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You may copy it, give it away or -re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included -with this eBook or online at www.gutenberg.org - - -Title: Die Probefahrt nach Amerika - -Author: Leopold Schefer - -Release Date: June 11, 2013 [EBook #42912] - -Language: German - -Character set encoding: ISO-8859-1 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE PROBEFAHRT NACH AMERIKA *** - - - - -Produced by Jens Sadowski - - - - - - - - - Die - Probefahrt nach Amerika. - - - Roman - von - Leopold Schefer. - - - - Bunzlau, - Appun's Buchhandlung. - 1837. - - - - - Die - Probefahrt nach Amerika. - - - Motto: Lasset der Welt nur den Lauf, - und das Wasser dann findet ihn selbst schon! - - - - - -»Schönen guten Abend, Herr Pastor! Hier bringe ich die sechs Dreier -Reisegeld nach Amerika von meinem Vater.« - -So sprach eine junge Mädchenstimme in unser abenddunkles Zimmer herein, -darin ich gedankenvoll, ja kummervoll, auf- und abging. Ich hatte wohl -verstanden, was das liebe Kind wie mit Engelsstimme zu mir gesagt. Aber -desto mehr war ich von dem himmlischen Gruß überrascht und bewegt, und -stand, gewiß über und über roth geworden, im Düstern still, und hatte die -Hände gefaltet. Das arme Mädchen aber mochte glauben, wir hätten es nicht -gehört, und so sprach es mit leiser Stimme noch einmal: »Schönen guten -Abend! Ich bringe unsre sechs Dreier zur Probefahrt . . . .« - -Mache doch Licht an! -- sagte ich zu meiner Frau, die in der Feierstunde am -Fenster saß, zu welchem die wie jung gewordenen ersten Frühlingssterne vom -dunkelblauen Himmel herein glänzten; -- mache doch Licht, liebe Frau! Es -ist Webers Gretchen! - -Meine liebe Frau aber regte sich nicht; oder vielmehr, sie legte sich mit -dem Gesicht in ihre weißschimmernde Arbeit vor ihr auf ihr Tischchen. Ich -seufzete unhörbar, ging selbst, zündete einen Streifen Papier an meiner -Luftfeuermaschine an -- woraus die Flamme mir blitzschnell dienstfertig -herausfuhr und mich dadurch sehr erquickte; und als das Licht brannte, -sprach das liebe kleine Mädchen, wie nun erst getrost, recht freundlich: -»Schönen guten Abend!« - -Guten Abend, mein Kind! sagte ich ihr mit dem Gefühl, das ihr, ihren armen -Ältern, und der ganzen armen gepeinigten Gegend recht gute Tage wünschte. -Sie gab mir die sechs Dreier Reisegeld nach Amerika, lauter Kupferdreier, -mit Grünspan belegt, also aus dem Salzgelde, denn der Weber verkaufte nur -Salz. Du bist die Erste, die mir bringt. Gieb mir Deine Hand und Deinen -Segen, mein Kind! sprach ich halblaut, meiner Frau wegen, und mit nassen -Augen, des übervollen Herzens wegen. Ich trug den Weber in das dazu bereite -Buch, gab ihr eine Quittung . . . . damit man den Amerikanischen Kaufleuten -nicht zur Schande nachsagen möge, daß sie über jede Kleinigkeit in ihrem -wohlgeordneten Lande ein Quittung geben, selbst über ein bezahltes -Halstuch; und das liebe Kind schied mit einer verlegenen »Guten Nacht!« an -die Frau Pastorin, und mit einer getrosten guten Nacht an mich. - -Die Nacht möchte nicht gut werden! dachte ich. Ich trat zu meiner Frau, -legte meine Hand ihr auf den Kopf, den sie seitwärts wandte. Mein Kind! -Meine liebe Frau! sprach ich so mild als möglich. Sie regte sich nicht. Und -so fuhr ich fort in meinem Styl: Laß uns betrachten! Wie wäre es denn -- -wenn ich ein Missionair wäre? Müßte ich dann nicht? . . . . Oder hättest Du -mich dann nicht geheirathet? . . . . Und bin ich nicht wirklich ein -Missionair, ein Abgesandter von dem, der uns sagte, uns, mir also auch, und -in der Noth erst recht laut: Gehet hin in alle Welt! Und unter _aller_ Welt -ist doch gewiß die neue Welt, und so Gott will, die beßre Welt, auch mit -begriffen! Ihm war Himmel und Erde bekannt, und gewiß auch Amerika, das in -der alten Welt ja auch bekannt war, den Tyriern und Sidoniern; und wenn sie -sich auch vor dem Wasser fürchten, doch auch den Juden, und dem weisesten -Juden, der so viel und gern am Meere wandelte und lehrte. Und soll ich -zeitlebens, oder um meine zwanzig Amtsjahre nur immer geredet haben? Soll -ein Geistlicher nicht auch _thun?_ Mit gutem Beispiel vorangehn? Mit Muth! -mit Erfahrung! Wer ist denn noch überall der stille Freund und Tröster des -Volkes, als die Geistlichen, die Weltgeistlichen? Bin ich's nicht auch? -Habe ich mich nicht um meine schöne laute Stimme gepredigt? Habe ich mich -nicht um allen meinen eigenen Trost getröstet, so daß ich selbst wie ein -Irrlicht schwebe, nicht wie ein mächtiges Licht, so stark, daß es selber -steht! Habe ich mir die gute redliche Brust nicht verdorben, daß nur eine -weite Seereise mich herstellen kann, aber gründlich herstellen wird, wie -der Doctor sagt. Gönnst Du mir das nicht? Soll das Volk verkommen, -verzweifeln, da in aller Welt doch Hülfe für alle Welt ist? Soll ich nicht -reisen und ihnen die Ruhestätte der Lebendigen helfen bereiten? Soll ich -sterben vor Leiden und Qual? Leide ich nicht? -- denn seh' ich nicht -leiden? Laß mich leben! Komm Du mit! - -»Das ist mein Tod!« sprach meine liebe Frau, sich aufrichtend, und, sahe -von mir weg, hinaus, hinauf unter die Sterne. Aber sie hatte ihre rechte -Hand herabhangen lassen, und das hieß von ihr -- wie ich aus Erfahrung -wußte: -- sie hatte mir ihre Hand gegeben. - -»Du gehst als ein Volksspion!« sprach sie jetzt, wie für mich sich -schämend, aus ihrem edlen liebevollen Herzen. - -. . . . Volksspion? wiederholte ich ohne es zu wollen. Aber, mein Kind, -sprach ich mit ruhigem Selbstgefühl, haben die Hirten der Heerden nicht -ihre Gesandten, die ihnen alles berichten, was ihnen frommt? Sollen die -Völker nicht ihre Gesandten haben? Und willst Du den Apostel Paulus, den -Columbus, den Vasco da Gamma, den berühmten Reisenden schlechtweg, und den -Prinzen, einen Volksspion nennen, weil am Ende jede Reise, jede große -Entdeckung, jede kleinste Erfindung für das Volk ist! Halte mich lieber für -eine Taube Noäh, oder einen Raben! Und heiße ich nicht _Volkmar?_ Was -_Volk_ ist, weißt Du; und was _mar_ bedeutet, habe ich unsrem Gustav Adolph -erklärt. Also Volkmar will ich auch seyn! - -»So oft er den Soldaten, _dem Volke_, wie man, nach Deinem Worte, -mißbräuchlich und unchristlich sagt, nachläuft, dann nennst Du den Jungen: -Volks-Narr! und Du, Du willst ihm vorlaufen! Verstanden?« sprach sie; stand -auf und ging hinaus, um das Abendbrot zu besorgen. - -Ich aber schämte mich für Alle, die sich des Volkes anzunehmen schämen, -nach Kräften, kniete auf ein Knie nieder, beugte mein Haupt und betete: O -Volk, o deutsches Volk, Dein bin ich, so lange ein Athem in mir weht, der -Athem Gottes. Denn in dir, o Volk, lebt derselbe alte Vater heilig, aber -jetzt hier recht erbarmungswürdig, Gottes unwürdig! Denn Gott soll für alle -seine Gaben doch nicht hungern und dursten, nicht halbnackend frieren, und -so bekümmert aussehen, wie die theuren Menschengesichter hier alle weit und -breit um mich. Gott soll kein Schloß vor dem Munde haben, Gott soll man -nicht lebendig begraben, in seinem Sohne, seinen Kindern allen, dem Volke! -O Gott, gieb, daß Alle erkennen, Wer, welch heiliger Wer in dem Volke lebt. -Darum Dein bin ich, o Volk, so lange ich einen Tropfen Blut in den Adern -habe, eine Zunge im Munde; denn ich weiß, wer es ist, der _Es!_ -- _Es_ -blitzt! _Es_ donnert! _Es_ regnet über die Saaten! _Es_ reißt mir am -Herzen. _Es_ führt mich fort! -- - -Ich stand auf, ich konnte nicht mehr. Aber ich war ruhig. - -Da kam meine Tochter _Marie_, oder _Mirjam_, wie ich sie ihrer Ahnfrau zu -Ehren am liebsten nenne. Sie eilte auf mich zu, sie sank mir an die Brust, -und ich hielt sie umarmt an dem treuen Vaterherzen. Ich weiß nicht, eine -Tochter erscheint dem Vater immer so wunderbar eigen, wie seine Mutter und -sein Weib zugleich, und doch wie das zarte schöne Herzblatt des eigenen -Wesens selbst. Heut rührte sie mich doppelt. Sie war in ihren -Sonntagskleidern, weiß und sauber und lieblich angezogen; sie kam so -hastig, ihre ganze Gestalt wollte wie eine vollgedrängte Knospe brechen; -ihre Augen, ihre Lippen wollten tausend Dinge, die ganze Welt mir erzählen, -vertrauen, preisen! Sie schien eine Flamme, die nicht lodern will, eine -Lilie, die nicht gesehen sein will, so kam mir die Jungfrau verändert vor --- aber wodurch? Wie so schnell? Denn am Nachmittage war sie auf das Schloß -gegangen, das auf einem Hügel mitten in der Stadt liegt, um ihre Freundin, -ihre Jugendgespielin zu besuchen, zu trösten. Denn der jungen _Baronesse -Freysingen_ war erst vor Kurzem die Mutter gestorben, eine musterhaft gute -Wittwe; denn alle Weiber werden als Wittwen gut, besonders aber diese, die -schon als Weib unvergleichlich gewesen. Denn um nur Eins zu sagen: sie -hatte alle Einwohner der zwanzig großen Dörfer ihrer Baronie frei gegeben -ohne Entschädigung. Die Mädchen waren beide siebzehn Jahr alt, also wahre -Jungfrauen, ich hatte sie beide zusammen unterrichtet, und aus voller Seele -mich bemüht, sie in allem Herrlichen redlich zu confirmiren. Was thut ein -Vater nicht! Auch mein ältester Sohn, mein _Marbod_, hatte Theil an meinen -ausländischen Worten, an dem Unterricht in der englischen und französischen -Sprache Theil genommen. Viel Augen können Ein Licht sehen, viel Ohren Einen -Mund hören, und Kindern gegenüber ist der Vater ein feuriger, reiner, -undurchdringlicher Lehrer. Die Kinder waren wie Geschwister. Meine Mirjam -hatte den Abend auf dem Schlosse bleiben wollen, und sie kam schon nach -Hause? Zu mir? Es war also etwas vorgegangen, geschehen, _ihr_ geschehen, -und ich frug sie, was sie mir bringe? - -»Mich!« antwortete sie. »Dir . . . oder, wollte ich sagen, Ihnen, lieber, -lieber Vater!« Dabei drückte sie mich heftig. - -Hat Dir die Mutter draußen gesagt? -- Ach die Mutter! Du weißt, daß sie -schon ein Jahr und länger her nie ein Wort dagegen gesagt, daß ich nach -Amerika will, auf Probe; aber um wirklich sagen und fühlen zu können, wie -Auswanderern um das Herz ist, wie ihnen also in Wahrheit geschieht, bin ich -mit Gott entschlossen, auf immer auszuwandern. In den zwanzig Dörfern -sammeln die Vorsteher . . . . das arme Reisegeld; hier aus der Stadt -brachte jetzt ein Kind an mich die ersten sechs Dreier. Nun also ist Ernst! -Das Reden ist aus, das Thun geht an, und nun spricht die Mutter: das ist -mein Tod! -- nicht meiner, mein Kind, sondern _ihrer_, meint sie -- und das -macht mir den schweren Gang nur schwerer, denn ich gehe -- und sie wird -bleiben! Nun, soll ich allein gehen? Oder -- kommst Du mit? Denn unser -Marbod bleibt hier in der Pfarre als mein Vicar, mein Substitut, cum spe -succedendi -- sag' ich Dir heut. Und bleibst Du auch bei der Mutter, so -reis' ich allein mit meinem Gustav Adolph und Gott! Und euch befehle ich -Gott! - -Ich hielt inne. Du weinst? frug ich dann. Ja, Scheiden ist schwer. Scheiden -von Lebendigen schwerer, als von den Todten; denn da hat die Natur -geschieden, das Schicksal. Wer aber von Lebendigen, von Geliebten scheidet, -der kommt ihnen vor wie ein übermüthiger, leichtsinniger -- Narr! Denn so -hat mich die Mutter genannt -- Volksnarr! - -»Ach, mein Vater!« sprach sie leise, »wie soll ich Ihnen nun gestehen -- -sagen, wollte ich sprechen, daß ein Amerikaner hier ist! Im Schlosse! Den -zweiten Osterfeiertag reist er schon fort nach Bremen, sich wieder -einzuschiffen. Er will Sie mitnehmen. Sie sollen ihn heut besuchen. Ich -soll Sie holen! Ach! --« - -Mir war ernst, mir war froh zu Muth. Und doch kam mir meine Tochter noch -räthselhaft vor. Ich war bewegter als sie. Denn Alles in meinem Hause, in -der Meinen Herzen hat mir immer das Wichtigste geschienen. Und scheinbar -gleichgültig frug ich meine Tochter nur: Ist er jung? - -»Zehn Jahr gewiß jünger als Sie, mein Vater!« - -Also dreißig! -- Ist er verständig? - -»O wie es sich ihm zuhört! Und dann hat man doch nichts verstanden, nichts -gemerkt! Ich könnte kein Wort treu wiedererzählen!« - -Also ist er schön? frug ich eben so gleichgültig. - -»O Vater,« fuhr sie fort, meine Frage zur Seite lassend, »das Herz klopft -Einem vor Freude, endlich einmal einen Mann sprechen zu hören, männlich, -frei, stolz -- als wenn der blaue Himmel über ihm voll Heldengeister -schwebte, die ihn durch frohe Billigung stärkten und zur Feuerflamme -machten. Mein Gott! denk' ich mir selbst den General, den Vormund der -Baronesse, oder den Superintendenten dagegen, die mit eingezogenen Achseln -stehn, und mit schüchternen Blicken inne halten und lauschen, ob ja nicht -etwa ein Minister oder Prinz da oben schwebt, der ihre kriechenden Worte -noch nicht kriechend genug findet und sie von oben herab mit dem Finger -warnt, daß sie zusammenfahren . . . . . Was habe ich doch gesagt, mein -Vater, ja, ja, so kommt es mir vor, als wenn ich bis heut noch keinen Mann -reden gesehen hätte, verzeihen Sie, lieber Vater, als Sie auch. Sie können -auch reden! -- Aber Sie sind ja -- mein Vater. --« - -Schon gut, schon gut! sprach ich, und wußte genug und seufzte: o Freiheit, -wie machst du den Menschen schön! Mein armes Mädchen, dachte ich, auch Dir -ist es geschehen! -- Ist er verheirathet? ist er reich? frug ich weiter. - -». . . Würde er so weit reisen, wenn er eine Frau hätte . . . .« - --- meinst Du! Du Schelm! schaltete ich ein. -- - -». . . ich meine nur: er kommt aus Petersburg, über Constantinopel, -Alexandrien und Rom durch Österreich, Baiern. In Nürnberg hat er tausend -Dutzend Schachspiele bestellt und bezahlt. Gehn Sie hinauf auf das Schloß; -ich will noch bei der Mutter bleiben!« - -Noch? Du gutes Kind! Du willst also mit mir! Das danke Dir Gott! Freilich. -Die neue Zeit ist wunderbar, oder die neuen Menschen, die den alten elenden -Menschen ausgezogen haben, den neuen anziehen wollen, und indeß schauernd -stehn wie Bettler. Decke den Tisch. - -Die Mutter wollte das Essen noch nicht auftragen. Ich bestand auf Eile: und -sie folgte mir zwar, doch mit einer Miene, als wenn ich mich um eine Freude -brächte. Warum aber heut am Sonntag Abend ein gebratenes Huhn? -- Warum -heut Alles so besser als sonst, das erfuhr ich, als zwei Reiter in den Hof -gesprengt kamen, und bald darauf ein Husar in der Mutter Armen lag, und in -der Schwester Armen. Denn es war mein Sohn, mein Vicar! noch in der bunten -Soldatenraupe. Mein Ersatzmann! Die Ankunft des Sohnes bedeutete der Mutter -ganz sichtbar meine Abreise, meinen Verlust, und so hatte sie ihn ohne -lauten Ausruf, nur mit stillen Thränen empfangen. Darauf setzten wir uns zu -Tisch. Ihre Augen hingen immer an seinem -- schönen Gesicht; denn warum -soll ich als Vater blind und stumm seyn? Sie aß wenig und nichts, er allein -fast alles! Denn mein Gott, wie war überhaupt der junge Mensch verwandelt! -Einen fein gebildeten jungen Mann hatte ich vor Jahr und Tag fortgeschickt, -unter die Soldaten, einen Candidaten der frömmsten Wissenschaft, einen -Nachfolger der Jünger Christi, der nie zu laut sprach, wie ein Mädchen -erröthete, sich einfach kleidete, die Kartenkönige und Ober nur vom -Amtmannspiel her kannte, der nicht tanzte, nicht Pistolen schoß, nicht Wein -nicht Branntwein trank, nicht Tabak rauchte, nur von belebenden Dingen, -wenn auch froh und heiter, sprach -- und ach! was mußte ich jetzt von ihm -hören! Nichts wie von Pferden, Jagden und Hunden, von Spielgewinnst, von -vortrefflichem Tabak, und noch edlern Tabaks-Pfeifen; von Bällen, von -schönen Mädchen in den Quartieren bei der Musterung, Geschichten und -Abentheuer von seinen Cameraden, wie sie vielleicht heut an andern Orten -_seine_ Abend- oder Nachttheuer erzählten! Und seine Sprache -- wie -baßrauh, cantormäßig ausgetrunken seine Stimme, sein Auge so zu sagen -frech, sein Ansehn -- dem Ansehn nach gesund . . . . aber ich bin Kenner, -ich sah mit Vateraugen. Da muß ein Vater Freude haben! seufzete ich -herzinniglich. Da müssen tausend Väter jetzt Freude haben, denen ihre Söhne -so wiederkommen. Alle redliche Mühe der Mütter, alle Sorgfalt der Väter, -alle Zucht im Hause, aller heiliger Zorn über die kleinen Keime von Unarten -der Knaben, alle Lehren in den Schulen, alle Predigten in den Kirchen -- -Alles umsonst! Von Unkraut erstickt alles ächte, rechte Menschenwesen und -Menschensinn. Predigt doch nicht, lehrt doch nicht! Lehrer und Prediger! -Lieben Eltern, laßt doch alle Knaben aufwachsen wie Wilde, ja eure Mädchen -auch -- denn auf _der_ Universität aller Rohheit und Laster bekommt ihr -doch Candidaten der Unreligion nach Hause, die euch Gott und Herz und Athem -und Lunge ersparen; die mit ausgerenktem und ausgerenkt verwachsenem Herzen -verdorben, sie euch doch verderben, euer Leben und ihres. Aber so verlangt -es die in Europa eiserne Zeit. -- Ich ward immer überzeugter von der -Wahrheit meiner innern Worte. Die Mutter hatte die letzte Flasche Wein ihm -zu Ehren herauf holen wollen -- denn er hatte bescheiden seine Schwester -blos um ein Weinglas gebeten -- die Mutter aber kam mit leerer Hand wieder, -denn ich hatte den Wein armen Kranken hingetragen, und ihr Auge gab mir -ihren Dank; der Sohn lächelte und sein Calfactor mußte die Feldflasche mit -Arrak bringen -- und ich mußte den vortrefflichen kosten! Ich trank den -Tropfen aber auf die Gesundheit der Mäßigkeitsvereine in Amerika, und bat -den Sohn um Verzeihung . . . . daß _ich_ den Wein, und heimlich, -fortgetragen in der Tasche, mit der ich im Finstern an das Geländer der -elenden Treppe der armen Leute angestoßen habe, und die guten Kinder -derselben hätten mir die Glasscherben aus der Tasche gezogen -- und mit -hohlen untergehaltenen Händchen den filtrirten Trank der Mutter hingetragen --- und auch noch vergossen, weil sie auf die Mutter gesehen, und nicht auf -das Händchen. - -Da lachte mein Sohn! Und wie Odysseus überlegte ich, ob ich das lachende -Gesicht aus väterlichem Zorne ganz einschlagen sollte, oder ihn nur so ein -wenig schlagen, daß ihm Kinnlade und Zähne ausfielen -- aber er hätte ja -vielleicht den Säbel gezogen, und ich hätte ihn dann selber todtstechen -müssen, und alles war aus! Meine Fahrt nach Amerika! Selbst meine Hülfe an -alle arme Ältern gegen _solche_ Freude an ihren Söhnen! Die -himmelschreiende Freude! Ich stand nur vom Tische auf, und meine -feinfühlige Tochter Maria hing sich mir an meinen Arm und flüsterte mir -beschwichtigend zu: »Vater, liebes Väterchen! Der Bruder wird in drei -Tagen, oder doch in drei Wochen ganz anders seyn, wieder wie zu Hause! -Vergeben Sie ihm!« - -»Habe ich Sie beleidigt? Vater! Womit denn?« frug der Sohn, so unschuldig -unbewußt -- daß es einen Stein hätte erbarmen mögen. Das war das Ärgste: er -wußte nicht mehr, wo und wie er fehlte! Und ich sagte zur Antwort die -Wahrheit: _Du_ nicht, mein Sohn! Du hast mich nicht beleidigt, nicht -gekränkt. Du hast nur Ordre pariert. Du erfüllst nur das Gesetz. -- Und so -begriff ich einigermaßen die neue, wahrhaft edle Absicht: die Soldaten nun -fromm zu machen, ihnen Gebetbücher in die Hände und Tornister zu bringen, -und die Commerschlieder mit frommen Morgen- und Abendliedern zu ersetzen. -Nur so ist _ihnen_ zu helfen. - -Desto heißer brannte ich auf das Schloß zu gehen. Da kamen sie schon! Meine -Augen waren, wie des alten Zacharias Augen, auf den Amerikaner gespannt. -Aber vor ihm trat ein junger schlanker Schwarzer ein, ein Afrikaner, der -fröhlich und wohlgemuth seinen Herrn meldete. Den Namen überhörte ich, weil -er selbst schon mit der Baronesse und ihrem Vormund, dem General, eintrat. -Die Weiber beknipten sich, die Männer -- nämlich ich mit -- krümmten sich -wie lange Haarwürmer, die lange in einem hölzernen Violinbogen gesteckt. -Der Amerikaner aber grüßte blos durch seine anständige Erscheinung, das -heitre gesunde Antlitz, den wohlwollenden Blick aus den blauen Augen, zu -welchen das braune Haar ihm so wohl stand. Nach und nach schied sich die -kleine Gesellschaft und vereinigte sich. Die Mutter klagte vermuthlich dem -General-Vormund die Noth, der Husarenoffizier theilte der jungen Baronesse -seine mit Freuden aufgenommene Freude mit, sie wieder zu sehen, wozu Maria -mit einer Hand auf dem leisen Harfenzuge des Pianoforte von Zeit zu Zeit -die Melodie von dem Volksliede hören ließ: - - »Auf, auf, ihr Brüder, und seid stark! - Der Abschiedstag ist da. - Schwer liegt er auf der Seele, schwer, - Wir müssen über Land und Meer - In's heiße Afrika!« - -Und so trugen die alten, im Volke unvergeßnen und jetzt neu lebendig -gewordenen Töne meine Seele in dem nun entsponnenen Gespräch mit dem -willkommenen Gaste, dem Amerikaner. - -Ihre Kunde, sprach ich am Caminfeuer mit ihm sitzend, darf ich als -Wegweiser wohl benutzen, denn Wegweiser sollen etwas mehr wissen und eher -als die Weg_wandler_ -- Auswanderer. - -»Also wirklich! Sie wollen auswandern? -- -- Auswandern?« sprach er ernst. -»Auswandern, sich selbst verbannen! Sich selbst ermorden! -- um der Kinder -willen. Seinen Leib, sein Herz, seine Seele aus dem Leibe reißen -- um der -Freiheit willen. O schwer, o bitter, das Bitterste auf der Welt. Sterben -wir, so ist hoffentlich Land und Erde vergessen. Meine ich. Aber! Wandern -wir aus, so geben wir Vaterland und Leben verloren -- es bleibt Alles, -Alles hinter uns, wie hinter einem Lebendigbegrabenen. Denn so eng, so -dumpf und schweigend und leblos, so jammervoll ist es um den -Ausgewanderten, sagte mein Vater uns Kindern bei jeder Gelegenheit, bis in -das Alter, noch oft; selbst auf dem Sterbebette -- bald leise, bald laut; -und im letzten Traume sprach er erst recht bewegt von der Heimath, hier -drüben von dem Berge! von dem Vaterhaus -- dem Schlosse hier drüben -- von -den alten Linden -- so daß uns in der Fremde geborenen Kindern zu Muthe -ward, als wäre ein weltfremder Mann, ein gutmüthiger Wilder -- ein Sohn der -Sonne unser Vater! Ich führe das nur an, so wie er auch sagte: Selber -Bäume, einen ganzen Wald würde man für desto rasender halten, wenn sich die -Bäume alle selber ausrissen, über Felder und Berge und das Weltmeer liefen, -und drüben mit den Wipfeln oder Köpfen sich in die Erde pflanzten, und die -Wurzeln hoch in die Höhe kehrten, daß sie grünten und blühten und Früchte -trügen! Doch wenn ich euch ansehe, Kinder, sprach er auch wohl, sehe ich -doch, in der Welt ist Alles möglich! . . . . wenn es nöthig ist! Das -Unglück ist das einzig wahre Saamenkorn des Glücks! Die Noth, die äußerste -Noth ist dem Menschen die Todtenerweckerin, die unbarmherzige Aufschreierin -seiner tiefsten, gewaltigsten Kräfte, die ihn über bloßes Menschenseyn mit -zwei Beinen und Armen erhebt, und ihm Flügel giebt über das Meer. Es giebt -ein kleines Insekt, der Vater wies es mir oft, das hat zwar Flügel unter -den Flügeldecken, aber es läßt sich von den Kindern jagen, martern, -stechen, brennen -- und erst, wenn man ihm die Flügel ansreißen will, dann -fliegt es fort, hoch in die Luft, und macht sich unsichtbar seinen -Marterhölzern von Menschenfleisch oder Menschenfleischern. Der Mensch ist -noch lebenszäher als ein Polyp, der sich umkehren läßt, das Innere heraus, -die Haut hinein, und fortlebt -- das vermag der Mensch bei Herz und Seele -im Leibe -- aber mein Vater kam mir doch vor wie . . . . wie eine nackte -Seele, so immer wund, so immer schauernd, daß mir erst wohl ward, als er -mir seinen Segen gab, der gewaltig klang und voll Verheißung triefte wie -Gottes Wort. Aber sein Schloß, seine Kinderstube, seine alten Linden hier -mußte ich doch sehen. Wahrlich, mich trieb nicht das Capital, welches noch -von ihm her auf diesen Gütern steht. Es mag stehen bleiben, wenn es sicher -ist. Sonst will ich sehen, was hier zu unternehmen und auszuführen ist -- -nach _seinem Testament_.« - -Ich denke, es steht sicher; sprach ich, nicht ganz überzeugt, meinte aber, -daß die Sequestration, die jetzt eingetreten war, das Capital desto -sicherer stellte. Der Amerikaner war also der Sohn des vorigen alten Herren -der Baronie, und der jüngere Herr _von_ Steinbach, und Herr von Steinbach -wollte ich ihn nennen, als er nicht unanständig, aber gnugsam lachte, und -sprach: »Ich heiße _Winhing_, mein Bruder _Johannes_, meine Schwester -_Sabina_, und auch meine Mutter heißt _Susa_, so daß alle Vornamen der -Straßburger Familie sich in uns einmal wiederholen. Aber dem a und de -Steinbach haben wir Ade gegeben und den Taufnamen _Erwin_ zu unserem -Familiennamen gemacht, da wir einen Mann haben, der den Geschlechtsnamen -erst durch Verstand und Fleiß und Kunst geadelt. Das ist nicht ganz zum -Lachen, und nicht ganz des Vergessens werth.« Er lachte aber. Und doch -freute er sich über mein Weib, auch eine geborne von Steinbach, also eine -Mitenkelin vom alten _Erwin_ von Steinbach, der den Straßburger Münster -erbaut, und blos als Andenken zeigte er mir das Wappen auf seinem Petschaft ---: das gekrönte Kind, das aus blauem Meer auftauchend eine weiße Rose in -der rechten Hand hält. - -»Mein Vater!« erzählte er dabei, »ging aus dem Wunsch aus Europa: kein -_armer_ Adliger mit unglückseligen Sclaven oder sogenannten Unterthanen, -wie man sie hier nennt, zu seyn, sondern lieber ein reicher, freier, bloßer -Mensch; durch Landbesitz, den er für sein Geld erworben, also adliger, als -jene ersten Adligen in Deutschland, die mit gewaffneter Faust einwandernd -Leute und Land behielten. Mein Vater hat mir in seinem Testamente vermacht -und aufgegeben -- und Geld dazu: -- in meinen männlichen Jahren eine -Colonie verarmter Adliger und bauergutsloser Rittergutsbesitzer nach unsrer -Union überzusiedeln, und ich habe schon sechzig Familien, freilich kaum ein -Hunderttheil der ganzen Trauerliste. Aber entschließen sie sich? Sie hängen -wie Faulthiere am abgefressenen, eingegangenen Brotfruchtbaume, bis sie -verschmachtet herabfallen und dann kaum weiter schleichen können auf den -neuen Lebensbaum.« - -Freilich, kann ich sagen, sprach ich, Frau und Mann müssen Beide gleich -entschlossen seyn, auszuwandern! _Das ist die erste Regel!_ Freilich muß -die neue Europäische Noth der alten Asiatischen Noth, gleichsam einer -ägyptischen Finsterniß gleich kommen, ehe die Deutschen ihr _Ruheland_ -Deutschland verlassen, wie einst Asien, aus welchem sie noch verschiedene -Kasten voll und von Noth mitgebracht. Die Deutschen vor allen sind -Erdwanderer, vielleicht Erdumwanderer -- bis ihre Enkel klug und glücklich -durch Californien und das von den herrlichen Menschen volle Sibirien wieder -heimkommen! Aber was ist Noth? Wenigstens bei den Deutschen, also auch -Menschennoth? . . . . »Noth« heißt bei den alten Deutschen: Fessel, Gewalt -und Zwang. Dieses Kleeblatt von der Todes- oder Höllenwiese war ihr -tiefstes Unglück! Ihr einziges! Sonst ertrugen sie Alles! Was nicht Fessel, -Gewalt und Zwang war, war keine Noth -- und Noth bezeichnet, wie ihnen, -auch uns noch das tiefste Unglück; das letzte aber auch. Ein Volk von -Charakter hat Jahrtausende dasselbe Herz, denselben Sinn. Glauben Sie, -Master Erwin, daß der klügste Mann von Rom, Cäsar, ein Esel gewesen ist, -oder daß er Luchsaugen gehabt? Und dieser alte Luchs und Fuchs, Cäsar, sagt -von den Deutschen: »Ubi fons, campus, nemusve iis placuerit, ibi domos -figunt, _mox alio transituri_ cum conjugibus et liberis. _Nam diu eodem in -loco morari periculosum arbitrantur libertati._« Und schon haben es sich -die Deutschen über 2000 Jahre hier zu Lande gefallen lassen. - -»Wir Amerikaner haben auch die lateinische Sprache abgethan! Was sagen Sie -also, Herr Volkmar?« - -Und froh verwundert darüber sagt ich: »Wo ein Quell, Feld oder Hain den -Deutschen gefällt, da befestigen sie ein Haus, mit der Absicht bald vorüber -zu ziehen mit Weibern und Kindern. Denn lange an demselben Orte zu sitzen, -halten sie gefährlich für die Freiheit.« -- Wir Deutschen kennen unser -Vaterland nicht, blos unser Gasthaus und Wirthshaus. Und schändlich wäre es -von Einem Deutschen, Einen Deutschen zu beschuldigen, von Einem Übles zu -reden, denn es ist nur geschehn, was sie Alle hier gewollt und gesollt, -oder geduldet. Nur vom Übel redet ein Redlicher. Aber davon auch frei. -_Wohin_ aber nun unser Zug geht, der unwiderstehliche Zug, aus -unerklärlichem Drang und Zwang, wo nun das Zelt aufschlagen? Das ist die -Frage! - -»Kleinasien, Rußland faßt viele Millionen,« bemerkte der Amerikaner. -»Ägypten!« -- - -Da giebt es nur Einen Stoffehändler. Freier Handel wäre uns lieb! versetzte -ich. - --- »Griechenland ist schön und öde.« -- - -Da fürchten wir den Religionskrieg, die Pest. - --- »Italien ist nah, und Wüste genug um Rom.« -- - -Von den Römischen Pfaffen ist den Deutschen alles Unglück gekommen, Beten -lehrt uns die Noth schon genug. Den Papst hat ein Nebenzweig von unserem -Stamme, die Trojaner und ihre Colonie die Römer, mit aus der Mongolei -gebracht. Er ist weit genug geschleppt. - --- »Also nach Spanien! Das Hesperien selbst der Hesperiden, der Italiäner. -Nicht? -- Südamerika? An der Grenze von Peru kauft man ein Königreich um -das Geld für ein englisches Pferd. --« - -Lieber in die Wüste gebaut, als neben unruhige Nachbarn. - --- »Also nenne ich Mexico nicht, weil es Neu-Spanien ist. Aber Canada?« - -Das soll erst werden und thun, was die vereinigten Staaten von Nordamerika -sind und gethan, hört man von dort. Aber warum wollen Sie uns nicht zu -sich? - --- »Wenn die Deutschen ihren Charakter behaupten können! Und den Charakter -verdirbt alles Nachmachen, Nachreden, die angenommene Sprache, Nachsitten, -Nacharten, Nachneigen, Nachgehorchen, selbst wenn Gesetze, Verfassung und -Regierung höchst menschlich und wünschenswerth wären.« - -Wir geben klein zu! Dürfen wir bei Ihnen Wir seyn und Wir bleiben, wenn wir -kein Gesetz, keinen Menschen beleidigen? - --- »_Ja!_ Ich meine! --« schloß der Amerikaner. - -Wir hatten Amerikanisch, also Englisch, und im Grunde dann Altsächsisch, -Altdeutsch gesprochen, und dieses uralte »I guess« ich meine, vergesse ich -nie. Ich stand auf. Wir waren fertig mit dem -- Friedensplan und -Friedenszug. Nur noch das Wort setzte mein neuer Freund hinzu: »Raum zu -leben und sich wohl zu befinden, haben noch Vierhundert Millionen Menschen, -so breit sie sich machen, so hoch sie wachsen wollen. Aber auf den -Einmalhunderttausend deutschen Quadratmeilen Land ist unterschiedliches -Klima, mit Seeen, mit Wald, mit Bergen, mit Strömen, mit Meeren nach Morgen -und Abend und Mittag, mit Pflanzen und Blumen und Kräutern und Bäumen, mit -Fischen und Vögeln, mit zahmen und wilden Thieren der Erde, daß Jeder das -Seine sich wählen kann. »_Brot und Freiheit_« steht mit Schweiß und Thränen -für unsere Gäste angeschrieben über dem Thor zu unserem Lande. Aber nicht -mit Blut! Wir haben _keine Schulden_ -- wenn Ihr das Wort versteht. Wir -haben _keine Feinde_, als solche, die wir verachten könnten -- wenn Ihr das -Wort versteht. Wir haben _Frieden_ auf lange Jahrhunderte -- wenn Ihr das -Wort versteht. Wir haben _keine Armen_ -- wenn Ihr das Wort versteht. Ja -wir haben selbst eine miserable Miliz, einen lächerlichen Landsturm, der -aber gradezu eine himmlische Heerschaar ist, weil er lächerlich seyn kann --- wenn Ihr das Wort begreift. Ich meine.« - -Ich meine auch; sagte ich. Heut zu Tage braucht man nichts mehr zu sagen. -Die ganze Welt meint blos, und die ganze Welt versteht. So weit haben wir -es durch Cultur gebracht! Wie stehen in Etwas erschrecklich hoch, und was -bei Ihnen fehlt, weil es noch nicht nöthig ist, die Humanität ist unser -Unglück. Denn ein Vernünftiger läßt sich am Ende Alles gefallen, selber ans -Kreuz schlagen, weil er meint, es thut Andern wohl, und so thut es ihm -nicht weh. Aber das lange Hängen macht Zappeln. - -Der General-Vormund fühlte sich bedrückt, daß seine ganze schöne Armee in -Amerika mehr als überflüssig und ein Unding sein sollte! So viel Festungen --- Undinge! So viel Kanonen -- Undinge! So viel Plage, Geschrei und müde -Gebeine -- Undinge! Aber er fühlte sich schuldig, verschuldet, und schwieg. -Mein Sohn Marbod saß in seiner Husaren-Uniform wie ein Gespenst da, und das -Gold darauf blitzte umsonst. Meine Tochter hatte endlich ein wenig lauter -auf dem Pianoforte, wenn auch nur mit einem Finger, die Melodie des -neugebornen Liedes: »Auf, auf, ihr Brüder, und seid stark!