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-Project Gutenberg's Das Geheimnis der Gioconda, by Ernst B. Schwitzky
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
-almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
-re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
-with this eBook or online at www.gutenberg.org/license
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-
-Title: Das Geheimnis der Gioconda
- Das Tagebuch des Diebes
-
-Author: Ernst B. Schwitzky
-
-Release Date: September 15, 2013 [EBook #43733]
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-Language: German
-
-Character set encoding: ISO-8859-1
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DAS GEHEIMNIS DER GIOCONDA ***
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-Produced by Jens Sadowski
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- Sammlung abenteuerlicher Geschichten Band 3:
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- Schwitzky / Das Geheimnis der Gioconda
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- Das
- Geheimnis der Gioconda
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- Das Tagebuch des Diebes
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- Herausgegeben von
- Ernst B. Schwitzky
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- Delphin-Verlag / München
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- Copyright 1914 by Delphin-Verlag / München
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-Vorwort
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-Die Papiere, die hier veröffentlicht werden, sind auf eine so eigentümliche
-Weise in meinen Besitz gelangt, daß ich mich veranlaßt sehe, darüber
-Rechenschaft abzulegen. Ich lernte zu Anfang des vergangenen Sommers, also
-etwa dreiviertel Jahre nach dem Verschwinden der Gioconda aus dem Louvre,
-in einem Kopenhagener Hotel einen Herrn kennen, der sich mir unter dem
-japanisch klingenden Namen DACO-NOGI vorstellte. Dieser Herr, den ich, wie
-die Dinge nun einmal liegen, für den Autor des hier veröffentlichten
-Tagebuchs halten muß, besaß, ohne von mir irgendwie dazu aufgefordert
-worden zu sein, die große Liebenswürdigkeit, während meines Aufenthalts in
-Kopenhagen mein Fremdenführer zu sein und sich meiner in jeder erdenklichen
-Weise anzunehmen. Er schien ein ganz besonderes Vergnügen daran zu finden,
-mir die mannigfaltigen Schönheiten Kopenhagens, das er außerordentlich
-liebte, zu zeigen und wenn ich in der kurzen Zeit von etwa zehn Tagen, so
-ziemlich alles gesehen habe, was Kopenhagen Sehenswertes besitzt, so
-verdanke ich das lediglich meinem Führer und seiner oft erstaunlichen
-Ortskenntnis. Er war selbst kein Däne, sondern nach der Klangfarbe seiner
-Sprache zu urteilen ein Deutscher, aus den rhein-mainischen Gegenden. Aus
-den Gesprächen ging hervor, daß er seit Jahren auf Reisen war, China,
-Japan, die Vereinigten Staaten, Südamerika, Indien genau kannte und sich
-sowohl in den Küstenländern, wie im Innern Afrikas längere Zeit aufgehalten
-hatte. Niemals jedoch konnte ich erfahren, zu welchem Zweck diese Reisen
-unternommen worden waren, und obgleich Herr DACO-NOGI so gar nicht das
-Aussehen eines Globetrotters hatte, sah ich mich zuletzt doch gezwungen,
-anzunehmen, daß er lediglich zu seinem Vergnügen gereist war. Übrigens
-sprach er außerordentlich selten von sich. Dagegen fiel es mir bald auf,
-wie intensiv ihn das Leben anderer beschäftigte, gleichviel, ob es das
-eines Kohlenträgers war, von dem wir im Vorübergehen zwei oder drei Worte
-aufgefangen hatten, oder das eines Ministers, dessen Rede uns durch die
-Zeitungen bekannt wurde. Es wird von Balzac erzählt, daß er oft in der
-Lebhaftigkeit seiner Phantasie von den Gestalten seiner Einbildung wie von
-lebenden Personen sprach und seine Freunde dadurch in Erstaunen setzte, daß
-er ihnen von den Schicksalen der Eugenie Graudet und des Vater Goriot
-erzählte, als handle es sich um Menschen, die jeden Augenblick selbst
-eintreten und sprechen könnten. In ähnlicher Weise überraschte mich oft
-Herr DACO-NOGI, wenn er plötzlich ohne jeden erkennbaren Anlaß aus dem
-Leben von Personen erzählte, von denen er weder wußte, was sie waren, noch
-wie sie hießen. Wie intensiv und außerordentlich diese Beschäftigung mit
-dem Leben anderer war, davon überzeugte ich mich zuerst an mehreren
-Bemerkungen, die er im Verlauf des Gesprächs über mich und meine
-Verhältnisse machte. Mehrere Male überraschte er mich nämlich durch die
-Kenntnis von Tatsachen aus meinem Leben, von denen ich bestimmt wußte, daß
-ich sie ihm nicht mitgeteilt hatte. Das erstemal als er plötzlich von
-meiner Schwester sprach, konnte ich noch glauben, es sei Zufall und ich maß
-der Sache weiter keine Wichtigkeit bei. Aber noch am selben Tage gab er mir
-ganz unvermutet einen Rat, der die Kenntnis höchst komplizierter
-persönlicher und finanzieller Verhältnisse voraussetzte, deren Intimität
-mich vor dem Eigenverdacht bewahrte, vielleicht davon gesprochen zu haben.
-Zuerst stand ich vor einem Rätsel, das ich mir nicht im geringsten zu
-erklären vermochte und ich betrachtete meinen neuen Bekannten mit einer
-Mischung von Mißtrauen und leiser Furcht. Dann aber erhielt ich durch
-einige Beispiele, die das Leben anderer Personen betrafen, den seltsamen
-Beweis, daß dieser Mensch in einer geradezu ans Wunderbare grenzenden Art,
-die Fähigkeit besaß, aus den unbestimmtesten Redewendungen und den
-scheinbar unpersönlichsten Gesprächen auf Tatsachen und Geschehnisse
-zurückzuschließen, die einem Menschen mit gewöhnlichem
-Beobachtungsvermögen, schlechthin verborgen bleiben müssen. Mit dieser
-ungewöhnlichen Fähigkeit erinnerte er mich an die sonderbare Gestalt des
-Herrn Dupin in den Poeschen Novellen, denn Herr DACO-NOGI besaß in
-Wirklichkeit das ans Fabelhafte grenzende Assoziationsvermögen jener
-erdichteten Gestalt. Nur eine ungeheure Beweglichkeit der Phantasie, die
-selbst die geringfügigsten Sinneseindrücke verarbeitete, kann es ihm
-ermöglicht haben, zu so verblüffenden Feststellungen zu kommen, wie sie ihm
-in meiner Gegenwart gelangen. Übrigens arbeitete dieses fast übernatürlich
-zu nennende Assoziationsvermögen, wie die meisten ganz großen und
-übernormalen Fähigkeiten im Menschen, beinahe ganz unbewußt in ihm und er
-war sich in den allermeisten Fällen auch gar nicht klar darüber, irgend
-etwas erraten zu haben, was zu erraten andern Menschen schlechthin
-unmöglich gewesen wäre. Nach und nach nahm ich übrigens wahr, daß es
-keineswegs eine einfache, übermäßig ausgebildete Assoziationsgabe war, die
-meinem Bekannten so seltsame Ergebnisse lieferte. Wie sollte es auch durch
-einfache Assoziationen möglich sein, Stimmungen, Gefühle und halbbewußte
-Empfindungen von Menschen zu erraten, von denen er, wie gesagt, oft nicht
-mehr als drei Worte gehört und die er nur ein einziges Mal gesehen hatte.
-Es schien mir vielmehr eine Art künstlerischen Vermögens zu sein, das er
-besaß und vielleicht gibt das Wort Einfühlung den allgemeinsten Begriff von
-dem, was ich sagen will. Er vermochte sich auch durch den aller
-geringfügigsten Anlaß etwa so in einen Menschen einzufühlen, wie es der
-Betrachter oder Zuschauer eines Kunstwerkes tut, der damit die Absichten
-und die Mittel des Künstlers errät. Und zwar war die Art der Einfühlung in
-ein fremdes Leben so stark, daß sie ihn nicht nur vollkommen beherrschte,
-sondern ihn auch vollkommen veränderte. Oft, während er sprach, wechselte
-er seine ganze Haltung und seinen Gesichtsausdruck. Wie ein anderer Mensch
-wohl seine Rede durch Gebärden mit den Händen oder bei lebhafteren
-Temperamenten auch durch ein bewegliches Mienenspiel zu veranschaulichen
-sucht, so zwang bei ihm der Gedanke oder das Gefühl, das er ausdrücken
-wollte, den ganzen Körper in Dienst und veränderte alles an ihm. Nichts
-aber stand sozusagen willenloser unter dieser Kraft der Einfühlung, wie
-seine Stimme. Sie war gleichsam diejenige Saite, die die Schwankungen
-seiner Empfindung am vollendetsten und differenziertesten wiedergab. Sie
-war nicht nur von einer schier unglaublichen Modulationsfähigkeit, die die
-leisesten, zartesten und härtesten Töne anklingen ließ, nein, sie vermochte
-geradezu ihren ganzen Charakter zu verändern und oft, wenn ich, die Wirkung
-dieser Stimme auf mich zu erproben, die Augen schloß, hätte ich meinen
-können, plötzlich mit einem ganz anderen, fremden Menschen zu reden.
-
-Am Tage meiner Abreise von Kopenhagen kam Herr DACO-NOGI vormittags auf
-mein Zimmer, um sich von mir zu verabschieden. Er war im Mantel und Hut,
-denn er stand selbst gerade im Begriff abzureisen. Unter dem Arm trug er
-eine kleine Mappe aus dunkelgrünem Leder, die er bei seinem Eintritt auf
-dem Garderobenständer ablegte. Wir unterhielten uns vielleicht zehn
-Minuten; es lag mir mehrfach auf der Zunge zu fragen, wohin er reise, aber
-aus dem Gefühl heraus, nicht neugierig erscheinen zu wollen, unterließ ich
-die Frage. Einige Tage vorher hatte er übrigens davon gesprochen, demnächst
-nach Canada gehen zu wollen. Nach zehn Minuten erschien der Hausdiener und
-meldete das Automobil. Wir verabschiedeten uns kurz und herzlich. Dann,
-nach einer Stunde etwa, bemerkte ich, daß mein Bekannter die Mappe auf dem
-Garderobenständer hatte liegen lassen. Ich erkundigte mich bei dem Portier,
-ob Herr DACO-NOGI eine Adresse hinterlassen habe. Es war nicht der Fall. In
-der Hoffnung vielleicht aus dem Inhalt der Mappe die Adresse des Fremden
-erfahren zu können, öffnete ich sie mit dem anhängenden Schlüssel. Was ich
-fand, war nur eine große Anzahl dünner, zerknitterter Blätter, die mit
-einer steilen kritzlichen Schrift bedeckt waren und eine Karte, die an mich
-gerichtet war und nur die Worte enthielt: Bitte, betrachten Sie diese Mappe
-und ihren Inhalt als Ihr Eigentum. -- Schon auf der Fahrt von Kopenhagen
-nach Hamburg habe ich dieses seltsame Schriftstück, von dem ich beim
-flüchtigen Durchblick bald erkannte, daß es sich auf den Diebstahl der
-Gioconda bezog, zum erstenmal gelesen. Mein Entschluß, das Manuskript zu
-veröffentlichen, war sofort gefaßt. Meine Arbeit dabei ist keine andere
-gewesen als die einzelnen Blätter, die wirr durcheinander lagen, dem Sinne
-nach zu ordnen und aneinander zu reihen. Ich habe mich nicht für berechtigt
-gehalten, irgendwelche Zusätze oder auch nur irgendwelche Korrekturen in
-dem Manuskript anzubringen. Dagegen schien es mir geboten, die Eigennamen
-der Personen durch freigewählte zu ersetzen. Im übrigen ist das Tagebuch,
-wie es hier vorliegt, ein wortgetreuer Abdruck des Originals. --
-
-Vielleicht wird es noch interessieren zu wissen, daß der Name DACO-NOGI ein
-Anagramm ist. Nur durch einen Zufall bin ich darauf geführt worden. Er
-entsteht durch Buchstabenumstellung aus dem Namen: GIOCONDA.
-
-Im Oktober 1912
-
- Der Herausgeber
-
-
-
-
-Das Tagebuch
-
-
-Den 5. August 1911. Als ich gestern auf dem Gare de l'Est den Wiener
-Schnellzug verließ, passierte mir etwas recht Seltsames und wenn man will,
-Rätselhaftes. Vielleicht ist es auch etwas ganz Natürliches, Einfaches und
-Erklärliches. Ich war kaum aus dem Zuge gestiegen, als meine Aufmerksamkeit
-auf einen Reisenden gelenkt wurde, der eben offenbar auch ausgestiegen war
-und den Perron hinuntereilte. Er war etwa fünfzig Schritte von mir
-entfernt. Ich glaube, er fiel mir nur durch seinen eigentümlich hellgelben
-Mantel und seinen hastigen Schritt auf, der etwas Unrhythmisches und
-Konfuses hatte.
-
-Warum lief ich diesem Herrn eigentlich sofort nach?
-
-Ich habe seit gestern darüber nachgedacht und weiß es doch nicht. Aber
-eigentlich, was ist denn so Unerklärliches daran? Warum soll ein Reisender
-wie ich es bin, ein Mensch, der lediglich zu seinem Vergnügen, na --
-Vergnügen? -- also ein Mensch, der nur reist, um zu reisen, der nichts zu
-tun hat, gehen und kommen kann, wann und wie und wo er will -- warum sollte
-er nicht plötzlich auf den Einfall kommen, auf dem Gare de l'Est in Paris
-hinter einem Herrn mit einem hellgelben Mantel und einem unrhythmischen
-Gang herzulaufen?
-
-Wenn ich es allerdings recht bedenke, so scheint es mir doch wieder seltsam
-oder zum mindesten auffällig. Denn ich liebe das Unrhythmische keineswegs.
-Ich gehe ihm sonst aus dem Wege, wo ich kann. Ich setze mich weder in ein
-Familienrestaurant noch in eine Elektrische. Warum also, warum ging ich
-ausgerechnet hinter diesem scheußlich konfusen und verzwickten Schritt her?
-Warum quälte ich mich mit sämtlichen Taktarten, diesen Schritt einzufangen?
-
-Ja -- vielleicht hatte dieser Schritt doch etwas Rhythmisches, und ich rede
-mir nur ein, daß er verworren war. Immerhin -- er war wie zwei übereinander
-gepurzelte Takte und gar nicht zum aushalten.
-
-Ich glaube, der Herr trug eine große schottische Mütze und in der Hand eine
-rote Ledertasche. Aber das weiß ich nicht bestimmt. Denn ich war wie
-hypnotisiert von dem Zwickzwack der Beine unter dem hellgelben Paletot und
-hatte, so lange ich ihm folgte, für nichts anderes Auge und Aufmerksamkeit.
-
-Und nun geben Sie mal acht, was geschah. Ich gehe stracksweg hinter dem
-gelben Herrn da her, immer mit den Augen auf seinen Beinen. Und als er in
-eine Droschke steigt, rufe ich den nächsten Kutscher und weise ihn an,
-hinterher zu fahren. Es ist das schönste Wetter, ich kann meinen Freund --
-denn so nenne ich ihn schon in heimlicher Wut -- da vorne gemächlich und
-bequem in der Droschke sitzen sehen. Das heißt, eigentlich sehe ich nur ein
-Stück von dem gelben Mantel und darüber die große schottische Mütze. Sein
-Gefährt ist immer etwa 100 Schritte voraus. Endlich hält es in der Rue
-Saint Honoré 41. Die Nummer fällt mir sonderbarerweise sofort auf, denn sie
-gibt mein Alter an. Er steigt aus, der Wagen fährt weiter und er tritt ins
-Haus.
-
-Und nun habe ich eben in diesem Hause, im zweiten Stock, bei Frau Witwe
-Labrouquet gestern ein Zimmer gemietet! --
-
-So -- ja so, als sei ich besonders hierher nach Paris gekommen, um bei Frau
-Witwe Labrouquet und ihrem lahmen Sohn zu wohnen!
-
-Es ist einfach lächerlich!
-
- * * * * *
-
-Den 6. August. Ich verfalle wieder auf ein altes Mittel: alle quälenden
-Unruhen und zermürbenden Gedanken, die ganze Vergangenheit, die sich hinter
-mir auftürmt und auf mich herabzustürzen droht, die Unrast und
-Unbeständigkeit, die mich von Ort zu Ort treibt, die mir nirgends Ruhe
-läßt, meine Tage und Nächte durchtobt, dadurch zu bannen, indem ich
-schreibe . . .
-
-Wenn ich mir wieder etwas aus meinem Leben erzähle, wenn ich aus meinen
-grauen und grünen Erinnerungen wieder kleine, zarte Gespinste hervorsuche,
-Träume, Leidenschaften, Gebete, -- Begegnungen mit anderen und mir --
-geflüsterte, ungehörte, verwehte Dinge herbeirufe . . . ach, vielleicht
-werde ich dann noch einmal alles zurückdrängen können. Ich werde den
-Mächten, die mich und alle verfolgen, entrinnen, wie ein Dieb. Ja, wie ein
-Dieb, der sich geschickt in einem Kellergewölbe zu verbergen wußte, von dem
-niemand weiß, wo er geblieben ist, und an dem die hastigen Polizisten
-vorbeirennen, bis sie spät ihren Irrtum gewahr werden. Aber hallo! Jetzt
-hat der Dieb zwischen seinen grauen Kellerwänden neue Kräfte gesammelt und
-rasender als je fliegt er die langen Straßen hinab. Hinein in ein Haustor,
-durch den Korridor in den Hof, einen Blitzableiter hinauf, auf das Dach des
-allerhöchsten Hauses und ratsch -- weg ist er. Weg, als hätte ihn der
-Himmel verschluckt.
-
-Weiß Gott wie heiß mir wird, wenn ich an eine solche Diebsjagd denke!
-
-Aber schön ist das, wundervoll. Das heißt natürlich, wenn man der Dieb ist.
-So alles auf den Fersen zu haben, einer gegen zwanzig, gegen hundert, und
-dann mit allen Anstrengungen des Geistes und Körpers arbeiten, arbeiten,
-arbeiten, daß einem der Schweiß perlt. Alles gedoppelt: Gesicht, Gehör,
-Geruch; spähen, jede Kleinigkeit berechnen, ausnützen und Sieger sein
-zuletzt, Sieger!
-
-Ach ja . . . . wenn es nur leichter wäre, Diebstähle zu begehen . . . .
-
-Ich erinnere mich noch deutlich an die furchtbare Angst, die ich in Messina
-ausstand, als ich mir einmal vorgenommen hatte, eine Apfelsine zu stehlen.
-
-Ja -- ich wollte mir die Langweile damit vertreiben, mir zu zeigen, ob ich
-Mut hätte. Mut, eine Apfelsine zu stehlen.
-
-Gott, wie deutlich steht doch alles vor mir: da ist das kleine Hotel mit
-der grünlich grauen Fassade und der schmierigen Tür. Da ist der Stall
-nebenan und da ist der kleine deutsche Hausknecht mit den feuerroten Haaren
-und den unwahrscheinlich großen Ohren, die immer -- offenbar von
-Stiefelwichse -- ein wenig schwarz waren. Ja, ja -- dieser Hausknecht. Er
-hatte übrigens trotzdem zarte Beziehungen zu der Köchin, die etwas bucklig
-war, und man sagte mir, sie erwarte ein Kind. Mein Gott --! Und da ist der
-schmutzige kleine Speisesaal mit den abgeschabten Tapeten und dem Kellner
-Luigi.
-
-Aber das gehört nicht zur Sache.
-
-Ich langweilte mich scheußlich in diesem verfluchten Nest und aus lauter
-Langerweile kam ich, wie gesagt, zuletzt auf den Gedanken: mir meinen Mut
-zu beweisen! Haha, -- ich wollte eine Apfelsine stehlen. Das sollte mir
-wahrhaftig ein Beweis für Mut sein!
-
-Es war just um die Zeit der Ernte. Was für prachtvolle goldene Früchte gab
-es doch da. Wenn sie wie goldene Kugeln geschichtet in den Körben lagen,
-und die Sonne darauf schien, konnte man wirklich die Augen nicht weit genug
-aufreißen, um all dies kostbare Licht in den Körper einzulassen. Ja, man
-hätte sich am liebsten überall Augen in den Körper geschnitten, um all
-diese Fruchtbarkeit aufsaugen zu können.
-
-Am Montag hatte man vor meinen Augen einen dieser braunen, nackten Bengel,
-die da überall umherlungern, dabei erwischt, als er gerade im Begriff
-stand, sich mit sechs großen roten Orangen aus dem Staube zu machen. Weiß
-Gott, beinahe wäre es ihm geglückt, diesem verflixten, kleinen Teufel. Was
-er für Augen hatte! Aber er hatte die Rechnung eben ohne seine Hose
-gemacht.
-
-Ja, er trug nämlich als einziges Kleidungsstück eine graugrüne Hose auf dem
-Leib, aus der unten die Beine wie braune Streichhölzer herauskamen. Und in
-diese Hose hatte er die sechs Orangen vor dem Stand der Verkäuferin ganz
-unbemerkt hineingestopft. Er hatte sie wahrhaftig alle schon drin. Aber
-zuletzt bekam die Alte hinter dem Stand doch Wind von der Sache. Sie hatte
-eine kolossale braune Hakennase im Gesicht und trug eine blaue Bluse.
-Plötzlich stieß sie einen gellenden Schrei aus, fuchtelte mit den Armen in
-der Luft rum und kam hinter dem Stand hervorgesprungen.
-
-Das war eine Pracht zu sehen, wie die braunen Beine der Raubkatze über die
-Straße flogen! Und die Alte schreiend mit geblähtem Rock hinter ihm her!
-
-Mein Gott, ich stand und lachte aus vollem Halse.
-
-Sie hätte ihn nicht bekommen, den Teufel, den kleinen. Aber an der Hose lag
-es, die brachte ihn an den Galgen. Denn während ihm eine der Orangen im
-Lauf aus dem Gurt sprang und rot durch den Staub der Straße rollte, sackten
-sich die andern immer tiefer in das rechte Hosenbein und -- bums, da lag
-er. Da hatte die Alte ihn aber auch schon am Kragen.
-
-Donnerwetter, was das Tier aber auch für Raubfinger hatte; biegsam wie
-Fischbein und fest wie Stahl.
-
-Na ja -- so kam ich selbst auf den Gedanken, eine Apfelsine zu stehlen. Und
-das gab mir Beschäftigung bis zum Schluß der Woche. Beschäftigung? Es war
-ein Stück Arbeit, ein Stück ganz verzweifelte Arbeit. Ich bekam in diesen
-Tagen ordentlich eine gute Meinung von den Dieben. Denn wenn ich nur die
-Hand ausstrecken wollte, um die Orange von dem Stand der Verkäuferin zu
-nehmen -- am ersten Tage probierte ich es dreimal -- dann zitterte ich am
-ganzen Leibe und fühlte kaum mehr den Boden unter den Füßen.
-
-Ich glaube, ich habe in diesen fünf Tagen im ganzen zwanzig Pfund Orangen
-gekauft, nur um mir immer am Stand der Alten zu schaffen machen zu können.
-Ich konnte das Zeug ja gar nicht aufessen. Ich schenkte es im Hotel dem
-rothaarigen Hausknecht oder dem Oberkellner Luigi.
