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+The Project Gutenberg EBook of Ein Blick in die Zukunft, by Richard Michaelis
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Ein Blick in die Zukunft
+ Eine Antwort auf: Ein Rückblick von Edward Bellamy
+
+Author: Richard Michaelis
+
+Release Date: January 5, 2014 [EBook #44598]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK EIN BLICK IN DIE ZUKUNFT ***
+
+
+
+
+Produced by Jana Srna, Norbert H. Langkau, Norbert Müller
+and the Online Distributed Proofreading Team at
+http://www.pgdp.net
+
+
+
+
+
+ Anmerkungen zur Transkription
+
+ Text, der im Original gesperrt gesetzt war, wurde #so# markiert.
+ Text, der nicht in Fraktur, sondern in Antiqua gesetzt war,
+ wurde _so_ markiert, außer bei Regentenzahlen, wie Ludwig XVI.
+
+ Zeichensetzung und Rechtschreibung wurden weitgehend übernommen,
+ auch dort, wo mehrere verschiedene Schreibweisen benutzt wurden,
+ außer bei offensichtlichen Fehlern.
+
+
+
+
+ Ein Blick in die Zukunft.
+
+
+ Von
+ Richard Michaelis,
+ Redakteur der »Chicagoer Freien Presse«.
+
+
+ Eine Antwort auf:
+
+ Ein Rückblick
+
+ von Edward Bellamy.
+
+
+
+
+ Leipzig.
+
+ Druck und Verlag von Philipp Reclam jun.
+
+ Chicago and New York.
+ Rand, McNally & Company, Publishers.
+
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+
+Vor Nachdruck gesetzlich geschützt. Alle Rechte sind vorbehalten.
+
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+
+
+Vorwort.
+
+
+Jedes Streben nach der Wahrheit und Besserung unserer Zustände verdient
+Anerkennung; selbst wenn wir die Richtung und die vorgeschlagenen
+Maßregeln nicht billigen können. Herrn Edward Bellamys Buch, »Ein
+Rückblick«, stellt einen Versuch dar, die Lage der Menschheit zu bessern
+und ist deshalb lobenswert; aber wenn wir seine Verbesserungs-Vorschläge
+des schillernden Mantels entkleiden, mit welchem er sie umgeben
+hat, so bleibt nichts übrig, als nackter Kommunismus. Und dieser
+hat sich überall, wo er ohne religiöse Grundlage eingeführt wurde,
+als ein Fehlschlag erwiesen. Heute ist er nur noch bei Wilden und
+Menschenfressern »Staatsform«.
+
+Chicago war während der letzten vierzehn Jahre der Mittelpunkt der
+kommunistischen und anarchistischen Bewegung in den Ver. Staaten.
+Während ich in der »Freien Presse« die Grundsätze, auf welchen das
+amerikanische Staatswesen beruht, gegen jene aus den überbevölkerten
+europäischen Industrie-Ländern eingeschleppten Lehren verteidigte,
+wurde ich sowohl mit diesen sehr vertraut, wie auch mit den Schrullen
+und Sonderheiten der Gesellschaftsretter, die allen Ernstes glauben,
+sie seien im Besitz eines unfehlbaren Mittels, mit welchem sie nicht
+nur alle menschlichen Einrichtungen, sondern auch die Menschen selbst
+vollkommen machen könnten.
+
+Herr Bellamy vertritt allerdings gemäßigtere Ansichten, als diejenigen,
+welche Spies und Parsons lehrten; aber er hat dies mit den Anarchisten
+und Kommunisten von Chicago gemein, daß er unfähig geworden ist,
+die Einrichtungen, Zustände und Menschen der Jetztzeit gerecht zu
+beurteilen, daß er die Schwierigkeiten unterschätzt, welche der
+Einführung von ihm vorgeschlagener Änderungen entgegen stehen, daß
+er wirklich glaubt, seine Staatsluftschlösser würden im Handumdrehen
+greifbare Gebilde werden und daß er sein Wolkenkuckucksheim mit
+engelgleichen Wesen bevölkert, welche alle menschlichen Schwächen
+abgelegt haben und unter keinen Umständen ein Unrecht begehen würden.
+Die Annahme, daß die Männer und Frauen in einem kommunistischen
+Staatswesen Selbstsucht, Neid, Haß, Eifersucht, Streitsucht und
+Herrschsucht gänzlich abstreifen würden, ist ebenso vernünftig oder
+unvernünftig, wie die Annahme, daß ein Mensch 113 Jahre schlafen
+und alsdann eben so jung und kräftig aufstehen könnte, wie er sich
+niederlegte.
+
+Welch sonderbare Maßregeln Gesellschaftsretter doch mitunter
+vorschlagen! Joh. Most möchte im Namen der Gleichheit erst alle
+diejenigen umbringen, die nicht in allen Dingen seiner Meinung sind.
+Dann würde er alle Gesetze und alle Beamten abschaffen und dann der
+Natur ihren Lauf lassen! --
+
+Herr Bellamy dagegen würde, ebenfalls im Namen der Gleichheit, allen
+tüchtigen und fleißigen Arbeitern einen namhaften Teil dessen rauben,
+was sie mit ihrer Thätigkeit geschaffen, das Geraubte würde er den
+ungeschickten, dummen und faulen Arbeitern geben, und das wäre dann, was
+Herr Bellamy Gerechtigkeit und Gleichheit nennt!
+
+Und um diese angebliche »Gleichheit« zu erringen, würde Herr Bellamy
+natürlich den Wettbewerb opfern müssen, die Riesenkraft, welche uns alle
+und Herrn Bellamy mit uns auf die Höhe der Bildung und Gesittung erhoben
+hat, die das Menschengeschlecht jetzt einnimmt. Es ist wahr, daß der
+Wettbewerb schwere Mißbräuche im Gefolge gehabt hat und noch heute hat.
+Aber jede Einrichtung kann zu Mißbräuchen führen und der Umstand, daß
+ein Ding gemißbraucht wird, beweist durchaus nicht, daß das Ding an sich
+schlecht ist.
+
+Niemand kann leugnen, daß der Wettbewerb während der Jahrhunderte
+christlicher Civilisation die geistigen und körperlichen Kräfte
+der Menschheit hoch entwickelt hat, daß der Wettbewerb während
+dieser Jahrhunderte alle Menschen zur Einsetzung ihrer höchsten
+Leistungsfähigkeit angespornt und unser Geschlecht auf eine Höhe
+gehoben hat, auf welcher dem gewöhnlichen Arbeiter mehr Bequemlichkeiten
+und Genüsse zugänglich sind, als den Königen, von welchen Homer singt.
+
+Jedes Geschlecht hat an großen Aufgaben zu arbeiten und uns liegt es
+ob, die Beziehungen des Kapitals zur Arbeit zu regeln, welche besonders
+schwierig geworden sind, seitdem durch die Entdeckung der Dampfkraft auf
+den Gebieten vieler Erwerbszweige große Umwälzungen stattgefunden haben.
+
+Wir haben Mittel und Wege zu finden, nicht um die Arbeit zu vermeiden,
+von welcher Herr Bellamy stets als von einem Übel spricht, sondern um
+den Hirnkrebs unserer Zeit zu heilen: die beständige Unsicherheit und
+die Furcht vor Armut. Das können wir aber durch Zusammenarbeiten und
+durch Versicherungs-Gesellschaften, die auf Gegenseitigkeit begründet
+sind, ohne daß es für uns nötig wird, in den Kommunismus zurück zu
+fallen, diese niedrigste Form der menschlichen Gesellschaft.
+
+Die Unvollkommenheit, welche der Menschheit anhaftet, muß naturgemäß
+auch alle ihre Einrichtungen kennzeichnen und nichts ist daher leichter,
+als in einem »#Rückblick#« die Unzulänglichkeit aller Menschen und Dinge
+nachzuweisen, und alsdann von Engeln bewohnte Luftschlösser zu bauen.
+
+Ich werde jetzt einen »#Blick in die Zukunft#« thun. Ich werde zeigen,
+wie Herrn Bellamys hübsche Geschichte enden muß, wenn sie fortgesetzt
+wird. Ich beabsichtige nachzuweisen, daß Herr Bellamy den Versuch macht,
+einen Zustand unbedingter Gleichheit zu errichten; dann aber, an der
+Möglichkeit verzweifelnd, eine Ungleichheit befürwortet, welche in
+vieler Hinsicht drückender sein würde, als die jetzigen Verhältnisse.
+Ich werde darlegen, daß unter der Regierungsform, welche Herr Bellamy
+vorschlägt, Günstlingswirtschaft und Korruption im öffentlichen und
+Erwerbs-Leben üppig wuchern müßten. Ich werde beweisen, daß in Herrn
+Bellamys Vereinigten Staaten von menschlicher Freiheit wenig zu finden
+sein und daß das selbstbewußte, unabhängige amerikanische Volk eine
+solche Knechtschaft nimmermehr ertragen würde. Und ich werde über jeden
+vernünftigen Zweifel hinaus nachweisen, daß das Volk in dem von Herrn
+Bellamy angepriesenen Staatswesen viel ärmer sein würde, als heute.
+
+Ich bestreite durchaus nicht, daß unsere Gesellschaft dringend
+umgestaltender Verbesserung bedarf; aber ich bin nicht bereit, Herrn
+Bellamy, Herrn Most oder irgend jemandem blindlings zu folgen, lediglich
+weil er behauptet, die Menschheit sofort von allen Übeln befreien zu
+können. Ich beabsichtige nicht, mich kopfüber in die Dunkelheit zu
+stürzen.
+
+Wenn Herr Bellamy und seine Anhänger sich so sicher fühlen, das
+tausendjährige Reich menschlicher Glückseligkeit begründen zu können,
+so mögen sie es versuchen, wie es die Kommunisten der »Amana Society«
+versucht haben, welche im Staate Iowa eine Gemeinde errichteten
+mit Gütergemeinschaft auf religiöser Grundlage. Die Regierung der
+Vereinigten Staaten besitzt noch viele Tausende von Ackern guten Landes,
+wo Herr Bellamy und seine Freunde sich niederlassen und der Welt zeigen
+können, wie man die Menschheit im Handumdrehen vollkommen macht! Aber
+sie sollten vom Volke der Vereinigten Staaten nicht verlangen, daß
+dieses seine jetzige Regierungsform und seine Gesellschaftsordnung
+aufgeben solle, ehe Herr Bellamy und dessen Freunde bewiesen haben, daß
+ihre Heilmittel für die Schäden der Gesellschaft in der That unfehlbar
+sind.
+
+ #Chicago#, April 1890.
+
+ #Richard Michaelis.#
+
+
+
+
+Ein Blick in die Zukunft.
+
+Erstes Kapitel.
+
+
+Um mich selbst denjenigen Lesern vorzustellen, welche das von Herrn
+Edward Bellamy herausgegebene Buch »_Looking Backward_« (»Ein
+Rückblick«)[1] nicht kennen, teile ich hier in Kürze die bemerkenswerten
+Ereignisse meines Lebens mit, welche in jenem Werke erzählt worden sind.
+
+Ich wurde am 26. Dezember 1857 in Boston geboren und Julian West
+getauft. Ich besuchte eine Schule und eine höhere Bildungsanstalt
+meiner Vaterstadt; da ich aber im Besitze eines bedeutenden Vermögens
+war, so widmete ich mich keinem Berufe oder Geschäfte. Ich war
+mit Fräulein Edith Bartlett verlobt, einer jungen Dame von großer
+Schönheit. Wir hegten die Absicht zu heiraten, sobald mein neues Haus
+in bewohnbarem Zustande sein würde. Leider wurde aber der Bau vielfach
+durch Arbeitseinstellungen der Zimmerleute und Maurer unterbrochen und
+ich bewohnte immer noch das altväterliche Gebäude, in welchem drei
+Geschlechter meiner Familie gelebt hatten.
+
+Da ich oft durch Schlaflosigkeit litt, hatte ich unter dem Fundamente
+meines alten Hauses ein Gewölbe herrichten lassen, in das der Lärm der
+Großstadt, meinen Schlummer störend, nicht dringen konnte. Das Gewölbe
+war ganz feuerfest und erhielt frische Luft durch eine eiserne Röhre,
+welche zum Dache des Hauses hinaufreichte.
+
+Um in Schlaf zu verfallen, war ich oft genötigt, mich der Hilfe eines
+Mesmeristen zu bedienen. So auch am 30. Mai 1887. Nachdem ich zwei
+Nächte schlaflos verbracht hatte, sandte ich meinen schwarzen Diener
+Sawyer zu einem Dr. Pillsbury, welcher sich bei ähnlichen Gelegenheiten
+stets hilfreich erwiesen hatte. Der Arzt war gerade im Begriff die Stadt
+zu verlassen, um in New Orleans einen Wirkungskreis zu suchen, und es
+war daher die letzte Behandlung, die er mir angedeihen lassen konnte.
