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Schwitzky - - - - - Delphin-Verlag / München - - - Copyright 1914 by Delphin-Verlag / München - - - - - - - - -Vorwort - - -Die Papiere, die hier veröffentlicht werden, sind auf eine so eigentümliche -Weise in meinen Besitz gelangt, daß ich mich veranlaßt sehe, darüber -Rechenschaft abzulegen. Ich lernte zu Anfang des vergangenen Sommers, also -etwa dreiviertel Jahre nach dem Verschwinden der Gioconda aus dem Louvre, -in einem Kopenhagener Hotel einen Herrn kennen, der sich mir unter dem -japanisch klingenden Namen DACO-NOGI vorstellte. Dieser Herr, den ich, wie -die Dinge nun einmal liegen, für den Autor des hier veröffentlichten -Tagebuchs halten muß, besaß, ohne von mir irgendwie dazu aufgefordert -worden zu sein, die große Liebenswürdigkeit, während meines Aufenthalts in -Kopenhagen mein Fremdenführer zu sein und sich meiner in jeder erdenklichen -Weise anzunehmen. Er schien ein ganz besonderes Vergnügen daran zu finden, -mir die mannigfaltigen Schönheiten Kopenhagens, das er außerordentlich -liebte, zu zeigen und wenn ich in der kurzen Zeit von etwa zehn Tagen, so -ziemlich alles gesehen habe, was Kopenhagen Sehenswertes besitzt, so -verdanke ich das lediglich meinem Führer und seiner oft erstaunlichen -Ortskenntnis. Er war selbst kein Däne, sondern nach der Klangfarbe seiner -Sprache zu urteilen ein Deutscher, aus den rhein-mainischen Gegenden. Aus -den Gesprächen ging hervor, daß er seit Jahren auf Reisen war, China, -Japan, die Vereinigten Staaten, Südamerika, Indien genau kannte und sich -sowohl in den Küstenländern, wie im Innern Afrikas längere Zeit aufgehalten -hatte. Niemals jedoch konnte ich erfahren, zu welchem Zweck diese Reisen -unternommen worden waren, und obgleich Herr DACO-NOGI so gar nicht das -Aussehen eines Globetrotters hatte, sah ich mich zuletzt doch gezwungen, -anzunehmen, daß er lediglich zu seinem Vergnügen gereist war. Übrigens -sprach er außerordentlich selten von sich. Dagegen fiel es mir bald auf, -wie intensiv ihn das Leben anderer beschäftigte, gleichviel, ob es das -eines Kohlenträgers war, von dem wir im Vorübergehen zwei oder drei Worte -aufgefangen hatten, oder das eines Ministers, dessen Rede uns durch die -Zeitungen bekannt wurde. Es wird von Balzac erzählt, daß er oft in der -Lebhaftigkeit seiner Phantasie von den Gestalten seiner Einbildung wie von -lebenden Personen sprach und seine Freunde dadurch in Erstaunen setzte, daß -er ihnen von den Schicksalen der Eugenie Graudet und des Vater Goriot -erzählte, als handle es sich um Menschen, die jeden Augenblick selbst -eintreten und sprechen könnten. In ähnlicher Weise überraschte mich oft -Herr DACO-NOGI, wenn er plötzlich ohne jeden erkennbaren Anlaß aus dem -Leben von Personen erzählte, von denen er weder wußte, was sie waren, noch -wie sie hießen. Wie intensiv und außerordentlich diese Beschäftigung mit -dem Leben anderer war, davon überzeugte ich mich zuerst an mehreren -Bemerkungen, die er im Verlauf des Gesprächs über mich und meine -Verhältnisse machte. Mehrere Male überraschte er mich nämlich durch die -Kenntnis von Tatsachen aus meinem Leben, von denen ich bestimmt wußte, daß -ich sie ihm nicht mitgeteilt hatte. Das erstemal als er plötzlich von -meiner Schwester sprach, konnte ich noch glauben, es sei Zufall und ich maß -der Sache weiter keine Wichtigkeit bei. Aber noch am selben Tage gab er mir -ganz unvermutet einen Rat, der die Kenntnis höchst komplizierter -persönlicher und finanzieller Verhältnisse voraussetzte, deren Intimität -mich vor dem Eigenverdacht bewahrte, vielleicht davon gesprochen zu haben. -Zuerst stand ich vor einem Rätsel, das ich mir nicht im geringsten zu -erklären vermochte und ich betrachtete meinen neuen Bekannten mit einer -Mischung von Mißtrauen und leiser Furcht. Dann aber erhielt ich durch -einige Beispiele, die das Leben anderer Personen betrafen, den seltsamen -Beweis, daß dieser Mensch in einer geradezu ans Wunderbare grenzenden Art, -die Fähigkeit besaß, aus den unbestimmtesten Redewendungen und den -scheinbar unpersönlichsten Gesprächen auf Tatsachen und Geschehnisse -zurückzuschließen, die einem Menschen mit gewöhnlichem -Beobachtungsvermögen, schlechthin verborgen bleiben müssen. Mit dieser -ungewöhnlichen Fähigkeit erinnerte er mich an die sonderbare Gestalt des -Herrn Dupin in den Poeschen Novellen, denn Herr DACO-NOGI besaß in -Wirklichkeit das ans Fabelhafte grenzende Assoziationsvermögen jener -erdichteten Gestalt. Nur eine ungeheure Beweglichkeit der Phantasie, die -selbst die geringfügigsten Sinneseindrücke verarbeitete, kann es ihm -ermöglicht haben, zu so verblüffenden Feststellungen zu kommen, wie sie ihm -in meiner Gegenwart gelangen. Übrigens arbeitete dieses fast übernatürlich -zu nennende Assoziationsvermögen, wie die meisten ganz großen und -übernormalen Fähigkeiten im Menschen, beinahe ganz unbewußt in ihm und er -war sich in den allermeisten Fällen auch gar nicht klar darüber, irgend -etwas erraten zu haben, was zu erraten andern Menschen schlechthin -unmöglich gewesen wäre. Nach und nach nahm ich übrigens wahr, daß es -keineswegs eine einfache, übermäßig ausgebildete Assoziationsgabe war, die -meinem Bekannten so seltsame Ergebnisse lieferte. Wie sollte es auch durch -einfache Assoziationen möglich sein, Stimmungen, Gefühle und halbbewußte -Empfindungen von Menschen zu erraten, von denen er, wie gesagt, oft nicht -mehr als drei Worte gehört und die er nur ein einziges Mal gesehen hatte. -Es schien mir vielmehr eine Art künstlerischen Vermögens zu sein, das er -besaß und vielleicht gibt das Wort Einfühlung den allgemeinsten Begriff von -dem, was ich sagen will. Er vermochte sich auch durch den aller -geringfügigsten Anlaß etwa so in einen Menschen einzufühlen, wie es der -Betrachter oder Zuschauer eines Kunstwerkes tut, der damit die Absichten -und die Mittel des Künstlers errät. Und zwar war die Art der Einfühlung in -ein fremdes Leben so stark, daß sie ihn nicht nur vollkommen beherrschte, -sondern ihn auch vollkommen veränderte. Oft, während er sprach, wechselte -er seine ganze Haltung und seinen Gesichtsausdruck. Wie ein anderer Mensch -wohl seine Rede durch Gebärden mit den Händen oder bei lebhafteren -Temperamenten auch durch ein bewegliches Mienenspiel zu veranschaulichen -sucht, so zwang bei ihm der Gedanke oder das Gefühl, das er ausdrücken -wollte, den ganzen Körper in Dienst und veränderte alles an ihm. Nichts -aber stand sozusagen willenloser unter dieser Kraft der Einfühlung, wie -seine Stimme. Sie war gleichsam diejenige Saite, die die Schwankungen -seiner Empfindung am vollendetsten und differenziertesten wiedergab. Sie -war nicht nur von einer schier unglaublichen Modulationsfähigkeit, die die -leisesten, zartesten und härtesten Töne anklingen ließ, nein, sie vermochte -geradezu ihren ganzen Charakter zu verändern und oft, wenn ich, die Wirkung -dieser Stimme auf mich zu erproben, die Augen schloß, hätte ich meinen -können, plötzlich mit einem ganz anderen, fremden Menschen zu reden. - -Am Tage meiner Abreise von Kopenhagen kam Herr DACO-NOGI vormittags auf -mein Zimmer, um sich von mir zu verabschieden. Er war im Mantel und Hut, -denn er stand selbst gerade im Begriff abzureisen. Unter dem Arm trug er -eine kleine Mappe aus dunkelgrünem Leder, die er bei seinem Eintritt auf -dem Garderobenständer ablegte. Wir unterhielten uns vielleicht zehn -Minuten; es lag mir mehrfach auf der Zunge zu fragen, wohin er reise, aber -aus dem Gefühl heraus, nicht neugierig erscheinen zu wollen, unterließ ich -die Frage. Einige Tage vorher hatte er übrigens davon gesprochen, demnächst -nach Canada gehen zu wollen. Nach zehn Minuten erschien der Hausdiener und -meldete das Automobil. Wir verabschiedeten uns kurz und herzlich. Dann, -nach einer Stunde etwa, bemerkte ich, daß mein Bekannter die Mappe auf dem -Garderobenständer hatte liegen lassen. Ich erkundigte mich bei dem Portier, -ob Herr DACO-NOGI eine Adresse hinterlassen habe. Es war nicht der Fall. In -der Hoffnung vielleicht aus dem Inhalt der Mappe die Adresse des Fremden -erfahren zu können, öffnete ich sie mit dem anhängenden Schlüssel. Was ich -fand, war nur eine große Anzahl dünner, zerknitterter Blätter, die mit -einer steilen kritzlichen Schrift bedeckt waren und eine Karte, die an mich -gerichtet war und nur die Worte enthielt: Bitte, betrachten Sie diese Mappe -und ihren Inhalt als Ihr Eigentum. -- Schon auf der Fahrt von Kopenhagen -nach Hamburg habe ich dieses seltsame Schriftstück, von dem ich beim -flüchtigen Durchblick bald erkannte, daß es sich auf den Diebstahl der -Gioconda bezog, zum erstenmal gelesen. Mein Entschluß, das Manuskript zu -veröffentlichen, war sofort gefaßt. Meine Arbeit dabei ist keine andere -gewesen als die einzelnen Blätter, die wirr durcheinander lagen, dem Sinne -nach zu ordnen und aneinander zu reihen. Ich habe mich nicht für berechtigt -gehalten, irgendwelche Zusätze oder auch nur irgendwelche Korrekturen in -dem Manuskript anzubringen. Dagegen schien es mir geboten, die Eigennamen -der Personen durch freigewählte zu ersetzen. Im übrigen ist das Tagebuch, -wie es hier vorliegt, ein wortgetreuer Abdruck des Originals. -- - -Vielleicht wird es noch interessieren zu wissen, daß der Name DACO-NOGI ein -Anagramm ist. Nur durch einen Zufall bin ich darauf geführt worden. Er -entsteht durch Buchstabenumstellung aus dem Namen: GIOCONDA. - -Im Oktober 1912 - - Der Herausgeber - - - - -Das Tagebuch - - -Den 5. August 1911. Als ich gestern auf dem Gare de l'Est den Wiener -Schnellzug verließ, passierte mir etwas recht Seltsames und wenn man will, -Rätselhaftes. Vielleicht ist es auch etwas ganz Natürliches, Einfaches und -Erklärliches. Ich war kaum aus dem Zuge gestiegen, als meine Aufmerksamkeit -auf einen Reisenden gelenkt wurde, der eben offenbar auch ausgestiegen war -und den Perron hinuntereilte. Er war etwa fünfzig Schritte von mir -entfernt. Ich glaube, er fiel mir nur durch seinen eigentümlich hellgelben -Mantel und seinen hastigen Schritt auf, der etwas Unrhythmisches und -Konfuses hatte. - -Warum lief ich diesem Herrn eigentlich sofort nach? - -Ich habe seit gestern darüber nachgedacht und weiß es doch nicht. Aber -eigentlich, was ist denn so Unerklärliches daran? Warum soll ein Reisender -wie ich es bin, ein Mensch, der lediglich zu seinem Vergnügen, na -- -Vergnügen? -- also ein Mensch, der nur reist, um zu reisen, der nichts zu -tun hat, gehen und kommen kann, wann und wie und wo er will -- warum sollte -er nicht plötzlich auf den Einfall kommen, auf dem Gare de l'Est in Paris -hinter einem Herrn mit einem hellgelben Mantel und einem unrhythmischen -Gang herzulaufen? - -Wenn ich es allerdings recht bedenke, so scheint es mir doch wieder seltsam -oder zum mindesten auffällig. Denn ich liebe das Unrhythmische keineswegs. -Ich gehe ihm sonst aus dem Wege, wo ich kann. Ich setze mich weder in ein -Familienrestaurant noch in eine Elektrische. Warum also, warum ging ich -ausgerechnet hinter diesem scheußlich konfusen und verzwickten Schritt her? -Warum quälte ich mich mit sämtlichen Taktarten, diesen Schritt einzufangen? - -Ja -- vielleicht hatte dieser Schritt doch etwas Rhythmisches, und ich rede -mir nur ein, daß er verworren war. Immerhin -- er war wie zwei übereinander -gepurzelte Takte und gar nicht zum aushalten. - -Ich glaube, der Herr trug eine große schottische Mütze und in der Hand eine -rote Ledertasche. Aber das weiß ich nicht bestimmt. Denn ich war wie -hypnotisiert von dem Zwickzwack der Beine unter dem hellgelben Paletot und -hatte, so lange ich ihm folgte, für nichts anderes Auge und Aufmerksamkeit. - -Und nun geben Sie mal acht, was geschah. Ich gehe stracksweg hinter dem -gelben Herrn da her, immer mit den Augen auf seinen Beinen. Und als er in -eine Droschke steigt, rufe ich den nächsten Kutscher und weise ihn an, -hinterher zu fahren. Es ist das schönste Wetter, ich kann meinen Freund -- -denn so nenne ich ihn schon in heimlicher Wut -- da vorne gemächlich und -bequem in der Droschke sitzen sehen. Das heißt, eigentlich sehe ich nur ein -Stück von dem gelben Mantel und darüber die große schottische Mütze. Sein -Gefährt ist immer etwa 100 Schritte voraus. Endlich hält es in der Rue -Saint Honoré 41. Die Nummer fällt mir sonderbarerweise sofort auf, denn sie -gibt mein Alter an. Er steigt aus, der Wagen fährt weiter und er tritt ins -Haus. - -Und nun habe ich eben in diesem Hause, im zweiten Stock, bei Frau Witwe -Labrouquet gestern ein Zimmer gemietet! -- - -So -- ja so, als sei ich besonders hierher nach Paris gekommen, um bei Frau -Witwe Labrouquet und ihrem lahmen Sohn zu wohnen! - -Es ist einfach lächerlich! - - * * * * * - -Den 6. August. Ich verfalle wieder auf ein altes Mittel: alle quälenden -Unruhen und zermürbenden Gedanken, die ganze Vergangenheit, die sich hinter -mir auftürmt und auf mich herabzustürzen droht, die Unrast und -Unbeständigkeit, die mich von Ort zu Ort treibt, die mir nirgends Ruhe -läßt, meine Tage und Nächte durchtobt, dadurch zu bannen, indem ich -schreibe . . . - -Wenn ich mir wieder etwas aus meinem Leben erzähle, wenn ich aus meinen -grauen und grünen Erinnerungen wieder kleine, zarte Gespinste hervorsuche, -Träume, Leidenschaften, Gebete, -- Begegnungen mit anderen und mir -- -geflüsterte, ungehörte, verwehte Dinge herbeirufe . . . ach, vielleicht -werde ich dann noch einmal alles zurückdrängen können. Ich werde den -Mächten, die mich und alle verfolgen, entrinnen, wie ein Dieb. Ja, wie ein -Dieb, der sich geschickt in einem Kellergewölbe zu verbergen wußte, von dem -niemand weiß, wo er geblieben ist, und an dem die hastigen Polizisten -vorbeirennen, bis sie spät ihren Irrtum gewahr werden. Aber hallo! Jetzt -hat der Dieb zwischen seinen grauen Kellerwänden neue Kräfte gesammelt und -rasender als je fliegt er die langen Straßen hinab. Hinein in ein Haustor, -durch den Korridor in den Hof, einen Blitzableiter hinauf, auf das Dach des -allerhöchsten Hauses und ratsch -- weg ist er. Weg, als hätte ihn der -Himmel verschluckt. - -Weiß Gott wie heiß mir wird, wenn ich an eine solche Diebsjagd denke! - -Aber schön ist das, wundervoll. Das heißt natürlich, wenn man der Dieb ist. -So alles auf den Fersen zu haben, einer gegen zwanzig, gegen hundert, und -dann mit allen Anstrengungen des Geistes und Körpers arbeiten, arbeiten, -arbeiten, daß einem der Schweiß perlt. Alles gedoppelt: Gesicht, Gehör, -Geruch; spähen, jede Kleinigkeit berechnen, ausnützen und Sieger sein -zuletzt, Sieger! - -Ach ja . . . . wenn es nur leichter wäre, Diebstähle zu begehen . . . . - -Ich erinnere mich noch deutlich an die furchtbare Angst, die ich in Messina -ausstand, als ich mir einmal vorgenommen hatte, eine Apfelsine zu stehlen. - -Ja -- ich wollte mir die Langweile damit vertreiben, mir zu zeigen, ob ich -Mut hätte. Mut, eine Apfelsine zu stehlen. - -Gott, wie deutlich steht doch alles vor mir: da ist das kleine Hotel mit -der grünlich grauen Fassade und der schmierigen Tür. Da ist der Stall -nebenan und da ist der kleine deutsche Hausknecht mit den feuerroten Haaren -und den unwahrscheinlich großen Ohren, die immer -- offenbar von -Stiefelwichse -- ein wenig schwarz waren. Ja, ja -- dieser Hausknecht. Er -hatte übrigens trotzdem zarte Beziehungen zu der Köchin, die etwas bucklig -war, und man sagte mir, sie erwarte ein Kind. Mein Gott --! Und da ist der -schmutzige kleine Speisesaal mit den abgeschabten Tapeten und dem Kellner -Luigi. - -Aber das gehört nicht zur Sache. - -Ich langweilte mich scheußlich in diesem verfluchten Nest und aus lauter -Langerweile kam ich, wie gesagt, zuletzt auf den Gedanken: mir meinen Mut -zu beweisen! Haha, -- ich wollte eine Apfelsine stehlen. Das sollte mir -wahrhaftig ein Beweis für Mut sein! - -Es war just um die Zeit der Ernte. Was für prachtvolle goldene Früchte gab -es doch da. Wenn sie wie goldene Kugeln geschichtet in den Körben lagen, -und die Sonne darauf schien, konnte man wirklich die Augen nicht weit genug -aufreißen, um all dies kostbare Licht in den Körper einzulassen. Ja, man -hätte sich am liebsten überall Augen in den Körper geschnitten, um all -diese Fruchtbarkeit aufsaugen zu können. - -Am Montag hatte man vor meinen Augen einen dieser braunen, nackten Bengel, -die da überall umherlungern, dabei erwischt, als er gerade im Begriff -stand, sich mit sechs großen roten Orangen aus dem Staube zu machen. Weiß -Gott, beinahe wäre es ihm geglückt, diesem verflixten, kleinen Teufel. Was -er für Augen hatte! Aber er hatte die Rechnung eben ohne seine Hose -gemacht. - -Ja, er trug nämlich als einziges Kleidungsstück eine graugrüne Hose auf dem -Leib, aus der unten die Beine wie braune Streichhölzer herauskamen. Und in -diese Hose hatte er die sechs Orangen vor dem Stand der Verkäuferin ganz -unbemerkt hineingestopft. Er hatte sie wahrhaftig alle schon drin. Aber -zuletzt bekam die Alte hinter dem Stand doch Wind von der Sache. Sie hatte -eine kolossale braune Hakennase im Gesicht und trug eine blaue Bluse. -Plötzlich stieß sie einen gellenden Schrei aus, fuchtelte mit den Armen in -der Luft rum und kam hinter dem Stand hervorgesprungen. - -Das war eine Pracht zu sehen, wie die braunen Beine der Raubkatze über die -Straße flogen! Und die Alte schreiend mit geblähtem Rock hinter ihm her! - -Mein Gott, ich stand und lachte aus vollem Halse. - -Sie hätte ihn nicht bekommen, den Teufel, den kleinen. Aber an der Hose lag -es, die brachte ihn an den Galgen. Denn während ihm eine der Orangen im -Lauf aus dem Gurt sprang und rot durch den Staub der Straße rollte, sackten -sich die andern immer tiefer in das rechte Hosenbein und -- bums, da lag -er. Da hatte die Alte ihn aber auch schon am Kragen. - -Donnerwetter, was das Tier aber auch für Raubfinger hatte; biegsam wie -Fischbein und fest wie Stahl. - -Na ja -- so kam ich selbst auf den Gedanken, eine Apfelsine zu stehlen. Und -das gab mir Beschäftigung bis zum Schluß der Woche. Beschäftigung? Es war -ein Stück Arbeit, ein Stück ganz verzweifelte Arbeit. Ich bekam in diesen -Tagen ordentlich eine gute Meinung von den Dieben. Denn wenn ich nur die -Hand ausstrecken wollte, um die Orange von dem Stand der Verkäuferin zu -nehmen -- am ersten Tage probierte ich es dreimal -- dann zitterte ich am -ganzen Leibe und fühlte kaum mehr den Boden unter den Füßen. - -Ich glaube, ich habe in diesen fünf Tagen im ganzen zwanzig Pfund Orangen -gekauft, nur um mir immer am Stand der Alten zu schaffen machen zu können. -Ich konnte das Zeug ja gar nicht aufessen. Ich schenkte es im Hotel dem -rothaarigen Hausknecht oder dem Oberkellner Luigi. - -Am zweiten Tag lächelte mich die Alte schon immer von weitem an. Hole der -Teufel ihr Lachen, ich werde meine Apfelsine schon bekommen, dachte ich. -Aber ich ging wieder und trug nur das gekaufte Pfund nach Hause. - -Dann wurde die Geschichte interessant, das