« gespielt, und -Master Erwin trat nun sehr bescheiden zu ihr und bemerkte blos, daß in der -ganzen Union Sonntags kein Laut Musik aus Schonung der vollständigen Ruhe -der Andern erklingen dürfe -- als sie feuerroth ward und das Instrument -verschloß. Der Gehorsam rührte mich schwer und bewegte mich tief zu -seufzen, denn meine Braut war mir einst auch so gehorsam gewesen. Kaum aber -hatte ich dies sichere Zeichen der Neigung gesehen, als sie erblaßte, sich -an die Freundin lehnte und bald darauf aus dem Zimmer ging, ja nicht mehr -wieder kam, so lange die Gäste dablieben, denn ihr bewunderter Freund hatte -im ferneren Gespräch gesagt: »_daß er hundert Sclaven habe_.« Hundert -Menschensclaven -- Er! - -Es war schon spät. Abreden wurden getroffen, sie sagten gute Nacht, und -Erwin ließ gute Nacht dem armen Kinde sagen. Als sie fort waren, kam meine -Maria wieder und versicherte mich: daß sie nun getrost mit mir gehe. Ich -wünschte ihr gute Nacht. Da hob sich ihre Brust nur, und ihre Augen -blinkten vor dem Licht in ihrer Hand, und sie getraute sich nicht, die -Augen vor ihrem Vater aufzuschlagen. - -Vom Morgen an war nun ein neuer Geist über mich gekommen. Die Zeit zur -Abreise war kurz. Ich verzeichnete mir alle Geschäfte, ich theilte sie in -die Tage ein. Durch meinen Entschluß zu reisen war mir die Heimath zur -Fremde geworden, das Volk selbst zu Gästen im Lande. Ich war wie ernstlich -krank geworden. Ich war mir und Andern unnütz, zu jeder Arbeit unwillig, -ungeschickt, verdrossen. Daß die Sonne zum Frühling höher und wärmer -schien, kam mir überflüßig vor. Aus jährlicher Gewohnheit deckte ich die -Weinlaube ab; aber ob die Reben Augen hatten -- die Kirschbäume Knospen -- -ich sah nicht darnach! Daß die Primeln in reichem Flor standen, erregte mir -nur Bedauern; daß ich Kinder taufte, junge Paare traute, schien mir ganz -überflüßig. Jemanden zu begraben, that mir recht leid. Hier war es ja nicht -werth zu leben, nicht werth zu sterben, oder recht werth, und ich segnete -die Todten mit gewaltigen Worten ein -- mit Zornworten von der Erde, nicht -mit Vorbereitungsworten für ihre neue Welt, ihre beßre Welt. Dem Kaiser -Karl V. kann nicht so zu Muth gewesen seyn, als er sich lebendig begraben -ließ. Denn um mich sangen ganz andere Stimmen! Prophetenworte riefen mich. -Den kommenden Vögeln sagte ich: bleibt dort, liebe Kinder! Alle Papiere -suchte ich durch, um Jedem jeden Heller zu bezahlen. Ein langes Geschäft. -Ich hatte Geld einzufordern. Ein längeres, undankbareres Geschäft. Von -nahen und fernen Freunden hatte ich Abschied zu nehmen, und einen -lithographirten Brief schämte ich mich an Alle zu schicken. Da mußte Sohn -und Tochter schreiben, ich unterschrieb nur. Von den Andern hatte ich in -den Zeitungen Abschied genommen. Aber darauf erhielt ich nun Briefe, -dringende Bitten: Zehn, Zwanzig, Hundert, Tausend, Zweitausend Menschen -mitzunehmen oder nur zu führen! Diese Briefe voll Noth und Klage, schwerer -als sie zu ertragen schien, so lange zu ertragen unmöglich schien, ließ ich -in Quartbände heften, binden: die Briefe unglückseliger armer Geistlichen, -die auf Korn gesetzt, bei Korn fast verhungerten, weil es nicht galt; die -Briefe von -- bei ihren Gemeinden verhaßten Geistlichen, weil sie in ein -gewisses Horn geblasen; Briefe von examinirten oder gleichsam im Examen -entseelten -- durchgefallenen Candidaten; die Briefe von Rechtsconsulenten, -die nächstens zu verhungern versprachen, weil Bauer und Bürger aus Mangel -an Geld zu Prozessen lieber gleich alles Unrecht über sich ergehen ließen; -Briefe von Hammerwerksbesitzern, die nur noch den großen Hammer besaßen, -aber keine eisernen Gänse; Briefe von Gelehrten, Philologen, -Schriftstellern, Professoren, Juris-Doctoren, ja sogar die trübseligsten -Briefe von Censoren, Waschweibern, Kammerjungfern, von Studenten, -Gymnasiasten und Schuljungen sogar! Briefe von armen Bergleuten, die -Tagelöhner, Klafterschläger und Stöckeroder geworden, von ihren -Frau-Spitzenklöpplerinnen, den Nachkommen der Frau Barbara Uttmann, die für -sie nach Brabant gereiset, und für welche ich nach Amerika reisen sollte, -als ein Barbarus Uttmann; denn die armen Weiber versicherten, daß sie ihre -Männer und Kinder von dem Kleinhandel nicht ernähren könnten, sondern aus -Noth das Körbchen Obst, Gemüse, ja Nägel, Blechgeräthe, Schwefel und -Zündhölzchen angreifen und veressen müßten. Der Amerikaner, Master Erwin, -besuchte mich täglich, oder ich ihn; er war mein neuer Freund, denn die -Noth macht Freunde, oder zum Glück, sie hat auch noch Freunde. --Ich sollte -nun aller Welt Freund und Erlöser seyn, wie die Briefe sagten; ein -abgesetzter Professor der Geschichte titulirte mich den neuen Cadmus oder -Pelops; denn die Noth und der Druck in Ägypten möge wohl auch entsetzlich -gewesen seyn bis zum Aus-der-Haut-fahren; denn das Vaterland sei die weite -Haut des Menschen oder der Leib des Leibes. Das war auch Erwins Meinung; er -war nicht recht einverstanden mit meiner Reise, und sprach eines Tages: -»Denken Sie sich nur, wenn wir Amerikaner auswandern wollten; wenn wir -freien Amerikaner in Deutschland eine Niederlassung gründen wollten, als -saurer Sauerteig in das alte Backfaß . . . .« - -Ich erschrak billig, wie Tausende oder Hundert doch, vor diesem furchtbaren -Gedanken. Aber es schien Ernst dahinter, er verzog keine Miene, gab mir -Plan und Ausführung an, und als sie ihm immer schöner und heilsamer, mir -immer grausenvoller erschien, frug er mich: Was Wir denn bei Ihnen zu Lande -wollten -- als abgebackenes Obst oder Mehl, nicht Korn! - -Da brachte mir meine Frau zwei Briefe zusammen herein. Ich überflog sie. -Ich ließ sie ihn lesen. Und so laut vorgetragen rauschten und zündeten sie -ordentlich in der gemeinen Luft, und es kam fast Entsetzen über mich, daß -der heilige Äther auch dazu da seyn solle, solch Geistergift und Elend zu -tragen -- wie das heilige Meer Sclavenschiffe mit dumpfem Gestöhn. Und so -zitterte in der Luft der - -_Brief des Executors_. - -»Sie gar lieber Herr Pastor, Sie wissen, daß ich im Nachbarland -Justizamtmann gewesen, aber untergehen mußte, weil ich keine Arbeit mehr -hatte. So habe ich nunmehr hier die allerhöchste, wichtigste Stelle der -Justiz erstiegen, als Executor. Nur ein Executor kennt Recht und Unrecht, -von Gerechtigkeit will ich nicht reden. Er kennt Milde und Elend, Milde -derer, die auf alte Gerechtsame halten, wie mit Händen von Eisen, um nicht -um Schloß und -- Thür zu kommen, und das Elend derer, die alte Schuld der -Zeit und der Menschen, die sie sich im Schlafe der Dummheit und Feigheit -haben aufladen lassen, nun mit erwachten Herzen abzahlen sollen. Kurz, ich -bin müde, den Leuten die letzte Kuh aus dem Stalle zu nehmen, und die -dürren Thiere meilenweit an miserablen Stricken fortzuschleppen und für ein -Hundegeld, kein Kuhgeld, erstehen zu sehen von den abscheulichsten, -hartherzigsten Stöcken von armen Teufeln, welche aus Noth ein Auge -zudrücken müssen, und das Herz im Leibe todt. Ich heiße zwar kein Sclave, -aber ich bin ein _Seelensclave_, ich lebe in der Seelen- und -Herzens-Sclaverei, und ich bitte mit dem letzten Tropfen guten Blutes im -Herzen, daß Sie mich mitnehmen, und mich für die Kosten der Überfahrt -vermiethen, auf tausend Jahre meinetwegen, oder gradezu als _leiblichen_ -Sclaven verkaufen, und mir soll wohl seyn. Die alten Deutschen verspielten -sich auch und verkauften sich selbst. Meine Seele verkauft meinen Leib. -Brot habe ich so nicht. Nehmen Sie mich mit, oder, ich versichre Sie, -lieber Herr Pastor, ich habe noch mehr als einen alten Strick, und so -morsch er ist -- schwer bin ich nicht. Ich stehe draußen vor Ihrer Thür und -warte auf Antwort.« - -Ich sprang gleich hinaus, sahe den Mann mit seinem verwilderten Barte, -Thuiskon und alle alten Götter standen vor mir; ich führte ihn herein. Er -mußte sich setzen, und schwieg. Denn der Amerikaner war ins Feuer gekommen -und las nun laut den zweiten: - -_Brief des Schulmeisters_. - -»Ew. Hochwürden verzeihen, Sie als Christ von Ihrem großgünstigsten -Vorhaben abreden zu wollen. Ist gegen allen herkömmlichen Respekt. Aber wo -der Respekt in solcher Zeit hingekommen, weiß ich sub fide quasi pastorali -nicht anzugeben. Jetzt speculirt man gradezu auf Alles, die Menschheit -sogar zu vermindern, was doch stracks gegen das Einzige Gebot läuft, -welches der alte Vater im Paradiese gegeben hat: »Seid fruchtbar und mehret -euch!« Ein wahrhaft göttliches, ja paradiesisches Gebot! Wie ich denn -selber 9 Kinder habe, zwei Mädchen und sieben Söhne, welche für die Prämie -von 50 Rthlr. -- also 9 Rthlr. 3 Gr. 5 1/7 Pf. pro Sohn -- nun, Gott sei -Dank! alle bei den Soldaten auf Lebenszeit versorgt sein werden und müssen. -So habe ich als Speculant nun gelesen, daß in China Hungerschulen in Flor -sind. Erschrecken Sie nicht, Hungerschulen, worin und wodurch man nicht -verdächtig und strafbar die Noth sucht abzuwehren, sondern menschlich und -hochpreislich zu ertragen. Wer hungern kann, kann gradezu Alles auf Erden. -Und Wer hungern will, der will Alles, der ist zufrieden mit Allem, es heiße -wie es wolle, ja es sei, was man will. Ich lege Ew. Hochwürden, sub signo -solis, einen ausführlichen Plan bei, worin Alles landesmäßig ausgearbeitet -ist, aus dem chinesischen Reiche und Clima in unser deutsches Reich oder -Clima übersetzt. In China heißen diese respectablen Schulen gradezu -Hungerschulen oder Tsing-Long. Ich schlage für uns und die lieben Unsern -lieber den Titel vor: Friedensschulen, Geduldschulen, oder höchstens: -Magenschulen. Dort existiren sie zu tausenden. Die _Studenten_ darin tragen -eine Ehrenkleidung, die nur sie und auch der Kaiser trägt. Sehr gut und -exemplarisch. Denn daß bei uns die Armen wissen, daß Fürsten und -Fürstinnen, nebst Prinzen und Prinzeßchen, doch zu Zeiten auch Kartoffeln -essen und alle Tage Salz, das giebt den Armen einen gewissen Adelstolz, -auch wenn sie selber nichts andres haben. Über die Kleidung wollten wir uns -nicht streiten, denn das dort Wohlfeile ist hier theuer, und so habe ich -_Nanking_ etwas frei mit »roher Leinwand« übersetzt. Climatisch! Oder -Schaafpelz? (Der Kälte wegen. Denn hungern _und_ frieren ruinirte alle -unsere Schüler, Studenten oder _Akademiker_; denn dieser Ehrentitel -»Akademiker« würde die deutschen armen Schlucker sehr anlocken.) Beispiele -von Vornehmen, Adligen u. s. w. würden Wunder wirken, wie der Hof den Dänen -das Pferdefleisch zur Probe gegessen hat. Beilage sub signo lunae aber -enthält ein vorläufiges Verzeichniß der Studenten und -- hier fehlt mir das -Wort -- etwa der geistlichen Schwestern unserer Gegend. Die ganze Kunst der -Chinesen beruht nun auf dem (sonderbar!) deutschen Sprichwort: »Der Hunger -ist der beste Koch!« Die Chinesen in sothanen Schulen, Gymnasien oder -Akademieen _fasten_ also, geistlich gesprochen, blos so lange, als es nur -ein Araber oder Wilder aushalten kann. Der Schmachtriemen hilft nach; -Wasser thut Wunder und nährt lange allein, wie man an Pflanzen sieht. Wenn -aber keine Kunst, keine Geduld, kein Zureden der angestellten geistlichen -und weltlichen Beamten mehr hilft, und auf lange Schwäche endlich Ohnmacht -schon eingetreten, dann wird das Zimmer mit Gänsebraten geräuchert, nämlich -mit ungebratenem, mit den Federn, die ein prächtiges Gastmahl vermuthen -lassen; oder Kinder schreien im Hofe der Anstalt wie ein Kalb und bellen -dazu wie ein Hund, als führe ein Fleischer eins heim, oder schlachte es -schon; oder es ertönt quickendes und erquickendes Schweinegeschrei, als -werde sogar schon ein Schwein geschlachtet. Andere Knaben klopfen mit zwei -stumpfen Beilen auf ein Bret, als mache man Wurst. Kurz nach allen -Kunststücken der Politik und der Seelenlehre, wenn der Studiosus wirklich -zu sterben drohte vor Appetit -- dann wird ihm ein wenig -- aber was? -- -Pferdefleisch gebracht, und die gute ehrliche Seele bleibt wieder in ihrem -Leibe oder in ihrem irdischen Vaterlande, und läßt sich wieder täuschen. So -lernt er, so kann er, wird sanft, mildthätig, lehrfähig, und stiftet dann -selbst wieder eine Magenschule in andern eßbegierigen Gegenden, und alle -Unzufriedenen, durch Steuern oder Prozesse, oder gar Arbeitslosigkeit zu -Grunde Gerichteten gehen in diese dem Lande räthlichen Schulen. Aber erst -in unsern Kleinkinderschulen diese wahre Koch- und Eßkunst einzuführen, -wäre eine Verbesserung, welche die Sache an der Wurzel angriffe, und bleibt -wie die Erfindung derselben uns Abendländern vorbehalten . . . . Ihnen, ich -erspare Ihnen und der seelensguten Frau Pastorin Ihre Auswanderung, und -30,000 unwissenden, armen, deutschen, jährlich blos darum Auswandernden, -weit sie eine Erfindung der Chinesen nicht ahnen, die ihnen doch Allen so -nahe liegt, sich so aufdrängt Tag für Tag. Aber vergebens. Denn die Welt -ist blind. . . . .« - -So weit hatte der Amerikaner gelesen, laut, und wir sahen uns billig an, -und zuckten die Achseln, als der Verfasser, mein braver Schulmeister in -Hammersdorf, hereintrat, weil ihn das Vorlesen wie ein Strom in seine -eigenen Worte gezogen. Er hatte seinen besten Staat an, ein abgeschabtes, -gewandtes, schwarzes Kleid, aber das blasse, redliche, wohlmeinende, -kummervolle lange Gesicht, die mild und treu uns anblickenden Augen -benahmen uns jeden Gedanken, als den des redlichen frommen Willens in -diesem Manne. - -»Daß die Natur so weit herabsinken kann bis in eine solche Gestalt, bis in -solche Gedanken!« sprach der Amerikaner leise zu mir. »Er scheint seinen -- -Schulplan schon selbst erprobt, ja probat gefunden zu haben; so -himmlisch-chinesisch sieht er aus. Aber das nennen wir in Amerika: -Phantasmen! Schlimme Zeichen schlimmer Krankheit! Sogar in unsern -Irrenhäusern spuken doch andere Pläne. Solche nicht. Der redliche Mann ist -mir wie ein Verwesungszeichen an einem noch Unbegrabenen -- den man nun -begraben kann! Man begräbt sicher nur einen Todten. Jetzt rathe ich Ihnen -mit mir zu reisen! Noch ein anderes Zeichen habe ich unterweges bemerkt. -Die Leute, besonders die Männer bei Ihnen und weithin, scheinen nämlich -taub. Man muß schreien, ehe sie hören, zweimal es sagen, ehe sie antworten. -Das bedeutet Geistesabwesenheit, Versunkenheit. Kurz, wir reisen! --« - -Ich sagte ihm, daß der Schulmeister Tolera, als Repräsentant aller -möglichen Toleranz, von den armen Schulkindern kein Schulgeld nehme -- und -der Executor bestätigte, daß er nie Leute für ihn habe auspfänden sollen -- -daß derselbe mit Kühen handle, Capitale von 3 bis 20 Thalern den Armen -negozire, und der Amerikaner rieth mir, diesen Speculanten mitzunehmen; -Fracht und Spesen wolle er für ihn tragen. Ich sagte das laut. _Tolera_ -nahm es an, und versprach in seinem Eifer die Magenschule in der -vereinigten Republik anzulegen, worauf ihm bemerkt ward, daß dort nur die -Faulen hungerten, nicht die Fleißigen »und Fleiß ist die Tugend der freien -Amerikaner.« Der Schneider brachte mir eben meine Reisesachen, und so -konnte ich dem armen Tolera sogleich meinen respectablen Rock schenken, -welchen er draußen anzog und sich dann uns präsentirte. Er ging ihm bis auf -die Knöchel, aber das gab ihm Würde. Der Executor hätte den Rock gern -gehabt, aber er schlug die Augen nieder und weinte fast, denn für ihn -schien der Amerikaner nicht Fracht und Spesen tragen zu wollen. -- »Das -Glück ist selten doppelt,« sprach er, »das Unglück aber oft. Ich mußte oft -wegen zwei Schuldposten auspfänden -- und ich will es ferner mit Gottes -Hülfe.« - -Mit _Gottes Hülfe!_ Das verzweifelte Wort entsetzte und rührte mich. Soll -Gott zu Druck und Rache helfen? Ich getraute mich, beim General-Vormund ihm -die vacante Stelle des glücklichen Meisters Tolera zu verschaffen, damit er -lieber ein Executor des göttlichen Willens werde. Das war er zufrieden und -fühlte sich glücklich. Master Erwin nahm dagegen mit feinem Lächeln den -Schulmeister in Pflicht, zum Heil Amerika's dort die Hungerschulen -einzuführen. Das war er zufrieden und fühlte sich glücklich. - -Ich hatte in den Zeitungen von meinen entfernten Freunden Abschied -genommen, aber die Nahen konnte ich nicht besuchen. Mein Gott, so sollte -ich sie denn hier lassen, dahinten auf immer! Sie sollten alt werden, Staub -werden, vergessen seyn! Wahrscheinlich, wie bisher, sahe ich -- wenn ich -blieb -- etwa nur Einen oder den Andern in Jahren, und noch zufällig -irgendwo auf eine Stunde! Aber es war doch möglich, daß ich zu ihnen -konnte, sie zu mir! Diese beglückende Möglichkeit schnitt ich mir nun ab. -Ach, die Möglichkeit! Die Menschen wissen gar nicht, was sie an der bloßen -Möglichkeit haben. Oder vielmehr, sie wissen es wohl, Alle überschätzen -sogar die Möglichkeit! Weil alles Gute, Freiheit, Friede, Glück, möglich -ist -- darum halten sie aus wie besessen, so lange es möglich ist, ja meist -noch länger, noch schändlicher. Diese Betrachtung stärkte mich recht, wenn -ich mit meinem Sohne durch die zwanzig Dorfschaften ritt, deren Ambassadeur -ich war. Wie sie so still vor den Thüren saßen, wie sie sich um mich -versammelten, die Greise, die Männer, die Weiber und Kinder, die Jungfrauen -und Junggesellen! Sie waren Alle ausgewurzelt mit dem Geiste, nur leicht in -Erde geschlagen, wie Bäume, die versetzt werden sollen. Aber es war auch -schon ein Geist über sie gekommen, wie ich ihn diesen Leuten nie zugetraut -hätte, sondern überhaupt nur der Welt und dem Gott, von wannen er ihnen -gekommen. Ja die Leute trösteten mich und drängten mich! In Frankreich -hatten die Pfaffen wieder einmal dem Volke den jüngsten Tag weiß gemacht -und angesetzt. Der Wirrwarr soll aus der Maaßen gewesen seyn. So konnte ich -auch an jedem Abend sagen: Ich habe heut seltsame Dinge gesehen. Wie vor -dem jüngsten Tage ging es auch hier zu -- und wer weiß, wie nahe er ist -- -nur alles hier geordneter und zu einem vernünftigen Zwecke, wozu eine -besondere Thätigkeit nöthig war, kein Heulen und Zähneklappen und -Lippengeplärr. Fast Alles, was die guten Leute hatten, war auf die -Bedingung verkauft, verschenkt, ja durch Testamente vermacht an Andere, -Bleibende, Herziehende, wenn ich ihnen Nachricht sendete, Freudennachricht: -»Ihr Menschen kommt! Ich habe gefunden, was Ihr gesucht, seit Eure Väter -aus Indien gezogen, so viel tausend Jahre sie hier sich versessen, und am -Teich Bethesda gelegen, den kein Engel bewegt, geschweige ein schwarzer -Engel oder mehrere.« Sie betrachteten den Amerikaner, wie ohngefähr die -Peruaner einst einen weißen Sohn der Sonne, der zaubern könne. Und so -thaten wirklich seine einfachen, graden, wahren Worte, keine -Versprechungen. Selber der kleine Landesherr würde keinen solchen Eindruck -mehr auf sie gemacht haben, wie Er. Ich seufzte und schwieg. Mein Sohn ging -statt rothweltlich nunmehr wiederum schwarzgeistlich; auch den Schnurr- und -Schnauzbart hatte ich ihm im Schlafe abrasirt, versteht sich in Eil _nur_ -ein Wenig davon, nur die Hälfte auf einer Seite, und die andere Hälfte -mußte er Schande halber am Morgen dann selbst cassiren. Alles Volk kam mir -auch wie von einem guten Vater jetzt so halb rasirt vor, und die Schande -des Halben wird alles Halbe nun selbst rasiren. Wie lange saß ich selber -nicht eingeseift! Ich ermahnte die guten Leute zu Geduld, und sie frugen -mich fast wehmüthig, ob sie nicht Geduld gelernt hätten, und nun eben erst -recht beweisen wollten dadurch, daß sie wegzögen? Ich hatte mich mit den -Anordnern von Auswanderungen in vielen andern Gegenden in Verbindung, -gesetzt; mit den sehr löblichen Anordnern und Versorgern der Auswanderer -aus der Schweiz, aus Würtemberg, aus Rheinbaiern, den Rheinprovinzen, aus -Hessen und Sachsen, und manches Gute erfahren, auch Bücher zugesandt -erhalten, viele von den Verfassern selbst; denn welcher Deutsche meint es -nicht selbst mit dem Teufel gut -- wie Klopstock mit dem bösen Engel -- -geschweige mit Deutschen. Diese Bücher vertheilte ich nun in alle die -Dörfer so, daß sie wechselten und Jedes in jedem den Gemeinden an den -Sonntagen vorgelesen wurde. Als: Kromme's Reise durch die vereinigten -Staaten; Klinkhardts Reise nach Nordamerika; das herrliche: »Michigan«, ein -Wegweiser für Auswanderer; »Illinois«, ein Wegweiser für _Ein_wanderer; -(schön gesagt: _ein_ statt _aus_, denn wer auswandert, thut es eben blos um -einzuwandern) »Leben und Sitten in Amerika«; -- »Missouri, ein Wegweiser -für Einwanderer«; -- »Doctor August Neanders Richard Boxter«; -- »Kurze -Schilderung der Nordamerikanischen Staaten nebst ausführlichen -Vorsichtsregeln für Auswanderer, von Witte«; -- »Der Nordamerikanische -Rathgeber von Gerke«; -- »Der vollkommene Nordamerikaner, von Dalp aus -Bern.« (Das bis jetzt beste Buch von allen). Und so manche andere Bücher -und Charten. Auch hatte ich mir selbst eine enorme Charte der vereinigten -Staaten zusammengemalt, eine Specialcharte, illuminirt, so groß, wie ein -Scheuntenne, und auf ein Tenne ließ ich sie breiten, und mein bester -Schulmeister Tolera erklärte sie mit einem Rechenstiele den Zuschauern im -leeren Bansen. Abends fand ich gewöhnlich Handwerker mit ihren Weibern bei -mir; und selbst ein sonst immer betrunkener Schlosser war so -feierlich-nüchtern, so weiß gewaschen, verständig, so wohl gekleidet und -artig, voll vom Gefühl, daß sie nach Amerika wollten -- als wenn sie wegen -einer edlen That sollten zu einem König zur Tafel gehen, und bei mir Probe -äßen, denn ich behielt die guten Leute zu Tische. Meine Tochter Maria hatte -ihre Kleider, und Alles, was ich von Weiberhand bedurfte, selbst fleißig -gemacht und fertig. Die Mutter hatte keine Hand dabei angelegt. Mein Sohn -Marbod war in meine Stelle eingewiesen. Ihr ward noch kein Auge feucht. -Erst als ich am Auferstehungstage meine letzte Predigt gehalten, als ich -den Leuten das Abendmahl ausgetheilt und es selbst genommen, noch einmal -den lieben Ort, die versammelten Menschen, die Apostel über mir im Gewölbe -angesehen, und die Altarstufen hinunter gewankt und über die Gräber nach -Hause geeilt war, und meiner Frau um den Hals fiel, da glaubte sie mir -- -denn sie war in der Kirche gewesen und, aus Wehmuth, vor mir nach Hause -geeilt. Als sie sich ausgeweint hatte, stand sie, düster zur Erde blickend, -glühend im Gesicht, und sprach zuletzt: »Das hätte ich nicht von Dir -geglaubt, daß Du mich verlassen würdest . . . .« - -Und ich nicht von Dir, sprach ich gestärkt, und bat und drängte sie, -mitzukommen. - -»Siehe,« sprach sie aufblickend, »soll ich es denn sagen? Wie elend haben -wir Jahre lang uns durchgebracht, wie schwer die Kinder erzogen! Denn was -Ältern jetzt auf Kinder wenden wollen, das müssen sie sich abdarben. Ihr -Geistlichen seid zumeist auf Korn und Hafer gesetzt -- auf Geld sitzt Ihr -nicht; höchstens auf den paar Groschen für Trauen und Taufen; zum Abendmahl -gehen Viele nicht, weil sie es bezahlen müssen -- und Korn und Hafer gilt -nicht, und von Brot lebt man heut zu Tag nicht -- und so haben wir -schändlich genug auf den Tod meiner alten Muhme, der Frau von Gaispitzheim -in Breslau, gewartet; aber heute lebt sie noch und sitzt auf ihren drei -Tonnen Goldes. Gehe ich nun . . . sterbe ich vielleicht, so bekommen unsere -Kinder Nichts! Und die armen drei Kinder müssen sich eben so plagen, so -darben und dulden wie wir. In Breslau liegt Amerika für mich! Also weil ich -redlich als Mutter denke, darum bleibe ich! -- Sprich nicht, ich bin kein -gutes Weib, oder gar: ich scheide mich von Dir. Du scheidest Dich ja auch -nicht von mir -- das weiß ich -- Du gehest nur! Ach, darum gehe, und gehe -getrost, und laß mich getrost. Nur Eins wäre schlimm, und ein schlimmer -Betrug, wenn ich bliebe und doch vor der Erblasserin stürbe. Dann gedenke -mein! Ich habe es gut gemeint.« - -Darauf gab sie sich mir wieder hin. Ich fühlte ihre Nähe, ihr Glühen, ihre -Liebe, Ihren Besitz. Die helle schöne Sonne schien uns Beide an, wir hatten -zwei Schatten, aber Ein Herz für die Unsern -- _Wen_ wir jedes denn für die -Unsern hielten! _Wie_ wir es Beide denn gut mit ihnen zu meinen glaubten. -Und von ihren heißen Worten schmolz mein Verdacht, als bliebe sie nur weil -sie eine Adlige war, und sie wußte, daß ein Adliger eben grade viel weniger -in den Freistaaten gilt, als ein verständiger Bauer, und alle Europäische -Thorheit, wie türkische Pantoffeln vor dem Gotteshause, auf dem Strande von -Amerika abgelegt werden muß, wenn Jemand noch so halsstarrig gewesen, sie -nicht zu Hause abzulegen, oder auf der tausend Meilen langen Bußreise durch -die Meereswüste, und da sie Gott und Menschen, selbst Wallfischen und -Gestirnen abzubitten. Mir war also ein Stein _vom_ Herzen, aber ein anderer -_darauf_ gewälzt -- mit sehenden Augen, mit Liebe im Herzen, bei lebendigem -Leibe und vollem Verstande von meinem Weibe zu scheiden. Denn meine -Trennung war einer Scheidung wenigstens gleich! Aber ich hatte mein Wort -gegeben, ja meine Seele, das heißt: meine Überzeugung, und so schied ich -mich als Geistlicher mit den gebräuchlichen Worten von ihr; aber sie war -dazu vor mir niedergeknieet -- und ich knieete zuletzt auch zu ihr, und wir -hielten uns an den Händen und sahen uns an einander noch einmal satt. Da -hörten wir den Gustav Adolph gelaufen kommen. Wir standen gefaßt auf. Und -daß der Knabe bei der Mutter bleiben sollte, -- weil er wollte, war mir nun -lieb; denn sie blieb bei unserem Sohne Marbod, und wenn Dieser nun droben -über ihr in der Studirstube umher ging, konnte sie denken: Ich bin's. Bis -sie weinte und sprach, ach, Er ist es nicht, Der ist geschieden! Aber ich -will ihm alle Jahre schreiben zur Christbescherung und er schreibt mir, und -wenn die Dörfer nachwandern, wandre ich mit . . . . oder schiffe nach! -- - -Drauf saßen wir Alle vereint, die Henkersmahlzeit zu essen. Da ereignete -sich noch eine kurze Scene. Nun, da meine Mirjam mit weggehen sollte, jetzt -war es meinem Diakonus Bierey eingefallen sie zu heirathen. Er kam noch vor -Tische und hielt um sie an. Ich überließ die Antwort meiner Tochter, die -ihm Ja sagte -- wenn er mitgehen wollte. »In Amerika soll das -vortrefflichste Bier seyn,« sprach er, »auch Wein schon. Das lockt mich -sehr; aber dort bin ich von der Gemeinde absetzbar, und meine Einkünfte -hängen von der Vortrefflichkeit meiner Predigten ab -- und da man sich -auspredigt, und alle Jahre schlechter -- schlecht will ich nicht sagen -- -so will ich doch in meinem Europäischen schwarzen Talar stecken bleiben -- -so leid es mir thut, beste Maria! Nun heirathe ich in meinem Leben nicht, -denn es war nur so ein Einfall, aus Neid gewiß nur, denn das Lagerbier ist -noch zu jung und bekommt mir nicht. Also ein Einfall aus Neid, aus was Sie -wollen, nur machen Sie mich nicht lächerlich, daß ich derber Vierziger habe -heirathen wollen. Es würde mir schlecht gegangen seyn!« - -Mit den letzten Worten meinte er seine bewährte Antipathie gegen die -Mäßigkeitsvereine, nicht gegen die verschiedenen trinkbaren Stoffe, wogegen -sie errichtet sind. In Amerika hätte er nun vielleicht gar an die Spitze -eines solchen Vereines treten sollen. Er mußte, als Dank von meiner Seite, -mein Gast seyn. Die Baronesse schickte mir zur Henkersmahlzeit mit den -Meinen sechs Flaschen edlen Wein; und schon bei der zweiten hatte er seine -neue Liebschaft über die alte vergessen. Was uns aber traurig überraschte --- sechs sehr artige, liebe, wohlerzogene Jungfrauen, die Töchter des uns -bekannten, verarmten und als Wittwer begrabenen Eisengußwerkdirectors -Horazius kamen reisefertig, und baten mich, daß sie blos unter meinem -Schutze mitreisen dürften. Sie wollten sich ungekannt _drüben_ vermiethen --- hier schämten sie sich. Sie zeigten mir ihre sechs kleinen Beutelchen -mit dem Gelde zur Überfahrt. Es ward ein Taufen angesagt; der Diakonus -empfahl sich uns allen und seinen lieben sechs Muhmen -- und wünschte uns: -glückliche Reise! Es ist kein Zweifel, wer das Sterben erfunden, der hat -auch das Abschiednehmen erdacht, es geschieht alle Tage auf der ganzen Erde -gewiß tausendfach, aber ich glaube hauptsächlich nur deswegen, daß der -Mensch recht empfinden soll, was er besitzt, besessen hat, und in Wahrheit -doch behält, sonst würde es bei allen bittern Schmerzen doch nicht zugleich -ja gar so selig seyn! »Wir behalten uns!« sprach ich schon immer im Voraus, -indem ich in der Stube auf und abging, bald meine -- ach was denn! _meine_ -Kupferstiche ja nicht mehr -- an der Wand ansah, bald meine Mirjam, die, -auf dem Sofa sitzend, eine Hand der Mutter gegeben hatte, eine Hand ihrer -Jugendfreundin, der Baronesse. Darum ist mein zweiter Hauptrath zum -Auswandern: _Nehme Jeder alle die Seinen mit!_ Sonst scheidet er nicht, -nein, er schneidet sich entzwei, kommt mit dem verdrossenen Leibe drüben -an, und hat die Seele zu Hause gelassen. Wo _alle_ die Unsern sind, da ist -es zuletzt überall schön oder doch gut genug. Kinder aber scheiden noch -leicht und verlieren noch unbekümmert. Denn mein dummer Junge, mein Gustav -Adolph, malte lieber Ostereier, als daß er eine Viertelstunde neben mir -gesessen hätte, um meine letzten väterlichen Worte anzuhören! Kinder sind -Etwas, sind Viel -- und auch Nichts! Unsere Stube war voll vornehmes -Abschiedsgesindel, Gevattern, Pathen, Anverwandte. Alles Weltneugierige. -Die Menschen können Keinen sterben lassen, er muß ihnen wenigstens noch 12 -mal 12 multipliciren; sie müssen ihn trösten, bedauern, vergeben, kränken -und zu rechte rücken; sie können Keinen scheiden lassen, sie müssen ihm das -Leben schwer und die Zunge leicht machen. Ich ging also indeß auch -Abschied, nehmen -- zu meinen Büchern. Hilf Gott! wie überfiel es mich da! -Ich weinte bitterlich! Aber sonderbar, wie ein Sterbender that ich einen -befreiten Blick über die armen Geister. Viel Freude ist in unsrer Literatur -nicht, das Meiste: Bedürfniß, Noth, Hülfe. Es ging mir ein Licht auf; ich -möchte sagen, ein bitteres. Kein Mensch schreibt mehr aufrichtig! Höchstens -ein Mediciner, ein Bohneneinsalzer. Keine Geographie, keine Geschichte ist -aufrichtig, was verdient Aufrichtigkeit genannt zu werden. Und da nun Jeder -anders fühlt und denkt, so seufzte ich schwer: Ach, mit der Aufrichtigkeit -stirbt die Treue, mit der Treue stirbt der Mensch. -- - -»Sind wir Menschen?« frug eine höhnische Stimme, wie der Teufel, hinter -mir, und ich sahe mich um. Aber nun auch, wie viel war ich los und warf ich -ab: zuerst alle Landcharten, Rußland, Türkei, Kirchenstaat, Spanien, -Portugal, selber Deutschland! Alle Journale fielen von mir ab, wie -angeklebte Bilder von einem als Bildermann maskirten Apotheker. Alle -Zeitungen, alle Kirchenzeitungen, denn nur noch eine Teufelszeitung fehlt --- zerfielen in ihren deutschen Staub, Gott sei Dank! Ich war wie -neugeboren. Alle Philosophie, die zuletzt nur dem Papst den Pantoffel -flickte. Selbst alle Dichter. Und wie im Himmelsfeuer stand mir Göthe auf -seinem Tabor verklärt. Denn sonderbar, unser Matador, der manchen Stier -erlegt, unser Dichterfürst, was hat er wiederum in seinem besten, schönsten -Werk, dem Wilhelm Meister, anders angelegt -- und vollständig in den schwer -verkannten Wanderjahren gelehrt -- als _die Auswanderung! Die -Auswanderung!