch sie bringe. - -Unter keinen Umständen erwies man sich karg gegen ihn, das hätte niemand -gewagt. -- Doktor Rosenzweig baut sich ein Haus, ein Haus aus gebrannten -Ziegeln; dazu braucht er Geld. Er hat außerhalb der Stadt einen Baugrund -gepachtet, und unter seiner eigenen Leitung ist auf dem ein viereckiger, -einstöckiger Wohnkasten errichtet worden. Stolz ruht er auf tüchtigen -Kellergewölben, hat eine steinerne Treppe und ein wetterfestes -Ziegeldach. Die Fensterrahmen sind schneeweiß angestrichen, die Mauern -schneeweiß getüncht. Als einzige Zierde der Fassade prangt neben der -Glocke an der Tür das Schildchen der Feuerversicherungsgesellschaft. - -Aus den Fenstern der vorderen Front -- sie liegt gegen Osten, und ihr -erstes Geschoß wird von dem Doktor und seiner Großmutter bewohnt -- hat -man eine weite, weite Aussicht: Himmel und Felder. Frei schweift der -Blick ins Grenzenlose. Kein Hügel hemmt ihn, kein Wald bringt einen -dunklen Fleck hervor auf der glatten, im Sommer goldig, im Winter -silbern schimmernden Flur. Jede Handbreit Erde kann von der lieben Sonne -durch und durch getränkt werden mit lebenweckenden Strahlen. Gibt es -einen Schatten, so ist es ein solcher, der nicht kühlt, nicht ruht, der -keinem Hälmchen die Wärme entzieht, deren es zu seinem wunderbar -geheimnisvollen Reifen bedarf -- der Schatten der fliehenden Wolken. Wie -oft verfolgt ihn Nathanael aufmerksamen Auges, sieht ihn hingleiten über -den wachsenden, schwellenden Reichtum, den sie zum Herbste einheimsen -und zu Schiff auf der Weichsel nach Deutschland und nach Rußland bringen -und teuer verkaufen werden. Wer sich doch beteiligen könnte an diesem -großartigen Erwerb, ein Hundertstel, ach ein Tausendstel nur von dem -Gewinn, den er abwirft, in die eigne Tasche fließen sähe! Der Doktor -fängt an, auf der unermeßlichen Ebene Luftschlösser zu erbauen, so bunt -und märchenhaft schön, daß er nicht umhin kann, während er sie baut, -lächelnd zu denken: Mahnst du auch mich einmal, nie angetretenes -Vätererbe -- morgenländische Phantasie? - -Er wendet sich ab von dem Anblick fremden Reichtums und will einen -Strich gezogen haben zwischen diesem und seinem bescheidenen Eigentum. -Das Doktorhaus wird in fünf Klafter breiter Entfernung von jedem Punkte -seiner Mauern mit einem Zaun aus ordentlich zugehobelten Latten -umgeben; nach je ihrer zwanzig kommt ein starker, spitz zulaufender -Pfahl. Aus dem Raume zwischen Haus und Zaun wird nach und nach ein -kleiner Garten werden; die Einteilung in Blumen- und Gemüsebeete ist -bereits getroffen. Kein Schachbrett kann genauer quadriert sein. - -»Im nächsten Jahre, liebe Großmutter, wirst du Rosen und Reseden unter -deinen Fenstern blühen sehen,« versprach Nathanael der Greisin, und sie -erwiderte: - -»Wenn ich es nur noch erlebe, mein Kind. Aufs Jahr werde ich -fünfundneunzig.« - -»Weit über hundert mußt du werden!« rief er eifrig. »Das bist du mir -schuldig, denke doch! Wie würde es das Vertrauen der Leute zu mir -erhöhen, wenn es hieße: Seine Großmutter hat er auf mehr als hundert -Jahre gebracht. Denn die Leute sind dumm, liebes Godele[1], sie -schreiben meiner Kunst zu, was deine gute Natur getan hat. Bleibe du nur -frohen Mutes, nimm dir nur recht fest vor, noch nicht zu sterben. -Solange du es dir fest vornehmen kannst, wirst du munter weiter leben.« - -Die Greisin nahm es sich vor, aber von einer rechten Munterkeit war -nicht mehr die Rede. - -»Mir ist jetzt so oft,« sagte sie, »als ob dein Großvater vor mich träte -und zu mir spräche wie in seiner Todesstunde: 'Komm bald! Wir wohnen so -friedlich beisammen im Garten Eden, wie wir gehaust haben auf Erden. -Komm bald nach, Rebekka!' ... Damals konnte ich nicht folgen dem Rufe -meines Geliebten, weil du mich hast zurückgehalten, du armes Würmchen, -du ganz verlassenes. Von Vater und Mutter zuerst, und vom Großvater bald -darauf. Ja, es war eine schreckliche Seuche, die Gott geschickt hat über -sein Volk im Kazimirz, und nicht gewußt hätte ich, wem sagen: Sei -barmherzig meinem Enkelkind, wenn ich mich nun auch hinlege zu sterben. -So habe ich damals nicht erfüllen dürfen den Wunsch meines Geliebten. -Jetzt aber, Nathanael, mein Kind, jetzt aber ist mir, als sollte ich ihn -nicht länger warten lassen.« - -Solche Reden schnitten dem Doktor ins Herz. Nie hatte die -zurückhaltende, schweigsame Großmutter ähnliche geführt. Ein -bedenkliches Zeichen, wenn alte Leute etwas tun, das außerhalb ihrer -Gewohnheiten liegt! Der kleinen Veränderung folgt oft nur gar zu bald -die unwiderrufliche -- die letzte nach. Und noch ein Symptom, das den -Doktor beunruhigte. Die Greisin, die sonst nie genug Einsamkeit haben -konnte, war jetzt nicht mehr gern allein. So oft Nathanael sich bei ihr -verabschiedete, sprach sie: - -»Geh denn in Gottes Namen, aber schicke mir den Goj[2], daß er mir -Gesellschaft leiste, und ich doch blicken könne in ein menschliches -Angesicht und nicht immer und immer nur auf die Felder und den Himmel.« - -Der »Goj« war ein Jüngling von nun achtzehn Jahren, des Doktors Famulus, -sein Diener, sein Sklave. Des Tages wußte er sich nicht zu erinnern, an -dem der »Wohltäter« ihm ein gutes Wort gegönnt oder ein gutes -Kleidungsstück geschenkt hätte. Wenn die Röcke und Stiefel Rosenzweigs -unbrauchbar wurden, erhielt der große Junge sie zur Benutzung und die -Vermahnung dazu, ihnen all die Rücksicht zu erweisen, die man fremdem -Eigentum schuldig ist. Der Doktor ging immer mehr in die Breite, und -fast schien es, als ob er kleiner würde. Sein Famulus »verdünnte« sich, -wie Rosenzweig sagte, von Tag zu Tag und schoß spargelmäßig in die Höhe. -Wie ihm die Gewänder des Wohltäters saßen, das kam dem selbst entweder -erbärmlich oder lächerlich vor -- beides mit einem Zusatze von -Verachtung. - -Den Jungen konnte er einmal nicht leiden, sein Widerwillen gegen ihn war -unüberwindlich und entsprang aus dem Gedanken, daß der Findling seines -Herrn Brot umsonst oder doch fast umsonst esse. - -Vor vier Jahren hatte ihn Rosenzweig von der Straße aufgelesen, in einer -eiskalten, herrlichen Winternacht. Mit dem Stolze eines Triumphators war -er im Schlitten des Grafen W. pfeilgeschwind dahingesaust. Der Graf -selbst hatte ihn bei der Abfahrt sorgsam in die Pelzdecke gehüllt, in -der er sich so behaglich fühlte, und ihm immer wieder gedankt und immer -von neuem Worte gesucht für das Unsagbare -- die Glückseligkeit des -Liebenden, dem sein Teuerstes, das er schon verloren gab, -wiedergeschenkt ist. Gerettet die junge Gräfin, gerettet vom beinahe -sicheren Tode durch das Genie, durch die erfinderische Sorgfalt des -unvergleichlichen Arztes, der an ihrem Krankenlager gestanden hatte wie -ein Held auf dem Schlachtfelde, fast besiegt noch den Sieg im Auge, -kampfbereit noch im Erliegen, der nicht gewichen war, bevor er sagen -konnte: - -»Wir haben gewonnen, sie wird leben!« - -Er hatte so viele Nächte durchwacht und sich auf den guten Schlaf -gefreut während der Heimfahrt im bequemen Schlitten. Aber seine -Müdigkeit mußte zu groß sein, sie verscheuchte die ersehnte Erquickung, -statt sie herbeizurufen. So oft Nathanael die Augen schloß, -unwillkürlich öffneten sie sich wieder und schwelgten im Anblick des -sternenbesäeten, mondhellen Himmels und der schneebedeckten Ebene, die -in wunderbarer Blankheit erglänzte, gleich einer ungeheuren, -neugeprägten Silbermünze ... Wieviel Gold ließe sich erwerben um solche -Münze? Die Keller des viereckigen Doktorhauses hätten nicht Raum, sie zu -fassen, die köstlichen Barren, die verehrungswürdigen! Berger und Träger -allbezwingender Kräfte, gebundene Zauber, aufgespeicherte Macht. Was -läßt sich nicht tauschen um Gold? Unschätzbares erkauft man damit, das -weiß der Mann, der denen, die ihn bezahlen, die Gesundheit wiedergibt. - -Der Doktor wurde in seinem Gedankengange plötzlich unterbrochen. Das -Gefährt stand dicht am Straßengraben still, und der Kutscher rief: - -»Herr Doktor! Herr Doktor!« ... - -»Was gibt es, mein Sohn?« - -»Herr Doktor, da liegen zwei Betrunkene.« - -»Steig ab und prügele sie ein wenig durch, damit sie nicht erfrieren.« - -Indes der Kutscher abstieg und die Zügel am Bocke verknotete, hatte -Nathanael sich aufgerichtet und vorgebeugt und sah einer der auf dem -Boden liegenden Gestalten mit gespannter Aufmerksamkeit in das vom -Mondenlicht hell erleuchtete Gesicht. Kein Säufergesicht, wahrlich! -sondern eines, das Zeugnis gab von ehrlichem Darben und Dulden bis an -die Grenze der menschlichen Kraft. - -Der arme Teufel hatte, in dem Augenblick wenigstens, kein Bewußtsein -seines Elends, er schien fest zu schlafen. Als aber der Kutscher ihn -packte und emporzerrte, fiel er sofort, steif wie ein Eisblock, in den -Schnee zurück. Jener sprach: - -»Der eine ist schon erfroren, Herr Doktor!« - -Rosenzweig sprang mit beiden Füßen aus dem Schlitten und überzeugte sich -bald, daß die Behauptung des Dieners richtig sei. Grimm erfüllte ihn. Da -war ihm einmal wieder der Tod zuvorgekommen, den er am meisten haßte, -der nicht durch Krankheit bedingte, durch das Alter herbeigeführte, der -Tod, dem der Zufall in die Hand gearbeitet hat, der Tod, der seine Beute -umsonst gewinnt, dem sie dumm und töricht zuteil wird, ohne triftigen -Grund. - -»Sehen mir nach dem andern,« sagte der Doktor zwischen den Zähnen. - -Der andre schlief auch, aber weniger tief. - -Es war ein Knabe von etwa vierzehn Jahren, dem Toten offenbar nahe -verwandt, sein viel jüngerer Bruder oder sein Sohn. - -Mit dem Feuereifer des Berufs begann der Doktor Wiederbelebungsversuche -anzustellen, und nach langen Mühen krönte sie ein schwacher Erfolg. Ein -kaum spürbares Rieseln war durch des Knaben starre Pulse geglitten, und -wenn es auch sofort wieder staute, dennoch erklärte der Doktor voll -Siegesgewißheit: - -»Jetzt hab ich ihn!« - -Und er hüllte ihn in seinen Pelz, hob ihn in den Schlitten, brachte ihn -heim und legte ihn in sein eigenes Bett, an dem er das Kind des Elends -mit derselben Hingebung bewachte, die er der Herrin im Grafenschloß -gewidmet hatte. Am Morgen war der Patient außer Lebensgefahr, und -Rosenzweig konnte nicht umhin, zu sich selbst zu sagen: Auch der -gerettet, zwischen zweimaligem Sonnenaufgang zwei! - -Schmunzelnd streichelte er seinen langen Mosesbart und freute sich -seines mächtigen Vermögens. - -Sein Patient aber erhielt noch am selben Tage die Weisung: - -»Steh auf und geh.« - -»Wohin? Gnädiger Herr Doktor, wohin? Wer nimmt mich ohne meinen Bruder?« -antwortete der Knabe verzweifelnd, und nun trat die Frage heran: Was mit -ihm beginnen? - -Die Papiere, die der Verstorbene bei sich gehabt hatte, wiesen ihn aus -als den Maschinenschlosser Julian Mierski, der viele Jahre hindurch als -Werkführer in einer Fabrik in Lemberg gedient hatte. In seinem Zeugnisse -hieß es, der vorzügliche Arbeiter habe, zum Bedauern seines Dienstherrn, -infolge schwerer Erkrankung entlassen werden müssen. Seitdem konnte er -nichts mehr verdienen, sein Bruder aber, den er nach dem Tode der Eltern --- arme Häusler in einem Dorfe bei Lemberg -- zu sich genommen, nur gar -wenig. So gingen, erzählte der Knabe, in Monaten die Ersparnisse von -Jahren hin und wurden aufgezehrt bis auf einige Gulden, deren Anzahl er -genau angab, und die sich auch richtig im Ranzen des Verunglückten -vorgefunden hatten. - -Die Großmutter hörte dem unter Tränen erstatteten Berichte aufmerksam -zu. - -»Horch, Nathanael, mein Kind,« sagte sie. »Es ist nicht recht gewesen -von dem Goj in Lemberg, zu verlassen den Mann in seiner Krankheit, der -ihm in Gesundheit gedient hat viele Jahre.« - -»Eine Fabrik ist keine Versorgungsanstalt,« erwiderte Rosenzweig und -befahl seinem Geretteten: »Sprich weiter.« - -Dieser fuhr fort: - -»Vor acht Tagen ist ein Bekannter von meinem Bruder gekommen und hat -erzählt, daß es in Krakau eine Fabrik gibt, wie die unsre, und daß sie -uns dort gewiß nehmen werden. Mein Bruder war sehr froh: 'Komm, Joseph, -wir wandern', hat er gesagt und hat auf der Reise immer gemeint, der -lange Müßiggang ist es gewesen, der ihn nicht hat gesund werden lassen, -beim Marschieren wird ihm besser. Auf einmal hat er aber nicht weiter -gekonnt und hat sich in den Schnee gelegt, um ein wenig zu schlafen.« - -»Und du hast das zugegeben?« schrie der Doktor ihn an. »Weißt du nicht, -was einem geschieht, wenn man sich bei solchem Frost in den Schnee -legt?« - -Der Knabe senkte seine großen Augen, aus denen unaufhörlich Tränen -flossen, und schwieg. - -»Was soll man anfangen mit einem solchen Chamer[3]?« fragte Rosenzweig -die Großmutter. - -Die Greisin entgegnete: - -»Laß ihn heute noch ruhen unter deinem Dache. Sei ihm barmherzig. Er ist -eine Waise wie du.« - -Am nächsten Tage lautete ihr Rat: - -»Behalte ihn. Unsre Magd wird ohnehin alt und wackelig und kann eine -Hilfe brauchen. Behalte ihn und richte ihn ab zu deinem Dienst. Wer wird -es verargen einem großen Mann wie dir, wenn er tut sich halten einen -Famulus?« - -So wurde der Findling ein Genosse des Doktorhauses und zwar, obwohl -Rosenzweig das nicht gelten ließ, ein ungemein nützlicher. In den Augen -seines Herrn blieb Joseph ein »Chamer«, der aus Büchern nichts lernte, -nichts zu lernen vermochte. Mit achtzehn Jahren noch las er nicht ohne -Schwierigkeit die einfachsten Kindergeschichten. Ihn zur Schule zu -zwingen, hatte der Doktor schon nach den ersten Monaten aufgegeben, weil -er nur mit Schlägen dahin zu bringen war, und weil sein Wohltäter nicht -immer Muße hatte, ihm die zu spenden. Seine mechanischen Fertigkeiten -hingegen waren groß und groß der Fleiß, mit dem er sie ausübte. Auch er -pfuschte in jedes Handwerk, aber mit besserem Erfolg als dereinst der -Doktor. - -In allem, was er unternahm, offenbarte sich ein Schick, eine -Leichtigkeit, ja sogar ein Geschmack, der den Pillenschächtelchen des -Doktors ebensosehr zugute kam, wie den Blumenbeeten im Gärtlein vor dem -Hause. Immer nur mit Verdruß hörte Nathanael ihn loben, »den Tagedieb, -der nichts kann und nie etwas andres können wird als spielen.« - -Er hatte einmal wieder diesen Vorwurf ausgesprochen, da entgegnete -Joseph: - -»Wenn du dich entschließen könntest, deine Felder in deine eigene -Verwaltung zu nehmen, würde ich dir beweisen, daß ich kein Tagedieb -bin.« - -Der Doktor fuhr fort: - -»Was sprichst du von meinen Feldern? Weißt du nicht, daß ich ein Jude -bin und als solcher Grundeigentum nicht besitzen darf? Weißt du nicht, -daß sogar mein Haus auf fremdem Boden steht?« -- - -Joseph wurde rot vor Verlegenheit, sah jedoch dem Doktor vertrauensvoll -und offen ins Gesicht und erwiderte: - -»Du hast die Felder auf den Namen des Theophil von Kamatzki gekauft, -aber sie sind doch dein.« - -»Sag einmal, mein Junge, woher hast du diese Nachricht?« fragte -Rosenzweig, und höchst verdächtig war die Gebärde, mit der er dabei sein -spanisches Rohr zu schwenken begann. - -Gelassen antwortete Joseph: - -»Das ist kein Geheimnis. Alle Leute wissen es und gönnen dir die -Felder.« - -Während dieses Gespräches standen die beiden mitten auf dem Wege, der -schnurgerade von der Haustür zum Gartenpförtlein führte, zwischen zwei -säuberlich mit Reseden eingefaßten Rosenbeeten. An den Stachelbeerhecken, -die Joseph längs des Lattenzaunes gezogen hatte, reiften die ersten -Früchte. Was man überblicken konnte an zart entfalteten Salatstauden, an -Rüben mit kühnen Federbüschen, an gelblich zwischen gekräuselten -Blättern hervorleuchtendem Blumenkohl, an schier kriegerisch behelmtem -Zwiebelnachwuchs, an zierlichem Majoran und -- *dulce cum utile* -- als -Begrenzung jeglichen Gemüsekarrees an duftendem Lavendel, dessen kleine -Knospen zu schwellen anfingen, das war alles so kraftstrotzend und -kerngesund, daß bei dem Anblick jedem Menschen, besonders aber einem -Arzte, das Herz im Leibe lachen mußte. Mit geheimem Wohlgefallen -betrachtete Rosenzweig die freundlichen Himmelsgaben und sagte: - -»Weil du ein leidlicher Gärtner bist, bildest du dir ein, auch ein -Landwirt sein zu können.« Damit wollte er abbrechen, besann sich aber -und fügte hinzu, indem er die Spitze seines Stockes mit großer -Hartnäckigkeit in die Erde bohrte und diese Operation scheinbar höchst -aufmerksam verfolgte: - -»Ich hätte die Felder nicht -- eigentlich mit einem gewissen Unrecht -- -in meinen Besitz gebracht, wenn ich nicht hoffen dürfte, sie bald zu -Recht besitzen zu dürfen. Du wirst wohl wissen, daß eine Veränderung der -Landesgesetze bevorsteht, und daß an den größeren Freiheiten, die sie -dem Volke Galiziens gewähren werden, auch die Juden teilnehmen sollen.« - -Joseph wußte das und hoffte, der Doktor werde die Felder, wenn sie -einmal vor Gott und der Welt sein Eigentum sein würden, nicht mehr in -Pacht geben, sondern selbst bewirtschaften. - -»Dann wirst du Ställe und Scheuern bauen müssen,« schloß der Jüngling. -»Ich habe dem Architekten in der Stadt etwas abgesehen und die Pläne -schon fertig.« - -»Bist ein Narr,« sprach der Doktor, verlangte aber nach einigen Tagen -doch die Pläne zu sehen. - -Nun, brauchbar waren sie gewiß nicht, doch als merkwürdig mußte man es -gelten lassen, daß der Findling, dessen Schrift die eines siebenjährigen -Kindes war, doch so nett und ordentlich und vielleicht auch in den Maßen -richtig, einen Plan zu zeichnen vermochte. Das ist eben einer von denen, -die tanzen können, bevor sie das Gehen erlernt haben. Es gibt solche -Käuze. Sie setzen uns allerdings manchmal in Erstaunen; gewöhnlich wird -aber nichts aus ihnen. - -Nathanael, der einen Gedanken, der sein eigenes Wohl und Weh betraf, nie -lange verfolgte, ohne die Großmutter zu seiner Vertrauten zu machen, -fragte bald darauf bei ihr an, was sie zu einer Selbstverwaltung seiner -Gründe sagen würde. Da zeigte es sich, daß dieser Gegenstand zwischen -der Greisin und dem Findling schon erörtert worden war. - -»Du wirst reich werden wie Laban,« prophezeite die alte Frau. »Über dir -ist des Herrn sichtbarer Segen.« - -In diesem Frühjahr hatte es sich erwiesen, in diesem für Tausende -unseligen Frühjahr 1845, als die Weichsel aus ihren Ufern trat und in -einen schlammigen See verwandelte, was üppig und verheißungsvoll -grünende Saat gewesen war. Unaufhaltsam wie ein Gottesgericht waren die -Fluten hereingebrochen, hatten die ernährende Scholle hinweggespült und -mit ihr das Hab und Gut und die Hoffnung derer, die sie bebauten. - -Bis dicht an die Grenze der Felder Nathanaels erstreckte sich die -Verheerung -- vor ihnen zerrannen die Wellen. Vor ihnen waren die Wasser -hinweggefahren und hatten sich auseinander geteilt, wie einstens die -Wasser des Roten Meeres, als Moses gegen sie den Stab erhob und die Hand -reckte auf Gottes Gebot. - -Und als der Herbst kam, herrschte ringsum Hungersnot. Hunderte verließen -mit ihren Weibern und Kindern die Heimat und wanderten als Bettler, als -Tagelöhner, Brot und Arbeit suchend, aus. - -Die Großmutter aber fragte täglich: - -»Wann beginnt die Ernte? In diesem Jahre hat der Weizen hundertfachen -Wert. Wann kommen die Schnitter?« - -Nathanael erwiderte lächelnd: - -»Bald, sehr bald. Sie wetzen schon die Sensen!« - -Indessen erlebte die Greisin die Zeit der Ernte nicht mehr. Sie fiel -selbst als überreifes Körnlein in den Mutterschoß der Erde zurück, bevor -ihr Enkel zu ihr hatte sprechen können: - -»Die Schnitter kommen!« - -Unerhört spät und doch zu früh war plötzlich ihr Leben erloschen. - -Da lag sie nun in ihrem schmalen Sarge, die alte Rebekka, ein wundersam -ergreifender Anblick. Der Tod hatte ihre gekrümmte Gestalt gestreckt, -und weinend und staunend fragte Joseph: - -»So groß war sie?« - -Er fragte aber auch: - -»So schön war sie?« - -Erlöst von allen Gebresten, befreit von der Hilflosigkeit des Alters, -wie majestätisch erschien sie nun, in ihrer unendlichen Ruhe, in ihrem -untrübbaren Frieden! Das Lächeln auf dem Angesicht so vieler, die -überwunden haben, umschwebte diese Lippen nicht. Steinerne Kälte sprach -aus den Zügen, die ein Schimmer der begeisterten Liebe und Bewunderung, -welche die Gegenwart des Enkels stets auf ihnen hervorgezaubert, noch in -der Sterbestunde erhellt hatte. - -Du bist es nicht mehr! dachte Nathanael, und mit grauser Gewalt ergriff -ihn das Bewußtsein des erlittenen Verlustes. - -Er winkte Joseph hinweg, er wollte ungestört bei seiner Toten bleiben. -Am Fußende des Sarges stehend, suchte er in dem fremden, veränderten -Antlitz der Großmutter das lang bekannte, teure und -- fand es nicht. -Das einzige ideale Gut, das er besessen hatte, die Zuneigung dieser -alten Frau, war für immer dahin und er, als ein bejahrter Mann -- -allein. Mit jähem Schreck fiel es ihn an: Zwischen dieser Greisin und -dir liegt eine Generation. Du solltest jetzt hingehen können und an der -Brust deines Weibes um sie weinen, und dir Trost schöpfen aus dem -Anblick deiner Kinder. - -Der rastlos Strebende, der nie zurück, der _nur_ vorwärts geschaut -hatte, nach Zielen, die mit seinen Erfolgen wuchsen, hielt einmal still -in seinem Laufe, wandte sich und durchmaß im Geiste seinen ganzen -Lebensweg. Viel erreicht! durfte er sich gestehen, doch niemals das -geringste ohne einen Gedanken an dich -- Großmutter. So freudig ihr -Dasein ihn erfüllt und beglückt hatte, so schmerzlich klaffte jetzt der -Riß, den ihr Scheiden verursachte. - -Sie hätte ihn nicht verlassen sollen, sie, deren Nähe ihn über das -Schwinden der Zeit -- eines Begriffes, der dem hohen Alter verloren -geht, getäuscht hatte. - -»Weiche ab von dem Brauche unsres Volkes,« hatte die Greisin oft -gesprochen. »Heirate nicht zu früh, setze nicht Bettler in die Welt. Du -kannst warten, mein Kind, du bist jung.« - -Immer hatte er zu dieser Ermahnung geschwiegen; heute antwortete er ihr, -die ihn nicht mehr hören konnte: - -»Ich war dir so lange zu jung zum Freien, bis ich mir zu alt dazu -geworden bin.« - -Alsbald jedoch empfand er den Widerspruch, den er ihr ins Grab -nachgerufen, als einen Frevel. Er trat zu ihr, beugte sich über sie, -und, was nie geschehen war, so lange sie gelebt hatte, er küßte ihre -Hand, küßte ihre Stirn und den für ewig verstummten Mund, den einzigen -auf Erden, von dem er sich »mein Kind« hatte nennen gehört. - - -*II.* - -Joseph beteiligte sich als Freiwilliger an den Erntearbeiten, und eines -Nachmittags sah ihn Rosenzweig, der gleichgültig, als ob die Sache ihn -nichts anginge, vorbeischritt, hoch oben stehen auf einem beinahe völlig -beladenen Leiterwagen. Behend und kräftig schichtete er die Garben, und -dem Doktor fiel es auf, daß der Bursche in der drollig weiten Jacke, die -seinem Wohltäter als Rock gedient hatte, und in den viel zu kurzen Hosen -doch ein bildschönes Menschenkind sei. Groß, schlank und stark, weiß und -rot im Gesicht, den wohlgeformten Kopf umwallt von leicht gelocktem -blonden Haar, sein ganzes Wesen Freudigkeit atmend an der Arbeit, an der -Mühe, nahm er sich auf seiner stolzen Höhe ganz merkwürdig gut aus. - -Unter den auf dem Felde beschäftigten Weibern und Mädchen befand sich -auch die Tochter des Pächters, dem Rosenzweig die Gründe des Pan -Theophil von Kamatzki anvertraut hatte. Ein hübsches, lebhaftes Ding, -die echte Masurentochter. Rosenzweig bemerkte, daß die braunen, -funkelnden Augen des Mädchens und die blauen des Burschen einander gar -oft begegneten, und wenn sich dann die braunen verlegen senkten, wurden -sie von den blauen hartnäckig verfolgt, so hartnäckig, so kühn, daß sie -sich endlich wieder erheben mußten, mit oder ohne ihren Willen. - -Die Geringschätzung, die Rosenzweig für Joseph hegte, erhielt durch -diesen kleinen Vorgang neue Nahrung. Ein Mensch, zu ewiger Dienstbarkeit -verurteilt durch die elende Beschaffenheit seines Kopfes, befaßt sich -damit, den eines Mädchens zu verdrehen? Und in welchem Alter? In dem -eines Knaben, in den Jahren, in denen der Sohn des Doktors stände, wenn -der Doktor zur rechten Zeit geheiratet hätte. Was er in heroischer -Selbstverleugnung so lange zu erringen säumte, bis er die Hoffnung, es -zu erringen, _versäumte_, das Glück der Liebe, danach haschte in -gedankenlosem Leichtsinn ein von fremden Gnaden lebender, unreifer -Habenichts! - -Am Abend berief ihn Rosenzweig auf sein Zimmer. Das war ein so kahles -und ungemütliches Gelaß, daß jeden, der es betrat, fröstelte -- sogar in -den Hundstagen. Die Einrichtung bestand aus einigen an die Wände -gereihten Sesseln, einem riesigen, mit weißer Ölfarbe angestrichenen -Schreibtisch und einem gleichfalls weiß angestrichenen, langen und -niederen Büchergestell, das, einer Gewölbbudel ähnlich, das Gemach in -zwei Teile schied. In dem kleineren, zunächst den Fenstern, hielt sich -der Doktor auf, in dem größeren, nächst der Tür, hatten die Patienten, -die ihn besuchten, zu warten, bis er zu ihnen trat durch einen schmalen -Raum, der zwischen der Wand und dem Büchergestell frei geblieben war. -Auf dessen oberstem Brette lagen oder standen allerlei Dinge, mit deren -gruselnder Betrachtung die Leute sich die Zeit des Wartens vertrieben. -Sonderbare Instrumente, Messer und Zangen und fest verschlossene Gläser, -gefüllt mit einer durchsichtigen Flüssigkeit, in der der galizische -Instinkt sofort Weingeist witterte. Nur war leider das gute Getränk -verdorben durch höchst unappetitliche Gebilde, die darin schwammen. - -Über all diese Sachen hinweg rief Rosenzweig jetzt dem eintretenden -Joseph zu: - -»Sag einmal, was hast du mit der kleinen Lubienka des Pächters?« - -Wie gewöhnlich, wenn sein Wohltäter ihn scharf anredete, wurde der -Bursche feuerrot, fand auch nicht gleich eine Antwort. Erst nachdem -Rosenzweig seine Frage wiederholt hatte, nahm Joseph sich zusammen und -entgegnete halblaut, aber bestimmt: - -»Ich hab sie lieb.« - -»Und -- sie?« - -»-- Sie hat mich auch lieb.« - -Der Doktor lachte bitter und höhnisch: - -»Das bildest du dir ein?« - -»Das weiß ich, gnädiger Herr --« - -»Wohin soll dieses Liebhaben führen?« - -Nun meinte Joseph, der Doktor habe ihn zum besten, wolle ihn nur ein -wenig aufziehen, und erwiderte ganz munter: - -»Zu einer Heirat, Herr.« - -»Einer Heirat! Du denkst ans Heiraten?« - -»Ja, Herr! und Lubienka denkt auch daran.« - -»Sie auch!... Was sagt denn ihr Vater dazu?« - -»Dem ist es recht, Panie Kochanku!«[4] rief Joseph mit einem Ausbruch -überwallender Empfindung und machte Miene, auf dem jedem andern als dem -Doktor verbotenen Weg in das Bereich seines Wohltäters zu stürzen ... - -Der aber erhob sich gebieterisch von seinem Stuhle und bannte den -Jüngling mit einem strengen: - -»Bleib, wo du bist!« an seinen Platz. - -In grausamen Worten hielt er ihm seine Armut und seine -Aussichtslosigkeit vor. Ihn empörte der Gedanke, daß dieser Mensch -vielleicht auf ihn gerechnet habe, respektive auf seinen Geldbeutel, und -er faßte den Entschluß, dem interessierten Schlingel nach beendeter -Erntearbeit die Tür zu weisen. Vorläufig wies er ihn aus dem Zimmer und -legte sich mit dem Vorsatz zu Bett, den Pächter am folgenden Tage -ernstlich zu ermahnen, der Löffelei zwischen seiner Tochter und Joseph -ein Ende zu machen. - -Gerade an diesem Tage jedoch ereignete sich etwas, das ihn von jedem -unwesentlichen und nebensächlichen Gegenstand ein für allemal abzog. - -Er wurde am frühen Morgen zu dem plötzlich erkrankten Sohn einer -benachbarten Gutsfrau berufen, konnte die besorgte Mutter über den -Zustand des Patienten beruhigen und wäre am liebsten sogleich wieder -nach Hause gefahren. Das gestattete jedoch die landesübliche -Gastfreundschaft nicht. Gern oder ungern hieß es an einem reichlichen -Frühstück teilnehmen, das im Salon aufgetragen war. Dort hatte sich eine -große Anzahl Schloßgäste versammelt, eine Gesellschaft, dem Doktor -wohlbekannt und so widerwärtig, als ob sie aus lauter Kurpfuschern -bestanden hätte. Anhänger und Anhängerinnen »König« Adam Czartoryskis, -Konspiranten gegen die bestehende gute Ordnung, Schwärmer für die -Wiedereinführung der alten polnischen Wirtschaft. Die Frau des Hauses, -noch jung, schön, enthusiastisch, seit dem Tode ihres Mannes -unumschränkte Herrin der großen Güter, die sie ihm zugebracht hatte, war -die Seele der ganzen Partei und ihre mächtige Stütze. Sie unterhielt -eine lebhafte Korrespondenz mit der Nationalregierung in Paris, empfing -und beherbergte deren Emissäre und verwendete jährlich große Summen für -Revolutionszwecke. - -Dieses fanatische Treiben mißfiel dem Doktor und entstellte ihm das Bild -der in jeder andern Hinsicht, als gute Mutter, als kluge Verwalterin -ihres Vermögens und als humane Herrin ihrer Untertanen verehrungswürdigen -Frau. - -Mit verdrießlicher Miene nahm er am Teetische Platz, aß und trank und -sprach kein Wort, indes Herren und Damen eifrig politisierten. Ihm war, -als sei er von Kindern umgeben, die, statt Soldaten zu spielen, zur -Abwechselung einmal Verschwörer spielten. - -Da legte eine weiße Hand sich plötzlich auf die Lehne seines Sessels. - -»Warum so verstimmt, angesichts des schönsten Wunders, mein lieber -Doktor?« sprach Gräfin Aniela W. zu ihrem Lebensretter. - -Rosenzweig erhob und verneigte sich: - -»Welches Wunder meinen Euer Hochgeboren?« - -»Das der Wiedererweckung des polnischen Reiches!« versetzte die reizende -Frau, und aus ihren Taubenaugen schoß ein Adlerblick, und ihre -zierliche Gestalt richtete sich heroisch auf. - -Der Doktor verbiß ein Lächeln, und sogleich riefen mehrere Patriotinnen -in schmerzlicher Enttäuschung: - -»Sie zweifeln? O Doktor, -- ist das möglich? Ein so gescheiter Mann!« - -»Ich zweifle nicht, meine Damen! Wer sagt, daß ich zweifle?« - -»Ihr Lächeln sagt es, das ganz unmotiviert ist, da wir Ernst machen,« -sprach die Gräfin und kreuzte die Arme wie Napoleon. - -»Der Augenblick, das fremde Joch abzuschütteln, ist gekommen ... Sie -dürfen es erfahren, weil Sie ein guter Pole und unser Vertrauter sind! -Das Zeichen zum Ausbruch der Revolution wird in Lemberg auf dem ersten -Balle des Erzherzogs gegeben werden!« - -Allgemeines Schweigen folgte dieser freimütigen Erklärung. Die -Verschworenen waren betroffen über die Eigenmächtigkeit, mit der Aniela -über das gemeinsame Eigentum -- den Plan der Partei -- verfügte. - -Doch war sie viel zu liebenswürdig und sah auch viel zu reizend aus, als -daß man ihr hätte zürnen können. Sie trug ein Pariser Häubchen mit einer -Kaskade aus gesinnungstüchtigen rot und weißen Bändern. Den köstlichen -Stoff des Morgenkleides hatte ihr Gemahl von seiner letzten -Missionsreise nach Rußland, aus Nishnij Nowgorod mitgebracht, -- unter -welchen Gefahren! - -Ach, es war eine ganze Geschichte ... Heute wurde sie aber nicht -erzählt, am wenigsten in diesem Augenblick, in dem es vor allem galt, -den üblen Eindruck zu verwischen, den die Politikerin auf ihre Umgebung -hervorgebracht hatte. - -»Ihr Kleingläubigen!« rief sie, »zweifelt ihr an der Treue und -Zuverlässigkeit eines Mannes, der dem Vaterlande mein Leben erhalten -hat?« - -Einige junge Herren beeilten sich zu protestieren, und ein alter -Schlachziz mit langem, herabhängendem Schnurrbart erhob sein -Madeiragläschen, leerte es auf einen Zug und sprach: - -»Vivat, Doktor Rosenzweig!« - -Die Frau vom Hause wiederholte: - -»Vivat, Doktor Rosenzweig, dem so viele von uns ihre eigene Gesundheit -und die ihrer Kinder verdanken!« - -Sie stürzte nach diesem Toast den Rest ihrer sechsten Tasse Tee -hinunter, und statt sich erkenntlich zu zeigen, brummte der Arzt: - -»Wie oft habe ich Euer Hochgeboren ersucht, nicht so viel Tee zu -trinken. Sie ruinieren Ihre Nerven!« - -Die schöne Festgeberin lächelte überlegen: - -»Guter Gott, meine Nerven! An die werden bald ganz andre Zumutungen -gestellt werden!« - -»Ich verstehe -- auf jenem Revolutionsballe!« - -»Ja, Doktor! Ja!« rief Gräfin Aniela dazwischen, -- »dem Ball, auf dem -wir ein welthistorisches Ereignis inaugurieren!« - -»Bei der Mazurka oder bei der Française?« - -»Beim Kotillon. Die Damen wählen zugleich alle anwesenden Offiziere. Die -Offiziere legen zum Tanz ihre Säbel ab. Die Säbel werden fortgeschafft. -Kaum ist das geschehen, so werfen sich die Polen auf die waffenlosen -Feinde und machen sie nieder!« - -»Vivat!« rief der Schlachziz, »alle nieder, ohne Pardon!« - -Einige Damen widersprachen und schlugen vor, den Offizieren Pardon zu -geben, die ihn verlangen würden. Sie zogen jedoch ihren Antrag zurück, -als sie bemerkten, daß er Zweifel an der Echtheit ihres Patriotismus -erregte. - -»Meine Herrschaften,« sagte Rosenzweig, »dieser Plan ist wundersam -ausgedacht, aber ausführen werden Sie ihn nicht.« - -»Warum?« rief's von allen Seiten, »was soll uns hindern?« - -»Ihre eigene Hochherzigkeit, Ihr eigener loyaler Charakter. Edle Damen -und edle Herren, wie Sie, können hassen, können befehden, aber sie -verraten nicht, und sie morden nicht.« - -»Monsieur!« entgegnete ein neunzehnjähriges Bürschlein, das eben aus -einer Pariser Erziehungsanstalt heimgekehrt war. »Ihr Argument würde im -Kriege gelten, aber es gilt nicht in einer Konspiration.« - -»Ganz richtig -- weil ja ...« Dem alten Schlachziz war plötzlich -eingefallen, daß er jetzt eine Rede halten sollte; er sprang auf, schlug -die Fersen aneinander und rief nach langer Überlegung: - -»Vivat, Polonia! Vivat, König Adam!« - -Nun erhob sich in der Ecke des Zimmers eine zitternde, klanglose Stimme. -Wie aus der Tiefe eines Berges kam sie hervor, einem Berge von -Seiden- und Schalstoffen, von Spitzen, Rüschen und Bändern. Die Stimme -gehörte der Starostin Sulpicia, Großtante der Hausfrau, bei der die -hochbejahrte Dame ein sehr reich mit Butter bestrichenes Gnadenbrot -genoß. - -»Olga, Duschenka moja,«[5] sprach sie, »denke vor allem an dein ewiges -Heil!« - -Mit Schrecken hatte die Schloßdame das leise Sinken des Enthusiasmus -ihrer Gäste wahrgenommen, indessen sie selbst nach der siebenten Tasse -Tee auf dem Gipfel der Begeisterung angelangt war. Die Greisin goß mit -ihrer Ermahnung Öl ins Feuer. Es schlug auch sogleich lichterloh empor -in dem lauten, feierlichen Ausrufe: - -»Alles für Polen! Mein zeitliches und mein ewiges Heil!« - -Gräfin Aniela warf sich, ganz entzückt von dieser Größe, ihrer Freundin -in die Arme, die Herren küßten die Hände der Patriotinnen. Einer von -ihnen erbat sich die Ehre, aus dem Schuh der Hausfrau trinken zu dürfen. -Sie gestattete es aber nicht, aus Rücksicht für den erhabenen Ernst -dieser Stunde, und der Abgewiesene setzte sich ans Klavier und -intonierte ein melancholisches Nationallied. - -Alle schwiegen, alle horchten gerührt; in manches Auge traten Tränen. - -Die unwiderstehliche Macht dieses Gesanges ergriff sogar einen, der -bisher unbeweglich in einer Fensterecke gestanden und am Gespräch nicht -teilgenommen hatte. - -Rosenzweig kannte ihn nicht und war in angestammtem Mißtrauen geneigt -gewesen, ihn, seiner auffallenden Blässe wegen, für einen der -verschämten Patienten zu halten, die sich berühmten Ärzten so gern auf -neutralem Gebiet in den Weg stellen, um im Vorübergehen eine -Konsultation abzuhalten, für die sie später das Honorar schuldig -bleiben. - -Indessen hatte Rosenzweig sich geirrt. Der Fremde machte keinen Versuch, -in seine Nähe zu gelangen, während er selbst nicht mehr vermochte, seine -Aufmerksamkeit von ihm abzulenken. - -Er war ein mittelgroßer, schlanker Mann mit blondem, dünnem Bart, mit -blauen, offenbar sehr kurzsichtigen Augen. Der Eindruck eines ungemein -regen Geisteslebens, den seine Züge hervorbrachten, wurde durch die -Blässe erhöht, die den Doktor anfangs verleitet hatte, ihn für einen -Kranken zu halten. Doch auch von dieser Meinung war er bald abgekommen. -Krankheit vergeistigt nicht, wie die Poeten oft behaupten, sie zeichnet -vielmehr die Kinder des Staubes mit deutlichen Merkmalen ihrer Abkunft. - -In dem Wesen dieses Mannes aber gab sich kein Zeichen von körperlicher -Mühsal kund. Die Leidensspuren auf seiner marmorgleichen Stirn waren -durch rastlos arbeitende Gedanken ausgeprägt worden und der -Schmerzenszug um den jungen Mund durch frühe, schwere Seelenkämpfe. Die -Geringschätzung, mit der das Treiben der Gesellschaft ihn zu erfüllen -schien, wurde allmählich besiegt. Die Klänge des schönen Volksliedes -ergriffen und bewegten auch ihn. _Eine_ Empfindung verband ihn mit -seinen Brüdern: Sehnsucht, leidenschaftlich heiße Sehnsucht nach dem -verlorenen Vaterland. - -An diesem Leidensborn hat kein Volk sich so übersatt getrunken wie das, -aus dessen Herzen solch ein Lied geströmt. Es singt von dem verirrten -Sohne, der heimkehrt zum Elternhaus, voll Reue und glühender Liebe. -Zagend steht er an der verschlossenen Tür und hört die Stimme seines -Vaters, die nach ihm ruft, und hört das Weinen seiner Mutter ... Vater! -Mutter! stöhnt er. Sie antworten: Komm! Erlöse uns, wir liegen in Banden -... Er rüttelt an der eisernen Pforte, zerpocht sich die Hände, -zerschlägt sich die Stirn, schon fließt sein Blut. Vergeblich. Nie wird -diese Pforte weichen, nie vermag er sie aus den Angeln zu heben. -- Er -wird auf der Schwelle verschmachten. - -Der Gesang war verstummt, und die Stille, die ihm folgte, wurde erst -nach einer Weile durch die Wirtin unterbrochen, die sich erhob, auf den -Fremden zuschritt und leise mit ihm zu parlamentieren begann. - -Die stattliche Dame machte sich förmlich klein vor ihrem Gast; jede -ihrer Mienen bezeugte Ehrfurcht, jede ihrer Gebärden war Huldigung. - -Sie faltete die Hände und flehte: - -»Sprechen Sie, o sprechen Sie zu der Versammlung!« - -Die Aufforderung der Hausfrau fand lebhafte Unterstützung. - -»Ach ja, sprechen Sie!« riefen viele Stimmen durcheinander. -- »Es würde -uns beseligen.« -- »Wir wagten nur noch nicht, Sie darum zu bitten.« -- -»Aus Bescheidenheit.« - -Alle kamen heran, sehr freundlich, mit auserlesener Höflichkeit -- -keiner ohne eine gewisse Scheu. Sogar die siegessichere Gräfin Aniela -war befangen, und ihre anmutigen Lippen zitterten ein wenig, als sie -sprach: - -»Geben Sie uns eine Probe Ihrer wunderbaren Beredsamkeit, von der wir -schon so viel gehört haben. Man sagt, daß Sie steinerne Herzen zu rühren -und moralisch Tote zu den größten Taten zu wecken vermögen.« - -Der Fremde lachte, und dieses Lachen war hell und frisch, wie das eines -Kindes. Unwillkürlich mußte Rosenzweig denken: Du hast eine unschuldige -Seele. - -»Wie heißt der Mann?« fragte er die Hausfrau. - -Sie errötete und gab mit nicht sehr glücklich gespielter Unbefangenheit -zur Antwort: - -»Es ist mein Cousin Roswadowski aus dem Königreich.« - -Niemals hatte der Doktor von einem berühmten Redner Roswadowski auch nur -das geringste gehört; aber was lag daran? In Zeiten nationaler Erhebung -pflegen ja von heut auf morgen nationale Größen aus dem Boden zu -wachsen. - -Roswadowski erwiderte den Blick, den der Arzt auf ihm ruhen ließ, mit -einem ebenso forschend gespannten, und sich leicht gegen ihn verneigend, -sagte er: - -»Bitten Sie doch Herrn Doktor Rosenzweig zu sprechen. Er möge Ihnen -sagen, was er von der Revolution erwartet.« - -»Das wissen wir im voraus,« entgegnete Aniela, »wie jeder gute Pole, die -Wiederherstellung des Reiches, das allgemeine Wohl!« - -»Olga, Duschenka moja,« ließ wieder die Großtante sich vernehmen, »sage -deiner Freundin, daß keiner ein guter Pole ist, der nicht ein guter -Katholik ist.« - -Ohne auf die Unterbrechung zu achten, fuhr Roswadowski fort: - -»Das allgemeine Wohl soll jedes besondere in sich begreifen, also auch -das dieses Mannes und seiner Glaubensgenossen. Warum höre ich keinen von -euch, die ihr seines Lobes voll seid, davon sprechen, daß ihr die Schuld -abzutragen gedenkt, in der wir alle ihm gegenüberstehen und seinem -Volke?« - -»*Ce cher Édouard!*« rief Graf W. und fügte, sich in den Hüften -wiegend, mit süßlichem Lächeln, nur vernehmbar für seine Frau und für -den neben ihr stehenden Rosenzweig hinzu: »Er wird immer verrückter.« - -Auch die Schloßdame war unzufrieden mit dem unerwarteten Ausfall ihres -Cousins und erklärte sehr scharf, »in einer Schuld der Dankbarkeit und -Verehrung fühle sie wenigstens sich dem vortrefflichen Doktor gegenüber -nicht.« - -»Und was die Gleichberechtigung aller Konfessionen im Königreiche Polen -betrifft,« sagte Aniela, »so ist sie bereits im Prinzip festgestellt. -Mit den Modalitäten wird man sich beschäftigen. Bis jetzt hatte man aber -noch nicht Zeit, auf Details einzugehen.« - -»Ich falle Ihnen zu Füßen!« sprach Rosenzweig. »Um die Sache der Juden -ist mir nicht mehr bang.« - -»Ihre Verheißung macht ihn lachen, so groß ist sein Vertrauen --,« nahm -Roswadowski wieder das Wort. »Er, dessen ganzes Leben nur eine Übung im -Dienste der Pflicht gegen uns ist, erwartet von uns -- nichts.« - -»Herr, wenn ich meine Pflicht nicht täte, käm ich um mein Amt,« fiel der -Doktor ein, im Tone eines Menschen, der einer unangenehmen Erörterung -ein Ende machen will. - -Sein unberufener Parteigänger jedoch entgegnete: - -»Wenn ich von Pflicht sprach, so hatte ich eine höhere im Auge, als die, -die Ihr Amt Ihnen auferlegt. Von Amts wegen sind Sie ein tüchtiger -Kreisphysikus, zum Samariter macht Sie Ihr eigenes Herz.« - -»Samariter!... Ich?« - -»Jawohl, Sie! Der des Evangeliums pflegte des Sterbenden an der -Heerstraße und übergab ihn dann fremder Hut. Sie haben den Sterbenden, -den Sie auf Ihrem Wege fanden, in Ihr Haus aufgenommen, das dem -verwaisten Christenknaben ein Vaterhaus geworden ist.« - -Der Doktor deprezierte: - -»-- Wie man's nimmt,« und dachte im stillen ganz grimmig: »Du bist gut -unterrichtet, Lobhudler! Mein Haus ein Vaterhaus für einen solchen -Chamer!« - -Und in dem Augenblick beantwortete sich ihm eine Frage, die er oft -erwogen hatte, die Frage: ob man wohl zwei Gedanken auf einmal haben -könne, denn wahrhaftig, er hatte _zugleich_ auch den: ich will dem -Chamer, bevor ich ihn wegschicke, doch einen neuen Anzug machen lassen. - -»So hat ein Jude getan,« wandte der Redner sich an die Gesellschaft, -»aus freiem Willen für einen Andersgläubigen, und was haben wir -Andersgläubigen jemals aus freiem Willen für einen seines Volkes getan? -Leset eure Geschichte und fragt euch selbst, ob ein Jude die Tage -herbeiwünschen _kann_, in denen in Polen wieder Polen herrschen?« - -Olga und Aniela erhoben Einwendungen; was die Herren betraf, so waren -die meisten von ihnen dem Grafen W. in das Nebenzimmer gefolgt und -hatten dort an Spieltischen Platz genommen. Nur der ehrwürdige -Schlachziz und der Ankömmling aus Paris hielten ritterlich bei den Damen -aus, und der erste versicherte, er habe sich in seiner Jugend auch mit -der Geschichte seines Landes beschäftigt, darin jedoch niemals andre als -glorreiche Dinge gelesen. - -Jetzt wurde die Tür aufgerissen, ein Diener stürzte herein und meldete: - -»Der Herr Kreishauptmann. Er wird gleich in den Hof fahren.« - -Die mutigen Damen stießen einen Schrei des Entsetzens aus: - -»Um Gottes willen, der Kreishauptmann!« - -Voll Todesangst ergriff die Hausfrau die Hand ihres Vetters: »Fort! -fort! verbergen Sie sich!« - -»Ich denke nicht daran,« erwiderte er ganz ruhig, »ich bleibe; ich freue -mich sehr, die Bekanntschaft eines liebenswürdigen Mannes zu machen.« - -»Sie bleiben nicht! Sie gehen -- weil Ihre Gegenwart uns -kompromittiert,« rief Graf W., der mit bestürzter Miene in den Salon -zurückgekehrt war. - -Ein Wortwechsel entspann sich ... - -»Doktor, ich beschwöre Sie, eilen Sie dem Kreishauptmann entgegen, -suchen Sie ihn so lange als möglich auf der Treppe aufzuhalten,« flehte -die Herrin des Schlosses und drängte Rosenzweig zur Tür. - -»Ich werde tun, was ich kann; ich empfehle mich, meine Herrschaften!« -antwortete er und verließ den Salon, im Grund der Seele höchlich ergötzt -über das Ende, das die Versammlung der Verschwörer genommen hatte. - -Vom Gange aus sah er den Kreishauptmann soeben in das Haus treten. Ein -behäbiger, feiner, mit äußerster Sorgfalt gekleideter Herr. Der Deckel -seines Zylinders glänzte in der Vogelperspektive, in der er sich zuerst -dem Doktor zeigte, wie die Mondesscheibe. Nicht minder glänzte der -Lackstiefel an dem kleinen Fuße, den der Beamte auf die erste Stufe der -niederen Treppe setzte, als Rosenzweig bei ihm anlangte. - -»Ich habe die Ehre, Euer Hochwohlgeboren zu begrüßen!