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-The Project Gutenberg EBook of Demian, by Hermann Hesse
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
-almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
-re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
-with this eBook or online at www.gutenberg.org
-
-
-Title: Demian
- Die Geschichte von Emil Sinclairs Jugend
-
-Author: Hermann Hesse
-
-Release Date: January 24, 2013 [EBook #41907]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: ISO-8859-1
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-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DEMIAN ***
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-Produced by Jens Sadowski
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-Demian
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-Die Geschichte von Emil Sinclairs Jugend
-von
-Hermann Hesse
-
-
-1921
-S. Fischer / Verlag / Berlin
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-
-27.--36. Auflage
-Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung, vorbehalten
-Copyright 1919 S. Fischer, Verlag, Berlin
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-Ich wollte ja nichts als das zu leben
-versuchen, was von selber aus mir heraus
-wollte. Warum war das so sehr schwer?
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-Um meine Geschichte zu erzählen, muß ich weit vorn anfangen. Ich müßte,
-wäre es mir möglich, noch viel weiter zurück gehen, bis in die allerersten
-Jahre meiner Kindheit und noch über sie hinaus in die Ferne meiner Herkunft
-zurück.
-
-Die Dichter, wenn sie Romane schreiben, pflegen so zu tun, als seien sie
-Gott und könnten irgendeine Menschengeschichte ganz und gar überblicken und
-begreifen und sie so darstellen, wie wenn Gott sie sich selber erzählte,
-ohne alle Schleier, überall wesentlich. Das kann ich nicht, so wenig wie
-die Dichter es können. Meine Geschichte aber ist mir wichtiger als
-irgendeinem Dichter die seinige; denn sie ist meine eigene, und sie ist die
-Geschichte eines Menschen -- nicht eines erfundenen, eines möglichen, eines
-idealen oder sonstwie nicht vorhandenen, sondern eines wirklichen,
-einmaligen, lebenden Menschen. Was das ist, ein wirklicher lebender Mensch,
-das weiß man heute allerdings weniger als jemals, und man schießt denn auch
-die Menschen, deren jeder ein kostbarer, einmaliger Versuch der Natur ist,
-zu Mengen tot. Wären wir nicht noch mehr als einmalige Menschen, könnte man
-jeden von uns wirklich mit einer Flintenkugel ganz und gar aus der Welt
-schaffen, so hätte es keinen Sinn mehr, Geschichten zu erzählen. Jeder
-Mensch aber ist nicht nur er selber, er ist auch der einmalige, ganz
-besondere, in jedem Fall wichtige und merkwürdige Punkt, wo die
-Erscheinungen der Welt sich kreuzen, nur einmal so und nie wieder. Darum
-ist jedes Menschen Geschichte wichtig, ewig, göttlich, darum ist jeder
-Mensch, solange er irgend lebt und den Willen der Natur erfüllt, wunderbar
-und jeder Aufmerksamkeit würdig. In jedem ist der Geist Gestalt geworden,
-in jedem leidet die Kreatur, in jedem wird ein Erlöser gekreuzigt.
-
-Wenige wissen heute, was der Mensch ist. Viele fühlen es, und sterben darum
-leichter, wie ich leichter sterben werde, wenn ich diese Geschichte
-fertiggeschrieben habe.
-
-Einen Wissenden darf ich mich nicht nennen. Ich war ein Suchender und bin
-es noch, aber ich suche nicht mehr auf den Sternen und in den Büchern, ich
-beginne die Lehren zu hören, die mein Blut in mir rauscht. Meine Geschichte
-ist nicht angenehm, sie ist nicht süß und harmonisch wie die erfundenen
-Geschichten, sie schmeckt nach Unsinn und Verwirrung, nach Wahnsinn und
-Traum wie das Leben aller Menschen, die sich nicht mehr belügen wollen.
-
-Das Leben jedes Menschen ist ein Weg zu sich selber hin, der Versuch eines
-Weges, die Andeutung eines Pfades. Kein Mensch ist jemals ganz und gar er
-selbst gewesen; jeder strebt dennoch, es zu werden, einer dumpf, einer
-lichter, jeder wie er kann. Jeder trägt Reste von seiner Geburt, Schleim
-und Eischalen einer Urwelt, bis zum Ende mit sich hin. Mancher wird niemals
-Mensch, bleibt Frosch, bleibt Eidechse, bleibt Ameise. Mancher ist oben
-Mensch und unten Fisch. Aber jeder ist ein Wurf der Natur nach dem Menschen
-hin. Uns allen sind die Herkünfte gemeinsam, die Mütter, wir alle kommen
-aus demselben Schlunde; aber jeder strebt, ein Versuch und Wurf aus den
-Tiefen, seinem eigenen Ziele zu. Wir können einander verstehen; aber deuten
-kann jeder nur sich selbst.
-
-
-
-
-Erstes Kapitel
-Zwei Welten
-
-
-Ich beginne meine Geschichte mit einem Erlebnisse der Zeit, wo ich etwa
-zehn bis elf Jahre alt war und in die Lateinschule unseres Städtchens ging.
-
-Viel duftet mir da entgegen und rührt mich von innen mit Weh und mit
-wohligen Schauern an, dunkle Gassen und helle, Häuser und Türme, Uhrschläge
-und Menschengesichter, Stuben voll Wohnlichkeit und warmem Behagen, Stuben
-voll Geheimnis und tiefer Gespensterfurcht. Es riecht nach warmer Enge,
-nach Kaninchen und Dienstmägden, nach Hausmitteln und getrocknetem Obst.
-Zwei Welten liefen dort durcheinander, von zwei Polen her kamen Tag und
-Nacht.
-
-Die eine Welt war das Vaterhaus, aber sie war sogar noch enger, sie umfaßte
-eigentlich nur meine Eltern. Diese Welt war mir großenteils wohlbekannt,
-sie hieß Mutter und Vater, sie hieß Liebe und Strenge, Vorbild und Schule.
-Zu dieser Welt gehörte milder Glanz, Klarheit und Sauberkeit, hier waren
-sanfte freundliche Reden, gewaschene Hände, reine Kleider, gute Sitten
-daheim. Hier wurde der Morgenchoral gesungen, hier wurde Weihnacht
-gefeiert. In dieser Welt gab es gerade Linien und Wege, die in die Zukunft
-führten, es gab Pflicht und Schuld, schlechtes Gewissen und Beichte,
-Verzeihung und gute Vorsätze, Liebe und Verehrung, Bibelwort und Weisheit.
-Zu dieser Welt mußte unsre Zukunft gehören, so mußte sie klar und reinlich,
-schön und geordnet sein.
-
-Die andere Welt indessen begann schon mitten in unsrem eigenen Hause und
-war völlig anders, roch anders, sprach anders, versprach und forderte
-andres. In dieser zweiten Welt gab es Dienstmägde und Handwerksburschen,
-Geistergeschichten und Skandalgerüchte, es gab da eine bunte Flut von
-ungeheuren, lockenden, furchtbaren, rätselhaften Dingen, Sachen wie
-Schlachthaus und Gefängnis, Betrunkene und keifende Weiber, gebärende Kühe,
-gestürzte Pferde, Erzählungen von Einbrüchen, Totschlägen, Selbstmorden.
-Alle diese schönen und grauenhaften, wilden und grausamen Sachen gab es
-ringsum, in der nächsten Gasse, im nächsten Haus, Polizeidiener und
-Landstreicher liefen herum, Betrunkene schlugen ihre Weiber, Knäuel von
-jungen Mädchen quollen abends aus Fabriken, alte Frauen konnten einen
-bezaubern und krank machen, Räuber wohnten im Wald, Brandstifter wurden von
-Landjägern gefangen -- überall quoll und duftete diese zweite, heftige
-Welt, überall, nur nicht in unsern Zimmern, wo Mutter und Vater waren. Und
-das war sehr gut. Es war wunderbar, daß es hier bei uns Frieden, Ordnung
-und Ruhe gab, Pflicht und gutes Gewissen, Verzeihung und Liebe -- und
-wunderbar, daß es auch alles das andere gab, alles das Laute und Grelle,
-Düstere und Gewaltsame, dem man doch mit einem Sprung zur Mutter entfliehen
-konnte.
-
-Und das Seltsamste war, wie die beiden Welten aneinander grenzten, wie nah
-sie beisammen waren! Zum Beispiel unsre Dienstmagd Lina, wenn sie am Abend
-bei der Andacht in der Wohnstube bei der Türe saß und mit ihrer hellen
-Stimme das Lied mitsang, die gewaschenen Hände auf die glattgestrichene
-Schürze gelegt, dann gehörte sie ganz zu Vater und Mutter, zu uns, ins
-Helle und Richtige. Gleich darauf in der Küche oder im Holzstall, wenn sie
-mir die Geschichte vom Männlein ohne Kopf erzählte, oder wenn sie beim
-Metzger im kleinen Laden mit den Nachbarweibern Streit hatte, dann war sie
-eine andre, gehörte zur andern Welt, war von Geheimnis umgeben. Und so war
-es mit allem, am meisten mit mir selber. Gewiß, ich gehörte zur hellen und
-richtigen Welt, ich war meiner Eltern Kind, aber wohin ich Auge und Ohr
-richtete, überall war das andere da, und ich lebte auch im andern, obwohl
-es mir oft fremd und unheimlich war, obwohl man dort regelmäßig ein
-schlechtes Gewissen und Angst bekam. Ich lebte sogar zuzeiten am
-allerliebsten in der verbotenen Welt, und oft war die Heimkehr ins Helle --
-so notwendig und gut sie sein mochte -- fast wie eine Rückkehr ins weniger
-Schöne, ins Langweiligere und Ödere. Manchmal wußte ich: mein Ziel im Leben
-war, so wie mein Vater und meine Mutter zu werden, so hell und rein, so
-überlegen und geordnet; aber bis dahin war der Weg weit, bis dahin mußte
-man Schulen absitzen und studieren und Proben und Prüfungen ablegen, und
-der Weg führte immerzu an der anderen, dunkleren Welt vorbei, durch sie
-hindurch, und es war gar nicht unmöglich, daß man bei ihr blieb und in ihr
-versank. Es gab Geschichten von verlorenen Söhnen, denen es so gegangen
-war, ich hatte sie mit Leidenschaft gelesen. Da war stets die Heimkehr zum
-Vater und zum Guten so erlösend und großartig, ich empfand durchaus, daß
-dies allein das Richtige, Gute und Wünschenswerte sei, und dennoch war der
-Teil der Geschichte, der unter den Bösen und Verlorenen spielte, weitaus
-der lockendere, und wenn man es hätte sagen und gestehen dürfen, war es
-eigentlich manchmal geradezu schade, daß der Verlorene Buße tat und wieder
-gefunden wurde. Aber das sagte man nicht und dachte es auch nicht. Es war
-nur irgendwie vorhanden, als eine Ahnung oder Möglichkeit, ganz unten im
-Gefühl. Wenn ich mir den Teufel vorstellte, so konnte ich ihn mir ganz gut
-auf der Straße unten denken, verkleidet oder offen, oder auf dem Jahrmarkt,
-oder in einem Wirtshaus, aber niemals bei uns daheim.
-
-Meine Schwestern gehörten ebenfalls zur hellen Welt. Sie waren, wie mir oft
-schien, im Wesen näher bei Vater und Mutter, sie waren besser, gesitteter,
-fehlerloser als ich. Sie hatten Mängel, sie hatten Unarten, aber mir
-schien, das ging nicht sehr tief, das war nicht wie bei mir, wo die
-Berührung mit dem Bösen oft so schwer und peinigend wurde, wo die dunkle
-Welt viel näher stand. Die Schwestern waren, gleich den Eltern, zu schonen
-und zu achten, und wenn man mit ihnen Streit gehabt hatte, war man nachher
-vor dem eigenen Gewissen immer der Schlechte, der Anstifter, der, der um
-Verzeihung bitten mußte. Denn in den Schwestern beleidigte man die Eltern,
-das Gute und Gebietende. Es gab Geheimnisse, die ich mit den verworfensten
-Gassenbuben weit eher teilen konnte als mit meinen Schwestern. An guten
-Tagen, wenn es licht war und das Gewissen in Ordnung, da war es oft
-köstlich, mit den Schwestern zu spielen, gut und artig mit ihnen zu sein
-und sich selbst in einem braven, edlen Schein zu sehen. So mußte es sein,
-wenn man ein Engel war! Das war das Höchste, was wir wußten, und wir
-dachten es uns süß und wunderbar, Engel zu sein, umgeben von einem lichten
-Klang und Duft wie Weihnacht und Glück. O wie selten gelangen solche
-Stunden und Tage! Oft war ich beim Spiel, bei guten, harmlosen, erlaubten
-Spielen, von einer Leidenschaft und Heftigkeit, die den Schwestern zu viel
-wurde, die zu Streit und Unglück führte, und wenn dann der Zorn über mich
-kam, war ich schrecklich und tat und sagte Dinge, deren Verworfenheit ich,
-noch während ich sie tat und sagte, tief und brennend empfand. Dann kamen
-arge, finstere Stunden der Reue und Zerknirschung, und dann der wehe
-Augenblick, wo ich um Verzeihung bat, und dann wieder ein Strahl der Helle,
-ein stilles, dankbares Glück ohne Zwiespalt, für Stunden oder Augenblicke.
-
-Ich ging in die Lateinschule, der Sohn des Bürgermeisters und des
-Oberförsters waren in meiner Klasse und kamen zuweilen zu mir, wilde Buben
-und dennoch Angehörige der guten, erlaubten Welt. Trotzdem hatte ich nahe
-Beziehungen zu Nachbarsknaben, Schülern der Volksschule, die wir sonst
-verachteten. Mit einem von ihnen muß ich meine Erzählung beginnen.
-
-An einem freien Nachmittag -- ich war wenig mehr als zehn Jahre alt --
-trieb ich mich mit zwei Knaben aus der Nachbarschaft herum. Da kam ein
-größerer dazu, ein kräftiger und roher Junge von etwa dreizehn Jahren, ein
-Volksschüler, der Sohn eines Schneiders. Sein Vater war ein Trinker und die
-ganze Familie stand in schlechtem Ruf. Franz Kromer war mir wohl bekannt,
-ich hatte Furcht vor ihm, und es gefiel mir nicht, als er jetzt zu uns
-stieß. Er hatte schon männliche Manieren und ahmte den Gang und die
-Redensarten der jungen Fabrikburschen nach. Unter seiner Anführung stiegen
-wir neben der Brücke ans Ufer hinab und verbargen uns vor der Welt unterm
-ersten Brückenbogen. Das schmale Ufer zwischen der gewölbten Brückenwand
-und dem träg fließenden Wasser bestand aus lauter Abfällen, aus Scherben
-und Gerümpel, wirren Bündeln von verrostetem Eisendraht und anderem
-Kehricht. Man fand dort zuweilen brauchbare Sachen; wir mußten unter Franz
-Kromers Führung die Strecke absuchen und ihm zeigen, was wir fanden. Dann
-steckte er es entweder zu sich oder warf es ins Wasser hinaus. Er hieß uns
-darauf achten, ob Sachen aus Blei, Messing oder Zinn darunter wären, die
-steckte er alle zu sich, auch einen alten Kamm aus Horn. Ich fühlte mich in
-seiner Gesellschaft sehr beklommen, nicht weil ich wußte, daß mein Vater
-mir diesen Umgang verbieten würde, wenn er davon wüßte, sondern aus Angst
-vor Franz selber. Ich war froh, daß er mich nahm und behandelte wie die
-andern. Er befahl, und wir gehorchten, es war, als sei das ein alter
-Brauch, obwohl ich das erstemal mit ihm zusammen war.
-
-Schließlich setzten wir uns an den Boden. Franz spuckte ins Wasser und sah
-aus wie ein Mann; er spuckte durch eine Zahnlücke und traf, wohin er
-wollte. Es begann ein Gespräch, und die Knaben kamen ins Rühmen und Großtun
-mit allerlei Schülerheldentaten und bösen Streichen. Ich schwieg und
-fürchtete doch, gerade durch mein Schweigen aufzufallen und den Zorn des
-Kromer auf mich zu lenken. Meine beiden Kameraden waren von Anfang an von
-mir abgerückt und hatten sich zu ihm bekannt, ich war ein Fremdling unter
-ihnen und fühlte, daß meine Kleidung und Art für sie herausfordernd sei.
-Als Lateinschüler und Herrensöhnchen konnte Franz mich unmöglich lieben,
-und die beiden andern, das fühlte ich wohl, würden mich, sobald es darauf
-ankäme, verleugnen und im Stich lassen.
-
-Endlich begann ich, aus lauter Angst, auch zu erzählen. Ich erfand eine
-große Räubergeschichte, zu deren Helden ich mich machte. In einem Garten
-bei der Eckmühle, erzählte ich, hätte ich mit einem Kameraden bei Nacht
-einen ganzen Sack voll Äpfel gestohlen, und nicht etwa gewöhnliche, sondern
-lauter feinste Reinetten und Goldparmänen, die besten Sorten. Aus den
-Gefahren des Augenblicks flüchtete ich mich in diese Geschichte, das
-Erfinden und Erzählen war mir geläufig. Um nur nicht gleich wieder
-aufzuhören und vielleicht in Schlimmeres verwickelt zu werden, ließ ich
-meine ganze Kunst glänzen. Einer von uns, erzählte ich, hatte immer
-Schildwache stehen müssen, während der andre im Baum war und die Äpfel
-herunterwarf, und der Sack sei so schwer gewesen, daß wir ihn zuletzt
-wieder öffnen und die Hälfte zurücklassen mußten, aber wir kamen nach einer
-halben Stunde wieder und holten auch sie noch.
-
-Als ich fertig war, hoffte ich auf einigen Beifall, ich war zuletzt warm
-geworden und hatte mich am Fabulieren berauscht. Die beiden Kleinern
-schwiegen abwartend, Franz Kromer aber sah mich aus halb zugekniffenen
-Augen durchdringend an und fragte mit drohender Stimme: »Ist das wahr?«
-
-»Jawohl,« sagte ich.
-
-»Also wirklich und wahrhaftig?«
-
-»Ja, wirklich und wahrhaftig,« beteuerte ich trotzig, während ich innerlich
-vor Angst erstickte.
-
-»Kannst du schwören?«
-
-Ich erschrak sehr, aber ich sagte sofort Ja.
-
-»Also sag: Bei Gott und Seligkeit!«
-
-Ich sagte: »Bei Gott und Seligkeit.«
-
-»Na ja,« meinte er dann und wandte sich ab.
-
-Ich dachte, damit sei es gut, und war froh, als er sich bald erhob und den
-Rückweg einschlug. Als wir auf der Brücke waren, sagte ich schüchtern, ich
-müsse jetzt nach Hause.
-
-»Das wird nicht so pressieren,« lachte Franz, »wir haben ja den gleichen
-Weg.«
-
-Langsam schlenderte er weiter, und ich wagte nicht auszureißen, aber er
-ging wirklich den Weg gegen unser Haus. Als wir dort waren, als ich unsre
-Haustür sah und den dicken messingenen Drücker, die Sonne in den Fenstern
-und die Vorhänge im Zimmer meiner Mutter, da atmete ich tief auf. O
-Heimkehr! O gute, gesegnete Rückkunft nach Hause, ins Helle, in den
-Frieden!
-
-Als ich schnell die Tür geöffnet hatte und hineinschlüpfte, bereit, sie
-hinter mir zuzuschlagen, da drängte Franz Kromer sich mit hinein. Im
-kühlen, düsteren Fliesengang, der nur vom Hof her Licht bekam, stand er bei
-mir, hielt mich am Arm und sagte leise: »Nicht so pressieren, du!«
-
-Erschrocken sah ich ihn an. Sein Griff um meinen Arm war fest wie Eisen.
-Ich überlegte, was er im Sinn haben könnte, und ob er mich etwa mißhandeln
-wolle. Wenn ich jetzt schreien würde, dachte ich, laut und heftig schreien,
-ob dann wohl schnell genug jemand von droben dasein würde, um mich zu
-retten? Aber ich gab es auf.
-
-»Was ist?« fragte ich, »was willst du?«
-
-»Nicht viel. Ich muß dich bloß noch etwas fragen. Die andern brauchen das
-nicht zu hören.«
-
-»So? Ja, was soll ich dir noch sagen? Ich muß hinauf, weißt du.«
-
-»Du weißt doch,« sagte Franz leise, »wem der Obstgarten bei der Eckmühle
-gehört?«
-
-»Nein, ich weiß nicht. Ich glaube, dem Müller.«
-
-Franz hatte den Arm um mich geschlungen und zog mich nun ganz dicht zu sich
-heran, daß ich ihm aus nächster Nähe ins Gesicht sehen mußte. Seine Augen
-waren böse, er lächelte schlimm, und sein Gesicht war voll Grausamkeit und
-Macht.
-
-»Ja, mein Junge, ich kann dir schon sagen, wem der Garten gehört. Ich weiß
-schon lang, daß die Äpfel gestohlen sind, und ich weiß auch, daß der Mann
-gesagt hat, er gebe jedem zwei Mark, der ihm sagen kann, wer das Obst
-gestohlen hat.«
-
-»Lieber Gott!« rief ich. »Aber du wirst ihm doch nichts sagen?«
-
-Ich fühlte, daß es unnütz sein würde, mich an sein Ehrgefühl zu wenden. Er
-war aus der andern Welt, für ihn war Verrat kein Verbrechen. Ich fühlte das
-genau. In diesen Sachen waren die Leute aus der »anderen« Welt nicht wie
-wir.
-
-»Nichts sagen?« lachte Kromer. »Lieber Freund, meinst du denn, ich sei ein
-Falschmünzer, daß ich mir selber Zweimarkstücke machen kann? Ich bin ein
-armer Kerl, ich habe keinen reichen Vater wie du, und wenn ich zwei Mark
-verdienen kann, muß ich sie verdienen. Vielleicht gibt er sogar mehr.«
-
-Er ließ mich plötzlich wieder los. Unsre Hausflur roch nicht mehr nach
-Frieden und Sicherheit, die Welt brach um mich zusammen. Er würde mich
-anzeigen, ich war ein Verbrecher, man würde es dem Vater sagen, vielleicht
-würde sogar die Polizei kommen. Alle Schrecken des Chaos drohten mir, alles
-Häßliche und Gefährliche war gegen mich aufgeboten. Daß ich gar nicht
-gestohlen hatte, war ganz ohne Belang. Ich hatte außerdem geschworen. Mein
-Gott, mein Gott!
-
-Tränen stiegen mir auf. Ich fühlte, daß ich mich loskaufen müsse, und griff
-verzweifelt in alle meine Taschen. Kein Apfel, kein Taschenmesser, gar
-nichts war da. Da fiel meine Uhr mir ein. Es war eine alte Silberuhr, und
-sie ging nicht, ich trug sie »nur so«. Sie stammte von unsrer Großmutter.
-Schnell zog ich sie heraus.
-
-»Kromer,« sagte ich, »hör, du mußt mich nicht angeben, das wäre nicht schön
-von dir. Ich will dir meine Uhr schenken, sieh da; ich habe leider sonst
-gar nichts. Du kannst sie haben, sie ist aus Silber, und das Werk ist gut,
-sie hat nur einen kleinen Fehler, man muß sie reparieren.«
-
-Er lächelte und nahm die Uhr in seine große Hand. Ich sah auf diese Hand
-und fühlte, wie roh und tief feindlich sie mir war, wie sie nach meinem
-Leben und Frieden griff.
-
-»Sie ist aus Silber --« sagte ich schüchtern.
-
-»Ich pfeife auf dein Silber und auf deine alte Uhr da!« sagte er mit tiefer
-Verachtung. »Laß du sie nur selber reparieren!«
-
-»Aber Franz,« rief ich zitternd vor Angst, er möchte weglaufen. »Warte doch
-ein wenig! Nimm doch die Uhr! Sie ist wirklich aus Silber, wirklich und
-wahr. Und ich habe ja nichts anderes.«
-
-Er sah mich kühl und verächtlich an.
-
-»Also du weißt, zu wem ich gehe. Oder ich kann es auch der Polizei sagen,
-den Wachtmeister kenne ich gut.«
-
-Er wandte sich zum Gehen. Ich hielt ihn am Ärmel zurück. Es durfte nicht
-sein. Ich wäre viel lieber gestorben als alles das zu ertragen, was kommen
-würde, wenn er so fortginge.
-
-»Franz,« flehte ich heiser vor Erregung, »mach doch keine dummen Sachen!
-Gelt, es ist bloß ein Spaß?«
-
-»Jawohl, ein Spaß, aber für dich kann er teuer werden.«
-
-»Sag mir doch, Franz, was ich tun soll! Ich will ja alles tun!«
-
-Er musterte mich mit seinen eingekniffenen Augen und lachte wieder.
-
-»Sei doch nicht dumm!« sagte er mit falscher Gutmütigkeit. »Du weißt ja so
-gut Bescheid wie ich. Ich kann zwei Mark verdienen, und ich bin kein
-reicher Mann, daß ich die wegwerfen kann, das weißt du. Du bist aber reich,
-du hast sogar eine Uhr. Du brauchst mir bloß die zwei Mark zu geben, dann
-ist alles gut.«
-
-Ich begriff die Logik. Aber zwei Mark! Das war für mich so viel und
-unerreichbar wie zehn, wie hundert, wie tausend Mark. Ich hatte kein Geld.
-Es gab ein Sparkästlein, das bei meiner Mutter stand, da waren von
-Onkelbesuchen und solchen Anlässen her ein paar Zehn- und Fünfpfennigstücke
-drin. Sonst hatte ich nichts. Taschengeld bekam ich in jenem Alter noch
-keines.
-
-»Ich habe nichts,« sagte ich traurig. »Ich habe gar kein Geld. Aber sonst
-will ich dir alles geben. Ich habe ein Indianerbuch, und Soldaten, und
-einen Kompaß. Ich will ihn dir holen.«
-
-Kromer zuckte nur mit dem kühnen, bösen Mund und spuckte auf den Boden.
-
-»Mach kein Geschwätz!« sagte er befehlend. »Deinen Lumpenkram kannst du
-behalten. Einen Kompaß! Mach mich jetzt nicht noch bös, hörst du, und gib
-das Geld her!«
-
-»Aber ich habe keins, ich kriege nie Geld. Ich kann doch nichts dafür!«
-
-»Also dann bringst du mir morgen die zwei Mark. Ich warte nach der Schule
-unten am Markt. Damit fertig. Wenn du kein Geld bringst, wirst du ja
-sehen!«
-
-»Ja, aber woher soll ich's denn nehmen? Herrgott, wenn ich doch keins habe
---«
-
-»Es ist Geld genug bei euch im Haus. Das ist deine Sache. Also morgen nach
-der Schule. Und ich sage dir: wenn du es nicht bringst --« Er schoß mir
-einen furchtbaren Blick ins Auge, spuckte nochmals aus und war wie ein
-Schatten verschwunden.
-
- * * * * *
-
-Ich konnte nicht hinaufgehen. Mein Leben war zerstört. Ich dachte daran,
-fortzulaufen und nie mehr wiederzukommen, oder mich zu ertränken. Doch
-waren das keine deutlichen Bilder. Ich setzte mich im Dunkel auf die
-unterste Stufe unsrer Haustreppe, kroch eng in mich zusammen und gab mich
-dem Unglück hin. Dort fand Lina mich weinend, als sie mit einem Korb
-herunterkam, um Holz zu holen.
-
-Ich bat sie, droben nichts zu sagen, und ging hinauf. Am Rechen neben der
-Glastüre hing der Hut meines Vaters und der Sonnenschirm meiner Mutter,
-Heimat und Zärtlichkeit strömte mir von allen diesen Dingen entgegen, mein
-Herz begrüßte sie flehend und dankbar wie der verlorene Sohn den Anblick
-und Geruch der alten heimatlichen Stuben. Aber das alles gehörte mir jetzt
-nicht mehr, das alles war lichte Vater- und Mutterwelt, und ich war tief
-und schuldvoll in die fremde Flut versunken, in Abenteuer und Sünde
-verstrickt, vom Feind bedroht und von Gefahren, Angst und Schande erwartet.
-Der Hut und Sonnenschirm, der gute alte Sandsteinboden, das große Bild
-überm Flurschrank, und drinnen aus dem Wohnzimmer her die Stimme meiner
-älteren Schwester, das alles war lieber, zarter und köstlicher als je, aber
-es war nicht Trost mehr und sicheres Gut, es war lauter Vorwurf. Dies alles
-war nicht mehr mein, ich konnte an seiner Heiterkeit und Stille nicht
-teilhaben. Ich trug Schmutz an meinen Füßen, den ich nicht an der Matte
-abstreifen konnte, ich brachte Schatten mit mir, von denen die Heimatwelt
-nicht wußte. Wieviel Geheimnisse hatte ich schon gehabt, wieviel
-Bangigkeit, aber es war alles Spiel und Spaß gewesen gegen das, was ich
-heut mit mir in diese Räume brachte. Schicksal lief mir nach, Hände waren
-nach mir ausgestreckt, vor denen auch die Mutter mich nicht schützen
-konnte, von denen sie nicht wissen durfte. Ob nun mein Verbrechen ein
-Diebstahl war oder eine Lüge (hatte ich nicht einen falschen Eid bei Gott
-und Seligkeit geschworen?) -- das war einerlei. Meine Sünde war nicht dies
-oder das, meine Sünde war, daß ich dem Teufel die Hand gegeben hatte. Warum
-war ich mitgegangen? Warum hatte ich dem Kromer gehorcht, besser als je
-meinem Vater? Warum hatte ich die Geschichte von jenem Diebstahl erlogen?
-Mich mit Verbrechen gebrüstet, als wären es Heldentaten? Nun hielt der
-Teufel meine Hand, nun war der Feind hinter mir her.
-
-Für einen Augenblick empfand ich nicht mehr Furcht vor morgen, sondern vor
-allem die schreckliche Gewißheit, daß mein Weg jetzt immer weiter bergab
-und ins Finstere führe. Ich spürte deutlich, daß aus meinem Vergehen neue
-Vergehen folgen mußten, daß mein Erscheinen bei den Geschwistern, mein Gruß
-und Kuß an die Eltern Lüge war, daß ich ein Schicksal und Geheimnis mit mir
-trug, das ich ihnen verbarg.
-
-Einen Augenblick blitzte Vertrauen und Hoffnung in mir auf, da ich den Hut
-meines Vaters betrachtete. Ich würde ihm alles sagen, würde sein Urteil und
-seine Strafe auf mich nehmen und ihn zu meinem Mitwisser und Retter machen.
-Es würde nur eine Buße sein, wie ich sie oft bestanden hatte, eine schwere
-bittere Stunde, eine schwere und reuevolle Bitte um Verzeihung.
-
-Wie süß das klang! Wie schön das lockte! Aber es war nichts damit. Ich
-wußte, daß ich es nicht tun würde. Ich wußte, daß ich jetzt ein Geheimnis
-hatte, eine Schuld, die ich allein und selber ausfressen mußte. Vielleicht
-war ich gerade jetzt auf dem Scheidewege, vielleicht würde ich von dieser
-Stunde an für immer und immer dem Schlechten angehören, Geheimnisse mit
-Bösen teilen, von ihnen abhängen, ihnen gehorchen, ihresgleichen werden
-müssen. Ich hatte den Mann und Helden gespielt, jetzt mußte ich tragen, was
-daraus folgte.
-
-Es war mir lieb, daß mein Vater sich, als ich eintrat, über meine nassen
-Schuhe aufhielt. Es lenkte ab, er bemerkte das Schlimmere nicht, und ich
-durfte einen Vorwurf ertragen, den ich heimlich mit auf das andere bezog.
-Dabei funkelte ein sonderbar neues Gefühl in mir auf, ein böses und
-schneidendes Gefühl voll Widerhaken: ich fühlte mich meinem Vater
-überlegen! Ich fühlte, einen Augenblick lang, eine gewisse Verachtung für
-seine Unwissenheit, sein Schelten über die nassen Stiefel schien mir
-kleinlich. »Wenn du wüßtest!« dachte ich, und kam mir vor wie ein
-Verbrecher, den man wegen einer gestohlenen Semmel verhört, während er
-Morde zu gestehen hätte. Es war ein häßliches und widriges Gefühl, aber es
-war stark und hatte einen tiefen Reiz, und es kettete mich fester als jeder
-andere Gedanke an mein Geheimnis und meine Schuld. Vielleicht, dachte ich,
-ist der Kromer jetzt schon zur Polizei gegangen und hat mich angegeben, und
-Gewitter ziehen sich über mir zusammen, während man mich hier wie ein
-kleines Kind betrachtet!
-
-Von diesem ganzen Erlebnis, soweit es bis hier erzählt ist, war dieser
-Augenblick das Wichtige und Bleibende. Es war ein erster Riß in die
-Heiligkeit des Vaters, es war ein erster Schnitt in die Pfeiler, auf denen
-mein Kinderleben geruht hatte, und die jeder Mensch, ehe er er selbst
-werden kann, zerstört haben muß. Aus diesen Erlebnissen, die niemand sieht,
-besteht die innere, wesentliche Linie unsres Schicksals. Solch ein Schnitt
-und Riß wächst wieder zu, er wird verheilt und vergessen, in der geheimsten
-Kammer aber lebt und blutet er weiter.
-
-Mir selbst graute sofort vor dem neuen Gefühl, ich hätte meinem Vater
-gleich darauf die Füße küssen mögen, um es ihm abzubitten. Man kann aber
-nichts Wesentliches abbitten, und das fühlt und weiß ein Kind so gut und
-tief wie jeder Weise.
-
-Ich fühlte die Notwendigkeit, über meine Sache nachzudenken, auf Wege für
-morgen zu sinnen; aber ich kam nicht dazu. Ich hatte den ganzen Abend
-einzig damit zu tun, mich an die veränderte Luft in unsrem Wohnzimmer zu
-gewöhnen. Wanduhr und Tisch, Bibel und Spiegel, Bücherbord und Bilder an
-der Wand nahmen gleichsam Abschied von mir, ich mußte mit erfrierendem
-Herzen zusehen, wie meine Welt, wie mein gutes, glückliches Leben
-Vergangenheit wurde und sich von mir ablöste, und mußte spüren, wie ich mit
-neuen, saugenden Wurzeln draußen im Finstern und Fremden verankert und
-festgehalten war. Zum erstenmal kostete ich den Tod, und der Tod schmeckt
-bitter, denn er ist Geburt, ist Angst und Bangnis vor furchtbarer Neuerung.
-
-Ich war froh, als ich endlich in meinem Bette lag! Zuvor als letztes
-Fegefeuer war die Abendandacht über mich ergangen, und wir hatten dazu ein
-Lied gesungen, das zu meinen liebsten gehörte. Ach, ich sang nicht mit, und
-jeder Ton war Galle und Gift für mich. Ich betete nicht mit, als mein Vater
-den Segen sprach, und als er endete: »-- sei mit uns allen!«, da riß eine
-Zuckung mich aus diesem Kreise fort. Die Gnade Gottes war mit ihnen allen,
-aber nicht mehr mit mir. Kalt und tief ermüdet ging ich weg.
-
-Im Bett, als ich eine Weile gelegen war, als Wärme und Geborgenheit mich
-liebevoll umgab, irrte mein Herz in der Angst noch einmal zurück, flatterte
-bang um das Vergangene. Meine Mutter hatte mir wie immer gute Nacht gesagt,
-ihr Schritt klang noch im Zimmer nach, der Schein ihrer Kerze glühte noch
-im Türspalt. Jetzt, dachte ich, jetzt kommt sie noch einmal zurück -- sie
-hat es gefühlt, sie gibt mir einen Kuß und fragt, fragt gütig und
-verheißungsvoll, und dann kann ich weinen, dann schmilzt mir der Stein im
-Halse, dann umschlinge ich sie und sage es ihr, und dann ist es gut, dann
-ist Rettung da! Und als der Türspalt schon dunkel geworden war, horchte ich
-noch eine Weile und meinte, es müsse und müsse geschehen.
-
-Dann kehrte ich zu den Dingen zurück und sah meinem Feind ins Auge. Ich sah
-ihn deutlich, das eine Auge hatte er eingekniffen, sein Mund lachte roh,
-und indem ich ihn ansah und das Unentrinnbare in mich fraß, wurde er größer
-und häßlicher, und sein böses Auge blitzte teufelhaft. Er war dicht bei
-mir, bis ich einschlief, dann aber träumte ich nicht von ihm und nicht von
-heute, sondern mir träumte, wir führen in einem Boot, die Eltern und
-Schwestern und ich, und es umgab uns lauter Friede und Glanz eines
-Ferientages. Mitten in der Nacht erwachte ich, fühlte noch den
-Nachgeschmack der Seligkeit, sah noch die weißen Sommerkleider meiner
-Schwestern in der Sonne schimmern und fiel aus allem Paradies zurück in
-das, was war, und stand dem Feind mit dem bösen Auge wieder gegenüber.
-
-Am Morgen, als meine Mutter eilig kam und rief, es sei schon spät und warum
-ich noch im Bett liege, sah ich schlecht aus, und als sie fragte, ob mir
-etwas fehle, erbrach ich mich.
-
-Damit schien etwas gewonnen. Ich liebte es sehr, ein wenig krank zu sein
-und einen Morgen lang bei Kamillentee liegenbleiben zu dürfen, zuzuhören,
-wie die Mutter im Nebenzimmer aufräumte, und wie Lina draußen in der Flur
-den Metzger empfing. Der Vormittag ohne Schule war etwas Verzaubertes und
-Märchenhaftes, die Sonne spielte dann ins Zimmer, und war nicht dieselbe
-Sonne, gegen die man in der Schule die grünen Vorhänge herabließ. Aber auch
-das schmeckte heute nicht und hatte einen falschen Klang bekommen.
-
-Ja wenn ich gestorben wäre! Aber ich war nur so ein wenig unwohl, wie schon
-oft, und damit war nichts getan. Das schützte mich vor der Schule, aber es
-schützte mich keineswegs vor Kromer, der um elf Uhr am Markt auf mich
-wartete. Und die Freundlichkeit der Mutter war diesmal ohne Trost; sie war
-lästig und tat weh. Ich stellte mich bald wieder schlafend und dachte nach.
-Es half alles nichts, ich mußte um elf Uhr am Markt sein. Darum stand ich
-um zehn Uhr leise auf und sagte, daß mir wieder wohl geworden sei. Es hieß,
-wie gewöhnlich in solchen Fällen, daß ich entweder wieder zu Bette gehen
-oder am Nachmittag in die Schule gehen müsse. Ich sagte, daß ich gern zur
-Schule gehe. Ich hatte mir einen Plan gemacht.
-
-Ohne Geld durfte ich nicht zu Kromer kommen. Ich mußte die kleine
-Sparbüchse an mich bekommen, die mir gehörte. Es war nicht genug Geld
-darin, das wußte ich, lange nicht genug; aber etwas war es doch, und eine
-Witterung sagte mir, daß etwas besser sei als nichts und Kromer wenigstens
-begütigt werden müsse.
-
-Es war mir schlimm zumute, als ich auf Socken in das Zimmer meiner Mutter
-schlich und aus ihrem Schreibtisch meine Büchse nahm; aber so schlimm wie
-das Gestrige war es nicht. Das Herzklopfen würgte mich, und es wurde nicht
-besser, als ich drunten im Treppenhaus beim ersten Untersuchen fand, daß
-die Büchse verschlossen war. Es ging sehr leicht, sie aufzubrechen, es war
-nur ein dünnes Blechgitter zu durchreißen; aber der Riß tat weh, erst damit
-hatte ich Diebstahl begangen. Bis dahin hatte ich nur genascht,
-Zuckerstücke und Obst. Dies nun war gestohlen, obwohl es mein eigenes Geld
-war. Ich spürte, wie ich wieder einen Schritt näher bei Kromer und seiner
-Welt war, wie es so hübsch Zug um Zug abwärts ging, und setzte Trotz
-dagegen. Mochte mich der Teufel holen, jetzt ging kein Weg mehr zurück. Ich
-zählte das Geld mit Angst, es hatte in der Büchse so voll geklungen, nun in
-der Hand war es elend wenig. Es waren fünfundsechzig Pfennige. Ich
-versteckte die Büchse in der untern Flur, hielt das Geld in der
-geschlossenen Hand und trat aus dem Hause, anders als ich je durch dieses
-Tor gegangen war. Oben rief jemand nach mir, wie mir schien; ich ging
-schnell davon.
-
-Es war noch viel Zeit, ich drückte mich auf Umwegen durch die Gassen einer
-veränderten Stadt, unter niegesehenen Wolken hin, an Häusern vorbei, die
-mich ansahen, und an Menschen, die Verdacht auf mich hatten. Unterwegs fiel
-mir ein, daß ein Schulkamerad von mir einmal auf dem Viehmarkt einen Taler
-gefunden hatte. Gern hätte ich gebetet, daß Gott ein Wunder tun und mich
-auch einen solchen Fund machen lassen möge. Aber ich hatte kein Recht mehr
-zu beten. Und auch dann wäre die Büchse nicht wieder ganz geworden.
-
-Franz Kromer sah mich von weitem, doch kam er ganz langsam auf mich zu und
-schien nicht auf mich zu achten. Als er in meiner Nähe war, gab er mir
-einen befehlenden Wink, daß ich ihm folgen solle, und ging, ohne sich ein
-einzigesmal umzusehen, ruhig weiter, die Strohgasse hinab und über den
-Steg, bis er bei den letzten Häusern vor einem Neubau hielt. Es wurde dort
-nicht gearbeitet, die Mauern standen kahl ohne Türen und Fenster. Kromer
-sah sich um und ging durch die Tür hinein, ich ihm nach. Er trat hinter die
-Mauer, winkte mich zu sich und streckte die Hand aus.
-
-»Hast du's?« fragte er kühl.
-
-Ich zog die geballte Hand aus der Tasche und schüttete mein Geld in seine
-flache Hand. Er hatte es gezählt, noch eh der letzte Fünfer ausgeklungen
-hatte.
-
-»Das sind fünfundsechzig Pfennig,« sagte er und sah mich an.
-
-»Ja,« sagte ich schüchtern. »Das ist alles, was ich habe, es ist zu wenig,
-ich weiß wohl. Aber es ist alles. Ich habe nicht mehr.«
-
-»Ich hätte dich für gescheiter gehalten,« schalt er mit einem beinah milden
-Tadel. »Unter Ehrenmännern soll Ordnung sein. Ich will dir nichts abnehmen,
-was nicht recht ist, das weißt du. Nimm deine Nickel wieder, da! Der andere
--- du weißt, wer -- versucht nicht, mich herunter zu handeln. Der zahlt.«
-
-»Aber ich habe und habe nicht mehr! Es war meine Sparkasse.«
-
-»Das ist deine Sache. Aber ich will dich nicht unglücklich machen. Du bist
-mir noch eine Mark und fünfunddreißig Pfennig schuldig. Wann krieg' ich
-die?«
-
-»O, du kriegst sie gewiß, Kromer! Ich weiß jetzt nicht -- vielleicht habe
-ich bald mehr, morgen, oder übermorgen. Du begreifst doch, daß ich es
-meinem Vater nicht sagen kann.«
-
-»Das geht mich nichts an. Ich bin nicht so, daß ich dir schaden will. Ich
-könnte ja mein Geld noch vor Mittag haben, siehst du, und ich bin arm. Du
-hast schöne Kleider an, und du kriegst was Besseres zu Mittag zu essen als
-ich. Aber ich will nichts sagen. Ich will meinetwegen ein wenig warten.
-Übermorgen pfeife ich dir, am Nachmittag, dann bringst du es in Ordnung. Du
-kennst meinen Pfiff?«
-
-Er pfiff ihn mir vor, ich hatte ihn oft gehört.
-
-»Ja,« sagte ich, »ich weiß.«
-
-Er ging weg, als gehörte ich nicht zu ihm. Es war ein Geschäft zwischen uns
-gewesen, weiter nichts.