Weib hatte offenbar meine -Absicht erraten, sie lächelte jetzt jedesmal recht spöttisch, wenn sie mich -kommen sah. - -Ich nahm allen meinen Mut zusammen und versuchte eine günstige Gelegenheit -abzupassen. Aber wenn sich die Alte einmal wegkehrte, dann war es mir -beinahe, als seien mir die Hände mit einem unsichtbaren Strick an den Leib -gebunden. - -Ich wurde wütend, zu Hause in meinem Zimmer nannte ich mich einen -erbärmlichen Feigling und schlug mit der Faust auf den Tisch, daß er -umstürzte und die Platte zerbrach. Ich sagte mir, so kann es nicht -weitergehn. Ich setzte also den Freitag als Ruhetag an und schwor mir, die -Tat am Sonnabend zu vollbringen. - -Ich hielt mein Wort. Allerdings das tat ich. Aber wie erbärmlich benahm ich -mich doch. Es war in der Mittagsstunde und die Alte hatte eben ihre Bude -verlassen, um an einem hundert Meter entfernten Brunnen Wasser zu holen. -Weit und breit war keine Menschenseele zu sehen. Und da also -- in diesem -Augenblick fand ich wirklich den Mut, meine Apfelsine zu stehlen. Pfui! Was -war ich für ein feiger Dieb. Und ich lief wahrhaftig noch davon als hätte -ich schon den Polizisten im Nacken. Pfui Teufel! - -Übrigens hatte die Alte natürlich gar nichts bemerkt. Später sagte ich ihr -einmal, daß ich lange die Absicht gehabt hätte, ihr eine Orange zu stehlen. -Aber da lachte sie und wollte es nicht glauben; obgleich ich es beschwor, -bei Gott. - - * * * * * - -Den 7. August. Nun da wäre ich denn hier bei Frau Witwe Labrouquet, -geschiedenen Blissot und ihrem lahmen Sohn. Ob sich der Herr mit dem gelben -Mantel, der schottischen Mütze und den Zwickzwackbeinen noch einmal sehen -lassen wird? - -Was dies übrigens für eine Wohnung ist. Drei Zimmer und Küche. Drei graue -Schachteln mit Löchern, die man Fenster nennt. Über die langweiligen gelben -Gardinen habe ich ein Paar alte Priestergewänder aus Tokio gehängt. Sie -sind aus Seide und ich mag es gern, wenn Licht durch Seide fällt. Es fühlt -sich dann ganz anders an. - -Überhaupt habe ich heute den größten Teil des Tages damit zugebracht, das -Zimmer umzuräumen. Ich konnte schon in der letzten Nacht nicht schlafen und -hatte immer das Gefühl, es sei jemand im Zimmer. Der Schrank, das Bett, der -Spiegel, die Stühle, alles tat noch den Willen des Menschen, der hier vor -drei oder vier Tagen ausgezogen sein muß. - -Ich kann noch ganz deutlich sehen wie er zum Beispiel da hinter dem Tisch -auf dem roten Plüschsofa gesessen hat. So -- die Hand so ans Kinn gestützt -und guckt da hinaus nach dem Schornstein auf dem gegenüberliegenden Dach. -Und immer rauchend. Mittelsorte. Es muß ein Kunstschriftsteller oder -Theaterkritiker gewesen sein; ein ganz gewöhnlicher, oberflächlicher und -uninteressanter Mensch. Aber trotzdem eine »anerkannte Feder« und ein -»gemütvoller Plauderer«. Auf alle Fälle ein Mensch, der sich zum Platzen -ernst nimmt. »Wie schrieb ich doch damals, als Ibsen mich besuchte . . .« - -Ja, weiß Gott, man konnte es an den Möbeln sehen, wie langweilig und -bürgerlich und ernst dieser Mensch war. Ich mußte ja die ganze Bude auf den -Kopf stellen, um den Geist dieser »anerkannten Feder« los zu werden. Ja, -außer dem alten eisernen Ofen in der Ecke und dem Bild dahinter -- übrigens -ein eigentümliches Frauenporträt --, ist auch kein Ding mehr an derselben -Stelle geblieben. - -Frau Witwe Labrouquet wird Augen machen! - -Augen, wie die geschiedene Blissot an dem Tage, als es herauskam, daß es -mit dem Sparkassenbuch von 2500 Frank, im Vertrauen, auf welches Herr -Labrouquet ihr die Hand vor dem Altar gereicht hatte, nichts war. - -Der arme Herr Labrouquet! - -Er wußte ja nicht, daß bei einer Frau _immer_ etwas herauskommt. Es braucht -nicht gerade ein falscher Busen zu sein, aber vielleicht eine irrsinnige -Schwester; oder der Vater hat einmal im Zuchthaus gesessen oder sie hat -einmal binnen vier Wochen zwei Verlobungen aufgelöst. Bekommen. Ach, es ist -nicht immer etwas Wichtiges. Vielleicht verschweigt sie dem Bräutigam ja -nur einen hohlen Zahn oder daß sie einmal ein Kind hatte . . . aber heraus -kommt immer etwas. Und es ist wahrhaftig eine Herzensfreude, so einem -jungen, freundlichen Ehemann zu begegnen am Tage, da etwas raus gekommen -ist. - -Männer können ja viel dümmere Gesichter machen als Frauen. Unfreiwillig -natürlich. Denn wenn eine Frau dumm sein will, ist sie auch darin Meister. - -Nein, nein, ich habe diesmal kein Glück gehabt mit meiner Wohnung. Warum um -alles in der Welt mußte ich auch diesem gelben Mantel und dieser -schottischen Mütze nachlaufen? Trotzdem ich den ganzen Bau sozusagen auf -den Kopf gestellt habe, und kein Stück mehr am Platze ist, begegne ich noch -immer dem Gedankengerümpel dieser »anerkannten Feder« und dieses -»gemütvollen Plauderers«. Was für ein schales Zeug in so einem -Schreibergehirn nebeneinander liegt. Ein Anblick wie ein Trödelladen. - -An diesem Tisch zu sitzen ist mir ganz unmöglich. Da muß er täglich -geschrieben haben, und wenn ich mich dorthin setze, fallen mir Dinge ein, -die direkt reif sind für den . . . . er-Anzeiger. Unterm Strich. - -Ich sitze also am Boden und schreibe auf meinem Koffer. Auf meinem -kosmopolitischen Koffer . . . . - -. . . Wenn ich noch an den kleinen verlassenen Palast der kleinen Soubrette -denke, den ich in Wien im Alser Bezirk bewohnte. Zufällig habe ich später -erfahren, daß sie wirklich in einem Tingeltangel in Hernals auftrat. Gerade -an dem Tage als ich einzog, war sie zum erstenmal aufgetreten. Vorher war -sie eine kleine Putzmacherin gewesen . . . - -Nein, was lebte doch in diesem Zimmer -- es war nur zwei oder drei Meter -breit und vier lang -- für ein kunterbuntlustiger Soubrettengeist. Gleich -als ich unter der Tür stand und den Fuß noch nicht über die Schwelle -gesetzt hatte, mußte ich ganz laut diese närrische Strophe deklamieren: - - »Ich liebe dich, mein Hunderl, - Ich bin verrückt nach dir . . . .« - -Die Wirtin sah mich ganz verdutzt an. Aber ich sagte, ich sei eben im -Variété gewesen, habe die Strophe gehört und ob sie ihr nicht auch gefiele. - -Und wo ich ging und lag und saß und stand, immer arbeitete der Geist dieser -kleinen, verrückten Person in mir fort. - -Ich saß auf dem Stuhl und sagte: »Da kam ein kleines Mädchen auf ihn zu, -das hatte einen Hut auf, der war ziegelrot mit funkelnagelneu . .« - -Ja, man beging die unglaublichsten Dinge in diesem Zimmer. Einmal erwischte -ich mich dabei, wie ich der Köchin gegenüber im Hause die Zunge -herausstreckte und ihr eine Nase schnitt. Oder ich tanzte plötzlich vor dem -Spiegel eine Kakewalk und hatte mir dazu den Kimono aus Yoshiwara -umgehängt. Und welche Träume hatte man in diesem Palast! Nun eben die -Träume einer ganz kleinen, verrückten Soubrette. Ein Graf sprach einen auf -der Straße an. Es war im Volksgarten, gerade vor dem Denkmal der Kaiserin. -Welch ein Duft von Beeten und Blumen. Und welch ein Sommerabend . . . Ach -. . . Einem solchen Grafen mußte man sich ja gleich in den Arm hängen. Da -war wirklich nichts dabei. Er hatte auch bei den Husaren gedient und war -Leutnant. Und Rosen hatte er in den Händen, rote Rosen. Er sagte, sie seien -für eine andere bestimmt, aber nun wolle er sie mir schenken. Denke nur. -Gleich am andern Tag wollte er einen Ausflug mit mir machen. Ich wollte -nicht, aber sein Wille war stärker. Auf der Sophienalpe küßte er mich zum -erstenmal. Ich hatte ein neues rosa Kleid an, das ausgeschnitten war -. . . . Ach und dann wurden wir so namenlos glücklich . . . Gott, wie lieb -ich ihn hatte, und wie gut er war. Er nannte mich immer Dodo, das gefiel -mir so gut, wenn er's sagte, und ich hatte es mir auch gewünscht. Aber dann -kam das Duell. Wegen mir. Ein Leutnant von den Deutschmeistern hatte -nämlich etwas über mich gesagt. . . Ach, wie ging es doch aus? Wurde mein -Graf getötet? Nein, ich weiß nicht . . . aber die Sonne ging so blutrot -über der Donau unter und die Nebel stiegen herauf. »Die weißen Abendfrauen -kamen über das Meer« . . . Das klingt hübsch, nicht wahr? Ich habe es von -einem wundervollen Dichter gehört. Er konnte überhaupt so schön schreiben, -daß man ganz traurig wurde und weinen mußte . . . - -Ja, ich konnte sie ganz deutlich vor mir sehen, diese verrückte, kleine -Person. Schlank und biegsam war sie wie eine Gerte. Sie hatte nußbraune -Haare, einen rosigen Teint und die Nase war ein wenig eingedrückt. Das gab -ihrem Gesicht sozusagen etwas Bedenklich-Komisches. So oft man sie ansah, -mußte man leise den Mund verziehen. Aber dann platzte sie heraus und -glaubte, sie habe einen glänzenden Witz gemacht. - -Nein, nein, wie deutlich ich dieses Kind doch vor mir sah! - -Da war ein Läufer mit roten Streifen, der lief längelang durch das Zimmer. -Wenn sie sich an ihrem Grafen satt geträumt hatte und nicht mehr weiter -wußte, ging sie an den Schrank und holte ihr bestes Kleid, es war rosa, und -Lackschuhe heraus, mit breiten Seidenschleifen. - -Es dauerte nicht lange, bis sie es an hatte. Sie guckte auch nur zweimal in -den Spiegel. Was man doch für ein Mädel war! Es war wirklich schad um -einen. Ja, ein bißchen schad war's schon. - -Aber dann stellte sie sich ganz an das Ende des einen Streifens, raffte an -beiden Seiten den Rock hoch, daß die Füße in den schwarzen Strümpfen bis -zum Knöchel sichtbar waren und dann . . . dann balancierte sie auf dem -schmalen roten Streifen ganz vorsichtig durchs Zimmer . . . eins . . . zwei -. . . eins . . . zwei. Ganz vorsichtig und immer einen Fuß vor den andern -. . . . Um keinen Preis wollte sie von dem roten Strich abweichen, und sie -hielt den Atem an und sah ganz gespannt auf die schwarzen Schleifenschuhe. -Es war ihr bitter Ernst sozusagen. Denn wenn sie heftig ins Schwanken -geriet, dann mußte sie auflachen, als würde sie von jemandem -- wie -wahnsinnig gekitzelt. Fiel sie aber um, dann stieß sie sogar einen -richtigen Schrei aus, so daß Frau Vrany, die Wirtin, ganz erschrocken -hereingestürzt kam und sagte: »Aber Fräul'n, was hab'n S' denn? Möcht mer -doch grad mein'n, S'täten's schon am Spieß stecken. I hab mi ja am Tod -d'erschrocken.« Aber dann saß sie irgendwo am Boden, lachte als würde ein -Schlittengeschell wie rasend geschüttelt, wurde dann ganz ernsthaft und -sagte mit einer Miene, von der nur der liebe Gott wissen konnte, ob sie -echt oder falsch war: »I bin halt wieder runterg'fall'n, Frau Vrany; denken -S', nur drei Schritt noch von der Tür.« Und während sie das sagte, fuhr sie -einmal mit der Hand ganz schnell an ihrer stumpfen Nase vorbei, als gäbe es -da etwas abzuwischen. Aber das war natürlich gar nicht der Fall, denn als -Putzmacherin verkehrte sie ja schon seit einem halben Jahre mit den Damen -der besten Gesellschaft. - -Daß es so ein tragisches Ende mit der Kleinen nehmen mußte! Ach, weiß Gott, -wenn sie auch eine Soubrette war, so war sie doch unschuldig wie eine -Apfelblüte. Da war Herr Werder, ein dicker rötlicher Clown an dem -Tingeltangel. Was denken Sie, was er eines Tages zu der Kleinen sagt? - -»Nun, Fräulein,« sagt er eines Tages, »Sie werden ja jeden Tag dicker. -Jetzt können Sie schon bald die komische Alte spielen.« - -Und was tut die Kleine? Sie geht nach Hause und stellt sich vor den Spiegel -und weint und weint und weint . . . - -Zwei Tage später zogen sie sie aus der Donau. - -Hole doch der Teufel diesen roten Clown. - - * * * * * - -. . . Ja, es war wirklich ein Erlebnis, in dem kleinen verlassenen Palast -dieser Soubrette zu wohnen! Ich habe mich selten so köstlich amüsiert, -obgleich ich doch häufig solchen Überbleibseln, oder soll ich sagen, -solchen Schatten begegnete. Diplomaten, Gelehrte, Bettler und Könige, -Diebe, Tapezierer und Fabrikanten, Bürgerfrauen, Dirnen, Heilige, -Marktweiber und Kupplerinnen, Trunkenbolde, Asketen, Schiffer, Matrosen, -Soldaten und amerikanische Milliardäre haben genau wie diese kleine -Soubrette Dodo mir ihren Schatten vermacht, und ich habe auf mancherlei -Weise nach ihrer Pfeife tanzen müssen, wenn es auch nicht immer so lustig -war und mit einem Kimono um die Schultern wie in dem kleinen Zimmer in der -Alserstraße. - -Nein, weiß Gott, so lustig war es nicht immer. Was glaubt man denn, was -sich in der Brust vieler Menschen begibt? - -Und doch, wenn ich es so recht bedenke, so war ich noch immer froh, wenn -sich auf diese Weise etwas in meinem Leben ereignete. Hatte ich dann nicht -wenigstens etwas, was mich ausfüllte, beschäftigte, was mich hinderte, die -ungeheure Leere zu entdecken, als die ich mir zuweilen selbst vorkam? Gibt -es denn etwas Entsetzlicheres als nichts zu sein? Lieber verkriecht man -sich noch hinter die Gebärden und Masken eines anderen. Und ist es nicht -besser, wenigstens noch etwas zu scheinen als ganz nichts zu sein, ein -wesenloser Schatten, ein Gespenst . . .? - -Ja, ich war diesen Überbleibseln im Grunde genommen doch immer sehr dankbar -. . . - -Na ja, ich sprach einmal mit einem Mediziner darüber: Es war ein berühmter -Arzt und ich lernte ihn auf dem Bahnhof einer kleinen russischen Stadt -kennen. Ich war gerade ganz ausgezeichneter Stimmung, denn ich war zwei -Stunden durch den Schnee über Land gegangen und der Himmel war so klar und -hell gewesen. Besonders ein Stern gerade vor mir, ach wie hatte der blau -gefunkelt. So rätselhaft zwinkernd kühl und blau, wie ja, . . . . seltsam -. . . . jetzt möchte ich fast glauben, er habe gelächelt wie das Frauenbild -da hinter dem eisernen Ofen an der Wand. Oder besser noch wie ihre Hände -da, hatte er gelächelt . . . Aber gleichviel; ich war in einer vorzüglichen -Stimmung und so erzählte ich denn dem Arzt die Geschichte von der -Soubrette. Aber ich erzählte es so, als sei es einem Freunde von mir -passiert, und ob das nicht sonderbar wäre. - -Nein, das wäre nicht sonderbar, sagte der berühmte Arzt. Und dabei zog er -seine goldene Uhr heraus, klappte den Deckel auf und machte ein Gesicht, -als wolle er zu einem Patienten sagen: Ja, Sie haben noch zwölf Minuten zu -leben. - -Nein, sonderbar sei das keineswegs; und dann nannte er auch irgendeinen -griechischen Namen, den ich nicht verstand. Das Wort erinnerte mich nur von -fern an Hippopotamos, und da erzählte ich ihm schnell die Geschichte von -einer Mumie, die ich mal in der Nähe von Gizeh gefunden hätte und die eine -auffallende Ähnlichkeit mit dem gegenwärtigen preußischen -Ministerpräsidenten gehabt habe. - -Das sei allerdings sonderbar, sehr sonderbar, sagte der berühmte Arzt. Und -interessant sei es, ja außerordentlich interessant! - -Wir schüttelten uns ganz herzlich die Hand, als wir uns trennten; wie gute -alte Freunde. - -Die alte Mumie hatte uns entschieden einander erheblich näher gebracht. - - * * * * * - -Den 9. August. Nun bin ich wieder seit fünf Tagen in diesem alten Paris. -Hätte ich glauben sollen, daß diese Stadt noch einmal solchen Eindruck auf -mich machen würde? In spätestens vierzehn Tagen wollte ich nach dem Süden -gehen, in die Provence; aber wenn Paris fortfährt, mich mit seinem -berauschenden Zauber zu erfüllen, werde ich den ganzen Herbst und Winter -hindurch hier bleiben. Bis in den Frühling. Und wenn alles kommt, wie ich -es mir denke, wird nach all dem im Mai ein Landaufenthalt an den einsamen, -stillen masurischen Seen für mich das Richtige sein . . . - -Aber Paris . . . Ist es ein Strom, eine Sonne, eine Nacht, Sturm, -Glockenbrausen . . .? Ach, alles ist es; Höchstes und Tiefstes. Auf dem -Lande trifft man keine zarteren Farben in den frühsten Tagen des Frühlings -. . . Und von welcher Mannigfaltigkeit diese Nächte. - -Wie soll ich doch dieses seltsam berauschende Gefühl beschreiben, das mich -ergriffen hat, seit ich meinen Fuß auf das Pflaster dieser Stadt gesetzt -habe und in die Menge eingetaucht bin; das nun beständig und wie eine -unwiderstehliche Macht in mir aufwächst und fast meiner Herr wird. Ist es -mir nicht als wäre ich tief im Meer versunken? Fühle ich nicht das Lasten -ungeheurer weicher und starker Massen auf mir, ein Lasten wie von Seide und -dunklem Samt? Blaugrüne Wogen heben mich, wiegen mich. Ein Lichtstrom -rauscht beständig an meinen Augen vorüber, bald blendend in leuchtenden -Farben, bald gedämpft, in sterbenden Tönen; Nacht umfängt mich, und wieder -reißt es mich ins Gold des glühenden Gestirns. Ein ungeheures Brausen -umgibt mich; darin ein Auf und Ab von Tönen, hämmernde Akkorde, die von Not -aufschreien, dumpfe, die sich klagend ergeben. Aber hinter dem allen singt -und summt eine Melodie, die sich jetzt nähert, jetzt fern zurückweicht, die -niemals stirbt, aber die sterben möchte, die sich besinnt, sich -aufjauchzend zusammenrafft, wie mit Fäusten zupackt, Blöcke abwehrt, -beiseite wirft, und wie mit beständigem Schritt gefaßt ins Leben schreitet -. . . und wieder fern wird, sich senkt und verklingt und an schluchzenden -Gewässern sich hinwindet und fast verstummt. - -Ja, das ist Paris . . . für mich. Ach, viel mehr ist es, -- es ist meine -Seele, meine Liebe, meine Leidenschaft . . . Ach, ich könnte ja glauben, -ich selbst bin es, ich selbst bin diese dunkle unergründliche Stadt . . . - - * * * * * - -Den 10. August. Ich will es nur gestehen: Das kleine Frauenporträt mit den -übereinander gelegten Händen und dem seltsamen Lächeln hinter dem eisernen -Ofen macht mir zu schaffen. Es erinnert mich an irgendwen, und ich quäle -mich, es herauszubekommen. Ich sehe es oft minutenlang an, oder drehe mich -ganz plötzlich weg, schließe die Augen und frage mich, wo ich dieses -Gesicht gesehen habe oder an wen es mich erinnert. Aber das Bild hält sein -Geheimnis fest. Ja, es ist mir zuweilen, als mache sich die Dame in dem -bräunlichen Rahmen noch obendrein lustig über mich. - -Heute morgen kommt mir plötzlich der Gedanke, ich könnte ja Frau Labrouquet -fragen. Und wirklich, ich bin auch schon auf dem Weg zur Tür, als mir erst -einfällt, daß sie es ja gar nicht wissen kann. Wie soll um alles in der -Welt Frau Labrouquet wissen, an wen mich diese kleine Dame mit den -übereinandergelegten Händen erinnert? Werde ich es doch selbst kaum -herausbekommen. Schließlich ist es ja auch ganz gleichgültig. Vielleicht -erinnert sie mich an irgendeine Dame, die ich auf Trafalgar Square so und -so habe in den Omnibus steigen sehen, oder an die Bewegung einer jungen -Frau, die heimlich auf einem Mississippidampfer nach dem rotbraunen Hals -des Kapitäns blickte. Vielleicht bin ich ja auch nur einmal in einer Stadt -gewesen, die so aussah. Was liegt daran. Aber ich will gewiß nicht selig -sein, wenn es mir nicht einen Augenblick so war, als könnte Frau Labrouquet -meine Erinnerung auffrischen . . . - -Da habe ich heute übrigens den Herrn in dem gelben Mantel und der -schottischen Mütze wieder getroffen. - -Ich war wohl noch zehn Schritte vom Haus, als ich plötzlich seinen -verzwickten Schritt in die Türe hineinpurzeln sehe. War das nicht der Herr -in dem gelben Mantel? Richtig. Da sehe ich ihn vor mir die Treppe -hinaufgehen. Und was das Beste ist, wir sind Nachbarn. Als ich auf den -letzten Treppenabsatz komme, schließt er eben bei Frau Labrouquet die Tür -auf und tritt ein. Ich kann gerade sehen, wie das Zwickzwack seiner Beine -noch einmal übereinanderpurzelt und es gibt mir einen förmlichen Ruck, daß -ich fast über meine eigenen Beine stolpere. - - * * * * * - -Den 11. August. Na, ich wußte doch, daß es mit diesem Zimmer noch -irgendeine Bewandtnis haben würde . . . Ich hatte es doch von oben bis -unten umgekrempelt, daß kein Stück auf dem Platz geblieben war und die gute -Frau Labrouquet, Witwe, Augen gemacht hatte . . . nun, wie gesagt, Augen, -wie die geschiedene Blissot, als das mit dem Sparkassenbuch herauskam. Ja, -sie hatte schon selbst ganz fest an das Sparkassenbuch geglaubt und war -jetzt ganz empört und überrascht, daß es plötzlich nicht da sein sollte. - -Ja so. Es hatte trotz alledem nicht seine Richtigkeit mit dieser Kabine von -einem Zimmer. Da brauchte man, weiß Gott, keine feine Nase zu haben. Der -Herr Kunstkritiker mit der ewigen Zigarre und der »anerkannten Feder« war -allerdings erledigt. Nein, für die Presse brauchte man jetzt nicht mehr zu -schreiben, und von Linienführung und Flächenwirkung und mimosenhafter -Zartheit und wie all diese Ausdrücke heißen, war auch keine Rede mehr. -Aber, aber . . . da war doch jemand, mit dem ich das Zimmer teilte, das war -doch so klar. Ich hatte doch immer so ein leises Gefühl an den Schultern, -ähnlich dem, wenn man ein wenig friert. Es konnte nicht lange dauern, bis -es herauskam. Nein, Gott sei Dank, heute nachmittag geschah es. Die -Gewißheit ist mir doch immer lieber als dieses ungeduldige Ist-es, -Ist-es-nicht. - -Da hatte ich mich eben fertig zum Ausgehen gemacht. Ich halte die Mütze -noch in der Hand und lege gerade die Hand auf das kalte Metall des -Türdrückers. Plötzlich fühle ich ihn. Er steht da drüben vor dem Spiegel -und dreht mir den Rücken zu. Er beugt sich ein wenig seitwärts und fährt -mit dem hoch erhobenen rechten Arm in den Ärmel seines Überziehers hinein. - -Und während ich lausche, höre ich ganz deutlich wie er ganz erschreckt -sagt: »Ob sie noch da ist? Mein Gott, wenn sie mich eines Tages verlassen -hätte . . .