« sprach der -Doktor, seinen Hut feierlich schwenkend. - -»Wie, mein lieber Doktor? Sind Sie es wirklich? Was?« sprach der Beamte -mit dem gnädigsten Lächeln, »auch Sie im Neste der Verschwörer?« - -»-- Herausgefallen, als ein noch nicht flügges Vöglein! -- Wie befinden -sich Euer Gnaden?« - -»Gut. Dank Ihren Ordonnanzen.« - -»Und der Pünktlichkeit, mit der Euer Gnaden ihnen nachkommen. Sie sind -ein so vortrefflicher Patient, daß Sie verdienen würden, immer krank zu -sein.« - -»Sehr verbunden für den christlichen Wunsch ... Entschuldigen Sie -- da -habe ich mich versprochen.« Und nun kam die Frage, die der -Kreishauptmann dem Doktor auch bei der flüchtigsten Begegnung nicht -erließ. »Aber, mein lieber Doktor, wann werden Sie sich denn endlich -taufen lassen?« - -Auf die stehende Frage erfolgte die stehende Antwort: - -»Ich weiß es noch nicht genau.« - -»Entschließen Sie sich! Sie sind ja ohnehin nur ein halber Jude.« - -»Ich würde vermutlich auch nur ein halber Christ sein.« - -»Oho! das ist etwas andres!« entgegnete der Beamte streng. »Wir sprechen -noch davon; jetzt sagen Sie mir --« seine Miene blieb unverändert, aber -seine kleinen klugen Augen blickten den Doktor durchdringend an: »Ist er -oben, der Sendbote? Haben Sie ihn gesehen?« - -»Welchen Sendboten?« - -»Hier im Hause wird er als Herr von Roswadowski vorgestellt.« - -Auf dem Gesichte Rosenzweigs malte sich ein so aufrichtiges Erstaunen, -daß der Beamte ausrief: - -»Sie sind nicht eingeweiht! -- Nun, ich will Ihnen Ihre politische -Unschuld nicht rauben ... Ganz scharmant, diese Konspiranten! besonders -die Damen. Übrigens haben wir uns weniger in acht vor ihnen zu nehmen, -als sie sich selbst vor -- andern. Es ballt sich ein Gewitter über ihren -Häuptern zusammen, von dessen Aufsteigen sie keine Ahnung haben. Diese -harmlosen Unzufriedenen, die sich für bedrohlich halten, sind selbst von -ganz anders Unzufriedenen, in ganz anders gefährlicher Weise bedroht.« - -Rosenzweig konnte eine Erklärung dieser Worte nicht mehr erbitten. Auf -der Höhe der Treppe erschien soeben die Hausfrau, strahlend vor -Freundlichkeit, und der Kreishauptmann schwebte ihr in zierlichen -Schritten eiligst entgegen. - - -*III.* - -Rosenzweig ließ seinem Kutscher den Befehl erteilen, anzuspannen und ihm -auf der Straße nachzufahren. Er selbst ging zu Fuße voraus und schlug -bald einen schmalen Weg ein, der, die Felder quer durchschneidend, in -der Nähe eines steinernen Kreuzes in die Landstraße ausmündete. Dort -wollte er seinen Wagen erwarten. - -Er sehnte sich danach, tüchtig auszuschreiten, frische, freie Luft zu -atmen und den gesunden Erdgeruch einzuziehen, der aus den aufgerissenen -Schollen emporstieg. Nur Wunder nahm es ihn, daß er die Wonne und -Wohltat, der parfümierten Salonluft und Gesellschaft entronnen zu sein, -nicht so recht zu empfinden vermochte. - -Ein tiefinnerliches Unbehagen erfüllte ihn; ein unbestimmtes Etwas ging -ihm nach, von dem er sich keine andre Rechenschaft zu geben wußte, als -daß es sehr quälend sei. - -Plötzlich rief er mehrmals hintereinander laut aus: »Narr! Narr!« - -Die Apostrophe galt dem, den der Kreishauptmann soeben einen Sendboten -genannt, und die Erinnerung an das unverdiente Lob, das dieser Mensch -ihm gespendet hatte, das war's, was dem Doktor die Laune verdarb. Jedes -Wort, das der »Narr« gesprochen, jeder Zug seines durchgeistigten -Apostelgesichts, der Ausdruck der schwärmerischen Ehrfurcht, mit dem -seine tiefblauen Augen auf ihm geruht -- alles hörte, alles sah er -wieder, und eine zornige Beschämung erfüllte ihn. - -Er, der trockene, auf seinen Vorteil bedachte Nathanael Rosenzweig -- -ein Menschenfreund und Samariter? -- So einsam er da wandelte auf dem -Felde, ihm schoß das Blut in die Wangen, daß sie glühten. Er gedachte -all der Hände, die sich im Verlauf seines langen Lebens flehend zu ihm -ausgestreckt, und sagte sich: »Nie hast du geholfen außer im Beruf. Und -was wir dem zuliebe tun, tun wir uns selbst zuliebe.« Seine Schuldigkeit -hatte er in ihrem ganzen Umfang erfüllt; aber Schuldigkeit -- es liegt -schon im Worte -- ist nur ein Tausch. Mehr als getauscht hatte er nie. -Seine Kraft, sein Talent, die Früchte seines rastlos vermehrten Wissens -gegen den Wohlstand, den er durch sie erwarb, und gegen die Achtung der -Menschen. So hatte er bisher gehalten und -- Nathanael warf den Kopf -zurück in seinen breiten Nacken -- so wollte er es auch ferner halten. -Möge erst jeder seinem Beispiel folgen! Möge diese, im Grunde niedere -Stufe der Moral erst von der Mehrzahl erreicht sein, dann werden _sie_ -zu Worte kommen, die Idealisten, die Träumer von einem goldenen -Zeitalter allgemeiner Nächstenliebe. Früher -- nicht! - -Jetzt hatte er sich wieder zurechtgefunden und schritt rüstig und -sorglos weiter in gewohnter Seelenruhe. - -Lange vor seinem Wagen, von dem trotz allen Ausblickens keine Spur zu -entdecken war, erreichte er das steinerne Kreuz. An dessen Fuße kauerte -eine klägliche Gestalt. Ein alter Mann, die Knie heraufgezogen bis ans -Kinn, eine hohe Schafspelzmütze auf dem Kopfe, um die Schultern die -Reste eines blauen Fracks, den vermutlich dereinst in Tagen -schlummernden Nationalgefühls der verewigte Gutsherr getragen. Die -mageren Beine des Greises wurden von einer ausgefransten Leinwandhose -umschlottert und befanden sich, wie sein ganzer kleiner Körper, in einer -unaufhörlich zitternden Bewegung. - -Als der Doktor sich ihm näherte und ihn ansprach, erhob er langsam, -mühsam das juchtenfarbige, faltige Gesicht und blickte aus -halberloschenen, rotumränderten Augen mit dem demütigen Leidensausdrucke -eines alten Jagdhundes zu ihm empor. - -»Was tust du hier?« fragte Rosenzweig. - -»Ich warte, mein gnädiger Herr, ich bete und warte,« antwortete der -Angeredete und streckte seine knöcherne Rechte aus, an deren Fingern ein -vielgebrauchter Rosenkranz hing, »ich warte immer auf einen Brief von -unserm lieben Herrgott.« - -»Was soll denn unser lieber Herrgott dir schreiben?« - -»Daß ich zu ihm kommen darf, ist ja hohe, hohe Zeit.« - -»Wie alt bist du?« - -»Siebzig, nicht mehr. Aber wie ich aussehe, und wenn Euer Gnaden wüßten, -wie mir ist. Da --« er klopfte auf seine eingefallene, pfeifende Brust --- »kein Atem. Jeden Tag meine ich, ich sterbe auf dem Wege, ich -erreiche das Kreuz nicht mehr.« - -»Warum bleibst du nicht zu Hause?« - -Der Alte öffnete die Arme mit einer unbeschreiblich hilflosen Gebärde: -»Sie jagen mich ja hinaus, die Tochter, der Schwiegersohn, die Kinder. -Nun ja -- sie haben selbst keinen Platz in der kleinen Schaluppe.« - -»Wem gehört die Schaluppe?« - -»Der Tochter. Ja, der Tochter. Ich habe sie ihr zur Aussteuer -geschenkt.« - -»Ein Schürzenvermögen also!« spöttelte der Doktor. »Und jetzt jagt sie -dich aus dem Haus, das du ihr geschenkt hast?« - -»Mein Gott, was soll sie tun? Der Schwiegersohn prügelt sie ohnehin, -weil ich so lange lebe. Der Schwiegersohn sagt zu den Kindern: 'Kinder, -betet, daß der Großvater bald stirbt.' -- Ja!« - -»Du hast da einen saubern Schwiegersohn.« - -»Mein Gott, Herr, die Leute sind schon so. Solche Herren, wie du, wissen -nicht, wie die Leute sind. Es gibt noch viel, viel ärgere im Dorf. -Besonders jetzt in dieser Zeit.« Er senkte die keuchende Stimme. »Weh -allen Panowies und Panies, die das nächste Jahr erleben!« - -»Warum denn? Was meinst du damit?« - -»O, die armen Herrschaften! Die Armen, Armen!« wimmerte der Greis und -begann bitterlich zu weinen. »Alles wird man ihnen wegnehmen, und -erschlagen wird man sie auch.« - -Der Doktor fuhr auf: »Du bist nicht bei Trost!« - -Nun begann der andre die Hände zu ringen! - -»Auch du antwortest mir so? Das ist ein Unglück! Ach, das ist ein -Unglück!... So hat der Herr Pfarrer mir geantwortet, wie ich in der -Beichte ausgesagt habe, was ich weiß; so hat der Herr Mandatar mir -geantwortet, und der Herr Verwalter hat gar gedroht, mich auf die Bank -legen zu lassen, wenn ich solche Sachen rede ...« Er richtete seinen -unsicher suchenden Blick auf den Doktor: »Bist auch du mit ihnen -einverstanden?« - -»Einverstanden -- ich? mit wem?... Sag alles!« befahl Rosenzweig. »Was -wird ums neue Jahr geschehen?« - -»Männer von jenseits des Meeres werden kommen und werden alle adeligen -Besitzungen unter die Bauern verteilen.« - --- Auch die des Pan Theophil Kamatzki. -- Wartet, Kanaillen! dachte der -Doktor und sprach: »Was wird denn die Regierung dazu sagen?« - -»Die Regierung? Ach! Jesus! Von der Regierung aus ist im vorigen -Frühjahr schon alles Land vermessen worden, damit die fremden Männer -wissen, wie geteilt werden soll.« - -Rosenzweig brach in ein schallendes Gelächter aus: - -»O! dieses Volk!... Seit fünfzig Jahren verkehre ich mit diesem Volk, -aber die Wege seiner Dummheit habe ich noch nicht erforscht ... Alter! -die Vermessungen hat der Kaiser vornehmen lassen, weil er wissen will, -wie groß sein Galizien ist, und wie viel Steuern es ihm zahlen kann.« - -Ungläubig wackelte der Greis mit dem Kopfe: - -»Das wissen wir besser, verzeih. Der Kaiser nimmt den Herren, die gegen -ihn sind, das Land und schenkt es den Bauern, die für ihn sind. Dann -wird es gut sein, glauben die meisten ... Ich glaube, daß es schlecht -sein wird. Jeden Tag wird Sonntag sein, und was tun die Bauern am -Sonntag, als raufen und sich betrinken?... O, mein gnädiger Herr, könnt -man's doch verhüten.« - -»Sei du ganz ruhig, das wird gewiß verhütet werden,« entgegnete -Rosenzweig und lachte wieder. - -Da wurde der Alte plötzlich aufgebracht: - -»Wenn du gestern abend im Wirtshaus gewesen wärest und den Kommissär -hättest predigen gehört, du würdest nicht lachen.« - -»Den Kommissär? Den Emissär, willst du wohl sagen! Ein Emissär, wie sie -jetzt zu Dutzenden herumziehen.« - -»Nein, nein, kein solcher. Einer, der einmal ein Herr war und jetzt -sagt, daß es keine Herren mehr geben soll. Er weiß so gut, was für -Zeiten kommen werden, daß er lieber gleich von selbst ein Bauer geworden -ist und hat alles verschenkt.« - -Diese Worte erweckten Nathanaels ganze Aufmerksamkeit und erhoben es ihm -zur Überzeugung, daß der Alte von demselben Manne sprach, den der -Kreishauptmann den Sendboten genannt, und vor dem er selbst eben erst -Aug in Auge gestanden hatte. - -Derselbe! er war es -- er gewiß, der Rätselhafte, dessen -Lebensgeschichte die Vernünftigen einander mit Hohn und Spott erzählten, -die Furchtsamen mit Haß, die Phantasten mit Begeisterung, es war --- _Eduard Dembowski_. - -Oft hatte er sagen gehört, daß von diesem Menschen ein Zauber ausgehe, -dem sich niemand zu entziehen vermöge, und dieser geheimnisvollen -Einwirkung den größten Unglauben entgegengebracht, und nun gestand er -sich, daß er doch etwas ihr Ähnliches erfahre. - -Ja! der bleiche Schwärmer schritt wie ein Gespenst neben ihm her. Ja! -sein Bild verfolgte ihn mit unleidlicher Hartnäckigkeit. Vergeblich -suchte er seine Gedanken von ihm abzulenken, immer wieder tauchte es auf -und trotzte dem Willen, es zu verscheuchen. - -Das Gefährt des Doktors stand schon seit geraumer Weile auf der Straße. -Eine bequeme Britzschka, bespannt mit einem Paar kugelrunder -Falbenstuten, in zierlichen Krakauergeschirren, mit glockenbehangenen -Kummeten. Der Kutscher war ein schlanker Bursche im saubern, einfach -verschnürten Leibrock, und das Ganze bildete eine hübsche Equipage, um -die so mancher Edelmann den Doktor beneidete. - -Dieser klopfte den Falben die starken Hälse und legte ihnen die Zöpflein -der schwarzen, eingeflochtenen Mähnen zurecht. Schon war er im Begriff, -in den Wagen zu steigen, da wandte er sich zu dem Alten am Fuße des -Kreuzes zurück: - -»Du! wie heißt du?« - -»Semen Plachta, Herr.« - -»Hör an, Semen! Krieche heim und sage deinem Schwiegersohn, daß Doktor -Rosenzweig morgen kommen wird, dich zu besuchen. Er soll dich zu Hause -lassen. Verstehst du mich? Wenn ich komme und dich nicht zu Hause finde, -werde ich dafür sorgen, daß dein Schwiegersohn noch vor der allgemeinen -Verteilung als erste Abschlagzahlung auf das Künftige eine Tracht Prügel -erhält.« Rosenzweig hatte seine Brieftasche gezogen und ihr eine -Fünfguldenbanknote entnommen. Sein Gesicht wurde sehr ernst, während er -sie betrachtete. Ein kurzes Zögern noch -- dann reichte er sie dem -Greise hin. - -»Das aber gehört dir. Ich will morgen hören, ob das Geld für dich -verwendet worden ist.« - -Semen streckte die Hand nach dem fabelhaften Reichtum aus; -- zu -sprechen, zu danken vermochte er nicht. Auch der Kutscher auf dem Bocke -blieb starr, riß die Augen auf, ließ vor Erstaunen beinah die Zügel -fallen. Was sollte das heißen, um Gottes willen? Sein Herr verschenkte -fünf Gulden an einen Straßenbettler?! - -»Herr,« sagte er, als der Doktor in den Wagen stieg, »du hast ihm fünf -Gulden gegeben. Hast du dich nicht geirrt?« - -»Schweig und fahr zu!« befahl Rosenzweig, und die Peitsche knallte, und -die Falben griffen aus. - -Bald kam auf der weiten Ebene das Doktorhaus in Sicht. Es stand jetzt -nicht mehr so allein da wie ein Grenzstein; sehr nette Stallungen und -Schuppen erhoben sich hufeisenförmig im Hintergrund, und eine -wohlgepflegte Baumschule füllte den Raum zwischen den Wohn- und -Wirtschaftsgebäuden. - -Die letzteren waren wirklich nach einem Plane des Chamers, dem der -Architekt seine Sanktion gegeben hatte, ausgeführt worden und gut -ausgefallen, das mußte man gelten lassen. - -Ob Rosenzweig zu seinem Daheim zurückkehrte aus dem Gehöft eines -Schlachziz, aus dem Hause eines Grundherrn oder aus dem Schlosse eines -Magnaten -- sein geliebtes Besitztum begrüßte er stets mit der gleichen -Freude. »Den andern das ihre, das meine mir!« -- Aufrichtig gesagt, -getauscht hätte er, wenn auch noch so gewinnreich, mit keinem. Er hatte -ja nie ein lebendes Wesen (seine Großmutter ausgenommen) so geliebt, wie -er sein kleines Gut liebte. Und wie es da so schmuck vor ihm lag, das -langsam und mühsam Erworbene, die Verkörperung seiner Kraft und -Tüchtigkeit, ein so wahrhaft zu Recht bestehendes Eigentum, wie es -wenige gab, da ballten sich seine Fäuste, und er vollzog einen -imaginären Totschlag an dem imaginären ersten, der es wagen würde, ihm -seinen Besitz anzutasten. - -Am Abend noch besuchte er den Kreishauptmann und berichtete ihm Wort für -Wort sein Gespräch mit Semen Plachta. - -Der Beamte ließ sich in eine ausführliche Erörterung der kommunistischen -Umtriebe im Lande ein; die eigentlichen Absichten ihres Urhebers jedoch, -das Wesen des seltsamen Mannes überhaupt, wußte er nicht zu erklären, so -genaue Kenntnis er auch von dessen ganzem Lebenslaufe besaß. - -Der Sendbote, der das Land rastlos durchpilgerte und in den Palästen und -den Hütten das Evangelium der Gleichberechtigung aller Menschen und der -Gleichteilung allen Grund und Bodens verkündete, gehörte, als Sohn des -Senatorkastellans von Polen und Herrn der Herrschaft Rudy im Warschauer -Gouvernement, dem hohen Adel an. Auch er war wie seine Standesgenossen -aufgewachsen und erzogen worden im Bewußtsein überkommener Rechte, -ererbter Macht und der Pflicht, sie zu wahren und sie auszuüben. - -Kaum jedoch in ihren Besitz gelangt, hatte er sich ihrer freiwillig -entäußert. Die Erträgnisse seiner Güter flossen in die Bettelsäcke der -Güterlosen oder wurden zu Revolutionszwecken verwendet. Er aber zog -umher und warb Jünger für seine Lehre und fand ihrer in den Reihen -seiner eigenen Standesgenossen. An die eindrucksfähigen Herzen der -Jugend wandte er sich, und je reiner und unschuldiger diese Herzen -waren, desto feuriger erglühten sie in Verehrung für ihn, und in -Sehnsucht, seinem opfermutigen Beispiel zu folgen. Boten des Sendboten -tauchten auf im Königreiche Polen, im westlichen Rußland, in Posen, in -Galizien. Die Worte ihres Abgottes auf den Lippen, riefen sie dem Adel -zu: -- Wirf deine Reichtümer und deine zu lang genossenen Vorrechte von -dir. Vorrecht ist Unrecht. Und dem Volke: -- Kommt, ihr Armen! Nehmt -euern Anteil an dem Boden, den seit Jahrhunderten euer Schweiß, und wie -oft! auch euer Blut gedüngt hat. -- Zu allen aber sprachen sie: Erhebt -euch, schüttelt das Joch der Fremden ab! Wir wollen ein Reich gründen, -darin es weder Überfluß noch Armut, nicht Herrschaft noch Knechtschaft -gibt, das Reich -- das Christus gepredigt hat. - -Der geistige Leiter dieser Missionen hatte sich inzwischen an dem gegen -Rußland geplanten und fast im Augenblick des Losbruchs gescheiterten -Aufstande des Jahres 1843 beteiligt. Als Flüchtling entkam er nach -Posen, wurde dort binnen kurzem wegen Verbreitung kommunistischer -Grundsätze zur Rechenschaft gezogen, in Haft genommen, endlich verbannt. -Er begab sich nach Brüssel, wo Lelewel die Verirrungen seiner -allzuheißen Freiheits- und Vaterlandsliebe in den Qualen bittersten -Heimwehs verbüßte. Der Umgang mit diesem »Großmeister der Revolutionäre« -steigerte die Begeisterung Dembowskis zum Fanatismus. Was seine Seele -fortan erfüllte, war nicht mehr Mitleid allein mit den Elenden und -Armen, es war auch Haß gegen die Starken und Reichen, hießen sie nun die -Beherrscher der Teilungsmächte oder die Inhaber der polnischen -Zentralgewalt in Paris und Usurpatoren des Königreichs, das sie -wiederherstellen wollten. - -Der Apostel der Nächstenliebe kehrte als ein politischer Agitator nach -der Heimat zurück. Er, den bisher nur seine eigenen Eingebungen geleitet -hatten, übernahm die Ausführung fremder Pläne und die Aufgabe, Galizien -zur Empörung reif zu machen. In dieser Aufgabe wirkte er nun. Wußten -die, die ihn mit ihr betrauten, was sie taten? Sahen sie ihn und seine -Lehre nur als das Ferment an, das die stumpfsinnige Menge in Gärung -bringen, in eine Bewegung setzen sollte, der die Richtung vorzuschreiben -sie sich anmaßten? -- - -Die Sympathie und Bewunderung, die jeder echte Pole für den empfindet, -der im Kampfe gegen die Fremdherrschaft gelitten hat, bewährte sich von -neuem. Der Adel nahm den Geächteten in Schutz, obwohl er einen Gegner -seiner Interessen in ihm erkannte. Mochte er welcher Partei immer -angehören, die Befreiung Polens war auch sein Ziel, auf dem Wege traf -man zusammen und drückte einander die Hand. - -»Und sehen Sie,« schloß der Kreishauptmann, »so sehr ist der Mensch in -mir im Beamten doch nicht aufgegangen, daß ich diese Polen um solcher -Züge ihres oft unbesonnenen, blinden, stets aber hochherzigen -Patriotismus willen nicht lieben und zugleich -- beneiden müßte.« - -»Euer Gnaden!« rief Nathanael mißbilligend aus, und beide Männer -schwiegen. Nach geraumer Zeit erst nahm der Doktor wieder das Wort: - -»Ich glaube, Euer Gnaden, es wäre Sache der Regierung, vor allem sich -und den Adel vor dem verderblichen Einfluß des kommunistischen großen -Herrn zu schützen.« Hier flocht er das ruthenische Sprichwort ein: 'Ein -schlechter Vogel, der sein eigenes Nest beschmutzt.' -- »Ich begreife -nicht, warum man so lange untätig zusieht. Warum man ihn nicht hindert -gleichsam unter den Augen der gesetzlichen Macht sein tödliches Gift -auszustreuen.« - -Unangenehm berührt durch die Entschiedenheit, mit der Rosenzweig sprach, -entgegnete der Kreishauptmann mit kühler Überlegenheit: - -»Es geschieht schwerlich ohne Grund. Übrigens -- unter uns! -- wir haben -Weisung, auf ihn zu fahnden -- in unauffälliger Weise.« - -»O -- dann!« rief Nathanael übereifrig -- »dann beschwöre ich Euer -Gnaden, meine Dienste in Anspruch zu nehmen. Unauffälliger wäre nichts, -als einen Kranken dem Arzte anzuvertrauen. Und daß Ihr 'Sendbote' krank -ist -- hier,« er deutete auf die Stirn, »und in das Beobachtungszimmer -des Kreisphysikus gehört, darauf schwöre ich!« - -Der Ausdruck im Gesichte des Beamten wurde immer kälter; er richtete -plötzlich eine gleichgültige Frage an den Doktor und entließ ihn, indem -er beim Abschied warnend Talleyrands berühmtes »*Surtout pas trop de -zèle!*« zitierte. - -Die Warnung blieb fruchtlos. Des Doktors ein mal entfesselter Eifer für -die Sache der Ordnung und des Gesetzes war nicht mehr zu bändigen. Er -hätte die Friedlosigkeit, die ihn umherjagte, auch den andern mitteilen -mögen, legte einen Abscheu ohnegleichen gegen die zuwartende Geduld an -den Tag, deren man sich in maßgebenden Kreisen befliß, und nannte sie -verbrecherischen Leichtsinn und unverzeihliche Lauheit. - -Sein politisches Glaubensbekenntnis hatte sich bisher in dem Satze -zusammenfassen lassen: - -»Unsre Regierung wird die denkbar beste sein, sobald sie sich nur noch -herbeiläßt, den Juden das Recht zu geben, Grund und Boden zu besitzen.« -Jetzt aber war ihm der Glaube an die Weisheit dieser Regierung -erschüttert, und er begann sich als ihr Belehrer und Ratgeber zu -gebärden. Auf dem Kreisamt hatte man wenig Ruhe vor ihm, er brachte -täglich neue, immer bedenklicher lautende Nachrichten von dem -Umsichgreifen der kommunistischen Propaganda, und riet immer dringender, -man möge sich doch entschließen, energische Sicherheitsmaßregeln zu -ergreifen. - -Die genaue Bekanntschaft des Schwiegersohnes Semen Plachtas, die er -gemacht hatte, gab ihm viel zu denken. Er hatte sich bisher niemals mit -dem Studium einer Bauernseele beschäftigt. Ein Bauer war in seinen Augen -der uninteressanteste von allen mit einer Menschenhaut überzogenen -Bipedes. Jetzt nahm er einen von der Sorte aufs Korn, beobachtete ihn -genau, ging sogar mit ihm ins Wirtshaus, ließ sich mit ihm in Gespräche -ein und wußte am dritten Tage, was er schon im ersten Augenblick gewußt -hatte, daß der Mann faul, trunksüchtig und einfältig war. Wie einfältig, -das kam erst zum Vorschein, wenn ihm der Branntwein die schwere Zunge -löste und es nur weniger Fragen bedurfte, um sich zu überzeugen, daß ihm -sogar die Kardinalerkenntnis der Unterscheidung zwischen mein und dein -fehlte. - -Der Doktor fuhr zur Gräfin Aniela und hielt ihr einen Vortrag über den -Zustand der Landbevölkerung. »Ja,« schloß er, »der Bauer ist dumm, aber -wodurch soll er denn gescheit werden, wenn er es nicht zufällig von -Natur ist? Ja, der Bauer ist faul, aber was würde die Arbeitsamkeit ihm -nützen, sie brächte ihn doch nimmer auf einen grünen Zweig. Seine -Arbeitsamkeit käme mehr dem Herrn zugute als ihm. Ja, der Bauer trägt -den heute verdienten Groschen heute noch in die Schenke, aber diese -Verschwendung kommt von seinem Elend. Das Elend ist nicht sparsam, das -Elend vermag einen so gesunden und fruchtbringenden Gedanken, wie den -der Sparsamkeit, gar nicht zu fassen.« - -Gräfin Aniela streckte das zierliche Hälschen in die Höhe, ihre -lieblichen Lippen verzogen sich spöttisch. - -»Verehrter Lebensretter, Sie sprechen ja ganz wie der 'Sendbote',« sagte -sie, »man glaubt ihn zu hören.« - -Der Doktor schwieg; der scherzhaft gemeinte Vorwurf traf ihn tief. - -Eine Stunde später stand er in seiner Baumschule vor einem Stämmchen, -nicht viel dicker als ein Finger, und doch trug es schon unter seiner -kleinen Blätterkrone drei herrliche Äpfel, völlig reif beinah, mit -gelblich glänzender Schale. Zu jeder andern Zeit hätte der Doktor an dem -Anblick seine Freude gehabt, heute vermehrte sich durch ihn nur sein -Mißmut. Joseph kam aus dem Hause, sein Arbeitsgerät auf der Schulter, -und wollte den Wohltäter noch zu andern Bäumchen führen, die ein ebenso -kräftiges Streben, brave Bäume zu werden, an den Tag legten, wie das, -welches er staunend betrachtete. - -Er erhielt keine Antwort. Mit finsterer Strenge funkelten die schwarzen -Augen Rosenzweigs unter ihren buschigen Brauen den Jüngling an, und -plötzlich sprach er: - -»Sag einmal, hast du nie etwas von einem Freiheitshelden, so eine Art -Narren gehört, der sich hier in der Gegend aufhält, und, wie man -behauptet, den Bauern in den Wirtshäusern Revolution predigt?« - -Joseph sah offenbar betroffen aus und schwieg. - -»Gesteh! Gesteh!« befahl Rosenzweig, und sein drohendes, zornrotes -Gesicht näherte sich dem des Jünglings. - -»Ich weiß nicht, Herr,« stammelte dieser, »ob du den meinst, den sie den -Sendboten nennen.« - -»Den eben meine ich!« - -»Der predigt aber nicht Revolution, der predigt Fleiß und Nüchternheit.« - -»Fleiß im Stehlen, Nüchternheit beim Totschlagen -- was?« höhnte der -Doktor. - -Ungewohnterweise ließ sich Joseph nicht aus der Fassung bringen. Noch -mehr! Er erlaubte sich einen Widerspruch: - -»Du bist im Irrtum. Ich kenne ihn.« - -Rosenzweig prallte mit einem unartikulierten Ausruf zurück, und Joseph -fuhr fort: - -»Ich habe lange mit ihm gesprochen.« - -»Wo? und wann? und was?« - -»Auf dem Felde, in der vorigen Woche; und von dir ist die Rede gewesen.« - -»-- Von mir?« - -Aus dem Munde des Chamers hat er seine Nachrichten über mich? dachte der -Doktor. -- Nun, sie sind danach! - -»Ich habe ihn nie predigen gehört,« nahm Joseph wieder das Wort. - -»Möchtest aber wohl?« - -»O ja! -- ich möchte wohl. Kein Pfarrer kann es ihm gleichtun, heißt es. -Es heißt auch, daß er heute nacht zum letztenmal in unsrer Gegend -sprechen wird, in der Schenke des Abraham Dornenkron, eine Meile von -hier, auf der Straße nach Dolego.« - -Eine lange Pause entstand, der der Doktor ein Ende machte, indem er -Joseph befahl, an die Arbeit zu gehen; er selbst begab sich zum -Kreishauptmann, meldete, was er soeben in bezug auf den Emissär in -Erfahrung gebracht hatte, und fragte an, ob es nicht geraten wäre, ein -Pikett Husaren nach der Schenke zu schicken und den Aufwiegler gefangen -nehmen zu lassen. - -»Was nötig ist, wird geschehen, mein lieber Rosenzweig!« antwortete der -Beamte. »Wir sind von allem, was vorgeht, auf das genaueste unterrichtet -und finden darin keinen Grund zur Sorge. Wovor fürchten denn Sie sich? -Sie gehören zu uns. Ich wollte, ich könnte etwas von Ihrer Vorsicht -denen einflößen, die ihrer bedürftiger wären als Sie und wir.« - -Rosenzweig machte noch einige Krankenbesuche und kam erst spät am Abend -heim. Vor dem Gartentor fand er Joseph, der ihn erwartete. - -»Was hast du dazustehen? Geh schlafen!« herrschte er ihm zu. - -Auch er hätte gern Ruhe gefunden, aber sie floh ihn in dieser Nacht, wie -in den vorhergehenden Nächten. - -Auf einmal fiel es ihm ein, ob es nicht möglich wäre, daß Joseph sich -jetzt aus dem Hause schliche, um nach der Schenke zu rennen und die -Abschiedsrede des Agitators zu hören. Der Weg ist freilich weit, und die -Nacht schon vorgeschritten, aber der Bursch hat junge Beine ... Übrigens --- wer weiß? Wenn er fürchtet, zu spät zu kommen, nimmt er am Ende gar -ein Pferd aus dem Stall ... - -Nun, _der_ Zweifel wenigstens sollte ihn nicht lange quälen. Rasch nahm -er den Leuchter vom Tisch und eilte über die Treppe, den Gang, nach der -von Joseph bewohnten Stube. - -In Jahren hatte er sie nicht betreten; sie war die einzige schlechte im -Hause und ärgerte ihn, so oft er sie sah. Ein länglicher, schmaler Raum, -einfenstrig, mit Ziegeln gepflastert. Wäre Rosenzweig nicht der -Wohltäter, sondern der Arzt Josephs gewesen, er hätte ihm verboten, da -zu schlafen auf dem Strohsack, im Winkel zwischen der Drehbank und der -Mauer, die förmlich troff von Feuchtigkeit. - -Er sagte sich das, als er eintretend den Menschen, den er auf dem Wege -nach Dolego vermutete, lang ausgestreckt fand auf seiner mehr als -bescheidenen Lagerstätte, tief und selig schlafend. - -Als Rosenzweig sich über ihn beugte und ihm ins Gesicht leuchtete, -zuckten seine Augenlider, sein roter, frischer Mund zog sich trotzig -zusammen, aber nur um gleich wieder mit leicht aufeinander ruhenden -Lippen ungestört weiter zu atmen. Hätte er tausend Zungen gehabt, sie -würden nicht vermocht haben, kräftigere Fürsprache für die Lauterkeit -seines Herzens einzulegen, als es der Ausdruck des bewußtlosen, -schweigenden Friedens auf seinem Antlitz tat. - -Der Doktor stellte den Leuchter auf die Drehbank und begann sich in der -Kammer umzusehen. Was es da gab an begonnenen, an halb und fast -beendeten Arbeiten, das alles war die Frucht des Fleißes emsig -schaffender und geschickter Hände. Und es mußte doch kein so übler -Verstand sein, der ihr Tun leitete, denn nirgend fand sich die Spur -verwüsteten Materials oder kindischer Spielerei. Und worauf sich das -ganze Sinnen und Denken dieses Verstandes richtete, das war das Wohl und -Gedeihen des Doktorhauses, ihm kam all sein Streben zugute, das förderte -er nach bester Kraft und Einsicht. Ein Beispiel für hundert fiel dem -Doktor auf und -- fast rührte es ihn. - -Er hatte unlängst das hölzerne Gartenpförtlein durch ein eisernes -ersetzen lassen und war zufrieden gewesen mit der vom Stadtschlosser -gelieferten Arbeit, aber Joseph meinte: »Sie ist nicht schön genug, ich -will eine Verzierung anbringen.« Rosenzweig verhöhnte ihn damals, und -nun war das Werk schon unternommen, war schon mit unsäglicher Mühe aus -starkem Eisenblech herausgesägt und gefeilt, und inmitten schmucker -Arabesken zeichnete sich, gar künstlich verschlungen, der Namenszug -Rosenzweigs. - -Dieser lächelte, kreuzte die Hände und versank in eine, zum erstenmal -wohlwollende und mitleidige Betrachtung des bescheidenen -Tausendkünstlers. Zu Häupten seines Lagers bemerkte er ein Bild des -heiligen Joseph, mit vier Nägeln an der Wand befestigt, und darunter -stand in ungefügiger Schrift: - -»Von meiner Lubienka.« - --- Die deine, du armer Junge, der auf der weiten Erde nichts besitzt? -Hab erst festen Boden unter deinen eigenen Füßen, eh du es wagst, einem -schwächeren Menschenkinde zuzurufen: Tritt zu mir! Du hast dir noch -nichts erworben, noch nichts verdient trotz deiner Arbeitsfreudigkeit -und Treue, nichts -- keinen Lohn, keinen Dank, kein Recht. Was du mir -leistest und nützest, gilt nur als Zahlung einer dereinst -- -unfreiwillig eingegangenen Schuld. - -Wann wird diese Schuld endlich getilgt sein, armer Geselle?... Ist sie -es denn im Grunde nicht längst? Besäßest du Klugheit genug, um -abzurechnen und abzuwägen, vor Jahren schon hättest du gesagt: Wir sind -quitt! Von nun an bezahle mich, Herr! Ich will auch für mich erwerben. --- Ich sei ein harter Mann, heißt es, aber ungerecht darf mich niemand -schelten. Wenn du gefordert hättest, ich hätte dir gegeben, ich hätte -dich gelten lassen, wenn du dich geltend gemacht hättest ... Du hast es -aber nicht getan; du bist schweigend unter deinem Joche weitergeschritten -und wirst so weiterschreiten, bis du zusammenbrichst, und am Ausgang -deines Lebens so hilflos dastehst, wie du an seinem Eingang gestanden -hast.. Wessen Schuld? -- Warum denkst du nicht? Warum sprichst du nicht? -Warum verschwendest du die kostbaren Kräfte deiner Jugend?... Aber es -geschieht, und ich verbrauche sie -- und so wie ich tun Tausende, und -so wie du Hunderttausende ... - -Noch einen Blick auf den sanft Schlafenden, und Nathanael schloß die -Augen und preßte die Hände an seine Stirn. Grell und blendend drang es -auf ihn ein, wie ein im Dunkel aufflammendes Licht. Mit Grauen und -Entsetzen erfüllte ihn das Bewußtsein: Da schläft er noch still und -harmlos, und die Hunderttausende seinesgleichen schlafen wie er. Doch -werden sie erwachen -- schon weckt man sie. Zu welchen Taten? Wie werden -sie hausen, die plötzlich entfesselten Knechte? - -Ein Schwindel ergriff ihn, ihm war, als wanke sein Haus. - -»Noch nicht!« rief er und stieß den Fuß heftig gegen den Boden. - -Joseph erwachte, sprang auf: »Was befiehlst du, Herr?« Das Bewußtsein -kehrte ihm nicht schneller zurück, als diese Frage auf seine Lippen -trat. - -»Wissen will ich, was vorgeht, hören, was euch gepredigt wird. Ich will -den Sendboten hören. Spann die Falben vor den Wagen, du wirst mich nach -der Schenke des Dornenkron fahren. Spann ein!« - - -*IV.* - -Die Nacht war dunkel. Ein feiner, dichter Regen strömte unablässig, -emsig auf die Erde nieder, und ein andrer, ein kompakter Regen spritzte -von ihr auf beim energischen Gestampfe der wackeren Rößlein. »Polens -fünftes Element« umwirbelte und übersprühte das von Joseph gelenkte -Gefährt, das zwischen einer doppelten Reihe riesiger Pappeln auf der -Kaiserstraße dahinrollte. - -Der Doktor saß lange Zeit schweigend in seinen Mantel gehüllt. Ungeduld -verzehrte ihn. - -»Wir kommen zu spät,« sagte er endlich. »Treib die Falben an.« - -»Sie laufen ja, was sie können,« antwortete Joseph. »Wir sind schon -weit.« Er deutete nach einem großen, weißlichen Fleck im Nordwesten des -bleigrauen Horizonts, »die Weichsel und der Dunajec stecken schon ihre -Fahnen aus.« - -Eine Viertelstunde später war das Ziel erreicht: ein niedriges, -weitläufiges Gebäude. Vor dem standen allerlei Fuhrwerke und hinderten -Joseph, sich mit dem seinen zu nähern. - -Rosenzweig hieß ihn halten, stieg ab und suchte sich einen Weg durch das -Gewirr der Wagen und Pferde zu bahnen. Es war keine leichte Aufgabe für -einen, der möglichst unbemerkt in das Haus gelangen wollte. - -Die meisten Kutscher hatten ihr Gespann verlassen, die andern schliefen -auf dem Bocke oder taten so und leisteten dem Befehl des Doktors, ein -wenig Raum zu geben, keine Folge. Er hob eben den Stock, um sich ihnen -deutlicher verständlich zu machen, als Abraham Dornenkron auf der -Schwelle des Hauses erschien, einen brennenden Span in der Hand. - -»Schaff mir Platz, Abraham,« sprach der Doktor, »ich bin's, ich, Doktor -Rosenzweig.« - -»Gott der Gerechte!« stieß der Wirt erschrocken hervor, faßte sich aber -sogleich und patschte dienstwillig in den Sumpf, der die Zufahrt zu -seinem Gasthof bildete. Er schob die künstlich aufgestellte Wagenburg -auseinander und rief dabei fortwährend mit überflüssigem Stimmaufwand: - -»Der Herr Doktor Rosenzweig! -- Is wer krank? Wohin belieben zu reisen -der Herr Doktor?« - -Sobald die Möglichkeit vorhanden war, sich ihm zu nähern, sprang -Nathanael auf ihn los und packte ihn beim Ohr: - -»Sei still, Spitzbube! Du brauchst mich bei deinen Gästen nicht -anzumelden. Ich will das schon selbst besorgen.« - -Und als das Männlein trotzdem nicht aufhörte, seine Verwunderung über -die Ankunft des Doktors laut auszuschreien, drückte der ihn gegen den -Türpfosten, daß ihm der Atem verging, und drang an ihm vorbei in den -Flur. - -»Ein Gibor![6] Schema Isroel, ein Gibor der gewaltige Doktor!« raunte -Abraham einem mißgestalteten Wesen zu, das plötzlich im Dunkel -geräuschlos wie eine Eidechse, krummbeinig wie ein Kobold, neben ihm -aufgetaucht war. - -Es wiegte den unförmigen Kopf; seine nachtschwarzen Augen funkelten klug -und feurig. - -»Er ist eingezogen, zu spionieren, Tateleben. Wir wollen ihm kommen -zuvor, daß uns nicht kann begegnen ein Unglück,« flüsterte der Kleine. - -»Elend über Elend! Wie heißt ihm kommen zuvor?« - -»Ich will nehmen ein Pferd, Tateleben, und reiten nach Tarnow wie ein -Windstoß, zu melden bei der Polizei, daß bei uns Versammlung halten die -rebellischen Gojim, und daß die kaiserliche Regierung soll ausschicken -gegen sie Soldaten, wenn es is gefällig der kaiserlichen Regierung.« - -Abraham betrachtete seinen Sprößling mit Blicken bewundernder Liebe: - -»Reit wie ein Windstoß, mein Sohnleben, daß du mit Gott bald kommst ans -Ziel. Reit,« wiederholte er und setzte in naiver Fürsorge hinzu: »Tu -dich nur nehmen in acht, daß du nicht kommst um deine graden Glieder.« - -Rosenzweig war inzwischen in die Wirtsstube getreten oder hatte sich -vielmehr hineingezwängt. - -Es herrschte darinnen eine dicke, dumpfe Atmosphäre, das Produkt von -mehr als hundert, dicht aneinandergepferchten Menschen, in nassen -Pelzen, Kleidern und Stiefeln. Fuseldünste und der Qualm einer an der -Decke hängenden Naphthalampe trugen dazu bei, das Atmen in diesem Raume -zu erschweren. Die Anwesenden jedoch erfuhren unbewußt den beklemmenden -Einfluß, der die Gesichter der einen glühen machte und die andrer bis -zur Todesblässe entfärbte. Es waren Männer, den verschiedensten -Altersstufen und Ständen angehörig, in ärmlicher Kleidung, im reichen -Nationalkostüm, im Priestertalar, im Studentenrock, im schäbigen, -schwarzen Gewand des Winkelschreibers. Die keinen andern Platz mehr -gefunden hatten, waren auf die Bänke gestiegen und, zwischen die Mauern -und die Menge geklemmt, bezahlten sie bei jedem neuen Andrang den -Vorteil ihrer erhöhten Stellung mit der Gefahr, erdrückt zu werden. - -In der vordersten Reihe, seine Umgebung überragend, stand ein -grauhaariger, graubärtiger, breitschultriger Herr, in kostbarer -Magnatentracht. Wenn er den Kopf wandte, zeigte sich dem beobachtenden -Nathanael das ausdrucksvolle asiatische Profil eines der mächtigsten -Fürsten des Landes. - --- Auch du, *Starosta princeps nobilitatis*? dachte Rosenzweig. Aber -eine noch größere Überraschung erwartete ihn. - -Der einzige in der Stube freigebliebene Raum war der vor dem Eingang in -das Nebenzimmer, dessen offene Tür von einigen jungen Leuten mit -wahrhaft wildem Eifer vor der Zudringlichkeit der Neugier oder des -Fanatismus behütet wurde. Dort schritt Dembowski im Gespräch mit einem -Schlachziz auf und ab, in dem Rosenzweig zu seinem grenzenlosen -Erstaunen den vertrauten Freund des Kreishauptmanns erkannte. Er lebte -in glücklichen Familien- und geordneten Vermögensverhältnissen, war ein -harmloser, aufrichtiger Mensch, dem der Friede über alles ging. Nie -hatte er es dahin gebracht, einer politischen Debatte seiner -Gutsnachbarn bis ans Ende zu folgen, weil er regelmäßig früher -einschlief. Und dieser ruhigste und stillste aller Staatsbürger, da -wandelte er nun flammend und glühend in einem Seelenkampfe, dessen Pein -sich in seinem zuckenden Gesicht malte, neben dem Aufwiegler einher. - -Der aber, leicht vorgebeugt, den Arm des Neophiten sanft berührend, -sprach eindringlich und leise zu ihm, sprach Worte, auf welche dieser -keine Erwiderung mehr zu finden schien. Ein letztes noch -- und er -wandte sich von dem Erschütterten und trat zu seiner Gemeinde, die ihn -mit unendlichem Jubel empfing. - -Der Sendbote war als Bauer gekleidet. Er trug einen langen, weißen -Kaftan, der am Halse durch zwei große Metallknöpfe geschlossen war, hohe -Stiefel, ein Hemd aus grober Leinwand und Pluderhosen aus demselben -Stoffe. Ein lederner Riemen, an dem ein kleines Kruzifix aus schwarzem -Holze hing, umgürtete seine Lenden. Sein dichtes, dunkelblondes Haar war -kurz geschoren; es wuchs in scharfer Spitze in die Stirn und zog schön -gewölbte Bogen um die mattweißen, etwas eingedrückten Schläfen. - -Ruhig ließ er den Freudensturm des Willkomms verbrausen, stand da mit -herabhängenden Armen, die Finger nur leicht gekreuzt, und schaute ins -Gewühl lässig und obenhin, wie sehr Kurzsichtige pflegen, die schauend -schon im voraus auf das Sehen verzichten. - -»Freunde, Brüder,« begann er, ohne die Stimme zu erheben, und sogleich -wurde es still bis zur Lautlosigkeit, -- »ich grüße euch zum letztenmal -vor dem Kampf, vielleicht zum letztenmal vor dem Tode.« - -»Sei uns gegrüßt!« antwortete ein brauner Kumpan von martialischem -Aussehen; »im Kampf, im Tod, im Sieg!« - -»Im Sieg!« durchlief's die Menge als Seufzer der Sehnsucht, als Schrei -der Hoffnung, als Ausruf der Zuversicht. - -»Sieg?« wiederholte der Redner, »ihr habt ihn schon errungen. Ein Kampf -wie der eure ist ein Sieg und ein Sieger jeder von euch, ob er den Fuß -auf seine Feinde stellt, ob er zertreten von ihren Rossen auf dem -Schlachtfelde liegt. Meine Brüder! was immer uns beschieden sein mag, -der Gedanke, der uns beseelt, kann nicht mehr sterben. Er wird -fortleben, sogar auf den Lippen derer, die uns um seinetwillen verfolgen -und töten. Sie selbst werden die heilige Lehre noch verbreiten, indem -sie von dem Märtyrertum erzählen, das wir erlitten haben.« - -Allmählich war die lähmende Müdigkeit von ihm gewichen, seine -geschmeidige Gestalt hatte sich emporgerichtet: - -»Vielleicht ist die Erinnerung an unsern Tod das einzige, was wir denen -hinterlassen können, für die wir so gern gelebt hätten. Wir müssen dafür -sorgen, daß dieses Erbe ein glorreiches sei ... Es wird _kein_ -glorreiches sein, wenn nicht jeder einzelne, der zu unserm Bunde -geschworen hat, sich als ein Priester fühlt, dessen Ehrgeiz Entsagung -und dessen Ruhm grenzenlose Hingebung an die Sache Gottes ist.« - -Vereinzelte Laute der Zustimmung ließen sich vernehmen, aber so manches -Antlitz drückte Enttäuschung aus. - -»Die Sache Gottes, meine Brüder!« wiederholte der Redner. »Vermöchte ich -den Feuereifer, ihr zu dienen, in euern Seelen zu erwecken, den er in -der meinen erweckt hat, und euch den Abscheu und die Scham kennen zu -lehren, womit ich zurückblicke auf die einst genossenen Erdenfreuden. -Mitten in der Fülle ihrer Genüsse fand mich der Herr. Aus ihrem Taumel -schrak ich auf bei seinem Ruf. Und die Stimme, mit der der Allerbarmer -mich rief, war die des Mitleids, und das Mitleid gebar den Zweifel und -der Zweifel die Erkenntnis.« - -Verklärung breitete sich über seine Züge; das Licht der schönsten -Liebesgedanken leuchtete auf seiner Stirn. - -»Ich lebte, wie die Verwöhnten leben. Weil der Zufall mir zuviel -beschert hatte, kannt ich kein Genügen; in meiner heißen Hand zerschmolz -das Gold. - -Da war einer unter meinen Dienern -- Jelek hieß er, ein Bauerssohn, der, -aufgeweckt und tüchtig, es bis zu dem Amte meines Güterverwalters -gebracht hatte. Er allein wagte es einmal, eine Warnung gegen mich -auszusprechen, und fiel dadurch bei mir in Ungnade. - -An einem Sommermorgen ritt ich nach fröhlich durchlebter Nacht mit -meinem Anhang von einem Feste bei meiner Geliebten heim. Ihre Küsse -brannten noch auf meinen Lippen, die Klänge der Musik summten mir noch -im Ohr, liebliche Bilder gaukelten vor meinen Augen, eine beglückende -Lebenslust erfüllte mich. In meiner Seele vermählten sich die Erinnerung -an genossene Freuden mit der Erwartung künftiger, und übermütig rief ich -meinen Gefährten zu: - -'Wie heute, so morgen, und immer!' - -Wir waren am Ausgang des Waldes angelangt; vor uns lagen im schimmernden -Duft des jungen Tages die taufrischen Wiesen, das Ährenmeer der Felder, -und aus der Ferne grüßte mein bewimpeltes Schloß mit seinen starken -Türmen. Seine Fenster blinkten, auf seinem altersgrauen Gemäuer lag der -Glanz der aufgehenden Sonne wie ein Lächeln auf dem Antlitz eines -Greises. Einen schönen Anblick bot mein ehrwürdiges, gastliches Haus, -und mit Jauchzen sprengten meine Gefährten ihm zu. - -Ich aber verhielt mein Roß. - -Ich hatte längs des Waldsaumes einen Mann in hastender Eile herbeikommen -gesehen und Jelek, meinen Verwalter, in ihm erkannt. 