-
- * * * * *
-
-Noch heute, glaube ich, würde Kromers Pfiff mich erschrecken machen, wenn
-ich ihn plötzlich wieder hörte. Ich hörte ihn von nun an oft, mir schien,
-ich höre ihn immer und immerzu. Kein Ort, kein Spiel, keine Arbeit, kein
-Gedanke, wohin dieser Pfiff nicht drang, der mich abhängig machte, der
-jetzt mein Schicksal war. Oft war ich in unsrem kleinen Blumengarten, den
-ich sehr liebte, an den sanften farbigen Herbstnachmittagen, und ein
-sonderbarer Trieb hieß mich, Knabenspiele früherer Epochen wieder
-aufzunehmen; ich spielte gewissermaßen einen Knaben, der jünger war als
-ich, der noch gut und frei, unschuldig und geborgen war. Aber mitten
-hinein, immer erwartet und immer doch entsetzlich aufstörend und
-überraschend, klang der Kromersche Pfiff von irgendwoher, schnitt den Faden
-ab, zerstörte die Einbildungen. Dann mußte ich gehen, mußte meinem Peiniger
-an schlechte und häßliche Orte folgen, mußte ihm Rechenschaft ablegen und
-mich um Geld mahnen lassen. Das Ganze hat vielleicht einige Wochen
-gedauert, mir schien es aber, es seien Jahre, es sei eine Ewigkeit. Selten
-hatte ich Geld, einen Fünfer oder einen Groschen, der vom Küchentisch
-gestohlen war, wenn Lina den Marktkorb dort stehen ließ. Jedesmal wurde ich
-von Kromer gescholten und mit Verachtung überhäuft; ich war es, der ihn
-betrügen und ihm sein gutes Recht vorenthalten wollte, ich war es, der ihn
-bestahl, ich war es, der ihn unglücklich machte! Nicht oft im Leben ist mir
-die Not so nah ans Herz gestiegen, selten habe ich größere
-Hoffnungslosigkeit, größere Abhängigkeit gefühlt.
-
-Die Sparbüchse hatte ich mit Spielmarken gefüllt und wieder an ihren Ort
-gestellt, niemand fragte danach. Aber auch das konnte jeden Tag über mich
-hereinbrechen. Noch mehr als vor Kromers rohem Pfiff fürchtete ich mich oft
-vor der Mutter, wenn sie leise zu mir trat -- kam sie nicht, um mich nach
-der Büchse zu fragen?
-
-Da ich viele Male ohne Geld bei meinem Teufel erschienen war, fing er an,
-mich auf andere Art zu quälen und zu benutzen. Ich mußte für ihn arbeiten.
-Er hatte für seinen Vater Ausgänge zu besorgen, ich mußte sie für ihn
-besorgen. Oder er trug mir auf, etwas Schwieriges zu vollführen, zehn
-Minuten lang auf einem Bein zu hüpfen, einem Vorübergehenden einen
-Papierwisch an den Rock zu heften. In Träumen vieler Nächte setzte ich
-diese Plagen fort und lag im Schweiß des Alpdruckes.
-
-Eine Zeitlang wurde ich krank. Ich erbrach oft und hatte leicht kalt,
-nachts aber lag ich in Schweiß und Hitze. Meine Mutter fühlte, daß etwas
-nicht richtig sei, und zeigte mir viel Teilnahme, die mich quälte, weil ich
-sie nicht mit Vertrauen erwidern konnte.
-
-Einmal brachte sie mir am Abend, als ich schon im Bett war, ein Stückchen
-Schokolade. Es war ein Anklang an frühere Jahre, wo ich abends, wenn ich
-brav gewesen war, oft zum Einschlafen solche Trostbissen bekommen hatte.
-Nun stand sie da und hielt mir das Stückchen Schokolade hin. Mir war so
-weh, daß ich nur den Kopf schütteln konnte. Sie fragte, was mir fehle, sie
-streichelte mir das Haar. Ich konnte nur herausstoßen: »Nicht! Nicht! Ich
-will nichts haben.« Sie legte die Schokolade auf den Nachttisch und ging.
-Als sie mich andern Tages darüber ausfragen wollte, tat ich, als wüßte ich
-nichts mehr davon. Einmal brachte sie mir den Doktor, der mich untersuchte
-und mir kalte Waschungen am Morgen verschrieb.
-
-Mein Zustand zu jener Zeit war eine Art von Irrsinn. Mitten im geordneten
-Frieden unseres Hauses lebte ich scheu und gepeinigt wie ein Gespenst,
-hatte nicht teil am Leben der andern, vergaß mich selten für eine Stunde.
-Gegen meinen Vater, der mich oft gereizt zur Rede stellte, war ich
-verschlossen und kalt.
-
-
-
-
-Zweites Kapitel
-Kain
-
-
-Die Rettung aus meinen Qualen kam von ganz unerwarteter Seite, und zugleich
-mit ihr kam etwas Neues in mein Leben, das bis heute fort gewirkt hat.
-
-In unsere Lateinschule war vor kurzem ein neuer Schüler eingetreten. Er war
-der Sohn einer wohlhabenden Witwe, die in unsere Stadt gezogen war, und er
-trug einen Trauerflor um den Ärmel. Er ging in eine höhere Klasse als ich
-und war mehrere Jahre älter, aber auch mir fiel er bald auf, wie allen.
-Dieser merkwürdige Schüler schien viel älter zu sein als er aussah, auf
-niemanden machte er den Eindruck eines Knaben. Zwischen uns kindischen
-Jungen bewegte er sich fremd und fertig wie ein Mann, vielmehr wie ein
-Herr. Beliebt war er nicht, er nahm nicht an den Spielen, noch weniger an
-Raufereien teil, nur sein selbstbewußter und entschiedener Ton gegen die
-Lehrer gefiel den andern. Er hieß Max Demian.
-
-Eines Tages traf es sich, wie es in unsrer Schule hie und da vorkam, daß
-aus irgendwelchen Gründen noch eine zweite Klasse in unser sehr großes
-Schulzimmer gesetzt wurde. Es war die Klasse Demians. Wir Kleinen hatten
-biblische Geschichte, die Großen mußten einen Aufsatz machen. Während man
-uns die Geschichte von Kain und Abel einbläute, sah ich viel zu Demian
-hinüber, dessen Gesicht mich eigentümlich faszinierte, und sah dies kluge,
-helle, ungemein feste Gesicht aufmerksam und geistvoll über seine Arbeit
-gebeugt; er sah gar nicht aus wie ein Schüler, der eine Aufgabe macht,
-sondern wie ein Forscher, der eigenen Problemen nachgeht. Angenehm war er
-mir eigentlich nicht, im Gegenteil, ich hatte irgend etwas gegen ihn, er
-war mir zu überlegen und kühl, er war mir allzu herausfordernd sicher in
-seinem Wesen, und seine Augen hatten den Ausdruck der Erwachsenen -- den
-die Kinder nie lieben -- ein wenig traurig mit Blitzen von Spott darin.
-Doch mußte ich ihn immerfort ansehen, er mochte mir lieb oder leid sein;
-kaum aber blickte er einmal auf mich, so zog ich meinen Blick erschrocken
-zurück. Wenn ich es mir heute überlege, wie er damals als Schüler aussah,
-so kann ich sagen: er war in jeder Hinsicht anders als alle, war durchaus
-eigen und persönlich gestempelt, und fiel darum auf -- zugleich aber tat er
-alles, um nicht aufzufallen, trug und benahm sich wie ein verkleideter
-Prinz, der unter Bauernbuben ist und sich jede Mühe gibt, ihresgleichen zu
-scheinen.
-
-Auf dem Heimweg von der Schule ging er hinter mir. Als die anderen sich
-verlaufen hatten, überholte er mich und grüßte. Auch dies Grüßen, obwohl er
-unsern Schuljungenton dabei nachmachte, war so erwachsen und höflich.
-
-»Gehen wir ein Stück weit zusammen?« fragte er freundlich. Ich war
-geschmeichelt und nickte. Dann beschrieb ich ihm, wo ich wohne.
-
-»Ah, dort?« sagte er lächelnd. »Das Haus kenne ich schon. Über eurer
-Haustür ist so ein merkwürdiges Ding angebracht, das hat mich gleich
-interessiert.«
-
-Ich wußte gar nicht gleich, was er meine, und war erstaunt, daß er unser
-Haus besser zu kennen schien als ich. Es war wohl als Schlußstein über der
-Torwölbung eine Art Wappen vorhanden, doch war es im Lauf der Zeiten flach
-und oftmals mit Farbe überstrichen worden, mit uns und unsrer Familie hatte
-es, soviel ich wußte, nichts zu tun.
-
-»Ich weiß nichts darüber,« sagte ich schüchtern. »Es ist ein Vogel oder so
-was Ähnliches, es muß ganz alt sein. Das Haus soll früher einmal zum
-Kloster gehört haben.«
-
-»Das kann schon sein,« nickte er. »Sieh dir's einmal gut an! Solche Sachen
-sind oft ganz interessant. Ich glaube, daß es ein Sperber ist.«
-
-Wir gingen weiter, ich war sehr befangen. Plötzlich lachte Demian, als
-falle ihm etwas Lustiges ein.
-
-»Ja, ich habe ja da eurer Stunde beigewohnt,« sagte er lebhaft. »Die
-Geschichte von Kain, der das Zeichen auf der Stirn trug, nicht wahr?
-Gefällt sie dir?«
-
-Nein, gefallen hatte mir selten irgend etwas von all dem, was wir lernen
-mußten. Ich wagte es aber nicht zu sagen, es war, als rede ein Erwachsener
-mit mir. Ich sagte, die Geschichte gefalle mir ganz gut.
-
-Demian klopfte mir auf die Schulter.
-
-»Du brauchst mir nichts vorzumachen, Lieber. Aber die Geschichte ist
-tatsächlich recht merkwürdig, ich glaube, sie ist viel merkwürdiger als die
-meisten andern, die im Unterricht vorkommen. Der Lehrer hat ja nicht viel
-darüber gesagt, nur so das Übliche über Gott und die Sünde und so weiter.
-Aber ich glaube --« er unterbrach sich, lächelte und fragte: »Interessiert
-es dich aber?«
-
-»Ja, ich glaube also,« fuhr er fort, »man kann diese Geschichte von Kain
-auch ganz anders auffassen. Die meisten Sachen, die man uns lehrt, sind
-gewiß ganz wahr und richtig, aber man kann sie alle auch anders ansehen,
-als die Lehrer es tun, und meistens haben sie dann einen viel besseren
-Sinn. Mit diesem Kain zum Beispiel und mit dem Zeichen auf seiner Stirn
-kann man doch nicht recht zufrieden sein, so wie er uns erklärt wird.
-Findest du nicht auch? Daß einer seinen Bruder im Streit totschlägt, kann
-ja gewiß passieren, und daß er nachher Angst kriegt und klein beigibt, ist
-auch möglich. Daß er aber für seine Feigheit extra mit einem Orden
-ausgezeichnet wird, der ihn schützt und allen andern Angst einjagt, ist
-doch recht sonderbar.«
-
-»Freilich,« sagte ich interessiert: die Sache begann mich zu fesseln. »Aber
-wie soll man die Geschichte anders erklären?«
-
-Er schlug mir auf die Schulter.
-
-»Ganz einfach! Das, was vorhanden war und womit die Geschichte ihren Anfang
-genommen hat, war das Zeichen. Es war da ein Mann, der hatte etwas im
-Gesicht, was den andern Angst machte. Sie wagten nicht ihn anzurühren, er
-imponierte ihnen, er und seine Kinder. Vielleicht, oder sicher, war es aber
-nicht wirklich ein Zeichen auf der Stirn, so wie ein Poststempel, so grob
-geht es im Leben selten zu. Viel eher war es etwas kaum wahrnehmbares
-Unheimliches, ein wenig mehr Geist und Kühnheit im Blick, als die Leute
-gewohnt waren. Dieser Mann hatte Macht, vor diesem Mann scheute man sich.
-Er hatte ein >Zeichen<. Man konnte das erklären, wie man wollte. Und >man<
-will immer das, was einem bequem ist und recht gibt. Man hatte Furcht vor
-den Kainskindern, sie hatten ein >Zeichen<. Also erklärte man das Zeichen
-nicht als das, was es war, als eine Auszeichnung, sondern als das
-Gegenteil. Man sagte, die Kerls mit diesem Zeichen seien unheimlich, und
-das waren sie auch. Leute mit Mut und Charakter sind den anderen Leuten
-immer sehr unheimlich. Daß da ein Geschlecht von Furchtlosen und
-Unheimlichen herumlief, war sehr unbequem, und nun hängte man diesem
-Geschlecht einen Übernamen und eine Fabel an, um sich an ihm zu rächen, um
-sich für alle die ausgestandne Furcht ein bißchen schadlos zu halten. --
-Begreifst du?«
-
-»Ja -- das heißt -- dann wäre ja Kain also gar nicht böse gewesen? Und die
-ganze Geschichte in der Bibel wäre eigentlich gar nicht wahr?«
-
-»Ja und nein. So alte, uralte Geschichten sind immer wahr, aber sie sind
-nicht immer so aufgezeichnet und werden nicht immer so erklärt, wie es
-richtig wäre. Kurz, ich meine, der Kain war ein famoser Kerl, und bloß,
-weil man Angst vor ihm hatte, hängte man ihm diese Geschichte an. Die
-Geschichte war einfach ein Gerücht, so etwas, was die Leute herumschwätzen,
-und es war insofern ganz wahr, als Kain und seine Kinder ja wirklich eine
-Art >Zeichen< trugen und anders waren als die meisten Leute.«
-
-Ich war sehr erstaunt.
-
-»Und dann glaubst du, daß auch das mit dem Totschlag gar nicht wahr ist?«
-fragte ich ergriffen.
-
-»O doch! Sicher ist das wahr. Der Starke hatte einen Schwachen erschlagen.
-Ob es wirklich sein Bruder war, daran kann man ja zweifeln. Es ist nicht
-wichtig, schließlich sind alle Menschen Brüder. Also ein Starker hat einen
-Schwachen totgeschlagen. Vielleicht war es eine Heldentat, vielleicht auch
-nicht. Jedenfalls aber waren die andern Schwachen jetzt voller Angst, sie
-beklagten sich sehr, und wenn man sie fragte: >Warum schlaget ihr ihn nicht
-einfach auch tot?< dann sagten sie nicht: >Weil wir Feiglinge sind,<
-sondern sie sagten: >Man kann nicht. Er hat ein Zeichen. Gott hat ihn
-gezeichnet!< Etwa so muß der Schwindel entstanden sein. -- Na, ich halte
-dich auf. Adieu denn!«
-
-Er bog in die Altgasse ein und ließ mich allein, verwunderter als ich je
-gewesen war. Kaum war er weg, so erschien mir alles, was er gesagt hatte,
-ganz unglaublich! Kain ein edler Mensch, Abel ein Feigling! Das
-Kainszeichen eine Auszeichnung! Es war absurd, es war gotteslästerlich und
-ruchlos. Wo blieb dann der liebe Gott? Hatte der nicht Abels Opfer
-angenommen, hatte der nicht Abel lieb? -- Nein, dummes Zeug! Und ich
-vermutete, Demian habe sich über mich lustig machen und mich aufs Glatteis
-locken wollen. Ein verflucht gescheiter Kerl war er ja, und reden konnte
-er, aber so -- nein --
-
-Immerhin hatte ich noch niemals über irgendeine biblische oder andere
-Geschichte so viel nachgedacht. Und hatte seit langem noch niemals den
-Franz Kromer so völlig vergessen, stundenlang, einen ganzen Abend lang. Ich
-las zu Hause die Geschichte noch einmal durch, wie sie in der Bibel stand,
-sie war kurz und deutlich, und es war ganz verrückt, da nach einer
-besonderen, geheimen Deutung zu suchen. Da könnte jeder Totschläger sich
-für Gottes Liebling erklären! Nein, es war Unsinn. Nett war bloß die Art,
-wie Demian solche Sachen sagen konnte, so leicht und hübsch, wie wenn alles
-selbstverständlich wäre, und mit diesen Augen dazu!
-
-Etwas freilich war ja bei mir selbst nicht in Ordnung, war sogar sehr in
-Unordnung. Ich hatte in einer lichten und sauberen Welt gelebt, ich war
-selber eine Art von Abel gewesen, und jetzt stak ich so tief im »andern«,
-war so sehr gefallen und gesunken, und doch konnte ich im Grunde nicht so
-sehr viel dafür! Wie war es nun damit? Ja, und jetzt blitzte eine
-Erinnerung in mir herauf, die mir für einen Augenblick fast den Atem nahm.
-An jenem üblen Abend, wo mein jetziges Elend angefangen hatte, da war das
-mit meinem Vater gewesen, da hatte ich, einen Augenblick lang, ihn und
-seine lichte Welt und Weisheit auf einmal wie durchschaut und verachtet!
-Ja, da hatte ich selber, der ich Kain war und das Zeichen trug, mir
-eingebildet, dies Zeichen sei keine Schande, es sei eine Auszeichnung und
-ich stehe durch meine Bosheit und mein Unglück höher als mein Vater, höher
-als die Guten und Frommen.
-
-Nicht in dieser Form des klaren Gedankens war es, daß ich die Sache damals
-erlebte, aber alles dies war darin enthalten, es war nur ein Aufflammen von
-Gefühlen, von seltsamen Regungen, welche weh taten und mich doch mit Stolz
-erfüllten.
-
-Wenn ich mich besann -- wie sonderbar hatte Demian von den Furchtlosen und
-den Feigen gesprochen! Wie seltsam hatte er das Zeichen auf Kains Stirne
-gedeutet! Wie hatte sein Auge, sein merkwürdiges Auge eines Erwachsenen,
-dabei wunderlich geleuchtet! Und es schoß mir unklar durch den Kopf: -- ist
-nicht er selber, dieser Demian, so eine Art Kain? Warum verteidigt er ihn,
-wenn er sich nicht ihm ähnlich fühlt? Warum hat er diese Macht im Blick?
-Warum spricht er so höhnisch von den »andern«, von den Furchtsamen, welche
-doch eigentlich die Frommen und Gott Wohlgefälligen sind?
-
-Ich kam mit diesen Gedanken zu keinem Ende. Es war ein Stein in den Brunnen
-gefallen, und der Brunnen war meine junge Seele. Und für eine lange, sehr
-lange Zeit war diese Sache mit Kain, dem Totschlag und dem Zeichen der
-Punkt, bei dem meine Versuche zu Erkenntnis, Zweifel und Kritik alle ihren
-Ausgang nahmen.
-
- * * * * *
-
-Ich merkte, daß auch die andern Schüler sich mit Demian viel beschäftigten.
-Von der Geschichte wegen Kain hatte ich niemandem etwas gesagt, aber er
-schien auch andre zu interessieren. Wenigstens kamen viele Gerüchte über
-den »Neuen« in Umlauf. Wenn ich sie nur noch alle wüßte, jedes würde ein
-Licht auf ihn werfen, jedes würde zu deuten sein. Ich weiß nur noch, daß
-zuerst verlautete, die Mutter Demians sei sehr reich. Auch sagte man, sie
-gehe nie in die Kirche, und der Sohn auch nicht. Sie seien Juden, wollte
-einer wissen, aber sie konnten auch heimliche Mohammedaner sein. Weiter
-wurden Märchen erzählt von Max Demians Körperkraft. Sicher war, daß er den
-Stärksten seiner Klasse, der ihn zum Raufen aufforderte und ihn bei seiner
-Weigerung einen Feigling hieß, furchtbar demütigte. Die, die dabei waren,
-sagten, Demian habe ihn bloß mit einer Hand am Genick genommen und fest
-gedrückt, dann sei der Knabe bleich geworden, und nachher sei er
-weggeschlichen und habe tagelang seinen Arm nicht mehr brauchen können.
-Einen Abend lang hieß es sogar, er sei tot. Alles wurde eine Weile
-behauptet, alles geglaubt, alles war aufregend und wundersam. Dann hatte
-man für eine Weile genug. Nicht viel später aber kamen neue Gerüchte unter
-uns Schülern auf, die wußten davon zu berichten, daß Demian vertrauten
-Umgang mit Mädchen habe und »alles wisse«.
-
-Inzwischen ging meine Sache mit Franz Kromer ihren zwangsläufigen Weg
-weiter. Ich kam nicht von ihm los, denn wenn er mich auch zwischenein
-tagelang in Ruhe ließ, war ich doch an ihn gebunden. In meinen Träumen
-lebte er wie mein Schatten mit, und was er mir nicht in der Wirklichkeit
-antat, das ließ meine Phantasie ihn in diesen Träumen tun, in denen ich
-ganz und gar sein Sklave wurde. Ich lebte in diesen Träumen -- ein starker
-Träumer war ich immer -- mehr als im Wirklichen, ich verlor Kraft und Leben
-an diese Schatten. Unter anderem träumte ich oft, daß Kromer mich
-mißhandelte, daß er mich anspie und auf mir kniete, und, was schlimmer war,
-daß er mich zu schweren Verbrechen verführte -- vielmehr nicht verführte,
-sondern einfach durch seinen mächtigen Einfluß zwang. Der furchtbarste
-dieser Träume, aus dem ich halb wahnsinnig erwachte, enthielt einen
-Mordanfall auf meinen Vater. Kromer schliff ein Messer und gab es mir in
-die Hand, wir standen hinter den Bäumen einer Allee und lauerten auf
-jemand, ich wußte nicht auf wen; aber als jemand daherkam und Kromer mir
-durch einen Druck auf meinen Arm sagte, der sei es, den ich erstechen
-müsse, da war es mein Vater. Da erwachte ich.
-
-Über diesen Dingen dachte ich zwar wohl noch an Kain und Abel, aber wenig
-mehr an Demian. Als er mir zuerst wieder nahetrat, war es merkwürdigerweise
-auch in einem Traume. Nämlich ich träumte wieder von Mißhandlungen und
-Vergewaltigung, die ich erlitt, aber statt Kromer war es diesmal Demian,
-der auf mir kniete. Und -- das war ganz neu und machte mir tiefen Eindruck
--- alles, was ich von Kromer unter Qual und Widerstreben erlitten hatte,
-das erlitt ich von Demian gerne und mit einem Gefühl, das ebensoviel Wonne
-wie Angst enthielt. Diesen Traum hatte ich zweimal, dann trat Kromer wieder
-an seine Stelle.
-
-Was ich in diesen Träumen erlebte und was in der Wirklichkeit, das kann ich
-längst nicht mehr genau trennen. Jedenfalls aber nahm mein schlimmes
-Verhältnis zu Kromer seinen Lauf, und war nicht etwa zu Ende, als ich dem
-Knaben endlich die geschuldete Summe aus lauter kleinen Diebstählen
-abbezahlt hatte. Nein, jetzt wußte er von diesen Diebstählen, denn er
-fragte mich immer, woher das Geld komme, und ich war mehr in seiner Hand
-als jemals. Häufig drohte er, meinem Vater alles zu sagen, und dann war
-meine Angst kaum so groß wie das tiefe Bedauern darüber, daß ich das nicht
-von Anfang an selber getan hatte. Indessen, und so elend ich war, bereute
-ich doch nicht alles, wenigstens nicht immer, und glaubte zuweilen zu
-fühlen, daß alles so sein müsse. Ein Verhängnis war über mir, und es war
-unnütz, es durchbrechen zu wollen.
-
-Vermutlich litten meine Eltern unter diesem Zustande nicht wenig. Es war
-ein fremder Geist über mich gekommen, ich paßte nicht mehr in unsre
-Gemeinschaft, die so innig gewesen war, und nach der mich oft ein rasendes
-Heimweh wie nach verlorenen Paradiesen überfiel. Ich wurde, namentlich von
-der Mutter, mehr wie ein Kranker behandelt als wie ein Bösewicht, aber wie
-es eigentlich stand, konnte ich am besten aus dem Benehmen meiner beiden
-Schwestern sehen. In diesem Benehmen, das sehr schonend war und mich
-dennoch unendlich beelendete, gab sich deutlich kund, daß ich eine Art von
-Besessenem war, der für seinen Zustand mehr zu beklagen als zu schelten
-war, in dem aber doch eben das Böse seinen Sitz genommen hatte. Ich fühlte,
-daß man für mich betete, anders als sonst, und fühlte die Vergeblichkeit
-dieses Betens. Die Sehnsucht nach Erleichterung, das Verlangen nach einer
-richtigen Beichte spürte ich oft brennend, und empfand doch auch voraus,
-daß ich weder Vater noch Mutter alles richtig würde sagen und erklären
-können. Ich wußte, man würde es freundlich aufnehmen, man würde mich sehr
-schonen, ja bedauern, aber nicht ganz verstehen, und das Ganze würde als
-eine Art Entgleisung angesehen werden, während es doch Schicksal war.
-
-Ich weiß, daß manche nicht glauben werden, daß ein Kind von noch nicht elf
-Jahren so zu fühlen vermöge. Diesen erzähle ich meine Angelegenheit nicht.
-Ich erzähle sie denen, welche den Menschen besser kennen. Der Erwachsene,
-der gelernt hat, einen Teil seiner Gefühle in Gedanken zu verwandeln,
-vermißt diese Gedanken beim Kinde, und meint nun, auch die Erlebnisse seien
-nicht da. Ich aber habe nur selten in meinem Leben so tief erlebt und
-gelitten wie damals.
-
- * * * * *
-
-Einst war ein Regentag, ich war von meinem Peiniger auf den Burgplatz
-bestellt worden, da stand ich nun und wartete und wühlte mit den Füßen im
-nassen Kastanienlaub, das noch immerzu von den schwarzen triefenden Bäumen
-fiel. Geld hatte ich nicht, aber ich hatte zwei Stücke Kuchen beiseite
-gebracht und trug sie bei mir, um dem Kromer wenigstens etwas geben zu
-können. Ich war es längst gewohnt, so irgendwo in einem Winkel zu stehen
-und auf ihn zu warten, oft sehr lange Zeit, und ich nahm es hin, wie der
-Mensch das Unabänderliche hinnimmt.
-
-Endlich kam Kromer. Er blieb heute nicht lang. Er gab mir ein paar Knüffe
-in die Rippen, lachte, nahm mir den Kuchen ab, bot mir sogar eine feuchte
-Zigarette an, die ich jedoch nicht nahm, und war freundlicher als
-gewöhnlich.
-
-»Ja,« sagte er beim Weggehen, »daß ich's nicht vergesse -- du könntest das
-nächstemal deine Schwester mitbringen, die ältere. Wie heißt sie
-eigentlich?«
-
-Ich verstand gar nicht, gab auch keine Antwort. Ich sah ihn nur verwundert
-an.
-
-»Kapierst du nicht? Deine Schwester sollst du mitbringen.«
-
-»Ja, Kromer, aber das geht nicht. Das darf ich nicht, und sie käme auch gar
-nicht mit.«
-
-Ich war darauf gefaßt, daß das nur wieder eine Schikane und ein Vorwand
-sei. So machte er es oft, verlangte irgend etwas Unmögliches, setzte mich
-in Schrecken, demütigte mich, und ließ dann allmählich mit sich handeln.
-Ich mußte mich dann mit etwas Geld oder anderen Gaben loskaufen.
-
-Diesmal war er ganz anders. Er wurde auf meine Weigerung hin fast gar nicht
-böse.
-
-»Na ja,« sagte er obenhin, »du wirst dir das überlegen. Ich möchte mit
-deiner Schwester bekannt werden. Es wird schon einmal gehen. Du nimmst sie
-einfach auf einen Spaziergang mit, und dann komme ich dazu. Morgen pfeife
-ich dir an, dann sprechen wir noch einmal drüber.«
-
-Als er fort war, dämmerte mir plötzlich etwas vom Sinn seines Begehrens
-auf. Ich war noch völlig Kind, aber ich wußte gerüchtweise davon, daß
-Knaben und Mädchen, wenn sie etwas älter waren, irgendwelche
-geheimnisvolle, anstößige und verbotene Dinge miteinander treiben konnten.
-Und nun sollte ich also -- es wurde mir ganz plötzlich klar, wie
-ungeheuerlich es war! Mein Entschluß, das nie zu tun, stand sofort fest.
-Aber was dann geschehen und wie Kromer sich an mir rächen würde, daran
-wagte ich kaum zu denken. Es begann eine neue Marter für mich, es war noch
-nicht genug.
-
-Trostlos ging ich über den leeren Platz, die Hände in den Taschen. Neue
-Qualen, neue Sklaverei!
-
-Da rief mich eine frische, tiefe Stimme an. Ich erschrak und fing zu laufen
-an. Jemand lief mir nach, eine Hand faßte mich sanft von hinten. Es war Max
-Demian.
-
-Ich gab mich gefangen.
-
-»Du bist es?« sagte ich unsicher. »Du hast mich so erschreckt!«
-
-Er sah mich an, und nie war sein Blick mehr der eines Erwachsenen, eines
-Überlegenen und Durchschauenden gewesen als jetzt. Seit langem hatten wir
-nicht mehr miteinander gesprochen.
-
-»Das tut mir leid,« sagte er mit seiner höflichen und dabei sehr bestimmten
-Art. »Aber höre, man muß sich nicht so erschrecken lassen.«
-
-»Nun ja, das kann doch passieren.«
-
-»Es scheint so. Aber sieh: wenn du vor jemand, der dir nichts getan hat, so
-zusammenfährst, dann fängt der Jemand an nachzudenken. Es wundert ihn, es
-macht ihn neugierig. Der Jemand denkt sich, du seiest doch merkwürdig
-schreckhaft, und er denkt weiter: so ist man bloß, wenn man Angst hat.
-Feiglinge haben immer Angst; aber ich glaube, ein Feigling bist du
-eigentlich nicht. Nicht wahr? O freilich, ein Held bist du auch nicht. Es
-gibt Dinge, vor denen du Furcht hast; es gibt auch Menschen, vor denen du
-Furcht hast. Und das sollte man nie haben. Nein, vor Menschen sollte man
-niemals Furcht haben. Du hast doch keine vor mir? Oder?«
-
-»O nein, gar nicht.«
-
-»Eben, siehst du. Aber es gibt Leute, vor denen du Furcht hast?«
-
-»Ich weiß nicht . . . Laß mich doch, was willst du von mir?«
-
-Er hielt mit mir Schritt -- ich war rascher gegangen, mit Fluchtgedanken --
-und ich fühlte seinen Blick von der Seite her.
-
-»Nimm einmal an,« fing er wieder an, »daß ich es gut mit dir meine. Angst
-brauchst du jedenfalls vor mir nicht zu haben. Ich möchte gern ein
-Experiment mit dir machen, es ist lustig und du kannst etwas dabei lernen,
-was sehr brauchbar ist. Paß einmal auf! -- Also ich versuche manchmal eine
-Kunst, die man Gedankenlesen heißt. Es ist gar keine Hexerei dabei, aber
-wenn man nicht weiß, wie es gemacht wird, dann sieht es ganz eigentümlich
-aus. Man kann die Leute sehr damit überraschen. -- Nun, wir probieren
-einmal. Also ich habe dich gern, oder ich interessiere mich für dich, und
-möchte nun herausbringen, wie es in dir drinnen aussieht. Dazu habe ich den
-ersten Schritt schon getan. Ich habe dich erschreckt -- du bist also
-schreckhaft. Es gibt also Sachen und Menschen, vor denen du Angst hast.
-Woher kann das kommen? Man braucht vor niemand Angst zu haben. Wenn man
-jemand fürchtet, dann kommt es daher, daß man diesem Jemand Macht über sich
-eingeräumt hat. Man hat zum Beispiel etwas Böses getan, und der andre weiß
-das -- dann hat er Macht über dich. Du kapierst? Es ist doch klar, nicht?«
-
-Ich sah ihm hilflos ins Gesicht, das war ernst und klug wie stets, und auch
-gütig, aber ohne alle Zärtlichkeit, es war eher streng. Gerechtigkeit oder
-etwas Ähnliches lag darin. Ich wußte nicht, wie mir geschah; er stand wie
-ein Zauberer vor mir.
-
-»Hast du verstanden?« fragte er noch einmal.
-
-Ich nickte. Sagen konnte ich nichts.
-
-»Ich sagte dir ja, es sieht komisch aus, das Gedankenlesen, aber es geht
-ganz natürlich zu. Ich könnte dir zum Beispiel auch ziemlich genau sagen,
-was du über mich gedacht hast, als ich einmal dir die Geschichte von Kain
-und Abel erzählt hatte. Nun, das gehört nicht hierher. Ich halte es auch
-für möglich, daß du einmal von mir geträumt hast. Lassen wir das aber! Du
-bist ein gescheiter Junge, die meisten sind so dumm! Ich rede gern hie und
-da mit einem gescheiten Jungen, zu dem ich Vertrauen habe. Es ist dir doch
-recht?«
-
-»O ja. Ich verstehe nur gar nicht --«
-
-»Bleiben wir einmal bei dem lustigen Experiment! Wir haben also gefunden:
-der Knabe S. ist schreckhaft -- er fürchtet jemanden -- er hat
-wahrscheinlich mit diesem andern ein Geheimnis, das ihm sehr unbequem ist.
--- Stimmt das ungefähr?«
-
-Wie im Traum unterlag ich seiner Stimme, seinem Einfluß. Ich nickte nur.
-Sprach da nicht eine Stimme, die nur aus mir selber kommen konnte? Die
-alles wußte? Die alles besser, klarer wußte als ich selber?
-
-Kräftig schlug mir Demian auf die Schulter.
-
-»Es stimmt also. Ich konnte mir's denken. Jetzt bloß noch eine einzige
-Frage: weißt du, wie der Junge heißt, der da vorhin wegging?«
-
-Ich erschrak heftig, mein angetastetes Geheimnis krümmte sich schmerzhaft
-in mir zurück, es wollte nicht ans Licht.
-
-»Was für ein Junge? Es war kein Junge da, bloß ich.«
-
-Er lachte.
-
-»Sag's nur!« lachte er. »Wie heißt er?«
-
-Ich flüsterte: »Meinst du den Franz Kromer?«
-
-Befriedigt nickte er mir zu.
-
-»Bravo! Du bist ein fixer Kerl, wir werden noch Freunde werden. Nun muß ich
-dir aber etwas sagen: dieser Kromer, oder wie er heißt, ist ein schlechter
-Kerl. Sein Gesicht sagt mir, daß er ein Schuft ist! Was meinst du?«
-
-»O ja,« seufzte ich auf, »er ist schlecht, er ist ein Satan! Aber er darf
-nichts wissen! Um Gottes willen, er darf nichts wissen. Kennst du ihn?
-Kennt er dich?«
-
-»Sei nur ruhig! Er ist fort, und er kennt mich nicht -- noch nicht. Aber
-ich möchte ihn ganz gern kennenlernen. Er geht in die Volksschule?«
-
-»Ja.«
-
-»In welche Klasse?«
-
-»In die fünfte. -- Aber sag ihm nichts! Bitte, bitte sag ihm nichts!«
-
-»Sei ruhig, es passiert dir nichts. -- Vermutlich hast du keine Lust, mir
-ein wenig mehr von diesem Kromer zu erzählen?«
-
-»Ich kann nicht! Nein, laß mich!«
-
-Er schwieg eine Weile.
-
-»Schade,« sagte er dann, »wir hätten das Experiment noch weiter führen
-können. Aber ich will dich nicht plagen. Aber nicht wahr, das weißt du
-doch, daß deine Furcht vor ihm nichts Richtiges ist? So eine Furcht macht
-uns ganz kaputt, die muß man loswerden. Du mußt sie loswerden, wenn ein
-rechter Kerl aus dir werden soll. Begreifst du?«
-
-»Gewiß, du hast ganz recht . . . aber es geht nicht. Du weißt ja nicht
-. . .«
-
-»Du hast gesehen, daß ich manches weiß, mehr als du gedacht hättest. --
-Bist du ihm etwa Geld schuldig?«
-
-»Ja, das auch, aber das ist nicht die Hauptsache. Ich kann es nicht sagen,
-ich kann nicht!«
-
-»Es hilft also nichts, wenn ich dir soviel Geld gebe, wie du ihm schuldig
-bist? -- Ich könnte es dir gut geben.«
-
-»Nein, nein, das ist es nicht. Und ich bitte dich: sage niemand davon! Kein
-Wort! Du machst mich unglücklich!«
-
-»Verlaß dich auf mich, Sinclair. Eure Geheimnisse wirst du mir später
-einmal mitteilen --«
-
-»Nie, nie!« rief ich heftig.
-
-»Ganz wie du willst. Ich meine nur, vielleicht wirst du mir später einmal
-mehr sagen. Nur freiwillig, versteht sich. Du denkst doch nicht, ich werde
-es machen wie der Kromer selber?«
-
-»O nein -- aber du weißt ja gar nichts davon!«
-
-»Gar nichts. Ich denke nur darüber nach. Und ich werde es nie so machen wie
-Kromer es macht, das glaubst du mir. Du bist ja mir auch nichts schuldig.«
-
-Wir schwiegen eine lange Zeit, und ich wurde ruhiger. Aber Demians Wissen
-wurde mir immer rätselhafter.
-
-»Ich geh jetzt nach Hause,« sagte er, und zog im Regen seinen Lodenmantel
-fester zusammen. »Ich möchte dir nur eins nochmals sagen, weil wir schon so
-weit sind -- du solltest diesen Kerl loswerden! Wenn es gar nicht anders
-geht, dann schlage ihn tot! Es würde mir imponieren und gefallen, wenn du
-es tätest. Ich würde dir auch helfen.«
-
-Ich bekam von neuem Angst. Die Geschichte von Kain fiel mir plötzlich
-wieder ein. Es wurde mir unheimlich, und ich begann sachte zu weinen. Zu
-viel Unheimliches war um mich her.
-
-»Nun gut,« lächelte Max Demian. »Geh nur nach Hause! Wir machen das schon.
-Obwohl Totschlagen das Einfachste wäre. In solchen Dingen ist das
-Einfachste immer das Beste. Du bist in keinen guten Händen bei deinem
-Freund Kromer.«
-
-Ich kam nach Hause, und mir schien, ich sei ein Jahr lang weg gewesen.
-Alles sah anders aus. Zwischen mir und Kromer stand etwas wie Zukunft,
-etwas wie Hoffnung. Ich war nicht mehr allein! Und erst jetzt sah ich, wie
-schrecklich allein ich wochen- und wochenlang mit meinem Geheimnis gewesen
-war. Und sofort fiel mir ein, was ich mehrmals durchgedacht hatte: daß eine
-Beichte vor meinen Eltern mich erleichtern und mich doch nicht ganz erlösen
-würde. Nun hatte ich beinahe gebeichtet, einem andern, einem Fremden, und
-Erlösungsahnung flog mir wie ein starker Duft entgegen!
-
- * * * * *
-
-Immerhin war meine Angst noch lange nicht überwunden, und ich war noch auf
-lange und furchtbare Auseinandersetzungen mit meinem Feinde gefaßt. Desto
-merkwürdiger war es mir, daß alles so still, so völlig geheim und ruhig
-verlief.
-
-Kromers Pfiff vor unsrem Hause blieb aus, einen Tag, zwei Tage, drei Tage,
-eine Woche lang. Ich wagte gar nicht, daran zu glauben, und lag innerlich
-auf der Lauer, ob er nicht plötzlich, eben wenn man ihn gar nimmer
-erwartete, doch wieder dastehen würde. Aber er war und blieb fort!
-Mißtrauisch gegen die neue Freiheit, glaubte ich noch immer nicht recht
-daran. Bis ich endlich einmal dem Franz Kromer begegnete. Er kam die
-Seilergasse herab, gerade mir entgegen. Als er mich sah, zuckte er
-zusammen, verzog das Gesicht zu einer wüsten Grimasse und kehrte ohne
-weiteres um, um mir nicht begegnen zu müssen.
-
-Das war für mich ein unerhörter Augenblick! Mein Feind lief vor mir davon!
-Mein Satan hatte Angst vor mir! Mir fuhr die Freude und Überraschung durch
-und durch.
-
-In diesen Tagen zeigte sich Demian einmal wieder. Er wartete auf mich vor
-der Schule.
-
-»Grüß Gott,« sagte ich.
-
-»Guten Morgen, Sinclair. Ich wollte nur einmal hören, wie dir's geht. Der
-Kromer läßt dich doch jetzt in Ruhe, nicht?«
-
-»Hast du das gemacht? Aber wie denn? Wie denn? Ich begreife es gar nicht.
-Er ist ganz ausgeblieben.«
-
-»Das ist gut. Wenn er je einmal wiederkommen sollte -- ich denke, er tut es
-nicht, aber er ist ja ein frecher Kerl -- dann sage ihm bloß, er möge an
-den Demian denken.«
-
-»Aber wie hängt das zusammen? Hast du Händel mit ihm angefangen und ihn
-verhauen?«
-
-»Nein, das tue ich nicht so gern. Ich habe bloß mit ihm gesprochen, so wie
-mit dir auch, und habe ihm dabei klar machen können, daß es sein eigener
-Vorteil ist, wenn er dich in Ruhe läßt.«
-
-»O, du wirst ihm doch kein Geld gegeben haben?«
-
-»Nein, mein Junge. Diesen Weg hattest ja du schon probiert.«
-
-Er machte sich los, so sehr ich ihn auszufragen versuchte, und ich blieb
-mit dem alten beklommenen Gefühl gegen ihn zurück, das aus Dankbarkeit und
-Scheu, aus Bewunderung und Angst, aus Zuneigung und innerem Widerstreben
-seltsam gemischt war.
-
-Ich nahm mir vor, ihn bald wiederzusehen, und dann wollte ich mehr mit ihm
-über das alles reden, auch noch über die Kain-Sache.
-
-Es kam nicht dazu.
-
-Dankbarkeit ist überhaupt keine Tugend, an die ich Glauben habe, und sie
-von einem Kinde zu verlangen, schiene mir falsch. So wundere ich mich über
-meine eigene völlige Undankbarkeit nicht eben sehr, die ich gegen Max
-Demian bewies. Ich glaube heute mit Bestimmtheit, daß ich fürs Leben krank
-und verdorben worden wäre, wenn er mich nicht aus den Klauen Kromers
-befreit hätte. Diese Befreiung fühlte ich auch damals schon als das größte
-Erlebnis meines jungen Lebens -- aber den Befreier selbst ließ ich links
-liegen, sobald er das Wunder vollführt hatte.
-
-Merkwürdig ist die Undankbarkeit, wie gesagt, mir nicht. Sonderbar ist mir
-einzig der Mangel an Neugierde, den ich bewies. Wie war es möglich, daß ich
-einen einzigen Tag ruhig weiterleben konnte, ohne den Geheimnissen näher zu
-kommen, mit denen mich Demian in Berührung gebracht hatte? Wie konnte ich
-die Begierde zurückhalten, mehr über Kain zu hören, mehr über Kromer, mehr
-über das Gedankenlesen?
-
-Es ist kaum begreiflich, und ist doch so. Ich sah mich plötzlich aus
-dämonischen Netzen entwirrt, sah wieder die Welt hell und freudig vor mir
-liegen, unterlag nicht mehr Angstanfällen und würgendem Herzklopfen. Der
-Bann war gebrochen, ich war nicht mehr ein gepeinigter Verdammter, ich war
-wieder ein Schulknabe wie immer. Meine Natur suchte so rasch wie möglich
-wieder in Gleichgewicht und Ruhe zu kommen, und so gab sie sich vor allem
-Mühe, das viele Häßliche und Bedrohende von sich weg zu rücken, es zu
-vergessen. Wunderbar schnell entglitt die ganze lange Geschichte meiner
-Schuld und Verängstigung meinem Gedächtnis, ohne scheinbar irgendwelche
-Narben und Eindrücke hinterlassen zu haben.
-
-Daß ich hingegen meinen Helfer und Retter ebenso rasch zu vergessen suchte,
-begreife ich heute auch. Aus dem Jammertal meiner Verdammung, aus der
-furchtbaren Sklaverei bei Kromer floh ich mit allen Trieben und Kräften
-meiner geschädigten Seele dahin zurück, wo ich früher glücklich und
-zufrieden gewesen war: in das verlorene Paradies, das sich wieder öffnete,
-in die helle Vater- und Mutterwelt, zu den Schwestern, zum Duft der
-Reinheit, zur Gottgefälligkeit Abels.
-
-Schon am Tage nach meinem kurzen Gespräch mit Demian, als ich von meiner
-wiedergewonnenen Freiheit endlich völlig überzeugt war und keine Rückfälle
-mehr fürchtete, tat ich das, was ich so oft und sehnlich mir gewünscht
-hatte -- ich beichtete. Ich ging zu meiner Mutter, ich zeigte ihr das
-Sparbüchslein, dessen Schloß beschädigt und das mit Spielmarken statt mit
-Geld gefüllt war, und ich erzählte ihr, wie lange Zeit ich durch eigene
-Schuld mich an einen bösen Quäler gefesselt hatte. Sie begriff nicht alles,
-aber sie sah die Büchse, sie sah meinen veränderten Blick, hörte meine
-veränderte Stimme, fühlte, daß ich genesen, daß ich ihr wiedergegeben war.