_ Derselbe, der Herrmann und Dorothee das einzig hülfreiche -Wort zur Zeit sprach: Dächten Alle wie ich, so stände die Macht gegen die -Macht auf, und wir erfreuten uns Alle des Friedens. Könnte man sich manche -Deutschen so dumm denken, daß ein Mann wie Göthe, genährt mit dem Mark der -alten Welt, und in Leib und Herzen und Geist das Mark der Natur, ein Mann, -der für sich gar herrlich wußte frei zu seyn, und sich aus Allem los zu -ringen, so vernagelt, so neidisch, so niederträchtig gelebt und gedacht, -nicht Allen Andern das zu gönnen, was ihm allein nichts helfen konnte? In -Amerika will ich ein Büchlein ediren »der Volksfreund von Goethe,« der -seine ungeheuren Worte frei machen soll. Ja, ich getraute mich, durch -Auszüge und Zusammenstellungen seiner schlagenden und erschlagenden Blitze -ihn gradezu auf eine der beliebtesten Vestungen zu bringen, wenn er nicht -sicher in der Fürstengruft ruhte. -- Sicher? -- Hat man nicht schon gesagt, -er werde wieder hinaus practicirt werden? Weil auch der Staub verschieden -sei . . . . weil auch noch die Feder der todten Taube sich vor der Feder -des todten Habichts krümme, also krümmen müsse. Fahret hin! sprach ich -lachend. Ich fahre auch hin. Aber zur Mitgift auf die Reise stach ich mit -dem Finger blind in ein Buch, dachte dabei an Amerika, blickte dann hin und -las mit Rührung die schöne tröstliche Stelle in Iphigenia: - - »Denken die Himmlischen - Einem der Erdgebornen - Viele Verwirrungen zu, - Und bereiten sie ihm - Von der Freude zu Schmerzen - Tief-erschütternden Übergang; - Dann erziehen sie ihm - In der Nähe der Stadt, - _Oder an fernem Gestade_ -- - Daß in Stunden der Noth - Auch die Hülfe bereit sei -- - _Einen ruhigen Freund_.« - -Ich küßte den Band und ließ ihn wie Honig in einem absterbenden Baume. Die -größte Aufgabe der Indier während ihres Lagers im sogenannten Deutschland -scheint mir die Läuterung des durch die herrschsüchtigen Neu-Römer -verfälschten Christenthums, und so nahm ich als reines Facit nur »D. August -Neanders Werke« und »Reinhards Plan Jesu« mit mir. Von weltlichen Büchern -aber ein Buch -- wozu ein Volk von Gelehrten gehörte, also die Deutschen, -und Jahrtausend alte und reiche Kenntniß es zu schreiben -- eine Bibliothek -in Einem Werke, mit einem Wort: die unschätzbare »Encyclopädie von Gruber -und Ersch.« Wenn einmal ein auf Welt-Unkosten reisender himmlischer -Regierungsrath, oder himmlischer geheimer Consistorial-Assessor käme, und -auf der Erde Schulexamen ihrer Kinder vorgehalten haben wollte, oder Adam -früge: wie viel wissen denn nun meine Kinder durch die Frucht vom Baume der -Erkenntniß; so thäte man füglich am kürzesten, dem Vater Adam oder dem -himmlischen Regierungsrath oder himmlischen Ober-Consistorial-Assessor die -Encyclopädie von Gruber und Ersch als Scriptum der geistreichen Kinder zur -Einsicht und Kenntnißnahme gehorsamst darzureichen. Und der Bericht an die -Weltregierung, das große Ministerium des wahren Cultus, würde glänzend -ausfallen. - -Jetzt Abends brachten mir arme Bürger eine Musik. Ich weiß nicht, ich bin -bei allen Dingen standhaft, sie kommen mir alle noch weltlich, -oberflächlich, menschlich vor. Aber, so wie Musik erschallt, wie Klänge aus -der gewöhnlichen Menschenluft da draußen sich regen und hervorbrechen wie -rosige Blitze aus Wolken, und wie Donnergemurr und Gottes Rede aus Wolken --- dann bin ich hin, dann bin ich erweicht, und die Geister machen mit mir -was sie wollen, und das Ereigniß erscheint nun geweiht, es geschieht nun im -ewigen schönen geheimen Leben; die Geister des Himmels wissen darum, sie -loben, sie preisen, sie verherrlichen es mit ihren Engelszungen, und nur -mit höchster Überwindung bring' ich's dahin, dazu und darein zu singen, und -wenn mir's gelingt, dann lebe ich mit in dem Leben der himmlischen -Heerschaaren! Und nun sangen sie gar: »Befiehl du deine Wege!« . . . und -mit erhöhter gewaltiger Stimme: »Und ob gleich alle Teufel hier wollten -widerstehn, so wird doch ohne Zweifel Gott nicht zurücke gehn. Was Er sich -fürgenommen, und was Er haben will, das muß doch endlich kommen zu seinem -Zweck und Ziel!« . . . und das Kraftwort: »Mach' End, o Herr, mach' Ende an -aller unser Noth!« -- Da trat der General-Vormund mit meiner lieben -Lehrtochter, der Baronesse, zu mir Einsamen herein. Sie wünschten mir -Glück, sie empfahlen sich meiner Gunst und Vorsorge. Denn er übergab mir -2000 Guineen als Privateigenthum seiner Mündel, das in der englischen Bank -gestanden und den Gläubigern nie mit gehört habe -- nur die Baronie -- und -auf den Fall, daß sie den Gläubigern ganz gehören werde, sollte ich dem -armen Kinde reicher Ahnen, der jungen Baronesse, drüben wieder ein Stück -Amerika kaufen, so groß es für das Geld seyn werde und könne. Kaufen aber -sollte ich jedenfalls; »denn,« sprach der General-Vormund, »in Zeiten muß -Jeder für seinen Fall besorgt seyn. Vorsorge ist die wahre Sorge. Alles -Andere ist Kummer und Noth.« -- Dagegen versprachen sie mir, für meinen -Sohn alles Mögliche zu thun, und meiner -- Strohwittwe Freude zu machen, -die eigentlich nur um des geliebten Sohnes willen dableibe -- und die -Freysingen gab mir ihr Händchen darauf, aber sie zitterte, sie war erröthet -und ihre Augen schlug sie schüchtern nieder und ein Lächeln schwebte über -ihr Gesicht und -- ich segnete sie . . . . . wenn mein Vaterherz sie recht -verstanden hatte, und sie weinte. - -»Ja, es ist ein Elend,« stöhnte der General-Vormund; »die alten Burgen -wäscht der Regen herunter, und auch alle die Herren _von_ -- »»die Herren -von Hab' und Gut«« -- führt der Himmel auch herab unter die -Menschenkinder.« - -Am schwersten schien mir der Abschied von meiner alten lieben Großmutter, -die in dem Alter von 88 Jahren und staarblind in meinem Hause lebte, still -und ungemerkt. Aber er ward mir am leichtesten. Denn die gute Alte segnete -meinen Gang und sprach: »Du hast wohl einmal gehört, mein Kind, daß mein -jüngster Sohn August, um mich als Wittwe zu kränken, von mir gegangen ist -nach Amerika. Das hab' ich aus Rotterdam erfahren. Er war kaum Chirurgus. -Meine Augen waren immer schwach; er wollte mich heilen und sein Mittel -machte mich blind. Da stieß ich harte Worte im ersten Schrecken gegen ihn -aus. Er solle aus meinen Augen gehn! Ich wolle ihn nicht mehr sehn! -- Ich -will Sie nicht mehr sehen, meine Mutter; ich kann es auch nicht! sprach er -und floh. Mein Gesicht kam wieder. Er blieb fort. Nun bin ich blind! Nun -kann er kommen! So lange habe ich gelebt, ihn wieder zu sehen! Und gieb -Acht, er lebt noch, Du findest ihn! Ja, so lange sterbe ich nicht, bis er -kommt. Und Du kommst auch wieder, mein Sohn!« - -Nach Allem endlich schliefen wir zum letzten Male im Hause zusammen. O das -letzte Lichtauslöschen! Das letzte Gute-Nachtsagen! Und die Glockenschläge -der alten Uhr vom alten Thurme! Und das letzte Tagabrufen des -Nachtwächters! O die Welt ist entsetzlich tief und schauerlich! Und das -Menschenherz ist sehr stark, und unzerreißbar von allen Erdbeben und -Stürmen, die unter Gewitterwolken es zittern und klingen lassen von -unbegreiflichen, hinreißenden Melodieen des Lebens. Und die Träume kamen; -die alten Träume, die weinenden, kamen lachend; und die neuen Träume, die -lachenden, kamen weinend! Und ich schlummerte ein wenig, und die Träume -weinten viel, aber die Thränen standen am Morgen _mir_ in den Augen. Und -ich dachte, so ist schon Hunderttausenden gewesen, in alten Tagen und -neuen! So wird noch Millionen seyn, so Gott will. Alle Thüren im Hause -standen offen, als ginge es auf einen großen Jahrmarkt . . . . ich jagte -noch unser Rothkehlchen hinaus in die Freiheit; ich lies den Zeisig aus dem -Gebauer in die Freiheit -- die Katze blieb und der Hund lief mit! Und -sonderbar -- ich schied von Nichts und von Niemand schwerer, als von -Jemand, den ich doch mit mir nahm -- von meiner Tochter! Wohl weil ich sah, -wie sie Mutter und Bruder und Heimath verlor. Man muß die Augen zumachen -wie ein Todter, den man hinausträgt, sprach ich zu mir. Mit offenen Augen -schiede er selber schwer! -- - -»_Du kommst wieder!_« sprach mein Weib zum Abschiedswort, und blieb fest in -der Hausthür stehen, »Komm' wieder, Vater!« sprach mein Knabe, und kroch -mir noch in den Wagen nach, um mich noch einmal zu küssen; -- denn ich -hatte Pfefferkuchen bei mir! - -Ein Wagen ist so dumm nicht erdacht; nach hinten und an den Seiten zu -- -nur nach vorn, nach der Zukunft offen! Die Tochter saß neben mir, mein -Schulmeister gegenüber und mein ältester Sohn, der mich begleitete. Der -Schwager stieß in sein Horn . . . . mein Gott! ich hatte die Nacht noch -Abschied nehmen wollen von Vater und Mutter auf dem Kirchhof -- und nun -mußte ich denken: wir lassen nur Staub hier; was die Todten uns gewesen und -was sie noch sind, das besitzen wir, das sind wir selbst, das nehmen wir -mit. Sie waren auch überhaupt nicht von hier -- sie sind auch noch weiter -ausgewandert! Sie mußten. Wir müssen. Und in den frischen Morgen klang das -Horn in den Wald hinein, in den Gesang der Vögel, den Berg hinan, dann den -Fluß entlang -- und die stillen Wellen reiseten ja alle so Tag und Nacht, -so still nach dem Ocean! Die Morgensonne trat auf die Berge und lächelte -uns an, die große Reisende, die gestern das Land gesehen, wohin wir -wollten, und sie leuchtete uns _dazu_, gewiß dazu! Meine Frau hatte mir ein -Blatt Papier beim Scheiden gegeben, ich entfaltete es; es war ein -Notenblatt, das Lied: »Dir folgen meine Thränen!« Da that ich einen -Morgenschlaf im Wagen, und die Ändern wurden still, und schliefen wohl -auch. O Schlaf! Zwei Augen zu -- und die Welt ist still, und das Herz wird -leicht und rein, als schmölze der Schlaf es ein, läuterte das Gold, und -gösse es nun in die Form des neuen Tages, die ihm die Hoffnung gegeben und -reizend geschmückt. Im bestimmten Nachtquartier fanden wir uns mit dem -Amerikaner und seinem Neger Wilberforce zusammen. Als er auch meine Mirjam -aussteigen sah, schien er sehr froh -- er diente ihr höflich-amerikanisch; -er frug lächelnd: ob nicht der Diaconus mitgekommen? Sie sah ihn an, er -sie; und sie errötheten Beide so flüchtig, wie eine Schwalbe vorüberfliegt. -So kamen wir nach und nach, geschwind genug, durch vieler Herren Staaten, -über Grenzen und Grenzen, durch mannigfarbig bemalte Schlagbäume, erhielten -mancherlei kleines Geld heraus und bekamen nach mancherlei Ellen gemessen. -Wir sahen das Bewegen, das Hinundherregen, das Umherdrehen von Soldaten, -Fuhrleuten, Landleuten. Nur zu einer Übung in allerhand Privatkleidern -sagte der Amerikaner: »Vergessen Sie das nicht!« - -Und als wir so viele mißmuthige, verdroßne Gesichter gesehen, und wenig von -Lust und Freude gehört, sagte er wieder: »Vergessen Sie das nicht! wenn Sie -unsere Gesichter sehen. Kind und Greis sehen einerlei gleichgültig aus, und -innerliche Betrachtungen und Überlegungen hemmen Hand und Fuß und Auge und -Leben. So tanzen wir auch noch nicht. _Die Seele_ ist zu steif dazu.« - -Endlich eines Abends überholten wir in einem dünnen Walde, im Sandweg, -Auswanderer! Deutsche Auswanderer nach Amerika. Scheckige Ochsen zogen -langsam einen Wagen fort, darauf Grabscheite, Hacken, ein Gebund Betten und -kleine Kinder saßen, während die Väter, Mütter, Söhne und Töchter von drei -Familien nebenher zu Fuße gingen. Ein andrer Wagen mit Pferden fuhr die -letzten oder ersten nöthigsten Sachen, Säckchen mit Sämereien und allerhand -Zusammengehäuftes von mehreren Haushaltungen. Wenn Swift ein Gebet über den -Besenstiel verfertigt, so wäre mir gewiß jetzt ein rührenderes »Gebet über -ein Grabscheit« gelungen, deren Eisen mich glänzend anblitzte. Die Leute -gingen anständig gekleidet, aber stumm, wie der Sprache beraubt. Nur eine -Jungfrau frug uns: »Wie weit ist noch Bremen?« - -Dort liegt es ja! antwortete ich selber überrascht. Die Wagen hielten, die -Männer nahmen ihre Mützen ab, Alle falteten die Hände und beteten ein -stilles Vaterunser, ein Walte-Gott, oder ein: Nun danket alle Gott! -vermuth' ich. Nun standen die Thürme der Stadt uns auf aus der Hoffnung, -der hohe Angariusthurm, die Liebfrauenkirche, das Rathhaus, die Domkirche, -die Sternwarte, alles in dem geschmückten grünen Wall umher wie Spielsachen -in dem Raum eines Geburtstagskuchens. Dann die Masten der Schiffe! Seiler -spannen hier Schifsstaue; dort schmiedeten Männer in Hemden große Anker. -Dann umfing uns die enge Straße mit Häusern voll Erkern, über und über vorn -mit Fenstern, wie eine streifige _gläserne_ Weste, die Gott vor Schloßen -bewahren möge. Endlich die lange Brücke, die liebe Weser und das große -Wasserrad. Ein schöner junger Mensch begegnete uns, der unwillkürlich sein -englisches Pferd anhielt, wohlwollend, ja fast zärtlich uns . . . ich -glaube, zumeist meine Tochter, ansah, den Kopf senkte und dann erst still -des Weges ritt. Zufall! Schicksal! - -Denn mein lieber Master Erwin kehrte bei einem Handelsfreunde ein; ich, bei -meinem redlichen, guten, besten Freunde, dem Doctor Professor Weber. Wir -stiegen hinauf, er kannte mich nicht; ich aber wußte, daß er es war, ich -brachte ihm Grüße von meinem Bruder, den ich gar nicht habe -- und nun fiel -er mir um den Hals. Seine schönen Kinder standen um uns und hielten den -Athem an -- meine Tochter hatte er nicht gesehen, und es ist wohl die -eigenste Befriedigung, die schönste Lösung des heiligen Lebensräthsels: -einem Freunde die erwachsene Tochter zu bringen, zu zeigen. Und das gute -Mädchen stand vor ihm befangen, ja gefangen da, wie eine unbewußte -Schuldnerin von unabwehrbarer Neigung und Liebe, die ich dem theuren -Freunde im Herzen bewahrte. Er führte sie zu seinem Weibe, der auch ich -gleich wie ein naher Verwandter war; und meine Augen hingen an seinen -Knaben, wie an Ablegern einer köstlichen Nelke, die der Gärtner bisher nur -immer allein gesehen hat! Und nun hat sie sich verdoppelt, vervierfacht, -verjüngt, verschönt. Er fand mich im Verlieren, ich wollte nach Amerika, -und die Glocke der Freude zersprang. Und so sagte er mir im Vertrauen, daß -sein werther Freund und Gönner, der Graf B . . . . . St . . . . . . . ihm -den jungen, incognito hierher gekommenen Prinzen empfohlen, der neben ihm -wohne und den Titel eines Herzogs in seiner ursprünglichen Bedeutung den -Deutschen auffrischen wolle -- und als Führer der Auswanderer aus seinem -nicht gar großen Ländchen auftreten, da sein Vater sich noch nicht -entschließen könne, dem das Amt eigentlich zukomme. Denn, sage er, mit -einem Schwarm junger Bienen, welche den alten Mutterstock verlassen, und in -die neue, von den Spurbienen gesuchte Bäute schwärmen, zieht nicht ein -junger Weisel, sondern der alte erfahrene Weisel des Stockes, als rührendes -Beispiel für Menschen! Die Herzöge der alten Deutschen seien es auch nur -für die Zeit des Zuges oder der That gewesen, und in dem drüben angekauften -freien Lande möchten ihn die Seinen nun ferner zum Haupt wählen, oder einen -Andern, wenn er nur brüderlich für sie gesorgt, bis wo sie sein und des -Vaters nicht mehr bedürften. Er meine eine große, deutsche, zeitgemäße That -dadurch zu thun, indem er mit Willen und Liebe sich an die Spitze der -Bewegung stelle; aber sein Vater wolle ihn davon abhalten, und werde dieser -Tage in Bremen eintreffen, »um den so guten, edlen, feurigen, jungen Sohn -auf gute Weise zurückzuführen und wieder einzuspannen in den alten schweren -Wagen von Europa, von dem Niemand wisse, wohin er fahre, nur wie schlecht -der Weg sei --« wie er selbst ihm geschrieben. Übrigens lagern Tausende von -Auswanderern so eben jenseits der Altstadt, nach Elsfleth zu, die ich -lieber sogleich gesehen und ausgefragt hätte. Da kam der junge Prinz -gesprengt, er sprang ab, er kam herauf, und überrascht, uns . . . . ich muß -es sagen . . . . meine Mirjam hier zu finden, sah er noch einmal so -schwärmerisch schön aus, seine Augen leuchteten, aber seine Anrede -verwirrte sich, selbst sein Gruß stockte, seine Frage blieb aus, und er -schlug die Augen wie ein Mädchen zur Erde. Im Geiste hatte er schon seinen -Titel abgelegt, und dem gewünschten Incognito gemäß, lernten wir ihn nur -als Herrn _Leuthold_ kennen! Leuthold -- Publicola -- der Name machte mir -ihn werth; und als er nun hörte, daß ich die armen Einwohner von zwanzig -großen Dörfern hinübersiedeln wolle, überschüttete er mich mit einer Masse -von wohlgegründeten Nachrichten aus redlicher Männer Munde, drückte mir die -Hände, und es ward verabredet, das Lager der Auswanderer gegen Abend zu -besuchen, und auf dem Pianoforte spielte er mir den unvergleichlich -rührenden »_Gesang der Pilger_« aus Hasses Pilgerinnen vor, und sang dazu -mit feuchten Augen und bebender Stimme. Ungern schied ich indeß. Denn ich -hatte die eben angekommenen sechs Freundinnen meiner Tochter -unterzubringen, die sich drüben vermiethen wollten. - -Gegen Abend also gingen wir dann. Ich mit dem Freunde; der Prinz führte -meine Tochter und sprach in seinem Feuer mit edlem Anstand zwar, doch wenig -verhalten zu ihr -- als uns der Amerikaner begegnete und als Freund sich -uns anschloß. Er gesellte sich aber zu mir, ging mit mir hinter dem Paare, -und sahe ernst und blaß aus und sprach nicht, und sahe bisweilen murmelnd -lange starr zu Boden, als schimmere ihm unter der Erde ein großes Buch, -dessen Schrift er mit Gewalt entziffern wolle. Der immer vorsichtige Mann -stolperte jetzt sogar. Zuletzt trug er, wie ich wohl bemerkte, erst Eine, -dann beide geballte Fäuste in der Tasche. Wilberforce, sein Neger, sahe, -wie ein treuer Hund nach dem Jäger sieht, gespannt nach den Augen seines -Herrn. Er frug endlich, doch leise, meinen Freund, wer der junge Gentleman -sei, der die Miß vor ihnen führe. . . . . . »Der Prinz . . .« sagte ich -ihm, zwar leis, doch etwas unvorsichtig, und er hörte es kaum halb, als ihm -recht wohl schien. Es stand ein Lächeln auf seinem Gesicht, das ganz Europa -weglächelte, ein kostbares Lächeln, das mich hinriß. Aber meine Tochter war -noch Gänschen genug und noch von keinem Prinzen und so verbindlich geführt -worden, und ich als Herr Vater und Unterthan steckte auch noch so tief in -der Eselshaut, daß ich keine Scene, besonders nicht gleich und hier auf der -Straße besorgte. Der schätzbare Master Erwin aber nahm mich unter den Arm, -hielt mich zurück, als wolle er mir etwas zeigen; und als die Übrigen -voraus genug waren, frug er mich ehrerbietig und lüftete den Hut dazu: -»Wollen Sie mir Ihre Tochter gönnen?« - -Wie so? -- frug ich. - -»Zur Hausfrau! -- meine ich.« - -Ich wußte, wie meine Tochter dachte und fühlte. Ich gestand ihm das; aber -auch, daß sie ihm, daß sie der je ihr eignen und freien Neigung entsagt -- -weil er Sclaven -- hundert -- fünfhundert Sclaven habe. - -Der Mensch in dem Amerikaner, in dem Kaufmann und reichen Plantagenbesitzer -ward roth. Er preßte die Lippen zusammen, blickte mit starren Augen ein -inneres Bild vor seiner Seele an, und sprach dann: »Schon gut! meine ich. -Also Sie meinen sonst Ja?« - -Ich zuckte, eigentlich wunderbar froh die Achseln und meinte: Ja! - -Da verließ er mich, ohne Übereilung, ging dem guten Prinzen zur Seite und -sprach: »Wollen Sie mir nicht erlauben, meine Braut zu führen?« - -Da ließen die Arme der beiden unschuldigen Kinder sich los. Mein Kind war -blaß, so viel ich sehen konnte, sie stand ein wenig vorgeneigt, mit -gesenktem Antlitz, und hielt ihre linke Hand leicht über die Augen, ihre -Lippen standen geöffnet, als wäre eine Rose plötzlich aufgeblüht. - -. . . . Das habe ich nicht gewußt; -- stammelte der Jüngling. - -»Ich auch nicht! Aber Sie wissen es jetzt;« sprach der überraschte und -überraschende Bräutigam. - -Der Jüngling trat zurück. Die Braut ließ sanft und langsam ihre Hand von -den Augen sinken, und ihre großen Augen sahen einen wunderbaren Augenblick -nach mir zurück; dann sah sie vorwärts, sah nicht den Bräutigam an, der den -gesenkten Arm anständig an den seinen nahm. - -Und nun gingen wir -- schweigend bis ganz in die Nähe des friedlichen -Lagers. Da hörten wir singen, blieben betroffen stehen, und hörten nach -rührender Weise in Moll ganz deutlich die Worte: - - »Nun wandern wir mit Thränen aus, - Von Bergen und von Thal! - Die Erde ist ein großes Haus - Mit manchem Saal! - Du Sonne, kommst mit über's Meer - In jene beßre Welt; - Du Mond, du schiffst still nebenher - Am Sternenzelt. - - Der Boden zieht sich unterm Meer - Dahin, in sichrem Band; - Und drüben hebt er sich so hehr - Als freier Strand! - Da drüben blüht der Frühling auch - Im alten Himmelreich; - Die Erde hält den alten Brauch -- - Bleibt Euch nur gleich! - - Habt Dank, Ihr Brüder, nah und fern! - Ihr halft uns Alle gern; - Habt großen Dank, Ihr großen Herrn, - Habt Dank, Ihr Herrn! - Ihr Flüsse habt den schönsten Dank - Für eure klare Fluth; - Doch euer Trank, der macht uns krank, - Ihr meintet's gut! - - Nun sind wir Furcht und Qualen los, - Wir werfen Alles ab; - Und glückt uns Nichts -- im Erdenschooß - Bleibt uns das Grab! - Drum angenehme Ruh! Glück zu! - Nun Alle gute Nacht! - Haus, Bäume, Feld und Pferd und Kuh -- - Es ist vollbracht! - - Viel thaten wir mit unsrem Arm, - Viel tausend Städte stehn! -- - Der Korb ist nicht der Bienenschwarm. - Sie stehn -- wir gehn! - Wohl hundertmal jed' Beet mit Fleiß - Umpflügten wir mit Muth -- - Das Land ist naß von unsrem Schweiß, - Von unsrem Blut. - - Manch Schlachtfeld deckt die Väter zu, - Der Todten morsch Gebein! - Drum laßt uns ziehn in Fried' und Ruh, - Uns unser seyn! - Nicht hundert Jahr, so kommen wir - Zurück zu Euren Gau'n, - Und wie's Euch geht, geloben wir, - Mit Ernst zu schau'n!« - - * * * * * - -So etwas hatte ich noch nicht gehört auf Erden, gedachte aber an das Lied: -»An Wasserflüssen Babylon.« Die Leute, die gesungen, schwiegen kaum, als -wir von einer andern Seite her schon den Ausgang eines andern Liedes -vernahmen, das junge Burschen in lustiger Weise sangen: - - »Nun schnürt die letzten Lumpen ein - Und macht ein groß Gebund! - Schnürt Sonne, Mond und Sterne drein! - Und bleibt nur fein gesund! - - Vor allen schnürt die Hände ein! - Und Kopf und Herz und Mund! - Ein Hüttchen wird schon drüben seyn, - Das glaubt sogar mein Hund!« - - * * * * * - -Einer von ihnen wollte jetzt das bekannte Lied anstimmen: »Was ist des -Deutschen Vaterland?« -- als Andre ihn unterbrachen und frugen! Ist das -noch nicht aus? -- und Einer wollte in das Lied eingestimmt haben: »Wer -weiß, wie nahe mir mein Ende?« -- Mädchen kamen uns entgegen gesprungen, -welche schon einen Maikäfer gehascht und wieder fliegen lassen, und aus der -dreißigjährigen alten Noth dazu sangen: - - »Flieh, Käfer, flieh! - Dein Vater ist im Krieg, - Deine Mutter ist in Pommerland -- - Pommerland ist abgebrannt -- - Flieh, Käfer, flieh!« - -Die Knaben aber sangen ein andres, mir unbekanntes, schwermüthiges, treues -Lied, auch aus Moll, was »die Schwalbe« hieß; denn unter diesem Titel -forderten es von den andern Kindern zwei liebe, schöne Knaben, beide wie -Brüder gleich gekleidet; beide gelbe Strohhütchen auf, beide blaue Jäckchen -an, beide weiße lange Hosen und beide baarfuß. Sie sahen gesund, aber -kummervoll aus. Und die andern Kinder wollten es, manche dem Anselm, manche -dem Wilhelm zu Liebe mitsingen; die Brüder selber sangen nun, hell und bang -herauszuhören aus dem lieben Knabengesang: - - Du, meine liebe Schwalbe, - Ziehst weit nun über's Meer, - Siehst meine Heimath wieder -- - Ach, wenn Ich doch -- _Du_ wär'! - - Ich baut' an Mutter's Fenster - Mein Nest mir einsam, leer; - Ich säng' ihr meinen Kummer, - Wenn Stille um uns wär'! - - Da spräch' sie einst zum Vater: - »Das Lied macht mir so schwer! - Ach, fange doch die Schwalbe, - Und bringe sie mir her!« - - Da laß ich mich ihn fangen; - Die Mutter küßt mich sehr! - Drauf soll ich wieder fliegen -- - Da bin ich schon nicht mehr! - - Da steht sie tief betroffen, - Denkt bang an mich und schwer, - Begräbt mich bei dem Weinstock, - Der sagt ihr: daß Ich's wär! - -Jetzt hatten wir Stimmung! Das Herz war uns schwer, und wir begriffen, wie -den Abgeschiedenen zu Muth war, die mir so eigen bedürftig, so eigen -heimathlos vorkamen, wie den Schiffern die müden Vögel, die vor Hunger und -Müdigkeit ohne Menschenfurcht sich auf dem Fluge über das Meer in die -Segelstangen setzen, sich ausruhen, auch wohl schlafen und im Schlafe vom -Morgen träumend singen! -- O Natur, du bist unter allen Masken nur Eine, -voll Leid und Freude und Trost und Hoffnung immer und überall. - -Darauf gingen wir hinter in den grünen Raum, wo die deutschen Auswanderer -lagerten, theils in offen stehenden leeren Magazinen, Scheunen, theils auf -dem Platze davor. Es ist unmöglich, zu leugnen, daß der Anblick ergriff: -diese kraftvollen, rüstigen Männer, diese gesunden, auch schönen Weiber und -rosigen Jungfrauen, diese Knaben und Mädchen, diese kleinen Kinder in -Bettchen hier, dort auf Strohe liegend, und von den kleinen Schwesterchen -gewiegt, herumgetragen, oder im Schlafe bewacht von einem treuen Hunde, der -wie aus dem Schlaf die Augen nach uns richtete, aber die wohlwollende Seele -in den unsern erkannte, nicht anschlug, nicht knurrte, sondern ruhig wieder -die Schnauze hinstreckte. Auch alte Männer mit weißen Haaren saßen da, -welche, kaufmännisch betrachtet, doch kaum die paar Thaler für die -Überfahrt werth waren, und welche doch -- wie die Türken in Constantinopel -sich drüben in Scutari begraben lassen -- auch drüben wollten begraben -seyn. Sie schnitzten Löffel, auch nur Spielsachen für die Kinder. Hier und -da hing ein Ochse oder eine Kuh, welche für ihre Mühe: die Wagen hierher an -das Ufer zu ziehen, geschlachtet und für die Seereise in Fässer -eingepöckelt wurden. Selbst einigen Ziegen war es so gegangen, die räuchern -hingen, und ihre gehörnten Felle nicht weit davon zum Trocknen. Andere -Ziegen mit schwellenden vollen Eutern, von den Jungfern mit Gras gefüttert -und eben gemolken, sollten den Kindern auf der See frische Milch geben, und -es drängte mich, den Weibern zu lehren, wie sie auch Milch aufbewahren -können. Kessel kochten das Abendessen über Feuern; im Strom gefangene -Fische zappelten auf dem Rasen noch ungeschlachtet. Wasserkrüge und kleine -Trinkkrügchen standen bereit. Alle waren anständig gekleidet, Manche -vielleicht aus Armuth sonntäglich. - -»Welche Wehmuth geht von dem Raume aus!« sprach der Prinz. »Hier schaut man -unleugbar: Ganz gewiß ist etwas vorgegangen, ganz gewiß ist diesen Menschen -etwas Unleidliches geschehen, ganz gewiß hoffen sie Erlösung, eine bessere -Zukunft, als sie hier abwarten und mit durchleben wollen, daß wir diese -Tausend und schon Legionen und noch Legionen hier am Eingang des Meeres -sehen! Etwas ganz gewiß. Das ist unleugbar. Etwas, dem Niemand helfen kann -oder will. Denn menschliche Geduld ist -- übermenschlich, oder deutsch. -Ach, wer in alle die Herzen sehen könnte! Diese Menschen sind nur -- -heilige Meerschweine, die auf die Oberfläche der See kommen, wenn Sturm -soll kommen! Sie sind Sturmvögel! Oder fliegende Fische, die nicht vor -Vergnügen . . . . sondern, dem Tode zu entgehen, vor Angst vor einem oder -vielen kleinen Haien, sich der ihnen von der Natur aus Vorsorge zu Lehn -gegebenen großen Flossen oder Flosse -- der Schiffe -- bedienen. Sie sind -Männchen im Mantel, die aus dem Wetterhäuschen bei schlechtem Wetter -herauskommen, und von der gekrümmten Darmsaite gezwungen, sich herauswinden -müssen. Denn welche Schnecke bleibt nicht gern in ihrem Hause? Welcher -Fuchs ist so dumm, aus der Haut zu fahren, als wenn sie aufgeschnitten ist -und er gebrannt und geprellt wird. Der Mensch ist nicht dümmer als das -Vieh, aber _am Ende_ auch so klug und so tapfer. Ja der Zahnarzt, der -keinen Zahnarzt findet, nimmt sich in der Angst selbst einen Zahn aus, und -je weher er sich selber thut, je lieber er sich selber zur Thür -hinauswerfen möchte, je gewaltiger ruckt er an seinem Zahne, bis er -hinausfliegt. Kurz, hier schmerzen die Zähne, oder die Herzen. Herzensweh, -größtes Weh!« sprach er und schlug die Augen nieder. Meine Tochter auch, -die dem von Wohlwollen leuchtenden Jüngling mit feuchten Augen zugesehen, -oder zugehört -- ich weiß nicht. - -Mein ehrwürdiger Prinz -- wollte ich sagen -- aber durfte nur sprechen: Sie -einziger, theurer Herr Leuthold, wie ungern gebe ich Ihnen Recht -- -verzeihen Sie, es ist höchst unrecht und unanständig, vornehmen Leuten -Recht zu geben -- Furcht und Hoffnung treibt und jagt die Welt. Indeß, was -Jeder, oder was Alle hoffen oder fürchten, ist nach der Bildung des Geistes -und Herzens eines Jeden verschieden, und stuft sich ab von Brot bis zur -Freiheit, von Qual bis zu Kälberbraten und Salat. Indessen wäre es doch -höchst wichtig, selbst den Höchstwichtigen, zu wissen: was diese fliegenden -Fische oder Wettermännchen fürchten oder hoffen, oder hoffen _und_ -fürchten. Wir wissen es so ziemlich gewiß, aber ob auch Diese? Doch das -Volk weiß Alles wahr und klar, durch handgreifliche Dinge, und beurtheilt -die Saaten und die Bäume nach Garbe und Frucht; die Graf Magnische Wolle, -Electoral- und Königlich-Spanische Wolle beurtheilt es aber blos nach dem -Rocke -- den es selber tragen kann! - -»Rem acu tetigisti! Sie haben den Schaden mit der Sonde berührt, und er -schmerzt mich!« versetzte Herr Leuthold. Mein Schulmeister Tolera hatte -schon Bekanntschaft unter der Menschenheerde gemacht, und er zeigte uns -Studenten von verschiedenen Universitäten, die, wie er uns erzählte, statt -Doctoren zu werden, mit dem Gelde von ihren Ältern, theils ohne . . . -theils daß diese es wußten, und zufrieden waren, nach Amerika auswanderten. -Sie wollen auf einer Nordamerikanischen Universität studiren, oder drüben -Garten-, Vieh- und Menschenzucht betreiben, und haben sich schon die -haltbarsten, schönsten Mädchen hier ausgesucht, die ihnen die Ältern nicht -abschlagen wollen. Ich begreife gar nicht, wie aus altem Holze schon neue -Triebe wachsen, wie man auf der Reise an's Heirathen denken kann. Freilich -paaren sich Störche, Amseln, Kraniche und Schwalben, grade ehe sie -fortziehn -- wie die fortgeschickten Polen in Danzig alles von der Straße -wegheiratheten. So wundre ich mich nun nicht mehr so sehr. Vorhin war ein -Herr hier, der frug einen Professor, der auch mit auswandert: »Das sind -wohl eigentlich alles Pracken?« Gewiß, versetzte der Professor; aber es -bleibt dabei die Frage: ob sie geprackt worden, oder ob sie geprackt haben --- alle Andern, alle Solche wie Sie, und Sie nicht ausgenommen. Dabei -kehrte er ihm den Rücken. Tolera brachte uns aber eigentlich nur die beiden -Knaben, die vorhin das Lied von der Schwalbe gesungen, und winkte sie -näher. Sie kamen, die gelben Strohhütchen in den wie zum Beten gefalteten -Händen, waren bildhübsch, und der Älteste, der Anselm, sprach: »Ach, liebe -Herren, Alle oder Einer, unser Vater ist blos über dem Wasser hier drüben, -in einer großen Stadt, die Kentucky heißt; unsre Mutter hat sollen -nachkommen, sie ist aber gestorben, und nun lacht uns jeder Schiffscapitain -aus, wenn wir ihn bitten: uns ohne Geld mit hinüber zu nehmen. Erbarmen Sie -sich, Einer oder Alle, unsres Vaters, der wird sich doch gar zu sehr -freuen! Ach, und das ist ein rechtes Unglück, man kann drüben nicht mehr -die Überfahrt abverdienen, wenn Einen der Capitain dafür auf ein paar Jahr -vermiethet, das hat der drübensche Congreß verboten! Ach, wenn der Congreß -uns sähe am Ufer stehen, er wäre ein barmherziger Amerikanischer Congreß! -Aber die Congresse sind so weit von uns, so unbarmherzig und hart und wie -blind, daß sie uns arme Kinder freilich nicht hier stehen sehen können! -Aber Sie sehen uns stehen, beste Herren! Oder wenn Sie kein Geld haben, -oder an uns nichts wenden wollen, befehlen Sie nur einem Capitain, daß er -uns mitnehmen muß! Schreiben Sie es mit ihm nieder, daß er mich drüben -verkaufen muß, für mich und meinen Bruder, den armen Schelm! Ich will Gutes -thun. Indeß wachs' ich noch größer. Und wenn ich meinen Vater erst in zehn -Jahren sehe, so sehe ich ihn doch einmal und mein Bruder auch.« Die Kinder -faßten vor Freude sich schon bei den Köpfen. - -Master Erwin sagte uns, daß alle europäische Contracte in der Union gar -nichts gelten, und warnte uns. Meine Tochter schien ihn zu bitten, den -lieben Knaben die Überfahrt zu bezahlen, als sie der Prinz schon beide an -den Händen ergriff, und zu einem Capitain führte, der jetzt aus einer -Scheune kam. Ein sonnegebräunter, kerniger, hoher Mann im blauen Frack und -langen, weiß und roth gestreiften Hosen und Schuhen, einen dreieckigen -langen niedrigen Hut die Quere auf dem Kopfe, wie ein kleines schwarzes -Boot. Er gab jedem der Knaben darauf eine Karte aus seiner Brieftasche; und -ohne vor Freuden sich nur zu bedanken, sprangen sie fort und rissen vor -Eifer im Laufe andere Kinderchen um. Der Prinz kam still wieder zu uns. -Master Erwin, oder nun mit Gott denn: mein Schwiegersohn, hatte indeß ein -Gespräch mit mehreren Auswanderern angeknüpft, deren Einer ihn jetzt als -Amerikaner auf sein Gewissen frug: - -Also freies Raff- und Leseholz können Sie uns gewiß versichern? - -»Auf fünfhundert Jahr vor der Hand, meine ich.