'Woher und wohin?' -rief ich ihn an. Er nannte einen weit entfernten Meierhof, nach dem ihn -der Intendant mit einem Auftrag schickte. -- 'Fand sich dazu kein -Geringerer? Seit wann machst du Botengänge?' -- Auf diese meine Frage gab -er zur Antwort: 'Seit ich bei dir in Ungnade gefallen bin. Dein -Intendant hat mich meines Amtes entsetzt und bedenkt mich dafür mit -allerlei Ämtern.' -- Er keuchte und wischte sich den Schweiß von der -Stirn, und ich sah es ihm an, daß ihm der Boden unter den Füßen brannte. -Ich sah auch, daß sich vom Dorfe aus ein langer Zug nach der Straße hin -bewegte, und daß der es war, dem er entgegenstrebte. Ich setzte mein -Pferd in Schritt, und er folgte mir. So kamen wir zur Landstraße, auf -der die Leute wanderten. Ein paar hundert Männer, Jünglinge, Greise, -ihre Sensen auf den Schultern, Säcke auf den Rücken. Sie schritten -stumm, mit gesenkten Köpfen, die meisten barfuß und zerlumpt -- meine -Bauern!... Und wie sie, sich bis zur Erde verneigend, an mir -vorüberschlichen, unlustig, wie eine Herde, die nach fremdem Pferch -getrieben wird, da wußt ich: die Leute sind vermietet für die Erntezeit, -weithin vielleicht, und werden den Boden, auf dem ihre eigene ärmliche -Ernte reift, nicht wiedersehen, eh der Schnee ihn bedeckt. - -Jelek hatte ein Tüchlein hervorgezogen, in dem einige Münzen -eingebunden waren, und drückte es einem Alten in die Hand, der am Ende -des Zuges mühsam nachhumpelte: -- 'Damit du nicht darbst unterweges, -Vater. Gott tröste dich. Meinetwegen mußt du fort.' - -Der Alte barg das Tuch an seiner Brust, und der Haiduk, der die Schar -geleitete, stieß ihn vorwärts. - -In die Augen Jeleks traten Tränen des Schmerzes und der Wut. - -'Warum sagtest du,' fragte ich ihn, 'dein Vater müsse um deinetwillen -fort?' - -'Weil es so ist. Der Intendant hätte sich nicht getraut, ihn zu -vermieten, wenn du mir noch gnädig wärest wie sonst.' - -Ein paar Tage später traf ich meinen Jelek, wie er einen Arbeiter auf -dem Felde, einen hochbejahrten Mann, der Faulheit anklagte und -erbärmlich schlug. - -'Siehst du nicht, daß der Mann erschöpft ist und nicht mehr arbeiten -kann?' sagte ich, und er erwiderte: - -'So werden sie es in der Fremde auch meinem Vater tun. Warum soll es dem -einen besser gehen als dem andern?' - -Was ich ihm antworten sollte, wußte ich nicht, aber zu dem Alten sagte -ich: - -'Tun dir die Schläge nicht weh, daß du dastehst und nicht einmal -klagst?' - -'O, mein gnädiger Herr!' entgegnete er, 'was würde das Klagen mir nützen?' - -Und auch darauf mußte ich schweigen ... - -Heimkehrend fand ich das Haus zum Empfang meiner Geliebten geschmückt, -und alle, die um meine Gunst buhlten, waren versammelt, um ihr zu -huldigen. Sie erschien in ihrer königlichen Schönheit, und ihr Anblick -und der Anblick der Pracht, die mich umgab, und der kriechenden -Dienstfertigkeit meines Anhangs -- Grauen, meine Brüder! Grauen -erweckten sie mir ... Ein Dämon, meint ich, habe tückisch mein Auge zu -furchtbarem Hellsehen geschärft ... All der Glanz, alle die Pracht und -Herrlichkeit und die Liebe des Weibes und die Treue der Freunde -- sie -hatten einen Preis, und bezahlt hatte ihn das Elend. Die hatten ihn -bezahlt, die zum Frondienst vermietet hingezogen waren in die Fremde.. -Das Gewühl vor mir, die Wände des Saales wurden durchsichtig. Wie durch -schimmernde Schleier sah ich eine wandernde Schar, deutlich jede Linien -der Gestalten, jeden Zug der Gesichter, die mein Auge an jenem Morgen -nur flüchtig gestreift hatte. Ergebung auf allen! Nicht schöne, -männliche -- nein! die trost- und hoffnungslose Ergebung des -Stumpfsinns. Was jenes Opfer der ungerechten Vergeltung, die mein Diener -übte, gesprochen hatte, das sprachen auch sie in ihrem Schweigen. 'Was -würden Klagen uns nützen?' - -Brüder! in dieser Stunde habe ich meiner Macht geflucht und mein Glück -gerichtet ... Meine Macht war zum Unheil andrer ausgeübt worden, mein -Glück wuchs nicht wie eine Blume aus dem gesunden Mutterschoß der Erde, -es war ein Wuchergebilde, ihrer Krankheit Frucht, und nährte sich -parasitisch von kostbaren Lebenssäften.« - -Der Redner bog den Kopf zurück; seine Lider schlossen sich, einem -Gepeinigten gleich zog er den Atem ein. - -»Da ergoß sich in meine Brust ein Strom der Schmerzen ... Die Schmerzen -jedes einzelnen, der um meinetwillen gelitten hatte, ergossen sich in -meine Brust!... Und jede Schuld und jedes Unrecht, das _die_ begangen -hatten, die mir dienten, als _meine_ Schuld empfand ich sie und vernahm -schaudernd, wie ihr Schrei gegen mich zum Himmel stieg. - -Die Luft im Saale lastete wie Blei, aus den Augen meiner Geliebten -blickte die Sünde, die Töne der Musik girrten sinnverwirrende Melodien, -und -- fort trieb es mich, hinweg von dem durchschauten Trug in die -kühle, klare Nacht. Ich wanderte unter ihren schimmernden Sternen, -soweit meine Füße mich trugen, und wie auch mein Herz blutete und rang, -mir war, als lebte ich auf. In der herben Qual, die ich litt, fühlte ich -die Hand meines Herrn, verstand die Mahnung, deren er mich gewürdigt -hatte. Und während sie mich suchten im Schlosse und in den Gärten, lag -ich im Waldesgrund auf dem Angesicht vor meinem Gott und flehte um Kraft -zur Buße und Sühne, und bot mich ihm dar zum Werkzeug seines Willens, -zum Verkünder seiner Lehre, und flehte den Urquell des Lichtes um -Erleuchtung auf meinem Wege an. - -Sie wurde mir. Wie das Auge des Blindgeborenen, als der Finger des -Heilands es berührte, sich der alten, vertrauten und ihm doch -unbekannten Welt erschloß, so erschloß sich meine Erkenntnis der -Offenbarung, in deren Licht ich gewandelt war von Jugend an -- ein -Blinder. Und je tiefer ich in den Geist des göttlichen Wortes eindrang, -desto klarer wird es mir: Inbegriff seiner Weisheit ist die Liebe. Für -uns Menschen -- die Nächstenliebe!« - -Die hochgehenden Wogen der Begeisterung, mit der der Sendbote empfangen -worden, waren allmählich verebbt. Ein Gemurmel der Mißbilligung, in das -sich nur vereinzelt warme Zurufe mischten, erhob sich jetzt. Aus der -Gruppe, die den Fürsten umdrängte, scholl rauh die Mahnung: - -»Laß den Pfarrer von Nächstenliebe sprechen, sprich du von der Befreiung -des Vaterlands!« - -»Eines, die beiden!« antwortete der Redner. »Keine Befreiung ohne die -Liebe des Nächsten. Sie ist der unermeßlich reiche Schatz, der uns an -dem Tag erlöst, an dem wir uns entschließen, ihn zu heben. Nur verstehen -müßt ihr ihr Gesetz. Für euch, ihr Mächtigen und Reichen, lauten seine -ersten Worte: Entsagung, Entbehrung, Sühne!« - -Die Lippen des Fürsten kräuselte ein Lächeln, aber mit immer mächtiger -werdender Stimme fuhr der Redner fort: - -»Es gibt nur einen Herrn, den König der Himmel und der Welten, und nur -ein Menschenvolk gleichgeborener Brüder. Der sich Herrschaft anmaßt über -seine Brüder, säet und erntet Unheil; die Seele des Knechtenden wie die -des Geknechteten verdirbt.« - -Mit einem raschen Schritte trat er auf den Fürsten zu: - -»Rette deine Seele, demütige dich! Gedenke der Sünden deiner Väter, -gedenke der Flüche, die auf deinem Haupte lasten. Wie? -- Befreiung von -fremder Tyrannei verlangt ihr? Was habt denn ihr jemals ausgeübt an dem -bejammernswerten Volke, als Tyrannei? Ihr, der Adel, ihr wart der Staat. -Niemals ist in Polen ein andrer Stand zu Wort gekommen, als der eure, -und wohin habt ihr das Land gebracht?... Euer Eigennutz hat es -ausgebeutet, eure Zwietracht es zerrissen, euer Verrat es den Feinden -ausgeliefert!« - -»Du lügst! Schweig! Wir wollen dich nicht mehr hören!« tönte es ihm -zurück. - -Ein rasender Tumult erhob sich. - -»Platz da! Platz für den Fürsten!« riefen die Begleiter des Magnaten, -der sich schweigend und verächtlich umgewandt hatte, und dem die Seinen -mit Stoßen und Drängen einen Weg zum Ausgang zu bahnen suchten. - -Nathanael, in der Nähe stehend, erwies sich ihnen hilfreich. Die Menge -war wie eingekeilt unter der Tür, aber sein eiserner Arm teilte sie, um -den Fortstürmenden Raum zu schaffen, und ein allgemeines Aufatmen gab -es, als der Fürst mit seiner Schar das Freie gewonnen hatte. - -Von draußen vernahm man ihr Schreien, Fluchen und Lachen. Die Herren -pfiffen ihren Kutschern und ihren Hunden, Peitschen knallten, Fuhrwerke -setzten sich in Bewegung. - -Der Blick des Sendboten glitt schwermütig über die gelichteten Reihen -seiner Jünger. - -»Auf die Großen dieser Erde habe ich nicht gezählt; wohl uns, wenn wir -keine andern Gegner hätten als sie,« sprach er ruhig. »Der Bedrücker -sind wenige, der Bedrückten viele. Wenn die Bedrückten sich erheben und -im Namen des Allgerechten ihren Anteil am Besitz der Erde fordern -würden, dann wäre die Macht der Mächtigen wie Spreu. Aber der Koloß, der -sich nur zu regen brauchte, um seine Bande zu sprengen -- er regt sich -nicht. Er duldet und front und wird ewig dulden und fronen. Durch das -unwürdige Leben, das er seit Jahrhunderten führt, ist das Bewußtsein -seines Menschentums, seines freien Willens in ihm erstickt worden. Sie -aber, die ihm dieses Bewußtsein raubten, haben nicht nur gegen das -elende, von ihnen verachtete Volk, sie haben -- und dessen gedenken sie -nicht! -- sie haben gegen Gott gefrevelt, indem sie Tausende seiner -Geschöpfe unfähig machten, sein Bild widerzuspiegeln.« - -Er hielt inne, und die jungen Leute jubelten ihm Beifall zu. Die älteren -Männer schwiegen. Einige Geistliche hatten sich in die Nähe der Tür -begeben. Der treulose Freund des Kreishauptmanns war samt den Edelleuten -verschwunden, nachdem er mit staunendem Schrecken den großen Kopf -Rosenzweigs aus dem Gedränge hervorragen gesehen hatte. Der Doktor -jedoch, mit der Wucht eines Pfeilers auf seinem Vordermann lastend, -brachte jeden allmählich zum Weichen und stand nun auf demselben Fleck, -auf dem früher der Fürst gestanden hatte, dicht vor dem Sendboten. - -Eine freudige Röte stieg diesem in die Wangen, als er Nathanaels -ansichtig wurde. - -»Gott wird die Schuldigen richten!« nahm er wieder das Wort. »Was uns -zukommt, ist die Erlösung der Armen, deren Jammer zu ermessen wir besser -vermögen, als sie selbst. Was ich von euch fordere, ihr Herren, ihr wißt -es, besprochen und wieder besprochen haben wir's in langen Stunden. Ihr -aber, Studenten und Männer der Wissenschaft, die ihr dem Volke nahe -steht wie euerm Vater, betreut es, als wäre es euer Kind. Lehrt es euch -lieben und vertrauen, verwendet zu seinen Gunsten euer Wissen, euer -Können, eure Erfahrung, Kraft und Zeit. Vergeßt euch selbst in seinem -Dienst. Keiner von euch pflege mehr seinen Geist in kaltsinniger -Abgeschlossenheit ... Mit welchem Rechte vertieft ihr euch in die -Erforschung der schwierigsten Welt- und Daseinsrätsel, während um euch -her noch Menschen leben, mit dem gleichen Anspruch auf Erkenntnis -ausgestattet wie ihr -- und unfähig, die einfachsten Gedankenreihen zu -bilden?... Ihr sucht nach Zielen in euern Wissenschaften und werdet -immer nur Grenzen finden. Ich nenne euch ein Ziel, das sich erreichen -läßt: die Verminderung des Irrtums, des Wahns, des Aberglaubens unter -euern Brüdern ... Dem Zug einer ungeheuern Heersäule, die nachts -aufbricht, um zum Kampfplatz zu eilen, gleicht das Wandeln des -Menschengeschlechts über die Erde. Die, denen Kraft gegeben ward, die -andern zu überholen, haben sich an die Spitze gestellt. Sie schreiten -schon im rosigen Morgenlicht, die Schatten fliehen, ein Wunderland -öffnet sich vor ihnen. Unaufhaltsam jagen sie ihm zu, auf -sonnenbeglänzter Bahn, unbekümmert um die Nachhut, die hinter ihnen im -Dunkel tappt und sich verirrt, und keinen Steg mehr findet, der zu den -Glücklichen hinüberführt, an deren Seite auch sie den Kampf des Lebens -zu kämpfen berufen waren ... Deshalb, ihr Führer, macht halt! Öffnet -eure Reihen, laßt die Nachhut herankommen. Einen breiten Weg für die -Nachhut! Zu ihrem Heil, meine Brüder! aber auch zu dem eurigen, denn aus -jedem bisher blöden Auge, das sich dank eurer fürsorgenden Liebe einem -Strahl der Wahrheit öffnet, wird euch der Himmel grüßen ...« - -Einige Schulmänner in der Nähe Rosenzweigs wechselten bedeutungsvolle -Blicke: »Ich bin sehr enttäuscht,« flüsterte ein Advokatenschreiber den -gelehrten Herren zu: »Das ist ja gar nichts.« - -Der Doktor stand nach und nach ganz bequem, von einem Gedränge war keine -Rede mehr. Das Auditorium machte sich langsam und geräuschlos fort. -Wagen um Wagen rollte, Reiter trabten davon. - -Die Zurückbleibenden widersetzten sich endlich dieser Flucht. Die -Verwünschungen, mit denen die Abtrünnigen begleitet wurden, begannen in -Tätlichkeiten auszuarten. - -Gebieterisch erhob der Redner seinen Arm. - -»Laßt jeden unbehelligt ziehen,« befahl er. »Wer von euch kann sagen, ob -das Samenkörnlein Wahrheit, das jetzt von der Brust dieser Männer -abzuprallen schien, nicht, ohne daß sie selbst es ahnen, in ihr Wurzel -geschlagen hat? Vielleicht tritt mancher von denen, die uns jetzt -verlassen, noch dereinst in unsre Reihen ein. Mir aber, meine Brüder, -mir ist es ein Segen zu fühlen: was mich in dieser Abschiedsstunde -umgibt, ist Treue, was mich vernimmt -- Verständnis. Den tiefsten Inhalt -meiner Lehre, in eure Herzen darf ich ihn gießen wie in köstliche -Schalen, die ihn rein und lauter bewahren, und ihn andern Herzen also -mitteilen werden. - -Brüder, wir müssen immer hören, ohne Kampf der Menschen untereinander -könne die Welt nicht bestehen; in einem allgemeinen Frieden würden unsre -Kräfte einrosten und unsre Geister erschlaffen. Das ist falsch. Friede -zwischen den Menschen bedeutet ja nicht das Ende aller Kämpfe, es -bedeutet vielmehr den Beginn eines neuen, eines herrlichen Kampfes. -Während der Haß der Urheber aller bisherigen Kämpfe gewesen ist, wird -die Liebe die Mutter der künftigen sein. Die Streiter, die sie aufruft, -werden nicht etwa ein leichtes Spiel haben, denn die Feinde, denen sie -gegenüberstehen, gönnen ihren Überwindern nicht Ruhe, nicht Rast; -täglich besiegt, erheben sie sich täglich wieder. _Leiden_ und -_Leidenschaft_ sind ihre Namen. Faßt sie nur einmal scharf ins Auge, und -ihr werdet euch fragen müssen: Ist es möglich, daß wir jemals einen -andern Streit unternommen haben als den gegen sie, als den gegen die -Leiden der andern und gegen die Leidenschaft in unsrer eigenen Brust? -Wie? es gibt in der Welt diese fürchterlichen Gewalten, und wir haben -mit ihnen einen faulen Frieden geschlossen? Wir haben sie hingenommen -wie das Notwendige und Unentrinnbare, wir haben schläfrig und lau den -Vampyr an unserm Marke zehren lassen und unsre Streitlust nicht an _ihm_ -gebüßt, nein, an unsern Brüdern, unsern mitleidenden Brüdern! Wir haben -Beladenen neue Lasten auferlegt, wir haben Verwundete verletzt. - -O, des Wahnsinns! Oder -- des Verbrechens -- oder vielmehr der beiden! -Verbrechen ist Wahnsinn, die Torheit ist die Quelle jedes Unrechts.« - -Ja, und tausendmal ja! dachte Rosenzweig, Tränen in den Augen, -erschüttert in allen Fugen seines Wesens. Ein unermeßliches Glück -durchdrang ihn, er empfand die höchste aller Wonnen -- die Wonne, aus -den beengenden Schranken der Selbstsucht aufzusteigen wie aus einem -Grabe. Was er bisher am meisten geschätzt hatte, erschien ihm wertlos, -die Arbeit vergeudet, die er auf die Erwerbung seines Reichtums -verwandt, verächtlich seine engherzige Freude an ihm, der, ein toter -Staub, in seinen Händen gelegen. Beschämung erfüllte seine Seele, aber -mit Entzücken gab er sich ihr hin als dem Wahrzeichen seiner Wandlung, -dem Beginn seines inneren Wachsens und Klärens. Nur ein Gedanke trübte -die reine Seligkeit dieses Augenblicks; er galt dem Apostel des Mitleids -und der Liebe und wurde schmerzlicher und sorgenvoller, als dieser die -Zukunft, die er träumte, als eine erreichbare zu schildern begann. -- -Täusche dich nicht! hätte er ihm zurufen mögen. Das Land deiner -Verheißung hat auf Erden keine Stätte. Begnüge dich damit, unsre -Sehnsucht nach ihm erweckt zu haben. Schon das ist Befreiung. - -Aber der Sendbote sprach ... Der Klang seiner Stimme füllte wie etwas -Körperliches den Raum, der Glutstrom seiner Beredsamkeit trieb seine -kühnsten, prächtigsten Wogen, und endlich schloß er: - -»Zweck und Ziel unsres Bundes ist das Wohl des Volks, das Wohl eines -jeden Bewohners der polnischen Erde; schwört Treue unserm Bunde!« Da -riefen alle, da tönte es mit der Stimme _einer_ Begeisterung aus der -Brust von jung und alt, von Besonnenen und Schwärmern: - -»Wir schwören!« - -Sie fielen vor ihm nieder und küßten seine Hände, seine Knie, seine -Füße. »Wir schwören dir Gehorsam bis in den Tod!« überschrie einer aus -der Menge alle übrigen. Der Sendbote wehrte ab: - -»Nicht mir Gehorsam -- der Sache schwört, die Armen und Bedrückten zu -lieben, wie euch selbst, und das Vaterland mehr, als euch selbst.« - -Die Beteuerungen wiederholten sich. - -»So geht denn hin. Werbt im Volke, werbt Werber für das Volk. Entsendet -keinen, der nicht auf das Kruzifix geschworen hat. Ich bringe euch die -Eidesformel und den Katechismus,« sprach der Agitator, und Stille trat -während der Verteilung der Schriften ein. - -Plötzlich wurde sie durch ein so angstvolles Gekreisch unterbrochen, daß -alle zusammenfuhren. Abraham Dornenkron stürzte herein, -schreckensbleich, mit aufgelösten Locken: - -»Rette sich, wer kann sich retten! Mein Sohnleben ist gewesen in Tarnow, -hat gesehen steigen auf die Husaren, gleich werden sie sein hier, mein -Sohnleben is geritten ihnen voraus.« - -Die Warnung Abrahams erweckte Hohn, Trotz, Bestürzung. Einige stammelten -ein leises Abschiedswort und eilten rasch davon. Was Waffen trug, -scharte sich um Dembowski und schickte sich zu seiner Verteidigung an. -Er aber wies seine Getreuen hinweg. - -»Fort! Ihr, ich, wir alle. Noch ist es nicht Zeit zum Kampfe. Ein -Hochverräter jeder, der den Kampf zu früh beginnt. Fort! Alle fort!« - -Die Stube leerte sich. Der letzte, der hinaustrat, war der Sendbote, -knapp vor ihm schritt Nathanael. In tiefer Stille bestiegen die -Verschworenen ihre Wagen und stoben auseinander wie Schatten. Das Pferd -des Redners wurde vorgeführt, er schwang sich hinauf und gab ihm die -Fersen. Das Tier bäumte sich, fiel schwer auf einen Vorderfuß zurück und -zog den andern mit schmerzvollem Zucken in die Höhe. - -Eilends sprang Rosenzweig herbei. »Ihr Pferd lahmt,« sagte er, »auf dem -Pferde kommen Sie nicht weit.« - -Der Wirt näherte sich, eine Flasche tragend, in deren Hals eine -tropfende Unschlittkerze stak, hockte am Boden nieder und bestätigte -jammernd den Ausspruch des Doktors. Diesen ergriff ein Verdacht, er -hielt dem Juden die geballte Faust vors Gesicht: - -»Wart, Kerl, wenn du das getan hast!« - -Abraham brach sofort in Wehklagen und Unschuldsbeteuerungen aus. Der -Emissär war vom Pferde gestiegen, stand regungslos und horchte. - -Deutlich vernahm man schon das Heransprengen der Reiter auf der Straße. -Sie ritten mit dem scharf herüber pfeifenden Wind. Gelblichgrau begann -der Horizont zu schimmern. Der fahle Schein der ersten Dämmerung -verbreitete sich über die Ebene. Nathanael fröstelte und glühte. Kalter -Schweiß rann ihm über die Stirn, eine eiserne Kralle schnürte ihm die -Kehle zu. _Das war Furcht_, deren Symptome er so oft an andern -beobachtet, die er an sich selbst nie erfahren hatte. - -»Verbergen Sie sich im Haus,« sprach er zum Emissär. - -»Was würde mir das nützen, wenn der Wirt falsch ist -- und er ist es,« -antwortete jener. »Ich will meinen Beinen vertrauen. So viel Klugheit -wie das gehetzte Wild habe auch ich. Irgendwo findet sich ein Hohlweg, -ein Baum, ein mitleidiger Strauch, der mich verbirgt.« - -Er schickte sich zur Flucht an. - -Da faßte ihn der Doktor mit überlegener Kraft und drängte ihn zu seinem -Wagen hin. - -»Herunter, Joseph!« befahl er, »und sieh zu, wie du nach Hause kommst. -Sie aber, nehmen Sie seinen Platz ein. Rasch!« - -Der Widerstrebende war auf den Wagen hinaufgehoben, bevor er sich's -versah. Der Doktor warf ihm seinen im Wagen zurückgebliebenen Mantel -über die Schultern, Joseph legte die Zügel in seine Hand und trat sofort -im Eilschritt den Heimweg an. - -»Du!« sprach Nathanael, und Abraham beugte sich beinahe bis zur Erde -unter dem Blitz, der aus den Augen des Doktors auf ihn niederfuhr, »du -sollst mich kennen lernen, wenn du den Verräter weiter spielst!« Einige -Verwünschungen folgten, die ihm leicht von den Lippen flossen. Schwerer -wurde es ihm, hinzuzusetzen: »Wenn du aber dein Maul hältst -- dann -kriegst du von mir für dein Schweigen das Doppelte von dem, was deine -Angeberei dir eingetragen hätte.« - -Er machte eine rasche Wendung den immer näherkommenden Reitern entgegen. - -»Hallo ho!« rief er, die Hände vor dem Munde zum Sprachrohr geformt, »zu -spät! zu spät!« - -Ein Pikett Husaren mit einem blutjungen Kadetten an der Spitze kam -angaloppiert. Der Kadett riß sein Pferd dicht vor Nathanael zusammen: - -»Gottes Donner! der Herr Doktor! Was führt Sie her?« - -»Beim Zeus! die Neugier, mein Gräflein. Aber Sie -- warum just Sie? Ein -heißer Ritt in kalter Morgenstunde, das gibt, so wahr ich Sie kenne, -eine Halsentzündung.« - -»Gottes Donner! scherzen Sie nicht! komm ich wirklich zu spät? Ist das -Nest leer? War der Emissär wirklich da? Haben Sie ihn gesehen?« fragte -der Jüngling in überstürzter Hast. - -»Gesehen, gehört, ihn als unschädlichen Schwärmer diagnostiziert.« - -»Unschädlich? Dann war er's nicht.« - -»Er war's!« - -»Es is gewesen er!« fiel Abraham geläufig ein. »Der Herr Kadett können -noch sehn stehn hier sein Pferd, das ich hab vernagelt, damit er nicht -kann reiten davon.« - -»Was ihn zwang,« bemerkte Rosenzweig, »im Wagen eines seiner Freunde -davon zu _fahren_!« - -Der Jüngling nahm das Pferd in Augenschein, ließ ihm das Eisen abreißen -und befahl einem Soldaten, es am Zügel mit zu führen. - -»Ich nehm es mit, als Pfand,« sagte er. »Und nun -- in welcher Richtung -ist er davongefahren, Doktor?« - -»Das verrate ich Ihnen um keinen Preis.« - -»In welcher Richtung? Die Sache ist ernst. Ich bin ein gemachter Mann, -wenn ich ihn fange. Wir haben verschärfte Order erhalten, heute -nachmittag. -- In welcher Richtung, Doktor?... Gottes Donner! sprechen -Sie!« - -Rosenzweig entgegnete mürrisch: »Ich weiß nichts. Vielleicht sind Sie -ihm selbst begegnet auf der Straße.« - -»Niemandem bin ich begegnet außer einigen guten Bekannten ... Übrigens« --- er hielt inne und schlug sich vor die Stirn. »Auch die sind ja -verdächtig ... Rechts um!« kommandierte er seinen Leuten, und die -Husaren machten kehrt. »Adieu, Doktor. Und du, Jude, merk auf! Es soll -ein Preis auf den Kopf des Emissärs gesetzt sein, heißt es, ein Preis -von tausend Gulden. Dein wäre er gewesen, hätt ich den Kerl hier -erwischt.« - -Abraham zuckte zusammen, wand sich wie ein Wurm und kreischte laut. Der -Fuß des Doktors stand auf dem seinen und trat ihn unbarmherzig. - -»Was gibt's?« rief der Husar. - -»Er weint um die tausend Gulden, die ihm an der Nase vorbei geflogen -sind,« entgegnete Rosenzweig. - -Der Kadett setzte sich wieder an die Spitze seiner Mannschaft: »Ich -reite zurück. Die Wagen holen wir noch ein ... Gottes Donner! die wollen -wir jetzt aufs Korn nehmen ... In Galopp, Marsch!« Und das Pikett -rasselte davon. - -Abraham hüpfte kläglich auf einem Fuße und hielt den andern, -zurückgekrümmten, wie in einer Schlinge in der Hand. - -»Zweitausend Gulden!« winselte er. »Sie haben mir zerquetscht, Herr -Doktor, Sie Gibor, zwei Zehen.. Aber sie sollen gehen drein, ich verlang -kein Schmerzensgeld, wenn Sie mir auszahlen morgen meine zweitausend -Gulden, die Sie sind mir schuldig, so wahr Gott lebt!« - -Rosenzweig antwortete dumpf: »Komm nur, Halunke. Was ich verspreche, -halte ich -- auch einem Halunken.« - -Er trat an den Wagen und sprach, auf den Rücksitz deutend, zu seinem -Fahrgast: - -»Da hinüber steigen Sie, überlassen Sie mir Ihren Platz. Ich bringe Sie -in Sicherheit.« - -Der Sendbote stand mit einem Satze neben ihm und drückte kräftig seine -Hand: - -»Haben Sie Dank. Sorgen Sie nicht weiter um mich; ich finde Freunde -überall.« - -Vergeblich suchte der Doktor ihn zurückzuhalten, er entwand sich ihm und -war bald den Augen seines Retters im verhüllenden Zwielicht -entschwunden. - - -*V.* - -Rosenzweig kutschierte nach Hause, im kurzen Trab, im Schritt -- wie es -den Falben beliebte. Er hatte keine Eile. Wäre der Weg noch einmal so -lang gewesen, er würde ihm nicht zu lang geworden sein. Dem, der über -ein Wunder nachdenkt, vergeht die Zeit geschwind. - -Gelogen, betrogen, einen Schurken bestochen -- hatte er das wirklich -getan, er, der redliche Rosenzweig? Um eines Menschen willen getan, den -er noch vor kurzem für einen Feind der Gesellschaft, für seinen eigenen -Feind gehalten? - -Die widersprechendsten Empfindungen lieferten sich eine Schlacht in -Nathanaels sonst so gleichmütiger Seele. Nur die schlimmste von allen, -die Reue, war nicht unter ihnen. - -Am Nachmittag kam Abraham, sein Geld zu holen. Ja, der Spitzbube nannte -es sein, das schöne, zum Ankauf eines neuen Feldes bestimmte Geld. -Finster gab der Doktor es hin. - -Dann begab er sich auf das Kreisamt. - -Er hatte die Absicht, seinem Chef die Ereignisse in der Schenke genau zu -berichten, fand ihn jedoch so beschäftigt und in so ungewöhnlicher -Aufregung, daß er es vorzog, zu schweigen. Auch in den folgenden Tagen -ging es nicht besser. - -Auf dem Amte herrschte in dieser Zeit eine beständige Unruhe, eine -außerordentliche Tätigkeit. Der Kreishauptmann bewahrte mit Mühe den -Schein seines heitern Selbstvertrauens. Die Zuversicht war erzwungen, -mit der er beteuerte, alle Fäden des Netzes in seiner Hand zu halten, an -dem Tyssowski in Krakau, Skarzynski im Bochnier, Julian Goslar im -Sandezer, Wolanski im Jasloer und Mazurkiewicz im Sanoker Kreise -knüpften. Die Untreue seines besten Freundes, der offen zur -Revolutionspartei übergetreten war, machte einen tiefen Eindruck auf -ihn. Er und der Doktor tauschten allmählich die Rollen. Der Ängstliche -wurde der Sorglose und der Sorglose der Ängstliche. - -Eines Morgens überbrachte Joseph seinem Herrn einen Brief, der durch -einen Boten im Hause abgegeben worden war. Er enthielt zwei -Eintausendguldennoten in ein Blatt gefaltet, auf dem die Worte -geschrieben standen: - -Meine Schuld bleibt ewig ungetilgt. - -Nathanael barg das Blatt an seiner Brust und legte die Noten vor sich -hin auf den Tisch. - -»Joseph,« rief er. - -»Was befiehlst du?« - -»Sieh diese zwei Bilder gut an. Weißt du, was sie vorstellen?« - -»Viel Geld, mein ich.« - -»Geld! Geld! nun ja -- aber noch etwas andres.« - -»Was denn, Herr?« - -»Den Lohn deiner jahrelangen Arbeit ... Nein, nicht ihren Lohn -- ihren -redlich verdienten Ertrag.« - -Joseph sah den Gebieter fragend an. - -»_Dahin_ sieh, auf die Bilder, nicht auf mich,« rief dieser. »Sie -stellen noch ein drittes vor.« - -»Was denn, Herr?« wiederholte Joseph. - -»Was denn? Soll ich Lubienka rufen? Die wüßte es gleich, daß es nichts -andres sein kann als -- dein Heiratsgut.« - -Da rief Joseph mit einem Schrei der Wonne: - -»Mein Wohltäter, mein Herr, du Gütigster!« und wollte sich vor ihm -niederwerfen. - -»Steh!« befahl Nathanael, legte beide Hände auf seine Schultern und -blickte ernst in sein Angesicht, das sich zu ihm emporwandte wie zu -einem Gott. - -»Du hast eine harte Jugend gehabt, mein Joseph.« - -»Ich? -- Was sagst du, Herr? -- Warst du nicht immer wie ein Vater gegen -mich?« - -»Nein, nein, mein Junge, wirklich nicht. Aber du bist gegen mich immer -wie ein Sohn gewesen,« antwortete der Doktor und setzte die für Joseph -unverständlichen Worte hinzu: »Gäb es viele deinesgleichen, dann wäre -der himmlische Sendbote -- kein Tor.« - -Von nun an hatte Joseph glückliche Tage, und noch viel glücklicher wären -sie gewesen, wenn die große Veränderung, die mit seinem Herrn -vorgegangen war, ihn nicht bekümmert hätte. Sie fiel jedem auf und -erregte das Befremden aller Freunde des Doktors. Er, der emsige Sparer, -wurde oft von großmütigen Regungen ergriffen. Er, für den der Bettler -und der Dieb bisher in eine Kategorie gehört hatten, begann zwischen -ihnen einen großen Unterschied zu entdecken. Er, auf den bisher die -Reichen und der Reichtum eine starke Anziehungskraft ausgeübt, betrat -nur noch gerufen die Schlösser, ungerufen aber die Hütten der Armen. Die -Unruhe, die ihn umhergejagt hatte, war verschwunden. Mit stillem, -hartnäckigem Eifer ging er seinem Beruf nach. Als die Revolution -ausbrach und ihre ersten blutigen Opfer forderte, verstand er es, immer -da zu sein, wo man seiner am meisten bedurfte. Nie, auch nicht in den -schlimmsten Tagen, verließ ihn die kaltblütige Zuversicht: von der -Revolution ist nichts zu fürchten. - -Andrer Ansicht war der Kreishauptmann. - -Alle Mutigen wandten sich schon der Überzeugung zu, der Aufstand müsse -in kurzem beendet sein, als er noch davon sprach, die Provinz sei -verloren, wenn nicht in höchster Eile eine Armee einrücke, die -tausendköpfige Hyder der »verwüstenden Insurrektion« zu bekämpfen. Er -meinte, Rosenzweig habe den Verstand verloren, als er eines Tages -erwiderte: - -»Die Insurrektion ist keine tausendköpfige Hyder, sondern ein hilfloses -Kind. Mit Blumen in den Händen kommt es heran, mit einem Herzen voll -Liebe, und mit Worten der Erlösung auf den Lippen. So kommt es zu uns. -Aber wir sind Wölfe, Bären, Tiger, aber wir sind reißende Bestien. Wir -verstehen die Sprache dieses Kindes nicht. Es predigt Erbarmen, -Gerechtigkeit und Güte, und wir wollen von alledem nichts wissen, wir -wollen mit niemand Erbarmen haben, als mit uns selbst, wir wollen -bleiben, was wir sind, behalten, was wir haben, womöglich noch andern -etwas wegnehmen, um uns zu bereichern. Und so wird es immer sein, und -ein Narr, der daran zweifelt! Und wir, reißende Tiere, wir werden das -Kind zerfleischen und fressen, und uns zufrieden schlafen legen nach -dieser Heldentat.« - -»Phantasterei! Das ist ja pure Phantasterei!« rief der Beamte voll -Bestürzung aus. »Was ist mit Ihnen vorgegangen! Welcher Teufel hat Ihre -gesunden Sinne verwirrt?« - -»Wissen Sie,« nahm er nach kurzem Schweigen wieder das Wort, »daß mir -berichtet wurde, Sie hätten einer Zusammenkunft beigewohnt, in der der -gefährlichste Kommunistenführer eine seiner berüchtigten Ansprachen -hielt? Wissen Sie, daß schlechte Spötter behaupten, seine Beredsamkeit -habe Sie zum Schwärmer gemacht?« - -Nathanael ließ sich durch diese Anklage nicht außer Fassung bringen. - -»Ein Schwärmer wäre ich,« entgegnete er, »wenn ich an die Verwirklichung -der Utopien glaubte, für die dieser 'Kommunistenführer', wie Sie ihn -nennen, lebt, und für die er sterben wird. Nun, nicht einmal unter dem -Einfluß seiner Nähe, beim Wohllaut seines Wortes, unter den Blitzen -seines Auges ist es mir auch nur durch den Sinn geflogen: Wer weiß? -vielleicht doch!... Vielleicht vermag ein Beispiel, wie das deine, uns -Selbstlosigkeit zu lehren und allgemeine Erfüllung der einfachsten -Pflichten. O nein, nein! dazu kenne ich uns Menschen zu gut. Aber -gedacht habe ich mir: du wirst zu Boden geworfen, zertreten, ein Narr -geheißen und -- vergessen werden. Kaum gibt es in zehn Jahren noch -einen unter allen, die du liebtest, der deinen Namen nennt. Trotzdem ist -der mächtige Fürst, den die Neugier oder der Wunsch, sich populär zu -machen, in deine Versammlung trieb, ein Bettler gegen dich. Reich bleibt -ewig nur der Schenkende, und die Größe des Mannes mißt sich nach der -seiner Idee und der Opfer, die er ihr bringt. Die deine hat das Maß -überschritten, das sich in unsrer kleinen Welt verwirklichen läßt. Ihre -Größe macht sie zum Irrtum, und dich zum Irrenden. So dachte ich; und -ich, der Arzt, der eingefleischte Hasser und Verfolger alles -Krankhaften, Überspannten, Wahnbefangenen, ich tat ein Gebet für ihn zu -meinem Gott:« - -»Laß ihn sterben, umringt von allen Gebilden seiner Torheit, laß ihn -ungeheilt sterben, o Herr!« - - * * * * * - -Dieses Gebet schien bald im vollkommensten Maße erhört. - -Die Erhebung war am Widerstand der Landbevölkerung gescheitert; das -Korps, das die Insurgenten aufgebracht hatten, war durch dreihundert -Mann kaiserlicher Truppen und eine zehnfache Anzahl Bauern, die sich -ihnen anschlossen, unter Benedeks energischer Führung, bei Gdow -geschlagen worden. - -Von der erlittenen Niederlage erhielt die Revolutionsregierung in Krakau -entstellte Kunde. - -Die Freiheitshelden waren, so lautete sie, nicht durch reguläre Truppen, -sondern durch fanatisierte Bauernhorden überwältigt worden, die, bis -Wieliczka vorgedrungen, sich jetzt im Anmarsche auf die Stadt befanden. - -Ein Schrei der Rache erhob sich und -- verstummte vor der Beredsamkeit -eines Mannes, der Schonung des verblendeten und irregeführten Volkes -forderte und verlangte, ihm als Bekehrer entgegengesendet zu werden. - -Dieser Mann war Eduard Dembowski, und sein Wille geschah. - -Vertrauend auf die Gewalt seines Wortes verließ er Krakau, von Priestern -im reichen Ornate, von Fahnen und Kreuze tragenden Mönchen begleitet. -Eine große Menschenmasse folgte; dreißig Scharfschützen deckten den Zug. -Er überschritt die Weichselbrücke und bewegte sich durch die Vorstadt -Podgorze auf der Straße nach Wieliczka. - -Sie lag still und öde; so weit das Auge reichte, keine Spur von -herannahenden Bauernrotten. Von Podgorze aus kam jedoch eine -Schreckenskunde, der Nachhut durch eilende Boten zugetragen; sie -durchfiel den Zug wie ein Blitz: - -Österreichische Truppen marschieren gegen Podgorze. - -Ein rascher Befehl seines Führers, und der Zug trat den Rückweg an in -der Hoffnung, die Stadt vor den Kaiserlichen erreichen und die Brücke -noch gewinnen zu können. - -Auf den Anhöhen rechts von Podgorze angelangt, konnte der Sendbote schon -den Sturm auf die Stadt und das siegreiche Vordringen der Truppen -überblicken. - -Die Kaserne war genommen, die Kirche besetzt; die polnischen Schützen, -aus den Häusern vertrieben, jagten in ungeordneter Flucht der Brücke zu. - -Grimm und Schmerz erfüllten bei diesem Anblick die Seele des Emissärs. - -»Vorwärts! Mit Gott vorwärts, wir schlagen uns durch, wir erreichen noch -die Brücke. Mut!« rief er den zögernden Priestern zu. »Ihr habt nichts -zu fürchten. Die man zum Sturme zwingt, folgen widerwillig. Es sind -Galizier, sie schießen nicht auf ihre Landsleute, schießen nicht auf -geweihte Priester!« - -Er befahl, ein geistliches Lied anzustimmen, und in majestätischer -Ordnung, langsam und feierlich, kam die Prozession die Anhöhe herab. Der -Emissär schritt voran im Bauernkleide, sein heller Kaftan schimmerte in -der anbrechenden Dämmerung; in der Hand hielt er ein kleines schwarzes -Kreuz. - -Ungehindert gelangte der Zug durch den noch unbesetzten Stadtteil bis -zur Kirche. Hierher aber war schon eine Kompanie vorgedrungen, die den -Weg zur Brücke versperrte. - -Der Emissär machte halt. - -»Seht eure Brüder!« sprach er die Soldaten an und deutete auf die -Scharen, die ihm folgten. »Auch ihr seid Polen. Keinen Kampf, Brüder -- -gebt Raum!« - -Schweigen antwortete ihm. Noch einmal begann er die Soldaten zu -beschwören -- da ertönte das Kommando: - -»Fällt das Bajonett!« - -Mit einem Blick der Verzweiflung sah Dembowski sich um. - -Die Geistlichen und Mönche waren zurückgewichen. Seine Getreuen jedoch -und die Schützen drängten sich um ihn. - -»Kein Ausweg ... Schießt -- und vorwärts!« rief er plötzlich mit wilder -Entschlossenheit und drang auf die Soldaten ein. - -Zwei Dechargen erwiderten den unerwarteten Angriff. - -Nach der ersten sah man Dembowski noch aufrecht stehen, das Kreuz hoch -über seinem Haupte schwingend. Nach der zweiten sank er, in den Kopf -getroffen. - -Rosenzweig erfuhr den Tod des Sendboten durch den Kreishauptmann, der -seinen Bericht mit den Worten schloß: »So mußte ein Wahnsinniger enden.« - -Die Prophezeiung Nathanaels traf ein; der idealste Vertreter der -Revolution erfuhr den einstimmigen Tadel und Hohn aller Parteien; sein -Andenken erlosch auch bald im Volke. - -Seine Leiche war unter denen der in Podgorze Gefallenen nicht -aufgefunden worden, und eine Zeit lang erhielt sich das Gerücht, er sei -nicht tot, er lebe versteckt als Bauer und werde beim Ausbruch neuer -Freiheitskämpfe auf ihrem Schauplatz erscheinen. - -Als jedoch die Stürme des Jahres 1848 aufstiegen und verbrausten, ohne -ihn aus seiner vermeintlichen Verborgenheit gelockt zu haben, erlosch -auch in denen, die sie am längsten genährt hatten, die Hoffnung auf -seine Wiederkehr. - - * * * * * - -Es war zu Ende der fünfziger Jahre, an einem milden Septemberabend, in -einem Dorfe unweit der schlesischen Grenze. Vor der Schenke hielt eine -gedeckte Britschka, der ein paar tüchtige Braune vorgespannt waren. -Behaglich, ohne Eile, wie es guten Fressern geziemt, ließen sie sich den -Inhalt einer vor ihnen aufgestellten Futterkrippe schmecken. Der -Kutscher, ein ältlicher Mann, so wohlgenährt wie seine Pferde, hatte -sich auf die Bank vor dem Hause gesetzt, dampfte aus einer kurzen Pfeife -und machte sich ein Vergnügen daraus, die Fragen der hübschen Wirtsmagd -mit einer schelmischen Zurückhaltung zu beantworten, die darauf -abzielte, ihre durch die Ankunft völlig fremder Gäste ohnehin erregte -Neugier noch zu spannen. - -»Ihr fahrt wohl recht weit über Land?« fragte sie. - -»Weiter, als du denken kannst,« erwiderte er. - -»Vielleicht gar ins Ungarn hinein?« - -»Pah! Das wäre ja nur ein Katzensprung!« - -Das Mädchen stemmte den Arm in die Seite und lachte: - -»Die möcht ich sehen, die Katz, die so springen könnt!« - -»Bei uns zu Haus gibt's ihrer genug. Komm du nur hin, dann wirst sie -sehen.« - -»Ei, so was!... Aber wo ist denn Euer zu Haus?« - -»Wo?« Er deutete mit der Hand nach drei verschiedenen Richtungen: »Da -- -und da, und dort.« - -»Geh weg, du spaßest.« - -»Frag meinen Herrn, wenn du mir nicht glaubst.« - -»Ja, just,« spottete sie, »fragen -- so einen Herrn!« - -»Fürcht'st dich?« -- er zwinkerte sie verschmitzt an. »Hast es schon -weg, daß er ein Hexenmeister ist?« - -Sie schlug rasch und verstohlen ein Kreuz: - -»So? Das hätt ich ihm nicht angesehen.« - -»Ja, ein gar großer Hexenmeister. Macht die Kranken gesund, macht die -Toten lebendig.« - -»Die Toten?« ... Das Mädchen schauerte. - -»Die Halbtoten also. Zu so einem sind wir g'rad auf dem Weg.« - -»Da kommt ihr ja zu spät, wenn ihr noch lang zu fahren habt.« - -»Wir kommen nie zu spät. Der Herr sagt nur: Wart! -- und der Tod -wartet.« - -»So? Hat dein Herr auch eine Frau?« - -»Eine Frau hat er nicht, aber mehr als hundert Kinder.« - -»Was du sagst?« und wieder lachte sie hellaut auf. - -Der Gegenstand dieses Gespräches war ein Greis von kräftiger Gestalt. Er -trug eine Reisekappe und einen langen, auf der Brust leicht verschnürten -Rock. Den untern Teil des markigen, dunkelfarbigen Gesichtes bedeckte -der Bart, der, weiß und dicht wie die Haare, in zwei mächtige Strähne -geteilt, fast bis zum Gürtel herabwallte. Der Alte, die Hände auf dem -Rücken, stand am jenseitigen Ufer des Teiches, der sich auf eines -Steinwurfs Entfernung vom Wirtshaus befand und ein lang gestrecktes Oval -bildete, an dessen einem schmalen Ende knorrige, ganz schief gewachsene -Weiden ihre Zweige zu seinem trüben Spiegel niedersenkten, während das -andre sich sanft gegen die ansteigende Dorfstraße verflachte. - -Der Teich war alles in allem: Badeort für die Jugend, Waschanstalt für -die Hausfrauen, See für das schwimmtüchtige Geflügel, Schwemme für die -Pferde. Am Werktagabend ging es in seiner Umgebung lebendig zu. Große -und kleine Knaben, barfüßig, die Hosen übers Knie gezogen, ritten ihre -Pferde ins Wasser, bewundert und beneidet von den Kindern, die am Ufer -standen oder saßen, die meisten als ziemlich lässige Hüter jüngerer -Geschwister. Männer und Weiber kehrten vom Felde heim, und, von weitem -schon angekündigt durch die Töne eines schallenden Gesanges, kam eine -Mädchenschar, Rechen und Sicheln tragend, ins Dorf gezogen. - -Unter den am Teiche spielenden Kindern war eines, das die besondere -Aufmerksamkeit des Fremden erregte. Ein Bürschlein von etwa sechs -Jahren, mit sehr lieblichem, aber blassem Gesichtchen. Seine schlichten, -blonden Haare, im Nacken lang, über der Stirn gerade geschnitten, -quollen reich unter dem Mützchen hervor. Er hatte tiefliegende, blaue -Augen, eine schmale, leicht gebogene Nase und einen feinen, -ausdrucksvollen Mund. Nach der Beschaffenheit seines Kaftans und seiner -Stiefel zu schließen, gehörte er wohlhabenden Eltern an. - -In der offenen Tür eines der nächstgelegenen Häuser war ein junges, -hübsches Weib mit einem Kinde auf dem Arm erschienen und rief dem Knaben -zu: - -»Jasiu, der Vater kommt.« - -Da machte das Bübchen einen Luftsprung und lief von seinen -Spielgefährten fort, dem Angekündigten entgegen. Der blieb stehen, -beugte sich und lachte, als sein Junge im vollen Lauf an ihn anprallte. -Er rückte ihm die verschobene Mütze zurecht, nahm seine Hand und schritt -mit ihm weiter. - -Es war ergötzlich, sie daher kommen zu sehen, den Bauern und das -Bäuerlein, das zweite in Haltung, Gang, Gestalt und Kleidung das -verkleinerte Ebenbild des ersten. - -Sie näherten sich, und der Fremde bemerkte auf dem Gesicht des Bauern -die entstellenden Spuren einer schweren Verwundung. Die rechte Wange war -eingefallen und von Narben zerrissen, das rechte Auge geschlossen. - -Auch ein Veteran der letzten Kämpfe, dachte der Greis und -heftete den Blick immer aufmerksamer auf den Herankommenden. Ein -märchenhaft-wunderlicher Einfall durchzuckte ihn. Plötzlich machte er -ein paar rasche Schritte, stand dicht vor dem Bauern, starrte ihn an und -rief: - -»Ist es möglich?« - -Überrascht wich jener zurück, aber nur, um schon im nächsten Augenblick -auf ihn zuzustürzen. - -»Sie! O Gott, Sie -- Doktor Rosenzweig!« sagte er mit einer Stimme, -deren Wohllaut unvergessen in der Erinnerung des Alten gelebt hatte. -Früher als dieser gewann er seine Fassung wieder: »So habe ich Sie nicht -umsonst erwartet, nicht vergeblich gehofft, daß Sie auf einem Ihrer -Samariterzüge den Weg durch unser Dorf nehmen würden, um --« fügte er -mit Rücksicht auf das Publikum, das sie umgab, hinzu -- »Ihren Diener -Hawryl zu besuchen.« - -»Hawryl --« stammelte Rosenzweig, »Hawryl also ... Wie geht's, Hawryl?« - -»Überzeugen Sie sich selbst. Erweisen Sie mir die Ehre, in mein Haus -einzutreten, ruhen Sie ein wenig aus unter meinem Dache.« - -Schweigend, noch ganz betäubt, folgte der Doktor dieser Einladung und -ließ sich zu dem Hause geleiten, auf dessen Schwelle die junge Frau -stehen geblieben war und sich bemühte, das kräftige Kind in ihren Armen, -das dem Vater jauchzend und mit ausgestreckten Händchen entgegenstrebte, -festzuhalten. - -»Mein liebes Weib, Herr Doktor,« sprach Hawryl, und zu ihr gewandt: -»Heiße ihn willkommen, Magdusia, einen werteren Gast kann uns der Himmel -nicht schicken.« - -Ihr Gesicht spiegelte die Freude, die sich auf dem ihres Mannes malte, -rein und innig wider: »Seien Sie schön gegrüßt, Herr,« sagte sie und -lachte ihn mit ihren großen Augen treuherzig an. - -Nathanael war wie im Traum. Erst in der Stube, allein mit Hawryl, begann -er sich von seinem Staunen zu erholen: - -»Sie leben! -- Mensch, Sie leben! Ist das auch wahr, daß Sie leben? Aber -wenn es wahr ist, so stehen Sie doch nicht so gleichgültig da --« - -»Gleichgültig?« rief Hawryl. - -»So reichen Sie mir doch die Hand!« - -Zum zweitenmal hielt er sie in der seinen -- eine andre als damals, eine -derb gewordene Hand, deren Besitzer den Bauern nicht nur _spielte_. - -Sie nahmen Platz am Tische, der mitten in der freundlichen Stube stand, -und lange dauerte es, bevor Hawryl, immer von neuem durch die -verwunderten Ausrufungen des Doktors unterbrochen, die seltsame und -doch so einfache Geschichte seiner Rettung beenden konnte. - -Zunächst schrieb er sie der Kleidung zu, die er trug, als er bei der -Kirche in Podgorze verwundet wurde und für tot liegen blieb. Er war, da -sich noch Leben in ihm fand, mit andern Landleuten und Soldaten ins -Spital nach Krakau gebracht worden. Dort hatte er das Bewußtsein wieder -erlangt, bald aber auch die Überzeugung, daß der Arzt, der ihn -behandelte, ihn keineswegs für einen Bauern hielt. Später verrieten ihm -einige, wie absichtslos hingeworfene Worte des Doktors, daß er von ihm -erkannt worden war. - -An dem Tage, an dem man ihn für geheilt erklärte, kam der Direktor, ein -Pole -- man hatte die Spitalsleitung noch nicht gewechselt -- in die -Rekonvaleszentenstube. - -Der Agitator sah diesen Mann damals zum ersten- und letztenmal in seinem -Leben. - -»Du heißest Hawryl Koska,« sagte er zu ihm, »bist ein aus dem Königreich -zugereister Untertan des Grafen Branski, der dich nach seiner -galizischen Herrschaft, auf ein Bauerngut, übersiedelt. So lese ich in -deinem Passe. Ist das richtig?« - -Und ohne die Antwort abzuwarten, reichte er ihm einen auf den Namen -Hawryl Koska lautenden, mit einer auf ihn passenden Personalbeschreibung -versehenen Paß, wandte sich an seinen Nachbar und ließ den Umgetauften -stehen. - -»In der verworrensten Gemütsstimmung, Freund,« rief Hawryl, »in der ein -Mensch sich befinden kann. Ich hatte zuversichtlich erwartet, nach -meiner Genesung vor Gericht gebracht und als einer der Unruhstifter -erschossen zu werden, und hatte mich auf den Tod vorbereitet, wie ein -gläubiger Christ. Und nun sollte ich leben. -- Mein erstes Gefühl war -das der Enttäuschung, mein erster Gedanke ein Gedanke schon des -Hochmuts: Gott spart dich auf. Er will nicht deinen Tod, er will deinen -Dienst. Das Werk, das zu beginnen du ausersehen warst, du sollst es auch -vollenden. - -Von diesem stolzen Glauben erfüllt, trat ich ins Volk und wurde sein -Genosse: scheinbar ein Gleicher unter Gleichen, in meinen eigenen, -eitlen Augen -- ein verkleideter Prophet. O Freund! ein einziges Jahr -dieses Lebens, und der vermeinte Prophet war ein demütiger Mensch -geworden. Das für erreichbar gehaltene Ziel rückte in unabsehbare -Fernen. Zu der Kirche, die ich mit einer herrlichen Kuppel krönen -wollte, war der Grundstein noch nicht gelegt, ja, der Boden für ihn noch -nicht ausgehoben! Nicht die Arbeit des Künstlers war zu tun, sondern die -des bescheidenen Taglöhners. - -Das erkannte ich. - -Und nun -- wäre ich nicht ein elender Wortheld gewesen, wenn ich es -verschmäht hätte, mich an dieser Arbeit, dieser allerwichtigsten, zu -beteiligen?... So griff ich denn zu Schaufel und Spaten, nicht bloß im -bildlichen Sinn. Das Kruzifix, in dessen Zeichen ich dereinst zum Kampfe -schritt -- da hängt es über dem Bette meiner Kinder. O sehen Sie die -ausgebreiteten Arme der Liebe, die verwundete Brust, das geneigte, -edelste Haupt ... Wer darf sich vermessen, in dieses Versöhners Namen -aufzurufen zu Kampf und Streit?