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+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 43733 ***
+
+ Sammlung abenteuerlicher Geschichten Band 3:
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+ Schwitzky / Das Geheimnis der Gioconda
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+ Das
+ Geheimnis der Gioconda
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+ Das Tagebuch des Diebes
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+ Herausgegeben von
+ Ernst B. Schwitzky
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+ Delphin-Verlag / München
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+ Copyright 1914 by Delphin-Verlag / München
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+Vorwort
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+Die Papiere, die hier veröffentlicht werden, sind auf eine so eigentümliche
+Weise in meinen Besitz gelangt, daß ich mich veranlaßt sehe, darüber
+Rechenschaft abzulegen. Ich lernte zu Anfang des vergangenen Sommers, also
+etwa dreiviertel Jahre nach dem Verschwinden der Gioconda aus dem Louvre,
+in einem Kopenhagener Hotel einen Herrn kennen, der sich mir unter dem
+japanisch klingenden Namen DACO-NOGI vorstellte. Dieser Herr, den ich, wie
+die Dinge nun einmal liegen, für den Autor des hier veröffentlichten
+Tagebuchs halten muß, besaß, ohne von mir irgendwie dazu aufgefordert
+worden zu sein, die große Liebenswürdigkeit, während meines Aufenthalts in
+Kopenhagen mein Fremdenführer zu sein und sich meiner in jeder erdenklichen
+Weise anzunehmen. Er schien ein ganz besonderes Vergnügen daran zu finden,
+mir die mannigfaltigen Schönheiten Kopenhagens, das er außerordentlich
+liebte, zu zeigen und wenn ich in der kurzen Zeit von etwa zehn Tagen, so
+ziemlich alles gesehen habe, was Kopenhagen Sehenswertes besitzt, so
+verdanke ich das lediglich meinem Führer und seiner oft erstaunlichen
+Ortskenntnis. Er war selbst kein Däne, sondern nach der Klangfarbe seiner
+Sprache zu urteilen ein Deutscher, aus den rhein-mainischen Gegenden. Aus
+den Gesprächen ging hervor, daß er seit Jahren auf Reisen war, China,
+Japan, die Vereinigten Staaten, Südamerika, Indien genau kannte und sich
+sowohl in den Küstenländern, wie im Innern Afrikas längere Zeit aufgehalten
+hatte. Niemals jedoch konnte ich erfahren, zu welchem Zweck diese Reisen
+unternommen worden waren, und obgleich Herr DACO-NOGI so gar nicht das
+Aussehen eines Globetrotters hatte, sah ich mich zuletzt doch gezwungen,
+anzunehmen, daß er lediglich zu seinem Vergnügen gereist war. Übrigens
+sprach er außerordentlich selten von sich. Dagegen fiel es mir bald auf,
+wie intensiv ihn das Leben anderer beschäftigte, gleichviel, ob es das
+eines Kohlenträgers war, von dem wir im Vorübergehen zwei oder drei Worte
+aufgefangen hatten, oder das eines Ministers, dessen Rede uns durch die
+Zeitungen bekannt wurde. Es wird von Balzac erzählt, daß er oft in der
+Lebhaftigkeit seiner Phantasie von den Gestalten seiner Einbildung wie von
+lebenden Personen sprach und seine Freunde dadurch in Erstaunen setzte, daß
+er ihnen von den Schicksalen der Eugenie Graudet und des Vater Goriot
+erzählte, als handle es sich um Menschen, die jeden Augenblick selbst
+eintreten und sprechen könnten. In ähnlicher Weise überraschte mich oft
+Herr DACO-NOGI, wenn er plötzlich ohne jeden erkennbaren Anlaß aus dem
+Leben von Personen erzählte, von denen er weder wußte, was sie waren, noch
+wie sie hießen. Wie intensiv und außerordentlich diese Beschäftigung mit
+dem Leben anderer war, davon überzeugte ich mich zuerst an mehreren
+Bemerkungen, die er im Verlauf des Gesprächs über mich und meine
+Verhältnisse machte. Mehrere Male überraschte er mich nämlich durch die
+Kenntnis von Tatsachen aus meinem Leben, von denen ich bestimmt wußte, daß
+ich sie ihm nicht mitgeteilt hatte. Das erstemal als er plötzlich von
+meiner Schwester sprach, konnte ich noch glauben, es sei Zufall und ich maß
+der Sache weiter keine Wichtigkeit bei. Aber noch am selben Tage gab er mir
+ganz unvermutet einen Rat, der die Kenntnis höchst komplizierter
+persönlicher und finanzieller Verhältnisse voraussetzte, deren Intimität
+mich vor dem Eigenverdacht bewahrte, vielleicht davon gesprochen zu haben.
+Zuerst stand ich vor einem Rätsel, das ich mir nicht im geringsten zu
+erklären vermochte und ich betrachtete meinen neuen Bekannten mit einer
+Mischung von Mißtrauen und leiser Furcht. Dann aber erhielt ich durch
+einige Beispiele, die das Leben anderer Personen betrafen, den seltsamen
+Beweis, daß dieser Mensch in einer geradezu ans Wunderbare grenzenden Art,
+die Fähigkeit besaß, aus den unbestimmtesten Redewendungen und den
+scheinbar unpersönlichsten Gesprächen auf Tatsachen und Geschehnisse
+zurückzuschließen, die einem Menschen mit gewöhnlichem
+Beobachtungsvermögen, schlechthin verborgen bleiben müssen. Mit dieser
+ungewöhnlichen Fähigkeit erinnerte er mich an die sonderbare Gestalt des
+Herrn Dupin in den Poeschen Novellen, denn Herr DACO-NOGI besaß in
+Wirklichkeit das ans Fabelhafte grenzende Assoziationsvermögen jener
+erdichteten Gestalt. Nur eine ungeheure Beweglichkeit der Phantasie, die
+selbst die geringfügigsten Sinneseindrücke verarbeitete, kann es ihm
+ermöglicht haben, zu so verblüffenden Feststellungen zu kommen, wie sie ihm
+in meiner Gegenwart gelangen. Übrigens arbeitete dieses fast übernatürlich
+zu nennende Assoziationsvermögen, wie die meisten ganz großen und
+übernormalen Fähigkeiten im Menschen, beinahe ganz unbewußt in ihm und er
+war sich in den allermeisten Fällen auch gar nicht klar darüber, irgend
+etwas erraten zu haben, was zu erraten andern Menschen schlechthin
+unmöglich gewesen wäre. Nach und nach nahm ich übrigens wahr, daß es
+keineswegs eine einfache, übermäßig ausgebildete Assoziationsgabe war, die
+meinem Bekannten so seltsame Ergebnisse lieferte. Wie sollte es auch durch
+einfache Assoziationen möglich sein, Stimmungen, Gefühle und halbbewußte
+Empfindungen von Menschen zu erraten, von denen er, wie gesagt, oft nicht
+mehr als drei Worte gehört und die er nur ein einziges Mal gesehen hatte.
+Es schien mir vielmehr eine Art künstlerischen Vermögens zu sein, das er
+besaß und vielleicht gibt das Wort Einfühlung den allgemeinsten Begriff von
+dem, was ich sagen will. Er vermochte sich auch durch den aller
+geringfügigsten Anlaß etwa so in einen Menschen einzufühlen, wie es der
+Betrachter oder Zuschauer eines Kunstwerkes tut, der damit die Absichten
+und die Mittel des Künstlers errät. Und zwar war die Art der Einfühlung in
+ein fremdes Leben so stark, daß sie ihn nicht nur vollkommen beherrschte,
+sondern ihn auch vollkommen veränderte. Oft, während er sprach, wechselte
+er seine ganze Haltung und seinen Gesichtsausdruck. Wie ein anderer Mensch
+wohl seine Rede durch Gebärden mit den Händen oder bei lebhafteren
+Temperamenten auch durch ein bewegliches Mienenspiel zu veranschaulichen
+sucht, so zwang bei ihm der Gedanke oder das Gefühl, das er ausdrücken
+wollte, den ganzen Körper in Dienst und veränderte alles an ihm. Nichts
+aber stand sozusagen willenloser unter dieser Kraft der Einfühlung, wie
+seine Stimme. Sie war gleichsam diejenige Saite, die die Schwankungen
+seiner Empfindung am vollendetsten und differenziertesten wiedergab. Sie
+war nicht nur von einer schier unglaublichen Modulationsfähigkeit, die die
+leisesten, zartesten und härtesten Töne anklingen ließ, nein, sie vermochte
+geradezu ihren ganzen Charakter zu verändern und oft, wenn ich, die Wirkung
+dieser Stimme auf mich zu erproben, die Augen schloß, hätte ich meinen
+können, plötzlich mit einem ganz anderen, fremden Menschen zu reden.
+
+Am Tage meiner Abreise von Kopenhagen kam Herr DACO-NOGI vormittags auf
+mein Zimmer, um sich von mir zu verabschieden. Er war im Mantel und Hut,
+denn er stand selbst gerade im Begriff abzureisen. Unter dem Arm trug er
+eine kleine Mappe aus dunkelgrünem Leder, die er bei seinem Eintritt auf
+dem Garderobenständer ablegte. Wir unterhielten uns vielleicht zehn
+Minuten; es lag mir mehrfach auf der Zunge zu fragen, wohin er reise, aber
+aus dem Gefühl heraus, nicht neugierig erscheinen zu wollen, unterließ ich
+die Frage. Einige Tage vorher hatte er übrigens davon gesprochen, demnächst
+nach Canada gehen zu wollen. Nach zehn Minuten erschien der Hausdiener und
+meldete das Automobil. Wir verabschiedeten uns kurz und herzlich. Dann,
+nach einer Stunde etwa, bemerkte ich, daß mein Bekannter die Mappe auf dem
+Garderobenständer hatte liegen lassen. Ich erkundigte mich bei dem Portier,
+ob Herr DACO-NOGI eine Adresse hinterlassen habe. Es war nicht der Fall. In
+der Hoffnung vielleicht aus dem Inhalt der Mappe die Adresse des Fremden
+erfahren zu können, öffnete ich sie mit dem anhängenden Schlüssel. Was ich
+fand, war nur eine große Anzahl dünner, zerknitterter Blätter, die mit
+einer steilen kritzlichen Schrift bedeckt waren und eine Karte, die an mich
+gerichtet war und nur die Worte enthielt: Bitte, betrachten Sie diese Mappe
+und ihren Inhalt als Ihr Eigentum. -- Schon auf der Fahrt von Kopenhagen
+nach Hamburg habe ich dieses seltsame Schriftstück, von dem ich beim
+flüchtigen Durchblick bald erkannte, daß es sich auf den Diebstahl der
+Gioconda bezog, zum erstenmal gelesen. Mein Entschluß, das Manuskript zu
+veröffentlichen, war sofort gefaßt. Meine Arbeit dabei ist keine andere
+gewesen als die einzelnen Blätter, die wirr durcheinander lagen, dem Sinne
+nach zu ordnen und aneinander zu reihen. Ich habe mich nicht für berechtigt
+gehalten, irgendwelche Zusätze oder auch nur irgendwelche Korrekturen in
+dem Manuskript anzubringen. Dagegen schien es mir geboten, die Eigennamen
+der Personen durch freigewählte zu ersetzen. Im übrigen ist das Tagebuch,
+wie es hier vorliegt, ein wortgetreuer Abdruck des Originals. --
+
+Vielleicht wird es noch interessieren zu wissen, daß der Name DACO-NOGI ein
+Anagramm ist. Nur durch einen Zufall bin ich darauf geführt worden. Er
+entsteht durch Buchstabenumstellung aus dem Namen: GIOCONDA.
+
+Im Oktober 1912
+
+ Der Herausgeber
+
+
+
+
+Das Tagebuch
+
+
+Den 5. August 1911. Als ich gestern auf dem Gare de l'Est den Wiener
+Schnellzug verließ, passierte mir etwas recht Seltsames und wenn man will,
+Rätselhaftes. Vielleicht ist es auch etwas ganz Natürliches, Einfaches und
+Erklärliches. Ich war kaum aus dem Zuge gestiegen, als meine Aufmerksamkeit
+auf einen Reisenden gelenkt wurde, der eben offenbar auch ausgestiegen war
+und den Perron hinuntereilte. Er war etwa fünfzig Schritte von mir
+entfernt. Ich glaube, er fiel mir nur durch seinen eigentümlich hellgelben
+Mantel und seinen hastigen Schritt auf, der etwas Unrhythmisches und
+Konfuses hatte.
+
+Warum lief ich diesem Herrn eigentlich sofort nach?
+
+Ich habe seit gestern darüber nachgedacht und weiß es doch nicht. Aber
+eigentlich, was ist denn so Unerklärliches daran? Warum soll ein Reisender
+wie ich es bin, ein Mensch, der lediglich zu seinem Vergnügen, na --
+Vergnügen? -- also ein Mensch, der nur reist, um zu reisen, der nichts zu
+tun hat, gehen und kommen kann, wann und wie und wo er will -- warum sollte
+er nicht plötzlich auf den Einfall kommen, auf dem Gare de l'Est in Paris
+hinter einem Herrn mit einem hellgelben Mantel und einem unrhythmischen
+Gang herzulaufen?
+
+Wenn ich es allerdings recht bedenke, so scheint es mir doch wieder seltsam
+oder zum mindesten auffällig. Denn ich liebe das Unrhythmische keineswegs.
+Ich gehe ihm sonst aus dem Wege, wo ich kann. Ich setze mich weder in ein
+Familienrestaurant noch in eine Elektrische. Warum also, warum ging ich
+ausgerechnet hinter diesem scheußlich konfusen und verzwickten Schritt her?
+Warum quälte ich mich mit sämtlichen Taktarten, diesen Schritt einzufangen?
+
+Ja -- vielleicht hatte dieser Schritt doch etwas Rhythmisches, und ich rede
+mir nur ein, daß er verworren war. Immerhin -- er war wie zwei übereinander
+gepurzelte Takte und gar nicht zum aushalten.
+
+Ich glaube, der Herr trug eine große schottische Mütze und in der Hand eine
+rote Ledertasche. Aber das weiß ich nicht bestimmt. Denn ich war wie
+hypnotisiert von dem Zwickzwack der Beine unter dem hellgelben Paletot und
+hatte, so lange ich ihm folgte, für nichts anderes Auge und Aufmerksamkeit.
+
+Und nun geben Sie mal acht, was geschah. Ich gehe stracksweg hinter dem
+gelben Herrn da her, immer mit den Augen auf seinen Beinen. Und als er in
+eine Droschke steigt, rufe ich den nächsten Kutscher und weise ihn an,
+hinterher zu fahren. Es ist das schönste Wetter, ich kann meinen Freund --
+denn so nenne ich ihn schon in heimlicher Wut -- da vorne gemächlich und
+bequem in der Droschke sitzen sehen. Das heißt, eigentlich sehe ich nur ein
+Stück von dem gelben Mantel und darüber die große schottische Mütze. Sein
+Gefährt ist immer etwa 100 Schritte voraus. Endlich hält es in der Rue
+Saint Honoré 41. Die Nummer fällt mir sonderbarerweise sofort auf, denn sie
+gibt mein Alter an. Er steigt aus, der Wagen fährt weiter und er tritt ins
+Haus.
+
+Und nun habe ich eben in diesem Hause, im zweiten Stock, bei Frau Witwe
+Labrouquet gestern ein Zimmer gemietet! --
+
+So -- ja so, als sei ich besonders hierher nach Paris gekommen, um bei Frau
+Witwe Labrouquet und ihrem lahmen Sohn zu wohnen!
+
+Es ist einfach lächerlich!
+
+ * * * * *
+
+Den 6. August. Ich verfalle wieder auf ein altes Mittel: alle quälenden
+Unruhen und zermürbenden Gedanken, die ganze Vergangenheit, die sich hinter
+mir auftürmt und auf mich herabzustürzen droht, die Unrast und
+Unbeständigkeit, die mich von Ort zu Ort treibt, die mir nirgends Ruhe
+läßt, meine Tage und Nächte durchtobt, dadurch zu bannen, indem ich
+schreibe . . .
+
+Wenn ich mir wieder etwas aus meinem Leben erzähle, wenn ich aus meinen
+grauen und grünen Erinnerungen wieder kleine, zarte Gespinste hervorsuche,
+Träume, Leidenschaften, Gebete, -- Begegnungen mit anderen und mir --
+geflüsterte, ungehörte, verwehte Dinge herbeirufe . . . ach, vielleicht
+werde ich dann noch einmal alles zurückdrängen können. Ich werde den
+Mächten, die mich und alle verfolgen, entrinnen, wie ein Dieb. Ja, wie ein
+Dieb, der sich geschickt in einem Kellergewölbe zu verbergen wußte, von dem
+niemand weiß, wo er geblieben ist, und an dem die hastigen Polizisten
+vorbeirennen, bis sie spät ihren Irrtum gewahr werden. Aber hallo! Jetzt
+hat der Dieb zwischen seinen grauen Kellerwänden neue Kräfte gesammelt und
+rasender als je fliegt er die langen Straßen hinab. Hinein in ein Haustor,
+durch den Korridor in den Hof, einen Blitzableiter hinauf, auf das Dach des
+allerhöchsten Hauses und ratsch -- weg ist er. Weg, als hätte ihn der
+Himmel verschluckt.
+
+Weiß Gott wie heiß mir wird, wenn ich an eine solche Diebsjagd denke!
+
+Aber schön ist das, wundervoll. Das heißt natürlich, wenn man der Dieb ist.
+So alles auf den Fersen zu haben, einer gegen zwanzig, gegen hundert, und
+dann mit allen Anstrengungen des Geistes und Körpers arbeiten, arbeiten,
+arbeiten, daß einem der Schweiß perlt. Alles gedoppelt: Gesicht, Gehör,
+Geruch; spähen, jede Kleinigkeit berechnen, ausnützen und Sieger sein
+zuletzt, Sieger!
+
+Ach ja . . . . wenn es nur leichter wäre, Diebstähle zu begehen . . . .
+
+Ich erinnere mich noch deutlich an die furchtbare Angst, die ich in Messina
+ausstand, als ich mir einmal vorgenommen hatte, eine Apfelsine zu stehlen.
+
+Ja -- ich wollte mir die Langweile damit vertreiben, mir zu zeigen, ob ich
+Mut hätte. Mut, eine Apfelsine zu stehlen.
+
+Gott, wie deutlich steht doch alles vor mir: da ist das kleine Hotel mit
+der grünlich grauen Fassade und der schmierigen Tür. Da ist der Stall
+nebenan und da ist der kleine deutsche Hausknecht mit den feuerroten Haaren
+und den unwahrscheinlich großen Ohren, die immer -- offenbar von
+Stiefelwichse -- ein wenig schwarz waren. Ja, ja -- dieser Hausknecht. Er
+hatte übrigens trotzdem zarte Beziehungen zu der Köchin, die etwas bucklig
+war, und man sagte mir, sie erwarte ein Kind. Mein Gott --! Und da ist der
+schmutzige kleine Speisesaal mit den abgeschabten Tapeten und dem Kellner
+Luigi.
+
+Aber das gehört nicht zur Sache.
+
+Ich langweilte mich scheußlich in diesem verfluchten Nest und aus lauter
+Langerweile kam ich, wie gesagt, zuletzt auf den Gedanken: mir meinen Mut
+zu beweisen! Haha, -- ich wollte eine Apfelsine stehlen. Das sollte mir
+wahrhaftig ein Beweis für Mut sein!
+
+Es war just um die Zeit der Ernte. Was für prachtvolle goldene Früchte gab
+es doch da. Wenn sie wie goldene Kugeln geschichtet in den Körben lagen,
+und die Sonne darauf schien, konnte man wirklich die Augen nicht weit genug
+aufreißen, um all dies kostbare Licht in den Körper einzulassen. Ja, man
+hätte sich am liebsten überall Augen in den Körper geschnitten, um all
+diese Fruchtbarkeit aufsaugen zu können.
+
+Am Montag hatte man vor meinen Augen einen dieser braunen, nackten Bengel,
+die da überall umherlungern, dabei erwischt, als er gerade im Begriff
+stand, sich mit sechs großen roten Orangen aus dem Staube zu machen. Weiß
+Gott, beinahe wäre es ihm geglückt, diesem verflixten, kleinen Teufel. Was
+er für Augen hatte! Aber er hatte die Rechnung eben ohne seine Hose
+gemacht.
+
+Ja, er trug nämlich als einziges Kleidungsstück eine graugrüne Hose auf dem
+Leib, aus der unten die Beine wie braune Streichhölzer herauskamen. Und in
+diese Hose hatte er die sechs Orangen vor dem Stand der Verkäuferin ganz
+unbemerkt hineingestopft. Er hatte sie wahrhaftig alle schon drin. Aber
+zuletzt bekam die Alte hinter dem Stand doch Wind von der Sache. Sie hatte
+eine kolossale braune Hakennase im Gesicht und trug eine blaue Bluse.
+Plötzlich stieß sie einen gellenden Schrei aus, fuchtelte mit den Armen in
+der Luft rum und kam hinter dem Stand hervorgesprungen.
+
+Das war eine Pracht zu sehen, wie die braunen Beine der Raubkatze über die
+Straße flogen! Und die Alte schreiend mit geblähtem Rock hinter ihm her!
+
+Mein Gott, ich stand und lachte aus vollem Halse.
+
+Sie hätte ihn nicht bekommen, den Teufel, den kleinen. Aber an der Hose lag
+es, die brachte ihn an den Galgen. Denn während ihm eine der Orangen im
+Lauf aus dem Gurt sprang und rot durch den Staub der Straße rollte, sackten
+sich die andern immer tiefer in das rechte Hosenbein und -- bums, da lag
+er. Da hatte die Alte ihn aber auch schon am Kragen.
+
+Donnerwetter, was das Tier aber auch für Raubfinger hatte; biegsam wie
+Fischbein und fest wie Stahl.
+
+Na ja -- so kam ich selbst auf den Gedanken, eine Apfelsine zu stehlen. Und
+das gab mir Beschäftigung bis zum Schluß der Woche. Beschäftigung? Es war
+ein Stück Arbeit, ein Stück ganz verzweifelte Arbeit. Ich bekam in diesen
+Tagen ordentlich eine gute Meinung von den Dieben. Denn wenn ich nur die
+Hand ausstrecken wollte, um die Orange von dem Stand der Verkäuferin zu
+nehmen -- am ersten Tage probierte ich es dreimal -- dann zitterte ich am
+ganzen Leibe und fühlte kaum mehr den Boden unter den Füßen.
+
+Ich glaube, ich habe in diesen fünf Tagen im ganzen zwanzig Pfund Orangen
+gekauft, nur um mir immer am Stand der Alten zu schaffen machen zu können.
+Ich konnte das Zeug ja gar nicht aufessen. Ich schenkte es im Hotel dem
+rothaarigen Hausknecht oder dem Oberkellner Luigi.
+
+Am zweiten Tag lächelte mich die Alte schon immer von weitem an. Hole der
+Teufel ihr Lachen, ich werde meine Apfelsine schon bekommen, dachte ich.
+Aber ich ging wieder und trug nur das gekaufte Pfund nach Hause.
