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Fischer, Verlag, Berlin - - -Ich wollte ja nichts als das zu leben -versuchen, was von selber aus mir heraus -wollte. Warum war das so sehr schwer? - - - - - - -Um meine Geschichte zu erzählen, muß ich weit vorn anfangen. Ich müßte, -wäre es mir möglich, noch viel weiter zurück gehen, bis in die allerersten -Jahre meiner Kindheit und noch über sie hinaus in die Ferne meiner Herkunft -zurück. - -Die Dichter, wenn sie Romane schreiben, pflegen so zu tun, als seien sie -Gott und könnten irgendeine Menschengeschichte ganz und gar überblicken und -begreifen und sie so darstellen, wie wenn Gott sie sich selber erzählte, -ohne alle Schleier, überall wesentlich. Das kann ich nicht, so wenig wie -die Dichter es können. Meine Geschichte aber ist mir wichtiger als -irgendeinem Dichter die seinige; denn sie ist meine eigene, und sie ist die -Geschichte eines Menschen -- nicht eines erfundenen, eines möglichen, eines -idealen oder sonstwie nicht vorhandenen, sondern eines wirklichen, -einmaligen, lebenden Menschen. Was das ist, ein wirklicher lebender Mensch, -das weiß man heute allerdings weniger als jemals, und man schießt denn auch -die Menschen, deren jeder ein kostbarer, einmaliger Versuch der Natur ist, -zu Mengen tot. Wären wir nicht noch mehr als einmalige Menschen, könnte man -jeden von uns wirklich mit einer Flintenkugel ganz und gar aus der Welt -schaffen, so hätte es keinen Sinn mehr, Geschichten zu erzählen. Jeder -Mensch aber ist nicht nur er selber, er ist auch der einmalige, ganz -besondere, in jedem Fall wichtige und merkwürdige Punkt, wo die -Erscheinungen der Welt sich kreuzen, nur einmal so und nie wieder. Darum -ist jedes Menschen Geschichte wichtig, ewig, göttlich, darum ist jeder -Mensch, solange er irgend lebt und den Willen der Natur erfüllt, wunderbar -und jeder Aufmerksamkeit würdig. In jedem ist der Geist Gestalt geworden, -in jedem leidet die Kreatur, in jedem wird ein Erlöser gekreuzigt. - -Wenige wissen heute, was der Mensch ist. Viele fühlen es, und sterben darum -leichter, wie ich leichter sterben werde, wenn ich diese Geschichte -fertiggeschrieben habe. - -Einen Wissenden darf ich mich nicht nennen. Ich war ein Suchender und bin -es noch, aber ich suche nicht mehr auf den Sternen und in den Büchern, ich -beginne die Lehren zu hören, die mein Blut in mir rauscht. Meine Geschichte -ist nicht angenehm, sie ist nicht süß und harmonisch wie die erfundenen -Geschichten, sie schmeckt nach Unsinn und Verwirrung, nach Wahnsinn und -Traum wie das Leben aller Menschen, die sich nicht mehr belügen wollen. - -Das Leben jedes Menschen ist ein Weg zu sich selber hin, der Versuch eines -Weges, die Andeutung eines Pfades. Kein Mensch ist jemals ganz und gar er -selbst gewesen; jeder strebt dennoch, es zu werden, einer dumpf, einer -lichter, jeder wie er kann. Jeder trägt Reste von seiner Geburt, Schleim -und Eischalen einer Urwelt, bis zum Ende mit sich hin. Mancher wird niemals -Mensch, bleibt Frosch, bleibt Eidechse, bleibt Ameise. Mancher ist oben -Mensch und unten Fisch. Aber jeder ist ein Wurf der Natur nach dem Menschen -hin. Uns allen sind die Herkünfte gemeinsam, die Mütter, wir alle kommen -aus demselben Schlunde; aber jeder strebt, ein Versuch und Wurf aus den -Tiefen, seinem eigenen Ziele zu. Wir können einander verstehen; aber deuten -kann jeder nur sich selbst. - - - - -Erstes Kapitel -Zwei Welten - - -Ich beginne meine Geschichte mit einem Erlebnisse der Zeit, wo ich etwa -zehn bis elf Jahre alt war und in die Lateinschule unseres Städtchens ging. - -Viel duftet mir da entgegen und rührt mich von innen mit Weh und mit -wohligen Schauern an, dunkle Gassen und helle, Häuser und Türme, Uhrschläge -und Menschengesichter, Stuben voll Wohnlichkeit und warmem Behagen, Stuben -voll Geheimnis und tiefer Gespensterfurcht. Es riecht nach warmer Enge, -nach Kaninchen und Dienstmägden, nach Hausmitteln und getrocknetem Obst. -Zwei Welten liefen dort durcheinander, von zwei Polen her kamen Tag und -Nacht. - -Die eine Welt war das Vaterhaus, aber sie war sogar noch enger, sie umfaßte -eigentlich nur meine Eltern. Diese Welt war mir großenteils wohlbekannt, -sie hieß Mutter und Vater, sie hieß Liebe und Strenge, Vorbild und Schule. -Zu dieser Welt gehörte milder Glanz, Klarheit und Sauberkeit, hier waren -sanfte freundliche Reden, gewaschene Hände, reine Kleider, gute Sitten -daheim. Hier wurde der Morgenchoral gesungen, hier wurde Weihnacht -gefeiert. In dieser Welt gab es gerade Linien und Wege, die in die Zukunft -führten, es gab Pflicht und Schuld, schlechtes Gewissen und Beichte, -Verzeihung und gute Vorsätze, Liebe und Verehrung, Bibelwort und Weisheit. -Zu dieser Welt mußte unsre Zukunft gehören, so mußte sie klar und reinlich, -schön und geordnet sein. - -Die andere Welt indessen begann schon mitten in unsrem eigenen Hause und -war völlig anders, roch anders, sprach anders, versprach und forderte -andres. In dieser zweiten Welt gab es Dienstmägde und Handwerksburschen, -Geistergeschichten und Skandalgerüchte, es gab da eine bunte Flut von -ungeheuren, lockenden, furchtbaren, rätselhaften Dingen, Sachen wie -Schlachthaus und Gefängnis, Betrunkene und keifende Weiber, gebärende Kühe, -gestürzte Pferde, Erzählungen von Einbrüchen, Totschlägen, Selbstmorden. -Alle diese schönen und grauenhaften, wilden und grausamen Sachen gab es -ringsum, in der nächsten Gasse, im nächsten Haus, Polizeidiener und -Landstreicher liefen herum, Betrunkene schlugen ihre Weiber, Knäuel von -jungen Mädchen quollen abends aus Fabriken, alte Frauen konnten einen -bezaubern und krank machen, Räuber wohnten im Wald, Brandstifter wurden von -Landjägern gefangen -- überall quoll und duftete diese zweite, heftige -Welt, überall, nur nicht in unsern Zimmern, wo Mutter und Vater waren. Und -das war sehr gut. Es war wunderbar, daß es hier bei uns Frieden, Ordnung -und Ruhe gab, Pflicht und gutes Gewissen, Verzeihung und Liebe -- und -wunderbar, daß es auch alles das andere gab, alles das Laute und Grelle, -Düstere und Gewaltsame, dem man doch mit einem Sprung zur Mutter entfliehen -konnte. - -Und das Seltsamste war, wie die beiden Welten aneinander grenzten, wie nah -sie beisammen waren! Zum Beispiel unsre Dienstmagd Lina, wenn sie am Abend -bei der Andacht in der Wohnstube bei der Türe saß und mit ihrer hellen -Stimme das Lied mitsang, die gewaschenen Hände auf die glattgestrichene -Schürze gelegt, dann gehörte sie ganz zu Vater und Mutter, zu uns, ins -Helle und Richtige. Gleich darauf in der Küche oder im Holzstall, wenn sie -mir die Geschichte vom Männlein ohne Kopf erzählte, oder wenn sie beim -Metzger im kleinen Laden mit den Nachbarweibern Streit hatte, dann war sie -eine andre, gehörte zur andern Welt, war von Geheimnis umgeben. Und so war -es mit allem, am meisten mit mir selber. Gewiß, ich gehörte zur hellen und -richtigen Welt, ich war meiner Eltern Kind, aber wohin ich Auge und Ohr -richtete, überall war das andere da, und ich lebte auch im andern, obwohl -es mir oft fremd und unheimlich war, obwohl man dort regelmäßig ein -schlechtes Gewissen und Angst bekam. Ich lebte sogar zuzeiten am -allerliebsten in der verbotenen Welt, und oft war die Heimkehr ins Helle -- -so notwendig und gut sie sein mochte -- fast wie eine Rückkehr ins weniger -Schöne, ins Langweiligere und Ödere. Manchmal wußte ich: mein Ziel im Leben -war, so wie mein Vater und meine Mutter zu werden, so hell und rein, so -überlegen und geordnet; aber bis dahin war der Weg weit, bis dahin mußte -man Schulen absitzen und studieren und Proben und Prüfungen ablegen, und -der Weg führte immerzu an der anderen, dunkleren Welt vorbei, durch sie -hindurch, und es war gar nicht unmöglich, daß man bei ihr blieb und in ihr -versank. Es gab Geschichten von verlorenen Söhnen, denen es so gegangen -war, ich hatte sie mit Leidenschaft gelesen. Da war stets die Heimkehr zum -Vater und zum Guten so erlösend und großartig, ich empfand durchaus, daß -dies allein das Richtige, Gute und Wünschenswerte sei, und dennoch war der -Teil der Geschichte, der unter den Bösen und Verlorenen spielte, weitaus -der lockendere, und wenn man es hätte sagen und gestehen dürfen, war es -eigentlich manchmal geradezu schade, daß der Verlorene Buße tat und wieder -gefunden wurde. Aber das sagte man nicht und dachte es auch nicht. Es war -nur irgendwie vorhanden, als eine Ahnung oder Möglichkeit, ganz unten im -Gefühl. Wenn ich mir den Teufel vorstellte, so konnte ich ihn mir ganz gut -auf der Straße unten denken, verkleidet oder offen, oder auf dem Jahrmarkt, -oder in einem Wirtshaus, aber niemals bei uns daheim. - -Meine Schwestern gehörten ebenfalls zur hellen Welt. Sie waren, wie mir oft -schien, im Wesen näher bei Vater und Mutter, sie waren besser, gesitteter, -fehlerloser als ich. Sie hatten Mängel, sie hatten Unarten, aber mir -schien, das ging nicht sehr tief, das war nicht wie bei mir, wo die -Berührung mit dem Bösen oft so schwer und peinigend wurde, wo die dunkle -Welt viel näher stand. Die Schwestern waren, gleich den Eltern, zu schonen -und zu achten, und wenn man mit ihnen Streit gehabt hatte, war man nachher -vor dem eigenen Gewissen immer der Schlechte, der Anstifter, der, der um -Verzeihung bitten mußte. Denn in den Schwestern beleidigte man die Eltern, -das Gute und Gebietende. Es gab Geheimnisse, die ich mit den verworfensten -Gassenbuben weit eher teilen konnte als mit meinen Schwestern. An guten -Tagen, wenn es licht war und das Gewissen in Ordnung, da war es oft -köstlich, mit den Schwestern zu spielen, gut und artig mit ihnen zu sein -und sich selbst in einem braven, edlen Schein zu sehen. So mußte es sein, -wenn man ein Engel war! Das war das Höchste, was wir wußten, und wir -dachten es uns süß und wunderbar, Engel zu sein, umgeben von einem lichten -Klang und Duft wie Weihnacht und Glück. O wie selten gelangen solche -Stunden und Tage! Oft war ich beim Spiel, bei guten, harmlosen, erlaubten -Spielen, von einer Leidenschaft und Heftigkeit, die den Schwestern zu viel -wurde, die zu Streit und Unglück führte, und wenn dann der Zorn über mich -kam, war ich schrecklich und tat und sagte Dinge, deren Verworfenheit ich, -noch während ich sie tat und sagte, tief und brennend empfand. Dann kamen -arge, finstere Stunden der Reue und Zerknirschung, und dann der wehe -Augenblick, wo ich um Verzeihung bat, und dann wieder ein Strahl der Helle, -ein stilles, dankbares Glück ohne Zwiespalt, für Stunden oder Augenblicke. - -Ich ging in die Lateinschule, der Sohn des Bürgermeisters und des -Oberförsters waren in meiner Klasse und kamen zuweilen zu mir, wilde Buben -und dennoch Angehörige der guten, erlaubten Welt. Trotzdem hatte ich nahe -Beziehungen zu Nachbarsknaben, Schülern der Volksschule, die wir sonst -verachteten. Mit einem von ihnen muß ich meine Erzählung beginnen. - -An einem freien Nachmittag -- ich war wenig mehr als zehn Jahre alt -- -trieb ich mich mit zwei Knaben aus der Nachbarschaft herum. Da kam ein -größerer dazu, ein kräftiger und roher Junge von etwa dreizehn Jahren, ein -Volksschüler, der Sohn eines Schneiders. Sein Vater war ein Trinker und die -ganze Familie stand in schlechtem Ruf. Franz Kromer war mir wohl bekannt, -ich hatte Furcht vor ihm, und es gefiel mir nicht, als er jetzt zu uns -stieß. Er hatte schon männliche Manieren und ahmte den Gang und die -Redensarten der jungen Fabrikburschen nach. Unter seiner Anführung stiegen -wir neben der Brücke ans Ufer hinab und verbargen uns vor der Welt unterm -ersten Brückenbogen. Das schmale Ufer zwischen der gewölbten Brückenwand -und dem träg fließenden Wasser bestand aus lauter Abfällen, aus Scherben -und Gerümpel, wirren Bündeln von verrostetem Eisendraht und anderem -Kehricht. Man fand dort zuweilen brauchbare Sachen; wir mußten unter Franz -Kromers Führung die Strecke absuchen und ihm zeigen, was wir fanden. Dann -steckte er es entweder zu sich oder warf es ins Wasser hinaus. Er hieß uns -darauf achten, ob Sachen aus Blei, Messing oder Zinn darunter wären, die -steckte er alle zu sich, auch einen alten Kamm aus Horn. Ich fühlte mich in -seiner Gesellschaft sehr beklommen, nicht weil ich wußte, daß mein Vater -mir diesen Umgang verbieten würde, wenn er davon wüßte, sondern aus Angst -vor Franz selber. Ich war froh, daß er mich nahm und behandelte wie die -andern. Er befahl, und wir gehorchten, es war, als sei das ein alter -Brauch, obwohl ich das erstemal mit ihm zusammen war. - -Schließlich setzten wir uns an den Boden. Franz spuckte ins Wasser und sah -aus wie ein Mann; er spuckte durch eine Zahnlücke und traf, wohin er -wollte. Es begann ein Gespräch, und die Knaben kamen ins Rühmen und Großtun -mit allerlei Schülerheldentaten und bösen Streichen. Ich schwieg und -fürchtete doch, gerade durch mein Schweigen aufzufallen und den Zorn des -Kromer auf mich zu lenken. Meine beiden Kameraden waren von Anfang an von -mir abgerückt und hatten sich zu ihm bekannt, ich war ein Fremdling unter -ihnen und fühlte, daß meine Kleidung und Art für sie herausfordernd sei. -Als Lateinschüler und Herrensöhnchen konnte Franz mich unmöglich lieben, -und die beiden andern, das fühlte ich wohl, würden mich, sobald es darauf -ankäme, verleugnen und im Stich lassen. - -Endlich begann ich, aus lauter Angst, auch zu erzählen. Ich erfand eine -große Räubergeschichte, zu deren Helden ich mich machte. In einem Garten -bei der Eckmühle, erzählte ich, hätte ich mit einem Kameraden bei Nacht -einen ganzen Sack voll Äpfel gestohlen, und nicht etwa gewöhnliche, sondern -lauter feinste Reinetten und Goldparmänen, die besten Sorten. Aus den -Gefahren des Augenblicks flüchtete ich mich in diese Geschichte, das -Erfinden und Erzählen war mir geläufig. Um nur nicht gleich wieder -aufzuhören und vielleicht in Schlimmeres verwickelt zu werden, ließ ich -meine ganze Kunst glänzen. Einer von uns, erzählte ich, hatte immer -Schildwache stehen müssen, während der andre im Baum war und die Äpfel -herunterwarf, und der Sack sei so schwer gewesen, daß wir ihn zuletzt -wieder öffnen und die Hälfte zurücklassen mußten, aber wir kamen nach einer -halben Stunde wieder und holten auch sie noch. - -Als ich fertig war, hoffte ich auf einigen Beifall, ich war zuletzt warm -geworden und hatte mich am Fabulieren berauscht. Die beiden Kleinern -schwiegen abwartend, Franz Kromer aber sah mich aus halb zugekniffenen -Augen durchdringend an und fragte mit drohender Stimme: »Ist das wahr?« - -»Jawohl,« sagte ich. - -»Also wirklich und wahrhaftig?« - -»Ja, wirklich und wahrhaftig,« beteuerte ich trotzig, während ich innerlich -vor Angst erstickte. - -»Kannst du schwören?« - -Ich erschrak sehr, aber ich sagte sofort Ja. - -»Also sag: Bei Gott und Seligkeit!« - -Ich sagte: »Bei Gott und Seligkeit.« - -»Na ja,« meinte er dann und wandte sich ab. - -Ich dachte, damit sei es gut, und war froh, als er sich bald erhob und den -Rückweg einschlug. Als wir auf der Brücke waren, sagte ich schüchtern, ich -müsse jetzt nach Hause. - -»Das wird nicht so pressieren,« lachte Franz, »wir haben ja den gleichen -Weg.« - -Langsam schlenderte er weiter, und ich wagte nicht auszureißen, aber er -ging wirklich den Weg gegen unser Haus. Als wir dort waren, als ich unsre -Haustür sah und den dicken messingenen Drücker, die Sonne in den Fenstern -und die Vorhänge im Zimmer meiner Mutter, da atmete ich tief auf. O -Heimkehr! O gute, gesegnete Rückkunft nach Hause, ins Helle, in den -Frieden! - -Als ich schnell die Tür geöffnet hatte und hineinschlüpfte, bereit, sie -hinter mir zuzuschlagen, da drängte Franz Kromer sich mit hinein. Im -kühlen, düsteren Fliesengang, der nur vom Hof her Licht bekam, stand er bei -mir, hielt mich am Arm und sagte leise: »Nicht so pressieren, du!« - -Erschrocken sah ich ihn an. Sein Griff um meinen Arm war fest wie Eisen. -Ich überlegte, was er im Sinn haben könnte, und ob er mich etwa mißhandeln -wolle. Wenn ich jetzt schreien würde, dachte ich, laut und heftig schreien, -ob dann wohl schnell genug jemand von droben dasein würde, um mich zu -retten? Aber ich gab es auf. - -»Was ist?« fragte ich, »was willst du?« - -»Nicht viel. Ich muß dich bloß noch etwas fragen. Die andern brauchen das -nicht zu hören.« - -»So? Ja, was soll ich dir noch sagen? Ich muß hinauf, weißt du.« - -»Du weißt doch,« sagte Franz leise, »wem der Obstgarten bei der Eckmühle -gehört?« - -»Nein, ich weiß nicht. Ich glaube, dem Müller.« - -Franz hatte den Arm um mich geschlungen und zog mich nun ganz dicht zu sich -heran, daß ich ihm aus nächster Nähe ins Gesicht sehen mußte. Seine Augen -waren böse, er lächelte schlimm, und sein Gesicht war voll Grausamkeit und -Macht. - -»Ja, mein Junge, ich kann dir schon sagen, wem der Garten gehört. Ich weiß -schon lang, daß die Äpfel gestohlen sind, und ich weiß auch, daß der Mann -gesagt hat, er gebe jedem zwei Mark, der ihm sagen kann, wer das Obst -gestohlen hat.« - -»Lieber Gott!« rief ich. »Aber du wirst ihm doch nichts sagen?« - -Ich fühlte, daß es unnütz sein würde, mich an sein Ehrgefühl zu wenden. Er -war aus der andern Welt, für ihn war Verrat kein Verbrechen. Ich fühlte das -genau. In diesen Sachen waren die Leute aus der »anderen« Welt nicht wie -wir. - -»Nichts sagen?« lachte Kromer. »Lieber Freund, meinst du denn, ich sei ein -Falschmünzer, daß ich mir selber Zweimarkstücke machen kann? Ich bin ein -armer Kerl, ich habe keinen reichen Vater wie du, und wenn ich zwei Mark -verdienen kann, muß ich sie verdienen. Vielleicht gibt er sogar mehr.« - -Er ließ mich plötzlich wieder los. Unsre Hausflur roch nicht mehr nach -Frieden und Sicherheit, die Welt brach um mich zusammen. Er würde mich -anzeigen, ich war ein Verbrecher, man würde es dem Vater sagen, vielleicht -würde sogar die Polizei kommen. Alle Schrecken des Chaos drohten mir, alles -Häßliche und Gefährliche war gegen mich aufgeboten. Daß ich gar nicht -gestohlen hatte, war ganz ohne Belang. Ich hatte außerdem geschworen. Mein -Gott, mein Gott! - -Tränen stiegen mir auf. Ich fühlte, daß ich mich loskaufen müsse, und griff -verzweifelt in alle meine Taschen. Kein Apfel, kein Taschenmesser, gar -nichts war da. Da fiel meine Uhr mir ein. Es war eine alte Silberuhr, und -sie ging nicht, ich trug sie »nur so«. Sie stammte von unsrer Großmutter. -Schnell zog ich sie heraus. - -»Kromer,« sagte ich, »hör, du mußt mich nicht angeben, das wäre nicht schön -von dir. Ich will dir meine Uhr schenken, sieh da; ich habe leider sonst -gar nichts. Du kannst sie haben, sie ist aus Silber, und das Werk ist gut, -sie hat nur einen kleinen Fehler, man muß sie reparieren.« - -Er lächelte und nahm die Uhr in seine große Hand. Ich sah auf diese Hand -und fühlte, wie roh und tief feindlich sie mir war, wie sie nach meinem -Leben und Frieden griff. - -»Sie ist aus Silber --« sagte ich schüchtern. - -»Ich pfeife auf dein Silber und auf deine alte Uhr da!« sagte er mit tiefer -Verachtung. »Laß du sie nur selber reparieren!« - -»Aber Franz,« rief ich zitternd vor Angst, er möchte weglaufen. »Warte doch -ein wenig! Nimm doch die Uhr! Sie ist wirklich aus Silber, wirklich und -wahr. Und ich habe ja nichts anderes.« - -Er sah mich kühl und verächtlich an. - -»Also du weißt, zu wem ich gehe. Oder ich kann es auch der Polizei sagen, -den Wachtmeister kenne ich gut.« - -Er wandte sich zum Gehen. Ich hielt ihn am Ärmel zurück. Es durfte nicht -sein. Ich wäre viel lieber gestorben als alles das zu ertragen, was kommen -würde, wenn er so fortginge. - -»Franz,« flehte ich heiser vor Erregung, »mach doch keine dummen Sachen! -Gelt, es ist bloß ein Spaß?« - -»Jawohl, ein Spaß, aber für dich kann er teuer werden.« - -»Sag mir doch, Franz, was ich tun soll! Ich will ja alles tun!« - -Er musterte mich mit seinen eingekniffenen Augen und lachte wieder. - -»Sei doch nicht dumm!« sagte er mit falscher Gutmütigkeit. »Du weißt ja so -gut Bescheid wie ich. Ich kann zwei Mark verdienen, und ich bin kein -reicher Mann, daß ich die wegwerfen kann, das weißt du. Du bist aber reich, -du hast sogar eine Uhr. Du brauchst mir bloß die zwei Mark zu geben, dann -ist alles gut.« - -Ich begriff die Logik. Aber zwei Mark! Das war für mich so viel und -unerreichbar wie zehn, wie hundert, wie tausend Mark. Ich hatte kein Geld. -Es gab ein Sparkästlein, das bei meiner Mutter stand, da waren von -Onkelbesuchen und solchen Anlässen her ein paar Zehn- und Fünfpfennigstücke -drin. Sonst hatte ich nichts. Taschengeld bekam ich in jenem Alter noch -keines. - -»Ich habe nichts,« sagte ich traurig. »Ich habe gar kein Geld. Aber sonst -will ich dir alles geben. Ich habe ein Indianerbuch, und Soldaten, und -einen Kompaß. Ich will ihn dir holen.« - -Kromer zuckte nur mit dem kühnen, bösen Mund und spuckte auf den Boden. - -»Mach kein Geschwätz!« sagte er befehlend. »Deinen Lumpenkram kannst du -behalten. Einen Kompaß! Mach mich jetzt nicht noch bös, hörst du, und gib -das Geld her!« - -»Aber ich habe keins, ich kriege nie Geld. Ich kann doch nichts dafür!« - -»Also dann bringst du mir morgen die zwei Mark. Ich warte nach der Schule -unten am Markt. Damit fertig. Wenn du kein Geld bringst, wirst du ja -sehen!« - -»Ja, aber woher soll ich's denn nehmen? Herrgott, wenn ich doch keins habe ---« - -»Es ist Geld genug bei euch im Haus. Das ist deine Sache. Also morgen nach -der Schule. Und ich sage dir: wenn du es nicht bringst --« Er schoß mir -einen furchtbaren Blick ins Auge, spuckte nochmals aus und war wie ein -Schatten verschwunden. - - * * * * * - -Ich konnte nicht hinaufgehen. Mein Leben war zerstört. Ich dachte daran, -fortzulaufen und nie mehr wiederzukommen, oder mich zu ertränken. Doch -waren das keine deutlichen Bilder. Ich setzte mich im Dunkel auf die -unterste Stufe unsrer Haustreppe, kroch eng in mich zusammen und gab mich -dem Unglück hin. Dort fand Lina mich weinend, als sie mit einem Korb -herunterkam, um Holz zu holen. - -Ich bat sie, droben nichts zu sagen, und ging hinauf. Am Rechen neben der -Glastüre hing der Hut meines Vaters und der Sonnenschirm meiner Mutter, -Heimat und Zärtlichkeit strömte mir von allen diesen Dingen entgegen, mein -Herz begrüßte sie flehend und dankbar wie der verlorene Sohn den Anblick -und Geruch der alten heimatlichen Stuben. Aber das alles gehörte mir jetzt -nicht mehr, das alles war lichte Vater- und Mutterwelt, und ich war tief -und schuldvoll in die fremde Flut versunken, in Abenteuer und Sünde -verstrickt, vom Feind bedroht und von Gefahren, Angst und Schande erwartet. -Der Hut und Sonnenschirm, der gute alte Sandsteinboden, das große Bild -überm Flurschrank, und drinnen aus dem Wohnzimmer her die Stimme meiner -älteren Schwester, das alles war lieber, zarter und köstlicher als je, aber -es war nicht Trost mehr und sicheres Gut, es war lauter Vorwurf. Dies alles -war nicht mehr mein, ich konnte an seiner Heiterkeit und Stille nicht -teilhaben. Ich trug Schmutz an meinen Füßen, den ich nicht an der Matte -abstreifen konnte, ich brachte Schatten mit mir, von denen die Heimatwelt -nicht wußte. Wieviel Geheimnisse hatte ich schon gehabt, wieviel -Bangigkeit, aber es war alles Spiel und Spaß gewesen gegen das, was ich -heut mit mir in diese Räume brachte. Schicksal lief mir nach, Hände waren -nach mir ausgestreckt, vor denen auch die Mutter mich nicht schützen -konnte, von denen sie nicht wissen durfte. Ob nun mein Verbrechen ein -Diebstahl war oder eine Lüge (hatte ich nicht einen falschen Eid bei Gott -und Seligkeit geschworen?) -- das war einerlei. Meine Sünde war nicht dies -oder das, meine Sünde war, daß ich dem Teufel die Hand gegeben hatte. Warum -war ich mitgegangen? Warum hatte ich dem Kromer gehorcht, besser als je -meinem Vater? Warum hatte ich die Geschichte von jenem Diebstahl erlogen? -Mich mit Verbrechen gebrüstet, als wären es Heldentaten? Nun hielt der -Teufel meine Hand, nun war der Feind hinter mir her. - -Für einen Augenblick empfand ich nicht mehr Furcht vor morgen, sondern vor -allem die schreckliche Gewißheit, daß mein Weg jetzt immer weiter bergab -und ins Finstere führe. Ich spürte deutlich, daß aus meinem Vergehen neue -Vergehen folgen mußten, daß mein Erscheinen bei den Geschwistern, mein Gruß -und Kuß an die Eltern Lüge war, daß ich ein Schicksal und Geheimnis mit mir -trug, das ich ihnen verbarg. - -Einen Augenblick blitzte Vertrauen und Hoffnung in mir auf, da ich den Hut -meines Vaters betrachtete. Ich würde ihm alles sagen, würde sein Urteil und -seine Strafe auf mich nehmen und ihn zu meinem Mitwisser und Retter machen. -Es würde nur eine Buße sein, wie ich sie oft bestanden hatte, eine schwere -bittere Stunde, eine schwere und reuevolle Bitte um Verzeihung. - -Wie süß das klang! Wie schön das lockte! Aber es war nichts damit. Ich -wußte, daß ich es nicht tun würde. Ich wußte, daß ich jetzt ein Geheimnis -hatte, eine Schuld, die ich allein und selber ausfressen mußte. Vielleicht -war ich gerade jetzt auf dem Scheidewege, vielleicht würde ich von dieser -Stunde an für immer und immer dem Schlechten angehören, Geheimnisse mit -Bösen teilen, von ihnen abhängen, ihnen gehorchen, ihresgleichen werden -müssen. Ich hatte den Mann und Helden gespielt, jetzt mußte ich tragen, was -daraus folgte. - -Es war mir lieb, daß mein Vater sich, als ich eintrat, über meine nassen -Schuhe aufhielt. Es lenkte ab, er bemerkte das Schlimmere nicht, und ich -durfte einen Vorwurf ertragen, den ich heimlich mit auf das andere bezog. -Dabei funkelte ein sonderbar neues Gefühl in mir auf, ein böses und -schneidendes Gefühl voll Widerhaken: ich fühlte mich meinem Vater -überlegen! Ich fühlte, einen Augenblick lang, eine gewisse Verachtung für -seine Unwissenheit, sein Schelten über die nassen Stiefel schien mir -kleinlich. »Wenn du wüßtest!« dachte ich, und kam mir vor wie ein -Verbrecher, den man wegen einer gestohlenen Semmel verhört, während er -Morde zu gestehen hätte. Es war ein häßliches und widriges Gefühl, aber es -war stark und hatte einen tiefen Reiz, und es kettete mich fester als jeder -andere Gedanke an mein Geheimnis und meine Schuld. Vielleicht, dachte ich, -ist der Kromer jetzt schon zur Polizei gegangen und hat mich angegeben, und -Gewitter ziehen sich über mir zusammen, während man mich hier wie ein -kleines Kind betrachtet! - -Von diesem ganzen Erlebnis, soweit es bis hier erzählt ist, war dieser -Augenblick das Wichtige und Bleibende. Es war ein erster Riß in die -Heiligkeit des Vaters, es war ein erster Schnitt in die Pfeiler, auf denen -mein Kinderleben geruht hatte, und die jeder Mensch, ehe er er selbst -werden kann, zerstört haben muß. Aus diesen Erlebnissen, die niemand sieht, -besteht die innere, wesentliche Linie unsres Schicksals. Solch ein Schnitt -und Riß wächst wieder zu, er wird verheilt und vergessen, in der geheimsten -Kammer aber lebt und blutet er weiter. - -Mir selbst graute sofort vor dem neuen Gefühl, ich hätte meinem Vater -gleich darauf die Füße küssen mögen, um es ihm abzubitten. Man kann aber -nichts Wesentliches abbitten, und das fühlt und weiß ein Kind so gut und -tief wie jeder Weise. - -Ich fühlte die Notwendigkeit, über meine Sache nachzudenken, auf Wege für -morgen zu sinnen; aber ich kam nicht dazu. Ich hatte den ganzen Abend -einzig damit zu tun, mich an die veränderte Luft in unsrem Wohnzimmer zu -gewöhnen. Wanduhr und Tisch, Bibel und Spiegel, Bücherbord und Bilder an -der Wand nahmen gleichsam Abschied von mir, ich mußte mit erfrierendem -Herzen zusehen, wie meine Welt, wie mein gutes, glückliches Leben -Vergangenheit wurde und sich von mir ablöste, und mußte spüren, wie ich mit -neuen, saugenden Wurzeln draußen im Finstern und Fremden verankert und -festgehalten war. Zum erstenmal kostete ich den Tod, und der Tod schmeckt -bitter, denn er ist Geburt, ist Angst und Bangnis vor furchtbarer Neuerung. - -Ich war froh, als ich endlich in meinem Bette lag! Zuvor als letztes -Fegefeuer war die Abendandacht über mich ergangen, und wir hatten dazu ein -Lied gesungen, das zu meinen liebsten gehörte. Ach, ich sang nicht mit, und -jeder Ton war Galle und Gift für mich. Ich betete nicht mit, als mein Vater -den Segen sprach, und als er endete: »-- sei mit uns allen!«, da riß eine -Zuckung mich aus diesem Kreise fort. Die Gnade Gottes war mit ihnen allen, -aber nicht mehr mit mir. Kalt und tief ermüdet ging ich weg. - -Im Bett, als ich eine Weile gelegen war, als Wärme und Geborgenheit mich -liebevoll umgab, irrte mein Herz in der Angst noch einmal zurück, flatterte -bang um das Vergangene. Meine Mutter hatte mir wie immer gute Nacht gesagt, -ihr Schritt klang noch im Zimmer nach, der Schein ihrer Kerze glühte noch -im Türspalt. Jetzt, dachte ich, jetzt kommt sie noch einmal zurück -- sie -hat es gefühlt, sie gibt mir einen Kuß und fragt, fragt gütig und -verheißungsvoll, und dann kann ich weinen, dann schmilzt mir der Stein im -Halse, dann umschlinge ich sie und sage es ihr, und dann ist es gut, dann -ist Rettung da! Und als der Türspalt schon dunkel geworden war, horchte ich -noch eine Weile und meinte, es müsse und müsse geschehen. - -Dann kehrte ich zu den Dingen zurück und sah meinem Feind ins Auge. Ich sah -ihn deutlich, das eine Auge hatte er eingekniffen, sein Mund lachte roh, -und indem ich ihn ansah und das Unentrinnbare in mich fraß, wurde er größer -und häßlicher, und sein böses Auge blitzte teufelhaft. Er war dicht bei -mir, bis ich einschlief, dann aber träumte ich nicht von ihm und nicht von -heute, sondern mir träumte, wir führen in einem Boot, die Eltern und -Schwestern und ich, und es umgab uns lauter Friede und Glanz eines -Ferientages. Mitten in der Nacht erwachte ich, fühlte noch den -Nachgeschmack der Seligkeit, sah noch die weißen Sommerkleider meiner -Schwestern in der Sonne schimmern und fiel aus allem Paradies zurück in -das, was war, und stand dem Feind mit dem bösen Auge wieder gegenüber. - -Am Morgen, als meine Mutter eilig kam und rief, es sei schon spät und warum -ich noch im Bett liege, sah ich schlecht aus, und als sie fragte, ob mir -etwas fehle, erbrach ich mich. - -Damit schien etwas gewonnen. Ich liebte es sehr, ein wenig krank zu sein -und einen Morgen lang bei Kamillentee liegenbleiben zu dürfen, zuzuhören, -wie die Mutter im Nebenzimmer aufräumte, und wie Lina draußen in der Flur -den Metzger empfing. Der Vormittag ohne Schule war etwas Verzaubertes und -Märchenhaftes, die Sonne spielte dann ins Zimmer, und war nicht dieselbe -Sonne, gegen die man in der Schule die grünen Vorhänge herabließ. Aber auch -das schmeckte heute nicht und hatte einen falschen Klang bekommen. - -Ja wenn ich gestorben wäre! Aber ich war nur so ein wenig unwohl, wie schon -oft, und damit war nichts getan. Das schützte mich vor der Schule, aber es -schützte mich keineswegs vor Kromer, der um elf Uhr am Markt auf mich -wartete. Und die Freundlichkeit der Mutter war diesmal ohne Trost; sie war -lästig und tat weh. Ich stellte mich bald wieder schlafend und dachte nach. -Es half alles nichts, ich mußte um elf Uhr am Markt sein. Darum stand ich -um zehn Uhr leise auf und sagte, daß mir wieder wohl geworden sei. Es hieß, -wie gewöhnlich in solchen Fällen, daß ich entweder wieder zu Bette gehen -oder am Nachmittag in die Schule gehen müsse. Ich sagte, daß ich gern zur -Schule gehe. Ich hatte mir einen Plan gemacht. - -Ohne Geld durfte ich nicht zu Kromer kommen. Ich mußte die kleine -Sparbüchse an mich bekommen, die mir gehörte. Es war nicht genug Geld -darin, das wußte ich, lange nicht genug; aber etwas war es doch, und eine -Witterung sagte mir, daß etwas besser sei als nichts und Kromer wenigstens -begütigt werden müsse. - -Es war mir schlimm zumute, als ich auf Socken in das Zimmer meiner Mutter -schlich und aus ihrem Schreibtisch meine Büchse nahm; aber so schlimm wie -das Gestrige war es nicht. Das Herzklopfen würgte mich, und es wurde nicht -besser, als ich drunten im Treppenhaus beim ersten Untersuchen fand, daß -die Büchse verschlossen war. Es ging sehr leicht, sie aufzubrechen, es war -nur ein dünnes Blechgitter zu durchreißen; aber der Riß tat weh, erst damit -hatte ich Diebstahl begangen. Bis dahin hatte ich nur genascht, -Zuckerstücke und Obst. Dies nun war gestohlen, obwohl es mein eigenes Geld -war. Ich spürte, wie ich wieder einen Schritt näher bei Kromer und seiner -Welt war, wie es so hübsch Zug um Zug abwärts ging, und setzte Trotz -dagegen. Mochte mich der Teufel holen, jetzt ging kein Weg mehr zurück. Ich -zählte das Geld mit Angst, es hatte in der Büchse so voll geklungen, nun in -der Hand war es elend wenig. Es waren fünfundsechzig Pfennige. Ich -versteckte die Büchse in der untern Flur, hielt das Geld in der -geschlossenen Hand und trat aus dem Hause, anders als ich je durch dieses -Tor gegangen war. Oben rief jemand nach mir, wie mir schien; ich ging -schnell davon. - -Es war noch viel Zeit, ich drückte mich auf Umwegen durch die Gassen einer -veränderten Stadt, unter niegesehenen Wolken hin, an Häusern vorbei, die -mich ansahen, und an Menschen, die Verdacht auf mich hatten. Unterwegs fiel -mir ein, daß ein Schulkamerad von mir einmal auf dem Viehmarkt einen Taler -gefunden hatte. Gern hätte ich gebetet, daß Gott ein Wunder tun und mich -auch einen solchen Fund machen lassen möge. Aber ich hatte kein Recht mehr -zu beten. Und auch dann wäre die Büchse nicht wieder ganz geworden. - -Franz Kromer sah mich von weitem, doch kam er ganz langsam auf mich zu und -schien nicht auf mich zu achten. Als er in meiner Nähe war, gab er mir -einen befehlenden Wink, daß ich ihm folgen solle, und ging, ohne sich ein -einzigesmal umzusehen, ruhig weiter, die Strohgasse hinab und über den -Steg, bis er bei den letzten Häusern vor einem Neubau hielt. Es wurde dort -nicht gearbeitet, die Mauern standen kahl ohne Türen und Fenster. Kromer -sah sich um und ging durch die Tür hinein, ich ihm nach. Er trat hinter die -Mauer, winkte mich zu sich und streckte die Hand aus. - -»Hast du's?« fragte er kühl. - -Ich zog die geballte Hand aus der Tasche und schüttete mein Geld in seine -flache Hand. Er hatte es gezählt, noch eh der letzte Fünfer ausgeklungen -hatte. - -»Das sind fünfundsechzig Pfennig,« sagte er und sah mich an. - -»Ja,« sagte ich schüchtern. »Das ist alles, was ich habe, es ist zu wenig, -ich weiß wohl. Aber es ist alles. Ich habe nicht mehr.« - -»Ich hätte dich für gescheiter gehalten,« schalt er mit einem beinah milden -Tadel. »Unter Ehrenmännern soll Ordnung sein. Ich will dir nichts abnehmen, -was nicht recht ist, das weißt du. Nimm deine Nickel wieder, da! Der andere --- du weißt, wer -- versucht nicht, mich herunter zu handeln. Der zahlt.« - -»Aber ich habe und habe nicht mehr! Es war meine Sparkasse.« - -»Das ist deine Sache. Aber ich will dich nicht unglücklich machen. Du bist -mir noch eine Mark und fünfunddreißig Pfennig schuldig. Wann krieg' ich -die?« - -»O, du kriegst sie gewiß, Kromer! Ich weiß jetzt nicht -- vielleicht habe -ich bald mehr, morgen, oder übermorgen. Du begreifst doch, daß ich es -meinem Vater nicht sagen kann.« - -»Das geht mich nichts an. Ich bin nicht so, daß ich dir schaden will. Ich -könnte ja mein Geld noch vor Mittag haben, siehst du, und ich bin arm. Du -hast schöne Kleider an, und du kriegst was Besseres zu Mittag zu essen als -ich. Aber ich will nichts sagen. Ich will meinetwegen ein wenig warten. -Übermorgen pfeife ich dir, am Nachmittag, dann bringst du es in Ordnung. Du -kennst meinen Pfiff?« - -Er pfiff ihn mir vor, ich hatte ihn oft gehört. - -»Ja,« sagte ich, »ich weiß.