+Ich beauftragte Sawyer, mich am nächsten Morgen um 9 Uhr zu wecken und
+fiel dann unter den Manipulationen des Mesmeristen in einen tiefen
+Schlaf.
+
+Als ich erwachte, fand ich, daß ich 113 Jahre, 3 Monate und 11 Tage
+geschlafen hatte.
+
+Ich entdeckte, daß das alte Haus durch Feuer zerstört worden war und daß
+Sawyer in den Flammen seinen Tod gefunden hatte. Dr. Pillsbury hatte
+Boston verlassen, die Existenz des unterirdischen Gewölbes war meinen
+Freunden unbekannt gewesen, das Haus war nicht wieder aufgebaut worden
+und so hatte ich mehr als hundert Jahre in tiefem Schlafe verbracht, bis
+ein Dr. Leete, der Bewohner eines Hauses, welches auf einem Teile meines
+früheren Grundstückes errichtet worden war, im Jahre 2000 mit dem Bau
+eines Laboratoriums begonnen und bei dieser Gelegenheit mein Gewölbe
+sowie mich selbst entdeckt hatte.
+
+Ich erfuhr, daß Edith Bartlett mich vierzehn Jahre lang betrauert und
+dann geheiratet habe, daß Dr. Leetes Gattin Ediths Enkelin und daß seine
+Tochter Edith demnach die Urenkelin der jungen Dame sei, welche ich vor
+113 Jahren heiraten wollte.
+
+Meine ungebrochene Manneskraft widerstand dem gewaltigen Eindrucke,
+welchen diese Entdeckungen auf mich machten. Ich fühlte mich in dem
+Hause des Dr. Leete bald heimisch, um so mehr, als die junge Edith in
+meinem Herzen alsbald den Platz einnahm, welcher einst Edith Bartlett
+gehört hatte. Und es währte nicht lange, bis Edith Leete, ein romantisch
+und mitleidsvoll veranlagtes, liebenswürdiges Mädchen, mit Anmut ihre
+Zustimmung gegeben hatte, die Nachfolgerin ihrer Urgroßmutter, das
+heißt, meine Braut zu werden.
+
+Aber noch bemerkenswerter als der Wechsel in meinem eigenen Schicksal,
+waren die Veränderungen, welche auf socialem Gebiete stattgefunden
+hatten.
+
+Dr. Leete erklärte mir die neue Ordnung der Dinge.
+
+Geschäftliche Unternehmungen einzelner hatten aufgehört. Der Staat
+besorgt am Ende des 20. Jahrhunderts alles, was früher einzelne Leute
+oder Gesellschaften und Körperschaften unternommen und geleitet hatten.
+Alle gesunden Leute, Frauen wie Männer, im Alter von 21 bis 45 Jahren
+gehören dem Heere der Arbeiter an. Leute über 45 Jahre werden nur
+ausnahmsweise, in Fällen dringender Notwendigkeit, wieder in Dienst
+gestellt.
+
+Geld ist abgeschafft worden; aber jeder Bewohner der Vereinigten
+Staaten erhält einen gleichen Anteil an den Ergebnissen der Arbeit
+der »industriellen Armee« in Gestalt eines Guthabens-Scheines, eines
+Stückes Pappe, auf welchem Dollars und Cents verzeichnet sind. In
+jedem Stadtteile und in jedem größeren Landbezirke befindet sich ein
+Lagerhaus, in welchem das Volk alles findet, dessen es bedarf. Der
+Wert der Waren, welche jemand kauft, wird aus seinem Guthabens-Schein
+herausgestochen und sein Guthaben in den Regierungsbüchern wird mit dem
+Betrage der gekauften Waren belastet.
+
+Die Mahlzeiten werden von großen Kochhäusern geliefert. Die Wäsche wird
+in großen Anstalten gereinigt und ausgebessert. Es steht jedermann frei,
+seine Mahlzeiten daheim oder im Speisehause einzunehmen. Die Auswahl der
+Gerichte ist groß und man kann im Kochhause auch eigene Speisezimmer
+haben. Der Preis der Mahlzeiten richtet sich nach den bestellten
+Speisen, so wie nach dem Orte, wo diese genossen werden.
+
+Jede Familie bewohnt ein eigenes Haus. Die Einrichtung gehört dem
+Bewohner. Die Miete richtet sich nach Größe und Einrichtung des Hauses
+und wird ebenfalls mit einem Kneifzängchen aus dem Guthabens-Schein
+herausgestochen.
+
+Alle Bewohner der Vereinigten Staaten sind verpflichtet die Schule zu
+besuchen, bis sie das einundzwanzigste Lebensjahr erreicht haben. Dann
+werden sie Mitglieder des Arbeiterheeres. Während der ersten drei Jahre
+ihres Dienstes werden sie Rekruten oder Lehrlinge genannt. Sie müssen
+die gewöhnlichsten Arbeiten verrichten unter dem unbedingten Befehle
+ihrer Offiziere oder Aufseher. Über ihr Verhalten wird Buch geführt und
+die Befähigung wie das Betragen jedes Rekruten angemerkt.
+
+Nach den ersten drei Jahren seines Dienstes kann jeder Rekrut einen
+Beruf wählen. So viel wie möglich werden die Rekruten in solche
+Beschäftigungszweige eingereiht, denen sie den Vorzug geben. Zuerst
+dürfen diejenigen Rekruten wählen, welche die besten Zeugnisse haben.
+Manche müssen allerdings eine zweite, oder auch eine dritte Wahl
+treffen, wenn nach einzelnen Berufszweigen ein zu großer Andrang
+stattfindet. Und noch andere müssen mit solchen Stellungen vorlieb
+nehmen, welche ihnen von ihren Vorgesetzten angewiesen werden.
+
+Alle Mitglieder des Arbeiterheeres werden nach ihrer Befähigung und nach
+ihrem Betragen in drei Abteilungen geteilt und Lehrlinge mit besten
+Zeugnissen können nach dreijähriger Dienstzeit als Rekruten sofort in
+die erste Abteilung derjenigen Gilde oder Zunft treten, welcher sie sich
+anschließen wollen.
+
+Der General einer Zunft oder Gilde ernennt alle Offiziere derselben. Die
+Leutnants müssen den Mitgliedern der ersten Abteilung entnommen werden.
+Die Hauptleute erwählt der General aus den Reihen der Lieutenants, die
+Obersten aus den Hauptleuten. Der General selbst wird von den früheren
+Mitgliedern seiner Zunft erwählt, das heißt, von denjenigen, welche
+das fünfundvierzigste Lebensjahr überschritten haben. Die früheren
+Mitglieder aller Zünfte wählen auch die Vorsteher der zehn großen
+Abteilungen oder Gruppen verwandter Zünfte, in welche das Arbeiterheer
+eingeteilt ist. Diese Chefs oder Vorsteher werden aus den Generälen der
+Zünfte gewählt. Die früheren Zunftgenossen erwählen auch den Präsidenten
+der Vereinigten Staaten, welcher früher Vorstand einer der zehn großen
+Abteilungen gewesen sein muß. Der Präsident, die Vorsteher der zehn
+großen Abteilungen des Arbeiterheeres und die Generäle aller Zünfte
+wohnen in Washington.
+
+Die Angehörigen der Arbeiterarmee haben nicht das Recht bei der Wahl der
+Offiziere, von welchen sie befehligt werden, mit zu stimmen. Während
+ihrer vierundzwanzigjährigen Dienstzeit haben sie keine Vertretung; aber
+wenn sie gegen einen Vorgesetzten Beschwerde führen wollen, so können
+sie ihre Klage vor einem Richter anhängig machen, dessen Entscheidung
+endgültig ist.
+
+Die Richter werden vom Präsidenten aus den Reihen der Zunftgenossen
+gewählt, welche aus dem Arbeiterheere geschieden und mehr als 45 Jahre
+alt sind. Die Dienstzeit der Richter dauert fünf Jahre.
+
+Gerichtshöfe, Rechtsanwälte, Gefängnisse, Sheriffs, Steuereinschätzer
+und -einnehmer, und viele andere Beamte sind abgeschafft worden.
+Verbrecher werden in Heilanstalten als Verstandeskranke behandelt.
+
+Die Bundesregierung regelt alle Thätigkeit. Wenn sie bemerkt, daß
+nach irgend einem Berufszweige ein starker Andrang von Freiwilligen
+stattfindet, während andere Zünfte über Mangel an Freiwilligen klagen,
+so verlängert die Regierung die Arbeitszeit der bevorzugten Gilde und
+verringert die Zahl der Arbeitsstunden in denjenigen Berufszweigen,
+welche mehr Freiwillige brauchen.
+
+Die Frauen haben ihre eigenen Offiziere, Generale und Richter, und
+bilden ein Hilfsheer der Arbeit. Sie erhalten dieselben Guthabensscheine
+wie die Männer, und da das Kochen, Waschen, sowie das Ausbessern von
+Haushaltungsgegenständen außerhalb besorgt wird, so haben die Frauen des
+zwanzigsten Jahrhunderts mehr Zeit für Arbeit, welche Werte erzeugt, als
+die Frauen am Ende des neunzehnten Jahrhunderts.
+
+Rekruten, welche drei Jahre gedient haben, können in technische,
+medizinische und andere gelehrte Schulen eintreten; wenn sie aber außer
+Stande sind, mit ihren Klassen geistig Schritt zu halten, müssen
+sie wieder austreten. Ärzte, welche von Kranken nicht genügend in
+Anspruch genommen werden, mithin das Vertrauen ihrer Mitbürger nicht
+genießen, müssen es sich gefallen lassen, daß ihnen andere Beschäftigung
+zugewiesen wird.
+
+Wenn Leute die Herausgabe einer Zeitung wünschen, so können sie
+zusammentreten und gemeinschaftlich genug von ihren Guthabensscheinen an
+den Staat abgeben, um diesen für den Verlust der Arbeit der Redakteure,
+Setzer und Drucker zu entschädigen.
+
+Wenn jemand ein Buch herausgeben will, kann er es in seinen Mußestunden
+schreiben und es drucken lassen, indem er einen Teil seines
+Guthabensscheines als Bezahlung für Satz, Druck und Papier an den Staat
+aufgiebt. Für die verkauften Bücher erhält er dann ein entsprechendes
+Guthaben.
+
+Geistliche werden in ähnlicher Weise wie die Redakteure von solchen
+Leuten besoldet, welche deren Predigten zu hören wünschen.
+
+Krüppel oder andere Leute, welche außer Stande sind, die den Mitgliedern
+des Arbeiterheeres obliegenden Pflichten ganz zu erfüllen, erhalten
+nichtsdestoweniger ihren vollen Anteil an den Arbeitserzeugnissen. Die
+Thatsache, daß sie Menschen sind, berechtigt sie zu einem vollen Teil an
+den guten Dingen, welche die Erde bietet; gleichviel ob sie selbst wenig
+oder gar nichts produzieren können.
+
+Die Staatsregierungen innerhalb des Gebietes der Union sind als nutzlos
+abgeschafft worden.
+
+Alle anderen civilisierten Völker haben die Arbeit und den Verbrauch
+ihrer Bürger ähnlich geregelt, wie die Vereinigten Staaten und sie
+treiben freien Handel miteinander. Am Ende eines jeden Jahres wird das
+Guthaben der verschiedenen Länder mit solchen Gegenständen ausgeglichen,
+welche überall verwendbar sind.
+
+Die neue Ordnung der Dinge setzt die Völker in den Stand, ohne alle
+Sorgen zu leben und die Folge davon ist, daß die meisten Männer und
+Frauen von gesunder Körperbeschaffenheit 85 bis 90 Jahre alt werden. --
+
+So lautete die Schilderung, welche mir Dr. Leete von der neuen
+Gesellschaftsordnung in einer Anzahl von Unterredungen machte. Der
+Doktor spricht sehr begeistert von dem Staate, in welchem er lebt, und
+steht nicht an, ihn das tausendjährige Reich zu nennen.
+
+Die Besorgnis und Unsicherheit, welche ich in Bezug auf meine eigene
+Thätigkeit in dem Arbeiterheere empfand, wurden von Dr. Leete beseitigt.
+Er teilte mir mit, daß mir die Stellung des Professors der Geschichte
+des neunzehnten Jahrhunderts am Shawmut Kollege in Boston offen stehe.
+Ich habe dieses Anerbieten angenommen und werde am nächsten Montag mein
+neues Amt antreten.
+
+
+
+
+Zweites Kapitel.
