summaryrefslogtreecommitdiff
path: root/42745-0.txt
diff options
context:
space:
mode:
Diffstat (limited to '42745-0.txt')
-rw-r--r--42745-0.txt1016
1 files changed, 1016 insertions, 0 deletions
diff --git a/42745-0.txt b/42745-0.txt
new file mode 100644
index 0000000..2e0bc45
--- /dev/null
+++ b/42745-0.txt
@@ -0,0 +1,1016 @@
+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 42745 ***
+
+ +------------------------------------------------------------------+
+ | Anmerkungen zur Transkription |
+ | |
+ | Kursiver Text ist als _kursiv_ markiert, gesperrter Text als |
+ | =gesperrt=. |
+ | |
+ | Der Name Gauß ist auch als GAUSS in Grossbuchstaben geschrieben. |
+ | |
+ | Inkonsistenzen wurden beibehalten, wenn sie mehrfach verwendet |
+ | wurden, oder beide Schreibweisen gebräuchlich waren: |
+ | |
+ | hannoversche -- hannöversche |
+ | Euklid -- euclidischen |
+ | |
+ | Im Text wurden folgende Änderungen vorgenommen: |
+ | |
+ | S. 5 "Verhältniße" in "Verhältnisse" geändert. |
+ | S. 6 "Gedächtniße" in "Gedächtnisse" geändert. |
+ | S. 6 "Zahlenverhältnißen" in "Zahlenverhältnissen" geändert. |
+ | S. 14 "vergrössert" in "vergrößert" geändert. |
+ | S. 17 "Maasse" in "Maaße" geändert. |
+ | S. 19 "Anschluße" in "Anschlusse" geändert. |
+ | S. 19 "Verhältniße" in "Verhältnisse" geändert. |
+ | S. 26 "Beßel" in "Bessel" geändert. |
+ | S. 29 "elektromagnetichen" in "elektromagnetischen" geändert. |
+ | S. 29 "Göttigen" in "Göttingen" geändert. |
+ +------------------------------------------------------------------+
+
+
+
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+ =GAUSS=.
+
+ =EIN UMRISS=
+ SEINES
+ LEBENS UND WIRKENS
+
+ VON
+
+ F. A. T. =WINNECKE=.
+
+ FESTSCHRIFT
+ ZU
+ GAUSS' HUNDERTJÄHRIGEM GEBURTSTAGE
+
+ AM
+
+ 30. APRIL 1877,
+
+ =HERAUSGEGEBEN=
+ DURCH DEN
+
+ VEREIN FÜR NATURWISSENSCHAFT
+ ZU
+ BRAUNSCHWEIG.
+
+ MIT EINEM BILDNISSE GAUSS'.
+
+ BRAUNSCHWEIG,
+ DRUCK UND VERLAG VON FRIEDRICH VIEWEG UND SOHN,
+ =1877=.
+
+
+
+
+ Die Herausgabe einer Uebersetzung in französischer und englischer
+ Sprache, sowie in anderen modernen Sprachen wird vorbehalten.
+
+
+
+
+Am 30. April 1777 erblickte zu Braunschweig in einem unscheinbaren Hause
+auf dem Wendengraben CARL FRIEDRICH GAUSS das Licht der Welt. Eine
+Gedenktafel an jenem Hause erinnert seit zwei Jahrzehnten den
+Vorübergehenden daran. Wenige jedoch werden wissen, mit wie makellosem
+Lichte der Stern leuchtete, welcher an jenem Tage am geistigen
+Firmamente der Menschheit aufging, wie viele in tiefer Nacht verborgene
+Schätze des Geistes durch seinen hellen Schein uns offenbar wurden, ja
+wie wir alle -- nicht bloß die Männer der Wissenschaft -- noch täglich
+den Einfluß seiner belebenden Strahlen empfinden.
+
+Die äußeren Verhältnisse, unter denen =Gauß= aufwuchs, waren keineswegs
+günstig für die Entwickelung der hohen Begabung, welche der Knabe schon
+in sehr zartem Lebensalter zeigte. Der Vater, =Gerhard Diederich Gauß=,
+geb. 1744, war ein Handwerker, der vielerlei Geschäfte betrieb, und
+zuletzt, bis an seinen 1808 erfolgten Tod, sich mit Gärtnerei
+beschäftigte. Aus seiner ersten Ehe besaß er einen 1768 geborenen Sohn
+=Georg= (gestorben zu Braunschweig am 7. August 1854), als er sich im
+Jahre 1776 mit =Dorothea Benze= (geb. 1742) verheirathete. =Carl
+Friedrich Gauß= war das einzige Kind dieser Ehe. =Dorothea Benze=
+stammte aus dem fünf Meilen von Braunschweig gelegenen Dorfe Velpke,
+woselbst ihr Vater, =Christoph=, Steinhauer war. Sie erreichte das hohe
+Alter von 97 Jahren und verbrachte die letzten 22 Jahre ihres Lebens
+unter treuer Pflege auf der Göttinger Sternwarte bei ihrem großen Sohne,
+dem Stolze ihres Alters, der in inniger Liebe an ihr hing. Zwischen
+Vater und Sohn scheint kein engeres Verhältniß bestanden zu haben; der
+Vater, ein vollkommen achtungswerther Mann, war in seiner Häuslichkeit
+herrisch, oft rauh und unfein. Hieraus ist jedoch niemals das leiseste
+Mißverhältniß entstanden, da der Sohn, in Folge seiner hervorragenden
+Begabung, schon früh vom Vater ganz unabhängig wurde.
+
+Sehr interessant sind einzelne Züge aus der Kindheit von =Gauß=, wie er
+sie treu im Gedächtnisse behalten hatte und in späteren Lebensjahren im
+engsten Freundeskreise gelegentlich mittheilte, in lebendiger
+gemüthlicher Erzählungsweise, worin bei etwaiger Wiederholung nie die
+geringste Abweichung vorkam. =Sartorius von Waltershausen= hat bald nach
+dem Ableben des großen Mannes manches dahin Gehörige gesammelt und in
+dankenswerther Weise =Gauß= zum Gedächtniß veröffentlicht.
+
+Möge es gestattet sein, ihm Einiges nach zu erzählen. =Gauß= erlernte
+das Lesen ohne Unterricht, indem er den Einen und den Andern der
+Hausbewohner um die Bedeutung der Buchstaben bat; er zeigte einen so
+bewunderungswürdigen Sinn für die Auffassung von Zahlenverhältnissen und
+eine so unglaubliche Leichtigkeit und Sicherheit im Kopfrechnen, daß er
+dadurch sehr bald die Aufmerksamkeit seiner Eltern erregte. Er selbst
+pflegte oft scherzweise zu sagen, er habe früher rechnen als sprechen
+können. Bei Gelegenheit einer Wochenabrechnung, die sein Vater mit den
+Gesellen und Tagelöhnern abhielt, bemerkte der unbeachtet zuhörende,
+kaum dreijährige Knabe, daß sein Vater sich verrechnet hatte und im
+Begriffe stand, falsche Summen auszuzahlen, und rief: »Vater, die
+Rechnung ist falsch, es macht soviel.« Zum Erstaunen aller Anwesenden
+zeigte es sich bei sorgsamer Neuberechnung, daß die von dem Kinde
+angegebene Summe die richtige war.
+
+Erst 1784, als =Gauß= schon sein siebentes Lebensjahr zurückgelegt
+hatte, wurde er zum Unterricht in die Catharinen-Volksschule geschickt.
+Hier wurde er zwei Jahre lang durch =Büttner= im Lesen und Schreiben
+unterrichtet, ohne sich merklich vor seinen Mitschülern auszuzeichnen.
+Nach Verlauf von zwei Jahren kam er in die Rechenclasse und hier zog
+=Gauß= sehr bald die Aufmerksamkeit von =Büttner= auf sich. Es war
+nämlich eingeführt, daß der Schüler, welcher zuerst sein Rechenexempel
+beendigt hatte, die Tafel in die Mitte eines großen Tisches legte; über
+diese legte der Zweite seine Tafel u. s. w. Der kleine =Gauß= war kaum
+in die Rechenclasse eingetreten, als =Büttner= eine Aufgabe dictirte,
+welche in die Sprache der Algebra übersetzt nichts Anderes war, als die
+Summation einer arithmetischen Reihe, für deren Ausführung die
+Arithmetik eine sehr einfache, rasch zum Ziel führende Weise lehrt.
+=Büttner= hatte die Aufgabe kaum ausgesprochen, als =Gauß= die Tafel mit
+den im Braunschweiger Platt gesprochenen Worten auf den Tisch wirft:
+»Ligget se'« (da liegt sie). Während die anderen Schüler emsig weiter
+rechnen, geht =Büttner= auf und ab, die Karwatsche in der Hand, und
+wirft von Zeit zu Zeit einen mitleidigen Blick auf den kleinen =Gauß=,
+der so rasch seine Aufgabe beendigt hatte. Dieser saß dagegen ruhig,
+schon eben so sehr von dem festen unerschütterlichen Bewußtsein
+durchdrungen, welches ihn bis zum Ende seiner Tage bei jeder vollendeten
+Arbeit erfüllte, daß seine Aufgabe richtig gelöst sei und daß das
+Resultat kein anderes sein könne. Am Ende der Stunde wurden darauf die
+Rechentafeln umgekehrt; die von =Gauß= mit einer einzigen Zahl lag oben;
+sie gab die richtige Lösung, während viele der übrigen falsch waren und
+alsbald mit der Karwatsche rectificirt wurden. =Büttner= verschrieb
+hierauf eigens aus Hamburg ein neues Rechenbuch, um damit den jungen
+aufstrebenden Geist nach Kräften zu unterstützen.