+
+Dann wurde die Geschichte interessant, das Weib hatte offenbar meine
+Absicht erraten, sie lächelte jetzt jedesmal recht spöttisch, wenn sie mich
+kommen sah.
+
+Ich nahm allen meinen Mut zusammen und versuchte eine günstige Gelegenheit
+abzupassen. Aber wenn sich die Alte einmal wegkehrte, dann war es mir
+beinahe, als seien mir die Hände mit einem unsichtbaren Strick an den Leib
+gebunden.
+
+Ich wurde wütend, zu Hause in meinem Zimmer nannte ich mich einen
+erbärmlichen Feigling und schlug mit der Faust auf den Tisch, daß er
+umstürzte und die Platte zerbrach. Ich sagte mir, so kann es nicht
+weitergehn. Ich setzte also den Freitag als Ruhetag an und schwor mir, die
+Tat am Sonnabend zu vollbringen.
+
+Ich hielt mein Wort. Allerdings das tat ich. Aber wie erbärmlich benahm ich
+mich doch. Es war in der Mittagsstunde und die Alte hatte eben ihre Bude
+verlassen, um an einem hundert Meter entfernten Brunnen Wasser zu holen.
+Weit und breit war keine Menschenseele zu sehen. Und da also -- in diesem
+Augenblick fand ich wirklich den Mut, meine Apfelsine zu stehlen. Pfui! Was
+war ich für ein feiger Dieb. Und ich lief wahrhaftig noch davon als hätte
+ich schon den Polizisten im Nacken. Pfui Teufel!
+
+Übrigens hatte die Alte natürlich gar nichts bemerkt. Später sagte ich ihr
+einmal, daß ich lange die Absicht gehabt hätte, ihr eine Orange zu stehlen.
+Aber da lachte sie und wollte es nicht glauben; obgleich ich es beschwor,
+bei Gott.
+
+ * * * * *
+
+Den 7. August. Nun da wäre ich denn hier bei Frau Witwe Labrouquet,
+geschiedenen Blissot und ihrem lahmen Sohn. Ob sich der Herr mit dem gelben
+Mantel, der schottischen Mütze und den Zwickzwackbeinen noch einmal sehen
+lassen wird?
+
+Was dies übrigens für eine Wohnung ist. Drei Zimmer und Küche. Drei graue
+Schachteln mit Löchern, die man Fenster nennt. Über die langweiligen gelben
+Gardinen habe ich ein Paar alte Priestergewänder aus Tokio gehängt. Sie
+sind aus Seide und ich mag es gern, wenn Licht durch Seide fällt. Es fühlt
+sich dann ganz anders an.
+
+Überhaupt habe ich heute den größten Teil des Tages damit zugebracht, das
+Zimmer umzuräumen. Ich konnte schon in der letzten Nacht nicht schlafen und
+hatte immer das Gefühl, es sei jemand im Zimmer. Der Schrank, das Bett, der
+Spiegel, die Stühle, alles tat noch den Willen des Menschen, der hier vor
+drei oder vier Tagen ausgezogen sein muß.
+
+Ich kann noch ganz deutlich sehen wie er zum Beispiel da hinter dem Tisch
+auf dem roten Plüschsofa gesessen hat. So -- die Hand so ans Kinn gestützt
+und guckt da hinaus nach dem Schornstein auf dem gegenüberliegenden Dach.
+Und immer rauchend. Mittelsorte. Es muß ein Kunstschriftsteller oder
+Theaterkritiker gewesen sein; ein ganz gewöhnlicher, oberflächlicher und
+uninteressanter Mensch. Aber trotzdem eine »anerkannte Feder« und ein
+»gemütvoller Plauderer«. Auf alle Fälle ein Mensch, der sich zum Platzen
+ernst nimmt. »Wie schrieb ich doch damals, als Ibsen mich besuchte . . .«
+
+Ja, weiß Gott, man konnte es an den Möbeln sehen, wie langweilig und
+bürgerlich und ernst dieser Mensch war. Ich mußte ja die ganze Bude auf den
+Kopf stellen, um den Geist dieser »anerkannten Feder« los zu werden. Ja,
+außer dem alten eisernen Ofen in der Ecke und dem Bild dahinter -- übrigens
+ein eigentümliches Frauenporträt --, ist auch kein Ding mehr an derselben
+Stelle geblieben.
+
+Frau Witwe Labrouquet wird Augen machen!
+
+Augen, wie die geschiedene Blissot an dem Tage, als es herauskam, daß es
+mit dem Sparkassenbuch von 2500 Frank, im Vertrauen, auf welches Herr
+Labrouquet ihr die Hand vor dem Altar gereicht hatte, nichts war.
+
+Der arme Herr Labrouquet!
+
+Er wußte ja nicht, daß bei einer Frau _immer_ etwas herauskommt. Es braucht
+nicht gerade ein falscher Busen zu sein, aber vielleicht eine irrsinnige
+Schwester; oder der Vater hat einmal im Zuchthaus gesessen oder sie hat
+einmal binnen vier Wochen zwei Verlobungen aufgelöst. Bekommen. Ach, es ist
+nicht immer etwas Wichtiges. Vielleicht verschweigt sie dem Bräutigam ja
+nur einen hohlen Zahn oder daß sie einmal ein Kind hatte . . . aber heraus
+kommt immer etwas. Und es ist wahrhaftig eine Herzensfreude, so einem
+jungen, freundlichen Ehemann zu begegnen am Tage, da etwas raus gekommen
+ist.
+
+Männer können ja viel dümmere Gesichter machen als Frauen. Unfreiwillig
+natürlich. Denn wenn eine Frau dumm sein will, ist sie auch darin Meister.
+
+Nein, nein, ich habe diesmal kein Glück gehabt mit meiner Wohnung. Warum um
+alles in der Welt mußte ich auch diesem gelben Mantel und dieser
+schottischen Mütze nachlaufen? Trotzdem ich den ganzen Bau sozusagen auf
+den Kopf gestellt habe, und kein Stück mehr am Platze ist, begegne ich noch
+immer dem Gedankengerümpel dieser »anerkannten Feder« und dieses
+»gemütvollen Plauderers«. Was für ein schales Zeug in so einem
+Schreibergehirn nebeneinander liegt. Ein Anblick wie ein Trödelladen.
+
+An diesem Tisch zu sitzen ist mir ganz unmöglich. Da muß er täglich
+geschrieben haben, und wenn ich mich dorthin setze, fallen mir Dinge ein,
+die direkt reif sind für den . . . . er-Anzeiger. Unterm Strich.
+
+Ich sitze also am Boden und schreibe auf meinem Koffer. Auf meinem
+kosmopolitischen Koffer . . . .
+
+. . . Wenn ich noch an den kleinen verlassenen Palast der kleinen Soubrette
+denke, den ich in Wien im Alser Bezirk bewohnte. Zufällig habe ich später
+erfahren, daß sie wirklich in einem Tingeltangel in Hernals auftrat. Gerade
+an dem Tage als ich einzog, war sie zum erstenmal aufgetreten. Vorher war
+sie eine kleine Putzmacherin gewesen . . .
+
+Nein, was lebte doch in diesem Zimmer -- es war nur zwei oder drei Meter
+breit und vier lang -- für ein kunterbuntlustiger Soubrettengeist. Gleich
+als ich unter der Tür stand und den Fuß noch nicht über die Schwelle
+gesetzt hatte, mußte ich ganz laut diese närrische Strophe deklamieren:
+
+ »Ich liebe dich, mein Hunderl,
+ Ich bin verrückt nach dir . . . .«
+
+Die Wirtin sah mich ganz verdutzt an. Aber ich sagte, ich sei eben im
+Variété gewesen, habe die Strophe gehört und ob sie ihr nicht auch gefiele.
+
+Und wo ich ging und lag und saß und stand, immer arbeitete der Geist dieser
+kleinen, verrückten Person in mir fort.
+
+Ich saß auf dem Stuhl und sagte: »Da kam ein kleines Mädchen auf ihn zu,
+das hatte einen Hut auf, der war ziegelrot mit funkelnagelneu . .«
+
+Ja, man beging die unglaublichsten Dinge in diesem Zimmer. Einmal erwischte
+ich mich dabei, wie ich der Köchin gegenüber im Hause die Zunge
+herausstreckte und ihr eine Nase schnitt. Oder ich tanzte plötzlich vor dem
+Spiegel eine Kakewalk und hatte mir dazu den Kimono aus Yoshiwara
+umgehängt. Und welche Träume hatte man in diesem Palast! Nun eben die
+Träume einer ganz kleinen, verrückten Soubrette. Ein Graf sprach einen auf
+der Straße an. Es war im Volksgarten, gerade vor dem Denkmal der Kaiserin.
+Welch ein Duft von Beeten und Blumen. Und welch ein Sommerabend . . . Ach
+. . . Einem solchen Grafen mußte man sich ja gleich in den Arm hängen. Da
+war wirklich nichts dabei. Er hatte auch bei den Husaren gedient und war
+Leutnant. Und Rosen hatte er in den Händen, rote Rosen. Er sagte, sie seien
+für eine andere bestimmt, aber nun wolle er sie mir schenken. Denke nur.
+Gleich am andern Tag wollte er einen Ausflug mit mir machen. Ich wollte
+nicht, aber sein Wille war stärker. Auf der Sophienalpe küßte er mich zum
+erstenmal. Ich hatte ein neues rosa Kleid an, das ausgeschnitten war
+. . . . Ach und dann wurden wir so namenlos glücklich . . . Gott, wie lieb
+ich ihn hatte, und wie gut er war. Er nannte mich immer Dodo, das gefiel
+mir so gut, wenn er's sagte, und ich hatte es mir auch gewünscht. Aber dann
+kam das Duell. Wegen mir. Ein Leutnant von den Deutschmeistern hatte
+nämlich etwas über mich gesagt. . . Ach, wie ging es doch aus? Wurde mein
+Graf getötet? Nein, ich weiß nicht . . . aber die Sonne ging so blutrot
+über der Donau unter und die Nebel stiegen herauf. »Die weißen Abendfrauen
+kamen über das Meer« . . . Das klingt hübsch, nicht wahr? Ich habe es von
+einem wundervollen Dichter gehört. Er konnte überhaupt so schön schreiben,
+daß man ganz traurig wurde und weinen mußte . . .
+
+Ja, ich konnte sie ganz deutlich vor mir sehen, diese verrückte, kleine
+Person. Schlank und biegsam war sie wie eine Gerte. Sie hatte nußbraune
+Haare, einen rosigen Teint und die Nase war ein wenig eingedrückt. Das gab
+ihrem Gesicht sozusagen etwas Bedenklich-Komisches. So oft man sie ansah,
+mußte man leise den Mund verziehen. Aber dann platzte sie heraus und
+glaubte, sie habe einen glänzenden Witz gemacht.
+
+Nein, nein, wie deutlich ich dieses Kind doch vor mir sah!
+
+Da war ein Läufer mit roten Streifen, der lief längelang durch das Zimmer.
+Wenn sie sich an ihrem Grafen satt geträumt hatte und nicht mehr weiter
+wußte, ging sie an den Schrank und holte ihr bestes Kleid, es war rosa, und
+Lackschuhe heraus, mit breiten Seidenschleifen.
+
+Es dauerte nicht lange, bis sie es an hatte. Sie guckte auch nur zweimal in
+den Spiegel. Was man doch für ein Mädel war! Es war wirklich schad um
+einen. Ja, ein bißchen schad war's schon.
+
+Aber dann stellte sie sich ganz an das Ende des einen Streifens, raffte an
+beiden Seiten den Rock hoch, daß die Füße in den schwarzen Strümpfen bis
+zum Knöchel sichtbar waren und dann . . . dann balancierte sie auf dem
+schmalen roten Streifen ganz vorsichtig durchs Zimmer . . . eins . . . zwei
+. . . eins . . . zwei. Ganz vorsichtig und immer einen Fuß vor den andern
+. . . . Um keinen Preis wollte sie von dem roten Strich abweichen, und sie
+hielt den Atem an und sah ganz gespannt auf die schwarzen Schleifenschuhe.
+Es war ihr bitter Ernst sozusagen. Denn wenn sie heftig ins Schwanken
+geriet, dann mußte sie auflachen, als würde sie von jemandem -- wie
+wahnsinnig gekitzelt. Fiel sie aber um, dann stieß sie sogar einen
+richtigen Schrei aus, so daß Frau Vrany, die Wirtin, ganz erschrocken
+hereingestürzt kam und sagte: »Aber Fräul'n, was hab'n S' denn? Möcht mer
+doch grad mein'n, S'täten's schon am Spieß stecken. I hab mi ja am Tod
+d'erschrocken.« Aber dann saß sie irgendwo am Boden, lachte als würde ein
+Schlittengeschell wie rasend geschüttelt, wurde dann ganz ernsthaft und
+sagte mit einer Miene, von der nur der liebe Gott wissen konnte, ob sie
+echt oder falsch war: »I bin halt wieder runterg'fall'n, Frau Vrany; denken
+S', nur drei Schritt noch von der Tür.« Und während sie das sagte, fuhr sie
+einmal mit der Hand ganz schnell an ihrer stumpfen Nase vorbei, als gäbe es
+da etwas abzuwischen. Aber das war natürlich gar nicht der Fall, denn als
+Putzmacherin verkehrte sie ja schon seit einem halben Jahre mit den Damen
+der besten Gesellschaft.
+
+Daß es so ein tragisches Ende mit der Kleinen nehmen mußte! Ach, weiß Gott,
+wenn sie auch eine Soubrette war, so war sie doch unschuldig wie eine
+Apfelblüte. Da war Herr Werder, ein dicker rötlicher Clown an dem
+Tingeltangel. Was denken Sie, was er eines Tages zu der Kleinen sagt?
+
+»Nun, Fräulein,« sagt er eines Tages, »Sie werden ja jeden Tag dicker.
+Jetzt können Sie schon bald die komische Alte spielen.«
+
+Und was tut die Kleine? Sie geht nach Hause und stellt sich vor den Spiegel
+und weint und weint und weint . . .
+
+Zwei Tage später zogen sie sie aus der Donau.
+
+Hole doch der Teufel diesen roten Clown.
+
+ * * * * *
+
+. . . Ja, es war wirklich ein Erlebnis, in dem kleinen verlassenen Palast
+dieser Soubrette zu wohnen! Ich habe mich selten so köstlich amüsiert,
+obgleich ich doch häufig solchen Überbleibseln, oder soll ich sagen,
+solchen Schatten begegnete. Diplomaten, Gelehrte, Bettler und Könige,
+Diebe, Tapezierer und Fabrikanten, Bürgerfrauen, Dirnen, Heilige,
+Marktweiber und Kupplerinnen, Trunkenbolde, Asketen, Schiffer, Matrosen,
+Soldaten und amerikanische Milliardäre haben genau wie diese kleine
+Soubrette Dodo mir ihren Schatten vermacht, und ich habe auf mancherlei
+Weise nach ihrer Pfeife tanzen müssen, wenn es auch nicht immer so lustig
+war und mit einem Kimono um die Schultern wie in dem kleinen Zimmer in der
+Alserstraße.
+
+Nein, weiß Gott, so lustig war es nicht immer. Was glaubt man denn, was
+sich in der Brust vieler Menschen begibt?
+
+Und doch, wenn ich es so recht bedenke, so war ich noch immer froh, wenn
+sich auf diese Weise etwas in meinem Leben ereignete. Hatte ich dann nicht
+wenigstens etwas, was mich ausfüllte, beschäftigte, was mich hinderte, die
+ungeheure Leere zu entdecken, als die ich mir zuweilen selbst vorkam? Gibt
+es denn etwas Entsetzlicheres als nichts zu sein? Lieber verkriecht man
+sich noch hinter die Gebärden und Masken eines anderen. Und ist es nicht
+besser, wenigstens noch etwas zu scheinen als ganz nichts zu sein, ein
+wesenloser Schatten, ein Gespenst . . .?
+
+Ja, ich war diesen Überbleibseln im Grunde genommen doch immer sehr dankbar
+. . .
+
+Na ja, ich sprach einmal mit einem Mediziner darüber: Es war ein berühmter
+Arzt und ich lernte ihn auf dem Bahnhof einer kleinen russischen Stadt
+kennen. Ich war gerade ganz ausgezeichneter Stimmung, denn ich war zwei
+Stunden durch den Schnee über Land gegangen und der Himmel war so klar und
+hell gewesen. Besonders ein Stern gerade vor mir, ach wie hatte der blau
+gefunkelt. So rätselhaft zwinkernd kühl und blau, wie ja, . . . . seltsam
+. . . . jetzt möchte ich fast glauben, er habe gelächelt wie das Frauenbild
+da hinter dem eisernen Ofen an der Wand. Oder besser noch wie ihre Hände
+da, hatte er gelächelt . . . Aber gleichviel; ich war in einer vorzüglichen
+Stimmung und so erzählte ich denn dem Arzt die Geschichte von der
+Soubrette. Aber ich erzählte es so, als sei es einem Freunde von mir
+passiert, und ob das nicht sonderbar wäre.
+
+Nein, das wäre nicht sonderbar, sagte der berühmte Arzt. Und dabei zog er
+seine goldene Uhr heraus, klappte den Deckel auf und machte ein Gesicht,
+als wolle er zu einem Patienten sagen: Ja, Sie haben noch zwölf Minuten zu
+leben.
+
+Nein, sonderbar sei das keineswegs; und dann nannte er auch irgendeinen
+griechischen Namen, den ich nicht verstand. Das Wort erinnerte mich nur von
+fern an Hippopotamos, und da erzählte ich ihm schnell die Geschichte von
+einer Mumie, die ich mal in der Nähe von Gizeh gefunden hätte und die eine
+auffallende Ähnlichkeit mit dem gegenwärtigen preußischen
+Ministerpräsidenten gehabt habe.
+
+Das sei allerdings sonderbar, sehr sonderbar, sagte der berühmte Arzt. Und
+interessant sei es, ja außerordentlich interessant!
+
+Wir schüttelten uns ganz herzlich die Hand, als wir uns trennten; wie gute
+alte Freunde.
+
+Die alte Mumie hatte uns entschieden einander erheblich näher gebracht.
+
+ * * * * *
+
+Den 9. August. Nun bin ich wieder seit fünf Tagen in diesem alten Paris.
+Hätte ich glauben sollen, daß diese Stadt noch einmal solchen Eindruck auf
+mich machen würde? In spätestens vierzehn Tagen wollte ich nach dem Süden
+gehen, in die Provence; aber wenn Paris fortfährt, mich mit seinem
+berauschenden Zauber zu erfüllen, werde ich den ganzen Herbst und Winter
+hindurch hier bleiben. Bis in den Frühling. Und wenn alles kommt, wie ich
+es mir denke, wird nach all dem im Mai ein Landaufenthalt an den einsamen,
+stillen masurischen Seen für mich das Richtige sein . . .
+
+Aber Paris . . . Ist es ein Strom, eine Sonne, eine Nacht, Sturm,
+Glockenbrausen . . .? Ach, alles ist es; Höchstes und Tiefstes. Auf dem
+Lande trifft man keine zarteren Farben in den frühsten Tagen des Frühlings
+. . . Und von welcher Mannigfaltigkeit diese Nächte.
+
+Wie soll ich doch dieses seltsam berauschende Gefühl beschreiben, das mich
+ergriffen hat, seit ich meinen Fuß auf das Pflaster dieser Stadt gesetzt
+habe und in die Menge eingetaucht bin; das nun beständig und wie eine
+unwiderstehliche Macht in mir aufwächst und fast meiner Herr wird. Ist es
+mir nicht als wäre ich tief im Meer versunken? Fühle ich nicht das Lasten
+ungeheurer weicher und starker Massen auf mir, ein Lasten wie von Seide und
+dunklem Samt? Blaugrüne Wogen heben mich, wiegen mich. Ein Lichtstrom
+rauscht beständig an meinen Augen vorüber, bald blendend in leuchtenden
+Farben, bald gedämpft, in sterbenden Tönen; Nacht umfängt mich, und wieder
+reißt es mich ins Gold des glühenden Gestirns. Ein ungeheures Brausen
+umgibt mich; darin ein Auf und Ab von Tönen, hämmernde Akkorde, die von Not
+aufschreien, dumpfe, die sich klagend ergeben. Aber hinter dem allen singt
+und summt eine Melodie, die sich jetzt nähert, jetzt fern zurückweicht, die
+niemals stirbt, aber die sterben möchte, die sich besinnt, sich
+aufjauchzend zusammenrafft, wie mit Fäusten zupackt, Blöcke abwehrt,
+beiseite wirft, und wie mit beständigem Schritt gefaßt ins Leben schreitet
+. . . und wieder fern wird, sich senkt und verklingt und an schluchzenden
+Gewässern sich hinwindet und fast verstummt.
+
+Ja, das ist Paris . . . für mich. Ach, viel mehr ist es, -- es ist meine
+Seele, meine Liebe, meine Leidenschaft . . . Ach, ich könnte ja glauben,
+ich selbst bin es, ich selbst bin diese dunkle unergründliche Stadt . . .
+
+ * * * * *
+
+Den 10. August. Ich will es nur gestehen: Das kleine Frauenporträt mit den
+übereinander gelegten Händen und dem seltsamen Lächeln hinter dem eisernen
+Ofen macht mir zu schaffen. Es erinnert mich an irgendwen, und ich quäle
+mich, es herauszubekommen. Ich sehe es oft minutenlang an, oder drehe mich
+ganz plötzlich weg, schließe die Augen und frage mich, wo ich dieses
+Gesicht gesehen habe oder an wen es mich erinnert. Aber das Bild hält sein
+Geheimnis fest. Ja, es ist mir zuweilen, als mache sich die Dame in dem
+bräunlichen Rahmen noch obendrein lustig über mich.
+
+Heute morgen kommt mir plötzlich der Gedanke, ich könnte ja Frau Labrouquet
+fragen. Und wirklich, ich bin auch schon auf dem Weg zur Tür, als mir erst
+einfällt, daß sie es ja gar nicht wissen kann. Wie soll um alles in der
+Welt Frau Labrouquet wissen, an wen mich diese kleine Dame mit den
+übereinandergelegten Händen erinnert? Werde ich es doch selbst kaum
+herausbekommen. Schließlich ist es ja auch ganz gleichgültig. Vielleicht
+erinnert sie mich an irgendeine Dame, die ich auf Trafalgar Square so und
+so habe in den Omnibus steigen sehen, oder an die Bewegung einer jungen
+Frau, die heimlich auf einem Mississippidampfer nach dem rotbraunen Hals
+des Kapitäns blickte. Vielleicht bin ich ja auch nur einmal in einer Stadt
+gewesen, die so aussah. Was liegt daran. Aber ich will gewiß nicht selig
+sein, wenn es mir nicht einen Augenblick so war, als könnte Frau Labrouquet
+meine Erinnerung auffrischen . . .
+
+Da habe ich heute übrigens den Herrn in dem gelben Mantel und der
+schottischen Mütze wieder getroffen.