« - -Aha, denke ich, jetzt soll ich eine Liebesgeschichte zu hören bekommen. Ein -kleines Drama wird sich abspielen. Immer sind es doch die Weiber . . . - -Und während ich durch die schon abendlichen Straßen gehe, denke ich an die -Liebe. An die Liebe mit sechzehn, mit zwanzig, mit fünfundzwanzig, mit -dreißig und mit vierzig Jahren. Aber der mit sechzehn gebe ich den Vorzug. - -Liebe mit sechzehn Jahren! Woher kamst du? Da ist plötzlich ein mattgrauer -Schimmer zwischen den abendlichen Straßen, ein weiches Zerfließen der -milchweißen Wolken um die frühe Sichel des Mondes und unser Auge steht voll -Tränen. Irgendein Schmerzlich-Süßes-Wehes zieht in unser Herz ein und füllt -es mit der Erinnerung alter Tage. Alle unsere Glieder sind von einer -wohligen Müdigkeit befallen, in der alle Gedanken hinrinnen und in der -jenes unruhig-ruhevolle Glück in uns einzieht, nach dem wir uns nach Jahren -noch sehnen, sehnen. - -Liebe mit sechzehn Jahren liegt nachts auf frischen Wiesen unter Sternen -und läßt das Auge auf dem Mondlicht über jungen Buchen träumen. - -Liebe mit sechzehn Jahren blickt den mondhellen Fluß hinunter und hört im -Rauschen der Wellen süßere Stimmen als Violinen und Harfen. Ein dunkler -Kahn zieht über silberne Fluten und der Glaube zieht ihm entgegen, und -hofft ein Glück, so weit und so unermeßlich wie ein Königreich in den -Märchen. - -Ist es nicht schade, daß Liebe mit sechzehn Jahren so bald stirbt, daß mit -den Jahren diese Träume verschwinden und uns nicht mehr besuchen? Sieh -diesen blauen Blick, mit dem jene Sechzehnjährige dem Versinken der Sonne -im Meere folgt. Sie hat die Hände übereinandergelegt, kleine schmale -Kinderhände, wie zu einem Gebet an einen über den Wolken, sie hat das Haupt -ein wenig zurückgelehnt und zwei blonde Haarsträhnen weht ihr der Abendwind -leicht in die Stirn. Sieht nicht so das Glück aus? - -Ja, was mich betrifft, ich gäbe alle Weisheit und alle gescheiten Einfälle, -ich gäbe Ansehen, Stellung, Amt, und besonders alles, was Bildung heißt, -alles, alles gäbe ich jetzt dahin für einen einzigen, dieser unsagbar süßen -Träume der Jugend. Ich weiß, wenn die Leute alt werden, lächeln sie über -diese schwärmerischen Ekstasen. Sie begreifen nicht, daß man stundenlang -auf einer taufeuchten Wiese unter Sternen liegen mag, um an ein Paar blaue -Augen und einen blonden Kopf zu denken und an nichts als dies. An Augen, -die vielleicht einer kleinen und sehr dummen Musikschülerin gehören, die -einen nie gesehen hat, und die für einen Lehrer mit einem schwarzen -Schnurrbart und seidenen Taschentüchern schwärmt. - -Warum glauben wir Erwachsenen doch immer, es zeuge von Vernunft und -Reifsein, wenn man keine platonischen Fensterpromenaden mehr macht, -sondern, mit Verlaub zu sagen, sich recht bald, nachdem man die -Bekanntschaft einer jungen Dame gemacht hat, nach einer passenden -»Gelegenheit« umblickt? - -Was mich betrifft, so bedaure ich wirklich sehr, nicht mehr so dumm sein zu -können, wie mit 16 Jahren; denn mit dieser Dummheit begann auch jenes -unnennbar grenzenlose Hoffen, jenes unermeßliche Ahnen von etwas Kommendem -zu entschwinden, das die Jugend so reich, so reich macht, daß selbst der -ungeheure Besitz eines Petroleum- oder Eisenbahnkönigs dagegen nur ein -totes, wertloses Nichts ist. - - * * * * * - -Den 12. August. Also, mein scheinbar so verrückter Einfall mir bei Frau -Labrouquet, geschiedenen Blissot, Rat zu holen über das verteufelte -Frauenzimmer da hinter dem eisernen Ofen war gar nicht so absurd! Wer weiß, -vielleicht hat man das kleine Fräulein Foujeu, spätere Blissot und noch -spätere Labrouquet, Witwe, als sie noch in die 57. Gemeindeschule ging, -doch einmal mit der Gioconda bekannt gemacht. Oder wer kann wissen, warum -es eines Tages dem kleinen Laufmädel Mimi Foujeu wünschenswert erschienen -ist, etwas von Raffael di Urbino und Lionardo da Vinci zu wissen. -Vielleicht ist sie zu diesem Zwecke doch zwei oder dreimal im Louvre -gewesen, obgleich sie die »alten Heiligen« immer recht schrecklich fand und -nachts von ihnen träumte. - -Nein, das ist nun wahr; wenn sie etwas erreichen wollte und es sich in den -Kopf gesetzt hatte, dann war Fräulein Foujeu eine genau so energische -Person wie noch heute die gute Frau Labrouquet, Witwe, die doch nun bereits -seit zwei Stunden am Schlüsselloch steht, um endlich einmal festzustellen, -was es denn mit ihrem neuen Mieter für eine Bewandtnis habe. Ich muß mir, -weiß Gott, irgend etwas für sie ausdenken. Stellen Sie sich doch nur vor, -zwei Stunden mit gekrümmten Rücken dastehen und dabei noch beständig den -kühlen Luftzug, der durch das Schlüsselloch auf das Auge strömt . . . Das -beste ist, ich schieße meinen Revolver ab. Oder nein. Vielleicht küsse ich -einmal das Bild da hinter dem Ofen; das könnte sie ausgezeichnet durchs -Schlüsselloch beobachten. Ja, ja, das werde ich tun. Ich werde die Gioconda -küssen, als wäre sie meine Angebetete . . . - -So . . . jetzt ist das kleine Fräulein Foujeu doch noch auf seine Kosten -gekommen . . . - -Ja, man hätte mir die sieben Foltern androhen können, und ich wäre hier -nicht auf die Gioconda gekommen. Zufällig entdeckte ich heute das Bild im -Louvre. - -Aber es ist mir auch gar nicht so unerklärlich, daß ich das Bild hier nicht -erkannt habe, trotzdem es eine recht gute Reproduktion ist. Wie um alles in -der Welt denkt man hier an eine Gioconda? In so einem Zimmer, das doch auch -schon zu galanten Zwecken benutzt wurde -- ja, weshalb eigentlich -»galanten«? Nein, das verstehe wer will. -- Wie ist man hier auf eine -Gioconda vorbereitet! Hier wünscht man eine »Susanne« zu sehen, oder die -nackten Göttinnen vor Herrn Paris oder wenn etwas Gemüt dabei sein soll, -ein »Allein«, ein »Endlich-Allein« oder noch besser ein »junges Glück« in -einem vergoldeten Rahmen. - -Ja, »junges Glück«, das würde hierher passen, viel besser zum mindesten als -die Gioconda, auf die man, wie gesagt, nicht vorbereitet ist und deshalb -nicht erkennt. So ist es doch. Wenn ich, sagen wir, Herrn Roosevelt, ohne -davon in den Zeitungen gelesen zu haben, urplötzlich auf dem Rücken eines -Elefanten oder mit einem erbeuteten Gorilla auf der Schulter am Kongo -getroffen hätte, wie um alles in der Welt, hätte ich da den großen -Staatsmann, der er doch zu Hause sicherlich ist, erkennen sollen? Selbst -wenn ich, wie es ja leider nicht der Fall ist, sein bester Freund wäre? - -Madonna Gioconda in ihrem bräunlichen Rahmen, der mich an alte Kontore -erinnert, lächelt unergründlich. Ich glaube, wenn man das Bild und die Frau -lange ansehen könnte, würde sie zu leben beginnen. Ich kann es so deutlich -fühlen, wie die Konturen ganz leise im Bilde erzittern würden. Und könnte -sie nicht die übereinandergeschlagenen Hände aufheben, um einen mit einer -Geste zu berühren, unter der man schaudern würde, wie unter dem Gedanken -einer mütterlichen Blutschande? - -Es ist so seltsam mit diesen furchtbaren Händen. Man weiß nicht, werden sie -Himmlisches tun oder Tierisches. Und wenn Tierisches, werden sie nicht, -indem sie es tun, es auch heilig sprechen? Und müßte man nicht den Wunsch -haben, sie zu küssen, auch wenn sie Lasterhaftes getan hätten? Ich meine -das so, wenn sie an einem lebenden Weibe wären. - -Eigentlich ist es ein furchtbares Bild. Ich werde es von jetzt ab nicht -mehr ansehen. - -Aber was rede ich mir denn ein? Haben meine Bedenklichkeiten vor diesem -Bilde mit der Entdeckung, daß es die Gioconda des Lionardo ist, auch nur um -einen Deut abgenommen? Diese Ähnlichkeit war es also nicht? Also eine -andere? Aber welche, welche? Es ist mir doch als erinnerten mich diese Züge -. . . - -Ach, an alle erinnern sie mich, an alle . . . - -Mögen sie mich doch erinnern, an was und an wen sie wollen und meinethalben -an Frau Labrouquet, die geschiedene Blissot. - - * * * * * - -Den 13. August. Der gute Herr, da hinten vor dem Spiegel, der sich ein -wenig links beugt und mit erhobenem rechten Arm in das Ärmelloch fährt, ist -der vollendetste Narr, den ich je gesehen oder erlebt habe. Wann mag er nur -hier gewohnt haben? Ob es lange her ist? - -Die Liebe hatte ihm in ganz erheblichem Maße den Kopf verdreht. O ja, in -sehr erheblichem Maße kann man sagen. Liebte er etwa ein Weib aus Fleisch -und Blut? Oder liebte er ein Weib aus Holz und Öl? Allewetter, dieser junge -Mann hatte Talent. Wissen Sie, in wen er verliebt war? So gehen Sie in die -Salle carée im Louvre und betrachten Sie dort das Frauenporträt von -Lionardo da Vinci! Ach, Sie müssen nicht glauben, daß es ein schlechter -Witz von mir ist. Wenn dieser Mensch nicht von dem glühendsten und -wahnsinnigen Wunsch gepeinigt wurde, Madonna Gioconda an sich zu reißen, -wie nur je eine Dame in einer verschwiegenen Ecke, so will ich nicht selig -sein. Aber ich möchte auch elf gegen zwei wetten, daß es keine Dame aus -Holz und Öl war, die dem armen Tropf so traurig das Oberste zu unterst -kehrte. - - * * * * * - -Den 14. August. Was sich doch in so einem kleinen Zimmer, sogar bei einer -Witwe wie Frau Labrouquet zuweilen für Tragödien abspielen. - -Da sollte man nun glauben, die großen Ereignisse fänden alle vor einem -Parkett von Zuschauern und unter dem Mikroskop der öffentlichen Meinung -statt. Aber nein. Hier hinter einem Tisch mit einer roten Decke, hinter -zwei verstaubten Gardinen und sozusagen hinter einem eisernen Ofen, ist der -Schauplatz der ernstesten Vorgänge. Die Kopie nach der Gioconda ist -offenbar ein Erbstück des armseligen Schattens, der mir seine Aufwartung -macht. Er hatte sich nichts Geringeres in den Kopf gesetzt als das Original -aus dem Louvre zu stehlen. - -Der arme Tropf! Wahrscheinlich verwechselte er es mit seiner Angebeteten. -Er stellte sich eine heimliche Entführung im Automobil vor, und dann wollte -er es -- -- ja, wie war es gleich? Ich habe es wieder vergessen. Ich -glaube, er wollte es hinter einen Spiegel nageln, oder als Rücken in einen -Schrank einlassen. Ich weiß es nicht mehr genau. - - * * * * * - -Den 15. August. Bei allen approbierten Heiligen! Jetzt ist es heraus. Ich -habe mich gröblich getäuscht. Der Gelbe ist es! Der Gelbe hat den sauberen -Plan aus der Westentasche seines Gemüts geboren. Die Sache wird also ernst, -haha! Er wird die Gioconda stehlen! . . . - -Ja, aber wie -- wie weiß ich es denn? Was kümmern mich auf einmal meine -Nachbarn, bis jetzt waren es doch immer nur meine Vorgänger? Unsinn. Was -zerbreche ich mir darüber den Kopf. Als ob mich die Sache aufregte. Die -Gioconda stehlen! Nun, ebenso gut könnte er sich ja in den Kopf setzen, den -Eiffelturm vom Champs de Mars wegzuschleppen oder das Ministerium mit Herrn -Delcassé. - -Sich auszumalen, daß es eines Tages in den Zeitungen hieße: Die Gioconda -gestohlen! Man braucht sich doch nur das vorzustellen, um einzusehen wie -verrückt dieser Plan ist. - -Die Gioconda gestohlen! Das wäre wahrhaftig ein Spaß. Das käme mir beinahe -vor als wollte einer alle Frauen auf einmal aus der Welt schleppen. - -Ja, so käme es mir wahrhaftig vor. Er soll es nur versuchen, er soll es nur -versuchen . . . - -Ich schäme mich fast, es mir selbst zu gestehen, aber wahr ist es: ich kann -ihn begreifen, in seinem seltsamen Wahnsinn und ich glaube, daß es vielen -so geht. Ich habe mich schon beobachtet, daß ich vor dem Bilde stehe und zu -mir selbst sage: Ich liebe dich, Gioconda. Ich könnte es wahrhaftig -flüstern wie man ein lange zurückgehaltenes Liebesbekenntnis für sich -flüstert. Aber ich habe ja meine gute Vernunft, die mir sagt, es ist ein -Bild. Gott sei gepriesen für diese Vernunft! - -Der arme Kerl tut mir leid; was wird er sich alles anrichten. Pfui Teufel -. . . und dabei ist er ein Grundehrlicher . . . Man muß wirklich Gott -danken, daß man nicht so von Sinnen ist wie er. - -Denn das ist er. Was hat er sich nun obendrein für einen Unsinn in den Kopf -gesetzt. Jetzt will er wissen, daß der Kunsthändler Duval in der Rue de -Rome einen Dolch aus rötlichem Stahl besitzt. - -Nun, ich weiß nicht, ob es rötlichen Stahl gibt, und vielleicht besitzt -Herr Duval ja auch einen solchen Dolch. Aber wie um alles in der Welt kann -es ein Dolch aus rötlichem Stahl sein mit der Aufschrift: Tibi Gioconda? -Und nicht genug, er kapriziert sich darauf, daß der Dolch aus den -toledanischen Werkstätten und eine Arbeit aus dem 14. Jahrhundert sei. - -Nun, wir werden ja sehen. Dieser Mensch ist ein vollkommen Irrsinniger oder -ich will nicht selig sein. - - * * * * * - -Den 16. August. Wie der Mensch sich selbst belügen kann! Ich glaube, es -gibt sogar Menschen, die lügen sich ihre ganze Existenz vor. Also da -versuche ich mir nun einzureden, daß mich die Sache mit dem Diebstahl -nichts angeht, daß sie mich nicht im mindesten aufregt und daß ich ihr so -gleichgültig zuschaue wie ein langjähriger Abonnent dem 21. Tode der Maria -Stuart. Und dabei hat mich doch sofort eine unerklärliche, heiße Angst -befallen, die mir fast die Kehle schnürte und mich die ganze Nacht durch -Paris trieb. - -Und wie ich es auch anstellte, welchen Weg ich einschlug, nach Norden, -Osten, Westen, Süden, immer stand ich zuletzt vor dem Portal des -Louvre-Museums, gerade als müßte ich achtgeben, daß niemand die Gioconda -fortschleppt. Nun, aber ebensogut könnte ja auch einer mit der Venus von -Milo am Arm die Rue de Rivoli hinuntergehen. - -Jetzt denke ich doch schon erheblich ruhiger über den Fall. Wie töricht ist -es doch auch, sich über das Unmögliche aufzuregen. - -Ich sollte mir lieber Gedanken darüber machen, wie die Liebe ihm so den -Kopf zerstücken und zerflicken konnte. - -Daß es aber auch kaum einen Mann gibt, dem nicht der Knüppel Weib zwischen -die Beine fällt. So oder so. Der eine bleibt an einem Dienstmädchen hängen -oder an einer Gouvernante und der andere stolpert sozusagen über die -Idealität des Weibes. - -Ja, was dies betrifft, so sind schon mehr Männer als man glaubt daran -zugrunde gegangen. - -Aber, wer zum Teufel, heißt sie denn auch beim Weibe die Erfüllung der zehn -Gebote suchen. »Du sollst nicht lügen.« Nun, bei allen Aufrechten, ich habe -weder jemals ein Weib gesehen, das nicht lügt, noch wünsche ich es je zu -sehen. Ein Weib, das nicht lügt, ist uninteressant, und ein Weib, das die -Wahrheit sagt, langweilig. »Du sollst nicht lügen.« Das ist wie alle -Du-sollst eine Bequemlichkeitsvorschrift. Die Faulheit hat sie gemacht. -Diejenigen haben sie aufgestellt, die zu dumm waren und fühlten, daß sie -echt und unecht nicht von sich aus unterscheiden konnten. Da gaben sie -jedem Ding erst seinen umständlichen Stempel: Dies ist Gummiarabikum und -dies ist Nitroglyzerin. Wer nun einem Nitroglyzerin unter die Nase hält und -sagt, es sei Gummiarabikum, der ist »unsittlich«. Wie lächerlich ist das -doch. - -Mögen die Männer immerhin sittlich sein. Die Frauen sind mir zu gut dazu. -Wer will denn einen abgerichteten Star im Käfig haben? Und ist es -- ja bei -Gott -- gibt es eine größere Freude, als einer Frau hinter etwas zu kommen! -Hinter ihre Schliche oder womöglich hinter ihr -- Bewußtsein! - -Wenn man von den Frauen die Erfüllung der zehn Gebote verlangt, nimmt man -ihnen dann nicht alle Hintergründe? Sehen Sie nur diese Gioconda! Haha, der -alte da Vinci ist mein Freund! Er glaubte und liebte wie kein anderer die -Hintergründe des Weibes, diese unergründlichen Hinter- und Abgründe, durch -die man hinauf- und hinabstürzt ins Herz der Natur und zuweilen in das -Grauen der Welt. Kann man es etwa ansehen dieses Bild, bis zu Ende ansehen? -Nun, den will ich sehen, dem dabei nicht schwindlig wird. Es ist wahrhaftig -kein besonderes Vergnügen ins Nichts, ins Ewig-Leere, ins Unbegrenzte -hinunterzugondeln. Einen Halt muß der Mensch doch haben, einen Glauben; und -sei es auch nur Halt und Glauben an einem Laternenpfahl. - -Mich wundert es nicht, wenn es auch größeren Geistern vor dem Rätsel Weib -schwindlig wird. Nun, natürlich größeren Geistern. Kleine werden ja nie -schwindlig, sie gehen immer sicher und schwindelfrei auf dem Bürgersteig -der öffentlichen Sittlichkeit. Mit einem »du sollst« rechts und einem »du -sollst nicht« links, legen sie ihren Lebensweg anständig und honett zurück -und legen sich sogar gut abgebürstet ins Grab, wo sie mitsamt ihrer -Sittlichkeit verwesen. - -Aber die andern! Ja, ich sah manchen auf dem Weg nach seiner Heimat selbst -in diesem elektrisch beleuchteten Jahrhundert Irrfahrten machen, die hinter -denen des Odysseus nicht zurückstanden, und ein neuer Homer, mein' ich, -brauchte nicht unter die Arbeitslosen zu gehen. Aber Odysseus hatte doch -schließlich und endlich zu Hause eine Penelope, die treu war. Oder? Oder -sollte das nur -- ein Märchen sein? Ein Märchen, mit dem der große Dichter -sein großes griechisches Kind einwiegte und in Schlummer sang? Wollte er -auch zum Glauben an Treue verführen? Mußte er auch einmal hinter alle -Hintergründe eine letzte Kulisse schieben, weil ihm sonst schwindelte? - -Nein, nein, ich halte es lieber mit meinem alten Lionardo! - -O du Prophet des Unglaubens! . . . - -Aber ganz leicht muß es doch nicht sein, so ganz ohne die Rechenmaschine -»Gut und Böse« auszukommen. Ich selbst darf mich allerdings nicht beklagen. -Ich habe einen so wetterfesten Humor mitbekommen, daß ich gegen alle -regnerischen Überraschungen der Frauen gefeit bin. Ich habe noch ein -Gelächter im Zwerchfell, wo andere schon nach Mord und Selbstmord schielen. - -Einmal bekam ich einen Brief, indem sie mir schrieb, sie wolle mir bis ans -Ende der Welt folgen. Und das war keine Lüge. Hätte ich geschrieben: -»Komm«, sie wäre gekommen. Aber trotzdem stand in einem Nachsatz: »P. S. -Ich habe hier übrigens einen Rechtsanwalt wieder getroffen, den ich im -letzten Winter auf einem Ball kennen lernte.