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Langkau, Martin Oswald and the -Online Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net - - - - - - - - - -Anmerkungen zur Transkription: - -Die Rechtschreibung und Zeichensetzung des Originals wurde weitgehend -übernommen, lediglich offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert. Die -Originalvorlage ist in Fraktur gedruckt. Davon abweichende, in Antiqua -gedruckte Textstellen sind (bis auf römische Ziffern) in dieser -Textdatei _so_ markiert; gesperrt gedruckter Text ist =so= markiert. Der -Titel des Märchens »Riquet mit der Locke« war in der Inhaltsübersicht -der Originalvorlage als »Riquet mit dem Schopf« angegeben, dies ist in -der transkribierten Fassung korrigiert worden. Am Ende des Textes -befindet sich eine Liste korrigierter Druckfehler. - - - - -[Illustration] - - -Charles Perrault - -Gänsemütterchens Märchen - -Illustriert von - -Gustave Doré - -[Illustration] - -Übersetzt und herausgegeben von - -Hans Krause - -O. C. Recht Verlag / München - - - - - Dieses Buch wurde im Auftrage des O. C. Recht Verlages in der - Offizin der Mandruck A.-G., München in der Altschwabacher - gedruckt. Es wurde eine Vorzugsausgabe von 100 Exemplaren auf - Bütten hergestellt. Nr. 1-25 wurden in Ganzleder, Nr. 26-100 - in Halbleder gebunden. Drucküberwachung und Ausstattung von - Ferdinand Kramer. - - - - - Copyright 1921 by O. C. Recht Verlag / München - - - - - =Gänsemütterchens= - =Märchen= - - Rotkäppchen - Blaubart - Die Fee - Der gestiefelte Kater - Der kleine Däumling - Aschenputtel - Riquet mit dem Schopf - Jungfer Eselshaut - Dornröschen - - Übersetzung nach der ersten Buchausgabe von 1697. - - -[Illustration] - - - - -Rotkäppchen - - -Es war einmal eine kleine Bauerndirne, die war hübscher, als man jemals -eine sah. Ihre Mutter war ganz verliebt in sie und ihre Großmutter noch -viel mehr. Diese brave Frau ließ ihr ein rotes Käppchen machen, welches -ihr so gut stand, daß man sie überall das »Rotkäppchen« nannte. - -Eines Tages, als ihre Mutter Kuchen gebacken hatte, sagte sie zu ihr: - -»Geh zu deiner Großmutter und sieh zu, was sie macht, denn man hat mir -erzählt, sie sei krank. Nimm ihr einen Kuchen mit und dieses Töpfchen -mit Butter!« - -Rotkäppchen machte sich gleich auf, um zu ihrer Großmutter zu gehen, die -in einem anderen Dorfe wohnte. Als sie durch einen Wald kam, begegnete -ihr der Gevatter Wolf, der große Lust hatte, sie zu fressen; aber er -wagte es nicht wegen der Holzhauer, die in dem Walde waren. Er fragte -sie, wohin sie gehe. Das arme Kind, das nicht wußte, wie gefährlich es -ist, einen Wolf anzuhören, sagte: - -»Ich gehe meine Großmutter besuchen und bringe ihr Kuchen und einen Topf -Butter, den ihr meine Mutter schickt.« - -»Wohnt sie weit von hier?« fragte der Wolf. - -»Oh ja,« antwortete das Rotkäppchen, »noch hinter der Mühle, die Ihr -dort in der Ferne seht, in dem ersten Hause des Dorfes.« - -»Wohlan,« sagte der Wolf, »ich will sie auch besuchen; ich gehe auf -diesem Wege hin und du dort auf jenem, wir wollen sehen, wer zuerst da -ist.« - -Der Wolf lief so schnell er konnte und schlug den kürzeren Weg ein, und -das kleine Mädchen ging den weiteren Weg; fröhlich pflückte sie -Haselnüsse, lief den Schmetterlingen nach und machte Sträuße aus den -Blümlein, die sie fand. Es dauerte nicht lange, da war der Wolf an -Großmutter Haus angelangt, und er pochte an die Tür: Bum! Bum! - -»Wer ist da?« - -»Euer Enkelchen ist es, das Rotkäppchen,« sagte der Wolf, indem er seine -Stimme verstellte, »ich bringe Euch einen Kuchen und ein Töpfchen mit -Butter, das Euch meine Mutter schickt.« - -Die gute Großmutter, die krank in ihrem Bette lag, rief ihm zu: - -»Zieh den Riegel zurück, dann springt das Schloß auf!« - -Der Wolf zog den Riegel zurück, und die Tür öffnete sich. Er stürzte -sich auf die gute Frau und verschlang sie im Handumdrehen, denn er hatte -länger als drei Tage nichts mehr gefressen. - -Dann schloß er die Tür, legte sich in das Bett der Großmutter und -wartete auf Rotkäppchen, das bald darauf kam und an die Tür pochte: Bum! -Bum! - -»Wer ist da?« - -Als Rotkäppchen die laute Stimme des Wolfes hörte, bekam es zuerst -Angst; aber sie glaubte, die Großmutter sei erkältet, und antwortete: - -»Euer Enkelchen ist es, das Rotkäppchen; ich bringe Euch einen Kuchen -und ein Töpfchen Butter, das Euch meine Mutter schickt.« - -Der Wolf rief ihr zu, indem er seine Stimme etwas dämpfte: - -»Zieh den Riegel zurück, dann springt das Schloß auf!« - -Rotkäppchen zog den Riegel zurück, und die Tür öffnete sich. Als der -Wolf sie eintreten sah, versteckte er sich im Bett unter der Decke und -sagte zu ihr: - -»Stelle den Kuchen und das Töpfchen mit Butter auf den Backtrog und -komme zu mir ins Bett!« - -Rotkäppchen zog sich aus und legte sich mit ins Bett. Sie war erstaunt, -wie verändert die Großmutter in ihrem Nachtgewand aussah, und fragte -sie: - -»Großmutter, was hast du für große Arme?« - -»Damit ich dich besser umarmen kann, mein Kind.« - -[Illustration] - -[Illustration] - -»Großmutter, was hast du für große Beine?« - -»Damit ich besser laufen kann, mein Kind.« - -»Großmutter, was hast du für große Ohren?« - -»Damit ich besser hören kann, mein Kind.« - -»Großmutter, was hast du für große Augen?« - -»Damit ich dich besser sehen kann, mein Kind.« - -»Großmutter, was hast du für große Zähne?« - -»Damit ich dich besser fressen kann.« - -Und nachdem er dies gesagt hatte, stürzte der böse Wolf sich auf das -Rotkäppchen und fraß es. - - - Moral: - - Man kann an diesem Beispiel sehn, - Wie's allen Mädchen wird ergehn, - Die stets auf fremde Leute hören, - Die sie beschwätzen und betören: - So ist nun mal der Dinge Lauf, - Es kommt der Wolf und frißt sie auf. - Ich meine andere Wölfe als den bösen, - =Die= Wölfe haben ein ganz anderes Wesen, - Es sind die höflichen, die zahmen, - Sie folgen oft den jungen Damen. - Paß auf, mein Kind, nimm dich in acht! - Das sind die Wölfe schlimmster Art. - - - - -Blaubart - - -Es war einmal ein Mann, der hatte schöne Häuser in der Stadt und auf dem -Lande, goldenes und silbernes Tafelgeschirr, Möbel mit kostbaren -Stickereien und Karossen, die von oben bis unten vergoldet waren. Aber -er hatte einen blauen Bart, und das war sein Unglück. Denn der machte -ihn so häßlich und abstoßend, daß alle Frauen und Mädchen vor ihm -davonliefen. - -Seine Nachbarin, eine vornehme Dame, hatte zwei Töchter, die beide sehr -schön waren. Eine von diesen erbat er sich zur Frau und überließ es der -Mutter, die Braut zu bestimmen. Aber keine wollte etwas von ihm wissen, -jede wollte ihn der anderen überlassen; denn sie konnten sich nicht -entschließen, einen Mann mit einem blauen Barte zu heiraten. Sie -fürchteten sich auch vor ihm, weil er schon mehrere Frauen gehabt hatte, -und weil man nicht wußte, was aus diesen geworden war. - -Um sie näher kennen zu lernen, führte Blaubart sie mit ihrer Mutter und -drei oder vier ihrer besten Freundinnen sowie mehreren jungen Männern -aus der Nachbarschaft auf eines seiner Landhäuser, wo man volle acht -Tage blieb. Da machte man Landpartien, ging auf Jagd und Fischerei und -vergnügte sich bei Tanzereien, Festlichkeiten und Gelagen; ja man -schlief nicht einmal, sondern verbrachte die ganze Nacht mit Späßen und -Spielen. Zu guter Letzt kam es so weit, daß die jüngere der Schwestern -fand, der Hausherr habe doch keinen allzu blauen Bart und er sei ein -sehr netter Mann; und als man in die Stadt zurückgekehrt war, wurde die -Hochzeit gefeiert. - -[Illustration] - -Einen Monat später sagte Blaubart zu seiner Frau, er müsse in einer -wichtigen Angelegenheit mindestens sechs Wochen lang in die Provinz -verreisen, und er bat sie, sich während seiner Abwesenheit gut zu -unterhalten: sie solle ihre Freundinnen einladen, sie mit aufs Land -nehmen, wenn sie wolle, und vor allem sich nichts abgehen lassen an -Speis und Trank. - -»Hier,« sagte er dann, »sind die Schlüssel zu den beiden Vorratskammern, -hier der vom goldenen und silbernen Tafelgeschirr, das nicht täglich -benutzt wird, hier der meiner eisernen Truhe, in der mein Gold und -Silber liegt, der meiner Kassetten, in denen meine Papiere sind, und -hier der Hauptschlüssel zu allen Zimmern. Aber dieser kleine Schlüssel -hier, der führt in das Gemach am Ende der großen Galerie des unteren -Stockwerks. Du darfst alle Türen öffnen, überall hingehen, aber dieses -kleine Gemach darfst du nicht betreten; ich verbiete es dir aufs -strengste. Sollte es dir doch einfallen, diese Tür zu öffnen, so hast du -das Schlimmste von meinem Zorne zu erwarten.« - -Sie versprach, alles genau zu befolgen, was er ihr befohlen. Hierauf -küßte er sie, stieg in seine Karosse und fuhr davon. - -Die Nachbarinnen und die guten Freundinnen warteten nicht erst, bis man -sie zu der Jungvermählten einlud, denn sie brannten vor Neugierde, alle -Reichtümer des Hauses zu sehen. Aber sie hatten nicht gewagt, zu ihr zu -kommen, solange der Gatte da war, weil sie sich vor seinem blauen Barte -fürchteten. Gleich liefen sie nun durch die Zimmer, die Gemächer und die -Kammern, von denen eine schöner war als die andere. Dann stiegen sie -hinauf in die Vorratsräume, wo sie nicht genug die vielen schönen -Stickereien bewundern konnten, und die Betten, Sofas, Sessel, Tischlein -und Tische und die Spiegel, in denen man sich von Kopf bis zu Fuß sehen -konnte, und deren Rahmen, teils von Glas, teils von vergoldetem Silber, -schöner waren und prächtiger, als man jemals welche sah. Alle waren -begeistert und hörten nicht auf, die Freundin in ihrem Glücke zu -beneiden. Aber diese wurde nicht froh beim Anblick all der Reichtümer, -denn sie konnte es nicht erwarten, das Gemach im unteren Stockwerk zu -sehen. - -[Illustration] - -Die Neugierde plagte sie so, daß sie ihre Gäste verließ, ohne sich ihrer -Unhöflichkeit bewußt zu werden. Sie lief eine Hintertreppe in solcher -Hast hinab, daß sie drei- oder viermal glaubte, den Hals zu brechen. An -der Tür des Gemaches hielt sie eine Zeitlang inne und dachte an das -Verbot ihres Gemahls; sie überlegte, ob ihr nicht doch aus ihrem -Ungehorsam ein Unglück erwachsen könne. Aber die Versuchung war zu -stark: sie nahm den kleinen Schlüssel und öffnete zitternd die Tür. - -Zuerst sah sie nichts, weil die Fenster geschlossen waren; aber bald -bemerkte sie, daß der Fußboden über und über von geronnenem Blute -bedeckt war. Darin spiegelten sich die Leichen von mehreren Frauen, die -aufgereiht an der Wand hingen. Es waren alle die Frauen, die Blaubart -geheiratet und eine nach der anderen abgeschlachtet hatte. - -Sie glaubte sterben zu müssen vor Angst, und der Schlüssel, den sie eben -aus dem Schlosse gezogen, fiel ihr aus der Hand. - -Nachdem sie sich etwas gefaßt hatte, hob sie den Schlüssel auf, schloß -die Tür wieder und stieg hinauf in ihr Zimmer, um sich ein wenig zu -erholen; aber es gelang ihr nicht, so sehr hatte sie sich erschrocken. - -Als sie bemerkte, daß der Schlüssel des Gemaches mit Blut befleckt war, -wusch sie ihn zwei- oder dreimal. Aber das Blut ging nicht ab, sie -wischte umsonst; selbst mit Sand und Bimsstein rieb sie vergebens: der -Schlüssel blieb immer blutig. Denn er war verzaubert und es gab kein -Mittel, ihn wieder ganz sauber zu machen. Wenn man das Blut auch auf -einer Seite weggebracht hatte, so kehrte es auf der anderen wieder -zurück. - -Noch an demselben Abend kam Blaubart nach Hause und erzählte, er habe -unterwegs durch Briefe die Nachricht erhalten, daß die Angelegenheit, -wegen der er die Reise unternommen, schon zu seinen Gunsten erledigt -sei. Seine Frau tat alles, was sie konnte, um ihm zu zeigen, wie -entzückt sie über seine schnelle Rückkehr sei. -- Am folgenden Tage -verlangte er die Schlüssel, und sie gab sie ihm. Aber ihre Hand zitterte -so sehr, daß er ohne Mühe erriet, was vorgefallen war. - -»Wie kommt es,« fragte er, »daß der Schlüssel zu dem Gemache nicht mehr -bei den anderen ist?« - -»Ich muß ihn wohl,« antwortete sie, »oben auf meinem Tische liegen -gelassen haben.« - -»Vergiß nicht,« sagte Blaubart, »ihn mir alsbald zu geben!« - -Mehrere Male schob sie es auf, aber schließlich mußte sie ihm den -Schlüssel bringen. Blaubart betrachtete ihn und sagte zu seiner Frau: - -»Warum ist Blut an diesem Schlüssel?« - -»Ich weiß es nicht«, sagte das arme Weib, blasser als der Tod. - -»Du weißt es nicht?« schrie Blaubart, »aber ich, ich weiß es. Du -wolltest in das Gemach gehen! Wohlan, du sollst hinein! Du sollst deinen -Platz bekommen neben den andern Frauen, die du dort sahst!« - -Sie warf sich weinend ihrem Gatten zu Füßen und bat um Verzeihung mit -allen Zeichen tiefer Reue ob ihres Ungehorsams. In ihrer Schönheit und -ihrer Verzweiflung hätte sie einen Felsen rühren können, aber Blaubart -hatte ein Herz härter als Stein. - -»Du mußt sterben, Weib,« sagte er, »auf der Stelle!« - -»Wenn ich sterben muß,« so flehte sie, indem sie ihn mit tränenvollen -Augen ansah, »so gebt mir noch ein wenig Zeit, um zu beten!« - -»Ich gebe dir eine halbe Viertelstunde,« erwiderte Blaubart, »aber nicht -einen Augenblick mehr.« - -Als sie allein war, rief sie ihre Schwester und sagte zu ihr: »Schwester -Anne (so hieß diese), ich bitte dich, steige hinauf auf die Spitze des -Turmes und halte Ausschau, ob meine Brüder noch nicht kommen. Sie haben -mir versprochen, mich heute zu besuchen; wenn du sie siehst, gib ihnen -ein Zeichen, damit sie eilen.« - -Die Schwester Anne stieg auf die Spitze des Turmes, und die Arme rief in -ihrer Angst von Zeit zu Zeit hinauf: - -»Anne, Schwester Anne, siehst du nichts kommen?« - -Und die Schwester Anne antwortete: - -»Ich sehe nichts als Sonnenstaub und Gräsergrün.« - -Währenddessen hielt Blaubart ein großes Messer in seiner Hand und schrie -aus Leibeskräften: - -»Steige sofort herab, oder ich komme dich holen!« - -[Illustration] - -»Noch einen Augenblick«, bat seine Frau und rief leise: - -»Anne, Schwester Anne, siehst du nichts kommen?« - -Und die Schwester Anne antwortete: - -»Ich sehe nichts als Sonnenstaub und Gräsergrün!« - -»Steige sofort herab,« schrie Blaubart, »oder ich komme dich holen!« - -»Ich komme«, antwortete seine Frau. - -Und dann rief sie: - -»Anne, Schwester Anne, siehst du nichts kommen?« - -»Ich sehe,« erwiderte die Schwester Anne, »eine große Staubwolke, die -von dieser Seite kommt.« - -»Sind es meine Brüder?« - -»Ach nein, meine Schwester, es ist nur eine Schafherde.« - -»Willst du nicht herunterkommen?« schrie Blaubart. - -»Noch einen kleinen Augenblick«, bat seine Frau. - -Und dann rief sie: - -»Anne, Schwester Anne, siehst du nichts kommen?« - -»Ich sehe,« erwiderte diese, »zwei Reiter, die von dort herkommen, aber -sie sind noch weit entfernt.« Gleich darauf rief sie: »Gott sei gelobt, -es sind die Brüder. Ich gebe ihnen Zeichen, so gut ich kann, damit sie -eilen.« - -Blaubart fing an, so laut zu schreien, daß das ganze Haus zitterte, und -die arme Frau stieg hinab und warf sich ihm tränenüberströmt mit -aufgelösten Haaren zu Füßen. - -»Das nützt nichts,« sagte Blaubart, »du mußt sterben.« - -Dann packte er sie mit der einen Hand bei den Haaren und erhob mit der -anderen das große Messer, um ihr den Hals abzuschneiden. - -Das arme Weib wandte sich ihm zu, sah ihn mit todesängstlichen Augen an -und bat um einen Augenblick, damit sie sich sammele. - -»Nein, nein!« schrie er, »empfiehl dich deinem Gott!« dann hob er den -Arm und ...... - -In demselben Augenblick pochte jemand so heftig an das Tor, daß Blaubart -innehielt. Man öffnete, und sogleich sah man zwei Ritter, die mit Degen -in den Händen eintraten und sich geradewegs auf Blaubart stürzten. - -[Illustration] - -Er erkannte, daß es die Brüder seiner Frau waren -- der eine war -Dragoner, der andere Musketier -- und ergriff die Flucht, um sich in -Sicherheit zu bringen. Aber die Brüder verfolgten ihn so schnell, daß -sie ihn einholten, bevor er noch die Freitreppe erreicht hatte. Sie -stießen ihm ihren Degen mitten durch den Leib und ließen ihn tot liegen. -Die arme Frau war fast ebenso tot wie ihr Gatte; sie hatte nicht mehr -die Kraft sich aufzurichten, um ihre Brüder zu umarmen. -- - -Es stellte sich heraus, daß Blaubart keine Erben hatte, und so blieb -seine Frau Herrin aller seiner Güter. Einen Teil verwendete sie dazu, -ihre Schwester Anne mit einem jungen Edelmanne zu verheiraten, den diese -schon seit langem liebte; mit einem anderen Teile kaufte sie ihren -beiden Brüdern Hauptmannsstellen; das übrige brachte sie selbst einem -rechtschaffenen Manne mit in die Ehe, der sie bald die schlechte Zeit -vergessen ließ, die sie mit Blaubart verbracht hatte. - - - Moral: - - Die Neugier ist die allerschlimmste Plage; - Sie reizt den Wunsch und bringt dann böse Pein. - Man sieht das tausendmal an einem Tage. -- - Der Drang zum Neuen ist zwar stark, allein - Das Wissen selbst enttäuscht, und jedes Mal - Ist die gerechte Strafe: bittre Qual. - - - - -Die Fee - - -Es war einmal eine Witwe, die hatte zwei Töchter. Die älteste glich ihr -von Ansehn und Wesen so sehr, daß ein jeder, der sie sah, die Mutter zu -sehen glaubte: sie waren alle beide so unausstehlich und so hochmütig, -daß man nicht mit ihnen zusammen leben konnte. Die jüngere, in ihrer -Sanftmut und Rechtschaffenheit das wahre Ebenbild ihres verstorbenen -Vaters, war eines der schönsten Mädchen, das man je zu Gesicht bekam. -Wie man natürlich immer seinesgleichen liebt, so war die Mutter wie -vernarrt in ihre älteste Tochter; aber gegen die jüngere hegte sie eine -schreckliche Abneigung. Sie ließ sie in der Küche essen und ohne -Unterbrechung arbeiten. - -Unter anderem mußte das arme Kind zweimal am Tage eine gute halbe Meile -weit Wasser holen, jedes Mal einen großen Krug voll. Eines Tages, als -sie wieder bei dem Brunnen war, kam eine arme Frau zu ihr, die bat um -einen Schluck Wasser. - -»Gern, mein Mütterchen«, sagte das gute Kind, spülte sogleich den Krug -aus, schöpfte an der schönsten Stelle des Brunnens und reichte ihr den -Trunk, wobei sie immer den Krug unterstützte, um ihr das Trinken zu -erleichtern. Als die gute Frau getrunken hatte, sagte sie: - -»Du bist so schön, so gut und so brav, daß ich dir etwas schenken muß.