« - -Er seufzte, aber sein Angesicht bewahrte den Ausdruck tiefsten, klarsten -Friedens, und mit einem heiteren Lächeln fuhr er fort: - -»So finden Sie den gefährlichen Agitator wieder. Ach, wenn ich an meinen -Ausgang denke, an alles, was ich gehofft, was ich mir zugetraut habe -- -und jetzt! Vergnügt lege ich mich zur Ruhe und preise den Tag, an dem es -mir gelungen ist, den Jan abzuhalten, sein Weib zu prügeln, den Martin, -in die Schenke zu gehen, oder den Basil dahin zu bringen, seinen alten -Pflug in den Winkel zu werfen und mit dem neuen auf den Acker zu -fahren.« - -»Ihr Geheimnis aber,« fragte Nathanael, den Gang des Gespräches -unterbrechend, »war das nie in Gefahr, verraten zu werden?« - -»Der vorige Gutsherr hat es mit ins Grab genommen. Für seinen Nachfolger -bin ich ein Bauer wie ein andrer.« - --- »Ein Bauer! Ein Bauer!... Und so wollen Sie es forttreiben bis an Ihr -Ende?« - --- »Bis an mein Ende, und ich glaube nicht, damit etwas Großes zu tun -und ihnen mehr zu geben, als ich von ihnen empfange. Ich bin keineswegs -immer ihr Lehrer, sie sind auch die meinen. Ihre Freuden zu teilen, -vermag ich nicht, aber in Leid und Schmerz haben wir uns oft gefunden. -Ich habe Bauern vor ihrem verhagelten Feld, ich habe Mütter an der -Leiche ihrer Kinder stehen gesehen und Ehrfurcht gefühlt. Selten ist mir -einer von ihnen verachtungswürdig erschienen, aber hundert unzählige -Male beklagenswert.« - -In seinem Auge leuchtete die alte schwärmerische Glut, seine gebräunten -Wangen erbleichten vor innerer Bewegung: - -»Es ist ein Schatz an Geduld, Ausdauer, heldenmütiger Ergebung in einen -höheren Willen in diesem Volke, den alle Mißhandlung, die es erfahren -hat, nicht zu erschöpfen vermochte. Aber seines Reichtums unbewußt, -streut es ihn aus und erwirbt nichts dazu. Die Einsicht fehlt und mit -ihr das Wirken der tätigen, sittlichen Kräfte. Genug! Genug! das alles -wissen Sie so gut wie ich, und somit auch, daß es vieles nicht geringe -zu tun gibt auf meinem geringen Posten. Ihn auszufüllen, reicht mein -Können gerade hin. Hawryl Koska wird nicht umsonst gelebt haben. -- Der -_Sendbote_ ist gestorben, ohne einen Jünger zu hinterlassen.« - -»Einen doch!« rief Nathanael. »Einen, den Sie aus den Reihen Ihrer -eifrigsten Gegner geholt haben. Einen Mann, dessen Zwecke irdischer -Natur gewesen sind, dessen Herz an verlierbaren Gütern gehangen hat und -den Sie den Wert der unverlierbaren kennen gelehrt haben. Sendbote! da -steht er vor Ihnen, Ihr Jünger in weißen Haaren.« - -Beide waren zugleich aufgesprungen, stürzten einander an die Brust und -hielten sich fest umschlungen. - -FUSSNOTEN: - -[1] Großmütterchen. - -[2] Andersgläubiger. - -[3] Esel. - -[4] Lieber Herr! - -[5] Mein Seelchen. - -[6] Ein Riese. - - - - -Der Nebenbuhler. - - -*I.* - -Graf Edmund N. an seine Hochwürden Herrn Professor Erhard. - - Paris, den 10. Mai 1875. - - Mein verehrter Freund! - -Da bin ich, aus Marseille eingetroffen, vor vierzehn Tagen, die mir -vergangen sind wie vierzehn Stunden. - -Es ist unmöglich, liebenswürdiger empfangen zu werden, als ich es wurde -von Freunden und Verwandten. Freilich begegnet man auch nicht alle Tage -einem Manne, der direkt von den Antipoden kommt, mit Menschenfressern zu -Mittag gespeist, am Salzsee gewohnt, den schwarzen Turban der Kopten -getragen, den Schrei auf Ceylon gehört und bei indischen -Schlangenbändigern in die Lehre gegangen ist. - -Tante Brigitte grüßt Dich. Sie hat sich kürzlich frisch emaillieren und -perückieren lassen, und jetzt machen wir gegenseitig Staat miteinander. -Von einer Veränderung an ihr keine Spur. Sie sagt noch immer bei den -unpassenden Gelegenheiten: *Ah, je comprends ça*! Sie spricht noch -immer mit derselben Schwärmerei von meiner verstorbenen Mutter: ihrem -Kinde mehr als ihrer Schwester, und bricht plötzlich ab mitten in der -tiefsten Rührung, wischt sich die Augen, winkt mit dem Taschentuche und -seufzt: »*Va, mon enfant, va te distraire.*« - -Lieber Freund, ich bilde mir ein, daß auch sie vor Zeiten nicht -verschmäht hat, kleine Zerstreuungen zu suchen in ihrem Schmerze, erst -um die Schwester, dann um den Gatten. Heil ihr! möge noch so mancher -Frühling frisch gemalte Rosen auf ihren Wangen erblühen sehen. Sie ist -die gutmütigste Egoistin, die ich kenne. - -Ganz in Übereinstimmung mit Dir, will sie mich jetzt verheiraten, und -gegen die junge Dame, die sie mir ausgesucht hat, ist nichts -einzuwenden. Sie stammt aus gutem Hause, von braven Eltern, ist -verteufelt hübsch, hat einen klaren, schlagfertigen Verstand, eigenes -Urteil, den Mut es auszusprechen und -- was unendlich mehr: die -Fähigkeit, auch ein gegenteiliges anzuhören und sogar gelten zu lassen. -Dabei gleichmäßig heiter, harmlos, unbefangen. Ich glaube, daß sie noch -nie vor einem Menschen die Augen niedergeschlagen hat; und es wäre -schade wahrlich, denn sie sind prachtvoll; dunkelgrau wie ein -Gewitterhimmel, und wenn es in ihnen aufblitzt bei irgend einem Anlaß, -da gibt's einen schönen Anblick. - -Ich hoffe, du bestätigst mir heute oder morgen den Empfang meiner -Sendung aus Marseille. Kurz vor dem Einlaufen in den Hafen, an Bord des -»Triomphant«, schrieb ich die Schlußworte des letzten Kapitels meines -Reisetagebuchs. Streiche fort, was Dir sentimental vorkommt, ehe Du -abschreiben lässest. Nach zweijährigem Herumbummeln in fremden -Weltteilen hat mich die Heimkehr ins alte Europa seltsam bewegt. -Plötzlich ist alles vor mir gestanden, was zu vergessen ich auf und -davon gegangen ... - -Aber -- sei unbesorgt, es war nur eine flüchtige Erinnerung. In die -Tiefen des Ozeans versenkt, in den Sand der Wüste vergraben, in die -Lüfte gestreut habe ich die Leidenschaft meiner Jugend. - -Und jetzt will ich glücklich und tätig sein, ein Landwirt werden, ein -Familienvater, ein Bürgermeister, alles, alles -- nur nicht Politiker. - -Vorher indessen noch eine Zeitlang: *cum dignitate otium*. Es ist ein -gewaltiger Strom des Lebens, der hier an einem vorüberbraust, und mit -gekreuzten Armen seinem Treiben zuzusehen, hat einen großen Reiz. - -Jedenfalls, Lieber, Verehrter, dürfte der Aufenthalt in Paris mir jetzt -gesünder sein als vor zehn Jahren, da ich, ein laubfroschfarbiger -Jüngling, in dieser Stadt der Arbeit und des Genusses erschien. Damals -an Deiner Hand, mein Mentor, oder vielmehr in Deiner Hand, das reine -Postpaket, aufgegeben von meinem armen, weltentfremdeten Vater in Korin -an der Wottawa, abzugeben in Paris, Rue St. Dominique im Hotel der -Tante. Sie hatte mich reklamiert, und Ihr liefertet mich aus für ein -Jahr, in dem es mir oblag, tanzen und fechten zu lernen und mich in der -Aussprache des Französischen zu vervollkommnen. - -O, Ihr alten, unschuldigen Kinder! - -Wir haben leicht lachen heute, aber einen zwanzig-jährigen, in einem -Privat-Trappisten-Kloster zwischen zwei greisen Gelehrten erzogenen -Menschen nach Paris schicken, zu einer langmütigen Tante, die den -Bengel vergöttert -- das war ein Wagnis, das ich nicht unternehmen -werde mit meinen Söhnen. - -Ei, wenn er nur welche hätte! denkst Du im stillen. Nun, Freund, -vielleicht ist heute übers Jahr schon einer auf dem Wege. Sobald er sein -erstes Lustrum erreicht haben wird, kommt er zu Dir in die Lehre. Du -lässest einen kleinen Pfahlbau für ihn im Teiche errichten, und er -stellt mit seinen Bausteinen keltische Monumente auf und getreuliche -Nachbildungen der Stufenpyramiden auf Otaheiti. Alle Kinder, die -überhaupt Bausteine besitzen, tun das unbewußt, die meinen werden es mit -Bewußtsein tun. - -Und nun für heute lebe wohl! - - Dein Edmund. - - -*II.* - -Professor Erhard an den Grafen Edmund N. - - Korin, den 15. Mai 1875. - - Hochgeborener Herr Graf! - - Mein lieber Mundi! - -Ballen und Kisten glücklich einpassiert. Ei, wie köstlich! Gratuliere -vornehmlich zur Erwerbung des Papyrus. Da ist Arbeit für viele Jahre in -Aussicht gestellt. Möge Dein gehorsamster Diener sie zu Ende führen -können. Dazu jedoch möchte die Zeit nicht langen, und wenn sein guter, -gnädiger Gott ihn auch das Alter Methusalems erzielen ließe. - -Daß Dein edler Vater noch lebte, sich der altägyptischen Statuette zu -erfreuen, und der trefflichen Produkte textiler Kunst aus dem einstigen -Reiche der Sikhs! Lieber Mundi, mein teurer Graf, Du hast im größten wie -im kleinsten bei der Auswahl der von Dir nach Hause geschickten, -vielfach unschätzbaren Gegenstände Dich in einem hohen Grade umsichtig -und weise erwiesen. So bist und warst Du von jeher, und ich würde mich -sehr besinnen, Deiner Behauptung zuzustimmen, daß Dein hochseliger Vater -und meine Wenigkeit sich in ein Wagnis eingelassen, als wir dich vor -zehn Jahren für reif erklärten zu einem Aufenthalt im modernen Babel. -Wir wußten, was wir taten, und durften es -- wie Figura zeigt -- wohl -tun. - -Dein Reisetagebuch wird bestens abgeschrieben werden; doch darf ich -leider nicht zur Indrucklegung raten, ein Vorschlag, mit dem ich Dich zu -überraschen gedachte; es fehlt gar zu oft der nötige Zusammenhang. Die -sentimental-feurige Apostrophe an die südliche Küste Frankreichs ist -eine Zierde des Manuskriptes, und ich müßte lügen, wenn ich behauptete, -daß sie mich, wenn auch nur gelinde, erschreckt hat. Was Du so -schwungvoll die Leidenschaft Deiner Jugend nennst (ein hübscher Ausdruck -und mir durchaus neu) dürfte derzeit wohl zur Gänze erloschen sein und -Dein guter Verstand eingesehen haben, daß auf Erwiderung niemals zu -hoffen, ja, daß eine solche niemals zu wünschen war. Eine vermählte, -eine edle, heilig-zarte Frau, und zugleich die Deines besten Freundes, -der Dich liebt, wie wenn Du der Sohn wärest, den er, leider vergeblich, -ersehnt -- das müßte ein andrer als mein Mundi sein, der sich da mit -unerlaubten Gedanken trüge oder getragen hätte; denn wenn sich ja -dereinst etwas Ähnliches in seiner schönen Seele begeben hat, liegt es -derselben heute ferner als uns die Sintflut. - -Glück und Segen und des Himmels auserlesenste Gunst über Dich! Ich bitte -um Mitteilung des werten Namens derjenigen, die, Gott gebe es! bald den -teuren Deinen tragen wird. Wolle mich, wenn Du das Haus ihrer -hochschätzbaren Eltern besuchst, dort allerseits des Angelegentlichsten -empfehlen. - -In treuer Wertschätzung, Liebe, Ergebenheit - - Dein alter Lehrer P. Erhard. - -*PS.* In Deiner Wirtschaft herrscht beste Ordnung, in Deinem Schlosse -beginnt sie schon das Szepter zu schwingen. Auf Schritt und Tritt -begegnet dem Wissenden Genuß, dem Schüler Belehrung. Der Boden der Halle -mit Ausgrabungen bedeckt, darf ohne Ruhmredigkeit verglichen werden mit -einem klassischen Trümmerfeld. Aus bereits eingetretenem Mangel an Raum -waren wir genötigt, die holdig-schönen von ungemeinem antiquarischen -Reiz umflossenen Mumien in Deinem Schlafgemache unterzubringen. - - -*III.* - -Graf Edmund N. an Professor Erhard. - - Paris, den 22. Mai 1875. - - Lieber Professor, bester Freund! - -Allzubreit darf das Altertum sich in meinem Hause doch nicht machen, wer -weiß, ob wir nicht, in erwartbarer Zeit, darin Platz brauchen für eine -junge Frau. Die Mumien lasse, wenn's nicht anders geht, in den Keller -schaffen. Es gehört zu meinen Marotten, daß ich lieber in meinem Bette -schlafe als im Sarge einer Pharaonentochter. - -Um die Erlaubnis, das Elternhaus Madeleines -- so heißt nämlich die -halb und halb Erwählte -- besuchen zu dürfen, habe ich noch nicht -gebeten, mich noch nicht entschlossen zu dem entscheidenden Schritt. -Keineswegs aus Angst vor einem Korbe. Madeleine hat für mich »*de -l'amitié*« -- nicht zu übersetzen mit unserm deutschen »Freundschaft«; -es heißt weniger und mehr und jedenfalls etwas ganz andres. Die Mutter -ist mir wohlgesinnt, und geradezu geliebt werde ich vom Vater. Der würde -Dir gefallen, den würdest Du zu erwerben suchen -- für unsre Sammlung. -Denke Dir das schönste Exemplar einer Rasse, die wir für ausgestorben -hielten, einen »*chasseur du roi*«, wie ihn die Bretagne um 1794 nicht -charakteristischer aufgestellt: Untersetzt, breitnackig, breitgestirnt, -mit funkelnden Falkenaugen, kurzer Nase, runden Nüstern, Mund und Kinn -wie, ziemlich grob, aus Stein gemeißelt. Ich wette, er schwört noch bei -der heiligen Jungfrau von Auray und trägt unter dem Hemde mehr Amulette -als Ludwig *XI.* In seinen Augen ist jedes Mißgeschick, von dem -Frankreich seit dem Zusammentreten der Nationalversammlung betroffen -wurde, eine Sühne für die Zertrümmerung des Königtums. Mit dem letzten -Kriege ließ Gott die schwerste Geißel über das abtrünnige Reich des -Heiligen Ludwig niedersausen. Die Deutschen sind ihm nur Werkzeuge der -Rache des Allgerechten, und als solche dürfte er sie eigentlich nicht -hassen, aber er haßt sie doch und ingrimmig. Mich, als den Sohn eines -»Tschèche« und einer Französin, hält er für einen geborenen Widersacher -seiner Feinde und zieht in meiner Gegenwart mit besonderem Schwung gegen -sie los. - -Da habe ich denn schon oft bemerkt, wie peinlich solche Ausbrüche des -Zornes gegen uns -- welch ein Schnitzer! ich sage _uns_, ich »Tschèche«, --- auf Madeleine wirken. - -Sie schweigt zwar, aber sie kämpft entschieden mit innerster Empörung; -wechselt die Farbe, und gestern sah ich, wie ihre schönen Hände, die -einen so ausgesprochen festen und braven Charakter haben, krampfhaft -zitterten auf ihrem Schoße. - -Vielleicht ahnt sie etwas von meiner wahren Gesinnung, dachte ich, und -fürchtet, ich könnte mich durch die Ausfälle ihres Vaters verletzt -fühlen. In der Absicht, sie darüber zu beruhigen, sagte ich ihr, daß ich -Kosmopolit bin aus ganzem Herzen. Ich wiederholte, was ich so oft von -Dir gehört, und was sich mir überzeugend eingeprägt hat: daß unsre -Nation nur unsre erweiterte Familie ist, und daß der rechte und gute -Mensch seine Familie nicht auf Kosten andrer liebt, lobt und fördert. -Indessen vermöge ich doch, mich in die Empfindungen eines, in seinem -Stolze gekränkten Patrioten hineinzudenken, und sie, trotz ihrer -Verschiedenheit von den meinen, zu ehren. - -Sie hörte mich aufmerksam an und nickte zustimmend, freilich auch etwas -spöttisch, und lächelte, wie sie pflegt, wenn ich ihr gegenüber einmal -einen warmen, vertrauensvollen Ton anschlage ... Es ist eine ungute Art -zu lächeln, die mich aus der Fassung bringt, mich immer unvorbereitet -findet und peinlich überrascht. - -Das war anders dereinst! Elsbeth konnte mich nie überraschen; sie konnte -mich nur stets von neuem in der hohen Meinung, die ich von ihr hatte, -bestärken. Bei zahlreichen Gelegenheiten fragte ich mich: was würde -jetzt das Prototyp dieser Frau tun? dachte mir das Schönste und -Schwerste aus -- und das war dann, was sie tat, so natürlich und -einfach, wie wenn es das Selbstverständliche wäre. - -Ja, diese Frau! Ich habe dem Geschick für vieles zu danken, für nichts -aber so heiß, als daß ich drei Jahre in ihrer Nähe leben und mit ihr -verkehren durfte, fast wie ein Hausgenosse. Ohne sie wäre ich -untergegangen, war auf dem besten Wege ... Sehr unrecht hast Du, es zu -bezweifeln! Erinnere Dich, wie ich Euch heimkehrte, nach jenem ersten -lehrreichen Aufenthalt in Paris. Ich sehe noch den Ausdruck des -Schreckens im Angesicht meines armen, damals schon todkranken Vaters bei -unserm ersten Tischgespräche, da ich meine neuerworbenen Ansichten vom -Leben auskramte, mit meinen Erfahrungen prahlte und mich erhaben dünkte -über Euch, wie ein aus dem Kriege kommender Soldat über ein paar alte -Ofenhocker. - -Und später -- das Eis war gebrochen, es hatte schon begonnen zu tauen in -meiner erwachenden Seele ... weißt Du noch? -- lag ich auf den Knien vor -dem Sterbenden, und er segnete mich und sprach leise mit seinem -allgütigen Lächeln: »Verliebe Dich, mein Sohn.« - -Wahrlich, ein väterlicher Rat ist nie treuer befolgt worden. Ich habe -geliebt, wie man nicht mehr liebt im neunzehnten Jahrhundert, und wie -vielleicht auch in den vorigen Jahrhunderten nur wenig Frauen geliebt -worden sind. - -Die Frau Deines väterlichen Freundes, sagst Du vorwurfsvoll. -- Aber -dieses Bewußtsein verschärfte nur die Qual und änderte nichts an der -Empfindung. - -Niemand vermag mir den Glauben zu nehmen, daß sie für mich, und daß ich -für sie geboren war, daß wir Eins gewesen sein mußten in einem früheren -Leben und nun zueinander strebten mit derselben Urgewalt, wie die Fluten -des durch Klippen getrennten Bergstroms, der zu Tale stürzt. - -Und dennoch, so zuversichtlich ich hoffte, daß jede sehnsüchtige -Empfindung meiner Seele einen Widerhall in der ihren fände, so fest war -meine Überzeugung, daß Elsbeth lieber sterben würde und lieber mich -sterben ließe, als ein Unrecht tun. Ich aber hatte Augenblicke -- Dir, -alter Mensch, darf ich's sagen, unsre Schuljungen würden mich verhöhnen --- in denen alle meine Wünsche schwiegen vor dem einen, ihrer würdig, -ihr Freund, ihr geistiger Genosse zu bleiben. Die ich wie eine Göttin -verehrte, sollte nicht niedersteigen, um in meinen Armen eine Erdenfrau -zu werden. Aber diese Augenblicke wurden immer seltener, die -Selbstbeherrschung wurde mir immer schwerer, um so mehr, als Elsbeth ihr -Benehmen änderte, ihre Unbefangenheit zu verlieren, jedes Alleinsein mit -mir ängstlich zu vermeiden schien -- -- - -Unwandelbar derselbe blieb nur Er, der Lustspielgatte, der arglose, -alberne -- anbetungswürdige. Er hielt mich mit Gewalt fest, wenn ich -fort wollte, er plagte mich, um mir mein kroatisches Gut zu erhalten, -das ihm das seine so schön arrondiert hätte, und das schon zu Zeiten -meines Vaters losgeschlagen werden sollte, weil wir Geld brauchten für -die arg zurückgegangene Wirtschaft in Korin. - -Aber er weigerte sich zu kaufen. Im Anfang zögernd, dann immer -entschiedener. -- »Es ist halt schwer, es ist halt schwer. Mir würde der -Krempel passen. Du gehst mathematisch darauf zu Grund. Kennst Dich ja -bei uns gar nicht aus.« - -»So kaufe! kaufe! zahle, was du recht findest.« - -»Was ich recht fände, kann ich nicht zahlen, und weniger mag ich nicht -zahlen; ich mache keinen Handel mit einem Menschen, der wie Du in -Geschäften ein Mondkalb ist. Das darf nicht sein. Was meinst, Elsbeth?« - -Sie lachte. Es gibt nichts, das lieblicher wäre als ihr Lachen. Um so -lachen zu können, muß man eine großartige und milde Seele haben. Gar -wenige Frauen lachen schön. »Was soll ich nur antworten, ohne entweder -unhöflich oder gewissenlos zu sein?« fragte sie, und er schmunzelte und -begann seinen graublonden Knebelbart um den Zeigefinger zu wickeln: »Ja, -wenn ich Kinder hätte, Gott weiß, welcher Schandtat ich fähig wäre, -- -aber so!« - -Und später hieß es dann: »Weil ich keine Kinder habe und mathematisch -keine bekommen werde, will ich Deine lang vernachlässigten Interessen -vertreten, Du Junge Du, wie wenn es die meiner Kinder wären.« - -Nein, einen solchen Mann betrügt man nicht: »Das darf nicht sein,« wie -er sagt. - -Aber so schwer als möglich hat er mir's gemacht, ein ehrlicher Kerl zu -bleiben. Ich _mußte_ am Ende heraus mit einem halben Geständnis. Da -murmelte er etwas von Unsinn und wurde ein wenig rot. »Du weißt nicht -mehr, was Du erfinden sollst, damit man Dich nur fortläßt,« sagte er und --- ließ mich ziehen. - -Kommst halt wieder, wenn Du mathematisch sicher bist: ich darf mit gutem -Gewissen! - -Und ich darf! Ich werde mit meiner jungen Frau den ersten Winter in -meinem, durch den fürsorgenden Freund bewohnbar gemachten Hause in der -Nähe von Fiume verleben, gut nachbarlich mit Elsbeth und mit meinem -lieben alten Hans. - -Seit drei Tagen schreibe ich an diesem Brief. Nun soll er endlich -abgeschickt werden. Wir reisen morgen auf das Land. - -Die Tante hat ihre Einladungen gemacht; unter den ersten Aufgeforderten -waren die Eltern Madeleines samt Tochter. - -Die letztere und ich hatten eben vom Ende der Saison gesprochen, vom -nahen Scheiden, als die Tante herantrat mit der Kunde, daß uns ein -baldiges Wiedersehen bevorstehe. - -Da bereitete mir Madeleine wieder eine Überraschung -- ein heller -Freudenglanz überflog ihr Gesicht, leuchtete aus ihren Augen. - -Dieses plötzliche Aufflammen war wirklich eigentümlich. Ich glaube, sie -hat mehr »*amitié*« für mich, als sich einbildete - - Dein treuer Schüler. - -Wenn die Eifersucht der Mumien es erlaubt, so schreibe mir doch einmal -wieder und adressiere: *Les Ormeaux, Département Meurthe et Moselle, -près Cirey les fosses*. Wie nahe der jetzt deutschen Grenze! - - -*IV.* - -Graf Edmund N. an Professor Erhard. - - Les Ormeaux, den 2. Juni 1875. - - Teurer Freund, lieber Professor! - -Gestern hatte die Tante den Besuch einer merkwürdigen Frau. - -Ich will sie Irina nennen. - -Vor Jahren in Wien lernte ich sie kennen. Sie war reizend und sehr -gefeiert. Ihr Mann, ein widerwärtiger Gesell, ein Streber, hatte sie aus -Ehrgeiz geheiratet; sie galt, als »Adoptivtochter« eines hohen -Würdenträgers, für einflußreich. Der Gatte ließ ihr volle Freiheit. -Welchen Gebrauch sie in Petersburg davon gemacht, weiß ich nicht; in -Wien bestand ihr Hauptvergnügen darin, die Herzen ihrer zahlreichen -Anbeter an langsamem Feuer zu braten. Wie niemand verstand sie sich auf -die Kunst, nichts zu versprechen und -- alles hoffen zu lassen. An mir -ging sie gerade so lange gleichgültig vorbei, als sie meine -Gleichgültigkeit nicht bemerkte. Dann begann der Kampf. Meine Seele lag -in Elsbeths Banne. Ich konnte mir jederzeit ihr Bild so deutlich -heraufbeschwören, daß ich sie sah wie mit körperlichen Augen, -- aber -kennst Du den Mann, der einer hübschen Frau gegenüber, die sich ihm an -den Kopf wirft, den Spröden spielt? -- Ich hatte nur den Abhub der Liebe -zu vergeben, Irina begnügte sich damit, sie triumphierte. Der Rausch war -kurz, aber noch vor der völligen Ernüchterung trennten uns die -Verhältnisse. - -Zwei ihrer Briefe beantwortete ich, den dritten und vierten nicht mehr. - -Und jetzt sehe ich sie wieder; etwas gealtert, aber noch immer -verlockend, und, wie ich höre, noch immer sehr umworben. Eine -gefährliche Frau; besonders für junge Leute, die die Kinderschuhe eben -ausgetreten haben, oder für die alten, die eben im Begriffe sind, wieder -hinein zu schlüpfen. - -Bei Tische schenkte sie mir keine Aufmerksamkeit; als ich aber -nachmittags in den Garten ging, um im Freien meine Zigarre zu rauchen -(aus dem Hause der Tante ist der Tabak verbannt), kam sie mir nach, eine -Zigarette dampfend. Wir wandelten eine Weile am Ufer des Teiches -nebeneinander und führten ein unbedeutendes Gespräch. Plötzlich blieb -sie stehen, sah mich fest an und sagte in ihrer nachlässigen und sanften -Weise: »Unter anderm, warum haben Sie meine letzten Briefe nicht -beantwortet?« - -Ich war auf diese Frage gefaßt und erwiderte ohne Zögern: »Weil ich -wußte, daß Sie mir einst danken würden für diese weise Zurückhaltung.« - -»Wirklich? Mir ist das nicht ausgemacht.« - -»Mir hingegen mit einer Gewißheit, so groß, daß sie auslangt für uns -beide.« - -Wir setzten unsre Wanderung wieder fort; die Luft war drückend schwül, -hinter den Hügeln an der deutschen Grenze stiegen schwere Gewitterwolken -auf. - -Irina zog mit einem tiefen Atemzuge den Rauch ihrer Zigarette ein und -ließ ihn, langsam genießend, wieder herausqualmen zwischen den leicht -geöffneten Lippen. -- »Wenn ich nicht irre, trug ich Ihnen an, mich -scheiden und mich mit Ihnen trauen zu lassen in irgendeinem -siebenbürgischen Gretna Green.« - -»Etwas dergleichen ... Denken Sie, wenn ich selbstsüchtig genug gewesen -wäre, Sie beim Wort zu nehmen?« - -»Nun?« - -»Sie hätten auf alles verzichten müssen: Ihre Stellung in der Welt, -Ihren Einfluß, die Liebe der Ihren, Ihr abwechslungsreiches Leben ...« - -»Und die Folge dieser Entbehrungen?« - -»Daß Sie sich unglücklich gefühlt hätten.« - -»Was weiter? Wer sagt Ihnen, daß Durst nach Glück mich veranlaßt hat, -Ihnen den Vorschlag zu machen, der so wenig Anwert bei Ihnen fand? Es -war Durst nach dem Gegenteil, nach Leid, nach Schmerz, mit einem Worte --- nach Liebe.« - -Ich muß sie sehr zweifelnd angesehen haben, denn sie beeilte sich, zu -bekräftigen -- »Liebe, ja, ja. Schade, daß ich sie nur zu empfinden und -nicht einzuflößen verstand. Wir wären miteinander durchgegangen, und Sie -hätten mich unglücklich gemacht, und das wäre wundervoll gewesen -- -unglücklich durch einen Menschen, den man liebt. Die Hand, die mich -schlägt, ich küsse sie. Quäle, mißhandle mich, so viel es Dich freut, -mit meiner Liebe wirst Du doch nicht fertig, diesen Reichtum erschöpfst -Du nicht ... Und den in sich zu fühlen, den göttlichen Lebensquell ... -was ist all das kleine Glück, das sich uns im Leben bietet, gegen ein -solches Unglück?« - -Sie verlangsamte ein wenig ihren noch sehr jugendlichen und hübschen -Gang; ihre ganze Art und Weise blieb ruhig, ja gleichgültig, und dieser -Gegensatz zwischen ihren Worten und ihrem Benehmen hatte einen -eigentümlichen Reiz. - -Wir nahmen Platz auf einer Gartenbank; der Himmel verfinsterte sich mehr -und mehr, es herrschte ein malerisches Halbdunkel unter den Bäumen, das -äußerst vorteilhaft war für Irinas farblosen, durchsichtigen Teint. Ihr -feines Gesicht mit den großen grauen Augen, die zarte Gestalt im -duftigen Spitzenkleide gewannen in der schmeichelnden Beleuchtung etwas -Poetisches, Elfenhaftes. - -»Das Glück,« sagte ich, »mit dem Sie sich in Ermangelung des erwünschten -Gegenteils begnügen mußten, hat doch auch sein Gutes, es hat Sie jung -erhalten und schön.« - -»Und leichtsinnig,« setzte sie hinzu, in nur allzu überzeugtem Tone. -»Wir Frauen haben einmal im Leben nichts als die Liebe, und wenn wir mit -der unsern nicht an den Rechten gekommen sind, dann heißt es eben -- -tröste Dich, wie du kannst!... Man sucht, man findet ... das -wohlbekannte Surrogat: Zerstreuung -- ohne Liebe ... Sie aber« -- der -wehmütige Ausdruck, den ihre Züge angenommen hatten, verwandelte sich in -einen übermütig schalkhaften -- »Sie werden Liebe haben -- ohne -Zerstreuung.« - -Ich verstand sie nicht gleich und brachte ein albernes »Wieso?« vor, -dessen ich mich zur Stunde noch schäme. - -Der Donner grollte, einige Regentropfen fielen, sie achtete ihrer nicht, -schalt mich einen Geheimniskrämer, den sie jedoch durchschaue, und -gratulierte mir zu meiner bevorstehenden Heirat. Als echter Deutscher -(ihr bin ich ein Deutscher) hätte ich klug und praktisch gewählt. -- Das -Erbfräulein ist hübsch, wohlerzogen, hat einen vortrefflichen Charakter. -»Kann man mehr verlangen?« fragte sie. »Sie treffen es gut -- beinahe so -gut wie -- Ihre Braut. Und somit gebe ich Ihnen meinen Segen.« - -Sie erhob sich rasch und streifte meine Stirn mit flüchtigem Kusse. Ich -wollte sie an mich ziehen, doch entwand sie sich mir und sprach: »O nein -... Aus, aus!... Ob die Liebe gar nicht kommt, ob zur unrechten Zeit, -ist eins und dasselbe ... wir sind geschiedene Leute. -- Wenn unsre Wege -sich nicht mehr kreuzen sollten, Sie nur noch von mir hören, und nicht -immer das Beste, dann gesellen Sie sich nicht zu denen, die einen Stein -auf mich werfen. Sie haben kein Recht dazu,« schloß sie sanft. - -Ich war ergriffen und gerührt. Es ist nicht heiter, wenn jemand, mit dem -wir glaubten, längst abgerechnet zu haben, vor uns hintritt und uns -beweist, daß wir tief in seiner Schuld stehen. - -Etwas dergleichen sagte ich auch, ohne damit einen besonderen Eindruck -zu machen. - -Die schwarzen Wolken am Himmel platzten und sandten einen Guß nieder wie -aus hunderttausend Traufen. Irina, leicht aufatmend, bot dem strömenden -Regen ihr unbedecktes Haupt und schlug ohne die geringste Eile den -Heimweg ein. - -Zur Albernheit verurteilt an diesem Nachmittag, wußte ich nichts andres -zu sagen als: »Ihr schönes Kleid wird ganz verdorben.« - -»Durch Ihre Schuld!« erwiderte sie mit scherzender Anklage. »Warum -mahnten Sie nicht früher zum Aufbruch ... Jetzt haben Sie auch mein -Kleid auf dem Gewissen.« - -Triefend kamen wir nach Hause. Irina ging, sich umkleiden zu lassen, und -betrat eine halbe Stunde später im Reiseanzug den Salon. Die Tante -beschwor sie zu bleiben, wenigstens morgen noch, vergeblich, sie ließ -sich nicht erbitten. - -Wir begleiteten sie zur Bahn, im offenen Wagen. Das Gewitter hatte sich -völlig verzogen, der Sommerabend war mild und hell, ein kräftiger -Erdgeruch wallte aus den feuchten Feldern und Wiesen zu uns herauf. Ich -saß Irina gegenüber; sie lächelte mir zu und machte sich lustig über die -Melancholie, in die mich, wie sie behauptete, ihre Abreise versetzte. - -Auf der Station warteten einige Bauern, der Zug war schon signalisiert; -Irinas Leute hatten kaum Zeit, die Bagage aufzugeben und Billetts zu -lösen, da brauste er heran. - -Aus dem Fenster eines Coupés erster Klasse beugte sich ein junger Mensch -weit heraus, ein langer, hübscher, blasser Bursche, mit keimendem -Schnurr- und Backenbärtchen. Als er Irina erblickte, stieg eine dunkle -Röte ihm in die Wangen, die aufrichtigste Seligkeit funkelte aus seinen -unverwandt auf sie gerichteten Augen. Hastig winkte er den Schaffner -herbei. - -»Ach, mein Neffe Wladimir, welcher Zufall!« sagte Irina mit förmlich -herausfordernder Unbefangenheit und nahm Abschied. Ich führte sie zum -Waggon, dessen Tür bereits offen stand. Der Jüngling hatte das -Handgepäck, das der Kammerdiener hineinreichte, in Empfang genommen, -stand da und hielt selbstvergessen die Reisetasche Irinas mit -leidenschaftlicher Innigkeit an seine Brust gepreßt. Ich half der -schönen Frau einsteigen. Der Duft frischer Blumen strömte uns aus dem -Wagen entgegen; in den Netzen hingen, auf den Sitzen lagen die schönsten -Teerosensträuße. -- Ich hörte Irina noch sagen: »*Quelle folie!*« Dann -flog die Tür zu, die Lokomotive pfiff und pustete, die Räder setzten -sich in Bewegung, ein letzter Gruß, ein Taschentuch, das man flattern -sieht an einem Fenster und -- alles vorüber. - -Die Tante und ich fuhren nach Hause. Sie war außerordentlich aufgeräumt. -Durch alle ihre Kosmetikes hindurch schimmerte der Glanz stiller -Heiterkeit. In einem alten Renner, vor dessen Augen ein andres Pferd -durchgeht, mögen sich ähnliche Erinnerungen regen, wie die ihren waren -in diesem Augenblicke. - -Ganz gegen ihre Gewohnheit, denn sie gehört zu den harmlosesten -Geschöpfen, die ich kenne, bemerkte sie nach einer kleinen Pause, -während der wir uns unsren Betrachtungen überlassen hatten: - -»Früher waren es Cousins, jetzt sind es Neffen. Ich weiß nicht, ob das -ein Fortschritt oder ein Rückschritt ist.« - -»*Mais*«, setzte sie seufzend hinzu, und ihre Stirn würde sich in -nachdenkliche Falten gelegt haben, wenn die *Crême de Lys à la Ninon* -eine solche Hautgymnastik erlaubt hätte -- »*mais je comprends ça!*« - - Dein Edmund. - - -*V.* - -Graf Edmund N. an Professor Erhard. - - Les Ormeaux, den 25. Juni 1875. - - Lieber verehrter Freund! - -Bereite Dich auf eine Überraschung vor. Unsre Pläne sind umgestoßen. Ich -schrieb Dir gestern in verdrießlicher Laune. Dank der Nachlässigkeit -meines Dieners blieb der Brief liegen. Heute zerreiße ich ihn, schreibe -einen neuen und hoffe, wenn diese Zeilen in Deine Hände kommen, bin ich -ganz versöhnt mit meinem Lose und habe eingesehen, »daß alles Segen -war.« - -Was sich begeben hat, ist folgendes: - -Neulich am Abend waren wir alle auf dem Balkon. Eine Dame aus der -Nachbarschaft, die sich für eine Naturfreundin hält, hatte uns dahin -beordert, um den Aufgang des Mondes zu bewundern. Sie quittierte die Oh -und Ah, die ausgestoßen wurden, und machte die Honneurs des schönen -Schauspiels, als ob sie es erfunden hätte. Es verdroß sie, daß Madeleine -sich schweigend verhielt. -- »Die jetzige Jugend lobt nichts,« meinte -sie, »nicht einmal den lieben Gott in seinen Werken. Ein Anblick wie -dieser läßt Euch kühl. Nicht wahr, liebe Kleine?« - -Die »Kleine«, von der die dicke Naturschwärmerin um einen halben Kopf -überragt wird, sah zu ihr nieder und erwiderte rasch und lebhaft: »Sie -tun mir unrecht, niemand schätzt den Mond mehr als ich, diesen -liebenswürdigen Alten, dessen Glanz schon längst erloschen ist, der sich -aber in Ermangelung eigenen Lichtes zum Spiegel fremden Lichtes macht -und uns so hold die Nacht erhellt. Ich will mir sogar ein Beispiel an -ihm nehmen und bei fremdem Glücke borgen, was man so braucht, um den -Schein der Heiterkeit zu haben und zu verbreiten.« - -»Welche Resignation!« rief ich aus. - -»Eine sehr bedingte, wohl gemerkt,« erwiderte sie. »Mit dem Scheine -begnügt ein braves Herz sich erst, wenn das Wesen ihm unerreichbar -bleibt ... Ja, wenn die Wahl frei stände ...« sie hielt inne. Es war -wieder das Aufblitzen in ihrem Gesichte, das Leuchten der Augen, das -übermütig schalkhafte Lächeln. -- - -Plötzlich warf sie einen Blick voll Entschlossenheit auf eine junge Frau -hinüber, die ich längst im Verdachte hatte, die Vertraute aller ihrer -Mädchengeheimnisse zu sein, und fuhr fort: »Zum Beispiel Sie, meine -Damen, wenn Sie sich statt dieses Anblicks,« den Arm ausstreckend, -deutete sie nach dem Horizont, »den eines _Sonnen_aufganges gönnen -wollten, was so leicht geschehen kann, und -- ich wette, noch nicht -geschehen ist.« - -Einige widersprachen, ein kurzer Streit entspann sich. Am Ende beschloß -die ganze Gesellschaft einstimmig, morgen mit dem frühesten auszureiten -und von einem Hügel aus, der zu Pferde in zwanzig Minuten zu erreichen -war, das Erscheinen des Tagesgestirns zu erwarten. - -»Seien Sie pünktlich,« empfahl mir Madeleine, ehe wir uns trennten, und -ich versprach's und hielt Wort. Ich war der erste beim Stelldichein im -weitläufigen, kiesbestreuten Hofe, in dessen Mitte eine Fontäne -plätscherte. Ihr einförmiges Geräusch wurde allmählich eine Art Stimme -und gurgelte: »Mach Dich gefaßt! Mach Dich gefaßt!« Es kam sogar zu -einem Vers: - - Als Junggeselle reit ich aus, - Als Bräutigam kehr ich nach Haus. - -Nicht sehr schön, aber was kann man von einer Fontäne verlangen? - -Die Pferde wurden vorgeführt, streckten die Hälse, senkten die Köpfe; -alle schienen unzufrieden, gegen jede Gewohnheit so früh aus dem Stall -zu müssen. - -Und nun erschien Madeleine unter dem Portal. Im dunkeln, enganliegenden -Reitkleid nahm ihr ganzes Wesen sich so gar jung und unfertig aus ... Da -hieß es: nicht vergleichen! nicht denken an Elsbeths wundervolle -Frauengestalt. - -Madeleine, die Reitpeitsche unter dem Arme, knöpfte mit der bloßen -Rechten den Handschuh der Linken zu. Sie hatte mich gesehen, aber ohne -zu grüßen hastig den Kopf gesenkt, runzelte ein wenig die breiten Brauen -(die hat sie vom Vater), preßte die Lippen aufeinander ... - -Ich sage Dir alles, demnach auch die Vermutungen, die mir da in den Sinn -kamen: Ah, Mademoiselle, ich zögere Ihnen wohl zu lange? Sie haben -wahrscheinlich geflunkert mit ihrer Eroberung, und nun fragen die -Freundinnen: Was ist das? will der Besiegte sich noch immer nicht -ergeben?... Die Entscheidung muß endlich herbeigeführt werden. So oder -so! In der Kühlwanne läßt sich unsereines nicht halten ... Wohlan, ich -will Ihnen den Sieg nicht schwer machen, sagte ich zu mir, trat an sie -heran, und wir wünschten einander einen guten Morgen und waren gleich -einig, daß wir auf die übrige Gesellschaft nicht warten wollten. - -»Welches Pferd befehlen Mademoiselle?« fragte der Stallmeister. - -»Gleichviel, das erste beste,« gab sie zur Antwort mit kaum -unterdrückter Ungeduld und saß im nächsten Augenblick schon im Sattel -auf einem tüchtigen Braunen, und auch ich wählte nicht lange -- was mich -später reute --, sondern bestieg, weil er am nächsten bei der Hand war, -einen hochbeinigen, langohrigen Gaul, auf dem nicht einmal der Apollo -von Belvedere sich gut hätte ausnehmen können. - -Wir ritten im Schritt aus dem Hofe, dann im kurzen Trabe durch den Park -und sprengten draußen in einen munteren Jagdgalopp ein. Madeleine, des -Weges kundig, führte. Es ging immer schneller vorwärts, eine gute Weile -über das Weideland, zwischen flachen grünen Hügeln dem Licht entgegen, -das im Osten emporlohte. - -»Wohin denn?« fragte ich endlich. »Wo ist das Ziel?« - -Sie erwiderte: »Längst überholt,« hielt ihr Pferd an, lauschte und -spähte in die Ferne, und ich rief: - -»Bravo! Wissen Sie, wo wir sind? Da steht der Grenzpfahl -- auf -deutschem Boden -- in der Höhle des Löwen.« - -»Jawohl, und da schickt er einen Abgesandten.« - -Von der flammenden Morgenröte am Himmel hob sich der Schattenriß eines -Reiters, der, wie aus dem Boden gewachsen, vor uns auftauchte. Es war -ein deutscher Offizier, ein schöner Mensch, sehr sonnverbrannt, sehr -hübsch gewachsen, vortrefflich beritten. Er legte die Hand an die Mütze, -und ich dumme gute Haut dankte ihm noch und bemerkte nicht gleich, daß -der Held nur Augen hatte für Madeleine, die er voll Ehrfurcht und -frommer Anbetung begrüßte. - -O Lieber! und sie senkte den Blick vor dem seinen; und ich habe mich -geirrt -- sie kann das doch auch. - -»Madeleine,« sagte er, und seine Stimme war tief und wohlklingend und -hätte mir in jedem andern Augenblick einen angenehmen Eindruck gemacht. - -»Arnold,« sagte sie. Das D tönte so zärtlich nach, so liebevoll: -Arnolde. Sie reichten einander die Hände. - -»Ich danke Ihnen, daß Sie gekommen sind.« - -Ihre ablehnende Gebärde drückte deutlich aus: Dafür keinen Dank! -- -»Morgen also?« fragte sie nach einer langen Pause ernster, schweigender -Seligkeit. - -»Morgen. Vergessen Sie mich nicht, Sie wissen, wovon ich lebe.« - -»Und ich? -- Als neulich Ihr Brief nicht kam am bestimmten Tage und auch -am nächsten nicht -- ich wäre fast gestorben.« - -»Wie voreilig!« sprach er und wurde rot vor Bestürzung und Wonne und -drückte ihre Hand fester, »liebe Madeleine ...« - -»Mein edler, mein treuer Freund.« - -»Treu, ja, aber das ist mein Schicksal, nicht mein Verdienst.« - -»Ich lobe Sie auch nicht, ich sage nur, Sie sind es.« - -»Wie Sie.« - -»Das heißt: bis ans Ende.« - -»Bis ans Ende.« - -»Gott behüte Sie, Arnold.« - -»Sie wollen mich schon verlassen?« - -»Ich will nicht -- ich muß.« - -»Madeleine!« - -»Noch einmal, noch tausendmal: Gott behüte Sie! Ich bete zu ihm für Ihr -Glück.« - -»-- Dann beten Sie für sich.« - -Das war, glaube ich, ihr ganzes Gespräch. Möglich, daß ich einiges -überhörte. Mein Untier von einem Rotschimmel hatte einen Anfall von -Heimweh bekommen und kehrte ganz entschlossen um; ich wandte ihn und er -wieder sich; wir waren einer hartköpfiger als der andre und führten, -indem wir uns kaffeemühlenartig auf dem Fleck herumdrehten, ein -sonderbares *accompagnement* auf zu der Liebesszene, die sich zehn -Schritte von uns abspielte. - -Nachdem der Offizier (der mich gewiß für irgendeine untergeordnete -Vertrauensperson gehalten hat) sich empfohlen, ritten wir in -entgegengesetzter Richtung dem Aussichtshügel zu und erblickten, an -dessen Fuß angelangt, die vom Schlosse her trabende Kavalkade. - -»Fräulein,« sagte ich mit verachtungswürdiger Plumpheit zu Madeleine, -»wissen Ihre Eltern?...« - -»Das versteht sich,« fiel sie mir ins Wort und hatte ein gar rührendes -Lächeln, »sie wissen es, aber sie glauben es nicht.« - -»Was nicht?« - -»Daß meine Neigung alles überdauert, ihren Widerstand, die immerwährende -Trennung. Sie meinen, endlich wird diese Liebe doch erlöschen. Nur Zeit -lassen, nur Geduld haben. Ein andrer wird kommen und das Bild des -Abwesenden aus ihrem Herzen verdrängen. Da stellen sie von Zeit zu Zeit -Proben an ...« - -»Und Bewerber auf,« rief ich ungemein beleidigt. - -Sie aber erzählte in wenig Worten, das Schloß ihrer Eltern sei im -Kriegsjahre zu einem Spitale gemacht worden. Mit andren Verwundeten -wurde 'Er' gebracht, sterbend, der Arzt gab ihn auf. -- »Meine Mutter -aber,« sagte Madeleine, »pflegte ihn gesund. Ich bin ihr kaum mehr Dank -schuldig für mein Leben, als er ihr für das seine. Das verpflichtet, Sie -begreifen. Wir werden meine Eltern nie betrügen ... Er hat mir einmal -die Hand geküßt, in Gegenwart meines Vaters ... Er ist einmal aus seiner -Heimat nach Falaise gekommen, zwei Nächte und einen Tag gereist, um mich -zu sehen, an der Seite meiner Mutter, um auf der Straße an mir -vorüberzugehen und stumm zu grüßen. -- Ich war krank gewesen, er hatte -durch meine Freundin davon gehört ...« - -»Sublim!« spöttelte ich. »Es muß ihre Eltern rühren, sie werden endlich -nachgeben.« - -»Sie werden nie nachgeben und wir auch nicht.« - -»In einem solchen Kampfe siegen die Überlebenden. Nach dem gewöhnlichen -Lauf der Dinge also -- die Jüngeren.« - -Wir waren nicht mehr allein, die Reiter hatten uns eingeholt. - -Madeleine sprach mit gesenkter Stimme: »Gott erhalte mir meine Eltern!« - -Oben auf dem Hügel war es herrlich. Ein feuriger Glutball, stieg sie -empor, die Lichtspenderin, die Urheberin alles Lebens ... Lieber Freund, -die Schilderung des Sonnenaufganges wirst Du mir wohl erlassen. - - Dein Edmund. - - -*VI.* - -Graf Edmund N. an Professor Erhard. - - Les Ormeaux, den 5. Juli 1875. - - Bester Freund! - -Glaubst Du, daß es heutzutage einen Romancier gibt, kühn genug, um -seinem Publikum ein Liebespaar wie Madeleine und Arnold vorzuführen? --- Er müßte sich darauf gefaßt machen, ein lächerlicher Idealist genannt -zu werden, der faden Brei rührt für literarische Kinderstuben und -Menschen schildert, die es nie und nirgends gibt. - -Und doch wäre der Mann ein so treuer Darsteller der Wirklichkeit, wie -nur irgendein orthodoxer Naturalist. -- Allerdings würde diese -Wirklichkeit niemanden mehr interessieren. - -Ich bin veraltet, mich interessiert sie. Madeleine und ich haben ein -Freundschaftsbündnis geschlossen. - -»Konnte ich Ihnen,« sagte sie, »einen größeren Beweis von Vertrauen -geben, als den, Sie zum Zeugen meiner Zusammenkunft mit Arnold zu -machen? Auf Gnade und Ungnade habe ich Ihnen mein Geheimnis -ausgeliefert.« - -Was ich vor drei Tagen miterlebte, war ein Abschied. Das Regiment -Arnolds, das im Elsaß stand, hat Marschbefehl bekommen und kehrt zurück -nach Bayern. Die Trennung der Liebenden wird dadurch räumlich erweitert, -tatsächlich bleibt sie dieselbe. Sie sehen einander nicht, sie stehen -nur in freilich sehr eifrigem, schriftlichem Verkehr. Als Briefbote -fungiert die Freundin -- wie mir scheint, nicht ohne Wissen der Eltern. -Die denken wohl: Schwärmt Euch aus, in _solcher_ Art ist's ungefährlich; -man wird ihrer müd. - -Meine Meinung aber ist, daß diese beiden tun werden, wie sie sagen, und -einander treu bleiben bis ans Ende. Gestern machte ich mich in denkbarst -vorsichtiger Weise zu ihrem Anwalt -- bei der Mutter; an den alten -*Chouan* wollte ich erst später heran. Aber ich traf auf den -unbeugsamsten Widerstand; -- so einen sanften, wohlüberlegten, gegen -jeden Angriff gefeiten. Welche Kraft von Fanatismus in dieser -schmächtigen, blassen Frau, deren Stimme sich nie über den -Konversationston erhebt, deren Lippen ohne Beben dem Glück der armen -Madeleine das Todesurteil sprechen! Sie liebt ihr Kind, sie weiß, daß -Arnold ein braver Mensch ist, aber zugeben, daß ihre Tochter die Frau -eines Deutschen werde -- o, da würde sie _sich_ doch ebenso gern auf den -Pranger stellen und öffentlich brandmarken lassen. - -Das nenn ich einen gehörigen Rassenhaß!... Etwas Gräßliches wahrhaftig -und Dummes obendrein, wie denn jeder Haß, der sich gegen Menschen -wendet, statt gegen das Unrecht, das sie tun ... Weise ist nur die Liebe --- halte mir den kühnen Übergang zugute, ich bin mir des Mangels an -Folgerichtigkeit in meinem Gedankengange sehr bewußt ... Weise ist -Irina, die dafür, daß sie nicht geliebt wurde, wie sie es erstrebt, -Trost findet, indem sie sich lieben läßt. Weise ist Madeleine, die im -Vollgefühl ihrer großartigen Empfindung eine höhere Befriedigung genießt -als mancher, dessen Leben eine Kette erfolggekrönter Liebesabenteuer -war. - -Unweise ist Elsbeth, unweise bin ich mit meiner Selbstüberwindung, die -so viel Verlogenheit in sich birgt. - -Jede echte Liebe, sogar eine hoffnungslose, ist herrlich, erbärmlich und -töricht, aber der Kleinmut, der verzichtet. - -»Wir Frauen haben nur die Liebe,« sagt Irina. So hat denn Elsbeth -- -nichts. - -Arme Elsbeth! - -Lebe wohl und schreibe doch einmal wieder - - Deinem treuen Edmund. - - -*VII.