« - -Na -- es war so klar; sie betrog mich. Aber ich war ganz begeistert über -diese Mitteilung. Ich hätte gar nicht hinfahren brauchen, um mich zu -überzeugen. Es war mir geradezu, als ob in dem Brief stünde: Liebster, ich -betrüge Dich, herzlichen Gruß Deine Dich treu und ewig liebende Margarethe. - -Ach, ich kann ja gar nicht sagen, wie begeistert ich war! - -Aber ich fuhr natürlich doch hin, ging auf den Herrn Rechtsanwalt, als er -an ihrer Seite daher kam, zu und schlug ihm eins, zwei den Hut vom Kopf. -Trotz meiner Begeisterung. - -Ja, so ist man. - -Und die Sache nahm noch ein viel fröhlicheres Ende. Denn trotzdem sie mich -brutal genannt hatte, kam sie doch am Abend zu mir ins Hotel und hatte ihr -bestes Kleid angezogen. Nun, da wußte ich ja Bescheid. Aber in dem Hotel -konnte ich nicht bleiben. Wir mußten umziehen. Denn dort hätte uns ja -niemand geglaubt, daß wir ein legitimes Recht auf ein Zimmer mit zwei -Betten hätten. Das wollte sie nämlich diesen Abend unbedingt. - -Wenn man sagt: Selbst in der vornehmsten Dame steckt eine kleine Göre, die -noch gern einmal eine Nase schneidet und die Zunge herausstreckt, -- so -glaubt alle Welt, man wolle sich über die Frauen lustig machen. - -Eine Dame sagte einmal ganz empört darauf zu mir: »Vielleicht auch in der -Königin von England?« »Warum nicht?« sagte ich, »ich will nicht hoffen, daß -die Engländer von einer Gouvernante regiert werden.« Darauf drehte sie mir -den Rücken zu und ging stracks davon. Das tat sie aber nur, weil sie so -prachtvolle Schultern hatte. Ja, prachtvolle Schultern und einen -geschmeidigen, freien Gang. Ich mußte ihr ganz berauscht nachblicken. Und -sie fühlte auch wohl, daß sie Eindruck auf mich gemacht hatte, denn sie -blickte sich nicht ein einziges Mal um. - -Später wurden wir übrigens noch gute Freunde und sie war furchtbar verliebt -in mich. Und dann sagte sie mir auch einmal, daß ich ganz recht hätte mit -der kleinen Göre, die noch eine Nase schneidet, aber damals hätte sie es -furchtbar geärgert. Es sei auch arrogant, so etwas zu sagen, aber jetzt, wo -sie mich hätte, wäre ihr auch das egal. Ach, sie war ein reizendes -Geschöpf, so klug und falsch wie kaum eine. - -Ich verlor sie übrigens zuletzt durch eine Dummheit. Ich küßte nämlich -eines Tages halb aus Langerweile, halb aus Torheit in ihrer Gegenwart eine -Kopie der Venus von Giorgone, die bei mir an der Wand hing. Das sei die -größte Beleidigung, die man einer Frau antun könne! Und das sagte sie mit -dem erbittertsten Gesicht von der Welt. Als ich ihr aber vom Fenster -nachsehe, bemerke ich, daß drüben ein Wagen für sie hält, in dem bereits -ein Herr sitzt, der auf sie wartet. - -Zwei Tage marterte ich mich mit dem Gedanken, was sie wohl gemacht hätte, -wenn ich nicht auf den dummen Einfall gekommen wäre, das Bild zu küssen! -Denn da hatte sie nun recht: schlimmer kann man eine Frau ja gar nicht -beleidigen. - -Ja, aus ganzem Herzen unterschreibe ich, was Herr Tackeray sagt: -»Unparteiische, logische und streng gerechte Frauen! Gott bewahre uns -davor! Wenn die Frauen diese Eigenschaften hätten, würde die Menschheit -vergehen, und die Erde würde zu einer Wüste.« - -Penelope ist doch weiß Gott kein Ideal! Odysseus wird es noch oft beklagt -haben, nicht bei der rätselhaften Zauberin Circe geblieben zu sein. Aber -wahrscheinlich wollte es die Weltanschauung der Griechen so, daß der Mann -bei dem treuen Weibe enden muß, daß er nach allen Irrfahrten die Treue in -der Heimat und die Heimat in der Treue findet. - -Ja, ja die Griechen . . . . - - * * * * * - -(Anmerkung des Herausgebers: Es dürfte den Leser interessieren zu wissen, -daß das folgende Stück im Manuskript mit wesentlich veränderten -Schriftzügen geschrieben ist. Der Zusammenhang dieses Absatzes mit dem -Voranstehenden ist zwar nicht recht deutlich, aber ich glaubte, ihn -trotzdem mitabdrucken zu müssen. Vielleicht findet dieser oder jener doch -einen inneren Faden, der von dem übrigen Inhalt zu diesen Sätzen -hinüberleitet.) - - * * * * * - -. . . Und dann eines Tages litt es mich nicht mehr. Ich wollte gehen und es -ihr sagen. - -Ich war stundenlang durch die Wälder gegangen und hatte an jedem Baum -gesagt: Ich liebe dich. Sie war ganz in meinen Gedanken. Es war, als flösse -ihr Wesen mit meinem Blut schimmernd in meinen Adern. Auch nicht die -geringste Regung eines Gefühls gehörte nicht ihr, war nicht sie. - -Ach, ihr Menschen von heute, könnt euch solche Liebe nicht denken, ihr -glaubt ja nur an Liebe, die nachläuft, die sich erklärt, die heiratet. Für -den Florentiner und seine Liebe zur Simonetta habt ihr doch nur ein -Lächeln. - -Aber als er dort an der Brücke stand und Beatrice unter den Frauen -vorüberging, da war es, als sei alles Glück, aller Rausch und Seligkeit -dieser Welt in dieses eine gewaltige, glühende Herz gegossen. Der Schein, -der aus jenen Augen brach, schuf an ihr die Schönheit der Frauen kommender -Jahrhunderte . . . - -Wenn sie durch die Straßen schreitet oder ihre Schönheit in Sälen zeigt, -wenn die Menschen sich nach ihr umwenden, ist mir, als bewunderten alle -mein Werk. Ich habe sie gelehrt, sich so zu tragen mit diesem königlichen -Anstand, ich habe sie ihren stolzen Gang, das Neigen ihres Hauptes, das -Heben ihrer Hände gelehrt . . . . - -Ich liebe dich! - -Du bist mir wie ein Gebet in der Kirche. Seit ich dich kenne, bin ich -wieder fromm wie ein Knabe. Es gibt einen Gott, es gibt eine -Unsterblichkeit, es gibt Ewigkeit. Es gibt wieder alles, was es als Kind -gab: Geborgensein, Ruhe, Stille. Meine Liebe hüllt mich wie in eine -duftende goldene Wolke. Ich bin wie verwandelt. - -Ich liebe dich. - -Ich will nicht vor dir niederknien und dir keinen Thron errichten. Für den -Himmel bist du mir zu gut. Ich will dich wie du bist, mit allen deinen -Menschentugenden und Menschenfehlern, mit deinen rätselhaften Schönheiten -und deinen schönen Rätseln. - -Ich liebe dich. - - * * * * * - -Den 18. August. Dieser vertrackte Kerl! Er macht mir weiß Gott zu schaffen. -Sie werden sehen, daß er mit der Gioconda ernst macht. Er bestimmt sich -obendrein Zeit und Ort und Stunde und führt den Diebstahl aus, wie es ihm -paßt. - -Ich habe es doch heute gesehen. Kam nicht alles, wie er es vorausgesagt -hatte? Wort für Wort? Von dem rötlichen Stahl angefangen bis zu dieser -mysteriösen Inschrift: Tibi Gioconda? - -Von halb fünf ab hielt ich mich bereit. Ich wollte doch sehen, was es denn -mit dem Dolch für eine Bewandtnis hätte. Genau zur festgesetzten Zeit -- -meine Uhr zeigte 13 Minuten bis fünf -- stand er auf, nahm seine Mütze und -ging. Ich ließ ihn keinen Augenblick aus den Augen und folgte ihm -unbemerkt. Immer sah ich seinen gelben Mantel auf der Straße zwischen den -Passanten auftauchen. Es war leicht, ihn im Auge zu behalten. Übrigens -konnte man am Schritt sehen, wie sicher er seiner Sache war. Er ging gar -nicht aufgeregt, sondern ganz ruhig und zielstracks geradaus. - -Fünf Minuten nach fünf legt er die Hand auf den Drücker der Ladentüre und -tritt ein. Herr Duval steht sechs Schritte von ihm entfernt und betrachtet -eben eine Wedgewood-Schüssel. Er grüßt, geht auf den Kunsthändler zu und -sagt: »Sie besitzen einen Toledaner Dolch. Aus rötlichem Stahl. Eine Arbeit -aus dem 14. Jahrhundert. Nicht wahr?« - -Der kleine graue Mann rückt an seiner goldenen Brille, sieht ihn etwas -verdutzt an und sagt: »Nein, mein Herr, einen solchen Dolch habe ich nicht; -aber vielleicht ist Ihnen mit einer anderen, einer italienischen Arbeit -gedient? Ich habe . . .« - -»Nun, erinnern Sie sich nur. Der Dolch trägt die Aufschrift: Tibi -Gioconda.« - -»Aber, wenn ich Ihnen doch sage . . .« - -»Ich versichere Sie, Herr Duval . . .« - -»Ha, ha, Sie versichern mich! Sehr gut, sehr gut. Nein ich versichere -Ihnen, mein Herr, ich versichere Ihnen . . .« - -»Herr Duval, Herr Duval«, schreit plötzlich aus der hintersten Ladenecke -eine Stimme: »Wir haben sie . . . Wir haben sie . . .« - -Herr Duval entschuldigt sich plötzlich und rennt zwischen all seinen -Möbeln, Leuchtern und Spiegeln nach dem hinteren Ende des Ladens: »Wen -denn? Wen habt ihr denn?« ruft er. - -»Die Truhe, Herr Duval . . . Sehen Sie nur, da stand sie, hinter dem -Louis-seize. Mein Gott, ist sie dreckig, voller Staub!« - -Herr Duval ist keiner von jenen modernen Verkäufern, die immer nur Geschäft -sind und wie Automaten aussehen. Sein Geschäft ist sozusagen ein -Appartement seiner Wohnung, ein Teil seiner Familie. Wer in sein Geschäft -kommt, der kommt in seine Familie und nimmt an deren Leiden und Freuden -teil. - -Herr Duval kommt also mit einer halbgroßen, ganz verstaubten Truhe, die ihm -ein Lehrling mit schwarzen Haaren und einem Sommersprossen besäten Gesicht -tragen hilft, wieder nach vorne und beginnt gleich zu erklären: - -»Endlich also, endlich haben wir ihn, den Ausreißer. Denken Sie nur, mein -Herr, vier volle Wochen versteckt sie sich hinter einem -Louis-seize-Spiegel. Ich dachte schon, jemand hätte sie gestohlen. Diesen -Bengel da hatte ich weiß Gott in Verdacht. Ich hatte mich schon an die -Polizei gewendet. Wo sollte sie denn geblieben sein? Nun, jetzt haben wir -sie! Ja, ja. Interessieren Sie sich für Renaissancestickereien? Geben Sie -acht; hier haben wir nämlich einen der kostbarsten Erzbischofsmäntel, die -je angefertigt wurden. Ach, Sie werden staunen, mein Herr, welch eine -kostbare Arbeit, welch' eine Arbeit!« - -Und während er das sagt, hat Herr Duval die Truhe sorgfältig von allem -Staub gereinigt und entnimmt ihr jetzt vorsichtig und fast mit einer -gewissen Andacht einen großen kostbar gestickten Erzbischofsmantel aus -schwerem Goldbrokat. - -»Sehen Sie, das ist eine Arbeit! Und wie erhalten, was? Als käme er eben -aus den zarten Fingern der Goldstickerinnen. Sehen Sie nur, sehen Sie. Die -Farben sind ein wenig geblaßt. Aber das gibt dem Golde einen intimen, ich -möchte sagen, herbstlichen Reiz, nicht wahr? Ja, einen herbstlichen Reiz, -das kann man wohl sagen. Oder erinnert es Sie mehr an unseren Pariser -Frühling? - -Ach, Sie können ihn ja so nicht sehen. Georges, stelle dich einmal -hierher.« - -Und er hängt dem sommersprossigen Jungen den Erzbischofsmantel so über -seinen kurz geschorenen Kopf, daß von dem Bengel überhaupt nichts mehr zu -sehen ist. Aber der Mantel schleift noch am Boden. - -»Oder haben Sie Lust, sich einmal selbst als Erzbischof zu sehen? Haha, Sie -werden sich gut darin ausnehmen mit Ihrer Habichtsnase. Entschuldigen Sie. -Sehen Sie so -- so. Und nun betrachten Sie sich einmal im Spiegel. Ich sage -es ja, nur die Mütze fehlt. Sie sind ein geborener Erzbischof, mein Herr. -Schnell, Georges, unsere Mütze und den Bischofsstab . . .« - -Plötzlich aber schlägt der als Erzbischof Verkleidete den Mantel, der innen -mit brennend roter Seide gefüttert ist, zurück und hält dem Kunsthändler -einen langen Dolch aus rötlichem Stahl entgegen. - -»Sehen Sie, Sie besitzen ihn doch, Herr Duval.« - -»Mein Gott, mein Gott, was ist das, was ist das! Wie kommen Sie zu dem -Dolch? Wie . . .?« - -»Ich fand ihn eben hier in der Innentasche des Mantels.« - -Der kleine Kunsthändler tritt unwillkürlich um einen Schritt zurück, sieht -den als Erzbischof vor ihm Stehenden befremdet an und sagt ganz kleinlaut -und erschreckt: - -»Aber mein Herr, ich versichere Sie, ich wußte nichts, ich wußte in der Tat -nicht das geringste von diesem Dolch. Ich kann es beschwören. Ich sehe ihn -zum erstenmal in meinem Leben. Lassen Sie einmal sehen, lassen Sie sehen. -Bei der Jungfrau, es ist eine toledanische Arbeit. Eine wundervolle -toledanische Arbeit aus dem 14. Jahrhundert. Genau wie Sie es sagten. Aber -das ist doch das Seltsamste, was ich erlebt habe. Wie wußten Sie, mein -Herr? Ach, Sie haben ihn selbst mitgebracht? Aber nein, wie werden Sie denn -Ihren eigenen Dolch kaufen wollen. Und hier ist ja auch die Aufschrift: -Tibi Gioconda. Ganz deutlich. Mein Gott, genau wie Sie es sagten!« - -»Ich biete Ihnen 150 Frcs. für den Dolch«, sagt der unheimliche Mensch, der -noch immer im Ornat vor dem erschreckten Kunsthändler steht. »Wollen Sie -ihn dafür geben?« - -Sie werden einig und gleich darauf verläßt der Gelbe den Laden. Herr Duval -aber steht noch in der Türe, sieht ihm nach und sagt immer wie zu sich -selbst und in seinen grauen Bart hinein: Das verstehe ich nicht, nein, das -ist seltsam, das verstehe ich nicht . . . - -Um 5 Uhr 17 Minuten waren wir wieder zu Hause, gerade eine halbe Stunde -waren wir fort gewesen. - - * * * * * - -Den 19. August. Was soll nun noch unmöglich sein. Er wird die Gioconda und -mit ihr alle Rätselhaftigkeit in seinen Besitz bringen, genau zu der -Stunde, zu der er es bestimmt hat. Und trotz allen Einwendungen der -Vernunft wird es in allen Zeitungen und auf den Straßen ausgerufen werden: -die Gioconda gestohlen! - -Eine unerklärliche, heiße Angst hat mich befallen. Er aber ist ruhig wie -ein Stein. Und mit welch bewunderungswürdigem Instinkt er den Zeitpunkt des -Diebstahls ausgesucht hat. Es ist als hätte er den Blick in die Zukunft. -Woher weiß er, daß bei der Ablösung der Wachen diesmal ein Irrtum -vorkommen, daß der eine Wächter abgerufen wird, und so der Saal sechs -Minuten lang ohne Aufsicht bleibt? - -Ich frage mich ja vergeblich, woher ich dies alles weiß! - -Oft fühle ich mich mit ihm verwandt, so als flösse dasselbe Blut in unseren -Adern. Und doch wieder bin ich ihm fremd. Nicht so fremd und auf jene Art -wie einem irgendein beliebiger Mensch fremd ist, dem man irgendwo begegnet, -der einen um Auskunft bittet oder nach einer Straße frägt, sondern wie -einem der Bruder fremd ist. Oder wohl gar wie die Mutter, so unheimlich -fremd. Das läßt sich nicht beschreiben. Aber alle diejenigen kennen es, die -vielleicht als Kind gesehen haben, wie ein Mann einen begehrenden Blick -über die Gestalt der Mutter gehen ließ, und wie die Mutter diesen Blick -leise und ohne es zu wissen, zurückgab. Ach, wie kann da ein Knabenherz in -seiner Einsamkeit erschrecken und auffahren. Und wie fremd kann da eine -Mutter werden. Fremder als Gott, den man noch nie gesehen hat, der aber -doch immer so ist, wie man ihn glaubt. Eine begehrte Mutter aber ist so -fremd und schaudervoll rätselhaft wie die dunklen Augen eines Hundes, der -sich herrenlos auf den Straßen herumtreibt und der einen des Abends -plötzlich aus der Dämmerung anstarrt wie das Nichts, so niederschmetternd -und überwältigend. - -Ich selber bin bei guten Sinnen und weiß, daß die Rätselhaftigkeit, das -Grauen, das mich aus diesem schrecklichen Bilde anblickt, Geburt meines -Hirns, meiner Augen ist. Ich weiß, daß sie ohne mich tot ist, tot in ihrem -Rahmen und Holz und Farbe. Aber er, der armselige Unsinnige! Ist er blind? -Er glaubt, sie lebt. Er glaubt, daß er all ihre Rätselhaftigkeit an sich -bringen muß zu ewigem Besitz oder vielleicht sogar zu ewiger Zerstörung. Er -fühlt ein Leben in diesen verräterischen Augen, diesen furchtbaren Lippen, -diesen entsetzlichen, grauenhaften Händen. Und das Leben dieses Bildes -peitscht und zerfleischt ihn, bringt ihn außer sich und treibt ihn umher. -Es bleibt ihm nur das eine: sich selbst zerfleischen oder -- sie besitzen. -Besitzen wie ein Weib aus Fleisch und Blut, das man Brust an Brust an sich -reißen, pressen und umschlingen kann. - - * * * * * - -Den 20. August. Gott sei uns gnädig! Diese Nacht noch und alles ist -vorüber. Er wird alle Rätselhaftigkeit der Gioconda an sich bringen und -alles wird seine toten, sicheren, gleichgültigen Gleise gehen. - -O, warum sitze ich hier und lege die Hände in den Schoß und stelle mich -nicht vor die Tat und ihn? Warum halte ich dem Mörder den Arm nicht fest, -ehe er zustößt? Denn Mord ist dies doch, nicht wahr? Ach viel mehr! Ist es -nicht, als reckte jemand die Hand aus, das Heiligtum der Welt zu schänden? -Als risse jemand die Sonne vom strahlenden Tag, um einen unförmigen -Lehmklumpen dafür aufzuhängen? O Gott . . . - -Und doch; lebt nicht in uns allen diese furchtbare Begierde, Tempel zu -schänden und Götter zu verhöhnen? . . . - - * * * * * - -(Zwei Stunden später) O, wie soll ich doch das ertragen! Welchen Anteil -habe ich denn an diesem Diebstahl? Welche Gewalt besitzt er über mich? -Warum bleibe ich denn? Warum sehe ich dem allen so zu, obgleich ich es -verabscheue, ihn verabscheue . . . - -Ach, ich will es nur gestehen, so erbärmlich es ist, aber helfe mir Gott, -nicht ich bin es, den man dafür verantwortlich machen muß: ich _will den -Diebstahl_. Ja, ich will ihn, auch ich, das ist mir nun klar. - -Und doch ist es mir auch wieder furchtbar, dem allen so zusehen zu müssen. -Ja, es ist mir trotzdem, als sollte ich der Hinrichtung meiner eignen -Kinder zusehen und könnte auch nicht einen Finger heben, dem Henker Einhalt -zu tun. - -O, dürfte ich doch aufwachen, und alles wäre ein Traum. Es muß ja ein Traum -sein: ganz so wehrlos, so machtlos fühlt man sich ja nur im Traum, wenn man -eingeschnürt liegt wie in einem Schraubstock, gefoltert von furchtbarer -Angst und die Gefahr nun immer näher und näher kommt und einen jeden -Augenblick schon erreichen muß. O ja es muß, es kann nur ein Traum sein, -aus dem es ein Erwachen gibt, in dem alles nicht war . . . - -Fünf Uhr morgens. Wie gräßlich, wie entsetzlich war dies! O, keine Nacht -mehr wie diese. Lieber den Tod. Nun steht das Bild hier dicht hinter der -Wand und ich bin von allem Zeuge gewesen und weiß, wie alles sich -zugetragen hat. Und mir ist, als wäre ich selbst der Dieb; die Furcht vor -Entdeckung hat mich gefaßt und ich zittre wie ein Mörder, der angstvoll die -Spuren seiner Tat zu verwischen sucht, der ermüdet und erschöpft in -Halbschlaf fällt und sich plötzlich blutbesudelt und blutbefleckt im Traum -erblickt. - -Ach, nichts ist mir erspart geblieben. Ich wachte hier in meinem Zimmer die -ganze Nacht. Ich sah, wie er die Mütze nahm und ging, ich sah ihn in den -Straßen, vor