+
+=Büttner's= Gehülfe war in jenen Jahren ein junger =Bartels=, ebenfalls
+Braunschweiger von Geburt. Dieser, damals 18 Jahre alt, betrieb eifrig
+mathematische Studien und zog den kleinen =Gauß= zu sich heran; er
+schaffte die nothwendigen Bücher herbei und machte =Gauß=, nach
+Bewältigung der elementaren Dinge, schon damals mit der Lehre von den
+unendlichen Reihen bekannt und führte ihn in das Gebiet der Analysis
+ein. Diese gemeinschaftlichen mathematischen Studien wurden für Beider
+Lebensrichtung bestimmend.
+
+=Bartels= ging, nachdem er von 1788 an auf dem Collegium Carolinum
+studirt hatte, als Lehrer der Mathematik nach Reichenau in Graubünden;
+später kam er als Professor der Mathematik an die Universität in Kasan
+und wurde schließlich nach Dorpat berufen, woselbst er im Jahre 1836
+verstarb. Seine Tochter verheirathete sich mit dem berühmten Astronomen
+=Struve=.
+
+Auch =Gauß= verließ im Jahre 1788 die Volksschule, um das Gymnasium zu
+besuchen, womit sein Vater wenig einverstanden war. Da er schon vorher
+mit Hülfe seiner älteren Freunde sich in den Anfängen der classischen
+Sprachen ausgebildet hatte, so wurde er, seiner vorgerückten Kenntnisse
+halber, gleich in die zweite Classe aufgenommen. Mit unglaublicher
+Schnelligkeit bemächtigte er sich hier der alten Sprachen und wurde zwei
+Jahre später nach Prima versetzt.
+
+Inzwischen waren, hauptsächlich durch =Bartels=, hochstehende Personen
+in Braunschweig, unter denen namentlich der Geheime-Etatsrath
+=von Zimmermann= genannt zu werden verdient, auf die ungewöhnliche
+Befähigung des jungen =Gauß= aufmerksam geworden; sie veranlaßten, daß
+derselbe im Jahre 1791 dem Herzoge =Carl Wilhelm Ferdinand=
+vorgestellt wurde. Der hohe Fürst gewährte, in Folge dieser
+Vorstellung, die Mittel zur weitern Ausbildung des vielversprechenden
+Jünglings.
+
+Vom Herzoge unterstützt bezog =Gauß= im Jahre 1792 das Collegium
+Carolinum. Dort erlernte er die neueren Sprachen und vertiefte seine
+Kenntnisse der alten. Es beschäftigten ihn auch in jener Zeit
+tiefgehende eigene mathematische Studien; denn schon wenige Jahre später
+war er im Besitze von mathematischen Wahrheiten, die, falls schon damals
+veröffentlicht, den jungen, noch nicht zwanzigjährigen Mann sofort den
+ersten Männern der Wissenschaft zur Seite gestellt haben würden.
+
+Als =Gauß= im Herbst 1795 das Collegium Carolinum verließ, um die
+Universität Göttingen zu beziehen, war er sich jedoch noch keineswegs
+klar darüber geworden, ob er der Philologie oder der Mathematik sein
+Leben widmen solle. Mit Interesse besuchte er die philologischen
+Vorträge bei =Heyne=, während ihn die mathematischen Vorlesungen des
+damals so berühmten =Kästner= wenig anzogen. =Kästner= hatte, äußerte
+=Gauß= in seinen späteren Jahren, einen ganz eminenten Mutterwitz, aber,
+sonderbar genug, er hatte ihn bei allen Gegenständen =außerhalb= der
+Mathematik; er hatte ihn sogar, wenn er über Mathematik (im Allgemeinen)
+sprach, aber er wurde oft ganz davon verlassen =innerhalb= der
+Mathematik. Es ließen sich davon die lächerlichsten Beispiele anführen.
+
+Während also scheinbar sich =Gauß= in Göttingen den classischen Studien
+zuwandte, war er in Wirklichkeit mit den tiefsten mathematischen Studien
+beschäftigt, wie daraus hervorgeht, daß er am 30. März 1796 (nach seiner
+handschriftlichen Notiz) entdeckte, daß ein 17-Eck in einem Kreise
+geometrisch construirbar sei. Seit =Euklid's= Zeiten kannte man die
+geometrische Theilbarkeit des Kreises in drei und fünf Theile und die
+daraus ohne Weiteres abzuleitenden Constructionen des 6-Ecks, 10-Ecks
+u. s. w. Aber obgleich gerade mit diesem Theile der Mathematik sich ein
+jeder Geometer beschäftigt, so war es gewissermaaßen ein Dogma geworden,
+daß außer den erwähnten Constructionen keine anderen geometrisch
+ausgeführt werden könnten. Was seit zwei Jahrtausenden dem Blicke der
+größten Mathematiker entgangen war, der Scharfsinn des jungen, noch
+nicht 19jährigen =Gauß= fand es heraus. Diese Entdeckung, welche er
+selbst in seinem spätern Leben sehr hoch stellte, bestimmte ihn, sich
+fortan gänzlich dem Studium der Mathematik zu widmen; sie ist jedoch nur
+ein specieller Fall der wenige Jahre später von ihm in seinem ersten
+größern Werke, den unsterblichen »Disquisitiones arithmeticae«,
+gegebenen Theorie der Kreistheilung.
+
+Daß bei der Erfüllung des Gemüthes mit so tiefsinnigen Forschungen
+=Gauß= dem gewöhnlichen studentischen Treiben fern blieb, ist
+selbstverständlich; er scheint in jener Zeit nur einen sehr beschränkten
+Verkehr mit wenigen Freunden gehabt zu haben, unter denen zwei, ein
+junger J. J. A. =Ide=, ebenfalls ein Braunschweiger, und W. =Bolyai= aus
+Maros Vásárhely in Siebenbürgen, ebenfalls als Mathematiker bekannt
+geworden sind. Ide (geb. 1775) wurde im Jahre 1803 als Professor der
+Mathematik an die Universität in Moskau berufen, woselbst er jedoch
+schon 1806 verstarb. =Bolyai= war ebenfalls etwas älter als =Gauß=, der
+von ihm geäußert haben soll, =Bolyai= sei der Einzige gewesen, der in
+seine metaphysischen Ansichten über Mathematik einzugehen verstanden
+habe.
+
+=Gauß= beschäftigte sich schon seit seinem 16. Jahre mit mathematischen
+Untersuchungen tiefsinnigster Art, welche an die Erfolglosigkeit aller
+Bemühungen anknüpften, einen Beweis zu finden für das eilfte Euclidische
+Axiom: »zwei Gerade, welche von einer dritten so geschnitten werden, daß
+die beiden inneren an einerlei Seite liegenden Winkel zusammen kleiner
+als zwei Rechte sind, schneiden sich hinreichend verlängert an eben
+dieser Seite«, worauf sich die gewöhnliche »euclidische« Geometrie
+aufbaut, welche man bis in dieses Jahrhundert hinein für die einzig
+mögliche Form der Raumwissenschaft gehalten hat. Indem =Gauß= die
+Voraussetzung weiter verfolgte, daß das euclidische Axiom =nicht= wahr
+sei, erhielt er in consequenter Verfolgung dieser Voraussetzung eine
+ebenfalls in sich ganz widerspruchsfreie Geometrie, welche er die »nicht
+euclidische« nannte, deren Ergebnisse jedoch nur scheinbar als paradox
+erscheinen, weil wir frühzeitig gewöhnt werden, die Euclidische
+Geometrie für =streng wahr= zu halten. Leider sind jedoch nur
+Andeutungen über die hierauf bezüglichen Untersuchungen erhalten.
+Vielleicht finden wir Bruchstücke der Speculationen, wie sie =Bolyai=
+und =Gauß= in dieser Richtung während ihrer Universitätszeit verfolgten,
+in des Erstern Schriften, welche die Grundlagen zur Wissenschaft von der
+absoluten Raumlehre (im Gegensatz zur euclidischen) enthalten, und die
+erst in neuerer Zeit die verdiente Beachtung gefunden haben.
+
+Eine andere wichtige Entdeckung datirt ebenfalls wahrscheinlich schon
+vor seinem Studienaufenthalte in Göttingen. In einer seiner Schriften
+giebt =Gauß= an, daß er seit dem Jahre 1795 an im Besitz der Methode der
+kleinsten Quadrate gewesen sei, ein Princip zur consequenten Ableitung
+der wahrscheinlichsten Resultate einer Beobachtungsreihe, dessen
+Anwendung auf die Beobachtungswissenschaften von der allerhöchsten
+Bedeutung geworden ist. In einem Briefe an den Astronomen =Schumacher=
+sagt =Gauß=, daß er diese Methode seit dem Jahre 1794 vielfach gebraucht
+habe. Jedenfalls war er schon sehr früh in dem Besitze der unschätzbaren
+Rechnungsweise, Größen, die zufällige Fehler involviren, auf eine
+willkürfreie, consequente Art zu combiniren.