* - -Graf Edmund N. an Professor Erhard. - - Wien, den 12. August 1875. - - Mein verehrter Freund! - -Dir schreiben, was ich vorhabe, fällt mir schwer. Es wird Dich empören, -es wird Dir weh tun. Wenn Dich dieser Brief findet, mitten in einer -fesselnden Arbeit, dann lege ihn weg und lies ihn erst am Abend, vor dem -Einschlafen. Das ist der rechte Moment. Da bist Du in der unendlich -wohlwollenden und versöhnlichen Stimmung, die jeden guten Menschen -ergreift, wenn er sich, zufrieden mit seinem Tagewerk, auf das Lager -streckt und die angenehme Müdigkeit seiner Glieder, die köstlichste -Abgespanntheit seiner Nerven ihm eine vortreffliche Nacht verheißen ... -Dann nimm dieses Blatt zur Hand. So sanft wie die Traumseligkeit, die -Dich umfängt, wird Dein Urteil sein; Du wirst denken: Sieh doch, seinem -Verhängnis entgeht keiner ... Ei, ei! -- Nun, Gott mit ihm. Nach -Nowidworo denn ... - -Ja, nach Nowidworo, das ist das Ende vom Liede. - -Ich will hintreten vor meinen alten Hans und will ihm sagen: Alles war -vergeblich, die Flucht, die Trennung, der lange Kampf. Ich komme wieder -als derselbe, der ich gegangen, nur daß ich erprobt habe, daß meine -Liebe unüberwindlich ist. Habe ich nicht getan, was ich konnte? Habe ich -nicht sogar heiraten wollen? Danke ich's nicht ganz allein der -Seelengröße Madeleines, daß der lügenhafte Bund nicht geschlossen wurde? - -Mache mit mir, was Du willst, wirf mich hinaus, schieß mich tot, ich -verlange nur Eins: bevor Du es tust, frage Deine Frau, ob ihr damit ein -Gefallen geschieht ... Man muß doch auch an sie denken. -- Haben wir -einmal Phantasie, stellen wir uns vor, daß ich um ein Jahr früher nach -Fiume gekommen wäre, sie kennen gelernt und heimgeführt hätte ... -Verzeih, verzeih, lieber Hans! Du bist ein Engel, und ich bin nur ein -gewöhnlicher Sterblicher -- aber Elsbeth wäre vielleicht mit mir -glücklicher geworden als mit Dir ... Nicht wegen des geringeren -Unterschieds im Alter, -- was sind die Jahre! Im Gemüte wirst Du immer -ein Jüngling bleiben. Wie oft kam ich mir, mit Dir verglichen, wie ein -Greis vor. - -Aber Du kennst die Frauen nicht, hast Dich nie mit ihnen befaßt, Du bist -mit der Deinen wie der beste Vater ... Ich, mein teurer, treuer Hans, -ich würde wahrscheinlich trotz aller Anbetung weniger zart mit ihr -umgehen als Du, ich würde sie mit Eifersucht quälen, aber es gäbe -nichts, was mich je von dem Gedanken an sie ablenken könnte. Immer hätte -ich in ihrer Gegenwart die Empfindung eines reicheren, erhöhten Lebens, -immer sie in der meinen das Bewußtsein, eines andern Menschen -köstlichstes Gut, sein Um und Auf, sein Schicksal zu sein. - -Ich würde sie nicht tage- und wochenlang allein lassen, und nachmittags, -wenn ich noch so müde aus der Wirtschaft nach Hause gekommen wäre, würde -ich nicht einschlafen ... und wenn ich mit ihr im Walde spazieren ginge, -würde ich noch Sinn für andres haben, als für die Anzahl Raummeter, die -der Holzschlag ergeben wird, und für den wahrscheinlichen Ertrag der -Eichelmast. - -Hans, mein väterlicher Freund, werfen wir einmal alles über Bord: -Vorurteil, die sogenannten Gesetze der Ehre, und fragen wir uns, ob Du -Dich nicht ebenso zufrieden fühlen würdest wie jetzt, wenn Du ... nun, -das ist wirklich schwer auszusprechen ... wenn -- sagen wir, Elsbeth und -ich Deine Kinder wären, Deine dankbaren, in Dir den Schöpfer ihres -Glückes verehrenden Kinder ... - -Lieber Hans, was ist die Aufgabe des Menschenfreundes? Nach den -schwachen Kräften, die ihm als einzelnen gegeben sind, die Summe des -auf Erden vorhandenen Leids zu vermindern, die des Glückes zu erhöhen. --- Mathematisch, um mit Dir zu sprechen: Ich besitze etwas, das mir -Freude macht = 6; doch kenne ich einen, dem dieses selbe etwas Freude -machen würde = 100.000. -- Was tue ich, der Menschenfreund? Ich schenke -ihm den bewußten Gegenstand und erhöhe damit die Summe der Weltfreude um -99.994! - -Ähnliches, liebster Professor, habe ich einmal getan. Ich hatte ein -Bild, das jeden Kenner entzückte. Einen mir befreundeten Maler machte -der Wunsch, es zu besitzen, halb verrückt. Er sann und träumte nichts -andres; er meinte, es sein nennen zu dürfen, würde ihn beseligen und -läutern und jede in seiner Künstlerseele noch schlummernde Kraft zur -höchsten Entfaltung bringen. - -Ich erwog das Glück, das ich diesem Menschen bereiten konnte, machte die -bewußte Rechnung und -- schenkte ihm das Bild. - -O Freund, es handelte sich um eine bemalte Leinwand, die nichts davon -wußte, ob der begeisterungstrunkene Blick eines Künstlers auf ihr ruhte, -ob der meine es streifte mit flüchtigem Wohlgefallen. - -Sie aber lebt, und, ich glaube es wenigstens, ist mir gut. Eigentümlich, -daß sich meiner, je näher der Augenblick des Wiedersehens kommt, Zweifel -bemächtigen, vielleicht begründete? - -Nein doch, nein! -- ich brauche mich nur der Nachmittage unter den -Linden auf der Terrasse zu erinnern ... Ich las vor -- »Faust« von -Turgenjew ... Wie sie da horchte, mit welcher Spannung, wie sie mich -ansah ... Am selben Abend entstand ein Gedicht, das natürlich verbrannt -wurde, und das ich vergessen habe, bis auf die eine Strophe: - - Zu mir erhebt mit stummem Fragen - Dein dunkles Aug sich unbewußt, - Dieselbe tiefe Sehnsucht tragen - Wir beide in verschwiegner Brust ... - -So war es. Aber freilich, zu wem hätte sie auch die Augen erheben -sollen? Mein Hans, ihr Hans, ich will sagen: unser Hans schlief oder -schlummerte wenigstens ... - -In zwei Tagen werde ich viel mehr wissen als heute. Ich schreibe Dir -gleich, noch unter dem ersten Eindruck. Was steht mir bevor? - - Dein Edmund. - - -*VIII.* - -Professor Erhard an Freiherrn Hans v. B. - - Korin, den 12. September 1875. - - Euer Hochwohlgeboren! - - Hochverehrter Herr Freiherr! - -Für die Belästigung auf das Höflichste um gnädige Nachsicht bittend, -wage ich es, Euer Hochwohlgeboren um eine Kunde von meinem lieben Grafen -zu bitten. Derselbe äußerte in seinem letzten Schreiben die Absicht, die -Gegend von Fiume zu besuchen, und dürfte es bei dieser Gelegenheit -schwerlich verabsäumt haben, Euer Hochwohlgeboren seine Aufwartung zu -machen. Auf die Annahme dieses Falles hin darf ich vermuten, daß es Euer -freiherrlichen Gnaden bekannt sein dürfte, wohin unser teurer Reisender -seine Schritte gelenkt, und dieser Vermutung wieder entspringt das oben -gestellte flehentliche Ersuchen. - -Genehmigen Euer Hochwohlgeboren den Ausdruck der unbegrenzten -Hochverehrung, mit welcher zeichnet - - Euer Hochwohlgeboren - untertänigster Diener - P. Erhard. - - -*IX.* - -Hans v. B. an Professor Erhard. - - Nowidworo, den 14. September 1875. - - Euer Hochwürden - -setzen mich in Bestürzung. - -Unser lieber Edmund hat uns nach zweitägigem Aufenthalte verlassen, um -geraden Weges heimzufahren nach Korin. - -Sieht aus wie das Leben, ist prächtig. Er muß seinen Plan geändert -haben; ich staune, daß er nichts davon schrieb. - -Mit der inständigen Bitte, mir sein Eintreffen zu Hause telegraphisch -bekannt zu geben, - - Euer Hochwürden - tief ergebener Hans B. - - -*X.* - -Graf Edmund N. an Professor Erhard. - - Abbazia, den 20. September 1875. - - Lieber, verehrter Freund! - -Ich habe noch eine kleine Seefahrt unternommen, bin aber jetzt auf dem -Heimwege; heftig regt sich in mir die Sehnsucht nach meinem Zuhause. -Eines schönen Morgens wirst Du im Frühstückszimmer erscheinen, mit einem -Schweinsledernen unter jedem Arme, und -- plumps! da liegen die -Folianten; Du hast sie fallen lassen, Du brauchst Deine beiden Hände, um -sie vor Verwunderung über dem Kopfe zusammenzuschlagen und dann dem -Freunde zu reichen, der Dir die seinen entgegenstreckt. - -Freue Dich, Du Lieber und Getreuer! ich komme für lange Zeit. - -Wenn Jahre zwischen heute und dem Tage lägen, an dem ich Dir zum letzten -Male schrieb, eine größere Wandlung könnte mit mir nicht vorgegangen -sein; ich bin, scheint mir -- klug geworden. - -Als ein ganzer Geck kam ich noch am Nachmittag des 14. August in -Karlstadt an. Ich hatte im natürlich reservierten Coupé Toilette gemacht -und gefiel mir selbst in meinem Knickerbocker und meinem englischen, -helmförmigen Hut. - -Auf dem Bahnhofe wartete der Wagen aus Nowidworo, der gelbe Phaeton, den -Hans nur bei großen Gelegenheiten ausrücken läßt; vorgespannt war der -Jucker-Viererzug, und auf dem Bocke prangte mein dicker, schweigsamer -Freund Djuro. - -»*Pomez Bog*,« rief ich, und er erwiderte: »*Ljubim ruka*.« Sein -braunes Gesicht glänzte gleich einem blankgescheuerten Kupferkessel, und -er lachte mich so vergnügt an, als ob ihm das verkörperte Trinkgeld -entgegenträte. - -Wir flogen schon ein Weilchen dahin zwischen rebenbepflanzten Hügeln und -Geländen, als er sich besann, daß er etwas an mich zu bestellen habe, -und mir einen Brief in den Wagen reichte. -- Von Hans. Sein -gewöhnliches Riesenformat, der Inhalt drei Zeilen im Telegrammstil: - -Willkommen! hochwillkommen, Du, mein Junge, Du! Erwarten Dich mit -offenen Armen. Haben uns redlich nach Dir gesehnt. - - Elsbeth und Hans. - -Beide hatten unterschrieben. - -Ich zerknüllte das Blatt und schleuderte es fort; denn es brannte wie -eine Kohle in meiner geschlossenen Hand. Die Sonne brannte auch, der -Himmel erstrahlte in feurigem Blau, zu eitel Fünkchen wurde der Staub, -der uns umwirbelte. Am Saume der großen Ebene dunkelten die Wälder, -erhoben sich die Spitzen der Okiker Gebirge. - -Mit innigem Entzücken begrüßte ich sie ... Die schönsten Bilder tauchten -vor mir empor, holde Träume umfingen mich. - -Mein Kutscher war plötzlich aufgestanden, schwang die Peitsche und -schnalzte kräftig. Ein Leiterwagen, mit türkischem Weizen beladen, -wackelte vor uns her. Die kleinen, mageren Pferde krochen nur so; ihr -Lenker schlief, der Länge nach ausgestreckt, auf seiner Ernte. Djuros -Peitschenknall weckte ihn, er fuhr empor, wich aus, und wir sausten -weiter. - -Das Gefühl ist nicht zu beschreiben, das mich ergriff, als ich die -Schloßmauern von Nowidworo durch die Bäume des Gartens schimmern sah und -bald jedes Fenster am Mansardendache unterschied. - -Die Luft schien mir dünner und reiner zu werden, mein Herz war so -leicht, der letzte Zweifel abgetan. Ich mußte mich zusammennehmen, um -nicht laut aufzujubeln. - -Beim steinernen Kreuze, wo der Weg sich abzweigt, der zwischen -Walnußbäumen gerade zum Schlosse führt, lenkte Djuro nach rechts, und -wir fuhren längs des Gartenzauns dem schlanken, zinnengekrönten Türmchen -an der Ecke, der sogenannten »Warte«, zu. - -Dort oben hatten Hans und Elsbeth gewiß gestanden und nach mir -ausgespäht, und jetzt eilen sie die Treppe hinab und zur Pforte zwischen -den Pfeilern und werden gleich heraustreten ... Wenn _sie_ zuerst kommt, -dann ist's ein gutes Zeichen. - -Das _Zeichen_ stimmte wohl -- - -Sie kam zuerst, weiß gekleidet, im reichen Schmuck ihrer dunkeln Haare, -in ihrem ganzen Liebreiz -- ein wenig blaß kam sie mir vor im ersten -Augenblick. - -Hinter ihr breitete sich's chamoisfarbig; ein paar Arme fochten sinnlos -in der Luft herum und bemächtigten sich meiner, als ich aus dem Wagen -sprang. Es waren die Arme meines alten Hans, und er drückte mich an -seine Brust wie ein Bär. Seine Augen standen voll Tränen, alle seine -Gesichtsmuskeln zitterten. - -»Elserl,« brachte er nach vielen vergeblichen Anstrengungen endlich -heraus, »umarm ihn auch -- Du darfst, weil er da ist -- -- wenn er nicht -da wäre, dürftest Du nicht,« sprach er in warnendem Tone und zwinkerte -mir voll Verständnis zu. - -Auch seine Frau verstand diese allerdings sehr einfache Logik. Sie -errötete, eine tiefe Verwirrung malte sich in ihren Zügen, doch gelang -es ihr bald, eine heitere Miene anzunehmen. Mit ihrer gewohnten, -sanften Sicherheit blickte sie zuerst ihn, dann mich an und bot mir die -Wange. - -Ich küßte sie ... das Unglaubliche geschah -- ich küßte sie, und ob es -mich auch durchzuckte vom Wirbel bis zu den Füßen, ob mir der Atem -vergehen wollte -- ich verlor meine Fassung nicht. - -»Jetzt die Überraschung,« sagte Hans zwischen Weinen und Lachen ... »Wir -haben nämlich eine Überraschung ... Du wirst Dich wundern.« - -Mein lieber Freund, eine flüchtige Erinnerung an die Absicht, mit der -ich gekommen, an die berühmte Rechnung, kam mir in den Sinn, und mich -überlief's. - -Elsbeth nahm meinen Arm, sie drückte ihn herzlich mit ihrer Hand, Hans -ging nebenher, klopfte mich von Zeit zu Zeit auf die Schulter und -murmelte: »Du, mein Junge, Du!« Er lobte und bewunderte alles an mir, -mein Aussehen, meinen Vollbart, meinen Anzug, und Elsbeth stimmte ihm -bei, und wenn er sich wie ein sehr erfreuter Vater benahm, so hatte sie -in ihrer Art und Weise gegen mich etwas entschieden Mütterliches. - -Wir näherten uns dem schattigen Platze unter den Linden, den edlen, -herrlichen, die am Rande der Wiese vor dem Schlosse stehen. - -Dort habe ich ihr das Meisterwerk des großen russischen Erzählers -vorgelesen, diese Bäume haben leise dazu gerauscht; auf der Bank unter -dem mächtigsten von ihnen hat sie gesessen, mir gegenüber in sprachloser -Ergriffenheit, und mich angesehen mit jenem unvergeßlichen Blick ... - -Auf derselben Stelle unter demselben Baum befand sich jetzt eine -stattliche Frau, in halb städtischer, halb ländlicher Tracht, und neben -ihr stand ein Korbwägelchen mit blauseidenem Dach. - -»*Spovo on?*« fragte Elsbeth. - -»*Sada isputje*,« antwortete die Frau. - -Das heißt: »Schläft er?« und: »Eben erwacht.« - -Mein dummer Kopf hatte eine plötzliche Erleuchtung. Sie war so hell -- -zu hell -- -- sie schmerzte. - -Elsbeth führte mich zu dem Wägelchen, hob die Schleier, die es -verhüllten, und der Inhalt der kleinen Equipage kam zum Vorschein. Er -hatte kugelrunde, rosige Wangen und dunkle Augen, machte Fäustchen, -strampelte und war -- mein Nebenbuhler. - -Wie sie sich zu ihm hinabneigte, gewann ihr Gesicht einen Ausdruck -stiller, vollkommener Seligkeit, der mich sofort belehrte: Wenn je ein -Funke Neigung für mich in ihrem Herzen erglomm -- er ist erloschen. Der -Atem dieses Kindleins hat ihn ausgeblasen. - -Sein Vater warf sich in die Brust, kreuzte die Arme und betrachtete -abwechselnd seinen Sohn und mich mit, -- glaube mir, -- fast gleicher -Zärtlichkeit. - -»Nun, mein Junge,« rief er mich an, »was sagst Du? sag etwas zu Deinem -*quasi* Bruder.« - -Aber ich konnte nichts sagen, ich war in den Anblick Elsbeths versunken. - -»Wir Frauen,« sagt Irina, »haben nur die Liebe,« nun -- Elsbeth ist -reich. - -Zwei Tage hielt ich es wacker aus bei ihr und ihm und dem Kinde, am -dritten räumte ich dem Nebenbuhler das Feld. - -Die Frage, ob ich nicht auch ohne ihn von dannen gegangen wäre, wie ich -ging, will ich einstweilen unerörtert lassen. - -Auf Wiedersehen, Freund und Mentor! Schalte und walte in meinem Hause, -wie's Dir gefällt. Auch wenn ich nur durch eine Allee von Mumien in mein -Zimmer gelangen kann -- mir ist alles recht und eines gewiß: Vorläufig -interessiere ich mich für keine Frau mehr, die nicht tot ist seit -mindestens dreitausend Jahren. - -»Galgenhumor,« denkst Du und irrst; es ist der ehrliche, sehr harmlose, -der einem etwas verwundeten Herzen entströmt. Aber die Wunde schließt -sich schon, bald gibt es ehrenvolle Narben. - -Erwarte mich ohne Bangen, ich bin geheilt. - - Dein Edmund. - - - - - Der Vorzugsschüler. - - -Mutter und Sohn saßen einander gegenüber am Tische, der als Arbeits- und -Speisetisch diente, und dessen eine Hälfte schon für die Abendmahlzeit -gedeckt war. Eine Petroleumlampe mit grünem Schirm beleuchtete hell die -Schulbücher, die der Knabe vor sich aufgeschichtet hatte, und die -ungemein geschont aussahen nach einer mehr als halbjährigen Benutzung. -Es war Ende März, und in wenigen Monaten mußte Georg Pfanner aus der -dritten Klasse, wie aus jeder früheren Vorbereitungs- und -Gymnasialklasse, als Vorzugsschüler hervorgegangen sein. Mußte! Wohl und -Weh des Hauses hing davon ab, der -- wenigstens relative -- Frieden -seiner Mutter, der Schlaf ihrer Nächte ... Wenn dem Vater schien, daß -»sein Bub« im Fleiß nachlasse, wurde sie zur Verantwortung gezogen. Das -wirkte viel stärker auf den Jungen, als die strengste Ermahnung und -Strafe getan hätte. Für seine Mutter empfand er eine anbetende Liebe und -war das ein und alles der freudlosen, vor der Zeit gealterten Frau. Die -beiden gehörten zueinander, verstanden einander wortlos, sie hatten, -ohne es sich selbst zu gestehen, ein Schutz- und Trutzbündnis gegen -einen Dritten geschlossen, dem sie im stillen immer Unrecht gaben, auch -wenn er recht hatte, weil sie sich im Grund ihrer Seele in steter -Empörung gegen ihn befanden. Frau Agnes würde erstaunt und -wahrscheinlich entrüstet gewesen sein, wenn man ihr gesagt hätte, daß -ihre Empfindung für ihren Mann längst nichts mehr war als eine Mischung -von Furcht und von Mitleid. Georg würde eher die ganze Schule zum Kampf -herausgefordert, als geduldet haben, daß ein unehrerbietiges Wort über -seinen Vater gesprochen werde. Aber weder der Mutter noch dem Sohne -wurde es wohl in seiner Nähe. Seine Anwesenheit bedrückte, löschte jede -heitere Regung im ersten Aufflackern aus. Und doch war der einzige -Lebenszweck dieses Mannes die Sorge um das Wohl seines Kindes in -Gegenwart und Zukunft. - -Frau Agnes ließ ihre Arbeit in den Schoß sinken und blickte nach der -Schwarzwälderuhr, die an der Wand neben dem Kleiderschrank ihr -blechernes Pendel schwang. So spät schon, und der Mann kam noch immer -nicht aus dem Bureau. Sie lasteten ihm dort so unbarmherzig viel Arbeit -auf, und er besorgte sie widerspruchslos und nahm noch Arbeit mit nach -Hause, um die Vorgesetzten nur gewiß zufrieden zu stellen und beim -nächsten Avancement berücksichtigt zu werden. - -Ja, der Mann plagte sich, und es war sehr begreiflich, daß er übermüdet -und mürrisch heimkehrte. Und der Junge, der liebe, geliebte Junge, -plagte sich auch. Heute ganz besonders. Dunkelrot brannten seine Wangen, -und sogar die Kopfhaut war gerötet, und die Stirn zog sich kraus. In -Hemdärmeln saß er da, die Ellbogen auf den Tisch gestützt, preßte das -Kinn auf seine geballten Hände und starrte ratlos zu seinem Hefte -nieder. Dreimal schon hatte er die Rechenaufgabe gemacht und jedesmal -ein andres Resultat erhalten, und keines, das sah er wohl, konnte das -richtige sein. - -Die Mutter wagte nicht, ihn anzusprechen, um ihn nicht zu stören, warf -nur verstohlen von Zeit zu Zeit einen bekümmerten Blick auf ihn und -vertiefte sich wieder in ihre Arbeit und flickte emsig am schadhaften -Futter der Jacke, die er ausgezogen hatte. - -Nun wurde nebenan ein Geräusch vernehmbar. Im Schloß der Küchentür -drehte sich der Schlüssel. - -»Der Vater kommt,« sprach Frau Agnes. »Bist fertig, Schorschi?« - -»Mit der Rechnung noch lang nicht.« Sein Mund verzog sich, und unter -seinen blonden Wimpern quollen plötzlich Tränen hervor. - -»Um Gottes willen, Schorschi, nicht weinen, du weißt ja -- der Vater ...« - -Da trat er ein, und sie stand auf und ging ihm entgegen, und er -erwiderte ihr schüchternes Willkomm mit einem ungewohnt freundlichen: - -»Na, grüß euch Gott.« - - * * * * * - -Offizial Pfanner war um ein weniges kleiner als seine Frau und ungemein -dürr. Die Kleider schlotterten ihm am Leibe. Seine dichten, eisengrauen -Haare standen auf dem Scheitel bürstenartig in die Höhe, seine noch -schwarz gebliebenen Brauen bildeten zwei breite, fast gerade Striche -über den dunkeln, sehr klugen Augen. Den Mund beschattete ein -mächtiger, ebenfalls noch schwarzer Schnurrbart, den Pfanner sorgfältig -pflegte, und der dem Beamten der Kaiserlich Königlich Österreichischen -Staatsbahn etwas Militärisches gab. - -Pfanner hatte einen großen Pack Schriften mitgebracht und war doch nicht -unwirsch. Er ließ sich von seiner Frau den Überrock ausziehen und sagte -sanft und ruhig: »Bring das Essen und lösch die Lampe in der Küche aus. -Die brennt, ich weiß nicht zu was. -- Lern weiter!« befahl er dem Sohn, -der sich nach ihm gewendet hatte und ihn scheu und ängstlich ansah. - -»Es ist so schwer,« murmelte Georg. - -Der Vater stand jetzt hinter seinem Stuhle: »Schwer, fauler Bub? Deine -Faulheit überwinden, das wird dir schwer, sonst nichts. Einem Kind, das -Talent hat, wird nichts schwer. Faul bist.« - -»Ich hab alles fertig,« sprach Georg mit einem trockenen Schluchzen und -drängte die Tränen zurück, die ihm wieder in die Augen treten wollten, -»nur die Rechnung nicht ...« da kippte seine Stimme um, der Satz endete -mit einem schrillen Jammerton, und zugleich beugte der Kopf des Jungen -sich tiefer. Seinem Bekenntnis mußte die Strafe folgen, er erwartete die -unausbleibliche mit dumpfer Resignation, den wohlbekannten Schlag der -kleinen, harten Hand, die wie ein Hammer niederfiel und das Ohr und die -Wange Georgs auf Tage hinaus grün und blau marmorierte. - -Aber heute zürnte der Vater nicht. Nach einer kleinen Weile streckte -sich sein Arm über die Schulter des Knaben, der Zeigefinger bezeichnete -eine Stelle in der Rechnung, deren sorgfältig geschriebene Zahlen eine -Seite des Heftes bedeckten. - -»Da sitzt der Fehler. Siehst du?« - -War's möglich, daß Georg ihn noch immer nicht sah? daß er sich keinen -Rat wußte, auch dann nicht, als der Vater zu erklären begann. Er tat das -auf eine so völlig andre Art als der Lehrer. Dem Kind wollte und wollte -das richtige Verständnis nicht aufgehen, trotz aller Anstrengung und -Mühe. Dazu die Furcht: Jetzt reißt dem Vater die Geduld, jetzt kommt der -Schlag. Zuletzt dachte er nur noch an den und wünschte, die Züchtigung -wäre vollzogen, damit er sich nicht mehr vor ihr ängstigen brauche. - -»Gib acht, du gibst nicht acht!« rief Pfanner und begab sich auf seinen -Platz am oberen Ende des Tisches, wo für ihn gedeckt war. Die Mutter -hatte das Abendessen aufgetragen. Kartoffeln in der Schale, ein schönes -Stück Butter, ein Laib Brot, eine Schüssel mit kaltem Fleische. Die -stellte sie zagend vor ihren Mann hin, und seine Mißbilligung blieb -nicht aus. - -»Fleisch am Abend -- was heißt das? Keine neue Einführung, bitt ich mir -aus.« - -Sie entschuldigte sich. Sie log. Die Nachbarin hätte so schönes Fleisch -vom Land bekommen und ihr dieses schon eingekaufte um ein Billiges -abgetreten: »Es ist auch noch für morgen da,« setzte sie hinzu, um einer -wiederholten Rüge vorzubeugen, die viel schärfer ausgefallen wäre. Sie -hätte aber auch die schärfste über sich ergehen lassen. Es galt einen -Kampf, in dem sie, die sonst willensschwache Frau, um keinen Preis -nachgeben durfte. - -Das Abendessen war längst vorbei, die Mutter längst zur Ruhe gegangen, -Vater und Sohn saßen noch bei ihrer Arbeit. Pfanner befaßte sich mit dem -Aufstellen einer statistischen Tabelle, Georg kam mit seiner Rechnung -nicht zu Ende. Die Aufmerksamkeit weder des einen noch des andern war -völlig bei seiner Beschäftigung. Jeder von ihnen hatte heute ein Glück -erfahren, und die Erinnerung daran stellte sich immer und immer wieder -zerstreuend und ablenkend ein. - -Pfanner war dem Herrn Subdirektor begegnet, und der hatte ihn -angesprochen und ihn der Wohlmeinung des Herrn Direktors und seiner -eigenen versichert. Der Herr Direktor warte nur auf die erste -Gelegenheit, dem unermüdlichen Fleiß und Diensteifer des Offizianten die -gebührende Anerkennung zuteil werden zu lassen. - -»Für außergewöhnliche Leistungen außergewöhnliche Auszeichnungen. -Verlassen Sie sich darauf.« Mit diesen Worten hatte der hohe Vorgesetzte -ihn verlassen, und Pfanner war weiter gewandert, von einem berauschenden -Glücksgefühl ergriffen. Worauf durfte er sich Hoffnung machen? Auf -Beförderung außer der Tour? Auf eine große Remuneration? Die wäre ihm -vielleicht das liebste. Georgs Sparkassenbuch würde dadurch eine -unverhoffte Bereicherung erfahren. An jedem letzten Tag des Monats nahm -er es aus der Lade und ließ die wenigen, mühselig vom Gehalt ersparten -Gulden eintragen, um nur ja nicht unnötigerweise einen Heller Zinsen -einzubüßen. - -Der Sparkassenbeamte lachte schon: »Was bringen's denn heut, Herr -Offizial, einen halben Gulden, einen ganzen?« - -Pfanners Hochmut litt unter diesen Spötteleien. Und jetzt stellte er -sich vor, wie ihm sein würde, wenn er einen Hunderter oder gar zwei -hinlegen könnte und nachlässig sagen: - -»Bitte, tragen Sie heute das ein, ins Buch von meinem Buben.« - -Sein Georg an der Spitze eines, wenn auch kleinen Vermögens -- er liebte -ihn mehr, wenn er daran dachte. - -Der zukünftige Kapitalist hielt die Feder in der Hand und sann. Nicht -über seine Rechnungsaufgabe. Seine Gedanken trugen ihn weit weg aus der -kahlen, dürftig eingerichteten Stube ins Freie, wo jetzt schon neues -Leben sich zu regen begann und ein Frühling sich ankündigte, von dem er -wieder nichts haben sollte. Dem Frühling würde der Sommer folgen, die -Schule geschlossen werden, und die Kameraden würden auf Ferien gehen; -einige in die Nähe von Wien, andre glückliche ganz aufs Land, auf das -wirkliche Land, oder gar ins Gebirge, in die Wälder, an die schimmernden -Seen und Flüsse, an brausende Wasserfälle ... Nur er kam nie hinaus aus -den trostlosen Straßen der Vorstadt, nie fort vom müdmachenden, -langweiligen, verhaßten Straßenpflaster, auf dem man sich die Schuhe -zerriß und die Füße wund ging. Dazu des Vaters ewig wiederholtes: - -»Lern! Hast gelernt? Kinder sind da, um zu lernen.« - -In seinem Jungen aber schrie es: Nicht _nur_ um zu lernen! Manchmal -schon hatte er sich ein Herz gefaßt und gesagt: »Die andern sind jetzt -auf Ferien und lernen nicht.« - -Da war der Vater bös geworden. »Sind das Vorzugsschüler? Wenn ja ein -paar darunter sind, dann sind sie nicht leichtsinnig und zerstreut wie -du, fauler Bub. Haben vielleicht nicht einmal Talent wie du, dafür aber -Fleiß, eisernen Fleiß. Ferien ... was Ferien! Ein tüchtiger Mensch -braucht keine, will keine. Hab ich Ferien?« Es war der Stolz Pfanners, -daß er noch nie Urlaub genommen. - -Indessen, trotz all der väterlichen Strenge, ein wahres Löschhorn für -jede heitere, lustige Regung, hatte es einige Jahre gegeben, in denen -Georg eine Frühlingsfreude genossen. Und heute war der gesegnete Tag, an -dem ihm endlich ein langgehegter, heißer Wunsch erfüllt wurde. Er trug -das Mittel, Frühlingsfreude wieder zu erwecken, in seiner Tasche. - - * * * * * - -Um ein Stockwerk tiefer als die Familie Pfanner, im dritten des -gegenüber liegenden Hauses, wohnte ein Schuster, der eine Nachtigall -besaß. Wenn der Frühling anbrach, hing er ihren Käfig unter den -Fenstersims an die Mauer. Der Käfig war eng und schmal, hatte dicke -Sprossen und bot seiner Bewohnerin wenig Raum und wenig Licht. Sie sang -wundersam in ihrer traurigen Gefangenschaft. Ihre süßen Lieder klangen -nicht nur klagend und sehnsuchtsvoll, auch hell und jubelnd und wie voll -des seligen Entzückens über die eigene Herrlichkeit, berauscht vom -Triumph über die eigene hinreißende Macht. Die Töne, die der kleinen -Brust entquollen, erfüllten die Gasse mit Wohllaut. - -Georg brachte jeden freien Augenblick am Fenster zu, beugte sich hinaus -und sandte der Nachtigall seine Liebesgrüße. Der Schuster, das konnte -man leicht bemerken, kümmerte sich nicht viel um die holde Sängerin. -Wäre sie Georgs Eigentum gewesen, wie hätte er sie gehegt und gepflegt! -Sie war sein Glück, seine Wohltäterin, sie zauberte ihm den Frühling in -die traurige Stube und Schönheit und Poesie in sein ödes Leben. Er -lauschte ihr, und märchenhaft liebliche Bilder tauchten vor ihm auf, -Landschaften im purpurnen Grün des neuen jungen Lebens, blütendurchhaucht, -lichtgetränkt. Alles, wovon er gelesen und gehört hatte das zu erblicken -er sich gesehnt, das für ihn das ewig Unerreichbare bleiben sollte. - -Bis Johannis ging es so fort, dann hörte die Nachtigall auf zu schlagen, -und der Schuster nahm das Bauer wieder ins Zimmer herein. Im letzten -Frühjahr hatte Georg vergeblich auf das Erscheinen des Bauers gewartet. -Der Schuster hatte die Nachtigall vielleicht verschenkt, oder vielleicht -war sie gestorben, und mit ihr all die schönen Träume, die ihr Gesang -geweckt, und die stille, geheimnisvolle Wonne, sich ihnen zu überlassen -und ihnen nachzuhängen. - -Nun aber, vor einigen Wochen an einem grauen, frostigen Februarmorgen, -tönten Georg, als er in die Nähe der Schule kam, die schmerzlich -vermißten Nachtigallenklänge entgegen. Er stieß einen Freudenschrei aus, -sah um sich, sah zu den Häusern empor, und da war nirgends ein -Vogelbauer zu entdecken, und nirgends stand ein Fenster offen, aus dem -der Gesang hätte dringen können. Die Töne schlugen einmal stärker, -einmal schwächer an sein Ohr. Sie wanderten, näherten, entfernten sich, -und plötzlich lachte Georg laut auf. Die Nachtigall, die so prachtvoll -sang, spazierte vor ihm her, blieb stehen, schmetterte ihre Lockrufe in -die Luft hinaus, ging ein Stück weiter, kehrte um und kam jetzt auf ihn -zu. - -Sie hieß Salomon Levi, war fünfzehn Jahre alt und trug schiefgetretene -Stiefel, einen schwarzen Kaftan, einen steifen, breitkrempigen Hut. Ihre -eingefallenen Wangen entlang baumelten ein Paar glänzende, rabenschwarze -Schläfenlocken. - -»Herrje, Salomon!« hatte Georg ausgerufen, »was ist mit dir? bist eine -Nachtigall worden?« - -Der Angeredete trug an einem fettigen Riemen ein Tabulett, noch einmal -so breit als er selbst, und hinkte von früh bis abends unermüdlich auf -dem Kai vor der Schulgasse auf und ab. Sein Warenlager erfreute sich -unter den Studenten des Rufes großer Solidität und bestand aus Brief- -und Geldtaschen, Spiegeln, Messern, Uhrketten und dergleichen. Der junge -Hausierer führte auch allerlei Spielzeug, das auf Georg eine starke -Anziehung übte. Er hatte nie, nicht einmal als kleines Kind, Spielzeug -besessen. - -»Spielereien kaufen -- Geld hinauswerfen, Unsinn!« sagte Pfanner. »Ein -Kind, das Phantasie hat, ein Kind wie das meine braucht keine. Ein -Scheit Holz oder ein hölzernes Pferd sind dasselbe für ihn, sind ihm -beide ein lebendiges Pferd. Eine Puppe in Seidenkleidern oder der in -Zeitungspapier gewickelte Stiefelknecht sind ihm eines wie das andere, -ein lebendiges Kind.« - -Für Georg haftete der Reiz des Versagten an jedem Gegenstand in Salomons -Auslagekasten. Er kam nie ohne Herzweh an ihm vorüber und knüpfte, so -oft es anging, ein Gespräch mit Levi an, um alle die Kostbarkeiten, die -er ausbot, mit Muße betrachten und sogar berühren zu dürfen. - -»Ach Salomon,« sagte er ihm einmal, »wie glücklich bist du! Kannst immer -auf und ab gehen, und mußt nicht mehr in die Schule, hast so viele -schöne Sachen und kannst sie den ganzen Tag ansehen. Wie froh mußt du -sein!« - -Salomon sah ihn wehmütig an. In welchem Irrtum war Georg befangen! Wenn -Salomon alle die »schönen Sachen« anbrächte, und noch viele andre und -Geld für sie bekäme und studieren könnte, dann wäre er froh. - -Sie hielten nun täglich eine Unterredung, eine kurze bloß, denn Georg -wußte, daß der Vater ihn daheim fast regelmäßig, mit der Uhr in der -Hand, erwartete, und wenn er sich um ein paar Minuten verspätete, dann -gab es böse Minuten für seine arme Mutter. - -So flüchtig aber auch die Begegnungen der beiden Knaben waren, sie -bildeten allmählich ein starkes Band. Jeder von ihnen kannte das Leiden; -einer bedauerte den andern und beneidete ihn auch. Fürs Leben gern -hätten sie getauscht, verhandelten oft darüber und waren schon gute -Bekannte gewesen vor jenem Februarmorgen, an dem der Vorzugsschüler dem -Hausierer zugerufen hatte: - -»Bist eine Nachtigall worden?« - -Helles Entzücken durchströmte ihn, als Salomon ihm ein Instrumentchen -zeigte, nicht größer wie eine Nuß, in dem alle Flötentöne der Nachtigall -schliefen. Man brauchte es nur zwischen die Lippen zu nehmen und -geschickt mit der Zunge zu behandeln, um den lieblichen Gesang zu -wecken. Er hätte sich auf die Knie werfen und Salomon beschwören mögen: -»Sei gut, sei großmütig, schenk mir die Nachtigall!« Aber das Bild -seines Vaters schwebte ihm vor, er vernahm die Worte: »Du bist ein -Beamtensohn, du unterstehst dich nicht, etwas anzunehmen, nicht ein -Endchen Bleistift, nicht eine Feder. Von keinem Mitschüler, von keinem -Menschen.« - -So stotterte er denn mit fliegendem Atem: »Was kostet die Nachtigall?« - -Sie kostete zwanzig Heller, und Salomon hatte heute schon ein paar -Dutzend verkauft und hoffte, noch ein paar Dutzend zu verkaufen und bald -auch seinen ganzen Vorrat, denn sie gingen reißend ab. - -Georg überlegte: »Wirst du in fünf Tagen keine mehr haben...? Hebe mir -eine auf, ich bitte dich. Wenn ich mein Jausengeld erspare, habe ich in -fünf Tagen zwanzig Heller beisammen und kann dir die Nachtigall -bezahlen.« - -Salomon war sehr ungläubig. Mehrmals schon hatte Georg versucht, sein -Jausengeld zu sparen, um bei ihm einen Einkauf machen zu können, es aber -nie weiter gebracht als bis zu acht, höchstens zu zehn Heller. Dann war -er plötzlich an einem Nachmittag zu hungrig geworden und hatte sein -ganzes Geld auf einmal ausgegeben, für eine besonders lockende Brezel. -Beim Bäcker an der Ecke bekam man so köstliche! Er hatte auch schon -seinen kleinen Besitz an Kupfermünzen Ärmeren, als er selbst war, -geschenkt. Salomon zweifelte mit gutem Grund an der Fähigkeit des -»jungen Herrn«, etwas zurückzulegen. Dennoch erfüllte er ihm seinen -Wunsch. Eine Nachtigall blieb unverkauft, die beste. Wer die zu -behandeln verstand, konnte ihr ganz besonders klangreiche Töne -entlocken. - -Und heute hatte Georg sie erworben, war glorreich vor Salomon -hingetreten, hatte ihm zehn Zweihellerstücke in die Hand gezählt und die -Nachtigall in Empfang genommen. - -Der Unterricht in der Gebrauchsanweisung war »dreingegangen«. Das kleine -Instrument wanderte von einem Mund zum andern, und sogleich, mit -bewunderungswürdiger Schnelligkeit lernte Georg dem Tabulettkrämer seine -Kunst ab. - -»Was ein Talent zur Musik! Ich hab müssen lernen drei Tag, bis ich hab -spielen gekonnt. Sie können gleich spielen, besser als ich.« - -Georg erwiderte glückselig, es sei ja so leicht. Ach, wenn alles so -leicht wäre, wenn es mit der Mathematik und der Geschichte und mit dem -Griechischen auch so ginge! - -In Salomons melancholischen Augen leuchtete es auf: »Mir möchte leicht -sein das Studieren,« sprach er und sah sehr hochmütig und sehr traurig -aus. - - * * * * * - -Jetzt war es nahe an elf Uhr. Frau Agnes hatte sich auf Befehl Pfanners -zu Bette begeben, sie schlief aber nicht; sie beobachtete vom dunkeln -Alkoven aus ihren Mann, der mit unvermindertem Eifer liniierte, -rubrizierte, und ihren Jungen, der müd und blaß sich über sein Heft -beugte oder mit verträumten Augen emporblickte zu dem grauen Fleck, den -der Rauch der Lampe allmählich an die Decke gemalt hatte. Er durfte noch -immer auf des Vaters grimmig wiederholtes »Bist fertig?« nicht mit ja -antworten; er war eben nicht bei der Sache. Er hatte eine Hand in die -Tasche gesteckt und die Finger um die Nachtigall gelegt und preßte sie -manchmal, als ob sie etwas Lebendiges wäre und es fühlen könnte, mit -großer, sanfter Liebe. - -Der Heimweg, der ihm sonst immer endlos vorkam, war ihm heute zu kurz -gewesen. Fast die ganze Zeit hindurch hatte er die Nachtigall schlagen -lassen, und Kinder und selbst Erwachsene waren stehen geblieben und -hatten ihm zugehört und sich über die herzige Musik gefreut. Es wäre ihm -ein Glück gewesen, vor der Mutter eine Probe seiner neu erlernten Kunst -abzulegen. Aber das ging nicht an, die Mutter würde sogleich gesagt -haben: »Du mußt dem Vater das Ding zeigen, du weißt ja, er mag -Spielereien nicht.« Und wenn Georg auch geantwortet hätte: »Es ist keine -Spielerei, es ist ein Instrument,« würde sie doch dabei geblieben sein: -»Hinter dem Rücken des Vaters darf man nichts tun und nichts haben.« So -hatte sie es immer gehalten ... bis heute. - -Georg aber konnte nicht vergessen, daß ihm vor Jahren der jüngste Sohn -der Nachbarin, Karl Walcher, seine Flöte geliehen; er hätte sie ihm auch -gern geschenkt, ohne Pfanners spartanisches Verbot. Was Georg einmal -hörte von den Kinderliedern, die seine Mutter ihm vorsummte, bis zum -feierlichen Kirchengesang, alles merkte er sich und brachte die Melodie -ganz richtig heraus auf dem höchst primitiven Instrumentchen. Frau -Walcher und ihre Söhne hatten ihn bewundert und sogar sein Vater ihm -manchmal ein zustimmendes: »Nicht übel« gespendet. Aber bald war ihm -seine Freude verdorben worden. - -»Laß die Dummheiten -- lern!« hatte es bald geheißen. An dem geringsten -Versäumnis, an jeder Zerstreutheit des Knaben hatte die Flöte Schuld -getragen. Bald, schrecklich bald hatte der Vater sie ihrem Eigentümer -zurückgestellt. So würde er gewiß auch die Nachtigall nicht dulden, und -deshalb mußte sie vor ihm verborgen bleiben, die liebe, herrliche. - -Als Georg endlich zur Ruhe gehen durfte, erhielt sie ihren Platz unter -seinem Kopfkissen. Nach Mitternacht erwachte er, zog sie an seine -Lippen. Um sie zu küssen; natürlich nur, sie schlagen zu lassen, konnte -ihm doch nicht einfallen ... Zwar -- die Eltern schliefen. Zwischen -ihnen und ihm, am Mauervorsprung des Alkoven, tickte kräftig, jedes -schwache Geräusch übertönend, der flinke Gang der Schwarzwälderin. -Dennoch wäre es nicht geraten ... und während er dachte: nicht geraten, -berührte seine Zungenspitze schon das kühle Metallplättchen. Ohne seinen -Willen, fast ohne sein Zutun begann die Nachtigall ihren Gesang zu -erheben. Sie klagte, sie lockte, sie verkündete eine unerfüllbare -Sehnsucht. Ihre Töne stiegen, schwollen, brachen plötzlich ab. Herrgott -im Himmel ... Zu laut, zu laut! Der Vater hat einen gar leisen Schlaf -... Entsetzlich erschrocken, von Schauern der Angst durchrieselt, -steckte Georg seinen Kopf unter die Decke. Am nächsten Morgen beim -Frühstück erzählte der Vater von einem merkwürdigen Traum, den er in der -Nacht gehabt. Der Schuster hatte wieder eine Nachtigall angeschafft, und -Pfanner war gewesen, als ob er sie so laut schlagen hörte, daß er -darüber erwachte, und dann, das war das Merkwürdige, hatte er sich -eingebildet, wach zu sein und sie noch zu hören. Seine Frau konnte nicht -genug staunen, auch ihr hatte etwas ganz Ähnliches geträumt, und das -mußte wohl etwas zu bedeuten haben. - -Georg stand auf und trat ans Fenster, damit die Eltern sein Erröten -nicht sähen. - - * * * * * - -Auch Frau Agnes hatte ihr Geheimnis, und sie mußte, um es zu bewahren, -allerlei Ausflüchte gebrauchen, die gar oft weitab von der Wahrheit -lagen. Seit einiger Zeit war bei allen Mahlzeiten der Tisch reichlicher -besetzt, und Pfanner hatte doch nicht mehr Wirtschaftsgeld bewilligt als -früher. Seine Frau konnte nicht immer bei der Wahrheit bleiben, wenn er -sie darüber zur Rede stellte. Ungern genug hörte er schon und fühlte -sich gedemütigt, wenn sie gestand, einige Konfektionsarbeiten gemacht -und durch Vermittlung Frau Walchers unter der Hand verkauft zu haben. -Nie hätte er erfahren dürfen, daß sie ein eben entbehrliches -Kleidungsstück oder Hausgerät ins Versatzamt getragen, einen noch aus -dem väterlichen Hause mitgebrachten kleinen Schmuckgegenstand veräußert -hatte. Er hielt viel auf diese Reste einer ehemaligen Wohlhabenheit; es -schmeichelte ihm, sich seine einst sehr schöne Frau -- nur leider die -Hellblonden verblühen sehr schnell! -- aus einem guten und damals fast -reichen Hause geholt zu haben. Der geringste Zufall konnte alles an den -Tag bringen und dann -- Agnes schloß die Augen und erzitterte bei dem -Gedanken, was dann geschehen würde. Aber gleichviel, das Kind mußte um -jeden Preis besser genährt werden als bisher. - -Frau Adjunkt Walcher hatte sich schon vor einem Jahre in ihrer kurz -angebundenen, offenherzigen Weise darüber ausgesprochen: »Mir scheint -immer, Sie halten Ihren Schorsch zu kurz in der Kost, Frau Offizial. So -ein Bub will tüchtig essen. 'Das Lernen zehrt, und in einen kleinen Ofen -muß man öfter nachlegen als in einen großen', sagt mein Mann. Er und ich -sind oft hungrig schlafen gegangen -- Herrgott, ein Adjunkt mit tausend -Gulden Gehalt! -- unsre zwei Buben waren immer satt geworden. Sehen auch -aus wie die Knöpf. Ihr Schorsch schießt in die Höh, wird ja bald den -Herrn Offizial eingeholt haben, setzt aber kein Lot Fleisch an.« - -»Finden Sie, daß er schlecht aussieht?« hatte Frau Agnes in Bestürzung -ausgerufen. - -Nun nein, das fand die Frau Adjunkt gerade nicht, aber so gewiß »kleber« -und eine bessere »Farb« sollt er haben: »Die Nahrung muß ausreichend -sein,« sie betonte das Wort mit Wohlgefälligkeit, es kam ihr so gebildet -vor. »Ausreichend, sagt mein Mann. Das viele Lernen schlägt sich sonst -den Kindern auf die Nerven.« - -Dies Gespräch hatte entschieden; die Liebe der Mutter hatte über den -Widerwillen der ehrlichen Frau gegen Falschheit und Lüge gesiegt. Ihrem -Manne Vorstellungen zu machen, einen Versuch zu machen, ihn zur -geringsten Mehrausgabe zu bewegen, wäre ihr so wenig eingefallen, als -einem Stein zuzureden, sich in Brot zu verwandeln. Eine Erörterung -zwischen ihm und ihr kam überhaupt nicht vor. Vom Anfang ihrer Ehe an -hatte sein herrisches und ablehnendes Wesen jede Möglichkeit, ihm -vertrauensvoll zu nahen, ausgeschlossen. Was konnte eine Frau ihm zu -sagen haben? Er war er, und außer ihm war die Pflicht, und diesen beiden -höchsten Mächten unterstand die Welt, die er begriff. Erst als ein Sohn -ihm geboren wurde, gab es ein zweites Wesen, ihm ebenso wichtig, wie er -sich selbst. Eine Fortsetzung seines Ich, eine vervollkommnete -Fortsetzung. Alles, was seinem Ehrgeiz versagt geblieben, was er nicht -errungen, sollte sein Sohn erringen. - -Er war aus Armut und Niedrigkeit hervorgegangen, hatte einen nur -mangelhaften Schulunterricht genossen und niemals die Aussicht gehabt, -es zu einer höheren Stellung zu bringen. Als kleiner Beamter lebte er -und würde er sterben. Aber der Sohn: Das Gymnasium als Primus -absolvieren, den Doktorhut *summa cum laude* erwerben, schon in den -ersten Anfängen der Laufbahn von der Glorie reichster Verheißungen -umstrahlt, steigen von Erfolg zu Erfolg, von Ehren zu Ehren -- das -sollte der Sohn. Den nüchternen Offizial Pfanner, den unfehlbaren -Rechner, den trockenen Vernunftmenschen nahm, wenn er sich diesen -Vorstellungen hingab, die Phantasie auf ihre Flügel und trug ihn über -alle Gipfel des Wahrscheinlichen sausend hinweg. Und wenn er dann wieder -zur Erde niederstieg und seinen Georg zufällig einmal müßig einhergehen -sah, wetterte er ihn an: »Lern!« - -Er selbst, immer in der Zukunft lebend, die Gegenwart und was sie -darbot, geringschätzend, entfremdete sich mehr und mehr seinen -Standesgenossen. Er erwies sich ihnen gefällig, machte Arbeiten, die -ihnen zugekommen wären, hatte aber dabei nur seinen eigenen Vorteil, die -Verbesserung seiner Stellung im Auge. Dem Verkehr mit ihnen, den -Zusammenkünften im Kaffeehaus und im Stammgasthaus, ging er so viel als -möglich aus dem Wege. Nur selten fand er sich mit den Kollegen zusammen. -Beim »goldenen Wiesel«, wo die Versammlungen der Herren Beamten -stattfanden, an denen auch einige Vorgesetzte und Bekannte der -Vorgesetzten teilnahmen, da begegnete Pfanner richtig jedesmal dem -Manne, den er haßte, dem Kunstschlosser Herrn Obernberger. Vor Jahren -hatte es dem als großer Vorzug gegolten, mit den Herren von der -Eisenbahn im Gasthaus zusammenkommen zu dürfen. Jetzt hatte der -Standpunkt sich verrückt. Seitdem die Arbeiten aus der Kunstschlosserei -Obernbergers erste Preise auf den Ausstellungen erhalten hatten, seitdem -er viele hundert Arbeiter in seinen Werkstätten beschäftigte, im eigenen -Hause wohnte, im eigenen Wagen vorfuhr und das Band des Franz -Josephs-Ordens im Knopfloch trug, eilten die meisten der Herren ihm bis -zur Tür entgegen, und bei Tische erhielt er den Platz zur Rechten des -Inspektors. - -Das alles hätte Pfanner hingehen lassen und sich nicht weiter darum -gekümmert. Aber dieser Schlosser hatte einen Sohn, und dieser Sohn trat -seinem Georg im Gymnasium auf die Fersen, konnte ihn einholen, konnte -ihn überflügeln, denn der verdammte Bub hatte Talent, sein ärgster Feind -mußte das zugeben. »Talent um eine Million«, wie Herr Obernberger sagte, -»aber nicht um einen Heller Fleiß.