-
-Und nun beging ich mit hohen Gefühlen das Fest meiner Wiederaufnahme, die
-Heimkehr des verlorenen Sohnes. Die Mutter brachte mich zum Vater, die
-Geschichte wurde wiederholt, Fragen und Ausrufe der Verwunderung drängten
-sich, beide Eltern streichelten mir den Kopf und atmeten aus langer
-Bedrückung auf. Alles war herrlich, alles war wie in den Erzählungen, alles
-löste sich in wunderbare Harmonie auf.
-
-In diese Harmonie floh ich nun mit wahrer Leidenschaft. Ich konnte mich
-nicht genug daran ersättigen, daß ich wieder meinen Frieden und das
-Vertrauen der Eltern hatte, ich wurde ein häuslicher Musterknabe, spielte
-mehr als jemals mit meinen Schwestern und sang bei den Andachten die
-lieben, alten Lieder mit wonnevollen Gefühlen des Erlösten und Bekehrten
-mit. Es geschah von Herzen, es war keine Lüge dabei.
-
-Dennoch war es so gar nicht in Ordnung! Und hier ist der Punkt, aus dem
-sich mir meine Vergeßlichkeit gegen Demian allein wahrhaft erklärt. Ihm
-hätte ich beichten sollen! Die Beichte wäre weniger dekorativ und rührend,
-aber für mich fruchtbarer ausgefallen. Nun klammerte ich mich mit allen
-Wurzeln an meine ehemalige, paradiesische Welt, war heimgekehrt und in
-Gnaden aufgenommen. Demian aber gehörte zu dieser Welt keineswegs, paßte
-nicht in sie. Auch er war, anders als Kromer, aber doch eben -- auch er war
-ein Verführer, auch er verband mich mit der zweiten, der bösen, schlechten
-Welt, und von der wollte ich nun für immer nichts mehr wissen. Ich konnte
-und wollte jetzt nicht Abel preisgeben und Kain verherrlichen helfen,
-jetzt, wo ich eben selbst wieder ein Abel geworden war.
-
-So der äußere Zusammenhang. Der innere aber war dieser: Ich war aus Kromers
-und des Teufels Händen erlöst, aber nicht durch meine eigene Kraft und
-Leistung. Ich hatte versucht, auf den Pfaden der Welt zu wandeln, und sie
-waren für mich zu schlüpfrig gewesen. Nun, da der Griff einer freundlichen
-Hand mich gerettet hatte, lief ich, ohne einen Blick mehr nebenaus zu tun,
-in den Schoß der Mutter und die Geborgenheit einer umhegten, frommen,
-milden Kindlichkeit zurück. Ich machte mich jünger, abhängiger, kindlicher
-als ich war. Ich mußte die Abhängigkeit von Kromer durch eine neue
-ersetzen, denn allein zu gehen vermochte ich nicht. So wählte ich, in
-meinem blinden Herzen, die Abhängigkeit von Vater und Mutter, von der
-alten, geliebten »lichten Welt,« von der ich doch schon wußte, daß sie
-nicht die einzige war. Hätte ich das nicht getan, so hätte ich mich zu
-Demian halten und mich ihm anvertrauen müssen. Daß ich das nicht tat, das
-erschien mir damals als berechtigtes Mißtrauen gegen seine befremdlichen
-Gedanken; in Wahrheit war es nichts als Angst. Denn Demian hätte mehr von
-mir verlangt als die Eltern verlangten, viel mehr, er hätte mich mit
-Antrieb und Ermahnung, mit Spott und Ironie selbständiger zu machen
-versucht. Ach, das weiß ich heute: Nichts auf der Welt ist dem Menschen
-mehr zuwider als den Weg zu gehen, der ihn zu sich selber führt!
-
-Dennoch konnte ich, etwa ein halbes Jahr später, der Versuchung nicht
-widerstehen, und fragte auf einem Spaziergang meinen Vater, was davon zu
-halten sei, daß manche Leute den Kain für besser als den Abel erklärten.
-
-Er war sehr verwundert und erklärte mir, daß dies eine Auffassung sei,
-welche der Neuheit entbehre. Sie sei sogar schon in der urchristlichen Zeit
-aufgetaucht und sei in Sekten gelehrt worden, deren eine sich die
-»Kainiten« nannte. Aber natürlich sei diese tolle Lehre nichts anderes als
-ein Versuch des Teufels, unsern Glauben zu zerstören. Denn glaube man an
-das Recht Kains und das Unrecht Abels, dann ergebe sich daraus die Folge,
-daß Gott sich geirrt habe, daß also der Gott der Bibel nicht der richtige
-und einzige, sondern ein falscher sei. Wirklich hätten die Kainiten auch
-Ähnliches gelehrt und gepredigt; doch sei diese Ketzerei seit langem aus
-der Menschheit verschwunden und er wundere sich nur, daß ein Schulkamerad
-von mir etwas davon erfahren habe können. Immerhin ermahne er mich
-ernstlich, diese Gedanken zu unterlassen.
-
-
-
-
-Drittes Kapitel
-Der Schächer
-
-
-Es wäre Schönes, Zartes und Liebenswertes zu erzählen von meiner Kindheit,
-von meinem Geborgensein bei Vater und Mutter, von Kindesliebe und genügsam
-spielerischem Hinleben in sanften, lieben, lichten Umgebungen. Andre haben
-davon genugsam gesprochen. Mich interessieren nur die Schritte, die ich in
-meinem Leben tat, um zu mir selbst zu gelangen. Alle die hübschen
-Ruhepunkte, Glücksinseln und Paradiese, deren Zauber mir nicht unbekannt
-blieb, lasse ich im Glanz der Ferne liegen und begehre nicht sie nochmals
-zu betreten.
-
-Darum spreche ich, soweit ich noch bei meiner Knabenzeit verweile, nur von
-dem, was Neues mir zukam, was mich vorwärts trieb, mich losriß.
-
-Immer kamen diese Anstöße von der »anderen Welt,« immer brachten sie Angst,
-Zwang und böses Gewissen mit sich, immer waren sie revolutionär und
-gefährdeten den Frieden, in dem ich gern wohnen geblieben wäre.
-
-Es kamen die Jahre, in welchen ich aufs neue entdecken mußte, daß in mir
-selbst ein Urtrieb lebte, der in der erlaubten und lichten Welt sich
-verkriechen und verstecken mußte. Wie jeden Menschen, so fiel auch mich das
-langsam erwachende Gefühl des Geschlechts als ein Feind und Zerstörer an,
-als Verbotenes, als Verführung und Sünde. Was meine Neugierde suchte, was
-mir Träume, Lust und Angst schuf, das große Geheimnis der Pubertät, das
-paßte gar nicht in die umhegte Glückseligkeit meines Kinderfriedens. Ich
-tat wie alle. Ich führte das Doppelleben des Kindes, das doch kein Kind
-mehr ist. Mein Bewußtsein lebte im Heimischen und Erlaubten, mein
-Bewußtsein leugnete die empordämmernde neue Welt. Daneben aber lebte ich in
-Träumen, Trieben, Wünschen von unterirdischer Art, über welchen jenes
-bewußte Leben sich immer ängstlichere Brücken baute, denn die Kinderwelt in
-mir fiel zusammen. Wie fast alle Eltern, so halfen auch die meinen nicht
-den erwachenden Lebenstrieben, von denen nicht gesprochen ward. Sie halfen
-nur, mit unerschöpflicher Sorgfalt, meinen hoffnungslosen Versuchen, das
-Wirkliche zu leugnen und in einer Kindeswelt weiter zu hausen, die immer
-unwirklicher und verlogener ward. Ich weiß nicht, ob Eltern hierin viel tun
-können, und mache den meinen keinen Vorwurf. Es war meine eigene Sache, mit
-mir fertig zu werden und meinen Weg zu finden, und ich tat meine Sache
-schlecht, wie die meisten Wohlerzogenen.
-
-Jeder Mensch durchlebt diese Schwierigkeit. Für den Durchschnittlichen ist
-dies der Punkt im Leben, wo die Forderung des eigenen Lebens am härtesten
-mit der Umwelt in Streit gerät, wo der Weg nach vorwärts am bittersten
-erkämpft werden muß. Viele erleben das Sterben und Neugeborenwerden, das
-unser Schicksal ist, nur dies eine Mal im Leben, beim Morschwerden und
-langsamen Zusammenbrechen der Kindheit, wenn alles Liebgewordene uns
-verlassen will und wir plötzlich die Einsamkeit und tödliche Kälte des
-Weltraums um uns fühlen. Und sehr viele bleiben für immer an dieser Klippe
-hängen und kleben ihr Leben lang schmerzlich am unwiederbringlich
-Vergangenen, am Traum vom verlorenen Paradies, der der schlimmste und
-mörderischeste aller Träume ist.
-
-Wenden wir uns zur Geschichte zurück. Die Empfindungen und Traumbilder, in
-denen sich mir das Ende der Kindheit meldete, sind nicht wichtig genug, um
-erzählt zu werden. Das Wichtige war: die »dunkle Welt,« die »andere Welt«
-war wieder da. Was einst Franz Kromer gewesen war, das stak nun in mir
-selber. Und damit gewann auch von außen her die »andere Welt« wieder Macht
-über mich.
-
-Es waren seit der Geschichte mit Kromer mehrere Jahre vergangen. Jene
-dramatische und schuldvolle Zeit meines Lebens lag damals mir sehr fern und
-schien wie ein kurzer Alptraum in nichts vergangen. Franz Kromer war längst
-aus meinem Leben verschwunden, kaum daß ich es achtete, wenn er mir je
-einmal begegnete. Die andere wichtige Figur meiner Tragödie aber, Max
-Demian, verschwand nicht mehr ganz aus meinem Umkreis. Doch stand er lange
-Zeit fern am Rande, sichtbar, doch nicht wirksam. Erst allmählich trat er
-wieder näher, strahlte wieder Kräfte und Einflüsse aus.
-
-Ich suche mich zu besinnen, was ich aus jener Zeit von Demian weiß. Es mag
-sein, daß ich ein Jahr oder länger kein einziges Mal mit ihm gesprochen
-habe. Ich mied ihn, und er drängte sich keineswegs auf. Etwa einmal, wenn
-wir uns begegneten, nickte er mir einen freundlichen Gruß zu. Mir schien es
-dann zuweilen, es sei in seiner Freundlichkeit ein feiner Klang von Hohn
-oder ironischem Vorwurf, doch mag das Einbildung gewesen sein. Die
-Geschichte, die ich mit ihm erlebt hatte, und der seltsame Einfluß, den er
-damals auf mich geübt, waren wie vergessen, von ihm wie von mir.
-
-Ich suche nach seiner Figur, und nun, da ich mich auf ihn besinne, sehe
-ich, daß er doch da war und von mir bemerkt wurde. Ich sehe ihn zur Schule
-gehen, allein oder zwischen andern von den größeren Schülern, und ich sehe
-ihn fremdartig, einsam und still, wie gestirnhaft zwischen ihnen wandeln,
-von einer eigenen Luft umgeben, unter eigenen Gesetzen lebend. Niemand
-liebte ihn, niemand war mit ihm vertraut, nur seine Mutter, und auch mit
-ihr schien er nicht wie ein Kind, sondern wie ein Erwachsener zu verkehren.
-Die Lehrer ließen ihn möglichst in Ruhe, er war ein guter Schüler, aber er
-suchte keinem zu gefallen, und je und je vernahmen wir gerüchtweise von
-irgendeinem Wort, einer Glosse oder Gegenrede, die er einem Lehrer sollte
-gegeben haben und die an schroffer Herausforderung oder an Ironie nichts zu
-wünschen übrig ließ.
-
-Ich besinne mich, mit geschlossenen Augen, und ich sehe sein Bild
-auftauchen. Wo war das? Ja, nun ist es wieder da. Es war auf der Gasse vor
-unserem Hause. Da sah ich ihn eines Tages stehen, ein Notizbuch in der
-Hand, und sah ihn zeichnen. Er zeichnete das alte Wappenbild mit dem Vogel
-über unsrer Haustüre ab. Und ich stand an einem Fenster, hinterm Vorhang
-verborgen, und schaute ihm zu, und sah mit tiefer Verwunderung sein
-aufmerksames, kühles, helles Gesicht dem Wappen zugewendet, das Gesicht
-eines Mannes, eines Forschers oder Künstlers, überlegen und voll von
-Willen, sonderbar hell und kühl, mit wissenden Augen.
-
-Und wieder sehe ich ihn. Es war wenig später, auf der Straße; wir standen
-alle, von der Schule kommend, um ein Pferd, das gestürzt war. Es lag, noch
-an die Deichsel geschirrt, vor einem Bauernwagen, schnob suchend und
-kläglich mit geöffneten Nüstern in die Luft und blutete aus einer
-unsichtbaren Wunde, so daß zu seiner Seite der weiße Straßenstaub sich
-langsam dunkel vollsog. Als ich, mit einem Gefühl von Übelkeit, mich von
-dem Anblick wegwandte, sah ich Demians Gesicht. Er hatte sich nicht
-vorgedrängt, er stand zuhinterst, bequem und ziemlich elegant, wie es zu
-ihm gehörte. Sein Blick schien auf den Kopf des Pferdes gerichtet, und
-hatte wieder diese tiefe, stille, beinah fanatische und doch
-leidenschaftslose Aufmerksamkeit. Ich mußte ihn lang ansehen, und damals
-fühlte ich, noch fern vom Bewußtsein, etwas sehr Eigentümliches. Ich sah
-Demians Gesicht, und ich sah nicht nur, daß er kein Knabengesicht hatte,
-sondern das eines Mannes; ich sah noch mehr, ich glaubte zu sehen, oder zu
-spüren, daß es auch nicht das Gesicht eines Mannes sei, sondern noch etwas
-anderes. Es war, als sei auch etwas von einem Frauengesicht darin, und
-namentlich schien dies Gesicht mir, für einen Augenblick, nicht männlich
-oder kindlich, nicht alt oder jung, sondern irgendwie tausendjährig,
-irgendwie zeitlos, von anderen Zeitläuften gestempelt als wir sie leben.
-Tiere konnten so aussehen, oder Bäume, oder Sterne -- ich wußte das nicht,
-ich empfand nicht genau das, was ich jetzt als Erwachsener darüber sage,
-aber etwas Ähnliches. Vielleicht war er schön, vielleicht gefiel er mir,
-vielleicht war er mir auch zuwider, auch das war nicht zu entscheiden. Ich
-sah nur: er war anders als wir, er war wie ein Tier, oder wie ein Geist,
-oder wie ein Bild, ich weiß nicht, wie er war, aber er war anders,
-unausdenkbar anders als wir alle.
-
-Mehr sagt die Erinnerung mir nicht, und vielleicht ist auch dies zum Teil
-schon aus späteren Eindrücken geschöpft.
-
-Erst als ich mehrere Jahre älter war, kam ich endlich wieder mit ihm in
-nähere Berührung. Demian war nicht, wie die Sitte es gefordert hätte, mit
-seinem Jahrgang in der Kirche konfirmiert worden, und auch daran hatten
-sich wieder alsbald Gerüchte geknüpft. Es hieß in der Schule wieder, er sei
-eigentlich ein Jude, oder nein, ein Heide, und andre wußten, er sei samt
-seiner Mutter ohne jede Religion oder gehöre einer fabelhaften, schlimmen
-Sekte an. Im Zusammenhang damit meine ich auch den Verdacht vernommen zu
-haben, er lebe mit seiner Mutter wie mit einer Geliebten. Vermutlich war es
-so, daß er bisher ohne Konfession erzogen worden war, daß dies nun aber für
-seine Zukunft irgendwelche Unzuträglichkeiten fürchten ließ. Jedenfalls
-entschloß sich seine Mutter, ihn jetzt doch, zwei Jahre später als seine
-Altersgenossen, an der Konfirmation teilnehmen zu lassen. So kam es, daß er
-nun monatelang im Konfirmationsunterricht mein Kamerad war.
-
-Eine Weile hielt ich mich ganz von ihm zurück, ich wollte nicht teil an ihm
-haben, er war mir allzu sehr von Gerüchten und Geheimnissen umgeben,
-namentlich aber störte mich das Gefühl von Verpflichtung, das seit der
-Affäre mit Kromer in mir zurückgeblieben war. Und gerade damals hatte ich
-genug mit meinen eigenen Geheimnissen zu tun. Für mich fiel der
-Konfirmationsunterricht zusammen mit der Zeit der entscheidenden
-Aufklärungen in den geschlechtlichen Dingen, und trotz gutem Willen war
-mein Interesse für die fromme Belehrung dadurch sehr beeinträchtigt. Die
-Dinge, von denen der Geistliche sprach, lagen weit von mir weg in einer
-stillen heiligen Unwirklichkeit, sie waren vielleicht ganz schön und
-wertvoll, aber keineswegs aktuell und erregend, und jene andern Dinge waren
-gerade dies im höchsten Maße.
-
-Je mehr mich nun dieser Zustand gegen den Unterricht gleichgültig machte,
-desto mehr näherte sich mein Interesse wieder dem Max Demian. Irgend etwas
-schien uns zu verbinden. Ich muß diesem Faden möglichst genau nachgehen.
-Soviel ich mich besinnen kann, begann es in einer Stunde früh am Morgen,
-als noch Licht in der Schulstube brannte. Unser geistlicher Lehrer war auf
-die Geschichte Kains und Abels zu sprechen gekommen. Ich achtete kaum
-darauf, ich war schläfrig und hörte kaum zu. Da begann der Pfarrer mit
-erhobener Stimme eindringlich vom Kainszeichen zu reden. In diesem
-Augenblick spürte ich eine Art von Berührung oder Mahnung, und aufblickend
-sah ich aus den vorderen Bankreihen her das Gesicht Demians nach mir zurück
-gewendet, mit einem hellen sprechenden Auge, dessen Ausdruck ebensowohl
-Spott wie Ernst sein konnte. Nur einen Moment sah er mich an, und plötzlich
-horchte ich gespannt auf die Worte des Pfarrers, hörte ihn vom Kain und
-seinem Zeichen reden, und spürte tief in mir ein Wissen, daß das nicht so
-sei wie er es lehre, daß man das auch anders ansehen konnte, daß daran
-Kritik möglich war!
-
-Mit dieser Minute war zwischen Demian und mir wieder eine Verbindung da.
-Und sonderbar -- kaum war dies Gefühl einer gewissen Zusammengehörigkeit in
-der Seele da, so sah ich es wie magisch auch ins Räumliche übertragen. Ich
-wußte nicht, ob er es selbst so einrichten konnte oder ob es ein reiner
-Zufall war -- ich glaubte damals noch fest an Zufälle -- nach wenigen Tagen
-hatte Demian plötzlich seinen Platz in der Religionsstunde gewechselt und
-saß gerade vor mir (ich weiß noch, wie gern ich mitten in der elenden
-Armenhäuslerluft der überfüllten Schulstube am Morgen von seinem Nacken her
-den zartfrischen Seifengeruch einsog!), und wieder nach einigen Tagen hatte
-er wieder gewechselt und saß nun neben mir, und da blieb er sitzen, den
-ganzen Winter und das ganze Frühjahr hindurch.
-
-Die Morgenstunden hatten sich ganz verwandelt. Sie waren nicht mehr
-schläfrig und langweilig. Ich freute mich auf sie. Manchmal hörten wir
-beide mit der größten Aufmerksamkeit dem Pfarrer zu, ein Blick von meinem
-Nachbar genügte, um mich auf eine merkwürdige Geschichte, einen seltsamen
-Spruch hinzuweisen. Und ein anderer Blick von ihm, ein ganz bestimmter,
-genügte, um mich zu mahnen, um Kritik und Zweifel in mir anzuregen.
-
-Sehr oft aber waren wir schlechte Schüler und hörten nichts vom Unterricht.
-Demian war stets artig gegen Lehrer und Mitschüler, nie sah ich ihn
-Schuljungendummheiten machen, nie hörte man ihn laut lachen oder plaudern,
-nie zog er sich einen Tadel des Lehrers zu. Aber ganz leise, und mehr mit
-Zeichen und Blicken als mit Flüsterworten, verstand er es, mich an seinen
-eigenen Beschäftigungen teilnehmen zu lassen. Diese waren zum Teil von
-merkwürdiger Art.
-
-Er sagte mir zum Beispiel, welche von den Schülern ihn interessierten, und
-auf welche Weise er sie studiere. Manche kannte er sehr genau. Er sagte mir
-vor der Lektion: »Wenn ich dir ein Zeichen mit dem Daumen mache, dann wird
-der und der sich nach uns umsehen, oder sich am Nacken kratzen usw.«
-Während der Stunde dann, wenn ich oft kaum mehr daran dachte, drehte Max
-plötzlich mit auffallender Gebärde mir seinen Daumen zu, ich schaute
-schnell nach dem bezeichneten Schüler aus und sah ihn jedesmal, wie am
-Draht gezogen, die verlangte Gebärde machen. Ich plagte Max, er solle das
-auch einmal am Lehrer versuchen, doch wollte er es nicht tun. Aber einmal,
-als ich in die Stunde kam und ihm sagte, ich hätte heute meine Aufgaben
-nicht gelernt und hoffe sehr, der Pfarrer werde mich heute nichts fragen,
-da half er mir. Der Pfarrer suchte nach einem Schüler, den er ein Stück
-Katechismus hersagen lassen wollte, und sein schweifendes Auge blieb auf
-meinem schuldbewußten Gesicht hängen. Langsam kam er heran, streckte den
-Finger gegen mich aus, hatte schon meinen Namen auf den Lippen -- da wurde
-er plötzlich zerstreut oder unruhig, rückte an seinem Halskragen, trat auf
-Demian zu, der ihm fest ins Gesicht sah, schien ihn etwas fragen zu wollen,
-wandte sich aber überraschend wieder weg, hustete eine Weile und forderte
-dann einen andern Schüler auf.
-
-Erst allmählich merkte ich, während diese Scherze mich sehr belustigten,
-daß mein Freund mit mir häufig dasselbe Spiel treibe. Es kam vor, daß ich
-auf dem Schulweg plötzlich das Gefühl hatte, Demian gehe eine Strecke
-hinter mir, und wenn ich mich umwandte, war er richtig da.
-
-»Kannst du denn eigentlich machen, daß ein anderer das denken muß, was du
-willst?« fragte ich ihn.
-
-Er gab bereitwillig Auskunft, ruhig und sachlich, in seiner erwachsenen
-Art.
-
-»Nein,« sagte er, »das kann man nicht. Man hat nämlich keinen freien
-Willen, wenn auch der Pfarrer so tut. Weder kann der andere denken, was er
-will, noch kann ich ihn denken machen, was ich will. Wohl aber kann man
-jemand gut beobachten, und dann kann man oft ziemlich genau sagen, was er
-denkt oder fühlt, und dann kann man meistens auch voraussehen, was er im
-nächsten Augenblick tun wird. Es ist ganz einfach, die Leute wissen es bloß
-nicht. Natürlich braucht es Übung.
-
-Es gibt zum Beispiel bei den Schmetterlingen gewisse Nachtfalter, bei denen
-sind die Weibchen viel seltener als die Männchen. Die Falter pflanzen sich
-gerade so fort wie alle Tiere, der Mann befruchtet das Weibchen, das dann
-Eier legt. Wenn du nun von diesen Nachtfaltern ein Weibchen hast -- es ist
-von Naturforschern oft probiert worden -- so kommen in der Nacht zu diesem
-Weibchen die männlichen Falter geflogen, und zwar stundenweit! Stundenweit,
-denke dir! Auf viele Kilometer spüren alle diese Männchen das einzige
-Weibchen, das in der Gegend ist! Man versucht das zu erklären, aber es geht
-schwer. Es muß eine Art Geruchssinn oder so etwas sein, etwa so wie gute
-Jagdhunde eine unmerkliche Spur finden und verfolgen können. Du begreifst?
-Das sind solche Sachen, die Natur ist voll davon, und niemand kann sie
-erklären. Nun sage ich aber: Wären bei diesen Schmetterlingen die Weibchen
-so häufig wie die Männchen, so hätten sie die feine Nase eben nicht! Sie
-haben sie bloß, weil sie sich darauf dressiert haben. Wenn ein Tier oder
-Mensch seine ganze Aufmerksamkeit und seinen ganzen Willen auf eine
-bestimmte Sache richtet, dann erreicht er sie auch. Das ist alles. Und
-genau so ist es mit dem, was du meinst. Sieh dir einen Menschen genau genug
-an, so weißt du mehr von ihm als er selber.«
-
-Mir lag es auf der Zunge, das Wort »Gedankenlesen« auszusprechen, und ihn
-damit an die Szene mit Kromer zu erinnern, die so lang zurück lag. Aber
-dies war nun auch eine seltsame Sache zwischen uns beiden: Nie und niemals
-machte weder er noch ich die leiseste Anspielung darauf, daß er vor
-mehreren Jahren einmal so ernstlich in mein Leben eingegriffen hatte. Es
-war, als sei nie etwas früher zwischen uns gewesen, oder als rechne jeder
-von uns fest damit, daß der andere das vergessen habe. Es kam, ein- oder
-zweimal, sogar vor, daß wir zusammen über die Straße gingen und den Franz
-Kromer antrafen, aber wir wechselten keinen Blick, sprachen kein Wort von
-ihm.
-
-»Aber wie ist nun das mit dem Willen?« fragte ich. »Du sagst, man hat
-keinen freien Willen. Aber dann sagst du wieder, man brauche nur seinen
-Willen fest auf etwas zu richten, dann könne man sein Ziel erreichen. Das
-stimmt doch nicht! Wenn ich nicht Herr über meinen Willen bin, dann kann
-ich ihn ja auch nicht beliebig da- oder dorthin richten.«
-
-Er klopfte mir auf die Schulter. Das tat er stets, wenn ich ihm Freude
-machte.
-
-»Gut, daß du fragst!« sagte er lachend. »Man muß immer fragen, man muß
-immer zweifeln. Aber die Sache ist sehr einfach. Wenn so ein Nachtfalter
-zum Beispiel seinen Willen auf einen Stern oder sonstwohin richten wollte,
-so könnte er das nicht. Nur -- er versucht das überhaupt nicht. Er sucht
-nur das, was Sinn und Wert für ihn hat, was er braucht, was er unbedingt
-haben muß. Und eben da gelingt ihm auch das Unglaubliche -- er entwickelt
-einen zauberhaften sechsten Sinn, den kein anderes Tier außer ihm hat!
-Unsereiner hat mehr Spielraum, gewiß, und mehr Interessen als ein Tier.
-Aber auch wir sind in einem verhältnismäßig recht engen Kreis gebunden und
-können nicht darüber hinaus. Ich kann wohl das und das phantasieren, mir
-etwa einbilden, ich wolle unbedingt an den Nordpol kommen, oder so etwas,
-aber ausführen und genügend stark wollen kann ich das nur, wenn der Wunsch
-ganz in mir selber liegt, wenn wirklich mein Wesen ganz von ihm erfüllt
-ist. Sobald das der Fall ist, sobald du etwas probierst, was dir von innen
-heraus befohlen wird, dann geht es auch, dann kannst du deinen Willen
-anspannen wie einen guten Gaul. Wenn ich zum Beispiel mir jetzt vornähme,
-ich wolle bewirken, daß unser Herr Pfarrer künftig keine Brille mehr trägt,
-so geht das nicht. Das ist bloß eine Spielerei. Aber als ich, damals im
-Herbst, den festen Willen bekam, aus meiner Bank da vorne versetzt zu
-werden, da ging es ganz gut. Da war plötzlich einer da, der im Alphabet vor
-mir kam, und der bisher krank gewesen war, und weil jemand ihm Platz machen
-mußte, war natürlich ich der, der es tat, weil eben mein Wille bereit war,
-sofort die Gelegenheit zu packen.«
-
-»Ja,« sagte ich, »mir war es damals auch ganz eigentümlich. Von dem
-Augenblick an, wo wir uns füreinander interessierten, rücktest du mir immer
-näher. Aber wie war das? Anfangs kamst du doch nicht gleich neben mich zu
-sitzen, du saßest erst ein paarmal in der Bank da vor mir, nicht? Wie ging
-das zu?«
-
-»Das war so: ich wußte selber nicht recht, wohin ich wollte, als ich von
-meinem ersten Platz weg begehrte. Ich wußte nur, daß ich weiter hinten
-sitzen wollte. Es war mein Wille, zu dir zu kommen, der mir aber noch nicht
-bewußt geworden war. Zugleich zog dein eigener Wille mit und half mir. Erst
-als ich dann da vor dir saß, kam ich darauf, daß mein Wunsch erst halb
-erfüllt sei -- ich merkte, daß ich eigentlich nichts anderes begehrt hatte,
-als neben dir zu sitzen.«
-
-»Aber damals ist kein Neuer eingetreten.«
-
-»Nein, aber damals tat ich einfach, was ich wollte, und setzte mich
-kurzerhand neben dich. Der Junge, mit dem ich den Platz tauschte, war bloß
-verwundert und ließ mich machen. Und der Pfarrer merkte zwar einmal, daß es
-da eine Änderung gegeben habe -- überhaupt, jedesmal, wenn er mit mir zu
-tun hat, plagt ihn heimlich etwas, er weiß nämlich, daß ich Demian heiße
-und daß es nicht stimmt, daß ich mit meinem D im Namen da ganz hinten
-unterm S sitze! Aber das dringt nicht bis in sein Bewußtsein, weil mein
-Wille dagegen ist, und weil ich ihn immer wieder daran hindere. Er merkt es
-immer wieder einmal, daß da etwas nicht stimmt, und sieht mich an und fängt
-an zu studieren, der gute Herr. Ich habe da aber ein einfaches Mittel. Ich
-seh ihm jedesmal ganz, ganz fest in die Augen. Das vertragen fast alle
-Leute schlecht. Sie werden alle unruhig. Wenn du von jemand etwas erreichen
-willst, und siehst ihm unerwartet ganz fest in die Augen, und er wird gar
-nicht unruhig, dann gib es auf! Du erreichst nichts bei ihm, nie! Aber das
-ist sehr selten. Ich weiß eigentlich bloß einen einzigen Menschen, bei dem
-es mir nicht hilft.«
-
-»Wer ist das?« fragte ich schnell.
-
-Er sah mich an, mit den etwas verkleinerten Augen, die er in der
-Nachdenklichkeit bekam. Dann blickte er weg und gab keine Antwort, und ich
-konnte, trotz heftiger Neugierde, die Frage nicht wiederholen.
-
-Ich glaube aber, daß er damals von seiner Mutter sprach. -- Mit ihr schien
-er sehr innig zu leben, sprach mir aber nie von ihr, nahm mich nie mit sich
-nach Hause. Ich wußte kaum, wie seine Mutter aussah.
-
- * * * * *
-
-Manchmal machte ich damals Versuche, es ihm gleichzutun und meinen Willen
-auf etwas so zusammenzuziehen, daß ich es erreichen müsse. Es waren Wünsche
-da, die mir dringend genug schienen. Aber es war nichts und ging nicht. Mit
-Demian davon zu sprechen, brachte ich nicht über mich. Was ich mir
-wünschte, hätte ich ihm nicht gestehen können. Und er fragte auch nicht.
-
-Meine Gläubigkeit in den Fragen der Religion hatte inzwischen manche Lücken
-bekommen. Doch unterschied ich mich, in meinem durchaus von Demian
-beeinflußten Denken, sehr von denen meiner Mitschüler, welche einen
-völligen Unglauben aufzuweisen hatten. Es gab einige solche, und sie ließen
-gelegentlich Worte hören, wie daß es lächerlich und menschenunwürdig sei,
-an einen Gott zu glauben, und Geschichten wie die von der Dreieinigkeit und
-von Jesu unbefleckter Geburt seien einfach zum Lachen, und es sei eine
-Schande, daß man heute noch mit diesem Kram hausieren gehe. So dachte ich
-keineswegs. Auch wo ich Zweifel hatte, wußte ich doch aus der ganzen
-Erfahrung meiner Kindheit genug von der Wirklichkeit eines frommen Lebens,
-wie es etwa meine Eltern führten, und daß dies weder etwas Unwürdiges noch
-geheuchelt sei. Vielmehr hatte ich vor dem Religiösen nach wie vor die
-tiefste Ehrfurcht. Nur hatte Demian mich daran gewöhnt, die Erzählungen und
-Glaubenssätze freier, persönlicher, spielerischer, phantasievoller
-anzusehen und auszudeuten; wenigstens folgte ich den Deutungen, die er mir
-nahelegte, stets gern und mit Genuß. Vieles freilich war mir zu schroff, so
-auch die Sache wegen Kain. Und einmal während des Konfirmationsunterrichtes
-erschreckte er mich durch eine Auffassung, die womöglich noch kühner war.
-Der Lehrer hatte von Golgatha gesprochen. Der biblische Bericht vom Leiden
-und Sterben des Heilandes hatte mir seit frühester Zeit tiefen Eindruck
-gemacht, manchmal als kleiner Knabe hatte ich, etwa am Karfreitag, nachdem
-mein Vater die Leidensgeschichte vorgelesen hatte, innig und ergriffen in
-dieser leidvoll schönen, bleichen, gespenstigen und doch ungeheuer
-lebendigen Welt gelebt, in Gethsemane und auf Golgatha, und beim Anhören
-der Matthäuspassion von Bach hatte mich der düster mächtige Leidensglanz
-dieser geheimnisvollen Welt mit allen mystischen Schauern überflutet. Ich
-finde heute noch in dieser Musik, und im »actus tragicus«, den Inbegriff
-aller Poesie und alles künstlerischen Ausdrucks.
-
-Nun sagte Demian am Schluß jener Stunde nachdenklich zu mir: »Da ist etwas,
-Sinclair, was mir nicht gefällt. Lies einmal die Geschichte nach und prüfe
-sie auf der Zunge, es ist da etwas, was fad schmeckt. Nämlich die Sache mit
-den beiden Schächern. Großartig, wie da die drei Kreuze auf dem Hügel
-beieinander stehen! Aber nun diese sentimentale Traktätchengeschichte mit
-dem biederen Schächer! Erst war er ein Verbrecher und hat Schandtaten
-begangen, weiß Gott was alles, und nun schmilzt er dahin und feiert solche
-weinerliche Feste der Besserung und Reue! Was für einen Sinn hat solche
-Reue zwei Schritt vom Grabe weg, ich bitte dich? Es ist wieder einmal
-nichts als eine richtige Pfaffengeschichte, süßlich und unredlich, mit
-Schmalz der Rührung und höchst erbaulichem Hintergrund. Wenn du heute einen
-von den beiden Schächern zum Freund wählen müßtest, oder dich besinnen,
-welchem von beiden du eher Vertrauen schenken könntest, so ist es doch ganz
-gewiß nicht dieser weinerliche Bekehrte. Nein, der andere ist's, der ist
-ein Kerl und hat Charakter. Er pfeift auf eine Bekehrung, die ja in seiner
-Lage bloß noch ein hübsches Gerede sein kann, er geht seinen Weg zu Ende
-und sagt sich nicht im letzten Augenblick feig vom Teufel los, der ihm bis
-dahin hat helfen müssen. Er ist ein Charakter, und die Leute von Charakter
-kommen in der biblischen Geschichte gern zu kurz. Vielleicht ist er auch
-ein Abkömmling von Kain. Meinst du nicht?«
-
-Ich war sehr bestürzt. Hier in der Kreuzigungsgeschichte hatte ich ganz
-heimisch zu sein geglaubt, und sah erst jetzt, wie wenig persönlich, mit
-wie wenig Vorstellungskraft und Phantasie ich sie angehört und gelesen
-hatte. Dennoch klang mir Demians neuer Gedanke fatal und drohte Begriffe in
-mir umzuwerfen, auf deren Bestehenbleiben ich glaubte halten zu müssen.
-Nein, so konnte man doch nicht mit allem und jedem umspringen, auch mit dem
-Heiligsten.
-
-Er merkte meinen Widerstand, wie immer, sofort, noch ehe ich irgend etwas
-sagte.
-
-»Ich weiß schon,« sagte er resigniert, »es ist die alte Geschichte. Nur
-nicht Ernst machen! Aber ich will dir etwas sagen --: hier ist einer von
-den Punkten, wo man den Mangel in dieser Religion sehr deutlich sehen kann.
-Es handelt sich darum, daß dieser ganze Gott, alten und neuen Bundes, zwar
-eine ausgezeichnete Figur ist, aber nicht das, was er doch eigentlich
-vorstellen soll. Er ist das Gute, das Edle, das Väterliche, das Schöne und
-auch Hohe, das Sentimentale -- ganz recht! Aber die Welt besteht auch aus
-anderem. Und das wird nun alles einfach dem Teufel zugeschrieben, und
-dieser ganze Teil der Welt, diese ganze Hälfte wird unterschlagen und
-totgeschwiegen. Gerade wie sie Gott als Vater alles Lebens rühmen, aber das
-ganze Geschlechtsleben, auf dem das Leben doch beruht, einfach totschweigen
-und womöglich für Teufelszeug und sündlich erklären! Ich habe nichts
-dagegen, daß man diesen Gott Jehova verehrt, nicht das mindeste. Aber ich
-meine, wir sollen _Alles_ verehren und heilig halten, die ganze Welt, nicht
-bloß diese künstlich abgetrennte, offizielle Hälfte! Also müssen wir dann
-neben dem Gottesdienst auch einen Teufelsdienst haben. Das fände ich
-richtig. Oder aber, man müßte sich einen Gott schaffen, der auch den Teufel
-in sich einschließt, und vor dem man nicht die Augen zudrücken muß, wenn
-die natürlichsten Dinge von der Welt geschehen.«
-
-Er war, gegen seine Art, beinahe heftig geworden, gleich darauf lächelte er
-jedoch wieder und drang nicht weiter in mich.
-
-In mir aber trafen diese Worte das Rätsel meiner ganzen Knabenjahre, das
-ich jede Stunde in mir trug und von dem ich nie jemandem ein Wort gesagt
-hatte. Was Demian da über Gott und Teufel, über die göttlich-offizielle und
-die totgeschwiegene teuflische Welt gesagt hatte, das war ja genau mein
-eigener Gedanke, mein eigener Mythus, der Gedanke von den beiden Welten
-oder Welthälften -- der lichten und der dunkeln. Die Einsicht, daß mein
-Problem ein Problem aller Menschen, ein Problem alles Lebens und Denkens
-sei, überflog mich plötzlich wie ein heiliger Schatten, und Angst und
-Ehrfurcht überkam mich, als ich sah und plötzlich fühlte, wie tief mein
-eigenstes, persönliches Leben und Meinen am ewigen Strom der großen Ideen
-teilhatte. Die Einsicht war nicht freudig, obwohl irgendwie bestätigend und
-beglückend. Sie war hart und schmeckte rauh, weil ein Klang von
-Verantwortlichkeit in ihr lag, von Nichtmehrkindseindürfen, von
-Alleinstehen.
-
-Ich erzählte, zum erstenmal in meinem Leben ein so tiefes Geheimnis
-enthüllend, meinem Kameraden von meiner seit frühesten Kindertagen
-bestehenden Auffassung von den »zwei Welten«, und er sah sofort, daß damit
-mein tiefstes Fühlen ihm zustimmte und recht gab. Doch war es nicht seine
-Art, so etwas auszunützen. Er hörte mit tieferer Aufmerksamkeit zu, als er
-sie mir je geschenkt hatte, und sah mir in die Augen, bis ich die meinen
-abwenden mußte. Denn ich sah in seinem Blick wieder diese seltsame,
-tierhafte Zeitlosigkeit, dies unausdenkliche Alter.
-
-»Wir reden ein andermal mehr davon,« sagte er schonend. »Ich sehe, du
-denkst mehr, als du einem sagen kannst. Wenn das nun so ist, dann weißt du
-aber auch, daß du nie ganz das gelebt hast, was du dachtest, und das ist
-nicht gut. Nur das Denken, das wir leben, hat einen Wert. Du hast gewußt,
-daß deine >erlaubte Welt< bloß die Hälfte der Welt war, und du hast
-versucht, die zweite Hälfte dir zu unterschlagen, wie es die Pfarrer und
-Lehrer tun. Es wird dir nicht glücken! Es glückt keinem, wenn er einmal das
-Denken angefangen hat.«
-
-Es traf mich tief.
-
-»Aber,« schrie ich fast, »es gibt doch nun einmal tatsächlich und wirklich
-verbotene und häßliche Dinge, das kannst du doch nicht leugnen! Und die
-sind nun einmal verboten, und wir müssen auf sie verzichten. Ich weiß ja,
-daß es Mord und alle möglichen Laster gibt, aber soll ich denn, bloß weil
-es das gibt, hingehen und ein Verbrecher werden?«
-
-»Wir werden heute nicht damit fertig,« begütigte Max. »Du sollst gewiß
-nicht totschlagen oder Mädchen lustmorden, nein. Aber du bist noch nicht
-dort, wo man einsehen kann, was >erlaubt< und >verboten< eigentlich heißt.
-Du hast erst ein Stück von der Wahrheit gespürt. Das andere kommt noch,
-verlaß dich drauf! Du hast jetzt zum Beispiel, seit einem Jahr etwa, einen
-Trieb in dir, der ist stärker als alle andern, und er gilt für >verboten<.
-Die Griechen und viele andere Völker haben im Gegenteil diesen Trieb zu
-einer Gottheit gemacht und ihn in großen Festen verehrt. >Verboten< ist
-also nichts Ewiges, es kann wechseln. Auch heute darf ja jeder bei einer
-Frau schlafen, sobald er mit ihr beim Pfarrer gewesen ist und sie
-geheiratet hat. Bei andern Völkern ist das anders, auch heute noch. Darum
-muß jeder von uns für sich selber finden, was erlaubt und was verboten --
-ihm verboten ist. Man kann niemals etwas Verbotnes tun und kann ein großer
-Schuft dabei sein. Und ebenso umgekehrt. -- Eigentlich ist es bloß eine
-Frage der Bequemlichkeit! Wer zu bequem ist, um selber zu denken und selber
-sein Richter zu sein, der fügt sich eben in die Verbote, wie sie nun einmal
-sind. Er hat es leicht. Andere spüren selber Gebote in sich, ihnen sind
-Dinge verboten, die jeder Ehrenmann täglich tut, und es sind ihnen andere
-Dinge erlaubt, die sonst verpönt sind. Jeder muß für sich selber stehen.«
-
-Er schien plötzlich zu bereuen, so viel gesagt zu haben, und brach ab.
-Schon damals konnte ich mit dem Gefühl einigermaßen begreifen, was er dabei
-empfand. So angenehm und scheinbar obenhin er nämlich seine Einfälle
-vorzubringen pflegte, so konnte er doch ein Gespräch »nur um des Redens
-willen«, wie er einmal sagte, in den Tod nicht leiden. Bei mir aber spürte
-er, neben dem echten Interesse, zu viel Spiel, zu viel Freude am gescheiten
-Schwatzen, oder so etwas, kurz, einen Mangel an vollkommenem Ernst.
-
- * * * * *
-
-Wie ich das letzte Wort wieder lese, das ich geschrieben -- »vollkommener
-Ernst« -- fällt eine andere Szene mir plötzlich wieder ein, die
-eindringlichste, die ich mit Max Demian in jenen noch halbkindlichen Zeiten
-erlebt habe.
-
-Unsere Konfirmation kam heran, und die letzten Stunden des geistlichen
-Unterrichts handelten vom Abendmahl. Es war dem Pfarrer wichtig damit, und
-er gab sich Mühe, etwas von Weihe und Stimmung war in diesen Stunden wohl
-zu verspüren. Allein gerade in diesen paar letzten Unterweisungsstunden
-waren meine Gedanken an anderes gebunden, und zwar an die Person meines
-Freundes. Indem ich der Konfirmation entgegensah, die uns als die
-feierliche Aufnahme in die Gemeinschaft der Kirche erklärt wurde, drängte
-sich mir unabweislich der Gedanke auf, daß für mich der Wert dieser etwa
-halbjährigen Religionsunterweisung nicht in dem liege, was wir hier gelernt
-hatten, sondern in der Nähe und dem Einfluß Demians. Nicht in die Kirche
-war ich nun bereit aufgenommen zu werden, sondern in etwas ganz anderes, in
-einen Orden des Gedankens und der Persönlichkeit, der irgendwie auf Erden
-existieren mußte und als dessen Vertreter oder Boten ich meinen Freund
-empfand.