+
+Ich war wohl noch zehn Schritte vom Haus, als ich plötzlich seinen
+verzwickten Schritt in die Türe hineinpurzeln sehe. War das nicht der Herr
+in dem gelben Mantel? Richtig. Da sehe ich ihn vor mir die Treppe
+hinaufgehen. Und was das Beste ist, wir sind Nachbarn. Als ich auf den
+letzten Treppenabsatz komme, schließt er eben bei Frau Labrouquet die Tür
+auf und tritt ein. Ich kann gerade sehen, wie das Zwickzwack seiner Beine
+noch einmal übereinanderpurzelt und es gibt mir einen förmlichen Ruck, daß
+ich fast über meine eigenen Beine stolpere.
+
+ * * * * *
+
+Den 11. August. Na, ich wußte doch, daß es mit diesem Zimmer noch
+irgendeine Bewandtnis haben würde . . . Ich hatte es doch von oben bis
+unten umgekrempelt, daß kein Stück auf dem Platz geblieben war und die gute
+Frau Labrouquet, Witwe, Augen gemacht hatte . . . nun, wie gesagt, Augen,
+wie die geschiedene Blissot, als das mit dem Sparkassenbuch herauskam. Ja,
+sie hatte schon selbst ganz fest an das Sparkassenbuch geglaubt und war
+jetzt ganz empört und überrascht, daß es plötzlich nicht da sein sollte.
+
+Ja so. Es hatte trotz alledem nicht seine Richtigkeit mit dieser Kabine von
+einem Zimmer. Da brauchte man, weiß Gott, keine feine Nase zu haben. Der
+Herr Kunstkritiker mit der ewigen Zigarre und der »anerkannten Feder« war
+allerdings erledigt. Nein, für die Presse brauchte man jetzt nicht mehr zu
+schreiben, und von Linienführung und Flächenwirkung und mimosenhafter
+Zartheit und wie all diese Ausdrücke heißen, war auch keine Rede mehr.
+Aber, aber . . . da war doch jemand, mit dem ich das Zimmer teilte, das war
+doch so klar. Ich hatte doch immer so ein leises Gefühl an den Schultern,
+ähnlich dem, wenn man ein wenig friert. Es konnte nicht lange dauern, bis
+es herauskam. Nein, Gott sei Dank, heute nachmittag geschah es. Die
+Gewißheit ist mir doch immer lieber als dieses ungeduldige Ist-es,
+Ist-es-nicht.
+
+Da hatte ich mich eben fertig zum Ausgehen gemacht. Ich halte die Mütze
+noch in der Hand und lege gerade die Hand auf das kalte Metall des
+Türdrückers. Plötzlich fühle ich ihn. Er steht da drüben vor dem Spiegel
+und dreht mir den Rücken zu. Er beugt sich ein wenig seitwärts und fährt
+mit dem hoch erhobenen rechten Arm in den Ärmel seines Überziehers hinein.
+
+Und während ich lausche, höre ich ganz deutlich wie er ganz erschreckt
+sagt: »Ob sie noch da ist? Mein Gott, wenn sie mich eines Tages verlassen
+hätte . . .«
+
+Aha, denke ich, jetzt soll ich eine Liebesgeschichte zu hören bekommen. Ein
+kleines Drama wird sich abspielen. Immer sind es doch die Weiber . . .
+
+Und während ich durch die schon abendlichen Straßen gehe, denke ich an die
+Liebe. An die Liebe mit sechzehn, mit zwanzig, mit fünfundzwanzig, mit
+dreißig und mit vierzig Jahren. Aber der mit sechzehn gebe ich den Vorzug.
+
+Liebe mit sechzehn Jahren! Woher kamst du? Da ist plötzlich ein mattgrauer
+Schimmer zwischen den abendlichen Straßen, ein weiches Zerfließen der
+milchweißen Wolken um die frühe Sichel des Mondes und unser Auge steht voll
+Tränen. Irgendein Schmerzlich-Süßes-Wehes zieht in unser Herz ein und füllt
+es mit der Erinnerung alter Tage. Alle unsere Glieder sind von einer
+wohligen Müdigkeit befallen, in der alle Gedanken hinrinnen und in der
+jenes unruhig-ruhevolle Glück in uns einzieht, nach dem wir uns nach Jahren
+noch sehnen, sehnen.
+
+Liebe mit sechzehn Jahren liegt nachts auf frischen Wiesen unter Sternen
+und läßt das Auge auf dem Mondlicht über jungen Buchen träumen.
+
+Liebe mit sechzehn Jahren blickt den mondhellen Fluß hinunter und hört im
+Rauschen der Wellen süßere Stimmen als Violinen und Harfen. Ein dunkler
+Kahn zieht über silberne Fluten und der Glaube zieht ihm entgegen, und
+hofft ein Glück, so weit und so unermeßlich wie ein Königreich in den
+Märchen.
+
+Ist es nicht schade, daß Liebe mit sechzehn Jahren so bald stirbt, daß mit
+den Jahren diese Träume verschwinden und uns nicht mehr besuchen? Sieh
+diesen blauen Blick, mit dem jene Sechzehnjährige dem Versinken der Sonne
+im Meere folgt. Sie hat die Hände übereinandergelegt, kleine schmale
+Kinderhände, wie zu einem Gebet an einen über den Wolken, sie hat das Haupt
+ein wenig zurückgelehnt und zwei blonde Haarsträhnen weht ihr der Abendwind
+leicht in die Stirn. Sieht nicht so das Glück aus?
+
+Ja, was mich betrifft, ich gäbe alle Weisheit und alle gescheiten Einfälle,
+ich gäbe Ansehen, Stellung, Amt, und besonders alles, was Bildung heißt,
+alles, alles gäbe ich jetzt dahin für einen einzigen, dieser unsagbar süßen
+Träume der Jugend. Ich weiß, wenn die Leute alt werden, lächeln sie über
+diese schwärmerischen Ekstasen. Sie begreifen nicht, daß man stundenlang
+auf einer taufeuchten Wiese unter Sternen liegen mag, um an ein Paar blaue
+Augen und einen blonden Kopf zu denken und an nichts als dies. An Augen,
+die vielleicht einer kleinen und sehr dummen Musikschülerin gehören, die
+einen nie gesehen hat, und die für einen Lehrer mit einem schwarzen
+Schnurrbart und seidenen Taschentüchern schwärmt.
+
+Warum glauben wir Erwachsenen doch immer, es zeuge von Vernunft und
+Reifsein, wenn man keine platonischen Fensterpromenaden mehr macht,
+sondern, mit Verlaub zu sagen, sich recht bald, nachdem man die
+Bekanntschaft einer jungen Dame gemacht hat, nach einer passenden
+»Gelegenheit« umblickt?
+
+Was mich betrifft, so bedaure ich wirklich sehr, nicht mehr so dumm sein zu
+können, wie mit 16 Jahren; denn mit dieser Dummheit begann auch jenes
+unnennbar grenzenlose Hoffen, jenes unermeßliche Ahnen von etwas Kommendem
+zu entschwinden, das die Jugend so reich, so reich macht, daß selbst der
+ungeheure Besitz eines Petroleum- oder Eisenbahnkönigs dagegen nur ein
+totes, wertloses Nichts ist.
+
+ * * * * *
+
+Den 12. August. Also, mein scheinbar so verrückter Einfall mir bei Frau
+Labrouquet, geschiedenen Blissot, Rat zu holen über das verteufelte
+Frauenzimmer da hinter dem eisernen Ofen war gar nicht so absurd! Wer weiß,
+vielleicht hat man das kleine Fräulein Foujeu, spätere Blissot und noch
+spätere Labrouquet, Witwe, als sie noch in die 57. Gemeindeschule ging,
+doch einmal mit der Gioconda bekannt gemacht. Oder wer kann wissen, warum
+es eines Tages dem kleinen Laufmädel Mimi Foujeu wünschenswert erschienen
+ist, etwas von Raffael di Urbino und Lionardo da Vinci zu wissen.
+Vielleicht ist sie zu diesem Zwecke doch zwei oder dreimal im Louvre
+gewesen, obgleich sie die »alten Heiligen« immer recht schrecklich fand und
+nachts von ihnen träumte.
+
+Nein, das ist nun wahr; wenn sie etwas erreichen wollte und es sich in den
+Kopf gesetzt hatte, dann war Fräulein Foujeu eine genau so energische
+Person wie noch heute die gute Frau Labrouquet, Witwe, die doch nun bereits
+seit zwei Stunden am Schlüsselloch steht, um endlich einmal festzustellen,
+was es denn mit ihrem neuen Mieter für eine Bewandtnis habe. Ich muß mir,
+weiß Gott, irgend etwas für sie ausdenken. Stellen Sie sich doch nur vor,
+zwei Stunden mit gekrümmten Rücken dastehen und dabei noch beständig den
+kühlen Luftzug, der durch das Schlüsselloch auf das Auge strömt . . . Das
+beste ist, ich schieße meinen Revolver ab. Oder nein. Vielleicht küsse ich
+einmal das Bild da hinter dem Ofen; das könnte sie ausgezeichnet durchs
+Schlüsselloch beobachten. Ja, ja, das werde ich tun. Ich werde die Gioconda
+küssen, als wäre sie meine Angebetete . . .
+
+So . . . jetzt ist das kleine Fräulein Foujeu doch noch auf seine Kosten
+gekommen . . .
+
+Ja, man hätte mir die sieben Foltern androhen können, und ich wäre hier
+nicht auf die Gioconda gekommen. Zufällig entdeckte ich heute das Bild im
+Louvre.
+
+Aber es ist mir auch gar nicht so unerklärlich, daß ich das Bild hier nicht
+erkannt habe, trotzdem es eine recht gute Reproduktion ist. Wie um alles in
+der Welt denkt man hier an eine Gioconda? In so einem Zimmer, das doch auch
+schon zu galanten Zwecken benutzt wurde -- ja, weshalb eigentlich
+»galanten«? Nein, das verstehe wer will. -- Wie ist man hier auf eine
+Gioconda vorbereitet! Hier wünscht man eine »Susanne« zu sehen, oder die
+nackten Göttinnen vor Herrn Paris oder wenn etwas Gemüt dabei sein soll,
+ein »Allein«, ein »Endlich-Allein« oder noch besser ein »junges Glück« in
+einem vergoldeten Rahmen.
+
+Ja, »junges Glück«, das würde hierher passen, viel besser zum mindesten als
+die Gioconda, auf die man, wie gesagt, nicht vorbereitet ist und deshalb
+nicht erkennt. So ist es doch. Wenn ich, sagen wir, Herrn Roosevelt, ohne
+davon in den Zeitungen gelesen zu haben, urplötzlich auf dem Rücken eines
+Elefanten oder mit einem erbeuteten Gorilla auf der Schulter am Kongo
+getroffen hätte, wie um alles in der Welt, hätte ich da den großen
+Staatsmann, der er doch zu Hause sicherlich ist, erkennen sollen? Selbst
+wenn ich, wie es ja leider nicht der Fall ist, sein bester Freund wäre?
+
+Madonna Gioconda in ihrem bräunlichen Rahmen, der mich an alte Kontore
+erinnert, lächelt unergründlich. Ich glaube, wenn man das Bild und die Frau
+lange ansehen könnte, würde sie zu leben beginnen. Ich kann es so deutlich
+fühlen, wie die Konturen ganz leise im Bilde erzittern würden. Und könnte
+sie nicht die übereinandergeschlagenen Hände aufheben, um einen mit einer
+Geste zu berühren, unter der man schaudern würde, wie unter dem Gedanken
+einer mütterlichen Blutschande?
+
+Es ist so seltsam mit diesen furchtbaren Händen. Man weiß nicht, werden sie
+Himmlisches tun oder Tierisches. Und wenn Tierisches, werden sie nicht,
+indem sie es tun, es auch heilig sprechen? Und müßte man nicht den Wunsch
+haben, sie zu küssen, auch wenn sie Lasterhaftes getan hätten? Ich meine
+das so, wenn sie an einem lebenden Weibe wären.
+
+Eigentlich ist es ein furchtbares Bild. Ich werde es von jetzt ab nicht
+mehr ansehen.
+
+Aber was rede ich mir denn ein? Haben meine Bedenklichkeiten vor diesem
+Bilde mit der Entdeckung, daß es die Gioconda des Lionardo ist, auch nur um
+einen Deut abgenommen? Diese Ähnlichkeit war es also nicht? Also eine
+andere? Aber welche, welche? Es ist mir doch als erinnerten mich diese Züge
+. . .
+
+Ach, an alle erinnern sie mich, an alle . . .
+
+Mögen sie mich doch erinnern, an was und an wen sie wollen und meinethalben
+an Frau Labrouquet, die geschiedene Blissot.
+
+ * * * * *
+
+Den 13. August. Der gute Herr, da hinten vor dem Spiegel, der sich ein
+wenig links beugt und mit erhobenem rechten Arm in das Ärmelloch fährt, ist
+der vollendetste Narr, den ich je gesehen oder erlebt habe. Wann mag er nur
+hier gewohnt haben? Ob es lange her ist?
+
+Die Liebe hatte ihm in ganz erheblichem Maße den Kopf verdreht. O ja, in
+sehr erheblichem Maße kann man sagen. Liebte er etwa ein Weib aus Fleisch
+und Blut? Oder liebte er ein Weib aus Holz und Öl? Allewetter, dieser junge
+Mann hatte Talent. Wissen Sie, in wen er verliebt war? So gehen Sie in die
+Salle carée im Louvre und betrachten Sie dort das Frauenporträt von
+Lionardo da Vinci! Ach, Sie müssen nicht glauben, daß es ein schlechter
+Witz von mir ist. Wenn dieser Mensch nicht von dem glühendsten und
+wahnsinnigen Wunsch gepeinigt wurde, Madonna Gioconda an sich zu reißen,
+wie nur je eine Dame in einer verschwiegenen Ecke, so will ich nicht selig
+sein. Aber ich möchte auch elf gegen zwei wetten, daß es keine Dame aus
+Holz und Öl war, die dem armen Tropf so traurig das Oberste zu unterst
+kehrte.
+
+ * * * * *
+
+Den 14. August. Was sich doch in so einem kleinen Zimmer, sogar bei einer
+Witwe wie Frau Labrouquet zuweilen für Tragödien abspielen.
+
+Da sollte man nun glauben, die großen Ereignisse fänden alle vor einem
+Parkett von Zuschauern und unter dem Mikroskop der öffentlichen Meinung
+statt. Aber nein. Hier hinter einem Tisch mit einer roten Decke, hinter
+zwei verstaubten Gardinen und sozusagen hinter einem eisernen Ofen, ist der
+Schauplatz der ernstesten Vorgänge. Die Kopie nach der Gioconda ist
+offenbar ein Erbstück des armseligen Schattens, der mir seine Aufwartung
+macht. Er hatte sich nichts Geringeres in den Kopf gesetzt als das Original
+aus dem Louvre zu stehlen.
+
+Der arme Tropf! Wahrscheinlich verwechselte er es mit seiner Angebeteten.
+Er stellte sich eine heimliche Entführung im Automobil vor, und dann wollte
+er es -- -- ja, wie war es gleich? Ich habe es wieder vergessen. Ich
+glaube, er wollte es hinter einen Spiegel nageln, oder als Rücken in einen
+Schrank einlassen. Ich weiß es nicht mehr genau.
+
+ * * * * *
+
+Den 15. August. Bei allen approbierten Heiligen! Jetzt ist es heraus. Ich
+habe mich gröblich getäuscht. Der Gelbe ist es! Der Gelbe hat den sauberen
+Plan aus der Westentasche seines Gemüts geboren. Die Sache wird also ernst,
+haha! Er wird die Gioconda stehlen! . . .
+
+Ja, aber wie -- wie weiß ich es denn? Was kümmern mich auf einmal meine
+Nachbarn, bis jetzt waren es doch immer nur meine Vorgänger? Unsinn. Was
+zerbreche ich mir darüber den Kopf. Als ob mich die Sache aufregte. Die
+Gioconda stehlen! Nun, ebenso gut könnte er sich ja in den Kopf setzen, den
+Eiffelturm vom Champs de Mars wegzuschleppen oder das Ministerium mit Herrn
+Delcassé.
+
+Sich auszumalen, daß es eines Tages in den Zeitungen hieße: Die Gioconda
+gestohlen! Man braucht sich doch nur das vorzustellen, um einzusehen wie
+verrückt dieser Plan ist.
+
+Die Gioconda gestohlen! Das wäre wahrhaftig ein Spaß. Das käme mir beinahe
+vor als wollte einer alle Frauen auf einmal aus der Welt schleppen.
+
+Ja, so käme es mir wahrhaftig vor. Er soll es nur versuchen, er soll es nur
+versuchen . . .
+
+Ich schäme mich fast, es mir selbst zu gestehen, aber wahr ist es: ich kann
+ihn begreifen, in seinem seltsamen Wahnsinn und ich glaube, daß es vielen
+so geht. Ich habe mich schon beobachtet, daß ich vor dem Bilde stehe und zu
+mir selbst sage: Ich liebe dich, Gioconda. Ich könnte es wahrhaftig
+flüstern wie man ein lange zurückgehaltenes Liebesbekenntnis für sich
+flüstert. Aber ich habe ja meine gute Vernunft, die mir sagt, es ist ein
+Bild. Gott sei gepriesen für diese Vernunft!
+
+Der arme Kerl tut mir leid; was wird er sich alles anrichten. Pfui Teufel
+. . . und dabei ist er ein Grundehrlicher . . . Man muß wirklich Gott
+danken, daß man nicht so von Sinnen ist wie er.
+
+Denn das ist er. Was hat er sich nun obendrein für einen Unsinn in den Kopf
+gesetzt. Jetzt will er wissen, daß der Kunsthändler Duval in der Rue de
+Rome einen Dolch aus rötlichem Stahl besitzt.
+
+Nun, ich weiß nicht, ob es rötlichen Stahl gibt, und vielleicht besitzt
+Herr Duval ja auch einen solchen Dolch. Aber wie um alles in der Welt kann
+es ein Dolch aus rötlichem Stahl sein mit der Aufschrift: Tibi Gioconda?
+Und nicht genug, er kapriziert sich darauf, daß der Dolch aus den
+toledanischen Werkstätten und eine Arbeit aus dem 14. Jahrhundert sei.
+
+Nun, wir werden ja sehen. Dieser Mensch ist ein vollkommen Irrsinniger oder
+ich will nicht selig sein.
+
+ * * * * *
+
+Den 16. August. Wie der Mensch sich selbst belügen kann! Ich glaube, es
+gibt sogar Menschen, die lügen sich ihre ganze Existenz vor. Also da
+versuche ich mir nun einzureden, daß mich die Sache mit dem Diebstahl
+nichts angeht, daß sie mich nicht im mindesten aufregt und daß ich ihr so
+gleichgültig zuschaue wie ein langjähriger Abonnent dem 21. Tode der Maria
+Stuart. Und dabei hat mich doch sofort eine unerklärliche, heiße Angst
+befallen, die mir fast die Kehle schnürte und mich die ganze Nacht durch
+Paris trieb.
+
+Und wie ich es auch anstellte, welchen Weg ich einschlug, nach Norden,
+Osten, Westen, Süden, immer stand ich zuletzt vor dem Portal des
+Louvre-Museums, gerade als müßte ich achtgeben, daß niemand die Gioconda
+fortschleppt. Nun, aber ebensogut könnte ja auch einer mit der Venus von
+Milo am Arm die Rue de Rivoli hinuntergehen.
+
+Jetzt denke ich doch schon erheblich ruhiger über den Fall. Wie töricht ist
+es doch auch, sich über das Unmögliche aufzuregen.
+
+Ich sollte mir lieber Gedanken darüber machen, wie die Liebe ihm so den
+Kopf zerstücken und zerflicken konnte.
+
+Daß es aber auch kaum einen Mann gibt, dem nicht der Knüppel Weib zwischen
+die Beine fällt. So oder so. Der eine bleibt an einem Dienstmädchen hängen
+oder an einer Gouvernante und der andere stolpert sozusagen über die
+Idealität des Weibes.
+
+Ja, was dies betrifft, so sind schon mehr Männer als man glaubt daran
+zugrunde gegangen.
+
+Aber, wer zum Teufel, heißt sie denn auch beim Weibe die Erfüllung der zehn
+Gebote suchen. »Du sollst nicht lügen.« Nun, bei allen Aufrechten, ich habe
+weder jemals ein Weib gesehen, das nicht lügt, noch wünsche ich es je zu
+sehen. Ein Weib, das nicht lügt, ist uninteressant, und ein Weib, das die
+Wahrheit sagt, langweilig. »Du sollst nicht lügen.« Das ist wie alle
+Du-sollst eine Bequemlichkeitsvorschrift. Die Faulheit hat sie gemacht.
+Diejenigen haben sie aufgestellt, die zu dumm waren und fühlten, daß sie
+echt und unecht nicht von sich aus unterscheiden konnten. Da gaben sie
+jedem Ding erst seinen umständlichen Stempel: Dies ist Gummiarabikum und
+dies ist Nitroglyzerin. Wer nun einem Nitroglyzerin unter die Nase hält und
+sagt, es sei Gummiarabikum, der ist »unsittlich«. Wie lächerlich ist das
+doch.
+
+Mögen die Männer immerhin sittlich sein. Die Frauen sind mir zu gut dazu.
+Wer will denn einen abgerichteten Star im Käfig haben? Und ist es -- ja bei
+Gott -- gibt es eine größere Freude, als einer Frau hinter etwas zu kommen!
+Hinter ihre Schliche oder womöglich hinter ihr -- Bewußtsein!
+
+Wenn man von den Frauen die Erfüllung der zehn Gebote verlangt, nimmt man
+ihnen dann nicht alle Hintergründe? Sehen Sie nur diese Gioconda! Haha, der
+alte da Vinci ist mein Freund! Er glaubte und liebte wie kein anderer die
+Hintergründe des Weibes, diese unergründlichen Hinter- und Abgründe, durch
+die man hinauf- und hinabstürzt ins Herz der Natur und zuweilen in das
+Grauen der Welt. Kann man es etwa ansehen dieses Bild, bis zu Ende ansehen?
+Nun, den will ich sehen, dem dabei nicht schwindlig wird. Es ist wahrhaftig
+kein besonderes Vergnügen ins Nichts, ins Ewig-Leere, ins Unbegrenzte
+hinunterzugondeln. Einen Halt muß der Mensch doch haben, einen Glauben; und
+sei es auch nur Halt und Glauben an einem Laternenpfahl.
+
+Mich wundert es nicht, wenn es auch größeren Geistern vor dem Rätsel Weib
+schwindlig wird. Nun, natürlich größeren Geistern. Kleine werden ja nie
+schwindlig, sie gehen immer sicher und schwindelfrei auf dem Bürgersteig
+der öffentlichen Sittlichkeit. Mit einem »du sollst« rechts und einem »du
+sollst nicht« links, legen sie ihren Lebensweg anständig und honett zurück
+und legen sich sogar gut abgebürstet ins Grab, wo sie mitsamt ihrer
+Sittlichkeit verwesen.