« - -Der Kreis sahe sich froh an. Eine alte Frau rieb sich den Rücken und -seufzte: Da werde ich also nicht krumm und lahm geprügelt. -- Mein Gott! -wie bist Du doch gnädig da drüben über dem Wasser! Hier war es wie's war! - -Und ein Anderer frug wieder: Herr, ich habe wegen Angeln und Krebsen vier -Jahr gesessen, und bin freilich ein Liebhaber, aber auch ein armer Teufel --- wie steht es da drüben? - -»-- Freier Fischzug in allen Flüssen und Seeen. --« - -Der Mann machte eine besondere Geberde, die aber uns nicht galt, zog einen -alten Jäger herbei, und frug weiter: Der hier hat, als streng angewiesener -Grünspecht, einen oder ein paar Wildschützen erschossen, die einen Hasen -nicht haben herausgeben wollen -- ist dort Wildpret genug? Denn, lieber -Herr, wo jeder Bauer den Garten voll Pflaumenbäume stehen hat, da stiehlt -kein Kind eine Pflaume. - -»-- Freie Jagd und Wildpret in Unzahl. Geflügel in Unzahl. Maisvögel, -Truthühner, Tauben.« - -Da möchte man sich das Leben nehmen! seufzte der alte Jäger, dessen Augen -und Wesen deutlich verriethen, daß er dem Wahnsinn und einer schrecklichen -That an sich selber ganz nahe stand. - -Aber Wiesewachs, Futter für die Kühe! Wie viel Stunden weit hat man wohl in -das Gras? und wächset auch welches? - -»-- Liebe Frau, da wird ihr der Rücken nicht weh thun. Die Kühe hinaus! und -wenn Ihr hundert habt; und welche ihr melken wollt, die ruft Ihr bei Namen. -Aber einen Namen muß sie haben. So macht Ihr es auch mit Euren hundert -Schweinen, und Ihr ruft nur: Komm, laß dich schlachten! Ich lüge nicht, so -mach' ich es, so machen es tausend Nachbarn noch hundert Jahr . . . Ein -Pfaffe hat Europa verdorben, und das Schwein verdirbt Amerika. Haltet keine -Schweine, damit ihr keine Schweine werdet; denn auf dreimal Schinken den -Tag, setzet Ihr auch vielleicht dreimal Whisky und Rum.« - -Ach Gott! nur zu Weihnachten ein Schweinchen! schmunzelte eine Frau. - -»-- Schlachtet Ochsen! --« - -Ach, der liebe Gott ist doch sehr gnädig da drüben über dem Wasser! Hier -war es mit den Ochsen nicht recht richtig; stöhnte die alte Frau und sahe -ganz jung aus vor Freude. - -Aber, aber! sprach ein alter Mann: Ich habe Zeitlebens gearbeitet wie mein -eigener Sclave, und habe Nichts, als diese Jacke auf dem Leibe, weil Arbeit -uns hier nicht mehr nährt, Alles der bösen Nachbarn wegen, des Krieges -wegen, der Schulden wegen, der Furcht wegen! Was wollte ich noch fragen? -Ja! -- Sind drüben gute Nachbarn? Sonst kehre ich heim. - -»Das Weltmeer ist der schlimmste und beste Nachbar; übrigens ist dort kein -Papst, kein Kaiser, kein König auf weit und breit. Friede und Brot!« sprach -mein Schwiegersohn. - -Friede und Brot! wiederholte der alte Mann; und drei alte Weiber sprachen -nun wie die drei Eumeniden wieder im Chor: Mein Gott, wie bist Du doch -gnädig da drüben über dem Wasser! - -»_Meine_ Söhne!« rief hier eine Mutter zu ihren vier Jünglingen. »_Meine_ -Söhne!« sprach eine andere Mutter zu ihren Sechsen. »_Mein_ Sohn!« rief -eine dritte Mutter. - -»Ja, Euer seid Ihr dort!« sprach mein Schwiegersohn; »selber das ganze Land -oder Reich, nämlich die souveraine Republik, ist dort Euer, und selber der -Präsident, der bloß Euer Vorsitzer ist. Ohne Erbe ist kein Erbfolgekrieg; -ohne Furcht vor dem Volke ist keine Unterdrückung, ohne Schulden sind keine -Zinsen, ja, es ist die bitterste Wahrheit: in wenigen Jahren muß Jeder bei -uns von der Regierung alle Jahre Etwas heraus bekommen an Gelde!« - -Und die drei Eumeniden sprachen wieder: Mein Gott, wie bist Du doch gnädig -da drüben über dem Wasser! - -»Ihr habt Recht!« sprach er, »aber vergeßt nicht: blos Europa hat es -dadrüben gut gemacht! Alles, was man hier im Geiste gesehn und gewünscht, -das wird da drüben in Wahrheit; was man hier verwünscht hat, das bleibt -hier begraben. Drum tretet dankbar und leise auf das heilige Grab und -segnet es hier und noch drüben!« - -Und es war wunderlich anzusehen, wie Einige leise und schonend auf dem -heiligen Boden des Vaterlandes -- des Mutterlandes der Freiheit -- fort zu -den Ihren schlichen. Mir quollen die Thränen in den Augen. - -Herr Leuthold aber drückte meinem Schwiegersohn die Hand, daß er -Deutschland gepriesen als die saure Rebe der süßen Traube. Das Lager der -Auswanderer hatte den tiefsten Eindruck auf ihn und uns Alle gemacht. Und -diese ihre erzwungene Muße, dieses große Müßigsein voll stiller Geduld und -schönen Zutrauens war allerdings ein eigener Zustand der Menschen auf -Erden, in deren Leben wir einen tiefen, düstern und erfreulichen Blick -thaten. Diese hier sangen, andre wuschen die Kinder, noch andre aßen, alles -in herzlicher Eintracht. Einer theilte dem Andern mit, was er hatte, und es -that ihm nur leid, wenn es ihm fehlte, und er sprach wohl freundlich zu -ihm: Bruder, das habe ich nicht! und ein Nachbar hatte es gehört, rief ihn -und sprach: Bruder, ich habe noch, komm! So wurden die Verschiedenen zu -Einem. Denn gleicher Wille und gleiches Ziel verbinden die Völker. - -Es war noch Zeit, unsre Arche, das Schiff zu besehen, das mein -Schwiegersohn gemiethet. Wir fuhren zu Wasser hin. O so ein Haus! So ein -großer verständiger Fisch! Wie sauber Alles. Und die goldenen Sterne, 27 -Sterne, für jeden Freistaat ein Stern in himmelblauem Eckfelde der roth, -blau und weißen Flagge. Seine Flügel schliefen. Die sauberen Räume standen -noch leer. »Es ist nicht groß, darum geht es nicht tief, und kann überall -eher ans Land;« sagte mein Schwiegersohn; »es ist neu, also wird es der -Capitain nicht mit Willen stranden lassen, um die versicherte Prämie zu -gewinnen. Ich habe es ganz gemiethet, es faßt 150 Menschen, und so kostet -Jedem die Überfahrt ohne Essen und Trinken nur 30 Thaler. Sie kommen mit -nach New-Orleans, um Florida zu sehen, das man so rühmt, und dann den -Todtenstrom, den Missisippi hinauf, auf einem der Dampfboote, nach -Kentucky, Ohio und wohin Sie wollen.« - -So hatten wir denn, wie die Kinder, schon in der Kutsche gesessen, die noch -ohne Pferde steht. Abends aber führte uns Master Erwin in die Versammlung -der verarmten Rittergutsbesitzer, denn wohl zwanzig Familien hatten seiner, -auf des Vaters Befehl gethanen Einladung, mit Freuden Folge geleistet. Sie -wohnten alle in der Nähe, sie waren versammelt, sie lernten ihn kennen, wir -sie. Unter den merkwürdigen, anständigen, mitunter schönen Gesichtern und -den unleugbar sich auszeichnenden Gestalten der Männer, Frauen, jungen -Herren und Fräulein, und unter den mannigfachen Reden der Verdrossenen, -Neu-hoffenden, vergesse ich nie die Valet- oder Standrede des Adels, welche -ein launiger alter Herr hielt, welcher sich selbst den Herrn von Habenichts -nannte. Unter andern sprach er: »O Don Colibrados, und alle Ihr Colibraden, -kommt mit! Was Ihr einmal waret, begreift Niemand, Ihr selber nicht mehr! -selbst Euren Namen nicht. »Wir sind vom Geschlecht der Colibraden!« Das -Wort mußte uns Spannung geben. Für den Schein mußten wir alle Wahrheit -opfern! Pferde, Spiele, Bälle. Wir tanzten wie ein gewisses fettes Thier -vor Angst auf den heißen Eisenstäben. Denn der Güterhandel, der -Pferdehandel, der Holzhandel, der Wollhandel, der Getreidehandel, kurz alle -Handel und Händel brachten uns zum Tanzen. Was waren wir noch? Sequester -der Juden! Sclaven unserer Schaafe und Ochsen. Und nun sollten unsere -Junker _lernen!_ Lernen, was andere Menschen, die Krety und Plety, wissen -und können; unsere Fräulein sollten Bürger heirathen -- blos um das einzige -Wörtchen _von_ im Stillen zu behaupten! Das sei Gott geklagt. Wir werfen -das einzige Wörtchen »_von_« von uns ab, als den alten schweren Harnisch, -verlassen die hohe Region, erwerben im Thale des Lebens für unser letztes -Hab und Gut große Güter, und nennen uns heimlich, bis wir es sind, »die -Herren _von_ -- Europa.« Und sind wir nicht dennoch die Vorbilder des -Volkes gewesen? Und haben wir es nicht vortrefflich gehabt, so lange wir es -gewesen? Haben wir Edlen nicht alle wilden Schweine, Hirsche, Rehe, alle -Hasen, alle Rebhühner und Lerchen gebraten und gekocht, alle Hechte, -Karpfen, und Krebse gegessen, bis wir dem gemeinen Volke den Mund wäßrig -gemacht, und alle das liebe Wild ihnen verkauft, um Kutschen und Kleider zu -kaufen. Sind wir nicht Keiler, Zehnender, Hasen, Bretklötzer, Hechte u. s. -w. über und über? Ja durch und durch! Und unsere Burgen und Zimmer, haben -sie nicht nun Alle? Was wir tragen, trägt es nicht Jeder? Was wir wissen, -weiß es nicht Jeder? Wie wir ohne Steuern und Gaben zu seyn wußten, will es -nicht Jeder? Haben wir uns nicht gegen den hohen Adel gestemmt, und ihm -Alles abgetrotzt? Kurz, durch uns Muster und Modelle sind nun Alle im Lande -Edelleute geworden, ja sie wollen sogar edle Leute seyn! Und so sind wir -die Steinplatte mit der ersten, so so gezeichneten Menschengestalt gewesen, -welche man tausendfach abgedruckt hat, die aber selbst darüber abgenutzt -und verwischt worden bis zum Unkenntlichen, hoff' ich. Das war nobel! hoff' -ich. Und unser Lohn ist, der Abschied eines Dieners, oder eines Herrn, der -sich unnütz gemacht hat -- eines Stockes, der durch Lehre und Zucht der -Schulknaben zu kurz geworden -- eines Flegels in genere, der durch Dreschen -abgedroschen ist, und in der Scheune verloren dahängt, als sein eignes -Monument. O Welt, wie schön bist du, wie dankbar! so daß dein größter Dank -für die Größten und Edelsten grace, der himmlische Dank ist: daß sie darin -überflüßig, verachtet, verspottet, zum alten Flegel werden, vom seligen -Herrn von Habealles, allmählig zum Herrn von Habewas, bis endlich zu meines -Gleichen: den seligen Herrn von Habenichts! Und so danke ich allen meinen -Ahnen, die das vollendet, -- allen Schatten der nobelsten Geschlechter -danke ich hier in dem Einen schwarzen Schatten, der von mir an der Wand -schwebt, als letztes concretes und concentrirtes Bild unsrer edlen Kaste, -ich gehe hin und küsse ihn dreimal laut: Dank! Dank! Dank!« - -Und so that der herrliche fröhliche Mann wirklich, ging hin und küßte den -Schatten »mit dreimal Dank.« Und mit sonderbarem Gefühl wischte er sich den -Kalk der Wand von den Lippen, setzte sich und sprach: Nun sage Niemand -mehr, daß Einer sich nicht selber küssen kann! Sie meine Herren und Damen, -sind männiglich Zeuge! Und männiglich sind Sie, daß Sie mich nicht etwa -erzürnt zur Thüre hinauswerfen, sondern so edel, so gescheidt, so -politisch, so habsüchtig, daß wir in genere die Landstraße zu Wasser nach -Amerika einschlagen wollen und werden. -- - -»Sie lachen! Alle! Sie lachen heiter! Sie haben überwunden;« sagte mir der -liebe Leuthold ins Ohr. »Es wäre vielleicht doch nicht gut, ein ganzes -Ländchen mit allen Ständen und Ständchen hinüber zu setzen! Wer drüben -leben und denken, unbillig leben und denken will, der bleibe gleich lieber -hier und leide sich und Andere! Man dürfte nur »Constantinopel wie es ist« --- »Venedig wie es ist« -- »Wien -- Rom -- wie es ist -- Neapel -- Baiern, -wie es ist« -- nach Amerika hinüber versetzen, und ganz Amerika wäre auf -immer verdorben! Und das verdorbne Europa auch! Ich fange an, Nord-Amerika -für eine Art wohlgedeckte große Freimaurerloge anzusehen, wohin man nur mit -Schurzfell und Kelle kommen darf. Diese Erfahrung hier wird meine -Übersiedelung stark berichtigen! Aber sehen Sie nur, was Herr von -Habenichts auskramt!« - -Ich sah. Dieser breitete eine große Charte von einem kleinen angekauften -Ländchen aus, und zeigte Jedem sein neues Gut, oder doch Habe. »Für den -Rest, den Ihr auf Eure Schulden herausbekommen, für die 5000 Thaler etwa, -habt Ihr Jeder so viel Erde dort wieder, als Ihr hier niemals besessen -- -Teiche, Wälder, Wild! Für den Werth des Holzes in Wien oder Berlin kauftet -Ihr hier ein Fürstenthum; aber thut es ja nicht! Denn dort müßtet Ihr -verhungern, wenn Ihr das schöne Mahagoniholz nicht verbrennen wolltet zu -Acker, da die Bäume keine Brotbäume sind. Aber Menschen -- denn mit -Erlaubniß, so nenne ich Euch jetzt, pflanzt Pisang! Pisang! Denn ein Stück -Land, das mit Euren vermaledeiten Kartoffeln bepflanzt, nur Adam und Eva -nährt, das nährt, mit Pisang bepflanzt, ein halbes Hundert. Ihr seht also, -daß Ihr die alte Bärenhaut mitnehmen könnt, um dort mit den Händen so viel -auszuruhen, als Ihr hier mit dem Kopfe habt arbeiten müssen. Jeder findet -sein Haus, und gefällt es Euch nicht, wie vermuthlich nicht -- doch ein -Blockhaus ist kein Stockhaus, sondern nur einstöckig -- so baut Euch Ein -Schloß auf der Stelle, wo alle Eure Grenzen zusammenstoßen -- einen großen -Boarding, ein Gemeinlogis, schämt Euch des Namens nicht! Denn ein Gut, -wovon nicht Jeder das Gleiche besitzen und brauchen kann, ist ein wahres -Übel, wie unsere _Güter_ waren, welchen Namen ein alter Prophet -aufgebracht, um uns einmal -- das heißt jetzt -- den Stolz zu benehmen. -Aber was macht denn das Kartenspiel so interessant für die herrlichsten -Menschen? Also auch für Euch, denn ich darf Euch nun Menschen nennen, und -herrliche Menschen, denn Ihr habt wieder Etwas, ja viel -- was reißt so zum -Kartenspiel? Nun? . . . . daß sie Freiherrn werden, Schicksalsgötter, daß -sie nach ihrem Kopfe mit Königen, Königinnen, Buben, As, Spadille und -Manille verfahren können, wo ihnen keine Hausehre, kein Offizier, kein -König darein reden darf, denn wenn er kann und will, sticht er -- oder -paßt, verpaßt. Seht, hier habt Ihr eine beßre Art Charte, die Euch noch -froher machen wird -- hier ist ein neues Spiel; setzt Euch ein! Da seid Ihr -wieder Herren!« - -Während nun die schöne klare Charte und mancher Plan den Auszug oder die -Auszügler und Vorzügler des Adels beschäftigte, und sie wünschten, daß Alle -als Nachzügler kämen, ward mein Freund Weber abgerufen. Er holte bald den -Prinzen nach, dessen Vater, der Fürst, gekommen war, mein gnädigster -Landesherr, der, obgleich souverain, doch, so viel er von höhrem Ort -durfte, Jedem Freiheit ließ, ja gab. Und doch schien mir seine Ankunft dem -guten menschenfreundlichen Prinzen fatal. Wir zogen uns auch zurück, und -mein Schwiegersohn, Gott bewahre, nicht der neue Landesherr dieser -vornehmen Neuweltsrekruten -- unter welchen Obersten, Generale und große -Thiere waren -- sondern blos der bescheidene Herr ihres neuen Landes, ward -von ihnen, wie Moses am rothen Meere von den Kindern Israels verehrt, und -Jeder empfahl sich ihm einzeln zu gnädigem Schutz. So steckte noch die alte -Lust und Gewohnheit: protegirt zu seyn, in den redlichen Leuten! - -Zu Nacht erst war ich allein mit meiner Tochter, und konnte sie, als Braut -eines ihr lieben Mannes, in meine Arme schließen und segnen. Sie war zu -allem still, und sprach zuletzt nur: »O wenn nur die Mutter hier bei uns -wär'!« -- Ich deutete das in meinem Sinn, wie ich ihr eigentlich nur Segen -von dem Segen gab, den ich durch ihre reiche Heirath über mich -ausgeschüttet, fühlte. Fand ich drüben keine Anstellung als Prediger, -vielleicht wohl gar bei den ausgezognen Adligen, und starb ich nicht, ehe -ich verhungerte -- so verhungerte ich nun nicht, sondern meine gute Tochter -gab mir gewiß das Gnadenbrot! und ich konnte umsonst predigen, taufen, -trauen, begraben, was bei uns der nobelste Bischof nicht thut, und wir -theuren Herren kosten mit Kirchen und Schulen den armen Leuten zu viel, und -ich habe immer einen Stich in der Seele gefühlt, wenn ich den Becher -Taufwasser, oder den Leib des Herrn mit den paar Dreiern von den guten -Leuten bezahlt erhielt, welche sie hinter dem Altare wandelnd -hervorgesucht! Und doch schielte ich abscheulicher Mann dennoch manchmal -nach dem Gelde, oder schlauer sogar nur freundlich, nach den Augen der -Opfernden; denn, wer mit zugemachten Augen gab, der schämte sich, so wenig -zu geben, als er in den bedeckenden Fingern mir auf den Altar heraufreichte --- aber, mein Gott! ich bedurfte das Geld, und seufzte, wenn ich es so -geschwind durchzählen konnte, und es für den Herrn Sohn auf der -- -Pferdeakademie nicht langte, denn er lernte reiten; oder nicht langte zu -dem bestellten Weihnachtsgeschenk für die Frau . . . . und morgen ging die -Post! Darum segnete ich die Tochter mit feurigem Dank für meine Erlösung -und bat: daß alle Geistlichen so liebe Töchter hätten, auch so liebe -Amerikaner fänden, um Alle, Alle im Geldsinn, nicht im Weltsinn umsonst zu -predigen, umsonst Wein und Oblaten auszutheilen, umsonst kleine Kinder zu -taufen, kurz, Alle von Judas Ischariot's Sünde erlöst zu werden -- wie ich -nun schien. Ich schlief die Nacht in einem Rosengarten, der in Amerika lag; -denn im Traume sah ich ungeheure Ströme, Höhlen, Wälder, Wasserfälle, -Blumen und Bäume, tausend Wunder, Alles mir neu -- und selbst meine Tochter -wandelte dort, nebst einem Häuflein Kinder, aber mit dem Prinzen Hand in -Hand, der sie dort in seiner Provinz, wohin er sein ganzes Völkchen -übergesiedelt, als redlicher einfacher Herr Leuthold geheirathet hatte -- --- -- und ich küßte ihm die Hand, aber er gab mir mit meiner Tochter Hand -eine Ohrfeige, und die Hand war eiskalt! -- So etwas mußte am Tage mir -still durch die Seele gefahren seyn, ich meine nicht die Ohrfeige, sondern, -daß die lieben Kinder ein schönes Paar wären! - -Der Amerikaner sagte mir am Morgen nichts Näheres, Gewisseres über seine -Verlobung -- bloß, daß unser Schiff fertig liege, und daß der Wind nur nach -Ost umzusetzen brauche. Freund Weber, vom Fürsten beschäftigt, konnte mir -auch kein Wörtchen sagen, als: der hergeeilte Vater will den armen Leuthold -nach Hause bringen oder zwingen. So kamen wir, ich, meine Tochter, Erwin, -von seinem Wilberforce und nun seinem Tolera begleitet, am Ufer der Weser -zu einer herzzerreißenden und doch herzerfreuenden Scene. Der junge -Leuthold kam uns düster und allein entgegen. Er blieb bei uns stehen, wir -lasen in seiner Seele, aber nicht laut, und deuteten lieber auf etwas auf -dem Strome, den Knaben, dem er gestern mit seinem Bruder die Überfahrt zu -seinem Vater in Kentucky besorgt hatte. Wir kannten den Anselm an seiner -Kleidung, ja am Gesicht; sein Bruder Wilhelm fischte mit ihm. -Wahrscheinlich hatten sie einen großen Lachs gefangen und der ältere Bruder -beugte sich über, er konnte die Last nicht erheben, er wollte sie nicht -fahren lassen, während der kleinere Bruder im Strome den Kahn nicht zu -halten vermochte. Uns verging der Athem vor Angst. Er machte eine -Anstrengung nach dem Fisch und stürzte in die Wogen des tiefen und breiten -Stromes. Den kleinen Knaben führte die Strömung im Kahne davon. Der -Verschwundene kam nicht herauf. Endlich, endlich erschien das schwarze -kleine Haupt -- das wieder überspielt ward, dann wieder einmal eine Hand -- -wie Geisterzeichen aus einer Mauer -- endlich zwei Hände. Und indem wir -starr hinblicken, ohne an Hülfe zu denken, erblicken wir eine Gestalt in -der Gegend des Knaben -- meine Tochter ruft gedämpft! es ist der Prinz! und -fällt dem Amerikaner um den Hals und verbirgt ihr Gesicht an seiner Brust, -und so hält sie ihn auf. Indeß seh' ich allein das Traurige. Der -menschenfreundliche Leuthold ist uns entschlichen, ist weiter unterhalb in -den Strom gesprungen -- weil kein Kahn hier steht -- und hat sich gewiß -gefährlich gestoßen an einem ungeheuren Pfahl; denn aus seinen -gelegentlichen Worten von gestern weiß ich, daß er schwimmen kann -- und -jetzt doch dort draußen mitten auf dem Wasser hält er sich kaum. Er rudert; -vergeblich. Er sucht; vergeblich. Er bedarf selbst der Hülfe. Der -Amerikaner sieht, was vorgeht, über die Achseln seiner Braut, oder doch -meiner Tochter. Eine seiner Wangen ist glühend roth, die andere weiß -- er -hat ein Auge geschlossen, eins hat er mitleidig offen. Ich rede zu ihm an -das linke Ohr und frage: »kann Wilberforce nicht schwimmen?« -- ich erwarte -keine Antwort, gehe vor Eifer auf die andre Seite. »Wilberforce!« rufe ich. -Das hat nun auf dem rechten Ohre der sonderbare, halbtodte, halblebendige, -halbfrohe, halbtraurige Erwin gehört -- er winkt, und der Neger, der sich -schon bereitet hat, theilt sicher und flink, wie ein Reh, die Fluth -- -endlich, endlich kommt er auf die gefährliche Mitte. Ich habe nicht Augen -genug, wie es sich ereignen wird, schon ereignet hat. Ein Kahn ist vom -jenseitigen Ufer herüber gekommen zu Hülfe. Der Neger hat den rettenden -Jüngling ergriffen, er zieht ihn nach. Aber Leuthold, Kindhold, -Menschenhold hat den Knaben mit seiner Hand an der Hand und zieht ihn nach. -Ich jauchze: sie leben! Er lebt! -- Meine Tochter schlägt die Augen auf und -sieht mich an. Sie lehnt sich nicht mehr an ihres Bräutigams Brust. Sie -sieht nun selbst -- der Jüngling wird von den Schiffern in den Kahn gehoben --- aufrecht gesetzt, oder setzt er sich selbst; der Knabe wird zu seinen -Füßen gelegt, und ist nicht zu sehn. Der Neger schwingt sich in den Kahn. -Sie rudern schnell. Sie kommen. Sie nahen. Sie landen. Sie springen ans -Land. Selber der Knabe kommt wie betrunken getaumelt. Maria faßt ihn in -ihre Arme, so naß er ist. Er drückt sich die schwarzen Locken aus. Leuthold -bleibt ruhig in dem Kahn. Ich steige hinein. Der Amerikaner steigt hinein --- der schöne Jüngling ist ertrunken, und seine schöne Hoffnung ist dahin, -ins Land der Hoffnung, oder war sie zuvor schon dahin. Und die Hoffnung -vieler Tausend. Durch den Vater. - -Der Bruder des Knaben kommt am Ufer heraufgelaufen. Er ist weiter unten -glücklich gelandet. Es freut uns nicht. Hülfe kommt; ein Wundarzt; es freut -uns nicht. Das edle purpurne Blut fließt aus dem entblößten mädchenweißen -Arm des blassen schönen Jünglings; die Hülfe bleibt vergebens -- es betrübt -uns nicht. Der Vater, der Fürst kommt. Es betrübt uns nicht. Es ist sein -einziger Sohn; er hat nicht Viele retten sollen -- Einen zu retten, dem er -schon Freude gemacht, dem er Vater und Vaterland wiedergeschenkt, das hat -er nicht unterlassen können; die abgeschnittene Rebe hat in der engen -einzelnen That sich ausgeweint. Meine Tochter weint. Sie soll mit dem -Bräutigam gehen. Sie hat sein Wort nicht gehört. Er geht allein. Der Fürst -schenkt dem Neger seine goldene Uhr; Wilberforce läuft seinem Herren nach, -zeigt sie und frägt: ob er sie behalten dürfe? Der wirft sie gelassen in -den Strom und geht. Jetzt eilen wir nach. Wir kommen zusammen nach Hause. -Er hat vorher geschwiegen. Er schweigt auch jetzt. Er steht nur einmal -still, blickt freundlich ernst auf den Boden -- und ist dann der Vorige! So -hing denn auch dieses hin, wie so Vieles in der Welt hinhängt, -unausgemacht, ungewiß, selber die Sonne am Himmel. - -Tolera berichtete am folgenden Tage, daß sich die Auswanderer alle -bereiteten, mit Leuthold zu Grabe zu gehen, der ihnen so manches Gute -gethan, wie sich jetzt erst hervorthat. Der Leichenzug wäre merkwürdig -gewesen. Besonders wenn die guten Deutschen, wenn Diese noch so genannt -werden durften, gewußt hätten, daß er ein Prinz sey, der einmal sich an die -Spitze des Volkes zu stellen entschlossen war, um Volkswillen auszuführen, -nämlich das Volk, wie Moses aus Ägypten. Wir unter uns glaubten, der Vater -werde ihn in dem Bleikeller der hohen Domkirche beisetzen lassen, damit er -dort unverweslich und unverwandelt als die größte Merkwürdigkeit ruhe und -lehre. Der Vater war aber durch des Sohnes Tod, das Andenken an ihn, das -Hineindenken in ihn so zum Sohne geworden, daß er ihn wenigstens in den -Freistaaten begraben lassen wollte. Aber Amerika weiset die Todten von -sich; kein Schiffer schifft sie hinüber. Das nennt man Aberglauben. Ich -hatte die Ehre mit meiner Tochter, den Vater an demselben Abend bei meinem -Freunde zu sehen, als Leuthold nach der Gruft seiner Ahnen abgeführt -worden. Da ihm als Incognito Niemand besonders krumme Rücken und -jämmerlich-unterthänige Redensarten zeigte, so sahe man hier, was -Behandlung, die Art des Selbstbenehmens, thut. Er war fast wie wir andern. -Es waren an diesem Tage mehrere reiche Auswanderer angekommen, denen keine -leiblichen Güter fehlten, also nur die geistigen Güter; denn es waren -bekannte hochgebildete Männer, und Frauen darunter! - -Der Fürst erzählte, er habe mit ihnen gesprochen -- und solcher Deutschen -Auswanderung habe ihn frappirt -- an das Herz geschlagen. Und wie schlugen -mir seine Worte an's Herz! »Europa,« sprach er, »Europa ist das Land wo -alle Rechtsinstitutionen zuerst im Großen auf Völker angewendet worden -sind. Seit einem Jahrtausend hat es sogar versucht, die Religion auf den -Staat anzuwenden, in jedes Haus, an jeden Heerd, bis in das Gewissen jedes -Menschen eindringend. Das sind denn wohl ungeheure, höchst ehrwürdige -Versuche! Daß ihr Gelingen aber nicht möglich war, und seyn wird, daß -Europa an dem Widerstreit seiner alten, ersten und nun hinzugekommenen -entwickelten Institutionen untergehen wird und muß, deswegen grade sey es -glücklicheren, durch keine alten Fesseln gehemmten Völkern desto -ehrwürdiger -- weil es rechtlich war! Es hat den Begriff des Rechtes -festgehalten, und heilig das Erworbene, Überkommene geehrt; ob es gleich in -späterer Zeit nicht neu ertheilt worden wäre, so hat es doch das Bestehende -geschützt -- um Keinen zu kränken, und lieber den Anschein haben wollen: -als kenne es nicht das Reine, Vollkommene; lieber im Kampf mit Ablösung -alter Asiatischer Gebrechen untergehen, als mit dem Schritt zu einem -Zustande, wie er den Einsichten der _entwickelten Menschheit_ angemessen -wäre, die Verbindlichkeiten seiner Erblasser abschütteln, und groß, frei, -herrlich . . . . aber _schuldig_ und verschuldet dastehn. Indeß sichern ihm -seine niedergelegten Beweise von Kenntniß des Höchsten: die Achtung des -Geistes überall; und sein _Verhalten_: den Adel des Herzens; und sein -Schicksal und seine Verlassenschaft: die ewige Dankbarkeit aller spätern -Völker. Und seine Grabschrift wird seyn: Es that, was Recht war; darüber -ging es zu Grunde, der Welt zum Opfer. Have, anima pia!« - -Er schwieg. Er dachte gewiß an seinen Sohn, denn er sprach noch einmal mit -feuchten Augen auf Deutsch: »Ruhe sanft, du gute Seele!« - -In dieser wehmüthigen Pause zogen grade die Studenten nach Elsfleth -vorüber, um sich diese Nacht noch einzuschiffen. Wir hörten die ersten und -letzten Verse ihres Liedes nicht, nur diese beiden, die mit Kraft und Jubel -gesungen, nicht ohne Eindruck blieben: - - Dem Menschen ist nichts angeboren, - Als Maul und Nase, Aug' und Ohren - Et caetera! Et caetera! - Und hat er nicht den Kopf verloren, - So steht der Bursch stets neugeboren - In Galla da! In Galla da! - - Dem Menschen ist viel _ein_geboren -- - Ein Leben, frei und unbeschoren - Et caetera! Et caetera! - Wo guter Wein gut ausgegohren, - Da singt der Bursch, wie neugeboren: - Halleluja! Halleluja! - -»Die guten jungen Menschen!« sagte der Fürst. »Wirklich: junge _Menschen_! -Sie kommen mir so unschuldig vor, wie der Lebensbalsam, der nicht in der -Retorte bleiben kann, in welcher er bereitet worden, sondern übergeht! Auch -keine Blume blüht in der Erde, in der sie gekeimt. Dann ist die ganze Natur -treulos, wenn diese jungen Blumen, jungen Menschen treulos sind. Diese alle -fliehen den langweiligen unsichern Proceß, das Recht zu gewinnen. Und -. . . . sie wollen des Lebens positive Güter. Und wie kommen mir Alle, alle -die Auswanderer so fromm vor, gar so fromm! Sie murren nicht, sie tadeln -nicht, sie klagen nicht! Sie leiden! Sie meiden! _Sie gehn_! Geht mit Gott! -Ruhe fordert der Mensch mit Recht; Ruhe seit uralten Tagen; Ruhe zu eigenem -thätigem Leben. Und darum Sicherheit -- heitere Aussicht -- Lämmer am -Himmel, nicht Kriegsgestalten. Und hätten wir nicht Alle die Ruhe verdient? -Ist es nicht unmenschlich, dem nicht die Ruhe zu gönnen, der sie erlangen -kann, der gern arbeiten will, daß ihm das Blut aus den Nägeln dringt, um -nur Ruhe zu haben. Die Ruhe ist ein inneres Gut. Und wäre ich so reich, um -Jedem sein halbes Brot da drüben zu sichern, und wäre der Mantel des Doctor -Faust noch im Gange, daß Jeder gleich drüben erwachen könnte mit allen den -Seinen, und früh zu dem Fenster hinaus sehn -- wie viele Ämter würden früh -ohne Männer seyn. Pfarrämter, Gerichtsämter, selber mancher Ministerstuhl -würde leer stehn. Und nur die, welche vom Wirrwarr, vom Kritisiren leben, -die würden, sich dann doppelt breit und groß machen, wie Kinder, die auf -dem Kirchhofe den Geist spielen, und das Betttuch auf dem Rechen -emporstrecken. Indessen ist das Meer eine Art von Zaubermantel. Die Reichen -ziehen fort, um ihres Wohlstandes sich drüben doppelt zu freuen, doppelt -reich zu seyn -- leiblich und geistig. Selber die Besten ziehen fort, die -da glauben, daß es in Europa gewiß gut werden wird, ja daß die deutschen -»Vereinigten Staaten« die Amerikanischen himmelhoch übertreffen werden. -Aber da hört' ich ein Lied derselben, das heißt: - - Und selber die Leiden - Und Wehen vom Neuen -- - Die wollen wir meiden; - Dort Deiner uns freuen - Wie Hirten vom Feld -- - _Du geborener Held_! - -Und sie glauben also: Wir müssen durch den großen Umschwung in Europa uns -viel mehr verwandeln, aus Mangel an Kopf oder Geld von dem in Schwung -gebrachten Rade zur Seite geschleudert, als wir uns dort verwandeln müssen, -nämlich nur die Augen aufmachen! Die Armen aber, sie finden drüben die oft -uns genannten zehn Plagen nicht. In Amerika sind nicht: Europäische -Politik; stehende Heere; zu kostspielige Hofhaltung; -Aristokratenherrschaft; papistische Umtriebe und Priesterherrschaft; -Staatsschulden; Staatspapiere; Handelssperre durch directe und indirecte -Abgaben; Ungleichheit der Besteuerung; Ungleichheit vor dem Gesetz. -- -_Nichts_ ist _Viel_. Viel ist Nichts. -- So gehen sie denn. Und mit -doppeltem Eindruck wiederholte er seine Worte: Sie murren nicht, sie tadeln -nicht, sie klagen nicht. -- Sie leiden! Sie meiden. _Sie gehn_. Geht mit -Gott! Gott ist gewiß auch über dem Wasser!« - -Zu diesem Worte, das uns an den Alten-Weiber-Spruch erinnerte, mußten wir -beinahe lachen. Er schloß aber ernst: - - »Denn keusche Reinheit, zarter Göttersinn - Wohnt in dem armen menschlichen Geschlecht. - Im stillen sanft, im Ganzen allverbreitet - Laß es das Leben allgemach sich schmücken - Auf reinstem Wege, wie dem Menschen ziemt. - Die Einzelnen nur mögen Reue fühlen, - Dem menschlichen Geschlecht ziemt Reue nicht, - Ziemt alles Große, Würdige und Schöne; - Und sicher seines Tags, in mildem Stolz, - So wandelt's rein zum reinsten Erdenglück.