+
+Auch der Beginn der arithmetischen Untersuchungen, welche den Inhalt
+seines unsterblichen Werkes »Disquisitiones arithmeticae« bilden und
+durch dessen Veröffentlichung im Jahre 1801 er mit einem Schlage den
+Rang neben den größten Mathematikern aller Zeiten einnahm, fällt schon
+=vor= den Anfang seiner Studien in Göttingen, wie aus handschriftlichen
+Notizen über die Zeit der Entdeckung einzelner Sätze hervorgeht, die
+=Gauß= seinem Handexemplare dieses Buches hinzugefügt hat. Diese Notizen
+lehren, daß die Entdeckung der geometrischen Construction des 17-Eck,
+deren Zeitpunkt oben erwähnt wurde, offenbar Veranlassung geworden ist,
+die liegen gebliebenen zahlentheoretischen Untersuchungen wieder
+aufzunehmen. Diese Untersuchungen scheinen =Gauß= in Göttingen
+hauptsächlich beschäftigt zu haben; denn als er im Jahre 1798, nach
+absolvirtem Triennium, nach Braunschweig zurückkehrte, legte er sogleich
+Hand an die Herausgabe derselben, der sich aber zunächst noch allerlei
+Schwierigkeiten entgegen stellten, welche später jedoch alle vom Herzog
+=Carl Wilhelm Ferdinand=, dem die Nachwelt für seine hochherzige
+Förderung des großen Mannes stets dankbar verpflichtet sein wird, aus
+dem Wege geräumt wurden.
+
+Bald nach der Rückkehr in seine Vaterstadt traf =Gauß= die nöthigen
+Schritte, um behufs Herausgabe seines genannten Werkes die Bibliothek in
+Helmstedt, damals noch Universitätsstadt, benutzen zu können, und
+siedelte im darauf folgenden Jahre für eine Weile ganz dorthin über.
+J. F. =Pfaff=, ein namhafter Gelehrter, war damals Professor der
+Mathematik in Helmstedt, und in seinem Hause bezog =Gauß= ein Zimmer,
+arbeitete aber so angestrengt und ununterbrochen, daß er meistens nur
+gegen Abend seinen Hausgenossen zu sehen bekam. Auf gemeinsamen
+Spaziergängen in die Umgegend tauschten sie dann ihre Gedanken über
+mathematische Gegenstände aus. Weit entfernt, als wäre ihr
+gegenseitiges Verhältniß das von Lehrer und Schüler gewesen, wie man
+es wohl dargestellt findet, hat =Gauß= später selbst geäußert, er
+glaube bei diesen Unterhaltungen mehr gegeben als empfangen zu haben.
+
+Im Jahre 1799 wurde =Gauß= auf seine Inauguraldissertation:
+»_Demonstratio nova theorematis omnem functionem algebraicam rationalem
+integram unius variabilis in factores reales primi vel secundi gradus
+resolvi posse_« in absentia von der philosophischen Facultät zu
+Helmstedt zum Doctor promovirt. Dieser erste =strenge= Beweis (alle bis
+dahin von den Geometern gegebenen waren ungenügend) des wichtigsten
+Lehrsatzes in der Theorie der algebraischen Gleichungen wurde von =Gauß=
+schon im October 1797 =entdeckt=. Wie sehr dieser Fundamentalsatz =Gauß=
+am Herzen gelegen, ersieht man daraus, daß er später zu drei
+verschiedenen Malen auf diesen Gegenstand zurückgekommen ist, indem er
+in den Jahren 1815 und 1816 zwei neue Beweise dafür, jeden aus ganz
+verschiedenen Principien, ableitete und bei Gelegenheit der Feier seiner
+50jährigen Doctorwürde seinen ersten Beweis vom Jahre 1799 in
+veränderter Gestalt und mit erheblichen Zusätzen versehen zum
+Gegenstande einer Denkschrift machte.
+
+In demselben Jahre finden wir =Gauß= auch schon in Correspondenz mit dem
+in jener Zeit weit berühmten Freiherrn v. =Zach=, dem Director der
+Seeberger Sternwarte. Die ersten Mittheilungen an denselben sind leider
+von =Zach= in den damals von ihm herausgegebenen geographischen
+Ephemeriden nicht mitgetheilt; sie betrafen eine Anwendung der Methode
+der kleinsten Quadrate auf einen in jener Zeitschrift abgedruckten
+Auszug aus =Ulugh Begh's= Zeitgleichungstafel, die zu manchen ganz
+curiosen Resultaten geführt hatte. Aus einer spätern, 1799 abgedruckten
+Mittheilung geht hervor, daß =Gauß= seine Principien für Ableitung des
+wahrscheinlichsten Resultats aus Beobachtungen, zur Bestimmung der Figur
+der Erde aus der damals von den Franzosen unternommenen Gradmessung
+angewandt hatte.
+
+Im folgenden Jahre theilte er =Zach= für dessen neugegründetes Journal:
+»Monatliche Correspondenz zur Beförderung der Erd- und Himmelskunde«
+einen interessanten Aufsatz über die Berechnung des Osterfestes mit,
+worin die cyklische Festrechnung auf rein analytische Vorschriften
+zurückgeführt wird, die auf den einfachsten Rechnungsoperationen
+beruhen, so daß man, unabhängig von allen Hülfstafeln, die oft nicht
+zur Hand sind, und ohne Kenntniß der Bedeutung der sonst dabei
+gebräuchlichen Kunstwörter, wie »goldene Zahl, Epacte, Ostergrenze,
+Sonnenzirkel und Sonntagsbuchstabe«, sofort das Datum findet, auf
+welches Ostern fällt. Da dieser Aufsatz sich zunächst nur auf die
+Festrechnung im Julianischen und Gregorianischen Kalender bezog, so
+vervollständigte =Gauß= zwei Jahre später seine Vorschriften, indem er
+die Regeln auch für den jüdischen Kalender mittheilte.
+
+Im Jahre 1801 erschienen die »Disquisitiones arithmeticae« mit einer
+Widmung an den Herzog =Carl Wilhelm Ferdinand=, in welcher =Gauß=
+dankbar darlegt, wie nur die große Güte und Huld des weisen und
+tiefblickenden Fürsten ihm die Möglichkeit gewährt habe, sich ganz der
+Mathematik zu weihen.
+
+Es ist schon früher gebührend hervorgehoben, welche staunenswerthe
+Leistung dieses erste größere Werk von =Gauß= war, und wie es allein
+genügen würde, seinen Nachruhm für alle Zeiten zu sichern. Die Tiefe der
+mathematischen Entdeckungen von =Gauß= fand ihre richtige Würdigung nur
+in einem kleinen Kreise von Denkern, der sich jedoch, Dank sei es dem
+von ihm gegebenen Anstoße, von Jahr zu Jahr vergrößert hat. Dem größern
+Publicum sollte er bald durch andere und nicht minder bemerkenswerthe
+Leistungen bekannt werden.
+
+Am 1. Januar 1801 entdeckte =Piazzi= in Palermo einen Stern achter
+Größe, der seinen Ort unter den Gestirnen beträchtlich veränderte und
+von ihm für einen neuen Kometen gehalten wurde. =Piazzi= gab von
+seiner Entdeckung erst spät und unvollständig Kunde, und der damalige
+langsame Postenlauf, noch dazu gestört durch die kriegerischen Zeiten,
+bewirkte, daß die Nachricht von der Entdeckung erst in die Hände der
+übrigen Astronomen kam, als schon die Gegend am Himmel, in welcher
+sich der bewegliche Stern aufhielt, so nahe zur Sonne gerückt war, daß
+ein Aufsuchen desselben unmöglich wurde. Glücklicherweise war jedoch
+=Piazzi= im Besitz eines der vortrefflichsten Meßinstrumente der
+damaligen Zeit und hatte das Gestirn damit so lange verfolgt, bis
+Mitte Februar etwa, als es sich im Meridian beobachten ließ,
+unbegreiflicherweise aber versäumt, dasselbe außer dem Meridiane
+aufzusuchen, was noch mehrere Monate lang möglich gewesen wäre. Als
+die =Piazzi='schen Beobachtungen bekannt wurden, zeigte es sich bald,
+daß eine Parabel in keiner Weise ihnen genügte, sondern daß das
+Gestirn in einer Bahn sich bewegt hatte, deren Gestalt von der
+Kreisform nicht sehr abweichend war. Die von verschiedenen Astronomen
+ausgeführte Berechnung einer Kreisbahn zeigte, daß von =Piazzi= ein
+Planet entdeckt sei, der seine Bahn zwischen Mars und Jupiter
+durchläuft. Aber eine Kreisbahn ließ in den =Piazzi='schen
+Beobachtungen sehr merkliche Fehler übrig, so daß man hieraus sofort
+den Schluß hätte ziehen müssen, es sei erforderlich, aus den
+vorhandenen Beobachtungen die elliptische Bahn des Planeten zu
+berechnen. Man begnügte sich aber, die =Piazzi='schen Beobachtungen
+als ungenau anzusehen, und schickte sich an, den Planeten bei seinem
+Wiedererscheinen am Morgenhimmel mittelst einer auf die Kreiselemente
+gegründeten Vorausberechnung aufzusuchen.
