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Dieser Herr, den ich, wie +die Dinge nun einmal liegen, für den Autor des hier veröffentlichten +Tagebuchs halten muß, besaß, ohne von mir irgendwie dazu aufgefordert +worden zu sein, die große Liebenswürdigkeit, während meines Aufenthalts in +Kopenhagen mein Fremdenführer zu sein und sich meiner in jeder erdenklichen +Weise anzunehmen. Er schien ein ganz besonderes Vergnügen daran zu finden, +mir die mannigfaltigen Schönheiten Kopenhagens, das er außerordentlich +liebte, zu zeigen und wenn ich in der kurzen Zeit von etwa zehn Tagen, so +ziemlich alles gesehen habe, was Kopenhagen Sehenswertes besitzt, so +verdanke ich das lediglich meinem Führer und seiner oft erstaunlichen +Ortskenntnis. Er war selbst kein Däne, sondern nach der Klangfarbe seiner +Sprache zu urteilen ein Deutscher, aus den rhein-mainischen Gegenden. Aus +den Gesprächen ging hervor, daß er seit Jahren auf Reisen war, China, +Japan, die Vereinigten Staaten, Südamerika, Indien genau kannte und sich +sowohl in den Küstenländern, wie im Innern Afrikas längere Zeit aufgehalten +hatte. Niemals jedoch konnte ich erfahren, zu welchem Zweck diese Reisen +unternommen worden waren, und obgleich Herr DACO-NOGI so gar nicht das +Aussehen eines Globetrotters hatte, sah ich mich zuletzt doch gezwungen, +anzunehmen, daß er lediglich zu seinem Vergnügen gereist war. Übrigens +sprach er außerordentlich selten von sich. Dagegen fiel es mir bald auf, +wie intensiv ihn das Leben anderer beschäftigte, gleichviel, ob es das +eines Kohlenträgers war, von dem wir im Vorübergehen zwei oder drei Worte +aufgefangen hatten, oder das eines Ministers, dessen Rede uns durch die +Zeitungen bekannt wurde. Es wird von Balzac erzählt, daß er oft in der +Lebhaftigkeit seiner Phantasie von den Gestalten seiner Einbildung wie von +lebenden Personen sprach und seine Freunde dadurch in Erstaunen setzte, daß +er ihnen von den Schicksalen der Eugenie Graudet und des Vater Goriot +erzählte, als handle es sich um Menschen, die jeden Augenblick selbst +eintreten und sprechen könnten. In ähnlicher Weise überraschte mich oft +Herr DACO-NOGI, wenn er plötzlich ohne jeden erkennbaren Anlaß aus dem +Leben von Personen erzählte, von denen er weder wußte, was sie waren, noch +wie sie hießen. Wie intensiv und außerordentlich diese Beschäftigung mit +dem Leben anderer war, davon überzeugte ich mich zuerst an mehreren +Bemerkungen, die er im Verlauf des Gesprächs über mich und meine +Verhältnisse machte. Mehrere Male überraschte er mich nämlich durch die +Kenntnis von Tatsachen aus meinem Leben, von denen ich bestimmt wußte, daß +ich sie ihm nicht mitgeteilt hatte. Das erstemal als er plötzlich von +meiner Schwester sprach, konnte ich noch glauben, es sei Zufall und ich maß +der Sache weiter keine Wichtigkeit bei. Aber noch am selben Tage gab er mir +ganz unvermutet einen Rat, der die Kenntnis höchst komplizierter +persönlicher und finanzieller Verhältnisse voraussetzte, deren Intimität +mich vor dem Eigenverdacht bewahrte, vielleicht davon gesprochen zu haben. +Zuerst stand ich vor einem Rätsel, das ich mir nicht im geringsten zu +erklären vermochte und ich betrachtete meinen neuen Bekannten mit einer +Mischung von Mißtrauen und leiser Furcht. Dann aber erhielt ich durch +einige Beispiele, die das Leben anderer Personen betrafen, den seltsamen +Beweis, daß dieser Mensch in einer geradezu ans Wunderbare grenzenden Art, +die Fähigkeit besaß, aus den unbestimmtesten Redewendungen und den +scheinbar unpersönlichsten Gesprächen auf Tatsachen und Geschehnisse +zurückzuschließen, die einem Menschen mit gewöhnlichem +Beobachtungsvermögen, schlechthin verborgen bleiben müssen. Mit dieser +ungewöhnlichen Fähigkeit erinnerte er mich an die sonderbare Gestalt des +Herrn Dupin in den Poeschen Novellen, denn Herr DACO-NOGI besaß in +Wirklichkeit das ans Fabelhafte grenzende Assoziationsvermögen jener +erdichteten Gestalt. Nur eine ungeheure Beweglichkeit der Phantasie, die +selbst die geringfügigsten Sinneseindrücke verarbeitete, kann es ihm +ermöglicht haben, zu so verblüffenden Feststellungen zu kommen, wie sie ihm +in meiner Gegenwart gelangen. Übrigens arbeitete dieses fast übernatürlich +zu nennende Assoziationsvermögen, wie die meisten ganz großen und +übernormalen Fähigkeiten im Menschen, beinahe ganz unbewußt in ihm und er +war sich in den allermeisten Fällen auch gar nicht klar darüber, irgend +etwas erraten zu haben, was zu erraten andern Menschen schlechthin +unmöglich gewesen wäre. Nach und nach nahm ich übrigens wahr, daß es +keineswegs eine einfache, übermäßig ausgebildete Assoziationsgabe war, die +meinem Bekannten so seltsame Ergebnisse lieferte. Wie sollte es auch durch +einfache Assoziationen möglich sein, Stimmungen, Gefühle und halbbewußte +Empfindungen von Menschen zu erraten, von denen er, wie gesagt, oft nicht +mehr als drei Worte gehört und die er nur ein einziges Mal gesehen hatte. +Es schien mir vielmehr eine Art künstlerischen Vermögens zu sein, das er +besaß und vielleicht gibt das Wort Einfühlung den allgemeinsten Begriff von +dem, was ich sagen will. Er vermochte sich auch durch den aller +geringfügigsten Anlaß etwa so in einen Menschen einzufühlen, wie es der +Betrachter oder Zuschauer eines Kunstwerkes tut, der damit die Absichten +und die Mittel des Künstlers errät. Und zwar war die Art der Einfühlung in +ein fremdes Leben so stark, daß sie ihn nicht nur vollkommen beherrschte, +sondern ihn auch vollkommen veränderte. Oft, während er sprach, wechselte +er seine ganze Haltung und seinen Gesichtsausdruck. Wie ein anderer Mensch +wohl seine Rede durch Gebärden mit den Händen oder bei lebhafteren +Temperamenten auch durch ein bewegliches Mienenspiel zu veranschaulichen +sucht, so zwang bei ihm der Gedanke oder das Gefühl, das er ausdrücken +wollte, den ganzen Körper in Dienst und veränderte alles an ihm. Nichts +aber stand sozusagen willenloser unter dieser Kraft der Einfühlung, wie +seine Stimme. Sie war gleichsam diejenige Saite, die die Schwankungen +seiner Empfindung am vollendetsten und differenziertesten wiedergab. Sie +war nicht nur von einer schier unglaublichen Modulationsfähigkeit, die die +leisesten, zartesten und härtesten Töne anklingen ließ, nein, sie vermochte +geradezu ihren ganzen Charakter zu verändern und oft, wenn ich, die Wirkung +dieser Stimme auf mich zu erproben, die Augen schloß, hätte ich meinen +können, plötzlich mit einem ganz anderen, fremden Menschen zu reden. + +Am Tage meiner Abreise von Kopenhagen kam Herr DACO-NOGI vormittags auf +mein Zimmer, um sich von mir zu verabschieden. Er war im Mantel und Hut, +denn er stand selbst gerade im Begriff abzureisen. Unter dem Arm trug er +eine kleine Mappe aus dunkelgrünem Leder, die er bei seinem Eintritt auf +dem Garderobenständer ablegte. Wir unterhielten uns vielleicht zehn +Minuten; es lag mir mehrfach auf der Zunge zu fragen, wohin er reise, aber +aus dem Gefühl heraus, nicht neugierig erscheinen zu wollen, unterließ ich +die Frage. Einige Tage vorher hatte er übrigens davon gesprochen, demnächst +nach Canada gehen zu wollen. Nach zehn Minuten erschien der Hausdiener und +meldete das Automobil. Wir verabschiedeten uns kurz und herzlich. Dann, +nach einer Stunde etwa, bemerkte ich, daß mein Bekannter die Mappe auf dem +Garderobenständer hatte liegen lassen. Ich erkundigte mich bei dem Portier, +ob Herr DACO-NOGI eine Adresse hinterlassen habe. Es war nicht der Fall. In +der Hoffnung vielleicht aus dem Inhalt der Mappe die Adresse des Fremden +erfahren zu können, öffnete ich sie mit dem anhängenden Schlüssel. Was ich +fand, war nur eine große Anzahl dünner, zerknitterter Blätter, die mit +einer steilen kritzlichen Schrift bedeckt waren und eine Karte, die an mich +gerichtet war und nur die Worte enthielt: Bitte, betrachten Sie diese Mappe +und ihren Inhalt als Ihr Eigentum. -- Schon auf der Fahrt von Kopenhagen +nach Hamburg habe ich dieses seltsame Schriftstück, von dem ich beim +flüchtigen Durchblick bald erkannte, daß es sich auf den Diebstahl der +Gioconda bezog, zum erstenmal gelesen. Mein Entschluß, das Manuskript zu +veröffentlichen, war sofort gefaßt. Meine Arbeit dabei ist keine andere +gewesen als die einzelnen Blätter, die wirr durcheinander lagen, dem Sinne +nach zu ordnen und aneinander zu reihen. Ich habe mich nicht für berechtigt +gehalten, irgendwelche Zusätze oder auch nur irgendwelche Korrekturen in +dem Manuskript anzubringen. Dagegen schien es mir geboten, die Eigennamen +der Personen durch freigewählte zu ersetzen. Im übrigen ist das Tagebuch, +wie es hier vorliegt, ein wortgetreuer Abdruck des Originals. -- + +Vielleicht wird es noch interessieren zu wissen, daß der Name DACO-NOGI ein +Anagramm ist. Nur durch einen Zufall bin ich darauf geführt worden. Er +entsteht durch Buchstabenumstellung aus dem Namen: GIOCONDA. + +Im Oktober 1912 + + Der Herausgeber + + + + +Das Tagebuch + + +Den 5. August 1911. Als ich gestern auf dem Gare de l'Est den Wiener +Schnellzug verließ, passierte mir etwas recht Seltsames und wenn man will, +Rätselhaftes. Vielleicht ist es auch etwas ganz Natürliches, Einfaches und +Erklärliches. Ich war kaum aus dem Zuge gestiegen, als meine Aufmerksamkeit +auf einen Reisenden gelenkt wurde, der eben offenbar auch ausgestiegen war +und den Perron hinuntereilte. Er war etwa fünfzig Schritte von mir +entfernt. Ich glaube, er fiel mir nur durch seinen eigentümlich hellgelben +Mantel und seinen hastigen Schritt auf, der etwas Unrhythmisches und +Konfuses hatte. + +Warum lief ich diesem Herrn eigentlich sofort nach? + +Ich habe seit gestern darüber nachgedacht und weiß es doch nicht. Aber +eigentlich, was ist denn so Unerklärliches daran? Warum soll ein Reisender +wie ich es bin, ein Mensch, der lediglich zu seinem Vergnügen, na -- +Vergnügen? -- also ein Mensch, der nur reist, um zu reisen, der nichts zu +tun hat, gehen und kommen kann, wann und wie und wo er will -- warum sollte +er nicht plötzlich auf den Einfall kommen, auf dem Gare de l'Est in Paris +hinter einem Herrn mit einem hellgelben Mantel und einem unrhythmischen +Gang herzulaufen? + +Wenn ich es allerdings recht bedenke, so scheint es mir doch wieder seltsam +oder zum mindesten auffällig. Denn ich liebe das Unrhythmische keineswegs. +Ich gehe ihm sonst aus dem Wege, wo ich kann. Ich setze mich weder in ein +Familienrestaurant noch in eine Elektrische. Warum also, warum ging ich +ausgerechnet hinter diesem scheußlich konfusen und verzwickten Schritt her? +Warum quälte ich mich mit sämtlichen Taktarten, diesen Schritt einzufangen? + +Ja -- vielleicht hatte dieser Schritt doch etwas Rhythmisches, und ich rede +mir nur ein, daß er verworren war. Immerhin -- er war wie zwei übereinander +gepurzelte Takte und gar nicht zum aushalten. + +Ich glaube, der Herr trug eine große schottische Mütze und in der Hand eine +rote Ledertasche. Aber das weiß ich nicht bestimmt. Denn ich war wie +hypnotisiert von dem Zwickzwack der Beine unter dem hellgelben Paletot und +hatte, so lange ich ihm folgte, für nichts anderes Auge und Aufmerksamkeit. + +Und nun geben Sie mal acht, was geschah. Ich gehe stracksweg hinter dem +gelben Herrn da her, immer mit den Augen auf seinen Beinen. Und als er in +eine Droschke steigt, rufe ich den nächsten Kutscher und weise ihn an, +hinterher zu fahren. Es ist das schönste Wetter, ich kann meinen Freund -- +denn so nenne ich ihn schon in heimlicher Wut -- da vorne gemächlich und +bequem in der Droschke sitzen sehen. Das heißt, eigentlich sehe ich nur ein +Stück von dem gelben Mantel und darüber die große schottische Mütze. Sein +Gefährt ist immer etwa 100 Schritte voraus. Endlich hält es in der Rue +Saint Honoré 41. Die Nummer fällt mir sonderbarerweise sofort auf, denn sie +gibt mein Alter an. Er steigt aus, der Wagen fährt weiter und er tritt ins +Haus. + +Und nun habe ich eben in diesem Hause, im zweiten Stock, bei Frau Witwe +Labrouquet gestern ein Zimmer gemietet! -- + +So -- ja so, als sei ich besonders hierher nach Paris gekommen, um bei Frau +Witwe Labrouquet und ihrem lahmen Sohn zu wohnen! + +Es ist einfach lächerlich! + + * * * * * + +Den 6. August. Ich verfalle wieder auf ein altes Mittel: alle quälenden +Unruhen und zermürbenden Gedanken, die ganze Vergangenheit, die sich hinter +mir auftürmt und auf mich herabzustürzen droht, die Unrast und +Unbeständigkeit, die mich von Ort zu Ort treibt, die mir nirgends Ruhe +läßt, meine Tage und Nächte durchtobt, dadurch zu bannen, indem ich +schreibe . . . + +Wenn ich mir wieder etwas aus meinem Leben erzähle, wenn ich aus meinen +grauen und grünen Erinnerungen wieder kleine, zarte Gespinste hervorsuche, +Träume, Leidenschaften, Gebete, -- Begegnungen mit anderen und mir -- +geflüsterte, ungehörte, verwehte Dinge herbeirufe . . . ach, vielleicht +werde ich dann noch einmal alles zurückdrängen können. Ich werde den +Mächten, die mich und alle verfolgen, entrinnen, wie ein Dieb. Ja, wie ein +Dieb, der sich geschickt in einem Kellergewölbe zu verbergen wußte, von dem +niemand weiß, wo er geblieben ist, und an dem die hastigen Polizisten +vorbeirennen, bis sie spät ihren Irrtum gewahr werden. Aber hallo! Jetzt +hat der Dieb zwischen seinen grauen Kellerwänden neue Kräfte gesammelt und +rasender als je fliegt er die langen Straßen hinab. Hinein in ein Haustor, +durch den Korridor in den Hof, einen Blitzableiter hinauf, auf das Dach des +allerhöchsten Hauses und ratsch -- weg ist er. Weg, als hätte ihn der +Himmel verschluckt. + +Weiß Gott wie heiß mir wird, wenn ich an eine solche Diebsjagd denke! + +Aber schön ist das, wundervoll. Das heißt natürlich, wenn man der Dieb ist. +So alles auf den Fersen zu haben, einer gegen zwanzig, gegen hundert, und +dann mit allen Anstrengungen des Geistes und Körpers arbeiten, arbeiten, +arbeiten, daß einem der Schweiß perlt. Alles gedoppelt: Gesicht, Gehör, +Geruch; spähen, jede Kleinigkeit berechnen, ausnützen und Sieger sein +zuletzt, Sieger! + +Ach ja . . . . wenn es nur leichter wäre, Diebstähle zu begehen . . . . + +Ich erinnere mich noch deutlich an die furchtbare Angst, die ich in Messina +ausstand, als ich mir einmal vorgenommen hatte, eine Apfelsine zu stehlen. + +Ja -- ich wollte mir die Langweile damit vertreiben, mir zu zeigen, ob ich +Mut hätte. Mut, eine Apfelsine zu stehlen. + +Gott, wie deutlich steht doch alles vor mir: da ist das kleine Hotel mit +der grünlich grauen Fassade und der schmierigen Tür. Da ist der Stall +nebenan und da ist der kleine deutsche Hausknecht mit den feuerroten Haaren +und den unwahrscheinlich großen Ohren, die immer -- offenbar von +Stiefelwichse -- ein wenig schwarz waren. Ja, ja -- dieser Hausknecht. Er +hatte übrigens trotzdem zarte Beziehungen zu der Köchin, die etwas bucklig +war, und man sagte mir, sie erwarte ein Kind. Mein Gott --! Und da ist der +schmutzige kleine Speisesaal mit den abgeschabten Tapeten und dem Kellner +Luigi. + +Aber das gehört nicht zur Sache. + +Ich langweilte mich scheußlich in diesem verfluchten Nest und aus lauter +Langerweile kam ich, wie gesagt, zuletzt auf den Gedanken: mir meinen Mut +zu beweisen! Haha, -- ich wollte eine Apfelsine stehlen. Das sollte mir +wahrhaftig ein Beweis für Mut sein! + +Es war just um die Zeit der Ernte. Was für prachtvolle goldene Früchte gab +es doch da. Wenn sie wie goldene Kugeln geschichtet in den Körben lagen, +und die Sonne darauf schien, konnte man wirklich die Augen nicht weit genug +aufreißen, um all dies kostbare Licht in den Körper einzulassen. Ja, man +hätte sich am liebsten überall Augen in den Körper geschnitten, um all +diese Fruchtbarkeit aufsaugen zu können. + +Am Montag hatte man vor meinen Augen einen dieser braunen, nackten Bengel, +die da überall umherlungern, dabei erwischt, als er gerade im Begriff +stand, sich mit sechs großen roten Orangen aus dem Staube zu machen. Weiß +Gott, beinahe wäre es ihm geglückt, diesem verflixten, kleinen Teufel. Was +er für Augen hatte! Aber er hatte die Rechnung eben ohne seine Hose +gemacht. + +Ja, er trug nämlich als einziges Kleidungsstück eine graugrüne Hose auf dem +Leib, aus der unten die Beine wie braune Streichhölzer herauskamen. Und in +diese Hose hatte er die sechs Orangen vor dem Stand der Verkäuferin ganz +unbemerkt hineingestopft. Er hatte sie wahrhaftig alle schon drin. Aber +zuletzt bekam die Alte hinter dem Stand doch Wind von der Sache. Sie hatte +eine kolossale braune Hakennase im Gesicht und trug eine blaue Bluse. +Plötzlich stieß sie einen gellenden Schrei aus, fuchtelte mit den Armen in +der Luft rum und kam hinter dem Stand hervorgesprungen. + +Das war eine Pracht zu sehen, wie die braunen Beine der Raubkatze über die +Straße flogen! Und die Alte schreiend mit geblähtem Rock hinter ihm her! + +Mein Gott, ich stand und lachte aus vollem Halse. + +Sie hätte ihn nicht bekommen, den Teufel, den kleinen. Aber an der Hose lag +es, die brachte ihn an den Galgen. Denn während ihm eine der Orangen im +Lauf aus dem Gurt sprang und rot durch den Staub der Straße rollte, sackten +sich die andern immer tiefer in das rechte Hosenbein und -- bums, da lag +er. Da hatte die Alte ihn aber auch schon am Kragen. + +Donnerwetter, was das Tier aber auch für Raubfinger hatte; biegsam wie +Fischbein und fest wie Stahl. + +Na ja -- so kam ich selbst auf den Gedanken, eine Apfelsine zu stehlen. Und +das gab mir Beschäftigung bis zum Schluß der Woche. Beschäftigung? Es war +ein Stück Arbeit, ein Stück ganz verzweifelte Arbeit. Ich bekam in diesen +Tagen ordentlich eine gute Meinung von den Dieben. Denn wenn ich nur die +Hand ausstrecken wollte, um die Orange von dem Stand der Verkäuferin zu +nehmen -- am ersten Tage probierte ich es dreimal -- dann zitterte ich am +ganzen Leibe und fühlte kaum mehr den Boden unter den Füßen. + +Ich glaube, ich habe in diesen fünf Tagen im ganzen zwanzig Pfund Orangen +gekauft, nur um mir immer am Stand der Alten zu schaffen machen zu können. +Ich konnte das Zeug ja gar nicht aufessen. Ich schenkte es im Hotel dem +rothaarigen Hausknecht oder dem Oberkellner Luigi. + +Am zweiten Tag lächelte mich die Alte schon immer von weitem an. Hole der +Teufel ihr Lachen, ich werde meine Apfelsine schon bekommen, dachte ich. +Aber ich ging wieder und trug nur das gekaufte Pfund nach Hause. + +Dann wurde die Geschichte interessant, das Weib hatte offenbar meine +Absicht erraten, sie lächelte jetzt jedesmal recht spöttisch, wenn sie mich +kommen sah. + +Ich nahm allen meinen Mut zusammen und versuchte eine günstige Gelegenheit +abzupassen. Aber wenn sich die Alte einmal wegkehrte, dann war es mir +beinahe, als seien mir die Hände mit einem unsichtbaren Strick an den Leib +gebunden. + +Ich wurde wütend, zu Hause in meinem Zimmer nannte ich mich einen +erbärmlichen Feigling und schlug mit der Faust auf den Tisch, daß er +umstürzte und die Platte zerbrach. Ich sagte mir, so kann es nicht +weitergehn. Ich setzte also den Freitag als Ruhetag an und schwor mir, die +Tat am Sonnabend zu vollbringen. + +Ich hielt mein Wort. Allerdings das tat ich. Aber wie erbärmlich benahm ich +mich doch. Es war in der Mittagsstunde und die Alte hatte eben ihre Bude +verlassen, um an einem hundert Meter entfernten Brunnen Wasser zu holen. +Weit und breit war keine Menschenseele zu sehen. Und da also -- in diesem +Augenblick fand ich wirklich den Mut, meine Apfelsine zu stehlen. Pfui! Was +war ich für ein feiger Dieb. Und ich lief wahrhaftig noch davon als hätte +ich schon den Polizisten im Nacken. Pfui Teufel! + +Übrigens hatte die Alte natürlich gar nichts bemerkt. Später sagte ich ihr +einmal, daß ich lange die Absicht gehabt hätte, ihr eine Orange zu stehlen. +Aber da lachte sie und wollte es nicht glauben; obgleich ich es beschwor, +bei Gott. + + * * * * * + +Den 7. August. Nun da wäre ich denn hier bei Frau Witwe Labrouquet, +geschiedenen Blissot und ihrem lahmen Sohn. Ob sich der Herr mit dem gelben +Mantel, der schottischen Mütze und den Zwickzwackbeinen noch einmal sehen +lassen wird? + +Was dies übrigens für eine Wohnung ist. Drei Zimmer und Küche. Drei graue +Schachteln mit Löchern, die man Fenster nennt. Über die langweiligen gelben +Gardinen habe ich ein Paar alte Priestergewänder aus Tokio gehängt. Sie +sind aus Seide und ich mag es gern, wenn Licht durch Seide fällt. Es fühlt +sich dann ganz anders an. + +Überhaupt habe ich heute den größten Teil des Tages damit zugebracht, das +Zimmer umzuräumen. Ich konnte schon in der letzten Nacht nicht schlafen und +hatte immer das Gefühl, es sei jemand im Zimmer. Der Schrank, das Bett, der +Spiegel, die Stühle, alles tat noch den Willen des Menschen, der hier vor +drei oder vier Tagen ausgezogen sein muß. + +Ich kann noch ganz deutlich sehen wie er zum Beispiel da hinter dem Tisch +auf dem roten Plüschsofa gesessen hat. So -- die Hand so ans Kinn gestützt +und guckt da hinaus nach dem Schornstein auf dem gegenüberliegenden Dach. +Und immer rauchend. Mittelsorte. Es muß ein Kunstschriftsteller oder +Theaterkritiker gewesen sein; ein ganz gewöhnlicher, oberflächlicher und +uninteressanter Mensch. Aber trotzdem eine »anerkannte Feder« und ein +»gemütvoller Plauderer«. Auf alle Fälle ein Mensch, der sich zum Platzen +ernst nimmt. »Wie schrieb ich doch damals, als Ibsen mich besuchte . . .