+
+
+Als ich zum erstenmale den großen Saal im Shawmut Kollege betrat, in
+welchem ich meine Vorlesungen halten sollte, gewahrte ich nahe der
+Saalthür einen Herrn im Alter von etwa vierzig Jahren. Er war zu alt,
+als daß ich ihn hätte für einen Studenten halten können und da ich ihn
+nicht gesehen hatte, als Dr. Leete mich den Professoren der Anstalt
+vorstellte, so war ich einigermaßen neugierig zu erfahren, in welcher
+Eigenschaft er meine erste Vorlesung mit seiner Gegenwart beehrte.
+
+Der herzliche Empfang, welcher mir von seiten der Professoren zu
+teil geworden war, die Thatsache, daß die Studenten jeden Platz des
+großen Saales füllten, wirkten außerordentlich anregend auf mich und
+nachdem Dr. White, der Präsident der Universität, mich mit einigen
+schmeichelhaften Bemerkungen als einen lebenden Zeugen der Civilisation
+des neunzehnten Jahrhunderts vorgestellt hatte, begann ich meine erste
+Vorlesung vom besten Geiste beseelt.
+
+Meine Rede stand naturgemäß unter dem Einflusse dessen, was Dr. Leete
+mir in unseren Unterredungen über die vergleichsweisen Vorzüge und
+Nachteile der Gesellschaftsordnung des neunzehnten und zwanzigsten
+Jahrhunderts gesagt hatte.
+
+Ich setzte auseinander, daß meine Hörer von mir keine Übersicht der
+eigenartigen Civilisation in beiden Jahrhunderten erwarten dürften;
+auch keine Lobpreisungen der jetzigen Ordnung der Dinge. Ich würde
+nur auf einige Bestimmungen und Einrichtungen verweisen, welche als
+kennzeichnend gelten können für den Geist der beiden Zeitalter.
+
+Als Merkmal des Zeitgeistes des neunzehnten Jahrhunderts schilderte
+ich den wahnsinnigen Wettbewerb. In diesem ekelhaften Kampfe sei der
+Mensch gezwungen worden, zu »übervorteilen, verdrängen, unter dem
+Werte kaufen und zu teuer verkaufen, das Geschäft zerstören, durch
+welches sein Nachbar seine Kleinen ernährte, die Menschen verleiten
+zu kaufen, was sie nicht sollten und zu verkaufen, was sie nicht
+durften, seine Arbeiter drücken, seine Schuldner peinigen, seine
+Gläubiger hintergehen,«[2] um diejenigen unterhalten zu können,
+welche er zu ernähren hatte. Ich zeigte, daß es unter den Leuten am
+Ende des neunzehnten Jahrhunderts »viele gegeben habe, welche, wenn
+es sich um ihr eigenes Leben gehandelt hätte, es lieber aufgegeben,
+als durch das Brot ernährt hätten, das sie anderen geraubt.«[3] Ich
+setzte auseinander, daß dieser wahnsinnige und vernichtende Wettbewerb
+beständig an Geist und Körper der Menschheit gezehrt habe und daß dieses
+zehrende Fieber noch vermehrt worden sei durch die beständige Furcht vor
+gänzlicher Verarmung. Das Gespenst der Unsicherheit hätte den Menschen
+des neunzehnten Jahrhunderts auf Schritt und Tritt verfolgt, es hätte
+sich mit ihm zu Tisch gesetzt, und wäre mit ihm zu Bett gegangen und
+hätte ihm zugeraunt: »Arbeite noch so tüchtig, stehe früh auf und mühe
+dich ab bis zum späten Abend, raube listig oder diene treu -- du wirst
+nie die Sicherheit kennen. Du magst jetzt reich sein und doch kannst
+du einst in Armut geraten. Hinterlasse deinen Kindern noch so großen
+Reichtum -- du kannst dir nicht die Sicherheit erkaufen, daß dein Sohn
+nicht einst der Diener deines Dieners wird, oder daß deine Tochter sich
+nicht um Brot verkaufen muß.«[4]
+
+Vor hundertunddreizehn Jahren arbeiteten die Menschen wie die Sklaven
+bis zur völligen Erschöpfung, ohne dadurch auch nur die Sicherheit vor
+Verarmung oder vor einem jammervollen Hungertode erwerben zu können.
+Heut, am Ende des gesegneten zwanzigsten Jahrhunderts, wandele die
+Menschheit im rosigen Lichte der Freiheit, Sicherheit, Glückseligkeit
+und Gleichheit. Die Jugend des zwanzigsten Jahrhunderts genieße in
+vorzüglichen Schulen einen ausgezeichneten Unterricht und wähle nach
+Durchmachung einer dreijährigen Lehrzeit frei ihren Beruf. Selbst
+während ihrer Dienstzeit im Arbeiterheere erlaube ihnen die kurze
+Arbeitszeit an ihrer geistigen Ausbildung weiter zu bauen und dennoch
+bleibe ihnen zur Erholung mehr Zeit, als man vor hundert Jahren
+für vereinbar gehalten hätte mit dem Betriebe der Fabriken, der
+Landwirtschaft und anderer Berufszweige.
+
+Frei von allen Sorgen, in völliger Übereinstimmung mit den
+Nebenmenschen, ohne den störenden Einfluß politischer Parteien, im
+Besitz eines Reichtums, wie er in der Geschichte der Völker niemals
+erhört wurde, könnten wir in der That sagen: »Der lange, traurige Winter
+der Gattung ist vorüber. Ihr Sommer hat begonnen. Die Menschheit hat
+ihre Puppenhülle durchbrochen. Der Himmel liegt vor ihr.«[5]
+
+Ich hatte mit Begeisterung, ja, mit tiefer Bewegung gesprochen und
+erwartete eine mindestens beifällige Aufnahme meiner Rede. Aber nur
+vereinzelte und kühle Beifallsbezeugungen ließen sich hören, als
+ich meinen Vortrag beendet hatte. Kaum der vierte Teil der im Saale
+befindlichen Studenten hatte es der Mühe wert gefunden, Übereinstimmung
+mit den von mir entwickelten Ansichten auszudrücken und auch diese
+Wenigen schienen mehr aus Höflichkeit, als aus herzensfreudiger
+Übereinstimmung ihren Beifall kund gegeben zu haben. Diese frostige
+Aufnahme war für mich eine solche Enttäuschung, daß ich nicht Mut genug
+sammeln konnte, mein Katheder zu verlassen und durch die Studenten zu
+schreiten, während diese den Saal verließen.
+
+Ich machte mir daher an meinem kleinen Pulte zu schaffen, bis jedermann
+die Halle geräumt hatte, mit Ausnahme des Herrn, welcher bei meinem
+Eintritt meine Aufmerksamkeit erregt hatte. Er blieb an der Thür stehen,
+offenbar meinen Weggang erwartend.
+
+»Sie gehören zur Universität,« fragte ich, um meine Befangenheit zu
+verbergen.
+
+»Allerdings,« antwortete er mit einem leichten Lächeln, welches zu
+weiteren Fragen herausforderte.
+
+»Vermutlich habe ich das Vergnügen, einen meiner Herren Kollegen kennen
+zu lernen,« fuhr ich fort. »Mein Name ist West.«
+
+»Bis vor einem Monate war ich Professor Forest, Ihr Vorgänger als Lehrer
+der Geschichte des neunzehnten Jahrhunderts. Heut bin ich einer der
+Pedelle und mein Vorgesetzter ist so freundlich gewesen, meiner Sorgfalt
+gerade diesen Saal zu empfehlen.«
+
+Ich hatte während der letzten Tage so vieles Neue und Überraschende
+gesehen, daß ich nicht so leicht in Erstaunen versetzt werden konnte.
+
+Aber die Mitteilung, daß ein Universitätsprofessor mit der Reinhaltung
+desselben Saales beauftragt werden könnte, in welchem er vorher gelehrt,
+klang so unglaublich und eröffnete mir selbst für meine weitere
+Laufbahn eine so unerfreuliche Aussicht, daß ich meine Bestürzung nicht
+verbergen konnte.
+
+»Und was hat diesen sonderbaren Stellungswechsel veranlaßt?« fragte ich.
+
+»In meinen Vergleichen betreffs der Civilisation und der Lage der
+Menschheit im Jahre 1900 und im Jahre 2000 kam ich zu andern Schlüssen,
+als Sie,« antwortete Forest.
+
+»Sie wollen doch nicht etwa sagen, daß die Menschen am Ende des vorigen
+Jahrhunderts besser gestellt waren, als das jetzige Geschlecht,« fragte
+ich, gleichzeitig überrascht und neugierig.
+
+»Das ist in der That meine Ansicht,« sagte Forest.
+
+»Diese sonderbare Anschauung kann ich mir nur dadurch erklären, daß
+Sie persönlich keine Kenntnis von den Zuständen haben, welche Ihnen so
+schätzenswert erscheinen,« rief ich aus.
+
+»Ich muß natürlich zugeben, daß ich meine Belehrung aus unserer Bücherei
+geschöpft habe und daß Sie zur Unterstützung Ihrer Ansichten über die
+Civilisation des neunzehnten Jahrhunderts Ihre persönliche Erfahrung
+geltend machen können,« antwortete Forest. »Dagegen sind Sie wohl nicht
+so gut vertraut mit dem gegenwärtigen Stande der Dinge. Die Quelle Ihrer
+Kenntnis des zwanzigsten Jahrhunderts ist #ein# Mann: Dr. Leete. Ich
+darf deshalb wohl behaupten, daß meine Nachrichten über die Civilisation
+Ihrer Tage besser sind, als Ihre Kenntnis unserer Zustände, weil ich
+mich auf mehr Zeugen berufen kann, als Sie.«
+
+»Dann werden Sie auch die Ansichten mißbilligen, welche ich in meinem
+Vortrage entwickelte.«
+
+»Ihre Vorlesung wird unzweifelhaft in allen Regierungs-Zeitungen
+veröffentlicht werden, also in fast jeder Zeitung des Landes,«
+entgegnete Forest, eine unmittelbare Antwort auf meine Frage vermeidend.
+
+»Sie sprechen von Regierungszeitungen,« fragte ich erstaunt. »Hat die
+Regierung Zeitungen und braucht sie Organe?«
+
+»Freilich hat die Regierung Zeitungen. Und es ist ebenso schwierig wie
+unangenehm, eine Zeitung herauszugeben, welche die Regierung tadelt oder
+bekämpft. Wir haben deshalb nur sehr wenige solcher Zeitungen.«
+
+»Aber Dr. Leete sagte mir doch: »Wir haben keine Parteien oder
+Politiker, und was das Demagogentum und die Bestechlichkeit anbetrifft,
+so sind das Worte, die nur noch eine historische Bedeutung haben.«[6]
+Und nun sprechen Sie von Gegnern der Regierung sowie von Zeitungen der
+letzteren?« Ich sagte dies mit dem Ausdruck des Zweifels in Stimme und
+Blick, aber Herr Forest wurde dadurch nicht beirrt.
+
+Er brach in ein lautes Gelächter aus und sagte dann: »Entschuldigen Sie,
+bitte, meine Heiterkeit! aber Dr. Leete ist ein großer Spaßmacher und
+er ist immer sicher, durch seine Scherze eine Versammlung zum Lachen
+zu zwingen! In der That! Das ist zu gut! Ich wünsche, ich hätte sein
+Gesicht sehen können, als er Ihnen diese Offenbarungen zu teil werden
+ließ.«
+
+Und Forest lachte von neuem, daß ihm die Thränen in die Augen traten.
+
+»Ich bitte um Verzeihung, Herr West,« fuhr Herr Forest fort, als ich
+seiner Heiterkeit mit Schweigen begegnete. »Aber Sie würden mich
+entschuldigen und wahrscheinlich in mein Gelächter einstimmen, wenn Sie
+Herrn Dr. Leete so gut kennen würden, wie ich und dann hörten, daß er
+von einem Mangel an Politikern gesprochen hat. Doch ich will gleich hier
+erklären,« fügte Herr Forest in ruhigerem Tone hinzu, »daß ich keine
+geringe Meinung von Dr. Leete habe. Er ist ein etwas rücksichtsloser
+Spaßvogel und ein geriebener Politiker; im übrigen aber ein so guter
+Mann, wie unsere Zeit ihn nur hervorbringen kann.«
+
+»Dr. Leete ist ein Politiker?« fragte ich mit neuem Erstaunen.
+
+»Allerdings. Dr. Leete ist der einflußreichste Führer der
+Regierungspartei in Boston. Seinem Einflusse bin ich es schuldig, daß
+ich immer noch mit der Universität in Verbindung stehe.«
+
+Forest nahm wahr, daß ich nicht wußte, wie ich diese Erklärung deuten
+solle und fügte daher hinzu: »Als ich beim Vergleich der Civilisation
+der zwei Jahrhunderte zu dem Schluß gelangte, daß der Kommunismus sich
+als ein Fehlschlag erwiesen habe, wurde ich als Verführer und Verderber
+der studierenden Jugend in Anklagestand versetzt. Das in solchen Fällen
+übliche Urteil: »Einsperrung in ein Irrenhaus« wurde gefällt. Denn nach
+Ansicht unserer Machthaber kann nur ein Irrsinniger sich gegen die beste
+gesellschaftliche Ordnung auflehnen, welche die Menschheit jemals hatte.