-
-Am zweiten Tag lächelte mich die Alte schon immer von weitem an. Hole der
-Teufel ihr Lachen, ich werde meine Apfelsine schon bekommen, dachte ich.
-Aber ich ging wieder und trug nur das gekaufte Pfund nach Hause.
-
-Dann wurde die Geschichte interessant, das Weib hatte offenbar meine
-Absicht erraten, sie lächelte jetzt jedesmal recht spöttisch, wenn sie mich
-kommen sah.
-
-Ich nahm allen meinen Mut zusammen und versuchte eine günstige Gelegenheit
-abzupassen. Aber wenn sich die Alte einmal wegkehrte, dann war es mir
-beinahe, als seien mir die Hände mit einem unsichtbaren Strick an den Leib
-gebunden.
-
-Ich wurde wütend, zu Hause in meinem Zimmer nannte ich mich einen
-erbärmlichen Feigling und schlug mit der Faust auf den Tisch, daß er
-umstürzte und die Platte zerbrach. Ich sagte mir, so kann es nicht
-weitergehn. Ich setzte also den Freitag als Ruhetag an und schwor mir, die
-Tat am Sonnabend zu vollbringen.
-
-Ich hielt mein Wort. Allerdings das tat ich. Aber wie erbärmlich benahm ich
-mich doch. Es war in der Mittagsstunde und die Alte hatte eben ihre Bude
-verlassen, um an einem hundert Meter entfernten Brunnen Wasser zu holen.
-Weit und breit war keine Menschenseele zu sehen. Und da also -- in diesem
-Augenblick fand ich wirklich den Mut, meine Apfelsine zu stehlen. Pfui! Was
-war ich für ein feiger Dieb. Und ich lief wahrhaftig noch davon als hätte
-ich schon den Polizisten im Nacken. Pfui Teufel!
-
-Übrigens hatte die Alte natürlich gar nichts bemerkt. Später sagte ich ihr
-einmal, daß ich lange die Absicht gehabt hätte, ihr eine Orange zu stehlen.
-Aber da lachte sie und wollte es nicht glauben; obgleich ich es beschwor,
-bei Gott.
-
- * * * * *
-
-Den 7. August. Nun da wäre ich denn hier bei Frau Witwe Labrouquet,
-geschiedenen Blissot und ihrem lahmen Sohn. Ob sich der Herr mit dem gelben
-Mantel, der schottischen Mütze und den Zwickzwackbeinen noch einmal sehen
-lassen wird?
-
-Was dies übrigens für eine Wohnung ist. Drei Zimmer und Küche. Drei graue
-Schachteln mit Löchern, die man Fenster nennt. Über die langweiligen gelben
-Gardinen habe ich ein Paar alte Priestergewänder aus Tokio gehängt. Sie
-sind aus Seide und ich mag es gern, wenn Licht durch Seide fällt. Es fühlt
-sich dann ganz anders an.
-
-Überhaupt habe ich heute den größten Teil des Tages damit zugebracht, das
-Zimmer umzuräumen. Ich konnte schon in der letzten Nacht nicht schlafen und
-hatte immer das Gefühl, es sei jemand im Zimmer. Der Schrank, das Bett, der
-Spiegel, die Stühle, alles tat noch den Willen des Menschen, der hier vor
-drei oder vier Tagen ausgezogen sein muß.
-
-Ich kann noch ganz deutlich sehen wie er zum Beispiel da hinter dem Tisch
-auf dem roten Plüschsofa gesessen hat. So -- die Hand so ans Kinn gestützt
-und guckt da hinaus nach dem Schornstein auf dem gegenüberliegenden Dach.
-Und immer rauchend. Mittelsorte. Es muß ein Kunstschriftsteller oder
-Theaterkritiker gewesen sein; ein ganz gewöhnlicher, oberflächlicher und
-uninteressanter Mensch. Aber trotzdem eine »anerkannte Feder« und ein
-»gemütvoller Plauderer«. Auf alle Fälle ein Mensch, der sich zum Platzen
-ernst nimmt. »Wie schrieb ich doch damals, als Ibsen mich besuchte . . .«
-
-Ja, weiß Gott, man konnte es an den Möbeln sehen, wie langweilig und
-bürgerlich und ernst dieser Mensch war. Ich mußte ja die ganze Bude auf den
-Kopf stellen, um den Geist dieser »anerkannten Feder« los zu werden. Ja,
-außer dem alten eisernen Ofen in der Ecke und dem Bild dahinter -- übrigens
-ein eigentümliches Frauenporträt --, ist auch kein Ding mehr an derselben
-Stelle geblieben.
-
-Frau Witwe Labrouquet wird Augen machen!
-
-Augen, wie die geschiedene Blissot an dem Tage, als es herauskam, daß es
-mit dem Sparkassenbuch von 2500 Frank, im Vertrauen, auf welches Herr
-Labrouquet ihr die Hand vor dem Altar gereicht hatte, nichts war.
-
-Der arme Herr Labrouquet!
-
-Er wußte ja nicht, daß bei einer Frau _immer_ etwas herauskommt. Es braucht
-nicht gerade ein falscher Busen zu sein, aber vielleicht eine irrsinnige
-Schwester; oder der Vater hat einmal im Zuchthaus gesessen oder sie hat
-einmal binnen vier Wochen zwei Verlobungen aufgelöst. Bekommen. Ach, es ist
-nicht immer etwas Wichtiges. Vielleicht verschweigt sie dem Bräutigam ja
-nur einen hohlen Zahn oder daß sie einmal ein Kind hatte . . . aber heraus
-kommt immer etwas. Und es ist wahrhaftig eine Herzensfreude, so einem
-jungen, freundlichen Ehemann zu begegnen am Tage, da etwas raus gekommen
-ist.
-
-Männer können ja viel dümmere Gesichter machen als Frauen. Unfreiwillig
-natürlich. Denn wenn eine Frau dumm sein will, ist sie auch darin Meister.
-
-Nein, nein, ich habe diesmal kein Glück gehabt mit meiner Wohnung. Warum um
-alles in der Welt mußte ich auch diesem gelben Mantel und dieser
-schottischen Mütze nachlaufen? Trotzdem ich den ganzen Bau sozusagen auf
-den Kopf gestellt habe, und kein Stück mehr am Platze ist, begegne ich noch
-immer dem Gedankengerümpel dieser »anerkannten Feder« und dieses
-»gemütvollen Plauderers«. Was für ein schales Zeug in so einem
-Schreibergehirn nebeneinander liegt. Ein Anblick wie ein Trödelladen.
-
-An diesem Tisch zu sitzen ist mir ganz unmöglich. Da muß er täglich
-geschrieben haben, und wenn ich mich dorthin setze, fallen mir Dinge ein,
-die direkt reif sind für den . . . . er-Anzeiger. Unterm Strich.
-
-Ich sitze also am Boden und schreibe auf meinem Koffer. Auf meinem
-kosmopolitischen Koffer . . . .
-
-. . . Wenn ich noch an den kleinen verlassenen Palast der kleinen Soubrette
-denke, den ich in Wien im Alser Bezirk bewohnte. Zufällig habe ich später
-erfahren, daß sie wirklich in einem Tingeltangel in Hernals auftrat. Gerade
-an dem Tage als ich einzog, war sie zum erstenmal aufgetreten. Vorher war
-sie eine kleine Putzmacherin gewesen . . .
-
-Nein, was lebte doch in diesem Zimmer -- es war nur zwei oder drei Meter
-breit und vier lang -- für ein kunterbuntlustiger Soubrettengeist. Gleich
-als ich unter der Tür stand und den Fuß noch nicht über die Schwelle
-gesetzt hatte, mußte ich ganz laut diese närrische Strophe deklamieren:
-
- »Ich liebe dich, mein Hunderl,
- Ich bin verrückt nach dir . . . .«
-
-Die Wirtin sah mich ganz verdutzt an. Aber ich sagte, ich sei eben im
-Variété gewesen, habe die Strophe gehört und ob sie ihr nicht auch gefiele.
-
-Und wo ich ging und lag und saß und stand, immer arbeitete der Geist dieser
-kleinen, verrückten Person in mir fort.
-
-Ich saß auf dem Stuhl und sagte: »Da kam ein kleines Mädchen auf ihn zu,
-das hatte einen Hut auf, der war ziegelrot mit funkelnagelneu . .«
-
-Ja, man beging die unglaublichsten Dinge in diesem Zimmer. Einmal erwischte
-ich mich dabei, wie ich der Köchin gegenüber im Hause die Zunge
-herausstreckte und ihr eine Nase schnitt. Oder ich tanzte plötzlich vor dem
-Spiegel eine Kakewalk und hatte mir dazu den Kimono aus Yoshiwara
-umgehängt. Und welche Träume hatte man in diesem Palast! Nun eben die
-Träume einer ganz kleinen, verrückten Soubrette. Ein Graf sprach einen auf
-der Straße an. Es war im Volksgarten, gerade vor dem Denkmal der Kaiserin.
-Welch ein Duft von Beeten und Blumen. Und welch ein Sommerabend . . . Ach
-. . . Einem solchen Grafen mußte man sich ja gleich in den Arm hängen. Da
-war wirklich nichts dabei. Er hatte auch bei den Husaren gedient und war
-Leutnant. Und Rosen hatte er in den Händen, rote Rosen. Er sagte, sie seien
-für eine andere bestimmt, aber nun wolle er sie mir schenken. Denke nur.
-Gleich am andern Tag wollte er einen Ausflug mit mir machen. Ich wollte
-nicht, aber sein Wille war stärker. Auf der Sophienalpe küßte er mich zum
-erstenmal. Ich hatte ein neues rosa Kleid an, das ausgeschnitten war
-. . . . Ach und dann wurden wir so namenlos glücklich . . . Gott, wie lieb
-ich ihn hatte, und wie gut er war. Er nannte mich immer Dodo, das gefiel
-mir so gut, wenn er's sagte, und ich hatte es mir auch gewünscht. Aber dann
-kam das Duell. Wegen mir. Ein Leutnant von den Deutschmeistern hatte
-nämlich etwas über mich gesagt. . . Ach, wie ging es doch aus? Wurde mein
-Graf getötet? Nein, ich weiß nicht . . . aber die Sonne ging so blutrot
-über der Donau unter und die Nebel stiegen herauf. »Die weißen Abendfrauen
-kamen über das Meer« . . . Das klingt hübsch, nicht wahr? Ich habe es von
-einem wundervollen Dichter gehört. Er konnte überhaupt so schön schreiben,
-daß man ganz traurig wurde und weinen mußte . . .
-
-Ja, ich konnte sie ganz deutlich vor mir sehen, diese verrückte, kleine
-Person. Schlank und biegsam war sie wie eine Gerte. Sie hatte nußbraune
-Haare, einen rosigen Teint und die Nase war ein wenig eingedrückt. Das gab
-ihrem Gesicht sozusagen etwas Bedenklich-Komisches. So oft man sie ansah,
-mußte man leise den Mund verziehen. Aber dann platzte sie heraus und
-glaubte, sie habe einen glänzenden Witz gemacht.
-
-Nein, nein, wie deutlich ich dieses Kind doch vor mir sah!
-
-Da war ein Läufer mit roten Streifen, der lief längelang durch das Zimmer.
-Wenn sie sich an ihrem Grafen satt geträumt hatte und nicht mehr weiter
-wußte, ging sie an den Schrank und holte ihr bestes Kleid, es war rosa, und
-Lackschuhe heraus, mit breiten Seidenschleifen.
-
-Es dauerte nicht lange, bis sie es an hatte. Sie guckte auch nur zweimal in
-den Spiegel. Was man doch für ein Mädel war! Es war wirklich schad um
-einen. Ja, ein bißchen schad war's schon.
-
-Aber dann stellte sie sich ganz an das Ende des einen Streifens, raffte an
-beiden Seiten den Rock hoch, daß die Füße in den schwarzen Strümpfen bis
-zum Knöchel sichtbar waren und dann . . . dann balancierte sie auf dem
-schmalen roten Streifen ganz vorsichtig durchs Zimmer . . . eins . . . zwei
-. . . eins . . . zwei. Ganz vorsichtig und immer einen Fuß vor den andern
-. . . . Um keinen Preis wollte sie von dem roten Strich abweichen, und sie
-hielt den Atem an und sah ganz gespannt auf die schwarzen Schleifenschuhe.
-Es war ihr bitter Ernst sozusagen. Denn wenn sie heftig ins Schwanken
-geriet, dann mußte sie auflachen, als würde sie von jemandem -- wie
-wahnsinnig gekitzelt. Fiel sie aber um, dann stieß sie sogar einen
-richtigen Schrei aus, so daß Frau Vrany, die Wirtin, ganz erschrocken
-hereingestürzt kam und sagte: »Aber Fräul'n, was hab'n S' denn? Möcht mer
-doch grad mein'n, S'täten's schon am Spieß stecken. I hab mi ja am Tod
-d'erschrocken.« Aber dann saß sie irgendwo am Boden, lachte als würde ein
-Schlittengeschell wie rasend geschüttelt, wurde dann ganz ernsthaft und
-sagte mit einer Miene, von der nur der liebe Gott wissen konnte, ob sie
-echt oder falsch war: »I bin halt wieder runterg'fall'n, Frau Vrany; denken
-S', nur drei Schritt noch von der Tür.« Und während sie das sagte, fuhr sie
-einmal mit der Hand ganz schnell an ihrer stumpfen Nase vorbei, als gäbe es
-da etwas abzuwischen. Aber das war natürlich gar nicht der Fall, denn als
-Putzmacherin verkehrte sie ja schon seit einem halben Jahre mit den Damen
-der besten Gesellschaft.
-
-Daß es so ein tragisches Ende mit der Kleinen nehmen mußte! Ach, weiß Gott,
-wenn sie auch eine Soubrette war, so war sie doch unschuldig wie eine
-Apfelblüte. Da war Herr Werder, ein dicker rötlicher Clown an dem
-Tingeltangel. Was denken Sie, was er eines Tages zu der Kleinen sagt?
-
-»Nun, Fräulein,« sagt er eines Tages, »Sie werden ja jeden Tag dicker.
-Jetzt können Sie schon bald die komische Alte spielen.«
-
-Und was tut die Kleine? Sie geht nach Hause und stellt sich vor den Spiegel
-und weint und weint und weint . . .
-
-Zwei Tage später zogen sie sie aus der Donau.
-
-Hole doch der Teufel diesen roten Clown.
-
- * * * * *
-
-. . . Ja, es war wirklich ein Erlebnis, in dem kleinen verlassenen Palast
-dieser Soubrette zu wohnen! Ich habe mich selten so köstlich amüsiert,
-obgleich ich doch häufig solchen Überbleibseln, oder soll ich sagen,
-solchen Schatten begegnete. Diplomaten, Gelehrte, Bettler und Könige,
-Diebe, Tapezierer und Fabrikanten, Bürgerfrauen, Dirnen, Heilige,
-Marktweiber und Kupplerinnen, Trunkenbolde, Asketen, Schiffer, Matrosen,
-Soldaten und amerikanische Milliardäre haben genau wie diese kleine
-Soubrette Dodo mir ihren Schatten vermacht, und ich habe auf mancherlei
-Weise nach ihrer Pfeife tanzen müssen, wenn es auch nicht immer so lustig
-war und mit einem Kimono um die Schultern wie in dem kleinen Zimmer in der
-Alserstraße.
-
-Nein, weiß Gott, so lustig war es nicht immer. Was glaubt man denn, was
-sich in der Brust vieler Menschen begibt?
-
-Und doch, wenn ich es so recht bedenke, so war ich noch immer froh, wenn
-sich auf diese Weise etwas in meinem Leben ereignete. Hatte ich dann nicht
-wenigstens etwas, was mich ausfüllte, beschäftigte, was mich hinderte, die
-ungeheure Leere zu entdecken, als die ich mir zuweilen selbst vorkam? Gibt
-es denn etwas Entsetzlicheres als nichts zu sein? Lieber verkriecht man
-sich noch hinter die Gebärden und Masken eines anderen. Und ist es nicht
-besser, wenigstens noch etwas zu scheinen als ganz nichts zu sein, ein
-wesenloser Schatten, ein Gespenst . . .?
-
-Ja, ich war diesen Überbleibseln im Grunde genommen doch immer sehr dankbar
-. . .
-
-Na ja, ich sprach einmal mit einem Mediziner darüber: Es war ein berühmter
-Arzt und ich lernte ihn auf dem Bahnhof einer kleinen russischen Stadt
-kennen. Ich war gerade ganz ausgezeichneter Stimmung, denn ich war zwei
-Stunden durch den Schnee über Land gegangen und der Himmel war so klar und
-hell gewesen. Besonders ein Stern gerade vor mir, ach wie hatte der blau
-gefunkelt. So rätselhaft zwinkernd kühl und blau, wie ja, . . . . seltsam
-. . . . jetzt möchte ich fast glauben, er habe gelächelt wie das Frauenbild
-da hinter dem eisernen Ofen an der Wand. Oder besser noch wie ihre Hände
-da, hatte er gelächelt . . . Aber gleichviel; ich war in einer vorzüglichen
-Stimmung und so erzählte ich denn dem Arzt die Geschichte von der
-Soubrette. Aber ich erzählte es so, als sei es einem Freunde von mir
-passiert, und ob das nicht sonderbar wäre.
-
-Nein, das wäre nicht sonderbar, sagte der berühmte Arzt. Und dabei zog er
-seine goldene Uhr heraus, klappte den Deckel auf und machte ein Gesicht,
-als wolle er zu einem Patienten sagen: Ja, Sie haben noch zwölf Minuten zu
-leben.
-
-Nein, sonderbar sei das keineswegs; und dann nannte er auch irgendeinen
-griechischen Namen, den ich nicht verstand. Das Wort erinnerte mich nur von
-fern an Hippopotamos, und da erzählte ich ihm schnell die Geschichte von
-einer Mumie, die ich mal in der Nähe von Gizeh gefunden hätte und die eine
-auffallende Ähnlichkeit mit dem gegenwärtigen preußischen
-Ministerpräsidenten gehabt habe.
-
-Das sei allerdings sonderbar, sehr sonderbar, sagte der berühmte Arzt. Und
-interessant sei es, ja außerordentlich interessant!
-
-Wir schüttelten uns ganz herzlich die Hand, als wir uns trennten; wie gute
-alte Freunde.
-
-Die alte Mumie hatte uns entschieden einander erheblich näher gebracht.
-
- * * * * *
-
-Den 9. August. Nun bin ich wieder seit fünf Tagen in diesem alten Paris.
-Hätte ich glauben sollen, daß diese Stadt noch einmal solchen Eindruck auf
-mich machen würde? In spätestens vierzehn Tagen wollte ich nach dem Süden
-gehen, in die Provence; aber wenn Paris fortfährt, mich mit seinem
-berauschenden Zauber zu erfüllen, werde ich den ganzen Herbst und Winter
-hindurch hier bleiben. Bis in den Frühling. Und wenn alles kommt, wie ich
-es mir denke, wird nach all dem im Mai ein Landaufenthalt an den einsamen,
-stillen masurischen Seen für mich das Richtige sein . . .
-
-Aber Paris . . . Ist es ein Strom, eine Sonne, eine Nacht, Sturm,
-Glockenbrausen . . .? Ach, alles ist es; Höchstes und Tiefstes. Auf dem
-Lande trifft man keine zarteren Farben in den frühsten Tagen des Frühlings
-. . . Und von welcher Mannigfaltigkeit diese Nächte.
-
-Wie soll ich doch dieses seltsam berauschende Gefühl beschreiben, das mich
-ergriffen hat, seit ich meinen Fuß auf das Pflaster dieser Stadt gesetzt
-habe und in die Menge eingetaucht bin; das nun beständig und wie eine
-unwiderstehliche Macht in mir aufwächst und fast meiner Herr wird. Ist es
-mir nicht als wäre ich tief im Meer versunken? Fühle ich nicht das Lasten
-ungeheurer weicher und starker Massen auf mir, ein Lasten wie von Seide und
-dunklem Samt? Blaugrüne Wogen heben mich, wiegen mich. Ein Lichtstrom
-rauscht beständig an meinen Augen vorüber, bald blendend in leuchtenden
-Farben, bald gedämpft, in sterbenden Tönen; Nacht umfängt mich, und wieder
-reißt es mich ins Gold des glühenden Gestirns. Ein ungeheures Brausen
-umgibt mich; darin ein Auf und Ab von Tönen, hämmernde Akkorde, die von Not
-aufschreien, dumpfe, die sich klagend ergeben. Aber hinter dem allen singt
-und summt eine Melodie, die sich jetzt nähert, jetzt fern zurückweicht, die
-niemals stirbt, aber die sterben möchte, die sich besinnt, sich
-aufjauchzend zusammenrafft, wie mit Fäusten zupackt, Blöcke abwehrt,
-beiseite wirft, und wie mit beständigem Schritt gefaßt ins Leben schreitet
-. . . und wieder fern wird, sich senkt und verklingt und an schluchzenden
-Gewässern sich hinwindet und fast verstummt.
-
-Ja, das ist Paris . . . für mich. Ach, viel mehr ist es, -- es ist meine
-Seele, meine Liebe, meine Leidenschaft . . . Ach, ich könnte ja glauben,
-ich selbst bin es, ich selbst bin diese dunkle unergründliche Stadt . . .
-
- * * * * *
-
-Den 10. August. Ich will es nur gestehen: Das kleine Frauenporträt mit den
-übereinander gelegten Händen und dem seltsamen Lächeln hinter dem eisernen
-Ofen macht mir zu schaffen. Es erinnert mich an irgendwen, und ich quäle
-mich, es herauszubekommen. Ich sehe es oft minutenlang an, oder drehe mich
-ganz plötzlich weg, schließe die Augen und frage mich, wo ich dieses
-Gesicht gesehen habe oder an wen es mich erinnert. Aber das Bild hält sein
-Geheimnis fest. Ja, es ist mir zuweilen, als mache sich die Dame in dem
-bräunlichen Rahmen noch obendrein lustig über mich.
-
-Heute morgen kommt mir plötzlich der Gedanke, ich könnte ja Frau Labrouquet
-fragen. Und wirklich, ich bin auch schon auf dem Weg zur Tür, als mir erst
-einfällt, daß sie es ja gar nicht wissen kann. Wie soll um alles in der
-Welt Frau Labrouquet wissen, an wen mich diese kleine Dame mit den
-übereinandergelegten Händen erinnert? Werde ich es doch selbst kaum
-herausbekommen. Schließlich ist es ja auch ganz gleichgültig. Vielleicht
-erinnert sie mich an irgendeine Dame, die ich auf Trafalgar Square so und
-so habe in den Omnibus steigen sehen, oder an die Bewegung einer jungen
-Frau, die heimlich auf einem Mississippidampfer nach dem rotbraunen Hals
-des Kapitäns blickte. Vielleicht bin ich ja auch nur einmal in einer Stadt
-gewesen, die so aussah. Was liegt daran. Aber ich will gewiß nicht selig
-sein, wenn es mir nicht einen Augenblick so war, als könnte Frau Labrouquet
-meine Erinnerung auffrischen . . .