« + +Ja, weiß Gott, man konnte es an den Möbeln sehen, wie langweilig und +bürgerlich und ernst dieser Mensch war. Ich mußte ja die ganze Bude auf den +Kopf stellen, um den Geist dieser »anerkannten Feder« los zu werden. Ja, +außer dem alten eisernen Ofen in der Ecke und dem Bild dahinter -- übrigens +ein eigentümliches Frauenporträt --, ist auch kein Ding mehr an derselben +Stelle geblieben. + +Frau Witwe Labrouquet wird Augen machen! + +Augen, wie die geschiedene Blissot an dem Tage, als es herauskam, daß es +mit dem Sparkassenbuch von 2500 Frank, im Vertrauen, auf welches Herr +Labrouquet ihr die Hand vor dem Altar gereicht hatte, nichts war. + +Der arme Herr Labrouquet! + +Er wußte ja nicht, daß bei einer Frau _immer_ etwas herauskommt. Es braucht +nicht gerade ein falscher Busen zu sein, aber vielleicht eine irrsinnige +Schwester; oder der Vater hat einmal im Zuchthaus gesessen oder sie hat +einmal binnen vier Wochen zwei Verlobungen aufgelöst. Bekommen. Ach, es ist +nicht immer etwas Wichtiges. Vielleicht verschweigt sie dem Bräutigam ja +nur einen hohlen Zahn oder daß sie einmal ein Kind hatte . . . aber heraus +kommt immer etwas. Und es ist wahrhaftig eine Herzensfreude, so einem +jungen, freundlichen Ehemann zu begegnen am Tage, da etwas raus gekommen +ist. + +Männer können ja viel dümmere Gesichter machen als Frauen. Unfreiwillig +natürlich. Denn wenn eine Frau dumm sein will, ist sie auch darin Meister. + +Nein, nein, ich habe diesmal kein Glück gehabt mit meiner Wohnung. Warum um +alles in der Welt mußte ich auch diesem gelben Mantel und dieser +schottischen Mütze nachlaufen? Trotzdem ich den ganzen Bau sozusagen auf +den Kopf gestellt habe, und kein Stück mehr am Platze ist, begegne ich noch +immer dem Gedankengerümpel dieser »anerkannten Feder« und dieses +»gemütvollen Plauderers«. Was für ein schales Zeug in so einem +Schreibergehirn nebeneinander liegt. Ein Anblick wie ein Trödelladen. + +An diesem Tisch zu sitzen ist mir ganz unmöglich. Da muß er täglich +geschrieben haben, und wenn ich mich dorthin setze, fallen mir Dinge ein, +die direkt reif sind für den . . . . er-Anzeiger. Unterm Strich. + +Ich sitze also am Boden und schreibe auf meinem Koffer. Auf meinem +kosmopolitischen Koffer . . . . + +. . . Wenn ich noch an den kleinen verlassenen Palast der kleinen Soubrette +denke, den ich in Wien im Alser Bezirk bewohnte. Zufällig habe ich später +erfahren, daß sie wirklich in einem Tingeltangel in Hernals auftrat. Gerade +an dem Tage als ich einzog, war sie zum erstenmal aufgetreten. Vorher war +sie eine kleine Putzmacherin gewesen . . . + +Nein, was lebte doch in diesem Zimmer -- es war nur zwei oder drei Meter +breit und vier lang -- für ein kunterbuntlustiger Soubrettengeist. Gleich +als ich unter der Tür stand und den Fuß noch nicht über die Schwelle +gesetzt hatte, mußte ich ganz laut diese närrische Strophe deklamieren: + + »Ich liebe dich, mein Hunderl, + Ich bin verrückt nach dir . . . .« + +Die Wirtin sah mich ganz verdutzt an. Aber ich sagte, ich sei eben im +Variété gewesen, habe die Strophe gehört und ob sie ihr nicht auch gefiele. + +Und wo ich ging und lag und saß und stand, immer arbeitete der Geist dieser +kleinen, verrückten Person in mir fort. + +Ich saß auf dem Stuhl und sagte: »Da kam ein kleines Mädchen auf ihn zu, +das hatte einen Hut auf, der war ziegelrot mit funkelnagelneu . .« + +Ja, man beging die unglaublichsten Dinge in diesem Zimmer. Einmal erwischte +ich mich dabei, wie ich der Köchin gegenüber im Hause die Zunge +herausstreckte und ihr eine Nase schnitt. Oder ich tanzte plötzlich vor dem +Spiegel eine Kakewalk und hatte mir dazu den Kimono aus Yoshiwara +umgehängt. Und welche Träume hatte man in diesem Palast! Nun eben die +Träume einer ganz kleinen, verrückten Soubrette. Ein Graf sprach einen auf +der Straße an. Es war im Volksgarten, gerade vor dem Denkmal der Kaiserin. +Welch ein Duft von Beeten und Blumen. Und welch ein Sommerabend . . . Ach +. . . Einem solchen Grafen mußte man sich ja gleich in den Arm hängen. Da +war wirklich nichts dabei. Er hatte auch bei den Husaren gedient und war +Leutnant. Und Rosen hatte er in den Händen, rote Rosen. Er sagte, sie seien +für eine andere bestimmt, aber nun wolle er sie mir schenken. Denke nur. +Gleich am andern Tag wollte er einen Ausflug mit mir machen. Ich wollte +nicht, aber sein Wille war stärker. Auf der Sophienalpe küßte er mich zum +erstenmal. Ich hatte ein neues rosa Kleid an, das ausgeschnitten war +. . . . Ach und dann wurden wir so namenlos glücklich . . . Gott, wie lieb +ich ihn hatte, und wie gut er war. Er nannte mich immer Dodo, das gefiel +mir so gut, wenn er's sagte, und ich hatte es mir auch gewünscht. Aber dann +kam das Duell. Wegen mir. Ein Leutnant von den Deutschmeistern hatte +nämlich etwas über mich gesagt. . . Ach, wie ging es doch aus? Wurde mein +Graf getötet? Nein, ich weiß nicht . . . aber die Sonne ging so blutrot +über der Donau unter und die Nebel stiegen herauf. »Die weißen Abendfrauen +kamen über das Meer« . . . Das klingt hübsch, nicht wahr? Ich habe es von +einem wundervollen Dichter gehört. Er konnte überhaupt so schön schreiben, +daß man ganz traurig wurde und weinen mußte . . . + +Ja, ich konnte sie ganz deutlich vor mir sehen, diese verrückte, kleine +Person. Schlank und biegsam war sie wie eine Gerte. Sie hatte nußbraune +Haare, einen rosigen Teint und die Nase war ein wenig eingedrückt. Das gab +ihrem Gesicht sozusagen etwas Bedenklich-Komisches. So oft man sie ansah, +mußte man leise den Mund verziehen. Aber dann platzte sie heraus und +glaubte, sie habe einen glänzenden Witz gemacht. + +Nein, nein, wie deutlich ich dieses Kind doch vor mir sah! + +Da war ein Läufer mit roten Streifen, der lief längelang durch das Zimmer. +Wenn sie sich an ihrem Grafen satt geträumt hatte und nicht mehr weiter +wußte, ging sie an den Schrank und holte ihr bestes Kleid, es war rosa, und +Lackschuhe heraus, mit breiten Seidenschleifen. + +Es dauerte nicht lange, bis sie es an hatte. Sie guckte auch nur zweimal in +den Spiegel. Was man doch für ein Mädel war! Es war wirklich schad um +einen. Ja, ein bißchen schad war's schon. + +Aber dann stellte sie sich ganz an das Ende des einen Streifens, raffte an +beiden Seiten den Rock hoch, daß die Füße in den schwarzen Strümpfen bis +zum Knöchel sichtbar waren und dann . . . dann balancierte sie auf dem +schmalen roten Streifen ganz vorsichtig durchs Zimmer . . . eins . . . zwei +. . . eins . . . zwei. Ganz vorsichtig und immer einen Fuß vor den andern +. . . . Um keinen Preis wollte sie von dem roten Strich abweichen, und sie +hielt den Atem an und sah ganz gespannt auf die schwarzen Schleifenschuhe. +Es war ihr bitter Ernst sozusagen. Denn wenn sie heftig ins Schwanken +geriet, dann mußte sie auflachen, als würde sie von jemandem -- wie +wahnsinnig gekitzelt. Fiel sie aber um, dann stieß sie sogar einen +richtigen Schrei aus, so daß Frau Vrany, die Wirtin, ganz erschrocken +hereingestürzt kam und sagte: »Aber Fräul'n, was hab'n S' denn? Möcht mer +doch grad mein'n, S'täten's schon am Spieß stecken. I hab mi ja am Tod +d'erschrocken.« Aber dann saß sie irgendwo am Boden, lachte als würde ein +Schlittengeschell wie rasend geschüttelt, wurde dann ganz ernsthaft und +sagte mit einer Miene, von der nur der liebe Gott wissen konnte, ob sie +echt oder falsch war: »I bin halt wieder runterg'fall'n, Frau Vrany; denken +S', nur drei Schritt noch von der Tür.« Und während sie das sagte, fuhr sie +einmal mit der Hand ganz schnell an ihrer stumpfen Nase vorbei, als gäbe es +da etwas abzuwischen. Aber das war natürlich gar nicht der Fall, denn als +Putzmacherin verkehrte sie ja schon seit einem halben Jahre mit den Damen +der besten Gesellschaft. + +Daß es so ein tragisches Ende mit der Kleinen nehmen mußte! Ach, weiß Gott, +wenn sie auch eine Soubrette war, so war sie doch unschuldig wie eine +Apfelblüte. Da war Herr Werder, ein dicker rötlicher Clown an dem +Tingeltangel. Was denken Sie, was er eines Tages zu der Kleinen sagt? + +»Nun, Fräulein,« sagt er eines Tages, »Sie werden ja jeden Tag dicker. +Jetzt können Sie schon bald die komische Alte spielen.« + +Und was tut die Kleine? Sie geht nach Hause und stellt sich vor den Spiegel +und weint und weint und weint . . . + +Zwei Tage später zogen sie sie aus der Donau. + +Hole doch der Teufel diesen roten Clown. + + * * * * * + +. . . Ja, es war wirklich ein Erlebnis, in dem kleinen verlassenen Palast +dieser Soubrette zu wohnen! Ich habe mich selten so köstlich amüsiert, +obgleich ich doch häufig solchen Überbleibseln, oder soll ich sagen, +solchen Schatten begegnete. Diplomaten, Gelehrte, Bettler und Könige, +Diebe, Tapezierer und Fabrikanten, Bürgerfrauen, Dirnen, Heilige, +Marktweiber und Kupplerinnen, Trunkenbolde, Asketen, Schiffer, Matrosen, +Soldaten und amerikanische Milliardäre haben genau wie diese kleine +Soubrette Dodo mir ihren Schatten vermacht, und ich habe auf mancherlei +Weise nach ihrer Pfeife tanzen müssen, wenn es auch nicht immer so lustig +war und mit einem Kimono um die Schultern wie in dem kleinen Zimmer in der +Alserstraße. + +Nein, weiß Gott, so lustig war es nicht immer. Was glaubt man denn, was +sich in der Brust vieler Menschen begibt? + +Und doch, wenn ich es so recht bedenke, so war ich noch immer froh, wenn +sich auf diese Weise etwas in meinem Leben ereignete. Hatte ich dann nicht +wenigstens etwas, was mich ausfüllte, beschäftigte, was mich hinderte, die +ungeheure Leere zu entdecken, als die ich mir zuweilen selbst vorkam? Gibt +es denn etwas Entsetzlicheres als nichts zu sein? Lieber verkriecht man +sich noch hinter die Gebärden und Masken eines anderen. Und ist es nicht +besser, wenigstens noch etwas zu scheinen als ganz nichts zu sein, ein +wesenloser Schatten, ein Gespenst . . .? + +Ja, ich war diesen Überbleibseln im Grunde genommen doch immer sehr dankbar +. . . + +Na ja, ich sprach einmal mit einem Mediziner darüber: Es war ein berühmter +Arzt und ich lernte ihn auf dem Bahnhof einer kleinen russischen Stadt +kennen. Ich war gerade ganz ausgezeichneter Stimmung, denn ich war zwei +Stunden durch den Schnee über Land gegangen und der Himmel war so klar und +hell gewesen. Besonders ein Stern gerade vor mir, ach wie hatte der blau +gefunkelt. So rätselhaft zwinkernd kühl und blau, wie ja, . . . . seltsam +. . . . jetzt möchte ich fast glauben, er habe gelächelt wie das Frauenbild +da hinter dem eisernen Ofen an der Wand. Oder besser noch wie ihre Hände +da, hatte er gelächelt . . . Aber gleichviel; ich war in einer vorzüglichen +Stimmung und so erzählte ich denn dem Arzt die Geschichte von der +Soubrette. Aber ich erzählte es so, als sei es einem Freunde von mir +passiert, und ob das nicht sonderbar wäre. + +Nein, das wäre nicht sonderbar, sagte der berühmte Arzt. Und dabei zog er +seine goldene Uhr heraus, klappte den Deckel auf und machte ein Gesicht, +als wolle er zu einem Patienten sagen: Ja, Sie haben noch zwölf Minuten zu +leben. + +Nein, sonderbar sei das keineswegs; und dann nannte er auch irgendeinen +griechischen Namen, den ich nicht verstand. Das Wort erinnerte mich nur von +fern an Hippopotamos, und da erzählte ich ihm schnell die Geschichte von +einer Mumie, die ich mal in der Nähe von Gizeh gefunden hätte und die eine +auffallende Ähnlichkeit mit dem gegenwärtigen preußischen +Ministerpräsidenten gehabt habe. + +Das sei allerdings sonderbar, sehr sonderbar, sagte der berühmte Arzt. Und +interessant sei es, ja außerordentlich interessant! + +Wir schüttelten uns ganz herzlich die Hand, als wir uns trennten; wie gute +alte Freunde. + +Die alte Mumie hatte uns entschieden einander erheblich näher gebracht. + + * * * * * + +Den 9. August. Nun bin ich wieder seit fünf Tagen in diesem alten Paris. +Hätte ich glauben sollen, daß diese Stadt noch einmal solchen Eindruck auf +mich machen würde? In spätestens vierzehn Tagen wollte ich nach dem Süden +gehen, in die Provence; aber wenn Paris fortfährt, mich mit seinem +berauschenden Zauber zu erfüllen, werde ich den ganzen Herbst und Winter +hindurch hier bleiben. Bis in den Frühling. Und wenn alles kommt, wie ich +es mir denke, wird nach all dem im Mai ein Landaufenthalt an den einsamen, +stillen masurischen Seen für mich das Richtige sein . . . + +Aber Paris . . . Ist es ein Strom, eine Sonne, eine Nacht, Sturm, +Glockenbrausen . . .? Ach, alles ist es; Höchstes und Tiefstes. Auf dem +Lande trifft man keine zarteren Farben in den frühsten Tagen des Frühlings +. . . Und von welcher Mannigfaltigkeit diese Nächte. + +Wie soll ich doch dieses seltsam berauschende Gefühl beschreiben, das mich +ergriffen hat, seit ich meinen Fuß auf das Pflaster dieser Stadt gesetzt +habe und in die Menge eingetaucht bin; das nun beständig und wie eine +unwiderstehliche Macht in mir aufwächst und fast meiner Herr wird. Ist es +mir nicht als wäre ich tief im Meer versunken? Fühle ich nicht das Lasten +ungeheurer weicher und starker Massen auf mir, ein Lasten wie von Seide und +dunklem Samt? Blaugrüne Wogen heben mich, wiegen mich. Ein Lichtstrom +rauscht beständig an meinen Augen vorüber, bald blendend in leuchtenden +Farben, bald gedämpft, in sterbenden Tönen; Nacht umfängt mich, und wieder +reißt es mich ins Gold des glühenden Gestirns. Ein ungeheures Brausen +umgibt mich; darin ein Auf und Ab von Tönen, hämmernde Akkorde, die von Not +aufschreien, dumpfe, die sich klagend ergeben. Aber hinter dem allen singt +und summt eine Melodie, die sich jetzt nähert, jetzt fern zurückweicht, die +niemals stirbt, aber die sterben möchte, die sich besinnt, sich +aufjauchzend zusammenrafft, wie mit Fäusten zupackt, Blöcke abwehrt, +beiseite wirft, und wie mit beständigem Schritt gefaßt ins Leben schreitet +. . . und wieder fern wird, sich senkt und verklingt und an schluchzenden +Gewässern sich hinwindet und fast verstummt. + +Ja, das ist Paris . . . für mich. Ach, viel mehr ist es, -- es ist meine +Seele, meine Liebe, meine Leidenschaft . . . Ach, ich könnte ja glauben, +ich selbst bin es, ich selbst bin diese dunkle unergründliche Stadt . . . + + * * * * * + +Den 10. August. Ich will es nur gestehen: Das kleine Frauenporträt mit den +übereinander gelegten Händen und dem seltsamen Lächeln hinter dem eisernen +Ofen macht mir zu schaffen. Es erinnert mich an irgendwen, und ich quäle +mich, es herauszubekommen. Ich sehe es oft minutenlang an, oder drehe mich +ganz plötzlich weg, schließe die Augen und frage mich, wo ich dieses +Gesicht gesehen habe oder an wen es mich erinnert. Aber das Bild hält sein +Geheimnis fest. Ja, es ist mir zuweilen, als mache sich die Dame in dem +bräunlichen Rahmen noch obendrein lustig über mich. + +Heute morgen kommt mir plötzlich der Gedanke, ich könnte ja Frau Labrouquet +fragen. Und wirklich, ich bin auch schon auf dem Weg zur Tür, als mir erst +einfällt, daß sie es ja gar nicht wissen kann. Wie soll um alles in der +Welt Frau Labrouquet wissen, an wen mich diese kleine Dame mit den +übereinandergelegten Händen erinnert? Werde ich es doch selbst kaum +herausbekommen. Schließlich ist es ja auch ganz gleichgültig. Vielleicht +erinnert sie mich an irgendeine Dame, die ich auf Trafalgar Square so und +so habe in den Omnibus steigen sehen, oder an die Bewegung einer jungen +Frau, die heimlich auf einem Mississippidampfer nach dem rotbraunen Hals +des Kapitäns blickte. Vielleicht bin ich ja auch nur einmal in einer Stadt +gewesen, die so aussah. Was liegt daran. Aber ich will gewiß nicht selig +sein, wenn es mir nicht einen Augenblick so war, als könnte Frau Labrouquet +meine Erinnerung auffrischen . . . + +Da habe ich heute übrigens den Herrn in dem gelben Mantel und der +schottischen Mütze wieder getroffen. + +Ich war wohl noch zehn Schritte vom Haus, als ich plötzlich seinen +verzwickten Schritt in die Türe hineinpurzeln sehe. War das nicht der Herr +in dem gelben Mantel? Richtig. Da sehe ich ihn vor mir die Treppe +hinaufgehen. Und was das Beste ist, wir sind Nachbarn. Als ich auf den +letzten Treppenabsatz komme, schließt er eben bei Frau Labrouquet die Tür +auf und tritt ein. Ich kann gerade sehen, wie das Zwickzwack seiner Beine +noch einmal übereinanderpurzelt und es gibt mir einen förmlichen Ruck, daß +ich fast über meine eigenen Beine stolpere. + + * * * * * + +Den 11. August. Na, ich wußte doch, daß es mit diesem Zimmer noch +irgendeine Bewandtnis haben würde . . . Ich hatte es doch von oben bis +unten umgekrempelt, daß kein Stück auf dem Platz geblieben war und die gute +Frau Labrouquet, Witwe, Augen gemacht hatte . . . nun, wie gesagt, Augen, +wie die geschiedene Blissot, als das mit dem Sparkassenbuch herauskam. Ja, +sie hatte schon selbst ganz fest an das Sparkassenbuch geglaubt und war +jetzt ganz empört und überrascht, daß es plötzlich nicht da sein sollte. + +Ja so. Es hatte trotz alledem nicht seine Richtigkeit mit dieser Kabine von +einem Zimmer. Da brauchte man, weiß Gott, keine feine Nase zu haben. Der +Herr Kunstkritiker mit der ewigen Zigarre und der »anerkannten Feder« war +allerdings erledigt. Nein, für die Presse brauchte man jetzt nicht mehr zu +schreiben, und von Linienführung und Flächenwirkung und mimosenhafter +Zartheit und wie all diese Ausdrücke heißen, war auch keine Rede mehr. +Aber, aber . . . da war doch jemand, mit dem ich das Zimmer teilte, das war +doch so klar. Ich hatte doch immer so ein leises Gefühl an den Schultern, +ähnlich dem, wenn man ein wenig friert. Es konnte nicht lange dauern, bis +es herauskam. Nein, Gott sei Dank, heute nachmittag geschah es. Die +Gewißheit ist mir doch immer lieber als dieses ungeduldige Ist-es, +Ist-es-nicht. + +Da hatte ich mich eben fertig zum Ausgehen gemacht. Ich halte die Mütze +noch in der Hand und lege gerade die Hand auf das kalte Metall des +Türdrückers. Plötzlich fühle ich ihn. Er steht da drüben vor dem Spiegel +und dreht mir den Rücken zu. Er beugt sich ein wenig seitwärts und fährt +mit dem hoch erhobenen rechten Arm in den Ärmel seines Überziehers hinein. + +Und während ich lausche, höre ich ganz deutlich wie er ganz erschreckt +sagt: »Ob sie noch da ist? Mein Gott, wenn sie mich eines Tages verlassen +hätte . . .