-
-Ich suchte diesen Gedanken zurückzudrängen, es war mir Ernst damit, die
-Feier der Konfirmation, trotz allem, mit einer gewissen Würde zu erleben,
-und diese schien sich mit meinem neuen Gedanken wenig zu vertragen. Doch
-ich mochte tun, was ich wollte, der Gedanke war da, und er verband sich mir
-allmählich mit dem an die nahe kirchliche Feier, ich war bereit, sie anders
-zu begehen als die andern, sie sollte für mich die Aufnahme in eine
-Gedankenwelt bedeuten, wie ich sie in Demian kennengelernt hatte.
-
-In jenen Tagen war es, daß ich wieder einmal lebhaft mit ihm disputierte;
-es war gerade vor einer Unterweisungsstunde. Mein Freund war zugeknöpft und
-hatte keine Freude an meinen Reden, die wohl ziemlich altklug und
-wichtigtuerisch waren.
-
-»Wir reden zu viel,« sagte er mit ungewohntem Ernst. »Das kluge Reden hat
-gar keinen Wert, gar keinen. Man kommt nur von sich selber weg. Von sich
-selber Wegkommen ist Sünde. Man muß sich in sich selber völlig verkriechen
-können wie eine Schildkröte.«
-
-Gleich darauf betraten wir den Schulsaal. Die Stunde begann, ich gab mir
-Mühe, aufzumerken, und Demian störte mich darin nicht. Nach einer Weile
-begann ich von der Seite her, wo er neben mir saß, etwas Eigentümliches zu
-spüren, eine Leere oder Kühle oder etwas dergleichen, so, als sei der Platz
-unversehens leer geworden. Als das Gefühl beengend zu werden anfing, drehte
-ich mich um.
-
-Da sah ich meinen Freund sitzen, aufrecht und in guter Haltung wie sonst.
-Aber er sah dennoch ganz anders aus als sonst, und etwas ging von ihm aus,
-etwas umgab ihn, was ich nicht kannte. Ich glaubte, er habe die Augen
-geschlossen, sah aber, daß er sie offen hielt. Sie blickten aber nicht, sie
-waren nicht sehend, sie waren starr und nach Innen oder in eine große Ferne
-gewendet. Vollkommen regungslos saß er da, auch zu atmen schien er nicht,
-sein Mund war wie aus Holz oder Stein geschnitten. Sein Gesicht war blaß,
-gleichmäßig bleich, wie Stein, und die braunen Haare waren das Lebendigste
-an ihm. Seine Hände lagen vor ihm auf der Bank, leblos und still wie
-Gegenstände, wie Steine oder Früchte, bleich und regungslos, doch nicht
-schlaff, sondern wie feste, gute Hüllen um ein verborgnes starkes Leben.
-
-Der Anblick machte mich zittern. Er ist tot! dachte ich, beinahe sagte ich
-es laut. Aber ich wußte, daß er nicht tot sei. Ich hing mit gebanntem Blick
-an seinem Gesicht, an dieser blassen, steinernen Maske, und ich fühlte: das
-war Demian! Wie er sonst war, wenn er mit mir ging und sprach, das war nur
-ein halber Demian, einer der zeitweilig eine Rolle spielte, sich
-anbequemte, aus Gefälligkeit mittat. Der wirkliche Demian aber sah so aus,
-so wie dieser, so steinern, uralt, tierhaft, steinhaft, schön und kalt, tot
-und heimlich voll von unerhörtem Leben. Und um ihn her diese stille Leere,
-dieser Äther und Sternenraum, dieser einsame Tod!
-
-»Jetzt ist der ganz in sich hineingegangen,« fühlte ich unter Schauern. Nie
-war ich so vereinsamt gewesen. Ich hatte nicht teil an ihm, er war mir
-unerreichbar, er war mir ferner, als wenn er auf der fernsten Insel der
-Welt gewesen wäre.
-
-Ich begriff kaum, daß niemand außer mir es sehe! Alle mußten hersehen, alle
-mußten aufschauern! Aber niemand gab acht auf ihn. Er saß bildhaft und, wie
-ich denken mußte, sonderbar götzenhaft steif, eine Fliege setzte sich auf
-seine Stirn, lief langsam über Nase und Lippen hinweg -- er zuckte mit
-keiner Falte.
-
-Wo, wo war er jetzt? Was dachte er, was fühlte er? War er in einem Himmel,
-in einer Hölle?
-
-Es war mir nicht möglich, ihn darüber zu fragen. Als ich ihn, am Ende der
-Stunde, wieder leben und atmen sah, als sein Blick meinem begegnete, war er
-wie früher. Wo kam er her? Wo war er gewesen? Er schien müde. Sein Gesicht
-hatte wieder Farbe, seine Hände bewegten sich wieder, das braune Haar aber
-war jetzt glanzlos und wie ermüdet.
-
-In den folgenden Tagen gab ich mich in meinem Schlafzimmer mehrmals einer
-neuen Übung hin: ich setzte mich steil auf einen Stuhl, machte die Augen
-starr, hielt mich vollkommen regungslos, und wartete, wie lange ich es
-aushalten und was ich dabei empfinden werde. Ich wurde jedoch bloß müde und
-bekam ein heftiges Jucken in den Augenlidern.
-
-Bald nachher war die Konfirmation, an welche mir keine wichtigen
-Erinnerungen geblieben sind.
-
-Es wurde nun alles anders. Die Kindheit fiel um mich her in Trümmer. Die
-Eltern sahen mich mit einer gewissen Verlegenheit an. Die Schwestern waren
-mir ganz fremd geworden. Eine Ernüchterung verfälschte und verblaßte mir
-die gewohnten Gefühle und Freuden, der Garten war ohne Duft, der Wald
-lockte nicht, die Welt stand um mich her wie ein Ausverkauf alter Sachen,
-fad und reizlos, die Bücher waren Papier, die Musik war ein Geräusch. So
-fällt um einen herbstlichen Baum her das Laub, er fühlt es nicht, Regen
-rinnt an ihm herab, oder Sonne, oder Frost, und in ihm zieht das Leben sich
-langsam ins Engste und Innerste zurück. Er stirbt nicht. Er wartet.
-
-Es war beschlossen worden, daß ich nach den Ferien in eine andere Schule
-und zum ersten Male von Hause fortkommen sollte. Zuweilen näherte sich mir
-die Mutter mit besonderer Zärtlichkeit, im voraus Abschied nehmend, bemüht,
-mir Liebe, Heimweh und Unvergeßlichkeit ins Herz zu zaubern. Demian war
-verreist. Ich war allein.
-
-
-
-
-Viertes Kapitel
-Beatrice
-
-
-Ohne meinen Freund wiedergesehen zu haben, fuhr ich am Ende der Ferien nach
-St. Meine Eltern kamen beide mit, und übergaben mich mit jeder möglichen
-Sorgfalt dem Schutz einer Knabenpension bei einem Lehrer des Gymnasiums.
-Sie wären vor Entsetzen erstarrt, wenn sie gewußt hätten, in was für Dinge
-sie mich nun hineinwandern ließen.
-
-Die Frage war noch immer, ob mit der Zeit aus mir ein guter Sohn und
-brauchbarer Bürger werden könne, oder ob meine Natur auf andere Wege
-hindränge. Mein letzter Versuch, im Schatten des väterlichen Hauses und
-Geistes glücklich zu sein, hatte lang gedauert, war zeitweise nahezu
-geglückt, und schließlich doch völlig gescheitert.
-
-Die merkwürdige Leere und Vereinsamung, die ich während der Ferien nach
-meiner Konfirmation zum erstenmal zu fühlen bekam (wie lernte ich sie
-später noch kennen, diese Leere, diese dünne Luft!), ging nicht so rasch
-vorüber. Der Abschied von der Heimat gelang sonderbar leicht, ich schämte
-mich eigentlich, daß ich nicht wehmütiger war, die Schwestern weinten
-grundlos, ich konnte es nicht. Ich war über mich selbst erstaunt. Immer war
-ich ein gefühlvolles Kind gewesen, und im Grunde ein ziemlich gutes Kind.
-Jetzt war ich ganz verwandelt. Ich verhielt mich völlig gleichgültig gegen
-die äußere Welt, und war tagelang nur damit beschäftigt, in mich
-hineinzuhorchen und die Ströme zu hören, die verbotenen und dunklen Ströme,
-die da in mir unterirdisch rauschten. Ich war sehr rasch gewachsen, erst im
-letzten halben Jahre, und sah aufgeschossen, mager und unfertig in die
-Welt. Die Liebenswürdigkeit des Knaben war ganz von mir geschwunden, ich
-fühlte selbst, daß man mich so nicht lieben könne, und liebte mich selber
-auch keineswegs. Nach Max Demian hatte ich oft große Sehnsucht; aber nicht
-selten haßte ich auch ihn und gab ihm schuld an der Verarmung meines
-Lebens, die ich wie eine häßliche Krankheit auf mich nahm.
-
-In unsrem Schülerpensionat wurde ich anfangs weder geliebt noch geachtet,
-man hänselte mich erst, zog sich dann von mir zurück, und sah einen
-Duckmäuser und unangenehmen Sonderling in mir. Ich gefiel mir in der Rolle,
-übertrieb sie noch, und grollte mich in eine Einsamkeit hinein, die nach
-außen beständig wie männlichste Weltverachtung aussah, während ich heimlich
-oft verzehrenden Anfällen von Wehmut und Verzweiflung unterlag. In der
-Schule hatte ich an aufgehäuften Kenntnissen von Zuhause zu zehren, die
-Klasse war etwas gegen meine frühere zurück, und ich gewöhnte mir an, meine
-Altersgenossen etwas verächtlich als Kinder anzusehen.
-
-Ein Jahr und länger lief das so dahin, auch die ersten Ferienbesuche zu
-Hause brachten keine neuen Klänge; ich fuhr gerne wieder weg.
-
-Es war zu Beginn des November. Ich hatte mir angewöhnt, bei jedem Wetter
-kleine, denkerische Spaziergänge zu machen, auf denen ich oft eine Art von
-Wonne genoß, eine Wonne voll Melancholie, Weltverachtung und
-Selbstverachtung. So schlenderte ich eines Abends in der feuchten, nebligen
-Dämmerung durch die Umgebung der Stadt, die breite Allee eines öffentlichen
-Parkes stand völlig verlassen und lud mich ein, der Weg lag dick voll
-gefallener Blätter, in denen ich mit dunkler Wollust mit den Füßen wühlte,
-es roch feucht und bitter, die fernen Bäume traten gespenstisch groß und
-schattenhaft aus den Nebeln.
-
-Am Ende der Allee blieb ich unschlüssig stehen, starrte in das schwarze
-Laub und atmete mit Gier den nassen Duft von Verwitterung und Absterben,
-den etwas in mir erwiderte und begrüßte. O wie fad das Leben schmeckte!
-
-Aus einem Nebenwege kam im wehenden Kragenmantel ein Mensch daher, ich
-wollte weitergehen, da rief er mich an.
-
-»Halloh, Sinclair!«
-
-Er kam heran, es war Alfons Beck, der Älteste unserer Pension. Ich sah ihn
-immer gern und hatte nichts gegen ihn, als daß er mit mir wie mit allen
-Jüngeren immer ironisch und onkelhaft war. Er galt für bärenstark, sollte
-den Herrn unsrer Pension unter dem Pantoffel haben und war der Held vieler
-Gymnasiastengerüchte.
-
-»Was machst denn du hier?« rief er leutselig mit dem Ton, den die Größeren
-hatten, wenn sie gelegentlich sich zu einem von uns herabließen. »Na,
-wollen wir wetten, du machst Gedichte?«
-
-»Fällt mir nicht ein,« lehnte ich barsch ab.
-
-Er lachte auf, ging neben mir und plauderte, wie ich es gar nicht mehr
-gewohnt war.
-
-»Du brauchst nicht Angst zu haben, Sinclair, daß ich das etwa nicht
-verstehe. Es hat ja etwas, wenn man so am Abend im Nebel geht, so mit
-Herbstgedanken, man macht dann gern Gedichte, ich weiß schon. Von der
-sterbenden Natur, natürlich, und von der verlorenen Jugend, die ihr
-gleicht. Siehe Heinrich Heine.«
-
-»Ich bin nicht so sentimental,« wehrte ich mich.
-
-»Na, laß gut sein! Aber bei diesem Wetter, scheint mir, tut der Mensch gut,
-einen stillen Ort zu suchen, wo es ein Glas Wein oder dergleichen gibt.
-Kommst du ein bißchen mit? Ich bin grade ganz allein. -- Oder magst du
-nicht? Deinen Verführer möchte ich nicht machen, Lieber, falls du ein
-Musterknabe sein solltest.«
-
-Bald darauf saßen wir in einer kleinen Vorstadtkneipe, tranken einen
-zweifelhaften Wein und stießen mit den dicken Gläsern an. Es gefiel mir
-zuerst wenig, immerhin war es etwas Neues. Bald aber wurde ich, des Weines
-ungewohnt, sehr gesprächig. Es war, als sei ein Fenster in mir aufgestoßen,
-die Welt schien herein -- wie lang, wie furchtbar lang hatte ich mir nichts
-von der Seele geredet! Ich kam ins Phantasieren, und mitten drinne gab ich
-die Geschichte von Kain und Abel zum besten!
-
-Beck hörte mir mit Vergnügen zu -- endlich jemand, dem ich etwas gab! Er
-klopfte mir auf die Schulter, er nannte mich einen Teufelskerl und ein
-geniales Luder, und mir schwoll das Herz hoch auf vor Wonne, angestaute
-Bedürfnisse der Rede und Mitteilung schwelgerisch hinströmen zu lassen,
-anerkannt zu sein und bei einem Älteren etwas zu gelten. Als er mich ein
-geniales Luder nannte, lief mir das Wort wie ein süßer, starker Wein in die
-Seele. Die Welt brannte in neuen Farben, Gedanken flossen mir aus hundert
-kecken Quellen zu, Geist und Feuer lohte in mir. Wir sprachen über Lehrer
-und Kameraden, und mir schien, wir verstünden einander herrlich. Wir
-sprachen von den Griechen und vom Heidentum, und Beck wollte mich durchaus
-zu Geständnissen über Liebesabenteuer bringen. Da konnte ich nun nicht
-mitreden. Erlebt hatte ich nichts, nichts zum Erzählen. Und was ich in mir
-gefühlt, konstruiert, phantasiert hatte, das saß zwar brennend in mir, war
-aber auch durch den Wein nicht gelöst und mitteilbar geworden. Von den
-Mädchen wußte Beck viel mehr, und ich hörte diesen Märchen glühend zu.
-Unglaubliches erfuhr ich da, nie für möglich Gehaltenes trat in die platte
-Wirklichkeit, schien selbstverständlich. Alfons Beck hatte mit seinen
-vielleicht achtzehn Jahren schon Erfahrungen gesammelt. Unter anderen die,
-daß es mit den Mädchen so eine Sache sei, sie wollten nichts als schöntun
-und Galanterien haben, und das war ja ganz hübsch, aber doch nicht das
-Wahre. Da sei mehr Erfolg bei Frauen zu hoffen. Frauen seien viel
-gescheiter. Zum Beispiel die Frau Jaggelt, die den Laden mit den
-Schulheften und Bleistiften hatte, mit der ließ sich reden, und was hinter
-ihrem Ladentisch schon alles geschehen sei, das gehe in kein Buch.
-
-Ich saß tief bezaubert und benommen. Allerdings, ich hätte die Frau Jaggelt
-nicht gerade lieben können -- aber immerhin, es war unerhört. Es schienen
-da Quellen zu fließen, wenigstens für die Älteren, von denen ich nie
-geträumt hatte. Ein falscher Klang war ja dabei, und es schmeckte alles
-geringer und alltäglicher als nach meiner Meinung die Liebe schmecken
-durfte, -- aber immerhin, es war Wirklichkeit, es war Leben und Abenteuer,
-es saß einer neben mir, der es erlebt hatte, dem es selbstverständlich
-schien.
-
-Unsere Gespräche waren ein wenig herabgestiegen, hatten etwas verloren. Ich
-war auch nicht mehr der geniale kleine Kerl, ich war jetzt bloß noch ein
-Knabe, der einem Manne zuhörte. Aber auch so noch -- gegen das, was seit
-Monaten und Monaten mein Leben gewesen war, war dies köstlich, war dies
-paradiesisch. Außerdem war es, wie ich erst allmählich zu fühlen begann,
-verboten, sehr verboten, vom Wirtshaussitzen bis zu dem, was wir sprachen.
-Ich jedenfalls schmeckte Geist, schmeckte Revolution darin.
-
-Ich erinnere mich jener Nacht mit größter Deutlichkeit. Als wir beide, spät
-an trüb brennenden Gaslaternen vorbei, in der kühlen nassen Nacht unsern
-Heimweg nahmen, war ich zum erstenmal betrunken. Es war nicht schön, es war
-äußerst qualvoll, und doch hatte auch das noch etwas, einen Reiz, eine
-Süßigkeit, war Aufstand und Orgie, war Leben und Geist. Beck nahm sich
-meiner tapfer an, obwohl er bitter über mich als blutigen Anfänger schalt,
-und er brachte mich, halb getragen, nach Hause, wo es ihm gelang, mich und
-sich durch ein offenstehendes Flurfenster einzuschmuggeln.
-
-Mit der Ernüchterung aber, zu der ich nach ganz kurzem toten Schlaf mit
-Schmerzen erwachte, kam ein unsinniges Weh über mich. Ich saß im Bette auf,
-hatte das Taghemd noch an, meine Kleider und Schuhe lagen am Boden umher
-und rochen nach Tabak und Erbrochenem, und zwischen Kopfweh, Übelkeit und
-rasendem Durstgefühl kam mir ein Bild vor die Seele, dem ich lange nicht
-mehr ins Auge gesehen hatte. Ich sah Heimat und Elternhaus, Vater und
-Mutter, Schwestern und Garten, ich sah mein stilles heimatliches
-Schlafzimmer, sah die Schule und den Marktplatz, sah Demian und die
-Konfirmationsstunden -- und alles dies war licht, alles war von Glanz
-umflossen, alles war wunderbar, göttlich und rein, und alles, alles das
-hatte -- so wußte ich jetzt -- noch gestern, noch vor Stunden, mir gehört,
-auf mich gewartet, und war jetzt, erst jetzt in dieser Stunde, versunken
-und verflucht, gehörte mir nicht mehr, stieß mich aus, sah mit Ekel auf
-mich! Alles Liebe und Innige, was ich je bis in fernste goldenste
-Kindheitsgärten zurück von meinen Eltern erfahren hatte, jeder Kuß der
-Mutter, jede Weihnacht, jeder fromme helle Sonntagmorgen daheim, jede Blume
-im Garten -- alles war verwüstet, alles hatte ich mit Füßen getreten! Wenn
-jetzt Häscher gekommen wären und hätten mich gebunden und als Auswurf und
-Tempelschänder zum Galgen geführt, ich wäre einverstanden gewesen, wäre
-gern gegangen, hätte es richtig und gut gefunden.
-
-Also so sah ich innerlich aus! Ich, der herumging und die Welt verachtete!
-Ich, der stolz im Geist war und Gedanken Demians mitdachte! So sah ich aus,
-ein Auswurf und Schweinigel, betrunken und beschmutzt, ekelhaft und gemein,
-eine wüste Bestie, von scheußlichen Trieben überrumpelt! So sah ich aus,
-ich, der aus jenen Gärten kam, wo alles Reinheit, Glanz und holde Zartheit
-war, ich, der ich Musik von Bach und schöne Gedichte geliebt hatte! Ich
-hörte noch mit Ekel und Empörung mein eigenes Lachen, ein betrunkenes,
-unbeherrschtes, stoßweis und albern herausbrechendes Lachen. Das war Ich!
-
-Trotz allem aber war es beinahe ein Genuß, diese Qualen zu leiden. So lange
-war ich blind und stumpf dahingekrochen, so lange hatte mein Herz
-geschwiegen und verarmt im Winkel gesessen, daß auch diese Selbstanklagen,
-dieses Grauen, dies ganze scheußliche Gefühl der Seele willkommen war. Es
-war doch Gefühl, es stiegen doch Flammen, es zuckte doch Herz darin!
-Verwirrt empfand ich mitten im Elend etwas wie Befreiung und Frühling.
-
-Indessen ging es, von außen gesehen, tüchtig bergab mit mir. Der erste
-Rausch war bald nicht mehr der erste. Es wurde an unsrer Schule viel
-gekneipt und Allotria getrieben, ich war einer der Allerjüngsten unter
-denen, die mittaten, und bald war ich kein Geduldeter und Kleiner mehr,
-sondern ein Anführer und Stern, ein berühmter wagehalsiger Kneipenbesucher.
-Ich gehörte wieder einmal ganz der dunkeln Welt, dem Teufel an, und ich
-galt in dieser Welt als ein famoser Kerl.
-
-Dabei war mir jammervoll zumute. Ich lebte in einem selbstzerstörerischen
-Orgiasmus dahin, und während ich bei den Kameraden für einen Führer und
-Teufelskerl, für einen verflucht schneidigen und witzigen Burschen galt,
-hatte ich tief in mir eine angstvolle Seele voller Bangnis flattern. Ich
-weiß noch, daß mir einmal die Tränen kamen, als ich beim Verlassen einer
-Kneipe am Sonntagvormittag auf der Straße Kinder spielen sah, hell und
-vergnügt mit frischgekämmtem Haar und in Sonntagskleidern. Und während ich,
-zwischen Bierlachen an schmutzigen Tischen geringer Wirtshäuser, meine
-Freunde durch unerhörte Zynismen belustigte und oft erschreckte, hatte ich
-im verborgenen Herzen Ehrfurcht vor allem, was ich verhöhnte, und lag
-innerlich weinend auf den Knien vor meiner Seele, vor meiner Vergangenheit,
-vor meiner Mutter, vor Gott.
-
-Daß ich niemals eins wurde mit meinen Begleitern, daß ich unter ihnen
-einsam blieb und darum so leiden konnte, das hatte einen guten Grund. Ich
-war ein Kneipenheld und Spötter nach dem Herzen der Rohesten, ich zeigte
-Geist und zeigte Mut in meinen Gedanken und Reden über Lehrer, Schule,
-Eltern, Kirche -- ich hielt auch Zoten stand und wagte etwa selber eine --
-aber ich war niemals dabei, wenn meine Kumpane zu Mädchen gingen, ich war
-allein und war voll glühender Sehnsucht nach Liebe, hoffnungsloser
-Sehnsucht, während ich nach meinen Reden ein abgebrühter Genießer hätte
-sein müssen. Niemand war verletzlicher, niemand schamhafter als ich. Und
-wenn ich je und je die jungen Bürgermädchen vor mir gehen sah, hübsch und
-sauber, licht und anmutig, waren sie mir wunderbare, reine Träume,
-tausendmal zu gut und rein für mich. Eine Zeitlang konnte ich auch nicht
-mehr in den Papierladen der Frau Jaggelt gehen, weil ich rot wurde, wenn
-ich sie ansah und an das dachte, was Alfons Beck mir von ihr erzählt hatte.
-
-Je mehr ich nun auch in meiner neuen Gesellschaft mich fortwährend einsam
-und anders wußte, desto weniger kam ich von ihr los. Ich weiß wirklich
-nicht mehr, ob das Saufen und Renommieren mir eigentlich jemals Vergnügen
-machte, auch gewöhnte ich mich an das Trinken niemals so, daß ich nicht
-jedesmal peinliche Folgen gespürt hätte. Es war alles wie ein Zwang. Ich
-tat, was ich mußte, weil ich sonst durchaus nicht wußte, was mit mir
-beginnen. Ich hatte Furcht vor langem Alleinsein, hatte Angst vor den
-vielen zarten, schamhaften, innigen Anwandlungen, zu denen ich mich stets
-geneigt fühlte, hatte Angst vor den zarten Liebesgedanken, die mir so oft
-kamen.
-
-Eines fehlte mir am meisten -- ein Freund. Es gab zwei oder drei
-Mitschüler, die ich sehr gerne sah. Aber sie gehörten zu den Braven, und
-meine Laster waren längst niemandem mehr ein Geheimnis. Sie mieden mich.
-Ich galt bei allen für einen hoffnungslosen Spieler, dem der Boden unter
-den Füßen wankte. Die Lehrer wußten viel von mir, ich war mehrmals streng
-bestraft worden, meine schließliche Entlassung aus der Schule war etwas,
-worauf man wartete. Ich selbst wußte das, ich war auch schon lange kein
-guter Schüler mehr, sondern drückte und schwindelte mich mühsam durch, mit
-dem Gefühl, daß das nicht mehr lange dauern könne.
-
-Es gibt viele Wege, auf denen der Gott uns einsam machen und zu uns selber
-führen kann. Diesen Weg ging er damals mit mir. Es war wie ein arger Traum.
-Über Schmutz und Klebrigkeit, über zerbrochene Biergläser und zynisch
-durchschwatzte Nächte weg sehe ich mich, einen gebannten Träumer, ruhelos
-und gepeinigt kriechen, einen häßlichen und unsaubern Weg. Es gibt solche
-Träume, in denen man, auf dem Weg zur Prinzessin, in Kotlachen, in
-Hintergassen voll Gestank und Unrat steckenbleibt. So ging es mir. Auf
-diese wenig feine Art war es mir beschieden, einsam zu werden und zwischen
-mich und die Kindheit ein verschlossenes Edentor mit erbarmungslos
-strahlenden Wächtern zu bringen. Es war ein Beginn, ein Erwachen des
-Heimwehs nach mir selber.
-
-Ich erschrak noch und hatte Zuckungen, als zum erstenmal, durch Briefe
-meines Pensionsherrn alarmiert, mein Vater in St. erschien und mir
-unerwartet gegenübertrat. Als er, gegen Ende jenes Winters, zum zweitenmal
-kam, war ich schon hart und gleichgültig, ließ ihn schelten, ließ ihn
-bitten, ließ ihn an die Mutter erinnern. Er war zuletzt sehr aufgebracht
-und sagte, wenn ich nicht anders werde, lasse er mich mit Schimpf und
-Schande von der Schule jagen und stecke mich in eine Besserungsanstalt.
-Mochte er! Als er damals abreiste, tat er mir leid, aber er hatte nichts
-erreicht, er hatte keinen Weg mehr zu mir gefunden, und für Augenblicke
-fühlte ich, es geschehe ihm recht. --
-
-Was aus mir würde, war mir einerlei. Auf meine sonderbare und wenig hübsche
-Art, mit meinem Wirtshaussitzen und Auftrumpfen lag ich im Streit mit der
-Welt, dies war meine Form, zu protestieren. Ich machte mich dabei kaputt,
-und zuweilen sah für mich die Sache etwa so aus: Wenn die Welt Leute wie
-mich nicht brauchen konnte, wenn sie für sie keinen besseren Platz, keine
-höhern Aufgaben hatte, nun so gingen Leute wie ich eben kaputt. Mochte die
-Welt den Schaden haben.
-
-Die Weihnachtsferien jenes Jahres waren recht unerfreulich. Meine Mutter
-erschrak, als sie mich wiedersah. Ich war noch mehr gewachsen, und mein
-hageres Gesicht sah grau und verwüstet aus, mit schlaffen Zügen und
-entzündeten Augenrändern. Der erste Anflug des Schnurrbartes und die
-Brille, die ich seit kurzem trug, machten mich ihr noch fremder. Die
-Schwestern wichen zurück und kicherten. Es war alles unerquicklich.
-Unerquicklich und bitter das Gespräch mit dem Vater in dessen
-Studierzimmer, unerquicklich das Begrüßen der paar Verwandten,
-unerquicklich vor allem der Weihnachtsabend. Das war, seit ich lebte, in
-unsrem Hause der große Tag gewesen, der Abend der Festlichkeit und Liebe,
-der Dankbarkeit, der Erneuerung des Bundes zwischen den Eltern und mir.
-Diesmal war alles nur bedrückend und verlegenmachend. Wie sonst las mein
-Vater das Evangelium von den Hirten auf dem Felde, »die hüteten allda ihre
-Herde,« wie sonst standen die Schwestern strahlend vor ihrem Gabentisch,
-aber die Stimme des Vaters klang unfroh, und sein Gesicht sah alt und
-beengt aus, und die Mutter war traurig, und mir war alles gleich peinlich
-und unerwünscht, Gaben und Glückwünsche, Evangelium und Lichterbaum. Die
-Lebkuchen rochen süß und strömten dichte Wolken süßerer Erinnerungen aus.
-Der Tannenbaum duftete und erzählte von Dingen, die nicht mehr waren. Ich
-sehnte das Ende des Abends und der Feiertage herbei.
-
-Es ging den ganzen Winter so weiter. Erst vor kurzem war ich eindringlich
-vom Lehrersenat verwarnt und mit dem Ausschluß bedroht worden. Es würde
-nicht lang mehr dauern. Nun, meinetwegen.
-
-Einen besonderen Groll hatte ich gegen Max Demian. Den hatte ich nun die
-ganze Zeit nicht mehr gesehen. Ich hatte ihm, am Beginn meiner Schülerzeit
-in St., zweimal geschrieben, aber keine Antwort bekommen; darum hatte ich
-ihn auch in den Ferien nicht besucht.
-
- * * * * *
-
-In demselben Park, wo ich im Herbst mit Alfons Beck zusammengetroffen war,
-geschah es im beginnenden Frühling, als eben die Dornhecken grün zu werden
-anfingen, daß ein Mädchen mir auffiel. Ich war allein spazierengegangen,
-voll von widerlichen Gedanken und Sorgen, denn meine Gesundheit war
-schlecht geworden, und außerdem war ich beständig in Geldverlegenheiten,
-war Kameraden Beträge schuldig, mußte notwendige Ausgaben erfinden, um
-wieder etwas von Hause zu erhalten, und hatte in mehreren Läden Rechnungen
-für Zigarren und ähnliche Dinge anwachsen lassen. Nicht daß diese Sorgen
-sehr tief gegangen wären -- wenn nächstens einmal mein Hiersein sein Ende
-nahm und ich ins Wasser ging oder in die Besserungsanstalt gebracht wurde,
-dann kam es auf diese paar Kleinigkeiten auch nimmer an. Aber ich lebte
-doch immerzu Aug in Auge mit solchen unschönen Sachen, und litt darunter.
-
-An jenem Frühlingstag im Park begegnete mir eine junge Dame, die mich sehr
-anzog. Sie war groß und schlank, elegant gekleidet, und hatte ein kluges
-Knabengesicht. Sie gefiel mir sofort, sie gehörte dem Typ an, den ich
-liebte, und sie begann meine Phantasien zu beschäftigen. Sie war wohl kaum
-viel älter als ich, aber viel fertiger, elegant und wohl umrissen, schon
-fast ganz Dame, aber mit einem Anflug von Übermut und Jungenhaftigkeit im
-Gesicht, den ich überaus gern hatte.
-
-Es war mir nie geglückt, mich einem Mädchen zu nähern, in das ich verliebt
-war, und es glückte mir auch bei dieser nicht. Aber der Eindruck war tiefer
-als alle früheren, und der Einfluß dieser Verliebtheit auf mein Leben war
-gewaltig.
-
-Plötzlich hatte ich wieder ein Bild vor mir stehen, ein hohes und verehrtes
-Bild -- ach, und kein Bedürfnis, kein Drang war so tief und heftig in mir
-wie der Wunsch nach Ehrfurcht und Anbetung! Ich gab ihr den Namen Beatrice,
-denn von ihr wußte ich, ohne Dante gelesen zu haben, aus einem englischen
-Gemälde, dessen Reproduktion ich mir aufbewahrt hatte. Dort war es eine
-englisch-präraffaelitische Mädchenfigur, sehr langgliedrig und schlank mit
-schmalem langem Kopf und vergeistigten Händen und Zügen. Mein schönes
-junges Mädchen glich ihr nicht ganz, obwohl auch sie diese Schlankheit und
-Knabenhaftigkeit der Formen zeigte, die ich liebte, und etwas von der
-Vergeistigung oder Beseelung des Gesichts.
-
-Ich habe mit Beatrice nicht ein einziges Wort gesprochen. Dennoch hat sie
-damals den tiefsten Einfluß auf mich geübt. Sie stellte ihr Bild vor mir
-auf, sie öffnete mir ein Heiligtum, sie machte mich zum Beter in einem
-Tempel. Von einem Tag auf den andern blieb ich von den Kneipereien und
-nächtlichen Streifzügen weg. Ich konnte wieder allein sein, ich las wieder
-gern, ich ging wieder gern spazieren.
-
-Die plötzliche Bekehrung trug mir Spott genug ein. Aber ich hatte nun etwas
-zu lieben und anzubeten, ich hatte wieder ein Ideal, das Leben war wieder
-voll von Ahnung und bunt geheimnisvoller Dämmerung -- das machte mich
-unempfindlich. Ich war wieder bei mir selbst zu Hause, obwohl nur als
-Sklave und Dienender eines verehrten Bildes.
-
-An jene Zeit kann ich nicht ohne eine gewisse Rührung denken. Wieder
-versuchte ich mit innigstem Bemühen, aus Trümmern einer zusammengebrochenen
-Lebensperiode mir eine »lichte Welt« zu bauen, wieder lebte ich ganz in dem
-einzigen Verlangen, das Dunkle und Böse in mir abzutun und völlig im
-Lichten zu weilen, auf Knien vor Göttern. Immerhin war diese jetzige
-»lichte Welt« einigermaßen meine eigene Schöpfung; es war nicht mehr ein
-Zurückfliehen und Unterkriechen zur Mutter und verantwortungslosen
-Geborgenheit, es war ein neuer, von mir selbst erfundener und geforderter
-Dienst, mit Verantwortlichkeit und Selbstzucht. Die Geschlechtlichkeit,
-unter der ich litt und vor der ich immer und immer auf der Flucht war,
-sollte nun in diesem heiligen Feuer zu Geist und Andacht verklärt werden.
-Es durfte nichts Finsteres mehr, nichts Häßliches geben, keine
-durchstöhnten Nächte, kein Herzklopfen vor unzüchtigen Bildern, kein
-Lauschen an verbotenen Pforten, keine Lüsternheit. Statt alles dessen
-richtete ich meinen Altar ein, mit dem Bilde Beatricens, und indem ich mich
-ihr weihte, weihte ich mich dem Geist und den Göttern. Den Lebensanteil,
-den ich den finsteren Mächten entzog, brachte ich den lichten zum Opfer.
-Nicht Lust war mein Ziel, sondern Reinheit, nicht Glück, sondern Schönheit
-und Geistigkeit.
-
-Dieser Kult der Beatrice änderte mein Leben ganz und gar. Gestern noch ein
-frühreifer Zyniker, war ich jetzt ein Tempeldiener, mit dem Ziel, ein
-Heiliger zu werden. Ich tat nicht nur das üble Leben ab, an das ich mich
-gewöhnt hatte, ich suchte alles zu ändern, suchte Reinheit, Adel und Würde
-in alles zu bringen, dachte hieran in Essen und Trinken, Sprache und
-Kleidung. Ich begann den Morgen mit kalten Waschungen, zu denen ich mich
-anfangs schwer zwingen mußte. Ich benahm mich ernst und würdig, trug mich
-aufrecht und machte meinen Gang langsamer und würdiger. Für Zuschauer mag
-es komisch ausgesehen haben -- bei mir innen war es lauter Gottesdienst.
-
-Von all den neuen Übungen, in denen ich Ausdruck für meine neue Gesinnung
-suchte, wurde eine mir wichtig. Ich begann zu malen. Es fing damit an, daß
-das englische Beatricebild, das ich besaß, jenem Mädchen nicht ähnlich
-genug war. Ich wollte versuchen, sie für mich zu malen. Mit einer ganz
-neuen Freude und Hoffnung trug ich in meinem Zimmer -- ich hatte seit
-kurzem ein eigenes -- schönes Papier, Farben und Pinsel zusammen, machte
-Palette, Glas, Porzellanschalen, Bleistifte zurecht. Die feinen
-Temperafarben in kleinen Tuben, die ich gekauft hatte, entzückten mich. Es
-war ein feuriges Chromoxydgrün dabei, das ich noch zu sehen meine, wie es
-erstmals in der kleinen weißen Schale aufleuchtete.
-
-Ich begann mit Vorsicht. Ein Gesicht zu malen, war schwer, ich wollte es
-erst mit andrem probieren. Ich malte Ornamente, Blumen und kleine
-phantasierte Landschaften, einen Baum bei einer Kapelle, eine römische
-Brücke mit Zypressen. Manchmal verlor ich mich ganz in dies spielende Tun,
-war glücklich wie ein Kind mit einer Farbenschachtel. Schließlich aber
-begann ich, Beatrice zu malen.
-
-Einige Blätter mißglückten ganz und wurden weggetan. Je mehr ich mir das
-Gesicht des Mädchens vorzustellen suchte, das ich je und je auf der Straße
-antraf, desto weniger wollte es gehen. Schließlich tat ich darauf Verzicht
-und begann einfach ein Gesicht zu malen, der Phantasie und den Führungen
-folgend, die sich aus dem Begonnenen, aus Farbe und Pinsel von selber
-ergaben. Es war ein geträumtes Gesicht, das dabei herauskam, und ich war
-nicht unzufrieden damit. Doch setzte ich den Versuch sogleich fort, und
-jedes neue Blatt sprach etwas deutlicher, kam dem Typ näher, wenn auch
-keineswegs der Wirklichkeit.
-
-Mehr und mehr gewöhnte ich mich daran, mit träumerischem Pinsel Linien zu
-ziehen und Flächen zu füllen, die ohne Vorbild waren, die sich aus
-spielendem Tasten, aus dem Unbewußten ergaben. Endlich machte ich eines
-Tages, fast bewußtlos, ein Gesicht fertig, das stärker als die früheren zu
-mir sprach. Es war nicht das Gesicht jenes Mädchens, das sollte es auch
-längst nimmer sein. Es war etwas anderes, etwas Unwirkliches, doch nicht
-minder Wertvolles. Es sah mehr wie ein Jünglingskopf aus als wie ein
-Mädchengesicht, das Haar war nicht hellblond wie bei meinem hübschen
-Mädchen, sondern braun mit rötlichem Hauch, das Kinn war stark und fest,
-der Mund aber rotblühend, das Ganze etwas steif und maskenhaft, aber
-eindrücklich und voll von geheimem Leben.
-
-Als ich vor dem fertigen Blatte saß, machte es mir einen seltsamen
-Eindruck. Es schien mir eine Art von Götterbild oder heiliger Maske zu
-sein, halb männlich, halb weiblich, ohne Alter, ebenso willensstark wie
-träumerisch, ebenso starr wie heimlich lebendig. Dies Gesicht hatte mir
-etwas zu sagen, es gehörte zu mir, es stellte Forderungen an mich. Und es
-hatte Ähnlichkeit mit irgend jemand, ich wußte nicht mit wem.
-
-Das Bildnis begleitete nun eine Weile alle meine Gedanken und teilte mein
-Leben. Ich hielt es in einer Schieblade verborgen, niemand sollte es
-erwischen und mich damit verhöhnen können. Aber sobald ich allein in meinem
-Stübchen war, zog ich das Bild heraus und hatte Umgang mit ihm. Abends
-heftete ich es mit einer Nadel mir gegenüber überm Bett an die Tapete, sah
-es bis zum Einschlafen an, und morgens fiel mein erster Blick darauf.
-
-Gerade in jener Zeit fing ich wieder an viel zu träumen, wie ich es als
-Kind stets getan hatte. Mir schien, ich habe jahrelang keine Träume mehr
-gehabt. Jetzt kamen sie wieder, eine ganz neue Art von Bildern, und oft und
-oft tauchte das gemalte Bildnis darin auf, lebend und redend, mir
-befreundet oder feindlich, manchmal bis zur Fratze verzogen und manchmal
-unendlich schön, harmonisch und edel.
-
-Und eines Morgens, als ich aus solchen Träumen erwachte, erkannte ich es
-plötzlich. Es sah mich so fabelhaft wohlbekannt an, es schien meinen Namen
-zu rufen. Es schien mich zu kennen, wie eine Mutter, schien mir seit allen
-Zeiten zugewandt. Mit Herzklopfen starrte ich das Blatt an, die braunen
-dichten Haare, den halbweiblichen Mund, die starke Stirn mit der
-sonderbaren Helligkeit (es war von selber so aufgetrocknet), und näher und
-näher fühlte ich in mir die Erkenntnis, das Wiederfinden, das Wissen.
-
-Ich sprang aus dem Bette, stellte mich vor dem Gesicht auf und sah es aus
-nächster Nähe an, gerade in die weit offenen, grünlichen, starren Augen
-hinein, von denen das rechte etwas höher als das andere stand. Und mit
-einemmal zuckte dies rechte Auge, zuckte leicht und fein, aber deutlich,
-und mit diesem Zucken erkannte ich das Bild . . .
-
-Wie hatte ich das erst so spät finden können! Es war Demians Gesicht.
-
-Später verglich ich das Blatt oft und oft mit Demians wirklichen Zügen, wie
-ich sie in meinem Gedächtnis fand. Sie waren gar nicht dieselben, obwohl
-ähnlich. Aber es war doch Demian.
-
-Einst an einem Frühsommerabend schien die Sonne schräg und rot durch mein
-Fenster, das nach Westen blickte. Im Zimmer wurde es dämmerig. Da kam ich
-auf den Einfall, das Bildnis Beatricens, oder Demians, mit der Nadel ans
-Fensterkreuz zu heften und es anzusehen, wie die Abendsonne hindurch
-schien. Das Gesicht verschwamm ohne Umrisse, aber die rötlich umrandeten
-Augen, die Helligkeit auf der Stirn und der heftig rote Mund glühten tief
-und wild aus der Fläche. Lange saß ich ihm gegenüber, auch als es schon
-erloschen war. Und allmählich kam mir ein Gefühl, daß das nicht Beatrice
-und nicht Demian sei, sondern -- ich selbst. Das Bild glich mir nicht --
-das sollte es auch nicht, fühlte ich -- aber es war das, was mein Leben
-ausmachte, es war mein Inneres, mein Schicksal oder mein Dämon. So würde
-mein Freund aussehen, wenn ich je wieder einen fände. So würde meine
-Geliebte aussehen, wenn ich je eine bekäme. So würde mein Leben und so mein
-Tod sein, dies war der Klang und Rhythmus meines Schicksals.
-
-In jenen Wochen hatte ich eine Lektüre begonnen, die mir tieferen Eindruck
-machte als alles, was ich früher gelesen. Auch später habe ich selten mehr
-Bücher so erlebt, vielleicht nur noch Nietzsche. Es war ein Band Novalis,
-mit Briefen und Sentenzen, von denen ich viele nicht verstand und die mich
-doch alle unsäglich anzogen und umspannen. Einer von den Sprüchen fiel mir
-nun ein. Ich schrieb ihn mit der Feder unter das Bildnis: »Schicksal und
-Gemüt sind Namen eines Begriffs.« Das hatte ich nun verstanden.
-
-Das Mädchen, das ich Beatrice nannte, begegnete mir noch oft. Ich fühlte
-keine Bewegung mehr dabei, aber stets ein sanftes Übereinstimmen, ein
-gefühlhaftes Ahnen: Du bist mit mir verknüpft, aber nicht du, nur dein
-Bild; du bist ein Stück von meinem Schicksal.
-
- * * * * *
-
-Meine Sehnsucht nach Max Demian wurde wieder mächtig. Ich wußte nichts von
-ihm, seit Jahren nichts. Ein einzigesmal hatte ich ihn in den Ferien
-angetroffen. Ich sehe jetzt, daß ich diese kurze Begegnung in meinen
-Aufzeichnungen unterschlagen habe, und sehe, daß es aus Scham und Eitelkeit
-geschah. Ich muß es nachholen.
-
-Also einmal in den Ferien, als ich mit dem blasierten und stets etwas müden
-Gesicht meiner Wirtshauszeit durch meine Vaterstadt schlenderte, meinen
-Spazierstock schwang und den Philistern in die alten, gleichgebliebenen,
-verachteten Gesichter sah, da kam mir mein ehemaliger Freund entgegen. Kaum
-sah ich ihn, so zuckte ich zusammen. Und blitzschnell mußte ich an Franz
-Kromer denken. Möchte doch Demian diese Geschichte wirklich vergessen
-haben! Es war so unangenehm, diese Verpflichtung gegen ihn zu haben --
-eigentlich ja eine dumme Kindergeschichte, aber doch eben eine
-Verpflichtung . . .
-
-Er schien zu warten, ob ich ihn grüßen wolle, und als ich es möglichst
-gelassen tat, gab er mir die Hand. Das war wieder sein Händedruck! So fest,
-warm und doch kühl, männlich!
-
-Er sah mir aufmerksam ins Gesicht und sagte: »Du bist groß geworden,
-Sinclair.« Er selbst schien mir ganz unverändert, gleich alt, gleich jung
-wie immer.