-
-Da habe ich heute übrigens den Herrn in dem gelben Mantel und der
-schottischen Mütze wieder getroffen.
-
-Ich war wohl noch zehn Schritte vom Haus, als ich plötzlich seinen
-verzwickten Schritt in die Türe hineinpurzeln sehe. War das nicht der Herr
-in dem gelben Mantel? Richtig. Da sehe ich ihn vor mir die Treppe
-hinaufgehen. Und was das Beste ist, wir sind Nachbarn. Als ich auf den
-letzten Treppenabsatz komme, schließt er eben bei Frau Labrouquet die Tür
-auf und tritt ein. Ich kann gerade sehen, wie das Zwickzwack seiner Beine
-noch einmal übereinanderpurzelt und es gibt mir einen förmlichen Ruck, daß
-ich fast über meine eigenen Beine stolpere.
-
- * * * * *
-
-Den 11. August. Na, ich wußte doch, daß es mit diesem Zimmer noch
-irgendeine Bewandtnis haben würde . . . Ich hatte es doch von oben bis
-unten umgekrempelt, daß kein Stück auf dem Platz geblieben war und die gute
-Frau Labrouquet, Witwe, Augen gemacht hatte . . . nun, wie gesagt, Augen,
-wie die geschiedene Blissot, als das mit dem Sparkassenbuch herauskam. Ja,
-sie hatte schon selbst ganz fest an das Sparkassenbuch geglaubt und war
-jetzt ganz empört und überrascht, daß es plötzlich nicht da sein sollte.
-
-Ja so. Es hatte trotz alledem nicht seine Richtigkeit mit dieser Kabine von
-einem Zimmer. Da brauchte man, weiß Gott, keine feine Nase zu haben. Der
-Herr Kunstkritiker mit der ewigen Zigarre und der »anerkannten Feder« war
-allerdings erledigt. Nein, für die Presse brauchte man jetzt nicht mehr zu
-schreiben, und von Linienführung und Flächenwirkung und mimosenhafter
-Zartheit und wie all diese Ausdrücke heißen, war auch keine Rede mehr.
-Aber, aber . . . da war doch jemand, mit dem ich das Zimmer teilte, das war
-doch so klar. Ich hatte doch immer so ein leises Gefühl an den Schultern,
-ähnlich dem, wenn man ein wenig friert. Es konnte nicht lange dauern, bis
-es herauskam. Nein, Gott sei Dank, heute nachmittag geschah es. Die
-Gewißheit ist mir doch immer lieber als dieses ungeduldige Ist-es,
-Ist-es-nicht.
-
-Da hatte ich mich eben fertig zum Ausgehen gemacht. Ich halte die Mütze
-noch in der Hand und lege gerade die Hand auf das kalte Metall des
-Türdrückers. Plötzlich fühle ich ihn. Er steht da drüben vor dem Spiegel
-und dreht mir den Rücken zu. Er beugt sich ein wenig seitwärts und fährt
-mit dem hoch erhobenen rechten Arm in den Ärmel seines Überziehers hinein.
-
-Und während ich lausche, höre ich ganz deutlich wie er ganz erschreckt
-sagt: »Ob sie noch da ist? Mein Gott, wenn sie mich eines Tages verlassen
-hätte . . .«
-
-Aha, denke ich, jetzt soll ich eine Liebesgeschichte zu hören bekommen. Ein
-kleines Drama wird sich abspielen. Immer sind es doch die Weiber . . .
-
-Und während ich durch die schon abendlichen Straßen gehe, denke ich an die
-Liebe. An die Liebe mit sechzehn, mit zwanzig, mit fünfundzwanzig, mit
-dreißig und mit vierzig Jahren. Aber der mit sechzehn gebe ich den Vorzug.
-
-Liebe mit sechzehn Jahren! Woher kamst du? Da ist plötzlich ein mattgrauer
-Schimmer zwischen den abendlichen Straßen, ein weiches Zerfließen der
-milchweißen Wolken um die frühe Sichel des Mondes und unser Auge steht voll
-Tränen. Irgendein Schmerzlich-Süßes-Wehes zieht in unser Herz ein und füllt
-es mit der Erinnerung alter Tage. Alle unsere Glieder sind von einer
-wohligen Müdigkeit befallen, in der alle Gedanken hinrinnen und in der
-jenes unruhig-ruhevolle Glück in uns einzieht, nach dem wir uns nach Jahren
-noch sehnen, sehnen.
-
-Liebe mit sechzehn Jahren liegt nachts auf frischen Wiesen unter Sternen
-und läßt das Auge auf dem Mondlicht über jungen Buchen träumen.
-
-Liebe mit sechzehn Jahren blickt den mondhellen Fluß hinunter und hört im
-Rauschen der Wellen süßere Stimmen als Violinen und Harfen. Ein dunkler
-Kahn zieht über silberne Fluten und der Glaube zieht ihm entgegen, und
-hofft ein Glück, so weit und so unermeßlich wie ein Königreich in den
-Märchen.
-
-Ist es nicht schade, daß Liebe mit sechzehn Jahren so bald stirbt, daß mit
-den Jahren diese Träume verschwinden und uns nicht mehr besuchen? Sieh
-diesen blauen Blick, mit dem jene Sechzehnjährige dem Versinken der Sonne
-im Meere folgt. Sie hat die Hände übereinandergelegt, kleine schmale
-Kinderhände, wie zu einem Gebet an einen über den Wolken, sie hat das Haupt
-ein wenig zurückgelehnt und zwei blonde Haarsträhnen weht ihr der Abendwind
-leicht in die Stirn. Sieht nicht so das Glück aus?
-
-Ja, was mich betrifft, ich gäbe alle Weisheit und alle gescheiten Einfälle,
-ich gäbe Ansehen, Stellung, Amt, und besonders alles, was Bildung heißt,
-alles, alles gäbe ich jetzt dahin für einen einzigen, dieser unsagbar süßen
-Träume der Jugend. Ich weiß, wenn die Leute alt werden, lächeln sie über
-diese schwärmerischen Ekstasen. Sie begreifen nicht, daß man stundenlang
-auf einer taufeuchten Wiese unter Sternen liegen mag, um an ein Paar blaue
-Augen und einen blonden Kopf zu denken und an nichts als dies. An Augen,
-die vielleicht einer kleinen und sehr dummen Musikschülerin gehören, die
-einen nie gesehen hat, und die für einen Lehrer mit einem schwarzen
-Schnurrbart und seidenen Taschentüchern schwärmt.
-
-Warum glauben wir Erwachsenen doch immer, es zeuge von Vernunft und
-Reifsein, wenn man keine platonischen Fensterpromenaden mehr macht,
-sondern, mit Verlaub zu sagen, sich recht bald, nachdem man die
-Bekanntschaft einer jungen Dame gemacht hat, nach einer passenden
-»Gelegenheit« umblickt?
-
-Was mich betrifft, so bedaure ich wirklich sehr, nicht mehr so dumm sein zu
-können, wie mit 16 Jahren; denn mit dieser Dummheit begann auch jenes
-unnennbar grenzenlose Hoffen, jenes unermeßliche Ahnen von etwas Kommendem
-zu entschwinden, das die Jugend so reich, so reich macht, daß selbst der
-ungeheure Besitz eines Petroleum- oder Eisenbahnkönigs dagegen nur ein
-totes, wertloses Nichts ist.
-
- * * * * *
-
-Den 12. August. Also, mein scheinbar so verrückter Einfall mir bei Frau
-Labrouquet, geschiedenen Blissot, Rat zu holen über das verteufelte
-Frauenzimmer da hinter dem eisernen Ofen war gar nicht so absurd! Wer weiß,
-vielleicht hat man das kleine Fräulein Foujeu, spätere Blissot und noch
-spätere Labrouquet, Witwe, als sie noch in die 57. Gemeindeschule ging,
-doch einmal mit der Gioconda bekannt gemacht. Oder wer kann wissen, warum
-es eines Tages dem kleinen Laufmädel Mimi Foujeu wünschenswert erschienen
-ist, etwas von Raffael di Urbino und Lionardo da Vinci zu wissen.
-Vielleicht ist sie zu diesem Zwecke doch zwei oder dreimal im Louvre
-gewesen, obgleich sie die »alten Heiligen« immer recht schrecklich fand und
-nachts von ihnen träumte.
-
-Nein, das ist nun wahr; wenn sie etwas erreichen wollte und es sich in den
-Kopf gesetzt hatte, dann war Fräulein Foujeu eine genau so energische
-Person wie noch heute die gute Frau Labrouquet, Witwe, die doch nun bereits
-seit zwei Stunden am Schlüsselloch steht, um endlich einmal festzustellen,
-was es denn mit ihrem neuen Mieter für eine Bewandtnis habe. Ich muß mir,
-weiß Gott, irgend etwas für sie ausdenken. Stellen Sie sich doch nur vor,
-zwei Stunden mit gekrümmten Rücken dastehen und dabei noch beständig den
-kühlen Luftzug, der durch das Schlüsselloch auf das Auge strömt . . . Das
-beste ist, ich schieße meinen Revolver ab. Oder nein. Vielleicht küsse ich
-einmal das Bild da hinter dem Ofen; das könnte sie ausgezeichnet durchs
-Schlüsselloch beobachten. Ja, ja, das werde ich tun. Ich werde die Gioconda
-küssen, als wäre sie meine Angebetete . . .
-
-So . . . jetzt ist das kleine Fräulein Foujeu doch noch auf seine Kosten
-gekommen . . .
-
-Ja, man hätte mir die sieben Foltern androhen können, und ich wäre hier
-nicht auf die Gioconda gekommen. Zufällig entdeckte ich heute das Bild im
-Louvre.
-
-Aber es ist mir auch gar nicht so unerklärlich, daß ich das Bild hier nicht
-erkannt habe, trotzdem es eine recht gute Reproduktion ist. Wie um alles in
-der Welt denkt man hier an eine Gioconda? In so einem Zimmer, das doch auch
-schon zu galanten Zwecken benutzt wurde -- ja, weshalb eigentlich
-»galanten«? Nein, das verstehe wer will. -- Wie ist man hier auf eine
-Gioconda vorbereitet! Hier wünscht man eine »Susanne« zu sehen, oder die
-nackten Göttinnen vor Herrn Paris oder wenn etwas Gemüt dabei sein soll,
-ein »Allein«, ein »Endlich-Allein« oder noch besser ein »junges Glück« in
-einem vergoldeten Rahmen.
-
-Ja, »junges Glück«, das würde hierher passen, viel besser zum mindesten als
-die Gioconda, auf die man, wie gesagt, nicht vorbereitet ist und deshalb
-nicht erkennt. So ist es doch. Wenn ich, sagen wir, Herrn Roosevelt, ohne
-davon in den Zeitungen gelesen zu haben, urplötzlich auf dem Rücken eines
-Elefanten oder mit einem erbeuteten Gorilla auf der Schulter am Kongo
-getroffen hätte, wie um alles in der Welt, hätte ich da den großen
-Staatsmann, der er doch zu Hause sicherlich ist, erkennen sollen? Selbst
-wenn ich, wie es ja leider nicht der Fall ist, sein bester Freund wäre?
-
-Madonna Gioconda in ihrem bräunlichen Rahmen, der mich an alte Kontore
-erinnert, lächelt unergründlich. Ich glaube, wenn man das Bild und die Frau
-lange ansehen könnte, würde sie zu leben beginnen. Ich kann es so deutlich
-fühlen, wie die Konturen ganz leise im Bilde erzittern würden. Und könnte
-sie nicht die übereinandergeschlagenen Hände aufheben, um einen mit einer
-Geste zu berühren, unter der man schaudern würde, wie unter dem Gedanken
-einer mütterlichen Blutschande?
-
-Es ist so seltsam mit diesen furchtbaren Händen. Man weiß nicht, werden sie
-Himmlisches tun oder Tierisches. Und wenn Tierisches, werden sie nicht,
-indem sie es tun, es auch heilig sprechen? Und müßte man nicht den Wunsch
-haben, sie zu küssen, auch wenn sie Lasterhaftes getan hätten? Ich meine
-das so, wenn sie an einem lebenden Weibe wären.
-
-Eigentlich ist es ein furchtbares Bild. Ich werde es von jetzt ab nicht
-mehr ansehen.
-
-Aber was rede ich mir denn ein? Haben meine Bedenklichkeiten vor diesem
-Bilde mit der Entdeckung, daß es die Gioconda des Lionardo ist, auch nur um
-einen Deut abgenommen? Diese Ähnlichkeit war es also nicht? Also eine
-andere? Aber welche, welche? Es ist mir doch als erinnerten mich diese Züge
-. . .
-
-Ach, an alle erinnern sie mich, an alle . . .
-
-Mögen sie mich doch erinnern, an was und an wen sie wollen und meinethalben
-an Frau Labrouquet, die geschiedene Blissot.
-
- * * * * *
-
-Den 13. August. Der gute Herr, da hinten vor dem Spiegel, der sich ein
-wenig links beugt und mit erhobenem rechten Arm in das Ärmelloch fährt, ist
-der vollendetste Narr, den ich je gesehen oder erlebt habe. Wann mag er nur
-hier gewohnt haben? Ob es lange her ist?
-
-Die Liebe hatte ihm in ganz erheblichem Maße den Kopf verdreht. O ja, in
-sehr erheblichem Maße kann man sagen. Liebte er etwa ein Weib aus Fleisch
-und Blut? Oder liebte er ein Weib aus Holz und Öl? Allewetter, dieser junge
-Mann hatte Talent. Wissen Sie, in wen er verliebt war? So gehen Sie in die
-Salle carée im Louvre und betrachten Sie dort das Frauenporträt von
-Lionardo da Vinci! Ach, Sie müssen nicht glauben, daß es ein schlechter
-Witz von mir ist. Wenn dieser Mensch nicht von dem glühendsten und
-wahnsinnigen Wunsch gepeinigt wurde, Madonna Gioconda an sich zu reißen,
-wie nur je eine Dame in einer verschwiegenen Ecke, so will ich nicht selig
-sein. Aber ich möchte auch elf gegen zwei wetten, daß es keine Dame aus
-Holz und Öl war, die dem armen Tropf so traurig das Oberste zu unterst
-kehrte.
-
- * * * * *
-
-Den 14. August. Was sich doch in so einem kleinen Zimmer, sogar bei einer
-Witwe wie Frau Labrouquet zuweilen für Tragödien abspielen.
-
-Da sollte man nun glauben, die großen Ereignisse fänden alle vor einem
-Parkett von Zuschauern und unter dem Mikroskop der öffentlichen Meinung
-statt. Aber nein. Hier hinter einem Tisch mit einer roten Decke, hinter
-zwei verstaubten Gardinen und sozusagen hinter einem eisernen Ofen, ist der
-Schauplatz der ernstesten Vorgänge. Die Kopie nach der Gioconda ist
-offenbar ein Erbstück des armseligen Schattens, der mir seine Aufwartung
-macht. Er hatte sich nichts Geringeres in den Kopf gesetzt als das Original
-aus dem Louvre zu stehlen.
-
-Der arme Tropf! Wahrscheinlich verwechselte er es mit seiner Angebeteten.
-Er stellte sich eine heimliche Entführung im Automobil vor, und dann wollte
-er es -- -- ja, wie war es gleich? Ich habe es wieder vergessen. Ich
-glaube, er wollte es hinter einen Spiegel nageln, oder als Rücken in einen
-Schrank einlassen. Ich weiß es nicht mehr genau.
-
- * * * * *
-
-Den 15. August. Bei allen approbierten Heiligen! Jetzt ist es heraus. Ich
-habe mich gröblich getäuscht. Der Gelbe ist es! Der Gelbe hat den sauberen
-Plan aus der Westentasche seines Gemüts geboren. Die Sache wird also ernst,
-haha! Er wird die Gioconda stehlen! . . .
-
-Ja, aber wie -- wie weiß ich es denn? Was kümmern mich auf einmal meine
-Nachbarn, bis jetzt waren es doch immer nur meine Vorgänger? Unsinn. Was
-zerbreche ich mir darüber den Kopf. Als ob mich die Sache aufregte. Die
-Gioconda stehlen! Nun, ebenso gut könnte er sich ja in den Kopf setzen, den
-Eiffelturm vom Champs de Mars wegzuschleppen oder das Ministerium mit Herrn
-Delcassé.
-
-Sich auszumalen, daß es eines Tages in den Zeitungen hieße: Die Gioconda
-gestohlen! Man braucht sich doch nur das vorzustellen, um einzusehen wie
-verrückt dieser Plan ist.
-
-Die Gioconda gestohlen! Das wäre wahrhaftig ein Spaß. Das käme mir beinahe
-vor als wollte einer alle Frauen auf einmal aus der Welt schleppen.
-
-Ja, so käme es mir wahrhaftig vor. Er soll es nur versuchen, er soll es nur
-versuchen . . .
-
-Ich schäme mich fast, es mir selbst zu gestehen, aber wahr ist es: ich kann
-ihn begreifen, in seinem seltsamen Wahnsinn und ich glaube, daß es vielen
-so geht. Ich habe mich schon beobachtet, daß ich vor dem Bilde stehe und zu
-mir selbst sage: Ich liebe dich, Gioconda. Ich könnte es wahrhaftig
-flüstern wie man ein lange zurückgehaltenes Liebesbekenntnis für sich
-flüstert. Aber ich habe ja meine gute Vernunft, die mir sagt, es ist ein
-Bild. Gott sei gepriesen für diese Vernunft!
-
-Der arme Kerl tut mir leid; was wird er sich alles anrichten. Pfui Teufel
-. . . und dabei ist er ein Grundehrlicher . . . Man muß wirklich Gott
-danken, daß man nicht so von Sinnen ist wie er.
-
-Denn das ist er. Was hat er sich nun obendrein für einen Unsinn in den Kopf
-gesetzt. Jetzt will er wissen, daß der Kunsthändler Duval in der Rue de
-Rome einen Dolch aus rötlichem Stahl besitzt.
-
-Nun, ich weiß nicht, ob es rötlichen Stahl gibt, und vielleicht besitzt
-Herr Duval ja auch einen solchen Dolch. Aber wie um alles in der Welt kann
-es ein Dolch aus rötlichem Stahl sein mit der Aufschrift: Tibi Gioconda?
-Und nicht genug, er kapriziert sich darauf, daß der Dolch aus den
-toledanischen Werkstätten und eine Arbeit aus dem 14. Jahrhundert sei.
-
-Nun, wir werden ja sehen. Dieser Mensch ist ein vollkommen Irrsinniger oder
-ich will nicht selig sein.
-
- * * * * *
-
-Den 16. August. Wie der Mensch sich selbst belügen kann! Ich glaube, es
-gibt sogar Menschen, die lügen sich ihre ganze Existenz vor. Also da
-versuche ich mir nun einzureden, daß mich die Sache mit dem Diebstahl
-nichts angeht, daß sie mich nicht im mindesten aufregt und daß ich ihr so
-gleichgültig zuschaue wie ein langjähriger Abonnent dem 21. Tode der Maria
-Stuart. Und dabei hat mich doch sofort eine unerklärliche, heiße Angst
-befallen, die mir fast die Kehle schnürte und mich die ganze Nacht durch
-Paris trieb.
-
-Und wie ich es auch anstellte, welchen Weg ich einschlug, nach Norden,
-Osten, Westen, Süden, immer stand ich zuletzt vor dem Portal des
-Louvre-Museums, gerade als müßte ich achtgeben, daß niemand die Gioconda
-fortschleppt. Nun, aber ebensogut könnte ja auch einer mit der Venus von
-Milo am Arm die Rue de Rivoli hinuntergehen.
-
-Jetzt denke ich doch schon erheblich ruhiger über den Fall. Wie töricht ist
-es doch auch, sich über das Unmögliche aufzuregen.
-
-Ich sollte mir lieber Gedanken darüber machen, wie die Liebe ihm so den
-Kopf zerstücken und zerflicken konnte.
-
-Daß es aber auch kaum einen Mann gibt, dem nicht der Knüppel Weib zwischen
-die Beine fällt. So oder so. Der eine bleibt an einem Dienstmädchen hängen
-oder an einer Gouvernante und der andere stolpert sozusagen über die
-Idealität des Weibes.
-
-Ja, was dies betrifft, so sind schon mehr Männer als man glaubt daran
-zugrunde gegangen.
-
-Aber, wer zum Teufel, heißt sie denn auch beim Weibe die Erfüllung der zehn
-Gebote suchen. »Du sollst nicht lügen.« Nun, bei allen Aufrechten, ich habe
-weder jemals ein Weib gesehen, das nicht lügt, noch wünsche ich es je zu
-sehen. Ein Weib, das nicht lügt, ist uninteressant, und ein Weib, das die
-Wahrheit sagt, langweilig. »Du sollst nicht lügen.« Das ist wie alle
-Du-sollst eine Bequemlichkeitsvorschrift. Die Faulheit hat sie gemacht.
-Diejenigen haben sie aufgestellt, die zu dumm waren und fühlten, daß sie
-echt und unecht nicht von sich aus unterscheiden konnten. Da gaben sie
-jedem Ding erst seinen umständlichen Stempel: Dies ist Gummiarabikum und
-dies ist Nitroglyzerin. Wer nun einem Nitroglyzerin unter die Nase hält und
-sagt, es sei Gummiarabikum, der ist »unsittlich«. Wie lächerlich ist das
-doch.
-
-Mögen die Männer immerhin sittlich sein. Die Frauen sind mir zu gut dazu.
-Wer will denn einen abgerichteten Star im Käfig haben? Und ist es -- ja bei
-Gott -- gibt es eine größere Freude, als einer Frau hinter etwas zu kommen!
-Hinter ihre Schliche oder womöglich hinter ihr -- Bewußtsein!
-
-Wenn man von den Frauen die Erfüllung der zehn Gebote verlangt, nimmt man
-ihnen dann nicht alle Hintergründe? Sehen Sie nur diese Gioconda! Haha, der
-alte da Vinci ist mein Freund! Er glaubte und liebte wie kein anderer die
-Hintergründe des Weibes, diese unergründlichen Hinter- und Abgründe, durch
-die man hinauf- und hinabstürzt ins Herz der Natur und zuweilen in das
-Grauen der Welt. Kann man es etwa ansehen dieses Bild, bis zu Ende ansehen?
-Nun, den will ich sehen, dem dabei nicht schwindlig wird. Es ist wahrhaftig
-kein besonderes Vergnügen ins Nichts, ins Ewig-Leere, ins Unbegrenzte
-hinunterzugondeln. Einen Halt muß der Mensch doch haben, einen Glauben; und
-sei es auch nur Halt und Glauben an einem Laternenpfahl.
-
-Mich wundert es nicht, wenn es auch größeren Geistern vor dem Rätsel Weib
-schwindlig wird. Nun, natürlich größeren Geistern. Kleine werden ja nie
-schwindlig, sie gehen immer sicher und schwindelfrei auf dem Bürgersteig
-der öffentlichen Sittlichkeit. Mit einem »du sollst« rechts und einem »du
-sollst nicht« links, legen sie ihren Lebensweg anständig und honett zurück
-und legen sich sogar gut abgebürstet ins Grab, wo sie mitsamt ihrer
-Sittlichkeit verwesen.