« + +Aha, denke ich, jetzt soll ich eine Liebesgeschichte zu hören bekommen. Ein +kleines Drama wird sich abspielen. Immer sind es doch die Weiber . . . + +Und während ich durch die schon abendlichen Straßen gehe, denke ich an die +Liebe. An die Liebe mit sechzehn, mit zwanzig, mit fünfundzwanzig, mit +dreißig und mit vierzig Jahren. Aber der mit sechzehn gebe ich den Vorzug. + +Liebe mit sechzehn Jahren! Woher kamst du? Da ist plötzlich ein mattgrauer +Schimmer zwischen den abendlichen Straßen, ein weiches Zerfließen der +milchweißen Wolken um die frühe Sichel des Mondes und unser Auge steht voll +Tränen. Irgendein Schmerzlich-Süßes-Wehes zieht in unser Herz ein und füllt +es mit der Erinnerung alter Tage. Alle unsere Glieder sind von einer +wohligen Müdigkeit befallen, in der alle Gedanken hinrinnen und in der +jenes unruhig-ruhevolle Glück in uns einzieht, nach dem wir uns nach Jahren +noch sehnen, sehnen. + +Liebe mit sechzehn Jahren liegt nachts auf frischen Wiesen unter Sternen +und läßt das Auge auf dem Mondlicht über jungen Buchen träumen. + +Liebe mit sechzehn Jahren blickt den mondhellen Fluß hinunter und hört im +Rauschen der Wellen süßere Stimmen als Violinen und Harfen. Ein dunkler +Kahn zieht über silberne Fluten und der Glaube zieht ihm entgegen, und +hofft ein Glück, so weit und so unermeßlich wie ein Königreich in den +Märchen. + +Ist es nicht schade, daß Liebe mit sechzehn Jahren so bald stirbt, daß mit +den Jahren diese Träume verschwinden und uns nicht mehr besuchen? Sieh +diesen blauen Blick, mit dem jene Sechzehnjährige dem Versinken der Sonne +im Meere folgt. Sie hat die Hände übereinandergelegt, kleine schmale +Kinderhände, wie zu einem Gebet an einen über den Wolken, sie hat das Haupt +ein wenig zurückgelehnt und zwei blonde Haarsträhnen weht ihr der Abendwind +leicht in die Stirn. Sieht nicht so das Glück aus? + +Ja, was mich betrifft, ich gäbe alle Weisheit und alle gescheiten Einfälle, +ich gäbe Ansehen, Stellung, Amt, und besonders alles, was Bildung heißt, +alles, alles gäbe ich jetzt dahin für einen einzigen, dieser unsagbar süßen +Träume der Jugend. Ich weiß, wenn die Leute alt werden, lächeln sie über +diese schwärmerischen Ekstasen. Sie begreifen nicht, daß man stundenlang +auf einer taufeuchten Wiese unter Sternen liegen mag, um an ein Paar blaue +Augen und einen blonden Kopf zu denken und an nichts als dies. An Augen, +die vielleicht einer kleinen und sehr dummen Musikschülerin gehören, die +einen nie gesehen hat, und die für einen Lehrer mit einem schwarzen +Schnurrbart und seidenen Taschentüchern schwärmt. + +Warum glauben wir Erwachsenen doch immer, es zeuge von Vernunft und +Reifsein, wenn man keine platonischen Fensterpromenaden mehr macht, +sondern, mit Verlaub zu sagen, sich recht bald, nachdem man die +Bekanntschaft einer jungen Dame gemacht hat, nach einer passenden +»Gelegenheit« umblickt? + +Was mich betrifft, so bedaure ich wirklich sehr, nicht mehr so dumm sein zu +können, wie mit 16 Jahren; denn mit dieser Dummheit begann auch jenes +unnennbar grenzenlose Hoffen, jenes unermeßliche Ahnen von etwas Kommendem +zu entschwinden, das die Jugend so reich, so reich macht, daß selbst der +ungeheure Besitz eines Petroleum- oder Eisenbahnkönigs dagegen nur ein +totes, wertloses Nichts ist. + + * * * * * + +Den 12. August. Also, mein scheinbar so verrückter Einfall mir bei Frau +Labrouquet, geschiedenen Blissot, Rat zu holen über das verteufelte +Frauenzimmer da hinter dem eisernen Ofen war gar nicht so absurd! Wer weiß, +vielleicht hat man das kleine Fräulein Foujeu, spätere Blissot und noch +spätere Labrouquet, Witwe, als sie noch in die 57. Gemeindeschule ging, +doch einmal mit der Gioconda bekannt gemacht. Oder wer kann wissen, warum +es eines Tages dem kleinen Laufmädel Mimi Foujeu wünschenswert erschienen +ist, etwas von Raffael di Urbino und Lionardo da Vinci zu wissen. +Vielleicht ist sie zu diesem Zwecke doch zwei oder dreimal im Louvre +gewesen, obgleich sie die »alten Heiligen« immer recht schrecklich fand und +nachts von ihnen träumte. + +Nein, das ist nun wahr; wenn sie etwas erreichen wollte und es sich in den +Kopf gesetzt hatte, dann war Fräulein Foujeu eine genau so energische +Person wie noch heute die gute Frau Labrouquet, Witwe, die doch nun bereits +seit zwei Stunden am Schlüsselloch steht, um endlich einmal festzustellen, +was es denn mit ihrem neuen Mieter für eine Bewandtnis habe. Ich muß mir, +weiß Gott, irgend etwas für sie ausdenken. Stellen Sie sich doch nur vor, +zwei Stunden mit gekrümmten Rücken dastehen und dabei noch beständig den +kühlen Luftzug, der durch das Schlüsselloch auf das Auge strömt . . . Das +beste ist, ich schieße meinen Revolver ab. Oder nein. Vielleicht küsse ich +einmal das Bild da hinter dem Ofen; das könnte sie ausgezeichnet durchs +Schlüsselloch beobachten. Ja, ja, das werde ich tun. Ich werde die Gioconda +küssen, als wäre sie meine Angebetete . . . + +So . . . jetzt ist das kleine Fräulein Foujeu doch noch auf seine Kosten +gekommen . . . + +Ja, man hätte mir die sieben Foltern androhen können, und ich wäre hier +nicht auf die Gioconda gekommen. Zufällig entdeckte ich heute das Bild im +Louvre. + +Aber es ist mir auch gar nicht so unerklärlich, daß ich das Bild hier nicht +erkannt habe, trotzdem es eine recht gute Reproduktion ist. Wie um alles in +der Welt denkt man hier an eine Gioconda? In so einem Zimmer, das doch auch +schon zu galanten Zwecken benutzt wurde -- ja, weshalb eigentlich +»galanten«? Nein, das verstehe wer will. -- Wie ist man hier auf eine +Gioconda vorbereitet! Hier wünscht man eine »Susanne« zu sehen, oder die +nackten Göttinnen vor Herrn Paris oder wenn etwas Gemüt dabei sein soll, +ein »Allein«, ein »Endlich-Allein« oder noch besser ein »junges Glück« in +einem vergoldeten Rahmen. + +Ja, »junges Glück«, das würde hierher passen, viel besser zum mindesten als +die Gioconda, auf die man, wie gesagt, nicht vorbereitet ist und deshalb +nicht erkennt. So ist es doch. Wenn ich, sagen wir, Herrn Roosevelt, ohne +davon in den Zeitungen gelesen zu haben, urplötzlich auf dem Rücken eines +Elefanten oder mit einem erbeuteten Gorilla auf der Schulter am Kongo +getroffen hätte, wie um alles in der Welt, hätte ich da den großen +Staatsmann, der er doch zu Hause sicherlich ist, erkennen sollen? Selbst +wenn ich, wie es ja leider nicht der Fall ist, sein bester Freund wäre? + +Madonna Gioconda in ihrem bräunlichen Rahmen, der mich an alte Kontore +erinnert, lächelt unergründlich. Ich glaube, wenn man das Bild und die Frau +lange ansehen könnte, würde sie zu leben beginnen. Ich kann es so deutlich +fühlen, wie die Konturen ganz leise im Bilde erzittern würden. Und könnte +sie nicht die übereinandergeschlagenen Hände aufheben, um einen mit einer +Geste zu berühren, unter der man schaudern würde, wie unter dem Gedanken +einer mütterlichen Blutschande? + +Es ist so seltsam mit diesen furchtbaren Händen. Man weiß nicht, werden sie +Himmlisches tun oder Tierisches. Und wenn Tierisches, werden sie nicht, +indem sie es tun, es auch heilig sprechen? Und müßte man nicht den Wunsch +haben, sie zu küssen, auch wenn sie Lasterhaftes getan hätten? Ich meine +das so, wenn sie an einem lebenden Weibe wären. + +Eigentlich ist es ein furchtbares Bild. Ich werde es von jetzt ab nicht +mehr ansehen. + +Aber was rede ich mir denn ein? Haben meine Bedenklichkeiten vor diesem +Bilde mit der Entdeckung, daß es die Gioconda des Lionardo ist, auch nur um +einen Deut abgenommen? Diese Ähnlichkeit war es also nicht? Also eine +andere? Aber welche, welche? Es ist mir doch als erinnerten mich diese Züge +. . . + +Ach, an alle erinnern sie mich, an alle . . . + +Mögen sie mich doch erinnern, an was und an wen sie wollen und meinethalben +an Frau Labrouquet, die geschiedene Blissot. + + * * * * * + +Den 13. August. Der gute Herr, da hinten vor dem Spiegel, der sich ein +wenig links beugt und mit erhobenem rechten Arm in das Ärmelloch fährt, ist +der vollendetste Narr, den ich je gesehen oder erlebt habe. Wann mag er nur +hier gewohnt haben? Ob es lange her ist? + +Die Liebe hatte ihm in ganz erheblichem Maße den Kopf verdreht. O ja, in +sehr erheblichem Maße kann man sagen. Liebte er etwa ein Weib aus Fleisch +und Blut? Oder liebte er ein Weib aus Holz und Öl? Allewetter, dieser junge +Mann hatte Talent. Wissen Sie, in wen er verliebt war? So gehen Sie in die +Salle carée im Louvre und betrachten Sie dort das Frauenporträt von +Lionardo da Vinci! Ach, Sie müssen nicht glauben, daß es ein schlechter +Witz von mir ist. Wenn dieser Mensch nicht von dem glühendsten und +wahnsinnigen Wunsch gepeinigt wurde, Madonna Gioconda an sich zu reißen, +wie nur je eine Dame in einer verschwiegenen Ecke, so will ich nicht selig +sein. Aber ich möchte auch elf gegen zwei wetten, daß es keine Dame aus +Holz und Öl war, die dem armen Tropf so traurig das Oberste zu unterst +kehrte. + + * * * * * + +Den 14. August. Was sich doch in so einem kleinen Zimmer, sogar bei einer +Witwe wie Frau Labrouquet zuweilen für Tragödien abspielen. + +Da sollte man nun glauben, die großen Ereignisse fänden alle vor einem +Parkett von Zuschauern und unter dem Mikroskop der öffentlichen Meinung +statt. Aber nein. Hier hinter einem Tisch mit einer roten Decke, hinter +zwei verstaubten Gardinen und sozusagen hinter einem eisernen Ofen, ist der +Schauplatz der ernstesten Vorgänge. Die Kopie nach der Gioconda ist +offenbar ein Erbstück des armseligen Schattens, der mir seine Aufwartung +macht. Er hatte sich nichts Geringeres in den Kopf gesetzt als das Original +aus dem Louvre zu stehlen. + +Der arme Tropf! Wahrscheinlich verwechselte er es mit seiner Angebeteten. +Er stellte sich eine heimliche Entführung im Automobil vor, und dann wollte +er es -- -- ja, wie war es gleich? Ich habe es wieder vergessen. Ich +glaube, er wollte es hinter einen Spiegel nageln, oder als Rücken in einen +Schrank einlassen. Ich weiß es nicht mehr genau. + + * * * * * + +Den 15. August. Bei allen approbierten Heiligen! Jetzt ist es heraus. Ich +habe mich gröblich getäuscht. Der Gelbe ist es! Der Gelbe hat den sauberen +Plan aus der Westentasche seines Gemüts geboren. Die Sache wird also ernst, +haha! Er wird die Gioconda stehlen! . . . + +Ja, aber wie -- wie weiß ich es denn? Was kümmern mich auf einmal meine +Nachbarn, bis jetzt waren es doch immer nur meine Vorgänger? Unsinn. Was +zerbreche ich mir darüber den Kopf. Als ob mich die Sache aufregte. Die +Gioconda stehlen! Nun, ebenso gut könnte er sich ja in den Kopf setzen, den +Eiffelturm vom Champs de Mars wegzuschleppen oder das Ministerium mit Herrn +Delcassé. + +Sich auszumalen, daß es eines Tages in den Zeitungen hieße: Die Gioconda +gestohlen! Man braucht sich doch nur das vorzustellen, um einzusehen wie +verrückt dieser Plan ist. + +Die Gioconda gestohlen! Das wäre wahrhaftig ein Spaß. Das käme mir beinahe +vor als wollte einer alle Frauen auf einmal aus der Welt schleppen. + +Ja, so käme es mir wahrhaftig vor. Er soll es nur versuchen, er soll es nur +versuchen . . . + +Ich schäme mich fast, es mir selbst zu gestehen, aber wahr ist es: ich kann +ihn begreifen, in seinem seltsamen Wahnsinn und ich glaube, daß es vielen +so geht. Ich habe mich schon beobachtet, daß ich vor dem Bilde stehe und zu +mir selbst sage: Ich liebe dich, Gioconda. Ich könnte es wahrhaftig +flüstern wie man ein lange zurückgehaltenes Liebesbekenntnis für sich +flüstert. Aber ich habe ja meine gute Vernunft, die mir sagt, es ist ein +Bild. Gott sei gepriesen für diese Vernunft! + +Der arme Kerl tut mir leid; was wird er sich alles anrichten. Pfui Teufel +. . . und dabei ist er ein Grundehrlicher . . . Man muß wirklich Gott +danken, daß man nicht so von Sinnen ist wie er. + +Denn das ist er. Was hat er sich nun obendrein für einen Unsinn in den Kopf +gesetzt. Jetzt will er wissen, daß der Kunsthändler Duval in der Rue de +Rome einen Dolch aus rötlichem Stahl besitzt. + +Nun, ich weiß nicht, ob es rötlichen Stahl gibt, und vielleicht besitzt +Herr Duval ja auch einen solchen Dolch. Aber wie um alles in der Welt kann +es ein Dolch aus rötlichem Stahl sein mit der Aufschrift: Tibi Gioconda? +Und nicht genug, er kapriziert sich darauf, daß der Dolch aus den +toledanischen Werkstätten und eine Arbeit aus dem 14. Jahrhundert sei. + +Nun, wir werden ja sehen. Dieser Mensch ist ein vollkommen Irrsinniger oder +ich will nicht selig sein. + + * * * * * + +Den 16. August. Wie der Mensch sich selbst belügen kann! Ich glaube, es +gibt sogar Menschen, die lügen sich ihre ganze Existenz vor. Also da +versuche ich mir nun einzureden, daß mich die Sache mit dem Diebstahl +nichts angeht, daß sie mich nicht im mindesten aufregt und daß ich ihr so +gleichgültig zuschaue wie ein langjähriger Abonnent dem 21. Tode der Maria +Stuart. Und dabei hat mich doch sofort eine unerklärliche, heiße Angst +befallen, die mir fast die Kehle schnürte und mich die ganze Nacht durch +Paris trieb. + +Und wie ich es auch anstellte, welchen Weg ich einschlug, nach Norden, +Osten, Westen, Süden, immer stand ich zuletzt vor dem Portal des +Louvre-Museums, gerade als müßte ich achtgeben, daß niemand die Gioconda +fortschleppt. Nun, aber ebensogut könnte ja auch einer mit der Venus von +Milo am Arm die Rue de Rivoli hinuntergehen. + +Jetzt denke ich doch schon erheblich ruhiger über den Fall. Wie töricht ist +es doch auch, sich über das Unmögliche aufzuregen. + +Ich sollte mir lieber Gedanken darüber machen, wie die Liebe ihm so den +Kopf zerstücken und zerflicken konnte. + +Daß es aber auch kaum einen Mann gibt, dem nicht der Knüppel Weib zwischen +die Beine fällt. So oder so. Der eine bleibt an einem Dienstmädchen hängen +oder an einer Gouvernante und der andere stolpert sozusagen über die +Idealität des Weibes. + +Ja, was dies betrifft, so sind schon mehr Männer als man glaubt daran +zugrunde gegangen. + +Aber, wer zum Teufel, heißt sie denn auch beim Weibe die Erfüllung der zehn +Gebote suchen. »Du sollst nicht lügen.« Nun, bei allen Aufrechten, ich habe +weder jemals ein Weib gesehen, das nicht lügt, noch wünsche ich es je zu +sehen. Ein Weib, das nicht lügt, ist uninteressant, und ein Weib, das die +Wahrheit sagt, langweilig. »Du sollst nicht lügen.« Das ist wie alle +Du-sollst eine Bequemlichkeitsvorschrift. Die Faulheit hat sie gemacht. +Diejenigen haben sie aufgestellt, die zu dumm waren und fühlten, daß sie +echt und unecht nicht von sich aus unterscheiden konnten. Da gaben sie +jedem Ding erst seinen umständlichen Stempel: Dies ist Gummiarabikum und +dies ist Nitroglyzerin. Wer nun einem Nitroglyzerin unter die Nase hält und +sagt, es sei Gummiarabikum, der ist »unsittlich«. Wie lächerlich ist das +doch. + +Mögen die Männer immerhin sittlich sein. Die Frauen sind mir zu gut dazu. +Wer will denn einen abgerichteten Star im Käfig haben? Und ist es -- ja bei +Gott -- gibt es eine größere Freude, als einer Frau hinter etwas zu kommen! +Hinter ihre Schliche oder womöglich hinter ihr -- Bewußtsein! + +Wenn man von den Frauen die Erfüllung der zehn Gebote verlangt, nimmt man +ihnen dann nicht alle Hintergründe? Sehen Sie nur diese Gioconda! Haha, der +alte da Vinci ist mein Freund! Er glaubte und liebte wie kein anderer die +Hintergründe des Weibes, diese unergründlichen Hinter- und Abgründe, durch +die man hinauf- und hinabstürzt ins Herz der Natur und zuweilen in das +Grauen der Welt. Kann man es etwa ansehen dieses Bild, bis zu Ende ansehen? +Nun, den will ich sehen, dem dabei nicht schwindlig wird. Es ist wahrhaftig +kein besonderes Vergnügen ins Nichts, ins Ewig-Leere, ins Unbegrenzte +hinunterzugondeln. Einen Halt muß der Mensch doch haben, einen Glauben; und +sei es auch nur Halt und Glauben an einem Laternenpfahl. + +Mich wundert es nicht, wenn es auch größeren Geistern vor dem Rätsel Weib +schwindlig wird. Nun, natürlich größeren Geistern. Kleine werden ja nie +schwindlig, sie gehen immer sicher und schwindelfrei auf dem Bürgersteig +der öffentlichen Sittlichkeit. Mit einem »du sollst« rechts und einem »du +sollst nicht« links, legen sie ihren Lebensweg anständig und honett zurück +und legen sich sogar gut abgebürstet ins Grab, wo sie mitsamt ihrer +Sittlichkeit verwesen. + +Aber die andern! Ja, ich sah manchen auf dem Weg nach seiner Heimat selbst +in diesem elektrisch beleuchteten Jahrhundert Irrfahrten machen, die hinter +denen des Odysseus nicht zurückstanden, und ein neuer Homer, mein' ich, +brauchte nicht unter die Arbeitslosen zu gehen. Aber Odysseus hatte doch +schließlich und endlich zu Hause eine Penelope, die treu war. Oder? Oder +sollte das nur -- ein Märchen sein? Ein Märchen, mit dem der große Dichter +sein großes griechisches Kind einwiegte und in Schlummer sang? Wollte er +auch zum Glauben an Treue verführen? Mußte er auch einmal hinter alle +Hintergründe eine letzte Kulisse schieben, weil ihm sonst schwindelte? + +Nein, nein, ich halte es lieber mit meinem alten Lionardo! + +O du Prophet des Unglaubens! . . . + +Aber ganz leicht muß es doch nicht sein, so ganz ohne die Rechenmaschine +»Gut und Böse« auszukommen. Ich selbst darf mich allerdings nicht beklagen. +Ich habe einen so wetterfesten Humor mitbekommen, daß ich gegen alle +regnerischen Überraschungen der Frauen gefeit bin. Ich habe noch ein +Gelächter im Zwerchfell, wo andere schon nach Mord und Selbstmord schielen. + +Einmal bekam ich einen Brief, indem sie mir schrieb, sie wolle mir bis ans +Ende der Welt folgen. Und das war keine Lüge. Hätte ich geschrieben: +»Komm«, sie wäre gekommen. Aber trotzdem stand in einem Nachsatz: »P. S. +Ich habe hier übrigens einen Rechtsanwalt wieder getroffen, den ich im +letzten Winter auf einem Ball kennen lernte.