den hellen Scheiben der Restaurants und den dunklen Nischen -der Hauseingänge. Er war wie ein Schlafwandler, still und ruhig. Und wie er -eindrang! Er fand wie ein Blinder den Weg und tappte im Dunkeln. Jeden -seiner Schritte hörte ich, wie die Schläge meines pochenden Herzens. Ich -wollte schreien, aber die Zunge klebte mir dorrend am Gaumen. - -Es legte sich wie eine knöcherne Hand um meine Kehle. Ich konnte keinen -Laut hervorbringen. Aber mein Gehör wurde scharf wie das eines Wächters. O, -wie furchtbar scharf wurde es doch! Ich hörte den bröckelnden Gips auf den -Boden fallen und die dumpfen Schläge mit dem Hammer, ich hörte sogar das -Knirschen des Meißels an den eisernen Klammern und ich sah die raschen -gewandten Griffe, die das Bild von der Wand rissen; hastige, knochige -Hände, unter denen die Mauer aufbrach. O, ich bebte und zitterte; ich -fieberte wohl vor Furcht. Ich legte das Gesicht auf den Tisch und weinte -wie ein Kind. - -Auf einmal wurde mir ganz leicht und frei zu Mute. Ich erinnerte mich an -vieles, was mich einmal entzückt hatte. Ach, an tausend Dinge, an Blumen -und Vögel, an ein Paar kleine Mädchenhände und an ein Liebeslied nachts -über einem Fluß. Aber das dauerte nicht lange. Denn plötzlich klang ein -dumpfer Laut an mein Ohr und ich erschrak zu Tode. Es war sein tappender -Schritt auf der dunkeln Treppe! Ich hielt den Atem an und lauschte, wie die -Schritte immer näher und näher kamen. Und dann konnte ich auch bald einen -anderen eigentümlichen Ton hören, es war das Scharren des gestohlenen -Bildes, das bei jedem Absatz an den stumpfen Stufen der Treppe aufschlug. - - * * * * * - -Den 23. August. Wann werde ich endlich lernen, mich nur um meine eigenen -Sachen zu kümmern und mich nicht in die Angelegenheiten anderer -einzumischen! - -Da habe ich mich nun über Dinge aufgeregt, die mich weiß Gott nichts -angehen. Bin ich denn der Präsident der Schönen Künste oder wer sonst -seinen Posten verlieren wird, weil da ein leerer Platz an der Wand ist? -Weil da ein Stück Holz so hoch, so breit und so lang und mit Ölfarbe -bestrichen, weggekommen ist? Denn mehr ist es doch nicht, auch wenn es von -Leonardi da Vinci angestrichen wurde. - -Aber stellte ich mich nicht an, als würde ein lebendes Wesen ermordet, als -habe es weiß Gott welche Bewandtnis mit dem Bilde! Kann ich denn nicht bei -dem bleiben, was die Dinge sind, Holz und Farbe und ein bißchen Firnis, und -muß ich immer etwas dahinter suchen? - -Und welche Dummheit von mir, mich obendrein Hals über Kopf in diese Reise -auf diesem alles eher als komfortablen Dampfer zu stürzen! Was geht es mich -an, wo er mit seinem grauen Paket unter dem Arm hin will. Mag er doch mit -seiner Angebeteten anfangen, was er will; mag er sie ins Meer werfen. Habe -ich mich darum zu kümmern? - -Das alles hätte ich mir vor fünf Tagen sagen sollen, als es noch Zeit war. -Als ich die Geschichte kommen sah, hätte ich abreisen sollen. Aber jetzt -ist es zu spät. Jetzt bleibt mir nichts als die Schiffsgefangenschaft in -Gesellschaft mit unseren liebenswürdigen Damen und unseren -unliebenswürdigen Herren Passagieren abzusitzen. - -Jetzt ist es sogar noch ein Glück, daß er mit an Bord ist. Denn sobald -dieser verwegene Mensch unter uns erscheint, gibt es Unterhaltung, -Geschichten, Anekdoten die Hülle und Fülle. Der Zufall hat gewollt, daß wir -die Kajüte teilen, und wir schlafen übereinander, er unten, ich oben. - -Wir verstehen uns übrigens ausgezeichnet, trotzdem ich eigentlich ihm -gegenüber immer ein wenig befangen bin wegen des Bildes. Aber er gibt sich, -als wäre nichts in der Welt geschehen, was ihn beträfe und als gäbe es das -graue Paket, das er ganz ruhig an die Wand gestellt hat, gar nicht. - -Zuweilen sehe ich ihn vor dem Paket stehen, und dann hat sein Gesicht -geradezu etwas besonders Ruhiges, Zielbewußtes. So, als dächte er bei sich: -ich weiß ganz genau, was ich mit dir mache, sobald wir ganz draußen auf dem -Meere sind, nehme ich dich und werfe dich über Bord. - -Sonst ist er ein über und über humorvoller Bursche; zuweilen ist seine -Lustigkeit vielleicht ein wenig gezwungen, aber dann kann er so befreiend -lachen, daß selbst der Geheimagent sich angesteckt fühlt und einmal seine -Wichtigkeitsmiene verzieht. - -Nein, ich habe doch nie einen Menschen mit einer so ausgelassenen und -bizarren Phantasie gesehen. - -Weil ich über ihm schlafe, nennt er mich nur den »Ober«. Und von sich -selbst spricht er nicht anders als von dem »Unter«. - -»Herr Ober,« sagt er, »bringen Sie mir etwas Erfrischung, es ist eine -gottsjämmerliche Hitze. Sind wir schon am Äquator oder macht mir der -höllische Seelenwurm zu schaffen? Sorgen Sie für Zerstreuung, hören Sie, -oder lassen Sie uns zu den Oberflächlern gehen. Ja, kommen Sie, lassen Sie -uns auf Deck gehen, die Damen ein wenig zu unterhalten und die Herren zu -ärgern. Besonders diese kleine deutsche Spitzmaus, die sich so verdient um -die Erforschung der Diphthonglaute im Altpersischen gemacht hat.« - -Und es kommt wohl vor, daß er sofort seinen Entschluß ausführt, hinaufgeht -und mit dem Erforscher der Diphthonglaute im Altpersischen eine -Unterhaltung beginnt. - -Na, die Sache nimmt etwa folgenden Verlauf: - -Der Erforscher der Diphthonglaute steht eben an der Reling, blickt auf die -See hinaus und hat die Hände über den Rücken gelegt. Von Zeit zu Zeit macht -er mit dem Kopf eine kleine ruckartige Bewegung nach hinten, bei der man -sonderbarerweise jedesmal auf seine spitze Nase aufmerksam wird. Und das -Ganze sieht so aus, als bekäme er plötzlich Achtung vor sich selbst, fühlte -viele Augen auf sich gerichtet und würfe sich nun ein wenig in Positur, um -der Welt einen würdigen Gelehrten zu zeigen. Es sieht sehr komisch aus, ein -bißchen muß man sich aber auch darüber ärgern. - -Wir treten von hinten an ihn heran und sprechen ihn an. »Guten Tag, Herr -Doktor.« Der Erforscher der Diphthonglaute dreht sich um, legt den Kopf mit -der spitzen Nase ein wenig auf die Seite und streckt uns die Hand mit einem -Ausdruck hin, als wolle er sagen: Ich kondoliere Ihnen, meine Herren; seien -Sie meiner Teilnahme sicher. Sie haben das Unglück, mit einem verkannten, -edlen Menschen zu sprechen, der es nicht verdient, daß man ihn in der -Abgeschiedenheit seiner Größe, die nur ihm selbst bewußt ist, verkommen -läßt. - -Der Gelbe tut, als merke er nicht, daß es dem Erforscher der Diphthonglaute -heute an Selbstachtung fehlt, und daß er Mitleid betteln geht. - -»Denken Sie, prächtig habe ich geschlafen,« fährt er ganz unvermittelt los. -»Wissen Sie, ich fühle mich jetzt so kräftig, daß ich Sie ins Meer werfen -und wieder herausholen könnte. Was? Ich wachte auf wie eine Sprungfeder. -Augen auf und raus. Und Leben vom Scheitel bis zur Sohle. Ich nahm den -Eichenschrank an der Kapitänstüre und setzte ihn mit einem Ruck auf die -andere Seite. Und dabei war ich doch gestern abend verdrießlich wie ein -Kakadu. Ich hatte mich wohl über etwas geärgert. Aber als ich einschlief, -merkte ich schon, daß heute alles besser sein würde. Ich fuhr nämlich, ehe -ich einschlief, eine Zeitlang mit der Chaiselongue in der Eßkajüte herum.« - -»Na, na, Sie,« sagt der Diphthongforscher dazwischen und lächelt ein wenig -vorwurfsvoll. - -»Ach, Sie sind besorgt, daß die Beine dabei abbrechen könnten. Nein, das -ist nicht der Fall. Wissen Sie, ich fuhr ja gar nicht.« Und jetzt dämpft er -seine Stimme ein wenig, sieht dem Doktor scharf in die Augen, als wolle er -da etwas herbeiholen und sagt mit immer leiser werdender Stimme: »Nein, ich -hatte ja nur so ein Gefühl. Wissen Sie, ein Gefühl, als führe ich mit der -Chaiselongue ganz langsam -- es gab nur einen ganz unmerklichen Ruck, wie -es anfing -- ganz langsam zuerst und dann immer schneller und schneller im -Zimmer herum, über die Treppe aufs Deck hinauf, hier vorbei, zurück, die -Treppe wieder hinunter, quer durchs Zimmer und plötzlich durch das letzte -Kajütenfenster hinaus . . . gerade aufs Meer . . .« - -»Und dann . . .?« - -»Und dann . . .?« - -»Ach so, ja. Aber sagen Sie nur: Wie konnten Sie denn mit der Chaiselongue -durch das Kajütenfenster, das ist doch viel zu eng?« - -Auf diese Weise macht er sich beständig über die Herren, lustig, und ich -stehe dabei und ersticke fast an meinem Gelächter. Den Geheimagenten fragt -er immer wieder, ob noch keine Nachricht von der Gioconda da ist, und den -deutschen Doktor Berger hat er schon dreimal die Geschichte von seinem -Besuch beim Ohrenarzt und seinem äußerst feinen Gehör erzählen lassen. - -»Hörten Sie nicht eben einen Schuß, Herr Doktor?« - -»Einen Schuß?« - -»Ja, einen Schuß. Ganz scharf und in der Ferne, aber doch sehr deutlich -hörbar. Schon wieder! Hörten Sie diesmal?« Nein, er habe nicht gehört, sagt -Herr Doktor Berger, neigt den Kopf ein wenig seitwärts und lauscht -angestrengt. - -»Ich habe heute wieder meinen Tag, an dem ich schlecht höre.« - -»So, Sie hören schlecht?« - -»Nein, eigentlich nicht. Ich höre sogar sehr gut. Erzählte ich Ihnen nicht -schon, was mir der Ohrenarzt sagte . . .« - -Nein, er habe nichts erzählt. - -»Das ist nämlich sehr interessant; ich ließ mich einmal von dem bekannten, -Sie wissen, dem bekannten Professor Hegenbarth in London, einer unserer -ersten Ohrenärzte überhaupt, -- er hat seinerzeit auch die Prinzessin -Klotilde von Anhalt-Bernburg behandelt, die später den Leutnant Bohlen von -den 13. Husaren in Mainz heiratete . . .« - -Und nun erzählt er weitschweifig und umständlich mit allen Einzelheiten von -seinem Besuch bei dem berühmten Ohrenarzt, der ihm gesagt haben soll, daß -sein Gehör durchaus normal, ja mehr als das, sogar äußerst scharf und -schärfer sei, als ihm je eines in seiner Praxis vorgekommen sei. - -»Hörten Sie den Schuß?« schreit ihm der Gelbe plötzlich ganz laut ins Ohr. - -»Einen Schuß?« - -»Ja.« - -»Nein, den hörte ich nun nicht . . . Aber Sie können sich denken, was das -heißen will: das schärfste in seiner ganzen Praxis! Der Mann übte -fünfundzwanzig Jahre seine Praxis aus. Also da können Sie schon sehen. Ja, -mein Gehör ist ganz vorzüglich, ganz vorzüglich.« - -Das sei ja sehr interessant. Übrigens habe er schon mal von einem ähnlichen -Fall gehört, sagt der Gelbe. »Und dann« -- fährt er unvermittelt fort -- -»kannte ich in Königsberg einmal einen Herrn, aber das wird Sie gewiß -interessieren -- da war ein Herr, der konnte im Theater, gleichviel welchen -Platz er hatte, ganz deutlich verstehen, was irgendwo im Parkett oder in -den Logen gesprochen wurde. Ein ganz unheimlicher Mensch! Wissen Sie, er -hörte ganz deutlich, was sich die Leute zuflüsterten, und wenn es auf der -letzten Galeriereihe war. Na, Sie können sich denken, was der für Sachen -erzählen konnte . . . .« - -»Ach nein . . .« - -Doch, da sei z. B. mal ein Stück gegeben worden, in dem ein brutaler -Genußmensch geschildert wurde. Ein ausgezeichnetes Stück übrigens und eine -famose Charakteristik. Im zweiten Akt sei eine Szene gekommen, in der sich -ein junges leidenschaftliches Mädchen dem Genußmenschen an den Hals -geworfen habe. Plötzlich habe der Herr gehört, wie die Frau des -Polizeipräsidenten zu ihrem Mann in der Loge gesagt habe, so ein -gräßlicher, unsympathischer Mensch sei ihr wahrhaftig noch nicht -vorgekommen; das sei ja geradezu abscheulich. »Am anderen Tage -- denken -Sie nur -- am andern Tage wurde das Stück verboten. Wegen unsittlicher -Tendenz. So was, nicht wahr?« Na, und was sich so die Liebesleute im -Theater erzählten . . . - -Das müsse doch sehr interessant sein, meinte Herr Dr. Berger. - -»Na, ich sage Ihnen. Da konnte der Herr nun Sachen erzählen. Besonders, -wissen Sie, aus der guten Gesellschaft. Was die sich alles zu sagen hatten; -das kann man beinah gar nicht wiedererzählen. Ich möchte Ihr Ohr wahrhaftig -nicht verletzen . . .« - -»Aber bitte, bitte, das ist ja sicher sehr interessant« - -»Interessant ist es schon. Ja, denken Sie nur, da war zum Beispiel einmal -ein Paar, eine junge, elegante Witwe und ein Offizier von der Garde. Eine -chike Sache sozusagen. Viele dachten sich ja wohl, daß die beiden ein -bißchen toll wären. Aber denken Sie nur. Da wurde Hamlet gegeben; plötzlich -sagt doch die junge Witwe mitten in der Totengräberszene dem Offizier ins -Ohr, sie wolle einmal auf einem Friedhof . . . im Mondschein . . . Ach, das -kann ich Ihnen ja gar nicht erzählen. Wie? Adieu, Herr Doktor, Adieu.« - -Der Erforscher der Diphthonglaute macht noch ein paar hastige Schritte, -hinter uns her, geniert sich aber und bleibt ganz verwirrt stehen. - -Huh, wie heiß es ihm doch geworden ist. - -Na, den übrigen geht es ja nicht viel besser. Heute wollte er sogar eine -Wette mit mir abschließen, daß es ihm gelingen werde dem Schauspieler -Grunwald binnen einer Stunde siebzehn Zitate aus Shakespeare und Oskar -Blumenthal aus der Nase zu ziehen. Ich bin überzeugt, er tut es, trotzdem -ich ihm die Wette verweigert habe. - -Und ohne daß der gute Herr Grunwald etwas ahnt, wird er sich von ihm -Komödie ohne Honorar und ohne Lorbeerkränze vorspielen lassen. - -Gestern, während er in der Kajüte schlief, erzählte ich die Sache übrigens -den Damen. - -Ich sagte, ich habe einmal einen Menschen gekannt, der sei so und so -gewesen und habe die Leute aufgezogen wie die Uhren. Ein englischer -Geistlicher in der Nähe von Liverpool. - -Alle waren empört über so einen Menschen. Das sei ja furchtbar gemein. Ja, -gemein, sagten sie. Da müßte man ja immer fürchten, zum besten gehabt zu -werden. Ein Mensch sei doch keine Marionette, die man am Seil tanzen lassen -könne wie man wolle. - -Ja, die Damen waren alle außerordentlich erregt über so etwas. Besonders, -da ich dummerweise den Versuch machte, den englischen Geistlichen zu -entschuldigen, indem ich sagte, vielleicht sei es ein Mensch gewesen, der -unter den Mechanischen im Leben sehr gelitten und sich auf diese Weise -hätte Luft machen wollen. - -Das wollten die Damen aber nicht verstehen. - -Am meisten griff das Gespräch wohl Frau Sturi an; sie bekam sogar ganz -hektische, rote Flecken auf den Backen und fiebrische, feuchtglänzende -Augen. Sie sah so sehr häßlich aus, aber irgend etwas zwang sie wohl zu -bleiben; denn obgleich sie mehrmals sagte, das könne man gar nicht mit -anhören, blieb sie doch, gerade als warte sie darauf, daß noch mehr kommen -solle. - -Wenn ich übrigens die Augen recht im Kopfe habe, so ist da etwas zwischen -ihm und Frau Rosenborg, der dänischen Schauspielerin. Sobald sie ihn sieht, -wird sie geradezu schön, während sie sonst leicht ein bißchen alt und krank -aussieht. Aber dann hat sie plötzlich den Zauber einer jungen Frau, die -schön ist und es weiß, und beim Lachen zeigt sie die ganze Reihe ihrer -wundervollen, weißen Zähne. Dann blühen ihre Wangen. Sie hat rötliches -glänzendes Haar und einen geschmeidigen, leichten, graziösen Körper. Weiß -oder lila kleidet sie am besten, ein Lila, das nach dem Rosaroten hin geht. - -Sie ist immer elegant gekleidet. Gestern aber, weil es regnet, hat sie ein -graues Lodenkape umgehängt und kommt damit auf Deck. Ich sitze gerade da -und denke, was nun aus der Gioconda werden soll. Dabei sehe ich, wie er -Frau Rosenborg eben bemerkt hat und auf sie zugeht. Und wirklich, sie -lächelt ihm auch schon entgegen und will gerade die Hand unter dem Kape -freimachen, um sie ihm entgegenzustrecken. Aber als er herangekommen ist, -sieht er sie nur wie flüchtig an und geht, die Hände auf dem Rücken, an ihr -vorüber. - -Da bleibt sie ganz erstaunt stehen und ruft: »Nanu -- Sie kennen mich wohl -gar nicht, wie . . .?« - -Und was sagt er? Indem er höflich die Mütze abzieht und sich verbeugt und -ihr die Hand küßt, sagt er: »Verzeihen Sie mir gnädige Frau -- ich dachte -gerade an Sie.« - -Da geht es wie ein Leuchten über ihre Züge und sie sieht ihn mit einem -jener Blicke an, die uns Männer verrückt machen können. Ach, wie heiß es -doch sei; und sie wirft mit einem Ruck das Kape von den Schultern und nimmt -den Arm, den er ihr anbietet. - -In Wahrheit ist es aber gar nicht heiß, sondern es ist kühl und regnet, und -sie hat ein leichtes Spitzenkleid an, das der Regen verdirbt. - - * * * * * - -Den 24. August. Es ist nicht zu begreifen, wie dieser Mensch so ruhig sein -kann. Weiß Gott, ich zittere mehr wie er. Ich komme an unsrer Kabine -vorbei, sehe die Tür offen und das Bild in dem grauen Packpapier ruhig an -die Wand gelehnt. Der Geheimagent braucht nur hineinzugehen und einen -Streifen abzureißen, dann kann er ihn auf der Stelle verhaften lassen. Aber -dabei sitzt er oben auf Deck bei den Damen, plaudert als ob nicht das -geringste geschehen wäre, als ob es weder Geheimagenten noch was an Bord -gebe. Nun, es braucht nicht jeder ein Feigling zu sein wie ich, der ich -beinah aufgeschrien hätte, als ich endlich die Apfelsine in der Hand hielt. -Aber seine Gelassenheit regt mich doch auf. Bis hierher kann man die Damen -zuweilen über seine verdammten Späße lachen hören. Es ist ja, als könne er -überhaupt kein ernstes Wort mehr sagen und sei jeder weicheren Empfindung -bar. Manchmal glaube ich, dieser Mensch spielt überhaupt mit uns allen, er -hält uns alle halbwegs für komische Figuren. Und sich selbst wohl gar auch. - -Dabei haben die Damen ihn doch alle miteinander gern. Ernsthaft verlieben -würde sich wohl so leicht keine in ihn. Ihr Instinkt sagt ihnen, daß hier -nichts zu holen ist. Höchstens könnte Frau Rosenborg ihre wundervolle -Neugierde ein wenig gefährlich werden. Einige fürchten ihn ein bißchen, -denn es zeigt sich, daß er hinter ihren geheimsten Gedanken her ist. Sogar -Frau Rosenborg, die sicherlich die Überlegenste in dem ganzen Kreise ist, -hat, wenn sie darüber nachdenkt, oft ein Gefühl, als hätte er immer auf das -geantwortet, was sie gedacht hat, aber nicht auf das, was sie gesagt hat. -Arrogant, ein wenig arrogant finden ihn alle. Besonders Frau Sturi. Na, wie -er die aber auch hat abblitzen lassen. Das war schon vor zwei Tagen: - -Er steht wie immer in dem gelben Paletot und der schottischen Mütze auf -Deck, hat die Arme auf dem Rücken gekreuzt und blickt ganz starr weit auf -das Meer hinaus. Auf einmal kommt Frau Sturi die Treppe herauf, sieht ihn -stehen und geht auf ihn zu. - -»Sie warten wohl auf jemand,« sagt sie, denn es ist 12 Uhr und alle sitzen -schon beim Lunch. - -Ja, er warte auf jemand. Aber dabei bleibt er, ohne sich umzublicken, die -Hände auf dem Rücken, stehen und fährt fort auf das Meer hinauszusehen. - -Auf wen er denn warte, alle seien doch schon unten? - -Da aber dreht er den Kopf zur Seite, sieht sie fast träumerisch und -lächelnd zugleich an und sagt: »Auf mich. Ich warte auf mich. Frau Sturi. -Auf mich!