+
+Wie sich später herausstellte, gaben diese Elemente den Ort des Planeten
+am Himmel so fehlerhaft an, daß wenigstens der Wiederentdecker
+desselben, =Olbers=, versichert, er würde den Planeten schwerlich
+gefunden haben, da er seine Nachforschungen bei alleiniger
+Zugrundelegung der Kreiselemente keinenfalls so weit ausgedehnt hätte,
+um die Gegend mit einzuschließen, in welcher sich der Planet wirklich
+aufhielt. Hierbei muß man wohl im Auge behalten, wie schwierig das
+Herausfinden eines so kleinen Planeten aus der großen Menge anderer
+Sterne, von denen er sich durch sein Aussehen nicht im geringsten
+unterscheidet, für die damalige Zeit war, die noch nicht die genauen
+Himmelskarten der Neuzeit besaß.
+
+Auch =Gauß= hatte Kunde von dem merkwürdigen Wandelsterne erhalten.
+
+Er war im Besitz von erheblichen Zusätzen zu den damals bekannten
+Theorien der Bewegung der Himmelskörper um die Sonne nach den
+=Kepler='schen Gesetzen und wandte seine Theoreme auf die Erforschung
+der wahren Bahn des =Piazzi='schen Gestirnes an. Mit der uns schon
+bekannten Arbeitskraft berechnete er verschiedene Bahnen für den neuen
+Planeten und ruhte nicht eher, bis er eine Ellipse gefunden hatte,
+welche die Beobachtungen von =Piazzi=, die sich im Gegensatz mit der
+gewöhnlichen Annahme als vorzüglich genau erwiesen, so gut wie möglich
+darstellte.
+
+Diese Ellipse gab zur Zeit, als =Olbers= das =Piazzi='sche Gestirn
+wieder auffand, den Ort desselben am Himmel eilf Grad verschieden von
+den Kreiselementen.
+
+Es würde zu weit führen, wenn hier näher auseinandergesetzt würde,
+welche Anerkennung von Seiten der Fachmänner =Gauß= in Folge dieser
+vorzüglichen Leistungen zu Theil wurde. Sowie er vor Jahresfrist durch
+Herausgabe der »_Disquisitiones arithmeticae_« einen Platz unter den
+größten Mathematikern sich erobert hatte, so stellte er jetzt sich
+ebenbürtig neben die bedeutendsten Astronomen aller Zeiten; denn nicht
+allein das numerische Rechnen oder die theoretischen Entwicklungen,
+welche er diesen Rechnungen zu Grunde legte, sondern vorzüglich die
+eminente Urtheilskraft, in wie weit aus den =Piazzi='schen Beobachtungen
+zuverlässige Resultate gezogen werden könnten, erregt das Staunen jedes
+Sachkenners. Fast um dieselbe Zeit, als die Ceres wieder entdeckt wurde,
+erklärte noch der hochverdiente französische Astronom =Lalande=, »daß er
+an keinen Planeten glaube«! --
+
+Der klar hervortretende feine praktisch-astronomische Tact muß um so
+mehr unsere volle Bewunderung erregen, als sich keine Andeutung findet,
+daß =Gauß= vor dem Jahre 1802 sich beobachtend mit der Astronomie
+beschäftigt hat, deren praktische Seite ihm gleichfalls so Vieles
+verdankt. Als die Ceres wieder gefunden war und bald darauf die Pallas
+von =Olbers= entdeckt wurde, deren Bahn er wie früher die der Ceres
+allmälig immer schärfer und schärfer berechnete, finden wir nicht, daß
+=Gauß= Ortsbestimmungen derselben gemacht hätte. Ceres und Pallas hat er
+im Sommer 1802 mit 300facher Vergrößerung betrachtet, ohne irgend einen
+Unterschied ihres Aussehens von Fixsternen bemerken zu können. Diese
+Beobachtung ist wahrscheinlich in Bremen mit den Instrumenten des
+vortrefflichen =Olbers= gemacht, bei dem =Gauß= im Juni 1802 von
+Braunschweig aus zum Besuch war und dessen Beispiel ihm zeigte, mit wie
+kleinen Hülfsmitteln das Talent Großes leistet. So finden wir denn auch
+bald darauf =Gauß= in der praktischen Astronomie thätig. Am 8. November
+1802 beobachtete er den Vorübergang des Mercur vor der Sonne mit einem
+zweifüßigen Achromaten von =Baumann=. Nach der Entdeckung der Juno im
+Jahre 1804 betheiligte er sich eifrig an den Ortsbestimmungen des
+Planeten, wozu er anfangs einen schlechten und besonders schlecht
+montirten Achromaten benutzte, bald aber ein sehr gutes Spiegelteleskop
+von =Short= anwenden konnte.
+
+In Folge des gewaltigen Respectes vor dem genialen Dr. =Gauß= in
+Braunschweig überließen die Astronomen ihm die Bestimmung und Ausfeilung
+der Bahnen der kleinen Planeten so gut wie völlig, und die folgenden
+Jahre erfüllen in großem Maaße die Berechnungen der Elemente und deren
+Vergleichung mit den Beobachtungen für die vier in den ersten Jahren
+dieses Jahrhunderts entdeckten Planeten; die Ableitung ihrer Störungen,
+die eingehendste Durcharbeitung aller sich auf die Bahnbestimmung von
+Himmelskörpern beziehenden Methoden, sowie die Umformung seiner
+ursprünglichen Ideen, in das bewunderungswürdige Kunstwerk, welches
+später als »Theoria motus corporum coelestium« veröffentlicht ist.
+Daneben erfaßte er enthusiastisch die praktische Sternkunde, behindert
+allerdings durch den Mangel geeigneter Instrumente.
+
+Schon 1802 machte die russische Regierung den Versuch, =Gauß= als
+Astronom und Director der Sternwarte an die Akademie in St. Petersburg
+zu ziehen. Hierdurch wurde der umsichtige =Olbers= veranlaßt, das
+Göttinger Universitätscuratorium darauf aufmerksam zu machen, wie
+wichtig es für den Ruhm der Georgia Augusta sein würde, einen Mann zu
+besitzen, den schon damals ganz Europa bewunderte. =Gauß= habe für eine
+mathematische Lehrstelle eine entschiedene Abneigung: sein
+Lieblingswunsch sei, Astronom bei irgend einer Sternwarte zu werden, um
+seine ganze Zeit zwischen Beobachtungen und seinen tiefsinnigen
+Untersuchungen zur Erweiterung der Wissenschaft theilen zu können. Da
+die hannoversche Regierung im Anfange des Jahrhunderts beabsichtigte,
+für die Universität Göttingen eine neue Sternwarte zu errichten, so
+hätte man erwarten sollen, daß in Folge dieser dringenden Empfehlung
+eines so allgemein hochgeschätzten und völlig unparteiischen Mannes wie
+=Olbers= die Berufung von =Gauß= nach Göttingen erfolgt sei. Aber,
+obgleich die Verhandlungen mit Petersburg sich zerschlugen, so wurde
+doch =Gauß= zunächst nicht nach Göttingen berufen, sondern im Jahre 1805
+=Harding= und erst im Jahre 1807 =Gauß=. Die Gründe hierfür sind bislang
+nicht durchsichtig; denn daß die nahen Beziehungen von =Gauß= zum Herzog
+von Braunschweig =allein= eine Berufung verhindert hätten, die dem
+wohlwollenden Fürsten, als im Interesse von seinem Schützlinge liegend,
+nur lieb sein konnte, ist wohl kaum anzunehmen, wie man daraus gefolgert
+hat, daß der Ruf nach Göttingen erfolgte, als der Herzog gestorben war.
+
+Inzwischen hatte =Gauß= sich am 9. October 1805 mit Johanne =Osthof= aus
+Braunschweig vermählt, mit welcher er vier Jahre in glücklichster Ehe
+verlebte und durch sie mit drei Kindern beschenkt wurde, deren erstes,
+ein Sohn, noch in Braunschweig geboren wurde, das zweite, eine Tochter
+(später die Gattin des berühmten =Ewald=), schon in Göttingen bald nach
+seiner Uebersiedelung.
+
+=Gauß= trat seine Professur an der Georgia Augusta, der er auf die Dauer
+eines halben Jahrhunderts als weitleuchtende Zierde angehören sollte --
+trotz vieler späterer Versuche, ihn für andere und glänzendere
+Lebensstellungen in Berlin, Wien, Paris und Petersburg zu gewinnen --,
+in einer Zeit an, wo die Hand des fremden Eroberers schwer auf
+Deutschland lastete. Bevor er noch den geringsten Gehalt als Director
+der Sternwarte bezogen hatte, wurde von dem Frankenkaiser eine ungeheure
+Contribution ausgeschrieben, von welcher =Gauß= einen Betrag von 2000
+Francs zu entrichten hatte. Obgleich dieser die drückende Abgabe kaum
+erschwingen konnte, so schickte er doch seinem Freunde =Olbers=, der ihm
+die Summe übersandte mit einem bedauernden Briefe, daß Gelehrte solchen
+schmäligen Brandschatzungen unterworfen seien, dieselbe sofort zurück.
+Ebenso wenig nahm er die Vermittelung von =Laplace= an, der ihm
+anzeigte, die Contribution sei in Paris schon eingezahlt. Die hier
+hervortretende edle Uneigennützigkeit der Gesinnung sollte jedoch sofort
+ihren Lohn finden. Von Frankfurt wurden ihm anonym 1000 Gulden als
+Geschenk zugeschickt, und erst eine spätere Zeit hat offenbart, daß der
+Fürst Primas der edle Geber war.
