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-Project Gutenberg's Die Probefahrt nach Amerika, by Leopold Schefer
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
-almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
-re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
-with this eBook or online at www.gutenberg.org
-
-
-Title: Die Probefahrt nach Amerika
-
-Author: Leopold Schefer
-
-Release Date: June 11, 2013 [EBook #42912]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: ISO-8859-1
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE PROBEFAHRT NACH AMERIKA ***
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-
-Produced by Jens Sadowski
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-
- Die
- Probefahrt nach Amerika.
-
-
- Roman
- von
- Leopold Schefer.
-
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-
- Bunzlau,
- Appun's Buchhandlung.
- 1837.
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- Die
- Probefahrt nach Amerika.
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- Motto: Lasset der Welt nur den Lauf,
- und das Wasser dann findet ihn selbst schon!
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-»Schönen guten Abend, Herr Pastor! Hier bringe ich die sechs Dreier
-Reisegeld nach Amerika von meinem Vater.«
-
-So sprach eine junge Mädchenstimme in unser abenddunkles Zimmer herein,
-darin ich gedankenvoll, ja kummervoll, auf- und abging. Ich hatte wohl
-verstanden, was das liebe Kind wie mit Engelsstimme zu mir gesagt. Aber
-desto mehr war ich von dem himmlischen Gruß überrascht und bewegt, und
-stand, gewiß über und über roth geworden, im Düstern still, und hatte die
-Hände gefaltet. Das arme Mädchen aber mochte glauben, wir hätten es nicht
-gehört, und so sprach es mit leiser Stimme noch einmal: »Schönen guten
-Abend! Ich bringe unsre sechs Dreier zur Probefahrt . . . .«
-
-Mache doch Licht an! -- sagte ich zu meiner Frau, die in der Feierstunde am
-Fenster saß, zu welchem die wie jung gewordenen ersten Frühlingssterne vom
-dunkelblauen Himmel herein glänzten; -- mache doch Licht, liebe Frau! Es
-ist Webers Gretchen!
-
-Meine liebe Frau aber regte sich nicht; oder vielmehr, sie legte sich mit
-dem Gesicht in ihre weißschimmernde Arbeit vor ihr auf ihr Tischchen. Ich
-seufzete unhörbar, ging selbst, zündete einen Streifen Papier an meiner
-Luftfeuermaschine an -- woraus die Flamme mir blitzschnell dienstfertig
-herausfuhr und mich dadurch sehr erquickte; und als das Licht brannte,
-sprach das liebe kleine Mädchen, wie nun erst getrost, recht freundlich:
-»Schönen guten Abend!«
-
-Guten Abend, mein Kind! sagte ich ihr mit dem Gefühl, das ihr, ihren armen
-Ältern, und der ganzen armen gepeinigten Gegend recht gute Tage wünschte.
-Sie gab mir die sechs Dreier Reisegeld nach Amerika, lauter Kupferdreier,
-mit Grünspan belegt, also aus dem Salzgelde, denn der Weber verkaufte nur
-Salz. Du bist die Erste, die mir bringt. Gieb mir Deine Hand und Deinen
-Segen, mein Kind! sprach ich halblaut, meiner Frau wegen, und mit nassen
-Augen, des übervollen Herzens wegen. Ich trug den Weber in das dazu bereite
-Buch, gab ihr eine Quittung . . . . damit man den Amerikanischen Kaufleuten
-nicht zur Schande nachsagen möge, daß sie über jede Kleinigkeit in ihrem
-wohlgeordneten Lande ein Quittung geben, selbst über ein bezahltes
-Halstuch; und das liebe Kind schied mit einer verlegenen »Guten Nacht!« an
-die Frau Pastorin, und mit einer getrosten guten Nacht an mich.
-
-Die Nacht möchte nicht gut werden! dachte ich. Ich trat zu meiner Frau,
-legte meine Hand ihr auf den Kopf, den sie seitwärts wandte. Mein Kind!
-Meine liebe Frau! sprach ich so mild als möglich. Sie regte sich nicht. Und
-so fuhr ich fort in meinem Styl: Laß uns betrachten! Wie wäre es denn --
-wenn ich ein Missionair wäre? Müßte ich dann nicht? . . . . Oder hättest Du
-mich dann nicht geheirathet? . . . . Und bin ich nicht wirklich ein
-Missionair, ein Abgesandter von dem, der uns sagte, uns, mir also auch, und
-in der Noth erst recht laut: Gehet hin in alle Welt! Und unter _aller_ Welt
-ist doch gewiß die neue Welt, und so Gott will, die beßre Welt, auch mit
-begriffen! Ihm war Himmel und Erde bekannt, und gewiß auch Amerika, das in
-der alten Welt ja auch bekannt war, den Tyriern und Sidoniern; und wenn sie
-sich auch vor dem Wasser fürchten, doch auch den Juden, und dem weisesten
-Juden, der so viel und gern am Meere wandelte und lehrte. Und soll ich
-zeitlebens, oder um meine zwanzig Amtsjahre nur immer geredet haben? Soll
-ein Geistlicher nicht auch _thun?_ Mit gutem Beispiel vorangehn? Mit Muth!
-mit Erfahrung! Wer ist denn noch überall der stille Freund und Tröster des
-Volkes, als die Geistlichen, die Weltgeistlichen? Bin ich's nicht auch?
-Habe ich mich nicht um meine schöne laute Stimme gepredigt? Habe ich mich
-nicht um allen meinen eigenen Trost getröstet, so daß ich selbst wie ein
-Irrlicht schwebe, nicht wie ein mächtiges Licht, so stark, daß es selber
-steht! Habe ich mir die gute redliche Brust nicht verdorben, daß nur eine
-weite Seereise mich herstellen kann, aber gründlich herstellen wird, wie
-der Doctor sagt. Gönnst Du mir das nicht? Soll das Volk verkommen,
-verzweifeln, da in aller Welt doch Hülfe für alle Welt ist? Soll ich nicht
-reisen und ihnen die Ruhestätte der Lebendigen helfen bereiten? Soll ich
-sterben vor Leiden und Qual? Leide ich nicht? -- denn seh' ich nicht
-leiden? Laß mich leben! Komm Du mit!
-
-»Das ist mein Tod!« sprach meine liebe Frau, sich aufrichtend, und, sahe
-von mir weg, hinaus, hinauf unter die Sterne. Aber sie hatte ihre rechte
-Hand herabhangen lassen, und das hieß von ihr -- wie ich aus Erfahrung
-wußte: -- sie hatte mir ihre Hand gegeben.
-
-»Du gehst als ein Volksspion!« sprach sie jetzt, wie für mich sich
-schämend, aus ihrem edlen liebevollen Herzen.
-
-. . . . Volksspion? wiederholte ich ohne es zu wollen. Aber, mein Kind,
-sprach ich mit ruhigem Selbstgefühl, haben die Hirten der Heerden nicht
-ihre Gesandten, die ihnen alles berichten, was ihnen frommt? Sollen die
-Völker nicht ihre Gesandten haben? Und willst Du den Apostel Paulus, den
-Columbus, den Vasco da Gamma, den berühmten Reisenden schlechtweg, und den
-Prinzen, einen Volksspion nennen, weil am Ende jede Reise, jede große
-Entdeckung, jede kleinste Erfindung für das Volk ist! Halte mich lieber für
-eine Taube Noäh, oder einen Raben! Und heiße ich nicht _Volkmar?_ Was
-_Volk_ ist, weißt Du; und was _mar_ bedeutet, habe ich unsrem Gustav Adolph
-erklärt. Also Volkmar will ich auch seyn!
-
-»So oft er den Soldaten, _dem Volke_, wie man, nach Deinem Worte,
-mißbräuchlich und unchristlich sagt, nachläuft, dann nennst Du den Jungen:
-Volks-Narr! und Du, Du willst ihm vorlaufen! Verstanden?« sprach sie; stand
-auf und ging hinaus, um das Abendbrot zu besorgen.
-
-Ich aber schämte mich für Alle, die sich des Volkes anzunehmen schämen,
-nach Kräften, kniete auf ein Knie nieder, beugte mein Haupt und betete: O
-Volk, o deutsches Volk, Dein bin ich, so lange ein Athem in mir weht, der
-Athem Gottes. Denn in dir, o Volk, lebt derselbe alte Vater heilig, aber
-jetzt hier recht erbarmungswürdig, Gottes unwürdig! Denn Gott soll für alle
-seine Gaben doch nicht hungern und dursten, nicht halbnackend frieren, und
-so bekümmert aussehen, wie die theuren Menschengesichter hier alle weit und
-breit um mich. Gott soll kein Schloß vor dem Munde haben, Gott soll man
-nicht lebendig begraben, in seinem Sohne, seinen Kindern allen, dem Volke!
-O Gott, gieb, daß Alle erkennen, Wer, welch heiliger Wer in dem Volke lebt.
-Darum Dein bin ich, o Volk, so lange ich einen Tropfen Blut in den Adern
-habe, eine Zunge im Munde; denn ich weiß, wer es ist, der _Es!_ -- _Es_
-blitzt! _Es_ donnert! _Es_ regnet über die Saaten! _Es_ reißt mir am
-Herzen. _Es_ führt mich fort! --
-
-Ich stand auf, ich konnte nicht mehr. Aber ich war ruhig.
-
-Da kam meine Tochter _Marie_, oder _Mirjam_, wie ich sie ihrer Ahnfrau zu
-Ehren am liebsten nenne. Sie eilte auf mich zu, sie sank mir an die Brust,
-und ich hielt sie umarmt an dem treuen Vaterherzen. Ich weiß nicht, eine
-Tochter erscheint dem Vater immer so wunderbar eigen, wie seine Mutter und
-sein Weib zugleich, und doch wie das zarte schöne Herzblatt des eigenen
-Wesens selbst. Heut rührte sie mich doppelt. Sie war in ihren
-Sonntagskleidern, weiß und sauber und lieblich angezogen; sie kam so
-hastig, ihre ganze Gestalt wollte wie eine vollgedrängte Knospe brechen;
-ihre Augen, ihre Lippen wollten tausend Dinge, die ganze Welt mir erzählen,
-vertrauen, preisen! Sie schien eine Flamme, die nicht lodern will, eine
-Lilie, die nicht gesehen sein will, so kam mir die Jungfrau verändert vor
--- aber wodurch? Wie so schnell? Denn am Nachmittage war sie auf das Schloß
-gegangen, das auf einem Hügel mitten in der Stadt liegt, um ihre Freundin,
-ihre Jugendgespielin zu besuchen, zu trösten. Denn der jungen _Baronesse
-Freysingen_ war erst vor Kurzem die Mutter gestorben, eine musterhaft gute
-Wittwe; denn alle Weiber werden als Wittwen gut, besonders aber diese, die
-schon als Weib unvergleichlich gewesen. Denn um nur Eins zu sagen: sie
-hatte alle Einwohner der zwanzig großen Dörfer ihrer Baronie frei gegeben
-ohne Entschädigung. Die Mädchen waren beide siebzehn Jahr alt, also wahre
-Jungfrauen, ich hatte sie beide zusammen unterrichtet, und aus voller Seele
-mich bemüht, sie in allem Herrlichen redlich zu confirmiren. Was thut ein
-Vater nicht! Auch mein ältester Sohn, mein _Marbod_, hatte Theil an meinen
-ausländischen Worten, an dem Unterricht in der englischen und französischen
-Sprache Theil genommen. Viel Augen können Ein Licht sehen, viel Ohren Einen
-Mund hören, und Kindern gegenüber ist der Vater ein feuriger, reiner,
-undurchdringlicher Lehrer. Die Kinder waren wie Geschwister. Meine Mirjam
-hatte den Abend auf dem Schlosse bleiben wollen, und sie kam schon nach
-Hause? Zu mir? Es war also etwas vorgegangen, geschehen, _ihr_ geschehen,
-und ich frug sie, was sie mir bringe?
-
-»Mich!« antwortete sie. »Dir . . . oder, wollte ich sagen, Ihnen, lieber,
-lieber Vater!« Dabei drückte sie mich heftig.
-
-Hat Dir die Mutter draußen gesagt? -- Ach die Mutter! Du weißt, daß sie
-schon ein Jahr und länger her nie ein Wort dagegen gesagt, daß ich nach
-Amerika will, auf Probe; aber um wirklich sagen und fühlen zu können, wie
-Auswanderern um das Herz ist, wie ihnen also in Wahrheit geschieht, bin ich
-mit Gott entschlossen, auf immer auszuwandern. In den zwanzig Dörfern
-sammeln die Vorsteher . . . . das arme Reisegeld; hier aus der Stadt
-brachte jetzt ein Kind an mich die ersten sechs Dreier. Nun also ist Ernst!
-Das Reden ist aus, das Thun geht an, und nun spricht die Mutter: das ist
-mein Tod! -- nicht meiner, mein Kind, sondern _ihrer_, meint sie -- und das
-macht mir den schweren Gang nur schwerer, denn ich gehe -- und sie wird
-bleiben! Nun, soll ich allein gehen? Oder -- kommst Du mit? Denn unser
-Marbod bleibt hier in der Pfarre als mein Vicar, mein Substitut, cum spe
-succedendi -- sag' ich Dir heut. Und bleibst Du auch bei der Mutter, so
-reis' ich allein mit meinem Gustav Adolph und Gott! Und euch befehle ich
-Gott!
-
-Ich hielt inne. Du weinst? frug ich dann. Ja, Scheiden ist schwer. Scheiden
-von Lebendigen schwerer, als von den Todten; denn da hat die Natur
-geschieden, das Schicksal. Wer aber von Lebendigen, von Geliebten scheidet,
-der kommt ihnen vor wie ein übermüthiger, leichtsinniger -- Narr! Denn so
-hat mich die Mutter genannt -- Volksnarr!
-
-»Ach, mein Vater!« sprach sie leise, »wie soll ich Ihnen nun gestehen --
-sagen, wollte ich sprechen, daß ein Amerikaner hier ist! Im Schlosse! Den
-zweiten Osterfeiertag reist er schon fort nach Bremen, sich wieder
-einzuschiffen. Er will Sie mitnehmen. Sie sollen ihn heut besuchen. Ich
-soll Sie holen! Ach! --«
-
-Mir war ernst, mir war froh zu Muth. Und doch kam mir meine Tochter noch
-räthselhaft vor. Ich war bewegter als sie. Denn Alles in meinem Hause, in
-der Meinen Herzen hat mir immer das Wichtigste geschienen. Und scheinbar
-gleichgültig frug ich meine Tochter nur: Ist er jung?
-
-»Zehn Jahr gewiß jünger als Sie, mein Vater!«
-
-Also dreißig! -- Ist er verständig?
-
-»O wie es sich ihm zuhört! Und dann hat man doch nichts verstanden, nichts
-gemerkt! Ich könnte kein Wort treu wiedererzählen!«
-
-Also ist er schön? frug ich eben so gleichgültig.
-
-»O Vater,« fuhr sie fort, meine Frage zur Seite lassend, »das Herz klopft
-Einem vor Freude, endlich einmal einen Mann sprechen zu hören, männlich,
-frei, stolz -- als wenn der blaue Himmel über ihm voll Heldengeister
-schwebte, die ihn durch frohe Billigung stärkten und zur Feuerflamme
-machten. Mein Gott! denk' ich mir selbst den General, den Vormund der
-Baronesse, oder den Superintendenten dagegen, die mit eingezogenen Achseln
-stehn, und mit schüchternen Blicken inne halten und lauschen, ob ja nicht
-etwa ein Minister oder Prinz da oben schwebt, der ihre kriechenden Worte
-noch nicht kriechend genug findet und sie von oben herab mit dem Finger
-warnt, daß sie zusammenfahren . . . . . Was habe ich doch gesagt, mein
-Vater, ja, ja, so kommt es mir vor, als wenn ich bis heut noch keinen Mann
-reden gesehen hätte, verzeihen Sie, lieber Vater, als Sie auch. Sie können
-auch reden! -- Aber Sie sind ja -- mein Vater. --«
-
-Schon gut, schon gut! sprach ich, und wußte genug und seufzte: o Freiheit,
-wie machst du den Menschen schön! Mein armes Mädchen, dachte ich, auch Dir
-ist es geschehen! -- Ist er verheirathet? ist er reich? frug ich weiter.
-
-». . . Würde er so weit reisen, wenn er eine Frau hätte . . . .«
-
--- meinst Du! Du Schelm! schaltete ich ein. --
-
-». . . ich meine nur: er kommt aus Petersburg, über Constantinopel,
-Alexandrien und Rom durch Österreich, Baiern. In Nürnberg hat er tausend
-Dutzend Schachspiele bestellt und bezahlt. Gehn Sie hinauf auf das Schloß;
-ich will noch bei der Mutter bleiben!«
-
-Noch? Du gutes Kind! Du willst also mit mir! Das danke Dir Gott! Freilich.
-Die neue Zeit ist wunderbar, oder die neuen Menschen, die den alten elenden
-Menschen ausgezogen haben, den neuen anziehen wollen, und indeß schauernd
-stehn wie Bettler. Decke den Tisch.
-
-Die Mutter wollte das Essen noch nicht auftragen. Ich bestand auf Eile: und
-sie folgte mir zwar, doch mit einer Miene, als wenn ich mich um eine Freude
-brächte. Warum aber heut am Sonntag Abend ein gebratenes Huhn? -- Warum
-heut Alles so besser als sonst, das erfuhr ich, als zwei Reiter in den Hof
-gesprengt kamen, und bald darauf ein Husar in der Mutter Armen lag, und in
-der Schwester Armen. Denn es war mein Sohn, mein Vicar! noch in der bunten
-Soldatenraupe. Mein Ersatzmann! Die Ankunft des Sohnes bedeutete der Mutter
-ganz sichtbar meine Abreise, meinen Verlust, und so hatte sie ihn ohne
-lauten Ausruf, nur mit stillen Thränen empfangen. Darauf setzten wir uns zu
-Tisch. Ihre Augen hingen immer an seinem -- schönen Gesicht; denn warum
-soll ich als Vater blind und stumm seyn? Sie aß wenig und nichts, er allein
-fast alles! Denn mein Gott, wie war überhaupt der junge Mensch verwandelt!
-Einen fein gebildeten jungen Mann hatte ich vor Jahr und Tag fortgeschickt,
-unter die Soldaten, einen Candidaten der frömmsten Wissenschaft, einen
-Nachfolger der Jünger Christi, der nie zu laut sprach, wie ein Mädchen
-erröthete, sich einfach kleidete, die Kartenkönige und Ober nur vom
-Amtmannspiel her kannte, der nicht tanzte, nicht Pistolen schoß, nicht Wein
-nicht Branntwein trank, nicht Tabak rauchte, nur von belebenden Dingen,
-wenn auch froh und heiter, sprach -- und ach! was mußte ich jetzt von ihm
-hören! Nichts wie von Pferden, Jagden und Hunden, von Spielgewinnst, von
-vortrefflichem Tabak, und noch edlern Tabaks-Pfeifen; von Bällen, von
-schönen Mädchen in den Quartieren bei der Musterung, Geschichten und
-Abentheuer von seinen Cameraden, wie sie vielleicht heut an andern Orten
-_seine_ Abend- oder Nachttheuer erzählten! Und seine Sprache -- wie
-baßrauh, cantormäßig ausgetrunken seine Stimme, sein Auge so zu sagen
-frech, sein Ansehn -- dem Ansehn nach gesund . . . . aber ich bin Kenner,
-ich sah mit Vateraugen. Da muß ein Vater Freude haben! seufzete ich
-herzinniglich. Da müssen tausend Väter jetzt Freude haben, denen ihre Söhne
-so wiederkommen. Alle redliche Mühe der Mütter, alle Sorgfalt der Väter,
-alle Zucht im Hause, aller heiliger Zorn über die kleinen Keime von Unarten
-der Knaben, alle Lehren in den Schulen, alle Predigten in den Kirchen --
-Alles umsonst! Von Unkraut erstickt alles ächte, rechte Menschenwesen und
-Menschensinn. Predigt doch nicht, lehrt doch nicht! Lehrer und Prediger!
-Lieben Eltern, laßt doch alle Knaben aufwachsen wie Wilde, ja eure Mädchen
-auch -- denn auf _der_ Universität aller Rohheit und Laster bekommt ihr
-doch Candidaten der Unreligion nach Hause, die euch Gott und Herz und Athem
-und Lunge ersparen; die mit ausgerenktem und ausgerenkt verwachsenem Herzen
-verdorben, sie euch doch verderben, euer Leben und ihres. Aber so verlangt
-es die in Europa eiserne Zeit. -- Ich ward immer überzeugter von der
-Wahrheit meiner innern Worte. Die Mutter hatte die letzte Flasche Wein ihm
-zu Ehren herauf holen wollen -- denn er hatte bescheiden seine Schwester
-blos um ein Weinglas gebeten -- die Mutter aber kam mit leerer Hand wieder,
-denn ich hatte den Wein armen Kranken hingetragen, und ihr Auge gab mir
-ihren Dank; der Sohn lächelte und sein Calfactor mußte die Feldflasche mit
-Arrak bringen -- und ich mußte den vortrefflichen kosten! Ich trank den
-Tropfen aber auf die Gesundheit der Mäßigkeitsvereine in Amerika, und bat
-den Sohn um Verzeihung . . . . daß _ich_ den Wein, und heimlich,
-fortgetragen in der Tasche, mit der ich im Finstern an das Geländer der
-elenden Treppe der armen Leute angestoßen habe, und die guten Kinder
-derselben hätten mir die Glasscherben aus der Tasche gezogen -- und mit
-hohlen untergehaltenen Händchen den filtrirten Trank der Mutter hingetragen
--- und auch noch vergossen, weil sie auf die Mutter gesehen, und nicht auf
-das Händchen.
-
-Da lachte mein Sohn! Und wie Odysseus überlegte ich, ob ich das lachende
-Gesicht aus väterlichem Zorne ganz einschlagen sollte, oder ihn nur so ein
-wenig schlagen, daß ihm Kinnlade und Zähne ausfielen -- aber er hätte ja
-vielleicht den Säbel gezogen, und ich hätte ihn dann selber todtstechen
-müssen, und alles war aus! Meine Fahrt nach Amerika! Selbst meine Hülfe an
-alle arme Ältern gegen _solche_ Freude an ihren Söhnen! Die
-himmelschreiende Freude! Ich stand nur vom Tische auf, und meine
-feinfühlige Tochter Maria hing sich mir an meinen Arm und flüsterte mir
-beschwichtigend zu: »Vater, liebes Väterchen! Der Bruder wird in drei
-Tagen, oder doch in drei Wochen ganz anders seyn, wieder wie zu Hause!
-Vergeben Sie ihm!«
-
-»Habe ich Sie beleidigt? Vater! Womit denn?« frug der Sohn, so unschuldig
-unbewußt -- daß es einen Stein hätte erbarmen mögen. Das war das Ärgste: er
-wußte nicht mehr, wo und wie er fehlte! Und ich sagte zur Antwort die
-Wahrheit: _Du_ nicht, mein Sohn! Du hast mich nicht beleidigt, nicht
-gekränkt. Du hast nur Ordre pariert. Du erfüllst nur das Gesetz. -- Und so
-begriff ich einigermaßen die neue, wahrhaft edle Absicht: die Soldaten nun
-fromm zu machen, ihnen Gebetbücher in die Hände und Tornister zu bringen,
-und die Commerschlieder mit frommen Morgen- und Abendliedern zu ersetzen.
-Nur so ist _ihnen_ zu helfen.
-
-Desto heißer brannte ich auf das Schloß zu gehen. Da kamen sie schon! Meine
-Augen waren, wie des alten Zacharias Augen, auf den Amerikaner gespannt.
-Aber vor ihm trat ein junger schlanker Schwarzer ein, ein Afrikaner, der
-fröhlich und wohlgemuth seinen Herrn meldete. Den Namen überhörte ich, weil
-er selbst schon mit der Baronesse und ihrem Vormund, dem General, eintrat.
-Die Weiber beknipten sich, die Männer -- nämlich ich mit -- krümmten sich
-wie lange Haarwürmer, die lange in einem hölzernen Violinbogen gesteckt.
-Der Amerikaner aber grüßte blos durch seine anständige Erscheinung, das
-heitre gesunde Antlitz, den wohlwollenden Blick aus den blauen Augen, zu
-welchen das braune Haar ihm so wohl stand. Nach und nach schied sich die
-kleine Gesellschaft und vereinigte sich. Die Mutter klagte vermuthlich dem
-General-Vormund die Noth, der Husarenoffizier theilte der jungen Baronesse
-seine mit Freuden aufgenommene Freude mit, sie wieder zu sehen, wozu Maria
-mit einer Hand auf dem leisen Harfenzuge des Pianoforte von Zeit zu Zeit
-die Melodie von dem Volksliede hören ließ:
-
- »Auf, auf, ihr Brüder, und seid stark!
- Der Abschiedstag ist da.
- Schwer liegt er auf der Seele, schwer,
- Wir müssen über Land und Meer
- In's heiße Afrika!«
-
-Und so trugen die alten, im Volke unvergeßnen und jetzt neu lebendig
-gewordenen Töne meine Seele in dem nun entsponnenen Gespräch mit dem
-willkommenen Gaste, dem Amerikaner.
-
-Ihre Kunde, sprach ich am Caminfeuer mit ihm sitzend, darf ich als
-Wegweiser wohl benutzen, denn Wegweiser sollen etwas mehr wissen und eher
-als die Weg_wandler_ -- Auswanderer.
-
-»Also wirklich! Sie wollen auswandern? -- -- Auswandern?« sprach er ernst.
-»Auswandern, sich selbst verbannen! Sich selbst ermorden! -- um der Kinder
-willen. Seinen Leib, sein Herz, seine Seele aus dem Leibe reißen -- um der
-Freiheit willen. O schwer, o bitter, das Bitterste auf der Welt. Sterben
-wir, so ist hoffentlich Land und Erde vergessen. Meine ich. Aber! Wandern
-wir aus, so geben wir Vaterland und Leben verloren -- es bleibt Alles,
-Alles hinter uns, wie hinter einem Lebendigbegrabenen. Denn so eng, so
-dumpf und schweigend und leblos, so jammervoll ist es um den
-Ausgewanderten, sagte mein Vater uns Kindern bei jeder Gelegenheit, bis in
-das Alter, noch oft; selbst auf dem Sterbebette -- bald leise, bald laut;
-und im letzten Traume sprach er erst recht bewegt von der Heimath, hier
-drüben von dem Berge! von dem Vaterhaus -- dem Schlosse hier drüben -- von
-den alten Linden -- so daß uns in der Fremde geborenen Kindern zu Muthe
-ward, als wäre ein weltfremder Mann, ein gutmüthiger Wilder -- ein Sohn der
-Sonne unser Vater! Ich führe das nur an, so wie er auch sagte: Selber
-Bäume, einen ganzen Wald würde man für desto rasender halten, wenn sich die
-Bäume alle selber ausrissen, über Felder und Berge und das Weltmeer liefen,
-und drüben mit den Wipfeln oder Köpfen sich in die Erde pflanzten, und die
-Wurzeln hoch in die Höhe kehrten, daß sie grünten und blühten und Früchte
-trügen! Doch wenn ich euch ansehe, Kinder, sprach er auch wohl, sehe ich
-doch, in der Welt ist Alles möglich! . . . . wenn es nöthig ist! Das
-Unglück ist das einzig wahre Saamenkorn des Glücks! Die Noth, die äußerste
-Noth ist dem Menschen die Todtenerweckerin, die unbarmherzige Aufschreierin
-seiner tiefsten, gewaltigsten Kräfte, die ihn über bloßes Menschenseyn mit
-zwei Beinen und Armen erhebt, und ihm Flügel giebt über das Meer. Es giebt
-ein kleines Insekt, der Vater wies es mir oft, das hat zwar Flügel unter
-den Flügeldecken, aber es läßt sich von den Kindern jagen, martern,
-stechen, brennen -- und erst, wenn man ihm die Flügel ansreißen will, dann
-fliegt es fort, hoch in die Luft, und macht sich unsichtbar seinen
-Marterhölzern von Menschenfleisch oder Menschenfleischern. Der Mensch ist
-noch lebenszäher als ein Polyp, der sich umkehren läßt, das Innere heraus,
-die Haut hinein, und fortlebt -- das vermag der Mensch bei Herz und Seele
-im Leibe -- aber mein Vater kam mir doch vor wie . . . . wie eine nackte
-Seele, so immer wund, so immer schauernd, daß mir erst wohl ward, als er
-mir seinen Segen gab, der gewaltig klang und voll Verheißung triefte wie
-Gottes Wort. Aber sein Schloß, seine Kinderstube, seine alten Linden hier
-mußte ich doch sehen. Wahrlich, mich trieb nicht das Capital, welches noch
-von ihm her auf diesen Gütern steht. Es mag stehen bleiben, wenn es sicher
-ist. Sonst will ich sehen, was hier zu unternehmen und auszuführen ist --
-nach _seinem Testament_.«
-
-Ich denke, es steht sicher; sprach ich, nicht ganz überzeugt, meinte aber,
-daß die Sequestration, die jetzt eingetreten war, das Capital desto
-sicherer stellte. Der Amerikaner war also der Sohn des vorigen alten Herren
-der Baronie, und der jüngere Herr _von_ Steinbach, und Herr von Steinbach
-wollte ich ihn nennen, als er nicht unanständig, aber gnugsam lachte, und
-sprach: »Ich heiße _Winhing_, mein Bruder _Johannes_, meine Schwester
-_Sabina_, und auch meine Mutter heißt _Susa_, so daß alle Vornamen der
-Straßburger Familie sich in uns einmal wiederholen. Aber dem a und de
-Steinbach haben wir Ade gegeben und den Taufnamen _Erwin_ zu unserem
-Familiennamen gemacht, da wir einen Mann haben, der den Geschlechtsnamen
-erst durch Verstand und Fleiß und Kunst geadelt. Das ist nicht ganz zum
-Lachen, und nicht ganz des Vergessens werth.« Er lachte aber. Und doch
-freute er sich über mein Weib, auch eine geborne von Steinbach, also eine
-Mitenkelin vom alten _Erwin_ von Steinbach, der den Straßburger Münster
-erbaut, und blos als Andenken zeigte er mir das Wappen auf seinem Petschaft
---: das gekrönte Kind, das aus blauem Meer auftauchend eine weiße Rose in
-der rechten Hand hält.
-
-»Mein Vater!« erzählte er dabei, »ging aus dem Wunsch aus Europa: kein
-_armer_ Adliger mit unglückseligen Sclaven oder sogenannten Unterthanen,
-wie man sie hier nennt, zu seyn, sondern lieber ein reicher, freier, bloßer
-Mensch; durch Landbesitz, den er für sein Geld erworben, also adliger, als
-jene ersten Adligen in Deutschland, die mit gewaffneter Faust einwandernd
-Leute und Land behielten. Mein Vater hat mir in seinem Testamente vermacht
-und aufgegeben -- und Geld dazu: -- in meinen männlichen Jahren eine
-Colonie verarmter Adliger und bauergutsloser Rittergutsbesitzer nach unsrer
-Union überzusiedeln, und ich habe schon sechzig Familien, freilich kaum ein
-Hunderttheil der ganzen Trauerliste. Aber entschließen sie sich? Sie hängen
-wie Faulthiere am abgefressenen, eingegangenen Brotfruchtbaume, bis sie
-verschmachtet herabfallen und dann kaum weiter schleichen können auf den
-neuen Lebensbaum.«
-
-Freilich, kann ich sagen, sprach ich, Frau und Mann müssen Beide gleich
-entschlossen seyn, auszuwandern! _Das ist die erste Regel!_ Freilich muß
-die neue Europäische Noth der alten Asiatischen Noth, gleichsam einer
-ägyptischen Finsterniß gleich kommen, ehe die Deutschen ihr _Ruheland_
-Deutschland verlassen, wie einst Asien, aus welchem sie noch verschiedene
-Kasten voll und von Noth mitgebracht. Die Deutschen vor allen sind
-Erdwanderer, vielleicht Erdumwanderer -- bis ihre Enkel klug und glücklich
-durch Californien und das von den herrlichen Menschen volle Sibirien wieder
-heimkommen! Aber was ist Noth? Wenigstens bei den Deutschen, also auch
-Menschennoth? . . . . »Noth« heißt bei den alten Deutschen: Fessel, Gewalt
-und Zwang. Dieses Kleeblatt von der Todes- oder Höllenwiese war ihr
-tiefstes Unglück! Ihr einziges! Sonst ertrugen sie Alles! Was nicht Fessel,
-Gewalt und Zwang war, war keine Noth -- und Noth bezeichnet, wie ihnen,
-auch uns noch das tiefste Unglück; das letzte aber auch. Ein Volk von
-Charakter hat Jahrtausende dasselbe Herz, denselben Sinn. Glauben Sie,
-Master Erwin, daß der klügste Mann von Rom, Cäsar, ein Esel gewesen ist,
-oder daß er Luchsaugen gehabt? Und dieser alte Luchs und Fuchs, Cäsar, sagt
-von den Deutschen: »Ubi fons, campus, nemusve iis placuerit, ibi domos
-figunt, _mox alio transituri_ cum conjugibus et liberis. _Nam diu eodem in
-loco morari periculosum arbitrantur libertati._« Und schon haben es sich
-die Deutschen über 2000 Jahre hier zu Lande gefallen lassen.
-
-»Wir Amerikaner haben auch die lateinische Sprache abgethan! Was sagen Sie
-also, Herr Volkmar?«
-
-Und froh verwundert darüber sagt ich: »Wo ein Quell, Feld oder Hain den
-Deutschen gefällt, da befestigen sie ein Haus, mit der Absicht bald vorüber
-zu ziehen mit Weibern und Kindern. Denn lange an demselben Orte zu sitzen,
-halten sie gefährlich für die Freiheit.« -- Wir Deutschen kennen unser
-Vaterland nicht, blos unser Gasthaus und Wirthshaus. Und schändlich wäre es
-von Einem Deutschen, Einen Deutschen zu beschuldigen, von Einem Übles zu
-reden, denn es ist nur geschehn, was sie Alle hier gewollt und gesollt,
-oder geduldet. Nur vom Übel redet ein Redlicher. Aber davon auch frei.
-_Wohin_ aber nun unser Zug geht, der unwiderstehliche Zug, aus
-unerklärlichem Drang und Zwang, wo nun das Zelt aufschlagen? Das ist die
-Frage!
-
-»Kleinasien, Rußland faßt viele Millionen,« bemerkte der Amerikaner.
-»Ägypten!« --
-
-Da giebt es nur Einen Stoffehändler. Freier Handel wäre uns lieb! versetzte
-ich.
-
--- »Griechenland ist schön und öde.« --
-
-Da fürchten wir den Religionskrieg, die Pest.
-
--- »Italien ist nah, und Wüste genug um Rom.« --
-
-Von den Römischen Pfaffen ist den Deutschen alles Unglück gekommen, Beten
-lehrt uns die Noth schon genug. Den Papst hat ein Nebenzweig von unserem
-Stamme, die Trojaner und ihre Colonie die Römer, mit aus der Mongolei
-gebracht. Er ist weit genug geschleppt.
-
--- »Also nach Spanien! Das Hesperien selbst der Hesperiden, der Italiäner.
-Nicht? -- Südamerika? An der Grenze von Peru kauft man ein Königreich um
-das Geld für ein englisches Pferd. --«
-
-Lieber in die Wüste gebaut, als neben unruhige Nachbarn.
-
--- »Also nenne ich Mexico nicht, weil es Neu-Spanien ist. Aber Canada?«
-
-Das soll erst werden und thun, was die vereinigten Staaten von Nordamerika
-sind und gethan, hört man von dort. Aber warum wollen Sie uns nicht zu
-sich?
-
--- »Wenn die Deutschen ihren Charakter behaupten können! Und den Charakter
-verdirbt alles Nachmachen, Nachreden, die angenommene Sprache, Nachsitten,
-Nacharten, Nachneigen, Nachgehorchen, selbst wenn Gesetze, Verfassung und
-Regierung höchst menschlich und wünschenswerth wären.«
-
-Wir geben klein zu! Dürfen wir bei Ihnen Wir seyn und Wir bleiben, wenn wir
-kein Gesetz, keinen Menschen beleidigen?
-
--- »_Ja!_ Ich meine! --« schloß der Amerikaner.
-
-Wir hatten Amerikanisch, also Englisch, und im Grunde dann Altsächsisch,
-Altdeutsch gesprochen, und dieses uralte »I guess« ich meine, vergesse ich
-nie. Ich stand auf. Wir waren fertig mit dem -- Friedensplan und
-Friedenszug. Nur noch das Wort setzte mein neuer Freund hinzu: »Raum zu
-leben und sich wohl zu befinden, haben noch Vierhundert Millionen Menschen,
-so breit sie sich machen, so hoch sie wachsen wollen. Aber auf den
-Einmalhunderttausend deutschen Quadratmeilen Land ist unterschiedliches
-Klima, mit Seeen, mit Wald, mit Bergen, mit Strömen, mit Meeren nach Morgen
-und Abend und Mittag, mit Pflanzen und Blumen und Kräutern und Bäumen, mit
-Fischen und Vögeln, mit zahmen und wilden Thieren der Erde, daß Jeder das
-Seine sich wählen kann. »_Brot und Freiheit_« steht mit Schweiß und Thränen
-für unsere Gäste angeschrieben über dem Thor zu unserem Lande. Aber nicht
-mit Blut! Wir haben _keine Schulden_ -- wenn Ihr das Wort versteht. Wir
-haben _keine Feinde_, als solche, die wir verachten könnten -- wenn Ihr das
-Wort versteht. Wir haben _Frieden_ auf lange Jahrhunderte -- wenn Ihr das
-Wort versteht. Wir haben _keine Armen_ -- wenn Ihr das Wort versteht. Ja
-wir haben selbst eine miserable Miliz, einen lächerlichen Landsturm, der
-aber gradezu eine himmlische Heerschaar ist, weil er lächerlich seyn kann
--- wenn Ihr das Wort begreift. Ich meine.«
-
-Ich meine auch; sagte ich. Heut zu Tage braucht man nichts mehr zu sagen.
-Die ganze Welt meint blos, und die ganze Welt versteht. So weit haben wir
-es durch Cultur gebracht! Wie stehen in Etwas erschrecklich hoch, und was
-bei Ihnen fehlt, weil es noch nicht nöthig ist, die Humanität ist unser
-Unglück. Denn ein Vernünftiger läßt sich am Ende Alles gefallen, selber ans
-Kreuz schlagen, weil er meint, es thut Andern wohl, und so thut es ihm
-nicht weh. Aber das lange Hängen macht Zappeln.
-
-Der General-Vormund fühlte sich bedrückt, daß seine ganze schöne Armee in
-Amerika mehr als überflüssig und ein Unding sein sollte! So viel Festungen
--- Undinge! So viel Kanonen -- Undinge! So viel Plage, Geschrei und müde
-Gebeine -- Undinge! Aber er fühlte sich schuldig, verschuldet, und schwieg.