« - -Frau Sturi erzählte die Sache nachmittags in dem kleinen grünen Teezimmer. -Sie war noch ganz empört. Ob das nicht eine maßlose Frechheit sei, eine -ganz maßlose Einbildung und Arroganz! - -Ja, das fanden sie nun allerdings alle, wenn sie ihm auch nicht gerade so -böse sein konnten deswegen. - -Nach einer Weile aber, während der alle schwiegen, sagte Fräulein Gabler -mit ein wenig schüchterner Stimme: eigentlich brauche das gar nicht -arrogant zu sein. Man könne sich doch auch etwas anderes dabei denken. Und -dabei sah sie sich etwas scheu unter den Damen um, ob jemand sie vielleicht -verstände. - -Aber die Damen verstanden sie nicht und fanden, daß es eben nur arrogant -sei und nichts darüber. - -»Nun, was man sich denn noch anderes dabei denken könne?« frug schließlich -Frau Sturi. Aber da wurde Fräulein Gabler verlegen. Sie versuchte sich zu -erklären, aber die Worte fehlten ihr und sie wurde sogar ein wenig rot. - -Zum Glück nahm Frau Rosenborg sich ihrer an und gab dem Gespräch eine -andere Wendung. - - * * * * * - -Den 25. August. Zum Teufel auch, wie sehr sind unsere jungen Damen zu -beneiden! Eine Verbrechergeschichte an Bord, eine Seereise mit dem Diebe -der Gioconda! Es flüstert hier und es flüstert dort. Ich sehe ja, daß alle -es wissen. - -Ha, das ist eine Situation für mich! - -Da wird von den gleichgültigsten Dingen gesprochen; alle machen so -unschuldige Gesichterchen wie Liebende, die sich eben hinter einem Zaun -geküßt und geküßt haben, und denen nun noch die ganze hübsche Geschichte -der letzten fünf Minuten auf Haupt und Haar geschrieben steht. Haha, und -wenn sie an einem vorbei sind, da geht ein Getuschel, ein Getuschel los und -die junge Dame wird sogar noch ein bißchen rot, wenn sie eine gute -Kinderstube gehabt hat. Aber gar der junge Mann wie armselig-köstlich sieht -er aus mit seinem mutig-schlechten Gewissen und seiner geküßten kleinen -Sünde da an der Seite. - -Ja, genau so ist es jetzt bei uns. Überall, in jedem Eckchen und jedem -Winkel sieht man so ein Pärchen stehen, das leise und ach, mit so -neugierig-klugen Augen miteinander tuschelt und flüstert und fragt, bis -irgendein Dritter vorbei kommt, von dem man »noch nicht weiß«, und der dann -nichts weiter zu hören bekommt, als ein unmerklich lauteres: »Ja, es soll -mich mal wundern, was daraus wird!« Oder das Meer hat plötzlich »eine so -prachtvolle Farbe, wie Smaragd, ja _wie_ Smaragd«. Und man sieht hinaus -aufs Meer mit Augen, die sich gar nicht satt sehen können, während die -Ohren doch nur dem abnehmenden Schall der vorübergehenden Schritte -lauschen. Schon dreimal habe ich heute gehört, daß das Meer »_wie_ Smaragd« -sei. Na, kann etwa nicht jeder an einem Gespräche darüber teilnehmen daß -das Meer wie Smaragd sei? Nur das »wie« müßte nicht so stark betont werden, -da merkt man ja wohl, daß es gar nicht so sehr auf das Meer ankommt. - -Es ist wirklich famos, daß wir so viele junge Frauen an Bord haben. Was -bekommt man doch überall für ein prachtvoll verheucheltes Lächeln zu sehen, -wenn man irgendwo hinzutritt. Frau Rosenborg muß man sehen; wie prachtvoll -lügt sie; was sage ich, vom Kopf bis zu Fuß ist sie plötzlich eine einzige -glänzende Lüge. Hände, Haltung, die Lippen, die Mienen, alles an ihr lügt -plötzlich, verschweigt, vertuscht, lenkt ab, spielt die große Komödie der -Unbefangenheit! Sogar die Augen machen eine ganze Weile diese Komödie mit, -bis sie auf einmal aus der Rolle fallen und sagen: Gauner, du alter Schurk, -du -- weißt du es nun oder weißt du es nicht? - -Ha, und wie famos frech lachen einem diese glänzenden Augen ins Gesicht! - -Aber um Gottes willen nicht davon sprechen; kein Sterbenswörtchen . . . -Nein, das würde ja den ganzen Spaß auf einmal verderben! - -Wie ein Lauffeuer hat sich die Geschichte über das ganze Schiff verbreitet. -Überall brennt und flackert die rote Neuigkeit; aber niemand weiß natürlich -von etwas! Gott bewahre! - -Wem verdanken wir diese Neuigkeit? Fräulein Holm, dem reizenden Fräulein -Holm. Der Agent war ja gleich verschossen in sie über beide Ohren. Das will -nun ein Agent sein! - -Fräulein Holm hätte das Geheimnis zu gern für sich behalten. Aber so nah -wie sie mit Frau Rosenborg seit drei Tagen befreundet war. Nein, das ging -nicht. Aber gleich nachdem sie es gesagt hatte, tat es ihr wieder leid. - -Eigentlich wußte man doch gar nicht, ob man sich schon so nahe stand! - -Bei Frau Rosenborg war die Sache natürlich ganz anders. Sie sagte kein -Sterbenswörtchen -- aber wer mit ihr gesprochen hatte, der wußte genug. -Frau Rosenborg sagte es nämlich gewissermaßen zwischen den Zeilen und »wenn -man wüßte« . . . und »ich weiß nichts«. Und bei »ich« zog sie die Schultern -hoch und lachte komisch. Den Rest sagten die Augen. Verteufelt freche -Augen, ganz verteufelt freche Augen . . . - -Aber die Sache ist jetzt die, daß eigentlich niemand recht weiß, wer zu den -Eingeweihten gehört und wer nicht. Alle betrachten sich ein wenig -mißtrauisch und sehen einander beim Sprechen auf die Lippen, als könnten -sie es da erfahren. - -Aber welch' ein Leben herrscht doch auf unserem Schiff, seitdem dieses -öffentliche Geheimnis die Segel der Neugierde schwellt. - -Nur die älteren Damen mit ihren Handarbeitstäschchen und ihren Fußbänkchen, -sie unterhalten sich nach wie vor von ihren Siebensachen, von ihren -erwachsenen Söhnen und ihren verheirateten Töchtern, und entdecken bei -dieser Gelegenheit wohl gar, daß sie miteinander verwandt sind. Oder zu -mindesten haben sie gemeinsame Bekannte, die ihnen womöglich bei einer -solchen Entdeckung in einem ganz neuen Licht erscheinen. - -Aber die Augen auf, meine Damen, die Augen auf! So alt sind Sie denn doch -noch nicht, daß es Ihnen nicht später ein ernstlicher Verdruß sein wird, -wenn Sie dabei gesessen, dabei gesessen und nichts gemerkt haben! - -Sie, gnädige Frau, zum Beispiel, die Sie in Ermangelung eines Besseren eben -davon leben, Ihren armen gedemütigten Ehemann es jeden Augenblick empfinden -zu lassen, wie sehr Sie ihn wegen des kleinen Seitensprunges mit der -ehemaligen Gouvernante ihrer Kinder verachten. Wenn Sie nicht so viel Mühe -hätten, ein empfindliches und verachtendes Gesicht zur Schau zu tragen, -hätten Sie es doch, weiß Gott, schon merken müssen. Sie sind doch nach der -Passagierliste erst 36 Jahre! - -Und dann Fräulein Sivers . . . Warum sagen Sie immer, das Leben sei lange -nicht so interessant, wie das Theater? Nun, wetten wir, daß später einmal -diese Reise das Glanzstück in Ihren glaubwürdigen Memoiren bilden wird? -Vergessen Sie ja nicht zu bemerken, daß Sie »gleichsam« -- ja gleichsam ist -das passende Wort -- die erste waren, die alles gemerkt hatte, die sich -aber _wohlweislich_ nichts merken ließ und ihre Rolle bis zu Ende glücklich -durchführte. Vergessen Sie das nicht! - -Also die Augen auf, meine Damen! Noch ist es Zeit, den anderen -Schiffsgästen Vorwürfe zu ersparen. Wenn Sie nicht mehr so viel Phantasie -aufbringen können, wie Fräulein Sivers, die es »gleichsam zuerst bemerkte«, -dann wird Ihnen das nach Jahren noch zu schaffen machen! Glauben Sie mir, -ich kenne das. Es wurmt einen noch sehr lange, wenn man nichts gemerkt hat --- ja, ja! - -Ich treffe Frau Rosenborg, die mit Fräulein Holm flüstert. - -»Diese prachtvolle Farbe, dieses tiefe Blaugrün« sind die Worte, die für -meine Ohren bestimmt sind. - -»Sie schwärmen ja ordentlich, Fräulein Holm. Aber Sie haben recht, -köstlich, ganz köstlich! . . .« - -Einen Augenblick schweige ich und sehe die Damen, die echt verzückt aufs -Meer hinaussehen, an. Während ich dann selbst hinausblicke und mich nicht -im geringsten daran kehre, wie die Damen verdutzt dreinschauen, sage ich: -»ja, diese grünbläuliche Farbe erinnert mich ein wenig an eine gewisse -Partie auf dem Bilde von Lionardo -- der Gioconda, das Bild wurde doch -kürzlich gestohlen.« - -Die Damen waren baff. - -»Es war ein sehr eigentümliches Bild,« fahre ich fort -- die Damen erholten -sich nicht von ihrem Staunen -- »ich muß schon sagen, es ist mir wohl -verständlich, daß jemand auf den Gedanken kommen konnte es zu stehlen. -Wissen Sie, es _reizte_ einen ordentlich dazu. Ich meine dieses Weib, es -war doch wie aus Fleisch und Blut. Nicht wahr? Und dieses Lächeln, -nächtelang hat es mich verfolgt. Ich sah überhaupt zuletzt nur noch dieses -Lächeln. Ich sehe es überall; es kam mir weiß Gott vor, als lächelten alle -Frauen so, und das machte mich förmlich rasend. Wenn ich das Bild gestohlen -hätte -- sehen Sie, jetzt kann ich es Ihnen ja sagen -- ich hatte nämlich -auch einmal die Absicht, ja, weiß Gott, ich hatte die Absicht, aber ich bin -ja viel zu feige dazu -- ja, was wollte ich sagen -- richtig, ich meine, -wenn ich es gestohlen hätte, so hätte ich das Bild getötet -- vernichtet, -meine ich, erstochen hätte ich es oder verbrannt. Ja!« - -All das sog ich mir im Handumdrehen aus den Fingern und das versteinerte -Erstaunen der Damen -- ich sah, daß beiden der Mund aufstand und sie dabei -sehr häßlich aussahen -- kam mir dabei vortrefflich zustatten. Es wäre ein -leichtes gewesen, sie noch mehr in Erstaunen zu setzen. Einen Augenblick -kam mir sogar der Gedanke ihnen zu sagen, daß ich der Dieb wäre. Aber das -hätte mir vielleicht den Spaß verdorben. - -Ich brach plötzlich ab und wendete mich zu Fräulein Holm, die etwas -verlegen lächelte: »Glauben Sie, daß der Dieb Paris verlassen hat?« - -»Wieso?« Ihr hilfloses Lächeln wiederholte sich. - -»Sehen Sie, das ist ganz ausgeschlossen. Wie gesagt, wenn ich das Bild -gestohlen hätte, -- ich meine nur so --, so würde ich doch Paris nicht -verlassen! Sagen Sie selbst, wo ist man besser aufgehoben als in Paris? -Ach, glauben Sie mir, der Dieb hat Paris nicht verlassen. Wegen des schönen -Wetters und weil Sie so ein erstauntes Gesicht machen -- Fräulein Holm -machte rasch mit der Hand eine Bewegung über ihr Gesicht hin -- möchte ich -geradezu eine Wette darauf eingehen. Wollen Sie?« - -»Ich wette dagegen,« sagte Fräulein Holm mit einem Blick nach Frau -Rosenborg und streckte die Hand aus. - -»Nun, und was behaupten Sie? Daß er Paris verlassen hat?« - -»Ja -- und --« - -»Und daß er auf ein Schiff geflüchtet ist?« - -Fräulein Holm sah mir fest in die Augen und hielt die Hand noch immer -hingestreckt. - -»Ha -- diese Wette nehme ich an. Ich wette, -- nun gut, ich wette 1000 -Franken,« sagte ich. - -»Da wette ich auch,« rief plötzlich Frau Rosenborg dazwischen und streckte -auch ihrerseits die Hand aus. Der Daumen war etwas nach außen gebogen. - -»Auf 1000 Frank?« - -»Auf 5000 Frank,« sagte sie. - -»Auf 5000 Frank? Ich wette auch auf 5000 Frank, aber unter einer -Bedingung!« - -Ich sah jetzt die Damen gespannt an; dann platzte ich damit heraus: »Unter -der Bedingung, -- daß das Bild nicht hier auf dem Schiff gefunden wird! -Vielleicht haben Sie es ja selbst gestohlen!« - -Ich lachte, als wollte ich dadurch anzeigen, für wie unsinnig ich selbst -meinen Einfall hielte. - -»Na, das ist doch klar,« -- wieder lächelte ich so, als ob ich etwas ganz -Unsinniges sagte, -- »wenn Sie das Bild selbst gestohlen hätten, dann -wüßten Sie ja, wo es ist und dann . . . dann wäre es doch gewinnsüchtig von -Ihnen, die Wette abzuschließen!« - -Ich weidete mich an der Verlegenheit der Damen, die sich gegenseitig -hilflos anlächelten. - -»Also 5000 Franken.« Ich streckte nun meinerseits die Hand aus. Aber die -Damen zögerten. - -»Bitte -- schließlich können Sie es doch annehmen. Auch wenn Sie es -gestohlen haben. Sie riskieren doch nichts!« - -»Wieso?« Die Damen sahen noch nicht klar. - -»Dann bekommt doch niemand etwas. Sie nichts und ich nichts.« - -»Ja, das ist ja auch wahr,« sagte Fräulein Holm und sah dabei Frau -Rosenborg mit einer Miene an, die sagte, na, dann können wir es ja -eigentlich ganz gut riskieren: - -»Also. Top.« Wir schlugen zweimal die Hände zusammen und alle lachten wir -herzlich. - -»Die Wette ist so gut wie gewonnen,« rief ich. »Aber ein bißchen verdächtig -sind Sie mir jetzt doch. Entschuldigen Sie mich. Ich muß endlich einmal -mein Paket auspacken, das ich aus Paris mitgebracht habe. Auf Wiedersehen. -Und 5000 Franken! Auf Wiedersehen!« - -Hinter meinem Rücken fühlte ich, wie die Damen sich mit sprachlosem -Erstaunen ansahen. Erst jetzt kam es ihnen eigentlich recht zum Bewußtsein, -was sie getan hatten. Außerdem hielten sie mich jetzt selbst für den Dieb; -denn wer es eigentlich sei, darüber war, so viel ich sehen konnte, noch gar -nichts bekannt. - - * * * * * - -Den 26. August. O, ich bereue es keinen Augenblick, mich auf diese Seefahrt -eingelassen zu haben! Wir leben ja wie auf einem Vulkan, wie auf einem -Pulverfäßchen, das jeden Augenblick losgehen soll. - -Welch' ein unterirdisches, heimliches Leben spielt sich doch hier unter uns -ab. Fast mit jedem Augenblick wird die Situation gespannter. Einige Damen -sind, weiß Gott, schon so ermüdet von diesem beständigen so auf der Lauer -liegen, daß sie sich ganz unvorsichtig benehmen. Wenn mein Freund nur -halbwegs meine Augen im Kopf hat, so muß er es längst bemerkt haben, daß es -ihm an den Kragen gehen soll. - -Dieses Hin und Her auf dem Schiff. Diese Nervosität in allen Liege- und -Lehnstühlen. Nie waren die Garnröllchen so boshaft, nie die kleinen -Nähfutterale so heimtückisch. Überall bleiben sie liegen, fallen hin, -rutschen durch, springen aus den Fingern heraus oder verstecken sich -irgendwo in allen möglichen bunten Lappen- und Fadenwirrnissen. Und diese -unbarmherzige Bearbeitung all der kleinen Fußbänkchen. Was ist denn mit -ihnen? Bald stehen sie zu weit vorne, bald zu weit hinten, bald sind sie -»überhaupt zu unbequem«, fliegen mit einem Schupps zur Seite und gleich -werden sie wieder in einer Anwandlung von Reue zurückgeholt und -gestreichelt! Haha -- wenn man an den Liegestühlen vorbeikommt, wird man -ordentlich in Versuchung geführt, die Sprache all dieser wippenden, -schaukelnden, schlenkernden Füßchen einmal rund heraus ins Deutsche zu -übersetzen! Na, dann würde wohl endlich in die griesgrämigen, -stirngerunzelten, großen Stiefel der alten Damen auch ein bißchen Leben -kommen. -- - -Eine famose Entdeckung, eine ganz famose Entdeckung habe ich da im Gespräch -mit einer großen brünetten Dame gemacht -- ich habe den Namen vergessen. - -Sie kommt die Treppe herauf: Ach! Ihre Nähtasche fiel auf die Stufen. Eine -kleine Nickelschere und ein Garnröllchen fielen heraus und polterten die -Treppe hinunter. - -»Mir kommt vor, all unsere Damen sind in den letzten Tagen so nervös -geworden« sage ich und reiche ihr die Sachen zurück. - -»Ach, es ist ja aber auch nicht auszuhalten!« Sie schaute ängstlich -neugierig nach den Stuhlreihen. »Ist denn schon etwas passiert?« - -»Aber was sollte denn passiert sein?« - -»Ach, ich weiß ja nicht. Ewig will mein Mann mit mir über unsere -geschäftlichen Angelegenheiten sprechen.« »Geschäftliche Angelegenheiten« -sagte sie sozusagen in Gänsefüßchen, wie um schon jetzt anzudeuten, daß das -etwas wäre, was sie nichts anginge. »Ich verstehe ja davon nichts, gar -nichts. Ich halte es nicht aus da unten. Ich muß hier oben sein . . . in -der freien Luft.« Auf ihrem hübschen Gesichtchen war jetzt ein Zug ähnlich -dem eines kleinen Schulmädchens, das eine Rechenaufgabe nicht lösen kann -und dem die Tränen nahe sind. - -»Ja, die freie Luft ist Ihnen auch sicher bekömmlicher als >geschäftliche -Angelegenheiten<«. - -Sie lächelte mich freundlich an. Offenbar freute sie sich darüber, daß ich -an dieses schnell erfundene Märchen von der »freien Luft« glaubte. Gleich -darauf aber, während sie sich wohl wieder ihren Mann bei den -»geschäftlichen Angelegenheiten« vorstellte, kam wieder dieser halb -erbitterte, halb leidvolle Ausdruck in ihr Gesicht und sie sagte: »Ja, ich -glaube alles mögliche könnte passieren, alles mögliche; mein Gott es ist zu -schrecklich mit diesen Männern!« Wieder standen ihr beinahe die Tränen in -den Augen. - -»Kommen Sie, lassen Sie uns von etwas anderem sprechen. Darf ich Ihnen -etwas von Ihren Sachen tragen?« - -Haha, ich werde nicht den fragwürdigen Blick vergessen, mit dem sie ihre -bunten Siebensachen plötzlich an sich hielt. Ganz leise und -vorsichtig-ängstlich sagte sie: »Nein, ich danke . . . ich danke.« - -Ich ging einige Schritte neben ihr her. Ganz plötzlich sagte ich: »Die -Gioconda ist jetzt auf einem Schiff gefunden worden!« - -»Bei uns?« rief sie schnell und preßte ihre Siebensachen an die Brust. - -Ich tat als bemerkte ich nichts von ihrem auffallenden Erschrecken, blies -den Rauch meiner Zigarre vor mich her und sagte, so wie man eine ganz -belanglose Sache sagt, nur um überhaupt etwas zu sagen: »Nein, auf einem -Dampfer der White Star Line.« - -Sie war unwillkürlich stehengeblieben und blickte mich jetzt sonderbar an. -»Aber es hieß doch -- Sie wären (sie verbesserte sich rasch) -- ich meine, -es hieß doch, das Bild wäre hier bei uns auf dem Schiff?« - -»So? Davon habe ich gar nichts gehört.« - -»Nein? Aber es hieß doch ganz bestimmt, es wäre hier an Bord. Es sollte -doch bei jemandem in der Kabine gesehen worden sein. Wir haben doch einen -Geheimagenten an Bord. Der hier mit den vielen Ringen. Und dann sind Sie ja -wohl gar nicht der Dieb?« - -»Wie? Was sagen Sie? Ich, der Dieb? Zum Teufel auch, wer hat das gesagt?« - -»Alle haben es gesagt.« - -»Alle haben es gesagt? So? dann entschuldigen Sie mich einen Augenblick! -Mein Gott, das versetzt mich in eine begreifliche Begeisterung.« Ich ließ -Frau . . . Gott, wie hieß sie doch . . . richtig, Frau Sanden stehen, lief -in meine Kabine, trommelte mit den Fäusten an die Wand und sang dazu: »Ha, -sie halten mich für den Dieb, hallo. Das ist famos. Gut, ich werde meine -Rolle spielen. Das ist etwas für mich, einen Dieb zu _spielen_, haha, das -werde ich können, wenn ich auch selber nicht imstande bin, auf anständige -Art und Weise eine Apfelsine zu stehlen. Ein Dieb, -- famos, ich bin ein -Dieb; der Dieb der Gioconda . . . ich werde meine Rolle schon durchführen -. . . sie steht mir ja famos diese Rolle . . .