« - -Er ging weg, als gehörte ich nicht zu ihm. Es war ein Geschäft zwischen uns -gewesen, weiter nichts. - - * * * * * - -Noch heute, glaube ich, würde Kromers Pfiff mich erschrecken machen, wenn -ich ihn plötzlich wieder hörte. Ich hörte ihn von nun an oft, mir schien, -ich höre ihn immer und immerzu. Kein Ort, kein Spiel, keine Arbeit, kein -Gedanke, wohin dieser Pfiff nicht drang, der mich abhängig machte, der -jetzt mein Schicksal war. Oft war ich in unsrem kleinen Blumengarten, den -ich sehr liebte, an den sanften farbigen Herbstnachmittagen, und ein -sonderbarer Trieb hieß mich, Knabenspiele früherer Epochen wieder -aufzunehmen; ich spielte gewissermaßen einen Knaben, der jünger war als -ich, der noch gut und frei, unschuldig und geborgen war. Aber mitten -hinein, immer erwartet und immer doch entsetzlich aufstörend und -überraschend, klang der Kromersche Pfiff von irgendwoher, schnitt den Faden -ab, zerstörte die Einbildungen. Dann mußte ich gehen, mußte meinem Peiniger -an schlechte und häßliche Orte folgen, mußte ihm Rechenschaft ablegen und -mich um Geld mahnen lassen. Das Ganze hat vielleicht einige Wochen -gedauert, mir schien es aber, es seien Jahre, es sei eine Ewigkeit. Selten -hatte ich Geld, einen Fünfer oder einen Groschen, der vom Küchentisch -gestohlen war, wenn Lina den Marktkorb dort stehen ließ. Jedesmal wurde ich -von Kromer gescholten und mit Verachtung überhäuft; ich war es, der ihn -betrügen und ihm sein gutes Recht vorenthalten wollte, ich war es, der ihn -bestahl, ich war es, der ihn unglücklich machte! Nicht oft im Leben ist mir -die Not so nah ans Herz gestiegen, selten habe ich größere -Hoffnungslosigkeit, größere Abhängigkeit gefühlt. - -Die Sparbüchse hatte ich mit Spielmarken gefüllt und wieder an ihren Ort -gestellt, niemand fragte danach. Aber auch das konnte jeden Tag über mich -hereinbrechen. Noch mehr als vor Kromers rohem Pfiff fürchtete ich mich oft -vor der Mutter, wenn sie leise zu mir trat -- kam sie nicht, um mich nach -der Büchse zu fragen? - -Da ich viele Male ohne Geld bei meinem Teufel erschienen war, fing er an, -mich auf andere Art zu quälen und zu benutzen. Ich mußte für ihn arbeiten. -Er hatte für seinen Vater Ausgänge zu besorgen, ich mußte sie für ihn -besorgen. Oder er trug mir auf, etwas Schwieriges zu vollführen, zehn -Minuten lang auf einem Bein zu hüpfen, einem Vorübergehenden einen -Papierwisch an den Rock zu heften. In Träumen vieler Nächte setzte ich -diese Plagen fort und lag im Schweiß des Alpdruckes. - -Eine Zeitlang wurde ich krank. Ich erbrach oft und hatte leicht kalt, -nachts aber lag ich in Schweiß und Hitze. Meine Mutter fühlte, daß etwas -nicht richtig sei, und zeigte mir viel Teilnahme, die mich quälte, weil ich -sie nicht mit Vertrauen erwidern konnte. - -Einmal brachte sie mir am Abend, als ich schon im Bett war, ein Stückchen -Schokolade. Es war ein Anklang an frühere Jahre, wo ich abends, wenn ich -brav gewesen war, oft zum Einschlafen solche Trostbissen bekommen hatte. -Nun stand sie da und hielt mir das Stückchen Schokolade hin. Mir war so -weh, daß ich nur den Kopf schütteln konnte. Sie fragte, was mir fehle, sie -streichelte mir das Haar. Ich konnte nur herausstoßen: »Nicht! Nicht! Ich -will nichts haben.« Sie legte die Schokolade auf den Nachttisch und ging. -Als sie mich andern Tages darüber ausfragen wollte, tat ich, als wüßte ich -nichts mehr davon. Einmal brachte sie mir den Doktor, der mich untersuchte -und mir kalte Waschungen am Morgen verschrieb. - -Mein Zustand zu jener Zeit war eine Art von Irrsinn. Mitten im geordneten -Frieden unseres Hauses lebte ich scheu und gepeinigt wie ein Gespenst, -hatte nicht teil am Leben der andern, vergaß mich selten für eine Stunde. -Gegen meinen Vater, der mich oft gereizt zur Rede stellte, war ich -verschlossen und kalt. - - - - -Zweites Kapitel -Kain - - -Die Rettung aus meinen Qualen kam von ganz unerwarteter Seite, und zugleich -mit ihr kam etwas Neues in mein Leben, das bis heute fort gewirkt hat. - -In unsere Lateinschule war vor kurzem ein neuer Schüler eingetreten. Er war -der Sohn einer wohlhabenden Witwe, die in unsere Stadt gezogen war, und er -trug einen Trauerflor um den Ärmel. Er ging in eine höhere Klasse als ich -und war mehrere Jahre älter, aber auch mir fiel er bald auf, wie allen. -Dieser merkwürdige Schüler schien viel älter zu sein als er aussah, auf -niemanden machte er den Eindruck eines Knaben. Zwischen uns kindischen -Jungen bewegte er sich fremd und fertig wie ein Mann, vielmehr wie ein -Herr. Beliebt war er nicht, er nahm nicht an den Spielen, noch weniger an -Raufereien teil, nur sein selbstbewußter und entschiedener Ton gegen die -Lehrer gefiel den andern. Er hieß Max Demian. - -Eines Tages traf es sich, wie es in unsrer Schule hie und da vorkam, daß -aus irgendwelchen Gründen noch eine zweite Klasse in unser sehr großes -Schulzimmer gesetzt wurde. Es war die Klasse Demians. Wir Kleinen hatten -biblische Geschichte, die Großen mußten einen Aufsatz machen. Während man -uns die Geschichte von Kain und Abel einbläute, sah ich viel zu Demian -hinüber, dessen Gesicht mich eigentümlich faszinierte, und sah dies kluge, -helle, ungemein feste Gesicht aufmerksam und geistvoll über seine Arbeit -gebeugt; er sah gar nicht aus wie ein Schüler, der eine Aufgabe macht, -sondern wie ein Forscher, der eigenen Problemen nachgeht. Angenehm war er -mir eigentlich nicht, im Gegenteil, ich hatte irgend etwas gegen ihn, er -war mir zu überlegen und kühl, er war mir allzu herausfordernd sicher in -seinem Wesen, und seine Augen hatten den Ausdruck der Erwachsenen -- den -die Kinder nie lieben -- ein wenig traurig mit Blitzen von Spott darin. -Doch mußte ich ihn immerfort ansehen, er mochte mir lieb oder leid sein; -kaum aber blickte er einmal auf mich, so zog ich meinen Blick erschrocken -zurück. Wenn ich es mir heute überlege, wie er damals als Schüler aussah, -so kann ich sagen: er war in jeder Hinsicht anders als alle, war durchaus -eigen und persönlich gestempelt, und fiel darum auf -- zugleich aber tat er -alles, um nicht aufzufallen, trug und benahm sich wie ein verkleideter -Prinz, der unter Bauernbuben ist und sich jede Mühe gibt, ihresgleichen zu -scheinen. - -Auf dem Heimweg von der Schule ging er hinter mir. Als die anderen sich -verlaufen hatten, überholte er mich und grüßte. Auch dies Grüßen, obwohl er -unsern Schuljungenton dabei nachmachte, war so erwachsen und höflich. - -»Gehen wir ein Stück weit zusammen?« fragte er freundlich. Ich war -geschmeichelt und nickte. Dann beschrieb ich ihm, wo ich wohne. - -»Ah, dort?« sagte er lächelnd. »Das Haus kenne ich schon. Über eurer -Haustür ist so ein merkwürdiges Ding angebracht, das hat mich gleich -interessiert.« - -Ich wußte gar nicht gleich, was er meine, und war erstaunt, daß er unser -Haus besser zu kennen schien als ich. Es war wohl als Schlußstein über der -Torwölbung eine Art Wappen vorhanden, doch war es im Lauf der Zeiten flach -und oftmals mit Farbe überstrichen worden, mit uns und unsrer Familie hatte -es, soviel ich wußte, nichts zu tun. - -»Ich weiß nichts darüber,« sagte ich schüchtern. »Es ist ein Vogel oder so -was Ähnliches, es muß ganz alt sein. Das Haus soll früher einmal zum -Kloster gehört haben.« - -»Das kann schon sein,« nickte er. »Sieh dir's einmal gut an! Solche Sachen -sind oft ganz interessant. Ich glaube, daß es ein Sperber ist.« - -Wir gingen weiter, ich war sehr befangen. Plötzlich lachte Demian, als -falle ihm etwas Lustiges ein. - -»Ja, ich habe ja da eurer Stunde beigewohnt,« sagte er lebhaft. »Die -Geschichte von Kain, der das Zeichen auf der Stirn trug, nicht wahr? -Gefällt sie dir?« - -Nein, gefallen hatte mir selten irgend etwas von all dem, was wir lernen -mußten. Ich wagte es aber nicht zu sagen, es war, als rede ein Erwachsener -mit mir. Ich sagte, die Geschichte gefalle mir ganz gut. - -Demian klopfte mir auf die Schulter. - -»Du brauchst mir nichts vorzumachen, Lieber. Aber die Geschichte ist -tatsächlich recht merkwürdig, ich glaube, sie ist viel merkwürdiger als die -meisten andern, die im Unterricht vorkommen. Der Lehrer hat ja nicht viel -darüber gesagt, nur so das Übliche über Gott und die Sünde und so weiter. -Aber ich glaube --« er unterbrach sich, lächelte und fragte: »Interessiert -es dich aber?« - -»Ja, ich glaube also,« fuhr er fort, »man kann diese Geschichte von Kain -auch ganz anders auffassen. Die meisten Sachen, die man uns lehrt, sind -gewiß ganz wahr und richtig, aber man kann sie alle auch anders ansehen, -als die Lehrer es tun, und meistens haben sie dann einen viel besseren -Sinn. Mit diesem Kain zum Beispiel und mit dem Zeichen auf seiner Stirn -kann man doch nicht recht zufrieden sein, so wie er uns erklärt wird. -Findest du nicht auch? Daß einer seinen Bruder im Streit totschlägt, kann -ja gewiß passieren, und daß er nachher Angst kriegt und klein beigibt, ist -auch möglich. Daß er aber für seine Feigheit extra mit einem Orden -ausgezeichnet wird, der ihn schützt und allen andern Angst einjagt, ist -doch recht sonderbar.« - -»Freilich,« sagte ich interessiert: die Sache begann mich zu fesseln. »Aber -wie soll man die Geschichte anders erklären?« - -Er schlug mir auf die Schulter. - -»Ganz einfach! Das, was vorhanden war und womit die Geschichte ihren Anfang -genommen hat, war das Zeichen. Es war da ein Mann, der hatte etwas im -Gesicht, was den andern Angst machte. Sie wagten nicht ihn anzurühren, er -imponierte ihnen, er und seine Kinder. Vielleicht, oder sicher, war es aber -nicht wirklich ein Zeichen auf der Stirn, so wie ein Poststempel, so grob -geht es im Leben selten zu. Viel eher war es etwas kaum wahrnehmbares -Unheimliches, ein wenig mehr Geist und Kühnheit im Blick, als die Leute -gewohnt waren. Dieser Mann hatte Macht, vor diesem Mann scheute man sich. -Er hatte ein >Zeichen<. Man konnte das erklären, wie man wollte. Und >man< -will immer das, was einem bequem ist und recht gibt. Man hatte Furcht vor -den Kainskindern, sie hatten ein >Zeichen<. Also erklärte man das Zeichen -nicht als das, was es war, als eine Auszeichnung, sondern als das -Gegenteil. Man sagte, die Kerls mit diesem Zeichen seien unheimlich, und -das waren sie auch. Leute mit Mut und Charakter sind den anderen Leuten -immer sehr unheimlich. Daß da ein Geschlecht von Furchtlosen und -Unheimlichen herumlief, war sehr unbequem, und nun hängte man diesem -Geschlecht einen Übernamen und eine Fabel an, um sich an ihm zu rächen, um -sich für alle die ausgestandne Furcht ein bißchen schadlos zu halten. -- -Begreifst du?« - -»Ja -- das heißt -- dann wäre ja Kain also gar nicht böse gewesen? Und die -ganze Geschichte in der Bibel wäre eigentlich gar nicht wahr?« - -»Ja und nein. So alte, uralte Geschichten sind immer wahr, aber sie sind -nicht immer so aufgezeichnet und werden nicht immer so erklärt, wie es -richtig wäre. Kurz, ich meine, der Kain war ein famoser Kerl, und bloß, -weil man Angst vor ihm hatte, hängte man ihm diese Geschichte an. Die -Geschichte war einfach ein Gerücht, so etwas, was die Leute herumschwätzen, -und es war insofern ganz wahr, als Kain und seine Kinder ja wirklich eine -Art >Zeichen< trugen und anders waren als die meisten Leute.« - -Ich war sehr erstaunt. - -»Und dann glaubst du, daß auch das mit dem Totschlag gar nicht wahr ist?« -fragte ich ergriffen. - -»O doch! Sicher ist das wahr. Der Starke hatte einen Schwachen erschlagen. -Ob es wirklich sein Bruder war, daran kann man ja zweifeln. Es ist nicht -wichtig, schließlich sind alle Menschen Brüder. Also ein Starker hat einen -Schwachen totgeschlagen. Vielleicht war es eine Heldentat, vielleicht auch -nicht. Jedenfalls aber waren die andern Schwachen jetzt voller Angst, sie -beklagten sich sehr, und wenn man sie fragte: >Warum schlaget ihr ihn nicht -einfach auch tot?< dann sagten sie nicht: >Weil wir Feiglinge sind,< -sondern sie sagten: >Man kann nicht. Er hat ein Zeichen. Gott hat ihn -gezeichnet!< Etwa so muß der Schwindel entstanden sein. -- Na, ich halte -dich auf. Adieu denn!« - -Er bog in die Altgasse ein und ließ mich allein, verwunderter als ich je -gewesen war. Kaum war er weg, so erschien mir alles, was er gesagt hatte, -ganz unglaublich! Kain ein edler Mensch, Abel ein Feigling! Das -Kainszeichen eine Auszeichnung! Es war absurd, es war gotteslästerlich und -ruchlos. Wo blieb dann der liebe Gott? Hatte der nicht Abels Opfer -angenommen, hatte der nicht Abel lieb? -- Nein, dummes Zeug! Und ich -vermutete, Demian habe sich über mich lustig machen und mich aufs Glatteis -locken wollen. Ein verflucht gescheiter Kerl war er ja, und reden konnte -er, aber so -- nein -- - -Immerhin hatte ich noch niemals über irgendeine biblische oder andere -Geschichte so viel nachgedacht. Und hatte seit langem noch niemals den -Franz Kromer so völlig vergessen, stundenlang, einen ganzen Abend lang. Ich -las zu Hause die Geschichte noch einmal durch, wie sie in der Bibel stand, -sie war kurz und deutlich, und es war ganz verrückt, da nach einer -besonderen, geheimen Deutung zu suchen. Da könnte jeder Totschläger sich -für Gottes Liebling erklären! Nein, es war Unsinn. Nett war bloß die Art, -wie Demian solche Sachen sagen konnte, so leicht und hübsch, wie wenn alles -selbstverständlich wäre, und mit diesen Augen dazu! - -Etwas freilich war ja bei mir selbst nicht in Ordnung, war sogar sehr in -Unordnung. Ich hatte in einer lichten und sauberen Welt gelebt, ich war -selber eine Art von Abel gewesen, und jetzt stak ich so tief im »andern«, -war so sehr gefallen und gesunken, und doch konnte ich im Grunde nicht so -sehr viel dafür! Wie war es nun damit? Ja, und jetzt blitzte eine -Erinnerung in mir herauf, die mir für einen Augenblick fast den Atem nahm. -An jenem üblen Abend, wo mein jetziges Elend angefangen hatte, da war das -mit meinem Vater gewesen, da hatte ich, einen Augenblick lang, ihn und -seine lichte Welt und Weisheit auf einmal wie durchschaut und verachtet! -Ja, da hatte ich selber, der ich Kain war und das Zeichen trug, mir -eingebildet, dies Zeichen sei keine Schande, es sei eine Auszeichnung und -ich stehe durch meine Bosheit und mein Unglück höher als mein Vater, höher -als die Guten und Frommen. - -Nicht in dieser Form des klaren Gedankens war es, daß ich die Sache damals -erlebte, aber alles dies war darin enthalten, es war nur ein Aufflammen von -Gefühlen, von seltsamen Regungen, welche weh taten und mich doch mit Stolz -erfüllten. - -Wenn ich mich besann -- wie sonderbar hatte Demian von den Furchtlosen und -den Feigen gesprochen! Wie seltsam hatte er das Zeichen auf Kains Stirne -gedeutet! Wie hatte sein Auge, sein merkwürdiges Auge eines Erwachsenen, -dabei wunderlich geleuchtet! Und es schoß mir unklar durch den Kopf: -- ist -nicht er selber, dieser Demian, so eine Art Kain? Warum verteidigt er ihn, -wenn er sich nicht ihm ähnlich fühlt? Warum hat er diese Macht im Blick? -Warum spricht er so höhnisch von den »andern«, von den Furchtsamen, welche -doch eigentlich die Frommen und Gott Wohlgefälligen sind? - -Ich kam mit diesen Gedanken zu keinem Ende. Es war ein Stein in den Brunnen -gefallen, und der Brunnen war meine junge Seele. Und für eine lange, sehr -lange Zeit war diese Sache mit Kain, dem Totschlag und dem Zeichen der -Punkt, bei dem meine Versuche zu Erkenntnis, Zweifel und Kritik alle ihren -Ausgang nahmen. - - * * * * * - -Ich merkte, daß auch die andern Schüler sich mit Demian viel beschäftigten. -Von der Geschichte wegen Kain hatte ich niemandem etwas gesagt, aber er -schien auch andre zu interessieren. Wenigstens kamen viele Gerüchte über -den »Neuen« in Umlauf. Wenn ich sie nur noch alle wüßte, jedes würde ein -Licht auf ihn werfen, jedes würde zu deuten sein. Ich weiß nur noch, daß -zuerst verlautete, die Mutter Demians sei sehr reich. Auch sagte man, sie -gehe nie in die Kirche, und der Sohn auch nicht. Sie seien Juden, wollte -einer wissen, aber sie konnten auch heimliche Mohammedaner sein. Weiter -wurden Märchen erzählt von Max Demians Körperkraft. Sicher war, daß er den -Stärksten seiner Klasse, der ihn zum Raufen aufforderte und ihn bei seiner -Weigerung einen Feigling hieß, furchtbar demütigte. Die, die dabei waren, -sagten, Demian habe ihn bloß mit einer Hand am Genick genommen und fest -gedrückt, dann sei der Knabe bleich geworden, und nachher sei er -weggeschlichen und habe tagelang seinen Arm nicht mehr brauchen können. -Einen Abend lang hieß es sogar, er sei tot. Alles wurde eine Weile -behauptet, alles geglaubt, alles war aufregend und wundersam. Dann hatte -man für eine Weile genug. Nicht viel später aber kamen neue Gerüchte unter -uns Schülern auf, die wußten davon zu berichten, daß Demian vertrauten -Umgang mit Mädchen habe und »alles wisse«. - -Inzwischen ging meine Sache mit Franz Kromer ihren zwangsläufigen Weg -weiter. Ich kam nicht von ihm los, denn wenn er mich auch zwischenein -tagelang in Ruhe ließ, war ich doch an ihn gebunden. In meinen Träumen -lebte er wie mein Schatten mit, und was er mir nicht in der Wirklichkeit -antat, das ließ meine Phantasie ihn in diesen Träumen tun, in denen ich -ganz und gar sein Sklave wurde. Ich lebte in diesen Träumen -- ein starker -Träumer war ich immer -- mehr als im Wirklichen, ich verlor Kraft und Leben -an diese Schatten. Unter anderem träumte ich oft, daß Kromer mich -mißhandelte, daß er mich anspie und auf mir kniete, und, was schlimmer war, -daß er mich zu schweren Verbrechen verführte -- vielmehr nicht verführte, -sondern einfach durch seinen mächtigen Einfluß zwang. Der furchtbarste -dieser Träume, aus dem ich halb wahnsinnig erwachte, enthielt einen -Mordanfall auf meinen Vater. Kromer schliff ein Messer und gab es mir in -die Hand, wir standen hinter den Bäumen einer Allee und lauerten auf -jemand, ich wußte nicht auf wen; aber als jemand daherkam und Kromer mir -durch einen Druck auf meinen Arm sagte, der sei es, den ich erstechen -müsse, da war es mein Vater. Da erwachte ich. - -Über diesen Dingen dachte ich zwar wohl noch an Kain und Abel, aber wenig -mehr an Demian. Als er mir zuerst wieder nahetrat, war es merkwürdigerweise -auch in einem Traume. Nämlich ich träumte wieder von Mißhandlungen und -Vergewaltigung, die ich erlitt, aber statt Kromer war es diesmal Demian, -der auf mir kniete. Und -- das war ganz neu und machte mir tiefen Eindruck --- alles, was ich von Kromer unter Qual und Widerstreben erlitten hatte, -das erlitt ich von Demian gerne und mit einem Gefühl, das ebensoviel Wonne -wie Angst enthielt. Diesen Traum hatte ich zweimal, dann trat Kromer wieder -an seine Stelle. - -Was ich in diesen Träumen erlebte und was in der Wirklichkeit, das kann ich -längst nicht mehr genau trennen. Jedenfalls aber nahm mein schlimmes -Verhältnis zu Kromer seinen Lauf, und war nicht etwa zu Ende, als ich dem -Knaben endlich die geschuldete Summe aus lauter kleinen Diebstählen -abbezahlt hatte. Nein, jetzt wußte er von diesen Diebstählen, denn er -fragte mich immer, woher das Geld komme, und ich war mehr in seiner Hand -als jemals. Häufig drohte er, meinem Vater alles zu sagen, und dann war -meine Angst kaum so groß wie das tiefe Bedauern darüber, daß ich das nicht -von Anfang an selber getan hatte. Indessen, und so elend ich war, bereute -ich doch nicht alles, wenigstens nicht immer, und glaubte zuweilen zu -fühlen, daß alles so sein müsse. Ein Verhängnis war über mir, und es war -unnütz, es durchbrechen zu wollen. - -Vermutlich litten meine Eltern unter diesem Zustande nicht wenig. Es war -ein fremder Geist über mich gekommen, ich paßte nicht mehr in unsre -Gemeinschaft, die so innig gewesen war, und nach der mich oft ein rasendes -Heimweh wie nach verlorenen Paradiesen überfiel. Ich wurde, namentlich von -der Mutter, mehr wie ein Kranker behandelt als wie ein Bösewicht, aber wie -es eigentlich stand, konnte ich am besten aus dem Benehmen meiner beiden -Schwestern sehen. In diesem Benehmen, das sehr schonend war und mich -dennoch unendlich beelendete, gab sich deutlich kund, daß ich eine Art von -Besessenem war, der für seinen Zustand mehr zu beklagen als zu schelten -war, in dem aber doch eben das Böse seinen Sitz genommen hatte. Ich fühlte, -daß man für mich betete, anders als sonst, und fühlte die Vergeblichkeit -dieses Betens. Die Sehnsucht nach Erleichterung, das Verlangen nach einer -richtigen Beichte spürte ich oft brennend, und empfand doch auch voraus, -daß ich weder Vater noch Mutter alles richtig würde sagen und erklären -können. Ich wußte, man würde es freundlich aufnehmen, man würde mich sehr -schonen, ja bedauern, aber nicht ganz verstehen, und das Ganze würde als -eine Art Entgleisung angesehen werden, während es doch Schicksal war. - -Ich weiß, daß manche nicht glauben werden, daß ein Kind von noch nicht elf -Jahren so zu fühlen vermöge. Diesen erzähle ich meine Angelegenheit nicht. -Ich erzähle sie denen, welche den Menschen besser kennen. Der Erwachsene, -der gelernt hat, einen Teil seiner Gefühle in Gedanken zu verwandeln, -vermißt diese Gedanken beim Kinde, und meint nun, auch die Erlebnisse seien -nicht da. Ich aber habe nur selten in meinem Leben so tief erlebt und -gelitten wie damals. - - * * * * * - -Einst war ein Regentag, ich war von meinem Peiniger auf den Burgplatz -bestellt worden, da stand ich nun und wartete und wühlte mit den Füßen im -nassen Kastanienlaub, das noch immerzu von den schwarzen triefenden Bäumen -fiel. Geld hatte ich nicht, aber ich hatte zwei Stücke Kuchen beiseite -gebracht und trug sie bei mir, um dem Kromer wenigstens etwas geben zu -können. Ich war es längst gewohnt, so irgendwo in einem Winkel zu stehen -und auf ihn zu warten, oft sehr lange Zeit, und ich nahm es hin, wie der -Mensch das Unabänderliche hinnimmt. - -Endlich kam Kromer. Er blieb heute nicht lang. Er gab mir ein paar Knüffe -in die Rippen, lachte, nahm mir den Kuchen ab, bot mir sogar eine feuchte -Zigarette an, die ich jedoch nicht nahm, und war freundlicher als -gewöhnlich. - -»Ja,« sagte er beim Weggehen, »daß ich's nicht vergesse -- du könntest das -nächstemal deine Schwester mitbringen, die ältere. Wie heißt sie -eigentlich?« - -Ich verstand gar nicht, gab auch keine Antwort. Ich sah ihn nur verwundert -an. - -»Kapierst du nicht? Deine Schwester sollst du mitbringen.« - -»Ja, Kromer, aber das geht nicht. Das darf ich nicht, und sie käme auch gar -nicht mit.« - -Ich war darauf gefaßt, daß das nur wieder eine Schikane und ein Vorwand -sei. So machte er es oft, verlangte irgend etwas Unmögliches, setzte mich -in Schrecken, demütigte mich, und ließ dann allmählich mit sich handeln. -Ich mußte mich dann mit etwas Geld oder anderen Gaben loskaufen. - -Diesmal war er ganz anders. Er wurde auf meine Weigerung hin fast gar nicht -böse. - -»Na ja,« sagte er obenhin, »du wirst dir das überlegen. Ich möchte mit -deiner Schwester bekannt werden. Es wird schon einmal gehen. Du nimmst sie -einfach auf einen Spaziergang mit, und dann komme ich dazu. Morgen pfeife -ich dir an, dann sprechen wir noch einmal drüber.« - -Als er fort war, dämmerte mir plötzlich etwas vom Sinn seines Begehrens -auf. Ich war noch völlig Kind, aber ich wußte gerüchtweise davon, daß -Knaben und Mädchen, wenn sie etwas älter waren, irgendwelche -geheimnisvolle, anstößige und verbotene Dinge miteinander treiben konnten. -Und nun sollte ich also -- es wurde mir ganz plötzlich klar, wie -ungeheuerlich es war! Mein Entschluß, das nie zu tun, stand sofort fest. -Aber was dann geschehen und wie Kromer sich an mir rächen würde, daran -wagte ich kaum zu denken. Es begann eine neue Marter für mich, es war noch -nicht genug. - -Trostlos ging ich über den leeren Platz, die Hände in den Taschen. Neue -Qualen, neue Sklaverei! - -Da rief mich eine frische, tiefe Stimme an. Ich erschrak und fing zu laufen -an. Jemand lief mir nach, eine Hand faßte mich sanft von hinten. Es war Max -Demian. - -Ich gab mich gefangen. - -»Du bist es?« sagte ich unsicher. »Du hast mich so erschreckt!« - -Er sah mich an, und nie war sein Blick mehr der eines Erwachsenen, eines -Überlegenen und Durchschauenden gewesen als jetzt. Seit langem hatten wir -nicht mehr miteinander gesprochen. - -»Das tut mir leid,« sagte er mit seiner höflichen und dabei sehr bestimmten -Art. »Aber höre, man muß sich nicht so erschrecken lassen.« - -»Nun ja, das kann doch passieren.« - -»Es scheint so. Aber sieh: wenn du vor jemand, der dir nichts getan hat, so -zusammenfährst, dann fängt der Jemand an nachzudenken. Es wundert ihn, es -macht ihn neugierig. Der Jemand denkt sich, du seiest doch merkwürdig -schreckhaft, und er denkt weiter: so ist man bloß, wenn man Angst hat. -Feiglinge haben immer Angst; aber ich glaube, ein Feigling bist du -eigentlich nicht. Nicht wahr? O freilich, ein Held bist du auch nicht. Es -gibt Dinge, vor denen du Furcht hast; es gibt auch Menschen, vor denen du -Furcht hast. Und das sollte man nie haben. Nein, vor Menschen sollte man -niemals Furcht haben. Du hast doch keine vor mir? Oder?« - -»O nein, gar nicht.« - -»Eben, siehst du. Aber es gibt Leute, vor denen du Furcht hast?« - -»Ich weiß nicht . . . Laß mich doch, was willst du von mir?« - -Er hielt mit mir Schritt -- ich war rascher gegangen, mit Fluchtgedanken -- -und ich fühlte seinen Blick von der Seite her. - -»Nimm einmal an,« fing er wieder an, »daß ich es gut mit dir meine. Angst -brauchst du jedenfalls vor mir nicht zu haben. Ich möchte gern ein -Experiment mit dir machen, es ist lustig und du kannst etwas dabei lernen, -was sehr brauchbar ist. Paß einmal auf! -- Also ich versuche manchmal eine -Kunst, die man Gedankenlesen heißt. Es ist gar keine Hexerei dabei, aber -wenn man nicht weiß, wie es gemacht wird, dann sieht es ganz eigentümlich -aus. Man kann die Leute sehr damit überraschen. -- Nun, wir probieren -einmal. Also ich habe dich gern, oder ich interessiere mich für dich, und -möchte nun herausbringen, wie es in dir drinnen aussieht. Dazu habe ich den -ersten Schritt schon getan. Ich habe dich erschreckt -- du bist also -schreckhaft. Es gibt also Sachen und Menschen, vor denen du Angst hast. -Woher kann das kommen? Man braucht vor niemand Angst zu haben. Wenn man -jemand fürchtet, dann kommt es daher, daß man diesem Jemand Macht über sich -eingeräumt hat. Man hat zum Beispiel etwas Böses getan, und der andre weiß -das -- dann hat er Macht über dich. Du kapierst? Es ist doch klar, nicht?« - -Ich sah ihm hilflos ins Gesicht, das war ernst und klug wie stets, und auch -gütig, aber ohne alle Zärtlichkeit, es war eher streng. Gerechtigkeit oder -etwas Ähnliches lag darin. Ich wußte nicht, wie mir geschah; er stand wie -ein Zauberer vor mir. - -»Hast du verstanden?« fragte er noch einmal. - -Ich nickte. Sagen konnte ich nichts. - -»Ich sagte dir ja, es sieht komisch aus, das Gedankenlesen, aber es geht -ganz natürlich zu. Ich könnte dir zum Beispiel auch ziemlich genau sagen, -was du über mich gedacht hast, als ich einmal dir die Geschichte von Kain -und Abel erzählt hatte. Nun, das gehört nicht hierher. Ich halte es auch -für möglich, daß du einmal von mir geträumt hast. Lassen wir das aber! Du -bist ein gescheiter Junge, die meisten sind so dumm! Ich rede gern hie und -da mit einem gescheiten Jungen, zu dem ich Vertrauen habe. Es ist dir doch -recht?« - -»O ja. Ich verstehe nur gar nicht --« - -»Bleiben wir einmal bei dem lustigen Experiment! Wir haben also gefunden: -der Knabe S. ist schreckhaft -- er fürchtet jemanden -- er hat -wahrscheinlich mit diesem andern ein Geheimnis, das ihm sehr unbequem ist. --- Stimmt das ungefähr?« - -Wie im Traum unterlag ich seiner Stimme, seinem Einfluß. Ich nickte nur. -Sprach da nicht eine Stimme, die nur aus mir selber kommen konnte? Die -alles wußte? Die alles besser, klarer wußte als ich selber? - -Kräftig schlug mir Demian auf die Schulter. - -»Es stimmt also. Ich konnte mir's denken. Jetzt bloß noch eine einzige -Frage: weißt du, wie der Junge heißt, der da vorhin wegging?« - -Ich erschrak heftig, mein angetastetes Geheimnis krümmte sich schmerzhaft -in mir zurück, es wollte nicht ans Licht. - -»Was für ein Junge? Es war kein Junge da, bloß ich.« - -Er lachte. - -»Sag's nur!« lachte er. »Wie heißt er?« - -Ich flüsterte: »Meinst du den Franz Kromer?« - -Befriedigt nickte er mir zu. - -»Bravo! Du bist ein fixer Kerl, wir werden noch Freunde werden. Nun muß ich -dir aber etwas sagen: dieser Kromer, oder wie er heißt, ist ein schlechter -Kerl. Sein Gesicht sagt mir, daß er ein Schuft ist! Was meinst du?« - -»O ja,« seufzte ich auf, »er ist schlecht, er ist ein Satan! Aber er darf -nichts wissen! Um Gottes willen, er darf nichts wissen. Kennst du ihn? -Kennt er dich?« - -»Sei nur ruhig! Er ist fort, und er kennt mich nicht -- noch nicht. Aber -ich möchte ihn ganz gern kennenlernen. Er geht in die Volksschule?« - -»Ja.« - -»In welche Klasse?« - -»In die fünfte. -- Aber sag ihm nichts! Bitte, bitte sag ihm nichts!« - -»Sei ruhig, es passiert dir nichts. -- Vermutlich hast du keine Lust, mir -ein wenig mehr von diesem Kromer zu erzählen?« - -»Ich kann nicht! Nein, laß mich!« - -Er schwieg eine Weile. - -»Schade,« sagte er dann, »wir hätten das Experiment noch weiter führen -können. Aber ich will dich nicht plagen. Aber nicht wahr, das weißt du -doch, daß deine Furcht vor ihm nichts Richtiges ist? So eine Furcht macht -uns ganz kaputt, die muß man loswerden. Du mußt sie loswerden, wenn ein -rechter Kerl aus dir werden soll. Begreifst du?« - -»Gewiß, du hast ganz recht . . . aber es geht nicht. Du weißt ja nicht -. . .« - -»Du hast gesehen, daß ich manches weiß, mehr als du gedacht hättest. -- -Bist du ihm etwa Geld schuldig?« - -»Ja, das auch, aber das ist nicht die Hauptsache. Ich kann es nicht sagen, -ich kann nicht!« - -»Es hilft also nichts, wenn ich dir soviel Geld gebe, wie du ihm schuldig -bist? -- Ich könnte es dir gut geben.« - -»Nein, nein, das ist es nicht. Und ich bitte dich: sage niemand davon! Kein -Wort! Du machst mich unglücklich!« - -»Verlaß dich auf mich, Sinclair. Eure Geheimnisse wirst du mir später -einmal mitteilen --« - -»Nie, nie!« rief ich heftig. - -»Ganz wie du willst. Ich meine nur, vielleicht wirst du mir später einmal -mehr sagen. Nur freiwillig, versteht sich. Du denkst doch nicht, ich werde -es machen wie der Kromer selber?« - -»O nein -- aber du weißt ja gar nichts davon!« - -»Gar nichts. Ich denke nur darüber nach. Und ich werde es nie so machen wie -Kromer es macht, das glaubst du mir. Du bist ja mir auch nichts schuldig.« - -Wir schwiegen eine lange Zeit, und ich wurde ruhiger. Aber Demians Wissen -wurde mir immer rätselhafter. - -»Ich geh jetzt nach Hause,« sagte er, und zog im Regen seinen Lodenmantel -fester zusammen. »Ich möchte dir nur eins nochmals sagen, weil wir schon so -weit sind -- du solltest diesen Kerl loswerden! Wenn es gar nicht anders -geht, dann schlage ihn tot! Es würde mir imponieren und gefallen, wenn du -es tätest. Ich würde dir auch helfen.« - -Ich bekam von neuem Angst. Die Geschichte von Kain fiel mir plötzlich -wieder ein. Es wurde mir unheimlich, und ich begann sachte zu weinen. Zu -viel Unheimliches war um mich her. - -»Nun gut,« lächelte Max Demian. »Geh nur nach Hause! Wir machen das schon. -Obwohl Totschlagen das Einfachste wäre. In solchen Dingen ist das -Einfachste immer das Beste. Du bist in keinen guten Händen bei deinem -Freund Kromer.« - -Ich kam nach Hause, und mir schien, ich sei ein Jahr lang weg gewesen. -Alles sah anders aus. Zwischen mir und Kromer stand etwas wie Zukunft, -etwas wie Hoffnung. Ich war nicht mehr allein! Und erst jetzt sah ich, wie -schrecklich allein ich wochen- und wochenlang mit meinem Geheimnis gewesen -war. Und sofort fiel mir ein, was ich mehrmals durchgedacht hatte: daß eine -Beichte vor meinen Eltern mich erleichtern und mich doch nicht ganz erlösen -würde. Nun hatte ich beinahe gebeichtet, einem andern, einem Fremden, und -Erlösungsahnung flog mir wie ein starker Duft entgegen! - - * * * * * - -Immerhin war meine Angst noch lange nicht überwunden, und ich war noch auf -lange und furchtbare Auseinandersetzungen mit meinem Feinde gefaßt. Desto -merkwürdiger war es mir, daß alles so still, so völlig geheim und ruhig -verlief. - -Kromers Pfiff vor unsrem Hause blieb aus, einen Tag, zwei Tage, drei Tage, -eine Woche lang. Ich wagte gar nicht, daran zu glauben, und lag innerlich -auf der Lauer, ob er nicht plötzlich, eben wenn man ihn gar nimmer -erwartete, doch wieder dastehen würde. Aber er war und blieb fort! -Mißtrauisch gegen die neue Freiheit, glaubte ich noch immer nicht recht -daran. Bis ich endlich einmal dem Franz Kromer begegnete. Er kam die -Seilergasse herab, gerade mir entgegen. Als er mich sah, zuckte er -zusammen, verzog das Gesicht zu einer wüsten Grimasse und kehrte ohne -weiteres um, um mir nicht begegnen zu müssen. - -Das war für mich ein unerhörter Augenblick! Mein Feind lief vor mir davon! -Mein Satan hatte Angst vor mir! Mir fuhr die Freude und Überraschung durch -und durch. - -In diesen Tagen zeigte sich Demian einmal wieder. Er wartete auf mich vor -der Schule. - -»Grüß Gott,« sagte ich. - -»Guten Morgen, Sinclair. Ich wollte nur einmal hören, wie dir's geht. Der -Kromer läßt dich doch jetzt in Ruhe, nicht?« - -»Hast du das gemacht? Aber wie denn? Wie denn? Ich begreife es gar nicht. -Er ist ganz ausgeblieben.« - -»Das ist gut. Wenn er je einmal wiederkommen sollte -- ich denke, er tut es -nicht, aber er ist ja ein frecher Kerl -- dann sage ihm bloß, er möge an -den Demian denken.« - -»Aber wie hängt das zusammen? Hast du Händel mit ihm angefangen und ihn -verhauen?« - -»Nein, das tue ich nicht so gern. Ich habe bloß mit ihm gesprochen, so wie -mit dir auch, und habe ihm dabei klar machen können, daß es sein eigener -Vorteil ist, wenn er dich in Ruhe läßt.« - -»O, du wirst ihm doch kein Geld gegeben haben?« - -»Nein, mein Junge. Diesen Weg hattest ja du schon probiert.