« - -Ich führe diese Gesinnungen deswegen an, weil sie darauf einen geheimen -Contract zwischen dem Vater des Leuthold und Herrn Erwin zur Folge hatten, -worunter ich mich nur als Zeuge mit unterschreiben mußte, ohne jetzt mehr -zu erfahren, als daß beide Theile dabei das Beste ihres resp. Vaterlandes -besonders im Werke führten. So viel jedoch konnte ich mir abnehmen, daß die -Sache einen Austausch von Einwohnern oder Unterthanen betraf, wie sie für -jedes Land am zweckmäßigsten wäre! Ich sollte dabei höchlich interessirt -seyn, und vorzüglich wirken. Ich! Und somit ward ich in die Welt -verwickelt. Wer lebt, kann in Alles gerathen. Ein Kind kann groß wachsen, -ein Erwachsener kann Soldat werden, ein Soldat kann -- Nelson erschießen! -oder Moreau! die auch einmal Jungen gewesen sind. Denn dieß ganze -Geschlecht besteht aus großgewachsenen Jungen und Mädchen, und die Kinder -spielen nun Leute. Darum kann ich immer keinen rechten Respect vor allen -den Herren bekommen! Und was ich selber thue, kommt mir immer nur wie ein -großer Kinderstreich vor! Und wenn mich ein alter Bauer »Hochwürden« -nannte, so mußte ich mich recht zusammennehmen, um das Amtsgesicht zu -machen! Wie mag das dem Papst erst schwer werden! Nur nicht, wenn er -bedenkt, daß alle seine Vorfahren und Pfaffen ja eigentlich auch nur Kinder -sind. Im Nebenzimmer, unter vier Augen steckte mir der Fürst den kostbaren -Ring an den Finger, den sein Leuthold getragen -- als ein Andenken für -meine schöne liebe Tochter an ihn. Die Vornehmen erfahren und vermuthen -doch Alles, weil Jeder sie für seinen Beichtvater hält, dem er Alles aus -dem Herzen schütten muß, und der alle Sünden vergeben kann. So war auch -meine Tochter verrathen -- oder ihr zur Ehre nur der gute Leuthold. Ich -kehrte aber die großen funkelnden Steine des Ringes in das Inwendige der -Hand -- und mußte noch obendrein mich bedanken. Es kam aber nicht besonders -heraus. Mehr Freude machte mir ein Beutelchen Gold zum Abschiedsfest der -Auswanderer im Lager, damit sie »Einen guten Tag« in Deutschland, hätten. -Und wir Andern, die sich selbst hinauspracticirenden Adligen, die -Wohlhabenden, kurz wir Alle feierten das Abschiedsfest mit ihnen, unter -ihnen als alle nun: Neue Landsleute! Amerikaner! Das Fest war sehenswerth, -mehr aber hörenswerth, am meisten jedoch bedenkenswerth. - -Ein weißer weiter Frühlingsnebel bedeckte das Vaterland am Einschiffmorgen. -Wir sahen die Sonne nicht mehr. Nur einzelne Stimmen ließen sich vernehmen, -und ein gewisser Krüppel sang wieder sein unvergessenes Lied: Frisch auf, -Cameraden, aufs Pferd, aufs Pferd! Ins Feld, in die Freiheit gezogen! -- -Wir umarmten die bleibenden Freunde am Ufer, empfahlen ihnen die -Abschiedsbriefe in die Heimath, und saßen dann wie die alten Helden -- im -Pferdebauch. Kanonenschüsse donnerten, so daß wir in der Seele recht hell -erwachten und einen Blick in die Welt thaten. Der Lootse, ein Kerl wie ein -Bär aus Helgoland, sprang aus dem Nebel auf das Verdeck, der Anker ward -eingeladen und wir schwammen! Das nächste Land, das wir sahen, war Amerika, -und dazwischen lag nur die Meereswüste, wie vor den Kindern Israel ihre -Sandwüste, um in der einsamen heiligen Zeit unsere Sünden abzubüßen und -neue gute Entschlüsse zu fassen. O Weltmeer, mit deinem blauen Gewölbe, -worin des Tages nur Eine große Lampe vorübergetragen wird, und des Nachts -viel tausend goldene Lampen -- welcher Tempel vergleicht sich dir! Wo man -den Menschen vergißt, da erscheint Gott! Und Deutschland lag mit seinem -Gewimmel, seinen Thürmen und Hütten hinter uns, wie den Nachhauseziehenden -eine kleine Stadt mit ihrem verlöschenden Jahrmarkt, wenn es drinnen -finster werden will. Nur als draußen auf offener See am Abend der Mond aus -der Fluth aufstieg, als ich glaubte zu Hause zu seyn, und nur die Tochter -neben mir stand, da wurden die Augen mir feucht, und ich lehnte mich an -sie. O was ist ein Kind in der Fremde! Wir sehen uns an -- und wir reisen -nicht; wir sind daheim; da wo wir auch zu Hause daheim sind, wenn wir uns -ansehn. Nur die Mutter hatte mir das Herz schwer gemacht; denn das -Postschiff hatte uns draußen bei Wangerooge noch eingeholt, Briefe -nachgebracht -- und meine Frau schrieb mir: »Ich komme! Segle vor dem -Zwanzigsten ja nicht ab! Ich bringe unsern Gustav Adolph mit. Es hat sich -hier viel verändert!« -- Und das las ich bei vollem Winde den Achten des -Monats! Zwölf Tage zu spät! Ich hatte ihr geschrieben, daß Steinbach unsere -Tochter zur Frau von mir begehrt, und daß ich sie ihm zugesagt. Das war -gewiß Eine von den Veränderungen, die sie bestimmt hatten, mir sogleich -nachzufolgen. Und nun war ich fort! Mit einem schweren Seufzer mußte ich -auch Das gut seyn lassen, wie tausend Andere in der Heimath! Ich verschwieg -aber der Tochter die Nachkunft der Mutter, meine Sorge und die Verwirrung, -welche nun entstehen mußte. Die Männer müssen verstehen, das Schwerste -allein zu tragen. Darum sind auch noch die Weiber und Kinder so lustig in -Deutschland. Dafür wußte ich Einem Vater drüben Freude zu machen, durch die -zwei Knaben, den Anselm und Wilhelm, die mir anvertraut waren. Vom -Schulmeister Tolera unterstützt, hielt ich Vor- und Nachmittags -Schiffsschule mit den Kindern der Auswanderer, und trieb vorzüglich nur -Neueweltkunde, Geographie und Naturgeschichte. Die Kinder lernten alle wie -Genie's! Denn das Interesse lag vor uns -- nicht rückwärts! Das ist die -Ursache, daß so viele Candidaten, besonders der heiligen Theologie, den -Repuls bekommen! Die Ältern hier aber erlebten Freude und saßen mit -gefalteten Händen an den Borden umher. Bisweilen sangen in der Morgen- und -Abendstunde auch die Rothkehlchen dazu, und die Staare schwatzten. Denn ein -Freund der Natur hatte eine kleine Arche voll Singvögel mit eingeschifft: -Leipziger Lerchen, 50, je ein Männlein und ein Fräulein; Polnische -Sprosser, 50, je ein Männlein und ein Fräulein. Bayersche Staare! Und -Oberlausitzer Haidelerchen, die Vögel mit dem wehmüthigsten Gesange auf -Erden! Und auch den fröhlichsten, liebsten Vogel der Kinder -- den Kukuk! -12, je ein Männlein und ein Fräulein. - -War der Mann mehr ein Menschenfreund? Oder ein Freund der Vögel, der diesen -da drüben neue unermeßliche Wälder schenken wollte? Ich weinte fast, wenn -ich die lieben Sänger ansah, und war voll von tausend Frühlingen. Der -Inhaber derselben frug mich lächelnd: »Bin ich der Herr von Habenichts? Ich -will durchaus wissen, ob ich drüben der Herr von Kannnichts seyn werde; das -will ich wagen und prüfen! Die geheime Macht ist die größte; und das -geheime Wissen und Können, was Jedem einwohnt, ohne daß er es weiß -- das -ist das Herrlichste. Was für ein Esel hat mein Ahn und Ihr Ahn -- Adam -geglaubt zu seyn, als ihn der Engel zur Auswanderung aus dem Paradiese -genöthigt; und ward er nicht ein herrlicher Landpfleger in Asia, der -Normalbauer, auch Schaafzüchter der Heidenheit! Und o wie schwer mußte dem -Herrn von Adam das Leben unter nicht einmal bürgerlichen, sondern -thierischen Canaillen werden -- da er das Paradies geschaut hatte und -drinnen gelebt! Wie viel tausendmal besser haben es wir -- die wir bei uns -nichts vom Paradiese gesehen haben, als Schwarzkittel, Regimenter Engel mit -dem Schwerdt, und wenig Freudenhäuser -- als die privilegirten! Und ist -jeder Bauer im Schiff hier nicht ein Auserwählter des Herrn, wie Noah in -seinem Kasten! Damit wir gesegnet würden, durften Millionen nicht ersaufen, -sie durften _auf trockenem Lande_ bleiben! Und was fand Noah, als er -ausstieg? -- Recta Nichts! Und was finden wir? -- Recta Alles! Bis auf die -Singvögel, und die bringe Ich!« - -Zur Ergötzlichkeit der Andern wurden fast alle Gespräche öffentlich -gehalten, und ich erstaunte, wie bald sich der Mensch an Redefreiheit -gewöhnt. Die alten ertragenen Leiden waren unleugbar überstanden, und wie -man von Todten spricht, so redeten hier die Leute von Europäern und -Europäischen Dingen: das _waren_ große Schulden -- das _waren_ schwere -Zeiten -- das _waren_ schlechte Aussichten. Kurz, der liebe Schiller ist -nie zur See gefahren, sonst hätte er wahrer gesungen: »Auf dem _Meere_ ist -Freiheit!« -- Uns war es die Freiheitsschule. - -Wir waren schon mehrere Wochen gesegelt, und Anselm wußte, wie wir Alle, -daß Amerika da sey, wenn die Wache aus dem Mastkorbe riefe: _Land_! Da rief -sie nach einem schweren Gewitter einst: Land! Land! -- Es konnten diesmal, -da uns der Sturm zur Seite gedrückt, jedoch nur erst die azorischen Inseln -seyn. Der Knabe aber stieg in die Strickleitern hinauf -- sahe Land, sah in -seiner Meinung das heiß ersehnte Amerika -- er dachte gewiß an seinen -Vater, wollte gewiß die Hände ausstrecken, hatte sich also nicht mehr -angehalten, und so war der arme, vor Freude taumelnde Knabe herabgestürzt -auf die harten Bohlen, und wir hatten einen Halbtodten im Schiff, den der -Arzt herzustellen nicht gewiß versprach. Ich bekam eine Nothtaufe; darum -schrieb ich zu den andern Regeln für Überfahrer auch die: nur geborene -Menschen mitzunehmen. Der Sturm hatte in der Ferne wo ein Schiff -zerbrochen, und in der darauf folgenden gänzlichen Windstille erkannten wir -endlich einen Menschen, der, mit einem Schwimmgürtel versehen, sein Leben -gerettet hatte. Ich fuhr im Boote mit hinaus ihn aufzufischen. Welch ein -Mensch! Alle die Seinen waren umgekommen. Er hatte in einer Tasche vor der -Brust noch Lebensmittel auf viele Tage. Sein erstes Wort war: »Niemand muß -sich allein retten. Das ist schändlich, unausstehlich!« Der Mann sah -furchtbar aus. Er trug einen leichten Panzer, über und über mit -Stahlstacheln gegen die Angriffe der Seeungeheuer, womit er auch schon zu -Lande, in Wäldern und Sümpfen, jeder Schlange, jedem Bäre getrotzt. Er -erzählte uns im Schiffe seine Abenteuer. Trotz dem, daß er der größte -Wagehals schien, war er doch nur der größte Gottfried Sicher gewesen und -nannte sich selbst den größten Feigling. Auch uns Auswanderern wollte er -seinen Namen wie einen großen Mantel umwerfen, daß wir ausgewandert wären. -Seine Worte waren schneidend. Er gab mir eines Abends seine -Lebensbeschreibung in einer Glasbouteille »Leben eines Wagehalses«, und am -andern Morgen war er, so sehr wir auch überall suchten, doch nirgends auf -dem Schiffe zu finden. Viele hielten ihn für eine Geistererscheinung, die -einem von uns den Tod bedeute. Andere konnten über das untergegangene -Schiff nur beruhigt werden, daß sie von Seekundigen hörten: »Erst das -hundertste Schiff scheitert, und von hundert gescheiterten Schiffen kommt -erst die Mannschaft von Einem um. So steht die Seerechnung!« - -Ein ander Seegesicht darauf erfreute und bestürzte mich bang! Ein Schiff -segelte unter dem Winde an uns vorüber. Nicht fünfhundert Schritt weit. Die -helle Morgensonne schien hinein. Ein Schiff ist auf der See eine -Merkwürdigkeit. Nach meiner Gewohnheit sahe ich mit dem Fernrohr hinüber in -die rosig und saffranfarbig glühenden Segel. Auch die Reisenden sahen nach -uns herüber; Frauen, Knaben, die Gesichter nach uns gewandt. Endlich -erblicke ich, ein Gesicht -- Gott! es war mein Weib! Ich konnte vor Beben -kaum sehen, wie ihr die Augen leuchteten! Wie sie sehnsuchtblaß aussah. Sie -hielt die Hand auf den Kopf meines Sohnes. Aber ach! sie vermuthete uns -nicht, und sahe sofort herüber in stillem Trübsinn. Das Meer rauschte; der -Wind sauste. Ich wollte durch das Sprachrohr dennoch versuchen ihr -zuzurufen, mich ihr bemerklich zu machen, sie wenigstens zu grüßen! Ich -rief meine Tochter, ich sagte ihr: Kniee nieder! siehe hinüber, da steht -ein Weib . . . . wie unsere Mutter. Sie sahe hinüber -- sie hatte eben das -Mutterantlitz gefunden, da wendete sich das Schiff und zeigte uns das -Steuerruder. Es rauschte mit Flügeln, des Sturmes davon. Maria sah mich an. -Und ich faßte mich, ich verrieth ihr nichts; und so wußte sie ruhig die -Mutter daheim bei den Brüdern. Ich aber besann mich, daß die Mutter ja -wußte, wir segelten nach Neu-Orleans. »Also auf fröhliches Wiedersehen in -einer bessern Welt!« sprach ich gedankenlos. Und so hatte ich richtig -geahnt. Ich hatte sie zum letztenmale gesehen! - -Darauf überfiel uns wieder tagelange Windstille. Unser Schiff schien wie -ein Schwan auf dem Wasser zu schlafen. Die Tage waren schon heiß. Anselm -ward kränker; Er ließ sich noch von seinem Bruder Wilhelm das Lied von der -Schwalbe vorsingen, und die andern Knaben sangen es mit; Und für seinen -Vater hörte ich weinend die letzten Verse mit an: - - Da laß ich mich ihn fangen; - Die Mutter küßt mich sehr! - Drauf soll ich wieder fliegen -- - Da bin ich schon nicht mehr! - Da steht sie tief betroffen, - Denkt bang an mich und schwer; - Begräbt mich bei dem Weinstock -- - Der sagt ihr: daß Ich's wär'! -- - -Unter diesem Gesange war er gestorben, ohne auch todt noch zu seinem -ersehnten Vater zu kommen; Denn wir begruben ihn darauf, wie man auf dem -Schiffe begraben kann, in Gottes heilige See! Auf ein Bret gebunden, das -mit Steinen beschwert war, um zu Grunde zu gehen, in ein weißes Tuch -geschlagen, das Gesicht unverhüllt, versenkten wir ihn in die heilige -Tiefe. Es war nicht zu weit mehr von der südlichen Spitze von Ostflorida, -dem Eingang in den Meerbusen von Mexiko, oder in das neue mittelländische -Meer von Amerika, in einem Clima wie in Ägypten. Die See war nicht zu tief -und bei der Klarheit des Himmels und der Klarheit des Wassers glaubten wir -den Grund des Meeres zu sehen; oder wie wir mit Erstaunen und Bewunderung -wahrnahmen: sie trug ihren Grund oben! Und welchen Grund! Welche -Zaubergärten! Gesträuche und Wasserpflanzen mit köstlichen großen Blumen, -wie Kindergesichter, blühten und schwankten leis, ob sie gleich alle aus -Edelsteinen gemacht schienen! Blätter, breit und gezänkelt, wie aus Rubin! -Zweige, wie aus Gold und Rauchtopas! Blüthen und Blumen, wie aus Milch oder -Schnee -- aber Alles, Alles mit einem Anhauch von Smaragdgrün überflossen, -wie die Pflaume von blauem Hauch. Und im lichten goldnen Sonnenstrahl -funkelte der Zaubergarten golden und blau und grün und roth, wie besät mit -funkelndem, strahlendem Thau! -- Da hinab -- in dies Paradies, das, hierher -in das heilige Meer, verzaubert, so himmlisch und ruhig fortblüht -- da -hinab versenkten wir die weiße Gestalt des schönen Knaben; noch einmal so -wohlgemuth durch das tröstliche Wunderspiel der Natur. Das Schiff stand in -der Windstille, wie angewachsen, und so sahen wir, wie er losgelassen von -den Seilen sank und sank und sank! Wie das weiße Gebild gemach und leise -grünlich ward vom Scheine des Meeres, und grüner, und endlich kräftig grün, -wie sonnedurchschienener Smaragd. Endlich ruhte er, wie ein großes -funkelndes schönes Gestirn, auf schwankenden Zweigen, wie eingewiegt von -lieblichen Zaubergestalten von guten Geistern, die sich, in große Blumen -verwandelt, ihm weich und hold, öffneten, sich reizend über ihn neigten, -und über ihm schlossen. Alles war so wunderbar, daß wir uns nicht gewundert -hätten, wenn die Zaubergebilde da drunten nun auch mit heiligen zarten -Stimmen gesungen hätten! Selbst nicht, wenn sie den Menschenvers gesungen: -»Wer will mir nun den Himmel rauben?« Alles schwieg sofort. Er blieb da -drunten sofort und die Augen vergingen uns über der Pracht. Da kam ein -Lüftchen, kräuselte das Meer -- und Alles war hin! Ein schönes Grab! Ein -schöner Tod, der Tod vor Sehnsucht! Aber ich hatte noch einen Knaben für -seinen Vater. Und der Knabe war nicht lange begraben, so schrie die Wache -vom Mastkorb: Land! Land! Licht! -- Denn es war Nacht. Und in der Nacht -fuhren wir um die Spitze von Florida, diesem papstlosen Italien der neuen -Welt, dessen Sicilien Cuba heißt. - -Die leicht anzulegende Durchfahrt quer durch Florida wäre sehr zu wünschen! -Denn im Canal von Bahama wurden wir so von Wind und Wogen gepeinigt, daß -der wieder seekranke arme Tolera sich mit den Armen an mich anhielt, mir in -die Augen sah und frug: »Mein Herr Pastor! was müßte wohl Einer an -Hochwürden bezahlen, wenn er Sie zu Hause auf Ihrem Hofe in einen Kasten -sperren und fünf Wochen lang Hochwürden Tag und Nacht dermaßen schütteln -und rütteln wollte, daß Sie die Welt für einen Dreier verkauften? Ich -glaube, schweres Geld!« - -Das heißt Krieg, sagte Napoleon, sprach ich, und das heißt Seefahren, und -man kommt wohin, und wohin? mein Tolera! Denk' Er doch! -- Am Morgen war -uns die Küste wieder zu dem heraufdämmernden Streifen eines Traumes -geworden. Die Hitze ward unausstehlich, und die dicksten Männer ließen sich -an Stricken unter dem Arme und an das Schiff gebunden eine Stunde lang -durch die frische Flut nachschwemmen. Unser Schiff ward gewaschen und neu -angestrichen, damit wir, wie Garden geputzt, wie von einem bloßen -Spaziergang heiter in das heitre Land einzögen. - -Endlich erreichten wir die Mobile-Bay, und den Meerteich vor dem Hafen von -Neu-Orleans. Hüben und drüben grünende Küsten, flach wie Ägypten, mit -Tulpenbäumen, Akajous, Wachsmyrthen, mit Feigenbäumen, Orangenbäumen voll -Früchte, ja mit Palmen! - -Wir begegneten ein großes Amerikanisches Kriegsschiff. Es war ein Man of -War, ein Seeheld vom ersten Rang. In schweigender Majestät. Und Tolera -sagte: Columbus sahe nur grüne Zweige treiben und schloß auf das Land. -Solche Früchte aber lassen auf einen Riesenbaum schließen. »Es leone -unguem!« Die Sonne stand uns im Rücken. Ein Frühlingsgewitter zog -segenverstreuend in's Land. Ein breiter, prachtvoller Regenbogen bildete -ein himmlisches Thor zu dem herrlichen Lande, hoch und weit geöffnet vor -uns, wie von bunten, hellen, dreifarbigen Blumen bekränzt! Vor Entzücken -glaubten wir selbst an dem himmlischen Thore die himmlische Überschrift mit -Gold geschrieben zu sehen: - -FRIEDE. BROT. FREIHEIT. - -Die Kanonen hallten. Wir waren da! Wir umarmten uns Alle durcheinander vor -Freuden! Wir weinten wieder einmal recht aus Herzens Grund, wie die Kinder. -So steuerte uns der Lootse in den Hafen, unter die hundert Schiffe, der -Stadt näher, nahe, dicht hinan. Wir hatten nicht Augen genug! Und als der -Anker fiel, als die Segel alle nach und nach eingezogen waren, als das -Schiff stand, -- als Alle aus tiefer Brust dem glücklichen Capitain das -»Hurrah!« riefen, da erwachte ich wie aus einem Traum. Ich rieb mir die -nassen Augen. Es überfiel mich mit Todesangst: Du bist fort! Ein tausend -Meilen breiter Meerschwall trennt dich . . . . ich wußte nicht von wem? von -was? Aber es lag eine Gewalt in dem stillen, unbekannten, verlornen Etwas, -daß ich in einen Winkel hinter das große Steuerrad ging und bitterlich -weinte. Auswandern -- sterben! Doch auch: Auferstehn! sprach ich wieder zu -mir. Steh' also auf aus dem Grabe! Steh' auf in der neuen Welt, mit neuem -Leibe und neuer Kinderseele! - -Ein Gesundheitsbeamter kam -- er fand uns Alle gesund, und wir durften an's -Land! -- Aber bald murmelte es in der verworrenen Menge der an's Land zu -steigen Begierigen: »Das gelbe Fieber ist in der Stadt! das gelbe Fieber!« -Und vor Schrecken legten die Meisten ihre Bürden wieder hin und sahen sich -an. Es ward Abend über uns, und wir hatten uns nicht gerührt. Nur um den -großen Todtenstrom, den furchtbar angeschwollenen, fünftausend Fuß breiten -Missisippi zu sehn, dessen gewaltiges Rauschen und Tosen wir über den Damm -weg hörten, stiegen wir nach einander in den obersten Mastkorb. Große -Ströme und große Völker gelangen schwer in den Ocean der Zeit! Sie führen -zu viel Ballast mit sich, und verwälzen sich selbst ihr Ende mit Staub der -Erde. Nur hohe Dämme führten den gewaltigen Strom noch mühsam durch das -Delta, durch die vielen Bayous in's Meer, und nur weil er in Empörung war! -Sonst versiegt er wie der Ganges, wie der Nil, wie der Rhein, und wie ihre -Völker, und die Pest herrscht in Calcutta, in Ägypten und hier. Dies Ende -der Völker und Ströme, diese Lehre der Natur stimmte mich herzhaft! Ich -ließ meine Tochter in dem sichern anständigen Schiffe, selber Erwin bat sie -darum, und sie folgte doppelt gern. Ich mußte mein gutes Weib aufsuchen! -Meinen Knaben! Ich fuhr auf einem kleinen Boot mit einem Führer an die -Schiffe, welche in diesen Tagen vor uns schon Auswanderer mitgebracht. Ich -fand glücklich den Capitain, der mein Weib und Kind übergeführt. Er nannte -mir das Haus, wohin sie mit dem Knaben sich gewendet. Ich bat darauf meinen -Freund um seinen Neger Wilberforce; und sauber gekleidet und glühend im -Gesicht ging ich in der Abenddämmerung mit ihm dahin. Er trug meinen Mantel -und mein rothes Saffian-Kästchen. So drängten wir uns durch ein Gewirr von -Menschen, und daß ich auch so schändlich unterscheide -- durch unzählige -Sclaven, von welchen sehr viele nur Einen Arm hatten, der ihnen von ihren -Herren weggehauen worden, wenn sie ihn auch oft nur zufällig gegen -denselben erhoben. Alle wichen mir als einem Weißen aus, schon von Weitem. -Aber Alle sahen düster, ja gefährlich aus, und ihre Augen funkelten und -desto greller in der sinkenden Dämmerung. Das ersehnte war ein ziemlich -einsam stehendes prächtiges Haus mit großem Erker mit Spiegelscheiben, in -denen der Abendschein glühte. Der treue Wilberforce meldete mich unter dem -Namen eines französischen Obersten. Das sey der geringste Titel, den ich -mir geben müsse, meinte er. Ich dachte an das Wiener »Gnaden« und ließ es -geschehen. Ich ward angenommen. Alles prachtvoll im Hause! Kostbare -Teppiche auf der Treppe. Ein glänzendes Vorzimmer. Ein unbeschreiblich -liebliches Zimmer, worin ein Weib auf der Ottomane lag, sich halb -aufrichtete, als ich hereintrat; und als ich ihr näher trat, und ihr doch -noch zu fern stehen mochte, als daß sie in dem abendroth dämmernden Zimmer, -wie sie wünschte, mich sahe -- da stand sie ganz auf, und leise, leise bog -sie ihr Köpfchen vor. Es war mein Weib nicht. Aber da ich mit -unbeschreiblicher Sehnsucht, mit dem Lächeln, Jemand zu überraschen, mit -der Freude: Freude zu machen, mit großen, gewiß leuchtenden Augen nach ihr -gesehen, so hatte ich auch gesehen, daß es ein Weib war, schön, wie die -Kaiserin Josephine in ihrer blühendsten Jugend gewesen seyn mag; aber -solche Augen voll Seele, groß und mild, solch einen Wuchs, solche Glieder -hatte ich noch nie gesehen. Es war, ihrem nur wie mit einem Hauch vom -lichtesten, fast weißen Braun behauchten Gesicht, dem Hals und Nacken und -den Armen nach, eine Quarterone, die, ein Theil Indisch, zu drei Theilen -Weiß gemischt, meist zauberisch schön sind. Mit dieser Neugier, dieser -Verwunderung, ich will nicht sagen Bewunderung, sah ich sie an. Sie -lächelte, wie ich sie so ansah. Wir waren allein. Ich schlug die Augen -nieder. Dann glaubte ich Geräusch hinter den Vorhängen ihres Schlafcabinets -zu vernehmen -- und ich blickte mit Sehnsucht dahin! Aber es trat Niemand -heraus! Nur ein buntgefiederter Ara hatte sich in seinem Ringe geschaukelt -und mit der Kette gespielt. Sie hatte sich wieder gesetzt. Und ihr Blick -stieg jetzt langsam von meiner Fußspitze an mir herauf und blieb dann an -meinen fragenden Augen fest geheftet, bis jetzt _sie_ die Augen -niederschlug, und vor sich hinlächelte, wie ich nie gesehen. - -Ich ward roth, ich fühlte es, über ein mögliches, wenn auch noch so -ehrenwerthes oder holdes Mißverständniß, und so wollte ich, alle Schleier -zerreißend, nun, leise jedoch, nach meinem Weibe, meinem Knaben fragen -- -denn auch er stürzte dem Vater noch nicht in die Arme . . . . oder hatte -sie mich in dem Briefe gutmüthig getäuscht, oder ich mich gutmüthig im -Schiff -- aber wie dann doch der Capitain des Schiffes . . . . so überlegte -ich noch . . . . aber eben deswegen wollte ich ja fragen, fiel mir, von dem -jungen Weibe ganz Verworrenen ein -- da sprang sie plötzlich auf und stieß -einen Schrei aus; und wie erschrocken darüber, daß sie so laut geschrieen, -hielt sie sich doch gleich selbst mit der kleinen Hand den kleinen Mund zu --- ich blickte im Zimmer umher -- es war hell! ich blickte nach dem Fenster --- ich sah Gluth. Feuer ging auf in der Stadt. Schon schlug eine hohe Lohe -empor. Rauch quoll auf Rauch, und die Feuersäule stieg himmelan. -- - -Die schöne Frau zitterte am ganzen Leibe; ihre Zähnchen klapperten vor -Schrecken, und Furcht. -- »Sehen Sie dort! Dort auch!« -- sprach sie auf -französisch, mit gedämpfter, hastiger, ängstlicher Stimme, deren Drang und -Laut mich innig durchscholl und bewegte. Und als sie einige Schritt auf die -Gluth zu gethan, rief sie in höchster Bestürzung: »Und dort! Dort auch!« -- - -Sie sank auf ein Knie und verbarg ihr Gesicht in den Händen, und ihr volles -Haar fiel schwarz und auch wie schrecklich über sie herab, mit den Spitzen -bis auf den Teppich. -- »Ich bin verloren!« stöhnte sie. »Wir sind -verloren!« - --- Die Feuer sind weit! tröstete ich sie. Sie scheinen freilich angelegt. -Denn drei Gehöfte gehen an verschiedenen Orten zu gleicher Zeit mit -demselben Stundenschlage auf. Aber man wird es löschen. Das Feuer ist dem -Menschen oder doch dem Wasser, unterthan. - -»Ach, die Sclaven! die Sclaven! Sie stiften den Brand nur an, um uns zu -ermorden, um frei zu seyn!« sprach sie, in höchster Angst aufspringend, -irrte im Zimmer umher und rang die Hände. »Mein Mann ist todt; schon ein -Jahr. Er war hart. Ich bin gut. Aber sie haben es ihm nicht vergessen. -Sclavenrache ist fürchterlich! Die südlichen Staaten zittern vor ihren -Millionen Sclaven! Wohl hunderttausend sind hier in der Nähe! Und hier, -hier im Gehöft sind 63 Neger! Himmel! Sie singen ihr fürchterlich Lied! -Quillt nicht dort Rauch aus dem Dach? -- Ach, wie entflieh' ich? Retten Sie -mich! Ach, ich bin noch so jung! Ich lebte so gern, nun wollt' ich erst -leben, und soll nun sterben!« - -Sie weinte. Und ehe ich nur so was denken konnte, lag das zitternde, -glühende, bebende Weib schon an meiner Brust . . . ihre Augen sahen -himmlisch bittend mit ihren schwarzen, großen Sternen aus dem großen, -reinen, feuchten Milchweiß zu mir auf . . . . ihre Lippen zuckten . . . sie -war ein Weib . . . . ich war ein Mensch . . . Lärmen von tausend dumpfen -Stimmen scholl her, die Gluth wuchs, als wenn die Wolken anbrennten, Wagen -eilten und rasselten, Glocken lauteten grell und ängstlich; »Alle Sclaven -bei Todesstrafe in die Häuser!« hörte ich deutlich unten rufen -- -- -Schiller trat als Geist vor mich, ich erblickte sein blasses, -menschenfreundliches, keckes Gesicht deutlich, und er sprach deutlich. - - »-- Vor dem Sclaven, wenn er die Kette bricht -- - Vor dem freien Menschen erzittert nicht!« - -So etwas hatte ich mir nicht vorgestellt, nirgends, am wenigsten hier; aber -ich war mitten hinein geworfen, die junge Wittwe küßte meine Hände, sie -gelobte mir ewige Freundschaft, ewige Dankbarkeit, wie ein Weib sich nur -irgend bedanken könne, mit Allem, was sie habe und sei, wenn das zulange, -mir genug oder nicht genug sei . . . . . nur erretten sollt' ich sie, -retten . . . . - --- und ich war bereit. - -Aber wie? -- Das war die Frage; und ich that sie mit Trost, aber mit Eifer. -Ich weiß nicht wie. Es ist etwas Eigenes um ein gar so schönes Weib! und in -Noth und in Thränen! Sie wußte Rath. Das Opfer war nicht gering. Aber es -gab nur diesen Weg, sonst keinen. Denn an Vertheidigung war nicht zu -denken. -- In meinen Kleidern wollte sie fliehen, mit meinem Mantel und -Hut, mit meinem Bündel. Denn so hatten sie mich gewiß hereinkommen gesehn, -so ließen sie mich in dem Eifer gewiß wieder hinaus; aber _sie_, statt -mich. Ich sollte mich aber in ihr Bett legen -- als Kranker, vom gelben -Fieber plötzlich Befallener -- wenn mich die Sclaven suchten und fänden und -hervorrissen. Sie würden sehen, ich sei fremd. Selbst in der Wuth würden -sie so blind nicht seyn. Am wenigsten könnten sie ahnen, daß wir schon ein -Einverständniß hätten! - -Bei diesem Wort sah sie mich mit Augen an, von welchen ich nicht mehr -geglaubt hätte, daß sie mich angehen, mich anfechten, ja in mich dringen -könnten. Ich kam aus dem Erstaunen nicht heraus. In der Welt ist Alles -möglich! dacht' ich. Zeit, Ort und Umstände sind die Herren aller Dinge. -Sollte ich sie in Stücke zerhauen sehn? Doch, wenn ihre Flucht gelang, wenn -sie sicher war, dann war ich erst in der größten Gefahr. Doch das dachte -ich nicht. Denn . . . . - -Sie war rasch zum Werk. Sie holte mein Ledertäschchen selbst aus dem -Vorzimmer, sie warf meine Sachen heraus, meine besten, theuersten Sachen -und Papiere, sie schloß eine Commode auf, nahm Papiere heraus, und füllte -es dafür damit an; sie band mir das Halstuch ab, nahm die Weste, nahm den -Hut, den Mantel, die Stiefeln, sogar; ich mußte mich in ihr weiches zartes -Bett legen, sie deckte mich zu, ja, als ich gehorsam wie ein großes -Windelkind, überrascht und wie gefangen mit dem Kopf in den weichen Pfühlen -lag, neigte sie schnell ihr Gesicht über mich, ihr rechter Arm schlang sich -unter meinem Nacken durch, ihre Stirn ruhte einen Augenblick auf meiner, -und ihre Lippen küßten meine Lippen im Fluge einen Augenblick, während ich -nicht aufblickte, sondern die Augen fest zugeschlossen hatte; und schnell -lispelte sie mir noch zu: »Das soll Dir nicht unvergolten bleiben! So Gott -will!« - -Und so verschwand sie -- wie mein zweites Ich, und ich träumte mit -wachenden Augen, und sahe die Gluth des Feuers und hörte das Tosen in der -Stadt. - -So lag ich voller Erwartung der Dinge. Ich liege eine Viertelstunde, eine -halbe Stunde, eine -- -- zwei Stunden -- -- ich höre keine Uhr mehr; keine -Glocke; das Tosen läßt nach, das Feuer brennt lichter am Himmel als auf der -Erde. Ich bin halb eingeschlafen. Endlich ganz. Ich weiß nicht wie lange. -Aber mit Sorgen. Denn nun höre ich leise Tritte, überall im düstern Zimmer -umher! Ich höre rufen! Es kommt zu meinem Bett! Es ruft mich! meinen Namen! -Es greift und tappt auf meiner Decke, es ergreift meinen Kopf, meine Hand. -Ich fasse zu, als wenn ich einen Löwen festhalten wollte. - -»Ich bin's!« spricht die Stimme. Es ist der Neger -- Wilberforce. »Sind Sie -hier? Sind Sie es?« frägt er. - -Ich muß leider Ja sagen. - -»Haben Sie Muth?« frägt er mich. »Wissen Sie schon?« - -Ich habe Muth, wie Du siehst, und weiß nichts! antworte ich. - -»Wissen Sie nicht ihr Schicksal?« - -Ist sie todt? frag ich, und fahre empor. - -»Nun Sie es sagen -- ja! Sie ist todt!« spricht er und weint. - -Ich falle vor Schreck zurück. Ich denke sie mir todt. In der That, mir -stockt das Herz. Ich athme kaum. Weinen kann ich nicht. - -»Aber Ihr kleiner Sohn lebt;« spricht er. - -Also _meine Frau_ ist todt! ruf' ich und springe aus dem Bett. - -»Am gelben Fieber;« sagt er. »Vor vierzehn Tagen. Die reiche, schöne, junge -Wittwe hier hat sie redlich pflegen und begraben lassen, und ihr ein -gemauertes Kästchen in das Wasser machen, denn hier begräbt man in Wasser.« - -Nun kann ich weinen. - -Nach langem Schweigen frag' ich zu meinem Troste: aber mein Sohn lebt, -warum kommt er nicht? - -»Schon Ihre vormalige Frau hat geglaubt, Sie sind voraus nach Ohio -- und -so hat, natürlich aus einem Irrthum, das gute liebe Weib hier, ich meine -Madame Josephine, ihn in guter Begleitung nach Cincinnati abreisen lassen -mit Briefen an dasselbe Haus, an das Sie empfohlen sind. Das weiß ich vom -Hausvoigt. Ja, sie hat ihn schon fortgesandt, ehe er auch erkranke, und ehe -seine Mutter gestorben ist.« - -Aber warum lebe ich noch? Wo sind die Neger gewesen? - -»Zufällig eingeschlossen, -- von mir! Sie wären ermordet worden im, Bett. -Vielleicht auch nicht. Denn wir sind nur rachsüchtig, nicht blutdürstig. -Ich sah Sie forteilen ohne mich -- ich eile nach; da entdeck' ich, es ist -Josephine, die sich mir entreißt. Da vermuth' ich mit Recht, daß Sie noch -im Hause sind. Da verschloß ich die Sclaven. Im Grunde umsonst; denn der -Aufruhr ward in der Stadt gedämpft. Die Neger hörten nichts mehr, und so -blieben sie ruhig. Aber alle hatten sich schon mit Waffen versehn! sie sind -schuldig. Ach, bitten Sie morgen für meine Brüder, wenn Josephine vom -Landhaus wiederkehrt. Die Gefahr ist vorüber. Morgen können Sie gewiß -hundert Sclaven sehen die rechte Hand abhauen. Denn wer von uns nur eine -Hand gegen seinen Herrn aufhebt, dem wird sie abgehauen. Darum tragen wir -sie gern ganz steif an den Schenkeln hinunter. Ach Gott, wer zu Hause wäre, -und hätte nur Freiheit im Vaterland! Freiheit und Vaterland, keins ist ohne -das andere was werth -- wie nur Ein Bein, Eine Hand! Ach! Ich bin frei! Für -treue Begleitung auf seiner Reise hatte mir mein Herr die Freiheit -versprochen. Aber was ist das ohne Vaterland! Was ich Jahre gehofft, ist -mir nun nichts! Doch nein -- die Freiheit ist mir die Erlaubniß im -Vaterlande zu wohnen!