-Mein Sohn Marbod saß in seiner Husaren-Uniform wie ein Gespenst da, und das
-Gold darauf blitzte umsonst. Meine Tochter hatte endlich ein wenig lauter
-auf dem Pianoforte, wenn auch nur mit einem Finger, die Melodie des
-neugebornen Liedes: »Auf, auf, ihr Brüder, und seid stark!« gespielt, und
-Master Erwin trat nun sehr bescheiden zu ihr und bemerkte blos, daß in der
-ganzen Union Sonntags kein Laut Musik aus Schonung der vollständigen Ruhe
-der Andern erklingen dürfe -- als sie feuerroth ward und das Instrument
-verschloß. Der Gehorsam rührte mich schwer und bewegte mich tief zu
-seufzen, denn meine Braut war mir einst auch so gehorsam gewesen. Kaum aber
-hatte ich dies sichere Zeichen der Neigung gesehen, als sie erblaßte, sich
-an die Freundin lehnte und bald darauf aus dem Zimmer ging, ja nicht mehr
-wieder kam, so lange die Gäste dablieben, denn ihr bewunderter Freund hatte
-im ferneren Gespräch gesagt: »_daß er hundert Sclaven habe_.« Hundert
-Menschensclaven -- Er!
-
-Es war schon spät. Abreden wurden getroffen, sie sagten gute Nacht, und
-Erwin ließ gute Nacht dem armen Kinde sagen. Als sie fort waren, kam meine
-Maria wieder und versicherte mich: daß sie nun getrost mit mir gehe. Ich
-wünschte ihr gute Nacht. Da hob sich ihre Brust nur, und ihre Augen
-blinkten vor dem Licht in ihrer Hand, und sie getraute sich nicht, die
-Augen vor ihrem Vater aufzuschlagen.
-
-Vom Morgen an war nun ein neuer Geist über mich gekommen. Die Zeit zur
-Abreise war kurz. Ich verzeichnete mir alle Geschäfte, ich theilte sie in
-die Tage ein. Durch meinen Entschluß zu reisen war mir die Heimath zur
-Fremde geworden, das Volk selbst zu Gästen im Lande. Ich war wie ernstlich
-krank geworden. Ich war mir und Andern unnütz, zu jeder Arbeit unwillig,
-ungeschickt, verdrossen. Daß die Sonne zum Frühling höher und wärmer
-schien, kam mir überflüßig vor. Aus jährlicher Gewohnheit deckte ich die
-Weinlaube ab; aber ob die Reben Augen hatten -- die Kirschbäume Knospen --
-ich sah nicht darnach! Daß die Primeln in reichem Flor standen, erregte mir
-nur Bedauern; daß ich Kinder taufte, junge Paare traute, schien mir ganz
-überflüßig. Jemanden zu begraben, that mir recht leid. Hier war es ja nicht
-werth zu leben, nicht werth zu sterben, oder recht werth, und ich segnete
-die Todten mit gewaltigen Worten ein -- mit Zornworten von der Erde, nicht
-mit Vorbereitungsworten für ihre neue Welt, ihre beßre Welt. Dem Kaiser
-Karl V. kann nicht so zu Muth gewesen seyn, als er sich lebendig begraben
-ließ. Denn um mich sangen ganz andere Stimmen! Prophetenworte riefen mich.
-Den kommenden Vögeln sagte ich: bleibt dort, liebe Kinder! Alle Papiere
-suchte ich durch, um Jedem jeden Heller zu bezahlen. Ein langes Geschäft.
-Ich hatte Geld einzufordern. Ein längeres, undankbareres Geschäft. Von
-nahen und fernen Freunden hatte ich Abschied zu nehmen, und einen
-lithographirten Brief schämte ich mich an Alle zu schicken. Da mußte Sohn
-und Tochter schreiben, ich unterschrieb nur. Von den Andern hatte ich in
-den Zeitungen Abschied genommen. Aber darauf erhielt ich nun Briefe,
-dringende Bitten: Zehn, Zwanzig, Hundert, Tausend, Zweitausend Menschen
-mitzunehmen oder nur zu führen! Diese Briefe voll Noth und Klage, schwerer
-als sie zu ertragen schien, so lange zu ertragen unmöglich schien, ließ ich
-in Quartbände heften, binden: die Briefe unglückseliger armer Geistlichen,
-die auf Korn gesetzt, bei Korn fast verhungerten, weil es nicht galt; die
-Briefe von -- bei ihren Gemeinden verhaßten Geistlichen, weil sie in ein
-gewisses Horn geblasen; Briefe von examinirten oder gleichsam im Examen
-entseelten -- durchgefallenen Candidaten; die Briefe von Rechtsconsulenten,
-die nächstens zu verhungern versprachen, weil Bauer und Bürger aus Mangel
-an Geld zu Prozessen lieber gleich alles Unrecht über sich ergehen ließen;
-Briefe von Hammerwerksbesitzern, die nur noch den großen Hammer besaßen,
-aber keine eisernen Gänse; Briefe von Gelehrten, Philologen,
-Schriftstellern, Professoren, Juris-Doctoren, ja sogar die trübseligsten
-Briefe von Censoren, Waschweibern, Kammerjungfern, von Studenten,
-Gymnasiasten und Schuljungen sogar! Briefe von armen Bergleuten, die
-Tagelöhner, Klafterschläger und Stöckeroder geworden, von ihren
-Frau-Spitzenklöpplerinnen, den Nachkommen der Frau Barbara Uttmann, die für
-sie nach Brabant gereiset, und für welche ich nach Amerika reisen sollte,
-als ein Barbarus Uttmann; denn die armen Weiber versicherten, daß sie ihre
-Männer und Kinder von dem Kleinhandel nicht ernähren könnten, sondern aus
-Noth das Körbchen Obst, Gemüse, ja Nägel, Blechgeräthe, Schwefel und
-Zündhölzchen angreifen und veressen müßten. Der Amerikaner, Master Erwin,
-besuchte mich täglich, oder ich ihn; er war mein neuer Freund, denn die
-Noth macht Freunde, oder zum Glück, sie hat auch noch Freunde. --Ich sollte
-nun aller Welt Freund und Erlöser seyn, wie die Briefe sagten; ein
-abgesetzter Professor der Geschichte titulirte mich den neuen Cadmus oder
-Pelops; denn die Noth und der Druck in Ägypten möge wohl auch entsetzlich
-gewesen seyn bis zum Aus-der-Haut-fahren; denn das Vaterland sei die weite
-Haut des Menschen oder der Leib des Leibes. Das war auch Erwins Meinung; er
-war nicht recht einverstanden mit meiner Reise, und sprach eines Tages:
-»Denken Sie sich nur, wenn wir Amerikaner auswandern wollten; wenn wir
-freien Amerikaner in Deutschland eine Niederlassung gründen wollten, als
-saurer Sauerteig in das alte Backfaß . . . .«
-
-Ich erschrak billig, wie Tausende oder Hundert doch, vor diesem furchtbaren
-Gedanken. Aber es schien Ernst dahinter, er verzog keine Miene, gab mir
-Plan und Ausführung an, und als sie ihm immer schöner und heilsamer, mir
-immer grausenvoller erschien, frug er mich: Was Wir denn bei Ihnen zu Lande
-wollten -- als abgebackenes Obst oder Mehl, nicht Korn!
-
-Da brachte mir meine Frau zwei Briefe zusammen herein. Ich überflog sie.
-Ich ließ sie ihn lesen. Und so laut vorgetragen rauschten und zündeten sie
-ordentlich in der gemeinen Luft, und es kam fast Entsetzen über mich, daß
-der heilige Äther auch dazu da seyn solle, solch Geistergift und Elend zu
-tragen -- wie das heilige Meer Sclavenschiffe mit dumpfem Gestöhn. Und so
-zitterte in der Luft der
-
-_Brief des Executors_.
-
-»Sie gar lieber Herr Pastor, Sie wissen, daß ich im Nachbarland
-Justizamtmann gewesen, aber untergehen mußte, weil ich keine Arbeit mehr
-hatte. So habe ich nunmehr hier die allerhöchste, wichtigste Stelle der
-Justiz erstiegen, als Executor. Nur ein Executor kennt Recht und Unrecht,
-von Gerechtigkeit will ich nicht reden. Er kennt Milde und Elend, Milde
-derer, die auf alte Gerechtsame halten, wie mit Händen von Eisen, um nicht
-um Schloß und -- Thür zu kommen, und das Elend derer, die alte Schuld der
-Zeit und der Menschen, die sie sich im Schlafe der Dummheit und Feigheit
-haben aufladen lassen, nun mit erwachten Herzen abzahlen sollen. Kurz, ich
-bin müde, den Leuten die letzte Kuh aus dem Stalle zu nehmen, und die
-dürren Thiere meilenweit an miserablen Stricken fortzuschleppen und für ein
-Hundegeld, kein Kuhgeld, erstehen zu sehen von den abscheulichsten,
-hartherzigsten Stöcken von armen Teufeln, welche aus Noth ein Auge
-zudrücken müssen, und das Herz im Leibe todt. Ich heiße zwar kein Sclave,
-aber ich bin ein _Seelensclave_, ich lebe in der Seelen- und
-Herzens-Sclaverei, und ich bitte mit dem letzten Tropfen guten Blutes im
-Herzen, daß Sie mich mitnehmen, und mich für die Kosten der Überfahrt
-vermiethen, auf tausend Jahre meinetwegen, oder gradezu als _leiblichen_
-Sclaven verkaufen, und mir soll wohl seyn. Die alten Deutschen verspielten
-sich auch und verkauften sich selbst. Meine Seele verkauft meinen Leib.
-Brot habe ich so nicht. Nehmen Sie mich mit, oder, ich versichre Sie,
-lieber Herr Pastor, ich habe noch mehr als einen alten Strick, und so
-morsch er ist -- schwer bin ich nicht. Ich stehe draußen vor Ihrer Thür und
-warte auf Antwort.«
-
-Ich sprang gleich hinaus, sahe den Mann mit seinem verwilderten Barte,
-Thuiskon und alle alten Götter standen vor mir; ich führte ihn herein. Er
-mußte sich setzen, und schwieg. Denn der Amerikaner war ins Feuer gekommen
-und las nun laut den zweiten:
-
-_Brief des Schulmeisters_.
-
-»Ew. Hochwürden verzeihen, Sie als Christ von Ihrem großgünstigsten
-Vorhaben abreden zu wollen. Ist gegen allen herkömmlichen Respekt. Aber wo
-der Respekt in solcher Zeit hingekommen, weiß ich sub fide quasi pastorali
-nicht anzugeben. Jetzt speculirt man gradezu auf Alles, die Menschheit
-sogar zu vermindern, was doch stracks gegen das Einzige Gebot läuft,
-welches der alte Vater im Paradiese gegeben hat: »Seid fruchtbar und mehret
-euch!« Ein wahrhaft göttliches, ja paradiesisches Gebot! Wie ich denn
-selber 9 Kinder habe, zwei Mädchen und sieben Söhne, welche für die Prämie
-von 50 Rthlr. -- also 9 Rthlr. 3 Gr. 5 1/7 Pf. pro Sohn -- nun, Gott sei
-Dank! alle bei den Soldaten auf Lebenszeit versorgt sein werden und müssen.
-So habe ich als Speculant nun gelesen, daß in China Hungerschulen in Flor
-sind. Erschrecken Sie nicht, Hungerschulen, worin und wodurch man nicht
-verdächtig und strafbar die Noth sucht abzuwehren, sondern menschlich und
-hochpreislich zu ertragen. Wer hungern kann, kann gradezu Alles auf Erden.
-Und Wer hungern will, der will Alles, der ist zufrieden mit Allem, es heiße
-wie es wolle, ja es sei, was man will. Ich lege Ew. Hochwürden, sub signo
-solis, einen ausführlichen Plan bei, worin Alles landesmäßig ausgearbeitet
-ist, aus dem chinesischen Reiche und Clima in unser deutsches Reich oder
-Clima übersetzt. In China heißen diese respectablen Schulen gradezu
-Hungerschulen oder Tsing-Long. Ich schlage für uns und die lieben Unsern
-lieber den Titel vor: Friedensschulen, Geduldschulen, oder höchstens:
-Magenschulen. Dort existiren sie zu tausenden. Die _Studenten_ darin tragen
-eine Ehrenkleidung, die nur sie und auch der Kaiser trägt. Sehr gut und
-exemplarisch. Denn daß bei uns die Armen wissen, daß Fürsten und
-Fürstinnen, nebst Prinzen und Prinzeßchen, doch zu Zeiten auch Kartoffeln
-essen und alle Tage Salz, das giebt den Armen einen gewissen Adelstolz,
-auch wenn sie selber nichts andres haben. Über die Kleidung wollten wir uns
-nicht streiten, denn das dort Wohlfeile ist hier theuer, und so habe ich
-_Nanking_ etwas frei mit »roher Leinwand« übersetzt. Climatisch! Oder
-Schaafpelz? (Der Kälte wegen. Denn hungern _und_ frieren ruinirte alle
-unsere Schüler, Studenten oder _Akademiker_; denn dieser Ehrentitel
-»Akademiker« würde die deutschen armen Schlucker sehr anlocken.) Beispiele
-von Vornehmen, Adligen u. s. w. würden Wunder wirken, wie der Hof den Dänen
-das Pferdefleisch zur Probe gegessen hat. Beilage sub signo lunae aber
-enthält ein vorläufiges Verzeichniß der Studenten und -- hier fehlt mir das
-Wort -- etwa der geistlichen Schwestern unserer Gegend. Die ganze Kunst der
-Chinesen beruht nun auf dem (sonderbar!) deutschen Sprichwort: »Der Hunger
-ist der beste Koch!« Die Chinesen in sothanen Schulen, Gymnasien oder
-Akademieen _fasten_ also, geistlich gesprochen, blos so lange, als es nur
-ein Araber oder Wilder aushalten kann. Der Schmachtriemen hilft nach;
-Wasser thut Wunder und nährt lange allein, wie man an Pflanzen sieht. Wenn
-aber keine Kunst, keine Geduld, kein Zureden der angestellten geistlichen
-und weltlichen Beamten mehr hilft, und auf lange Schwäche endlich Ohnmacht
-schon eingetreten, dann wird das Zimmer mit Gänsebraten geräuchert, nämlich
-mit ungebratenem, mit den Federn, die ein prächtiges Gastmahl vermuthen
-lassen; oder Kinder schreien im Hofe der Anstalt wie ein Kalb und bellen
-dazu wie ein Hund, als führe ein Fleischer eins heim, oder schlachte es
-schon; oder es ertönt quickendes und erquickendes Schweinegeschrei, als
-werde sogar schon ein Schwein geschlachtet. Andere Knaben klopfen mit zwei
-stumpfen Beilen auf ein Bret, als mache man Wurst. Kurz nach allen
-Kunststücken der Politik und der Seelenlehre, wenn der Studiosus wirklich
-zu sterben drohte vor Appetit -- dann wird ihm ein wenig -- aber was? --
-Pferdefleisch gebracht, und die gute ehrliche Seele bleibt wieder in ihrem
-Leibe oder in ihrem irdischen Vaterlande, und läßt sich wieder täuschen. So
-lernt er, so kann er, wird sanft, mildthätig, lehrfähig, und stiftet dann
-selbst wieder eine Magenschule in andern eßbegierigen Gegenden, und alle
-Unzufriedenen, durch Steuern oder Prozesse, oder gar Arbeitslosigkeit zu
-Grunde Gerichteten gehen in diese dem Lande räthlichen Schulen. Aber erst
-in unsern Kleinkinderschulen diese wahre Koch- und Eßkunst einzuführen,
-wäre eine Verbesserung, welche die Sache an der Wurzel angriffe, und bleibt
-wie die Erfindung derselben uns Abendländern vorbehalten . . . . Ihnen, ich
-erspare Ihnen und der seelensguten Frau Pastorin Ihre Auswanderung, und
-30,000 unwissenden, armen, deutschen, jährlich blos darum Auswandernden,
-weit sie eine Erfindung der Chinesen nicht ahnen, die ihnen doch Allen so
-nahe liegt, sich so aufdrängt Tag für Tag. Aber vergebens. Denn die Welt
-ist blind. . . . .«
-
-So weit hatte der Amerikaner gelesen, laut, und wir sahen uns billig an,
-und zuckten die Achseln, als der Verfasser, mein braver Schulmeister in
-Hammersdorf, hereintrat, weil ihn das Vorlesen wie ein Strom in seine
-eigenen Worte gezogen. Er hatte seinen besten Staat an, ein abgeschabtes,
-gewandtes, schwarzes Kleid, aber das blasse, redliche, wohlmeinende,
-kummervolle lange Gesicht, die mild und treu uns anblickenden Augen
-benahmen uns jeden Gedanken, als den des redlichen frommen Willens in
-diesem Manne.
-
-»Daß die Natur so weit herabsinken kann bis in eine solche Gestalt, bis in
-solche Gedanken!« sprach der Amerikaner leise zu mir. »Er scheint seinen --
-Schulplan schon selbst erprobt, ja probat gefunden zu haben; so
-himmlisch-chinesisch sieht er aus. Aber das nennen wir in Amerika:
-Phantasmen! Schlimme Zeichen schlimmer Krankheit! Sogar in unsern
-Irrenhäusern spuken doch andere Pläne. Solche nicht. Der redliche Mann ist
-mir wie ein Verwesungszeichen an einem noch Unbegrabenen -- den man nun
-begraben kann! Man begräbt sicher nur einen Todten. Jetzt rathe ich Ihnen
-mit mir zu reisen! Noch ein anderes Zeichen habe ich unterweges bemerkt.
-Die Leute, besonders die Männer bei Ihnen und weithin, scheinen nämlich
-taub. Man muß schreien, ehe sie hören, zweimal es sagen, ehe sie antworten.
-Das bedeutet Geistesabwesenheit, Versunkenheit. Kurz, wir reisen! --«
-
-Ich sagte ihm, daß der Schulmeister Tolera, als Repräsentant aller
-möglichen Toleranz, von den armen Schulkindern kein Schulgeld nehme -- und
-der Executor bestätigte, daß er nie Leute für ihn habe auspfänden sollen --
-daß derselbe mit Kühen handle, Capitale von 3 bis 20 Thalern den Armen
-negozire, und der Amerikaner rieth mir, diesen Speculanten mitzunehmen;
-Fracht und Spesen wolle er für ihn tragen. Ich sagte das laut. _Tolera_
-nahm es an, und versprach in seinem Eifer die Magenschule in der
-vereinigten Republik anzulegen, worauf ihm bemerkt ward, daß dort nur die
-Faulen hungerten, nicht die Fleißigen »und Fleiß ist die Tugend der freien
-Amerikaner.« Der Schneider brachte mir eben meine Reisesachen, und so
-konnte ich dem armen Tolera sogleich meinen respectablen Rock schenken,
-welchen er draußen anzog und sich dann uns präsentirte. Er ging ihm bis auf
-die Knöchel, aber das gab ihm Würde. Der Executor hätte den Rock gern
-gehabt, aber er schlug die Augen nieder und weinte fast, denn für ihn
-schien der Amerikaner nicht Fracht und Spesen tragen zu wollen. -- »Das
-Glück ist selten doppelt,« sprach er, »das Unglück aber oft. Ich mußte oft
-wegen zwei Schuldposten auspfänden -- und ich will es ferner mit Gottes
-Hülfe.«
-
-Mit _Gottes Hülfe!_ Das verzweifelte Wort entsetzte und rührte mich. Soll
-Gott zu Druck und Rache helfen? Ich getraute mich, beim General-Vormund ihm
-die vacante Stelle des glücklichen Meisters Tolera zu verschaffen, damit er
-lieber ein Executor des göttlichen Willens werde. Das war er zufrieden und
-fühlte sich glücklich. Master Erwin nahm dagegen mit feinem Lächeln den
-Schulmeister in Pflicht, zum Heil Amerika's dort die Hungerschulen
-einzuführen. Das war er zufrieden und fühlte sich glücklich.
-
-Ich hatte in den Zeitungen von meinen entfernten Freunden Abschied
-genommen, aber die Nahen konnte ich nicht besuchen. Mein Gott, so sollte
-ich sie denn hier lassen, dahinten auf immer! Sie sollten alt werden, Staub
-werden, vergessen seyn! Wahrscheinlich, wie bisher, sahe ich -- wenn ich
-blieb -- etwa nur Einen oder den Andern in Jahren, und noch zufällig
-irgendwo auf eine Stunde! Aber es war doch möglich, daß ich zu ihnen
-konnte, sie zu mir! Diese beglückende Möglichkeit schnitt ich mir nun ab.
-Ach, die Möglichkeit! Die Menschen wissen gar nicht, was sie an der bloßen
-Möglichkeit haben. Oder vielmehr, sie wissen es wohl, Alle überschätzen
-sogar die Möglichkeit! Weil alles Gute, Freiheit, Friede, Glück, möglich
-ist -- darum halten sie aus wie besessen, so lange es möglich ist, ja meist
-noch länger, noch schändlicher. Diese Betrachtung stärkte mich recht, wenn
-ich mit meinem Sohne durch die zwanzig Dorfschaften ritt, deren Ambassadeur
-ich war. Wie sie so still vor den Thüren saßen, wie sie sich um mich
-versammelten, die Greise, die Männer, die Weiber und Kinder, die Jungfrauen
-und Junggesellen! Sie waren Alle ausgewurzelt mit dem Geiste, nur leicht in
-Erde geschlagen, wie Bäume, die versetzt werden sollen. Aber es war auch
-schon ein Geist über sie gekommen, wie ich ihn diesen Leuten nie zugetraut
-hätte, sondern überhaupt nur der Welt und dem Gott, von wannen er ihnen
-gekommen. Ja die Leute trösteten mich und drängten mich! In Frankreich
-hatten die Pfaffen wieder einmal dem Volke den jüngsten Tag weiß gemacht
-und angesetzt. Der Wirrwarr soll aus der Maaßen gewesen seyn. So konnte ich
-auch an jedem Abend sagen: Ich habe heut seltsame Dinge gesehen. Wie vor
-dem jüngsten Tage ging es auch hier zu -- und wer weiß, wie nahe er ist --
-nur alles hier geordneter und zu einem vernünftigen Zwecke, wozu eine
-besondere Thätigkeit nöthig war, kein Heulen und Zähneklappen und
-Lippengeplärr. Fast Alles, was die guten Leute hatten, war auf die
-Bedingung verkauft, verschenkt, ja durch Testamente vermacht an Andere,
-Bleibende, Herziehende, wenn ich ihnen Nachricht sendete, Freudennachricht:
-»Ihr Menschen kommt! Ich habe gefunden, was Ihr gesucht, seit Eure Väter
-aus Indien gezogen, so viel tausend Jahre sie hier sich versessen, und am
-Teich Bethesda gelegen, den kein Engel bewegt, geschweige ein schwarzer
-Engel oder mehrere.« Sie betrachteten den Amerikaner, wie ohngefähr die
-Peruaner einst einen weißen Sohn der Sonne, der zaubern könne. Und so
-thaten wirklich seine einfachen, graden, wahren Worte, keine
-Versprechungen. Selber der kleine Landesherr würde keinen solchen Eindruck
-mehr auf sie gemacht haben, wie Er. Ich seufzte und schwieg. Mein Sohn ging
-statt rothweltlich nunmehr wiederum schwarzgeistlich; auch den Schnurr- und
-Schnauzbart hatte ich ihm im Schlafe abrasirt, versteht sich in Eil _nur_
-ein Wenig davon, nur die Hälfte auf einer Seite, und die andere Hälfte
-mußte er Schande halber am Morgen dann selbst cassiren. Alles Volk kam mir
-auch wie von einem guten Vater jetzt so halb rasirt vor, und die Schande
-des Halben wird alles Halbe nun selbst rasiren. Wie lange saß ich selber
-nicht eingeseift! Ich ermahnte die guten Leute zu Geduld, und sie frugen
-mich fast wehmüthig, ob sie nicht Geduld gelernt hätten, und nun eben erst
-recht beweisen wollten dadurch, daß sie wegzögen? Ich hatte mich mit den
-Anordnern von Auswanderungen in vielen andern Gegenden in Verbindung,
-gesetzt; mit den sehr löblichen Anordnern und Versorgern der Auswanderer
-aus der Schweiz, aus Würtemberg, aus Rheinbaiern, den Rheinprovinzen, aus
-Hessen und Sachsen, und manches Gute erfahren, auch Bücher zugesandt
-erhalten, viele von den Verfassern selbst; denn welcher Deutsche meint es
-nicht selbst mit dem Teufel gut -- wie Klopstock mit dem bösen Engel --
-geschweige mit Deutschen. Diese Bücher vertheilte ich nun in alle die
-Dörfer so, daß sie wechselten und Jedes in jedem den Gemeinden an den
-Sonntagen vorgelesen wurde. Als: Kromme's Reise durch die vereinigten
-Staaten; Klinkhardts Reise nach Nordamerika; das herrliche: »Michigan«, ein
-Wegweiser für Auswanderer; »Illinois«, ein Wegweiser für _Ein_wanderer;
-(schön gesagt: _ein_ statt _aus_, denn wer auswandert, thut es eben blos um
-einzuwandern) »Leben und Sitten in Amerika«; -- »Missouri, ein Wegweiser
-für Einwanderer«; -- »Doctor August Neanders Richard Boxter«; -- »Kurze
-Schilderung der Nordamerikanischen Staaten nebst ausführlichen
-Vorsichtsregeln für Auswanderer, von Witte«; -- »Der Nordamerikanische
-Rathgeber von Gerke«; -- »Der vollkommene Nordamerikaner, von Dalp aus
-Bern.« (Das bis jetzt beste Buch von allen). Und so manche andere Bücher
-und Charten. Auch hatte ich mir selbst eine enorme Charte der vereinigten
-Staaten zusammengemalt, eine Specialcharte, illuminirt, so groß, wie ein
-Scheuntenne, und auf ein Tenne ließ ich sie breiten, und mein bester
-Schulmeister Tolera erklärte sie mit einem Rechenstiele den Zuschauern im
-leeren Bansen. Abends fand ich gewöhnlich Handwerker mit ihren Weibern bei
-mir; und selbst ein sonst immer betrunkener Schlosser war so
-feierlich-nüchtern, so weiß gewaschen, verständig, so wohl gekleidet und
-artig, voll vom Gefühl, daß sie nach Amerika wollten -- als wenn sie wegen
-einer edlen That sollten zu einem König zur Tafel gehen, und bei mir Probe
-äßen, denn ich behielt die guten Leute zu Tische. Meine Tochter Maria hatte
-ihre Kleider, und Alles, was ich von Weiberhand bedurfte, selbst fleißig
-gemacht und fertig. Die Mutter hatte keine Hand dabei angelegt. Mein Sohn
-Marbod war in meine Stelle eingewiesen. Ihr ward noch kein Auge feucht.
-Erst als ich am Auferstehungstage meine letzte Predigt gehalten, als ich
-den Leuten das Abendmahl ausgetheilt und es selbst genommen, noch einmal
-den lieben Ort, die versammelten Menschen, die Apostel über mir im Gewölbe
-angesehen, und die Altarstufen hinunter gewankt und über die Gräber nach
-Hause geeilt war, und meiner Frau um den Hals fiel, da glaubte sie mir --
-denn sie war in der Kirche gewesen und, aus Wehmuth, vor mir nach Hause
-geeilt. Als sie sich ausgeweint hatte, stand sie, düster zur Erde blickend,
-glühend im Gesicht, und sprach zuletzt: »Das hätte ich nicht von Dir
-geglaubt, daß Du mich verlassen würdest . . . .«
-
-Und ich nicht von Dir, sprach ich gestärkt, und bat und drängte sie,
-mitzukommen.
-
-»Siehe,« sprach sie aufblickend, »soll ich es denn sagen? Wie elend haben
-wir Jahre lang uns durchgebracht, wie schwer die Kinder erzogen! Denn was
-Ältern jetzt auf Kinder wenden wollen, das müssen sie sich abdarben. Ihr
-Geistlichen seid zumeist auf Korn und Hafer gesetzt -- auf Geld sitzt Ihr
-nicht; höchstens auf den paar Groschen für Trauen und Taufen; zum Abendmahl
-gehen Viele nicht, weil sie es bezahlen müssen -- und Korn und Hafer gilt
-nicht, und von Brot lebt man heut zu Tag nicht -- und so haben wir
-schändlich genug auf den Tod meiner alten Muhme, der Frau von Gaispitzheim
-in Breslau, gewartet; aber heute lebt sie noch und sitzt auf ihren drei
-Tonnen Goldes. Gehe ich nun . . . sterbe ich vielleicht, so bekommen unsere
-Kinder Nichts! Und die armen drei Kinder müssen sich eben so plagen, so
-darben und dulden wie wir. In Breslau liegt Amerika für mich! Also weil ich
-redlich als Mutter denke, darum bleibe ich! -- Sprich nicht, ich bin kein
-gutes Weib, oder gar: ich scheide mich von Dir. Du scheidest Dich ja auch
-nicht von mir -- das weiß ich -- Du gehest nur! Ach, darum gehe, und gehe
-getrost, und laß mich getrost. Nur Eins wäre schlimm, und ein schlimmer
-Betrug, wenn ich bliebe und doch vor der Erblasserin stürbe. Dann gedenke
-mein! Ich habe es gut gemeint.«
-
-Darauf gab sie sich mir wieder hin. Ich fühlte ihre Nähe, ihr Glühen, ihre
-Liebe, Ihren Besitz. Die helle schöne Sonne schien uns Beide an, wir hatten
-zwei Schatten, aber Ein Herz für die Unsern -- _Wen_ wir jedes denn für die
-Unsern hielten! _Wie_ wir es Beide denn gut mit ihnen zu meinen glaubten.
-Und von ihren heißen Worten schmolz mein Verdacht, als bliebe sie nur weil
-sie eine Adlige war, und sie wußte, daß ein Adliger eben grade viel weniger
-in den Freistaaten gilt, als ein verständiger Bauer, und alle Europäische
-Thorheit, wie türkische Pantoffeln vor dem Gotteshause, auf dem Strande von
-Amerika abgelegt werden muß, wenn Jemand noch so halsstarrig gewesen, sie
-nicht zu Hause abzulegen, oder auf der tausend Meilen langen Bußreise durch
-die Meereswüste, und da sie Gott und Menschen, selbst Wallfischen und
-Gestirnen abzubitten. Mir war also ein Stein _vom_ Herzen, aber ein anderer
-_darauf_ gewälzt -- mit sehenden Augen, mit Liebe im Herzen, bei lebendigem
-Leibe und vollem Verstande von meinem Weibe zu scheiden. Denn meine
-Trennung war einer Scheidung wenigstens gleich! Aber ich hatte mein Wort
-gegeben, ja meine Seele, das heißt: meine Überzeugung, und so schied ich
-mich als Geistlicher mit den gebräuchlichen Worten von ihr; aber sie war
-dazu vor mir niedergeknieet -- und ich knieete zuletzt auch zu ihr, und wir
-hielten uns an den Händen und sahen uns an einander noch einmal satt. Da
-hörten wir den Gustav Adolph gelaufen kommen. Wir standen gefaßt auf. Und
-daß der Knabe bei der Mutter bleiben sollte, -- weil er wollte, war mir nun
-lieb; denn sie blieb bei unserem Sohne Marbod, und wenn Dieser nun droben
-über ihr in der Studirstube umher ging, konnte sie denken: Ich bin's. Bis
-sie weinte und sprach, ach, Er ist es nicht, Der ist geschieden! Aber ich
-will ihm alle Jahre schreiben zur Christbescherung und er schreibt mir, und
-wenn die Dörfer nachwandern, wandre ich mit . . . . oder schiffe nach! --
-
-Drauf saßen wir Alle vereint, die Henkersmahlzeit zu essen. Da ereignete
-sich noch eine kurze Scene. Nun, da meine Mirjam mit weggehen sollte, jetzt
-war es meinem Diakonus Bierey eingefallen sie zu heirathen. Er kam noch vor
-Tische und hielt um sie an. Ich überließ die Antwort meiner Tochter, die
-ihm Ja sagte -- wenn er mitgehen wollte. »In Amerika soll das
-vortrefflichste Bier seyn,« sprach er, »auch Wein schon. Das lockt mich
-sehr; aber dort bin ich von der Gemeinde absetzbar, und meine Einkünfte
-hängen von der Vortrefflichkeit meiner Predigten ab -- und da man sich
-auspredigt, und alle Jahre schlechter -- schlecht will ich nicht sagen --
-so will ich doch in meinem Europäischen schwarzen Talar stecken bleiben --
-so leid es mir thut, beste Maria! Nun heirathe ich in meinem Leben nicht,
-denn es war nur so ein Einfall, aus Neid gewiß nur, denn das Lagerbier ist
-noch zu jung und bekommt mir nicht. Also ein Einfall aus Neid, aus was Sie
-wollen, nur machen Sie mich nicht lächerlich, daß ich derber Vierziger habe
-heirathen wollen. Es würde mir schlecht gegangen seyn!«
-
-Mit den letzten Worten meinte er seine bewährte Antipathie gegen die
-Mäßigkeitsvereine, nicht gegen die verschiedenen trinkbaren Stoffe, wogegen
-sie errichtet sind. In Amerika hätte er nun vielleicht gar an die Spitze
-eines solchen Vereines treten sollen. Er mußte, als Dank von meiner Seite,
-mein Gast seyn. Die Baronesse schickte mir zur Henkersmahlzeit mit den
-Meinen sechs Flaschen edlen Wein; und schon bei der zweiten hatte er seine
-neue Liebschaft über die alte vergessen. Was uns aber traurig überraschte
--- sechs sehr artige, liebe, wohlerzogene Jungfrauen, die Töchter des uns
-bekannten, verarmten und als Wittwer begrabenen Eisengußwerkdirectors
-Horazius kamen reisefertig, und baten mich, daß sie blos unter meinem
-Schutze mitreisen dürften. Sie wollten sich ungekannt _drüben_ vermiethen
--- hier schämten sie sich. Sie zeigten mir ihre sechs kleinen Beutelchen
-mit dem Gelde zur Überfahrt. Es ward ein Taufen angesagt; der Diakonus
-empfahl sich uns allen und seinen lieben sechs Muhmen -- und wünschte uns:
-glückliche Reise! Es ist kein Zweifel, wer das Sterben erfunden, der hat
-auch das Abschiednehmen erdacht, es geschieht alle Tage auf der ganzen Erde
-gewiß tausendfach, aber ich glaube hauptsächlich nur deswegen, daß der
-Mensch recht empfinden soll, was er besitzt, besessen hat, und in Wahrheit
-doch behält, sonst würde es bei allen bittern Schmerzen doch nicht zugleich
-ja gar so selig seyn! »Wir behalten uns!« sprach ich schon immer im Voraus,
-indem ich in der Stube auf und abging, bald meine -- ach was denn! _meine_
-Kupferstiche ja nicht mehr -- an der Wand ansah, bald meine Mirjam, die,
-auf dem Sofa sitzend, eine Hand der Mutter gegeben hatte, eine Hand ihrer
-Jugendfreundin, der Baronesse. Darum ist mein zweiter Hauptrath zum
-Auswandern: _Nehme Jeder alle die Seinen mit!_ Sonst scheidet er nicht,
-nein, er schneidet sich entzwei, kommt mit dem verdrossenen Leibe drüben
-an, und hat die Seele zu Hause gelassen. Wo _alle_ die Unsern sind, da ist
-es zuletzt überall schön oder doch gut genug. Kinder aber scheiden noch
-leicht und verlieren noch unbekümmert. Denn mein dummer Junge, mein Gustav
-Adolph, malte lieber Ostereier, als daß er eine Viertelstunde neben mir
-gesessen hätte, um meine letzten väterlichen Worte anzuhören! Kinder sind
-Etwas, sind Viel -- und auch Nichts! Unsere Stube war voll vornehmes
-Abschiedsgesindel, Gevattern, Pathen, Anverwandte. Alles Weltneugierige.
-Die Menschen können Keinen sterben lassen, er muß ihnen wenigstens noch 12
-mal 12 multipliciren; sie müssen ihn trösten, bedauern, vergeben, kränken
-und zu rechte rücken; sie können Keinen scheiden lassen, sie müssen ihm das
-Leben schwer und die Zunge leicht machen. Ich ging also indeß auch
-Abschied, nehmen -- zu meinen Büchern. Hilf Gott! wie überfiel es mich da!