« - -Er machte sich los, so sehr ich ihn auszufragen versuchte, und ich blieb -mit dem alten beklommenen Gefühl gegen ihn zurück, das aus Dankbarkeit und -Scheu, aus Bewunderung und Angst, aus Zuneigung und innerem Widerstreben -seltsam gemischt war. - -Ich nahm mir vor, ihn bald wiederzusehen, und dann wollte ich mehr mit ihm -über das alles reden, auch noch über die Kain-Sache. - -Es kam nicht dazu. - -Dankbarkeit ist überhaupt keine Tugend, an die ich Glauben habe, und sie -von einem Kinde zu verlangen, schiene mir falsch. So wundere ich mich über -meine eigene völlige Undankbarkeit nicht eben sehr, die ich gegen Max -Demian bewies. Ich glaube heute mit Bestimmtheit, daß ich fürs Leben krank -und verdorben worden wäre, wenn er mich nicht aus den Klauen Kromers -befreit hätte. Diese Befreiung fühlte ich auch damals schon als das größte -Erlebnis meines jungen Lebens -- aber den Befreier selbst ließ ich links -liegen, sobald er das Wunder vollführt hatte. - -Merkwürdig ist die Undankbarkeit, wie gesagt, mir nicht. Sonderbar ist mir -einzig der Mangel an Neugierde, den ich bewies. Wie war es möglich, daß ich -einen einzigen Tag ruhig weiterleben konnte, ohne den Geheimnissen näher zu -kommen, mit denen mich Demian in Berührung gebracht hatte? Wie konnte ich -die Begierde zurückhalten, mehr über Kain zu hören, mehr über Kromer, mehr -über das Gedankenlesen? - -Es ist kaum begreiflich, und ist doch so. Ich sah mich plötzlich aus -dämonischen Netzen entwirrt, sah wieder die Welt hell und freudig vor mir -liegen, unterlag nicht mehr Angstanfällen und würgendem Herzklopfen. Der -Bann war gebrochen, ich war nicht mehr ein gepeinigter Verdammter, ich war -wieder ein Schulknabe wie immer. Meine Natur suchte so rasch wie möglich -wieder in Gleichgewicht und Ruhe zu kommen, und so gab sie sich vor allem -Mühe, das viele Häßliche und Bedrohende von sich weg zu rücken, es zu -vergessen. Wunderbar schnell entglitt die ganze lange Geschichte meiner -Schuld und Verängstigung meinem Gedächtnis, ohne scheinbar irgendwelche -Narben und Eindrücke hinterlassen zu haben. - -Daß ich hingegen meinen Helfer und Retter ebenso rasch zu vergessen suchte, -begreife ich heute auch. Aus dem Jammertal meiner Verdammung, aus der -furchtbaren Sklaverei bei Kromer floh ich mit allen Trieben und Kräften -meiner geschädigten Seele dahin zurück, wo ich früher glücklich und -zufrieden gewesen war: in das verlorene Paradies, das sich wieder öffnete, -in die helle Vater- und Mutterwelt, zu den Schwestern, zum Duft der -Reinheit, zur Gottgefälligkeit Abels. - -Schon am Tage nach meinem kurzen Gespräch mit Demian, als ich von meiner -wiedergewonnenen Freiheit endlich völlig überzeugt war und keine Rückfälle -mehr fürchtete, tat ich das, was ich so oft und sehnlich mir gewünscht -hatte -- ich beichtete. Ich ging zu meiner Mutter, ich zeigte ihr das -Sparbüchslein, dessen Schloß beschädigt und das mit Spielmarken statt mit -Geld gefüllt war, und ich erzählte ihr, wie lange Zeit ich durch eigene -Schuld mich an einen bösen Quäler gefesselt hatte. Sie begriff nicht alles, -aber sie sah die Büchse, sie sah meinen veränderten Blick, hörte meine -veränderte Stimme, fühlte, daß ich genesen, daß ich ihr wiedergegeben war. - -Und nun beging ich mit hohen Gefühlen das Fest meiner Wiederaufnahme, die -Heimkehr des verlorenen Sohnes. Die Mutter brachte mich zum Vater, die -Geschichte wurde wiederholt, Fragen und Ausrufe der Verwunderung drängten -sich, beide Eltern streichelten mir den Kopf und atmeten aus langer -Bedrückung auf. Alles war herrlich, alles war wie in den Erzählungen, alles -löste sich in wunderbare Harmonie auf. - -In diese Harmonie floh ich nun mit wahrer Leidenschaft. Ich konnte mich -nicht genug daran ersättigen, daß ich wieder meinen Frieden und das -Vertrauen der Eltern hatte, ich wurde ein häuslicher Musterknabe, spielte -mehr als jemals mit meinen Schwestern und sang bei den Andachten die -lieben, alten Lieder mit wonnevollen Gefühlen des Erlösten und Bekehrten -mit. Es geschah von Herzen, es war keine Lüge dabei. - -Dennoch war es so gar nicht in Ordnung! Und hier ist der Punkt, aus dem -sich mir meine Vergeßlichkeit gegen Demian allein wahrhaft erklärt. Ihm -hätte ich beichten sollen! Die Beichte wäre weniger dekorativ und rührend, -aber für mich fruchtbarer ausgefallen. Nun klammerte ich mich mit allen -Wurzeln an meine ehemalige, paradiesische Welt, war heimgekehrt und in -Gnaden aufgenommen. Demian aber gehörte zu dieser Welt keineswegs, paßte -nicht in sie. Auch er war, anders als Kromer, aber doch eben -- auch er war -ein Verführer, auch er verband mich mit der zweiten, der bösen, schlechten -Welt, und von der wollte ich nun für immer nichts mehr wissen. Ich konnte -und wollte jetzt nicht Abel preisgeben und Kain verherrlichen helfen, -jetzt, wo ich eben selbst wieder ein Abel geworden war. - -So der äußere Zusammenhang. Der innere aber war dieser: Ich war aus Kromers -und des Teufels Händen erlöst, aber nicht durch meine eigene Kraft und -Leistung. Ich hatte versucht, auf den Pfaden der Welt zu wandeln, und sie -waren für mich zu schlüpfrig gewesen. Nun, da der Griff einer freundlichen -Hand mich gerettet hatte, lief ich, ohne einen Blick mehr nebenaus zu tun, -in den Schoß der Mutter und die Geborgenheit einer umhegten, frommen, -milden Kindlichkeit zurück. Ich machte mich jünger, abhängiger, kindlicher -als ich war. Ich mußte die Abhängigkeit von Kromer durch eine neue -ersetzen, denn allein zu gehen vermochte ich nicht. So wählte ich, in -meinem blinden Herzen, die Abhängigkeit von Vater und Mutter, von der -alten, geliebten »lichten Welt,« von der ich doch schon wußte, daß sie -nicht die einzige war. Hätte ich das nicht getan, so hätte ich mich zu -Demian halten und mich ihm anvertrauen müssen. Daß ich das nicht tat, das -erschien mir damals als berechtigtes Mißtrauen gegen seine befremdlichen -Gedanken; in Wahrheit war es nichts als Angst. Denn Demian hätte mehr von -mir verlangt als die Eltern verlangten, viel mehr, er hätte mich mit -Antrieb und Ermahnung, mit Spott und Ironie selbständiger zu machen -versucht. Ach, das weiß ich heute: Nichts auf der Welt ist dem Menschen -mehr zuwider als den Weg zu gehen, der ihn zu sich selber führt! - -Dennoch konnte ich, etwa ein halbes Jahr später, der Versuchung nicht -widerstehen, und fragte auf einem Spaziergang meinen Vater, was davon zu -halten sei, daß manche Leute den Kain für besser als den Abel erklärten. - -Er war sehr verwundert und erklärte mir, daß dies eine Auffassung sei, -welche der Neuheit entbehre. Sie sei sogar schon in der urchristlichen Zeit -aufgetaucht und sei in Sekten gelehrt worden, deren eine sich die -»Kainiten« nannte. Aber natürlich sei diese tolle Lehre nichts anderes als -ein Versuch des Teufels, unsern Glauben zu zerstören. Denn glaube man an -das Recht Kains und das Unrecht Abels, dann ergebe sich daraus die Folge, -daß Gott sich geirrt habe, daß also der Gott der Bibel nicht der richtige -und einzige, sondern ein falscher sei. Wirklich hätten die Kainiten auch -Ähnliches gelehrt und gepredigt; doch sei diese Ketzerei seit langem aus -der Menschheit verschwunden und er wundere sich nur, daß ein Schulkamerad -von mir etwas davon erfahren habe können. Immerhin ermahne er mich -ernstlich, diese Gedanken zu unterlassen. - - - - -Drittes Kapitel -Der Schächer - - -Es wäre Schönes, Zartes und Liebenswertes zu erzählen von meiner Kindheit, -von meinem Geborgensein bei Vater und Mutter, von Kindesliebe und genügsam -spielerischem Hinleben in sanften, lieben, lichten Umgebungen. Andre haben -davon genugsam gesprochen. Mich interessieren nur die Schritte, die ich in -meinem Leben tat, um zu mir selbst zu gelangen. Alle die hübschen -Ruhepunkte, Glücksinseln und Paradiese, deren Zauber mir nicht unbekannt -blieb, lasse ich im Glanz der Ferne liegen und begehre nicht sie nochmals -zu betreten. - -Darum spreche ich, soweit ich noch bei meiner Knabenzeit verweile, nur von -dem, was Neues mir zukam, was mich vorwärts trieb, mich losriß. - -Immer kamen diese Anstöße von der »anderen Welt,« immer brachten sie Angst, -Zwang und böses Gewissen mit sich, immer waren sie revolutionär und -gefährdeten den Frieden, in dem ich gern wohnen geblieben wäre. - -Es kamen die Jahre, in welchen ich aufs neue entdecken mußte, daß in mir -selbst ein Urtrieb lebte, der in der erlaubten und lichten Welt sich -verkriechen und verstecken mußte. Wie jeden Menschen, so fiel auch mich das -langsam erwachende Gefühl des Geschlechts als ein Feind und Zerstörer an, -als Verbotenes, als Verführung und Sünde. Was meine Neugierde suchte, was -mir Träume, Lust und Angst schuf, das große Geheimnis der Pubertät, das -paßte gar nicht in die umhegte Glückseligkeit meines Kinderfriedens. Ich -tat wie alle. Ich führte das Doppelleben des Kindes, das doch kein Kind -mehr ist. Mein Bewußtsein lebte im Heimischen und Erlaubten, mein -Bewußtsein leugnete die empordämmernde neue Welt. Daneben aber lebte ich in -Träumen, Trieben, Wünschen von unterirdischer Art, über welchen jenes -bewußte Leben sich immer ängstlichere Brücken baute, denn die Kinderwelt in -mir fiel zusammen. Wie fast alle Eltern, so halfen auch die meinen nicht -den erwachenden Lebenstrieben, von denen nicht gesprochen ward. Sie halfen -nur, mit unerschöpflicher Sorgfalt, meinen hoffnungslosen Versuchen, das -Wirkliche zu leugnen und in einer Kindeswelt weiter zu hausen, die immer -unwirklicher und verlogener ward. Ich weiß nicht, ob Eltern hierin viel tun -können, und mache den meinen keinen Vorwurf. Es war meine eigene Sache, mit -mir fertig zu werden und meinen Weg zu finden, und ich tat meine Sache -schlecht, wie die meisten Wohlerzogenen. - -Jeder Mensch durchlebt diese Schwierigkeit. Für den Durchschnittlichen ist -dies der Punkt im Leben, wo die Forderung des eigenen Lebens am härtesten -mit der Umwelt in Streit gerät, wo der Weg nach vorwärts am bittersten -erkämpft werden muß. Viele erleben das Sterben und Neugeborenwerden, das -unser Schicksal ist, nur dies eine Mal im Leben, beim Morschwerden und -langsamen Zusammenbrechen der Kindheit, wenn alles Liebgewordene uns -verlassen will und wir plötzlich die Einsamkeit und tödliche Kälte des -Weltraums um uns fühlen. Und sehr viele bleiben für immer an dieser Klippe -hängen und kleben ihr Leben lang schmerzlich am unwiederbringlich -Vergangenen, am Traum vom verlorenen Paradies, der der schlimmste und -mörderischeste aller Träume ist. - -Wenden wir uns zur Geschichte zurück. Die Empfindungen und Traumbilder, in -denen sich mir das Ende der Kindheit meldete, sind nicht wichtig genug, um -erzählt zu werden. Das Wichtige war: die »dunkle Welt,« die »andere Welt« -war wieder da. Was einst Franz Kromer gewesen war, das stak nun in mir -selber. Und damit gewann auch von außen her die »andere Welt« wieder Macht -über mich. - -Es waren seit der Geschichte mit Kromer mehrere Jahre vergangen. Jene -dramatische und schuldvolle Zeit meines Lebens lag damals mir sehr fern und -schien wie ein kurzer Alptraum in nichts vergangen. Franz Kromer war längst -aus meinem Leben verschwunden, kaum daß ich es achtete, wenn er mir je -einmal begegnete. Die andere wichtige Figur meiner Tragödie aber, Max -Demian, verschwand nicht mehr ganz aus meinem Umkreis. Doch stand er lange -Zeit fern am Rande, sichtbar, doch nicht wirksam. Erst allmählich trat er -wieder näher, strahlte wieder Kräfte und Einflüsse aus. - -Ich suche mich zu besinnen, was ich aus jener Zeit von Demian weiß. Es mag -sein, daß ich ein Jahr oder länger kein einziges Mal mit ihm gesprochen -habe. Ich mied ihn, und er drängte sich keineswegs auf. Etwa einmal, wenn -wir uns begegneten, nickte er mir einen freundlichen Gruß zu. Mir schien es -dann zuweilen, es sei in seiner Freundlichkeit ein feiner Klang von Hohn -oder ironischem Vorwurf, doch mag das Einbildung gewesen sein. Die -Geschichte, die ich mit ihm erlebt hatte, und der seltsame Einfluß, den er -damals auf mich geübt, waren wie vergessen, von ihm wie von mir. - -Ich suche nach seiner Figur, und nun, da ich mich auf ihn besinne, sehe -ich, daß er doch da war und von mir bemerkt wurde. Ich sehe ihn zur Schule -gehen, allein oder zwischen andern von den größeren Schülern, und ich sehe -ihn fremdartig, einsam und still, wie gestirnhaft zwischen ihnen wandeln, -von einer eigenen Luft umgeben, unter eigenen Gesetzen lebend. Niemand -liebte ihn, niemand war mit ihm vertraut, nur seine Mutter, und auch mit -ihr schien er nicht wie ein Kind, sondern wie ein Erwachsener zu verkehren. -Die Lehrer ließen ihn möglichst in Ruhe, er war ein guter Schüler, aber er -suchte keinem zu gefallen, und je und je vernahmen wir gerüchtweise von -irgendeinem Wort, einer Glosse oder Gegenrede, die er einem Lehrer sollte -gegeben haben und die an schroffer Herausforderung oder an Ironie nichts zu -wünschen übrig ließ. - -Ich besinne mich, mit geschlossenen Augen, und ich sehe sein Bild -auftauchen. Wo war das? Ja, nun ist es wieder da. Es war auf der Gasse vor -unserem Hause. Da sah ich ihn eines Tages stehen, ein Notizbuch in der -Hand, und sah ihn zeichnen. Er zeichnete das alte Wappenbild mit dem Vogel -über unsrer Haustüre ab. Und ich stand an einem Fenster, hinterm Vorhang -verborgen, und schaute ihm zu, und sah mit tiefer Verwunderung sein -aufmerksames, kühles, helles Gesicht dem Wappen zugewendet, das Gesicht -eines Mannes, eines Forschers oder Künstlers, überlegen und voll von -Willen, sonderbar hell und kühl, mit wissenden Augen. - -Und wieder sehe ich ihn. Es war wenig später, auf der Straße; wir standen -alle, von der Schule kommend, um ein Pferd, das gestürzt war. Es lag, noch -an die Deichsel geschirrt, vor einem Bauernwagen, schnob suchend und -kläglich mit geöffneten Nüstern in die Luft und blutete aus einer -unsichtbaren Wunde, so daß zu seiner Seite der weiße Straßenstaub sich -langsam dunkel vollsog. Als ich, mit einem Gefühl von Übelkeit, mich von -dem Anblick wegwandte, sah ich Demians Gesicht. Er hatte sich nicht -vorgedrängt, er stand zuhinterst, bequem und ziemlich elegant, wie es zu -ihm gehörte. Sein Blick schien auf den Kopf des Pferdes gerichtet, und -hatte wieder diese tiefe, stille, beinah fanatische und doch -leidenschaftslose Aufmerksamkeit. Ich mußte ihn lang ansehen, und damals -fühlte ich, noch fern vom Bewußtsein, etwas sehr Eigentümliches. Ich sah -Demians Gesicht, und ich sah nicht nur, daß er kein Knabengesicht hatte, -sondern das eines Mannes; ich sah noch mehr, ich glaubte zu sehen, oder zu -spüren, daß es auch nicht das Gesicht eines Mannes sei, sondern noch etwas -anderes. Es war, als sei auch etwas von einem Frauengesicht darin, und -namentlich schien dies Gesicht mir, für einen Augenblick, nicht männlich -oder kindlich, nicht alt oder jung, sondern irgendwie tausendjährig, -irgendwie zeitlos, von anderen Zeitläuften gestempelt als wir sie leben. -Tiere konnten so aussehen, oder Bäume, oder Sterne -- ich wußte das nicht, -ich empfand nicht genau das, was ich jetzt als Erwachsener darüber sage, -aber etwas Ähnliches. Vielleicht war er schön, vielleicht gefiel er mir, -vielleicht war er mir auch zuwider, auch das war nicht zu entscheiden. Ich -sah nur: er war anders als wir, er war wie ein Tier, oder wie ein Geist, -oder wie ein Bild, ich weiß nicht, wie er war, aber er war anders, -unausdenkbar anders als wir alle. - -Mehr sagt die Erinnerung mir nicht, und vielleicht ist auch dies zum Teil -schon aus späteren Eindrücken geschöpft. - -Erst als ich mehrere Jahre älter war, kam ich endlich wieder mit ihm in -nähere Berührung. Demian war nicht, wie die Sitte es gefordert hätte, mit -seinem Jahrgang in der Kirche konfirmiert worden, und auch daran hatten -sich wieder alsbald Gerüchte geknüpft. Es hieß in der Schule wieder, er sei -eigentlich ein Jude, oder nein, ein Heide, und andre wußten, er sei samt -seiner Mutter ohne jede Religion oder gehöre einer fabelhaften, schlimmen -Sekte an. Im Zusammenhang damit meine ich auch den Verdacht vernommen zu -haben, er lebe mit seiner Mutter wie mit einer Geliebten. Vermutlich war es -so, daß er bisher ohne Konfession erzogen worden war, daß dies nun aber für -seine Zukunft irgendwelche Unzuträglichkeiten fürchten ließ. Jedenfalls -entschloß sich seine Mutter, ihn jetzt doch, zwei Jahre später als seine -Altersgenossen, an der Konfirmation teilnehmen zu lassen. So kam es, daß er -nun monatelang im Konfirmationsunterricht mein Kamerad war. - -Eine Weile hielt ich mich ganz von ihm zurück, ich wollte nicht teil an ihm -haben, er war mir allzu sehr von Gerüchten und Geheimnissen umgeben, -namentlich aber störte mich das Gefühl von Verpflichtung, das seit der -Affäre mit Kromer in mir zurückgeblieben war. Und gerade damals hatte ich -genug mit meinen eigenen Geheimnissen zu tun. Für mich fiel der -Konfirmationsunterricht zusammen mit der Zeit der entscheidenden -Aufklärungen in den geschlechtlichen Dingen, und trotz gutem Willen war -mein Interesse für die fromme Belehrung dadurch sehr beeinträchtigt. Die -Dinge, von denen der Geistliche sprach, lagen weit von mir weg in einer -stillen heiligen Unwirklichkeit, sie waren vielleicht ganz schön und -wertvoll, aber keineswegs aktuell und erregend, und jene andern Dinge waren -gerade dies im höchsten Maße. - -Je mehr mich nun dieser Zustand gegen den Unterricht gleichgültig machte, -desto mehr näherte sich mein Interesse wieder dem Max Demian. Irgend etwas -schien uns zu verbinden. Ich muß diesem Faden möglichst genau nachgehen. -Soviel ich mich besinnen kann, begann es in einer Stunde früh am Morgen, -als noch Licht in der Schulstube brannte. Unser geistlicher Lehrer war auf -die Geschichte Kains und Abels zu sprechen gekommen. Ich achtete kaum -darauf, ich war schläfrig und hörte kaum zu. Da begann der Pfarrer mit -erhobener Stimme eindringlich vom Kainszeichen zu reden. In diesem -Augenblick spürte ich eine Art von Berührung oder Mahnung, und aufblickend -sah ich aus den vorderen Bankreihen her das Gesicht Demians nach mir zurück -gewendet, mit einem hellen sprechenden Auge, dessen Ausdruck ebensowohl -Spott wie Ernst sein konnte. Nur einen Moment sah er mich an, und plötzlich -horchte ich gespannt auf die Worte des Pfarrers, hörte ihn vom Kain und -seinem Zeichen reden, und spürte tief in mir ein Wissen, daß das nicht so -sei wie er es lehre, daß man das auch anders ansehen konnte, daß daran -Kritik möglich war! - -Mit dieser Minute war zwischen Demian und mir wieder eine Verbindung da. -Und sonderbar -- kaum war dies Gefühl einer gewissen Zusammengehörigkeit in -der Seele da, so sah ich es wie magisch auch ins Räumliche übertragen. Ich -wußte nicht, ob er es selbst so einrichten konnte oder ob es ein reiner -Zufall war -- ich glaubte damals noch fest an Zufälle -- nach wenigen Tagen -hatte Demian plötzlich seinen Platz in der Religionsstunde gewechselt und -saß gerade vor mir (ich weiß noch, wie gern ich mitten in der elenden -Armenhäuslerluft der überfüllten Schulstube am Morgen von seinem Nacken her -den zartfrischen Seifengeruch einsog!), und wieder nach einigen Tagen hatte -er wieder gewechselt und saß nun neben mir, und da blieb er sitzen, den -ganzen Winter und das ganze Frühjahr hindurch. - -Die Morgenstunden hatten sich ganz verwandelt. Sie waren nicht mehr -schläfrig und langweilig. Ich freute mich auf sie. Manchmal hörten wir -beide mit der größten Aufmerksamkeit dem Pfarrer zu, ein Blick von meinem -Nachbar genügte, um mich auf eine merkwürdige Geschichte, einen seltsamen -Spruch hinzuweisen. Und ein anderer Blick von ihm, ein ganz bestimmter, -genügte, um mich zu mahnen, um Kritik und Zweifel in mir anzuregen. - -Sehr oft aber waren wir schlechte Schüler und hörten nichts vom Unterricht. -Demian war stets artig gegen Lehrer und Mitschüler, nie sah ich ihn -Schuljungendummheiten machen, nie hörte man ihn laut lachen oder plaudern, -nie zog er sich einen Tadel des Lehrers zu. Aber ganz leise, und mehr mit -Zeichen und Blicken als mit Flüsterworten, verstand er es, mich an seinen -eigenen Beschäftigungen teilnehmen zu lassen. Diese waren zum Teil von -merkwürdiger Art. - -Er sagte mir zum Beispiel, welche von den Schülern ihn interessierten, und -auf welche Weise er sie studiere. Manche kannte er sehr genau. Er sagte mir -vor der Lektion: »Wenn ich dir ein Zeichen mit dem Daumen mache, dann wird -der und der sich nach uns umsehen, oder sich am Nacken kratzen usw.« -Während der Stunde dann, wenn ich oft kaum mehr daran dachte, drehte Max -plötzlich mit auffallender Gebärde mir seinen Daumen zu, ich schaute -schnell nach dem bezeichneten Schüler aus und sah ihn jedesmal, wie am -Draht gezogen, die verlangte Gebärde machen. Ich plagte Max, er solle das -auch einmal am Lehrer versuchen, doch wollte er es nicht tun. Aber einmal, -als ich in die Stunde kam und ihm sagte, ich hätte heute meine Aufgaben -nicht gelernt und hoffe sehr, der Pfarrer werde mich heute nichts fragen, -da half er mir. Der Pfarrer suchte nach einem Schüler, den er ein Stück -Katechismus hersagen lassen wollte, und sein schweifendes Auge blieb auf -meinem schuldbewußten Gesicht hängen. Langsam kam er heran, streckte den -Finger gegen mich aus, hatte schon meinen Namen auf den Lippen -- da wurde -er plötzlich zerstreut oder unruhig, rückte an seinem Halskragen, trat auf -Demian zu, der ihm fest ins Gesicht sah, schien ihn etwas fragen zu wollen, -wandte sich aber überraschend wieder weg, hustete eine Weile und forderte -dann einen andern Schüler auf. - -Erst allmählich merkte ich, während diese Scherze mich sehr belustigten, -daß mein Freund mit mir häufig dasselbe Spiel treibe. Es kam vor, daß ich -auf dem Schulweg plötzlich das Gefühl hatte, Demian gehe eine Strecke -hinter mir, und wenn ich mich umwandte, war er richtig da. - -»Kannst du denn eigentlich machen, daß ein anderer das denken muß, was du -willst?« fragte ich ihn. - -Er gab bereitwillig Auskunft, ruhig und sachlich, in seiner erwachsenen -Art. - -»Nein,« sagte er, »das kann man nicht. Man hat nämlich keinen freien -Willen, wenn auch der Pfarrer so tut. Weder kann der andere denken, was er -will, noch kann ich ihn denken machen, was ich will. Wohl aber kann man -jemand gut beobachten, und dann kann man oft ziemlich genau sagen, was er -denkt oder fühlt, und dann kann man meistens auch voraussehen, was er im -nächsten Augenblick tun wird. Es ist ganz einfach, die Leute wissen es bloß -nicht. Natürlich braucht es Übung. - -Es gibt zum Beispiel bei den Schmetterlingen gewisse Nachtfalter, bei denen -sind die Weibchen viel seltener als die Männchen. Die Falter pflanzen sich -gerade so fort wie alle Tiere, der Mann befruchtet das Weibchen, das dann -Eier legt. Wenn du nun von diesen Nachtfaltern ein Weibchen hast -- es ist -von Naturforschern oft probiert worden -- so kommen in der Nacht zu diesem -Weibchen die männlichen Falter geflogen, und zwar stundenweit! Stundenweit, -denke dir! Auf viele Kilometer spüren alle diese Männchen das einzige -Weibchen, das in der Gegend ist! Man versucht das zu erklären, aber es geht -schwer. Es muß eine Art Geruchssinn oder so etwas sein, etwa so wie gute -Jagdhunde eine unmerkliche Spur finden und verfolgen können. Du begreifst? -Das sind solche Sachen, die Natur ist voll davon, und niemand kann sie -erklären. Nun sage ich aber: Wären bei diesen Schmetterlingen die Weibchen -so häufig wie die Männchen, so hätten sie die feine Nase eben nicht! Sie -haben sie bloß, weil sie sich darauf dressiert haben. Wenn ein Tier oder -Mensch seine ganze Aufmerksamkeit und seinen ganzen Willen auf eine -bestimmte Sache richtet, dann erreicht er sie auch. Das ist alles. Und -genau so ist es mit dem, was du meinst. Sieh dir einen Menschen genau genug -an, so weißt du mehr von ihm als er selber.« - -Mir lag es auf der Zunge, das Wort »Gedankenlesen« auszusprechen, und ihn -damit an die Szene mit Kromer zu erinnern, die so lang zurück lag. Aber -dies war nun auch eine seltsame Sache zwischen uns beiden: Nie und niemals -machte weder er noch ich die leiseste Anspielung darauf, daß er vor -mehreren Jahren einmal so ernstlich in mein Leben eingegriffen hatte. Es -war, als sei nie etwas früher zwischen uns gewesen, oder als rechne jeder -von uns fest damit, daß der andere das vergessen habe. Es kam, ein- oder -zweimal, sogar vor, daß wir zusammen über die Straße gingen und den Franz -Kromer antrafen, aber wir wechselten keinen Blick, sprachen kein Wort von -ihm. - -»Aber wie ist nun das mit dem Willen?« fragte ich. »Du sagst, man hat -keinen freien Willen. Aber dann sagst du wieder, man brauche nur seinen -Willen fest auf etwas zu richten, dann könne man sein Ziel erreichen. Das -stimmt doch nicht! Wenn ich nicht Herr über meinen Willen bin, dann kann -ich ihn ja auch nicht beliebig da- oder dorthin richten.« - -Er klopfte mir auf die Schulter. Das tat er stets, wenn ich ihm Freude -machte. - -»Gut, daß du fragst!« sagte er lachend. »Man muß immer fragen, man muß -immer zweifeln. Aber die Sache ist sehr einfach. Wenn so ein Nachtfalter -zum Beispiel seinen Willen auf einen Stern oder sonstwohin richten wollte, -so könnte er das nicht. Nur -- er versucht das überhaupt nicht. Er sucht -nur das, was Sinn und Wert für ihn hat, was er braucht, was er unbedingt -haben muß. Und eben da gelingt ihm auch das Unglaubliche -- er entwickelt -einen zauberhaften sechsten Sinn, den kein anderes Tier außer ihm hat! -Unsereiner hat mehr Spielraum, gewiß, und mehr Interessen als ein Tier. -Aber auch wir sind in einem verhältnismäßig recht engen Kreis gebunden und -können nicht darüber hinaus. Ich kann wohl das und das phantasieren, mir -etwa einbilden, ich wolle unbedingt an den Nordpol kommen, oder so etwas, -aber ausführen und genügend stark wollen kann ich das nur, wenn der Wunsch -ganz in mir selber liegt, wenn wirklich mein Wesen ganz von ihm erfüllt -ist. Sobald das der Fall ist, sobald du etwas probierst, was dir von innen -heraus befohlen wird, dann geht es auch, dann kannst du deinen Willen -anspannen wie einen guten Gaul. Wenn ich zum Beispiel mir jetzt vornähme, -ich wolle bewirken, daß unser Herr Pfarrer künftig keine Brille mehr trägt, -so geht das nicht. Das ist bloß eine Spielerei. Aber als ich, damals im -Herbst, den festen Willen bekam, aus meiner Bank da vorne versetzt zu -werden, da ging es ganz gut. Da war plötzlich einer da, der im Alphabet vor -mir kam, und der bisher krank gewesen war, und weil jemand ihm Platz machen -mußte, war natürlich ich der, der es tat, weil eben mein Wille bereit war, -sofort die Gelegenheit zu packen.« - -»Ja,« sagte ich, »mir war es damals auch ganz eigentümlich. Von dem -Augenblick an, wo wir uns füreinander interessierten, rücktest du mir immer -näher. Aber wie war das? Anfangs kamst du doch nicht gleich neben mich zu -sitzen, du saßest erst ein paarmal in der Bank da vor mir, nicht? Wie ging -das zu?« - -»Das war so: ich wußte selber nicht recht, wohin ich wollte, als ich von -meinem ersten Platz weg begehrte. Ich wußte nur, daß ich weiter hinten -sitzen wollte. Es war mein Wille, zu dir zu kommen, der mir aber noch nicht -bewußt geworden war. Zugleich zog dein eigener Wille mit und half mir. Erst -als ich dann da vor dir saß, kam ich darauf, daß mein Wunsch erst halb -erfüllt sei -- ich merkte, daß ich eigentlich nichts anderes begehrt hatte, -als neben dir zu sitzen.« - -»Aber damals ist kein Neuer eingetreten.« - -»Nein, aber damals tat ich einfach, was ich wollte, und setzte mich -kurzerhand neben dich. Der Junge, mit dem ich den Platz tauschte, war bloß -verwundert und ließ mich machen. Und der Pfarrer merkte zwar einmal, daß es -da eine Änderung gegeben habe -- überhaupt, jedesmal, wenn er mit mir zu -tun hat, plagt ihn heimlich etwas, er weiß nämlich, daß ich Demian heiße -und daß es nicht stimmt, daß ich mit meinem D im Namen da ganz hinten -unterm S sitze! Aber das dringt nicht bis in sein Bewußtsein, weil mein -Wille dagegen ist, und weil ich ihn immer wieder daran hindere. Er merkt es -immer wieder einmal, daß da etwas nicht stimmt, und sieht mich an und fängt -an zu studieren, der gute Herr. Ich habe da aber ein einfaches Mittel. Ich -seh ihm jedesmal ganz, ganz fest in die Augen. Das vertragen fast alle -Leute schlecht. Sie werden alle unruhig. Wenn du von jemand etwas erreichen -willst, und siehst ihm unerwartet ganz fest in die Augen, und er wird gar -nicht unruhig, dann gib es auf! Du erreichst nichts bei ihm, nie! Aber das -ist sehr selten. Ich weiß eigentlich bloß einen einzigen Menschen, bei dem -es mir nicht hilft.« - -»Wer ist das?« fragte ich schnell. - -Er sah mich an, mit den etwas verkleinerten Augen, die er in der -Nachdenklichkeit bekam. Dann blickte er weg und gab keine Antwort, und ich -konnte, trotz heftiger Neugierde, die Frage nicht wiederholen. - -Ich glaube aber, daß er damals von seiner Mutter sprach. -- Mit ihr schien -er sehr innig zu leben, sprach mir aber nie von ihr, nahm mich nie mit sich -nach Hause. Ich wußte kaum, wie seine Mutter aussah. - - * * * * * - -Manchmal machte ich damals Versuche, es ihm gleichzutun und meinen Willen -auf etwas so zusammenzuziehen, daß ich es erreichen müsse. Es waren Wünsche -da, die mir dringend genug schienen. Aber es war nichts und ging nicht. Mit -Demian davon zu sprechen, brachte ich nicht über mich. Was ich mir -wünschte, hätte ich ihm nicht gestehen können. Und er fragte auch nicht. - -Meine Gläubigkeit in den Fragen der Religion hatte inzwischen manche Lücken -bekommen. Doch unterschied ich mich, in meinem durchaus von Demian -beeinflußten Denken, sehr von denen meiner Mitschüler, welche einen -völligen Unglauben aufzuweisen hatten. Es gab einige solche, und sie ließen -gelegentlich Worte hören, wie daß es lächerlich und menschenunwürdig sei, -an einen Gott zu glauben, und Geschichten wie die von der Dreieinigkeit und -von Jesu unbefleckter Geburt seien einfach zum Lachen, und es sei eine -Schande, daß man heute noch mit diesem Kram hausieren gehe. So dachte ich -keineswegs. Auch wo ich Zweifel hatte, wußte ich doch aus der ganzen -Erfahrung meiner Kindheit genug von der Wirklichkeit eines frommen Lebens, -wie es etwa meine Eltern führten, und daß dies weder etwas Unwürdiges noch -geheuchelt sei. Vielmehr hatte ich vor dem Religiösen nach wie vor die -tiefste Ehrfurcht. Nur hatte Demian mich daran gewöhnt, die Erzählungen und -Glaubenssätze freier, persönlicher, spielerischer, phantasievoller -anzusehen und auszudeuten; wenigstens folgte ich den Deutungen, die er mir -nahelegte, stets gern und mit Genuß. Vieles freilich war mir zu schroff, so -auch die Sache wegen Kain. Und einmal während des Konfirmationsunterrichtes -erschreckte er mich durch eine Auffassung, die womöglich noch kühner war. -Der Lehrer hatte von Golgatha gesprochen. Der biblische Bericht vom Leiden -und Sterben des Heilandes hatte mir seit frühester Zeit tiefen Eindruck -gemacht, manchmal als kleiner Knabe hatte ich, etwa am Karfreitag, nachdem -mein Vater die Leidensgeschichte vorgelesen hatte, innig und ergriffen in -dieser leidvoll schönen, bleichen, gespenstigen und doch ungeheuer -lebendigen Welt gelebt, in Gethsemane und auf Golgatha, und beim Anhören -der Matthäuspassion von Bach hatte mich der düster mächtige Leidensglanz -dieser geheimnisvollen Welt mit allen mystischen Schauern überflutet. Ich -finde heute noch in dieser Musik, und im »actus tragicus«, den Inbegriff -aller Poesie und alles künstlerischen Ausdrucks. - -Nun sagte Demian am Schluß jener Stunde nachdenklich zu mir: »Da ist etwas, -Sinclair, was mir nicht gefällt. Lies einmal die Geschichte nach und prüfe -sie auf der Zunge, es ist da etwas, was fad schmeckt. Nämlich die Sache mit -den beiden Schächern. Großartig, wie da die drei Kreuze auf dem Hügel -beieinander stehen! Aber nun diese sentimentale Traktätchengeschichte mit -dem biederen Schächer! Erst war er ein Verbrecher und hat Schandtaten -begangen, weiß Gott was alles, und nun schmilzt er dahin und feiert solche -weinerliche Feste der Besserung und Reue! Was für einen Sinn hat solche -Reue zwei Schritt vom Grabe weg, ich bitte dich? Es ist wieder einmal -nichts als eine richtige Pfaffengeschichte, süßlich und unredlich, mit -Schmalz der Rührung und höchst erbaulichem Hintergrund. Wenn du heute einen -von den beiden Schächern zum Freund wählen müßtest, oder dich besinnen, -welchem von beiden du eher Vertrauen schenken könntest, so ist es doch ganz -gewiß nicht dieser weinerliche Bekehrte. Nein, der andere ist's, der ist -ein Kerl und hat Charakter. Er pfeift auf eine Bekehrung, die ja in seiner -Lage bloß noch ein hübsches Gerede sein kann, er geht seinen Weg zu Ende -und sagt sich nicht im letzten Augenblick feig vom Teufel los, der ihm bis -dahin hat helfen müssen. Er ist ein Charakter, und die Leute von Charakter -kommen in der biblischen Geschichte gern zu kurz. Vielleicht ist er auch -ein Abkömmling von Kain. Meinst du nicht?« - -Ich war sehr bestürzt. Hier in der Kreuzigungsgeschichte hatte ich ganz -heimisch zu sein geglaubt, und sah erst jetzt, wie wenig persönlich, mit -wie wenig Vorstellungskraft und Phantasie ich sie angehört und gelesen -hatte. Dennoch klang mir Demians neuer Gedanke fatal und drohte Begriffe in -mir umzuwerfen, auf deren Bestehenbleiben ich glaubte halten zu müssen. -Nein, so konnte man doch nicht mit allem und jedem umspringen, auch mit dem -Heiligsten. - -Er merkte meinen Widerstand, wie immer, sofort, noch ehe ich irgend etwas -sagte. - -»Ich weiß schon,« sagte er resigniert, »es ist die alte Geschichte. Nur -nicht Ernst machen! Aber ich will dir etwas sagen --: hier ist einer von -den Punkten, wo man den Mangel in dieser Religion sehr deutlich sehen kann. -Es handelt sich darum, daß dieser ganze Gott, alten und neuen Bundes, zwar -eine ausgezeichnete Figur ist, aber nicht das, was er doch eigentlich -vorstellen soll. Er ist das Gute, das Edle, das Väterliche, das Schöne und -auch Hohe, das Sentimentale -- ganz recht! Aber die Welt besteht auch aus -anderem. Und das wird nun alles einfach dem Teufel zugeschrieben, und -dieser ganze Teil der Welt, diese ganze Hälfte wird unterschlagen und -totgeschwiegen. Gerade wie sie Gott als Vater alles Lebens rühmen, aber das -ganze Geschlechtsleben, auf dem das Leben doch beruht, einfach totschweigen -und womöglich für Teufelszeug und sündlich erklären! Ich habe nichts -dagegen, daß man diesen Gott Jehova verehrt, nicht das mindeste. Aber ich -meine, wir sollen _Alles_ verehren und heilig halten, die ganze Welt, nicht -bloß diese künstlich abgetrennte, offizielle Hälfte! Also müssen wir dann -neben dem Gottesdienst auch einen Teufelsdienst haben. Das fände ich -richtig. Oder aber, man müßte sich einen Gott schaffen, der auch den Teufel -in sich einschließt, und vor dem man nicht die Augen zudrücken muß, wenn -die natürlichsten Dinge von der Welt geschehen.« - -Er war, gegen seine Art, beinahe heftig geworden, gleich darauf lächelte er -jedoch wieder und drang nicht weiter in mich. - -In mir aber trafen diese Worte das Rätsel meiner ganzen Knabenjahre, das -ich jede Stunde in mir trug und von dem ich nie jemandem ein Wort gesagt -hatte. Was Demian da über Gott und Teufel, über die göttlich-offizielle und -die totgeschwiegene teuflische Welt gesagt hatte, das war ja genau mein -eigener Gedanke, mein eigener Mythus, der Gedanke von den beiden Welten -oder Welthälften -- der lichten und der dunkeln. Die Einsicht, daß mein -Problem ein Problem aller Menschen, ein Problem alles Lebens und Denkens -sei, überflog mich plötzlich wie ein heiliger Schatten, und Angst und -Ehrfurcht überkam mich, als ich sah und plötzlich fühlte, wie tief mein -eigenstes, persönliches Leben und Meinen am ewigen Strom der großen Ideen -teilhatte. Die Einsicht war nicht freudig, obwohl irgendwie bestätigend und -beglückend. Sie war hart und schmeckte rauh, weil ein Klang von -Verantwortlichkeit in ihr lag, von Nichtmehrkindseindürfen, von -Alleinstehen. - -Ich erzählte, zum erstenmal in meinem Leben ein so tiefes Geheimnis -enthüllend, meinem Kameraden von meiner seit frühesten Kindertagen -bestehenden Auffassung von den »zwei Welten«, und er sah sofort, daß damit -mein tiefstes Fühlen ihm zustimmte und recht gab. Doch war es nicht seine -Art, so etwas auszunützen. Er hörte mit tieferer Aufmerksamkeit zu, als er -sie mir je geschenkt hatte, und sah mir in die Augen, bis ich die meinen -abwenden mußte. Denn ich sah in seinem Blick wieder diese seltsame, -tierhafte Zeitlosigkeit, dies unausdenkliche Alter. - -»Wir reden ein andermal mehr davon,« sagte er schonend. »Ich sehe, du -denkst mehr, als du einem sagen kannst. Wenn das nun so ist, dann weißt du -aber auch, daß du nie ganz das gelebt hast, was du dachtest, und das ist -nicht gut. Nur das Denken, das wir leben, hat einen Wert. Du hast gewußt, -daß deine >erlaubte Welt< bloß die Hälfte der Welt war, und du hast -versucht, die zweite Hälfte dir zu unterschlagen, wie es die Pfarrer und -Lehrer tun. Es wird dir nicht glücken! Es glückt keinem, wenn er einmal das -Denken angefangen hat.« - -Es traf mich tief. - -»Aber,« schrie ich fast, »es gibt doch nun einmal tatsächlich und wirklich -verbotene und häßliche Dinge, das kannst du doch nicht leugnen! Und die -sind nun einmal verboten, und wir müssen auf sie verzichten. Ich weiß ja, -daß es Mord und alle möglichen Laster gibt, aber soll ich denn, bloß weil -es das gibt, hingehen und ein Verbrecher werden?« - -»Wir werden heute nicht damit fertig,« begütigte Max. »Du sollst gewiß -nicht totschlagen oder Mädchen lustmorden, nein. Aber du bist noch nicht -dort, wo man einsehen kann, was >erlaubt< und >verboten< eigentlich heißt. -Du hast erst ein Stück von der Wahrheit gespürt. Das andere kommt noch, -verlaß dich drauf! Du hast jetzt zum Beispiel, seit einem Jahr etwa, einen -Trieb in dir, der ist stärker als alle andern, und er gilt für >verboten<. -Die Griechen und viele andere Völker haben im Gegenteil diesen Trieb zu -einer Gottheit gemacht und ihn in großen Festen verehrt. >Verboten< ist -also nichts Ewiges, es kann wechseln. Auch heute darf ja jeder bei einer -Frau schlafen, sobald er mit ihr beim Pfarrer gewesen ist und sie -geheiratet hat. Bei andern Völkern ist das anders, auch heute noch. Darum -muß jeder von uns für sich selber finden, was erlaubt und was verboten -- -ihm verboten ist. Man kann niemals etwas Verbotnes tun und kann ein großer -Schuft dabei sein. Und ebenso umgekehrt. -- Eigentlich ist es bloß eine -Frage der Bequemlichkeit! Wer zu bequem ist, um selber zu denken und selber -sein Richter zu sein, der fügt sich eben in die Verbote, wie sie nun einmal -sind. Er hat es leicht. Andere spüren selber Gebote in sich, ihnen sind -Dinge verboten, die jeder Ehrenmann täglich tut, und es sind ihnen andere -Dinge erlaubt, die sonst verpönt sind. Jeder muß für sich selber stehen.« - -Er schien plötzlich zu bereuen, so viel gesagt zu haben, und brach ab. -Schon damals konnte ich mit dem Gefühl einigermaßen begreifen, was er dabei -empfand. So angenehm und scheinbar obenhin er nämlich seine Einfälle -vorzubringen pflegte, so konnte er doch ein Gespräch »nur um des Redens -willen«, wie er einmal sagte, in den Tod nicht leiden. Bei mir aber spürte -er, neben dem echten Interesse, zu viel Spiel, zu viel Freude am gescheiten -Schwatzen, oder so etwas, kurz, einen Mangel an vollkommenem Ernst. - - * * * * * - -Wie ich das letzte Wort wieder lese, das ich geschrieben -- »vollkommener -Ernst« -- fällt eine andere Szene mir plötzlich wieder ein, die -eindringlichste, die ich mit Max Demian in jenen noch halbkindlichen Zeiten -erlebt habe. - -Unsere Konfirmation kam heran, und die letzten Stunden des geistlichen -Unterrichts handelten vom Abendmahl. Es war dem Pfarrer wichtig damit, und -er gab sich Mühe, etwas von Weihe und Stimmung war in diesen Stunden wohl -zu verspüren. Allein gerade in diesen paar letzten Unterweisungsstunden -waren meine Gedanken an anderes gebunden, und zwar an die Person meines -Freundes. Indem ich der Konfirmation entgegensah, die uns als die -feierliche Aufnahme in die Gemeinschaft der Kirche erklärt wurde, drängte -sich mir unabweislich der Gedanke auf, daß für mich der Wert dieser etwa -halbjährigen Religionsunterweisung nicht in dem liege, was wir hier gelernt -hatten, sondern in der Nähe und dem Einfluß Demians. Nicht in die Kirche -war ich nun bereit aufgenommen zu werden, sondern in etwas ganz anderes, in -einen Orden des Gedankens und der Persönlichkeit, der irgendwie auf Erden -existieren mußte und als dessen Vertreter oder Boten ich meinen Freund -empfand. - -Ich suchte diesen Gedanken zurückzudrängen, es war mir Ernst damit, die -Feier der Konfirmation, trotz allem, mit einer gewissen Würde zu erleben, -und diese schien sich mit meinem neuen Gedanken wenig zu vertragen. Doch -ich mochte tun, was ich wollte, der Gedanke war da, und er verband sich mir -allmählich mit dem an die nahe kirchliche Feier, ich war bereit, sie anders -zu begehen als die andern, sie sollte für mich die Aufnahme in eine -Gedankenwelt bedeuten, wie ich sie in Demian kennengelernt hatte. - -In jenen Tagen war es, daß ich wieder einmal lebhaft mit ihm disputierte; -es war gerade vor einer Unterweisungsstunde. Mein Freund war zugeknöpft und -hatte keine Freude an meinen Reden, die wohl ziemlich altklug und -wichtigtuerisch waren. - -»Wir reden zu viel,« sagte er mit ungewohntem Ernst. »Das kluge Reden hat -gar keinen Wert, gar keinen. Man kommt nur von sich selber weg. Von sich -selber Wegkommen ist Sünde. Man muß sich in sich selber völlig verkriechen -können wie eine Schildkröte.