« + +Na -- es war so klar; sie betrog mich. Aber ich war ganz begeistert über +diese Mitteilung. Ich hätte gar nicht hinfahren brauchen, um mich zu +überzeugen. Es war mir geradezu, als ob in dem Brief stünde: Liebster, ich +betrüge Dich, herzlichen Gruß Deine Dich treu und ewig liebende Margarethe. + +Ach, ich kann ja gar nicht sagen, wie begeistert ich war! + +Aber ich fuhr natürlich doch hin, ging auf den Herrn Rechtsanwalt, als er +an ihrer Seite daher kam, zu und schlug ihm eins, zwei den Hut vom Kopf. +Trotz meiner Begeisterung. + +Ja, so ist man. + +Und die Sache nahm noch ein viel fröhlicheres Ende. Denn trotzdem sie mich +brutal genannt hatte, kam sie doch am Abend zu mir ins Hotel und hatte ihr +bestes Kleid angezogen. Nun, da wußte ich ja Bescheid. Aber in dem Hotel +konnte ich nicht bleiben. Wir mußten umziehen. Denn dort hätte uns ja +niemand geglaubt, daß wir ein legitimes Recht auf ein Zimmer mit zwei +Betten hätten. Das wollte sie nämlich diesen Abend unbedingt. + +Wenn man sagt: Selbst in der vornehmsten Dame steckt eine kleine Göre, die +noch gern einmal eine Nase schneidet und die Zunge herausstreckt, -- so +glaubt alle Welt, man wolle sich über die Frauen lustig machen. + +Eine Dame sagte einmal ganz empört darauf zu mir: »Vielleicht auch in der +Königin von England?« »Warum nicht?« sagte ich, »ich will nicht hoffen, daß +die Engländer von einer Gouvernante regiert werden.« Darauf drehte sie mir +den Rücken zu und ging stracks davon. Das tat sie aber nur, weil sie so +prachtvolle Schultern hatte. Ja, prachtvolle Schultern und einen +geschmeidigen, freien Gang. Ich mußte ihr ganz berauscht nachblicken. Und +sie fühlte auch wohl, daß sie Eindruck auf mich gemacht hatte, denn sie +blickte sich nicht ein einziges Mal um. + +Später wurden wir übrigens noch gute Freunde und sie war furchtbar verliebt +in mich. Und dann sagte sie mir auch einmal, daß ich ganz recht hätte mit +der kleinen Göre, die noch eine Nase schneidet, aber damals hätte sie es +furchtbar geärgert. Es sei auch arrogant, so etwas zu sagen, aber jetzt, wo +sie mich hätte, wäre ihr auch das egal. Ach, sie war ein reizendes +Geschöpf, so klug und falsch wie kaum eine. + +Ich verlor sie übrigens zuletzt durch eine Dummheit. Ich küßte nämlich +eines Tages halb aus Langerweile, halb aus Torheit in ihrer Gegenwart eine +Kopie der Venus von Giorgone, die bei mir an der Wand hing. Das sei die +größte Beleidigung, die man einer Frau antun könne! Und das sagte sie mit +dem erbittertsten Gesicht von der Welt. Als ich ihr aber vom Fenster +nachsehe, bemerke ich, daß drüben ein Wagen für sie hält, in dem bereits +ein Herr sitzt, der auf sie wartet. + +Zwei Tage marterte ich mich mit dem Gedanken, was sie wohl gemacht hätte, +wenn ich nicht auf den dummen Einfall gekommen wäre, das Bild zu küssen! +Denn da hatte sie nun recht: schlimmer kann man eine Frau ja gar nicht +beleidigen. + +Ja, aus ganzem Herzen unterschreibe ich, was Herr Tackeray sagt: +»Unparteiische, logische und streng gerechte Frauen! Gott bewahre uns +davor! Wenn die Frauen diese Eigenschaften hätten, würde die Menschheit +vergehen, und die Erde würde zu einer Wüste.« + +Penelope ist doch weiß Gott kein Ideal! Odysseus wird es noch oft beklagt +haben, nicht bei der rätselhaften Zauberin Circe geblieben zu sein. Aber +wahrscheinlich wollte es die Weltanschauung der Griechen so, daß der Mann +bei dem treuen Weibe enden muß, daß er nach allen Irrfahrten die Treue in +der Heimat und die Heimat in der Treue findet. + +Ja, ja die Griechen . . . . + + * * * * * + +(Anmerkung des Herausgebers: Es dürfte den Leser interessieren zu wissen, +daß das folgende Stück im Manuskript mit wesentlich veränderten +Schriftzügen geschrieben ist. Der Zusammenhang dieses Absatzes mit dem +Voranstehenden ist zwar nicht recht deutlich, aber ich glaubte, ihn +trotzdem mitabdrucken zu müssen. Vielleicht findet dieser oder jener doch +einen inneren Faden, der von dem übrigen Inhalt zu diesen Sätzen +hinüberleitet.) + + * * * * * + +. . . Und dann eines Tages litt es mich nicht mehr. Ich wollte gehen und es +ihr sagen. + +Ich war stundenlang durch die Wälder gegangen und hatte an jedem Baum +gesagt: Ich liebe dich. Sie war ganz in meinen Gedanken. Es war, als flösse +ihr Wesen mit meinem Blut schimmernd in meinen Adern. Auch nicht die +geringste Regung eines Gefühls gehörte nicht ihr, war nicht sie. + +Ach, ihr Menschen von heute, könnt euch solche Liebe nicht denken, ihr +glaubt ja nur an Liebe, die nachläuft, die sich erklärt, die heiratet. Für +den Florentiner und seine Liebe zur Simonetta habt ihr doch nur ein +Lächeln. + +Aber als er dort an der Brücke stand und Beatrice unter den Frauen +vorüberging, da war es, als sei alles Glück, aller Rausch und Seligkeit +dieser Welt in dieses eine gewaltige, glühende Herz gegossen. Der Schein, +der aus jenen Augen brach, schuf an ihr die Schönheit der Frauen kommender +Jahrhunderte . . . + +Wenn sie durch die Straßen schreitet oder ihre Schönheit in Sälen zeigt, +wenn die Menschen sich nach ihr umwenden, ist mir, als bewunderten alle +mein Werk. Ich habe sie gelehrt, sich so zu tragen mit diesem königlichen +Anstand, ich habe sie ihren stolzen Gang, das Neigen ihres Hauptes, das +Heben ihrer Hände gelehrt . . . . + +Ich liebe dich! + +Du bist mir wie ein Gebet in der Kirche. Seit ich dich kenne, bin ich +wieder fromm wie ein Knabe. Es gibt einen Gott, es gibt eine +Unsterblichkeit, es gibt Ewigkeit. Es gibt wieder alles, was es als Kind +gab: Geborgensein, Ruhe, Stille. Meine Liebe hüllt mich wie in eine +duftende goldene Wolke. Ich bin wie verwandelt. + +Ich liebe dich. + +Ich will nicht vor dir niederknien und dir keinen Thron errichten. Für den +Himmel bist du mir zu gut. Ich will dich wie du bist, mit allen deinen +Menschentugenden und Menschenfehlern, mit deinen rätselhaften Schönheiten +und deinen schönen Rätseln. + +Ich liebe dich. + + * * * * * + +Den 18. August. Dieser vertrackte Kerl! Er macht mir weiß Gott zu schaffen. +Sie werden sehen, daß er mit der Gioconda ernst macht. Er bestimmt sich +obendrein Zeit und Ort und Stunde und führt den Diebstahl aus, wie es ihm +paßt. + +Ich habe es doch heute gesehen. Kam nicht alles, wie er es vorausgesagt +hatte? Wort für Wort? Von dem rötlichen Stahl angefangen bis zu dieser +mysteriösen Inschrift: Tibi Gioconda? + +Von halb fünf ab hielt ich mich bereit. Ich wollte doch sehen, was es denn +mit dem Dolch für eine Bewandtnis hätte. Genau zur festgesetzten Zeit -- +meine Uhr zeigte 13 Minuten bis fünf -- stand er auf, nahm seine Mütze und +ging. Ich ließ ihn keinen Augenblick aus den Augen und folgte ihm +unbemerkt. Immer sah ich seinen gelben Mantel auf der Straße zwischen den +Passanten auftauchen. Es war leicht, ihn im Auge zu behalten. Übrigens +konnte man am Schritt sehen, wie sicher er seiner Sache war. Er ging gar +nicht aufgeregt, sondern ganz ruhig und zielstracks geradaus. + +Fünf Minuten nach fünf legt er die Hand auf den Drücker der Ladentüre und +tritt ein. Herr Duval steht sechs Schritte von ihm entfernt und betrachtet +eben eine Wedgewood-Schüssel. Er grüßt, geht auf den Kunsthändler zu und +sagt: »Sie besitzen einen Toledaner Dolch. Aus rötlichem Stahl. Eine Arbeit +aus dem 14. Jahrhundert. Nicht wahr?« + +Der kleine graue Mann rückt an seiner goldenen Brille, sieht ihn etwas +verdutzt an und sagt: »Nein, mein Herr, einen solchen Dolch habe ich nicht; +aber vielleicht ist Ihnen mit einer anderen, einer italienischen Arbeit +gedient? Ich habe . . .« + +»Nun, erinnern Sie sich nur. Der Dolch trägt die Aufschrift: Tibi +Gioconda.« + +»Aber, wenn ich Ihnen doch sage . . .« + +»Ich versichere Sie, Herr Duval . . .« + +»Ha, ha, Sie versichern mich! Sehr gut, sehr gut. Nein ich versichere +Ihnen, mein Herr, ich versichere Ihnen . . .« + +»Herr Duval, Herr Duval«, schreit plötzlich aus der hintersten Ladenecke +eine Stimme: »Wir haben sie . . . Wir haben sie . . .« + +Herr Duval entschuldigt sich plötzlich und rennt zwischen all seinen +Möbeln, Leuchtern und Spiegeln nach dem hinteren Ende des Ladens: »Wen +denn? Wen habt ihr denn?« ruft er. + +»Die Truhe, Herr Duval . . . Sehen Sie nur, da stand sie, hinter dem +Louis-seize. Mein Gott, ist sie dreckig, voller Staub!« + +Herr Duval ist keiner von jenen modernen Verkäufern, die immer nur Geschäft +sind und wie Automaten aussehen. Sein Geschäft ist sozusagen ein +Appartement seiner Wohnung, ein Teil seiner Familie. Wer in sein Geschäft +kommt, der kommt in seine Familie und nimmt an deren Leiden und Freuden +teil. + +Herr Duval kommt also mit einer halbgroßen, ganz verstaubten Truhe, die ihm +ein Lehrling mit schwarzen Haaren und einem Sommersprossen besäten Gesicht +tragen hilft, wieder nach vorne und beginnt gleich zu erklären: + +»Endlich also, endlich haben wir ihn, den Ausreißer. Denken Sie nur, mein +Herr, vier volle Wochen versteckt sie sich hinter einem +Louis-seize-Spiegel. Ich dachte schon, jemand hätte sie gestohlen. Diesen +Bengel da hatte ich weiß Gott in Verdacht. Ich hatte mich schon an die +Polizei gewendet. Wo sollte sie denn geblieben sein? Nun, jetzt haben wir +sie! Ja, ja. Interessieren Sie sich für Renaissancestickereien? Geben Sie +acht; hier haben wir nämlich einen der kostbarsten Erzbischofsmäntel, die +je angefertigt wurden. Ach, Sie werden staunen, mein Herr, welch eine +kostbare Arbeit, welch' eine Arbeit!« + +Und während er das sagt, hat Herr Duval die Truhe sorgfältig von allem +Staub gereinigt und entnimmt ihr jetzt vorsichtig und fast mit einer +gewissen Andacht einen großen kostbar gestickten Erzbischofsmantel aus +schwerem Goldbrokat. + +»Sehen Sie, das ist eine Arbeit! Und wie erhalten, was? Als käme er eben +aus den zarten Fingern der Goldstickerinnen. Sehen Sie nur, sehen Sie. Die +Farben sind ein wenig geblaßt. Aber das gibt dem Golde einen intimen, ich +möchte sagen, herbstlichen Reiz, nicht wahr? Ja, einen herbstlichen Reiz, +das kann man wohl sagen. Oder erinnert es Sie mehr an unseren Pariser +Frühling? + +Ach, Sie können ihn ja so nicht sehen. Georges, stelle dich einmal +hierher.« + +Und er hängt dem sommersprossigen Jungen den Erzbischofsmantel so über +seinen kurz geschorenen Kopf, daß von dem Bengel überhaupt nichts mehr zu +sehen ist. Aber der Mantel schleift noch am Boden. + +»Oder haben Sie Lust, sich einmal selbst als Erzbischof zu sehen? Haha, Sie +werden sich gut darin ausnehmen mit Ihrer Habichtsnase. Entschuldigen Sie. +Sehen Sie so -- so. Und nun betrachten Sie sich einmal im Spiegel. Ich sage +es ja, nur die Mütze fehlt. Sie sind ein geborener Erzbischof, mein Herr. +Schnell, Georges, unsere Mütze und den Bischofsstab . . .« + +Plötzlich aber schlägt der als Erzbischof Verkleidete den Mantel, der innen +mit brennend roter Seide gefüttert ist, zurück und hält dem Kunsthändler +einen langen Dolch aus rötlichem Stahl entgegen. + +»Sehen Sie, Sie besitzen ihn doch, Herr Duval.« + +»Mein Gott, mein Gott, was ist das, was ist das! Wie kommen Sie zu dem +Dolch? Wie . . .?« + +»Ich fand ihn eben hier in der Innentasche des Mantels.« + +Der kleine Kunsthändler tritt unwillkürlich um einen Schritt zurück, sieht +den als Erzbischof vor ihm Stehenden befremdet an und sagt ganz kleinlaut +und erschreckt: + +»Aber mein Herr, ich versichere Sie, ich wußte nichts, ich wußte in der Tat +nicht das geringste von diesem Dolch. Ich kann es beschwören. Ich sehe ihn +zum erstenmal in meinem Leben. Lassen Sie einmal sehen, lassen Sie sehen. +Bei der Jungfrau, es ist eine toledanische Arbeit. Eine wundervolle +toledanische Arbeit aus dem 14. Jahrhundert. Genau wie Sie es sagten. Aber +das ist doch das Seltsamste, was ich erlebt habe. Wie wußten Sie, mein +Herr? Ach, Sie haben ihn selbst mitgebracht? Aber nein, wie werden Sie denn +Ihren eigenen Dolch kaufen wollen. Und hier ist ja auch die Aufschrift: +Tibi Gioconda. Ganz deutlich. Mein Gott, genau wie Sie es sagten!« + +»Ich biete Ihnen 150 Frcs. für den Dolch«, sagt der unheimliche Mensch, der +noch immer im Ornat vor dem erschreckten Kunsthändler steht. »Wollen Sie +ihn dafür geben?« + +Sie werden einig und gleich darauf verläßt der Gelbe den Laden. Herr Duval +aber steht noch in der Türe, sieht ihm nach und sagt immer wie zu sich +selbst und in seinen grauen Bart hinein: Das verstehe ich nicht, nein, das +ist seltsam, das verstehe ich nicht . . . + +Um 5 Uhr 17 Minuten waren wir wieder zu Hause, gerade eine halbe Stunde +waren wir fort gewesen. + + * * * * * + +Den 19. August. Was soll nun noch unmöglich sein. Er wird die Gioconda und +mit ihr alle Rätselhaftigkeit in seinen Besitz bringen, genau zu der +Stunde, zu der er es bestimmt hat. Und trotz allen Einwendungen der +Vernunft wird es in allen Zeitungen und auf den Straßen ausgerufen werden: +die Gioconda gestohlen! + +Eine unerklärliche, heiße Angst hat mich befallen. Er aber ist ruhig wie +ein Stein. Und mit welch bewunderungswürdigem Instinkt er den Zeitpunkt des +Diebstahls ausgesucht hat. Es ist als hätte er den Blick in die Zukunft. +Woher weiß er, daß bei der Ablösung der Wachen diesmal ein Irrtum +vorkommen, daß der eine Wächter abgerufen wird, und so der Saal sechs +Minuten lang ohne Aufsicht bleibt? + +Ich frage mich ja vergeblich, woher ich dies alles weiß! + +Oft fühle ich mich mit ihm verwandt, so als flösse dasselbe Blut in unseren +Adern. Und doch wieder bin ich ihm fremd. Nicht so fremd und auf jene Art +wie einem irgendein beliebiger Mensch fremd ist, dem man irgendwo begegnet, +der einen um Auskunft bittet oder nach einer Straße frägt, sondern wie +einem der Bruder fremd ist. Oder wohl gar wie die Mutter, so unheimlich +fremd. Das läßt sich nicht beschreiben. Aber alle diejenigen kennen es, die +vielleicht als Kind gesehen haben, wie ein Mann einen begehrenden Blick +über die Gestalt der Mutter gehen ließ, und wie die Mutter diesen Blick +leise und ohne es zu wissen, zurückgab. Ach, wie kann da ein Knabenherz in +seiner Einsamkeit erschrecken und auffahren. Und wie fremd kann da eine +Mutter werden. Fremder als Gott, den man noch nie gesehen hat, der aber +doch immer so ist, wie man ihn glaubt. Eine begehrte Mutter aber ist so +fremd und schaudervoll rätselhaft wie die dunklen Augen eines Hundes, der +sich herrenlos auf den Straßen herumtreibt und der einen des Abends +plötzlich aus der Dämmerung anstarrt wie das Nichts, so niederschmetternd +und überwältigend. + +Ich selber bin bei guten Sinnen und weiß, daß die Rätselhaftigkeit, das +Grauen, das mich aus diesem schrecklichen Bilde anblickt, Geburt meines +Hirns, meiner Augen ist. Ich weiß, daß sie ohne mich tot ist, tot in ihrem +Rahmen und Holz und Farbe. Aber er, der armselige Unsinnige! Ist er blind? +Er glaubt, sie lebt. Er glaubt, daß er all ihre Rätselhaftigkeit an sich +bringen muß zu ewigem Besitz oder vielleicht sogar zu ewiger Zerstörung. Er +fühlt ein Leben in diesen verräterischen Augen, diesen furchtbaren Lippen, +diesen entsetzlichen, grauenhaften Händen. Und das Leben dieses Bildes +peitscht und zerfleischt ihn, bringt ihn außer sich und treibt ihn umher. +Es bleibt ihm nur das eine: sich selbst zerfleischen oder -- sie besitzen. +Besitzen wie ein Weib aus Fleisch und Blut, das man Brust an Brust an sich +reißen, pressen und umschlingen kann. + + * * * * * + +Den 20. August. Gott sei uns gnädig! Diese Nacht noch und alles ist +vorüber. Er wird alle Rätselhaftigkeit der Gioconda an sich bringen und +alles wird seine toten, sicheren, gleichgültigen Gleise gehen. + +O, warum sitze ich hier und lege die Hände in den Schoß und stelle mich +nicht vor die Tat und ihn? Warum halte ich dem Mörder den Arm nicht fest, +ehe er zustößt? Denn Mord ist dies doch, nicht wahr? Ach viel mehr! Ist es +nicht, als reckte jemand die Hand aus, das Heiligtum der Welt zu schänden? +Als risse jemand die Sonne vom strahlenden Tag, um einen unförmigen +Lehmklumpen dafür aufzuhängen? O Gott . . . + +Und doch; lebt nicht in uns allen diese furchtbare Begierde, Tempel zu +schänden und Götter zu verhöhnen? . . . + + * * * * * + +(Zwei Stunden später) O, wie soll ich doch das ertragen! Welchen Anteil +habe ich denn an diesem Diebstahl? Welche Gewalt besitzt er über mich? +Warum bleibe ich denn? Warum sehe ich dem allen so zu, obgleich ich es +verabscheue, ihn verabscheue . . . + +Ach, ich will es nur gestehen, so erbärmlich es ist, aber helfe mir Gott, +nicht ich bin es, den man dafür verantwortlich machen muß: ich _will den +Diebstahl_. Ja, ich will ihn, auch ich, das ist mir nun klar. + +Und doch ist es mir auch wieder furchtbar, dem allen so zusehen zu müssen. +Ja, es ist mir trotzdem, als sollte ich der Hinrichtung meiner eignen +Kinder zusehen und könnte auch nicht einen Finger heben, dem Henker Einhalt +zu tun. + +O, dürfte ich doch aufwachen, und alles wäre ein Traum. Es muß ja ein Traum +sein: ganz so wehrlos, so machtlos fühlt man sich ja nur im Traum, wenn man +eingeschnürt liegt wie in einem Schraubstock, gefoltert von furchtbarer +Angst und die Gefahr nun immer näher und näher kommt und einen jeden +Augenblick schon erreichen muß. O ja es muß, es kann nur ein Traum sein, +aus dem es ein Erwachen gibt, in dem alles nicht war . . . + +Fünf Uhr morgens. Wie gräßlich, wie entsetzlich war dies! O, keine Nacht +mehr wie diese. Lieber den Tod. Nun steht das Bild hier dicht hinter der +Wand und ich bin von allem Zeuge gewesen und weiß, wie alles sich +zugetragen hat. Und mir ist, als wäre ich selbst der Dieb; die Furcht vor +Entdeckung hat mich gefaßt und ich zittre wie ein Mörder, der angstvoll die +Spuren seiner Tat zu verwischen sucht, der ermüdet und erschöpft in +Halbschlaf fällt und sich plötzlich blutbesudelt und blutbefleckt im Traum +erblickt. + +Ach, nichts ist mir erspart geblieben. Ich wachte hier in meinem Zimmer die +ganze Nacht. Ich sah, wie er die Mütze nahm und ging, ich sah ihn in den +Straßen, vor den hellen Scheiben der Restaurants und den dunklen Nischen +der Hauseingänge. Er war wie ein Schlafwandler, still und ruhig. Und wie er +eindrang! Er fand wie ein Blinder den Weg und tappte im Dunkeln. Jeden +seiner Schritte hörte ich, wie die Schläge meines pochenden Herzens. Ich +wollte schreien, aber die Zunge klebte mir dorrend am Gaumen. + +Es legte sich wie eine knöcherne Hand um meine Kehle. Ich konnte keinen +Laut hervorbringen. Aber mein Gehör wurde scharf wie das eines Wächters. O, +wie furchtbar scharf wurde es doch! Ich hörte den bröckelnden Gips auf den +Boden fallen und die dumpfen Schläge mit dem Hammer, ich hörte sogar das +Knirschen des Meißels an den eisernen Klammern und ich sah die raschen +gewandten Griffe, die das Bild von der Wand rissen; hastige, knochige +Hände, unter denen die Mauer aufbrach. O, ich bebte und zitterte; ich +fieberte wohl vor Furcht. Ich legte das Gesicht auf den Tisch und weinte +wie ein Kind. + +Auf einmal wurde mir ganz leicht und frei zu Mute. Ich erinnerte mich an +vieles, was mich einmal entzückt hatte. Ach, an tausend Dinge, an Blumen +und Vögel, an ein Paar kleine Mädchenhände und an ein Liebeslied nachts +über einem Fluß. Aber das dauerte nicht lange. Denn plötzlich klang ein +dumpfer Laut an mein Ohr und ich erschrak zu Tode. Es war sein tappender +Schritt auf der dunkeln Treppe! Ich hielt den Atem an und lauschte, wie die +Schritte immer näher und näher kamen. Und dann konnte ich auch bald einen +anderen eigentümlichen Ton hören, es war das Scharren des gestohlenen +Bildes, das bei jedem Absatz an den stumpfen Stufen der Treppe aufschlug. + + * * * * * + +Den 23. August. Wann werde ich endlich lernen, mich nur um meine eigenen +Sachen zu kümmern und mich nicht in die Angelegenheiten anderer +einzumischen! + +Da habe ich mich nun über Dinge aufgeregt, die mich weiß Gott nichts +angehen. Bin ich denn der Präsident der Schönen Künste oder wer sonst +seinen Posten verlieren wird, weil da ein leerer Platz an der Wand ist? +Weil da ein Stück Holz so hoch, so breit und so lang und mit Ölfarbe +bestrichen, weggekommen ist? Denn mehr ist es doch nicht, auch wenn es von +Leonardi da Vinci angestrichen wurde. + +Aber stellte ich mich nicht an, als würde ein lebendes Wesen ermordet, als +habe es weiß Gott welche Bewandtnis mit dem Bilde! Kann ich denn nicht bei +dem bleiben, was die Dinge sind, Holz und Farbe und ein bißchen Firnis, und +muß ich immer etwas dahinter suchen? + +Und welche Dummheit von mir, mich obendrein Hals über Kopf in diese Reise +auf diesem alles eher als komfortablen Dampfer zu stürzen! Was geht es mich +an, wo er mit seinem grauen Paket unter dem Arm hin will. Mag er doch mit +seiner Angebeteten anfangen, was er will; mag er sie ins Meer werfen. Habe +ich mich darum zu kümmern? + +Das alles hätte ich mir vor fünf Tagen sagen sollen, als es noch Zeit war. +Als ich die Geschichte kommen sah, hätte ich abreisen sollen. Aber jetzt +ist es zu spät. Jetzt bleibt mir nichts als die Schiffsgefangenschaft in +Gesellschaft mit unseren liebenswürdigen Damen und unseren +unliebenswürdigen Herren Passagieren abzusitzen. + +Jetzt ist es sogar noch ein Glück, daß er mit an Bord ist. Denn sobald +dieser verwegene Mensch unter uns erscheint, gibt es Unterhaltung, +Geschichten, Anekdoten die Hülle und Fülle. Der Zufall hat gewollt, daß wir +die Kajüte teilen, und wir schlafen übereinander, er unten, ich oben. + +Wir verstehen uns übrigens ausgezeichnet, trotzdem ich eigentlich ihm +gegenüber immer ein wenig befangen bin wegen des Bildes. Aber er gibt sich, +als wäre nichts in der Welt geschehen, was ihn beträfe und als gäbe es das +graue Paket, das er ganz ruhig an die Wand gestellt hat, gar nicht. + +Zuweilen sehe ich ihn vor dem Paket stehen, und dann hat sein Gesicht +geradezu etwas besonders Ruhiges, Zielbewußtes. So, als dächte er bei sich: +ich weiß ganz genau, was ich mit dir mache, sobald wir ganz draußen auf dem +Meere sind, nehme ich dich und werfe dich über Bord. + +Sonst ist er ein über und über humorvoller Bursche; zuweilen ist seine +Lustigkeit vielleicht ein wenig gezwungen, aber dann kann er so befreiend +lachen, daß selbst der Geheimagent sich angesteckt fühlt und einmal seine +Wichtigkeitsmiene verzieht. + +Nein, ich habe doch nie einen Menschen mit einer so ausgelassenen und +bizarren Phantasie gesehen. + +Weil ich über ihm schlafe, nennt er mich nur den »Ober«. Und von sich +selbst spricht er nicht anders als von dem »Unter«. + +»Herr Ober,« sagt er, »bringen Sie mir etwas Erfrischung, es ist eine +gottsjämmerliche Hitze. Sind wir schon am Äquator oder macht mir der +höllische Seelenwurm zu schaffen? Sorgen Sie für Zerstreuung, hören Sie, +oder lassen Sie uns zu den Oberflächlern gehen. Ja, kommen Sie, lassen Sie +uns auf Deck gehen, die Damen ein wenig zu unterhalten und die Herren zu +ärgern. Besonders diese kleine deutsche Spitzmaus, die sich so verdient um +die Erforschung der Diphthonglaute im Altpersischen gemacht hat.« + +Und es kommt wohl vor, daß er sofort seinen Entschluß ausführt, hinaufgeht +und mit dem Erforscher der Diphthonglaute im Altpersischen eine +Unterhaltung beginnt. + +Na, die Sache nimmt etwa folgenden Verlauf: + +Der Erforscher der Diphthonglaute steht eben an der Reling, blickt auf die +See hinaus und hat die Hände über den Rücken gelegt. Von Zeit zu Zeit macht +er mit dem Kopf eine kleine ruckartige Bewegung nach hinten, bei der man +sonderbarerweise jedesmal auf seine spitze Nase aufmerksam wird. Und das +Ganze sieht so aus, als bekäme er plötzlich Achtung vor sich selbst, fühlte +viele Augen auf sich gerichtet und würfe sich nun ein wenig in Positur, um +der Welt einen würdigen Gelehrten zu zeigen. Es sieht sehr komisch aus, ein +bißchen muß man sich aber auch darüber ärgern. + +Wir treten von hinten an ihn heran und sprechen ihn an. »Guten Tag, Herr +Doktor.« Der Erforscher der Diphthonglaute dreht sich um, legt den Kopf mit +der spitzen Nase ein wenig auf die Seite und streckt uns die Hand mit einem +Ausdruck hin, als wolle er sagen: Ich kondoliere Ihnen, meine Herren; seien +Sie meiner Teilnahme sicher. Sie haben das Unglück, mit einem verkannten, +edlen Menschen zu sprechen, der es nicht verdient, daß man ihn in der +Abgeschiedenheit seiner Größe, die nur ihm selbst bewußt ist, verkommen +läßt. + +Der Gelbe tut, als merke er nicht, daß es dem Erforscher der Diphthonglaute +heute an Selbstachtung fehlt, und daß er Mitleid betteln geht. + +»Denken Sie, prächtig habe ich geschlafen,« fährt er ganz unvermittelt los. +»Wissen Sie, ich fühle mich jetzt so kräftig, daß ich Sie ins Meer werfen +und wieder herausholen könnte. Was? Ich wachte auf wie eine Sprungfeder. +Augen auf und raus. Und Leben vom Scheitel bis zur Sohle. Ich nahm den +Eichenschrank an der Kapitänstüre und setzte ihn mit einem Ruck auf die +andere Seite. Und dabei war ich doch gestern abend verdrießlich wie ein +Kakadu. Ich hatte mich wohl über etwas geärgert. Aber als ich einschlief, +merkte ich schon, daß heute alles besser sein würde. Ich fuhr nämlich, ehe +ich einschlief, eine Zeitlang mit der Chaiselongue in der Eßkajüte herum.« + +»Na, na, Sie,« sagt der Diphthongforscher dazwischen und lächelt ein wenig +vorwurfsvoll. + +»Ach, Sie sind besorgt, daß die Beine dabei abbrechen könnten. Nein, das +ist nicht der Fall. Wissen Sie, ich fuhr ja gar nicht.« Und jetzt dämpft er +seine Stimme ein wenig, sieht dem Doktor scharf in die Augen, als wolle er +da etwas herbeiholen und sagt mit immer leiser werdender Stimme: »Nein, ich +hatte ja nur so ein Gefühl. Wissen Sie, ein Gefühl, als führe ich mit der +Chaiselongue ganz langsam -- es gab nur einen ganz unmerklichen Ruck, wie +es anfing -- ganz langsam zuerst und dann immer schneller und schneller im +Zimmer herum, über die Treppe aufs Deck hinauf, hier vorbei, zurück, die +Treppe wieder hinunter, quer durchs Zimmer und plötzlich durch das letzte +Kajütenfenster hinaus . . . gerade aufs Meer . . .« + +»Und dann . . .?« + +»Und dann . . .?« + +»Ach so, ja. Aber sagen Sie nur: Wie konnten Sie denn mit der Chaiselongue +durch das Kajütenfenster, das ist doch viel zu eng?« + +Auf diese Weise macht er sich beständig über die Herren, lustig, und ich +stehe dabei und ersticke fast an meinem Gelächter. Den Geheimagenten fragt +er immer wieder, ob noch keine Nachricht von der Gioconda da ist, und den +deutschen Doktor Berger hat er schon dreimal die Geschichte von seinem +Besuch beim Ohrenarzt und seinem äußerst feinen Gehör erzählen lassen. + +»Hörten Sie nicht eben einen Schuß, Herr Doktor?« + +»Einen Schuß?« + +»Ja, einen Schuß. Ganz scharf und in der Ferne, aber doch sehr deutlich +hörbar. Schon wieder! Hörten Sie diesmal?« Nein, er habe nicht gehört, sagt +Herr Doktor Berger, neigt den Kopf ein wenig seitwärts und lauscht +angestrengt. + +»Ich habe heute wieder meinen Tag, an dem ich schlecht höre.« + +»So, Sie hören schlecht?« + +»Nein, eigentlich nicht. Ich höre sogar sehr gut. Erzählte ich Ihnen nicht +schon, was mir der Ohrenarzt sagte . . .« + +Nein, er habe nichts erzählt. + +»Das ist nämlich sehr interessant; ich ließ mich einmal von dem bekannten, +Sie wissen, dem bekannten Professor Hegenbarth in London, einer unserer +ersten Ohrenärzte überhaupt, -- er hat seinerzeit auch die Prinzessin +Klotilde von Anhalt-Bernburg behandelt, die später den Leutnant Bohlen von +den 13. Husaren in Mainz heiratete . . .« + +Und nun erzählt er weitschweifig und umständlich mit allen Einzelheiten von +seinem Besuch bei dem berühmten Ohrenarzt, der ihm gesagt haben soll, daß +sein Gehör durchaus normal, ja mehr als das, sogar äußerst scharf und +schärfer sei, als ihm je eines in seiner Praxis vorgekommen sei. + +»Hörten Sie den Schuß?« schreit ihm der Gelbe plötzlich ganz laut ins Ohr. + +»Einen Schuß?« + +»Ja.« + +»Nein, den hörte ich nun nicht . . . Aber Sie können sich denken, was das +heißen will: das schärfste in seiner ganzen Praxis! Der Mann übte +fünfundzwanzig Jahre seine Praxis aus. Also da können Sie schon sehen. Ja, +mein Gehör ist ganz vorzüglich, ganz vorzüglich.« + +Das sei ja sehr interessant. Übrigens habe er schon mal von einem ähnlichen +Fall gehört, sagt der Gelbe. »Und dann« -- fährt er unvermittelt fort -- +»kannte ich in Königsberg einmal einen Herrn, aber das wird Sie gewiß +interessieren -- da war ein Herr, der konnte im Theater, gleichviel welchen +Platz er hatte, ganz deutlich verstehen, was irgendwo im Parkett oder in +den Logen gesprochen wurde. Ein ganz unheimlicher Mensch! Wissen Sie, er +hörte ganz deutlich, was sich die Leute zuflüsterten, und wenn es auf der +letzten Galeriereihe war. Na, Sie können sich denken, was der für Sachen +erzählen konnte . . . .« + +»Ach nein . . .« + +Doch, da sei z. B. mal ein Stück gegeben worden, in dem ein brutaler +Genußmensch geschildert wurde. Ein ausgezeichnetes Stück übrigens und eine +famose Charakteristik. Im zweiten Akt sei eine Szene gekommen, in der sich +ein junges leidenschaftliches Mädchen dem Genußmenschen an den Hals +geworfen habe. Plötzlich habe der Herr gehört, wie die Frau des +Polizeipräsidenten zu ihrem Mann in der Loge gesagt habe, so ein +gräßlicher, unsympathischer Mensch sei ihr wahrhaftig noch nicht +vorgekommen; das sei ja geradezu abscheulich. »Am anderen Tage -- denken +Sie nur -- am andern Tage wurde das Stück verboten. Wegen unsittlicher +Tendenz. So was, nicht wahr?« Na, und was sich so die Liebesleute im +Theater erzählten . . . + +Das müsse doch sehr interessant sein, meinte Herr Dr. Berger. + +»Na, ich sage Ihnen. Da konnte der Herr nun Sachen erzählen. Besonders, +wissen Sie, aus der guten Gesellschaft. Was die sich alles zu sagen hatten; +das kann man beinah gar nicht wiedererzählen. Ich möchte Ihr Ohr wahrhaftig +nicht verletzen . . .« + +»Aber bitte, bitte, das ist ja sicher sehr interessant« + +»Interessant ist es schon. Ja, denken Sie nur, da war zum Beispiel einmal +ein Paar, eine junge, elegante Witwe und ein Offizier von der Garde. Eine +chike Sache sozusagen. Viele dachten sich ja wohl, daß die beiden ein +bißchen toll wären. Aber denken Sie nur. Da wurde Hamlet gegeben; plötzlich +sagt doch die junge Witwe mitten in der Totengräberszene dem Offizier ins +Ohr, sie wolle einmal auf einem Friedhof . . . im Mondschein . . . Ach, das +kann ich Ihnen ja gar nicht erzählen. Wie? Adieu, Herr Doktor, Adieu.« + +Der Erforscher der Diphthonglaute macht noch ein paar hastige Schritte, +hinter uns her, geniert sich aber und bleibt ganz verwirrt stehen. + +Huh, wie heiß es ihm doch geworden ist. + +Na, den übrigen geht es ja nicht viel besser. Heute wollte er sogar eine +Wette mit mir abschließen, daß es ihm gelingen werde dem Schauspieler +Grunwald binnen einer Stunde siebzehn Zitate aus Shakespeare und Oskar +Blumenthal aus der Nase zu ziehen. Ich bin überzeugt, er tut es, trotzdem +ich ihm die Wette verweigert habe. + +Und ohne daß der gute Herr Grunwald etwas ahnt, wird er sich von ihm +Komödie ohne Honorar und ohne Lorbeerkränze vorspielen lassen. + +Gestern, während er in der Kajüte schlief, erzählte ich die Sache übrigens +den Damen. + +Ich sagte, ich habe einmal einen Menschen gekannt, der sei so und so +gewesen und habe die Leute aufgezogen wie die Uhren. Ein englischer +Geistlicher in der Nähe von Liverpool. + +Alle waren empört über so einen Menschen. Das sei ja furchtbar gemein. Ja, +gemein, sagten sie. Da müßte man ja immer fürchten, zum besten gehabt zu +werden. Ein Mensch sei doch keine Marionette, die man am Seil tanzen lassen +könne wie man wolle. + +Ja, die Damen waren alle außerordentlich erregt über so etwas. Besonders, +da ich dummerweise den Versuch machte, den englischen Geistlichen zu +entschuldigen, indem ich sagte, vielleicht sei es ein Mensch gewesen, der +unter den Mechanischen im Leben sehr gelitten und sich auf diese Weise +hätte Luft machen wollen. + +Das wollten die Damen aber nicht verstehen. + +Am meisten griff das Gespräch wohl Frau Sturi an; sie bekam sogar ganz +hektische, rote Flecken auf den Backen und fiebrische, feuchtglänzende +Augen. Sie sah so sehr häßlich aus, aber irgend etwas zwang sie wohl zu +bleiben; denn obgleich sie mehrmals sagte, das könne man gar nicht mit +anhören, blieb sie doch, gerade als warte sie darauf, daß noch mehr kommen +solle. + +Wenn ich übrigens die Augen recht im Kopfe habe, so ist da etwas zwischen +ihm und Frau Rosenborg, der dänischen Schauspielerin. Sobald sie ihn sieht, +wird sie geradezu schön, während sie sonst leicht ein bißchen alt und krank +aussieht. Aber dann hat sie plötzlich den Zauber einer jungen Frau, die +schön ist und es weiß, und beim Lachen zeigt sie die ganze Reihe ihrer +wundervollen, weißen Zähne. Dann blühen ihre Wangen. Sie hat rötliches +glänzendes Haar und einen geschmeidigen, leichten, graziösen Körper. Weiß +oder lila kleidet sie am besten, ein Lila, das nach dem Rosaroten hin geht. + +Sie ist immer elegant gekleidet. Gestern aber, weil es regnet, hat sie ein +graues Lodenkape umgehängt und kommt damit auf Deck. Ich sitze gerade da +und denke, was nun aus der Gioconda werden soll. Dabei sehe ich, wie er +Frau Rosenborg eben bemerkt hat und auf sie zugeht. Und wirklich, sie +lächelt ihm auch schon entgegen und will gerade die Hand unter dem Kape +freimachen, um sie ihm entgegenzustrecken. Aber als er herangekommen ist, +sieht er sie nur wie flüchtig an und geht, die Hände auf dem Rücken, an ihr +vorüber. + +Da bleibt sie ganz erstaunt stehen und ruft: »Nanu -- Sie kennen mich wohl +gar nicht, wie . . .?« + +Und was sagt er? Indem er höflich die Mütze abzieht und sich verbeugt und +ihr die Hand küßt, sagt er: »Verzeihen Sie mir gnädige Frau -- ich dachte +gerade an Sie.« + +Da geht es wie ein Leuchten über ihre Züge und sie sieht ihn mit einem +jener Blicke an, die uns Männer verrückt machen können. Ach, wie heiß es +doch sei; und sie wirft mit einem Ruck das Kape von den Schultern und nimmt +den Arm, den er ihr anbietet. + +In Wahrheit ist es aber gar nicht heiß, sondern es ist kühl und regnet, und +sie hat ein leichtes Spitzenkleid an, das der Regen verdirbt. + + * * * * * + +Den 24. August. Es ist nicht zu begreifen, wie dieser Mensch so ruhig sein +kann. Weiß Gott, ich zittere mehr wie er. Ich komme an unsrer Kabine +vorbei, sehe die Tür offen und das Bild in dem grauen Packpapier ruhig an +die Wand gelehnt. Der Geheimagent braucht nur hineinzugehen und einen +Streifen abzureißen, dann kann er ihn auf der Stelle verhaften lassen. Aber +dabei sitzt er oben auf Deck bei den Damen, plaudert als ob nicht das +geringste geschehen wäre, als ob es weder Geheimagenten noch was an Bord +gebe. Nun, es braucht nicht jeder ein Feigling zu sein wie ich, der ich +beinah aufgeschrien hätte, als ich endlich die Apfelsine in der Hand hielt. +Aber seine Gelassenheit regt mich doch auf. Bis hierher kann man die Damen +zuweilen über seine verdammten Späße lachen hören. Es ist ja, als könne er +überhaupt kein ernstes Wort mehr sagen und sei jeder weicheren Empfindung +bar. Manchmal glaube ich, dieser Mensch spielt überhaupt mit uns allen, er +hält uns alle halbwegs für komische Figuren. Und sich selbst wohl gar auch. + +Dabei haben die Damen ihn doch alle miteinander gern. Ernsthaft verlieben +würde sich wohl so leicht keine in ihn. Ihr Instinkt sagt ihnen, daß hier +nichts zu holen ist. Höchstens könnte Frau Rosenborg ihre wundervolle +Neugierde ein wenig gefährlich werden. Einige fürchten ihn ein bißchen, +denn es zeigt sich, daß er hinter ihren geheimsten Gedanken her ist. Sogar +Frau Rosenborg, die sicherlich die Überlegenste in dem ganzen Kreise ist, +hat, wenn sie darüber nachdenkt, oft ein Gefühl, als hätte er immer auf das +geantwortet, was sie gedacht hat, aber nicht auf das, was sie gesagt hat. +Arrogant, ein wenig arrogant finden ihn alle. Besonders Frau Sturi. Na, wie +er die aber auch hat abblitzen lassen. Das war schon vor zwei Tagen: + +Er steht wie immer in dem gelben Paletot und der schottischen Mütze auf +Deck, hat die Arme auf dem Rücken gekreuzt und blickt ganz starr weit auf +das Meer hinaus. Auf einmal kommt Frau Sturi die Treppe herauf, sieht ihn +stehen und geht auf ihn zu. + +»Sie warten wohl auf jemand,« sagt sie, denn es ist 12 Uhr und alle sitzen +schon beim Lunch. + +Ja, er warte auf jemand. Aber dabei bleibt er, ohne sich umzublicken, die +Hände auf dem Rücken, stehen und fährt fort auf das Meer hinauszusehen. + +Auf wen er denn warte, alle seien doch schon unten? + +Da aber dreht er den Kopf zur Seite, sieht sie fast träumerisch und +lächelnd zugleich an und sagt: »Auf mich. Ich warte auf mich. Frau Sturi. +Auf mich!