+
+Aber die andern! Ja, ich sah manchen auf dem Weg nach seiner Heimat selbst
+in diesem elektrisch beleuchteten Jahrhundert Irrfahrten machen, die hinter
+denen des Odysseus nicht zurückstanden, und ein neuer Homer, mein' ich,
+brauchte nicht unter die Arbeitslosen zu gehen. Aber Odysseus hatte doch
+schließlich und endlich zu Hause eine Penelope, die treu war. Oder? Oder
+sollte das nur -- ein Märchen sein? Ein Märchen, mit dem der große Dichter
+sein großes griechisches Kind einwiegte und in Schlummer sang? Wollte er
+auch zum Glauben an Treue verführen? Mußte er auch einmal hinter alle
+Hintergründe eine letzte Kulisse schieben, weil ihm sonst schwindelte?
+
+Nein, nein, ich halte es lieber mit meinem alten Lionardo!
+
+O du Prophet des Unglaubens! . . .
+
+Aber ganz leicht muß es doch nicht sein, so ganz ohne die Rechenmaschine
+»Gut und Böse« auszukommen. Ich selbst darf mich allerdings nicht beklagen.
+Ich habe einen so wetterfesten Humor mitbekommen, daß ich gegen alle
+regnerischen Überraschungen der Frauen gefeit bin. Ich habe noch ein
+Gelächter im Zwerchfell, wo andere schon nach Mord und Selbstmord schielen.
+
+Einmal bekam ich einen Brief, indem sie mir schrieb, sie wolle mir bis ans
+Ende der Welt folgen. Und das war keine Lüge. Hätte ich geschrieben:
+»Komm«, sie wäre gekommen. Aber trotzdem stand in einem Nachsatz: »P. S.
+Ich habe hier übrigens einen Rechtsanwalt wieder getroffen, den ich im
+letzten Winter auf einem Ball kennen lernte.«
+
+Na -- es war so klar; sie betrog mich. Aber ich war ganz begeistert über
+diese Mitteilung. Ich hätte gar nicht hinfahren brauchen, um mich zu
+überzeugen. Es war mir geradezu, als ob in dem Brief stünde: Liebster, ich
+betrüge Dich, herzlichen Gruß Deine Dich treu und ewig liebende Margarethe.
+
+Ach, ich kann ja gar nicht sagen, wie begeistert ich war!
+
+Aber ich fuhr natürlich doch hin, ging auf den Herrn Rechtsanwalt, als er
+an ihrer Seite daher kam, zu und schlug ihm eins, zwei den Hut vom Kopf.
+Trotz meiner Begeisterung.
+
+Ja, so ist man.
+
+Und die Sache nahm noch ein viel fröhlicheres Ende. Denn trotzdem sie mich
+brutal genannt hatte, kam sie doch am Abend zu mir ins Hotel und hatte ihr
+bestes Kleid angezogen. Nun, da wußte ich ja Bescheid. Aber in dem Hotel
+konnte ich nicht bleiben. Wir mußten umziehen. Denn dort hätte uns ja
+niemand geglaubt, daß wir ein legitimes Recht auf ein Zimmer mit zwei
+Betten hätten. Das wollte sie nämlich diesen Abend unbedingt.
+
+Wenn man sagt: Selbst in der vornehmsten Dame steckt eine kleine Göre, die
+noch gern einmal eine Nase schneidet und die Zunge herausstreckt, -- so
+glaubt alle Welt, man wolle sich über die Frauen lustig machen.
+
+Eine Dame sagte einmal ganz empört darauf zu mir: »Vielleicht auch in der
+Königin von England?« »Warum nicht?« sagte ich, »ich will nicht hoffen, daß
+die Engländer von einer Gouvernante regiert werden.« Darauf drehte sie mir
+den Rücken zu und ging stracks davon. Das tat sie aber nur, weil sie so
+prachtvolle Schultern hatte. Ja, prachtvolle Schultern und einen
+geschmeidigen, freien Gang. Ich mußte ihr ganz berauscht nachblicken. Und
+sie fühlte auch wohl, daß sie Eindruck auf mich gemacht hatte, denn sie
+blickte sich nicht ein einziges Mal um.
+
+Später wurden wir übrigens noch gute Freunde und sie war furchtbar verliebt
+in mich. Und dann sagte sie mir auch einmal, daß ich ganz recht hätte mit
+der kleinen Göre, die noch eine Nase schneidet, aber damals hätte sie es
+furchtbar geärgert. Es sei auch arrogant, so etwas zu sagen, aber jetzt, wo
+sie mich hätte, wäre ihr auch das egal. Ach, sie war ein reizendes
+Geschöpf, so klug und falsch wie kaum eine.
+
+Ich verlor sie übrigens zuletzt durch eine Dummheit. Ich küßte nämlich
+eines Tages halb aus Langerweile, halb aus Torheit in ihrer Gegenwart eine
+Kopie der Venus von Giorgone, die bei mir an der Wand hing. Das sei die
+größte Beleidigung, die man einer Frau antun könne! Und das sagte sie mit
+dem erbittertsten Gesicht von der Welt. Als ich ihr aber vom Fenster
+nachsehe, bemerke ich, daß drüben ein Wagen für sie hält, in dem bereits
+ein Herr sitzt, der auf sie wartet.
+
+Zwei Tage marterte ich mich mit dem Gedanken, was sie wohl gemacht hätte,
+wenn ich nicht auf den dummen Einfall gekommen wäre, das Bild zu küssen!
+Denn da hatte sie nun recht: schlimmer kann man eine Frau ja gar nicht
+beleidigen.
+
+Ja, aus ganzem Herzen unterschreibe ich, was Herr Tackeray sagt:
+»Unparteiische, logische und streng gerechte Frauen! Gott bewahre uns
+davor! Wenn die Frauen diese Eigenschaften hätten, würde die Menschheit
+vergehen, und die Erde würde zu einer Wüste.«
+
+Penelope ist doch weiß Gott kein Ideal! Odysseus wird es noch oft beklagt
+haben, nicht bei der rätselhaften Zauberin Circe geblieben zu sein. Aber
+wahrscheinlich wollte es die Weltanschauung der Griechen so, daß der Mann
+bei dem treuen Weibe enden muß, daß er nach allen Irrfahrten die Treue in
+der Heimat und die Heimat in der Treue findet.
+
+Ja, ja die Griechen . . . .
+
+ * * * * *
+
+(Anmerkung des Herausgebers: Es dürfte den Leser interessieren zu wissen,
+daß das folgende Stück im Manuskript mit wesentlich veränderten
+Schriftzügen geschrieben ist. Der Zusammenhang dieses Absatzes mit dem
+Voranstehenden ist zwar nicht recht deutlich, aber ich glaubte, ihn
+trotzdem mitabdrucken zu müssen. Vielleicht findet dieser oder jener doch
+einen inneren Faden, der von dem übrigen Inhalt zu diesen Sätzen
+hinüberleitet.)
+
+ * * * * *
+
+. . . Und dann eines Tages litt es mich nicht mehr. Ich wollte gehen und es
+ihr sagen.
+
+Ich war stundenlang durch die Wälder gegangen und hatte an jedem Baum
+gesagt: Ich liebe dich. Sie war ganz in meinen Gedanken. Es war, als flösse
+ihr Wesen mit meinem Blut schimmernd in meinen Adern. Auch nicht die
+geringste Regung eines Gefühls gehörte nicht ihr, war nicht sie.
+
+Ach, ihr Menschen von heute, könnt euch solche Liebe nicht denken, ihr
+glaubt ja nur an Liebe, die nachläuft, die sich erklärt, die heiratet. Für
+den Florentiner und seine Liebe zur Simonetta habt ihr doch nur ein
+Lächeln.
+
+Aber als er dort an der Brücke stand und Beatrice unter den Frauen
+vorüberging, da war es, als sei alles Glück, aller Rausch und Seligkeit
+dieser Welt in dieses eine gewaltige, glühende Herz gegossen. Der Schein,
+der aus jenen Augen brach, schuf an ihr die Schönheit der Frauen kommender
+Jahrhunderte . . .
+
+Wenn sie durch die Straßen schreitet oder ihre Schönheit in Sälen zeigt,
+wenn die Menschen sich nach ihr umwenden, ist mir, als bewunderten alle
+mein Werk. Ich habe sie gelehrt, sich so zu tragen mit diesem königlichen
+Anstand, ich habe sie ihren stolzen Gang, das Neigen ihres Hauptes, das
+Heben ihrer Hände gelehrt . . . .
+
+Ich liebe dich!
+
+Du bist mir wie ein Gebet in der Kirche. Seit ich dich kenne, bin ich
+wieder fromm wie ein Knabe. Es gibt einen Gott, es gibt eine
+Unsterblichkeit, es gibt Ewigkeit. Es gibt wieder alles, was es als Kind
+gab: Geborgensein, Ruhe, Stille. Meine Liebe hüllt mich wie in eine
+duftende goldene Wolke. Ich bin wie verwandelt.
+
+Ich liebe dich.
+
+Ich will nicht vor dir niederknien und dir keinen Thron errichten. Für den
+Himmel bist du mir zu gut. Ich will dich wie du bist, mit allen deinen
+Menschentugenden und Menschenfehlern, mit deinen rätselhaften Schönheiten
+und deinen schönen Rätseln.
+
+Ich liebe dich.
+
+ * * * * *
+
+Den 18. August. Dieser vertrackte Kerl! Er macht mir weiß Gott zu schaffen.
+Sie werden sehen, daß er mit der Gioconda ernst macht. Er bestimmt sich
+obendrein Zeit und Ort und Stunde und führt den Diebstahl aus, wie es ihm
+paßt.
+
+Ich habe es doch heute gesehen. Kam nicht alles, wie er es vorausgesagt
+hatte? Wort für Wort? Von dem rötlichen Stahl angefangen bis zu dieser
+mysteriösen Inschrift: Tibi Gioconda?
+
+Von halb fünf ab hielt ich mich bereit. Ich wollte doch sehen, was es denn
+mit dem Dolch für eine Bewandtnis hätte. Genau zur festgesetzten Zeit --
+meine Uhr zeigte 13 Minuten bis fünf -- stand er auf, nahm seine Mütze und
+ging. Ich ließ ihn keinen Augenblick aus den Augen und folgte ihm
+unbemerkt. Immer sah ich seinen gelben Mantel auf der Straße zwischen den
+Passanten auftauchen. Es war leicht, ihn im Auge zu behalten. Übrigens
+konnte man am Schritt sehen, wie sicher er seiner Sache war. Er ging gar
+nicht aufgeregt, sondern ganz ruhig und zielstracks geradaus.
+
+Fünf Minuten nach fünf legt er die Hand auf den Drücker der Ladentüre und
+tritt ein. Herr Duval steht sechs Schritte von ihm entfernt und betrachtet
+eben eine Wedgewood-Schüssel. Er grüßt, geht auf den Kunsthändler zu und
+sagt: »Sie besitzen einen Toledaner Dolch. Aus rötlichem Stahl. Eine Arbeit
+aus dem 14. Jahrhundert. Nicht wahr?«
+
+Der kleine graue Mann rückt an seiner goldenen Brille, sieht ihn etwas
+verdutzt an und sagt: »Nein, mein Herr, einen solchen Dolch habe ich nicht;
+aber vielleicht ist Ihnen mit einer anderen, einer italienischen Arbeit
+gedient? Ich habe . . .«
+
+»Nun, erinnern Sie sich nur. Der Dolch trägt die Aufschrift: Tibi
+Gioconda.«
+
+»Aber, wenn ich Ihnen doch sage . . .«
+
+»Ich versichere Sie, Herr Duval . . .«
+
+»Ha, ha, Sie versichern mich! Sehr gut, sehr gut. Nein ich versichere
+Ihnen, mein Herr, ich versichere Ihnen . . .«
+
+»Herr Duval, Herr Duval«, schreit plötzlich aus der hintersten Ladenecke
+eine Stimme: »Wir haben sie . . . Wir haben sie . . .«
+
+Herr Duval entschuldigt sich plötzlich und rennt zwischen all seinen
+Möbeln, Leuchtern und Spiegeln nach dem hinteren Ende des Ladens: »Wen
+denn? Wen habt ihr denn?« ruft er.
+
+»Die Truhe, Herr Duval . . . Sehen Sie nur, da stand sie, hinter dem
+Louis-seize. Mein Gott, ist sie dreckig, voller Staub!«
+
+Herr Duval ist keiner von jenen modernen Verkäufern, die immer nur Geschäft
+sind und wie Automaten aussehen. Sein Geschäft ist sozusagen ein
+Appartement seiner Wohnung, ein Teil seiner Familie. Wer in sein Geschäft
+kommt, der kommt in seine Familie und nimmt an deren Leiden und Freuden
+teil.
+
+Herr Duval kommt also mit einer halbgroßen, ganz verstaubten Truhe, die ihm
+ein Lehrling mit schwarzen Haaren und einem Sommersprossen besäten Gesicht
+tragen hilft, wieder nach vorne und beginnt gleich zu erklären:
+
+»Endlich also, endlich haben wir ihn, den Ausreißer. Denken Sie nur, mein
+Herr, vier volle Wochen versteckt sie sich hinter einem
+Louis-seize-Spiegel. Ich dachte schon, jemand hätte sie gestohlen. Diesen
+Bengel da hatte ich weiß Gott in Verdacht. Ich hatte mich schon an die
+Polizei gewendet. Wo sollte sie denn geblieben sein? Nun, jetzt haben wir
+sie! Ja, ja. Interessieren Sie sich für Renaissancestickereien? Geben Sie
+acht; hier haben wir nämlich einen der kostbarsten Erzbischofsmäntel, die
+je angefertigt wurden. Ach, Sie werden staunen, mein Herr, welch eine
+kostbare Arbeit, welch' eine Arbeit!«
+
+Und während er das sagt, hat Herr Duval die Truhe sorgfältig von allem
+Staub gereinigt und entnimmt ihr jetzt vorsichtig und fast mit einer
+gewissen Andacht einen großen kostbar gestickten Erzbischofsmantel aus
+schwerem Goldbrokat.
+
+»Sehen Sie, das ist eine Arbeit! Und wie erhalten, was? Als käme er eben
+aus den zarten Fingern der Goldstickerinnen. Sehen Sie nur, sehen Sie. Die
+Farben sind ein wenig geblaßt. Aber das gibt dem Golde einen intimen, ich
+möchte sagen, herbstlichen Reiz, nicht wahr? Ja, einen herbstlichen Reiz,
+das kann man wohl sagen. Oder erinnert es Sie mehr an unseren Pariser
+Frühling?
+
+Ach, Sie können ihn ja so nicht sehen. Georges, stelle dich einmal
+hierher.«
+
+Und er hängt dem sommersprossigen Jungen den Erzbischofsmantel so über
+seinen kurz geschorenen Kopf, daß von dem Bengel überhaupt nichts mehr zu
+sehen ist. Aber der Mantel schleift noch am Boden.
+
+»Oder haben Sie Lust, sich einmal selbst als Erzbischof zu sehen? Haha, Sie
+werden sich gut darin ausnehmen mit Ihrer Habichtsnase. Entschuldigen Sie.
+Sehen Sie so -- so. Und nun betrachten Sie sich einmal im Spiegel. Ich sage
+es ja, nur die Mütze fehlt. Sie sind ein geborener Erzbischof, mein Herr.
+Schnell, Georges, unsere Mütze und den Bischofsstab . . .«
+
+Plötzlich aber schlägt der als Erzbischof Verkleidete den Mantel, der innen
+mit brennend roter Seide gefüttert ist, zurück und hält dem Kunsthändler
+einen langen Dolch aus rötlichem Stahl entgegen.
+
+»Sehen Sie, Sie besitzen ihn doch, Herr Duval.«
+
+»Mein Gott, mein Gott, was ist das, was ist das! Wie kommen Sie zu dem
+Dolch? Wie . . .?«
+
+»Ich fand ihn eben hier in der Innentasche des Mantels.«
+
+Der kleine Kunsthändler tritt unwillkürlich um einen Schritt zurück, sieht
+den als Erzbischof vor ihm Stehenden befremdet an und sagt ganz kleinlaut
+und erschreckt:
+
+»Aber mein Herr, ich versichere Sie, ich wußte nichts, ich wußte in der Tat
+nicht das geringste von diesem Dolch. Ich kann es beschwören. Ich sehe ihn
+zum erstenmal in meinem Leben. Lassen Sie einmal sehen, lassen Sie sehen.
+Bei der Jungfrau, es ist eine toledanische Arbeit. Eine wundervolle
+toledanische Arbeit aus dem 14. Jahrhundert. Genau wie Sie es sagten. Aber
+das ist doch das Seltsamste, was ich erlebt habe. Wie wußten Sie, mein
+Herr? Ach, Sie haben ihn selbst mitgebracht? Aber nein, wie werden Sie denn
+Ihren eigenen Dolch kaufen wollen. Und hier ist ja auch die Aufschrift:
+Tibi Gioconda. Ganz deutlich. Mein Gott, genau wie Sie es sagten!«
+
+»Ich biete Ihnen 150 Frcs. für den Dolch«, sagt der unheimliche Mensch, der
+noch immer im Ornat vor dem erschreckten Kunsthändler steht. »Wollen Sie
+ihn dafür geben?«
+
+Sie werden einig und gleich darauf verläßt der Gelbe den Laden. Herr Duval
+aber steht noch in der Türe, sieht ihm nach und sagt immer wie zu sich
+selbst und in seinen grauen Bart hinein: Das verstehe ich nicht, nein, das
+ist seltsam, das verstehe ich nicht . . .
+
+Um 5 Uhr 17 Minuten waren wir wieder zu Hause, gerade eine halbe Stunde
+waren wir fort gewesen.
+
+ * * * * *
+
+Den 19. August. Was soll nun noch unmöglich sein. Er wird die Gioconda und
+mit ihr alle Rätselhaftigkeit in seinen Besitz bringen, genau zu der
+Stunde, zu der er es bestimmt hat. Und trotz allen Einwendungen der
+Vernunft wird es in allen Zeitungen und auf den Straßen ausgerufen werden:
+die Gioconda gestohlen!
+
+Eine unerklärliche, heiße Angst hat mich befallen. Er aber ist ruhig wie
+ein Stein. Und mit welch bewunderungswürdigem Instinkt er den Zeitpunkt des
+Diebstahls ausgesucht hat. Es ist als hätte er den Blick in die Zukunft.
+Woher weiß er, daß bei der Ablösung der Wachen diesmal ein Irrtum
+vorkommen, daß der eine Wächter abgerufen wird, und so der Saal sechs
+Minuten lang ohne Aufsicht bleibt?
+
+Ich frage mich ja vergeblich, woher ich dies alles weiß!
+
+Oft fühle ich mich mit ihm verwandt, so als flösse dasselbe Blut in unseren
+Adern. Und doch wieder bin ich ihm fremd. Nicht so fremd und auf jene Art
+wie einem irgendein beliebiger Mensch fremd ist, dem man irgendwo begegnet,
+der einen um Auskunft bittet oder nach einer Straße frägt, sondern wie
+einem der Bruder fremd ist. Oder wohl gar wie die Mutter, so unheimlich
+fremd. Das läßt sich nicht beschreiben. Aber alle diejenigen kennen es, die
+vielleicht als Kind gesehen haben, wie ein Mann einen begehrenden Blick
+über die Gestalt der Mutter gehen ließ, und wie die Mutter diesen Blick
+leise und ohne es zu wissen, zurückgab. Ach, wie kann da ein Knabenherz in
+seiner Einsamkeit erschrecken und auffahren. Und wie fremd kann da eine
+Mutter werden. Fremder als Gott, den man noch nie gesehen hat, der aber
+doch immer so ist, wie man ihn glaubt. Eine begehrte Mutter aber ist so
+fremd und schaudervoll rätselhaft wie die dunklen Augen eines Hundes, der
+sich herrenlos auf den Straßen herumtreibt und der einen des Abends
+plötzlich aus der Dämmerung anstarrt wie das Nichts, so niederschmetternd
+und überwältigend.
+
+Ich selber bin bei guten Sinnen und weiß, daß die Rätselhaftigkeit, das
+Grauen, das mich aus diesem schrecklichen Bilde anblickt, Geburt meines
+Hirns, meiner Augen ist. Ich weiß, daß sie ohne mich tot ist, tot in ihrem
+Rahmen und Holz und Farbe. Aber er, der armselige Unsinnige! Ist er blind?
+Er glaubt, sie lebt. Er glaubt, daß er all ihre Rätselhaftigkeit an sich
+bringen muß zu ewigem Besitz oder vielleicht sogar zu ewiger Zerstörung. Er
+fühlt ein Leben in diesen verräterischen Augen, diesen furchtbaren Lippen,
+diesen entsetzlichen, grauenhaften Händen. Und das Leben dieses Bildes
+peitscht und zerfleischt ihn, bringt ihn außer sich und treibt ihn umher.
+Es bleibt ihm nur das eine: sich selbst zerfleischen oder -- sie besitzen.
+Besitzen wie ein Weib aus Fleisch und Blut, das man Brust an Brust an sich
+reißen, pressen und umschlingen kann.
+
+ * * * * *
+
+Den 20. August. Gott sei uns gnädig! Diese Nacht noch und alles ist
+vorüber. Er wird alle Rätselhaftigkeit der Gioconda an sich bringen und
+alles wird seine toten, sicheren, gleichgültigen Gleise gehen.
+
+O, warum sitze ich hier und lege die Hände in den Schoß und stelle mich
+nicht vor die Tat und ihn? Warum halte ich dem Mörder den Arm nicht fest,
+ehe er zustößt? Denn Mord ist dies doch, nicht wahr? Ach viel mehr! Ist es
+nicht, als reckte jemand die Hand aus, das Heiligtum der Welt zu schänden?
+Als risse jemand die Sonne vom strahlenden Tag, um einen unförmigen
+Lehmklumpen dafür aufzuhängen? O Gott . . .
+
+Und doch; lebt nicht in uns allen diese furchtbare Begierde, Tempel zu
+schänden und Götter zu verhöhnen? . . .
+
+ * * * * *
+
+(Zwei Stunden später) O, wie soll ich doch das ertragen! Welchen Anteil
+habe ich denn an diesem Diebstahl? Welche Gewalt besitzt er über mich?
+Warum bleibe ich denn? Warum sehe ich dem allen so zu, obgleich ich es
+verabscheue, ihn verabscheue . . .
+
+Ach, ich will es nur gestehen, so erbärmlich es ist, aber helfe mir Gott,
+nicht ich bin es, den man dafür verantwortlich machen muß: ich _will den
+Diebstahl_. Ja, ich will ihn, auch ich, das ist mir nun klar.
+
+Und doch ist es mir auch wieder furchtbar, dem allen so zusehen zu müssen.
+Ja, es ist mir trotzdem, als sollte ich der Hinrichtung meiner eignen
+Kinder zusehen und könnte auch nicht einen Finger heben, dem Henker Einhalt
+zu tun.
+
+O, dürfte ich doch aufwachen, und alles wäre ein Traum. Es muß ja ein Traum
+sein: ganz so wehrlos, so machtlos fühlt man sich ja nur im Traum, wenn man
+eingeschnürt liegt wie in einem Schraubstock, gefoltert von furchtbarer
+Angst und die Gefahr nun immer näher und näher kommt und einen jeden
+Augenblick schon erreichen muß. O ja es muß, es kann nur ein Traum sein,
+aus dem es ein Erwachen gibt, in dem alles nicht war . . .