« - -Gleich darauf betraten wir den Schulsaal. Die Stunde begann, ich gab mir -Mühe, aufzumerken, und Demian störte mich darin nicht. Nach einer Weile -begann ich von der Seite her, wo er neben mir saß, etwas Eigentümliches zu -spüren, eine Leere oder Kühle oder etwas dergleichen, so, als sei der Platz -unversehens leer geworden. Als das Gefühl beengend zu werden anfing, drehte -ich mich um. - -Da sah ich meinen Freund sitzen, aufrecht und in guter Haltung wie sonst. -Aber er sah dennoch ganz anders aus als sonst, und etwas ging von ihm aus, -etwas umgab ihn, was ich nicht kannte. Ich glaubte, er habe die Augen -geschlossen, sah aber, daß er sie offen hielt. Sie blickten aber nicht, sie -waren nicht sehend, sie waren starr und nach Innen oder in eine große Ferne -gewendet. Vollkommen regungslos saß er da, auch zu atmen schien er nicht, -sein Mund war wie aus Holz oder Stein geschnitten. Sein Gesicht war blaß, -gleichmäßig bleich, wie Stein, und die braunen Haare waren das Lebendigste -an ihm. Seine Hände lagen vor ihm auf der Bank, leblos und still wie -Gegenstände, wie Steine oder Früchte, bleich und regungslos, doch nicht -schlaff, sondern wie feste, gute Hüllen um ein verborgnes starkes Leben. - -Der Anblick machte mich zittern. Er ist tot! dachte ich, beinahe sagte ich -es laut. Aber ich wußte, daß er nicht tot sei. Ich hing mit gebanntem Blick -an seinem Gesicht, an dieser blassen, steinernen Maske, und ich fühlte: das -war Demian! Wie er sonst war, wenn er mit mir ging und sprach, das war nur -ein halber Demian, einer der zeitweilig eine Rolle spielte, sich -anbequemte, aus Gefälligkeit mittat. Der wirkliche Demian aber sah so aus, -so wie dieser, so steinern, uralt, tierhaft, steinhaft, schön und kalt, tot -und heimlich voll von unerhörtem Leben. Und um ihn her diese stille Leere, -dieser Äther und Sternenraum, dieser einsame Tod! - -»Jetzt ist der ganz in sich hineingegangen,« fühlte ich unter Schauern. Nie -war ich so vereinsamt gewesen. Ich hatte nicht teil an ihm, er war mir -unerreichbar, er war mir ferner, als wenn er auf der fernsten Insel der -Welt gewesen wäre. - -Ich begriff kaum, daß niemand außer mir es sehe! Alle mußten hersehen, alle -mußten aufschauern! Aber niemand gab acht auf ihn. Er saß bildhaft und, wie -ich denken mußte, sonderbar götzenhaft steif, eine Fliege setzte sich auf -seine Stirn, lief langsam über Nase und Lippen hinweg -- er zuckte mit -keiner Falte. - -Wo, wo war er jetzt? Was dachte er, was fühlte er? War er in einem Himmel, -in einer Hölle? - -Es war mir nicht möglich, ihn darüber zu fragen. Als ich ihn, am Ende der -Stunde, wieder leben und atmen sah, als sein Blick meinem begegnete, war er -wie früher. Wo kam er her? Wo war er gewesen? Er schien müde. Sein Gesicht -hatte wieder Farbe, seine Hände bewegten sich wieder, das braune Haar aber -war jetzt glanzlos und wie ermüdet. - -In den folgenden Tagen gab ich mich in meinem Schlafzimmer mehrmals einer -neuen Übung hin: ich setzte mich steil auf einen Stuhl, machte die Augen -starr, hielt mich vollkommen regungslos, und wartete, wie lange ich es -aushalten und was ich dabei empfinden werde. Ich wurde jedoch bloß müde und -bekam ein heftiges Jucken in den Augenlidern. - -Bald nachher war die Konfirmation, an welche mir keine wichtigen -Erinnerungen geblieben sind. - -Es wurde nun alles anders. Die Kindheit fiel um mich her in Trümmer. Die -Eltern sahen mich mit einer gewissen Verlegenheit an. Die Schwestern waren -mir ganz fremd geworden. Eine Ernüchterung verfälschte und verblaßte mir -die gewohnten Gefühle und Freuden, der Garten war ohne Duft, der Wald -lockte nicht, die Welt stand um mich her wie ein Ausverkauf alter Sachen, -fad und reizlos, die Bücher waren Papier, die Musik war ein Geräusch. So -fällt um einen herbstlichen Baum her das Laub, er fühlt es nicht, Regen -rinnt an ihm herab, oder Sonne, oder Frost, und in ihm zieht das Leben sich -langsam ins Engste und Innerste zurück. Er stirbt nicht. Er wartet. - -Es war beschlossen worden, daß ich nach den Ferien in eine andere Schule -und zum ersten Male von Hause fortkommen sollte. Zuweilen näherte sich mir -die Mutter mit besonderer Zärtlichkeit, im voraus Abschied nehmend, bemüht, -mir Liebe, Heimweh und Unvergeßlichkeit ins Herz zu zaubern. Demian war -verreist. Ich war allein. - - - - -Viertes Kapitel -Beatrice - - -Ohne meinen Freund wiedergesehen zu haben, fuhr ich am Ende der Ferien nach -St. Meine Eltern kamen beide mit, und übergaben mich mit jeder möglichen -Sorgfalt dem Schutz einer Knabenpension bei einem Lehrer des Gymnasiums. -Sie wären vor Entsetzen erstarrt, wenn sie gewußt hätten, in was für Dinge -sie mich nun hineinwandern ließen. - -Die Frage war noch immer, ob mit der Zeit aus mir ein guter Sohn und -brauchbarer Bürger werden könne, oder ob meine Natur auf andere Wege -hindränge. Mein letzter Versuch, im Schatten des väterlichen Hauses und -Geistes glücklich zu sein, hatte lang gedauert, war zeitweise nahezu -geglückt, und schließlich doch völlig gescheitert. - -Die merkwürdige Leere und Vereinsamung, die ich während der Ferien nach -meiner Konfirmation zum erstenmal zu fühlen bekam (wie lernte ich sie -später noch kennen, diese Leere, diese dünne Luft!), ging nicht so rasch -vorüber. Der Abschied von der Heimat gelang sonderbar leicht, ich schämte -mich eigentlich, daß ich nicht wehmütiger war, die Schwestern weinten -grundlos, ich konnte es nicht. Ich war über mich selbst erstaunt. Immer war -ich ein gefühlvolles Kind gewesen, und im Grunde ein ziemlich gutes Kind. -Jetzt war ich ganz verwandelt. Ich verhielt mich völlig gleichgültig gegen -die äußere Welt, und war tagelang nur damit beschäftigt, in mich -hineinzuhorchen und die Ströme zu hören, die verbotenen und dunklen Ströme, -die da in mir unterirdisch rauschten. Ich war sehr rasch gewachsen, erst im -letzten halben Jahre, und sah aufgeschossen, mager und unfertig in die -Welt. Die Liebenswürdigkeit des Knaben war ganz von mir geschwunden, ich -fühlte selbst, daß man mich so nicht lieben könne, und liebte mich selber -auch keineswegs. Nach Max Demian hatte ich oft große Sehnsucht; aber nicht -selten haßte ich auch ihn und gab ihm schuld an der Verarmung meines -Lebens, die ich wie eine häßliche Krankheit auf mich nahm. - -In unsrem Schülerpensionat wurde ich anfangs weder geliebt noch geachtet, -man hänselte mich erst, zog sich dann von mir zurück, und sah einen -Duckmäuser und unangenehmen Sonderling in mir. Ich gefiel mir in der Rolle, -übertrieb sie noch, und grollte mich in eine Einsamkeit hinein, die nach -außen beständig wie männlichste Weltverachtung aussah, während ich heimlich -oft verzehrenden Anfällen von Wehmut und Verzweiflung unterlag. In der -Schule hatte ich an aufgehäuften Kenntnissen von Zuhause zu zehren, die -Klasse war etwas gegen meine frühere zurück, und ich gewöhnte mir an, meine -Altersgenossen etwas verächtlich als Kinder anzusehen. - -Ein Jahr und länger lief das so dahin, auch die ersten Ferienbesuche zu -Hause brachten keine neuen Klänge; ich fuhr gerne wieder weg. - -Es war zu Beginn des November. Ich hatte mir angewöhnt, bei jedem Wetter -kleine, denkerische Spaziergänge zu machen, auf denen ich oft eine Art von -Wonne genoß, eine Wonne voll Melancholie, Weltverachtung und -Selbstverachtung. So schlenderte ich eines Abends in der feuchten, nebligen -Dämmerung durch die Umgebung der Stadt, die breite Allee eines öffentlichen -Parkes stand völlig verlassen und lud mich ein, der Weg lag dick voll -gefallener Blätter, in denen ich mit dunkler Wollust mit den Füßen wühlte, -es roch feucht und bitter, die fernen Bäume traten gespenstisch groß und -schattenhaft aus den Nebeln. - -Am Ende der Allee blieb ich unschlüssig stehen, starrte in das schwarze -Laub und atmete mit Gier den nassen Duft von Verwitterung und Absterben, -den etwas in mir erwiderte und begrüßte. O wie fad das Leben schmeckte! - -Aus einem Nebenwege kam im wehenden Kragenmantel ein Mensch daher, ich -wollte weitergehen, da rief er mich an. - -»Halloh, Sinclair!« - -Er kam heran, es war Alfons Beck, der Älteste unserer Pension. Ich sah ihn -immer gern und hatte nichts gegen ihn, als daß er mit mir wie mit allen -Jüngeren immer ironisch und onkelhaft war. Er galt für bärenstark, sollte -den Herrn unsrer Pension unter dem Pantoffel haben und war der Held vieler -Gymnasiastengerüchte. - -»Was machst denn du hier?« rief er leutselig mit dem Ton, den die Größeren -hatten, wenn sie gelegentlich sich zu einem von uns herabließen. »Na, -wollen wir wetten, du machst Gedichte?« - -»Fällt mir nicht ein,« lehnte ich barsch ab. - -Er lachte auf, ging neben mir und plauderte, wie ich es gar nicht mehr -gewohnt war. - -»Du brauchst nicht Angst zu haben, Sinclair, daß ich das etwa nicht -verstehe. Es hat ja etwas, wenn man so am Abend im Nebel geht, so mit -Herbstgedanken, man macht dann gern Gedichte, ich weiß schon. Von der -sterbenden Natur, natürlich, und von der verlorenen Jugend, die ihr -gleicht. Siehe Heinrich Heine.« - -»Ich bin nicht so sentimental,« wehrte ich mich. - -»Na, laß gut sein! Aber bei diesem Wetter, scheint mir, tut der Mensch gut, -einen stillen Ort zu suchen, wo es ein Glas Wein oder dergleichen gibt. -Kommst du ein bißchen mit? Ich bin grade ganz allein. -- Oder magst du -nicht? Deinen Verführer möchte ich nicht machen, Lieber, falls du ein -Musterknabe sein solltest.« - -Bald darauf saßen wir in einer kleinen Vorstadtkneipe, tranken einen -zweifelhaften Wein und stießen mit den dicken Gläsern an. Es gefiel mir -zuerst wenig, immerhin war es etwas Neues. Bald aber wurde ich, des Weines -ungewohnt, sehr gesprächig. Es war, als sei ein Fenster in mir aufgestoßen, -die Welt schien herein -- wie lang, wie furchtbar lang hatte ich mir nichts -von der Seele geredet! Ich kam ins Phantasieren, und mitten drinne gab ich -die Geschichte von Kain und Abel zum besten! - -Beck hörte mir mit Vergnügen zu -- endlich jemand, dem ich etwas gab! Er -klopfte mir auf die Schulter, er nannte mich einen Teufelskerl und ein -geniales Luder, und mir schwoll das Herz hoch auf vor Wonne, angestaute -Bedürfnisse der Rede und Mitteilung schwelgerisch hinströmen zu lassen, -anerkannt zu sein und bei einem Älteren etwas zu gelten. Als er mich ein -geniales Luder nannte, lief mir das Wort wie ein süßer, starker Wein in die -Seele. Die Welt brannte in neuen Farben, Gedanken flossen mir aus hundert -kecken Quellen zu, Geist und Feuer lohte in mir. Wir sprachen über Lehrer -und Kameraden, und mir schien, wir verstünden einander herrlich. Wir -sprachen von den Griechen und vom Heidentum, und Beck wollte mich durchaus -zu Geständnissen über Liebesabenteuer bringen. Da konnte ich nun nicht -mitreden. Erlebt hatte ich nichts, nichts zum Erzählen. Und was ich in mir -gefühlt, konstruiert, phantasiert hatte, das saß zwar brennend in mir, war -aber auch durch den Wein nicht gelöst und mitteilbar geworden. Von den -Mädchen wußte Beck viel mehr, und ich hörte diesen Märchen glühend zu. -Unglaubliches erfuhr ich da, nie für möglich Gehaltenes trat in die platte -Wirklichkeit, schien selbstverständlich. Alfons Beck hatte mit seinen -vielleicht achtzehn Jahren schon Erfahrungen gesammelt. Unter anderen die, -daß es mit den Mädchen so eine Sache sei, sie wollten nichts als schöntun -und Galanterien haben, und das war ja ganz hübsch, aber doch nicht das -Wahre. Da sei mehr Erfolg bei Frauen zu hoffen. Frauen seien viel -gescheiter. Zum Beispiel die Frau Jaggelt, die den Laden mit den -Schulheften und Bleistiften hatte, mit der ließ sich reden, und was hinter -ihrem Ladentisch schon alles geschehen sei, das gehe in kein Buch. - -Ich saß tief bezaubert und benommen. Allerdings, ich hätte die Frau Jaggelt -nicht gerade lieben können -- aber immerhin, es war unerhört. Es schienen -da Quellen zu fließen, wenigstens für die Älteren, von denen ich nie -geträumt hatte. Ein falscher Klang war ja dabei, und es schmeckte alles -geringer und alltäglicher als nach meiner Meinung die Liebe schmecken -durfte, -- aber immerhin, es war Wirklichkeit, es war Leben und Abenteuer, -es saß einer neben mir, der es erlebt hatte, dem es selbstverständlich -schien. - -Unsere Gespräche waren ein wenig herabgestiegen, hatten etwas verloren. Ich -war auch nicht mehr der geniale kleine Kerl, ich war jetzt bloß noch ein -Knabe, der einem Manne zuhörte. Aber auch so noch -- gegen das, was seit -Monaten und Monaten mein Leben gewesen war, war dies köstlich, war dies -paradiesisch. Außerdem war es, wie ich erst allmählich zu fühlen begann, -verboten, sehr verboten, vom Wirtshaussitzen bis zu dem, was wir sprachen. -Ich jedenfalls schmeckte Geist, schmeckte Revolution darin. - -Ich erinnere mich jener Nacht mit größter Deutlichkeit. Als wir beide, spät -an trüb brennenden Gaslaternen vorbei, in der kühlen nassen Nacht unsern -Heimweg nahmen, war ich zum erstenmal betrunken. Es war nicht schön, es war -äußerst qualvoll, und doch hatte auch das noch etwas, einen Reiz, eine -Süßigkeit, war Aufstand und Orgie, war Leben und Geist. Beck nahm sich -meiner tapfer an, obwohl er bitter über mich als blutigen Anfänger schalt, -und er brachte mich, halb getragen, nach Hause, wo es ihm gelang, mich und -sich durch ein offenstehendes Flurfenster einzuschmuggeln. - -Mit der Ernüchterung aber, zu der ich nach ganz kurzem toten Schlaf mit -Schmerzen erwachte, kam ein unsinniges Weh über mich. Ich saß im Bette auf, -hatte das Taghemd noch an, meine Kleider und Schuhe lagen am Boden umher -und rochen nach Tabak und Erbrochenem, und zwischen Kopfweh, Übelkeit und -rasendem Durstgefühl kam mir ein Bild vor die Seele, dem ich lange nicht -mehr ins Auge gesehen hatte. Ich sah Heimat und Elternhaus, Vater und -Mutter, Schwestern und Garten, ich sah mein stilles heimatliches -Schlafzimmer, sah die Schule und den Marktplatz, sah Demian und die -Konfirmationsstunden -- und alles dies war licht, alles war von Glanz -umflossen, alles war wunderbar, göttlich und rein, und alles, alles das -hatte -- so wußte ich jetzt -- noch gestern, noch vor Stunden, mir gehört, -auf mich gewartet, und war jetzt, erst jetzt in dieser Stunde, versunken -und verflucht, gehörte mir nicht mehr, stieß mich aus, sah mit Ekel auf -mich! Alles Liebe und Innige, was ich je bis in fernste goldenste -Kindheitsgärten zurück von meinen Eltern erfahren hatte, jeder Kuß der -Mutter, jede Weihnacht, jeder fromme helle Sonntagmorgen daheim, jede Blume -im Garten -- alles war verwüstet, alles hatte ich mit Füßen getreten! Wenn -jetzt Häscher gekommen wären und hätten mich gebunden und als Auswurf und -Tempelschänder zum Galgen geführt, ich wäre einverstanden gewesen, wäre -gern gegangen, hätte es richtig und gut gefunden. - -Also so sah ich innerlich aus! Ich, der herumging und die Welt verachtete! -Ich, der stolz im Geist war und Gedanken Demians mitdachte! So sah ich aus, -ein Auswurf und Schweinigel, betrunken und beschmutzt, ekelhaft und gemein, -eine wüste Bestie, von scheußlichen Trieben überrumpelt! So sah ich aus, -ich, der aus jenen Gärten kam, wo alles Reinheit, Glanz und holde Zartheit -war, ich, der ich Musik von Bach und schöne Gedichte geliebt hatte! Ich -hörte noch mit Ekel und Empörung mein eigenes Lachen, ein betrunkenes, -unbeherrschtes, stoßweis und albern herausbrechendes Lachen. Das war Ich! - -Trotz allem aber war es beinahe ein Genuß, diese Qualen zu leiden. So lange -war ich blind und stumpf dahingekrochen, so lange hatte mein Herz -geschwiegen und verarmt im Winkel gesessen, daß auch diese Selbstanklagen, -dieses Grauen, dies ganze scheußliche Gefühl der Seele willkommen war. Es -war doch Gefühl, es stiegen doch Flammen, es zuckte doch Herz darin! -Verwirrt empfand ich mitten im Elend etwas wie Befreiung und Frühling. - -Indessen ging es, von außen gesehen, tüchtig bergab mit mir. Der erste -Rausch war bald nicht mehr der erste. Es wurde an unsrer Schule viel -gekneipt und Allotria getrieben, ich war einer der Allerjüngsten unter -denen, die mittaten, und bald war ich kein Geduldeter und Kleiner mehr, -sondern ein Anführer und Stern, ein berühmter wagehalsiger Kneipenbesucher. -Ich gehörte wieder einmal ganz der dunkeln Welt, dem Teufel an, und ich -galt in dieser Welt als ein famoser Kerl. - -Dabei war mir jammervoll zumute. Ich lebte in einem selbstzerstörerischen -Orgiasmus dahin, und während ich bei den Kameraden für einen Führer und -Teufelskerl, für einen verflucht schneidigen und witzigen Burschen galt, -hatte ich tief in mir eine angstvolle Seele voller Bangnis flattern. Ich -weiß noch, daß mir einmal die Tränen kamen, als ich beim Verlassen einer -Kneipe am Sonntagvormittag auf der Straße Kinder spielen sah, hell und -vergnügt mit frischgekämmtem Haar und in Sonntagskleidern. Und während ich, -zwischen Bierlachen an schmutzigen Tischen geringer Wirtshäuser, meine -Freunde durch unerhörte Zynismen belustigte und oft erschreckte, hatte ich -im verborgenen Herzen Ehrfurcht vor allem, was ich verhöhnte, und lag -innerlich weinend auf den Knien vor meiner Seele, vor meiner Vergangenheit, -vor meiner Mutter, vor Gott. - -Daß ich niemals eins wurde mit meinen Begleitern, daß ich unter ihnen -einsam blieb und darum so leiden konnte, das hatte einen guten Grund. Ich -war ein Kneipenheld und Spötter nach dem Herzen der Rohesten, ich zeigte -Geist und zeigte Mut in meinen Gedanken und Reden über Lehrer, Schule, -Eltern, Kirche -- ich hielt auch Zoten stand und wagte etwa selber eine -- -aber ich war niemals dabei, wenn meine Kumpane zu Mädchen gingen, ich war -allein und war voll glühender Sehnsucht nach Liebe, hoffnungsloser -Sehnsucht, während ich nach meinen Reden ein abgebrühter Genießer hätte -sein müssen. Niemand war verletzlicher, niemand schamhafter als ich. Und -wenn ich je und je die jungen Bürgermädchen vor mir gehen sah, hübsch und -sauber, licht und anmutig, waren sie mir wunderbare, reine Träume, -tausendmal zu gut und rein für mich. Eine Zeitlang konnte ich auch nicht -mehr in den Papierladen der Frau Jaggelt gehen, weil ich rot wurde, wenn -ich sie ansah und an das dachte, was Alfons Beck mir von ihr erzählt hatte. - -Je mehr ich nun auch in meiner neuen Gesellschaft mich fortwährend einsam -und anders wußte, desto weniger kam ich von ihr los. Ich weiß wirklich -nicht mehr, ob das Saufen und Renommieren mir eigentlich jemals Vergnügen -machte, auch gewöhnte ich mich an das Trinken niemals so, daß ich nicht -jedesmal peinliche Folgen gespürt hätte. Es war alles wie ein Zwang. Ich -tat, was ich mußte, weil ich sonst durchaus nicht wußte, was mit mir -beginnen. Ich hatte Furcht vor langem Alleinsein, hatte Angst vor den -vielen zarten, schamhaften, innigen Anwandlungen, zu denen ich mich stets -geneigt fühlte, hatte Angst vor den zarten Liebesgedanken, die mir so oft -kamen. - -Eines fehlte mir am meisten -- ein Freund. Es gab zwei oder drei -Mitschüler, die ich sehr gerne sah. Aber sie gehörten zu den Braven, und -meine Laster waren längst niemandem mehr ein Geheimnis. Sie mieden mich. -Ich galt bei allen für einen hoffnungslosen Spieler, dem der Boden unter -den Füßen wankte. Die Lehrer wußten viel von mir, ich war mehrmals streng -bestraft worden, meine schließliche Entlassung aus der Schule war etwas, -worauf man wartete. Ich selbst wußte das, ich war auch schon lange kein -guter Schüler mehr, sondern drückte und schwindelte mich mühsam durch, mit -dem Gefühl, daß das nicht mehr lange dauern könne. - -Es gibt viele Wege, auf denen der Gott uns einsam machen und zu uns selber -führen kann. Diesen Weg ging er damals mit mir. Es war wie ein arger Traum. -Über Schmutz und Klebrigkeit, über zerbrochene Biergläser und zynisch -durchschwatzte Nächte weg sehe ich mich, einen gebannten Träumer, ruhelos -und gepeinigt kriechen, einen häßlichen und unsaubern Weg. Es gibt solche -Träume, in denen man, auf dem Weg zur Prinzessin, in Kotlachen, in -Hintergassen voll Gestank und Unrat steckenbleibt. So ging es mir. Auf -diese wenig feine Art war es mir beschieden, einsam zu werden und zwischen -mich und die Kindheit ein verschlossenes Edentor mit erbarmungslos -strahlenden Wächtern zu bringen. Es war ein Beginn, ein Erwachen des -Heimwehs nach mir selber. - -Ich erschrak noch und hatte Zuckungen, als zum erstenmal, durch Briefe -meines Pensionsherrn alarmiert, mein Vater in St. erschien und mir -unerwartet gegenübertrat. Als er, gegen Ende jenes Winters, zum zweitenmal -kam, war ich schon hart und gleichgültig, ließ ihn schelten, ließ ihn -bitten, ließ ihn an die Mutter erinnern. Er war zuletzt sehr aufgebracht -und sagte, wenn ich nicht anders werde, lasse er mich mit Schimpf und -Schande von der Schule jagen und stecke mich in eine Besserungsanstalt. -Mochte er! Als er damals abreiste, tat er mir leid, aber er hatte nichts -erreicht, er hatte keinen Weg mehr zu mir gefunden, und für Augenblicke -fühlte ich, es geschehe ihm recht. -- - -Was aus mir würde, war mir einerlei. Auf meine sonderbare und wenig hübsche -Art, mit meinem Wirtshaussitzen und Auftrumpfen lag ich im Streit mit der -Welt, dies war meine Form, zu protestieren. Ich machte mich dabei kaputt, -und zuweilen sah für mich die Sache etwa so aus: Wenn die Welt Leute wie -mich nicht brauchen konnte, wenn sie für sie keinen besseren Platz, keine -höhern Aufgaben hatte, nun so gingen Leute wie ich eben kaputt. Mochte die -Welt den Schaden haben. - -Die Weihnachtsferien jenes Jahres waren recht unerfreulich. Meine Mutter -erschrak, als sie mich wiedersah. Ich war noch mehr gewachsen, und mein -hageres Gesicht sah grau und verwüstet aus, mit schlaffen Zügen und -entzündeten Augenrändern. Der erste Anflug des Schnurrbartes und die -Brille, die ich seit kurzem trug, machten mich ihr noch fremder. Die -Schwestern wichen zurück und kicherten. Es war alles unerquicklich. -Unerquicklich und bitter das Gespräch mit dem Vater in dessen -Studierzimmer, unerquicklich das Begrüßen der paar Verwandten, -unerquicklich vor allem der Weihnachtsabend. Das war, seit ich lebte, in -unsrem Hause der große Tag gewesen, der Abend der Festlichkeit und Liebe, -der Dankbarkeit, der Erneuerung des Bundes zwischen den Eltern und mir. -Diesmal war alles nur bedrückend und verlegenmachend. Wie sonst las mein -Vater das Evangelium von den Hirten auf dem Felde, »die hüteten allda ihre -Herde,« wie sonst standen die Schwestern strahlend vor ihrem Gabentisch, -aber die Stimme des Vaters klang unfroh, und sein Gesicht sah alt und -beengt aus, und die Mutter war traurig, und mir war alles gleich peinlich -und unerwünscht, Gaben und Glückwünsche, Evangelium und Lichterbaum. Die -Lebkuchen rochen süß und strömten dichte Wolken süßerer Erinnerungen aus. -Der Tannenbaum duftete und erzählte von Dingen, die nicht mehr waren. Ich -sehnte das Ende des Abends und der Feiertage herbei. - -Es ging den ganzen Winter so weiter. Erst vor kurzem war ich eindringlich -vom Lehrersenat verwarnt und mit dem Ausschluß bedroht worden. Es würde -nicht lang mehr dauern. Nun, meinetwegen. - -Einen besonderen Groll hatte ich gegen Max Demian. Den hatte ich nun die -ganze Zeit nicht mehr gesehen. Ich hatte ihm, am Beginn meiner Schülerzeit -in St., zweimal geschrieben, aber keine Antwort bekommen; darum hatte ich -ihn auch in den Ferien nicht besucht. - - * * * * * - -In demselben Park, wo ich im Herbst mit Alfons Beck zusammengetroffen war, -geschah es im beginnenden Frühling, als eben die Dornhecken grün zu werden -anfingen, daß ein Mädchen mir auffiel. Ich war allein spazierengegangen, -voll von widerlichen Gedanken und Sorgen, denn meine Gesundheit war -schlecht geworden, und außerdem war ich beständig in Geldverlegenheiten, -war Kameraden Beträge schuldig, mußte notwendige Ausgaben erfinden, um -wieder etwas von Hause zu erhalten, und hatte in mehreren Läden Rechnungen -für Zigarren und ähnliche Dinge anwachsen lassen. Nicht daß diese Sorgen -sehr tief gegangen wären -- wenn nächstens einmal mein Hiersein sein Ende -nahm und ich ins Wasser ging oder in die Besserungsanstalt gebracht wurde, -dann kam es auf diese paar Kleinigkeiten auch nimmer an. Aber ich lebte -doch immerzu Aug in Auge mit solchen unschönen Sachen, und litt darunter. - -An jenem Frühlingstag im Park begegnete mir eine junge Dame, die mich sehr -anzog. Sie war groß und schlank, elegant gekleidet, und hatte ein kluges -Knabengesicht. Sie gefiel mir sofort, sie gehörte dem Typ an, den ich -liebte, und sie begann meine Phantasien zu beschäftigen. Sie war wohl kaum -viel älter als ich, aber viel fertiger, elegant und wohl umrissen, schon -fast ganz Dame, aber mit einem Anflug von Übermut und Jungenhaftigkeit im -Gesicht, den ich überaus gern hatte. - -Es war mir nie geglückt, mich einem Mädchen zu nähern, in das ich verliebt -war, und es glückte mir auch bei dieser nicht. Aber der Eindruck war tiefer -als alle früheren, und der Einfluß dieser Verliebtheit auf mein Leben war -gewaltig. - -Plötzlich hatte ich wieder ein Bild vor mir stehen, ein hohes und verehrtes -Bild -- ach, und kein Bedürfnis, kein Drang war so tief und heftig in mir -wie der Wunsch nach Ehrfurcht und Anbetung! Ich gab ihr den Namen Beatrice, -denn von ihr wußte ich, ohne Dante gelesen zu haben, aus einem englischen -Gemälde, dessen Reproduktion ich mir aufbewahrt hatte. Dort war es eine -englisch-präraffaelitische Mädchenfigur, sehr langgliedrig und schlank mit -schmalem langem Kopf und vergeistigten Händen und Zügen. Mein schönes -junges Mädchen glich ihr nicht ganz, obwohl auch sie diese Schlankheit und -Knabenhaftigkeit der Formen zeigte, die ich liebte, und etwas von der -Vergeistigung oder Beseelung des Gesichts. - -Ich habe mit Beatrice nicht ein einziges Wort gesprochen. Dennoch hat sie -damals den tiefsten Einfluß auf mich geübt. Sie stellte ihr Bild vor mir -auf, sie öffnete mir ein Heiligtum, sie machte mich zum Beter in einem -Tempel. Von einem Tag auf den andern blieb ich von den Kneipereien und -nächtlichen Streifzügen weg. Ich konnte wieder allein sein, ich las wieder -gern, ich ging wieder gern spazieren. - -Die plötzliche Bekehrung trug mir Spott genug ein. Aber ich hatte nun etwas -zu lieben und anzubeten, ich hatte wieder ein Ideal, das Leben war wieder -voll von Ahnung und bunt geheimnisvoller Dämmerung -- das machte mich -unempfindlich. Ich war wieder bei mir selbst zu Hause, obwohl nur als -Sklave und Dienender eines verehrten Bildes. - -An jene Zeit kann ich nicht ohne eine gewisse Rührung denken. Wieder -versuchte ich mit innigstem Bemühen, aus Trümmern einer zusammengebrochenen -Lebensperiode mir eine »lichte Welt« zu bauen, wieder lebte ich ganz in dem -einzigen Verlangen, das Dunkle und Böse in mir abzutun und völlig im -Lichten zu weilen, auf Knien vor Göttern. Immerhin war diese jetzige -»lichte Welt« einigermaßen meine eigene Schöpfung; es war nicht mehr ein -Zurückfliehen und Unterkriechen zur Mutter und verantwortungslosen -Geborgenheit, es war ein neuer, von mir selbst erfundener und geforderter -Dienst, mit Verantwortlichkeit und Selbstzucht. Die Geschlechtlichkeit, -unter der ich litt und vor der ich immer und immer auf der Flucht war, -sollte nun in diesem heiligen Feuer zu Geist und Andacht verklärt werden. -Es durfte nichts Finsteres mehr, nichts Häßliches geben, keine -durchstöhnten Nächte, kein Herzklopfen vor unzüchtigen Bildern, kein -Lauschen an verbotenen Pforten, keine Lüsternheit. Statt alles dessen -richtete ich meinen Altar ein, mit dem Bilde Beatricens, und indem ich mich -ihr weihte, weihte ich mich dem Geist und den Göttern. Den Lebensanteil, -den ich den finsteren Mächten entzog, brachte ich den lichten zum Opfer. -Nicht Lust war mein Ziel, sondern Reinheit, nicht Glück, sondern Schönheit -und Geistigkeit. - -Dieser Kult der Beatrice änderte mein Leben ganz und gar. Gestern noch ein -frühreifer Zyniker, war ich jetzt ein Tempeldiener, mit dem Ziel, ein -Heiliger zu werden. Ich tat nicht nur das üble Leben ab, an das ich mich -gewöhnt hatte, ich suchte alles zu ändern, suchte Reinheit, Adel und Würde -in alles zu bringen, dachte hieran in Essen und Trinken, Sprache und -Kleidung. Ich begann den Morgen mit kalten Waschungen, zu denen ich mich -anfangs schwer zwingen mußte. Ich benahm mich ernst und würdig, trug mich -aufrecht und machte meinen Gang langsamer und würdiger. Für Zuschauer mag -es komisch ausgesehen haben -- bei mir innen war es lauter Gottesdienst. - -Von all den neuen Übungen, in denen ich Ausdruck für meine neue Gesinnung -suchte, wurde eine mir wichtig. Ich begann zu malen. Es fing damit an, daß -das englische Beatricebild, das ich besaß, jenem Mädchen nicht ähnlich -genug war. Ich wollte versuchen, sie für mich zu malen. Mit einer ganz -neuen Freude und Hoffnung trug ich in meinem Zimmer -- ich hatte seit -kurzem ein eigenes -- schönes Papier, Farben und Pinsel zusammen, machte -Palette, Glas, Porzellanschalen, Bleistifte zurecht. Die feinen -Temperafarben in kleinen Tuben, die ich gekauft hatte, entzückten mich. Es -war ein feuriges Chromoxydgrün dabei, das ich noch zu sehen meine, wie es -erstmals in der kleinen weißen Schale aufleuchtete. - -Ich begann mit Vorsicht. Ein Gesicht zu malen, war schwer, ich wollte es -erst mit andrem probieren. Ich malte Ornamente, Blumen und kleine -phantasierte Landschaften, einen Baum bei einer Kapelle, eine römische -Brücke mit Zypressen. Manchmal verlor ich mich ganz in dies spielende Tun, -war glücklich wie ein Kind mit einer Farbenschachtel. Schließlich aber -begann ich, Beatrice zu malen. - -Einige Blätter mißglückten ganz und wurden weggetan. Je mehr ich mir das -Gesicht des Mädchens vorzustellen suchte, das ich je und je auf der Straße -antraf, desto weniger wollte es gehen. Schließlich tat ich darauf Verzicht -und begann einfach ein Gesicht zu malen, der Phantasie und den Führungen -folgend, die sich aus dem Begonnenen, aus Farbe und Pinsel von selber -ergaben. Es war ein geträumtes Gesicht, das dabei herauskam, und ich war -nicht unzufrieden damit. Doch setzte ich den Versuch sogleich fort, und -jedes neue Blatt sprach etwas deutlicher, kam dem Typ näher, wenn auch -keineswegs der Wirklichkeit. - -Mehr und mehr gewöhnte ich mich daran, mit träumerischem Pinsel Linien zu -ziehen und Flächen zu füllen, die ohne Vorbild waren, die sich aus -spielendem Tasten, aus dem Unbewußten ergaben. Endlich machte ich eines -Tages, fast bewußtlos, ein Gesicht fertig, das stärker als die früheren zu -mir sprach. Es war nicht das Gesicht jenes Mädchens, das sollte es auch -längst nimmer sein. Es war etwas anderes, etwas Unwirkliches, doch nicht -minder Wertvolles. Es sah mehr wie ein Jünglingskopf aus als wie ein -Mädchengesicht, das Haar war nicht hellblond wie bei meinem hübschen -Mädchen, sondern braun mit rötlichem Hauch, das Kinn war stark und fest, -der Mund aber rotblühend, das Ganze etwas steif und maskenhaft, aber -eindrücklich und voll von geheimem Leben. - -Als ich vor dem fertigen Blatte saß, machte es mir einen seltsamen -Eindruck. Es schien mir eine Art von Götterbild oder heiliger Maske zu -sein, halb männlich, halb weiblich, ohne Alter, ebenso willensstark wie -träumerisch, ebenso starr wie heimlich lebendig. Dies Gesicht hatte mir -etwas zu sagen, es gehörte zu mir, es stellte Forderungen an mich. Und es -hatte Ähnlichkeit mit irgend jemand, ich wußte nicht mit wem. - -Das Bildnis begleitete nun eine Weile alle meine Gedanken und teilte mein -Leben. Ich hielt es in einer Schieblade verborgen, niemand sollte es -erwischen und mich damit verhöhnen können. Aber sobald ich allein in meinem -Stübchen war, zog ich das Bild heraus und hatte Umgang mit ihm. Abends -heftete ich es mit einer Nadel mir gegenüber überm Bett an die Tapete, sah -es bis zum Einschlafen an, und morgens fiel mein erster Blick darauf. - -Gerade in jener Zeit fing ich wieder an viel zu träumen, wie ich es als -Kind stets getan hatte. Mir schien, ich habe jahrelang keine Träume mehr -gehabt. Jetzt kamen sie wieder, eine ganz neue Art von Bildern, und oft und -oft tauchte das gemalte Bildnis darin auf, lebend und redend, mir -befreundet oder feindlich, manchmal bis zur Fratze verzogen und manchmal -unendlich schön, harmonisch und edel. - -Und eines Morgens, als ich aus solchen Träumen erwachte, erkannte ich es -plötzlich. Es sah mich so fabelhaft wohlbekannt an, es schien meinen Namen -zu rufen. Es schien mich zu kennen, wie eine Mutter, schien mir seit allen -Zeiten zugewandt. Mit Herzklopfen starrte ich das Blatt an, die braunen -dichten Haare, den halbweiblichen Mund, die starke Stirn mit der -sonderbaren Helligkeit (es war von selber so aufgetrocknet), und näher und -näher fühlte ich in mir die Erkenntnis, das Wiederfinden, das Wissen. - -Ich sprang aus dem Bette, stellte mich vor dem Gesicht auf und sah es aus -nächster Nähe an, gerade in die weit offenen, grünlichen, starren Augen -hinein, von denen das rechte etwas höher als das andere stand. Und mit -einemmal zuckte dies rechte Auge, zuckte leicht und fein, aber deutlich, -und mit diesem Zucken erkannte ich das Bild . . . - -Wie hatte ich das erst so spät finden können! Es war Demians Gesicht. - -Später verglich ich das Blatt oft und oft mit Demians wirklichen Zügen, wie -ich sie in meinem Gedächtnis fand. Sie waren gar nicht dieselben, obwohl -ähnlich. Aber es war doch Demian. - -Einst an einem Frühsommerabend schien die Sonne schräg und rot durch mein -Fenster, das nach Westen blickte. Im Zimmer wurde es dämmerig. Da kam ich -auf den Einfall, das Bildnis Beatricens, oder Demians, mit der Nadel ans -Fensterkreuz zu heften und es anzusehen, wie die Abendsonne hindurch -schien. Das Gesicht verschwamm ohne Umrisse, aber die rötlich umrandeten -Augen, die Helligkeit auf der Stirn und der heftig rote Mund glühten tief -und wild aus der Fläche. Lange saß ich ihm gegenüber, auch als es schon -erloschen war. Und allmählich kam mir ein Gefühl, daß das nicht Beatrice -und nicht Demian sei, sondern -- ich selbst. Das Bild glich mir nicht -- -das sollte es auch nicht, fühlte ich -- aber es war das, was mein Leben -ausmachte, es war mein Inneres, mein Schicksal oder mein Dämon. So würde -mein Freund aussehen, wenn ich je wieder einen fände. So würde meine -Geliebte aussehen, wenn ich je eine bekäme. So würde mein Leben und so mein -Tod sein, dies war der Klang und Rhythmus meines Schicksals. - -In jenen Wochen hatte ich eine Lektüre begonnen, die mir tieferen Eindruck -machte als alles, was ich früher gelesen. Auch später habe ich selten mehr -Bücher so erlebt, vielleicht nur noch Nietzsche. Es war ein Band Novalis, -mit Briefen und Sentenzen, von denen ich viele nicht verstand und die mich -doch alle unsäglich anzogen und umspannen. Einer von den Sprüchen fiel mir -nun ein. Ich schrieb ihn mit der Feder unter das Bildnis: »Schicksal und -Gemüt sind Namen eines Begriffs.« Das hatte ich nun verstanden. - -Das Mädchen, das ich Beatrice nannte, begegnete mir noch oft. Ich fühlte -keine Bewegung mehr dabei, aber stets ein sanftes Übereinstimmen, ein -gefühlhaftes Ahnen: Du bist mit mir verknüpft, aber nicht du, nur dein -Bild; du bist ein Stück von meinem Schicksal. - - * * * * * - -Meine Sehnsucht nach Max Demian wurde wieder mächtig. Ich wußte nichts von -ihm, seit Jahren nichts. Ein einzigesmal hatte ich ihn in den Ferien -angetroffen. Ich sehe jetzt, daß ich diese kurze Begegnung in meinen -Aufzeichnungen unterschlagen habe, und sehe, daß es aus Scham und Eitelkeit -geschah. Ich muß es nachholen. - -Also einmal in den Ferien, als ich mit dem blasierten und stets etwas müden -Gesicht meiner Wirtshauszeit durch meine Vaterstadt schlenderte, meinen -Spazierstock schwang und den Philistern in die alten, gleichgebliebenen, -verachteten Gesichter sah, da kam mir mein ehemaliger Freund entgegen. Kaum -sah ich ihn, so zuckte ich zusammen. Und blitzschnell mußte ich an Franz -Kromer denken. Möchte doch Demian diese Geschichte wirklich vergessen -haben! Es war so unangenehm, diese Verpflichtung gegen ihn zu haben -- -eigentlich ja eine dumme Kindergeschichte, aber doch eben eine -Verpflichtung . . . - -Er schien zu warten, ob ich ihn grüßen wolle, und als ich es möglichst -gelassen tat, gab er mir die Hand. Das war wieder sein Händedruck! So fest, -warm und doch kühl, männlich! - -Er sah mir aufmerksam ins Gesicht und sagte: »Du bist groß geworden, -Sinclair.