« -Es war nämlich eine Fee, die hatte die Gestalt einer armen Bäuerin -angenommen, um zu sehen, wie weit die Rechtschaffenheit des jungen -Mädchens gehe. - -»Ich schenke dir,« so fuhr die Fee fort, »die Gabe, daß mit jedem Worte, -das du sprichst, eine Blume oder ein Edelstein aus deinem Munde kommt.« - -[Illustration] - -Als das Mädchen nach Hause kam, zankte die Mutter, weil sie so lange -beim Brunnen geblieben war. »Ich bitte um Verzeihung, Mutter,« sagte das -arme Kind, »daß ich mich so verspätet habe.« Und während sie sprach, -kamen aus ihrem Munde zwei Rosen, zwei Perlen und zwei große Diamanten. -»Was sehe ich,« rief die Mutter ganz erstaunt, »mir scheint, Perlen und -Diamanten kommen aus deinem Munde! Woher hast du das, mein Kind?« Es war -das erstemal, daß sie zu ihr »mein Kind« sagte. - -Das arme Mädchen erzählte in ihrer Einfalt alles, was sich zugetragen -hatte, wobei wieder eine Menge Diamanten zum Vorschein kamen. - -»Wundervoll,« rief da die Mutter, »ich muß auch meine andere Tochter -schicken. Sieh nur, Fanchon, was aus dem Munde deiner Schwester kommt, -wenn sie spricht; wärst du nicht glücklich, dieselbe Gabe zu besitzen? -Du brauchst nur zum Brunnen zu gehen, um Wasser zu schöpfen, und wenn -eine arme Frau dich um einen Trunk bittet, ihn ihr recht höflich zu -reichen.« - -»Zum Brunnen zu gehen,« antwortete jene grob, »das stände mir gut an!« - -»Aber ich will, daß du gehst,« entgegnete die Mutter, »und zwar auf der -Stelle!« - -Darauf ging sie, aber brummend und widerwillig. Sie nahm die schönste -Flasche mit, die im ganzen Hause war. Kaum war sie am Brunnen angelangt, -da sah sie eine prächtig gekleidete Dame, die aus dem Walde kam und sie -um einen Trunk Wasser bat. Es war dieselbe Fee, die ihrer Schwester -erschienen war, aber sie hatte jetzt Wesen und Kleidung einer Prinzessin -angenommen, um zu sehen, wie weit die Unhöflichkeit dieses Mädchens -gehe. - -»Bin ich hierher gekommen,« sagte barsch zu ihr die Hochmütige, »um Euch -einen Trunk zu reichen? Sollte ich eigens ein silbernes Fläschchen -mitgebracht haben, nur damit ich einer Dame daraus zu trinken geben -kann? Meinetwegen trinkt allein, wenn Ihr wollt!« - -[Illustration] - -»Du bist gar nicht höflich,« antwortete die Fee, ohne in Zorn zu -geraten, »und weil du so wenig gefällig bist, verleihe ich dir die Gabe, -daß mit jedem Wort, das du sprichst, eine Schlange oder eine Kröte aus -deinem Munde kommt.« - -Als ihre Mutter sie kommen sah, rief sie ihr entgegen: »Wie ist es, mein -Kind?« - -»So ist es, Mutter,« antwortete die Grobe und spie zwei Vipern und zwei -Kröten. - -»Himmel, was muß ich sehen,« jammerte die Mutter, »deine Schwester ist -daran schuld, sie soll es mir büßen.« - -Und sogleich lief sie hin, um diese zu schlagen. Das arme Kind floh und -brachte sich in dem nahen Walde in Sicherheit. Der Königssohn, der von -der Jagd zurückkehrte, begegnete ihr, und als er sie so schön sah, -fragte er sie, was sie allein im Walde mache und warum sie weinen müsse. - -»Ach, Herr, meine Mutter hat mich aus dem Hause gejagt!« - -Der Königssohn, der aus ihrem Munde fünf oder sechs Perlen und -ebensoviel Diamanten kommen sah, bat sie, ihm doch zu sagen, woher sie -das habe. Und sie erzählte ihm ihr Abenteuer. Da verliebte sich der -Königssohn in sie; und indem er überlegte, daß eine solche Gabe mehr -wert sei als alles, was man einer anderen als Mitgift geben könne, nahm -er sie mit sich in den Palast des Königs, seines Vaters, und heiratete -sie dort. - -Ihre Schwester aber hatte sich so hassenswert gemacht, daß ihre eigene -Mutter sie aus dem Hause jagte. Die Unglückliche lief lange Zeit herum, -ohne jemanden zu finden, der sich ihrer annahm und starb elendiglich in -einem Winkel des Waldes. - - - Moral: - - Edelsteine und Dukaten - Sind gar sehr begehrt; - Milde Worte, edle Taten - Haben höheren Wert. - - - - -Der gestiefelte Kater - - -Es war einmal ein Müller, der hinterließ bei seinem Tode seinen drei -Kindern nur eine Mühle, einen Esel und einen Kater. Das Erbe war schnell -geteilt. Kein Notar und kein Rechtsanwalt wurde gerufen. Die Kosten -hätten auch die ganze Erbschaft aufgezehrt. - -Der Älteste bekam die Mühle und der Zweite den Esel. Der Jüngste bekam -den Kater, und er war untröstlich über das armselige Los, das er gezogen -hatte. - -»Meine Brüder,« sagte er, »können sich jetzt anständig ernähren, wenn -sie sich zusammen tun. Aber ich kann des Hungers sterben, wenn ich -meinen Kater aufgegessen und aus seinem Fell mir eine Weste gemacht -habe.« - -Der Kater hatte diese Worte gehört, aber er ließ sich nichts merken und -sagte mit wichtiger und ernster Miene zu seinem Herrn: - -»Seid nicht traurig, lieber Herr, gebt mir einen Sack und laßt mir ein -Paar Stiefeln machen, damit ich in den Wald gehen kann, und dann sollt -Ihr sehen, daß Euer Erbteil doch nicht so schlecht ist, wie Ihr glaubt.« - -Sein Herr gab nicht viel auf diese Rede, aber er hatte oft den Kater bei -seiner Jagd auf Ratten und Mäuse beobachtet und er hatte gesehen, wie er -sich an den Beinen aufhing, oder wie er sich im Mehl versteckte und sich -tot stellte. So hatte er Zutrauen und glaubte in ihm eine Hilfe in -seinem Unglück zu haben. - -Als der Kater das bekommen, worum er gebeten hatte, zog er sich sofort -die Stiefeln an, hing sich den Sack um den Hals, nahm den Riemen in die -Pfote und ging in ein Dickicht, wo es viele Hasen gab. In den Sack -steckte er Klee und Disteln, stellte sich tot und wartete, ob nicht -irgendein junger, mit den Ränken dieser Welt noch wenig vertrauter Hase -sich in den Sack schliche, um an dem Leckerbissen zu naschen. Kaum hatte -er sich hingelegt, kam ein junges und unerfahrenes Häschen und kroch in -den Sack. Da zog Meister Kater die Schnüre zu, packte das Häschen und -machte ihm ohne Erbarmen den Garaus. Stolz ging er mit seiner Beute zum -König und verlangte ihn zu sprechen. - -Man führte ihn in das Gemach Seiner Majestät, wo er mit einer tiefen -Verbeugung eintrat und so zum Könige sprach: - -»Hier bringe ich Euch einen Hasen, Herr König, den Euch der Marquis von -Carabas (so war der Name, den er für seinen Herrn ausgesucht hatte) als -Geschenk übersendet.« - -»Sage deinem Herrn,« antwortete der König, »daß ich ihm danke, und sage -ihm, er habe mir eine große Freude bereitet.« - -Ein zweites Mal verbarg er sich in einem Kornfeld und legte den offenen -Sack wieder hin. Und als zwei Rebhühner hineingeschlüpft waren, zog er -ihn zu und fing alle beide. - -Dann ging er zum König und brachte ihm, wie früher den Hasen, die beiden -Rebhühner zum Geschenk. Der König nahm auch dieses Wildbret mit Freude -entgegen und ließ dem Kater einen Trunk reichen. - -So brachte er zwei bis drei Monate lang dem König von Zeit zu Zeit -irgendein Stück aus der angeblichen Jagdbeute seines Herrn. Als er aber -eines Tages erfuhr, daß der König mit seiner Tochter, der schönsten -Prinzessin der Welt, am Ufer des Flusses spazieren fahren wollte, da -sagte er zu seinem Herrn: - -»Jetzt folgt meinem Rat, und Euer Glück ist gemacht. Ich zeige Euch eine -Stelle am Fluß, da könnt Ihr baden. Das übrige laßt mich machen!« - -Herr von Carabas tat, wie ihm der Kater riet, ohne zu wissen, wozu es -gut sein sollte. Wie er nun badete, kam der König vorüber, und der Kater -fing an, aus Leibeskräften zu schreien: - -»Zu Hilfe. Zu Hilfe! Der Marquis von Carabas ertrinkt!« - -[Illustration] - -Als der König diese Hilfeschreie hörte, steckte er den Kopf zum -Wagenfenster heraus. Sofort erkannte er den Kater, der ihm des öfteren -Wildbret gebracht hatte, und befahl seiner Leibwache, dem Marquis von -Carabas schleunigst zu Hilfe zu eilen. - -[Illustration] - -Während man den armen Marquis aus dem Fluß zog, trat der Kater an den -Wagen heran und berichtete dem König, daß Diebe gekommen seien und die -Kleider seines badenden Herrn gestohlen hätten, trotzdem er ihnen, so -laut er konnte, zugerufen hätte. In Wahrheit hatte der Schlauberger die -Kleider unter einem großen Steine versteckt. - -Sogleich gab der König seinem Kammerdiener den Auftrag, einen seiner -schönsten Röcke für den Marquis von Carabas zu holen. - -Tausend Aufmerksamkeiten erwies der König dem Marquis, und da das schöne -Gewand, das er ihm schenkte, seine Gestalt gut zur Geltung brachte, -gefiel er der Tochter des Königs sehr, und kaum hatte der Marquis von -Carabas zwei bis drei bei aller Ehrfurcht doch ein wenig zärtliche -Blicke mit ihr getauscht, da war sie bis über die Ohren in ihn verliebt. - -Der König lud ihn ein, in den Wagen zu steigen und die Spazierfahrt -mitzumachen. - -Froh über das gute Gelingen seines Planes, ist der Kater vor dem Wagen -her. Als er zu Bauern kam, die eine Wiese mähten, rief er ihnen zu: - -»Ihr guten Leute, wenn Ihr nicht sagt, daß diese Wiese, die Ihr mäht, -dem Herrn Marquis von Carabas gehört, so werdet Ihr alle miteinander zu -Pastetenfleisch zerhackt!« - -Richtig fragte sie der König, wem diese Wiese gehöre, die sie mähten. - -»Dem Herrn Marquis von Carabas«, riefen sie wie mit einer Stimme, denn -die Drohung des Katers hatte ihnen angst gemacht. - -»Da habt Ihr ein schönes Erbe«, wandte sich der König an den Marquis von -Carabas. - -»Ja, Sire,« antwortete der, »die Wiese hier bringt alle Jahre schöne -Erträge.« - -Meister Kater, der immer vorneweg lief, kam zu Schnittern und rief ihnen -zu: - -»Ihr guten Leute, die Ihr da mäht, wenn Ihr nicht sagt, daß diese -Kornfelder dem Herrn Marquis von Carabas gehören, so werdet Ihr alle -klein gehackt wie Pastetenfleisch!« - -Als der König einen Augenblick später vorüberfuhr, wollte er wissen, wem -die Felder gehörten, die er da sah. - -»Dem Herrn Marquis von Carabas«, antworteten die Schnitter, und der -König und der Marquis hatten ihre Freude an der Antwort. - -Allen Leuten, die er traf, schärfte der Kater, der immer vor dem Wagen -her lief, denselben Spruch ein, und der König wunderte sich sehr über -den großen Reichtum des Herrn Marquis von Carabas. Am Ende kam Meister -Kater an ein prächtiges Schloß. Das gehörte einem Riesen, dem Reichsten, -der weit und breit zu finden war, und alle Felder, bei denen der König -vorübergekommen war, gehörten zu dieser Schloßherrschaft. - -Vorsichtig erkundigte sich der Kater, wer der Riese sei und was er -treibe. Dann bat er um eine Audienz mit der Begründung, daß er bei -seinem Schlosse nicht vorübergehen wolle, ohne sich die Ehre zu geben, -seine Aufwartung zu machen. - -Der Riese empfing ihn so höflich, wie es bei einem Riesen möglich ist, -und bat ihn, Platz zu nehmen. - -»Man hat mir versichert,« sagte der Kater, »daß es in Eurer Macht -stände, die Gestalt eines jeden Tieres anzunehmen, daß Ihr -beispielsweise ein Löwe sein könnt oder ein Elefant.« - -»Ganz recht,« brummte der Riese, »damit Ihr's glaubt, will ich jetzt ein -Löwe werden.« - -Der Kater erschrak, als er wirklich einen Löwen vor sich sah, und -kletterte schleunigst auf die Dachrinne, nicht ohne Mühe und Gefahr, -denn die Stiefel hinderten ihn beim Laufen. Als der Kater sah, daß der -Riese wieder seine alte Gestalt angenommen hatte, kletterte er herab und -gestand, daß er große Angst gehabt habe. - -Dann sagte er: »Man hat mir außerdem versichert, was ich aber kaum -glauben kann, Ihr könntet Euch auch in die kleinsten Geschöpfe -verwandeln, beispielsweise in eine Ratte oder in eine Maus. Ich muß -gestehen, ich halte das für ganz ausgeschlossen.« - -»Ausgeschlossen,« höhnte der Riese, »sieh einmal an«, und in demselben -Augenblick verwandelte er sich in eine Maus, die auf dem Fußboden hin -und her huschte. Kaum hatte der Kater das bemerkt, da packte er die Maus -und fraß sie auf. - -Inzwischen war der König beim Schlosse des Riesen angekommen und zeigte -Lust, hineinzugehen. Als der Kater den Wagen über die Schloßbrücke -holpern hörte, lief er hin und sagte zum König: - -»Eure Majestät heiße ich herzlich willkommen im Schlosse des Herrn -Marquis von Carabas!« - -[Illustration] - -[Illustration] - -»Wie, Herr Marquis,« rief der König aus, »dieses Schloß gehört Ihnen? Es -gibt nicht leicht etwas Schöneres mit all diesen Gebäuden ringsum. Wenn -Sie erlauben, gehen wir hinein.« - -Der Marquis reichte der Prinzessin die Hand, und sie gingen hinter dem -König her, der voranschritt. Sie kamen in einen großen Saal, wo ein -herrliches Mahl bereitet war, welches der Riese für seine Freunde -bestimmt hatte, die ihn am selben Tage besuchen wollten, die aber nicht -gewagt hatten, zu kommen, als sie erfuhren, daß der König da sei. - -Der König war entzückt von dem vortrefflichen Herrn Marquis von Carabas, -und seine Tochter war in ihn verliebt, und wie der König die vielen -Reichtümer sah, die dem Herrn Marquis gehörten, da sagte er zwischen dem -sechsten und siebten Glase zu ihm: - -»Herr Marquis, es liegt nur an Ihnen, wenn Sie mein Schwiegersohn werden -wollen.« - -Der Marquis von Carabas verbeugte sich und nahm das ehrenvolle Angebot -des Königs an und heiratete die Prinzessin noch an demselben Tage. Der -Kater aber wurde ein großer Herr und ging nur noch auf die Mäusejagd, -wenn er sich die Zeit vertreiben wollte. - - - Moral: - - Es ist fürwahr sehr angenehm, - Vom Vater Geld und Gut zu erben. - Der Arme hat's nicht so bequem; - Er braucht jedoch nicht arm zu sterben: - Mit Fleiß und mit Geschicklichkeit - Kommt er bisweilen auch so weit. - - - - -Der kleine Däumling - - -Es war einmal ein Holzhacker und seine Frau. Die hatten sieben Kinder, -lauter Knaben. Der älteste war erst zehn Jahre alt und der jüngste -sieben. Man braucht sich aber nicht zu wundern, daß der Holzhacker in -der kurzen Zeit so viel Kinder bekam, denn seine Frau war sehr fleißig -und schenkte ihm jedesmal mindestens zwei. - -Es waren arme Leute, und die sieben Kinder machten ihnen viel Sorge, -weil noch keines von ihnen sich sein Brot selber verdiente. Aber die -größte Sorge machte ihnen ihr Jüngster; er war ein Schwächling und -konnte noch kein einziges Wort sprechen. Das war in Wirklichkeit ein -Zeichen seiner Schlauheit; aber die Eltern hielten ihn für dumm. - -Er war ein winziger Kerl und, als er zur Welt kam, nicht länger ein -Daumen. Man nannte ihn deshalb den kleinen Däumling. - -Das arme Kind war immer der Sündenbock zu Hause, stets gab man ihm -unrecht. Und doch war er der Schlaueste und Geriebenste von allen seinen -Brüdern und wenn er auch wenig sprach, so hörte er um so mehr. - -Eines Tages, als die Kinder schon zu Bett gebracht waren, saß der -Holzhacker mit seiner Frau auf der Ofenbank und sagte kummervollen -Herzens zu ihr: - -»Du mußt einsehen, daß wir unsere Kinder nicht länger ernähren können. -Ich kann es nicht mit ansehen, wie sie vor meinen Augen verhungern. Wir -müssen sie im Walde aussetzen. Das ist nicht schwer; wenn sie Reisig -suchen, dann lassen wir sie allein und gehen davon.« - -»Was!«, rief da seine Frau, »du brächtest es über das Herz, deine -eigenen Kinder zu töten?« - -[Illustration] - -Vergebens sprach der Mann von ihrer großen Armut, aber sie konnte ihm -nicht recht geben, denn wenn sie auch arm war, so war sie doch die -Mutter der Kinder. Doch als er ihr vorhielt, welcher Schmerz es für sie -sei, zuzusehen, wie die Kinder verhungerten, da war sie schließlich -einverstanden und ging weinend zu Bett. - -Der kleine Däumling aber hatte alles gehört. Denn als er in seinem Bette -lag und die Eltern von ihren Sorgen sprechen hörte, da war er leise -aufgestanden und unter den Schemel seines Vaters gekrochen, wo er -unbemerkt lauschen konnte. - -Er legte sich dann wieder hin. Aber er konnte nicht einschlafen und -dachte nur darüber nach, was jetzt zu tun sei. Früh am Morgen stand er -auf, ging an den Bach, füllte sich die Taschen mit kleinen, weißen -Kieselsteinen und kehrte ins Haus zurück. Bald brachen sie auf. Der -kleine Däumling verriet seinen Brüdern kein Sterbenswörtchen von dem, -was er wußte. Sie kamen in einen großen, dichten Wald, in dem man sich -schon auf zehn Schritte nicht mehr sehen konnte. Der Holzhacker fällte -Bäume, und seine Kinder sammelten Reisig, das sie zu Bündeln banden. Als -der Vater und die Mutter sie so beschäftigt sahen, da machten sie sich -heimlich auf einem kleinen Seitenpfade davon. - -Auf einmal sahen sich die Kinder verlassen und fingen an zu weinen und -aus Leibeskräften zu schreien. Der kleine Däumling ließ sie schreien, -weil er wußte, wie sie nach Hause zurückfinden könnten. Denn unterwegs -hatte er die kleinen, weißen Kieselsteine fallen lassen, die er in -seiner Tasche trug. Er sagte deshalb zu seinen Brüdern: - -»Fürchtet euch nicht! Vater und Mutter haben uns verlassen, aber ich -werde euch heimführen. Folgt mir nur!