+
+Der begonnene Bau der neuen Sternwarte ruhte selbstverständlich in so
+schwerer Zeit und =Gauß= sah sich auf die Benutzung der veralteten
+Instrumente aus dem ehemaligen Festungsthurme, wo die Sternwarte zu
+=Tobias Mayer's= Zeiten eingerichtet war, beschränkt. Seine erste
+Göttinger Schrift behandelt in genialer Weise ein Problem mit einem
+fehlerhaften Höhenmesser, die Fehler desselben, die Polhöhe des
+Beobachtungsortes und die Zeit zu bestimmen, offenbar in engem
+Anschlusse an die damaligen instrumentalen Verhältnisse der Sternwarte.
+
+Im Jahre 1809 erschien die von den Astronomen so sehnlich erwartete
+Theoria motus, worin =Gauß=, unter Zugrundelegung der =Kepler='schen
+Gesetze, seine Methoden lehrte, ohne Voraussetzung über die
+Beschaffenheit der Bahn, unbekannte Bahnen aus nahe liegenden
+Beobachtungen zu bestimmen. Erst 40 Jahre später sind diese Methoden
+Gemeingut geworden, als die sich häufenden Entdeckungen von kleinen
+Planeten die Astronomen =zwangen=, sich ihrer zu bemächtigen. Bis dahin
+waren es nur Wenige, die tiefer eindrangen in den köstlichen Schatz
+geometrischer Wahrheiten, die darin enthalten sind. Für dieses auf alle
+Zeiten fundamentale Werk erhielt =Gauß= im Jahre 1810 den
+=Lalande='schen Preis des Pariser Instituts, sowie eine Denkmünze von
+der Royal Society in London und andere Auszeichnungen.
+
+Die westphälische Regierung, welche sich nachgerade hinlänglich
+consolidirt zu haben glaubte, setzte im Jahre 1810 eine Summe von 200000
+Franken zur Vollendung des Baues der Sternwarte aus, wodurch =Gauß= in
+der trüben Zeit nach dem Verluste seiner Frau Zerstreuung zu Theil
+wurde, da er als Astronom die vom Klosterbaumeister =Müller= entworfenen
+Pläne durchzuarbeiten hatte. Die Vereinsamung von =Gauß= sollte jedoch
+nicht lange währen; am 4. August 1810 verheirathete er sich mit der
+zweiten Tochter des Hofrath =Waldeck=, einer genauen Freundin seiner
+verstorbenen Frau, von der er überzeugt war, daß sie ihm und seinen
+Kindern die verewigte Gattin und Mutter vollkommen ersetzen würde, und
+so erstand die zerstörte Häuslichkeit wieder in glücklicher Gestaltung.
+
+In diese Zeit fallen die großartigsten Erfolge seiner directen
+Lehrthätigkeit. Schon im Jahre 1808 war =Schumacher=, in gereifteren
+Jahren nach schon vollendeten juristischen Studien, nach Göttingen
+gekommen, um dort sich in der Mathematik und Astronomie auszubilden;
+1810 kamen =Gerling=, =Nicolai=, =Möbius=, =Encke=, welche alle als
+namhafte Gelehrte in verdientem Ansehen stehen. Die Lehrthätigkeit war
+jedoch, wie schon aus dem oben angeführten Bruchstücke eines Briefes von
+=Olbers= hervorgeht, von jeher eine Last für =Gauß=; er widmete sich ihr
+in den ersten Jahrzehnten seines Göttinger Aufenthaltes in der Form, wie
+sie an deutschen Universitäten gebräuchlich ist, mehr, als später;
+allerdings immer ungern und mit der oft wiederholten Klage, daß ihm
+dadurch sehr viel Zeit geraubt würde, da die Vorbereitungen ihm so
+lästig und äußerst zeitraubend seien. Wenn man bedenkt, was Männer wie
+=Encke=, =Gerling=, =Möbius=, =Nicolai= und Andere aus =Gauß='schen
+Vorlesungen mit ins Leben hinübergenommen haben (denn man ist versucht,
+ihre Hauptleistungen, dem Keime nach, auf Göttinger Anregungen
+zurückzuführen), so begreift sich das wohl. In seinen späteren Jahren
+war =Gauß= nur schwer dazu zu bewegen, ein Colleg zu lesen; jedoch war
+er, unter Beobachtung aller Formen, stets dem strebenden Studirenden
+zugänglich. Der Schreiber dieser Zeilen gedenkt nicht selten mit
+dankbarer Erinnerung mancher halben Stunde aus den Jahren 1853 und 1854,
+die der große Mann in anregender und wesentlich fördernder Belehrung dem
+Anfänger widmete, welchem er gestattet hatte, mit Fragen bei dem
+Selbststudium der Theoria motus ihn zu behelligen, ein Thema, auf das
+glücklicherweise diese Erlaubniß nicht beschränkt blieb. --
+
+=Gauß= hatte nunmehr die stille sorgenfreie Muße gefunden, nach welcher
+er sich so lange gesehnt. Als etwas wahrhaft Beneidenswerthes hat er im
+hohen Alter, nach des großen Astronomen =Bessel='s Tode, mit dem ihn
+eine mehr als vierzigjährige Freundschaft verband, hervorgehoben, daß
+dieser in seinen jungen Jahren Gelegenheit gefunden habe, großartige
+Verhältnisse der wirklichen Welt genau kennen zu lernen und dadurch die
+innere Ueberzeugung mit sich getragen, durch diese Kenntnisse sich jeden
+Augenblick eine solche Stellung in der bürgerlichen Gesellschaft
+schaffen zu können, in der er sich selbst erhielte. Er selbst habe, bis
+zu einem vorgerückten Alter, nichts in sich selbst besessen, was, wie
+die Welt sei, einen sichern Schutz auch nur gegen den Hungertod hätte
+geben können, als das Schulmeistern, was ihm stets zuwider gewesen sei.
+
+Die jährlichen Bearbeitungen der Vorausberechnung der kleinen Planeten
+und die Verbesserung ihrer Bahnen übertrug =Gauß= von jetzt ab stets dem
+einen oder dem andern seiner talentvolleren Schüler. Er selbst
+beschäftigte sich in dieser Richtung hauptsächlich damit, für die
+Berechnung der Störungen dieser Himmelskörper Methoden aufzustellen,
+sowie für die Ermittelung der wahrscheinlichsten Elemente ihrer Bahnen,
+worüber er im Jahre 1811 und 1818 der Societät der Wissenschaften in
+Göttingen classische Denkschriften vorlegte.
+
+Um dieselbe Zeit beschäftigte sich =Gauß= mit dioptrischen Studien,
+nicht allein theoretisch, sondern mit directer Beziehung zur Praxis, wie
+er denn, in ihm eigenthümlicher Form, an =Repsold= im Jahre 1810 die
+Krümmungsradien für ein Fernrohrobjectiv von 8 Fuß Brennweite und 5 Zoll
+Oeffnung mittheilte. Diese Studien nahm er im Jahre 1817 wieder auf und
+zeigte damals die theoretische Möglichkeit eines wesentlichen
+Fortschrittes in der Construction der Fernröhre, die aber unbeachtet
+blieb, bis =Steinheil= nach fast einem halben Jahrhundert die Formeln
+von =Gauß= praktisch anwandte und ganz vorzügliche Resultate erzielte.
+Im Jahre 1843 legte er der Göttinger Societät seine »dioptrischen
+Studien« vor, wodurch er einem Felde, das durch die Arbeiten von Männern
+wie =Cotes=, =Euler=, =Lagrange= und =Möbius= fast erschöpft erscheinen
+konnte, eine neue Ernte abgewann.
+
+Im Jahre 1814 wurde die neue Sternwarte bis auf den innern Ausbau
+fertig; jedoch wurden die dazu gehörigen Wohngebäude für die Astronomen
+erst im Jahre 1815 begonnen. Von den Instrumenten der alten Sternwarte
+erhielt der durch =Tobias Mayer's= Arbeiten so berühmt gewordene
+Mauerquadrant einen Platz auf dem neuen Observatorium, sowie auch das
+10-füßige =Herschel='sche Teleskop noch auf lange Jahre hinaus für
+Beobachtungen außer dem Meridiane benutzt wurde. Die übrigen, von
+Lilienthal nach Göttingen gekommenen Instrumente wurden kaum benutzt,
+höchstens, um Besuchern den gestirnten Himmel damit zu zeigen. An Stelle
+des einen von zwei im ursprünglichen Plane projectirten
+Passageninstrumenten wurde, auf Betreiben von =Schumacher= ein
+Meridiankreis von =Repsold= angekauft, der jedoch erst im Jahre 1818
+geliefert wurde; denn =Repsold= wollte ihn, bevor er in =solche= Hände
+kam, mit einer neuen Theilung versehen.
+
+Im Frühjahr 1816 begab sich =Gauß= im Auftrage der Regierung nach
+München, wo damals die großen Künstler =Reichenbach= und =Fraunhofer=
+erfolgreich mit den englischen Mechanikern und Optikern zu rivalisiren
+begonnen hatten, um dort mit ihnen die Construction zweier großer
+Meridianinstrumente zu vereinbaren, sowie verschiedene kleinere
+Instrumente zu bestellen. Bei dieser Gelegenheit besuchte =Gauß= mit
+=Reichenbach= zusammen die schönen Gegenden des Salzkammergutes. Schon
+im Sommer 1814 hatte übrigens die Göttinger Sternwarte eine herrliche
+Acquisition in einem =Reichenbach-Fraunhofer='schen Heliometer gemacht,
+zu dem freilich das Stativ erst später nachkam, ein Instrument, welches
+60 Jahre später, am 8. December 1874, zur Beobachtung des Vorüberganges
+der Venus vor der Sonnenscheibe auf der Aucklandinsel gedient hat. Im
+Herbste 1816 konnte endlich die Directorwohnung der Sternwarte bezogen
+werden und im Frühjahre 1817 traf eins der bestellten kleineren
+Instrumente aus München ein, mit dem =Gauß= sofort, obgleich der Ausbau
+der Sternwarte noch keineswegs vollendet war, die Beobachtungen begann.