« + +Frau Sturi erzählte die Sache nachmittags in dem kleinen grünen Teezimmer. +Sie war noch ganz empört. Ob das nicht eine maßlose Frechheit sei, eine +ganz maßlose Einbildung und Arroganz! + +Ja, das fanden sie nun allerdings alle, wenn sie ihm auch nicht gerade so +böse sein konnten deswegen. + +Nach einer Weile aber, während der alle schwiegen, sagte Fräulein Gabler +mit ein wenig schüchterner Stimme: eigentlich brauche das gar nicht +arrogant zu sein. Man könne sich doch auch etwas anderes dabei denken. Und +dabei sah sie sich etwas scheu unter den Damen um, ob jemand sie vielleicht +verstände. + +Aber die Damen verstanden sie nicht und fanden, daß es eben nur arrogant +sei und nichts darüber. + +»Nun, was man sich denn noch anderes dabei denken könne?« frug schließlich +Frau Sturi. Aber da wurde Fräulein Gabler verlegen. Sie versuchte sich zu +erklären, aber die Worte fehlten ihr und sie wurde sogar ein wenig rot. + +Zum Glück nahm Frau Rosenborg sich ihrer an und gab dem Gespräch eine +andere Wendung. + + * * * * * + +Den 25. August. Zum Teufel auch, wie sehr sind unsere jungen Damen zu +beneiden! Eine Verbrechergeschichte an Bord, eine Seereise mit dem Diebe +der Gioconda! Es flüstert hier und es flüstert dort. Ich sehe ja, daß alle +es wissen. + +Ha, das ist eine Situation für mich! + +Da wird von den gleichgültigsten Dingen gesprochen; alle machen so +unschuldige Gesichterchen wie Liebende, die sich eben hinter einem Zaun +geküßt und geküßt haben, und denen nun noch die ganze hübsche Geschichte +der letzten fünf Minuten auf Haupt und Haar geschrieben steht. Haha, und +wenn sie an einem vorbei sind, da geht ein Getuschel, ein Getuschel los und +die junge Dame wird sogar noch ein bißchen rot, wenn sie eine gute +Kinderstube gehabt hat. Aber gar der junge Mann wie armselig-köstlich sieht +er aus mit seinem mutig-schlechten Gewissen und seiner geküßten kleinen +Sünde da an der Seite. + +Ja, genau so ist es jetzt bei uns. Überall, in jedem Eckchen und jedem +Winkel sieht man so ein Pärchen stehen, das leise und ach, mit so +neugierig-klugen Augen miteinander tuschelt und flüstert und fragt, bis +irgendein Dritter vorbei kommt, von dem man »noch nicht weiß«, und der dann +nichts weiter zu hören bekommt, als ein unmerklich lauteres: »Ja, es soll +mich mal wundern, was daraus wird!« Oder das Meer hat plötzlich »eine so +prachtvolle Farbe, wie Smaragd, ja _wie_ Smaragd«. Und man sieht hinaus +aufs Meer mit Augen, die sich gar nicht satt sehen können, während die +Ohren doch nur dem abnehmenden Schall der vorübergehenden Schritte +lauschen. Schon dreimal habe ich heute gehört, daß das Meer »_wie_ Smaragd« +sei. Na, kann etwa nicht jeder an einem Gespräche darüber teilnehmen daß +das Meer wie Smaragd sei? Nur das »wie« müßte nicht so stark betont werden, +da merkt man ja wohl, daß es gar nicht so sehr auf das Meer ankommt. + +Es ist wirklich famos, daß wir so viele junge Frauen an Bord haben. Was +bekommt man doch überall für ein prachtvoll verheucheltes Lächeln zu sehen, +wenn man irgendwo hinzutritt. Frau Rosenborg muß man sehen; wie prachtvoll +lügt sie; was sage ich, vom Kopf bis zu Fuß ist sie plötzlich eine einzige +glänzende Lüge. Hände, Haltung, die Lippen, die Mienen, alles an ihr lügt +plötzlich, verschweigt, vertuscht, lenkt ab, spielt die große Komödie der +Unbefangenheit! Sogar die Augen machen eine ganze Weile diese Komödie mit, +bis sie auf einmal aus der Rolle fallen und sagen: Gauner, du alter Schurk, +du -- weißt du es nun oder weißt du es nicht? + +Ha, und wie famos frech lachen einem diese glänzenden Augen ins Gesicht! + +Aber um Gottes willen nicht davon sprechen; kein Sterbenswörtchen . . . +Nein, das würde ja den ganzen Spaß auf einmal verderben! + +Wie ein Lauffeuer hat sich die Geschichte über das ganze Schiff verbreitet. +Überall brennt und flackert die rote Neuigkeit; aber niemand weiß natürlich +von etwas! Gott bewahre! + +Wem verdanken wir diese Neuigkeit? Fräulein Holm, dem reizenden Fräulein +Holm. Der Agent war ja gleich verschossen in sie über beide Ohren. Das will +nun ein Agent sein! + +Fräulein Holm hätte das Geheimnis zu gern für sich behalten. Aber so nah +wie sie mit Frau Rosenborg seit drei Tagen befreundet war. Nein, das ging +nicht. Aber gleich nachdem sie es gesagt hatte, tat es ihr wieder leid. + +Eigentlich wußte man doch gar nicht, ob man sich schon so nahe stand! + +Bei Frau Rosenborg war die Sache natürlich ganz anders. Sie sagte kein +Sterbenswörtchen -- aber wer mit ihr gesprochen hatte, der wußte genug. +Frau Rosenborg sagte es nämlich gewissermaßen zwischen den Zeilen und »wenn +man wüßte« . . . und »ich weiß nichts«. Und bei »ich« zog sie die Schultern +hoch und lachte komisch. Den Rest sagten die Augen. Verteufelt freche +Augen, ganz verteufelt freche Augen . . . + +Aber die Sache ist jetzt die, daß eigentlich niemand recht weiß, wer zu den +Eingeweihten gehört und wer nicht. Alle betrachten sich ein wenig +mißtrauisch und sehen einander beim Sprechen auf die Lippen, als könnten +sie es da erfahren. + +Aber welch' ein Leben herrscht doch auf unserem Schiff, seitdem dieses +öffentliche Geheimnis die Segel der Neugierde schwellt. + +Nur die älteren Damen mit ihren Handarbeitstäschchen und ihren Fußbänkchen, +sie unterhalten sich nach wie vor von ihren Siebensachen, von ihren +erwachsenen Söhnen und ihren verheirateten Töchtern, und entdecken bei +dieser Gelegenheit wohl gar, daß sie miteinander verwandt sind. Oder zu +mindesten haben sie gemeinsame Bekannte, die ihnen womöglich bei einer +solchen Entdeckung in einem ganz neuen Licht erscheinen. + +Aber die Augen auf, meine Damen, die Augen auf! So alt sind Sie denn doch +noch nicht, daß es Ihnen nicht später ein ernstlicher Verdruß sein wird, +wenn Sie dabei gesessen, dabei gesessen und nichts gemerkt haben! + +Sie, gnädige Frau, zum Beispiel, die Sie in Ermangelung eines Besseren eben +davon leben, Ihren armen gedemütigten Ehemann es jeden Augenblick empfinden +zu lassen, wie sehr Sie ihn wegen des kleinen Seitensprunges mit der +ehemaligen Gouvernante ihrer Kinder verachten. Wenn Sie nicht so viel Mühe +hätten, ein empfindliches und verachtendes Gesicht zur Schau zu tragen, +hätten Sie es doch, weiß Gott, schon merken müssen. Sie sind doch nach der +Passagierliste erst 36 Jahre! + +Und dann Fräulein Sivers . . . Warum sagen Sie immer, das Leben sei lange +nicht so interessant, wie das Theater? Nun, wetten wir, daß später einmal +diese Reise das Glanzstück in Ihren glaubwürdigen Memoiren bilden wird? +Vergessen Sie ja nicht zu bemerken, daß Sie »gleichsam« -- ja gleichsam ist +das passende Wort -- die erste waren, die alles gemerkt hatte, die sich +aber _wohlweislich_ nichts merken ließ und ihre Rolle bis zu Ende glücklich +durchführte. Vergessen Sie das nicht! + +Also die Augen auf, meine Damen! Noch ist es Zeit, den anderen +Schiffsgästen Vorwürfe zu ersparen. Wenn Sie nicht mehr so viel Phantasie +aufbringen können, wie Fräulein Sivers, die es »gleichsam zuerst bemerkte«, +dann wird Ihnen das nach Jahren noch zu schaffen machen! Glauben Sie mir, +ich kenne das. Es wurmt einen noch sehr lange, wenn man nichts gemerkt hat +-- ja, ja! + +Ich treffe Frau Rosenborg, die mit Fräulein Holm flüstert. + +»Diese prachtvolle Farbe, dieses tiefe Blaugrün« sind die Worte, die für +meine Ohren bestimmt sind. + +»Sie schwärmen ja ordentlich, Fräulein Holm. Aber Sie haben recht, +köstlich, ganz köstlich! . . .« + +Einen Augenblick schweige ich und sehe die Damen, die echt verzückt aufs +Meer hinaussehen, an. Während ich dann selbst hinausblicke und mich nicht +im geringsten daran kehre, wie die Damen verdutzt dreinschauen, sage ich: +»ja, diese grünbläuliche Farbe erinnert mich ein wenig an eine gewisse +Partie auf dem Bilde von Lionardo -- der Gioconda, das Bild wurde doch +kürzlich gestohlen.« + +Die Damen waren baff. + +»Es war ein sehr eigentümliches Bild,« fahre ich fort -- die Damen erholten +sich nicht von ihrem Staunen -- »ich muß schon sagen, es ist mir wohl +verständlich, daß jemand auf den Gedanken kommen konnte es zu stehlen. +Wissen Sie, es _reizte_ einen ordentlich dazu. Ich meine dieses Weib, es +war doch wie aus Fleisch und Blut. Nicht wahr? Und dieses Lächeln, +nächtelang hat es mich verfolgt. Ich sah überhaupt zuletzt nur noch dieses +Lächeln. Ich sehe es überall; es kam mir weiß Gott vor, als lächelten alle +Frauen so, und das machte mich förmlich rasend. Wenn ich das Bild gestohlen +hätte -- sehen Sie, jetzt kann ich es Ihnen ja sagen -- ich hatte nämlich +auch einmal die Absicht, ja, weiß Gott, ich hatte die Absicht, aber ich bin +ja viel zu feige dazu -- ja, was wollte ich sagen -- richtig, ich meine, +wenn ich es gestohlen hätte, so hätte ich das Bild getötet -- vernichtet, +meine ich, erstochen hätte ich es oder verbrannt. Ja!« + +All das sog ich mir im Handumdrehen aus den Fingern und das versteinerte +Erstaunen der Damen -- ich sah, daß beiden der Mund aufstand und sie dabei +sehr häßlich aussahen -- kam mir dabei vortrefflich zustatten. Es wäre ein +leichtes gewesen, sie noch mehr in Erstaunen zu setzen. Einen Augenblick +kam mir sogar der Gedanke ihnen zu sagen, daß ich der Dieb wäre. Aber das +hätte mir vielleicht den Spaß verdorben. + +Ich brach plötzlich ab und wendete mich zu Fräulein Holm, die etwas +verlegen lächelte: »Glauben Sie, daß der Dieb Paris verlassen hat?« + +»Wieso?« Ihr hilfloses Lächeln wiederholte sich. + +»Sehen Sie, das ist ganz ausgeschlossen. Wie gesagt, wenn ich das Bild +gestohlen hätte, -- ich meine nur so --, so würde ich doch Paris nicht +verlassen! Sagen Sie selbst, wo ist man besser aufgehoben als in Paris? +Ach, glauben Sie mir, der Dieb hat Paris nicht verlassen. Wegen des schönen +Wetters und weil Sie so ein erstauntes Gesicht machen -- Fräulein Holm +machte rasch mit der Hand eine Bewegung über ihr Gesicht hin -- möchte ich +geradezu eine Wette darauf eingehen. Wollen Sie?« + +»Ich wette dagegen,« sagte Fräulein Holm mit einem Blick nach Frau +Rosenborg und streckte die Hand aus. + +»Nun, und was behaupten Sie? Daß er Paris verlassen hat?« + +»Ja -- und --« + +»Und daß er auf ein Schiff geflüchtet ist?« + +Fräulein Holm sah mir fest in die Augen und hielt die Hand noch immer +hingestreckt. + +»Ha -- diese Wette nehme ich an. Ich wette, -- nun gut, ich wette 1000 +Franken,« sagte ich. + +»Da wette ich auch,« rief plötzlich Frau Rosenborg dazwischen und streckte +auch ihrerseits die Hand aus. Der Daumen war etwas nach außen gebogen. + +»Auf 1000 Frank?« + +»Auf 5000 Frank,« sagte sie. + +»Auf 5000 Frank? Ich wette auch auf 5000 Frank, aber unter einer +Bedingung!« + +Ich sah jetzt die Damen gespannt an; dann platzte ich damit heraus: »Unter +der Bedingung, -- daß das Bild nicht hier auf dem Schiff gefunden wird! +Vielleicht haben Sie es ja selbst gestohlen!« + +Ich lachte, als wollte ich dadurch anzeigen, für wie unsinnig ich selbst +meinen Einfall hielte. + +»Na, das ist doch klar,« -- wieder lächelte ich so, als ob ich etwas ganz +Unsinniges sagte, -- »wenn Sie das Bild selbst gestohlen hätten, dann +wüßten Sie ja, wo es ist und dann . . . dann wäre es doch gewinnsüchtig von +Ihnen, die Wette abzuschließen!« + +Ich weidete mich an der Verlegenheit der Damen, die sich gegenseitig +hilflos anlächelten. + +»Also 5000 Franken.« Ich streckte nun meinerseits die Hand aus. Aber die +Damen zögerten. + +»Bitte -- schließlich können Sie es doch annehmen. Auch wenn Sie es +gestohlen haben. Sie riskieren doch nichts!« + +»Wieso?« Die Damen sahen noch nicht klar. + +»Dann bekommt doch niemand etwas. Sie nichts und ich nichts.« + +»Ja, das ist ja auch wahr,« sagte Fräulein Holm und sah dabei Frau +Rosenborg mit einer Miene an, die sagte, na, dann können wir es ja +eigentlich ganz gut riskieren: + +»Also. Top.« Wir schlugen zweimal die Hände zusammen und alle lachten wir +herzlich. + +»Die Wette ist so gut wie gewonnen,« rief ich. »Aber ein bißchen verdächtig +sind Sie mir jetzt doch. Entschuldigen Sie mich. Ich muß endlich einmal +mein Paket auspacken, das ich aus Paris mitgebracht habe. Auf Wiedersehen. +Und 5000 Franken! Auf Wiedersehen!« + +Hinter meinem Rücken fühlte ich, wie die Damen sich mit sprachlosem +Erstaunen ansahen. Erst jetzt kam es ihnen eigentlich recht zum Bewußtsein, +was sie getan hatten. Außerdem hielten sie mich jetzt selbst für den Dieb; +denn wer es eigentlich sei, darüber war, so viel ich sehen konnte, noch gar +nichts bekannt. + + * * * * * + +Den 26. August. O, ich bereue es keinen Augenblick, mich auf diese Seefahrt +eingelassen zu haben! Wir leben ja wie auf einem Vulkan, wie auf einem +Pulverfäßchen, das jeden Augenblick losgehen soll. + +Welch' ein unterirdisches, heimliches Leben spielt sich doch hier unter uns +ab. Fast mit jedem Augenblick wird die Situation gespannter. Einige Damen +sind, weiß Gott, schon so ermüdet von diesem beständigen so auf der Lauer +liegen, daß sie sich ganz unvorsichtig benehmen. Wenn mein Freund nur +halbwegs meine Augen im Kopf hat, so muß er es längst bemerkt haben, daß es +ihm an den Kragen gehen soll. + +Dieses Hin und Her auf dem Schiff. Diese Nervosität in allen Liege- und +Lehnstühlen. Nie waren die Garnröllchen so boshaft, nie die kleinen +Nähfutterale so heimtückisch. Überall bleiben sie liegen, fallen hin, +rutschen durch, springen aus den Fingern heraus oder verstecken sich +irgendwo in allen möglichen bunten Lappen- und Fadenwirrnissen. Und diese +unbarmherzige Bearbeitung all der kleinen Fußbänkchen. Was ist denn mit +ihnen? Bald stehen sie zu weit vorne, bald zu weit hinten, bald sind sie +»überhaupt zu unbequem«, fliegen mit einem Schupps zur Seite und gleich +werden sie wieder in einer Anwandlung von Reue zurückgeholt und +gestreichelt! Haha -- wenn man an den Liegestühlen vorbeikommt, wird man +ordentlich in Versuchung geführt, die Sprache all dieser wippenden, +schaukelnden, schlenkernden Füßchen einmal rund heraus ins Deutsche zu +übersetzen! Na, dann würde wohl endlich in die griesgrämigen, +stirngerunzelten, großen Stiefel der alten Damen auch ein bißchen Leben +kommen. -- + +Eine famose Entdeckung, eine ganz famose Entdeckung habe ich da im Gespräch +mit einer großen brünetten Dame gemacht -- ich habe den Namen vergessen. + +Sie kommt die Treppe herauf: Ach! Ihre Nähtasche fiel auf die Stufen. Eine +kleine Nickelschere und ein Garnröllchen fielen heraus und polterten die +Treppe hinunter. + +»Mir kommt vor, all unsere Damen sind in den letzten Tagen so nervös +geworden« sage ich und reiche ihr die Sachen zurück. + +»Ach, es ist ja aber auch nicht auszuhalten!« Sie schaute ängstlich +neugierig nach den Stuhlreihen. »Ist denn schon etwas passiert?« + +»Aber was sollte denn passiert sein?« + +»Ach, ich weiß ja nicht. Ewig will mein Mann mit mir über unsere +geschäftlichen Angelegenheiten sprechen.« »Geschäftliche Angelegenheiten« +sagte sie sozusagen in Gänsefüßchen, wie um schon jetzt anzudeuten, daß das +etwas wäre, was sie nichts anginge. »Ich verstehe ja davon nichts, gar +nichts. Ich halte es nicht aus da unten. Ich muß hier oben sein . . . in +der freien Luft.« Auf ihrem hübschen Gesichtchen war jetzt ein Zug ähnlich +dem eines kleinen Schulmädchens, das eine Rechenaufgabe nicht lösen kann +und dem die Tränen nahe sind. + +»Ja, die freie Luft ist Ihnen auch sicher bekömmlicher als >geschäftliche +Angelegenheiten<«. + +Sie lächelte mich freundlich an. Offenbar freute sie sich darüber, daß ich +an dieses schnell erfundene Märchen von der »freien Luft« glaubte. Gleich +darauf aber, während sie sich wohl wieder ihren Mann bei den +»geschäftlichen Angelegenheiten« vorstellte, kam wieder dieser halb +erbitterte, halb leidvolle Ausdruck in ihr Gesicht und sie sagte: »Ja, ich +glaube alles mögliche könnte passieren, alles mögliche; mein Gott es ist zu +schrecklich mit diesen Männern!« Wieder standen ihr beinahe die Tränen in +den Augen. + +»Kommen Sie, lassen Sie uns von etwas anderem sprechen. Darf ich Ihnen +etwas von Ihren Sachen tragen?« + +Haha, ich werde nicht den fragwürdigen Blick vergessen, mit dem sie ihre +bunten Siebensachen plötzlich an sich hielt. Ganz leise und +vorsichtig-ängstlich sagte sie: »Nein, ich danke . . . ich danke.« + +Ich ging einige Schritte neben ihr her. Ganz plötzlich sagte ich: »Die +Gioconda ist jetzt auf einem Schiff gefunden worden!« + +»Bei uns?« rief sie schnell und preßte ihre Siebensachen an die Brust. + +Ich tat als bemerkte ich nichts von ihrem auffallenden Erschrecken, blies +den Rauch meiner Zigarre vor mich her und sagte, so wie man eine ganz +belanglose Sache sagt, nur um überhaupt etwas zu sagen: »Nein, auf einem +Dampfer der White Star Line.« + +Sie war unwillkürlich stehengeblieben und blickte mich jetzt sonderbar an. +»Aber es hieß doch -- Sie wären (sie verbesserte sich rasch) -- ich meine, +es hieß doch, das Bild wäre hier bei uns auf dem Schiff?« + +»So? Davon habe ich gar nichts gehört.« + +»Nein? Aber es hieß doch ganz bestimmt, es wäre hier an Bord. Es sollte +doch bei jemandem in der Kabine gesehen worden sein. Wir haben doch einen +Geheimagenten an Bord. Der hier mit den vielen Ringen. Und dann sind Sie ja +wohl gar nicht der Dieb?« + +»Wie? Was sagen Sie? Ich, der Dieb? Zum Teufel auch, wer hat das gesagt?« + +»Alle haben es gesagt.« + +»Alle haben es gesagt? So? dann entschuldigen Sie mich einen Augenblick! +Mein Gott, das versetzt mich in eine begreifliche Begeisterung.« Ich ließ +Frau . . . Gott, wie hieß sie doch . . . richtig, Frau Sanden stehen, lief +in meine Kabine, trommelte mit den Fäusten an die Wand und sang dazu: »Ha, +sie halten mich für den Dieb, hallo. Das ist famos. Gut, ich werde meine +Rolle spielen. Das ist etwas für mich, einen Dieb zu _spielen_, haha, das +werde ich können, wenn ich auch selber nicht imstande bin, auf anständige +Art und Weise eine Apfelsine zu stehlen. Ein Dieb, -- famos, ich bin ein +Dieb; der Dieb der Gioconda . . . ich werde meine Rolle schon durchführen +. . . sie steht mir ja famos diese Rolle . . .