« - -Und sie folgten ihm. Er führte sie auf demselben Wege, auf dem sie in -den Wald gekommen, zu ihrem Hause zurück. Zuerst wagten sie nicht, -hineinzugehen. Sie lehnten sich alle an die Tür, um zu hören, was Vater -und Mutter sprachen. - -[Illustration] - -Kaum waren der Holzhacker und seine Frau nach Hause gekommen, da -schickte ihnen der Herr des Dorfes die zehn Taler zurück, die er ihnen -schon lange schuldig war, und mit denen sie nicht mehr gerechnet hatten. -Das rettete den armen Leuten das Leben, denn sie waren am Verhungern. -Sogleich schickte der Holzhacker seine Frau zum Fleischer, und weil sie -schon lange kein Fleisch gegessen hatten, kaufte sie dreimal soviel, wie -sie für sich zu einem Abendessen brauchten. Als sie nun satt waren, -sagte die Frau: - -»Wo mögen jetzt unsere armen Kinder sein? Wie würde ihnen das schmecken, -was wir hier übrig haben, aber du, Wilhelm, hast sie ja durchaus -umbringen wollen. Immer habe ich gesagt, wir würden es noch bereuen. Wie -mag es ihnen jetzt in dem finsteren Walde gehen? Ach, mein Gott, die -Wölfe haben sie vielleicht schon gefressen! Du bist wahrhaftig ein -Unmensch, daß du deine eigenen Kinder so umgebracht hast.« - -Der Mann verlor schließlich die Geduld, denn mehr als zwanzigmal -wiederholte sie, daß sie recht gehabt habe und daß er es noch bereuen -würde. Am Ende drohte er ihr, sie zu schlagen, wenn sie nicht den Mund -halte. - -Und doch war der Holzhacker nicht weniger betrübt als seine Frau. Aber -sie machte ihm den Kopf heiß, und er gehörte zu jenen Männern, die -Frauen gerne haben, wenn sie sanfte Reden führen, die aber empört sind, -wenn sie immer recht haben wollen. - -Bittere Tränen vergoß seine Frau: - -»Ach, wo sind jetzt meine Kinder, meine armen Kinder?« - -Einmal rief sie das so laut, daß die Knaben, die an der Tür horchten, -alle miteinander zu schreien anfingen: - -»Wir sind wieder da! Wir sind wieder da!« - -So schnell sie konnte, lief die Frau und machte ihnen die Tür auf. Unter -tausend Küssen rief sie: - -»Wie bin ich froh, daß ich euch wiederhabe, liebe Kinder! Ihr seid gewiß -müde und habt großen Hunger; und du, Peterle, wie schmutzig bist du -denn! Komm, ich will dich waschen!« - -[Illustration] - -Peterle war ihr ältester Sohn, und sie liebte ihn mehr als alle anderen, -weil er von ihr die roten Haare geerbt hatte. Dann setzten sie sich zu -Tisch, und sie aßen mit einem Appetit, der Vater und Mutter helle Freude -machte, und sie erzählten, welche Angst sie im Walde gehabt hatten, und -einer schrie lauter als der andere. - -Die guten Leute freuten sich, ihre Kinder wieder bei sich zu haben, und -diese Freude dauerte geradeso lange, wie die zehn Taler reichten. Aber -als das Geld ausgegeben war, kam wieder die alte Verzweiflung und mit -ihr von neuem der Entschluß, die Kinder auszusetzen. Damit es nicht gehe -wie beim ersten Mal, wollten sie die Kinder noch tiefer in den Wald -hineinführen. Aber sie konnten darüber nicht so heimlich sprechen, daß -der kleine Däumling es nicht gehört hätte, und er wollte es jetzt wieder -so machen wie damals. Aber als er früh aufstand, um kleine Kieselsteine -zu sammeln, da fand er die Haustür doppelt verriegelt. - -Nun wußte er nicht, was er tun sollte. Doch als die Mutter jedem von -ihnen ein Stück Brot zum Frühstück gab, da fiel ihm ein, daß er anstatt -der Steinchen das Brot nehmen könne, wenn er es in Krümeln auf dem Wege -ausstreute, den sie gehen würden, und er steckte das Brot in seine -Tasche. - -Vater und Mutter führten die Kinder in den dichtesten und finstersten -Teil des Waldes, und als sie dort angekommen waren, machten sie sich auf -einem Umweg davon und ließen sie zurück. Der kleine Däumling war nicht -ängstlich, denn er glaubte, den Weg mit den Brotkrümeln, die er überall -ausgestreut hatte, leicht zurückzufinden. Aber er war sehr betroffen, -als er nicht ein einziges Krümelchen entdeckte. Die Vögel waren gekommen -und hatten alle aufgepickt. - -Da waren sie nun in großer Sorge, denn je weiter sie wanderten, um so -mehr verirrten sie sich und gerieten immer tiefer in den Wald hinein. -Die Nacht brach an, und es kam ein großer Sturm, der sie in Schrecken -setzte. Von allen Seiten glaubten sie das Geheul der Wölfe zu hören, die -sie fressen wollten. Sie wagten nicht mehr zu sprechen, noch sich zu -rühren. - -Zu alldem überraschte sie ein großer Regen, und sie wurden naß bis auf -die Knochen. Bei jedem Schritt glitten sie aus und fielen zu Boden. Ganz -beschmutzt standen sie da und wußten nicht mehr, was sie anfangen -sollten. - -[Illustration] - -Da kletterte der kleine Däumling auf einen großen Baum, um auszuschauen, -ob er keine Hilfe sähe. Nach allen Seiten drehte er den Kopf und sah -endlich ein kleines Licht, wie von einer Kerze, aber es war weit weg, -jenseits des Waldes. Er kletterte vom Baum herab, und wie er wieder auf -der Erde war, sah er das Licht nicht mehr. Das machte ihn trostlos. Aber -als er eine Zeitlang mit seinen Brüdern in der Richtung gegangen war, in -welcher er das Licht gesehen hatte, da sah er es beim Austritt aus dem -Walde von neuem. Jedesmal, wenn der Weg sich senkte, verloren sie es -wieder aus den Augen, und das machte ihnen große Angst. Aber schließlich -kamen sie an das Haus, wo die Kerze brannte. - -Sie pochten an die Tür, und eine gute Frau machte ihnen auf und fragte -nach ihrem Begehr. - -Der kleine Däumling sagte, sie seien arme Kinder, die sich im Walde -verirrt hätten, und sie bäten um Gottes willen um ein Nachtlager. - -Wie die Frau die netten Kinder sah, fing sie an zu weinen und sagte zu -ihnen: - -»Ach, meine armen Kinder, wohin seid ihr geraten! Wißt ihr nicht, daß -hier ein Riese wohnt, der kleine Kinder frißt?« - -»Gute Frau,« antwortete ihr der kleine Däumling, der ebenso wie seine -Brüder am ganzen Leibe zitterte, »was sollen wir jetzt anfangen? Gewiß -werden uns die Wölfe heute im Walde auffressen, wenn Ihr uns nicht -aufnehmen wollt. Da ist es schon besser, daß uns der Herr frißt; -vielleicht hat er aber Mitleid, wenn wir ihn darum bitten.« - -Da ließ die Frau die Kinder hinein, denn sie hoffte, sie bis zum -nächsten Morgen vor ihrem Manne verstecken zu können. Sie führte sie an -ein helles Feuer, damit sie sich wärmen konnten. Es wurde nämlich gerade -ein Hammel am Spieße gebraten als Abendessen für den Riesen. Kaum fingen -die Kinder an, warm zu werden, da hörten sie es drei- bis viermal an die -Haustür donnern. Das war der Riese, der zurückkam. Schleunigst -versteckte die Frau die Kinder unter dem Bett und öffnete. - -[Illustration] - -Zuerst fragte der Riese, ob sein Abendbrot fertig und ob der Wein -abgefüllt sei, und setzte sich zu Tisch. Der Hammel war noch ganz -blutig, aber das schien ihm gerade recht. Dann schnüffelte er rechts und -links und sagte, es röche ihm nach frischem Fleisch. - -»Das wird wohl der Hammel sein, den ich soeben gebraten habe«, meinte -seine Frau. - -»Ich rieche frisches Fleisch, sage ich dir nochmals«, versetzte der -Riese und sah seine Frau von der Seite an: - -»Hier muß etwas sein, von dem ich nichts weiß!« - -Mit diesen Worten stand er auf und ging geradenwegs auf das Bett zu. - -»Aha, du schlechtes Weib! Du hast mich also wirklich betrügen wollen! -Ich weiß wahrhaftig nicht, warum ich dich nicht schon längst gefressen -habe. Es ist dein Glück, daß du so ein altes Tier bist. Der Leckerbissen -hier kommt mir gerade recht. Damit kann ich drei befreundete Riesen, die -mich in diesen Tagen besuchen, schön bewirten.« - -Dann zerrte er die Kinder eines nach dem anderen unter dem Bette hervor. -Die Ärmsten warfen sich ihm zu Füßen und baten um Gnade. Aber es war der -Grausamste aller Riesen; er hatte kein Mitleid mit ihnen, und mit seinen -Augen verschlang er sie schon. Dann sagte er zu seiner Frau, das würden -Leckerbissen werden, wenn sie nur eine gute Brühe dazu mache. - -Er langte nach seinem Messer und fing vor den armen Kindern an, es auf -seinem Schleifstein, den er in der Linken hielt, zu schärfen. Schon -hatte er eines gepackt, da sagte seine Frau zu ihm: - -»Was willst du denn jetzt damit? Hast du nicht Zeit bis morgen?« - -»Halt den Mund,« schrie sie der Riese an, »sie sind dann mürber!« - -»Aber du hast ja noch so viel Fleisch,« meinte seine Frau, »ein Kalb, -zwei Hammel und ein halbes Schwein.« - -»Du magst recht haben,« brummte der Riese, »gib ihnen aber gut zu essen, -damit sie mir nicht abmagern, und bring sie dann zu Bett!« - -[Illustration] - -Die gute Frau war außer sich vor Freude und brachte den Kindern ein -schönes Abendessen. Doch sie konnten keinen Bissen anrühren, so sehr -zitterten sie vor Angst. In bester Laune setzte sich der Riese hin und -freute sich, für seine Kumpane einen so schönen Leckerbissen erwischt zu -haben. Er trank und trank zwölf Glas mehr als sonst. Das stieg ihm in -den Kopf, und er legte sich zu Bett. - -Der Riese besaß sieben junge Töchter. Diese Riesinnen hatten alle eine -wunderschöne Haut, da sie sich ebenso wie ihr Vater von frischem -Fleische nährten; aber sie hatten kleine, graue, ganz runde Augen, eine -große Nase und einen großen Mund mit langen, spitzen und weit -auseinanderstehenden Zähnen. Sie waren noch nicht sehr bösartig, aber -doch vielversprechend, denn sie fingen schon an, die kleinen Kinder zu -beißen und ihnen das Blut auszusaugen. - -Sie waren schon früh zu Bette gebracht worden und schliefen alle in -einem einzigen großen Bett. Jede von ihnen trug eine goldene Krone auf -dem Kopfe. In demselben Zimmer stand ein zweites Bett von derselben -Größe. In dieses Bett legte die Frau des Riesen die sieben kleinen -Jungen. Dann ging sie selbst zur Ruhe. - -Der kleine Däumling hatte gesehen, daß die Töchter des Riesen goldene -Kronen auf dem Kopfe trugen, und da er fürchtete, es möchte den Riesen -reuen, daß er sie nicht schon am selben Abend abgeschlachtet hatte, -stand er gegen Mitternacht auf, nahm sich und seinen Brüdern die -Mütze vom Kopf und setzte sie, mit aller Vorsicht, den sieben -Riesentöchterchen auf. Seinen Brüdern und sich selbst setzte er die -goldenen Kronen auf, die er jenen genommen hatte. So mußte der Riese die -Knaben für seine Töchter und seine Töchter für die Knaben halten, die er -schlachten wollte. - -Es kam genau so, wie es sich der kleine Däumling gedacht. Der Riese -wachte um Mitternacht auf, und es tat ihm leid, daß er bis zum anderen -Tage verschoben hatte, was er sofort erledigen wollte. Mit einem -mächtigen Satz sprang er aus seinem Bett und griff zu seinem Messer: - -»Nun wollen wir mal sehen, was unsere kleinen Schelme machen! So etwas -gibt es nicht zum zweiten Male.« - -[Illustration] - -So sprechend, tappte er im Dunkeln hinauf ins Zimmer seiner Töchter und -trat an das Bett heran, in dem die kleinen Knaben lagen. Sie schliefen -alle fest, nur der kleine Däumling wachte. Ein Gruseln überlief ihn, als -er die tastende Hand des Riesen fühlte, der vorher schon alle seine -Brüder abgetastet hatte. Wie der Riese die goldenen Kronen berührte, -sagte er: - -»Donnerwetter, da hätte ich beinahe etwas Schönes angerichtet! Ich habe -wahrhaftig am Abend zuviel getrunken.« - -Dann ging er an das Bett seiner Töchter, und als er hier die Mützen der -Knaben fand, sagte er: - -»Da hätten wir ja unsere Bürschchen! Nun rasch an die Arbeit!« - -Mit diesen Worten schnitt er, ohne zu zögern, allen seinen Töchtern die -Köpfe ab. - -Zufrieden mit seiner Tat legte er sich wieder ins Bett. Kaum hörte der -kleine Däumling den Riesen schnarchen, da weckte er seine Brüder und -hieß sie, sich schnell anzuziehen und ihm zu folgen. Vorsichtig stiegen -sie hinab in den Garten und sprangen über die Mauer. Am ganzen Leibe -zitternd, liefen sie bis zum Morgen, ohne Weg und Steg zu kennen. - -Als der Riese erwachte, sagte er zu seinem Weib: - -»Gehe hinauf und mache die kleinen Schelme von gestern abend zurecht!« - -Die Frau des Riesen war erstaunt über die gute Laune ihres Mannes und -glaubte, er schicke sie, die Knaben anzuziehen. Sie ging hinauf und war -zu Tode erschrocken, als sie ihre sieben Töchter mit abgeschnittenen -Hälsen in ihrem Blute sah. Sie fiel in Ohnmacht, denn das ist das -einzige, was Frauen in dieser Lage tun können. Der Riese glaubte, seiner -Frau würde die Arbeit zu schwer, die er ihr aufgetragen hatte, und ging -hinauf, um ihr zu helfen. Aber er war nicht weniger erschrocken als -seine Frau bei diesem gräßlichen Anblick. - -»Was habe ich da angerichtet,« schrie er, »aber sie sollen es mir auf -der Stelle büßen, die Unglücklichen!« - -Er goß seiner Frau einen Topf Wasser über die Nase, und als sie wieder -zu sich kam, sagte er zu ihr: - -»Gib mir schnell meine Siebenmeilenstiefel, daß ich die Bande einhole!« - -[Illustration] - -Er machte sich auf den Weg, und als er kreuz und quer gelaufen war, kam -er endlich auf die Straße, wo die Knaben gingen. Nur noch hundert -Schritte waren sie vom Hause ihres Vaters entfernt. Da sahen sie den -Riesen, wie er von Berg zu Berg schritt und die größten Ströme -überquerte wie den kleinsten Bach. Der kleine Däumling fand in nächster -Nähe ein Loch in einem Felsen und versteckte darin seine Brüder; auch er -selbst kroch hinein und gab acht, was der Riese tat. Der war von dem -großen Umweg, den er vergebens gemacht hatte, sehr erschöpft und wollte -sich ausruhen. Zufällig setzte er sich gerade auf denselben Felsen, -unter dem sich die Knaben versteckt hatten. Er konnte vor Müdigkeit -nicht mehr weiter und schlief bald ein. Dabei fing er so schrecklich an -zu schnarchen, daß die Kinder nicht weniger Angst bekamen wie damals, -als er zu seinem großen Messer griff, um ihnen den Hals abzuschneiden. - -Der kleine Däumling war mutiger. Während der Riese in festem Schlafe -lag, sagte er zu seinen Brüdern, sie sollten rasch nach Hause laufen und -sich um ihn keine Sorge machen. Sie folgten seinem Rat und erreichten -glücklich das Haus. Der kleine Däumling machte sich an den Riesen heran, -zog ihm vorsichtig seine Stiefel aus und schlüpfte selbst hinein. Die -Stiefel waren zwar groß und weit, aber es waren Zauberstiefel: sie -hatten die Eigenschaft, größer oder kleiner zu werden, je nach ihrem -Träger, und sie paßten ihm so gut, als seien sie für ihn gemacht. - -Schnurstracks lief er zum Hause des Riesen zurück und fand dort sein -Weib in Tränen bei ihren toten Töchtern. - -»Euer Gatte ist in großer Gefahr,« sagte Däumling zu ihr, »er ist von -Räubern gefangen, und diese haben geschworen, ihn zu töten, wenn er -ihnen nicht all sein Gold und Silber gäbe. Gerade als sie ihm den Dolch -an die Kehle setzten, kam ich zufällig vorbei, und er bat mich, zu Euch -zu gehen, um Euch zu benachrichtigen und Euch zu sagen, Ihr solltet mir -alles aushändigen, was er an Vermögen besitzt, und sollt nichts -zurückbehalten, weil sie ihn sonst ohne Mitleid töten. Da größte Eile -nötig ist, gab er mir seine Siebenmeilenstiefel. Es soll zugleich ein -Beweis sein, damit Ihr nicht glaubt, ich sei ein Schwindler.« - -[Illustration] - -In ihrem großen Schrecken gab die Frau ihm alles, was sie hatte, denn -wenn der Riese auch kleine Kinder fraß, so war er doch immer ein guter -Vater und Gatte. - -Schwer beladen mit den Schätzen des Riesen kehrte der kleine Däumling in -das Haus seines Vaters zurück, wo er mit großer Freude empfangen wurde. - -Es gibt viele Leute, die nicht glauben wollen, daß der kleine Däumling -den Riesen bestohlen habe. Er habe in Wirklichkeit sich nur deshalb -keine Gedanken darüber gemacht, dem Riesen die Siebenmeilenstiefel -fortzunehmen, weil dieser sie doch nur dazu benutzte, um die kleinen -Kinder zu fangen. Diese Leute behaupten, sie wüßten es aus bester -Quelle, denn sie wären selbst im Hause des Holzhackers zu Gast gewesen, -und sie erzählen, der kleine Däumling habe sich die Stiefel des Riesen -angezogen und sei damit an den Hof des Königs gegangen, wo man in großer -Sorge um das Schicksal des Heeres war, das 200 Meilen entfernt in heißem -Kampfe lag. Man hatte keine Nachricht über den Ausgang der Schlacht. - -[Illustration] - -Däumling ging nun zum König und erbot sich, ihm noch vor Tagesende -Nachricht von der Armee zu bringen. Der König versprach ihm eine große -Belohnung, wenn er dies fertig bringe. Noch am selben Abend überbrachte -der kleine Däumling die ersehnte Botschaft, und dieser erste Lauf machte -ihn so berühmt, daß er alles erreichte, was er wollte. Der König -belohnte ihn fürstlich. Däumling brachte seine Befehle zur Armee, und -viele Damen gaben ihm alles, was er verlangte, um nur Nachricht von -ihren Liebhabern zu erhalten. Das war seine beste Einnahme. Es fanden -sich zwar auch einige Ehefrauen, die ihm Briefe für ihre Gatten -mitgaben, aber diese zahlten schlecht, und er hielt es für unter seiner -Würde, mit dem ihm von dieser Seite zufließenden Verdienste überhaupt zu -rechnen. - -Auf diese Weise verschaffte er seiner ganzen Familie ein gutes -Auskommen. Seinem Vater und seinen Brüdern kaufte er neugeschaffene -Amtsstellen, und sich selbst schuf er einen trefflichen Hausstand. - - - Moral: - - Wenn einer nette Kinder hat, - Die schön und wohl geraten sind, - Dann zeigt er sie der ganzen Stadt. -- - Jedoch verliert er nicht ein Wort, - Wird ihm geschenkt ein schwächlich Kind, - Er quält's und tut ihm jedem Tort. -- - Doch oft ist so ein kleiner Mann - Ein Kerl, der vieles weiß und kann: - Der kleine Däumling, wie gesagt, - Hat der Familie Glück gebracht. - - - - -Aschenbrödel - -oder - -die Geschichte vom gläsernen Pantöffelchen - - -Es war einmal ein Edelmann, der hatte in seiner zweiten Ehe ein so -hochmütiges und stolzes Weib geheiratet, wie man noch niemals eines sah. -Diese Frau hatte zwei Töchter, welche ganz nach ihrer Art waren und ihr -in jeder Hinsicht glichen. Auch der Mann hatte eine Tochter mit in die -Ehe gebracht, ein Mädchen von holder Anmut und unvergleichlicher Güte, -das wahre Ebenbild ihrer verstorbenen Mutter, der besten Frau der Welt. - -Kaum war die Hochzeit vorbei, da zeigte sich die Stiefmutter auch schon -von ihrer schlimmsten Seite. Sie konnte das junge Mädchen nicht leiden, -denn neben ihm erschienen ihre eigenen Töchter noch häßlicher. - -Deshalb trug sie ihm die schmutzigsten Arbeiten im Hause auf: es mußte -das Geschirr reinigen, die Treppen fegen, es mußte das Zimmer der -gnädigen Frau scheuern und das der gnädigen Fräuleins, ihrer Töchter. Es -mußte auf dem Speicher unter dem Dache auf einem elenden Strohsacke -schlafen, während seine Schwestern die herrlichsten Zimmer hatten, mit -den allermodernsten Betten und mit Spiegeln, in denen sie sich vom Kopf -bis zum Fuß betrachten konnten. - -Doch alles ertrug das arme Mädchen mit Geduld, es wagte nicht, sich bei -ihrem Vater zu beschweren, denn der hätte ihm doch nicht recht gegeben, -weil er ganz unter dem Einflusse seiner Frau stand. Wenn es seine Arbeit -gemacht hatte, dann setzte es sich neben dem Küchenherd in die Asche, -und deshalb nannte man es im Hause nur noch die Küchenschabe; aber die -zweite Tochter, die nicht ganz so böse war wie ihre ältere Schwester, -gab ihm den Namen Aschenbrödel. Trotz allem war Aschenbrödel in ihren -schlechten Kleidern noch hundertmal schöner als ihre Schwestern, wie -sehr sich diese auch putzten. - -Eines Tages gab der Sohn des Königs einen Ball und lud dazu alle -Personen von Rang ein. Auch die beiden Fräuleins wurden eingeladen, denn -sie spielten im Lande eine große Rolle. Darüber freuten sie sich sehr, -und sie überlegten den ganzen Tag, wie sie sich am schönsten kleiden und -schmücken könnten und was ihnen am besten stände. Da gab es neue Arbeit -für Aschenbrödel. Sie mußte die Wäsche ihrer Schwestern waschen und -bügeln und die Manschetten ihrer Kleider kräuseln. Man sprach von nichts -anderem, als was man anziehen wolle. - -»Ich,« sagte die Ältere, »ziehe das rote Velourkleid mit dem englischen -Besatze an.