« - -So verließ er mich weinend. - -Es war natürlich, daß mir das Unglück meiner Frau um meiner Tochter willen -am tiefsten leid that. Denn weil die Tochter lebte . . . . so war ich jetzt -am meisten um die Tochter besorgt. Was würde sie gelitten haben! Und warum? -Warum schon jetzt? Warum überhaupt! Ich beschloß also fest, meiner einzigen -Tochter den Tod ihrer Mutter zu verschweigen. Meiner Großmutter Sohn war -gewiß schon lange todt, und in der alten Frau lebte er immer noch -glücklich! Und so schlief ich endlich voll Liebe und Träume ein, mit nassen -Augen. Zu Hause saß meine alte Großmutter blind -- ohne ihren liebsten -Sohn; mein Sohn Marbod vielleicht noch auf dem Schlosse bei der Baronesse -Freysingen Doppelsonaten spielend. Mein Knabe war hier im Land, aber fremd -unter Fremden mich suchend! Aber meine Tochter hatte ich nahe, die arme, -ungewisse Braut, die sich edel scheute vor einem Mann, der Sclaven hat -. . . . und ich lag hier in dem weichen Bett . . . . als Gesandter . . . -und wer hatte gestern in diesem Bett geruht . . . . ein Gebild, das ich nie -gekannt, das mir wie im Traume Verheißungen gethan, die mir heiß machten -. . . . die nun in Erfüllung gehen konnten . . . . und morgen früh im -Morgenroth kam sie vielleicht schon . . . . oder kam nicht . . . . Und ich -fürchtete mich vor ihr! und auch nicht . . . . . - -Mein Gott! Was ist der Mensch! Das Meer murmelte, ich dachte an seine Wüste --- aber auch an seine Blumengärten in der Tiefe. Und ich beschloß neu zu -seyn in der neuen Welt. Und ich sah einen mir neuen, hellen, schönen Stern -am Himmel, den ich nie gesehn. Und er war doch, und ich war! Ich -- 40 -Jahr! In meinen schönsten Jahren! - -Was ist der Mensch! Und auf diesen Grundstein baute ich edle Pläne für -viele Menschen -- für schwarze und weiße! Das Alles versteht sich -- im -Traume! - -Ich schlief bis die Sonne schon hoch stand. Ich war todtmüde an Leib und -Seele, und die erste Nacht Schlaf auf dem Lande, diese Wonne, dieses Gefühl -der Erde, ist allein eine tausend Meilen weite Seereise werth. Das kann man -mir glauben, mir, der ich gar nichts auf solche Dinge halte, als da sind: -Braten, Wein, gutes Bett und alle die Herrlichkeiten der Herrlichkeiten. -Ich sah mir die Sonne an, das heilige Bild, das treu aussehend wie in der -Heimath, hier wunderhell am Himmel strahlte und mich anlächelte. Ich war -barbarisch hungrig -- in diesem Lande, wo Millionen Fische in den Strömen -und Seeen schwimmen, wo alle Früchte der Erde im Überfluß wuchsen, war ich -barbarisch hungrig, und im Hause regte sich Niemand, kein Mensch frug nach -mir. Ich hätte mir gern ein halbes Dutzend Feigen oder Orangen von den -Bäumen am Hause hereingelangt; aber ich wäre bald zum Fenster -hinausgestürzt, und schlug mir auf den Magen: Freund, Geduld! -- Ich goß -Waschwasser in das Porcellainbecken, ich ließ es eine Zeit auf dem offenen -Fenster stehen, während ich meine zerstreuten Sachen zusammenlas, und als -ich mich waschen wollte, verbrannte ich mir fast die Hände darin, so heiß -war es von der bloßen Sonne geworden, die hier ein ganz anderes Ding war! -Und ich erklärte den im Geiste vor mich tretenden Vorstehern unsrer zwanzig -Dörfer laut: Laßt uns betrachten! Es ist Unsinn, hierher in die Gluth zu -wandern. Wollt Ihr faul werden? -- faul, wie die Italiäner? Zu sinnlichen, -unwissenden Menschen? Oder fleißige Deutsche bleiben, die den Tag fleißig -arbeiten, oder bis in die Nacht noch fleißig studiren? -- Selber Bienen, -die hierher kommen, und den ersten und alle Winter hier Blumen und Nahrung -im Überfluß finden, werden faul, das heißt: sie nähren sich blos. Oder, -liebe Gemeinden, wollt Ihr in Furcht vor den Sclaven leben? Oder noch -schlimmer, wollt Ihr Sclaven halten? Ihr könnt Euch ja denken, wie Sclaven -zu Muth ist; denn das kann Jeder. Wollt Ihr Plantagenbesitzer werden, -Diener der Kaufleute? Wollt Ihr alle Jahre am gelben Fieber sterben? Das -heißt: Jeder der Euren nur einmal. Aber das ist genug für Jeden. Und wenn -der Vater oder die Mutter in einem Hause stirbt, zu früh, zu unnöthig, -macht das nicht oft ein ganzes Geschlecht bis auf Kind und Kindeskind -unglücklich? -- Ihr wollt das Alles Alle nicht! Ich höre es. Also Kinder, -vermeidet _die Küste_ von Amerika, von Boston bis Neu-Orleans, wo ich meine -Frau verloren. Zieht nicht in die Staaten, wo die Sclaven die heimlichen -Herren sind, also nur nach Ohio, wo kein Mensch einen Menschen als Sclaven -halten darf, nach Kentucky höchstens, wo sie verlöschen. Lieber nach -Indiana, Illinois! Aber nördlicher nicht! Denn alte Menschen müssen in ein -wärmeres Clima wandern, das thut ihnen wohl! Nicht in ein kälteres, wo kein -Wein wächst, die Milch der Alten, der Wein, der des Menschen Herz erfreut --- und soll sich der Mensch nicht freuen der Erde auf Erden? Bedürft Ihr -nicht Freude? Ach, ein Glas Wein Euren Armen und Alten hätte Euch wohl -gethan! -- Ich dachte in dieser Rede an die Flasche, die ich an dem -Treppengeländer zerschlagen, an das Lachen meines Herrn Sohnes -- und -schwieg; Mit diesen Worten, sahe ich, hatte ich mir aber selbst meinen -Reiseplan vorgezeichnet -- und ich war nur auf einige Staaten gewiesen, -freute mich und rieb mir die Hände. Die Herren Vorsteher mit ihren Hüten in -den Händen verschwanden mir aber plötzlich alle; denn ein prachtvoller -englischer Wagen mit herrlichen Pferden kam donnernd vor das Haus gefahren -und hielt. Ich sah zum Fenster hinab. Und das rückwärts gebeugte Köpfchen, -das herauf strahlende Auge, das freundlich lächelnde Gesicht, die wie -Perlen blitzenden Zähnchen im rothen, schwellenden Munde -- ich kannte das -Alles schon wie aus einem Traume. Ich fuhr in meinen Rock -- ja, um ein -aufrichtiger Mann zu seyn -- ich sah in den Spiegel. Die Seereise hatte -mich wundervoll hergestellt. Ich konnte kaum öffnen, als sie an ihrer -eignen Thür mit schnellem Finger anpochte, und wie eine Erscheinung, rasch -und leuchtend, stand Josephine schon im Zimmer; aber wie sorgfältig -geschmückt, wie ländlich-lieblich im weißen Kleide mit blauen Bändern um -Leib und Brust, und doch wie reich! große Perlen am Ohr; ein unschätzbares -Halsband von sehr großen Diamanten um den Hals, dreimal ihn weit umlagernd. - -»Nun,« sprach sie doppelt zart und unschuldig klingend auf französisch, und -reichte mir ein Händchen und sahe mir in die Augen -- »nun, wie schlief es -sich hier . . . in Amerika?« und meinte gewiß nur ihr Bett. Denn sie -erröthete zart und unschuldig. Aber plötzlich brach sie in lautes Gelächter -aus, denn sie sahe auf meine Füße. Ich war in Strümpfen. Aber um ein -aufrichtiger Mann zu seyn, mußte ich gestehen und ihr sagen: »Als Sie -gerettet waren, sahe ich nicht ein, warum ich hier bleiben, vielleicht den -Tod erleiden und nicht lieber versuchen sollte, desgleichen zu entkommen! -Das vergeben Sie mir gewiß auch! Ich malte mir also mit meinem Finger aus -ihrem Dintenfaß -- schwarze Schuhe auf die Strümpfe . . . aber da glaubt' -ich heraufkommen zu hören, und, um ein aufrichtiger Mann zu seyn, ich -verbrachte ein angenehmes halbes Stündchen in ihrem Camin, -- -- Ich mußte -lachen. Es war unmöglich, ich mußte. Sie betrachtete ihr Bett und sagte, -lachend bis zu Thränen: »Ja, es ist wahr!« Und wie vor Lachen barg sie ihr -Gesicht einen Augenblick in den Kopfkissen. - -Ich räusperte mich; ich rieb mir mit der flachen Hand die Brust; ich -machte, ärgerlich, ein finstres Gesicht. - -Aber sie sprach, jetzt ernstlich besorgt: Sie sind hungrig! Ich lebe jetzt -auf dem Lande und war gestern nur auf ein Huschchen hereingekommen, doch -ist hier Rath. Und schlank und flink, willig und gutmüthig, ja fast -gehorsam, als wäre sie selbst eine weiße Sclavin, eilte sie, rief sie, -besorgte sie; und athemschöpfend und rosig und heiter kam sie wieder. Mein -Gott! mußte ich sprechen und seufzen! Sie hatte mir, ehe sie wiedergekehrt, -die mir fehlenden Kleidungsstücke mit einer jungen Sclavin, schwarz wie -eine Schnecke, aus dem Wagen geschickt. Dieselbe bediente uns bei Tisch, an -welchem wir uns Beide gegenübersaßen, und uns von der überstandenen Angst -und der Nacht erzählten. Die kalten Speisen, die Früchte, der Wein, Alles -war köstlich, und ein heitres Mahl läßt Alles heitrer betrachten. Und doch -kostete sie kaum von Einem oder dem Andern, wie Kinder. Und doch ward ich -immer trauriger mit jedem Glase Wein, ob er gleich Amerikaner war. O wie -hatte ich mich auf den ersten Bissen Amerikanisches Brot gefreut! auf den -ersten Trunk Amerikanisches Wasser! Ich dachte zu Hause an unsre letzte -Mahlzeit, ja mein Diakonus stand wieder vor mir, und hielt um Maria an; ich -lächelte, und Josephine lächelte hold unbewußt. Darauf nahm sie ein, vielen -deutschen Bürgermeistern und Andern noch wohlbekanntes Russisches -Instrument, eine Knute von der Wand, aber ländlich zierlich mit schöner -bunter Schlangenhaut überzogen und aus Schlangenhaut geflochten. Wir gingen -hinab in den Hof, in dessen Mauern vor den Gebäuden die Sclaven standen, -die im Glauben, ein Unrecht gestern begangen zu haben, auf ihre Kniee -fielen. Sie hatten das Lied gesungen . . . .! Ich sollte es bezeugen! Da -knieeten nun die Kinder jener ersten Kinder der frühsten anfänglichen Erde, -noch schwarz wie ihre ersten Ältern unter der überall heißen Sonne. Und -ihre kleinen Kinder hoben neben den Müttern die kleinen schwarzen Händchen -in die Höhe. So weit hatten sie es also in Jahrtausenden gebracht! So weit -das weiße Geschlecht! Ich bat für die Armen, die nichts verbrochen, als daß -sie die Freiheit wünschten. Ich mußte lange bitten, während ihre Herrin mit -von mir abgewandtem Gesicht langsam umherging. Endlich wandte sie sich -plötzlich um und sprach: »Ich habe Allen sogleich verziehen, Glauben Sie -es! Aber es ist gar so hold, wenn Sie bitten; ich weiß nicht, es macht mir -recht innerlich Freude.« Sie rief sechs Mädchen herbei und sagte ihnen: -»Ihr habt Euch verheirathen wollen, so macht denn heut Hochzeit, und Alle -freuen sich mit Euch!« - -Kein Hund, kein Mensch kann sich so bedanken, wie diese von einem guten -Worte Glücklichen. Josephine konnte sich nicht ihrer wehren, und sie wies -auf mich und sagte: »Danket dem Herrn hier!« -- Nun umkniete mich der -Schwarm, und ich sagte ihnen: Danket dem Herrn Jesus Christ! Da tiefen -Alle: »Ah, Monsieur Jesus Christ! Monsieur Jesus Christ -- quand viendrat --- il en Amerique?« - -Mich frug dann ein alter Neger genauer. Er glaubte: Ihr Freund lebe bei -Uns! aber außer seinem Namen wußte er kein Wort von ihm. Die Neger hatten -nur jeder einen Namen; von einer Taufe wußten sie nichts, auch nicht, daß -ein Pfarrer die jungen Paare trauen werde. Das mußte nun wohl einen Pastor -verdrießen, aber nicht grade einen Lehrer und Prediger. Dafür dankte ich -meiner gütigen Wirthin für ihre Güte . . . und es mußte gesagt seyn -- ich -dankte ihr auch, daß sie mein Weib so gepflegt, und sie, die Unbekannte, so -dankenswerth habe begraben lassen! Nun war mir der Stein vom Herzen. - -»Aber mein Gott!« . . . rief Josephine, und trat einen Schritt auf mich zu. -Sie war blaß, ganz blaß geworden, ihre Arme hingen an ihren Schenkeln -herab, und die Hand ließ noch eine wundervolle, tellergroße, rothe Blüthe -fallen, und ihr Köpfchen neigte sich auf die Brust. Welche Gedanken sie im -Innern überwältigten, wie sollte ich es bedenken, ich, dessen Herz so voll -war, dessen Augen sich füllten. Endlich lispelte sie, wie zu sich selbst, -ohne mich anzusehen: -- »also der unvergleichlich schöne Knabe, das war -seyn Sohn! Und wie erkannt' ich nicht gleich den Vater! Ist er ihm nicht -ähnlich, wie der halbgefüllte Mond dem vollen Mond?« Und zu mir gewandt -sprach sie mit Thränen in den Augen: »Ich hatte den Knaben so lieb, drum -schickt' ich in Zeiten ihn fort!« - -Was sollte ich sagen? -- Mein Geschäft hier war zu Ende. Mir blieb nichts -als zu scheiden, aber erst Abschied zu nehmen; jedoch bei den ersten Worten -dazu fragte sie mich, während ihre großen Gazellenaugen mich treuherzig -ansahen: »Und wieder in alle Welt schon wollen Sie hin? Wohin? Habe ich Sie -beleidigt? War ich zu heiter -- war ich zu aufrichtigen Herzens? Ach, viel -im Leben hängt davon ab, in welcher Reihenfolge wir etwas vernehmen, in -welcher Gedankenfolge ein Mensch den andern sieht . . . . o, ich war so -heiter! Und alle die Angst!« - -Ich bat sie nur Eins: zu verschweigen, daß die Fremde hier gestorben sei, -damit es meinem Knaben, damit es meiner Tochter ein ruhiges Geheimniß -bleibe . . . . - -»Ihrer Tochter!« sprach sie fast betreten. »Sie haben . . . .?« - -Ja, sie ist hier; hatte ich kaum gesagt, als meine Maria schon vor mir -stand, und hinter ihr Wilberforce. Die Unruhe hatte sie hergetrieben. -Josephine stand lange vor ihr mit niedergesenkten Augen, den Mund fein -geschlossen; sie getraute sich aus reinster Schaam, ja Beschämung nicht sie -anzusehn. Ja, in dieser befangenen Stellung sprach sie zu ihr, begrüßte -sie, hieß sie willkommen, ja reichte sie ihr eine langsame Hand, die sie -gleich wieder zurückzog. Sie erblickte im offenen Thor die sechs -Schwestern, die auch vom Schiffe an's Land gekommen; sie sahe mich fragend -an, sie ließ sie einladen; und während Wilberforce ging, und nachdem sie -von mir gehört, welche Absicht sie hätten, versprach sie mir schon im -Voraus, sie alle bei sich zu behalten, wenn ich auch das erlaube . . . . -oder vielleicht auch die Tochter . . . wenn ich gehe, damit sie nicht ganz -allein sei. Und den Schwestern entgegen wandelnd, vertraute ich dem -treuherzigsten Geschöpf von der Welt, daß sie eine sonderbare Braut sei mit -Master Erwin; die Ursache ihrer Scheu vor ihm, als einem so grausamen Mann, -der Sclaven halte, und nun seine Scheu vor ihr. Aber zu meiner Verwunderung -fand sie sein Anhalten sehr natürlich. O der Mensch ist blind über gute -Menschen; dann wie ich hätte Ursache gehabt mich zu freuen. - -Nun mußte ich bleiben. Ich ging darauf allein zu Erwin, um meine Sachen -alle zu Josephinen tragen zu lassen. Er war das zufrieden; auch daß meine -Maria bei ihr bleibe, war er zufrieden, ob er mir gleich mit Achselzucken -vertraute, daß Josephine, als Abkömmling von schwarzer Haut, bei keiner -ganz weißen Haut in irgend einer menschlichen Achtung stehe; so schön, so -seelengut, so achtungswerth, ja so reich sie sei -- denn sie sei die Wittwe -seines Bruders, und wahrscheinlich, wie er sich einbilde, sei ich nur durch -Namensverwechselung an ihr Haus gewiesen worden. Ohne etwas zu ahnen, hatte -er damit nur mein Weib gemeint. - -Also ihr Bruder ist todt? wollte ich fragen, aber ich vermied aus eigener -Trauer die Frage. Er versprach mir zur Reise den Todtenstrom hinauf alles -Erforderliche anzuordnen; er selbst habe Hoffnung zum Senator gewählt zu -werden, und dann müsse er mit, oder nach mir -- denn er habe noch Vieles -und Schweres zuvor zu besorgen -- nach Philadelphia, nach Washington. Dabei -gab er mir wieder die Hand, und schüttelte sie dreimal, wie in Bremen auf -der Straße, als er die wohl von Eifersucht ausgepreßte Frage an mich that. -Das war mein ganzer Bescheid! Ich mochte verdrossen aussehen, aber er -lächelte kaum bemerklich. Das ergrimmte mich noch mehr. Meine Hoffnungen -waren zu Wasser! Die Auswanderer waren schon lange in's Land, den Strom auf -einem der hundert Dampfschiffe hinauf! Nur den Wilhelm fand ich allein, den -ich mit mir nahm. Ich traf zu Hause, so mußte ich schon sagen, aber meine -Tochter nicht mehr, Josephinen nicht mehr, sondern nur einen angespannten, -auf mich wartenden Wagen, der uns im Fluge hinaus nach dem prächtigen -Landsitz brachte. - -In den wenigen Tagen, die ich darauf noch hier blieb, hatte sich Josephine -an die dritte der sechs Schwestern, an die schöne Clöta gewöhnt, die -französisch verstand, sie lieb gewonnen; und gegen meine Maria war -Josephine verschämt, aber mild, und so war auch meine Tochter verschämt vor -ihr, aber mild. Gegen mich war Josephine gelassen, ernst, düster, so -anständig und zart, wie ich kaum je ein so junges Weib, ja nur eine -Jungfrau gesehen. Schien ich etwas zu wünschen, so sprang sie in der ersten -Zeit noch behend auf wie ein Reh, aber sie kam wieder und hatte nur für -sich etwas geholt. Mir war sonderbar zu Muth. Manchmal, wenn wir neben -einander am Abend in den schattigen Gängen ihres Gartens wandelten, und die -große, hier himmlische Abendsonne durch Lücken der blühenden Akazien und -Magnolien ihr Gesicht und Schulter vergoldete, da, um ein aufrichtiger Mann -zu seyn -- fiel folgendes Gespräch in mir vor: - --- Mein liebes Weib, Du bist ja doch nun todt einmal, also auf immer! Ich -lebe noch -- auf dem Gipfel des Lebens. Der Hinuntergang ist schlimmer als -der Hinaufgang. Wie viel Gutes und Schönes würde ich für mich und die -Kinder erlangen, mit dieser Gestalt . . . . . wenn ich Muth hätte! - --- -- Unterstehe Dich! und sag' ihr ein Wort! sprach meine Frau, die als -Erscheinung der Seele mir klar, sogar sichtbar vor meinen Augen in dem -Schattengang schwebte, und uns nicht von der Seite wich, -- und näher mir -wiederholte: Unterstehe Dich das! Und jetzt schon! O Du Undankbarer! Denn -war ich nicht eine Adlige, die Dir ihre Hand gab? Und ist diese arme Person -hier nicht eine Namenlose, eine Unehrliche im Lande? Mucke! - -Da schwieg ich eine Weile. Dann fing ich doch leise wieder an: Aber wenn -ich sie nach Europa nähme mit alle den Sclaven? Und ehe wir reiseten, -könnte ich Dir lassen ein prachtvolles Mausoleum erbauen mit Deinem Wappen; -und vor meinem Namen wollte ich lassen ein »Von« einhauen damit ein Jeder -hier läse, daß Du keine Mißheirath gethan! - -Lügen willst Du sogar? sprach das Luftgebild. Ich sehe schon, wie Du -denkst. Ich bin verloren, aber zum Glück bin ich todt! - -Nein, sprach ich, Du sollst meine innere, geistige Frau seyn, und diese -hier meine äußere, leibliche. - -O sie ist schön! sprach meine geistige Frau; um mich in Versuchung zu -führen. - -Soll ich ihr hier ungesehen zu Füßen fallen? Ach, ich dürfte nur ihre Hand -ergreifen -- und ich denke, sie fällt mir zuvor um den Hals. - -Da schrie meine Frau auf, und fuhr zwischen mich und Josephine, die sich -mit dem Arm an eine Cypresse gelehnt, und der sinkenden Sonne nachsah, aber -mit zugeschlossenen Augen. Ich selbst aber hatte den Schrei meiner Frau mit -meinem Munde ausgestoßen -- so daß die Vögel erschreckt von den Zweigen -flogen -- daß Josephine mich ansah, und erstaunt sah, wie ich zitternd und -bebend und ganz blaß vor Schrecken dastand, wie aus dem Himmel gefallen; -aber ich war nur aus dem innern Hause des Menschen heraus auf die lebendige -Erde getreten. Und ich schämte mich und schwieg. Und sie frug nicht. Und so -blieb es. So blieb sie. So blieb ich. Ein Wittwer ist eine besondere -Person. Aber ich dachte auch manchmal: auch eine Wittwe ist eine besondere -Person; nicht Jungfrau, nicht Weib, nicht Mutter -- denn Josephinen stand -dereinst erst dies Glück bevor. -- Ach! es sollte nur Wittwen geben von 70 -Jahren, und Wittwer von 80! Der Tod, besonders der frühe Tod stiftet -allerhand Unheil. - -So ein Gespräch wäre mir, in Allem ehrlichem Manne, wahrlich nicht -vorgekommen, wenn ich nicht auf immer aus dieser Gegend nun scheiden mußte; -Josephinen auf immer zurücklassen. Und die Trennung ist ein Wurm, der die -Früchte zu früh reift -- daß sie abfallen. Es war ein Gedanke gewesen zum -Besten meiner Kinder, zum Besten der armen schwarzen Kinder der Erde. Ich -schrieb einen ausführlichen, lehrreichen Brief in die Heimath, an mein Volk --- dessen Gesandter ich war; an meinen Sohn. Meine Tochter schrieb an die -Baronesse Freysingen, an ihren kleinen Bruder, und -- was ich heimlich mit -Thränen sah -- sie schrieb einen langen, herzlichen Brief an ihre Mutter, -die aber nicht weit von ihr in der freien Erde lag. Sie versprach ihr, -recht oft zu schreiben. Dann besprachen wir, neben Josephinen sitzend, -unsere Reise. Meine Tochter wollte mich nicht verlassen und fiel mir um den -Hals. Josephine sagte mir am letzten Abend blos gute Nacht wie gewöhnlich. -Aber am Morgen war sie schon früh abgereiset . . . . nach der Stadt in ihr -Haus. Dafür fand ich in unserem Dampfschiff unsre Karte für mich, für Maria -und unsern Wilhelm _Mosburg_ bezahlt; wir fanden Körbe voll köstlicher -Speisen, voll Wein, voll Früchte. Aber auch meine Tochter fand nach dem -Wirrwarr des Morgens jetzt erst im Schiffe: daß das dreifache Halsband mit -den großen Diamanten von Josephinen ihr um den Hals gebunden war. Das -deutete auf ewigen Abschied. Das konnte Niemand gethan haben, als sie -- -des Nachts -- und wir sahen uns an und weinten fast Beide. Mein Kind wollte -wieder an's Land, es zurückstellen, Gewißheit haben, doch danken. Aber das -Schiff ging schon sausend den heiligen Todtenstrom hinauf in das heilige -Land, einen Urgarten der Erde, das künftige Paradies der schwarzen Kinder, -denn hier konnten sie allein arbeiten und gedeihen. Ihnen gehört es also -von Natur. Nicht den Weißen, denen es eine Schande geworden, etwas zu thun, -weil sie nicht können. - -Ich finde in meinem Reisebuche bemerkt: »Hier waren also _alle_ Weiße -adlig, oder fühlen sich so; und alle Schwarzen -- Canaille, und fühlen sich -nicht so; bei uns sind es doch nur einige berühmte Geschlechter -- gewesen. -In den nördlichen Staaten darf sich sogar kein freier Neger niederlassen.« - -Unser Dampfschiff ward, nach der neusten Erfindung, selber mit Wasser -gefeuert. Und so fuhren wir, auf der größten Silberader, der Saugader des -Landes, in welche 40 große Silberadern sich ergießen, auf dem Missisippi, -nach und nach in immer höheren Ufern hinauf. Meine Tochter ist -niedergeschlagen. Aus Einem Grunde. Ich bin niedergeschlagen. Aus -dreifachem Grunde! Unsere Reisegefährten waren nicht heiter, und -erheiterten sich und uns wenig. Viele Amerikaner reisen zu ihrem Vergnügen; -und da Europa zu unerheblich oder Asien zu weit ist, so reisen sie im -Vaterlande und lernen es kennen und schätzen. Denn wahrlich hier ist ein -Vaterland! Und wer wollte den Menschen den Stolz darauf verargen! Wer sich -darüber ärgern? Ach, eher kümmern! Aber in dem Gesicht des Amerikaners -liegt etwas Unerklärliches. Nicht Tiefsinn, nicht Muthlosigkeit, nicht -Schüchternheit, nicht Verlegenheit; aber die Stille einer großen Zukunft, -und eine bescheidne und doch schmachtende Begierde danach, und eine fast -kindische Befangenheit und ein Bangen, wie eines Bräutigams, ruht auf den -Gesichtern. Mir kamen sie vor, als wenn sie selber auswandern sollten -- in -ferne, ungekannte, schöne Tage! Daher die heimliche Unruh, der eigene -gedämpfte Blick, ein fast komischer Ernst und eine heitre Trauer! O wie -rührend und schön ist der Jugend Gesicht! Ich seufzete selbst über alte -Männer! Und auch die jungen Städte des Landes, groß angelegt aus ungeheurer -Hoffnung und doch noch in ihrer Kindheit -- rührten mich. Baton; -Francesville; Fort Adam; Natchez; Huntson; Warren. Old-Arkansaw gegenüber, -kamen Auswanderer den Arkansaw herab, die sich, nicht Alle, aus einem -Überfall der noch nicht weit genug vertriebenen Wilden gerettet. Wir mußten -sie aufnehmen; es waren Neu-Griechen, die sogar erst seit dem Frieden ihr -königliches Vaterland verlassen; ein _griechischer_ Bischof führte sie. Das -zeigte deutlich, welche Furcht sie hinweg getrieben. Nach und nach wußten -wir um Namen, Vorhaben und Vermögen fast aller Mitreisenden. Und so ward -denn ein junger Mensch von etwa 22 Jahren, so hübsch und anständig er war, -von den Meisten zuletzt vermieden. Darum grade suchte ich seine -Bekanntschaft. Und nach einigen Tagen konnte er nicht über das Herz -bringen, mir nicht sein Schicksal zu klagen. -- »Man hat mir meinen Vater -erschlagen,« sprach er betrübt und zornig, und ich habe als Sohn es so weit -gebracht, daß sein Mörder nun hingerichtet wird, ein Ansiedler in Kentucky, -dem er Landeserzeugnisse verkauft, und ihn dabei vielleicht zu sehr -gedrückt hat; denn im Inlande ist kein Geld, und ganz ohne Geld kann -Niemand bestehn, weil doch nicht Jeder Alles erzeugt. Mein Vater war ein -Aufkäufer, die freilich überall hier so verhaßt als unentbehrlich sind. -Auch hätte er längst in seinem Alter von 60 Jahren ausruhen können, da er -die schönste Besitzung in Ohio hat. Aber er hoffte noch immer seinen Sohn, -meinen älteren Bruder, zu finden, der ihn verlassen hat, weil der Vater -wirklich fast unerträglich sich gegen ihn benommen. Aber hier ist es -vergebens, einen Menschen zu suchen. Der Zufall allein thut oft Wunder, wie -ich schon gesehen, so jung ich bin. Mein Vater stammte aus Deutschland, und -er selbst scheint auch seinen Ältern heimlich davon gegangen zu seyn; denn -alle Weihnachtsabende hat er zwar nach Hause geschrieben, aber nie die -Briefe fortgeschickt, sondern sie alle gesammelt und sorgfältig vor uns -verschlossen. Auch hat er nie einen Brief empfangen, so unerhört es ist, -daß Einer auf unsern 7000 Postämtern verloren geht. Hier ist Jedermann -unbedingter Herr selbst von dem höchst achtbarsten Vermögen; der Vater kann -frei Einem Alles, den andern Kindern Nichts vermachen -- mir hatte mein -Vater Alles vermacht, und so konnte ich unbesorgt meinen Bruder suchen, und -hatte ihn glücklich gefunden. Ich bewege ihn glücklich, mit mir zum Vater -zu reisen; er ist nicht daheim; wir reisen ihm nach; -- er ist nicht auf -der Meierei, von wo er doch nicht fortgereist war. Unser Neufoundländer -Hund findet seyn Geripp in einem Ameisenhaufen der großen Ameisen. So sah -der Sohn den Vater wieder. Und nun macht man mir Vorwürfe, daß ich das -Gesetz angerufen, und sagt: »Hier wird Niemand hingerichtet! Man bessert! -Und unsere Anstalten dazu sind die erfolgreichsten auf Erden. Wir haben nur -noch die Todesstrafe auf qualificirten Mord, und sind insofern noch dem -alten Judengott zugethan, dem: Auge um Auge, Zahn um Zahn; wenn die -Europäer -- welche hier nur die Verwahrloseten heißen -- noch das halbe -Judenthum, und das ganze römische Heidenthum in ihrem italiänischen Glauben -und römischen Gesetzbuch haben! Statt tausend Straftitel haben wir die -Geschworenen, die es so christlich machen können, als sie wollen; auch das -ist nicht verboten, und je weniger diese ehrwürdigen Männer von -Gesetzgebung und Wesen wissen, je einfacher sie sind, ja wenn sie blos ein -Menschenherz im Leibe haben, desto vollkommner sind sie, desto ehrwürdiger. -Aber sie sprachen den _Mosburg_ nicht frei, weil sie grade glaubten, einem -Mörder müsse es eine Wohlthat seyn, Strafe zu leiden; denn auf -Wiedervergeltung beruhe das Weltgericht, und sonst brauche keines zu seyn. -Aber das müsse ja seyn, sonst werde die Tugend ja auch nicht belohnt im -Himmel, und ewig, ewig.« -- - -Ich war über ein Wort in der Erzählung erschrocken, und bebte über den -Namen _Mosburg_, denn so hieß der Vater des Knaben, seines noch einzigen -Kindes, des armen Wilhelms, der neben mir zuhörte, aber zum Glück nicht -Englisch verstand. Sein Vater wohnte bei Perkins. Und so frug ich in Gottes -Namen, wie der Ort heiße, wo der Mosburg wohne, oder gewohnt. - -Er nannte mir unbedenklich den Ort. Es war _Perkins_! -- - -Meine Tochter ging von uns und weinte. Sie führte den Wilhelm mit fort, und -zeigte ihm den schönen Abendhimmel und die grünenden Berge, wie ich von -fern an ihrem ausgestreckten Arme bemerkte. Dann setzte sie sich, und hatte -ihn vor sich umarmt, und ich sahe, er trocknete ihr die Augen mit ihrem -Tuche. - -Mosburg lebt doch noch? frug ich weiter. - -»Ich reise zur Hinrichtung. Es werden Tausende bei diesem seltnen, fast -erloschnen Schauspiel zugegen seyn!« sprach er. - -Ich war froh. Ich konnte dem lebenden Vater doch den lebenden Knaben -bringen! Und wir beschlossen zusammen zu reisen. Ich, wie ich sagte, blos -aus Neugier. - -Einige vertheidigten dann auch den braven Sohn mit den Worten: »Wenn wir -Amerikaner endlich einmal ein rechtes; Volk, ein Muster- und End-Volk -werden sollen, so müssen Alle für Alles solidarisch einstehen, so weit es -Menschen möglich ist; für Mord und Brand, Diebstahl und Schaden in aller -Art; Jeder muß das Recht, ja den Beruf haben, statt eines Andern zu klagen, -der feig oder gefühllos es selbst nicht kann oder will. Dann sind erst die -Staaten ein wahrer Rechtsstaat, bis dahin ist Alles nur Pfuscherei! Der -Freie muß Alles dürfen und können, was recht und was gut ist.« - -Man lobte zum Einwandern besonders mir Indiana, das herrliche; Illinois, ja -Einer sagte: »Wer redlich an die Zukunft denkt, der thut wohl, sich ganz im -Westen am Meere, am Columbiastrom niederzulassen, auf den Fall, daß es mit -Europa aus ist und aus wird, und wir die Kräfte nach Asien wenden. Haltet -Ihr die Natur für so kurzsüchtig und albern, daß sie sonst dort nach Abend -einen solchen allmächtigen Strom hat fließen lassen, und so lange umsonst. -Sie könnte ihr Wasser ja besser brauchen.« -- - -Und so wäre ich lieber in Indiana gereiset, statt nach Kentucky mit -Sclaven, aber das Schicksal trieb mich hin; und ich rathe keinem Menschen, -auf Reisen eine Commission anzunehmen -- denn wie bitter war mir die meine! -Aber das reichliche Reisegeld von dem guten Prinzen für den Knaben reichte -für mich und Maria. Noch zog mich ein Anderes an den jungen Mann. Nicht, -daß er reich und wohlerzogen war, und täglich auf die bescheidenste Weise -meiner Tochter gefälliger war, die sie selber rührte, ob sie gleich -innerlich fest an ihrem sonderbaren Freunde Erwin hing; und ob ich gleich -mit zu jener schlimmsten Art der Väter gehörte, nämlich zu denen, die -Töchter haben, und Luchsaugen haben möchten, um jungen Männern in die -Herzen zu sehen, wem sie das Beste, was sie haben, einmal anhängen können. -Das ist die abscheulichste Sorge für einen Töchter-Vater. Ein Sohn- oder -Zehn-Söhne-Vater ist glücklich. Denn die versorgen sich selbst, und müssen -und können ihr Schicksal machen. Und meine Tochter war mir so gut wie -wiederum auf dem Halse, was mir nur schwer fiel, weil ich mir schon eine -lange glückliche Zeit diese Bürde eines Tochter-Vaters erleichtert gefühlt. -Doch, um ein aufrichtiger Mann zu seyn, das Alles war es nicht, was mich an -den jungen Mann zog, sondern es war die Neugier, die Wißbegier -- für meine -alte blinde Großmutter -- es war der _Koffer_ des jungen Mannes, auf dessen -vergoldetem Schilde der Name: Marfolk stand. Das bemerkte ich, als er das -Schild sich zerbrach, die zwei Stücken verschoben neben einander lagen, so, -daß sein Name nun »Folkmar« zu lesen war. Das gab mir einen Stich in meiner -Großmutter Herz. Ihr Sohn, ihr August war also erschlagen -- und kam nie -wieder? Der Name Volkmar konnte à la Norfolk nur Marfolk englisirt seyn. -Denn der Vater war ja ein Deutscher. Der junge Mann bekannte sich zwar zu -dem Koffer und zu dem Namen. Aber so fein und plump ich mehr zu wissen -versuchte -- er wußte nicht mehr. - -Wir gelangten in den schönen Ohiofluß und landeten in Handerson in -Kentucky, wo Washington auf Mount Vernon, wie vom Herrn, begraben liegt. -Hier sah ich mit Freuden das erste Geld, Silber und Gold, und sahe die -ersten Zeitungen, die Literatur der Amerikaner; denn das ganze Land -schreibt für das ganze Land diese tausend Zeitungen, die in Millionen -Blättern wie Wundertauben über das Land fliegen -- und wie aufrichtig! Wie -der Geist Gottes! Vox populi, vox Dei! Ich wollte sie übersetzen, Auszüge -für uns. Aber was für Amerikaner aufrichtig ist, ist noch nicht aufrichtig -für Deutschland. Eine oder tausend eben so aufrichtige Zeitungen für -Deutschland müßten ganz anders seyn. Und hier schreibt Einer im ganzen -Leben vielleicht nur Einen lehrreichen Aufsatz. Ich sahe die erste Schule --- aber was wußten die Kinder hier mehr! Wie viel, wie gründlich Alles, was -sie Zeit Lebens brauchen können und sollen und werden. Aber wie geschieht -das? Antwort: Die Griechen und Römer waren so klug und weise und groß in -ihrem Fach -- besonders, weil sie nicht mit Griechisch und Lateinisch die -jungen Seelen verhunzten. O wir Armen! Wir armen Gläubigen! Wir glauben an -alle Völker! Nur an uns nicht. Und deswegen sagte Napoleon: »Die Deutschen -sind kein Volk.