« + + * * * * * + +Mein Gott, mein Gott, was ist mit mir geschehen, ist das der Anfang des +Wahnsinns, bin ich irrsinnig geworden? Was geht mit mir vor? Habe ich mich +in einen anderen Menschen verwandelt? Bin ich der Dieb des Bildes? Was ist +mit meiner Hand, meinen Augen, meinem Körper? Bin ich das noch, der ich +hier aus dieser Türe vor einigen Stunden herausgetreten bin? Sind das noch +meine Füße, die mich bis an die Treppe geführt haben, wo ich plötzlich ihm +begegnete und wo plötzlich diese furchtbare Veränderung mit mir vorging? + +Mein Gott, mein Gott, was ist mit mir geschehen? Habe ich mich nicht hier +noch vor kurzem vorbereitet, die Rolle des Diebes zu spielen und jetzt, und +jetzt -- o, mein Gott -- mir wird elend und angst, wenn ich daran denke -- +jetzt bin ich womöglich der Dieb selbst? . . . + +Ich will alle meine Kraft -- o ich fühle, mir bleibt kaum mehr so viel +übrig, überhaupt das Leben zu ertragen -- ich bin ja irrsinnig oder ich +beginne es zu werden -- mein Körper gehört nicht mehr mir, meine Stimme, +welch' eine Stimme kommt aus meiner Kehle -- sind das noch meine Hände -- +ist das meine Haut, dieses dünne eidechsenartige Gewebe auf meinen Fingern? +O der Ekel befällt mich, ich muß -- hilf mir mein Gott, nein, nein, ich bin +nicht der Dieb, nein, ich habe nicht gestohlen, so wahr ich lebe, ich +. . . + + * * * * * + +(Zwei Stunden später.) Ich will alle Kraft zusammennehmen und das +Entsetzliche aufschreiben, vielleicht findet man es nach meinem Tode. Dann +wird man sehen können, wie unschuldig ich bin; daß ich nicht das geringste +begangen habe, was unrecht ist. Ja, ich will versuchen, mich selbst zu +verteidigen, _mich gegen mich selbst_ zu verteidigen. -- + +Als ich von dem Gespräch mit Frau Sanden in meine Kabine kam, überlegte ich +mir, wie ich den Agenten und die Damen und alle Schiffsgäste zum besten +halten könnte. Ich wollte mich recht auffallend betragen; wenn noch irgend +etwas an ihrer Überzeugung fehlte, daß ich der Dieb sei, so wollte ich es +hinzutun. Ich wurde ganz warm bei diesem Gedanken. Ich sah, ich fühlte alle +Blicke auf mir; alle sah ich umherstehen und flüstern und überall, wo ich +in Gedanken vorbeiging, ließ ich eine Äußerung fallen, machte ich eine +eigentümliche Geste, die mich als den Dieb verraten und charakterisieren +sollte. Fast ohne daß ich es wußte, verließ ich meine Kabine, ging den Gang +hinunter und wollte eben die Treppe emporsteigen, als der Gelbe mir +entgegenkam. Er trug etwas Schimmerndes in der Hand, was ich gleich +erkannte. + +»Ha, da sind Sie?« Zufällig gebrauchten wir genau dieselben Worte und +sprachen sie auf die Sekunde gleichzeitig aus. + +»Was haben Sie denn da? Ein altes Schlachtschwert. Wollen Sie jemanden +hinrichten?« Er hatte in der Tat ein großes, mittelalterliches Schwert in +der Hand, an dem einige Goldketten herabhingen. Er drängte mir das Schwert +in die Hand und indem ich es wog, fühlte ich, daß es sehr schwer war. + +»Ich wollte eben zu Ihnen kommen, um es Ihnen zu zeigen. Sie verstehen doch +offenbar etwas von Waffen?« + +Die Frage kam mir so eigentümlich vor, daß ich unwillkürlich in seine Augen +blickte, und zum ersten Mal fielen mir diese Augen auf, die seltsam +grünlich waren, wie die einer schwarzen Katze. Ich wunderte mich im +stillen, daß ich dieses auffallende Merkmal sonst noch nie an ihm +wahrgenommen, ja daß ich eigentlich seine Augen überhaupt noch nicht +gesehen hatte. + +Als ich ihm jetzt antwortete, fiel es mir auf, wie eigentümlich schüchtern +und zitternd meine Stimme klang, ähnlich fast wie die eines Menschen, der +ein schlechtes Gewissen hat und fürchtet, daß sein Lügen durchschaut wird. + +»Ich soll etwas von Waffen verstehen? Wer hat das gesagt?« + +»Aber nun verstellen Sie sich doch nicht.« + +»Ich verstelle mich doch gar nicht . . .« + +»Aber, aber! . . . Jedermann weiß, daß Sie einer unserer besten Kenner +mittelalterlicher Waffen sind . . .« + +Wieder antwortete ich mit derselben leisen schüchternen Stimme: »Ich ein +Kenner? . . .« Fragend sah ich in seine eigentümlich grünschillernden +Augen. »Für wen halten Sie mich denn? Ich bin . . .« + +Aber er ließ mich nicht ausreden, sondern fiel mir ins Wort und sagte, +während mein Erstaunen ins Maßlose wuchs und es mir fast unheimlich wurde: + +»Ich halte Sie für den Herrn, der vor kurzem so glücklich war, in Paris bei +dem Kunsthändler Duval den berühmten Dolch aus rötlichem toledanischen +Stahl zu kaufen. Sind Sie dieser Herr oder sind Sie es nicht?« + +Und jetzt geschah etwas, was ich nie für möglich gehalten hätte und was mir +bis zu meinem Tode rätselhaft bleiben wird. Man hätte doch glauben sollen, +daß ich diesem Ansinnen, den Dolch bei Herrn Duval gekauft zu haben, aufs +lebhafteste widersprochen hätte. Aber jetzt war es mir plötzlich, als ob +sich in meinem Inneren etwas umwandte -- ganz deutlich hatte ich dies +Gefühl, als kehre sich etwas Dunkles plötzlich in mir ins Licht -- und laut +und vernehmlich hörte ich wie meine Stimme sagte: »_Ja, der bin ich_.« Und +in demselben Moment als ich dieses zugab, da wußte ich auch, daß es sich +bei dieser so unscheinbar klingenden Frage eigentlich gar nicht um den +Dolch, sondern um das Bild, um das Bild der Gioconda handelte, daß die +Frage: Haben sie den Dolch bei Herrn Duval gekauft? nicht mehr und nicht +weniger bedeutete als: Haben Sie die Gioconda aus dem Louvre geraubt? + +Und irgendeine fremde, unsichtbare Macht zwang mich, ohne daß ich selbst +begriff wie, es zuzugeben, ja dazu zu sagen, als sei es das +Selbstverständlichste von der Welt. + +Ich hatte doch mit meinen eigenen Augen gesehen, wie er selbst in den Laden +getreten war und die Hand auf den Drücker gelegt hatte. Ich hatte doch +gesehen, wie er als Erzbischof verkleidet vor Herrn Duval gestanden hatte +und plötzlich den Mantel, der mit brennend roter Seide gefüttert war, +zurückschlug und den Dolch in der Hand hielt. Ich hätte es also mit dem +besten Gewissen beschwören können, daß er selbst es war, der den Dolch +gekauft hatte. + +In seinen Augen aber, diesen, wie mir jetzt immer mehr schien, irisierend +grünen Augen einer schwarzen Katze, sah ich ganz deutlich im selben +Augenblick den Triumpf höhnischer Befriedigung darüber aufleuchten, die +ganze Last und die Verantwortung für diesen frechen unerhörten Diebstahl +auf mich abgewälzt zu haben. + +All das war nur die Empfindung eines Augenblicks, und ein Vorübergehender +hätte nichts gesehen als eine Gestalt in einem auffallend gelben Mantel und +einer großen Reisemütze, und einen andern Herrn, der sich fachkundig über +ein altes Schwert beugte. Nichts war sonst zu sehen. Aber was spielte sich +unterdessen und während der nächsten Augenblicke in meinem Innern ab! Alles +an mir kam mir plötzlich fremd vor. Ich betrachtete mit Entsetzen meine +eigenen Hände, wie sie mit nie gesehenen Bewegungen über das Metall hin und +her fuhren und es befühlten. Waren dies noch meine Hände, sind dies meine +Hände, diese langen dünnen gelblichen Finger, die wie mit einer feinen +Eidechsenhaut überzogen sind? Während ich gebeugt über das Schwert stand, +ließ ich meinen Blick über meinen Körper, meine Beine, meine Füße laufen. +Das Blut pochte mir in den Schläfen -- auch mein Körper kam mir plötzlich +fremd und unbekannt vor, nicht wie ein Teil meiner selbst, sondern wie ein +Tisch, ein Stuhl, wie eine Sache, die man angreifen kann und die hart und +gefühllos ist. Wie aber erschrak ich erst, als ich plötzlich meine Zunge in +meinem Gaumen sich wie den Klöppel einer Glocke bewegen fühlte, als sich +meine Lippen feuchtkalt aufeinanderlegten und als eine fremde Stimme, eine +nie gehörte, grauenhafte Stimme aus meinem Munde erscholl und Dinge sagte, +von denen meine Seele nicht das geringste wußte oder auch nur ahnte. + +Entsetzt hörte ich diesen Erklärungen zu, während ich die Worte wie +würfelartige Holzklötze auf meiner Zunge fühlte: »Es dürfte eine +augsburgische Arbeit sein. Im germanischen Museum in der fränkischen +Waffensammlung befindet sich wohl ein Geschwisterstück zu dem Ihrigen, +einfacher, nicht so reich ziseliert an der Schneide, aber von derselben +Art. Hier hat das Metall übrigens einen Sprung.« Ich sah wie mein eigener +Finger auf eine Stelle des Griffs deutete, wo in der Tat ein ganz feiner, +haardünner Sprung im Metall zu sehen war. + +Und während ich jetzt meinem deutenden Finger über dem Metall folgte, +während ich noch diese mir Grauen erregende Stimme aus mir hervordringen +hörte, hatte ich plötzlich jenes seltsame Gefühl, das vielleicht jeder +Mensch in seinem Leben empfunden hat -- ich hatte eine Art traumhaften, +aber doch klaren Gefühls, als hätte ich eben dieselbe Szene, genau wie sie +sich jetzt abspielte, schon vor vielen Jahren einmal erlebt. + + * * * * * + +Ich erwachte wie von einer Betäubung. Noch immer stand ich an der Treppe. +Ich hielt das Schwert in den Händen. Alle meine Sinne waren gespannt und +lauschten auf die Schritte und Stimmen, die über mir hörbar waren. Mir war +als hätte sich die Schärfe meines Gehörs verdoppelt, deutlich unterschied +ich jeden einzelnen Laut, jede einzelne Stimme, deutlich verstand ich was +sie sagten und worüber sie lachten. Frau Rosenborgs Gelächter erhob sich +wie eine Rakete flackernd über das Gewirr dunkler und hellerer Stimmen. Im +Tonfall einer sonoren Stimme, die in Begleitung einer scharfen, eckigen +erklang und mit ihr wechselte, vernahm ich mehrmals das Wort Gioconda. Bei +dem Wort Louvre erreichte die sonore Stimme jedesmal ihren tiefsten Ton. + +Plötzlich aber hatte ich ein Gefühl ganz ähnlich dem, wenn man aus einem +sonderbar fesselnden Traum erwacht. Wie man wohl von dem Wunsch beseelt +ist, die Erscheinung eines Traumes noch zurückzuhalten, zurückzurufen, wenn +man zu einer quälenden sorgenvollen Wirklichkeit, der man entfliehen +möchte, erwacht ist, -- so hatte auch ich den Wunsch, etwas Entfliehendes +zurückzuhalten und unwillkürlich machte ich mit der Hand eine greifende +Bewegung vorwärts, wie um etwas festzuhalten. Im selben Augenblick aber +fühlte ich wieder, daß dieses nicht meine Hand war und wie mit einem +elektrischen Schlage durchzuckte mich ein unnennbares Gefühl des Grauens +und Entsetzens. Ich stürzte in meine Kabine. Ich lief; und doch war es mir +nicht als liefe ich, sondern als liefe ein anderer an meiner Stelle, mit +einem mir fremden, unregelmäßigen Gang. Dann befühlte ich mich, befühlte +mit meinen eidechsenhäutigen Händen meinen Körper, meinen Kopf, meine +Haare. Und ich fühlte nicht mich, -- ich fühlte einen andern. Nur die, die +wissen, was sich hinter Worten verbergen kann, können mich vielleicht +verstehen, wenn ich sage: ich fühlte meinen Bruder. Ich fühlte ein kurzes, +trockenes, struppiges Haar, ein flaches, knöchernes Ohr, schmale, dünne, +runzlige Lippen. Und die Bewegungen von diesem mir fremden Körper, von dem +mir meine Augen zwar sagten, daß es der meinige sei, empfand ich nur so wie +man die Bewegung eines unter einer Decke verborgenen Tieres bei aufgelegter +Hand wahrnimmt. + +O mein Gott, mein Gott, was ist mir geschehen! Was ist das? Alle meine +Gebärden gehören nicht mir, ich habe eine fremde Stimme, ich lache ein +fremdes Lachen, ich gehe einen fremden Gang, welche Bewegungen mache ich? +. . . ich bin hilflos wie ein Kind . . . ein Körper umgibt mich, ein +fremder Körper, fremde Hände, fremde Arme, fremde Augen . . . o mein Gott, +mein Gott, _ich lebe noch, aber ich bin nicht mehr!_ + + * * * * * + +Kann sich jemand eine Vorstellung machen von dem, was ich empfinde! Wer ist +je in einer so furchtbaren Lage gewesen! Früher habe ich zuweilen etwas +ganz entfernt Ähnliches empfunden, wenn ich plötzlich für den Bruchteil +einer Sekunde, vielleicht in meiner Bewegung, im Tonfall meiner Stimme, in +meinen Augen eine Ähnlichkeit, eine Gleichheit mit einer mir bekannten +Person bemerkte. Und das Unbehagen, das sich bei diesem flüchtigen Bemerken +einstellte, war stets um so größer, je näher ich mit jenem Menschen +verwandt war, dessen Miene oder Haltung ich plötzlich an mir wahrzunehmen +glaubte. So erinnere ich mich deutlich, wie grauenhaft mir eines Tages +meine Schwester erschien, als ich plötzlich ihre Blicke in meinen Augen +fühlte, und ein ausgesprochenes Ekelgefühl hatte ich auch als ich -- +deutlich steht mir noch der Ort vor Augen -- beim Heraustreten aus einem +Hamburger Hotel die Ganghaltung und Bewegung meines vor Jahren verstorbenen +Bruders an mit wahrnahm. Nur Menschen, die je etwas Ähnliches empfunden -- +aber mir kommt vor, alle müßten es gefühlt haben -- werden sich in meine +Lage versetzen, werden mir dieses entsetzliche bittere Unlustgefühl, diesen +physischen und zugleich körperlichen Ekel vor mir selbst von ferne +nachfühlen können. + + * * * * * + +Ich fühlte oftmals, wie ich daran war, das Bewußtsein zu verlieren. Es +kamen Augenblicke der Erleichterung, sogar des Vergessens. Aber immer +wieder und jedesmal furchtbarer kehrte mir das Bewußtsein meines +entsetzlichen Zustandes zurück. + +Ich hätte schreien wollen, aber die Angst vor der entsetzlich grauenvollen +Stimme, die ich aus meinem Munde hatte kommen hören, drückte mir die Kehle +zu. Ich preßte die Hände vor meinen Mund und stieß klagende, winselnde Töne +aus. Ich lag auf dem Boden, denn ich hatte ein Gefühl, als müßte ich mich +tief im Innersten der Erde verstecken und begraben. Der physische Abscheu +vor diesem fremden, schwitzenden, behaarten Körper, der mich umgab wie eine +klebrige, widerliche Masse, nahm eher zu, als daß er nachließ. Und zu +diesem unbeschreiblichen Gefühl des Abscheus gesellte sich nach einiger +Zeit noch ein psychischer Schmerz, der mich fast durchbohrte und an die +Grenze des Wahnsinns trieb. Ganz plötzlich empfand ich es nämlich mit aller +Deutlichkeit, oder es war mir wenigstens so, -- als hätte ich es selbst in +der Hand gehabt, diesem furchtbaren Schicksal zu entgehen. Hätte ich die +Kraft gehabt, jene einfältige Frage nach der Herkunft jenes Schwertes, das +ich doch weiß Gott nie gesehen hatte, zurückzuweisen -- nichts hätte mir +geschehen können. Ich habe mich selbst ins Unglück gestürzt. Jetzt machte +mein Inneres jene furchtbar schmerzvollen Anstrengungen, etwas Geschehenes +wieder ungeschehen zu machen. Ich bog mich weit zurück, nach hinten, gerade +als hätte ich dadurch ein Stück Zeit, das schon vergangen war, noch einmal +einbringen, noch einmal durchleben können. Das so furchtbar +niederschmetternde Gefühl des Unwiederbringlichen warf mich gänzlich +darnieder. Aber immer wieder, mit immer erneuter Hoffnungsangst, stellte +ich mir wohl hundertmal jene Szene vor: wie er jetzt die Treppe herabkam, +jetzt sprach er mich an, hielt mir das Schwert entgegen, jetzt frug er und +jetzt -- -- so sehr ich mich auch innerlich sträubte und wehrte, tierische +wilde Verzweiflungslaute entrangen sich meiner Kehle, -- ich konnte und +konnte nicht Herr dieser fremden Gewalt werden, die mich nur durch den +Tonfall ihrer Stimme mir selbst entriß und mir mit einem fremden Willen +einen fremden Körper aufdrang. Trotz meiner Angst, meiner Verzweiflung, die +mir die ganze Erinnerung an die furchtbare Szene wieder erregte, trotz +alledem fühlte ich doch, daß ich im gleichen Falle genau wieder so handeln +würde, und daß, was geschehen war, hatte geschehen müssen. + +Von dieser Einsicht ging zunächst eine -- o, welch ein Hohn steckt in +diesem Worte -- Erleichterung für mich aus. Aber als sich dann meine +Gedanken wieder zu ordnen begannen, als jene Anfälle des +Sichwiedererinnerns aufhörten, da empfand ich mit ungeahnter Heftigkeit die +ganze Hohlheit, die ganze entsetzliche Leere meines Daseins und dieses +Gefühl gepaart mit dem noch viel entsetzlicheren Abscheu und Ekel vor mir +selbst gab mir den Wunsch ein, mich von der schmutzigen Hülle dieses +Körpers und dem Grauen dieses Daseins zu befreien. Ein Gefühl des Hasses, +ganz wie das gegen einen fremden Menschen, ergriff mich. + +Ich fühlte eine tiefe Befriedigung bei dem Gedanken, daß ich diesen Körper +gewaltsam vernichten und mich auf diese Weise auf ewig von ihm befreien +konnte. Ich riegelte die Türe und riß förmlich in Wut den Revolver mit den +Patronen aus der Handtasche. Es hätte mir Freude gemacht, diesen Körper +Stück für Stück zu vernichten. Mit dem ersten Schuß durchschoß ich meine +Hand; ich lachte laut auf vor innerster Befriedigung, als ich das rote Blut +aus dem winzig kleinen Loch des Handtellers hervorfließen sah. Dann legte +ich die kühle, kreisrunde Öffnung des Revolvers an meine heiße Schläfe und +drückte ab. Ich verspürte einen leichten Stoß, aber da ich noch Kraft in +meinem Arm fühlte, schoß ich noch ein zweites Mal, wieder die +Revolvermündung dicht an der Schläfe. Ich erwartete, daß ich taumeln, daß +ich umstürzen werde -- aber nichts dergleichen geschah. Ich befühlte mit +der Hand meine Schläfe -- sie war blutüberströmt und das rote Blut rann +über die Backe, über den Anzug an mir herunter. Aber ich hatte mich nicht +getötet . . . Und nach einigen qualvollen Augenblicken hatte ich die +Gewißheit: Ich _vermochte_ nicht, mich zu töten . . . . + + * * * * * + +Ich erwachte und lag auf meinem Bett. An der Dämmerung, die in der Kabine +herrschte, sah ich, daß es Abend war. Ich suchte mich zu erinnern und +richtete mich auf. Hatte ich geträumt? Die schwache Regung der Hoffnung, +die in mir aufstieg, wurde sofort durch die deutlich erkannte Gewißheit, +daß es kein Traum, daß es Wirklichkeit war, zerstört. Fühlte ich denn nicht +wieder diesen klebrigen, schleimigen Körper um mich, fühlte ich nicht meine +wahren Bewegungen, meine Augen, meine Mienen, wie hinter einer dumpfen +heißen Maske, die mir den Atem benahm? + +Plötzlich bemerkte ich, daß ich nicht allein in der Kabine war. + +In der Dunkelheit neben dem helleren Fenster, durch das der Abend +hereinsah, erblickte ich den Kopf und die Schultern einer seltsam fremden +Gestalt. Sie wandte mir jetzt ihr Profil zu und schien unverwandt auf einen +Punkt zu starren. Nur verschwommen und undeutlich konnte ich die Züge und +den Ausdruck des Gesichts wahrnehmen. + +»Ist jemand da?