« - -Und die Zweite meinte: »Ich werde meinen gewöhnlichen roten Rock tragen, -aber dazu nehme ich den Umhang mit den Goldblumen und meinen -Diamantschmuck, was mir auch nicht schlecht stehen wird.« - -Die berühmteste Haarkräuslerin mußte kommen, um die Spitzenhauben zu -ordnen und die niedlichen Schönheitspflästerchen zu kleben. Dann riefen -sie Aschenbrödel herbei, um ihr Urteil zu hören; denn sie hatte einen -guten Geschmack. Aschenbrödel gab ihnen die besten Ratschläge und erbot -sich sogar, ihnen das Haar zu machen. Das ließen sie sich gerne -gefallen. - -Während sie die Schwestern kämmte, sagten diese zu ihr: - -»Aschenbrödel, hättest du wohl auch Lust, mit auf den Ball zu gehen?« - -»Ach, edle Damen, warum treibt ihr euren Spott mit mir? Die Ehre wäre zu -hoch für mich.« - -»Da hast du recht, man würde nur lachen, sähe man eine Küchenschabe, wie -du, zum Balle gehen.« - -Eine andere als Aschenbrödel hätte nun sicher die Frisuren verdorben; -aber Aschenbrödel war zu gutmütig dazu und kämmte ihnen die Haare -wunderbar schön. - -[Illustration] - -Fast zwei Tage lang aßen die beiden keinen Bissen, so zitterten sie vor -freudiger Erwartung. Mehr als ein Dutzend Bänder gingen beim Schnüren -entzwei, da sie so schlank als möglich sein wollten. In einem fort -standen sie vor dem Spiegel. - -Endlich war der ersehnte Tag gekommen, und sie fuhren ab. - -Aschenbrödel folgte ihren Schwestern mit den Augen, solange sie konnte. -Aber als sie den Wagen nicht mehr sah, da setzte sie sich hin und -weinte. Ihre Patin sah ihre Tränen und fragte, was ihr fehle. - -»Ich möchte so gern, .... ich möchte so gern ....« - -Vor lauter Schluchzen konnte sie nicht zu Ende sprechen. - -»Du möchtest wohl gern auf den Ball gehen?« sagte die Patin, die eine -Fee war. - -»Ach ja«, antwortete Aschenbrödel und tat einen tiefen Seufzer. - -»Wenn du brav bist, dann will ich dich hingehen lassen.« - -Mit diesen Worten führte sie Aschenbrödel in ihre Kammer und sagte zu -ihr: - -»Gehe in den Garten und bringe mir einen Kürbis!« - -Aschenbrödel ging sofort hinunter, pflückte den schönsten Kürbis, den -sie fand, und brachte ihn der Patin, ohne zu ahnen, wie er ihr zum -Ballbesuch verhelfen könnte. Die Patin fing an, den Kürbis auszuhöhlen, -und als nur noch die Schale übrig war, klopfte sie mit ihrem Zauberstab -daran, und auf der Stelle verwandelte sich der Kürbis in einen schönen, -goldenen Wagen. - -Dann sah sie in der Mäusefalle nach und fand sechs lebendige Mäuse -darin. Sie befahl Aschenbrödel, die Klappe ein wenig anzuheben, und gab -jeder Maus, die herausschlüpfte, einen leichten Schlag mit ihrem -Zauberstab. Darauf verwandelte sich die Maus sofort in ein schönes Roß. -Das gab ein prächtiges Sechsgespann, sechs Pferde von herrlichem -Apfelgrau, geradeso wie die Mäuse gewesen waren. - -Nun fehlte nur noch ein Kutscher, und Aschenbrödel meinte: »Ich werde -einmal sehen, ob nicht eine Ratte in der Falle ist! Daraus könnten wir -wohl einen Kutscher machen.« - -»Du hast recht,« sagte die Patin, »sieh einmal nach!« - -Aschenbrödel holte die Rattenfalle; da waren drei fette Ratten darin. -Eine von ihnen, die einen stattlichen Bart hatte, packte die Fee, und -kaum hatte sie die Ratte mit dem Stabe berührt, da stand auch schon ein -dicker Kutscher da, mit einem so mächtigen Schnauzbart, wie man noch -keinen gesehen hatte. - -Hierauf sagte die Fee zu Aschenbrödel: - -»Gehe in den Garten, dort wirst du hinter der Gießkanne sechs Eidechsen -finden, die bringe mir her!« - -Kaum hatte sie die Eidechsen gebracht, da verwandelte sie die Patin in -sechs Lakaien in prächtig verbrämten Röcken. Sofort stiegen die Lakaien -auf ihre Sitze und benahmen sich dabei so geschickt, als hätten sie in -ihrem ganzen Leben nichts anderes getan. Dann sagte die Fee zu -Aschenbrödel: - -»Siehst du, jetzt kannst du auf den Ball fahren; freust du dich nun?« - -»O ja; aber soll ich denn so, wie ich bin, hingehen, in diesen -schlechten Kleidern?« - -Da berührte sie die Patin leise mit ihrem Zauberstabe, und sofort hatte -sich ihr armseliges Kleid in ein gold- und silberglänzendes, mit -Edelsteinen besetztes Gewand verwandelt. Zum Schluß gab sie ihr noch ein -Paar niedliche gläserne Pantöffelchen. - -So geschmückt stieg Aschenbrödel in den Wagen; aber vorher trug ihr die -Patin auf, ja nicht die Mitternacht vorbeizulassen, und drohte ihr, wenn -sie auch nur einen Augenblick länger auf dem Ball bliebe, so würde ihr -Wagen wieder zum Kürbis werden, ihre Pferde zu Mäusen, ihr Kutscher zur -Ratte, und ihre stattlichen Lakaien würden wieder ihre frühere Gestalt -annehmen. - -Aschenbrödel versprach ihrer Patin, den Ball ganz gewiß vor Mitternacht -zu verlassen, und fuhr ab, außer sich vor Freude. Als sie so prächtig -dahergefahren kam, benachrichtigte man den Sohn des Königs, eine -vornehme Prinzessin, die niemand kenne, sein angekommen, und der -Königssohn lief herbei, sie zu empfangen. Wie sie aus dem Wagen stieg, -reichte er ihr die Hand und führte sie in den Festsaal. Da war mit einem -Male großes Schweigen: alles hörte auf zu tanzen, und die Geigen -verstummten. Jeder sah nur noch die wunderschöne Unbekannte. Überall -hörte man raunen und wispern: - -»Ach, wie schön ist sie!« - -[Illustration] - -Sogar der König, so alt er war, konnte sich nicht von ihrem Anblick -losreißen und flüsterte der Königin zu, er hätte lange keine so hübsche -und so liebenswerte Person gesehen. - -Die Damen musterten Kopfputz und Kleiderschnitt der Fremden mit -großer Aufmerksamkeit, um es ihr schon am anderen Tage nachzutun, -vorausgesetzt, daß sich so schöne Stoffe finden ließen und so geschickte -Schneider. - -Der Königssohn führte die Fremde auf den Ehrenplatz und bat sie sofort -um einen Tanz, und sie tanzte mit so viel Anmut, daß man nicht aus dem -Staunen kam. - -Nun wurde ein köstliches Mahl bereitet, aber der junge Prinz konnte -keinen Bissen essen: er sah nichts anderes mehr als seine Dame. - -Nach dem Mahl stand Aschenbrödel auf und setzte sich zu ihren -Schwestern, um ihnen tausenderlei Artigkeiten zu erweisen. Sie teilte -Orangen und Zitronen mit ihnen, die ihr der Prinz geschenkt hatte, und -setzte sie mit alldem in das größte Erstaunen. Denn sie erkannten -Aschenbrödel nicht. - -Als sie noch plauderten, hörte Aschenbrödel drei Viertel auf zwölf -schlagen. Schleunigst erhob sie sich, machte vor der ganzen -Festgesellschaft eine tiefe Verbeugung und verließ den Saal so rasch, -wie sie konnte. - -Zu Hause angelangt, suchte sie die Patin auf, dankte ihr herzlich und -sagte ihr, sie wünsche sich sehnlichst, am nächsten Tage nochmals auf -den Ball zu gehen, weil der Königssohn sie darum gebeten habe. Als sie -gerade dabei war, ihre Erlebnisse zu erzählen, da klopften die -Schwestern an die Türe, und Aschenbrödel machte ihnen auf. - -»Ihr kommt aber spät!« sagte sie, rieb sich gähnend die Augen und reckte -sich, als sei sie eben aufgestanden. - -Die eine der Schwestern sagte: »Wärest du mit auf dem Ball gewesen, du -hättest dich sicher nicht gelangweilt. Es war eine so schöne Prinzessin -da, wie es auf der ganzen Welt keine zweite gibt. Tausend Artigkeiten -hat sie uns erwiesen und hat uns Orangen und Zitronen geschenkt.« - -Aschenbrödel war außer sich vor Freude; sie fragte, wie die Prinzessin -hieße. Aber ihre Schwestern antworteten, daß kein Mensch sie kenne, und -daß der Königssohn sich den Kopf darüber zerbräche und alles in der Welt -darum gäbe, wenn er erfahren könne, wer sie sei. - -Aschenbrödel lachte: »War sie wirklich so schön? Mein Gott, wie ich euch -beneide! Könnte ich sie doch nur einmal sehen! Ach, Fräulein Javotte, -leiht mir doch euer gelbes Kleid, welches ihr alltags tragt!« - -»Das könnte mir passen,« meinte Fräulein Javotte, »einer alten -Küchenschabe wie dir das Kleid leihen! Da müßte ich ja närrisch sein!« - -Aschenbrödel hatte diese Antwort erwartet und war froh darüber, denn sie -wäre in die größte Verlegenheit geraten, hätte ihr die Schwester -wirklich das Kleid geliehen. - -Als die beiden Schwestern am nächsten Tage wieder zum Balle fuhren, -erschien auch Aschenbrödel dort, aber diesmal noch herrlicher geschmückt -wie am ersten Tag. - -Der Königssohn ging nicht von ihrer Seite und sagte ihr die schönsten -Dinge. - -Darüber vergaß das junge Mädchen ganz, was ihr die Patin gesagt. Die Uhr -holte schon zum Schlag der zwölften Stunde aus, da glaubte sie noch, es -sei erst elf. Schnell sprang sie nun auf und flüchtete so leicht wie -eine Hindin. - -Der Prinz stürzte ihr nach, aber er konnte sie nicht mehr erreichen. In -der Eile verlor Aschenbrödel einen ihrer gläsernen Pantoffel, den der -Prinz behutsam aufhob. - -Ganz außer Atem kam sie nach Hause, ohne Wagen, ohne Lakai, in ihren -schlechten Kleidern. Nichts war ihr von all der Herrlichkeit geblieben -als das zweite Pantöffelchen, das genau so war wie das verlorene. - -[Illustration] - -Die Torwächter des Schlosses wurden gefragt, ob sie keine Prinzessin -gesehen hätten. Doch diese sagten, sie hätten nur ein junges Ding in -Lumpen gesehen, mehr von dem Aussehen einer Bauernmagd als einer -Edeldame. - -Als nun die beiden Schwestern vom Ball heimkehrten, fragte sie -Aschenbrödel, ob sie sich wieder gut unterhalten hätten, und ob auch die -schöne Dame wieder da gewesen wäre. - -Ja, sagten diese, aber die schöne Dame sei davongelaufen, als die Uhr -Mitternacht geschlagen habe. Sie sei so rasch gelaufen, daß sie dabei -eines ihrer wunderschönen gläsernen Pantöffelchen verloren habe. Das -habe der Königssohn aufgehoben und bis zum Ende des Balles kein Auge -davon gelassen. Sicher sei er ganz verliebt in das schöne Mädchen, dem -das Pantöffelchen gehöre. - -Sie hatten recht, denn wenige Tage darauf ließ der Königssohn mit -Trompetenschall bekanntgeben, er würde das junge Mädchen zu seiner Frau -machen, an dessen Fuß das Pantöffelchen passe. - -Zuerst probierte man bei den Prinzessinnen, dann bei den Herzoginnen und -bei der ganzen Hofgesellschaft, aber umsonst. Man brachte das -Pantöffelchen zu den beiden Schwestern, die sich anstrengten, den Fuß -hineinzuzwängen, aber sie brachten es nicht zuwege. Als Aschenbrödel -ihnen dabei zusah und ihren Pantoffel wieder erkannte, sagte sie -lachend: - -»Laßt mich doch einmal sehen, ob er mir nicht paßt!« - -Da fingen die Schwestern an zu lachen und ihre Witze über sie zu machen. -Aber der Edelmann, der die Pantoffelprobe veranstaltete, hatte -Aschenbrödel aufmerksam betrachtet und fand sie sehr schön. Deshalb -sagte er zu ihr, ihr Wunsch sei berechtigt, denn er habe den Auftrag, -die Probe bei allen jungen Mädchen zu machen. - -Er ließ Aschenbrödel Platz nehmen, und als er den Pantoffel an -ihren kleinen Fuß hielt, da schlüpfte sie mühelos hinein, und das -Pantöffelchen paßte ihr wie angegossen. - -Das Erstaunen der beiden Schwestern war groß, aber es wurde noch größer, -als Aschenbrödel aus ihrer Tasche das andere Pantöffelchen hervorzog und -hineinschlüpfte. - -Darüber kam die Patin hinzu und mit ihrem Zauberstabe berührte sie -Aschenbrödels Kleid und verwandelte es in ein Gewand, das noch viel, -viel schöner war als alle früheren. - -Da erkannten die beiden Schwestern in Aschenbrödel die schöne Fremde, -die sie auf dem Ball gesehen hatten. Sie warfen sich ihr zu Füßen und -baten sie um Verzeihung für alles Böse, was sie ihr zugefügt hatten. - -Aschenbrödel hob sie auf, umarmte sie und beteuerte, daß sie ihnen von -ganzem Herzen verzeihe und sie bäte, immer lieb zu ihr zu sein. - -Dann geleitete man Aschenbrödel, herrlich geschmückt, wie sie war, zu -dem jungen Prinzen, und dieser fand sie noch tausendmal schöner als -zuvor. Wenige Tage darauf wurde die Hochzeit gefeiert. Aschenbrödel war -ebenso gut wie schön, ließ die beiden Schwestern im Schlosse wohnen und -verheiratete sie noch an demselben Tage mit zwei vornehmen Herren vom -Hofe. - - - Moral: - - Ganz ohne Zweifel es von großem Vorteil ist, - Wenn du nicht mutig nur, wenn du auch witzig bist, - Vornehmen Standes und auch klug dabei, - Und was an Gaben dir noch mehr beschieden sei. - Jedoch vergebens sie zu eigen dir gehören, - Dein Glück und Streben sie um keinen Deut vermehren, - Wenn du nicht eine Patin hast und gute Paten, - Die dich bei deinem Werk betreuen und beraten. - - - - -Riquet mit der Locke - - -Es war einmal eine Königin, die bekam einen Sohn, der war so häßlich und -mißgestaltet, daß man lange im Zweifel war, ob er überhaupt ein Mensch -sei. Eine Fee, die bei der Geburt des Kindes erschien, versicherte, es -würde sehr klug werden. Sie fügte noch hinzu, er könne dank einer -besonderen Gabe, die sie ihm verliehen habe, ebensoviel Verstand, wie er -selbst besitze, auf den Menschen übertragen, den er am meisten liebe. - -Das tröstete ein wenig die arme Königin, die sehr betrübt war, einem so -häßlichen kleinen Kerl das Leben geschenkt zu haben. - -Aber kaum fing das Kind an zu sprechen, da konnte es auch schon tausend -Dinge bei ihrem Namen nennen, und bei all seinem Tun zeigte es einen so -großen Verstand, daß jedermann von ihm entzückt war. - -Ich vergaß zu erzählen, daß es mit einer kleinen Haarlocke auf dem Kopfe -geboren wurde und man es deshalb Riquet mit der Locke nannte, denn -Riquet war sein Familienname. - -Sieben oder acht Jahre darauf gebar die Königin eines Nachbarlandes zwei -Töchter. Die erste, die zur Welt kam, war schöner als der Tag, und die -Königin freute sich dermaßen darüber, daß man schon fürchtete, die allzu -große Freude könne ihr schaden. - -Dieselbe Fee, die bei der Geburt des kleinen Riquet mit der Locke -zugegen war, erschien auch hier und erklärte der Königin, um ihre Freude -zu mäßigen, die kleine Prinzessin würde keinen großen Verstand haben, -ihre Dummheit würde ebenso groß sein wie ihre Schönheit. - -Das schmerzte die Königin sehr, und doch hatte sie bald darauf einen -noch viel größeren Kummer; denn die zweite Tochter, deren sie genas, war -über die Maßen häßlich. - -»Seid darüber nicht weiter traurig!« sagte die Fee, »Eure Tochter wird -entschädigt werden. Sie wird so klug sein, daß man es fast vergißt, was -ihr an Schönheit fehlt.« - -»Gott gebe es!« antwortete die Königin, »aber gibt es denn kein Mittel, -der älteren zu ihrer Schönheit auch ein wenig Verstand zu verschaffen?« - -»Leider kann ich hierin für Eure Tochter nichts tun, Frau Königin,« -sagte die Fee. »Aber was die Schönheit angeht, das vermag ich alles; und -da ich Euch herzlich gern einen Gefallen tue, so will ich Eurer Tochter -die Gabe verleihen, dem Menschen, der ihr gefällt, Schönheit zu -verleihen!