+Bei der Bestellung dieses Instrumentes hatte =Gauß= wahrscheinlich schon
+die Fortsetzung der von =Schumacher= geplanten dänischen Gradmessung von
+Skagen bis Lauenburg durch das Hannöversche im Auge gehabt.
+
+Als =Schumacher= im Jahre 1817 seine Messungen, aufs Großartigste
+unterstützt vom Könige von Dänemark, begonnen hatte, benutzte =Gauß=
+die Durchreise des Ministers =von Arnswald= im August 1817 durch
+Göttingen, um demselben die Zweckmäßigkeit der Fortsetzung dieser
+Arbeiten durch das Hannöver'sche darzulegen und reichte dann im Herbste
+desselben Jahres eine ausführliche Denkschrift ein, in welcher er
+schriftlich seine mündlichen Auseinandersetzungen wiederholte. Es
+erfolgte aber darauf lange kein Bescheid, »da die Kunst des
+Sollicitirens diejenige sei, wozu er -- freilich zu seinem großen
+Nachtheil -- am wenigsten Talent habe noch passe«. Nachdem =Schumacher=
+-- dem obige Kunst geläufiger war -- sich ins Mittel gelegt, so wurde
+zunächst von der Regierung =Gauß= der Auftrag ertheilt, im Herbst 1818
+die zur Verbindung der hannöverschen Triangulirung mit der dänischen
+nothwendigen Winkelmessungen in Lüneburg vorzunehmen. Das war der
+Anfang der langwierigen Triangulirungsgeschäfte, mit denen =Gauß= bis
+über das Jahr 1848 hinaus viel, ja viel zu viel zu thun hatte. Mag man
+auch den Gewinn der Verlängerung des dänischen Bogens um zwei
+Meridiangrade nach Süden sehr hoch stellen, so war das eine Arbeit, die
+auch Kräfte secundären Ranges sehr gut hätten ausführen können. Man muß
+nur in dem Briefwechsel zwischen =Gauß= und =Schumacher= lesen, wie
+sehr Ersterer viele Jahre Sommer für Sommer durch Winkelmessungen
+absorbirt war, um es lebhaft zu beklagen, daß ein solcher Geist durch
+derartige Arbeiten, die von Vielen zu machen waren, gestört wurde, sich
+in Muße mit Dingen zu beschäftigen, die nur =Er= uns lehren konnte.
+Dazu kommt noch, daß =Gauß= fast alle die erforderlichen ungeheuern
+Rechnungen selbst gemacht hat, vielleicht in ein Viertel oder ein
+Zehntel der Zeit, die andere gebraucht hätten. Aber =seine= Zeit war
+auch kostbarer als die Zeit von vier oder zehn Rechnern, die
+schließlich genau dasselbe Resultat erlangt haben würden. Allerdings
+hat auch die Wissenschaft, in Anlaß dieser Gradmessungsarbeiten, =Viel=
+gewonnen. Dahin gehören die feinsinnigen Untersuchungen über die
+allgemeine Abbildung einer gegebenen Fläche, auf einer andern so, daß
+die Abbildung dem abgebildeten in den kleinsten Theilen ähnlich wird.
+Es sind ferner auf die Gradmessungsarbeiten zurückzuführen die
+Disquisitiones circa superficies curvas (1827) und die beiden
+Abhandlungen über höhere Geodäsie (1843 und 1846).
+
+Ein großer Uebelstand bei den Gradmessungsarbeiten war es bislang
+gewesen, daß man die Endpunkte der großen Dreiecke, in denen man die
+Winkel zu messen hatte, mit den gewöhnlich angewandten Mitteln entweder
+gar nicht oder nicht mit genügender Sicherheit hatte sehen können.
+Man hatte daher zu dem Auskunftsmittel gegriffen, hell brennende mit
+Reverberen versehene Lampen auf den Dreieckspunkten aufzustellen und
+die Messungen bei Nacht auszuführen. Abgesehen von der großen
+Unbequemlichkeit und Mühseligkeit wurde dadurch die Arbeit des Geodäten
+zu einer gefahrvollen, da nicht selten die Signale auf hohen einsam
+gelegenen Bergen errichtet sind, die dem Beobachter keinerlei Schutz
+darbieten. Um so willkommener war eine Erfindung von =Gauß=, welche es
+ermöglichte, alle, selbst die größten Dreiecke bei Tage zu messen: das
+Heliotrop. Diese in ihrer Einfachheit so sinnreiche Erfindung gestattet
+das Sonnenlicht, welches ein kleiner über dem Dreieckspunkte
+aufgestellter Spiegel zurückwirft, genau auf den andern Dreieckspunkt
+zu senden, so daß der dort befindliche Beobachter in der gewünschten
+Richtung scheinbar einen künstlichen, hellglänzenden Stern erblickt, der
+sich scharf mit dem Winkelinstrumente einstellen läßt. Von dieser seiner
+Lieblingserfindung hat =Gauß= öfter sehr bestimmt hervorgehoben, daß er
+zu derselben nicht durch einen reinen Zufall, sondern durch reifes
+Nachdenken gelangt sei. Es sei wahr, daß er auf dem Michaelis-Thurm in
+Lüneburg eine Fensterscheibe eines Hamburger Thurmes habe blitzen sehen,
+ein Zufall, welcher die praktische Ausführbarkeit seines Vorhabens noch
+bekräftigt habe, aber schon längst vorher sei die ganze Erfindung im
+Geiste fertig gewesen.
+
+=Gauß= hielt es für möglich, mit Hülfe von Heliotropen eine
+telegraphische Correspondenz zwischen Mond und Erde zu errichten und
+hatte in Bezug auf diese Frage sogar die Größe der erforderlichen
+Spiegel berechnet, woraus sich ergab, daß eine solche Correspondenz
+eventuel ohne große Kosten sich würde einrichten lassen. Das wäre eine
+Entdeckung, pflegte er zu sagen, noch größer als die von Amerika, wenn
+wir uns mit unseren Mondnachbarn in Verbindung setzen könnten -- hielt
+es jedoch nicht eben für wahrscheinlich, daß der Mond eine mit höherer
+Intelligenz ausgestattete Bevölkerung besitze. Sonst hielt er geistiges
+Leben auf der Sonne und auf den Planeten für sehr wahrscheinlich, wobei
+er hervorzuheben pflegte, wie die an der Oberfläche der verschiedenen
+Himmelskörper wirkende und in ihrer Wirkung zu berechnende Schwerkraft
+für diese Frage vom größten Einfluß sei, woraus er z. B. folgerte, daß
+auf der Sonne nur sehr =kleine= Wesen, verglichen mit uns, existiren
+können, bei einer dort mehr als 28fach größeren Schwerkraft, als auf der
+Erde.
+
+Um die Zeit, als die Gradmessungsarbeiten ernstlich an =Gauß=
+herantraten, trafen im Jahre 1819 die Schönen Meridianinstrumente von
+München ein, deren Aufstellung auf der Sternwarte und deren eingehender
+Untersuchung sich =Gauß= zunächst widmete. Obgleich dieselben auch,
+wenigstens in den ersten Jahren, zu =häufigen= Beobachtungen gedient
+haben, so ist doch wenig von ihren Leistungen in der astronomischen Welt
+bekannt geworden. Es scheint auch, als wenn es =Gauß= nicht für
+angemessen hielt, mit den damals staunenswerthen Leistungen von =Bessel=
+in Concurrenz zu treten; auch dürfte vielleicht die schon oben aus einem
+Briefe von =Olbers= angezogene Aeußerung, daß =Gauß= die praktische
+Astronomie enthusiastisch liebte, in sofern doch zu modificiren sein,
+als =Gauß= nicht der unwiderstehliche Drang inne wohnte, sich mit den
+Gestirnen zu beschäftigen, wie man ihn bei dem wahren beobachtenden
+Astronomen findet. Es soll damit nicht der leiseste Tadel gegen den Mann
+ausgesprochen werden, dessen praktische Leistungen im Gebiete der
+Astronomie ebenfalls weit hervorragen über die Leistungen des
+Durchschnittsastronomen der Praxis, sondern es soll nur die Thatsache
+constatirt werden, daß das Göttinger Institut als =Sternwarte= nicht das
+geleistet hat, was man von einem mit so prachtvollen Instrumenten
+ausgestatteten Institute erwarten mußte. Ein helles Licht auf die hier
+obwaltenden Verhältnisse wirft eine Aeußerung von =Gauß= über die
+Erklärung eines optischen Phänomens, das auftritt, wenn man die in einem
+Quecksilberhorizonte reflectirten Bilder von Sternen beobachtet. »Die
+Auffindung dieser Erklärung stellte er höher, als einen ganzen Jahrgang
+von Beobachtungen, deren Nutzen er jedoch keineswegs verkenne.« In der
+That kann man bedauern, daß durch die praktische Thätigkeit von =Gauß=,
+gar häufig die Muße gestört ist, deren er nach seinen wiederholten
+Aeußerungen für seine schöpferische Thätigkeit auf speculativem Gebiete
+stets in vollem Maaße bedurfte.