« - -Auf dem grünen Fluß schifften wir nach der Besitzung von Wilhelms Vater. Er -war nicht da -- in der Stadt im Gefängniß. Ich mußte dem Knaben doch Alles -zeigen, und mit wie schwerem Herzen sah ich zu, wenn er sich auf des Vaters -Stuhl setzte, seinen im Schrank hängenden blauen Oberrock anzog, und vor -Freuden damit in der Stube umhersprang; wenn er die alte Hausfrau nach ihm -frug, wie er vor Ungeduld weinte, wenn sie ihn nicht verstand, und wie sie -weinte, als ich ihr sagte: es ist der Sohn des Herrn! Selber Marfolk hielt -es hier nicht aus, und ehe wir fortzogen, durchrannte der Knabe noch den -Garten mit angepflanzten Bäumen, die Wiesen, bestieg die Hügel und hatte -fast einen Arm voll duftende Blumen, die er dem Vater mit nach der Stadt -nehmen wollte. Selber der Haushund war gerührt, und leckte ihm die Hand, -als müsse Derjenige seines Herren Sohn seyn, der sich hier so freue, ihn -mit so guten Bissen füttere! - -In der Stadt erlangte ich gern, ja mit Seufzen des Mitleids die Erlaubniß, -den Vater zu sehn. Der Ort, ein höchst saubrer, freundlicher. Der Mann, ein -höchst gutmüthiger, wohlwollender. Und ihm mußte ich sagen, daß ich ihm -seinen Sohn Wilhelm bringe! - -Der ruhige Mann schlug sich vor den Kopf. Dann saß er mit aufgestemmten -Händen, während der Sohn an die Thür pochte vor Ungeduld. Wilhelm aber -sollte und wollte dem Vater nicht sagen, daß Mutter und Bruder gestorben -seyen. - -O Wiedersehn! heiliges Wiedersehn! Wie weinte meine Maria, wie -- um ein -aufrichtiger Mann zu seyn -- wie weinte ich! Wie gedrückt war des Vaters -Herz, denn in wenigen Stunden hatte er zu sterben. Wie strömten ihm Lehren -und Küsse vom Munde! und segnende Blicke und Thränen von den Augen! -- -Endlich und endlich, nachdem ihm der Knabe viel erzählen müssen von Mutter -und Bruder -- ja als er ihm auch im Eifer, sein kindliches Herz ganz -auszuschütten, erzählte, wie sie den Anselm in den Meergarten begraben -- -weil sie beide zu ihm gewollt -- weil ja die Mutter gestorben sey -- -- -- -da faßte sich der Mann wunderbar, schwieg eine Zeit, schien viel zu fühlen -und zu bedenken, und gab mir seinen Sohn dann an der Hand mit den Worten: -»Ich habe eine weite Reise vor, mein Kind! Lerne indessen fleißig, lebe gut -und fromm und dulde kein Unrecht wie ich! Ich reise gern. Könnte ich nur -Alle mitnehmen, die mich dazu nöthigen! Dein Führer hier wird ferner Dein -Freund und . . . . Dein Vater seyn.« Dann setzte er sich ruhig hin und -sprach nicht mehr. Wie konnte ich anders, als, so schwer sie mir war, eine -so heilige Pflicht von dem Vater übernehmen. - -Endlich gingen wir fort. Der Knabe ging rückwärts zum Zimmer, rückwärts zur -Thür hinaus, um den Vater also noch länger zu sehn -- und als die Thür -schon zu war, wünschte er ihm noch »glückliche Reise, fröhliches -Wiedersehn!« durchs Schlüsselloch. Da hörten wir drinn einen dumpfen Fall! --- Aber wir gingen! Und noch war hier ein Herz geschont, das Herz des armen -Knaben, der nun mein war. - -Nach der Hinrichtung des Vaters besuchte ich allein den freien Platz, -worauf viele Tausende versammelt waren. Und wohl zwanzig reisende -Geistliche benutzten die Gelegenheit zu zwanzig getrennten camp meetings, -zu Feldpredigten oder Bergpredigten. Ich urtheile nie über Männer von -meinem Fach -- aber die Seele ging mir groß auf, als ich dachte, als ich -sah -- Erde und Himmel sind die schönste, die einzige wahre Kirche! Und das -Leben ist der einzige, reinste, ächteste Gottesdienst. -- Auch will ich -nicht verschweigen, daß der Ankläger Marfolk fast gesteinigt worden wäre, -daß ihn Furcht befiel, dann Haß und Lust von dannen zu ziehn. In dieser -Noth hätte ich ihn beinahe »Vetter« genannt. Auch Maria zeigt ihm Mitleid. -Nach einigen Tagen stellt er sich gleichfalls beinahe an: mich zu bitten, -daß er mich Schwiegervater nennen dürfe. Aber nur beinahe. Maria bittet -mich dringend von dannen zu reisen. Und hier muß ich doch sagen, wie meine -Tochter hätte gesinnt seyn mögen! Und wie ich hätte gesinnt seyn mögen! -Jedes ganz verschieden. - -Nämlich Josephine und Erwin wußten, daß wir uns länger in Handerson -aufhalten würden, um auszuruhen. Wir empfingen also Briefe. Ich einen Brief -von meinem Caplan aus der Heimath, der meldete: daß die Baronesse -Freysingen bankrot sey! Daß _Erwin_ sie ausgeklagt. (Das bestürzte Marien -vollends.) Daß sie im Schlosse zur Miethe wohne, und daß sie nunmehr als -armes, geringes, fast verachtetes Mädchen entschlossen sey, ihrem -Jugendfreund Marbod, meinem Sohn, ihre Hand zu geben, wenn er nur von -seiner tödtlichen Krankheit genese, und sie hoffe grade durch diese -Aussicht ihn herzustellen. Daß meine alte Großmutter mit Gewalt sich habe -den Staar stechen lassen, weil ihr Sohn kommen würde; daß sie aber von der -Vorbereitungscur ganz schwach, und vor Alter ganz kindisch geworden. - -Das war Ein Brief. - -Dann schrieb mir meine liebe Clöta aus Neu-Orleans nach manchen andern und -vielen Eingängen, daß ihre »_schöne_,« ihre »_seelengute_,« ihre -»_reiche_,« ihre »_junge_,« ihre »_geliebte und liebenswürdige_« Herrin -Josephine -- seit dem Tage, unserer oder meiner Abreise krank sey, recht -bedauernswürdig krank. Ihre großen Augen seyen noch größer, noch -schmachtender geworden, ihr Mund noch kleiner, ihre Grübchen in den reinen -Wangen noch sichtbarer. Sie rede oft im Schlafe -- und von mir! Sie rufe -mich! Sie springe im Nachtkleid aus dem Bett und ringe mit ihr matt und -flehend, sie hinaus, sie fort zu lassen. Deswegen meine sie (nämlich -Clöta), daß ihre Herrin seit _meiner_ Abreise krank geworden, und wohl -nicht besser werden möchte, wahrlich nicht _möchte_ -- so gleichgültig sey -ihr das Leben, bis ich wiederkäme, oder bis sie mich wiedersähe, bis ich -sie wiedersähe, aber mit günstigen Augen. Das läßt Clöta nur durchblicken. -Clöta hat von Josephinen ihr kleines Bildniß erhalten -- das schickt Clöta -mir. Die kostbare Einfassung habe sie behalten. Als Nachschrift stehen die -Worte: »Sie hat ihre Plantagen verkauft.« - -Das war der zweite Brief. - -Diesen las ich allein! Denn eine erwachsene Tochter ist wie ein Engel, vor -welchem der Vater sich selber schämt . . . . geschweige ein schönes und -junges Weib zu nehmen -- so nöthig es dem armen Manne ist, so wohl es ihr -selber auch thäte, damit sie vermöchte ein Engel zu bleiben, und nicht eine -Sclavin zu werden brauchte. - -Maria aber beredete mich fortzureisen. Ich war willig und wollte bereit -seyn, wenn ich ein herrliches Grundstück, das ich hier gesehen hatte, für -die Baronesse . . . . also auch für meinen Sohn gekauft hätte, woran ich -jetzt erinnert worden. O, ein Vater ist ein edler Mann! Aber die Kinder -machen ihn dazu! Ich fuhr mir unwillig und schnell mit der flachen Hand -über die Stirn bis hinauf in die Haare! Es war aber klug und gut. - -Kaufte ich nun für die Baronesse eine kleine Grafschaft, -- denn hier sind -auch Grafschaften, wie Spinnennetze ohne Spinne, so ohne ihre Hauptzierde: -die Grafen -- so war zu Hause Marbods Stelle leer, wenn er mit ihr herzog; -oder der Diakonus nahm sie an, und bekam vielleicht wieder einmal am Tage -Heirathsgedanken. Das Alles war Vorrath für jede Hoffnung, für jedes -pis-aller. Ich hatte mit meinen paar Guineen in der Tasche unermeßliche -Lande vom Strom aus gesehen, und die Begier, der Geiz der Ankömmlinge war -über mich gefallen. Ich wollte das schönste, fruchtbarste Land, den Morgen -für 27 Kreuzer, nicht gern aus der zweiten Hand für ein paar Kreuzer mehr. -War es noch ganz mit Wald bewachsen, so schien es nach unseren Preisen wohl -100,000 Thaler mehr werth. Aber leerer Acker gilt hier mehr. So zweifelnd -und wählend trieb ich mich müde umher, bis ich vor Verzweiflung am grünen -Flusse in Kentucky 5000 Morgen -- Alles kaufte, was mir irgendwo reizend -geschienen. Aber als ich das Gold aufgezählt, von meinen paar Dreiern noch -zugelegt, da sah ich -- daß die Bergabhänge die Sonne im Rücken hatten -- -daß hier kein Wein gedeihen möchte. Gott, kein Wein! Ich war außer mir! -Aber ich mußte die Acten zu mir stecken, und empfahl Bäume, Quellen, -Wildpret, Truthühner, Vögel, Fische und Schlangen, Alles indessen dem -lieben Gott. Mit dem Gelde war mir ein Stein vom Herzen, und zwei darauf. -Denn ich fand auch, daß mein Eldorado unter dem 37sten Grade der Breite -lag; und höchstens erst unter dem 38sten Grade soll sich ein Deutscher -ankaufen, wenn er nicht aqua toffana schwitzen will, wie ich vor Angst -schon schwitzte. Und nun sollte ich meinen Committenten zu Hause ihr -künftiges Paradies aussuchen! War es schlechter als mein gekauftes, dann -schien ich ein Eigennütziger! War es besser, dann war ich ein Narr gewesen --- Volkmar! In _Ohio_ sollte alles gute Stromuferland schon besessen seyn. -_Indiana_ erst später bequem; und da es so breit daliegt, wird auch noch -später wohl in Europa ein Unglück seyn, welches Unglückliche hier glücklich -macht. Ich weiß nicht, wie mir ward; aber ich fuhr, über den Ohio eben nach -Indiana hinüber, hinauf nach Clarkesville ganz in dessen Nähe mein Freund -oder Feind Erwin den Adligen auf seines Vaters Befehl im Testament ein -unschätzbares Grundstück eingeräumt. Und das erste Wort, das ich von dem -vorigen Herrn von Habenichts hörte, war: »Rechts und links von White river, -oder gar erst droben von Recovery bis Weautenan soll es am schönsten seyn!« --- Wir hatten himmlische Freude, uns wiederzusehen. Ihre Wohnungen waren -gut, ihre Gärten und Felder und Wälder wie unvergleichlich. Überall führten -mich wenigstens immer funfzig glückliche Menschen herum. Der Nacken that -mir weh, die thurmhohen, mit Blüthen wie dunkele große Rosenknospen -überschütteten Fichten anzusehn! Die Trompetenbäume, welche, wie die Kinder -sagten, Posaunenbäume heißen sollten. Aber wo führte mich der alte Freund -auch hin! -- In einen Saal, nicht weit vom Ohio, den schon Tausende, die -stromauf oder stromab gefahren, besucht hatten, als ein hiesiges -Weltwunder. Ich sahe beim ersten Blick ein Wachsfigurencabinet mit allen -Europäischen Potentaten, die hier ganz eigenthümlich in tiefem Schweigen, -wie in tiefer Überlegung dasaßen. Ich nahm meinen Hut ab, obgleich nichts -gesünder ist, als der Gebrauch der Amerikaner, grade wenn man in's Zimmer -kommt, den Hut, selbst vor Damen, aufzubehalten, die ihre noch -wunderlichern, man möchte oft sagen unhöflichern Hüte ja auch nicht -abnehmen. Aber ich sahe nach langer Wehmuth endlich, daß der Saal ein -Klein-Europa, voll seiner besten Erinnerungen, war, alle blos zum Andenken -mitgebracht an das theure Vaterland -- Deutschland. Da lagen aus dem Cours -der Menschen mit fortgenommene Münzen, mit dem Bilde der verschiedenen -souverainen Herren. Da hingen Ellen aus jeder Provinz, länger oder kürzer, -keine gleich. Da blecherne Maaße, alle verschieden; Meßviertel und Metzen, -alle verschieden. Und so tausend verschiedene Dinge. Dort Censuredicte, -Cataloge verbotener Bücher aus jedem Ländchen, die einander meist aufhoben. -Verschiedene Strafgesetzbücher, Städterechte, Privilegien, Uniformen, -silberne Bischofsmützen, schwarze evangelische Mützen. Da hingen an einer -langen Kette von Eisen die abgelegten Orden der Herren, ja der Stifts- und -anderer Damen. Da lagen Armenlisten, Klosterlisten und Abbildungen von -Sonderbarkeiten, eine Reihe Carrikaturen vom ersten Witz, aber -unbeschreiblich. Dort lag schwarzes Bauerbrot nebst einer in Wachs -bossirten Bauerfamilie. Da verkaufte ein Herr Salz; da Tabak; da einer -Wolle, Holz; da hingen Studentenmützen von allen Farben . . . . da lagen -Zeitungen mit den letzten Nachrichten; ich bückte mich -- ich las den -Büchertitel: »Von Authenrieth, Kunst aus Holz Brot zu backen.« -- Mein -Gott, ich war daheim! Unbezwingliche Wehmuth befiel mich. Heilige Sehnsucht -nach alle dem Elend! Das Herz bleibt das Herz. Der Mensch bleibt der -Mensch. -- »Laßt uns betrachten« . . . . wollte ich anfangen, aber ich -mußte aufhören vor Weinen. Ich ging an den großen Häuptern vorüber, die -ohne Kronen und Scepter, nur ein Täfelchen mit ihren Namen an den gedeckten -leeren Tischchen, saßen -- bestaubt, blaß, in hundert Jahren alle todt, -zerfallen, wie diese Wachsbilder bald zerschmolzen, in das uralte schwarze -Element der Erde. Und ich sahe: Sie waren alle Menschen! Ich sahe, sie -waren ja alle aus ihrem Volke! Sie thaten alles Mögliche für ihr Volk, in -den Ketten und Banden der Zeit, die schleichen muß wie eine Schlange, nicht -fliegen . . . . nicht auswandern kann, sondern daheim gebaut ist, wie -Ulysses Bett auf den im Boden festgewachsenen Stämmen der uralten -Olivenbäume gezimmert; unbeweglich wohl, aber theuer und werth ist, einzig -werth; und wie Penelope daran, an diesem Geheimniß ihren lang verkannten -Gemahl erkannte, so erkannte ich hier mein Vaterland! Aber ich stand wie -ein Ehebrecher dabei -- wie der erschlagene Sohn meiner Großmutter, der -seiner Mutter um ein herbes Wort willen auf immer entronnen und umgekommen -war, und die arme alte Mutter saß daheim, zwar nicht mehr blind, aber ohne -ihn elend, wie er elend ohne sie gewesen. -- »Laßt uns betrachten« -- -wollte ich wieder beginnen, aber ich konnte kaum meine Gedanken alle -fassen! Mir war auf der Reise die Flasche zerbrochen, welche mir der -Wagehals mit dem Schwimmgürtel ausgehändigt. Ich hatte eine Stelle in -seinem Lebenslauf, den ich der Welt einmal mittheilen will, noch vor Kurzem -nicht verstehen können; jetzt, jetzt klar und gewaltig überkamen mich die -Worte, wie Feuer vom Himmel: »Nichts ist feiger als Flucht! Die armen -Elenden! Sie ihrem Schicksal zu überlassen und sich allein zu retten -- o -Schaam, o Schande! Als wenn eine Mutter oder ein Vater ein krankes Kind, -alle seine Kinder krank und gebeugt und hungrig zu Hause wüßte -- und an -einer prächtigen Hochzeittafel tafeln wollte, sich allein es wohl seyn -lassen wollte, in dem freien, fröhlichen, hellen, sicheren, prachtvollen -Hause -- und nicht heimkehren! O Schaam! O Schande! Nicht heimkehren! Oder -fortgehen! wenn sie ihm auch nur krank _geschienen_! Wenn er ihnen auch -nicht helfen könnte, nur mit ihnen leiden, sie nur trösten, sie nur küssen! -Ja, hier in Amerika ist das freie, das fröhliche, helle, das sichere, -prachtvolle Haus. Ja, es ist hier so schön -- daß es eine Schande ist, es -sich allein wohlgehen zu lassen, und nicht zu Hause zu sorgen, daß das Übel -besser werde. Wo der Mensch besser werden kann, wo er am besten, am -hülfreichsten, ja wo er nur am edelsten seyn kann, da ist sein Vaterland!« - -So sprach ich mir ohngefähr in zitternder Gluth die Worte vor und vergab -dem Manne. Ja, wie ich in Bremen gesehen meinen adligen Freund sich küssen -an der Wand, so wußte ich es zu machen, daß ich meine Lippen an die Mauer -drücken konnte -- denn ich küßte die Welt. _Ich_ war der Schatten hier. Und -ich hatte in mir ein Gelöbniß gethan, still, aber fest wie der stille Fels. -Nämlich das Gelöbniß: Als ein Deutscher nach Deutschland zu kehren, in ein -. . . in mein Vaterland! Damit ich ein Vaterland hätte, und das Vaterland -mich; damit ich nicht ehrlos, feig, selbstsüchtig, muthlos, rathlos, -hülflos _scheine_, so sehr ich es _wäre_! Oder _war_! O, ich war es nicht -mehr, denn ich fühlte mich froh schon daheim! O wie wollt' ich nun wirken -. . . und weben und ruhig sitzen an meinem, an unserem großen Webstuhl, der -uns Deutschland heißt: O, ich hätte Heiden bekehrt, geschweige deutsche -Auswanderer! Jetzt war mir ein schwererer Stein vom Herzen, der Fels, der -mich zu Tode gedrückt. Wie der Riese hatte ich wieder die Erde berührt, und -alle ihre Kraft hatte mich geladen. Ich hatte aber noch Pflichten. Mein -armes Weib war also umsonst gestorben. Die guten, die edlen Weiber haben -immer Recht. In jeder Mutter wohnt die Stimme der Natur. Ich schrieb in -meiner neuen Stimmung an Clöta, ließ neue Plane durchblicken -- ich legte -ihr eine schwarze Locke von meinem Haupte mit in den Brief. Ich fühlte ein -neues Leben -- gesund am Leibe war ich so schon geworden, ich fühlte das -Leben neu. Sollte ich blind seyn? Herzlos? Undankbar? Denn was ist älter -als alle Welt? Welches Gefühl? Und wie Josephine mich eher gesehen, und ich -sie eher gesehen hatte, ehe wir Beide wußten, daß _meine Frau_ das -Schicksal getroffen -- wie ich Josephinen also noch in eine lebendige Welt, -als die letzte, die schönste Gestalt mit aufgenommen, nicht farbenlos, -geisterhaft in die darauf erst mir aufgethane farbenlose, geisterhafte Welt -der Geraubten, so war Josephine ja nun darinnen lebendig, und regte sich -- -o sie regte sich wunderbar! Was ist der Mensch? -- Ein immer neues Wesen in -der immer um ihn versinkenden Welt. Oder man sollte im neuen Lenz keine -neue Rose brechen und an die alte Brust stecken, ja nur ansehn. - -Darauf zog es mich ins Land hinein, links an den Wabasch. Schon der Name -»Harmoniten« reizte mich. Ich wanderte mit meiner Tochter, wie in einem -langen Traume, im süßesten Sonnenschein. Aber die Flasche konnte ja Unrecht -haben, ich konnte nun erst am gewaltigsten irren, nun ich glaubte Recht zu -haben! Das Gefühl, Unrecht gethan zu haben, verstimmt mit der Welt und -macht blind auch. Und wollte ich billig seyn, ich konnte nicht leugnen: -diese Deutschen in alle den Ansiedlungen, die ich nun antraf, schienen mein -Heimweh überstanden zu haben! Denn sie schienen nicht nur, sie waren -wirklich glücklich. Bei mäßiger, ja nicht der Rede werther Arbeit -glückliche, harmlose Landleute. Sie waren keine Städter, keine von der -alten Welt gebildete oder verbildete Leute, kurz keine Gelehrte, keine -Vornehme gewesen. Und doch sagte mit ein Doctor, der hier zum Bauer -geworden: »Welch Unglück ist größer, als eine große Stadt? -- Welche Lüste -tauchen dort auf wie aus feuerspeienden Bergen und schwelgen sich satt! -Hier im ganzen Lande, den einzelnen Meiereien, ist kaum ein treuloses Weib. -Kein Spieler. Ich sage meine ganze Überzeugung: Es ist nichts schöner und -menschlicher, als ganz an und mit der Natur zu leben! Versteht sich -menschlich! Menschlich mit Blumen, die man tränkt, menschlich mit alten -Bäumen, menschlich mit dem Lamme, dem Hunde, ja mit dem Bär im Walde und -mit der Schlange. Denn durch Milde des Menschen sind alle Thiere zähmbar, -dienstbar zu machen, und alle sind seiner väterlichen Stimme, seinem -liebevollen Auge unterthan, denn die Thierseele ist auch noch ein Hauch von -der großen Seele, wenn auch nur wie letzter rosiger Hauch an den Wolken in -wunderlichen Gestalten, noch heiliges Licht der Sonne. Gartenbau, Feldbau, -das ist das erste, mittle und letzte Geschäft selbst des einst ganz klaren, -ganz großen Menschen, und im Schooße der Natur wird es am ersten, am -schuldlosesten, wenn einmal die Flamme in ihm entbrannt ist -- und sie ist -entbrannt! Und hier im Lande werden nur lauter Gärten seyn, lauter Gärtner -und Bauern. Aber ein Bauer ist ein ungeheurer Kerl, groß wie Adam,« schloß -er lächelnd. Der Doctor begleitete uns auf der Weiterreise, bis nach dem -kleinen Flecken Fashionout oder Modelos, welchen Engländer angebaut, um der -Mode zu entfliehn. - -Mein Gott! wie oft des Tages mußte ich hier im Lande mein kaum gesagtes -Wort zurücknehmen! Zu des Doctors Lob des Bauers hatte ich gesagt: In der -freien Natur, in einzelnen Pflanzungen hebt das angeborene richtige Gefühl -die Menschen über den kleinlichen, schwelgerischen, neidischen, -erbärmlichen Verkehr großer Städte. Und hier gilt nur das Herz! Kein Rang, -kein adliger Stolz, nicht Schaam einer niedrigen Magd. Man sieht, was in -Europa die Seelen bedrückt, das Gefühl der Stände, des eigenen, von -Jahrtausenden ausgedrückten Unwerths, das nicht zum Gefühl der _gleichen_ -Menschenwürde empor gelassen wird -- nur fort nach Amerika. Ich mußte das -Wort sehr bedingen. Denn der Doctor frug mich nun gern: »Warum wandern die -so ziemlich freien Engländer aus? -- Um der Sclaverei der Mode zu -entfliehn, der Jeder, der reich geworden, erst recht verfällt! Ein -ruinirter Fashionable, den ich curiren soll, sagte mir erst gestern: die -Mode ist die albernste Gesetzgebung, die kostspieligste; die Mode ist das -Ungeheuer, welches Europa's Fleiß, der Männer und Weiber Schätze, -Lebenslust und wahres Leben auffrißt. Die Europäer, vor allen die -Engländer, sind die wahrsten Sclaven durch die Mode. Die Engländer -- denn -ich bin keiner mehr, sagte er -- sind überall frei -- aber im Hause -Sclaven! Es wäre besser, sie wären in der Nachtmütze, in Pantoffeln, bei -der Suppe, bei Messer und Gabel frei, als frei überall außerdem auf Land -und Meer. Alle Künste müssen darüber zu Grunde gehn, alle Künstler, kurz -Land und Leute. Die englische Gesellschaft und ein jeder Abdruck derselben -umher ist die erbärmlichste auf dem Erdboden, und wenigstens zehntausendmal -erbärmlicher als die chinesische, wo doch viel zu merken und viel zu lernen -ist; aber Alles auf Zeit Lebens, auf das Leben vom Urgroßvater bis zur -Urenkeltochter und immerdar in die selige Ewigkeit. Hier in Fashionout -beobachten wir Menschenanstand, und kleiden uns und leben nach Wetter, -Bedarf, Vermögen, Gesundheit.« - -Ich aber dachte, daß Deutschland 2500 Städte hat und 40 Millionen deutsche -Zungen, Seelen, oder _Mäuler_, wie die Chinesen sagen, und Großmäuler, wie -die großen Deutschen gern sagen. - -Wie von diesem braven Doctor, so ging für mich nun ein tägliches Scheiden -an, von jeder Gegend, jedem Bach, jedem Baum, jedem guten, freundlichen -Menschen -- aber zuerst beinahe von meiner Tochter! Sie war mir krank -geworden; ich wollte sie in Gottes Namen nach Lawrencebury am Ohio -schicken, in das Haus des jungen, sie ehrenden Marfolk. Aber mit wem? Ach, -war nur mein Schulmeister Tolera hier! Denn auf dem Straßenbau hier im -Lande hätte er nicht nöthig gehabt, die Menschen hungern zu lehren! Im -Gegentheil nicht gar so viel essen; zum Frühstück schon in Butter -gebratenen Schweinebraten, Fische, fetten Kuchen, Eier, Käse; und ihr -Aufseher -- nicht gegen die Unmäßigkeit im Essen angestellt -- erzählte mir -mit sonderbarer Freude, daß die 6000 Arbeiter hier in 90 Tagen keiner einen -Schnaps getrunken habe! Aber meine Tochter nahm sich zusammen, und ihr -Geist, so jung der liebe Geist war, war stark. Ich fand es für meine Leute -hier überall gut, sich niederzulassen, so weit wir umherzogen, beschwerlich -genug. Hier begruben die Leute selbst; sie trauten junge Paare, sie tauften -selbst -- und der Papst und die Clerisei fiele auch hier in Ohnmacht! Ja, -wir wurden selber zu einer Taufe in Silverheelstown eingeladen, wo ein -Vater an jedem seiner Kinder einen besondern Gläubigen hatte. Der älteste -Sohn war ein Jude; der folgende ein Türke; der dritte ein Quäker; die -älteste Tochter eine Katholikin, und so fort, damit doch Eines seiner -Kinder den rechten Glauben erwische. Ich sollte nun Pathe stehen bei einem -kleinen Buddhaisten. Aber wir wußten Alle von den Ceremonieen dabei nichts. -Tolera selbst hätte sich zu Tode gewundert oder betrunken. Indessen dieser -Vater wollte auch Vater meiner Kinder werden, und ihnen ein gesegnetes -Stück Wüstenei verkaufen. Und ich schloß mit ihm die Bedingungen ab. Und -nun begehrten wir alle nach Cincinnati zum Bruder, vielleicht alle weiter, -nach Hause. Aber das Geld ging mir unterwegs nun endlich aus! Maria will -ihr Halsband von Josephinen verkaufen; -- das will ich nicht! Ich will den -Ring vom Prinzen verkaufen; -- das will sie nicht. Aber das mußte geschehn, -denn für den spätern Erlös des Halsbandes bezahlten wir die Heimfahrt nach -Europa. Aber nun war kein baares Geld von den Kauflustigen für den Ring -aufzutreiben! Höchstens Anweisungen auf eine ferne Bank. Sollten wir nun -hier, was wir an Materialien zum Tausch erhielten, verzehren -- so waren -wir nicht weiter. Wir mußten also lebendige Ochsen und Schweine nehmen und -einen Treiber, um sie am Ohio in Geld zu verwandeln. Die Reise war -merkwürdig genug. Schweine verliefen sich -- ich konnte nicht nachlaufen! -Ochsen waren marode, Maria schüttete ihnen Gras hin, beklagte sie und ließ -sie liegen. Eine Nacht ruhten wir in einer Höhle der Berge, die voll -uralter fremdartiger Menschengerippe war. Wir sahen Postdampfwagen -pfeilschnell vorüberfahren, wir konnten keine Stelle darauf bezahlen. -Endlich trieben wir glücklich in Lawrencebury ein. Aber Niemand lachte uns -aus. Alles Nothwendige steht hier in Achtung. Wir frugen nach Marfolk's -Wohnung, fanden sein großes Gehöft mit Niederlagen und Speichern, und ob er -gleich mein Schwiegersohn werden wollte, so drückte er mir doch die übrigen -Ochsen und Schweine ab. »Im Handel keine Freundschaft!« sagte er. Dagegen -im Hause war er unser Freund. Er wußte um mein Anliegen, er führte mich, -noch ehe wir ausgeruht, in seines Vaters Zimmer. Da hing über seinem Tische -meiner Großmutter Bild. - -Schwarz, in großer Haube, und drunten stand der Name des reisenden -Silhouetteurs _Näthe_ aus Görlitz. Er öffnete die Weihnachtsbriefe. Sie -waren nach dem Ort meiner Heimath adressirt. Es gab eine Scene der -Erkennung, welche Maria durch kühlen Anstand milderte. Marfolk war in allen -Zeitungen im ganzen Lande durch seine Anklage auf Hinrichtung gleichsam -an's schwarze Bret geschrieben. Er wollte fort aus Amerika. Er fand es -schön, vor die alte Großmutter zu treten, und wenn er nicht in Europa -bliebe, wollte er bei der Rückkehr als ein frischer Einwanderer sich in -einem andern Staate der Union unter seinem wahren Namen Volkmar -niederlassen. Er wollte mit uns reisen! Das setzte voraus, daß wir wirklich -reiseten. Auch war ihm die Reise im Testament des Vaters, also nun meines -Oheims, aufgegeben. Wegen des Knaben Wilhelm bestimmten wir, daß er ein -Gerber werde, als die jetzt noch vortheilhafteste Profession, weil Häute um -ein Spottgeld und Leder sehr theuer wären. Übrigens war hier nichts mit -andern Handwerken; denn die Maschinen machen schon alles, oder werden hier -noch alles machen, als seelenlose, blinde Ableger oder Riesenkinder des -Menschen, gleichsam ein eisernes Geschlecht, in welches der Mensch seine -Sclaverei gebannt hat; und worüber Europa zu Grunde geht, durch Maschinen, -das bringt Amerika empor, weil hier Alle breit und bequem auf die -fruchtbare Erde sich stützen, und Alle sich neben und mit Maschinen grade -erst recht hoch emporrichten. Um dem Wilhelm zu der Ansiedlung von seinem -Vater zu verhelfen, mußte ich ihn jedoch erst durch einen verschriebenen -Taufschein als Erben legitimiren. Übrigens lernte ich hier im Hause das -Verhältniß und das Verhalten der Dienstboten -- bei uns des Gesindes -- -hier der dienenden Herren und Frauen -- kennen, die so behandelt werden und -so sich betrugen, als bei uns adlige Herrn und Fräulein im Dienst bei -Bürgerlichen sich benehmen und behandelt werden würden. Mein Gott! so viel -thut schon das bloße Bewußtseyn: Wir sind frei! und das große Verhältniß: -Es ist nur Ein Stand im Lande -- der Stand des Menschen! Das war das -Bitterste, was ich erfahren habe, und das Schönste. Ja, wenn wir hier -blieben, wenn ich keine andere Aussicht für uns wüßte -- und ich sahe weder -als Pastor, ja nur als Schulmeister ein Ankommen -- wenn wir nicht _Bauer_ -wurden, in dem kolossalen, freien, Amerikanischen Sinne, durch Ankauf aus -dem Ertrag des Diamantenhalsbandes -- -- -- so wollten wir uns selbst mit -meiner Tochter vermiethen. - -Aber ich hatte recht vermuthet! Mein Vetter Marfolk hielt um meine Tochter -an. Ich konnte ihm nichts darauf sagen, als daß schon ein Anderer um sie -angehalten, dem ich es schreiben wolle. Und so that ich. In 14 Tagen -erhielt ich die Antwort von Erwin: »Im November komme ich nach -Philadelphia. In vielen Geschäften. Erwin.« Noch stand das Wort dabei: »Ich -bin Senator der vereinigten Staaten.« - -Auf solche unbestimmte Antwort drängte mich meine arme Tochter, die mir -herzlich leid that, zur Heimreise nach Europa. Ja vorher, gewiß vorher -- -ehe sie den Erwin wiedersähe. Aber leider waren wir schon im Herbst, der -unendlich schön und bunt und mild und heiter sich über das ganze Land -gesenkt hatte. Meine Reise konnte nicht die Absicht haben, die Natur -abzumalen, und so habe ich alle die tausend Gelegenheiten vorüber gehen -lassen, ein Bild von Dinte ihr nachzupfuschen! Denn hier ist mehr wie -Griechenland und Italien. Hier ist Persien, kurz alle schönen Gegenden der -Welt, nur keine Schweiz. Freilich blieb mir übrig, auf der Besitzung der -Baronesse Freysingen und ihres mir so nah verwandten jungen Mannes den -Voigt zu machen, oder den Gehülfen auf der Ansiedlung unsrer zwanzig Dörfer --- aber meine Tochter hatte _alle_ Amerikaner satt, durch Einen, und -Amerika mit ihm herzlich satt. Zum nächsten Frühjahr also versprach mir der -gute, bescheidene Vetter Marfolk mit nach Europa überzufahren. Jetzt nahmen -wir von ihm Abschied. Wir reiseten ziemlich armselig. Jeder Vater kann sich -denken, daß ich endlich schweres Verlangen trug, meinen Knaben in -Cincinnati zu sehen. Wir schifften die kurze Strecke den Ohio hinauf nach -der Stadt, die einen Hügel hinauf schön und herrlich liegt. Wo er seyn -sollte, wußte ich. Ich ließ meine Tochter in unserm Boarding, oder höchst -anständigen Familien- oder Gesellschafts-Gasthof, ging allein und fand das -Haus. Aber mein Sohn war fort! Fort in eine Anstalt nach Philadelphia. Wer -konnte das gethan, ihm so wohlgethan haben? Alles Rathen war aber -vergebens. Indeß er lebte, er hatte geschrieben -- auch an mich; ich -empfing seine Briefe. Ich mußte sie küssen, ehe ich sie las, und dann -weinen, denn er erinnerte mich an die Mutter, die nun schon lange im Lande -hier schlief. Ich schrieb ihm wieder und ein Diener ging sogleich mit dem -Briefe fort. - -Als ich nach Hause gekommen, fand ich eine Einladung zum Mittagessen zu -einem guten Freunde, der sich jedoch nicht genannt hatte. Straße und Haus -war angegeben. Warum sollte ich der Einladung nicht folgen? Meine Aufregung -war heftig. Ich zog wieder einmal die guten Kleider an. Alle meine guten -Freunde schwebten mir vor. Wie angenehm war mir ihre Nähe im Geist. Aber -ach, wie viele waren elend gebannt zu Hause! Doch auch unter den Wenigen, -die hierher gewandert seyn konnten, rieth ich vergebens, und blieb in der -holden Erwartung, wen ich sehen, wen ich an das Herz drücken würde. - -So geh' ich. So trete ich ein. Niemand zu sehn! Nur ein Tischchen mit zwei -Gedecken steht bereit. Aber im Cabinet regt sich es wieder mich sonderbar -erinnernd. Ich sehe. Es lauscht zwischen den zugehaltenen Vorhängen. Ich -spähe. Ich gewahre ein großes braunes Auge in seinem milchweißen Himmel. -Mir klopft das Herz. Ich sehe oben darüber schwarzes, glänzendes Haar. Nun -erscheint ein kostbares Nasenspitzchen, die schöne, edelgebildete Nase. -Jetzt Lippen wie Erdbeeren, wie eine Doppelkirsche. Mir beben die Kniee wie -in meiner grünsten Jugend. Mir vergehen die Sinne. Denn nun sehe ich auch -schöne, aber blasse Wangen -- das ganze edle Antlitz ist frei. Aber die -Augen sind jetzt leise geschlossen. Die Augensterne zucken unter den -langbesäumten Augenliedern. Ja, an den Wimpern quillt es leis und zart -hervor wie Thau an Blumen. Ich weine selbst. - -Josephine! ruf' ich. - -Da verhüllt sich ihre ganze Gestalt wieder hinter dem Vorhang. Ich bin -betäubt. Ich setze mich gleichsam in Ohnmacht auf das Sopha. Meine Hand -bedeckt die Augen. So bleibe ich lange. Ich träume, ich schlafe eine -mannigfach bestürmte, aber schöne Zeit. Ich komme zu mir. Die Gestalt sitzt -neben mir. Ihre Hand hält meine Hand. Ich schlage die Augen auf. Ihre -großen, feuchten Augen sehen mich an. Wenn ich nicht auf dem Sopha saß, -wär' ich ihr zu Füßen gefallen. - -In dieser herzbeklemmenden Stunde erschien mir wie damals wieder im Zimmer -vor mir stehend die Gestalt meiner Frau. Ich machte die Augen vor ihr zu. -Aber sie sprach heut mild zu mir: »Fürchte Dich nicht! Ich bin unter den -Todten so klug geworden, wie alle Todten. Weiber und Männer, die von den -Ihren hinweggerissen, nur wohlthun, ihnen auf Erden noch alles Glück zu -gönnen, ihnen neidlos alles Glück zu verschaffen, oder bei ihrer Ohnmacht -sie doch zu segnen. Also jetzt sprich zu dem armen Weibe. Sie wird kein -Wort Dir sagen. Denn ein Weib ist edel. Und so sehr sie verrufen sind, daß -sie schwatzen, so halten sie doch ihre Liebe zu heilig, als sie je auf die -Zunge zu nehmen gegen einen Mann. Rede also Du! Und sie wird Dir antworten -ohne Worte, mit Thränen, mit ihrem ganzen Dir holden, schönen Wesen. Auch -prophezeihe ich Dir, lieber Volkmar: Noch heut wirst Du mit ihr getraut. -Diese Nacht schon ruhest Du hier. Und wenn Du das Licht auslöschest, und es -sich unheimlich im düstern Zimmer regt, so denke: ich bin's, die -hinschwebt, das kalte Lager der Todten zu drücken.