« - - * * * * * - -Mein Gott, mein Gott, was ist mit mir geschehen, ist das der Anfang des -Wahnsinns, bin ich irrsinnig geworden? Was geht mit mir vor? Habe ich mich -in einen anderen Menschen verwandelt? Bin ich der Dieb des Bildes? Was ist -mit meiner Hand, meinen Augen, meinem Körper? Bin ich das noch, der ich -hier aus dieser Türe vor einigen Stunden herausgetreten bin? Sind das noch -meine Füße, die mich bis an die Treppe geführt haben, wo ich plötzlich ihm -begegnete und wo plötzlich diese furchtbare Veränderung mit mir vorging? - -Mein Gott, mein Gott, was ist mit mir geschehen? Habe ich mich nicht hier -noch vor kurzem vorbereitet, die Rolle des Diebes zu spielen und jetzt, und -jetzt -- o, mein Gott -- mir wird elend und angst, wenn ich daran denke -- -jetzt bin ich womöglich der Dieb selbst? . . . - -Ich will alle meine Kraft -- o ich fühle, mir bleibt kaum mehr so viel -übrig, überhaupt das Leben zu ertragen -- ich bin ja irrsinnig oder ich -beginne es zu werden -- mein Körper gehört nicht mehr mir, meine Stimme, -welch' eine Stimme kommt aus meiner Kehle -- sind das noch meine Hände -- -ist das meine Haut, dieses dünne eidechsenartige Gewebe auf meinen Fingern? -O der Ekel befällt mich, ich muß -- hilf mir mein Gott, nein, nein, ich bin -nicht der Dieb, nein, ich habe nicht gestohlen, so wahr ich lebe, ich -. . . - - * * * * * - -(Zwei Stunden später.) Ich will alle Kraft zusammennehmen und das -Entsetzliche aufschreiben, vielleicht findet man es nach meinem Tode. Dann -wird man sehen können, wie unschuldig ich bin; daß ich nicht das geringste -begangen habe, was unrecht ist. Ja, ich will versuchen, mich selbst zu -verteidigen, _mich gegen mich selbst_ zu verteidigen. -- - -Als ich von dem Gespräch mit Frau Sanden in meine Kabine kam, überlegte ich -mir, wie ich den Agenten und die Damen und alle Schiffsgäste zum besten -halten könnte. Ich wollte mich recht auffallend betragen; wenn noch irgend -etwas an ihrer Überzeugung fehlte, daß ich der Dieb sei, so wollte ich es -hinzutun. Ich wurde ganz warm bei diesem Gedanken. Ich sah, ich fühlte alle -Blicke auf mir; alle sah ich umherstehen und flüstern und überall, wo ich -in Gedanken vorbeiging, ließ ich eine Äußerung fallen, machte ich eine -eigentümliche Geste, die mich als den Dieb verraten und charakterisieren -sollte. Fast ohne daß ich es wußte, verließ ich meine Kabine, ging den Gang -hinunter und wollte eben die Treppe emporsteigen, als der Gelbe mir -entgegenkam. Er trug etwas Schimmerndes in der Hand, was ich gleich -erkannte. - -»Ha, da sind Sie?« Zufällig gebrauchten wir genau dieselben Worte und -sprachen sie auf die Sekunde gleichzeitig aus. - -»Was haben Sie denn da? Ein altes Schlachtschwert. Wollen Sie jemanden -hinrichten?« Er hatte in der Tat ein großes, mittelalterliches Schwert in -der Hand, an dem einige Goldketten herabhingen. Er drängte mir das Schwert -in die Hand und indem ich es wog, fühlte ich, daß es sehr schwer war. - -»Ich wollte eben zu Ihnen kommen, um es Ihnen zu zeigen. Sie verstehen doch -offenbar etwas von Waffen?« - -Die Frage kam mir so eigentümlich vor, daß ich unwillkürlich in seine Augen -blickte, und zum ersten Mal fielen mir diese Augen auf, die seltsam -grünlich waren, wie die einer schwarzen Katze. Ich wunderte mich im -stillen, daß ich dieses auffallende Merkmal sonst noch nie an ihm -wahrgenommen, ja daß ich eigentlich seine Augen überhaupt noch nicht -gesehen hatte. - -Als ich ihm jetzt antwortete, fiel es mir auf, wie eigentümlich schüchtern -und zitternd meine Stimme klang, ähnlich fast wie die eines Menschen, der -ein schlechtes Gewissen hat und fürchtet, daß sein Lügen durchschaut wird. - -»Ich soll etwas von Waffen verstehen? Wer hat das gesagt?« - -»Aber nun verstellen Sie sich doch nicht.« - -»Ich verstelle mich doch gar nicht . . .« - -»Aber, aber! . . . Jedermann weiß, daß Sie einer unserer besten Kenner -mittelalterlicher Waffen sind . . .« - -Wieder antwortete ich mit derselben leisen schüchternen Stimme: »Ich ein -Kenner? . . .« Fragend sah ich in seine eigentümlich grünschillernden -Augen. »Für wen halten Sie mich denn? Ich bin . . .« - -Aber er ließ mich nicht ausreden, sondern fiel mir ins Wort und sagte, -während mein Erstaunen ins Maßlose wuchs und es mir fast unheimlich wurde: - -»Ich halte Sie für den Herrn, der vor kurzem so glücklich war, in Paris bei -dem Kunsthändler Duval den berühmten Dolch aus rötlichem toledanischen -Stahl zu kaufen. Sind Sie dieser Herr oder sind Sie es nicht?« - -Und jetzt geschah etwas, was ich nie für möglich gehalten hätte und was mir -bis zu meinem Tode rätselhaft bleiben wird. Man hätte doch glauben sollen, -daß ich diesem Ansinnen, den Dolch bei Herrn Duval gekauft zu haben, aufs -lebhafteste widersprochen hätte. Aber jetzt war es mir plötzlich, als ob -sich in meinem Inneren etwas umwandte -- ganz deutlich hatte ich dies -Gefühl, als kehre sich etwas Dunkles plötzlich in mir ins Licht -- und laut -und vernehmlich hörte ich wie meine Stimme sagte: »_Ja, der bin ich_.« Und -in demselben Moment als ich dieses zugab, da wußte ich auch, daß es sich -bei dieser so unscheinbar klingenden Frage eigentlich gar nicht um den -Dolch, sondern um das Bild, um das Bild der Gioconda handelte, daß die -Frage: Haben sie den Dolch bei Herrn Duval gekauft? nicht mehr und nicht -weniger bedeutete als: Haben Sie die Gioconda aus dem Louvre geraubt? - -Und irgendeine fremde, unsichtbare Macht zwang mich, ohne daß ich selbst -begriff wie, es zuzugeben, ja dazu zu sagen, als sei es das -Selbstverständlichste von der Welt. - -Ich hatte doch mit meinen eigenen Augen gesehen, wie er selbst in den Laden -getreten war und die Hand auf den Drücker gelegt hatte. Ich hatte doch -gesehen, wie er als Erzbischof verkleidet vor Herrn Duval gestanden hatte -und plötzlich den Mantel, der mit brennend roter Seide gefüttert war, -zurückschlug und den Dolch in der Hand hielt. Ich hätte es also mit dem -besten Gewissen beschwören können, daß er selbst es war, der den Dolch -gekauft hatte. - -In seinen Augen aber, diesen, wie mir jetzt immer mehr schien, irisierend -grünen Augen einer schwarzen Katze, sah ich ganz deutlich im selben -Augenblick den Triumpf höhnischer Befriedigung darüber aufleuchten, die -ganze Last und die Verantwortung für diesen frechen unerhörten Diebstahl -auf mich abgewälzt zu haben. - -All das war nur die Empfindung eines Augenblicks, und ein Vorübergehender -hätte nichts gesehen als eine Gestalt in einem auffallend gelben Mantel und -einer großen Reisemütze, und einen andern Herrn, der sich fachkundig über -ein altes Schwert beugte. Nichts war sonst zu sehen. Aber was spielte sich -unterdessen und während der nächsten Augenblicke in meinem Innern ab! Alles -an mir kam mir plötzlich fremd vor. Ich betrachtete mit Entsetzen meine -eigenen Hände, wie sie mit nie gesehenen Bewegungen über das Metall hin und -her fuhren und es befühlten. Waren dies noch meine Hände, sind dies meine -Hände, diese langen dünnen gelblichen Finger, die wie mit einer feinen -Eidechsenhaut überzogen sind? Während ich gebeugt über das Schwert stand, -ließ ich meinen Blick über meinen Körper, meine Beine, meine Füße laufen. -Das Blut pochte mir in den Schläfen -- auch mein Körper kam mir plötzlich -fremd und unbekannt vor, nicht wie ein Teil meiner selbst, sondern wie ein -Tisch, ein Stuhl, wie eine Sache, die man angreifen kann und die hart und -gefühllos ist. Wie aber erschrak ich erst, als ich plötzlich meine Zunge in -meinem Gaumen sich wie den Klöppel einer Glocke bewegen fühlte, als sich -meine Lippen feuchtkalt aufeinanderlegten und als eine fremde Stimme, eine -nie gehörte, grauenhafte Stimme aus meinem Munde erscholl und Dinge sagte, -von denen meine Seele nicht das geringste wußte oder auch nur ahnte. - -Entsetzt hörte ich diesen Erklärungen zu, während ich die Worte wie -würfelartige Holzklötze auf meiner Zunge fühlte: »Es dürfte eine -augsburgische Arbeit sein. Im germanischen Museum in der fränkischen -Waffensammlung befindet sich wohl ein Geschwisterstück zu dem Ihrigen, -einfacher, nicht so reich ziseliert an der Schneide, aber von derselben -Art. Hier hat das Metall übrigens einen Sprung.« Ich sah wie mein eigener -Finger auf eine Stelle des Griffs deutete, wo in der Tat ein ganz feiner, -haardünner Sprung im Metall zu sehen war. - -Und während ich jetzt meinem deutenden Finger über dem Metall folgte, -während ich noch diese mir Grauen erregende Stimme aus mir hervordringen -hörte, hatte ich plötzlich jenes seltsame Gefühl, das vielleicht jeder -Mensch in seinem Leben empfunden hat -- ich hatte eine Art traumhaften, -aber doch klaren Gefühls, als hätte ich eben dieselbe Szene, genau wie sie -sich jetzt abspielte, schon vor vielen Jahren einmal erlebt. - - * * * * * - -Ich erwachte wie von einer Betäubung. Noch immer stand ich an der Treppe. -Ich hielt das Schwert in den Händen. Alle meine Sinne waren gespannt und -lauschten auf die Schritte und Stimmen, die über mir hörbar waren. Mir war -als hätte sich die Schärfe meines Gehörs verdoppelt, deutlich unterschied -ich jeden einzelnen Laut, jede einzelne Stimme, deutlich verstand ich was -sie sagten und worüber sie lachten. Frau Rosenborgs Gelächter erhob sich -wie eine Rakete flackernd über das Gewirr dunkler und hellerer Stimmen. Im -Tonfall einer sonoren Stimme, die in Begleitung einer scharfen, eckigen -erklang und mit ihr wechselte, vernahm ich mehrmals das Wort Gioconda. Bei -dem Wort Louvre erreichte die sonore Stimme jedesmal ihren tiefsten Ton. - -Plötzlich aber hatte ich ein Gefühl ganz ähnlich dem, wenn man aus einem -sonderbar fesselnden Traum erwacht. Wie man wohl von dem Wunsch beseelt -ist, die Erscheinung eines Traumes noch zurückzuhalten, zurückzurufen, wenn -man zu einer quälenden sorgenvollen Wirklichkeit, der man entfliehen -möchte, erwacht ist, -- so hatte auch ich den Wunsch, etwas Entfliehendes -zurückzuhalten und unwillkürlich machte ich mit der Hand eine greifende -Bewegung vorwärts, wie um etwas festzuhalten. Im selben Augenblick aber -fühlte ich wieder, daß dieses nicht meine Hand war und wie mit einem -elektrischen Schlage durchzuckte mich ein unnennbares Gefühl des Grauens -und Entsetzens. Ich stürzte in meine Kabine. Ich lief; und doch war es mir -nicht als liefe ich, sondern als liefe ein anderer an meiner Stelle, mit -einem mir fremden, unregelmäßigen Gang. Dann befühlte ich mich, befühlte -mit meinen eidechsenhäutigen Händen meinen Körper, meinen Kopf, meine -Haare. Und ich fühlte nicht mich, -- ich fühlte einen andern. Nur die, die -wissen, was sich hinter Worten verbergen kann, können mich vielleicht -verstehen, wenn ich sage: ich fühlte meinen Bruder. Ich fühlte ein kurzes, -trockenes, struppiges Haar, ein flaches, knöchernes Ohr, schmale, dünne, -runzlige Lippen. Und die Bewegungen von diesem mir fremden Körper, von dem -mir meine Augen zwar sagten, daß es der meinige sei, empfand ich nur so wie -man die Bewegung eines unter einer Decke verborgenen Tieres bei aufgelegter -Hand wahrnimmt. - -O mein Gott, mein Gott, was ist mir geschehen! Was ist das? Alle meine -Gebärden gehören nicht mir, ich habe eine fremde Stimme, ich lache ein -fremdes Lachen, ich gehe einen fremden Gang, welche Bewegungen mache ich? -. . . ich bin hilflos wie ein Kind . . . ein Körper umgibt mich, ein -fremder Körper, fremde Hände, fremde Arme, fremde Augen . . . o mein Gott, -mein Gott, _ich lebe noch, aber ich bin nicht mehr!_ - - * * * * * - -Kann sich jemand eine Vorstellung machen von dem, was ich empfinde! Wer ist -je in einer so furchtbaren Lage gewesen! Früher habe ich zuweilen etwas -ganz entfernt Ähnliches empfunden, wenn ich plötzlich für den Bruchteil -einer Sekunde, vielleicht in meiner Bewegung, im Tonfall meiner Stimme, in -meinen Augen eine Ähnlichkeit, eine Gleichheit mit einer mir bekannten -Person bemerkte. Und das Unbehagen, das sich bei diesem flüchtigen Bemerken -einstellte, war stets um so größer, je näher ich mit jenem Menschen -verwandt war, dessen Miene oder Haltung ich plötzlich an mir wahrzunehmen -glaubte. So erinnere ich mich deutlich, wie grauenhaft mir eines Tages -meine Schwester erschien, als ich plötzlich ihre Blicke in meinen Augen -fühlte, und ein ausgesprochenes Ekelgefühl hatte ich auch als ich -- -deutlich steht mir noch der Ort vor Augen -- beim Heraustreten aus einem -Hamburger Hotel die Ganghaltung und Bewegung meines vor Jahren verstorbenen -Bruders an mit wahrnahm. Nur Menschen, die je etwas Ähnliches empfunden -- -aber mir kommt vor, alle müßten es gefühlt haben -- werden sich in meine -Lage versetzen, werden mir dieses entsetzliche bittere Unlustgefühl, diesen -physischen und zugleich körperlichen Ekel vor mir selbst von ferne -nachfühlen können. - - * * * * * - -Ich fühlte oftmals, wie ich daran war, das Bewußtsein zu verlieren. Es -kamen Augenblicke der Erleichterung, sogar des Vergessens. Aber immer -wieder und jedesmal furchtbarer kehrte mir das Bewußtsein meines -entsetzlichen Zustandes zurück. - -Ich hätte schreien wollen, aber die Angst vor der entsetzlich grauenvollen -Stimme, die ich aus meinem Munde hatte kommen hören, drückte mir die Kehle -zu. Ich preßte die Hände vor meinen Mund und stieß klagende, winselnde Töne -aus. Ich lag auf dem Boden, denn ich hatte ein Gefühl, als müßte ich mich -tief im Innersten der Erde verstecken und begraben. Der physische Abscheu -vor diesem fremden, schwitzenden, behaarten Körper, der mich umgab wie eine -klebrige, widerliche Masse, nahm eher zu, als daß er nachließ. Und zu -diesem unbeschreiblichen Gefühl des Abscheus gesellte sich nach einiger -Zeit noch ein psychischer Schmerz, der mich fast durchbohrte und an die -Grenze des Wahnsinns trieb. Ganz plötzlich empfand ich es nämlich mit aller -Deutlichkeit, oder es war mir wenigstens so, -- als hätte ich es selbst in -der Hand gehabt, diesem furchtbaren Schicksal zu entgehen. Hätte ich die -Kraft gehabt, jene einfältige Frage nach der Herkunft jenes Schwertes, das -ich doch weiß Gott nie gesehen hatte, zurückzuweisen -- nichts hätte mir -geschehen können. Ich habe mich selbst ins Unglück gestürzt. Jetzt machte -mein Inneres jene furchtbar schmerzvollen Anstrengungen, etwas Geschehenes -wieder ungeschehen zu machen. Ich bog mich weit zurück, nach hinten, gerade -als hätte ich dadurch ein Stück Zeit, das schon vergangen war, noch einmal -einbringen, noch einmal durchleben können. Das so furchtbar -niederschmetternde Gefühl des Unwiederbringlichen warf mich gänzlich -darnieder. Aber immer wieder, mit immer erneuter Hoffnungsangst, stellte -ich mir wohl hundertmal jene Szene vor: wie er jetzt die Treppe herabkam, -jetzt sprach er mich an, hielt mir das Schwert entgegen, jetzt frug er und -jetzt -- -- so sehr ich mich auch innerlich sträubte und wehrte, tierische -wilde Verzweiflungslaute entrangen sich meiner Kehle, -- ich konnte und -konnte nicht Herr dieser fremden Gewalt werden, die mich nur durch den -Tonfall ihrer Stimme mir selbst entriß und mir mit einem fremden Willen -einen fremden Körper aufdrang. Trotz meiner Angst, meiner Verzweiflung, die -mir die ganze Erinnerung an die furchtbare Szene wieder erregte, trotz -alledem fühlte ich doch, daß ich im gleichen Falle genau wieder so handeln -würde, und daß, was geschehen war, hatte geschehen müssen. - -Von dieser Einsicht ging zunächst eine -- o, welch ein Hohn steckt in -diesem Worte -- Erleichterung für mich aus. Aber als sich dann meine -Gedanken wieder zu ordnen begannen, als jene Anfälle des -Sichwiedererinnerns aufhörten, da empfand ich mit ungeahnter Heftigkeit die -ganze Hohlheit, die ganze entsetzliche Leere meines Daseins und dieses -Gefühl gepaart mit dem noch viel entsetzlicheren Abscheu und Ekel vor mir -selbst gab mir den Wunsch ein, mich von der schmutzigen Hülle dieses -Körpers und dem Grauen dieses Daseins zu befreien. Ein Gefühl des Hasses, -ganz wie das gegen einen fremden Menschen, ergriff mich. - -Ich fühlte eine tiefe Befriedigung bei dem Gedanken, daß ich diesen Körper -gewaltsam vernichten und mich auf diese Weise auf ewig von ihm befreien -konnte. Ich riegelte die Türe und riß förmlich in Wut den Revolver mit den -Patronen aus der Handtasche. Es hätte mir Freude gemacht, diesen Körper -Stück für Stück zu vernichten. Mit dem ersten Schuß durchschoß ich meine -Hand; ich lachte laut auf vor innerster Befriedigung, als ich das rote Blut -aus dem winzig kleinen Loch des Handtellers hervorfließen sah. Dann legte -ich die kühle, kreisrunde Öffnung des Revolvers an meine heiße Schläfe und -drückte ab. Ich verspürte einen leichten Stoß, aber da ich noch Kraft in -meinem Arm fühlte, schoß ich noch ein zweites Mal, wieder die -Revolvermündung dicht an der Schläfe. Ich erwartete, daß ich taumeln, daß -ich umstürzen werde -- aber nichts dergleichen geschah. Ich befühlte mit -der Hand meine Schläfe -- sie war blutüberströmt und das rote Blut rann -über die Backe, über den Anzug an mir herunter. Aber ich hatte mich nicht -getötet . . . Und nach einigen qualvollen Augenblicken hatte ich die -Gewißheit: Ich _vermochte_ nicht, mich zu töten . . . . - - * * * * * - -Ich erwachte und lag auf meinem Bett. An der Dämmerung, die in der Kabine -herrschte, sah ich, daß es Abend war. Ich suchte mich zu erinnern und -richtete mich auf. Hatte ich geträumt? Die schwache Regung der Hoffnung, -die in mir aufstieg, wurde sofort durch die deutlich erkannte Gewißheit, -daß es kein Traum, daß es Wirklichkeit war, zerstört. Fühlte ich denn nicht -wieder diesen klebrigen, schleimigen Körper um mich, fühlte ich nicht meine -wahren Bewegungen, meine Augen, meine Mienen, wie hinter einer dumpfen -heißen Maske, die mir den Atem benahm? - -Plötzlich bemerkte ich, daß ich nicht allein in der Kabine war. - -In der Dunkelheit neben dem helleren Fenster, durch das der Abend -hereinsah, erblickte ich den Kopf und die Schultern einer seltsam fremden -Gestalt. Sie wandte mir jetzt ihr Profil zu und schien unverwandt auf einen -Punkt zu starren. Nur verschwommen und undeutlich konnte ich die Züge und -den Ausdruck des Gesichts wahrnehmen. - -»Ist jemand da?