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diff --git a/41907-0.txt b/41907-0.txt new file mode 100644 index 0000000..c59545f --- /dev/null +++ b/41907-0.txt @@ -0,0 +1,5232 @@ +*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 41907 *** + +Demian + + +Die Geschichte von Emil Sinclairs Jugend +von +Hermann Hesse + + +1921 +S. Fischer / Verlag / Berlin + + +27.--36. Auflage +Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung, vorbehalten +Copyright 1919 S. Fischer, Verlag, Berlin + + +Ich wollte ja nichts als das zu leben +versuchen, was von selber aus mir heraus +wollte. Warum war das so sehr schwer? + + + + + + +Um meine Geschichte zu erzählen, muß ich weit vorn anfangen. Ich müßte, +wäre es mir möglich, noch viel weiter zurück gehen, bis in die allerersten +Jahre meiner Kindheit und noch über sie hinaus in die Ferne meiner Herkunft +zurück. + +Die Dichter, wenn sie Romane schreiben, pflegen so zu tun, als seien sie +Gott und könnten irgendeine Menschengeschichte ganz und gar überblicken und +begreifen und sie so darstellen, wie wenn Gott sie sich selber erzählte, +ohne alle Schleier, überall wesentlich. Das kann ich nicht, so wenig wie +die Dichter es können. Meine Geschichte aber ist mir wichtiger als +irgendeinem Dichter die seinige; denn sie ist meine eigene, und sie ist die +Geschichte eines Menschen -- nicht eines erfundenen, eines möglichen, eines +idealen oder sonstwie nicht vorhandenen, sondern eines wirklichen, +einmaligen, lebenden Menschen. Was das ist, ein wirklicher lebender Mensch, +das weiß man heute allerdings weniger als jemals, und man schießt denn auch +die Menschen, deren jeder ein kostbarer, einmaliger Versuch der Natur ist, +zu Mengen tot. Wären wir nicht noch mehr als einmalige Menschen, könnte man +jeden von uns wirklich mit einer Flintenkugel ganz und gar aus der Welt +schaffen, so hätte es keinen Sinn mehr, Geschichten zu erzählen. Jeder +Mensch aber ist nicht nur er selber, er ist auch der einmalige, ganz +besondere, in jedem Fall wichtige und merkwürdige Punkt, wo die +Erscheinungen der Welt sich kreuzen, nur einmal so und nie wieder. Darum +ist jedes Menschen Geschichte wichtig, ewig, göttlich, darum ist jeder +Mensch, solange er irgend lebt und den Willen der Natur erfüllt, wunderbar +und jeder Aufmerksamkeit würdig. In jedem ist der Geist Gestalt geworden, +in jedem leidet die Kreatur, in jedem wird ein Erlöser gekreuzigt. + +Wenige wissen heute, was der Mensch ist. Viele fühlen es, und sterben darum +leichter, wie ich leichter sterben werde, wenn ich diese Geschichte +fertiggeschrieben habe. + +Einen Wissenden darf ich mich nicht nennen. Ich war ein Suchender und bin +es noch, aber ich suche nicht mehr auf den Sternen und in den Büchern, ich +beginne die Lehren zu hören, die mein Blut in mir rauscht. Meine Geschichte +ist nicht angenehm, sie ist nicht süß und harmonisch wie die erfundenen +Geschichten, sie schmeckt nach Unsinn und Verwirrung, nach Wahnsinn und +Traum wie das Leben aller Menschen, die sich nicht mehr belügen wollen. + +Das Leben jedes Menschen ist ein Weg zu sich selber hin, der Versuch eines +Weges, die Andeutung eines Pfades. Kein Mensch ist jemals ganz und gar er +selbst gewesen; jeder strebt dennoch, es zu werden, einer dumpf, einer +lichter, jeder wie er kann. Jeder trägt Reste von seiner Geburt, Schleim +und Eischalen einer Urwelt, bis zum Ende mit sich hin. Mancher wird niemals +Mensch, bleibt Frosch, bleibt Eidechse, bleibt Ameise. Mancher ist oben +Mensch und unten Fisch. Aber jeder ist ein Wurf der Natur nach dem Menschen +hin. Uns allen sind die Herkünfte gemeinsam, die Mütter, wir alle kommen +aus demselben Schlunde; aber jeder strebt, ein Versuch und Wurf aus den +Tiefen, seinem eigenen Ziele zu. Wir können einander verstehen; aber deuten +kann jeder nur sich selbst. + + + + +Erstes Kapitel +Zwei Welten + + +Ich beginne meine Geschichte mit einem Erlebnisse der Zeit, wo ich etwa +zehn bis elf Jahre alt war und in die Lateinschule unseres Städtchens ging. + +Viel duftet mir da entgegen und rührt mich von innen mit Weh und mit +wohligen Schauern an, dunkle Gassen und helle, Häuser und Türme, Uhrschläge +und Menschengesichter, Stuben voll Wohnlichkeit und warmem Behagen, Stuben +voll Geheimnis und tiefer Gespensterfurcht. Es riecht nach warmer Enge, +nach Kaninchen und Dienstmägden, nach Hausmitteln und getrocknetem Obst. +Zwei Welten liefen dort durcheinander, von zwei Polen her kamen Tag und +Nacht. + +Die eine Welt war das Vaterhaus, aber sie war sogar noch enger, sie umfaßte +eigentlich nur meine Eltern. Diese Welt war mir großenteils wohlbekannt, +sie hieß Mutter und Vater, sie hieß Liebe und Strenge, Vorbild und Schule. +Zu dieser Welt gehörte milder Glanz, Klarheit und Sauberkeit, hier waren +sanfte freundliche Reden, gewaschene Hände, reine Kleider, gute Sitten +daheim. Hier wurde der Morgenchoral gesungen, hier wurde Weihnacht +gefeiert. In dieser Welt gab es gerade Linien und Wege, die in die Zukunft +führten, es gab Pflicht und Schuld, schlechtes Gewissen und Beichte, +Verzeihung und gute Vorsätze, Liebe und Verehrung, Bibelwort und Weisheit. +Zu dieser Welt mußte unsre Zukunft gehören, so mußte sie klar und reinlich, +schön und geordnet sein. + +Die andere Welt indessen begann schon mitten in unsrem eigenen Hause und +war völlig anders, roch anders, sprach anders, versprach und forderte +andres. In dieser zweiten Welt gab es Dienstmägde und Handwerksburschen, +Geistergeschichten und Skandalgerüchte, es gab da eine bunte Flut von +ungeheuren, lockenden, furchtbaren, rätselhaften Dingen, Sachen wie +Schlachthaus und Gefängnis, Betrunkene und keifende Weiber, gebärende Kühe, +gestürzte Pferde, Erzählungen von Einbrüchen, Totschlägen, Selbstmorden. +Alle diese schönen und grauenhaften, wilden und grausamen Sachen gab es +ringsum, in der nächsten Gasse, im nächsten Haus, Polizeidiener und +Landstreicher liefen herum, Betrunkene schlugen ihre Weiber, Knäuel von +jungen Mädchen quollen abends aus Fabriken, alte Frauen konnten einen +bezaubern und krank machen, Räuber wohnten im Wald, Brandstifter wurden von +Landjägern gefangen -- überall quoll und duftete diese zweite, heftige +Welt, überall, nur nicht in unsern Zimmern, wo Mutter und Vater waren. Und +das war sehr gut. Es war wunderbar, daß es hier bei uns Frieden, Ordnung +und Ruhe gab, Pflicht und gutes Gewissen, Verzeihung und Liebe -- und +wunderbar, daß es auch alles das andere gab, alles das Laute und Grelle, +Düstere und Gewaltsame, dem man doch mit einem Sprung zur Mutter entfliehen +konnte. + +Und das Seltsamste war, wie die beiden Welten aneinander grenzten, wie nah +sie beisammen waren! Zum Beispiel unsre Dienstmagd Lina, wenn sie am Abend +bei der Andacht in der Wohnstube bei der Türe saß und mit ihrer hellen +Stimme das Lied mitsang, die gewaschenen Hände auf die glattgestrichene +Schürze gelegt, dann gehörte sie ganz zu Vater und Mutter, zu uns, ins +Helle und Richtige. Gleich darauf in der Küche oder im Holzstall, wenn sie +mir die Geschichte vom Männlein ohne Kopf erzählte, oder wenn sie beim +Metzger im kleinen Laden mit den Nachbarweibern Streit hatte, dann war sie +eine andre, gehörte zur andern Welt, war von Geheimnis umgeben. Und so war +es mit allem, am meisten mit mir selber. Gewiß, ich gehörte zur hellen und +richtigen Welt, ich war meiner Eltern Kind, aber wohin ich Auge und Ohr +richtete, überall war das andere da, und ich lebte auch im andern, obwohl +es mir oft fremd und unheimlich war, obwohl man dort regelmäßig ein +schlechtes Gewissen und Angst bekam. Ich lebte sogar zuzeiten am +allerliebsten in der verbotenen Welt, und oft war die Heimkehr ins Helle -- +so notwendig und gut sie sein mochte -- fast wie eine Rückkehr ins weniger +Schöne, ins Langweiligere und Ödere. Manchmal wußte ich: mein Ziel im Leben +war, so wie mein Vater und meine Mutter zu werden, so hell und rein, so +überlegen und geordnet; aber bis dahin war der Weg weit, bis dahin mußte +man Schulen absitzen und studieren und Proben und Prüfungen ablegen, und +der Weg führte immerzu an der anderen, dunkleren Welt vorbei, durch sie +hindurch, und es war gar nicht unmöglich, daß man bei ihr blieb und in ihr +versank. Es gab Geschichten von verlorenen Söhnen, denen es so gegangen +war, ich hatte sie mit Leidenschaft gelesen. Da war stets die Heimkehr zum +Vater und zum Guten so erlösend und großartig, ich empfand durchaus, daß +dies allein das Richtige, Gute und Wünschenswerte sei, und dennoch war der +Teil der Geschichte, der unter den Bösen und Verlorenen spielte, weitaus +der lockendere, und wenn man es hätte sagen und gestehen dürfen, war es +eigentlich manchmal geradezu schade, daß der Verlorene Buße tat und wieder +gefunden wurde. Aber das sagte man nicht und dachte es auch nicht. Es war +nur irgendwie vorhanden, als eine Ahnung oder Möglichkeit, ganz unten im +Gefühl. Wenn ich mir den Teufel vorstellte, so konnte ich ihn mir ganz gut +auf der Straße unten denken, verkleidet oder offen, oder auf dem Jahrmarkt, +oder in einem Wirtshaus, aber niemals bei uns daheim. + +Meine Schwestern gehörten ebenfalls zur hellen Welt. Sie waren, wie mir oft +schien, im Wesen näher bei Vater und Mutter, sie waren besser, gesitteter, +fehlerloser als ich. Sie hatten Mängel, sie hatten Unarten, aber mir +schien, das ging nicht sehr tief, das war nicht wie bei mir, wo die +Berührung mit dem Bösen oft so schwer und peinigend wurde, wo die dunkle +Welt viel näher stand. Die Schwestern waren, gleich den Eltern, zu schonen +und zu achten, und wenn man mit ihnen Streit gehabt hatte, war man nachher +vor dem eigenen Gewissen immer der Schlechte, der Anstifter, der, der um +Verzeihung bitten mußte. Denn in den Schwestern beleidigte man die Eltern, +das Gute und Gebietende. Es gab Geheimnisse, die ich mit den verworfensten +Gassenbuben weit eher teilen konnte als mit meinen Schwestern. An guten +Tagen, wenn es licht war und das Gewissen in Ordnung, da war es oft +köstlich, mit den Schwestern zu spielen, gut und artig mit ihnen zu sein +und sich selbst in einem braven, edlen Schein zu sehen. So mußte es sein, +wenn man ein Engel war! Das war das Höchste, was wir wußten, und wir +dachten es uns süß und wunderbar, Engel zu sein, umgeben von einem lichten +Klang und Duft wie Weihnacht und Glück. O wie selten gelangen solche +Stunden und Tage! Oft war ich beim Spiel, bei guten, harmlosen, erlaubten +Spielen, von einer Leidenschaft und Heftigkeit, die den Schwestern zu viel +wurde, die zu Streit und Unglück führte, und wenn dann der Zorn über mich +kam, war ich schrecklich und tat und sagte Dinge, deren Verworfenheit ich, +noch während ich sie tat und sagte, tief und brennend empfand. Dann kamen +arge, finstere Stunden der Reue und Zerknirschung, und dann der wehe +Augenblick, wo ich um Verzeihung bat, und dann wieder ein Strahl der Helle, +ein stilles, dankbares Glück ohne Zwiespalt, für Stunden oder Augenblicke. + +Ich ging in die Lateinschule, der Sohn des Bürgermeisters und des +Oberförsters waren in meiner Klasse und kamen zuweilen zu mir, wilde Buben +und dennoch Angehörige der guten, erlaubten Welt. Trotzdem hatte ich nahe +Beziehungen zu Nachbarsknaben, Schülern der Volksschule, die wir sonst +verachteten. Mit einem von ihnen muß ich meine Erzählung beginnen. + +An einem freien Nachmittag -- ich war wenig mehr als zehn Jahre alt -- +trieb ich mich mit zwei Knaben aus der Nachbarschaft herum. Da kam ein +größerer dazu, ein kräftiger und roher Junge von etwa dreizehn Jahren, ein +Volksschüler, der Sohn eines Schneiders. Sein Vater war ein Trinker und die +ganze Familie stand in schlechtem Ruf. Franz Kromer war mir wohl bekannt, +ich hatte Furcht vor ihm, und es gefiel mir nicht, als er jetzt zu uns +stieß. Er hatte schon männliche Manieren und ahmte den Gang und die +Redensarten der jungen Fabrikburschen nach. Unter seiner Anführung stiegen +wir neben der Brücke ans Ufer hinab und verbargen uns vor der Welt unterm +ersten Brückenbogen. Das schmale Ufer zwischen der gewölbten Brückenwand +und dem träg fließenden Wasser bestand aus lauter Abfällen, aus Scherben +und Gerümpel, wirren Bündeln von verrostetem Eisendraht und anderem +Kehricht. Man fand dort zuweilen brauchbare Sachen; wir mußten unter Franz +Kromers Führung die Strecke absuchen und ihm zeigen, was wir fanden. Dann +steckte er es entweder zu sich oder warf es ins Wasser hinaus. Er hieß uns +darauf achten, ob Sachen aus Blei, Messing oder Zinn darunter wären, die +steckte er alle zu sich, auch einen alten Kamm aus Horn. Ich fühlte mich in +seiner Gesellschaft sehr beklommen, nicht weil ich wußte, daß mein Vater +mir diesen Umgang verbieten würde, wenn er davon wüßte, sondern aus Angst +vor Franz selber. Ich war froh, daß er mich nahm und behandelte wie die +andern. Er befahl, und wir gehorchten, es war, als sei das ein alter +Brauch, obwohl ich das erstemal mit ihm zusammen war. + +Schließlich setzten wir uns an den Boden. Franz spuckte ins Wasser und sah +aus wie ein Mann; er spuckte durch eine Zahnlücke und traf, wohin er +wollte. Es begann ein Gespräch, und die Knaben kamen ins Rühmen und Großtun +mit allerlei Schülerheldentaten und bösen Streichen. Ich schwieg und +fürchtete doch, gerade durch mein Schweigen aufzufallen und den Zorn des +Kromer auf mich zu lenken. Meine beiden Kameraden waren von Anfang an von +mir abgerückt und hatten sich zu ihm bekannt, ich war ein Fremdling unter +ihnen und fühlte, daß meine Kleidung und Art für sie herausfordernd sei. +Als Lateinschüler und Herrensöhnchen konnte Franz mich unmöglich lieben, +und die beiden andern, das fühlte ich wohl, würden mich, sobald es darauf +ankäme, verleugnen und im Stich lassen. + +Endlich begann ich, aus lauter Angst, auch zu erzählen. Ich erfand eine +große Räubergeschichte, zu deren Helden ich mich machte. In einem Garten +bei der Eckmühle, erzählte ich, hätte ich mit einem Kameraden bei Nacht +einen ganzen Sack voll Äpfel gestohlen, und nicht etwa gewöhnliche, sondern +lauter feinste Reinetten und Goldparmänen, die besten Sorten. Aus den +Gefahren des Augenblicks flüchtete ich mich in diese Geschichte, das +Erfinden und Erzählen war mir geläufig. Um nur nicht gleich wieder +aufzuhören und vielleicht in Schlimmeres verwickelt zu werden, ließ ich +meine ganze Kunst glänzen. Einer von uns, erzählte ich, hatte immer +Schildwache stehen müssen, während der andre im Baum war und die Äpfel +herunterwarf, und der Sack sei so schwer gewesen, daß wir ihn zuletzt +wieder öffnen und die Hälfte zurücklassen mußten, aber wir kamen nach einer +halben Stunde wieder und holten auch sie noch. + +Als ich fertig war, hoffte ich auf einigen Beifall, ich war zuletzt warm +geworden und hatte mich am Fabulieren berauscht. Die beiden Kleinern +schwiegen abwartend, Franz Kromer aber sah mich aus halb zugekniffenen +Augen durchdringend an und fragte mit drohender Stimme: »Ist das wahr?« + +»Jawohl,« sagte ich. + +»Also wirklich und wahrhaftig?« + +»Ja, wirklich und wahrhaftig,« beteuerte ich trotzig, während ich innerlich +vor Angst erstickte. + +»Kannst du schwören?« + +Ich erschrak sehr, aber ich sagte sofort Ja. + +»Also sag: Bei Gott und Seligkeit!« + +Ich sagte: »Bei Gott und Seligkeit.« + +»Na ja,« meinte er dann und wandte sich ab. + +Ich dachte, damit sei es gut, und war froh, als er sich bald erhob und den +Rückweg einschlug. Als wir auf der Brücke waren, sagte ich schüchtern, ich +müsse jetzt nach Hause. + +»Das wird nicht so pressieren,« lachte Franz, »wir haben ja den gleichen +Weg.« + +Langsam schlenderte er weiter, und ich wagte nicht auszureißen, aber er +ging wirklich den Weg gegen unser Haus. Als wir dort waren, als ich unsre +Haustür sah und den dicken messingenen Drücker, die Sonne in den Fenstern +und die Vorhänge im Zimmer meiner Mutter, da atmete ich tief auf. O +Heimkehr! O gute, gesegnete Rückkunft nach Hause, ins Helle, in den +Frieden! + +Als ich schnell die Tür geöffnet hatte und hineinschlüpfte, bereit, sie +hinter mir zuzuschlagen, da drängte Franz Kromer sich mit hinein. Im +kühlen, düsteren Fliesengang, der nur vom Hof her Licht bekam, stand er bei +mir, hielt mich am Arm und sagte leise: »Nicht so pressieren, du!« + +Erschrocken sah ich ihn an. Sein Griff um meinen Arm war fest wie Eisen. +Ich überlegte, was er im Sinn haben könnte, und ob er mich etwa mißhandeln +wolle. Wenn ich jetzt schreien würde, dachte ich, laut und heftig schreien, +ob dann wohl schnell genug jemand von droben dasein würde, um mich zu +retten? Aber ich gab es auf. + +»Was ist?« fragte ich, »was willst du?« + +»Nicht viel. Ich muß dich bloß noch etwas fragen. Die andern brauchen das +nicht zu hören.« + +»So? Ja, was soll ich dir noch sagen? Ich muß hinauf, weißt du.« + +»Du weißt doch,« sagte Franz leise, »wem der Obstgarten bei der Eckmühle +gehört?« + +»Nein, ich weiß nicht. Ich glaube, dem Müller.« + +Franz hatte den Arm um mich geschlungen und zog mich nun ganz dicht zu sich +heran, daß ich ihm aus nächster Nähe ins Gesicht sehen mußte. Seine Augen +waren böse, er lächelte schlimm, und sein Gesicht war voll Grausamkeit und +Macht. + +»Ja, mein Junge, ich kann dir schon sagen, wem der Garten gehört. Ich weiß +schon lang, daß die Äpfel gestohlen sind, und ich weiß auch, daß der Mann +gesagt hat, er gebe jedem zwei Mark, der ihm sagen kann, wer das Obst +gestohlen hat.« + +»Lieber Gott!« rief ich. »Aber du wirst ihm doch nichts sagen?« + +Ich fühlte, daß es unnütz sein würde, mich an sein Ehrgefühl zu wenden. Er +war aus der andern Welt, für ihn war Verrat kein Verbrechen. Ich fühlte das +genau. In diesen Sachen waren die Leute aus der »anderen« Welt nicht wie +wir. + +»Nichts sagen?« lachte Kromer. »Lieber Freund, meinst du denn, ich sei ein +Falschmünzer, daß ich mir selber Zweimarkstücke machen kann? Ich bin ein +armer Kerl, ich habe keinen reichen Vater wie du, und wenn ich zwei Mark +verdienen kann, muß ich sie verdienen. Vielleicht gibt er sogar mehr.« + +Er ließ mich plötzlich wieder los. Unsre Hausflur roch nicht mehr nach +Frieden und Sicherheit, die Welt brach um mich zusammen. Er würde mich +anzeigen, ich war ein Verbrecher, man würde es dem Vater sagen, vielleicht +würde sogar die Polizei kommen. Alle Schrecken des Chaos drohten mir, alles +Häßliche und Gefährliche war gegen mich aufgeboten. Daß ich gar nicht +gestohlen hatte, war ganz ohne Belang. Ich hatte außerdem geschworen. Mein +Gott, mein Gott! + +Tränen stiegen mir auf. Ich fühlte, daß ich mich loskaufen müsse, und griff +verzweifelt in alle meine Taschen. Kein Apfel, kein Taschenmesser, gar +nichts war da. Da fiel meine Uhr mir ein. Es war eine alte Silberuhr, und +sie ging nicht, ich trug sie »nur so«. Sie stammte von unsrer Großmutter. +Schnell zog ich sie heraus. + +»Kromer,« sagte ich, »hör, du mußt mich nicht angeben, das wäre nicht schön +von dir. Ich will dir meine Uhr schenken, sieh da; ich habe leider sonst +gar nichts. Du kannst sie haben, sie ist aus Silber, und das Werk ist gut, +sie hat nur einen kleinen Fehler, man muß sie reparieren.« + +Er lächelte und nahm die Uhr in seine große Hand. Ich sah auf diese Hand +und fühlte, wie roh und tief feindlich sie mir war, wie sie nach meinem +Leben und Frieden griff. + +»Sie ist aus Silber --« sagte ich schüchtern. + +»Ich pfeife auf dein Silber und auf deine alte Uhr da!« sagte er mit tiefer +Verachtung. »Laß du sie nur selber reparieren!« + +»Aber Franz,« rief ich zitternd vor Angst, er möchte weglaufen. »Warte doch +ein wenig! Nimm doch die Uhr! Sie ist wirklich aus Silber, wirklich und +wahr. Und ich habe ja nichts anderes.« + +Er sah mich kühl und verächtlich an. + +»Also du weißt, zu wem ich gehe. Oder ich kann es auch der Polizei sagen, +den Wachtmeister kenne ich gut.« + +Er wandte sich zum Gehen. Ich hielt ihn am Ärmel zurück. Es durfte nicht +sein. Ich wäre viel lieber gestorben als alles das zu ertragen, was kommen +würde, wenn er so fortginge. + +»Franz,« flehte ich heiser vor Erregung, »mach doch keine dummen Sachen! +Gelt, es ist bloß ein Spaß?« + +»Jawohl, ein Spaß, aber für dich kann er teuer werden.« + +»Sag mir doch, Franz, was ich tun soll! Ich will ja alles tun!« + +Er musterte mich mit seinen eingekniffenen Augen und lachte wieder. + +»Sei doch nicht dumm!« sagte er mit falscher Gutmütigkeit. »Du weißt ja so +gut Bescheid wie ich. Ich kann zwei Mark verdienen, und ich bin kein +reicher Mann, daß ich die wegwerfen kann, das weißt du. Du bist aber reich, +du hast sogar eine Uhr. Du brauchst mir bloß die zwei Mark zu geben, dann +ist alles gut.« + +Ich begriff die Logik. Aber zwei Mark! Das war für mich so viel und +unerreichbar wie zehn, wie hundert, wie tausend Mark. Ich hatte kein Geld. +Es gab ein Sparkästlein, das bei meiner Mutter stand, da waren von +Onkelbesuchen und solchen Anlässen her ein paar Zehn- und Fünfpfennigstücke +drin. Sonst hatte ich nichts. Taschengeld bekam ich in jenem Alter noch +keines. + +»Ich habe nichts,« sagte ich traurig. »Ich habe gar kein Geld. Aber sonst +will ich dir alles geben. Ich habe ein Indianerbuch, und Soldaten, und +einen Kompaß. Ich will ihn dir holen.« + +Kromer zuckte nur mit dem kühnen, bösen Mund und spuckte auf den Boden. + +»Mach kein Geschwätz!« sagte er befehlend. »Deinen Lumpenkram kannst du +behalten. Einen Kompaß! Mach mich jetzt nicht noch bös, hörst du, und gib +das Geld her!« + +»Aber ich habe keins, ich kriege nie Geld. Ich kann doch nichts dafür!« + +»Also dann bringst du mir morgen die zwei Mark. Ich warte nach der Schule +unten am Markt. Damit fertig. Wenn du kein Geld bringst, wirst du ja +sehen!« + +»Ja, aber woher soll ich's denn nehmen? Herrgott, wenn ich doch keins habe +--« + +»Es ist Geld genug bei euch im Haus. Das ist deine Sache. Also morgen nach +der Schule. Und ich sage dir: wenn du es nicht bringst --« Er schoß mir +einen furchtbaren Blick ins Auge, spuckte nochmals aus und war wie ein +Schatten verschwunden. + + * * * * * + +Ich konnte nicht hinaufgehen. Mein Leben war zerstört. Ich dachte daran, +fortzulaufen und nie mehr wiederzukommen, oder mich zu ertränken. Doch +waren das keine deutlichen Bilder. Ich setzte mich im Dunkel auf die +unterste Stufe unsrer Haustreppe, kroch eng in mich zusammen und gab mich +dem Unglück hin. Dort fand Lina mich weinend, als sie mit einem Korb +herunterkam, um Holz zu holen. + +Ich bat sie, droben nichts zu sagen, und ging hinauf. Am Rechen neben der +Glastüre hing der Hut meines Vaters und der Sonnenschirm meiner Mutter, +Heimat und Zärtlichkeit strömte mir von allen diesen Dingen entgegen, mein +Herz begrüßte sie flehend und dankbar wie der verlorene Sohn den Anblick +und Geruch der alten heimatlichen Stuben. Aber das alles gehörte mir jetzt +nicht mehr, das alles war lichte Vater- und Mutterwelt, und ich war tief +und schuldvoll in die fremde Flut versunken, in Abenteuer und Sünde +verstrickt, vom Feind bedroht und von Gefahren, Angst und Schande erwartet. +Der Hut und Sonnenschirm, der gute alte Sandsteinboden, das große Bild +überm Flurschrank, und drinnen aus dem Wohnzimmer her die Stimme meiner +älteren Schwester, das alles war lieber, zarter und köstlicher als je, aber +es war nicht Trost mehr und sicheres Gut, es war lauter Vorwurf. Dies alles +war nicht mehr mein, ich konnte an seiner Heiterkeit und Stille nicht +teilhaben. Ich trug Schmutz an meinen Füßen, den ich nicht an der Matte +abstreifen konnte, ich brachte Schatten mit mir, von denen die Heimatwelt +nicht wußte. Wieviel Geheimnisse hatte ich schon gehabt, wieviel +Bangigkeit, aber es war alles Spiel und Spaß gewesen gegen das, was ich +heut mit mir in diese Räume brachte. Schicksal lief mir nach, Hände waren +nach mir ausgestreckt, vor denen auch die Mutter mich nicht schützen +konnte, von denen sie nicht wissen durfte. Ob nun mein Verbrechen ein +Diebstahl war oder eine Lüge (hatte ich nicht einen falschen Eid bei Gott +und Seligkeit geschworen?) -- das war einerlei. Meine Sünde war nicht dies +oder das, meine Sünde war, daß ich dem Teufel die Hand gegeben hatte. Warum +war ich mitgegangen? Warum hatte ich dem Kromer gehorcht, besser als je +meinem Vater? Warum hatte ich die Geschichte von jenem Diebstahl erlogen? +Mich mit Verbrechen gebrüstet, als wären es Heldentaten? Nun hielt der +Teufel meine Hand, nun war der Feind hinter mir her. + +Für einen Augenblick empfand ich nicht mehr Furcht vor morgen, sondern vor +allem die schreckliche Gewißheit, daß mein Weg jetzt immer weiter bergab +und ins Finstere führe. Ich spürte deutlich, daß aus meinem Vergehen neue +Vergehen folgen mußten, daß mein Erscheinen bei den Geschwistern, mein Gruß +und Kuß an die Eltern Lüge war, daß ich ein Schicksal und Geheimnis mit mir +trug, das ich ihnen verbarg. + +Einen Augenblick blitzte Vertrauen und Hoffnung in mir auf, da ich den Hut +meines Vaters betrachtete. Ich würde ihm alles sagen, würde sein Urteil und +seine Strafe auf mich nehmen und ihn zu meinem Mitwisser und Retter machen. +Es würde nur eine Buße sein, wie ich sie oft bestanden hatte, eine schwere +bittere Stunde, eine schwere und reuevolle Bitte um Verzeihung. + +Wie süß das klang! Wie schön das lockte! Aber es war nichts damit. Ich +wußte, daß ich es nicht tun würde. Ich wußte, daß ich jetzt ein Geheimnis +hatte, eine Schuld, die ich allein und selber ausfressen mußte. Vielleicht +war ich gerade jetzt auf dem Scheidewege, vielleicht würde ich von dieser +Stunde an für immer und immer dem Schlechten angehören, Geheimnisse mit +Bösen teilen, von ihnen abhängen, ihnen gehorchen, ihresgleichen werden +müssen. Ich hatte den Mann und Helden gespielt, jetzt mußte ich tragen, was +daraus folgte. + +Es war mir lieb, daß mein Vater sich, als ich eintrat, über meine nassen +Schuhe aufhielt. Es lenkte ab, er bemerkte das Schlimmere nicht, und ich +durfte einen Vorwurf ertragen, den ich heimlich mit auf das andere bezog. +Dabei funkelte ein sonderbar neues Gefühl in mir auf, ein böses und +schneidendes Gefühl voll Widerhaken: ich fühlte mich meinem Vater +überlegen! Ich fühlte, einen Augenblick lang, eine gewisse Verachtung für +seine Unwissenheit, sein Schelten über die nassen Stiefel schien mir +kleinlich. »Wenn du wüßtest!« dachte ich, und kam mir vor wie ein +Verbrecher, den man wegen einer gestohlenen Semmel verhört, während er +Morde zu gestehen hätte. Es war ein häßliches und widriges Gefühl, aber es +war stark und hatte einen tiefen Reiz, und es kettete mich fester als jeder +andere Gedanke an mein Geheimnis und meine Schuld. Vielleicht, dachte ich, +ist der Kromer jetzt schon zur Polizei gegangen und hat mich angegeben, und +Gewitter ziehen sich über mir zusammen, während man mich hier wie ein +kleines Kind betrachtet! + +Von diesem ganzen Erlebnis, soweit es bis hier erzählt ist, war dieser +Augenblick das Wichtige und Bleibende. Es war ein erster Riß in die +Heiligkeit des Vaters, es war ein erster Schnitt in die Pfeiler, auf denen +mein Kinderleben geruht hatte, und die jeder Mensch, ehe er er selbst +werden kann, zerstört haben muß. Aus diesen Erlebnissen, die niemand sieht, +besteht die innere, wesentliche Linie unsres Schicksals. Solch ein Schnitt +und Riß wächst wieder zu, er wird verheilt und vergessen, in der geheimsten +Kammer aber lebt und blutet er weiter. + +Mir selbst graute sofort vor dem neuen Gefühl, ich hätte meinem Vater +gleich darauf die Füße küssen mögen, um es ihm abzubitten. Man kann aber +nichts Wesentliches abbitten, und das fühlt und weiß ein Kind so gut und +tief wie jeder Weise. + +Ich fühlte die Notwendigkeit, über meine Sache nachzudenken, auf Wege für +morgen zu sinnen; aber ich kam nicht dazu. Ich hatte den ganzen Abend +einzig damit zu tun, mich an die veränderte Luft in unsrem Wohnzimmer zu +gewöhnen. Wanduhr und Tisch, Bibel und Spiegel, Bücherbord und Bilder an +der Wand nahmen gleichsam Abschied von mir, ich mußte mit erfrierendem +Herzen zusehen, wie meine Welt, wie mein gutes, glückliches Leben +Vergangenheit wurde und sich von mir ablöste, und mußte spüren, wie ich mit +neuen, saugenden Wurzeln draußen im Finstern und Fremden verankert und +festgehalten war. Zum erstenmal kostete ich den Tod, und der Tod schmeckt +bitter, denn er ist Geburt, ist Angst und Bangnis vor furchtbarer Neuerung. + +Ich war froh, als ich endlich in meinem Bette lag! Zuvor als letztes +Fegefeuer war die Abendandacht über mich ergangen, und wir hatten dazu ein +Lied gesungen, das zu meinen liebsten gehörte. Ach, ich sang nicht mit, und +jeder Ton war Galle und Gift für mich. Ich betete nicht mit, als mein Vater +den Segen sprach, und als er endete: »-- sei mit uns allen!«, da riß eine +Zuckung mich aus diesem Kreise fort. Die Gnade Gottes war mit ihnen allen, +aber nicht mehr mit mir. Kalt und tief ermüdet ging ich weg. + +Im Bett, als ich eine Weile gelegen war, als Wärme und Geborgenheit mich +liebevoll umgab, irrte mein Herz in der Angst noch einmal zurück, flatterte +bang um das Vergangene. Meine Mutter hatte mir wie immer gute Nacht gesagt, +ihr Schritt klang noch im Zimmer nach, der Schein ihrer Kerze glühte noch +im Türspalt. Jetzt, dachte ich, jetzt kommt sie noch einmal zurück -- sie +hat es gefühlt, sie gibt mir einen Kuß und fragt, fragt gütig und +verheißungsvoll, und dann kann ich weinen, dann schmilzt mir der Stein im +Halse, dann umschlinge ich sie und sage es ihr, und dann ist es gut, dann +ist Rettung da! Und als der Türspalt schon dunkel geworden war, horchte ich +noch eine Weile und meinte, es müsse und müsse geschehen. + +Dann kehrte ich zu den Dingen zurück und sah meinem Feind ins Auge. Ich sah +ihn deutlich, das eine Auge hatte er eingekniffen, sein Mund lachte roh, +und indem ich ihn ansah und das Unentrinnbare in mich fraß, wurde er größer +und häßlicher, und sein böses Auge blitzte teufelhaft. Er war dicht bei +mir, bis ich einschlief, dann aber träumte ich nicht von ihm und nicht von +heute, sondern mir träumte, wir führen in einem Boot, die Eltern und +Schwestern und ich, und es umgab uns lauter Friede und Glanz eines +Ferientages. Mitten in der Nacht erwachte ich, fühlte noch den +Nachgeschmack der Seligkeit, sah noch die weißen Sommerkleider meiner +Schwestern in der Sonne schimmern und fiel aus allem Paradies zurück in +das, was war, und stand dem Feind mit dem bösen Auge wieder gegenüber. + +Am Morgen, als meine Mutter eilig kam und rief, es sei schon spät und warum +ich noch im Bett liege, sah ich schlecht aus, und als sie fragte, ob mir +etwas fehle, erbrach ich mich. + +Damit schien etwas gewonnen. Ich liebte es sehr, ein wenig krank zu sein +und einen Morgen lang bei Kamillentee liegenbleiben zu dürfen, zuzuhören, +wie die Mutter im Nebenzimmer aufräumte, und wie Lina draußen in der Flur +den Metzger empfing. Der Vormittag ohne Schule war etwas Verzaubertes und +Märchenhaftes, die Sonne spielte dann ins Zimmer, und war nicht dieselbe +Sonne, gegen die man in der Schule die grünen Vorhänge herabließ. Aber auch +das schmeckte heute nicht und hatte einen falschen Klang bekommen. + +Ja wenn ich gestorben wäre! Aber ich war nur so ein wenig unwohl, wie schon +oft, und damit war nichts getan. Das schützte mich vor der Schule, aber es +schützte mich keineswegs vor Kromer, der um elf Uhr am Markt auf mich +wartete. Und die Freundlichkeit der Mutter war diesmal ohne Trost; sie war +lästig und tat weh. Ich stellte mich bald wieder schlafend und dachte nach. +Es half alles nichts, ich mußte um elf Uhr am Markt sein. Darum stand ich +um zehn Uhr leise auf und sagte, daß mir wieder wohl geworden sei. Es hieß, +wie gewöhnlich in solchen Fällen, daß ich entweder wieder zu Bette gehen +oder am Nachmittag in die Schule gehen müsse. Ich sagte, daß ich gern zur +Schule gehe. Ich hatte mir einen Plan gemacht. + +Ohne Geld durfte ich nicht zu Kromer kommen. Ich mußte die kleine +Sparbüchse an mich bekommen, die mir gehörte. Es war nicht genug Geld +darin, das wußte ich, lange nicht genug; aber etwas war es doch, und eine +Witterung sagte mir, daß etwas besser sei als nichts und Kromer wenigstens +begütigt werden müsse. + +Es war mir schlimm zumute, als ich auf Socken in das Zimmer meiner Mutter +schlich und aus ihrem Schreibtisch meine Büchse nahm; aber so schlimm wie +das Gestrige war es nicht. Das Herzklopfen würgte mich, und es wurde nicht +besser, als ich drunten im Treppenhaus beim ersten Untersuchen fand, daß +die Büchse verschlossen war. Es ging sehr leicht, sie aufzubrechen, es war +nur ein dünnes Blechgitter zu durchreißen; aber der Riß tat weh, erst damit +hatte ich Diebstahl begangen. Bis dahin hatte ich nur genascht, +Zuckerstücke und Obst. Dies nun war gestohlen, obwohl es mein eigenes Geld +war. Ich spürte, wie ich wieder einen Schritt näher bei Kromer und seiner +Welt war, wie es so hübsch Zug um Zug abwärts ging, und setzte Trotz +dagegen. Mochte mich der Teufel holen, jetzt ging kein Weg mehr zurück. Ich +zählte das Geld mit Angst, es hatte in der Büchse so voll geklungen, nun in +der Hand war es elend wenig. Es waren fünfundsechzig Pfennige. Ich +versteckte die Büchse in der untern Flur, hielt das Geld in der +geschlossenen Hand und trat aus dem Hause, anders als ich je durch dieses +Tor gegangen war. Oben rief jemand nach mir, wie mir schien; ich ging +schnell davon. + +Es war noch viel Zeit, ich drückte mich auf Umwegen durch die Gassen einer +veränderten Stadt, unter niegesehenen Wolken hin, an Häusern vorbei, die +mich ansahen, und an Menschen, die Verdacht auf mich hatten. Unterwegs fiel +mir ein, daß ein Schulkamerad von mir einmal auf dem Viehmarkt einen Taler +gefunden hatte. Gern hätte ich gebetet, daß Gott ein Wunder tun und mich +auch einen solchen Fund machen lassen möge. Aber ich hatte kein Recht mehr +zu beten. Und auch dann wäre die Büchse nicht wieder ganz geworden. + +Franz Kromer sah mich von weitem, doch kam er ganz langsam auf mich zu und +schien nicht auf mich zu achten. Als er in meiner Nähe war, gab er mir +einen befehlenden Wink, daß ich ihm folgen solle, und ging, ohne sich ein +einzigesmal umzusehen, ruhig weiter, die Strohgasse hinab und über den +Steg, bis er bei den letzten Häusern vor einem Neubau hielt. Es wurde dort +nicht gearbeitet, die Mauern standen kahl ohne Türen und Fenster. Kromer +sah sich um und ging durch die Tür hinein, ich ihm nach. Er trat hinter die +Mauer, winkte mich zu sich und streckte die Hand aus. + +»Hast du's?« fragte er kühl. + +Ich zog die geballte Hand aus der Tasche und schüttete mein Geld in seine +flache Hand. Er hatte es gezählt, noch eh der letzte Fünfer ausgeklungen +hatte. + +»Das sind fünfundsechzig Pfennig,« sagte er und sah mich an. + +»Ja,« sagte ich schüchtern. »Das ist alles, was ich habe, es ist zu wenig, +ich weiß wohl. Aber es ist alles. Ich habe nicht mehr.« + +»Ich hätte dich für gescheiter gehalten,« schalt er mit einem beinah milden +Tadel. »Unter Ehrenmännern soll Ordnung sein. Ich will dir nichts abnehmen, +was nicht recht ist, das weißt du. Nimm deine Nickel wieder, da! Der andere +-- du weißt, wer -- versucht nicht, mich herunter zu handeln. Der zahlt.« + +»Aber ich habe und habe nicht mehr! Es war meine Sparkasse.« + +»Das ist deine Sache. Aber ich will dich nicht unglücklich machen. Du bist +mir noch eine Mark und fünfunddreißig Pfennig schuldig. Wann krieg' ich +die?« + +»O, du kriegst sie gewiß, Kromer! Ich weiß jetzt nicht -- vielleicht habe +ich bald mehr, morgen, oder übermorgen. Du begreifst doch, daß ich es +meinem Vater nicht sagen kann.« + +»Das geht mich nichts an. Ich bin nicht so, daß ich dir schaden will. Ich +könnte ja mein Geld noch vor Mittag haben, siehst du, und ich bin arm. Du +hast schöne Kleider an, und du kriegst was Besseres zu Mittag zu essen als +ich. Aber ich will nichts sagen. Ich will meinetwegen ein wenig warten. +Übermorgen pfeife ich dir, am Nachmittag, dann bringst du es in Ordnung. Du +kennst meinen Pfiff?« + +Er pfiff ihn mir vor, ich hatte ihn oft gehört. + +»Ja,« sagte ich, »ich weiß.