« Er selbst schien mir ganz unverändert, gleich alt, gleich jung -wie immer. - -Er schloß sich mir an, wir machten einen Spaziergang und sprachen über -lauter nebensächliche Dinge, nichts von damals. Es fiel mir ein, daß ich -ihm einst mehrmals geschrieben hatte, ohne eine Antwort zu erhalten. Ach, -möchte er doch auch das vergessen haben, diese dummen, dummen Briefe! Er -sagte nichts davon. - -Es gab damals noch keine Beatrice und kein Bildnis, ich war noch mitten in -meiner wüsten Zeit. Vor der Stadt lud ich ihn ein, mit in ein Wirtshaus zu -kommen. Er ging mit. Prahlerisch bestellte ich eine Flasche Wein, schenkte -ein, stieß mit ihm an und zeigte mich mit den studentischen Trinkgebräuchen -sehr vertraut, leerte auch das erste Glas auf einen Zug. - -»Du gehst viel ins Wirtshaus?« fragte er mich. - -»Ach ja,« sagte ich träge, »was soll man sonst tun? Es ist am Ende immer -noch das Lustigste.« - -»Findest du? Es kann schon sein. Etwas daran ist ja sehr schön -- der -Rausch, das Bacchische! Aber ich finde, bei den meisten Leuten, die viel im -Wirtshaus sitzen, ist das ganz verlorengegangen. Mir kommt es so vor, als -sei gerade das Wirtshauslaufen etwas richtig Philisterhaftes. Ja, eine -Nacht lang, mit brennenden Fackeln, zu einem richtigen, schönen Rausch und -Taumel! Aber so immer wieder, ein Schöppchen ums andere, das ist doch wohl -nicht das Wahre? Kannst du dir etwa den Faust vorstellen, wie er Abend für -Abend an einem Stammtisch sitzt?« - -Ich trank und schaute ihn feindselig an. - -»Ja, es ist eben nicht jeder ein Faust,« sagte ich kurz. - -Er sah mich etwas stutzig an. - -Dann lachte er mit der alten Frische und Überlegenheit. - -»Na, wozu darüber streiten? Jedenfalls ist das Leben eines Säufers oder -Wüstlings vermutlich lebendiger als das des tadellosen Bürgers. Und dann -- -ich habe das einmal gelesen -- ist das Leben des Wüstlings eine der besten -Vorbereitungen für den Mystiker. Es sind ja auch immer solche Leute wie der -heilige Augustin, die zu Sehern werden. Der war vorher auch ein Genießer -und Lebemann.« - -Ich war mißtrauisch und wollte mich keineswegs von ihm meistern lassen. So -sagte ich blasiert: »Ja, jeder nach seinem Geschmack! Mir ist es, offen -gestanden, gar nicht darum zu tun, ein Seher oder so etwas zu werden.« - -Demian blitzte mich aus leicht eingekniffenen Augen wissend an. - -»Lieber Sinclair,« sagte er langsam, »es war nicht meine Absicht, dir -Unangenehmes zu sagen. Übrigens -- zu welchem Zweck du jetzt deine Schoppen -trinkst, wissen wir ja beide nicht. Das in dir, was dein Leben macht, weiß -es schon. Es ist so gut, das zu wissen: daß in uns drinnen einer ist, der -alles weiß, alles will, alles besser macht als wir selber. -- Aber verzeih, -ich muß nach Hause.« - -Wir nahmen kurzen Abschied. Ich blieb sehr mißmutig sitzen, trank meine -Flasche vollends aus, und fand, als ich gehen wollte, daß Demian sie schon -bezahlt hatte. Das ärgerte mich noch mehr. - -Bei dieser kleinen Begebenheit hielten nun meine Gedanken wieder an. Sie -waren voll von Demian. Und die Worte, die er in jenem Gasthaus vor der -Stadt gesagt, kamen in meinem Gedächtnis wieder hervor, seltsam frisch und -unverloren. -- »Es ist so gut, das zu wissen, daß in uns drinnen einer ist, -der alles weiß!« - -Ich blickte auf das Bild, das am Fenster hing und ganz erloschen war. Aber -ich sah die Augen noch glühen. Das war der Blick Demians. Oder es war der, -der in mir drinnen war. Der, der alles weiß. - -Wie hatte ich Sehnsucht nach Demian! Ich wußte nichts von ihm, er war mir -nicht erreichbar. Ich wußte nur, daß er vermutlich irgendwo studiere und -daß nach dem Abschluß seiner Gymnasiastenzeit seine Mutter unsere Stadt -verlassen habe. - -Bis zu meiner Geschichte mit Kromer zurück suchte ich alle Erinnerungen an -Max Demian in mir hervor. Wie vieles klang da wieder auf, was er mir einst -gesagt hatte, und alles hatte heut noch Sinn, war aktuell, ging mich an! -Auch das, was er bei unsrem letzten, so wenig erfreulichen Zusammentreffen -über den Wüstling und den Heiligen gesagt hatte, stand mir plötzlich hell -vor der Seele. War es nicht genau so mit mir gegangen? Hatte ich nicht in -Rausch und Schmutz gelebt, in Betäubung und Verlorenheit, bis mit einem -neuen Lebensantrieb gerade das Gegenteil in mir lebendig geworden war, das -Verlangen nach Reinheit, die Sehnsucht nach dem Heiligen? - -So ging ich weiter den Erinnerungen nach, es war längst Nacht geworden und -draußen regnete es. Auch in meinen Erinnerungen hörte ich es regnen, es war -die Stunde unter den Kastanienbäumen, wo er mich einst wegen Franz Kromer -ausgefragt und meine ersten Geheimnisse erraten hatte. Eines ums andre kam -hervor, Gespräche auf dem Schulweg, die Konfirmationsstunden. Und zuletzt -fiel mein allererstes Zusammentreffen mit Max Demian mir ein. Um was hatte -es sich doch da gehandelt? Ich kam nicht gleich darauf, aber ich ließ mir -Zeit, ich war ganz darein versunken. Und nun kam es wieder, auch das. Wir -waren vor unserem Hause gestanden, nachdem er mir seine Meinung über Kain -mitgeteilt hatte. Da hatte er von dem alten verwischten Wappen gesprochen, -das über unsrem Haustor saß, in dem von unten nach oben breiter werdenden -Schlußstein. Er hatte gesagt, es interessiere ihn, und man müsse auf solche -Sachen acht haben. - -In der Nacht träumte ich von Demian und von dem Wappen. Es verwandelte sich -beständig, Demian hielt es in Händen, oft war es klein und grau, oft -mächtig groß und vielfarbig, aber er erklärte mir, daß es doch immer ein -und dasselbe sei. Zuletzt aber nötigte er mich, das Wappen zu essen. Als -ich es geschluckt hatte, spürte ich mit ungeheurem Erschrecken, daß der -verschlungene Wappenvogel in mir lebendig sei, mich ausfülle und von innen -zu verzehren beginne. Voller Todesangst fuhr ich auf und erwachte. - -Ich wurde munter, es war mitten in der Nacht, und hörte es ins Zimmer -regnen. Ich stand auf, um das Fenster zu schließen, und trat dabei auf -etwas Helles, das am Boden lag. Am Morgen fand ich, daß es mein gemaltes -Blatt war. Es lag in der Nässe am Boden und hatte sich in Wülste geworfen. -Ich spannte es zum Trocknen zwischen Fließblätter in ein schweres Buch. Als -ich am nächsten Tage wieder danach sah, war es getrocknet. Es hatte sich -aber verändert. Der rote Mund war verblaßt und etwas schmäler geworden. Es -war jetzt ganz der Mund Demians. - -Ich ging nun daran, ein neues Blatt zu malen, den Wappenvogel. Wie er -eigentlich aussah, wußte ich nicht mehr deutlich, und einiges daran war, -wie ich wußte, auch aus der Nähe nicht gut mehr zu erkennen, da das Ding -alt und oftmals mit Farbe überstrichen worden war. Der Vogel stand oder saß -auf etwas, vielleicht auf einer Blume, oder auf einem Korb oder Nest, oder -auf einer Baumkrone. Ich kümmerte mich nicht darum und fing mit dem an, -wovon ich eine deutliche Vorstellung hatte. Aus einem unklaren Bedürfnis -begann ich gleich mit starken Farben, der Kopf des Vogels war auf meinem -Blatte goldgelb. Je nach Laune machte ich daran weiter und brachte das Ding -in einigen Tagen fertig. - -Nun war es ein Raubvogel, mit einem scharfen kühnen Sperberkopf. Er stak -mit halbem Leibe in einer dunkeln Weltkugel, aus der er sich wie aus einem -riesigen Ei heraufarbeitete, auf einem blauen Himmelsgrunde. Wie ich das -Blatt länger betrachtete, schien es mir mehr und mehr, als sei es das -farbige Wappen, wie es in meinem Traum vorgekommen war. - -Einen Brief an Demian zu schreiben, wäre mir nicht möglich gewesen, auch -wenn ich gewußt hätte wohin. Ich beschloß aber, in demselben traumhaften -Ahnen, mit dem ich damals alles tat, ihm das Bild mit dem Sperber zu -schicken, mochte es ihn dann erreichen oder nicht. Ich schrieb nichts -darauf, auch nicht meinen Namen, beschnitt die Ränder sorgfältig, kaufte -einen großen Papierumschlag und schrieb meines Freundes ehemalige Adresse -darauf. Dann schickte ich es fort. - -Ein Examen kam näher, und ich mußte mehr als sonst für die Schule arbeiten. -Die Lehrer hatten mich wieder zu Gnaden angenommen, seit ich plötzlich -meinen schnöden Wandel geändert hatte. Ein guter Schüler war ich auch jetzt -wohl nicht, aber weder ich noch sonst jemand dachte noch daran, daß vor -einem halben Jahr meine strafweise Entlassung aus der Schule allen -wahrscheinlich gewesen war. - -Mein Vater schrieb mir jetzt wieder mehr in dem Ton wie früher, ohne -Vorwürfe und Drohungen. Doch hatte ich keinen Trieb, ihm oder irgend jemand -zu erklären, wie die Wandlung mit mir vor sich gegangen war. Es war ein -Zufall, daß diese Wandlung mit den Wünschen meiner Eltern und Lehrer -übereinstimmte. Diese Wandlung brachte mich nicht zu den andern, näherte -mich niemandem an, machte mich nur einsamer. Sie zielte irgendwohin, zu -Demian, zu einem fernen Schicksal. Ich wußte es selber ja nicht, ich stand -ja mitten drin. Mit Beatrice hatte es angefangen, aber seit einiger Zeit -lebte ich mit meinen gemalten Blättern und meinen Gedanken an Demian in -einer so ganz unwirklichen Welt, daß ich auch sie völlig aus den Augen und -Gedanken verlor. Niemand hätte ich von meinen Träumen, meinen Erwartungen, -meiner inneren Umwandlung ein Wort sagen können, auch nicht, wenn ich -gewollt hätte. - -Aber wie hätte ich dies wollen können? - - - - -Fünftes Kapitel -Der Vogel kämpft sich aus dem Ei - - -Mein gemalter Traumvogel war unterwegs und suchte meinen Freund. Auf die -wunderlichste Weise kam mir eine Antwort. - -In meiner Schulklasse, an meinem Platz, fand ich einst nach der Pause -zwischen zwei Lektionen einen Zettel in meinem Buch stecken. Er war genau -so gefaltet, wie es bei uns üblich war, wenn Klassengenossen zuweilen -während einer Lektion heimlich einander Billetts zukommen ließen. Mich -wunderte nur, wer mir solch einen Zettel zuschicke, denn ich stand mit -keinem Mitschüler je in solchem Verkehr. Ich dachte, es werde die -Aufforderung zu irgendeinem Schülerspaß sein, an dem ich doch nicht -teilnehmen würde, und legte den Zettel ungelesen vorn in mein Buch. Erst -während der Lektion fiel er mir zufällig wieder in die Hand. - -Ich spielte mit dem Papier, entfaltete es gedankenlos und fand einige Worte -darein geschrieben. Ich warf einen Blick darauf, blieb an einem Wort -hängen, erschrak und las, während mein Herz sich vor Schicksal wie in -großer Kälte zusammenzog: - -»Der Vogel kämpft sich aus dem Ei. Das Ei ist die Welt. Wer geboren werden -will, muß eine Welt zerstören. Der Vogel fliegt zu Gott. Der Gott heißt -Abraxas.« - -Ich versank nach dem mehrmaligen Lesen dieser Zeilen in tiefes Nachsinnen. -Es war kein Zweifel möglich, es war Antwort von Demian. Niemand konnte von -dem Vogel wissen, als ich und er. Er hatte mein Bild bekommen. Er hatte -verstanden und half mir deuten. Aber wie hing alles zusammen? Und -- das -plagte mich vor allem -- was hieß Abraxas? Ich hatte das Wort nie gehört -oder gelesen. »Der Gott heißt Abraxas!« - -Die Stunde verging, ohne daß ich etwas vom Unterricht hörte. Die nächste -begann, die letzte des Vormittags. Sie wurde von einem ganz jungen -Hilfslehrer gegeben, der erst von der Universität kam und uns schon darum -gefiel, weil er so jung war und sich uns gegenüber keine falsche Würde -anmaßte. - -Wir lasen unter Doktor Follens Führung Herodot. Diese Lektüre gehörte zu -den wenigen Schulfächern, die mich interessierten. Aber diesmal war ich -nicht dabei. Ich hatte mechanisch mein Buch aufgeschlagen, folgte aber dem -Übersetzen nicht und blieb in meine Gedanken versunken. Übrigens hatte ich -schon mehrmals die Erfahrung gemacht, wie richtig das war, was Demian mir -damals im geistlichen Unterricht gesagt hatte. Was man stark genug wollte, -das gelang. Wenn ich während des Unterrichts sehr stark mit eigenen -Gedanken beschäftigt war, so konnte ich ruhig sein, daß der Lehrer mich in -Ruhe ließ. Ja, wenn man zerstreut war oder schläfrig, dann stand er -plötzlich da: das war mir auch schon begegnet. Aber wenn man wirklich -dachte, wirklich versunken war, dann war man geschützt. Und auch das mit -dem festen Anblicken hatte ich schon probiert und bewährt gefunden. Damals -zu Demians Zeiten war es mir nicht geglückt, jetzt spürte ich oft, daß man -mit Blicken und Gedanken sehr viel ausrichten konnte. - -So saß ich auch jetzt und war weit von Herodot und von der Schule weg. Aber -da schlug unversehens mir die Stimme des Lehrers wie ein Blitz ins -Bewußtsein, daß ich voll Schreck erwachte. Ich hörte seine Stimme, er stand -dicht neben mir, ich glaubte schon, er habe meinen Namen gerufen. Aber er -sah mich nicht an. Ich atmete auf. - -Da hörte ich seine Stimme wieder. Laut sagte sie das Wort: »Abraxas.« - -In einer Erklärung, deren Anfang mir entgangen war, fuhr Doktor Follen -fort: »Wir müssen uns die Anschauungen jener Sekten und mystischen -Vereinigungen des Altertums nicht so naiv vorstellen, wie sie vom -Standpunkt einer rationalistischen Betrachtung aus erscheinen. Eine -Wissenschaft in unserem Sinn kannte das Altertum überhaupt nicht. Dafür gab -es eine Beschäftigung mit philosophisch-mystischen Wahrheiten, die sehr -hoch entwickelt war. Zum Teil entstand daraus Magie und Spielerei, die wohl -oft auch zu Betrug und Verbrechen führte. Aber auch die Magie hatte eine -edle Herkunft und tiefe Gedanken. So die Lehre von Abraxas, die ich vorhin -als Beispiel anführte. Man nennt diesen Namen in Verbindung mit -griechischen Zauberformeln und hält ihn vielfach für den Namen irgendeines -Zauberteufels, wie ihn etwa wilde Völker heute noch haben. Es scheint aber, -daß Abraxas viel mehr bedeutet. Wir können uns den Namen etwa denken als -den einer Gottheit, welche die symbolische Aufgabe hatte, das Göttliche und -das Teuflische zu vereinigen.« - -Der kleine gelehrte Mann sprach fein und eifrig weiter, niemand war sehr -aufmerksam, und da der Name nicht mehr vorkam, sank auch meine -Aufmerksamkeit bald wieder in mich selbst zurück. - -»Das Göttliche und das Teuflische vereinigen,« klang es mir nach. Hier -konnte ich anknüpfen. Das war mir von den Gesprächen mit Demian in der -allerletzten Zeit unsrer Freundschaft her vertraut. Demian hatte damals -gesagt, wir hätten wohl einen Gott, den wir verehrten, aber der stelle nur -eine willkürlich abgetrennte Hälfte der Welt dar (es war die offizielle, -erlaubte, »lichte« Welt). Man müsse aber die ganze Welt verehren können, -also müsse man entweder einen Gott haben, der auch Teufel sei, oder man -müsse neben dem Gottesdienst auch einen Dienst des Teufels einrichten. -- -Und nun war also Abraxas der Gott, der sowohl Gott wie Teufel war. - -Eine Zeitlang suchte ich mit großem Eifer auf der Spur weiter, ohne doch -vorwärts zu kommen. Ich stöberte auch eine ganze Bibliothek erfolglos nach -dem Abraxas durch. Doch war mein Wesen niemals stark auf diese Art des -direkten und bewußten Suchens eingestellt, wobei man zumeist nur Wahrheiten -findet, die einem Steine in der Hand bleiben. - -Die Gestalt der Beatrice, mit der ich eine gewisse Zeit hindurch so viel -und innig beschäftigt gewesen war, sank nun allmählich unter, oder vielmehr -sie trat langsam von mir hinweg, näherte sich mehr und mehr dem Horizont -und wurde schattenhafter, ferner, blasser. Sie genügte der Seele nicht -mehr. - -Es begann jetzt in dem eigentümlich in mich selbst eingesponnenen Dasein, -das ich wie ein Traumwandler führte, eine neue Bildung zu entstehen. Die -Sehnsucht nach dem Leben blühte in mir, vielmehr die Sehnsucht nach Liebe, -und der Trieb des Geschlechts, den ich eine Weile hatte in die Anbetung -Beatrices auflösen können, verlangte neue Bilder und Ziele. Noch immer kam -keine Erfüllung mir entgegen, und unmöglicher als je war es mir, die -Sehnsucht zu täuschen und etwas von den Mädchen zu erwarten, bei denen -meine Kameraden ihr Glück suchten. Ich träumte wieder heftig, und zwar mehr -am Tage als in der Nacht. Vorstellungen, Bilder oder Wünsche, stiegen in -mir auf und zogen mich von der äußeren Welt hinweg, so daß ich mit diesen -Bildern in mir, mit diesen Träumen oder Schatten, wirklicher und lebhafter -Umgang hatte und lebte, als mit meiner wirklichen Umgebung. - -Ein bestimmter Traum, oder ein Phantasiespiel, das immer wiederkehrte, -wurde mir bedeutungsvoll. Dieser Traum, der wichtigste und nachhaltigste -meines Lebens, war etwa so: Ich kehrte in mein Vaterhaus zurück -- über dem -Haustor leuchtete der Wappenvogel in Gelb auf blauem Grund -- im Hause kam -mir meine Mutter entgegen -- aber als ich eintrat und sie umarmen wollte, -war es nicht sie, sondern eine nie gesehene Gestalt, groß und mächtig, dem -Max Demian und meinem gemalten Blatte ähnlich, doch anders, und trotz der -Mächtigkeit ganz und gar weiblich. Diese Gestalt zog mich an sich und nahm -mich in eine tiefe, schauernde Liebesumarmung auf. Wonne und Grausen waren -vermischt, die Umarmung war Gottesdienst, und war ebenso Verbrechen. Zu -viel Erinnerung an meine Mutter, zu viel Erinnerung an meinen Freund Demian -geistete in der Gestalt, die mich umfing. Ihre Umarmung verstieß gegen jede -Ehrfurcht und war doch Seligkeit. Oft erwachte ich aus diesem Traume mit -tiefem Glücksgefühl, oft mit Todesangst und gequältestem Gewissen wie aus -furchtbarer Sünde. - -Nur allmählich und unbewußt kam zwischen diesem ganz innerlichen Bilde und -dem mir von außen zugekommenen Wink über den zu suchenden Gott eine -Verbindung zustande. Sie wurde aber dann enger und inniger, und ich begann -zu spüren, daß ich gerade in diesem Ahnungstraum den Abraxas anrief. Wonne -und Grauen, Mann und Weib gemischt, Heiligstes und Gräßliches ineinander -verflochten, tiefe Schuld durch zarteste Unschuld zuckend -- so war mein -Liebestraumbild, und so war auch Abraxas. Liebe war nicht mehr tierisch -dunkler Trieb, wie ich sie beängstigt im Anfang empfunden hatte, und sie -war auch nicht mehr fromm vergeistigte Anbeterschaft, wie ich sie dem Bilde -der Beatrice dargebracht. Sie war beides, beides und noch viel mehr, sie -war Engelsbild und Satan, Mann und Weib in einem, Mensch und Tier, höchstes -Gut und äußerstes Böses. Dies zu leben schien mir bestimmt, dies zu kosten -mein Schicksal. Ich hatte Sehnsucht nach ihm und hatte Angst vor ihm, ich -träumte ihm nach und ich floh vor ihm, aber es war immer da, war immer über -mir. - -Im nächsten Frühjahr sollte ich das Gymnasium verlassen und studieren -gehen, ich wußte noch nicht wo und was. Auf meinen Lippen wuchs ein kleiner -Bart, ich war ein ausgewachsener Mensch, und doch vollkommen hilflos und -ohne Ziele. Fest war nur eines: die Stimme in mir, das Traumbild. Ich -fühlte die Aufgabe, dieser Führung blind zu folgen. Aber es fiel mir -schwer, und täglich lehnte ich mich auf. Vielleicht war ich verrückt, -dachte ich nicht selten, vielleicht war ich nicht wie andere Menschen? Aber -ich konnte das, was andre leisteten, alles auch tun, mit ein wenig Fleiß -und Bemühung konnte ich Plato lesen, konnte trigonometrische Aufgaben lösen -oder einer chemischen Analyse folgen. Nur eines konnte ich nicht: das in -mir dunkel verborgene Ziel herausreißen und irgendwo vor mich hinmalen, wie -andere es taten, welche genau wußten, daß sie Professor oder Richter, Arzt -oder Künstler werden wollten, wie lang das dauern und was für Vorteile es -haben würde. Das konnte ich nicht. Vielleicht wurde ich auch einmal so -etwas, aber wie sollte ich das wissen. Vielleicht mußte ich auch suchen und -weitersuchen, jahrelang, und wurde nichts, und kam an kein Ziel. Vielleicht -kam ich auch an ein Ziel, aber es war ein böses, gefährliches, furchtbares. - -Ich wollte ja nichts als das zu leben versuchen, was von selber aus mir -heraus wollte. Warum war das so sehr schwer? - -Oft machte ich den Versuch, die mächtige Liebesgestalt meines Traumes zu -malen. Es gelang aber nie. Wäre es mir gelungen, so hätte ich das Blatt an -Demian gesandt. Wo war er? Ich wußte es nicht. Ich wußte nur, er war mit -mir verbunden. Wann würde ich ihn wiedersehen? - -Die freundliche Ruhe jener Wochen und Monate der Beatricezeit war lang -vergangen. Damals hatte ich gemeint, eine Insel erreicht und einen Frieden -gefunden zu haben. Aber so war es immer -- kaum war ein Zustand mir lieb -geworden, kaum hatte ein Traum mir wohlgetan, so wurde er auch schon welk -und blind. Vergebens, ihm nachzuklagen! Ich lebte jetzt in einem Feuer von -ungestilltem Verlangen, von gespanntem Erwarten, das mich oft völlig wild -und toll machte. Das Bild der Traumgeliebten sah ich oft mit überlebendiger -Deutlichkeit vor mir, viel deutlicher als meine eigene Hand, sprach mit -ihm, weinte vor ihm, fluchte ihm. Ich nannte es Mutter und kniete vor ihm -in Tränen, ich nannte es Geliebte und ahnte seinen reifen, alles -erfüllenden Kuß, ich nannte es Teufel und Hure, Vampyr und Mörder. Es -verlockte mich zu zartesten Liebesträumen und zu wüsten Schamlosigkeiten, -nichts war ihm zu gut und köstlich, nichts zu schlecht und niedrig. - -Jenen ganzen Winter verlebte ich in einem inneren Sturm, den ich schwer -beschreiben kann. An die Einsamkeit war ich lang gewöhnt, sie drückte mich -nicht, ich lebte mit Demian, mit dem Sperber, mit dem Bild der großen -Traumgestalt, die mein Schicksal und meine Geliebte war. Das war genug, um -darin zu leben, denn alles blickte ins Große und Weite, und alles deutete -auf Abraxas. Aber keiner dieser Träume, keiner meiner Gedanken gehorchte -mir, keinen konnte ich rufen, keinem konnte ich nach Belieben seine Farben -geben. Sie kamen und nahmen mich, ich wurde von ihnen regiert, wurde von -ihnen gelebt. - -Wohl war ich nach außen gesichert. Vor Menschen hatte ich keine Furcht, das -hatten auch meine Mitschüler gelernt und brachten mir eine heimliche -Achtung entgegen, die mich oft lächeln machte. Wenn ich wollte, konnte ich -die meisten von ihnen sehr gut durchschauen und sie gelegentlich dadurch in -Erstaunen setzen. Nur wollte ich selten oder nie. Ich war immer mit mir -beschäftigt, immer mit mir selbst. Und ich verlangte sehnlichst danach, nun -endlich auch einmal ein Stück zu leben, etwas aus mir hinaus in die Welt zu -geben, in Beziehung und Kampf mit ihr zu treten. Manchmal wenn ich am Abend -durch die Straßen lief und vor Unrast bis Mitternacht nicht heimkehren -konnte, manchmal meinte ich dann, jetzt und jetzt müsse meine Geliebte mir -begegnen, an der nächsten Ecke vorübergehen, mir aus dem nächsten Fenster -rufen. Manchmal auch schien mir dies alles unerträglich qualvoll, und ich -war darauf gefaßt, mir einmal das Leben zu nehmen. - -Eine eigentümliche Zuflucht fand ich damals -- durch einen »Zufall«, wie -man sagt. Es gibt aber solche Zufälle nicht. Wenn der, der etwas notwendig -braucht, dies ihm Notwendige findet, so ist es nicht der Zufall, der es ihm -gibt, sondern er selbst, sein eigenes Verlangen und Müssen führt ihn hin. - -Ich hatte zwei oder drei Male auf meinen Gängen durch die Stadt aus einer -kleineren Vorstadtkirche Orgelspiel vernommen, ohne dabei zu verweilen. Als -ich das nächstemal vorüberkam, hörte ich es wieder, und erkannte, daß Bach -gespielt wurde. Ich ging zum Tor, das ich geschlossen fand, und da die -Gasse fast ohne Menschen war, setzte ich mich neben der Kirche auf einen -Prellstein, schlug den Mantelkragen um mich und hörte zu. Es war keine -große, doch eine gute Orgel, und es wurde wunderlich gespielt, nämlich gut -und beinahe virtuos, aber mit einem eigentümlichen, höchst persönlichen -Ausdruck von Willen und Beharrlichkeit, der wie ein Gebet klang. Ich hatte -das Gefühl: der Mann, der da spielt, weiß in dieser Musik einen Schatz -verschlossen, und er wirbt und pocht und müht sich um diesen Schatz wie um -sein Leben. Ich verstehe, im Sinn der Technik, nicht sehr viel von Musik, -aber ich habe gerade diesen Ausdruck der Seele von Kind auf instinktiv -verstanden und das Musikalische als etwas Selbstverständliches in mir -gefühlt. - -Der Musiker spielte darauf auch etwas Modernes, es konnte von Reger sein. -Die Kirche war fast völlig dunkel, nur ein ganz dünner Lichtschein drang -durchs nächste Fenster. Ich wartete, bis die Musik zu Ende war, und strich -dann auf und ab, bis ich den Organisten herauskommen sah. Es war ein noch -junger Mensch, doch älter als ich, vierschrötig und untersetzt von Gestalt, -und er lief rasch mit kräftigen und gleichsam unwilligen Schritten davon. - -Manchmal saß ich von da an in der Abendstunde vor der Kirche, oder ging auf -und ab. Einmal fand ich auch das Tor offen und saß eine halbe Stunde -fröstelnd und glücklich im Gestühl, während der Organist oben bei -spärlichem Gaslicht spielte. Aus der Musik, die er spielte, hörte ich nicht -nur ihn selbst. Es schien mir auch alles, was er spielte, unter sich -verwandt zu sein, einen geheimen Zusammenhang zu haben. Alles, was er -spielte, war gläubig, war hingegeben und fromm, aber nicht fromm wie die -Kirchengänger und Pastoren, sondern fromm wie Pilger und Bettler im -Mittelalter, fromm mit rücksichtsloser Hingabe an ein Weltgefühl, das über -allen Bekenntnissen stand. Die Meister vor Bach wurden fleißig gespielt, -und alte Italiener. Und alle sagten dasselbe, alle sagten das, was auch der -Musikant in der Seele hatte: Sehnsucht, innigstes Ergreifen der Welt und -wildestes Sichwiederscheiden von ihr, brennendes Lauschen auf die eigene -dunkle Seele, Rausch der Hingabe und tiefe Neugierde auf das Wunderbare. - -Als ich einmal den Orgelspieler nach seinem Weggang aus der Kirche heimlich -verfolgte, sah ich ihn weit draußen am Rande der Stadt in eine kleine -Schenke treten. Ich konnte nicht widerstehen und ging ihm nach. Zum -erstenmal sah ich ihn hier deutlich. Er saß am Wirtstisch in einer Ecke der -kleinen Stube, den schwarzen Filzhut auf dem Kopf, einen Schoppen Wein vor -sich, und sein Gesicht war so, wie ich es erwartet hatte. Es war häßlich -und etwas wild, suchend und verbohrt, eigensinnig und willensvoll, dabei um -den Mund weich und kindlich. Das Männliche und Starke saß alles in Augen -und Stirn, der untere Teil des Gesichtes war zart und unfertig, -unbeherrscht und zum Teil weichlich, das Kinn voll Unentschlossenheit stand -knabenhaft da wie ein Widerspruch gegen Stirn und Blick. Lieb waren mir die -dunkelbraunen Augen, voll Stolz und Feindlichkeit. - -Schweigend setzte ich mich ihm gegenüber, niemand war sonst in der Kneipe. -Er blitzte mich an, als wolle er mich wegjagen. Ich hielt jedoch stand und -sah ihn unentwegt an, bis er unwirsch brummte: »Was schauen Sie denn so -verflucht scharf? Wollen Sie was von mir?« - -»Ich will nichts von Ihnen,« sagte ich. »Aber ich habe schon viel von Ihnen -gehabt.« - -Er zog die Stirn zusammen. - -»So, sind Sie ein Musikschwärmer? Ich finde es ekelhaft, für Musik zu -schwärmen.« - -Ich ließ mich nicht abschrecken. - -»Ich habe Ihnen schon oft zugehört, in der Kirche da draußen,« sagte ich. -»Ich will Sie übrigens nicht belästigen. Ich dachte, ich würde bei Ihnen -vielleicht etwas finden, etwas Besonderes, ich weiß nicht recht was. Aber -hören Sie lieber gar nicht auf mich! Ich kann Ihnen ja in der Kirche -zuhören.« - -»Ich schließe doch immer ab.« - -»Neulich haben Sie es vergessen, und ich saß drinnen. Sonst stehe ich -draußen oder sitze auf dem Prellstein.« - -»So? Sie können ein andermal hereinkommen, es ist wärmer. Sie müssen dann -bloß an die Tür klopfen. Aber kräftig, und nicht während ich spiele. Jetzt -los -- was wollten Sie sagen? Sie sind ein ganz junger Mann, wahrscheinlich -ein Schüler oder Student. Sind Sie Musiker?« - -»Nein. Ich höre gern Musik, aber bloß solche, wie Sie sie spielen, ganz -unbedingte Musik, solche, bei der man spürt, daß da ein Mensch an Himmel -und Hölle rüttelt. Die Musik ist mir sehr lieb, ich glaube, weil sie so -wenig moralisch ist. Alles andere ist moralisch, und ich suche etwas, was -nicht so ist. Ich habe unter dem Moralischen immer bloß gelitten. Ich kann -mich nicht gut ausdrücken. -- Wissen Sie, daß es einen Gott geben muß, der -zugleich Gott und Teufel ist? Es soll einen gegeben haben, ich hörte -davon.« - -Der Musiker schob den breiten Hut etwas zurück und schüttelte sich das -dunkle Haar von der großen Stirn. Dabei sah er mich durchdringend an und -neigte mir sein Gesicht über den Tisch entgegen. - -Leise und gespannt fragte er: »Wie heißt der Gott, von dem Sie da sagen?« - -»Ich weiß leider fast nichts von ihm, eigentlich bloß den Namen. Er heißt -Abraxas.« - -Der Musikant blickte wie mißtrauisch um sich, als könnte uns jemand -belauschen. Dann rückte er nahe zu mir und sagte flüsternd: »Ich habe es -mir gedacht. Wer sind Sie?« - -»Ich bin ein Schüler vom Gymnasium.« - -»Woher wissen Sie von Abraxas?« - -»Durch Zufall.« - -Er hieb auf den Tisch, daß sein Weinglas überlief. - -»Zufall! Reden Sie keinen Sch . . . dreck, junger Mensch! Von Abraxas weiß -man nicht durch Zufall, das merken Sie sich. Ich werde Ihnen noch mehr von -ihm sagen. Ich weiß ein wenig von ihm.« - -Er schwieg und rückte seinen Stuhl zurück. Als ich ihn voll Erwartung -ansah, schnitt er eine Grimasse. - -»Nicht hier! Ein andermal. -- Da, nehmen Sie!« - -Dabei griff er in die Tasche seines Mantels, den er nicht abgelegt hatte, -und zog ein paar gebratene Kastanien heraus, die er mir hinwarf. - -Ich sagte nichts, nahm sie und aß und war sehr zufrieden. - -»Also!« flüsterte er nach einer Weile. »Woher wissen Sie von -- Ihm?« - -Ich zögerte nicht, es ihm zu sagen. - -»Ich war allein und ratlos,« erzählte ich. »Da fiel mir ein Freund aus -früheren Jahren ein, von dem ich glaube, daß er sehr viel weiß. Ich hatte -etwas gemalt, einen Vogel, der aus einer Weltkugel herauskam. Den schickte -ich ihm. Nach einiger Zeit, als ich nicht mehr recht daran glaubte, bekam -ich ein Stück Papier in die Hand, darauf stand: Der Vogel kämpft sich aus -dem Ei. Das Ei ist die Welt. Wer geboren werden will, muß eine Welt -zerstören. Der Vogel fliegt zu Gott. Der Gott heißt Abraxas.« - -Er erwiderte nichts, wir schälten unsere Kastanien und aßen sie zum Wein. - -»Nehmen wir noch einen Schoppen?« fragte er. - -»Danke, nein. Ich trinke nicht gern.« - -Er lachte, etwas enttäuscht. - -»Wie Sie wollen! Bei mir ist es anders. Ich bleibe noch hier. Gehen Sie -jetzt nur!« - -Als ich dann das nächstemal nach der Orgelmusik mit ihm ging, war er nicht -sehr mitteilsam. Er führte mich in einer alten Gasse durch ein altes, -stattliches Haus empor und in ein großes, etwas düsteres und verwahrlostes -Zimmer, wo außer einem Klavier nichts auf Musik deutete, während ein großer -Bücherschrank und Schreibtisch dem Raum etwas Gelehrtenhaftes gaben. - -»Wieviel Bücher Sie haben!« sagte ich anerkennend. - -»Ein Teil davon ist aus der Bibliothek meines Vaters, bei dem ich wohne. -- -Ja, junger Mann, ich wohne bei Vater und Mutter, aber ich kann Sie ihnen -nicht vorstellen, mein Umgang genießt hier im Hause keiner großen Achtung. -Ich bin ein verlorener Sohn, wissen Sie. Mein Vater ist ein fabelhaft -ehrenwerter Mann, ein bedeutender Pfarrer und Prediger in hiesiger Stadt. -Und ich, damit Sie gleich Bescheid wissen, bin sein begabter und -vielversprechender Herr Sohn, der aber entgleist und einigermaßen verrückt -geworden ist. Ich war Theologe und habe kurz vor dem Staatsexamen diese -biedere Fakultät verlassen. Obgleich ich eigentlich noch immer beim Fach -bin, was meine Privatstudien betrifft. Was für Götter die Leute sich -jeweils ausgedacht haben, das ist mir noch immer höchst wichtig und -interessant. Im übrigen bin ich jetzt Musiker und werde, wie es scheint, -bald eine kleinere Organistenstelle bekommen. Dann bin ich ja auch wieder -bei der Kirche.« - -Ich schaute an den Bücherrücken entlang, fand griechische, lateinische, -hebräische Titel, soweit ich beim schwachen Licht der kleinen Tischlampe -sehen konnte. Inzwischen hatte sich mein Bekannter im Finstern bei der Wand -auf den Boden gelegt und machte sich dort zu schaffen. - -»Kommen Sie,« rief er nach einer Weile, »wir wollen jetzt ein wenig -Philosophie üben, das heißt das Maul halten, auf dem Bauche liegen und -denken.« - -Er strich ein Zündholz an und setzte in dem Kamin, vor dem er lag, Papier -und Scheite in Brand. Die Flamme stieg hoch, er schürte und speiste das -Feuer mit ausgesuchter Umsicht. Ich legte mich zu ihm auf den -zerschlissenen Teppich. Er starrte ins Feuer, das auch mich anzog, und wir -lagen schweigend wohl eine Stunde lang auf dem Bauch vor dem flackernden -Holzfeuer, sahen es flammen und brausen, einsinken und sich krümmen, -verflackern und zucken und endlich in stiller, versunkener Glut am Boden -brüten. - -»Das Feueranbeten war nicht das Dümmste, was erfunden worden ist,« murmelte -er einmal vor sich hin. Sonst sagte keiner von uns ein Wort. Mit starren -Augen hing ich an dem Feuer, versank in Traum und Stille, sah Gestalten im -Rauch und Bilder in der Asche. Einmal schrak ich auf. Mein Genosse warf ein -Stückchen Harz in die Glut, eine kleine, schlanke Flamme schoß empor, ich -sah in ihr den Vogel mit dem gelben Sperberkopf. In der hinsterbenden -Kaminglut liefen goldig glühende Fäden zu Netzen zusammen, Buchstaben und -Bilder erschienen, Erinnerungen an Gesichter, an Tiere, an Pflanzen, an -Würmer und Schlangen. Als ich, erwachend, nach dem andern sah, stierte er, -das Kinn auf den Fäusten, hingegeben und fanatisch in die Asche. - -»Ich muß jetzt gehen,« sagte ich leise. - -»Ja, dann gehen Sie. Auf Wiedersehen!« - -Er stand nicht auf, und da die Lampe gelöscht war, mußte ich mich mit Mühe -durchs finstere Zimmer und die finsteren Gänge und Treppen aus dem -verwunschenen alten Hause tasten. Auf der Straße machte ich halt und sah an -dem alten Hause hinauf. In keinem Fenster brannte Licht. Ein kleines Schild -aus Messing glänzte im Schein der Gaslaterne vor der Tür. - -»Pistorius, Hauptpfarrer,« las ich darauf. - -Erst zu Hause, als ich nach dem Abendessen allein in meinem kleinen Zimmer -saß, fiel mir ein, daß ich weder über Abraxas noch sonst etwas von -Pistorius erfahren habe, daß wir überhaupt kaum zehn Worte gewechselt -hatten. Aber ich war mit meinem Besuch bei ihm sehr zufrieden. Und für das -nächstemal hatte er mir ein ganz exquisites Stück alter Orgelmusik -versprochen, eine Passacaglia von Buxtehude. - - * * * * * - -Ohne daß ich es wußte, hatte der Organist Pistorius mir eine erste Lektion -gegeben, als ich mit ihm vor dem Kamin auf dem Boden seines trüben -Einsiedlerzimmers lag. Das Schauen ins Feuer hatte mir gut getan, es hatte -Neigungen in mir gekräftigt und bestätigt, die ich immer gehabt, doch nie -eigentlich gepflegt hatte. Allmählich wurde ich teilweise darüber klar. - -Schon als kleines Kind hatte ich je und je den Hang gehabt, bizarre Formen -der Natur anzuschauen, nicht beobachtend, sondern ihrem eigenen Zauber, -ihrer krausen, tiefen Sprache hingegeben. Lange verholzte Baumwurzeln, -farbige Adern im Gestein, Flecken von Öl, das auf Wasser schwimmt, Sprünge -in Glas -- alle ähnlichen Dinge hatten zu Zeiten großen Zauber für mich -gehabt, vor allem auch das Wasser und das Feuer, der Rauch, die Wolken, der -Staub, und ganz besonders die kreisenden Farbflecke, die ich sah, wenn ich -die Augen schloß. In den Tagen nach meinem ersten Besuch bei Pistorius -begann dies mir wieder einzufallen. Denn ich merkte, daß ich eine gewisse -Stärkung und Freude, eine Steigerung meines Gefühls von mir selbst, die ich -seither spürte, lediglich dem langen Starren ins offene Feuer verdankte. Es -war merkwürdig wohltuend und bereichernd, das zu tun! - -An die wenigen Erfahrungen, welche ich bis jetzt auf dem Wege zu meinem -eigentlichen Lebensziel gefunden hatte, reihte sich diese neue: das -Betrachten solcher Gebilde, das Sichhingeben an irrationale, krause, -seltsame Formen der Natur erzeugt in uns ein Gefühl von der Übereinstimmung -unseres Innern mit dem Willen, der diese Gebilde werden ließ -- wir spüren -bald die Versuchung, sie für unsere eigenen Launen, für unsere eigenen -Schöpfungen zu halten -- wir sehen die Grenzen zwischen uns und der Natur -zittern und zerfließen und lernen die Stimmung kennen, in der wir nicht -wissen, ob die Bilder auf unserer Netzhaut von äußeren Eindrücken stammen -oder von inneren. Nirgends so einfach und leicht wie bei dieser Übung -machen wir die Entdeckung, wie sehr wir Schöpfer sind, wie sehr unsere -Seele immerzu teilhat an der beständigen Erschaffung der Welt. Vielmehr ist -es dieselbe unteilbare Gottheit, die in uns und die in der Natur tätig ist, -und wenn die äußere Welt unterginge, so wäre einer von uns fähig, sie -wieder aufzubauen, denn Berg und Strom, Baum und Blatt, Wurzel und Blüte, -alles Gebildete in der Natur liegt in uns vorgebildet, stammt aus der -Seele, deren Wesen Ewigkeit ist, deren Wesen wir nicht kennen, das sich uns -aber zumeist als Liebeskraft und Schöpferkraft zu fühlen gibt. - -Erst manche Jahre später fand ich einmal diese Beobachtung in einem Buche -bestätigt, nämlich bei Leonardo da Vinci, der einmal davon redet, wie gut -und tief anregend es sei, eine Mauer anzusehen, welche von vielen Leuten -angespien worden ist. Vor jenen Flecken an der feuchten Mauer fühlte er -dasselbe wie Pistorius und ich vor dem Feuer. - -Bei unserem nächsten Zusammensein gab mir der Orgelspieler eine Erklärung. - -»Wir ziehen die Grenzen unserer Persönlichkeit immer viel zu eng! Wir -rechnen zu unserer Person immer bloß das, was wir als individuell -unterschieden, als abweichend erkennen. Wir bestehen aber aus dem ganzen -Bestand der Welt, jeder von uns, und ebenso wie unser Körper die -Stammtafeln der Entwicklung bis zum Fisch und noch viel weiter zurück in -sich trägt, so haben wir in der Seele alles, was je in Menschenseelen -gelebt hat. Alle Götter und Teufel, die je gewesen sind, sei es bei -Griechen und Chinesen oder bei Zulukaffern, alle sind mit in uns, sind da, -als Möglichkeiten, als Wünsche, als Auswege. Wenn die Menschheit ausstürbe -bis auf ein einziges halbwegs begabtes Kind, das keinerlei Unterricht -genossen hat, so würde dieses Kind den ganzen Gang der Dinge wiederfinden, -es würde Götter, Dämonen, Paradiese, Gebote und Verbote, Alte und Neue -Testamente, alles würde es wieder produzieren können.