-
-Aber die andern! Ja, ich sah manchen auf dem Weg nach seiner Heimat selbst
-in diesem elektrisch beleuchteten Jahrhundert Irrfahrten machen, die hinter
-denen des Odysseus nicht zurückstanden, und ein neuer Homer, mein' ich,
-brauchte nicht unter die Arbeitslosen zu gehen. Aber Odysseus hatte doch
-schließlich und endlich zu Hause eine Penelope, die treu war. Oder? Oder
-sollte das nur -- ein Märchen sein? Ein Märchen, mit dem der große Dichter
-sein großes griechisches Kind einwiegte und in Schlummer sang? Wollte er
-auch zum Glauben an Treue verführen? Mußte er auch einmal hinter alle
-Hintergründe eine letzte Kulisse schieben, weil ihm sonst schwindelte?
-
-Nein, nein, ich halte es lieber mit meinem alten Lionardo!
-
-O du Prophet des Unglaubens! . . .
-
-Aber ganz leicht muß es doch nicht sein, so ganz ohne die Rechenmaschine
-»Gut und Böse« auszukommen. Ich selbst darf mich allerdings nicht beklagen.
-Ich habe einen so wetterfesten Humor mitbekommen, daß ich gegen alle
-regnerischen Überraschungen der Frauen gefeit bin. Ich habe noch ein
-Gelächter im Zwerchfell, wo andere schon nach Mord und Selbstmord schielen.
-
-Einmal bekam ich einen Brief, indem sie mir schrieb, sie wolle mir bis ans
-Ende der Welt folgen. Und das war keine Lüge. Hätte ich geschrieben:
-»Komm«, sie wäre gekommen. Aber trotzdem stand in einem Nachsatz: »P. S.
-Ich habe hier übrigens einen Rechtsanwalt wieder getroffen, den ich im
-letzten Winter auf einem Ball kennen lernte.«
-
-Na -- es war so klar; sie betrog mich. Aber ich war ganz begeistert über
-diese Mitteilung. Ich hätte gar nicht hinfahren brauchen, um mich zu
-überzeugen. Es war mir geradezu, als ob in dem Brief stünde: Liebster, ich
-betrüge Dich, herzlichen Gruß Deine Dich treu und ewig liebende Margarethe.
-
-Ach, ich kann ja gar nicht sagen, wie begeistert ich war!
-
-Aber ich fuhr natürlich doch hin, ging auf den Herrn Rechtsanwalt, als er
-an ihrer Seite daher kam, zu und schlug ihm eins, zwei den Hut vom Kopf.
-Trotz meiner Begeisterung.
-
-Ja, so ist man.
-
-Und die Sache nahm noch ein viel fröhlicheres Ende. Denn trotzdem sie mich
-brutal genannt hatte, kam sie doch am Abend zu mir ins Hotel und hatte ihr
-bestes Kleid angezogen. Nun, da wußte ich ja Bescheid. Aber in dem Hotel
-konnte ich nicht bleiben. Wir mußten umziehen. Denn dort hätte uns ja
-niemand geglaubt, daß wir ein legitimes Recht auf ein Zimmer mit zwei
-Betten hätten. Das wollte sie nämlich diesen Abend unbedingt.
-
-Wenn man sagt: Selbst in der vornehmsten Dame steckt eine kleine Göre, die
-noch gern einmal eine Nase schneidet und die Zunge herausstreckt, -- so
-glaubt alle Welt, man wolle sich über die Frauen lustig machen.
-
-Eine Dame sagte einmal ganz empört darauf zu mir: »Vielleicht auch in der
-Königin von England?« »Warum nicht?« sagte ich, »ich will nicht hoffen, daß
-die Engländer von einer Gouvernante regiert werden.« Darauf drehte sie mir
-den Rücken zu und ging stracks davon. Das tat sie aber nur, weil sie so
-prachtvolle Schultern hatte. Ja, prachtvolle Schultern und einen
-geschmeidigen, freien Gang. Ich mußte ihr ganz berauscht nachblicken. Und
-sie fühlte auch wohl, daß sie Eindruck auf mich gemacht hatte, denn sie
-blickte sich nicht ein einziges Mal um.
-
-Später wurden wir übrigens noch gute Freunde und sie war furchtbar verliebt
-in mich. Und dann sagte sie mir auch einmal, daß ich ganz recht hätte mit
-der kleinen Göre, die noch eine Nase schneidet, aber damals hätte sie es
-furchtbar geärgert. Es sei auch arrogant, so etwas zu sagen, aber jetzt, wo
-sie mich hätte, wäre ihr auch das egal. Ach, sie war ein reizendes
-Geschöpf, so klug und falsch wie kaum eine.
-
-Ich verlor sie übrigens zuletzt durch eine Dummheit. Ich küßte nämlich
-eines Tages halb aus Langerweile, halb aus Torheit in ihrer Gegenwart eine
-Kopie der Venus von Giorgone, die bei mir an der Wand hing. Das sei die
-größte Beleidigung, die man einer Frau antun könne! Und das sagte sie mit
-dem erbittertsten Gesicht von der Welt. Als ich ihr aber vom Fenster
-nachsehe, bemerke ich, daß drüben ein Wagen für sie hält, in dem bereits
-ein Herr sitzt, der auf sie wartet.
-
-Zwei Tage marterte ich mich mit dem Gedanken, was sie wohl gemacht hätte,
-wenn ich nicht auf den dummen Einfall gekommen wäre, das Bild zu küssen!
-Denn da hatte sie nun recht: schlimmer kann man eine Frau ja gar nicht
-beleidigen.
-
-Ja, aus ganzem Herzen unterschreibe ich, was Herr Tackeray sagt:
-»Unparteiische, logische und streng gerechte Frauen! Gott bewahre uns
-davor! Wenn die Frauen diese Eigenschaften hätten, würde die Menschheit
-vergehen, und die Erde würde zu einer Wüste.«
-
-Penelope ist doch weiß Gott kein Ideal! Odysseus wird es noch oft beklagt
-haben, nicht bei der rätselhaften Zauberin Circe geblieben zu sein. Aber
-wahrscheinlich wollte es die Weltanschauung der Griechen so, daß der Mann
-bei dem treuen Weibe enden muß, daß er nach allen Irrfahrten die Treue in
-der Heimat und die Heimat in der Treue findet.
-
-Ja, ja die Griechen . . . .
-
- * * * * *
-
-(Anmerkung des Herausgebers: Es dürfte den Leser interessieren zu wissen,
-daß das folgende Stück im Manuskript mit wesentlich veränderten
-Schriftzügen geschrieben ist. Der Zusammenhang dieses Absatzes mit dem
-Voranstehenden ist zwar nicht recht deutlich, aber ich glaubte, ihn
-trotzdem mitabdrucken zu müssen. Vielleicht findet dieser oder jener doch
-einen inneren Faden, der von dem übrigen Inhalt zu diesen Sätzen
-hinüberleitet.)
-
- * * * * *
-
-. . . Und dann eines Tages litt es mich nicht mehr. Ich wollte gehen und es
-ihr sagen.
-
-Ich war stundenlang durch die Wälder gegangen und hatte an jedem Baum
-gesagt: Ich liebe dich. Sie war ganz in meinen Gedanken. Es war, als flösse
-ihr Wesen mit meinem Blut schimmernd in meinen Adern. Auch nicht die
-geringste Regung eines Gefühls gehörte nicht ihr, war nicht sie.
-
-Ach, ihr Menschen von heute, könnt euch solche Liebe nicht denken, ihr
-glaubt ja nur an Liebe, die nachläuft, die sich erklärt, die heiratet. Für
-den Florentiner und seine Liebe zur Simonetta habt ihr doch nur ein
-Lächeln.
-
-Aber als er dort an der Brücke stand und Beatrice unter den Frauen
-vorüberging, da war es, als sei alles Glück, aller Rausch und Seligkeit
-dieser Welt in dieses eine gewaltige, glühende Herz gegossen. Der Schein,
-der aus jenen Augen brach, schuf an ihr die Schönheit der Frauen kommender
-Jahrhunderte . . .
-
-Wenn sie durch die Straßen schreitet oder ihre Schönheit in Sälen zeigt,
-wenn die Menschen sich nach ihr umwenden, ist mir, als bewunderten alle
-mein Werk. Ich habe sie gelehrt, sich so zu tragen mit diesem königlichen
-Anstand, ich habe sie ihren stolzen Gang, das Neigen ihres Hauptes, das
-Heben ihrer Hände gelehrt . . . .
-
-Ich liebe dich!
-
-Du bist mir wie ein Gebet in der Kirche. Seit ich dich kenne, bin ich
-wieder fromm wie ein Knabe. Es gibt einen Gott, es gibt eine
-Unsterblichkeit, es gibt Ewigkeit. Es gibt wieder alles, was es als Kind
-gab: Geborgensein, Ruhe, Stille. Meine Liebe hüllt mich wie in eine
-duftende goldene Wolke. Ich bin wie verwandelt.
-
-Ich liebe dich.
-
-Ich will nicht vor dir niederknien und dir keinen Thron errichten. Für den
-Himmel bist du mir zu gut. Ich will dich wie du bist, mit allen deinen
-Menschentugenden und Menschenfehlern, mit deinen rätselhaften Schönheiten
-und deinen schönen Rätseln.
-
-Ich liebe dich.
-
- * * * * *
-
-Den 18. August. Dieser vertrackte Kerl! Er macht mir weiß Gott zu schaffen.
-Sie werden sehen, daß er mit der Gioconda ernst macht. Er bestimmt sich
-obendrein Zeit und Ort und Stunde und führt den Diebstahl aus, wie es ihm
-paßt.
-
-Ich habe es doch heute gesehen. Kam nicht alles, wie er es vorausgesagt
-hatte? Wort für Wort? Von dem rötlichen Stahl angefangen bis zu dieser
-mysteriösen Inschrift: Tibi Gioconda?
-
-Von halb fünf ab hielt ich mich bereit. Ich wollte doch sehen, was es denn
-mit dem Dolch für eine Bewandtnis hätte. Genau zur festgesetzten Zeit --
-meine Uhr zeigte 13 Minuten bis fünf -- stand er auf, nahm seine Mütze und
-ging. Ich ließ ihn keinen Augenblick aus den Augen und folgte ihm
-unbemerkt. Immer sah ich seinen gelben Mantel auf der Straße zwischen den
-Passanten auftauchen. Es war leicht, ihn im Auge zu behalten. Übrigens
-konnte man am Schritt sehen, wie sicher er seiner Sache war. Er ging gar
-nicht aufgeregt, sondern ganz ruhig und zielstracks geradaus.
-
-Fünf Minuten nach fünf legt er die Hand auf den Drücker der Ladentüre und
-tritt ein. Herr Duval steht sechs Schritte von ihm entfernt und betrachtet
-eben eine Wedgewood-Schüssel. Er grüßt, geht auf den Kunsthändler zu und
-sagt: »Sie besitzen einen Toledaner Dolch. Aus rötlichem Stahl. Eine Arbeit
-aus dem 14. Jahrhundert. Nicht wahr?«
-
-Der kleine graue Mann rückt an seiner goldenen Brille, sieht ihn etwas
-verdutzt an und sagt: »Nein, mein Herr, einen solchen Dolch habe ich nicht;
-aber vielleicht ist Ihnen mit einer anderen, einer italienischen Arbeit
-gedient? Ich habe . . .«
-
-»Nun, erinnern Sie sich nur. Der Dolch trägt die Aufschrift: Tibi
-Gioconda.«
-
-»Aber, wenn ich Ihnen doch sage . . .«
-
-»Ich versichere Sie, Herr Duval . . .«
-
-»Ha, ha, Sie versichern mich! Sehr gut, sehr gut. Nein ich versichere
-Ihnen, mein Herr, ich versichere Ihnen . . .«
-
-»Herr Duval, Herr Duval«, schreit plötzlich aus der hintersten Ladenecke
-eine Stimme: »Wir haben sie . . . Wir haben sie . . .«
-
-Herr Duval entschuldigt sich plötzlich und rennt zwischen all seinen
-Möbeln, Leuchtern und Spiegeln nach dem hinteren Ende des Ladens: »Wen
-denn? Wen habt ihr denn?« ruft er.
-
-»Die Truhe, Herr Duval . . . Sehen Sie nur, da stand sie, hinter dem
-Louis-seize. Mein Gott, ist sie dreckig, voller Staub!«
-
-Herr Duval ist keiner von jenen modernen Verkäufern, die immer nur Geschäft
-sind und wie Automaten aussehen. Sein Geschäft ist sozusagen ein
-Appartement seiner Wohnung, ein Teil seiner Familie. Wer in sein Geschäft
-kommt, der kommt in seine Familie und nimmt an deren Leiden und Freuden
-teil.
-
-Herr Duval kommt also mit einer halbgroßen, ganz verstaubten Truhe, die ihm
-ein Lehrling mit schwarzen Haaren und einem Sommersprossen besäten Gesicht
-tragen hilft, wieder nach vorne und beginnt gleich zu erklären:
-
-»Endlich also, endlich haben wir ihn, den Ausreißer. Denken Sie nur, mein
-Herr, vier volle Wochen versteckt sie sich hinter einem
-Louis-seize-Spiegel. Ich dachte schon, jemand hätte sie gestohlen. Diesen
-Bengel da hatte ich weiß Gott in Verdacht. Ich hatte mich schon an die
-Polizei gewendet. Wo sollte sie denn geblieben sein? Nun, jetzt haben wir
-sie! Ja, ja. Interessieren Sie sich für Renaissancestickereien? Geben Sie
-acht; hier haben wir nämlich einen der kostbarsten Erzbischofsmäntel, die
-je angefertigt wurden. Ach, Sie werden staunen, mein Herr, welch eine
-kostbare Arbeit, welch' eine Arbeit!«
-
-Und während er das sagt, hat Herr Duval die Truhe sorgfältig von allem
-Staub gereinigt und entnimmt ihr jetzt vorsichtig und fast mit einer
-gewissen Andacht einen großen kostbar gestickten Erzbischofsmantel aus
-schwerem Goldbrokat.
-
-»Sehen Sie, das ist eine Arbeit! Und wie erhalten, was? Als käme er eben
-aus den zarten Fingern der Goldstickerinnen. Sehen Sie nur, sehen Sie. Die
-Farben sind ein wenig geblaßt. Aber das gibt dem Golde einen intimen, ich
-möchte sagen, herbstlichen Reiz, nicht wahr? Ja, einen herbstlichen Reiz,
-das kann man wohl sagen. Oder erinnert es Sie mehr an unseren Pariser
-Frühling?
-
-Ach, Sie können ihn ja so nicht sehen. Georges, stelle dich einmal
-hierher.«
-
-Und er hängt dem sommersprossigen Jungen den Erzbischofsmantel so über
-seinen kurz geschorenen Kopf, daß von dem Bengel überhaupt nichts mehr zu
-sehen ist. Aber der Mantel schleift noch am Boden.
-
-»Oder haben Sie Lust, sich einmal selbst als Erzbischof zu sehen? Haha, Sie
-werden sich gut darin ausnehmen mit Ihrer Habichtsnase. Entschuldigen Sie.
-Sehen Sie so -- so. Und nun betrachten Sie sich einmal im Spiegel. Ich sage
-es ja, nur die Mütze fehlt. Sie sind ein geborener Erzbischof, mein Herr.
-Schnell, Georges, unsere Mütze und den Bischofsstab . . .«
-
-Plötzlich aber schlägt der als Erzbischof Verkleidete den Mantel, der innen
-mit brennend roter Seide gefüttert ist, zurück und hält dem Kunsthändler
-einen langen Dolch aus rötlichem Stahl entgegen.
-
-»Sehen Sie, Sie besitzen ihn doch, Herr Duval.«
-
-»Mein Gott, mein Gott, was ist das, was ist das! Wie kommen Sie zu dem
-Dolch? Wie . . .?«
-
-»Ich fand ihn eben hier in der Innentasche des Mantels.«
-
-Der kleine Kunsthändler tritt unwillkürlich um einen Schritt zurück, sieht
-den als Erzbischof vor ihm Stehenden befremdet an und sagt ganz kleinlaut
-und erschreckt:
-
-»Aber mein Herr, ich versichere Sie, ich wußte nichts, ich wußte in der Tat
-nicht das geringste von diesem Dolch. Ich kann es beschwören. Ich sehe ihn
-zum erstenmal in meinem Leben. Lassen Sie einmal sehen, lassen Sie sehen.
-Bei der Jungfrau, es ist eine toledanische Arbeit. Eine wundervolle
-toledanische Arbeit aus dem 14. Jahrhundert. Genau wie Sie es sagten. Aber
-das ist doch das Seltsamste, was ich erlebt habe. Wie wußten Sie, mein
-Herr? Ach, Sie haben ihn selbst mitgebracht? Aber nein, wie werden Sie denn
-Ihren eigenen Dolch kaufen wollen. Und hier ist ja auch die Aufschrift:
-Tibi Gioconda. Ganz deutlich. Mein Gott, genau wie Sie es sagten!«
-
-»Ich biete Ihnen 150 Frcs. für den Dolch«, sagt der unheimliche Mensch, der
-noch immer im Ornat vor dem erschreckten Kunsthändler steht. »Wollen Sie
-ihn dafür geben?«
-
-Sie werden einig und gleich darauf verläßt der Gelbe den Laden. Herr Duval
-aber steht noch in der Türe, sieht ihm nach und sagt immer wie zu sich
-selbst und in seinen grauen Bart hinein: Das verstehe ich nicht, nein, das
-ist seltsam, das verstehe ich nicht . . .
-
-Um 5 Uhr 17 Minuten waren wir wieder zu Hause, gerade eine halbe Stunde
-waren wir fort gewesen.
-
- * * * * *
-
-Den 19. August. Was soll nun noch unmöglich sein. Er wird die Gioconda und
-mit ihr alle Rätselhaftigkeit in seinen Besitz bringen, genau zu der
-Stunde, zu der er es bestimmt hat. Und trotz allen Einwendungen der
-Vernunft wird es in allen Zeitungen und auf den Straßen ausgerufen werden:
-die Gioconda gestohlen!
-
-Eine unerklärliche, heiße Angst hat mich befallen. Er aber ist ruhig wie
-ein Stein. Und mit welch bewunderungswürdigem Instinkt er den Zeitpunkt des
-Diebstahls ausgesucht hat. Es ist als hätte er den Blick in die Zukunft.
-Woher weiß er, daß bei der Ablösung der Wachen diesmal ein Irrtum
-vorkommen, daß der eine Wächter abgerufen wird, und so der Saal sechs
-Minuten lang ohne Aufsicht bleibt?
-
-Ich frage mich ja vergeblich, woher ich dies alles weiß!
-
-Oft fühle ich mich mit ihm verwandt, so als flösse dasselbe Blut in unseren
-Adern. Und doch wieder bin ich ihm fremd. Nicht so fremd und auf jene Art
-wie einem irgendein beliebiger Mensch fremd ist, dem man irgendwo begegnet,
-der einen um Auskunft bittet oder nach einer Straße frägt, sondern wie
-einem der Bruder fremd ist. Oder wohl gar wie die Mutter, so unheimlich
-fremd. Das läßt sich nicht beschreiben. Aber alle diejenigen kennen es, die
-vielleicht als Kind gesehen haben, wie ein Mann einen begehrenden Blick
-über die Gestalt der Mutter gehen ließ, und wie die Mutter diesen Blick
-leise und ohne es zu wissen, zurückgab. Ach, wie kann da ein Knabenherz in
-seiner Einsamkeit erschrecken und auffahren. Und wie fremd kann da eine
-Mutter werden. Fremder als Gott, den man noch nie gesehen hat, der aber
-doch immer so ist, wie man ihn glaubt. Eine begehrte Mutter aber ist so
-fremd und schaudervoll rätselhaft wie die dunklen Augen eines Hundes, der
-sich herrenlos auf den Straßen herumtreibt und der einen des Abends
-plötzlich aus der Dämmerung anstarrt wie das Nichts, so niederschmetternd
-und überwältigend.
-
-Ich selber bin bei guten Sinnen und weiß, daß die Rätselhaftigkeit, das
-Grauen, das mich aus diesem schrecklichen Bilde anblickt, Geburt meines
-Hirns, meiner Augen ist. Ich weiß, daß sie ohne mich tot ist, tot in ihrem
-Rahmen und Holz und Farbe. Aber er, der armselige Unsinnige! Ist er blind?
-Er glaubt, sie lebt. Er glaubt, daß er all ihre Rätselhaftigkeit an sich
-bringen muß zu ewigem Besitz oder vielleicht sogar zu ewiger Zerstörung. Er
-fühlt ein Leben in diesen verräterischen Augen, diesen furchtbaren Lippen,
-diesen entsetzlichen, grauenhaften Händen. Und das Leben dieses Bildes
-peitscht und zerfleischt ihn, bringt ihn außer sich und treibt ihn umher.
-Es bleibt ihm nur das eine: sich selbst zerfleischen oder -- sie besitzen.
-Besitzen wie ein Weib aus Fleisch und Blut, das man Brust an Brust an sich
-reißen, pressen und umschlingen kann.
-
- * * * * *
-
-Den 20. August. Gott sei uns gnädig! Diese Nacht noch und alles ist
-vorüber. Er wird alle Rätselhaftigkeit der Gioconda an sich bringen und
-alles wird seine toten, sicheren, gleichgültigen Gleise gehen.
-
-O, warum sitze ich hier und lege die Hände in den Schoß und stelle mich
-nicht vor die Tat und ihn? Warum halte ich dem Mörder den Arm nicht fest,
-ehe er zustößt? Denn Mord ist dies doch, nicht wahr? Ach viel mehr! Ist es
-nicht, als reckte jemand die Hand aus, das Heiligtum der Welt zu schänden?
-Als risse jemand die Sonne vom strahlenden Tag, um einen unförmigen
-Lehmklumpen dafür aufzuhängen? O Gott . . .
-
-Und doch; lebt nicht in uns allen diese furchtbare Begierde, Tempel zu
-schänden und Götter zu verhöhnen? . . .
-
- * * * * *
-
-(Zwei Stunden später) O, wie soll ich doch das ertragen! Welchen Anteil
-habe ich denn an diesem Diebstahl? Welche Gewalt besitzt er über mich?
-Warum bleibe ich denn? Warum sehe ich dem allen so zu, obgleich ich es
-verabscheue, ihn verabscheue . . .
-
-Ach, ich will es nur gestehen, so erbärmlich es ist, aber helfe mir Gott,
-nicht ich bin es, den man dafür verantwortlich machen muß: ich _will den
-Diebstahl_. Ja, ich will ihn, auch ich, das ist mir nun klar.
-
-Und doch ist es mir auch wieder furchtbar, dem allen so zusehen zu müssen.
-Ja, es ist mir trotzdem, als sollte ich der Hinrichtung meiner eignen
-Kinder zusehen und könnte auch nicht einen Finger heben, dem Henker Einhalt
-zu tun.
-
-O, dürfte ich doch aufwachen, und alles wäre ein Traum. Es muß ja ein Traum
-sein: ganz so wehrlos, so machtlos fühlt man sich ja nur im Traum, wenn man
-eingeschnürt liegt wie in einem Schraubstock, gefoltert von furchtbarer
-Angst und die Gefahr nun immer näher und näher kommt und einen jeden
-Augenblick schon erreichen muß. O ja es muß, es kann nur ein Traum sein,
-aus dem es ein Erwachen gibt, in dem alles nicht war . . .