+Dr. Leete erklärte indes, mein Irrsinn sei ein so harmloser, daß meine
+Einsperrung in ein Tollhaus überflüssig erscheine, zumal sie auch zu
+kostspielig sei. Ich könnte immer noch meinen Lebensunterhalt verdienen,
+indem ich im Universitätsgebäude leichte Arbeit verrichte. Dadurch würde
+ich den Professoren und Studenten als lebendige Warnung dienen, in ihren
+Äußerungen und Lehren vorsichtig zu sein.«
+
+»Die Studenten scheinen Ihre Ansichten zu teilen; denn sie nahmen meine
+Auseinandersetzungen recht kühl auf,« bemerkte ich, um der Unterredung
+eine andere Wendung zu geben und einer weiteren Besprechung der
+Eigenschaften meines Gastfreundes vorzubeugen.
+
+Forests durchdringende graue Augen blickten einen Augenblick forschend
+in die meinigen. Dann sagte er freundlich:
+
+»Ich glaube, daß Sie Ihrer Überzeugung gemäß gesprochen haben, Herr
+West. Haben Sie aber nicht das Gefühl gehabt, daß Sie Ihrer Zeit und
+Ihren Zeitgenossen keine Gerechtigkeit widerfahren ließen? Machte es der
+Wettbewerb, die Konkurrenz denn wirklich nötig, daß jedermann seinen
+Nachbar betrog, seine Arbeiter auspreßte, seinen Schuldnern die Kehle
+zuschnürte und anderen Leuten das Brot vom Munde wegriß? Waren denn
+wirklich die meisten Menschen Ihres Zeitalters Betrüger und Blutsauger?
+Waren die Arbeiter sämtlich Sklaven, welche tagtäglich arbeiteten,
+bis sie gänzlich erschöpft waren? Ich weiß aus Zeitschriften und
+Geschichtswerken recht wohl, daß die Mitglieder großer Gewerkschaften
+in ihren Tagen oft die Arbeit einstellten, weil sie acht Stunden als
+ein Tagewerk ansahen und daß sie sich weigerten, gegen gute Bezahlung
+neun oder zehn Stunden zu arbeiten. Danach hatten sie einen kräftigen,
+stolzen und unabhängigen Arbeiterstand, und es erscheint fast wie
+eine Beleidigung, diese Leute als Sklaven zu bezeichnen. Und was die
+Mädchen anbelangt, so habe ich Klagen darüber gelesen, daß Hilfe für
+Hausfrauen zu Ihrer Zeit nur schwer zu erlangen war und daß Köchinnen
+und Stubenmädchen je nach ihrer Leistungsfähigkeit von 2 bis 5 Dollar
+wöchentlich und Kost erhielten. Es lag also für ein anständiges Mädchen
+keine Entschuldigung vor, wenn sie sich »für Brot verkaufte.« Allerdings
+war die Civilisation Ihrer Tage weit davon entfernt fehlerlos zu sein.
+In der That ist nichts auf Erden vollkommen. Aber Ihre Schilderung der
+Civilisation des neunzehnten Jahrhunderts war in so düsteren Farben
+gehalten, daß unsere Studenten, welche mit der Geschichte jener Tage
+nicht ganz unbekannt sind, sich von Ihrer Vorlesung unmöglich konnten
+begeistern lassen. Dies wäre auch schon deshalb schwierig gewesen, weil
+viele dieser jungen Leute unsere jetzigen Einrichtungen durchaus nicht
+so unbedingt bewundern, wie Sie. Ich spreche ganz offen, Herr West, und
+ich hoffe, daß Sie meinen Freimut entschuldigen werden. Ich möchte Ihnen
+einen Dienst leisten, indem ich Ihnen unsere Zustände, Einrichtungen und
+Menschen genau so schildere, wie sie sind.«
+
+Der warme Ton seiner Stimme und der freundliche Blick seiner Augen
+veranlaßten mich beim Weggehen Forests Hand zu drücken; obschon alles,
+was er sagte, gegen meine Freunde und gegen meine eigenen Ansichten
+gerichtet war und mich daher sehr peinlich berührte. Ich ging in
+gedrückter Stimmung nach Hause, in meinen Gedanken die Einwendungen
+erwägend, welche Forest gegen meine Vorlesung erhoben hatte.
+
+Ich traf Dr. Leete und die Damen beisammen. Edith fragte mich, ob mein
+erstes Auftreten als Professor sich meinen Erwartungen gemäß gestaltet
+habe.
+
+Es war immer mein Grundsatz offen und ehrlich zu sein. Ich teilte
+daher den Freunden meine Erlebnisse, den wesentlichen Inhalt meiner
+Vorlesung, deren kühle Aufnahme und meine Enttäuschung mit. Ich erwähnte
+auch Herrn Forests kritische Besprechung meiner Rede und gestand, daß
+sein abfälliges Urteil in so fern berechtigt gewesen wäre, als ich
+die Auswüchse, welche der Wettbewerb bei einzelnen Leuten meiner Zeit
+erzeugt hatte, der gesamten Menschheit des neunzehnten Jahrhunderts
+zuschrieb. Die Bemerkungen, welche Forest über Dr. Leete gemacht hatte,
+erwähnte ich natürlich nicht.
+
+Mein Bericht machte offenbar auf Dr. Leete keinen unbedingt angenehmen
+Eindruck. Nach einer kurzen Pause sagte er: »Ich meine, daß die
+rücksichtslose Konkurrenz im letzten Teile des neunzehnten Jahrhunderts
+notwendiger Weise das ganze Volk mehr oder weniger verderben mußte, --
+in den meisten Fällen mehr. Deshalb halte ich Ihre Vorlesung für eine
+ausgezeichnete Darlegung leitender Grundsätze und ich glaube nicht, daß
+Sie Veranlassung haben, auch nur einen Zoll breit von dem Standpunkte
+zurückzuweichen, den Sie eingenommen haben. Die kühle Aufnahme, welche
+Ihnen wurde, darf Sie nicht beirren. Sie ist eine Folge der Forestschen
+Lehrthätigkeit. Er hat seine irrigen Ansichten in die Köpfe unserer
+Studenten gesäet, seine blinde Verehrung für den Wettbewerb und seine
+Abneigung gegen die jetzige Ordnung der Dinge. Es ist jetzt Ihre
+Aufgabe, die jungen Leute über den vergleichsweisen Wert der beiden
+Gesellschaftsordnungen aufzuklären. Herr Forest legt durch seine
+unablässigen Versuche, die Studenten zu verleiten, unserer Geduld
+schwere Proben auf. -- Hat er Ihnen gegenüber den Umstand nicht erwähnt,
+daß er Ihr Vorgänger war?«
+
+»Er that es, nachdem ich ihn gefragt hatte, ob er ein Mitglied des
+Lehrerpersonals sei. Er sagte, daß er wegen »Ketzerei« entlassen wurde
+und daß er seine verhältnismäßig milde Behandlung Ihrer Verwendung
+verdanke.«
+
+»Es ist nicht Forests Art, mit seinem Urteil zurückzuhalten und ich darf
+demnach annehmen, daß er Ihnen eine nette Schilderung von Dr. Leete
+entworfen hat,« sagte mein Gastfreund lächelnd.
+
+Unter den obwaltenden Umständen schien es mir am zweckmäßigsten, die
+Äußerungen zu wiederholen, welche Forest über Dr. Leete gemacht hatte,
+zumal dieselben nicht bösartig, sondern eher schmeichelhaft für meinen
+Gastfreund waren. Ich kann wohl hinzufügen, daß ich einigermaßen
+neugierig war zu sehen, was Dr. Leete zu der Behauptung des Herrn Forest
+sagen würde, daß er ein Politiker und Führer der Regierungspartei wäre.
+
+So sagte ich denn: »Herr Forest lachte herzlich, als ich Ihre Äußerung
+wiederholte, daß Sie weder Parteien noch Politiker hätten. Er nannte
+Sie einen Spaßmacher, einen geriebenen Politiker, den Führer der
+Regierungspartei und einen braven Mann.«
+
+Über Dr. Leetes Zügen flog ein etwas grimmiges Lächeln, als er
+antwortete: »Das ist ein Charakterzeugnis, auf welches ich eigentlich
+stolz sein sollte, da es von einem zum Krittler gewordenen Kritiker
+herrührt. Was Forests Behauptung betrifft, daß ich ein Politiker sei, so
+habe ich darauf nur zu entgegnen, daß ich noch nie ein Amt bekleidete;
+und daß die Regierung mich in einzelnen Fällen zu Rate zog, macht mich
+noch nicht zum Führer der Regierungspartei, denn diese Auszeichnung
+wurde auch andern Bürgern häufig zu teil. Politische Parteien haben
+wir nicht. Es giebt natürlich einige unverbesserliche Tadler, die,
+wie Forest, nie zufriedengestellt werden können, und einige radikale
+Krakehler. Ihnen wird aber wenig Beachtung geschenkt, so lange sie nicht
+den Frieden des Volkes stören. Thun sie dies, so senden wir sie in eine
+Heilanstalt, wo ihnen eine angemessene Behandlung zu teil wird.«
+
+Obschon auch die letzten Worte im Tone leichter Unterhaltung gesprochen
+wurden, machten sie doch einen tiefen Eindruck auf mich. »Thun sie
+dies, so senden wir sie in eine Heilanstalt, wo ihnen eine angemessene
+Behandlung zu teil wird.« Bestätigte das nicht Forests Behauptung, daß
+die Urteile, welche über Gegner des Kommunismus gefällt würden, fast
+immer auf Einsperrung in eine Irrenanstalt lauteten?
+
+Meine unangenehmen Gedanken wurden durch Ediths weiche Stimme
+unterbrochen: »Ich denke, lieber Vater,« sagte sie, »Herr Forest ist ein
+eben so ehrenhafter wie wohlmeinender Mann und man sollte ihm gestatten,
+seine Meinungen zu äußern, selbst wenn diese irrig oder gar sonderbar
+sind. Die Studenten werden am Ende ohne Zweifel davon überzeugt werden,
+daß unsere Gesellschaftsordnung so gut ist, wie sie nur gestaltet werden
+kann. Außerdem ist es auch so unterhaltend, gelegentlich einmal eine
+andere Ansicht zu hören.«
+
+Mit dem Ausdruck väterlicher Liebe legte Dr. Leete seine rechte Hand
+auf Ediths reiches Haar und sagte: »Die Damen am Hofe Ludwigs XVI. von
+Frankreich fanden auch die Ansichten sehr unterhaltsam, welche die
+Revolution veranlaßten und vielen der »unterhaltenen« Damen und Herren
+ihre Köpfe unter der Guillotine kosteten. -- Gedanken sind Feuerfunken,
+die leicht eine Feuersbrunst veranlassen können, wenn sie nicht
+überwacht werden.«
+
+
+
+
+Drittes Kapitel.
+
+
+Ich hatte mich niemals viel mit Volkswirtschaft befaßt und es war mir
+demgemäß auch nie in den Sinn gekommen, wirtschaftliche Grundsätze
+auf ihren Wert zu prüfen. Ob Wettbewerb oder Gütergemeinschaft der
+Menschheit zuträglicher sei -- diese Frage war mir noch nie in den
+Sinn gekommen. Als daher Dr. Leete in seiner ebenso bestimmten wie
+ansprechenden Weise erklärte, wie die Gesellschaft nach Beseitigung
+des Wettbewerbes geordnet wurde, hatte ich nicht einmal erkannt, daß
+diese Ordnung auf kommunistischen Grundsätzen ruhte. Ich meinte, die
+Menschheit hätte das tausendjährige Reich errungen und als Dr. Leete mir
+sagte, daß seine bequeme, ja von Überfluß zeugende Lebensweise die des
+gesamten Volkes im letzten Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts sei, da
+zweifelte ich nicht, daß jedermann mit der neuen Gesellschaftsordnung
+zufrieden sein müsse.
+
+Meine kühle Aufnahme seitens der Studenten und meine Unterredung mit
+Herrn Forest hatten mich aber belehrt, daß nicht alle Bewohner der
+Vereinigten Staaten im zweitausendsten Jahre des Herrn die jetzige
+Gesellschaftsordnung für das tausendjährige Reich hielten und ich muß
+bekennen, daß mich diese Wahrnehmung sehr schmerzlich berührte. Denn
+ein süßer Friede, eine nie vorher empfundene Ruhe waren in mein Herz
+gezogen, als Dr. Leete von der grenzenlosen Glückseligkeit erzählte,
+deren sich die Menschheit im zwanzigsten Jahrhundert erfreute.