« - - * * * * * - -Es war nach der Schule. Pepi Obernberger und Georg Pfanner gingen ein -Stück des Weges miteinander. Sie waren beide aufgerufen worden vom -Professor des Griechischen, und Pepi hatte besser bestanden. Georg -schritt sehr kleinlaut und mit einem ganz roten Kopf neben ihm her. Der -Vater versäumte nie zu fragen: »Hat der Herr Professor dich aufgerufen, -und wen noch, und wie ist's gegangen?« - -»Du weißt immer,« sagte Georg zu seinem Kameraden. »Hast heut wieder -sehr gut gewußt. Ich wäre froh, wenn ich immer so gut wüßte wie du.« - -Pepi fing sogleich zu prahlen an: Hol's dieser und jener! Ihm lag nichts -an dem dummen Plunder. Kasusartige Endungen, Komparation der Adjektiva, -dummes Zeug! Er plagte sich auch gar nicht damit. Wenn der Trottel von -einem Professor eine neue Walze einlegte in seinen Werkelkasten und -anfing, sie herunter zu leiern, da höchstens hörte er ein bißchen zu. Zu -Hause sah er kein Buch an, das war ihm viel zu fad. - -»Geh, geh!« fiel Georg ungläubig ein, und er verbesserte sich: - -»Fast keins, auf Ehre. Daß sie mir immer so gute Zeugnisse geben, das -danke den alten Perücken der Teufel. Ich gift mich darüber, weil's -meinen Alten auf die dumme Idee bringt, einen Professor aus mir zu -machen. Aber nein! Lieber als so ein lächerlicher Zopf zu werden und auf -alles zu verzichten, was schön ist: Rad fahren, reiten, jagen, tanzen, -kutschieren, Billard spielen im Kaffeehaus, Gletscher besteigen, lieber -erschieß ich mich!« - -Georg sah ihn aufmerksam an, er war so ganz und gar das Ebenbild seines -Vaters, des braven, fröhlichen Herrn Obernberger mit dem runden Kopf und -dem runden Gesicht und dem freundlich lächelnden Munde. Und der Mensch -sprach von Selbstmord? - -»Red nicht so!« rief Georg. »Du wirst keine Todsünde begehen; Selbstmord -ist eine Todsünde und eine Feigheit.« - -»Unsinn!« stieß Pepi höhnisch aus. »Wie kann man so ein Esel sein und -alles nachplappern, was sie einem in der Schul sagen. Aber du hast nie -einen eigenen Einfall. Hast den Kopf schon ganz ausgestopft mit -Pappendeckel. Adje!« -- Du Schulesel! setzte er in Gedanken hinzu und -bog ab, um die nächste Tramwaystation zu erreichen. - -Georg ging langsam vorwärts und sagte sich doch mit Unbehagen, daß jeder -Schritt ihn dem Hause näher brachte, wo der Vater ihn gewiß schon -erwartete mit der ständigen Frage, die er heute mit so großem Zagen -beantworten würde. - -O das traurige Haus, das kahle, große mit den langen Gängen und den -schmalen Stiegen, und das Zimmer, in dem man immer saß zu dreien, und wo -keines sich vor dem andern retten konnte. Dahin mußte er zurückkehren, -heute und morgen und alle Tage und noch fünf Jahre lang. Wie soll man -das erleben, und hat man's erlebt, fangen neue Studien an, die -schwersten. Wie ein grauer Berg, den er nie werde übersteigen können, -bäumte die Zukunft sich vor ihm auf; ein ödes, trostloses, der -Verzweiflung verwandtes Gefühl ergriff sein Herz und durchtränkte es mit -unsagbarer Bitternis. Plötzlich kam ein nie gekannter Trotz über ihn. -Obwohl die Uhr am nächsten Turme halb sieben schlug, obwohl er genau -wußte, daß er werde sagen müssen: »Ja, ich habe mich aufgehalten -unterwegs,« setzte er sich auf eine Bank im kleinen Square vor Beginn -der Gasse, in der die elterliche Wohnung lag, zog die Nachtigall aus der -Tasche und ließ sie schlagen. Sie tröstete, sie milderte jedes herbe -Gefühl. Sie ließ ihn einen Übergang finden aus tiefer Niedergeschlagenheit -zu lauterem Frohmut. - -Er hatte ja nicht nur Betrübnis und Gram in seiner Seele, tief in ihrem -Innersten unter lastenden Schatten lohte rot und warm die Flamme junger -Lebensfreudigkeit, und ein unausgesprochenes, immer zum Schweigen -verdammtes Glücksgefühl wollte sich einmal hinaussingen. Es jubelte in -die laue Luft, zum lichten Frühlingshimmel empor, mit der Stimme der -Nachtigall. - - * * * * * - -Georg fand den Vater nicht daheim. Er war dagewesen, hatte sich -umgekleidet und zu einer Beamtenversammlung ins Stammgasthaus begeben. -Mutter und Sohn sprachen es nicht aus, welch ein Fest das Alleinbleiben -für sie war. Um jede Minute, die er auf dem Heimweg vertrödelt hatte, -tat es Georg jetzt leid. Die Stube kam ihm auf einmal traut und -freundlich vor, die Luft reiner, und die Lampe schien heller zu leuchten -als sonst. Unter ihr in einem Glase stand ein kleiner Veilchenstrauß; -Frau Walcher hatte ihn gebracht. - -Georg beugte sich über ihn und sog seinen zarten Duft ein: »Die gute -Frau Walcher;« er lächelte seine Mutter pfiffig an. »Hat sie den auch -vom Land gekriegt, wie neulich wieder das gute 'Junge' vom Hasen?« - -Frau Agnes errötete. So war ihr der Schorschi hinter ihre Schliche -gekommen? Sie wich seinem auf sie gerichteten Blick aus, sie antwortete -nicht, sie sprach nur: »Der Vater hat dir sagen lassen, du sollst -lernen.« - -»Schon recht,« erwiderte er übermütig und warf die Schultasche im weiten -Bogen auf das Sofa, daß sie dort, emporgeschnellt, einen fröhlichen Hupf -machte. - -»Aber Georg, du bist ja heut wie ausgewechselt.« - -»Ja, ja, Mutter!« Er stürzte auf sie zu und schloß sie in seine Arme. - -Sie wehrte: »Sei gescheit.« - -»Nein, gescheit bin ich heute einmal nicht. Ich muß dich lieb haben und -küssen, dein liebes Gesicht, deine lieben Hände, jeder Finger bekommt -einen Kuß.« - -Nun denn! Ach, die Zärtlichkeit des Kindes tat sehr wohl. »Jetzt aber -setz dich, es wird ja alles kalt.« - -Und sie setzten sich und aßen und ließen sich's schmecken und plauderten -und dachten nicht an morgen, und waren so glücklich, wie die armen Leute -sind, die ganz in der Gegenwart leben, den Augenblick genießen, den -Blick von der Zukunft abgewendet, die ihnen nichts Gutes bringen kann. - -Nach dem Abendbrot begab die Mutter sich an die Nähmaschine und wollte -noch ein Stündchen fleißig sein. Die alte Nähmaschine, die sich die -letzte Zeit hindurch nur schwer in Bewegung setzen ließ und den Dienst -auch schon mehrmals versagt hatte, glitt heute dahin wie ein Schlitten -auf festgefrorener Bahn. Was war denn da geschehen? Gestern noch hatte -die Mutter gedacht, die alte Getreue werde überhaupt nicht mehr -brauchbar sein und nicht einmal in der Fabrik hergestellt werden können. -Was geschehen war? Der Vater hatte sie auseinander genommen und sie -ausgezeichnet repariert. - -»Der Vater?« das gab dem Georg zu denken. »Hat denn der Vater gelernt, -Nähmaschinen reparieren?« - -»Gewiß nicht. Aber weißt du, der Vater kann vieles, das er nicht gelernt -hat, er hat zu allem Talent.« - -Hat es nicht gelernt und kann es, weil er Talent hat. Etwas können, das -man nicht gelernt hat, heißt also Talent haben. Er versank in -Grübeleien. - -»Aber Mutter, ich hab doch auch Talent.« - -Sie mußte lachen. Es war wirklich, wie wenn ein Zweifel aus seinen -Worten spräche: »Nun, ich meine, du hörst es oft genug, um es zu -wissen,« und sie griff zärtlich mit der Hand in seinen zerzausten -blonden Schopf. - -»Wenn's nur wahr ist, Mutter, wenn's nur recht wahr ist;« er schluckte -mühsam und benetzte die trocken gewordenen Lippen mit der Zunge. Die -Traurigkeit, die ihn nach dem Gespräch mit Pepi angewandelt hatte, -wollte sich wieder in ihm regen; aber die Anwesenheit der Mutter bannte -sie rasch. Sein Herz ging weit auf, nicht das kleinste Geheimnis blieb -darin. Von allem, was bisher stumm und schweigend in ihm gelegen, redete -er, und während er es tat, wurde ihm manches klar und ausgemacht, was er -sich selbst nie eingestanden hatte. Die Mühe, die das Lernen ihm -verursachte, und daß es ihm so schwer wurde, sich etwas »auswendig zu -merken«. Andre lernten viel leichter auswendig und merkten sich's viel -länger. - -»Du hast kein sehr gutes Gedächtnis,« meinte die Mutter und dachte, das -kommt oft vor bei sehr Talentvollen. Sie gab dem Sohn auch etwas -Ähnliches zu verstehen; er zuckte die Achseln. - -»Wer Talent hat, das findest du selbst, kann auch, was er nicht gelernt -hat. Ich hab vielleicht gar kein so großes Talent zum Lernen in der -Schule. Aber vielleicht zu etwas anderm ... Das Singen in der -Volksschule hat mich so gefreut. Da hab ich immer einen Einser gehabt -... und -- weißt du noch, die Flöte! Ach, wenn ich hätte lernen dürfen -Flöte spielen, oder gar Violine ... Jetzt hab ich halt nichts mehr als -nur -- soll ich's dir sagen? soll ich? Ja? -- -- Bleib sitzen -- ganz -ruhig.« - -Er stand auf und ging in den dunkelsten Winkel des Alkoven, und leise -schwirrten von dort her die Töne der Nachtigall zu der Mutter herüber, -und sie staunte und hörte zu und überhörte, daß die Küchentür geöffnet -wurde, und nun auch die Zimmertür. - -»Halb elf,« sprach Pfanner, eintretend, »und du bist noch auf, und wo -ist der Bub?« - - * * * * * - -Er war in schlechter Laune. - -In der Versammlung war ein Antrag, den Pfanner und einige ältere Beamten -eingebracht hatten, abgelehnt worden. Beim gemeinsamen Abendessen hatte -sich dann Obernberger eingefunden, einen Flaschenkorb in der mächtigen -Rechten, und hatte Bordeaux und Champagner mit so guter, bescheidener -Manier serviert, daß selbst der Herr Direktorstellvertreter sich -herbeiließ, ein Gläschen anzunehmen. Nur Pfanner lehnte schroff ab. In -Gift hätte sich ihm ein vom »Schlosser« kredenzter Trunk verwandelt. Bis -zum Überdruß renommierte der wieder mit seinem Pepi und gab die tollen -Streiche des Burschen so stolz und behaglich zum Besten, daß Pfanner -zuletzt nicht mehr an sich halten konnte! - -»Wenn's der meine so treiben tät, der sollt mich kennen lernen.« - -Da waren dann gleich Entschuldigungen Pepis nachgekommen und ein -zärtliches Lob des guten Kerls, der er sei, bei all seinem Übermut, und -was für ein goldenes Herz er habe und -- ein Talent! Die Herren -Professoren zweifelten gar nicht daran, daß er in diesem Jahre Primus -werden würde. - -Primus -- der Sohn des Schlossers! Pfanner hatte plötzlich einen -gallbittern Geschmack im Munde, und das Essen widerstand ihm. Sein Georg -war nur in der ersten Klasse Primus gewesen, in der zweiten zweiter -Vorzugsschüler, und nun in der dritten konnte er's allem Anschein nach -gar nur zum Vierten, dem letzten Vorzugsschüler, bringen. Er hatte ein -»Genügend« gehabt in Griechisch und ein »Befriedigend« in Geometrie. -Wohin kam er, wenn er es von nun an nicht zu lauter Vorzugsklassen -brächte? Wohin überhaupt, wenn er in seinen Leistungen von Jahr zu Jahr -zurückblieb? Pfanner sah alles schon verloren, alle Mühe umsonst -angewendet, alle Opfer umsonst gebracht. Der Sohn würde am Ende auch -nichts andres werden als der Vater, ein armseliger kleiner Beamter. -Dieser Sohn, dem alle Hilfsmittel geboten waren, der nur die Hand nach -ihnen auszustrecken brauchte. Aber es ging ihm zu gut, der Hafer stach -ihn, und er überließ sich seinem Leichtsinn und seiner Faulheit. Von -Erbitterung erfüllt, mit dem Vorsatz, die Zügel schärfer anzuziehen, war -Pfanner nach Hause gekommen. Da fand er seine Frau müßig im Zimmer -sitzend und dem Vogelgesang lauschen, den sein großer Bub, im Alkoven -versteckt, nachahmte. - -»Schämst dich nicht?« fuhr er ihn an, als Georg auf seinen Befehl -hervortrat. »Hast Ehr im Leib oder keine? Was tragst da in der Hand? -Aufmachen die Hand!« - -Der Knabe gehorchte. Der Gedanke, eine Entschuldigung vorzubringen, kam -ihm gar nicht. Pfanner erfuhr alles, und sein Unwillen, seine Entrüstung -kannten keine Grenzen. Dieser Bub! Wirklich ein ungeratener Sohn. Spielt -da, der bald Vierzehnjährige, mit einer Lockpfeife, oder was das ist. -Spielt bei Tag und Nacht, ja, ja -- er besann sich jetzt -- hat noch die -Eltern zum Narren gehalten. Wenn er abends lernen soll, fallen ihm die -Augen zu, spielen kann er bis in die Nacht. »Aber wart nur ... Her mit -dem Quark!« - -Ein fruchtloser Widerstand des Schwächeren, ein rascher Sieg des -Stärkeren, ein Armschwung ... Das Fenster stand offen -- die Nachtigall -flog hinaus. - -Frau Agnes zuckte zusammen. Georg stand mit weit aufgerissenen Augen: - -»Vater, meine einzige Freud!« schrie er auf, und galt es nun, was es -mochte, die härtesten Worte, die grausamsten Schläge, er mußte weinen um -seine »einzige Freud«, weinen, schluchzen, sich auf den Boden werfen und -sich winden in Trostlosigkeit und Verzweiflung. Daß der Vater tobte und -schrie, hörte er nicht, daß der Vater einen Knoten ins Taschentuch -flocht, sah er nicht, daß Hieb auf Hieb auf ihn niedersauste, fühlte er -nicht. Er wußte und fühlte nur, daß er ein armes Kind war, dem immer das -weggenommen wurde, woran sein Herz ihm hing. - -»Aufstehen! Still! Augenblicklich still!« wetterte Pfanner und hatte -nicht das geringste Mitleid mit dem Kinde, das sich endlich vom Boden -erhob und heftige Anstrengungen machte, sein Schluchzen zu unterdrücken. -Vielmehr forderte sein Zorn noch ein Haupt, sich darüber zu ergießen. -Wer trug Schuld an dem frevelhaften Leichtsinn des Buben, wer -unterstützte ihn noch darin? Die Mutter, die verbrecherisch schwache, -törichte Mutter! Wenn aus dem Buben nichts wird, wenn er heranwächst zu -einer Last und sogar Schande der Eltern -- Müßiggang ist aller Laster -Anfang --, wenn er elend untergeht, fällt die Verantwortung dafür auf -ihr Gewissen, und sie wird einst zur Rechenschaft gezogen werden. - -Pfanner verstand es, seine Umgebung stumm zu machen. Es kam kein Laut -über die Lippen seiner Frau. Bis zu einem gewissen Grade hatte sie sich -im Laufe ihrer Ehe an sein maßloses Übertreiben gewöhnt, und jetzt -freute sie sich gar, daß seine Vorwürfe _sie_ trafen. So diente sie -ihrem Jungen eine Zeitlang wenigstens als Schild. - -Der Mann schrie und tobte, und dabei zog er den Rock und die Weste aus -und legte sie sorgfältig auf einen Sessel. Sogar in der Wut gegen seine -nächsten Menschen verfuhr er schonend mit seinen Sachen. Nun entstand -eine Pause, aber nur als Vorbereitung zu einem neuen Schrecknis, zu der -Frage: - -»Sind die Aufgaben gemacht?« - -»Ich werd sie morgen machen,« erwiderte Georg bang und zögernd. »Morgen -ist Sonntag ...« - -»Ja so. Bring die Aufgaben!« Pfanner sah sie durch. »Eine Fabel aus -Deutsch in Latein übersetzen. Griechische Grammatik zu lernen: -Unregelmäßigkeit der Deklination. Geometrie: Drei Aufgaben. Geschichte: -Wiederholung, von den Kreuzzügen bis zu Rudolf von Habsburg. Und von -alledem nichts gemacht? nichts? Das alles soll morgen bewältigt werden?« -Er dekretierte: »Geschichte heute noch wiederholen, aufmerksam -durchlesen. Wenn man am Abend etwas aufmerksam durchliest, weiß man es -am nächsten Morgen wörtlich.« - -»Es sind sechsundzwanzig Seiten,« wagte Georg einzuwenden. - -»Zweiundzwanzig, vier Seiten nehmen die Illustrationen ein.« Er legte -das Buch vor ihn hin: »Setz dich, lern!« - -Der Knabe tat, wie ihm geheißen worden. Gut also, gut, so setzt er sich -denn hin und lernt. Daß er müd und schläfrig ist, was liegt daran, ihm -ist alles recht, er lernt. Wenn er sich nur zu Tode lernen könnte, das -wäre ihm das allerliebste. Wenn er tot wäre, hätte er Ruhe, und seine -Mutter hätte Ruhe, brauchte sich seinetwegen nicht beschimpfen lassen. -So begann er denn zu lesen: »Schon in den ersten Jahrhunderten trieben -Andacht und Glaubensinnigkeit die Christen zu den heiligen Stätten ...« - - * * * * * - -An schönen Sonntagnachmittagen unternahm Pfanner regelmäßig einen -Spaziergang, und Georg durfte ihn begleiten. Ein Vergnügen, auf das die -Mutter längst freiwillig verzichtet hatte, und von dem das Kind -trauriger heimkehrte, als es ausgewandert war. Mit dem Vater spazieren -gehen, bedeutete, an jeder Unterhaltung, jedem Genuß _vorüber_gehen. -Dort drüben, im luftigen Prater, wurde nach der Scheibe geschossen, im -Luftschiff, im mechanischen Ringelspiel gefahren, da gab's -Theateraufführungen, Wachsfigurenkabinetts, eine Damenkapelle, -Zigeunermusik. Und ein Aquarium und ein Panorama und so vieles Schöne -noch, von dem Georgs Mitschüler zu erzählen wußten. Wenn er eine -Anspielung wagte, eine Frage stellte: »Warst du schon einmal im -Wurstelprater? Hast du schon einmal die Zigeuner spielen gehört?« -antwortete der Vater voll Verachtung: Was man im Wurstelprater zu sehen -und zu hören bekäme, sei lauter elendes Zeug, an dem nur ungebildete und -rohe Menschen sich zu ergötzen vermöchten. Im Bogen wich er allem aus, -was seine eigene Neugier hätte reizen können oder gar ihn selbst in -Versuchung bringen, sich einen guten Tag zu machen. Einmal in einem -Jahr, nein -- einmal in vielen Jahren. Er _wollte_ nicht! wollte nicht -ein paar Gulden unnötig ausgeben, die ins Sparkassenbuch des Kindes -gelegt werden könnten. - -Als sie nach Hause kamen, erwartete sie ein gutes, kräftiges Abendessen. - -»Weil heute Sonntag ist,« entschuldigte sich Agnes, da Pfanner ihr -neuerdings Verschwendung vorwarf. - -Es war ein Verdacht in ihm rege geworden, den er nicht aussprach, der -ihn aber quälte, und der entweder getilgt oder gerechtfertigt werden -mußte. Kürzlich hatte er sich um Lebensmittelpreise erkundigt, hatte -gerechnet und herausgebracht, daß die Ausgaben, die sich seine Frau -fortgesetzt erlaubte, unmöglich mit dem ihr zur Verfügung gestellten -Küchengelde bestritten werden konnten. Erarbeitet wollte sie den -Überschuß haben? Lächerlich! Er, der Sohn einer armen Näherin, wußte, -was seine Mutter verdient hatte mit täglich zwölfstündiger emsiger -Arbeit. Ihm ins Gesicht sollte seine Frau, die ihren Haushalt ohne -jegliche Unterstützung bestellte, nicht behaupten, daß sie imstande sei, -sich eine regelmäßige Einnahme zu verschaffen. Womit also bestritt sie -die Mehrauslagen? Pfanner begnügte sich nicht lange mit den -ausweichenden Antworten, die sie ihm gab. Eines Tages stellte er ein -scharfes Verhör an, und sie, in die Enge getrieben, angeekelt von der -erniedrigenden Pein, immer neue Ausflüchte ersinnen zu sollen -- -gestand. - -Ja denn, ja, sie verkaufte, sie versetzte, sie gab ihr Letztes her, -damit das Kind, das in fortwährender geistiger Anspannung lebte, -ordentlich ernährt werde in den Jahren der Entwicklung und des stärksten -Wachsens. - -Pfanner zürnte, höhnte: Was hatte denn er gehabt in diesen selben -Jahren? Wer hatte denn gefragt, wie er sich nährte? Georg wuchs auf wie -ein Hofratssohn im Vergleich zu ihm. Er, zu vierzehn Jahren, hatte sich -sein Brot selbst verdienen müssen, sein Brot im Sinne des Wortes! und -nicht etwa ein frisch gebackenes. Die Entbehrungen hatten ihm sehr gut -angeschlagen, er war immer gesund geblieben. Warum sollte sein Bub -anders geartet sein als er und wie ein Weichling behandelt werden, den -man aufpäppeln muß? - -Agnes beharrte zum ersten Male während ihrer langen Ehe im Widerstand -gegen den Mann. Der Augenblick, den sie so sehr gefürchtet hatte, war -gekommen und fand sie stärker, als sie geglaubt hatte sein zu können. -Ruhig ließ sie die Anklagen Pfanners über sich ergehen, und indes er ihr -vorwarf, ihn hintergangen zu haben, grübelte sie nach über eine -Möglichkeit, ihn noch weiter zu hintergehen. Es mußte sein, um des -Kindes willen. - -So widerstandsfähig, wie sein Vater gewesen, war eben der blasse, -hochaufgeschossene Junge nicht, der jetzt mit einem: »Guten Abend, Vater -und Mutter!« eintrat und schweratmend an der Tür stehen blieb, als ob -die gewitterschwüle Atmosphäre, die im Zimmer herrschte, ihm auf die -Brust gefallen wäre. - - * * * * * - -Einige Tage später feierte Georg seinen vierzehnten Geburtstag. Er hatte -zwei Vorzugsnoten aus der Schule mitgebracht. Mit feierlichem Ernst und -mit der Mahnung, das kostbare Geschenk zu schonen, übergab ihm sein -Vater einen neuen Sommeranzug, eine hübsche Mütze und ein Paar solide -Halbschuhe. Am Nachmittag blieb Pfanner länger als gewöhnlich am Tische -sitzen und sprach, nachdem Frau Agnes das Zimmer verlassen hatte, -eingehender und zutraulicher mit Georg, als sonst seine Art war. - -Er wußte wohl, die Mutter nannte ihn grausam, und fand, daß er zu viel -verlange von seinem Sohne. Wenn es nach ihr ginge, würde der jetzt -freilich gute Tage haben, die Schule Schule sein lassen und nur tun, was -ihm gefiele. Aber dann? Wie würde die Zukunft aussehen nach einer -vertrödelten Jugend? Und ist die Zukunft nicht die Hauptsache? -Ausgerüstet mit der Macht des Wissens soll Georg der seinen -entgegengehen. Ohne Mühe freilich ist Wissen nicht zu erringen. Will er -der Feigling sein, der vor der Mühe flieht, oder der Held, der sie -aufsucht, mit ihr ringt, sie überwindet? Es gibt keinen Sieg außer -diesem ersten. Ohne ihn ist kein hohes Ziel zu erreichen. - -»Das deine soll ein hohes sein!« rief Pfanner aus. »Du bist nun kein -Kind mehr, und ich kann dir sagen, das Ziel, das du dir stecken sollst, -ist, ein Staatsmann zu werden. Einer, der mit überlegenem Geiste und mit -starker Hand die Teufel der Zwietracht, die unsre Heimat zerreißen, -bezwingt, das große Wort: 'Gleiches Recht für alle' von den Lippen in -die Herzen verpflanzt und es zur Tat, und uns einig, groß und glücklich -macht. Denk dir, ein Mann sein, der das vermöchte! Er würde der Retter, -der Erlöser, der Abgott seines Volkes.« - -Georg hörte ihm voll Bewunderung zu. Daß sein Vater mit ihm redete wie -mit einem Ebenbürtigen, machte ihn unendlich stolz. Der Glaube an sich -selbst, der ins Schwanken gekommen war, erwachte wieder. »Ein -ordentlicher Mensch sein, ist viel, und der mittelmäßig Begabte mag sich -damit begnügen,« hatte der Vater unter anderm gesagt, »ein -außerordentlich Begabter ist sich selbst und den andern schuldig, ein -großer Mensch zu werden. Bei ihm kommt es nur auf den Willen an, auf -den unerschütterlichen Entschluß ...« - -Er konnte nicht einschlafen an diesem Abend. Die Zukunftsbilder, die -sein Vater entworfen hatte, standen zu lebhaft vor ihm. Von der -Tätigkeit eines Staatsmannes machte er sich allerdings keinen rechten -Begriff, sah sich vorerst auf der Rednerbühne, einer Versammlung -gegenüber, die ihn mit höhnenden Zurufen empfing; Feindseligkeit blickte -aus aller Augen, in jedem Gesicht stand ein: Nein! geschrieben. Und er -begann zu sprechen, und allmählich verstummten die Zurufe, und von den -Gesichtern verschwand der mißgünstige Ausdruck, Teilnahme und Zustimmung -wurden rege und begannen sich zu äußern, vereinzelt erst, dann immer -häufiger, endlich völlig einstimmig. Er hatte seine Zuhörer hingerissen -durch die Gewalt seines Wortes. Und alle, vom Ersten bis zum Letzten, -sahen den Führer in ihm und folgten ihm willig und entzückt; denn sie -wußten, was er wollte, war das Gute, das Weise, und der Weg, den er sie -führte, war der Weg zu ihrem Heile. - -Auf seinen nächsten Gängen zur Schule blieb er nicht mehr bei Salomon -stehen. Er dankte für die freundlichen Winke und Verbeugungen des -Hausierers nur mit einem kurzen Grußwort. Einmal hielt er sich aber doch -bei ihm auf. Salomon hatte ihn gar zu inständig flehend angesehen und -fragte gar zu trübselig: - -»Habe ich Ihnen was getan, junger Herr, sind Sie böse auf mich?« - -»Was dir einfällt,« erwiderte Georg, »was werd ich denn bös auf dich -sein.« - -Es kam Salomon halt so vor. Vielleicht hatte die Nachtigall sich doch -nicht bewährt, hineinschauen kann man ja nicht, und vielleicht wünschte -der junge Herr eine andre. Salomon war bereit, ihm eine andre zu geben -um den halben Preis. - -»Eine andre um den halben Preis,« erwiderte Georg. Gewaltig trat die -Versuchung an ihn, den lockenden Antrag anzunehmen. Aber er bestand, er -siegte in seinem kurzen Seelenkampf. - -»Nein, nein, ich brauch keine Nachtigall mehr, ich will keine!« rief er. -»Ich bin jetzt vierzehn Jahre alt, und es gehört sich für mich nicht -mehr zu spielen. Ich muß lernen, ich muß trachten, Vorzugsschüler zu -bleiben, ich darf keinen andern Gedanken haben als lernen.« - -Diesen Vorsatz führte er aus. - - * * * * * - -Es kamen Tage, an denen sein Fleiß an Raserei grenzte. Sie verflossen -und ließen eine schauderhafte Erschöpfung zurück. Niemandem, nicht -einmal seiner Mutter, vertraute er, was um diese Zeit in ihm vorging. -»Ich werd noch närrisch,« dachte er. »In meinem Kopf ist kein Blut und -kein Hirn; in meinem Kopf ist es weiß und leer. Das Lernen hat alles -aufgefressen und muß jetzt auch aufhören, weil es nichts mehr zu fressen -findet.« Das ist ganz natürlich und ganz albern und ein peinigender -Zustand, aus dem sich aufzuraffen unmöglich ist ... - -Wie im Halbschlaf saß er bei seinen Büchern, und eben in dieser Zeit -ließ Pepi sich herab, einer Anwandlung des Fleißes nachzugeben, und kam -ihm nach, kam ihm vor in großen Sprüngen. Aus jedem Gegenstand, in dem -er aufgerufen wurde, erhielt er eine Vorzugsklasse. - -Und wieder fragte ihn Georg: »Wie machst du's, daß du immer weißt? Sag -mir's, wie du's machst?« - -Pepi steckte die Hände in die Taschen und warf die Beine, als ob er sie -von sich schleudern wollte: - -»Zu langweilig!... Dumme Fragerei!« ... In abgebrochenen Sätzen nur -geruhte er zu antworten. Sein Alter gab klein bei, weil er ihm gedroht -hatte, sich zu erschießen. So tat er ihm denn auch etwas zulieb und -legte seinem Genie keinen Kappzaum mehr an: »Und jetzt mach ich ihm halt -die Freud und werd Primus.« - -»Ja, ja, wenn's geht!« - -»Wenn's geht?« - -»Gar gewiß ist's doch nicht. Es ist noch der Rott da und der Bingler.« - -»Ich werd Primus,« wiederholte Pepi voll Aufgeblasenheit. »Alles geht -und wird, wie ich's haben will -- grad so!« - -»Wie du's haben willst?« - -»Grad so. Das kannst du nicht begreifen. Du freilich nicht, du armer -Büffler. Weil du nur ein Büffler bist, kannst du's nicht begreifen. Du -möchtest nur; ich kann, was ich mag.« - -Georg warf sich in die Brust: »Und ich auch,« wollte er antworten; doch -brach ihm die Stimme ... - -Ihm war, als ob der Boden sich aufrisse und zwischen ihm und dem -gottbegnadeten Kameraden ein unüberbrückbarer Abgrund gähne. Drüben, -mitten in fruchtbaren Gefilden, in denen alles grünte und blühte, stand -Pepi, und wohin sein Fuß trat, entsprang ein Quell, und was seine Hand -berührte, wurde zur herrlichen Frucht. Und er hüben, auf kargem, -steinigem Boden, der widerstrebend nur und ungern sich den schattigen -Zweig, den nährenden Halm entringen ließ. - -Warum die schreiende Ungerechtigkeit, warum dem andern alles und ihm so -bettelhaft wenig? - -Pepi beobachtete seinen stillen Kampf und verzog höhnisch den Mund. -»Büffler!« sprach er. »Büffeln kommt von Büffel, und Büffel gehören zu -der Gruppe der Rinder.« - -Da ergriff wilder Zorn den sanftmütigen Georg. Er sprang auf Pepi zu und -packte ihn an der Gurgel. - -Der unerwartet Angefallene brüllte und wehrte sich mit Händen und Füßen, -und bald waren die beiden umringt von einer johlenden Schar, die sich an -dem Zweikampf beteiligte, fast durchweg zugunsten Georgs. Den -vielbeneideten, vielgehaßten Pepi einmal gänzlich überwunden abziehen zu -sehen, gewährte jedem einzelnen einen köstlichen Genuß. Jämmerlich -zugerichtet, in zerfetzten Kleidern, verließ er den Plan. Das begab sich -unweit der Schule, und an der Straßenecke war Salomon gestanden und -hatte der Schlacht mit gespannter Teilnahme zugesehen. Er begleitete -Georg mit Glückwünschen und Heilrufen; der aber winkte traurig ab. Er -hatte etwas getan, was seinem ganzen Wesen widersprach, schämte sich -seines Erfolges und betrachtete mit Entsetzen seinen neuen Rock, an dem -die Spuren der Schlägerei zu sehen waren. Nun begann er zu rennen, um -früher als der Vater heimzukommen. In Schweiß gebadet betrat er die -Küche, legte das Ohr an das Schloß der Zimmertür und horchte. Alles -still, nur die Nähmaschine schnurrte, die Mutter war allein. O, Gott sei -Lob und Dank! Hastig trat er ein und sprudelte die Geschichte seines -jüngsten Erlebnisses heraus: - -»Und jetzt flick mir den Rock, Mutter, flick mir den Rock!« - - * * * * * - -Das Abendessen wurde schweigend eingenommen. Eine dumpfe Verstimmung -herrschte im Hause. Pfanner schmollte noch immer mit seiner Frau. Er -hatte die Scheine über alle von ihr versetzten Gegenstände an sich -genommen, um sie nach und nach einzulösen. Gott weiß, unter welchen -Bitternissen. Jeder Gulden, den er ins Versatzamt trug, war ein Raub am -Sparkassenbuch seines Sohnes; an diesem künftigen Vermögen, aus dem die -Kosten der Rigorosen und des Freiwilligenjahres bestritten werden -sollten. Es gab Augenblicke, in denen er sie haßte, die Schuld an dem -Raube trug. Ihn gutzumachen, lag nicht in ihrer Macht, in der seinen -aber lag, sie büßen und leiden zu machen. Tag für Tag wiederholte sich -dieselbe Tortur. Tag für Tag verlangte er die Hausrechnung zu sehen, -ging jeden einzelnen Posten durch, bemängelte jeden. Mit raffinierter -Kunst erniedrigte er die Mutter in Gegenwart des Kindes durch sein zur -Schau getragenes Mißtrauen. - -»Wer einmal betrogen hat, gleichviel in welcher Absicht, betrügt wieder! -man muß sich vor ihm in acht nehmen.« - -Gepeinigt sah Georg zu ihr hinüber und warf ihr hinter dem Rücken des -Vaters Küsse zu. Um seinetwillen wurde sie beschämt, er war der -unschuldige Urheber ihrer Qual. Und sie, alles erratend, was in ihm -vorging, bezwang sich, bemühte sich, gelassen und standhaft zu bleiben -bei den Kränkungen, die sie erfuhr. Der Mann hielt für Unempfindlichkeit, -was höchster Heldenmut war, und verschärfte die Lauge in den Ausdrücken -seiner Geringschätzung. Wie immer war es auch heute gegangen und Agnes -kaum noch imstande, ihre Selbstbeherrschung zu bewahren, als ein -heftiger Riß an der Glocke sie erschreckte. Sie schrie auf; auch Georg -erschrak. Es war etwas so völlig Ungewohntes, daß um diese Zeit jemand -Einlaß bei ihnen begehrte. - -»Nervös, wie die elektrisierten Frösch,« brummte Pfanner. »Habt ihr in -eurem Leben noch nicht läuten gehört? Sieh nach, wer's ist,« befahl er -der Frau. - -Sie zündete rasch eine Kerze an und eilte in die Küche. Schon wurde ein -zweites Mal geschellt, noch ungeduldiger, noch heftiger als früher. Als -Agnes öffnete, stand ein großer, breitschultriger, fein gekleideter Mann -da und fragte: - -»Ist Herr Offizial Pfanner zu Hause?« - -Wer konnte das sein? Vielleicht ein Vorgesetzter, der Herr Inspektor -oder gar der Herr Oberinspektor? - -»Ja, er ist zu Hause,« sagte sie, »belieben einzutreten.« - -Ohne Gruß ging er an ihr vorbei; er hielt sie offenbar für die Magd, und -ihr war der Irrtum recht. Sie hätte in ihrem grauen, ausgewaschenen -Percailkleide, in ihren geflickten Schuhen einem Vorgesetzten gegenüber -nicht für die Frau eines k. k. Beamten gelten mögen. Höflich stieß sie -die Zimmertür vor dem Fremden auf, trat in die Küche zurück und hörte -nur noch ihren Mann in durchaus nicht respektvollem Tone sagen: - -»Herr Obernberger? Was verschafft mir das Vergnügen?« - -Obernberger schloß die Tür hinter sich, die Magd sollte das Gespräch -zwischen ihm und Pfanner nicht mit anhören. - -»Vergnügen werden Sie von meinem Besuch nicht haben,« erwiderte er in -erregtem Tone, »ich komme, um mich zu beklagen.« - -Hoho! Das konnte unangenehm werden. Pfanner hatte ein böses Gewissen. -War eine der wegwerfenden Reden, die er über Obernberger zu führen -pflegte, dem »Schlosser« hinterbracht worden? Vielleicht auch einem der -Vorgesetzten, bei denen der Meister in hohem Ansehen stand? Verfluchte -Geschichte! Pfanner verbarg seine Bestürzung hinter einem besonders -borstigen Wesen: »Nur heraus mit der Sprache, genieren Sie sich nicht. -Ich kann was vertragen,« sagte er. - -Georg war aufgesprungen und hatte einen Sessel herbeigeholt. Obernberger -nahm Platz. Er betrachtete den Knaben, der mit gesenkten Augen und -krampfhaft verschlungenen Fingern vor ihm stehen blieb, streng und -prüfend: - -»Herr Obernberger! Herr Obernberger!« sprach Georg leise und -flehentlich. - -O, wenn er früher an Herrn Obernberger gedacht hätte, er würde seinen -Sohn nicht geprügelt haben. Herr Obernberger war immer so gütig mit -ihm, wenn er ihn traf, und neulich, als er im Wagen gekommen war, den -Pepi aus der Schule abzuholen, hatte er Georg eingeladen, mitzufahren. -Eine Seligkeit wäre es gewesen, der Einladung zu folgen, aber er wagte -es nicht. Der Vater hätte gewiß gesagt: »Hast vergessen, daß du keine -Gnaden annehmen sollst?« - -Je länger Obernberger seine Augen auf Georg ruhen ließ, je milder wurde -ihr Ausdruck, und jetzt redete er ihn an: »Wissen Sie, daß ich schon auf -dem Wege zum Herrn Direktor war, um mich über Sie zu beklagen? Ich mag -Ihnen aber doch Ihre gute Note in Sitten nicht verderben und will mich -mit einer häuslichen Züchtigung begnügen, die Ihnen Ihr Vater sicher -erteilen wird, wenn er hört, was vorgefallen ist. Herr Offizial,« -wendete er sich an Pfanner, »Georg hat heute nach der Schule meinen Sohn -angefallen und ihn gewürgt, und andre haben sich hineingemischt, und -mein Pepi ist mir nach Hause gekommen, ganz zerrissen, und das rechte -Auge so blau und geschwollen, daß er ein paar Tage hindurch weder lesen -noch schreiben kann. Und das ist geschehen ohne den geringsten Grund.« - -»Ohne den geringsten Grund?« wiederholte Pfanner, hob sich halb von -seinem Sitz, und es war, als ob er auf den Sohn losspringen wollte. - -»Nicht ohne Grund,« hauchte Georg mehr als er sprach. »Er hat mir -gesagt, daß ich ein Büffler bin. Büffeln kommt von Büffel, und Büffel -gehören zu der Gruppe der Rinder, hat er gesagt.« - -Pfanner schwieg und saß wieder gerade auf seinem Sessel. Obernberger war -betroffen. - -»Ist das wahr?« fragte er, und Georg beteuerte: - -»Es ist wahr.« - -»Hinaus!« rief Pfanner ihm plötzlich zu und wies mit ausgestrecktem Arm -nach der Küchentür. - -Draußen stand die Mutter neben dem Herde und zitterte an allen Gliedern -und fragte sich, was für ein neues Unheil über ihren Georg -hereingebrochen sein möchte. Er lief auf sie zu, war bleich wie Wachs, -und grünliche Schatten zogen sich längs der Nase zu den Mundwinkeln -herab: »Mutter, Mutter!« preßte er hervor, »was wird jetzt mit mir -geschehen?« - - * * * * * - -In der Stube jedoch begab sich das Unerhörte. Pfanner entschuldigte -seinen Sohn. Der Junge war schüchtern von Natur und nur zu sanft für -einen Buben. Wenn er einmal losgeschlagen hatte, mußte er arg provoziert -worden sein. Er sei auch absolut wahrhaft, versicherte der Vater, der -ihn noch nie auf einer Lüge ertappt hatte. - -»Können Sie das von Ihrem Pepi auch sagen?« fragte Pfanner und setzte -die gewisse, militärische Miene auf, die er sich angeeignet hatte, als -er einst, nach wenigen Monaten seiner Dienstzeit, zum Korporal befördert -worden war. - -Der gutmütige Obernberger stand immer noch unter dem Eindruck, den die -Todesangst auf dem Gesichte Georgs auf ihn gemacht hatte. Der große, -breite Mensch schmolz in der Nähe des kleinen, hitzigen Pfanner -ordentlich zusammen. Ein gewaltiger Schneemann in der Nähe eines -Häufleins glühender Kohlen. Er hatte keine Ursache, sich auf die -Wahrheitsliebe seines Pepi zu verlassen, und weil er das nicht -eingestehen wollte, schwieg er. - -»Fragen Sie Ihren Pepi aufs Gewissen, ob mein Sohn ihn wirklich ohne -Grund geschlagen hat,« sprach Pfanner. »Aug in Aug mit dem Buben, in -unsrer Gegenwart soll er es ihm wiederholen. Tut er das, dann lade ich -Sie zu einer Exekution ein, wie sie bei uns noch nicht stattgefunden -hat, obwohl _ich_ bei meinem Buben die Prügel nicht spare.« - -Bei dieser Abmachung blieb es. Herr Obernberger, der als Richter -gekommen war, verließ die Wohnung des Offizials mit dem Gefühl, eine -Niederlage erlitten zu haben. Er achtete nicht auf die zwei, die sich -tief verneigten, als er die Küche durchschritt. Georg lief ihm voran, -öffnete mit demütiger Beflissenheit die Tür und murmelte: - -»Verzeihen Sie mir, Herr Obernberger, verzeihen Sie mir,« so leise, mit -so von Scheu und Tränen erstickter Stimme, daß der in unangenehme -Gedanken versunkene Fabriksherr nichts davon hörte. - -Als Agnes und Georg das Zimmer wieder betraten, hatte Pfanner einen -großen, mit Zahlen bedeckten Bogen vor sich liegen, den er mit äußerster -Aufmerksamkeit durchsah. Georg holte seine Hefte herbei und machte sich -an seine Arbeit. Eine halbe Stunde verging, ehe der Vater seinen Sohn -ansprach, und dann -- o Wunder! geschah es nicht einmal in -unfreundlicher Weise. Er überzeugte sich, daß Georg beinahe fertig war -mit seinen Aufgaben: - -»Bist du aus Geschichte schon aufgerufen worden?« fragte er. - -»Noch nicht.« - -»Merkwürdig. So spät?« - -»Vielleicht morgen. Wir haben morgen Geschichte.« - -»Nun, da kriegst du doch eine Vorzugsklasse?« - -»Ich weiß nicht, vielleicht.« - -»Du!« schrie der Vater ihn an. »Weißt du, was das heißt, wenn du keine -Vorzugsklasse kriegst? Weißt du, was ein 'Genügend' dich kostet?« - -»Ich weiß es,« erwiderte Georg tonlos. - -»Den Vorzugsschüler kostet's dich, fauler Bub!« - -»Ich bin nicht faul, Vater.« - -Der Vater hob namenlos erstaunt den Kopf. Sein friedfertiger Junge war -heute der Held einer Prügelei gewesen, und jetzt vermaß er sich, ihm zu -widersprechen. Was war vorgegangen? War in dem Jungen der Mann erwacht? -Sollte er am Ende noch so schneidig werden, wie er sich ihn immer -gewünscht? - -Frau Agnes hatte ihre Hand auf den Arm des Sohnes gelegt, als er dem -Vater widersprochen: »Um Gottes willen, Schorsch!« - -»Still,« herrschte Pfanner sie an, »laß ihn reden. Ich bin nicht faul, -behauptet er. Also red, 's ist erlaubt, 's ist befohlen,« drang er in -ihn. - -»Ich lern den ganzen Tag,« sagte Georg. »Ich kann nicht mehr lernen als -ich lern, ich weiß nicht, was ich anfangen soll, damit du zufrieden -bist.« Die Tollkühnheit der Verzweiflung kam über ihn, und er wagte -hinzuzusetzen: »Andre Eltern sind schon zufrieden, wenn ihre Kinder -'Genügend' bekommen, und ich soll lauter 'Vorzüglich' und 'Lobenswert' -haben ... Und ich soll mich schinden ... Und ich ...« Er konnte nicht -weiter reden, rang die Hände, schlug mit der Stirn auf den Tisch und -wand sich in einem Schmerze, über den der Vater selbst erschrak. Zum -erstenmal im Leben fühlte er sich ratlos dem Kinde gegenüber. - -»Ich hab schon ein 'Genügend' in Griechisch!« schrie Georg in -pfeifenden, gequetschten Tönen. »Wenn ich noch ein 'Genügend' bekomme, -bin ich kein Vorzugsschüler mehr. Und ich bekomm gewiß noch ein -'Genügend' ...« - -Das war zu viel. Die Worte machten der Langmut Pfanners ein Ende. Alles -in ihm, das ein bißchen weich zu werden begonnen hatte, erstarrte -wieder: - -Kein Vorzugsschüler mehr! Dieser Bub, der die Fähigkeit besaß, einen -Platz unter den Ausgezeichneten zu behaupten, wollte durch die Schule -kriechen mit dem großen Heer der Mittelmäßigen? Pfui über den Buben! - -»Du bleibst Vorzugsschüler, oder ich geb dich zu einem Schuster in die -Lehr.« - -»Tu's, Vater, tu's! Aber warum grad zu einem Schuster!« erwiderte Georg -außer sich. »Du kannst mich auch zu Herrn Obernberger geben, und ich -werd ein Kunstschlosser ... Oder auch mit Musik kann ich mein Brot -verdienen ...« - -»Georg, Georg, um Gottes willen!« wiederholte die Mutter. Sie sah ihren -Mann fahl werden vor Wut, sah seine Fäuste sich ballen: - -»Musik? gut, gut! Ich kauf dir einen Leierkasten, kannst in den Häusern -orgeln und auf die Kreuzer warten, die sie dir aus den Fenstern -werfen.« - -Georg preßte das Kinn auf die Brust und starrte zu Boden. - -Pfanner sprang auf und führte einen schweren Schlag auf den Nacken des -Kindes: »Kein Wort mehr! Und -- das merke, komm mir nicht noch einmal -mit einer schlechten Note nach Hause. Untersteh dich nicht!« - -»Nein, nein,« murmelte Georg. Er war jetzt ganz furchtlos. Um so besser, -wenn er nicht mehr nach Hause zu kommen braucht. Der Vater wird sich -nicht mehr über ihn ärgern, und die Mutter nicht mehr quälen um -seinetwillen. Wäre er doch nicht auf die Welt gekommen ... -- oder wäre -er schon draußen -- wäre er tot! - -Am nächsten Morgen war der Vater von einer furchtbar dräuenden -Schweigsamkeit. Die dunkeln Ringe unter seinen geröteten Augen, bei ihm -das sicherste Zeichen einer schlaflos durchwachten Nacht, gaben ihm das -Aussehen eines Kranken. Er frühstückte hastig, nahm seine Schriften -unter den Arm, setzte den Hut auf und verließ das Zimmer, ohne den Gruß -seiner Frau und seines Sohnes zu erwidern. Man hörte ihn die Küchentür -zuschlagen, daß sie dröhnte. - -Georg ordnete die Hefte und Bücher in seiner Schultasche, war fertig, -nahm Stück auf Stück wieder heraus, ordnete alles von neuem, langsam und -bedächtig. Die Mutter mahnte zur Eile. Er ließ plötzlich alles liegen -und stehen und warf sich ihr in die Arme, und sie drückte ihn an ihr -Herz. Sie sprachen nicht, es kam keine Anklage über ihre Lippen, aber -glühend brannte sie in ihren Herzen. Wie glücklich könnten sie sein, -sie zwei, wie glückselig, wenn der Ehrgeiz des Vaters nicht wäre, der -blinde, törichte, der vom Apfelbäumchen, das ihm Gott in seinen Garten -gepflanzt, die Triebkraft der Eiche verlangte. - -Dreimal schon hatte Georg Lebewohl gesagt und brachte sich noch immer -nicht fort. - -»Du kommst zu spät, Schorschi,« sagte Frau Agnes. »Lauf jetzt, lauf! Und -sei nicht so traurig,« fügte sie hinzu und strich ihm über die Wangen. - -»Du bist selbst traurig,« antwortete er. - -»Ach -- das vergeht, bei der Arbeit vergeht's.« - -»Also adieu,« sagte er und schritt resolut der Tür zu, und über die -Treppe hinab bis zum ersten Stockwerk. Dort blieb er stehen, besann -sich, kehrte plötzlich um und stürmte in raschen Sätzen wieder zurück, -und wie er oben ankam, sah er die Mutter vor der Wohnungstür stehen, auf -derselben Stelle, bis zu der sie ihn begleitet hatte. - -»Was gibt's?« fragte sie wie aus dem Schlaf auffahrend, warf den Kopf -zurück und bemühte sich, eine strenge Miene anzunehmen. »Hast was -vergessen?« - -»Ich hab dir ja nicht ordentlich Adieu gesagt,« und er fiel ihr um den -Hals und küßte sie mit stürmischer Zärtlichkeit. - - * * * * * - -In der Schule kam er zu spät. Der erste Vortrag hatte schon vor einer -Viertelstunde begonnen, als er eintrat und sich auf seinen Platz setzte. - -»Wo steckst denn?« raunte der Nachbar ihm zu. »Du bist aufgerufen worden -und warst nicht da.« - -»Unglück, Unglück,« murmelte Georg und gab sich alle erdenkliche Mühe, -aufmerksam zuzuhören. In seinem Kopfe ging es sonderbar zu. Es summte -und hämmerte darin, und der Stimme, die vom Katheder zu ihm herübertönte --- sonst eine laute, kraftvolle Stimme --, fehlte der Klang. Die Worte, -die sie sprach, waren nicht artikuliert, flossen ineinander wie Wellen -... Noch etwas Sonderbares! der breite Saal schien sich zu verlängern -ins Unglaubliche. Es war kein Saal mehr, es war ein langer Gang, von -merkwürdig kaltem, weißem Licht erfüllt, und ganz weit am Ende stand ein -schwarzer Strich auf einem Piedestal. Georg mußte mit Gewalt alle seine -Denkkraft zusammen nehmen, um sich klar zu machen: das ist der Herr -Professor, der einen Vortrag hält. - -Er schloß die Augen, lehnte sich zurück und dachte: Ich werde heute -nicht lernen können. Nach einer Weile aber wurde es besser, er vermochte -sich aus dem unheimlich traumhaften Zustand, in den er geraten war, -heraus zu reißen. Der zweite Vortrag hatte begonnen. Der jetzt sprach, -war ein sehr beliebter, von der ganzen Schule verehrter Lehrer, der -Professor der Geschichte. Er hatte einen sonst kaum mittelmäßigen -Schüler aufgerufen, und der bestand mit Ehren. Georg folgte. Ach! wenn -er auch so viel Glück hätte wie sein Vorgänger. Es schien beinahe. Der -Professor prüfte aus dem unlängst von Georg Wiederholten und sagte: - -»Gut, bis auf zwei Jahreszahlen. Sie bekommen 'Lobenswert'. Ich möchte -Ihnen aber gern 'Vorzüglich' geben können und stelle deshalb noch einige -Fragen. Nennen Sie mir alle deutschen Kaiser bis zu Rudolf dem Ersten.