-
-Er schloß sich mir an, wir machten einen Spaziergang und sprachen über
-lauter nebensächliche Dinge, nichts von damals. Es fiel mir ein, daß ich
-ihm einst mehrmals geschrieben hatte, ohne eine Antwort zu erhalten. Ach,
-möchte er doch auch das vergessen haben, diese dummen, dummen Briefe! Er
-sagte nichts davon.
-
-Es gab damals noch keine Beatrice und kein Bildnis, ich war noch mitten in
-meiner wüsten Zeit. Vor der Stadt lud ich ihn ein, mit in ein Wirtshaus zu
-kommen. Er ging mit. Prahlerisch bestellte ich eine Flasche Wein, schenkte
-ein, stieß mit ihm an und zeigte mich mit den studentischen Trinkgebräuchen
-sehr vertraut, leerte auch das erste Glas auf einen Zug.
-
-»Du gehst viel ins Wirtshaus?« fragte er mich.
-
-»Ach ja,« sagte ich träge, »was soll man sonst tun? Es ist am Ende immer
-noch das Lustigste.«
-
-»Findest du? Es kann schon sein. Etwas daran ist ja sehr schön -- der
-Rausch, das Bacchische! Aber ich finde, bei den meisten Leuten, die viel im
-Wirtshaus sitzen, ist das ganz verlorengegangen. Mir kommt es so vor, als
-sei gerade das Wirtshauslaufen etwas richtig Philisterhaftes. Ja, eine
-Nacht lang, mit brennenden Fackeln, zu einem richtigen, schönen Rausch und
-Taumel! Aber so immer wieder, ein Schöppchen ums andere, das ist doch wohl
-nicht das Wahre? Kannst du dir etwa den Faust vorstellen, wie er Abend für
-Abend an einem Stammtisch sitzt?«
-
-Ich trank und schaute ihn feindselig an.
-
-»Ja, es ist eben nicht jeder ein Faust,« sagte ich kurz.
-
-Er sah mich etwas stutzig an.
-
-Dann lachte er mit der alten Frische und Überlegenheit.
-
-»Na, wozu darüber streiten? Jedenfalls ist das Leben eines Säufers oder
-Wüstlings vermutlich lebendiger als das des tadellosen Bürgers. Und dann --
-ich habe das einmal gelesen -- ist das Leben des Wüstlings eine der besten
-Vorbereitungen für den Mystiker. Es sind ja auch immer solche Leute wie der
-heilige Augustin, die zu Sehern werden. Der war vorher auch ein Genießer
-und Lebemann.«
-
-Ich war mißtrauisch und wollte mich keineswegs von ihm meistern lassen. So
-sagte ich blasiert: »Ja, jeder nach seinem Geschmack! Mir ist es, offen
-gestanden, gar nicht darum zu tun, ein Seher oder so etwas zu werden.«
-
-Demian blitzte mich aus leicht eingekniffenen Augen wissend an.
-
-»Lieber Sinclair,« sagte er langsam, »es war nicht meine Absicht, dir
-Unangenehmes zu sagen. Übrigens -- zu welchem Zweck du jetzt deine Schoppen
-trinkst, wissen wir ja beide nicht. Das in dir, was dein Leben macht, weiß
-es schon. Es ist so gut, das zu wissen: daß in uns drinnen einer ist, der
-alles weiß, alles will, alles besser macht als wir selber. -- Aber verzeih,
-ich muß nach Hause.«
-
-Wir nahmen kurzen Abschied. Ich blieb sehr mißmutig sitzen, trank meine
-Flasche vollends aus, und fand, als ich gehen wollte, daß Demian sie schon
-bezahlt hatte. Das ärgerte mich noch mehr.
-
-Bei dieser kleinen Begebenheit hielten nun meine Gedanken wieder an. Sie
-waren voll von Demian. Und die Worte, die er in jenem Gasthaus vor der
-Stadt gesagt, kamen in meinem Gedächtnis wieder hervor, seltsam frisch und
-unverloren. -- »Es ist so gut, das zu wissen, daß in uns drinnen einer ist,
-der alles weiß!«
-
-Ich blickte auf das Bild, das am Fenster hing und ganz erloschen war. Aber
-ich sah die Augen noch glühen. Das war der Blick Demians. Oder es war der,
-der in mir drinnen war. Der, der alles weiß.
-
-Wie hatte ich Sehnsucht nach Demian! Ich wußte nichts von ihm, er war mir
-nicht erreichbar. Ich wußte nur, daß er vermutlich irgendwo studiere und
-daß nach dem Abschluß seiner Gymnasiastenzeit seine Mutter unsere Stadt
-verlassen habe.
-
-Bis zu meiner Geschichte mit Kromer zurück suchte ich alle Erinnerungen an
-Max Demian in mir hervor. Wie vieles klang da wieder auf, was er mir einst
-gesagt hatte, und alles hatte heut noch Sinn, war aktuell, ging mich an!
-Auch das, was er bei unsrem letzten, so wenig erfreulichen Zusammentreffen
-über den Wüstling und den Heiligen gesagt hatte, stand mir plötzlich hell
-vor der Seele. War es nicht genau so mit mir gegangen? Hatte ich nicht in
-Rausch und Schmutz gelebt, in Betäubung und Verlorenheit, bis mit einem
-neuen Lebensantrieb gerade das Gegenteil in mir lebendig geworden war, das
-Verlangen nach Reinheit, die Sehnsucht nach dem Heiligen?
-
-So ging ich weiter den Erinnerungen nach, es war längst Nacht geworden und
-draußen regnete es. Auch in meinen Erinnerungen hörte ich es regnen, es war
-die Stunde unter den Kastanienbäumen, wo er mich einst wegen Franz Kromer
-ausgefragt und meine ersten Geheimnisse erraten hatte. Eines ums andre kam
-hervor, Gespräche auf dem Schulweg, die Konfirmationsstunden. Und zuletzt
-fiel mein allererstes Zusammentreffen mit Max Demian mir ein. Um was hatte
-es sich doch da gehandelt? Ich kam nicht gleich darauf, aber ich ließ mir
-Zeit, ich war ganz darein versunken. Und nun kam es wieder, auch das. Wir
-waren vor unserem Hause gestanden, nachdem er mir seine Meinung über Kain
-mitgeteilt hatte. Da hatte er von dem alten verwischten Wappen gesprochen,
-das über unsrem Haustor saß, in dem von unten nach oben breiter werdenden
-Schlußstein. Er hatte gesagt, es interessiere ihn, und man müsse auf solche
-Sachen acht haben.
-
-In der Nacht träumte ich von Demian und von dem Wappen. Es verwandelte sich
-beständig, Demian hielt es in Händen, oft war es klein und grau, oft
-mächtig groß und vielfarbig, aber er erklärte mir, daß es doch immer ein
-und dasselbe sei. Zuletzt aber nötigte er mich, das Wappen zu essen. Als
-ich es geschluckt hatte, spürte ich mit ungeheurem Erschrecken, daß der
-verschlungene Wappenvogel in mir lebendig sei, mich ausfülle und von innen
-zu verzehren beginne. Voller Todesangst fuhr ich auf und erwachte.
-
-Ich wurde munter, es war mitten in der Nacht, und hörte es ins Zimmer
-regnen. Ich stand auf, um das Fenster zu schließen, und trat dabei auf
-etwas Helles, das am Boden lag. Am Morgen fand ich, daß es mein gemaltes
-Blatt war. Es lag in der Nässe am Boden und hatte sich in Wülste geworfen.
-Ich spannte es zum Trocknen zwischen Fließblätter in ein schweres Buch. Als
-ich am nächsten Tage wieder danach sah, war es getrocknet. Es hatte sich
-aber verändert. Der rote Mund war verblaßt und etwas schmäler geworden. Es
-war jetzt ganz der Mund Demians.
-
-Ich ging nun daran, ein neues Blatt zu malen, den Wappenvogel. Wie er
-eigentlich aussah, wußte ich nicht mehr deutlich, und einiges daran war,
-wie ich wußte, auch aus der Nähe nicht gut mehr zu erkennen, da das Ding
-alt und oftmals mit Farbe überstrichen worden war. Der Vogel stand oder saß
-auf etwas, vielleicht auf einer Blume, oder auf einem Korb oder Nest, oder
-auf einer Baumkrone. Ich kümmerte mich nicht darum und fing mit dem an,
-wovon ich eine deutliche Vorstellung hatte. Aus einem unklaren Bedürfnis
-begann ich gleich mit starken Farben, der Kopf des Vogels war auf meinem
-Blatte goldgelb. Je nach Laune machte ich daran weiter und brachte das Ding
-in einigen Tagen fertig.
-
-Nun war es ein Raubvogel, mit einem scharfen kühnen Sperberkopf. Er stak
-mit halbem Leibe in einer dunkeln Weltkugel, aus der er sich wie aus einem
-riesigen Ei heraufarbeitete, auf einem blauen Himmelsgrunde. Wie ich das
-Blatt länger betrachtete, schien es mir mehr und mehr, als sei es das
-farbige Wappen, wie es in meinem Traum vorgekommen war.
-
-Einen Brief an Demian zu schreiben, wäre mir nicht möglich gewesen, auch
-wenn ich gewußt hätte wohin. Ich beschloß aber, in demselben traumhaften
-Ahnen, mit dem ich damals alles tat, ihm das Bild mit dem Sperber zu
-schicken, mochte es ihn dann erreichen oder nicht. Ich schrieb nichts
-darauf, auch nicht meinen Namen, beschnitt die Ränder sorgfältig, kaufte
-einen großen Papierumschlag und schrieb meines Freundes ehemalige Adresse
-darauf. Dann schickte ich es fort.
-
-Ein Examen kam näher, und ich mußte mehr als sonst für die Schule arbeiten.
-Die Lehrer hatten mich wieder zu Gnaden angenommen, seit ich plötzlich
-meinen schnöden Wandel geändert hatte. Ein guter Schüler war ich auch jetzt
-wohl nicht, aber weder ich noch sonst jemand dachte noch daran, daß vor
-einem halben Jahr meine strafweise Entlassung aus der Schule allen
-wahrscheinlich gewesen war.
-
-Mein Vater schrieb mir jetzt wieder mehr in dem Ton wie früher, ohne
-Vorwürfe und Drohungen. Doch hatte ich keinen Trieb, ihm oder irgend jemand
-zu erklären, wie die Wandlung mit mir vor sich gegangen war. Es war ein
-Zufall, daß diese Wandlung mit den Wünschen meiner Eltern und Lehrer
-übereinstimmte. Diese Wandlung brachte mich nicht zu den andern, näherte
-mich niemandem an, machte mich nur einsamer. Sie zielte irgendwohin, zu
-Demian, zu einem fernen Schicksal. Ich wußte es selber ja nicht, ich stand
-ja mitten drin. Mit Beatrice hatte es angefangen, aber seit einiger Zeit
-lebte ich mit meinen gemalten Blättern und meinen Gedanken an Demian in
-einer so ganz unwirklichen Welt, daß ich auch sie völlig aus den Augen und
-Gedanken verlor. Niemand hätte ich von meinen Träumen, meinen Erwartungen,
-meiner inneren Umwandlung ein Wort sagen können, auch nicht, wenn ich
-gewollt hätte.
-
-Aber wie hätte ich dies wollen können?
-
-
-
-
-Fünftes Kapitel
-Der Vogel kämpft sich aus dem Ei
-
-
-Mein gemalter Traumvogel war unterwegs und suchte meinen Freund. Auf die
-wunderlichste Weise kam mir eine Antwort.
-
-In meiner Schulklasse, an meinem Platz, fand ich einst nach der Pause
-zwischen zwei Lektionen einen Zettel in meinem Buch stecken. Er war genau
-so gefaltet, wie es bei uns üblich war, wenn Klassengenossen zuweilen
-während einer Lektion heimlich einander Billetts zukommen ließen. Mich
-wunderte nur, wer mir solch einen Zettel zuschicke, denn ich stand mit
-keinem Mitschüler je in solchem Verkehr. Ich dachte, es werde die
-Aufforderung zu irgendeinem Schülerspaß sein, an dem ich doch nicht
-teilnehmen würde, und legte den Zettel ungelesen vorn in mein Buch. Erst
-während der Lektion fiel er mir zufällig wieder in die Hand.
-
-Ich spielte mit dem Papier, entfaltete es gedankenlos und fand einige Worte
-darein geschrieben. Ich warf einen Blick darauf, blieb an einem Wort
-hängen, erschrak und las, während mein Herz sich vor Schicksal wie in
-großer Kälte zusammenzog:
-
-»Der Vogel kämpft sich aus dem Ei. Das Ei ist die Welt. Wer geboren werden
-will, muß eine Welt zerstören. Der Vogel fliegt zu Gott. Der Gott heißt
-Abraxas.«
-
-Ich versank nach dem mehrmaligen Lesen dieser Zeilen in tiefes Nachsinnen.
-Es war kein Zweifel möglich, es war Antwort von Demian. Niemand konnte von
-dem Vogel wissen, als ich und er. Er hatte mein Bild bekommen. Er hatte
-verstanden und half mir deuten. Aber wie hing alles zusammen? Und -- das
-plagte mich vor allem -- was hieß Abraxas? Ich hatte das Wort nie gehört
-oder gelesen. »Der Gott heißt Abraxas!«
-
-Die Stunde verging, ohne daß ich etwas vom Unterricht hörte. Die nächste
-begann, die letzte des Vormittags. Sie wurde von einem ganz jungen
-Hilfslehrer gegeben, der erst von der Universität kam und uns schon darum
-gefiel, weil er so jung war und sich uns gegenüber keine falsche Würde
-anmaßte.
-
-Wir lasen unter Doktor Follens Führung Herodot. Diese Lektüre gehörte zu
-den wenigen Schulfächern, die mich interessierten. Aber diesmal war ich
-nicht dabei. Ich hatte mechanisch mein Buch aufgeschlagen, folgte aber dem
-Übersetzen nicht und blieb in meine Gedanken versunken. Übrigens hatte ich
-schon mehrmals die Erfahrung gemacht, wie richtig das war, was Demian mir
-damals im geistlichen Unterricht gesagt hatte. Was man stark genug wollte,
-das gelang. Wenn ich während des Unterrichts sehr stark mit eigenen
-Gedanken beschäftigt war, so konnte ich ruhig sein, daß der Lehrer mich in
-Ruhe ließ. Ja, wenn man zerstreut war oder schläfrig, dann stand er
-plötzlich da: das war mir auch schon begegnet. Aber wenn man wirklich
-dachte, wirklich versunken war, dann war man geschützt. Und auch das mit
-dem festen Anblicken hatte ich schon probiert und bewährt gefunden. Damals
-zu Demians Zeiten war es mir nicht geglückt, jetzt spürte ich oft, daß man
-mit Blicken und Gedanken sehr viel ausrichten konnte.
-
-So saß ich auch jetzt und war weit von Herodot und von der Schule weg. Aber
-da schlug unversehens mir die Stimme des Lehrers wie ein Blitz ins
-Bewußtsein, daß ich voll Schreck erwachte. Ich hörte seine Stimme, er stand
-dicht neben mir, ich glaubte schon, er habe meinen Namen gerufen. Aber er
-sah mich nicht an. Ich atmete auf.
-
-Da hörte ich seine Stimme wieder. Laut sagte sie das Wort: »Abraxas.«
-
-In einer Erklärung, deren Anfang mir entgangen war, fuhr Doktor Follen
-fort: »Wir müssen uns die Anschauungen jener Sekten und mystischen
-Vereinigungen des Altertums nicht so naiv vorstellen, wie sie vom
-Standpunkt einer rationalistischen Betrachtung aus erscheinen. Eine
-Wissenschaft in unserem Sinn kannte das Altertum überhaupt nicht. Dafür gab
-es eine Beschäftigung mit philosophisch-mystischen Wahrheiten, die sehr
-hoch entwickelt war. Zum Teil entstand daraus Magie und Spielerei, die wohl
-oft auch zu Betrug und Verbrechen führte. Aber auch die Magie hatte eine
-edle Herkunft und tiefe Gedanken. So die Lehre von Abraxas, die ich vorhin
-als Beispiel anführte. Man nennt diesen Namen in Verbindung mit
-griechischen Zauberformeln und hält ihn vielfach für den Namen irgendeines
-Zauberteufels, wie ihn etwa wilde Völker heute noch haben. Es scheint aber,
-daß Abraxas viel mehr bedeutet. Wir können uns den Namen etwa denken als
-den einer Gottheit, welche die symbolische Aufgabe hatte, das Göttliche und
-das Teuflische zu vereinigen.«
-
-Der kleine gelehrte Mann sprach fein und eifrig weiter, niemand war sehr
-aufmerksam, und da der Name nicht mehr vorkam, sank auch meine
-Aufmerksamkeit bald wieder in mich selbst zurück.
-
-»Das Göttliche und das Teuflische vereinigen,« klang es mir nach. Hier
-konnte ich anknüpfen. Das war mir von den Gesprächen mit Demian in der
-allerletzten Zeit unsrer Freundschaft her vertraut. Demian hatte damals
-gesagt, wir hätten wohl einen Gott, den wir verehrten, aber der stelle nur
-eine willkürlich abgetrennte Hälfte der Welt dar (es war die offizielle,
-erlaubte, »lichte« Welt). Man müsse aber die ganze Welt verehren können,
-also müsse man entweder einen Gott haben, der auch Teufel sei, oder man
-müsse neben dem Gottesdienst auch einen Dienst des Teufels einrichten. --
-Und nun war also Abraxas der Gott, der sowohl Gott wie Teufel war.
-
-Eine Zeitlang suchte ich mit großem Eifer auf der Spur weiter, ohne doch
-vorwärts zu kommen. Ich stöberte auch eine ganze Bibliothek erfolglos nach
-dem Abraxas durch. Doch war mein Wesen niemals stark auf diese Art des
-direkten und bewußten Suchens eingestellt, wobei man zumeist nur Wahrheiten
-findet, die einem Steine in der Hand bleiben.
-
-Die Gestalt der Beatrice, mit der ich eine gewisse Zeit hindurch so viel
-und innig beschäftigt gewesen war, sank nun allmählich unter, oder vielmehr
-sie trat langsam von mir hinweg, näherte sich mehr und mehr dem Horizont
-und wurde schattenhafter, ferner, blasser. Sie genügte der Seele nicht
-mehr.
-
-Es begann jetzt in dem eigentümlich in mich selbst eingesponnenen Dasein,
-das ich wie ein Traumwandler führte, eine neue Bildung zu entstehen. Die
-Sehnsucht nach dem Leben blühte in mir, vielmehr die Sehnsucht nach Liebe,
-und der Trieb des Geschlechts, den ich eine Weile hatte in die Anbetung
-Beatrices auflösen können, verlangte neue Bilder und Ziele. Noch immer kam
-keine Erfüllung mir entgegen, und unmöglicher als je war es mir, die
-Sehnsucht zu täuschen und etwas von den Mädchen zu erwarten, bei denen
-meine Kameraden ihr Glück suchten. Ich träumte wieder heftig, und zwar mehr
-am Tage als in der Nacht. Vorstellungen, Bilder oder Wünsche, stiegen in
-mir auf und zogen mich von der äußeren Welt hinweg, so daß ich mit diesen
-Bildern in mir, mit diesen Träumen oder Schatten, wirklicher und lebhafter
-Umgang hatte und lebte, als mit meiner wirklichen Umgebung.
-
-Ein bestimmter Traum, oder ein Phantasiespiel, das immer wiederkehrte,
-wurde mir bedeutungsvoll. Dieser Traum, der wichtigste und nachhaltigste
-meines Lebens, war etwa so: Ich kehrte in mein Vaterhaus zurück -- über dem
-Haustor leuchtete der Wappenvogel in Gelb auf blauem Grund -- im Hause kam
-mir meine Mutter entgegen -- aber als ich eintrat und sie umarmen wollte,
-war es nicht sie, sondern eine nie gesehene Gestalt, groß und mächtig, dem
-Max Demian und meinem gemalten Blatte ähnlich, doch anders, und trotz der
-Mächtigkeit ganz und gar weiblich. Diese Gestalt zog mich an sich und nahm
-mich in eine tiefe, schauernde Liebesumarmung auf. Wonne und Grausen waren
-vermischt, die Umarmung war Gottesdienst, und war ebenso Verbrechen. Zu
-viel Erinnerung an meine Mutter, zu viel Erinnerung an meinen Freund Demian
-geistete in der Gestalt, die mich umfing. Ihre Umarmung verstieß gegen jede
-Ehrfurcht und war doch Seligkeit. Oft erwachte ich aus diesem Traume mit
-tiefem Glücksgefühl, oft mit Todesangst und gequältestem Gewissen wie aus
-furchtbarer Sünde.
-
-Nur allmählich und unbewußt kam zwischen diesem ganz innerlichen Bilde und
-dem mir von außen zugekommenen Wink über den zu suchenden Gott eine
-Verbindung zustande. Sie wurde aber dann enger und inniger, und ich begann
-zu spüren, daß ich gerade in diesem Ahnungstraum den Abraxas anrief. Wonne
-und Grauen, Mann und Weib gemischt, Heiligstes und Gräßliches ineinander
-verflochten, tiefe Schuld durch zarteste Unschuld zuckend -- so war mein
-Liebestraumbild, und so war auch Abraxas. Liebe war nicht mehr tierisch
-dunkler Trieb, wie ich sie beängstigt im Anfang empfunden hatte, und sie
-war auch nicht mehr fromm vergeistigte Anbeterschaft, wie ich sie dem Bilde
-der Beatrice dargebracht. Sie war beides, beides und noch viel mehr, sie
-war Engelsbild und Satan, Mann und Weib in einem, Mensch und Tier, höchstes
-Gut und äußerstes Böses. Dies zu leben schien mir bestimmt, dies zu kosten
-mein Schicksal. Ich hatte Sehnsucht nach ihm und hatte Angst vor ihm, ich
-träumte ihm nach und ich floh vor ihm, aber es war immer da, war immer über
-mir.
-
-Im nächsten Frühjahr sollte ich das Gymnasium verlassen und studieren
-gehen, ich wußte noch nicht wo und was. Auf meinen Lippen wuchs ein kleiner
-Bart, ich war ein ausgewachsener Mensch, und doch vollkommen hilflos und
-ohne Ziele. Fest war nur eines: die Stimme in mir, das Traumbild. Ich
-fühlte die Aufgabe, dieser Führung blind zu folgen. Aber es fiel mir
-schwer, und täglich lehnte ich mich auf. Vielleicht war ich verrückt,
-dachte ich nicht selten, vielleicht war ich nicht wie andere Menschen? Aber
-ich konnte das, was andre leisteten, alles auch tun, mit ein wenig Fleiß
-und Bemühung konnte ich Plato lesen, konnte trigonometrische Aufgaben lösen
-oder einer chemischen Analyse folgen. Nur eines konnte ich nicht: das in
-mir dunkel verborgene Ziel herausreißen und irgendwo vor mich hinmalen, wie
-andere es taten, welche genau wußten, daß sie Professor oder Richter, Arzt
-oder Künstler werden wollten, wie lang das dauern und was für Vorteile es
-haben würde. Das konnte ich nicht. Vielleicht wurde ich auch einmal so
-etwas, aber wie sollte ich das wissen. Vielleicht mußte ich auch suchen und
-weitersuchen, jahrelang, und wurde nichts, und kam an kein Ziel. Vielleicht
-kam ich auch an ein Ziel, aber es war ein böses, gefährliches, furchtbares.
-
-Ich wollte ja nichts als das zu leben versuchen, was von selber aus mir
-heraus wollte. Warum war das so sehr schwer?
-
-Oft machte ich den Versuch, die mächtige Liebesgestalt meines Traumes zu
-malen. Es gelang aber nie. Wäre es mir gelungen, so hätte ich das Blatt an
-Demian gesandt. Wo war er? Ich wußte es nicht. Ich wußte nur, er war mit
-mir verbunden. Wann würde ich ihn wiedersehen?
-
-Die freundliche Ruhe jener Wochen und Monate der Beatricezeit war lang
-vergangen. Damals hatte ich gemeint, eine Insel erreicht und einen Frieden
-gefunden zu haben. Aber so war es immer -- kaum war ein Zustand mir lieb
-geworden, kaum hatte ein Traum mir wohlgetan, so wurde er auch schon welk
-und blind. Vergebens, ihm nachzuklagen! Ich lebte jetzt in einem Feuer von
-ungestilltem Verlangen, von gespanntem Erwarten, das mich oft völlig wild
-und toll machte. Das Bild der Traumgeliebten sah ich oft mit überlebendiger
-Deutlichkeit vor mir, viel deutlicher als meine eigene Hand, sprach mit
-ihm, weinte vor ihm, fluchte ihm. Ich nannte es Mutter und kniete vor ihm
-in Tränen, ich nannte es Geliebte und ahnte seinen reifen, alles
-erfüllenden Kuß, ich nannte es Teufel und Hure, Vampyr und Mörder. Es
-verlockte mich zu zartesten Liebesträumen und zu wüsten Schamlosigkeiten,
-nichts war ihm zu gut und köstlich, nichts zu schlecht und niedrig.
-
-Jenen ganzen Winter verlebte ich in einem inneren Sturm, den ich schwer
-beschreiben kann. An die Einsamkeit war ich lang gewöhnt, sie drückte mich
-nicht, ich lebte mit Demian, mit dem Sperber, mit dem Bild der großen
-Traumgestalt, die mein Schicksal und meine Geliebte war. Das war genug, um
-darin zu leben, denn alles blickte ins Große und Weite, und alles deutete
-auf Abraxas. Aber keiner dieser Träume, keiner meiner Gedanken gehorchte
-mir, keinen konnte ich rufen, keinem konnte ich nach Belieben seine Farben
-geben. Sie kamen und nahmen mich, ich wurde von ihnen regiert, wurde von
-ihnen gelebt.
-
-Wohl war ich nach außen gesichert. Vor Menschen hatte ich keine Furcht, das
-hatten auch meine Mitschüler gelernt und brachten mir eine heimliche
-Achtung entgegen, die mich oft lächeln machte. Wenn ich wollte, konnte ich
-die meisten von ihnen sehr gut durchschauen und sie gelegentlich dadurch in
-Erstaunen setzen. Nur wollte ich selten oder nie. Ich war immer mit mir
-beschäftigt, immer mit mir selbst. Und ich verlangte sehnlichst danach, nun
-endlich auch einmal ein Stück zu leben, etwas aus mir hinaus in die Welt zu
-geben, in Beziehung und Kampf mit ihr zu treten. Manchmal wenn ich am Abend
-durch die Straßen lief und vor Unrast bis Mitternacht nicht heimkehren
-konnte, manchmal meinte ich dann, jetzt und jetzt müsse meine Geliebte mir
-begegnen, an der nächsten Ecke vorübergehen, mir aus dem nächsten Fenster
-rufen. Manchmal auch schien mir dies alles unerträglich qualvoll, und ich
-war darauf gefaßt, mir einmal das Leben zu nehmen.
-
-Eine eigentümliche Zuflucht fand ich damals -- durch einen »Zufall«, wie
-man sagt. Es gibt aber solche Zufälle nicht. Wenn der, der etwas notwendig
-braucht, dies ihm Notwendige findet, so ist es nicht der Zufall, der es ihm
-gibt, sondern er selbst, sein eigenes Verlangen und Müssen führt ihn hin.
-
-Ich hatte zwei oder drei Male auf meinen Gängen durch die Stadt aus einer
-kleineren Vorstadtkirche Orgelspiel vernommen, ohne dabei zu verweilen. Als
-ich das nächstemal vorüberkam, hörte ich es wieder, und erkannte, daß Bach
-gespielt wurde. Ich ging zum Tor, das ich geschlossen fand, und da die
-Gasse fast ohne Menschen war, setzte ich mich neben der Kirche auf einen
-Prellstein, schlug den Mantelkragen um mich und hörte zu. Es war keine
-große, doch eine gute Orgel, und es wurde wunderlich gespielt, nämlich gut
-und beinahe virtuos, aber mit einem eigentümlichen, höchst persönlichen
-Ausdruck von Willen und Beharrlichkeit, der wie ein Gebet klang. Ich hatte
-das Gefühl: der Mann, der da spielt, weiß in dieser Musik einen Schatz
-verschlossen, und er wirbt und pocht und müht sich um diesen Schatz wie um
-sein Leben. Ich verstehe, im Sinn der Technik, nicht sehr viel von Musik,
-aber ich habe gerade diesen Ausdruck der Seele von Kind auf instinktiv
-verstanden und das Musikalische als etwas Selbstverständliches in mir
-gefühlt.
-
-Der Musiker spielte darauf auch etwas Modernes, es konnte von Reger sein.
-Die Kirche war fast völlig dunkel, nur ein ganz dünner Lichtschein drang
-durchs nächste Fenster. Ich wartete, bis die Musik zu Ende war, und strich
-dann auf und ab, bis ich den Organisten herauskommen sah. Es war ein noch
-junger Mensch, doch älter als ich, vierschrötig und untersetzt von Gestalt,
-und er lief rasch mit kräftigen und gleichsam unwilligen Schritten davon.
-
-Manchmal saß ich von da an in der Abendstunde vor der Kirche, oder ging auf
-und ab. Einmal fand ich auch das Tor offen und saß eine halbe Stunde
-fröstelnd und glücklich im Gestühl, während der Organist oben bei
-spärlichem Gaslicht spielte. Aus der Musik, die er spielte, hörte ich nicht
-nur ihn selbst. Es schien mir auch alles, was er spielte, unter sich
-verwandt zu sein, einen geheimen Zusammenhang zu haben. Alles, was er
-spielte, war gläubig, war hingegeben und fromm, aber nicht fromm wie die
-Kirchengänger und Pastoren, sondern fromm wie Pilger und Bettler im
-Mittelalter, fromm mit rücksichtsloser Hingabe an ein Weltgefühl, das über
-allen Bekenntnissen stand. Die Meister vor Bach wurden fleißig gespielt,
-und alte Italiener. Und alle sagten dasselbe, alle sagten das, was auch der
-Musikant in der Seele hatte: Sehnsucht, innigstes Ergreifen der Welt und
-wildestes Sichwiederscheiden von ihr, brennendes Lauschen auf die eigene
-dunkle Seele, Rausch der Hingabe und tiefe Neugierde auf das Wunderbare.
-
-Als ich einmal den Orgelspieler nach seinem Weggang aus der Kirche heimlich
-verfolgte, sah ich ihn weit draußen am Rande der Stadt in eine kleine
-Schenke treten. Ich konnte nicht widerstehen und ging ihm nach. Zum
-erstenmal sah ich ihn hier deutlich. Er saß am Wirtstisch in einer Ecke der
-kleinen Stube, den schwarzen Filzhut auf dem Kopf, einen Schoppen Wein vor
-sich, und sein Gesicht war so, wie ich es erwartet hatte. Es war häßlich
-und etwas wild, suchend und verbohrt, eigensinnig und willensvoll, dabei um
-den Mund weich und kindlich. Das Männliche und Starke saß alles in Augen
-und Stirn, der untere Teil des Gesichtes war zart und unfertig,
-unbeherrscht und zum Teil weichlich, das Kinn voll Unentschlossenheit stand
-knabenhaft da wie ein Widerspruch gegen Stirn und Blick. Lieb waren mir die
-dunkelbraunen Augen, voll Stolz und Feindlichkeit.
-
-Schweigend setzte ich mich ihm gegenüber, niemand war sonst in der Kneipe.
-Er blitzte mich an, als wolle er mich wegjagen. Ich hielt jedoch stand und
-sah ihn unentwegt an, bis er unwirsch brummte: »Was schauen Sie denn so
-verflucht scharf? Wollen Sie was von mir?«
-
-»Ich will nichts von Ihnen,« sagte ich. »Aber ich habe schon viel von Ihnen
-gehabt.«
-
-Er zog die Stirn zusammen.
-
-»So, sind Sie ein Musikschwärmer? Ich finde es ekelhaft, für Musik zu
-schwärmen.«
-
-Ich ließ mich nicht abschrecken.
-
-»Ich habe Ihnen schon oft zugehört, in der Kirche da draußen,« sagte ich.
-»Ich will Sie übrigens nicht belästigen. Ich dachte, ich würde bei Ihnen
-vielleicht etwas finden, etwas Besonderes, ich weiß nicht recht was. Aber
-hören Sie lieber gar nicht auf mich! Ich kann Ihnen ja in der Kirche
-zuhören.«
-
-»Ich schließe doch immer ab.«
-
-»Neulich haben Sie es vergessen, und ich saß drinnen. Sonst stehe ich
-draußen oder sitze auf dem Prellstein.«
-
-»So? Sie können ein andermal hereinkommen, es ist wärmer. Sie müssen dann
-bloß an die Tür klopfen. Aber kräftig, und nicht während ich spiele. Jetzt
-los -- was wollten Sie sagen? Sie sind ein ganz junger Mann, wahrscheinlich
-ein Schüler oder Student. Sind Sie Musiker?«
-
-»Nein. Ich höre gern Musik, aber bloß solche, wie Sie sie spielen, ganz
-unbedingte Musik, solche, bei der man spürt, daß da ein Mensch an Himmel
-und Hölle rüttelt. Die Musik ist mir sehr lieb, ich glaube, weil sie so
-wenig moralisch ist. Alles andere ist moralisch, und ich suche etwas, was
-nicht so ist. Ich habe unter dem Moralischen immer bloß gelitten. Ich kann
-mich nicht gut ausdrücken. -- Wissen Sie, daß es einen Gott geben muß, der
-zugleich Gott und Teufel ist? Es soll einen gegeben haben, ich hörte
-davon.«
-
-Der Musiker schob den breiten Hut etwas zurück und schüttelte sich das
-dunkle Haar von der großen Stirn. Dabei sah er mich durchdringend an und
-neigte mir sein Gesicht über den Tisch entgegen.
-
-Leise und gespannt fragte er: »Wie heißt der Gott, von dem Sie da sagen?«
-
-»Ich weiß leider fast nichts von ihm, eigentlich bloß den Namen. Er heißt
-Abraxas.«
-
-Der Musikant blickte wie mißtrauisch um sich, als könnte uns jemand
-belauschen. Dann rückte er nahe zu mir und sagte flüsternd: »Ich habe es
-mir gedacht. Wer sind Sie?«
-
-»Ich bin ein Schüler vom Gymnasium.«
-
-»Woher wissen Sie von Abraxas?«
-
-»Durch Zufall.«
-
-Er hieb auf den Tisch, daß sein Weinglas überlief.
-
-»Zufall! Reden Sie keinen Sch . . . dreck, junger Mensch! Von Abraxas weiß
-man nicht durch Zufall, das merken Sie sich. Ich werde Ihnen noch mehr von
-ihm sagen. Ich weiß ein wenig von ihm.«
-
-Er schwieg und rückte seinen Stuhl zurück. Als ich ihn voll Erwartung
-ansah, schnitt er eine Grimasse.
-
-»Nicht hier! Ein andermal. -- Da, nehmen Sie!«
-
-Dabei griff er in die Tasche seines Mantels, den er nicht abgelegt hatte,
-und zog ein paar gebratene Kastanien heraus, die er mir hinwarf.
-
-Ich sagte nichts, nahm sie und aß und war sehr zufrieden.
-
-»Also!« flüsterte er nach einer Weile. »Woher wissen Sie von -- Ihm?«
-
-Ich zögerte nicht, es ihm zu sagen.
-
-»Ich war allein und ratlos,« erzählte ich. »Da fiel mir ein Freund aus
-früheren Jahren ein, von dem ich glaube, daß er sehr viel weiß. Ich hatte
-etwas gemalt, einen Vogel, der aus einer Weltkugel herauskam. Den schickte
-ich ihm. Nach einiger Zeit, als ich nicht mehr recht daran glaubte, bekam
-ich ein Stück Papier in die Hand, darauf stand: Der Vogel kämpft sich aus
-dem Ei. Das Ei ist die Welt. Wer geboren werden will, muß eine Welt
-zerstören. Der Vogel fliegt zu Gott. Der Gott heißt Abraxas.«
-
-Er erwiderte nichts, wir schälten unsere Kastanien und aßen sie zum Wein.
-
-»Nehmen wir noch einen Schoppen?« fragte er.
-
-»Danke, nein. Ich trinke nicht gern.«
-
-Er lachte, etwas enttäuscht.
-
-»Wie Sie wollen! Bei mir ist es anders. Ich bleibe noch hier. Gehen Sie
-jetzt nur!«
-
-Als ich dann das nächstemal nach der Orgelmusik mit ihm ging, war er nicht
-sehr mitteilsam. Er führte mich in einer alten Gasse durch ein altes,
-stattliches Haus empor und in ein großes, etwas düsteres und verwahrlostes
-Zimmer, wo außer einem Klavier nichts auf Musik deutete, während ein großer
-Bücherschrank und Schreibtisch dem Raum etwas Gelehrtenhaftes gaben.
-
-»Wieviel Bücher Sie haben!« sagte ich anerkennend.
-
-»Ein Teil davon ist aus der Bibliothek meines Vaters, bei dem ich wohne. --
-Ja, junger Mann, ich wohne bei Vater und Mutter, aber ich kann Sie ihnen
-nicht vorstellen, mein Umgang genießt hier im Hause keiner großen Achtung.
-Ich bin ein verlorener Sohn, wissen Sie. Mein Vater ist ein fabelhaft
-ehrenwerter Mann, ein bedeutender Pfarrer und Prediger in hiesiger Stadt.
-Und ich, damit Sie gleich Bescheid wissen, bin sein begabter und
-vielversprechender Herr Sohn, der aber entgleist und einigermaßen verrückt
-geworden ist. Ich war Theologe und habe kurz vor dem Staatsexamen diese
-biedere Fakultät verlassen. Obgleich ich eigentlich noch immer beim Fach
-bin, was meine Privatstudien betrifft. Was für Götter die Leute sich
-jeweils ausgedacht haben, das ist mir noch immer höchst wichtig und
-interessant. Im übrigen bin ich jetzt Musiker und werde, wie es scheint,
-bald eine kleinere Organistenstelle bekommen. Dann bin ich ja auch wieder
-bei der Kirche.«
-
-Ich schaute an den Bücherrücken entlang, fand griechische, lateinische,
-hebräische Titel, soweit ich beim schwachen Licht der kleinen Tischlampe
-sehen konnte. Inzwischen hatte sich mein Bekannter im Finstern bei der Wand
-auf den Boden gelegt und machte sich dort zu schaffen.
-
-»Kommen Sie,« rief er nach einer Weile, »wir wollen jetzt ein wenig
-Philosophie üben, das heißt das Maul halten, auf dem Bauche liegen und
-denken.«
-
-Er strich ein Zündholz an und setzte in dem Kamin, vor dem er lag, Papier
-und Scheite in Brand. Die Flamme stieg hoch, er schürte und speiste das
-Feuer mit ausgesuchter Umsicht. Ich legte mich zu ihm auf den
-zerschlissenen Teppich. Er starrte ins Feuer, das auch mich anzog, und wir
-lagen schweigend wohl eine Stunde lang auf dem Bauch vor dem flackernden
-Holzfeuer, sahen es flammen und brausen, einsinken und sich krümmen,
-verflackern und zucken und endlich in stiller, versunkener Glut am Boden
-brüten.
-
-»Das Feueranbeten war nicht das Dümmste, was erfunden worden ist,« murmelte
-er einmal vor sich hin. Sonst sagte keiner von uns ein Wort. Mit starren
-Augen hing ich an dem Feuer, versank in Traum und Stille, sah Gestalten im
-Rauch und Bilder in der Asche. Einmal schrak ich auf. Mein Genosse warf ein
-Stückchen Harz in die Glut, eine kleine, schlanke Flamme schoß empor, ich
-sah in ihr den Vogel mit dem gelben Sperberkopf. In der hinsterbenden
-Kaminglut liefen goldig glühende Fäden zu Netzen zusammen, Buchstaben und
-Bilder erschienen, Erinnerungen an Gesichter, an Tiere, an Pflanzen, an
-Würmer und Schlangen. Als ich, erwachend, nach dem andern sah, stierte er,
-das Kinn auf den Fäusten, hingegeben und fanatisch in die Asche.
-
-»Ich muß jetzt gehen,« sagte ich leise.
-
-»Ja, dann gehen Sie. Auf Wiedersehen!«
-
-Er stand nicht auf, und da die Lampe gelöscht war, mußte ich mich mit Mühe
-durchs finstere Zimmer und die finsteren Gänge und Treppen aus dem
-verwunschenen alten Hause tasten. Auf der Straße machte ich halt und sah an
-dem alten Hause hinauf. In keinem Fenster brannte Licht. Ein kleines Schild
-aus Messing glänzte im Schein der Gaslaterne vor der Tür.
-
-»Pistorius, Hauptpfarrer,« las ich darauf.
-
-Erst zu Hause, als ich nach dem Abendessen allein in meinem kleinen Zimmer
-saß, fiel mir ein, daß ich weder über Abraxas noch sonst etwas von
-Pistorius erfahren habe, daß wir überhaupt kaum zehn Worte gewechselt
-hatten. Aber ich war mit meinem Besuch bei ihm sehr zufrieden. Und für das
-nächstemal hatte er mir ein ganz exquisites Stück alter Orgelmusik
-versprochen, eine Passacaglia von Buxtehude.
-
- * * * * *
-
-Ohne daß ich es wußte, hatte der Organist Pistorius mir eine erste Lektion
-gegeben, als ich mit ihm vor dem Kamin auf dem Boden seines trüben
-Einsiedlerzimmers lag. Das Schauen ins Feuer hatte mir gut getan, es hatte
-Neigungen in mir gekräftigt und bestätigt, die ich immer gehabt, doch nie
-eigentlich gepflegt hatte. Allmählich wurde ich teilweise darüber klar.
-
-Schon als kleines Kind hatte ich je und je den Hang gehabt, bizarre Formen
-der Natur anzuschauen, nicht beobachtend, sondern ihrem eigenen Zauber,
-ihrer krausen, tiefen Sprache hingegeben. Lange verholzte Baumwurzeln,
-farbige Adern im Gestein, Flecken von Öl, das auf Wasser schwimmt, Sprünge
-in Glas -- alle ähnlichen Dinge hatten zu Zeiten großen Zauber für mich
-gehabt, vor allem auch das Wasser und das Feuer, der Rauch, die Wolken, der
-Staub, und ganz besonders die kreisenden Farbflecke, die ich sah, wenn ich
-die Augen schloß. In den Tagen nach meinem ersten Besuch bei Pistorius
-begann dies mir wieder einzufallen. Denn ich merkte, daß ich eine gewisse
-Stärkung und Freude, eine Steigerung meines Gefühls von mir selbst, die ich
-seither spürte, lediglich dem langen Starren ins offene Feuer verdankte. Es
-war merkwürdig wohltuend und bereichernd, das zu tun!
-
-An die wenigen Erfahrungen, welche ich bis jetzt auf dem Wege zu meinem
-eigentlichen Lebensziel gefunden hatte, reihte sich diese neue: das
-Betrachten solcher Gebilde, das Sichhingeben an irrationale, krause,
-seltsame Formen der Natur erzeugt in uns ein Gefühl von der Übereinstimmung
-unseres Innern mit dem Willen, der diese Gebilde werden ließ -- wir spüren
-bald die Versuchung, sie für unsere eigenen Launen, für unsere eigenen
-Schöpfungen zu halten -- wir sehen die Grenzen zwischen uns und der Natur
-zittern und zerfließen und lernen die Stimmung kennen, in der wir nicht
-wissen, ob die Bilder auf unserer Netzhaut von äußeren Eindrücken stammen
-oder von inneren. Nirgends so einfach und leicht wie bei dieser Übung
-machen wir die Entdeckung, wie sehr wir Schöpfer sind, wie sehr unsere
-Seele immerzu teilhat an der beständigen Erschaffung der Welt. Vielmehr ist
-es dieselbe unteilbare Gottheit, die in uns und die in der Natur tätig ist,
-und wenn die äußere Welt unterginge, so wäre einer von uns fähig, sie
-wieder aufzubauen, denn Berg und Strom, Baum und Blatt, Wurzel und Blüte,
-alles Gebildete in der Natur liegt in uns vorgebildet, stammt aus der
-Seele, deren Wesen Ewigkeit ist, deren Wesen wir nicht kennen, das sich uns
-aber zumeist als Liebeskraft und Schöpferkraft zu fühlen gibt.