« - -»Ja, gut,« wandte ich ein, »aber worin besteht dann noch der Wert des -einzelnen? Warum streben wir noch, wenn wir doch alles in uns schon fertig -haben?« - -»Halt!« rief Pistorius heftig. »Es ist ein großer Unterschied, ob Sie bloß -die Welt in sich tragen, oder ob Sie das auch wissen! Ein Wahnsinniger kann -Gedanken hervorbringen, die an Plato erinnern, und ein kleiner frommer -Schulknabe in einem Herrnhuter Institut denkt tiefe mythologische -Zusammenhänge schöpferisch nach, die bei den Gnostikern oder bei Zoroaster -vorkommen. Aber er weiß nichts davon! Er ist ein Baum oder Stein, -bestenfalls ein Tier, solange er es nicht weiß. Dann aber, wenn der erste -Funke dieser Erkenntnis dämmert, dann wird er Mensch. Sie werden doch wohl -nicht alle die Zweibeiner, die da auf der Straße laufen, für Menschen -halten, bloß weil sie aufrecht gehen und ihre Jungen neun Monate tragen? -Sie sehen doch, wie viele von ihnen Fische oder Schafe, Würmer oder Egel -sind, wie viele Ameisen, wie viele Bienen! Nun, in jedem von ihnen sind die -Möglichkeiten zum Menschen da, aber erst, indem er sie ahnt, indem er sie -teilweise sogar bewußt machen lernt, gehören diese Möglichkeiten ihm.« - -Etwa dieser Art waren unsere Gespräche. Selten brachten sie mir etwas -völlig Neues, etwas ganz und gar Überraschendes. Alle aber, auch das -banalste, trafen mit leisem stetigen Hammerschlag auf denselben Punkt in -mir, alle halfen an mir bilden, alle halfen Häute von mir abstreifen, -Eierschalen zerbrechen, und aus jedem hob ich den Kopf etwas höher, etwas -freier, bis mein gelber Vogel seinen schönen Raubvogelkopf aus der -zertrümmerten Weltschale stieß. - -Häufig erzählten wir auch einander unsere Träume. Pistorius verstand ihnen -eine Deutung zu geben. Ein wunderliches Beispiel ist mir eben erinnerlich. -Ich hatte einen Traum, in dem ich fliegen konnte, jedoch so, daß ich -gewissermaßen von einem großen Schwung durch die Luft geschleudert wurde, -dessen ich nicht Herr war. Das Gefühl dieses Fluges war erhebend, ward aber -bald zur Angst, als ich mich willenlos in bedenkliche Höhen gerissen sah. -Da machte ich die erlösende Entdeckung, daß ich mein Steigen und Fallen -durch Anhalten und Strömenlassen des Atems regeln konnte. - -Dazu sagte Pistorius: »Der Schwung, der Sie fliegen macht, das ist unser -großer Menschheitsbesitz, den jeder hat. Es ist das Gefühl des -Zusammenhangs mit den Wurzeln jeder Kraft, aber es wird einem dabei bald -bange! Es ist verflucht gefährlich! Darum verzichten die meisten so gerne -auf das Fliegen und ziehen es vor, an Hand gesetzlicher Vorschriften auf -dem Bürgersteige zu wandeln. Aber Sie nicht. Sie fliegen weiter, wie es -sich für einen tüchtigen Burschen gehört. Und siehe, da entdecken Sie das -Wunderliche, daß Sie allmählich Herr darüber werden, daß zu der großen -allgemeinen Kraft, die Sie fortreißt, eine feine, kleine, eigene Kraft -kommt, ein Organ, ein Steuer! Das ist famos. Ohne das ginge man willenlos -in die Lüfte, das tun zum Beispiel die Wahnsinnigen. Ihnen sind tiefere -Ahnungen gegeben als den Leuten auf dem Bürgersteig, aber sie haben keinen -Schlüssel und kein Steuer dazu, und sausen ins Bodenlose. Sie aber, -Sinclair, Sie machen die Sache! Und wie, bitte. Das wissen Sie wohl noch -gar nicht? Sie machen es mit einem neuen Organ, mit einem Atemregulator. -Und nun können Sie sehen, wie wenig >persönlich< Ihre Seele in ihrer Tiefe -ist. Sie erfindet nämlich diesen Regulator nicht! Er ist nicht neu! Er ist -eine Anleihe, er existiert seit Jahrtausenden. Er ist das -Gleichgewichtsorgan der Fische, die Schwimmblase. Und tatsächlich gibt es -ein paar wenige seltsame und konservative Fischarten noch heute, bei denen -die Schwimmblase zugleich eine Art Lunge ist und unter Umständen richtig -zum Atmen dienen kann. Also haargenau wie die Lunge, die Sie im Traum als -Fliegerblase benutzen!« - -Er brachte mir sogar einen Band Zoologie und zeigte mir Namen und -Abbildungen jener altmodischen Fische. Und ich fühlte in mir, mit einem -eigentümlichen Schauer, eine Funktion aus frühen Entwicklungsepochen -lebendig. - - - - -Sechstes Kapitel -Jakobs Kampf - - -Was ich von dem sonderbaren Musiker Pistorius über Abraxas erfuhr, kann ich -nicht in Kürze wiedererzählen. Das Wichtigste aber, was ich bei ihm lernte, -war ein weiterer Schritt auf dem Wege zu mir selbst. Ich war damals, mit -meinen etwa achtzehn Jahren, ein ungewöhnlicher junger Mensch, in hundert -Dingen frühreif, in hundert andern Dingen sehr zurück und hilflos. Wenn ich -mich je und je mit anderen verglich, war ich oft stolz und eingebildet -gewesen, ebenso oft aber niedergedrückt und gedemütigt. Oft hatte ich mich -für ein Genie angesehen, oft für halb verrückt. Es gelang mir nicht, -Freuden und Leben der Altersgenossen mitzumachen, und oft hatte ich mich in -Vorwürfen und Sorgen verzehrt, als sei ich hoffnungslos von ihnen getrennt, -als sei mir das Leben verschlossen. - -Pistorius, welcher selbst ein ausgewachsener Sonderling war, lehrte mich -den Mut und die Achtung vor mir selbst bewahren. Indem er in meinen Worten, -in meinen Träumen, in meinen Phantasien und Gedanken stets Wertvolles fand, -sie stets ernst nahm und ernsthaft besprach, gab er mir das Beispiel. - -»Sie haben mir erzählt,« sagte er, »daß Sie die Musik darum lieben, weil -sie nicht moralisch sei. Meinetwegen. Aber Sie selber müssen eben auch kein -Moralist sein! Sie dürfen sich nicht mit andern vergleichen, und wenn die -Natur Sie zur Fledermaus geschaffen hat, dürfen Sie sich nicht zum Vogel -Strauß machen wollen. Sie halten sich manchmal für sonderbar, Sie werfen -sich vor, daß Sie andere Wege gehen als die meisten. Das müssen Sie -verlernen. Blicken Sie ins Feuer, blicken Sie in die Wolken, und sobald die -Ahnungen kommen und die Stimmen in Ihrer Seele anfangen zu sprechen, dann -überlassen Sie sich ihnen und fragen Sie ja nicht erst, ob das wohl auch -dem Herrn Lehrer oder dem Herrn Papa oder irgendeinem lieben Gott passe -oder lieb sei! Damit verdirbt man sich. Damit kommt man auf den Bürgersteig -und wird ein Fossil. Lieber Sinclair, unser Gott heißt Abraxas, und er ist -Gott und ist Satan, er hat die lichte und die dunkle Welt in sich. Abraxas -hat gegen keinen Ihrer Gedanken, gegen keinen Ihrer Träume etwas -einzuwenden. Vergessen Sie das nie. Aber er verläßt Sie, wenn Sie einmal -tadellos und normal geworden sind. Dann verläßt er Sie und sucht sich einen -neuen Topf, um seine Gedanken drin zu kochen.« - -Unter allen meinen Träumen war jener dunkle Liebestraum der treueste. Oft, -oft habe ich ihn geträumt, trat unterm Wappenvogel weg in unser altes Haus, -wollte die Mutter an mich ziehen, und hielt statt ihrer das große halb -männliche, halb mütterliche Weib umfaßt, vor der ich Furcht hatte und zu -der mich doch das glühendste Verlangen zog. Und diesen Traum konnte ich -meinem Freunde nie erzählen. Ihn behielt ich zurück, wenn ich ihm alles -andre erschlossen hatte. Er war mein Winkel, mein Geheimnis, meine -Zuflucht. - -Wenn ich bedrückt war, dann bat ich Pistorius, er möge mir die Passacaglia -des alten Buxtehude spielen. In der abendlichen dunklen Kirche saß ich dann -verloren an diese seltsame, innige, in sich selbst versenkte, sich selber -belauschende Musik, die mir jedesmal wohl tat und mich bereiter machte, den -Stimmen der Seele recht zu geben. - -Zuweilen blieben wir auch eine Weile, nachdem die Orgel schon verklungen -war, in der Kirche sitzen und sahen das schwache Licht durch die hohen -spitzbogigen Fenster scheinen und sich verlieren. - -»Es klingt komisch,« sagte Pistorius, »daß ich einmal Theologe war und -beinah Pfarrer geworden wäre. Aber es war nur ein Irrtum in der Form, den -ich dabei beging. Priester sein, ist mein Beruf und mein Ziel. Nur war ich -zu früh zufrieden und stellte mich dem Jehova zur Verfügung, noch ehe ich -den Abraxas kannte. Ach, jede Religion ist schön. Religion ist Seele, -einerlei, ob man ein christliches Abendmahl nimmt oder ob man nach Mekka -wallfahrt.« - -»Dann hätten Sie,« meinte ich, »aber eigentlich doch Pfarrer werden -können.« - -»Nein, Sinclair, nein. Ich hätte ja lügen müssen. Unsre Religion wird so -ausgeübt, als sei sie keine. Sie tut so, als sei sie ein Verstandeswerk. -Katholik könnte ich zur Not wohl sein, aber protestantischer Priester -- -nein! Die paar wirklich Gläubigen -- ich kenne solche -- halten sich gern -an das Wörtliche, ihnen könnte ich nicht sagen, daß etwa Christus für mich -keine Person, sondern ein Heros, ein Mythos ist, ein ungeheures -Schattenbild, in dem die Menschheit sich selber an die Wand der Ewigkeit -gemalt sieht. Und die anderen, die in die Kirche kommen, um ein kluges Wort -zu hören, um eine Pflicht zu erfüllen, um nichts zu versäumen und so -weiter, ja was hätte ich denen sagen sollen? Sie bekehren, meinst du? Aber -das will ich gar nicht. Der Priester will nicht bekehren, er will nur unter -Gläubigen, unter seinesgleichen leben, und will Träger und Ausdruck sein -für das Gefühl, aus dem wir unsere Götter machen.« - -Er unterbrach sich. Dann fuhr er fort: »Unser neuer Glaube, für den wir -jetzt den Namen des Abraxas wählen, ist schön, lieber Freund. Er ist das -Beste, was wir haben. Aber er ist noch ein Säugling! Die Flügel sind ihm -noch nicht gewachsen. Ach, eine einsame Religion, das ist noch nicht das -Wahre. Sie muß gemeinsam werden, sie muß Kult und Rausch, Feste und -Mysterien haben . . .« - -Er sann und versank in sich. - -»Kann man Mysterien nicht auch allein, oder im kleinsten Kreis, begehen?« -fragte ich zögernd. - -»Man kann schon,« nickte er. »Ich begehe sie schon lang. Ich habe Kulte -begangen, für die ich Jahre von Zuchthaus absitzen müßte, wenn man davon -wüßte. Aber ich weiß, es ist noch nicht das Richtige.« - -Plötzlich schlug er mir auf die Schulter, daß ich zusammenzuckte. »Junge,« -sagte er eindringlich, »auch Sie haben Mysterien. Ich weiß, daß Sie Träume -haben müssen, die Sie mir nicht sagen. Ich will sie nicht wissen. Aber ich -sage Ihnen: Leben Sie sie, diese Träume, spielen Sie sie, bauen Sie ihnen -Altäre! Es ist noch nicht das Vollkommene, aber es ist ein Weg. Ob wir -einmal, Sie und ich und ein paar andere, die Welt erneuern werden, das wird -sich zeigen. In uns drinnen aber müssen wir sie jeden Tag erneuern, sonst -ist es nichts mit uns. Denken Sie dran! Sie sind achtzehn Jahr alt, -Sinclair, Sie laufen nicht zu den Straßendirnen, Sie müssen Liebesträume, -Liebeswünsche haben. Vielleicht sind sie so, daß Sie sich vor ihnen -fürchten. Fürchten Sie sich nicht! Sie sind das Beste, was Sie haben! Sie -können mir glauben. Ich habe damit viel verloren, daß ich in Ihren Jahren -meine Liebesträume vergewaltigt habe. Man muß das nicht tun. Wenn man von -Abraxas weiß, darf man es nicht mehr tun. Man darf nichts fürchten und -nichts für verboten halten, was die Seele in uns wünscht.« - -Erschreckt wandte ich ein: »Aber man kann doch nicht alles tun, was einem -einfällt! Man darf doch auch nicht einen Menschen umbringen, weil er einem -zuwider ist.« - -Er rückte näher zu mir. - -»Unter Umständen darf man auch das. Es ist nur meistens ein Irrtum. Ich -meine auch nicht, Sie sollen einfach alles das tun, was Ihnen durch den -Sinn geht. Nein, aber Sie sollen diese Einfälle, die ihren guten Sinn -haben, nicht dadurch schädlich machen, daß Sie sie vertreiben und an ihnen -herummoralisieren. Statt sich oder einen andern ans Kreuz zu schlagen, kann -man aus einem Kelch mit feierlichen Gedanken Wein trinken und dabei das -Mysterium des Opfers denken. Man kann, auch ohne solche Handlungen, seine -Triebe und sogenannten Anfechtungen mit Achtung und Liebe behandeln. Dann -zeigen sie ihren Sinn, und sie haben alle Sinn. -- Wenn Ihnen wieder einmal -etwas recht Tolles oder Sündhaftes einfällt, Sinclair, wenn Sie jemand -umbringen oder irgendeine gigantische Unflätigkeit begehen möchten, dann -denken Sie einen Augenblick daran, daß es Abraxas ist, der so in Ihnen -phantasiert! Der Mensch, den Sie töten möchten, ist ja nie der Herr -Soundso, er ist sicher nur eine Verkleidung. Wenn wir einen Menschen -hassen, so hassen wir in seinem Bild etwas, was in uns selber sitzt. Was -nicht in uns selber ist, das regt uns nicht auf.« - -Nie hatte mir Pistorius etwas gesagt, das mich so tief im Heimlichsten -getroffen hatte. Ich konnte nicht antworten. Was mich aber am stärksten und -sonderbarsten berührt hatte, das war der Gleichklang dieses Zuspruches mit -Worten Demians, die ich seit Jahren und Jahren in mir trug. Sie wußten -nichts voneinander, und beide sagten mir dasselbe. - -»Die Dinge, die wir sehen,« sagte Pistorius leise, »sind dieselben Dinge, -die in uns sind. Es gibt keine Wirklichkeit als die, die wir in uns haben. -Darum leben die meisten Menschen so unwirklich, weil sie die Bilder -außerhalb für das Wirkliche halten und ihre eigene Welt in sich gar nicht -zu Worte kommen lassen. Man kann glücklich dabei sein. Aber wenn man einmal -das andere weiß, dann hat man die Wahl nicht mehr, den Weg der meisten zu -gehen. Sinclair, der Weg der meisten ist leicht, unsrer ist schwer. -- Wir -wollen gehen.« - -Einige Tage später, nachdem ich zweimal vergebens auf ihn gewartet hatte, -traf ich ihn spät am Abend auf der Straße an, wie er einsam im kalten -Nachtwinde um eine Ecke geweht kam, stolpernd und ganz betrunken. Ich -mochte ihn nicht anrufen. Er kam an mir vorbei, ohne mich zu sehen, und -starrte vor sich hin mit glühenden und vereinsamten Augen, als folge er -einem dunklen Ruf aus dem Unbekannten. Ich folgte ihm eine Straße lang, er -trieb wie an unsichtbarem Draht gezogen dahin, mit fanatischem und doch -aufgelöstem Gang, wie ein Gespenst. Traurig ging ich nach Hause zurück, zu -meinen unerlösten Träumen. - -»So erneuert er nun die Welt in sich!« dachte ich, und fühlte noch im -selben Augenblick, daß das niedrig und moralisch gedacht sei. Was wußte ich -von seinen Träumen? Er ging vielleicht in seinem Rausch den sicherern Weg -als ich in meiner Bangnis. - - * * * * * - -In den Pausen zwischen den Schulstunden war mir zuweilen aufgefallen, daß -ein Mitschüler meine Nähe suchte, den ich nie beachtet hatte. Es war ein -kleiner, schwach aussehender, schmächtiger Jüngling mit rötlich blondem, -dünnem Haar, der in Blick und Benehmen etwas Eigenes hatte. Eines Abends, -als ich nach Hause kam, lauerte er in der Gasse auf mich, ließ mich an sich -vorübergehen, lief mir dann wieder nach, und blieb vor unsrer Haustür -stehen. - -»Willst du etwas von mir?« fragte ich. - -»Ich möchte bloß einmal mit dir sprechen,« sagte er schüchtern. »Sei so gut -und komm ein paar Schritte mit.« - -Ich folgte ihm und spürte, daß er tief erregt und voll Erwartung war. Seine -Hände zitterten. - -»Bist du Spiritist?« fragte er ganz plötzlich. - -»Nein, Knauer,« sagte ich lachend. »Keine Spur davon. Wie kommst du auf so -etwas?« - -»Aber Theosoph bist du?« - -»Auch nicht.« - -»Ach, sei nicht so verschlossen! Ich spüre doch ganz gut, daß etwas -Besonderes mit dir ist. Du hast es in den Augen. Ich glaube bestimmt, daß -du Umgang mit Geistern hast. -- Ich frage nicht aus Neugierde, Sinclair, -nein! Ich bin selber ein Suchender, weißt du, und ich bin so allein.« - -»Erzähle nur!« munterte ich ihn an. »Ich weiß von Geistern zwar gar nichts, -ich lebe in meinen Träumen, und das hast du gespürt. Die anderen Leute -leben auch in Träumen, aber nicht in ihren eigenen, das ist der -Unterschied.« - -»Ja, so ist es vielleicht,« flüsterte er. »Es kommt nur drauf an, welcher -Art die Träume sind, in denen man lebt. -- Hast du schon von der weißen -Magie gehört?« - -Ich mußte verneinen. - -»Das ist, wenn man lernt, sich selber zu beherrschen. Man kann unsterblich -werden, und auch zaubern. Hast du nie solche Übungen gemacht?« - -Auf meine neugierige Frage nach diesen Übungen tat er erst geheimnisvoll, -bis ich mich zum Gehen wandte, dann kramte er aus. - -»Zum Beispiel, wenn ich einschlafen oder auch mich konzentrieren will, dann -mache ich eine solche Übung. Ich denke mir irgend etwas, zum Beispiel ein -Wort oder einen Namen, oder eine geometrische Figur. Die denke ich dann in -mich hinein, so stark ich kann, ich suche sie mir innen in meinem Kopf -vorzustellen, bis ich fühle, daß sie darin ist. Dann denke ich sie in den -Hals, und so weiter, bis ich ganz davon ausgefüllt bin. Dann bin ich ganz -fest, und nichts mehr kann mich aus der Ruhe bringen.« - -Ich begriff einigermaßen, wie er es meine. Doch fühlte ich wohl, daß er -noch anderes auf dem Herzen habe, er war seltsam erregt und hastig. Ich -suchte ihm das Fragen leicht zu machen, und bald kam er denn mit seinem -eigentlichen Anliegen. - -»Du bist doch auch enthaltsam?« fragte er mich ängstlich. - -»Wie meinst du das? Meinst du das Geschlechtliche?« - -»Ja, ja. Ich bin jetzt seit zwei Jahren enthaltsam, seit ich von der Lehre -weiß. Vorher habe ich ein Laster getrieben, du weißt schon. -- Du bist also -nie bei einem Weib gewesen?« - -»Nein,« sagte ich. »Ich habe die Richtige nicht gefunden.« - -»Aber wenn du die fändest, von der du meinst, sie sei die Richtige, dann -würdest du mit ihr schlafen?« - -»Ja, natürlich. -- Wenn sie nichts dagegen hat,« sagte ich mit etwas Spott. - -»O da bist du aber auf dem falschen Weg! Die inneren Kräfte kann man nur -ausbilden, wenn man völlig enthaltsam bleibt. Ich habe es getan, zwei Jahre -lang. Zwei Jahre und etwas mehr als einen Monat! Es ist so schwer! Manchmal -kann ich es kaum mehr aushalten.« - -»Höre, Knauer, ich glaube nicht, daß die Enthaltsamkeit so furchtbar -wichtig ist.« - -»Ich weiß,« wehrte er ab, »das sagen alle. Aber von dir habe ich es nicht -erwartet. Wer den höheren geistigen Weg gehen will, der muß rein bleiben, -unbedingt!« - -»Ja, dann tu es! Aber ich begreife nicht, warum einer >reiner< sein soll, -der sein Geschlecht unterdrückt, als irgendein anderer. Oder kannst du das -Geschlechtliche auch aus allen Gedanken und Träumen ausschalten?« - -Er sah mich verzweifelt an. - -»Nein, eben nicht! Herrgott, und doch muß es sein. Ich habe in der Nacht -Träume, die ich nicht einmal mir selber erzählen könnte! Furchtbare Träume, -du!« - -Ich erinnerte mich dessen, was Pistorius mir gesagt hatte. Aber so sehr ich -seine Worte als richtig empfand, ich konnte sie nicht weitergeben, ich -konnte nicht einen Rat erteilen, der nicht aus meiner eigenen Erfahrung -herkam und dessen Befolgung ich mich selber noch nicht gewachsen fühlte. -Ich wurde schweigsam und fühlte mich dadurch gedemütigt, daß da jemand Rat -bei mir suchte, dem ich keinen zu geben hatte. - -»Ich habe alles probiert!« jammerte Knauer neben mir. »Ich habe getan, was -man tun kann, mit kaltem Wasser, mit Schnee, mit Turnen und Laufen, aber es -hilft alles nichts. Jede Nacht wache ich aus Träumen auf, an die ich gar -nicht denken darf. Und das Entsetzliche ist: darüber geht mir allmählich -alles wieder verloren, was ich geistig gelernt hatte. Ich bringe es beinahe -nie mehr fertig, mich zu konzentrieren oder mich einzuschläfern, oft liege -ich die ganze Nacht wach. Ich halte das nimmer lang aus. Wenn ich -schließlich doch den Kampf nicht durchführen kann, wenn ich nachgebe und -mich wieder unrein mache, dann bin ich schlechter als alle anderen, die -überhaupt nie gekämpft haben. Das begreifst du doch?« - -Ich nickte, konnte aber nichts dazu sagen. Er begann mich zu langweilen, -und ich erschrak vor mir selber, daß mir seine offensichtliche Not und -Verzweiflung keinen tiefern Eindruck machte. Ich empfand nur: ich kann dir -nicht helfen. - -»Also weißt du mir gar nichts?« sagte er schließlich erschöpft und traurig. -»Gar nichts? Es muß doch einen Weg geben! Wie machst denn du es?« - -»Ich kann dir nichts sagen, Knauer. Man kann einander da nicht helfen. Mir -hat auch niemand geholfen. Du mußt dich auf dich selber besinnen, und dann -mußt du das tun, was wirklich aus deinem Wesen kommt. Es gibt nichts -anderes. Wenn du dich selber nicht finden kannst, dann wirst du auch keine -Geister finden, glaube ich.« - -Enttäuscht und plötzlich stumm geworden, sah der kleine Kerl mich an. Dann -glühte sein Blick in plötzlicher Gehässigkeit auf, er schnitt mir eine -Grimasse und schrie wütend: »Ah, du bist mir ein schöner Heiliger! Du hast -auch dein Laster, ich weiß es! Du tust wie ein Weiser und heimlich hängst -du am gleichen Dreck wie ich und alle! Du bist ein Schwein, ein Schwein, -wie ich selber. Alle sind wir Schweine!« - -Ich ging weg und ließ ihn stehen. Er tat mir zwei, drei Schritte nach, dann -blieb er zurück, kehrte um und rannte davon. Mir wurde übel aus einem -Gefühl von Mitleid und Abscheu, und ich kam von dem Gefühl nicht los, bis -ich zu Hause in meinem kleinen Zimmerchen meine paar Bilder um mich stellte -und mich mit sehnlichster Innigkeit meinen eigenen Träumen hingab. Da kam -sofort mein Traum wieder, vom Haustor und Wappen, von der Mutter und der -fremden Frau, und ich sah die Züge der Frau so überdeutlich, daß ich noch -am selben Abend ihr Bild zu zeichnen begann. - -Als diese Zeichnung nach einigen Tagen fertig war, in traumhaften -Viertelstunden wie bewußtlos hingestrichen, hängte ich sie am Abend an -meiner Wand auf, rückte die Studierlampe davor und stand vor ihr wie vor -einem Geist, mit dem ich kämpfen mußte bis zur Entscheidung. Es war ein -Gesicht, ähnlich dem frühern, ähnlich meinem Freund Demian, in einigen -Zügen auch ähnlich mir selber. Das eine Auge stand auffallend höher als das -andere, der Blick ging über mich weg in versunkener Starrheit, voll von -Schicksal. - -Ich stand davor und wurde vor innerer Anstrengung kalt bis in die Brust -hinein. Ich fragte das Bild, ich klagte es an, ich liebkoste es, ich betete -zu ihm; ich nannte es Mutter, ich nannte es Geliebte, nannte es Hure und -Dirne, nannte es Abraxas. Dazwischen fielen Worte von Pistorius -- oder von -Demian? -- mir ein; ich konnte mich nicht erinnern, wann sie gesprochen -waren, aber ich meinte sie wieder zu hören. Es waren Worte über den Kampf -Jakobs mit dem Engel Gottes, und das »Ich lasse dich nicht, du segnest mich -denn«. - -Das gemalte Gesicht im Lampenschein verwandelte sich bei jeder Anrufung. Es -wurde hell und leuchtend, wurde schwarz und finster, schloß fahle Lider -über erstorbenen Augen, öffnete sie wieder und blitzte glühende Blicke, es -war Frau, war Mann, war Mädchen, war ein kleines Kind, ein Tier, verschwamm -zum Fleck, wurde wieder groß und klar. Am Ende schloß ich, einem starken -inneren Rufe folgend, die Augen und sah nun das Bild inwendig in mir, -stärker und mächtiger. Ich wollte vor ihm niederknien, aber es war so sehr -in mir innen, daß ich es nicht mehr von mir trennen konnte, als wäre es zu -lauter Ich geworden. - -Da hörte ich ein dunkles schweres Brausen wie von einem Frühjahrssturm und -zitterte in einem unbeschreiblich neuen Gefühl von Angst und Erlebnis. -Sterne zuckten vor mich auf und erloschen, Erinnerungen bis in die erste, -vergessenste Kinderzeit zurück, ja bis in Vorexistenzen und frühe Stufen -des Werdens, strömten gedrängt an mir vorüber. Aber die Erinnerungen, die -mir mein ganzes Leben bis ins Geheimste zu wiederholen schienen, hörten mit -gestern und heute nicht auf, sie gingen weiter, spiegelten Zukunft, rissen -mich von heute weg und in neue Lebensformen, deren Bilder ungeheuer hell -und blendend waren, an deren keines ich mich aber später richtig erinnern -konnte. - -In der Nacht erwachte ich aus tiefem Schlaf, ich war in den Kleidern und -lag quer überm Bett. Ich zündete Licht an, fühlte, daß ich mich auf -Wichtiges besinnen müsse, wußte nichts mehr von den Stunden vorher. Ich -zündete Licht an, die Erinnerung kam allmählich. Ich suchte das Bild, es -hing nicht mehr an der Wand, lag auch nicht auf dem Tische. Da meinte ich -mich dunkel zu besinnen, daß ich es verbrannt hätte. Oder war es ein Traum -gewesen, daß ich es in meinen Händen verbrannt und die Asche gegessen -hätte? - -Eine große, zuckende Unruhe trieb mich. Ich setzte den Hut auf, ging durch -Haus und Gasse, wie unter einem Zwang, lief und lief durch Straßen und über -Plätze wie von einem Sturm geweht, lauschte vor der finstern Kirche meines -Freundes, suchte und suchte in dunklem Trieb, ohne zu wissen, was. Ich kam -durch eine Vorstadt, wo Dirnenhäuser standen, dort war hier und da noch -Licht. Weiter draußen lagen Neubauten und Ziegelhaufen, zum Teil mit grauem -Schnee bedeckt. Mir fiel, da ich wie ein Traumwandler unter einem fremden -Druck durch diese Wüste trieb, der Neubau in meiner Vaterstadt ein, in -welchen mich einst mein Peiniger Kromer zu unserer ersten Abrechnung -gezogen hatte. Ein ähnlicher Bau lag in der grauen Nacht hier vor mir, -gähnte mit schwarzem Türloch mich an. Es zog mich hinein, ich wollte -ausweichen und stolperte über Sand und Schutt; der Drang war stärker, ich -mußte hinein. - -Über Bretter und zerbrochene Backsteine hinweg taumelte ich in den öden -Raum, es roch trübe nach feuchter Kälte und Steinen. Ein Sandhaufen lag da, -ein grauheller Fleck, sonst war alles dunkel. - -Da rief eine entsetzte Stimme mich an: »Um Gottes willen, Sinclair, wo -kommst du her?« - -Und neben mir richtete aus der Finsternis ein Mensch sich auf, ein kleiner -magerer Bursch, wie ein Geist, und ich erkannte, während mir noch die Haare -zu Berg standen, meinen Schulkameraden Knauer. - -»Wie kommst du hierher?« fragte er, wie irr vor Erregung. »Wie hast du mich -finden können?« - -Ich verstand nicht. - -»Ich habe dich nicht gesucht,« sagte ich benommen; jedes Wort machte mir -Mühe und kam mir mühsam über tote, schwere, wie erfrorene Lippen. - -Er starrte mich an. - -»Nicht gesucht?« - -»Nein. Es zog mich her. Hast du mich gerufen? Du mußt mich gerufen haben. -Was tust du denn hier? Es ist doch Nacht.« - -Er umschlang mich krampfhaft mit seinen dünnen Armen. - -»Ja, Nacht. Es muß bald Morgen werden. O Sinclair, daß du mich nicht -vergessen hast! Kannst du mir denn verzeihen?« - -»Was denn?« - -»Ach ich war ja so häßlich!« - -Erst jetzt kam mir die Erinnerung an unser Gespräch. War das vor vier, fünf -Tagen gewesen? Mir schien seither ein Leben vergangen. Aber jetzt wußte ich -plötzlich alles. Nicht nur, was zwischen uns geschehen war, sondern auch, -warum ich hergekommen war und was Knauer hier draußen hatte tun wollen. - -»Du wolltest dir also das Leben nehmen, Knauer?« - -Er schauderte vor Kälte und vor Angst. - -»Ja, ich wollte. Ich weiß nicht, ob ich es gekonnt hätte. Ich wollte -warten, bis es Morgen wird.« - -Ich zog ihn ins Freie. Die ersten wagrechten Lichtstreifen des Tages -glommen unsäglich kalt und lustlos in den grauen Lüften. - -Ich führte den Jungen eine Strecke weit am Arm. Es sprach aus mir: »Jetzt -gehst du nach Hause, und sagst niemand etwas! Du bist den falschen Weg -gegangen, den falschen Weg! Wir sind auch nicht Schweine, wie du meinst. -Wir sind Menschen. Wir machen Götter, und kämpfen mit ihnen, und sie segnen -uns.« - -Schweigend gingen wir weiter und auseinander. Als ich heimkam, war es Tag -geworden. - - * * * * * - -Das Beste, was mir jene Zeit in St. noch brachte, waren Stunden mit -Pistorius an der Orgel oder vor dem Kaminfeuer. Wir lasen einen -griechischen Text über Abraxas zusammen, er las mir Stücke einer -Übersetzung aus den Veden vor und lehrte mich das heilige »Om« sprechen. -Indessen waren es nicht diese Gelehrsamkeiten, die mich im Innern -förderten, sondern eher das Gegenteil. Was mir wohltat, war das -Vorwärtsfinden in mir selber, das zunehmende Vertrauen in meine eigenen -Träume, Gedanken und Ahnungen, und das zunehmende Wissen von der Macht, die -ich in mir trug. - -Mit Pistorius verstand ich mich auf jede Weise. Ich brauchte nur stark an -ihn zu denken, so war ich sicher, daß er oder ein Gruß von ihm zu mir kam. -Ich konnte ihn, ebenso wie Demian, irgend etwas fragen, ohne daß er selbst -da war: ich brauchte ihn mir nur fest vorzustellen und meine Fragen als -intensive Gedanken an ihn zu richten. Dann kehrte alle in die Frage -gegebene Seelenkraft als Antwort in mich zurück. Nur war es nicht die -Person des Pistorius, die ich mir vorstellte, und nicht die des Max Demian, -sondern es war das von mir geträumte und gemalte Bild, das mannweibliche -Traumbild meines Dämons, das ich anrufen mußte. Es lebte jetzt nicht mehr -nur in meinen Träumen, und nicht mehr gemalt auf Papier, sondern in mir, -als ein Wunschbild und eine Steigerung meiner selbst. - -Eigentümlich und zuweilen komisch war das Verhältnis, in welches der -mißglückte Selbstmörder Knauer zu mir getreten war. Seit der Nacht, in der -ich ihm gesendet worden war, hing er an mir wie ein treuer Diener oder -Hund, suchte sein Leben an meines zu knüpfen und folgte mir blindlings. Mit -den wunderlichsten Fragen und Wünschen kam er zu mir, wollte Geister sehen, -wollte die Kabbala lernen, und glaubte mir nicht, wenn ich ihm versicherte, -daß ich von all diesen Sachen nichts verstünde. Er traute mir jede Macht -zu. Aber seltsam war, daß er oft mit seinen wunderlichen und dummen Fragen -gerade dann zu mir kam, wenn irgendein Knoten in mir zu lösen war, und daß -seine launischen Einfälle und Anliegen mir oft das Stichwort und den Anstoß -zur Lösung brachten. Oft war er mir lästig und wurde herrisch weggeschickt, -aber ich spürte doch: auch er war mir gesandt, auch aus ihm kam das, was -ich ihm gab, verdoppelt in mich zurück, auch er war mir ein Führer, oder -doch ein Weg. Die tollen Bücher und Schriften, die er mir zutrug und in -denen er sein Heil suchte, lehrten mich mehr, als ich im Augenblick -einsehen konnte. - -Dieser Knauer verlor sich später ungefühlt von meinem Weg. Mit ihm war eine -Auseinandersetzung nicht nötig. Wohl aber mit Pistorius. Mit diesem Freunde -erlebte ich gegen den Schluß meiner Schulzeit in St. noch etwas -Eigentümliches. - -Auch den harmlosen Menschen bleibt es kaum erspart, einmal oder einigemal -im Leben in Konflikt mit den schönen Tugenden der Pietät und der -Dankbarkeit zu geraten. Jeder muß einmal den Schritt tun, der ihn von -seinem Vater, von seinen Lehrern trennt, jeder muß etwas von der Härte der -Einsamkeit spüren, wenn auch die meisten Menschen wenig davon ertragen -können und bald wieder unterkriechen. -- Von meinen Eltern und ihrer Welt, -der »lichten« Welt meiner schönen Kindheit, war ich nicht in heftigem Kampf -geschieden, sondern langsam und fast unmerklich ihnen ferner gekommen und -fremder geworden. Es tat mir leid, es machte mir bei den Besuchen in der -Heimat oft bittere Stunden; aber es ging nicht bis ins Herz, es war zu -ertragen. - -Aber dort, wo wir nicht aus Gewohnheit, sondern aus eigenstem Antrieb Liebe -und Ehrfurcht dargebracht haben, da, wo wir mit eigenstem Herzen Jünger und -Freunde gewesen sind -- dort ist es ein bitterer und furchtbarer -Augenblick, wenn wir plötzlich zu erkennen meinen, daß die führende -Strömung in uns von dem Geliebten wegführen will. Da richtet jeder Gedanke, -der den Freund und Lehrer abweist, sich mit giftigem Stachel gegen unser -eigenes Herz, da trifft jeder Hieb der Abwehr ins eigene Gesicht. Da -tauchen dem, der eine gültige Moral in sich selber zu tragen meinte, die -Namen »Treulosigkeit« und »Undankbarkeit« wie schändliche Zurufe und -Brandmäler auf, da flieht das erschrockene Herz angstvoll in die lieben -Täler der Kindheitstugenden zurück und kann nicht daran glauben, daß auch -dieser Bruch getan, daß auch dieses Band zerschnitten werden muß. - -Langsam hatte ein Gefühl in mir sich mit der Zeit dagegen gewendet, meinen -Freund Pistorius so unbedingt als Führer anzuerkennen. Was ich in den -wichtigsten Monaten meiner Jünglingszeit erlebt hatte, war die Freundschaft -mit ihm, war sein Rat, sein Trost, seine Nähe gewesen. Aus ihm hatte Gott -zu mir gesprochen. Aus seinem Munde waren meine Träume mir zurückgekehrt, -geklärt und gedeutet. Er hatte mir den Mut zu mir selber geschenkt. -- Ach, -und nun spürte ich langsam anwachsend Widerstände gegen ihn. Ich hörte zu -viel Belehrendes in seinen Worten, ich empfand, daß er nur einen Teil von -mir ganz verstehe. - -Es gab keinen Streit, keine Szene zwischen uns, keinen Bruch und nicht -einmal eine Abrechnung. Ich sagte ihm nur ein einziges, eigentlich -harmloses Wort -- aber es war doch eben der Augenblick, in dem zwischen uns -eine Illusion in farbige Scherben zerfiel. - -Gedrückt hatte die Vorausahnung mich schon eine Weile, zum deutlichen -Gefühl wurde sie eines Sonntags in seiner alten Gelehrtenstube. Wir lagen -am Boden vor dem Feuer, und er sprach von Mysterien und Religionsformen, -die er studierte, an denen er sann, und deren mögliche Zukunft ihn -beschäftigte. Mir aber schien dies alles mehr kurios und interessant als -lebenswichtig, es klang mir Gelehrsamkeit, es klang mir müdes Suchen unter -Trümmern ehemaliger Welten daraus entgegen. Und mit einem Male spürte ich -einen Widerwillen gegen diese ganze Art, gegen diesen Kultus der -Mythologien, gegen dieses Mosaikspiel mit überlieferten Glaubensformen. - -»Pistorius,« sagte ich plötzlich, mit einer mir selber überraschend und -erschreckend hervorbrechenden Bosheit, »Sie sollten mir wieder einmal einen -Traum erzählen, einen wirklichen Traum, den Sie in der Nacht gehabt haben. -Das, was Sie da reden, ist so -- so verflucht antiquarisch!« - -Er hatte mich niemals so reden hören, und ich selbst empfand im selben -Augenblick blitzhaft mit Scham und Schrecken, daß der Pfeil, den ich auf -ihn abschoß und der ihn ins Herz traf, aus seiner eigenen Rüstkammer -genommen war -- daß ich Selbstvorwürfe, die ich ihn in ironischem Ton -gelegentlich hatte äußern hören, nun boshaft ihm in zugespitzter Form -zuwarf. - -Er spürte es augenblicklich, und er wurde sofort still. Ich sah ihn mit -Angst im Herzen an, und sah ihn furchtbar bleich werden. - -Nach einer langen schweren Pause legte er neues Holz aufs Feuer und sagte -still: »Sie haben ganz recht, Sinclair. Sie sind ein kluger Kerl. Ich werde -Sie mit dem antiquarischen Zeug verschonen.« - -Er sprach sehr ruhig, aber ich hörte den Schmerz der Verwundung wohl -heraus. Was hatte ich getan! - -Die Tränen waren mir nah, ich wollte mich ihm herzlich zuwenden, wollte ihn -um Verzeihung bitten, ihn meiner Liebe, meiner zärtlichen Dankbarkeit -versichern. Rührende Worte fielen mir ein -- aber ich konnte sie nicht -sagen. Ich blieb liegen, sah ins Feuer und schwieg. Und er schwieg auch, -und so lagen wir, und das Feuer brannte herab und sank zusammen, und mit -jeder verblassenden Flamme fühlte ich etwas Schönes und Inniges verglühen -und verfliegen, das nicht wiederkommen konnte. - -»Ich fürchte, Sie verstehen mich falsch,« sagte ich schließlich sehr -gepreßt und mit trockener, heiserer Stimme. Die dummen, sinnlosen Worte -kamen mir wie mechanisch über die Lippen, als läse ich aus einem -Zeitungsroman vor. - -»Ich verstehe Sie ganz richtig,« sagte Pistorius leis. »Sie haben ja -recht.« Er wartete. Dann fuhr er langsam fort: »Soweit ein Mensch eben -gegen den andern recht haben kann.