« + +Er ging weg, als gehörte ich nicht zu ihm. Es war ein Geschäft zwischen uns +gewesen, weiter nichts. + + * * * * * + +Noch heute, glaube ich, würde Kromers Pfiff mich erschrecken machen, wenn +ich ihn plötzlich wieder hörte. Ich hörte ihn von nun an oft, mir schien, +ich höre ihn immer und immerzu. Kein Ort, kein Spiel, keine Arbeit, kein +Gedanke, wohin dieser Pfiff nicht drang, der mich abhängig machte, der +jetzt mein Schicksal war. Oft war ich in unsrem kleinen Blumengarten, den +ich sehr liebte, an den sanften farbigen Herbstnachmittagen, und ein +sonderbarer Trieb hieß mich, Knabenspiele früherer Epochen wieder +aufzunehmen; ich spielte gewissermaßen einen Knaben, der jünger war als +ich, der noch gut und frei, unschuldig und geborgen war. Aber mitten +hinein, immer erwartet und immer doch entsetzlich aufstörend und +überraschend, klang der Kromersche Pfiff von irgendwoher, schnitt den Faden +ab, zerstörte die Einbildungen. Dann mußte ich gehen, mußte meinem Peiniger +an schlechte und häßliche Orte folgen, mußte ihm Rechenschaft ablegen und +mich um Geld mahnen lassen. Das Ganze hat vielleicht einige Wochen +gedauert, mir schien es aber, es seien Jahre, es sei eine Ewigkeit. Selten +hatte ich Geld, einen Fünfer oder einen Groschen, der vom Küchentisch +gestohlen war, wenn Lina den Marktkorb dort stehen ließ. Jedesmal wurde ich +von Kromer gescholten und mit Verachtung überhäuft; ich war es, der ihn +betrügen und ihm sein gutes Recht vorenthalten wollte, ich war es, der ihn +bestahl, ich war es, der ihn unglücklich machte! Nicht oft im Leben ist mir +die Not so nah ans Herz gestiegen, selten habe ich größere +Hoffnungslosigkeit, größere Abhängigkeit gefühlt. + +Die Sparbüchse hatte ich mit Spielmarken gefüllt und wieder an ihren Ort +gestellt, niemand fragte danach. Aber auch das konnte jeden Tag über mich +hereinbrechen. Noch mehr als vor Kromers rohem Pfiff fürchtete ich mich oft +vor der Mutter, wenn sie leise zu mir trat -- kam sie nicht, um mich nach +der Büchse zu fragen? + +Da ich viele Male ohne Geld bei meinem Teufel erschienen war, fing er an, +mich auf andere Art zu quälen und zu benutzen. Ich mußte für ihn arbeiten. +Er hatte für seinen Vater Ausgänge zu besorgen, ich mußte sie für ihn +besorgen. Oder er trug mir auf, etwas Schwieriges zu vollführen, zehn +Minuten lang auf einem Bein zu hüpfen, einem Vorübergehenden einen +Papierwisch an den Rock zu heften. In Träumen vieler Nächte setzte ich +diese Plagen fort und lag im Schweiß des Alpdruckes. + +Eine Zeitlang wurde ich krank. Ich erbrach oft und hatte leicht kalt, +nachts aber lag ich in Schweiß und Hitze. Meine Mutter fühlte, daß etwas +nicht richtig sei, und zeigte mir viel Teilnahme, die mich quälte, weil ich +sie nicht mit Vertrauen erwidern konnte. + +Einmal brachte sie mir am Abend, als ich schon im Bett war, ein Stückchen +Schokolade. Es war ein Anklang an frühere Jahre, wo ich abends, wenn ich +brav gewesen war, oft zum Einschlafen solche Trostbissen bekommen hatte. +Nun stand sie da und hielt mir das Stückchen Schokolade hin. Mir war so +weh, daß ich nur den Kopf schütteln konnte. Sie fragte, was mir fehle, sie +streichelte mir das Haar. Ich konnte nur herausstoßen: »Nicht! Nicht! Ich +will nichts haben.« Sie legte die Schokolade auf den Nachttisch und ging. +Als sie mich andern Tages darüber ausfragen wollte, tat ich, als wüßte ich +nichts mehr davon. Einmal brachte sie mir den Doktor, der mich untersuchte +und mir kalte Waschungen am Morgen verschrieb. + +Mein Zustand zu jener Zeit war eine Art von Irrsinn. Mitten im geordneten +Frieden unseres Hauses lebte ich scheu und gepeinigt wie ein Gespenst, +hatte nicht teil am Leben der andern, vergaß mich selten für eine Stunde. +Gegen meinen Vater, der mich oft gereizt zur Rede stellte, war ich +verschlossen und kalt. + + + + +Zweites Kapitel +Kain + + +Die Rettung aus meinen Qualen kam von ganz unerwarteter Seite, und zugleich +mit ihr kam etwas Neues in mein Leben, das bis heute fort gewirkt hat. + +In unsere Lateinschule war vor kurzem ein neuer Schüler eingetreten. Er war +der Sohn einer wohlhabenden Witwe, die in unsere Stadt gezogen war, und er +trug einen Trauerflor um den Ärmel. Er ging in eine höhere Klasse als ich +und war mehrere Jahre älter, aber auch mir fiel er bald auf, wie allen. +Dieser merkwürdige Schüler schien viel älter zu sein als er aussah, auf +niemanden machte er den Eindruck eines Knaben. Zwischen uns kindischen +Jungen bewegte er sich fremd und fertig wie ein Mann, vielmehr wie ein +Herr. Beliebt war er nicht, er nahm nicht an den Spielen, noch weniger an +Raufereien teil, nur sein selbstbewußter und entschiedener Ton gegen die +Lehrer gefiel den andern. Er hieß Max Demian. + +Eines Tages traf es sich, wie es in unsrer Schule hie und da vorkam, daß +aus irgendwelchen Gründen noch eine zweite Klasse in unser sehr großes +Schulzimmer gesetzt wurde. Es war die Klasse Demians. Wir Kleinen hatten +biblische Geschichte, die Großen mußten einen Aufsatz machen. Während man +uns die Geschichte von Kain und Abel einbläute, sah ich viel zu Demian +hinüber, dessen Gesicht mich eigentümlich faszinierte, und sah dies kluge, +helle, ungemein feste Gesicht aufmerksam und geistvoll über seine Arbeit +gebeugt; er sah gar nicht aus wie ein Schüler, der eine Aufgabe macht, +sondern wie ein Forscher, der eigenen Problemen nachgeht. Angenehm war er +mir eigentlich nicht, im Gegenteil, ich hatte irgend etwas gegen ihn, er +war mir zu überlegen und kühl, er war mir allzu herausfordernd sicher in +seinem Wesen, und seine Augen hatten den Ausdruck der Erwachsenen -- den +die Kinder nie lieben -- ein wenig traurig mit Blitzen von Spott darin. +Doch mußte ich ihn immerfort ansehen, er mochte mir lieb oder leid sein; +kaum aber blickte er einmal auf mich, so zog ich meinen Blick erschrocken +zurück. Wenn ich es mir heute überlege, wie er damals als Schüler aussah, +so kann ich sagen: er war in jeder Hinsicht anders als alle, war durchaus +eigen und persönlich gestempelt, und fiel darum auf -- zugleich aber tat er +alles, um nicht aufzufallen, trug und benahm sich wie ein verkleideter +Prinz, der unter Bauernbuben ist und sich jede Mühe gibt, ihresgleichen zu +scheinen. + +Auf dem Heimweg von der Schule ging er hinter mir. Als die anderen sich +verlaufen hatten, überholte er mich und grüßte. Auch dies Grüßen, obwohl er +unsern Schuljungenton dabei nachmachte, war so erwachsen und höflich. + +»Gehen wir ein Stück weit zusammen?« fragte er freundlich. Ich war +geschmeichelt und nickte. Dann beschrieb ich ihm, wo ich wohne. + +»Ah, dort?« sagte er lächelnd. »Das Haus kenne ich schon. Über eurer +Haustür ist so ein merkwürdiges Ding angebracht, das hat mich gleich +interessiert.« + +Ich wußte gar nicht gleich, was er meine, und war erstaunt, daß er unser +Haus besser zu kennen schien als ich. Es war wohl als Schlußstein über der +Torwölbung eine Art Wappen vorhanden, doch war es im Lauf der Zeiten flach +und oftmals mit Farbe überstrichen worden, mit uns und unsrer Familie hatte +es, soviel ich wußte, nichts zu tun. + +»Ich weiß nichts darüber,« sagte ich schüchtern. »Es ist ein Vogel oder so +was Ähnliches, es muß ganz alt sein. Das Haus soll früher einmal zum +Kloster gehört haben.« + +»Das kann schon sein,« nickte er. »Sieh dir's einmal gut an! Solche Sachen +sind oft ganz interessant. Ich glaube, daß es ein Sperber ist.« + +Wir gingen weiter, ich war sehr befangen. Plötzlich lachte Demian, als +falle ihm etwas Lustiges ein. + +»Ja, ich habe ja da eurer Stunde beigewohnt,« sagte er lebhaft. »Die +Geschichte von Kain, der das Zeichen auf der Stirn trug, nicht wahr? +Gefällt sie dir?« + +Nein, gefallen hatte mir selten irgend etwas von all dem, was wir lernen +mußten. Ich wagte es aber nicht zu sagen, es war, als rede ein Erwachsener +mit mir. Ich sagte, die Geschichte gefalle mir ganz gut. + +Demian klopfte mir auf die Schulter. + +»Du brauchst mir nichts vorzumachen, Lieber. Aber die Geschichte ist +tatsächlich recht merkwürdig, ich glaube, sie ist viel merkwürdiger als die +meisten andern, die im Unterricht vorkommen. Der Lehrer hat ja nicht viel +darüber gesagt, nur so das Übliche über Gott und die Sünde und so weiter. +Aber ich glaube --« er unterbrach sich, lächelte und fragte: »Interessiert +es dich aber?« + +»Ja, ich glaube also,« fuhr er fort, »man kann diese Geschichte von Kain +auch ganz anders auffassen. Die meisten Sachen, die man uns lehrt, sind +gewiß ganz wahr und richtig, aber man kann sie alle auch anders ansehen, +als die Lehrer es tun, und meistens haben sie dann einen viel besseren +Sinn. Mit diesem Kain zum Beispiel und mit dem Zeichen auf seiner Stirn +kann man doch nicht recht zufrieden sein, so wie er uns erklärt wird. +Findest du nicht auch? Daß einer seinen Bruder im Streit totschlägt, kann +ja gewiß passieren, und daß er nachher Angst kriegt und klein beigibt, ist +auch möglich. Daß er aber für seine Feigheit extra mit einem Orden +ausgezeichnet wird, der ihn schützt und allen andern Angst einjagt, ist +doch recht sonderbar.« + +»Freilich,« sagte ich interessiert: die Sache begann mich zu fesseln. »Aber +wie soll man die Geschichte anders erklären?« + +Er schlug mir auf die Schulter. + +»Ganz einfach! Das, was vorhanden war und womit die Geschichte ihren Anfang +genommen hat, war das Zeichen. Es war da ein Mann, der hatte etwas im +Gesicht, was den andern Angst machte. Sie wagten nicht ihn anzurühren, er +imponierte ihnen, er und seine Kinder. Vielleicht, oder sicher, war es aber +nicht wirklich ein Zeichen auf der Stirn, so wie ein Poststempel, so grob +geht es im Leben selten zu. Viel eher war es etwas kaum wahrnehmbares +Unheimliches, ein wenig mehr Geist und Kühnheit im Blick, als die Leute +gewohnt waren. Dieser Mann hatte Macht, vor diesem Mann scheute man sich. +Er hatte ein >Zeichen<. Man konnte das erklären, wie man wollte. Und >man< +will immer das, was einem bequem ist und recht gibt. Man hatte Furcht vor +den Kainskindern, sie hatten ein >Zeichen<. Also erklärte man das Zeichen +nicht als das, was es war, als eine Auszeichnung, sondern als das +Gegenteil. Man sagte, die Kerls mit diesem Zeichen seien unheimlich, und +das waren sie auch. Leute mit Mut und Charakter sind den anderen Leuten +immer sehr unheimlich. Daß da ein Geschlecht von Furchtlosen und +Unheimlichen herumlief, war sehr unbequem, und nun hängte man diesem +Geschlecht einen Übernamen und eine Fabel an, um sich an ihm zu rächen, um +sich für alle die ausgestandne Furcht ein bißchen schadlos zu halten. -- +Begreifst du?« + +»Ja -- das heißt -- dann wäre ja Kain also gar nicht böse gewesen? Und die +ganze Geschichte in der Bibel wäre eigentlich gar nicht wahr?« + +»Ja und nein. So alte, uralte Geschichten sind immer wahr, aber sie sind +nicht immer so aufgezeichnet und werden nicht immer so erklärt, wie es +richtig wäre. Kurz, ich meine, der Kain war ein famoser Kerl, und bloß, +weil man Angst vor ihm hatte, hängte man ihm diese Geschichte an. Die +Geschichte war einfach ein Gerücht, so etwas, was die Leute herumschwätzen, +und es war insofern ganz wahr, als Kain und seine Kinder ja wirklich eine +Art >Zeichen< trugen und anders waren als die meisten Leute.« + +Ich war sehr erstaunt. + +»Und dann glaubst du, daß auch das mit dem Totschlag gar nicht wahr ist?« +fragte ich ergriffen. + +»O doch! Sicher ist das wahr. Der Starke hatte einen Schwachen erschlagen. +Ob es wirklich sein Bruder war, daran kann man ja zweifeln. Es ist nicht +wichtig, schließlich sind alle Menschen Brüder. Also ein Starker hat einen +Schwachen totgeschlagen. Vielleicht war es eine Heldentat, vielleicht auch +nicht. Jedenfalls aber waren die andern Schwachen jetzt voller Angst, sie +beklagten sich sehr, und wenn man sie fragte: >Warum schlaget ihr ihn nicht +einfach auch tot?< dann sagten sie nicht: >Weil wir Feiglinge sind,< +sondern sie sagten: >Man kann nicht. Er hat ein Zeichen. Gott hat ihn +gezeichnet!< Etwa so muß der Schwindel entstanden sein. -- Na, ich halte +dich auf. Adieu denn!« + +Er bog in die Altgasse ein und ließ mich allein, verwunderter als ich je +gewesen war. Kaum war er weg, so erschien mir alles, was er gesagt hatte, +ganz unglaublich! Kain ein edler Mensch, Abel ein Feigling! Das +Kainszeichen eine Auszeichnung! Es war absurd, es war gotteslästerlich und +ruchlos. Wo blieb dann der liebe Gott? Hatte der nicht Abels Opfer +angenommen, hatte der nicht Abel lieb? -- Nein, dummes Zeug! Und ich +vermutete, Demian habe sich über mich lustig machen und mich aufs Glatteis +locken wollen. Ein verflucht gescheiter Kerl war er ja, und reden konnte +er, aber so -- nein -- + +Immerhin hatte ich noch niemals über irgendeine biblische oder andere +Geschichte so viel nachgedacht. Und hatte seit langem noch niemals den +Franz Kromer so völlig vergessen, stundenlang, einen ganzen Abend lang. Ich +las zu Hause die Geschichte noch einmal durch, wie sie in der Bibel stand, +sie war kurz und deutlich, und es war ganz verrückt, da nach einer +besonderen, geheimen Deutung zu suchen. Da könnte jeder Totschläger sich +für Gottes Liebling erklären! Nein, es war Unsinn. Nett war bloß die Art, +wie Demian solche Sachen sagen konnte, so leicht und hübsch, wie wenn alles +selbstverständlich wäre, und mit diesen Augen dazu! + +Etwas freilich war ja bei mir selbst nicht in Ordnung, war sogar sehr in +Unordnung. Ich hatte in einer lichten und sauberen Welt gelebt, ich war +selber eine Art von Abel gewesen, und jetzt stak ich so tief im »andern«, +war so sehr gefallen und gesunken, und doch konnte ich im Grunde nicht so +sehr viel dafür! Wie war es nun damit? Ja, und jetzt blitzte eine +Erinnerung in mir herauf, die mir für einen Augenblick fast den Atem nahm. +An jenem üblen Abend, wo mein jetziges Elend angefangen hatte, da war das +mit meinem Vater gewesen, da hatte ich, einen Augenblick lang, ihn und +seine lichte Welt und Weisheit auf einmal wie durchschaut und verachtet! +Ja, da hatte ich selber, der ich Kain war und das Zeichen trug, mir +eingebildet, dies Zeichen sei keine Schande, es sei eine Auszeichnung und +ich stehe durch meine Bosheit und mein Unglück höher als mein Vater, höher +als die Guten und Frommen. + +Nicht in dieser Form des klaren Gedankens war es, daß ich die Sache damals +erlebte, aber alles dies war darin enthalten, es war nur ein Aufflammen von +Gefühlen, von seltsamen Regungen, welche weh taten und mich doch mit Stolz +erfüllten. + +Wenn ich mich besann -- wie sonderbar hatte Demian von den Furchtlosen und +den Feigen gesprochen! Wie seltsam hatte er das Zeichen auf Kains Stirne +gedeutet! Wie hatte sein Auge, sein merkwürdiges Auge eines Erwachsenen, +dabei wunderlich geleuchtet! Und es schoß mir unklar durch den Kopf: -- ist +nicht er selber, dieser Demian, so eine Art Kain? Warum verteidigt er ihn, +wenn er sich nicht ihm ähnlich fühlt? Warum hat er diese Macht im Blick? +Warum spricht er so höhnisch von den »andern«, von den Furchtsamen, welche +doch eigentlich die Frommen und Gott Wohlgefälligen sind? + +Ich kam mit diesen Gedanken zu keinem Ende. Es war ein Stein in den Brunnen +gefallen, und der Brunnen war meine junge Seele. Und für eine lange, sehr +lange Zeit war diese Sache mit Kain, dem Totschlag und dem Zeichen der +Punkt, bei dem meine Versuche zu Erkenntnis, Zweifel und Kritik alle ihren +Ausgang nahmen. + + * * * * * + +Ich merkte, daß auch die andern Schüler sich mit Demian viel beschäftigten. +Von der Geschichte wegen Kain hatte ich niemandem etwas gesagt, aber er +schien auch andre zu interessieren. Wenigstens kamen viele Gerüchte über +den »Neuen« in Umlauf. Wenn ich sie nur noch alle wüßte, jedes würde ein +Licht auf ihn werfen, jedes würde zu deuten sein. Ich weiß nur noch, daß +zuerst verlautete, die Mutter Demians sei sehr reich. Auch sagte man, sie +gehe nie in die Kirche, und der Sohn auch nicht. Sie seien Juden, wollte +einer wissen, aber sie konnten auch heimliche Mohammedaner sein. Weiter +wurden Märchen erzählt von Max Demians Körperkraft. Sicher war, daß er den +Stärksten seiner Klasse, der ihn zum Raufen aufforderte und ihn bei seiner +Weigerung einen Feigling hieß, furchtbar demütigte. Die, die dabei waren, +sagten, Demian habe ihn bloß mit einer Hand am Genick genommen und fest +gedrückt, dann sei der Knabe bleich geworden, und nachher sei er +weggeschlichen und habe tagelang seinen Arm nicht mehr brauchen können. +Einen Abend lang hieß es sogar, er sei tot. Alles wurde eine Weile +behauptet, alles geglaubt, alles war aufregend und wundersam. Dann hatte +man für eine Weile genug. Nicht viel später aber kamen neue Gerüchte unter +uns Schülern auf, die wußten davon zu berichten, daß Demian vertrauten +Umgang mit Mädchen habe und »alles wisse«. + +Inzwischen ging meine Sache mit Franz Kromer ihren zwangsläufigen Weg +weiter. Ich kam nicht von ihm los, denn wenn er mich auch zwischenein +tagelang in Ruhe ließ, war ich doch an ihn gebunden. In meinen Träumen +lebte er wie mein Schatten mit, und was er mir nicht in der Wirklichkeit +antat, das ließ meine Phantasie ihn in diesen Träumen tun, in denen ich +ganz und gar sein Sklave wurde. Ich lebte in diesen Träumen -- ein starker +Träumer war ich immer -- mehr als im Wirklichen, ich verlor Kraft und Leben +an diese Schatten. Unter anderem träumte ich oft, daß Kromer mich +mißhandelte, daß er mich anspie und auf mir kniete, und, was schlimmer war, +daß er mich zu schweren Verbrechen verführte -- vielmehr nicht verführte, +sondern einfach durch seinen mächtigen Einfluß zwang. Der furchtbarste +dieser Träume, aus dem ich halb wahnsinnig erwachte, enthielt einen +Mordanfall auf meinen Vater. Kromer schliff ein Messer und gab es mir in +die Hand, wir standen hinter den Bäumen einer Allee und lauerten auf +jemand, ich wußte nicht auf wen; aber als jemand daherkam und Kromer mir +durch einen Druck auf meinen Arm sagte, der sei es, den ich erstechen +müsse, da war es mein Vater. Da erwachte ich. + +Über diesen Dingen dachte ich zwar wohl noch an Kain und Abel, aber wenig +mehr an Demian. Als er mir zuerst wieder nahetrat, war es merkwürdigerweise +auch in einem Traume. Nämlich ich träumte wieder von Mißhandlungen und +Vergewaltigung, die ich erlitt, aber statt Kromer war es diesmal Demian, +der auf mir kniete. Und -- das war ganz neu und machte mir tiefen Eindruck +-- alles, was ich von Kromer unter Qual und Widerstreben erlitten hatte, +das erlitt ich von Demian gerne und mit einem Gefühl, das ebensoviel Wonne +wie Angst enthielt. Diesen Traum hatte ich zweimal, dann trat Kromer wieder +an seine Stelle. + +Was ich in diesen Träumen erlebte und was in der Wirklichkeit, das kann ich +längst nicht mehr genau trennen. Jedenfalls aber nahm mein schlimmes +Verhältnis zu Kromer seinen Lauf, und war nicht etwa zu Ende, als ich dem +Knaben endlich die geschuldete Summe aus lauter kleinen Diebstählen +abbezahlt hatte. Nein, jetzt wußte er von diesen Diebstählen, denn er +fragte mich immer, woher das Geld komme, und ich war mehr in seiner Hand +als jemals. Häufig drohte er, meinem Vater alles zu sagen, und dann war +meine Angst kaum so groß wie das tiefe Bedauern darüber, daß ich das nicht +von Anfang an selber getan hatte. Indessen, und so elend ich war, bereute +ich doch nicht alles, wenigstens nicht immer, und glaubte zuweilen zu +fühlen, daß alles so sein müsse. Ein Verhängnis war über mir, und es war +unnütz, es durchbrechen zu wollen. + +Vermutlich litten meine Eltern unter diesem Zustande nicht wenig. Es war +ein fremder Geist über mich gekommen, ich paßte nicht mehr in unsre +Gemeinschaft, die so innig gewesen war, und nach der mich oft ein rasendes +Heimweh wie nach verlorenen Paradiesen überfiel. Ich wurde, namentlich von +der Mutter, mehr wie ein Kranker behandelt als wie ein Bösewicht, aber wie +es eigentlich stand, konnte ich am besten aus dem Benehmen meiner beiden +Schwestern sehen. In diesem Benehmen, das sehr schonend war und mich +dennoch unendlich beelendete, gab sich deutlich kund, daß ich eine Art von +Besessenem war, der für seinen Zustand mehr zu beklagen als zu schelten +war, in dem aber doch eben das Böse seinen Sitz genommen hatte. Ich fühlte, +daß man für mich betete, anders als sonst, und fühlte die Vergeblichkeit +dieses Betens. Die Sehnsucht nach Erleichterung, das Verlangen nach einer +richtigen Beichte spürte ich oft brennend, und empfand doch auch voraus, +daß ich weder Vater noch Mutter alles richtig würde sagen und erklären +können. Ich wußte, man würde es freundlich aufnehmen, man würde mich sehr +schonen, ja bedauern, aber nicht ganz verstehen, und das Ganze würde als +eine Art Entgleisung angesehen werden, während es doch Schicksal war. + +Ich weiß, daß manche nicht glauben werden, daß ein Kind von noch nicht elf +Jahren so zu fühlen vermöge. Diesen erzähle ich meine Angelegenheit nicht. +Ich erzähle sie denen, welche den Menschen besser kennen. Der Erwachsene, +der gelernt hat, einen Teil seiner Gefühle in Gedanken zu verwandeln, +vermißt diese Gedanken beim Kinde, und meint nun, auch die Erlebnisse seien +nicht da. Ich aber habe nur selten in meinem Leben so tief erlebt und +gelitten wie damals. + + * * * * * + +Einst war ein Regentag, ich war von meinem Peiniger auf den Burgplatz +bestellt worden, da stand ich nun und wartete und wühlte mit den Füßen im +nassen Kastanienlaub, das noch immerzu von den schwarzen triefenden Bäumen +fiel. Geld hatte ich nicht, aber ich hatte zwei Stücke Kuchen beiseite +gebracht und trug sie bei mir, um dem Kromer wenigstens etwas geben zu +können. Ich war es längst gewohnt, so irgendwo in einem Winkel zu stehen +und auf ihn zu warten, oft sehr lange Zeit, und ich nahm es hin, wie der +Mensch das Unabänderliche hinnimmt. + +Endlich kam Kromer. Er blieb heute nicht lang. Er gab mir ein paar Knüffe +in die Rippen, lachte, nahm mir den Kuchen ab, bot mir sogar eine feuchte +Zigarette an, die ich jedoch nicht nahm, und war freundlicher als +gewöhnlich. + +»Ja,« sagte er beim Weggehen, »daß ich's nicht vergesse -- du könntest das +nächstemal deine Schwester mitbringen, die ältere. Wie heißt sie +eigentlich?« + +Ich verstand gar nicht, gab auch keine Antwort. Ich sah ihn nur verwundert +an. + +»Kapierst du nicht? Deine Schwester sollst du mitbringen.« + +»Ja, Kromer, aber das geht nicht. Das darf ich nicht, und sie käme auch gar +nicht mit.« + +Ich war darauf gefaßt, daß das nur wieder eine Schikane und ein Vorwand +sei. So machte er es oft, verlangte irgend etwas Unmögliches, setzte mich +in Schrecken, demütigte mich, und ließ dann allmählich mit sich handeln. +Ich mußte mich dann mit etwas Geld oder anderen Gaben loskaufen. + +Diesmal war er ganz anders. Er wurde auf meine Weigerung hin fast gar nicht +böse. + +»Na ja,« sagte er obenhin, »du wirst dir das überlegen. Ich möchte mit +deiner Schwester bekannt werden. Es wird schon einmal gehen. Du nimmst sie +einfach auf einen Spaziergang mit, und dann komme ich dazu. Morgen pfeife +ich dir an, dann sprechen wir noch einmal drüber.« + +Als er fort war, dämmerte mir plötzlich etwas vom Sinn seines Begehrens +auf. Ich war noch völlig Kind, aber ich wußte gerüchtweise davon, daß +Knaben und Mädchen, wenn sie etwas älter waren, irgendwelche +geheimnisvolle, anstößige und verbotene Dinge miteinander treiben konnten. +Und nun sollte ich also -- es wurde mir ganz plötzlich klar, wie +ungeheuerlich es war! Mein Entschluß, das nie zu tun, stand sofort fest. +Aber was dann geschehen und wie Kromer sich an mir rächen würde, daran +wagte ich kaum zu denken. Es begann eine neue Marter für mich, es war noch +nicht genug. + +Trostlos ging ich über den leeren Platz, die Hände in den Taschen. Neue +Qualen, neue Sklaverei! + +Da rief mich eine frische, tiefe Stimme an. Ich erschrak und fing zu laufen +an. Jemand lief mir nach, eine Hand faßte mich sanft von hinten. Es war Max +Demian. + +Ich gab mich gefangen. + +»Du bist es?« sagte ich unsicher. »Du hast mich so erschreckt!« + +Er sah mich an, und nie war sein Blick mehr der eines Erwachsenen, eines +Überlegenen und Durchschauenden gewesen als jetzt. Seit langem hatten wir +nicht mehr miteinander gesprochen. + +»Das tut mir leid,« sagte er mit seiner höflichen und dabei sehr bestimmten +Art. »Aber höre, man muß sich nicht so erschrecken lassen.« + +»Nun ja, das kann doch passieren.« + +»Es scheint so. Aber sieh: wenn du vor jemand, der dir nichts getan hat, so +zusammenfährst, dann fängt der Jemand an nachzudenken. Es wundert ihn, es +macht ihn neugierig. Der Jemand denkt sich, du seiest doch merkwürdig +schreckhaft, und er denkt weiter: so ist man bloß, wenn man Angst hat. +Feiglinge haben immer Angst; aber ich glaube, ein Feigling bist du +eigentlich nicht. Nicht wahr? O freilich, ein Held bist du auch nicht. Es +gibt Dinge, vor denen du Furcht hast; es gibt auch Menschen, vor denen du +Furcht hast. Und das sollte man nie haben. Nein, vor Menschen sollte man +niemals Furcht haben. Du hast doch keine vor mir? Oder?« + +»O nein, gar nicht.« + +»Eben, siehst du. Aber es gibt Leute, vor denen du Furcht hast?« + +»Ich weiß nicht . . . Laß mich doch, was willst du von mir?« + +Er hielt mit mir Schritt -- ich war rascher gegangen, mit Fluchtgedanken -- +und ich fühlte seinen Blick von der Seite her. + +»Nimm einmal an,« fing er wieder an, »daß ich es gut mit dir meine. Angst +brauchst du jedenfalls vor mir nicht zu haben. Ich möchte gern ein +Experiment mit dir machen, es ist lustig und du kannst etwas dabei lernen, +was sehr brauchbar ist. Paß einmal auf! -- Also ich versuche manchmal eine +Kunst, die man Gedankenlesen heißt. Es ist gar keine Hexerei dabei, aber +wenn man nicht weiß, wie es gemacht wird, dann sieht es ganz eigentümlich +aus. Man kann die Leute sehr damit überraschen. -- Nun, wir probieren +einmal. Also ich habe dich gern, oder ich interessiere mich für dich, und +möchte nun herausbringen, wie es in dir drinnen aussieht. Dazu habe ich den +ersten Schritt schon getan. Ich habe dich erschreckt -- du bist also +schreckhaft. Es gibt also Sachen und Menschen, vor denen du Angst hast. +Woher kann das kommen? Man braucht vor niemand Angst zu haben. Wenn man +jemand fürchtet, dann kommt es daher, daß man diesem Jemand Macht über sich +eingeräumt hat. Man hat zum Beispiel etwas Böses getan, und der andre weiß +das -- dann hat er Macht über dich. Du kapierst? Es ist doch klar, nicht?« + +Ich sah ihm hilflos ins Gesicht, das war ernst und klug wie stets, und auch +gütig, aber ohne alle Zärtlichkeit, es war eher streng. Gerechtigkeit oder +etwas Ähnliches lag darin. Ich wußte nicht, wie mir geschah; er stand wie +ein Zauberer vor mir. + +»Hast du verstanden?« fragte er noch einmal. + +Ich nickte. Sagen konnte ich nichts. + +»Ich sagte dir ja, es sieht komisch aus, das Gedankenlesen, aber es geht +ganz natürlich zu. Ich könnte dir zum Beispiel auch ziemlich genau sagen, +was du über mich gedacht hast, als ich einmal dir die Geschichte von Kain +und Abel erzählt hatte. Nun, das gehört nicht hierher. Ich halte es auch +für möglich, daß du einmal von mir geträumt hast. Lassen wir das aber! Du +bist ein gescheiter Junge, die meisten sind so dumm! Ich rede gern hie und +da mit einem gescheiten Jungen, zu dem ich Vertrauen habe. Es ist dir doch +recht?« + +»O ja. Ich verstehe nur gar nicht --« + +»Bleiben wir einmal bei dem lustigen Experiment! Wir haben also gefunden: +der Knabe S. ist schreckhaft -- er fürchtet jemanden -- er hat +wahrscheinlich mit diesem andern ein Geheimnis, das ihm sehr unbequem ist. +-- Stimmt das ungefähr?« + +Wie im Traum unterlag ich seiner Stimme, seinem Einfluß. Ich nickte nur. +Sprach da nicht eine Stimme, die nur aus mir selber kommen konnte? Die +alles wußte? Die alles besser, klarer wußte als ich selber? + +Kräftig schlug mir Demian auf die Schulter. + +»Es stimmt also. Ich konnte mir's denken. Jetzt bloß noch eine einzige +Frage: weißt du, wie der Junge heißt, der da vorhin wegging?« + +Ich erschrak heftig, mein angetastetes Geheimnis krümmte sich schmerzhaft +in mir zurück, es wollte nicht ans Licht. + +»Was für ein Junge? Es war kein Junge da, bloß ich.« + +Er lachte. + +»Sag's nur!« lachte er. »Wie heißt er?« + +Ich flüsterte: »Meinst du den Franz Kromer?« + +Befriedigt nickte er mir zu. + +»Bravo! Du bist ein fixer Kerl, wir werden noch Freunde werden. Nun muß ich +dir aber etwas sagen: dieser Kromer, oder wie er heißt, ist ein schlechter +Kerl. Sein Gesicht sagt mir, daß er ein Schuft ist! Was meinst du?« + +»O ja,« seufzte ich auf, »er ist schlecht, er ist ein Satan! Aber er darf +nichts wissen! Um Gottes willen, er darf nichts wissen. Kennst du ihn? +Kennt er dich?« + +»Sei nur ruhig! Er ist fort, und er kennt mich nicht -- noch nicht. Aber +ich möchte ihn ganz gern kennenlernen. Er geht in die Volksschule?« + +»Ja.« + +»In welche Klasse?« + +»In die fünfte. -- Aber sag ihm nichts! Bitte, bitte sag ihm nichts!« + +»Sei ruhig, es passiert dir nichts. -- Vermutlich hast du keine Lust, mir +ein wenig mehr von diesem Kromer zu erzählen?« + +»Ich kann nicht! Nein, laß mich!« + +Er schwieg eine Weile. + +»Schade,« sagte er dann, »wir hätten das Experiment noch weiter führen +können. Aber ich will dich nicht plagen. Aber nicht wahr, das weißt du +doch, daß deine Furcht vor ihm nichts Richtiges ist? So eine Furcht macht +uns ganz kaputt, die muß man loswerden. Du mußt sie loswerden, wenn ein +rechter Kerl aus dir werden soll. Begreifst du?« + +»Gewiß, du hast ganz recht . . . aber es geht nicht. Du weißt ja nicht +. . .« + +»Du hast gesehen, daß ich manches weiß, mehr als du gedacht hättest. -- +Bist du ihm etwa Geld schuldig?« + +»Ja, das auch, aber das ist nicht die Hauptsache. Ich kann es nicht sagen, +ich kann nicht!« + +»Es hilft also nichts, wenn ich dir soviel Geld gebe, wie du ihm schuldig +bist? -- Ich könnte es dir gut geben.« + +»Nein, nein, das ist es nicht. Und ich bitte dich: sage niemand davon! Kein +Wort! Du machst mich unglücklich!« + +»Verlaß dich auf mich, Sinclair. Eure Geheimnisse wirst du mir später +einmal mitteilen --« + +»Nie, nie!« rief ich heftig. + +»Ganz wie du willst. Ich meine nur, vielleicht wirst du mir später einmal +mehr sagen. Nur freiwillig, versteht sich. Du denkst doch nicht, ich werde +es machen wie der Kromer selber?« + +»O nein -- aber du weißt ja gar nichts davon!« + +»Gar nichts. Ich denke nur darüber nach. Und ich werde es nie so machen wie +Kromer es macht, das glaubst du mir. Du bist ja mir auch nichts schuldig.« + +Wir schwiegen eine lange Zeit, und ich wurde ruhiger. Aber Demians Wissen +wurde mir immer rätselhafter. + +»Ich geh jetzt nach Hause,« sagte er, und zog im Regen seinen Lodenmantel +fester zusammen. »Ich möchte dir nur eins nochmals sagen, weil wir schon so +weit sind -- du solltest diesen Kerl loswerden! Wenn es gar nicht anders +geht, dann schlage ihn tot! Es würde mir imponieren und gefallen, wenn du +es tätest. Ich würde dir auch helfen.« + +Ich bekam von neuem Angst. Die Geschichte von Kain fiel mir plötzlich +wieder ein. Es wurde mir unheimlich, und ich begann sachte zu weinen. Zu +viel Unheimliches war um mich her. + +»Nun gut,« lächelte Max Demian. »Geh nur nach Hause! Wir machen das schon. +Obwohl Totschlagen das Einfachste wäre. In solchen Dingen ist das +Einfachste immer das Beste. Du bist in keinen guten Händen bei deinem +Freund Kromer.« + +Ich kam nach Hause, und mir schien, ich sei ein Jahr lang weg gewesen. +Alles sah anders aus. Zwischen mir und Kromer stand etwas wie Zukunft, +etwas wie Hoffnung. Ich war nicht mehr allein! Und erst jetzt sah ich, wie +schrecklich allein ich wochen- und wochenlang mit meinem Geheimnis gewesen +war. Und sofort fiel mir ein, was ich mehrmals durchgedacht hatte: daß eine +Beichte vor meinen Eltern mich erleichtern und mich doch nicht ganz erlösen +würde. Nun hatte ich beinahe gebeichtet, einem andern, einem Fremden, und +Erlösungsahnung flog mir wie ein starker Duft entgegen! + + * * * * * + +Immerhin war meine Angst noch lange nicht überwunden, und ich war noch auf +lange und furchtbare Auseinandersetzungen mit meinem Feinde gefaßt. Desto +merkwürdiger war es mir, daß alles so still, so völlig geheim und ruhig +verlief. + +Kromers Pfiff vor unsrem Hause blieb aus, einen Tag, zwei Tage, drei Tage, +eine Woche lang. Ich wagte gar nicht, daran zu glauben, und lag innerlich +auf der Lauer, ob er nicht plötzlich, eben wenn man ihn gar nimmer +erwartete, doch wieder dastehen würde. Aber er war und blieb fort! +Mißtrauisch gegen die neue Freiheit, glaubte ich noch immer nicht recht +daran. Bis ich endlich einmal dem Franz Kromer begegnete. Er kam die +Seilergasse herab, gerade mir entgegen. Als er mich sah, zuckte er +zusammen, verzog das Gesicht zu einer wüsten Grimasse und kehrte ohne +weiteres um, um mir nicht begegnen zu müssen. + +Das war für mich ein unerhörter Augenblick! Mein Feind lief vor mir davon! +Mein Satan hatte Angst vor mir! Mir fuhr die Freude und Überraschung durch +und durch. + +In diesen Tagen zeigte sich Demian einmal wieder. Er wartete auf mich vor +der Schule. + +»Grüß Gott,« sagte ich. + +»Guten Morgen, Sinclair. Ich wollte nur einmal hören, wie dir's geht. Der +Kromer läßt dich doch jetzt in Ruhe, nicht?« + +»Hast du das gemacht? Aber wie denn? Wie denn? Ich begreife es gar nicht. +Er ist ganz ausgeblieben.« + +»Das ist gut. Wenn er je einmal wiederkommen sollte -- ich denke, er tut es +nicht, aber er ist ja ein frecher Kerl -- dann sage ihm bloß, er möge an +den Demian denken.« + +»Aber wie hängt das zusammen? Hast du Händel mit ihm angefangen und ihn +verhauen?« + +»Nein, das tue ich nicht so gern. Ich habe bloß mit ihm gesprochen, so wie +mit dir auch, und habe ihm dabei klar machen können, daß es sein eigener +Vorteil ist, wenn er dich in Ruhe läßt.« + +»O, du wirst ihm doch kein Geld gegeben haben?« + +»Nein, mein Junge. Diesen Weg hattest ja du schon probiert.