« -- - -Jetzt schwieg sie, sahe mich zärtlich an, und verschwand oder verlosch -vielmehr auf derselben Stelle allmählig, wie ein Regenbogen verschwindet -und hin ist. - -Ich aber war noch ganz verworren, und sagte laut und verständlich vor mich -hin: Das laß ich mir eine vernünftige Frau seyn! Sie räth mir nun selbst -zu, den Engel zum Weibe zu bitten. -- Ich fuhr auf. Denn ich erwachte jetzt -über die Worte erst völlig und war gewiß über und über roth. - -Aber auch Josephine war von Röthe übergossen. Aber sie verbarg sie an mir. - -Und das einmal ausgesprochene Wort meines vormaligen Weibes gab mir Muth -und Veranlassung, der schönen jungen Wittwe zu erklären, ja Alles -aufrichtig zu sagen, was ich von der Erscheinung gehört . . . . und mein -Schlußwort dazu zusetzen oder anzubringen. - -Und wie mich mein Weib versichert, so geschahe es. Josephine weinte blos, -oder schlang höchstens nur einmal ihre Arme um meinen Nacken -- aber die -Edle küßte mich nicht! Doch -- um ein aufrichtiger Mann zu seyn -- ich -küßte sie! Zum Erstenmal. Aber nicht zum Letzten. Und als Braut führte sie -der Bräutigam -- meine Wenigkeit -- zu Tische. - -Wie wenig essen Glückliche! - -Aber wie viel trinkt ein armer erlöster Pastor vortrefflichen Wein! Um ein -aufrichtiger Mann zu seyn, muß ich aber gestehen -- und jeder Eingang mit -dem Worte »_gestehen_« taugt gewöhnlich nicht viel -- ich schämte mich vor -meiner Tochter, wieder ein Weib zu nehmen, und ein so schönes, so junges, -und da es einmal so war, auch ein so reiches. Wenn meine Tochter -heirathete, so mußte sie sich vor mir schämen -- daß sie so liebte bis zum -Heirathen. Oder wir waren doch quitt. O, ein Vater hat in jeder Lage gar -viel zu denken, zu bedenken, zu beobachten. Doch meine Tochter sollte ja -gar nicht erfahren, daß ich nur wieder heirathen könnte! So war ich heraus. -Aber dabei mußt' ich nun bleiben. - -So viele Monate, so schwere Zwischentage waren wir uns unter tausend -Zweifeln mit Josephinen doch gut gewesen -- hier zu Lande war kein -langweiliges, meist nur überflüßiges Aufgebot nöthig, da keine Kirche, also -auch keine Kirchenordnung oder Litanei hier ist. Auf einem Spaziergang -gegen Abend ließen wir uns dem Geistlichen melden, denn meine Braut kam mir -garnicht mehr so voll vor, als da ich sie zum letztenmal gesehen. Und so -standen wir vor dem Geistlichen, gelobten uns Treue, gelobten uns: Glück -und Unglück mit einander zu ertragen, und der Mann hielt eine kurze Rede, -wie ich selber niemals eine zu halten im Stande gewesen -- so gerührt war -er. Und als junger Mann und junge Frau wandelten wir nach Hause. Marien -aber ließ ich sagen, ich wäre in so liebe Gesellschaft gerathen, daß ich -wohl vor Morgen früh nicht nach Hause kommen würde. Dabei schickte ich aber -der guten Seele ein großes Körbchen mit allerhand vortrefflichen Speisen -und Wein, damit sie unbewußt doch von meinem Hochzeitschmause koste. - -Bis zum Morgen aber hatte sich meine liebe, kostbare Jungefrau -entschlossen, mit uns nach Europa zu gehn. Ich bat sehr, ob ich gleich -wußte, wie gern sie ging, um aus einem Lande zu kommen, wo sie, so schön -und edel sie war, nur mit dem Schleier sich zeigen durfte -- ihrer -schimmernden Farbe wegen. - -Als ich nach Hause kam, schlief meine Tochter, und ich küßte sie, und bat -ihr unser Glück ab und meine liebende Täuschung. Ich aber konnte ja nun -wieder -- versteht sich ohne den rechten Namen -- von ihrer guten Mutter -reden. Ja, der folgenden Tage Einem führte ich Josephinen bei ihr ein -- -als eine Gesellschafterin für sie auf der schönen Herbstreise durch Ohio -nach Philadelphia, ja nach Europa. - -Abends ging ich gewöhnlich in die oben angeführte »so liebe Gesellschaft.« -Und so hatte ich in diesen wieder glücklichen Tagen nur einen, aber höchst -bittern Verdruß. Ich wollte doch das Merkwürdige von Cincinnati sehen. So -lasse ich mich in die gelehrte Gesellschaft einführen, zu der auch, und -besonders die hiesigen Buchhändler gehören. Man muß meinen Namen Volkmar -mit: Volkhard verwechselt haben. Manche kommen und bedauern mich. Manche -drücken mir die Hände. Einer fragt mich mißtrauisch: wie ich aus meinem -19jährigen Zuchthaus entkommen? Ein Andrer: was ich gedacht oder für -Entschlüsse gefaßt, als ich das Bildniß habe um Vergebung anflehen müssen? -Andere wendeten mir den Rücken, oder sahen mich höhnisch, ja was noch -barbarischer war, sie sahen mich mitleidig an. Kurz, ehe es zu der Collecte -kam, die man für meine arme, unschuldige Frau und Kinder sammeln und ihnen -schicken wollte, suchte ich zu entkommen. Denn meine nackte Versicherung, -daß ich kein Buchhändler, am wenigsten ein Bayer sei, schlug bei den einmal -Verblendeten nicht an, und sie hielten mein Ablehnen für Schaam, für -falsche Schaam in Amerika. Durch diesen Vorfall erwachte aber -- in meiner -Weise, der mitleidigen, hülfreichen -- mein Heimweh bis zur Angst. Und ich -wand die Hände. - -Also nach einer schönen, glücklichen Reise durch das, reich angebaute, -unvergleichliche Ohio -- worin aber zwischen Urbana und Bixbie und zwischen -Chillicothe und Marietta noch ungeheurer Platz zu den gesegnetsten -Niederlassungen der Einwanderer harret -- waren wir im November endlich in -Philadelphia, und wohl logirt, denn meine Frau hatte unermeßliches -Vermögen, ob ich gleich noch nicht darnach gefragt, und ich war der Herr -wiederum meiner Frau. - -Sie ging mit mir voll Freuden zu nunmehr unsrem Sohne Gustav Adolph, -welchen, wie ich jetzt erfuhr, _sie_ in eine vortreffliche -Erziehungs-Anstalt hatte bringen lassen. Sie ging zuerst zu ihm hinein. -Aber das war vergebliche Vorsicht ihn auf den Vater vorzubereiten! Er kam --- bei ihr vorbei, über den Saal, auf die Treppe mir entgegen gestürzt, wo -er auf den höheren Stufen stehend, mich wie gleichgewachsen, so recht -umhalsen konnte. Aber er hatte ja mich, den Vater. Und so war sein erstes -Wort: »Ist die Mutter drunten?« - -Vorbereitet auf diese Frage sagte ich ihm, daß sie wieder nach Hause -gereiset sei, weil ihr lieber Sohn Marbod krank gelegen. - -Das glaubte er. Denn er kannte ihre Vorliebe zu jenem Kinde. Und ach, so -blieb ihm die Mutter leben, lange, lange Jahre. Er frug aber nach der -Schwester Maria. Und so mußte ich ihn unter Bitten und Bedrohungen -ermahnen, daß er sage: die Mutter habe mir ihn selbst, den Gustav Adolph, -mit einem Freunde hierher nach Philadelphia nachgesandt, weil die Schwester -sonst über die Mutter und den kranken Bruder sich grämen würde. Was die -Mutter betraf, hatte ich die Wahrheit gesagt. Unter dieser mir von dem -folgsamen Knaben zugesagten Bedingung konnte ich der armen Tochter doch -eine Freude machen: den Bruder wiederzusehn. Auch mußte sie das glauben, -denn auch ihr hatte ich in Vorrath gesagt, daß ich meinen kleinen Sohn gern -nachgesandt hätte, und deswegen nach Hause an die Mutter geschrieben. Und -so belohnte sich diese fromme List auf der Stelle. Denn Maria kam herauf, -und die Geschwister weinten reine Freudenthränen. - -Eines Abends darauf -- es mochte in Deutschland um die Zeit seyn, wo Tag -und Nacht mit einander ringen, nach Mitternacht -- kam meine heimliche Frau -zu uns in merkbarer Aufregung, und ladete uns zu einem Gang an den Hafen -ein, denn es wären Schiffe gekommen, die auslandeten. Wir gingen also. - -Die Delawarabai wimmelte von Schiffen. Unmerklich aber führte uns Josephine -an einen Stapelplatz, wo Boot auf Boot voll Neger, Hundert zu Hunderten ans -Land gesetzt wurden. Negermütter saßen schon auf der Erde, und hatten die -Kinder an der Brust, auf dem Schooß, oder um sich her. Junge und ältere -Männer, alle neu gekleidet, gingen ab und zu und halfen den Ihrigen Seil -ziehen, Päcke tragen, alles in brüderlicher, fröhlicher Gemeinschaft. Auf -einmal trat meine Tochter bestürzt hinter mich. Ich wandte mich um. Sie -verbarg sich an meiner Brust. Sie war blaß wie von Schnee; sie bebte wie -geschüttertes Rohr. »Was? Wer? Warum?« frug ich. -- »Ach, dort!« sprach sie -und deutete unmerklich über meine Achsel mit dem Zeigefinger. Ich sah -überall umher. So erblickte ich auch unter einigen Gruppen zwei einzeln -stehende Männer, deren Einem, dem großen, schlanken in blauem Überrock ich -nicht ins Gesicht sehen konnte; aber der Andere hatte es uns zugewandt -- -es war Erwin. Nun wußte ich Alles! Ich drückte ihr herzlich die Hand und -hieß sie abwärts sehen. Aber die Männer kamen beide im Gespräch auf uns zu. -Ich wich unmerklich aus, aber Erwin schien uns vermuthet, erkannt zu haben. -Und während wir alle die Augen zur Erde niedergeschlagen hielten, kamen sie -uns so nahe, daß ich ihre Fußspitzen sahe. So blieben sie vor uns stehen. -Sie grüßten leicht und zuversichtlich -- und ich hatte die Ehre und das -Vergnügen und die Erfahrung, an Erwin das Compliment eines getäuschten -Tochtervaters zu machen oder zu schneiden, und ihm zu danken. Welches -Gesicht ich aber dazu gezogen oder geschnitten, kann ich als ein -aufrichtiger Mann nicht sagen; denn ich habe es nicht gesehen -- als im -Spiegel von Josephinens Antlitz, worauf es ganz roth aussah. Wie mußte mir -aber erst werden, als Erwin nun so seine liebe Stimme vernehmen ließ: - -»Ich sollte eigentlich recht bös seyn, und ich will auch nicht leugnen, daß -ich im Kern der Seele, im Stolze, recht schwer, ja recht schwer beleidigt -war! Sehen Sie nur, General,« sprach er zu seinem Begleiter, »da hinter dem -Vater steht verschämt das Kind, das mir das Leben so schwer gemacht -- aber -mich zum freien Manne, und hoffentlich nun auch zum glücklichen« . . . . - -Er wollte Mariens Hand ergreifen, und wie sie sich ihm entzog, und um mich -herum schlüpfen wollte -- ergriff er sie von der andern Seite und hielt sie -fest an der Hand. Und das ganze Mädchen zitterte. - -Und mit seelenreiner, seelenfroher Stimme sprach er getrost zu ihr: »Ehe -ich nicht frei war -- denn wer nur noch einen Schatten von einem Sclaven -hat, der ist selber ein Sclave -- eher schämte ich mich Dir mit einem Worte -zu nahen -- und Du, Du hast doch das Schweigen verstanden? Meine ich! Aber -jetzt, jetzt! Ich habe keinen Sclaven mehr! Bin ich nun Deiner werth? Nicht -wahr -- ein Amerikaner! . . . . und er sollte Sclaven haben . . . . nicht -wahr, das konnte die liebe Seele ja nicht ertragen! Wer würde so ein Mann -als Mann gewesen seyn! Nicht wahr? Aber ich habe keinen Sclaven mehr, da -siehst Du sie alle umher! Du, mein edles Kind, Du hast sie frei gemacht -- -und hast doch nur Einen Menschen recht geliebt. Und das hab' ich -verstanden! Das hab' ich geehrt.« - -»Wohl, sehr wohl! Senator,« sprach der General. - -Wir andern alle weinten, und namentlich mir schnürte es heimlich ordentlich -die Kehle zu. Aber o Gott, der Blick, der jetzt aus meines Mädchens Augen -in ihres Freundes Augen strömte, der war wohl werth, daß Du Menschen -geschaffen hast, Du allliebender Vater, daß Du sie Sclaven werden lässest -und erlösest, durch Deine heilige Macht. Was hätten die Menschen denn sonst -auf der Welt zu thun, als etwa alle ewig im Bett zu liegen -- wenn Alles -vollkommen wäre! Das verhüthe Gott, und hat es verhüthet. So haben die -guten Menschen etwas vor, das Gute zu thun, und eine Freude, den Sieg über -Irrthum und Blindheit der andern armen Menschen. -- Das war mein -innerliches Gebet. O ich war ja nun endlich ein glücklicher Tochtervater! -Und die Unglücklichen können nicht beten; denn Beten heißt: Gott loben in -allen Dingen. So meine ich. - -»Die Sache freut mich!« sprach der General. »Sie geben ein Beispiel, und -ich danke Ihnen für Viele, Senator.« - -»Es geschieht nach meines Vaters Testament;« sprach nach Gottes Willen nun -mein Schwiegersohn. »Denn welcher Deutsche vergäße sein Vaterland! Das ist -uns keine Schande; denn Deutschland ist auch das Vaterhaus von England, -woraus unser Penn stammt. Thue ich was dazu, so geschieht es aus allerhand -Liebe und Ehrfurcht. -- Also mir keinen Dank, Präsident!« - -Gott's Wetter! hätte ich bald laut gesagt, das ist der Präsident der ganzen -27 vereinigten Freistaaten! und ich hielt mir wirklich den Mund bescheiden -zu und sahe meine Tochter bedeutend an, deren Auge aber schon an dem Manne -hing, still, sanft, ehrfurchtsvoll, wie eines Kindes Auge, das zum -erstenmal den Engel, das Christkind sieht, und selber die eigene größere -Schwester in ihm nicht erkennt, ob es sich gleich ohne Maske zu ihm neigt -und mit unverstellter Stimme freundlich zu ihm spricht. Das blaue Band auf -ihrem Busen ging aber auf und nieder . . . so klopfte ihr Herz. Und ich -hätte die golden untergehende Sonne fragen mögen, ob sie etwas Größeres auf -ihrer weiten Bahn erblicke, als einen freien Vater freier Kinder. - -. . . . . »Und lieber Vater,« sagte Erwin nun zu mir, »die Neger gehen nach -Deutschland.« -- - -Ich erschrak billig und unbillig. - -»Ich meine in die Schule,« fuhr er fort, »in die mein gewesenen zwanzig -Dörfer der Freysingen; denn ich habe sie laut Testament den Menschen zur -Ausstattung mitgegeben. Die Güter der Einzelnen habe ich gekauft. Die -Schiffe bringen die Neger hin, und laden Ihre Gesellschaft her. Künftig -folgen Mehrere! Tausende! Sorgen Sie nur, daß Sie dagegen 5000 Männer -hersenden; denn so viele können gleich einen eigenen Staat gründen und sich -eine Verfassung geben, und schon Abgeordnete zum Congresse schicken. Das -Schloß der Freysingen, den Park und die Appendixe von Vorwerken aber -erlaube ich mir Ihnen anzubieten, lieber Vater!« - -»Sie wollen also nicht bei uns bleiben? Wir haben die Deutschen so gern;« -sagte mir der gegenwärtige Vater des Volks, »Jeder, wie er will. Nur recht -für sich und nicht unrecht für Andere. Aber was haben Sie hier gesehen und -bemerkt?« - -Ich hatte aber das Herz auf einmal zu voll von der Heimath, oder sprach aus -Verwirrung: Was ich alles nicht gesehen? Sub fide pastorali: keinen -Majestätsverbrecher, keinen Censor, keinen Pfennig Steuer oder -Gewerbesteuer im ganzen Lande, keinen Hungrigen, keinen Faulen, keinen -Soldaten, keinen Adligen, keinen Erbitterten, der die Regierung stürzen -will, keinen Bettler, keinen Krüppel, keinen Executor, keinen sogenannten -Advokaten, keinen Theologen, ja nicht einmal einen Papst; schloß ich. - -Es sollte aber noch ärger kommen, denn er wiederholte: »Nein, ich meine, -Was Sie hier bemerkt haben?« -- Und ich sagte nun gar: Keine Kunst, keine -Cultur, keine Religion, -- oder Moral, wollte ich sagen! Aber ich konnte -gar nichts mehr sagen, und blieb rein stecken, roth wie begossen, denn ich -merkte meinen groben Fehler, oder meine fehlerhafte Grobheit -- aber mich -überkam ein furchtbarer, verzweifelter Muth, und ich setzte hinzu . . . »um -ein aufrichtiger Mann zu seyn. Hier steh' ich, Gott helfe mir, Amen!« - -Der Volksvater legte die Hand an's Kinn. Erwin aber entgegnete mir, fein -lächelnd: »Sehn Sie umher, lieber Vater! Es giebt ein großes Thier, dem der -Mensch nur Alles nachmachen kann, aber soll! Wo ist in diesem großen Thiere -Religion, als im Menschen? Im freien, im ausgebildeten Herzen des Menschen! -das bedenken Sie wohl. Aber liegt nicht eben darum die Sittlichkeit der -ganzen Natur zum Grunde, schwimmt sie nicht darauf, lebt sie nicht darin, -wie eine Wasserblume mit allen ihren Kelchen? So muß die Sittlichkeit auch -der Menschenschöpfung, dem Staate zum Grunde liegen, aus ihr hingebreitet, -wie ein unsichtbares, aber festes Netz -- das Niemand fängt, der es nicht -sieht, nicht sehen will, oder nicht gewahren kann.« - -Ich hatte mich wieder gesammelt, und fing an zu hören, was ich hörte; und -hörte nun weiter: »Da ist die Staatsgestalt die rechte, da ist die -Staatsgewalt die ächte, wo sie nicht alle Gewalten selbst ist, sondern alle -ebenbürtigen Gewalten neben sich grade befördert; alle Gewalten nämlich, -die keine Staatsgewalt weder hervorbringen, noch je vertilgen kann: die -Gewalt der Seele: die sittliche oder religiöse Gewalt, und die -patriarchalische, die väterliche, die hausväterliche Gewalt. Diese zwei -Gewalten müssen in jedem Menschen, in jedem Hause herrschen. Daran darf -nicht einmal ein Scherge klopfen -- also auch kein Priester. Es giebt also -Millionen Staatsgewalten im Lande, deren Ausdruck und Schutz blos die -sogenannte eingesetzte Staatsgewalt ist. Wo es so steht, da ist das wahre -Recht, die wahre Freiheit zu _Hause_, wahrhaft zu Hause, zu Kopfe, zu -Herzen! -- und somit denn im ganzen Lande, bei uns, meine ich. Und der -erste negative Staat wird wundersam der erste positive, den die Menschheit -aber ausfüllen muß und darf und kann! meine ich.« - -Jetzt fielen Kanonenschüsse von einem anlegenden Schiffe, und die Worte -wurden mir ordentlich eingedonnert. - -»Und was die Kunst betrifft? Ohne Wohlstand, Überfluß und Reichthum keine -Kunst? Wo wird sie also eher aufblühen oder eher auslöschen, hüben oder -drüben? -- So frug ich mich selbst von Rom bis Bremen. Und glauben Sie, -gegen eingewurzelte, in Jahrhunderten begründete Armuth sind Fleiß, -Ordnung, Recht, ja selber die endliche Freiheit vergebliche Mittel. Doch -unsere famose Geldaristokratie ist nur ein offenes, steigendes, sinkendes -Institut, das hier kein einziges Vorrecht gewährt! Und wenn Viele im Lande -100,000 Dollar haben, was hindert das, daß nicht Alle so viel erwerben und -haben? Was schadet das Haben der Andern Jedem, der nicht _vorreich_ seyn -will, sondern nur reich, _mitreich_! Denn das ist der erbärmliche -Unterschied, der den Reichthum dem Vorreichen wieder zu Armuth macht, und -dem Reichen den Reichthum zu Pein. Auch dieser Pein wird hier begegnet, -durch auseinander wohnende Menschen! Das Paradies mit Einer großen Stadt, -voll siebenstöckiger Häuser, wäre auch ganz ohne Adam's und Eva's -Sündenfall dennoch zur Hölle geworden. Ich meine. Nur die Sonne sieht man -mit einem geschwärzten Glase an! Uns aber gar mit russischem Marienglas? -Doch sehen Sie nur dort die neuen Einwanderer, die da eben heraufsteigen -- -o es giebt auch Augen für uns! Indessen Sie sehen, es giebt Patrioten auch -hier, die unaufhörlich aufmerksam und unermüdlich thätig das Volk das Gute -finden lassen!« - -Dabei lächelte er, gab mir eine Rolle Papier und sagte: »Das ist die Magna -Charta für Ihre Neger. Ich meine, sie werden den Fürsten achten -- unsern -Freund, den Vater des lieben Leuthold; sie werden alle Gaben gern geben; -gern Soldat werden; nach keiner Preßfreiheit fragen und so weiter; kurz, -folgsame, glückliche Deutsche seyn. Ich dächte aber, Sie tauften sie dieser -Morgen einen im noch einsamen Dämmer, gäben ihnen Namen, trauten die lange -Verheiratheten und thäten dergleichen Europäisch Erforderlichen Alles. Bis -zur Abfahrt lernen sie auch noch Etwas -- das müssen sie wissen. Aber meine -Schwägerin Maria hat ihren guten Theil an dem Allen, müssen Sie wissen. -Werde nicht roth! Du aber, Maria, komm auch mit uns! Und der Vater! . . .« - -Ich aber hatte mit Erschrecken meinen Sohn Marbod mit der Baronesse -Freysingen unter den Gelandeten erkannt, war in einiger Höllenangst und -versprach nachzukommen! Sogleich! Und so ging denn meine Tochter, von Erwin -an der linken Hand geführt, und zu ihrer Linken von dem edlen, ernsten, -wohlwollenden Freunde ihres Freundes begleitet von hinnen, meine heimliche -Frau aber zur Rechten Erwins. Mir war wohl, mir war unvergleichlich zu -Muth. Denn meine Tochter sahe sich nach mir um, und ihre leuchtenden Augen -nickten mir unter dem schattigen Hute so glücklich zu! O es ist wohl werth, -edel zu denken und edel zu bleiben -- und dann erst recht werth, wenn man -dadurch _nicht_ glücklich wird -- wie mein armes Kind. Jetzt hatte sie -gewiß Respect vor allen Amerikanern. Jetzt blieb sie hier! - -Ich flog meinen Kindern entgegen. Wie froh waren sie, einen Vater zu -finden, und hier. O, wer kann das beschreiben! Denn um uns standen -Hunderte, die wie ein sonderbares, ganz eigenthümliches Geschlecht, ohne -Heimath wie die Fische, ohne König und Herrn wie die Vögel gleichsam als -Amphibien der Vor- und Nachwelt hier im Abendscheine standen, die noch -wankenden Kleinen an ihrer Hand! Aber auch für sie war gesorgt. Nach den -ersten Umarmungen aber schon frug auch mein Sohn nach der Mutter. Und so -täuschte ich auch ihn, mit dem Wort, das nun gelten und stehen bleiben -konnte, als Wahrheit für sie, so bald und so oft sich auch alle, jetzt und -später, besprachen, daß die Mutter von Neu-Orleans nach Hause gereiset sey --- in unsrer Abwesenheit -- weil ihr Marbod krank gelegen. So sollte und -konnte nun auch Maria wissen. - -»So haben wir sie also verfehlt! die gute Mutter!« sprachen sie bedauernd. -»Aber, Väterchen, Du gehst ja heim.« Und nun verschlang der Strom des -Lebens die Gedanken, die Todten und Lebenden, die Fernen, die Alten, die -heiligen Alten, die alte Welt -- Alles und Alle. Ich führte die -Angekommenen nach, zu Erwin und zu Maria, zu Josephinen -- und heut war -Amerika ein herrliches, heiliges Land. - -Meine Lage war nun für einen Pastor äußerst lobenswerth, besonders, wenn -ich wieder in die vorgeschobene »angenehme Gesellschaft« ging. Ja, ich -bekam Amtsarbeit. Die Neger, wohl untergebracht, wohl unterrichtet im A. B. -C., wohl beaufsichtigt und versorgt durch Wilberforce und meinen ganz dick -gewordenen, fast majestätischen, langen, noblen, gutmüthigen Tolera -- die -Neger kamen eines Morgens sehr früh (am 14ten November) zur Taufe. Die -katholischen Priester hatten ganze Schaaren Südamerikaner mit der -Feuerspritze getauft, und dann mit Kartätschen erschossen -- so _viele_ -Köpfe zu taufen, so _viele_ Pathen zu stellen, war in der nöthigen Kürze -unmöglich. Die Schwarzen lagen auf den Knieen. Der Morgen, von sonderbaren -Wolken umhangen, graute kaum. In die heilige Stille sprach ich einige Worte -zum Eingang. Da war es auf einmal, als wenn eine allmächtige Hand alle -Wolken vom Himmel weggerissen! Tausend Gestirne glänzten da droben -funkelnd, sprühend, Strahlen versendend, ausströmend, wie goldnen, -brennenden, leuchtenden, langen Regen. Jetzt, jetzt rühren sich die -Gestirne am Firmament -- oder wanke ich? taumle ich? Aber nein! Was nie -geschah, und nie geschehen wird -- das ganze Firmament voll Gestirne zieht -rasch, wie auf entsetzlicher Eil durch das dunkelblaue Himmelsschwarz. -Alles wird licht auf der Erde! Die Meerbucht glänzt, die Büsche brennen, -die Nachtvögel stürzen, wie betrogen von tausend Sonnen, zur Ruhe; ich -unterscheide die Blätter der Blumen zu meinen Füßen, denn ich erblicke mit -Erstaunen meinen wie rasend um mich schwirrenden Schatten. Jetzt reißt sich -ein Stern los, er stürzt mit Gezisch und Gestrahl, mit Gedonner hernieder. -Zehn Sterne reißen sich los, wie reife Früchte! Hundert Sterne stürzen mit -Gezisch und Gestrahl hernieder! Tausend Gestirne, immer größer, wie -Feuerkugel-Lawinen, stürzen und zischen und strahlen, und tausendfältiges -Donnergekrach stürzt drüber hernieder. Ich war blind, ich war taub, ich war -außer der Welt. - -Es war geschehn. Es war ruhig, als wenn nichts geschehen. Es war -todtenstill, es war grabesfinster. Da standen die schwarzen Menschen auf, -beteten mich fast an, und dankten mir bebend vor Furcht, und klappten noch -mit den weißen Zähnen, die in dem Nachtgraun schimmerten. »Nun sind wir -getauft!« riefen sie alle. Und: Ihr seyd getauft! sprach ich und segnete -ihren Ausgang und Eingang -- in Europa. Dann enteilten sie wie Geister. - -Das war wieder einmal ein Wunder, stöhnte ich. Und nach langem Betrachten -schlich ich nach Hause und verschlief den ganzen Tag. Mir träumte: Ich war -in einem brennenden Hause und fiel in Ohnmacht -- dann sprang ich auf und -lief fort. Der Traum war meine völlige Lehre oder Cur. Wenigstens hast Du -nun Deine Kinder und Kindeskinder beim sicheren Nachbar. So ergötzte ich -mich nun noch mit ihnen Allen. - -Zum zeitigen heiteren Frühling kam unser Vetter Marfolk richtig. Da war -neue Freude. Meine Tochter, die ich mit Erwin getraut, in Gesellschaft der -zu trauenden verheiratheten Neger, kam von Washington zu unsrer Abreise. -Ich fuhr meinen anvertrauten Einwanderern voraus auf dem ersten -Dampfschiff. Der Morgen der Abreise kam. Erwin kam noch, und nach dem -Abschied flüsterte er mir noch ein Wort in's Ohr: »Wir bitten einander zu -Pathen!« -- Er wußte also, daß ich ein Weib hatte -- und Wen! Ich legte als -Antwort den Finger über die Lippen. Und er sagte leise: »O gern!« -- Ich -band ihm meine Einwanderer nach Indiana nochmals auf die Seele. -- Was soll -ich nun sagen, wie ich von Tochter und Söhnen schied? O es war schwer. Aber -alle sagten hier, wie daheim mir wieder: Väterchen, Du kommst wieder! Oder --- droheten sie -- wir kommen zu Dir! Und dennoch brach mir der Abschied -von meinem Hunde, dem Pudel »Menschenfreund« fast das Herz. Meine Tochter -wollte ihn behalten. Sie mußte ihn fort-, zurückschleppen, den Strand -hinauf; da blieb er geduckt liegen und winselte. Ich mußte noch von ihm -Abschied nehmen. Ich streichelte ihm den Rücken; ich sagte ihm: -Menschenfreund, sey verständig! Ich ließ ihn mir eine Pfote geben, und er -gab mir seine treue, sanfte Hundehand. Aber wie er mich dabei ansah! Was, -ja Wer in seinen dunkeln, bangen Augen so wehmüthig heraussah, herausdrang! -O ich schämte mich! Kurz, warum bleibt der Hund im ärmsten Hause -- wenn er -auch darin mager und elend wird? O, die Welt ist gut. Nur der Mensch taugt -nicht immer. Du bist ein gutes Thier, ein Menschenfreund! sagte ich ihm, -und er wedelte mit seinem feinwolligen Wedel. - -Wir kamen ohne Gefährde nach Hamburg. Diesmal in 14 Tagen! Ich konnte nun -also langsam fahren, und das that schon fast Noth, doch nicht meinetwegen. -Josephine war wie neugeboren. Und -- um ein aufrichtiger Mann zu seyn -- -ich auch. O, es lebt nicht nur ein eigener Geist, meinetwegen ein erst so -gewordner in jedem Menschen. Jedes Haus im Lande, jede Familie, jedes Dorf, -jede Stadt hat einen eigenthümlichen Geist, _eine_ Stimme wie ein -Bienenstock, einen lieblichen Wiederhall, ein Verständniß all unsrer Worte, -unsrer Wünsche, unsrer Freuden und Leiden. Und der Geist in einem Lande -- -der wäre kein Geist? Der Jahrtausende Eingewohnte, das millionenfache Ich? -O, das ist das Vaterland! Und als ich Deutschland wiedersah, rief ich aus -voller Brust: Ja, es giebt ein Vaterland! Nur wer es noch nicht erkannt, -höchstens die Jugend wandere aus, und mache ihre Stimme wo drüben zur neuen -Seele des Landes, der Berge, der Flüsse, der Haine. Aber wer je wo geweint -hat, wie Männer weinen, der bleibe, und hoffe Frucht von seinen Thränen, -und Segen von seinem Seufzen. Denn Millionen weinen und seufzen mit ihm, -und wünschen und schaffen mit ihm, und sind stark und mild wie er, und -werden sich freuen wie er. - -Ich kaufte vier englische Schimmel und einen prächtigen Wagen -- wenigstens -um nicht ausgelacht zu seyn. Denn am Strande in Amerika hatte ich einen -Müller gesehen, der bei schönen Müllerkenntnissen eine künstliche Mühle -dort bauen wollen und Mehl wie Kreide mahlen. Aber er hatte eine Handvoll -Amerikanisches Mehl in die Hand genommen -- wie Schnee und fein -- wie -Amerikanisches Mehl, und war fein still nach Hause gereiset. - -In meiner Vaterstadt fuhr ich nun donnernd über die Schloßbrücke, in nun -mein Schloß. Ich saß kaum im Lehnstuhl, als es murmelte und trappelte auf -der Treppe und im Vorsaal. Selbst mein Caplan war darunter, denn ich hörte -ihn krähen. Aber ich bestellte ihn auf Morgen, denn meine Tochter war -verheirathet, und ließ ihm nur sagen, seine sechs Muhmen hätten sechs -reiche Kaufleute in Neu-Orleans; aber dort handelten auch die Geistlichen -sogar mit Wein, und die Doctoren predigten auch nach Gelegenheit. -- »Schon -gut, schon gut,« hörte ich ihn sagen. - -Eine Freude aber, mußte ich sogleich noch machen: Meiner guten, theuren -Großmutter! Ich ging zu ihr selbst hinüber auf die Pfarre; denn sie hatte -nur gebeten, sie noch kurze Zeit in der Wohnung zu lassen. Sie wohnte aber -unten. Sie sahe mich, sie erkannte mich. »Also Du hast ihn gefunden?« -sprach sie. Nach einer langen Erzählung gestand ich vorsichtig zu: Ja, er -ist gefunden! Er ist auf dem Schlosse. Er wird kommen. Aber mein Gott, sie -freute sich so -- daß sie einschlief! -- Seliges Alter! Wer nicht alt wird, -ist kein Mensch gewesen. Es ist fast übermenschlich und hautschauernd, so -übermenschlich gefühllos, jetzt mit der Seele weg, jetzt da zu seyn! Jetzt -jung, jetzt alt! Jetzt schon im Paradies -- jetzt noch in der Kinderstube! -Ein alter Mensch ist wirklich Alles; ein Junger ist nur immer -- sein Tag, -seine Stunde. Ihr Enkel, der ihrem Sohne so ähnlich sah, hatte auch sogar -heut wieder die Kleider angezogen, in welchen sein Vater der Mutter -entflohen war. Denn der Vater hatte sie treulich aufgehoben. So, in -altväterscher Tracht, aber jung und wirklich voll Schaam hier -hereinzutreten, trat er herein. Ich winke ihm, ruhig sich ihr gegenüber zu -setzen, weil sie schläft. Nachdem er des armen Vaters gute Mutter sich -lange angesehen, schläft er selber noch müde ein. Ich gehe indeß auf den -Thurm; ich füttre die Tauben; ich winke Josephinen mit dem Tuche. Mir ist -es wie ein Wunder, sie hier zu sehn. Wohl nach einer Stunde gehe ich wieder -in das Zimmer. Der junge Volkmar schläft noch. Die Großmutter scheint zu -schlafen. Aber ich sehe deutlich, -- sie ist munter gewesen! Sie hat sich -vorgeneigt -- sie hat ihn erblickt -- sie hat ihn erkannt: den Sohn! den -treulosen Sohn. Die kindische Seele hat ihn für denselben gehalten -- so -ist sie sitzen geblieben -- -- aber gestorben, und ruhig und selig _todt_! -Und ich wiederholte meine Worte, jetzt aber mit fromm gefalteten Händen: -»Jetzt jung; jetzt alt; jetzt noch in der Kinderstube -- jetzt schon im -Paradies! O, es können nicht Alle wiederkehren, die hinüber wandern! Schon -Ein verlorener Sohn zerreißt der Mutter das Herz, daß sie nicht sterben -kann. -- -- Und Ihr, Ihr tausend Söhne des Vaterlandes! Wie könnt' es -selbst sterben ohne Euch? -- O, es giebt ein Vaterland! O seyd denn seine -Söhne!« - -Ich würde gar nicht geglaubt haben, weg, fort, so lange, so weit gewesen, -und wieder da zu seyn, wenn nicht meine Amerikanische Frau kam, so still, -so schön, so lieb, und lächelte, als sie die beiden Schlafenden sah. Viele -der neuen Auswanderer umringten jetzt das Haus; sie sahen durch die -Fenster; ich kannte die Gesichter. Ja Manche stimmten ein fröhliches -Auswandrerlied an! Ihre Augen funkelten vor Freude! Und ich dachte: -- Was -kein Mensch erklären kann, das kann kein Mensch verhindern! Das ist nicht -menschlicher Sinn; das ist göttliche Macht! So mußte ich sagen, um ein -aufrichtiger Mann zu seyn. Denn ich sahe mein Weib vor mir; und welchen -Schatz hatte ich da drüben gefunden! Ist nicht die Schönheit der Welt da -drüben? Und die Welt der Liebe? -- - -Die Sonne ging unter. Die Glocke im Thurme läutete ihr zu Grabe. Der -verlorene Sohn sprang auf von dem Hall und stand von dem Glanze geblendet. -Und selber die Kinder draußen nahmen schon vor dem Walten der Welt ihr -Hütchen ab, und beteten, unter dem Schwirren der Schwalben, das Vaterunser. - -_Breslau_, gedruckt bei _Leopold Freund_. - - - - -Anmerkungen zur Transkription - - -Offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert. - - - - - -End of Project Gutenberg's Die Probefahrt nach Amerika, by Leopold Schefer - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE PROBEFAHRT NACH AMERIKA *** - -***** This file should be named 42912-8.txt or 42912-8.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/4/2/9/1/42912/ - -Produced by Jens Sadowski - -Updated editions will replace the previous one--the old editions -will be renamed. - -Creating the works from public domain print editions means that no -one owns a United States copyright in these works, so the Foundation -(and you!) can copy and distribute it in the United States without -permission and without paying copyright royalties. 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