« - -Nein, nein, rief es in mir, ich habe unrecht! -- aber sagen konnte ich -nichts. Ich wußte, daß ich mit meinem einzigen kleinen Wort ihn auf eine -wesentliche Schwäche, auf seine Not und Wunde hingewiesen hatte. Ich hatte -den Punkt berührt, wo er sich selber mißtrauen mußte. Sein Ideal war -»antiquarisch«, er war ein Sucher nach rückwärts, er war ein Romantiker. -Und plötzlich fühlte ich tief: Gerade das, was Pistorius mir gewesen war -und gegeben hatte, das konnte er sich selbst nicht sein und geben. Er hatte -mich einen Weg geführt, der auch ihn, den Führer, überschreiten und -verlassen mußte. - -Weiß Gott, wie solch ein Wort entsteht! Ich hatte es gar nicht schlimm -gemeint, hatte keine Ahnung von einer Katastrophe gehabt. Ich hatte etwas -ausgesprochen, was ich im Augenblick des Aussprechens selber durchaus nicht -wußte, ich hatte einem kleinen, etwas witzigen, etwas boshaften Einfall -nachgegeben, und es war Schicksal daraus geworden. Ich hatte eine kleine -achtlose Roheit begangen, und für ihn war sie ein Gericht geworden. - -O wie sehr habe ich mir damals gewünscht, er möchte böse geworden sein, er -möchte sich verteidigt, möchte mich angeschrien haben! Er tat nichts davon, -alles das mußte ich, in mir drinnen, selber tun. Er hätte gelächelt, wenn -er gekonnt hätte. Daß er es nicht konnte, daran sah ich am besten, wie sehr -ich ihn getroffen hatte. - -Und indem Pistorius den Schlag von mir, von seinem vorlauten und -undankbaren Schüler, so lautlos hinnahm, indem er schwieg und mir Recht -ließ, indem er mein Wort als Schicksal anerkannte, machte er mich mir -selbst verhaßt, machte er meine Unbesonnenheit tausendmal größer. Als ich -zuschlug, hatte ich einen Starken und Wehrhaften zu treffen gemeint -- nun -war es ein stiller, duldender Mensch, ein Wehrloser, der sich schweigend -ergab. - -Lange Zeit blieben wir vor dem verglimmenden Feuer liegen, in dem jede -glühende Figur, jeder sich krümmende Aschenstab mir glückliche, schöne, -reiche Stunden ins Gedächtnis rief und die Schuld meiner Verpflichtung -gegen Pistorius größer und größer anhäufte. Zuletzt ertrug ich es nicht -mehr. Ich stand auf und ging. Lange stand ich vor seiner Tür, lange auf der -finstern Treppe, lange noch draußen vor dem Hause, wartend, ob er -vielleicht käme und mir nachginge. Dann ging ich weiter und lief Stunden um -Stunden durch Stadt und Vorstädte, Park und Wald, bis zum Abend. Und damals -spürte ich zum erstenmal das Zeichen Kains auf meiner Stirn. - -Nur allmählich kam ich zum Nachdenken. Meine Gedanken hatten alle die -Absicht, mich anzuklagen und Pistorius zu verteidigen. Und alle endeten mit -dem Gegenteil. Tausendmal war ich bereit, mein rasches Wort zu bereuen und -zurückzunehmen -- aber wahr war es doch gewesen. Erst jetzt gelang es mir, -Pistorius zu verstehen, seinen ganzen Traum vor mir aufzubauen. Dieser -Traum war gewesen, ein Priester zu sein, die neue Religion zu verkünden, -neue Formen der Erhebung, der Liebe und Anbetung zu geben, neue Symbole -aufzurichten. Aber dies war nicht seine Kraft, nicht sein Amt. Er verweilte -allzu warm im Gewesenen, er kannte allzu genau das Ehemalige, er wußte -allzu viel von Ägypten, von Indien, von Mithras, von Abraxas. Seine Liebe -war an Bilder gebunden, welche die Erde schon gesehen hatte, und dabei -wußte er im Innersten selber wohl, daß das Neue neu und anders sein, daß es -aus frischem Boden quellen und nicht aus Sammlungen und Bibliotheken -geschöpft werden mußte. Sein Amt war vielleicht, Menschen zu sich selbst -führen zu helfen, wie er es mit mir getan hatte. Ihnen das Unerhörte zu -geben, die neuen Götter, war sein Amt nicht. - -Und hier brannte mich plötzlich wie eine scharfe Flamme die Erkenntnis: -- -Es gab für jeden ein »Amt«, aber für keinen eines, das er selber wählen, -umschreiben und beliebig verwalten durfte. Es war falsch, neue Götter zu -wollen, es war völlig falsch, der Welt irgend etwas geben zu wollen! Es gab -keine, keine, keine Pflicht für erwachte Menschen als die eine: sich selber -zu suchen, in sich fest zu werden, den eigenen Weg vorwärts zu tasten, -einerlei wohin er führte. -- Das erschütterte mich tief, und das war die -Frucht dieses Erlebnisses für mich. Oft hatte ich mit Bildern der Zukunft -gespielt, ich hatte von Rollen geträumt, die mir zugedacht sein könnten, -als Dichter vielleicht oder als Prophet, oder als Maler, oder irgendwie. -All das war nichts. Ich war nicht da, um zu dichten, um zu predigen, um zu -malen, weder ich noch sonst ein Mensch war dazu da. Das alles ergab sich -nur nebenher. Wahrer Beruf für jeden war nur das eine: zu sich selbst zu -kommen. Er mochte als Dichter oder als Wahnsinniger, als Prophet oder als -Verbrecher enden -- dies war nicht seine Sache, ja dies war letzten Endes -belanglos. Seine Sache war, das eigene Schicksal zu finden, nicht ein -beliebiges, und es in sich auszuleben, ganz und ungebrochen. Alles andere -war halb, war Versuch zu entrinnen, war Rückflucht in Ideale der Masse, war -Anpassung und Angst vor dem eigenen Innern. Furchtbar und heilig stieg das -neue Bild vor mir auf, hundertmal geahnt, vielleicht oft schon -ausgesprochen, und doch erst jetzt erlebt. Ich war ein Wurf der Natur, ein -Wurf ins Ungewisse, vielleicht zu Neuem, vielleicht zu Nichts, und diesen -Wurf aus der Urtiefe auswirken zu lassen, seinen Willen in mir zu fühlen -und ihn ganz zu meinem zu machen, das allein war mein Beruf. Das allein! - -Viel Einsamkeit hatte ich schon gekostet. Nun ahnte ich, daß es tiefere -gab, und daß sie unentrinnbar sei. - -Ich machte keinen Versuch, Pistorius zu versöhnen. Wir blieben Freunde, -aber das Verhältnis war geändert. Nur ein einzigesmal sprachen wir darüber, -oder eigentlich nur er war es, der es tat. Er sagte: »Ich habe den Wunsch, -Priester zu werden, das wissen Sie. Ich wollte am liebsten der Priester der -neuen Religion werden, von der wir so manche Ahnungen haben. Ich werde es -nie sein können -- ich weiß es und wußte es, ohne es mir ganz zu gestehen, -schon lange. Ich werde eben andre Priesterdienste tun, vielleicht auf der -Orgel, vielleicht sonstwie. Aber ich muß immer von etwas umgeben sein, was -ich als schön und heilig empfinde, Orgelmusik und Mysterium, Symbol und -Mythus, ich brauche das und will nicht davon lassen. -- Das ist meine -Schwäche. Denn ich weiß manchmal, Sinclair, ich weiß zu Zeiten, daß ich -solche Wünsche nicht haben sollte, daß sie Luxus und Schwäche sind. Es wäre -größer, es wäre richtiger, wenn ich ganz einfach dem Schicksal zur -Verfügung stünde, ohne Ansprüche. Aber ich kann das nicht; es ist das -einzige, was ich nicht kann. Vielleicht können Sie es einmal. Es ist -schwer, es ist das einzige wirklich Schwere, was es gibt, mein Junge. Ich -habe oft davon geträumt, aber ich kann nicht, es schaudert mich davor: ich -kann nicht so völlig nackt und einsam stehen, auch ich bin ein armer -schwacher Hund, der etwas Wärme und Futter braucht und gelegentlich die -Nähe von seinesgleichen spüren möchte. Wer wirklich gar nichts will als -sein Schicksal, der hat nicht seinesgleichen mehr, der steht ganz allein -und hat nur den kalten Weltenraum um sich. Wissen Sie, das ist Jesus im -Garten Gethsemane. Es hat Märtyrer gegeben, die sich gern ans Kreuz -schlagen ließen, aber auch sie waren keine Helden, waren nicht befreit, -auch sie wollten etwas, was ihnen liebgewohnt und heimatlich war, sie -hatten Vorbilder, sie hatten Ideale. Wer nur noch das Schicksal will, der -hat weder Vorbilder noch Ideale mehr, nichts Liebes, nichts Tröstliches hat -er! Und diesen Weg müßte man eigentlich gehen. Leute wie ich und Sie sind -ja recht einsam, aber wir haben doch noch einander, wir haben die heimliche -Genugtuung, anders zu sein, uns aufzulehnen, das Ungewöhnliche zu wollen. -Auch das muß wegfallen, wenn einer den Weg ganz gehen will. Er darf auch -nicht Revolutionär, nicht Beispiel, nicht Märtyrer sein wollen. Es ist -nicht auszudenken --« - -Nein, es war nicht auszudenken. Aber es war zu träumen, es war vorzufühlen, -es war zu ahnen. Einigemal fühlte ich etwas davon, wenn ich eine ganz -stille Stunde fand. Dann blickte ich in mich und sah meinem Schicksalsbild -in die offenstarren Augen. Sie konnten voll Weisheit sein, sie konnten voll -Wahnsinn sein, sie konnten Liebe strahlen oder tiefe Bosheit, es war -einerlei. Nichts davon durfte man wählen, nichts durfte man wollen. Man -durfte nur _sich_ wollen, nur sein Schicksal. Dahin hatte mir Pistorius -eine Strecke weit als Führer gedient. - -In jenen Tagen lief ich wie blind umher, Sturm brauste in mir, jeder -Schritt war Gefahr. Ich sah nichts als die abgründige Dunkelheit vor mir, -in welche alle bisherigen Wege verliefen und hinabsanken. Und in meinem -Innern sah ich das Bild des Führers, der Demian glich und in dessen Augen -mein Schicksal stand. - -Ich schrieb auf ein Papier: »Ein Führer hat mich verlassen. Ich stehe ganz -im Finstern. Ich kann keinen Schritt allein tun. Hilf mir!« - -Das wollte ich an Demian schicken. Doch unterließ ich es; es sah jedesmal, -wenn ich es tun wollte, läppisch und sinnlos aus. Aber ich wußte das kleine -Gebet auswendig und sprach es oft in mich hinein. Es begleitete mich jede -Stunde. Ich begann zu ahnen, was Gebet ist. - - * * * * * - -Meine Schulzeit war zu Ende. Ich sollte eine Ferienreise machen, mein Vater -hatte sich das ausgedacht, und dann sollte ich zur Universität gehen. Zu -welcher Fakultät, das wußte ich nicht. Es war mir ein Semester Philosophie -bewilligt. Ich wäre mit allem andern ebenso zufrieden gewesen. - - - - -Siebentes Kapitel -Frau Eva - - -In den Ferien ging ich einmal zu dem Hause, in welchem vor Jahren Max -Demian mit seiner Mutter gewohnt hatte. Eine alte Frau spazierte im Garten, -ich sprach sie an und erfuhr, daß ihr das Haus gehöre. Ich fragte nach der -Familie Demian. Sie erinnerte sich ihrer gut. Doch wußte sie nicht, wo sie -jetzt wohnten. Da sie mein Interesse spürte, nahm sie mich mit ins Haus, -suchte ein ledernes Album hervor und zeigte mir eine Photographie von -Demians Mutter. Ich konnte mich ihrer kaum mehr erinnern. Aber als ich nun -das kleine Bildnis sah, blieb mir der Herzschlag stehen. -- Das war mein -Traumbild! Das war sie, die große, fast männliche Frauenfigur, ihrem Sohne -ähnlich, mit Zügen von Mütterlichkeit, Zügen von Strenge, Zügen von tiefer -Leidenschaft, schön und verlockend, schön und unnahbar, Dämon und Mutter, -Schicksal und Geliebte. Das war sie! - -Wie ein wildes Wunder durchfuhr es mich, als ich so erfuhr, daß mein -Traumbild auf der Erde lebe! Es gab eine Frau, die so aussah, die die Züge -meines Schicksals trug! Wo war sie? Wo? -- Und sie war Demians Mutter! - -Bald darauf trat ich meine Reise an. Eine sonderbare Reise! Ich fuhr -rastlos von Ort zu Ort, jedem Einfall nach, immer auf der Suche nach dieser -Frau. Es gab Tage, da traf ich lauter Gestalten, die an sie erinnerten, an -sie anklangen, die ihr glichen, die mich durch Gassen fremder Städte, durch -Bahnhöfe, in Eisenbahnzüge lockten, wie in verwickelten Träumen. Es gab -andere Tage, da sah ich ein, wie unnütz mein Suchen sei; dann saß ich -untätig irgendwo in einem Park, in einem Hotelgarten, in einem Wartesaal, -und schaute in mich hinein und versuchte das Bild in mir lebendig zu -machen. Aber es war jetzt scheu und flüchtig geworden. Nie konnte ich -schlafen, nur auf den Bahnfahrten durch unbekannte Landschaften nickte ich -für Viertelstunden ein. Einmal, in Zürich, stellte eine Frau mir nach, ein -hübsches, etwas freches Weib. Ich sah sie kaum und ging weiter, als wäre -sie Luft. Lieber wäre ich sofort gestorben, als daß ich einer andern Frau -auch nur für eine Stunde Teilnahme geschenkt hätte. - -Ich spürte, daß mein Schicksal mich zog, ich spürte, daß die Erfüllung nahe -sei, und ich war toll vor Ungeduld, daß ich nichts dazu tun konnte. Einst -auf einem Bahnhof, ich glaube, es war in Innsbruck, sah ich in einem eben -wegfahrenden Zug am Fenster eine Gestalt, die mich an sie erinnerte, und -war tagelang unglücklich. Und plötzlich erschien die Gestalt mir wieder -nachts in einem Traume, ich erwachte mit einem beschämten und öden Gefühl -von der Sinnlosigkeit meiner Jagd, und fuhr geraden Weges nach Hause -zurück. - -Ein paar Wochen später ließ ich mich auf der Universität H. einschreiben. -Alles enttäuschte mich. Das Kolleg über Geschichte der Philosophie, das ich -hörte, war ebenso wesenlos und fabrikmäßig wie das Treiben der studierenden -Jünglinge. Alles war so nach der Schablone, einer tat wie der andere, und -die erhitzte Fröhlichkeit auf den knabenhaften Gesichtern sah so betrübend -leer und fertiggekauft aus! Aber ich war frei, ich hatte meinen ganzen Tag -für mich, wohnte still und schön in altem Gemäuer vor der Stadt und hatte -auf meinem Tisch ein paar Bände Nietzsche liegen. Mit ihm lebte ich, fühlte -die Einsamkeit seiner Seele, witterte das Schicksal, das ihn unaufhaltsam -trieb, litt mit ihm und war selig, daß es einen gegeben hatte, der so -unerbittlich seinen Weg gegangen war. - -Spät am Abend schlenderte ich einst durch die Stadt, im wehenden -Herbstwind, und hörte aus den Wirtshäusern die Studentenvereine singen. Aus -geöffneten Fenstern drang Tabakrauch in Wolken hervor, und in dickem -Schwall der Gesang, laut und straff, doch unbeschwingt und leblos uniform. - -Ich stand an einer Straßenecke und hörte zu, aus zwei Kneipen scholl die -pünktlich ausgeübte Munterkeit der Jugend in die Nacht. Überall -Gemeinsamkeit, überall Zusammenhocken, überall Abladen des Schicksals und -Flucht in warme Herdennähe! - -Hinter mir gingen zwei Männer langsam vorüber. Ich hörte ein Stück von -ihrem Gespräch. - -»Ist es nicht genau wie das Jungemännerhaus in einem Negerdorf?« sagte der -eine. »Alles stimmt, sogar das Tätowieren ist noch Mode. Sehen Sie, das ist -das junge Europa.« - -Die Stimme klang mir wunderlich mahnend -- bekannt. Ich ging den beiden in -der dunklen Gasse nach. Der eine war ein Japaner, klein und elegant, ich -sah unter einer Laterne sein gelbes lächelndes Gesicht aufglänzen. - -Da sprach der andere wieder. - -»Nun, es wird bei Ihnen in Japan auch nicht besser sein. Die Leute, die -nicht der Herde nachlaufen, sind überall selten. Es gibt auch hier welche.« - -Jedes Wort durchdrang mich mit freudigem Schrecken. Ich kannte den -Sprecher. Es war Demian. - -In der windigen Nacht folgte ich ihm und dem Japaner durch die dunkeln -Gassen, hörte ihren Gesprächen zu und genoß den Klang von Demians Stimme. -Sie hatte den alten Ton, sie hatte die alte, schöne Sicherheit und Ruhe, -und sie hatte die alte Macht über mich. Nun war alles gut. Ich hatte ihn -gefunden. - -Am Ende einer vorstädtischen Straße nahm der Japaner Abschied und schloß -eine Haustür auf. Demian ging den Weg zurück, ich war stehen geblieben und -erwartete ihn mitten in der Straße. Mit Herzklopfen sah ich ihn mir -entgegen kommen, aufrecht und elastisch, in einem braunen Gummimantel, -einen dünnen Stock am Arme eingehängt. Er kam, ohne seinen gleichmäßigen -Schritt zu ändern, bis dicht vor mich hin, nahm den Hut ab und zeigte mir -sein altes, helles Gesicht mit dem entschlossenen Mund und der -eigentümlichen Helligkeit auf der breiten Stirn. - -»Demian!« rief ich. - -Er streckte mir die Hand entgegen. - -»Also da bist du, Sinclair! Ich habe dich erwartet.« - -»Wußtest du, daß ich hier bin?« - -»Ich wußte es nicht gerade, aber ich hoffte es bestimmt. Gesehen habe ich -dich erst heute abend, du bist uns ja die ganze Zeit nachgegangen.« - -»Du kanntest mich also gleich?« - -»Natürlich. Du hast dich zwar verändert. Aber du hast ja das Zeichen.« - -»Das Zeichen? Was für ein Zeichen?« - -»Wir nannten es früher das Kainszeichen, wenn du dich noch erinnern kannst. -Es ist unser Zeichen. Du hast es immer gehabt, darum bin ich dein Freund -geworden. Aber jetzt ist es deutlicher geworden.« - -»Ich wußte es nicht. Oder eigentlich doch. Einmal habe ich ein Bild von dir -gemalt, Demian, und war erstaunt, daß es auch mir ähnlich war. War das das -Zeichen?« - -»Das war es. Gut, daß du nun da bist! Auch meine Mutter wird sich freuen.« - -Ich erschrak. - -»Deine Mutter? Ist sie hier? Sie kennt mich ja gar nicht.« - -»O, sie weiß von dir. Sie wird dich kennen, auch ohne daß ich ihr sage, wer -du bist. -- Du hast lange nichts von dir hören lassen.« - -»O, ich wollte oft schreiben, aber es ging nicht. Seit einiger Zeit habe -ich gespürt, daß ich dich bald finden müsse. Ich habe jeden Tag darauf -gewartet.« - -Er schob seinen Arm in meinen und ging mit mir weiter. Ruhe ging von ihm -aus und zog in mich ein. Wir plauderten bald wie früher. Wir gedachten der -Schulzeit, des Konfirmationsunterrichtes, auch jenes unglücklichen -Beisammenseins damals in den Ferien -- nur von dem frühesten und engsten -Bande zwischen uns, von der Geschichte mit Franz Kromer, war auch jetzt -nicht die Rede. - -Unversehens waren wir mitten in seltsamen und ahnungsvollen Gesprächen. Wir -hatten, an jene Unterhaltung Demians mit dem Japaner anklingend, vom -Studentenleben gesprochen und waren von da auf anderes gekommen, das weitab -zu liegen schien; doch verband es sich in Demians Worten zu einem innigen -Zusammenhang. - -Er sprach vom Geist Europas und von der Signatur dieser Zeit. Überall, -sagte er, herrsche Zusammenschluß und Herdenbildung, aber nirgends Freiheit -und Liebe. Alle diese Gemeinsamkeit, von der Studentenverbindung und dem -Gesangverein bis zu den Staaten, sei eine Zwangsbildung, es sei eine -Gemeinschaft aus Angst, aus Furcht, aus Verlegenheit, und sie sei im Innern -faul und alt und dem Zusammenbruch nahe. - -»Gemeinsamkeit,« sagte Demian, »ist eine schöne Sache. Aber was wir da -überall blühen sehen, ist gar keine. Sie wird neu entstehen, aus dem -Voneinanderwissen der einzelnen, und sie wird für eine Weile die Welt -umformen. Was jetzt an Gemeinsamkeit da ist, ist nur Herdenbildung. Die -Menschen fliehen zueinander, weil sie voreinander Angst haben -- die Herren -für sich, die Arbeiter für sich, die Gelehrten für sich! Und warum haben -sie Angst? Man hat nur Angst, wenn man mit sich selber nicht einig ist. Sie -haben Angst, weil sie sich nie zu sich selber bekannt haben. Eine -Gemeinschaft von lauter Menschen, die vor dem Unbekannten in sich selber -Angst haben! Sie fühlen alle, daß ihre Lebensgesetze nicht mehr stimmen, -daß sie nach alten Tafeln leben, weder ihre Religionen noch ihre -Sittlichkeit, nichts von allem ist dem angemessen, was wir brauchen. -Hundert und mehr Jahre lang hat Europa bloß noch studiert und Fabriken -gebaut! Sie wissen genau, wieviel Gramm Pulver man braucht, um einen -Menschen zu töten, aber sie wissen nicht, wie man zu Gott betet, sie wissen -nicht einmal, wie man eine Stunde lang vergnügt sein kann. Sieh dir einmal -so eine Studentenkneipe an! Oder gar einen Vergnügungsort, wo die reichen -Leute hinkommen! Hoffnungslos! -- Lieber Sinclair, aus alledem kann nichts -Heiteres kommen. Diese Menschen, die sich so ängstlich zusammentun, sind -voll von Angst und voll von Bosheit, keiner traut dem andern. Sie hängen an -Idealen, die keine mehr sind, und steinigen jeden, der ein neues aufstellt. -Ich spüre, daß es Auseinandersetzungen gibt. Sie werden kommen, glaube mir, -sie werden bald kommen! Natürlich werden sie die Welt nicht >verbessern<. -Ob die Arbeiter ihre Fabrikanten totschlagen, oder ob Rußland oder -Deutschland aufeinander schießen, es werden nur Besitzer getauscht. Aber -umsonst wird es doch nicht sein. Es wird die Wertlosigkeit der heutigen -Ideale dartun, es wird ein Aufräumen mit steinzeitlichen Göttern geben. -Diese Welt, wie sie jetzt ist, will sterben, sie will zugrunde gehen, und -sie wird es.« - -»Und was wird dabei aus uns?« fragte ich. - -»Aus uns? O, vielleicht gehen wir mit zugrunde. Totschlagen kann man ja -auch unsereinen. Nur daß wir damit nicht erledigt sind. Um das, was von uns -bleibt, oder um die von uns, die es überleben, wird der Wille der Zukunft -sich sammeln. Der Wille der Menschheit wird sich zeigen, den unser Europa -eine Zeitlang mit seinem Jahrmarkt von Technik und Wissenschaft überschrien -hat. Und dann wird sich zeigen, daß der Wille der Menschheit nie und -nirgends gleich ist mit dem der heutigen Gemeinschaften, der Staaten und -Völker, der Vereine und Kirchen. Sondern das, was die Natur mit dem -Menschen will, steht in den einzelnen geschrieben, in dir und mir. Es stand -in Jesus, es stand in Nietzsche. Für diese allein wichtigen Strömungen -- -die natürlich jeden Tag anders aussehen können, wird Raum sein, wenn die -heutigen Gemeinschaften zusammenbrechen.« - -Wir machten spät vor einem Garten am Flusse halt. - -»Hier wohnen wir,« sagte Demian. »Komm bald zu uns! Wir erwarten dich -sehr.« - -Freudig ging ich durch die kühl gewordene Nacht meinen weiten Heimweg. Da -und dort lärmten und schwankten heimkehrende Studenten durch die Stadt. Oft -hatte ich den Gegensatz zwischen ihrer komischen Art von Fröhlichkeit und -meinem einsamen Leben empfunden, oft mit einem Gefühl von Entbehrung, oft -mit Spott. Aber noch nie hatte ich so wie heute mit Ruhe und geheimer Kraft -gefühlt, wie wenig mich das anging, wie fern und verschollen diese Welt für -mich war. Ich erinnerte mich an Beamte meiner Vaterstadt, alte würdige -Herren, welche an den Erinnerungen ihrer verkneipten Semester hingen wie an -Andenken eines seligen Paradieses und mit der entschwundenen »Freiheit« -ihrer Studentenjahre einen Kultus trieben wie ihn sonst etwa Dichter oder -andere Romantiker der Kindheit widmen. Überall dasselbe! Überall suchten -sie die »Freiheit« und das »Glück« irgendwo hinter sich, aus lauter Angst, -sie könnten ihrer eigenen Verantwortlichkeit erinnert und an ihren eigenen -Weg gemahnt werden. Ein paar Jahre wurde gesoffen und gejubelt, und dann -kroch man unter und wurde ein seriöser Herr im Staatsdienst. Ja, es war -faul, faul bei uns, und diese Studentendummheit war weniger dumm und -weniger schlimm als hundert andere. - -Als ich jedoch in meiner entlegenen Wohnung angekommen war und mein Bett -suchte, waren alle diese Gedanken verflogen, und mein ganzer Sinn hing -wartend an dem großen Versprechen, das mir dieser Tag gegeben hatte. Sobald -ich wollte, morgen schon, sollte ich Demians Mutter sehen. Mochten die -Studenten ihre Kneipen abhalten und sich die Gesichter tätowieren, mochte -die Welt faul sein und auf ihren Untergang warten -- was ging es mich an! -Ich wartete einzig darauf, daß mein Schicksal mir in einem neuen Bilde -entgegentrete. - -Ich schlief fest bis spät am Morgen. Der neue Tag brach für mich als ein -feierlicher Festtag an, wie ich seit den Weihnachtsfeiern meiner Knabenzeit -keinen mehr erlebt hatte. Ich war voll innerster Unruhe, doch ohne jede -Angst. Ich fühlte, daß ein wichtiger Tag für mich angebrochen sei, ich sah -und empfand die Welt um mich her verwandelt, wartend, beziehungsvoll und -feierlich, auch der leise fließende Herbstregen war schön, still und -festtäglich voll ernstfroher Musik. Zum erstenmal klang die äußere Welt mit -meiner innern rein zusammen -- dann ist Feiertag der Seele, dann lohnt es -sich zu leben. Kein Haus, kein Schaufenster, kein Gesicht auf der Gasse -störte mich, alles war, wie es sein mußte, trug aber nicht das leere -Gesicht des Alltäglichen und Gewohnten, sondern war wartende Natur, stand -ehrfurchtsvoll dem Schicksal bereit. So hatte ich als kleiner Knabe die -Welt am Morgen der großen Feiertage gesehen, am Christtag und an Ostern. -Ich hatte nicht gewußt, daß diese Welt noch so schön sein könne. Ich hatte -mich daran gewöhnt, in mich hineinzuleben und mich damit abzufinden, daß -mir der Sinn für das da draußen eben verloren gegangen sei, daß der Verlust -der glänzenden Farben unvermeidlich mit dem Verlust der Kindheit -zusammenhänge und daß man gewissermaßen die Freiheit und Mannheit der Seele -mit dem Verzicht auf diesen holden Schimmer bezahlen müsse. Nun sah ich -entzückt, daß dies alles nur verschüttet und verdunkelt gewesen war und daß -es möglich sei, auch als Freigewordener und auf Kinderglück Verzichtender -die Welt strahlen zu sehen und die innigen Schauer des kindlichen Sehens zu -kosten. - -Es kam die Stunde, da ich den Vorstadtgarten wiederfand, bei dem ich mich -diese Nacht von Max Demian verabschiedet hatte. Hinter hohen regengrauen -Bäumen verborgen, stand ein kleines Haus, hell und wohnlich, hohe -Blumenstauden hinter einer großen Glaswand, hinter blanken Fenstern dunkle -Zimmerwände mit Bildern und Bücherreihen. Die Haustür führte unmittelbar in -eine kleine erwärmte Halle, eine stumme alte Magd, schwarz, mit weißer -Schürze, führte mich ein und nahm mir den Mantel ab. - -Sie ließ mich in der Halle allein. Ich sah mich um, und sogleich war ich -mitten in meinem Traume. Oben an der dunkeln Holzwand, über einer Tür, hing -unter Glas in einem schwarzen Rahmen ein wohlbekanntes Bild, mein Vogel mit -dem goldgelben Sperberkopf, der sich aus der Weltschale schwang. Ergriffen -blieb ich stehen -- mir war so froh und weh ums Herz, als kehre in diesem -Augenblick alles, was ich je getan und erlebt, zu mir zurück als Antwort -und Erfüllung. Blitzschnell sah ich eine Menge von Bildern an meiner Seele -vorüberlaufen: das heimatliche Vaterhaus mit dem alten Steinwappen überm -Torbogen, den Knaben Demian, der das Wappen zeichnete, mich selbst als -Knaben, angstvoll in den bösen Bann meines Feindes Kromer verstrickt, mich -selbst als Jüngling, in meinem Schülerzimmerchen am stillen Tisch den Vogel -meiner Sehnsucht malend, die Seele verwirrt ins Netz ihrer eigenen Fäden -- -und alles, und alles bis zu diesem Augenblick klang in mir wieder, wurde in -mir bejaht, beantwortet, gutgeheißen. - -Mit naß gewordenen Augen starrte ich auf mein Bild und las in mir selbst. -Da sank mein Blick herab: Unter dem Vogelbilde in der geöffneten Tür stand -eine große Frau in dunklem Kleid. Sie war es. Ich vermochte kein Wort zu -sagen. Aus einem Gesicht, das gleich dem ihres Sohnes ohne Zeit und Alter -und voll von beseeltem Willen war, lächelte die schöne, ehrwürdige Frau mir -freundlich zu. Ihr Blick war Erfüllung, ihr Gruß bedeutete Heimkehr. -Schweigend streckte ich ihr die Hände entgegen. Sie ergriff sie beide mit -festen warmen Händen. - -»Sie sind Sinclair. Ich kannte Sie gleich. Seien Sie willkommen!« - -Ihre Stimme war tief und warm, ich trank sie wie süßen Wein. Und nun -blickte ich auf und in ihr stilles Gesicht, in die schwarzen, -unergründlichen Augen, auf den frischen, reifen Mund, auf die freie, -fürstliche Stirn, die das Zeichen trug. - -»Wie bin ich froh!« sagte ich zu ihr und küßte ihre Hände. »Ich glaube, ich -bin mein ganzes Leben lang immer unterwegs gewesen -- und jetzt bin ich -heimgekommen.« - -Sie lächelte mütterlich. - -»Heim kommt man nie,« sagte sie freundlich. »Aber wo befreundete Wege -zusammenlaufen, da sieht die ganze Welt für eine Stunde wie Heimat aus.« - -Sie sprach aus, was ich auf dem Wege zu ihr gefühlt hatte. Ihre Stimme und -auch ihre Worte waren denen ihres Sohnes sehr ähnlich, und doch ganz -anders. Alles war reifer, wärmer, selbstverständlicher. Aber ebenso wie Max -vor Zeiten auf niemand den Eindruck eines Knaben gemacht hatte, so sah -seine Mutter gar nicht wie die Mutter eines erwachsenen Sohnes aus, so jung -und süß war der Hauch über ihrem Gesicht und Haar, so straff und faltenlos -war ihre goldige Haut, so blühend der Mund. Königlicher noch als in meinem -Traume stand sie vor mir, und ihre Nähe war Liebesglück, ihr Blick war -Erfüllung. - -Dies also war das neue Bild, in dem mein Schicksal sich mir zeigte, nicht -mehr streng, nicht mehr vereinsamend, nein reif und lustvoll! Ich faßte -keine Entschlüsse, tat keine Gelübde -- ich war an ein Ziel gekommen, an -eine hohe Wegstelle, von wo aus der weitere Weg sich weit und herrlich -zeigte, Ländern der Verheißung entgegenstrebend, überschattet von -Baumwipfeln nahen Glückes, gekühlt von nahen Gärten jeder Lust. Mochte es -mir gehen, wie es wollte, ich war selig, diese Frau in der Welt zu wissen, -ihre Stimme zu trinken und ihre Nähe zu atmen. Mochte sie mir Mutter, -Geliebte, Göttin werden -- wenn sie nur da war! wenn nur mein Weg dem ihren -nahe war! - -Sie wies zu meinem Sperberbilde hinauf. - -»Sie haben unsrem Max nie eine größere Freude gemacht als mit diesem Bild,« -sagte sie nachdenklich. »Und mir auch. Wir haben auf Sie gewartet, und als -das Bild kam, da wußten wir, daß Sie auf dem Weg zu uns waren. Als Sie ein -kleiner Knabe waren, Sinclair, da kam eines Tages mein Sohn aus der Schule -und sagte: Es ist ein Junge da, der hat das Zeichen auf der Stirn, der muß -mein Freund werden. Das waren Sie. Sie haben es nicht leicht gehabt, aber -wir haben Ihnen vertraut. Einmal trafen Sie, als Sie in Ferien zu Hause -waren, wieder mit Max zusammen. Sie waren damals so etwa sechzehn Jahre -alt. Max erzählte mir davon --« - -Ich unterbrach: »O, daß er Ihnen das gesagt hat! Es war meine elendeste -Zeit damals!« - -»Ja, Max sagte zu mir: jetzt hat Sinclair das Schwerste vor sich. Er macht -noch einmal einen Versuch, sich in die Gemeinschaft zu flüchten, er ist -sogar ein Wirtshausbruder geworden; aber es wird ihm nicht gelingen. Sein -Zeichen ist verhüllt, aber es brennt ihn heimlich. -- War es nicht so?« - -»O ja, so war es, genau so. Dann fand ich Beatrice, und dann kam endlich -wieder ein Führer zu mir. Er hieß Pistorius. Erst da wurde mir klar, warum -meine Knabenzeit so sehr an Max gebunden war, warum ich nicht von ihm -loskommen konnte. Liebe Frau -- liebe Mutter, ich habe damals oft geglaubt, -ich müsse mir das Leben nehmen. Ist denn der Weg für jeden so schwer?« - -Sie fuhr mit ihrer Hand über mein Haar, leicht wie Luft. - -»Es ist immer schwer, geboren zu werden. Sie wissen, der Vogel hat Mühe, -aus dem Ei zu kommen. Denken Sie zurück und fragen Sie: war der Weg denn so -schwer? -- nur schwer? War er nicht auch schön? Hätten Sie einen schöneren, -einen leichteren gewußt?« - -Ich schüttelte den Kopf. - -»Es war schwer,« sagte ich wie im Schlaf, »es war schwer, bis der Traum -kam.« - -Sie nickte und sah mich durchdringend an. - -»Ja, man muß seinen Traum finden, dann wird der Weg leicht. Aber es gibt -keinen immerwährenden Traum, jeden löst ein neuer ab, und keinen darf man -festhalten wollen.« - -Ich erschrak tief. War das schon eine Warnung? War das schon Abwehr? Aber -einerlei, ich war bereit, mich von ihr führen zu lassen und nicht nach dem -Ziel zu fragen. - -»Ich weiß nicht,« sagte ich, »wie lange mein Traum dauern soll. Ich -wünsche, er wäre ewig. Unter dem Bild des Vogels hat mich mein Schicksal -empfangen, wie eine Mutter, und wie eine Geliebte. Ihm gehöre ich und sonst -niemand.« - -»Solange der Traum Ihr Schicksal ist, solange sollen Sie ihm treu bleiben,« -bestätigte sie ernst. - -Eine Traurigkeit ergriff mich, und der sehnliche Wunsch, in dieser -verzauberten Stunde zu sterben. Ich fühlte die Tränen -- wie unendlich -lange hatte ich nicht mehr geweint! -- unaufhaltsam in mir aufquellen und -mich überwältigen. Heftig wandte ich mich von ihr weg, trat an das Fenster -und blickte mit blinden Augen über die Topfblumen hinweg. - -Hinter mir hörte ich ihre Stimme, sie klang gelassen und war doch so voll -von Zärtlichkeit wie ein bis zum Rande mit Wein gefüllter Becher. - -»Sinclair, Sie sind ein Kind! Ihr Schicksal liebt Sie ja. Einmal wird es -Ihnen ganz gehören, so wie Sie es träumen, wenn Sie treu bleiben.« - -Ich hatte mich bezwungen und wandte ihr das Gesicht wieder zu. Sie gab mir -die Hand. - -»Ich habe ein paar Freunde,« sagte sie lächelnd, »ein paar ganz wenige, -ganz nahe Freunde, die sagen Frau Eva zu mir. Auch Sie sollen mich so -nennen, wenn Sie wollen.« - -Sie führte mich zur Tür, öffnete und deutete in den Garten. »Sie finden Max -da draußen.« - -Unter den hohen Bäumen stand ich betäubt und erschüttert, wacher oder -träumender als jemals, ich wußte es nicht. Sachte tropfte der Regen aus den -Zweigen. Ich ging langsam in den Garten hinein, der sich weit das Flußufer -entlang zog. Endlich fand ich Demian. Er stand in einem offenen -Gartenhäuschen, mit nacktem Oberkörper, und machte vor einem aufgehängten -Sandsäckchen Boxübungen. - -Erstaunt blieb ich stehen. Demian sah prachtvoll aus, die breite Brust, der -feste männliche Kopf, die gehobenen Arme mit gestrafften Muskeln waren -stark und tüchtig, die Bewegungen kamen aus Hüften, Schultern und -Armgelenken hervor wie spielende Quellen. - -»Demian!« rief ich. »Was treibst du denn da?« - -Er lachte fröhlich. - -»Ich übe mich. Ich habe dem kleinen Japaner einen Ringkampf versprochen, -der Kerl ist flink wie eine Katze, und natürlich ebenso tückisch. Aber er -wird nicht mit mir fertig werden. Es ist eine ganz kleine Demütigung, die -ich ihm schuldig bin.« - -Er zog Hemd und Rock über. - -»Du warst schon bei meiner Mutter?« fragte er. - -»Ja. Demian, was hast du für eine herrliche Mutter! Frau Eva! Der Name paßt -vollkommen zu ihr, sie ist wie die Mutter aller Wesen.« - -Er sah mir einen Augenblick nachdenklich ins Gesicht. - -»Du weißt den Namen schon? Du kannst stolz sein, Junge! Du bist der erste, -dem sie ihn schon in der ersten Stunde gesagt hat.« - -Von diesem Tag an ging ich im Hause ein und aus wie ein Sohn und Bruder, -aber auch wie ein Liebender. Wenn ich die Pforte hinter mir schloß, ja -schon wenn ich von weitem die hohen Bäume des Gartens auftauchen sah, war -ich reich und glücklich. Draußen war die »Wirklichkeit«, draußen waren -Straßen und Häuser, Menschen und Einrichtungen, Bibliotheken und Lehrsäle --- hier drinnen aber war Liebe und Seele, hier lebte das Märchen und der -Traum. Und doch lebten wir keineswegs von der Welt abgeschlossen, wir -lebten in Gedanken und Gesprächen oft mitten in ihr, nur auf einem anderen -Felde, wir waren von der Mehrzahl der Menschen nicht durch Grenzen -getrennt, sondern nur durch eine andere Art des Sehens. Unsre Aufgabe war, -in der Welt eine Insel darzustellen, vielleicht ein Vorbild, jedenfalls -aber die Ankündigung einer anderen Möglichkeit zu leben. Ich lernte, ich -lang Vereinsamter, die Gemeinschaft kennen, die zwischen Menschen möglich -ist, welche das völlige Alleinsein gekostet haben. Nie mehr begehrte ich zu -den Tafeln der Glücklichen, zu den Festen der Fröhlichen zurück, nie mehr -flog mich Neid oder Heimweh an, wenn ich die Gemeinsamkeiten der andern -sah. Und langsam wurde ich eingeweiht in das Geheimnis derer, welche »das -Zeichen« an sich trugen. - -Wir, die mit dem Zeichen, mochten mit Recht der Welt für seltsam, ja für -verrückt und gefährlich gelten. Wir waren Erwachte, oder Erwachende, und -unser Streben ging auf ein immer vollkommneres Wachsein, während das -Streben und Glücksuchen der anderen darauf ging, ihre Meinungen, ihre -Ideale und Pflichten, ihr Leben und Glück immer enger an das der Herde zu -binden. Auch dort war Streben, auch dort war Kraft und Größe. Aber während, -nach unserer Auffassung, wir Gezeichneten den Willen der Natur zum Neuen, -zum Vereinzelten und Zukünftigen darstellten, lebten die andern in einem -Willen des Beharrens. Für sie war die Menschheit -- welche sie liebten wie -wir -- etwas Fertiges, das erhalten und geschützt werden mußte. Für uns war -die Menschheit eine ferne Zukunft, nach welcher wir alle unterwegs waren, -deren Bild niemand kannte, deren Gesetze nirgend geschrieben standen. - -Außer Frau Eva, Max und mir gehörten zu unsrem Kreise, näher oder ferner, -noch manche Suchende von sehr verschiedener Art. Manche von ihnen gingen -besondere Pfade, hatten sich abgesonderte Ziele gesteckt und hingen an -besonderen Meinungen und Pflichten, unter ihnen waren Astrologen und -Kabbalisten, auch ein Anhänger des Grafen Tolstoi, und allerlei zarte, -scheue, verwundbare Menschen, Anhänger neuer Sekten, Pfleger indischer -Übungen, Pflanzenesser und andre. Mit diesen allen hatten wir eigentlich -nichts Geistiges gemein als die Achtung, die ein jeder dem geheimen -Lebenstraum des andern gönnte. Andre standen uns näher, welche das Suchen -der Menschheit nach Göttern und neuen Wunschbildern in der Vergangenheit -verfolgten und deren Studien mich oft an die meines Pistorius erinnerten. -Sie brachten Bücher mit, übersetzten uns Texte alter Sprachen, zeigten uns -Abbildungen alter Symbole und Riten, und lehrten uns sehen, wie der ganze -Besitz der bisherigen Menschheit an Idealen aus Träumen der unbewußten -Seele bestand, aus Träumen, in welchen die Menschheit tastend den Ahnungen -ihrer Zukunftsmöglichkeiten nachging. So durchliefen wir den wunderbaren, -tausendköpfigen Götterknäuel der alten Welt bis zum Herandämmern der -christlichen Umkehr. Die Bekenntnisse der einsamen Frommen wurden uns -bekannt, und die Wandlungen der Religionen von Volk zu Volk. Und aus allem, -was wir sammelten, ergab sich uns die Kritik unserer Zeit und des jetzigen -Europa, das in ungeheuren Bestrebungen mächtige neue Waffen der Menschheit -erschaffen hatte, endlich aber in eine tiefe und zuletzt schreiende -Verödung des Geistes geraten war. Denn es hatte die ganze Welt gewonnen, um -seine Seele darüber zu verlieren. - -Auch hier gab es Gläubige und Bekenner bestimmter Hoffnungen und -Heilslehren. Es gab Buddhisten, die Europa bekehren wollten, und -Tolstoijünger, und andre Bekenntnisse. Wir im engern Kreise hörten zu und -nahmen keine dieser Lehren anders an denn als Sinnbilder. Uns Gezeichneten -lag keine Sorge um die Gestaltung der Zukunft ob. Uns schien jedes -Bekenntnis, jede Heilslehre schon im voraus tot und nutzlos. Und wir -empfanden einzig das als Pflicht und Schicksal: daß jeder von uns so ganz -er selbst werde, so ganz dem in ihm wirksamen Keim der Natur gerecht werde -und zu Willen lebe, daß die ungewisse Zukunft uns zu allem und jedem bereit -finde, was sie bringen möchte. - -Denn dies war, gesagt und ungesagt, uns allen im Gefühl deutlich, daß eine -Neugeburt und ein Zusammenbruch des Jetzigen nahe und schon spürbar sei. -Demian sagte mir manchmal: »Was kommen wird, ist unausdenklich. Die Seele -Europas ist ein Tier, das unendlich lang gefesselt lag. Wenn es frei wird, -werden seine ersten Regungen nicht die lieblichsten sein. Aber die Wege und -Umwege sind belanglos, wenn nur die wahre Not der Seele zutage kommt, die -man seit so langem immer und immer wieder weglügt und betäubt. Dann wird -unser Tag sein, dann wird man uns brauchen, nicht als Führer oder neue -Gesetzgeber -- die neuen Gesetze erleben wir nicht mehr -- eher als -Willige, als solche, die bereit sind, mitzugehen und da zu stehen, wohin -das Schicksal ruft. Sieh, alle Menschen sind bereit, das Unglaubliche zu -tun, wenn ihre Ideale bedroht werden. Aber keiner ist da, wenn ein neues -Ideal, eine neue, vielleicht gefährliche und unheimliche Regung des -Wachstums anklopft. Die wenigen, welche dann da sind und mitgehen, werden -wir sein. Dazu sind wir gezeichnet -- wie Kain dazu gezeichnet war, Furcht -und Haß zu erregen und die damalige Menschheit aus einem engen Idyll in -gefährliche Weiten zu treiben. Alle Menschen, die auf den Gang der -Menschheit gewirkt haben, alle ohne Unterschied waren nur darum fähig und -wirksam, weil sie schicksalbereit waren. Das paßt auf Moses und Buddha, es -paßt auf Napoleon und auf Bismarck. Welcher Welle einer dient, von welchem -Pol aus er regiert wird, das liegt nicht in seiner Wahl. Wenn Bismarck die -Sozialdemokraten verstanden und sich auf sie eingestellt hätte, so wäre er -ein kluger Herr gewesen, aber kein Mann des Schicksals. So war es mit -Napoleon, mit Cäsar, mit Loyola, mit allen! Man muß sich das immer -biologisch und entwicklungsgeschichtlich denken! Als die Umwälzungen auf -der Erdoberfläche die Wassertiere ans Land, Landtiere ins Wasser warf, da -waren es die schicksalbereiten Exemplare, die das Neue und Unerhörte -vollziehen und ihre Art durch neue Anpassungen retten konnten. Ob es -dieselben Exemplare waren, welche vorher in ihrer Art als Konservative und -Erhaltende hervorragten, oder eher die Sonderlinge und Revolutionäre, das -wissen wir nicht. Sie waren bereit, und darum konnten sie ihre Art in neue -Entwicklungen hinüber retten. Das wissen wir. Darum wollen wir bereit -sein.