« - -Je älter die beiden Prinzessinnen wurden, um so deutlicher wurden ihre -Vorzüge: überall sprach man von der Schönheit der älteren und von der -Klugheit der zweiten. - -Aber auch ihre Fehler wuchsen mit den Jahren: die jüngere wurde immer -häßlicher und die ältere von Tag zu Tag dümmer. Sie gab nicht einmal -mehr eine Antwort, wenn man sie fragte, oder sie sagte eine Dummheit. -Dabei war sie noch so ungeschickt, daß sie nicht vier Teller auf den -Ofensims stellen konnte, ohne einen zu zerbrechen, und kein Glas Wasser -konnte sie trinken, ohne die Hälfte auf ihr Kleid zu schütten. - -Wenn auch Schönheit ein großer Vorteil für ein junges Mädchen ist, so -war doch die jüngere fast in jeder Gesellschaft beliebter als ihre -ältere Schwester. - -Zuerst kam man immer zur Schönen, um sie anzustaunen und zu bewundern; -aber es dauerte nicht lange, da ging man zur Klügeren, um tausend -anmutige Dinge von ihr zu hören, und es war erstaunlich, daß in weniger -als einer Viertelstunde die ältere keinen Menschen mehr auf ihrer Seite -hatte, und sich alle um die zweite scharten. - -Trotz ihrer großen Dummheit entging ihr dies nicht, und sie hätte ohne -Besinnen alle ihre Schönheit eingetauscht gegen die halbe Klugheit ihrer -Schwester. - -Wie verständig die Königin auch war, so konnte sie sich doch nicht -enthalten, ihrer Tochter hie und da ihre Dummheit vorzuwerfen, so daß -die arme Prinzessin vor Kummer fast gestorben wäre. - -Eines Tages, als sie in einen Wald gegangen war, um ihr Unglück zu -beklagen, sah sie einen sehr häßlichen und unausstehlichen jungen Mann -auf sich zu kommen, der aber sehr vornehm gekleidet war. - -Es war der junge Prinz Riquet mit der Locke. Als er die Bilder gesehen -hatte, die von der Prinzessin in aller Welt verbreitet waren, da hatte -er, in Liebe zu ihr entbrannt, das Reich seines Vaters verlassen, um sie -zu sehen und zu sprechen. - -Erfreut über diese einsame Begegnung, redete er sie mit aller Ehrfurcht -und aller nur denkbaren Höflichkeit an. Nachdem er die üblichen -Komplimente gemacht hatte, sah er, daß sie sehr traurig war, und er -sagte deshalb zu ihr: - -»Ich verstehe nicht, mein Fräulein, daß eine Dame, die so schön ist wie -Sie, so trübsinnig sein kann, wie Sie zu sein scheinen; denn wenn ich -mich auch rühmen darf, eine Unzahl hübscher Mädchen gesehen zu haben, so -habe ich doch noch niemals eine Schönheit gefunden, die der Ihrigen -gleichkäme!« - -»Das sagen Sie so, mein Herr!« antwortete die Prinzessin und blieb -traurig wie zuvor. - -»Die Schönheit,« fuhr Prinz Riquet mit der Locke fort, »ist ein großer -Vorzug, der wichtiger ist als alles andere, und ich weiß nicht, warum -jemand der so schön ist wie Sie, noch traurig sein kann.« - -»Lieber möchte ich so häßlich sein wie Sie,« entgegnete die Prinzessin, -»und Ihren Verstand haben, als meine Schönheit behalten und so dumm -sein, wie ich es bin!« - -»Nichts beweist mehr, daß jemand Verstand hat, als sein Glaube, er habe -keinen; es ist eine Eigentümlichkeit dieser Gabe, daß man, je mehr man -davon besitzt, desto mehr glaubt, sie fehle einem.« - -»Das verstehe ich nicht,« sagte die Prinzessin, »ich weiß nur, daß ich -sehr dumm bin, und das ist der Grund meines Leides, das mich noch töten -wird!« - -»Wenn Sie weiter nichts bekümmert, mein Fräulein, so kann ich Ihrem -Schmerze leicht ein Ende machen!« - -»Und wie wollen Sie das tun?« forschte die Prinzessin. - -»Ich habe die Macht, mein Fräulein,« sagte Riquet mit der Locke, »auf -den Menschen, den ich am meisten lieben muß, so viel Verstand zu -übertragen, wie man eben braucht. Sie sind dieser Mensch, mein Fräulein! - -Es liegt also nur an Ihnen, und Sie verfügen über so viel Verstand, wie -man nur haben kann, vorausgesetzt, daß Sie mich gerne heiraten wollen!« - -Die Prinzessin war über diese Worte ganz bestürzt und gab keine Antwort -darauf. - -»Wie ich sehe,« fuhr Prinz Riquet mit der Locke fort, »ist Ihnen mein -Vorschlag peinlich, und das wundert mich nicht; ich gebe Ihnen aber ein -ganzes Jahr Zeit, um sich zu entscheiden!« - -Die Prinzessin hatte so wenig Verstand und gleichzeitig so große -Sehnsucht, Verstand zu besitzen, daß sie sich einbildete, das Jahr würde -niemals zu Ende gehen: deshalb nahm sie den ihr gemachten Vorschlag an. -Kaum hatte sie Riquet mit der Locke versprochen, ihn am gleichen Tage -des nächsten Jahres zu heiraten, als sie sich anders fühlte, wie sie -vorher war: sie bemerkte in sich eine unbekannte Fähigkeit, alles, was -sie sagen wollte, auf eine feine, heitere und natürliche Art zum -Ausdruck zu bringen; und sie begann mit Riquet eine artige und -wohlgesetzte Unterhaltung, die so geistreich war, daß der Prinz glaubte, -ihr mehr Verstand gegeben zu haben, als er sich selbst behalten habe. - -Als die Prinzessin ins Schloß zurückkehrte, wußte der ganze Hof nicht, -was er zu einer so plötzlichen und außerordentlichen Wandlung sagen -sollte. - -Noch kurz vorher hatte sie lauter albernes Zeug geredet, und jetzt hörte -man von ihr tiefempfundene, unendlich geistvolle Dinge. - -Der ganze Hof hatte eine so große Freude, wie man es sich nicht -vorstellen kann. Aber die jüngere Schwester der Prinzessin freute sich -weniger: Jetzt, wo sie vor der älteren nicht mehr den Vorzug der -Klugheit voraushatte, erschien sie neben ihr wie ein recht unangenehmes -Affengesicht. - -Der König gab viel auf ihre Meinung und hielt sogar öfters den Staatsrat -in ihrem Zimmer ab. - -Als sich nun die Kunde von dieser Wandlung verbreitete, gaben sich alle -jungen Prinzen der benachbarten Reiche Mühe, sich bei der Prinzessin -beliebt zu machen, und fast alle begehrten sie zur Frau. Sie fand aber -keinen, der ihr klug genug war, hörte sie alle an und entschied sich für -keinen von ihnen. - -Eines Tages aber kam ein so mächtiger, reicher, kluger und schöner -Prinz, daß sie sich einer Neigung für ihn nicht enthalten konnte. - -Als das ihr Vater merkte, sagte er zu ihr, er stelle ihr die Wahl eines -Gatten frei, sie brauche sich nur zu erklären. - -Da nun, je klüger man ist, es einen desto mehr Mühe kostet, in solcher -Angelegenheit zu festem Entschluß zu gelangen, dankte sie ihrem Vater -und bat ihn um Bedenkzeit. - -Zufällig ging sie eines Tages in demselben Wald, in dem ihr Riquet mit -der Locke begegnet war, spazieren, um ungestört darüber nachzudenken, -was sie tun solle. Wie sie so in ihre Gedanken versunken dahinschritt, -hörte sie unter ihren Füßen ein dumpfes Geräusch, als ob viele Leute -geschäftig hin und her gingen. - -Als sie aufmerksam lauschte, hörte sie, wie einer sagte: »Bring mir den -Kessel!« und ein andrer: »Leg' Holz aufs Feuer!« - -In demselben Augenblick tat sich die Erde auf, und sie sah zu ihren -Füßen eine Art große Küche, voll von Köchen, Küchenjungen und allen -möglichen Küchenmeistern, wie man sie braucht, um ein prächtiges -Festmahl herzurichten. Etwa zwanzig bis dreißig Köche kamen hervor und -scharten sich in einer Allee des Waldes um einen langen Tisch, wo sie -sich, die Spicknadel in der Hand und den Löffel hinter dem Ohr, nach dem -Takte eines Liedes an die Arbeit machten. - -Verwundert über diesen Anblick fragte die Prinzessin, für wen sie da -tätig wären. - -Der Oberste der Schar gab zur Antwort: »Für den Prinzen Riquet mit der -Locke, der morgen Hochzeit macht!« - -[Illustration] - -Die Prinzessin fiel aus allen Wolken, so überrascht war sie. Nun -erinnerte sie sich plötzlich, daß es ja ein Jahr her war, da sie am -gleichen Tage dem Prinzen Riquet mit der Locke die Hochzeit versprochen -hatte. Sie hatte deshalb nicht mehr daran gedacht, weil sie noch ein -dummer Mensch gewesen war, als sie das Versprechen gab. Im Besitze der -von dem Prinzen auf sie übertragenen Vernunft hatte sie dann später alle -ihre Torheiten vergessen. - -Sie war noch keine dreißig Schritt weitergegangen, als Riquet mit der -Locke vor ihr erschien, stolz, prächtig, kurz: wie ein Prinz, der -Hochzeit machen will. - -»Wie Sie sehen, mein Fräulein, habe ich pünktlich mein Wort gehalten, -und zweifelsohne kamen auch Sie hierher, um dasselbe zu tun und mich -durch Ihre Hand zum Glücklichsten aller Sterblichen zu machen!« - -»Ich will Ihnen offen gestehen,« antwortete die Prinzessin, »daß ich -noch keinen Entschluß gefaßt habe, und daß ich kaum glaube, Ihren -Wünschen entsprechen zu können!« - -»Sie setzen mich in Erstaunen, mein Fräulein!« sagte Riquet mit der -Locke zu ihr. - -»Ich glaube es,« sagte die Prinzessin, »und sicherlich wäre ich jetzt in -der größten Verlegenheit, wenn ich es mit einem rohen, unvernünftigen -Menschen zu tun hätte. Dieser würde sagen, daß auch eine Prinzessin nur -ein Wort zu vergeben habe und da sie einmal ihr Versprechen gegeben, so -müsse sie es auch halten. Aber da der Mann, mit dem ich spreche, der -klügste Mensch in der ganzen Welt ist, so bin ich sicher, daß er -Vernunft annehmen wird. Als ich nichts weiter war wie ein Dummkopf, -hatte ich mich trotzdem, wie Sie wissen, nicht entschließen können, Sie -zu heiraten. Wie können Sie von mir erwarten, daß ich heute, wo ich -infolge des von Ihnen erhaltenen Verstandes so viel anspruchsvoller bin, -einen Entschluß fassen soll, zu dem ich mich damals nicht aufraffen -konnte? Wenn Sie also darauf ausgingen, mich zu heiraten, dann war es -eine große Ungeschicklichkeit von Ihnen, mir meine Dummheit zu nehmen -und mich klarer sehen zu lassen als früher!« - -Riquet mit der Locke gab zur Antwort: »Wenn Sie es einem geistlosen -Menschen, wie Sie eben sagten, nicht verübeln würden, Ihnen die -Nichterfüllung Ihres Wortes vorzuwerfen, warum wollen Sie denn, mein -Fräulein, daß ich nicht ebenso verfahre, wo es sich doch um mein ganzes -Lebensglück handelt? Ist es vernünftig, daß Menschen mit Verstand -schlechter daran sind als Menschen ohne Verstand? Wollen Sie das -wirklich behaupten, Sie, die Sie jetzt so viel Verstand besitzen und -sich so sehr danach gesehnt haben? Aber kommen wir zur Sache, wenn es -Ihnen beliebt! Abgesehen von meiner Häßlichkeit -- gibt es da noch -irgend etwas an mir, was Ihnen mißfällt? Nehmen Sie vielleicht Anstoß an -meiner Abstammung, an meinem Verstande, an meiner Gemütsart, an meinen -Manieren?« - -»Ganz und gar nicht!« antwortete die Prinzessin, »alles, was Sie eben -anführten, schätze ich an Ihnen.« - -»Wenn dem so ist,« fuhr Riquet mit der Locke fort, »so werde ich -doch noch glücklich werden, denn Sie haben die Macht, mich zum -liebenswertesten aller Menschen zu machen!« - -»Auf welche Weise?« fragte die Prinzessin. - -»Es ist einfach! Wenn Sie mich nur genug lieben, um zu wünschen, daß es -so sein möchte! Kurz, mein Fräulein, damit Sie nicht länger im Zweifel -sind, so hören Sie: Dieselbe Fee, die mir am Tage meiner Geburt die Gabe -verlieh, den Menschen, der mir gefällt, klug zu machen, gab Ihnen die -Gabe, den Mann schön zu machen, den Sie lieben, und an dem Sie diese -Gunst betätigen wollen!« - -»Wenn es sich so verhält,« sagte die Prinzessin, »so wünsche ich von -ganzem Herzen, daß Sie der schönste und liebenswürdigste Prinz der Welt -werden sollen, und ich verleihe Ihnen von diesen Eigenschaften ebenso -viel, wie ich selbst besitze!« - -Kaum hatte die Prinzessin diese Worte gesprochen, als Riquet mit der -Locke sich in ihren Augen in den schönsten Mann der Welt verwandelte, -den bestgestalteten und liebenswürdigsten, den sie je gesehen hatte. - -Einige Leute behaupten, es wären nicht die Zauberkünste der Fee gewesen, -die da am Werke waren: die Liebe allein habe diese Wandlung vollbracht. -Sie sagen, als sich die Prinzessin der Beharrlichkeit ihres Bewerbers, -seiner Verschwiegenheit und aller seiner guten Herzens- und -Verstandesgaben bewußt geworden wäre, habe sie keinen Blick mehr für -seinen mißgestalteten Körper und sein häßliches Gesicht gehabt. Sein -Buckel wäre ihr nur wie krumme Haltung vorgekommen, und in dem -schrecklichen Hinken, das sie früher an ihm wahrgenommen hatte, habe sie -jetzt nur eine gewisse reizvolle Nachlässigkeit erblickt. Es heißt -weiter, daß ihr sogar seine schielenden Augen als außerordentlich -strahlend vorgekommen wären, und ihre Unregelmäßigkeit nahm in ihrer -Vorstellung den Charakter gewaltiger Liebesleidenschaft an; endlich -hatte auch seine dicke, rote Nase für sie etwas Kriegerisches und -Heldenhaftes. - -Wie dem auch sei, die Prinzessin versprach ihm, auf der Stelle ihn zu -heiraten, vorausgesetzt, daß er dazu die Einwilligung ihres königlichen -Vaters erhalte. - -Als der König erfuhr, wie sehr seine Tochter den Prinzen Riquet mit der -Locke schätzte, den er übrigens als einen sehr vernünftigen und weisen -Menschen kannte, nahm er ihn mit Vergnügen als seinen Eidam an. - -Schon am nächsten Tag wurde die Hochzeit gefeiert, wie Riquet mit der -Locke es vorausgesehen hatte, und zwar nach den Anordnungen, die er -schon lange vorher dafür getroffen hatte. - - - Moral: - - Nicht Dichtung ist's, was Ihr gehört: - Das Leben selbst Euch hier belehrt, - Daß schön und klug ist jedermann, - Den eins von Herzen lieben kann. - - - - -Jungfer Eselshaut - - -Es war einmal ein König, der war so mächtig, von seinem Volke so -geliebt, von allen seinen Nachbarn und Freunden so geehrt, daß man ihn -den glücklichsten aller Herrscher nennen konnte. Noch größer wurde sein -Glück, als er sich eine Prinzessin zur Braut erwählte, die ebenso schön -wie tugendhaft war. In ihrer treuen Ehe wurde ihnen ein Töchterchen -geschenkt, welches so schön und so anmutig war, daß sie niemals -bedauerten, nur dieses eine Kind zu haben. - -Pracht, Reichtum und Geschmack herrschten in ihrem Palaste. Die Minister -waren weise und geschickt, die Höflinge tugendhaft und anhänglich, die -Diener treu und fleißig. Die schönsten Pferde standen reich gezäumt in -den geräumigen Ställen. Aber was die Fremden, die die schönen Ställe -besuchten, am meisten in Erstaunen setzte, das war ein alter Esel, der -an einem besonderen Ehrenplatze im Stalle seine langen, großen Ohren -ausstreckte. Der König hatte ihm diesen bevorzugten Platz nicht etwa aus -irgendeiner Laune angewiesen, -- er hatte vielmehr einen guten Grund -dazu. Denn dieses seltene Tier verdiente eine solche Bevorzugung; es -hatte nämlich die sonderbare Eigenschaft, daß seine Streu jeden Morgen -nicht etwa beschmutzt, sondern in verschwenderischer Fülle mit schönen -Goldtalern und Dukaten aller Art bedeckt war, die man nur aufzusammeln -brauchte. - -Da die Sonne des Lebens ihre Schatten nicht nur auf die Untertanen, -sondern auch auf die Könige wirft, und da Gutes und Schlechtes stets -beieinander wohnen, so wollte es der Himmel, daß die Königin plötzlich -von einer schweren Krankheit befallen wurde, gegen die man trotz aller -ärztlichen Wissenschaft und Geschicklichkeit kein Heilmittel fand. Alle -waren untröstlich. - -Der König, der trotz jenes berühmten Sprichwortes, welches die Ehe das -Grab der Liebe nennt, immer noch seine Gattin in Zärtlichkeit verehrte, -wußte nicht, was er in seinem Kummer tun sollte. Allen Kirchen seines -Reiches machte er heilige Gelübde; er wollte dem Himmel sein eigenes -Leben opfern, um das seiner geliebten Gemahlin zu retten. Aber er rief -vergeblich Gott und die Feen an. - -Als die Königin ihr letztes Stündchen nahen fühlte, sagte sie zu ihrem -weinenden Gemahl: - -»Verzeiht, wenn ich vor meinem Tode eines von Euch fordere: Solltet ihr -jemals das Verlangen haben, Euch wieder zu verheiraten ...« Bei diesen -Worten schluchzte der König gar jammervoll, faßte die Hand seiner Frau, -versicherte mit Tränen in den Augen, daß es überflüssig sei, ihm von -einer zweiten Ehe zu sprechen. - -»Nein, nein, teuerste Königin, sagte er endlich, sprecht lieber davon, -wie ich Euch folgen soll!« - -Darauf entgegnete die Königin mit einer Entschlossenheit, die den -Schmerz ihres Mannes nur noch vermehrte: - -»Der Staat, der auf eine richtige Thronfolge bedacht sein muß, hat ein -Recht, von Euch Söhne zu verlangen, die Euch gleichen. Trotzdem ich Euch -nur eine Tochter geschenkt habe, bitte ich Euch inständig bei aller -Liebe, die Ihr für mich hegt: gebt dem Verlangen Eures Volkes erst dann -nach, wenn Ihr eine Prinzessin gefunden habt, die schöner ist, als ich -gewesen bin. Schwört mir dies, dann will ich ruhig sterben.« - -Man könnte meinen, die Königin, die nicht ganz ohne Eifersucht war, habe -diesen Schwur gefordert, um sicher zu sein, daß der König keine zweite -Ehe schließen würde. Glaubte sie doch bestimmt, daß es auf der ganzen -Welt keine Frau gäbe, die ihr gleich käme. - -So starb sie denn. Niemals hatte ein Gatte größere Trauer gezeigt: -Weinen und Schluchzen bei Tag und bei Nacht, diese armseligen Rechte der -Verlassenheit waren seine einzige Beschäftigung. Aber auch der größte -Schmerz dauert nicht ewig. - -Es versammelten sich die Großen des Staates und kamen mit der -gemeinsamen Bitte zum König, er solle sich wieder verheiraten. Ihr -Vorschlag schien ihm grausam und ließ ihn neue Tränen vergießen. Er -berief sich auf den Eid, den er der Königin geschworen und gab allen -seinen Räten den Auftrag, erst einmal eine Prinzessin zu suchen, die -schöner sei, als seine Frau es gewesen. Er war aber überzeugt, daß sie -diese niemals finden würden. - -[Illustration] - -Dem hohen Rate kam das Gelübde des Königs lächerlich vor, und er -erklärte, Schönheit sei eine Nebensache; das Staatsinteresse verlange -eine tugendhafte Königin, die Mutter werde; der Staat brauche für seine -Ruhe und seinen Frieden Prinzen. Die Prinzessin habe zwar alle -Eigenschaften, die eine große Königin zieren, aber man müsse ihr einen -Fremden zum Gemahl erwählen. Dieser Fremde würde sie entweder in seine -Heimat führen, oder wenn er neben ihr im Lande herrsche, so würden seine -Kinder immer fremdblütig bleiben. Das wäre eine Gefahr, da die -Nachbarvölker eines Königreiches, das keinen Thronfolger habe, Krieg -beginnen und den Untergang des Landes herbeiführen könnten. - -Betroffen von solchen Erwägungen versprach der König, ihrem Rate zu -folgen und begann, unter den heiratsfähigen Prinzessinnen Umschau zu -halten, ob eine unter ihnen wäre, die ihm gefallen könnte. Jeden Tag -brachte man ihm die reizendsten Bilder. Aber keines zeigte die Anmut der -verstorbenen Königin, und so konnte er sich für keine entscheiden. - -Obwohl er sonst von gutem Verstande war, kam er unglücklicher Weise auf -den tollen Einfall, seine Tochter, die Prinzessin, zur Frau zu nehmen. -Da sie ihre königliche Mutter, an Geist und Anmut bei weitem übertraf, -so glaubte er, sie allein könne ihn von seinem Eide erlösen. - -In ihrer Tugendhaftigkeit und Scham wäre die Prinzessin bei diesem -entsetzlichen Vorschlag fast in Ohnmacht gefallen. Sie warf sich ihrem -königlichen Vater zu Füßen und beschwor ihn mit der ganzen Leidenschaft -ihrer Seele, sie nicht zu einem solchen Verbrechen zu zwingen. - -Der König aber hatte sich nun einmal diesen Wahnsinn in den Kopf gesetzt -und fragte, um das Gewissen der Prinzessin zu beruhigen, eine alte -Zauberin um ihren Rat. Dieses alte Weib, das ebenso gottlos wie -ehrgeizig war, opferte das Glück der unschuldigen und tugendhaften -Prinzessin der Ehre, die Vertraute eines mächtigen Herrschers zu sein. -Sie schmeichelte sich so sehr in das Herz des Königs ein, schilderte ihm -das Verbrechen, das er begehen wollte, in so schönen Farben, daß er der -festen Überzeugung war, es sei ein Gott wohlgefälliges Werk, die Tochter -zu heiraten. - -Ganz im Banne dieser Worte umarmte der König die Zauberin und bestand -nach seiner Rückkehr mehr als zuvor auf seinem Plan; er gab daher der -Prinzessin den Befehl, sie solle sich bereit halten, ihm zu gehorchen. - -In ihrem schmerzlichen Unglück dachte die Prinzessin nach, wie sie die -Lila-Fee, ihre Patin, finden könne. In einem kleinen Wagen, der mit -einem Hammel bespannt war, welcher Weg und Steg kannte, fuhr sie noch in -derselben Nacht davon. So kam sie glücklich an ihr Ziel. - -[Illustration] - -Die Fee, welche die Prinzessin liebte, sagte, sie wisse schon alles, was -sie bekümmere, doch brauche sie sich keine Sorge zu machen. Nichts würde -ihr schaden, wenn sie sich nur treu an die Vorschriften halte, die sie -ihr geben würde. - -»Es wäre freilich ein großes Vergehen, wenn Du Deinen Vater heiraten -wolltest, mein liebes Kind!