« + +Er machte sich los, so sehr ich ihn auszufragen versuchte, und ich blieb +mit dem alten beklommenen Gefühl gegen ihn zurück, das aus Dankbarkeit und +Scheu, aus Bewunderung und Angst, aus Zuneigung und innerem Widerstreben +seltsam gemischt war. + +Ich nahm mir vor, ihn bald wiederzusehen, und dann wollte ich mehr mit ihm +über das alles reden, auch noch über die Kain-Sache. + +Es kam nicht dazu. + +Dankbarkeit ist überhaupt keine Tugend, an die ich Glauben habe, und sie +von einem Kinde zu verlangen, schiene mir falsch. So wundere ich mich über +meine eigene völlige Undankbarkeit nicht eben sehr, die ich gegen Max +Demian bewies. Ich glaube heute mit Bestimmtheit, daß ich fürs Leben krank +und verdorben worden wäre, wenn er mich nicht aus den Klauen Kromers +befreit hätte. Diese Befreiung fühlte ich auch damals schon als das größte +Erlebnis meines jungen Lebens -- aber den Befreier selbst ließ ich links +liegen, sobald er das Wunder vollführt hatte. + +Merkwürdig ist die Undankbarkeit, wie gesagt, mir nicht. Sonderbar ist mir +einzig der Mangel an Neugierde, den ich bewies. Wie war es möglich, daß ich +einen einzigen Tag ruhig weiterleben konnte, ohne den Geheimnissen näher zu +kommen, mit denen mich Demian in Berührung gebracht hatte? Wie konnte ich +die Begierde zurückhalten, mehr über Kain zu hören, mehr über Kromer, mehr +über das Gedankenlesen? + +Es ist kaum begreiflich, und ist doch so. Ich sah mich plötzlich aus +dämonischen Netzen entwirrt, sah wieder die Welt hell und freudig vor mir +liegen, unterlag nicht mehr Angstanfällen und würgendem Herzklopfen. Der +Bann war gebrochen, ich war nicht mehr ein gepeinigter Verdammter, ich war +wieder ein Schulknabe wie immer. Meine Natur suchte so rasch wie möglich +wieder in Gleichgewicht und Ruhe zu kommen, und so gab sie sich vor allem +Mühe, das viele Häßliche und Bedrohende von sich weg zu rücken, es zu +vergessen. Wunderbar schnell entglitt die ganze lange Geschichte meiner +Schuld und Verängstigung meinem Gedächtnis, ohne scheinbar irgendwelche +Narben und Eindrücke hinterlassen zu haben. + +Daß ich hingegen meinen Helfer und Retter ebenso rasch zu vergessen suchte, +begreife ich heute auch. Aus dem Jammertal meiner Verdammung, aus der +furchtbaren Sklaverei bei Kromer floh ich mit allen Trieben und Kräften +meiner geschädigten Seele dahin zurück, wo ich früher glücklich und +zufrieden gewesen war: in das verlorene Paradies, das sich wieder öffnete, +in die helle Vater- und Mutterwelt, zu den Schwestern, zum Duft der +Reinheit, zur Gottgefälligkeit Abels. + +Schon am Tage nach meinem kurzen Gespräch mit Demian, als ich von meiner +wiedergewonnenen Freiheit endlich völlig überzeugt war und keine Rückfälle +mehr fürchtete, tat ich das, was ich so oft und sehnlich mir gewünscht +hatte -- ich beichtete. Ich ging zu meiner Mutter, ich zeigte ihr das +Sparbüchslein, dessen Schloß beschädigt und das mit Spielmarken statt mit +Geld gefüllt war, und ich erzählte ihr, wie lange Zeit ich durch eigene +Schuld mich an einen bösen Quäler gefesselt hatte. Sie begriff nicht alles, +aber sie sah die Büchse, sie sah meinen veränderten Blick, hörte meine +veränderte Stimme, fühlte, daß ich genesen, daß ich ihr wiedergegeben war. + +Und nun beging ich mit hohen Gefühlen das Fest meiner Wiederaufnahme, die +Heimkehr des verlorenen Sohnes. Die Mutter brachte mich zum Vater, die +Geschichte wurde wiederholt, Fragen und Ausrufe der Verwunderung drängten +sich, beide Eltern streichelten mir den Kopf und atmeten aus langer +Bedrückung auf. Alles war herrlich, alles war wie in den Erzählungen, alles +löste sich in wunderbare Harmonie auf. + +In diese Harmonie floh ich nun mit wahrer Leidenschaft. Ich konnte mich +nicht genug daran ersättigen, daß ich wieder meinen Frieden und das +Vertrauen der Eltern hatte, ich wurde ein häuslicher Musterknabe, spielte +mehr als jemals mit meinen Schwestern und sang bei den Andachten die +lieben, alten Lieder mit wonnevollen Gefühlen des Erlösten und Bekehrten +mit. Es geschah von Herzen, es war keine Lüge dabei. + +Dennoch war es so gar nicht in Ordnung! Und hier ist der Punkt, aus dem +sich mir meine Vergeßlichkeit gegen Demian allein wahrhaft erklärt. Ihm +hätte ich beichten sollen! Die Beichte wäre weniger dekorativ und rührend, +aber für mich fruchtbarer ausgefallen. Nun klammerte ich mich mit allen +Wurzeln an meine ehemalige, paradiesische Welt, war heimgekehrt und in +Gnaden aufgenommen. Demian aber gehörte zu dieser Welt keineswegs, paßte +nicht in sie. Auch er war, anders als Kromer, aber doch eben -- auch er war +ein Verführer, auch er verband mich mit der zweiten, der bösen, schlechten +Welt, und von der wollte ich nun für immer nichts mehr wissen. Ich konnte +und wollte jetzt nicht Abel preisgeben und Kain verherrlichen helfen, +jetzt, wo ich eben selbst wieder ein Abel geworden war. + +So der äußere Zusammenhang. Der innere aber war dieser: Ich war aus Kromers +und des Teufels Händen erlöst, aber nicht durch meine eigene Kraft und +Leistung. Ich hatte versucht, auf den Pfaden der Welt zu wandeln, und sie +waren für mich zu schlüpfrig gewesen. Nun, da der Griff einer freundlichen +Hand mich gerettet hatte, lief ich, ohne einen Blick mehr nebenaus zu tun, +in den Schoß der Mutter und die Geborgenheit einer umhegten, frommen, +milden Kindlichkeit zurück. Ich machte mich jünger, abhängiger, kindlicher +als ich war. Ich mußte die Abhängigkeit von Kromer durch eine neue +ersetzen, denn allein zu gehen vermochte ich nicht. So wählte ich, in +meinem blinden Herzen, die Abhängigkeit von Vater und Mutter, von der +alten, geliebten »lichten Welt,« von der ich doch schon wußte, daß sie +nicht die einzige war. Hätte ich das nicht getan, so hätte ich mich zu +Demian halten und mich ihm anvertrauen müssen. Daß ich das nicht tat, das +erschien mir damals als berechtigtes Mißtrauen gegen seine befremdlichen +Gedanken; in Wahrheit war es nichts als Angst. Denn Demian hätte mehr von +mir verlangt als die Eltern verlangten, viel mehr, er hätte mich mit +Antrieb und Ermahnung, mit Spott und Ironie selbständiger zu machen +versucht. Ach, das weiß ich heute: Nichts auf der Welt ist dem Menschen +mehr zuwider als den Weg zu gehen, der ihn zu sich selber führt! + +Dennoch konnte ich, etwa ein halbes Jahr später, der Versuchung nicht +widerstehen, und fragte auf einem Spaziergang meinen Vater, was davon zu +halten sei, daß manche Leute den Kain für besser als den Abel erklärten. + +Er war sehr verwundert und erklärte mir, daß dies eine Auffassung sei, +welche der Neuheit entbehre. Sie sei sogar schon in der urchristlichen Zeit +aufgetaucht und sei in Sekten gelehrt worden, deren eine sich die +»Kainiten« nannte. Aber natürlich sei diese tolle Lehre nichts anderes als +ein Versuch des Teufels, unsern Glauben zu zerstören. Denn glaube man an +das Recht Kains und das Unrecht Abels, dann ergebe sich daraus die Folge, +daß Gott sich geirrt habe, daß also der Gott der Bibel nicht der richtige +und einzige, sondern ein falscher sei. Wirklich hätten die Kainiten auch +Ähnliches gelehrt und gepredigt; doch sei diese Ketzerei seit langem aus +der Menschheit verschwunden und er wundere sich nur, daß ein Schulkamerad +von mir etwas davon erfahren habe können. Immerhin ermahne er mich +ernstlich, diese Gedanken zu unterlassen. + + + + +Drittes Kapitel +Der Schächer + + +Es wäre Schönes, Zartes und Liebenswertes zu erzählen von meiner Kindheit, +von meinem Geborgensein bei Vater und Mutter, von Kindesliebe und genügsam +spielerischem Hinleben in sanften, lieben, lichten Umgebungen. Andre haben +davon genugsam gesprochen. Mich interessieren nur die Schritte, die ich in +meinem Leben tat, um zu mir selbst zu gelangen. Alle die hübschen +Ruhepunkte, Glücksinseln und Paradiese, deren Zauber mir nicht unbekannt +blieb, lasse ich im Glanz der Ferne liegen und begehre nicht sie nochmals +zu betreten. + +Darum spreche ich, soweit ich noch bei meiner Knabenzeit verweile, nur von +dem, was Neues mir zukam, was mich vorwärts trieb, mich losriß. + +Immer kamen diese Anstöße von der »anderen Welt,« immer brachten sie Angst, +Zwang und böses Gewissen mit sich, immer waren sie revolutionär und +gefährdeten den Frieden, in dem ich gern wohnen geblieben wäre. + +Es kamen die Jahre, in welchen ich aufs neue entdecken mußte, daß in mir +selbst ein Urtrieb lebte, der in der erlaubten und lichten Welt sich +verkriechen und verstecken mußte. Wie jeden Menschen, so fiel auch mich das +langsam erwachende Gefühl des Geschlechts als ein Feind und Zerstörer an, +als Verbotenes, als Verführung und Sünde. Was meine Neugierde suchte, was +mir Träume, Lust und Angst schuf, das große Geheimnis der Pubertät, das +paßte gar nicht in die umhegte Glückseligkeit meines Kinderfriedens. Ich +tat wie alle. Ich führte das Doppelleben des Kindes, das doch kein Kind +mehr ist. Mein Bewußtsein lebte im Heimischen und Erlaubten, mein +Bewußtsein leugnete die empordämmernde neue Welt. Daneben aber lebte ich in +Träumen, Trieben, Wünschen von unterirdischer Art, über welchen jenes +bewußte Leben sich immer ängstlichere Brücken baute, denn die Kinderwelt in +mir fiel zusammen. Wie fast alle Eltern, so halfen auch die meinen nicht +den erwachenden Lebenstrieben, von denen nicht gesprochen ward. Sie halfen +nur, mit unerschöpflicher Sorgfalt, meinen hoffnungslosen Versuchen, das +Wirkliche zu leugnen und in einer Kindeswelt weiter zu hausen, die immer +unwirklicher und verlogener ward. Ich weiß nicht, ob Eltern hierin viel tun +können, und mache den meinen keinen Vorwurf. Es war meine eigene Sache, mit +mir fertig zu werden und meinen Weg zu finden, und ich tat meine Sache +schlecht, wie die meisten Wohlerzogenen. + +Jeder Mensch durchlebt diese Schwierigkeit. Für den Durchschnittlichen ist +dies der Punkt im Leben, wo die Forderung des eigenen Lebens am härtesten +mit der Umwelt in Streit gerät, wo der Weg nach vorwärts am bittersten +erkämpft werden muß. Viele erleben das Sterben und Neugeborenwerden, das +unser Schicksal ist, nur dies eine Mal im Leben, beim Morschwerden und +langsamen Zusammenbrechen der Kindheit, wenn alles Liebgewordene uns +verlassen will und wir plötzlich die Einsamkeit und tödliche Kälte des +Weltraums um uns fühlen. Und sehr viele bleiben für immer an dieser Klippe +hängen und kleben ihr Leben lang schmerzlich am unwiederbringlich +Vergangenen, am Traum vom verlorenen Paradies, der der schlimmste und +mörderischeste aller Träume ist. + +Wenden wir uns zur Geschichte zurück. Die Empfindungen und Traumbilder, in +denen sich mir das Ende der Kindheit meldete, sind nicht wichtig genug, um +erzählt zu werden. Das Wichtige war: die »dunkle Welt,« die »andere Welt« +war wieder da. Was einst Franz Kromer gewesen war, das stak nun in mir +selber. Und damit gewann auch von außen her die »andere Welt« wieder Macht +über mich. + +Es waren seit der Geschichte mit Kromer mehrere Jahre vergangen. Jene +dramatische und schuldvolle Zeit meines Lebens lag damals mir sehr fern und +schien wie ein kurzer Alptraum in nichts vergangen. Franz Kromer war längst +aus meinem Leben verschwunden, kaum daß ich es achtete, wenn er mir je +einmal begegnete. Die andere wichtige Figur meiner Tragödie aber, Max +Demian, verschwand nicht mehr ganz aus meinem Umkreis. Doch stand er lange +Zeit fern am Rande, sichtbar, doch nicht wirksam. Erst allmählich trat er +wieder näher, strahlte wieder Kräfte und Einflüsse aus. + +Ich suche mich zu besinnen, was ich aus jener Zeit von Demian weiß. Es mag +sein, daß ich ein Jahr oder länger kein einziges Mal mit ihm gesprochen +habe. Ich mied ihn, und er drängte sich keineswegs auf. Etwa einmal, wenn +wir uns begegneten, nickte er mir einen freundlichen Gruß zu. Mir schien es +dann zuweilen, es sei in seiner Freundlichkeit ein feiner Klang von Hohn +oder ironischem Vorwurf, doch mag das Einbildung gewesen sein. Die +Geschichte, die ich mit ihm erlebt hatte, und der seltsame Einfluß, den er +damals auf mich geübt, waren wie vergessen, von ihm wie von mir. + +Ich suche nach seiner Figur, und nun, da ich mich auf ihn besinne, sehe +ich, daß er doch da war und von mir bemerkt wurde. Ich sehe ihn zur Schule +gehen, allein oder zwischen andern von den größeren Schülern, und ich sehe +ihn fremdartig, einsam und still, wie gestirnhaft zwischen ihnen wandeln, +von einer eigenen Luft umgeben, unter eigenen Gesetzen lebend. Niemand +liebte ihn, niemand war mit ihm vertraut, nur seine Mutter, und auch mit +ihr schien er nicht wie ein Kind, sondern wie ein Erwachsener zu verkehren. +Die Lehrer ließen ihn möglichst in Ruhe, er war ein guter Schüler, aber er +suchte keinem zu gefallen, und je und je vernahmen wir gerüchtweise von +irgendeinem Wort, einer Glosse oder Gegenrede, die er einem Lehrer sollte +gegeben haben und die an schroffer Herausforderung oder an Ironie nichts zu +wünschen übrig ließ. + +Ich besinne mich, mit geschlossenen Augen, und ich sehe sein Bild +auftauchen. Wo war das? Ja, nun ist es wieder da. Es war auf der Gasse vor +unserem Hause. Da sah ich ihn eines Tages stehen, ein Notizbuch in der +Hand, und sah ihn zeichnen. Er zeichnete das alte Wappenbild mit dem Vogel +über unsrer Haustüre ab. Und ich stand an einem Fenster, hinterm Vorhang +verborgen, und schaute ihm zu, und sah mit tiefer Verwunderung sein +aufmerksames, kühles, helles Gesicht dem Wappen zugewendet, das Gesicht +eines Mannes, eines Forschers oder Künstlers, überlegen und voll von +Willen, sonderbar hell und kühl, mit wissenden Augen. + +Und wieder sehe ich ihn. Es war wenig später, auf der Straße; wir standen +alle, von der Schule kommend, um ein Pferd, das gestürzt war. Es lag, noch +an die Deichsel geschirrt, vor einem Bauernwagen, schnob suchend und +kläglich mit geöffneten Nüstern in die Luft und blutete aus einer +unsichtbaren Wunde, so daß zu seiner Seite der weiße Straßenstaub sich +langsam dunkel vollsog. Als ich, mit einem Gefühl von Übelkeit, mich von +dem Anblick wegwandte, sah ich Demians Gesicht. Er hatte sich nicht +vorgedrängt, er stand zuhinterst, bequem und ziemlich elegant, wie es zu +ihm gehörte. Sein Blick schien auf den Kopf des Pferdes gerichtet, und +hatte wieder diese tiefe, stille, beinah fanatische und doch +leidenschaftslose Aufmerksamkeit. Ich mußte ihn lang ansehen, und damals +fühlte ich, noch fern vom Bewußtsein, etwas sehr Eigentümliches. Ich sah +Demians Gesicht, und ich sah nicht nur, daß er kein Knabengesicht hatte, +sondern das eines Mannes; ich sah noch mehr, ich glaubte zu sehen, oder zu +spüren, daß es auch nicht das Gesicht eines Mannes sei, sondern noch etwas +anderes. Es war, als sei auch etwas von einem Frauengesicht darin, und +namentlich schien dies Gesicht mir, für einen Augenblick, nicht männlich +oder kindlich, nicht alt oder jung, sondern irgendwie tausendjährig, +irgendwie zeitlos, von anderen Zeitläuften gestempelt als wir sie leben. +Tiere konnten so aussehen, oder Bäume, oder Sterne -- ich wußte das nicht, +ich empfand nicht genau das, was ich jetzt als Erwachsener darüber sage, +aber etwas Ähnliches. Vielleicht war er schön, vielleicht gefiel er mir, +vielleicht war er mir auch zuwider, auch das war nicht zu entscheiden. Ich +sah nur: er war anders als wir, er war wie ein Tier, oder wie ein Geist, +oder wie ein Bild, ich weiß nicht, wie er war, aber er war anders, +unausdenkbar anders als wir alle. + +Mehr sagt die Erinnerung mir nicht, und vielleicht ist auch dies zum Teil +schon aus späteren Eindrücken geschöpft. + +Erst als ich mehrere Jahre älter war, kam ich endlich wieder mit ihm in +nähere Berührung. Demian war nicht, wie die Sitte es gefordert hätte, mit +seinem Jahrgang in der Kirche konfirmiert worden, und auch daran hatten +sich wieder alsbald Gerüchte geknüpft. Es hieß in der Schule wieder, er sei +eigentlich ein Jude, oder nein, ein Heide, und andre wußten, er sei samt +seiner Mutter ohne jede Religion oder gehöre einer fabelhaften, schlimmen +Sekte an. Im Zusammenhang damit meine ich auch den Verdacht vernommen zu +haben, er lebe mit seiner Mutter wie mit einer Geliebten. Vermutlich war es +so, daß er bisher ohne Konfession erzogen worden war, daß dies nun aber für +seine Zukunft irgendwelche Unzuträglichkeiten fürchten ließ. Jedenfalls +entschloß sich seine Mutter, ihn jetzt doch, zwei Jahre später als seine +Altersgenossen, an der Konfirmation teilnehmen zu lassen. So kam es, daß er +nun monatelang im Konfirmationsunterricht mein Kamerad war. + +Eine Weile hielt ich mich ganz von ihm zurück, ich wollte nicht teil an ihm +haben, er war mir allzu sehr von Gerüchten und Geheimnissen umgeben, +namentlich aber störte mich das Gefühl von Verpflichtung, das seit der +Affäre mit Kromer in mir zurückgeblieben war. Und gerade damals hatte ich +genug mit meinen eigenen Geheimnissen zu tun. Für mich fiel der +Konfirmationsunterricht zusammen mit der Zeit der entscheidenden +Aufklärungen in den geschlechtlichen Dingen, und trotz gutem Willen war +mein Interesse für die fromme Belehrung dadurch sehr beeinträchtigt. Die +Dinge, von denen der Geistliche sprach, lagen weit von mir weg in einer +stillen heiligen Unwirklichkeit, sie waren vielleicht ganz schön und +wertvoll, aber keineswegs aktuell und erregend, und jene andern Dinge waren +gerade dies im höchsten Maße. + +Je mehr mich nun dieser Zustand gegen den Unterricht gleichgültig machte, +desto mehr näherte sich mein Interesse wieder dem Max Demian. Irgend etwas +schien uns zu verbinden. Ich muß diesem Faden möglichst genau nachgehen. +Soviel ich mich besinnen kann, begann es in einer Stunde früh am Morgen, +als noch Licht in der Schulstube brannte. Unser geistlicher Lehrer war auf +die Geschichte Kains und Abels zu sprechen gekommen. Ich achtete kaum +darauf, ich war schläfrig und hörte kaum zu. Da begann der Pfarrer mit +erhobener Stimme eindringlich vom Kainszeichen zu reden. In diesem +Augenblick spürte ich eine Art von Berührung oder Mahnung, und aufblickend +sah ich aus den vorderen Bankreihen her das Gesicht Demians nach mir zurück +gewendet, mit einem hellen sprechenden Auge, dessen Ausdruck ebensowohl +Spott wie Ernst sein konnte. Nur einen Moment sah er mich an, und plötzlich +horchte ich gespannt auf die Worte des Pfarrers, hörte ihn vom Kain und +seinem Zeichen reden, und spürte tief in mir ein Wissen, daß das nicht so +sei wie er es lehre, daß man das auch anders ansehen konnte, daß daran +Kritik möglich war! + +Mit dieser Minute war zwischen Demian und mir wieder eine Verbindung da. +Und sonderbar -- kaum war dies Gefühl einer gewissen Zusammengehörigkeit in +der Seele da, so sah ich es wie magisch auch ins Räumliche übertragen. Ich +wußte nicht, ob er es selbst so einrichten konnte oder ob es ein reiner +Zufall war -- ich glaubte damals noch fest an Zufälle -- nach wenigen Tagen +hatte Demian plötzlich seinen Platz in der Religionsstunde gewechselt und +saß gerade vor mir (ich weiß noch, wie gern ich mitten in der elenden +Armenhäuslerluft der überfüllten Schulstube am Morgen von seinem Nacken her +den zartfrischen Seifengeruch einsog!), und wieder nach einigen Tagen hatte +er wieder gewechselt und saß nun neben mir, und da blieb er sitzen, den +ganzen Winter und das ganze Frühjahr hindurch. + +Die Morgenstunden hatten sich ganz verwandelt. Sie waren nicht mehr +schläfrig und langweilig. Ich freute mich auf sie. Manchmal hörten wir +beide mit der größten Aufmerksamkeit dem Pfarrer zu, ein Blick von meinem +Nachbar genügte, um mich auf eine merkwürdige Geschichte, einen seltsamen +Spruch hinzuweisen. Und ein anderer Blick von ihm, ein ganz bestimmter, +genügte, um mich zu mahnen, um Kritik und Zweifel in mir anzuregen. + +Sehr oft aber waren wir schlechte Schüler und hörten nichts vom Unterricht. +Demian war stets artig gegen Lehrer und Mitschüler, nie sah ich ihn +Schuljungendummheiten machen, nie hörte man ihn laut lachen oder plaudern, +nie zog er sich einen Tadel des Lehrers zu. Aber ganz leise, und mehr mit +Zeichen und Blicken als mit Flüsterworten, verstand er es, mich an seinen +eigenen Beschäftigungen teilnehmen zu lassen. Diese waren zum Teil von +merkwürdiger Art. + +Er sagte mir zum Beispiel, welche von den Schülern ihn interessierten, und +auf welche Weise er sie studiere. Manche kannte er sehr genau. Er sagte mir +vor der Lektion: »Wenn ich dir ein Zeichen mit dem Daumen mache, dann wird +der und der sich nach uns umsehen, oder sich am Nacken kratzen usw.« +Während der Stunde dann, wenn ich oft kaum mehr daran dachte, drehte Max +plötzlich mit auffallender Gebärde mir seinen Daumen zu, ich schaute +schnell nach dem bezeichneten Schüler aus und sah ihn jedesmal, wie am +Draht gezogen, die verlangte Gebärde machen. Ich plagte Max, er solle das +auch einmal am Lehrer versuchen, doch wollte er es nicht tun. Aber einmal, +als ich in die Stunde kam und ihm sagte, ich hätte heute meine Aufgaben +nicht gelernt und hoffe sehr, der Pfarrer werde mich heute nichts fragen, +da half er mir. Der Pfarrer suchte nach einem Schüler, den er ein Stück +Katechismus hersagen lassen wollte, und sein schweifendes Auge blieb auf +meinem schuldbewußten Gesicht hängen. Langsam kam er heran, streckte den +Finger gegen mich aus, hatte schon meinen Namen auf den Lippen -- da wurde +er plötzlich zerstreut oder unruhig, rückte an seinem Halskragen, trat auf +Demian zu, der ihm fest ins Gesicht sah, schien ihn etwas fragen zu wollen, +wandte sich aber überraschend wieder weg, hustete eine Weile und forderte +dann einen andern Schüler auf. + +Erst allmählich merkte ich, während diese Scherze mich sehr belustigten, +daß mein Freund mit mir häufig dasselbe Spiel treibe. Es kam vor, daß ich +auf dem Schulweg plötzlich das Gefühl hatte, Demian gehe eine Strecke +hinter mir, und wenn ich mich umwandte, war er richtig da. + +»Kannst du denn eigentlich machen, daß ein anderer das denken muß, was du +willst?« fragte ich ihn. + +Er gab bereitwillig Auskunft, ruhig und sachlich, in seiner erwachsenen +Art. + +»Nein,« sagte er, »das kann man nicht. Man hat nämlich keinen freien +Willen, wenn auch der Pfarrer so tut. Weder kann der andere denken, was er +will, noch kann ich ihn denken machen, was ich will. Wohl aber kann man +jemand gut beobachten, und dann kann man oft ziemlich genau sagen, was er +denkt oder fühlt, und dann kann man meistens auch voraussehen, was er im +nächsten Augenblick tun wird. Es ist ganz einfach, die Leute wissen es bloß +nicht. Natürlich braucht es Übung. + +Es gibt zum Beispiel bei den Schmetterlingen gewisse Nachtfalter, bei denen +sind die Weibchen viel seltener als die Männchen. Die Falter pflanzen sich +gerade so fort wie alle Tiere, der Mann befruchtet das Weibchen, das dann +Eier legt. Wenn du nun von diesen Nachtfaltern ein Weibchen hast -- es ist +von Naturforschern oft probiert worden -- so kommen in der Nacht zu diesem +Weibchen die männlichen Falter geflogen, und zwar stundenweit! Stundenweit, +denke dir! Auf viele Kilometer spüren alle diese Männchen das einzige +Weibchen, das in der Gegend ist! Man versucht das zu erklären, aber es geht +schwer. Es muß eine Art Geruchssinn oder so etwas sein, etwa so wie gute +Jagdhunde eine unmerkliche Spur finden und verfolgen können. Du begreifst? +Das sind solche Sachen, die Natur ist voll davon, und niemand kann sie +erklären. Nun sage ich aber: Wären bei diesen Schmetterlingen die Weibchen +so häufig wie die Männchen, so hätten sie die feine Nase eben nicht! Sie +haben sie bloß, weil sie sich darauf dressiert haben. Wenn ein Tier oder +Mensch seine ganze Aufmerksamkeit und seinen ganzen Willen auf eine +bestimmte Sache richtet, dann erreicht er sie auch. Das ist alles. Und +genau so ist es mit dem, was du meinst. Sieh dir einen Menschen genau genug +an, so weißt du mehr von ihm als er selber.« + +Mir lag es auf der Zunge, das Wort »Gedankenlesen« auszusprechen, und ihn +damit an die Szene mit Kromer zu erinnern, die so lang zurück lag. Aber +dies war nun auch eine seltsame Sache zwischen uns beiden: Nie und niemals +machte weder er noch ich die leiseste Anspielung darauf, daß er vor +mehreren Jahren einmal so ernstlich in mein Leben eingegriffen hatte. Es +war, als sei nie etwas früher zwischen uns gewesen, oder als rechne jeder +von uns fest damit, daß der andere das vergessen habe. Es kam, ein- oder +zweimal, sogar vor, daß wir zusammen über die Straße gingen und den Franz +Kromer antrafen, aber wir wechselten keinen Blick, sprachen kein Wort von +ihm. + +»Aber wie ist nun das mit dem Willen?« fragte ich. »Du sagst, man hat +keinen freien Willen. Aber dann sagst du wieder, man brauche nur seinen +Willen fest auf etwas zu richten, dann könne man sein Ziel erreichen. Das +stimmt doch nicht! Wenn ich nicht Herr über meinen Willen bin, dann kann +ich ihn ja auch nicht beliebig da- oder dorthin richten.« + +Er klopfte mir auf die Schulter. Das tat er stets, wenn ich ihm Freude +machte. + +»Gut, daß du fragst!« sagte er lachend. »Man muß immer fragen, man muß +immer zweifeln. Aber die Sache ist sehr einfach. Wenn so ein Nachtfalter +zum Beispiel seinen Willen auf einen Stern oder sonstwohin richten wollte, +so könnte er das nicht. Nur -- er versucht das überhaupt nicht. Er sucht +nur das, was Sinn und Wert für ihn hat, was er braucht, was er unbedingt +haben muß. Und eben da gelingt ihm auch das Unglaubliche -- er entwickelt +einen zauberhaften sechsten Sinn, den kein anderes Tier außer ihm hat! +Unsereiner hat mehr Spielraum, gewiß, und mehr Interessen als ein Tier. +Aber auch wir sind in einem verhältnismäßig recht engen Kreis gebunden und +können nicht darüber hinaus. Ich kann wohl das und das phantasieren, mir +etwa einbilden, ich wolle unbedingt an den Nordpol kommen, oder so etwas, +aber ausführen und genügend stark wollen kann ich das nur, wenn der Wunsch +ganz in mir selber liegt, wenn wirklich mein Wesen ganz von ihm erfüllt +ist. Sobald das der Fall ist, sobald du etwas probierst, was dir von innen +heraus befohlen wird, dann geht es auch, dann kannst du deinen Willen +anspannen wie einen guten Gaul. Wenn ich zum Beispiel mir jetzt vornähme, +ich wolle bewirken, daß unser Herr Pfarrer künftig keine Brille mehr trägt, +so geht das nicht. Das ist bloß eine Spielerei. Aber als ich, damals im +Herbst, den festen Willen bekam, aus meiner Bank da vorne versetzt zu +werden, da ging es ganz gut. Da war plötzlich einer da, der im Alphabet vor +mir kam, und der bisher krank gewesen war, und weil jemand ihm Platz machen +mußte, war natürlich ich der, der es tat, weil eben mein Wille bereit war, +sofort die Gelegenheit zu packen.« + +»Ja,« sagte ich, »mir war es damals auch ganz eigentümlich. Von dem +Augenblick an, wo wir uns füreinander interessierten, rücktest du mir immer +näher. Aber wie war das? Anfangs kamst du doch nicht gleich neben mich zu +sitzen, du saßest erst ein paarmal in der Bank da vor mir, nicht? Wie ging +das zu?« + +»Das war so: ich wußte selber nicht recht, wohin ich wollte, als ich von +meinem ersten Platz weg begehrte. Ich wußte nur, daß ich weiter hinten +sitzen wollte. Es war mein Wille, zu dir zu kommen, der mir aber noch nicht +bewußt geworden war. Zugleich zog dein eigener Wille mit und half mir. Erst +als ich dann da vor dir saß, kam ich darauf, daß mein Wunsch erst halb +erfüllt sei -- ich merkte, daß ich eigentlich nichts anderes begehrt hatte, +als neben dir zu sitzen.« + +»Aber damals ist kein Neuer eingetreten.« + +»Nein, aber damals tat ich einfach, was ich wollte, und setzte mich +kurzerhand neben dich. Der Junge, mit dem ich den Platz tauschte, war bloß +verwundert und ließ mich machen. Und der Pfarrer merkte zwar einmal, daß es +da eine Änderung gegeben habe -- überhaupt, jedesmal, wenn er mit mir zu +tun hat, plagt ihn heimlich etwas, er weiß nämlich, daß ich Demian heiße +und daß es nicht stimmt, daß ich mit meinem D im Namen da ganz hinten +unterm S sitze! Aber das dringt nicht bis in sein Bewußtsein, weil mein +Wille dagegen ist, und weil ich ihn immer wieder daran hindere. Er merkt es +immer wieder einmal, daß da etwas nicht stimmt, und sieht mich an und fängt +an zu studieren, der gute Herr. Ich habe da aber ein einfaches Mittel. Ich +seh ihm jedesmal ganz, ganz fest in die Augen. Das vertragen fast alle +Leute schlecht. Sie werden alle unruhig. Wenn du von jemand etwas erreichen +willst, und siehst ihm unerwartet ganz fest in die Augen, und er wird gar +nicht unruhig, dann gib es auf! Du erreichst nichts bei ihm, nie! Aber das +ist sehr selten. Ich weiß eigentlich bloß einen einzigen Menschen, bei dem +es mir nicht hilft.« + +»Wer ist das?« fragte ich schnell. + +Er sah mich an, mit den etwas verkleinerten Augen, die er in der +Nachdenklichkeit bekam. Dann blickte er weg und gab keine Antwort, und ich +konnte, trotz heftiger Neugierde, die Frage nicht wiederholen. + +Ich glaube aber, daß er damals von seiner Mutter sprach. -- Mit ihr schien +er sehr innig zu leben, sprach mir aber nie von ihr, nahm mich nie mit sich +nach Hause. Ich wußte kaum, wie seine Mutter aussah. + + * * * * * + +Manchmal machte ich damals Versuche, es ihm gleichzutun und meinen Willen +auf etwas so zusammenzuziehen, daß ich es erreichen müsse. Es waren Wünsche +da, die mir dringend genug schienen. Aber es war nichts und ging nicht. Mit +Demian davon zu sprechen, brachte ich nicht über mich. Was ich mir +wünschte, hätte ich ihm nicht gestehen können. Und er fragte auch nicht. + +Meine Gläubigkeit in den Fragen der Religion hatte inzwischen manche Lücken +bekommen. Doch unterschied ich mich, in meinem durchaus von Demian +beeinflußten Denken, sehr von denen meiner Mitschüler, welche einen +völligen Unglauben aufzuweisen hatten. Es gab einige solche, und sie ließen +gelegentlich Worte hören, wie daß es lächerlich und menschenunwürdig sei, +an einen Gott zu glauben, und Geschichten wie die von der Dreieinigkeit und +von Jesu unbefleckter Geburt seien einfach zum Lachen, und es sei eine +Schande, daß man heute noch mit diesem Kram hausieren gehe. So dachte ich +keineswegs. Auch wo ich Zweifel hatte, wußte ich doch aus der ganzen +Erfahrung meiner Kindheit genug von der Wirklichkeit eines frommen Lebens, +wie es etwa meine Eltern führten, und daß dies weder etwas Unwürdiges noch +geheuchelt sei. Vielmehr hatte ich vor dem Religiösen nach wie vor die +tiefste Ehrfurcht. Nur hatte Demian mich daran gewöhnt, die Erzählungen und +Glaubenssätze freier, persönlicher, spielerischer, phantasievoller +anzusehen und auszudeuten; wenigstens folgte ich den Deutungen, die er mir +nahelegte, stets gern und mit Genuß. Vieles freilich war mir zu schroff, so +auch die Sache wegen Kain. Und einmal während des Konfirmationsunterrichtes +erschreckte er mich durch eine Auffassung, die womöglich noch kühner war. +Der Lehrer hatte von Golgatha gesprochen. Der biblische Bericht vom Leiden +und Sterben des Heilandes hatte mir seit frühester Zeit tiefen Eindruck +gemacht, manchmal als kleiner Knabe hatte ich, etwa am Karfreitag, nachdem +mein Vater die Leidensgeschichte vorgelesen hatte, innig und ergriffen in +dieser leidvoll schönen, bleichen, gespenstigen und doch ungeheuer +lebendigen Welt gelebt, in Gethsemane und auf Golgatha, und beim Anhören +der Matthäuspassion von Bach hatte mich der düster mächtige Leidensglanz +dieser geheimnisvollen Welt mit allen mystischen Schauern überflutet. Ich +finde heute noch in dieser Musik, und im »actus tragicus«, den Inbegriff +aller Poesie und alles künstlerischen Ausdrucks. + +Nun sagte Demian am Schluß jener Stunde nachdenklich zu mir: »Da ist etwas, +Sinclair, was mir nicht gefällt. Lies einmal die Geschichte nach und prüfe +sie auf der Zunge, es ist da etwas, was fad schmeckt. Nämlich die Sache mit +den beiden Schächern. Großartig, wie da die drei Kreuze auf dem Hügel +beieinander stehen! Aber nun diese sentimentale Traktätchengeschichte mit +dem biederen Schächer! Erst war er ein Verbrecher und hat Schandtaten +begangen, weiß Gott was alles, und nun schmilzt er dahin und feiert solche +weinerliche Feste der Besserung und Reue! Was für einen Sinn hat solche +Reue zwei Schritt vom Grabe weg, ich bitte dich? Es ist wieder einmal +nichts als eine richtige Pfaffengeschichte, süßlich und unredlich, mit +Schmalz der Rührung und höchst erbaulichem Hintergrund. Wenn du heute einen +von den beiden Schächern zum Freund wählen müßtest, oder dich besinnen, +welchem von beiden du eher Vertrauen schenken könntest, so ist es doch ganz +gewiß nicht dieser weinerliche Bekehrte. Nein, der andere ist's, der ist +ein Kerl und hat Charakter. Er pfeift auf eine Bekehrung, die ja in seiner +Lage bloß noch ein hübsches Gerede sein kann, er geht seinen Weg zu Ende +und sagt sich nicht im letzten Augenblick feig vom Teufel los, der ihm bis +dahin hat helfen müssen. Er ist ein Charakter, und die Leute von Charakter +kommen in der biblischen Geschichte gern zu kurz. Vielleicht ist er auch +ein Abkömmling von Kain. Meinst du nicht?« + +Ich war sehr bestürzt. Hier in der Kreuzigungsgeschichte hatte ich ganz +heimisch zu sein geglaubt, und sah erst jetzt, wie wenig persönlich, mit +wie wenig Vorstellungskraft und Phantasie ich sie angehört und gelesen +hatte. Dennoch klang mir Demians neuer Gedanke fatal und drohte Begriffe in +mir umzuwerfen, auf deren Bestehenbleiben ich glaubte halten zu müssen. +Nein, so konnte man doch nicht mit allem und jedem umspringen, auch mit dem +Heiligsten. + +Er merkte meinen Widerstand, wie immer, sofort, noch ehe ich irgend etwas +sagte. + +»Ich weiß schon,« sagte er resigniert, »es ist die alte Geschichte. Nur +nicht Ernst machen! Aber ich will dir etwas sagen --: hier ist einer von +den Punkten, wo man den Mangel in dieser Religion sehr deutlich sehen kann. +Es handelt sich darum, daß dieser ganze Gott, alten und neuen Bundes, zwar +eine ausgezeichnete Figur ist, aber nicht das, was er doch eigentlich +vorstellen soll. Er ist das Gute, das Edle, das Väterliche, das Schöne und +auch Hohe, das Sentimentale -- ganz recht! Aber die Welt besteht auch aus +anderem. Und das wird nun alles einfach dem Teufel zugeschrieben, und +dieser ganze Teil der Welt, diese ganze Hälfte wird unterschlagen und +totgeschwiegen. Gerade wie sie Gott als Vater alles Lebens rühmen, aber das +ganze Geschlechtsleben, auf dem das Leben doch beruht, einfach totschweigen +und womöglich für Teufelszeug und sündlich erklären! Ich habe nichts +dagegen, daß man diesen Gott Jehova verehrt, nicht das mindeste. Aber ich +meine, wir sollen _Alles_ verehren und heilig halten, die ganze Welt, nicht +bloß diese künstlich abgetrennte, offizielle Hälfte! Also müssen wir dann +neben dem Gottesdienst auch einen Teufelsdienst haben. Das fände ich +richtig. Oder aber, man müßte sich einen Gott schaffen, der auch den Teufel +in sich einschließt, und vor dem man nicht die Augen zudrücken muß, wenn +die natürlichsten Dinge von der Welt geschehen.« + +Er war, gegen seine Art, beinahe heftig geworden, gleich darauf lächelte er +jedoch wieder und drang nicht weiter in mich. + +In mir aber trafen diese Worte das Rätsel meiner ganzen Knabenjahre, das +ich jede Stunde in mir trug und von dem ich nie jemandem ein Wort gesagt +hatte. Was Demian da über Gott und Teufel, über die göttlich-offizielle und +die totgeschwiegene teuflische Welt gesagt hatte, das war ja genau mein +eigener Gedanke, mein eigener Mythus, der Gedanke von den beiden Welten +oder Welthälften -- der lichten und der dunkeln. Die Einsicht, daß mein +Problem ein Problem aller Menschen, ein Problem alles Lebens und Denkens +sei, überflog mich plötzlich wie ein heiliger Schatten, und Angst und +Ehrfurcht überkam mich, als ich sah und plötzlich fühlte, wie tief mein +eigenstes, persönliches Leben und Meinen am ewigen Strom der großen Ideen +teilhatte. Die Einsicht war nicht freudig, obwohl irgendwie bestätigend und +beglückend. Sie war hart und schmeckte rauh, weil ein Klang von +Verantwortlichkeit in ihr lag, von Nichtmehrkindseindürfen, von +Alleinstehen. + +Ich erzählte, zum erstenmal in meinem Leben ein so tiefes Geheimnis +enthüllend, meinem Kameraden von meiner seit frühesten Kindertagen +bestehenden Auffassung von den »zwei Welten«, und er sah sofort, daß damit +mein tiefstes Fühlen ihm zustimmte und recht gab. Doch war es nicht seine +Art, so etwas auszunützen. Er hörte mit tieferer Aufmerksamkeit zu, als er +sie mir je geschenkt hatte, und sah mir in die Augen, bis ich die meinen +abwenden mußte. Denn ich sah in seinem Blick wieder diese seltsame, +tierhafte Zeitlosigkeit, dies unausdenkliche Alter. + +»Wir reden ein andermal mehr davon,« sagte er schonend. »Ich sehe, du +denkst mehr, als du einem sagen kannst. Wenn das nun so ist, dann weißt du +aber auch, daß du nie ganz das gelebt hast, was du dachtest, und das ist +nicht gut. Nur das Denken, das wir leben, hat einen Wert. Du hast gewußt, +daß deine >erlaubte Welt< bloß die Hälfte der Welt war, und du hast +versucht, die zweite Hälfte dir zu unterschlagen, wie es die Pfarrer und +Lehrer tun. Es wird dir nicht glücken! Es glückt keinem, wenn er einmal das +Denken angefangen hat.« + +Es traf mich tief. + +»Aber,« schrie ich fast, »es gibt doch nun einmal tatsächlich und wirklich +verbotene und häßliche Dinge, das kannst du doch nicht leugnen! Und die +sind nun einmal verboten, und wir müssen auf sie verzichten. Ich weiß ja, +daß es Mord und alle möglichen Laster gibt, aber soll ich denn, bloß weil +es das gibt, hingehen und ein Verbrecher werden?« + +»Wir werden heute nicht damit fertig,« begütigte Max. »Du sollst gewiß +nicht totschlagen oder Mädchen lustmorden, nein. Aber du bist noch nicht +dort, wo man einsehen kann, was >erlaubt< und >verboten< eigentlich heißt. +Du hast erst ein Stück von der Wahrheit gespürt. Das andere kommt noch, +verlaß dich drauf! Du hast jetzt zum Beispiel, seit einem Jahr etwa, einen +Trieb in dir, der ist stärker als alle andern, und er gilt für >verboten<. +Die Griechen und viele andere Völker haben im Gegenteil diesen Trieb zu +einer Gottheit gemacht und ihn in großen Festen verehrt. >Verboten< ist +also nichts Ewiges, es kann wechseln. Auch heute darf ja jeder bei einer +Frau schlafen, sobald er mit ihr beim Pfarrer gewesen ist und sie +geheiratet hat. Bei andern Völkern ist das anders, auch heute noch. Darum +muß jeder von uns für sich selber finden, was erlaubt und was verboten -- +ihm verboten ist. Man kann niemals etwas Verbotnes tun und kann ein großer +Schuft dabei sein. Und ebenso umgekehrt. -- Eigentlich ist es bloß eine +Frage der Bequemlichkeit! Wer zu bequem ist, um selber zu denken und selber +sein Richter zu sein, der fügt sich eben in die Verbote, wie sie nun einmal +sind. Er hat es leicht. Andere spüren selber Gebote in sich, ihnen sind +Dinge verboten, die jeder Ehrenmann täglich tut, und es sind ihnen andere +Dinge erlaubt, die sonst verpönt sind. Jeder muß für sich selber stehen.« + +Er schien plötzlich zu bereuen, so viel gesagt zu haben, und brach ab. +Schon damals konnte ich mit dem Gefühl einigermaßen begreifen, was er dabei +empfand. So angenehm und scheinbar obenhin er nämlich seine Einfälle +vorzubringen pflegte, so konnte er doch ein Gespräch »nur um des Redens +willen«, wie er einmal sagte, in den Tod nicht leiden. Bei mir aber spürte +er, neben dem echten Interesse, zu viel Spiel, zu viel Freude am gescheiten +Schwatzen, oder so etwas, kurz, einen Mangel an vollkommenem Ernst. + + * * * * * + +Wie ich das letzte Wort wieder lese, das ich geschrieben -- »vollkommener +Ernst« -- fällt eine andere Szene mir plötzlich wieder ein, die +eindringlichste, die ich mit Max Demian in jenen noch halbkindlichen Zeiten +erlebt habe. + +Unsere Konfirmation kam heran, und die letzten Stunden des geistlichen +Unterrichts handelten vom Abendmahl. Es war dem Pfarrer wichtig damit, und +er gab sich Mühe, etwas von Weihe und Stimmung war in diesen Stunden wohl +zu verspüren. Allein gerade in diesen paar letzten Unterweisungsstunden +waren meine Gedanken an anderes gebunden, und zwar an die Person meines +Freundes. Indem ich der Konfirmation entgegensah, die uns als die +feierliche Aufnahme in die Gemeinschaft der Kirche erklärt wurde, drängte +sich mir unabweislich der Gedanke auf, daß für mich der Wert dieser etwa +halbjährigen Religionsunterweisung nicht in dem liege, was wir hier gelernt +hatten, sondern in der Nähe und dem Einfluß Demians. Nicht in die Kirche +war ich nun bereit aufgenommen zu werden, sondern in etwas ganz anderes, in +einen Orden des Gedankens und der Persönlichkeit, der irgendwie auf Erden +existieren mußte und als dessen Vertreter oder Boten ich meinen Freund +empfand. + +Ich suchte diesen Gedanken zurückzudrängen, es war mir Ernst damit, die +Feier der Konfirmation, trotz allem, mit einer gewissen Würde zu erleben, +und diese schien sich mit meinem neuen Gedanken wenig zu vertragen. Doch +ich mochte tun, was ich wollte, der Gedanke war da, und er verband sich mir +allmählich mit dem an die nahe kirchliche Feier, ich war bereit, sie anders +zu begehen als die andern, sie sollte für mich die Aufnahme in eine +Gedankenwelt bedeuten, wie ich sie in Demian kennengelernt hatte. + +In jenen Tagen war es, daß ich wieder einmal lebhaft mit ihm disputierte; +es war gerade vor einer Unterweisungsstunde. Mein Freund war zugeknöpft und +hatte keine Freude an meinen Reden, die wohl ziemlich altklug und +wichtigtuerisch waren. + +»Wir reden zu viel,« sagte er mit ungewohntem Ernst. »Das kluge Reden hat +gar keinen Wert, gar keinen. Man kommt nur von sich selber weg. Von sich +selber Wegkommen ist Sünde. Man muß sich in sich selber völlig verkriechen +können wie eine Schildkröte.