« - -Das war keine sehr schwere Frage. Voll Zuversicht begann er sie zu -beantworten und gelangte glorreich bis zu Otto *III.* Da verriet ihn -sein Gedächtnis -- er ließ den gelehrten und frommen Kaiser ein hohes -Alter erreichen und Heinrich *II.* den ersten Salier sein. - -Der Professor zuckte bedauernd die Achseln und unterbrach ihn: »Das geht -nicht gut. -- Etwas andres! Erzählen Sie mir die Geschichte von -Konradin.« - -O -- die wußte er! die hatte er seiner Mutter erzählt; so rührend, daß -sie dabei weinen mußte. Konradin war ja -- nun ja -- war ja König Enzio -... Oder nein, richtig -- Enzio war Konradin ... - -Ein kaum unterdrücktes boshaftes Kichern erhob sich, der Pepi lachte ihn -aus. Die Augen des Professors hefteten sich fest auf ihn. Er verstand, -daß diese guten, wohlwollenden Augen ganz besorgt fragten: »Sind Sie bei -Trost?« - -Er hätte schreien mögen: »Nein! ganz verwirrt und konfus bin ich!« - -»Sie tun mir leid,« sprach der Professor, »aber -- sagen Sie selbst -- -welche Klasse haben Sie verdient?« - -Georg flüsterte etwas völlig Unverständliches. Dem Lehrer schien, es sei -ein Dank gewesen. Der Junge wußte heute nichts, erriet aber viel, erriet -das innige Mitleid, das er seinem Lehrer einflößte. - -Ehe der dritte Vortrag begann, verließ er die Schule und ging langsam -die Straße hinab. Es war ein Frühlingstag mit sommerlichem Sonnenschein, -der Himmel wolkenlos, die Luft noch frei von Staub und Dunst. Georg -schritt mit weit aufgerissenen, verglasten Augen zwischen den Menschen -dahin, die sich in der Hauptverkehrsstraße der Vorstadt drängten. Einem -oder dem andern fiel auf, wie sonderbar »verloren« er aussah. Keiner -hatte Lust und Zeit, ihn zu fragen, was ihm sei. Ein Tischlerjunge nur, -der einen Handwagen schleppte, und an den er angestoßen war, rief ihm -zu: - -»Hüo! wo hast dein Schädel? Anbaut mit samt der Mitzen?« - -Unwillkürlich griff Georg nach seinem Kopfe. Er war barhaupt, hatte -seine Mütze in der Schule gelassen, und auch seine Lernsachen. Daran lag -aber nichts. Ihn würde niemand nach ihnen fragen. Er konnte ja nicht -mehr heim. »Komm mir nicht nach Hause mit einer schlechten Note!« Diese -Worte dröhnten unablässig an sein Ohr. Jetzt mußte er sie bekommen, die -schlechte Note, die erste, wirklich schlechte. Was würde der Vater jetzt -mit ihm tun? Und wie würde die Mutter sich kränken ... Nein, nein, Vater -und Mutter, er wagt es nicht, er kommt nicht mehr zurück, er geht, wohin -schon mancher unglückliche Schüler gegangen ist: in die Donau. Und -dieser eine Gedanke, je länger er ihn vor sich sah, als das -Unabwendbare, Einzige, je mehr befreundete er sich mit ihm. Dieser -Gedanke mit dem dunklen Kerne hatte eine blendende Atmosphäre und fing -an, eine große Helligkeit zu verbreiten. Er gestaltete sich jetzt so: -»Ich _muß_ in die Donau, ich will aber auch, und gern. Wie gut ist es, -tot zu sein, nicht mehr hören müssen: Lern! Wie gut auch, wenn es keinen -Zwiespalt mehr zwischen den Eltern gibt. Aber du begehst einen -Selbstmord,« fuhr es ihm durch den Sinn, »und ein Selbstmord ist eine -Todsünde.« Ihn schauderte. »Lieber Gott! Allgütiger!« stöhnte er und -blickte flehend zum Himmel empor. »Rechne mir meinen Tod nicht als Sünde -an! Ich will keine Sünde begehen, ich will sterben für den Frieden -meiner Eltern. Mein Tod ist ein Opfertod.« - -Ein Opfertod! - -An dieses Wort klammerte er sich; es brachte ihm Trost. Er verwandelte -die Tat der Verzweiflung in eine Heldentat und schwerste Schuld in ein -Märtyrertum. Es ging auf vor dem armen, irrenden, suchenden Kinde wie -ein Stern in der Nacht. Keine Erwägung, keine Überlegung, kein Zweifel -mehr, nicht die geringste Fähigkeit, sich etwas andres vorzustellen, nur -die rasende, unbezwingliche Sehnsucht, Erlösung zu erfahren und Erlösung -zu bringen. - - * * * * * - -Er war am Ende der Straße angelangt, bog in die Seitengasse ein, die auf -den Kai mündete. Bleierne Müdigkeit lag ihm in den Gliedern, sein Kopf -brannte und schmerzte bis zur Bewußtlosigkeit. Die Donau, die ist ein -kühles, weiches Bett, da findet man Ruhe und Labung. Nur sie erreichen, -nur bis zu ihr hinkommen! Eine dumpfe Angst: »sie mißgönnen mir die -Erlösung, sind hinter mir, verfolgen mich,« jagte ihn vorwärts. Er -begann zu laufen, und dabei schien ihm, daß er immer auf demselben Fleck -bliebe. Das war fürchterlich, noch einmal einen so argen Kampf mit dem -Unüberwindlichen kämpfen zu müssen. - -»Wohin? Was sind Sie so eilig?« sprach eine wohlbekannte Stimme ihn an. -Der Hausierer stand vor ihm. - -»Du?« sagte er, »du Salomon?« - -Ein wenig Zeit nahm er sich zum Abschied von dem Armen. Auch der war -elend, dem es Seligkeit gewesen wäre, in der Schule zu sitzen, aus der -Georg entflohen war, und der auf und ab wandeln mußte vom frühen Morgen -bis in die späte Nacht in Staub und Sonnenbrand, und sah so krank aus, -und seine schmächtige Gestalt war schon ganz schief vom Tragen des -schweren Warenkastens. Ja, ja, wem zu Schweres auferlegt wird, der -verkrüppelt. Armer Salomon, den der Wachmann aufscheucht und einzuführen -droht, wenn er ganz erschöpft einige Augenblicke auf einer Bank ausruhen -möchte. Fort, fort auf müden Füßen in den ausgetretenen, geplatzten -Stiefeln ... Georgs Blick glitt über sie hinweg, und plötzlich beugte er -sich, zog rasch seine neuen Halbschuhe aus und legte sie auf den -Warenkasten. - -»Nimm sie, ich brauche sie nicht mehr,« sprach er und -- lachte. Ja, -wahrhaftig, Salomon schwor später darauf, daß er gelacht habe, und wie -unaussprechlich schmerzvoll dieses Lachen geklungen, kam ihm erst später -zum Bewußtsein, nachdem alles vorüber war. Zuerst in seiner freudigen -Verblüffung hatte er nur Augen für die schönen, guten Schuhe, die ihm -wie aus dem Füllhorn des Glückes zugefallen waren. Als er sich besann, -daß Georg seine Schuhe gar nicht verschenken dürfe, und wohl nur einen -Spaß mit ihm gemacht habe und er sich umsah und rief: »Junger Herr! -junger Herr!« -- drang schon lautes, vielstimmiges Geschrei an sein Ohr: -»Im Wasser!« -- »Hineingesprungen!« -- »Hilfe! Hilfe!« Von allen Seiten -stürzten sie herbei, rannten, krochen die steile Böschung hinab, standen -mit vorgestreckten Hälsen, Entsetzen oder stumpfsinnige oder -abscheuliche Neugier in den Gesichtern, und deuteten: »Da! dort! Siehst -ihn?« - -Anstalten zur Rettung wurden getroffen -- vergebliche. Eine -Stromschnelle hatte den schwimmenden Körper erfaßt und häuptlings an -einen Brückenpfeiler geschleudert. - -Mit gellenden Wehrufen drängte sich Salomon durch die Menge zum Ufer -hin. Die Schuhe hatte er von sich geworfen, streute seine Waren im Laufe -achtlos aus ... Gott! Gott! Ins Wasser gesprungen -- in den Tod -gegangen, der, den er bewundert hatte und beneidet, und der immer so gut -gegen ihn gewesen war. - - * * * * * - -Pfanner hatte einen schweren Entschluß gefaßt und ausgeführt. Er war zum -Direktor des Gymnasiums gegangen, um Georg seiner Nachsicht zu -empfehlen. Vor wenigen Tagen noch würde er einen solchen Schritt für -unmöglich gehalten und geglaubt haben, sich und Georg durch ihn zu -erniedrigen. - -Mit so viel Wärme und Verbindlichkeit, als ihm irgend zu Gebote stand, -sprach er die Bitte aus, seinen Sohn nachsichtig zu klassifizieren, wenn -der Bursche auch in letzter Zeit etwas nachgelassen habe im Fleiße. Sein -Vater bürgte dafür, daß es von nun an besser werden sollte. - -»Nachgelassen im Fleiße?« Das war dem Direktor neu. So viel er wußte, -hatte noch keiner der Professoren sich über Georgs Mangel an Fleiß -beklagt. »Ich wäre froh«, sagte er, »wenn ich allen Eltern so Gutes über -ihre Söhne sagen könnte, wie Ihnen über Georg. Er ist bei sämtlichen -Lehrern vortrefflich angeschrieben, sehr brav und auch durchaus nicht -unbegabt« ... - -»O, das glaub ich!« warf Pfanner hochfahrend ein. - -»Durchaus nicht unbegabt,« wiederholte der Direktor kühl, »aber auch -nicht ungewöhnlich begabt. Ich fürchte, daß Sie zu viel von ihm -verlangen, ihm eine größere Leistungsfähigkeit zutrauen, als er besitzt. -Wenn Sie ihn zwingen, seine Kräfte zu überspannen, ruinieren Sie ihn.« - -Der Offizial kam tief niedergeschlagen ins Bureau. So verlangte er also -zu viel von seinem Buben, so ruinierte er ihn, so sollte Georg nur -mittelmäßig begabt sein? Er glaubte es nicht. Diese Schulleute irren so -oft. Wie viele, von denen ihre Lehrer nichts gehalten, sind große Männer -geworden. Er ging an seine Arbeit, vergrub sich in sie, suchte Rettung -in ihr vor dem schweren Drucke, der ihm auf dem Herzen lastete. - -Gegen Mittag meldete ihm der Bureaudiener, es sei jemand da, der ihn -sprechen wolle. Auf dem Gange erwartete ihn Frau Walcher in einem -Zustand furchtbarer Zerstörtheit. Etwas Entsetzliches sei geschehen, -stotterte sie, das Ärgste, das man sich denken könne. Er solle nur -gleich mit ihr kommen. - -»Was ist das Ärgste?« fuhr er sie an. »Was ist's mit meinem Buben?« - -Ihre Antwort war eine Gebärde der Verzweiflung. - - * * * * * - -Dem Liebling des Gymnasiums wurde ein feierliches Leichenbegängnis -bereitet. Alle Professoren, alle Schulkameraden beteiligten sich daran. -Meister Obernberger folgte dem Zuge, weinend wie ein Kind, und sein Pepi -hatte heute allen Hochmut abgetan. - -Der Vater schritt in guter Haltung hinter dem Sarge. Jedes Wort, das am -Grabe zum Preise seines Sohnes gesprochen wurde, schien ihm wohl zu tun, -während die Mutter immer tiefer in sich zusammensank. - -»Am besten für sie wär's,« sagte schwerbekümmert Frau Walcher zu ihrem -Manne, »wenn man sie gleich mitbegraben könnt.« - -Die zwei Ehepaare traten die Rückfahrt im selben Wagen an. Pfanner und -seine Frau wechselten nicht eine Silbe. Einer wich scheu dem Blick des -andern aus. Daheim angelangt, gab Agnes den dringenden Bitten der -Freundin, zuerst bei ihr einzutreten, nach. - -»Da hat sie doch ein paar Stunden Frieden,« dachte die Getreue. - -Als der Abend kam und die gewohnte Pflicht sie rief, ging Agnes -mechanisch daran, das Abendbrot zu bereiten. Sie betrat das Zimmer, um -die Lampe anzuzünden. Aber Pfanner hatte das schon selbst getan. Die -Lampe brannte auf dem Tische, und dort lagen die Bücher und die Mütze, -die der Schuldiener zurückgebracht hatte. Vor sich aufgeschlagen hatte -Pfanner ein dünnes Büchlein -- das Vermögen des Kindes, das guldenweise -zusammen gesparte. Und in der gebrochenen Gestalt, die da saß und die -Gegenstände alle betrachtete, drückte eine herzzerreißende -Trostlosigkeit sich aus. Was ging jetzt vor in dieser Seele! - -Agnes kam leise heran. - -Die Frau, die er zermalmt und zertreten und zu einer dienenden Maschine -herabgewürdigt hatte, fühlte sich in diesem Augenblick als die Größere -und Stärkere und, im Vergleiche zu ihm -- die Glückliche. Sie durfte -ihres Kindes ohne Selbstvorwurf gedenken, von ihr hatte es mit -zärtlicher Liebe Abschied genommen. - -»Pfanner,« sprach sie. - -Er fuhr auf und starrte sie an mit Entsetzen. Wollte sie Rechenschaft -von ihm fordern? Seine Lippen zuckten und zitterten, er brachte keinen -Laut hervor. Etwas Greisenhaftes lag in seinen entstellten Zügen. - -Da wich der Haß, da schwieg jeder Vorwurf. Sie näherte sich langsam und -sagte: - -»Du hast ja nur sein Bestes gewollt.« - -Überrascht in demütiger Dankbarkeit nahm er ihre beiden Hände, legte -sein Gesicht hinein und schluchzte. - - - - - Er laßt die Hand küssen. - - -»So reden Sie denn in Gottes Namen«, sprach die Gräfin, »ich werde Ihnen -zuhören; glauben aber nicht ein Wort.« - -Der Graf lehnte sich behaglich zurück in seinem großen Lehnsessel: »Und -warum nicht?« fragte er. - -Sie zuckte leise mit den Achseln: »Vermutlich erfinden Sie nicht -überzeugend genug.« - -»Ich erfinde gar nicht, ich erinnere mich. Das Gedächtnis ist meine -Muße.« - -»Eine einseitige, wohldienerische Muße! Sie erinnert sich nur der Dinge, -die Ihnen in den Kram passen. Und doch gibt es auf Erden noch manches -Interessante und Schöne außer dem -- Nihilismus.« Sie hatte ihre -Häkelnadel erhoben und das letzte Wort wie einen Schuß gegen ihren alten -Verehrer abgefeuert. - -Er vernahm es ohne Zucken, strich behaglich seinen weißen Bart und sah -die Gräfin beinahe dankbar aus seinen klugen Augen an. »Ich wollte Ihnen -etwas von meiner Großmutter erzählen,« sprach er. »Auf dem Wege hierher, -mitten im Walde, ist es mir eingefallen.« - -Die Gräfin beugte den Kopf über ihre Arbeit und murmelte: »Wird eine -Räubergeschichte sein.« - -»O, nichts weniger! So friedlich wie das Wesen, durch dessen Anblick -jene Erinnerung in mir wachgerufen wurde, Mischka *IV.* nämlich, ein -Urenkel des ersten Mischka, der meiner Großmutter Anlaß zu einer kleinen -Übereilung gab, die ihr später leid getan haben soll,« sagte der Graf -mit etwas affektierter Nachlässigkeit, und fuhr dann wieder eifrig fort: -»Ein sauberer Heger, mein Mischka, das muß man ihm lassen! er kriegte -aber auch keinen geringen Schrecken, als ich ihm unvermutet in den Weg -trat -- hatte ihn vorher schon eine Weile beobachtet ... Wie ein -Käfersammler schlich er herum, die Augen auf den Boden geheftet, und was -hatte er im Laufe seines Gewehres stecken? Denken Sie: -- ein Büschel -Erdbeeren!« - -»Sehr hübsch!« versetzte die Gräfin. »Machen Sie sich darauf gefaßt -- -in Bälde wandern Sie zu mir herüber durch die Steppe, weil man Ihnen den -Wald fortgetragen haben wird.« - -»Der Mischka wenigstens verhindert's nicht.« - -»Und Sie sehen zu?« - -»Und ich sehe zu. Ja, ja, es ist schrecklich. Die Schwäche liegt mir im -Blut -- von meinen Vorfahren her.« Er seufzte ironisch und sah die -Gräfin mit einer gewissen Tücke von der Seite an. - -Sie verschluckte ihre Ungeduld, zwang sich, zu lächeln und suchte ihrer -Stimme einen möglichst gleichgültigen Ton zu geben, indem sie sprach: -»Wie wär's, wenn Sie noch eine Tasse Tee trinken und die Schatten Ihrer -Ahnen heute einmal unbeschworen lassen würden? Ich hätte mit Ihnen vor -meiner Abreise noch etwas zu besprechen.« - -»Ihren Prozeß mit der Gemeinde? -- Sie werden ihn gewinnen.« - -»Weil ich recht habe.« - -»Weil Sie vollkommen recht haben.« - -»Machen Sie das den Bauern begreiflich. Raten Sie ihnen, die Klage -zurückzuziehen.« - -»Das tun sie nicht.« - -»Verbluten sich lieber, tragen lieber den letzten Gulden zum Advokaten. -Und zu welchem Advokaten, guter Gott!... ein ruchloser Rabulist. Dem -glauben sie, mir nicht, und wie mir scheint, Ihnen auch nicht, trotz all -Ihrer Popularitätshascherei!« - -Die Gräfin richtete die hohe Gestalt empor und holte tief Atem. -»Gestehen Sie, daß es für diese Leute, die so töricht vertrauen und -mißtrauen, besser wäre, wenn ihnen die Wahl ihrer Ratgeber nicht frei -stände.« - -»Besser wär's natürlich! Ein bestellter Ratgeber, und -- auch bestellt --- der Glaube an ihn.« - -»Torheit!« zürnte die Gräfin. - -»Wie so? Sie meinen vielleicht, der Glaube lasse sich nicht -bestellen?... Ich sage Ihnen, wenn ich vor vierzig Jahren meinem Diener -eine Anweisung auf ein Dutzend Stockprügel gab und dann den Rat, aufs -Amt zu gehen, um sie einzukassieren, nicht einmal im Rausch wäre es ihm -eingefallen, daß er etwas Besseres tun könnte, als diesen meinen Rat -befolgen.« - -»Ach, Ihre alten Schnurren! -- Und ich, die gehofft hatte, Sie heute -ausnahmsweise zu einem vernünftigen Gespräch zu bringen!« - -Der alte Herr ergötzte sich eine Weile an ihrem Ärger und sprach dann: -»Verzeihen Sie, liebe Freundin. Ich bekenne, Unsinn geschwatzt zu haben. -Nein, der Glaube läßt sich nicht bestellen, aber leider der Gehorsam -ohne Glauben. Das eben war das Unglück des armen Mischka und so mancher -andrer, und deshalb bestehen heutzutage die Leute darauf, wenigstens auf -ihre eigne Fasson ins Elend zu kommen.« - -Die Gräfin erhob ihre nachtschwarzen, noch immer schönen Augen gegen den -Himmel, bevor sie dieselben wieder auf ihre Arbeit senkte und mit einem -Seufzer der Resignation sagte: »Die Geschichte Mischkas also!« - -»Ich will sie so kurz machen als möglich,« versetzte der Graf, »und mit -dem Augenblick beginnen, in dem meine Großmutter zum erstenmal auf ihn -aufmerksam wurde. Ein hübscher Bursche muß er gewesen sein; ich besinne -mich eines Bildes von ihm, das ein Künstler, der sich einst im Schlosse -aufhielt, gezeichnet hatte. Zu meinem Bedauern fand ich es nicht im -Nachlaß meines Vaters und weiß doch, daß er es lange aufbewahrt hat, zum -Andenken an die Zeiten, in denen wir noch das *jus gladii* ausübten.« - -»O Gott!« unterbrach ihn die Gräfin, »spielt das *jus gladii* eine -Rolle in Ihrer Geschichte?« - -Der Erzähler machte eine Bewegung der höflichen Abwehr und fuhr fort: -»Es war bei einem Erntefest und Mischka einer der Kranzträger, und er -überreichte den seinen schweigend, aber nicht mit gesenkten Augen, sah -vielmehr die hohe Gebieterin ernsthaft und unbefangen an, während ein -Aufseher im Namen der Feldarbeiter die übliche Ansprache -herunterleierte. - -»Meine Großmutter erkundigte sich nach dem Jungen und hörte, er sei ein -Häuslersohn, zwanzig Jahre alt, ziemlich brav, ziemlich fleißig und so -still, daß er als Kind für stumm gegolten hatte, für dummlich galt er -noch jetzt. -- Warum? wollte die Herrin wissen; warum galt er für -dummlich?... Die befragten Dorfweisen senkten die Köpfe, blinzelten -einander verstohlen zu und mehr als: 'So, -- ja eben so', und: -- 'je -nun, wie's schon ist', war aus ihnen nicht herauszubringen. - -»Nun hatte meine Großmutter einen Kammerdiener, eine wahre Perle von -einem Menschen. Wenn er mit einem Vornehmen sprach, verklärte sich sein -Gesicht dergestalt vor Freude, daß er beinahe leuchtete. Den schickte -meine Großmutter andern Tages zu den Eltern Mischkas mit der Botschaft, -ihr Sohn sei vom Feldarbeiter zum Gartenarbeiter avanciert und habe -morgen den neuen Dienst anzutreten. - -»Der eifrigste von allen Dienern flog hin und her und stand bald wieder -vor seiner Gebieterin. 'Nun,' fragte diese -- 'was sagen die Alten?' -Der Kammerdiener schob das rechte, auswärts gedrehte Bein weit vor ...« - -»Waren Sie dabei?« fiel die Gräfin ihrem Gaste ins Wort. - -»Bei dieser Referenz gerade nicht, aber bei späteren des edlen Fritz,« -erwiderte der Graf, ohne sich irre machen zu lassen. »Er schob das Bein -vor, sank aus Ehrfurcht völlig in sich zusammen und meldete, die Alten -schwämmen in Tränen der Dankbarkeit. - -»'Und der Mischka?' - -»'O, der' -- lautete die devote Antwort, und nun rutschte das linke Bein -mit anmutigem Schwunge vor -- 'o der -- der laßt die Hand küssen.' - -»Daß es einer Tracht väterlicher Prügel bedurft hatte, um den Burschen -zu diesem Handkuß im Gedanken zu bewegen, verschwieg Fritz. Die -Darlegung der Gründe, die Mischka hatte, die Arbeit im freien Felde der -im Garten vorzuziehen, würde sich für Damenohren nicht geschickt haben. --- Genug, Mischka trat die neue Beschäftigung an und versah sie schlecht -und recht. 'Wenn er fleißiger wäre, könnt's nicht schaden,' sagte der -Gärtner. Dieselbe Bemerkung machte meine Großmutter, als sie einmal vom -Balkon aus zusah, wie die Wiese vor dem Schlosse gemäht wurde. Was ihr -noch auffiel, war, daß alle andern Mäher von Zeit zu Zeit einen Schluck -aus einem Fläschchen taten, das sie unter einem Haufen abgelegter -Kleider hervorzogen und wieder darin verbargen. Mischka war der einzige, -der diesen Quell der Labung verschmähend sich aus einem irdenen, im -Schatten des Gebüsches aufgestellten Krüglein erquickte. Meine -Großmutter rief den Kammerdiener. 'Was haben die Mäher in der Flasche?' -fragte sie. -- 'Branntwein, hochgräfliche Gnaden.' -- 'Und was hat Mischka -in dem Krug?' - -»Fritz verdrehte die runden Augen, neigte den Kopf auf die Seite, ganz -wie unser alter Papagei, dem er ähnlich sah wie ein Bruder dem andern, -und antwortete schmelzenden Tones: 'Mein Gott, hochgräfliche Gnaden -- -Wasser!' - -»Meine Großmutter wurde sogleich von einer mitleidigen Regung ergriffen -und befahl, allen Gartenarbeitern nach vollbrachtem Tagewerk Branntwein -zu reichen. 'Dem Mischka auch,' setzte sie noch eigens hinzu. - -»Diese Anordnung erregte Jubel. Daß Mischka keinen Branntwein trinken -wollte, war einer der Gründe, warum man ihn für dummlich hielt. Jetzt -freilich, nachdem die Einladung der Frau Gräfin an ihn ergangen, war's -aus mit Wollen und Nichtwollen. Als er in seiner Einfalt sich zu wehren -versuchte, ward er *mores* gelehrt, zur höchsten Belustigung der Alten -und der Jungen. Einige rissen ihn auf den Boden nieder, ein handfester -Bursche schob ihm einen Keil zwischen die vor Grimm zusammengebissenen -Zähne, ein zweiter setzte ihm das Knie auf die Brust und goß ihm solange -Branntwein ein, bis sein Gesicht so rot und der Ausdruck desselben so -furchtbar wurde, daß die übermütigen Quäler sich selbst davor -entsetzten. Sie gaben ihm etwas Luft, und gleich hatte er sie mit einer -wütenden Anstrengung abgeschüttelt, sprang auf und ballte die Fäuste ... -aber plötzlich sanken seine Arme, er taumelte und fiel zu Boden. Da -fluchte, stöhnte er, suchte mehrmals vergeblich sich aufzuraffen und -schlief endlich auf dem Fleck ein, auf den er hingestürzt war, im Hofe, -vor der Scheune, schlief bis zum nächsten Morgen, und als er erwachte, -weil ihm die aufgehende Sonne auf die Nase schien, kam just der Knecht -vorbei, der ihm gestern den Branntwein eingeschüttet hatte. Der wollte -schon die Flucht ergreifen, nichts andres erwartend, als daß Mischka für -die gestrige Mißhandlung Rache üben werde. Statt dessen reckt sich der -Bursche, sieht den andern traumselig an und lallt: 'Noch einen -Schluck!' - -»Sein Abscheu vor dem Branntwein war überwunden. - -»Bald darauf, an einem Sonntag nachmittag, begab es sich, daß meine -Großmutter auf ihrer Spazierfahrt, von einem hübschen Feldweg gelockt, -ausstieg und bei Gelegenheit dieser Wanderung eine idyllische Szene -belauschte. Sie sah Mischka unter einem Apfelbaum am Feldrain sitzen, -ein Kindlein in seinen Armen. Wie er selbst, hatte auch das Kind den -Kopf voll dunkelbrauner Löckchen, der wohlgebildete kleine Körper -hingegen war von lichtbrauner Farbe und das armselige Hemdchen, das -denselben notdürftig bedeckte, hielt die Mitte zwischen den beiden -Schattierungen. Der kleine Balg krähte förmlich vor Vergnügen, so oft -ihn Mischka in die Höhe schnellte, stieß mit den Füßchen gegen dessen -Brust, und suchte ihm mit dem ausgestreckten Zeigefinger in die Augen zu -fahren. Und Mischka lachte und schien sich mindestens ebensogut zu -unterhalten wie das Bübchen. Dem Treiben der beiden sah ein junges -Mädchen zu, auch ein braunes Ding und so zart und zierlich, als ob ihre -Wiege am Ganges gestanden hätte. Sie trug über dem geflickten kurzen -Rocke eine ebenfalls geflickte Schürze und darin einen kleinen Vorrat -aufgelesener Ähren. Nun brach sie eine derselben vom Stiele, schlich -sich an Mischka heran und ließ ihm die Ähre zwischen der Haut und dem -Hemd ins Genick gleiten. Er schüttelte sich, setzte das Kind auf den -Boden und sprang dem Mädchen nach, das leicht und hurtig und ordentlich -wie im Tanze vor ihm floh; einmal pfeilgerade, dann wieder einen -Garbenschober umkreisend, voll Ängstlichkeit und dabei doch neckend und -immer höchst anmutig. Allerdings ist bei unsren Landleuten eine gewisse -angeborene Grazie nichts Seltenes, aber diese beiden jungen Geschöpfe -gewährten in ihrer harmlosen Lustigkeit ein so angenehmes Schauspiel, -daß meine Großmutter es mit wahrem Wohlgefallen genoß. Einen andern -Eindruck brachte hingegen ihr Erscheinen auf Mischka und das Mädchen -hervor. Wie versteinert standen beide beim Anblick der Gutsherrin. Er, -zuerst gefaßt, neigte sich beinahe bis zur Erde, sie ließ die Schürze -samt den Ähren sinken und verbarg das Gesicht in den Händen. - -»Beim Souper, an dem, wie an jeder Mahlzeit, der Hofstaat, bestehend aus -einigen armen Verwandten und aus den Spitzen der gräflichen Behörden, -teilnahm, sagte meine Großmutter zum Herrn Direktor, der neben ihr saß: -'Die Schwester des Mischka, des neuen Gartenarbeiters, scheint mir ein -nettes, flinkes Mädchen zu sein, und ich wünsche, es möge für die Kleine -ein Posten ausgemittelt werden, an dem sie sich etwas verdienen kann.' -Der Direktor erwiderte: 'Zu Befehl, hochgräfliche Gnaden, sogleich ... -obwohl der Mischka meines Wissens eine Schwester eigentlich gar nicht -hat.' - -»'Ihres Wissens,' versetzte meine Großmutter, 'das ist auch etwas, Ihr -Wissen!... Eine Schwester hat Mischka und ein Brüderchen. Ich habe heute -alle drei auf dem Felde gesehen.' - -»'Hm, hm,' lautete die ehrerbietige Entgegnung, und der Direktor hielt -die Serviette vor den Mund, um den Ton seiner Stimme zu dämpfen, 'es -wird wohl -- ich bitte um Verzeihung des obszönen Ausdrucks, die -Geliebte Mischkas und, mit Respekt zu sagen, ihr Kind gewesen sein.'« - -Der unwilligen Zuhörerin dieser Erzählung wurde es immer schwerer, an -sich zu halten, und sie rief nun: »Sie behaupten, daß Sie nicht dabei -waren, als diese denkwürdigen Reden gewechselt wurden? Woher wissen Sie -denn nicht nur über jedes Wort, sondern auch über jede Miene und Gebärde -zu berichten?« - -»Ich habe die meisten der Beteiligten gekannt, und weiß -- ein bißchen -Maler, ein bißchen Dichter, wie ich nun einmal bin -- weiß aufs Haar -genau, wie sie sich in einer bestimmten Lage benommen und ausgedrückt -haben müssen. Glauben Sie Ihrem treuen Berichterstatter, daß meine -Großmutter nach der Mitteilung, welche der Direktor ihr gemacht, eine -Wallung des Zornes und der Menschenverachtung hatte. Wie gut und -fürsorglich für ihre Untertanen sie war, darüber können Sie nach dem -bisher Gehörten nicht in Zweifel sein. Im Punkte der Moral jedoch -verstand sie nur äußerste Strenge, gegen sich selbst nicht minder als -gegen andre. Sie hatte oft erfahren, daß sie bei Männern und Frauen der -Sittenverderbnis nicht zu steuern vermöge, der Sittenverderbnis bei -halbreifen Geschöpfen jedoch, der mußte ein Zügel angelegt werden -können. -- Meine Großmutter schickte ihren Kammerdiener wieder zu den -Eltern Mischkas. Mit der Liebschaft des Burschen habe es aus zu sein. -Das sei eine Schande für so einen Buben, ließ sie sagen, ein solcher Bub -habe an andre Dinge zu denken. - -»Der Mischka, der zu Hause war, als die Botschaft kam, schämte sich in -seine Haut hinein ...« - -»Es ist doch stark, daß Sie jetzt gar in der Haut Mischkas stecken -wollen!« fuhr die Gräfin höhnisch auf. - -»Bis über die Ohren!« entgegnete der Graf, »bis über die Ohren steck ich -darin! Ich fühle, als wäre ich es selbst, die Bestürzung und Beschämung, -die ihn ergriff. Ich sehe ihn, wie er sich windet in Angst und -Verlegenheit, einen scheuen Blick auf Vater und Mutter wirft, die auch -nicht wissen, wo ein und aus vor Schrecken, ich höre sein jammervoll -klingendes Lachen bei den Worten des Vaters: 'Erbarmen Sie sich, Herr -Kammerdiener! Er wird ein Ende machen, das versteht sich, gleich wird er -ein Ende machen!'« - -»Diese Versicherung genügte dem edlen Fritz, er kehrte ins Schloß zurück -und berichtete, glücklich über die treffliche Erfüllung seiner Mission, -mit den gewohnten Kniebeugungen und dem gewohnten demütigen und -freudestrahlenden Ausdruck in seiner Vogelphysiognomie: 'Er laßt die -Hand küssen, er wird ein Ende machen.'« - -»Lächerlich!« sagte die Gräfin. - -»Höchst lächerlich!« bestätigte der Graf. »Meine gute, vertrauensselige -Großmutter hielt die Sache damit für abgetan, dachte auch nicht weiter -darüber nach. Sie war sehr in Anspruch genommen durch die Vorbereitungen -zu den großen Festen, die alljährlich am zehnten September, ihrem -Geburtstage, im Schlosse gefeiert wurden, und einen Vor- und Nachtrab -von kleinen Festen hatten. Da kam die ganze Nachbarschaft zusammen, und -Dejeuners, auf dem grünen Teppich der Wiesen, Jagden, Pirutschaden, -Soupers bei schönster Waldbeleuchtung, Bälle -- und so weiter folgten -einander in fröhlicher Reihe ... Man muß gestehen, unsre Alten -verstanden Platz einzunehmen und Lärm zu machen in der Welt. Gott weiß, -wie langweilig und öde unser heutiges Leben auf dem Schlosse ihnen -erscheinen müßte.« - -»Sie waren eben große Herren,« entgegnete die Gräfin bitter, »wir sind -auf das Land zurückgezogene Armenväter.« - -»Und -- Armenmütter,« versetzte der Graf mit einer galanten Verneigung, -die von derjenigen, der sie galt, nicht eben gnädig aufgenommen wurde. -Der Graf aber nahm sich das Mißfallen, das er erregt hatte, keineswegs -zu Herzen, sondern spann mit hellem Erzählerbehagen den Faden seiner -Geschichte fort: - -»So groß der Dienertroß im Schlosse auch war, während der Dauer der -Festlichkeiten genügte er doch nicht, und es mußten da immer Leute aus -dem Dorfe zur Aushilfe requiriert werden. Wie es kam, daß sich gerade -dieses Mal auch Mischkas Geliebte unter ihnen befand, weiß ich nicht, -genug, es war der Fall, und die beiden Menschen, die einander hätten -meiden sollen, wurden im Dienste der Gebieterin noch öfter -zusammengeführt, als dies in früheren Tagen bei der gemeinsamen -Feldarbeit geschehen war. Er, mit einem Botengang betraut, lief vom -Garten in die Küche, sie von der Küche in den Garten -- manchmal trafen -sie sich auch unterwegs und verweilten plaudernd ein Viertelstündchen ...« - -»Äußerst interessant!« spottete die Gräfin -- »wenn man doch nur wüßte, -was sie einander gesagt haben.« - -»O, wie Sie schon neugierig geworden sind! -- aber ich verrate Ihnen -nur, was unumgänglich zu meiner Geschichte gehört. -- Eines Morgens -lustwandelte die Schloßfrau mit ihren Gästen im Garten. Zufällig lenkte -die Gesellschaft ihre Schritte nach einem selten betretenen Laubgang und -gewahrte am Ende desselben ein junges Pärchen, das, aus verschiedenen -Richtungen kommend, wie freudig überrascht stehen blieb. Der Bursche, -kein andrer als Mischka, nahm das Mädchen rasch in die Arme und küßte -es, was es sich ruhig gefallen ließ. Ein schallendes Gelächter brach los --- von den Herren und, ich fürchte, auch von einigen der Damen -ausgestoßen, die der Zufall zu Zeugen dieses kleinen Auftritts gemacht -hatte. Nur meine Großmutter nahm nicht teil an der allgemeinen -Heiterkeit. Mischka und seine Geliebte stoben natürlich davon. Der -Bursche -- man hat es mir erzählt« -- kam der Graf scherzend einer -voraussichtlichen Einwendung der Gräfin entgegen, »glaubte in dem -Augenblick sein armes Mädchen zu hassen. Am selben Abend jedoch -überzeugte er sich des Gegenteils, als er nämlich erfuhr, die Kleine -werde mit ihrem Kinde nach einer andern Herrschaft der Frau Gräfin -geschickt; zwei Tagereisen weit für einen Mann, für eine Frau, die noch -dazu ein anderthalb Jahre altes Kind mitschleppen mußte, wohl noch -einmal so viel. -- Mehr als: 'Herrgott! Herrgott! o du lieber Herrgott!' -sprach Mischka nicht, gebärdete sich wie ein Träumender, begriff nicht, -was man von ihm wolle, als es hieß an die Arbeit gehen -- warf plötzlich -den Rechen, den ein Gehilfe ihm samt einem erweckenden Rippenstoß -verabfolgte, auf den Boden, und rannte ins Dorf, nach dem Hüttchen, in -dem seine Geliebte bei ihrer kranken Mutter wohnte, das heißt, gewohnt -hatte, denn nun war es damit vorbei. Die Kleine stand reisefertig am -Lager der völlig gelähmten Alten, die ihr nicht einmal zum Abschiedsegen -die Hand aufs Haupt legen konnte, und die bitterlich weinte. 'Hört jetzt -auf zu weinen,' sprach die Tochter, 'hört auf, liebe Mutter. Wer soll euch -denn die Tränen abwischen, wenn ich einmal fort bin?' - -»Sie trocknete die Wangen ihrer Mutter und dann auch ihre eigenen mit -der Schürze, nahm ihr Kind an die Hand und das Bündel mit ihren wenigen -Habseligkeiten auf den Rücken und ging ihres Weges an Mischka vorbei, -und wagte nicht einmal, ihn anzusehen. Er aber folgte ihr von weitem, -und als der Knecht, der dafür zu sorgen hatte, daß sie ihre Wanderung -auch richtig antrete, sie auf der Straße hinter dem Dorfe verließ, war -Mischka bald an ihrer Seite, nahm ihr das Bündel ab, hob das Kind auf -den Arm und schritt so neben ihr her. - -»Die Feldarbeiter, die in der Nähe waren, wunderten sich: -- 'Was tut er -denn, der Tropf?... Geht er mit? Glaubt er, weil er so dumm ist, daß er -nur so mitgehen kann?' - -»Bald nachher kam keuchend und schreiend der Vater Mischkas gerannt: 'O, -ihr lieben Heiligen! Heilige Mutter Gottes! hab ich mir's doch gedacht --- seiner Dirne läuft er nach, bringt uns noch alle ins Unglück ... -Mischka! Sohn -- mein Junge!... Nichtsnutz! Teufelsbrut!' -- jammerte -und fluchte er abwechselnd. - -»Als Mischka die Stimme seines Vaters hörte und ihn mit drohend -geschwungenem Stocke immer näher herankommen sah, ergriff er die -Flucht, zur größten Freude des Knäbleins, das 'Hott! hott!' jauchzte. -Bald jedoch besann er sich, daß er seine Gefährtin, die ihm nicht so -rasch folgen konnte, im Stich gelassen, wandte sich und lief zu ihr -zurück. Sie war bereits von seinem Vater erreicht und zu Boden -geschlagen worden. Wie wahnsinnig raste der Zornige, schlug drein mit -den Füßen und mit dem Stocke, und ließ seinen ganzen Grimm über den Sohn -an dem wehrlosen Geschöpfe aus. - -»Mischka warf sich dem Vater entgegen, und ein furchtbares Ringen -zwischen den beiden begann, das mit der völligen Niederlage des -Schwächeren, des Jüngeren, endete. Windelweich geprügelt, aus einer -Stirnwunde blutend, gab er den Kampf und den Widerstand auf. Der Häusler -faßte ihn am Hemdkragen und zerrte ihn mit sich; der armen kleinen Frau -aber, die sich inzwischen mühsam aufgerafft hatte, rief er zu: 'Mach -fort!' - -»Sie gehorchte lautlos, und selbst die Arbeiter auf dem Felde, stumpfes, -gleichgültiges Volk, fühlten Mitleid und sahen ihr lange nach, wie sie -so dahinwankte mit ihrem Kinde, so hilfsbedürftig und so völlig -verlassen. - -»In der Nähe des Schlosses trafen Mischka und sein Vater den Gärtner, -den der Häusler sogleich als 'gnädiger Herr' ansprach und flehentlich -ersuchte, nur eine Stunde Geduld zu haben mit seinem Sohne. In einer -Stunde werde Mischka gewiß wieder bei der Arbeit sein; jetzt müsse er -nur geschwind heimgehen und sich waschen und sein Hemd auch. Der Gärtner -fragte: 'Was ist ihm denn? er ist ja ganz blutig.' -- 'Nichts ist ihm,' -lautete die Antwort, 'er ist nur von der Leiter gefallen.' - -»Mischka hielt das Wort, das sein Vater für ihn gegeben, und war eine -Stunde später richtig wieder bei der Arbeit. Am Abend aber ging er ins -Wirtshaus und trank sich einen Rausch an, den ersten freiwilligen, war -überhaupt seit dem Tage wie verwandelt. Mit dem Vater, der ihn gern -versöhnt hätte, denn Mischka war, seitdem er im Schloßgarten -Beschäftigung gefunden, ein Kapital geworden, das Zinsen trug, sprach er -kein Wort, und von dem Gelde, das er verdiente, brachte er keinen -Kreuzer nach Hause. Es wurde teils für Branntwein verausgabt, teils für -Unterstützungen, die Mischka der Mutter seiner Geliebten angedeihen ließ --- und diese zweite Verwendung des von dem Burschen Erworbenen erschien -dem Häusler als der ärgste Frevel, den sein Sohn an ihm begehen konnte. -Daß der arme Teufel, der arme Eltern hatte, etwas wegschenkte, an eine -Fremde wegschenkte, der Gedanke wurde der Alp des Alten, sein nagender -Wurm. Je wütender der Vater sich gebärdete, desto verstockter zeigte -sich der Sohn. Er kam zuletzt gar nicht mehr nach Hause, oder höchstens -einmal im geheimen, wenn er den Vater auswärts mußte, um die Mutter zu -sehen, an der ihm das Herz hing. Diese Mutter ...« der Graf machte eine -Pause -- »Sie, liebe Freundin, kennen sie, wie ich sie kenne.« - -»Ich soll sie kennen?... Sie lebt noch?« fragte die Gräfin ungläubig. - -»Sie lebt; nicht im Urbilde zwar, aber in vielfachen Abbildern. Das -kleine, schwächliche, immer bebende Weiblein mit dem sanften, vor der -Zeit gealterten Gesicht, mit den Bewegungen des verprügelten Hundes, das -untertänigst in sich zusammensinkt und zu lächeln versucht, wenn eine so -hohe Dame, wie Sie sind, oder ein so guter Herr, wie ich bin, ihm einmal -zuruft: 'Wie geht's?' und in demütigster Freundlichkeit antwortet: -'Vergelt's Gott -- wie's eben kann.' -- Gut genug für unsereins, ist -seine Meinung, für ein Lasttier in Menschengestalt. Was dürfte man -anders verlangen, und wenn man's verlangte, wer gäbe es einem? -- Du -nicht, hohe Frau, und du nicht, guter Herr ...« - -»Weiter, weiter!« sprach die Gräfin. »Sind Sie bald zu Ende?« - -»Bald. -- Der Vater Mischkas kam einst zu ungewohnter Stunde nach der -Hütte und fand da seinen Jungen. 'Zur Mutter also kann er kommen, zu mir -nicht,' schrie er, schimpfte beide Verräter und Verschwörer und begann -Mischka zu mißhandeln, was sich der gefallen ließ. Als der Häusler sich -jedoch anschickte, auch sein Weib zu züchtigen, fiel der Bursche ihm in -den Arm. Merkwürdig genug, warum just damals? Wenn man ihn gefragt -hätte, wie oft er den Vater die Mutter schlagen sah, hätte er sagen -müssen: 'Soviel Jahre, als ich ihrer gedenke, mit dreihundertfünfundsechzig -multipliziert, das gibt die Zahl.' -- Und die ganze Zeit hindurch hatte -er dazu geschwiegen, und heute loderte beim längst gewohnten Anblick -plötzlich ein unbezwinglicher Zorn in ihm empor. Zum zweiten Male nahm -er gegen den Vater Partei für das schwächere Geschlecht, und dieses Mal -blieb er Sieger. Er scheint aber mehr Entsetzen als Freude über seinen -Triumph empfunden zu haben. Mit einem heftigen Aufschluchzen rief er dem -Vater, der nun klein beigeben wollte, rief er der weinenden Mutter zu: -'Lebt wohl, mich seht ihr nie wieder!' und stürmte davon. Vierzehn Tage -lang hofften die Eltern umsonst auf seine Rückkehr, er war und blieb -verschwunden. Bis ins Schloß gelangte die Kunde seiner Flucht; meiner -Großmutter wurde angezeigt, Mischka habe seinen Vater halbtot geschlagen -und sich dann davon gemacht. Nun aber war es nach der Verletzung des -sechsten Gebotes diejenige des vierten, die von meiner Großmutter am -schärfsten verdammt wurde; gegen schlechte und undankbare Kinder kannte -sie keine Nachsicht ... Sie befahl, auf den Mischka zu fahnden, sie -befahl, seiner habhaft zu werden und ihn heimzubringen zu exemplarischer -Bestrafung. - -»Ein paarmal war die Sonne auf- und untergegangen, da stand eines -Morgens Herr Fritz an der Gartenpforte und blickte auf die Landstraße -hinaus. Lau und leise wehte der Wind über die Stoppelfelder, die -Atmosphäre war voll feinen Staubes, den die Allverklärerin Sonne -durchleuchtete und goldig schimmern ließ. Ihre Strahlen bildeten in dem -beweglichen Element reizende kleine Milchstraßen, in denen Milliarden -von winzigen Sternchen aufblitzten. Und nun kam durch das flimmernde, -tanzende Atomengewimmel eine schwere, graue Wolkensäule, bewegte sich -immer näher und rollte endlich so nahe an der Pforte vorbei, daß Fritz -deutlich unterscheiden konnte, wen sie umhüllte. Zwei Heiducken waren es -und Mischka. Er sah aus blaß und hohläugig wie der Tod und wankte beim -Gehen. In den Armen trug er sein Kind, das die Händchen um seinen Hals -geschlungen, den Kopf auf seine Schulter gelegt hatte und schlief. Fritz -öffnete das Tor, schloß sich der kleinen Karawane an, holte rasch einige -Erkundigungen ein und schwebte dann, ein Papagei im Taubenfluge, ins -Haus, über die Treppe, in den Saal hinein, in dem meine Großmutter eben -die sonnabendliche Ratsversammlung hielt. Der Kammerdiener, von dem -Glücksgefühl getragen, das Bedientenseelen beim Überbringen einer -neuesten Nachricht zu empfinden pflegen, rundete ausdrucksvoll seine -Arme und sprach, vor Wonne fast platzend: 'Der Mischka laßt die Hand -küssen. Er ist wieder da.' - -»'Wo war er?' fragte meine Großmutter. - -»'Mein Gott, hochgräfliche Gnaden' -- lispelte Fritz, schlug mehrmals -schnell nacheinander mit der Zunge an den Gaumen und blickte die -Gebieterin so zärtlich an, als die tiefste, unterwürfigste Knechtschaft -es ihm nur irgend erlaubte. 'Wo wird er gewesen sein ... Bei seiner -Geliebten. Ja,' bestätigte er, während die Herrin, empört über diesen -frechen Ungehorsam, die Stirn runzelte, 'ja, und gewehrt hat er sich -gegen die Heiducken, und dem Janko hat er, ja, beinahe ein Auge -ausgeschlagen.' - -»Meine Großmutter fuhr auf: 'Ich hätte wirklich Lust, ihn henken zu -lassen.' - -»Alle Beamten verneigten sich stumm; nur der Oberförster warf nach -einigem Zagen die Behauptung hin: 'Hochgräfliche Gnaden werden es aber -nicht tun.' - -»'Woher weiß er das?' fragte meine Großmutter mit der strengen -Herrschermiene, die so vortrefflich wiedergegeben ist auf ihrem Bilde -und die mich gruseln macht, wenn ich im Ahnensaal an ihm vorübergehe. -'Daß ich mein Recht über Leben und Tod noch nie ausgeübt habe, bürgt -nicht dafür, daß ich es nie ausüben werde.' - -»Wieder verneigten sich alle Beamten, wieder trat Schweigen ein, das der -Inspektor unterbrach, indem er die Entscheidung der Gebieterin in einer -wichtigen Angelegenheit erbat. Erst nach beendigter Konferenz erkundigte -er sich, gleichsam privatim, nach der hohen Verfügung betreffs Mischkas. - -»Und nun beging meine Großmutter jene Übereilung, von der ich im Anfang -sprach. - -»'Fünfzig Stockprügel,' lautete ihr rasch gefällter Urteilsspruch; -'gleich heute, es ist ohnehin Samstag.' - -»Der Samstag war nämlich zu jener Zeit, deren Sie,« diesem Worte gab der -Graf eine besondere, sehr schalkhafte Betonung -- »sich unmöglich -besinnen können, der Tag der Exekutionen. Da wurde die Bank vor das -Amtshaus gestellt ...« - -»Weiter, weiter!« sagte die Gräfin, »halten Sie sich nicht auf mit -unnötigen Details.« - -»Zur Sache denn! -- An demselben Samstag sollten die letzten Gäste -abreisen, es herrschte große Bewegung im Schlosse; meine Großmutter, mit -den Vorbereitungen zu einer Abschiedsüberraschung, die sie den -Scheidenden bereiten ließ, beschäftigt, kam spät dazu, Toilette zum -Diner zu machen, und trieb ihre Kammerzofen zur Eile an. In diesem -allerungünstigsten Momente ließ der Doktor sich anmelden. Er war unter -allen Dignitären der Herrin derjenige, der am wenigsten in Gnaden bei -ihr stand, verdiente es auch nicht besser, denn einen langweiligeren, -schwerfälligeren Pedanten hat es nie gegeben. - -»Meine Großmutter befahl, ihn abzuweisen, er aber kehrte sich nicht -daran, sondern schickte ein zweites Mal und ließ die hochgeborene Frau -Gräfin untertänigst um Gehör bitten, er hätte nur ein paar Worte über -den Mischka zu sprechen. - -»'Was will man denn noch mit dem?' rief die Gebieterin; 'gebt mir Ruhe, -ich habe andre Sorgen.' - -»Der zudringliche Arzt entfernte sich murrend. - -»Die Sorgen aber, von denen meine Großmutter gesprochen hatte, waren -nicht etwa frivole, sondern solche, die zu den peinvollsten gehören -- -Sorgen, für die Ihnen, liebe Freundin, allerdings das Verständnis und -infolgedessen auch das Mitleid fehlt -- Poetensorgen.« - -»O mein Gott!