-Ich weinte bitterlich! Aber sonderbar, wie ein Sterbender that ich einen
-befreiten Blick über die armen Geister. Viel Freude ist in unsrer Literatur
-nicht, das Meiste: Bedürfniß, Noth, Hülfe. Es ging mir ein Licht auf; ich
-möchte sagen, ein bitteres. Kein Mensch schreibt mehr aufrichtig! Höchstens
-ein Mediciner, ein Bohneneinsalzer. Keine Geographie, keine Geschichte ist
-aufrichtig, was verdient Aufrichtigkeit genannt zu werden. Und da nun Jeder
-anders fühlt und denkt, so seufzte ich schwer: Ach, mit der Aufrichtigkeit
-stirbt die Treue, mit der Treue stirbt der Mensch. --
-
-»Sind wir Menschen?« frug eine höhnische Stimme, wie der Teufel, hinter
-mir, und ich sahe mich um. Aber nun auch, wie viel war ich los und warf ich
-ab: zuerst alle Landcharten, Rußland, Türkei, Kirchenstaat, Spanien,
-Portugal, selber Deutschland! Alle Journale fielen von mir ab, wie
-angeklebte Bilder von einem als Bildermann maskirten Apotheker. Alle
-Zeitungen, alle Kirchenzeitungen, denn nur noch eine Teufelszeitung fehlt
--- zerfielen in ihren deutschen Staub, Gott sei Dank! Ich war wie
-neugeboren. Alle Philosophie, die zuletzt nur dem Papst den Pantoffel
-flickte. Selbst alle Dichter. Und wie im Himmelsfeuer stand mir Göthe auf
-seinem Tabor verklärt. Denn sonderbar, unser Matador, der manchen Stier
-erlegt, unser Dichterfürst, was hat er wiederum in seinem besten, schönsten
-Werk, dem Wilhelm Meister, anders angelegt -- und vollständig in den schwer
-verkannten Wanderjahren gelehrt -- als _die Auswanderung! Die
-Auswanderung!_ Derselbe, der Herrmann und Dorothee das einzig hülfreiche
-Wort zur Zeit sprach: Dächten Alle wie ich, so stände die Macht gegen die
-Macht auf, und wir erfreuten uns Alle des Friedens. Könnte man sich manche
-Deutschen so dumm denken, daß ein Mann wie Göthe, genährt mit dem Mark der
-alten Welt, und in Leib und Herzen und Geist das Mark der Natur, ein Mann,
-der für sich gar herrlich wußte frei zu seyn, und sich aus Allem los zu
-ringen, so vernagelt, so neidisch, so niederträchtig gelebt und gedacht,
-nicht Allen Andern das zu gönnen, was ihm allein nichts helfen konnte? In
-Amerika will ich ein Büchlein ediren »der Volksfreund von Goethe,« der
-seine ungeheuren Worte frei machen soll. Ja, ich getraute mich, durch
-Auszüge und Zusammenstellungen seiner schlagenden und erschlagenden Blitze
-ihn gradezu auf eine der beliebtesten Vestungen zu bringen, wenn er nicht
-sicher in der Fürstengruft ruhte. -- Sicher? -- Hat man nicht schon gesagt,
-er werde wieder hinaus practicirt werden? Weil auch der Staub verschieden
-sei . . . . weil auch noch die Feder der todten Taube sich vor der Feder
-des todten Habichts krümme, also krümmen müsse. Fahret hin! sprach ich
-lachend. Ich fahre auch hin. Aber zur Mitgift auf die Reise stach ich mit
-dem Finger blind in ein Buch, dachte dabei an Amerika, blickte dann hin und
-las mit Rührung die schöne tröstliche Stelle in Iphigenia:
-
- »Denken die Himmlischen
- Einem der Erdgebornen
- Viele Verwirrungen zu,
- Und bereiten sie ihm
- Von der Freude zu Schmerzen
- Tief-erschütternden Übergang;
- Dann erziehen sie ihm
- In der Nähe der Stadt,
- _Oder an fernem Gestade_ --
- Daß in Stunden der Noth
- Auch die Hülfe bereit sei --
- _Einen ruhigen Freund_.«
-
-Ich küßte den Band und ließ ihn wie Honig in einem absterbenden Baume. Die
-größte Aufgabe der Indier während ihres Lagers im sogenannten Deutschland
-scheint mir die Läuterung des durch die herrschsüchtigen Neu-Römer
-verfälschten Christenthums, und so nahm ich als reines Facit nur »D. August
-Neanders Werke« und »Reinhards Plan Jesu« mit mir. Von weltlichen Büchern
-aber ein Buch -- wozu ein Volk von Gelehrten gehörte, also die Deutschen,
-und Jahrtausend alte und reiche Kenntniß es zu schreiben -- eine Bibliothek
-in Einem Werke, mit einem Wort: die unschätzbare »Encyclopädie von Gruber
-und Ersch.« Wenn einmal ein auf Welt-Unkosten reisender himmlischer
-Regierungsrath, oder himmlischer geheimer Consistorial-Assessor käme, und
-auf der Erde Schulexamen ihrer Kinder vorgehalten haben wollte, oder Adam
-früge: wie viel wissen denn nun meine Kinder durch die Frucht vom Baume der
-Erkenntniß; so thäte man füglich am kürzesten, dem Vater Adam oder dem
-himmlischen Regierungsrath oder himmlischen Ober-Consistorial-Assessor die
-Encyclopädie von Gruber und Ersch als Scriptum der geistreichen Kinder zur
-Einsicht und Kenntnißnahme gehorsamst darzureichen. Und der Bericht an die
-Weltregierung, das große Ministerium des wahren Cultus, würde glänzend
-ausfallen.
-
-Jetzt Abends brachten mir arme Bürger eine Musik. Ich weiß nicht, ich bin
-bei allen Dingen standhaft, sie kommen mir alle noch weltlich,
-oberflächlich, menschlich vor. Aber, so wie Musik erschallt, wie Klänge aus
-der gewöhnlichen Menschenluft da draußen sich regen und hervorbrechen wie
-rosige Blitze aus Wolken, und wie Donnergemurr und Gottes Rede aus Wolken
--- dann bin ich hin, dann bin ich erweicht, und die Geister machen mit mir
-was sie wollen, und das Ereigniß erscheint nun geweiht, es geschieht nun im
-ewigen schönen geheimen Leben; die Geister des Himmels wissen darum, sie
-loben, sie preisen, sie verherrlichen es mit ihren Engelszungen, und nur
-mit höchster Überwindung bring' ich's dahin, dazu und darein zu singen, und
-wenn mir's gelingt, dann lebe ich mit in dem Leben der himmlischen
-Heerschaaren! Und nun sangen sie gar: »Befiehl du deine Wege!« . . . und
-mit erhöhter gewaltiger Stimme: »Und ob gleich alle Teufel hier wollten
-widerstehn, so wird doch ohne Zweifel Gott nicht zurücke gehn. Was Er sich
-fürgenommen, und was Er haben will, das muß doch endlich kommen zu seinem
-Zweck und Ziel!« . . . und das Kraftwort: »Mach' End, o Herr, mach' Ende an
-aller unser Noth!« -- Da trat der General-Vormund mit meiner lieben
-Lehrtochter, der Baronesse, zu mir Einsamen herein. Sie wünschten mir
-Glück, sie empfahlen sich meiner Gunst und Vorsorge. Denn er übergab mir
-2000 Guineen als Privateigenthum seiner Mündel, das in der englischen Bank
-gestanden und den Gläubigern nie mit gehört habe -- nur die Baronie -- und
-auf den Fall, daß sie den Gläubigern ganz gehören werde, sollte ich dem
-armen Kinde reicher Ahnen, der jungen Baronesse, drüben wieder ein Stück
-Amerika kaufen, so groß es für das Geld seyn werde und könne. Kaufen aber
-sollte ich jedenfalls; »denn,« sprach der General-Vormund, »in Zeiten muß
-Jeder für seinen Fall besorgt seyn. Vorsorge ist die wahre Sorge. Alles
-Andere ist Kummer und Noth.« -- Dagegen versprachen sie mir, für meinen
-Sohn alles Mögliche zu thun, und meiner -- Strohwittwe Freude zu machen,
-die eigentlich nur um des geliebten Sohnes willen dableibe -- und die
-Freysingen gab mir ihr Händchen darauf, aber sie zitterte, sie war erröthet
-und ihre Augen schlug sie schüchtern nieder und ein Lächeln schwebte über
-ihr Gesicht und -- ich segnete sie . . . . . wenn mein Vaterherz sie recht
-verstanden hatte, und sie weinte.
-
-»Ja, es ist ein Elend,« stöhnte der General-Vormund; »die alten Burgen
-wäscht der Regen herunter, und auch alle die Herren _von_ -- »»die Herren
-von Hab' und Gut«« -- führt der Himmel auch herab unter die
-Menschenkinder.«
-
-Am schwersten schien mir der Abschied von meiner alten lieben Großmutter,
-die in dem Alter von 88 Jahren und staarblind in meinem Hause lebte, still
-und ungemerkt. Aber er ward mir am leichtesten. Denn die gute Alte segnete
-meinen Gang und sprach: »Du hast wohl einmal gehört, mein Kind, daß mein
-jüngster Sohn August, um mich als Wittwe zu kränken, von mir gegangen ist
-nach Amerika. Das hab' ich aus Rotterdam erfahren. Er war kaum Chirurgus.
-Meine Augen waren immer schwach; er wollte mich heilen und sein Mittel
-machte mich blind. Da stieß ich harte Worte im ersten Schrecken gegen ihn
-aus. Er solle aus meinen Augen gehn! Ich wolle ihn nicht mehr sehn! -- Ich
-will Sie nicht mehr sehen, meine Mutter; ich kann es auch nicht! sprach er
-und floh. Mein Gesicht kam wieder. Er blieb fort. Nun bin ich blind! Nun
-kann er kommen! So lange habe ich gelebt, ihn wieder zu sehen! Und gieb
-Acht, er lebt noch, Du findest ihn! Ja, so lange sterbe ich nicht, bis er
-kommt. Und Du kommst auch wieder, mein Sohn!«
-
-Nach Allem endlich schliefen wir zum letzten Male im Hause zusammen. O das
-letzte Lichtauslöschen! Das letzte Gute-Nachtsagen! Und die Glockenschläge
-der alten Uhr vom alten Thurme! Und das letzte Tagabrufen des
-Nachtwächters! O die Welt ist entsetzlich tief und schauerlich! Und das
-Menschenherz ist sehr stark, und unzerreißbar von allen Erdbeben und
-Stürmen, die unter Gewitterwolken es zittern und klingen lassen von
-unbegreiflichen, hinreißenden Melodieen des Lebens. Und die Träume kamen;
-die alten Träume, die weinenden, kamen lachend; und die neuen Träume, die
-lachenden, kamen weinend! Und ich schlummerte ein wenig, und die Träume
-weinten viel, aber die Thränen standen am Morgen _mir_ in den Augen. Und
-ich dachte, so ist schon Hunderttausenden gewesen, in alten Tagen und
-neuen! So wird noch Millionen seyn, so Gott will. Alle Thüren im Hause
-standen offen, als ginge es auf einen großen Jahrmarkt . . . . ich jagte
-noch unser Rothkehlchen hinaus in die Freiheit; ich lies den Zeisig aus dem
-Gebauer in die Freiheit -- die Katze blieb und der Hund lief mit! Und
-sonderbar -- ich schied von Nichts und von Niemand schwerer, als von
-Jemand, den ich doch mit mir nahm -- von meiner Tochter! Wohl weil ich sah,
-wie sie Mutter und Bruder und Heimath verlor. Man muß die Augen zumachen
-wie ein Todter, den man hinausträgt, sprach ich zu mir. Mit offenen Augen
-schiede er selber schwer! --
-
-»_Du kommst wieder!_« sprach mein Weib zum Abschiedswort, und blieb fest in
-der Hausthür stehen, »Komm' wieder, Vater!« sprach mein Knabe, und kroch
-mir noch in den Wagen nach, um mich noch einmal zu küssen; -- denn ich
-hatte Pfefferkuchen bei mir!
-
-Ein Wagen ist so dumm nicht erdacht; nach hinten und an den Seiten zu --
-nur nach vorn, nach der Zukunft offen! Die Tochter saß neben mir, mein
-Schulmeister gegenüber und mein ältester Sohn, der mich begleitete. Der
-Schwager stieß in sein Horn . . . . mein Gott! ich hatte die Nacht noch
-Abschied nehmen wollen von Vater und Mutter auf dem Kirchhof -- und nun
-mußte ich denken: wir lassen nur Staub hier; was die Todten uns gewesen und
-was sie noch sind, das besitzen wir, das sind wir selbst, das nehmen wir
-mit. Sie waren auch überhaupt nicht von hier -- sie sind auch noch weiter
-ausgewandert! Sie mußten. Wir müssen. Und in den frischen Morgen klang das
-Horn in den Wald hinein, in den Gesang der Vögel, den Berg hinan, dann den
-Fluß entlang -- und die stillen Wellen reiseten ja alle so Tag und Nacht,
-so still nach dem Ocean! Die Morgensonne trat auf die Berge und lächelte
-uns an, die große Reisende, die gestern das Land gesehen, wohin wir
-wollten, und sie leuchtete uns _dazu_, gewiß dazu! Meine Frau hatte mir ein
-Blatt Papier beim Scheiden gegeben, ich entfaltete es; es war ein
-Notenblatt, das Lied: »Dir folgen meine Thränen!« Da that ich einen
-Morgenschlaf im Wagen, und die Ändern wurden still, und schliefen wohl
-auch. O Schlaf! Zwei Augen zu -- und die Welt ist still, und das Herz wird
-leicht und rein, als schmölze der Schlaf es ein, läuterte das Gold, und
-gösse es nun in die Form des neuen Tages, die ihm die Hoffnung gegeben und
-reizend geschmückt. Im bestimmten Nachtquartier fanden wir uns mit dem
-Amerikaner und seinem Neger Wilberforce zusammen. Als er auch meine Mirjam
-aussteigen sah, schien er sehr froh -- er diente ihr höflich-amerikanisch;
-er frug lächelnd: ob nicht der Diaconus mitgekommen? Sie sah ihn an, er
-sie; und sie errötheten Beide so flüchtig, wie eine Schwalbe vorüberfliegt.
-So kamen wir nach und nach, geschwind genug, durch vieler Herren Staaten,
-über Grenzen und Grenzen, durch mannigfarbig bemalte Schlagbäume, erhielten
-mancherlei kleines Geld heraus und bekamen nach mancherlei Ellen gemessen.
-Wir sahen das Bewegen, das Hinundherregen, das Umherdrehen von Soldaten,
-Fuhrleuten, Landleuten. Nur zu einer Übung in allerhand Privatkleidern
-sagte der Amerikaner: »Vergessen Sie das nicht!«
-
-Und als wir so viele mißmuthige, verdroßne Gesichter gesehen, und wenig von
-Lust und Freude gehört, sagte er wieder: »Vergessen Sie das nicht! wenn Sie
-unsere Gesichter sehen. Kind und Greis sehen einerlei gleichgültig aus, und
-innerliche Betrachtungen und Überlegungen hemmen Hand und Fuß und Auge und
-Leben. So tanzen wir auch noch nicht. _Die Seele_ ist zu steif dazu.«
-
-Endlich eines Abends überholten wir in einem dünnen Walde, im Sandweg,
-Auswanderer! Deutsche Auswanderer nach Amerika. Scheckige Ochsen zogen
-langsam einen Wagen fort, darauf Grabscheite, Hacken, ein Gebund Betten und
-kleine Kinder saßen, während die Väter, Mütter, Söhne und Töchter von drei
-Familien nebenher zu Fuße gingen. Ein andrer Wagen mit Pferden fuhr die
-letzten oder ersten nöthigsten Sachen, Säckchen mit Sämereien und allerhand
-Zusammengehäuftes von mehreren Haushaltungen. Wenn Swift ein Gebet über den
-Besenstiel verfertigt, so wäre mir gewiß jetzt ein rührenderes »Gebet über
-ein Grabscheit« gelungen, deren Eisen mich glänzend anblitzte. Die Leute
-gingen anständig gekleidet, aber stumm, wie der Sprache beraubt. Nur eine
-Jungfrau frug uns: »Wie weit ist noch Bremen?«
-
-Dort liegt es ja! antwortete ich selber überrascht. Die Wagen hielten, die
-Männer nahmen ihre Mützen ab, Alle falteten die Hände und beteten ein
-stilles Vaterunser, ein Walte-Gott, oder ein: Nun danket alle Gott!
-vermuth' ich. Nun standen die Thürme der Stadt uns auf aus der Hoffnung,
-der hohe Angariusthurm, die Liebfrauenkirche, das Rathhaus, die Domkirche,
-die Sternwarte, alles in dem geschmückten grünen Wall umher wie Spielsachen
-in dem Raum eines Geburtstagskuchens. Dann die Masten der Schiffe! Seiler
-spannen hier Schifsstaue; dort schmiedeten Männer in Hemden große Anker.
-Dann umfing uns die enge Straße mit Häusern voll Erkern, über und über vorn
-mit Fenstern, wie eine streifige _gläserne_ Weste, die Gott vor Schloßen
-bewahren möge. Endlich die lange Brücke, die liebe Weser und das große
-Wasserrad. Ein schöner junger Mensch begegnete uns, der unwillkürlich sein
-englisches Pferd anhielt, wohlwollend, ja fast zärtlich uns . . . ich
-glaube, zumeist meine Tochter, ansah, den Kopf senkte und dann erst still
-des Weges ritt. Zufall! Schicksal!
-
-Denn mein lieber Master Erwin kehrte bei einem Handelsfreunde ein; ich, bei
-meinem redlichen, guten, besten Freunde, dem Doctor Professor Weber. Wir
-stiegen hinauf, er kannte mich nicht; ich aber wußte, daß er es war, ich
-brachte ihm Grüße von meinem Bruder, den ich gar nicht habe -- und nun fiel
-er mir um den Hals. Seine schönen Kinder standen um uns und hielten den
-Athem an -- meine Tochter hatte er nicht gesehen, und es ist wohl die
-eigenste Befriedigung, die schönste Lösung des heiligen Lebensräthsels:
-einem Freunde die erwachsene Tochter zu bringen, zu zeigen. Und das gute
-Mädchen stand vor ihm befangen, ja gefangen da, wie eine unbewußte
-Schuldnerin von unabwehrbarer Neigung und Liebe, die ich dem theuren
-Freunde im Herzen bewahrte. Er führte sie zu seinem Weibe, der auch ich
-gleich wie ein naher Verwandter war; und meine Augen hingen an seinen
-Knaben, wie an Ablegern einer köstlichen Nelke, die der Gärtner bisher nur
-immer allein gesehen hat! Und nun hat sie sich verdoppelt, vervierfacht,
-verjüngt, verschönt. Er fand mich im Verlieren, ich wollte nach Amerika,
-und die Glocke der Freude zersprang. Und so sagte er mir im Vertrauen, daß
-sein werther Freund und Gönner, der Graf B . . . . . St . . . . . . . ihm
-den jungen, incognito hierher gekommenen Prinzen empfohlen, der neben ihm
-wohne und den Titel eines Herzogs in seiner ursprünglichen Bedeutung den
-Deutschen auffrischen wolle -- und als Führer der Auswanderer aus seinem
-nicht gar großen Ländchen auftreten, da sein Vater sich noch nicht
-entschließen könne, dem das Amt eigentlich zukomme. Denn, sage er, mit
-einem Schwarm junger Bienen, welche den alten Mutterstock verlassen, und in
-die neue, von den Spurbienen gesuchte Bäute schwärmen, zieht nicht ein
-junger Weisel, sondern der alte erfahrene Weisel des Stockes, als rührendes
-Beispiel für Menschen! Die Herzöge der alten Deutschen seien es auch nur
-für die Zeit des Zuges oder der That gewesen, und in dem drüben angekauften
-freien Lande möchten ihn die Seinen nun ferner zum Haupt wählen, oder einen
-Andern, wenn er nur brüderlich für sie gesorgt, bis wo sie sein und des
-Vaters nicht mehr bedürften. Er meine eine große, deutsche, zeitgemäße That
-dadurch zu thun, indem er mit Willen und Liebe sich an die Spitze der
-Bewegung stelle; aber sein Vater wolle ihn davon abhalten, und werde dieser
-Tage in Bremen eintreffen, »um den so guten, edlen, feurigen, jungen Sohn
-auf gute Weise zurückzuführen und wieder einzuspannen in den alten schweren
-Wagen von Europa, von dem Niemand wisse, wohin er fahre, nur wie schlecht
-der Weg sei --« wie er selbst ihm geschrieben. Übrigens lagern Tausende von
-Auswanderern so eben jenseits der Altstadt, nach Elsfleth zu, die ich
-lieber sogleich gesehen und ausgefragt hätte. Da kam der junge Prinz
-gesprengt, er sprang ab, er kam herauf, und überrascht, uns . . . . ich muß
-es sagen . . . . meine Mirjam hier zu finden, sah er noch einmal so
-schwärmerisch schön aus, seine Augen leuchteten, aber seine Anrede
-verwirrte sich, selbst sein Gruß stockte, seine Frage blieb aus, und er
-schlug die Augen wie ein Mädchen zur Erde. Im Geiste hatte er schon seinen
-Titel abgelegt, und dem gewünschten Incognito gemäß, lernten wir ihn nur
-als Herrn _Leuthold_ kennen! Leuthold -- Publicola -- der Name machte mir
-ihn werth; und als er nun hörte, daß ich die armen Einwohner von zwanzig
-großen Dörfern hinübersiedeln wolle, überschüttete er mich mit einer Masse
-von wohlgegründeten Nachrichten aus redlicher Männer Munde, drückte mir die
-Hände, und es ward verabredet, das Lager der Auswanderer gegen Abend zu
-besuchen, und auf dem Pianoforte spielte er mir den unvergleichlich
-rührenden »_Gesang der Pilger_« aus Hasses Pilgerinnen vor, und sang dazu
-mit feuchten Augen und bebender Stimme. Ungern schied ich indeß. Denn ich
-hatte die eben angekommenen sechs Freundinnen meiner Tochter
-unterzubringen, die sich drüben vermiethen wollten.
-
-Gegen Abend also gingen wir dann. Ich mit dem Freunde; der Prinz führte
-meine Tochter und sprach in seinem Feuer mit edlem Anstand zwar, doch wenig
-verhalten zu ihr -- als uns der Amerikaner begegnete und als Freund sich
-uns anschloß. Er gesellte sich aber zu mir, ging mit mir hinter dem Paare,
-und sahe ernst und blaß aus und sprach nicht, und sahe bisweilen murmelnd
-lange starr zu Boden, als schimmere ihm unter der Erde ein großes Buch,
-dessen Schrift er mit Gewalt entziffern wolle. Der immer vorsichtige Mann
-stolperte jetzt sogar. Zuletzt trug er, wie ich wohl bemerkte, erst Eine,
-dann beide geballte Fäuste in der Tasche. Wilberforce, sein Neger, sahe,
-wie ein treuer Hund nach dem Jäger sieht, gespannt nach den Augen seines
-Herrn. Er frug endlich, doch leise, meinen Freund, wer der junge Gentleman
-sei, der die Miß vor ihnen führe. . . . . . »Der Prinz . . .« sagte ich
-ihm, zwar leis, doch etwas unvorsichtig, und er hörte es kaum halb, als ihm
-recht wohl schien. Es stand ein Lächeln auf seinem Gesicht, das ganz Europa
-weglächelte, ein kostbares Lächeln, das mich hinriß. Aber meine Tochter war
-noch Gänschen genug und noch von keinem Prinzen und so verbindlich geführt
-worden, und ich als Herr Vater und Unterthan steckte auch noch so tief in
-der Eselshaut, daß ich keine Scene, besonders nicht gleich und hier auf der
-Straße besorgte. Der schätzbare Master Erwin aber nahm mich unter den Arm,
-hielt mich zurück, als wolle er mir etwas zeigen; und als die Übrigen
-voraus genug waren, frug er mich ehrerbietig und lüftete den Hut dazu:
-»Wollen Sie mir Ihre Tochter gönnen?«
-
-Wie so? -- frug ich.
-
-»Zur Hausfrau! -- meine ich.«
-
-Ich wußte, wie meine Tochter dachte und fühlte. Ich gestand ihm das; aber
-auch, daß sie ihm, daß sie der je ihr eignen und freien Neigung entsagt --
-weil er Sclaven -- hundert -- fünfhundert Sclaven habe.
-
-Der Mensch in dem Amerikaner, in dem Kaufmann und reichen Plantagenbesitzer
-ward roth. Er preßte die Lippen zusammen, blickte mit starren Augen ein
-inneres Bild vor seiner Seele an, und sprach dann: »Schon gut! meine ich.
-Also Sie meinen sonst Ja?«
-
-Ich zuckte, eigentlich wunderbar froh die Achseln und meinte: Ja!
-
-Da verließ er mich, ohne Übereilung, ging dem guten Prinzen zur Seite und
-sprach: »Wollen Sie mir nicht erlauben, meine Braut zu führen?«
-
-Da ließen die Arme der beiden unschuldigen Kinder sich los. Mein Kind war
-blaß, so viel ich sehen konnte, sie stand ein wenig vorgeneigt, mit
-gesenktem Antlitz, und hielt ihre linke Hand leicht über die Augen, ihre
-Lippen standen geöffnet, als wäre eine Rose plötzlich aufgeblüht.
-
-. . . . Das habe ich nicht gewußt; -- stammelte der Jüngling.
-
-»Ich auch nicht! Aber Sie wissen es jetzt;« sprach der überraschte und
-überraschende Bräutigam.
-
-Der Jüngling trat zurück. Die Braut ließ sanft und langsam ihre Hand von
-den Augen sinken, und ihre großen Augen sahen einen wunderbaren Augenblick
-nach mir zurück; dann sah sie vorwärts, sah nicht den Bräutigam an, der den
-gesenkten Arm anständig an den seinen nahm.
-
-Und nun gingen wir -- schweigend bis ganz in die Nähe des friedlichen
-Lagers. Da hörten wir singen, blieben betroffen stehen, und hörten nach
-rührender Weise in Moll ganz deutlich die Worte:
-
- »Nun wandern wir mit Thränen aus,
- Von Bergen und von Thal!
- Die Erde ist ein großes Haus
- Mit manchem Saal!
- Du Sonne, kommst mit über's Meer
- In jene beßre Welt;
- Du Mond, du schiffst still nebenher
- Am Sternenzelt.
-
- Der Boden zieht sich unterm Meer
- Dahin, in sichrem Band;
- Und drüben hebt er sich so hehr
- Als freier Strand!
- Da drüben blüht der Frühling auch
- Im alten Himmelreich;
- Die Erde hält den alten Brauch --
- Bleibt Euch nur gleich!
-
- Habt Dank, Ihr Brüder, nah und fern!
- Ihr halft uns Alle gern;
- Habt großen Dank, Ihr großen Herrn,
- Habt Dank, Ihr Herrn!
- Ihr Flüsse habt den schönsten Dank
- Für eure klare Fluth;
- Doch euer Trank, der macht uns krank,
- Ihr meintet's gut!
-
- Nun sind wir Furcht und Qualen los,
- Wir werfen Alles ab;
- Und glückt uns Nichts -- im Erdenschooß
- Bleibt uns das Grab!
- Drum angenehme Ruh! Glück zu!
- Nun Alle gute Nacht!
- Haus, Bäume, Feld und Pferd und Kuh --
- Es ist vollbracht!
-
- Viel thaten wir mit unsrem Arm,
- Viel tausend Städte stehn! --
- Der Korb ist nicht der Bienenschwarm.
- Sie stehn -- wir gehn!
- Wohl hundertmal jed' Beet mit Fleiß
- Umpflügten wir mit Muth --
- Das Land ist naß von unsrem Schweiß,
- Von unsrem Blut.
-
- Manch Schlachtfeld deckt die Väter zu,
- Der Todten morsch Gebein!
- Drum laßt uns ziehn in Fried' und Ruh,
- Uns unser seyn!
- Nicht hundert Jahr, so kommen wir
- Zurück zu Euren Gau'n,
- Und wie's Euch geht, geloben wir,
- Mit Ernst zu schau'n!«
-
- * * * * *
-
-So etwas hatte ich noch nicht gehört auf Erden, gedachte aber an das Lied:
-»An Wasserflüssen Babylon.« Die Leute, die gesungen, schwiegen kaum, als
-wir von einer andern Seite her schon den Ausgang eines andern Liedes
-vernahmen, das junge Burschen in lustiger Weise sangen:
-
- »Nun schnürt die letzten Lumpen ein
- Und macht ein groß Gebund!
- Schnürt Sonne, Mond und Sterne drein!
- Und bleibt nur fein gesund!
-
- Vor allen schnürt die Hände ein!
- Und Kopf und Herz und Mund!
- Ein Hüttchen wird schon drüben seyn,
- Das glaubt sogar mein Hund!«
-
- * * * * *
-
-Einer von ihnen wollte jetzt das bekannte Lied anstimmen: »Was ist des
-Deutschen Vaterland?« -- als Andre ihn unterbrachen und frugen! Ist das
-noch nicht aus? -- und Einer wollte in das Lied eingestimmt haben: »Wer
-weiß, wie nahe mir mein Ende?« -- Mädchen kamen uns entgegen gesprungen,
-welche schon einen Maikäfer gehascht und wieder fliegen lassen, und aus der
-dreißigjährigen alten Noth dazu sangen:
-
- »Flieh, Käfer, flieh!
- Dein Vater ist im Krieg,
- Deine Mutter ist in Pommerland --
- Pommerland ist abgebrannt --
- Flieh, Käfer, flieh!«
-
-Die Knaben aber sangen ein andres, mir unbekanntes, schwermüthiges, treues
-Lied, auch aus Moll, was »die Schwalbe« hieß; denn unter diesem Titel
-forderten es von den andern Kindern zwei liebe, schöne Knaben, beide wie
-Brüder gleich gekleidet; beide gelbe Strohhütchen auf, beide blaue Jäckchen
-an, beide weiße lange Hosen und beide baarfuß. Sie sahen gesund, aber
-kummervoll aus. Und die andern Kinder wollten es, manche dem Anselm, manche
-dem Wilhelm zu Liebe mitsingen; die Brüder selber sangen nun, hell und bang
-herauszuhören aus dem lieben Knabengesang:
-
- Du, meine liebe Schwalbe,
- Ziehst weit nun über's Meer,
- Siehst meine Heimath wieder --
- Ach, wenn Ich doch -- _Du_ wär'!
-
- Ich baut' an Mutter's Fenster
- Mein Nest mir einsam, leer;
- Ich säng' ihr meinen Kummer,
- Wenn Stille um uns wär'!
-
- Da spräch' sie einst zum Vater:
- »Das Lied macht mir so schwer!
- Ach, fange doch die Schwalbe,
- Und bringe sie mir her!«
-
- Da laß ich mich ihn fangen;
- Die Mutter küßt mich sehr!
- Drauf soll ich wieder fliegen --
- Da bin ich schon nicht mehr!
-
- Da steht sie tief betroffen,
- Denkt bang an mich und schwer,
- Begräbt mich bei dem Weinstock,
- Der sagt ihr: daß Ich's wär!
-
-Jetzt hatten wir Stimmung! Das Herz war uns schwer, und wir begriffen, wie
-den Abgeschiedenen zu Muth war, die mir so eigen bedürftig, so eigen
-heimathlos vorkamen, wie den Schiffern die müden Vögel, die vor Hunger und
-Müdigkeit ohne Menschenfurcht sich auf dem Fluge über das Meer in die
-Segelstangen setzen, sich ausruhen, auch wohl schlafen und im Schlafe vom
-Morgen träumend singen! -- O Natur, du bist unter allen Masken nur Eine,
-voll Leid und Freude und Trost und Hoffnung immer und überall.
-
-Darauf gingen wir hinter in den grünen Raum, wo die deutschen Auswanderer
-lagerten, theils in offen stehenden leeren Magazinen, Scheunen, theils auf
-dem Platze davor. Es ist unmöglich, zu leugnen, daß der Anblick ergriff:
-diese kraftvollen, rüstigen Männer, diese gesunden, auch schönen Weiber und
-rosigen Jungfrauen, diese Knaben und Mädchen, diese kleinen Kinder in
-Bettchen hier, dort auf Strohe liegend, und von den kleinen Schwesterchen
-gewiegt, herumgetragen, oder im Schlafe bewacht von einem treuen Hunde, der
-wie aus dem Schlaf die Augen nach uns richtete, aber die wohlwollende Seele
-in den unsern erkannte, nicht anschlug, nicht knurrte, sondern ruhig wieder
-die Schnauze hinstreckte. Auch alte Männer mit weißen Haaren saßen da,
-welche, kaufmännisch betrachtet, doch kaum die paar Thaler für die
-Überfahrt werth waren, und welche doch -- wie die Türken in Constantinopel
-sich drüben in Scutari begraben lassen -- auch drüben wollten begraben
-seyn. Sie schnitzten Löffel, auch nur Spielsachen für die Kinder. Hier und
-da hing ein Ochse oder eine Kuh, welche für ihre Mühe: die Wagen hierher an
-das Ufer zu ziehen, geschlachtet und für die Seereise in Fässer
-eingepöckelt wurden. Selbst einigen Ziegen war es so gegangen, die räuchern
-hingen, und ihre gehörnten Felle nicht weit davon zum Trocknen. Andere
-Ziegen mit schwellenden vollen Eutern, von den Jungfern mit Gras gefüttert
-und eben gemolken, sollten den Kindern auf der See frische Milch geben, und
-es drängte mich, den Weibern zu lehren, wie sie auch Milch aufbewahren
-können. Kessel kochten das Abendessen über Feuern; im Strom gefangene
-Fische zappelten auf dem Rasen noch ungeschlachtet. Wasserkrüge und kleine
-Trinkkrügchen standen bereit. Alle waren anständig gekleidet, Manche
-vielleicht aus Armuth sonntäglich.
-
-»Welche Wehmuth geht von dem Raume aus!« sprach der Prinz. »Hier schaut man
-unleugbar: Ganz gewiß ist etwas vorgegangen, ganz gewiß ist diesen Menschen
-etwas Unleidliches geschehen, ganz gewiß hoffen sie Erlösung, eine bessere
-Zukunft, als sie hier abwarten und mit durchleben wollen, daß wir diese
-Tausend und schon Legionen und noch Legionen hier am Eingang des Meeres
-sehen! Etwas ganz gewiß. Das ist unleugbar. Etwas, dem Niemand helfen kann
-oder will. Denn menschliche Geduld ist -- übermenschlich, oder deutsch.
-Ach, wer in alle die Herzen sehen könnte! Diese Menschen sind nur --
-heilige Meerschweine, die auf die Oberfläche der See kommen, wenn Sturm
-soll kommen! Sie sind Sturmvögel! Oder fliegende Fische, die nicht vor
-Vergnügen . . . . sondern, dem Tode zu entgehen, vor Angst vor einem oder
-vielen kleinen Haien, sich der ihnen von der Natur aus Vorsorge zu Lehn
-gegebenen großen Flossen oder Flosse -- der Schiffe -- bedienen. Sie sind
-Männchen im Mantel, die aus dem Wetterhäuschen bei schlechtem Wetter
-herauskommen, und von der gekrümmten Darmsaite gezwungen, sich herauswinden
-müssen. Denn welche Schnecke bleibt nicht gern in ihrem Hause? Welcher
-Fuchs ist so dumm, aus der Haut zu fahren, als wenn sie aufgeschnitten ist
-und er gebrannt und geprellt wird. Der Mensch ist nicht dümmer als das
-Vieh, aber _am Ende_ auch so klug und so tapfer. Ja der Zahnarzt, der
-keinen Zahnarzt findet, nimmt sich in der Angst selbst einen Zahn aus, und
-je weher er sich selber thut, je lieber er sich selber zur Thür
-hinauswerfen möchte, je gewaltiger ruckt er an seinem Zahne, bis er
-hinausfliegt. Kurz, hier schmerzen die Zähne, oder die Herzen. Herzensweh,
-größtes Weh!« sprach er und schlug die Augen nieder. Meine Tochter auch,
-die dem von Wohlwollen leuchtenden Jüngling mit feuchten Augen zugesehen,
-oder zugehört -- ich weiß nicht.
-
-Mein ehrwürdiger Prinz -- wollte ich sagen -- aber durfte nur sprechen: Sie
-einziger, theurer Herr Leuthold, wie ungern gebe ich Ihnen Recht --
-verzeihen Sie, es ist höchst unrecht und unanständig, vornehmen Leuten
-Recht zu geben -- Furcht und Hoffnung treibt und jagt die Welt. Indeß, was
-Jeder, oder was Alle hoffen oder fürchten, ist nach der Bildung des Geistes
-und Herzens eines Jeden verschieden, und stuft sich ab von Brot bis zur
-Freiheit, von Qual bis zu Kälberbraten und Salat. Indessen wäre es doch
-höchst wichtig, selbst den Höchstwichtigen, zu wissen: was diese fliegenden
-Fische oder Wettermännchen fürchten oder hoffen, oder hoffen _und_
-fürchten. Wir wissen es so ziemlich gewiß, aber ob auch Diese? Doch das
-Volk weiß Alles wahr und klar, durch handgreifliche Dinge, und beurtheilt
-die Saaten und die Bäume nach Garbe und Frucht; die Graf Magnische Wolle,
-Electoral- und Königlich-Spanische Wolle beurtheilt es aber blos nach dem
-Rocke -- den es selber tragen kann!
-
-»Rem acu tetigisti! Sie haben den Schaden mit der Sonde berührt, und er
-schmerzt mich!« versetzte Herr Leuthold. Mein Schulmeister Tolera hatte
-schon Bekanntschaft unter der Menschenheerde gemacht, und er zeigte uns
-Studenten von verschiedenen Universitäten, die, wie er uns erzählte, statt
-Doctoren zu werden, mit dem Gelde von ihren Ältern, theils ohne . . .
-theils daß diese es wußten, und zufrieden waren, nach Amerika auswanderten.
-Sie wollen auf einer Nordamerikanischen Universität studiren, oder drüben
-Garten-, Vieh- und Menschenzucht betreiben, und haben sich schon die
-haltbarsten, schönsten Mädchen hier ausgesucht, die ihnen die Ältern nicht
-abschlagen wollen. Ich begreife gar nicht, wie aus altem Holze schon neue
-Triebe wachsen, wie man auf der Reise an's Heirathen denken kann. Freilich
-paaren sich Störche, Amseln, Kraniche und Schwalben, grade ehe sie
-fortziehn -- wie die fortgeschickten Polen in Danzig alles von der Straße
-wegheiratheten. So wundre ich mich nun nicht mehr so sehr. Vorhin war ein
-Herr hier, der frug einen Professor, der auch mit auswandert: »Das sind
-wohl eigentlich alles Pracken?« Gewiß, versetzte der Professor; aber es
-bleibt dabei die Frage: ob sie geprackt worden, oder ob sie geprackt haben
--- alle Andern, alle Solche wie Sie, und Sie nicht ausgenommen. Dabei
-kehrte er ihm den Rücken. Tolera brachte uns aber eigentlich nur die beiden
-Knaben, die vorhin das Lied von der Schwalbe gesungen, und winkte sie
-näher. Sie kamen, die gelben Strohhütchen in den wie zum Beten gefalteten
-Händen, waren bildhübsch, und der Älteste, der Anselm, sprach: »Ach, liebe
-Herren, Alle oder Einer, unser Vater ist blos über dem Wasser hier drüben,
-in einer großen Stadt, die Kentucky heißt; unsre Mutter hat sollen
-nachkommen, sie ist aber gestorben, und nun lacht uns jeder Schiffscapitain
-aus, wenn wir ihn bitten: uns ohne Geld mit hinüber zu nehmen. Erbarmen Sie
-sich, Einer oder Alle, unsres Vaters, der wird sich doch gar zu sehr
-freuen! Ach, und das ist ein rechtes Unglück, man kann drüben nicht mehr
-die Überfahrt abverdienen, wenn Einen der Capitain dafür auf ein paar Jahr
-vermiethet, das hat der drübensche Congreß verboten! Ach, wenn der Congreß
-uns sähe am Ufer stehen, er wäre ein barmherziger Amerikanischer Congreß!
-Aber die Congresse sind so weit von uns, so unbarmherzig und hart und wie
-blind, daß sie uns arme Kinder freilich nicht hier stehen sehen können!
-Aber Sie sehen uns stehen, beste Herren! Oder wenn Sie kein Geld haben,
-oder an uns nichts wenden wollen, befehlen Sie nur einem Capitain, daß er
-uns mitnehmen muß! Schreiben Sie es mit ihm nieder, daß er mich drüben
-verkaufen muß, für mich und meinen Bruder, den armen Schelm! Ich will Gutes
-thun. Indeß wachs' ich noch größer. Und wenn ich meinen Vater erst in zehn
-Jahren sehe, so sehe ich ihn doch einmal und mein Bruder auch.« Die Kinder
-faßten vor Freude sich schon bei den Köpfen.
-
-Master Erwin sagte uns, daß alle europäische Contracte in der Union gar
-nichts gelten, und warnte uns. Meine Tochter schien ihn zu bitten, den
-lieben Knaben die Überfahrt zu bezahlen, als sie der Prinz schon beide an
-den Händen ergriff, und zu einem Capitain führte, der jetzt aus einer
-Scheune kam. Ein sonnegebräunter, kerniger, hoher Mann im blauen Frack und
-langen, weiß und roth gestreiften Hosen und Schuhen, einen dreieckigen
-langen niedrigen Hut die Quere auf dem Kopfe, wie ein kleines schwarzes
-Boot. Er gab jedem der Knaben darauf eine Karte aus seiner Brieftasche; und
-ohne vor Freuden sich nur zu bedanken, sprangen sie fort und rissen vor
-Eifer im Laufe andere Kinderchen um. Der Prinz kam still wieder zu uns.