« + +Gleich darauf betraten wir den Schulsaal. Die Stunde begann, ich gab mir +Mühe, aufzumerken, und Demian störte mich darin nicht. Nach einer Weile +begann ich von der Seite her, wo er neben mir saß, etwas Eigentümliches zu +spüren, eine Leere oder Kühle oder etwas dergleichen, so, als sei der Platz +unversehens leer geworden. Als das Gefühl beengend zu werden anfing, drehte +ich mich um. + +Da sah ich meinen Freund sitzen, aufrecht und in guter Haltung wie sonst. +Aber er sah dennoch ganz anders aus als sonst, und etwas ging von ihm aus, +etwas umgab ihn, was ich nicht kannte. Ich glaubte, er habe die Augen +geschlossen, sah aber, daß er sie offen hielt. Sie blickten aber nicht, sie +waren nicht sehend, sie waren starr und nach Innen oder in eine große Ferne +gewendet. Vollkommen regungslos saß er da, auch zu atmen schien er nicht, +sein Mund war wie aus Holz oder Stein geschnitten. Sein Gesicht war blaß, +gleichmäßig bleich, wie Stein, und die braunen Haare waren das Lebendigste +an ihm. Seine Hände lagen vor ihm auf der Bank, leblos und still wie +Gegenstände, wie Steine oder Früchte, bleich und regungslos, doch nicht +schlaff, sondern wie feste, gute Hüllen um ein verborgnes starkes Leben. + +Der Anblick machte mich zittern. Er ist tot! dachte ich, beinahe sagte ich +es laut. Aber ich wußte, daß er nicht tot sei. Ich hing mit gebanntem Blick +an seinem Gesicht, an dieser blassen, steinernen Maske, und ich fühlte: das +war Demian! Wie er sonst war, wenn er mit mir ging und sprach, das war nur +ein halber Demian, einer der zeitweilig eine Rolle spielte, sich +anbequemte, aus Gefälligkeit mittat. Der wirkliche Demian aber sah so aus, +so wie dieser, so steinern, uralt, tierhaft, steinhaft, schön und kalt, tot +und heimlich voll von unerhörtem Leben. Und um ihn her diese stille Leere, +dieser Äther und Sternenraum, dieser einsame Tod! + +»Jetzt ist der ganz in sich hineingegangen,« fühlte ich unter Schauern. Nie +war ich so vereinsamt gewesen. Ich hatte nicht teil an ihm, er war mir +unerreichbar, er war mir ferner, als wenn er auf der fernsten Insel der +Welt gewesen wäre. + +Ich begriff kaum, daß niemand außer mir es sehe! Alle mußten hersehen, alle +mußten aufschauern! Aber niemand gab acht auf ihn. Er saß bildhaft und, wie +ich denken mußte, sonderbar götzenhaft steif, eine Fliege setzte sich auf +seine Stirn, lief langsam über Nase und Lippen hinweg -- er zuckte mit +keiner Falte. + +Wo, wo war er jetzt? Was dachte er, was fühlte er? War er in einem Himmel, +in einer Hölle? + +Es war mir nicht möglich, ihn darüber zu fragen. Als ich ihn, am Ende der +Stunde, wieder leben und atmen sah, als sein Blick meinem begegnete, war er +wie früher. Wo kam er her? Wo war er gewesen? Er schien müde. Sein Gesicht +hatte wieder Farbe, seine Hände bewegten sich wieder, das braune Haar aber +war jetzt glanzlos und wie ermüdet. + +In den folgenden Tagen gab ich mich in meinem Schlafzimmer mehrmals einer +neuen Übung hin: ich setzte mich steil auf einen Stuhl, machte die Augen +starr, hielt mich vollkommen regungslos, und wartete, wie lange ich es +aushalten und was ich dabei empfinden werde. Ich wurde jedoch bloß müde und +bekam ein heftiges Jucken in den Augenlidern. + +Bald nachher war die Konfirmation, an welche mir keine wichtigen +Erinnerungen geblieben sind. + +Es wurde nun alles anders. Die Kindheit fiel um mich her in Trümmer. Die +Eltern sahen mich mit einer gewissen Verlegenheit an. Die Schwestern waren +mir ganz fremd geworden. Eine Ernüchterung verfälschte und verblaßte mir +die gewohnten Gefühle und Freuden, der Garten war ohne Duft, der Wald +lockte nicht, die Welt stand um mich her wie ein Ausverkauf alter Sachen, +fad und reizlos, die Bücher waren Papier, die Musik war ein Geräusch. So +fällt um einen herbstlichen Baum her das Laub, er fühlt es nicht, Regen +rinnt an ihm herab, oder Sonne, oder Frost, und in ihm zieht das Leben sich +langsam ins Engste und Innerste zurück. Er stirbt nicht. Er wartet. + +Es war beschlossen worden, daß ich nach den Ferien in eine andere Schule +und zum ersten Male von Hause fortkommen sollte. Zuweilen näherte sich mir +die Mutter mit besonderer Zärtlichkeit, im voraus Abschied nehmend, bemüht, +mir Liebe, Heimweh und Unvergeßlichkeit ins Herz zu zaubern. Demian war +verreist. Ich war allein. + + + + +Viertes Kapitel +Beatrice + + +Ohne meinen Freund wiedergesehen zu haben, fuhr ich am Ende der Ferien nach +St. Meine Eltern kamen beide mit, und übergaben mich mit jeder möglichen +Sorgfalt dem Schutz einer Knabenpension bei einem Lehrer des Gymnasiums. +Sie wären vor Entsetzen erstarrt, wenn sie gewußt hätten, in was für Dinge +sie mich nun hineinwandern ließen. + +Die Frage war noch immer, ob mit der Zeit aus mir ein guter Sohn und +brauchbarer Bürger werden könne, oder ob meine Natur auf andere Wege +hindränge. Mein letzter Versuch, im Schatten des väterlichen Hauses und +Geistes glücklich zu sein, hatte lang gedauert, war zeitweise nahezu +geglückt, und schließlich doch völlig gescheitert. + +Die merkwürdige Leere und Vereinsamung, die ich während der Ferien nach +meiner Konfirmation zum erstenmal zu fühlen bekam (wie lernte ich sie +später noch kennen, diese Leere, diese dünne Luft!), ging nicht so rasch +vorüber. Der Abschied von der Heimat gelang sonderbar leicht, ich schämte +mich eigentlich, daß ich nicht wehmütiger war, die Schwestern weinten +grundlos, ich konnte es nicht. Ich war über mich selbst erstaunt. Immer war +ich ein gefühlvolles Kind gewesen, und im Grunde ein ziemlich gutes Kind. +Jetzt war ich ganz verwandelt. Ich verhielt mich völlig gleichgültig gegen +die äußere Welt, und war tagelang nur damit beschäftigt, in mich +hineinzuhorchen und die Ströme zu hören, die verbotenen und dunklen Ströme, +die da in mir unterirdisch rauschten. Ich war sehr rasch gewachsen, erst im +letzten halben Jahre, und sah aufgeschossen, mager und unfertig in die +Welt. Die Liebenswürdigkeit des Knaben war ganz von mir geschwunden, ich +fühlte selbst, daß man mich so nicht lieben könne, und liebte mich selber +auch keineswegs. Nach Max Demian hatte ich oft große Sehnsucht; aber nicht +selten haßte ich auch ihn und gab ihm schuld an der Verarmung meines +Lebens, die ich wie eine häßliche Krankheit auf mich nahm. + +In unsrem Schülerpensionat wurde ich anfangs weder geliebt noch geachtet, +man hänselte mich erst, zog sich dann von mir zurück, und sah einen +Duckmäuser und unangenehmen Sonderling in mir. Ich gefiel mir in der Rolle, +übertrieb sie noch, und grollte mich in eine Einsamkeit hinein, die nach +außen beständig wie männlichste Weltverachtung aussah, während ich heimlich +oft verzehrenden Anfällen von Wehmut und Verzweiflung unterlag. In der +Schule hatte ich an aufgehäuften Kenntnissen von Zuhause zu zehren, die +Klasse war etwas gegen meine frühere zurück, und ich gewöhnte mir an, meine +Altersgenossen etwas verächtlich als Kinder anzusehen. + +Ein Jahr und länger lief das so dahin, auch die ersten Ferienbesuche zu +Hause brachten keine neuen Klänge; ich fuhr gerne wieder weg. + +Es war zu Beginn des November. Ich hatte mir angewöhnt, bei jedem Wetter +kleine, denkerische Spaziergänge zu machen, auf denen ich oft eine Art von +Wonne genoß, eine Wonne voll Melancholie, Weltverachtung und +Selbstverachtung. So schlenderte ich eines Abends in der feuchten, nebligen +Dämmerung durch die Umgebung der Stadt, die breite Allee eines öffentlichen +Parkes stand völlig verlassen und lud mich ein, der Weg lag dick voll +gefallener Blätter, in denen ich mit dunkler Wollust mit den Füßen wühlte, +es roch feucht und bitter, die fernen Bäume traten gespenstisch groß und +schattenhaft aus den Nebeln. + +Am Ende der Allee blieb ich unschlüssig stehen, starrte in das schwarze +Laub und atmete mit Gier den nassen Duft von Verwitterung und Absterben, +den etwas in mir erwiderte und begrüßte. O wie fad das Leben schmeckte! + +Aus einem Nebenwege kam im wehenden Kragenmantel ein Mensch daher, ich +wollte weitergehen, da rief er mich an. + +»Halloh, Sinclair!« + +Er kam heran, es war Alfons Beck, der Älteste unserer Pension. Ich sah ihn +immer gern und hatte nichts gegen ihn, als daß er mit mir wie mit allen +Jüngeren immer ironisch und onkelhaft war. Er galt für bärenstark, sollte +den Herrn unsrer Pension unter dem Pantoffel haben und war der Held vieler +Gymnasiastengerüchte. + +»Was machst denn du hier?« rief er leutselig mit dem Ton, den die Größeren +hatten, wenn sie gelegentlich sich zu einem von uns herabließen. »Na, +wollen wir wetten, du machst Gedichte?« + +»Fällt mir nicht ein,« lehnte ich barsch ab. + +Er lachte auf, ging neben mir und plauderte, wie ich es gar nicht mehr +gewohnt war. + +»Du brauchst nicht Angst zu haben, Sinclair, daß ich das etwa nicht +verstehe. Es hat ja etwas, wenn man so am Abend im Nebel geht, so mit +Herbstgedanken, man macht dann gern Gedichte, ich weiß schon. Von der +sterbenden Natur, natürlich, und von der verlorenen Jugend, die ihr +gleicht. Siehe Heinrich Heine.« + +»Ich bin nicht so sentimental,« wehrte ich mich. + +»Na, laß gut sein! Aber bei diesem Wetter, scheint mir, tut der Mensch gut, +einen stillen Ort zu suchen, wo es ein Glas Wein oder dergleichen gibt. +Kommst du ein bißchen mit? Ich bin grade ganz allein. -- Oder magst du +nicht? Deinen Verführer möchte ich nicht machen, Lieber, falls du ein +Musterknabe sein solltest.« + +Bald darauf saßen wir in einer kleinen Vorstadtkneipe, tranken einen +zweifelhaften Wein und stießen mit den dicken Gläsern an. Es gefiel mir +zuerst wenig, immerhin war es etwas Neues. Bald aber wurde ich, des Weines +ungewohnt, sehr gesprächig. Es war, als sei ein Fenster in mir aufgestoßen, +die Welt schien herein -- wie lang, wie furchtbar lang hatte ich mir nichts +von der Seele geredet! Ich kam ins Phantasieren, und mitten drinne gab ich +die Geschichte von Kain und Abel zum besten! + +Beck hörte mir mit Vergnügen zu -- endlich jemand, dem ich etwas gab! Er +klopfte mir auf die Schulter, er nannte mich einen Teufelskerl und ein +geniales Luder, und mir schwoll das Herz hoch auf vor Wonne, angestaute +Bedürfnisse der Rede und Mitteilung schwelgerisch hinströmen zu lassen, +anerkannt zu sein und bei einem Älteren etwas zu gelten. Als er mich ein +geniales Luder nannte, lief mir das Wort wie ein süßer, starker Wein in die +Seele. Die Welt brannte in neuen Farben, Gedanken flossen mir aus hundert +kecken Quellen zu, Geist und Feuer lohte in mir. Wir sprachen über Lehrer +und Kameraden, und mir schien, wir verstünden einander herrlich. Wir +sprachen von den Griechen und vom Heidentum, und Beck wollte mich durchaus +zu Geständnissen über Liebesabenteuer bringen. Da konnte ich nun nicht +mitreden. Erlebt hatte ich nichts, nichts zum Erzählen. Und was ich in mir +gefühlt, konstruiert, phantasiert hatte, das saß zwar brennend in mir, war +aber auch durch den Wein nicht gelöst und mitteilbar geworden. Von den +Mädchen wußte Beck viel mehr, und ich hörte diesen Märchen glühend zu. +Unglaubliches erfuhr ich da, nie für möglich Gehaltenes trat in die platte +Wirklichkeit, schien selbstverständlich. Alfons Beck hatte mit seinen +vielleicht achtzehn Jahren schon Erfahrungen gesammelt. Unter anderen die, +daß es mit den Mädchen so eine Sache sei, sie wollten nichts als schöntun +und Galanterien haben, und das war ja ganz hübsch, aber doch nicht das +Wahre. Da sei mehr Erfolg bei Frauen zu hoffen. Frauen seien viel +gescheiter. Zum Beispiel die Frau Jaggelt, die den Laden mit den +Schulheften und Bleistiften hatte, mit der ließ sich reden, und was hinter +ihrem Ladentisch schon alles geschehen sei, das gehe in kein Buch. + +Ich saß tief bezaubert und benommen. Allerdings, ich hätte die Frau Jaggelt +nicht gerade lieben können -- aber immerhin, es war unerhört. Es schienen +da Quellen zu fließen, wenigstens für die Älteren, von denen ich nie +geträumt hatte. Ein falscher Klang war ja dabei, und es schmeckte alles +geringer und alltäglicher als nach meiner Meinung die Liebe schmecken +durfte, -- aber immerhin, es war Wirklichkeit, es war Leben und Abenteuer, +es saß einer neben mir, der es erlebt hatte, dem es selbstverständlich +schien. + +Unsere Gespräche waren ein wenig herabgestiegen, hatten etwas verloren. Ich +war auch nicht mehr der geniale kleine Kerl, ich war jetzt bloß noch ein +Knabe, der einem Manne zuhörte. Aber auch so noch -- gegen das, was seit +Monaten und Monaten mein Leben gewesen war, war dies köstlich, war dies +paradiesisch. Außerdem war es, wie ich erst allmählich zu fühlen begann, +verboten, sehr verboten, vom Wirtshaussitzen bis zu dem, was wir sprachen. +Ich jedenfalls schmeckte Geist, schmeckte Revolution darin. + +Ich erinnere mich jener Nacht mit größter Deutlichkeit. Als wir beide, spät +an trüb brennenden Gaslaternen vorbei, in der kühlen nassen Nacht unsern +Heimweg nahmen, war ich zum erstenmal betrunken. Es war nicht schön, es war +äußerst qualvoll, und doch hatte auch das noch etwas, einen Reiz, eine +Süßigkeit, war Aufstand und Orgie, war Leben und Geist. Beck nahm sich +meiner tapfer an, obwohl er bitter über mich als blutigen Anfänger schalt, +und er brachte mich, halb getragen, nach Hause, wo es ihm gelang, mich und +sich durch ein offenstehendes Flurfenster einzuschmuggeln. + +Mit der Ernüchterung aber, zu der ich nach ganz kurzem toten Schlaf mit +Schmerzen erwachte, kam ein unsinniges Weh über mich. Ich saß im Bette auf, +hatte das Taghemd noch an, meine Kleider und Schuhe lagen am Boden umher +und rochen nach Tabak und Erbrochenem, und zwischen Kopfweh, Übelkeit und +rasendem Durstgefühl kam mir ein Bild vor die Seele, dem ich lange nicht +mehr ins Auge gesehen hatte. Ich sah Heimat und Elternhaus, Vater und +Mutter, Schwestern und Garten, ich sah mein stilles heimatliches +Schlafzimmer, sah die Schule und den Marktplatz, sah Demian und die +Konfirmationsstunden -- und alles dies war licht, alles war von Glanz +umflossen, alles war wunderbar, göttlich und rein, und alles, alles das +hatte -- so wußte ich jetzt -- noch gestern, noch vor Stunden, mir gehört, +auf mich gewartet, und war jetzt, erst jetzt in dieser Stunde, versunken +und verflucht, gehörte mir nicht mehr, stieß mich aus, sah mit Ekel auf +mich! Alles Liebe und Innige, was ich je bis in fernste goldenste +Kindheitsgärten zurück von meinen Eltern erfahren hatte, jeder Kuß der +Mutter, jede Weihnacht, jeder fromme helle Sonntagmorgen daheim, jede Blume +im Garten -- alles war verwüstet, alles hatte ich mit Füßen getreten! Wenn +jetzt Häscher gekommen wären und hätten mich gebunden und als Auswurf und +Tempelschänder zum Galgen geführt, ich wäre einverstanden gewesen, wäre +gern gegangen, hätte es richtig und gut gefunden. + +Also so sah ich innerlich aus! Ich, der herumging und die Welt verachtete! +Ich, der stolz im Geist war und Gedanken Demians mitdachte! So sah ich aus, +ein Auswurf und Schweinigel, betrunken und beschmutzt, ekelhaft und gemein, +eine wüste Bestie, von scheußlichen Trieben überrumpelt! So sah ich aus, +ich, der aus jenen Gärten kam, wo alles Reinheit, Glanz und holde Zartheit +war, ich, der ich Musik von Bach und schöne Gedichte geliebt hatte! Ich +hörte noch mit Ekel und Empörung mein eigenes Lachen, ein betrunkenes, +unbeherrschtes, stoßweis und albern herausbrechendes Lachen. Das war Ich! + +Trotz allem aber war es beinahe ein Genuß, diese Qualen zu leiden. So lange +war ich blind und stumpf dahingekrochen, so lange hatte mein Herz +geschwiegen und verarmt im Winkel gesessen, daß auch diese Selbstanklagen, +dieses Grauen, dies ganze scheußliche Gefühl der Seele willkommen war. Es +war doch Gefühl, es stiegen doch Flammen, es zuckte doch Herz darin! +Verwirrt empfand ich mitten im Elend etwas wie Befreiung und Frühling. + +Indessen ging es, von außen gesehen, tüchtig bergab mit mir. Der erste +Rausch war bald nicht mehr der erste. Es wurde an unsrer Schule viel +gekneipt und Allotria getrieben, ich war einer der Allerjüngsten unter +denen, die mittaten, und bald war ich kein Geduldeter und Kleiner mehr, +sondern ein Anführer und Stern, ein berühmter wagehalsiger Kneipenbesucher. +Ich gehörte wieder einmal ganz der dunkeln Welt, dem Teufel an, und ich +galt in dieser Welt als ein famoser Kerl. + +Dabei war mir jammervoll zumute. Ich lebte in einem selbstzerstörerischen +Orgiasmus dahin, und während ich bei den Kameraden für einen Führer und +Teufelskerl, für einen verflucht schneidigen und witzigen Burschen galt, +hatte ich tief in mir eine angstvolle Seele voller Bangnis flattern. Ich +weiß noch, daß mir einmal die Tränen kamen, als ich beim Verlassen einer +Kneipe am Sonntagvormittag auf der Straße Kinder spielen sah, hell und +vergnügt mit frischgekämmtem Haar und in Sonntagskleidern. Und während ich, +zwischen Bierlachen an schmutzigen Tischen geringer Wirtshäuser, meine +Freunde durch unerhörte Zynismen belustigte und oft erschreckte, hatte ich +im verborgenen Herzen Ehrfurcht vor allem, was ich verhöhnte, und lag +innerlich weinend auf den Knien vor meiner Seele, vor meiner Vergangenheit, +vor meiner Mutter, vor Gott. + +Daß ich niemals eins wurde mit meinen Begleitern, daß ich unter ihnen +einsam blieb und darum so leiden konnte, das hatte einen guten Grund. Ich +war ein Kneipenheld und Spötter nach dem Herzen der Rohesten, ich zeigte +Geist und zeigte Mut in meinen Gedanken und Reden über Lehrer, Schule, +Eltern, Kirche -- ich hielt auch Zoten stand und wagte etwa selber eine -- +aber ich war niemals dabei, wenn meine Kumpane zu Mädchen gingen, ich war +allein und war voll glühender Sehnsucht nach Liebe, hoffnungsloser +Sehnsucht, während ich nach meinen Reden ein abgebrühter Genießer hätte +sein müssen. Niemand war verletzlicher, niemand schamhafter als ich. Und +wenn ich je und je die jungen Bürgermädchen vor mir gehen sah, hübsch und +sauber, licht und anmutig, waren sie mir wunderbare, reine Träume, +tausendmal zu gut und rein für mich. Eine Zeitlang konnte ich auch nicht +mehr in den Papierladen der Frau Jaggelt gehen, weil ich rot wurde, wenn +ich sie ansah und an das dachte, was Alfons Beck mir von ihr erzählt hatte. + +Je mehr ich nun auch in meiner neuen Gesellschaft mich fortwährend einsam +und anders wußte, desto weniger kam ich von ihr los. Ich weiß wirklich +nicht mehr, ob das Saufen und Renommieren mir eigentlich jemals Vergnügen +machte, auch gewöhnte ich mich an das Trinken niemals so, daß ich nicht +jedesmal peinliche Folgen gespürt hätte. Es war alles wie ein Zwang. Ich +tat, was ich mußte, weil ich sonst durchaus nicht wußte, was mit mir +beginnen. Ich hatte Furcht vor langem Alleinsein, hatte Angst vor den +vielen zarten, schamhaften, innigen Anwandlungen, zu denen ich mich stets +geneigt fühlte, hatte Angst vor den zarten Liebesgedanken, die mir so oft +kamen. + +Eines fehlte mir am meisten -- ein Freund. Es gab zwei oder drei +Mitschüler, die ich sehr gerne sah. Aber sie gehörten zu den Braven, und +meine Laster waren längst niemandem mehr ein Geheimnis. Sie mieden mich. +Ich galt bei allen für einen hoffnungslosen Spieler, dem der Boden unter +den Füßen wankte. Die Lehrer wußten viel von mir, ich war mehrmals streng +bestraft worden, meine schließliche Entlassung aus der Schule war etwas, +worauf man wartete. Ich selbst wußte das, ich war auch schon lange kein +guter Schüler mehr, sondern drückte und schwindelte mich mühsam durch, mit +dem Gefühl, daß das nicht mehr lange dauern könne. + +Es gibt viele Wege, auf denen der Gott uns einsam machen und zu uns selber +führen kann. Diesen Weg ging er damals mit mir. Es war wie ein arger Traum. +Über Schmutz und Klebrigkeit, über zerbrochene Biergläser und zynisch +durchschwatzte Nächte weg sehe ich mich, einen gebannten Träumer, ruhelos +und gepeinigt kriechen, einen häßlichen und unsaubern Weg. Es gibt solche +Träume, in denen man, auf dem Weg zur Prinzessin, in Kotlachen, in +Hintergassen voll Gestank und Unrat steckenbleibt. So ging es mir. Auf +diese wenig feine Art war es mir beschieden, einsam zu werden und zwischen +mich und die Kindheit ein verschlossenes Edentor mit erbarmungslos +strahlenden Wächtern zu bringen. Es war ein Beginn, ein Erwachen des +Heimwehs nach mir selber. + +Ich erschrak noch und hatte Zuckungen, als zum erstenmal, durch Briefe +meines Pensionsherrn alarmiert, mein Vater in St. erschien und mir +unerwartet gegenübertrat. Als er, gegen Ende jenes Winters, zum zweitenmal +kam, war ich schon hart und gleichgültig, ließ ihn schelten, ließ ihn +bitten, ließ ihn an die Mutter erinnern. Er war zuletzt sehr aufgebracht +und sagte, wenn ich nicht anders werde, lasse er mich mit Schimpf und +Schande von der Schule jagen und stecke mich in eine Besserungsanstalt. +Mochte er! Als er damals abreiste, tat er mir leid, aber er hatte nichts +erreicht, er hatte keinen Weg mehr zu mir gefunden, und für Augenblicke +fühlte ich, es geschehe ihm recht. -- + +Was aus mir würde, war mir einerlei. Auf meine sonderbare und wenig hübsche +Art, mit meinem Wirtshaussitzen und Auftrumpfen lag ich im Streit mit der +Welt, dies war meine Form, zu protestieren. Ich machte mich dabei kaputt, +und zuweilen sah für mich die Sache etwa so aus: Wenn die Welt Leute wie +mich nicht brauchen konnte, wenn sie für sie keinen besseren Platz, keine +höhern Aufgaben hatte, nun so gingen Leute wie ich eben kaputt. Mochte die +Welt den Schaden haben. + +Die Weihnachtsferien jenes Jahres waren recht unerfreulich. Meine Mutter +erschrak, als sie mich wiedersah. Ich war noch mehr gewachsen, und mein +hageres Gesicht sah grau und verwüstet aus, mit schlaffen Zügen und +entzündeten Augenrändern. Der erste Anflug des Schnurrbartes und die +Brille, die ich seit kurzem trug, machten mich ihr noch fremder. Die +Schwestern wichen zurück und kicherten. Es war alles unerquicklich. +Unerquicklich und bitter das Gespräch mit dem Vater in dessen +Studierzimmer, unerquicklich das Begrüßen der paar Verwandten, +unerquicklich vor allem der Weihnachtsabend. Das war, seit ich lebte, in +unsrem Hause der große Tag gewesen, der Abend der Festlichkeit und Liebe, +der Dankbarkeit, der Erneuerung des Bundes zwischen den Eltern und mir. +Diesmal war alles nur bedrückend und verlegenmachend. Wie sonst las mein +Vater das Evangelium von den Hirten auf dem Felde, »die hüteten allda ihre +Herde,« wie sonst standen die Schwestern strahlend vor ihrem Gabentisch, +aber die Stimme des Vaters klang unfroh, und sein Gesicht sah alt und +beengt aus, und die Mutter war traurig, und mir war alles gleich peinlich +und unerwünscht, Gaben und Glückwünsche, Evangelium und Lichterbaum. Die +Lebkuchen rochen süß und strömten dichte Wolken süßerer Erinnerungen aus. +Der Tannenbaum duftete und erzählte von Dingen, die nicht mehr waren. Ich +sehnte das Ende des Abends und der Feiertage herbei. + +Es ging den ganzen Winter so weiter. Erst vor kurzem war ich eindringlich +vom Lehrersenat verwarnt und mit dem Ausschluß bedroht worden. Es würde +nicht lang mehr dauern. Nun, meinetwegen. + +Einen besonderen Groll hatte ich gegen Max Demian. Den hatte ich nun die +ganze Zeit nicht mehr gesehen. Ich hatte ihm, am Beginn meiner Schülerzeit +in St., zweimal geschrieben, aber keine Antwort bekommen; darum hatte ich +ihn auch in den Ferien nicht besucht. + + * * * * * + +In demselben Park, wo ich im Herbst mit Alfons Beck zusammengetroffen war, +geschah es im beginnenden Frühling, als eben die Dornhecken grün zu werden +anfingen, daß ein Mädchen mir auffiel. Ich war allein spazierengegangen, +voll von widerlichen Gedanken und Sorgen, denn meine Gesundheit war +schlecht geworden, und außerdem war ich beständig in Geldverlegenheiten, +war Kameraden Beträge schuldig, mußte notwendige Ausgaben erfinden, um +wieder etwas von Hause zu erhalten, und hatte in mehreren Läden Rechnungen +für Zigarren und ähnliche Dinge anwachsen lassen. Nicht daß diese Sorgen +sehr tief gegangen wären -- wenn nächstens einmal mein Hiersein sein Ende +nahm und ich ins Wasser ging oder in die Besserungsanstalt gebracht wurde, +dann kam es auf diese paar Kleinigkeiten auch nimmer an. Aber ich lebte +doch immerzu Aug in Auge mit solchen unschönen Sachen, und litt darunter. + +An jenem Frühlingstag im Park begegnete mir eine junge Dame, die mich sehr +anzog. Sie war groß und schlank, elegant gekleidet, und hatte ein kluges +Knabengesicht. Sie gefiel mir sofort, sie gehörte dem Typ an, den ich +liebte, und sie begann meine Phantasien zu beschäftigen. Sie war wohl kaum +viel älter als ich, aber viel fertiger, elegant und wohl umrissen, schon +fast ganz Dame, aber mit einem Anflug von Übermut und Jungenhaftigkeit im +Gesicht, den ich überaus gern hatte. + +Es war mir nie geglückt, mich einem Mädchen zu nähern, in das ich verliebt +war, und es glückte mir auch bei dieser nicht. Aber der Eindruck war tiefer +als alle früheren, und der Einfluß dieser Verliebtheit auf mein Leben war +gewaltig. + +Plötzlich hatte ich wieder ein Bild vor mir stehen, ein hohes und verehrtes +Bild -- ach, und kein Bedürfnis, kein Drang war so tief und heftig in mir +wie der Wunsch nach Ehrfurcht und Anbetung! Ich gab ihr den Namen Beatrice, +denn von ihr wußte ich, ohne Dante gelesen zu haben, aus einem englischen +Gemälde, dessen Reproduktion ich mir aufbewahrt hatte. Dort war es eine +englisch-präraffaelitische Mädchenfigur, sehr langgliedrig und schlank mit +schmalem langem Kopf und vergeistigten Händen und Zügen. Mein schönes +junges Mädchen glich ihr nicht ganz, obwohl auch sie diese Schlankheit und +Knabenhaftigkeit der Formen zeigte, die ich liebte, und etwas von der +Vergeistigung oder Beseelung des Gesichts. + +Ich habe mit Beatrice nicht ein einziges Wort gesprochen. Dennoch hat sie +damals den tiefsten Einfluß auf mich geübt. Sie stellte ihr Bild vor mir +auf, sie öffnete mir ein Heiligtum, sie machte mich zum Beter in einem +Tempel. Von einem Tag auf den andern blieb ich von den Kneipereien und +nächtlichen Streifzügen weg. Ich konnte wieder allein sein, ich las wieder +gern, ich ging wieder gern spazieren. + +Die plötzliche Bekehrung trug mir Spott genug ein. Aber ich hatte nun etwas +zu lieben und anzubeten, ich hatte wieder ein Ideal, das Leben war wieder +voll von Ahnung und bunt geheimnisvoller Dämmerung -- das machte mich +unempfindlich. Ich war wieder bei mir selbst zu Hause, obwohl nur als +Sklave und Dienender eines verehrten Bildes. + +An jene Zeit kann ich nicht ohne eine gewisse Rührung denken. Wieder +versuchte ich mit innigstem Bemühen, aus Trümmern einer zusammengebrochenen +Lebensperiode mir eine »lichte Welt« zu bauen, wieder lebte ich ganz in dem +einzigen Verlangen, das Dunkle und Böse in mir abzutun und völlig im +Lichten zu weilen, auf Knien vor Göttern. Immerhin war diese jetzige +»lichte Welt« einigermaßen meine eigene Schöpfung; es war nicht mehr ein +Zurückfliehen und Unterkriechen zur Mutter und verantwortungslosen +Geborgenheit, es war ein neuer, von mir selbst erfundener und geforderter +Dienst, mit Verantwortlichkeit und Selbstzucht. Die Geschlechtlichkeit, +unter der ich litt und vor der ich immer und immer auf der Flucht war, +sollte nun in diesem heiligen Feuer zu Geist und Andacht verklärt werden. +Es durfte nichts Finsteres mehr, nichts Häßliches geben, keine +durchstöhnten Nächte, kein Herzklopfen vor unzüchtigen Bildern, kein +Lauschen an verbotenen Pforten, keine Lüsternheit. Statt alles dessen +richtete ich meinen Altar ein, mit dem Bilde Beatricens, und indem ich mich +ihr weihte, weihte ich mich dem Geist und den Göttern. Den Lebensanteil, +den ich den finsteren Mächten entzog, brachte ich den lichten zum Opfer. +Nicht Lust war mein Ziel, sondern Reinheit, nicht Glück, sondern Schönheit +und Geistigkeit. + +Dieser Kult der Beatrice änderte mein Leben ganz und gar. Gestern noch ein +frühreifer Zyniker, war ich jetzt ein Tempeldiener, mit dem Ziel, ein +Heiliger zu werden. Ich tat nicht nur das üble Leben ab, an das ich mich +gewöhnt hatte, ich suchte alles zu ändern, suchte Reinheit, Adel und Würde +in alles zu bringen, dachte hieran in Essen und Trinken, Sprache und +Kleidung. Ich begann den Morgen mit kalten Waschungen, zu denen ich mich +anfangs schwer zwingen mußte. Ich benahm mich ernst und würdig, trug mich +aufrecht und machte meinen Gang langsamer und würdiger. Für Zuschauer mag +es komisch ausgesehen haben -- bei mir innen war es lauter Gottesdienst. + +Von all den neuen Übungen, in denen ich Ausdruck für meine neue Gesinnung +suchte, wurde eine mir wichtig. Ich begann zu malen. Es fing damit an, daß +das englische Beatricebild, das ich besaß, jenem Mädchen nicht ähnlich +genug war. Ich wollte versuchen, sie für mich zu malen. Mit einer ganz +neuen Freude und Hoffnung trug ich in meinem Zimmer -- ich hatte seit +kurzem ein eigenes -- schönes Papier, Farben und Pinsel zusammen, machte +Palette, Glas, Porzellanschalen, Bleistifte zurecht. Die feinen +Temperafarben in kleinen Tuben, die ich gekauft hatte, entzückten mich. Es +war ein feuriges Chromoxydgrün dabei, das ich noch zu sehen meine, wie es +erstmals in der kleinen weißen Schale aufleuchtete. + +Ich begann mit Vorsicht. Ein Gesicht zu malen, war schwer, ich wollte es +erst mit andrem probieren. Ich malte Ornamente, Blumen und kleine +phantasierte Landschaften, einen Baum bei einer Kapelle, eine römische +Brücke mit Zypressen. Manchmal verlor ich mich ganz in dies spielende Tun, +war glücklich wie ein Kind mit einer Farbenschachtel. Schließlich aber +begann ich, Beatrice zu malen. + +Einige Blätter mißglückten ganz und wurden weggetan. Je mehr ich mir das +Gesicht des Mädchens vorzustellen suchte, das ich je und je auf der Straße +antraf, desto weniger wollte es gehen. Schließlich tat ich darauf Verzicht +und begann einfach ein Gesicht zu malen, der Phantasie und den Führungen +folgend, die sich aus dem Begonnenen, aus Farbe und Pinsel von selber +ergaben. Es war ein geträumtes Gesicht, das dabei herauskam, und ich war +nicht unzufrieden damit. Doch setzte ich den Versuch sogleich fort, und +jedes neue Blatt sprach etwas deutlicher, kam dem Typ näher, wenn auch +keineswegs der Wirklichkeit. + +Mehr und mehr gewöhnte ich mich daran, mit träumerischem Pinsel Linien zu +ziehen und Flächen zu füllen, die ohne Vorbild waren, die sich aus +spielendem Tasten, aus dem Unbewußten ergaben. Endlich machte ich eines +Tages, fast bewußtlos, ein Gesicht fertig, das stärker als die früheren zu +mir sprach. Es war nicht das Gesicht jenes Mädchens, das sollte es auch +längst nimmer sein. Es war etwas anderes, etwas Unwirkliches, doch nicht +minder Wertvolles. Es sah mehr wie ein Jünglingskopf aus als wie ein +Mädchengesicht, das Haar war nicht hellblond wie bei meinem hübschen +Mädchen, sondern braun mit rötlichem Hauch, das Kinn war stark und fest, +der Mund aber rotblühend, das Ganze etwas steif und maskenhaft, aber +eindrücklich und voll von geheimem Leben. + +Als ich vor dem fertigen Blatte saß, machte es mir einen seltsamen +Eindruck. Es schien mir eine Art von Götterbild oder heiliger Maske zu +sein, halb männlich, halb weiblich, ohne Alter, ebenso willensstark wie +träumerisch, ebenso starr wie heimlich lebendig. Dies Gesicht hatte mir +etwas zu sagen, es gehörte zu mir, es stellte Forderungen an mich. Und es +hatte Ähnlichkeit mit irgend jemand, ich wußte nicht mit wem. + +Das Bildnis begleitete nun eine Weile alle meine Gedanken und teilte mein +Leben. Ich hielt es in einer Schieblade verborgen, niemand sollte es +erwischen und mich damit verhöhnen können. Aber sobald ich allein in meinem +Stübchen war, zog ich das Bild heraus und hatte Umgang mit ihm. Abends +heftete ich es mit einer Nadel mir gegenüber überm Bett an die Tapete, sah +es bis zum Einschlafen an, und morgens fiel mein erster Blick darauf. + +Gerade in jener Zeit fing ich wieder an viel zu träumen, wie ich es als +Kind stets getan hatte. Mir schien, ich habe jahrelang keine Träume mehr +gehabt. Jetzt kamen sie wieder, eine ganz neue Art von Bildern, und oft und +oft tauchte das gemalte Bildnis darin auf, lebend und redend, mir +befreundet oder feindlich, manchmal bis zur Fratze verzogen und manchmal +unendlich schön, harmonisch und edel. + +Und eines Morgens, als ich aus solchen Träumen erwachte, erkannte ich es +plötzlich. Es sah mich so fabelhaft wohlbekannt an, es schien meinen Namen +zu rufen. Es schien mich zu kennen, wie eine Mutter, schien mir seit allen +Zeiten zugewandt. Mit Herzklopfen starrte ich das Blatt an, die braunen +dichten Haare, den halbweiblichen Mund, die starke Stirn mit der +sonderbaren Helligkeit (es war von selber so aufgetrocknet), und näher und +näher fühlte ich in mir die Erkenntnis, das Wiederfinden, das Wissen. + +Ich sprang aus dem Bette, stellte mich vor dem Gesicht auf und sah es aus +nächster Nähe an, gerade in die weit offenen, grünlichen, starren Augen +hinein, von denen das rechte etwas höher als das andere stand. Und mit +einemmal zuckte dies rechte Auge, zuckte leicht und fein, aber deutlich, +und mit diesem Zucken erkannte ich das Bild . . . + +Wie hatte ich das erst so spät finden können! Es war Demians Gesicht. + +Später verglich ich das Blatt oft und oft mit Demians wirklichen Zügen, wie +ich sie in meinem Gedächtnis fand. Sie waren gar nicht dieselben, obwohl +ähnlich. Aber es war doch Demian. + +Einst an einem Frühsommerabend schien die Sonne schräg und rot durch mein +Fenster, das nach Westen blickte. Im Zimmer wurde es dämmerig. Da kam ich +auf den Einfall, das Bildnis Beatricens, oder Demians, mit der Nadel ans +Fensterkreuz zu heften und es anzusehen, wie die Abendsonne hindurch +schien. Das Gesicht verschwamm ohne Umrisse, aber die rötlich umrandeten +Augen, die Helligkeit auf der Stirn und der heftig rote Mund glühten tief +und wild aus der Fläche. Lange saß ich ihm gegenüber, auch als es schon +erloschen war. Und allmählich kam mir ein Gefühl, daß das nicht Beatrice +und nicht Demian sei, sondern -- ich selbst. Das Bild glich mir nicht -- +das sollte es auch nicht, fühlte ich -- aber es war das, was mein Leben +ausmachte, es war mein Inneres, mein Schicksal oder mein Dämon. So würde +mein Freund aussehen, wenn ich je wieder einen fände. So würde meine +Geliebte aussehen, wenn ich je eine bekäme. So würde mein Leben und so mein +Tod sein, dies war der Klang und Rhythmus meines Schicksals. + +In jenen Wochen hatte ich eine Lektüre begonnen, die mir tieferen Eindruck +machte als alles, was ich früher gelesen. Auch später habe ich selten mehr +Bücher so erlebt, vielleicht nur noch Nietzsche. Es war ein Band Novalis, +mit Briefen und Sentenzen, von denen ich viele nicht verstand und die mich +doch alle unsäglich anzogen und umspannen. Einer von den Sprüchen fiel mir +nun ein. Ich schrieb ihn mit der Feder unter das Bildnis: »Schicksal und +Gemüt sind Namen eines Begriffs.