« sagte die Gräfin unbeschreiblich wegwerfend, und der -Erzähler entgegnete: - -»Verachten Sie's, soviel Sie wollen, meine Großmutter besaß poetisches -Talent, und es manifestierte sich deutlich in dem Schäferspiel »*Les -adieux de Chloë*«, das sie gedichtet und den Darstellern selbst -einstudiert hatte. Das Stückchen sollte nach der Tafel, die man im -Freien abhielt, aufgeführt werden, und der Dichterin, obwohl sie ihres -Erfolges ziemlich sicher war, bemächtigte sich, je näher der -entscheidende Augenblick kam, eine desto weniger angenehme Unruhe. Beim -Dessert, nach einem feierlichen, auf die Frau des Hauses ausgebrachten -Toast, gab jene ein Zeichen. Die mit Laub überflochtenen Wände, welche -den Einblick in ein aus beschnittenen Buchenhecken gebildetes Halbrund -verdeckt hatten, rollten auseinander, und eine improvisierte Bühne wurde -sichtbar. Man erblickte die Wohnung der Hirtin Chloë, die mit -Rosenblättern bestreute Moosbank, auf der sie schlief, den mit Tragant -überzogenen Hausaltar, an dem sie betete, und den mit einem rosafarbigen -Band umwundenen Rocken, an dem sie die schneeig weiße Wolle ihrer -Lämmchen spann. Als idyllische Schäferin besaß Chloë das Geheimnis -dieser Kunst. Nun trat sie selbst aus einem Taxusgange, und hinter ihr -schritt ihr Gefolge, darunter ihr Liebling, der Schäfer Myrtill. Alle -trugen Blumen, und in vortrefflichen Alexandrinern teilte nun die zarte -Chloë dem aufmerksam lauschenden Publikum mit, dies seien die Blumen der -Erinnerung, gepflückt auf dem Felde der Treue, und bestimmt, dargebracht -zu werden auf dem Altar der Freundschaft. Gleich nach dieser Eröffnung -brach ungemessener Jubel im Auditorium los und steigerte sich von Vers -zu Vers. Einige Damen, die Racine kannten, erklärten, er könne sich vor -meiner Großmutter verstecken, und einige Herren, die ihn nicht kannten, -bestätigten es. Sie aber konnte über die Echtheit des Enthusiasmus, den -ihre Dichtung erweckte, nicht in Zweifel sein. Die Ovationen dauerten -noch fort, als die Herrschaften schon ihre Wagen oder ihre Pferde -bestiegen hatten und teils in stattlichen Equipagen, teils in leichten -Fuhrwerken, teils auf flinken Rossen aus dem Hoftor rollten oder -sprengten. - -»Die Herrin stand unter dem Portal des Schlosses und winkte den -Scheidenden grüßend und für ihre Hochrufe dankend zu. Sie war so -friedlich und fröhlich gestimmt, wie dies einem Selbstherrscher, auch -des kleinsten Reiches, selten zuteil wird. Da -- eben im Begriff, sich -ins Haus zurückzuwenden, gewahrte sie ein altes Weiblein, das in -respektvoller Entfernung vor den Stufen des Portals kniete. Es hatte den -günstigen Augenblick wahrgenommen und sich durch das offenstehende Tor -im Gewirr und Gedränge unbemerkt hereingeschlichen. Jetzt erst wurde es -von einigen Lakaien erblickt. Sogleich rannten sie, Herrn Fritz an der -Spitze, auf das Weiblein zu, um es gröblich hinwegzuschaffen. Zum -allgemeinen Erstaunen jedoch winkte meine Großmutter die dienstfertige -Meute ab und befahl zu fragen, wer die Alte sei und was sie wolle. Im -nämlichen Moment räusperte sich's hinter der Gebieterin und nießte, und, -den breitkrempigen Hut in der einen Hand und mit der andern die -Tabaksdose im Busen verbergend, trat der Herr Doktor bedächtig heran. -'Es ist, hm, hm, hochgräfliche Gnaden werden entschuldigen,' sprach er, -'es ist die Mutter des Mischka.' - -»'Schon wieder Mischka, hat das noch immer kein Ende mit dem Mischka?... -Und was will die Alte!'« - -»'Was wird sie wollen, hochgräfliche Gnaden? Bitten wird sie für ihn -wollen, nichts andres.' - -»'Was denn bitten? Da gibt's nichts zu bitten.' - -»'Freilich nicht, ich habe es ihr ohnehin gesagt, aber was nutzt's? Sie -will doch bitten, hm, hm.' - -»'Ganz umsonst, sagen Sie ihr das. Soll ich nicht mehr aus dem Hause -treten können, ohne zu sehen, wie die Gartenarbeiter ihre Geliebten -embrassieren?' - -»Der Doktor räusperte sich, und meine Großmutter fuhr fort: 'Auch hat er -seinen Vater halbtot geschlagen.' - -»'Hm, hm, er hat ihm eigentlich nichts getan, auch nichts tun _wollen_, -nur abhalten, die Mutter nicht _ganz_ totzuschlagen.' - -»'So?' - -»'Ja, hochgräfliche Gnaden. Der Vater, hochgräfliche Gnaden, ist ein -Mistvieh, hat einen Zahn auf den Mischka, weil der der Mutter seiner -Geliebten manchmal ein paar Kreuzer zukommen läßt.' - -»'Wem?' - -»'Der Mutter seiner Geliebten, hochgräfliche Gnaden, ein -erwerbsunfähiges Weib, dem sozusagen die Quellen der Subsistenzmittel -abgeschnitten worden sind ... dadurch, daß man die Tochter fortgeschickt -hat.' - -»'Schon gut, schon gut!... Mit den häuslichen Angelegenheiten der Leute -verschonen Sie mich, Doktor, da mische ich mich nicht hinein.' - -»Der Doktor schob mit einer breiten Gebärde den Hut unter den Arm, zog -das Taschentuch und schneuzte sich diskret. 'So werde ich also der Alten -sagen, daß es nichts ist.' Er machte, was die Franzosen *une fausse -sortie* nennen, und setzte hinzu: 'Freilich, hochgräfliche Gnaden, wenn -es nur wegen des Vaters wäre ...' - -»'Nicht bloß wegen des Vaters, er hat auch dem Janko ein Auge -ausgeschlagen.' - -»Der Doktor nahm eine wichtige Miene an, zog die Augenbrauen so hoch in -die Höhe, daß seine dicke Stirnhaut förmliche Wülste bildete, und -sprach: 'Was dieses Auge betrifft, das sitzt fest und wird dem Janko -noch gute Dienste leisten, sobald die Sugillation, die sich durch den -erhaltenen Faustschlag gebildet hat, aufgesaugt sein wird. Hätte mich -auch gewundert, wenn der Mischka imstande gewesen wäre, einen kräftigen -Hieb zu führen nach der Behandlung, die er von den Heiducken erfahren -hat. Die Heiducken, hochgräfliche Gnaden, haben ihn übel zugerichtet.' - -»'Seine Schuld; warum wollte er ihnen nicht gutwillig folgen.' - -»'Freilich, freilich, warum wollte er nicht? Vermutlich, weil sie ihn -vom Sterbebette seiner Geliebten abgeholt haben -- da hat er sich schwer -getrennt ... Das Mädchen, hm, hm, war in andern Umständen, soll vom -Vater des Mischka sehr geprügelt worden sein, bevor sie die Wanderung -angetreten hat. Und dann -- die Wanderung, die weit ist, und die Person, -hm, hm, die immer schwach gewesen ist ... kein Wunder, wenn sie am Ziele -zusammengebrochen ist.' - -»Meine Großmutter vernahm jedes Wort dieser abgebrochenen Sätze, wenn -sie sich auch den Anschein zu geben suchte, daß sie ihnen nur eine -oberflächliche Aufmerksamkeit schenkte. 'Eine merkwürdige Verkettung von -Fatalitäten,' sprach sie, 'vielleicht eine Strafe des Himmels.' - -»'Wohl, wohl,' nickte der Doktor, dessen Gesicht zwar immer seinen -gleichmütigen Ausdruck behielt, sich aber allmählich purpurrot gefärbt -hatte. 'Wohl, wohl, des Himmels, und wenn der Himmel sich bereits -dreingelegt hat, dürfen hochgräfliche Gnaden ihm vielleicht auch das -Weitere in der Sache überlassen ... ich meine nur so!' schaltete er, -seine vorlaute Schlußfolgerung entschuldigend, ein -- 'und dieser -Bettlerin', er deutete nachlässig auf die Mutter Mischkas, 'huldvollst -ihre flehentliche Bitte erfüllen.' - -»Die kniende Alte hatte dem Gespräch zu folgen gesucht, sich aber mit -keinem Laut daran beteiligt. Ihre Zähne schlugen vor Angst aneinander, -und sie sank immer tiefer in sich zusammen. - -»'Was will sie denn eigentlich?' fragte meine Großmutter. - -»'Um acht Tage Aufschub, hochgräfliche Gnaden, der ihrem Sohne -diktierten Strafe, untersteht sie sich zu bitten, und ich, hochgräfliche -Gnaden, unterstütze das Gesuch, durch dessen Genehmigung der -Gerechtigkeit besser Genüge geschähe, als heute der Fall sein kann.' - -»'Warum?' - -»'Weil der Delinquent in seinem gegenwärtigen Zustande den Vollzug der -ganzen Strafe schwerlich aushalten würde.' - -»Meine Großmutter machte eine unwillige Bewegung und begann langsam die -Stufen des Portals niederzusteigen. Fritz sprang hinzu und wollte sie -dabei unterstützen. Sie aber winkte ihn hinweg: 'Geh aufs Amt,' befahl -sie, 'Mischka ist begnadigt.' - -»'Ah!' stieß der treue Knecht bewundernd hervor und enteilte, während -der Doktor bedächtig die Uhr aus der Tasche zog und leise vor sich -hinbrummte: 'Hm, hm, es wird noch Zeit sein, die Exekution dürfte eben -begonnen haben.' - -»Das Wort 'begnadigt' war von der Alten verstanden worden; ein Gewinsel -der Rührung, des Entzückens drang von ihren Lippen, sie fiel nieder und -drückte, als die Herrin näher trat, das Gesicht auf die Erde, als ob sie -sich vor so viel Größe und Hoheit dem Boden förmlich gleichzumachen -suche. - -»Der Blick meiner Großmutter glitt mit einer gewissen Scheu über dieses -Bild verkörperter Demut: 'Steh auf', sagte sie und -- zuckte zusammen -und horchte ... und alle Anwesenden horchten erschaudernd, die einen -starr, die andern mit dem albernen Lachen des Entsetzens. Aus der Gegend -des Amtshauses hatten die Lüfte einen gräßlichen Schrei herübergetragen. -Er schien ein Echo geweckt zu haben in der Brust des alten Weibleins, -denn es erhob stöhnend den Kopf und murmelte ein Gebet ... - -»'Nun?' fragte einige Minuten später meine Großmutter den atemlos -herbeistürzenden Fritz: 'Hast du's bestellt?' - -»'Zu dienen,' antwortete Fritz und brachte es diesmal statt zu seinem -süßen Lächeln nur zu einem kläglichen Grinsen: 'Er laßt die Hand küssen, -er ist schon tot.'« -- - -»Fürchterlich!« rief die Gräfin aus, »und das nennen Sie eine friedliche -Geschichte?« - -»Verzeihen Sie die Kriegslist, Sie hätten mich ja sonst nicht angehört,« -erwiderte der Graf. »Aber vielleicht begreifen Sie jetzt, warum ich den -sanftmütigen Nachkommen Mischkas nicht aus dem Dienst jage, obwohl er -meine Interessen eigentlich recht nachlässig vertritt.« - - - - - Fräulein Susannens Weihnachtsabend. - - -Fräulein Susette, oder wie sie sich lieber nennt, Susanne, spazierte am -Weihnachtsabend munter in ihrem Zimmer hin und her. Sie hatte viele -Leute beschenkt, versetzte sich nun im Geiste zu dem und jenem der -angenehm Überraschten und befand sich da sehr behaglich. Ihre zu -kleinen, aber flinken und geschickten Hände schlugen gleichsam den Takt -zu der Freudenmusik in ihrem Innern, indem sie die beinernen Nadeln der -Strickerei rasch und lieblich klappern ließen. - -Andern Vergnügen machen ist ein Vergnügen für jeden natürlich gearteten -Menschen, dachte sie, für mich aber, die so spät dazu kam, ein -berauschendes Glück. -- Wenn einem die Eltern mißraten sind, wenn man -ein langes Dasein der freudlosen Pflichterfüllung, der Unterwürfigkeit -und Entbehrung hinter sich hat, und erwacht eines Morgens selbständig, -frei, wohlhabend, gar nicht mehr jung, aber mit einem ungehobenen Schatz -an Heiterkeit im Herzen, das ist zum Übermütigwerden, und Susanne wurde -übermütig und machte ausschweifenden Gebrauch von ihrer Unabhängigkeit -und von ihrem Reichtum. - -Sie hatte viele Jahre mit ihrer begüterten, aber vom Geizteufel -besessenen Großmutter in einer armen Leuten abgemieteten Dachkammer -gelebt. Wie gelebt! Als geduldige und mißhandelte Magd. Dennoch vergoß -sie am Sterbebette ihrer Tyrannin ehrliche Tränen. - -Nach dem Tode der alten Frau befand sich Susanne, deren einziges -Enkelkind, an der Spitze eines nach ihren Begriffen großen Vermögens. -Die Erbin bezog nun eine hübsche, aus drei Zimmern und einer Küche -bestehende Wohnung im vierten Stock eines stattlichen Hauses in der -Göttweihergasse. Sie nahm ein Dienstmädchen auf, ging oft spazieren und -stieg, wenn sie müde wurde, in einen Stellwagen, ohne weiteres -- wie -eine Prinzessin. - -Der Luxus jedoch, den sie am maßlosesten betrieb, war der -Verschenkluxus; ihm ergab sie sich immer, besonders aber um die -gesegnete Weihnachtszeit, und ein solcher Christabend, an dem Susanne -auf und ab pendelte in ihrer guten Stube -- sorgfältig vermeidend, den -Rand des kleinen, unter dem Tische liegenden Teppichs zu betreten, um -ihn nicht abzunützen -- und an alle die Menschen dachte, denen sie eine -Freude bereitet hatte -- ein solcher Christabend ... Niemand vermag -seine stillen Entzückungen zu schildern. Das Fräulein wußte nur eins: -sich die Hochgefühle, von denen sie jetzt beseelt wird, in Permanenz -versetzt denken, und sie hat eine Vorstellung dessen, was himmlische -Seligkeit ist. - -Auf einmal blieb Susanne stehen und horchte. Durch die Wand, aus der -Wohnung nebenan, war das Gekreische jubelnder Stimmen zu ihr gedrungen. -Haha, die Kunzelkinder! Nur zu! Dieser Jubel macht dem Fräulein kein -geringes Vergnügen, denn sie ist dessen Urheberin. Sie hat den -Christbaum gekauft und geschmückt, der jetzt so begeistert akklamiert -wird. Ohne sie hätten die Nachbarn einen traurigen Weihnachtsabend -gehabt. Sie war kürzlich dem Haupte der Familie, dem Herrn -Kürschnermeister Kunzel, und seinem ältesten Sprößling, dem -siebenjährigen Toni, auf der Treppe begegnet und hatte zu dem Kinde -gesagt: »Nun, Toni, freust du dich auf den Christbaum?« worauf der Junge -seine kleinen, tiefliegenden Augen gesenkt, die Unterlippe vorgeschoben -und etwas Unverständliches gemurmelt, der Kürschnermeister jedoch mit -einer weit ausholenden Schwenkung des Hutes und ehrfürchtiger Verbeugung -geantwortet hatte: »Ach nein, gnädigstes Fräulein, heuer hält sich das -Christkinderl bei uns nicht auf ... Es wird ... es hat ...« Er stockte, -fuhr langsam mit seiner breiten Hand über den Kopf und das Gesicht und -setzte verlegen hinzu: »Es muß sparen ... auf eine neue Wiege -- mit -Zubehör ... die alte tut's durchaus nicht mehr ...« - -»Mein Gott, das sechste, und ich habe schon das vierte und das fünfte -aus der Taufe gehoben!« sagte Susanne zu sich selbst, und zu Herrn -Kunzel sagte sie nichts, sondern ging stumm und unaufhaltsam ihrer Wege, -was sie später sehr bereute. Wenn man auch keineswegs gesonnen ist, bei -Nummer sechs Taufpatenstelle zu vertreten, läuft man doch nicht mit -unanständiger Eile davon, weil einem dessen bevorstehende Ankunft -angezeigt wird. - -Das Schlimme, ja das Abscheuliche dabei ist, daß Susanne um die Gunst, -welche sie eben in Gedanken verweigerte -- nie gebeten worden ist, -dieselbe vielmehr selbst angeboten und sogar nach der Geburt von Nummer -fünf aufgedrungen, als sie gehört hatte: die Kürschnersleute finden -keine Taufpatin für ihre Jüngste. - -Wie überrascht waren jene gewesen, da Susanne im Augenblick der größten -Verlegenheit als rettender Engel erschien, aber auch wie ehrlich -beschämt! Der Mann ganz rot, und die Frau ganz blaß, hatten zuerst an -das großmütige Anerbieten kaum glauben können. Sie hatten einander -bestürzt angesehen und gemurmelt: »Nein, Mutter ... das wäre zu viel.« --- »Nein, Vater, das gibt's nicht ...« - -Und einmal wieder hatte Susanne was »zu viel« ist und »was es nicht -gibt« getan und einmal wieder in den auserlesensten Hochgefühlen -geschwelgt und sich in eine neue Gelegenheit zu fortwährenden Opfern -hineingestürzt mit Mutius Scävolaischer Begeisterung. - -Das der wirkliche Sachverhalt, bei dem sich die Noblesse des braven -Ehepaares so deutlich geoffenbart, und aus dem Susanne so wenig gelernt -hatte, daß sie entfloh wie vor einer Gefahr, vor der Aussicht auf ein -neues Kunzelchen. - -Welche Abgründe im Menschenherzen, sogar in einem ganz passablen! klagte -sie. Stille, schwarze Wässerchen, verborgene Miserabilitätsadern in -einem scheinbar leidlich gesunden Organismus. - -Susanne hatte viel gelitten durch die Erinnerung an ihr schnödes -Benehmen gegen Herrn Kunzel, und das Gejauchze seiner Kinder, das sie -jetzt vernahm, wirkte unsagbar heilend auf ihre Seelenwunde. Gar lebhaft -und innig regte sich in dem Fräulein der Wunsch, ein bißchen -hinüberzugehen zu den guten Leutchen, um persönlich an ihrer Freude -teilzunehmen. - -Aber der Respekt der Einsamen vor der Familie, die man an einem Tage, -wie der heutige, in ihrem friedlichen Beisammensein nicht stören darf, -hielt sie davon ab, und so fuhr sie fort, ihre Besuche vergnügt in -Gedanken abzustatten. - -Sie flog in die Brigittenau zu ihrer Wäscherin und von da zu dem -Buchbinder Hasse in Lerchenfeld, und von Lerchenfeld in die Kumpfgasse -zur alten Blumenresel, zu lauter wackeren, schwer ringenden Menschen, -die heute aufatmen -- Susanne hat sie von ihren drückenden Sorgen -befreit. Von der Kumpfgasse begibt sich das Fräulein nach der Freiung, -sie tut es ein wenig zögernd. - -Ach -- es kann nicht anders sein!... Wenn sie von Leuten kommt, die sich -eine Ehre aus ihr machen -- jetzt naht sie einer Wohnung, die auch nur -im Geiste zu betreten eitel Ehre für sie ist, denn in dieser Wohnung -residiert ihr Vetter Joseph, der kaiserlich königliche Hofrat. Ein -Pracht- und Mustermensch, der Vetter Hofrat, angebetet von seinen -Untergebenen, hochgeschätzt von seinen Vorgesetzten, ein Beamter mit -großer Zukunft. Und was für ein Ehemann! Die Ritterlichkeit, die Liebe -selbst. -- Verehrter Joseph!... Ja, was für ein Ehemann! Was für ein -Vater, und -- Susanne darf sagen -- was für ein Vetter! - -Musterhaft schon von jeher, hatte Joseph aus reinem Pflichtgefühl die -Großtante manchmal in ihrer Dachkammer besucht und auf Susanne einen -Eindruck gemacht, dessen Tiefe sie erst ermaß, als sie hörte: der Vetter -heiratet ein schönes, sehr reiches Fräulein. - -Sie erschrak tödlich über diese Nachricht und dann über ihr -Erschrecken. Hatte sie denn auf ihn gehofft, den Hohen, Einzigen? -- -Niemals! Mit Seelenstärke überwand sie ihren unberechtigten Schmerz; sie -begeisterte sich sogar für die Frau ihres Vetters und fuhr fort, ihn zu -bewundern. Seine glänzende Heirat machte ihn nicht hochmütig, er blieb -immer gleich huldvoll gegen die arme Susanne. - -In ihren schwersten Tagen -- nie wird sie es ihm vergessen --, wenn sie -ihn auf der Straße traf und wegen ihres in der Auflösung begriffenen -Fähnchens und ihres ärmlichen alten Umhängetuches vor Beschämung am -liebsten zu einem Schatten auf dem Trottoir zerflossen wäre -- hatte er -sie nie verleugnet. Im Gegenteil, sie immer herablassend gegrüßt mit -zwei Fingern der schwedisch behandschuhten Rechten, die er eigens zu -diesem Behufe, sogar im Winter, aus der Tasche des kostbaren, -ehrfurchtgebietenden Paletots gezogen; manchmal auch: »Gu'n Morgen, -Sette,« dazu gesagt ... - -»Gu'n Morgen, Sette!« ... Wie lange, wie süß hatte es immer in ihr -nachgehallt und sie mit einem Klange umschmeichelt, für den sie nur -_eine_ richtige Bezeichnung fand -- einem balsamischen Klange. - -Jetzt, zu Geld und Gut gekommen, zeigte Susanne sich dankbar, indem sie -jede Gelegenheit ergriff, ihrem Vetter oder einem der Seinen eine -Aufmerksamkeit zu erweisen, und mit den Christgeschenken trieb sie es -großmütiger von Jahr zu Jahr. Ihr Budget wurde dadurch sehr beschwert -- -aber ihre Seele bekam Flügel. - -Und nicht genug ... - -Mit den Wonnen des heutigen Tages fand das Glück sich noch nicht ab. Es -brachte Fortsetzung -- einen unaussprechlich lieben Besuch. Morgen, -Susanne darf darauf rechnen, nach der heiligen Messe, wird der Vetter -weihrauchduftend erscheinen, in Begleitung seiner imponierend schönen -Frau, seines lieben fünfzehnjährigen Sohnes und seiner kleinen Tochter. -Sein mächtiges, glatt rasiertes Gesicht wird von dem Lichte würdevollen -Wohlwollens erhellt sein, und er wird sagen: »Wirklich, Sette, zu viel, -wir bitten ...« - -Die schöne Base jedoch wird ihm ins Wort fallen -- spöttisch lachend, -wie sie pflegt, wahrscheinlich weil es ihr so reizend steht: »Nein, wie -die gute Susette nur jedesmal errät, was wir uns am meisten wünschen! -Wie sie das nur anfängt, die gute Susette!« - -Eine große Verwirrung wird sich des Fräuleins bemächtigen. Sollte die -Kammerjungfer das geheime Einverständnis, in dem sie sich befinden, -verraten haben? -- Aber nein, das wäre zu schlecht, solche -Schlechtigkeit kann nicht vorkommen in der Nähe _dieser_ Menschen. Damit -wird sie sich trösten; es werden noch einige Reden gewechselt werden, -und dann wird Joseph aufstehen und sprechen: »Wir sind auch gekommen, um -dir glückliche Feiertage und ein glückliches neues Jahr zu wünschen, -Sette. Kinder, gratuliert der Tante!« - -Die wohlerzogenen artigen Kinder werden sogleich die Absicht an den Tag -legen, dem Fräulein die Hände zu küssen, was sie natürlich nicht zugeben -wird. Und die schöne Cousine wird -- abermals mit ihrem reizend -spöttischen Lächeln, ihre Wange derjenigen Susannes bis auf einen -Zentimeter nähern und dabei die Luft küssen ... Und dann werden sie -gehen, und Susanne wird sie bis an die Haustür begleiten, ins Zimmer -zurückeilen, die Arme ausbreiten und rufen: - -»Sie waren da! Sie waren da!« und Rosi, die verdienstvolle Magd, wird -ihre Zustimmung kundgeben. »No jo. Dos sind holt Herrschoften. Do -hoben's Fräul'n auch amol an B'such von Herrschoften kriegt und nit -immer nur von so Leut, die wos wolln. No joh!« - -Ach, der Vorgenuß und der Nachgenuß, das sind die rechten. Der -Augenblick selbst hat etwas Überwältigendes ... Schon das gewisse Würgen -im Halse, das sich einstellt, wenn um Zwölf die Glocke ertönt ... - -Hilf Gott! just als sie es denkt, da läutet's. Was bedeutet das? Wem -kann es nur einfallen, daher zu kommen am Weihnachtsabend? Rosi erwartet -allerdings ihre Schwestern, aber die klingeln nicht, die klopfen. - -Etwas Unheimliches ist's zum Glücke nicht, das Fräulein hört ihre -Dienerin auf dem Gange sehr heiter sprechen, und nun tritt die -schmunzelnd ein und sagt: - -»Eine Visit soll ich anmelden. Noh, Tonerl, is g'fällig?« - -Es ist gefällig; der Angerufene, Toni Kunzel, erscheint. Mit ernster, -geschäftsmäßiger Miene, den großen, lichtblonden Kopf vorgebeugt, geht -er gradaus auf den Tisch zu und legt drei Pakete von verschiedener Größe -darauf. Zu grüßen hat er vergessen vor lauter Wichtigkeit. Er wickelt -das Mitgebrachte schweigend aus den vielen, nicht eben blanken Papieren, -in die es eingehüllt ist, knüllt jedes extra zusammen und steckt es in -die rückwärtige Tasche seines grünen Jäckchens, das zuletzt wegragt wie -ein Pfauenschwanz. - -Nach und nach sind zum Vorschein gekommen: eine vergoldete Nuß, ein -roter Apfel und ein lebzeltener Husar, mit einem von kleinen Zähnen -etwas angenagten Federbusch. Toni legt alles schön nebeneinander, ändert -die Reihenfolge einige Male, bis sie ihm recht ist und der Husar zuerst -und die Nuß zuletzt kommt. Dann fährt er mit dem Rücken der Hand an -dieser Darbringung, sie gleichsam unterstreichend, vorbei und sagt: - -»So, Fräul'n. Nimm Sie sich das. Weil heut Christabend is. Daß Sie auch -was hat;« und sieht sie dabei so kapabel und überlegen an, aus unsagbar -ehrlichen und unschuldigen Augen, und wartet siegessicher auf die -Äußerung des Beifalls, den seine Großmut erwecken muß. - -»O du Toni!« will Susanne ausrufen, aber mitten im Satze kippt ihre -Stimme um; es schießt ihr heiß in die Augen, und ihr Näschen rötet sich. -Sie nimmt den edlen Spender beim Kopf und drückt einen Kuß auf seinen -Scheitel, und Toni, offenbar ungemein geschmeichelt und gerührt, packt -ihre kleine Rechte und küßt sie auf das allerinnigste. Dann läßt er noch -eine Anpreisung und Gebrauchsanweisung seiner Gaben folgen: »'s is alles -gut. Alles vom Christkinderl. Sie kann alles essen, auch die Nuß. Aber -schad wär's halt.« - -Damit empfiehlt er sich. - -Das Fräulein ist wieder allein. Süße, schöner denn je belebte -Einsamkeit!... »O du Toni!« und! »Nein, das Kind!« sagt sie unzählige -Male. Da hat sie nun die erste Christbescherung erhalten in ihrem -ganzen Leben, und das macht ihr einen Eindruck ... sie wird ganz -töricht, als sie sich Rechenschaft von ihm geben will ... Es ist ein -himmelblauer Eindruck, meint sie, und lacht und strickt dazu. Himmelblau -mit goldenen Sternchen, und stellenweise, wo er durchsichtig wird, guckt -ein wehmütig grauer Hintergrund heraus. Musik ist auch dabei, die -Sternchen klingen. Ein wenig verrückt diese Idee ... sei's darum! Nach -einem außerordentlichen Ereignis hat man eben andre als -Werkeltagsgedanken, und -- was fährt Susannen nicht alles durch den Kopf! -Viel angenehmer Unsinn, an den sie beileibe nicht glaubt, den sie sich -aber doch vorspiegeln läßt von Dame Phantasie, weil die heute so gut bei -Laune ist. - --- Wenn ein Kind das Herzensbedürfnis empfand, dich zu beschenken, -spricht die alte, ewig junge Faslerin, warum sollten nicht auch -Erwachsene es empfinden? Warte nur, was heute noch alles kommt! - -Susanne depreziert: Wer sollte mir etwas schenken? Der es tun könnte, -der Vetter, ein Familienvater, hat andre Sorgen -- und meine übrigen -Bekannten sind arme Leute. -- - -Das macht nichts, auch die können geben. Die Blumenresel zum Beispiel, -die gerade jetzt, dank deiner Verwendung, dreißig Jubiläumssträuße in -der Singerstraße abzuliefern hat, könnte wohl im Vorübergehen eine -schöne, frische Rose für dich abgeben. Sie brauchte sich deiner nur zu -erinnern, wie der kleine Toni sich deiner erinnert hat ... Und der -Buchbinder Hasse in Lerchenfeld, für den du den Mietzins erlegtest, und -der aus Abschnitzeln so allerliebste Notizbüchelchen macht. Ein Dutzend -davon hast du ihm abgenommen und verschenkt bis auf eines, das du -kindische alte Person gar zu gern selbst behalten hättest, das rehbraune -mit dem vierblättrigen Klee -- du überwandest diese Regung des Geizes, -denn Rosi lechzte ja förmlich nach dem Büchlein, im Interesse ihres -Liebhabers, ohne Zweifel. Wenn nun dem guten Hasse einfiele, was dem -Kunzeltoni eingefallen ist, daß auch du am Christabend etwas haben -sollst, wenn der Meister ein solches Büchlein brächte, oder schickte, -durch die Post ... Es wäre noch Zeit, eben schlägt's Sieben, da kommt -der Briefträger ins Haus ... - -Kling! kling! o Tag der Wunder! wird die Schwätzerin recht behalten? -- -Es hat wieder geläutet: Rosi geht die Haustür öffnen und schreit so laut -auf, daß man's deutlich bis ins Zimmer hört: »Jo wos denn? Na, so wos -...« Und schon wirbelt sie herein, und ihr auf dem Fuße folgt ein -Kommissionär, dessen Gesicht feuerfarbig und dessen Gang schwankend ist, -und trägt ein mit winzigen Kerzen bestecktes, mit dem feinsten Konfekt -behangenes Christbäumchen. - -Susanne starrt und starrt und bringt keine Silbe über die Lippen. - -Um so beredter ist Rosi, die spricht ohne Aufhören: »Von der Freiung -Nummer sechzehn is er geschickt, sogt er. No joh, vom Herrn Vetter, no i -sog's holt -- die Herrschoften ... 's is lang nix kommen, ober wenn emol -was kommt, kommt was Rechts. Do stellen's es her auf'n Tisch, 's -Christbäumerl.« - -Merkwürdigerweise zögert der Kommissionär, er sieht sowohl Rosi wie -Susanne betroffen an, und sagt, er habe den Auftrag, das Präsent dem -Fräulein persönlich zu übergeben. Die Versicherung Rosis, das Fräulein -stehe vor ihm, will ihm nicht recht einleuchten. Fräulein Rainer mit -einem A sei ihm gesagt worden. - -»Reiner mit E,« berichtigt Susanne, und er wiederholt: - -»Mit E?« und stellt das Bäumchen auf den Tisch, um in seiner Tasche nach -dem Adreßzettel zu suchen, den ihm sein Auftraggeber eingehändigt hat. -Rosis Geduld jedoch ist erschöpft. Sie nimmt den Mann bei den Schultern -und schiebt ihn mit kräftigen Armen aus dem Zimmer. Der Angetrunkene -sucht Widerstand zu leisten, es ist aber vergeblich. »Gib ihm einen -Gulden!« ruft Susanne ihrer Dienerin nach, und das kommt mit einem -Jauchzen heraus, glückseliger als das der Kunzelkinder. Die Jugend ist -die Zeit der Freude, sagen die Leute. Irrtum! Irrtum! alt muß man sein -und eine Freude kaum mehr erwartet haben, um sie zu begrüßen, wenn sie -kommt, wie Frühlingsodem an einem Wintertag. - -Unwillkürlich hat Susanne vor dem Bäumchen die Hände gefaltet. Ich lasse -einen Glassturz darüber machen, beschließt sie, an meinem Sterbebette -soll es stehen. Mein letzter Blick soll darauf fallen und Gott danken, -daß er seine Menschen so gut gegen mich sein ließ. - -Wie Susanne das Bäumchen immer aufmerksamer betrachtet, entdeckt sie -halb verborgen im Moose, das den zierlichen Stamm umgibt, ein Päckchen -in schneeweißem Papier. Sie entfaltet es: sein Inhalt besteht in einem -mit rosafarbigem Atlas überzogenen Etui. Auf dem Deckel ist ein -Papierstreifen angesteckt, der eine in der mikroskopischen Schrift des -Vetters ausgeführte Widmung trägt. Sie lautet: - - Es zeigt Dir dieser Stein hier, - Was immer ist ohne Dir: - - Dein Seppel. - -Ohne »Dir« und -- »Seppel!« O verehrter Joseph! -- Nun, ein Scherz, -aber, Susanne kann sich nicht helfen, er hat etwas Verletzendes für sie, -und geradezu von Schwindel wird sie ergriffen, als sie das Etui öffnet -und ... Gott! was blinkt und blitzt ihr entgegen in allen Farben des -Regenbogens? -- ein wundervoll gefaßter Solitär ... - -Wahrlich, das übersteigt das Maß, innerhalb dessen eine freudige -Überraschung noch angenehm ist; das geht in das Gebiet des beunruhigend -Unbegreiflichen über. - -Am liebsten würde Susanne die Widmung von dem Etui herabnehmen, dasselbe -sorgfältig zusammenpacken und sogleich mit einigen dankend ablehnenden -Zeilen an den Vetter zurückschicken. Doch fürchtet sie, ihn dadurch zu -verletzen, und beschließt, die delikate Angelegenheit morgen mündlich -abzumachen. Halb im Scherz, halb im Ernst wird sie den Vetter fragen, ob -er sie für eine Person hält, die man ohne weiteres grausam beschämen -darf? und den Solitär an _das_ Herz legen, an dem er seine Heimstätte zu -suchen und zu finden hat, das Herz der Gemahlin. - -Susanne hat sich in Gedanken alles zurecht gelegt, aber schlafen wird -sie heute kaum. Die Sorge um den wertvollen Schmuckgegenstand, den sie -gegen ihren Willen in Verwahrung hat, wird ihr die Ruhe rauben. Noch ist -sie unentschieden, in welchem ihrer Schränke sie ihn bergen soll, als -derbe Schritte das Nahen Rosis anzeigen, und Susanne nichts übrig -bleibt, als das Päckchen einstweilen wieder im Moose zu verstecken. Mit -einem brennenden Wachsstock in der Hand tritt die Magd ein, ist sehr -unwirsch und brummt: »Nit zum Wegbringen der Mensch. Betrunken wie a -Kanon am heilgen Weihnachtsabend. Steht noch auf der Stieg'n und -studiert sei schmierige Adreß. 'Nummer fünf heißt's,' sogt er, Nummer -drei heißt's, sog i, kennen's nit lesen?« - -»Nummer fünf?« fragt das Fräulein beunruhigt, »liebe Rosi, wenn es -wirklich fünf hieße und nicht drei?« - -Ihr Bedenken wird mit Überlegenheit belächelt, die ihr wohltut; dabei -zündet die Magd Kerzlein um Kerzlein an. Das reich geputzte Bäumchen -erstrahlt in magischem Glanze, und dieser Glanz dringt in alle -Seelentiefen Susannens und leuchtet jeden Zweifel, jede leise -auftauchende Sorge hinaus. - -Sie ist völlig verzückt. Ihr gutes, kleines Mopsgesicht gewinnt einen -Ausdruck rührend reiner Freude, und sie sagt glückselig bewegt: »Mein -erster Christbaum, Rosi, mein erster Christbaum, Ro -- --« - -Die zweite Silbe bleibt ihr in der Kehle stecken ... Es hat wieder -geläutet, hastig, ja wild. Susannens Augen richten sich erschrocken auf -ihre Magd. Die jedoch ist ganz übermütig: »Heut geht's ober zu. No jo, -vielleicht schickt Seine Majestät der Kaiser wos.« - -Sie enteilt, um die Tür aufzureißen vor der neuen Überraschung, und -eine Überraschung ist's, aber was für eine! - -Draußen läßt das Drohen und Fluchen einer rauhen Männerstimme sich -vernehmen. Ohne anzuklopfen, ohne die Mütze zu rücken, poltert der -Kommissionär ins Zimmer, schimpft fürchterlich, als er die angezündeten -Kerzchen am Christbaum erblickt, bläst gleich drei, vier auf einmal aus -und fährt Rosi, die ihm auf dem Fuße gefolgt ist, mit unglaublicher -Grobheit an. Er hat es ja gesagt, hinüber auf Nummer fünf gehört das -Bäumerl, zur Rainer mit A, und nicht zu einer alten Schachtel mit E. Den -Guldenzettel, den sie ihm gespendet hat, wirft er auf den Tisch. Da hat -sie das Ihrige, und jetzt hofft er nur, daß ihm nichts weggekommen ist, -sonst -- den Weg zur Polizei kennt er, den braucht ihm niemand weisen. - -Kurz, nachdem er sich benommen wie in einer Diebeshöhle, nimmt er das -Bäumchen unter den Arm, trampelt davon und schlägt hinter sich die Tür -zu, daß alles dröhnt. - -Susanne ließ sich auf einen Sessel, nicht wie sie sonst pflegte aus -Rücksicht für den Überzug, nieder_gleiten_, sonder nieder_fallen_, Rosi -stand vor ihr, nahm einen Zipfel der blanken Schürze, und steckte ihn in -den Gürtel. Ihre Augen funkelten vor Entrüstung, ihre Lippen wurden dick -und scharlachrot. Sie kreuzte die nackten Arme und sprach erregt: - -»Na, dos is aber doch!« - -Das Fräulein hat indessen ein stilles Gebet verrichtet: Lieber Gott, gib -mir Kraft, vor diesem braven, aber der höchsten Politur ermangelnden -Mädchen die Würde des Familienlebens meines tiefgesunkenen Vetters zu -wahren. Gib mir Kraft, ich brauche sie; ich glaube, ich habe keinen -Puls, und meine Füße sind ganz steif. Wie mir jetzt ist, so dürfte es -der Erde sein, wenn sie dereinst in die Eisperiode tritt. O meine Sonne, -mein Prachtmenschenexemplar -- wie siehst du aus! - -»Die Rainer,« nimmt Rosi wieder das Wort, »dos is die Lokalsängerin, wo -neulich so viel in der Zeitung g'standen is. Doß die daneben wohnt, weiß -freilich die ganze Straß'n. Daß aber der Herr Vetter zu _der_ ihrer -Bekonntschoft g'hört, hätt i mer nit denkt. Hot so e scheene Frau und -lauft der schiechen Astel nach.« - -Susannens Zähne klappern aneinander, die Zunge klebt ihr am Gaumen, doch -gelingt es ihr, dank ihrer heroischen Anstrengung, in ziemlich -natürlichem Tone zu sagen: »Ja, meine liebe Rosi, die Rainer ist eben -eine große Künstlerin.« - -»So? und drum schickt er ihr wos zu Weihnachten, und vielleicht gar -hinterm Rucken der gnädigen Frau?« - -»Liebe Rosi,« erwidert Susanna zurechtweisend und setzt ihre -Wahrheitsliebe hintan, um die Familienehre zu schützen, »dieses -Geschenk, es wird von ihm und von ihr sein. Es ist so Sitte bei den -Herrschaften, daß sie großen Künstlerinnen zu passenden Gelegenheiten -Blumen schicken oder -- Christbäume.« - -»Meinen's Fräulein? -- No jo,« spricht Rosi mit ihrem gewohnten -überlegenen Lächeln und geht, das Abendessen anzurichten, das heute aus -Fisch und Gugelhupf besteht. Dazu braut sie einen guten Punsch für sich -und ihre Schwestern. Es geschieht ohne Wissen der Gebieterin, die nicht -ahnen darf, daß in ihrem Hause Spirituosen, diese Mörder der -Intelligenz, genossen werden. - -Während der kleine Betrug an ihr verübt wird, bleibt Susanne ihren -traurigen Betrachtungen überlassen. - --- Solitär, wenn er nicht bei Fräulein Rainer ist! Ein Ehegatte und -Familienvater? -- »Ohne _Dir_ ...« Sie sind also auf dem Du-Fuße, -- -»Ohne _Dir_,« schauderhaft. Wenn er noch gesagt hätte: »Ohne _Dich_!« --- Gott, wie tief sinkt man sofort in jeder Hinsicht, wenn man in einer -das Gleichgewicht verloren hat. - -Tiefbekümmert fragt sich Susanne, ob sie dem ahnungslosen Vetter, hinter -dessen tiefstes Geheimnis sie gekommen ist, je wieder unter die Augen -wird treten können, und gar seiner betrogenen Gattin und seinen armen -Kindern, deren Vater, statt für sie zu sparen, Solitäre kauft für -Fräulein Rainer. - -Zu Tode schämen muß sie sich vor ihnen allen ... sie, die Mitwisserin -einer großen Schuld. Es wird ihr aufs Herz fallen, verdammende Stimmen -werden ihr zurufen: Mitwisserin! -- Ach, gar zu gern hätte sie sich den -morgigen Besuch, vor dem ihr schaudert, erspart, sich krank melden, sich -entschuldigen lassen. Doch nein! Sie hat leider schon gelogen am -heiligen Abend, sie wird nicht wieder lügen am heiligen Tage. Durch! -sagt sie mit Strafford, mitten durch die gehäuften Trümmer ihres -schönsten Wahngebildes. - -Nun sitzt sie da, die Hände im Schoße, wie sie nicht mehr gesessen, -seitdem sie Totenwache gehalten hat an der Bahre ihrer Großmutter. - -Rosi läßt sich wieder sehen, deckt den Tisch, stellt mit berechtigtem -Stolze das Souper auf und wünscht guten Appetit. Sie wird für heute des -weiteren Dienstes enthoben und kehrt zu ihren Schwestern zurück, die -bereits eingetroffen sind. - -In der Küche geht es munter zu. Man schmaust, man plaudert, man findet -des Kicherns kein Ende. - -Susanne nickt zustimmend mit dem Kopfe, so oft sie lachen hört: »Freut -euch des Lebens, ihr Armen, euch glüht ja noch das Lämpchen des Glaubens -an die Menschen,« sagt sie leise und würgt einige Stückchen Fisch -hinunter. - -Sie tut es nur, um Rosi, wenn die am nächsten Tage fragen sollte: »Hat's -geschmeckt?« erwidern zu können: »Es war so gut, daß ich nicht alles auf -einmal verspeisen wollte, und mir etwas aufgehoben habe für heute.« -- -Ach Gott ja, morgen ist wieder ein Heute, und übermorgen auch, und so -geht es fort und dürfte noch lange fortgehen, denn Susanne hat eine -eiserne Gesundheit. Vor ihr liegt ein weiter, ein einsamer Weg. Die -Menschen, denen sie Gutes tut, was ist sie ihnen? Eine unermeßlich -reiche Person, die einen Teil ihres Überflusses dazu verwendet, sie aus -drückender Not zu befreien. Mit der Erinnerung an diese schwindet auch -die Erinnerung an die Befreierin. - -Stunden verfließen. Im Hause ist alles still geworden. Das Fräulein geht -sich überzeugen, ob die Wohnungstür versperrt und verriegelt und die -Sicherheitskette vorgelegt ist. Ja wohl, so müde und schläfrig Rosi -gewesen sein mag, sie hat alles in Ordnung gebracht, ehe sie zur Ruhe -ging. Brave Person! Eine brave Dienerin zu haben ist ein Glück, das ein -einzeln stehendes weibliches Wesen nicht hoch genug schätzen kann. Als -Susanne in ihrem Schlafzimmer niederkniet zum Abendgebet, dankt sie dem -Himmel ganz besonders für diese Gnade; sie betet überhaupt sehr lange, -gibt immer wieder einige Vaterunser zu für einen vom rechten Wege weit -Abgeirrten. - -Endlich legt sie sich zu Bette und will schlafen. Aber der Wille -gebietet dem Schlaf nicht, verscheucht ihn im Gegenteil durch -energisches Herbeirufen. Schweige denn, Wille, weichet hinweg, Gedanken! -Ein tiefer, gesunder Schlaf wird Susannen heute schwerlich erquicken, -doch vielleicht gelingt es ihr, in einen ihre Traurigkeit abstumpfenden -Dusel zu kommen. So dämmert sie hin in der Finsternis, die rings um sie, -die in ihr herrscht, schließt die Augen und rührt sich nicht. - -Nach einer Weile, was sieht sie mit ihren geschlossenen Augen? Gerade -vor sich das Erglimmen eines schwachen Lichtscheins. Er wird immer -heller und geht von einer vergoldeten Nuß aus, die langsam über den Rand -des Bettes aufsteigt, wie ein kleinwinziger Mond. Das Licht, das er -verbreitet, ist warm wie das Leben und rosig wie junge Liebe. Allmählich -nimmt er eine noch schönere Färbung an, und darüber braucht man sich -nicht zu wundern, denn die Morgenröte ist dazu gekommen, eine herrlich -strahlende Morgenröte, die das Nahen der Sonne verkündet, und da flammt -sie auch schon empor in Gestalt eines feuerfarbigen Apfels. Als Herold, -mit etwas defektem Federbusch, sprengt ein gelber Reiter vor ihr her. Er -gibt seinem Rosse die Sporen, ein mächtiger Satz, und da steht er -salutierend auf dem Federbette des Fräuleins. - -Sie fährt auf, schlägt sich vor die Stirn, hat im Nu Licht gemacht, -schlüpft in ihre Pantoffelchen und eilt ins Nebenzimmer. - -Da liegt auf dem Tische vergessen ihre Christbescherung, der sichtbare -Beweis, daß es doch ein Wesen gibt, das sich ihrer am heiligen Abende -erinnert und das -- _selbst_ ein Kind, die Geschenke des Christkindleins -mit ihr geteilt hat. - -Dieses wunderbare Erlebnis ist ihr aufgespart worden, ihr, der alten -Jungfer, die gar keinen Anspruch machen darf auf die Liebe von Kindern. -Kürzlich erst hat sie ein solches Glück erfahren, und statt sich seiner -innigst zu freuen, setzt sie sich hin, die undankbare Kröte! und -melancholisiert und überläßt sich feigem Selbstbedauern! - -Beschämt und reuig, aber mit einer sozusagen wonnegetränkten Seele -ergriff Susanne ihren Husaren, ihren Apfel, ihre Nuß, und begab sich -zurück ins Schlafgemach. Bevor sie ihr Lager wieder aufsuchte, legte sie -die Geschenke Tonis auf das Nachtkästchen in derselben Reihenfolge, die -er ihnen mit Ordnungssinn und seinem Gefühle für Rangunterschiede -angewiesen hatte. - -Sie blieb hellmunter und überließ sich heiteren Vorstellungen. - -Den Mittelpunkt derselben bildete Toni. Was für treuherzige Augen er -hat, und _treu_herzig ist er und _warm_herzig dazu, das sprach sich gar -deutlich in seinem Handkuß aus. Welch ein Unterschied zwischen diesem -und den *pro forma*-Handküssen des höflichen Neffen und der -zierlichen Nichte. Susanne erinnert sich vieler kleiner Züge, die ihr im -Benehmen Tonis angenehm aufgefallen sind; des Ernstes, den sie so oft an -ihm bewundert hat, des Buckels voll Sorgen, den er macht, wenn ihm die -Obhut über seine jüngeren Geschwister anvertraut wird. Er nimmt seinen -Teil der häuslichen Sorgenlast auf seine jungen Schultern. Und wie brav -und verläßlich er ist! er vergißt nie einen Auftrag, den man ihm gibt. - -Zum Pfadfinder und Genie scheint Toni -- wohl ihm! -- keine Anlage zu -haben, aber ein vortrefflicher Mann, geschickt in seinem Fache, ein -Muster für seine Standesgenossen, die Vorsehung seiner Gehilfen könnte -er werden, wenn er eine tüchtige Erziehung, wenn er Bildung bekäme, die -echte Bildung, die von innen heraus kommt, die den Wert des Menschen -erhöht und den Stolz auf seinen Wert verringert. - --- Wenn er die bekommen _könnte_? wiederholt Susanne und ruft auf einmal -laut aus: »Er _soll_ sie bekommen!« - -Ein Gedanke über alle Gedanken ist raketenartig in ihr emporgeschossen; -sie setzt sich auf in ihrem Bette, sie lacht und weint. Es vergeht eine -lange Zeit, bevor die hochgehenden Fluten ihrer Empfindungen sanft und -selig verebben. Endlich liegt der Kopf wieder auf dem Kissen, sie atmet -leicht und wird gut schlafen. - -Vorher aber komme noch einmal, Freundin Phantasie, und male ihr die am -morgigen Tage bevorstehenden Ereignisse deutlich aus. - -Sie sieht sich, bereits um acht Uhr früh, in größter Parade und mit der -Spitzencoiffe, federnden Ganges hinüberwandeln zu Kunzel. Die -Bedienerin läßt sie ein, und sie findet die Familie, wie immer zu dieser -Stunde an einem Feiertage, um den Frühstückstisch versammelt. - -Beim Eintreten des verehrten und unerwarteten Gastes springen alle auf. -Sie aber spricht: »Sitzen bleiben! Ich allein stehe, wie sich's gehört -für eine Bittende. - -»Lieber Meister, liebe Meisterin, erlauben Sie mir, den Toni zu -adoptieren. Er bleibt Ihr Sohn und wird auch der meine, und im nächsten -Jahre nehme ich als Familienglied teil an Ihrem Weihnachtsfeste.« - -[Illustration] - - - - -Verlag von _Gebrüder Paetel_ (Dr. Georg Paetel) in Berlin W. - -Ein Buch für die Jugend. - -Aus meinen Schriften. - -Von - -Marie von Ebner-Eschenbach. - -_Dritte Auflage._ - -(Elftes bis fünfzehntes Tausend.) - -Quart; 6 Bogen. - -In Originalleinenband 1 Mark. - -Inhalt: - - _Zum Geleite._ -- _Erzählungen_: Der Fink; Die Spitzin; Der Muff; - Krambambuli; Aus »Meine Kinderjahre«. -- _Märchen und Parabeln_: - Brautwahl; Die Begegnung; Das Blatt; Die Siegerin; Doppelfreude; - Wertbestimmung; Die Nachbarn. -- _Spruchverse._ -- _Die - Erdbeerfrau._ -- _Zwanzig Aphorismen._ - -_Zu beziehen durch alle Buchhandlungen._ - - - - -Verlag von _Gebrüder Paetel_ (Dr. Georg Paetel) in Berlin W. - -Werke von Marie von Ebner-Eschenbach: - -=Das Gemeindekind.= Erzählung. Zwölfte Auflage. Oktav. Geheftet 3 Mark. -Elegant gebunden 4 Mark. - -=Dorf- und Schloßgeschichten.= Neunte Auflage. Oktav. Geheftet 4 Mark. -Elegant gebunden 5 Mark. - - _Inhalt_: 1. Der Kreisphysikus. -- 2. Jakob Szela. -- 3. - Krambambuli. -- 4. Die Resel. -- 5. Die Poesie des Unbewußten. - Novellchen in Korrespondenzkarten. - -=Neue Dorf- und Schloßgeschichten.= Fünfte Auflage. Oktav. Geheftet 4 -Mark. Elegant gebunden 5 Mark. - - _Inhalt_: 1. Die Unverstandene auf dem Dorfe. -- 2. Er laßt die Hand - küssen. -- 3. Der gute Mond. - -=Lotti, die Uhrmacherin.= Erzählung. Achte Auflage. Oktav. Geheftet 4 -Mark. Elegant gebunden 5 Mark. - -_Zu beziehen durch alle Buchhandlungen._ - - - - -Liste der vorgenommenen Änderungen - -Unter der Beschreibung der Änderung steht jeweils zuerst die Textstelle -im Original, dann die geänderte Textstelle. - - S. 56: nur noch herbeiläßt, den Juden das Gecht zu geben - nur noch herbeiläßt, den Juden das Recht zu geben - - S. 64: die Weichsel und der Dunajec - die Weichsel und der Dujanec - - S. 135: halte mir den kühnen Ubergang zugute - halte mir den kühnen Übergang zugute - - S. 229: »'Schon wieder Mischka, hat das noch immer kein Ende mit dem - Mischka?... Und was will die Alte!« - »'Schon wieder Mischka, hat das noch immer kein Ende mit dem - Mischka?... Und was will die Alte!'« - - S. 253: »Ohne _Dir_,« schauderschaft. - »Ohne _Dir_,« schauderhaft. - - - - - -End of the Project Gutenberg EBook of Ein Buch, das gern ein Volksbuch -werden möchte, by Marie von Ebner-Eschenbach - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK EIN BUCH, DAS GERN EIN VOLKSBUCH *** - -***** This file should be named 40012-8.txt or 40012-8.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/4/0/0/1/40012/ - -Produced by Eleni Christofaki, Jana Srna, Alexander Bauer -and the Online Distributed Proofreading Team at -http://www.pgdp.net - - -Updated editions will replace the previous one--the old editions -will be renamed. - -Creating the works from public domain print editions means that no -one owns a United States copyright in these works, so the Foundation -(and you!) can copy and distribute it in the United States without -permission and without paying copyright royalties. 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