+
+Meine neue Stellung legte mir nun die Pflicht auf, mich eingehend
+mit volkswirtschaftlichen Fragen zu beschäftigen. Allerdings hätte
+ich einfach die gesellschaftlichen und politischen Zustände in den
+Vereinigten Staaten am Schlusse des vorigen Jahrhunderts schildern und
+vor jenem Hintergrunde die neue Ordnung der Dinge loben können; aber das
+würde mir selbst nicht genügt haben. Ich wollte selbst durch eingehende
+vergleichende Prüfung erforschen, welche von beiden wirtschaftlichen
+Richtungen den Vorzug verdiene. Deshalb pflegte ich meine Bekanntschaft
+mit Herrn Forest, um dessen Gründe gegen die von Dr. Leete vertretenen
+Lehren kennen zu lernen. Dieser Umgang mit Herrn Forest war insofern für
+mich kein angenehmer, als mich stets das Gefühl des Unbehagens bei dem
+Gedanken überkam, daß Forests Anschauungen und Grundsätze sich als die
+richtigeren erweisen könnten. Denn ein Sieg der von Forest vertretenen
+Ansichten kam einer Umkehr zu einem Stande der Dinge gleich, welcher
+mir so gründlich zuwieder war, wegen der Sorgen und Unbequemlichkeiten,
+die er im Gefolge hatte. Mir erschien Dr. Leetes Staatswesen als ein
+Paradies, aus dem Forest mich vertreiben wollte.
+
+In meinen nächsten Vorlesungen beschränkte ich mich auf eine genaue
+Schilderung des »Arbeitsmarktes« in Boston im Jahre 1887. Alle
+Übertreibungen sorgfältig vermeidend, zog ich aus den vorliegenden
+Thatsachen nur unbestreitbare Schlußfolgerungen. Ich zeigte, wie Kapital
+und Arbeit gleichmäßig unter den zahlreichen Arbeitseinstellungen jener
+Tage gelitten hatten und pries die jetzige Ordnung der Dinge, weil sie
+solche unsinnige wirtschaftliche Kämpfe unmöglich mache.
+
+Nach Beendigung meiner Vorlesungen unterhielt ich mich stets mit
+Herrn Forest, welcher ebenso bereitwillig war, über die neue
+Gesellschaftsordnung zu sprechen, wie Dr. Leete.
+
+»Die Freunde der Regierung nennen mich einen unverbesserlichen
+Krittler«, sagte Forest, »und sie haben recht, obschon sie ihr Urteil in
+etwas höflichere Worte kleiden und sagen könnten, daß ich zur Prüfung
+aller Dinge geneigt bin. Ich würde jede Regierung, unter der zu leben
+mein Schicksal wäre, prüfen und mein Urteil aussprechen; gleichviel, wie
+gut, oder wie schlecht die Regierung auch wäre. Ich hege keinen Groll
+gegen die Männer, welche die Vereinigten Staaten heut regieren. Ich gebe
+sogar zu, daß sie etwas mehr Klugheit, Thatkraft und Duldsamkeit zeigen,
+als die Mitglieder der Verwaltung, welche vor zwölf Jahren aus dem Amte
+schied. Es sind eben die leitenden Grundsätze, welche falsch sind und
+demgemäß müssen auch die Folgen schlecht sein, was immer die Regierung
+thun mag, die üblen Folgen eines schlechten Systems zu verkleistern.«
+
+»Sie meinen demnach, daß das jetzige System durchaus falsch ist?« fragte
+ich.
+
+»Können Sie daran zweifeln?« antwortete Forest. »Blicken Sie um
+sich! Ist der leitende Grundsatz in der Schöpfung Gleichheit oder
+Verschiedenheit? Sie finden oft Ähnlichkeit, nie Gleichheit.
+Pflanzenkundige haben Tausende von Blättern gesammelt, die auf den
+ersten Blick ganz gleich erschienen; aber bei sorgfältiger Prüfung
+fanden sie ganz bestimmte Unterscheidungsmerkmale. Ungleichheit ist
+Naturgesetz und jeder Versuch, unbedingte Gleichheit herzustellen, ist
+demnach naturwidrig und unsinnig. Es haben deshalb auch alle derartigen
+Versuche sich als Fehlschläge erwiesen. Selbst als einige der ersten
+Christen, von Nächstenliebe geleitet, die Gütergemeinschaft unter
+sich einführten, war das naturwidrige Unternehmen nicht von Bestand.
+Selbst der selige Prokrustes konnte mit einer Bettstelle für alle
+sein Geschäft nicht betreiben; er brauchte deren zwei, für die langen
+und für die kurzen Opfer, welche ihm in die Hände fielen. Wir könnten
+eben so wohl anordnen, daß künftighin alle Männer sechs Fuß lang sein,
+zweiundvierzig Zoll um die Brust messen, eine griechische Nase, blaue
+Augen, blonde Haare und eine Tenorstimme haben müssen, wie wir versuchen
+können, alles Leben in einem kommunistischen Gemeinwesen in eine
+Gleichheitszwangsjacke zu stecken, in der Erwartung, daß die Menschheit
+sich da wohl fühlen solle. -- Berücksichtigen wir doch nur in Verbindung
+mit der Verschiedenartigkeit der geistigen und körperlichen Anlagen die
+Verschiedenheit der Neigung und des Geschmackes, die Mannigfaltigkeit
+der Berufsthätigkeit und beantworten wir uns dann die Frage, ob die
+Begründung einer Gesellschaftsordnung auf der Grundlage unbedingter
+Gleichheit dauern kann.«
+
+»Wenn ich mir eine richtige Ansicht von der Gliederung Ihrer
+Gesellschaft gebildet habe,« wandte ich hier ein, »so haben Sie das
+Anrecht aller Menschen auf einen Lebensunterhalt anerkannt, indem Sie
+jedermann einen gleichen Anteil an den Arbeitserzeugnissen zugestanden;
+aber Sie haben auch jedermann die Gelegenheit geboten, einen ihm
+zusagenden Beruf zu wählen. Sie haben ferner die zu einer Zunft
+gehörigen Arbeiter in Abteilungen und Grade geteilt, um den Ehrgeiz der
+Arbeiter nach Erreichung eines höheren Grades anzuregen und Sie haben
+so eine Verschiedenartigkeit der Stellungen geschaffen, welche der
+Ungleichheit der Menschen entspricht, die Sie vorhin hervorgehoben.«
+
+»So ist es,« sagte Forest. »Wir haben zuerst den Grundsatz der
+Gleichheit festgestellt und alsdann unsere Gesellschaft auf der
+Grundlage der Ungleichheit gegliedert, wodurch wir die ausdrückliche
+Anerkennung der Thatsache vermieden, daß die neue Gesellschaftsordnung
+in der Lehre wie in der Wirklichkeit eine Fehlgeburt ist. Die Frage,
+welche uns vorliegt, ist eine sehr einfache: »#Sind wir alle einander
+gleich?#« Wenn wir es sind, dann ist der Kommunismus die allein richtige
+Gesellschaftsform und jedermann sollte alsdann einen gleichen Anteil von
+den Erzeugnissen der gemeinschaftlichen Arbeit erhalten. Sind wir nicht
+alle einander gleich, sind wir verschieden voneinander an geistigen und
+körperlichen Fähigkeiten, sind die Arbeitsergebnisse ungleich, dann
+liegt auch kein vernünftiger Grund vor, weshalb die Arbeitserzeugnisse
+gleichmäßig verteilt werden sollten. Wir aber verkündigen erst den
+Grundsatz der Gleichheit und behaupten, daß wir besagter Gleichheit
+wegen die Arbeitserzeugnisse gleichmäßig verteilen; -- und dann teilen
+wir die sämtlichen »Arbeiter, je nach ihrer Fähigkeit, in solche ersten,
+zweiten und dritten Grades..... Und in vielen Fällen sind diese Grade
+noch in eine erste und eine zweite Klasse geteilt.«[7] Hier sehen wir
+also, daß die Arbeiter in sechs Abteilungen gegliedert werden und zwar
+aus dem ausdrücklich angeführten Grunde: weil ihre Befähigung eine
+#verschiedene# ist. Daß ihr Fleiß ebenfalls ungleich ist, wird nicht
+ausdrücklich zugestanden, ist aber nichtsdestoweniger eine Thatsache.
+Die #Ungleichheit# der Menschen wird also #ausdrücklich# anerkannt;
+aber die Arbeitsergebnisse werden im Namen der #Gleichheit gleichmäßig
+verteilt#!«
+
+»Nun hat ohne Zweifel,« fuhr Forest mit großem Nachdruck fort,
+»jedermann ein natürliches Recht auf die Früchte seiner Thätigkeit.
+Wir nehmen aber dem tüchtigen Arbeiter des ersten Grades einen
+Teil seiner Arbeitserzeugnisse fort, um sie einem faulen Kerl
+aus der sechsten Abteilung zu geben. Das ist natürlich offenbare
+#Räuberei#, die sich nicht einmal unter dem schäbigen Mäntelchen
+eines »Regierungsgrundsatzes« verbirgt; denn durch die Einteilung der
+Arbeiter in sechs Abteilungen wegen verschiedener Befähigung erkennen
+wir ja ausdrücklich an, daß es mit der Gleichheit »nichts ist!« --
+Dennoch werden alle Diejenigen, welche diese Beraubung der Fleißigen zu
+Gunsten der Faulen nicht als Handlung höchster Staatsweisheit bewundern
+mögen, als Feinde der besten Gesellschaftsordnung verdammt, von welcher
+die Geschichte der Menschheit uns meldet.«
+
+»Sie sind bis zu einem gewissen Grade ein Verteidiger der Civilisation
+des neunzehnten Jahrhunderts,« antwortete ich. »Nun wurden aber zu
+unserer Zeit von manchen Wortführern der Arbeiter die Arbeitgeber
+»Lohndiebe« gehießen, d. h. sie wurden beschuldigt, sie hätten einen zu
+großen Anteil von dem für die Arbeitserzeugnisse vereinnahmten Gelde für
+sich behalten und den Arbeitern zu geringen Lohn gegeben. Mir erscheint
+die gleiche Verteilung alles Eigentums viel empfehlenswerter, als eine
+Verteilungsart, bei welcher eine vergleichsweise kleine Anzahl von
+Arbeitgebern sich auf Kosten der Masse des arbeitenden Volkes bereichern
+konnte.«
+
+»Ich bin kein Verteidiger der Civilisation des neunzehnten
+Jahrhunderts,« rief Forest. »Ich behaupte nur, daß der #Wettbewerb#,
+unter welchem die Menschheit vor hundert Jahren arbeitete, dem
+#Kommunismus#, unter welchem wir jetzt arbeiten, weit #überlegen# ist.
+Der ungerechte Gewinn der Arbeitgeber, von welchem Sie sprechen, hätte
+leicht abgeschafft werden können, wenn Ihre Arbeiter sich zu Teilhaber-
+oder Genossenschaften vereinigt hätten. Vor 100 Jahren gab es kein
+Gesetz, welches ein Dutzend Schuhmacher hätte hindern können, sich ein
+Lokal mit Dampfkraft zu mieten, etliche Näh- und sonstige Maschinen zu
+kaufen und Schuhzeug für eigne Rechnung und Gefahr zu machen. Und es
+gab kein Gesetz, welches alle anderen Arbeiter hätte hindern können,
+ihr Schuhzeug nur in solchen Genossenschaftswerkstätten zu kaufen. Wäre
+dies geschehen, so hätten die Genossen die Gewinne des Fabrikanten,
+des Großhändlers, des Kleinhändlers und des Arbeiters erhalten, d. h.
+allen Gewinn, der überhaupt in der Arbeit steckte. Die Arbeiter aller
+Geschäftszweige hätten sich allmählich zu Genossenschaften vereinigen
+können, so Arbeitgeber und Arbeiter in einer Person darstellend. -- Wenn
+die Arbeiter es vorzogen, von diesem Recht und von dieser Gelegenheit
+keinen Gebrauch zu machen; wenn ihnen nicht daran lag, die Sorgen und
+das Wagnis einer selbstständigen Geschäftsführung auf sich zu nehmen;
+wenn sie lieber für einen Arbeitgeber thätig waren, diesem die Sorgen
+und das Wagnis der Geschäftsleitung überlassend; dann hatten sie auch
+kein Recht, über den Gewinn des Unternehmers zu klagen, der ihnen ja
+zugänglich war.