« sagte die Fee, »aber ohne ihm zu -widersprechen, kannst Du seinen Absichten doch aus dem Wege gehen. Sage -ihm, er solle Dir einen Wunsch erfüllen: er solle Dir ein Kleid schenken -von der Farbe des Wetters. Wie groß auch seine Macht ist, das wird er -nicht können.« - -Die Prinzessin dankte ihrer Patin von Herzen und schon am anderen Morgen -sagte sie zum Könige, ihrem Vater, das, was ihr die Fee geraten hatte, -und erklärte feierlich, sie würde ihre Einwilligung erst dann geben, -wenn sie das Kleid von der Farbe des Wetters bekäme. - -Erfreut über die Hoffnung, die sie in ihm erweckte, berief der König die -berühmtesten Schneider und befahl ihnen, das gewünschte Kleid zu machen, -und drohte ihnen, daß er sie alle hängen lassen würde, wenn sie es nicht -fertig bekämen. Doch dieses Äußerste blieb ihm erspart: schon am zweiten -Tage brachten sie das so heiß begehrte Gewand herbei. Der Himmel selbst -hatte kein schöneres Blau, wenn er umkränzt ist mit goldenen Wölklein, -als dieses wunderschöne Gewand, wie es da ausgebreitet lag. - -Die Prinzessin war ganz untröstlich und wußte sich keinen Rat. Der König -drängte zur Heirat. So blieb ihr nichts übrig, als ein zweites Mal die -Patin aufzusuchen. Erstaunt, daß ihre List nicht geglückt war, riet ihr -die Fee, sie solle es noch einmal versuchen, aber dieses Mal ein Kleid -von der Farbe des Mondes verlangen. Da der König ihr nichts abschlagen -konnte, rief er wieder die besten Schneider herbei und gab ihnen ein -Kleid von der Farbe des Mondes in Auftrag. So rasch sollten sie es -machen, daß zwischen Auftrag und Lieferung nur vierundzwanzig Stunden -lagen. In großer Angst saß die Prinzessin bei ihren Frauen und bei ihrer -Amme und war mehr entzückt über das neue herrliche Gewand, als über die -Absicht ihres königlichen Vaters. - -[Illustration] - -Die Lila-Fee, die das alles wußte, kam der bedrängten Prinzessin zu -Hilfe und sprach zu ihr: - -»Ich müßte mich sehr täuschen, wenn wir es nicht doch noch fertig -brächten, Deinem königlichen Vater die Lust zur Heirat zu nehmen. -Verlange jetzt ein Kleid von der Farbe der Sonne! Ein solches zu -beschaffen ist ein Ding der Unmöglichkeit. Auf jeden Fall gewinnen wir -aber Zeit.« - -Die Prinzessin war damit einverstanden und verlangte das Kleid von der -Farbe der Sonne. Da gab der verliebte König ohne Bedenken alle Diamanten -und Rubinen seiner Krone her, um ihr zu diesem herrlichen Gewande zu -verhelfen und er befahl, mit nichts zu sparen, um das Kleid der Sonne -gleich zu machen. - -Als es dann geliefert wurde, mußten alle, die es sahen, die Augen -schließen, so wurde man geblendet. Aus jener Zeit stammen die grünen -Brillen und die schwarzen Augengläser. - -Aber wie erschrak die Prinzessin bei diesem Anblick! Noch nie hatte man -ein so schönes und so herrlich gearbeitetes Kleid gesehen. Sie war ganz -verwirrt und zog sich unter dem Vorwand, Augenschmerzen zu haben, auf -ihr Zimmer zurück, wo sie die Fee erwartete. Das war eine schlimme -Sache. Wie diese das sonnenfarbene Kleid sah, war sie so beschämt, wie -man es nicht sagen kann; sie wurde rot vor Zorn und sagte zur -Prinzessin: - -»Nunmehr müssen wir die schmachvolle Liebe Deines Vaters auf eine -schwere Probe stellen. Wenn er auch noch so sehr nach dieser Heirat -strebt, so glaube ich doch, daß er einen kleinen Schrecken über die -Bitte bekommen wird, zu der ich Dir jetzt rate. Ich meine die Haut des -Esels, den er so sehr liebt und der ihm die Mittel zu seinen -verschwenderischen Ausgaben verschafft. Gehe hin und bitte ihn um die -Haut des Esels.« - -Froh über dieses Mittel der verabscheuten Heirat zu entgehen und -überzeugt, daß ihr Vater sich niemals dazu entschließen würde, des Esels -Haut zu opfern, ging die Prinzessin zum Könige und verlangte von ihm die -Haut des schönen Tieres. Der König war bestürzt über diesen Einfall -seiner Tochter, aber er zögerte nicht, ihm zu genügen. Der arme Esel -wurde geschlachtet und die Haut feierlich der Prinzessin überbracht. Nun -sah sie kein Mittel mehr, ihrem Unglück zu entgehen und war in -Verzweiflung. - -[Illustration] - -Ihre Patin eilte herbei und als sie sah, wie sich die Prinzessin ihr -Haar raufte und ihre zarten Wangen zerfleischte, sprach sie: - -»Was tust Du da, mein Kind! Es ist doch der glücklichste Augenblick -Deines Lebens! Hülle Dich in diese Haut, verlasse den Palast und gehe so -weit, wie Dich die Erde trägt, denn wer alles seiner Tugend opfert, den -werden die Götter belohnen. Mache Dich auf, ich werde Sorge tragen, daß -Dir Deine Kleider überall folgen, wohin Du auch gehst. Der Kasten mit -Deinem Schmuck und Deinen Gewändern wird auf unterirdischem Wege Dich -begleiten. Hier gebe ich Dir meinen Zauberstab, klopfe damit auf die -Erde, wenn Du Deinen Kasten brauchst, und er wird Dir sofort erscheinen. -Doch Du mußt eilen und darfst jetzt nicht mehr zögern!« - -Die Prinzessin bat ihre Patin unter tausend Küssen, sie niemals zu -verlassen; dann befleckte sie die Eselshaut mit Straßenschmutz, hüllte -sich hinein und verließ unerkannt den Palast. - -Das Verschwinden der Prinzessin brachte alle in die größte Aufregung. -Der König, der gerade ein prächtiges Fest vorbereitete, war untröstlich -in seiner Verzweiflung. Er schickte mehr als hundert Gendarmen und ganze -Regimenter Soldaten aus, um seine Tochter zu suchen. Aber die Fee nahm -sie in ihren Schutz, machte sie unsichtbar und entzog sie den -geschicktesten Verfolgern. So mußte der König sich mit ihrem Verluste -abfinden. - -Die Prinzessin aber wanderte ihres Weges. Sie ging weit, weit und immer -weiter und suchte überall nach einer Stellung. Aus Mitleid gab man ihr -zu essen; aber jedermann fand sie zu häßlich, um sie in seinen Dienst zu -nehmen. - -Endlich kam sie an eine schöne Stadt, vor deren Toren eine Meierei lag. -Die Pächterin dieser Meierei brauchte eine Magd, um die Wäsche zu -waschen und um den Hühnerhof und den Schweinestall zu fegen. Wie nun die -Frau die schmutzige Wanderin sah, schlug sie ihr vor, in ihren Dienst zu -treten. Mit großer Freude war die Prinzessin damit einverstanden, denn -sie war müde von dem langen Wege. - -Als Wohnung wies man ihr einen Verschlag an, der weit von der Küche -entfernt lag. Die andern Bedienten trieben in den ersten Tagen grobe -Späße mit ihr, weil sie in ihrer Eselshaut so schmutzig und abstoßend -war. Aber bald gewöhnte man sich an sie; und da sie ihre Pflichten sehr -gewissenhaft erfüllte, nahm sich die Pächterin ihrer an. - -Die Prinzessin ließ die Schafe aus dem Stall und führte sie auf die -Weide. Auch die Truthühner hütete sie mit so viel Verständnis, daß es -schien, als habe sie niemals etwas anderes getan. Alles gedieh unter -ihren zarten Händen. - -Eines Tages saß sie wieder an der klaren Quelle, wo sie oft über ihr -trauriges Los weinte. Da kam sie auf den Gedanken, sich im Spiegel des -Wassers zu betrachten, und sie erschrak über die gräßliche Eselshaut, -die ihren Kopf und Körper umhüllte. Beschämt über ihr Aussehen, wusch -sie sich Gesicht und Hände, bis sie weiß waren wie Elfenbein und bis -ihre zarte Haut wieder so frisch war wie früher. Erfreut über ihre -Schönheit bekam sie Lust zu einem Bade. Aber dann mußte sie wieder in -ihre unwürdige Haut schlüpfen, um nach der Meierei zurückzukehren. - -Glücklicherweise war der nächste Tag ein Sonntag, und für sie ein Tag -der Muße. Sie ließ ihren Kasten erscheinen, brachte ihre Kleider in -Ordnung, puderte ihr schönes Haar und zog das wunderbare wetterfarbene -Kleid an. Aber ihre Kammer war so klein, daß die Schleppe des herrlichen -Gewandes keinen Platz darin hatte. Die schöne Prinzessin betrachtete -sich im Spiegel und war über ihre Schönheit so erfreut, daß sie sich -vornahm, an Sonn- und Festtagen der Reihe nach alle ihre schönen -Gewänder anzuziehen. - -Diesen Plan führte sie auch aus. Mit seltenem Geschmack steckte sie sich -Blumen und Diamanten in ihr schönes Haar, und oft seufzte sie, daß -niemand sie in solcher Schönheit sah außer ihren Schafen und -Truthühnern, die sie aber nicht weniger liebten in ihrer häßlichen -Eselshaut, wonach sie die Leute auf der Meierei »Jungfer Eselshaut« -getauft hatten. - -An einem Sonntage hatte die Prinzessin das sonnenfarbene Gewand -angezogen, als gerade der Sohn des Königs, dem die Meierei gehörte, dort -abgestiegen war, um sich auf der Heimkehr von der Jagd ein wenig -auszuruhen. - -[Illustration] - -Es war ein junger und schöner Prinz, geliebt von seinem Vater und seiner -königlichen Mutter und verehrt von seinem ganzen Volke. Es wurde ihm ein -ländliches Mahl bereitet, welches er mit Dank annahm. Danach bekam er -Lust, sich die Geflügelhöfe anzusehen, und er durchstreifte sie bis in -die äußersten Winkel. - -Wie er sich so überall umsah, kam er in eine schattige Allee, an deren -Ende er eine verschlossene Tür fand. Neugierig sah er durchs -Schlüsselloch. Aber wie erschrak er, als er hier die wunderschön und -reich gekleidete Prinzessin sah. In seiner edlen und bescheidenen Art -hielt er sie für eine göttliche Erscheinung. Ohne die Ehrfurcht, die ihm -das bezaubernde Bild einflößte, hätte der Sturm der Gefühle, der ihn da -durchtobte, ihn sicherlich verführt, die Tür zu öffnen. - -Es wurde ihm schwer, die dunkle, schattige Allee zu verlassen. Er tat es -nur, um sich zu erkundigen, wer in der kleinen Kammer dort hause. Man -gab ihm zur Antwort, es sei eine Magd, man nenne sie nur »Jungfer -Eselshaut«, nach dem Kleide, das sie trage. Sie sei so schmutzig, daß -niemand sie ansähe und niemand mit ihr sprechen wolle. Aus Mitleid habe -man sie aufgenommen, damit sie die Schafe und die Truthühner hüte. - -Diese Antwort sagte dem Prinzen so gut wie gar nichts. Er sah ein, daß -die guten Leute von dem Geheimnis nichts wußten und er hielt es für -zwecklos, sie weiter auszufragen. - -So kehrte er über alle Maßen verliebt, in den Palast seines Vaters -zurück und behielt immer das herrliche Bild der göttlichen Erscheinung -vor Augen, das er durch das Schlüsselloch gesehen hatte. Nun reute es -ihn doch, daß er nicht angeklopft hatte, und er nahm sich vor, es beim -nächsten Male nicht zu versäumen. - -Aber der Sturm in seinem Blute, den die Liebe heraufbeschworen hatte, -warf ihn noch in derselben Nacht in ein so heftiges Fieber, daß er fast -gestorben wäre. Seine Mutter, die Königin, deren einziges Kind er war, -geriet in Verzweiflung darüber, daß alle Heilmittel versagten. Umsonst -versprach sie den Ärzten fürstlichen Lohn. Sie wandten alle Mittel an, -aber keines half dem Prinzen. - -Schließlich ahnten sie, daß ein schwerer Kummer die Ursache dieser -Krankheit war. Sie sagten es der Königin, und diese beschwor ihren Sohn -in ihrer zärtlichen Liebe, ihr doch die Ursache seines Leides zu nennen. -Wenn es sich etwa darum handle, ihm jetzt schon die Krone zu geben, so -würde sein Vater, der König, ohne Schwanken des Thrones entsagen und ihn -zum Könige machen. Sollte er aber irgendeine Prinzessin zur Frau -begehren, so würde man, um seinen Wunsch zu erfüllen, alle Rücksichten -opfern, selbst wenn man mit ihrem Vater im Kriege lebte oder auch andere -Gründe hätte, eine solche Verbindung zu bedauern. Nur beschwöre sie ihn, -am Leben zu bleiben, denn an seinem Leben hänge auch ihr Leben. - -Als die Königin diese zu Herzen gehenden Worte gesprochen hatte, wobei -sie das Antlitz des Prinzen mit Strömen von Tränen benetzte, sagte er zu -ihr mit erschöpfter Stimme: - -»Liebe Mutter, ich bin nicht der Unmensch, daß ich vom Vater die Krone -fordere; gäbe Gott, daß er noch viele Jahre lebe, und daß ich immer sein -treuester und ehrfurchtsvollster Untertan bliebe. Auch an eine -Prinzessin denke ich nicht und auch nicht an eine Heirat. Ihr dürft -überzeugt sein, daß ich hierin wie bisher mich immer Eurem Wunsche füge, -was es mich auch kosten mag.« - -»Ach liebster Sohn,« erwiderte die Königin, »um Dein Leben zu retten, -gäben wir gern alles hin, nur rette Du jetzt mein Leben und das Deines -königlichen Vaters und offenbare mir, was Du begehrst. Du darfst -versichert sein: es wird Dir gewährt.« - -»Nun liebe Mutter,« sagte der Prinz, »da ich Euch meine geheimsten -Wünsche offenbaren soll, so will ich Euch gehorchen, um nicht zwei mir -so teure Menschen in Gefahr zu bringen: Ich wünsche mir, daß Jungfer -Eselshaut mir einen Kuchen backen soll, und daß man ihn so schnell wie -möglich herbringt.« - -Höchst erstaunt über diesen seltsamen Namen, forschte die Königin, wer -Jungfer Eselshaut sei. Einer ihrer Offiziere, der sie zufällig gesehen -hatte, antwortete: »Es ist das häßlichste Geschöpf nach dem Wolf, ein -schmutziges Mädchen in einem schwarzen Stalle. Es haust in Eurer Meierei -und hütet dort die Truthühner.« - -»Und wenn es auch so ist,« sagte die Königin, »mein Sohn hat vielleicht -einmal auf der Heimkehr von der Jagd von ihrem Kuchen gegessen. Es ist -der Wunsch eines Fiebernden, kurz, ich will, daß Jungfer Eselshaut ihm -schnell einen Kuchen backe.« - -Man lief zur Meierei, holte Jungfer Eselshaut und trug ihr auf, für den -Prinzen den allerschönsten Kuchen zu backen. - -Einige Erzähler behaupten, Jungfer Eselshaut habe in dem Augenblick, als -der Prinz durch das Schlüsselloch sah, diesen bemerkt, und als sie dann -durch das Fensterlein ihrer Kammer den jungen, schönen Prinzen gesehen -habe, sei sein Bild in ihrem Herzen geblieben, und die Erinnerung an ihn -habe ihr manchen Seufzer gekostet. - -Wie dem auch sei, ob Jungfer Eselshaut ihn wirklich gesehen, oder ob sie -viel Rühmliches von ihm gehört, jedenfalls war sie hocherfreut, der -Verborgenheit ihres Daseins zu entfliehen, schloß sich in ihr Kämmerlein -ein, warf die Eselshaut ab, wusch sich Gesicht und Hände, kämmte ihr -blondes Haar, legte ein hübsches, silbernglänzendes Leibchen an, dazu -einen passenden Rock und machte sich daran, den Kuchen zu bereiten. Sie -nahm das feinste Mehl, viel Eier und frische Butter. Hierbei ließ sie -einen Ring, den sie am Finger trug, sei es Absicht, sei es Zufall, in -den Teig fallen und mischte ihn darunter. Als der Kuchen gebacken war, -hüllte sie sich wieder in ihre häßliche Haut und brachte das Gebäck dem -Offizier, bei dem sie sich nach des Prinzen Befinden erkundigte. Doch -dieser hielt es unter seiner Würde, ihr eine Antwort zu geben, und lief -davon, um dem Prinzen den Kuchen zu bringen. - -Hocherfreut griff der Prinz mit beiden Händen nach dem Kuchen und -verzehrte ihn mit solcher Hast, daß die anwesenden Ärzte nicht -verfehlten, diese Leidenschaft für ein bedenkliches Zeichen zu erklären. -In der Tat wäre der Prinz beinahe an dem Ring erstickt, aber er hielt -ihn noch rechtzeitig im Munde zurück. Sein Appetit verging ihm, als er -das kostbare Kleinod betrachtete. So zierlich war dieser Ring, daß alle -überzeugt waren, er könne nur dem schönsten Finger der Welt passen. - -Wohl tausendmal küßte der Prinz den Ring und verbarg ihn unter seinem -Hemd, um ihn jedesmal hervorzuziehen, wenn er sich unbeobachtet glaubte. -Er quälte sich in dem Gedanken, wie er zu der gelangen könne, die diesen -Ring getragen. Doch er wagte nicht zu hoffen, daß man ihm gestatten -würde, Jungfer Eselshaut kommen zu lassen, die ihm den Kuchen gebacken -hatte. Er wagte auch nicht davon zu sprechen, was er durch das -Schlüsselloch gesehen hatte, aus Furcht, man würde ihn auslachen und ihn -für einen Gespensterseher halten. Da alle diese Sorgen gleichzeitig auf -ihn einstürmten, nahm sein Fieber stark zu, und in ihrer Ratlosigkeit -erklärten die Ärzte der Königin, der Prinz sei krank aus Liebe. - -In Begleitung des Königs, der schier verzweifelte, stürzte die Königin -zu ihrem Sohn. - -»Mein Sohn, mein lieber Sohn,« rief der bekümmerte Herrscher aus, »nenne -uns das Mädchen, das Du begehrst und wäre es die niedrigste Magd, wir -schwören Dir, sie soll Deine Frau werden.