-
-Erst manche Jahre später fand ich einmal diese Beobachtung in einem Buche
-bestätigt, nämlich bei Leonardo da Vinci, der einmal davon redet, wie gut
-und tief anregend es sei, eine Mauer anzusehen, welche von vielen Leuten
-angespien worden ist. Vor jenen Flecken an der feuchten Mauer fühlte er
-dasselbe wie Pistorius und ich vor dem Feuer.
-
-Bei unserem nächsten Zusammensein gab mir der Orgelspieler eine Erklärung.
-
-»Wir ziehen die Grenzen unserer Persönlichkeit immer viel zu eng! Wir
-rechnen zu unserer Person immer bloß das, was wir als individuell
-unterschieden, als abweichend erkennen. Wir bestehen aber aus dem ganzen
-Bestand der Welt, jeder von uns, und ebenso wie unser Körper die
-Stammtafeln der Entwicklung bis zum Fisch und noch viel weiter zurück in
-sich trägt, so haben wir in der Seele alles, was je in Menschenseelen
-gelebt hat. Alle Götter und Teufel, die je gewesen sind, sei es bei
-Griechen und Chinesen oder bei Zulukaffern, alle sind mit in uns, sind da,
-als Möglichkeiten, als Wünsche, als Auswege. Wenn die Menschheit ausstürbe
-bis auf ein einziges halbwegs begabtes Kind, das keinerlei Unterricht
-genossen hat, so würde dieses Kind den ganzen Gang der Dinge wiederfinden,
-es würde Götter, Dämonen, Paradiese, Gebote und Verbote, Alte und Neue
-Testamente, alles würde es wieder produzieren können.«
-
-»Ja, gut,« wandte ich ein, »aber worin besteht dann noch der Wert des
-einzelnen? Warum streben wir noch, wenn wir doch alles in uns schon fertig
-haben?«
-
-»Halt!« rief Pistorius heftig. »Es ist ein großer Unterschied, ob Sie bloß
-die Welt in sich tragen, oder ob Sie das auch wissen! Ein Wahnsinniger kann
-Gedanken hervorbringen, die an Plato erinnern, und ein kleiner frommer
-Schulknabe in einem Herrnhuter Institut denkt tiefe mythologische
-Zusammenhänge schöpferisch nach, die bei den Gnostikern oder bei Zoroaster
-vorkommen. Aber er weiß nichts davon! Er ist ein Baum oder Stein,
-bestenfalls ein Tier, solange er es nicht weiß. Dann aber, wenn der erste
-Funke dieser Erkenntnis dämmert, dann wird er Mensch. Sie werden doch wohl
-nicht alle die Zweibeiner, die da auf der Straße laufen, für Menschen
-halten, bloß weil sie aufrecht gehen und ihre Jungen neun Monate tragen?
-Sie sehen doch, wie viele von ihnen Fische oder Schafe, Würmer oder Egel
-sind, wie viele Ameisen, wie viele Bienen! Nun, in jedem von ihnen sind die
-Möglichkeiten zum Menschen da, aber erst, indem er sie ahnt, indem er sie
-teilweise sogar bewußt machen lernt, gehören diese Möglichkeiten ihm.«
-
-Etwa dieser Art waren unsere Gespräche. Selten brachten sie mir etwas
-völlig Neues, etwas ganz und gar Überraschendes. Alle aber, auch das
-banalste, trafen mit leisem stetigen Hammerschlag auf denselben Punkt in
-mir, alle halfen an mir bilden, alle halfen Häute von mir abstreifen,
-Eierschalen zerbrechen, und aus jedem hob ich den Kopf etwas höher, etwas
-freier, bis mein gelber Vogel seinen schönen Raubvogelkopf aus der
-zertrümmerten Weltschale stieß.
-
-Häufig erzählten wir auch einander unsere Träume. Pistorius verstand ihnen
-eine Deutung zu geben. Ein wunderliches Beispiel ist mir eben erinnerlich.
-Ich hatte einen Traum, in dem ich fliegen konnte, jedoch so, daß ich
-gewissermaßen von einem großen Schwung durch die Luft geschleudert wurde,
-dessen ich nicht Herr war. Das Gefühl dieses Fluges war erhebend, ward aber
-bald zur Angst, als ich mich willenlos in bedenkliche Höhen gerissen sah.
-Da machte ich die erlösende Entdeckung, daß ich mein Steigen und Fallen
-durch Anhalten und Strömenlassen des Atems regeln konnte.
-
-Dazu sagte Pistorius: »Der Schwung, der Sie fliegen macht, das ist unser
-großer Menschheitsbesitz, den jeder hat. Es ist das Gefühl des
-Zusammenhangs mit den Wurzeln jeder Kraft, aber es wird einem dabei bald
-bange! Es ist verflucht gefährlich! Darum verzichten die meisten so gerne
-auf das Fliegen und ziehen es vor, an Hand gesetzlicher Vorschriften auf
-dem Bürgersteige zu wandeln. Aber Sie nicht. Sie fliegen weiter, wie es
-sich für einen tüchtigen Burschen gehört. Und siehe, da entdecken Sie das
-Wunderliche, daß Sie allmählich Herr darüber werden, daß zu der großen
-allgemeinen Kraft, die Sie fortreißt, eine feine, kleine, eigene Kraft
-kommt, ein Organ, ein Steuer! Das ist famos. Ohne das ginge man willenlos
-in die Lüfte, das tun zum Beispiel die Wahnsinnigen. Ihnen sind tiefere
-Ahnungen gegeben als den Leuten auf dem Bürgersteig, aber sie haben keinen
-Schlüssel und kein Steuer dazu, und sausen ins Bodenlose. Sie aber,
-Sinclair, Sie machen die Sache! Und wie, bitte. Das wissen Sie wohl noch
-gar nicht? Sie machen es mit einem neuen Organ, mit einem Atemregulator.
-Und nun können Sie sehen, wie wenig >persönlich< Ihre Seele in ihrer Tiefe
-ist. Sie erfindet nämlich diesen Regulator nicht! Er ist nicht neu! Er ist
-eine Anleihe, er existiert seit Jahrtausenden. Er ist das
-Gleichgewichtsorgan der Fische, die Schwimmblase. Und tatsächlich gibt es
-ein paar wenige seltsame und konservative Fischarten noch heute, bei denen
-die Schwimmblase zugleich eine Art Lunge ist und unter Umständen richtig
-zum Atmen dienen kann. Also haargenau wie die Lunge, die Sie im Traum als
-Fliegerblase benutzen!«
-
-Er brachte mir sogar einen Band Zoologie und zeigte mir Namen und
-Abbildungen jener altmodischen Fische. Und ich fühlte in mir, mit einem
-eigentümlichen Schauer, eine Funktion aus frühen Entwicklungsepochen
-lebendig.
-
-
-
-
-Sechstes Kapitel
-Jakobs Kampf
-
-
-Was ich von dem sonderbaren Musiker Pistorius über Abraxas erfuhr, kann ich
-nicht in Kürze wiedererzählen. Das Wichtigste aber, was ich bei ihm lernte,
-war ein weiterer Schritt auf dem Wege zu mir selbst. Ich war damals, mit
-meinen etwa achtzehn Jahren, ein ungewöhnlicher junger Mensch, in hundert
-Dingen frühreif, in hundert andern Dingen sehr zurück und hilflos. Wenn ich
-mich je und je mit anderen verglich, war ich oft stolz und eingebildet
-gewesen, ebenso oft aber niedergedrückt und gedemütigt. Oft hatte ich mich
-für ein Genie angesehen, oft für halb verrückt. Es gelang mir nicht,
-Freuden und Leben der Altersgenossen mitzumachen, und oft hatte ich mich in
-Vorwürfen und Sorgen verzehrt, als sei ich hoffnungslos von ihnen getrennt,
-als sei mir das Leben verschlossen.
-
-Pistorius, welcher selbst ein ausgewachsener Sonderling war, lehrte mich
-den Mut und die Achtung vor mir selbst bewahren. Indem er in meinen Worten,
-in meinen Träumen, in meinen Phantasien und Gedanken stets Wertvolles fand,
-sie stets ernst nahm und ernsthaft besprach, gab er mir das Beispiel.
-
-»Sie haben mir erzählt,« sagte er, »daß Sie die Musik darum lieben, weil
-sie nicht moralisch sei. Meinetwegen. Aber Sie selber müssen eben auch kein
-Moralist sein! Sie dürfen sich nicht mit andern vergleichen, und wenn die
-Natur Sie zur Fledermaus geschaffen hat, dürfen Sie sich nicht zum Vogel
-Strauß machen wollen. Sie halten sich manchmal für sonderbar, Sie werfen
-sich vor, daß Sie andere Wege gehen als die meisten. Das müssen Sie
-verlernen. Blicken Sie ins Feuer, blicken Sie in die Wolken, und sobald die
-Ahnungen kommen und die Stimmen in Ihrer Seele anfangen zu sprechen, dann
-überlassen Sie sich ihnen und fragen Sie ja nicht erst, ob das wohl auch
-dem Herrn Lehrer oder dem Herrn Papa oder irgendeinem lieben Gott passe
-oder lieb sei! Damit verdirbt man sich. Damit kommt man auf den Bürgersteig
-und wird ein Fossil. Lieber Sinclair, unser Gott heißt Abraxas, und er ist
-Gott und ist Satan, er hat die lichte und die dunkle Welt in sich. Abraxas
-hat gegen keinen Ihrer Gedanken, gegen keinen Ihrer Träume etwas
-einzuwenden. Vergessen Sie das nie. Aber er verläßt Sie, wenn Sie einmal
-tadellos und normal geworden sind. Dann verläßt er Sie und sucht sich einen
-neuen Topf, um seine Gedanken drin zu kochen.«
-
-Unter allen meinen Träumen war jener dunkle Liebestraum der treueste. Oft,
-oft habe ich ihn geträumt, trat unterm Wappenvogel weg in unser altes Haus,
-wollte die Mutter an mich ziehen, und hielt statt ihrer das große halb
-männliche, halb mütterliche Weib umfaßt, vor der ich Furcht hatte und zu
-der mich doch das glühendste Verlangen zog. Und diesen Traum konnte ich
-meinem Freunde nie erzählen. Ihn behielt ich zurück, wenn ich ihm alles
-andre erschlossen hatte. Er war mein Winkel, mein Geheimnis, meine
-Zuflucht.
-
-Wenn ich bedrückt war, dann bat ich Pistorius, er möge mir die Passacaglia
-des alten Buxtehude spielen. In der abendlichen dunklen Kirche saß ich dann
-verloren an diese seltsame, innige, in sich selbst versenkte, sich selber
-belauschende Musik, die mir jedesmal wohl tat und mich bereiter machte, den
-Stimmen der Seele recht zu geben.
-
-Zuweilen blieben wir auch eine Weile, nachdem die Orgel schon verklungen
-war, in der Kirche sitzen und sahen das schwache Licht durch die hohen
-spitzbogigen Fenster scheinen und sich verlieren.
-
-»Es klingt komisch,« sagte Pistorius, »daß ich einmal Theologe war und
-beinah Pfarrer geworden wäre. Aber es war nur ein Irrtum in der Form, den
-ich dabei beging. Priester sein, ist mein Beruf und mein Ziel. Nur war ich
-zu früh zufrieden und stellte mich dem Jehova zur Verfügung, noch ehe ich
-den Abraxas kannte. Ach, jede Religion ist schön. Religion ist Seele,
-einerlei, ob man ein christliches Abendmahl nimmt oder ob man nach Mekka
-wallfahrt.«
-
-»Dann hätten Sie,« meinte ich, »aber eigentlich doch Pfarrer werden
-können.«
-
-»Nein, Sinclair, nein. Ich hätte ja lügen müssen. Unsre Religion wird so
-ausgeübt, als sei sie keine. Sie tut so, als sei sie ein Verstandeswerk.
-Katholik könnte ich zur Not wohl sein, aber protestantischer Priester --
-nein! Die paar wirklich Gläubigen -- ich kenne solche -- halten sich gern
-an das Wörtliche, ihnen könnte ich nicht sagen, daß etwa Christus für mich
-keine Person, sondern ein Heros, ein Mythos ist, ein ungeheures
-Schattenbild, in dem die Menschheit sich selber an die Wand der Ewigkeit
-gemalt sieht. Und die anderen, die in die Kirche kommen, um ein kluges Wort
-zu hören, um eine Pflicht zu erfüllen, um nichts zu versäumen und so
-weiter, ja was hätte ich denen sagen sollen? Sie bekehren, meinst du? Aber
-das will ich gar nicht. Der Priester will nicht bekehren, er will nur unter
-Gläubigen, unter seinesgleichen leben, und will Träger und Ausdruck sein
-für das Gefühl, aus dem wir unsere Götter machen.«
-
-Er unterbrach sich. Dann fuhr er fort: »Unser neuer Glaube, für den wir
-jetzt den Namen des Abraxas wählen, ist schön, lieber Freund. Er ist das
-Beste, was wir haben. Aber er ist noch ein Säugling! Die Flügel sind ihm
-noch nicht gewachsen. Ach, eine einsame Religion, das ist noch nicht das
-Wahre. Sie muß gemeinsam werden, sie muß Kult und Rausch, Feste und
-Mysterien haben . . .«
-
-Er sann und versank in sich.
-
-»Kann man Mysterien nicht auch allein, oder im kleinsten Kreis, begehen?«
-fragte ich zögernd.
-
-»Man kann schon,« nickte er. »Ich begehe sie schon lang. Ich habe Kulte
-begangen, für die ich Jahre von Zuchthaus absitzen müßte, wenn man davon
-wüßte. Aber ich weiß, es ist noch nicht das Richtige.«
-
-Plötzlich schlug er mir auf die Schulter, daß ich zusammenzuckte. »Junge,«
-sagte er eindringlich, »auch Sie haben Mysterien. Ich weiß, daß Sie Träume
-haben müssen, die Sie mir nicht sagen. Ich will sie nicht wissen. Aber ich
-sage Ihnen: Leben Sie sie, diese Träume, spielen Sie sie, bauen Sie ihnen
-Altäre! Es ist noch nicht das Vollkommene, aber es ist ein Weg. Ob wir
-einmal, Sie und ich und ein paar andere, die Welt erneuern werden, das wird
-sich zeigen. In uns drinnen aber müssen wir sie jeden Tag erneuern, sonst
-ist es nichts mit uns. Denken Sie dran! Sie sind achtzehn Jahr alt,
-Sinclair, Sie laufen nicht zu den Straßendirnen, Sie müssen Liebesträume,
-Liebeswünsche haben. Vielleicht sind sie so, daß Sie sich vor ihnen
-fürchten. Fürchten Sie sich nicht! Sie sind das Beste, was Sie haben! Sie
-können mir glauben. Ich habe damit viel verloren, daß ich in Ihren Jahren
-meine Liebesträume vergewaltigt habe. Man muß das nicht tun. Wenn man von
-Abraxas weiß, darf man es nicht mehr tun. Man darf nichts fürchten und
-nichts für verboten halten, was die Seele in uns wünscht.«
-
-Erschreckt wandte ich ein: »Aber man kann doch nicht alles tun, was einem
-einfällt! Man darf doch auch nicht einen Menschen umbringen, weil er einem
-zuwider ist.«
-
-Er rückte näher zu mir.
-
-»Unter Umständen darf man auch das. Es ist nur meistens ein Irrtum. Ich
-meine auch nicht, Sie sollen einfach alles das tun, was Ihnen durch den
-Sinn geht. Nein, aber Sie sollen diese Einfälle, die ihren guten Sinn
-haben, nicht dadurch schädlich machen, daß Sie sie vertreiben und an ihnen
-herummoralisieren. Statt sich oder einen andern ans Kreuz zu schlagen, kann
-man aus einem Kelch mit feierlichen Gedanken Wein trinken und dabei das
-Mysterium des Opfers denken. Man kann, auch ohne solche Handlungen, seine
-Triebe und sogenannten Anfechtungen mit Achtung und Liebe behandeln. Dann
-zeigen sie ihren Sinn, und sie haben alle Sinn. -- Wenn Ihnen wieder einmal
-etwas recht Tolles oder Sündhaftes einfällt, Sinclair, wenn Sie jemand
-umbringen oder irgendeine gigantische Unflätigkeit begehen möchten, dann
-denken Sie einen Augenblick daran, daß es Abraxas ist, der so in Ihnen
-phantasiert! Der Mensch, den Sie töten möchten, ist ja nie der Herr
-Soundso, er ist sicher nur eine Verkleidung. Wenn wir einen Menschen
-hassen, so hassen wir in seinem Bild etwas, was in uns selber sitzt. Was
-nicht in uns selber ist, das regt uns nicht auf.«
-
-Nie hatte mir Pistorius etwas gesagt, das mich so tief im Heimlichsten
-getroffen hatte. Ich konnte nicht antworten. Was mich aber am stärksten und
-sonderbarsten berührt hatte, das war der Gleichklang dieses Zuspruches mit
-Worten Demians, die ich seit Jahren und Jahren in mir trug. Sie wußten
-nichts voneinander, und beide sagten mir dasselbe.
-
-»Die Dinge, die wir sehen,« sagte Pistorius leise, »sind dieselben Dinge,
-die in uns sind. Es gibt keine Wirklichkeit als die, die wir in uns haben.
-Darum leben die meisten Menschen so unwirklich, weil sie die Bilder
-außerhalb für das Wirkliche halten und ihre eigene Welt in sich gar nicht
-zu Worte kommen lassen. Man kann glücklich dabei sein. Aber wenn man einmal
-das andere weiß, dann hat man die Wahl nicht mehr, den Weg der meisten zu
-gehen. Sinclair, der Weg der meisten ist leicht, unsrer ist schwer. -- Wir
-wollen gehen.«
-
-Einige Tage später, nachdem ich zweimal vergebens auf ihn gewartet hatte,
-traf ich ihn spät am Abend auf der Straße an, wie er einsam im kalten
-Nachtwinde um eine Ecke geweht kam, stolpernd und ganz betrunken. Ich
-mochte ihn nicht anrufen. Er kam an mir vorbei, ohne mich zu sehen, und
-starrte vor sich hin mit glühenden und vereinsamten Augen, als folge er
-einem dunklen Ruf aus dem Unbekannten. Ich folgte ihm eine Straße lang, er
-trieb wie an unsichtbarem Draht gezogen dahin, mit fanatischem und doch
-aufgelöstem Gang, wie ein Gespenst. Traurig ging ich nach Hause zurück, zu
-meinen unerlösten Träumen.
-
-»So erneuert er nun die Welt in sich!« dachte ich, und fühlte noch im
-selben Augenblick, daß das niedrig und moralisch gedacht sei. Was wußte ich
-von seinen Träumen? Er ging vielleicht in seinem Rausch den sicherern Weg
-als ich in meiner Bangnis.
-
- * * * * *
-
-In den Pausen zwischen den Schulstunden war mir zuweilen aufgefallen, daß
-ein Mitschüler meine Nähe suchte, den ich nie beachtet hatte. Es war ein
-kleiner, schwach aussehender, schmächtiger Jüngling mit rötlich blondem,
-dünnem Haar, der in Blick und Benehmen etwas Eigenes hatte. Eines Abends,
-als ich nach Hause kam, lauerte er in der Gasse auf mich, ließ mich an sich
-vorübergehen, lief mir dann wieder nach, und blieb vor unsrer Haustür
-stehen.
-
-»Willst du etwas von mir?« fragte ich.
-
-»Ich möchte bloß einmal mit dir sprechen,« sagte er schüchtern. »Sei so gut
-und komm ein paar Schritte mit.«
-
-Ich folgte ihm und spürte, daß er tief erregt und voll Erwartung war. Seine
-Hände zitterten.
-
-»Bist du Spiritist?« fragte er ganz plötzlich.
-
-»Nein, Knauer,« sagte ich lachend. »Keine Spur davon. Wie kommst du auf so
-etwas?«
-
-»Aber Theosoph bist du?«
-
-»Auch nicht.«
-
-»Ach, sei nicht so verschlossen! Ich spüre doch ganz gut, daß etwas
-Besonderes mit dir ist. Du hast es in den Augen. Ich glaube bestimmt, daß
-du Umgang mit Geistern hast. -- Ich frage nicht aus Neugierde, Sinclair,
-nein! Ich bin selber ein Suchender, weißt du, und ich bin so allein.«
-
-»Erzähle nur!« munterte ich ihn an. »Ich weiß von Geistern zwar gar nichts,
-ich lebe in meinen Träumen, und das hast du gespürt. Die anderen Leute
-leben auch in Träumen, aber nicht in ihren eigenen, das ist der
-Unterschied.«
-
-»Ja, so ist es vielleicht,« flüsterte er. »Es kommt nur drauf an, welcher
-Art die Träume sind, in denen man lebt. -- Hast du schon von der weißen
-Magie gehört?«
-
-Ich mußte verneinen.
-
-»Das ist, wenn man lernt, sich selber zu beherrschen. Man kann unsterblich
-werden, und auch zaubern. Hast du nie solche Übungen gemacht?«
-
-Auf meine neugierige Frage nach diesen Übungen tat er erst geheimnisvoll,
-bis ich mich zum Gehen wandte, dann kramte er aus.
-
-»Zum Beispiel, wenn ich einschlafen oder auch mich konzentrieren will, dann
-mache ich eine solche Übung. Ich denke mir irgend etwas, zum Beispiel ein
-Wort oder einen Namen, oder eine geometrische Figur. Die denke ich dann in
-mich hinein, so stark ich kann, ich suche sie mir innen in meinem Kopf
-vorzustellen, bis ich fühle, daß sie darin ist. Dann denke ich sie in den
-Hals, und so weiter, bis ich ganz davon ausgefüllt bin. Dann bin ich ganz
-fest, und nichts mehr kann mich aus der Ruhe bringen.«
-
-Ich begriff einigermaßen, wie er es meine. Doch fühlte ich wohl, daß er
-noch anderes auf dem Herzen habe, er war seltsam erregt und hastig. Ich
-suchte ihm das Fragen leicht zu machen, und bald kam er denn mit seinem
-eigentlichen Anliegen.
-
-»Du bist doch auch enthaltsam?« fragte er mich ängstlich.
-
-»Wie meinst du das? Meinst du das Geschlechtliche?«
-
-»Ja, ja. Ich bin jetzt seit zwei Jahren enthaltsam, seit ich von der Lehre
-weiß. Vorher habe ich ein Laster getrieben, du weißt schon. -- Du bist also
-nie bei einem Weib gewesen?«
-
-»Nein,« sagte ich. »Ich habe die Richtige nicht gefunden.«
-
-»Aber wenn du die fändest, von der du meinst, sie sei die Richtige, dann
-würdest du mit ihr schlafen?«
-
-»Ja, natürlich. -- Wenn sie nichts dagegen hat,« sagte ich mit etwas Spott.
-
-»O da bist du aber auf dem falschen Weg! Die inneren Kräfte kann man nur
-ausbilden, wenn man völlig enthaltsam bleibt. Ich habe es getan, zwei Jahre
-lang. Zwei Jahre und etwas mehr als einen Monat! Es ist so schwer! Manchmal
-kann ich es kaum mehr aushalten.«
-
-»Höre, Knauer, ich glaube nicht, daß die Enthaltsamkeit so furchtbar
-wichtig ist.«
-
-»Ich weiß,« wehrte er ab, »das sagen alle. Aber von dir habe ich es nicht
-erwartet. Wer den höheren geistigen Weg gehen will, der muß rein bleiben,
-unbedingt!«
-
-»Ja, dann tu es! Aber ich begreife nicht, warum einer >reiner< sein soll,
-der sein Geschlecht unterdrückt, als irgendein anderer. Oder kannst du das
-Geschlechtliche auch aus allen Gedanken und Träumen ausschalten?«
-
-Er sah mich verzweifelt an.
-
-»Nein, eben nicht! Herrgott, und doch muß es sein. Ich habe in der Nacht
-Träume, die ich nicht einmal mir selber erzählen könnte! Furchtbare Träume,
-du!«
-
-Ich erinnerte mich dessen, was Pistorius mir gesagt hatte. Aber so sehr ich
-seine Worte als richtig empfand, ich konnte sie nicht weitergeben, ich
-konnte nicht einen Rat erteilen, der nicht aus meiner eigenen Erfahrung
-herkam und dessen Befolgung ich mich selber noch nicht gewachsen fühlte.
-Ich wurde schweigsam und fühlte mich dadurch gedemütigt, daß da jemand Rat
-bei mir suchte, dem ich keinen zu geben hatte.
-
-»Ich habe alles probiert!« jammerte Knauer neben mir. »Ich habe getan, was
-man tun kann, mit kaltem Wasser, mit Schnee, mit Turnen und Laufen, aber es
-hilft alles nichts. Jede Nacht wache ich aus Träumen auf, an die ich gar
-nicht denken darf. Und das Entsetzliche ist: darüber geht mir allmählich
-alles wieder verloren, was ich geistig gelernt hatte. Ich bringe es beinahe
-nie mehr fertig, mich zu konzentrieren oder mich einzuschläfern, oft liege
-ich die ganze Nacht wach. Ich halte das nimmer lang aus. Wenn ich
-schließlich doch den Kampf nicht durchführen kann, wenn ich nachgebe und
-mich wieder unrein mache, dann bin ich schlechter als alle anderen, die
-überhaupt nie gekämpft haben. Das begreifst du doch?«
-
-Ich nickte, konnte aber nichts dazu sagen. Er begann mich zu langweilen,
-und ich erschrak vor mir selber, daß mir seine offensichtliche Not und
-Verzweiflung keinen tiefern Eindruck machte. Ich empfand nur: ich kann dir
-nicht helfen.
-
-»Also weißt du mir gar nichts?« sagte er schließlich erschöpft und traurig.
-»Gar nichts? Es muß doch einen Weg geben! Wie machst denn du es?«
-
-»Ich kann dir nichts sagen, Knauer. Man kann einander da nicht helfen. Mir
-hat auch niemand geholfen. Du mußt dich auf dich selber besinnen, und dann
-mußt du das tun, was wirklich aus deinem Wesen kommt. Es gibt nichts
-anderes. Wenn du dich selber nicht finden kannst, dann wirst du auch keine
-Geister finden, glaube ich.«
-
-Enttäuscht und plötzlich stumm geworden, sah der kleine Kerl mich an. Dann
-glühte sein Blick in plötzlicher Gehässigkeit auf, er schnitt mir eine
-Grimasse und schrie wütend: »Ah, du bist mir ein schöner Heiliger! Du hast
-auch dein Laster, ich weiß es! Du tust wie ein Weiser und heimlich hängst
-du am gleichen Dreck wie ich und alle! Du bist ein Schwein, ein Schwein,
-wie ich selber. Alle sind wir Schweine!«
-
-Ich ging weg und ließ ihn stehen. Er tat mir zwei, drei Schritte nach, dann
-blieb er zurück, kehrte um und rannte davon. Mir wurde übel aus einem
-Gefühl von Mitleid und Abscheu, und ich kam von dem Gefühl nicht los, bis
-ich zu Hause in meinem kleinen Zimmerchen meine paar Bilder um mich stellte
-und mich mit sehnlichster Innigkeit meinen eigenen Träumen hingab. Da kam
-sofort mein Traum wieder, vom Haustor und Wappen, von der Mutter und der
-fremden Frau, und ich sah die Züge der Frau so überdeutlich, daß ich noch
-am selben Abend ihr Bild zu zeichnen begann.
-
-Als diese Zeichnung nach einigen Tagen fertig war, in traumhaften
-Viertelstunden wie bewußtlos hingestrichen, hängte ich sie am Abend an
-meiner Wand auf, rückte die Studierlampe davor und stand vor ihr wie vor
-einem Geist, mit dem ich kämpfen mußte bis zur Entscheidung. Es war ein
-Gesicht, ähnlich dem frühern, ähnlich meinem Freund Demian, in einigen
-Zügen auch ähnlich mir selber. Das eine Auge stand auffallend höher als das
-andere, der Blick ging über mich weg in versunkener Starrheit, voll von
-Schicksal.
-
-Ich stand davor und wurde vor innerer Anstrengung kalt bis in die Brust
-hinein. Ich fragte das Bild, ich klagte es an, ich liebkoste es, ich betete
-zu ihm; ich nannte es Mutter, ich nannte es Geliebte, nannte es Hure und
-Dirne, nannte es Abraxas. Dazwischen fielen Worte von Pistorius -- oder von
-Demian? -- mir ein; ich konnte mich nicht erinnern, wann sie gesprochen
-waren, aber ich meinte sie wieder zu hören. Es waren Worte über den Kampf
-Jakobs mit dem Engel Gottes, und das »Ich lasse dich nicht, du segnest mich
-denn«.
-
-Das gemalte Gesicht im Lampenschein verwandelte sich bei jeder Anrufung. Es
-wurde hell und leuchtend, wurde schwarz und finster, schloß fahle Lider
-über erstorbenen Augen, öffnete sie wieder und blitzte glühende Blicke, es
-war Frau, war Mann, war Mädchen, war ein kleines Kind, ein Tier, verschwamm
-zum Fleck, wurde wieder groß und klar. Am Ende schloß ich, einem starken
-inneren Rufe folgend, die Augen und sah nun das Bild inwendig in mir,
-stärker und mächtiger. Ich wollte vor ihm niederknien, aber es war so sehr
-in mir innen, daß ich es nicht mehr von mir trennen konnte, als wäre es zu
-lauter Ich geworden.
-
-Da hörte ich ein dunkles schweres Brausen wie von einem Frühjahrssturm und
-zitterte in einem unbeschreiblich neuen Gefühl von Angst und Erlebnis.
-Sterne zuckten vor mich auf und erloschen, Erinnerungen bis in die erste,
-vergessenste Kinderzeit zurück, ja bis in Vorexistenzen und frühe Stufen
-des Werdens, strömten gedrängt an mir vorüber. Aber die Erinnerungen, die
-mir mein ganzes Leben bis ins Geheimste zu wiederholen schienen, hörten mit
-gestern und heute nicht auf, sie gingen weiter, spiegelten Zukunft, rissen
-mich von heute weg und in neue Lebensformen, deren Bilder ungeheuer hell
-und blendend waren, an deren keines ich mich aber später richtig erinnern
-konnte.
-
-In der Nacht erwachte ich aus tiefem Schlaf, ich war in den Kleidern und
-lag quer überm Bett. Ich zündete Licht an, fühlte, daß ich mich auf
-Wichtiges besinnen müsse, wußte nichts mehr von den Stunden vorher. Ich
-zündete Licht an, die Erinnerung kam allmählich. Ich suchte das Bild, es
-hing nicht mehr an der Wand, lag auch nicht auf dem Tische. Da meinte ich
-mich dunkel zu besinnen, daß ich es verbrannt hätte. Oder war es ein Traum
-gewesen, daß ich es in meinen Händen verbrannt und die Asche gegessen
-hätte?
-
-Eine große, zuckende Unruhe trieb mich. Ich setzte den Hut auf, ging durch
-Haus und Gasse, wie unter einem Zwang, lief und lief durch Straßen und über
-Plätze wie von einem Sturm geweht, lauschte vor der finstern Kirche meines
-Freundes, suchte und suchte in dunklem Trieb, ohne zu wissen, was. Ich kam
-durch eine Vorstadt, wo Dirnenhäuser standen, dort war hier und da noch
-Licht. Weiter draußen lagen Neubauten und Ziegelhaufen, zum Teil mit grauem
-Schnee bedeckt. Mir fiel, da ich wie ein Traumwandler unter einem fremden
-Druck durch diese Wüste trieb, der Neubau in meiner Vaterstadt ein, in
-welchen mich einst mein Peiniger Kromer zu unserer ersten Abrechnung
-gezogen hatte. Ein ähnlicher Bau lag in der grauen Nacht hier vor mir,
-gähnte mit schwarzem Türloch mich an. Es zog mich hinein, ich wollte
-ausweichen und stolperte über Sand und Schutt; der Drang war stärker, ich
-mußte hinein.
-
-Über Bretter und zerbrochene Backsteine hinweg taumelte ich in den öden
-Raum, es roch trübe nach feuchter Kälte und Steinen. Ein Sandhaufen lag da,
-ein grauheller Fleck, sonst war alles dunkel.
-
-Da rief eine entsetzte Stimme mich an: »Um Gottes willen, Sinclair, wo
-kommst du her?«
-
-Und neben mir richtete aus der Finsternis ein Mensch sich auf, ein kleiner
-magerer Bursch, wie ein Geist, und ich erkannte, während mir noch die Haare
-zu Berg standen, meinen Schulkameraden Knauer.
-
-»Wie kommst du hierher?« fragte er, wie irr vor Erregung. »Wie hast du mich
-finden können?«
-
-Ich verstand nicht.
-
-»Ich habe dich nicht gesucht,« sagte ich benommen; jedes Wort machte mir
-Mühe und kam mir mühsam über tote, schwere, wie erfrorene Lippen.
-
-Er starrte mich an.
-
-»Nicht gesucht?«
-
-»Nein. Es zog mich her. Hast du mich gerufen? Du mußt mich gerufen haben.
-Was tust du denn hier? Es ist doch Nacht.«
-
-Er umschlang mich krampfhaft mit seinen dünnen Armen.
-
-»Ja, Nacht. Es muß bald Morgen werden. O Sinclair, daß du mich nicht
-vergessen hast! Kannst du mir denn verzeihen?«
-
-»Was denn?«
-
-»Ach ich war ja so häßlich!«
-
-Erst jetzt kam mir die Erinnerung an unser Gespräch. War das vor vier, fünf
-Tagen gewesen? Mir schien seither ein Leben vergangen. Aber jetzt wußte ich
-plötzlich alles. Nicht nur, was zwischen uns geschehen war, sondern auch,
-warum ich hergekommen war und was Knauer hier draußen hatte tun wollen.
-
-»Du wolltest dir also das Leben nehmen, Knauer?«
-
-Er schauderte vor Kälte und vor Angst.
-
-»Ja, ich wollte. Ich weiß nicht, ob ich es gekonnt hätte. Ich wollte
-warten, bis es Morgen wird.«
-
-Ich zog ihn ins Freie. Die ersten wagrechten Lichtstreifen des Tages
-glommen unsäglich kalt und lustlos in den grauen Lüften.
-
-Ich führte den Jungen eine Strecke weit am Arm. Es sprach aus mir: »Jetzt
-gehst du nach Hause, und sagst niemand etwas! Du bist den falschen Weg
-gegangen, den falschen Weg! Wir sind auch nicht Schweine, wie du meinst.
-Wir sind Menschen. Wir machen Götter, und kämpfen mit ihnen, und sie segnen
-uns.«
-
-Schweigend gingen wir weiter und auseinander. Als ich heimkam, war es Tag
-geworden.
-
- * * * * *
-
-Das Beste, was mir jene Zeit in St. noch brachte, waren Stunden mit
-Pistorius an der Orgel oder vor dem Kaminfeuer. Wir lasen einen
-griechischen Text über Abraxas zusammen, er las mir Stücke einer
-Übersetzung aus den Veden vor und lehrte mich das heilige »Om« sprechen.
-Indessen waren es nicht diese Gelehrsamkeiten, die mich im Innern
-förderten, sondern eher das Gegenteil. Was mir wohltat, war das
-Vorwärtsfinden in mir selber, das zunehmende Vertrauen in meine eigenen
-Träume, Gedanken und Ahnungen, und das zunehmende Wissen von der Macht, die
-ich in mir trug.
-
-Mit Pistorius verstand ich mich auf jede Weise. Ich brauchte nur stark an
-ihn zu denken, so war ich sicher, daß er oder ein Gruß von ihm zu mir kam.
-Ich konnte ihn, ebenso wie Demian, irgend etwas fragen, ohne daß er selbst
-da war: ich brauchte ihn mir nur fest vorzustellen und meine Fragen als
-intensive Gedanken an ihn zu richten. Dann kehrte alle in die Frage
-gegebene Seelenkraft als Antwort in mich zurück. Nur war es nicht die
-Person des Pistorius, die ich mir vorstellte, und nicht die des Max Demian,
-sondern es war das von mir geträumte und gemalte Bild, das mannweibliche
-Traumbild meines Dämons, das ich anrufen mußte. Es lebte jetzt nicht mehr
-nur in meinen Träumen, und nicht mehr gemalt auf Papier, sondern in mir,
-als ein Wunschbild und eine Steigerung meiner selbst.
-
-Eigentümlich und zuweilen komisch war das Verhältnis, in welches der
-mißglückte Selbstmörder Knauer zu mir getreten war. Seit der Nacht, in der
-ich ihm gesendet worden war, hing er an mir wie ein treuer Diener oder
-Hund, suchte sein Leben an meines zu knüpfen und folgte mir blindlings. Mit
-den wunderlichsten Fragen und Wünschen kam er zu mir, wollte Geister sehen,
-wollte die Kabbala lernen, und glaubte mir nicht, wenn ich ihm versicherte,
-daß ich von all diesen Sachen nichts verstünde. Er traute mir jede Macht
-zu. Aber seltsam war, daß er oft mit seinen wunderlichen und dummen Fragen
-gerade dann zu mir kam, wenn irgendein Knoten in mir zu lösen war, und daß
-seine launischen Einfälle und Anliegen mir oft das Stichwort und den Anstoß
-zur Lösung brachten. Oft war er mir lästig und wurde herrisch weggeschickt,
-aber ich spürte doch: auch er war mir gesandt, auch aus ihm kam das, was
-ich ihm gab, verdoppelt in mich zurück, auch er war mir ein Führer, oder
-doch ein Weg. Die tollen Bücher und Schriften, die er mir zutrug und in
-denen er sein Heil suchte, lehrten mich mehr, als ich im Augenblick
-einsehen konnte.
-
-Dieser Knauer verlor sich später ungefühlt von meinem Weg. Mit ihm war eine
-Auseinandersetzung nicht nötig. Wohl aber mit Pistorius. Mit diesem Freunde
-erlebte ich gegen den Schluß meiner Schulzeit in St. noch etwas
-Eigentümliches.
-
-Auch den harmlosen Menschen bleibt es kaum erspart, einmal oder einigemal
-im Leben in Konflikt mit den schönen Tugenden der Pietät und der
-Dankbarkeit zu geraten. Jeder muß einmal den Schritt tun, der ihn von
-seinem Vater, von seinen Lehrern trennt, jeder muß etwas von der Härte der
-Einsamkeit spüren, wenn auch die meisten Menschen wenig davon ertragen
-können und bald wieder unterkriechen. -- Von meinen Eltern und ihrer Welt,
-der »lichten« Welt meiner schönen Kindheit, war ich nicht in heftigem Kampf
-geschieden, sondern langsam und fast unmerklich ihnen ferner gekommen und
-fremder geworden. Es tat mir leid, es machte mir bei den Besuchen in der
-Heimat oft bittere Stunden; aber es ging nicht bis ins Herz, es war zu
-ertragen.
-
-Aber dort, wo wir nicht aus Gewohnheit, sondern aus eigenstem Antrieb Liebe
-und Ehrfurcht dargebracht haben, da, wo wir mit eigenstem Herzen Jünger und
-Freunde gewesen sind -- dort ist es ein bitterer und furchtbarer
-Augenblick, wenn wir plötzlich zu erkennen meinen, daß die führende
-Strömung in uns von dem Geliebten wegführen will. Da richtet jeder Gedanke,
-der den Freund und Lehrer abweist, sich mit giftigem Stachel gegen unser
-eigenes Herz, da trifft jeder Hieb der Abwehr ins eigene Gesicht. Da
-tauchen dem, der eine gültige Moral in sich selber zu tragen meinte, die
-Namen »Treulosigkeit« und »Undankbarkeit« wie schändliche Zurufe und
-Brandmäler auf, da flieht das erschrockene Herz angstvoll in die lieben
-Täler der Kindheitstugenden zurück und kann nicht daran glauben, daß auch
-dieser Bruch getan, daß auch dieses Band zerschnitten werden muß.
-
-Langsam hatte ein Gefühl in mir sich mit der Zeit dagegen gewendet, meinen
-Freund Pistorius so unbedingt als Führer anzuerkennen. Was ich in den
-wichtigsten Monaten meiner Jünglingszeit erlebt hatte, war die Freundschaft
-mit ihm, war sein Rat, sein Trost, seine Nähe gewesen. Aus ihm hatte Gott
-zu mir gesprochen. Aus seinem Munde waren meine Träume mir zurückgekehrt,
-geklärt und gedeutet. Er hatte mir den Mut zu mir selber geschenkt. -- Ach,
-und nun spürte ich langsam anwachsend Widerstände gegen ihn. Ich hörte zu
-viel Belehrendes in seinen Worten, ich empfand, daß er nur einen Teil von
-mir ganz verstehe.
-
-Es gab keinen Streit, keine Szene zwischen uns, keinen Bruch und nicht
-einmal eine Abrechnung. Ich sagte ihm nur ein einziges, eigentlich
-harmloses Wort -- aber es war doch eben der Augenblick, in dem zwischen uns
-eine Illusion in farbige Scherben zerfiel.
-
-Gedrückt hatte die Vorausahnung mich schon eine Weile, zum deutlichen
-Gefühl wurde sie eines Sonntags in seiner alten Gelehrtenstube. Wir lagen
-am Boden vor dem Feuer, und er sprach von Mysterien und Religionsformen,
-die er studierte, an denen er sann, und deren mögliche Zukunft ihn
-beschäftigte. Mir aber schien dies alles mehr kurios und interessant als
-lebenswichtig, es klang mir Gelehrsamkeit, es klang mir müdes Suchen unter
-Trümmern ehemaliger Welten daraus entgegen. Und mit einem Male spürte ich
-einen Widerwillen gegen diese ganze Art, gegen diesen Kultus der
-Mythologien, gegen dieses Mosaikspiel mit überlieferten Glaubensformen.
-
-»Pistorius,« sagte ich plötzlich, mit einer mir selber überraschend und
-erschreckend hervorbrechenden Bosheit, »Sie sollten mir wieder einmal einen
-Traum erzählen, einen wirklichen Traum, den Sie in der Nacht gehabt haben.
-Das, was Sie da reden, ist so -- so verflucht antiquarisch!«
-
-Er hatte mich niemals so reden hören, und ich selbst empfand im selben
-Augenblick blitzhaft mit Scham und Schrecken, daß der Pfeil, den ich auf
-ihn abschoß und der ihn ins Herz traf, aus seiner eigenen Rüstkammer
-genommen war -- daß ich Selbstvorwürfe, die ich ihn in ironischem Ton
-gelegentlich hatte äußern hören, nun boshaft ihm in zugespitzter Form
-zuwarf.
-
-Er spürte es augenblicklich, und er wurde sofort still. Ich sah ihn mit
-Angst im Herzen an, und sah ihn furchtbar bleich werden.
-
-Nach einer langen schweren Pause legte er neues Holz aufs Feuer und sagte
-still: »Sie haben ganz recht, Sinclair. Sie sind ein kluger Kerl. Ich werde
-Sie mit dem antiquarischen Zeug verschonen.«
-
-Er sprach sehr ruhig, aber ich hörte den Schmerz der Verwundung wohl
-heraus. Was hatte ich getan!
-
-Die Tränen waren mir nah, ich wollte mich ihm herzlich zuwenden, wollte ihn
-um Verzeihung bitten, ihn meiner Liebe, meiner zärtlichen Dankbarkeit
-versichern. Rührende Worte fielen mir ein -- aber ich konnte sie nicht
-sagen. Ich blieb liegen, sah ins Feuer und schwieg. Und er schwieg auch,
-und so lagen wir, und das Feuer brannte herab und sank zusammen, und mit
-jeder verblassenden Flamme fühlte ich etwas Schönes und Inniges verglühen
-und verfliegen, das nicht wiederkommen konnte.
-
-»Ich fürchte, Sie verstehen mich falsch,« sagte ich schließlich sehr
-gepreßt und mit trockener, heiserer Stimme. Die dummen, sinnlosen Worte
-kamen mir wie mechanisch über die Lippen, als läse ich aus einem
-Zeitungsroman vor.
-
-»Ich verstehe Sie ganz richtig,« sagte Pistorius leis. »Sie haben ja
-recht.« Er wartete. Dann fuhr er langsam fort: »Soweit ein Mensch eben
-gegen den andern recht haben kann.«
-
-Nein, nein, rief es in mir, ich habe unrecht! -- aber sagen konnte ich
-nichts. Ich wußte, daß ich mit meinem einzigen kleinen Wort ihn auf eine
-wesentliche Schwäche, auf seine Not und Wunde hingewiesen hatte. Ich hatte
-den Punkt berührt, wo er sich selber mißtrauen mußte. Sein Ideal war
-»antiquarisch«, er war ein Sucher nach rückwärts, er war ein Romantiker.