+
+»Und wenn die Arbeiter Ihrer Zeit mit ihrem Lohn oder der Behandlung
+unzufrieden waren, so konnten sie sich andere Beschäftigung suchen, was
+unsere Arbeiter nicht können, weil der Staat der einzige Arbeitgeber
+ist. Der Grundsatz, daß jedermann ein gutes Recht auf das hat, was er
+hervorbringt, ist unter Ihrer Arbeitsweise nie in Frage gestellt worden.
+Aber wir haben im Namen der Gleichheit und Gerechtigkeit das »Recht«
+aufgestellt, den Fleißigen zu Gunsten des Faulen zu berauben. Wenn die
+Arbeiter des neunzehnten Jahrhunderts, anstatt an Arbeitseinstellungen
+Riesensummen zu opfern, einen Arbeitszweig nach dem andern auf
+genossenschaftlicher Grundlage eingerichtet hätten, würden sie mit
+verhältnismäßig geringen Schwierigkeiten das gelöst haben, was sie die
+sociale Frage nannten. -- Uns aber würden sie dadurch bewahrt haben vor
+der abscheulichen Form, in welcher die Gesellschaft jetzt gegliedert ist
+und verwaltet wird.«
+
+»Die Arbeiterorganisationen und die Ausstände waren nur eine Wirkung der
+Konzentration des Kapitals, das sich in größeren Massen als je zuvor
+aufgehäuft hatte,« sagte ich, die Ansichten des Dr. Leete betreffs
+dieser Frage wiedergebend. »Ehe diese Konzentration begann, und als
+Handel und Industrie noch von unzähligen kleinen Geschäften mit geringem
+Kapital, anstatt von einer kleinen Anzahl großer Geschäfte mit großem
+Kapital betrieben wurde, hatte der einzelne Arbeiter dem Unternehmen
+gegenüber eine verhältnismäßig wichtige und unabhängige Stellung. So
+lange ferner ein geringes Kapital oder eine neue Idee hinreichten,
+jemanden ein eigenes Geschäft beginnen zu lassen, wurden Arbeiter
+beständig zu Unternehmern und gab es keine feste Grenze zwischen den
+beiden Klassen. Arbeiterverbindungen waren damals unnötig und allgemeine
+Ausstände konnten nicht vorkommen.«[8]
+
+»An Ihrer Stelle, Herr West, würde ich diese Aussprüche des Dr. Leete
+nicht zu meinen eignen machen,« sagte Herr Forest lächelnd. »Der Doctor
+hat häufig Gelegenheit gehabt, sich betreffs dieser Angelegenheit
+eines Besseren belehren zu lassen; aber er besteht darauf, seine
+irrigen Behauptungen zu wiederholen. Ich und andere haben diese
+Auseinandersetzungen so oft widerlegt, daß es uns schließlich langweilig
+wurde. »Streiks« sind nicht, wie Dr. Leete zu glauben vorgiebt,
+verhältnismäßig neue Erscheinungen auf volkswirtschaftlichem Gebiete.
+Eine der größten Arbeitseinstellungen, von welchen die Geschichte
+uns berichtet, die »_Secessio in montem sacrum_«, fand schon 494 vor
+Christi Geburt statt und während der Jahrhunderte des Mittelalters
+waren Arbeitseinstellungen zur Erlangung höherer Löhne sehr häufig;
+obschon in jenen Tagen die Arbeit viel besser zusammengegliedert war
+(in Gilden und Zünfte) als die Geldmacht. Und was die Unmöglichkeit
+der Arbeiter angeht, Arbeitgeber zu werden, so kann ich Ihnen in
+der Universitätsbücherei eine deutsche Zeitung zeigen, die »Freie
+Presse«, welche im Jahre 1888 in Chicago erschien und in welcher der
+Redakteur, bei Widerlegung ähnlicher Behauptungen der Kommunisten
+jener Tage, auf die Thatsache verweist, daß im Jahre 1888 in Chicago
+12 000 Deutsch-Amerikaner wohnten, welche entweder Hausbesitzer, oder
+Fabrikanten, oder sonst selbständige Geschäftsleute waren. Alle diese
+Leute waren unbemittelt, meist der englischen Sprache unkundig, nach
+Chicago gekommen und dort zu Wohlstand, ja viele zu Reichtum gelangt.
+Dies widerlegt die Behauptung, daß die Unbemittelten sich in der zweiten
+Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts bereits rettungslos in den Krallen
+der Geldmächte befunden hätten. -- Nichts ist leichter, als ins Blaue
+hinein Behauptungen aufzustellen. Diese Behauptungen zu beweisen, ist
+oft schwer. Und Dr. Leete ist groß in solchen wilden Angaben.«
+
+»Führen Sie aber nicht ein höchst angenehmes Leben?« fragte ich
+in der Hoffnung, Forests Angriffen auf die neue Ordnung der Dinge
+ein Ende zu machen, indem ich auf einige unbestreitbare Thatsachen
+verwies. »Erfreuen Sie sich nicht eines nie dagewesenen Wohlstandes?
+Haben Sie nicht die Armut gänzlich ausgerottet? Und sind nicht diese
+Errungenschaften kleine Opfer wert?«
+
+»Wir führen kein höchst angenehmes Leben. Wir erfreuen uns nicht eines
+nie dagewesenen Wohlstandes. Sie werden sehr bald entdecken, daß
+Sie sowohl die Art, wie die Früchte unserer Civilisation bedeutend
+überschätzen. Und was die Vernichtung der Armut anlangt, so läuft
+diese »Errungenschaft« im wesentlichen darauf hinaus, daß wir die
+ungeschickten, dummen und faulen Leute mit den Arbeitsergebnissen der
+geschickten und fleißigen Frauen und Männer bereichern. Das hätten Sie
+vor 113 Jahren auch leisten können, aber Sie waren nicht so einfältig
+und ungerecht, eine derartige Räuberei zu begehen.«
+
+»Wenn das Volk mit der jetzigen Gesellschaftsordnung unzufrieden ist, so
+kann es ja eine Änderung vornehmen,« entgegnete ich. »Ihren Äußerungen
+zufolge bilden die Gegner der Regierung keine Partei, die irgend welche
+Bedeutung hat: denn Sie sagten mir, daß es nur einige Zeitungen giebt,
+welche die Regierung bekämpfen. Dies scheint mir ein Beweis dafür zu
+sein, daß das Volk im wesentlichen mit der jetzigen Ordnung der Dinge
+zufrieden ist.«
+
+Forest sah sehr ernst drein als er antwortete: »Sie sind natürlich der
+Meinung, daß wir uns derselben Freiheit erfreuen, welche Sie vor 113
+Jahren genossen. Aber im politischen Leben ist seit jener Zeit alles
+anders geworden. Ihre Bürger waren von der Regierung ganz unabhängig,
+die Beamten und solche Leute vielleicht ausgenommen, welche gerade
+Arbeiten für die Regierung ausführten. Heut greift die Regierung in
+alles ein und fast jedermann ist mittelbar oder unmittelbar von der
+Gunst der höheren Beamten mehr oder weniger abhängig. Wer es wagt, die
+Regierung offen zu bekämpfen, der kann sicher sein, daß ihn, seine
+Verwandten und seine Freunde der Zorn des Beamtentums trifft. Deshalb
+ist die Zahl derjenigen sehr klein, welche kühn genug sind, den Grimm
+der Regierung offen herauszufordern, obschon vielen die jetzige Ordnung
+der Dinge entschieden mißfällt.«
+
+»Weshalb wählt das Volk dann nicht Leute in den Kongreß, welche die
+jetzige angeblich so unbefriedigende Ordnung der Dinge durch den Erlaß
+neuer Gesetze ändern?« fragte ich, überzeugt, daß Forest in seiner
+Krittelwut die dunklen Farben allzu dick aufgetragen hatte.
+
+»Der Kongreß hat heutzutage wenig Einfluß,« entgegnete Forest. »Die
+Macht liegt fast ausschließlich in den Händen des Präsidenten und der
+Vorsteher der zehn großen Abteilungen. Sie haben fast eine unumschränkte
+Gewalt, die etwas an die Macht des Zehnerrates erinnert, welcher in
+Venedig zu der Zeit herrschte, als diese aristokratische Republik auf
+dem Gipfel ihres Ansehens stand. Da es in ihrer Willkür liegt, jeder
+Person auf die Dauer von 24 Jahren gute oder schlechte Stellungen
+anzuweisen, ja selbst Leute von mehr als 45 Jahren wieder in das
+Arbeiterheer zu stellen und auf diese Weise Mißliebige wieder unter
+ihre Gewalt zu bekommen, so haben unsere hohen Regierungsbeamten eine
+Tyrannenmacht, von der auch nur zu träumen keinem Fürsten Ihrer Zeit
+eingefallen wäre.«
+
+»Sie wissen natürlich,« fuhr Herr Forest fort, »daß alle Rekruten
+während der ersten drei Jahre ihrer Dienstzeit in die Reihe der
+gewöhnlichen Arbeiter gestellt werden. »Erst nach dieser Periode,
+während welcher sie für jede Art der Arbeit ihren Vorgesetzten zur
+Verfügung stehen, dürfen sie einen besonderen Beruf wählen!«[9] Sie
+werden einsehen, daß die jungen Leute während dieser drei Jahre der
+Gnade oder Ungnade ihrer Vorgesetzten preisgegeben sind. Diese können
+einem Rekruten leichte und reinliche Arbeit zuweisen, sie können ihn
+aber auch an schmutzige, ungesunde Beschäftigung schicken. Widerspruch
+wird nicht geduldet. Denn »ein Mensch, der fähig ist Dienst zu thun,
+sich dessen aber hartnäckig weigert, wird zu Isolierhaft bei Wasser und
+Brot verurteilt bis er sich willig zeigt.«[10]
+
+»Sie wissen ferner, daß »über die Leistungen jeder Person Buch geführt,
+und die besondere Tüchtigkeit erhält ihre Auszeichnung während die
+Nachlässigkeit ihre Strafe findet.«[11] Dr. Leete hat Ihnen auch ohne
+Zweifel gesagt, daß wir es nicht für weise halten »zu gestatten,
+daß jugendliche Sorglosigkeit oder Unbesonnenheit, falls sie keine
+erhebliche Schuld einschließt, die künftige Laufbahn der jungen Leute
+schädige und allen, welche jenen ersten Grad ohne ernstliche Vergehen
+durchgemacht haben, steht in gleicher Weise die Wahl des Lebensberufes,
+für den sie die meiste Neigung haben, offen.« Nun werden aber nicht nur
+Sitten- und Befähigungszeugnisse sorgfältig geprüft, »sondern es hängt
+auch von der Durchschnittsbeschaffenheit des Zeugnisbuches während der
+Lehrzeit der Rang ab, den er unter den vollen Arbeitern erhält.«[12]
+
+»Obwohl die innere Organisation der verschiedenen Gewerbezweige
+in Industrie und Ackerbau, der Eigentümlichkeit ihrer besonderen
+Bedingungen gemäß, verschieden ist, stimmen sie doch in der allgemeinen
+Einteilung ihrer Arbeiter je nach ihrer Fähigkeit in solche ersten,
+zweiten und dritten Grades überein; und in vielen Fällen sind diese
+Grade noch in eine erste und eine zweite Klasse eingeteilt. Gemäß
+seinen Leistungen als Lehrling erhält der junge Mann den Rang als
+Arbeiter ersten, zweiten und dritten Grades..... Die Feststellungen
+der Rangordnungen »finden in jedem Gewerbezweige in Zwischenräumen
+statt.«[13] .... »Ein besonderer Vorteil eines hohen Grades ist
+das Recht, welches derselbe dem Arbeiter verleiht, sich innerhalb
+der verschiedenen Zweige oder Verrichtungen seines Gewerbes eine
+Specialität auszuwählen.«[14] Dr. Leete hat Sie fernerhin wohl auch
+davon unterrichtet, daß soweit wie möglich »selbst die Neigungen des
+schlechtesten Arbeiters berücksichtigt werden.« .... »Aber obwohl auch
+die Wünsche der Arbeiter eines niederen Grades Berücksichtigung finden,
+so weit die Anforderungen des Dienstes es gestatten, so geschieht dies
+doch erst dann, wenn für die Arbeiter der höheren Grade gesorgt worden
+ist und so müssen sie oft mit einer, ihnen erst an zweiter oder dritter
+Stelle zusagenden Wahl vorlieb nehmen, oder es wird ihnen sogar ohne
+weiteres direkt eine Arbeit übertragen, wenn dies nötig wird. Dieses
+Wahlrecht tritt bei jeder neuen Feststellung des Ranges in Kraft; und
+wenn jemand seinen Rang verliert, so läuft er auch Gefahr, die Art
+Arbeit, welche er liebt, mit einer anderen vertauschen zu müssen, welche
+ihm weniger gefällt.«[15] .... Die hohen staatlichen Ämter sind »nur den
+Männern des ersten Grades zugänglich.«[16]
+
+»Diese Bestimmungen beweisen die Richtigkeit dessen, was ich über die
+Gewalt der Regierung sagte. Die Lieutenants, die Hauptleute und die
+Obersten werden von den Zunftgeneralen ernannt, welche wiederum unter
+dem Befehl der zehn Vorsteher der zehn großen Abteilungen stehen.