+
+Fünf Uhr morgens. Wie gräßlich, wie entsetzlich war dies! O, keine Nacht
+mehr wie diese. Lieber den Tod. Nun steht das Bild hier dicht hinter der
+Wand und ich bin von allem Zeuge gewesen und weiß, wie alles sich
+zugetragen hat. Und mir ist, als wäre ich selbst der Dieb; die Furcht vor
+Entdeckung hat mich gefaßt und ich zittre wie ein Mörder, der angstvoll die
+Spuren seiner Tat zu verwischen sucht, der ermüdet und erschöpft in
+Halbschlaf fällt und sich plötzlich blutbesudelt und blutbefleckt im Traum
+erblickt.
+
+Ach, nichts ist mir erspart geblieben. Ich wachte hier in meinem Zimmer die
+ganze Nacht. Ich sah, wie er die Mütze nahm und ging, ich sah ihn in den
+Straßen, vor den hellen Scheiben der Restaurants und den dunklen Nischen
+der Hauseingänge. Er war wie ein Schlafwandler, still und ruhig. Und wie er
+eindrang! Er fand wie ein Blinder den Weg und tappte im Dunkeln. Jeden
+seiner Schritte hörte ich, wie die Schläge meines pochenden Herzens. Ich
+wollte schreien, aber die Zunge klebte mir dorrend am Gaumen.
+
+Es legte sich wie eine knöcherne Hand um meine Kehle. Ich konnte keinen
+Laut hervorbringen. Aber mein Gehör wurde scharf wie das eines Wächters. O,
+wie furchtbar scharf wurde es doch! Ich hörte den bröckelnden Gips auf den
+Boden fallen und die dumpfen Schläge mit dem Hammer, ich hörte sogar das
+Knirschen des Meißels an den eisernen Klammern und ich sah die raschen
+gewandten Griffe, die das Bild von der Wand rissen; hastige, knochige
+Hände, unter denen die Mauer aufbrach. O, ich bebte und zitterte; ich
+fieberte wohl vor Furcht. Ich legte das Gesicht auf den Tisch und weinte
+wie ein Kind.
+
+Auf einmal wurde mir ganz leicht und frei zu Mute. Ich erinnerte mich an
+vieles, was mich einmal entzückt hatte. Ach, an tausend Dinge, an Blumen
+und Vögel, an ein Paar kleine Mädchenhände und an ein Liebeslied nachts
+über einem Fluß. Aber das dauerte nicht lange. Denn plötzlich klang ein
+dumpfer Laut an mein Ohr und ich erschrak zu Tode. Es war sein tappender
+Schritt auf der dunkeln Treppe! Ich hielt den Atem an und lauschte, wie die
+Schritte immer näher und näher kamen. Und dann konnte ich auch bald einen
+anderen eigentümlichen Ton hören, es war das Scharren des gestohlenen
+Bildes, das bei jedem Absatz an den stumpfen Stufen der Treppe aufschlug.
+
+ * * * * *
+
+Den 23. August. Wann werde ich endlich lernen, mich nur um meine eigenen
+Sachen zu kümmern und mich nicht in die Angelegenheiten anderer
+einzumischen!
+
+Da habe ich mich nun über Dinge aufgeregt, die mich weiß Gott nichts
+angehen. Bin ich denn der Präsident der Schönen Künste oder wer sonst
+seinen Posten verlieren wird, weil da ein leerer Platz an der Wand ist?
+Weil da ein Stück Holz so hoch, so breit und so lang und mit Ölfarbe
+bestrichen, weggekommen ist? Denn mehr ist es doch nicht, auch wenn es von
+Leonardi da Vinci angestrichen wurde.
+
+Aber stellte ich mich nicht an, als würde ein lebendes Wesen ermordet, als
+habe es weiß Gott welche Bewandtnis mit dem Bilde! Kann ich denn nicht bei
+dem bleiben, was die Dinge sind, Holz und Farbe und ein bißchen Firnis, und
+muß ich immer etwas dahinter suchen?
+
+Und welche Dummheit von mir, mich obendrein Hals über Kopf in diese Reise
+auf diesem alles eher als komfortablen Dampfer zu stürzen! Was geht es mich
+an, wo er mit seinem grauen Paket unter dem Arm hin will. Mag er doch mit
+seiner Angebeteten anfangen, was er will; mag er sie ins Meer werfen. Habe
+ich mich darum zu kümmern?
+
+Das alles hätte ich mir vor fünf Tagen sagen sollen, als es noch Zeit war.
+Als ich die Geschichte kommen sah, hätte ich abreisen sollen. Aber jetzt
+ist es zu spät. Jetzt bleibt mir nichts als die Schiffsgefangenschaft in
+Gesellschaft mit unseren liebenswürdigen Damen und unseren
+unliebenswürdigen Herren Passagieren abzusitzen.
+
+Jetzt ist es sogar noch ein Glück, daß er mit an Bord ist. Denn sobald
+dieser verwegene Mensch unter uns erscheint, gibt es Unterhaltung,
+Geschichten, Anekdoten die Hülle und Fülle. Der Zufall hat gewollt, daß wir
+die Kajüte teilen, und wir schlafen übereinander, er unten, ich oben.
+
+Wir verstehen uns übrigens ausgezeichnet, trotzdem ich eigentlich ihm
+gegenüber immer ein wenig befangen bin wegen des Bildes. Aber er gibt sich,
+als wäre nichts in der Welt geschehen, was ihn beträfe und als gäbe es das
+graue Paket, das er ganz ruhig an die Wand gestellt hat, gar nicht.
+
+Zuweilen sehe ich ihn vor dem Paket stehen, und dann hat sein Gesicht
+geradezu etwas besonders Ruhiges, Zielbewußtes. So, als dächte er bei sich:
+ich weiß ganz genau, was ich mit dir mache, sobald wir ganz draußen auf dem
+Meere sind, nehme ich dich und werfe dich über Bord.
+
+Sonst ist er ein über und über humorvoller Bursche; zuweilen ist seine
+Lustigkeit vielleicht ein wenig gezwungen, aber dann kann er so befreiend
+lachen, daß selbst der Geheimagent sich angesteckt fühlt und einmal seine
+Wichtigkeitsmiene verzieht.
+
+Nein, ich habe doch nie einen Menschen mit einer so ausgelassenen und
+bizarren Phantasie gesehen.
+
+Weil ich über ihm schlafe, nennt er mich nur den »Ober«. Und von sich
+selbst spricht er nicht anders als von dem »Unter«.
+
+»Herr Ober,« sagt er, »bringen Sie mir etwas Erfrischung, es ist eine
+gottsjämmerliche Hitze. Sind wir schon am Äquator oder macht mir der
+höllische Seelenwurm zu schaffen? Sorgen Sie für Zerstreuung, hören Sie,
+oder lassen Sie uns zu den Oberflächlern gehen. Ja, kommen Sie, lassen Sie
+uns auf Deck gehen, die Damen ein wenig zu unterhalten und die Herren zu
+ärgern. Besonders diese kleine deutsche Spitzmaus, die sich so verdient um
+die Erforschung der Diphthonglaute im Altpersischen gemacht hat.«
+
+Und es kommt wohl vor, daß er sofort seinen Entschluß ausführt, hinaufgeht
+und mit dem Erforscher der Diphthonglaute im Altpersischen eine
+Unterhaltung beginnt.
+
+Na, die Sache nimmt etwa folgenden Verlauf:
+
+Der Erforscher der Diphthonglaute steht eben an der Reling, blickt auf die
+See hinaus und hat die Hände über den Rücken gelegt. Von Zeit zu Zeit macht
+er mit dem Kopf eine kleine ruckartige Bewegung nach hinten, bei der man
+sonderbarerweise jedesmal auf seine spitze Nase aufmerksam wird. Und das
+Ganze sieht so aus, als bekäme er plötzlich Achtung vor sich selbst, fühlte
+viele Augen auf sich gerichtet und würfe sich nun ein wenig in Positur, um
+der Welt einen würdigen Gelehrten zu zeigen. Es sieht sehr komisch aus, ein
+bißchen muß man sich aber auch darüber ärgern.
+
+Wir treten von hinten an ihn heran und sprechen ihn an. »Guten Tag, Herr
+Doktor.« Der Erforscher der Diphthonglaute dreht sich um, legt den Kopf mit
+der spitzen Nase ein wenig auf die Seite und streckt uns die Hand mit einem
+Ausdruck hin, als wolle er sagen: Ich kondoliere Ihnen, meine Herren; seien
+Sie meiner Teilnahme sicher. Sie haben das Unglück, mit einem verkannten,
+edlen Menschen zu sprechen, der es nicht verdient, daß man ihn in der
+Abgeschiedenheit seiner Größe, die nur ihm selbst bewußt ist, verkommen
+läßt.
+
+Der Gelbe tut, als merke er nicht, daß es dem Erforscher der Diphthonglaute
+heute an Selbstachtung fehlt, und daß er Mitleid betteln geht.
+
+»Denken Sie, prächtig habe ich geschlafen,« fährt er ganz unvermittelt los.
+»Wissen Sie, ich fühle mich jetzt so kräftig, daß ich Sie ins Meer werfen
+und wieder herausholen könnte. Was? Ich wachte auf wie eine Sprungfeder.
+Augen auf und raus. Und Leben vom Scheitel bis zur Sohle. Ich nahm den
+Eichenschrank an der Kapitänstüre und setzte ihn mit einem Ruck auf die
+andere Seite. Und dabei war ich doch gestern abend verdrießlich wie ein
+Kakadu. Ich hatte mich wohl über etwas geärgert. Aber als ich einschlief,
+merkte ich schon, daß heute alles besser sein würde. Ich fuhr nämlich, ehe
+ich einschlief, eine Zeitlang mit der Chaiselongue in der Eßkajüte herum.«
+
+»Na, na, Sie,« sagt der Diphthongforscher dazwischen und lächelt ein wenig
+vorwurfsvoll.
+
+»Ach, Sie sind besorgt, daß die Beine dabei abbrechen könnten. Nein, das
+ist nicht der Fall. Wissen Sie, ich fuhr ja gar nicht.« Und jetzt dämpft er
+seine Stimme ein wenig, sieht dem Doktor scharf in die Augen, als wolle er
+da etwas herbeiholen und sagt mit immer leiser werdender Stimme: »Nein, ich
+hatte ja nur so ein Gefühl. Wissen Sie, ein Gefühl, als führe ich mit der
+Chaiselongue ganz langsam -- es gab nur einen ganz unmerklichen Ruck, wie
+es anfing -- ganz langsam zuerst und dann immer schneller und schneller im
+Zimmer herum, über die Treppe aufs Deck hinauf, hier vorbei, zurück, die
+Treppe wieder hinunter, quer durchs Zimmer und plötzlich durch das letzte
+Kajütenfenster hinaus . . . gerade aufs Meer . . .«
+
+»Und dann . . .?«
+
+»Und dann . . .?«
+
+»Ach so, ja. Aber sagen Sie nur: Wie konnten Sie denn mit der Chaiselongue
+durch das Kajütenfenster, das ist doch viel zu eng?«
+
+Auf diese Weise macht er sich beständig über die Herren, lustig, und ich
+stehe dabei und ersticke fast an meinem Gelächter. Den Geheimagenten fragt
+er immer wieder, ob noch keine Nachricht von der Gioconda da ist, und den
+deutschen Doktor Berger hat er schon dreimal die Geschichte von seinem
+Besuch beim Ohrenarzt und seinem äußerst feinen Gehör erzählen lassen.
+
+»Hörten Sie nicht eben einen Schuß, Herr Doktor?«
+
+»Einen Schuß?«
+
+»Ja, einen Schuß. Ganz scharf und in der Ferne, aber doch sehr deutlich
+hörbar. Schon wieder! Hörten Sie diesmal?« Nein, er habe nicht gehört, sagt
+Herr Doktor Berger, neigt den Kopf ein wenig seitwärts und lauscht
+angestrengt.
+
+»Ich habe heute wieder meinen Tag, an dem ich schlecht höre.«
+
+»So, Sie hören schlecht?«
+
+»Nein, eigentlich nicht. Ich höre sogar sehr gut. Erzählte ich Ihnen nicht
+schon, was mir der Ohrenarzt sagte . . .«
+
+Nein, er habe nichts erzählt.
+
+»Das ist nämlich sehr interessant; ich ließ mich einmal von dem bekannten,
+Sie wissen, dem bekannten Professor Hegenbarth in London, einer unserer
+ersten Ohrenärzte überhaupt, -- er hat seinerzeit auch die Prinzessin
+Klotilde von Anhalt-Bernburg behandelt, die später den Leutnant Bohlen von
+den 13. Husaren in Mainz heiratete . . .«
+
+Und nun erzählt er weitschweifig und umständlich mit allen Einzelheiten von
+seinem Besuch bei dem berühmten Ohrenarzt, der ihm gesagt haben soll, daß
+sein Gehör durchaus normal, ja mehr als das, sogar äußerst scharf und
+schärfer sei, als ihm je eines in seiner Praxis vorgekommen sei.
+
+»Hörten Sie den Schuß?« schreit ihm der Gelbe plötzlich ganz laut ins Ohr.
+
+»Einen Schuß?«
+
+»Ja.«
+
+»Nein, den hörte ich nun nicht . . . Aber Sie können sich denken, was das
+heißen will: das schärfste in seiner ganzen Praxis! Der Mann übte
+fünfundzwanzig Jahre seine Praxis aus. Also da können Sie schon sehen. Ja,
+mein Gehör ist ganz vorzüglich, ganz vorzüglich.«
+
+Das sei ja sehr interessant. Übrigens habe er schon mal von einem ähnlichen
+Fall gehört, sagt der Gelbe. »Und dann« -- fährt er unvermittelt fort --
+»kannte ich in Königsberg einmal einen Herrn, aber das wird Sie gewiß
+interessieren -- da war ein Herr, der konnte im Theater, gleichviel welchen
+Platz er hatte, ganz deutlich verstehen, was irgendwo im Parkett oder in
+den Logen gesprochen wurde. Ein ganz unheimlicher Mensch! Wissen Sie, er
+hörte ganz deutlich, was sich die Leute zuflüsterten, und wenn es auf der
+letzten Galeriereihe war. Na, Sie können sich denken, was der für Sachen
+erzählen konnte . . . .«
+
+»Ach nein . . .«
+
+Doch, da sei z. B. mal ein Stück gegeben worden, in dem ein brutaler
+Genußmensch geschildert wurde. Ein ausgezeichnetes Stück übrigens und eine
+famose Charakteristik. Im zweiten Akt sei eine Szene gekommen, in der sich
+ein junges leidenschaftliches Mädchen dem Genußmenschen an den Hals
+geworfen habe. Plötzlich habe der Herr gehört, wie die Frau des
+Polizeipräsidenten zu ihrem Mann in der Loge gesagt habe, so ein
+gräßlicher, unsympathischer Mensch sei ihr wahrhaftig noch nicht
+vorgekommen; das sei ja geradezu abscheulich. »Am anderen Tage -- denken
+Sie nur -- am andern Tage wurde das Stück verboten. Wegen unsittlicher
+Tendenz. So was, nicht wahr?« Na, und was sich so die Liebesleute im
+Theater erzählten . . .
+
+Das müsse doch sehr interessant sein, meinte Herr Dr. Berger.
+
+»Na, ich sage Ihnen. Da konnte der Herr nun Sachen erzählen. Besonders,
+wissen Sie, aus der guten Gesellschaft. Was die sich alles zu sagen hatten;
+das kann man beinah gar nicht wiedererzählen. Ich möchte Ihr Ohr wahrhaftig
+nicht verletzen . . .«
+
+»Aber bitte, bitte, das ist ja sicher sehr interessant«
+
+»Interessant ist es schon. Ja, denken Sie nur, da war zum Beispiel einmal
+ein Paar, eine junge, elegante Witwe und ein Offizier von der Garde. Eine
+chike Sache sozusagen. Viele dachten sich ja wohl, daß die beiden ein
+bißchen toll wären. Aber denken Sie nur. Da wurde Hamlet gegeben; plötzlich
+sagt doch die junge Witwe mitten in der Totengräberszene dem Offizier ins
+Ohr, sie wolle einmal auf einem Friedhof . . . im Mondschein . . . Ach, das
+kann ich Ihnen ja gar nicht erzählen. Wie? Adieu, Herr Doktor, Adieu.«
+
+Der Erforscher der Diphthonglaute macht noch ein paar hastige Schritte,
+hinter uns her, geniert sich aber und bleibt ganz verwirrt stehen.
+
+Huh, wie heiß es ihm doch geworden ist.
+
+Na, den übrigen geht es ja nicht viel besser. Heute wollte er sogar eine
+Wette mit mir abschließen, daß es ihm gelingen werde dem Schauspieler
+Grunwald binnen einer Stunde siebzehn Zitate aus Shakespeare und Oskar
+Blumenthal aus der Nase zu ziehen. Ich bin überzeugt, er tut es, trotzdem
+ich ihm die Wette verweigert habe.
+
+Und ohne daß der gute Herr Grunwald etwas ahnt, wird er sich von ihm
+Komödie ohne Honorar und ohne Lorbeerkränze vorspielen lassen.
+
+Gestern, während er in der Kajüte schlief, erzählte ich die Sache übrigens
+den Damen.
+
+Ich sagte, ich habe einmal einen Menschen gekannt, der sei so und so
+gewesen und habe die Leute aufgezogen wie die Uhren. Ein englischer
+Geistlicher in der Nähe von Liverpool.
+
+Alle waren empört über so einen Menschen. Das sei ja furchtbar gemein. Ja,
+gemein, sagten sie. Da müßte man ja immer fürchten, zum besten gehabt zu
+werden. Ein Mensch sei doch keine Marionette, die man am Seil tanzen lassen
+könne wie man wolle.
+
+Ja, die Damen waren alle außerordentlich erregt über so etwas. Besonders,
+da ich dummerweise den Versuch machte, den englischen Geistlichen zu
+entschuldigen, indem ich sagte, vielleicht sei es ein Mensch gewesen, der
+unter den Mechanischen im Leben sehr gelitten und sich auf diese Weise
+hätte Luft machen wollen.
+
+Das wollten die Damen aber nicht verstehen.
+
+Am meisten griff das Gespräch wohl Frau Sturi an; sie bekam sogar ganz
+hektische, rote Flecken auf den Backen und fiebrische, feuchtglänzende
+Augen. Sie sah so sehr häßlich aus, aber irgend etwas zwang sie wohl zu
+bleiben; denn obgleich sie mehrmals sagte, das könne man gar nicht mit
+anhören, blieb sie doch, gerade als warte sie darauf, daß noch mehr kommen
+solle.
+
+Wenn ich übrigens die Augen recht im Kopfe habe, so ist da etwas zwischen
+ihm und Frau Rosenborg, der dänischen Schauspielerin. Sobald sie ihn sieht,
+wird sie geradezu schön, während sie sonst leicht ein bißchen alt und krank
+aussieht. Aber dann hat sie plötzlich den Zauber einer jungen Frau, die
+schön ist und es weiß, und beim Lachen zeigt sie die ganze Reihe ihrer
+wundervollen, weißen Zähne. Dann blühen ihre Wangen. Sie hat rötliches
+glänzendes Haar und einen geschmeidigen, leichten, graziösen Körper. Weiß
+oder lila kleidet sie am besten, ein Lila, das nach dem Rosaroten hin geht.
+
+Sie ist immer elegant gekleidet. Gestern aber, weil es regnet, hat sie ein
+graues Lodenkape umgehängt und kommt damit auf Deck. Ich sitze gerade da
+und denke, was nun aus der Gioconda werden soll. Dabei sehe ich, wie er
+Frau Rosenborg eben bemerkt hat und auf sie zugeht. Und wirklich, sie
+lächelt ihm auch schon entgegen und will gerade die Hand unter dem Kape
+freimachen, um sie ihm entgegenzustrecken. Aber als er herangekommen ist,
+sieht er sie nur wie flüchtig an und geht, die Hände auf dem Rücken, an ihr
+vorüber.
+
+Da bleibt sie ganz erstaunt stehen und ruft: »Nanu -- Sie kennen mich wohl
+gar nicht, wie . . .?«
+
+Und was sagt er? Indem er höflich die Mütze abzieht und sich verbeugt und
+ihr die Hand küßt, sagt er: »Verzeihen Sie mir gnädige Frau -- ich dachte
+gerade an Sie.«
+
+Da geht es wie ein Leuchten über ihre Züge und sie sieht ihn mit einem
+jener Blicke an, die uns Männer verrückt machen können. Ach, wie heiß es
+doch sei; und sie wirft mit einem Ruck das Kape von den Schultern und nimmt
+den Arm, den er ihr anbietet.
+
+In Wahrheit ist es aber gar nicht heiß, sondern es ist kühl und regnet, und
+sie hat ein leichtes Spitzenkleid an, das der Regen verdirbt.
+
+ * * * * *
+
+Den 24. August. Es ist nicht zu begreifen, wie dieser Mensch so ruhig sein
+kann. Weiß Gott, ich zittere mehr wie er. Ich komme an unsrer Kabine
+vorbei, sehe die Tür offen und das Bild in dem grauen Packpapier ruhig an
+die Wand gelehnt. Der Geheimagent braucht nur hineinzugehen und einen
+Streifen abzureißen, dann kann er ihn auf der Stelle verhaften lassen. Aber
+dabei sitzt er oben auf Deck bei den Damen, plaudert als ob nicht das
+geringste geschehen wäre, als ob es weder Geheimagenten noch was an Bord
+gebe. Nun, es braucht nicht jeder ein Feigling zu sein wie ich, der ich
+beinah aufgeschrien hätte, als ich endlich die Apfelsine in der Hand hielt.
+Aber seine Gelassenheit regt mich doch auf. Bis hierher kann man die Damen
+zuweilen über seine verdammten Späße lachen hören. Es ist ja, als könne er
+überhaupt kein ernstes Wort mehr sagen und sei jeder weicheren Empfindung
+bar. Manchmal glaube ich, dieser Mensch spielt überhaupt mit uns allen, er
+hält uns alle halbwegs für komische Figuren. Und sich selbst wohl gar auch.
+
+Dabei haben die Damen ihn doch alle miteinander gern. Ernsthaft verlieben
+würde sich wohl so leicht keine in ihn. Ihr Instinkt sagt ihnen, daß hier
+nichts zu holen ist. Höchstens könnte Frau Rosenborg ihre wundervolle
+Neugierde ein wenig gefährlich werden. Einige fürchten ihn ein bißchen,
+denn es zeigt sich, daß er hinter ihren geheimsten Gedanken her ist. Sogar
+Frau Rosenborg, die sicherlich die Überlegenste in dem ganzen Kreise ist,
+hat, wenn sie darüber nachdenkt, oft ein Gefühl, als hätte er immer auf das
+geantwortet, was sie gedacht hat, aber nicht auf das, was sie gesagt hat.
+Arrogant, ein wenig arrogant finden ihn alle. Besonders Frau Sturi. Na, wie
+er die aber auch hat abblitzen lassen. Das war schon vor zwei Tagen:
+
+Er steht wie immer in dem gelben Paletot und der schottischen Mütze auf
+Deck, hat die Arme auf dem Rücken gekreuzt und blickt ganz starr weit auf
+das Meer hinaus. Auf einmal kommt Frau Sturi die Treppe herauf, sieht ihn
+stehen und geht auf ihn zu.