+
+Wie sehr man in den damaligen Regierungskreisen vor 40 Jahren verkannte,
+=was= man an =Gauß= in Göttingen besaß, geht daraus hervor, daß ihn das
+Ministerium des Innern mit Aufträgen von abschreckender Weitläufigkeit
+behelligte, die sich auf die Revision des gesammten Aichungswesens des
+Königreiches bezogen. Es ist zu bedauern, daß =Gauß= diese Aufträge
+nicht einfach als seiner unwürdig ablehnte; seine der Welt unschätzbare
+Zeit ist in Folge dessen zum Theil durch Arbeiten absorbirt, deren
+Bedeutung schon jetzt, selbst für das praktische Leben, ganz geschwunden
+sind, wenngleich die Geistesfunken, welche von ihm im Contact mit den
+früher bei solchen Gelegenheiten befolgten Methoden sprühten, noch lange
+dieses Gebiet mit ihrem Lichte erhellen werden.
+
+Es ist nicht Zweck dieser kurzen Schrift, alle die großen Gedanken zu
+verfolgen, welche =Gauß= während seiner fast 50jährigen Thätigkeit in
+vielen der Societät der Wissenschaften überreichten Denkschriften
+niedergelegt hat, oder auch nur die Titel dieser Denkschriften
+aufzuzählen; noch weniger kann dem verborgenen Aufblitzen seines Genius
+nachgegangen werden, wozu unter andern der Briefwechsel, den er mit
+=Schumacher= geführt, so vielen Anlaß darbietet. Es sei nur gestattet,
+noch ein großes Arbeitsfeld zu erwähnen, auf welchem das Eingreifen von
+=Gauß= von fundamentaler Bedeutung geworden ist.
+
+Schon im Sommer 1831 hatte =Gauß= angefangen sich in ein ihm bis dahin
+ganz fremdes wissenschaftliches Gebiet, die Krystalllehre,
+hineinzuarbeiten. Es machte ihm Mühe, sich in der Sache zu orientiren,
+da die Bücher, welche er dabei zum Führer genommen, dieselbe mehr
+verwirrten als aufhellten. =Gauß= ersann eine neue Methode zur
+Krystallbezeichnung, im Wesentlichen dieselbe, welche später von
+=Miller= in Cambridge bekannt gemacht ist und construirte eine
+Vorrichtung, mit deren Hülfe am 12zölligen =Reichenbach='schen
+Theodoliten die Winkel der Krystalle so genau, wie möglich, gemessen
+werden konnten. Von allen diesen Untersuchungen: Beobachtungen,
+Rechnungen und Zeichnungen, ist nie das Geringste zur öffentlichen
+Kenntniß gelangt; denn schon im Herbste desselben Jahres trat bei
+=Gauß=, in Folge der Berufung des damals noch jugendlichen, später
+so berühmten Physikers =Weber= an die Göttinger Universität, die
+Bearbeitung rein physikalischer Fragen in den Vordergrund.
+Es entwickelte sich bald zwischen dem mehr als 50jährigen
+hochberühmten Mathematiker und dem noch nicht dreißigjährigen Physiker
+eine innige, nie getrübte Freundschaft, der die Wissenschaft
+denkwürdige Arbeiten verdankt.
+
+»Der Stahl schlägt an den Stein,« so bezeichnete =Gauß= später ihr
+persönliches Zusammenwirken in der Mitte der dreißiger Jahre, das zum
+unendlichen Schaden für die Menschheit im Jahre 1837 zerrissen wurde,
+weil der König von Hannover Männer von Ueberzeugungstreue, die auch
+wagten dieselbe zu äußern, nicht als Professoren in Göttingen dulden
+wollte. =Weber= war einer von den Göttinger =Sieben=, die in Folge des
+Verfassungsbruchs des Königs und ihres dagegen erlassenen Protestes aus
+Hannover verbannt wurden. Mit ihm verließen =Albrecht=, =Dahlmann=,
+=Ewald=, =Gervinus= und die beiden =Grimm= die Georgia Augusta.
+
+Das Gebiet der Elektricität und des Magnetismus wurde zunächst nach
+allen Richtungen durchforscht. =Gauß= gab in Folge hiervon die erste
+richtige Theorie des Erdmagnetismus, wodurch er in den Stand gesetzt
+wurde, durch =eine mathematische Formel= das gesammte vorhandene
+Beobachtungsmaterial darzustellen, also die Declination und Inclination
+der Magnetnadel, sowie die Intensität an jedem Punkte der Erde
+anzugeben. Die Wichtigkeit, durch Beobachtungen zu jeder Zeit diese
+Constanten zu bestimmen, führte =Gauß= auf die Erfindung von ganz neuen
+Beobachtungsmethoden und Instrumenten, mit denen man diese Größen und
+ihre Aenderungen in kurzer Zeit mit einer nie geahnten Schärfe bestimmen
+konnte. Die galvanischen Versuche führten endlich zur Entdeckung des
+elektromagnetischen Telegraphen, der zum ersten Male in großen
+Dimensionen im Winter 1833 bis 1834 in Göttingen praktisch ausgeführt
+wurde, indem von der Sternwarte zum Johannisthurme und von da zum
+physikalischen Cabinette eine Drahtleitung von mehreren Tausend Metern
+Länge gezogen wurde. Diese Drahtleitung diente zu den interessantesten
+Versuchen; so wurden sehr bald Worte und ganze Sätze hin und her
+telegraphirt und auch die später so wichtig gewordene Anwendung für
+telegraphische Längenbestimmungen wurde implicite gemacht, da die
+Pendeluhr des physikalischen Cabinets durch galvanische Signale von der
+Sternwarte aus gestellt wurde, es also nur einer unabhängigen
+Zeitbestimmung dort bedurft hätte, um die astronomische Längendifferenz
+zu ermitteln.
+
+In einem Briefe an =Schumacher= bedauert =Gauß= die engen Verhältnisse,
+in denen er lebt, da sich an seine theoretischen Eroberungen im Gebiete
+des Elektromagnetismus, auf die er mehr Werth legte, als auf die im
+Gebiete des reinen Magnetismus, glänzende praktische Anwendungen knüpfen
+ließen. »Könnte man,« so schreibt er 1835, »Tausende von Thalern
+verwenden, so glaube ich, daß z. B. die elektromagnetische Telegraphie
+zu einer Vollkommenheit und zu einem Maaßstabe gebracht werden könnte,
+vor der die Phantasie fast erschrickt. Der Kaiser von Rußland könnte
+seine Befehle ohne Zwischenstation in derselben Minute von Petersburg
+nach Odessa, ja vielleicht nach Kiachta geben, wenn nur der Kupferdraht
+von gehöriger (im Voraus =scharf= zu bestimmender) Stärke =gesichert=
+hingeführt und an beiden Endpunkten mächtige Apparate und gut eingeübte
+Personen wären. Ich halte es nicht für unmöglich, eine Maschinerie
+anzugeben, wodurch eine Depesche fast so mechanisch abgespielt würde,
+wie ein Glockenspiel ein Musikstück abspielt, das einmal auf eine Walze
+gesetzt ist. Aber bis eine solche Maschinerie allmälig zur
+Vollkommenheit gebracht würde, müßten natürlich erst viele kostspielige
+Versuche gemacht werden, die freilich z. B. für das Königreich Hannover
+keinen Zweck haben. Um eine solche Kette in einem Schlage bis zu den
+Antipoden zu haben, wäre für 100 Millionen Thaler Kupferdraht vollkommen
+zureichend, für eine halb so große Distanz nur ein Viertel so viel, und
+so im Verhältnisse des Quadrats der Strecke.«
+
+Von großem Interesse ist es auch, zu ersehen, daß diejenigen Methoden,
+welche =Gauß= schon damals bei seinen Göttinger Versuchen anwandte,
+dieselben sind, auf die man jetzt bei der transatlantischen Telegraphie
+wieder zurückzukommen scheint.
+
+Die Zeit, in welcher =Gauß= begann, sich physikalischen Problemen mit
+großer Energie zuzuwenden, fällt zusammen mit einer Zeit schweren
+häuslichen Leides. Seine Frau hatte schon lange an einem Magenübel
+gekränkelt. Nachdem eine Katastrophe, in Folge welcher man glaubte
+Hoffnung schöpfen zu können, und die in der That eine wesentliche
+Besserung in dem Zustande der Leidenden herbeiführte, so daß sie sich
+besser befand, als seit Jahren, eingetreten war, zeigte sich leider bald
+wieder das alte Uebel, nur in noch traurigerer Gestalt, und im September
+1831 starb nach unbeschreiblichen Leiden die arme Dulderin. =Gauß= wurde
+durch diesen Verlust aufs Tiefste erschüttert und sehnte sich, ebenfalls
+von einem Schauplatze abtreten zu können, wo die Freuden flüchtig und
+nichtig, die Leiden, Fehlschlagungen und schmerzlichen Täuschungen die
+Grundfarbe sind. Viele Monate später litt er noch an fortwährender
+Schlaflosigkeit bei Nacht und Abspannung am Tage, und konnte nicht
+absehen, wann er sich wieder zu frischem Lebensmuthe würde aufrichten
+können. Wir greifen wohl kaum fehl, wenn wir annehmen, daß hier
+ebenfalls ein Motiv sich zeigt, daß =Gauß= veranlaßte, neue, ihm bis
+dahin fremde und in sich hoch interessante Gebiete mit Anstrengung aller
+Geisteskraft zu betreten.