-
-Fünf Uhr morgens. Wie gräßlich, wie entsetzlich war dies! O, keine Nacht
-mehr wie diese. Lieber den Tod. Nun steht das Bild hier dicht hinter der
-Wand und ich bin von allem Zeuge gewesen und weiß, wie alles sich
-zugetragen hat. Und mir ist, als wäre ich selbst der Dieb; die Furcht vor
-Entdeckung hat mich gefaßt und ich zittre wie ein Mörder, der angstvoll die
-Spuren seiner Tat zu verwischen sucht, der ermüdet und erschöpft in
-Halbschlaf fällt und sich plötzlich blutbesudelt und blutbefleckt im Traum
-erblickt.
-
-Ach, nichts ist mir erspart geblieben. Ich wachte hier in meinem Zimmer die
-ganze Nacht. Ich sah, wie er die Mütze nahm und ging, ich sah ihn in den
-Straßen, vor den hellen Scheiben der Restaurants und den dunklen Nischen
-der Hauseingänge. Er war wie ein Schlafwandler, still und ruhig. Und wie er
-eindrang! Er fand wie ein Blinder den Weg und tappte im Dunkeln. Jeden
-seiner Schritte hörte ich, wie die Schläge meines pochenden Herzens. Ich
-wollte schreien, aber die Zunge klebte mir dorrend am Gaumen.
-
-Es legte sich wie eine knöcherne Hand um meine Kehle. Ich konnte keinen
-Laut hervorbringen. Aber mein Gehör wurde scharf wie das eines Wächters. O,
-wie furchtbar scharf wurde es doch! Ich hörte den bröckelnden Gips auf den
-Boden fallen und die dumpfen Schläge mit dem Hammer, ich hörte sogar das
-Knirschen des Meißels an den eisernen Klammern und ich sah die raschen
-gewandten Griffe, die das Bild von der Wand rissen; hastige, knochige
-Hände, unter denen die Mauer aufbrach. O, ich bebte und zitterte; ich
-fieberte wohl vor Furcht. Ich legte das Gesicht auf den Tisch und weinte
-wie ein Kind.
-
-Auf einmal wurde mir ganz leicht und frei zu Mute. Ich erinnerte mich an
-vieles, was mich einmal entzückt hatte. Ach, an tausend Dinge, an Blumen
-und Vögel, an ein Paar kleine Mädchenhände und an ein Liebeslied nachts
-über einem Fluß. Aber das dauerte nicht lange. Denn plötzlich klang ein
-dumpfer Laut an mein Ohr und ich erschrak zu Tode. Es war sein tappender
-Schritt auf der dunkeln Treppe! Ich hielt den Atem an und lauschte, wie die
-Schritte immer näher und näher kamen. Und dann konnte ich auch bald einen
-anderen eigentümlichen Ton hören, es war das Scharren des gestohlenen
-Bildes, das bei jedem Absatz an den stumpfen Stufen der Treppe aufschlug.
-
- * * * * *
-
-Den 23. August. Wann werde ich endlich lernen, mich nur um meine eigenen
-Sachen zu kümmern und mich nicht in die Angelegenheiten anderer
-einzumischen!
-
-Da habe ich mich nun über Dinge aufgeregt, die mich weiß Gott nichts
-angehen. Bin ich denn der Präsident der Schönen Künste oder wer sonst
-seinen Posten verlieren wird, weil da ein leerer Platz an der Wand ist?
-Weil da ein Stück Holz so hoch, so breit und so lang und mit Ölfarbe
-bestrichen, weggekommen ist? Denn mehr ist es doch nicht, auch wenn es von
-Leonardi da Vinci angestrichen wurde.
-
-Aber stellte ich mich nicht an, als würde ein lebendes Wesen ermordet, als
-habe es weiß Gott welche Bewandtnis mit dem Bilde! Kann ich denn nicht bei
-dem bleiben, was die Dinge sind, Holz und Farbe und ein bißchen Firnis, und
-muß ich immer etwas dahinter suchen?
-
-Und welche Dummheit von mir, mich obendrein Hals über Kopf in diese Reise
-auf diesem alles eher als komfortablen Dampfer zu stürzen! Was geht es mich
-an, wo er mit seinem grauen Paket unter dem Arm hin will. Mag er doch mit
-seiner Angebeteten anfangen, was er will; mag er sie ins Meer werfen. Habe
-ich mich darum zu kümmern?
-
-Das alles hätte ich mir vor fünf Tagen sagen sollen, als es noch Zeit war.
-Als ich die Geschichte kommen sah, hätte ich abreisen sollen. Aber jetzt
-ist es zu spät. Jetzt bleibt mir nichts als die Schiffsgefangenschaft in
-Gesellschaft mit unseren liebenswürdigen Damen und unseren
-unliebenswürdigen Herren Passagieren abzusitzen.
-
-Jetzt ist es sogar noch ein Glück, daß er mit an Bord ist. Denn sobald
-dieser verwegene Mensch unter uns erscheint, gibt es Unterhaltung,
-Geschichten, Anekdoten die Hülle und Fülle. Der Zufall hat gewollt, daß wir
-die Kajüte teilen, und wir schlafen übereinander, er unten, ich oben.
-
-Wir verstehen uns übrigens ausgezeichnet, trotzdem ich eigentlich ihm
-gegenüber immer ein wenig befangen bin wegen des Bildes. Aber er gibt sich,
-als wäre nichts in der Welt geschehen, was ihn beträfe und als gäbe es das
-graue Paket, das er ganz ruhig an die Wand gestellt hat, gar nicht.
-
-Zuweilen sehe ich ihn vor dem Paket stehen, und dann hat sein Gesicht
-geradezu etwas besonders Ruhiges, Zielbewußtes. So, als dächte er bei sich:
-ich weiß ganz genau, was ich mit dir mache, sobald wir ganz draußen auf dem
-Meere sind, nehme ich dich und werfe dich über Bord.
-
-Sonst ist er ein über und über humorvoller Bursche; zuweilen ist seine
-Lustigkeit vielleicht ein wenig gezwungen, aber dann kann er so befreiend
-lachen, daß selbst der Geheimagent sich angesteckt fühlt und einmal seine
-Wichtigkeitsmiene verzieht.
-
-Nein, ich habe doch nie einen Menschen mit einer so ausgelassenen und
-bizarren Phantasie gesehen.
-
-Weil ich über ihm schlafe, nennt er mich nur den »Ober«. Und von sich
-selbst spricht er nicht anders als von dem »Unter«.
-
-»Herr Ober,« sagt er, »bringen Sie mir etwas Erfrischung, es ist eine
-gottsjämmerliche Hitze. Sind wir schon am Äquator oder macht mir der
-höllische Seelenwurm zu schaffen? Sorgen Sie für Zerstreuung, hören Sie,
-oder lassen Sie uns zu den Oberflächlern gehen. Ja, kommen Sie, lassen Sie
-uns auf Deck gehen, die Damen ein wenig zu unterhalten und die Herren zu
-ärgern. Besonders diese kleine deutsche Spitzmaus, die sich so verdient um
-die Erforschung der Diphthonglaute im Altpersischen gemacht hat.«
-
-Und es kommt wohl vor, daß er sofort seinen Entschluß ausführt, hinaufgeht
-und mit dem Erforscher der Diphthonglaute im Altpersischen eine
-Unterhaltung beginnt.
-
-Na, die Sache nimmt etwa folgenden Verlauf:
-
-Der Erforscher der Diphthonglaute steht eben an der Reling, blickt auf die
-See hinaus und hat die Hände über den Rücken gelegt. Von Zeit zu Zeit macht
-er mit dem Kopf eine kleine ruckartige Bewegung nach hinten, bei der man
-sonderbarerweise jedesmal auf seine spitze Nase aufmerksam wird. Und das
-Ganze sieht so aus, als bekäme er plötzlich Achtung vor sich selbst, fühlte
-viele Augen auf sich gerichtet und würfe sich nun ein wenig in Positur, um
-der Welt einen würdigen Gelehrten zu zeigen. Es sieht sehr komisch aus, ein
-bißchen muß man sich aber auch darüber ärgern.
-
-Wir treten von hinten an ihn heran und sprechen ihn an. »Guten Tag, Herr
-Doktor.« Der Erforscher der Diphthonglaute dreht sich um, legt den Kopf mit
-der spitzen Nase ein wenig auf die Seite und streckt uns die Hand mit einem
-Ausdruck hin, als wolle er sagen: Ich kondoliere Ihnen, meine Herren; seien
-Sie meiner Teilnahme sicher. Sie haben das Unglück, mit einem verkannten,
-edlen Menschen zu sprechen, der es nicht verdient, daß man ihn in der
-Abgeschiedenheit seiner Größe, die nur ihm selbst bewußt ist, verkommen
-läßt.
-
-Der Gelbe tut, als merke er nicht, daß es dem Erforscher der Diphthonglaute
-heute an Selbstachtung fehlt, und daß er Mitleid betteln geht.
-
-»Denken Sie, prächtig habe ich geschlafen,« fährt er ganz unvermittelt los.
-»Wissen Sie, ich fühle mich jetzt so kräftig, daß ich Sie ins Meer werfen
-und wieder herausholen könnte. Was? Ich wachte auf wie eine Sprungfeder.
-Augen auf und raus. Und Leben vom Scheitel bis zur Sohle. Ich nahm den
-Eichenschrank an der Kapitänstüre und setzte ihn mit einem Ruck auf die
-andere Seite. Und dabei war ich doch gestern abend verdrießlich wie ein
-Kakadu. Ich hatte mich wohl über etwas geärgert. Aber als ich einschlief,
-merkte ich schon, daß heute alles besser sein würde. Ich fuhr nämlich, ehe
-ich einschlief, eine Zeitlang mit der Chaiselongue in der Eßkajüte herum.«
-
-»Na, na, Sie,« sagt der Diphthongforscher dazwischen und lächelt ein wenig
-vorwurfsvoll.
-
-»Ach, Sie sind besorgt, daß die Beine dabei abbrechen könnten. Nein, das
-ist nicht der Fall. Wissen Sie, ich fuhr ja gar nicht.« Und jetzt dämpft er
-seine Stimme ein wenig, sieht dem Doktor scharf in die Augen, als wolle er
-da etwas herbeiholen und sagt mit immer leiser werdender Stimme: »Nein, ich
-hatte ja nur so ein Gefühl. Wissen Sie, ein Gefühl, als führe ich mit der
-Chaiselongue ganz langsam -- es gab nur einen ganz unmerklichen Ruck, wie
-es anfing -- ganz langsam zuerst und dann immer schneller und schneller im
-Zimmer herum, über die Treppe aufs Deck hinauf, hier vorbei, zurück, die
-Treppe wieder hinunter, quer durchs Zimmer und plötzlich durch das letzte
-Kajütenfenster hinaus . . . gerade aufs Meer . . .«
-
-»Und dann . . .?«
-
-»Und dann . . .?«
-
-»Ach so, ja. Aber sagen Sie nur: Wie konnten Sie denn mit der Chaiselongue
-durch das Kajütenfenster, das ist doch viel zu eng?«
-
-Auf diese Weise macht er sich beständig über die Herren, lustig, und ich
-stehe dabei und ersticke fast an meinem Gelächter. Den Geheimagenten fragt
-er immer wieder, ob noch keine Nachricht von der Gioconda da ist, und den
-deutschen Doktor Berger hat er schon dreimal die Geschichte von seinem
-Besuch beim Ohrenarzt und seinem äußerst feinen Gehör erzählen lassen.
-
-»Hörten Sie nicht eben einen Schuß, Herr Doktor?«
-
-»Einen Schuß?«
-
-»Ja, einen Schuß. Ganz scharf und in der Ferne, aber doch sehr deutlich
-hörbar. Schon wieder! Hörten Sie diesmal?« Nein, er habe nicht gehört, sagt
-Herr Doktor Berger, neigt den Kopf ein wenig seitwärts und lauscht
-angestrengt.
-
-»Ich habe heute wieder meinen Tag, an dem ich schlecht höre.«
-
-»So, Sie hören schlecht?«
-
-»Nein, eigentlich nicht. Ich höre sogar sehr gut. Erzählte ich Ihnen nicht
-schon, was mir der Ohrenarzt sagte . . .«
-
-Nein, er habe nichts erzählt.
-
-»Das ist nämlich sehr interessant; ich ließ mich einmal von dem bekannten,
-Sie wissen, dem bekannten Professor Hegenbarth in London, einer unserer
-ersten Ohrenärzte überhaupt, -- er hat seinerzeit auch die Prinzessin
-Klotilde von Anhalt-Bernburg behandelt, die später den Leutnant Bohlen von
-den 13. Husaren in Mainz heiratete . . .«
-
-Und nun erzählt er weitschweifig und umständlich mit allen Einzelheiten von
-seinem Besuch bei dem berühmten Ohrenarzt, der ihm gesagt haben soll, daß
-sein Gehör durchaus normal, ja mehr als das, sogar äußerst scharf und
-schärfer sei, als ihm je eines in seiner Praxis vorgekommen sei.
-
-»Hörten Sie den Schuß?« schreit ihm der Gelbe plötzlich ganz laut ins Ohr.
-
-»Einen Schuß?«
-
-»Ja.«
-
-»Nein, den hörte ich nun nicht . . . Aber Sie können sich denken, was das
-heißen will: das schärfste in seiner ganzen Praxis! Der Mann übte
-fünfundzwanzig Jahre seine Praxis aus. Also da können Sie schon sehen. Ja,
-mein Gehör ist ganz vorzüglich, ganz vorzüglich.«
-
-Das sei ja sehr interessant. Übrigens habe er schon mal von einem ähnlichen
-Fall gehört, sagt der Gelbe. »Und dann« -- fährt er unvermittelt fort --
-»kannte ich in Königsberg einmal einen Herrn, aber das wird Sie gewiß
-interessieren -- da war ein Herr, der konnte im Theater, gleichviel welchen
-Platz er hatte, ganz deutlich verstehen, was irgendwo im Parkett oder in
-den Logen gesprochen wurde. Ein ganz unheimlicher Mensch! Wissen Sie, er
-hörte ganz deutlich, was sich die Leute zuflüsterten, und wenn es auf der
-letzten Galeriereihe war. Na, Sie können sich denken, was der für Sachen
-erzählen konnte . . . .«
-
-»Ach nein . . .«
-
-Doch, da sei z. B. mal ein Stück gegeben worden, in dem ein brutaler
-Genußmensch geschildert wurde. Ein ausgezeichnetes Stück übrigens und eine
-famose Charakteristik. Im zweiten Akt sei eine Szene gekommen, in der sich
-ein junges leidenschaftliches Mädchen dem Genußmenschen an den Hals
-geworfen habe. Plötzlich habe der Herr gehört, wie die Frau des
-Polizeipräsidenten zu ihrem Mann in der Loge gesagt habe, so ein
-gräßlicher, unsympathischer Mensch sei ihr wahrhaftig noch nicht
-vorgekommen; das sei ja geradezu abscheulich. »Am anderen Tage -- denken
-Sie nur -- am andern Tage wurde das Stück verboten. Wegen unsittlicher
-Tendenz. So was, nicht wahr?« Na, und was sich so die Liebesleute im
-Theater erzählten . . .
-
-Das müsse doch sehr interessant sein, meinte Herr Dr. Berger.
-
-»Na, ich sage Ihnen. Da konnte der Herr nun Sachen erzählen. Besonders,
-wissen Sie, aus der guten Gesellschaft. Was die sich alles zu sagen hatten;
-das kann man beinah gar nicht wiedererzählen. Ich möchte Ihr Ohr wahrhaftig
-nicht verletzen . . .«
-
-»Aber bitte, bitte, das ist ja sicher sehr interessant«
-
-»Interessant ist es schon. Ja, denken Sie nur, da war zum Beispiel einmal
-ein Paar, eine junge, elegante Witwe und ein Offizier von der Garde. Eine
-chike Sache sozusagen. Viele dachten sich ja wohl, daß die beiden ein
-bißchen toll wären. Aber denken Sie nur. Da wurde Hamlet gegeben; plötzlich
-sagt doch die junge Witwe mitten in der Totengräberszene dem Offizier ins
-Ohr, sie wolle einmal auf einem Friedhof . . . im Mondschein . . . Ach, das
-kann ich Ihnen ja gar nicht erzählen. Wie? Adieu, Herr Doktor, Adieu.«
-
-Der Erforscher der Diphthonglaute macht noch ein paar hastige Schritte,
-hinter uns her, geniert sich aber und bleibt ganz verwirrt stehen.
-
-Huh, wie heiß es ihm doch geworden ist.
-
-Na, den übrigen geht es ja nicht viel besser. Heute wollte er sogar eine
-Wette mit mir abschließen, daß es ihm gelingen werde dem Schauspieler
-Grunwald binnen einer Stunde siebzehn Zitate aus Shakespeare und Oskar
-Blumenthal aus der Nase zu ziehen. Ich bin überzeugt, er tut es, trotzdem
-ich ihm die Wette verweigert habe.
-
-Und ohne daß der gute Herr Grunwald etwas ahnt, wird er sich von ihm
-Komödie ohne Honorar und ohne Lorbeerkränze vorspielen lassen.
-
-Gestern, während er in der Kajüte schlief, erzählte ich die Sache übrigens
-den Damen.
-
-Ich sagte, ich habe einmal einen Menschen gekannt, der sei so und so
-gewesen und habe die Leute aufgezogen wie die Uhren. Ein englischer
-Geistlicher in der Nähe von Liverpool.
-
-Alle waren empört über so einen Menschen. Das sei ja furchtbar gemein. Ja,
-gemein, sagten sie. Da müßte man ja immer fürchten, zum besten gehabt zu
-werden. Ein Mensch sei doch keine Marionette, die man am Seil tanzen lassen
-könne wie man wolle.
-
-Ja, die Damen waren alle außerordentlich erregt über so etwas. Besonders,
-da ich dummerweise den Versuch machte, den englischen Geistlichen zu
-entschuldigen, indem ich sagte, vielleicht sei es ein Mensch gewesen, der
-unter den Mechanischen im Leben sehr gelitten und sich auf diese Weise
-hätte Luft machen wollen.
-
-Das wollten die Damen aber nicht verstehen.
-
-Am meisten griff das Gespräch wohl Frau Sturi an; sie bekam sogar ganz
-hektische, rote Flecken auf den Backen und fiebrische, feuchtglänzende
-Augen. Sie sah so sehr häßlich aus, aber irgend etwas zwang sie wohl zu
-bleiben; denn obgleich sie mehrmals sagte, das könne man gar nicht mit
-anhören, blieb sie doch, gerade als warte sie darauf, daß noch mehr kommen
-solle.
-
-Wenn ich übrigens die Augen recht im Kopfe habe, so ist da etwas zwischen
-ihm und Frau Rosenborg, der dänischen Schauspielerin. Sobald sie ihn sieht,
-wird sie geradezu schön, während sie sonst leicht ein bißchen alt und krank
-aussieht. Aber dann hat sie plötzlich den Zauber einer jungen Frau, die
-schön ist und es weiß, und beim Lachen zeigt sie die ganze Reihe ihrer
-wundervollen, weißen Zähne. Dann blühen ihre Wangen. Sie hat rötliches
-glänzendes Haar und einen geschmeidigen, leichten, graziösen Körper. Weiß
-oder lila kleidet sie am besten, ein Lila, das nach dem Rosaroten hin geht.
-
-Sie ist immer elegant gekleidet. Gestern aber, weil es regnet, hat sie ein
-graues Lodenkape umgehängt und kommt damit auf Deck. Ich sitze gerade da
-und denke, was nun aus der Gioconda werden soll. Dabei sehe ich, wie er
-Frau Rosenborg eben bemerkt hat und auf sie zugeht. Und wirklich, sie
-lächelt ihm auch schon entgegen und will gerade die Hand unter dem Kape
-freimachen, um sie ihm entgegenzustrecken. Aber als er herangekommen ist,
-sieht er sie nur wie flüchtig an und geht, die Hände auf dem Rücken, an ihr
-vorüber.
-
-Da bleibt sie ganz erstaunt stehen und ruft: »Nanu -- Sie kennen mich wohl
-gar nicht, wie . . .?«
-
-Und was sagt er? Indem er höflich die Mütze abzieht und sich verbeugt und
-ihr die Hand küßt, sagt er: »Verzeihen Sie mir gnädige Frau -- ich dachte
-gerade an Sie.«
-
-Da geht es wie ein Leuchten über ihre Züge und sie sieht ihn mit einem
-jener Blicke an, die uns Männer verrückt machen können. Ach, wie heiß es
-doch sei; und sie wirft mit einem Ruck das Kape von den Schultern und nimmt
-den Arm, den er ihr anbietet.
-
-In Wahrheit ist es aber gar nicht heiß, sondern es ist kühl und regnet, und
-sie hat ein leichtes Spitzenkleid an, das der Regen verdirbt.
-
- * * * * *
-
-Den 24. August. Es ist nicht zu begreifen, wie dieser Mensch so ruhig sein
-kann. Weiß Gott, ich zittere mehr wie er. Ich komme an unsrer Kabine
-vorbei, sehe die Tür offen und das Bild in dem grauen Packpapier ruhig an
-die Wand gelehnt. Der Geheimagent braucht nur hineinzugehen und einen
-Streifen abzureißen, dann kann er ihn auf der Stelle verhaften lassen. Aber
-dabei sitzt er oben auf Deck bei den Damen, plaudert als ob nicht das
-geringste geschehen wäre, als ob es weder Geheimagenten noch was an Bord
-gebe. Nun, es braucht nicht jeder ein Feigling zu sein wie ich, der ich
-beinah aufgeschrien hätte, als ich endlich die Apfelsine in der Hand hielt.
-Aber seine Gelassenheit regt mich doch auf. Bis hierher kann man die Damen
-zuweilen über seine verdammten Späße lachen hören. Es ist ja, als könne er
-überhaupt kein ernstes Wort mehr sagen und sei jeder weicheren Empfindung
-bar. Manchmal glaube ich, dieser Mensch spielt überhaupt mit uns allen, er
-hält uns alle halbwegs für komische Figuren. Und sich selbst wohl gar auch.
-
-Dabei haben die Damen ihn doch alle miteinander gern. Ernsthaft verlieben
-würde sich wohl so leicht keine in ihn. Ihr Instinkt sagt ihnen, daß hier
-nichts zu holen ist. Höchstens könnte Frau Rosenborg ihre wundervolle
-Neugierde ein wenig gefährlich werden. Einige fürchten ihn ein bißchen,
-denn es zeigt sich, daß er hinter ihren geheimsten Gedanken her ist. Sogar
-Frau Rosenborg, die sicherlich die Überlegenste in dem ganzen Kreise ist,
-hat, wenn sie darüber nachdenkt, oft ein Gefühl, als hätte er immer auf das
-geantwortet, was sie gedacht hat, aber nicht auf das, was sie gesagt hat.
-Arrogant, ein wenig arrogant finden ihn alle. Besonders Frau Sturi. Na, wie
-er die aber auch hat abblitzen lassen. Das war schon vor zwei Tagen:
-
-Er steht wie immer in dem gelben Paletot und der schottischen Mütze auf
-Deck, hat die Arme auf dem Rücken gekreuzt und blickt ganz starr weit auf
-das Meer hinaus. Auf einmal kommt Frau Sturi die Treppe herauf, sieht ihn
-stehen und geht auf ihn zu.