-Und plötzlich fühlte ich tief: Gerade das, was Pistorius mir gewesen war
-und gegeben hatte, das konnte er sich selbst nicht sein und geben. Er hatte
-mich einen Weg geführt, der auch ihn, den Führer, überschreiten und
-verlassen mußte.
-
-Weiß Gott, wie solch ein Wort entsteht! Ich hatte es gar nicht schlimm
-gemeint, hatte keine Ahnung von einer Katastrophe gehabt. Ich hatte etwas
-ausgesprochen, was ich im Augenblick des Aussprechens selber durchaus nicht
-wußte, ich hatte einem kleinen, etwas witzigen, etwas boshaften Einfall
-nachgegeben, und es war Schicksal daraus geworden. Ich hatte eine kleine
-achtlose Roheit begangen, und für ihn war sie ein Gericht geworden.
-
-O wie sehr habe ich mir damals gewünscht, er möchte böse geworden sein, er
-möchte sich verteidigt, möchte mich angeschrien haben! Er tat nichts davon,
-alles das mußte ich, in mir drinnen, selber tun. Er hätte gelächelt, wenn
-er gekonnt hätte. Daß er es nicht konnte, daran sah ich am besten, wie sehr
-ich ihn getroffen hatte.
-
-Und indem Pistorius den Schlag von mir, von seinem vorlauten und
-undankbaren Schüler, so lautlos hinnahm, indem er schwieg und mir Recht
-ließ, indem er mein Wort als Schicksal anerkannte, machte er mich mir
-selbst verhaßt, machte er meine Unbesonnenheit tausendmal größer. Als ich
-zuschlug, hatte ich einen Starken und Wehrhaften zu treffen gemeint -- nun
-war es ein stiller, duldender Mensch, ein Wehrloser, der sich schweigend
-ergab.
-
-Lange Zeit blieben wir vor dem verglimmenden Feuer liegen, in dem jede
-glühende Figur, jeder sich krümmende Aschenstab mir glückliche, schöne,
-reiche Stunden ins Gedächtnis rief und die Schuld meiner Verpflichtung
-gegen Pistorius größer und größer anhäufte. Zuletzt ertrug ich es nicht
-mehr. Ich stand auf und ging. Lange stand ich vor seiner Tür, lange auf der
-finstern Treppe, lange noch draußen vor dem Hause, wartend, ob er
-vielleicht käme und mir nachginge. Dann ging ich weiter und lief Stunden um
-Stunden durch Stadt und Vorstädte, Park und Wald, bis zum Abend. Und damals
-spürte ich zum erstenmal das Zeichen Kains auf meiner Stirn.
-
-Nur allmählich kam ich zum Nachdenken. Meine Gedanken hatten alle die
-Absicht, mich anzuklagen und Pistorius zu verteidigen. Und alle endeten mit
-dem Gegenteil. Tausendmal war ich bereit, mein rasches Wort zu bereuen und
-zurückzunehmen -- aber wahr war es doch gewesen. Erst jetzt gelang es mir,
-Pistorius zu verstehen, seinen ganzen Traum vor mir aufzubauen. Dieser
-Traum war gewesen, ein Priester zu sein, die neue Religion zu verkünden,
-neue Formen der Erhebung, der Liebe und Anbetung zu geben, neue Symbole
-aufzurichten. Aber dies war nicht seine Kraft, nicht sein Amt. Er verweilte
-allzu warm im Gewesenen, er kannte allzu genau das Ehemalige, er wußte
-allzu viel von Ägypten, von Indien, von Mithras, von Abraxas. Seine Liebe
-war an Bilder gebunden, welche die Erde schon gesehen hatte, und dabei
-wußte er im Innersten selber wohl, daß das Neue neu und anders sein, daß es
-aus frischem Boden quellen und nicht aus Sammlungen und Bibliotheken
-geschöpft werden mußte. Sein Amt war vielleicht, Menschen zu sich selbst
-führen zu helfen, wie er es mit mir getan hatte. Ihnen das Unerhörte zu
-geben, die neuen Götter, war sein Amt nicht.
-
-Und hier brannte mich plötzlich wie eine scharfe Flamme die Erkenntnis: --
-Es gab für jeden ein »Amt«, aber für keinen eines, das er selber wählen,
-umschreiben und beliebig verwalten durfte. Es war falsch, neue Götter zu
-wollen, es war völlig falsch, der Welt irgend etwas geben zu wollen! Es gab
-keine, keine, keine Pflicht für erwachte Menschen als die eine: sich selber
-zu suchen, in sich fest zu werden, den eigenen Weg vorwärts zu tasten,
-einerlei wohin er führte. -- Das erschütterte mich tief, und das war die
-Frucht dieses Erlebnisses für mich. Oft hatte ich mit Bildern der Zukunft
-gespielt, ich hatte von Rollen geträumt, die mir zugedacht sein könnten,
-als Dichter vielleicht oder als Prophet, oder als Maler, oder irgendwie.
-All das war nichts. Ich war nicht da, um zu dichten, um zu predigen, um zu
-malen, weder ich noch sonst ein Mensch war dazu da. Das alles ergab sich
-nur nebenher. Wahrer Beruf für jeden war nur das eine: zu sich selbst zu
-kommen. Er mochte als Dichter oder als Wahnsinniger, als Prophet oder als
-Verbrecher enden -- dies war nicht seine Sache, ja dies war letzten Endes
-belanglos. Seine Sache war, das eigene Schicksal zu finden, nicht ein
-beliebiges, und es in sich auszuleben, ganz und ungebrochen. Alles andere
-war halb, war Versuch zu entrinnen, war Rückflucht in Ideale der Masse, war
-Anpassung und Angst vor dem eigenen Innern. Furchtbar und heilig stieg das
-neue Bild vor mir auf, hundertmal geahnt, vielleicht oft schon
-ausgesprochen, und doch erst jetzt erlebt. Ich war ein Wurf der Natur, ein
-Wurf ins Ungewisse, vielleicht zu Neuem, vielleicht zu Nichts, und diesen
-Wurf aus der Urtiefe auswirken zu lassen, seinen Willen in mir zu fühlen
-und ihn ganz zu meinem zu machen, das allein war mein Beruf. Das allein!
-
-Viel Einsamkeit hatte ich schon gekostet. Nun ahnte ich, daß es tiefere
-gab, und daß sie unentrinnbar sei.
-
-Ich machte keinen Versuch, Pistorius zu versöhnen. Wir blieben Freunde,
-aber das Verhältnis war geändert. Nur ein einzigesmal sprachen wir darüber,
-oder eigentlich nur er war es, der es tat. Er sagte: »Ich habe den Wunsch,
-Priester zu werden, das wissen Sie. Ich wollte am liebsten der Priester der
-neuen Religion werden, von der wir so manche Ahnungen haben. Ich werde es
-nie sein können -- ich weiß es und wußte es, ohne es mir ganz zu gestehen,
-schon lange. Ich werde eben andre Priesterdienste tun, vielleicht auf der
-Orgel, vielleicht sonstwie. Aber ich muß immer von etwas umgeben sein, was
-ich als schön und heilig empfinde, Orgelmusik und Mysterium, Symbol und
-Mythus, ich brauche das und will nicht davon lassen. -- Das ist meine
-Schwäche. Denn ich weiß manchmal, Sinclair, ich weiß zu Zeiten, daß ich
-solche Wünsche nicht haben sollte, daß sie Luxus und Schwäche sind. Es wäre
-größer, es wäre richtiger, wenn ich ganz einfach dem Schicksal zur
-Verfügung stünde, ohne Ansprüche. Aber ich kann das nicht; es ist das
-einzige, was ich nicht kann. Vielleicht können Sie es einmal. Es ist
-schwer, es ist das einzige wirklich Schwere, was es gibt, mein Junge. Ich
-habe oft davon geträumt, aber ich kann nicht, es schaudert mich davor: ich
-kann nicht so völlig nackt und einsam stehen, auch ich bin ein armer
-schwacher Hund, der etwas Wärme und Futter braucht und gelegentlich die
-Nähe von seinesgleichen spüren möchte. Wer wirklich gar nichts will als
-sein Schicksal, der hat nicht seinesgleichen mehr, der steht ganz allein
-und hat nur den kalten Weltenraum um sich. Wissen Sie, das ist Jesus im
-Garten Gethsemane. Es hat Märtyrer gegeben, die sich gern ans Kreuz
-schlagen ließen, aber auch sie waren keine Helden, waren nicht befreit,
-auch sie wollten etwas, was ihnen liebgewohnt und heimatlich war, sie
-hatten Vorbilder, sie hatten Ideale. Wer nur noch das Schicksal will, der
-hat weder Vorbilder noch Ideale mehr, nichts Liebes, nichts Tröstliches hat
-er! Und diesen Weg müßte man eigentlich gehen. Leute wie ich und Sie sind
-ja recht einsam, aber wir haben doch noch einander, wir haben die heimliche
-Genugtuung, anders zu sein, uns aufzulehnen, das Ungewöhnliche zu wollen.
-Auch das muß wegfallen, wenn einer den Weg ganz gehen will. Er darf auch
-nicht Revolutionär, nicht Beispiel, nicht Märtyrer sein wollen. Es ist
-nicht auszudenken --«
-
-Nein, es war nicht auszudenken. Aber es war zu träumen, es war vorzufühlen,
-es war zu ahnen. Einigemal fühlte ich etwas davon, wenn ich eine ganz
-stille Stunde fand. Dann blickte ich in mich und sah meinem Schicksalsbild
-in die offenstarren Augen. Sie konnten voll Weisheit sein, sie konnten voll
-Wahnsinn sein, sie konnten Liebe strahlen oder tiefe Bosheit, es war
-einerlei. Nichts davon durfte man wählen, nichts durfte man wollen. Man
-durfte nur _sich_ wollen, nur sein Schicksal. Dahin hatte mir Pistorius
-eine Strecke weit als Führer gedient.
-
-In jenen Tagen lief ich wie blind umher, Sturm brauste in mir, jeder
-Schritt war Gefahr. Ich sah nichts als die abgründige Dunkelheit vor mir,
-in welche alle bisherigen Wege verliefen und hinabsanken. Und in meinem
-Innern sah ich das Bild des Führers, der Demian glich und in dessen Augen
-mein Schicksal stand.
-
-Ich schrieb auf ein Papier: »Ein Führer hat mich verlassen. Ich stehe ganz
-im Finstern. Ich kann keinen Schritt allein tun. Hilf mir!«
-
-Das wollte ich an Demian schicken. Doch unterließ ich es; es sah jedesmal,
-wenn ich es tun wollte, läppisch und sinnlos aus. Aber ich wußte das kleine
-Gebet auswendig und sprach es oft in mich hinein. Es begleitete mich jede
-Stunde. Ich begann zu ahnen, was Gebet ist.
-
- * * * * *
-
-Meine Schulzeit war zu Ende. Ich sollte eine Ferienreise machen, mein Vater
-hatte sich das ausgedacht, und dann sollte ich zur Universität gehen. Zu
-welcher Fakultät, das wußte ich nicht. Es war mir ein Semester Philosophie
-bewilligt. Ich wäre mit allem andern ebenso zufrieden gewesen.
-
-
-
-
-Siebentes Kapitel
-Frau Eva
-
-
-In den Ferien ging ich einmal zu dem Hause, in welchem vor Jahren Max
-Demian mit seiner Mutter gewohnt hatte. Eine alte Frau spazierte im Garten,
-ich sprach sie an und erfuhr, daß ihr das Haus gehöre. Ich fragte nach der
-Familie Demian. Sie erinnerte sich ihrer gut. Doch wußte sie nicht, wo sie
-jetzt wohnten. Da sie mein Interesse spürte, nahm sie mich mit ins Haus,
-suchte ein ledernes Album hervor und zeigte mir eine Photographie von
-Demians Mutter. Ich konnte mich ihrer kaum mehr erinnern. Aber als ich nun
-das kleine Bildnis sah, blieb mir der Herzschlag stehen. -- Das war mein
-Traumbild! Das war sie, die große, fast männliche Frauenfigur, ihrem Sohne
-ähnlich, mit Zügen von Mütterlichkeit, Zügen von Strenge, Zügen von tiefer
-Leidenschaft, schön und verlockend, schön und unnahbar, Dämon und Mutter,
-Schicksal und Geliebte. Das war sie!
-
-Wie ein wildes Wunder durchfuhr es mich, als ich so erfuhr, daß mein
-Traumbild auf der Erde lebe! Es gab eine Frau, die so aussah, die die Züge
-meines Schicksals trug! Wo war sie? Wo? -- Und sie war Demians Mutter!
-
-Bald darauf trat ich meine Reise an. Eine sonderbare Reise! Ich fuhr
-rastlos von Ort zu Ort, jedem Einfall nach, immer auf der Suche nach dieser
-Frau. Es gab Tage, da traf ich lauter Gestalten, die an sie erinnerten, an
-sie anklangen, die ihr glichen, die mich durch Gassen fremder Städte, durch
-Bahnhöfe, in Eisenbahnzüge lockten, wie in verwickelten Träumen. Es gab
-andere Tage, da sah ich ein, wie unnütz mein Suchen sei; dann saß ich
-untätig irgendwo in einem Park, in einem Hotelgarten, in einem Wartesaal,
-und schaute in mich hinein und versuchte das Bild in mir lebendig zu
-machen. Aber es war jetzt scheu und flüchtig geworden. Nie konnte ich
-schlafen, nur auf den Bahnfahrten durch unbekannte Landschaften nickte ich
-für Viertelstunden ein. Einmal, in Zürich, stellte eine Frau mir nach, ein
-hübsches, etwas freches Weib. Ich sah sie kaum und ging weiter, als wäre
-sie Luft. Lieber wäre ich sofort gestorben, als daß ich einer andern Frau
-auch nur für eine Stunde Teilnahme geschenkt hätte.
-
-Ich spürte, daß mein Schicksal mich zog, ich spürte, daß die Erfüllung nahe
-sei, und ich war toll vor Ungeduld, daß ich nichts dazu tun konnte. Einst
-auf einem Bahnhof, ich glaube, es war in Innsbruck, sah ich in einem eben
-wegfahrenden Zug am Fenster eine Gestalt, die mich an sie erinnerte, und
-war tagelang unglücklich. Und plötzlich erschien die Gestalt mir wieder
-nachts in einem Traume, ich erwachte mit einem beschämten und öden Gefühl
-von der Sinnlosigkeit meiner Jagd, und fuhr geraden Weges nach Hause
-zurück.
-
-Ein paar Wochen später ließ ich mich auf der Universität H. einschreiben.
-Alles enttäuschte mich. Das Kolleg über Geschichte der Philosophie, das ich
-hörte, war ebenso wesenlos und fabrikmäßig wie das Treiben der studierenden
-Jünglinge. Alles war so nach der Schablone, einer tat wie der andere, und
-die erhitzte Fröhlichkeit auf den knabenhaften Gesichtern sah so betrübend
-leer und fertiggekauft aus! Aber ich war frei, ich hatte meinen ganzen Tag
-für mich, wohnte still und schön in altem Gemäuer vor der Stadt und hatte
-auf meinem Tisch ein paar Bände Nietzsche liegen. Mit ihm lebte ich, fühlte
-die Einsamkeit seiner Seele, witterte das Schicksal, das ihn unaufhaltsam
-trieb, litt mit ihm und war selig, daß es einen gegeben hatte, der so
-unerbittlich seinen Weg gegangen war.
-
-Spät am Abend schlenderte ich einst durch die Stadt, im wehenden
-Herbstwind, und hörte aus den Wirtshäusern die Studentenvereine singen. Aus
-geöffneten Fenstern drang Tabakrauch in Wolken hervor, und in dickem
-Schwall der Gesang, laut und straff, doch unbeschwingt und leblos uniform.
-
-Ich stand an einer Straßenecke und hörte zu, aus zwei Kneipen scholl die
-pünktlich ausgeübte Munterkeit der Jugend in die Nacht. Überall
-Gemeinsamkeit, überall Zusammenhocken, überall Abladen des Schicksals und
-Flucht in warme Herdennähe!
-
-Hinter mir gingen zwei Männer langsam vorüber. Ich hörte ein Stück von
-ihrem Gespräch.
-
-»Ist es nicht genau wie das Jungemännerhaus in einem Negerdorf?« sagte der
-eine. »Alles stimmt, sogar das Tätowieren ist noch Mode. Sehen Sie, das ist
-das junge Europa.«
-
-Die Stimme klang mir wunderlich mahnend -- bekannt. Ich ging den beiden in
-der dunklen Gasse nach. Der eine war ein Japaner, klein und elegant, ich
-sah unter einer Laterne sein gelbes lächelndes Gesicht aufglänzen.
-
-Da sprach der andere wieder.
-
-»Nun, es wird bei Ihnen in Japan auch nicht besser sein. Die Leute, die
-nicht der Herde nachlaufen, sind überall selten. Es gibt auch hier welche.«
-
-Jedes Wort durchdrang mich mit freudigem Schrecken. Ich kannte den
-Sprecher. Es war Demian.
-
-In der windigen Nacht folgte ich ihm und dem Japaner durch die dunkeln
-Gassen, hörte ihren Gesprächen zu und genoß den Klang von Demians Stimme.
-Sie hatte den alten Ton, sie hatte die alte, schöne Sicherheit und Ruhe,
-und sie hatte die alte Macht über mich. Nun war alles gut. Ich hatte ihn
-gefunden.
-
-Am Ende einer vorstädtischen Straße nahm der Japaner Abschied und schloß
-eine Haustür auf. Demian ging den Weg zurück, ich war stehen geblieben und
-erwartete ihn mitten in der Straße. Mit Herzklopfen sah ich ihn mir
-entgegen kommen, aufrecht und elastisch, in einem braunen Gummimantel,
-einen dünnen Stock am Arme eingehängt. Er kam, ohne seinen gleichmäßigen
-Schritt zu ändern, bis dicht vor mich hin, nahm den Hut ab und zeigte mir
-sein altes, helles Gesicht mit dem entschlossenen Mund und der
-eigentümlichen Helligkeit auf der breiten Stirn.
-
-»Demian!« rief ich.
-
-Er streckte mir die Hand entgegen.
-
-»Also da bist du, Sinclair! Ich habe dich erwartet.«
-
-»Wußtest du, daß ich hier bin?«
-
-»Ich wußte es nicht gerade, aber ich hoffte es bestimmt. Gesehen habe ich
-dich erst heute abend, du bist uns ja die ganze Zeit nachgegangen.«
-
-»Du kanntest mich also gleich?«
-
-»Natürlich. Du hast dich zwar verändert. Aber du hast ja das Zeichen.«
-
-»Das Zeichen? Was für ein Zeichen?«
-
-»Wir nannten es früher das Kainszeichen, wenn du dich noch erinnern kannst.
-Es ist unser Zeichen. Du hast es immer gehabt, darum bin ich dein Freund
-geworden. Aber jetzt ist es deutlicher geworden.«
-
-»Ich wußte es nicht. Oder eigentlich doch. Einmal habe ich ein Bild von dir
-gemalt, Demian, und war erstaunt, daß es auch mir ähnlich war. War das das
-Zeichen?«
-
-»Das war es. Gut, daß du nun da bist! Auch meine Mutter wird sich freuen.«
-
-Ich erschrak.
-
-»Deine Mutter? Ist sie hier? Sie kennt mich ja gar nicht.«
-
-»O, sie weiß von dir. Sie wird dich kennen, auch ohne daß ich ihr sage, wer
-du bist. -- Du hast lange nichts von dir hören lassen.«
-
-»O, ich wollte oft schreiben, aber es ging nicht. Seit einiger Zeit habe
-ich gespürt, daß ich dich bald finden müsse. Ich habe jeden Tag darauf
-gewartet.«
-
-Er schob seinen Arm in meinen und ging mit mir weiter. Ruhe ging von ihm
-aus und zog in mich ein. Wir plauderten bald wie früher. Wir gedachten der
-Schulzeit, des Konfirmationsunterrichtes, auch jenes unglücklichen
-Beisammenseins damals in den Ferien -- nur von dem frühesten und engsten
-Bande zwischen uns, von der Geschichte mit Franz Kromer, war auch jetzt
-nicht die Rede.
-
-Unversehens waren wir mitten in seltsamen und ahnungsvollen Gesprächen. Wir
-hatten, an jene Unterhaltung Demians mit dem Japaner anklingend, vom
-Studentenleben gesprochen und waren von da auf anderes gekommen, das weitab
-zu liegen schien; doch verband es sich in Demians Worten zu einem innigen
-Zusammenhang.
-
-Er sprach vom Geist Europas und von der Signatur dieser Zeit. Überall,
-sagte er, herrsche Zusammenschluß und Herdenbildung, aber nirgends Freiheit
-und Liebe. Alle diese Gemeinsamkeit, von der Studentenverbindung und dem
-Gesangverein bis zu den Staaten, sei eine Zwangsbildung, es sei eine
-Gemeinschaft aus Angst, aus Furcht, aus Verlegenheit, und sie sei im Innern
-faul und alt und dem Zusammenbruch nahe.
-
-»Gemeinsamkeit,« sagte Demian, »ist eine schöne Sache. Aber was wir da
-überall blühen sehen, ist gar keine. Sie wird neu entstehen, aus dem
-Voneinanderwissen der einzelnen, und sie wird für eine Weile die Welt
-umformen. Was jetzt an Gemeinsamkeit da ist, ist nur Herdenbildung. Die
-Menschen fliehen zueinander, weil sie voreinander Angst haben -- die Herren
-für sich, die Arbeiter für sich, die Gelehrten für sich! Und warum haben
-sie Angst? Man hat nur Angst, wenn man mit sich selber nicht einig ist. Sie
-haben Angst, weil sie sich nie zu sich selber bekannt haben. Eine
-Gemeinschaft von lauter Menschen, die vor dem Unbekannten in sich selber
-Angst haben! Sie fühlen alle, daß ihre Lebensgesetze nicht mehr stimmen,
-daß sie nach alten Tafeln leben, weder ihre Religionen noch ihre
-Sittlichkeit, nichts von allem ist dem angemessen, was wir brauchen.
-Hundert und mehr Jahre lang hat Europa bloß noch studiert und Fabriken
-gebaut! Sie wissen genau, wieviel Gramm Pulver man braucht, um einen
-Menschen zu töten, aber sie wissen nicht, wie man zu Gott betet, sie wissen
-nicht einmal, wie man eine Stunde lang vergnügt sein kann. Sieh dir einmal
-so eine Studentenkneipe an! Oder gar einen Vergnügungsort, wo die reichen
-Leute hinkommen! Hoffnungslos! -- Lieber Sinclair, aus alledem kann nichts
-Heiteres kommen. Diese Menschen, die sich so ängstlich zusammentun, sind
-voll von Angst und voll von Bosheit, keiner traut dem andern. Sie hängen an
-Idealen, die keine mehr sind, und steinigen jeden, der ein neues aufstellt.
-Ich spüre, daß es Auseinandersetzungen gibt. Sie werden kommen, glaube mir,
-sie werden bald kommen! Natürlich werden sie die Welt nicht >verbessern<.
-Ob die Arbeiter ihre Fabrikanten totschlagen, oder ob Rußland oder
-Deutschland aufeinander schießen, es werden nur Besitzer getauscht. Aber
-umsonst wird es doch nicht sein. Es wird die Wertlosigkeit der heutigen
-Ideale dartun, es wird ein Aufräumen mit steinzeitlichen Göttern geben.
-Diese Welt, wie sie jetzt ist, will sterben, sie will zugrunde gehen, und
-sie wird es.«
-
-»Und was wird dabei aus uns?« fragte ich.
-
-»Aus uns? O, vielleicht gehen wir mit zugrunde. Totschlagen kann man ja
-auch unsereinen. Nur daß wir damit nicht erledigt sind. Um das, was von uns
-bleibt, oder um die von uns, die es überleben, wird der Wille der Zukunft
-sich sammeln. Der Wille der Menschheit wird sich zeigen, den unser Europa
-eine Zeitlang mit seinem Jahrmarkt von Technik und Wissenschaft überschrien
-hat. Und dann wird sich zeigen, daß der Wille der Menschheit nie und
-nirgends gleich ist mit dem der heutigen Gemeinschaften, der Staaten und
-Völker, der Vereine und Kirchen. Sondern das, was die Natur mit dem
-Menschen will, steht in den einzelnen geschrieben, in dir und mir. Es stand
-in Jesus, es stand in Nietzsche. Für diese allein wichtigen Strömungen --
-die natürlich jeden Tag anders aussehen können, wird Raum sein, wenn die
-heutigen Gemeinschaften zusammenbrechen.«
-
-Wir machten spät vor einem Garten am Flusse halt.
-
-»Hier wohnen wir,« sagte Demian. »Komm bald zu uns! Wir erwarten dich
-sehr.«
-
-Freudig ging ich durch die kühl gewordene Nacht meinen weiten Heimweg. Da
-und dort lärmten und schwankten heimkehrende Studenten durch die Stadt. Oft
-hatte ich den Gegensatz zwischen ihrer komischen Art von Fröhlichkeit und
-meinem einsamen Leben empfunden, oft mit einem Gefühl von Entbehrung, oft
-mit Spott. Aber noch nie hatte ich so wie heute mit Ruhe und geheimer Kraft
-gefühlt, wie wenig mich das anging, wie fern und verschollen diese Welt für
-mich war. Ich erinnerte mich an Beamte meiner Vaterstadt, alte würdige
-Herren, welche an den Erinnerungen ihrer verkneipten Semester hingen wie an
-Andenken eines seligen Paradieses und mit der entschwundenen »Freiheit«
-ihrer Studentenjahre einen Kultus trieben wie ihn sonst etwa Dichter oder
-andere Romantiker der Kindheit widmen. Überall dasselbe! Überall suchten
-sie die »Freiheit« und das »Glück« irgendwo hinter sich, aus lauter Angst,
-sie könnten ihrer eigenen Verantwortlichkeit erinnert und an ihren eigenen
-Weg gemahnt werden. Ein paar Jahre wurde gesoffen und gejubelt, und dann
-kroch man unter und wurde ein seriöser Herr im Staatsdienst. Ja, es war
-faul, faul bei uns, und diese Studentendummheit war weniger dumm und
-weniger schlimm als hundert andere.
-
-Als ich jedoch in meiner entlegenen Wohnung angekommen war und mein Bett
-suchte, waren alle diese Gedanken verflogen, und mein ganzer Sinn hing
-wartend an dem großen Versprechen, das mir dieser Tag gegeben hatte. Sobald
-ich wollte, morgen schon, sollte ich Demians Mutter sehen. Mochten die
-Studenten ihre Kneipen abhalten und sich die Gesichter tätowieren, mochte
-die Welt faul sein und auf ihren Untergang warten -- was ging es mich an!
-Ich wartete einzig darauf, daß mein Schicksal mir in einem neuen Bilde
-entgegentrete.
-
-Ich schlief fest bis spät am Morgen. Der neue Tag brach für mich als ein
-feierlicher Festtag an, wie ich seit den Weihnachtsfeiern meiner Knabenzeit
-keinen mehr erlebt hatte. Ich war voll innerster Unruhe, doch ohne jede
-Angst. Ich fühlte, daß ein wichtiger Tag für mich angebrochen sei, ich sah
-und empfand die Welt um mich her verwandelt, wartend, beziehungsvoll und
-feierlich, auch der leise fließende Herbstregen war schön, still und
-festtäglich voll ernstfroher Musik. Zum erstenmal klang die äußere Welt mit
-meiner innern rein zusammen -- dann ist Feiertag der Seele, dann lohnt es
-sich zu leben. Kein Haus, kein Schaufenster, kein Gesicht auf der Gasse
-störte mich, alles war, wie es sein mußte, trug aber nicht das leere
-Gesicht des Alltäglichen und Gewohnten, sondern war wartende Natur, stand
-ehrfurchtsvoll dem Schicksal bereit. So hatte ich als kleiner Knabe die
-Welt am Morgen der großen Feiertage gesehen, am Christtag und an Ostern.
-Ich hatte nicht gewußt, daß diese Welt noch so schön sein könne. Ich hatte
-mich daran gewöhnt, in mich hineinzuleben und mich damit abzufinden, daß
-mir der Sinn für das da draußen eben verloren gegangen sei, daß der Verlust
-der glänzenden Farben unvermeidlich mit dem Verlust der Kindheit
-zusammenhänge und daß man gewissermaßen die Freiheit und Mannheit der Seele
-mit dem Verzicht auf diesen holden Schimmer bezahlen müsse. Nun sah ich
-entzückt, daß dies alles nur verschüttet und verdunkelt gewesen war und daß
-es möglich sei, auch als Freigewordener und auf Kinderglück Verzichtender
-die Welt strahlen zu sehen und die innigen Schauer des kindlichen Sehens zu
-kosten.
-
-Es kam die Stunde, da ich den Vorstadtgarten wiederfand, bei dem ich mich
-diese Nacht von Max Demian verabschiedet hatte. Hinter hohen regengrauen
-Bäumen verborgen, stand ein kleines Haus, hell und wohnlich, hohe
-Blumenstauden hinter einer großen Glaswand, hinter blanken Fenstern dunkle
-Zimmerwände mit Bildern und Bücherreihen. Die Haustür führte unmittelbar in
-eine kleine erwärmte Halle, eine stumme alte Magd, schwarz, mit weißer
-Schürze, führte mich ein und nahm mir den Mantel ab.
-
-Sie ließ mich in der Halle allein. Ich sah mich um, und sogleich war ich
-mitten in meinem Traume. Oben an der dunkeln Holzwand, über einer Tür, hing
-unter Glas in einem schwarzen Rahmen ein wohlbekanntes Bild, mein Vogel mit
-dem goldgelben Sperberkopf, der sich aus der Weltschale schwang. Ergriffen
-blieb ich stehen -- mir war so froh und weh ums Herz, als kehre in diesem
-Augenblick alles, was ich je getan und erlebt, zu mir zurück als Antwort
-und Erfüllung. Blitzschnell sah ich eine Menge von Bildern an meiner Seele
-vorüberlaufen: das heimatliche Vaterhaus mit dem alten Steinwappen überm
-Torbogen, den Knaben Demian, der das Wappen zeichnete, mich selbst als
-Knaben, angstvoll in den bösen Bann meines Feindes Kromer verstrickt, mich
-selbst als Jüngling, in meinem Schülerzimmerchen am stillen Tisch den Vogel
-meiner Sehnsucht malend, die Seele verwirrt ins Netz ihrer eigenen Fäden --
-und alles, und alles bis zu diesem Augenblick klang in mir wieder, wurde in
-mir bejaht, beantwortet, gutgeheißen.
-
-Mit naß gewordenen Augen starrte ich auf mein Bild und las in mir selbst.
-Da sank mein Blick herab: Unter dem Vogelbilde in der geöffneten Tür stand
-eine große Frau in dunklem Kleid. Sie war es. Ich vermochte kein Wort zu
-sagen. Aus einem Gesicht, das gleich dem ihres Sohnes ohne Zeit und Alter
-und voll von beseeltem Willen war, lächelte die schöne, ehrwürdige Frau mir
-freundlich zu. Ihr Blick war Erfüllung, ihr Gruß bedeutete Heimkehr.
-Schweigend streckte ich ihr die Hände entgegen. Sie ergriff sie beide mit
-festen warmen Händen.
-
-»Sie sind Sinclair. Ich kannte Sie gleich. Seien Sie willkommen!«
-
-Ihre Stimme war tief und warm, ich trank sie wie süßen Wein. Und nun
-blickte ich auf und in ihr stilles Gesicht, in die schwarzen,
-unergründlichen Augen, auf den frischen, reifen Mund, auf die freie,
-fürstliche Stirn, die das Zeichen trug.
-
-»Wie bin ich froh!« sagte ich zu ihr und küßte ihre Hände. »Ich glaube, ich
-bin mein ganzes Leben lang immer unterwegs gewesen -- und jetzt bin ich
-heimgekommen.«
-
-Sie lächelte mütterlich.
-
-»Heim kommt man nie,« sagte sie freundlich. »Aber wo befreundete Wege
-zusammenlaufen, da sieht die ganze Welt für eine Stunde wie Heimat aus.«
-
-Sie sprach aus, was ich auf dem Wege zu ihr gefühlt hatte. Ihre Stimme und
-auch ihre Worte waren denen ihres Sohnes sehr ähnlich, und doch ganz
-anders. Alles war reifer, wärmer, selbstverständlicher. Aber ebenso wie Max
-vor Zeiten auf niemand den Eindruck eines Knaben gemacht hatte, so sah
-seine Mutter gar nicht wie die Mutter eines erwachsenen Sohnes aus, so jung
-und süß war der Hauch über ihrem Gesicht und Haar, so straff und faltenlos
-war ihre goldige Haut, so blühend der Mund. Königlicher noch als in meinem
-Traume stand sie vor mir, und ihre Nähe war Liebesglück, ihr Blick war
-Erfüllung.
-
-Dies also war das neue Bild, in dem mein Schicksal sich mir zeigte, nicht
-mehr streng, nicht mehr vereinsamend, nein reif und lustvoll! Ich faßte
-keine Entschlüsse, tat keine Gelübde -- ich war an ein Ziel gekommen, an
-eine hohe Wegstelle, von wo aus der weitere Weg sich weit und herrlich
-zeigte, Ländern der Verheißung entgegenstrebend, überschattet von
-Baumwipfeln nahen Glückes, gekühlt von nahen Gärten jeder Lust. Mochte es
-mir gehen, wie es wollte, ich war selig, diese Frau in der Welt zu wissen,
-ihre Stimme zu trinken und ihre Nähe zu atmen. Mochte sie mir Mutter,
-Geliebte, Göttin werden -- wenn sie nur da war! wenn nur mein Weg dem ihren
-nahe war!
-
-Sie wies zu meinem Sperberbilde hinauf.
-
-»Sie haben unsrem Max nie eine größere Freude gemacht als mit diesem Bild,«
-sagte sie nachdenklich. »Und mir auch. Wir haben auf Sie gewartet, und als
-das Bild kam, da wußten wir, daß Sie auf dem Weg zu uns waren. Als Sie ein
-kleiner Knabe waren, Sinclair, da kam eines Tages mein Sohn aus der Schule
-und sagte: Es ist ein Junge da, der hat das Zeichen auf der Stirn, der muß
-mein Freund werden. Das waren Sie. Sie haben es nicht leicht gehabt, aber
-wir haben Ihnen vertraut. Einmal trafen Sie, als Sie in Ferien zu Hause
-waren, wieder mit Max zusammen. Sie waren damals so etwa sechzehn Jahre
-alt. Max erzählte mir davon --«
-
-Ich unterbrach: »O, daß er Ihnen das gesagt hat! Es war meine elendeste
-Zeit damals!«
-
-»Ja, Max sagte zu mir: jetzt hat Sinclair das Schwerste vor sich. Er macht
-noch einmal einen Versuch, sich in die Gemeinschaft zu flüchten, er ist
-sogar ein Wirtshausbruder geworden; aber es wird ihm nicht gelingen. Sein
-Zeichen ist verhüllt, aber es brennt ihn heimlich. -- War es nicht so?«
-
-»O ja, so war es, genau so. Dann fand ich Beatrice, und dann kam endlich
-wieder ein Führer zu mir. Er hieß Pistorius. Erst da wurde mir klar, warum
-meine Knabenzeit so sehr an Max gebunden war, warum ich nicht von ihm
-loskommen konnte. Liebe Frau -- liebe Mutter, ich habe damals oft geglaubt,
-ich müsse mir das Leben nehmen. Ist denn der Weg für jeden so schwer?«
-
-Sie fuhr mit ihrer Hand über mein Haar, leicht wie Luft.
-
-»Es ist immer schwer, geboren zu werden. Sie wissen, der Vogel hat Mühe,
-aus dem Ei zu kommen. Denken Sie zurück und fragen Sie: war der Weg denn so
-schwer? -- nur schwer? War er nicht auch schön? Hätten Sie einen schöneren,
-einen leichteren gewußt?«
-
-Ich schüttelte den Kopf.
-
-»Es war schwer,« sagte ich wie im Schlaf, »es war schwer, bis der Traum
-kam.«
-
-Sie nickte und sah mich durchdringend an.
-
-»Ja, man muß seinen Traum finden, dann wird der Weg leicht. Aber es gibt
-keinen immerwährenden Traum, jeden löst ein neuer ab, und keinen darf man
-festhalten wollen.«
-
-Ich erschrak tief. War das schon eine Warnung? War das schon Abwehr? Aber
-einerlei, ich war bereit, mich von ihr führen zu lassen und nicht nach dem
-Ziel zu fragen.
-
-»Ich weiß nicht,« sagte ich, »wie lange mein Traum dauern soll. Ich
-wünsche, er wäre ewig. Unter dem Bild des Vogels hat mich mein Schicksal
-empfangen, wie eine Mutter, und wie eine Geliebte. Ihm gehöre ich und sonst
-niemand.«
-
-»Solange der Traum Ihr Schicksal ist, solange sollen Sie ihm treu bleiben,«
-bestätigte sie ernst.
-
-Eine Traurigkeit ergriff mich, und der sehnliche Wunsch, in dieser
-verzauberten Stunde zu sterben. Ich fühlte die Tränen -- wie unendlich
-lange hatte ich nicht mehr geweint! -- unaufhaltsam in mir aufquellen und
-mich überwältigen. Heftig wandte ich mich von ihr weg, trat an das Fenster
-und blickte mit blinden Augen über die Topfblumen hinweg.
-
-Hinter mir hörte ich ihre Stimme, sie klang gelassen und war doch so voll
-von Zärtlichkeit wie ein bis zum Rande mit Wein gefüllter Becher.
-
-»Sinclair, Sie sind ein Kind! Ihr Schicksal liebt Sie ja. Einmal wird es
-Ihnen ganz gehören, so wie Sie es träumen, wenn Sie treu bleiben.«
-
-Ich hatte mich bezwungen und wandte ihr das Gesicht wieder zu. Sie gab mir
-die Hand.
-
-»Ich habe ein paar Freunde,« sagte sie lächelnd, »ein paar ganz wenige,
-ganz nahe Freunde, die sagen Frau Eva zu mir. Auch Sie sollen mich so
-nennen, wenn Sie wollen.«
-
-Sie führte mich zur Tür, öffnete und deutete in den Garten. »Sie finden Max
-da draußen.«
-
-Unter den hohen Bäumen stand ich betäubt und erschüttert, wacher oder
-träumender als jemals, ich wußte es nicht. Sachte tropfte der Regen aus den
-Zweigen. Ich ging langsam in den Garten hinein, der sich weit das Flußufer
-entlang zog. Endlich fand ich Demian. Er stand in einem offenen
-Gartenhäuschen, mit nacktem Oberkörper, und machte vor einem aufgehängten
-Sandsäckchen Boxübungen.
-
-Erstaunt blieb ich stehen. Demian sah prachtvoll aus, die breite Brust, der
-feste männliche Kopf, die gehobenen Arme mit gestrafften Muskeln waren
-stark und tüchtig, die Bewegungen kamen aus Hüften, Schultern und
-Armgelenken hervor wie spielende Quellen.
-
-»Demian!« rief ich. »Was treibst du denn da?«
-
-Er lachte fröhlich.
-
-»Ich übe mich. Ich habe dem kleinen Japaner einen Ringkampf versprochen,
-der Kerl ist flink wie eine Katze, und natürlich ebenso tückisch. Aber er
-wird nicht mit mir fertig werden. Es ist eine ganz kleine Demütigung, die
-ich ihm schuldig bin.«
-
-Er zog Hemd und Rock über.
-
-»Du warst schon bei meiner Mutter?« fragte er.
-
-»Ja. Demian, was hast du für eine herrliche Mutter! Frau Eva! Der Name paßt
-vollkommen zu ihr, sie ist wie die Mutter aller Wesen.«
-
-Er sah mir einen Augenblick nachdenklich ins Gesicht.
-
-»Du weißt den Namen schon? Du kannst stolz sein, Junge! Du bist der erste,
-dem sie ihn schon in der ersten Stunde gesagt hat.«
-
-Von diesem Tag an ging ich im Hause ein und aus wie ein Sohn und Bruder,
-aber auch wie ein Liebender. Wenn ich die Pforte hinter mir schloß, ja
-schon wenn ich von weitem die hohen Bäume des Gartens auftauchen sah, war
-ich reich und glücklich. Draußen war die »Wirklichkeit«, draußen waren
-Straßen und Häuser, Menschen und Einrichtungen, Bibliotheken und Lehrsäle
--- hier drinnen aber war Liebe und Seele, hier lebte das Märchen und der
-Traum. Und doch lebten wir keineswegs von der Welt abgeschlossen, wir
-lebten in Gedanken und Gesprächen oft mitten in ihr, nur auf einem anderen
-Felde, wir waren von der Mehrzahl der Menschen nicht durch Grenzen
-getrennt, sondern nur durch eine andere Art des Sehens. Unsre Aufgabe war,
-in der Welt eine Insel darzustellen, vielleicht ein Vorbild, jedenfalls
-aber die Ankündigung einer anderen Möglichkeit zu leben. Ich lernte, ich
-lang Vereinsamter, die Gemeinschaft kennen, die zwischen Menschen möglich
-ist, welche das völlige Alleinsein gekostet haben. Nie mehr begehrte ich zu
-den Tafeln der Glücklichen, zu den Festen der Fröhlichen zurück, nie mehr
-flog mich Neid oder Heimweh an, wenn ich die Gemeinsamkeiten der andern
-sah. Und langsam wurde ich eingeweiht in das Geheimnis derer, welche »das
-Zeichen« an sich trugen.
-
-Wir, die mit dem Zeichen, mochten mit Recht der Welt für seltsam, ja für
-verrückt und gefährlich gelten. Wir waren Erwachte, oder Erwachende, und
-unser Streben ging auf ein immer vollkommneres Wachsein, während das
-Streben und Glücksuchen der anderen darauf ging, ihre Meinungen, ihre
-Ideale und Pflichten, ihr Leben und Glück immer enger an das der Herde zu
-binden. Auch dort war Streben, auch dort war Kraft und Größe. Aber während,
-nach unserer Auffassung, wir Gezeichneten den Willen der Natur zum Neuen,
-zum Vereinzelten und Zukünftigen darstellten, lebten die andern in einem
-Willen des Beharrens. Für sie war die Menschheit -- welche sie liebten wie
-wir -- etwas Fertiges, das erhalten und geschützt werden mußte. Für uns war
-die Menschheit eine ferne Zukunft, nach welcher wir alle unterwegs waren,
-deren Bild niemand kannte, deren Gesetze nirgend geschrieben standen.
-
-Außer Frau Eva, Max und mir gehörten zu unsrem Kreise, näher oder ferner,
-noch manche Suchende von sehr verschiedener Art. Manche von ihnen gingen
-besondere Pfade, hatten sich abgesonderte Ziele gesteckt und hingen an
-besonderen Meinungen und Pflichten, unter ihnen waren Astrologen und
-Kabbalisten, auch ein Anhänger des Grafen Tolstoi, und allerlei zarte,
-scheue, verwundbare Menschen, Anhänger neuer Sekten, Pfleger indischer
-Übungen, Pflanzenesser und andre. Mit diesen allen hatten wir eigentlich
-nichts Geistiges gemein als die Achtung, die ein jeder dem geheimen
-Lebenstraum des andern gönnte. Andre standen uns näher, welche das Suchen
-der Menschheit nach Göttern und neuen Wunschbildern in der Vergangenheit
-verfolgten und deren Studien mich oft an die meines Pistorius erinnerten.
-Sie brachten Bücher mit, übersetzten uns Texte alter Sprachen, zeigten uns
-Abbildungen alter Symbole und Riten, und lehrten uns sehen, wie der ganze
-Besitz der bisherigen Menschheit an Idealen aus Träumen der unbewußten
-Seele bestand, aus Träumen, in welchen die Menschheit tastend den Ahnungen
-ihrer Zukunftsmöglichkeiten nachging. So durchliefen wir den wunderbaren,
-tausendköpfigen Götterknäuel der alten Welt bis zum Herandämmern der
-christlichen Umkehr. Die Bekenntnisse der einsamen Frommen wurden uns
-bekannt, und die Wandlungen der Religionen von Volk zu Volk. Und aus allem,
-was wir sammelten, ergab sich uns die Kritik unserer Zeit und des jetzigen
-Europa, das in ungeheuren Bestrebungen mächtige neue Waffen der Menschheit
-erschaffen hatte, endlich aber in eine tiefe und zuletzt schreiende
-Verödung des Geistes geraten war. Denn es hatte die ganze Welt gewonnen, um
-seine Seele darüber zu verlieren.