« - -Unter vielen Küssen bekräftigte die Königin den Schwur ihres Gatten. - -»Lieber Vater und liebe Mutter,« sagte da der Prinz, »ich denke gar -nicht daran, eine Ehe zu schließen, die Euch mißfallen könnte. Um Euch -das zu beweisen, werde ich das Mädchen heiraten, dem dieser Ring gehört, -wer sie auch sein mag. Aber wer einen so schönen Finger hat, daß ihm -dieser Ring paßt, der dürfte allem Anschein nach kaum von geringer oder -bäuerischer Herkunft sein.« - -Bei diesen Worten zog er das Kleinod unter seinem Hemd hervor. Der König -und die Königin nahmen den Ring, prüften ihn neugierig und stimmten dem -Urteil ihres Sohnes zu, daß er nur einem jungen Mädchen von edler -Herkunft gehören könne. Der König umarmte seinen Sohn und beschwor ihn, -gesund zu werden und dann ging er hinaus, um die Trommler, Pfeifer und -Trompeter durch die ganze Stadt zu schicken und durch seine Herolde -bekanntzumachen, daß alle Mädchen in den Palast kommen sollten, um einen -Ring zu probieren, und das Mädchen, dem er zu eigen gehöre, die Frau des -Prinzen werde. - -Zuerst kamen die Prinzessinnen, dann die Herzoginnen, die Marquisen und -Baroninnen. Aber sie zeigten umsonst ihre Finger vor: keiner von ihnen -paßte der Ring. Schließlich ließ man die Bürgermädchen kommen, aber auch -diese hatten alle, so hübsch sie auch waren, viel zu dicke Finger. Da es -dem Prinzen besser ging, stellte er die Versuche selbst an. Endlich -kamen auch die Kammermädchen an die Reihe, aber auch sie schnitten nicht -besser ab. Nun gab es kein Mädchen mehr, an dem der Ring nicht probiert -worden wäre. Dann ließ der Prinz die Köchinnen und Hirtinnen kommen: all -das Pack führte man herbei, aber ihre dicken, roten und kurzen Finger -gingen erst recht nicht durch den Ring. - -»Hat man schon Jungfer Eselshaut kommen lassen, die mir neulich den -Kuchen backte?« fragte der Prinz. - -Da fingen sie alle an zu lachen, und man erklärte ihm: »Die ist doch -viel zu häßlich und zu schmutzig.« - -»Man hole sie sofort,« sagte der König, »es soll nicht heißen, ich hätte -irgend jemanden ausgeschlossen.« - -Mit Spott und Hohn liefen sie fort, die Magd zu holen. - -Als Jungfer Eselshaut die Trommler gehört hatte und den Ruf der Herolde, -war sie sehr im Zweifel, ob ihr Ring wirklich all den Lärm verursache. -Sie liebte den Prinzen, und da die wahre Liebe immer furchtsam ist und -nicht stolz, so fürchtete sie, daß es doch eine Dame geben könne, die -denselben kleinen Finger habe, wie sie. Jetzt aber hatte sie große -Freude, als man an ihre Tür klopfte und sie rief. - -Seitdem sie wußte, daß man nach dem kleinen Finger suche, zu dem der -Ring passe, hatte sie eine unbestimmte Hoffnung auf den Gedanken -gebracht, ihre Haare noch schöner zu kämmen als sonst, ihr schönes, -silbernes Leibchen anzulegen und dazu den Rock, der mit vielen Falten, -silbernen Spitzen und Edelsteinen besetzt war. - -Wie sie nun an ihre Tür klopfen und nach ihr rufen hörte, sie solle zum -Prinzen kommen, da warf sie rasch ihre Eselshaut über und öffnete. - -Spöttisch erklärten ihr die Leute, der König schicke nach ihr, damit sie -seinen Sohn heirate. Dann führten sie Jungfer Eselshaut unter -Hohngelächter zum Prinzen. - -Als dieser das Mädchen in ihrem sonderbaren Aufputz sah, war er nicht -wenig betroffen und hielt es für unmöglich, daß es dieselbe sei, die er -so stolz und schön gesehen hatte. Traurig und verwirrt, daß er sich so -schwer getäuscht, fragte er sie: - -»Wohnst Du dort unten in der dunklen Allee, im dritten Geflügelhof der -Meierei?« - -»Ja, Herr«, antwortete sie. - -Zitternd und mit einem tiefen Seufzer sagte er. »Zeige mir Deine Hand!« - -Wer war da am meisten überrascht? Das waren der König und die Königin, -ebenso der Kammerherr und die anderen Höflinge. Aus der schwarzen, -beschmutzten Haut hervor kam eine feine, weiße, rosenfarbene Hand, und -mühelos ließ sich der Ring an den kleinsten und schönsten Finger der -Welt streifen. Dann schüttelte sich die Prinzessin und die Eselshaut -fiel von ihr ab. Nun stand sie da, so bezaubernd in ihrer Schönheit, daß -der Prinz, schwach wie er war, vor ihr niederfiel und sie mit einer -Leidenschaft in seine Arme schloß, die sie erröten machte. Aber man -achtete kaum darauf, denn auch der König und die Königin umarmten sie in -einem fort und fragten sie, ob sie ihren Sohn zum Gemahl nehmen wolle. -Die Prinzessin war ganz verwirrt von so viel Zärtlichkeit und Liebe, die -ihr der schöne, junge Prinz bezeigte und wollte sich eben dafür -bedanken, als sich die Decke des Saales auftat und die Lila-Fee in einem -Wagen aus Zweigen und Blumen ihres Namens herabschwebte, und mit -unendlicher Anmut das Schicksal der Prinzessin erzählte. In ihrer Freude -darüber, daß Jungfer Eselshaut eine so vornehme Prinzessin war, -verdoppelten der König und die Königin ihre Zärtlichkeit. Aber noch -größer war die Freude des Prinzen über die Tugendhaftigkeit der -Prinzessin und seine Liebe zu ihr wuchs noch mehr durch die Erzählung -der Fee. - -Die Ungeduld des Prinzen, seine Braut heimzuführen, war so groß, daß er -sich kaum Zeit ließ, um die Feier würdig vorzubereiten. Ganz verliebt in -ihre schöne Schwiegertochter, erwiesen ihr der König und die Königin -Zärtlichkeiten über Zärtlichkeiten und ließen sie nicht aus ihrem Arm. -Da die Prinzessin erklärt hatte, sie könne des Prinzen Frau nicht -werden, ohne das Einverständnis des königlichen Vaters, wurde zunächst -an diesen eine Einladung geschickt, ohne ihm dabei zu verraten, wer die -Braut sei. Dies geschah auf Wunsch der Lila-Fee, die alles zum Guten -lenkte. - -[Illustration] - -Aus allen Ländern kamen die Könige herbei, die einen in Sänften, die -anderen in Wagen, die weiter wohnenden kamen auf Elefanten daher -geritten, auf Tigern und Adlern, aber der allerprächtigste und -allermächtigste war der Vater der Prinzessin, der gottlob seine -frevelhafte Liebe zu seiner Tochter überwunden und die sehr schöne Witwe -eines kinderlosen Königs geheiratet hatte. Die Prinzessin eilte auf ihn -zu. Da erkannte er sie und schloß sie mit großer Zärtlichkeit in die -Arme, noch ehe sie Zeit hatte, sich ihm zu Füßen zu werfen. Der König -und die Königin stellten ihm ihren Sohn vor, den er mit Beweisen seiner -Freundschaft überhäufte. Nun wurde die Hochzeit mit aller nur denkbaren -Pracht gefeiert. Die jungen Gatten aber hatten kein Auge für diese -Herrlichkeiten, der eine sah nichts als nur den anderen. - -Noch an demselben Tage ließ der Vater seinen Sohn zum König krönen und -setzte ihn mit feierlichem Handkuß auf den Thron; wie sehr er sich auch -dagegen wehrte, er mußte dem Willen des Vaters gehorchen. Fast drei -Monate dauerten die Festlichkeiten, aber die Liebe der beiden Gatten -würde noch heute dauern, wenn sie nicht hundert Jahre später gestorben -wären. - - - Moral: - - Dies Märchen klingt so wunderbar, - Daß viele glauben, es wär' nicht wahr. - Doch bleibt Jungfer Eselshaut immer beliebt, - So lang es Großmütter und kleine Kinder gibt. - - - - -Dornröschen - - -Es war einmal ein König und eine Königin, die waren traurig, daß sie -keine Kinder hatten, so traurig, wie man es nicht sagen kann. Sie -reisten in alle Bäder der Welt, legten Gelübde ab, machten Wallfahrten. -Nichts wollte helfen. Aber schließlich wurde die Königin dennoch -schwanger und gebar ein Mädchen. - -Man feierte eine schöne Taufe und lud zu Patinnen für die kleine -Prinzessin alle Feen, die man im Lande finden konnte; es waren deren -sieben. Jede sollte ihr ein Geschenk machen, wie es damals Brauch bei -den Feen war, damit so die Prinzessin alle nur denkbaren Vorzüge -erhielte. - -Nach der Tauffeierlichkeit kehrte die ganze Gesellschaft in den Palast -des Königs zurück, wo ein großes Fest für die Feen gegeben wurde. Man -legte vor jede ein herrliches Gedeck mit einem goldenen Besteck: Löffel, -Gabel und Messer von feinstem Gold, verziert mit Diamanten und Rubinen. -Aber als man sich zu Tisch setzen wollte, trat plötzlich eine alte Fee -ein, die man nicht eingeladen hatte, da sie seit mehr als fünfzig Jahren -nicht aus ihrem Turm herausgekommen war; man hatte sie für tot oder für -verzaubert gehalten. - -Der König befahl, auch ihr ein Gedeck zu reichen; aber es war kein echt -goldenes mehr da. Man hatte für die sieben Feen nur sieben machen -lassen. Die Alte fühlt sich beleidigt und murmelte leise drohende Worte. - -Eine der jungen Feen, welche in ihrer Nähe saß, hörte es, und ahnte, daß -sie der kleinen Prinzessin ein unheilvolles Geschenk machen würde. Als -man nun von der Tafel aufstand, verbarg sie sich hinter einem Vorhang, -damit sie als letzte sprechen könne, um so das Unheil, das jene -anrichten würde, nach Kräften wieder gut zu machen. - -Indessen begannen die Feen, der Prinzessin ihre Gaben darzubringen. Die -jüngste wünschte ihr die größte Schönheit von der Welt, die zweite die -Klugheit eines Engels, die dritte eine wundervolle Anmut, die vierte -Zierlichkeit im Tanz, die fünfte den Gesang der Nachtigall und die -sechste Kunstfertigkeit in der Musik. - -Als die Reihe an die alte Fee kam, sagte sie, wobei sie mehr aus Wut als -wegen ihrer Altersschwäche mit dem Kopfe wackelte, die Prinzessin werde -sich mit einer Spindel in die Hand stechen und daran sterben. Dieser -schreckliche Spruch ließ alle erschaudern, und es gab in der ganzen -Gesellschaft niemanden, der nicht hätte weinen müssen. - -In diesem Augenblick trat die junge Fee hinter dem Vorhange hervor und -sprach mit lauter Stimme: - -»Beruhigt Euch, König und Königin, Eure Tochter soll nicht sterben; ich -habe zwar nicht genug Macht, um alles wieder gut zu machen, was die Alte -angerichtet hat: die Prinzessin wird sich mit einer Spindel in die Hand -stechen, aber anstatt des Todes wird sie in einen tiefen Schlaf fallen, -der hundert Jahre dauert. Dann wird der Königssohn kommen und sie -erwecken.« - -Um das durch die Alte angekündigte Unheil abzuwenden, erließ der König -alsbald ein Gesetz, das bei Todesstrafe verbot, mit Spindeln zu spinnen, -ja überhaupt sie zu besitzen. -- - -Fünfzehn oder sechzehn Jahre später waren der König und die Königin -einmal auf eines ihrer Lustschlösser hinaus gefahren. Da geschah es, daß -die junge Prinzessin, als sie durch den Palast lief und von Zimmer zu -Zimmer sprang, hinauf in ein kleines Turmstübchen kam, in dem eine alte -Frau ganz allein saß und ihren Rocken spann. Diese gute Frau hatte von -dem Verbote des Königs, mit Spindeln zu spinnen, noch nie etwas gehört. - -»Was macht Ihr da, liebe Frau?« sagte die Prinzessin. - -»Ich spinne, mein gutes Kind«, antwortete die Alte, die aber die -Prinzessin nicht kannte. - -»Wie hübsch das ist,« sprach die Prinzessin, »wie macht Ihr das? Gebt es -mir, ich möchte sehen, ob ich es auch so gut kann.« - -Kaum hatte sie die Spindel ergriffen, da stach sie sich in ihrer -lebhaften Unbesonnenheit gerade so, wie es nach dem Spruch der Fee -geschehen mußte, in die Hand und fiel ohnmächtig zu Boden. - -Die gute Alte hielt sie in ihren Armen und rief um Hilfe: von allen -Seiten kam man herbei, man spritzte der Prinzessin Wasser ins Gesicht, -schnürte ihr Mieder auf, schlug ihr die Hände, rieb ihr die Schläfen mit -ungarischem Königin-Wasser: aber nichts rief sie zum Leben zurück. Der -König, der auf den Lärm hin herbeigeeilt war, erinnerte sich alsbald an -die Weissagungen der Feen und in dem Gedanken, daß es so kommen mußte, -wie die Feen es einmal gesagt hatten, ließ er die Prinzessin in das -schönste Gemach des Palastes bringen, in ein Bett, das mit Gold und -Silber bestickt war. - -Man hätte sie für ein Englein halten können, so schön war sie; die -Ohnmacht hatte ihr die Farben des Lebens nicht genommen, ihre Wangen -waren wie Rosen so rot und ihre Lippen wie Korallen; nur ihre Augen -waren geschlossen, aber man hörte sie leise atmen und daran sah man, daß -sie nicht gestorben war. Der König befahl, man solle sie in Ruhe -schlafen lassen, bis die Stunde ihrer Erweckung gekommen sei. - -Als der Prinzessin dieses Unglück zustieß, war die gute Fee, die ihr das -Leben gerettet und sie nur zu einem hundert Jahre langen Schlaf -verurteilt hatte, gerade in dem Reiche des Königs Mataquin, zwölftausend -Meilen weit weg; aber in einem Augenblicke wurde sie durch einen kleinen -Zwerg benachrichtigt, der Siebenmeilenstiefel hatte. Das waren Stiefel, -in denen man mit einem einzigen Schritt sieben Meilen zurücklegte. -Sofort reiste die Fee ab; und kaum war eine Stunde vergangen, da sah man -sie in einem von Drachen gezogenen feurigen Wagen daherkommen. - -Der König ging ihr entgegen, um ihr beim Aussteigen die Hand zu reichen. -Sie billigte alles, was er angeordnet hatte. Doch in ihrer weisen -Voraussicht dachte sie daran, wie sehr sich die Prinzessin ängstigen -müsse, wenn sie ganz allein in dem alten Schlosse aufwache, und sie tat -dieses: - -[Illustration] - -Mit ihrem Stabe berührte sie außer dem König und der Königin alles, was -in dem Schlosse war, die Haushälterinnen, die Ehrendamen, die -Kammerfrauen, die Edelleute, die Offiziere, die Haushofmeister, die -Köche und Küchenjungen, die Laufburschen, die Wächter und Türsteher, die -Pagen und Diener; sie berührte auch alle Pferde, die in den Ställen -standen und die Stallknechte, die großen Hofhunde und den kleinen Puff, -das Schoßhündchen der Prinzessin, das neben ihr auf dem Bette lag. Und -wie sie alle berührte, so schliefen alle ein, um nicht eher aufzuwachen -als ihre Herrin, und um jederzeit bereit zu sein, ihr zu dienen, wenn -sie ihrer bedürfe. Auch die Bratspieße, die voll Rebhühner und Fasanen -am Feuer steckten, schliefen ein, und sogar das Feuer selbst. Alles das -geschah in einem Augenblick, denn die Feen brauchen nicht lange zu ihrer -Arbeit. - -Der König und die Königin küßten noch einmal ihr geliebtes Kind, -ohne es dadurch aufzuwecken, verließen dann das Schloß und machten -bekannt, daß es verboten sei, sich dem Schlosse zu nähern. Doch dies -Verbot war nicht notwendig; denn es wuchsen in einer Viertelstunde um -den ganzen Park herum eine solche Menge von großen und kleinen Bäumen, -von Brombeerhecken und innig verschlungenem Dornengestrüpp, daß weder -Tier noch Mensch hindurch gekonnt hätte; nicht einmal mehr sehen konnte -man das Schloß außer den Spitzen der Türme, selbst nicht aus weiter -Ferne. Es bestand kein Zweifel, daß auch dies eine Tat der Fee war, -damit die Prinzessin während ihres Schlafes nichts von Neugierigen zu -befürchten habe. -- - -Als die hundert Jahre um waren, kam der Sohn des Königs, der damals -regierte, und der einer andern Familie als die schlafende Prinzessin -entstammte, auf der Jagd in diese Gegend und fragte, was für Türme es -seien, die er über dem dichten Walde erblicke. Jeder antwortete ihm so, -wie er gehört hatte: die einen sagten, es sei ein altes Schloß, in dem -die Geister spukten, die andern, daß alle Zauberer der Gegend dorthin -zum Sabbath kämen. Die Meinung der meisten aber war, es wohne dort ein -Menschenfresser und alle Kinder brächte er dorthin, die er erwischen -könne, um sie in Ruhe und sicher vor Verfolgern zu verzehren, da nur er -allein die Macht habe, sich einen Durchgang durch den Wald zu bahnen. - -Der Prinz wußte nicht, wem er Glauben schenken sollte, als ein alter -Bauer das Wort ergriff und sprach: - -»Mein Prinz, es ist mehr als fünfzig Jahre her, daß ich meinen Vater -erzählen hörte, es gäbe in dem Schlosse eine Prinzessin, schöner, als -man jemals eine sah. Hundert Jahre müsse sie schlafen, dann würde sie -erweckt von einem Prinzen, für den sie bestimmt sei.« - -Feuer und Flamme war der junge Prinz bei diesen Worten. Ohne zu -schwanken glaubte er, diesem schönen Abenteuer ein Ende bereiten zu -müssen, und von Liebe und Ehrgeiz getrieben, beschloß er, auf der Stelle -zu sehen, was daran Wahres sei. Kaum näherte er sich dem Walde, da -gingen alle die großen Bäume, die Brombeersträucher und Dornenhecken von -selbst auseinander und ließen ihn hindurch. Er näherte sich dem Schloß, -das er am Ende einer großen Allee erblickte, und ging hinein. Er war ein -wenig erstaunt, als er sah, daß niemand von seinen Leuten ihm hatte -folgen können, da der Wald sich wieder geschlossen hatte, nachdem er -hindurchgegangen. Aber er ließ sich nicht abhalten weiterzugehen, denn -ein junger Prinz, der liebt, ist immer tapfer. Er trat in einen großen -Vorhof, wo alles, was er zunächst erblickte, dazu angetan war, ihn zu -erschrecken. Es war eine furchterregende Stille; ein Bild des Todes bot -sich ihm. Ausgestreckt lagen die Leiber von Menschen und Tieren, die -gestorben schienen. Doch erkannte er sehr bald an der sinnigen Nase und -dem roten Gesicht der Türsteher, daß sie nur schliefen, und ihre Becher, -in denen sie noch ein paar Tropfen Wein hatten, zeigten ihm deutlich -genug, daß sie beim Trinken eingeschlafen waren. Er ging weiter durch -einen großen, marmorgepflasterten Hof, stieg eine Treppe hinauf und trat -in eine Wachtstube, wo die Soldaten mit Karabiner auf Schulter in Reih -und Glied standen und um die Wette schnarchten. Er durcheilte mehrere -Zimmer voller Edelleute und Damen, die alle schliefen, teils stehend, -teils sitzend. Dann trat er in ein goldenes Gemach und sah auf einem -Bette, dessen Vorhänge nach allen Seiten geöffnet waren, das schönste -Bild, das er jemals gesehen: eine Prinzessin von etwa fünfzehn oder -sechzehn Jahren, deren herrliche Schönheit in göttlichem Glanze -strahlte. - -[Illustration] - -Zitternd und voller Bewunderung näherte er sich ihr und fiel vor ihr -aufs Knie. In diesem Augenblick erwachte die Prinzessin: das Ende des -Zauberschlafes war gekommen. Sie sah ihn mit zärtlicheren Augen an, als -ein erster Blick es zu erlauben schien, und sprach: - -»Seid Ihr es, mein Prinz? Ihr ließet lange auf Euch warten.