« Das hatte ich nun verstanden. + +Das Mädchen, das ich Beatrice nannte, begegnete mir noch oft. Ich fühlte +keine Bewegung mehr dabei, aber stets ein sanftes Übereinstimmen, ein +gefühlhaftes Ahnen: Du bist mit mir verknüpft, aber nicht du, nur dein +Bild; du bist ein Stück von meinem Schicksal. + + * * * * * + +Meine Sehnsucht nach Max Demian wurde wieder mächtig. Ich wußte nichts von +ihm, seit Jahren nichts. Ein einzigesmal hatte ich ihn in den Ferien +angetroffen. Ich sehe jetzt, daß ich diese kurze Begegnung in meinen +Aufzeichnungen unterschlagen habe, und sehe, daß es aus Scham und Eitelkeit +geschah. Ich muß es nachholen. + +Also einmal in den Ferien, als ich mit dem blasierten und stets etwas müden +Gesicht meiner Wirtshauszeit durch meine Vaterstadt schlenderte, meinen +Spazierstock schwang und den Philistern in die alten, gleichgebliebenen, +verachteten Gesichter sah, da kam mir mein ehemaliger Freund entgegen. Kaum +sah ich ihn, so zuckte ich zusammen. Und blitzschnell mußte ich an Franz +Kromer denken. Möchte doch Demian diese Geschichte wirklich vergessen +haben! Es war so unangenehm, diese Verpflichtung gegen ihn zu haben -- +eigentlich ja eine dumme Kindergeschichte, aber doch eben eine +Verpflichtung . . . + +Er schien zu warten, ob ich ihn grüßen wolle, und als ich es möglichst +gelassen tat, gab er mir die Hand. Das war wieder sein Händedruck! So fest, +warm und doch kühl, männlich! + +Er sah mir aufmerksam ins Gesicht und sagte: »Du bist groß geworden, +Sinclair.« Er selbst schien mir ganz unverändert, gleich alt, gleich jung +wie immer. + +Er schloß sich mir an, wir machten einen Spaziergang und sprachen über +lauter nebensächliche Dinge, nichts von damals. Es fiel mir ein, daß ich +ihm einst mehrmals geschrieben hatte, ohne eine Antwort zu erhalten. Ach, +möchte er doch auch das vergessen haben, diese dummen, dummen Briefe! Er +sagte nichts davon. + +Es gab damals noch keine Beatrice und kein Bildnis, ich war noch mitten in +meiner wüsten Zeit. Vor der Stadt lud ich ihn ein, mit in ein Wirtshaus zu +kommen. Er ging mit. Prahlerisch bestellte ich eine Flasche Wein, schenkte +ein, stieß mit ihm an und zeigte mich mit den studentischen Trinkgebräuchen +sehr vertraut, leerte auch das erste Glas auf einen Zug. + +»Du gehst viel ins Wirtshaus?« fragte er mich. + +»Ach ja,« sagte ich träge, »was soll man sonst tun? Es ist am Ende immer +noch das Lustigste.« + +»Findest du? Es kann schon sein. Etwas daran ist ja sehr schön -- der +Rausch, das Bacchische! Aber ich finde, bei den meisten Leuten, die viel im +Wirtshaus sitzen, ist das ganz verlorengegangen. Mir kommt es so vor, als +sei gerade das Wirtshauslaufen etwas richtig Philisterhaftes. Ja, eine +Nacht lang, mit brennenden Fackeln, zu einem richtigen, schönen Rausch und +Taumel! Aber so immer wieder, ein Schöppchen ums andere, das ist doch wohl +nicht das Wahre? Kannst du dir etwa den Faust vorstellen, wie er Abend für +Abend an einem Stammtisch sitzt?« + +Ich trank und schaute ihn feindselig an. + +»Ja, es ist eben nicht jeder ein Faust,« sagte ich kurz. + +Er sah mich etwas stutzig an. + +Dann lachte er mit der alten Frische und Überlegenheit. + +»Na, wozu darüber streiten? Jedenfalls ist das Leben eines Säufers oder +Wüstlings vermutlich lebendiger als das des tadellosen Bürgers. Und dann -- +ich habe das einmal gelesen -- ist das Leben des Wüstlings eine der besten +Vorbereitungen für den Mystiker. Es sind ja auch immer solche Leute wie der +heilige Augustin, die zu Sehern werden. Der war vorher auch ein Genießer +und Lebemann.« + +Ich war mißtrauisch und wollte mich keineswegs von ihm meistern lassen. So +sagte ich blasiert: »Ja, jeder nach seinem Geschmack! Mir ist es, offen +gestanden, gar nicht darum zu tun, ein Seher oder so etwas zu werden.« + +Demian blitzte mich aus leicht eingekniffenen Augen wissend an. + +»Lieber Sinclair,« sagte er langsam, »es war nicht meine Absicht, dir +Unangenehmes zu sagen. Übrigens -- zu welchem Zweck du jetzt deine Schoppen +trinkst, wissen wir ja beide nicht. Das in dir, was dein Leben macht, weiß +es schon. Es ist so gut, das zu wissen: daß in uns drinnen einer ist, der +alles weiß, alles will, alles besser macht als wir selber. -- Aber verzeih, +ich muß nach Hause.« + +Wir nahmen kurzen Abschied. Ich blieb sehr mißmutig sitzen, trank meine +Flasche vollends aus, und fand, als ich gehen wollte, daß Demian sie schon +bezahlt hatte. Das ärgerte mich noch mehr. + +Bei dieser kleinen Begebenheit hielten nun meine Gedanken wieder an. Sie +waren voll von Demian. Und die Worte, die er in jenem Gasthaus vor der +Stadt gesagt, kamen in meinem Gedächtnis wieder hervor, seltsam frisch und +unverloren. -- »Es ist so gut, das zu wissen, daß in uns drinnen einer ist, +der alles weiß!« + +Ich blickte auf das Bild, das am Fenster hing und ganz erloschen war. Aber +ich sah die Augen noch glühen. Das war der Blick Demians. Oder es war der, +der in mir drinnen war. Der, der alles weiß. + +Wie hatte ich Sehnsucht nach Demian! Ich wußte nichts von ihm, er war mir +nicht erreichbar. Ich wußte nur, daß er vermutlich irgendwo studiere und +daß nach dem Abschluß seiner Gymnasiastenzeit seine Mutter unsere Stadt +verlassen habe. + +Bis zu meiner Geschichte mit Kromer zurück suchte ich alle Erinnerungen an +Max Demian in mir hervor. Wie vieles klang da wieder auf, was er mir einst +gesagt hatte, und alles hatte heut noch Sinn, war aktuell, ging mich an! +Auch das, was er bei unsrem letzten, so wenig erfreulichen Zusammentreffen +über den Wüstling und den Heiligen gesagt hatte, stand mir plötzlich hell +vor der Seele. War es nicht genau so mit mir gegangen? Hatte ich nicht in +Rausch und Schmutz gelebt, in Betäubung und Verlorenheit, bis mit einem +neuen Lebensantrieb gerade das Gegenteil in mir lebendig geworden war, das +Verlangen nach Reinheit, die Sehnsucht nach dem Heiligen? + +So ging ich weiter den Erinnerungen nach, es war längst Nacht geworden und +draußen regnete es. Auch in meinen Erinnerungen hörte ich es regnen, es war +die Stunde unter den Kastanienbäumen, wo er mich einst wegen Franz Kromer +ausgefragt und meine ersten Geheimnisse erraten hatte. Eines ums andre kam +hervor, Gespräche auf dem Schulweg, die Konfirmationsstunden. Und zuletzt +fiel mein allererstes Zusammentreffen mit Max Demian mir ein. Um was hatte +es sich doch da gehandelt? Ich kam nicht gleich darauf, aber ich ließ mir +Zeit, ich war ganz darein versunken. Und nun kam es wieder, auch das. Wir +waren vor unserem Hause gestanden, nachdem er mir seine Meinung über Kain +mitgeteilt hatte. Da hatte er von dem alten verwischten Wappen gesprochen, +das über unsrem Haustor saß, in dem von unten nach oben breiter werdenden +Schlußstein. Er hatte gesagt, es interessiere ihn, und man müsse auf solche +Sachen acht haben. + +In der Nacht träumte ich von Demian und von dem Wappen. Es verwandelte sich +beständig, Demian hielt es in Händen, oft war es klein und grau, oft +mächtig groß und vielfarbig, aber er erklärte mir, daß es doch immer ein +und dasselbe sei. Zuletzt aber nötigte er mich, das Wappen zu essen. Als +ich es geschluckt hatte, spürte ich mit ungeheurem Erschrecken, daß der +verschlungene Wappenvogel in mir lebendig sei, mich ausfülle und von innen +zu verzehren beginne. Voller Todesangst fuhr ich auf und erwachte. + +Ich wurde munter, es war mitten in der Nacht, und hörte es ins Zimmer +regnen. Ich stand auf, um das Fenster zu schließen, und trat dabei auf +etwas Helles, das am Boden lag. Am Morgen fand ich, daß es mein gemaltes +Blatt war. Es lag in der Nässe am Boden und hatte sich in Wülste geworfen. +Ich spannte es zum Trocknen zwischen Fließblätter in ein schweres Buch. Als +ich am nächsten Tage wieder danach sah, war es getrocknet. Es hatte sich +aber verändert. Der rote Mund war verblaßt und etwas schmäler geworden. Es +war jetzt ganz der Mund Demians. + +Ich ging nun daran, ein neues Blatt zu malen, den Wappenvogel. Wie er +eigentlich aussah, wußte ich nicht mehr deutlich, und einiges daran war, +wie ich wußte, auch aus der Nähe nicht gut mehr zu erkennen, da das Ding +alt und oftmals mit Farbe überstrichen worden war. Der Vogel stand oder saß +auf etwas, vielleicht auf einer Blume, oder auf einem Korb oder Nest, oder +auf einer Baumkrone. Ich kümmerte mich nicht darum und fing mit dem an, +wovon ich eine deutliche Vorstellung hatte. Aus einem unklaren Bedürfnis +begann ich gleich mit starken Farben, der Kopf des Vogels war auf meinem +Blatte goldgelb. Je nach Laune machte ich daran weiter und brachte das Ding +in einigen Tagen fertig. + +Nun war es ein Raubvogel, mit einem scharfen kühnen Sperberkopf. Er stak +mit halbem Leibe in einer dunkeln Weltkugel, aus der er sich wie aus einem +riesigen Ei heraufarbeitete, auf einem blauen Himmelsgrunde. Wie ich das +Blatt länger betrachtete, schien es mir mehr und mehr, als sei es das +farbige Wappen, wie es in meinem Traum vorgekommen war. + +Einen Brief an Demian zu schreiben, wäre mir nicht möglich gewesen, auch +wenn ich gewußt hätte wohin. Ich beschloß aber, in demselben traumhaften +Ahnen, mit dem ich damals alles tat, ihm das Bild mit dem Sperber zu +schicken, mochte es ihn dann erreichen oder nicht. Ich schrieb nichts +darauf, auch nicht meinen Namen, beschnitt die Ränder sorgfältig, kaufte +einen großen Papierumschlag und schrieb meines Freundes ehemalige Adresse +darauf. Dann schickte ich es fort. + +Ein Examen kam näher, und ich mußte mehr als sonst für die Schule arbeiten. +Die Lehrer hatten mich wieder zu Gnaden angenommen, seit ich plötzlich +meinen schnöden Wandel geändert hatte. Ein guter Schüler war ich auch jetzt +wohl nicht, aber weder ich noch sonst jemand dachte noch daran, daß vor +einem halben Jahr meine strafweise Entlassung aus der Schule allen +wahrscheinlich gewesen war. + +Mein Vater schrieb mir jetzt wieder mehr in dem Ton wie früher, ohne +Vorwürfe und Drohungen. Doch hatte ich keinen Trieb, ihm oder irgend jemand +zu erklären, wie die Wandlung mit mir vor sich gegangen war. Es war ein +Zufall, daß diese Wandlung mit den Wünschen meiner Eltern und Lehrer +übereinstimmte. Diese Wandlung brachte mich nicht zu den andern, näherte +mich niemandem an, machte mich nur einsamer. Sie zielte irgendwohin, zu +Demian, zu einem fernen Schicksal. Ich wußte es selber ja nicht, ich stand +ja mitten drin. Mit Beatrice hatte es angefangen, aber seit einiger Zeit +lebte ich mit meinen gemalten Blättern und meinen Gedanken an Demian in +einer so ganz unwirklichen Welt, daß ich auch sie völlig aus den Augen und +Gedanken verlor. Niemand hätte ich von meinen Träumen, meinen Erwartungen, +meiner inneren Umwandlung ein Wort sagen können, auch nicht, wenn ich +gewollt hätte. + +Aber wie hätte ich dies wollen können? + + + + +Fünftes Kapitel +Der Vogel kämpft sich aus dem Ei + + +Mein gemalter Traumvogel war unterwegs und suchte meinen Freund. Auf die +wunderlichste Weise kam mir eine Antwort. + +In meiner Schulklasse, an meinem Platz, fand ich einst nach der Pause +zwischen zwei Lektionen einen Zettel in meinem Buch stecken. Er war genau +so gefaltet, wie es bei uns üblich war, wenn Klassengenossen zuweilen +während einer Lektion heimlich einander Billetts zukommen ließen. Mich +wunderte nur, wer mir solch einen Zettel zuschicke, denn ich stand mit +keinem Mitschüler je in solchem Verkehr. Ich dachte, es werde die +Aufforderung zu irgendeinem Schülerspaß sein, an dem ich doch nicht +teilnehmen würde, und legte den Zettel ungelesen vorn in mein Buch. Erst +während der Lektion fiel er mir zufällig wieder in die Hand. + +Ich spielte mit dem Papier, entfaltete es gedankenlos und fand einige Worte +darein geschrieben. Ich warf einen Blick darauf, blieb an einem Wort +hängen, erschrak und las, während mein Herz sich vor Schicksal wie in +großer Kälte zusammenzog: + +»Der Vogel kämpft sich aus dem Ei. Das Ei ist die Welt. Wer geboren werden +will, muß eine Welt zerstören. Der Vogel fliegt zu Gott. Der Gott heißt +Abraxas.« + +Ich versank nach dem mehrmaligen Lesen dieser Zeilen in tiefes Nachsinnen. +Es war kein Zweifel möglich, es war Antwort von Demian. Niemand konnte von +dem Vogel wissen, als ich und er. Er hatte mein Bild bekommen. Er hatte +verstanden und half mir deuten. Aber wie hing alles zusammen? Und -- das +plagte mich vor allem -- was hieß Abraxas? Ich hatte das Wort nie gehört +oder gelesen. »Der Gott heißt Abraxas!« + +Die Stunde verging, ohne daß ich etwas vom Unterricht hörte. Die nächste +begann, die letzte des Vormittags. Sie wurde von einem ganz jungen +Hilfslehrer gegeben, der erst von der Universität kam und uns schon darum +gefiel, weil er so jung war und sich uns gegenüber keine falsche Würde +anmaßte. + +Wir lasen unter Doktor Follens Führung Herodot. Diese Lektüre gehörte zu +den wenigen Schulfächern, die mich interessierten. Aber diesmal war ich +nicht dabei. Ich hatte mechanisch mein Buch aufgeschlagen, folgte aber dem +Übersetzen nicht und blieb in meine Gedanken versunken. Übrigens hatte ich +schon mehrmals die Erfahrung gemacht, wie richtig das war, was Demian mir +damals im geistlichen Unterricht gesagt hatte. Was man stark genug wollte, +das gelang. Wenn ich während des Unterrichts sehr stark mit eigenen +Gedanken beschäftigt war, so konnte ich ruhig sein, daß der Lehrer mich in +Ruhe ließ. Ja, wenn man zerstreut war oder schläfrig, dann stand er +plötzlich da: das war mir auch schon begegnet. Aber wenn man wirklich +dachte, wirklich versunken war, dann war man geschützt. Und auch das mit +dem festen Anblicken hatte ich schon probiert und bewährt gefunden. Damals +zu Demians Zeiten war es mir nicht geglückt, jetzt spürte ich oft, daß man +mit Blicken und Gedanken sehr viel ausrichten konnte. + +So saß ich auch jetzt und war weit von Herodot und von der Schule weg. Aber +da schlug unversehens mir die Stimme des Lehrers wie ein Blitz ins +Bewußtsein, daß ich voll Schreck erwachte. Ich hörte seine Stimme, er stand +dicht neben mir, ich glaubte schon, er habe meinen Namen gerufen. Aber er +sah mich nicht an. Ich atmete auf. + +Da hörte ich seine Stimme wieder. Laut sagte sie das Wort: »Abraxas.« + +In einer Erklärung, deren Anfang mir entgangen war, fuhr Doktor Follen +fort: »Wir müssen uns die Anschauungen jener Sekten und mystischen +Vereinigungen des Altertums nicht so naiv vorstellen, wie sie vom +Standpunkt einer rationalistischen Betrachtung aus erscheinen. Eine +Wissenschaft in unserem Sinn kannte das Altertum überhaupt nicht. Dafür gab +es eine Beschäftigung mit philosophisch-mystischen Wahrheiten, die sehr +hoch entwickelt war. Zum Teil entstand daraus Magie und Spielerei, die wohl +oft auch zu Betrug und Verbrechen führte. Aber auch die Magie hatte eine +edle Herkunft und tiefe Gedanken. So die Lehre von Abraxas, die ich vorhin +als Beispiel anführte. Man nennt diesen Namen in Verbindung mit +griechischen Zauberformeln und hält ihn vielfach für den Namen irgendeines +Zauberteufels, wie ihn etwa wilde Völker heute noch haben. Es scheint aber, +daß Abraxas viel mehr bedeutet. Wir können uns den Namen etwa denken als +den einer Gottheit, welche die symbolische Aufgabe hatte, das Göttliche und +das Teuflische zu vereinigen.« + +Der kleine gelehrte Mann sprach fein und eifrig weiter, niemand war sehr +aufmerksam, und da der Name nicht mehr vorkam, sank auch meine +Aufmerksamkeit bald wieder in mich selbst zurück. + +»Das Göttliche und das Teuflische vereinigen,« klang es mir nach. Hier +konnte ich anknüpfen. Das war mir von den Gesprächen mit Demian in der +allerletzten Zeit unsrer Freundschaft her vertraut. Demian hatte damals +gesagt, wir hätten wohl einen Gott, den wir verehrten, aber der stelle nur +eine willkürlich abgetrennte Hälfte der Welt dar (es war die offizielle, +erlaubte, »lichte« Welt). Man müsse aber die ganze Welt verehren können, +also müsse man entweder einen Gott haben, der auch Teufel sei, oder man +müsse neben dem Gottesdienst auch einen Dienst des Teufels einrichten. -- +Und nun war also Abraxas der Gott, der sowohl Gott wie Teufel war. + +Eine Zeitlang suchte ich mit großem Eifer auf der Spur weiter, ohne doch +vorwärts zu kommen. Ich stöberte auch eine ganze Bibliothek erfolglos nach +dem Abraxas durch. Doch war mein Wesen niemals stark auf diese Art des +direkten und bewußten Suchens eingestellt, wobei man zumeist nur Wahrheiten +findet, die einem Steine in der Hand bleiben. + +Die Gestalt der Beatrice, mit der ich eine gewisse Zeit hindurch so viel +und innig beschäftigt gewesen war, sank nun allmählich unter, oder vielmehr +sie trat langsam von mir hinweg, näherte sich mehr und mehr dem Horizont +und wurde schattenhafter, ferner, blasser. Sie genügte der Seele nicht +mehr. + +Es begann jetzt in dem eigentümlich in mich selbst eingesponnenen Dasein, +das ich wie ein Traumwandler führte, eine neue Bildung zu entstehen. Die +Sehnsucht nach dem Leben blühte in mir, vielmehr die Sehnsucht nach Liebe, +und der Trieb des Geschlechts, den ich eine Weile hatte in die Anbetung +Beatrices auflösen können, verlangte neue Bilder und Ziele. Noch immer kam +keine Erfüllung mir entgegen, und unmöglicher als je war es mir, die +Sehnsucht zu täuschen und etwas von den Mädchen zu erwarten, bei denen +meine Kameraden ihr Glück suchten. Ich träumte wieder heftig, und zwar mehr +am Tage als in der Nacht. Vorstellungen, Bilder oder Wünsche, stiegen in +mir auf und zogen mich von der äußeren Welt hinweg, so daß ich mit diesen +Bildern in mir, mit diesen Träumen oder Schatten, wirklicher und lebhafter +Umgang hatte und lebte, als mit meiner wirklichen Umgebung. + +Ein bestimmter Traum, oder ein Phantasiespiel, das immer wiederkehrte, +wurde mir bedeutungsvoll. Dieser Traum, der wichtigste und nachhaltigste +meines Lebens, war etwa so: Ich kehrte in mein Vaterhaus zurück -- über dem +Haustor leuchtete der Wappenvogel in Gelb auf blauem Grund -- im Hause kam +mir meine Mutter entgegen -- aber als ich eintrat und sie umarmen wollte, +war es nicht sie, sondern eine nie gesehene Gestalt, groß und mächtig, dem +Max Demian und meinem gemalten Blatte ähnlich, doch anders, und trotz der +Mächtigkeit ganz und gar weiblich. Diese Gestalt zog mich an sich und nahm +mich in eine tiefe, schauernde Liebesumarmung auf. Wonne und Grausen waren +vermischt, die Umarmung war Gottesdienst, und war ebenso Verbrechen. Zu +viel Erinnerung an meine Mutter, zu viel Erinnerung an meinen Freund Demian +geistete in der Gestalt, die mich umfing. Ihre Umarmung verstieß gegen jede +Ehrfurcht und war doch Seligkeit. Oft erwachte ich aus diesem Traume mit +tiefem Glücksgefühl, oft mit Todesangst und gequältestem Gewissen wie aus +furchtbarer Sünde. + +Nur allmählich und unbewußt kam zwischen diesem ganz innerlichen Bilde und +dem mir von außen zugekommenen Wink über den zu suchenden Gott eine +Verbindung zustande. Sie wurde aber dann enger und inniger, und ich begann +zu spüren, daß ich gerade in diesem Ahnungstraum den Abraxas anrief. Wonne +und Grauen, Mann und Weib gemischt, Heiligstes und Gräßliches ineinander +verflochten, tiefe Schuld durch zarteste Unschuld zuckend -- so war mein +Liebestraumbild, und so war auch Abraxas. Liebe war nicht mehr tierisch +dunkler Trieb, wie ich sie beängstigt im Anfang empfunden hatte, und sie +war auch nicht mehr fromm vergeistigte Anbeterschaft, wie ich sie dem Bilde +der Beatrice dargebracht. Sie war beides, beides und noch viel mehr, sie +war Engelsbild und Satan, Mann und Weib in einem, Mensch und Tier, höchstes +Gut und äußerstes Böses. Dies zu leben schien mir bestimmt, dies zu kosten +mein Schicksal. Ich hatte Sehnsucht nach ihm und hatte Angst vor ihm, ich +träumte ihm nach und ich floh vor ihm, aber es war immer da, war immer über +mir. + +Im nächsten Frühjahr sollte ich das Gymnasium verlassen und studieren +gehen, ich wußte noch nicht wo und was. Auf meinen Lippen wuchs ein kleiner +Bart, ich war ein ausgewachsener Mensch, und doch vollkommen hilflos und +ohne Ziele. Fest war nur eines: die Stimme in mir, das Traumbild. Ich +fühlte die Aufgabe, dieser Führung blind zu folgen. Aber es fiel mir +schwer, und täglich lehnte ich mich auf. Vielleicht war ich verrückt, +dachte ich nicht selten, vielleicht war ich nicht wie andere Menschen? Aber +ich konnte das, was andre leisteten, alles auch tun, mit ein wenig Fleiß +und Bemühung konnte ich Plato lesen, konnte trigonometrische Aufgaben lösen +oder einer chemischen Analyse folgen. Nur eines konnte ich nicht: das in +mir dunkel verborgene Ziel herausreißen und irgendwo vor mich hinmalen, wie +andere es taten, welche genau wußten, daß sie Professor oder Richter, Arzt +oder Künstler werden wollten, wie lang das dauern und was für Vorteile es +haben würde. Das konnte ich nicht. Vielleicht wurde ich auch einmal so +etwas, aber wie sollte ich das wissen. Vielleicht mußte ich auch suchen und +weitersuchen, jahrelang, und wurde nichts, und kam an kein Ziel. Vielleicht +kam ich auch an ein Ziel, aber es war ein böses, gefährliches, furchtbares. + +Ich wollte ja nichts als das zu leben versuchen, was von selber aus mir +heraus wollte. Warum war das so sehr schwer? + +Oft machte ich den Versuch, die mächtige Liebesgestalt meines Traumes zu +malen. Es gelang aber nie. Wäre es mir gelungen, so hätte ich das Blatt an +Demian gesandt. Wo war er? Ich wußte es nicht. Ich wußte nur, er war mit +mir verbunden. Wann würde ich ihn wiedersehen? + +Die freundliche Ruhe jener Wochen und Monate der Beatricezeit war lang +vergangen. Damals hatte ich gemeint, eine Insel erreicht und einen Frieden +gefunden zu haben. Aber so war es immer -- kaum war ein Zustand mir lieb +geworden, kaum hatte ein Traum mir wohlgetan, so wurde er auch schon welk +und blind. Vergebens, ihm nachzuklagen! Ich lebte jetzt in einem Feuer von +ungestilltem Verlangen, von gespanntem Erwarten, das mich oft völlig wild +und toll machte. Das Bild der Traumgeliebten sah ich oft mit überlebendiger +Deutlichkeit vor mir, viel deutlicher als meine eigene Hand, sprach mit +ihm, weinte vor ihm, fluchte ihm. Ich nannte es Mutter und kniete vor ihm +in Tränen, ich nannte es Geliebte und ahnte seinen reifen, alles +erfüllenden Kuß, ich nannte es Teufel und Hure, Vampyr und Mörder. Es +verlockte mich zu zartesten Liebesträumen und zu wüsten Schamlosigkeiten, +nichts war ihm zu gut und köstlich, nichts zu schlecht und niedrig. + +Jenen ganzen Winter verlebte ich in einem inneren Sturm, den ich schwer +beschreiben kann. An die Einsamkeit war ich lang gewöhnt, sie drückte mich +nicht, ich lebte mit Demian, mit dem Sperber, mit dem Bild der großen +Traumgestalt, die mein Schicksal und meine Geliebte war. Das war genug, um +darin zu leben, denn alles blickte ins Große und Weite, und alles deutete +auf Abraxas. Aber keiner dieser Träume, keiner meiner Gedanken gehorchte +mir, keinen konnte ich rufen, keinem konnte ich nach Belieben seine Farben +geben. Sie kamen und nahmen mich, ich wurde von ihnen regiert, wurde von +ihnen gelebt. + +Wohl war ich nach außen gesichert. Vor Menschen hatte ich keine Furcht, das +hatten auch meine Mitschüler gelernt und brachten mir eine heimliche +Achtung entgegen, die mich oft lächeln machte. Wenn ich wollte, konnte ich +die meisten von ihnen sehr gut durchschauen und sie gelegentlich dadurch in +Erstaunen setzen. Nur wollte ich selten oder nie. Ich war immer mit mir +beschäftigt, immer mit mir selbst. Und ich verlangte sehnlichst danach, nun +endlich auch einmal ein Stück zu leben, etwas aus mir hinaus in die Welt zu +geben, in Beziehung und Kampf mit ihr zu treten. Manchmal wenn ich am Abend +durch die Straßen lief und vor Unrast bis Mitternacht nicht heimkehren +konnte, manchmal meinte ich dann, jetzt und jetzt müsse meine Geliebte mir +begegnen, an der nächsten Ecke vorübergehen, mir aus dem nächsten Fenster +rufen. Manchmal auch schien mir dies alles unerträglich qualvoll, und ich +war darauf gefaßt, mir einmal das Leben zu nehmen. + +Eine eigentümliche Zuflucht fand ich damals -- durch einen »Zufall«, wie +man sagt. Es gibt aber solche Zufälle nicht. Wenn der, der etwas notwendig +braucht, dies ihm Notwendige findet, so ist es nicht der Zufall, der es ihm +gibt, sondern er selbst, sein eigenes Verlangen und Müssen führt ihn hin. + +Ich hatte zwei oder drei Male auf meinen Gängen durch die Stadt aus einer +kleineren Vorstadtkirche Orgelspiel vernommen, ohne dabei zu verweilen. Als +ich das nächstemal vorüberkam, hörte ich es wieder, und erkannte, daß Bach +gespielt wurde. Ich ging zum Tor, das ich geschlossen fand, und da die +Gasse fast ohne Menschen war, setzte ich mich neben der Kirche auf einen +Prellstein, schlug den Mantelkragen um mich und hörte zu. Es war keine +große, doch eine gute Orgel, und es wurde wunderlich gespielt, nämlich gut +und beinahe virtuos, aber mit einem eigentümlichen, höchst persönlichen +Ausdruck von Willen und Beharrlichkeit, der wie ein Gebet klang. Ich hatte +das Gefühl: der Mann, der da spielt, weiß in dieser Musik einen Schatz +verschlossen, und er wirbt und pocht und müht sich um diesen Schatz wie um +sein Leben. Ich verstehe, im Sinn der Technik, nicht sehr viel von Musik, +aber ich habe gerade diesen Ausdruck der Seele von Kind auf instinktiv +verstanden und das Musikalische als etwas Selbstverständliches in mir +gefühlt. + +Der Musiker spielte darauf auch etwas Modernes, es konnte von Reger sein. +Die Kirche war fast völlig dunkel, nur ein ganz dünner Lichtschein drang +durchs nächste Fenster. Ich wartete, bis die Musik zu Ende war, und strich +dann auf und ab, bis ich den Organisten herauskommen sah. Es war ein noch +junger Mensch, doch älter als ich, vierschrötig und untersetzt von Gestalt, +und er lief rasch mit kräftigen und gleichsam unwilligen Schritten davon. + +Manchmal saß ich von da an in der Abendstunde vor der Kirche, oder ging auf +und ab. Einmal fand ich auch das Tor offen und saß eine halbe Stunde +fröstelnd und glücklich im Gestühl, während der Organist oben bei +spärlichem Gaslicht spielte. Aus der Musik, die er spielte, hörte ich nicht +nur ihn selbst. Es schien mir auch alles, was er spielte, unter sich +verwandt zu sein, einen geheimen Zusammenhang zu haben. Alles, was er +spielte, war gläubig, war hingegeben und fromm, aber nicht fromm wie die +Kirchengänger und Pastoren, sondern fromm wie Pilger und Bettler im +Mittelalter, fromm mit rücksichtsloser Hingabe an ein Weltgefühl, das über +allen Bekenntnissen stand. Die Meister vor Bach wurden fleißig gespielt, +und alte Italiener. Und alle sagten dasselbe, alle sagten das, was auch der +Musikant in der Seele hatte: Sehnsucht, innigstes Ergreifen der Welt und +wildestes Sichwiederscheiden von ihr, brennendes Lauschen auf die eigene +dunkle Seele, Rausch der Hingabe und tiefe Neugierde auf das Wunderbare. + +Als ich einmal den Orgelspieler nach seinem Weggang aus der Kirche heimlich +verfolgte, sah ich ihn weit draußen am Rande der Stadt in eine kleine +Schenke treten. Ich konnte nicht widerstehen und ging ihm nach. Zum +erstenmal sah ich ihn hier deutlich. Er saß am Wirtstisch in einer Ecke der +kleinen Stube, den schwarzen Filzhut auf dem Kopf, einen Schoppen Wein vor +sich, und sein Gesicht war so, wie ich es erwartet hatte. Es war häßlich +und etwas wild, suchend und verbohrt, eigensinnig und willensvoll, dabei um +den Mund weich und kindlich. Das Männliche und Starke saß alles in Augen +und Stirn, der untere Teil des Gesichtes war zart und unfertig, +unbeherrscht und zum Teil weichlich, das Kinn voll Unentschlossenheit stand +knabenhaft da wie ein Widerspruch gegen Stirn und Blick. Lieb waren mir die +dunkelbraunen Augen, voll Stolz und Feindlichkeit. + +Schweigend setzte ich mich ihm gegenüber, niemand war sonst in der Kneipe. +Er blitzte mich an, als wolle er mich wegjagen. Ich hielt jedoch stand und +sah ihn unentwegt an, bis er unwirsch brummte: »Was schauen Sie denn so +verflucht scharf? Wollen Sie was von mir?« + +»Ich will nichts von Ihnen,« sagte ich. »Aber ich habe schon viel von Ihnen +gehabt.« + +Er zog die Stirn zusammen. + +»So, sind Sie ein Musikschwärmer? Ich finde es ekelhaft, für Musik zu +schwärmen.« + +Ich ließ mich nicht abschrecken. + +»Ich habe Ihnen schon oft zugehört, in der Kirche da draußen,« sagte ich. +»Ich will Sie übrigens nicht belästigen. Ich dachte, ich würde bei Ihnen +vielleicht etwas finden, etwas Besonderes, ich weiß nicht recht was. Aber +hören Sie lieber gar nicht auf mich! Ich kann Ihnen ja in der Kirche +zuhören.« + +»Ich schließe doch immer ab.« + +»Neulich haben Sie es vergessen, und ich saß drinnen. Sonst stehe ich +draußen oder sitze auf dem Prellstein.« + +»So? Sie können ein andermal hereinkommen, es ist wärmer. Sie müssen dann +bloß an die Tür klopfen. Aber kräftig, und nicht während ich spiele. Jetzt +los -- was wollten Sie sagen? Sie sind ein ganz junger Mann, wahrscheinlich +ein Schüler oder Student. Sind Sie Musiker?« + +»Nein. Ich höre gern Musik, aber bloß solche, wie Sie sie spielen, ganz +unbedingte Musik, solche, bei der man spürt, daß da ein Mensch an Himmel +und Hölle rüttelt. Die Musik ist mir sehr lieb, ich glaube, weil sie so +wenig moralisch ist. Alles andere ist moralisch, und ich suche etwas, was +nicht so ist. Ich habe unter dem Moralischen immer bloß gelitten. Ich kann +mich nicht gut ausdrücken. -- Wissen Sie, daß es einen Gott geben muß, der +zugleich Gott und Teufel ist? Es soll einen gegeben haben, ich hörte +davon.« + +Der Musiker schob den breiten Hut etwas zurück und schüttelte sich das +dunkle Haar von der großen Stirn. Dabei sah er mich durchdringend an und +neigte mir sein Gesicht über den Tisch entgegen. + +Leise und gespannt fragte er: »Wie heißt der Gott, von dem Sie da sagen?« + +»Ich weiß leider fast nichts von ihm, eigentlich bloß den Namen. Er heißt +Abraxas.« + +Der Musikant blickte wie mißtrauisch um sich, als könnte uns jemand +belauschen. Dann rückte er nahe zu mir und sagte flüsternd: »Ich habe es +mir gedacht. Wer sind Sie?« + +»Ich bin ein Schüler vom Gymnasium.« + +»Woher wissen Sie von Abraxas?« + +»Durch Zufall.« + +Er hieb auf den Tisch, daß sein Weinglas überlief. + +»Zufall! Reden Sie keinen Sch . . . dreck, junger Mensch! Von Abraxas weiß +man nicht durch Zufall, das merken Sie sich. Ich werde Ihnen noch mehr von +ihm sagen. Ich weiß ein wenig von ihm.« + +Er schwieg und rückte seinen Stuhl zurück. Als ich ihn voll Erwartung +ansah, schnitt er eine Grimasse. + +»Nicht hier! Ein andermal. -- Da, nehmen Sie!« + +Dabei griff er in die Tasche seines Mantels, den er nicht abgelegt hatte, +und zog ein paar gebratene Kastanien heraus, die er mir hinwarf. + +Ich sagte nichts, nahm sie und aß und war sehr zufrieden. + +»Also!« flüsterte er nach einer Weile. »Woher wissen Sie von -- Ihm?« + +Ich zögerte nicht, es ihm zu sagen. + +»Ich war allein und ratlos,« erzählte ich. »Da fiel mir ein Freund aus +früheren Jahren ein, von dem ich glaube, daß er sehr viel weiß. Ich hatte +etwas gemalt, einen Vogel, der aus einer Weltkugel herauskam. Den schickte +ich ihm. Nach einiger Zeit, als ich nicht mehr recht daran glaubte, bekam +ich ein Stück Papier in die Hand, darauf stand: Der Vogel kämpft sich aus +dem Ei. Das Ei ist die Welt. Wer geboren werden will, muß eine Welt +zerstören. Der Vogel fliegt zu Gott. Der Gott heißt Abraxas.« + +Er erwiderte nichts, wir schälten unsere Kastanien und aßen sie zum Wein. + +»Nehmen wir noch einen Schoppen?« fragte er. + +»Danke, nein. Ich trinke nicht gern.« + +Er lachte, etwas enttäuscht. + +»Wie Sie wollen! Bei mir ist es anders. Ich bleibe noch hier. Gehen Sie +jetzt nur!« + +Als ich dann das nächstemal nach der Orgelmusik mit ihm ging, war er nicht +sehr mitteilsam. Er führte mich in einer alten Gasse durch ein altes, +stattliches Haus empor und in ein großes, etwas düsteres und verwahrlostes +Zimmer, wo außer einem Klavier nichts auf Musik deutete, während ein großer +Bücherschrank und Schreibtisch dem Raum etwas Gelehrtenhaftes gaben. + +»Wieviel Bücher Sie haben!« sagte ich anerkennend. + +»Ein Teil davon ist aus der Bibliothek meines Vaters, bei dem ich wohne. -- +Ja, junger Mann, ich wohne bei Vater und Mutter, aber ich kann Sie ihnen +nicht vorstellen, mein Umgang genießt hier im Hause keiner großen Achtung. +Ich bin ein verlorener Sohn, wissen Sie. Mein Vater ist ein fabelhaft +ehrenwerter Mann, ein bedeutender Pfarrer und Prediger in hiesiger Stadt. +Und ich, damit Sie gleich Bescheid wissen, bin sein begabter und +vielversprechender Herr Sohn, der aber entgleist und einigermaßen verrückt +geworden ist. Ich war Theologe und habe kurz vor dem Staatsexamen diese +biedere Fakultät verlassen. Obgleich ich eigentlich noch immer beim Fach +bin, was meine Privatstudien betrifft. Was für Götter die Leute sich +jeweils ausgedacht haben, das ist mir noch immer höchst wichtig und +interessant. Im übrigen bin ich jetzt Musiker und werde, wie es scheint, +bald eine kleinere Organistenstelle bekommen. Dann bin ich ja auch wieder +bei der Kirche.« + +Ich schaute an den Bücherrücken entlang, fand griechische, lateinische, +hebräische Titel, soweit ich beim schwachen Licht der kleinen Tischlampe +sehen konnte. Inzwischen hatte sich mein Bekannter im Finstern bei der Wand +auf den Boden gelegt und machte sich dort zu schaffen. + +»Kommen Sie,« rief er nach einer Weile, »wir wollen jetzt ein wenig +Philosophie üben, das heißt das Maul halten, auf dem Bauche liegen und +denken.« + +Er strich ein Zündholz an und setzte in dem Kamin, vor dem er lag, Papier +und Scheite in Brand. Die Flamme stieg hoch, er schürte und speiste das +Feuer mit ausgesuchter Umsicht. Ich legte mich zu ihm auf den +zerschlissenen Teppich. Er starrte ins Feuer, das auch mich anzog, und wir +lagen schweigend wohl eine Stunde lang auf dem Bauch vor dem flackernden +Holzfeuer, sahen es flammen und brausen, einsinken und sich krümmen, +verflackern und zucken und endlich in stiller, versunkener Glut am Boden +brüten. + +»Das Feueranbeten war nicht das Dümmste, was erfunden worden ist,« murmelte +er einmal vor sich hin. Sonst sagte keiner von uns ein Wort. Mit starren +Augen hing ich an dem Feuer, versank in Traum und Stille, sah Gestalten im +Rauch und Bilder in der Asche. Einmal schrak ich auf. Mein Genosse warf ein +Stückchen Harz in die Glut, eine kleine, schlanke Flamme schoß empor, ich +sah in ihr den Vogel mit dem gelben Sperberkopf. In der hinsterbenden +Kaminglut liefen goldig glühende Fäden zu Netzen zusammen, Buchstaben und +Bilder erschienen, Erinnerungen an Gesichter, an Tiere, an Pflanzen, an +Würmer und Schlangen. Als ich, erwachend, nach dem andern sah, stierte er, +das Kinn auf den Fäusten, hingegeben und fanatisch in die Asche. + +»Ich muß jetzt gehen,« sagte ich leise. + +»Ja, dann gehen Sie. Auf Wiedersehen!« + +Er stand nicht auf, und da die Lampe gelöscht war, mußte ich mich mit Mühe +durchs finstere Zimmer und die finsteren Gänge und Treppen aus dem +verwunschenen alten Hause tasten. Auf der Straße machte ich halt und sah an +dem alten Hause hinauf. In keinem Fenster brannte Licht. Ein kleines Schild +aus Messing glänzte im Schein der Gaslaterne vor der Tür. + +»Pistorius, Hauptpfarrer,« las ich darauf. + +Erst zu Hause, als ich nach dem Abendessen allein in meinem kleinen Zimmer +saß, fiel mir ein, daß ich weder über Abraxas noch sonst etwas von +Pistorius erfahren habe, daß wir überhaupt kaum zehn Worte gewechselt +hatten. Aber ich war mit meinem Besuch bei ihm sehr zufrieden. Und für das +nächstemal hatte er mir ein ganz exquisites Stück alter Orgelmusik +versprochen, eine Passacaglia von Buxtehude. + + * * * * * + +Ohne daß ich es wußte, hatte der Organist Pistorius mir eine erste Lektion +gegeben, als ich mit ihm vor dem Kamin auf dem Boden seines trüben +Einsiedlerzimmers lag. Das Schauen ins Feuer hatte mir gut getan, es hatte +Neigungen in mir gekräftigt und bestätigt, die ich immer gehabt, doch nie +eigentlich gepflegt hatte. Allmählich wurde ich teilweise darüber klar. + +Schon als kleines Kind hatte ich je und je den Hang gehabt, bizarre Formen +der Natur anzuschauen, nicht beobachtend, sondern ihrem eigenen Zauber, +ihrer krausen, tiefen Sprache hingegeben. Lange verholzte Baumwurzeln, +farbige Adern im Gestein, Flecken von Öl, das auf Wasser schwimmt, Sprünge +in Glas -- alle ähnlichen Dinge hatten zu Zeiten großen Zauber für mich +gehabt, vor allem auch das Wasser und das Feuer, der Rauch, die Wolken, der +Staub, und ganz besonders die kreisenden Farbflecke, die ich sah, wenn ich +die Augen schloß. In den Tagen nach meinem ersten Besuch bei Pistorius +begann dies mir wieder einzufallen. Denn ich merkte, daß ich eine gewisse +Stärkung und Freude, eine Steigerung meines Gefühls von mir selbst, die ich +seither spürte, lediglich dem langen Starren ins offene Feuer verdankte. Es +war merkwürdig wohltuend und bereichernd, das zu tun! + +An die wenigen Erfahrungen, welche ich bis jetzt auf dem Wege zu meinem +eigentlichen Lebensziel gefunden hatte, reihte sich diese neue: das +Betrachten solcher Gebilde, das Sichhingeben an irrationale, krause, +seltsame Formen der Natur erzeugt in uns ein Gefühl von der Übereinstimmung +unseres Innern mit dem Willen, der diese Gebilde werden ließ -- wir spüren +bald die Versuchung, sie für unsere eigenen Launen, für unsere eigenen +Schöpfungen zu halten -- wir sehen die Grenzen zwischen uns und der Natur +zittern und zerfließen und lernen die Stimmung kennen, in der wir nicht +wissen, ob die Bilder auf unserer Netzhaut von äußeren Eindrücken stammen +oder von inneren. Nirgends so einfach und leicht wie bei dieser Übung +machen wir die Entdeckung, wie sehr wir Schöpfer sind, wie sehr unsere +Seele immerzu teilhat an der beständigen Erschaffung der Welt. Vielmehr ist +es dieselbe unteilbare Gottheit, die in uns und die in der Natur tätig ist, +und wenn die äußere Welt unterginge, so wäre einer von uns fähig, sie +wieder aufzubauen, denn Berg und Strom, Baum und Blatt, Wurzel und Blüte, +alles Gebildete in der Natur liegt in uns vorgebildet, stammt aus der +Seele, deren Wesen Ewigkeit ist, deren Wesen wir nicht kennen, das sich uns +aber zumeist als Liebeskraft und Schöpferkraft zu fühlen gibt. + +Erst manche Jahre später fand ich einmal diese Beobachtung in einem Buche +bestätigt, nämlich bei Leonardo da Vinci, der einmal davon redet, wie gut +und tief anregend es sei, eine Mauer anzusehen, welche von vielen Leuten +angespien worden ist. Vor jenen Flecken an der feuchten Mauer fühlte er +dasselbe wie Pistorius und ich vor dem Feuer. + +Bei unserem nächsten Zusammensein gab mir der Orgelspieler eine Erklärung. + +»Wir ziehen die Grenzen unserer Persönlichkeit immer viel zu eng! Wir +rechnen zu unserer Person immer bloß das, was wir als individuell +unterschieden, als abweichend erkennen. Wir bestehen aber aus dem ganzen +Bestand der Welt, jeder von uns, und ebenso wie unser Körper die +Stammtafeln der Entwicklung bis zum Fisch und noch viel weiter zurück in +sich trägt, so haben wir in der Seele alles, was je in Menschenseelen +gelebt hat. Alle Götter und Teufel, die je gewesen sind, sei es bei +Griechen und Chinesen oder bei Zulukaffern, alle sind mit in uns, sind da, +als Möglichkeiten, als Wünsche, als Auswege. Wenn die Menschheit ausstürbe +bis auf ein einziges halbwegs begabtes Kind, das keinerlei Unterricht +genossen hat, so würde dieses Kind den ganzen Gang der Dinge wiederfinden, +es würde Götter, Dämonen, Paradiese, Gebote und Verbote, Alte und Neue +Testamente, alles würde es wieder produzieren können.