« fragte ich halblaut und langsam. - -Keine Antwort. Die Gestalt beharrte unbeweglich in ihrer Stellung; nur war -es mir einen Augenblick, als sähe ich sie deutlich die Lippen bewegen, -öffnen und wieder schließen. Aber kein Laut war hörbar. - -Wenn ich jetzt an jenen Augenblick zurückdenke, frage ich mich, warum mich -gleich bei der Entdeckung dieses Fremden ein neuer Schrecken befiel, ein -Schreck, der nichts gemein hatte etwa mit der Furcht vor einem -Eindringling. Nein, sobald ich das schattenhafte Wesen neben dem Fenster -erblickte, wußte ich auch in meinem innersten Innern, mit einer Sicherheit, -die nicht den geringsten Zweifel zuließ, daß dieser Mensch, er sei, wer er -sei, in irgend einem Zusammenhange mit meiner schrecklichen Lage stand. Die -Furcht vor einer neuen grauenhaften Entdeckung ließ mich erbeben, -durchrüttelte mich kalt wie ein Fiebersturm. Meine Phantasie war so bis zum -Äußersten gereizt, daß sie nichts mehr für unmöglich hielt. Ich hätte mich -nicht gewundert, wenn ich den Mond, der schon einen schwachen gelblichen -Streifen auf den Boden meiner Kabine legte, krachend vom Firmament hätte -herabstürzen und sich in den grau verdampfenden Fluten des Weltmeeres wie -in einem ungeheuren dunklen Wolfsrachen hätte begraben sehen. Nichts, -nichts hätte mich jetzt gewundert! Ich hätte den Riegel von meiner Tür -springen, ich hätte sie von unsichtbaren Händen sich öffnen und schließen -sehen können und das wäre mir nicht unnatürlich, nicht rätselhaft -erschienen, denn ich selbst hatte Rätselhafteres erlebt, _wußte_ ja auch, -daß ich noch viel Unerhörteres in den nächsten Augenblicken erleben würde -. . . - -Als ich die fremde Gestalt im Dunkel zum zweiten Male anrief, geschah es -mit kaum hörbarer, flüsternder Stimme, nicht lauter wie das Knistern von -Seide. Und wieder war es mir, als sähe ich die Lippen sich stumm bewegen; -aber nichts war zu hören. - -Ich wagte meine Frage nicht zum dritten Mal zu wiederholen. Starr, bald von -Glut geschüttelt, bald von kaltem Schauer überkrochen, blieb ich -bewegungslos und halb aufgerichtet auf meinem Arm gestützt und starrte die -Erscheinung an. - -Plötzlich fühlte ich eine Helligkeit über mein Gesicht gleiten. Es war der -Mond, der bei einer Wendung des Schiffes jetzt in den Ausschnitt des -Fensters trat. Im selben Augenblick erkannte ich aber auch deutlich das -Antlitz der fremden Gestalt, die neben dem Fenster stand. Der Mond -beleuchtete auch sie. Ich sprang von dem Bett auf und drehte hastig das -elektrische Licht an. Der Raum war taghell erleuchtet -- niemand war zu -sehen. - -Mit heimlichem Grauen sah ich nach der Stelle, wo ich noch vor Sekunden die -Gestalt erblickt hatte. Auf der graugelben Tapete kroch eine Fliege. Es war -totenstill und nichts rührte sich. Ich hörte nur wie mein Atem ging und wie -meine Brust sich hob und senkte, sich hob und senkte. Ich stand da und -starrte nach dem goldgerahmten Spiegel in der Ecke, an dem wie immer meine -Mütze hing. - -Aber einen Augenblick später durchzuckte mich ein furchtbarer Gedanke! Mit -einem Sprung stand ich vor dem Spiegel -- die gräßlichste Ahnung der -letzten Sekunde sah ich erfüllt. In der Scheibe des Spiegels gewahrte ich -eben dieselbe Gestalt, dasselbe Antlitz, dieselben seltsamen Augen, die -mich eben noch als die eines Fremden mit Grauen und Schreck erfüllt hatten. -Das bräunliche Antlitz eines fremden Mannes starrte mich mit irisierend -grünlichen Augen als mein eigenes Antlitz an. Und während ich mich mit -beiden Händen an dem Spiegel festhielt, um nicht zu fallen, war es mir, als -hätte ich dieses Antlitz schon gekannt seit langen Jahren . . . seit langen -Jahren . . . . - - * * * * * - -Man hat es oft beobachtet, daß eine plötzlich den Menschen befallende -Furcht oder ein Schrecken ihn für einige Zeit des Verstandes beraubt. Der -menschliche Geist hat, wie jeder Körper, nur eine ganz bestimmte -Elastizität; er ist nicht fähig, die allergewaltsamsten Veränderungen -augenblicklich zu begreifen, und nach dem Gesetz der psychischen Reaktion -tritt sehr oft nach dem ersten furchtbaren Erschrecken eine völlige -Blindheit des Geistes ein, ein völliges Vergessen. So hat man Mütter, deren -Kinder in einem Brande umgekommen und vor ihren Augen verbrannt waren, -wenige Augenblicke nachher, ihre eben unterbrochene Tätigkeit wieder -aufnehmen sehen, ja sogar heiter und sorglos lachen hören. - -Auch an mir konnte ich jetzt einen ähnlichen Zustand feststellen. Nachdem -das erste unheimliche Grauen meinen Verstand bis an die Grenze des -Wahnsinns gebracht hatte, betrachtete ich das Gesicht im Spiegel mit einer -Art einfältig-kindischer Neugier. Ich sah es hilflos grinsen -- und ich -grinste wieder. Eine Hand streckte sich gegen mich aus -- auch ich hob -meine Hand. Und plötzlich, ganz auf die Stufe des Säuglings zurückgedrängt, -versuchte ich mit meinem ausgestreckten Finger das Bild zu berühren. Mein -Geist mußte wohl eben daran sein, sich von dem ersten furchtbaren Schrecken -zu erholen; denn jetzt packte mich ein neues Entsetzen, als ich sah wie der -Spiegel sich unter dem Druck meiner fremden Hand in eine gallertartige, -schlammig-graue Masse verwandelte, und ich in dem eingebildeten Raum hinter -dem Spiegel einen harten Körper berührte, -- mein eigenes Antlitz! - -Und obgleich dieses Antlitz zu leben schien, obgleich ich die belebten -Lippen, den feuchten Augapfel, die atmende Haut mit meinen Augen wahrnahm, -so fühlte meine Hand an der Spitze ihres langen, dünnen gelblichen Fingers -nur einen kühlen, metallisch-harten Körper und im gleichen Augenblick -verspürte ich auf meiner Zunge den scharfen, intensiven Geschmack von -bitterem Messing . . . - - * * * * * - -Ich vernahm plötzlich ein ungeheures Brausen wie von rollenden Rädern und -öffnete die Tür. Draußen erblickte ich eine große Menge hin und her -laufender Menschen, ohne daß ich irgend ein Gesicht deutlich hätte erkennen -und sehen können. Mir war als könne ich den Kopf nicht bewegen und nicht in -die Höhe heben. Ich eilte auf den dunklen Gang hinaus und bemerkte dort vor -mir einen Herrn mit einem ungewöhnlich verzwickten Gang. Ich folgte ihm. -Wir gingen bald links in einen Seitengang, bald rechts, bald stiegen wir -eine enge Treppe hinauf, bald durchschritten wir einen Saal, in dem lauter -Frauenbildnisse hingen, bald kamen wir wieder durch einen Gang, der immer -enger und enger wurde, daß wir uns kaum mehr durchzwängen konnten. Endlich -gelangten wir in eine ungeheuer große Halle, in der ein trübes violettes -Licht herrschte, das irgendwo von oben hereinfiel. Mitten durch die Halle -führte ein endlos langer Gang, der mit schwarzgelben quadratischen Platten -belegt war. Es war eine ungeheure Einsamkeit und Öde um uns, wie auf einem -winterlichen Feld, fern von allem Leben. In weiter Ferne sah man etwas -Schwarzes sich nähern und bewegen. Obgleich es kaum größer war wie ein -dunkler Punkt, so hatte man doch deutlich die Vorstellung von jemandem, der -in einem flatternden Mantel heftig gegen den Wind kämpft. Stunden und -Stunden schienen zu verrinnen, immer sahen wir den Mantel auf dem Wege -flattern und wehen, aber nur ganz langsam und unmerklich schien sich die -Gestalt uns zu nähern. Ganz plötzlich sah ich dann, was mir vorher -entgangen war, daß die Halle von ungeheuer hohen, grauen Säulen getragen -wurde, die wie mächtige Schäfte aus dem Boden herauswuchsen. Kaum hatte ich -das bemerkt, als hinter der nächsten breiten Säule, kaum zehn Schritte von -mir, unhörbar eine Frauengestalt hervor trat, in einem fließend -dunkelgrünen Sammetkleid, das den Hals frei ließ und von einem silbernen -Gürtel umspannt war. Die Frau lächelte eigentümlich und schritt langsam auf -mich zu. Mit jedem Schritt aber schien sie zu wachsen und ihr Antlitz wurde -größer und größer. Sie hatte die Hände leicht übereinandergelegt; ihre -Augen und Lippen lächelten; das offene Haar fiel über die Schultern und den -freien Hals mit dem Brustansatz. Plötzlich wurde es mir klar, daß es keine -Frau war, sondern nur ein Bild gewöhnlicher Größe in einem dunklen Rahmen, -der gegen eine der grauen Säulen gelehnt stand. Gleich darauf hörte ich -hinter mir Schritte von vielen Menschen erklingen. Ich sah, daß ich mich in -einer Kirche befand. Als ich mich umdrehte, gewahrte ich in einer seltsam -in dunkle, traurige Trachten gekleideten Menschenmenge, die sich vollkommen -stumm verhielt, den Mann mit dem flatternden Mantel. Er trug einen -altertümlich spitzen schwarzen holländischen Hut, wie er im siebzehnten -Jahrhundert Mode war. Er ging an der Seite einer großen schlanken Dame, die -mir den Rücken zuwandte und nach dem Ausgang zuschritt. Plötzlich aber sah -sie an dem spitzen schwarzen Hut ihres Begleiters zu mir herüber, lächelte -mir zu und winkte mit der Hand. Ich warf einen Blick nach der Säule -- das -Bild war verschwunden . . . - - * * * * * - -Als ich erwachte, fand ich mich stehend, die halbgeöffnete Tür der Kabine -in der Hand. Ich konnte den Gang übersehen, auf dem ein seltsames Licht -herrschte, obgleich es dunkel war. Auf einmal sah ich einen schwachen, -phantastisch aussehenden Schatten über die Dielen fallen und gleich darauf -bemerkte ich den Gelben, der mit seinem hastigen, verzwickten Gang, ohne -mich zu bemerken, ein großes, graues Paket unter dem Arm, an mir -vorübereilte. - -Lautlos schlich ich ihm nach. - - * * * * * - -Wir kamen auf Deck. - -Der Mond war spät aufgegangen und übergoß das grünliche Meer mit einem -seltsam fahlen, frühen Licht. - -Das Schiff lag ganz still und man hörte nur die tiefen Atemzüge der -Schlafenden. - -Er lehnte das Bild gegen den Reling und mit heftigen Griffen riß er das -graue Papier ab. - -Das Licht des Mondes bestrahlte voll das Antlitz der Gioconda. - -Er umwand das Bild mit einem der am Boden liegenden Taue, beschwerte es mit -einem Eisengewicht, hob es über die Reling empor und ließ es hinab. - -Die Wasser kamen und nahmen es auf. - -Er beugte sich weit über das Geländer, hielt das Tau fest und sah dem -versinkenden Bilde nach . . . - -Da -- im letzten Augenblicke -- geschah etwas höchst Wunderbares und -Rätselhaftes. - -Das Bild wandte sich eben noch einmal empor und durch das blaugrüne Wasser -sah man deutlich das lächelnde Antlitz. Plötzlich war es, als begännen die -Konturen des Bildes leise zu zittern, als zuckte es lebendig um diese -lächelnden Lippen und jetzt erhoben sich diese schrecklichen Hände und -streckten sich empor, empor, uns zu berühren. - -Mit einem Ruck warf er das Tau hinaus. Im selben Augenblick aber sprang aus -seiner Brusttasche ein langer rötlicher Dolch, klirrte auf, zischte wie ein -Pfeil ins Wasser und heftete wie ein Kreuzesnagel die sich erhebenden Hände -auf der Tafel wieder fest . . . - -Wie ein Schatten verschwand das Bild in der Tiefe. - -Zwischen den blaugrünen Wellen stieg ein dünner Blutstrahl empor . . . - -Sammlung abenteuerlicher Geschichten Bd. 4: - -Paul Leppin - -Severins Gang in die Finsternis - -Ein Prager Gespensterroman - -Mit Umschlagzeichnung von Richard Teschner Geheftet 2 Mark. In -Halbleinenband 3 Mark - -Dieses Buch, das von der Wirrsal und Verderbnis einer von innern -Geschehnissen grausam geängstigten Knabenseele erzählt, rechtfertigt in -mehr als einer Beziehung den Titel »Gespensterroman«. - -Seine Kapitel sind mit einem ungeheuern, unfaßbaren Schrecken angestellt, -der die Geburt, die Reise und die Vollendung eines Schicksals einkreist, -das aus dunklen und schlimmen Verstecken quillt. Aus den Gesichten einer -verirrten und gestörten Kindheit lösen sich rätselhafte Gefahren los, -abgefeimte Gedanken wachsen im Zwielichte, und der Tod wird zum grotesken, -verführerischen Spiel eines an der eigenen Unrast verzweifelnden Mörders. -Es ist ein guter und klug psychologischer Zug, daß der Autor seinen Helden -nicht an der Wirklichkeit seiner neurasthenischen Träume, sondern an einer -würdelosen Leidenschaft zugrunde gehen läßt, die seine von ratloser -Sehnsucht verheerten Sinnen mit allen Qualen der Hölle gepeinigt. - -Dieser Roman, der eine bunte Folge wunderlicher Ereignisse und phantastisch -beleuchtender Figuren vor uns abrollt, ist ein Kulturdokument von -originellem Reiz. Das alte Prag mit der barocken Romantik seiner Fassaden -steigt darin auf, das seinen Mystizismus auch in der veränderten Landschaft -moderner Straßen und Plätze und in der einförmigen Physiognomie der -Vorstädte bewahrt. Die bewegliche Mischung deutscher, indischer und -slavischer Elemente findet sich hier unter einem gemeinsamen Firnis zu -einem Gärungsstoffe zusammen, der absonderlichen Prozessen unterworfen ist. -Es ist eine merkwürdige Gesellschaft, in die uns der Dichter einführt. -Entwurzelte, die sich vom Leben treiben lassen. Philosophen, die es mit -einem Lächeln abtun. Abenteurer, die aus Passion auf den Seelenfang -ausgehen, sentimentale Zyniker mit dem Habitus der Hasardspieler. Und -mitten unter diesen Männern und Weibern die rührende Gestalt Zdenkas, des -Tschechenmädchens, die neben dem kupplerischen Schatten böser Dinge mit -reinem Herzen in hilfloser Demut steht. »Severins Gang in die Finsternis« -ist auch der Roman ihrer Liebe. Diese Liebe, mit Süßigkeit und Tränen -beschwert, geht über alle irdischen Grenzen hinaus und gibt dem Buche -Leppins einen wunderbaren, ekstatisch vergoldeten Hintergrund. - -Delphin-Verlag / München - -Sammlung abenteuerlicher Geschichten Bd. 2: - -A. M. Frey - -Dunkle Gänge - -Zwölf Geschichten aus Nacht und Schatten - -Mit Umschlagzeichnung von L. Durm Geheftet 2 M. 50 Pf. In Halbleinenband 3 -M. 50 Pf. - -_Paul Zech im »Berliner Tageblatt«:_ »Zu den wenigen jüngeren -Schriftstellern, die das Erbe Edgar Poes mit dem richtigen Instinkt -aufnahmen und damit wucherten, gehört A. M. Frey. Er stellt sich mit seinem -Erstling gleich in die vorderste Reihe der Erzähler dieser exponierten -Gattung von Belletristik. Er holt seine Stoffe nicht aus unkontrollierbaren -Bezirken. Der Alltag, der in seiner bunten Vielgestaltigkeit auch diese -Abseitigkeit trägt, ist für Frey eine unerschöpfliche Fundgrube. Man wird -in unerklärliche Situationen befördert, ohne die Fahrt zu spüren. Man ist -plötzlich in einem unentrinnbaren Labyrinth und wie von Polypenarmen -umstrickt. Fast jede der zwölf Geschichten bohrt ein Extrem an, das die -festen Enden der Nerven berührt und aufpeitscht zu unerhörten Sensationen, -das Märchenhafte ins Grausige, Exzentrische, phantastisch Verstiegene und -übermenschlich Visionäre umwandelt. Man wird das Buch nicht mit einem -einmaligen Lesen abgetan haben. Es kribbelt in den Nerven weiter und setzt -Blutkreise in Bewegung, die in der Schalheit vieler Stofflichkeiten, die -den Augenblick bewegen, nur selten zirkulieren.« - -_Eugen Reinbold in d. »Württemberger Zeitung«:_ »Neben der großenteils -originellen Erfindung bewundern wir die sichere Gestaltung, die geradezu -fesselnde Sprachkunst, die die Dinge mit persönlichem Leben zu erfüllen -weiß und sie philosophierend in Zusammenhang mit allgemein Menschlichem zu -bringen sucht. So möge, wer eine wirklich interessante und doch nicht rein -oberflächlich unterhaltende Lektüre liebt, nach diesem Werkchen greifen.« - -_L. E. Kemmer in der »Badischen Landeszeitung«:_ »Mit einer knappen -Anschaulichkeit, die oft den Eindruck einer wohlgetroffenen Farbenskizze -macht, verbindet er eine Geschlossenheit der Form, wie wir sie nur bei den -bedeutendsten Novellisten finden, und die jede einzelne der zwölf -Erzählungen zu einem kunstvoll geschliffenen Edelstein gestaltet hat.« - -Delphin-Verlag / München - -Sammlung abenteuerlicher Geschichten Bd. 1: - -Hermann Eßwein - -Megander - -Der Mann mit den zween Köpfen und andere Geschichten - -Mit Umschlagzeichnung von A. Kubin Geheftet 3 Mark, in Halblederband 4 Mark -50 Pf. - -_J. Robert im »Berliner Lokal-Anzeiger«:_ »Das Geschichtenbuch von Hermann -Eßwein: >Megander< enthält Tragikomödien, erzählt in einer Sprache, die -zuweilen an Gottfried Keller, öfter an Jean Paul erinnert. In der Mehrzahl -der acht Erzählungen klingt ein Motiv immer wieder an. Das Motiv vom -Rausch, vom göttlichen Rausch, der uns Vergessen bringt, aber auch -fortreißt zur schöpferischen Tat. Und diese Begeisterung, dieser Taumel, -diese starken phantastischen Kräfte zersplittern an der braven Gemeinheit -des Alltags. Und ein zweites Motiv klingt an: von wirren Träumen und vom -Wahnsinn.« - -_Otto Pick im »Pester Lloyd«:_ »Eßwein gelingt es, den Leser durch rein -menschliches Interesse über Gespenstiges und Unerklärliches -hinwegzugeleiten. Dies scheint die Novellen zu den beliebten, kühl -erklügelten Geschichten vom Grauen in wohltuenden Gegensatz zu stellen: daß -sie nie von außen geformt, sondern von innen heraus mit künstlerischer -Notwendigkeit erstanden sind.« - -_Dr. M. Schumann i. d. »Augsburger Neueste Nachrichten«:_ »Die Sprache -Eßweins ist meisterlich, und sein Standpunkt über den Dingen kennzeichnet -sich in der Art, wie er das Spießbürgerliche, Nüchterne mit seinem Spott -abtut. In dieser Sprache offenbart sich die ganze hervorragende -stilistische Begabung des Autors. Leicht beweglich, ungezwungen und doch so -wohlgeschliffen in jedem Ausdruck, gewinnt das Erzählte bei jedem Wort an -Selbstverständlichkeit. In dieser Sprache allein ist schon die ganze -Stimmung, die den Geschichten selbst zugrunde liegt, und all das gibt dem -Buch Eßweins einen hervorragenden Wert in der Literatur der sonderbaren -Geschichten; es ist eine der wenigen Erscheinungen auf diesem Gebiete, die -eine selbständige Bedeutung haben.« - -Delphin-Verlag / München - -Im gleichen Verlag sind ferner erschienen: - -Päbstin Johanna / Roman - -von Ludwig Gorm - -In Pappband 3 Mark. In Halblederband 4.50 Mark - -_Univ.-Prof. Dr. Fr. Muncker in den Münchener Neuesten Nachrichten:_ »In -dem Rahmen der kulturgeschichtlichen Novelle, deren künstlerische -Geschlossenheit und straffer Aufbau imponieren, behandelt der Dichter das -Problem von dem tragischen Schicksal der Frau, die zugrunde geht, weil sie -über die Grenzen ihrer Weiblichkeit hinaus wollte. Kein Leser wird diese -historische Novelle ohne tiefe Ergriffenheit lesen«. - -Jung Schuk - -»Ein moderner Werther-Roman« von Reinhard Goering - -Geheftet 3 Mark. In Leinenband 4.50 Mark - -_E. Dauthendey in der »Bayrischen Zeitung«:_ »In unserer Zeit der Fläche -und Oberfläche ein Buch in die Hand bekommen, das ganz und nur Tiefe ist, -berührt wie ein Ereignis. -- Jung Schuk ist die Geschichte eines Werdenden. -Der tief ergreifende Werdegang eines Mannes, der ganz nur auf das -Innerliche gestellt, zwischen den Abgründen der Idealität des Wollens und -der Realität des Müssens seinen bittren schmerzvollen Weg wandelt, auf dem -wir ihn mit tiefstem Interesse, das aus Weh und Freude seltsam gemischt, -bis zum Ende begleiten.« - -Johann Peter Hebel - -Das Schatzkästlein - -des Rheinländischen Hausfreundes - -Herausgegeben von Prof. Karl Voll, München Vollständige Ausgabe mit 30 -Abbildungen In Pappband 10 Mark. In Halblederband 14 Mark - -_Vilmar in seiner deutschen Literaturgeschichte:_ »Die Erzählungen des -Schatzkästleins sind an Laune, an tiefem und wahrem Gefühl, an -Lebhaftigkeit der Darstellung vollkommen unübertroffen. Sie sind die Freude -der Jugend und die Unterhaltung des Alters und wie alle echten Natur- und -Volksdichtungen eigentlich niemals durchzulesen und auszuschöpfen.« -- -_Hermann Hesse im »März«:_ »Eine famose Überraschung sind die Holzschnitte; -sie atmen den Duft der Kaiserzeit und geben dem Buch wirklich einen neuen -Reiz und Klang, wie ein glücklich gefundener Rahmen ein altes wohlbekanntes -Bild noch heben und steigern kann.« - -Delphin-Verlag / München - - Buchdruckerei Hesse & Becker, Leipzig - - - - -Anmerkungen zur Transkription - - -Offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert. - - - - - -End of Project Gutenberg's Das Geheimnis der Gioconda, by Ernst B. Schwitzky - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DAS GEHEIMNIS DER GIOCONDA *** - -***** This file should be named 43733-8.txt or 43733-8.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/4/3/7/3/43733/ - -Produced by Jens Sadowski - -Updated editions will replace the previous one--the old editions -will be renamed. - -Creating the works from public domain print editions means that no -one owns a United States copyright in these works, so the Foundation -(and you!) can copy and distribute it in the United States without -permission and without paying copyright royalties. Special rules, -set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to -copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to -protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project -Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you -charge for the eBooks, unless you receive specific permission. 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