-Master Erwin, oder nun mit Gott denn: mein Schwiegersohn, hatte indeß ein
-Gespräch mit mehreren Auswanderern angeknüpft, deren Einer ihn jetzt als
-Amerikaner auf sein Gewissen frug:
-
-Also freies Raff- und Leseholz können Sie uns gewiß versichern?
-
-»Auf fünfhundert Jahr vor der Hand, meine ich.«
-
-Der Kreis sahe sich froh an. Eine alte Frau rieb sich den Rücken und
-seufzte: Da werde ich also nicht krumm und lahm geprügelt. -- Mein Gott!
-wie bist Du doch gnädig da drüben über dem Wasser! Hier war es wie's war!
-
-Und ein Anderer frug wieder: Herr, ich habe wegen Angeln und Krebsen vier
-Jahr gesessen, und bin freilich ein Liebhaber, aber auch ein armer Teufel
--- wie steht es da drüben?
-
-»-- Freier Fischzug in allen Flüssen und Seeen. --«
-
-Der Mann machte eine besondere Geberde, die aber uns nicht galt, zog einen
-alten Jäger herbei, und frug weiter: Der hier hat, als streng angewiesener
-Grünspecht, einen oder ein paar Wildschützen erschossen, die einen Hasen
-nicht haben herausgeben wollen -- ist dort Wildpret genug? Denn, lieber
-Herr, wo jeder Bauer den Garten voll Pflaumenbäume stehen hat, da stiehlt
-kein Kind eine Pflaume.
-
-»-- Freie Jagd und Wildpret in Unzahl. Geflügel in Unzahl. Maisvögel,
-Truthühner, Tauben.«
-
-Da möchte man sich das Leben nehmen! seufzte der alte Jäger, dessen Augen
-und Wesen deutlich verriethen, daß er dem Wahnsinn und einer schrecklichen
-That an sich selber ganz nahe stand.
-
-Aber Wiesewachs, Futter für die Kühe! Wie viel Stunden weit hat man wohl in
-das Gras? und wächset auch welches?
-
-»-- Liebe Frau, da wird ihr der Rücken nicht weh thun. Die Kühe hinaus! und
-wenn Ihr hundert habt; und welche ihr melken wollt, die ruft Ihr bei Namen.
-Aber einen Namen muß sie haben. So macht Ihr es auch mit Euren hundert
-Schweinen, und Ihr ruft nur: Komm, laß dich schlachten! Ich lüge nicht, so
-mach' ich es, so machen es tausend Nachbarn noch hundert Jahr . . . Ein
-Pfaffe hat Europa verdorben, und das Schwein verdirbt Amerika. Haltet keine
-Schweine, damit ihr keine Schweine werdet; denn auf dreimal Schinken den
-Tag, setzet Ihr auch vielleicht dreimal Whisky und Rum.«
-
-Ach Gott! nur zu Weihnachten ein Schweinchen! schmunzelte eine Frau.
-
-»-- Schlachtet Ochsen! --«
-
-Ach, der liebe Gott ist doch sehr gnädig da drüben über dem Wasser! Hier
-war es mit den Ochsen nicht recht richtig; stöhnte die alte Frau und sahe
-ganz jung aus vor Freude.
-
-Aber, aber! sprach ein alter Mann: Ich habe Zeitlebens gearbeitet wie mein
-eigener Sclave, und habe Nichts, als diese Jacke auf dem Leibe, weil Arbeit
-uns hier nicht mehr nährt, Alles der bösen Nachbarn wegen, des Krieges
-wegen, der Schulden wegen, der Furcht wegen! Was wollte ich noch fragen?
-Ja! -- Sind drüben gute Nachbarn? Sonst kehre ich heim.
-
-»Das Weltmeer ist der schlimmste und beste Nachbar; übrigens ist dort kein
-Papst, kein Kaiser, kein König auf weit und breit. Friede und Brot!« sprach
-mein Schwiegersohn.
-
-Friede und Brot! wiederholte der alte Mann; und drei alte Weiber sprachen
-nun wie die drei Eumeniden wieder im Chor: Mein Gott, wie bist Du doch
-gnädig da drüben über dem Wasser!
-
-»_Meine_ Söhne!« rief hier eine Mutter zu ihren vier Jünglingen. »_Meine_
-Söhne!« sprach eine andere Mutter zu ihren Sechsen. »_Mein_ Sohn!« rief
-eine dritte Mutter.
-
-»Ja, Euer seid Ihr dort!« sprach mein Schwiegersohn; »selber das ganze Land
-oder Reich, nämlich die souveraine Republik, ist dort Euer, und selber der
-Präsident, der bloß Euer Vorsitzer ist. Ohne Erbe ist kein Erbfolgekrieg;
-ohne Furcht vor dem Volke ist keine Unterdrückung, ohne Schulden sind keine
-Zinsen, ja, es ist die bitterste Wahrheit: in wenigen Jahren muß Jeder bei
-uns von der Regierung alle Jahre Etwas heraus bekommen an Gelde!«
-
-Und die drei Eumeniden sprachen wieder: Mein Gott, wie bist Du doch gnädig
-da drüben über dem Wasser!
-
-»Ihr habt Recht!« sprach er, »aber vergeßt nicht: blos Europa hat es
-dadrüben gut gemacht! Alles, was man hier im Geiste gesehn und gewünscht,
-das wird da drüben in Wahrheit; was man hier verwünscht hat, das bleibt
-hier begraben. Drum tretet dankbar und leise auf das heilige Grab und
-segnet es hier und noch drüben!«
-
-Und es war wunderlich anzusehen, wie Einige leise und schonend auf dem
-heiligen Boden des Vaterlandes -- des Mutterlandes der Freiheit -- fort zu
-den Ihren schlichen. Mir quollen die Thränen in den Augen.
-
-Herr Leuthold aber drückte meinem Schwiegersohn die Hand, daß er
-Deutschland gepriesen als die saure Rebe der süßen Traube. Das Lager der
-Auswanderer hatte den tiefsten Eindruck auf ihn und uns Alle gemacht. Und
-diese ihre erzwungene Muße, dieses große Müßigsein voll stiller Geduld und
-schönen Zutrauens war allerdings ein eigener Zustand der Menschen auf
-Erden, in deren Leben wir einen tiefen, düstern und erfreulichen Blick
-thaten. Diese hier sangen, andre wuschen die Kinder, noch andre aßen, alles
-in herzlicher Eintracht. Einer theilte dem Andern mit, was er hatte, und es
-that ihm nur leid, wenn es ihm fehlte, und er sprach wohl freundlich zu
-ihm: Bruder, das habe ich nicht! und ein Nachbar hatte es gehört, rief ihn
-und sprach: Bruder, ich habe noch, komm! So wurden die Verschiedenen zu
-Einem. Denn gleicher Wille und gleiches Ziel verbinden die Völker.
-
-Es war noch Zeit, unsre Arche, das Schiff zu besehen, das mein
-Schwiegersohn gemiethet. Wir fuhren zu Wasser hin. O so ein Haus! So ein
-großer verständiger Fisch! Wie sauber Alles. Und die goldenen Sterne, 27
-Sterne, für jeden Freistaat ein Stern in himmelblauem Eckfelde der roth,
-blau und weißen Flagge. Seine Flügel schliefen. Die sauberen Räume standen
-noch leer. »Es ist nicht groß, darum geht es nicht tief, und kann überall
-eher ans Land;« sagte mein Schwiegersohn; »es ist neu, also wird es der
-Capitain nicht mit Willen stranden lassen, um die versicherte Prämie zu
-gewinnen. Ich habe es ganz gemiethet, es faßt 150 Menschen, und so kostet
-Jedem die Überfahrt ohne Essen und Trinken nur 30 Thaler. Sie kommen mit
-nach New-Orleans, um Florida zu sehen, das man so rühmt, und dann den
-Todtenstrom, den Missisippi hinauf, auf einem der Dampfboote, nach
-Kentucky, Ohio und wohin Sie wollen.«
-
-So hatten wir denn, wie die Kinder, schon in der Kutsche gesessen, die noch
-ohne Pferde steht. Abends aber führte uns Master Erwin in die Versammlung
-der verarmten Rittergutsbesitzer, denn wohl zwanzig Familien hatten seiner,
-auf des Vaters Befehl gethanen Einladung, mit Freuden Folge geleistet. Sie
-wohnten alle in der Nähe, sie waren versammelt, sie lernten ihn kennen, wir
-sie. Unter den merkwürdigen, anständigen, mitunter schönen Gesichtern und
-den unleugbar sich auszeichnenden Gestalten der Männer, Frauen, jungen
-Herren und Fräulein, und unter den mannigfachen Reden der Verdrossenen,
-Neu-hoffenden, vergesse ich nie die Valet- oder Standrede des Adels, welche
-ein launiger alter Herr hielt, welcher sich selbst den Herrn von Habenichts
-nannte. Unter andern sprach er: »O Don Colibrados, und alle Ihr Colibraden,
-kommt mit! Was Ihr einmal waret, begreift Niemand, Ihr selber nicht mehr!
-selbst Euren Namen nicht. »Wir sind vom Geschlecht der Colibraden!« Das
-Wort mußte uns Spannung geben. Für den Schein mußten wir alle Wahrheit
-opfern! Pferde, Spiele, Bälle. Wir tanzten wie ein gewisses fettes Thier
-vor Angst auf den heißen Eisenstäben. Denn der Güterhandel, der
-Pferdehandel, der Holzhandel, der Wollhandel, der Getreidehandel, kurz alle
-Handel und Händel brachten uns zum Tanzen. Was waren wir noch? Sequester
-der Juden! Sclaven unserer Schaafe und Ochsen. Und nun sollten unsere
-Junker _lernen!_ Lernen, was andere Menschen, die Krety und Plety, wissen
-und können; unsere Fräulein sollten Bürger heirathen -- blos um das einzige
-Wörtchen _von_ im Stillen zu behaupten! Das sei Gott geklagt. Wir werfen
-das einzige Wörtchen »_von_« von uns ab, als den alten schweren Harnisch,
-verlassen die hohe Region, erwerben im Thale des Lebens für unser letztes
-Hab und Gut große Güter, und nennen uns heimlich, bis wir es sind, »die
-Herren _von_ -- Europa.« Und sind wir nicht dennoch die Vorbilder des
-Volkes gewesen? Und haben wir es nicht vortrefflich gehabt, so lange wir es
-gewesen? Haben wir Edlen nicht alle wilden Schweine, Hirsche, Rehe, alle
-Hasen, alle Rebhühner und Lerchen gebraten und gekocht, alle Hechte,
-Karpfen, und Krebse gegessen, bis wir dem gemeinen Volke den Mund wäßrig
-gemacht, und alle das liebe Wild ihnen verkauft, um Kutschen und Kleider zu
-kaufen. Sind wir nicht Keiler, Zehnender, Hasen, Bretklötzer, Hechte u. s.
-w. über und über? Ja durch und durch! Und unsere Burgen und Zimmer, haben
-sie nicht nun Alle? Was wir tragen, trägt es nicht Jeder? Was wir wissen,
-weiß es nicht Jeder? Wie wir ohne Steuern und Gaben zu seyn wußten, will es
-nicht Jeder? Haben wir uns nicht gegen den hohen Adel gestemmt, und ihm
-Alles abgetrotzt? Kurz, durch uns Muster und Modelle sind nun Alle im Lande
-Edelleute geworden, ja sie wollen sogar edle Leute seyn! Und so sind wir
-die Steinplatte mit der ersten, so so gezeichneten Menschengestalt gewesen,
-welche man tausendfach abgedruckt hat, die aber selbst darüber abgenutzt
-und verwischt worden bis zum Unkenntlichen, hoff' ich. Das war nobel! hoff'
-ich. Und unser Lohn ist, der Abschied eines Dieners, oder eines Herrn, der
-sich unnütz gemacht hat -- eines Stockes, der durch Lehre und Zucht der
-Schulknaben zu kurz geworden -- eines Flegels in genere, der durch Dreschen
-abgedroschen ist, und in der Scheune verloren dahängt, als sein eignes
-Monument. O Welt, wie schön bist du, wie dankbar! so daß dein größter Dank
-für die Größten und Edelsten grace, der himmlische Dank ist: daß sie darin
-überflüßig, verachtet, verspottet, zum alten Flegel werden, vom seligen
-Herrn von Habealles, allmählig zum Herrn von Habewas, bis endlich zu meines
-Gleichen: den seligen Herrn von Habenichts! Und so danke ich allen meinen
-Ahnen, die das vollendet, -- allen Schatten der nobelsten Geschlechter
-danke ich hier in dem Einen schwarzen Schatten, der von mir an der Wand
-schwebt, als letztes concretes und concentrirtes Bild unsrer edlen Kaste,
-ich gehe hin und küsse ihn dreimal laut: Dank! Dank! Dank!«
-
-Und so that der herrliche fröhliche Mann wirklich, ging hin und küßte den
-Schatten »mit dreimal Dank.« Und mit sonderbarem Gefühl wischte er sich den
-Kalk der Wand von den Lippen, setzte sich und sprach: Nun sage Niemand
-mehr, daß Einer sich nicht selber küssen kann! Sie meine Herren und Damen,
-sind männiglich Zeuge! Und männiglich sind Sie, daß Sie mich nicht etwa
-erzürnt zur Thüre hinauswerfen, sondern so edel, so gescheidt, so
-politisch, so habsüchtig, daß wir in genere die Landstraße zu Wasser nach
-Amerika einschlagen wollen und werden. --
-
-»Sie lachen! Alle! Sie lachen heiter! Sie haben überwunden;« sagte mir der
-liebe Leuthold ins Ohr. »Es wäre vielleicht doch nicht gut, ein ganzes
-Ländchen mit allen Ständen und Ständchen hinüber zu setzen! Wer drüben
-leben und denken, unbillig leben und denken will, der bleibe gleich lieber
-hier und leide sich und Andere! Man dürfte nur »Constantinopel wie es ist«
--- »Venedig wie es ist« -- »Wien -- Rom -- wie es ist -- Neapel -- Baiern,
-wie es ist« -- nach Amerika hinüber versetzen, und ganz Amerika wäre auf
-immer verdorben! Und das verdorbne Europa auch! Ich fange an, Nord-Amerika
-für eine Art wohlgedeckte große Freimaurerloge anzusehen, wohin man nur mit
-Schurzfell und Kelle kommen darf. Diese Erfahrung hier wird meine
-Übersiedelung stark berichtigen! Aber sehen Sie nur, was Herr von
-Habenichts auskramt!«
-
-Ich sah. Dieser breitete eine große Charte von einem kleinen angekauften
-Ländchen aus, und zeigte Jedem sein neues Gut, oder doch Habe. »Für den
-Rest, den Ihr auf Eure Schulden herausbekommen, für die 5000 Thaler etwa,
-habt Ihr Jeder so viel Erde dort wieder, als Ihr hier niemals besessen --
-Teiche, Wälder, Wild! Für den Werth des Holzes in Wien oder Berlin kauftet
-Ihr hier ein Fürstenthum; aber thut es ja nicht! Denn dort müßtet Ihr
-verhungern, wenn Ihr das schöne Mahagoniholz nicht verbrennen wolltet zu
-Acker, da die Bäume keine Brotbäume sind. Aber Menschen -- denn mit
-Erlaubniß, so nenne ich Euch jetzt, pflanzt Pisang! Pisang! Denn ein Stück
-Land, das mit Euren vermaledeiten Kartoffeln bepflanzt, nur Adam und Eva
-nährt, das nährt, mit Pisang bepflanzt, ein halbes Hundert. Ihr seht also,
-daß Ihr die alte Bärenhaut mitnehmen könnt, um dort mit den Händen so viel
-auszuruhen, als Ihr hier mit dem Kopfe habt arbeiten müssen. Jeder findet
-sein Haus, und gefällt es Euch nicht, wie vermuthlich nicht -- doch ein
-Blockhaus ist kein Stockhaus, sondern nur einstöckig -- so baut Euch Ein
-Schloß auf der Stelle, wo alle Eure Grenzen zusammenstoßen -- einen großen
-Boarding, ein Gemeinlogis, schämt Euch des Namens nicht! Denn ein Gut,
-wovon nicht Jeder das Gleiche besitzen und brauchen kann, ist ein wahres
-Übel, wie unsere _Güter_ waren, welchen Namen ein alter Prophet
-aufgebracht, um uns einmal -- das heißt jetzt -- den Stolz zu benehmen.
-Aber was macht denn das Kartenspiel so interessant für die herrlichsten
-Menschen? Also auch für Euch, denn ich darf Euch nun Menschen nennen, und
-herrliche Menschen, denn Ihr habt wieder Etwas, ja viel -- was reißt so zum
-Kartenspiel? Nun? . . . . daß sie Freiherrn werden, Schicksalsgötter, daß
-sie nach ihrem Kopfe mit Königen, Königinnen, Buben, As, Spadille und
-Manille verfahren können, wo ihnen keine Hausehre, kein Offizier, kein
-König darein reden darf, denn wenn er kann und will, sticht er -- oder
-paßt, verpaßt. Seht, hier habt Ihr eine beßre Art Charte, die Euch noch
-froher machen wird -- hier ist ein neues Spiel; setzt Euch ein! Da seid Ihr
-wieder Herren!«
-
-Während nun die schöne klare Charte und mancher Plan den Auszug oder die
-Auszügler und Vorzügler des Adels beschäftigte, und sie wünschten, daß Alle
-als Nachzügler kämen, ward mein Freund Weber abgerufen. Er holte bald den
-Prinzen nach, dessen Vater, der Fürst, gekommen war, mein gnädigster
-Landesherr, der, obgleich souverain, doch, so viel er von höhrem Ort
-durfte, Jedem Freiheit ließ, ja gab. Und doch schien mir seine Ankunft dem
-guten menschenfreundlichen Prinzen fatal. Wir zogen uns auch zurück, und
-mein Schwiegersohn, Gott bewahre, nicht der neue Landesherr dieser
-vornehmen Neuweltsrekruten -- unter welchen Obersten, Generale und große
-Thiere waren -- sondern blos der bescheidene Herr ihres neuen Landes, ward
-von ihnen, wie Moses am rothen Meere von den Kindern Israels verehrt, und
-Jeder empfahl sich ihm einzeln zu gnädigem Schutz. So steckte noch die alte
-Lust und Gewohnheit: protegirt zu seyn, in den redlichen Leuten!
-
-Zu Nacht erst war ich allein mit meiner Tochter, und konnte sie, als Braut
-eines ihr lieben Mannes, in meine Arme schließen und segnen. Sie war zu
-allem still, und sprach zuletzt nur: »O wenn nur die Mutter hier bei uns
-wär'!« -- Ich deutete das in meinem Sinn, wie ich ihr eigentlich nur Segen
-von dem Segen gab, den ich durch ihre reiche Heirath über mich
-ausgeschüttet, fühlte. Fand ich drüben keine Anstellung als Prediger,
-vielleicht wohl gar bei den ausgezognen Adligen, und starb ich nicht, ehe
-ich verhungerte -- so verhungerte ich nun nicht, sondern meine gute Tochter
-gab mir gewiß das Gnadenbrot! und ich konnte umsonst predigen, taufen,
-trauen, begraben, was bei uns der nobelste Bischof nicht thut, und wir
-theuren Herren kosten mit Kirchen und Schulen den armen Leuten zu viel, und
-ich habe immer einen Stich in der Seele gefühlt, wenn ich den Becher
-Taufwasser, oder den Leib des Herrn mit den paar Dreiern von den guten
-Leuten bezahlt erhielt, welche sie hinter dem Altare wandelnd
-hervorgesucht! Und doch schielte ich abscheulicher Mann dennoch manchmal
-nach dem Gelde, oder schlauer sogar nur freundlich, nach den Augen der
-Opfernden; denn, wer mit zugemachten Augen gab, der schämte sich, so wenig
-zu geben, als er in den bedeckenden Fingern mir auf den Altar heraufreichte
--- aber, mein Gott! ich bedurfte das Geld, und seufzte, wenn ich es so
-geschwind durchzählen konnte, und es für den Herrn Sohn auf der --
-Pferdeakademie nicht langte, denn er lernte reiten; oder nicht langte zu
-dem bestellten Weihnachtsgeschenk für die Frau . . . . und morgen ging die
-Post! Darum segnete ich die Tochter mit feurigem Dank für meine Erlösung
-und bat: daß alle Geistlichen so liebe Töchter hätten, auch so liebe
-Amerikaner fänden, um Alle, Alle im Geldsinn, nicht im Weltsinn umsonst zu
-predigen, umsonst Wein und Oblaten auszutheilen, umsonst kleine Kinder zu
-taufen, kurz, Alle von Judas Ischariot's Sünde erlöst zu werden -- wie ich
-nun schien. Ich schlief die Nacht in einem Rosengarten, der in Amerika lag;
-denn im Traume sah ich ungeheure Ströme, Höhlen, Wälder, Wasserfälle,
-Blumen und Bäume, tausend Wunder, Alles mir neu -- und selbst meine Tochter
-wandelte dort, nebst einem Häuflein Kinder, aber mit dem Prinzen Hand in
-Hand, der sie dort in seiner Provinz, wohin er sein ganzes Völkchen
-übergesiedelt, als redlicher einfacher Herr Leuthold geheirathet hatte --
--- -- und ich küßte ihm die Hand, aber er gab mir mit meiner Tochter Hand
-eine Ohrfeige, und die Hand war eiskalt! -- So etwas mußte am Tage mir
-still durch die Seele gefahren seyn, ich meine nicht die Ohrfeige, sondern,
-daß die lieben Kinder ein schönes Paar wären!
-
-Der Amerikaner sagte mir am Morgen nichts Näheres, Gewisseres über seine
-Verlobung -- bloß, daß unser Schiff fertig liege, und daß der Wind nur nach
-Ost umzusetzen brauche. Freund Weber, vom Fürsten beschäftigt, konnte mir
-auch kein Wörtchen sagen, als: der hergeeilte Vater will den armen Leuthold
-nach Hause bringen oder zwingen. So kamen wir, ich, meine Tochter, Erwin,
-von seinem Wilberforce und nun seinem Tolera begleitet, am Ufer der Weser
-zu einer herzzerreißenden und doch herzerfreuenden Scene. Der junge
-Leuthold kam uns düster und allein entgegen. Er blieb bei uns stehen, wir
-lasen in seiner Seele, aber nicht laut, und deuteten lieber auf etwas auf
-dem Strome, den Knaben, dem er gestern mit seinem Bruder die Überfahrt zu
-seinem Vater in Kentucky besorgt hatte. Wir kannten den Anselm an seiner
-Kleidung, ja am Gesicht; sein Bruder Wilhelm fischte mit ihm.
-Wahrscheinlich hatten sie einen großen Lachs gefangen und der ältere Bruder
-beugte sich über, er konnte die Last nicht erheben, er wollte sie nicht
-fahren lassen, während der kleinere Bruder im Strome den Kahn nicht zu
-halten vermochte. Uns verging der Athem vor Angst. Er machte eine
-Anstrengung nach dem Fisch und stürzte in die Wogen des tiefen und breiten
-Stromes. Den kleinen Knaben führte die Strömung im Kahne davon. Der
-Verschwundene kam nicht herauf. Endlich, endlich erschien das schwarze
-kleine Haupt -- das wieder überspielt ward, dann wieder einmal eine Hand --
-wie Geisterzeichen aus einer Mauer -- endlich zwei Hände. Und indem wir
-starr hinblicken, ohne an Hülfe zu denken, erblicken wir eine Gestalt in
-der Gegend des Knaben -- meine Tochter ruft gedämpft! es ist der Prinz! und
-fällt dem Amerikaner um den Hals und verbirgt ihr Gesicht an seiner Brust,
-und so hält sie ihn auf. Indeß seh' ich allein das Traurige. Der
-menschenfreundliche Leuthold ist uns entschlichen, ist weiter unterhalb in
-den Strom gesprungen -- weil kein Kahn hier steht -- und hat sich gewiß
-gefährlich gestoßen an einem ungeheuren Pfahl; denn aus seinen
-gelegentlichen Worten von gestern weiß ich, daß er schwimmen kann -- und
-jetzt doch dort draußen mitten auf dem Wasser hält er sich kaum. Er rudert;
-vergeblich. Er sucht; vergeblich. Er bedarf selbst der Hülfe. Der
-Amerikaner sieht, was vorgeht, über die Achseln seiner Braut, oder doch
-meiner Tochter. Eine seiner Wangen ist glühend roth, die andere weiß -- er
-hat ein Auge geschlossen, eins hat er mitleidig offen. Ich rede zu ihm an
-das linke Ohr und frage: »kann Wilberforce nicht schwimmen?« -- ich erwarte
-keine Antwort, gehe vor Eifer auf die andre Seite. »Wilberforce!« rufe ich.
-Das hat nun auf dem rechten Ohre der sonderbare, halbtodte, halblebendige,
-halbfrohe, halbtraurige Erwin gehört -- er winkt, und der Neger, der sich
-schon bereitet hat, theilt sicher und flink, wie ein Reh, die Fluth --
-endlich, endlich kommt er auf die gefährliche Mitte. Ich habe nicht Augen
-genug, wie es sich ereignen wird, schon ereignet hat. Ein Kahn ist vom
-jenseitigen Ufer herüber gekommen zu Hülfe. Der Neger hat den rettenden
-Jüngling ergriffen, er zieht ihn nach. Aber Leuthold, Kindhold,
-Menschenhold hat den Knaben mit seiner Hand an der Hand und zieht ihn nach.
-Ich jauchze: sie leben! Er lebt! -- Meine Tochter schlägt die Augen auf und
-sieht mich an. Sie lehnt sich nicht mehr an ihres Bräutigams Brust. Sie
-sieht nun selbst -- der Jüngling wird von den Schiffern in den Kahn gehoben
--- aufrecht gesetzt, oder setzt er sich selbst; der Knabe wird zu seinen
-Füßen gelegt, und ist nicht zu sehn. Der Neger schwingt sich in den Kahn.
-Sie rudern schnell. Sie kommen. Sie nahen. Sie landen. Sie springen ans
-Land. Selber der Knabe kommt wie betrunken getaumelt. Maria faßt ihn in
-ihre Arme, so naß er ist. Er drückt sich die schwarzen Locken aus. Leuthold
-bleibt ruhig in dem Kahn. Ich steige hinein. Der Amerikaner steigt hinein
--- der schöne Jüngling ist ertrunken, und seine schöne Hoffnung ist dahin,
-ins Land der Hoffnung, oder war sie zuvor schon dahin. Und die Hoffnung
-vieler Tausend. Durch den Vater.
-
-Der Bruder des Knaben kommt am Ufer heraufgelaufen. Er ist weiter unten
-glücklich gelandet. Es freut uns nicht. Hülfe kommt; ein Wundarzt; es freut
-uns nicht. Das edle purpurne Blut fließt aus dem entblößten mädchenweißen
-Arm des blassen schönen Jünglings; die Hülfe bleibt vergebens -- es betrübt
-uns nicht. Der Vater, der Fürst kommt. Es betrübt uns nicht. Es ist sein
-einziger Sohn; er hat nicht Viele retten sollen -- Einen zu retten, dem er
-schon Freude gemacht, dem er Vater und Vaterland wiedergeschenkt, das hat
-er nicht unterlassen können; die abgeschnittene Rebe hat in der engen
-einzelnen That sich ausgeweint. Meine Tochter weint. Sie soll mit dem
-Bräutigam gehen. Sie hat sein Wort nicht gehört. Er geht allein. Der Fürst
-schenkt dem Neger seine goldene Uhr; Wilberforce läuft seinem Herren nach,
-zeigt sie und frägt: ob er sie behalten dürfe? Der wirft sie gelassen in
-den Strom und geht. Jetzt eilen wir nach. Wir kommen zusammen nach Hause.
-Er hat vorher geschwiegen. Er schweigt auch jetzt. Er steht nur einmal
-still, blickt freundlich ernst auf den Boden -- und ist dann der Vorige! So
-hing denn auch dieses hin, wie so Vieles in der Welt hinhängt,
-unausgemacht, ungewiß, selber die Sonne am Himmel.
-
-Tolera berichtete am folgenden Tage, daß sich die Auswanderer alle
-bereiteten, mit Leuthold zu Grabe zu gehen, der ihnen so manches Gute
-gethan, wie sich jetzt erst hervorthat. Der Leichenzug wäre merkwürdig
-gewesen. Besonders wenn die guten Deutschen, wenn Diese noch so genannt
-werden durften, gewußt hätten, daß er ein Prinz sey, der einmal sich an die
-Spitze des Volkes zu stellen entschlossen war, um Volkswillen auszuführen,
-nämlich das Volk, wie Moses aus Ägypten. Wir unter uns glaubten, der Vater
-werde ihn in dem Bleikeller der hohen Domkirche beisetzen lassen, damit er
-dort unverweslich und unverwandelt als die größte Merkwürdigkeit ruhe und
-lehre. Der Vater war aber durch des Sohnes Tod, das Andenken an ihn, das
-Hineindenken in ihn so zum Sohne geworden, daß er ihn wenigstens in den
-Freistaaten begraben lassen wollte. Aber Amerika weiset die Todten von
-sich; kein Schiffer schifft sie hinüber. Das nennt man Aberglauben. Ich
-hatte die Ehre mit meiner Tochter, den Vater an demselben Abend bei meinem
-Freunde zu sehen, als Leuthold nach der Gruft seiner Ahnen abgeführt
-worden. Da ihm als Incognito Niemand besonders krumme Rücken und
-jämmerlich-unterthänige Redensarten zeigte, so sahe man hier, was
-Behandlung, die Art des Selbstbenehmens, thut. Er war fast wie wir andern.
-Es waren an diesem Tage mehrere reiche Auswanderer angekommen, denen keine
-leiblichen Güter fehlten, also nur die geistigen Güter; denn es waren
-bekannte hochgebildete Männer, und Frauen darunter!
-
-Der Fürst erzählte, er habe mit ihnen gesprochen -- und solcher Deutschen
-Auswanderung habe ihn frappirt -- an das Herz geschlagen. Und wie schlugen
-mir seine Worte an's Herz! »Europa,« sprach er, »Europa ist das Land wo
-alle Rechtsinstitutionen zuerst im Großen auf Völker angewendet worden
-sind. Seit einem Jahrtausend hat es sogar versucht, die Religion auf den
-Staat anzuwenden, in jedes Haus, an jeden Heerd, bis in das Gewissen jedes
-Menschen eindringend. Das sind denn wohl ungeheure, höchst ehrwürdige
-Versuche! Daß ihr Gelingen aber nicht möglich war, und seyn wird, daß
-Europa an dem Widerstreit seiner alten, ersten und nun hinzugekommenen
-entwickelten Institutionen untergehen wird und muß, deswegen grade sey es
-glücklicheren, durch keine alten Fesseln gehemmten Völkern desto
-ehrwürdiger -- weil es rechtlich war! Es hat den Begriff des Rechtes
-festgehalten, und heilig das Erworbene, Überkommene geehrt; ob es gleich in
-späterer Zeit nicht neu ertheilt worden wäre, so hat es doch das Bestehende
-geschützt -- um Keinen zu kränken, und lieber den Anschein haben wollen:
-als kenne es nicht das Reine, Vollkommene; lieber im Kampf mit Ablösung
-alter Asiatischer Gebrechen untergehen, als mit dem Schritt zu einem
-Zustande, wie er den Einsichten der _entwickelten Menschheit_ angemessen
-wäre, die Verbindlichkeiten seiner Erblasser abschütteln, und groß, frei,
-herrlich . . . . aber _schuldig_ und verschuldet dastehn. Indeß sichern ihm
-seine niedergelegten Beweise von Kenntniß des Höchsten: die Achtung des
-Geistes überall; und sein _Verhalten_: den Adel des Herzens; und sein
-Schicksal und seine Verlassenschaft: die ewige Dankbarkeit aller spätern
-Völker. Und seine Grabschrift wird seyn: Es that, was Recht war; darüber
-ging es zu Grunde, der Welt zum Opfer. Have, anima pia!«
-
-Er schwieg. Er dachte gewiß an seinen Sohn, denn er sprach noch einmal mit
-feuchten Augen auf Deutsch: »Ruhe sanft, du gute Seele!«
-
-In dieser wehmüthigen Pause zogen grade die Studenten nach Elsfleth
-vorüber, um sich diese Nacht noch einzuschiffen. Wir hörten die ersten und
-letzten Verse ihres Liedes nicht, nur diese beiden, die mit Kraft und Jubel
-gesungen, nicht ohne Eindruck blieben:
-
- Dem Menschen ist nichts angeboren,
- Als Maul und Nase, Aug' und Ohren
- Et caetera! Et caetera!
- Und hat er nicht den Kopf verloren,
- So steht der Bursch stets neugeboren
- In Galla da! In Galla da!
-
- Dem Menschen ist viel _ein_geboren --
- Ein Leben, frei und unbeschoren
- Et caetera! Et caetera!
- Wo guter Wein gut ausgegohren,
- Da singt der Bursch, wie neugeboren:
- Halleluja! Halleluja!
-
-»Die guten jungen Menschen!« sagte der Fürst. »Wirklich: junge _Menschen_!
-Sie kommen mir so unschuldig vor, wie der Lebensbalsam, der nicht in der
-Retorte bleiben kann, in welcher er bereitet worden, sondern übergeht! Auch
-keine Blume blüht in der Erde, in der sie gekeimt. Dann ist die ganze Natur
-treulos, wenn diese jungen Blumen, jungen Menschen treulos sind. Diese alle
-fliehen den langweiligen unsichern Proceß, das Recht zu gewinnen. Und
-. . . . sie wollen des Lebens positive Güter. Und wie kommen mir Alle, alle
-die Auswanderer so fromm vor, gar so fromm! Sie murren nicht, sie tadeln
-nicht, sie klagen nicht! Sie leiden! Sie meiden! _Sie gehn_! Geht mit Gott!
-Ruhe fordert der Mensch mit Recht; Ruhe seit uralten Tagen; Ruhe zu eigenem
-thätigem Leben. Und darum Sicherheit -- heitere Aussicht -- Lämmer am
-Himmel, nicht Kriegsgestalten. Und hätten wir nicht Alle die Ruhe verdient?
-Ist es nicht unmenschlich, dem nicht die Ruhe zu gönnen, der sie erlangen
-kann, der gern arbeiten will, daß ihm das Blut aus den Nägeln dringt, um
-nur Ruhe zu haben. Die Ruhe ist ein inneres Gut. Und wäre ich so reich, um
-Jedem sein halbes Brot da drüben zu sichern, und wäre der Mantel des Doctor
-Faust noch im Gange, daß Jeder gleich drüben erwachen könnte mit allen den
-Seinen, und früh zu dem Fenster hinaus sehn -- wie viele Ämter würden früh
-ohne Männer seyn. Pfarrämter, Gerichtsämter, selber mancher Ministerstuhl
-würde leer stehn. Und nur die, welche vom Wirrwarr, vom Kritisiren leben,
-die würden, sich dann doppelt breit und groß machen, wie Kinder, die auf
-dem Kirchhofe den Geist spielen, und das Betttuch auf dem Rechen
-emporstrecken. Indessen ist das Meer eine Art von Zaubermantel. Die Reichen
-ziehen fort, um ihres Wohlstandes sich drüben doppelt zu freuen, doppelt
-reich zu seyn -- leiblich und geistig. Selber die Besten ziehen fort, die
-da glauben, daß es in Europa gewiß gut werden wird, ja daß die deutschen
-»Vereinigten Staaten« die Amerikanischen himmelhoch übertreffen werden.
-Aber da hört' ich ein Lied derselben, das heißt:
-
- Und selber die Leiden
- Und Wehen vom Neuen --
- Die wollen wir meiden;
- Dort Deiner uns freuen
- Wie Hirten vom Feld --
- _Du geborener Held_!
-
-Und sie glauben also: Wir müssen durch den großen Umschwung in Europa uns
-viel mehr verwandeln, aus Mangel an Kopf oder Geld von dem in Schwung
-gebrachten Rade zur Seite geschleudert, als wir uns dort verwandeln müssen,
-nämlich nur die Augen aufmachen! Die Armen aber, sie finden drüben die oft
-uns genannten zehn Plagen nicht. In Amerika sind nicht: Europäische
-Politik; stehende Heere; zu kostspielige Hofhaltung;
-Aristokratenherrschaft; papistische Umtriebe und Priesterherrschaft;
-Staatsschulden; Staatspapiere; Handelssperre durch directe und indirecte
-Abgaben; Ungleichheit der Besteuerung; Ungleichheit vor dem Gesetz. --
-_Nichts_ ist _Viel_. Viel ist Nichts. -- So gehen sie denn. Und mit
-doppeltem Eindruck wiederholte er seine Worte: Sie murren nicht, sie tadeln
-nicht, sie klagen nicht. -- Sie leiden! Sie meiden. _Sie gehn_. Geht mit
-Gott! Gott ist gewiß auch über dem Wasser!«
-
-Zu diesem Worte, das uns an den Alten-Weiber-Spruch erinnerte, mußten wir
-beinahe lachen. Er schloß aber ernst:
-
- »Denn keusche Reinheit, zarter Göttersinn
- Wohnt in dem armen menschlichen Geschlecht.
- Im stillen sanft, im Ganzen allverbreitet
- Laß es das Leben allgemach sich schmücken
- Auf reinstem Wege, wie dem Menschen ziemt.
- Die Einzelnen nur mögen Reue fühlen,
- Dem menschlichen Geschlecht ziemt Reue nicht,
- Ziemt alles Große, Würdige und Schöne;
- Und sicher seines Tags, in mildem Stolz,
- So wandelt's rein zum reinsten Erdenglück.«
-
-Ich führe diese Gesinnungen deswegen an, weil sie darauf einen geheimen
-Contract zwischen dem Vater des Leuthold und Herrn Erwin zur Folge hatten,
-worunter ich mich nur als Zeuge mit unterschreiben mußte, ohne jetzt mehr
-zu erfahren, als daß beide Theile dabei das Beste ihres resp. Vaterlandes
-besonders im Werke führten. So viel jedoch konnte ich mir abnehmen, daß die
-Sache einen Austausch von Einwohnern oder Unterthanen betraf, wie sie für
-jedes Land am zweckmäßigsten wäre! Ich sollte dabei höchlich interessirt
-seyn, und vorzüglich wirken. Ich! Und somit ward ich in die Welt
-verwickelt. Wer lebt, kann in Alles gerathen. Ein Kind kann groß wachsen,
-ein Erwachsener kann Soldat werden, ein Soldat kann -- Nelson erschießen!