+Diese Beamten können ihren jungen Freunden, welche als Rekruten in
+das Arbeiterheer treten, leichte Arbeit und gute Zeugnisse geben und
+sie können diese jungen Freunde in den Stand setzen auf Grund ihrer
+guten Zeugnisse, sobald sie die ersten drei Jahre ihrer Dienstzeit
+zurückgelegt haben, sofort in die erste Abteilung des ersten Grades
+einer Zunft zu treten. Und ein solcher Günstling einflußreicher Leute
+kann, nachdem er eine angenehme Rekrutenzeit verbracht hat und sofort
+in die erste Abteilung des ersten Grades einer Zunft befördert worden
+ist, alsbald zum Lieutenant ernannt werden und die Laufbahn zu den
+höchsten Ehren in wenigen Jahren durchmachen. -- Sie können nicht
+leugnen, Herr West, daß unsere gesetzlichen Bestimmungen eine solche
+Günstlingswirtschaft ermöglichen.«
+
+Ich mußte zugeben, daß solche Vorkommnisse möglich wären.
+
+Herr Forest fuhr fort: »Andererseits können solche jungen Leute, welche
+nicht die Söhne oder Freunde unserer Regierungslichter sind, sich sehr
+glücklich schätzen, wenn sie in einer Stellung des zweiten Grades mit
+einem Zeugnis unterkommen, welches die Hoffnung auf weitere Beförderung
+nicht ausschließt. Verwandte von ausgesprochenen Gegnern der Regierung
+können in die zweiten Abteilungen der dritten Grade der verschiedenen
+Zünfte gestellt und ihre Zeugnisse können so geführt werden, daß alle
+Hoffnung auf Erlangung einer höheren Stellung ausgeschlossen ist. Und
+solche Günstlingswirtschaft ist nicht nur möglich, sie besteht in
+vollem Umfange. Die Söhne und Verwandten von Leuten, welche als Gegner
+der Regierung bekannt sind, führen ein Dasein, schlechter als das von
+Sklaven und werden oft wie Fußbälle behandelt.«
+
+»Giebt es keinen Gerichtshof, vor welchem sie Klage führen können?«
+fragte ich.
+
+»Ja. Ungerecht behandelte Frauen oder Männer können vor einem Richter
+Klage führen,« antwortete Herr Forest. »Aber die Richter niederen Grades
+sind einfach Leute, welche das fünfundvierzigste Lebensjahr zurückgelegt
+haben und vom Präsidenten auf fünf Jahre zu Richtern ernannt worden
+sind. Diese entscheiden, wie Dr. Leete Ihnen mitgeteilt haben wird,
+in allen Fällen, in welchen ein Mitglied des Arbeiterheeres gegen
+einen Vorgesetzten Klage wegen Ungerechtigkeit führt. Alle solche
+Fragen werden von einem einzelnen Richter #endgültig# entschieden; drei
+Richter werden nur in besonders schweren Fällen berufen.[17] -- Die vom
+Präsidenten zu Richtern ernannten Leute sind natürlich Vertrauensmänner
+und Freunde der Regierung und man kann von ihnen nicht erwarten, daß
+sie bei solchen Klagen gegen die Beamten der Regierung und zu Gunsten
+eines »Widersetzlichen« entscheiden sollten. Und da solche Beschwerden
+endgültig entschieden werden, ohne daß dem Kläger das Recht zusteht,
+vor einem höheren Gerichtshofe Berufung einzulegen, so bleibt dem
+ungerecht behandelten Mitgliede des Arbeiterheeres nichts weiter übrig,
+als auf seinen alten Posten zurückzukehren, wo sein Vorgesetzter,
+gegen den es geklagt hat, es natürlich nicht besser behandelt als
+zuvor. Im Gegenteile muß der »Widersetzliche« es in den meisten Fällen
+schwer entgelten, daß er gegen einen Offizier Klage geführt hat. Bei
+der nächsten Neueinteilung in Abteilungen und Grade kann der Offizier
+den unglücklichen Menschen in die zweite Abteilung des dritten Grades
+stecken, wenn er nicht schon dahin degradiert war. Jedenfalls kann der
+erzürnte Offizier dem Mißvergnügten die schmutzigste, ungesundeste
+Arbeit zuteilen.«
+
+Dieses von Forest entworfene Bild der Zustände im Arbeiterheere erschien
+mir um so entsetzlicher, wenn ich es mit den rosenfarbenen Schilderungen
+des Dr. Leete verglich. Ich war davon so erschüttert, daß ich mich
+zu einem Versuch nicht aufraffen konnte, gegen die Schilderungen und
+Schlüsse meines Vorgängers in der Professur anzukämpfen.
+
+Nach einer kurzen Pause fuhr der jetzige Pedell fort: »Nun erwägen
+Sie in Verbindung mit den Thatsachen und Einrichtungen, die ich eben
+erwähnt habe, daß die Arbeiter »kein Stimmrecht ausüben oder irgendwie
+bei der Wahl ihrer Vorgesetzten hineinreden dürfen.«[18] »Der General
+eines Gewerbes vollzieht die Ernennung für die Rangstufen unter ihm,
+aber er selbst wird nicht ernannt, sondern durch Stimmenmehrheit
+gewählt, ... d. h. von denjenigen, welche in der Zunft gedient und
+ihre Entlassung erhalten haben.«[19] So, mein lieber Herr West, sind
+also die Angehörigen des Arbeiterheeres vierundzwanzig Jahre lang der
+Gnade oder Ungnade ihrer Vorgesetzten gänzlich preisgegeben. Wenn sie
+während dieser Zeit leichten Dienst haben wollen, müssen sie allen
+Befehlen blindlings gehorchen und mit allen ihnen zu Gebote stehenden
+Mitteln nach Gunst streben. Sie müssen ihre stimmberechtigten Freunde
+beeinflussen, damit diese nicht nur für die Regierung stimmen, sondern
+das auch in möglichst demonstrativer Weise thun. Gelegentliche Geschenke
+von Wein und Cigarren erregen bei manchen Offizieren freundliche
+Gefühle. Verabsäumt das Mitglied des Arbeiterheeres alle diese
+Schritte und Maßregeln, so kann es, unter Umständen, vierundzwanzig
+Jahre lang ein Leben führen, mit welchem verglichen das Schicksal
+eines Plantagensklaven oder eines Kohlengräbers vor 150 Jahren als
+beneidenswertes Dasein erscheinen muß. Denn ein Plantagenneger
+stellte für seinen Eigentümer einen wertvollen Besitz dar, der nicht
+leichtsinnig gefährdet werden durfte, während der Kohlengräber seine
+Arbeit aufgeben und sich anderswo Beschäftigung suchen konnte, wenn ihm
+seine Arbeit oder die ihm widerfahrene Behandlung nicht behagten. Ein
+Mitglied des Arbeiterheeres dagegen, welches sich den Zorn des einen
+oder des andern Offiziers zugezogen hat, oder welches auf die Liste der
+Feinde der Gesellschaft gesetzt worden ist, weil seine stimmfähigen
+Verwandten gegen die Regierung gestimmt haben, -- ein solches Mitglied
+der »industriellen Armee« führt ein Leben, welches man sehr wohl
+»vierundzwanzig Jahre der Hölle auf Erden« nennen darf.
+
+»Sie ersehen hieraus, Herr West, weshalb der Kongreß keinen Einfluß
+hat. Die große Mehrzahl seiner Mitglieder ist beständig bemüht, für
+sich selbst, für Verwandte und für Freunde Gunstbezeugungen dadurch zu
+erlangen, daß sie der Regierung in jeder Weise entgegenkommen. Und dies
+ist die Gleichheit der besten Gesellschaftsordnung, deren die Menschheit
+sich jemals erfreute! Dies ist, was Dr. Leete das tausendjährige Reich
+menschlicher Glückseligkeit nennt.«
+
+
+
+
+Viertes Kapitel.
+
+
+»Es steht durchaus im Einklange mit den Naturgesetzen und ist deshalb
+recht,« begann Forest unsere nächste Unterredung, »daß ein Mann seinem
+Sohne, seinen Verwandten und seinen Freunden beisteht und ihnen im Leben
+vorwärts hilft. Einen Mann, der das thut, würde ich nie tadeln; sondern
+im Gegenteile diejenigen, welche das unterlassen, was ich für die
+Pflicht jedes Mannes halte. Selbstverständlich müssen aber der Sohn, die
+Verwandten oder die Freunde befähigt sein, die Stellungen auszufüllen,
+für welche sie in Vorschlag gebracht werden. -- Ich entsinne mich, daß
+einige Geschichtsschreiber über die Günstlingswirtschaft geschrieben
+haben, welche zu ihrer Zeit bei der Vergebung von Bundesämtern
+geherrscht haben soll und daß besonders General Grant beschuldigt wurde,
+alle Zeit seine Verwandten und Freunde bei Anstellungen bevorzugt zu
+haben. Das aber gefällt mir gerade an dem großen Feldherrn, daß er an
+seinen Freunden so unerschütterlich festhielt und ich entschuldige
+deshalb um so lieber die Mißgriffe, die er mitunter bei der Auswahl der
+Beamten machte. Denn diese Mißgriffe wurden veranlaßt durch sein gutes
+Herz, das seinen Freunden immer treu und mitunter geneigt war, deren
+Befähigung und Ehrenhaftigkeit zu überschätzen. Wenn die Bande des
+Blutes und der Freundschaft nicht mehr zusammenhalten, worauf sollen
+wir dann noch vertrauen? Und da jedermann naturgemäß die Gesinnung und
+die Befähigung seiner Verwandten und Freunde besser kennen muß, als die
+Eigenschaften andrer Leute, so ist es ganz in der Ordnung, daß er die
+ihm Nahestehenden, deren Befähigung er kennt, zunächst anstellt.«
+
+»Einer der vielen großen Schäden, an welchen unser öffentliches und
+gewerbliches Leben krankt, ist der Umstand, daß unter ihm nicht nur die
+Günstlingswirtschaft, sondern auch die Korruption im größten Umfange
+wuchern #muß#. Vor hundertunddreizehn Jahren konnten die Männer, welche
+an der Spitze der Vereinigten Staaten standen, oder solche, die in
+den nächsten Regierungskreisen Einfluß hatten, mitunter nach Willkür
+Stellungen besetzen, in welchen für wenig Arbeit ein gutes Gehalt
+bezahlt wurde; aber solcher Ämter gab es nur verhältnismäßig wenige.
+Die Zahl der von der Bundesregierung angestellten Beamten betrug,
+wenn ich nicht irre, nur etwa 80 000 und die Mehrzahl dieser 80 000
+Ämter bestand aus kleinen Postmeisterstellungen. Diese Postmeister in
+kleinen Dörfern und Landbezirken erhielten gar kein Gehalt, sondern
+einen Teil des Geldes, welches sie für verkaufte Briefmarken einnahmen
+und dieses Einkommen war ein so bettelhaftes, daß nur Kaufleute,
+welche ohnehin den Tag über in ihren Läden zubrachten und die »Ehre«
+nebst dem kleinen Gewinn so nebenbei mitnahmen, ein solches Bundesamt
+annehmen konnten. Dazu kam, daß die verhältnismäßig geringe Anzahl
+solcher Bundesämter, welche als »Sinekuren« bezeichnet werden konnten,
+alle vier oder spätestens alle acht Jahre neu besetzt wurden. Unsere
+Regierungen haben aber ein längeres Leben. Diejenige, welche zuletzt
+abwirtschaftete, hat sechsundzwanzig Jahre gedauert. Und die Zahl der
+Stellungen, welche unsere Regierung zu vergeben hat, ist sehr groß. Für
+je zwölf Frauen oder Männer haben wir einen Aufseher oder Lieutenant;
+von den Hauptleuten, Obersten usw. gar nicht zu reden. Und was wir gar
+auf dem Gebiete der Schreiberei leisten, ist einfach ungeheuerlich. Wie
+sie vermutlich wissen, führen wir sowohl in der Arbeits- wie in den
+Verteilungsabteilungen Buch; ja noch mehr: jeder Bewohner und jede
+Bewohnerin der Vereinigten Staaten hat in den Regierungsbüchern ein Soll
+und ein Haben!«[20]
+
+»Angesichts unserer großen und beständig wachsenden Bevölkerung ist das,
+wie Sie wohl einsehen werden, eine Riesenarbeit. Sie wissen ja, daß das
+nordamerikanische Gebiet, welches früher unter englischer Regierung
+stand, mit den Vereinigten Staaten vereinigt wurde und daß unsere
+Bevölkerung sich nach der Zählung von 1990 auf 414 000 000 belief. Sie
+wird jetzt auf 500 000 000 Menschen geschätzt.«[21]
+
+»Die ungeheuer umständliche Buchführung, welche durch den Kommunismus
+notwendig gemacht wird und die Kürze der Arbeitszeit, welche die
+Buchhalterinnen und Buchhalter als Günstlinge der Parteiführer genießen,
+machen es notwendig, daß für je fünfzig Menschen ein Buchhalter
+angestellt wird. Unter der letzten Regierung hatten wir sogar für je
+zweiundvierzig Einwohner einen Rechenkünstler. Dies giebt der Regierung
+Gelegenheit, nach eigener Willkür 10 Millionen Frauen und Männern
+reinliche und bequeme Arbeit zuzuerteilen. Zu diesen 10 Millionen
+guten Stellungen müssen Sie noch etwa eben so viele Offiziersposten im
+Arbeiterheere und die Stellungen in den Warenniederlagen der Regierung
+rechnen; von andern begehrenswerten Anstellungen gar nicht zu reden.