« + +»Ja, gut,« wandte ich ein, »aber worin besteht dann noch der Wert des +einzelnen? Warum streben wir noch, wenn wir doch alles in uns schon fertig +haben?« + +»Halt!« rief Pistorius heftig. »Es ist ein großer Unterschied, ob Sie bloß +die Welt in sich tragen, oder ob Sie das auch wissen! Ein Wahnsinniger kann +Gedanken hervorbringen, die an Plato erinnern, und ein kleiner frommer +Schulknabe in einem Herrnhuter Institut denkt tiefe mythologische +Zusammenhänge schöpferisch nach, die bei den Gnostikern oder bei Zoroaster +vorkommen. Aber er weiß nichts davon! Er ist ein Baum oder Stein, +bestenfalls ein Tier, solange er es nicht weiß. Dann aber, wenn der erste +Funke dieser Erkenntnis dämmert, dann wird er Mensch. Sie werden doch wohl +nicht alle die Zweibeiner, die da auf der Straße laufen, für Menschen +halten, bloß weil sie aufrecht gehen und ihre Jungen neun Monate tragen? +Sie sehen doch, wie viele von ihnen Fische oder Schafe, Würmer oder Egel +sind, wie viele Ameisen, wie viele Bienen! Nun, in jedem von ihnen sind die +Möglichkeiten zum Menschen da, aber erst, indem er sie ahnt, indem er sie +teilweise sogar bewußt machen lernt, gehören diese Möglichkeiten ihm.« + +Etwa dieser Art waren unsere Gespräche. Selten brachten sie mir etwas +völlig Neues, etwas ganz und gar Überraschendes. Alle aber, auch das +banalste, trafen mit leisem stetigen Hammerschlag auf denselben Punkt in +mir, alle halfen an mir bilden, alle halfen Häute von mir abstreifen, +Eierschalen zerbrechen, und aus jedem hob ich den Kopf etwas höher, etwas +freier, bis mein gelber Vogel seinen schönen Raubvogelkopf aus der +zertrümmerten Weltschale stieß. + +Häufig erzählten wir auch einander unsere Träume. Pistorius verstand ihnen +eine Deutung zu geben. Ein wunderliches Beispiel ist mir eben erinnerlich. +Ich hatte einen Traum, in dem ich fliegen konnte, jedoch so, daß ich +gewissermaßen von einem großen Schwung durch die Luft geschleudert wurde, +dessen ich nicht Herr war. Das Gefühl dieses Fluges war erhebend, ward aber +bald zur Angst, als ich mich willenlos in bedenkliche Höhen gerissen sah. +Da machte ich die erlösende Entdeckung, daß ich mein Steigen und Fallen +durch Anhalten und Strömenlassen des Atems regeln konnte. + +Dazu sagte Pistorius: »Der Schwung, der Sie fliegen macht, das ist unser +großer Menschheitsbesitz, den jeder hat. Es ist das Gefühl des +Zusammenhangs mit den Wurzeln jeder Kraft, aber es wird einem dabei bald +bange! Es ist verflucht gefährlich! Darum verzichten die meisten so gerne +auf das Fliegen und ziehen es vor, an Hand gesetzlicher Vorschriften auf +dem Bürgersteige zu wandeln. Aber Sie nicht. Sie fliegen weiter, wie es +sich für einen tüchtigen Burschen gehört. Und siehe, da entdecken Sie das +Wunderliche, daß Sie allmählich Herr darüber werden, daß zu der großen +allgemeinen Kraft, die Sie fortreißt, eine feine, kleine, eigene Kraft +kommt, ein Organ, ein Steuer! Das ist famos. Ohne das ginge man willenlos +in die Lüfte, das tun zum Beispiel die Wahnsinnigen. Ihnen sind tiefere +Ahnungen gegeben als den Leuten auf dem Bürgersteig, aber sie haben keinen +Schlüssel und kein Steuer dazu, und sausen ins Bodenlose. Sie aber, +Sinclair, Sie machen die Sache! Und wie, bitte. Das wissen Sie wohl noch +gar nicht? Sie machen es mit einem neuen Organ, mit einem Atemregulator. +Und nun können Sie sehen, wie wenig >persönlich< Ihre Seele in ihrer Tiefe +ist. Sie erfindet nämlich diesen Regulator nicht! Er ist nicht neu! Er ist +eine Anleihe, er existiert seit Jahrtausenden. Er ist das +Gleichgewichtsorgan der Fische, die Schwimmblase. Und tatsächlich gibt es +ein paar wenige seltsame und konservative Fischarten noch heute, bei denen +die Schwimmblase zugleich eine Art Lunge ist und unter Umständen richtig +zum Atmen dienen kann. Also haargenau wie die Lunge, die Sie im Traum als +Fliegerblase benutzen!« + +Er brachte mir sogar einen Band Zoologie und zeigte mir Namen und +Abbildungen jener altmodischen Fische. Und ich fühlte in mir, mit einem +eigentümlichen Schauer, eine Funktion aus frühen Entwicklungsepochen +lebendig. + + + + +Sechstes Kapitel +Jakobs Kampf + + +Was ich von dem sonderbaren Musiker Pistorius über Abraxas erfuhr, kann ich +nicht in Kürze wiedererzählen. Das Wichtigste aber, was ich bei ihm lernte, +war ein weiterer Schritt auf dem Wege zu mir selbst. Ich war damals, mit +meinen etwa achtzehn Jahren, ein ungewöhnlicher junger Mensch, in hundert +Dingen frühreif, in hundert andern Dingen sehr zurück und hilflos. Wenn ich +mich je und je mit anderen verglich, war ich oft stolz und eingebildet +gewesen, ebenso oft aber niedergedrückt und gedemütigt. Oft hatte ich mich +für ein Genie angesehen, oft für halb verrückt. Es gelang mir nicht, +Freuden und Leben der Altersgenossen mitzumachen, und oft hatte ich mich in +Vorwürfen und Sorgen verzehrt, als sei ich hoffnungslos von ihnen getrennt, +als sei mir das Leben verschlossen. + +Pistorius, welcher selbst ein ausgewachsener Sonderling war, lehrte mich +den Mut und die Achtung vor mir selbst bewahren. Indem er in meinen Worten, +in meinen Träumen, in meinen Phantasien und Gedanken stets Wertvolles fand, +sie stets ernst nahm und ernsthaft besprach, gab er mir das Beispiel. + +»Sie haben mir erzählt,« sagte er, »daß Sie die Musik darum lieben, weil +sie nicht moralisch sei. Meinetwegen. Aber Sie selber müssen eben auch kein +Moralist sein! Sie dürfen sich nicht mit andern vergleichen, und wenn die +Natur Sie zur Fledermaus geschaffen hat, dürfen Sie sich nicht zum Vogel +Strauß machen wollen. Sie halten sich manchmal für sonderbar, Sie werfen +sich vor, daß Sie andere Wege gehen als die meisten. Das müssen Sie +verlernen. Blicken Sie ins Feuer, blicken Sie in die Wolken, und sobald die +Ahnungen kommen und die Stimmen in Ihrer Seele anfangen zu sprechen, dann +überlassen Sie sich ihnen und fragen Sie ja nicht erst, ob das wohl auch +dem Herrn Lehrer oder dem Herrn Papa oder irgendeinem lieben Gott passe +oder lieb sei! Damit verdirbt man sich. Damit kommt man auf den Bürgersteig +und wird ein Fossil. Lieber Sinclair, unser Gott heißt Abraxas, und er ist +Gott und ist Satan, er hat die lichte und die dunkle Welt in sich. Abraxas +hat gegen keinen Ihrer Gedanken, gegen keinen Ihrer Träume etwas +einzuwenden. Vergessen Sie das nie. Aber er verläßt Sie, wenn Sie einmal +tadellos und normal geworden sind. Dann verläßt er Sie und sucht sich einen +neuen Topf, um seine Gedanken drin zu kochen.« + +Unter allen meinen Träumen war jener dunkle Liebestraum der treueste. Oft, +oft habe ich ihn geträumt, trat unterm Wappenvogel weg in unser altes Haus, +wollte die Mutter an mich ziehen, und hielt statt ihrer das große halb +männliche, halb mütterliche Weib umfaßt, vor der ich Furcht hatte und zu +der mich doch das glühendste Verlangen zog. Und diesen Traum konnte ich +meinem Freunde nie erzählen. Ihn behielt ich zurück, wenn ich ihm alles +andre erschlossen hatte. Er war mein Winkel, mein Geheimnis, meine +Zuflucht. + +Wenn ich bedrückt war, dann bat ich Pistorius, er möge mir die Passacaglia +des alten Buxtehude spielen. In der abendlichen dunklen Kirche saß ich dann +verloren an diese seltsame, innige, in sich selbst versenkte, sich selber +belauschende Musik, die mir jedesmal wohl tat und mich bereiter machte, den +Stimmen der Seele recht zu geben. + +Zuweilen blieben wir auch eine Weile, nachdem die Orgel schon verklungen +war, in der Kirche sitzen und sahen das schwache Licht durch die hohen +spitzbogigen Fenster scheinen und sich verlieren. + +»Es klingt komisch,« sagte Pistorius, »daß ich einmal Theologe war und +beinah Pfarrer geworden wäre. Aber es war nur ein Irrtum in der Form, den +ich dabei beging. Priester sein, ist mein Beruf und mein Ziel. Nur war ich +zu früh zufrieden und stellte mich dem Jehova zur Verfügung, noch ehe ich +den Abraxas kannte. Ach, jede Religion ist schön. Religion ist Seele, +einerlei, ob man ein christliches Abendmahl nimmt oder ob man nach Mekka +wallfahrt.« + +»Dann hätten Sie,« meinte ich, »aber eigentlich doch Pfarrer werden +können.« + +»Nein, Sinclair, nein. Ich hätte ja lügen müssen. Unsre Religion wird so +ausgeübt, als sei sie keine. Sie tut so, als sei sie ein Verstandeswerk. +Katholik könnte ich zur Not wohl sein, aber protestantischer Priester -- +nein! Die paar wirklich Gläubigen -- ich kenne solche -- halten sich gern +an das Wörtliche, ihnen könnte ich nicht sagen, daß etwa Christus für mich +keine Person, sondern ein Heros, ein Mythos ist, ein ungeheures +Schattenbild, in dem die Menschheit sich selber an die Wand der Ewigkeit +gemalt sieht. Und die anderen, die in die Kirche kommen, um ein kluges Wort +zu hören, um eine Pflicht zu erfüllen, um nichts zu versäumen und so +weiter, ja was hätte ich denen sagen sollen? Sie bekehren, meinst du? Aber +das will ich gar nicht. Der Priester will nicht bekehren, er will nur unter +Gläubigen, unter seinesgleichen leben, und will Träger und Ausdruck sein +für das Gefühl, aus dem wir unsere Götter machen.« + +Er unterbrach sich. Dann fuhr er fort: »Unser neuer Glaube, für den wir +jetzt den Namen des Abraxas wählen, ist schön, lieber Freund. Er ist das +Beste, was wir haben. Aber er ist noch ein Säugling! Die Flügel sind ihm +noch nicht gewachsen. Ach, eine einsame Religion, das ist noch nicht das +Wahre. Sie muß gemeinsam werden, sie muß Kult und Rausch, Feste und +Mysterien haben . . .« + +Er sann und versank in sich. + +»Kann man Mysterien nicht auch allein, oder im kleinsten Kreis, begehen?« +fragte ich zögernd. + +»Man kann schon,« nickte er. »Ich begehe sie schon lang. Ich habe Kulte +begangen, für die ich Jahre von Zuchthaus absitzen müßte, wenn man davon +wüßte. Aber ich weiß, es ist noch nicht das Richtige.« + +Plötzlich schlug er mir auf die Schulter, daß ich zusammenzuckte. »Junge,« +sagte er eindringlich, »auch Sie haben Mysterien. Ich weiß, daß Sie Träume +haben müssen, die Sie mir nicht sagen. Ich will sie nicht wissen. Aber ich +sage Ihnen: Leben Sie sie, diese Träume, spielen Sie sie, bauen Sie ihnen +Altäre! Es ist noch nicht das Vollkommene, aber es ist ein Weg. Ob wir +einmal, Sie und ich und ein paar andere, die Welt erneuern werden, das wird +sich zeigen. In uns drinnen aber müssen wir sie jeden Tag erneuern, sonst +ist es nichts mit uns. Denken Sie dran! Sie sind achtzehn Jahr alt, +Sinclair, Sie laufen nicht zu den Straßendirnen, Sie müssen Liebesträume, +Liebeswünsche haben. Vielleicht sind sie so, daß Sie sich vor ihnen +fürchten. Fürchten Sie sich nicht! Sie sind das Beste, was Sie haben! Sie +können mir glauben. Ich habe damit viel verloren, daß ich in Ihren Jahren +meine Liebesträume vergewaltigt habe. Man muß das nicht tun. Wenn man von +Abraxas weiß, darf man es nicht mehr tun. Man darf nichts fürchten und +nichts für verboten halten, was die Seele in uns wünscht.« + +Erschreckt wandte ich ein: »Aber man kann doch nicht alles tun, was einem +einfällt! Man darf doch auch nicht einen Menschen umbringen, weil er einem +zuwider ist.« + +Er rückte näher zu mir. + +»Unter Umständen darf man auch das. Es ist nur meistens ein Irrtum. Ich +meine auch nicht, Sie sollen einfach alles das tun, was Ihnen durch den +Sinn geht. Nein, aber Sie sollen diese Einfälle, die ihren guten Sinn +haben, nicht dadurch schädlich machen, daß Sie sie vertreiben und an ihnen +herummoralisieren. Statt sich oder einen andern ans Kreuz zu schlagen, kann +man aus einem Kelch mit feierlichen Gedanken Wein trinken und dabei das +Mysterium des Opfers denken. Man kann, auch ohne solche Handlungen, seine +Triebe und sogenannten Anfechtungen mit Achtung und Liebe behandeln. Dann +zeigen sie ihren Sinn, und sie haben alle Sinn. -- Wenn Ihnen wieder einmal +etwas recht Tolles oder Sündhaftes einfällt, Sinclair, wenn Sie jemand +umbringen oder irgendeine gigantische Unflätigkeit begehen möchten, dann +denken Sie einen Augenblick daran, daß es Abraxas ist, der so in Ihnen +phantasiert! Der Mensch, den Sie töten möchten, ist ja nie der Herr +Soundso, er ist sicher nur eine Verkleidung. Wenn wir einen Menschen +hassen, so hassen wir in seinem Bild etwas, was in uns selber sitzt. Was +nicht in uns selber ist, das regt uns nicht auf.« + +Nie hatte mir Pistorius etwas gesagt, das mich so tief im Heimlichsten +getroffen hatte. Ich konnte nicht antworten. Was mich aber am stärksten und +sonderbarsten berührt hatte, das war der Gleichklang dieses Zuspruches mit +Worten Demians, die ich seit Jahren und Jahren in mir trug. Sie wußten +nichts voneinander, und beide sagten mir dasselbe. + +»Die Dinge, die wir sehen,« sagte Pistorius leise, »sind dieselben Dinge, +die in uns sind. Es gibt keine Wirklichkeit als die, die wir in uns haben. +Darum leben die meisten Menschen so unwirklich, weil sie die Bilder +außerhalb für das Wirkliche halten und ihre eigene Welt in sich gar nicht +zu Worte kommen lassen. Man kann glücklich dabei sein. Aber wenn man einmal +das andere weiß, dann hat man die Wahl nicht mehr, den Weg der meisten zu +gehen. Sinclair, der Weg der meisten ist leicht, unsrer ist schwer. -- Wir +wollen gehen.« + +Einige Tage später, nachdem ich zweimal vergebens auf ihn gewartet hatte, +traf ich ihn spät am Abend auf der Straße an, wie er einsam im kalten +Nachtwinde um eine Ecke geweht kam, stolpernd und ganz betrunken. Ich +mochte ihn nicht anrufen. Er kam an mir vorbei, ohne mich zu sehen, und +starrte vor sich hin mit glühenden und vereinsamten Augen, als folge er +einem dunklen Ruf aus dem Unbekannten. Ich folgte ihm eine Straße lang, er +trieb wie an unsichtbarem Draht gezogen dahin, mit fanatischem und doch +aufgelöstem Gang, wie ein Gespenst. Traurig ging ich nach Hause zurück, zu +meinen unerlösten Träumen. + +»So erneuert er nun die Welt in sich!« dachte ich, und fühlte noch im +selben Augenblick, daß das niedrig und moralisch gedacht sei. Was wußte ich +von seinen Träumen? Er ging vielleicht in seinem Rausch den sicherern Weg +als ich in meiner Bangnis. + + * * * * * + +In den Pausen zwischen den Schulstunden war mir zuweilen aufgefallen, daß +ein Mitschüler meine Nähe suchte, den ich nie beachtet hatte. Es war ein +kleiner, schwach aussehender, schmächtiger Jüngling mit rötlich blondem, +dünnem Haar, der in Blick und Benehmen etwas Eigenes hatte. Eines Abends, +als ich nach Hause kam, lauerte er in der Gasse auf mich, ließ mich an sich +vorübergehen, lief mir dann wieder nach, und blieb vor unsrer Haustür +stehen. + +»Willst du etwas von mir?« fragte ich. + +»Ich möchte bloß einmal mit dir sprechen,« sagte er schüchtern. »Sei so gut +und komm ein paar Schritte mit.« + +Ich folgte ihm und spürte, daß er tief erregt und voll Erwartung war. Seine +Hände zitterten. + +»Bist du Spiritist?« fragte er ganz plötzlich. + +»Nein, Knauer,« sagte ich lachend. »Keine Spur davon. Wie kommst du auf so +etwas?« + +»Aber Theosoph bist du?« + +»Auch nicht.« + +»Ach, sei nicht so verschlossen! Ich spüre doch ganz gut, daß etwas +Besonderes mit dir ist. Du hast es in den Augen. Ich glaube bestimmt, daß +du Umgang mit Geistern hast. -- Ich frage nicht aus Neugierde, Sinclair, +nein! Ich bin selber ein Suchender, weißt du, und ich bin so allein.« + +»Erzähle nur!« munterte ich ihn an. »Ich weiß von Geistern zwar gar nichts, +ich lebe in meinen Träumen, und das hast du gespürt. Die anderen Leute +leben auch in Träumen, aber nicht in ihren eigenen, das ist der +Unterschied.« + +»Ja, so ist es vielleicht,« flüsterte er. »Es kommt nur drauf an, welcher +Art die Träume sind, in denen man lebt. -- Hast du schon von der weißen +Magie gehört?« + +Ich mußte verneinen. + +»Das ist, wenn man lernt, sich selber zu beherrschen. Man kann unsterblich +werden, und auch zaubern. Hast du nie solche Übungen gemacht?« + +Auf meine neugierige Frage nach diesen Übungen tat er erst geheimnisvoll, +bis ich mich zum Gehen wandte, dann kramte er aus. + +»Zum Beispiel, wenn ich einschlafen oder auch mich konzentrieren will, dann +mache ich eine solche Übung. Ich denke mir irgend etwas, zum Beispiel ein +Wort oder einen Namen, oder eine geometrische Figur. Die denke ich dann in +mich hinein, so stark ich kann, ich suche sie mir innen in meinem Kopf +vorzustellen, bis ich fühle, daß sie darin ist. Dann denke ich sie in den +Hals, und so weiter, bis ich ganz davon ausgefüllt bin. Dann bin ich ganz +fest, und nichts mehr kann mich aus der Ruhe bringen.« + +Ich begriff einigermaßen, wie er es meine. Doch fühlte ich wohl, daß er +noch anderes auf dem Herzen habe, er war seltsam erregt und hastig. Ich +suchte ihm das Fragen leicht zu machen, und bald kam er denn mit seinem +eigentlichen Anliegen. + +»Du bist doch auch enthaltsam?« fragte er mich ängstlich. + +»Wie meinst du das? Meinst du das Geschlechtliche?« + +»Ja, ja. Ich bin jetzt seit zwei Jahren enthaltsam, seit ich von der Lehre +weiß. Vorher habe ich ein Laster getrieben, du weißt schon. -- Du bist also +nie bei einem Weib gewesen?« + +»Nein,« sagte ich. »Ich habe die Richtige nicht gefunden.« + +»Aber wenn du die fändest, von der du meinst, sie sei die Richtige, dann +würdest du mit ihr schlafen?« + +»Ja, natürlich. -- Wenn sie nichts dagegen hat,« sagte ich mit etwas Spott. + +»O da bist du aber auf dem falschen Weg! Die inneren Kräfte kann man nur +ausbilden, wenn man völlig enthaltsam bleibt. Ich habe es getan, zwei Jahre +lang. Zwei Jahre und etwas mehr als einen Monat! Es ist so schwer! Manchmal +kann ich es kaum mehr aushalten.« + +»Höre, Knauer, ich glaube nicht, daß die Enthaltsamkeit so furchtbar +wichtig ist.« + +»Ich weiß,« wehrte er ab, »das sagen alle. Aber von dir habe ich es nicht +erwartet. Wer den höheren geistigen Weg gehen will, der muß rein bleiben, +unbedingt!« + +»Ja, dann tu es! Aber ich begreife nicht, warum einer >reiner< sein soll, +der sein Geschlecht unterdrückt, als irgendein anderer. Oder kannst du das +Geschlechtliche auch aus allen Gedanken und Träumen ausschalten?« + +Er sah mich verzweifelt an. + +»Nein, eben nicht! Herrgott, und doch muß es sein. Ich habe in der Nacht +Träume, die ich nicht einmal mir selber erzählen könnte! Furchtbare Träume, +du!« + +Ich erinnerte mich dessen, was Pistorius mir gesagt hatte. Aber so sehr ich +seine Worte als richtig empfand, ich konnte sie nicht weitergeben, ich +konnte nicht einen Rat erteilen, der nicht aus meiner eigenen Erfahrung +herkam und dessen Befolgung ich mich selber noch nicht gewachsen fühlte. +Ich wurde schweigsam und fühlte mich dadurch gedemütigt, daß da jemand Rat +bei mir suchte, dem ich keinen zu geben hatte. + +»Ich habe alles probiert!« jammerte Knauer neben mir. »Ich habe getan, was +man tun kann, mit kaltem Wasser, mit Schnee, mit Turnen und Laufen, aber es +hilft alles nichts. Jede Nacht wache ich aus Träumen auf, an die ich gar +nicht denken darf. Und das Entsetzliche ist: darüber geht mir allmählich +alles wieder verloren, was ich geistig gelernt hatte. Ich bringe es beinahe +nie mehr fertig, mich zu konzentrieren oder mich einzuschläfern, oft liege +ich die ganze Nacht wach. Ich halte das nimmer lang aus. Wenn ich +schließlich doch den Kampf nicht durchführen kann, wenn ich nachgebe und +mich wieder unrein mache, dann bin ich schlechter als alle anderen, die +überhaupt nie gekämpft haben. Das begreifst du doch?« + +Ich nickte, konnte aber nichts dazu sagen. Er begann mich zu langweilen, +und ich erschrak vor mir selber, daß mir seine offensichtliche Not und +Verzweiflung keinen tiefern Eindruck machte. Ich empfand nur: ich kann dir +nicht helfen. + +»Also weißt du mir gar nichts?« sagte er schließlich erschöpft und traurig. +»Gar nichts? Es muß doch einen Weg geben! Wie machst denn du es?« + +»Ich kann dir nichts sagen, Knauer. Man kann einander da nicht helfen. Mir +hat auch niemand geholfen. Du mußt dich auf dich selber besinnen, und dann +mußt du das tun, was wirklich aus deinem Wesen kommt. Es gibt nichts +anderes. Wenn du dich selber nicht finden kannst, dann wirst du auch keine +Geister finden, glaube ich.« + +Enttäuscht und plötzlich stumm geworden, sah der kleine Kerl mich an. Dann +glühte sein Blick in plötzlicher Gehässigkeit auf, er schnitt mir eine +Grimasse und schrie wütend: »Ah, du bist mir ein schöner Heiliger! Du hast +auch dein Laster, ich weiß es! Du tust wie ein Weiser und heimlich hängst +du am gleichen Dreck wie ich und alle! Du bist ein Schwein, ein Schwein, +wie ich selber. Alle sind wir Schweine!« + +Ich ging weg und ließ ihn stehen. Er tat mir zwei, drei Schritte nach, dann +blieb er zurück, kehrte um und rannte davon. Mir wurde übel aus einem +Gefühl von Mitleid und Abscheu, und ich kam von dem Gefühl nicht los, bis +ich zu Hause in meinem kleinen Zimmerchen meine paar Bilder um mich stellte +und mich mit sehnlichster Innigkeit meinen eigenen Träumen hingab. Da kam +sofort mein Traum wieder, vom Haustor und Wappen, von der Mutter und der +fremden Frau, und ich sah die Züge der Frau so überdeutlich, daß ich noch +am selben Abend ihr Bild zu zeichnen begann. + +Als diese Zeichnung nach einigen Tagen fertig war, in traumhaften +Viertelstunden wie bewußtlos hingestrichen, hängte ich sie am Abend an +meiner Wand auf, rückte die Studierlampe davor und stand vor ihr wie vor +einem Geist, mit dem ich kämpfen mußte bis zur Entscheidung. Es war ein +Gesicht, ähnlich dem frühern, ähnlich meinem Freund Demian, in einigen +Zügen auch ähnlich mir selber. Das eine Auge stand auffallend höher als das +andere, der Blick ging über mich weg in versunkener Starrheit, voll von +Schicksal. + +Ich stand davor und wurde vor innerer Anstrengung kalt bis in die Brust +hinein. Ich fragte das Bild, ich klagte es an, ich liebkoste es, ich betete +zu ihm; ich nannte es Mutter, ich nannte es Geliebte, nannte es Hure und +Dirne, nannte es Abraxas. Dazwischen fielen Worte von Pistorius -- oder von +Demian? -- mir ein; ich konnte mich nicht erinnern, wann sie gesprochen +waren, aber ich meinte sie wieder zu hören. Es waren Worte über den Kampf +Jakobs mit dem Engel Gottes, und das »Ich lasse dich nicht, du segnest mich +denn«. + +Das gemalte Gesicht im Lampenschein verwandelte sich bei jeder Anrufung. Es +wurde hell und leuchtend, wurde schwarz und finster, schloß fahle Lider +über erstorbenen Augen, öffnete sie wieder und blitzte glühende Blicke, es +war Frau, war Mann, war Mädchen, war ein kleines Kind, ein Tier, verschwamm +zum Fleck, wurde wieder groß und klar. Am Ende schloß ich, einem starken +inneren Rufe folgend, die Augen und sah nun das Bild inwendig in mir, +stärker und mächtiger. Ich wollte vor ihm niederknien, aber es war so sehr +in mir innen, daß ich es nicht mehr von mir trennen konnte, als wäre es zu +lauter Ich geworden. + +Da hörte ich ein dunkles schweres Brausen wie von einem Frühjahrssturm und +zitterte in einem unbeschreiblich neuen Gefühl von Angst und Erlebnis. +Sterne zuckten vor mich auf und erloschen, Erinnerungen bis in die erste, +vergessenste Kinderzeit zurück, ja bis in Vorexistenzen und frühe Stufen +des Werdens, strömten gedrängt an mir vorüber. Aber die Erinnerungen, die +mir mein ganzes Leben bis ins Geheimste zu wiederholen schienen, hörten mit +gestern und heute nicht auf, sie gingen weiter, spiegelten Zukunft, rissen +mich von heute weg und in neue Lebensformen, deren Bilder ungeheuer hell +und blendend waren, an deren keines ich mich aber später richtig erinnern +konnte. + +In der Nacht erwachte ich aus tiefem Schlaf, ich war in den Kleidern und +lag quer überm Bett. Ich zündete Licht an, fühlte, daß ich mich auf +Wichtiges besinnen müsse, wußte nichts mehr von den Stunden vorher. Ich +zündete Licht an, die Erinnerung kam allmählich. Ich suchte das Bild, es +hing nicht mehr an der Wand, lag auch nicht auf dem Tische. Da meinte ich +mich dunkel zu besinnen, daß ich es verbrannt hätte. Oder war es ein Traum +gewesen, daß ich es in meinen Händen verbrannt und die Asche gegessen +hätte? + +Eine große, zuckende Unruhe trieb mich. Ich setzte den Hut auf, ging durch +Haus und Gasse, wie unter einem Zwang, lief und lief durch Straßen und über +Plätze wie von einem Sturm geweht, lauschte vor der finstern Kirche meines +Freundes, suchte und suchte in dunklem Trieb, ohne zu wissen, was. Ich kam +durch eine Vorstadt, wo Dirnenhäuser standen, dort war hier und da noch +Licht. Weiter draußen lagen Neubauten und Ziegelhaufen, zum Teil mit grauem +Schnee bedeckt. Mir fiel, da ich wie ein Traumwandler unter einem fremden +Druck durch diese Wüste trieb, der Neubau in meiner Vaterstadt ein, in +welchen mich einst mein Peiniger Kromer zu unserer ersten Abrechnung +gezogen hatte. Ein ähnlicher Bau lag in der grauen Nacht hier vor mir, +gähnte mit schwarzem Türloch mich an. Es zog mich hinein, ich wollte +ausweichen und stolperte über Sand und Schutt; der Drang war stärker, ich +mußte hinein. + +Über Bretter und zerbrochene Backsteine hinweg taumelte ich in den öden +Raum, es roch trübe nach feuchter Kälte und Steinen. Ein Sandhaufen lag da, +ein grauheller Fleck, sonst war alles dunkel. + +Da rief eine entsetzte Stimme mich an: »Um Gottes willen, Sinclair, wo +kommst du her?« + +Und neben mir richtete aus der Finsternis ein Mensch sich auf, ein kleiner +magerer Bursch, wie ein Geist, und ich erkannte, während mir noch die Haare +zu Berg standen, meinen Schulkameraden Knauer. + +»Wie kommst du hierher?« fragte er, wie irr vor Erregung. »Wie hast du mich +finden können?« + +Ich verstand nicht. + +»Ich habe dich nicht gesucht,« sagte ich benommen; jedes Wort machte mir +Mühe und kam mir mühsam über tote, schwere, wie erfrorene Lippen. + +Er starrte mich an. + +»Nicht gesucht?« + +»Nein. Es zog mich her. Hast du mich gerufen? Du mußt mich gerufen haben. +Was tust du denn hier? Es ist doch Nacht.« + +Er umschlang mich krampfhaft mit seinen dünnen Armen. + +»Ja, Nacht. Es muß bald Morgen werden. O Sinclair, daß du mich nicht +vergessen hast! Kannst du mir denn verzeihen?« + +»Was denn?« + +»Ach ich war ja so häßlich!« + +Erst jetzt kam mir die Erinnerung an unser Gespräch. War das vor vier, fünf +Tagen gewesen? Mir schien seither ein Leben vergangen. Aber jetzt wußte ich +plötzlich alles. Nicht nur, was zwischen uns geschehen war, sondern auch, +warum ich hergekommen war und was Knauer hier draußen hatte tun wollen. + +»Du wolltest dir also das Leben nehmen, Knauer?« + +Er schauderte vor Kälte und vor Angst. + +»Ja, ich wollte. Ich weiß nicht, ob ich es gekonnt hätte. Ich wollte +warten, bis es Morgen wird.« + +Ich zog ihn ins Freie. Die ersten wagrechten Lichtstreifen des Tages +glommen unsäglich kalt und lustlos in den grauen Lüften. + +Ich führte den Jungen eine Strecke weit am Arm. Es sprach aus mir: »Jetzt +gehst du nach Hause, und sagst niemand etwas! Du bist den falschen Weg +gegangen, den falschen Weg! Wir sind auch nicht Schweine, wie du meinst. +Wir sind Menschen. Wir machen Götter, und kämpfen mit ihnen, und sie segnen +uns.« + +Schweigend gingen wir weiter und auseinander. Als ich heimkam, war es Tag +geworden. + + * * * * * + +Das Beste, was mir jene Zeit in St. noch brachte, waren Stunden mit +Pistorius an der Orgel oder vor dem Kaminfeuer. Wir lasen einen +griechischen Text über Abraxas zusammen, er las mir Stücke einer +Übersetzung aus den Veden vor und lehrte mich das heilige »Om« sprechen. +Indessen waren es nicht diese Gelehrsamkeiten, die mich im Innern +förderten, sondern eher das Gegenteil. Was mir wohltat, war das +Vorwärtsfinden in mir selber, das zunehmende Vertrauen in meine eigenen +Träume, Gedanken und Ahnungen, und das zunehmende Wissen von der Macht, die +ich in mir trug. + +Mit Pistorius verstand ich mich auf jede Weise. Ich brauchte nur stark an +ihn zu denken, so war ich sicher, daß er oder ein Gruß von ihm zu mir kam. +Ich konnte ihn, ebenso wie Demian, irgend etwas fragen, ohne daß er selbst +da war: ich brauchte ihn mir nur fest vorzustellen und meine Fragen als +intensive Gedanken an ihn zu richten. Dann kehrte alle in die Frage +gegebene Seelenkraft als Antwort in mich zurück. Nur war es nicht die +Person des Pistorius, die ich mir vorstellte, und nicht die des Max Demian, +sondern es war das von mir geträumte und gemalte Bild, das mannweibliche +Traumbild meines Dämons, das ich anrufen mußte. Es lebte jetzt nicht mehr +nur in meinen Träumen, und nicht mehr gemalt auf Papier, sondern in mir, +als ein Wunschbild und eine Steigerung meiner selbst. + +Eigentümlich und zuweilen komisch war das Verhältnis, in welches der +mißglückte Selbstmörder Knauer zu mir getreten war. Seit der Nacht, in der +ich ihm gesendet worden war, hing er an mir wie ein treuer Diener oder +Hund, suchte sein Leben an meines zu knüpfen und folgte mir blindlings. Mit +den wunderlichsten Fragen und Wünschen kam er zu mir, wollte Geister sehen, +wollte die Kabbala lernen, und glaubte mir nicht, wenn ich ihm versicherte, +daß ich von all diesen Sachen nichts verstünde. Er traute mir jede Macht +zu. Aber seltsam war, daß er oft mit seinen wunderlichen und dummen Fragen +gerade dann zu mir kam, wenn irgendein Knoten in mir zu lösen war, und daß +seine launischen Einfälle und Anliegen mir oft das Stichwort und den Anstoß +zur Lösung brachten. Oft war er mir lästig und wurde herrisch weggeschickt, +aber ich spürte doch: auch er war mir gesandt, auch aus ihm kam das, was +ich ihm gab, verdoppelt in mich zurück, auch er war mir ein Führer, oder +doch ein Weg. Die tollen Bücher und Schriften, die er mir zutrug und in +denen er sein Heil suchte, lehrten mich mehr, als ich im Augenblick +einsehen konnte. + +Dieser Knauer verlor sich später ungefühlt von meinem Weg. Mit ihm war eine +Auseinandersetzung nicht nötig. Wohl aber mit Pistorius. Mit diesem Freunde +erlebte ich gegen den Schluß meiner Schulzeit in St. noch etwas +Eigentümliches. + +Auch den harmlosen Menschen bleibt es kaum erspart, einmal oder einigemal +im Leben in Konflikt mit den schönen Tugenden der Pietät und der +Dankbarkeit zu geraten. Jeder muß einmal den Schritt tun, der ihn von +seinem Vater, von seinen Lehrern trennt, jeder muß etwas von der Härte der +Einsamkeit spüren, wenn auch die meisten Menschen wenig davon ertragen +können und bald wieder unterkriechen. -- Von meinen Eltern und ihrer Welt, +der »lichten« Welt meiner schönen Kindheit, war ich nicht in heftigem Kampf +geschieden, sondern langsam und fast unmerklich ihnen ferner gekommen und +fremder geworden. Es tat mir leid, es machte mir bei den Besuchen in der +Heimat oft bittere Stunden; aber es ging nicht bis ins Herz, es war zu +ertragen. + +Aber dort, wo wir nicht aus Gewohnheit, sondern aus eigenstem Antrieb Liebe +und Ehrfurcht dargebracht haben, da, wo wir mit eigenstem Herzen Jünger und +Freunde gewesen sind -- dort ist es ein bitterer und furchtbarer +Augenblick, wenn wir plötzlich zu erkennen meinen, daß die führende +Strömung in uns von dem Geliebten wegführen will. Da richtet jeder Gedanke, +der den Freund und Lehrer abweist, sich mit giftigem Stachel gegen unser +eigenes Herz, da trifft jeder Hieb der Abwehr ins eigene Gesicht. Da +tauchen dem, der eine gültige Moral in sich selber zu tragen meinte, die +Namen »Treulosigkeit« und »Undankbarkeit« wie schändliche Zurufe und +Brandmäler auf, da flieht das erschrockene Herz angstvoll in die lieben +Täler der Kindheitstugenden zurück und kann nicht daran glauben, daß auch +dieser Bruch getan, daß auch dieses Band zerschnitten werden muß. + +Langsam hatte ein Gefühl in mir sich mit der Zeit dagegen gewendet, meinen +Freund Pistorius so unbedingt als Führer anzuerkennen. Was ich in den +wichtigsten Monaten meiner Jünglingszeit erlebt hatte, war die Freundschaft +mit ihm, war sein Rat, sein Trost, seine Nähe gewesen. Aus ihm hatte Gott +zu mir gesprochen. Aus seinem Munde waren meine Träume mir zurückgekehrt, +geklärt und gedeutet. Er hatte mir den Mut zu mir selber geschenkt. -- Ach, +und nun spürte ich langsam anwachsend Widerstände gegen ihn. Ich hörte zu +viel Belehrendes in seinen Worten, ich empfand, daß er nur einen Teil von +mir ganz verstehe. + +Es gab keinen Streit, keine Szene zwischen uns, keinen Bruch und nicht +einmal eine Abrechnung. Ich sagte ihm nur ein einziges, eigentlich +harmloses Wort -- aber es war doch eben der Augenblick, in dem zwischen uns +eine Illusion in farbige Scherben zerfiel. + +Gedrückt hatte die Vorausahnung mich schon eine Weile, zum deutlichen +Gefühl wurde sie eines Sonntags in seiner alten Gelehrtenstube. Wir lagen +am Boden vor dem Feuer, und er sprach von Mysterien und Religionsformen, +die er studierte, an denen er sann, und deren mögliche Zukunft ihn +beschäftigte. Mir aber schien dies alles mehr kurios und interessant als +lebenswichtig, es klang mir Gelehrsamkeit, es klang mir müdes Suchen unter +Trümmern ehemaliger Welten daraus entgegen. Und mit einem Male spürte ich +einen Widerwillen gegen diese ganze Art, gegen diesen Kultus der +Mythologien, gegen dieses Mosaikspiel mit überlieferten Glaubensformen. + +»Pistorius,« sagte ich plötzlich, mit einer mir selber überraschend und +erschreckend hervorbrechenden Bosheit, »Sie sollten mir wieder einmal einen +Traum erzählen, einen wirklichen Traum, den Sie in der Nacht gehabt haben. +Das, was Sie da reden, ist so -- so verflucht antiquarisch!« + +Er hatte mich niemals so reden hören, und ich selbst empfand im selben +Augenblick blitzhaft mit Scham und Schrecken, daß der Pfeil, den ich auf +ihn abschoß und der ihn ins Herz traf, aus seiner eigenen Rüstkammer +genommen war -- daß ich Selbstvorwürfe, die ich ihn in ironischem Ton +gelegentlich hatte äußern hören, nun boshaft ihm in zugespitzter Form +zuwarf. + +Er spürte es augenblicklich, und er wurde sofort still. Ich sah ihn mit +Angst im Herzen an, und sah ihn furchtbar bleich werden. + +Nach einer langen schweren Pause legte er neues Holz aufs Feuer und sagte +still: »Sie haben ganz recht, Sinclair. Sie sind ein kluger Kerl. Ich werde +Sie mit dem antiquarischen Zeug verschonen.« + +Er sprach sehr ruhig, aber ich hörte den Schmerz der Verwundung wohl +heraus. Was hatte ich getan! + +Die Tränen waren mir nah, ich wollte mich ihm herzlich zuwenden, wollte ihn +um Verzeihung bitten, ihn meiner Liebe, meiner zärtlichen Dankbarkeit +versichern. Rührende Worte fielen mir ein -- aber ich konnte sie nicht +sagen. Ich blieb liegen, sah ins Feuer und schwieg. Und er schwieg auch, +und so lagen wir, und das Feuer brannte herab und sank zusammen, und mit +jeder verblassenden Flamme fühlte ich etwas Schönes und Inniges verglühen +und verfliegen, das nicht wiederkommen konnte. + +»Ich fürchte, Sie verstehen mich falsch,« sagte ich schließlich sehr +gepreßt und mit trockener, heiserer Stimme. Die dummen, sinnlosen Worte +kamen mir wie mechanisch über die Lippen, als läse ich aus einem +Zeitungsroman vor. + +»Ich verstehe Sie ganz richtig,« sagte Pistorius leis. »Sie haben ja +recht.