+
+»Sie warten wohl auf jemand,« sagt sie, denn es ist 12 Uhr und alle sitzen
+schon beim Lunch.
+
+Ja, er warte auf jemand. Aber dabei bleibt er, ohne sich umzublicken, die
+Hände auf dem Rücken, stehen und fährt fort auf das Meer hinauszusehen.
+
+Auf wen er denn warte, alle seien doch schon unten?
+
+Da aber dreht er den Kopf zur Seite, sieht sie fast träumerisch und
+lächelnd zugleich an und sagt: »Auf mich. Ich warte auf mich. Frau Sturi.
+Auf mich!«
+
+Frau Sturi erzählte die Sache nachmittags in dem kleinen grünen Teezimmer.
+Sie war noch ganz empört. Ob das nicht eine maßlose Frechheit sei, eine
+ganz maßlose Einbildung und Arroganz!
+
+Ja, das fanden sie nun allerdings alle, wenn sie ihm auch nicht gerade so
+böse sein konnten deswegen.
+
+Nach einer Weile aber, während der alle schwiegen, sagte Fräulein Gabler
+mit ein wenig schüchterner Stimme: eigentlich brauche das gar nicht
+arrogant zu sein. Man könne sich doch auch etwas anderes dabei denken. Und
+dabei sah sie sich etwas scheu unter den Damen um, ob jemand sie vielleicht
+verstände.
+
+Aber die Damen verstanden sie nicht und fanden, daß es eben nur arrogant
+sei und nichts darüber.
+
+»Nun, was man sich denn noch anderes dabei denken könne?« frug schließlich
+Frau Sturi. Aber da wurde Fräulein Gabler verlegen. Sie versuchte sich zu
+erklären, aber die Worte fehlten ihr und sie wurde sogar ein wenig rot.
+
+Zum Glück nahm Frau Rosenborg sich ihrer an und gab dem Gespräch eine
+andere Wendung.
+
+ * * * * *
+
+Den 25. August. Zum Teufel auch, wie sehr sind unsere jungen Damen zu
+beneiden! Eine Verbrechergeschichte an Bord, eine Seereise mit dem Diebe
+der Gioconda! Es flüstert hier und es flüstert dort. Ich sehe ja, daß alle
+es wissen.
+
+Ha, das ist eine Situation für mich!
+
+Da wird von den gleichgültigsten Dingen gesprochen; alle machen so
+unschuldige Gesichterchen wie Liebende, die sich eben hinter einem Zaun
+geküßt und geküßt haben, und denen nun noch die ganze hübsche Geschichte
+der letzten fünf Minuten auf Haupt und Haar geschrieben steht. Haha, und
+wenn sie an einem vorbei sind, da geht ein Getuschel, ein Getuschel los und
+die junge Dame wird sogar noch ein bißchen rot, wenn sie eine gute
+Kinderstube gehabt hat. Aber gar der junge Mann wie armselig-köstlich sieht
+er aus mit seinem mutig-schlechten Gewissen und seiner geküßten kleinen
+Sünde da an der Seite.
+
+Ja, genau so ist es jetzt bei uns. Überall, in jedem Eckchen und jedem
+Winkel sieht man so ein Pärchen stehen, das leise und ach, mit so
+neugierig-klugen Augen miteinander tuschelt und flüstert und fragt, bis
+irgendein Dritter vorbei kommt, von dem man »noch nicht weiß«, und der dann
+nichts weiter zu hören bekommt, als ein unmerklich lauteres: »Ja, es soll
+mich mal wundern, was daraus wird!« Oder das Meer hat plötzlich »eine so
+prachtvolle Farbe, wie Smaragd, ja _wie_ Smaragd«. Und man sieht hinaus
+aufs Meer mit Augen, die sich gar nicht satt sehen können, während die
+Ohren doch nur dem abnehmenden Schall der vorübergehenden Schritte
+lauschen. Schon dreimal habe ich heute gehört, daß das Meer »_wie_ Smaragd«
+sei. Na, kann etwa nicht jeder an einem Gespräche darüber teilnehmen daß
+das Meer wie Smaragd sei? Nur das »wie« müßte nicht so stark betont werden,
+da merkt man ja wohl, daß es gar nicht so sehr auf das Meer ankommt.
+
+Es ist wirklich famos, daß wir so viele junge Frauen an Bord haben. Was
+bekommt man doch überall für ein prachtvoll verheucheltes Lächeln zu sehen,
+wenn man irgendwo hinzutritt. Frau Rosenborg muß man sehen; wie prachtvoll
+lügt sie; was sage ich, vom Kopf bis zu Fuß ist sie plötzlich eine einzige
+glänzende Lüge. Hände, Haltung, die Lippen, die Mienen, alles an ihr lügt
+plötzlich, verschweigt, vertuscht, lenkt ab, spielt die große Komödie der
+Unbefangenheit! Sogar die Augen machen eine ganze Weile diese Komödie mit,
+bis sie auf einmal aus der Rolle fallen und sagen: Gauner, du alter Schurk,
+du -- weißt du es nun oder weißt du es nicht?
+
+Ha, und wie famos frech lachen einem diese glänzenden Augen ins Gesicht!
+
+Aber um Gottes willen nicht davon sprechen; kein Sterbenswörtchen . . .
+Nein, das würde ja den ganzen Spaß auf einmal verderben!
+
+Wie ein Lauffeuer hat sich die Geschichte über das ganze Schiff verbreitet.
+Überall brennt und flackert die rote Neuigkeit; aber niemand weiß natürlich
+von etwas! Gott bewahre!
+
+Wem verdanken wir diese Neuigkeit? Fräulein Holm, dem reizenden Fräulein
+Holm. Der Agent war ja gleich verschossen in sie über beide Ohren. Das will
+nun ein Agent sein!
+
+Fräulein Holm hätte das Geheimnis zu gern für sich behalten. Aber so nah
+wie sie mit Frau Rosenborg seit drei Tagen befreundet war. Nein, das ging
+nicht. Aber gleich nachdem sie es gesagt hatte, tat es ihr wieder leid.
+
+Eigentlich wußte man doch gar nicht, ob man sich schon so nahe stand!
+
+Bei Frau Rosenborg war die Sache natürlich ganz anders. Sie sagte kein
+Sterbenswörtchen -- aber wer mit ihr gesprochen hatte, der wußte genug.
+Frau Rosenborg sagte es nämlich gewissermaßen zwischen den Zeilen und »wenn
+man wüßte« . . . und »ich weiß nichts«. Und bei »ich« zog sie die Schultern
+hoch und lachte komisch. Den Rest sagten die Augen. Verteufelt freche
+Augen, ganz verteufelt freche Augen . . .
+
+Aber die Sache ist jetzt die, daß eigentlich niemand recht weiß, wer zu den
+Eingeweihten gehört und wer nicht. Alle betrachten sich ein wenig
+mißtrauisch und sehen einander beim Sprechen auf die Lippen, als könnten
+sie es da erfahren.
+
+Aber welch' ein Leben herrscht doch auf unserem Schiff, seitdem dieses
+öffentliche Geheimnis die Segel der Neugierde schwellt.
+
+Nur die älteren Damen mit ihren Handarbeitstäschchen und ihren Fußbänkchen,
+sie unterhalten sich nach wie vor von ihren Siebensachen, von ihren
+erwachsenen Söhnen und ihren verheirateten Töchtern, und entdecken bei
+dieser Gelegenheit wohl gar, daß sie miteinander verwandt sind. Oder zu
+mindesten haben sie gemeinsame Bekannte, die ihnen womöglich bei einer
+solchen Entdeckung in einem ganz neuen Licht erscheinen.
+
+Aber die Augen auf, meine Damen, die Augen auf! So alt sind Sie denn doch
+noch nicht, daß es Ihnen nicht später ein ernstlicher Verdruß sein wird,
+wenn Sie dabei gesessen, dabei gesessen und nichts gemerkt haben!
+
+Sie, gnädige Frau, zum Beispiel, die Sie in Ermangelung eines Besseren eben
+davon leben, Ihren armen gedemütigten Ehemann es jeden Augenblick empfinden
+zu lassen, wie sehr Sie ihn wegen des kleinen Seitensprunges mit der
+ehemaligen Gouvernante ihrer Kinder verachten. Wenn Sie nicht so viel Mühe
+hätten, ein empfindliches und verachtendes Gesicht zur Schau zu tragen,
+hätten Sie es doch, weiß Gott, schon merken müssen. Sie sind doch nach der
+Passagierliste erst 36 Jahre!
+
+Und dann Fräulein Sivers . . . Warum sagen Sie immer, das Leben sei lange
+nicht so interessant, wie das Theater? Nun, wetten wir, daß später einmal
+diese Reise das Glanzstück in Ihren glaubwürdigen Memoiren bilden wird?
+Vergessen Sie ja nicht zu bemerken, daß Sie »gleichsam« -- ja gleichsam ist
+das passende Wort -- die erste waren, die alles gemerkt hatte, die sich
+aber _wohlweislich_ nichts merken ließ und ihre Rolle bis zu Ende glücklich
+durchführte. Vergessen Sie das nicht!
+
+Also die Augen auf, meine Damen! Noch ist es Zeit, den anderen
+Schiffsgästen Vorwürfe zu ersparen. Wenn Sie nicht mehr so viel Phantasie
+aufbringen können, wie Fräulein Sivers, die es »gleichsam zuerst bemerkte«,
+dann wird Ihnen das nach Jahren noch zu schaffen machen! Glauben Sie mir,
+ich kenne das. Es wurmt einen noch sehr lange, wenn man nichts gemerkt hat
+-- ja, ja!
+
+Ich treffe Frau Rosenborg, die mit Fräulein Holm flüstert.
+
+»Diese prachtvolle Farbe, dieses tiefe Blaugrün« sind die Worte, die für
+meine Ohren bestimmt sind.
+
+»Sie schwärmen ja ordentlich, Fräulein Holm. Aber Sie haben recht,
+köstlich, ganz köstlich! . . .«
+
+Einen Augenblick schweige ich und sehe die Damen, die echt verzückt aufs
+Meer hinaussehen, an. Während ich dann selbst hinausblicke und mich nicht
+im geringsten daran kehre, wie die Damen verdutzt dreinschauen, sage ich:
+»ja, diese grünbläuliche Farbe erinnert mich ein wenig an eine gewisse
+Partie auf dem Bilde von Lionardo -- der Gioconda, das Bild wurde doch
+kürzlich gestohlen.«
+
+Die Damen waren baff.
+
+»Es war ein sehr eigentümliches Bild,« fahre ich fort -- die Damen erholten
+sich nicht von ihrem Staunen -- »ich muß schon sagen, es ist mir wohl
+verständlich, daß jemand auf den Gedanken kommen konnte es zu stehlen.
+Wissen Sie, es _reizte_ einen ordentlich dazu. Ich meine dieses Weib, es
+war doch wie aus Fleisch und Blut. Nicht wahr? Und dieses Lächeln,
+nächtelang hat es mich verfolgt. Ich sah überhaupt zuletzt nur noch dieses
+Lächeln. Ich sehe es überall; es kam mir weiß Gott vor, als lächelten alle
+Frauen so, und das machte mich förmlich rasend. Wenn ich das Bild gestohlen
+hätte -- sehen Sie, jetzt kann ich es Ihnen ja sagen -- ich hatte nämlich
+auch einmal die Absicht, ja, weiß Gott, ich hatte die Absicht, aber ich bin
+ja viel zu feige dazu -- ja, was wollte ich sagen -- richtig, ich meine,
+wenn ich es gestohlen hätte, so hätte ich das Bild getötet -- vernichtet,
+meine ich, erstochen hätte ich es oder verbrannt. Ja!«
+
+All das sog ich mir im Handumdrehen aus den Fingern und das versteinerte
+Erstaunen der Damen -- ich sah, daß beiden der Mund aufstand und sie dabei
+sehr häßlich aussahen -- kam mir dabei vortrefflich zustatten. Es wäre ein
+leichtes gewesen, sie noch mehr in Erstaunen zu setzen. Einen Augenblick
+kam mir sogar der Gedanke ihnen zu sagen, daß ich der Dieb wäre. Aber das
+hätte mir vielleicht den Spaß verdorben.
+
+Ich brach plötzlich ab und wendete mich zu Fräulein Holm, die etwas
+verlegen lächelte: »Glauben Sie, daß der Dieb Paris verlassen hat?«
+
+»Wieso?« Ihr hilfloses Lächeln wiederholte sich.
+
+»Sehen Sie, das ist ganz ausgeschlossen. Wie gesagt, wenn ich das Bild
+gestohlen hätte, -- ich meine nur so --, so würde ich doch Paris nicht
+verlassen! Sagen Sie selbst, wo ist man besser aufgehoben als in Paris?
+Ach, glauben Sie mir, der Dieb hat Paris nicht verlassen. Wegen des schönen
+Wetters und weil Sie so ein erstauntes Gesicht machen -- Fräulein Holm
+machte rasch mit der Hand eine Bewegung über ihr Gesicht hin -- möchte ich
+geradezu eine Wette darauf eingehen. Wollen Sie?«
+
+»Ich wette dagegen,« sagte Fräulein Holm mit einem Blick nach Frau
+Rosenborg und streckte die Hand aus.
+
+»Nun, und was behaupten Sie? Daß er Paris verlassen hat?«
+
+»Ja -- und --«
+
+»Und daß er auf ein Schiff geflüchtet ist?«
+
+Fräulein Holm sah mir fest in die Augen und hielt die Hand noch immer
+hingestreckt.
+
+»Ha -- diese Wette nehme ich an. Ich wette, -- nun gut, ich wette 1000
+Franken,« sagte ich.
+
+»Da wette ich auch,« rief plötzlich Frau Rosenborg dazwischen und streckte
+auch ihrerseits die Hand aus. Der Daumen war etwas nach außen gebogen.
+
+»Auf 1000 Frank?«
+
+»Auf 5000 Frank,« sagte sie.
+
+»Auf 5000 Frank? Ich wette auch auf 5000 Frank, aber unter einer
+Bedingung!«
+
+Ich sah jetzt die Damen gespannt an; dann platzte ich damit heraus: »Unter
+der Bedingung, -- daß das Bild nicht hier auf dem Schiff gefunden wird!
+Vielleicht haben Sie es ja selbst gestohlen!«
+
+Ich lachte, als wollte ich dadurch anzeigen, für wie unsinnig ich selbst
+meinen Einfall hielte.
+
+»Na, das ist doch klar,« -- wieder lächelte ich so, als ob ich etwas ganz
+Unsinniges sagte, -- »wenn Sie das Bild selbst gestohlen hätten, dann
+wüßten Sie ja, wo es ist und dann . . . dann wäre es doch gewinnsüchtig von
+Ihnen, die Wette abzuschließen!«
+
+Ich weidete mich an der Verlegenheit der Damen, die sich gegenseitig
+hilflos anlächelten.
+
+»Also 5000 Franken.« Ich streckte nun meinerseits die Hand aus. Aber die
+Damen zögerten.
+
+»Bitte -- schließlich können Sie es doch annehmen. Auch wenn Sie es
+gestohlen haben. Sie riskieren doch nichts!«
+
+»Wieso?« Die Damen sahen noch nicht klar.
+
+»Dann bekommt doch niemand etwas. Sie nichts und ich nichts.«
+
+»Ja, das ist ja auch wahr,« sagte Fräulein Holm und sah dabei Frau
+Rosenborg mit einer Miene an, die sagte, na, dann können wir es ja
+eigentlich ganz gut riskieren:
+
+»Also. Top.« Wir schlugen zweimal die Hände zusammen und alle lachten wir
+herzlich.
+
+»Die Wette ist so gut wie gewonnen,« rief ich. »Aber ein bißchen verdächtig
+sind Sie mir jetzt doch. Entschuldigen Sie mich. Ich muß endlich einmal
+mein Paket auspacken, das ich aus Paris mitgebracht habe. Auf Wiedersehen.
+Und 5000 Franken! Auf Wiedersehen!«
+
+Hinter meinem Rücken fühlte ich, wie die Damen sich mit sprachlosem
+Erstaunen ansahen. Erst jetzt kam es ihnen eigentlich recht zum Bewußtsein,
+was sie getan hatten. Außerdem hielten sie mich jetzt selbst für den Dieb;
+denn wer es eigentlich sei, darüber war, so viel ich sehen konnte, noch gar
+nichts bekannt.
+
+ * * * * *
+
+Den 26. August. O, ich bereue es keinen Augenblick, mich auf diese Seefahrt
+eingelassen zu haben! Wir leben ja wie auf einem Vulkan, wie auf einem
+Pulverfäßchen, das jeden Augenblick losgehen soll.
+
+Welch' ein unterirdisches, heimliches Leben spielt sich doch hier unter uns
+ab. Fast mit jedem Augenblick wird die Situation gespannter. Einige Damen
+sind, weiß Gott, schon so ermüdet von diesem beständigen so auf der Lauer
+liegen, daß sie sich ganz unvorsichtig benehmen. Wenn mein Freund nur
+halbwegs meine Augen im Kopf hat, so muß er es längst bemerkt haben, daß es
+ihm an den Kragen gehen soll.
+
+Dieses Hin und Her auf dem Schiff. Diese Nervosität in allen Liege- und
+Lehnstühlen. Nie waren die Garnröllchen so boshaft, nie die kleinen
+Nähfutterale so heimtückisch. Überall bleiben sie liegen, fallen hin,
+rutschen durch, springen aus den Fingern heraus oder verstecken sich
+irgendwo in allen möglichen bunten Lappen- und Fadenwirrnissen. Und diese
+unbarmherzige Bearbeitung all der kleinen Fußbänkchen. Was ist denn mit
+ihnen? Bald stehen sie zu weit vorne, bald zu weit hinten, bald sind sie
+»überhaupt zu unbequem«, fliegen mit einem Schupps zur Seite und gleich
+werden sie wieder in einer Anwandlung von Reue zurückgeholt und
+gestreichelt! Haha -- wenn man an den Liegestühlen vorbeikommt, wird man
+ordentlich in Versuchung geführt, die Sprache all dieser wippenden,
+schaukelnden, schlenkernden Füßchen einmal rund heraus ins Deutsche zu
+übersetzen! Na, dann würde wohl endlich in die griesgrämigen,
+stirngerunzelten, großen Stiefel der alten Damen auch ein bißchen Leben
+kommen. --
+
+Eine famose Entdeckung, eine ganz famose Entdeckung habe ich da im Gespräch
+mit einer großen brünetten Dame gemacht -- ich habe den Namen vergessen.
+
+Sie kommt die Treppe herauf: Ach! Ihre Nähtasche fiel auf die Stufen. Eine
+kleine Nickelschere und ein Garnröllchen fielen heraus und polterten die
+Treppe hinunter.
+
+»Mir kommt vor, all unsere Damen sind in den letzten Tagen so nervös
+geworden« sage ich und reiche ihr die Sachen zurück.
+
+»Ach, es ist ja aber auch nicht auszuhalten!« Sie schaute ängstlich
+neugierig nach den Stuhlreihen. »Ist denn schon etwas passiert?«
+
+»Aber was sollte denn passiert sein?«
+
+»Ach, ich weiß ja nicht. Ewig will mein Mann mit mir über unsere
+geschäftlichen Angelegenheiten sprechen.« »Geschäftliche Angelegenheiten«
+sagte sie sozusagen in Gänsefüßchen, wie um schon jetzt anzudeuten, daß das
+etwas wäre, was sie nichts anginge. »Ich verstehe ja davon nichts, gar
+nichts. Ich halte es nicht aus da unten. Ich muß hier oben sein . . . in
+der freien Luft.« Auf ihrem hübschen Gesichtchen war jetzt ein Zug ähnlich
+dem eines kleinen Schulmädchens, das eine Rechenaufgabe nicht lösen kann
+und dem die Tränen nahe sind.
+
+»Ja, die freie Luft ist Ihnen auch sicher bekömmlicher als >geschäftliche
+Angelegenheiten<«.
+
+Sie lächelte mich freundlich an. Offenbar freute sie sich darüber, daß ich
+an dieses schnell erfundene Märchen von der »freien Luft« glaubte. Gleich
+darauf aber, während sie sich wohl wieder ihren Mann bei den
+»geschäftlichen Angelegenheiten« vorstellte, kam wieder dieser halb
+erbitterte, halb leidvolle Ausdruck in ihr Gesicht und sie sagte: »Ja, ich
+glaube alles mögliche könnte passieren, alles mögliche; mein Gott es ist zu
+schrecklich mit diesen Männern!« Wieder standen ihr beinahe die Tränen in
+den Augen.
+
+»Kommen Sie, lassen Sie uns von etwas anderem sprechen. Darf ich Ihnen
+etwas von Ihren Sachen tragen?«
+
+Haha, ich werde nicht den fragwürdigen Blick vergessen, mit dem sie ihre
+bunten Siebensachen plötzlich an sich hielt. Ganz leise und
+vorsichtig-ängstlich sagte sie: »Nein, ich danke . . . ich danke.«
+
+Ich ging einige Schritte neben ihr her. Ganz plötzlich sagte ich: »Die
+Gioconda ist jetzt auf einem Schiff gefunden worden!«
+
+»Bei uns?« rief sie schnell und preßte ihre Siebensachen an die Brust.
+
+Ich tat als bemerkte ich nichts von ihrem auffallenden Erschrecken, blies
+den Rauch meiner Zigarre vor mich her und sagte, so wie man eine ganz
+belanglose Sache sagt, nur um überhaupt etwas zu sagen: »Nein, auf einem
+Dampfer der White Star Line.«
+
+Sie war unwillkürlich stehengeblieben und blickte mich jetzt sonderbar an.
+»Aber es hieß doch -- Sie wären (sie verbesserte sich rasch) -- ich meine,
+es hieß doch, das Bild wäre hier bei uns auf dem Schiff?«
+
+»So? Davon habe ich gar nichts gehört.«
+
+»Nein? Aber es hieß doch ganz bestimmt, es wäre hier an Bord. Es sollte
+doch bei jemandem in der Kabine gesehen worden sein. Wir haben doch einen
+Geheimagenten an Bord. Der hier mit den vielen Ringen. Und dann sind Sie ja
+wohl gar nicht der Dieb?«
+
+»Wie? Was sagen Sie? Ich, der Dieb? Zum Teufel auch, wer hat das gesagt?«
+
+»Alle haben es gesagt.«
+
+»Alle haben es gesagt? So? dann entschuldigen Sie mich einen Augenblick!