-
-»Sie warten wohl auf jemand,« sagt sie, denn es ist 12 Uhr und alle sitzen
-schon beim Lunch.
-
-Ja, er warte auf jemand. Aber dabei bleibt er, ohne sich umzublicken, die
-Hände auf dem Rücken, stehen und fährt fort auf das Meer hinauszusehen.
-
-Auf wen er denn warte, alle seien doch schon unten?
-
-Da aber dreht er den Kopf zur Seite, sieht sie fast träumerisch und
-lächelnd zugleich an und sagt: »Auf mich. Ich warte auf mich. Frau Sturi.
-Auf mich!«
-
-Frau Sturi erzählte die Sache nachmittags in dem kleinen grünen Teezimmer.
-Sie war noch ganz empört. Ob das nicht eine maßlose Frechheit sei, eine
-ganz maßlose Einbildung und Arroganz!
-
-Ja, das fanden sie nun allerdings alle, wenn sie ihm auch nicht gerade so
-böse sein konnten deswegen.
-
-Nach einer Weile aber, während der alle schwiegen, sagte Fräulein Gabler
-mit ein wenig schüchterner Stimme: eigentlich brauche das gar nicht
-arrogant zu sein. Man könne sich doch auch etwas anderes dabei denken. Und
-dabei sah sie sich etwas scheu unter den Damen um, ob jemand sie vielleicht
-verstände.
-
-Aber die Damen verstanden sie nicht und fanden, daß es eben nur arrogant
-sei und nichts darüber.
-
-»Nun, was man sich denn noch anderes dabei denken könne?« frug schließlich
-Frau Sturi. Aber da wurde Fräulein Gabler verlegen. Sie versuchte sich zu
-erklären, aber die Worte fehlten ihr und sie wurde sogar ein wenig rot.
-
-Zum Glück nahm Frau Rosenborg sich ihrer an und gab dem Gespräch eine
-andere Wendung.
-
- * * * * *
-
-Den 25. August. Zum Teufel auch, wie sehr sind unsere jungen Damen zu
-beneiden! Eine Verbrechergeschichte an Bord, eine Seereise mit dem Diebe
-der Gioconda! Es flüstert hier und es flüstert dort. Ich sehe ja, daß alle
-es wissen.
-
-Ha, das ist eine Situation für mich!
-
-Da wird von den gleichgültigsten Dingen gesprochen; alle machen so
-unschuldige Gesichterchen wie Liebende, die sich eben hinter einem Zaun
-geküßt und geküßt haben, und denen nun noch die ganze hübsche Geschichte
-der letzten fünf Minuten auf Haupt und Haar geschrieben steht. Haha, und
-wenn sie an einem vorbei sind, da geht ein Getuschel, ein Getuschel los und
-die junge Dame wird sogar noch ein bißchen rot, wenn sie eine gute
-Kinderstube gehabt hat. Aber gar der junge Mann wie armselig-köstlich sieht
-er aus mit seinem mutig-schlechten Gewissen und seiner geküßten kleinen
-Sünde da an der Seite.
-
-Ja, genau so ist es jetzt bei uns. Überall, in jedem Eckchen und jedem
-Winkel sieht man so ein Pärchen stehen, das leise und ach, mit so
-neugierig-klugen Augen miteinander tuschelt und flüstert und fragt, bis
-irgendein Dritter vorbei kommt, von dem man »noch nicht weiß«, und der dann
-nichts weiter zu hören bekommt, als ein unmerklich lauteres: »Ja, es soll
-mich mal wundern, was daraus wird!« Oder das Meer hat plötzlich »eine so
-prachtvolle Farbe, wie Smaragd, ja _wie_ Smaragd«. Und man sieht hinaus
-aufs Meer mit Augen, die sich gar nicht satt sehen können, während die
-Ohren doch nur dem abnehmenden Schall der vorübergehenden Schritte
-lauschen. Schon dreimal habe ich heute gehört, daß das Meer »_wie_ Smaragd«
-sei. Na, kann etwa nicht jeder an einem Gespräche darüber teilnehmen daß
-das Meer wie Smaragd sei? Nur das »wie« müßte nicht so stark betont werden,
-da merkt man ja wohl, daß es gar nicht so sehr auf das Meer ankommt.
-
-Es ist wirklich famos, daß wir so viele junge Frauen an Bord haben. Was
-bekommt man doch überall für ein prachtvoll verheucheltes Lächeln zu sehen,
-wenn man irgendwo hinzutritt. Frau Rosenborg muß man sehen; wie prachtvoll
-lügt sie; was sage ich, vom Kopf bis zu Fuß ist sie plötzlich eine einzige
-glänzende Lüge. Hände, Haltung, die Lippen, die Mienen, alles an ihr lügt
-plötzlich, verschweigt, vertuscht, lenkt ab, spielt die große Komödie der
-Unbefangenheit! Sogar die Augen machen eine ganze Weile diese Komödie mit,
-bis sie auf einmal aus der Rolle fallen und sagen: Gauner, du alter Schurk,
-du -- weißt du es nun oder weißt du es nicht?
-
-Ha, und wie famos frech lachen einem diese glänzenden Augen ins Gesicht!
-
-Aber um Gottes willen nicht davon sprechen; kein Sterbenswörtchen . . .
-Nein, das würde ja den ganzen Spaß auf einmal verderben!
-
-Wie ein Lauffeuer hat sich die Geschichte über das ganze Schiff verbreitet.
-Überall brennt und flackert die rote Neuigkeit; aber niemand weiß natürlich
-von etwas! Gott bewahre!
-
-Wem verdanken wir diese Neuigkeit? Fräulein Holm, dem reizenden Fräulein
-Holm. Der Agent war ja gleich verschossen in sie über beide Ohren. Das will
-nun ein Agent sein!
-
-Fräulein Holm hätte das Geheimnis zu gern für sich behalten. Aber so nah
-wie sie mit Frau Rosenborg seit drei Tagen befreundet war. Nein, das ging
-nicht. Aber gleich nachdem sie es gesagt hatte, tat es ihr wieder leid.
-
-Eigentlich wußte man doch gar nicht, ob man sich schon so nahe stand!
-
-Bei Frau Rosenborg war die Sache natürlich ganz anders. Sie sagte kein
-Sterbenswörtchen -- aber wer mit ihr gesprochen hatte, der wußte genug.
-Frau Rosenborg sagte es nämlich gewissermaßen zwischen den Zeilen und »wenn
-man wüßte« . . . und »ich weiß nichts«. Und bei »ich« zog sie die Schultern
-hoch und lachte komisch. Den Rest sagten die Augen. Verteufelt freche
-Augen, ganz verteufelt freche Augen . . .
-
-Aber die Sache ist jetzt die, daß eigentlich niemand recht weiß, wer zu den
-Eingeweihten gehört und wer nicht. Alle betrachten sich ein wenig
-mißtrauisch und sehen einander beim Sprechen auf die Lippen, als könnten
-sie es da erfahren.
-
-Aber welch' ein Leben herrscht doch auf unserem Schiff, seitdem dieses
-öffentliche Geheimnis die Segel der Neugierde schwellt.
-
-Nur die älteren Damen mit ihren Handarbeitstäschchen und ihren Fußbänkchen,
-sie unterhalten sich nach wie vor von ihren Siebensachen, von ihren
-erwachsenen Söhnen und ihren verheirateten Töchtern, und entdecken bei
-dieser Gelegenheit wohl gar, daß sie miteinander verwandt sind. Oder zu
-mindesten haben sie gemeinsame Bekannte, die ihnen womöglich bei einer
-solchen Entdeckung in einem ganz neuen Licht erscheinen.
-
-Aber die Augen auf, meine Damen, die Augen auf! So alt sind Sie denn doch
-noch nicht, daß es Ihnen nicht später ein ernstlicher Verdruß sein wird,
-wenn Sie dabei gesessen, dabei gesessen und nichts gemerkt haben!
-
-Sie, gnädige Frau, zum Beispiel, die Sie in Ermangelung eines Besseren eben
-davon leben, Ihren armen gedemütigten Ehemann es jeden Augenblick empfinden
-zu lassen, wie sehr Sie ihn wegen des kleinen Seitensprunges mit der
-ehemaligen Gouvernante ihrer Kinder verachten. Wenn Sie nicht so viel Mühe
-hätten, ein empfindliches und verachtendes Gesicht zur Schau zu tragen,
-hätten Sie es doch, weiß Gott, schon merken müssen. Sie sind doch nach der
-Passagierliste erst 36 Jahre!
-
-Und dann Fräulein Sivers . . . Warum sagen Sie immer, das Leben sei lange
-nicht so interessant, wie das Theater? Nun, wetten wir, daß später einmal
-diese Reise das Glanzstück in Ihren glaubwürdigen Memoiren bilden wird?
-Vergessen Sie ja nicht zu bemerken, daß Sie »gleichsam« -- ja gleichsam ist
-das passende Wort -- die erste waren, die alles gemerkt hatte, die sich
-aber _wohlweislich_ nichts merken ließ und ihre Rolle bis zu Ende glücklich
-durchführte. Vergessen Sie das nicht!
-
-Also die Augen auf, meine Damen! Noch ist es Zeit, den anderen
-Schiffsgästen Vorwürfe zu ersparen. Wenn Sie nicht mehr so viel Phantasie
-aufbringen können, wie Fräulein Sivers, die es »gleichsam zuerst bemerkte«,
-dann wird Ihnen das nach Jahren noch zu schaffen machen! Glauben Sie mir,
-ich kenne das. Es wurmt einen noch sehr lange, wenn man nichts gemerkt hat
--- ja, ja!
-
-Ich treffe Frau Rosenborg, die mit Fräulein Holm flüstert.
-
-»Diese prachtvolle Farbe, dieses tiefe Blaugrün« sind die Worte, die für
-meine Ohren bestimmt sind.
-
-»Sie schwärmen ja ordentlich, Fräulein Holm. Aber Sie haben recht,
-köstlich, ganz köstlich! . . .«
-
-Einen Augenblick schweige ich und sehe die Damen, die echt verzückt aufs
-Meer hinaussehen, an. Während ich dann selbst hinausblicke und mich nicht
-im geringsten daran kehre, wie die Damen verdutzt dreinschauen, sage ich:
-»ja, diese grünbläuliche Farbe erinnert mich ein wenig an eine gewisse
-Partie auf dem Bilde von Lionardo -- der Gioconda, das Bild wurde doch
-kürzlich gestohlen.«
-
-Die Damen waren baff.
-
-»Es war ein sehr eigentümliches Bild,« fahre ich fort -- die Damen erholten
-sich nicht von ihrem Staunen -- »ich muß schon sagen, es ist mir wohl
-verständlich, daß jemand auf den Gedanken kommen konnte es zu stehlen.
-Wissen Sie, es _reizte_ einen ordentlich dazu. Ich meine dieses Weib, es
-war doch wie aus Fleisch und Blut. Nicht wahr? Und dieses Lächeln,
-nächtelang hat es mich verfolgt. Ich sah überhaupt zuletzt nur noch dieses
-Lächeln. Ich sehe es überall; es kam mir weiß Gott vor, als lächelten alle
-Frauen so, und das machte mich förmlich rasend. Wenn ich das Bild gestohlen
-hätte -- sehen Sie, jetzt kann ich es Ihnen ja sagen -- ich hatte nämlich
-auch einmal die Absicht, ja, weiß Gott, ich hatte die Absicht, aber ich bin
-ja viel zu feige dazu -- ja, was wollte ich sagen -- richtig, ich meine,
-wenn ich es gestohlen hätte, so hätte ich das Bild getötet -- vernichtet,
-meine ich, erstochen hätte ich es oder verbrannt. Ja!«
-
-All das sog ich mir im Handumdrehen aus den Fingern und das versteinerte
-Erstaunen der Damen -- ich sah, daß beiden der Mund aufstand und sie dabei
-sehr häßlich aussahen -- kam mir dabei vortrefflich zustatten. Es wäre ein
-leichtes gewesen, sie noch mehr in Erstaunen zu setzen. Einen Augenblick
-kam mir sogar der Gedanke ihnen zu sagen, daß ich der Dieb wäre. Aber das
-hätte mir vielleicht den Spaß verdorben.
-
-Ich brach plötzlich ab und wendete mich zu Fräulein Holm, die etwas
-verlegen lächelte: »Glauben Sie, daß der Dieb Paris verlassen hat?«
-
-»Wieso?« Ihr hilfloses Lächeln wiederholte sich.
-
-»Sehen Sie, das ist ganz ausgeschlossen. Wie gesagt, wenn ich das Bild
-gestohlen hätte, -- ich meine nur so --, so würde ich doch Paris nicht
-verlassen! Sagen Sie selbst, wo ist man besser aufgehoben als in Paris?
-Ach, glauben Sie mir, der Dieb hat Paris nicht verlassen. Wegen des schönen
-Wetters und weil Sie so ein erstauntes Gesicht machen -- Fräulein Holm
-machte rasch mit der Hand eine Bewegung über ihr Gesicht hin -- möchte ich
-geradezu eine Wette darauf eingehen. Wollen Sie?«
-
-»Ich wette dagegen,« sagte Fräulein Holm mit einem Blick nach Frau
-Rosenborg und streckte die Hand aus.
-
-»Nun, und was behaupten Sie? Daß er Paris verlassen hat?«
-
-»Ja -- und --«
-
-»Und daß er auf ein Schiff geflüchtet ist?«
-
-Fräulein Holm sah mir fest in die Augen und hielt die Hand noch immer
-hingestreckt.
-
-»Ha -- diese Wette nehme ich an. Ich wette, -- nun gut, ich wette 1000
-Franken,« sagte ich.
-
-»Da wette ich auch,« rief plötzlich Frau Rosenborg dazwischen und streckte
-auch ihrerseits die Hand aus. Der Daumen war etwas nach außen gebogen.
-
-»Auf 1000 Frank?«
-
-»Auf 5000 Frank,« sagte sie.
-
-»Auf 5000 Frank? Ich wette auch auf 5000 Frank, aber unter einer
-Bedingung!«
-
-Ich sah jetzt die Damen gespannt an; dann platzte ich damit heraus: »Unter
-der Bedingung, -- daß das Bild nicht hier auf dem Schiff gefunden wird!
-Vielleicht haben Sie es ja selbst gestohlen!«
-
-Ich lachte, als wollte ich dadurch anzeigen, für wie unsinnig ich selbst
-meinen Einfall hielte.
-
-»Na, das ist doch klar,« -- wieder lächelte ich so, als ob ich etwas ganz
-Unsinniges sagte, -- »wenn Sie das Bild selbst gestohlen hätten, dann
-wüßten Sie ja, wo es ist und dann . . . dann wäre es doch gewinnsüchtig von
-Ihnen, die Wette abzuschließen!«
-
-Ich weidete mich an der Verlegenheit der Damen, die sich gegenseitig
-hilflos anlächelten.
-
-»Also 5000 Franken.« Ich streckte nun meinerseits die Hand aus. Aber die
-Damen zögerten.
-
-»Bitte -- schließlich können Sie es doch annehmen. Auch wenn Sie es
-gestohlen haben. Sie riskieren doch nichts!«
-
-»Wieso?« Die Damen sahen noch nicht klar.
-
-»Dann bekommt doch niemand etwas. Sie nichts und ich nichts.«
-
-»Ja, das ist ja auch wahr,« sagte Fräulein Holm und sah dabei Frau
-Rosenborg mit einer Miene an, die sagte, na, dann können wir es ja
-eigentlich ganz gut riskieren:
-
-»Also. Top.« Wir schlugen zweimal die Hände zusammen und alle lachten wir
-herzlich.
-
-»Die Wette ist so gut wie gewonnen,« rief ich. »Aber ein bißchen verdächtig
-sind Sie mir jetzt doch. Entschuldigen Sie mich. Ich muß endlich einmal
-mein Paket auspacken, das ich aus Paris mitgebracht habe. Auf Wiedersehen.
-Und 5000 Franken! Auf Wiedersehen!«
-
-Hinter meinem Rücken fühlte ich, wie die Damen sich mit sprachlosem
-Erstaunen ansahen. Erst jetzt kam es ihnen eigentlich recht zum Bewußtsein,
-was sie getan hatten. Außerdem hielten sie mich jetzt selbst für den Dieb;
-denn wer es eigentlich sei, darüber war, so viel ich sehen konnte, noch gar
-nichts bekannt.
-
- * * * * *
-
-Den 26. August. O, ich bereue es keinen Augenblick, mich auf diese Seefahrt
-eingelassen zu haben! Wir leben ja wie auf einem Vulkan, wie auf einem
-Pulverfäßchen, das jeden Augenblick losgehen soll.
-
-Welch' ein unterirdisches, heimliches Leben spielt sich doch hier unter uns
-ab. Fast mit jedem Augenblick wird die Situation gespannter. Einige Damen
-sind, weiß Gott, schon so ermüdet von diesem beständigen so auf der Lauer
-liegen, daß sie sich ganz unvorsichtig benehmen. Wenn mein Freund nur
-halbwegs meine Augen im Kopf hat, so muß er es längst bemerkt haben, daß es
-ihm an den Kragen gehen soll.
-
-Dieses Hin und Her auf dem Schiff. Diese Nervosität in allen Liege- und
-Lehnstühlen. Nie waren die Garnröllchen so boshaft, nie die kleinen
-Nähfutterale so heimtückisch. Überall bleiben sie liegen, fallen hin,
-rutschen durch, springen aus den Fingern heraus oder verstecken sich
-irgendwo in allen möglichen bunten Lappen- und Fadenwirrnissen. Und diese
-unbarmherzige Bearbeitung all der kleinen Fußbänkchen. Was ist denn mit
-ihnen? Bald stehen sie zu weit vorne, bald zu weit hinten, bald sind sie
-»überhaupt zu unbequem«, fliegen mit einem Schupps zur Seite und gleich
-werden sie wieder in einer Anwandlung von Reue zurückgeholt und
-gestreichelt! Haha -- wenn man an den Liegestühlen vorbeikommt, wird man
-ordentlich in Versuchung geführt, die Sprache all dieser wippenden,
-schaukelnden, schlenkernden Füßchen einmal rund heraus ins Deutsche zu
-übersetzen! Na, dann würde wohl endlich in die griesgrämigen,
-stirngerunzelten, großen Stiefel der alten Damen auch ein bißchen Leben
-kommen. --
-
-Eine famose Entdeckung, eine ganz famose Entdeckung habe ich da im Gespräch
-mit einer großen brünetten Dame gemacht -- ich habe den Namen vergessen.
-
-Sie kommt die Treppe herauf: Ach! Ihre Nähtasche fiel auf die Stufen. Eine
-kleine Nickelschere und ein Garnröllchen fielen heraus und polterten die
-Treppe hinunter.
-
-»Mir kommt vor, all unsere Damen sind in den letzten Tagen so nervös
-geworden« sage ich und reiche ihr die Sachen zurück.
-
-»Ach, es ist ja aber auch nicht auszuhalten!« Sie schaute ängstlich
-neugierig nach den Stuhlreihen. »Ist denn schon etwas passiert?«
-
-»Aber was sollte denn passiert sein?«
-
-»Ach, ich weiß ja nicht. Ewig will mein Mann mit mir über unsere
-geschäftlichen Angelegenheiten sprechen.« »Geschäftliche Angelegenheiten«
-sagte sie sozusagen in Gänsefüßchen, wie um schon jetzt anzudeuten, daß das
-etwas wäre, was sie nichts anginge. »Ich verstehe ja davon nichts, gar
-nichts. Ich halte es nicht aus da unten. Ich muß hier oben sein . . . in
-der freien Luft.« Auf ihrem hübschen Gesichtchen war jetzt ein Zug ähnlich
-dem eines kleinen Schulmädchens, das eine Rechenaufgabe nicht lösen kann
-und dem die Tränen nahe sind.
-
-»Ja, die freie Luft ist Ihnen auch sicher bekömmlicher als >geschäftliche
-Angelegenheiten<«.
-
-Sie lächelte mich freundlich an. Offenbar freute sie sich darüber, daß ich
-an dieses schnell erfundene Märchen von der »freien Luft« glaubte. Gleich
-darauf aber, während sie sich wohl wieder ihren Mann bei den
-»geschäftlichen Angelegenheiten« vorstellte, kam wieder dieser halb
-erbitterte, halb leidvolle Ausdruck in ihr Gesicht und sie sagte: »Ja, ich
-glaube alles mögliche könnte passieren, alles mögliche; mein Gott es ist zu
-schrecklich mit diesen Männern!« Wieder standen ihr beinahe die Tränen in
-den Augen.
-
-»Kommen Sie, lassen Sie uns von etwas anderem sprechen. Darf ich Ihnen
-etwas von Ihren Sachen tragen?«
-
-Haha, ich werde nicht den fragwürdigen Blick vergessen, mit dem sie ihre
-bunten Siebensachen plötzlich an sich hielt. Ganz leise und
-vorsichtig-ängstlich sagte sie: »Nein, ich danke . . . ich danke.«
-
-Ich ging einige Schritte neben ihr her. Ganz plötzlich sagte ich: »Die
-Gioconda ist jetzt auf einem Schiff gefunden worden!«
-
-»Bei uns?« rief sie schnell und preßte ihre Siebensachen an die Brust.
-
-Ich tat als bemerkte ich nichts von ihrem auffallenden Erschrecken, blies
-den Rauch meiner Zigarre vor mich her und sagte, so wie man eine ganz
-belanglose Sache sagt, nur um überhaupt etwas zu sagen: »Nein, auf einem
-Dampfer der White Star Line.«
-
-Sie war unwillkürlich stehengeblieben und blickte mich jetzt sonderbar an.
-»Aber es hieß doch -- Sie wären (sie verbesserte sich rasch) -- ich meine,
-es hieß doch, das Bild wäre hier bei uns auf dem Schiff?«
-
-»So? Davon habe ich gar nichts gehört.«
-
-»Nein? Aber es hieß doch ganz bestimmt, es wäre hier an Bord. Es sollte
-doch bei jemandem in der Kabine gesehen worden sein. Wir haben doch einen
-Geheimagenten an Bord. Der hier mit den vielen Ringen. Und dann sind Sie ja
-wohl gar nicht der Dieb?«
-
-»Wie? Was sagen Sie? Ich, der Dieb? Zum Teufel auch, wer hat das gesagt?«
-
-»Alle haben es gesagt.«
-
-»Alle haben es gesagt? So? dann entschuldigen Sie mich einen Augenblick!