« Er wartete. Dann fuhr er langsam fort: »Soweit ein Mensch eben +gegen den andern recht haben kann.« + +Nein, nein, rief es in mir, ich habe unrecht! -- aber sagen konnte ich +nichts. Ich wußte, daß ich mit meinem einzigen kleinen Wort ihn auf eine +wesentliche Schwäche, auf seine Not und Wunde hingewiesen hatte. Ich hatte +den Punkt berührt, wo er sich selber mißtrauen mußte. Sein Ideal war +»antiquarisch«, er war ein Sucher nach rückwärts, er war ein Romantiker. +Und plötzlich fühlte ich tief: Gerade das, was Pistorius mir gewesen war +und gegeben hatte, das konnte er sich selbst nicht sein und geben. Er hatte +mich einen Weg geführt, der auch ihn, den Führer, überschreiten und +verlassen mußte. + +Weiß Gott, wie solch ein Wort entsteht! Ich hatte es gar nicht schlimm +gemeint, hatte keine Ahnung von einer Katastrophe gehabt. Ich hatte etwas +ausgesprochen, was ich im Augenblick des Aussprechens selber durchaus nicht +wußte, ich hatte einem kleinen, etwas witzigen, etwas boshaften Einfall +nachgegeben, und es war Schicksal daraus geworden. Ich hatte eine kleine +achtlose Roheit begangen, und für ihn war sie ein Gericht geworden. + +O wie sehr habe ich mir damals gewünscht, er möchte böse geworden sein, er +möchte sich verteidigt, möchte mich angeschrien haben! Er tat nichts davon, +alles das mußte ich, in mir drinnen, selber tun. Er hätte gelächelt, wenn +er gekonnt hätte. Daß er es nicht konnte, daran sah ich am besten, wie sehr +ich ihn getroffen hatte. + +Und indem Pistorius den Schlag von mir, von seinem vorlauten und +undankbaren Schüler, so lautlos hinnahm, indem er schwieg und mir Recht +ließ, indem er mein Wort als Schicksal anerkannte, machte er mich mir +selbst verhaßt, machte er meine Unbesonnenheit tausendmal größer. Als ich +zuschlug, hatte ich einen Starken und Wehrhaften zu treffen gemeint -- nun +war es ein stiller, duldender Mensch, ein Wehrloser, der sich schweigend +ergab. + +Lange Zeit blieben wir vor dem verglimmenden Feuer liegen, in dem jede +glühende Figur, jeder sich krümmende Aschenstab mir glückliche, schöne, +reiche Stunden ins Gedächtnis rief und die Schuld meiner Verpflichtung +gegen Pistorius größer und größer anhäufte. Zuletzt ertrug ich es nicht +mehr. Ich stand auf und ging. Lange stand ich vor seiner Tür, lange auf der +finstern Treppe, lange noch draußen vor dem Hause, wartend, ob er +vielleicht käme und mir nachginge. Dann ging ich weiter und lief Stunden um +Stunden durch Stadt und Vorstädte, Park und Wald, bis zum Abend. Und damals +spürte ich zum erstenmal das Zeichen Kains auf meiner Stirn. + +Nur allmählich kam ich zum Nachdenken. Meine Gedanken hatten alle die +Absicht, mich anzuklagen und Pistorius zu verteidigen. Und alle endeten mit +dem Gegenteil. Tausendmal war ich bereit, mein rasches Wort zu bereuen und +zurückzunehmen -- aber wahr war es doch gewesen. Erst jetzt gelang es mir, +Pistorius zu verstehen, seinen ganzen Traum vor mir aufzubauen. Dieser +Traum war gewesen, ein Priester zu sein, die neue Religion zu verkünden, +neue Formen der Erhebung, der Liebe und Anbetung zu geben, neue Symbole +aufzurichten. Aber dies war nicht seine Kraft, nicht sein Amt. Er verweilte +allzu warm im Gewesenen, er kannte allzu genau das Ehemalige, er wußte +allzu viel von Ägypten, von Indien, von Mithras, von Abraxas. Seine Liebe +war an Bilder gebunden, welche die Erde schon gesehen hatte, und dabei +wußte er im Innersten selber wohl, daß das Neue neu und anders sein, daß es +aus frischem Boden quellen und nicht aus Sammlungen und Bibliotheken +geschöpft werden mußte. Sein Amt war vielleicht, Menschen zu sich selbst +führen zu helfen, wie er es mit mir getan hatte. Ihnen das Unerhörte zu +geben, die neuen Götter, war sein Amt nicht. + +Und hier brannte mich plötzlich wie eine scharfe Flamme die Erkenntnis: -- +Es gab für jeden ein »Amt«, aber für keinen eines, das er selber wählen, +umschreiben und beliebig verwalten durfte. Es war falsch, neue Götter zu +wollen, es war völlig falsch, der Welt irgend etwas geben zu wollen! Es gab +keine, keine, keine Pflicht für erwachte Menschen als die eine: sich selber +zu suchen, in sich fest zu werden, den eigenen Weg vorwärts zu tasten, +einerlei wohin er führte. -- Das erschütterte mich tief, und das war die +Frucht dieses Erlebnisses für mich. Oft hatte ich mit Bildern der Zukunft +gespielt, ich hatte von Rollen geträumt, die mir zugedacht sein könnten, +als Dichter vielleicht oder als Prophet, oder als Maler, oder irgendwie. +All das war nichts. Ich war nicht da, um zu dichten, um zu predigen, um zu +malen, weder ich noch sonst ein Mensch war dazu da. Das alles ergab sich +nur nebenher. Wahrer Beruf für jeden war nur das eine: zu sich selbst zu +kommen. Er mochte als Dichter oder als Wahnsinniger, als Prophet oder als +Verbrecher enden -- dies war nicht seine Sache, ja dies war letzten Endes +belanglos. Seine Sache war, das eigene Schicksal zu finden, nicht ein +beliebiges, und es in sich auszuleben, ganz und ungebrochen. Alles andere +war halb, war Versuch zu entrinnen, war Rückflucht in Ideale der Masse, war +Anpassung und Angst vor dem eigenen Innern. Furchtbar und heilig stieg das +neue Bild vor mir auf, hundertmal geahnt, vielleicht oft schon +ausgesprochen, und doch erst jetzt erlebt. Ich war ein Wurf der Natur, ein +Wurf ins Ungewisse, vielleicht zu Neuem, vielleicht zu Nichts, und diesen +Wurf aus der Urtiefe auswirken zu lassen, seinen Willen in mir zu fühlen +und ihn ganz zu meinem zu machen, das allein war mein Beruf. Das allein! + +Viel Einsamkeit hatte ich schon gekostet. Nun ahnte ich, daß es tiefere +gab, und daß sie unentrinnbar sei. + +Ich machte keinen Versuch, Pistorius zu versöhnen. Wir blieben Freunde, +aber das Verhältnis war geändert. Nur ein einzigesmal sprachen wir darüber, +oder eigentlich nur er war es, der es tat. Er sagte: »Ich habe den Wunsch, +Priester zu werden, das wissen Sie. Ich wollte am liebsten der Priester der +neuen Religion werden, von der wir so manche Ahnungen haben. Ich werde es +nie sein können -- ich weiß es und wußte es, ohne es mir ganz zu gestehen, +schon lange. Ich werde eben andre Priesterdienste tun, vielleicht auf der +Orgel, vielleicht sonstwie. Aber ich muß immer von etwas umgeben sein, was +ich als schön und heilig empfinde, Orgelmusik und Mysterium, Symbol und +Mythus, ich brauche das und will nicht davon lassen. -- Das ist meine +Schwäche. Denn ich weiß manchmal, Sinclair, ich weiß zu Zeiten, daß ich +solche Wünsche nicht haben sollte, daß sie Luxus und Schwäche sind. Es wäre +größer, es wäre richtiger, wenn ich ganz einfach dem Schicksal zur +Verfügung stünde, ohne Ansprüche. Aber ich kann das nicht; es ist das +einzige, was ich nicht kann. Vielleicht können Sie es einmal. Es ist +schwer, es ist das einzige wirklich Schwere, was es gibt, mein Junge. Ich +habe oft davon geträumt, aber ich kann nicht, es schaudert mich davor: ich +kann nicht so völlig nackt und einsam stehen, auch ich bin ein armer +schwacher Hund, der etwas Wärme und Futter braucht und gelegentlich die +Nähe von seinesgleichen spüren möchte. Wer wirklich gar nichts will als +sein Schicksal, der hat nicht seinesgleichen mehr, der steht ganz allein +und hat nur den kalten Weltenraum um sich. Wissen Sie, das ist Jesus im +Garten Gethsemane. Es hat Märtyrer gegeben, die sich gern ans Kreuz +schlagen ließen, aber auch sie waren keine Helden, waren nicht befreit, +auch sie wollten etwas, was ihnen liebgewohnt und heimatlich war, sie +hatten Vorbilder, sie hatten Ideale. Wer nur noch das Schicksal will, der +hat weder Vorbilder noch Ideale mehr, nichts Liebes, nichts Tröstliches hat +er! Und diesen Weg müßte man eigentlich gehen. Leute wie ich und Sie sind +ja recht einsam, aber wir haben doch noch einander, wir haben die heimliche +Genugtuung, anders zu sein, uns aufzulehnen, das Ungewöhnliche zu wollen. +Auch das muß wegfallen, wenn einer den Weg ganz gehen will. Er darf auch +nicht Revolutionär, nicht Beispiel, nicht Märtyrer sein wollen. Es ist +nicht auszudenken --« + +Nein, es war nicht auszudenken. Aber es war zu träumen, es war vorzufühlen, +es war zu ahnen. Einigemal fühlte ich etwas davon, wenn ich eine ganz +stille Stunde fand. Dann blickte ich in mich und sah meinem Schicksalsbild +in die offenstarren Augen. Sie konnten voll Weisheit sein, sie konnten voll +Wahnsinn sein, sie konnten Liebe strahlen oder tiefe Bosheit, es war +einerlei. Nichts davon durfte man wählen, nichts durfte man wollen. Man +durfte nur _sich_ wollen, nur sein Schicksal. Dahin hatte mir Pistorius +eine Strecke weit als Führer gedient. + +In jenen Tagen lief ich wie blind umher, Sturm brauste in mir, jeder +Schritt war Gefahr. Ich sah nichts als die abgründige Dunkelheit vor mir, +in welche alle bisherigen Wege verliefen und hinabsanken. Und in meinem +Innern sah ich das Bild des Führers, der Demian glich und in dessen Augen +mein Schicksal stand. + +Ich schrieb auf ein Papier: »Ein Führer hat mich verlassen. Ich stehe ganz +im Finstern. Ich kann keinen Schritt allein tun. Hilf mir!« + +Das wollte ich an Demian schicken. Doch unterließ ich es; es sah jedesmal, +wenn ich es tun wollte, läppisch und sinnlos aus. Aber ich wußte das kleine +Gebet auswendig und sprach es oft in mich hinein. Es begleitete mich jede +Stunde. Ich begann zu ahnen, was Gebet ist. + + * * * * * + +Meine Schulzeit war zu Ende. Ich sollte eine Ferienreise machen, mein Vater +hatte sich das ausgedacht, und dann sollte ich zur Universität gehen. Zu +welcher Fakultät, das wußte ich nicht. Es war mir ein Semester Philosophie +bewilligt. Ich wäre mit allem andern ebenso zufrieden gewesen. + + + + +Siebentes Kapitel +Frau Eva + + +In den Ferien ging ich einmal zu dem Hause, in welchem vor Jahren Max +Demian mit seiner Mutter gewohnt hatte. Eine alte Frau spazierte im Garten, +ich sprach sie an und erfuhr, daß ihr das Haus gehöre. Ich fragte nach der +Familie Demian. Sie erinnerte sich ihrer gut. Doch wußte sie nicht, wo sie +jetzt wohnten. Da sie mein Interesse spürte, nahm sie mich mit ins Haus, +suchte ein ledernes Album hervor und zeigte mir eine Photographie von +Demians Mutter. Ich konnte mich ihrer kaum mehr erinnern. Aber als ich nun +das kleine Bildnis sah, blieb mir der Herzschlag stehen. -- Das war mein +Traumbild! Das war sie, die große, fast männliche Frauenfigur, ihrem Sohne +ähnlich, mit Zügen von Mütterlichkeit, Zügen von Strenge, Zügen von tiefer +Leidenschaft, schön und verlockend, schön und unnahbar, Dämon und Mutter, +Schicksal und Geliebte. Das war sie! + +Wie ein wildes Wunder durchfuhr es mich, als ich so erfuhr, daß mein +Traumbild auf der Erde lebe! Es gab eine Frau, die so aussah, die die Züge +meines Schicksals trug! Wo war sie? Wo? -- Und sie war Demians Mutter! + +Bald darauf trat ich meine Reise an. Eine sonderbare Reise! Ich fuhr +rastlos von Ort zu Ort, jedem Einfall nach, immer auf der Suche nach dieser +Frau. Es gab Tage, da traf ich lauter Gestalten, die an sie erinnerten, an +sie anklangen, die ihr glichen, die mich durch Gassen fremder Städte, durch +Bahnhöfe, in Eisenbahnzüge lockten, wie in verwickelten Träumen. Es gab +andere Tage, da sah ich ein, wie unnütz mein Suchen sei; dann saß ich +untätig irgendwo in einem Park, in einem Hotelgarten, in einem Wartesaal, +und schaute in mich hinein und versuchte das Bild in mir lebendig zu +machen. Aber es war jetzt scheu und flüchtig geworden. Nie konnte ich +schlafen, nur auf den Bahnfahrten durch unbekannte Landschaften nickte ich +für Viertelstunden ein. Einmal, in Zürich, stellte eine Frau mir nach, ein +hübsches, etwas freches Weib. Ich sah sie kaum und ging weiter, als wäre +sie Luft. Lieber wäre ich sofort gestorben, als daß ich einer andern Frau +auch nur für eine Stunde Teilnahme geschenkt hätte. + +Ich spürte, daß mein Schicksal mich zog, ich spürte, daß die Erfüllung nahe +sei, und ich war toll vor Ungeduld, daß ich nichts dazu tun konnte. Einst +auf einem Bahnhof, ich glaube, es war in Innsbruck, sah ich in einem eben +wegfahrenden Zug am Fenster eine Gestalt, die mich an sie erinnerte, und +war tagelang unglücklich. Und plötzlich erschien die Gestalt mir wieder +nachts in einem Traume, ich erwachte mit einem beschämten und öden Gefühl +von der Sinnlosigkeit meiner Jagd, und fuhr geraden Weges nach Hause +zurück. + +Ein paar Wochen später ließ ich mich auf der Universität H. einschreiben. +Alles enttäuschte mich. Das Kolleg über Geschichte der Philosophie, das ich +hörte, war ebenso wesenlos und fabrikmäßig wie das Treiben der studierenden +Jünglinge. Alles war so nach der Schablone, einer tat wie der andere, und +die erhitzte Fröhlichkeit auf den knabenhaften Gesichtern sah so betrübend +leer und fertiggekauft aus! Aber ich war frei, ich hatte meinen ganzen Tag +für mich, wohnte still und schön in altem Gemäuer vor der Stadt und hatte +auf meinem Tisch ein paar Bände Nietzsche liegen. Mit ihm lebte ich, fühlte +die Einsamkeit seiner Seele, witterte das Schicksal, das ihn unaufhaltsam +trieb, litt mit ihm und war selig, daß es einen gegeben hatte, der so +unerbittlich seinen Weg gegangen war. + +Spät am Abend schlenderte ich einst durch die Stadt, im wehenden +Herbstwind, und hörte aus den Wirtshäusern die Studentenvereine singen. Aus +geöffneten Fenstern drang Tabakrauch in Wolken hervor, und in dickem +Schwall der Gesang, laut und straff, doch unbeschwingt und leblos uniform. + +Ich stand an einer Straßenecke und hörte zu, aus zwei Kneipen scholl die +pünktlich ausgeübte Munterkeit der Jugend in die Nacht. Überall +Gemeinsamkeit, überall Zusammenhocken, überall Abladen des Schicksals und +Flucht in warme Herdennähe! + +Hinter mir gingen zwei Männer langsam vorüber. Ich hörte ein Stück von +ihrem Gespräch. + +»Ist es nicht genau wie das Jungemännerhaus in einem Negerdorf?« sagte der +eine. »Alles stimmt, sogar das Tätowieren ist noch Mode. Sehen Sie, das ist +das junge Europa.« + +Die Stimme klang mir wunderlich mahnend -- bekannt. Ich ging den beiden in +der dunklen Gasse nach. Der eine war ein Japaner, klein und elegant, ich +sah unter einer Laterne sein gelbes lächelndes Gesicht aufglänzen. + +Da sprach der andere wieder. + +»Nun, es wird bei Ihnen in Japan auch nicht besser sein. Die Leute, die +nicht der Herde nachlaufen, sind überall selten. Es gibt auch hier welche.« + +Jedes Wort durchdrang mich mit freudigem Schrecken. Ich kannte den +Sprecher. Es war Demian. + +In der windigen Nacht folgte ich ihm und dem Japaner durch die dunkeln +Gassen, hörte ihren Gesprächen zu und genoß den Klang von Demians Stimme. +Sie hatte den alten Ton, sie hatte die alte, schöne Sicherheit und Ruhe, +und sie hatte die alte Macht über mich. Nun war alles gut. Ich hatte ihn +gefunden. + +Am Ende einer vorstädtischen Straße nahm der Japaner Abschied und schloß +eine Haustür auf. Demian ging den Weg zurück, ich war stehen geblieben und +erwartete ihn mitten in der Straße. Mit Herzklopfen sah ich ihn mir +entgegen kommen, aufrecht und elastisch, in einem braunen Gummimantel, +einen dünnen Stock am Arme eingehängt. Er kam, ohne seinen gleichmäßigen +Schritt zu ändern, bis dicht vor mich hin, nahm den Hut ab und zeigte mir +sein altes, helles Gesicht mit dem entschlossenen Mund und der +eigentümlichen Helligkeit auf der breiten Stirn. + +»Demian!« rief ich. + +Er streckte mir die Hand entgegen. + +»Also da bist du, Sinclair! Ich habe dich erwartet.« + +»Wußtest du, daß ich hier bin?« + +»Ich wußte es nicht gerade, aber ich hoffte es bestimmt. Gesehen habe ich +dich erst heute abend, du bist uns ja die ganze Zeit nachgegangen.« + +»Du kanntest mich also gleich?« + +»Natürlich. Du hast dich zwar verändert. Aber du hast ja das Zeichen.« + +»Das Zeichen? Was für ein Zeichen?« + +»Wir nannten es früher das Kainszeichen, wenn du dich noch erinnern kannst. +Es ist unser Zeichen. Du hast es immer gehabt, darum bin ich dein Freund +geworden. Aber jetzt ist es deutlicher geworden.« + +»Ich wußte es nicht. Oder eigentlich doch. Einmal habe ich ein Bild von dir +gemalt, Demian, und war erstaunt, daß es auch mir ähnlich war. War das das +Zeichen?« + +»Das war es. Gut, daß du nun da bist! Auch meine Mutter wird sich freuen.« + +Ich erschrak. + +»Deine Mutter? Ist sie hier? Sie kennt mich ja gar nicht.« + +»O, sie weiß von dir. Sie wird dich kennen, auch ohne daß ich ihr sage, wer +du bist. -- Du hast lange nichts von dir hören lassen.« + +»O, ich wollte oft schreiben, aber es ging nicht. Seit einiger Zeit habe +ich gespürt, daß ich dich bald finden müsse. Ich habe jeden Tag darauf +gewartet.« + +Er schob seinen Arm in meinen und ging mit mir weiter. Ruhe ging von ihm +aus und zog in mich ein. Wir plauderten bald wie früher. Wir gedachten der +Schulzeit, des Konfirmationsunterrichtes, auch jenes unglücklichen +Beisammenseins damals in den Ferien -- nur von dem frühesten und engsten +Bande zwischen uns, von der Geschichte mit Franz Kromer, war auch jetzt +nicht die Rede. + +Unversehens waren wir mitten in seltsamen und ahnungsvollen Gesprächen. Wir +hatten, an jene Unterhaltung Demians mit dem Japaner anklingend, vom +Studentenleben gesprochen und waren von da auf anderes gekommen, das weitab +zu liegen schien; doch verband es sich in Demians Worten zu einem innigen +Zusammenhang. + +Er sprach vom Geist Europas und von der Signatur dieser Zeit. Überall, +sagte er, herrsche Zusammenschluß und Herdenbildung, aber nirgends Freiheit +und Liebe. Alle diese Gemeinsamkeit, von der Studentenverbindung und dem +Gesangverein bis zu den Staaten, sei eine Zwangsbildung, es sei eine +Gemeinschaft aus Angst, aus Furcht, aus Verlegenheit, und sie sei im Innern +faul und alt und dem Zusammenbruch nahe. + +»Gemeinsamkeit,« sagte Demian, »ist eine schöne Sache. Aber was wir da +überall blühen sehen, ist gar keine. Sie wird neu entstehen, aus dem +Voneinanderwissen der einzelnen, und sie wird für eine Weile die Welt +umformen. Was jetzt an Gemeinsamkeit da ist, ist nur Herdenbildung. Die +Menschen fliehen zueinander, weil sie voreinander Angst haben -- die Herren +für sich, die Arbeiter für sich, die Gelehrten für sich! Und warum haben +sie Angst? Man hat nur Angst, wenn man mit sich selber nicht einig ist. Sie +haben Angst, weil sie sich nie zu sich selber bekannt haben. Eine +Gemeinschaft von lauter Menschen, die vor dem Unbekannten in sich selber +Angst haben! Sie fühlen alle, daß ihre Lebensgesetze nicht mehr stimmen, +daß sie nach alten Tafeln leben, weder ihre Religionen noch ihre +Sittlichkeit, nichts von allem ist dem angemessen, was wir brauchen. +Hundert und mehr Jahre lang hat Europa bloß noch studiert und Fabriken +gebaut! Sie wissen genau, wieviel Gramm Pulver man braucht, um einen +Menschen zu töten, aber sie wissen nicht, wie man zu Gott betet, sie wissen +nicht einmal, wie man eine Stunde lang vergnügt sein kann. Sieh dir einmal +so eine Studentenkneipe an! Oder gar einen Vergnügungsort, wo die reichen +Leute hinkommen! Hoffnungslos! -- Lieber Sinclair, aus alledem kann nichts +Heiteres kommen. Diese Menschen, die sich so ängstlich zusammentun, sind +voll von Angst und voll von Bosheit, keiner traut dem andern. Sie hängen an +Idealen, die keine mehr sind, und steinigen jeden, der ein neues aufstellt. +Ich spüre, daß es Auseinandersetzungen gibt. Sie werden kommen, glaube mir, +sie werden bald kommen! Natürlich werden sie die Welt nicht >verbessern<. +Ob die Arbeiter ihre Fabrikanten totschlagen, oder ob Rußland oder +Deutschland aufeinander schießen, es werden nur Besitzer getauscht. Aber +umsonst wird es doch nicht sein. Es wird die Wertlosigkeit der heutigen +Ideale dartun, es wird ein Aufräumen mit steinzeitlichen Göttern geben. +Diese Welt, wie sie jetzt ist, will sterben, sie will zugrunde gehen, und +sie wird es.« + +»Und was wird dabei aus uns?« fragte ich. + +»Aus uns? O, vielleicht gehen wir mit zugrunde. Totschlagen kann man ja +auch unsereinen. Nur daß wir damit nicht erledigt sind. Um das, was von uns +bleibt, oder um die von uns, die es überleben, wird der Wille der Zukunft +sich sammeln. Der Wille der Menschheit wird sich zeigen, den unser Europa +eine Zeitlang mit seinem Jahrmarkt von Technik und Wissenschaft überschrien +hat. Und dann wird sich zeigen, daß der Wille der Menschheit nie und +nirgends gleich ist mit dem der heutigen Gemeinschaften, der Staaten und +Völker, der Vereine und Kirchen. Sondern das, was die Natur mit dem +Menschen will, steht in den einzelnen geschrieben, in dir und mir. Es stand +in Jesus, es stand in Nietzsche. Für diese allein wichtigen Strömungen -- +die natürlich jeden Tag anders aussehen können, wird Raum sein, wenn die +heutigen Gemeinschaften zusammenbrechen.« + +Wir machten spät vor einem Garten am Flusse halt. + +»Hier wohnen wir,« sagte Demian. »Komm bald zu uns! Wir erwarten dich +sehr.« + +Freudig ging ich durch die kühl gewordene Nacht meinen weiten Heimweg. Da +und dort lärmten und schwankten heimkehrende Studenten durch die Stadt. Oft +hatte ich den Gegensatz zwischen ihrer komischen Art von Fröhlichkeit und +meinem einsamen Leben empfunden, oft mit einem Gefühl von Entbehrung, oft +mit Spott. Aber noch nie hatte ich so wie heute mit Ruhe und geheimer Kraft +gefühlt, wie wenig mich das anging, wie fern und verschollen diese Welt für +mich war. Ich erinnerte mich an Beamte meiner Vaterstadt, alte würdige +Herren, welche an den Erinnerungen ihrer verkneipten Semester hingen wie an +Andenken eines seligen Paradieses und mit der entschwundenen »Freiheit« +ihrer Studentenjahre einen Kultus trieben wie ihn sonst etwa Dichter oder +andere Romantiker der Kindheit widmen. Überall dasselbe! Überall suchten +sie die »Freiheit« und das »Glück« irgendwo hinter sich, aus lauter Angst, +sie könnten ihrer eigenen Verantwortlichkeit erinnert und an ihren eigenen +Weg gemahnt werden. Ein paar Jahre wurde gesoffen und gejubelt, und dann +kroch man unter und wurde ein seriöser Herr im Staatsdienst. Ja, es war +faul, faul bei uns, und diese Studentendummheit war weniger dumm und +weniger schlimm als hundert andere. + +Als ich jedoch in meiner entlegenen Wohnung angekommen war und mein Bett +suchte, waren alle diese Gedanken verflogen, und mein ganzer Sinn hing +wartend an dem großen Versprechen, das mir dieser Tag gegeben hatte. Sobald +ich wollte, morgen schon, sollte ich Demians Mutter sehen. Mochten die +Studenten ihre Kneipen abhalten und sich die Gesichter tätowieren, mochte +die Welt faul sein und auf ihren Untergang warten -- was ging es mich an! +Ich wartete einzig darauf, daß mein Schicksal mir in einem neuen Bilde +entgegentrete. + +Ich schlief fest bis spät am Morgen. Der neue Tag brach für mich als ein +feierlicher Festtag an, wie ich seit den Weihnachtsfeiern meiner Knabenzeit +keinen mehr erlebt hatte. Ich war voll innerster Unruhe, doch ohne jede +Angst. Ich fühlte, daß ein wichtiger Tag für mich angebrochen sei, ich sah +und empfand die Welt um mich her verwandelt, wartend, beziehungsvoll und +feierlich, auch der leise fließende Herbstregen war schön, still und +festtäglich voll ernstfroher Musik. Zum erstenmal klang die äußere Welt mit +meiner innern rein zusammen -- dann ist Feiertag der Seele, dann lohnt es +sich zu leben. Kein Haus, kein Schaufenster, kein Gesicht auf der Gasse +störte mich, alles war, wie es sein mußte, trug aber nicht das leere +Gesicht des Alltäglichen und Gewohnten, sondern war wartende Natur, stand +ehrfurchtsvoll dem Schicksal bereit. So hatte ich als kleiner Knabe die +Welt am Morgen der großen Feiertage gesehen, am Christtag und an Ostern. +Ich hatte nicht gewußt, daß diese Welt noch so schön sein könne. Ich hatte +mich daran gewöhnt, in mich hineinzuleben und mich damit abzufinden, daß +mir der Sinn für das da draußen eben verloren gegangen sei, daß der Verlust +der glänzenden Farben unvermeidlich mit dem Verlust der Kindheit +zusammenhänge und daß man gewissermaßen die Freiheit und Mannheit der Seele +mit dem Verzicht auf diesen holden Schimmer bezahlen müsse. Nun sah ich +entzückt, daß dies alles nur verschüttet und verdunkelt gewesen war und daß +es möglich sei, auch als Freigewordener und auf Kinderglück Verzichtender +die Welt strahlen zu sehen und die innigen Schauer des kindlichen Sehens zu +kosten. + +Es kam die Stunde, da ich den Vorstadtgarten wiederfand, bei dem ich mich +diese Nacht von Max Demian verabschiedet hatte. Hinter hohen regengrauen +Bäumen verborgen, stand ein kleines Haus, hell und wohnlich, hohe +Blumenstauden hinter einer großen Glaswand, hinter blanken Fenstern dunkle +Zimmerwände mit Bildern und Bücherreihen. Die Haustür führte unmittelbar in +eine kleine erwärmte Halle, eine stumme alte Magd, schwarz, mit weißer +Schürze, führte mich ein und nahm mir den Mantel ab. + +Sie ließ mich in der Halle allein. Ich sah mich um, und sogleich war ich +mitten in meinem Traume. Oben an der dunkeln Holzwand, über einer Tür, hing +unter Glas in einem schwarzen Rahmen ein wohlbekanntes Bild, mein Vogel mit +dem goldgelben Sperberkopf, der sich aus der Weltschale schwang. Ergriffen +blieb ich stehen -- mir war so froh und weh ums Herz, als kehre in diesem +Augenblick alles, was ich je getan und erlebt, zu mir zurück als Antwort +und Erfüllung. Blitzschnell sah ich eine Menge von Bildern an meiner Seele +vorüberlaufen: das heimatliche Vaterhaus mit dem alten Steinwappen überm +Torbogen, den Knaben Demian, der das Wappen zeichnete, mich selbst als +Knaben, angstvoll in den bösen Bann meines Feindes Kromer verstrickt, mich +selbst als Jüngling, in meinem Schülerzimmerchen am stillen Tisch den Vogel +meiner Sehnsucht malend, die Seele verwirrt ins Netz ihrer eigenen Fäden -- +und alles, und alles bis zu diesem Augenblick klang in mir wieder, wurde in +mir bejaht, beantwortet, gutgeheißen. + +Mit naß gewordenen Augen starrte ich auf mein Bild und las in mir selbst. +Da sank mein Blick herab: Unter dem Vogelbilde in der geöffneten Tür stand +eine große Frau in dunklem Kleid. Sie war es. Ich vermochte kein Wort zu +sagen. Aus einem Gesicht, das gleich dem ihres Sohnes ohne Zeit und Alter +und voll von beseeltem Willen war, lächelte die schöne, ehrwürdige Frau mir +freundlich zu. Ihr Blick war Erfüllung, ihr Gruß bedeutete Heimkehr. +Schweigend streckte ich ihr die Hände entgegen. Sie ergriff sie beide mit +festen warmen Händen. + +»Sie sind Sinclair. Ich kannte Sie gleich. Seien Sie willkommen!« + +Ihre Stimme war tief und warm, ich trank sie wie süßen Wein. Und nun +blickte ich auf und in ihr stilles Gesicht, in die schwarzen, +unergründlichen Augen, auf den frischen, reifen Mund, auf die freie, +fürstliche Stirn, die das Zeichen trug. + +»Wie bin ich froh!« sagte ich zu ihr und küßte ihre Hände. »Ich glaube, ich +bin mein ganzes Leben lang immer unterwegs gewesen -- und jetzt bin ich +heimgekommen.« + +Sie lächelte mütterlich. + +»Heim kommt man nie,« sagte sie freundlich. »Aber wo befreundete Wege +zusammenlaufen, da sieht die ganze Welt für eine Stunde wie Heimat aus.« + +Sie sprach aus, was ich auf dem Wege zu ihr gefühlt hatte. Ihre Stimme und +auch ihre Worte waren denen ihres Sohnes sehr ähnlich, und doch ganz +anders. Alles war reifer, wärmer, selbstverständlicher. Aber ebenso wie Max +vor Zeiten auf niemand den Eindruck eines Knaben gemacht hatte, so sah +seine Mutter gar nicht wie die Mutter eines erwachsenen Sohnes aus, so jung +und süß war der Hauch über ihrem Gesicht und Haar, so straff und faltenlos +war ihre goldige Haut, so blühend der Mund. Königlicher noch als in meinem +Traume stand sie vor mir, und ihre Nähe war Liebesglück, ihr Blick war +Erfüllung. + +Dies also war das neue Bild, in dem mein Schicksal sich mir zeigte, nicht +mehr streng, nicht mehr vereinsamend, nein reif und lustvoll! Ich faßte +keine Entschlüsse, tat keine Gelübde -- ich war an ein Ziel gekommen, an +eine hohe Wegstelle, von wo aus der weitere Weg sich weit und herrlich +zeigte, Ländern der Verheißung entgegenstrebend, überschattet von +Baumwipfeln nahen Glückes, gekühlt von nahen Gärten jeder Lust. Mochte es +mir gehen, wie es wollte, ich war selig, diese Frau in der Welt zu wissen, +ihre Stimme zu trinken und ihre Nähe zu atmen. Mochte sie mir Mutter, +Geliebte, Göttin werden -- wenn sie nur da war! wenn nur mein Weg dem ihren +nahe war! + +Sie wies zu meinem Sperberbilde hinauf. + +»Sie haben unsrem Max nie eine größere Freude gemacht als mit diesem Bild,« +sagte sie nachdenklich. »Und mir auch. Wir haben auf Sie gewartet, und als +das Bild kam, da wußten wir, daß Sie auf dem Weg zu uns waren. Als Sie ein +kleiner Knabe waren, Sinclair, da kam eines Tages mein Sohn aus der Schule +und sagte: Es ist ein Junge da, der hat das Zeichen auf der Stirn, der muß +mein Freund werden. Das waren Sie. Sie haben es nicht leicht gehabt, aber +wir haben Ihnen vertraut. Einmal trafen Sie, als Sie in Ferien zu Hause +waren, wieder mit Max zusammen. Sie waren damals so etwa sechzehn Jahre +alt. Max erzählte mir davon --« + +Ich unterbrach: »O, daß er Ihnen das gesagt hat! Es war meine elendeste +Zeit damals!« + +»Ja, Max sagte zu mir: jetzt hat Sinclair das Schwerste vor sich. Er macht +noch einmal einen Versuch, sich in die Gemeinschaft zu flüchten, er ist +sogar ein Wirtshausbruder geworden; aber es wird ihm nicht gelingen. Sein +Zeichen ist verhüllt, aber es brennt ihn heimlich. -- War es nicht so?« + +»O ja, so war es, genau so. Dann fand ich Beatrice, und dann kam endlich +wieder ein Führer zu mir. Er hieß Pistorius. Erst da wurde mir klar, warum +meine Knabenzeit so sehr an Max gebunden war, warum ich nicht von ihm +loskommen konnte. Liebe Frau -- liebe Mutter, ich habe damals oft geglaubt, +ich müsse mir das Leben nehmen. Ist denn der Weg für jeden so schwer?« + +Sie fuhr mit ihrer Hand über mein Haar, leicht wie Luft. + +»Es ist immer schwer, geboren zu werden. Sie wissen, der Vogel hat Mühe, +aus dem Ei zu kommen. Denken Sie zurück und fragen Sie: war der Weg denn so +schwer? -- nur schwer? War er nicht auch schön? Hätten Sie einen schöneren, +einen leichteren gewußt?« + +Ich schüttelte den Kopf. + +»Es war schwer,« sagte ich wie im Schlaf, »es war schwer, bis der Traum +kam.« + +Sie nickte und sah mich durchdringend an. + +»Ja, man muß seinen Traum finden, dann wird der Weg leicht. Aber es gibt +keinen immerwährenden Traum, jeden löst ein neuer ab, und keinen darf man +festhalten wollen.« + +Ich erschrak tief. War das schon eine Warnung? War das schon Abwehr? Aber +einerlei, ich war bereit, mich von ihr führen zu lassen und nicht nach dem +Ziel zu fragen. + +»Ich weiß nicht,« sagte ich, »wie lange mein Traum dauern soll. Ich +wünsche, er wäre ewig. Unter dem Bild des Vogels hat mich mein Schicksal +empfangen, wie eine Mutter, und wie eine Geliebte. Ihm gehöre ich und sonst +niemand.« + +»Solange der Traum Ihr Schicksal ist, solange sollen Sie ihm treu bleiben,« +bestätigte sie ernst. + +Eine Traurigkeit ergriff mich, und der sehnliche Wunsch, in dieser +verzauberten Stunde zu sterben. Ich fühlte die Tränen -- wie unendlich +lange hatte ich nicht mehr geweint! -- unaufhaltsam in mir aufquellen und +mich überwältigen. Heftig wandte ich mich von ihr weg, trat an das Fenster +und blickte mit blinden Augen über die Topfblumen hinweg. + +Hinter mir hörte ich ihre Stimme, sie klang gelassen und war doch so voll +von Zärtlichkeit wie ein bis zum Rande mit Wein gefüllter Becher. + +»Sinclair, Sie sind ein Kind! Ihr Schicksal liebt Sie ja. Einmal wird es +Ihnen ganz gehören, so wie Sie es träumen, wenn Sie treu bleiben.« + +Ich hatte mich bezwungen und wandte ihr das Gesicht wieder zu. Sie gab mir +die Hand. + +»Ich habe ein paar Freunde,« sagte sie lächelnd, »ein paar ganz wenige, +ganz nahe Freunde, die sagen Frau Eva zu mir. Auch Sie sollen mich so +nennen, wenn Sie wollen.« + +Sie führte mich zur Tür, öffnete und deutete in den Garten. »Sie finden Max +da draußen.« + +Unter den hohen Bäumen stand ich betäubt und erschüttert, wacher oder +träumender als jemals, ich wußte es nicht. Sachte tropfte der Regen aus den +Zweigen. Ich ging langsam in den Garten hinein, der sich weit das Flußufer +entlang zog. Endlich fand ich Demian. Er stand in einem offenen +Gartenhäuschen, mit nacktem Oberkörper, und machte vor einem aufgehängten +Sandsäckchen Boxübungen. + +Erstaunt blieb ich stehen. Demian sah prachtvoll aus, die breite Brust, der +feste männliche Kopf, die gehobenen Arme mit gestrafften Muskeln waren +stark und tüchtig, die Bewegungen kamen aus Hüften, Schultern und +Armgelenken hervor wie spielende Quellen. + +»Demian!« rief ich. »Was treibst du denn da?« + +Er lachte fröhlich. + +»Ich übe mich. Ich habe dem kleinen Japaner einen Ringkampf versprochen, +der Kerl ist flink wie eine Katze, und natürlich ebenso tückisch. Aber er +wird nicht mit mir fertig werden. Es ist eine ganz kleine Demütigung, die +ich ihm schuldig bin.« + +Er zog Hemd und Rock über. + +»Du warst schon bei meiner Mutter?« fragte er. + +»Ja. Demian, was hast du für eine herrliche Mutter! Frau Eva! Der Name paßt +vollkommen zu ihr, sie ist wie die Mutter aller Wesen.« + +Er sah mir einen Augenblick nachdenklich ins Gesicht. + +»Du weißt den Namen schon? Du kannst stolz sein, Junge! Du bist der erste, +dem sie ihn schon in der ersten Stunde gesagt hat.