« - -Bei solchen Gesprächen war Frau Eva oft dabei, doch sprach sie selbst nicht -in dieser Weise mit. Sie war für jeden von uns, der seine Gedanken äußerte, -ein Zuhörer und Echo, voll von Vertrauen, voll von Verständnis, es schien, -als kämen die Gedanken alle aus ihr und kehrten zu ihr zurück. In ihrer -Nähe zu sitzen, zuweilen ihre Stimme zu hören und teilzuhaben an der -Atmosphäre von Reife und Seele, die sie umgab, war für mich Glück. - -Sie empfand es sogleich, wenn in mir irgendeine Veränderung, eine Trübung -oder Erneuerung im Gange war. Es schien mir, als seien die Träume, die ich -im Schlaf hatte, Eingebungen von ihr. Ich erzählte sie ihr oft, und sie -waren ihr verständlich und natürlich, es gab keine Sonderbarkeiten, denen -sie nicht mit klarem Fühlen folgen konnte. Eine Zeitlang hatte ich Träume, -die wie Nachbildungen unsrer Tagesgespräche waren. Ich träumte, daß die -ganze Welt in Aufruhr sei und daß ich, allein oder mit Demian, angespannt -auf das große Schicksal warte. Das Schicksal blieb verhüllt, trug aber -irgendwie die Züge der Frau Eva -- von ihr erwählt oder verworfen zu -werden, das war das Schicksal. - -Manchmal sagte sie mit Lächeln: »Ihr Traum ist nicht ganz, Sinclair, Sie -haben das Beste vergessen --« und es konnte geschehen, daß es mir dann -wieder einfiel und ich nicht begreifen konnte, wie ich das hatte vergessen -können. - -Zu Zeiten wurde ich unzufrieden und von Begehren gequält. Ich meinte es -nicht mehr ertragen zu können, sie neben mir zu sehen, ohne sie in die Arme -zu schließen. Auch das bemerkte sie sofort. Als ich einst mehrere Tage -wegblieb und dann verstört wiederkam, nahm sie mich beiseite und sagte: -»Sie sollen sich nicht an Wünsche hingeben, an die Sie nicht glauben. Ich -weiß, was Sie wünschen. Sie müssen diese Wünsche aufgeben können, oder sie -ganz und richtig wünschen. Wenn Sie einmal so zu bitten vermögen, daß Sie -der Erfüllung in sich ganz gewiß sind, dann ist auch die Erfüllung da. Sie -wünschen aber, und bereuen es wieder, und haben Angst dabei. Das muß alles -überwunden werden. Ich will Ihnen ein Märchen erzählen.« - -Und sie erzählte mir von einem Jüngling, der in einen Stern verliebt war. -Am Meere stand er, streckte die Hände aus und betete den Stern an, er -träumte von ihm und richtete seine Gedanken an ihn. Aber er wußte, oder -meinte zu wissen, daß ein Stern nicht von einem Menschen umarmt werden -könne. Er hielt es für sein Schicksal, ohne Hoffnung auf Erfüllung ein -Gestirn zu lieben, und er baute aus diesem Gedanken eine ganze -Lebensdichtung von Verzicht und stummem, treuem Leiden, das ihn bessern und -läutern sollte. Seine Träume gingen aber alle auf den Stern. Einmal stand -er wieder bei Nacht am Meere, auf der hohen Klippe, und blickte in den -Stern und brannte vor Liebe zu ihm. Und in einem Augenblick größter -Sehnsucht tat er den Sprung und stürzte sich ins Leere, dem Stern entgegen. -Aber im Augenblick des Springens noch dachte er blitzschnell: es ist ja -doch unmöglich! Da lag er unten am Strand und war zerschmettert. Er -verstand nicht zu lieben. Hätte er im Augenblick, wo er sprang, die -Seelenkraft gehabt, fest und sicher an die Erfüllung zu glauben, er wäre -nach oben geflogen und mit dem Stern vereinigt worden. - -»Liebe muß nicht bitten,« sagte sie, »auch nicht fordern. Liebe muß die -Kraft haben, in sich selbst zur Gewißheit zu kommen. Dann wird sie nicht -mehr gezogen, sondern zieht. Sinclair, Ihre Liebe wird von mir gezogen. -Wenn sie mich einmal zieht, so komme ich. Ich will keine Geschenke geben, -ich will gewonnen werden.« - -Ein anderesmal aber erzählte sie mir ein anderes Märchen. Es war ein -Liebender, der ohne Hoffnung liebte. Er zog sich ganz in seine Seele zurück -und meinte vor Liebe zu verbrennen. Die Welt ging ihm verloren, er sah den -blauen Himmel und den grünen Wald nicht mehr, der Bach rauschte ihm nicht, -die Harfe klang ihm nicht, alles war versunken, und er war arm und elend -geworden. Seine Liebe aber wuchs, und er wollte viel lieber sterben und -verkommen, als auf den Besitz der schönen Frau verzichten, die er liebte. -Da spürte er, wie seine Liebe alles andre in ihm verbrannt hatte, und sie -wurde mächtig und zog und zog, und die schöne Frau mußte folgen, sie kam, -er stand mit ausgebreiteten Armen, um sie an sich zu ziehen. Wie sie aber -vor ihm stand, da war sie ganz verwandelt, und mit Schauern fühlte und sah -er, daß er die ganze verlorene Welt zu sich her gezogen hatte. Sie stand -vor ihm und ergab sich ihm, Himmel und Wald und Bach, alles kam in neuen -Farben frisch und herrlich ihm entgegen, gehörte ihm, sprach seine Sprache. -Und statt bloß ein Weib zu gewinnen, hatte er die ganze Welt am Herzen, und -jeder Stern am Himmel glühte in ihm und funkelte Lust durch seine Seele. -- -Er hatte geliebt und dabei sich selbst gefunden. Die meisten aber lieben, -um sich dabei zu verlieren. - -Meine Liebe zu Frau Eva schien mir der einzige Inhalt meines Lebens zu -sein. Aber jeden Tag sah sie anders aus. Manchmal glaubte ich bestimmt zu -fühlen, daß es nicht ihre Person sei, nach der mein Wesen hingezogen -strebte, sondern sie sei nur ein Sinnbild meines Inneren und wolle mich nur -tiefer in mich selbst hinein führen. Oft hörte ich Worte von ihr, die mir -klangen wie Antworten meines Unbewußten auf brennende Fragen, die mich -bewegten. Dann wieder gab es Augenblicke, in denen ich neben ihr vor -sinnlichem Verlangen brannte, und Gegenstände küßte, die sie berührt hatte. -Und allmählich schoben sich sinnliche und unsinnliche Liebe, Wirklichkeit -und Symbol übereinander. Dann geschah es, daß ich daheim in meinem Zimmer -an sie dachte, in ruhiger Innigkeit, und dabei ihre Hand in meiner und ihre -Lippen auf meinen zu fühlen meinte. Oder ich war bei ihr, sah ihr ins -Gesicht, sprach mit ihr und hörte ihre Stimme, und wußte doch nicht, ob sie -wirklich und nicht ein Traum sei. Ich begann zu ahnen, wie man eine Liebe -dauernd und unsterblich besitzen kann. Ich hatte beim Lesen eines Buches -eine neue Erkenntnis, und es war dasselbe Gefühl wie ein Kuß von Frau Eva. -Sie streichelte mir das Haar und lächelte mir ihre reife duftende Wärme zu, -und ich hatte dasselbe Gefühl, wie wenn ich in mir selbst einen Fortschritt -gemacht hatte. Alles, was wichtig und Schicksal für mich war, konnte ihre -Gestalt annehmen. Sie konnte sich in jeden meiner Gedanken verwandeln, und -jeder sich in sie. - -Auf die Weihnachtsfeiertage, in denen ich bei meinen Eltern war, hatte ich -mich gefürchtet, weil ich meinte, es müsse eine Qual sein, zwei Wochen lang -entfernt von Frau Eva zu leben. Aber es war keine Qual, es war herrlich, zu -Hause zu sein und an sie zu denken. Als ich nach H. zurückgekommen war, -blieb ich noch zwei Tage ihrem Hause fern, um diese Sicherheit und -Unabhängigkeit von ihrer sinnlichen Gegenwart zu genießen. Auch hatte ich -Träume, in denen meine Vereinigung mit ihr sich auf neue gleichnishafte -Arten vollzog. Sie war ein Meer, in das ich strömend mündete. Sie war ein -Stern, und ich selbst war als ein Stern zu ihr unterwegs, und wir trafen -uns und fühlten uns zueinander gezogen, blieben beisammen und drehten uns -selig für alle Zeiten in nahen, tönenden Kreisen umeinander. - -Diesen Traum erzählte ich ihr, als ich sie zuerst wieder besuchte. - -»Der Traum ist schön,« sagte sie still. »Machen Sie ihn wahr!« - -In der Vorfrühlingszeit kam ein Tag, den ich nie vergessen habe. Ich trat -in die Halle, ein Fenster stand offen und ein lauer Luftstrom wälzte den -schweren Geruch der Hyazinthen durch den Raum. Da niemand zu sehen war, -ging ich die Treppe hinauf in Max Demians Studierzimmer. Ich pochte leicht -an die Tür und trat ein, ohne auf einen Ruf zu warten, wie ich es gewohnt -war. - -Das Zimmer war dunkel, die Vorhänge alle zugezogen. Die Türe zu einem -kleinen Nebenraum stand offen, wo Max ein chemisches Laboratorium -eingerichtet hatte. Von dorther kam das helle, weiße Licht der -Frühlingssonne, die durch Regenwolken schien. Ich glaubte, es sei niemand -da, und schlug einen der Vorhänge zurück. - -Da sah ich auf einem Schemel nahe beim verhängten Fenster Max Demian -sitzen, zusammengekauert und seltsam verändert, und wie ein Blitz durchfuhr -mich ein Gefühl: das hast du schon einmal erlebt! Er hatte die Arme -regungslos hängen, die Hände im Schoß, sein etwas vorgeneigtes Gesicht mit -offenen Augen war blicklos und erstorben, im Augenstern blinkte tot ein -kleiner greller Lichtreflex, wie in einem Stück Glas. Das bleiche Gesicht -war in sich versunken und ohne anderen Ausdruck als den einer ungeheuren -Starrheit, es sah aus wie eine uralte Tiermaske am Portal eines Tempels. Er -schien nicht zu atmen. - -Erinnerung überschauerte mich -- so, genau so hatte ich ihn schon einmal -gesehen, vor vielen Jahren, als ich noch ein kleiner Junge war. So hatten -die Augen nach innen gestarrt, so waren die Hände leblos nebeneinander -gelegen, eine Fliege war ihm übers Gesicht gewandert. Und er hatte damals, -vor vielleicht sechs Jahren, gerade so alt und so zeitlos ausgesehen, keine -Falte im Gesicht war heute anders. - -Von einer Furcht überfallen ging ich leise aus dem Zimmer und die Treppe -hinab. In der Halle traf ich Frau Eva. Sie war bleich und schien ermüdet, -was ich an ihr nicht kannte, ein Schatten flog durchs Fenster, die grelle -weiße Sonne war plötzlich verschwunden. - -»Ich war bei Max,« flüsterte ich rasch. »Ist etwas geschehen? Er schläft, -oder ist versunken, ich weiß nicht, ich sah ihn früher schon einmal so.« - -»Sie haben ihn doch nicht geweckt?« fragte sie rasch. - -»Nein. Er hat mich nicht gehört. Ich ging gleich wieder hinaus. Frau Eva, -sagen Sie mir, was ist mit ihm?« - -Sie fuhr sich mit dem Rücken der Hand über die Stirn. - -»Seien Sie ruhig, Sinclair, es geschieht ihm nichts. Er hat sich -zurückgezogen. Es wird nicht lange dauern.« - -Sie stand auf und ging in den Garten hinaus, obwohl es eben zu regnen -anfing. Ich spürte, daß ich nicht mitkommen sollte. So ging ich in der -Halle auf und ab, roch an den betäubend duftenden Hyazinthen, starrte mein -Vogelbild über der Türe an und atmete mit Beklemmung den seltsamen -Schatten, von dem das Haus an diesem Morgen erfüllt war. Was war dies? Was -war geschehen? - -Frau Eva kam bald zurück. Regentropfen hingen ihr im dunkeln Haar. Sie -setzte sich in ihren Lehnstuhl. Müdigkeit lag über ihr. Ich trat neben sie, -beugte mich über sie und küßte die Tropfen aus ihrem Haar. Ihre Augen waren -hell und still, aber die Tropfen schmeckten mir wie Tränen. - -»Soll ich nach ihm sehen?« fragte ich flüsternd. - -Sie lächelte schwach. - -»Seien Sie kein kleiner Junge, Sinclair!« ermahnte sie laut, wie um in sich -selber einen Bann zu brechen. »Gehen Sie jetzt, und kommen Sie später -wieder, ich kann jetzt nicht mit Ihnen reden.« - -Ich ging und lief von Haus und Stadt hinweg gegen die Berge, der schräge -dünne Regen kam mir entgegen, die Wolken trieben niedrig unter schwerem -Druck wie in Angst vorüber. Unten ging kaum ein Wind, in der Höhe schien es -zu stürmen, mehrmals brach für Augenblicke die Sonne bleich und grell aus -dem stählernen Wolkengrau. - -Da kam über den Himmel weg eine lockere gelbe Wolke getrieben, sie staute -sich gegen die graue Wand und der Wind formte in wenigen Sekunden aus dem -Gelben und dem Blauen ein Bild, einen riesengroßen Vogel, der sich aus -blauem Wirrwarr losriß und mit weiten Flügelschlägen in den Himmel hinein -verschwand. Dann wurde der Sturm hörbar, und Regen prasselte mit Hagel -vermischt herab. Ein kurzer, unwahrscheinlich und schreckhaft tönender -Donner krachte über der gepeitschten Landschaft, gleich darauf brach wieder -ein Sonnenblick durch und auf den nahen Bergen überm braunen Wald leuchtete -fahl und unwirklich der bleiche Schnee. - -Als ich naß und verblasen nach Stunden wiederkehrte, öffnete Demian mir -selbst die Haustür. - -Er nahm mich mit sich in sein Zimmer hinauf, im Laboratorium brannte eine -Gasflamme, Papier lag umher, er schien gearbeitet zu haben. - -»Setz dich,« lud er ein, »du wirst müde sein, es war ein scheußliches -Wetter, man sieht, daß du tüchtig draußen warst. Tee kommt gleich.« - -»Es ist heute etwas los,« begann ich zögernd, »es kann nicht nur das -bißchen Gewitter sein.« - -Er sah mich forschend an. - -»Hast du etwas gesehen?« - -»Ja. Ich sah in den Wolken einen Augenblick deutlich ein Bild.« - -»Was für ein Bild?« - -»Es war ein Vogel.« - -»Der Sperber? War er's? Dein Traumvogel?« - -»Ja, es war mein Sperber. Er war gelb und riesengroß und flog in den -blauschwarzen Himmel hinein.« - -Demian atmete tief auf. - -Es klopfte. Die alte Dienerin brachte Tee. - -»Nimm dir, Sinclair, bitte. -- Ich glaube, du hast den Vogel nicht zufällig -gesehen?« - -»Zufällig? Sieht man solche Sachen zufällig?« - -»Gut, nein. Er bedeutet etwas. Weißt du was?« - -»Nein. Ich spüre nur, daß es eine Erschütterung bedeutet, einen Schritt im -Schicksal. Ich glaube, es geht uns alle an.« - -Er ging heftig auf und ab. - -»Einen Schritt im Schicksal!« rief er laut. - -»Dasselbe habe ich heut nacht geträumt, und meine Mutter hatte gestern eine -Ahnung, die sagte das Gleiche. -- Mir hat geträumt, ich stieg eine Leiter -hinauf, an einem Baumstamm oder Turm. Als ich oben war, sah ich das ganze -Land, es war eine große Ebene, mit Städten und Dörfern brennen. Ich kann -noch nicht alles erzählen, es ist mir noch nicht alles klar.« - -»Deutest du den Traum auf dich?« fragte ich. - -»Auf mich? Natürlich. Niemand träumt, was ihn nicht angeht. Aber es geht -mich nicht allein an, da hast du recht. Ich unterscheide ziemlich genau die -Träume, die mir Bewegungen in der eigenen Seele anzeigen, und die anderen, -sehr seltenen, in denen das ganze Menschenschicksal sich andeutet. Ich habe -selten solche Träume gehabt, und nie einen, von dem ich sagen könnte, er -sei eine Prophezeiung gewesen und in Erfüllung gegangen. Die Deutungen sind -zu ungewiß. Aber das weiß ich bestimmt, ich habe etwas geträumt, was nicht -mich allein angeht. Der Traum gehört nämlich zu anderen, früheren, die ich -hatte und die er fortsetzt. Diese Träume sind es, Sinclair, aus denen ich -die Ahnungen habe, von denen ich dir schon sprach. Daß unsre Welt recht -faul ist, wissen wir, das wäre noch kein Grund, ihren Untergang oder -dergleichen zu prophezeien. Aber ich habe seit mehreren Jahren Träume -gehabt, aus denen ich schließe, oder fühle, oder wie du willst -- aus denen -ich also fühle, daß der Zusammenbruch einer alten Welt näher rückt. Es -waren zuerst ganz schwache, entfernte Ahnungen, aber sie sind immer -deutlicher und stärker geworden. Noch weiß ich nichts andres, als daß etwas -Großes und Furchtbares im Anzug ist, das mich mit betrifft. Sinclair, wir -werden das erleben, wovon wir manchmal gesprochen haben! Die Welt will sich -erneuern. Es riecht nach Tod. Nichts Neues kommt ohne Tod. -- Es ist -schrecklicher, als ich gedacht hatte.« Erschrocken starrte ich ihn an. - -»Kannst du mir den Rest deines Traumes nicht erzählen?« bat ich schüchtern. - -Er schüttelte den Kopf. - -»Nein.« - -Die Türe ging und Frau Eva kam herein. - -»Da sitzet ihr beieinander! Kinder, ihr werdet doch nicht traurig sein?« - -Sie sah frisch und gar nicht mehr müde aus. Demian lächelte ihr zu, sie kam -zu uns wie die Mutter zu verängstigten Kindern. - -»Traurig sind wir nicht, Mutter, wir haben bloß ein wenig an diesen neuen -Zeichen gerätselt. Aber es liegt ja nichts daran. Plötzlich wird das, was -kommen will, da sein, und dann werden wir das, was wir zu wissen brauchen, -schon erfahren.« - -Mir aber war schlecht zumut, und als ich Abschied nahm und allein durch die -Halle ging, empfand ich den Hyazinthenduft welk, fad und leichenhaft. Es -war ein Schatten über uns gefallen. - - - - -Achtes Kapitel -Anfang vom Ende - - -Ich hatte es durchgesetzt, noch das Sommersemester in H. bleiben zu können. -Statt im Hause, waren wir nun fast immer im Garten am Fluß. Der Japaner, -der übrigens im Ringkampf richtig verloren hatte, war fort, auch der -Tolstoimann fehlte. Demian hielt sich ein Pferd und ritt Tag für Tag mit -Ausdauer. Ich war oft mit seiner Mutter allein. - -Zuweilen wunderte ich mich über die Friedlichkeit meines Lebens. Ich war so -lang gewohnt, allein zu sein, Verzicht zu üben, mich mühsam mit meinen -Qualen herumzuschlagen, daß diese Monate in H. mir wie eine Trauminsel -vorkamen, auf der ich bequem und verzaubert nur in schönen, angenehmen -Dingen und Gefühlen leben durfte. Ich ahnte, daß dies der Vorklang jener -neuen, höheren Gemeinschaft sei, an die wir dachten. Und je und je ergriff -mich über dies Glück eine tiefe Trauer, denn ich wußte wohl, es konnte -nicht von Dauer sein. Mir war nicht beschieden, in Fülle und Behagen zu -atmen, ich brauchte Qual und Hetze. Ich spürte: eines Tages würde ich aus -diesen schönen Liebesbildern erwachen und wieder allein stehen, ganz -allein, in der kalten Welt der anderen, wo für mich nur Einsamkeit oder -Kampf war, kein Friede, kein Mitleben. - -Dann schmiegte ich mich mit doppelter Zärtlichkeit in die Nähe der Frau -Eva, froh darüber, daß mein Schicksal noch immer diese schönen, stillen -Züge trug. - -Die Sommerwochen vergingen schnell und leicht, das Semester war schon im -Ausklingen. Der Abschied stand bald bevor, ich durfte nicht daran denken, -und tat es auch nicht, sondern hing an den schönen Tagen wie ein Falter an -der Honigblume. Das war nun meine Glückszeit gewesen, die erste Erfüllung -meines Lebens und meine Aufnahme in den Bund -- was würde dann kommen? Ich -würde wieder mich durchkämpfen, Sehnsucht leiden, Träume haben, allein -sein. - -An einem dieser Tage überkam mich dies Vorgefühl so stark, daß meine Liebe -zu Frau Eva plötzlich schmerzlich aufflammte. Mein Gott, wie bald, dann sah -ich sie nicht mehr, hörte nicht mehr ihren festen guten Schritt durchs -Haus, fand nicht mehr ihre Blumen auf meinem Tisch! Und was hatte ich -erreicht? Ich hatte geträumt und mich in Behagen gewiegt, statt sie zu -gewinnen, statt um sie zu kämpfen und sie für immer an mich zu reißen! -Alles, was sie mir je über die echte Liebe gesagt hatte, fiel mir ein, -hundert feine, mahnende Worte, hundert leise Lockungen, Versprechungen -vielleicht -- was hatte ich daraus gemacht? Nichts! Nichts! - -Ich stellte mich mitten in meinem Zimmer auf, faßte mein ganzes Bewußtsein -zusammen und dachte an Eva. Ich wollte die Kräfte meiner Seele -zusammennehmen, um sie meine Liebe fühlen zu lassen, um sie zu mir her zu -ziehen. Sie mußte kommen und meine Umarmung ersehnen, mein Kuß mußte -unersättlich in ihren reifen Liebeslippen wühlen. - -Ich stand und spannte mich an, bis ich von den Fingern und Füßen her kalt -wurde. Ich fühlte, daß Kraft von mir ausging. Für einige Augenblicke zog -sich etwas in mir fest und eng zusammen, etwas Helles und Kühles; ich hatte -einen Augenblick die Empfindung, ich trage einen Kristall im Herzen, und -ich wußte, das war mein Ich. Die Kälte stieg mir bis zur Brust. - -Als ich aus der furchtbaren Anspannung erwachte, fühlte ich, daß etwas -käme. Ich war zu Tode erschöpft, aber ich war bereit, Eva ins Zimmer treten -zu sehen, brennend und entzückt. - -Hufgetrappel hämmerte jetzt die lange Straße heran, klang nah und hart, -hielt plötzlich an. Ich sprang ans Fenster. Unten stieg Demian vom Pferde. -Ich lief hinab. - -»Was ist los, Demian? Es ist doch deiner Mutter nichts passiert?« - -Er hörte nicht auf meine Worte. Er war sehr bleich, und Schweiß rann zu -beiden Seiten von seiner Stirn über die Wangen. Er band die Zügel seines -erhitzten Pferdes an den Gartenzaun, nahm meinen Arm und ging mit mir die -Straße hinab. - -»Weißt du schon etwas?« - -Ich wußte nichts. - -Demian drückte meinen Arm und wandte mir das Gesicht zu, mit einem dunklen, -mitleidigen, sonderbaren Blick. - -»Ja, mein Junge, es geht nun los. Du wußtest ja von der großen Spannung mit -Rußland --« - -»Was? Gibt es Krieg? Ich habe nie daran geglaubt.« - -Er sprach leise, obwohl kein Mensch in der Nähe war. - -»Er ist noch nicht erklärt. Aber es gibt Krieg. Verlaß dich drauf. Ich habe -dich seither mit der Sache nicht mehr belästigt, aber ich habe seit damals -dreimal neue Anzeichen gesehen. Es wird also kein Weltuntergang, kein -Erdbeben, keine Revolution. Es wird Krieg. Du wirst sehen, wie das -einschlägt! Es wird den Leuten eine Wonne sein, schon jetzt freut sich -jeder aufs Losschlagen. So fad ist ihnen das Leben geworden. -- Aber du -wirst sehen, Sinclair, das ist nur der Anfang. Es wird vielleicht ein -großer Krieg werden, ein sehr großer Krieg. Aber auch das ist bloß der -Anfang. Das Neue beginnt, und das Neue wird für die, die am Alten hängen, -entsetzlich sein. Was wirst du tun?« - -Ich war bestürzt, es klang mir alles noch fremd und unwahrscheinlich. - -»Ich weiß nicht -- und du?« - -Er zuckte die Achseln. - -»Sobald mobilisiert wird, rücke ich ein. Ich bin Leutnant.« - -»Du? Davon wußte ich kein Wort.« - -»Ja, es war eine von meinen Anpassungen. Du weißt, ich bin nach außen nie -gern aufgefallen und habe immer eher etwas zuviel getan, um korrekt zu -sein. Ich stehe, glaube ich, in acht Tagen schon im Felde --« - -»Um Gottes willen --« - -»Na, Junge, sentimental mußt du das nicht auffassen. Es wird mir ja im -Grunde kein Vergnügen machen, Gewehrfeuer auf lebende Menschen zu -kommandieren, aber das wird nebensächlich sein. Es wird jetzt jeder von uns -in das große Rad hineinkommen. Du auch. Du wirst sicher ausgehoben werden.« - -»Und deine Mutter, Demian?« - -Erst jetzt besann ich mich wieder auf das, was vor einer Viertelstunde -gewesen war. Wie hatte sich die Welt verwandelt! Alle Kraft hatte ich -zusammengerissen, um das süßeste Bild zu beschwören, und nun sah mich das -Schicksal plötzlich neu aus einer drohend grauenhaften Maske an. - -»Meine Mutter? Ach, um die brauchen wir keine Sorge zu haben. Sie ist -sicher, sicherer als irgend jemand es heute auf der Welt ist. -- Du liebst -sie so sehr?« - -»Du wußtest es, Demian?« Er lachte hell und ganz befreit. - -»Kleiner Junge! Natürlich wußte ich's. Es hat noch niemand zu meiner Mutter -Frau Eva gesagt, ohne sie zu lieben. Übrigens, wie war das? Du hast sie -oder mich heut gerufen, nicht?« - -»Ja, ich habe gerufen -- -- Ich rief nach Frau Eva.« - -»Sie hat es gespürt. Sie schickte mich plötzlich weg, ich müsse zu dir. Ich -hatte ihr eben die Nachrichten über Rußland erzählt.« - -Wir kehrten um und sprachen wenig mehr, er machte sein Pferd los und stieg -auf. - -In meinem Zimmer oben spürte ich erst, wie erschöpft ich war, von Demians -Botschaft und noch viel mehr von der vorherigen Anspannung. Aber Frau Eva -hatte mich gehört! Ich hatte sie mit meinen Gedanken im Herzen erreicht. -Sie wäre selbst gekommen -- wenn nicht -- -- Wie sonderbar war dies alles, -und wie schön im Grunde! Nun sollte ein Krieg kommen. Nun sollte das zu -geschehen beginnen, was wir oft und oft geredet hatten. Und Demian hatte so -viel davon vorausgewußt. Wie seltsam, daß jetzt der Strom der Welt nicht -mehr irgendwo an uns vorbei laufen sollte --, daß er jetzt plötzlich mitten -durch unsere Herzen ging, daß Abenteuer und wilde Schicksale uns riefen, -und daß jetzt oder bald der Augenblick da war, wo die Welt uns brauchte, wo -sie sich verwandeln wollte. Demian hatte recht, sentimental war das nicht -zu nehmen. Merkwürdig war nur, daß ich nun die so einsame Angelegenheit -»Schicksal« mit so vielen, mit der ganzen Welt gemeinsam erleben sollte. -Gut denn! - -Ich war bereit. Am Abend, als ich durch die Stadt ging, brausten alle -Winkel von der großen Erregung. Überall das Wort »Krieg«! - -Ich kam in Frau Evas Haus, wir aßen im Gartenhäuschen zu Abend. Ich war der -einzige Gast. Niemand sprach ein Wort von Krieg. Nur spät, kurz ehe ich -wegging, sagte Frau Eva: »Lieber Sinclair, Sie haben mich heut gerufen. Sie -wissen, warum ich nicht selbst kam. Aber vergessen Sie nicht: Sie kennen -jetzt den Ruf, und wann immer Sie jemand brauchen, der das Zeichen trägt, -dann rufen Sie wieder!« - -Sie erhob sich und ging durch die Gartendämmerung voraus. Groß und -fürstlich schritt die Geheimnisvolle zwischen den schweigenden Bäumen, und -über ihrem Haupt glommen klein und zart die vielen Sterne. - -Ich komme zum Ende. Die Dinge gingen ihren raschen Weg. Bald war Krieg und -Demian, wunderlich fremd in der Uniform mit dem silbergrauen Mantel, fuhr -davon. Ich brachte seine Mutter nach Hause zurück. Bald nahm auch ich -Abschied von ihr, sie küßte mich auf den Mund und hielt mich einen -Augenblick an ihrer Brust, und ihre großen Augen brannten nah und fest in -meine. - -Und alle Menschen waren wie verbrüdert. Sie meinten das Vaterland und die -Ehre. Aber es war das Schicksal, dem sie alle einen Augenblick in das -unverhüllte Gesicht schauten. Junge Männer kamen aus Kasernen, stiegen in -Bahnzüge, und auf vielen Gesichtern sah ich ein Zeichen -- nicht das unsre --- ein schönes und würdevolles Zeichen, das Liebe und Tod bedeutete. Auch -ich wurde von Menschen umarmt, die ich nie gesehen hatte, und ich verstand -es und erwiderte es gerne. Es war ein Rausch, in dem sie es taten, kein -Schicksalswille, aber der Rausch war heilig, er rührte daher, daß sie alle -diesen kurzen, aufrüttelnden Blick in die Augen des Schicksals getan -hatten. - -Es war schon beinahe Winter, als ich ins Feld kam. - -Im Anfang war ich, trotz der Sensationen der Schießerei, von allem -enttäuscht. Früher hatte ich viel darüber nachgedacht, warum so äußerst -selten ein Mensch für ein Ideal zu leben vermöge. Jetzt sah ich, daß viele, -ja alle Menschen fähig sind, für ein Ideal zu sterben. Nur durfte es kein -persönliches, kein freies, kein gewähltes Ideal sein, es mußte ein -gemeinsames und übernommenes sein. - -Mit der Zeit sah ich aber, daß ich die Menschen unterschätzt hatte. So sehr -der Dienst und die gemeinsame Gefahr sie uniformierte, ich sah doch viele, -Lebende und Sterbende, sich dem Schicksalswillen prachtvoll nähern. Viele, -sehr viele hatten nicht nur beim Angriff, sondern zu jeder Zeit den festen, -fernen, ein wenig wie besessenen Blick, der nichts von Zielen weiß und -volles Hingegebensein an das Ungeheure bedeutet. Mochten diese glauben und -meinen, was immer sie wollten -- sie waren bereit, sie waren brauchbar, aus -ihnen würde sich Zukunft formen lassen. Und je starrer die Welt auf Krieg -und Heldentum, auf Ehre und andre alte Ideale eingestellt schien, je ferner -und unwahrscheinlicher jede Stimme scheinbarer Menschlichkeit klang, dies -war alles nur die Oberfläche, ebenso wie die Frage nach den äußeren und -politischen Zielen des Krieges nur Oberfläche blieb. In der Tiefe war etwas -im Werden. Etwas wie eine neue Menschlichkeit. Denn viele konnte ich sehen, -und mancher von ihnen starb an meiner Seite -- denen war gefühlhaft die -Einsicht geworden, daß Haß und Wut, Totschlagen und Vernichten nicht an die -Objekte geknüpft waren. Nein, die Objekte, ebenso wie die Ziele, waren ganz -zufällig. Die Urgefühle, auch die wildesten, galten nicht dem Feinde, ihr -blutiges Werk war nur Ausstrahlung des Innern, der in sich zerspaltenen -Seele, welche rasen und töten, vernichten und sterben wollte, um neu -geboren werden zu können. Es kämpfte sich ein Riesenvogel aus dem Ei, und -das Ei war die Welt, und die Welt mußte in Trümmer gehen. - -Vor dem Gehöfte, das wir besetzt hatten, stand ich in einer -Vorfrühlingsnacht auf Wache. In launischen Stößen ging ein schlapper Wind, -über den hohen flandrischen Himmel ritten Wolkenheere, irgendwo dahinter -eine Ahnung von Mond. Schon den ganzen Tag war ich in Unruhe gewesen, -irgendeine Sorge störte mich. Jetzt, auf meinem dunklen Posten, dachte ich -mit Innigkeit an die Bilder meines bisherigen Lebens, an Frau Eva, an -Demian. Ich stand an eine Pappel gelehnt und starrte in den bewegten -Himmel, dessen heimlich zuckende Helligkeiten bald zu großen, quellenden -Bilderfolgen wurden. Ich spürte an der seltsamen Dünne meines Pulses, an -der Unempfindlichkeit meiner Haut gegen Wind und Regen, an der funkelnden -inneren Wachheit, daß ein Führer um mich sei. - -In den Wolken war eine große Stadt zu sehen, aus der strömten Millionen von -Menschen hervor, die verbreiteten sich in Schwärmen über weite -Landschaften. Mitten unter sie trat eine mächtige Göttergestalt, funkelnde -Sterne im Haar, groß wie ein Gebirge, mit den Zügen der Frau Eva. In sie -hinein verschwanden die Züge der Menschen, wie in eine riesige Höhle, und -waren weg. Die Göttin kauerte sich am Boden nieder, hell schimmerte das Mal -auf ihrer Stirn. Ein Traum schien Gewalt über sie zu haben, sie schloß die -Augen und ihr großes Antlitz verzog sich in Weh. Plötzlich schrie sie hell -auf, und aus ihrer Stirn sprangen Sterne, viele tausend leuchtende Sterne, -die schwangen sich in herrlichen Bogen und Halbkreisen über den schwarzen -Himmel. - -Einer von den Sternen brauste mit hellem Klang gerade zu mir her, schien -mich zu suchen. -- Da krachte er brüllend in tausend Funken auseinander, es -riß mich empor und warf mich wieder zu Boden, donnernd brach die Welt über -mir zusammen. - -Man fand mich nahe bei der Pappel, mit Erde bedeckt und mit vielen Wunden. - -Ich lag in einem Keller, Geschütze brummten über mir. Ich lag in einem -Wagen und holperte über leere Felder. Meistens schlief ich oder war ohne -Bewußtsein. Aber je tiefer ich schlief, desto heftiger empfand ich, daß -etwas mich zog, daß ich einer Kraft folgte, die über mich Herr war. - -Ich lag in einem Stall auf Stroh, es war dunkel, jemand war mir auf die -Hand getreten. Aber mein Inneres wollte weiter, stärker zog es mich weg. -Wieder lag ich auf einem Wagen, und später auf einer Bahre oder Leiter, -immer stärker fühlte ich mich irgendwohin befohlen, fühlte nichts als den -Drang, endlich dahin zu kommen. - -Da war ich am Ziel. Es war Nacht, ich war bei vollem Bewußtsein, mächtig -hatte ich soeben noch den Zug und Drang in mir empfunden. Nun lag ich in -einem Saal, am Boden gebettet, und fühlte, daß ich dort sei, wohin ich -gerufen war. Ich blickte um mich, dicht neben meiner Matratze lag eine -andre, und jemand auf ihr, der neigte sich vor und sah mich an. Er hatte -das Zeichen auf der Stirn. Es war Max Demian. - -Ich konnte nicht sprechen, und auch er konnte oder wollte nicht. Er sah -mich nur an. Auf seinem Gesicht lag der Schein einer Ampel, die über ihm an -der Wand hing. Er lächelte mir zu. - -Eine unendlich lange Zeit sah er mir immerfort in die Augen. Langsam schob -er sein Gesicht mir näher, bis wir uns fast berührten. - -»Sinclair!« sagte er flüsternd. - -Ich gab ihm ein Zeichen mit den Augen, daß ich ihn verstehe. - -Er lächelte wieder, beinah wie in Mitleid. - -»Kleiner Junge!« sagte er lächelnd. - -Sein Mund lag nun ganz nahe an meinem. Leise fuhr er fort zu sprechen. - -»Kannst du dich noch an Franz Kromer erinnern?« fragte er. - -Ich zwinkerte ihm zu, und konnte auch lächeln. - -»Kleiner Sinclair, paß auf! Ich werde fortgehen müssen. Du wirst mich -vielleicht einmal wieder brauchen, gegen den Kromer oder sonst. Wenn du -mich dann rufst, dann komme ich nicht mehr so grob auf einem Pferd geritten -oder mit der Eisenbahn. Du mußt dann in dich hinein hören, dann merkst du, -daß ich in dir drinnen bin. Verstehst du? -- Und noch etwas! Frau Eva hat -gesagt, wenn es dir einmal schlecht gehe, dann solle ich dir den Kuß von -ihr geben, den sie mir mitgegeben hat . . . Mach die Augen zu, Sinclair!« - -Ich schloß gehorsam meine Augen zu, ich spürte einen leichten Kuß auf -meinen Lippen, auf denen ich immer ein wenig Blut stehen hatte, das nie -weniger werden wollte. Und dann schlief ich ein. - -Am Morgen wurde ich geweckt, ich sollte verbunden werden. Als ich endlich -richtig wach war, wendete ich mich schnell nach der Nachbarmatratze hin. Es -lag ein fremder Mensch darauf, den ich nie gesehen hatte. - -Das Verbinden tat weh. Alles, was seither mit mir geschah, tat weh. Aber -wenn ich manchmal den Schlüssel finde und ganz in mich selbst -hinuntersteige, da wo im dunkeln Spiegel die Schicksalsbilder schlummern, -dann brauche ich mich nur über den schwarzen Spiegel zu neigen, und sehe -mein eigenes Bild, das nun ganz Ihm gleicht, Ihm, meinem Freund und Führer. - -Druck von Hallberg & Büchting, Leipzig. - - - - -Werke von Hermann Hesse - - -Peter Camenzind -Roman. 98. Auflage. - -Unterm Rad -Roman. 108. Auflage. - -Diesseits -Erzählungen. 27. Auflage. - -Nachbarn -Erzählungen. 12. Auflage. - -Umwege -Erzählungen. 17. Auflage. - -Aus Indien -Aufzeichnungen von einer indischen Reise. 9. Auflage. - -Roßhalde -Roman. 42. Auflage. - -Knulp -Drei Geschichten aus dem Leben Knulps. 95. Auflage. - -Schön ist die Jugend -78. Auflage. - -Märchen -21. Auflage. - -Zarathustras Wiederkehr -Ein Wort an die deutsche Jugend. 10. Auflage. - -Klingsors letzter Sommer -Erzählungen. 10. Auflage. - -Wanderung -Aufzeichnungen mit 14 farbigen Bildern vom Verfasser. 8. Auflage. - - - - -Anmerkungen zur Transkription - - -Offensichtliche Fehler wurden unter Verwendung späterer Ausgaben korrigiert. - - - - - - -End of the Project Gutenberg EBook of Demian, by Hermann Hesse - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DEMIAN *** - -***** This file should be named 41907-8.txt or 41907-8.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/4/1/9/0/41907/ - -Produced by Jens Sadowski - -Updated editions will replace the previous one--the old editions -will be renamed. - -Creating the works from public domain print editions means that no -one owns a United States copyright in these works, so the Foundation -(and you!) can copy and distribute it in the United States without -permission and without paying copyright royalties. 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