-Mein Gott, das versetzt mich in eine begreifliche Begeisterung.« Ich ließ
-Frau . . . Gott, wie hieß sie doch . . . richtig, Frau Sanden stehen, lief
-in meine Kabine, trommelte mit den Fäusten an die Wand und sang dazu: »Ha,
-sie halten mich für den Dieb, hallo. Das ist famos. Gut, ich werde meine
-Rolle spielen. Das ist etwas für mich, einen Dieb zu _spielen_, haha, das
-werde ich können, wenn ich auch selber nicht imstande bin, auf anständige
-Art und Weise eine Apfelsine zu stehlen. Ein Dieb, -- famos, ich bin ein
-Dieb; der Dieb der Gioconda . . . ich werde meine Rolle schon durchführen
-. . . sie steht mir ja famos diese Rolle . . .«
-
- * * * * *
-
-Mein Gott, mein Gott, was ist mit mir geschehen, ist das der Anfang des
-Wahnsinns, bin ich irrsinnig geworden? Was geht mit mir vor? Habe ich mich
-in einen anderen Menschen verwandelt? Bin ich der Dieb des Bildes? Was ist
-mit meiner Hand, meinen Augen, meinem Körper? Bin ich das noch, der ich
-hier aus dieser Türe vor einigen Stunden herausgetreten bin? Sind das noch
-meine Füße, die mich bis an die Treppe geführt haben, wo ich plötzlich ihm
-begegnete und wo plötzlich diese furchtbare Veränderung mit mir vorging?
-
-Mein Gott, mein Gott, was ist mit mir geschehen? Habe ich mich nicht hier
-noch vor kurzem vorbereitet, die Rolle des Diebes zu spielen und jetzt, und
-jetzt -- o, mein Gott -- mir wird elend und angst, wenn ich daran denke --
-jetzt bin ich womöglich der Dieb selbst? . . .
-
-Ich will alle meine Kraft -- o ich fühle, mir bleibt kaum mehr so viel
-übrig, überhaupt das Leben zu ertragen -- ich bin ja irrsinnig oder ich
-beginne es zu werden -- mein Körper gehört nicht mehr mir, meine Stimme,
-welch' eine Stimme kommt aus meiner Kehle -- sind das noch meine Hände --
-ist das meine Haut, dieses dünne eidechsenartige Gewebe auf meinen Fingern?
-O der Ekel befällt mich, ich muß -- hilf mir mein Gott, nein, nein, ich bin
-nicht der Dieb, nein, ich habe nicht gestohlen, so wahr ich lebe, ich
-. . .
-
- * * * * *
-
-(Zwei Stunden später.) Ich will alle Kraft zusammennehmen und das
-Entsetzliche aufschreiben, vielleicht findet man es nach meinem Tode. Dann
-wird man sehen können, wie unschuldig ich bin; daß ich nicht das geringste
-begangen habe, was unrecht ist. Ja, ich will versuchen, mich selbst zu
-verteidigen, _mich gegen mich selbst_ zu verteidigen. --
-
-Als ich von dem Gespräch mit Frau Sanden in meine Kabine kam, überlegte ich
-mir, wie ich den Agenten und die Damen und alle Schiffsgäste zum besten
-halten könnte. Ich wollte mich recht auffallend betragen; wenn noch irgend
-etwas an ihrer Überzeugung fehlte, daß ich der Dieb sei, so wollte ich es
-hinzutun. Ich wurde ganz warm bei diesem Gedanken. Ich sah, ich fühlte alle
-Blicke auf mir; alle sah ich umherstehen und flüstern und überall, wo ich
-in Gedanken vorbeiging, ließ ich eine Äußerung fallen, machte ich eine
-eigentümliche Geste, die mich als den Dieb verraten und charakterisieren
-sollte. Fast ohne daß ich es wußte, verließ ich meine Kabine, ging den Gang
-hinunter und wollte eben die Treppe emporsteigen, als der Gelbe mir
-entgegenkam. Er trug etwas Schimmerndes in der Hand, was ich gleich
-erkannte.
-
-»Ha, da sind Sie?« Zufällig gebrauchten wir genau dieselben Worte und
-sprachen sie auf die Sekunde gleichzeitig aus.
-
-»Was haben Sie denn da? Ein altes Schlachtschwert. Wollen Sie jemanden
-hinrichten?« Er hatte in der Tat ein großes, mittelalterliches Schwert in
-der Hand, an dem einige Goldketten herabhingen. Er drängte mir das Schwert
-in die Hand und indem ich es wog, fühlte ich, daß es sehr schwer war.
-
-»Ich wollte eben zu Ihnen kommen, um es Ihnen zu zeigen. Sie verstehen doch
-offenbar etwas von Waffen?«
-
-Die Frage kam mir so eigentümlich vor, daß ich unwillkürlich in seine Augen
-blickte, und zum ersten Mal fielen mir diese Augen auf, die seltsam
-grünlich waren, wie die einer schwarzen Katze. Ich wunderte mich im
-stillen, daß ich dieses auffallende Merkmal sonst noch nie an ihm
-wahrgenommen, ja daß ich eigentlich seine Augen überhaupt noch nicht
-gesehen hatte.
-
-Als ich ihm jetzt antwortete, fiel es mir auf, wie eigentümlich schüchtern
-und zitternd meine Stimme klang, ähnlich fast wie die eines Menschen, der
-ein schlechtes Gewissen hat und fürchtet, daß sein Lügen durchschaut wird.
-
-»Ich soll etwas von Waffen verstehen? Wer hat das gesagt?«
-
-»Aber nun verstellen Sie sich doch nicht.«
-
-»Ich verstelle mich doch gar nicht . . .«
-
-»Aber, aber! . . . Jedermann weiß, daß Sie einer unserer besten Kenner
-mittelalterlicher Waffen sind . . .«
-
-Wieder antwortete ich mit derselben leisen schüchternen Stimme: »Ich ein
-Kenner? . . .« Fragend sah ich in seine eigentümlich grünschillernden
-Augen. »Für wen halten Sie mich denn? Ich bin . . .«
-
-Aber er ließ mich nicht ausreden, sondern fiel mir ins Wort und sagte,
-während mein Erstaunen ins Maßlose wuchs und es mir fast unheimlich wurde:
-
-»Ich halte Sie für den Herrn, der vor kurzem so glücklich war, in Paris bei
-dem Kunsthändler Duval den berühmten Dolch aus rötlichem toledanischen
-Stahl zu kaufen. Sind Sie dieser Herr oder sind Sie es nicht?«
-
-Und jetzt geschah etwas, was ich nie für möglich gehalten hätte und was mir
-bis zu meinem Tode rätselhaft bleiben wird. Man hätte doch glauben sollen,
-daß ich diesem Ansinnen, den Dolch bei Herrn Duval gekauft zu haben, aufs
-lebhafteste widersprochen hätte. Aber jetzt war es mir plötzlich, als ob
-sich in meinem Inneren etwas umwandte -- ganz deutlich hatte ich dies
-Gefühl, als kehre sich etwas Dunkles plötzlich in mir ins Licht -- und laut
-und vernehmlich hörte ich wie meine Stimme sagte: »_Ja, der bin ich_.« Und
-in demselben Moment als ich dieses zugab, da wußte ich auch, daß es sich
-bei dieser so unscheinbar klingenden Frage eigentlich gar nicht um den
-Dolch, sondern um das Bild, um das Bild der Gioconda handelte, daß die
-Frage: Haben sie den Dolch bei Herrn Duval gekauft? nicht mehr und nicht
-weniger bedeutete als: Haben Sie die Gioconda aus dem Louvre geraubt?
-
-Und irgendeine fremde, unsichtbare Macht zwang mich, ohne daß ich selbst
-begriff wie, es zuzugeben, ja dazu zu sagen, als sei es das
-Selbstverständlichste von der Welt.
-
-Ich hatte doch mit meinen eigenen Augen gesehen, wie er selbst in den Laden
-getreten war und die Hand auf den Drücker gelegt hatte. Ich hatte doch
-gesehen, wie er als Erzbischof verkleidet vor Herrn Duval gestanden hatte
-und plötzlich den Mantel, der mit brennend roter Seide gefüttert war,
-zurückschlug und den Dolch in der Hand hielt. Ich hätte es also mit dem
-besten Gewissen beschwören können, daß er selbst es war, der den Dolch
-gekauft hatte.
-
-In seinen Augen aber, diesen, wie mir jetzt immer mehr schien, irisierend
-grünen Augen einer schwarzen Katze, sah ich ganz deutlich im selben
-Augenblick den Triumpf höhnischer Befriedigung darüber aufleuchten, die
-ganze Last und die Verantwortung für diesen frechen unerhörten Diebstahl
-auf mich abgewälzt zu haben.
-
-All das war nur die Empfindung eines Augenblicks, und ein Vorübergehender
-hätte nichts gesehen als eine Gestalt in einem auffallend gelben Mantel und
-einer großen Reisemütze, und einen andern Herrn, der sich fachkundig über
-ein altes Schwert beugte. Nichts war sonst zu sehen. Aber was spielte sich
-unterdessen und während der nächsten Augenblicke in meinem Innern ab! Alles
-an mir kam mir plötzlich fremd vor. Ich betrachtete mit Entsetzen meine
-eigenen Hände, wie sie mit nie gesehenen Bewegungen über das Metall hin und
-her fuhren und es befühlten. Waren dies noch meine Hände, sind dies meine
-Hände, diese langen dünnen gelblichen Finger, die wie mit einer feinen
-Eidechsenhaut überzogen sind? Während ich gebeugt über das Schwert stand,
-ließ ich meinen Blick über meinen Körper, meine Beine, meine Füße laufen.
-Das Blut pochte mir in den Schläfen -- auch mein Körper kam mir plötzlich
-fremd und unbekannt vor, nicht wie ein Teil meiner selbst, sondern wie ein
-Tisch, ein Stuhl, wie eine Sache, die man angreifen kann und die hart und
-gefühllos ist. Wie aber erschrak ich erst, als ich plötzlich meine Zunge in
-meinem Gaumen sich wie den Klöppel einer Glocke bewegen fühlte, als sich
-meine Lippen feuchtkalt aufeinanderlegten und als eine fremde Stimme, eine
-nie gehörte, grauenhafte Stimme aus meinem Munde erscholl und Dinge sagte,
-von denen meine Seele nicht das geringste wußte oder auch nur ahnte.
-
-Entsetzt hörte ich diesen Erklärungen zu, während ich die Worte wie
-würfelartige Holzklötze auf meiner Zunge fühlte: »Es dürfte eine
-augsburgische Arbeit sein. Im germanischen Museum in der fränkischen
-Waffensammlung befindet sich wohl ein Geschwisterstück zu dem Ihrigen,
-einfacher, nicht so reich ziseliert an der Schneide, aber von derselben
-Art. Hier hat das Metall übrigens einen Sprung.« Ich sah wie mein eigener
-Finger auf eine Stelle des Griffs deutete, wo in der Tat ein ganz feiner,
-haardünner Sprung im Metall zu sehen war.
-
-Und während ich jetzt meinem deutenden Finger über dem Metall folgte,
-während ich noch diese mir Grauen erregende Stimme aus mir hervordringen
-hörte, hatte ich plötzlich jenes seltsame Gefühl, das vielleicht jeder
-Mensch in seinem Leben empfunden hat -- ich hatte eine Art traumhaften,
-aber doch klaren Gefühls, als hätte ich eben dieselbe Szene, genau wie sie
-sich jetzt abspielte, schon vor vielen Jahren einmal erlebt.
-
- * * * * *
-
-Ich erwachte wie von einer Betäubung. Noch immer stand ich an der Treppe.
-Ich hielt das Schwert in den Händen. Alle meine Sinne waren gespannt und
-lauschten auf die Schritte und Stimmen, die über mir hörbar waren. Mir war
-als hätte sich die Schärfe meines Gehörs verdoppelt, deutlich unterschied
-ich jeden einzelnen Laut, jede einzelne Stimme, deutlich verstand ich was
-sie sagten und worüber sie lachten. Frau Rosenborgs Gelächter erhob sich
-wie eine Rakete flackernd über das Gewirr dunkler und hellerer Stimmen. Im
-Tonfall einer sonoren Stimme, die in Begleitung einer scharfen, eckigen
-erklang und mit ihr wechselte, vernahm ich mehrmals das Wort Gioconda. Bei
-dem Wort Louvre erreichte die sonore Stimme jedesmal ihren tiefsten Ton.
-
-Plötzlich aber hatte ich ein Gefühl ganz ähnlich dem, wenn man aus einem
-sonderbar fesselnden Traum erwacht. Wie man wohl von dem Wunsch beseelt
-ist, die Erscheinung eines Traumes noch zurückzuhalten, zurückzurufen, wenn
-man zu einer quälenden sorgenvollen Wirklichkeit, der man entfliehen
-möchte, erwacht ist, -- so hatte auch ich den Wunsch, etwas Entfliehendes
-zurückzuhalten und unwillkürlich machte ich mit der Hand eine greifende
-Bewegung vorwärts, wie um etwas festzuhalten. Im selben Augenblick aber
-fühlte ich wieder, daß dieses nicht meine Hand war und wie mit einem
-elektrischen Schlage durchzuckte mich ein unnennbares Gefühl des Grauens
-und Entsetzens. Ich stürzte in meine Kabine. Ich lief; und doch war es mir
-nicht als liefe ich, sondern als liefe ein anderer an meiner Stelle, mit
-einem mir fremden, unregelmäßigen Gang. Dann befühlte ich mich, befühlte
-mit meinen eidechsenhäutigen Händen meinen Körper, meinen Kopf, meine
-Haare. Und ich fühlte nicht mich, -- ich fühlte einen andern. Nur die, die
-wissen, was sich hinter Worten verbergen kann, können mich vielleicht
-verstehen, wenn ich sage: ich fühlte meinen Bruder. Ich fühlte ein kurzes,
-trockenes, struppiges Haar, ein flaches, knöchernes Ohr, schmale, dünne,
-runzlige Lippen. Und die Bewegungen von diesem mir fremden Körper, von dem
-mir meine Augen zwar sagten, daß es der meinige sei, empfand ich nur so wie
-man die Bewegung eines unter einer Decke verborgenen Tieres bei aufgelegter
-Hand wahrnimmt.
-
-O mein Gott, mein Gott, was ist mir geschehen! Was ist das? Alle meine
-Gebärden gehören nicht mir, ich habe eine fremde Stimme, ich lache ein
-fremdes Lachen, ich gehe einen fremden Gang, welche Bewegungen mache ich?
-. . . ich bin hilflos wie ein Kind . . . ein Körper umgibt mich, ein
-fremder Körper, fremde Hände, fremde Arme, fremde Augen . . . o mein Gott,
-mein Gott, _ich lebe noch, aber ich bin nicht mehr!_
-
- * * * * *
-
-Kann sich jemand eine Vorstellung machen von dem, was ich empfinde! Wer ist
-je in einer so furchtbaren Lage gewesen! Früher habe ich zuweilen etwas
-ganz entfernt Ähnliches empfunden, wenn ich plötzlich für den Bruchteil
-einer Sekunde, vielleicht in meiner Bewegung, im Tonfall meiner Stimme, in
-meinen Augen eine Ähnlichkeit, eine Gleichheit mit einer mir bekannten
-Person bemerkte. Und das Unbehagen, das sich bei diesem flüchtigen Bemerken
-einstellte, war stets um so größer, je näher ich mit jenem Menschen
-verwandt war, dessen Miene oder Haltung ich plötzlich an mir wahrzunehmen
-glaubte. So erinnere ich mich deutlich, wie grauenhaft mir eines Tages
-meine Schwester erschien, als ich plötzlich ihre Blicke in meinen Augen
-fühlte, und ein ausgesprochenes Ekelgefühl hatte ich auch als ich --
-deutlich steht mir noch der Ort vor Augen -- beim Heraustreten aus einem
-Hamburger Hotel die Ganghaltung und Bewegung meines vor Jahren verstorbenen
-Bruders an mit wahrnahm. Nur Menschen, die je etwas Ähnliches empfunden --
-aber mir kommt vor, alle müßten es gefühlt haben -- werden sich in meine
-Lage versetzen, werden mir dieses entsetzliche bittere Unlustgefühl, diesen
-physischen und zugleich körperlichen Ekel vor mir selbst von ferne
-nachfühlen können.
-
- * * * * *
-
-Ich fühlte oftmals, wie ich daran war, das Bewußtsein zu verlieren. Es
-kamen Augenblicke der Erleichterung, sogar des Vergessens. Aber immer
-wieder und jedesmal furchtbarer kehrte mir das Bewußtsein meines
-entsetzlichen Zustandes zurück.
-
-Ich hätte schreien wollen, aber die Angst vor der entsetzlich grauenvollen
-Stimme, die ich aus meinem Munde hatte kommen hören, drückte mir die Kehle
-zu. Ich preßte die Hände vor meinen Mund und stieß klagende, winselnde Töne
-aus. Ich lag auf dem Boden, denn ich hatte ein Gefühl, als müßte ich mich
-tief im Innersten der Erde verstecken und begraben. Der physische Abscheu
-vor diesem fremden, schwitzenden, behaarten Körper, der mich umgab wie eine
-klebrige, widerliche Masse, nahm eher zu, als daß er nachließ. Und zu
-diesem unbeschreiblichen Gefühl des Abscheus gesellte sich nach einiger
-Zeit noch ein psychischer Schmerz, der mich fast durchbohrte und an die
-Grenze des Wahnsinns trieb. Ganz plötzlich empfand ich es nämlich mit aller
-Deutlichkeit, oder es war mir wenigstens so, -- als hätte ich es selbst in
-der Hand gehabt, diesem furchtbaren Schicksal zu entgehen. Hätte ich die
-Kraft gehabt, jene einfältige Frage nach der Herkunft jenes Schwertes, das
-ich doch weiß Gott nie gesehen hatte, zurückzuweisen -- nichts hätte mir
-geschehen können. Ich habe mich selbst ins Unglück gestürzt. Jetzt machte
-mein Inneres jene furchtbar schmerzvollen Anstrengungen, etwas Geschehenes
-wieder ungeschehen zu machen. Ich bog mich weit zurück, nach hinten, gerade
-als hätte ich dadurch ein Stück Zeit, das schon vergangen war, noch einmal
-einbringen, noch einmal durchleben können. Das so furchtbar
-niederschmetternde Gefühl des Unwiederbringlichen warf mich gänzlich
-darnieder. Aber immer wieder, mit immer erneuter Hoffnungsangst, stellte
-ich mir wohl hundertmal jene Szene vor: wie er jetzt die Treppe herabkam,
-jetzt sprach er mich an, hielt mir das Schwert entgegen, jetzt frug er und
-jetzt -- -- so sehr ich mich auch innerlich sträubte und wehrte, tierische
-wilde Verzweiflungslaute entrangen sich meiner Kehle, -- ich konnte und
-konnte nicht Herr dieser fremden Gewalt werden, die mich nur durch den
-Tonfall ihrer Stimme mir selbst entriß und mir mit einem fremden Willen
-einen fremden Körper aufdrang. Trotz meiner Angst, meiner Verzweiflung, die
-mir die ganze Erinnerung an die furchtbare Szene wieder erregte, trotz
-alledem fühlte ich doch, daß ich im gleichen Falle genau wieder so handeln
-würde, und daß, was geschehen war, hatte geschehen müssen.
-
-Von dieser Einsicht ging zunächst eine -- o, welch ein Hohn steckt in
-diesem Worte -- Erleichterung für mich aus. Aber als sich dann meine
-Gedanken wieder zu ordnen begannen, als jene Anfälle des
-Sichwiedererinnerns aufhörten, da empfand ich mit ungeahnter Heftigkeit die
-ganze Hohlheit, die ganze entsetzliche Leere meines Daseins und dieses
-Gefühl gepaart mit dem noch viel entsetzlicheren Abscheu und Ekel vor mir
-selbst gab mir den Wunsch ein, mich von der schmutzigen Hülle dieses
-Körpers und dem Grauen dieses Daseins zu befreien. Ein Gefühl des Hasses,
-ganz wie das gegen einen fremden Menschen, ergriff mich.
-
-Ich fühlte eine tiefe Befriedigung bei dem Gedanken, daß ich diesen Körper
-gewaltsam vernichten und mich auf diese Weise auf ewig von ihm befreien
-konnte. Ich riegelte die Türe und riß förmlich in Wut den Revolver mit den
-Patronen aus der Handtasche. Es hätte mir Freude gemacht, diesen Körper
-Stück für Stück zu vernichten. Mit dem ersten Schuß durchschoß ich meine
-Hand; ich lachte laut auf vor innerster Befriedigung, als ich das rote Blut
-aus dem winzig kleinen Loch des Handtellers hervorfließen sah. Dann legte
-ich die kühle, kreisrunde Öffnung des Revolvers an meine heiße Schläfe und
-drückte ab. Ich verspürte einen leichten Stoß, aber da ich noch Kraft in
-meinem Arm fühlte, schoß ich noch ein zweites Mal, wieder die
-Revolvermündung dicht an der Schläfe. Ich erwartete, daß ich taumeln, daß
-ich umstürzen werde -- aber nichts dergleichen geschah. Ich befühlte mit
-der Hand meine Schläfe -- sie war blutüberströmt und das rote Blut rann
-über die Backe, über den Anzug an mir herunter. Aber ich hatte mich nicht
-getötet . . . Und nach einigen qualvollen Augenblicken hatte ich die
-Gewißheit: Ich _vermochte_ nicht, mich zu töten . . . .
-
- * * * * *
-
-Ich erwachte und lag auf meinem Bett. An der Dämmerung, die in der Kabine
-herrschte, sah ich, daß es Abend war. Ich suchte mich zu erinnern und
-richtete mich auf. Hatte ich geträumt? Die schwache Regung der Hoffnung,
-die in mir aufstieg, wurde sofort durch die deutlich erkannte Gewißheit,
-daß es kein Traum, daß es Wirklichkeit war, zerstört. Fühlte ich denn nicht
-wieder diesen klebrigen, schleimigen Körper um mich, fühlte ich nicht meine
-wahren Bewegungen, meine Augen, meine Mienen, wie hinter einer dumpfen
-heißen Maske, die mir den Atem benahm?
-
-Plötzlich bemerkte ich, daß ich nicht allein in der Kabine war.
-
-In der Dunkelheit neben dem helleren Fenster, durch das der Abend
-hereinsah, erblickte ich den Kopf und die Schultern einer seltsam fremden
-Gestalt. Sie wandte mir jetzt ihr Profil zu und schien unverwandt auf einen
-Punkt zu starren. Nur verschwommen und undeutlich konnte ich die Züge und
-den Ausdruck des Gesichts wahrnehmen.
-
-»Ist jemand da?« fragte ich halblaut und langsam.
-
-Keine Antwort. Die Gestalt beharrte unbeweglich in ihrer Stellung; nur war
-es mir einen Augenblick, als sähe ich sie deutlich die Lippen bewegen,
-öffnen und wieder schließen. Aber kein Laut war hörbar.