-oder Moreau! die auch einmal Jungen gewesen sind. Denn dieß ganze
-Geschlecht besteht aus großgewachsenen Jungen und Mädchen, und die Kinder
-spielen nun Leute. Darum kann ich immer keinen rechten Respect vor allen
-den Herren bekommen! Und was ich selber thue, kommt mir immer nur wie ein
-großer Kinderstreich vor! Und wenn mich ein alter Bauer »Hochwürden«
-nannte, so mußte ich mich recht zusammennehmen, um das Amtsgesicht zu
-machen! Wie mag das dem Papst erst schwer werden! Nur nicht, wenn er
-bedenkt, daß alle seine Vorfahren und Pfaffen ja eigentlich auch nur Kinder
-sind. Im Nebenzimmer, unter vier Augen steckte mir der Fürst den kostbaren
-Ring an den Finger, den sein Leuthold getragen -- als ein Andenken für
-meine schöne liebe Tochter an ihn. Die Vornehmen erfahren und vermuthen
-doch Alles, weil Jeder sie für seinen Beichtvater hält, dem er Alles aus
-dem Herzen schütten muß, und der alle Sünden vergeben kann. So war auch
-meine Tochter verrathen -- oder ihr zur Ehre nur der gute Leuthold. Ich
-kehrte aber die großen funkelnden Steine des Ringes in das Inwendige der
-Hand -- und mußte noch obendrein mich bedanken. Es kam aber nicht besonders
-heraus. Mehr Freude machte mir ein Beutelchen Gold zum Abschiedsfest der
-Auswanderer im Lager, damit sie »Einen guten Tag« in Deutschland, hätten.
-Und wir Andern, die sich selbst hinauspracticirenden Adligen, die
-Wohlhabenden, kurz wir Alle feierten das Abschiedsfest mit ihnen, unter
-ihnen als alle nun: Neue Landsleute! Amerikaner! Das Fest war sehenswerth,
-mehr aber hörenswerth, am meisten jedoch bedenkenswerth.
-
-Ein weißer weiter Frühlingsnebel bedeckte das Vaterland am Einschiffmorgen.
-Wir sahen die Sonne nicht mehr. Nur einzelne Stimmen ließen sich vernehmen,
-und ein gewisser Krüppel sang wieder sein unvergessenes Lied: Frisch auf,
-Cameraden, aufs Pferd, aufs Pferd! Ins Feld, in die Freiheit gezogen! --
-Wir umarmten die bleibenden Freunde am Ufer, empfahlen ihnen die
-Abschiedsbriefe in die Heimath, und saßen dann wie die alten Helden -- im
-Pferdebauch. Kanonenschüsse donnerten, so daß wir in der Seele recht hell
-erwachten und einen Blick in die Welt thaten. Der Lootse, ein Kerl wie ein
-Bär aus Helgoland, sprang aus dem Nebel auf das Verdeck, der Anker ward
-eingeladen und wir schwammen! Das nächste Land, das wir sahen, war Amerika,
-und dazwischen lag nur die Meereswüste, wie vor den Kindern Israel ihre
-Sandwüste, um in der einsamen heiligen Zeit unsere Sünden abzubüßen und
-neue gute Entschlüsse zu fassen. O Weltmeer, mit deinem blauen Gewölbe,
-worin des Tages nur Eine große Lampe vorübergetragen wird, und des Nachts
-viel tausend goldene Lampen -- welcher Tempel vergleicht sich dir! Wo man
-den Menschen vergißt, da erscheint Gott! Und Deutschland lag mit seinem
-Gewimmel, seinen Thürmen und Hütten hinter uns, wie den Nachhauseziehenden
-eine kleine Stadt mit ihrem verlöschenden Jahrmarkt, wenn es drinnen
-finster werden will. Nur als draußen auf offener See am Abend der Mond aus
-der Fluth aufstieg, als ich glaubte zu Hause zu seyn, und nur die Tochter
-neben mir stand, da wurden die Augen mir feucht, und ich lehnte mich an
-sie. O was ist ein Kind in der Fremde! Wir sehen uns an -- und wir reisen
-nicht; wir sind daheim; da wo wir auch zu Hause daheim sind, wenn wir uns
-ansehn. Nur die Mutter hatte mir das Herz schwer gemacht; denn das
-Postschiff hatte uns draußen bei Wangerooge noch eingeholt, Briefe
-nachgebracht -- und meine Frau schrieb mir: »Ich komme! Segle vor dem
-Zwanzigsten ja nicht ab! Ich bringe unsern Gustav Adolph mit. Es hat sich
-hier viel verändert!« -- Und das las ich bei vollem Winde den Achten des
-Monats! Zwölf Tage zu spät! Ich hatte ihr geschrieben, daß Steinbach unsere
-Tochter zur Frau von mir begehrt, und daß ich sie ihm zugesagt. Das war
-gewiß Eine von den Veränderungen, die sie bestimmt hatten, mir sogleich
-nachzufolgen. Und nun war ich fort! Mit einem schweren Seufzer mußte ich
-auch Das gut seyn lassen, wie tausend Andere in der Heimath! Ich verschwieg
-aber der Tochter die Nachkunft der Mutter, meine Sorge und die Verwirrung,
-welche nun entstehen mußte. Die Männer müssen verstehen, das Schwerste
-allein zu tragen. Darum sind auch noch die Weiber und Kinder so lustig in
-Deutschland. Dafür wußte ich Einem Vater drüben Freude zu machen, durch die
-zwei Knaben, den Anselm und Wilhelm, die mir anvertraut waren. Vom
-Schulmeister Tolera unterstützt, hielt ich Vor- und Nachmittags
-Schiffsschule mit den Kindern der Auswanderer, und trieb vorzüglich nur
-Neueweltkunde, Geographie und Naturgeschichte. Die Kinder lernten alle wie
-Genie's! Denn das Interesse lag vor uns -- nicht rückwärts! Das ist die
-Ursache, daß so viele Candidaten, besonders der heiligen Theologie, den
-Repuls bekommen! Die Ältern hier aber erlebten Freude und saßen mit
-gefalteten Händen an den Borden umher. Bisweilen sangen in der Morgen- und
-Abendstunde auch die Rothkehlchen dazu, und die Staare schwatzten. Denn ein
-Freund der Natur hatte eine kleine Arche voll Singvögel mit eingeschifft:
-Leipziger Lerchen, 50, je ein Männlein und ein Fräulein; Polnische
-Sprosser, 50, je ein Männlein und ein Fräulein. Bayersche Staare! Und
-Oberlausitzer Haidelerchen, die Vögel mit dem wehmüthigsten Gesange auf
-Erden! Und auch den fröhlichsten, liebsten Vogel der Kinder -- den Kukuk!
-12, je ein Männlein und ein Fräulein.
-
-War der Mann mehr ein Menschenfreund? Oder ein Freund der Vögel, der diesen
-da drüben neue unermeßliche Wälder schenken wollte? Ich weinte fast, wenn
-ich die lieben Sänger ansah, und war voll von tausend Frühlingen. Der
-Inhaber derselben frug mich lächelnd: »Bin ich der Herr von Habenichts? Ich
-will durchaus wissen, ob ich drüben der Herr von Kannnichts seyn werde; das
-will ich wagen und prüfen! Die geheime Macht ist die größte; und das
-geheime Wissen und Können, was Jedem einwohnt, ohne daß er es weiß -- das
-ist das Herrlichste. Was für ein Esel hat mein Ahn und Ihr Ahn -- Adam
-geglaubt zu seyn, als ihn der Engel zur Auswanderung aus dem Paradiese
-genöthigt; und ward er nicht ein herrlicher Landpfleger in Asia, der
-Normalbauer, auch Schaafzüchter der Heidenheit! Und o wie schwer mußte dem
-Herrn von Adam das Leben unter nicht einmal bürgerlichen, sondern
-thierischen Canaillen werden -- da er das Paradies geschaut hatte und
-drinnen gelebt! Wie viel tausendmal besser haben es wir -- die wir bei uns
-nichts vom Paradiese gesehen haben, als Schwarzkittel, Regimenter Engel mit
-dem Schwerdt, und wenig Freudenhäuser -- als die privilegirten! Und ist
-jeder Bauer im Schiff hier nicht ein Auserwählter des Herrn, wie Noah in
-seinem Kasten! Damit wir gesegnet würden, durften Millionen nicht ersaufen,
-sie durften _auf trockenem Lande_ bleiben! Und was fand Noah, als er
-ausstieg? -- Recta Nichts! Und was finden wir? -- Recta Alles! Bis auf die
-Singvögel, und die bringe Ich!«
-
-Zur Ergötzlichkeit der Andern wurden fast alle Gespräche öffentlich
-gehalten, und ich erstaunte, wie bald sich der Mensch an Redefreiheit
-gewöhnt. Die alten ertragenen Leiden waren unleugbar überstanden, und wie
-man von Todten spricht, so redeten hier die Leute von Europäern und
-Europäischen Dingen: das _waren_ große Schulden -- das _waren_ schwere
-Zeiten -- das _waren_ schlechte Aussichten. Kurz, der liebe Schiller ist
-nie zur See gefahren, sonst hätte er wahrer gesungen: »Auf dem _Meere_ ist
-Freiheit!« -- Uns war es die Freiheitsschule.
-
-Wir waren schon mehrere Wochen gesegelt, und Anselm wußte, wie wir Alle,
-daß Amerika da sey, wenn die Wache aus dem Mastkorbe riefe: _Land_! Da rief
-sie nach einem schweren Gewitter einst: Land! Land! -- Es konnten diesmal,
-da uns der Sturm zur Seite gedrückt, jedoch nur erst die azorischen Inseln
-seyn. Der Knabe aber stieg in die Strickleitern hinauf -- sahe Land, sah in
-seiner Meinung das heiß ersehnte Amerika -- er dachte gewiß an seinen
-Vater, wollte gewiß die Hände ausstrecken, hatte sich also nicht mehr
-angehalten, und so war der arme, vor Freude taumelnde Knabe herabgestürzt
-auf die harten Bohlen, und wir hatten einen Halbtodten im Schiff, den der
-Arzt herzustellen nicht gewiß versprach. Ich bekam eine Nothtaufe; darum
-schrieb ich zu den andern Regeln für Überfahrer auch die: nur geborene
-Menschen mitzunehmen. Der Sturm hatte in der Ferne wo ein Schiff
-zerbrochen, und in der darauf folgenden gänzlichen Windstille erkannten wir
-endlich einen Menschen, der, mit einem Schwimmgürtel versehen, sein Leben
-gerettet hatte. Ich fuhr im Boote mit hinaus ihn aufzufischen. Welch ein
-Mensch! Alle die Seinen waren umgekommen. Er hatte in einer Tasche vor der
-Brust noch Lebensmittel auf viele Tage. Sein erstes Wort war: »Niemand muß
-sich allein retten. Das ist schändlich, unausstehlich!« Der Mann sah
-furchtbar aus. Er trug einen leichten Panzer, über und über mit
-Stahlstacheln gegen die Angriffe der Seeungeheuer, womit er auch schon zu
-Lande, in Wäldern und Sümpfen, jeder Schlange, jedem Bäre getrotzt. Er
-erzählte uns im Schiffe seine Abenteuer. Trotz dem, daß er der größte
-Wagehals schien, war er doch nur der größte Gottfried Sicher gewesen und
-nannte sich selbst den größten Feigling. Auch uns Auswanderern wollte er
-seinen Namen wie einen großen Mantel umwerfen, daß wir ausgewandert wären.
-Seine Worte waren schneidend. Er gab mir eines Abends seine
-Lebensbeschreibung in einer Glasbouteille »Leben eines Wagehalses«, und am
-andern Morgen war er, so sehr wir auch überall suchten, doch nirgends auf
-dem Schiffe zu finden. Viele hielten ihn für eine Geistererscheinung, die
-einem von uns den Tod bedeute. Andere konnten über das untergegangene
-Schiff nur beruhigt werden, daß sie von Seekundigen hörten: »Erst das
-hundertste Schiff scheitert, und von hundert gescheiterten Schiffen kommt
-erst die Mannschaft von Einem um. So steht die Seerechnung!«
-
-Ein ander Seegesicht darauf erfreute und bestürzte mich bang! Ein Schiff
-segelte unter dem Winde an uns vorüber. Nicht fünfhundert Schritt weit. Die
-helle Morgensonne schien hinein. Ein Schiff ist auf der See eine
-Merkwürdigkeit. Nach meiner Gewohnheit sahe ich mit dem Fernrohr hinüber in
-die rosig und saffranfarbig glühenden Segel. Auch die Reisenden sahen nach
-uns herüber; Frauen, Knaben, die Gesichter nach uns gewandt. Endlich
-erblicke ich, ein Gesicht -- Gott! es war mein Weib! Ich konnte vor Beben
-kaum sehen, wie ihr die Augen leuchteten! Wie sie sehnsuchtblaß aussah. Sie
-hielt die Hand auf den Kopf meines Sohnes. Aber ach! sie vermuthete uns
-nicht, und sahe sofort herüber in stillem Trübsinn. Das Meer rauschte; der
-Wind sauste. Ich wollte durch das Sprachrohr dennoch versuchen ihr
-zuzurufen, mich ihr bemerklich zu machen, sie wenigstens zu grüßen! Ich
-rief meine Tochter, ich sagte ihr: Kniee nieder! siehe hinüber, da steht
-ein Weib . . . . wie unsere Mutter. Sie sahe hinüber -- sie hatte eben das
-Mutterantlitz gefunden, da wendete sich das Schiff und zeigte uns das
-Steuerruder. Es rauschte mit Flügeln, des Sturmes davon. Maria sah mich an.
-Und ich faßte mich, ich verrieth ihr nichts; und so wußte sie ruhig die
-Mutter daheim bei den Brüdern. Ich aber besann mich, daß die Mutter ja
-wußte, wir segelten nach Neu-Orleans. »Also auf fröhliches Wiedersehen in
-einer bessern Welt!« sprach ich gedankenlos. Und so hatte ich richtig
-geahnt. Ich hatte sie zum letztenmale gesehen!
-
-Darauf überfiel uns wieder tagelange Windstille. Unser Schiff schien wie
-ein Schwan auf dem Wasser zu schlafen. Die Tage waren schon heiß. Anselm
-ward kränker; Er ließ sich noch von seinem Bruder Wilhelm das Lied von der
-Schwalbe vorsingen, und die andern Knaben sangen es mit; Und für seinen
-Vater hörte ich weinend die letzten Verse mit an:
-
- Da laß ich mich ihn fangen;
- Die Mutter küßt mich sehr!
- Drauf soll ich wieder fliegen --
- Da bin ich schon nicht mehr!
- Da steht sie tief betroffen,
- Denkt bang an mich und schwer;
- Begräbt mich bei dem Weinstock --
- Der sagt ihr: daß Ich's wär'! --
-
-Unter diesem Gesange war er gestorben, ohne auch todt noch zu seinem
-ersehnten Vater zu kommen; Denn wir begruben ihn darauf, wie man auf dem
-Schiffe begraben kann, in Gottes heilige See! Auf ein Bret gebunden, das
-mit Steinen beschwert war, um zu Grunde zu gehen, in ein weißes Tuch
-geschlagen, das Gesicht unverhüllt, versenkten wir ihn in die heilige
-Tiefe. Es war nicht zu weit mehr von der südlichen Spitze von Ostflorida,
-dem Eingang in den Meerbusen von Mexiko, oder in das neue mittelländische
-Meer von Amerika, in einem Clima wie in Ägypten. Die See war nicht zu tief
-und bei der Klarheit des Himmels und der Klarheit des Wassers glaubten wir
-den Grund des Meeres zu sehen; oder wie wir mit Erstaunen und Bewunderung
-wahrnahmen: sie trug ihren Grund oben! Und welchen Grund! Welche
-Zaubergärten! Gesträuche und Wasserpflanzen mit köstlichen großen Blumen,
-wie Kindergesichter, blühten und schwankten leis, ob sie gleich alle aus
-Edelsteinen gemacht schienen! Blätter, breit und gezänkelt, wie aus Rubin!
-Zweige, wie aus Gold und Rauchtopas! Blüthen und Blumen, wie aus Milch oder
-Schnee -- aber Alles, Alles mit einem Anhauch von Smaragdgrün überflossen,
-wie die Pflaume von blauem Hauch. Und im lichten goldnen Sonnenstrahl
-funkelte der Zaubergarten golden und blau und grün und roth, wie besät mit
-funkelndem, strahlendem Thau! -- Da hinab -- in dies Paradies, das, hierher
-in das heilige Meer, verzaubert, so himmlisch und ruhig fortblüht -- da
-hinab versenkten wir die weiße Gestalt des schönen Knaben; noch einmal so
-wohlgemuth durch das tröstliche Wunderspiel der Natur. Das Schiff stand in
-der Windstille, wie angewachsen, und so sahen wir, wie er losgelassen von
-den Seilen sank und sank und sank! Wie das weiße Gebild gemach und leise
-grünlich ward vom Scheine des Meeres, und grüner, und endlich kräftig grün,
-wie sonnedurchschienener Smaragd. Endlich ruhte er, wie ein großes
-funkelndes schönes Gestirn, auf schwankenden Zweigen, wie eingewiegt von
-lieblichen Zaubergestalten von guten Geistern, die sich, in große Blumen
-verwandelt, ihm weich und hold, öffneten, sich reizend über ihn neigten,
-und über ihm schlossen. Alles war so wunderbar, daß wir uns nicht gewundert
-hätten, wenn die Zaubergebilde da drunten nun auch mit heiligen zarten
-Stimmen gesungen hätten! Selbst nicht, wenn sie den Menschenvers gesungen:
-»Wer will mir nun den Himmel rauben?« Alles schwieg sofort. Er blieb da
-drunten sofort und die Augen vergingen uns über der Pracht. Da kam ein
-Lüftchen, kräuselte das Meer -- und Alles war hin! Ein schönes Grab! Ein
-schöner Tod, der Tod vor Sehnsucht! Aber ich hatte noch einen Knaben für
-seinen Vater. Und der Knabe war nicht lange begraben, so schrie die Wache
-vom Mastkorb: Land! Land! Licht! -- Denn es war Nacht. Und in der Nacht
-fuhren wir um die Spitze von Florida, diesem papstlosen Italien der neuen
-Welt, dessen Sicilien Cuba heißt.
-
-Die leicht anzulegende Durchfahrt quer durch Florida wäre sehr zu wünschen!
-Denn im Canal von Bahama wurden wir so von Wind und Wogen gepeinigt, daß
-der wieder seekranke arme Tolera sich mit den Armen an mich anhielt, mir in
-die Augen sah und frug: »Mein Herr Pastor! was müßte wohl Einer an
-Hochwürden bezahlen, wenn er Sie zu Hause auf Ihrem Hofe in einen Kasten
-sperren und fünf Wochen lang Hochwürden Tag und Nacht dermaßen schütteln
-und rütteln wollte, daß Sie die Welt für einen Dreier verkauften? Ich
-glaube, schweres Geld!«
-
-Das heißt Krieg, sagte Napoleon, sprach ich, und das heißt Seefahren, und
-man kommt wohin, und wohin? mein Tolera! Denk' Er doch! -- Am Morgen war
-uns die Küste wieder zu dem heraufdämmernden Streifen eines Traumes
-geworden. Die Hitze ward unausstehlich, und die dicksten Männer ließen sich
-an Stricken unter dem Arme und an das Schiff gebunden eine Stunde lang
-durch die frische Flut nachschwemmen. Unser Schiff ward gewaschen und neu
-angestrichen, damit wir, wie Garden geputzt, wie von einem bloßen
-Spaziergang heiter in das heitre Land einzögen.
-
-Endlich erreichten wir die Mobile-Bay, und den Meerteich vor dem Hafen von
-Neu-Orleans. Hüben und drüben grünende Küsten, flach wie Ägypten, mit
-Tulpenbäumen, Akajous, Wachsmyrthen, mit Feigenbäumen, Orangenbäumen voll
-Früchte, ja mit Palmen!
-
-Wir begegneten ein großes Amerikanisches Kriegsschiff. Es war ein Man of
-War, ein Seeheld vom ersten Rang. In schweigender Majestät. Und Tolera
-sagte: Columbus sahe nur grüne Zweige treiben und schloß auf das Land.
-Solche Früchte aber lassen auf einen Riesenbaum schließen. »Es leone
-unguem!« Die Sonne stand uns im Rücken. Ein Frühlingsgewitter zog
-segenverstreuend in's Land. Ein breiter, prachtvoller Regenbogen bildete
-ein himmlisches Thor zu dem herrlichen Lande, hoch und weit geöffnet vor
-uns, wie von bunten, hellen, dreifarbigen Blumen bekränzt! Vor Entzücken
-glaubten wir selbst an dem himmlischen Thore die himmlische Überschrift mit
-Gold geschrieben zu sehen:
-
-FRIEDE. BROT. FREIHEIT.
-
-Die Kanonen hallten. Wir waren da! Wir umarmten uns Alle durcheinander vor
-Freuden! Wir weinten wieder einmal recht aus Herzens Grund, wie die Kinder.
-So steuerte uns der Lootse in den Hafen, unter die hundert Schiffe, der
-Stadt näher, nahe, dicht hinan. Wir hatten nicht Augen genug! Und als der
-Anker fiel, als die Segel alle nach und nach eingezogen waren, als das
-Schiff stand, -- als Alle aus tiefer Brust dem glücklichen Capitain das
-»Hurrah!« riefen, da erwachte ich wie aus einem Traum. Ich rieb mir die
-nassen Augen. Es überfiel mich mit Todesangst: Du bist fort! Ein tausend
-Meilen breiter Meerschwall trennt dich . . . . ich wußte nicht von wem? von
-was? Aber es lag eine Gewalt in dem stillen, unbekannten, verlornen Etwas,
-daß ich in einen Winkel hinter das große Steuerrad ging und bitterlich
-weinte. Auswandern -- sterben! Doch auch: Auferstehn! sprach ich wieder zu
-mir. Steh' also auf aus dem Grabe! Steh' auf in der neuen Welt, mit neuem
-Leibe und neuer Kinderseele!
-
-Ein Gesundheitsbeamter kam -- er fand uns Alle gesund, und wir durften an's
-Land! -- Aber bald murmelte es in der verworrenen Menge der an's Land zu
-steigen Begierigen: »Das gelbe Fieber ist in der Stadt! das gelbe Fieber!«
-Und vor Schrecken legten die Meisten ihre Bürden wieder hin und sahen sich
-an. Es ward Abend über uns, und wir hatten uns nicht gerührt. Nur um den
-großen Todtenstrom, den furchtbar angeschwollenen, fünftausend Fuß breiten
-Missisippi zu sehn, dessen gewaltiges Rauschen und Tosen wir über den Damm
-weg hörten, stiegen wir nach einander in den obersten Mastkorb. Große
-Ströme und große Völker gelangen schwer in den Ocean der Zeit! Sie führen
-zu viel Ballast mit sich, und verwälzen sich selbst ihr Ende mit Staub der
-Erde. Nur hohe Dämme führten den gewaltigen Strom noch mühsam durch das
-Delta, durch die vielen Bayous in's Meer, und nur weil er in Empörung war!
-Sonst versiegt er wie der Ganges, wie der Nil, wie der Rhein, und wie ihre
-Völker, und die Pest herrscht in Calcutta, in Ägypten und hier. Dies Ende
-der Völker und Ströme, diese Lehre der Natur stimmte mich herzhaft! Ich
-ließ meine Tochter in dem sichern anständigen Schiffe, selber Erwin bat sie
-darum, und sie folgte doppelt gern. Ich mußte mein gutes Weib aufsuchen!
-Meinen Knaben! Ich fuhr auf einem kleinen Boot mit einem Führer an die
-Schiffe, welche in diesen Tagen vor uns schon Auswanderer mitgebracht. Ich
-fand glücklich den Capitain, der mein Weib und Kind übergeführt. Er nannte
-mir das Haus, wohin sie mit dem Knaben sich gewendet. Ich bat darauf meinen
-Freund um seinen Neger Wilberforce; und sauber gekleidet und glühend im
-Gesicht ging ich in der Abenddämmerung mit ihm dahin. Er trug meinen Mantel
-und mein rothes Saffian-Kästchen. So drängten wir uns durch ein Gewirr von
-Menschen, und daß ich auch so schändlich unterscheide -- durch unzählige
-Sclaven, von welchen sehr viele nur Einen Arm hatten, der ihnen von ihren
-Herren weggehauen worden, wenn sie ihn auch oft nur zufällig gegen
-denselben erhoben. Alle wichen mir als einem Weißen aus, schon von Weitem.
-Aber Alle sahen düster, ja gefährlich aus, und ihre Augen funkelten und
-desto greller in der sinkenden Dämmerung. Das ersehnte war ein ziemlich
-einsam stehendes prächtiges Haus mit großem Erker mit Spiegelscheiben, in
-denen der Abendschein glühte. Der treue Wilberforce meldete mich unter dem
-Namen eines französischen Obersten. Das sey der geringste Titel, den ich
-mir geben müsse, meinte er. Ich dachte an das Wiener »Gnaden« und ließ es
-geschehen. Ich ward angenommen. Alles prachtvoll im Hause! Kostbare
-Teppiche auf der Treppe. Ein glänzendes Vorzimmer. Ein unbeschreiblich
-liebliches Zimmer, worin ein Weib auf der Ottomane lag, sich halb
-aufrichtete, als ich hereintrat; und als ich ihr näher trat, und ihr doch
-noch zu fern stehen mochte, als daß sie in dem abendroth dämmernden Zimmer,
-wie sie wünschte, mich sahe -- da stand sie ganz auf, und leise, leise bog
-sie ihr Köpfchen vor. Es war mein Weib nicht. Aber da ich mit
-unbeschreiblicher Sehnsucht, mit dem Lächeln, Jemand zu überraschen, mit
-der Freude: Freude zu machen, mit großen, gewiß leuchtenden Augen nach ihr
-gesehen, so hatte ich auch gesehen, daß es ein Weib war, schön, wie die
-Kaiserin Josephine in ihrer blühendsten Jugend gewesen seyn mag; aber
-solche Augen voll Seele, groß und mild, solch einen Wuchs, solche Glieder
-hatte ich noch nie gesehen. Es war, ihrem nur wie mit einem Hauch vom
-lichtesten, fast weißen Braun behauchten Gesicht, dem Hals und Nacken und
-den Armen nach, eine Quarterone, die, ein Theil Indisch, zu drei Theilen
-Weiß gemischt, meist zauberisch schön sind. Mit dieser Neugier, dieser
-Verwunderung, ich will nicht sagen Bewunderung, sah ich sie an. Sie
-lächelte, wie ich sie so ansah. Wir waren allein. Ich schlug die Augen
-nieder. Dann glaubte ich Geräusch hinter den Vorhängen ihres Schlafcabinets
-zu vernehmen -- und ich blickte mit Sehnsucht dahin! Aber es trat Niemand
-heraus! Nur ein buntgefiederter Ara hatte sich in seinem Ringe geschaukelt
-und mit der Kette gespielt. Sie hatte sich wieder gesetzt. Und ihr Blick
-stieg jetzt langsam von meiner Fußspitze an mir herauf und blieb dann an
-meinen fragenden Augen fest geheftet, bis jetzt _sie_ die Augen
-niederschlug, und vor sich hinlächelte, wie ich nie gesehen.
-
-Ich ward roth, ich fühlte es, über ein mögliches, wenn auch noch so
-ehrenwerthes oder holdes Mißverständniß, und so wollte ich, alle Schleier
-zerreißend, nun, leise jedoch, nach meinem Weibe, meinem Knaben fragen --
-denn auch er stürzte dem Vater noch nicht in die Arme . . . . oder hatte
-sie mich in dem Briefe gutmüthig getäuscht, oder ich mich gutmüthig im
-Schiff -- aber wie dann doch der Capitain des Schiffes . . . . so überlegte
-ich noch . . . . aber eben deswegen wollte ich ja fragen, fiel mir, von dem
-jungen Weibe ganz Verworrenen ein -- da sprang sie plötzlich auf und stieß
-einen Schrei aus; und wie erschrocken darüber, daß sie so laut geschrieen,
-hielt sie sich doch gleich selbst mit der kleinen Hand den kleinen Mund zu
--- ich blickte im Zimmer umher -- es war hell! ich blickte nach dem Fenster
--- ich sah Gluth. Feuer ging auf in der Stadt. Schon schlug eine hohe Lohe
-empor. Rauch quoll auf Rauch, und die Feuersäule stieg himmelan. --
-
-Die schöne Frau zitterte am ganzen Leibe; ihre Zähnchen klapperten vor
-Schrecken, und Furcht. -- »Sehen Sie dort! Dort auch!« -- sprach sie auf
-französisch, mit gedämpfter, hastiger, ängstlicher Stimme, deren Drang und
-Laut mich innig durchscholl und bewegte. Und als sie einige Schritt auf die
-Gluth zu gethan, rief sie in höchster Bestürzung: »Und dort! Dort auch!« --
-
-Sie sank auf ein Knie und verbarg ihr Gesicht in den Händen, und ihr volles
-Haar fiel schwarz und auch wie schrecklich über sie herab, mit den Spitzen
-bis auf den Teppich. -- »Ich bin verloren!« stöhnte sie. »Wir sind
-verloren!«
-
--- Die Feuer sind weit! tröstete ich sie. Sie scheinen freilich angelegt.
-Denn drei Gehöfte gehen an verschiedenen Orten zu gleicher Zeit mit
-demselben Stundenschlage auf. Aber man wird es löschen. Das Feuer ist dem
-Menschen oder doch dem Wasser, unterthan.
-
-»Ach, die Sclaven! die Sclaven! Sie stiften den Brand nur an, um uns zu
-ermorden, um frei zu seyn!« sprach sie, in höchster Angst aufspringend,
-irrte im Zimmer umher und rang die Hände. »Mein Mann ist todt; schon ein
-Jahr. Er war hart. Ich bin gut. Aber sie haben es ihm nicht vergessen.
-Sclavenrache ist fürchterlich! Die südlichen Staaten zittern vor ihren
-Millionen Sclaven! Wohl hunderttausend sind hier in der Nähe! Und hier,
-hier im Gehöft sind 63 Neger! Himmel! Sie singen ihr fürchterlich Lied!
-Quillt nicht dort Rauch aus dem Dach? -- Ach, wie entflieh' ich? Retten Sie
-mich! Ach, ich bin noch so jung! Ich lebte so gern, nun wollt' ich erst
-leben, und soll nun sterben!«
-
-Sie weinte. Und ehe ich nur so was denken konnte, lag das zitternde,
-glühende, bebende Weib schon an meiner Brust . . . ihre Augen sahen
-himmlisch bittend mit ihren schwarzen, großen Sternen aus dem großen,
-reinen, feuchten Milchweiß zu mir auf . . . . ihre Lippen zuckten . . . sie
-war ein Weib . . . . ich war ein Mensch . . . Lärmen von tausend dumpfen
-Stimmen scholl her, die Gluth wuchs, als wenn die Wolken anbrennten, Wagen
-eilten und rasselten, Glocken lauteten grell und ängstlich; »Alle Sclaven
-bei Todesstrafe in die Häuser!« hörte ich deutlich unten rufen -- --
-Schiller trat als Geist vor mich, ich erblickte sein blasses,
-menschenfreundliches, keckes Gesicht deutlich, und er sprach deutlich.
-
- »-- Vor dem Sclaven, wenn er die Kette bricht --
- Vor dem freien Menschen erzittert nicht!«
-
-So etwas hatte ich mir nicht vorgestellt, nirgends, am wenigsten hier; aber
-ich war mitten hinein geworfen, die junge Wittwe küßte meine Hände, sie
-gelobte mir ewige Freundschaft, ewige Dankbarkeit, wie ein Weib sich nur
-irgend bedanken könne, mit Allem, was sie habe und sei, wenn das zulange,
-mir genug oder nicht genug sei . . . . . nur erretten sollt' ich sie,
-retten . . . .
-
--- und ich war bereit.
-
-Aber wie? -- Das war die Frage; und ich that sie mit Trost, aber mit Eifer.
-Ich weiß nicht wie. Es ist etwas Eigenes um ein gar so schönes Weib! und in
-Noth und in Thränen! Sie wußte Rath. Das Opfer war nicht gering. Aber es
-gab nur diesen Weg, sonst keinen. Denn an Vertheidigung war nicht zu
-denken. -- In meinen Kleidern wollte sie fliehen, mit meinem Mantel und
-Hut, mit meinem Bündel. Denn so hatten sie mich gewiß hereinkommen gesehn,
-so ließen sie mich in dem Eifer gewiß wieder hinaus; aber _sie_, statt
-mich. Ich sollte mich aber in ihr Bett legen -- als Kranker, vom gelben
-Fieber plötzlich Befallener -- wenn mich die Sclaven suchten und fänden und
-hervorrissen. Sie würden sehen, ich sei fremd. Selbst in der Wuth würden
-sie so blind nicht seyn. Am wenigsten könnten sie ahnen, daß wir schon ein
-Einverständniß hätten!
-
-Bei diesem Wort sah sie mich mit Augen an, von welchen ich nicht mehr
-geglaubt hätte, daß sie mich angehen, mich anfechten, ja in mich dringen
-könnten. Ich kam aus dem Erstaunen nicht heraus. In der Welt ist Alles
-möglich! dacht' ich. Zeit, Ort und Umstände sind die Herren aller Dinge.
-Sollte ich sie in Stücke zerhauen sehn? Doch, wenn ihre Flucht gelang, wenn
-sie sicher war, dann war ich erst in der größten Gefahr. Doch das dachte
-ich nicht. Denn . . . .
-
-Sie war rasch zum Werk. Sie holte mein Ledertäschchen selbst aus dem
-Vorzimmer, sie warf meine Sachen heraus, meine besten, theuersten Sachen
-und Papiere, sie schloß eine Commode auf, nahm Papiere heraus, und füllte
-es dafür damit an; sie band mir das Halstuch ab, nahm die Weste, nahm den
-Hut, den Mantel, die Stiefeln, sogar; ich mußte mich in ihr weiches zartes
-Bett legen, sie deckte mich zu, ja, als ich gehorsam wie ein großes
-Windelkind, überrascht und wie gefangen mit dem Kopf in den weichen Pfühlen
-lag, neigte sie schnell ihr Gesicht über mich, ihr rechter Arm schlang sich
-unter meinem Nacken durch, ihre Stirn ruhte einen Augenblick auf meiner,
-und ihre Lippen küßten meine Lippen im Fluge einen Augenblick, während ich
-nicht aufblickte, sondern die Augen fest zugeschlossen hatte; und schnell
-lispelte sie mir noch zu: »Das soll Dir nicht unvergolten bleiben! So Gott
-will!«
-
-Und so verschwand sie -- wie mein zweites Ich, und ich träumte mit
-wachenden Augen, und sahe die Gluth des Feuers und hörte das Tosen in der
-Stadt.
-
-So lag ich voller Erwartung der Dinge. Ich liege eine Viertelstunde, eine
-halbe Stunde, eine -- -- zwei Stunden -- -- ich höre keine Uhr mehr; keine
-Glocke; das Tosen läßt nach, das Feuer brennt lichter am Himmel als auf der
-Erde. Ich bin halb eingeschlafen. Endlich ganz. Ich weiß nicht wie lange.
-Aber mit Sorgen. Denn nun höre ich leise Tritte, überall im düstern Zimmer
-umher! Ich höre rufen! Es kommt zu meinem Bett! Es ruft mich! meinen Namen!
-Es greift und tappt auf meiner Decke, es ergreift meinen Kopf, meine Hand.
-Ich fasse zu, als wenn ich einen Löwen festhalten wollte.
-
-»Ich bin's!« spricht die Stimme. Es ist der Neger -- Wilberforce. »Sind Sie
-hier? Sind Sie es?« frägt er.
-
-Ich muß leider Ja sagen.
-
-»Haben Sie Muth?« frägt er mich. »Wissen Sie schon?«
-
-Ich habe Muth, wie Du siehst, und weiß nichts! antworte ich.
-
-»Wissen Sie nicht ihr Schicksal?«
-
-Ist sie todt? frag ich, und fahre empor.
-
-»Nun Sie es sagen -- ja! Sie ist todt!« spricht er und weint.
-
-Ich falle vor Schreck zurück. Ich denke sie mir todt. In der That, mir
-stockt das Herz. Ich athme kaum. Weinen kann ich nicht.
-
-»Aber Ihr kleiner Sohn lebt;« spricht er.
-
-Also _meine Frau_ ist todt! ruf' ich und springe aus dem Bett.
-
-»Am gelben Fieber;« sagt er. »Vor vierzehn Tagen. Die reiche, schöne, junge
-Wittwe hier hat sie redlich pflegen und begraben lassen, und ihr ein
-gemauertes Kästchen in das Wasser machen, denn hier begräbt man in Wasser.«
-
-Nun kann ich weinen.
-
-Nach langem Schweigen frag' ich zu meinem Troste: aber mein Sohn lebt,
-warum kommt er nicht?
-
-»Schon Ihre vormalige Frau hat geglaubt, Sie sind voraus nach Ohio -- und
-so hat, natürlich aus einem Irrthum, das gute liebe Weib hier, ich meine
-Madame Josephine, ihn in guter Begleitung nach Cincinnati abreisen lassen
-mit Briefen an dasselbe Haus, an das Sie empfohlen sind. Das weiß ich vom
-Hausvoigt. Ja, sie hat ihn schon fortgesandt, ehe er auch erkranke, und ehe
-seine Mutter gestorben ist.«
-
-Aber warum lebe ich noch? Wo sind die Neger gewesen?
-
-»Zufällig eingeschlossen, -- von mir! Sie wären ermordet worden im, Bett.
-Vielleicht auch nicht. Denn wir sind nur rachsüchtig, nicht blutdürstig.
-Ich sah Sie forteilen ohne mich -- ich eile nach; da entdeck' ich, es ist
-Josephine, die sich mir entreißt. Da vermuth' ich mit Recht, daß Sie noch
-im Hause sind. Da verschloß ich die Sclaven. Im Grunde umsonst; denn der
-Aufruhr ward in der Stadt gedämpft. Die Neger hörten nichts mehr, und so
-blieben sie ruhig. Aber alle hatten sich schon mit Waffen versehn! sie sind
-schuldig. Ach, bitten Sie morgen für meine Brüder, wenn Josephine vom
-Landhaus wiederkehrt. Die Gefahr ist vorüber. Morgen können Sie gewiß
-hundert Sclaven sehen die rechte Hand abhauen. Denn wer von uns nur eine
-Hand gegen seinen Herrn aufhebt, dem wird sie abgehauen. Darum tragen wir
-sie gern ganz steif an den Schenkeln hinunter. Ach Gott, wer zu Hause wäre,
-und hätte nur Freiheit im Vaterland! Freiheit und Vaterland, keins ist ohne
-das andere was werth -- wie nur Ein Bein, Eine Hand! Ach! Ich bin frei! Für
-treue Begleitung auf seiner Reise hatte mir mein Herr die Freiheit
-versprochen. Aber was ist das ohne Vaterland! Was ich Jahre gehofft, ist
-mir nun nichts! Doch nein -- die Freiheit ist mir die Erlaubniß im
-Vaterlande zu wohnen!«
-
-So verließ er mich weinend.