+Mein Gott, das versetzt mich in eine begreifliche Begeisterung.« Ich ließ
+Frau . . . Gott, wie hieß sie doch . . . richtig, Frau Sanden stehen, lief
+in meine Kabine, trommelte mit den Fäusten an die Wand und sang dazu: »Ha,
+sie halten mich für den Dieb, hallo. Das ist famos. Gut, ich werde meine
+Rolle spielen. Das ist etwas für mich, einen Dieb zu _spielen_, haha, das
+werde ich können, wenn ich auch selber nicht imstande bin, auf anständige
+Art und Weise eine Apfelsine zu stehlen. Ein Dieb, -- famos, ich bin ein
+Dieb; der Dieb der Gioconda . . . ich werde meine Rolle schon durchführen
+. . . sie steht mir ja famos diese Rolle . . .«
+
+ * * * * *
+
+Mein Gott, mein Gott, was ist mit mir geschehen, ist das der Anfang des
+Wahnsinns, bin ich irrsinnig geworden? Was geht mit mir vor? Habe ich mich
+in einen anderen Menschen verwandelt? Bin ich der Dieb des Bildes? Was ist
+mit meiner Hand, meinen Augen, meinem Körper? Bin ich das noch, der ich
+hier aus dieser Türe vor einigen Stunden herausgetreten bin? Sind das noch
+meine Füße, die mich bis an die Treppe geführt haben, wo ich plötzlich ihm
+begegnete und wo plötzlich diese furchtbare Veränderung mit mir vorging?
+
+Mein Gott, mein Gott, was ist mit mir geschehen? Habe ich mich nicht hier
+noch vor kurzem vorbereitet, die Rolle des Diebes zu spielen und jetzt, und
+jetzt -- o, mein Gott -- mir wird elend und angst, wenn ich daran denke --
+jetzt bin ich womöglich der Dieb selbst? . . .
+
+Ich will alle meine Kraft -- o ich fühle, mir bleibt kaum mehr so viel
+übrig, überhaupt das Leben zu ertragen -- ich bin ja irrsinnig oder ich
+beginne es zu werden -- mein Körper gehört nicht mehr mir, meine Stimme,
+welch' eine Stimme kommt aus meiner Kehle -- sind das noch meine Hände --
+ist das meine Haut, dieses dünne eidechsenartige Gewebe auf meinen Fingern?
+O der Ekel befällt mich, ich muß -- hilf mir mein Gott, nein, nein, ich bin
+nicht der Dieb, nein, ich habe nicht gestohlen, so wahr ich lebe, ich
+. . .
+
+ * * * * *
+
+(Zwei Stunden später.) Ich will alle Kraft zusammennehmen und das
+Entsetzliche aufschreiben, vielleicht findet man es nach meinem Tode. Dann
+wird man sehen können, wie unschuldig ich bin; daß ich nicht das geringste
+begangen habe, was unrecht ist. Ja, ich will versuchen, mich selbst zu
+verteidigen, _mich gegen mich selbst_ zu verteidigen. --
+
+Als ich von dem Gespräch mit Frau Sanden in meine Kabine kam, überlegte ich
+mir, wie ich den Agenten und die Damen und alle Schiffsgäste zum besten
+halten könnte. Ich wollte mich recht auffallend betragen; wenn noch irgend
+etwas an ihrer Überzeugung fehlte, daß ich der Dieb sei, so wollte ich es
+hinzutun. Ich wurde ganz warm bei diesem Gedanken. Ich sah, ich fühlte alle
+Blicke auf mir; alle sah ich umherstehen und flüstern und überall, wo ich
+in Gedanken vorbeiging, ließ ich eine Äußerung fallen, machte ich eine
+eigentümliche Geste, die mich als den Dieb verraten und charakterisieren
+sollte. Fast ohne daß ich es wußte, verließ ich meine Kabine, ging den Gang
+hinunter und wollte eben die Treppe emporsteigen, als der Gelbe mir
+entgegenkam. Er trug etwas Schimmerndes in der Hand, was ich gleich
+erkannte.
+
+»Ha, da sind Sie?« Zufällig gebrauchten wir genau dieselben Worte und
+sprachen sie auf die Sekunde gleichzeitig aus.
+
+»Was haben Sie denn da? Ein altes Schlachtschwert. Wollen Sie jemanden
+hinrichten?« Er hatte in der Tat ein großes, mittelalterliches Schwert in
+der Hand, an dem einige Goldketten herabhingen. Er drängte mir das Schwert
+in die Hand und indem ich es wog, fühlte ich, daß es sehr schwer war.
+
+»Ich wollte eben zu Ihnen kommen, um es Ihnen zu zeigen. Sie verstehen doch
+offenbar etwas von Waffen?«
+
+Die Frage kam mir so eigentümlich vor, daß ich unwillkürlich in seine Augen
+blickte, und zum ersten Mal fielen mir diese Augen auf, die seltsam
+grünlich waren, wie die einer schwarzen Katze. Ich wunderte mich im
+stillen, daß ich dieses auffallende Merkmal sonst noch nie an ihm
+wahrgenommen, ja daß ich eigentlich seine Augen überhaupt noch nicht
+gesehen hatte.
+
+Als ich ihm jetzt antwortete, fiel es mir auf, wie eigentümlich schüchtern
+und zitternd meine Stimme klang, ähnlich fast wie die eines Menschen, der
+ein schlechtes Gewissen hat und fürchtet, daß sein Lügen durchschaut wird.
+
+»Ich soll etwas von Waffen verstehen? Wer hat das gesagt?«
+
+»Aber nun verstellen Sie sich doch nicht.«
+
+»Ich verstelle mich doch gar nicht . . .«
+
+»Aber, aber! . . . Jedermann weiß, daß Sie einer unserer besten Kenner
+mittelalterlicher Waffen sind . . .«
+
+Wieder antwortete ich mit derselben leisen schüchternen Stimme: »Ich ein
+Kenner? . . .« Fragend sah ich in seine eigentümlich grünschillernden
+Augen. »Für wen halten Sie mich denn? Ich bin . . .«
+
+Aber er ließ mich nicht ausreden, sondern fiel mir ins Wort und sagte,
+während mein Erstaunen ins Maßlose wuchs und es mir fast unheimlich wurde:
+
+»Ich halte Sie für den Herrn, der vor kurzem so glücklich war, in Paris bei
+dem Kunsthändler Duval den berühmten Dolch aus rötlichem toledanischen
+Stahl zu kaufen. Sind Sie dieser Herr oder sind Sie es nicht?«
+
+Und jetzt geschah etwas, was ich nie für möglich gehalten hätte und was mir
+bis zu meinem Tode rätselhaft bleiben wird. Man hätte doch glauben sollen,
+daß ich diesem Ansinnen, den Dolch bei Herrn Duval gekauft zu haben, aufs
+lebhafteste widersprochen hätte. Aber jetzt war es mir plötzlich, als ob
+sich in meinem Inneren etwas umwandte -- ganz deutlich hatte ich dies
+Gefühl, als kehre sich etwas Dunkles plötzlich in mir ins Licht -- und laut
+und vernehmlich hörte ich wie meine Stimme sagte: »_Ja, der bin ich_.« Und
+in demselben Moment als ich dieses zugab, da wußte ich auch, daß es sich
+bei dieser so unscheinbar klingenden Frage eigentlich gar nicht um den
+Dolch, sondern um das Bild, um das Bild der Gioconda handelte, daß die
+Frage: Haben sie den Dolch bei Herrn Duval gekauft? nicht mehr und nicht
+weniger bedeutete als: Haben Sie die Gioconda aus dem Louvre geraubt?
+
+Und irgendeine fremde, unsichtbare Macht zwang mich, ohne daß ich selbst
+begriff wie, es zuzugeben, ja dazu zu sagen, als sei es das
+Selbstverständlichste von der Welt.
+
+Ich hatte doch mit meinen eigenen Augen gesehen, wie er selbst in den Laden
+getreten war und die Hand auf den Drücker gelegt hatte. Ich hatte doch
+gesehen, wie er als Erzbischof verkleidet vor Herrn Duval gestanden hatte
+und plötzlich den Mantel, der mit brennend roter Seide gefüttert war,
+zurückschlug und den Dolch in der Hand hielt. Ich hätte es also mit dem
+besten Gewissen beschwören können, daß er selbst es war, der den Dolch
+gekauft hatte.
+
+In seinen Augen aber, diesen, wie mir jetzt immer mehr schien, irisierend
+grünen Augen einer schwarzen Katze, sah ich ganz deutlich im selben
+Augenblick den Triumpf höhnischer Befriedigung darüber aufleuchten, die
+ganze Last und die Verantwortung für diesen frechen unerhörten Diebstahl
+auf mich abgewälzt zu haben.
+
+All das war nur die Empfindung eines Augenblicks, und ein Vorübergehender
+hätte nichts gesehen als eine Gestalt in einem auffallend gelben Mantel und
+einer großen Reisemütze, und einen andern Herrn, der sich fachkundig über
+ein altes Schwert beugte. Nichts war sonst zu sehen. Aber was spielte sich
+unterdessen und während der nächsten Augenblicke in meinem Innern ab! Alles
+an mir kam mir plötzlich fremd vor. Ich betrachtete mit Entsetzen meine
+eigenen Hände, wie sie mit nie gesehenen Bewegungen über das Metall hin und
+her fuhren und es befühlten. Waren dies noch meine Hände, sind dies meine
+Hände, diese langen dünnen gelblichen Finger, die wie mit einer feinen
+Eidechsenhaut überzogen sind? Während ich gebeugt über das Schwert stand,
+ließ ich meinen Blick über meinen Körper, meine Beine, meine Füße laufen.
+Das Blut pochte mir in den Schläfen -- auch mein Körper kam mir plötzlich
+fremd und unbekannt vor, nicht wie ein Teil meiner selbst, sondern wie ein
+Tisch, ein Stuhl, wie eine Sache, die man angreifen kann und die hart und
+gefühllos ist. Wie aber erschrak ich erst, als ich plötzlich meine Zunge in
+meinem Gaumen sich wie den Klöppel einer Glocke bewegen fühlte, als sich
+meine Lippen feuchtkalt aufeinanderlegten und als eine fremde Stimme, eine
+nie gehörte, grauenhafte Stimme aus meinem Munde erscholl und Dinge sagte,
+von denen meine Seele nicht das geringste wußte oder auch nur ahnte.
+
+Entsetzt hörte ich diesen Erklärungen zu, während ich die Worte wie
+würfelartige Holzklötze auf meiner Zunge fühlte: »Es dürfte eine
+augsburgische Arbeit sein. Im germanischen Museum in der fränkischen
+Waffensammlung befindet sich wohl ein Geschwisterstück zu dem Ihrigen,
+einfacher, nicht so reich ziseliert an der Schneide, aber von derselben
+Art. Hier hat das Metall übrigens einen Sprung.« Ich sah wie mein eigener
+Finger auf eine Stelle des Griffs deutete, wo in der Tat ein ganz feiner,
+haardünner Sprung im Metall zu sehen war.
+
+Und während ich jetzt meinem deutenden Finger über dem Metall folgte,
+während ich noch diese mir Grauen erregende Stimme aus mir hervordringen
+hörte, hatte ich plötzlich jenes seltsame Gefühl, das vielleicht jeder
+Mensch in seinem Leben empfunden hat -- ich hatte eine Art traumhaften,
+aber doch klaren Gefühls, als hätte ich eben dieselbe Szene, genau wie sie
+sich jetzt abspielte, schon vor vielen Jahren einmal erlebt.
+
+ * * * * *
+
+Ich erwachte wie von einer Betäubung. Noch immer stand ich an der Treppe.
+Ich hielt das Schwert in den Händen. Alle meine Sinne waren gespannt und
+lauschten auf die Schritte und Stimmen, die über mir hörbar waren. Mir war
+als hätte sich die Schärfe meines Gehörs verdoppelt, deutlich unterschied
+ich jeden einzelnen Laut, jede einzelne Stimme, deutlich verstand ich was
+sie sagten und worüber sie lachten. Frau Rosenborgs Gelächter erhob sich
+wie eine Rakete flackernd über das Gewirr dunkler und hellerer Stimmen. Im
+Tonfall einer sonoren Stimme, die in Begleitung einer scharfen, eckigen
+erklang und mit ihr wechselte, vernahm ich mehrmals das Wort Gioconda. Bei
+dem Wort Louvre erreichte die sonore Stimme jedesmal ihren tiefsten Ton.
+
+Plötzlich aber hatte ich ein Gefühl ganz ähnlich dem, wenn man aus einem
+sonderbar fesselnden Traum erwacht. Wie man wohl von dem Wunsch beseelt
+ist, die Erscheinung eines Traumes noch zurückzuhalten, zurückzurufen, wenn
+man zu einer quälenden sorgenvollen Wirklichkeit, der man entfliehen
+möchte, erwacht ist, -- so hatte auch ich den Wunsch, etwas Entfliehendes
+zurückzuhalten und unwillkürlich machte ich mit der Hand eine greifende
+Bewegung vorwärts, wie um etwas festzuhalten. Im selben Augenblick aber
+fühlte ich wieder, daß dieses nicht meine Hand war und wie mit einem
+elektrischen Schlage durchzuckte mich ein unnennbares Gefühl des Grauens
+und Entsetzens. Ich stürzte in meine Kabine. Ich lief; und doch war es mir
+nicht als liefe ich, sondern als liefe ein anderer an meiner Stelle, mit
+einem mir fremden, unregelmäßigen Gang. Dann befühlte ich mich, befühlte
+mit meinen eidechsenhäutigen Händen meinen Körper, meinen Kopf, meine
+Haare. Und ich fühlte nicht mich, -- ich fühlte einen andern. Nur die, die
+wissen, was sich hinter Worten verbergen kann, können mich vielleicht
+verstehen, wenn ich sage: ich fühlte meinen Bruder. Ich fühlte ein kurzes,
+trockenes, struppiges Haar, ein flaches, knöchernes Ohr, schmale, dünne,
+runzlige Lippen. Und die Bewegungen von diesem mir fremden Körper, von dem
+mir meine Augen zwar sagten, daß es der meinige sei, empfand ich nur so wie
+man die Bewegung eines unter einer Decke verborgenen Tieres bei aufgelegter
+Hand wahrnimmt.
+
+O mein Gott, mein Gott, was ist mir geschehen! Was ist das? Alle meine
+Gebärden gehören nicht mir, ich habe eine fremde Stimme, ich lache ein
+fremdes Lachen, ich gehe einen fremden Gang, welche Bewegungen mache ich?
+. . . ich bin hilflos wie ein Kind . . . ein Körper umgibt mich, ein
+fremder Körper, fremde Hände, fremde Arme, fremde Augen . . . o mein Gott,
+mein Gott, _ich lebe noch, aber ich bin nicht mehr!_
+
+ * * * * *
+
+Kann sich jemand eine Vorstellung machen von dem, was ich empfinde! Wer ist
+je in einer so furchtbaren Lage gewesen! Früher habe ich zuweilen etwas
+ganz entfernt Ähnliches empfunden, wenn ich plötzlich für den Bruchteil
+einer Sekunde, vielleicht in meiner Bewegung, im Tonfall meiner Stimme, in
+meinen Augen eine Ähnlichkeit, eine Gleichheit mit einer mir bekannten
+Person bemerkte. Und das Unbehagen, das sich bei diesem flüchtigen Bemerken
+einstellte, war stets um so größer, je näher ich mit jenem Menschen
+verwandt war, dessen Miene oder Haltung ich plötzlich an mir wahrzunehmen
+glaubte. So erinnere ich mich deutlich, wie grauenhaft mir eines Tages
+meine Schwester erschien, als ich plötzlich ihre Blicke in meinen Augen
+fühlte, und ein ausgesprochenes Ekelgefühl hatte ich auch als ich --
+deutlich steht mir noch der Ort vor Augen -- beim Heraustreten aus einem
+Hamburger Hotel die Ganghaltung und Bewegung meines vor Jahren verstorbenen
+Bruders an mit wahrnahm. Nur Menschen, die je etwas Ähnliches empfunden --
+aber mir kommt vor, alle müßten es gefühlt haben -- werden sich in meine
+Lage versetzen, werden mir dieses entsetzliche bittere Unlustgefühl, diesen
+physischen und zugleich körperlichen Ekel vor mir selbst von ferne
+nachfühlen können.
+
+ * * * * *
+
+Ich fühlte oftmals, wie ich daran war, das Bewußtsein zu verlieren. Es
+kamen Augenblicke der Erleichterung, sogar des Vergessens. Aber immer
+wieder und jedesmal furchtbarer kehrte mir das Bewußtsein meines
+entsetzlichen Zustandes zurück.
+
+Ich hätte schreien wollen, aber die Angst vor der entsetzlich grauenvollen
+Stimme, die ich aus meinem Munde hatte kommen hören, drückte mir die Kehle
+zu. Ich preßte die Hände vor meinen Mund und stieß klagende, winselnde Töne
+aus. Ich lag auf dem Boden, denn ich hatte ein Gefühl, als müßte ich mich
+tief im Innersten der Erde verstecken und begraben. Der physische Abscheu
+vor diesem fremden, schwitzenden, behaarten Körper, der mich umgab wie eine
+klebrige, widerliche Masse, nahm eher zu, als daß er nachließ. Und zu
+diesem unbeschreiblichen Gefühl des Abscheus gesellte sich nach einiger
+Zeit noch ein psychischer Schmerz, der mich fast durchbohrte und an die
+Grenze des Wahnsinns trieb. Ganz plötzlich empfand ich es nämlich mit aller
+Deutlichkeit, oder es war mir wenigstens so, -- als hätte ich es selbst in
+der Hand gehabt, diesem furchtbaren Schicksal zu entgehen. Hätte ich die
+Kraft gehabt, jene einfältige Frage nach der Herkunft jenes Schwertes, das
+ich doch weiß Gott nie gesehen hatte, zurückzuweisen -- nichts hätte mir
+geschehen können. Ich habe mich selbst ins Unglück gestürzt. Jetzt machte
+mein Inneres jene furchtbar schmerzvollen Anstrengungen, etwas Geschehenes
+wieder ungeschehen zu machen. Ich bog mich weit zurück, nach hinten, gerade
+als hätte ich dadurch ein Stück Zeit, das schon vergangen war, noch einmal
+einbringen, noch einmal durchleben können. Das so furchtbar
+niederschmetternde Gefühl des Unwiederbringlichen warf mich gänzlich
+darnieder. Aber immer wieder, mit immer erneuter Hoffnungsangst, stellte
+ich mir wohl hundertmal jene Szene vor: wie er jetzt die Treppe herabkam,
+jetzt sprach er mich an, hielt mir das Schwert entgegen, jetzt frug er und
+jetzt -- -- so sehr ich mich auch innerlich sträubte und wehrte, tierische
+wilde Verzweiflungslaute entrangen sich meiner Kehle, -- ich konnte und
+konnte nicht Herr dieser fremden Gewalt werden, die mich nur durch den
+Tonfall ihrer Stimme mir selbst entriß und mir mit einem fremden Willen
+einen fremden Körper aufdrang. Trotz meiner Angst, meiner Verzweiflung, die
+mir die ganze Erinnerung an die furchtbare Szene wieder erregte, trotz
+alledem fühlte ich doch, daß ich im gleichen Falle genau wieder so handeln
+würde, und daß, was geschehen war, hatte geschehen müssen.
+
+Von dieser Einsicht ging zunächst eine -- o, welch ein Hohn steckt in
+diesem Worte -- Erleichterung für mich aus. Aber als sich dann meine
+Gedanken wieder zu ordnen begannen, als jene Anfälle des
+Sichwiedererinnerns aufhörten, da empfand ich mit ungeahnter Heftigkeit die
+ganze Hohlheit, die ganze entsetzliche Leere meines Daseins und dieses
+Gefühl gepaart mit dem noch viel entsetzlicheren Abscheu und Ekel vor mir
+selbst gab mir den Wunsch ein, mich von der schmutzigen Hülle dieses
+Körpers und dem Grauen dieses Daseins zu befreien. Ein Gefühl des Hasses,
+ganz wie das gegen einen fremden Menschen, ergriff mich.
+
+Ich fühlte eine tiefe Befriedigung bei dem Gedanken, daß ich diesen Körper
+gewaltsam vernichten und mich auf diese Weise auf ewig von ihm befreien
+konnte. Ich riegelte die Türe und riß förmlich in Wut den Revolver mit den
+Patronen aus der Handtasche. Es hätte mir Freude gemacht, diesen Körper
+Stück für Stück zu vernichten. Mit dem ersten Schuß durchschoß ich meine
+Hand; ich lachte laut auf vor innerster Befriedigung, als ich das rote Blut
+aus dem winzig kleinen Loch des Handtellers hervorfließen sah. Dann legte
+ich die kühle, kreisrunde Öffnung des Revolvers an meine heiße Schläfe und
+drückte ab. Ich verspürte einen leichten Stoß, aber da ich noch Kraft in
+meinem Arm fühlte, schoß ich noch ein zweites Mal, wieder die
+Revolvermündung dicht an der Schläfe. Ich erwartete, daß ich taumeln, daß
+ich umstürzen werde -- aber nichts dergleichen geschah. Ich befühlte mit
+der Hand meine Schläfe -- sie war blutüberströmt und das rote Blut rann
+über die Backe, über den Anzug an mir herunter. Aber ich hatte mich nicht
+getötet . . . Und nach einigen qualvollen Augenblicken hatte ich die
+Gewißheit: Ich _vermochte_ nicht, mich zu töten . . . .
+
+ * * * * *
+
+Ich erwachte und lag auf meinem Bett. An der Dämmerung, die in der Kabine
+herrschte, sah ich, daß es Abend war. Ich suchte mich zu erinnern und
+richtete mich auf. Hatte ich geträumt? Die schwache Regung der Hoffnung,
+die in mir aufstieg, wurde sofort durch die deutlich erkannte Gewißheit,
+daß es kein Traum, daß es Wirklichkeit war, zerstört. Fühlte ich denn nicht
+wieder diesen klebrigen, schleimigen Körper um mich, fühlte ich nicht meine
+wahren Bewegungen, meine Augen, meine Mienen, wie hinter einer dumpfen
+heißen Maske, die mir den Atem benahm?
+
+Plötzlich bemerkte ich, daß ich nicht allein in der Kabine war.
+
+In der Dunkelheit neben dem helleren Fenster, durch das der Abend
+hereinsah, erblickte ich den Kopf und die Schultern einer seltsam fremden
+Gestalt. Sie wandte mir jetzt ihr Profil zu und schien unverwandt auf einen
+Punkt zu starren. Nur verschwommen und undeutlich konnte ich die Züge und
+den Ausdruck des Gesichts wahrnehmen.
+
+»Ist jemand da?« fragte ich halblaut und langsam.
+
+Keine Antwort. Die Gestalt beharrte unbeweglich in ihrer Stellung; nur war
+es mir einen Augenblick, als sähe ich sie deutlich die Lippen bewegen,
+öffnen und wieder schließen. Aber kein Laut war hörbar.