-
-Wenn ich jetzt an jenen Augenblick zurückdenke, frage ich mich, warum mich
-gleich bei der Entdeckung dieses Fremden ein neuer Schrecken befiel, ein
-Schreck, der nichts gemein hatte etwa mit der Furcht vor einem
-Eindringling. Nein, sobald ich das schattenhafte Wesen neben dem Fenster
-erblickte, wußte ich auch in meinem innersten Innern, mit einer Sicherheit,
-die nicht den geringsten Zweifel zuließ, daß dieser Mensch, er sei, wer er
-sei, in irgend einem Zusammenhange mit meiner schrecklichen Lage stand. Die
-Furcht vor einer neuen grauenhaften Entdeckung ließ mich erbeben,
-durchrüttelte mich kalt wie ein Fiebersturm. Meine Phantasie war so bis zum
-Äußersten gereizt, daß sie nichts mehr für unmöglich hielt. Ich hätte mich
-nicht gewundert, wenn ich den Mond, der schon einen schwachen gelblichen
-Streifen auf den Boden meiner Kabine legte, krachend vom Firmament hätte
-herabstürzen und sich in den grau verdampfenden Fluten des Weltmeeres wie
-in einem ungeheuren dunklen Wolfsrachen hätte begraben sehen. Nichts,
-nichts hätte mich jetzt gewundert! Ich hätte den Riegel von meiner Tür
-springen, ich hätte sie von unsichtbaren Händen sich öffnen und schließen
-sehen können und das wäre mir nicht unnatürlich, nicht rätselhaft
-erschienen, denn ich selbst hatte Rätselhafteres erlebt, _wußte_ ja auch,
-daß ich noch viel Unerhörteres in den nächsten Augenblicken erleben würde
-. . .
-
-Als ich die fremde Gestalt im Dunkel zum zweiten Male anrief, geschah es
-mit kaum hörbarer, flüsternder Stimme, nicht lauter wie das Knistern von
-Seide. Und wieder war es mir, als sähe ich die Lippen sich stumm bewegen;
-aber nichts war zu hören.
-
-Ich wagte meine Frage nicht zum dritten Mal zu wiederholen. Starr, bald von
-Glut geschüttelt, bald von kaltem Schauer überkrochen, blieb ich
-bewegungslos und halb aufgerichtet auf meinem Arm gestützt und starrte die
-Erscheinung an.
-
-Plötzlich fühlte ich eine Helligkeit über mein Gesicht gleiten. Es war der
-Mond, der bei einer Wendung des Schiffes jetzt in den Ausschnitt des
-Fensters trat. Im selben Augenblick erkannte ich aber auch deutlich das
-Antlitz der fremden Gestalt, die neben dem Fenster stand. Der Mond
-beleuchtete auch sie. Ich sprang von dem Bett auf und drehte hastig das
-elektrische Licht an. Der Raum war taghell erleuchtet -- niemand war zu
-sehen.
-
-Mit heimlichem Grauen sah ich nach der Stelle, wo ich noch vor Sekunden die
-Gestalt erblickt hatte. Auf der graugelben Tapete kroch eine Fliege. Es war
-totenstill und nichts rührte sich. Ich hörte nur wie mein Atem ging und wie
-meine Brust sich hob und senkte, sich hob und senkte. Ich stand da und
-starrte nach dem goldgerahmten Spiegel in der Ecke, an dem wie immer meine
-Mütze hing.
-
-Aber einen Augenblick später durchzuckte mich ein furchtbarer Gedanke! Mit
-einem Sprung stand ich vor dem Spiegel -- die gräßlichste Ahnung der
-letzten Sekunde sah ich erfüllt. In der Scheibe des Spiegels gewahrte ich
-eben dieselbe Gestalt, dasselbe Antlitz, dieselben seltsamen Augen, die
-mich eben noch als die eines Fremden mit Grauen und Schreck erfüllt hatten.
-Das bräunliche Antlitz eines fremden Mannes starrte mich mit irisierend
-grünlichen Augen als mein eigenes Antlitz an. Und während ich mich mit
-beiden Händen an dem Spiegel festhielt, um nicht zu fallen, war es mir, als
-hätte ich dieses Antlitz schon gekannt seit langen Jahren . . . seit langen
-Jahren . . . .
-
- * * * * *
-
-Man hat es oft beobachtet, daß eine plötzlich den Menschen befallende
-Furcht oder ein Schrecken ihn für einige Zeit des Verstandes beraubt. Der
-menschliche Geist hat, wie jeder Körper, nur eine ganz bestimmte
-Elastizität; er ist nicht fähig, die allergewaltsamsten Veränderungen
-augenblicklich zu begreifen, und nach dem Gesetz der psychischen Reaktion
-tritt sehr oft nach dem ersten furchtbaren Erschrecken eine völlige
-Blindheit des Geistes ein, ein völliges Vergessen. So hat man Mütter, deren
-Kinder in einem Brande umgekommen und vor ihren Augen verbrannt waren,
-wenige Augenblicke nachher, ihre eben unterbrochene Tätigkeit wieder
-aufnehmen sehen, ja sogar heiter und sorglos lachen hören.
-
-Auch an mir konnte ich jetzt einen ähnlichen Zustand feststellen. Nachdem
-das erste unheimliche Grauen meinen Verstand bis an die Grenze des
-Wahnsinns gebracht hatte, betrachtete ich das Gesicht im Spiegel mit einer
-Art einfältig-kindischer Neugier. Ich sah es hilflos grinsen -- und ich
-grinste wieder. Eine Hand streckte sich gegen mich aus -- auch ich hob
-meine Hand. Und plötzlich, ganz auf die Stufe des Säuglings zurückgedrängt,
-versuchte ich mit meinem ausgestreckten Finger das Bild zu berühren. Mein
-Geist mußte wohl eben daran sein, sich von dem ersten furchtbaren Schrecken
-zu erholen; denn jetzt packte mich ein neues Entsetzen, als ich sah wie der
-Spiegel sich unter dem Druck meiner fremden Hand in eine gallertartige,
-schlammig-graue Masse verwandelte, und ich in dem eingebildeten Raum hinter
-dem Spiegel einen harten Körper berührte, -- mein eigenes Antlitz!
-
-Und obgleich dieses Antlitz zu leben schien, obgleich ich die belebten
-Lippen, den feuchten Augapfel, die atmende Haut mit meinen Augen wahrnahm,
-so fühlte meine Hand an der Spitze ihres langen, dünnen gelblichen Fingers
-nur einen kühlen, metallisch-harten Körper und im gleichen Augenblick
-verspürte ich auf meiner Zunge den scharfen, intensiven Geschmack von
-bitterem Messing . . .
-
- * * * * *
-
-Ich vernahm plötzlich ein ungeheures Brausen wie von rollenden Rädern und
-öffnete die Tür. Draußen erblickte ich eine große Menge hin und her
-laufender Menschen, ohne daß ich irgend ein Gesicht deutlich hätte erkennen
-und sehen können. Mir war als könne ich den Kopf nicht bewegen und nicht in
-die Höhe heben. Ich eilte auf den dunklen Gang hinaus und bemerkte dort vor
-mir einen Herrn mit einem ungewöhnlich verzwickten Gang. Ich folgte ihm.
-Wir gingen bald links in einen Seitengang, bald rechts, bald stiegen wir
-eine enge Treppe hinauf, bald durchschritten wir einen Saal, in dem lauter
-Frauenbildnisse hingen, bald kamen wir wieder durch einen Gang, der immer
-enger und enger wurde, daß wir uns kaum mehr durchzwängen konnten. Endlich
-gelangten wir in eine ungeheuer große Halle, in der ein trübes violettes
-Licht herrschte, das irgendwo von oben hereinfiel. Mitten durch die Halle
-führte ein endlos langer Gang, der mit schwarzgelben quadratischen Platten
-belegt war. Es war eine ungeheure Einsamkeit und Öde um uns, wie auf einem
-winterlichen Feld, fern von allem Leben. In weiter Ferne sah man etwas
-Schwarzes sich nähern und bewegen. Obgleich es kaum größer war wie ein
-dunkler Punkt, so hatte man doch deutlich die Vorstellung von jemandem, der
-in einem flatternden Mantel heftig gegen den Wind kämpft. Stunden und
-Stunden schienen zu verrinnen, immer sahen wir den Mantel auf dem Wege
-flattern und wehen, aber nur ganz langsam und unmerklich schien sich die
-Gestalt uns zu nähern. Ganz plötzlich sah ich dann, was mir vorher
-entgangen war, daß die Halle von ungeheuer hohen, grauen Säulen getragen
-wurde, die wie mächtige Schäfte aus dem Boden herauswuchsen. Kaum hatte ich
-das bemerkt, als hinter der nächsten breiten Säule, kaum zehn Schritte von
-mir, unhörbar eine Frauengestalt hervor trat, in einem fließend
-dunkelgrünen Sammetkleid, das den Hals frei ließ und von einem silbernen
-Gürtel umspannt war. Die Frau lächelte eigentümlich und schritt langsam auf
-mich zu. Mit jedem Schritt aber schien sie zu wachsen und ihr Antlitz wurde
-größer und größer. Sie hatte die Hände leicht übereinandergelegt; ihre
-Augen und Lippen lächelten; das offene Haar fiel über die Schultern und den
-freien Hals mit dem Brustansatz. Plötzlich wurde es mir klar, daß es keine
-Frau war, sondern nur ein Bild gewöhnlicher Größe in einem dunklen Rahmen,
-der gegen eine der grauen Säulen gelehnt stand. Gleich darauf hörte ich
-hinter mir Schritte von vielen Menschen erklingen. Ich sah, daß ich mich in
-einer Kirche befand. Als ich mich umdrehte, gewahrte ich in einer seltsam
-in dunkle, traurige Trachten gekleideten Menschenmenge, die sich vollkommen
-stumm verhielt, den Mann mit dem flatternden Mantel. Er trug einen
-altertümlich spitzen schwarzen holländischen Hut, wie er im siebzehnten
-Jahrhundert Mode war. Er ging an der Seite einer großen schlanken Dame, die
-mir den Rücken zuwandte und nach dem Ausgang zuschritt. Plötzlich aber sah
-sie an dem spitzen schwarzen Hut ihres Begleiters zu mir herüber, lächelte
-mir zu und winkte mit der Hand. Ich warf einen Blick nach der Säule -- das
-Bild war verschwunden . . .
-
- * * * * *
-
-Als ich erwachte, fand ich mich stehend, die halbgeöffnete Tür der Kabine
-in der Hand. Ich konnte den Gang übersehen, auf dem ein seltsames Licht
-herrschte, obgleich es dunkel war. Auf einmal sah ich einen schwachen,
-phantastisch aussehenden Schatten über die Dielen fallen und gleich darauf
-bemerkte ich den Gelben, der mit seinem hastigen, verzwickten Gang, ohne
-mich zu bemerken, ein großes, graues Paket unter dem Arm, an mir
-vorübereilte.
-
-Lautlos schlich ich ihm nach.
-
- * * * * *
-
-Wir kamen auf Deck.
-
-Der Mond war spät aufgegangen und übergoß das grünliche Meer mit einem
-seltsam fahlen, frühen Licht.
-
-Das Schiff lag ganz still und man hörte nur die tiefen Atemzüge der
-Schlafenden.
-
-Er lehnte das Bild gegen den Reling und mit heftigen Griffen riß er das
-graue Papier ab.
-
-Das Licht des Mondes bestrahlte voll das Antlitz der Gioconda.
-
-Er umwand das Bild mit einem der am Boden liegenden Taue, beschwerte es mit
-einem Eisengewicht, hob es über die Reling empor und ließ es hinab.
-
-Die Wasser kamen und nahmen es auf.
-
-Er beugte sich weit über das Geländer, hielt das Tau fest und sah dem
-versinkenden Bilde nach . . .
-
-Da -- im letzten Augenblicke -- geschah etwas höchst Wunderbares und
-Rätselhaftes.
-
-Das Bild wandte sich eben noch einmal empor und durch das blaugrüne Wasser
-sah man deutlich das lächelnde Antlitz. Plötzlich war es, als begännen die
-Konturen des Bildes leise zu zittern, als zuckte es lebendig um diese
-lächelnden Lippen und jetzt erhoben sich diese schrecklichen Hände und
-streckten sich empor, empor, uns zu berühren.
-
-Mit einem Ruck warf er das Tau hinaus. Im selben Augenblick aber sprang aus
-seiner Brusttasche ein langer rötlicher Dolch, klirrte auf, zischte wie ein
-Pfeil ins Wasser und heftete wie ein Kreuzesnagel die sich erhebenden Hände
-auf der Tafel wieder fest . . .
-
-Wie ein Schatten verschwand das Bild in der Tiefe.
-
-Zwischen den blaugrünen Wellen stieg ein dünner Blutstrahl empor . . .
-
-Sammlung abenteuerlicher Geschichten Bd. 4:
-
-Paul Leppin
-
-Severins Gang in die Finsternis
-
-Ein Prager Gespensterroman
-
-Mit Umschlagzeichnung von Richard Teschner Geheftet 2 Mark. In
-Halbleinenband 3 Mark
-
-Dieses Buch, das von der Wirrsal und Verderbnis einer von innern
-Geschehnissen grausam geängstigten Knabenseele erzählt, rechtfertigt in
-mehr als einer Beziehung den Titel »Gespensterroman«.
-
-Seine Kapitel sind mit einem ungeheuern, unfaßbaren Schrecken angestellt,
-der die Geburt, die Reise und die Vollendung eines Schicksals einkreist,
-das aus dunklen und schlimmen Verstecken quillt. Aus den Gesichten einer
-verirrten und gestörten Kindheit lösen sich rätselhafte Gefahren los,
-abgefeimte Gedanken wachsen im Zwielichte, und der Tod wird zum grotesken,
-verführerischen Spiel eines an der eigenen Unrast verzweifelnden Mörders.
-Es ist ein guter und klug psychologischer Zug, daß der Autor seinen Helden
-nicht an der Wirklichkeit seiner neurasthenischen Träume, sondern an einer
-würdelosen Leidenschaft zugrunde gehen läßt, die seine von ratloser
-Sehnsucht verheerten Sinnen mit allen Qualen der Hölle gepeinigt.
-
-Dieser Roman, der eine bunte Folge wunderlicher Ereignisse und phantastisch
-beleuchtender Figuren vor uns abrollt, ist ein Kulturdokument von
-originellem Reiz. Das alte Prag mit der barocken Romantik seiner Fassaden
-steigt darin auf, das seinen Mystizismus auch in der veränderten Landschaft
-moderner Straßen und Plätze und in der einförmigen Physiognomie der
-Vorstädte bewahrt. Die bewegliche Mischung deutscher, indischer und
-slavischer Elemente findet sich hier unter einem gemeinsamen Firnis zu
-einem Gärungsstoffe zusammen, der absonderlichen Prozessen unterworfen ist.
-Es ist eine merkwürdige Gesellschaft, in die uns der Dichter einführt.
-Entwurzelte, die sich vom Leben treiben lassen. Philosophen, die es mit
-einem Lächeln abtun. Abenteurer, die aus Passion auf den Seelenfang
-ausgehen, sentimentale Zyniker mit dem Habitus der Hasardspieler. Und
-mitten unter diesen Männern und Weibern die rührende Gestalt Zdenkas, des
-Tschechenmädchens, die neben dem kupplerischen Schatten böser Dinge mit
-reinem Herzen in hilfloser Demut steht. »Severins Gang in die Finsternis«
-ist auch der Roman ihrer Liebe. Diese Liebe, mit Süßigkeit und Tränen
-beschwert, geht über alle irdischen Grenzen hinaus und gibt dem Buche
-Leppins einen wunderbaren, ekstatisch vergoldeten Hintergrund.
-
-Delphin-Verlag / München
-
-Sammlung abenteuerlicher Geschichten Bd. 2:
-
-A. M. Frey
-
-Dunkle Gänge
-
-Zwölf Geschichten aus Nacht und Schatten
-
-Mit Umschlagzeichnung von L. Durm Geheftet 2 M. 50 Pf. In Halbleinenband 3
-M. 50 Pf.
-
-_Paul Zech im »Berliner Tageblatt«:_ »Zu den wenigen jüngeren
-Schriftstellern, die das Erbe Edgar Poes mit dem richtigen Instinkt
-aufnahmen und damit wucherten, gehört A. M. Frey. Er stellt sich mit seinem
-Erstling gleich in die vorderste Reihe der Erzähler dieser exponierten
-Gattung von Belletristik. Er holt seine Stoffe nicht aus unkontrollierbaren
-Bezirken. Der Alltag, der in seiner bunten Vielgestaltigkeit auch diese
-Abseitigkeit trägt, ist für Frey eine unerschöpfliche Fundgrube. Man wird
-in unerklärliche Situationen befördert, ohne die Fahrt zu spüren. Man ist
-plötzlich in einem unentrinnbaren Labyrinth und wie von Polypenarmen
-umstrickt. Fast jede der zwölf Geschichten bohrt ein Extrem an, das die
-festen Enden der Nerven berührt und aufpeitscht zu unerhörten Sensationen,
-das Märchenhafte ins Grausige, Exzentrische, phantastisch Verstiegene und
-übermenschlich Visionäre umwandelt. Man wird das Buch nicht mit einem
-einmaligen Lesen abgetan haben. Es kribbelt in den Nerven weiter und setzt
-Blutkreise in Bewegung, die in der Schalheit vieler Stofflichkeiten, die
-den Augenblick bewegen, nur selten zirkulieren.«
-
-_Eugen Reinbold in d. »Württemberger Zeitung«:_ »Neben der großenteils
-originellen Erfindung bewundern wir die sichere Gestaltung, die geradezu
-fesselnde Sprachkunst, die die Dinge mit persönlichem Leben zu erfüllen
-weiß und sie philosophierend in Zusammenhang mit allgemein Menschlichem zu
-bringen sucht. So möge, wer eine wirklich interessante und doch nicht rein
-oberflächlich unterhaltende Lektüre liebt, nach diesem Werkchen greifen.«
-
-_L. E. Kemmer in der »Badischen Landeszeitung«:_ »Mit einer knappen
-Anschaulichkeit, die oft den Eindruck einer wohlgetroffenen Farbenskizze
-macht, verbindet er eine Geschlossenheit der Form, wie wir sie nur bei den
-bedeutendsten Novellisten finden, und die jede einzelne der zwölf
-Erzählungen zu einem kunstvoll geschliffenen Edelstein gestaltet hat.«
-
-Delphin-Verlag / München
-
-Sammlung abenteuerlicher Geschichten Bd. 1:
-
-Hermann Eßwein
-
-Megander
-
-Der Mann mit den zween Köpfen und andere Geschichten
-
-Mit Umschlagzeichnung von A. Kubin Geheftet 3 Mark, in Halblederband 4 Mark
-50 Pf.
-
-_J. Robert im »Berliner Lokal-Anzeiger«:_ »Das Geschichtenbuch von Hermann
-Eßwein: >Megander< enthält Tragikomödien, erzählt in einer Sprache, die
-zuweilen an Gottfried Keller, öfter an Jean Paul erinnert. In der Mehrzahl
-der acht Erzählungen klingt ein Motiv immer wieder an. Das Motiv vom
-Rausch, vom göttlichen Rausch, der uns Vergessen bringt, aber auch
-fortreißt zur schöpferischen Tat. Und diese Begeisterung, dieser Taumel,
-diese starken phantastischen Kräfte zersplittern an der braven Gemeinheit
-des Alltags. Und ein zweites Motiv klingt an: von wirren Träumen und vom
-Wahnsinn.«
-
-_Otto Pick im »Pester Lloyd«:_ »Eßwein gelingt es, den Leser durch rein
-menschliches Interesse über Gespenstiges und Unerklärliches
-hinwegzugeleiten. Dies scheint die Novellen zu den beliebten, kühl
-erklügelten Geschichten vom Grauen in wohltuenden Gegensatz zu stellen: daß
-sie nie von außen geformt, sondern von innen heraus mit künstlerischer
-Notwendigkeit erstanden sind.«
-
-_Dr. M. Schumann i. d. »Augsburger Neueste Nachrichten«:_ »Die Sprache
-Eßweins ist meisterlich, und sein Standpunkt über den Dingen kennzeichnet
-sich in der Art, wie er das Spießbürgerliche, Nüchterne mit seinem Spott
-abtut. In dieser Sprache offenbart sich die ganze hervorragende
-stilistische Begabung des Autors. Leicht beweglich, ungezwungen und doch so
-wohlgeschliffen in jedem Ausdruck, gewinnt das Erzählte bei jedem Wort an
-Selbstverständlichkeit. In dieser Sprache allein ist schon die ganze
-Stimmung, die den Geschichten selbst zugrunde liegt, und all das gibt dem
-Buch Eßweins einen hervorragenden Wert in der Literatur der sonderbaren
-Geschichten; es ist eine der wenigen Erscheinungen auf diesem Gebiete, die
-eine selbständige Bedeutung haben.«
-
-Delphin-Verlag / München
-
-Im gleichen Verlag sind ferner erschienen:
-
-Päbstin Johanna / Roman
-
-von Ludwig Gorm
-
-In Pappband 3 Mark. In Halblederband 4.50 Mark
-
-_Univ.-Prof. Dr. Fr. Muncker in den Münchener Neuesten Nachrichten:_ »In
-dem Rahmen der kulturgeschichtlichen Novelle, deren künstlerische
-Geschlossenheit und straffer Aufbau imponieren, behandelt der Dichter das
-Problem von dem tragischen Schicksal der Frau, die zugrunde geht, weil sie
-über die Grenzen ihrer Weiblichkeit hinaus wollte. Kein Leser wird diese
-historische Novelle ohne tiefe Ergriffenheit lesen«.
-
-Jung Schuk
-
-»Ein moderner Werther-Roman« von Reinhard Goering
-
-Geheftet 3 Mark. In Leinenband 4.50 Mark
-
-_E. Dauthendey in der »Bayrischen Zeitung«:_ »In unserer Zeit der Fläche
-und Oberfläche ein Buch in die Hand bekommen, das ganz und nur Tiefe ist,
-berührt wie ein Ereignis. -- Jung Schuk ist die Geschichte eines Werdenden.
-Der tief ergreifende Werdegang eines Mannes, der ganz nur auf das
-Innerliche gestellt, zwischen den Abgründen der Idealität des Wollens und
-der Realität des Müssens seinen bittren schmerzvollen Weg wandelt, auf dem
-wir ihn mit tiefstem Interesse, das aus Weh und Freude seltsam gemischt,
-bis zum Ende begleiten.«
-
-Johann Peter Hebel
-
-Das Schatzkästlein
-
-des Rheinländischen Hausfreundes
-
-Herausgegeben von Prof. Karl Voll, München Vollständige Ausgabe mit 30
-Abbildungen In Pappband 10 Mark. In Halblederband 14 Mark
-
-_Vilmar in seiner deutschen Literaturgeschichte:_ »Die Erzählungen des
-Schatzkästleins sind an Laune, an tiefem und wahrem Gefühl, an
-Lebhaftigkeit der Darstellung vollkommen unübertroffen. Sie sind die Freude
-der Jugend und die Unterhaltung des Alters und wie alle echten Natur- und
-Volksdichtungen eigentlich niemals durchzulesen und auszuschöpfen.« --
-_Hermann Hesse im »März«:_ »Eine famose Überraschung sind die Holzschnitte;
-sie atmen den Duft der Kaiserzeit und geben dem Buch wirklich einen neuen
-Reiz und Klang, wie ein glücklich gefundener Rahmen ein altes wohlbekanntes
-Bild noch heben und steigern kann.«
-
-Delphin-Verlag / München
-
- Buchdruckerei Hesse & Becker, Leipzig
-
-
-
-
-Anmerkungen zur Transkription
-
-
-Offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert.
-
-
-
-
-
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-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DAS GEHEIMNIS DER GIOCONDA ***
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-works.
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-Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
-concept of a library of electronic works that could be freely shared
-with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
-Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
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-Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
-editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
-unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
-keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
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-Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
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- http://www.gutenberg.org
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-This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
-including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
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