+
+Die philologischen Neigungen, welche =Gauß= in seiner Jugend sogar der
+Mathematik abwendig zu machen drohten, traten in dem letzten Jahrzehnte
+seines Lebens wieder mit größerer Lebendigkeit hervor. Versuchsweise
+hatte er sich ums Jahr 1840 mit Sanskrit beschäftigt, das ihn aber wenig
+befriedigte; später erlernte er, um seinen Geist frisch und für neue
+Eindrücke empfänglicher zu erhalten, die russische Sprache, bekanntlich
+für denjenigen, der nur germanische und romanische Sprachen kennt, eine
+sehr schwierige Aufgabe. Ohne fremde Hülfe brachte er es darin binnen
+wenigen Jahren zu einer sehr großen Fertigkeit, so daß er von da an mit
+Vorliebe sich mit der russischen Literatur beschäftigte, während ihm
+früher vorzugsweise von ausländischer Literatur die Lectüre von
+=Walter Scott's= Werken angezogen hatte. Unter unseren deutschen
+Dichtern stellte er =Richter= ohne Frage in die erste Reihe; dagegen
+befriedigte ihn =Göthe's= Schreib- und Denkweise weniger: »er sei ihm
+an Gedanken zu arm« und seine lyrische Poesie, deren Werth und
+vollendete Form er nicht verkannte, schlug er nicht sehr hoch an.
+Noch weniger sagte ihm =Schiller= zu, dessen philosophische Ansichten
+ihm mitunter vollständig zuwider waren. So nannte er »Die Resignation«
+ein gotteslästerliches, durchaus moralisch verderbtes Gedicht und
+hatte in seiner Ausgabe mit Fracturschrift und Ausrufungszeichen das
+Wort »Mephistopheles« an den Rand geschrieben.
+
+Alle philosophischen Ideen hielt =Gauß= nur für subjectiv und trennte
+sie, da sie strenger Begründung entbehrten, durchaus von der
+eigentlichen Wissenschaft.
+
+Anerkennend hebt =Sartorius von Waltershausen= die religiöse Duldsamkeit
+von =Gauß= hervor, die er auf jeden aus der Tiefe des menschlichen
+Herzens entsprungenen Glauben übertrug, die aber durchaus nicht mit
+religiösem Indifferentismus zu verwechseln war. Im Gegentheil nahm er an
+der religiösen Entwickelung des menschlichen Geschlechts, vornehmlich
+aber an der unsers Jahrhunderts, den allerinnigsten Antheil. In
+Rücksicht auf die mannigfaltigen Glaubensverschiedenheiten, die häufig
+nicht mit seiner Anschauungsweise übereinstimmen konnten, hob er immer
+hervor, daß man nicht berechtigt sei, den Glauben anderer, in dem sie
+Trost in irdischen Leiden und eine sichere Zuflucht in den Tagen des
+Unglücks erblickten, in irgend einer Weise zu stören. Das Streben nach
+Wahrheit und das Gefühl für Gerechtigkeit bildeten die Grundlage von
+=Gauß'= religiöser Betrachtungsweise. Das geistige Leben im ganzen
+Weltall erfaßte er als ein großes, von ewiger Wahrheit durchdrungenes
+Rechtsverhältniß, und aus dieser Quelle schöpfte er vornehmlich die
+Zuversicht, das unerschütterliche Vertrauen, daß mit dem Tode unsere
+Laufbahn nicht geschlossen ist.
+
+Die unerschütterliche Idee von einer persönlichen Fortdauer nach dem
+Tode, der feste Glaube an einen letzten Ordner der Dinge, an einen
+ewigen, gerechten, allweisen, allmächtigen Gott, bildete das Fundament
+seines religiösen Lebens. »Es giebt,« äußerte er eines Tages, »in dieser
+Welt einen Genuß des Verstandes, der in der Wissenschaft sich
+befriedigt, und einen Genuß des Herzens, der hauptsächlich darin
+besteht, daß die Menschen einander die Mühsale, die Beschwerden des
+Lebens gegenseitig erleichtern. Ist das aber die Aufgabe des höchsten
+Wesens, auf gesonderten Kugeln Geschöpfe zu erschaffen und sie, um ihnen
+solchen Genuß zu bereiten, 80 oder 90 Jahre existiren zu lassen? -- so
+wäre das ein erbärmlicher Plan. Ob die Seele 80 Jahre lebt oder
+80 Millionen Jahre, wenn sie ein Mal untergehen soll, so ist dieser
+Zeitraum doch nur eine Galgenfrist. Endlich würde es vorbei sein
+müssen. Man wird daher zu der Ansicht gedrängt, für die ohne eine
+strenge wissenschaftliche Begründung so vieles Andere spricht, daß
+neben dieser materiellen Welt noch eine zweite rein geistige
+Weltordnung existirt, mit eben so viel Mannigfaltigkeiten, als die in
+der wir leben -- ihrer sollen wir theilhaftig werden.« --
+
+Die letzten Jahrzehnte seines Lebens verlebte =Gauß= in stiller, ruhiger
+Beschaulichkeit; seit mehr als zwanzig Jahren hatte er keine Nacht
+außerhalb Göttingens zugebracht. Vormittags erschien er regelmäßig im
+literarischen Museum, woselbst er eine große Anzahl von Zeitungen
+durchsah, in denen ihn, außer den politischen Nachrichten, auch noch
+insbesondere die Börsennachrichten ansprachen, welche er aufmerksam im
+Interesse seiner statistischen Speculationen verfolgte. Ein Glück ist
+es, daß Niemand die eminente finanzielle Begabung zeitig genug ahnte,
+die =Gauß= besaß, und von der er z. B. einen so hervorragenden Beweis
+bei der Reorganisation der Professorenwittwencasse in Göttingen gegeben
+hat! Es würden dadurch noch größere Beeinträchtigungen seiner Muße
+entstanden sein, als die, welche wir oben beklagten. Die meisten
+ehemaligen Studirenden der Georgia Augusta aus dem zweiten Viertel
+dieses Jahrhunderts werden sich lebhaft das edle Antlitz des großen
+Mannes ins Gedächtniß zurückrufen können; denn auf den meisten von ihnen
+wird sein leuchtendes blaues Auge fragend geruht haben, wenn sie
+zufällig ein Blatt lasen, nach dem =Gauß= Verlangen trug, und das sich
+dann Jeder beeilte dem großen Manne darzureichen.
+
+Auszeichnungen aller Art wurden =Gauß= vielfach zu Theil -- zeichnete
+doch Jeder schließlich nur sich selbst aus, wenn er einen solchen Mann
+ehrte -- und vorzüglich in großer Zahl am 16. Juli 1849, als der
+ehrwürdige Greis sein 50jähriges Doctorjubiläum feierte. An diesem Tage
+erhielt er auch das Ehrenbürgerrecht der Städte Braunschweig und
+Göttingen.
+
+Schon im Jahre 1846 findet sich in einem Briefe an seinen Freund
+=Schumacher= das Verlangen ausgesprochen, seinen Abschied zu nehmen, um
+die letzten Jahre seines Lebens in freiester Selbstbestimmung, fern von
+der Last aller Berufsgeschäfte, verleben zu können. Nach seinem Jubiläum
+schien er überhaupt die Absicht zu haben, zu ruhen, und klagte, daß
+seine Arbeitszeit im Vergleich mit früheren Jahren merklich kürzer
+werde. Seine innigsten Freunde waren allmälig aus dem Leben geschieden:
+=Olbers= 1840, =Bessel= 1846. Im Jahre 1851 starb =Schumacher=, und
+=Gauß= vereinsamte mehr und mehr. In den beiden folgenden Wintern litt
+er viel an Schlaflosigkeit und andere Beschwerden des Alters traten auf,
+so daß er endlich, trotz seines geringen Vertrauens in die medicinischen
+Wissenschaften, sich im Januar 1854 veranlaßt sah, ärztlichen Rath zu
+suchen. Leider zeigte es sich, daß das Uebel, an welchem =Gauß= litt,
+ein Herzfehler war und daß man auf eine Wiederherstellung kaum hoffen
+durfte. Die Anwendung zweckmäßiger Mittel besserte das Befinden, so daß
+der Sommer leidlich verlief. Im December 1854 zeigten sich jedoch sehr
+bedenkliche Symptome; nach mehrfachem Hin- und Herschwanken der
+Krankheit entschlief =Gauß= am 23. Februar 1855. Am Morgen des
+26. Februar begleitete ein langer Zug von Leidtragenden den großen
+Todten von der Rotunde der Sternwarte zu seiner letzten Ruhestätte.
+
+Das Bildniß des gewaltigen Mannes ist am schönsten der Nachwelt erhalten
+durch die Denkmünzen, welche der König von Hannover im Jahre 1856 auf
+ihn prägen ließ mit der Widmung:
+
+ =Mathematicorum Principi.=
+
+Hiernach ist das diesen Zeilen vorangestellte Bild entworfen.
+
+
+
+
+
+End of Project Gutenberg's Gauss, by Friedrich August Theodor Winnecke
+
+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 42745 ***