-
-Es war natürlich, daß mir das Unglück meiner Frau um meiner Tochter willen
-am tiefsten leid that. Denn weil die Tochter lebte . . . . so war ich jetzt
-am meisten um die Tochter besorgt. Was würde sie gelitten haben! Und warum?
-Warum schon jetzt? Warum überhaupt! Ich beschloß also fest, meiner einzigen
-Tochter den Tod ihrer Mutter zu verschweigen. Meiner Großmutter Sohn war
-gewiß schon lange todt, und in der alten Frau lebte er immer noch
-glücklich! Und so schlief ich endlich voll Liebe und Träume ein, mit nassen
-Augen. Zu Hause saß meine alte Großmutter blind -- ohne ihren liebsten
-Sohn; mein Sohn Marbod vielleicht noch auf dem Schlosse bei der Baronesse
-Freysingen Doppelsonaten spielend. Mein Knabe war hier im Land, aber fremd
-unter Fremden mich suchend! Aber meine Tochter hatte ich nahe, die arme,
-ungewisse Braut, die sich edel scheute vor einem Mann, der Sclaven hat
-. . . . und ich lag hier in dem weichen Bett . . . . als Gesandter . . .
-und wer hatte gestern in diesem Bett geruht . . . . ein Gebild, das ich nie
-gekannt, das mir wie im Traume Verheißungen gethan, die mir heiß machten
-. . . . die nun in Erfüllung gehen konnten . . . . und morgen früh im
-Morgenroth kam sie vielleicht schon . . . . oder kam nicht . . . . Und ich
-fürchtete mich vor ihr! und auch nicht . . . . .
-
-Mein Gott! Was ist der Mensch! Das Meer murmelte, ich dachte an seine Wüste
--- aber auch an seine Blumengärten in der Tiefe. Und ich beschloß neu zu
-seyn in der neuen Welt. Und ich sah einen mir neuen, hellen, schönen Stern
-am Himmel, den ich nie gesehn. Und er war doch, und ich war! Ich -- 40
-Jahr! In meinen schönsten Jahren!
-
-Was ist der Mensch! Und auf diesen Grundstein baute ich edle Pläne für
-viele Menschen -- für schwarze und weiße! Das Alles versteht sich -- im
-Traume!
-
-Ich schlief bis die Sonne schon hoch stand. Ich war todtmüde an Leib und
-Seele, und die erste Nacht Schlaf auf dem Lande, diese Wonne, dieses Gefühl
-der Erde, ist allein eine tausend Meilen weite Seereise werth. Das kann man
-mir glauben, mir, der ich gar nichts auf solche Dinge halte, als da sind:
-Braten, Wein, gutes Bett und alle die Herrlichkeiten der Herrlichkeiten.
-Ich sah mir die Sonne an, das heilige Bild, das treu aussehend wie in der
-Heimath, hier wunderhell am Himmel strahlte und mich anlächelte. Ich war
-barbarisch hungrig -- in diesem Lande, wo Millionen Fische in den Strömen
-und Seeen schwimmen, wo alle Früchte der Erde im Überfluß wuchsen, war ich
-barbarisch hungrig, und im Hause regte sich Niemand, kein Mensch frug nach
-mir. Ich hätte mir gern ein halbes Dutzend Feigen oder Orangen von den
-Bäumen am Hause hereingelangt; aber ich wäre bald zum Fenster
-hinausgestürzt, und schlug mir auf den Magen: Freund, Geduld! -- Ich goß
-Waschwasser in das Porcellainbecken, ich ließ es eine Zeit auf dem offenen
-Fenster stehen, während ich meine zerstreuten Sachen zusammenlas, und als
-ich mich waschen wollte, verbrannte ich mir fast die Hände darin, so heiß
-war es von der bloßen Sonne geworden, die hier ein ganz anderes Ding war!
-Und ich erklärte den im Geiste vor mich tretenden Vorstehern unsrer zwanzig
-Dörfer laut: Laßt uns betrachten! Es ist Unsinn, hierher in die Gluth zu
-wandern. Wollt Ihr faul werden? -- faul, wie die Italiäner? Zu sinnlichen,
-unwissenden Menschen? Oder fleißige Deutsche bleiben, die den Tag fleißig
-arbeiten, oder bis in die Nacht noch fleißig studiren? -- Selber Bienen,
-die hierher kommen, und den ersten und alle Winter hier Blumen und Nahrung
-im Überfluß finden, werden faul, das heißt: sie nähren sich blos. Oder,
-liebe Gemeinden, wollt Ihr in Furcht vor den Sclaven leben? Oder noch
-schlimmer, wollt Ihr Sclaven halten? Ihr könnt Euch ja denken, wie Sclaven
-zu Muth ist; denn das kann Jeder. Wollt Ihr Plantagenbesitzer werden,
-Diener der Kaufleute? Wollt Ihr alle Jahre am gelben Fieber sterben? Das
-heißt: Jeder der Euren nur einmal. Aber das ist genug für Jeden. Und wenn
-der Vater oder die Mutter in einem Hause stirbt, zu früh, zu unnöthig,
-macht das nicht oft ein ganzes Geschlecht bis auf Kind und Kindeskind
-unglücklich? -- Ihr wollt das Alles Alle nicht! Ich höre es. Also Kinder,
-vermeidet _die Küste_ von Amerika, von Boston bis Neu-Orleans, wo ich meine
-Frau verloren. Zieht nicht in die Staaten, wo die Sclaven die heimlichen
-Herren sind, also nur nach Ohio, wo kein Mensch einen Menschen als Sclaven
-halten darf, nach Kentucky höchstens, wo sie verlöschen. Lieber nach
-Indiana, Illinois! Aber nördlicher nicht! Denn alte Menschen müssen in ein
-wärmeres Clima wandern, das thut ihnen wohl! Nicht in ein kälteres, wo kein
-Wein wächst, die Milch der Alten, der Wein, der des Menschen Herz erfreut
--- und soll sich der Mensch nicht freuen der Erde auf Erden? Bedürft Ihr
-nicht Freude? Ach, ein Glas Wein Euren Armen und Alten hätte Euch wohl
-gethan! -- Ich dachte in dieser Rede an die Flasche, die ich an dem
-Treppengeländer zerschlagen, an das Lachen meines Herrn Sohnes -- und
-schwieg; Mit diesen Worten, sahe ich, hatte ich mir aber selbst meinen
-Reiseplan vorgezeichnet -- und ich war nur auf einige Staaten gewiesen,
-freute mich und rieb mir die Hände. Die Herren Vorsteher mit ihren Hüten in
-den Händen verschwanden mir aber plötzlich alle; denn ein prachtvoller
-englischer Wagen mit herrlichen Pferden kam donnernd vor das Haus gefahren
-und hielt. Ich sah zum Fenster hinab. Und das rückwärts gebeugte Köpfchen,
-das herauf strahlende Auge, das freundlich lächelnde Gesicht, die wie
-Perlen blitzenden Zähnchen im rothen, schwellenden Munde -- ich kannte das
-Alles schon wie aus einem Traume. Ich fuhr in meinen Rock -- ja, um ein
-aufrichtiger Mann zu seyn -- ich sah in den Spiegel. Die Seereise hatte
-mich wundervoll hergestellt. Ich konnte kaum öffnen, als sie an ihrer
-eignen Thür mit schnellem Finger anpochte, und wie eine Erscheinung, rasch
-und leuchtend, stand Josephine schon im Zimmer; aber wie sorgfältig
-geschmückt, wie ländlich-lieblich im weißen Kleide mit blauen Bändern um
-Leib und Brust, und doch wie reich! große Perlen am Ohr; ein unschätzbares
-Halsband von sehr großen Diamanten um den Hals, dreimal ihn weit umlagernd.
-
-»Nun,« sprach sie doppelt zart und unschuldig klingend auf französisch, und
-reichte mir ein Händchen und sahe mir in die Augen -- »nun, wie schlief es
-sich hier . . . in Amerika?« und meinte gewiß nur ihr Bett. Denn sie
-erröthete zart und unschuldig. Aber plötzlich brach sie in lautes Gelächter
-aus, denn sie sahe auf meine Füße. Ich war in Strümpfen. Aber um ein
-aufrichtiger Mann zu seyn, mußte ich gestehen und ihr sagen: »Als Sie
-gerettet waren, sahe ich nicht ein, warum ich hier bleiben, vielleicht den
-Tod erleiden und nicht lieber versuchen sollte, desgleichen zu entkommen!
-Das vergeben Sie mir gewiß auch! Ich malte mir also mit meinem Finger aus
-ihrem Dintenfaß -- schwarze Schuhe auf die Strümpfe . . . aber da glaubt'
-ich heraufkommen zu hören, und, um ein aufrichtiger Mann zu seyn, ich
-verbrachte ein angenehmes halbes Stündchen in ihrem Camin, -- -- Ich mußte
-lachen. Es war unmöglich, ich mußte. Sie betrachtete ihr Bett und sagte,
-lachend bis zu Thränen: »Ja, es ist wahr!« Und wie vor Lachen barg sie ihr
-Gesicht einen Augenblick in den Kopfkissen.
-
-Ich räusperte mich; ich rieb mir mit der flachen Hand die Brust; ich
-machte, ärgerlich, ein finstres Gesicht.
-
-Aber sie sprach, jetzt ernstlich besorgt: Sie sind hungrig! Ich lebe jetzt
-auf dem Lande und war gestern nur auf ein Huschchen hereingekommen, doch
-ist hier Rath. Und schlank und flink, willig und gutmüthig, ja fast
-gehorsam, als wäre sie selbst eine weiße Sclavin, eilte sie, rief sie,
-besorgte sie; und athemschöpfend und rosig und heiter kam sie wieder. Mein
-Gott! mußte ich sprechen und seufzen! Sie hatte mir, ehe sie wiedergekehrt,
-die mir fehlenden Kleidungsstücke mit einer jungen Sclavin, schwarz wie
-eine Schnecke, aus dem Wagen geschickt. Dieselbe bediente uns bei Tisch, an
-welchem wir uns Beide gegenübersaßen, und uns von der überstandenen Angst
-und der Nacht erzählten. Die kalten Speisen, die Früchte, der Wein, Alles
-war köstlich, und ein heitres Mahl läßt Alles heitrer betrachten. Und doch
-kostete sie kaum von Einem oder dem Andern, wie Kinder. Und doch ward ich
-immer trauriger mit jedem Glase Wein, ob er gleich Amerikaner war. O wie
-hatte ich mich auf den ersten Bissen Amerikanisches Brot gefreut! auf den
-ersten Trunk Amerikanisches Wasser! Ich dachte zu Hause an unsre letzte
-Mahlzeit, ja mein Diakonus stand wieder vor mir, und hielt um Maria an; ich
-lächelte, und Josephine lächelte hold unbewußt. Darauf nahm sie ein, vielen
-deutschen Bürgermeistern und Andern noch wohlbekanntes Russisches
-Instrument, eine Knute von der Wand, aber ländlich zierlich mit schöner
-bunter Schlangenhaut überzogen und aus Schlangenhaut geflochten. Wir gingen
-hinab in den Hof, in dessen Mauern vor den Gebäuden die Sclaven standen,
-die im Glauben, ein Unrecht gestern begangen zu haben, auf ihre Kniee
-fielen. Sie hatten das Lied gesungen . . . .! Ich sollte es bezeugen! Da
-knieeten nun die Kinder jener ersten Kinder der frühsten anfänglichen Erde,
-noch schwarz wie ihre ersten Ältern unter der überall heißen Sonne. Und
-ihre kleinen Kinder hoben neben den Müttern die kleinen schwarzen Händchen
-in die Höhe. So weit hatten sie es also in Jahrtausenden gebracht! So weit
-das weiße Geschlecht! Ich bat für die Armen, die nichts verbrochen, als daß
-sie die Freiheit wünschten. Ich mußte lange bitten, während ihre Herrin mit
-von mir abgewandtem Gesicht langsam umherging. Endlich wandte sie sich
-plötzlich um und sprach: »Ich habe Allen sogleich verziehen, Glauben Sie
-es! Aber es ist gar so hold, wenn Sie bitten; ich weiß nicht, es macht mir
-recht innerlich Freude.« Sie rief sechs Mädchen herbei und sagte ihnen:
-»Ihr habt Euch verheirathen wollen, so macht denn heut Hochzeit, und Alle
-freuen sich mit Euch!«
-
-Kein Hund, kein Mensch kann sich so bedanken, wie diese von einem guten
-Worte Glücklichen. Josephine konnte sich nicht ihrer wehren, und sie wies
-auf mich und sagte: »Danket dem Herrn hier!« -- Nun umkniete mich der
-Schwarm, und ich sagte ihnen: Danket dem Herrn Jesus Christ! Da tiefen
-Alle: »Ah, Monsieur Jesus Christ! Monsieur Jesus Christ -- quand viendrat
--- il en Amerique?«
-
-Mich frug dann ein alter Neger genauer. Er glaubte: Ihr Freund lebe bei
-Uns! aber außer seinem Namen wußte er kein Wort von ihm. Die Neger hatten
-nur jeder einen Namen; von einer Taufe wußten sie nichts, auch nicht, daß
-ein Pfarrer die jungen Paare trauen werde. Das mußte nun wohl einen Pastor
-verdrießen, aber nicht grade einen Lehrer und Prediger. Dafür dankte ich
-meiner gütigen Wirthin für ihre Güte . . . und es mußte gesagt seyn -- ich
-dankte ihr auch, daß sie mein Weib so gepflegt, und sie, die Unbekannte, so
-dankenswerth habe begraben lassen! Nun war mir der Stein vom Herzen.
-
-»Aber mein Gott!« . . . rief Josephine, und trat einen Schritt auf mich zu.
-Sie war blaß, ganz blaß geworden, ihre Arme hingen an ihren Schenkeln
-herab, und die Hand ließ noch eine wundervolle, tellergroße, rothe Blüthe
-fallen, und ihr Köpfchen neigte sich auf die Brust. Welche Gedanken sie im
-Innern überwältigten, wie sollte ich es bedenken, ich, dessen Herz so voll
-war, dessen Augen sich füllten. Endlich lispelte sie, wie zu sich selbst,
-ohne mich anzusehen: -- »also der unvergleichlich schöne Knabe, das war
-seyn Sohn! Und wie erkannt' ich nicht gleich den Vater! Ist er ihm nicht
-ähnlich, wie der halbgefüllte Mond dem vollen Mond?« Und zu mir gewandt
-sprach sie mit Thränen in den Augen: »Ich hatte den Knaben so lieb, drum
-schickt' ich in Zeiten ihn fort!«
-
-Was sollte ich sagen? -- Mein Geschäft hier war zu Ende. Mir blieb nichts
-als zu scheiden, aber erst Abschied zu nehmen; jedoch bei den ersten Worten
-dazu fragte sie mich, während ihre großen Gazellenaugen mich treuherzig
-ansahen: »Und wieder in alle Welt schon wollen Sie hin? Wohin? Habe ich Sie
-beleidigt? War ich zu heiter -- war ich zu aufrichtigen Herzens? Ach, viel
-im Leben hängt davon ab, in welcher Reihenfolge wir etwas vernehmen, in
-welcher Gedankenfolge ein Mensch den andern sieht . . . . o, ich war so
-heiter! Und alle die Angst!«
-
-Ich bat sie nur Eins: zu verschweigen, daß die Fremde hier gestorben sei,
-damit es meinem Knaben, damit es meiner Tochter ein ruhiges Geheimniß
-bleibe . . . .
-
-»Ihrer Tochter!« sprach sie fast betreten. »Sie haben . . . .?«
-
-Ja, sie ist hier; hatte ich kaum gesagt, als meine Maria schon vor mir
-stand, und hinter ihr Wilberforce. Die Unruhe hatte sie hergetrieben.
-Josephine stand lange vor ihr mit niedergesenkten Augen, den Mund fein
-geschlossen; sie getraute sich aus reinster Schaam, ja Beschämung nicht sie
-anzusehn. Ja, in dieser befangenen Stellung sprach sie zu ihr, begrüßte
-sie, hieß sie willkommen, ja reichte sie ihr eine langsame Hand, die sie
-gleich wieder zurückzog. Sie erblickte im offenen Thor die sechs
-Schwestern, die auch vom Schiffe an's Land gekommen; sie sahe mich fragend
-an, sie ließ sie einladen; und während Wilberforce ging, und nachdem sie
-von mir gehört, welche Absicht sie hätten, versprach sie mir schon im
-Voraus, sie alle bei sich zu behalten, wenn ich auch das erlaube . . . .
-oder vielleicht auch die Tochter . . . wenn ich gehe, damit sie nicht ganz
-allein sei. Und den Schwestern entgegen wandelnd, vertraute ich dem
-treuherzigsten Geschöpf von der Welt, daß sie eine sonderbare Braut sei mit
-Master Erwin; die Ursache ihrer Scheu vor ihm, als einem so grausamen Mann,
-der Sclaven halte, und nun seine Scheu vor ihr. Aber zu meiner Verwunderung
-fand sie sein Anhalten sehr natürlich. O der Mensch ist blind über gute
-Menschen; dann wie ich hätte Ursache gehabt mich zu freuen.
-
-Nun mußte ich bleiben. Ich ging darauf allein zu Erwin, um meine Sachen
-alle zu Josephinen tragen zu lassen. Er war das zufrieden; auch daß meine
-Maria bei ihr bleibe, war er zufrieden, ob er mir gleich mit Achselzucken
-vertraute, daß Josephine, als Abkömmling von schwarzer Haut, bei keiner
-ganz weißen Haut in irgend einer menschlichen Achtung stehe; so schön, so
-seelengut, so achtungswerth, ja so reich sie sei -- denn sie sei die Wittwe
-seines Bruders, und wahrscheinlich, wie er sich einbilde, sei ich nur durch
-Namensverwechselung an ihr Haus gewiesen worden. Ohne etwas zu ahnen, hatte
-er damit nur mein Weib gemeint.
-
-Also ihr Bruder ist todt? wollte ich fragen, aber ich vermied aus eigener
-Trauer die Frage. Er versprach mir zur Reise den Todtenstrom hinauf alles
-Erforderliche anzuordnen; er selbst habe Hoffnung zum Senator gewählt zu
-werden, und dann müsse er mit, oder nach mir -- denn er habe noch Vieles
-und Schweres zuvor zu besorgen -- nach Philadelphia, nach Washington. Dabei
-gab er mir wieder die Hand, und schüttelte sie dreimal, wie in Bremen auf
-der Straße, als er die wohl von Eifersucht ausgepreßte Frage an mich that.
-Das war mein ganzer Bescheid! Ich mochte verdrossen aussehen, aber er
-lächelte kaum bemerklich. Das ergrimmte mich noch mehr. Meine Hoffnungen
-waren zu Wasser! Die Auswanderer waren schon lange in's Land, den Strom auf
-einem der hundert Dampfschiffe hinauf! Nur den Wilhelm fand ich allein, den
-ich mit mir nahm. Ich traf zu Hause, so mußte ich schon sagen, aber meine
-Tochter nicht mehr, Josephinen nicht mehr, sondern nur einen angespannten,
-auf mich wartenden Wagen, der uns im Fluge hinaus nach dem prächtigen
-Landsitz brachte.
-
-In den wenigen Tagen, die ich darauf noch hier blieb, hatte sich Josephine
-an die dritte der sechs Schwestern, an die schöne Clöta gewöhnt, die
-französisch verstand, sie lieb gewonnen; und gegen meine Maria war
-Josephine verschämt, aber mild, und so war auch meine Tochter verschämt vor
-ihr, aber mild. Gegen mich war Josephine gelassen, ernst, düster, so
-anständig und zart, wie ich kaum je ein so junges Weib, ja nur eine
-Jungfrau gesehen. Schien ich etwas zu wünschen, so sprang sie in der ersten
-Zeit noch behend auf wie ein Reh, aber sie kam wieder und hatte nur für
-sich etwas geholt. Mir war sonderbar zu Muth. Manchmal, wenn wir neben
-einander am Abend in den schattigen Gängen ihres Gartens wandelten, und die
-große, hier himmlische Abendsonne durch Lücken der blühenden Akazien und
-Magnolien ihr Gesicht und Schulter vergoldete, da, um ein aufrichtiger Mann
-zu seyn -- fiel folgendes Gespräch in mir vor:
-
--- Mein liebes Weib, Du bist ja doch nun todt einmal, also auf immer! Ich
-lebe noch -- auf dem Gipfel des Lebens. Der Hinuntergang ist schlimmer als
-der Hinaufgang. Wie viel Gutes und Schönes würde ich für mich und die
-Kinder erlangen, mit dieser Gestalt . . . . . wenn ich Muth hätte!
-
--- -- Unterstehe Dich! und sag' ihr ein Wort! sprach meine Frau, die als
-Erscheinung der Seele mir klar, sogar sichtbar vor meinen Augen in dem
-Schattengang schwebte, und uns nicht von der Seite wich, -- und näher mir
-wiederholte: Unterstehe Dich das! Und jetzt schon! O Du Undankbarer! Denn
-war ich nicht eine Adlige, die Dir ihre Hand gab? Und ist diese arme Person
-hier nicht eine Namenlose, eine Unehrliche im Lande? Mucke!
-
-Da schwieg ich eine Weile. Dann fing ich doch leise wieder an: Aber wenn
-ich sie nach Europa nähme mit alle den Sclaven? Und ehe wir reiseten,
-könnte ich Dir lassen ein prachtvolles Mausoleum erbauen mit Deinem Wappen;
-und vor meinem Namen wollte ich lassen ein »Von« einhauen damit ein Jeder
-hier läse, daß Du keine Mißheirath gethan!
-
-Lügen willst Du sogar? sprach das Luftgebild. Ich sehe schon, wie Du
-denkst. Ich bin verloren, aber zum Glück bin ich todt!
-
-Nein, sprach ich, Du sollst meine innere, geistige Frau seyn, und diese
-hier meine äußere, leibliche.
-
-O sie ist schön! sprach meine geistige Frau; um mich in Versuchung zu
-führen.
-
-Soll ich ihr hier ungesehen zu Füßen fallen? Ach, ich dürfte nur ihre Hand
-ergreifen -- und ich denke, sie fällt mir zuvor um den Hals.
-
-Da schrie meine Frau auf, und fuhr zwischen mich und Josephine, die sich
-mit dem Arm an eine Cypresse gelehnt, und der sinkenden Sonne nachsah, aber
-mit zugeschlossenen Augen. Ich selbst aber hatte den Schrei meiner Frau mit
-meinem Munde ausgestoßen -- so daß die Vögel erschreckt von den Zweigen
-flogen -- daß Josephine mich ansah, und erstaunt sah, wie ich zitternd und
-bebend und ganz blaß vor Schrecken dastand, wie aus dem Himmel gefallen;
-aber ich war nur aus dem innern Hause des Menschen heraus auf die lebendige
-Erde getreten. Und ich schämte mich und schwieg. Und sie frug nicht. Und so
-blieb es. So blieb sie. So blieb ich. Ein Wittwer ist eine besondere
-Person. Aber ich dachte auch manchmal: auch eine Wittwe ist eine besondere
-Person; nicht Jungfrau, nicht Weib, nicht Mutter -- denn Josephinen stand
-dereinst erst dies Glück bevor. -- Ach! es sollte nur Wittwen geben von 70
-Jahren, und Wittwer von 80! Der Tod, besonders der frühe Tod stiftet
-allerhand Unheil.
-
-So ein Gespräch wäre mir, in Allem ehrlichem Manne, wahrlich nicht
-vorgekommen, wenn ich nicht auf immer aus dieser Gegend nun scheiden mußte;
-Josephinen auf immer zurücklassen. Und die Trennung ist ein Wurm, der die
-Früchte zu früh reift -- daß sie abfallen. Es war ein Gedanke gewesen zum
-Besten meiner Kinder, zum Besten der armen schwarzen Kinder der Erde. Ich
-schrieb einen ausführlichen, lehrreichen Brief in die Heimath, an mein Volk
--- dessen Gesandter ich war; an meinen Sohn. Meine Tochter schrieb an die
-Baronesse Freysingen, an ihren kleinen Bruder, und -- was ich heimlich mit
-Thränen sah -- sie schrieb einen langen, herzlichen Brief an ihre Mutter,
-die aber nicht weit von ihr in der freien Erde lag. Sie versprach ihr,
-recht oft zu schreiben. Dann besprachen wir, neben Josephinen sitzend,
-unsere Reise. Meine Tochter wollte mich nicht verlassen und fiel mir um den
-Hals. Josephine sagte mir am letzten Abend blos gute Nacht wie gewöhnlich.
-Aber am Morgen war sie schon früh abgereiset . . . . nach der Stadt in ihr
-Haus. Dafür fand ich in unserem Dampfschiff unsre Karte für mich, für Maria
-und unsern Wilhelm _Mosburg_ bezahlt; wir fanden Körbe voll köstlicher
-Speisen, voll Wein, voll Früchte. Aber auch meine Tochter fand nach dem
-Wirrwarr des Morgens jetzt erst im Schiffe: daß das dreifache Halsband mit
-den großen Diamanten von Josephinen ihr um den Hals gebunden war. Das
-deutete auf ewigen Abschied. Das konnte Niemand gethan haben, als sie --
-des Nachts -- und wir sahen uns an und weinten fast Beide. Mein Kind wollte
-wieder an's Land, es zurückstellen, Gewißheit haben, doch danken. Aber das
-Schiff ging schon sausend den heiligen Todtenstrom hinauf in das heilige
-Land, einen Urgarten der Erde, das künftige Paradies der schwarzen Kinder,
-denn hier konnten sie allein arbeiten und gedeihen. Ihnen gehört es also
-von Natur. Nicht den Weißen, denen es eine Schande geworden, etwas zu thun,
-weil sie nicht können.
-
-Ich finde in meinem Reisebuche bemerkt: »Hier waren also _alle_ Weiße
-adlig, oder fühlen sich so; und alle Schwarzen -- Canaille, und fühlen sich
-nicht so; bei uns sind es doch nur einige berühmte Geschlechter -- gewesen.
-In den nördlichen Staaten darf sich sogar kein freier Neger niederlassen.«
-
-Unser Dampfschiff ward, nach der neusten Erfindung, selber mit Wasser
-gefeuert. Und so fuhren wir, auf der größten Silberader, der Saugader des
-Landes, in welche 40 große Silberadern sich ergießen, auf dem Missisippi,
-nach und nach in immer höheren Ufern hinauf. Meine Tochter ist
-niedergeschlagen. Aus Einem Grunde. Ich bin niedergeschlagen. Aus
-dreifachem Grunde! Unsere Reisegefährten waren nicht heiter, und
-erheiterten sich und uns wenig. Viele Amerikaner reisen zu ihrem Vergnügen;
-und da Europa zu unerheblich oder Asien zu weit ist, so reisen sie im
-Vaterlande und lernen es kennen und schätzen. Denn wahrlich hier ist ein
-Vaterland! Und wer wollte den Menschen den Stolz darauf verargen! Wer sich
-darüber ärgern? Ach, eher kümmern! Aber in dem Gesicht des Amerikaners
-liegt etwas Unerklärliches. Nicht Tiefsinn, nicht Muthlosigkeit, nicht
-Schüchternheit, nicht Verlegenheit; aber die Stille einer großen Zukunft,
-und eine bescheidne und doch schmachtende Begierde danach, und eine fast
-kindische Befangenheit und ein Bangen, wie eines Bräutigams, ruht auf den
-Gesichtern. Mir kamen sie vor, als wenn sie selber auswandern sollten -- in
-ferne, ungekannte, schöne Tage! Daher die heimliche Unruh, der eigene
-gedämpfte Blick, ein fast komischer Ernst und eine heitre Trauer! O wie
-rührend und schön ist der Jugend Gesicht! Ich seufzete selbst über alte
-Männer! Und auch die jungen Städte des Landes, groß angelegt aus ungeheurer
-Hoffnung und doch noch in ihrer Kindheit -- rührten mich. Baton;
-Francesville; Fort Adam; Natchez; Huntson; Warren. Old-Arkansaw gegenüber,
-kamen Auswanderer den Arkansaw herab, die sich, nicht Alle, aus einem
-Überfall der noch nicht weit genug vertriebenen Wilden gerettet. Wir mußten
-sie aufnehmen; es waren Neu-Griechen, die sogar erst seit dem Frieden ihr
-königliches Vaterland verlassen; ein _griechischer_ Bischof führte sie. Das
-zeigte deutlich, welche Furcht sie hinweg getrieben. Nach und nach wußten
-wir um Namen, Vorhaben und Vermögen fast aller Mitreisenden. Und so ward
-denn ein junger Mensch von etwa 22 Jahren, so hübsch und anständig er war,
-von den Meisten zuletzt vermieden. Darum grade suchte ich seine
-Bekanntschaft. Und nach einigen Tagen konnte er nicht über das Herz
-bringen, mir nicht sein Schicksal zu klagen. -- »Man hat mir meinen Vater
-erschlagen,« sprach er betrübt und zornig, und ich habe als Sohn es so weit
-gebracht, daß sein Mörder nun hingerichtet wird, ein Ansiedler in Kentucky,
-dem er Landeserzeugnisse verkauft, und ihn dabei vielleicht zu sehr
-gedrückt hat; denn im Inlande ist kein Geld, und ganz ohne Geld kann
-Niemand bestehn, weil doch nicht Jeder Alles erzeugt. Mein Vater war ein
-Aufkäufer, die freilich überall hier so verhaßt als unentbehrlich sind.
-Auch hätte er längst in seinem Alter von 60 Jahren ausruhen können, da er
-die schönste Besitzung in Ohio hat. Aber er hoffte noch immer seinen Sohn,
-meinen älteren Bruder, zu finden, der ihn verlassen hat, weil der Vater
-wirklich fast unerträglich sich gegen ihn benommen. Aber hier ist es
-vergebens, einen Menschen zu suchen. Der Zufall allein thut oft Wunder, wie
-ich schon gesehen, so jung ich bin. Mein Vater stammte aus Deutschland, und
-er selbst scheint auch seinen Ältern heimlich davon gegangen zu seyn; denn
-alle Weihnachtsabende hat er zwar nach Hause geschrieben, aber nie die
-Briefe fortgeschickt, sondern sie alle gesammelt und sorgfältig vor uns
-verschlossen. Auch hat er nie einen Brief empfangen, so unerhört es ist,
-daß Einer auf unsern 7000 Postämtern verloren geht. Hier ist Jedermann
-unbedingter Herr selbst von dem höchst achtbarsten Vermögen; der Vater kann
-frei Einem Alles, den andern Kindern Nichts vermachen -- mir hatte mein
-Vater Alles vermacht, und so konnte ich unbesorgt meinen Bruder suchen, und
-hatte ihn glücklich gefunden. Ich bewege ihn glücklich, mit mir zum Vater
-zu reisen; er ist nicht daheim; wir reisen ihm nach; -- er ist nicht auf
-der Meierei, von wo er doch nicht fortgereist war. Unser Neufoundländer
-Hund findet seyn Geripp in einem Ameisenhaufen der großen Ameisen. So sah
-der Sohn den Vater wieder. Und nun macht man mir Vorwürfe, daß ich das
-Gesetz angerufen, und sagt: »Hier wird Niemand hingerichtet! Man bessert!
-Und unsere Anstalten dazu sind die erfolgreichsten auf Erden. Wir haben nur
-noch die Todesstrafe auf qualificirten Mord, und sind insofern noch dem
-alten Judengott zugethan, dem: Auge um Auge, Zahn um Zahn; wenn die
-Europäer -- welche hier nur die Verwahrloseten heißen -- noch das halbe
-Judenthum, und das ganze römische Heidenthum in ihrem italiänischen Glauben
-und römischen Gesetzbuch haben! Statt tausend Straftitel haben wir die
-Geschworenen, die es so christlich machen können, als sie wollen; auch das
-ist nicht verboten, und je weniger diese ehrwürdigen Männer von
-Gesetzgebung und Wesen wissen, je einfacher sie sind, ja wenn sie blos ein
-Menschenherz im Leibe haben, desto vollkommner sind sie, desto ehrwürdiger.
-Aber sie sprachen den _Mosburg_ nicht frei, weil sie grade glaubten, einem
-Mörder müsse es eine Wohlthat seyn, Strafe zu leiden; denn auf
-Wiedervergeltung beruhe das Weltgericht, und sonst brauche keines zu seyn.
-Aber das müsse ja seyn, sonst werde die Tugend ja auch nicht belohnt im
-Himmel, und ewig, ewig.« --
-
-Ich war über ein Wort in der Erzählung erschrocken, und bebte über den
-Namen _Mosburg_, denn so hieß der Vater des Knaben, seines noch einzigen
-Kindes, des armen Wilhelms, der neben mir zuhörte, aber zum Glück nicht
-Englisch verstand. Sein Vater wohnte bei Perkins. Und so frug ich in Gottes
-Namen, wie der Ort heiße, wo der Mosburg wohne, oder gewohnt.
-
-Er nannte mir unbedenklich den Ort. Es war _Perkins_! --
-
-Meine Tochter ging von uns und weinte. Sie führte den Wilhelm mit fort, und
-zeigte ihm den schönen Abendhimmel und die grünenden Berge, wie ich von
-fern an ihrem ausgestreckten Arme bemerkte. Dann setzte sie sich, und hatte
-ihn vor sich umarmt, und ich sahe, er trocknete ihr die Augen mit ihrem
-Tuche.
-
-Mosburg lebt doch noch? frug ich weiter.
-
-»Ich reise zur Hinrichtung. Es werden Tausende bei diesem seltnen, fast
-erloschnen Schauspiel zugegen seyn!« sprach er.
-
-Ich war froh. Ich konnte dem lebenden Vater doch den lebenden Knaben
-bringen! Und wir beschlossen zusammen zu reisen. Ich, wie ich sagte, blos
-aus Neugier.
-
-Einige vertheidigten dann auch den braven Sohn mit den Worten: »Wenn wir
-Amerikaner endlich einmal ein rechtes; Volk, ein Muster- und End-Volk
-werden sollen, so müssen Alle für Alles solidarisch einstehen, so weit es
-Menschen möglich ist; für Mord und Brand, Diebstahl und Schaden in aller
-Art; Jeder muß das Recht, ja den Beruf haben, statt eines Andern zu klagen,
-der feig oder gefühllos es selbst nicht kann oder will. Dann sind erst die
-Staaten ein wahrer Rechtsstaat, bis dahin ist Alles nur Pfuscherei! Der
-Freie muß Alles dürfen und können, was recht und was gut ist.«
-
-Man lobte zum Einwandern besonders mir Indiana, das herrliche; Illinois, ja
-Einer sagte: »Wer redlich an die Zukunft denkt, der thut wohl, sich ganz im
-Westen am Meere, am Columbiastrom niederzulassen, auf den Fall, daß es mit
-Europa aus ist und aus wird, und wir die Kräfte nach Asien wenden. Haltet
-Ihr die Natur für so kurzsüchtig und albern, daß sie sonst dort nach Abend
-einen solchen allmächtigen Strom hat fließen lassen, und so lange umsonst.
-Sie könnte ihr Wasser ja besser brauchen.« --
-
-Und so wäre ich lieber in Indiana gereiset, statt nach Kentucky mit
-Sclaven, aber das Schicksal trieb mich hin; und ich rathe keinem Menschen,
-auf Reisen eine Commission anzunehmen -- denn wie bitter war mir die meine!
-Aber das reichliche Reisegeld von dem guten Prinzen für den Knaben reichte
-für mich und Maria. Noch zog mich ein Anderes an den jungen Mann. Nicht,
-daß er reich und wohlerzogen war, und täglich auf die bescheidenste Weise
-meiner Tochter gefälliger war, die sie selber rührte, ob sie gleich
-innerlich fest an ihrem sonderbaren Freunde Erwin hing; und ob ich gleich
-mit zu jener schlimmsten Art der Väter gehörte, nämlich zu denen, die
-Töchter haben, und Luchsaugen haben möchten, um jungen Männern in die
-Herzen zu sehen, wem sie das Beste, was sie haben, einmal anhängen können.
-Das ist die abscheulichste Sorge für einen Töchter-Vater. Ein Sohn- oder
-Zehn-Söhne-Vater ist glücklich. Denn die versorgen sich selbst, und müssen
-und können ihr Schicksal machen. Und meine Tochter war mir so gut wie
-wiederum auf dem Halse, was mir nur schwer fiel, weil ich mir schon eine
-lange glückliche Zeit diese Bürde eines Tochter-Vaters erleichtert gefühlt.
-Doch, um ein aufrichtiger Mann zu seyn, das Alles war es nicht, was mich an
-den jungen Mann zog, sondern es war die Neugier, die Wißbegier -- für meine
-alte blinde Großmutter -- es war der _Koffer_ des jungen Mannes, auf dessen
-vergoldetem Schilde der Name: Marfolk stand. Das bemerkte ich, als er das
-Schild sich zerbrach, die zwei Stücken verschoben neben einander lagen, so,
-daß sein Name nun »Folkmar« zu lesen war. Das gab mir einen Stich in meiner
-Großmutter Herz. Ihr Sohn, ihr August war also erschlagen -- und kam nie
-wieder? Der Name Volkmar konnte à la Norfolk nur Marfolk englisirt seyn.
-Denn der Vater war ja ein Deutscher. Der junge Mann bekannte sich zwar zu
-dem Koffer und zu dem Namen. Aber so fein und plump ich mehr zu wissen
-versuchte -- er wußte nicht mehr.
-
-Wir gelangten in den schönen Ohiofluß und landeten in Handerson in
-Kentucky, wo Washington auf Mount Vernon, wie vom Herrn, begraben liegt.