+
+Wenn ich jetzt an jenen Augenblick zurückdenke, frage ich mich, warum mich
+gleich bei der Entdeckung dieses Fremden ein neuer Schrecken befiel, ein
+Schreck, der nichts gemein hatte etwa mit der Furcht vor einem
+Eindringling. Nein, sobald ich das schattenhafte Wesen neben dem Fenster
+erblickte, wußte ich auch in meinem innersten Innern, mit einer Sicherheit,
+die nicht den geringsten Zweifel zuließ, daß dieser Mensch, er sei, wer er
+sei, in irgend einem Zusammenhange mit meiner schrecklichen Lage stand. Die
+Furcht vor einer neuen grauenhaften Entdeckung ließ mich erbeben,
+durchrüttelte mich kalt wie ein Fiebersturm. Meine Phantasie war so bis zum
+Äußersten gereizt, daß sie nichts mehr für unmöglich hielt. Ich hätte mich
+nicht gewundert, wenn ich den Mond, der schon einen schwachen gelblichen
+Streifen auf den Boden meiner Kabine legte, krachend vom Firmament hätte
+herabstürzen und sich in den grau verdampfenden Fluten des Weltmeeres wie
+in einem ungeheuren dunklen Wolfsrachen hätte begraben sehen. Nichts,
+nichts hätte mich jetzt gewundert! Ich hätte den Riegel von meiner Tür
+springen, ich hätte sie von unsichtbaren Händen sich öffnen und schließen
+sehen können und das wäre mir nicht unnatürlich, nicht rätselhaft
+erschienen, denn ich selbst hatte Rätselhafteres erlebt, _wußte_ ja auch,
+daß ich noch viel Unerhörteres in den nächsten Augenblicken erleben würde
+. . .
+
+Als ich die fremde Gestalt im Dunkel zum zweiten Male anrief, geschah es
+mit kaum hörbarer, flüsternder Stimme, nicht lauter wie das Knistern von
+Seide. Und wieder war es mir, als sähe ich die Lippen sich stumm bewegen;
+aber nichts war zu hören.
+
+Ich wagte meine Frage nicht zum dritten Mal zu wiederholen. Starr, bald von
+Glut geschüttelt, bald von kaltem Schauer überkrochen, blieb ich
+bewegungslos und halb aufgerichtet auf meinem Arm gestützt und starrte die
+Erscheinung an.
+
+Plötzlich fühlte ich eine Helligkeit über mein Gesicht gleiten. Es war der
+Mond, der bei einer Wendung des Schiffes jetzt in den Ausschnitt des
+Fensters trat. Im selben Augenblick erkannte ich aber auch deutlich das
+Antlitz der fremden Gestalt, die neben dem Fenster stand. Der Mond
+beleuchtete auch sie. Ich sprang von dem Bett auf und drehte hastig das
+elektrische Licht an. Der Raum war taghell erleuchtet -- niemand war zu
+sehen.
+
+Mit heimlichem Grauen sah ich nach der Stelle, wo ich noch vor Sekunden die
+Gestalt erblickt hatte. Auf der graugelben Tapete kroch eine Fliege. Es war
+totenstill und nichts rührte sich. Ich hörte nur wie mein Atem ging und wie
+meine Brust sich hob und senkte, sich hob und senkte. Ich stand da und
+starrte nach dem goldgerahmten Spiegel in der Ecke, an dem wie immer meine
+Mütze hing.
+
+Aber einen Augenblick später durchzuckte mich ein furchtbarer Gedanke! Mit
+einem Sprung stand ich vor dem Spiegel -- die gräßlichste Ahnung der
+letzten Sekunde sah ich erfüllt. In der Scheibe des Spiegels gewahrte ich
+eben dieselbe Gestalt, dasselbe Antlitz, dieselben seltsamen Augen, die
+mich eben noch als die eines Fremden mit Grauen und Schreck erfüllt hatten.
+Das bräunliche Antlitz eines fremden Mannes starrte mich mit irisierend
+grünlichen Augen als mein eigenes Antlitz an. Und während ich mich mit
+beiden Händen an dem Spiegel festhielt, um nicht zu fallen, war es mir, als
+hätte ich dieses Antlitz schon gekannt seit langen Jahren . . . seit langen
+Jahren . . . .
+
+ * * * * *
+
+Man hat es oft beobachtet, daß eine plötzlich den Menschen befallende
+Furcht oder ein Schrecken ihn für einige Zeit des Verstandes beraubt. Der
+menschliche Geist hat, wie jeder Körper, nur eine ganz bestimmte
+Elastizität; er ist nicht fähig, die allergewaltsamsten Veränderungen
+augenblicklich zu begreifen, und nach dem Gesetz der psychischen Reaktion
+tritt sehr oft nach dem ersten furchtbaren Erschrecken eine völlige
+Blindheit des Geistes ein, ein völliges Vergessen. So hat man Mütter, deren
+Kinder in einem Brande umgekommen und vor ihren Augen verbrannt waren,
+wenige Augenblicke nachher, ihre eben unterbrochene Tätigkeit wieder
+aufnehmen sehen, ja sogar heiter und sorglos lachen hören.
+
+Auch an mir konnte ich jetzt einen ähnlichen Zustand feststellen. Nachdem
+das erste unheimliche Grauen meinen Verstand bis an die Grenze des
+Wahnsinns gebracht hatte, betrachtete ich das Gesicht im Spiegel mit einer
+Art einfältig-kindischer Neugier. Ich sah es hilflos grinsen -- und ich
+grinste wieder. Eine Hand streckte sich gegen mich aus -- auch ich hob
+meine Hand. Und plötzlich, ganz auf die Stufe des Säuglings zurückgedrängt,
+versuchte ich mit meinem ausgestreckten Finger das Bild zu berühren. Mein
+Geist mußte wohl eben daran sein, sich von dem ersten furchtbaren Schrecken
+zu erholen; denn jetzt packte mich ein neues Entsetzen, als ich sah wie der
+Spiegel sich unter dem Druck meiner fremden Hand in eine gallertartige,
+schlammig-graue Masse verwandelte, und ich in dem eingebildeten Raum hinter
+dem Spiegel einen harten Körper berührte, -- mein eigenes Antlitz!
+
+Und obgleich dieses Antlitz zu leben schien, obgleich ich die belebten
+Lippen, den feuchten Augapfel, die atmende Haut mit meinen Augen wahrnahm,
+so fühlte meine Hand an der Spitze ihres langen, dünnen gelblichen Fingers
+nur einen kühlen, metallisch-harten Körper und im gleichen Augenblick
+verspürte ich auf meiner Zunge den scharfen, intensiven Geschmack von
+bitterem Messing . . .
+
+ * * * * *
+
+Ich vernahm plötzlich ein ungeheures Brausen wie von rollenden Rädern und
+öffnete die Tür. Draußen erblickte ich eine große Menge hin und her
+laufender Menschen, ohne daß ich irgend ein Gesicht deutlich hätte erkennen
+und sehen können. Mir war als könne ich den Kopf nicht bewegen und nicht in
+die Höhe heben. Ich eilte auf den dunklen Gang hinaus und bemerkte dort vor
+mir einen Herrn mit einem ungewöhnlich verzwickten Gang. Ich folgte ihm.
+Wir gingen bald links in einen Seitengang, bald rechts, bald stiegen wir
+eine enge Treppe hinauf, bald durchschritten wir einen Saal, in dem lauter
+Frauenbildnisse hingen, bald kamen wir wieder durch einen Gang, der immer
+enger und enger wurde, daß wir uns kaum mehr durchzwängen konnten. Endlich
+gelangten wir in eine ungeheuer große Halle, in der ein trübes violettes
+Licht herrschte, das irgendwo von oben hereinfiel. Mitten durch die Halle
+führte ein endlos langer Gang, der mit schwarzgelben quadratischen Platten
+belegt war. Es war eine ungeheure Einsamkeit und Öde um uns, wie auf einem
+winterlichen Feld, fern von allem Leben. In weiter Ferne sah man etwas
+Schwarzes sich nähern und bewegen. Obgleich es kaum größer war wie ein
+dunkler Punkt, so hatte man doch deutlich die Vorstellung von jemandem, der
+in einem flatternden Mantel heftig gegen den Wind kämpft. Stunden und
+Stunden schienen zu verrinnen, immer sahen wir den Mantel auf dem Wege
+flattern und wehen, aber nur ganz langsam und unmerklich schien sich die
+Gestalt uns zu nähern. Ganz plötzlich sah ich dann, was mir vorher
+entgangen war, daß die Halle von ungeheuer hohen, grauen Säulen getragen
+wurde, die wie mächtige Schäfte aus dem Boden herauswuchsen. Kaum hatte ich
+das bemerkt, als hinter der nächsten breiten Säule, kaum zehn Schritte von
+mir, unhörbar eine Frauengestalt hervor trat, in einem fließend
+dunkelgrünen Sammetkleid, das den Hals frei ließ und von einem silbernen
+Gürtel umspannt war. Die Frau lächelte eigentümlich und schritt langsam auf
+mich zu. Mit jedem Schritt aber schien sie zu wachsen und ihr Antlitz wurde
+größer und größer. Sie hatte die Hände leicht übereinandergelegt; ihre
+Augen und Lippen lächelten; das offene Haar fiel über die Schultern und den
+freien Hals mit dem Brustansatz. Plötzlich wurde es mir klar, daß es keine
+Frau war, sondern nur ein Bild gewöhnlicher Größe in einem dunklen Rahmen,
+der gegen eine der grauen Säulen gelehnt stand. Gleich darauf hörte ich
+hinter mir Schritte von vielen Menschen erklingen. Ich sah, daß ich mich in
+einer Kirche befand. Als ich mich umdrehte, gewahrte ich in einer seltsam
+in dunkle, traurige Trachten gekleideten Menschenmenge, die sich vollkommen
+stumm verhielt, den Mann mit dem flatternden Mantel. Er trug einen
+altertümlich spitzen schwarzen holländischen Hut, wie er im siebzehnten
+Jahrhundert Mode war. Er ging an der Seite einer großen schlanken Dame, die
+mir den Rücken zuwandte und nach dem Ausgang zuschritt. Plötzlich aber sah
+sie an dem spitzen schwarzen Hut ihres Begleiters zu mir herüber, lächelte
+mir zu und winkte mit der Hand. Ich warf einen Blick nach der Säule -- das
+Bild war verschwunden . . .
+
+ * * * * *
+
+Als ich erwachte, fand ich mich stehend, die halbgeöffnete Tür der Kabine
+in der Hand. Ich konnte den Gang übersehen, auf dem ein seltsames Licht
+herrschte, obgleich es dunkel war. Auf einmal sah ich einen schwachen,
+phantastisch aussehenden Schatten über die Dielen fallen und gleich darauf
+bemerkte ich den Gelben, der mit seinem hastigen, verzwickten Gang, ohne
+mich zu bemerken, ein großes, graues Paket unter dem Arm, an mir
+vorübereilte.
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+Lautlos schlich ich ihm nach.
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+ * * * * *
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+Wir kamen auf Deck.
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+Der Mond war spät aufgegangen und übergoß das grünliche Meer mit einem
+seltsam fahlen, frühen Licht.
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+Das Schiff lag ganz still und man hörte nur die tiefen Atemzüge der
+Schlafenden.
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+Er lehnte das Bild gegen den Reling und mit heftigen Griffen riß er das
+graue Papier ab.
+
+Das Licht des Mondes bestrahlte voll das Antlitz der Gioconda.
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+Er umwand das Bild mit einem der am Boden liegenden Taue, beschwerte es mit
+einem Eisengewicht, hob es über die Reling empor und ließ es hinab.
+
+Die Wasser kamen und nahmen es auf.
+
+Er beugte sich weit über das Geländer, hielt das Tau fest und sah dem
+versinkenden Bilde nach . . .
+
+Da -- im letzten Augenblicke -- geschah etwas höchst Wunderbares und
+Rätselhaftes.
+
+Das Bild wandte sich eben noch einmal empor und durch das blaugrüne Wasser
+sah man deutlich das lächelnde Antlitz. Plötzlich war es, als begännen die
+Konturen des Bildes leise zu zittern, als zuckte es lebendig um diese
+lächelnden Lippen und jetzt erhoben sich diese schrecklichen Hände und
+streckten sich empor, empor, uns zu berühren.
+
+Mit einem Ruck warf er das Tau hinaus. Im selben Augenblick aber sprang aus
+seiner Brusttasche ein langer rötlicher Dolch, klirrte auf, zischte wie ein
+Pfeil ins Wasser und heftete wie ein Kreuzesnagel die sich erhebenden Hände
+auf der Tafel wieder fest . . .
+
+Wie ein Schatten verschwand das Bild in der Tiefe.
+
+Zwischen den blaugrünen Wellen stieg ein dünner Blutstrahl empor . . .
+
+Sammlung abenteuerlicher Geschichten Bd. 4:
+
+Paul Leppin
+
+Severins Gang in die Finsternis
+
+Ein Prager Gespensterroman
+
+Mit Umschlagzeichnung von Richard Teschner Geheftet 2 Mark. In
+Halbleinenband 3 Mark
+
+Dieses Buch, das von der Wirrsal und Verderbnis einer von innern
+Geschehnissen grausam geängstigten Knabenseele erzählt, rechtfertigt in
+mehr als einer Beziehung den Titel »Gespensterroman«.
+
+Seine Kapitel sind mit einem ungeheuern, unfaßbaren Schrecken angestellt,
+der die Geburt, die Reise und die Vollendung eines Schicksals einkreist,
+das aus dunklen und schlimmen Verstecken quillt. Aus den Gesichten einer
+verirrten und gestörten Kindheit lösen sich rätselhafte Gefahren los,
+abgefeimte Gedanken wachsen im Zwielichte, und der Tod wird zum grotesken,
+verführerischen Spiel eines an der eigenen Unrast verzweifelnden Mörders.
+Es ist ein guter und klug psychologischer Zug, daß der Autor seinen Helden
+nicht an der Wirklichkeit seiner neurasthenischen Träume, sondern an einer
+würdelosen Leidenschaft zugrunde gehen läßt, die seine von ratloser
+Sehnsucht verheerten Sinnen mit allen Qualen der Hölle gepeinigt.
+
+Dieser Roman, der eine bunte Folge wunderlicher Ereignisse und phantastisch
+beleuchtender Figuren vor uns abrollt, ist ein Kulturdokument von
+originellem Reiz. Das alte Prag mit der barocken Romantik seiner Fassaden
+steigt darin auf, das seinen Mystizismus auch in der veränderten Landschaft
+moderner Straßen und Plätze und in der einförmigen Physiognomie der
+Vorstädte bewahrt. Die bewegliche Mischung deutscher, indischer und
+slavischer Elemente findet sich hier unter einem gemeinsamen Firnis zu
+einem Gärungsstoffe zusammen, der absonderlichen Prozessen unterworfen ist.
+Es ist eine merkwürdige Gesellschaft, in die uns der Dichter einführt.
+Entwurzelte, die sich vom Leben treiben lassen. Philosophen, die es mit
+einem Lächeln abtun. Abenteurer, die aus Passion auf den Seelenfang
+ausgehen, sentimentale Zyniker mit dem Habitus der Hasardspieler. Und
+mitten unter diesen Männern und Weibern die rührende Gestalt Zdenkas, des
+Tschechenmädchens, die neben dem kupplerischen Schatten böser Dinge mit
+reinem Herzen in hilfloser Demut steht. »Severins Gang in die Finsternis«
+ist auch der Roman ihrer Liebe. Diese Liebe, mit Süßigkeit und Tränen
+beschwert, geht über alle irdischen Grenzen hinaus und gibt dem Buche
+Leppins einen wunderbaren, ekstatisch vergoldeten Hintergrund.
+
+Delphin-Verlag / München
+
+Sammlung abenteuerlicher Geschichten Bd. 2:
+
+A. M. Frey
+
+Dunkle Gänge
+
+Zwölf Geschichten aus Nacht und Schatten
+
+Mit Umschlagzeichnung von L. Durm Geheftet 2 M. 50 Pf. In Halbleinenband 3
+M. 50 Pf.
+
+_Paul Zech im »Berliner Tageblatt«:_ »Zu den wenigen jüngeren
+Schriftstellern, die das Erbe Edgar Poes mit dem richtigen Instinkt
+aufnahmen und damit wucherten, gehört A. M. Frey. Er stellt sich mit seinem
+Erstling gleich in die vorderste Reihe der Erzähler dieser exponierten
+Gattung von Belletristik. Er holt seine Stoffe nicht aus unkontrollierbaren
+Bezirken. Der Alltag, der in seiner bunten Vielgestaltigkeit auch diese
+Abseitigkeit trägt, ist für Frey eine unerschöpfliche Fundgrube. Man wird
+in unerklärliche Situationen befördert, ohne die Fahrt zu spüren. Man ist
+plötzlich in einem unentrinnbaren Labyrinth und wie von Polypenarmen
+umstrickt. Fast jede der zwölf Geschichten bohrt ein Extrem an, das die
+festen Enden der Nerven berührt und aufpeitscht zu unerhörten Sensationen,
+das Märchenhafte ins Grausige, Exzentrische, phantastisch Verstiegene und
+übermenschlich Visionäre umwandelt. Man wird das Buch nicht mit einem
+einmaligen Lesen abgetan haben. Es kribbelt in den Nerven weiter und setzt
+Blutkreise in Bewegung, die in der Schalheit vieler Stofflichkeiten, die
+den Augenblick bewegen, nur selten zirkulieren.«
+
+_Eugen Reinbold in d. »Württemberger Zeitung«:_ »Neben der großenteils
+originellen Erfindung bewundern wir die sichere Gestaltung, die geradezu
+fesselnde Sprachkunst, die die Dinge mit persönlichem Leben zu erfüllen
+weiß und sie philosophierend in Zusammenhang mit allgemein Menschlichem zu
+bringen sucht. So möge, wer eine wirklich interessante und doch nicht rein
+oberflächlich unterhaltende Lektüre liebt, nach diesem Werkchen greifen.«
+
+_L. E. Kemmer in der »Badischen Landeszeitung«:_ »Mit einer knappen
+Anschaulichkeit, die oft den Eindruck einer wohlgetroffenen Farbenskizze
+macht, verbindet er eine Geschlossenheit der Form, wie wir sie nur bei den
+bedeutendsten Novellisten finden, und die jede einzelne der zwölf
+Erzählungen zu einem kunstvoll geschliffenen Edelstein gestaltet hat.«
+
+Delphin-Verlag / München
+
+Sammlung abenteuerlicher Geschichten Bd. 1:
+
+Hermann Eßwein
+
+Megander
+
+Der Mann mit den zween Köpfen und andere Geschichten
+
+Mit Umschlagzeichnung von A. Kubin Geheftet 3 Mark, in Halblederband 4 Mark
+50 Pf.
+
+_J. Robert im »Berliner Lokal-Anzeiger«:_ »Das Geschichtenbuch von Hermann
+Eßwein: >Megander< enthält Tragikomödien, erzählt in einer Sprache, die
+zuweilen an Gottfried Keller, öfter an Jean Paul erinnert. In der Mehrzahl
+der acht Erzählungen klingt ein Motiv immer wieder an. Das Motiv vom
+Rausch, vom göttlichen Rausch, der uns Vergessen bringt, aber auch
+fortreißt zur schöpferischen Tat. Und diese Begeisterung, dieser Taumel,
+diese starken phantastischen Kräfte zersplittern an der braven Gemeinheit
+des Alltags. Und ein zweites Motiv klingt an: von wirren Träumen und vom
+Wahnsinn.«
+
+_Otto Pick im »Pester Lloyd«:_ »Eßwein gelingt es, den Leser durch rein
+menschliches Interesse über Gespenstiges und Unerklärliches
+hinwegzugeleiten. Dies scheint die Novellen zu den beliebten, kühl
+erklügelten Geschichten vom Grauen in wohltuenden Gegensatz zu stellen: daß
+sie nie von außen geformt, sondern von innen heraus mit künstlerischer
+Notwendigkeit erstanden sind.«
+
+_Dr. M. Schumann i. d. »Augsburger Neueste Nachrichten«:_ »Die Sprache
+Eßweins ist meisterlich, und sein Standpunkt über den Dingen kennzeichnet
+sich in der Art, wie er das Spießbürgerliche, Nüchterne mit seinem Spott
+abtut. In dieser Sprache offenbart sich die ganze hervorragende
+stilistische Begabung des Autors. Leicht beweglich, ungezwungen und doch so
+wohlgeschliffen in jedem Ausdruck, gewinnt das Erzählte bei jedem Wort an
+Selbstverständlichkeit. In dieser Sprache allein ist schon die ganze
+Stimmung, die den Geschichten selbst zugrunde liegt, und all das gibt dem
+Buch Eßweins einen hervorragenden Wert in der Literatur der sonderbaren
+Geschichten; es ist eine der wenigen Erscheinungen auf diesem Gebiete, die
+eine selbständige Bedeutung haben.«
+
+Delphin-Verlag / München
+
+Im gleichen Verlag sind ferner erschienen:
+
+Päbstin Johanna / Roman
+
+von Ludwig Gorm
+
+In Pappband 3 Mark. In Halblederband 4.50 Mark
+
+_Univ.-Prof. Dr. Fr. Muncker in den Münchener Neuesten Nachrichten:_ »In
+dem Rahmen der kulturgeschichtlichen Novelle, deren künstlerische
+Geschlossenheit und straffer Aufbau imponieren, behandelt der Dichter das
+Problem von dem tragischen Schicksal der Frau, die zugrunde geht, weil sie
+über die Grenzen ihrer Weiblichkeit hinaus wollte. Kein Leser wird diese
+historische Novelle ohne tiefe Ergriffenheit lesen«.
+
+Jung Schuk
+
+»Ein moderner Werther-Roman« von Reinhard Goering
+
+Geheftet 3 Mark. In Leinenband 4.50 Mark
+
+_E. Dauthendey in der »Bayrischen Zeitung«:_ »In unserer Zeit der Fläche
+und Oberfläche ein Buch in die Hand bekommen, das ganz und nur Tiefe ist,
+berührt wie ein Ereignis. -- Jung Schuk ist die Geschichte eines Werdenden.
+Der tief ergreifende Werdegang eines Mannes, der ganz nur auf das
+Innerliche gestellt, zwischen den Abgründen der Idealität des Wollens und
+der Realität des Müssens seinen bittren schmerzvollen Weg wandelt, auf dem
+wir ihn mit tiefstem Interesse, das aus Weh und Freude seltsam gemischt,
+bis zum Ende begleiten.«
+
+Johann Peter Hebel
+
+Das Schatzkästlein
+
+des Rheinländischen Hausfreundes
+
+Herausgegeben von Prof. Karl Voll, München Vollständige Ausgabe mit 30
+Abbildungen In Pappband 10 Mark. In Halblederband 14 Mark
+
+_Vilmar in seiner deutschen Literaturgeschichte:_ »Die Erzählungen des
+Schatzkästleins sind an Laune, an tiefem und wahrem Gefühl, an
+Lebhaftigkeit der Darstellung vollkommen unübertroffen. Sie sind die Freude
+der Jugend und die Unterhaltung des Alters und wie alle echten Natur- und
+Volksdichtungen eigentlich niemals durchzulesen und auszuschöpfen.« --
+_Hermann Hesse im »März«:_ »Eine famose Überraschung sind die Holzschnitte;
+sie atmen den Duft der Kaiserzeit und geben dem Buch wirklich einen neuen
+Reiz und Klang, wie ein glücklich gefundener Rahmen ein altes wohlbekanntes
+Bild noch heben und steigern kann.«
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+Delphin-Verlag / München
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+ Buchdruckerei Hesse & Becker, Leipzig
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+Anmerkungen zur Transkription
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+Offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert.
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+End of Project Gutenberg's Das Geheimnis der Gioconda, by Ernst B. Schwitzky
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+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 43733 ***