« fragte ich halblaut und langsam. + +Keine Antwort. Die Gestalt beharrte unbeweglich in ihrer Stellung; nur war +es mir einen Augenblick, als sähe ich sie deutlich die Lippen bewegen, +öffnen und wieder schließen. Aber kein Laut war hörbar. + +Wenn ich jetzt an jenen Augenblick zurückdenke, frage ich mich, warum mich +gleich bei der Entdeckung dieses Fremden ein neuer Schrecken befiel, ein +Schreck, der nichts gemein hatte etwa mit der Furcht vor einem +Eindringling. Nein, sobald ich das schattenhafte Wesen neben dem Fenster +erblickte, wußte ich auch in meinem innersten Innern, mit einer Sicherheit, +die nicht den geringsten Zweifel zuließ, daß dieser Mensch, er sei, wer er +sei, in irgend einem Zusammenhange mit meiner schrecklichen Lage stand. Die +Furcht vor einer neuen grauenhaften Entdeckung ließ mich erbeben, +durchrüttelte mich kalt wie ein Fiebersturm. Meine Phantasie war so bis zum +Äußersten gereizt, daß sie nichts mehr für unmöglich hielt. Ich hätte mich +nicht gewundert, wenn ich den Mond, der schon einen schwachen gelblichen +Streifen auf den Boden meiner Kabine legte, krachend vom Firmament hätte +herabstürzen und sich in den grau verdampfenden Fluten des Weltmeeres wie +in einem ungeheuren dunklen Wolfsrachen hätte begraben sehen. Nichts, +nichts hätte mich jetzt gewundert! Ich hätte den Riegel von meiner Tür +springen, ich hätte sie von unsichtbaren Händen sich öffnen und schließen +sehen können und das wäre mir nicht unnatürlich, nicht rätselhaft +erschienen, denn ich selbst hatte Rätselhafteres erlebt, _wußte_ ja auch, +daß ich noch viel Unerhörteres in den nächsten Augenblicken erleben würde +. . . + +Als ich die fremde Gestalt im Dunkel zum zweiten Male anrief, geschah es +mit kaum hörbarer, flüsternder Stimme, nicht lauter wie das Knistern von +Seide. Und wieder war es mir, als sähe ich die Lippen sich stumm bewegen; +aber nichts war zu hören. + +Ich wagte meine Frage nicht zum dritten Mal zu wiederholen. Starr, bald von +Glut geschüttelt, bald von kaltem Schauer überkrochen, blieb ich +bewegungslos und halb aufgerichtet auf meinem Arm gestützt und starrte die +Erscheinung an. + +Plötzlich fühlte ich eine Helligkeit über mein Gesicht gleiten. Es war der +Mond, der bei einer Wendung des Schiffes jetzt in den Ausschnitt des +Fensters trat. Im selben Augenblick erkannte ich aber auch deutlich das +Antlitz der fremden Gestalt, die neben dem Fenster stand. Der Mond +beleuchtete auch sie. Ich sprang von dem Bett auf und drehte hastig das +elektrische Licht an. Der Raum war taghell erleuchtet -- niemand war zu +sehen. + +Mit heimlichem Grauen sah ich nach der Stelle, wo ich noch vor Sekunden die +Gestalt erblickt hatte. Auf der graugelben Tapete kroch eine Fliege. Es war +totenstill und nichts rührte sich. Ich hörte nur wie mein Atem ging und wie +meine Brust sich hob und senkte, sich hob und senkte. Ich stand da und +starrte nach dem goldgerahmten Spiegel in der Ecke, an dem wie immer meine +Mütze hing. + +Aber einen Augenblick später durchzuckte mich ein furchtbarer Gedanke! Mit +einem Sprung stand ich vor dem Spiegel -- die gräßlichste Ahnung der +letzten Sekunde sah ich erfüllt. In der Scheibe des Spiegels gewahrte ich +eben dieselbe Gestalt, dasselbe Antlitz, dieselben seltsamen Augen, die +mich eben noch als die eines Fremden mit Grauen und Schreck erfüllt hatten. +Das bräunliche Antlitz eines fremden Mannes starrte mich mit irisierend +grünlichen Augen als mein eigenes Antlitz an. Und während ich mich mit +beiden Händen an dem Spiegel festhielt, um nicht zu fallen, war es mir, als +hätte ich dieses Antlitz schon gekannt seit langen Jahren . . . seit langen +Jahren . . . . + + * * * * * + +Man hat es oft beobachtet, daß eine plötzlich den Menschen befallende +Furcht oder ein Schrecken ihn für einige Zeit des Verstandes beraubt. Der +menschliche Geist hat, wie jeder Körper, nur eine ganz bestimmte +Elastizität; er ist nicht fähig, die allergewaltsamsten Veränderungen +augenblicklich zu begreifen, und nach dem Gesetz der psychischen Reaktion +tritt sehr oft nach dem ersten furchtbaren Erschrecken eine völlige +Blindheit des Geistes ein, ein völliges Vergessen. So hat man Mütter, deren +Kinder in einem Brande umgekommen und vor ihren Augen verbrannt waren, +wenige Augenblicke nachher, ihre eben unterbrochene Tätigkeit wieder +aufnehmen sehen, ja sogar heiter und sorglos lachen hören. + +Auch an mir konnte ich jetzt einen ähnlichen Zustand feststellen. Nachdem +das erste unheimliche Grauen meinen Verstand bis an die Grenze des +Wahnsinns gebracht hatte, betrachtete ich das Gesicht im Spiegel mit einer +Art einfältig-kindischer Neugier. Ich sah es hilflos grinsen -- und ich +grinste wieder. Eine Hand streckte sich gegen mich aus -- auch ich hob +meine Hand. Und plötzlich, ganz auf die Stufe des Säuglings zurückgedrängt, +versuchte ich mit meinem ausgestreckten Finger das Bild zu berühren. Mein +Geist mußte wohl eben daran sein, sich von dem ersten furchtbaren Schrecken +zu erholen; denn jetzt packte mich ein neues Entsetzen, als ich sah wie der +Spiegel sich unter dem Druck meiner fremden Hand in eine gallertartige, +schlammig-graue Masse verwandelte, und ich in dem eingebildeten Raum hinter +dem Spiegel einen harten Körper berührte, -- mein eigenes Antlitz! + +Und obgleich dieses Antlitz zu leben schien, obgleich ich die belebten +Lippen, den feuchten Augapfel, die atmende Haut mit meinen Augen wahrnahm, +so fühlte meine Hand an der Spitze ihres langen, dünnen gelblichen Fingers +nur einen kühlen, metallisch-harten Körper und im gleichen Augenblick +verspürte ich auf meiner Zunge den scharfen, intensiven Geschmack von +bitterem Messing . . . + + * * * * * + +Ich vernahm plötzlich ein ungeheures Brausen wie von rollenden Rädern und +öffnete die Tür. Draußen erblickte ich eine große Menge hin und her +laufender Menschen, ohne daß ich irgend ein Gesicht deutlich hätte erkennen +und sehen können. Mir war als könne ich den Kopf nicht bewegen und nicht in +die Höhe heben. Ich eilte auf den dunklen Gang hinaus und bemerkte dort vor +mir einen Herrn mit einem ungewöhnlich verzwickten Gang. Ich folgte ihm. +Wir gingen bald links in einen Seitengang, bald rechts, bald stiegen wir +eine enge Treppe hinauf, bald durchschritten wir einen Saal, in dem lauter +Frauenbildnisse hingen, bald kamen wir wieder durch einen Gang, der immer +enger und enger wurde, daß wir uns kaum mehr durchzwängen konnten. Endlich +gelangten wir in eine ungeheuer große Halle, in der ein trübes violettes +Licht herrschte, das irgendwo von oben hereinfiel. Mitten durch die Halle +führte ein endlos langer Gang, der mit schwarzgelben quadratischen Platten +belegt war. Es war eine ungeheure Einsamkeit und Öde um uns, wie auf einem +winterlichen Feld, fern von allem Leben. In weiter Ferne sah man etwas +Schwarzes sich nähern und bewegen. Obgleich es kaum größer war wie ein +dunkler Punkt, so hatte man doch deutlich die Vorstellung von jemandem, der +in einem flatternden Mantel heftig gegen den Wind kämpft. Stunden und +Stunden schienen zu verrinnen, immer sahen wir den Mantel auf dem Wege +flattern und wehen, aber nur ganz langsam und unmerklich schien sich die +Gestalt uns zu nähern. Ganz plötzlich sah ich dann, was mir vorher +entgangen war, daß die Halle von ungeheuer hohen, grauen Säulen getragen +wurde, die wie mächtige Schäfte aus dem Boden herauswuchsen. Kaum hatte ich +das bemerkt, als hinter der nächsten breiten Säule, kaum zehn Schritte von +mir, unhörbar eine Frauengestalt hervor trat, in einem fließend +dunkelgrünen Sammetkleid, das den Hals frei ließ und von einem silbernen +Gürtel umspannt war. Die Frau lächelte eigentümlich und schritt langsam auf +mich zu. Mit jedem Schritt aber schien sie zu wachsen und ihr Antlitz wurde +größer und größer. Sie hatte die Hände leicht übereinandergelegt; ihre +Augen und Lippen lächelten; das offene Haar fiel über die Schultern und den +freien Hals mit dem Brustansatz. Plötzlich wurde es mir klar, daß es keine +Frau war, sondern nur ein Bild gewöhnlicher Größe in einem dunklen Rahmen, +der gegen eine der grauen Säulen gelehnt stand. Gleich darauf hörte ich +hinter mir Schritte von vielen Menschen erklingen. Ich sah, daß ich mich in +einer Kirche befand. Als ich mich umdrehte, gewahrte ich in einer seltsam +in dunkle, traurige Trachten gekleideten Menschenmenge, die sich vollkommen +stumm verhielt, den Mann mit dem flatternden Mantel. Er trug einen +altertümlich spitzen schwarzen holländischen Hut, wie er im siebzehnten +Jahrhundert Mode war. Er ging an der Seite einer großen schlanken Dame, die +mir den Rücken zuwandte und nach dem Ausgang zuschritt. Plötzlich aber sah +sie an dem spitzen schwarzen Hut ihres Begleiters zu mir herüber, lächelte +mir zu und winkte mit der Hand. Ich warf einen Blick nach der Säule -- das +Bild war verschwunden . . . + + * * * * * + +Als ich erwachte, fand ich mich stehend, die halbgeöffnete Tür der Kabine +in der Hand. Ich konnte den Gang übersehen, auf dem ein seltsames Licht +herrschte, obgleich es dunkel war. Auf einmal sah ich einen schwachen, +phantastisch aussehenden Schatten über die Dielen fallen und gleich darauf +bemerkte ich den Gelben, der mit seinem hastigen, verzwickten Gang, ohne +mich zu bemerken, ein großes, graues Paket unter dem Arm, an mir +vorübereilte. + +Lautlos schlich ich ihm nach. + + * * * * * + +Wir kamen auf Deck. + +Der Mond war spät aufgegangen und übergoß das grünliche Meer mit einem +seltsam fahlen, frühen Licht. + +Das Schiff lag ganz still und man hörte nur die tiefen Atemzüge der +Schlafenden. + +Er lehnte das Bild gegen den Reling und mit heftigen Griffen riß er das +graue Papier ab. + +Das Licht des Mondes bestrahlte voll das Antlitz der Gioconda. + +Er umwand das Bild mit einem der am Boden liegenden Taue, beschwerte es mit +einem Eisengewicht, hob es über die Reling empor und ließ es hinab. + +Die Wasser kamen und nahmen es auf. + +Er beugte sich weit über das Geländer, hielt das Tau fest und sah dem +versinkenden Bilde nach . . . + +Da -- im letzten Augenblicke -- geschah etwas höchst Wunderbares und +Rätselhaftes. + +Das Bild wandte sich eben noch einmal empor und durch das blaugrüne Wasser +sah man deutlich das lächelnde Antlitz. Plötzlich war es, als begännen die +Konturen des Bildes leise zu zittern, als zuckte es lebendig um diese +lächelnden Lippen und jetzt erhoben sich diese schrecklichen Hände und +streckten sich empor, empor, uns zu berühren. + +Mit einem Ruck warf er das Tau hinaus. Im selben Augenblick aber sprang aus +seiner Brusttasche ein langer rötlicher Dolch, klirrte auf, zischte wie ein +Pfeil ins Wasser und heftete wie ein Kreuzesnagel die sich erhebenden Hände +auf der Tafel wieder fest . . . + +Wie ein Schatten verschwand das Bild in der Tiefe. + +Zwischen den blaugrünen Wellen stieg ein dünner Blutstrahl empor . . . + +Sammlung abenteuerlicher Geschichten Bd. 4: + +Paul Leppin + +Severins Gang in die Finsternis + +Ein Prager Gespensterroman + +Mit Umschlagzeichnung von Richard Teschner Geheftet 2 Mark. In +Halbleinenband 3 Mark + +Dieses Buch, das von der Wirrsal und Verderbnis einer von innern +Geschehnissen grausam geängstigten Knabenseele erzählt, rechtfertigt in +mehr als einer Beziehung den Titel »Gespensterroman«. + +Seine Kapitel sind mit einem ungeheuern, unfaßbaren Schrecken angestellt, +der die Geburt, die Reise und die Vollendung eines Schicksals einkreist, +das aus dunklen und schlimmen Verstecken quillt. Aus den Gesichten einer +verirrten und gestörten Kindheit lösen sich rätselhafte Gefahren los, +abgefeimte Gedanken wachsen im Zwielichte, und der Tod wird zum grotesken, +verführerischen Spiel eines an der eigenen Unrast verzweifelnden Mörders. +Es ist ein guter und klug psychologischer Zug, daß der Autor seinen Helden +nicht an der Wirklichkeit seiner neurasthenischen Träume, sondern an einer +würdelosen Leidenschaft zugrunde gehen läßt, die seine von ratloser +Sehnsucht verheerten Sinnen mit allen Qualen der Hölle gepeinigt. + +Dieser Roman, der eine bunte Folge wunderlicher Ereignisse und phantastisch +beleuchtender Figuren vor uns abrollt, ist ein Kulturdokument von +originellem Reiz. Das alte Prag mit der barocken Romantik seiner Fassaden +steigt darin auf, das seinen Mystizismus auch in der veränderten Landschaft +moderner Straßen und Plätze und in der einförmigen Physiognomie der +Vorstädte bewahrt. Die bewegliche Mischung deutscher, indischer und +slavischer Elemente findet sich hier unter einem gemeinsamen Firnis zu +einem Gärungsstoffe zusammen, der absonderlichen Prozessen unterworfen ist. +Es ist eine merkwürdige Gesellschaft, in die uns der Dichter einführt. +Entwurzelte, die sich vom Leben treiben lassen. Philosophen, die es mit +einem Lächeln abtun. Abenteurer, die aus Passion auf den Seelenfang +ausgehen, sentimentale Zyniker mit dem Habitus der Hasardspieler. Und +mitten unter diesen Männern und Weibern die rührende Gestalt Zdenkas, des +Tschechenmädchens, die neben dem kupplerischen Schatten böser Dinge mit +reinem Herzen in hilfloser Demut steht. »Severins Gang in die Finsternis« +ist auch der Roman ihrer Liebe. Diese Liebe, mit Süßigkeit und Tränen +beschwert, geht über alle irdischen Grenzen hinaus und gibt dem Buche +Leppins einen wunderbaren, ekstatisch vergoldeten Hintergrund. + +Delphin-Verlag / München + +Sammlung abenteuerlicher Geschichten Bd. 2: + +A. M. Frey + +Dunkle Gänge + +Zwölf Geschichten aus Nacht und Schatten + +Mit Umschlagzeichnung von L. Durm Geheftet 2 M. 50 Pf. In Halbleinenband 3 +M. 50 Pf. + +_Paul Zech im »Berliner Tageblatt«:_ »Zu den wenigen jüngeren +Schriftstellern, die das Erbe Edgar Poes mit dem richtigen Instinkt +aufnahmen und damit wucherten, gehört A. M. Frey. Er stellt sich mit seinem +Erstling gleich in die vorderste Reihe der Erzähler dieser exponierten +Gattung von Belletristik. Er holt seine Stoffe nicht aus unkontrollierbaren +Bezirken. Der Alltag, der in seiner bunten Vielgestaltigkeit auch diese +Abseitigkeit trägt, ist für Frey eine unerschöpfliche Fundgrube. Man wird +in unerklärliche Situationen befördert, ohne die Fahrt zu spüren. Man ist +plötzlich in einem unentrinnbaren Labyrinth und wie von Polypenarmen +umstrickt. Fast jede der zwölf Geschichten bohrt ein Extrem an, das die +festen Enden der Nerven berührt und aufpeitscht zu unerhörten Sensationen, +das Märchenhafte ins Grausige, Exzentrische, phantastisch Verstiegene und +übermenschlich Visionäre umwandelt. Man wird das Buch nicht mit einem +einmaligen Lesen abgetan haben. Es kribbelt in den Nerven weiter und setzt +Blutkreise in Bewegung, die in der Schalheit vieler Stofflichkeiten, die +den Augenblick bewegen, nur selten zirkulieren.« + +_Eugen Reinbold in d. »Württemberger Zeitung«:_ »Neben der großenteils +originellen Erfindung bewundern wir die sichere Gestaltung, die geradezu +fesselnde Sprachkunst, die die Dinge mit persönlichem Leben zu erfüllen +weiß und sie philosophierend in Zusammenhang mit allgemein Menschlichem zu +bringen sucht. So möge, wer eine wirklich interessante und doch nicht rein +oberflächlich unterhaltende Lektüre liebt, nach diesem Werkchen greifen.« + +_L. E. Kemmer in der »Badischen Landeszeitung«:_ »Mit einer knappen +Anschaulichkeit, die oft den Eindruck einer wohlgetroffenen Farbenskizze +macht, verbindet er eine Geschlossenheit der Form, wie wir sie nur bei den +bedeutendsten Novellisten finden, und die jede einzelne der zwölf +Erzählungen zu einem kunstvoll geschliffenen Edelstein gestaltet hat.« + +Delphin-Verlag / München + +Sammlung abenteuerlicher Geschichten Bd. 1: + +Hermann Eßwein + +Megander + +Der Mann mit den zween Köpfen und andere Geschichten + +Mit Umschlagzeichnung von A. Kubin Geheftet 3 Mark, in Halblederband 4 Mark +50 Pf. + +_J. Robert im »Berliner Lokal-Anzeiger«:_ »Das Geschichtenbuch von Hermann +Eßwein: >Megander< enthält Tragikomödien, erzählt in einer Sprache, die +zuweilen an Gottfried Keller, öfter an Jean Paul erinnert. In der Mehrzahl +der acht Erzählungen klingt ein Motiv immer wieder an. Das Motiv vom +Rausch, vom göttlichen Rausch, der uns Vergessen bringt, aber auch +fortreißt zur schöpferischen Tat. Und diese Begeisterung, dieser Taumel, +diese starken phantastischen Kräfte zersplittern an der braven Gemeinheit +des Alltags. Und ein zweites Motiv klingt an: von wirren Träumen und vom +Wahnsinn.« + +_Otto Pick im »Pester Lloyd«:_ »Eßwein gelingt es, den Leser durch rein +menschliches Interesse über Gespenstiges und Unerklärliches +hinwegzugeleiten. Dies scheint die Novellen zu den beliebten, kühl +erklügelten Geschichten vom Grauen in wohltuenden Gegensatz zu stellen: daß +sie nie von außen geformt, sondern von innen heraus mit künstlerischer +Notwendigkeit erstanden sind.« + +_Dr. M. Schumann i. d. »Augsburger Neueste Nachrichten«:_ »Die Sprache +Eßweins ist meisterlich, und sein Standpunkt über den Dingen kennzeichnet +sich in der Art, wie er das Spießbürgerliche, Nüchterne mit seinem Spott +abtut. In dieser Sprache offenbart sich die ganze hervorragende +stilistische Begabung des Autors. Leicht beweglich, ungezwungen und doch so +wohlgeschliffen in jedem Ausdruck, gewinnt das Erzählte bei jedem Wort an +Selbstverständlichkeit. In dieser Sprache allein ist schon die ganze +Stimmung, die den Geschichten selbst zugrunde liegt, und all das gibt dem +Buch Eßweins einen hervorragenden Wert in der Literatur der sonderbaren +Geschichten; es ist eine der wenigen Erscheinungen auf diesem Gebiete, die +eine selbständige Bedeutung haben.« + +Delphin-Verlag / München + +Im gleichen Verlag sind ferner erschienen: + +Päbstin Johanna / Roman + +von Ludwig Gorm + +In Pappband 3 Mark. In Halblederband 4.50 Mark + +_Univ.-Prof. Dr. Fr. Muncker in den Münchener Neuesten Nachrichten:_ »In +dem Rahmen der kulturgeschichtlichen Novelle, deren künstlerische +Geschlossenheit und straffer Aufbau imponieren, behandelt der Dichter das +Problem von dem tragischen Schicksal der Frau, die zugrunde geht, weil sie +über die Grenzen ihrer Weiblichkeit hinaus wollte. Kein Leser wird diese +historische Novelle ohne tiefe Ergriffenheit lesen«. + +Jung Schuk + +»Ein moderner Werther-Roman« von Reinhard Goering + +Geheftet 3 Mark. In Leinenband 4.50 Mark + +_E. Dauthendey in der »Bayrischen Zeitung«:_ »In unserer Zeit der Fläche +und Oberfläche ein Buch in die Hand bekommen, das ganz und nur Tiefe ist, +berührt wie ein Ereignis. -- Jung Schuk ist die Geschichte eines Werdenden. +Der tief ergreifende Werdegang eines Mannes, der ganz nur auf das +Innerliche gestellt, zwischen den Abgründen der Idealität des Wollens und +der Realität des Müssens seinen bittren schmerzvollen Weg wandelt, auf dem +wir ihn mit tiefstem Interesse, das aus Weh und Freude seltsam gemischt, +bis zum Ende begleiten.« + +Johann Peter Hebel + +Das Schatzkästlein + +des Rheinländischen Hausfreundes + +Herausgegeben von Prof. Karl Voll, München Vollständige Ausgabe mit 30 +Abbildungen In Pappband 10 Mark. In Halblederband 14 Mark + +_Vilmar in seiner deutschen Literaturgeschichte:_ »Die Erzählungen des +Schatzkästleins sind an Laune, an tiefem und wahrem Gefühl, an +Lebhaftigkeit der Darstellung vollkommen unübertroffen. Sie sind die Freude +der Jugend und die Unterhaltung des Alters und wie alle echten Natur- und +Volksdichtungen eigentlich niemals durchzulesen und auszuschöpfen.« -- +_Hermann Hesse im »März«:_ »Eine famose Überraschung sind die Holzschnitte; +sie atmen den Duft der Kaiserzeit und geben dem Buch wirklich einen neuen +Reiz und Klang, wie ein glücklich gefundener Rahmen ein altes wohlbekanntes +Bild noch heben und steigern kann.« + +Delphin-Verlag / München + + Buchdruckerei Hesse & Becker, Leipzig + + + + +Anmerkungen zur Transkription + + +Offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert. + + + + + +End of Project Gutenberg's Das Geheimnis der Gioconda, by Ernst B. Schwitzky + +*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 43733 *** |