-Hier sah ich mit Freuden das erste Geld, Silber und Gold, und sahe die
-ersten Zeitungen, die Literatur der Amerikaner; denn das ganze Land
-schreibt für das ganze Land diese tausend Zeitungen, die in Millionen
-Blättern wie Wundertauben über das Land fliegen -- und wie aufrichtig! Wie
-der Geist Gottes! Vox populi, vox Dei! Ich wollte sie übersetzen, Auszüge
-für uns. Aber was für Amerikaner aufrichtig ist, ist noch nicht aufrichtig
-für Deutschland. Eine oder tausend eben so aufrichtige Zeitungen für
-Deutschland müßten ganz anders seyn. Und hier schreibt Einer im ganzen
-Leben vielleicht nur Einen lehrreichen Aufsatz. Ich sahe die erste Schule
--- aber was wußten die Kinder hier mehr! Wie viel, wie gründlich Alles, was
-sie Zeit Lebens brauchen können und sollen und werden. Aber wie geschieht
-das? Antwort: Die Griechen und Römer waren so klug und weise und groß in
-ihrem Fach -- besonders, weil sie nicht mit Griechisch und Lateinisch die
-jungen Seelen verhunzten. O wir Armen! Wir armen Gläubigen! Wir glauben an
-alle Völker! Nur an uns nicht. Und deswegen sagte Napoleon: »Die Deutschen
-sind kein Volk.«
-
-Auf dem grünen Fluß schifften wir nach der Besitzung von Wilhelms Vater. Er
-war nicht da -- in der Stadt im Gefängniß. Ich mußte dem Knaben doch Alles
-zeigen, und mit wie schwerem Herzen sah ich zu, wenn er sich auf des Vaters
-Stuhl setzte, seinen im Schrank hängenden blauen Oberrock anzog, und vor
-Freuden damit in der Stube umhersprang; wenn er die alte Hausfrau nach ihm
-frug, wie er vor Ungeduld weinte, wenn sie ihn nicht verstand, und wie sie
-weinte, als ich ihr sagte: es ist der Sohn des Herrn! Selber Marfolk hielt
-es hier nicht aus, und ehe wir fortzogen, durchrannte der Knabe noch den
-Garten mit angepflanzten Bäumen, die Wiesen, bestieg die Hügel und hatte
-fast einen Arm voll duftende Blumen, die er dem Vater mit nach der Stadt
-nehmen wollte. Selber der Haushund war gerührt, und leckte ihm die Hand,
-als müsse Derjenige seines Herren Sohn seyn, der sich hier so freue, ihn
-mit so guten Bissen füttere!
-
-In der Stadt erlangte ich gern, ja mit Seufzen des Mitleids die Erlaubniß,
-den Vater zu sehn. Der Ort, ein höchst saubrer, freundlicher. Der Mann, ein
-höchst gutmüthiger, wohlwollender. Und ihm mußte ich sagen, daß ich ihm
-seinen Sohn Wilhelm bringe!
-
-Der ruhige Mann schlug sich vor den Kopf. Dann saß er mit aufgestemmten
-Händen, während der Sohn an die Thür pochte vor Ungeduld. Wilhelm aber
-sollte und wollte dem Vater nicht sagen, daß Mutter und Bruder gestorben
-seyen.
-
-O Wiedersehn! heiliges Wiedersehn! Wie weinte meine Maria, wie -- um ein
-aufrichtiger Mann zu seyn -- wie weinte ich! Wie gedrückt war des Vaters
-Herz, denn in wenigen Stunden hatte er zu sterben. Wie strömten ihm Lehren
-und Küsse vom Munde! und segnende Blicke und Thränen von den Augen! --
-Endlich und endlich, nachdem ihm der Knabe viel erzählen müssen von Mutter
-und Bruder -- ja als er ihm auch im Eifer, sein kindliches Herz ganz
-auszuschütten, erzählte, wie sie den Anselm in den Meergarten begraben --
-weil sie beide zu ihm gewollt -- weil ja die Mutter gestorben sey -- -- --
-da faßte sich der Mann wunderbar, schwieg eine Zeit, schien viel zu fühlen
-und zu bedenken, und gab mir seinen Sohn dann an der Hand mit den Worten:
-»Ich habe eine weite Reise vor, mein Kind! Lerne indessen fleißig, lebe gut
-und fromm und dulde kein Unrecht wie ich! Ich reise gern. Könnte ich nur
-Alle mitnehmen, die mich dazu nöthigen! Dein Führer hier wird ferner Dein
-Freund und . . . . Dein Vater seyn.« Dann setzte er sich ruhig hin und
-sprach nicht mehr. Wie konnte ich anders, als, so schwer sie mir war, eine
-so heilige Pflicht von dem Vater übernehmen.
-
-Endlich gingen wir fort. Der Knabe ging rückwärts zum Zimmer, rückwärts zur
-Thür hinaus, um den Vater also noch länger zu sehn -- und als die Thür
-schon zu war, wünschte er ihm noch »glückliche Reise, fröhliches
-Wiedersehn!« durchs Schlüsselloch. Da hörten wir drinn einen dumpfen Fall!
--- Aber wir gingen! Und noch war hier ein Herz geschont, das Herz des armen
-Knaben, der nun mein war.
-
-Nach der Hinrichtung des Vaters besuchte ich allein den freien Platz,
-worauf viele Tausende versammelt waren. Und wohl zwanzig reisende
-Geistliche benutzten die Gelegenheit zu zwanzig getrennten camp meetings,
-zu Feldpredigten oder Bergpredigten. Ich urtheile nie über Männer von
-meinem Fach -- aber die Seele ging mir groß auf, als ich dachte, als ich
-sah -- Erde und Himmel sind die schönste, die einzige wahre Kirche! Und das
-Leben ist der einzige, reinste, ächteste Gottesdienst. -- Auch will ich
-nicht verschweigen, daß der Ankläger Marfolk fast gesteinigt worden wäre,
-daß ihn Furcht befiel, dann Haß und Lust von dannen zu ziehn. In dieser
-Noth hätte ich ihn beinahe »Vetter« genannt. Auch Maria zeigt ihm Mitleid.
-Nach einigen Tagen stellt er sich gleichfalls beinahe an: mich zu bitten,
-daß er mich Schwiegervater nennen dürfe. Aber nur beinahe. Maria bittet
-mich dringend von dannen zu reisen. Und hier muß ich doch sagen, wie meine
-Tochter hätte gesinnt seyn mögen! Und wie ich hätte gesinnt seyn mögen!
-Jedes ganz verschieden.
-
-Nämlich Josephine und Erwin wußten, daß wir uns länger in Handerson
-aufhalten würden, um auszuruhen. Wir empfingen also Briefe. Ich einen Brief
-von meinem Caplan aus der Heimath, der meldete: daß die Baronesse
-Freysingen bankrot sey! Daß _Erwin_ sie ausgeklagt. (Das bestürzte Marien
-vollends.) Daß sie im Schlosse zur Miethe wohne, und daß sie nunmehr als
-armes, geringes, fast verachtetes Mädchen entschlossen sey, ihrem
-Jugendfreund Marbod, meinem Sohn, ihre Hand zu geben, wenn er nur von
-seiner tödtlichen Krankheit genese, und sie hoffe grade durch diese
-Aussicht ihn herzustellen. Daß meine alte Großmutter mit Gewalt sich habe
-den Staar stechen lassen, weil ihr Sohn kommen würde; daß sie aber von der
-Vorbereitungscur ganz schwach, und vor Alter ganz kindisch geworden.
-
-Das war Ein Brief.
-
-Dann schrieb mir meine liebe Clöta aus Neu-Orleans nach manchen andern und
-vielen Eingängen, daß ihre »_schöne_,« ihre »_seelengute_,« ihre
-»_reiche_,« ihre »_junge_,« ihre »_geliebte und liebenswürdige_« Herrin
-Josephine -- seit dem Tage, unserer oder meiner Abreise krank sey, recht
-bedauernswürdig krank. Ihre großen Augen seyen noch größer, noch
-schmachtender geworden, ihr Mund noch kleiner, ihre Grübchen in den reinen
-Wangen noch sichtbarer. Sie rede oft im Schlafe -- und von mir! Sie rufe
-mich! Sie springe im Nachtkleid aus dem Bett und ringe mit ihr matt und
-flehend, sie hinaus, sie fort zu lassen. Deswegen meine sie (nämlich
-Clöta), daß ihre Herrin seit _meiner_ Abreise krank geworden, und wohl
-nicht besser werden möchte, wahrlich nicht _möchte_ -- so gleichgültig sey
-ihr das Leben, bis ich wiederkäme, oder bis sie mich wiedersähe, bis ich
-sie wiedersähe, aber mit günstigen Augen. Das läßt Clöta nur durchblicken.
-Clöta hat von Josephinen ihr kleines Bildniß erhalten -- das schickt Clöta
-mir. Die kostbare Einfassung habe sie behalten. Als Nachschrift stehen die
-Worte: »Sie hat ihre Plantagen verkauft.«
-
-Das war der zweite Brief.
-
-Diesen las ich allein! Denn eine erwachsene Tochter ist wie ein Engel, vor
-welchem der Vater sich selber schämt . . . . geschweige ein schönes und
-junges Weib zu nehmen -- so nöthig es dem armen Manne ist, so wohl es ihr
-selber auch thäte, damit sie vermöchte ein Engel zu bleiben, und nicht eine
-Sclavin zu werden brauchte.
-
-Maria aber beredete mich fortzureisen. Ich war willig und wollte bereit
-seyn, wenn ich ein herrliches Grundstück, das ich hier gesehen hatte, für
-die Baronesse . . . . also auch für meinen Sohn gekauft hätte, woran ich
-jetzt erinnert worden. O, ein Vater ist ein edler Mann! Aber die Kinder
-machen ihn dazu! Ich fuhr mir unwillig und schnell mit der flachen Hand
-über die Stirn bis hinauf in die Haare! Es war aber klug und gut.
-
-Kaufte ich nun für die Baronesse eine kleine Grafschaft, -- denn hier sind
-auch Grafschaften, wie Spinnennetze ohne Spinne, so ohne ihre Hauptzierde:
-die Grafen -- so war zu Hause Marbods Stelle leer, wenn er mit ihr herzog;
-oder der Diakonus nahm sie an, und bekam vielleicht wieder einmal am Tage
-Heirathsgedanken. Das Alles war Vorrath für jede Hoffnung, für jedes
-pis-aller. Ich hatte mit meinen paar Guineen in der Tasche unermeßliche
-Lande vom Strom aus gesehen, und die Begier, der Geiz der Ankömmlinge war
-über mich gefallen. Ich wollte das schönste, fruchtbarste Land, den Morgen
-für 27 Kreuzer, nicht gern aus der zweiten Hand für ein paar Kreuzer mehr.
-War es noch ganz mit Wald bewachsen, so schien es nach unseren Preisen wohl
-100,000 Thaler mehr werth. Aber leerer Acker gilt hier mehr. So zweifelnd
-und wählend trieb ich mich müde umher, bis ich vor Verzweiflung am grünen
-Flusse in Kentucky 5000 Morgen -- Alles kaufte, was mir irgendwo reizend
-geschienen. Aber als ich das Gold aufgezählt, von meinen paar Dreiern noch
-zugelegt, da sah ich -- daß die Bergabhänge die Sonne im Rücken hatten --
-daß hier kein Wein gedeihen möchte. Gott, kein Wein! Ich war außer mir!
-Aber ich mußte die Acten zu mir stecken, und empfahl Bäume, Quellen,
-Wildpret, Truthühner, Vögel, Fische und Schlangen, Alles indessen dem
-lieben Gott. Mit dem Gelde war mir ein Stein vom Herzen, und zwei darauf.
-Denn ich fand auch, daß mein Eldorado unter dem 37sten Grade der Breite
-lag; und höchstens erst unter dem 38sten Grade soll sich ein Deutscher
-ankaufen, wenn er nicht aqua toffana schwitzen will, wie ich vor Angst
-schon schwitzte. Und nun sollte ich meinen Committenten zu Hause ihr
-künftiges Paradies aussuchen! War es schlechter als mein gekauftes, dann
-schien ich ein Eigennütziger! War es besser, dann war ich ein Narr gewesen
--- Volkmar! In _Ohio_ sollte alles gute Stromuferland schon besessen seyn.
-_Indiana_ erst später bequem; und da es so breit daliegt, wird auch noch
-später wohl in Europa ein Unglück seyn, welches Unglückliche hier glücklich
-macht. Ich weiß nicht, wie mir ward; aber ich fuhr, über den Ohio eben nach
-Indiana hinüber, hinauf nach Clarkesville ganz in dessen Nähe mein Freund
-oder Feind Erwin den Adligen auf seines Vaters Befehl im Testament ein
-unschätzbares Grundstück eingeräumt. Und das erste Wort, das ich von dem
-vorigen Herrn von Habenichts hörte, war: »Rechts und links von White river,
-oder gar erst droben von Recovery bis Weautenan soll es am schönsten seyn!«
--- Wir hatten himmlische Freude, uns wiederzusehen. Ihre Wohnungen waren
-gut, ihre Gärten und Felder und Wälder wie unvergleichlich. Überall führten
-mich wenigstens immer funfzig glückliche Menschen herum. Der Nacken that
-mir weh, die thurmhohen, mit Blüthen wie dunkele große Rosenknospen
-überschütteten Fichten anzusehn! Die Trompetenbäume, welche, wie die Kinder
-sagten, Posaunenbäume heißen sollten. Aber wo führte mich der alte Freund
-auch hin! -- In einen Saal, nicht weit vom Ohio, den schon Tausende, die
-stromauf oder stromab gefahren, besucht hatten, als ein hiesiges
-Weltwunder. Ich sahe beim ersten Blick ein Wachsfigurencabinet mit allen
-Europäischen Potentaten, die hier ganz eigenthümlich in tiefem Schweigen,
-wie in tiefer Überlegung dasaßen. Ich nahm meinen Hut ab, obgleich nichts
-gesünder ist, als der Gebrauch der Amerikaner, grade wenn man in's Zimmer
-kommt, den Hut, selbst vor Damen, aufzubehalten, die ihre noch
-wunderlichern, man möchte oft sagen unhöflichern Hüte ja auch nicht
-abnehmen. Aber ich sahe nach langer Wehmuth endlich, daß der Saal ein
-Klein-Europa, voll seiner besten Erinnerungen, war, alle blos zum Andenken
-mitgebracht an das theure Vaterland -- Deutschland. Da lagen aus dem Cours
-der Menschen mit fortgenommene Münzen, mit dem Bilde der verschiedenen
-souverainen Herren. Da hingen Ellen aus jeder Provinz, länger oder kürzer,
-keine gleich. Da blecherne Maaße, alle verschieden; Meßviertel und Metzen,
-alle verschieden. Und so tausend verschiedene Dinge. Dort Censuredicte,
-Cataloge verbotener Bücher aus jedem Ländchen, die einander meist aufhoben.
-Verschiedene Strafgesetzbücher, Städterechte, Privilegien, Uniformen,
-silberne Bischofsmützen, schwarze evangelische Mützen. Da hingen an einer
-langen Kette von Eisen die abgelegten Orden der Herren, ja der Stifts- und
-anderer Damen. Da lagen Armenlisten, Klosterlisten und Abbildungen von
-Sonderbarkeiten, eine Reihe Carrikaturen vom ersten Witz, aber
-unbeschreiblich. Dort lag schwarzes Bauerbrot nebst einer in Wachs
-bossirten Bauerfamilie. Da verkaufte ein Herr Salz; da Tabak; da einer
-Wolle, Holz; da hingen Studentenmützen von allen Farben . . . . da lagen
-Zeitungen mit den letzten Nachrichten; ich bückte mich -- ich las den
-Büchertitel: »Von Authenrieth, Kunst aus Holz Brot zu backen.« -- Mein
-Gott, ich war daheim! Unbezwingliche Wehmuth befiel mich. Heilige Sehnsucht
-nach alle dem Elend! Das Herz bleibt das Herz. Der Mensch bleibt der
-Mensch. -- »Laßt uns betrachten« . . . . wollte ich anfangen, aber ich
-mußte aufhören vor Weinen. Ich ging an den großen Häuptern vorüber, die
-ohne Kronen und Scepter, nur ein Täfelchen mit ihren Namen an den gedeckten
-leeren Tischchen, saßen -- bestaubt, blaß, in hundert Jahren alle todt,
-zerfallen, wie diese Wachsbilder bald zerschmolzen, in das uralte schwarze
-Element der Erde. Und ich sahe: Sie waren alle Menschen! Ich sahe, sie
-waren ja alle aus ihrem Volke! Sie thaten alles Mögliche für ihr Volk, in
-den Ketten und Banden der Zeit, die schleichen muß wie eine Schlange, nicht
-fliegen . . . . nicht auswandern kann, sondern daheim gebaut ist, wie
-Ulysses Bett auf den im Boden festgewachsenen Stämmen der uralten
-Olivenbäume gezimmert; unbeweglich wohl, aber theuer und werth ist, einzig
-werth; und wie Penelope daran, an diesem Geheimniß ihren lang verkannten
-Gemahl erkannte, so erkannte ich hier mein Vaterland! Aber ich stand wie
-ein Ehebrecher dabei -- wie der erschlagene Sohn meiner Großmutter, der
-seiner Mutter um ein herbes Wort willen auf immer entronnen und umgekommen
-war, und die arme alte Mutter saß daheim, zwar nicht mehr blind, aber ohne
-ihn elend, wie er elend ohne sie gewesen. -- »Laßt uns betrachten« --
-wollte ich wieder beginnen, aber ich konnte kaum meine Gedanken alle
-fassen! Mir war auf der Reise die Flasche zerbrochen, welche mir der
-Wagehals mit dem Schwimmgürtel ausgehändigt. Ich hatte eine Stelle in
-seinem Lebenslauf, den ich der Welt einmal mittheilen will, noch vor Kurzem
-nicht verstehen können; jetzt, jetzt klar und gewaltig überkamen mich die
-Worte, wie Feuer vom Himmel: »Nichts ist feiger als Flucht! Die armen
-Elenden! Sie ihrem Schicksal zu überlassen und sich allein zu retten -- o
-Schaam, o Schande! Als wenn eine Mutter oder ein Vater ein krankes Kind,
-alle seine Kinder krank und gebeugt und hungrig zu Hause wüßte -- und an
-einer prächtigen Hochzeittafel tafeln wollte, sich allein es wohl seyn
-lassen wollte, in dem freien, fröhlichen, hellen, sicheren, prachtvollen
-Hause -- und nicht heimkehren! O Schaam! O Schande! Nicht heimkehren! Oder
-fortgehen! wenn sie ihm auch nur krank _geschienen_! Wenn er ihnen auch
-nicht helfen könnte, nur mit ihnen leiden, sie nur trösten, sie nur küssen!
-Ja, hier in Amerika ist das freie, das fröhliche, helle, das sichere,
-prachtvolle Haus. Ja, es ist hier so schön -- daß es eine Schande ist, es
-sich allein wohlgehen zu lassen, und nicht zu Hause zu sorgen, daß das Übel
-besser werde. Wo der Mensch besser werden kann, wo er am besten, am
-hülfreichsten, ja wo er nur am edelsten seyn kann, da ist sein Vaterland!«
-
-So sprach ich mir ohngefähr in zitternder Gluth die Worte vor und vergab
-dem Manne. Ja, wie ich in Bremen gesehen meinen adligen Freund sich küssen
-an der Wand, so wußte ich es zu machen, daß ich meine Lippen an die Mauer
-drücken konnte -- denn ich küßte die Welt. _Ich_ war der Schatten hier. Und
-ich hatte in mir ein Gelöbniß gethan, still, aber fest wie der stille Fels.
-Nämlich das Gelöbniß: Als ein Deutscher nach Deutschland zu kehren, in ein
-. . . in mein Vaterland! Damit ich ein Vaterland hätte, und das Vaterland
-mich; damit ich nicht ehrlos, feig, selbstsüchtig, muthlos, rathlos,
-hülflos _scheine_, so sehr ich es _wäre_! Oder _war_! O, ich war es nicht
-mehr, denn ich fühlte mich froh schon daheim! O wie wollt' ich nun wirken
-. . . und weben und ruhig sitzen an meinem, an unserem großen Webstuhl, der
-uns Deutschland heißt: O, ich hätte Heiden bekehrt, geschweige deutsche
-Auswanderer! Jetzt war mir ein schwererer Stein vom Herzen, der Fels, der
-mich zu Tode gedrückt. Wie der Riese hatte ich wieder die Erde berührt, und
-alle ihre Kraft hatte mich geladen. Ich hatte aber noch Pflichten. Mein
-armes Weib war also umsonst gestorben. Die guten, die edlen Weiber haben
-immer Recht. In jeder Mutter wohnt die Stimme der Natur. Ich schrieb in
-meiner neuen Stimmung an Clöta, ließ neue Plane durchblicken -- ich legte
-ihr eine schwarze Locke von meinem Haupte mit in den Brief. Ich fühlte ein
-neues Leben -- gesund am Leibe war ich so schon geworden, ich fühlte das
-Leben neu. Sollte ich blind seyn? Herzlos? Undankbar? Denn was ist älter
-als alle Welt? Welches Gefühl? Und wie Josephine mich eher gesehen, und ich
-sie eher gesehen hatte, ehe wir Beide wußten, daß _meine Frau_ das
-Schicksal getroffen -- wie ich Josephinen also noch in eine lebendige Welt,
-als die letzte, die schönste Gestalt mit aufgenommen, nicht farbenlos,
-geisterhaft in die darauf erst mir aufgethane farbenlose, geisterhafte Welt
-der Geraubten, so war Josephine ja nun darinnen lebendig, und regte sich --
-o sie regte sich wunderbar! Was ist der Mensch? -- Ein immer neues Wesen in
-der immer um ihn versinkenden Welt. Oder man sollte im neuen Lenz keine
-neue Rose brechen und an die alte Brust stecken, ja nur ansehn.
-
-Darauf zog es mich ins Land hinein, links an den Wabasch. Schon der Name
-»Harmoniten« reizte mich. Ich wanderte mit meiner Tochter, wie in einem
-langen Traume, im süßesten Sonnenschein. Aber die Flasche konnte ja Unrecht
-haben, ich konnte nun erst am gewaltigsten irren, nun ich glaubte Recht zu
-haben! Das Gefühl, Unrecht gethan zu haben, verstimmt mit der Welt und
-macht blind auch. Und wollte ich billig seyn, ich konnte nicht leugnen:
-diese Deutschen in alle den Ansiedlungen, die ich nun antraf, schienen mein
-Heimweh überstanden zu haben! Denn sie schienen nicht nur, sie waren
-wirklich glücklich. Bei mäßiger, ja nicht der Rede werther Arbeit
-glückliche, harmlose Landleute. Sie waren keine Städter, keine von der
-alten Welt gebildete oder verbildete Leute, kurz keine Gelehrte, keine
-Vornehme gewesen. Und doch sagte mit ein Doctor, der hier zum Bauer
-geworden: »Welch Unglück ist größer, als eine große Stadt? -- Welche Lüste
-tauchen dort auf wie aus feuerspeienden Bergen und schwelgen sich satt!
-Hier im ganzen Lande, den einzelnen Meiereien, ist kaum ein treuloses Weib.
-Kein Spieler. Ich sage meine ganze Überzeugung: Es ist nichts schöner und
-menschlicher, als ganz an und mit der Natur zu leben! Versteht sich
-menschlich! Menschlich mit Blumen, die man tränkt, menschlich mit alten
-Bäumen, menschlich mit dem Lamme, dem Hunde, ja mit dem Bär im Walde und
-mit der Schlange. Denn durch Milde des Menschen sind alle Thiere zähmbar,
-dienstbar zu machen, und alle sind seiner väterlichen Stimme, seinem
-liebevollen Auge unterthan, denn die Thierseele ist auch noch ein Hauch von
-der großen Seele, wenn auch nur wie letzter rosiger Hauch an den Wolken in
-wunderlichen Gestalten, noch heiliges Licht der Sonne. Gartenbau, Feldbau,
-das ist das erste, mittle und letzte Geschäft selbst des einst ganz klaren,
-ganz großen Menschen, und im Schooße der Natur wird es am ersten, am
-schuldlosesten, wenn einmal die Flamme in ihm entbrannt ist -- und sie ist
-entbrannt! Und hier im Lande werden nur lauter Gärten seyn, lauter Gärtner
-und Bauern. Aber ein Bauer ist ein ungeheurer Kerl, groß wie Adam,« schloß
-er lächelnd. Der Doctor begleitete uns auf der Weiterreise, bis nach dem
-kleinen Flecken Fashionout oder Modelos, welchen Engländer angebaut, um der
-Mode zu entfliehn.
-
-Mein Gott! wie oft des Tages mußte ich hier im Lande mein kaum gesagtes
-Wort zurücknehmen! Zu des Doctors Lob des Bauers hatte ich gesagt: In der
-freien Natur, in einzelnen Pflanzungen hebt das angeborene richtige Gefühl
-die Menschen über den kleinlichen, schwelgerischen, neidischen,
-erbärmlichen Verkehr großer Städte. Und hier gilt nur das Herz! Kein Rang,
-kein adliger Stolz, nicht Schaam einer niedrigen Magd. Man sieht, was in
-Europa die Seelen bedrückt, das Gefühl der Stände, des eigenen, von
-Jahrtausenden ausgedrückten Unwerths, das nicht zum Gefühl der _gleichen_
-Menschenwürde empor gelassen wird -- nur fort nach Amerika. Ich mußte das
-Wort sehr bedingen. Denn der Doctor frug mich nun gern: »Warum wandern die
-so ziemlich freien Engländer aus? -- Um der Sclaverei der Mode zu
-entfliehn, der Jeder, der reich geworden, erst recht verfällt! Ein
-ruinirter Fashionable, den ich curiren soll, sagte mir erst gestern: die
-Mode ist die albernste Gesetzgebung, die kostspieligste; die Mode ist das
-Ungeheuer, welches Europa's Fleiß, der Männer und Weiber Schätze,
-Lebenslust und wahres Leben auffrißt. Die Europäer, vor allen die
-Engländer, sind die wahrsten Sclaven durch die Mode. Die Engländer -- denn
-ich bin keiner mehr, sagte er -- sind überall frei -- aber im Hause
-Sclaven! Es wäre besser, sie wären in der Nachtmütze, in Pantoffeln, bei
-der Suppe, bei Messer und Gabel frei, als frei überall außerdem auf Land
-und Meer. Alle Künste müssen darüber zu Grunde gehn, alle Künstler, kurz
-Land und Leute. Die englische Gesellschaft und ein jeder Abdruck derselben
-umher ist die erbärmlichste auf dem Erdboden, und wenigstens zehntausendmal
-erbärmlicher als die chinesische, wo doch viel zu merken und viel zu lernen
-ist; aber Alles auf Zeit Lebens, auf das Leben vom Urgroßvater bis zur
-Urenkeltochter und immerdar in die selige Ewigkeit. Hier in Fashionout
-beobachten wir Menschenanstand, und kleiden uns und leben nach Wetter,
-Bedarf, Vermögen, Gesundheit.«
-
-Ich aber dachte, daß Deutschland 2500 Städte hat und 40 Millionen deutsche
-Zungen, Seelen, oder _Mäuler_, wie die Chinesen sagen, und Großmäuler, wie
-die großen Deutschen gern sagen.
-
-Wie von diesem braven Doctor, so ging für mich nun ein tägliches Scheiden
-an, von jeder Gegend, jedem Bach, jedem Baum, jedem guten, freundlichen
-Menschen -- aber zuerst beinahe von meiner Tochter! Sie war mir krank
-geworden; ich wollte sie in Gottes Namen nach Lawrencebury am Ohio
-schicken, in das Haus des jungen, sie ehrenden Marfolk. Aber mit wem? Ach,
-war nur mein Schulmeister Tolera hier! Denn auf dem Straßenbau hier im
-Lande hätte er nicht nöthig gehabt, die Menschen hungern zu lehren! Im
-Gegentheil nicht gar so viel essen; zum Frühstück schon in Butter
-gebratenen Schweinebraten, Fische, fetten Kuchen, Eier, Käse; und ihr
-Aufseher -- nicht gegen die Unmäßigkeit im Essen angestellt -- erzählte mir
-mit sonderbarer Freude, daß die 6000 Arbeiter hier in 90 Tagen keiner einen
-Schnaps getrunken habe! Aber meine Tochter nahm sich zusammen, und ihr
-Geist, so jung der liebe Geist war, war stark. Ich fand es für meine Leute
-hier überall gut, sich niederzulassen, so weit wir umherzogen, beschwerlich
-genug. Hier begruben die Leute selbst; sie trauten junge Paare, sie tauften
-selbst -- und der Papst und die Clerisei fiele auch hier in Ohnmacht! Ja,
-wir wurden selber zu einer Taufe in Silverheelstown eingeladen, wo ein
-Vater an jedem seiner Kinder einen besondern Gläubigen hatte. Der älteste
-Sohn war ein Jude; der folgende ein Türke; der dritte ein Quäker; die
-älteste Tochter eine Katholikin, und so fort, damit doch Eines seiner
-Kinder den rechten Glauben erwische. Ich sollte nun Pathe stehen bei einem
-kleinen Buddhaisten. Aber wir wußten Alle von den Ceremonieen dabei nichts.
-Tolera selbst hätte sich zu Tode gewundert oder betrunken. Indessen dieser
-Vater wollte auch Vater meiner Kinder werden, und ihnen ein gesegnetes
-Stück Wüstenei verkaufen. Und ich schloß mit ihm die Bedingungen ab. Und
-nun begehrten wir alle nach Cincinnati zum Bruder, vielleicht alle weiter,
-nach Hause. Aber das Geld ging mir unterwegs nun endlich aus! Maria will
-ihr Halsband von Josephinen verkaufen; -- das will ich nicht! Ich will den
-Ring vom Prinzen verkaufen; -- das will sie nicht. Aber das mußte geschehn,
-denn für den spätern Erlös des Halsbandes bezahlten wir die Heimfahrt nach
-Europa. Aber nun war kein baares Geld von den Kauflustigen für den Ring
-aufzutreiben! Höchstens Anweisungen auf eine ferne Bank. Sollten wir nun
-hier, was wir an Materialien zum Tausch erhielten, verzehren -- so waren
-wir nicht weiter. Wir mußten also lebendige Ochsen und Schweine nehmen und
-einen Treiber, um sie am Ohio in Geld zu verwandeln. Die Reise war
-merkwürdig genug. Schweine verliefen sich -- ich konnte nicht nachlaufen!
-Ochsen waren marode, Maria schüttete ihnen Gras hin, beklagte sie und ließ
-sie liegen. Eine Nacht ruhten wir in einer Höhle der Berge, die voll
-uralter fremdartiger Menschengerippe war. Wir sahen Postdampfwagen
-pfeilschnell vorüberfahren, wir konnten keine Stelle darauf bezahlen.
-Endlich trieben wir glücklich in Lawrencebury ein. Aber Niemand lachte uns
-aus. Alles Nothwendige steht hier in Achtung. Wir frugen nach Marfolk's
-Wohnung, fanden sein großes Gehöft mit Niederlagen und Speichern, und ob er
-gleich mein Schwiegersohn werden wollte, so drückte er mir doch die übrigen
-Ochsen und Schweine ab. »Im Handel keine Freundschaft!« sagte er. Dagegen
-im Hause war er unser Freund. Er wußte um mein Anliegen, er führte mich,
-noch ehe wir ausgeruht, in seines Vaters Zimmer. Da hing über seinem Tische
-meiner Großmutter Bild.
-
-Schwarz, in großer Haube, und drunten stand der Name des reisenden
-Silhouetteurs _Näthe_ aus Görlitz. Er öffnete die Weihnachtsbriefe. Sie
-waren nach dem Ort meiner Heimath adressirt. Es gab eine Scene der
-Erkennung, welche Maria durch kühlen Anstand milderte. Marfolk war in allen
-Zeitungen im ganzen Lande durch seine Anklage auf Hinrichtung gleichsam
-an's schwarze Bret geschrieben. Er wollte fort aus Amerika. Er fand es
-schön, vor die alte Großmutter zu treten, und wenn er nicht in Europa
-bliebe, wollte er bei der Rückkehr als ein frischer Einwanderer sich in
-einem andern Staate der Union unter seinem wahren Namen Volkmar
-niederlassen. Er wollte mit uns reisen! Das setzte voraus, daß wir wirklich
-reiseten. Auch war ihm die Reise im Testament des Vaters, also nun meines
-Oheims, aufgegeben. Wegen des Knaben Wilhelm bestimmten wir, daß er ein
-Gerber werde, als die jetzt noch vortheilhafteste Profession, weil Häute um
-ein Spottgeld und Leder sehr theuer wären. Übrigens war hier nichts mit
-andern Handwerken; denn die Maschinen machen schon alles, oder werden hier
-noch alles machen, als seelenlose, blinde Ableger oder Riesenkinder des
-Menschen, gleichsam ein eisernes Geschlecht, in welches der Mensch seine
-Sclaverei gebannt hat; und worüber Europa zu Grunde geht, durch Maschinen,
-das bringt Amerika empor, weil hier Alle breit und bequem auf die
-fruchtbare Erde sich stützen, und Alle sich neben und mit Maschinen grade
-erst recht hoch emporrichten. Um dem Wilhelm zu der Ansiedlung von seinem
-Vater zu verhelfen, mußte ich ihn jedoch erst durch einen verschriebenen
-Taufschein als Erben legitimiren. Übrigens lernte ich hier im Hause das
-Verhältniß und das Verhalten der Dienstboten -- bei uns des Gesindes --
-hier der dienenden Herren und Frauen -- kennen, die so behandelt werden und
-so sich betrugen, als bei uns adlige Herrn und Fräulein im Dienst bei
-Bürgerlichen sich benehmen und behandelt werden würden. Mein Gott! so viel
-thut schon das bloße Bewußtseyn: Wir sind frei! und das große Verhältniß:
-Es ist nur Ein Stand im Lande -- der Stand des Menschen! Das war das
-Bitterste, was ich erfahren habe, und das Schönste. Ja, wenn wir hier
-blieben, wenn ich keine andere Aussicht für uns wüßte -- und ich sahe weder
-als Pastor, ja nur als Schulmeister ein Ankommen -- wenn wir nicht _Bauer_
-wurden, in dem kolossalen, freien, Amerikanischen Sinne, durch Ankauf aus
-dem Ertrag des Diamantenhalsbandes -- -- -- so wollten wir uns selbst mit
-meiner Tochter vermiethen.
-
-Aber ich hatte recht vermuthet! Mein Vetter Marfolk hielt um meine Tochter
-an. Ich konnte ihm nichts darauf sagen, als daß schon ein Anderer um sie
-angehalten, dem ich es schreiben wolle. Und so that ich. In 14 Tagen
-erhielt ich die Antwort von Erwin: »Im November komme ich nach
-Philadelphia. In vielen Geschäften. Erwin.« Noch stand das Wort dabei: »Ich
-bin Senator der vereinigten Staaten.«
-
-Auf solche unbestimmte Antwort drängte mich meine arme Tochter, die mir
-herzlich leid that, zur Heimreise nach Europa. Ja vorher, gewiß vorher --
-ehe sie den Erwin wiedersähe. Aber leider waren wir schon im Herbst, der
-unendlich schön und bunt und mild und heiter sich über das ganze Land
-gesenkt hatte. Meine Reise konnte nicht die Absicht haben, die Natur
-abzumalen, und so habe ich alle die tausend Gelegenheiten vorüber gehen
-lassen, ein Bild von Dinte ihr nachzupfuschen! Denn hier ist mehr wie
-Griechenland und Italien. Hier ist Persien, kurz alle schönen Gegenden der
-Welt, nur keine Schweiz. Freilich blieb mir übrig, auf der Besitzung der
-Baronesse Freysingen und ihres mir so nah verwandten jungen Mannes den
-Voigt zu machen, oder den Gehülfen auf der Ansiedlung unsrer zwanzig Dörfer
--- aber meine Tochter hatte _alle_ Amerikaner satt, durch Einen, und
-Amerika mit ihm herzlich satt. Zum nächsten Frühjahr also versprach mir der
-gute, bescheidene Vetter Marfolk mit nach Europa überzufahren. Jetzt nahmen
-wir von ihm Abschied. Wir reiseten ziemlich armselig. Jeder Vater kann sich
-denken, daß ich endlich schweres Verlangen trug, meinen Knaben in
-Cincinnati zu sehen. Wir schifften die kurze Strecke den Ohio hinauf nach
-der Stadt, die einen Hügel hinauf schön und herrlich liegt. Wo er seyn
-sollte, wußte ich. Ich ließ meine Tochter in unserm Boarding, oder höchst
-anständigen Familien- oder Gesellschafts-Gasthof, ging allein und fand das
-Haus. Aber mein Sohn war fort! Fort in eine Anstalt nach Philadelphia. Wer
-konnte das gethan, ihm so wohlgethan haben? Alles Rathen war aber
-vergebens. Indeß er lebte, er hatte geschrieben -- auch an mich; ich
-empfing seine Briefe. Ich mußte sie küssen, ehe ich sie las, und dann
-weinen, denn er erinnerte mich an die Mutter, die nun schon lange im Lande
-hier schlief. Ich schrieb ihm wieder und ein Diener ging sogleich mit dem
-Briefe fort.
-
-Als ich nach Hause gekommen, fand ich eine Einladung zum Mittagessen zu
-einem guten Freunde, der sich jedoch nicht genannt hatte. Straße und Haus
-war angegeben. Warum sollte ich der Einladung nicht folgen? Meine Aufregung
-war heftig. Ich zog wieder einmal die guten Kleider an. Alle meine guten
-Freunde schwebten mir vor. Wie angenehm war mir ihre Nähe im Geist. Aber
-ach, wie viele waren elend gebannt zu Hause! Doch auch unter den Wenigen,
-die hierher gewandert seyn konnten, rieth ich vergebens, und blieb in der
-holden Erwartung, wen ich sehen, wen ich an das Herz drücken würde.
-
-So geh' ich. So trete ich ein. Niemand zu sehn! Nur ein Tischchen mit zwei
-Gedecken steht bereit. Aber im Cabinet regt sich es wieder mich sonderbar
-erinnernd. Ich sehe. Es lauscht zwischen den zugehaltenen Vorhängen. Ich
-spähe. Ich gewahre ein großes braunes Auge in seinem milchweißen Himmel.
-Mir klopft das Herz. Ich sehe oben darüber schwarzes, glänzendes Haar. Nun
-erscheint ein kostbares Nasenspitzchen, die schöne, edelgebildete Nase.
-Jetzt Lippen wie Erdbeeren, wie eine Doppelkirsche. Mir beben die Kniee wie
-in meiner grünsten Jugend. Mir vergehen die Sinne. Denn nun sehe ich auch
-schöne, aber blasse Wangen -- das ganze edle Antlitz ist frei. Aber die
-Augen sind jetzt leise geschlossen. Die Augensterne zucken unter den
-langbesäumten Augenliedern. Ja, an den Wimpern quillt es leis und zart
-hervor wie Thau an Blumen. Ich weine selbst.
-
-Josephine! ruf' ich.
-
-Da verhüllt sich ihre ganze Gestalt wieder hinter dem Vorhang. Ich bin
-betäubt. Ich setze mich gleichsam in Ohnmacht auf das Sopha. Meine Hand
-bedeckt die Augen. So bleibe ich lange. Ich träume, ich schlafe eine
-mannigfach bestürmte, aber schöne Zeit. Ich komme zu mir. Die Gestalt sitzt
-neben mir. Ihre Hand hält meine Hand. Ich schlage die Augen auf. Ihre
-großen, feuchten Augen sehen mich an. Wenn ich nicht auf dem Sopha saß,
-wär' ich ihr zu Füßen gefallen.
-
-In dieser herzbeklemmenden Stunde erschien mir wie damals wieder im Zimmer
-vor mir stehend die Gestalt meiner Frau. Ich machte die Augen vor ihr zu.