-
-Auch hier gab es Gläubige und Bekenner bestimmter Hoffnungen und
-Heilslehren. Es gab Buddhisten, die Europa bekehren wollten, und
-Tolstoijünger, und andre Bekenntnisse. Wir im engern Kreise hörten zu und
-nahmen keine dieser Lehren anders an denn als Sinnbilder. Uns Gezeichneten
-lag keine Sorge um die Gestaltung der Zukunft ob. Uns schien jedes
-Bekenntnis, jede Heilslehre schon im voraus tot und nutzlos. Und wir
-empfanden einzig das als Pflicht und Schicksal: daß jeder von uns so ganz
-er selbst werde, so ganz dem in ihm wirksamen Keim der Natur gerecht werde
-und zu Willen lebe, daß die ungewisse Zukunft uns zu allem und jedem bereit
-finde, was sie bringen möchte.
-
-Denn dies war, gesagt und ungesagt, uns allen im Gefühl deutlich, daß eine
-Neugeburt und ein Zusammenbruch des Jetzigen nahe und schon spürbar sei.
-Demian sagte mir manchmal: »Was kommen wird, ist unausdenklich. Die Seele
-Europas ist ein Tier, das unendlich lang gefesselt lag. Wenn es frei wird,
-werden seine ersten Regungen nicht die lieblichsten sein. Aber die Wege und
-Umwege sind belanglos, wenn nur die wahre Not der Seele zutage kommt, die
-man seit so langem immer und immer wieder weglügt und betäubt. Dann wird
-unser Tag sein, dann wird man uns brauchen, nicht als Führer oder neue
-Gesetzgeber -- die neuen Gesetze erleben wir nicht mehr -- eher als
-Willige, als solche, die bereit sind, mitzugehen und da zu stehen, wohin
-das Schicksal ruft. Sieh, alle Menschen sind bereit, das Unglaubliche zu
-tun, wenn ihre Ideale bedroht werden. Aber keiner ist da, wenn ein neues
-Ideal, eine neue, vielleicht gefährliche und unheimliche Regung des
-Wachstums anklopft. Die wenigen, welche dann da sind und mitgehen, werden
-wir sein. Dazu sind wir gezeichnet -- wie Kain dazu gezeichnet war, Furcht
-und Haß zu erregen und die damalige Menschheit aus einem engen Idyll in
-gefährliche Weiten zu treiben. Alle Menschen, die auf den Gang der
-Menschheit gewirkt haben, alle ohne Unterschied waren nur darum fähig und
-wirksam, weil sie schicksalbereit waren. Das paßt auf Moses und Buddha, es
-paßt auf Napoleon und auf Bismarck. Welcher Welle einer dient, von welchem
-Pol aus er regiert wird, das liegt nicht in seiner Wahl. Wenn Bismarck die
-Sozialdemokraten verstanden und sich auf sie eingestellt hätte, so wäre er
-ein kluger Herr gewesen, aber kein Mann des Schicksals. So war es mit
-Napoleon, mit Cäsar, mit Loyola, mit allen! Man muß sich das immer
-biologisch und entwicklungsgeschichtlich denken! Als die Umwälzungen auf
-der Erdoberfläche die Wassertiere ans Land, Landtiere ins Wasser warf, da
-waren es die schicksalbereiten Exemplare, die das Neue und Unerhörte
-vollziehen und ihre Art durch neue Anpassungen retten konnten. Ob es
-dieselben Exemplare waren, welche vorher in ihrer Art als Konservative und
-Erhaltende hervorragten, oder eher die Sonderlinge und Revolutionäre, das
-wissen wir nicht. Sie waren bereit, und darum konnten sie ihre Art in neue
-Entwicklungen hinüber retten. Das wissen wir. Darum wollen wir bereit
-sein.«
-
-Bei solchen Gesprächen war Frau Eva oft dabei, doch sprach sie selbst nicht
-in dieser Weise mit. Sie war für jeden von uns, der seine Gedanken äußerte,
-ein Zuhörer und Echo, voll von Vertrauen, voll von Verständnis, es schien,
-als kämen die Gedanken alle aus ihr und kehrten zu ihr zurück. In ihrer
-Nähe zu sitzen, zuweilen ihre Stimme zu hören und teilzuhaben an der
-Atmosphäre von Reife und Seele, die sie umgab, war für mich Glück.
-
-Sie empfand es sogleich, wenn in mir irgendeine Veränderung, eine Trübung
-oder Erneuerung im Gange war. Es schien mir, als seien die Träume, die ich
-im Schlaf hatte, Eingebungen von ihr. Ich erzählte sie ihr oft, und sie
-waren ihr verständlich und natürlich, es gab keine Sonderbarkeiten, denen
-sie nicht mit klarem Fühlen folgen konnte. Eine Zeitlang hatte ich Träume,
-die wie Nachbildungen unsrer Tagesgespräche waren. Ich träumte, daß die
-ganze Welt in Aufruhr sei und daß ich, allein oder mit Demian, angespannt
-auf das große Schicksal warte. Das Schicksal blieb verhüllt, trug aber
-irgendwie die Züge der Frau Eva -- von ihr erwählt oder verworfen zu
-werden, das war das Schicksal.
-
-Manchmal sagte sie mit Lächeln: »Ihr Traum ist nicht ganz, Sinclair, Sie
-haben das Beste vergessen --« und es konnte geschehen, daß es mir dann
-wieder einfiel und ich nicht begreifen konnte, wie ich das hatte vergessen
-können.
-
-Zu Zeiten wurde ich unzufrieden und von Begehren gequält. Ich meinte es
-nicht mehr ertragen zu können, sie neben mir zu sehen, ohne sie in die Arme
-zu schließen. Auch das bemerkte sie sofort. Als ich einst mehrere Tage
-wegblieb und dann verstört wiederkam, nahm sie mich beiseite und sagte:
-»Sie sollen sich nicht an Wünsche hingeben, an die Sie nicht glauben. Ich
-weiß, was Sie wünschen. Sie müssen diese Wünsche aufgeben können, oder sie
-ganz und richtig wünschen. Wenn Sie einmal so zu bitten vermögen, daß Sie
-der Erfüllung in sich ganz gewiß sind, dann ist auch die Erfüllung da. Sie
-wünschen aber, und bereuen es wieder, und haben Angst dabei. Das muß alles
-überwunden werden. Ich will Ihnen ein Märchen erzählen.«
-
-Und sie erzählte mir von einem Jüngling, der in einen Stern verliebt war.
-Am Meere stand er, streckte die Hände aus und betete den Stern an, er
-träumte von ihm und richtete seine Gedanken an ihn. Aber er wußte, oder
-meinte zu wissen, daß ein Stern nicht von einem Menschen umarmt werden
-könne. Er hielt es für sein Schicksal, ohne Hoffnung auf Erfüllung ein
-Gestirn zu lieben, und er baute aus diesem Gedanken eine ganze
-Lebensdichtung von Verzicht und stummem, treuem Leiden, das ihn bessern und
-läutern sollte. Seine Träume gingen aber alle auf den Stern. Einmal stand
-er wieder bei Nacht am Meere, auf der hohen Klippe, und blickte in den
-Stern und brannte vor Liebe zu ihm. Und in einem Augenblick größter
-Sehnsucht tat er den Sprung und stürzte sich ins Leere, dem Stern entgegen.
-Aber im Augenblick des Springens noch dachte er blitzschnell: es ist ja
-doch unmöglich! Da lag er unten am Strand und war zerschmettert. Er
-verstand nicht zu lieben. Hätte er im Augenblick, wo er sprang, die
-Seelenkraft gehabt, fest und sicher an die Erfüllung zu glauben, er wäre
-nach oben geflogen und mit dem Stern vereinigt worden.
-
-»Liebe muß nicht bitten,« sagte sie, »auch nicht fordern. Liebe muß die
-Kraft haben, in sich selbst zur Gewißheit zu kommen. Dann wird sie nicht
-mehr gezogen, sondern zieht. Sinclair, Ihre Liebe wird von mir gezogen.
-Wenn sie mich einmal zieht, so komme ich. Ich will keine Geschenke geben,
-ich will gewonnen werden.«
-
-Ein anderesmal aber erzählte sie mir ein anderes Märchen. Es war ein
-Liebender, der ohne Hoffnung liebte. Er zog sich ganz in seine Seele zurück
-und meinte vor Liebe zu verbrennen. Die Welt ging ihm verloren, er sah den
-blauen Himmel und den grünen Wald nicht mehr, der Bach rauschte ihm nicht,
-die Harfe klang ihm nicht, alles war versunken, und er war arm und elend
-geworden. Seine Liebe aber wuchs, und er wollte viel lieber sterben und
-verkommen, als auf den Besitz der schönen Frau verzichten, die er liebte.
-Da spürte er, wie seine Liebe alles andre in ihm verbrannt hatte, und sie
-wurde mächtig und zog und zog, und die schöne Frau mußte folgen, sie kam,
-er stand mit ausgebreiteten Armen, um sie an sich zu ziehen. Wie sie aber
-vor ihm stand, da war sie ganz verwandelt, und mit Schauern fühlte und sah
-er, daß er die ganze verlorene Welt zu sich her gezogen hatte. Sie stand
-vor ihm und ergab sich ihm, Himmel und Wald und Bach, alles kam in neuen
-Farben frisch und herrlich ihm entgegen, gehörte ihm, sprach seine Sprache.
-Und statt bloß ein Weib zu gewinnen, hatte er die ganze Welt am Herzen, und
-jeder Stern am Himmel glühte in ihm und funkelte Lust durch seine Seele. --
-Er hatte geliebt und dabei sich selbst gefunden. Die meisten aber lieben,
-um sich dabei zu verlieren.
-
-Meine Liebe zu Frau Eva schien mir der einzige Inhalt meines Lebens zu
-sein. Aber jeden Tag sah sie anders aus. Manchmal glaubte ich bestimmt zu
-fühlen, daß es nicht ihre Person sei, nach der mein Wesen hingezogen
-strebte, sondern sie sei nur ein Sinnbild meines Inneren und wolle mich nur
-tiefer in mich selbst hinein führen. Oft hörte ich Worte von ihr, die mir
-klangen wie Antworten meines Unbewußten auf brennende Fragen, die mich
-bewegten. Dann wieder gab es Augenblicke, in denen ich neben ihr vor
-sinnlichem Verlangen brannte, und Gegenstände küßte, die sie berührt hatte.
-Und allmählich schoben sich sinnliche und unsinnliche Liebe, Wirklichkeit
-und Symbol übereinander. Dann geschah es, daß ich daheim in meinem Zimmer
-an sie dachte, in ruhiger Innigkeit, und dabei ihre Hand in meiner und ihre
-Lippen auf meinen zu fühlen meinte. Oder ich war bei ihr, sah ihr ins
-Gesicht, sprach mit ihr und hörte ihre Stimme, und wußte doch nicht, ob sie
-wirklich und nicht ein Traum sei. Ich begann zu ahnen, wie man eine Liebe
-dauernd und unsterblich besitzen kann. Ich hatte beim Lesen eines Buches
-eine neue Erkenntnis, und es war dasselbe Gefühl wie ein Kuß von Frau Eva.
-Sie streichelte mir das Haar und lächelte mir ihre reife duftende Wärme zu,
-und ich hatte dasselbe Gefühl, wie wenn ich in mir selbst einen Fortschritt
-gemacht hatte. Alles, was wichtig und Schicksal für mich war, konnte ihre
-Gestalt annehmen. Sie konnte sich in jeden meiner Gedanken verwandeln, und
-jeder sich in sie.
-
-Auf die Weihnachtsfeiertage, in denen ich bei meinen Eltern war, hatte ich
-mich gefürchtet, weil ich meinte, es müsse eine Qual sein, zwei Wochen lang
-entfernt von Frau Eva zu leben. Aber es war keine Qual, es war herrlich, zu
-Hause zu sein und an sie zu denken. Als ich nach H. zurückgekommen war,
-blieb ich noch zwei Tage ihrem Hause fern, um diese Sicherheit und
-Unabhängigkeit von ihrer sinnlichen Gegenwart zu genießen. Auch hatte ich
-Träume, in denen meine Vereinigung mit ihr sich auf neue gleichnishafte
-Arten vollzog. Sie war ein Meer, in das ich strömend mündete. Sie war ein
-Stern, und ich selbst war als ein Stern zu ihr unterwegs, und wir trafen
-uns und fühlten uns zueinander gezogen, blieben beisammen und drehten uns
-selig für alle Zeiten in nahen, tönenden Kreisen umeinander.
-
-Diesen Traum erzählte ich ihr, als ich sie zuerst wieder besuchte.
-
-»Der Traum ist schön,« sagte sie still. »Machen Sie ihn wahr!«
-
-In der Vorfrühlingszeit kam ein Tag, den ich nie vergessen habe. Ich trat
-in die Halle, ein Fenster stand offen und ein lauer Luftstrom wälzte den
-schweren Geruch der Hyazinthen durch den Raum. Da niemand zu sehen war,
-ging ich die Treppe hinauf in Max Demians Studierzimmer. Ich pochte leicht
-an die Tür und trat ein, ohne auf einen Ruf zu warten, wie ich es gewohnt
-war.
-
-Das Zimmer war dunkel, die Vorhänge alle zugezogen. Die Türe zu einem
-kleinen Nebenraum stand offen, wo Max ein chemisches Laboratorium
-eingerichtet hatte. Von dorther kam das helle, weiße Licht der
-Frühlingssonne, die durch Regenwolken schien. Ich glaubte, es sei niemand
-da, und schlug einen der Vorhänge zurück.
-
-Da sah ich auf einem Schemel nahe beim verhängten Fenster Max Demian
-sitzen, zusammengekauert und seltsam verändert, und wie ein Blitz durchfuhr
-mich ein Gefühl: das hast du schon einmal erlebt! Er hatte die Arme
-regungslos hängen, die Hände im Schoß, sein etwas vorgeneigtes Gesicht mit
-offenen Augen war blicklos und erstorben, im Augenstern blinkte tot ein
-kleiner greller Lichtreflex, wie in einem Stück Glas. Das bleiche Gesicht
-war in sich versunken und ohne anderen Ausdruck als den einer ungeheuren
-Starrheit, es sah aus wie eine uralte Tiermaske am Portal eines Tempels. Er
-schien nicht zu atmen.
-
-Erinnerung überschauerte mich -- so, genau so hatte ich ihn schon einmal
-gesehen, vor vielen Jahren, als ich noch ein kleiner Junge war. So hatten
-die Augen nach innen gestarrt, so waren die Hände leblos nebeneinander
-gelegen, eine Fliege war ihm übers Gesicht gewandert. Und er hatte damals,
-vor vielleicht sechs Jahren, gerade so alt und so zeitlos ausgesehen, keine
-Falte im Gesicht war heute anders.
-
-Von einer Furcht überfallen ging ich leise aus dem Zimmer und die Treppe
-hinab. In der Halle traf ich Frau Eva. Sie war bleich und schien ermüdet,
-was ich an ihr nicht kannte, ein Schatten flog durchs Fenster, die grelle
-weiße Sonne war plötzlich verschwunden.
-
-»Ich war bei Max,« flüsterte ich rasch. »Ist etwas geschehen? Er schläft,
-oder ist versunken, ich weiß nicht, ich sah ihn früher schon einmal so.«
-
-»Sie haben ihn doch nicht geweckt?« fragte sie rasch.
-
-»Nein. Er hat mich nicht gehört. Ich ging gleich wieder hinaus. Frau Eva,
-sagen Sie mir, was ist mit ihm?«
-
-Sie fuhr sich mit dem Rücken der Hand über die Stirn.
-
-»Seien Sie ruhig, Sinclair, es geschieht ihm nichts. Er hat sich
-zurückgezogen. Es wird nicht lange dauern.«
-
-Sie stand auf und ging in den Garten hinaus, obwohl es eben zu regnen
-anfing. Ich spürte, daß ich nicht mitkommen sollte. So ging ich in der
-Halle auf und ab, roch an den betäubend duftenden Hyazinthen, starrte mein
-Vogelbild über der Türe an und atmete mit Beklemmung den seltsamen
-Schatten, von dem das Haus an diesem Morgen erfüllt war. Was war dies? Was
-war geschehen?
-
-Frau Eva kam bald zurück. Regentropfen hingen ihr im dunkeln Haar. Sie
-setzte sich in ihren Lehnstuhl. Müdigkeit lag über ihr. Ich trat neben sie,
-beugte mich über sie und küßte die Tropfen aus ihrem Haar. Ihre Augen waren
-hell und still, aber die Tropfen schmeckten mir wie Tränen.
-
-»Soll ich nach ihm sehen?« fragte ich flüsternd.
-
-Sie lächelte schwach.
-
-»Seien Sie kein kleiner Junge, Sinclair!« ermahnte sie laut, wie um in sich
-selber einen Bann zu brechen. »Gehen Sie jetzt, und kommen Sie später
-wieder, ich kann jetzt nicht mit Ihnen reden.«
-
-Ich ging und lief von Haus und Stadt hinweg gegen die Berge, der schräge
-dünne Regen kam mir entgegen, die Wolken trieben niedrig unter schwerem
-Druck wie in Angst vorüber. Unten ging kaum ein Wind, in der Höhe schien es
-zu stürmen, mehrmals brach für Augenblicke die Sonne bleich und grell aus
-dem stählernen Wolkengrau.
-
-Da kam über den Himmel weg eine lockere gelbe Wolke getrieben, sie staute
-sich gegen die graue Wand und der Wind formte in wenigen Sekunden aus dem
-Gelben und dem Blauen ein Bild, einen riesengroßen Vogel, der sich aus
-blauem Wirrwarr losriß und mit weiten Flügelschlägen in den Himmel hinein
-verschwand. Dann wurde der Sturm hörbar, und Regen prasselte mit Hagel
-vermischt herab. Ein kurzer, unwahrscheinlich und schreckhaft tönender
-Donner krachte über der gepeitschten Landschaft, gleich darauf brach wieder
-ein Sonnenblick durch und auf den nahen Bergen überm braunen Wald leuchtete
-fahl und unwirklich der bleiche Schnee.
-
-Als ich naß und verblasen nach Stunden wiederkehrte, öffnete Demian mir
-selbst die Haustür.
-
-Er nahm mich mit sich in sein Zimmer hinauf, im Laboratorium brannte eine
-Gasflamme, Papier lag umher, er schien gearbeitet zu haben.
-
-»Setz dich,« lud er ein, »du wirst müde sein, es war ein scheußliches
-Wetter, man sieht, daß du tüchtig draußen warst. Tee kommt gleich.«
-
-»Es ist heute etwas los,« begann ich zögernd, »es kann nicht nur das
-bißchen Gewitter sein.«
-
-Er sah mich forschend an.
-
-»Hast du etwas gesehen?«
-
-»Ja. Ich sah in den Wolken einen Augenblick deutlich ein Bild.«
-
-»Was für ein Bild?«
-
-»Es war ein Vogel.«
-
-»Der Sperber? War er's? Dein Traumvogel?«
-
-»Ja, es war mein Sperber. Er war gelb und riesengroß und flog in den
-blauschwarzen Himmel hinein.«
-
-Demian atmete tief auf.
-
-Es klopfte. Die alte Dienerin brachte Tee.
-
-»Nimm dir, Sinclair, bitte. -- Ich glaube, du hast den Vogel nicht zufällig
-gesehen?«
-
-»Zufällig? Sieht man solche Sachen zufällig?«
-
-»Gut, nein. Er bedeutet etwas. Weißt du was?«
-
-»Nein. Ich spüre nur, daß es eine Erschütterung bedeutet, einen Schritt im
-Schicksal. Ich glaube, es geht uns alle an.«
-
-Er ging heftig auf und ab.
-
-»Einen Schritt im Schicksal!« rief er laut.
-
-»Dasselbe habe ich heut nacht geträumt, und meine Mutter hatte gestern eine
-Ahnung, die sagte das Gleiche. -- Mir hat geträumt, ich stieg eine Leiter
-hinauf, an einem Baumstamm oder Turm. Als ich oben war, sah ich das ganze
-Land, es war eine große Ebene, mit Städten und Dörfern brennen. Ich kann
-noch nicht alles erzählen, es ist mir noch nicht alles klar.«
-
-»Deutest du den Traum auf dich?« fragte ich.
-
-»Auf mich? Natürlich. Niemand träumt, was ihn nicht angeht. Aber es geht
-mich nicht allein an, da hast du recht. Ich unterscheide ziemlich genau die
-Träume, die mir Bewegungen in der eigenen Seele anzeigen, und die anderen,
-sehr seltenen, in denen das ganze Menschenschicksal sich andeutet. Ich habe
-selten solche Träume gehabt, und nie einen, von dem ich sagen könnte, er
-sei eine Prophezeiung gewesen und in Erfüllung gegangen. Die Deutungen sind
-zu ungewiß. Aber das weiß ich bestimmt, ich habe etwas geträumt, was nicht
-mich allein angeht. Der Traum gehört nämlich zu anderen, früheren, die ich
-hatte und die er fortsetzt. Diese Träume sind es, Sinclair, aus denen ich
-die Ahnungen habe, von denen ich dir schon sprach. Daß unsre Welt recht
-faul ist, wissen wir, das wäre noch kein Grund, ihren Untergang oder
-dergleichen zu prophezeien. Aber ich habe seit mehreren Jahren Träume
-gehabt, aus denen ich schließe, oder fühle, oder wie du willst -- aus denen
-ich also fühle, daß der Zusammenbruch einer alten Welt näher rückt. Es
-waren zuerst ganz schwache, entfernte Ahnungen, aber sie sind immer
-deutlicher und stärker geworden. Noch weiß ich nichts andres, als daß etwas
-Großes und Furchtbares im Anzug ist, das mich mit betrifft. Sinclair, wir
-werden das erleben, wovon wir manchmal gesprochen haben! Die Welt will sich
-erneuern. Es riecht nach Tod. Nichts Neues kommt ohne Tod. -- Es ist
-schrecklicher, als ich gedacht hatte.« Erschrocken starrte ich ihn an.
-
-»Kannst du mir den Rest deines Traumes nicht erzählen?« bat ich schüchtern.
-
-Er schüttelte den Kopf.
-
-»Nein.«
-
-Die Türe ging und Frau Eva kam herein.
-
-»Da sitzet ihr beieinander! Kinder, ihr werdet doch nicht traurig sein?«
-
-Sie sah frisch und gar nicht mehr müde aus. Demian lächelte ihr zu, sie kam
-zu uns wie die Mutter zu verängstigten Kindern.
-
-»Traurig sind wir nicht, Mutter, wir haben bloß ein wenig an diesen neuen
-Zeichen gerätselt. Aber es liegt ja nichts daran. Plötzlich wird das, was
-kommen will, da sein, und dann werden wir das, was wir zu wissen brauchen,
-schon erfahren.«
-
-Mir aber war schlecht zumut, und als ich Abschied nahm und allein durch die
-Halle ging, empfand ich den Hyazinthenduft welk, fad und leichenhaft. Es
-war ein Schatten über uns gefallen.
-
-
-
-
-Achtes Kapitel
-Anfang vom Ende
-
-
-Ich hatte es durchgesetzt, noch das Sommersemester in H. bleiben zu können.
-Statt im Hause, waren wir nun fast immer im Garten am Fluß. Der Japaner,
-der übrigens im Ringkampf richtig verloren hatte, war fort, auch der
-Tolstoimann fehlte. Demian hielt sich ein Pferd und ritt Tag für Tag mit
-Ausdauer. Ich war oft mit seiner Mutter allein.
-
-Zuweilen wunderte ich mich über die Friedlichkeit meines Lebens. Ich war so
-lang gewohnt, allein zu sein, Verzicht zu üben, mich mühsam mit meinen
-Qualen herumzuschlagen, daß diese Monate in H. mir wie eine Trauminsel
-vorkamen, auf der ich bequem und verzaubert nur in schönen, angenehmen
-Dingen und Gefühlen leben durfte. Ich ahnte, daß dies der Vorklang jener
-neuen, höheren Gemeinschaft sei, an die wir dachten. Und je und je ergriff
-mich über dies Glück eine tiefe Trauer, denn ich wußte wohl, es konnte
-nicht von Dauer sein. Mir war nicht beschieden, in Fülle und Behagen zu
-atmen, ich brauchte Qual und Hetze. Ich spürte: eines Tages würde ich aus
-diesen schönen Liebesbildern erwachen und wieder allein stehen, ganz
-allein, in der kalten Welt der anderen, wo für mich nur Einsamkeit oder
-Kampf war, kein Friede, kein Mitleben.
-
-Dann schmiegte ich mich mit doppelter Zärtlichkeit in die Nähe der Frau
-Eva, froh darüber, daß mein Schicksal noch immer diese schönen, stillen
-Züge trug.
-
-Die Sommerwochen vergingen schnell und leicht, das Semester war schon im
-Ausklingen. Der Abschied stand bald bevor, ich durfte nicht daran denken,
-und tat es auch nicht, sondern hing an den schönen Tagen wie ein Falter an
-der Honigblume. Das war nun meine Glückszeit gewesen, die erste Erfüllung
-meines Lebens und meine Aufnahme in den Bund -- was würde dann kommen? Ich
-würde wieder mich durchkämpfen, Sehnsucht leiden, Träume haben, allein
-sein.
-
-An einem dieser Tage überkam mich dies Vorgefühl so stark, daß meine Liebe
-zu Frau Eva plötzlich schmerzlich aufflammte. Mein Gott, wie bald, dann sah
-ich sie nicht mehr, hörte nicht mehr ihren festen guten Schritt durchs
-Haus, fand nicht mehr ihre Blumen auf meinem Tisch! Und was hatte ich
-erreicht? Ich hatte geträumt und mich in Behagen gewiegt, statt sie zu
-gewinnen, statt um sie zu kämpfen und sie für immer an mich zu reißen!
-Alles, was sie mir je über die echte Liebe gesagt hatte, fiel mir ein,
-hundert feine, mahnende Worte, hundert leise Lockungen, Versprechungen
-vielleicht -- was hatte ich daraus gemacht? Nichts! Nichts!
-
-Ich stellte mich mitten in meinem Zimmer auf, faßte mein ganzes Bewußtsein
-zusammen und dachte an Eva. Ich wollte die Kräfte meiner Seele
-zusammennehmen, um sie meine Liebe fühlen zu lassen, um sie zu mir her zu
-ziehen. Sie mußte kommen und meine Umarmung ersehnen, mein Kuß mußte
-unersättlich in ihren reifen Liebeslippen wühlen.
-
-Ich stand und spannte mich an, bis ich von den Fingern und Füßen her kalt
-wurde. Ich fühlte, daß Kraft von mir ausging. Für einige Augenblicke zog
-sich etwas in mir fest und eng zusammen, etwas Helles und Kühles; ich hatte
-einen Augenblick die Empfindung, ich trage einen Kristall im Herzen, und
-ich wußte, das war mein Ich. Die Kälte stieg mir bis zur Brust.
-
-Als ich aus der furchtbaren Anspannung erwachte, fühlte ich, daß etwas
-käme. Ich war zu Tode erschöpft, aber ich war bereit, Eva ins Zimmer treten
-zu sehen, brennend und entzückt.
-
-Hufgetrappel hämmerte jetzt die lange Straße heran, klang nah und hart,
-hielt plötzlich an. Ich sprang ans Fenster. Unten stieg Demian vom Pferde.
-Ich lief hinab.
-
-»Was ist los, Demian? Es ist doch deiner Mutter nichts passiert?«
-
-Er hörte nicht auf meine Worte. Er war sehr bleich, und Schweiß rann zu
-beiden Seiten von seiner Stirn über die Wangen. Er band die Zügel seines
-erhitzten Pferdes an den Gartenzaun, nahm meinen Arm und ging mit mir die
-Straße hinab.
-
-»Weißt du schon etwas?«
-
-Ich wußte nichts.
-
-Demian drückte meinen Arm und wandte mir das Gesicht zu, mit einem dunklen,
-mitleidigen, sonderbaren Blick.
-
-»Ja, mein Junge, es geht nun los. Du wußtest ja von der großen Spannung mit
-Rußland --«
-
-»Was? Gibt es Krieg? Ich habe nie daran geglaubt.«
-
-Er sprach leise, obwohl kein Mensch in der Nähe war.
-
-»Er ist noch nicht erklärt. Aber es gibt Krieg. Verlaß dich drauf. Ich habe
-dich seither mit der Sache nicht mehr belästigt, aber ich habe seit damals
-dreimal neue Anzeichen gesehen. Es wird also kein Weltuntergang, kein
-Erdbeben, keine Revolution. Es wird Krieg. Du wirst sehen, wie das
-einschlägt! Es wird den Leuten eine Wonne sein, schon jetzt freut sich
-jeder aufs Losschlagen. So fad ist ihnen das Leben geworden. -- Aber du
-wirst sehen, Sinclair, das ist nur der Anfang. Es wird vielleicht ein
-großer Krieg werden, ein sehr großer Krieg. Aber auch das ist bloß der
-Anfang. Das Neue beginnt, und das Neue wird für die, die am Alten hängen,
-entsetzlich sein. Was wirst du tun?«
-
-Ich war bestürzt, es klang mir alles noch fremd und unwahrscheinlich.
-
-»Ich weiß nicht -- und du?«
-
-Er zuckte die Achseln.
-
-»Sobald mobilisiert wird, rücke ich ein. Ich bin Leutnant.«
-
-»Du? Davon wußte ich kein Wort.«
-
-»Ja, es war eine von meinen Anpassungen. Du weißt, ich bin nach außen nie
-gern aufgefallen und habe immer eher etwas zuviel getan, um korrekt zu
-sein. Ich stehe, glaube ich, in acht Tagen schon im Felde --«
-
-»Um Gottes willen --«
-
-»Na, Junge, sentimental mußt du das nicht auffassen. Es wird mir ja im
-Grunde kein Vergnügen machen, Gewehrfeuer auf lebende Menschen zu
-kommandieren, aber das wird nebensächlich sein. Es wird jetzt jeder von uns
-in das große Rad hineinkommen. Du auch. Du wirst sicher ausgehoben werden.«
-
-»Und deine Mutter, Demian?«
-
-Erst jetzt besann ich mich wieder auf das, was vor einer Viertelstunde
-gewesen war. Wie hatte sich die Welt verwandelt! Alle Kraft hatte ich
-zusammengerissen, um das süßeste Bild zu beschwören, und nun sah mich das
-Schicksal plötzlich neu aus einer drohend grauenhaften Maske an.
-
-»Meine Mutter? Ach, um die brauchen wir keine Sorge zu haben. Sie ist
-sicher, sicherer als irgend jemand es heute auf der Welt ist. -- Du liebst
-sie so sehr?«
-
-»Du wußtest es, Demian?« Er lachte hell und ganz befreit.
-
-»Kleiner Junge! Natürlich wußte ich's. Es hat noch niemand zu meiner Mutter
-Frau Eva gesagt, ohne sie zu lieben. Übrigens, wie war das? Du hast sie
-oder mich heut gerufen, nicht?«
-
-»Ja, ich habe gerufen -- -- Ich rief nach Frau Eva.«
-
-»Sie hat es gespürt. Sie schickte mich plötzlich weg, ich müsse zu dir. Ich
-hatte ihr eben die Nachrichten über Rußland erzählt.«
-
-Wir kehrten um und sprachen wenig mehr, er machte sein Pferd los und stieg
-auf.
-
-In meinem Zimmer oben spürte ich erst, wie erschöpft ich war, von Demians
-Botschaft und noch viel mehr von der vorherigen Anspannung. Aber Frau Eva
-hatte mich gehört! Ich hatte sie mit meinen Gedanken im Herzen erreicht.
-Sie wäre selbst gekommen -- wenn nicht -- -- Wie sonderbar war dies alles,
-und wie schön im Grunde! Nun sollte ein Krieg kommen. Nun sollte das zu
-geschehen beginnen, was wir oft und oft geredet hatten. Und Demian hatte so
-viel davon vorausgewußt. Wie seltsam, daß jetzt der Strom der Welt nicht
-mehr irgendwo an uns vorbei laufen sollte --, daß er jetzt plötzlich mitten
-durch unsere Herzen ging, daß Abenteuer und wilde Schicksale uns riefen,
-und daß jetzt oder bald der Augenblick da war, wo die Welt uns brauchte, wo
-sie sich verwandeln wollte. Demian hatte recht, sentimental war das nicht
-zu nehmen. Merkwürdig war nur, daß ich nun die so einsame Angelegenheit
-»Schicksal« mit so vielen, mit der ganzen Welt gemeinsam erleben sollte.
-Gut denn!
-
-Ich war bereit. Am Abend, als ich durch die Stadt ging, brausten alle
-Winkel von der großen Erregung. Überall das Wort »Krieg«!
-
-Ich kam in Frau Evas Haus, wir aßen im Gartenhäuschen zu Abend. Ich war der
-einzige Gast. Niemand sprach ein Wort von Krieg. Nur spät, kurz ehe ich
-wegging, sagte Frau Eva: »Lieber Sinclair, Sie haben mich heut gerufen. Sie
-wissen, warum ich nicht selbst kam. Aber vergessen Sie nicht: Sie kennen
-jetzt den Ruf, und wann immer Sie jemand brauchen, der das Zeichen trägt,
-dann rufen Sie wieder!«
-
-Sie erhob sich und ging durch die Gartendämmerung voraus. Groß und
-fürstlich schritt die Geheimnisvolle zwischen den schweigenden Bäumen, und
-über ihrem Haupt glommen klein und zart die vielen Sterne.
-
-Ich komme zum Ende. Die Dinge gingen ihren raschen Weg. Bald war Krieg und
-Demian, wunderlich fremd in der Uniform mit dem silbergrauen Mantel, fuhr
-davon. Ich brachte seine Mutter nach Hause zurück. Bald nahm auch ich
-Abschied von ihr, sie küßte mich auf den Mund und hielt mich einen
-Augenblick an ihrer Brust, und ihre großen Augen brannten nah und fest in
-meine.
-
-Und alle Menschen waren wie verbrüdert. Sie meinten das Vaterland und die
-Ehre. Aber es war das Schicksal, dem sie alle einen Augenblick in das
-unverhüllte Gesicht schauten. Junge Männer kamen aus Kasernen, stiegen in
-Bahnzüge, und auf vielen Gesichtern sah ich ein Zeichen -- nicht das unsre
--- ein schönes und würdevolles Zeichen, das Liebe und Tod bedeutete. Auch
-ich wurde von Menschen umarmt, die ich nie gesehen hatte, und ich verstand
-es und erwiderte es gerne. Es war ein Rausch, in dem sie es taten, kein
-Schicksalswille, aber der Rausch war heilig, er rührte daher, daß sie alle
-diesen kurzen, aufrüttelnden Blick in die Augen des Schicksals getan
-hatten.
-
-Es war schon beinahe Winter, als ich ins Feld kam.
-
-Im Anfang war ich, trotz der Sensationen der Schießerei, von allem
-enttäuscht. Früher hatte ich viel darüber nachgedacht, warum so äußerst
-selten ein Mensch für ein Ideal zu leben vermöge. Jetzt sah ich, daß viele,
-ja alle Menschen fähig sind, für ein Ideal zu sterben. Nur durfte es kein
-persönliches, kein freies, kein gewähltes Ideal sein, es mußte ein
-gemeinsames und übernommenes sein.
-
-Mit der Zeit sah ich aber, daß ich die Menschen unterschätzt hatte. So sehr
-der Dienst und die gemeinsame Gefahr sie uniformierte, ich sah doch viele,
-Lebende und Sterbende, sich dem Schicksalswillen prachtvoll nähern. Viele,
-sehr viele hatten nicht nur beim Angriff, sondern zu jeder Zeit den festen,
-fernen, ein wenig wie besessenen Blick, der nichts von Zielen weiß und
-volles Hingegebensein an das Ungeheure bedeutet. Mochten diese glauben und
-meinen, was immer sie wollten -- sie waren bereit, sie waren brauchbar, aus
-ihnen würde sich Zukunft formen lassen. Und je starrer die Welt auf Krieg
-und Heldentum, auf Ehre und andre alte Ideale eingestellt schien, je ferner
-und unwahrscheinlicher jede Stimme scheinbarer Menschlichkeit klang, dies
-war alles nur die Oberfläche, ebenso wie die Frage nach den äußeren und
-politischen Zielen des Krieges nur Oberfläche blieb. In der Tiefe war etwas
-im Werden. Etwas wie eine neue Menschlichkeit. Denn viele konnte ich sehen,
-und mancher von ihnen starb an meiner Seite -- denen war gefühlhaft die
-Einsicht geworden, daß Haß und Wut, Totschlagen und Vernichten nicht an die
-Objekte geknüpft waren. Nein, die Objekte, ebenso wie die Ziele, waren ganz
-zufällig. Die Urgefühle, auch die wildesten, galten nicht dem Feinde, ihr
-blutiges Werk war nur Ausstrahlung des Innern, der in sich zerspaltenen
-Seele, welche rasen und töten, vernichten und sterben wollte, um neu
-geboren werden zu können. Es kämpfte sich ein Riesenvogel aus dem Ei, und
-das Ei war die Welt, und die Welt mußte in Trümmer gehen.
-
-Vor dem Gehöfte, das wir besetzt hatten, stand ich in einer
-Vorfrühlingsnacht auf Wache. In launischen Stößen ging ein schlapper Wind,
-über den hohen flandrischen Himmel ritten Wolkenheere, irgendwo dahinter
-eine Ahnung von Mond. Schon den ganzen Tag war ich in Unruhe gewesen,
-irgendeine Sorge störte mich. Jetzt, auf meinem dunklen Posten, dachte ich
-mit Innigkeit an die Bilder meines bisherigen Lebens, an Frau Eva, an
-Demian. Ich stand an eine Pappel gelehnt und starrte in den bewegten
-Himmel, dessen heimlich zuckende Helligkeiten bald zu großen, quellenden
-Bilderfolgen wurden. Ich spürte an der seltsamen Dünne meines Pulses, an
-der Unempfindlichkeit meiner Haut gegen Wind und Regen, an der funkelnden
-inneren Wachheit, daß ein Führer um mich sei.
-
-In den Wolken war eine große Stadt zu sehen, aus der strömten Millionen von
-Menschen hervor, die verbreiteten sich in Schwärmen über weite
-Landschaften. Mitten unter sie trat eine mächtige Göttergestalt, funkelnde
-Sterne im Haar, groß wie ein Gebirge, mit den Zügen der Frau Eva. In sie
-hinein verschwanden die Züge der Menschen, wie in eine riesige Höhle, und
-waren weg. Die Göttin kauerte sich am Boden nieder, hell schimmerte das Mal
-auf ihrer Stirn. Ein Traum schien Gewalt über sie zu haben, sie schloß die
-Augen und ihr großes Antlitz verzog sich in Weh. Plötzlich schrie sie hell
-auf, und aus ihrer Stirn sprangen Sterne, viele tausend leuchtende Sterne,
-die schwangen sich in herrlichen Bogen und Halbkreisen über den schwarzen
-Himmel.
-
-Einer von den Sternen brauste mit hellem Klang gerade zu mir her, schien
-mich zu suchen. -- Da krachte er brüllend in tausend Funken auseinander, es
-riß mich empor und warf mich wieder zu Boden, donnernd brach die Welt über
-mir zusammen.
-
-Man fand mich nahe bei der Pappel, mit Erde bedeckt und mit vielen Wunden.
-
-Ich lag in einem Keller, Geschütze brummten über mir. Ich lag in einem
-Wagen und holperte über leere Felder. Meistens schlief ich oder war ohne
-Bewußtsein. Aber je tiefer ich schlief, desto heftiger empfand ich, daß
-etwas mich zog, daß ich einer Kraft folgte, die über mich Herr war.
-
-Ich lag in einem Stall auf Stroh, es war dunkel, jemand war mir auf die
-Hand getreten. Aber mein Inneres wollte weiter, stärker zog es mich weg.
-Wieder lag ich auf einem Wagen, und später auf einer Bahre oder Leiter,
-immer stärker fühlte ich mich irgendwohin befohlen, fühlte nichts als den
-Drang, endlich dahin zu kommen.
-
-Da war ich am Ziel. Es war Nacht, ich war bei vollem Bewußtsein, mächtig
-hatte ich soeben noch den Zug und Drang in mir empfunden. Nun lag ich in
-einem Saal, am Boden gebettet, und fühlte, daß ich dort sei, wohin ich
-gerufen war. Ich blickte um mich, dicht neben meiner Matratze lag eine
-andre, und jemand auf ihr, der neigte sich vor und sah mich an. Er hatte
-das Zeichen auf der Stirn. Es war Max Demian.
-
-Ich konnte nicht sprechen, und auch er konnte oder wollte nicht. Er sah
-mich nur an. Auf seinem Gesicht lag der Schein einer Ampel, die über ihm an
-der Wand hing. Er lächelte mir zu.
-
-Eine unendlich lange Zeit sah er mir immerfort in die Augen. Langsam schob
-er sein Gesicht mir näher, bis wir uns fast berührten.
-
-»Sinclair!« sagte er flüsternd.
-
-Ich gab ihm ein Zeichen mit den Augen, daß ich ihn verstehe.
-
-Er lächelte wieder, beinah wie in Mitleid.
-
-»Kleiner Junge!« sagte er lächelnd.
-
-Sein Mund lag nun ganz nahe an meinem. Leise fuhr er fort zu sprechen.
-
-»Kannst du dich noch an Franz Kromer erinnern?« fragte er.
-
-Ich zwinkerte ihm zu, und konnte auch lächeln.
-
-»Kleiner Sinclair, paß auf! Ich werde fortgehen müssen. Du wirst mich
-vielleicht einmal wieder brauchen, gegen den Kromer oder sonst. Wenn du
-mich dann rufst, dann komme ich nicht mehr so grob auf einem Pferd geritten
-oder mit der Eisenbahn. Du mußt dann in dich hinein hören, dann merkst du,
-daß ich in dir drinnen bin. Verstehst du? -- Und noch etwas! Frau Eva hat
-gesagt, wenn es dir einmal schlecht gehe, dann solle ich dir den Kuß von
-ihr geben, den sie mir mitgegeben hat . . . Mach die Augen zu, Sinclair!«
-
-Ich schloß gehorsam meine Augen zu, ich spürte einen leichten Kuß auf
-meinen Lippen, auf denen ich immer ein wenig Blut stehen hatte, das nie
-weniger werden wollte. Und dann schlief ich ein.
-
-Am Morgen wurde ich geweckt, ich sollte verbunden werden. Als ich endlich
-richtig wach war, wendete ich mich schnell nach der Nachbarmatratze hin. Es
-lag ein fremder Mensch darauf, den ich nie gesehen hatte.
-
-Das Verbinden tat weh. Alles, was seither mit mir geschah, tat weh. Aber
-wenn ich manchmal den Schlüssel finde und ganz in mich selbst
-hinuntersteige, da wo im dunkeln Spiegel die Schicksalsbilder schlummern,
-dann brauche ich mich nur über den schwarzen Spiegel zu neigen, und sehe
-mein eigenes Bild, das nun ganz Ihm gleicht, Ihm, meinem Freund und Führer.
-
-Druck von Hallberg & Büchting, Leipzig.
-
-
-
-
-Werke von Hermann Hesse
-
-
-Peter Camenzind
-Roman. 98. Auflage.
-
-Unterm Rad
-Roman. 108. Auflage.
-
-Diesseits
-Erzählungen. 27. Auflage.
-
-Nachbarn
-Erzählungen. 12. Auflage.
-
-Umwege
-Erzählungen. 17. Auflage.
-
-Aus Indien
-Aufzeichnungen von einer indischen Reise. 9. Auflage.
-
-Roßhalde
-Roman. 42. Auflage.
-
-Knulp
-Drei Geschichten aus dem Leben Knulps. 95. Auflage.
-
-Schön ist die Jugend
-78. Auflage.
-
-Märchen
-21. Auflage.
-
-Zarathustras Wiederkehr
-Ein Wort an die deutsche Jugend. 10. Auflage.
-
-Klingsors letzter Sommer
-Erzählungen. 10. Auflage.
-
-Wanderung
-Aufzeichnungen mit 14 farbigen Bildern vom Verfasser. 8. Auflage.
-
-
-
-
-Anmerkungen zur Transkription
-
-
-Offensichtliche Fehler wurden unter Verwendung späterer Ausgaben korrigiert.
-
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-
-End of the Project Gutenberg EBook of Demian, by Hermann Hesse
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