« - -Der Prinz war entzückt von diesen Worten und mehr noch von der Art, wie -sie gesprochen wurden. Er wußte nicht, wie er ihr seine Freude und -Dankbarkeit beweisen könne und versicherte, daß er sie mehr liebe als -sich selber. Seine Rede war schlecht gesetzt und gefiel deshalb um so -mehr; denn je geringer die Beredsamkeit, um so größer die Liebe. Er war -verlegener als sie, denn sie hatte ja lange Zeit gehabt, um darüber -nachzudenken, was sie ihm sagen würde. Man braucht sich darüber nicht zu -wundern, denn obwohl die Geschichte davon nichts erzählt, scheint es so, -als ob die gute Fee dafür gesorgt habe, daß sie sich während des langen -Schlafes an schönen Gedanken erfreuen könne. Vier Stunden lang -unterhielten sich die beiden miteinander und sie hatten sich noch nicht -die Hälfte von dem gesagt, was sie auf dem Herzen hatten. - -Indessen war mit der Prinzessin der ganze Palast aufgewacht. Ein jeder -versah wieder seinen Dienst; aber da nicht alle so verliebt waren, -hatten sie schrecklichen Hunger. Eine der Ehrendamen, die wie die andern -hungerte, wurde schließlich ungeduldig und rief laut der Prinzessin zu, -das Essen sei angerichtet. Der Prinz half der Prinzessin, als sie sich -erhob. Sie war mit einem herrlichen Gewande angetan; aber er hütete sich -wohl, ihr zu sagen, daß sie gekleidet sei wie eine Großmutter und einen -altmodischen Kragen umhabe: aber trotzdem war sie nicht weniger schön. - -Sie gingen in einen Spiegelsaal und speisten dort, von den Offizieren -der Prinzessin bedient. Die Geigen und Hoboen spielten alte Melodien, -die wunderschön klangen, obwohl man sie seit hundert Jahren nicht mehr -gespielt hatte. Nach der Tafel traute sie, ohne Zeit zu verlieren, der -Hofkaplan in der Schloßkapelle, und die Ehrendame zog ihnen den Vorhang -zu. - -Sie schliefen nicht lange, denn die Prinzessin war nicht sehr müde, und -der Prinz verließ sie gegen Morgen, um in die Stadt zurückzukehren, wo -sein Vater in Sorge um ihn sein mußte. Der Prinz erzählte ihm, er habe -sich auf der Jagd im Walde verirrt, in der Hütte eines Köhlers -übernachtet und von ihm Schwarzbrot und Käse zum Essen bekommen. Der -König, sein Vater, war ein guter Mann und glaubte es. Aber seine Mutter -ließ sich nicht so leicht überzeugen. Als sie sah, daß er fast täglich -auf die Jagd ging und daß er nie um eine Entschuldigung verlegen war, -wenn er zwei oder drei Nächte draußen geschlafen hatte, zweifelte sie -nicht mehr, daß er irgendeine Liebschaft habe. Mehr als zwei Jahre lebte -der Prinz so mit der Prinzessin; und sie bekamen zwei Kinder. Das -älteste, ein Mädchen, nannten sie Morgenrot und das zweite, einen -Knaben, Tageshell, weil er fast noch schöner war als seine Schwester. - -Um hinter sein Geheimnis zu kommen, sagte die Königin öfters zu ihrem -Sohne, er solle doch mit seinem Leben zufrieden sein. - -Doch er wagte nicht, sich ihr anzuvertrauen, denn er fürchtete sich vor -ihr, obgleich er sie liebte. Sie entstammte nämlich dem Geschlechte der -Menschenfresser, und der König hatte sie nur geheiratet, weil sie so -reich war. - -Man sprach sogar am Hofe ganz leise davon, daß sie immer noch eine -Neigung zum Menschenfressen habe, und daß sie sich mit aller Gewalt -zurückhalten müsse, wenn sie kleine Kinder sähe, damit sie sich nicht -auf sie stürze. Deshalb wollte der Prinz ihr nichts sagen. - -Nach zwei Jahren starb der König, und der Prinz folgte ihm nach. Jetzt -machte er seine Heirat bekannt und ließ unter großen Festlichkeiten -seine Frau als Königin auf sein Schloß holen. Ein herrlicher Empfang -wurde ihr in der Hauptstadt bereitet, als sie mit den beiden Kindern -einzog. - -Es trug sich zu, daß der König gegen den Kaiser Cantalabutte, seinen -Nachbarn, in den Krieg ziehen mußte. Er übergab die Regierung der -Königin Mutter, und ließ Frau und Kinder in ihrer Obhut zurück. - -Den ganzen Sommer mußte er im Felde bleiben. Als er aber abgereist war, -schickte die Königin ihre Schwiegertochter und die Kinder in ein -Landhaus im Walde, um ungestörter ihrer fürchterlichen Lust zu fröhnen. -Einige Tage darauf begab sie sich selbst dorthin und sagte eines Abends -zu ihrem Haushofmeister: - -»Morgen will ich zum Mittagessen die kleine Morgenrot verspeisen!« - -»Um Gottes Willen, Königliche Hoheit«, rief der Haushofmeister. - -»Ich will es«, sagte die Königin; und sie sagte es, wie ein -Menschenfresser, der Lust hat, frisches Fleisch zu essen. »Ich will sie -sogar mit Roberttunke essen!« - -[Illustration] - -Als der arme Mann sah, daß man mit einer Menschenfresserin nicht gut -spaßen könne, nahm er sein großes Messer in die Hand und ging hinauf in -das Zimmer der kleinen Morgenrot. Diese war gerade vier Jahre alt, und -sie warf sich tanzend und lachend ihm an den Hals und bat ihn um -Süßigkeiten. Da fing er an zu weinen, und das Messer fiel ihm aus der -Hand. Er ging hinunter in den Stall, schlachtete ein Lämmchen und -bereitete es mit einer so guten Tunke zu, daß seine Herrin ihm -versicherte, sie habe noch nie etwas so Gutes gegessen. - -Gleichzeitig hatte er die kleine Morgenrot fortgetragen und seiner Frau -übergeben, damit sie dieselbe in seinem Hause verberge, das hinter dem -Stalle lag. - -Acht Tage später sagte die Königin zu ihrem Haushofmeister: - -»Ich will den kleinen Tageshell zum Abendbrot essen!« - -Er erwiderte nichts und war fest entschlossen, sie ebenso wie das -erstemal zu täuschen. - -Er suchte den kleinen Tageshell und fand ihn mit einem Florett in der -Hand, womit er gegen einen dicken Affen Krieg führte; dabei war er erst -drei Jahre alt. - -Auch ihn brachte er zu seiner Frau, damit sie ihn mit der kleinen -Morgenrot verberge, und an seiner Stelle bereitete er ein zartes -Zicklein, welches die Menschenfresserin äußerst wohlschmeckend fand. - -Bis dahin war alles gut gegangen. Aber eines Abends sagte die böse -Königin zum Haushofmeister: - -»Ich will die Königin in derselben Tunke wie ihre Kinder essen!« - -Da verzweifelte der arme Haushofmeister, weil er nicht glaubte, sie noch -einmal täuschen zu können. Denn die junge Königin war über zwanzig Jahre -alt, ganz abgesehen von den hundert Jahren, die sie geschlafen hatte. -Ihre Haut war ein wenig spröde, obwohl sie schön und weiß war. Aber wie -sollte man unter den Tieren eines finden, das eine ebenso spröde Haut -hatte? - -[Illustration] - -Deshalb faßte er, um sein eigenes Leben zu retten, den Entschluß, der -Königin den Hals abzuschneiden. Er stieg hinauf in ihr Zimmer, und war -fest entschlossen, es diesmal anders zu machen. Er brachte sich in Wut -und trat mit dem Dolch in der Hand in das Zimmer der jungen Königin. -Trotzdem wollte er sie nicht überfallen und er erzählte ihr mit allem -Respekt von dem Auftrag, den er von der Königin Mutter erhalten hatte. - -»Tut, was Euch befohlen!« sagte die Königin zu ihm und hielt ihren Kopf -hin. »Ich werde meine Kinder wiedersehen, meine armen Kinder, die ich so -geliebt habe!« - -Sie hielt ihre Kinder nämlich für tot, seitdem man sie entführt hatte, -ohne ihr etwas zu sagen. - -»Nein, gnädige Frau,« antwortete der Haushofmeister ganz gerührt. »Ihr -sollt nicht sterben. Ihr werdet dennoch Eure Kinder wiedersehen! In -meinem Hause werdet Ihr sie sehen, wo ich sie verborgen habe. Ich will -nochmals die Königin täuschen und ihr an Eurer Stelle einen jungen -Hirsch zu essen geben.« - -Dann führte er sie in seine Wohnung und ließ sie küssend und weinend bei -ihren Kindern. Er selbst bereitete eine Hindin zu, und die Königin -verzehrte sie mit demselben Appetit zum Abendessen, als wenn es die -junge Königin gewesen wäre. - -Sie war sehr befriedigt von ihren Grausamkeiten und nahm sich vor, dem -König bei seiner Rückkehr zu sagen, daß wütende Wölfe seine Frau, die -Königin, und seine beiden Kinder gefressen hätten. -- - -Eines Abends, als sie wie gewöhnlich in den Höfen des Schlosses -herumstreifte, um dort nach frischem Fleisch auszuschauen, hörte sie in -einem Kellerzimmer den kleinen Tageshell, der weinte, weil ihn seine -Mutter wegen einer Ungehorsamkeit schlagen wollte; und sie hörte auch -die kleine Morgenrot, wie sie für ihren Bruder um Verzeihung bat. - -Die Menschenfresserin erkannte die Stimme der Königin und ihrer Kinder -und geriet in Zorn, weil man sie getäuscht hatte. - -Am nächsten Tage in der Frühe befahl sie mit schrecklicher Stimme, die -alle erzittern machte, man solle in die Mitte des Hofes einen großen -Bottich bringen. Diesen Bottich ließ sie mit Vipern, Kröten, Nattern und -Schlangen füllen, um die Königin und ihre Kinder, den Haushofmeister, -seine Frau und seine Dienerin hineinzuwerfen. Sie gab den Befehl, sie -herbeizuführen, die Hände auf den Rücken gebunden. - -[Illustration] - -So standen sie da, und der Henker machte sich daran, sie in den Bottich -zu werfen. In diesem Augenblick kam der König, den man nicht so schnell -erwartet hatte, in den Hof geritten; denn er war auf schnellstem Wege -zurückgekehrt. Ganz erstaunt fragte er, was denn das schreckliche -Schauspiel zu bedeuten habe. - -Niemand wagte, es ihm zu sagen. Die Menschenfresserin aber stürzte sich -in ihrer Wut über das, was sie sah, kopfüber in den Bottich und war in -einem Augenblick von den schrecklichen Tieren, die sie selbst -hineingesetzt hatte, verschlungen. Der König war traurig darüber, denn -es war seine Mutter. Aber er tröstete sich bald mit seiner schönen Frau -und seinen Kindern. - - - Moral: - - Manch Mädchen wartet lange auf den Mann, - Bis sich der findet, den sie lieben kann; - Denn der muß reich sein, schön und sehr galant, - Dem sie zum Ehebunde reicht die Hand. - Doch zeige mir das Weib, das hundert Jahr - In Ruhe wartet auf den Traualtar, - Das auch noch sorglos schläft die ganze Zeit: - Du suchst nach ihr vergeblich weit und breit. - - Es wird aus diesem Märchen klar, - Daß, wer da wartet viele Jahr, - Und wer trotz Wartens schlummern kann, - Am Ende kriegt den besten Mann. - - Gern gäb ich Euch den guten Rat: - Wartet so lang, wie es Dornröschen tat! - Doch wage ich nicht, diesen Rat zu geben, - Ihr lieben Fräuleins: ich kenne Euch eben. - - - - - Charles Perrault - - 1628 geboren, wird er zuerst Advokat; später kommt er an den Hof - und wird der treueste Gehilfe Colberts. 1683 zieht er sich in - das Privatleben zurück und widmet sich ganz seinen literarischen - Werken. Den Zeitgenossen gilt Perrault in erster Linie als der - Verfasser der »_Parallèles des Anciens et Modernes_«, die - Nachwelt kennt ihn nur als den Dichter des ersten abendländischen - Märchenbuches. Seine Sammlung »_Les Contes de ma Mère l'Oie_« - kam 1697 in Buchform heraus; sie war der Auftakt zu einer - unübersehbaren Märchenliteratur. - - - - - Gustave Doré - - Er wurde 1832 zu Straßburg geboren. Sein Vater bestimmte ihn zum - Ingenieur-Beruf, aber seine reiche Phantasie, seine erstaunliche - Begabung drängte ihn zur Malerei. Mit zehn Jahren begann er Dante - zu illustrieren. Mit elf Jahren schloß er seinen ersten Vertrag - ab, der ihn verpflichtete, wöchentlich eine Lithographie für das - »_Journal pour rire_« zu liefern. Bald gab er die Vorbereitung - zum Ingenieur-Beruf auf und widmete sich ganz der Kunst. 1854 - erschienen seine ersten großen Werke, »_Rabelais_« und die - »_Contes drôlatiques_« von Balzac, die seinen Ruhm weit über - Frankreich hinaus verbreiteten. 1862 illustrierte er die »_Contes - de Perrault_«. Er findet in den phantastischen Kostümen und - ritterlichen Lebensformen der Zeit Franz I. und Ludwig XIII. den - geeigneten Ausdruck für die übersprudelnde Fülle seiner köstlichen - Einfälle. Doré starb im Jahre 1883; er wurde nur 51 Jahre alt. - - - - -Liste korrigierter Druckfehler - - -Seite 5, im Inhaltsverzeichnis der Originalvorlage stand »Aschenputtel« -an Stelle von »Aschenbrödel« sowie »Riquet mit dem Schopf« an Stelle von -»Riquet mit der Locke«. - -Seite 24, fehlendes öffnendes Anführungszeichen vor »ich muß« eingefügt -(»Wundervoll,« rief da die Mutter, »ich muß auch meine andere Tochter -schicken.) - -Seite 28, »irdendein« ersetzt durch »irgendein« (stellte sich tot und -wartete, ob nicht irgendein junger, mit den Ränken dieser Welt noch -wenig vertrauter Hase sich in den Sack schliche) - -Seite 28, überflüssiges Anführungszeichen am Satzende entfernt (Und als -zwei Rebhühner hineingeschlüpft waren, zog er ihn zu und fing alle -beide.) - -Seite 30, »den« durch »dem« ersetzt (Während man den armen Marquis aus -dem Fluß zog) - -Seite 52, »hatt« durch »hatte« ersetzt (Der war von dem großen Umweg, -den er vergebens gemacht hatte, sehr erschöpft und wollte sich -ausruhen.) - -Seite 56, in der Überschrift »Pantoffelchen« durch »Pantöffelchen« -ersetzt (Aschenbrödel oder die Geschichte vom gläsernen Pantöffelchen) - -Seite 63, »Örangen« durch »Orangen« ersetzt (Tausend Artigkeiten hat sie -uns erwiesen und hat uns Orangen und Zitronen geschenkt.) - -Seite 68, »trauig« durch »traurig« ersetzt (Seid darüber nicht weiter -traurig!) - -Seite 86, »ihren« durch »ihre« ersetzt (daß sie sich vornahm, an Sonn- -und Festtagen der Reihe nach alle ihre schönen Gewänder anzuziehen.) - -Seite 97, fehlendes schließendes Anführungszeichen eingefügt (»Was macht -Ihr da, liebe Frau?« sagte die Prinzessin.) - - - - - -End of Project Gutenberg's Gänsemütterchens Märchen, by Charles Perrault - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK GÄNSEMÜTTERCHENS MÄRCHEN *** - -***** This file should be named 42900-8.txt or 42900-8.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/4/2/9/0/42900/ - -Produced by Norbert H. Langkau, Martin Oswald and the -Online Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net - - -Updated editions will replace the previous one--the old editions -will be renamed. - -Creating the works from public domain print editions means that no -one owns a United States copyright in these works, so the Foundation -(and you!) can copy and distribute it in the United States without -permission and without paying copyright royalties. Special rules, -set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to -copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to -protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project -Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you -charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you -do not charge anything for copies of this eBook, complying with the -rules is very easy. 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Information about the Project Gutenberg Literary Archive -Foundation - -The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit -501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the -state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal -Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification -number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg -Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent -permitted by U.S. federal laws and your state's laws. - -The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. -Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered -throughout numerous locations. Its business office is located at 809 -North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email -contact links and up to date contact information can be found at the -Foundation's web site and official page at www.gutenberg.org/contact - -For additional contact information: - Dr. Gregory B. Newby - Chief Executive and Director - gbnewby@pglaf.org - -Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg -Literary Archive Foundation - -Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide -spread public support and donations to carry out its mission of -increasing the number of public domain and licensed works that can be -freely distributed in machine readable form accessible by the widest -array of equipment including outdated equipment. Many small donations -($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt -status with the IRS. - -The Foundation is committed to complying with the laws regulating -charities and charitable donations in all 50 states of the United -States. Compliance requirements are not uniform and it takes a -considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up -with these requirements. We do not solicit donations in locations -where we have not received written confirmation of compliance. 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Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm -concept of a library of electronic works that could be freely shared -with anyone. For forty years, he produced and distributed Project -Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support. - -Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed -editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S. -unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily -keep eBooks in compliance with any particular paper edition. - -Most people start at our Web site which has the main PG search facility: - - www.gutenberg.org - -This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, -including how to make donations to the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to -subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. |