-Aber sie sprach heut mild zu mir: »Fürchte Dich nicht! Ich bin unter den
-Todten so klug geworden, wie alle Todten. Weiber und Männer, die von den
-Ihren hinweggerissen, nur wohlthun, ihnen auf Erden noch alles Glück zu
-gönnen, ihnen neidlos alles Glück zu verschaffen, oder bei ihrer Ohnmacht
-sie doch zu segnen. Also jetzt sprich zu dem armen Weibe. Sie wird kein
-Wort Dir sagen. Denn ein Weib ist edel. Und so sehr sie verrufen sind, daß
-sie schwatzen, so halten sie doch ihre Liebe zu heilig, als sie je auf die
-Zunge zu nehmen gegen einen Mann. Rede also Du! Und sie wird Dir antworten
-ohne Worte, mit Thränen, mit ihrem ganzen Dir holden, schönen Wesen. Auch
-prophezeihe ich Dir, lieber Volkmar: Noch heut wirst Du mit ihr getraut.
-Diese Nacht schon ruhest Du hier. Und wenn Du das Licht auslöschest, und es
-sich unheimlich im düstern Zimmer regt, so denke: ich bin's, die
-hinschwebt, das kalte Lager der Todten zu drücken.« --
-
-Jetzt schwieg sie, sahe mich zärtlich an, und verschwand oder verlosch
-vielmehr auf derselben Stelle allmählig, wie ein Regenbogen verschwindet
-und hin ist.
-
-Ich aber war noch ganz verworren, und sagte laut und verständlich vor mich
-hin: Das laß ich mir eine vernünftige Frau seyn! Sie räth mir nun selbst
-zu, den Engel zum Weibe zu bitten. -- Ich fuhr auf. Denn ich erwachte jetzt
-über die Worte erst völlig und war gewiß über und über roth.
-
-Aber auch Josephine war von Röthe übergossen. Aber sie verbarg sie an mir.
-
-Und das einmal ausgesprochene Wort meines vormaligen Weibes gab mir Muth
-und Veranlassung, der schönen jungen Wittwe zu erklären, ja Alles
-aufrichtig zu sagen, was ich von der Erscheinung gehört . . . . und mein
-Schlußwort dazu zusetzen oder anzubringen.
-
-Und wie mich mein Weib versichert, so geschahe es. Josephine weinte blos,
-oder schlang höchstens nur einmal ihre Arme um meinen Nacken -- aber die
-Edle küßte mich nicht! Doch -- um ein aufrichtiger Mann zu seyn -- ich
-küßte sie! Zum Erstenmal. Aber nicht zum Letzten. Und als Braut führte sie
-der Bräutigam -- meine Wenigkeit -- zu Tische.
-
-Wie wenig essen Glückliche!
-
-Aber wie viel trinkt ein armer erlöster Pastor vortrefflichen Wein! Um ein
-aufrichtiger Mann zu seyn, muß ich aber gestehen -- und jeder Eingang mit
-dem Worte »_gestehen_« taugt gewöhnlich nicht viel -- ich schämte mich vor
-meiner Tochter, wieder ein Weib zu nehmen, und ein so schönes, so junges,
-und da es einmal so war, auch ein so reiches. Wenn meine Tochter
-heirathete, so mußte sie sich vor mir schämen -- daß sie so liebte bis zum
-Heirathen. Oder wir waren doch quitt. O, ein Vater hat in jeder Lage gar
-viel zu denken, zu bedenken, zu beobachten. Doch meine Tochter sollte ja
-gar nicht erfahren, daß ich nur wieder heirathen könnte! So war ich heraus.
-Aber dabei mußt' ich nun bleiben.
-
-So viele Monate, so schwere Zwischentage waren wir uns unter tausend
-Zweifeln mit Josephinen doch gut gewesen -- hier zu Lande war kein
-langweiliges, meist nur überflüßiges Aufgebot nöthig, da keine Kirche, also
-auch keine Kirchenordnung oder Litanei hier ist. Auf einem Spaziergang
-gegen Abend ließen wir uns dem Geistlichen melden, denn meine Braut kam mir
-garnicht mehr so voll vor, als da ich sie zum letztenmal gesehen. Und so
-standen wir vor dem Geistlichen, gelobten uns Treue, gelobten uns: Glück
-und Unglück mit einander zu ertragen, und der Mann hielt eine kurze Rede,
-wie ich selber niemals eine zu halten im Stande gewesen -- so gerührt war
-er. Und als junger Mann und junge Frau wandelten wir nach Hause. Marien
-aber ließ ich sagen, ich wäre in so liebe Gesellschaft gerathen, daß ich
-wohl vor Morgen früh nicht nach Hause kommen würde. Dabei schickte ich aber
-der guten Seele ein großes Körbchen mit allerhand vortrefflichen Speisen
-und Wein, damit sie unbewußt doch von meinem Hochzeitschmause koste.
-
-Bis zum Morgen aber hatte sich meine liebe, kostbare Jungefrau
-entschlossen, mit uns nach Europa zu gehn. Ich bat sehr, ob ich gleich
-wußte, wie gern sie ging, um aus einem Lande zu kommen, wo sie, so schön
-und edel sie war, nur mit dem Schleier sich zeigen durfte -- ihrer
-schimmernden Farbe wegen.
-
-Als ich nach Hause kam, schlief meine Tochter, und ich küßte sie, und bat
-ihr unser Glück ab und meine liebende Täuschung. Ich aber konnte ja nun
-wieder -- versteht sich ohne den rechten Namen -- von ihrer guten Mutter
-reden. Ja, der folgenden Tage Einem führte ich Josephinen bei ihr ein --
-als eine Gesellschafterin für sie auf der schönen Herbstreise durch Ohio
-nach Philadelphia, ja nach Europa.
-
-Abends ging ich gewöhnlich in die oben angeführte »so liebe Gesellschaft.«
-Und so hatte ich in diesen wieder glücklichen Tagen nur einen, aber höchst
-bittern Verdruß. Ich wollte doch das Merkwürdige von Cincinnati sehen. So
-lasse ich mich in die gelehrte Gesellschaft einführen, zu der auch, und
-besonders die hiesigen Buchhändler gehören. Man muß meinen Namen Volkmar
-mit: Volkhard verwechselt haben. Manche kommen und bedauern mich. Manche
-drücken mir die Hände. Einer fragt mich mißtrauisch: wie ich aus meinem
-19jährigen Zuchthaus entkommen? Ein Andrer: was ich gedacht oder für
-Entschlüsse gefaßt, als ich das Bildniß habe um Vergebung anflehen müssen?
-Andere wendeten mir den Rücken, oder sahen mich höhnisch, ja was noch
-barbarischer war, sie sahen mich mitleidig an. Kurz, ehe es zu der Collecte
-kam, die man für meine arme, unschuldige Frau und Kinder sammeln und ihnen
-schicken wollte, suchte ich zu entkommen. Denn meine nackte Versicherung,
-daß ich kein Buchhändler, am wenigsten ein Bayer sei, schlug bei den einmal
-Verblendeten nicht an, und sie hielten mein Ablehnen für Schaam, für
-falsche Schaam in Amerika. Durch diesen Vorfall erwachte aber -- in meiner
-Weise, der mitleidigen, hülfreichen -- mein Heimweh bis zur Angst. Und ich
-wand die Hände.
-
-Also nach einer schönen, glücklichen Reise durch das, reich angebaute,
-unvergleichliche Ohio -- worin aber zwischen Urbana und Bixbie und zwischen
-Chillicothe und Marietta noch ungeheurer Platz zu den gesegnetsten
-Niederlassungen der Einwanderer harret -- waren wir im November endlich in
-Philadelphia, und wohl logirt, denn meine Frau hatte unermeßliches
-Vermögen, ob ich gleich noch nicht darnach gefragt, und ich war der Herr
-wiederum meiner Frau.
-
-Sie ging mit mir voll Freuden zu nunmehr unsrem Sohne Gustav Adolph,
-welchen, wie ich jetzt erfuhr, _sie_ in eine vortreffliche
-Erziehungs-Anstalt hatte bringen lassen. Sie ging zuerst zu ihm hinein.
-Aber das war vergebliche Vorsicht ihn auf den Vater vorzubereiten! Er kam
--- bei ihr vorbei, über den Saal, auf die Treppe mir entgegen gestürzt, wo
-er auf den höheren Stufen stehend, mich wie gleichgewachsen, so recht
-umhalsen konnte. Aber er hatte ja mich, den Vater. Und so war sein erstes
-Wort: »Ist die Mutter drunten?«
-
-Vorbereitet auf diese Frage sagte ich ihm, daß sie wieder nach Hause
-gereiset sei, weil ihr lieber Sohn Marbod krank gelegen.
-
-Das glaubte er. Denn er kannte ihre Vorliebe zu jenem Kinde. Und ach, so
-blieb ihm die Mutter leben, lange, lange Jahre. Er frug aber nach der
-Schwester Maria. Und so mußte ich ihn unter Bitten und Bedrohungen
-ermahnen, daß er sage: die Mutter habe mir ihn selbst, den Gustav Adolph,
-mit einem Freunde hierher nach Philadelphia nachgesandt, weil die Schwester
-sonst über die Mutter und den kranken Bruder sich grämen würde. Was die
-Mutter betraf, hatte ich die Wahrheit gesagt. Unter dieser mir von dem
-folgsamen Knaben zugesagten Bedingung konnte ich der armen Tochter doch
-eine Freude machen: den Bruder wiederzusehn. Auch mußte sie das glauben,
-denn auch ihr hatte ich in Vorrath gesagt, daß ich meinen kleinen Sohn gern
-nachgesandt hätte, und deswegen nach Hause an die Mutter geschrieben. Und
-so belohnte sich diese fromme List auf der Stelle. Denn Maria kam herauf,
-und die Geschwister weinten reine Freudenthränen.
-
-Eines Abends darauf -- es mochte in Deutschland um die Zeit seyn, wo Tag
-und Nacht mit einander ringen, nach Mitternacht -- kam meine heimliche Frau
-zu uns in merkbarer Aufregung, und ladete uns zu einem Gang an den Hafen
-ein, denn es wären Schiffe gekommen, die auslandeten. Wir gingen also.
-
-Die Delawarabai wimmelte von Schiffen. Unmerklich aber führte uns Josephine
-an einen Stapelplatz, wo Boot auf Boot voll Neger, Hundert zu Hunderten ans
-Land gesetzt wurden. Negermütter saßen schon auf der Erde, und hatten die
-Kinder an der Brust, auf dem Schooß, oder um sich her. Junge und ältere
-Männer, alle neu gekleidet, gingen ab und zu und halfen den Ihrigen Seil
-ziehen, Päcke tragen, alles in brüderlicher, fröhlicher Gemeinschaft. Auf
-einmal trat meine Tochter bestürzt hinter mich. Ich wandte mich um. Sie
-verbarg sich an meiner Brust. Sie war blaß wie von Schnee; sie bebte wie
-geschüttertes Rohr. »Was? Wer? Warum?« frug ich. -- »Ach, dort!« sprach sie
-und deutete unmerklich über meine Achsel mit dem Zeigefinger. Ich sah
-überall umher. So erblickte ich auch unter einigen Gruppen zwei einzeln
-stehende Männer, deren Einem, dem großen, schlanken in blauem Überrock ich
-nicht ins Gesicht sehen konnte; aber der Andere hatte es uns zugewandt --
-es war Erwin. Nun wußte ich Alles! Ich drückte ihr herzlich die Hand und
-hieß sie abwärts sehen. Aber die Männer kamen beide im Gespräch auf uns zu.
-Ich wich unmerklich aus, aber Erwin schien uns vermuthet, erkannt zu haben.
-Und während wir alle die Augen zur Erde niedergeschlagen hielten, kamen sie
-uns so nahe, daß ich ihre Fußspitzen sahe. So blieben sie vor uns stehen.
-Sie grüßten leicht und zuversichtlich -- und ich hatte die Ehre und das
-Vergnügen und die Erfahrung, an Erwin das Compliment eines getäuschten
-Tochtervaters zu machen oder zu schneiden, und ihm zu danken. Welches
-Gesicht ich aber dazu gezogen oder geschnitten, kann ich als ein
-aufrichtiger Mann nicht sagen; denn ich habe es nicht gesehen -- als im
-Spiegel von Josephinens Antlitz, worauf es ganz roth aussah. Wie mußte mir
-aber erst werden, als Erwin nun so seine liebe Stimme vernehmen ließ:
-
-»Ich sollte eigentlich recht bös seyn, und ich will auch nicht leugnen, daß
-ich im Kern der Seele, im Stolze, recht schwer, ja recht schwer beleidigt
-war! Sehen Sie nur, General,« sprach er zu seinem Begleiter, »da hinter dem
-Vater steht verschämt das Kind, das mir das Leben so schwer gemacht -- aber
-mich zum freien Manne, und hoffentlich nun auch zum glücklichen« . . . .
-
-Er wollte Mariens Hand ergreifen, und wie sie sich ihm entzog, und um mich
-herum schlüpfen wollte -- ergriff er sie von der andern Seite und hielt sie
-fest an der Hand. Und das ganze Mädchen zitterte.
-
-Und mit seelenreiner, seelenfroher Stimme sprach er getrost zu ihr: »Ehe
-ich nicht frei war -- denn wer nur noch einen Schatten von einem Sclaven
-hat, der ist selber ein Sclave -- eher schämte ich mich Dir mit einem Worte
-zu nahen -- und Du, Du hast doch das Schweigen verstanden? Meine ich! Aber
-jetzt, jetzt! Ich habe keinen Sclaven mehr! Bin ich nun Deiner werth? Nicht
-wahr -- ein Amerikaner! . . . . und er sollte Sclaven haben . . . . nicht
-wahr, das konnte die liebe Seele ja nicht ertragen! Wer würde so ein Mann
-als Mann gewesen seyn! Nicht wahr? Aber ich habe keinen Sclaven mehr, da
-siehst Du sie alle umher! Du, mein edles Kind, Du hast sie frei gemacht --
-und hast doch nur Einen Menschen recht geliebt. Und das hab' ich
-verstanden! Das hab' ich geehrt.«
-
-»Wohl, sehr wohl! Senator,« sprach der General.
-
-Wir andern alle weinten, und namentlich mir schnürte es heimlich ordentlich
-die Kehle zu. Aber o Gott, der Blick, der jetzt aus meines Mädchens Augen
-in ihres Freundes Augen strömte, der war wohl werth, daß Du Menschen
-geschaffen hast, Du allliebender Vater, daß Du sie Sclaven werden lässest
-und erlösest, durch Deine heilige Macht. Was hätten die Menschen denn sonst
-auf der Welt zu thun, als etwa alle ewig im Bett zu liegen -- wenn Alles
-vollkommen wäre! Das verhüthe Gott, und hat es verhüthet. So haben die
-guten Menschen etwas vor, das Gute zu thun, und eine Freude, den Sieg über
-Irrthum und Blindheit der andern armen Menschen. -- Das war mein
-innerliches Gebet. O ich war ja nun endlich ein glücklicher Tochtervater!
-Und die Unglücklichen können nicht beten; denn Beten heißt: Gott loben in
-allen Dingen. So meine ich.
-
-»Die Sache freut mich!« sprach der General. »Sie geben ein Beispiel, und
-ich danke Ihnen für Viele, Senator.«
-
-»Es geschieht nach meines Vaters Testament;« sprach nach Gottes Willen nun
-mein Schwiegersohn. »Denn welcher Deutsche vergäße sein Vaterland! Das ist
-uns keine Schande; denn Deutschland ist auch das Vaterhaus von England,
-woraus unser Penn stammt. Thue ich was dazu, so geschieht es aus allerhand
-Liebe und Ehrfurcht. -- Also mir keinen Dank, Präsident!«
-
-Gott's Wetter! hätte ich bald laut gesagt, das ist der Präsident der ganzen
-27 vereinigten Freistaaten! und ich hielt mir wirklich den Mund bescheiden
-zu und sahe meine Tochter bedeutend an, deren Auge aber schon an dem Manne
-hing, still, sanft, ehrfurchtsvoll, wie eines Kindes Auge, das zum
-erstenmal den Engel, das Christkind sieht, und selber die eigene größere
-Schwester in ihm nicht erkennt, ob es sich gleich ohne Maske zu ihm neigt
-und mit unverstellter Stimme freundlich zu ihm spricht. Das blaue Band auf
-ihrem Busen ging aber auf und nieder . . . so klopfte ihr Herz. Und ich
-hätte die golden untergehende Sonne fragen mögen, ob sie etwas Größeres auf
-ihrer weiten Bahn erblicke, als einen freien Vater freier Kinder.
-
-. . . . . »Und lieber Vater,« sagte Erwin nun zu mir, »die Neger gehen nach
-Deutschland.« --
-
-Ich erschrak billig und unbillig.
-
-»Ich meine in die Schule,« fuhr er fort, »in die mein gewesenen zwanzig
-Dörfer der Freysingen; denn ich habe sie laut Testament den Menschen zur
-Ausstattung mitgegeben. Die Güter der Einzelnen habe ich gekauft. Die
-Schiffe bringen die Neger hin, und laden Ihre Gesellschaft her. Künftig
-folgen Mehrere! Tausende! Sorgen Sie nur, daß Sie dagegen 5000 Männer
-hersenden; denn so viele können gleich einen eigenen Staat gründen und sich
-eine Verfassung geben, und schon Abgeordnete zum Congresse schicken. Das
-Schloß der Freysingen, den Park und die Appendixe von Vorwerken aber
-erlaube ich mir Ihnen anzubieten, lieber Vater!«
-
-»Sie wollen also nicht bei uns bleiben? Wir haben die Deutschen so gern;«
-sagte mir der gegenwärtige Vater des Volks, »Jeder, wie er will. Nur recht
-für sich und nicht unrecht für Andere. Aber was haben Sie hier gesehen und
-bemerkt?«
-
-Ich hatte aber das Herz auf einmal zu voll von der Heimath, oder sprach aus
-Verwirrung: Was ich alles nicht gesehen? Sub fide pastorali: keinen
-Majestätsverbrecher, keinen Censor, keinen Pfennig Steuer oder
-Gewerbesteuer im ganzen Lande, keinen Hungrigen, keinen Faulen, keinen
-Soldaten, keinen Adligen, keinen Erbitterten, der die Regierung stürzen
-will, keinen Bettler, keinen Krüppel, keinen Executor, keinen sogenannten
-Advokaten, keinen Theologen, ja nicht einmal einen Papst; schloß ich.
-
-Es sollte aber noch ärger kommen, denn er wiederholte: »Nein, ich meine,
-Was Sie hier bemerkt haben?« -- Und ich sagte nun gar: Keine Kunst, keine
-Cultur, keine Religion, -- oder Moral, wollte ich sagen! Aber ich konnte
-gar nichts mehr sagen, und blieb rein stecken, roth wie begossen, denn ich
-merkte meinen groben Fehler, oder meine fehlerhafte Grobheit -- aber mich
-überkam ein furchtbarer, verzweifelter Muth, und ich setzte hinzu . . . »um
-ein aufrichtiger Mann zu seyn. Hier steh' ich, Gott helfe mir, Amen!«
-
-Der Volksvater legte die Hand an's Kinn. Erwin aber entgegnete mir, fein
-lächelnd: »Sehn Sie umher, lieber Vater! Es giebt ein großes Thier, dem der
-Mensch nur Alles nachmachen kann, aber soll! Wo ist in diesem großen Thiere
-Religion, als im Menschen? Im freien, im ausgebildeten Herzen des Menschen!
-das bedenken Sie wohl. Aber liegt nicht eben darum die Sittlichkeit der
-ganzen Natur zum Grunde, schwimmt sie nicht darauf, lebt sie nicht darin,
-wie eine Wasserblume mit allen ihren Kelchen? So muß die Sittlichkeit auch
-der Menschenschöpfung, dem Staate zum Grunde liegen, aus ihr hingebreitet,
-wie ein unsichtbares, aber festes Netz -- das Niemand fängt, der es nicht
-sieht, nicht sehen will, oder nicht gewahren kann.«
-
-Ich hatte mich wieder gesammelt, und fing an zu hören, was ich hörte; und
-hörte nun weiter: »Da ist die Staatsgestalt die rechte, da ist die
-Staatsgewalt die ächte, wo sie nicht alle Gewalten selbst ist, sondern alle
-ebenbürtigen Gewalten neben sich grade befördert; alle Gewalten nämlich,
-die keine Staatsgewalt weder hervorbringen, noch je vertilgen kann: die
-Gewalt der Seele: die sittliche oder religiöse Gewalt, und die
-patriarchalische, die väterliche, die hausväterliche Gewalt. Diese zwei
-Gewalten müssen in jedem Menschen, in jedem Hause herrschen. Daran darf
-nicht einmal ein Scherge klopfen -- also auch kein Priester. Es giebt also
-Millionen Staatsgewalten im Lande, deren Ausdruck und Schutz blos die
-sogenannte eingesetzte Staatsgewalt ist. Wo es so steht, da ist das wahre
-Recht, die wahre Freiheit zu _Hause_, wahrhaft zu Hause, zu Kopfe, zu
-Herzen! -- und somit denn im ganzen Lande, bei uns, meine ich. Und der
-erste negative Staat wird wundersam der erste positive, den die Menschheit
-aber ausfüllen muß und darf und kann! meine ich.«
-
-Jetzt fielen Kanonenschüsse von einem anlegenden Schiffe, und die Worte
-wurden mir ordentlich eingedonnert.
-
-»Und was die Kunst betrifft? Ohne Wohlstand, Überfluß und Reichthum keine
-Kunst? Wo wird sie also eher aufblühen oder eher auslöschen, hüben oder
-drüben? -- So frug ich mich selbst von Rom bis Bremen. Und glauben Sie,
-gegen eingewurzelte, in Jahrhunderten begründete Armuth sind Fleiß,
-Ordnung, Recht, ja selber die endliche Freiheit vergebliche Mittel. Doch
-unsere famose Geldaristokratie ist nur ein offenes, steigendes, sinkendes
-Institut, das hier kein einziges Vorrecht gewährt! Und wenn Viele im Lande
-100,000 Dollar haben, was hindert das, daß nicht Alle so viel erwerben und
-haben? Was schadet das Haben der Andern Jedem, der nicht _vorreich_ seyn
-will, sondern nur reich, _mitreich_! Denn das ist der erbärmliche
-Unterschied, der den Reichthum dem Vorreichen wieder zu Armuth macht, und
-dem Reichen den Reichthum zu Pein. Auch dieser Pein wird hier begegnet,
-durch auseinander wohnende Menschen! Das Paradies mit Einer großen Stadt,
-voll siebenstöckiger Häuser, wäre auch ganz ohne Adam's und Eva's
-Sündenfall dennoch zur Hölle geworden. Ich meine. Nur die Sonne sieht man
-mit einem geschwärzten Glase an! Uns aber gar mit russischem Marienglas?
-Doch sehen Sie nur dort die neuen Einwanderer, die da eben heraufsteigen --
-o es giebt auch Augen für uns! Indessen Sie sehen, es giebt Patrioten auch
-hier, die unaufhörlich aufmerksam und unermüdlich thätig das Volk das Gute
-finden lassen!«
-
-Dabei lächelte er, gab mir eine Rolle Papier und sagte: »Das ist die Magna
-Charta für Ihre Neger. Ich meine, sie werden den Fürsten achten -- unsern
-Freund, den Vater des lieben Leuthold; sie werden alle Gaben gern geben;
-gern Soldat werden; nach keiner Preßfreiheit fragen und so weiter; kurz,
-folgsame, glückliche Deutsche seyn. Ich dächte aber, Sie tauften sie dieser
-Morgen einen im noch einsamen Dämmer, gäben ihnen Namen, trauten die lange
-Verheiratheten und thäten dergleichen Europäisch Erforderlichen Alles. Bis
-zur Abfahrt lernen sie auch noch Etwas -- das müssen sie wissen. Aber meine
-Schwägerin Maria hat ihren guten Theil an dem Allen, müssen Sie wissen.
-Werde nicht roth! Du aber, Maria, komm auch mit uns! Und der Vater! . . .«
-
-Ich aber hatte mit Erschrecken meinen Sohn Marbod mit der Baronesse
-Freysingen unter den Gelandeten erkannt, war in einiger Höllenangst und
-versprach nachzukommen! Sogleich! Und so ging denn meine Tochter, von Erwin
-an der linken Hand geführt, und zu ihrer Linken von dem edlen, ernsten,
-wohlwollenden Freunde ihres Freundes begleitet von hinnen, meine heimliche
-Frau aber zur Rechten Erwins. Mir war wohl, mir war unvergleichlich zu
-Muth. Denn meine Tochter sahe sich nach mir um, und ihre leuchtenden Augen
-nickten mir unter dem schattigen Hute so glücklich zu! O es ist wohl werth,
-edel zu denken und edel zu bleiben -- und dann erst recht werth, wenn man
-dadurch _nicht_ glücklich wird -- wie mein armes Kind. Jetzt hatte sie
-gewiß Respect vor allen Amerikanern. Jetzt blieb sie hier!
-
-Ich flog meinen Kindern entgegen. Wie froh waren sie, einen Vater zu
-finden, und hier. O, wer kann das beschreiben! Denn um uns standen
-Hunderte, die wie ein sonderbares, ganz eigenthümliches Geschlecht, ohne
-Heimath wie die Fische, ohne König und Herrn wie die Vögel gleichsam als
-Amphibien der Vor- und Nachwelt hier im Abendscheine standen, die noch
-wankenden Kleinen an ihrer Hand! Aber auch für sie war gesorgt. Nach den
-ersten Umarmungen aber schon frug auch mein Sohn nach der Mutter. Und so
-täuschte ich auch ihn, mit dem Wort, das nun gelten und stehen bleiben
-konnte, als Wahrheit für sie, so bald und so oft sich auch alle, jetzt und
-später, besprachen, daß die Mutter von Neu-Orleans nach Hause gereiset sey
--- in unsrer Abwesenheit -- weil ihr Marbod krank gelegen. So sollte und
-konnte nun auch Maria wissen.
-
-»So haben wir sie also verfehlt! die gute Mutter!« sprachen sie bedauernd.
-»Aber, Väterchen, Du gehst ja heim.« Und nun verschlang der Strom des
-Lebens die Gedanken, die Todten und Lebenden, die Fernen, die Alten, die
-heiligen Alten, die alte Welt -- Alles und Alle. Ich führte die
-Angekommenen nach, zu Erwin und zu Maria, zu Josephinen -- und heut war
-Amerika ein herrliches, heiliges Land.
-
-Meine Lage war nun für einen Pastor äußerst lobenswerth, besonders, wenn
-ich wieder in die vorgeschobene »angenehme Gesellschaft« ging. Ja, ich
-bekam Amtsarbeit. Die Neger, wohl untergebracht, wohl unterrichtet im A. B.
-C., wohl beaufsichtigt und versorgt durch Wilberforce und meinen ganz dick
-gewordenen, fast majestätischen, langen, noblen, gutmüthigen Tolera -- die
-Neger kamen eines Morgens sehr früh (am 14ten November) zur Taufe. Die
-katholischen Priester hatten ganze Schaaren Südamerikaner mit der
-Feuerspritze getauft, und dann mit Kartätschen erschossen -- so _viele_
-Köpfe zu taufen, so _viele_ Pathen zu stellen, war in der nöthigen Kürze
-unmöglich. Die Schwarzen lagen auf den Knieen. Der Morgen, von sonderbaren
-Wolken umhangen, graute kaum. In die heilige Stille sprach ich einige Worte
-zum Eingang. Da war es auf einmal, als wenn eine allmächtige Hand alle
-Wolken vom Himmel weggerissen! Tausend Gestirne glänzten da droben
-funkelnd, sprühend, Strahlen versendend, ausströmend, wie goldnen,
-brennenden, leuchtenden, langen Regen. Jetzt, jetzt rühren sich die
-Gestirne am Firmament -- oder wanke ich? taumle ich? Aber nein! Was nie
-geschah, und nie geschehen wird -- das ganze Firmament voll Gestirne zieht
-rasch, wie auf entsetzlicher Eil durch das dunkelblaue Himmelsschwarz.
-Alles wird licht auf der Erde! Die Meerbucht glänzt, die Büsche brennen,
-die Nachtvögel stürzen, wie betrogen von tausend Sonnen, zur Ruhe; ich
-unterscheide die Blätter der Blumen zu meinen Füßen, denn ich erblicke mit
-Erstaunen meinen wie rasend um mich schwirrenden Schatten. Jetzt reißt sich
-ein Stern los, er stürzt mit Gezisch und Gestrahl, mit Gedonner hernieder.
-Zehn Sterne reißen sich los, wie reife Früchte! Hundert Sterne stürzen mit
-Gezisch und Gestrahl hernieder! Tausend Gestirne, immer größer, wie
-Feuerkugel-Lawinen, stürzen und zischen und strahlen, und tausendfältiges
-Donnergekrach stürzt drüber hernieder. Ich war blind, ich war taub, ich war
-außer der Welt.
-
-Es war geschehn. Es war ruhig, als wenn nichts geschehen. Es war
-todtenstill, es war grabesfinster. Da standen die schwarzen Menschen auf,
-beteten mich fast an, und dankten mir bebend vor Furcht, und klappten noch
-mit den weißen Zähnen, die in dem Nachtgraun schimmerten. »Nun sind wir
-getauft!« riefen sie alle. Und: Ihr seyd getauft! sprach ich und segnete
-ihren Ausgang und Eingang -- in Europa. Dann enteilten sie wie Geister.
-
-Das war wieder einmal ein Wunder, stöhnte ich. Und nach langem Betrachten
-schlich ich nach Hause und verschlief den ganzen Tag. Mir träumte: Ich war
-in einem brennenden Hause und fiel in Ohnmacht -- dann sprang ich auf und
-lief fort. Der Traum war meine völlige Lehre oder Cur. Wenigstens hast Du
-nun Deine Kinder und Kindeskinder beim sicheren Nachbar. So ergötzte ich
-mich nun noch mit ihnen Allen.
-
-Zum zeitigen heiteren Frühling kam unser Vetter Marfolk richtig. Da war
-neue Freude. Meine Tochter, die ich mit Erwin getraut, in Gesellschaft der
-zu trauenden verheiratheten Neger, kam von Washington zu unsrer Abreise.
-Ich fuhr meinen anvertrauten Einwanderern voraus auf dem ersten
-Dampfschiff. Der Morgen der Abreise kam. Erwin kam noch, und nach dem
-Abschied flüsterte er mir noch ein Wort in's Ohr: »Wir bitten einander zu
-Pathen!« -- Er wußte also, daß ich ein Weib hatte -- und Wen! Ich legte als
-Antwort den Finger über die Lippen. Und er sagte leise: »O gern!« -- Ich
-band ihm meine Einwanderer nach Indiana nochmals auf die Seele. -- Was soll
-ich nun sagen, wie ich von Tochter und Söhnen schied? O es war schwer. Aber
-alle sagten hier, wie daheim mir wieder: Väterchen, Du kommst wieder! Oder
--- droheten sie -- wir kommen zu Dir! Und dennoch brach mir der Abschied
-von meinem Hunde, dem Pudel »Menschenfreund« fast das Herz. Meine Tochter
-wollte ihn behalten. Sie mußte ihn fort-, zurückschleppen, den Strand
-hinauf; da blieb er geduckt liegen und winselte. Ich mußte noch von ihm
-Abschied nehmen. Ich streichelte ihm den Rücken; ich sagte ihm:
-Menschenfreund, sey verständig! Ich ließ ihn mir eine Pfote geben, und er
-gab mir seine treue, sanfte Hundehand. Aber wie er mich dabei ansah! Was,
-ja Wer in seinen dunkeln, bangen Augen so wehmüthig heraussah, herausdrang!
-O ich schämte mich! Kurz, warum bleibt der Hund im ärmsten Hause -- wenn er
-auch darin mager und elend wird? O, die Welt ist gut. Nur der Mensch taugt
-nicht immer. Du bist ein gutes Thier, ein Menschenfreund! sagte ich ihm,
-und er wedelte mit seinem feinwolligen Wedel.
-
-Wir kamen ohne Gefährde nach Hamburg. Diesmal in 14 Tagen! Ich konnte nun
-also langsam fahren, und das that schon fast Noth, doch nicht meinetwegen.
-Josephine war wie neugeboren. Und -- um ein aufrichtiger Mann zu seyn --
-ich auch. O, es lebt nicht nur ein eigener Geist, meinetwegen ein erst so
-gewordner in jedem Menschen. Jedes Haus im Lande, jede Familie, jedes Dorf,
-jede Stadt hat einen eigenthümlichen Geist, _eine_ Stimme wie ein
-Bienenstock, einen lieblichen Wiederhall, ein Verständniß all unsrer Worte,
-unsrer Wünsche, unsrer Freuden und Leiden. Und der Geist in einem Lande --
-der wäre kein Geist? Der Jahrtausende Eingewohnte, das millionenfache Ich?
-O, das ist das Vaterland! Und als ich Deutschland wiedersah, rief ich aus
-voller Brust: Ja, es giebt ein Vaterland! Nur wer es noch nicht erkannt,
-höchstens die Jugend wandere aus, und mache ihre Stimme wo drüben zur neuen
-Seele des Landes, der Berge, der Flüsse, der Haine. Aber wer je wo geweint
-hat, wie Männer weinen, der bleibe, und hoffe Frucht von seinen Thränen,
-und Segen von seinem Seufzen. Denn Millionen weinen und seufzen mit ihm,
-und wünschen und schaffen mit ihm, und sind stark und mild wie er, und
-werden sich freuen wie er.
-
-Ich kaufte vier englische Schimmel und einen prächtigen Wagen -- wenigstens
-um nicht ausgelacht zu seyn. Denn am Strande in Amerika hatte ich einen
-Müller gesehen, der bei schönen Müllerkenntnissen eine künstliche Mühle
-dort bauen wollen und Mehl wie Kreide mahlen. Aber er hatte eine Handvoll
-Amerikanisches Mehl in die Hand genommen -- wie Schnee und fein -- wie
-Amerikanisches Mehl, und war fein still nach Hause gereiset.
-
-In meiner Vaterstadt fuhr ich nun donnernd über die Schloßbrücke, in nun
-mein Schloß. Ich saß kaum im Lehnstuhl, als es murmelte und trappelte auf
-der Treppe und im Vorsaal. Selbst mein Caplan war darunter, denn ich hörte
-ihn krähen. Aber ich bestellte ihn auf Morgen, denn meine Tochter war
-verheirathet, und ließ ihm nur sagen, seine sechs Muhmen hätten sechs
-reiche Kaufleute in Neu-Orleans; aber dort handelten auch die Geistlichen
-sogar mit Wein, und die Doctoren predigten auch nach Gelegenheit. -- »Schon
-gut, schon gut,« hörte ich ihn sagen.
-
-Eine Freude aber, mußte ich sogleich noch machen: Meiner guten, theuren
-Großmutter! Ich ging zu ihr selbst hinüber auf die Pfarre; denn sie hatte
-nur gebeten, sie noch kurze Zeit in der Wohnung zu lassen. Sie wohnte aber
-unten. Sie sahe mich, sie erkannte mich. »Also Du hast ihn gefunden?«
-sprach sie. Nach einer langen Erzählung gestand ich vorsichtig zu: Ja, er
-ist gefunden! Er ist auf dem Schlosse. Er wird kommen. Aber mein Gott, sie
-freute sich so -- daß sie einschlief! -- Seliges Alter! Wer nicht alt wird,
-ist kein Mensch gewesen. Es ist fast übermenschlich und hautschauernd, so
-übermenschlich gefühllos, jetzt mit der Seele weg, jetzt da zu seyn! Jetzt
-jung, jetzt alt! Jetzt schon im Paradies -- jetzt noch in der Kinderstube!
-Ein alter Mensch ist wirklich Alles; ein Junger ist nur immer -- sein Tag,
-seine Stunde. Ihr Enkel, der ihrem Sohne so ähnlich sah, hatte auch sogar
-heut wieder die Kleider angezogen, in welchen sein Vater der Mutter
-entflohen war. Denn der Vater hatte sie treulich aufgehoben. So, in
-altväterscher Tracht, aber jung und wirklich voll Schaam hier
-hereinzutreten, trat er herein. Ich winke ihm, ruhig sich ihr gegenüber zu
-setzen, weil sie schläft. Nachdem er des armen Vaters gute Mutter sich
-lange angesehen, schläft er selber noch müde ein. Ich gehe indeß auf den
-Thurm; ich füttre die Tauben; ich winke Josephinen mit dem Tuche. Mir ist
-es wie ein Wunder, sie hier zu sehn. Wohl nach einer Stunde gehe ich wieder
-in das Zimmer. Der junge Volkmar schläft noch. Die Großmutter scheint zu
-schlafen. Aber ich sehe deutlich, -- sie ist munter gewesen! Sie hat sich
-vorgeneigt -- sie hat ihn erblickt -- sie hat ihn erkannt: den Sohn! den
-treulosen Sohn. Die kindische Seele hat ihn für denselben gehalten -- so
-ist sie sitzen geblieben -- -- aber gestorben, und ruhig und selig _todt_!
-Und ich wiederholte meine Worte, jetzt aber mit fromm gefalteten Händen:
-»Jetzt jung; jetzt alt; jetzt noch in der Kinderstube -- jetzt schon im
-Paradies! O, es können nicht Alle wiederkehren, die hinüber wandern! Schon
-Ein verlorener Sohn zerreißt der Mutter das Herz, daß sie nicht sterben
-kann. -- -- Und Ihr, Ihr tausend Söhne des Vaterlandes! Wie könnt' es
-selbst sterben ohne Euch? -- O, es giebt ein Vaterland! O seyd denn seine
-Söhne!«
-
-Ich würde gar nicht geglaubt haben, weg, fort, so lange, so weit gewesen,
-und wieder da zu seyn, wenn nicht meine Amerikanische Frau kam, so still,
-so schön, so lieb, und lächelte, als sie die beiden Schlafenden sah. Viele
-der neuen Auswanderer umringten jetzt das Haus; sie sahen durch die
-Fenster; ich kannte die Gesichter. Ja Manche stimmten ein fröhliches
-Auswandrerlied an! Ihre Augen funkelten vor Freude! Und ich dachte: -- Was
-kein Mensch erklären kann, das kann kein Mensch verhindern! Das ist nicht
-menschlicher Sinn; das ist göttliche Macht! So mußte ich sagen, um ein
-aufrichtiger Mann zu seyn. Denn ich sahe mein Weib vor mir; und welchen
-Schatz hatte ich da drüben gefunden! Ist nicht die Schönheit der Welt da
-drüben? Und die Welt der Liebe? --
-
-Die Sonne ging unter. Die Glocke im Thurme läutete ihr zu Grabe. Der
-verlorene Sohn sprang auf von dem Hall und stand von dem Glanze geblendet.
-Und selber die Kinder draußen nahmen schon vor dem Walten der Welt ihr
-Hütchen ab, und beteten, unter dem Schwirren der Schwalben, das Vaterunser.
-
-_Breslau_, gedruckt bei _Leopold Freund_.
-
-
-
-
-Anmerkungen zur Transkription
-
-
-Offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert.
-
-
-
-
-
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-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE PROBEFAHRT NACH AMERIKA ***
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