« + +Von diesem Tag an ging ich im Hause ein und aus wie ein Sohn und Bruder, +aber auch wie ein Liebender. Wenn ich die Pforte hinter mir schloß, ja +schon wenn ich von weitem die hohen Bäume des Gartens auftauchen sah, war +ich reich und glücklich. Draußen war die »Wirklichkeit«, draußen waren +Straßen und Häuser, Menschen und Einrichtungen, Bibliotheken und Lehrsäle +-- hier drinnen aber war Liebe und Seele, hier lebte das Märchen und der +Traum. Und doch lebten wir keineswegs von der Welt abgeschlossen, wir +lebten in Gedanken und Gesprächen oft mitten in ihr, nur auf einem anderen +Felde, wir waren von der Mehrzahl der Menschen nicht durch Grenzen +getrennt, sondern nur durch eine andere Art des Sehens. Unsre Aufgabe war, +in der Welt eine Insel darzustellen, vielleicht ein Vorbild, jedenfalls +aber die Ankündigung einer anderen Möglichkeit zu leben. Ich lernte, ich +lang Vereinsamter, die Gemeinschaft kennen, die zwischen Menschen möglich +ist, welche das völlige Alleinsein gekostet haben. Nie mehr begehrte ich zu +den Tafeln der Glücklichen, zu den Festen der Fröhlichen zurück, nie mehr +flog mich Neid oder Heimweh an, wenn ich die Gemeinsamkeiten der andern +sah. Und langsam wurde ich eingeweiht in das Geheimnis derer, welche »das +Zeichen« an sich trugen. + +Wir, die mit dem Zeichen, mochten mit Recht der Welt für seltsam, ja für +verrückt und gefährlich gelten. Wir waren Erwachte, oder Erwachende, und +unser Streben ging auf ein immer vollkommneres Wachsein, während das +Streben und Glücksuchen der anderen darauf ging, ihre Meinungen, ihre +Ideale und Pflichten, ihr Leben und Glück immer enger an das der Herde zu +binden. Auch dort war Streben, auch dort war Kraft und Größe. Aber während, +nach unserer Auffassung, wir Gezeichneten den Willen der Natur zum Neuen, +zum Vereinzelten und Zukünftigen darstellten, lebten die andern in einem +Willen des Beharrens. Für sie war die Menschheit -- welche sie liebten wie +wir -- etwas Fertiges, das erhalten und geschützt werden mußte. Für uns war +die Menschheit eine ferne Zukunft, nach welcher wir alle unterwegs waren, +deren Bild niemand kannte, deren Gesetze nirgend geschrieben standen. + +Außer Frau Eva, Max und mir gehörten zu unsrem Kreise, näher oder ferner, +noch manche Suchende von sehr verschiedener Art. Manche von ihnen gingen +besondere Pfade, hatten sich abgesonderte Ziele gesteckt und hingen an +besonderen Meinungen und Pflichten, unter ihnen waren Astrologen und +Kabbalisten, auch ein Anhänger des Grafen Tolstoi, und allerlei zarte, +scheue, verwundbare Menschen, Anhänger neuer Sekten, Pfleger indischer +Übungen, Pflanzenesser und andre. Mit diesen allen hatten wir eigentlich +nichts Geistiges gemein als die Achtung, die ein jeder dem geheimen +Lebenstraum des andern gönnte. Andre standen uns näher, welche das Suchen +der Menschheit nach Göttern und neuen Wunschbildern in der Vergangenheit +verfolgten und deren Studien mich oft an die meines Pistorius erinnerten. +Sie brachten Bücher mit, übersetzten uns Texte alter Sprachen, zeigten uns +Abbildungen alter Symbole und Riten, und lehrten uns sehen, wie der ganze +Besitz der bisherigen Menschheit an Idealen aus Träumen der unbewußten +Seele bestand, aus Träumen, in welchen die Menschheit tastend den Ahnungen +ihrer Zukunftsmöglichkeiten nachging. So durchliefen wir den wunderbaren, +tausendköpfigen Götterknäuel der alten Welt bis zum Herandämmern der +christlichen Umkehr. Die Bekenntnisse der einsamen Frommen wurden uns +bekannt, und die Wandlungen der Religionen von Volk zu Volk. Und aus allem, +was wir sammelten, ergab sich uns die Kritik unserer Zeit und des jetzigen +Europa, das in ungeheuren Bestrebungen mächtige neue Waffen der Menschheit +erschaffen hatte, endlich aber in eine tiefe und zuletzt schreiende +Verödung des Geistes geraten war. Denn es hatte die ganze Welt gewonnen, um +seine Seele darüber zu verlieren. + +Auch hier gab es Gläubige und Bekenner bestimmter Hoffnungen und +Heilslehren. Es gab Buddhisten, die Europa bekehren wollten, und +Tolstoijünger, und andre Bekenntnisse. Wir im engern Kreise hörten zu und +nahmen keine dieser Lehren anders an denn als Sinnbilder. Uns Gezeichneten +lag keine Sorge um die Gestaltung der Zukunft ob. Uns schien jedes +Bekenntnis, jede Heilslehre schon im voraus tot und nutzlos. Und wir +empfanden einzig das als Pflicht und Schicksal: daß jeder von uns so ganz +er selbst werde, so ganz dem in ihm wirksamen Keim der Natur gerecht werde +und zu Willen lebe, daß die ungewisse Zukunft uns zu allem und jedem bereit +finde, was sie bringen möchte. + +Denn dies war, gesagt und ungesagt, uns allen im Gefühl deutlich, daß eine +Neugeburt und ein Zusammenbruch des Jetzigen nahe und schon spürbar sei. +Demian sagte mir manchmal: »Was kommen wird, ist unausdenklich. Die Seele +Europas ist ein Tier, das unendlich lang gefesselt lag. Wenn es frei wird, +werden seine ersten Regungen nicht die lieblichsten sein. Aber die Wege und +Umwege sind belanglos, wenn nur die wahre Not der Seele zutage kommt, die +man seit so langem immer und immer wieder weglügt und betäubt. Dann wird +unser Tag sein, dann wird man uns brauchen, nicht als Führer oder neue +Gesetzgeber -- die neuen Gesetze erleben wir nicht mehr -- eher als +Willige, als solche, die bereit sind, mitzugehen und da zu stehen, wohin +das Schicksal ruft. Sieh, alle Menschen sind bereit, das Unglaubliche zu +tun, wenn ihre Ideale bedroht werden. Aber keiner ist da, wenn ein neues +Ideal, eine neue, vielleicht gefährliche und unheimliche Regung des +Wachstums anklopft. Die wenigen, welche dann da sind und mitgehen, werden +wir sein. Dazu sind wir gezeichnet -- wie Kain dazu gezeichnet war, Furcht +und Haß zu erregen und die damalige Menschheit aus einem engen Idyll in +gefährliche Weiten zu treiben. Alle Menschen, die auf den Gang der +Menschheit gewirkt haben, alle ohne Unterschied waren nur darum fähig und +wirksam, weil sie schicksalbereit waren. Das paßt auf Moses und Buddha, es +paßt auf Napoleon und auf Bismarck. Welcher Welle einer dient, von welchem +Pol aus er regiert wird, das liegt nicht in seiner Wahl. Wenn Bismarck die +Sozialdemokraten verstanden und sich auf sie eingestellt hätte, so wäre er +ein kluger Herr gewesen, aber kein Mann des Schicksals. So war es mit +Napoleon, mit Cäsar, mit Loyola, mit allen! Man muß sich das immer +biologisch und entwicklungsgeschichtlich denken! Als die Umwälzungen auf +der Erdoberfläche die Wassertiere ans Land, Landtiere ins Wasser warf, da +waren es die schicksalbereiten Exemplare, die das Neue und Unerhörte +vollziehen und ihre Art durch neue Anpassungen retten konnten. Ob es +dieselben Exemplare waren, welche vorher in ihrer Art als Konservative und +Erhaltende hervorragten, oder eher die Sonderlinge und Revolutionäre, das +wissen wir nicht. Sie waren bereit, und darum konnten sie ihre Art in neue +Entwicklungen hinüber retten. Das wissen wir. Darum wollen wir bereit +sein.« + +Bei solchen Gesprächen war Frau Eva oft dabei, doch sprach sie selbst nicht +in dieser Weise mit. Sie war für jeden von uns, der seine Gedanken äußerte, +ein Zuhörer und Echo, voll von Vertrauen, voll von Verständnis, es schien, +als kämen die Gedanken alle aus ihr und kehrten zu ihr zurück. In ihrer +Nähe zu sitzen, zuweilen ihre Stimme zu hören und teilzuhaben an der +Atmosphäre von Reife und Seele, die sie umgab, war für mich Glück. + +Sie empfand es sogleich, wenn in mir irgendeine Veränderung, eine Trübung +oder Erneuerung im Gange war. Es schien mir, als seien die Träume, die ich +im Schlaf hatte, Eingebungen von ihr. Ich erzählte sie ihr oft, und sie +waren ihr verständlich und natürlich, es gab keine Sonderbarkeiten, denen +sie nicht mit klarem Fühlen folgen konnte. Eine Zeitlang hatte ich Träume, +die wie Nachbildungen unsrer Tagesgespräche waren. Ich träumte, daß die +ganze Welt in Aufruhr sei und daß ich, allein oder mit Demian, angespannt +auf das große Schicksal warte. Das Schicksal blieb verhüllt, trug aber +irgendwie die Züge der Frau Eva -- von ihr erwählt oder verworfen zu +werden, das war das Schicksal. + +Manchmal sagte sie mit Lächeln: »Ihr Traum ist nicht ganz, Sinclair, Sie +haben das Beste vergessen --« und es konnte geschehen, daß es mir dann +wieder einfiel und ich nicht begreifen konnte, wie ich das hatte vergessen +können. + +Zu Zeiten wurde ich unzufrieden und von Begehren gequält. Ich meinte es +nicht mehr ertragen zu können, sie neben mir zu sehen, ohne sie in die Arme +zu schließen. Auch das bemerkte sie sofort. Als ich einst mehrere Tage +wegblieb und dann verstört wiederkam, nahm sie mich beiseite und sagte: +»Sie sollen sich nicht an Wünsche hingeben, an die Sie nicht glauben. Ich +weiß, was Sie wünschen. Sie müssen diese Wünsche aufgeben können, oder sie +ganz und richtig wünschen. Wenn Sie einmal so zu bitten vermögen, daß Sie +der Erfüllung in sich ganz gewiß sind, dann ist auch die Erfüllung da. Sie +wünschen aber, und bereuen es wieder, und haben Angst dabei. Das muß alles +überwunden werden. Ich will Ihnen ein Märchen erzählen.« + +Und sie erzählte mir von einem Jüngling, der in einen Stern verliebt war. +Am Meere stand er, streckte die Hände aus und betete den Stern an, er +träumte von ihm und richtete seine Gedanken an ihn. Aber er wußte, oder +meinte zu wissen, daß ein Stern nicht von einem Menschen umarmt werden +könne. Er hielt es für sein Schicksal, ohne Hoffnung auf Erfüllung ein +Gestirn zu lieben, und er baute aus diesem Gedanken eine ganze +Lebensdichtung von Verzicht und stummem, treuem Leiden, das ihn bessern und +läutern sollte. Seine Träume gingen aber alle auf den Stern. Einmal stand +er wieder bei Nacht am Meere, auf der hohen Klippe, und blickte in den +Stern und brannte vor Liebe zu ihm. Und in einem Augenblick größter +Sehnsucht tat er den Sprung und stürzte sich ins Leere, dem Stern entgegen. +Aber im Augenblick des Springens noch dachte er blitzschnell: es ist ja +doch unmöglich! Da lag er unten am Strand und war zerschmettert. Er +verstand nicht zu lieben. Hätte er im Augenblick, wo er sprang, die +Seelenkraft gehabt, fest und sicher an die Erfüllung zu glauben, er wäre +nach oben geflogen und mit dem Stern vereinigt worden. + +»Liebe muß nicht bitten,« sagte sie, »auch nicht fordern. Liebe muß die +Kraft haben, in sich selbst zur Gewißheit zu kommen. Dann wird sie nicht +mehr gezogen, sondern zieht. Sinclair, Ihre Liebe wird von mir gezogen. +Wenn sie mich einmal zieht, so komme ich. Ich will keine Geschenke geben, +ich will gewonnen werden.« + +Ein anderesmal aber erzählte sie mir ein anderes Märchen. Es war ein +Liebender, der ohne Hoffnung liebte. Er zog sich ganz in seine Seele zurück +und meinte vor Liebe zu verbrennen. Die Welt ging ihm verloren, er sah den +blauen Himmel und den grünen Wald nicht mehr, der Bach rauschte ihm nicht, +die Harfe klang ihm nicht, alles war versunken, und er war arm und elend +geworden. Seine Liebe aber wuchs, und er wollte viel lieber sterben und +verkommen, als auf den Besitz der schönen Frau verzichten, die er liebte. +Da spürte er, wie seine Liebe alles andre in ihm verbrannt hatte, und sie +wurde mächtig und zog und zog, und die schöne Frau mußte folgen, sie kam, +er stand mit ausgebreiteten Armen, um sie an sich zu ziehen. Wie sie aber +vor ihm stand, da war sie ganz verwandelt, und mit Schauern fühlte und sah +er, daß er die ganze verlorene Welt zu sich her gezogen hatte. Sie stand +vor ihm und ergab sich ihm, Himmel und Wald und Bach, alles kam in neuen +Farben frisch und herrlich ihm entgegen, gehörte ihm, sprach seine Sprache. +Und statt bloß ein Weib zu gewinnen, hatte er die ganze Welt am Herzen, und +jeder Stern am Himmel glühte in ihm und funkelte Lust durch seine Seele. -- +Er hatte geliebt und dabei sich selbst gefunden. Die meisten aber lieben, +um sich dabei zu verlieren. + +Meine Liebe zu Frau Eva schien mir der einzige Inhalt meines Lebens zu +sein. Aber jeden Tag sah sie anders aus. Manchmal glaubte ich bestimmt zu +fühlen, daß es nicht ihre Person sei, nach der mein Wesen hingezogen +strebte, sondern sie sei nur ein Sinnbild meines Inneren und wolle mich nur +tiefer in mich selbst hinein führen. Oft hörte ich Worte von ihr, die mir +klangen wie Antworten meines Unbewußten auf brennende Fragen, die mich +bewegten. Dann wieder gab es Augenblicke, in denen ich neben ihr vor +sinnlichem Verlangen brannte, und Gegenstände küßte, die sie berührt hatte. +Und allmählich schoben sich sinnliche und unsinnliche Liebe, Wirklichkeit +und Symbol übereinander. Dann geschah es, daß ich daheim in meinem Zimmer +an sie dachte, in ruhiger Innigkeit, und dabei ihre Hand in meiner und ihre +Lippen auf meinen zu fühlen meinte. Oder ich war bei ihr, sah ihr ins +Gesicht, sprach mit ihr und hörte ihre Stimme, und wußte doch nicht, ob sie +wirklich und nicht ein Traum sei. Ich begann zu ahnen, wie man eine Liebe +dauernd und unsterblich besitzen kann. Ich hatte beim Lesen eines Buches +eine neue Erkenntnis, und es war dasselbe Gefühl wie ein Kuß von Frau Eva. +Sie streichelte mir das Haar und lächelte mir ihre reife duftende Wärme zu, +und ich hatte dasselbe Gefühl, wie wenn ich in mir selbst einen Fortschritt +gemacht hatte. Alles, was wichtig und Schicksal für mich war, konnte ihre +Gestalt annehmen. Sie konnte sich in jeden meiner Gedanken verwandeln, und +jeder sich in sie. + +Auf die Weihnachtsfeiertage, in denen ich bei meinen Eltern war, hatte ich +mich gefürchtet, weil ich meinte, es müsse eine Qual sein, zwei Wochen lang +entfernt von Frau Eva zu leben. Aber es war keine Qual, es war herrlich, zu +Hause zu sein und an sie zu denken. Als ich nach H. zurückgekommen war, +blieb ich noch zwei Tage ihrem Hause fern, um diese Sicherheit und +Unabhängigkeit von ihrer sinnlichen Gegenwart zu genießen. Auch hatte ich +Träume, in denen meine Vereinigung mit ihr sich auf neue gleichnishafte +Arten vollzog. Sie war ein Meer, in das ich strömend mündete. Sie war ein +Stern, und ich selbst war als ein Stern zu ihr unterwegs, und wir trafen +uns und fühlten uns zueinander gezogen, blieben beisammen und drehten uns +selig für alle Zeiten in nahen, tönenden Kreisen umeinander. + +Diesen Traum erzählte ich ihr, als ich sie zuerst wieder besuchte. + +»Der Traum ist schön,« sagte sie still. »Machen Sie ihn wahr!« + +In der Vorfrühlingszeit kam ein Tag, den ich nie vergessen habe. Ich trat +in die Halle, ein Fenster stand offen und ein lauer Luftstrom wälzte den +schweren Geruch der Hyazinthen durch den Raum. Da niemand zu sehen war, +ging ich die Treppe hinauf in Max Demians Studierzimmer. Ich pochte leicht +an die Tür und trat ein, ohne auf einen Ruf zu warten, wie ich es gewohnt +war. + +Das Zimmer war dunkel, die Vorhänge alle zugezogen. Die Türe zu einem +kleinen Nebenraum stand offen, wo Max ein chemisches Laboratorium +eingerichtet hatte. Von dorther kam das helle, weiße Licht der +Frühlingssonne, die durch Regenwolken schien. Ich glaubte, es sei niemand +da, und schlug einen der Vorhänge zurück. + +Da sah ich auf einem Schemel nahe beim verhängten Fenster Max Demian +sitzen, zusammengekauert und seltsam verändert, und wie ein Blitz durchfuhr +mich ein Gefühl: das hast du schon einmal erlebt! Er hatte die Arme +regungslos hängen, die Hände im Schoß, sein etwas vorgeneigtes Gesicht mit +offenen Augen war blicklos und erstorben, im Augenstern blinkte tot ein +kleiner greller Lichtreflex, wie in einem Stück Glas. Das bleiche Gesicht +war in sich versunken und ohne anderen Ausdruck als den einer ungeheuren +Starrheit, es sah aus wie eine uralte Tiermaske am Portal eines Tempels. Er +schien nicht zu atmen. + +Erinnerung überschauerte mich -- so, genau so hatte ich ihn schon einmal +gesehen, vor vielen Jahren, als ich noch ein kleiner Junge war. So hatten +die Augen nach innen gestarrt, so waren die Hände leblos nebeneinander +gelegen, eine Fliege war ihm übers Gesicht gewandert. Und er hatte damals, +vor vielleicht sechs Jahren, gerade so alt und so zeitlos ausgesehen, keine +Falte im Gesicht war heute anders. + +Von einer Furcht überfallen ging ich leise aus dem Zimmer und die Treppe +hinab. In der Halle traf ich Frau Eva. Sie war bleich und schien ermüdet, +was ich an ihr nicht kannte, ein Schatten flog durchs Fenster, die grelle +weiße Sonne war plötzlich verschwunden. + +»Ich war bei Max,« flüsterte ich rasch. »Ist etwas geschehen? Er schläft, +oder ist versunken, ich weiß nicht, ich sah ihn früher schon einmal so.« + +»Sie haben ihn doch nicht geweckt?« fragte sie rasch. + +»Nein. Er hat mich nicht gehört. Ich ging gleich wieder hinaus. Frau Eva, +sagen Sie mir, was ist mit ihm?« + +Sie fuhr sich mit dem Rücken der Hand über die Stirn. + +»Seien Sie ruhig, Sinclair, es geschieht ihm nichts. Er hat sich +zurückgezogen. Es wird nicht lange dauern.« + +Sie stand auf und ging in den Garten hinaus, obwohl es eben zu regnen +anfing. Ich spürte, daß ich nicht mitkommen sollte. So ging ich in der +Halle auf und ab, roch an den betäubend duftenden Hyazinthen, starrte mein +Vogelbild über der Türe an und atmete mit Beklemmung den seltsamen +Schatten, von dem das Haus an diesem Morgen erfüllt war. Was war dies? Was +war geschehen? + +Frau Eva kam bald zurück. Regentropfen hingen ihr im dunkeln Haar. Sie +setzte sich in ihren Lehnstuhl. Müdigkeit lag über ihr. Ich trat neben sie, +beugte mich über sie und küßte die Tropfen aus ihrem Haar. Ihre Augen waren +hell und still, aber die Tropfen schmeckten mir wie Tränen. + +»Soll ich nach ihm sehen?« fragte ich flüsternd. + +Sie lächelte schwach. + +»Seien Sie kein kleiner Junge, Sinclair!« ermahnte sie laut, wie um in sich +selber einen Bann zu brechen. »Gehen Sie jetzt, und kommen Sie später +wieder, ich kann jetzt nicht mit Ihnen reden.« + +Ich ging und lief von Haus und Stadt hinweg gegen die Berge, der schräge +dünne Regen kam mir entgegen, die Wolken trieben niedrig unter schwerem +Druck wie in Angst vorüber. Unten ging kaum ein Wind, in der Höhe schien es +zu stürmen, mehrmals brach für Augenblicke die Sonne bleich und grell aus +dem stählernen Wolkengrau. + +Da kam über den Himmel weg eine lockere gelbe Wolke getrieben, sie staute +sich gegen die graue Wand und der Wind formte in wenigen Sekunden aus dem +Gelben und dem Blauen ein Bild, einen riesengroßen Vogel, der sich aus +blauem Wirrwarr losriß und mit weiten Flügelschlägen in den Himmel hinein +verschwand. Dann wurde der Sturm hörbar, und Regen prasselte mit Hagel +vermischt herab. Ein kurzer, unwahrscheinlich und schreckhaft tönender +Donner krachte über der gepeitschten Landschaft, gleich darauf brach wieder +ein Sonnenblick durch und auf den nahen Bergen überm braunen Wald leuchtete +fahl und unwirklich der bleiche Schnee. + +Als ich naß und verblasen nach Stunden wiederkehrte, öffnete Demian mir +selbst die Haustür. + +Er nahm mich mit sich in sein Zimmer hinauf, im Laboratorium brannte eine +Gasflamme, Papier lag umher, er schien gearbeitet zu haben. + +»Setz dich,« lud er ein, »du wirst müde sein, es war ein scheußliches +Wetter, man sieht, daß du tüchtig draußen warst. Tee kommt gleich.« + +»Es ist heute etwas los,« begann ich zögernd, »es kann nicht nur das +bißchen Gewitter sein.« + +Er sah mich forschend an. + +»Hast du etwas gesehen?« + +»Ja. Ich sah in den Wolken einen Augenblick deutlich ein Bild.« + +»Was für ein Bild?« + +»Es war ein Vogel.« + +»Der Sperber? War er's? Dein Traumvogel?« + +»Ja, es war mein Sperber. Er war gelb und riesengroß und flog in den +blauschwarzen Himmel hinein.« + +Demian atmete tief auf. + +Es klopfte. Die alte Dienerin brachte Tee. + +»Nimm dir, Sinclair, bitte. -- Ich glaube, du hast den Vogel nicht zufällig +gesehen?« + +»Zufällig? Sieht man solche Sachen zufällig?« + +»Gut, nein. Er bedeutet etwas. Weißt du was?« + +»Nein. Ich spüre nur, daß es eine Erschütterung bedeutet, einen Schritt im +Schicksal. Ich glaube, es geht uns alle an.« + +Er ging heftig auf und ab. + +»Einen Schritt im Schicksal!« rief er laut. + +»Dasselbe habe ich heut nacht geträumt, und meine Mutter hatte gestern eine +Ahnung, die sagte das Gleiche. -- Mir hat geträumt, ich stieg eine Leiter +hinauf, an einem Baumstamm oder Turm. Als ich oben war, sah ich das ganze +Land, es war eine große Ebene, mit Städten und Dörfern brennen. Ich kann +noch nicht alles erzählen, es ist mir noch nicht alles klar.« + +»Deutest du den Traum auf dich?« fragte ich. + +»Auf mich? Natürlich. Niemand träumt, was ihn nicht angeht. Aber es geht +mich nicht allein an, da hast du recht. Ich unterscheide ziemlich genau die +Träume, die mir Bewegungen in der eigenen Seele anzeigen, und die anderen, +sehr seltenen, in denen das ganze Menschenschicksal sich andeutet. Ich habe +selten solche Träume gehabt, und nie einen, von dem ich sagen könnte, er +sei eine Prophezeiung gewesen und in Erfüllung gegangen. Die Deutungen sind +zu ungewiß. Aber das weiß ich bestimmt, ich habe etwas geträumt, was nicht +mich allein angeht. Der Traum gehört nämlich zu anderen, früheren, die ich +hatte und die er fortsetzt. Diese Träume sind es, Sinclair, aus denen ich +die Ahnungen habe, von denen ich dir schon sprach. Daß unsre Welt recht +faul ist, wissen wir, das wäre noch kein Grund, ihren Untergang oder +dergleichen zu prophezeien. Aber ich habe seit mehreren Jahren Träume +gehabt, aus denen ich schließe, oder fühle, oder wie du willst -- aus denen +ich also fühle, daß der Zusammenbruch einer alten Welt näher rückt. Es +waren zuerst ganz schwache, entfernte Ahnungen, aber sie sind immer +deutlicher und stärker geworden. Noch weiß ich nichts andres, als daß etwas +Großes und Furchtbares im Anzug ist, das mich mit betrifft. Sinclair, wir +werden das erleben, wovon wir manchmal gesprochen haben! Die Welt will sich +erneuern. Es riecht nach Tod. Nichts Neues kommt ohne Tod. -- Es ist +schrecklicher, als ich gedacht hatte.« Erschrocken starrte ich ihn an. + +»Kannst du mir den Rest deines Traumes nicht erzählen?« bat ich schüchtern. + +Er schüttelte den Kopf. + +»Nein.« + +Die Türe ging und Frau Eva kam herein. + +»Da sitzet ihr beieinander! Kinder, ihr werdet doch nicht traurig sein?« + +Sie sah frisch und gar nicht mehr müde aus. Demian lächelte ihr zu, sie kam +zu uns wie die Mutter zu verängstigten Kindern. + +»Traurig sind wir nicht, Mutter, wir haben bloß ein wenig an diesen neuen +Zeichen gerätselt. Aber es liegt ja nichts daran. Plötzlich wird das, was +kommen will, da sein, und dann werden wir das, was wir zu wissen brauchen, +schon erfahren.« + +Mir aber war schlecht zumut, und als ich Abschied nahm und allein durch die +Halle ging, empfand ich den Hyazinthenduft welk, fad und leichenhaft. Es +war ein Schatten über uns gefallen. + + + + +Achtes Kapitel +Anfang vom Ende + + +Ich hatte es durchgesetzt, noch das Sommersemester in H. bleiben zu können. +Statt im Hause, waren wir nun fast immer im Garten am Fluß. Der Japaner, +der übrigens im Ringkampf richtig verloren hatte, war fort, auch der +Tolstoimann fehlte. Demian hielt sich ein Pferd und ritt Tag für Tag mit +Ausdauer. Ich war oft mit seiner Mutter allein. + +Zuweilen wunderte ich mich über die Friedlichkeit meines Lebens. Ich war so +lang gewohnt, allein zu sein, Verzicht zu üben, mich mühsam mit meinen +Qualen herumzuschlagen, daß diese Monate in H. mir wie eine Trauminsel +vorkamen, auf der ich bequem und verzaubert nur in schönen, angenehmen +Dingen und Gefühlen leben durfte. Ich ahnte, daß dies der Vorklang jener +neuen, höheren Gemeinschaft sei, an die wir dachten. Und je und je ergriff +mich über dies Glück eine tiefe Trauer, denn ich wußte wohl, es konnte +nicht von Dauer sein. Mir war nicht beschieden, in Fülle und Behagen zu +atmen, ich brauchte Qual und Hetze. Ich spürte: eines Tages würde ich aus +diesen schönen Liebesbildern erwachen und wieder allein stehen, ganz +allein, in der kalten Welt der anderen, wo für mich nur Einsamkeit oder +Kampf war, kein Friede, kein Mitleben. + +Dann schmiegte ich mich mit doppelter Zärtlichkeit in die Nähe der Frau +Eva, froh darüber, daß mein Schicksal noch immer diese schönen, stillen +Züge trug. + +Die Sommerwochen vergingen schnell und leicht, das Semester war schon im +Ausklingen. Der Abschied stand bald bevor, ich durfte nicht daran denken, +und tat es auch nicht, sondern hing an den schönen Tagen wie ein Falter an +der Honigblume. Das war nun meine Glückszeit gewesen, die erste Erfüllung +meines Lebens und meine Aufnahme in den Bund -- was würde dann kommen? Ich +würde wieder mich durchkämpfen, Sehnsucht leiden, Träume haben, allein +sein. + +An einem dieser Tage überkam mich dies Vorgefühl so stark, daß meine Liebe +zu Frau Eva plötzlich schmerzlich aufflammte. Mein Gott, wie bald, dann sah +ich sie nicht mehr, hörte nicht mehr ihren festen guten Schritt durchs +Haus, fand nicht mehr ihre Blumen auf meinem Tisch! Und was hatte ich +erreicht? Ich hatte geträumt und mich in Behagen gewiegt, statt sie zu +gewinnen, statt um sie zu kämpfen und sie für immer an mich zu reißen! +Alles, was sie mir je über die echte Liebe gesagt hatte, fiel mir ein, +hundert feine, mahnende Worte, hundert leise Lockungen, Versprechungen +vielleicht -- was hatte ich daraus gemacht? Nichts! Nichts! + +Ich stellte mich mitten in meinem Zimmer auf, faßte mein ganzes Bewußtsein +zusammen und dachte an Eva. Ich wollte die Kräfte meiner Seele +zusammennehmen, um sie meine Liebe fühlen zu lassen, um sie zu mir her zu +ziehen. Sie mußte kommen und meine Umarmung ersehnen, mein Kuß mußte +unersättlich in ihren reifen Liebeslippen wühlen. + +Ich stand und spannte mich an, bis ich von den Fingern und Füßen her kalt +wurde. Ich fühlte, daß Kraft von mir ausging. Für einige Augenblicke zog +sich etwas in mir fest und eng zusammen, etwas Helles und Kühles; ich hatte +einen Augenblick die Empfindung, ich trage einen Kristall im Herzen, und +ich wußte, das war mein Ich. Die Kälte stieg mir bis zur Brust. + +Als ich aus der furchtbaren Anspannung erwachte, fühlte ich, daß etwas +käme. Ich war zu Tode erschöpft, aber ich war bereit, Eva ins Zimmer treten +zu sehen, brennend und entzückt. + +Hufgetrappel hämmerte jetzt die lange Straße heran, klang nah und hart, +hielt plötzlich an. Ich sprang ans Fenster. Unten stieg Demian vom Pferde. +Ich lief hinab. + +»Was ist los, Demian? Es ist doch deiner Mutter nichts passiert?« + +Er hörte nicht auf meine Worte. Er war sehr bleich, und Schweiß rann zu +beiden Seiten von seiner Stirn über die Wangen. Er band die Zügel seines +erhitzten Pferdes an den Gartenzaun, nahm meinen Arm und ging mit mir die +Straße hinab. + +»Weißt du schon etwas?« + +Ich wußte nichts. + +Demian drückte meinen Arm und wandte mir das Gesicht zu, mit einem dunklen, +mitleidigen, sonderbaren Blick. + +»Ja, mein Junge, es geht nun los. Du wußtest ja von der großen Spannung mit +Rußland --« + +»Was? Gibt es Krieg? Ich habe nie daran geglaubt.« + +Er sprach leise, obwohl kein Mensch in der Nähe war. + +»Er ist noch nicht erklärt. Aber es gibt Krieg. Verlaß dich drauf. Ich habe +dich seither mit der Sache nicht mehr belästigt, aber ich habe seit damals +dreimal neue Anzeichen gesehen. Es wird also kein Weltuntergang, kein +Erdbeben, keine Revolution. Es wird Krieg. Du wirst sehen, wie das +einschlägt! Es wird den Leuten eine Wonne sein, schon jetzt freut sich +jeder aufs Losschlagen. So fad ist ihnen das Leben geworden. -- Aber du +wirst sehen, Sinclair, das ist nur der Anfang. Es wird vielleicht ein +großer Krieg werden, ein sehr großer Krieg. Aber auch das ist bloß der +Anfang. Das Neue beginnt, und das Neue wird für die, die am Alten hängen, +entsetzlich sein. Was wirst du tun?« + +Ich war bestürzt, es klang mir alles noch fremd und unwahrscheinlich. + +»Ich weiß nicht -- und du?« + +Er zuckte die Achseln. + +»Sobald mobilisiert wird, rücke ich ein. Ich bin Leutnant.« + +»Du? Davon wußte ich kein Wort.« + +»Ja, es war eine von meinen Anpassungen. Du weißt, ich bin nach außen nie +gern aufgefallen und habe immer eher etwas zuviel getan, um korrekt zu +sein. Ich stehe, glaube ich, in acht Tagen schon im Felde --« + +»Um Gottes willen --« + +»Na, Junge, sentimental mußt du das nicht auffassen. Es wird mir ja im +Grunde kein Vergnügen machen, Gewehrfeuer auf lebende Menschen zu +kommandieren, aber das wird nebensächlich sein. Es wird jetzt jeder von uns +in das große Rad hineinkommen. Du auch. Du wirst sicher ausgehoben werden.« + +»Und deine Mutter, Demian?« + +Erst jetzt besann ich mich wieder auf das, was vor einer Viertelstunde +gewesen war. Wie hatte sich die Welt verwandelt! Alle Kraft hatte ich +zusammengerissen, um das süßeste Bild zu beschwören, und nun sah mich das +Schicksal plötzlich neu aus einer drohend grauenhaften Maske an. + +»Meine Mutter? Ach, um die brauchen wir keine Sorge zu haben. Sie ist +sicher, sicherer als irgend jemand es heute auf der Welt ist. -- Du liebst +sie so sehr?« + +»Du wußtest es, Demian?« Er lachte hell und ganz befreit. + +»Kleiner Junge! Natürlich wußte ich's. Es hat noch niemand zu meiner Mutter +Frau Eva gesagt, ohne sie zu lieben. Übrigens, wie war das? Du hast sie +oder mich heut gerufen, nicht?« + +»Ja, ich habe gerufen -- -- Ich rief nach Frau Eva.« + +»Sie hat es gespürt. Sie schickte mich plötzlich weg, ich müsse zu dir. Ich +hatte ihr eben die Nachrichten über Rußland erzählt.« + +Wir kehrten um und sprachen wenig mehr, er machte sein Pferd los und stieg +auf. + +In meinem Zimmer oben spürte ich erst, wie erschöpft ich war, von Demians +Botschaft und noch viel mehr von der vorherigen Anspannung. Aber Frau Eva +hatte mich gehört! Ich hatte sie mit meinen Gedanken im Herzen erreicht. +Sie wäre selbst gekommen -- wenn nicht -- -- Wie sonderbar war dies alles, +und wie schön im Grunde! Nun sollte ein Krieg kommen. Nun sollte das zu +geschehen beginnen, was wir oft und oft geredet hatten. Und Demian hatte so +viel davon vorausgewußt. Wie seltsam, daß jetzt der Strom der Welt nicht +mehr irgendwo an uns vorbei laufen sollte --, daß er jetzt plötzlich mitten +durch unsere Herzen ging, daß Abenteuer und wilde Schicksale uns riefen, +und daß jetzt oder bald der Augenblick da war, wo die Welt uns brauchte, wo +sie sich verwandeln wollte. Demian hatte recht, sentimental war das nicht +zu nehmen. Merkwürdig war nur, daß ich nun die so einsame Angelegenheit +»Schicksal« mit so vielen, mit der ganzen Welt gemeinsam erleben sollte. +Gut denn! + +Ich war bereit. Am Abend, als ich durch die Stadt ging, brausten alle +Winkel von der großen Erregung. Überall das Wort »Krieg«! + +Ich kam in Frau Evas Haus, wir aßen im Gartenhäuschen zu Abend. Ich war der +einzige Gast. Niemand sprach ein Wort von Krieg. Nur spät, kurz ehe ich +wegging, sagte Frau Eva: »Lieber Sinclair, Sie haben mich heut gerufen. Sie +wissen, warum ich nicht selbst kam. Aber vergessen Sie nicht: Sie kennen +jetzt den Ruf, und wann immer Sie jemand brauchen, der das Zeichen trägt, +dann rufen Sie wieder!« + +Sie erhob sich und ging durch die Gartendämmerung voraus. Groß und +fürstlich schritt die Geheimnisvolle zwischen den schweigenden Bäumen, und +über ihrem Haupt glommen klein und zart die vielen Sterne. + +Ich komme zum Ende. Die Dinge gingen ihren raschen Weg. Bald war Krieg und +Demian, wunderlich fremd in der Uniform mit dem silbergrauen Mantel, fuhr +davon. Ich brachte seine Mutter nach Hause zurück. Bald nahm auch ich +Abschied von ihr, sie küßte mich auf den Mund und hielt mich einen +Augenblick an ihrer Brust, und ihre großen Augen brannten nah und fest in +meine. + +Und alle Menschen waren wie verbrüdert. Sie meinten das Vaterland und die +Ehre. Aber es war das Schicksal, dem sie alle einen Augenblick in das +unverhüllte Gesicht schauten. Junge Männer kamen aus Kasernen, stiegen in +Bahnzüge, und auf vielen Gesichtern sah ich ein Zeichen -- nicht das unsre +-- ein schönes und würdevolles Zeichen, das Liebe und Tod bedeutete. Auch +ich wurde von Menschen umarmt, die ich nie gesehen hatte, und ich verstand +es und erwiderte es gerne. Es war ein Rausch, in dem sie es taten, kein +Schicksalswille, aber der Rausch war heilig, er rührte daher, daß sie alle +diesen kurzen, aufrüttelnden Blick in die Augen des Schicksals getan +hatten. + +Es war schon beinahe Winter, als ich ins Feld kam. + +Im Anfang war ich, trotz der Sensationen der Schießerei, von allem +enttäuscht. Früher hatte ich viel darüber nachgedacht, warum so äußerst +selten ein Mensch für ein Ideal zu leben vermöge. Jetzt sah ich, daß viele, +ja alle Menschen fähig sind, für ein Ideal zu sterben. Nur durfte es kein +persönliches, kein freies, kein gewähltes Ideal sein, es mußte ein +gemeinsames und übernommenes sein. + +Mit der Zeit sah ich aber, daß ich die Menschen unterschätzt hatte. So sehr +der Dienst und die gemeinsame Gefahr sie uniformierte, ich sah doch viele, +Lebende und Sterbende, sich dem Schicksalswillen prachtvoll nähern. Viele, +sehr viele hatten nicht nur beim Angriff, sondern zu jeder Zeit den festen, +fernen, ein wenig wie besessenen Blick, der nichts von Zielen weiß und +volles Hingegebensein an das Ungeheure bedeutet. Mochten diese glauben und +meinen, was immer sie wollten -- sie waren bereit, sie waren brauchbar, aus +ihnen würde sich Zukunft formen lassen. Und je starrer die Welt auf Krieg +und Heldentum, auf Ehre und andre alte Ideale eingestellt schien, je ferner +und unwahrscheinlicher jede Stimme scheinbarer Menschlichkeit klang, dies +war alles nur die Oberfläche, ebenso wie die Frage nach den äußeren und +politischen Zielen des Krieges nur Oberfläche blieb. In der Tiefe war etwas +im Werden. Etwas wie eine neue Menschlichkeit. Denn viele konnte ich sehen, +und mancher von ihnen starb an meiner Seite -- denen war gefühlhaft die +Einsicht geworden, daß Haß und Wut, Totschlagen und Vernichten nicht an die +Objekte geknüpft waren. Nein, die Objekte, ebenso wie die Ziele, waren ganz +zufällig. Die Urgefühle, auch die wildesten, galten nicht dem Feinde, ihr +blutiges Werk war nur Ausstrahlung des Innern, der in sich zerspaltenen +Seele, welche rasen und töten, vernichten und sterben wollte, um neu +geboren werden zu können. Es kämpfte sich ein Riesenvogel aus dem Ei, und +das Ei war die Welt, und die Welt mußte in Trümmer gehen. + +Vor dem Gehöfte, das wir besetzt hatten, stand ich in einer +Vorfrühlingsnacht auf Wache. In launischen Stößen ging ein schlapper Wind, +über den hohen flandrischen Himmel ritten Wolkenheere, irgendwo dahinter +eine Ahnung von Mond. Schon den ganzen Tag war ich in Unruhe gewesen, +irgendeine Sorge störte mich. Jetzt, auf meinem dunklen Posten, dachte ich +mit Innigkeit an die Bilder meines bisherigen Lebens, an Frau Eva, an +Demian. Ich stand an eine Pappel gelehnt und starrte in den bewegten +Himmel, dessen heimlich zuckende Helligkeiten bald zu großen, quellenden +Bilderfolgen wurden. Ich spürte an der seltsamen Dünne meines Pulses, an +der Unempfindlichkeit meiner Haut gegen Wind und Regen, an der funkelnden +inneren Wachheit, daß ein Führer um mich sei. + +In den Wolken war eine große Stadt zu sehen, aus der strömten Millionen von +Menschen hervor, die verbreiteten sich in Schwärmen über weite +Landschaften. Mitten unter sie trat eine mächtige Göttergestalt, funkelnde +Sterne im Haar, groß wie ein Gebirge, mit den Zügen der Frau Eva. In sie +hinein verschwanden die Züge der Menschen, wie in eine riesige Höhle, und +waren weg. Die Göttin kauerte sich am Boden nieder, hell schimmerte das Mal +auf ihrer Stirn. Ein Traum schien Gewalt über sie zu haben, sie schloß die +Augen und ihr großes Antlitz verzog sich in Weh. Plötzlich schrie sie hell +auf, und aus ihrer Stirn sprangen Sterne, viele tausend leuchtende Sterne, +die schwangen sich in herrlichen Bogen und Halbkreisen über den schwarzen +Himmel. + +Einer von den Sternen brauste mit hellem Klang gerade zu mir her, schien +mich zu suchen. -- Da krachte er brüllend in tausend Funken auseinander, es +riß mich empor und warf mich wieder zu Boden, donnernd brach die Welt über +mir zusammen. + +Man fand mich nahe bei der Pappel, mit Erde bedeckt und mit vielen Wunden. + +Ich lag in einem Keller, Geschütze brummten über mir. Ich lag in einem +Wagen und holperte über leere Felder. Meistens schlief ich oder war ohne +Bewußtsein. Aber je tiefer ich schlief, desto heftiger empfand ich, daß +etwas mich zog, daß ich einer Kraft folgte, die über mich Herr war. + +Ich lag in einem Stall auf Stroh, es war dunkel, jemand war mir auf die +Hand getreten. Aber mein Inneres wollte weiter, stärker zog es mich weg. +Wieder lag ich auf einem Wagen, und später auf einer Bahre oder Leiter, +immer stärker fühlte ich mich irgendwohin befohlen, fühlte nichts als den +Drang, endlich dahin zu kommen. + +Da war ich am Ziel. Es war Nacht, ich war bei vollem Bewußtsein, mächtig +hatte ich soeben noch den Zug und Drang in mir empfunden. Nun lag ich in +einem Saal, am Boden gebettet, und fühlte, daß ich dort sei, wohin ich +gerufen war. Ich blickte um mich, dicht neben meiner Matratze lag eine +andre, und jemand auf ihr, der neigte sich vor und sah mich an. Er hatte +das Zeichen auf der Stirn. Es war Max Demian. + +Ich konnte nicht sprechen, und auch er konnte oder wollte nicht. Er sah +mich nur an. Auf seinem Gesicht lag der Schein einer Ampel, die über ihm an +der Wand hing. Er lächelte mir zu. + +Eine unendlich lange Zeit sah er mir immerfort in die Augen. Langsam schob +er sein Gesicht mir näher, bis wir uns fast berührten. + +»Sinclair!« sagte er flüsternd. + +Ich gab ihm ein Zeichen mit den Augen, daß ich ihn verstehe. + +Er lächelte wieder, beinah wie in Mitleid. + +»Kleiner Junge!« sagte er lächelnd. + +Sein Mund lag nun ganz nahe an meinem. Leise fuhr er fort zu sprechen. + +»Kannst du dich noch an Franz Kromer erinnern?« fragte er. + +Ich zwinkerte ihm zu, und konnte auch lächeln. + +»Kleiner Sinclair, paß auf! Ich werde fortgehen müssen. Du wirst mich +vielleicht einmal wieder brauchen, gegen den Kromer oder sonst. Wenn du +mich dann rufst, dann komme ich nicht mehr so grob auf einem Pferd geritten +oder mit der Eisenbahn. Du mußt dann in dich hinein hören, dann merkst du, +daß ich in dir drinnen bin. Verstehst du? -- Und noch etwas! Frau Eva hat +gesagt, wenn es dir einmal schlecht gehe, dann solle ich dir den Kuß von +ihr geben, den sie mir mitgegeben hat . . . Mach die Augen zu, Sinclair!« + +Ich schloß gehorsam meine Augen zu, ich spürte einen leichten Kuß auf +meinen Lippen, auf denen ich immer ein wenig Blut stehen hatte, das nie +weniger werden wollte. Und dann schlief ich ein. + +Am Morgen wurde ich geweckt, ich sollte verbunden werden. Als ich endlich +richtig wach war, wendete ich mich schnell nach der Nachbarmatratze hin. Es +lag ein fremder Mensch darauf, den ich nie gesehen hatte. + +Das Verbinden tat weh. Alles, was seither mit mir geschah, tat weh. Aber +wenn ich manchmal den Schlüssel finde und ganz in mich selbst +hinuntersteige, da wo im dunkeln Spiegel die Schicksalsbilder schlummern, +dann brauche ich mich nur über den schwarzen Spiegel zu neigen, und sehe +mein eigenes Bild, das nun ganz Ihm gleicht, Ihm, meinem Freund und Führer. + +Druck von Hallberg & Büchting, Leipzig. + + + + +Werke von Hermann Hesse + + +Peter Camenzind +Roman. 98. Auflage. + +Unterm Rad +Roman. 108. Auflage. + +Diesseits +Erzählungen. 27. Auflage. + +Nachbarn +Erzählungen. 12. Auflage. + +Umwege +Erzählungen. 17. Auflage. + +Aus Indien +Aufzeichnungen von einer indischen Reise. 9. Auflage. + +Roßhalde +Roman. 42. Auflage. + +Knulp +Drei Geschichten aus dem Leben Knulps. 95. Auflage. + +Schön ist die Jugend +78. Auflage. + +Märchen +21. Auflage. + +Zarathustras Wiederkehr +Ein Wort an die deutsche Jugend. 10. Auflage. + +Klingsors letzter Sommer +Erzählungen. 10. Auflage. + +Wanderung +Aufzeichnungen mit 14 farbigen Bildern vom Verfasser. 8. Auflage. + + + + +Anmerkungen zur Transkription + + +Offensichtliche Fehler wurden unter Verwendung späterer Ausgaben korrigiert. + + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Demian, by Hermann Hesse + +*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 41907 *** |