+Hiernach können Sie ohne weitere Erklärung die außerordentliche Macht
+ermessen, welche die Regierung durch die Anstellungsgewalt allein ausübt
+und welche Versuchung die Ausübung dieser unerhörten Macht im Gefolge
+hat.«
+
+»Ist es denn nicht notwendig,« fragte ich, »daß diejenigen, welche
+sich um eine an Verantwortlichkeit reiche Stellung, wie die eines
+Buchhalters, bewerben, die nötigen Studien machen und eine Prüfung
+ablegen müssen, ehe sie so wichtige Pflichten übernehmen?«
+
+»Das Buchhalten bildet einen Teil des Lehrplans in unsern Schulen,«
+antwortete Forest. Ȇbrigens wird die Buchhalterei bei uns nicht sehr
+gewissenhaft besorgt. Deshalb lastet die Verantwortlichkeit nicht allzu
+schwer auf den Schultern der Günstlinge unserer Regierung, und ich
+glaube nicht, daß einer der Bevorzugten sich dieserhalb Sorgen macht.
+Es ist natürlich für jemanden, der außerhalb des Regierungskreises
+steht, nicht möglich, mit Bestimmtheit zu sagen, wie schlecht die Bücher
+geführt werden. Als indes die letzte Regierung vor zwölf Jahren aus
+dem Amte schied, wurde ein schier unergründlicher Pfuhl von Verderbnis
+und Betrügereien aufgedeckt. Der Wert aller vorhandenen Warenbestände
+wurde festgestellt und es wurde ermittelt, daß Güter im Werte von
+432 000 000 Dollar fehlten. Die Mitglieder der abgesetzten Regierung
+erklärten allerdings, daß diese Angaben falsch und nichts als böswillige
+Verleumdungen seien, daß die neue Regierung Buchhalter eigens zu dem
+Zwecke angestellt habe, einen Diebstahl von mehr als vierhundert
+Millionen Dollars herauszurechnen, nur damit die Mitglieder der früheren
+Verwaltung als Schurken politisch tot gemacht würden. Die abgegangenen
+Beamten gaben zu, daß Waren fehlen könnten, weil die Angestellten in
+den Warenhäusern stets reichliches Maß und Gewicht gegeben hätten; doch
+könnte dieser Fehlbetrag nicht als ein Beweis der Unehrenhaftigkeit der
+letzten Regierung gelten und nimmermehr die Riesensumme von 432 000 000
+Dollar erreichen. Andererseits bestanden aber die neuen Beamten auf
+ihren Angaben und schrieben den Fehlbetrag der Korruption unter der
+letzten Regierung zu, deren Mitglieder mehr Waren entnommen hätten, als
+ihnen zukam, ohne daß aus ihren Anteilscheinen der entsprechende Betrag
+herausgestochen wurde.«
+
+Ich fragte Forest, was er von diesen Beschuldigungen und
+Gegenbeschuldigungen halte.
+
+»Ich glaube, sie sind bis zu einem gewissen Grade nur zu wohl
+begründet,« sagte mein Amtsvorgänger. »Die Versuchung unter unserem
+elenden System ist eben für viele Menschen zu groß. Daß die Führer
+der Regierungspartei ihren Verwandten und Freunden die besten
+Stellungen geben, würde ich durchaus nicht tadelnswert finden, wenn die
+Angestellten die ihnen übertragenen Ämter gut verwalten könnten. Aber
+die 20 000 000 besten Stellungen im Lande sind durchaus nicht mit den
+besten und tüchtigsten Frauen und Männern besetzt. So weit diese Ämter
+und Stellen nicht den Verwandten und nächsten Freunden der höchsten
+Beamten verliehen sind, werden sie an die Angehörigen der eifrigsten und
+einflußreichsten Anhänger der Regierung vergeben. Und selbst das würde
+erträglich sein, wenn die Günstlingswirtschaft da ein Ende erreichte, an
+der Grenze der Verderbtheit und drückenden Willkür. Aber sie geht noch
+viel weiter.«
+
+»Klagen Sie die jetzige Regierung und deren Freunde der Korruption und
+Tyrannei an?« fragte ich, entschlossen, meinen weiteren Unterredungen
+mit Herrn Forest ein Ende zu machen, falls dieser entehrende Anklagen
+gegen meinen Gastfreund vorbringen sollte.
+
+»Ich spreche von dem jetzigen Regierungssystem und erwähne nur
+Thatsachen, oder Handlungen, welche ich nachweisen kann,« antwortete
+Forest. »Ich klage niemanden an lediglich weil ich daran Vergnügen
+finde. Ich fühle, daß Ihre Frage auf Dr. Leete Bezug hat und obschon sie
+nicht unmittelbar gestellt wurde, werde ich sie doch offen beantworten.
+Ich halte Dr. Leete für einen der besten und ehrenhaftesten unter
+unseren Parteiführern, aber auch er macht von den Vorteilen Gebrauch,
+welche unter unserem System den Machthabern so leicht zugänglich sind.«
+
+»Wollen Sie die Güte haben, Ihre Behauptung zu beweisen,« sagte ich
+ruhig, aber bestimmt.
+
+»Ich werde es Ihrem Urteil überlassen, zu entscheiden, ob ich in meinen
+Behauptungen zu weit gegangen bin,« fuhr Forest fort. »Hat Dr. Leete
+Ihnen nicht mitgeteilt, daß er schon »seit langen Jahren vorhatte in
+dem großen Garten neben diesem Hause ein Laboratorium für chemische
+Zwecke zu bauen?«[22] Und hat er Ihnen nicht erzählt, daß er Arbeiter
+kommen ließ, und daß diese das Gewölbe ausgruben, in welchem Sie
+schliefen?«[23]
+
+»In der That! Dr. Leete sagte, daß er ein chemisches Laboratorium
+zu bauen beabsichtigte,« gab ich zu. »Gestattet ihm aber sein
+Guthabensschein nicht eine solche Ausgabe?«
+
+Forest sah etwas erheitert aus, als er mich fragte, ob ich jemals
+gesehen hätte, wie groß der Gesamtbetrag des Jahresguthabens wäre.
+Ich gestand, daß ich dies nicht wüßte. Die Lebensweise des Dr. Leete
+zeugte von Überfluß und erschien mir gut genug für selbst hochgestellte
+Ansprüche. Ich hatte mir deshalb noch nie die Frage nach dem genauen
+Betrage seiner Einnahmen vorgelegt.
+
+»Wenn es Ihnen genehm ist,« sagte Forest, »wollen wir über den
+Volkswohlstand zu einer anderen Zeit sprechen. Heut wollen wir uns
+darauf beschränken, die Neigung des Kommunismus zur Erzeugung von
+Günstlingswirtschaft, Bestechlichkeit, Knechtssinn und Tyrannei zu
+untersuchen. -- In Bezug auf Dr. Leete steht fest, daß er sich ein
+chemisches Laboratorium bauen läßt, trotzdem dies Unternehmen in
+offenbarem Widerspruch steht zu den Zwecken und dem Geist unserer
+Einrichtungen. In dem Erdgeschosse dieser Universität befindet sich ein
+sehr gutes derartiges Laboratorium und Dr. Leete hätte sicherlich nach
+Gefallen in demselben experimentieren können, wenn er um die Erlaubnis
+hierzu nachgesucht hätte. Schon sein Einfluß würde ihm diese verschafft
+haben. Aber seine Eitelkeit veranlaßt ihn, ein überflüssiges Gebäude
+errichten zu lassen, welches den Radikalen als ein neuer und sichtbarer
+Beweis für ihre Anklagen gegen die herrschende Parteisippe dienen wird.«
+
+»Von welchen Radikalen sprechen Sie?« fragte ich.
+
+»Ich rede von den radikalen Kommunisten, welche die jetzige Regierung
+bekämpfen, weil sie alle religiösen Gebräuche, die Ehe und das
+wenige persönliche Eigentum abschaffen wollen, dessen Besitz jetzt
+noch gestattet wird. Von unseren politischen Parteien und von deren
+Grundsätzen werden wir später sprechen. Ich wollte Sie nur von der
+Thatsache überzeugen, daß Dr. Leete zu seinem eigenen Gebrauche
+und in offenbarem Widerspruch mit den kommunistischen Grundsätzen
+ein chemisches Laboratorium errichtet, eine sehr kostspielige
+Anstalt, welche mit den Guthabensscheinen von zehn Leuten nicht
+hergestellt werden könnte und daß er auf diese Weise den Tadel aller
+Regierungsgegner herausfordert.«
+
+»Kann Dr. Leete nicht eine angemessene Miete für das Laboratorium
+bezahlen?« fragte ich. »Ich sollte meinen, daß der vorhandene Überschuß
+der Arbeitskräfte nicht besser benutzt werden könnte, als zur Errichtung
+von Gebäuden, deren Miete alsdann das Staatseinkommen erhöht.«
+
+»Wir haben aber keinen Überschuß von Arbeitskräften, wie Sie alsbald
+erfahren werden,« sagte Forest. »Und stellen Sie sich nebenher einmal
+vor, was geschehen würde, wenn jeder Bürger einen ähnlichen Aufwand
+für Bauarbeiten und für die Anschaffung von Instrumenten beanspruchen
+würde. Sie werden einsehen müssen, daß Dr. Leete eine Ausnahmestellung
+beansprucht, was nach Anmaßung und Günstlingswirtschaft aussieht. Er
+mißbraucht die Macht seiner Stellung und erregt dadurch böses Blut.«
+
+Ich konnte gegen diese Auseinandersetzungen Forests nichts Haltbares
+vorbringen und schwieg deshalb.
+
+»Aber Günstlingswirtschaft und gelegentlicher Mißbrauch der
+Regierungsgewalt zu Gunsten von Leuten wie Dr. Leete sind noch nicht
+die schlimmsten Erscheinungen in unserem öffentlichen Leben,« sagte
+Forest weiter. »Auch die Thatsache, daß einflußreiche Männer häufig
+Geschenke von Seide, Pelzen und goldenen Schmucksachen für ihre Frauen
+und Töchter, sowie von Wein und Cigarren für sich selbst seitens solcher
+Leute erhalten, welche die Fürsprache der Einflußreichen brauchen,
+könnte ertragen werden, obschon solche Vorkommnisse ein offenbarer
+Beweis für eine gewisse Verderbtheit im öffentlichen Leben sind. Die
+schlimmsten Folgen dieses verdammenswerten Kommunismus sind die Tyrannei
+und rücksichtslose Verfolgung aller Gegner der Regierung auf der einen
+Seite, und der Knechtssinn, die Schmeichelei und Verleumdungssucht auf
+der anderen Seite. Jeder Mann und jede Partei, welche eine erstrebte
+Stellung erreicht haben, werden sich in derselben gegen alle Angriffe
+ihrer Gegner zu behaupten suchen. Sie werden die Freunde belohnen, von
+welchen sie unterstützt werden und ihre Gegner zurückzudrängen suchen.
+Deshalb ist es sehr gefährlich, eine große Regierung mit einer Gewalt
+zu bekleiden, welche die Herrschenden in den Stand setzt, das Volk in
+seiner täglichen Erwerbsthätigkeit sein Lebenlang in Abhängigkeit von
+der Gunst seiner Beamten zu erhalten.«
+
+»Nach Ihrer Beschreibung erscheint die gegenwärtige Ordnung der Dinge
+unerträglich,« sagte ich.
+
+»Wenn Sie unter den Mitgliedern der verschiedenen Zünfte, besonders
+unter den Ackerbauern, Nachfrage halten,« entgegnete Forest, »so werden
+Sie finden, daß ich die Zustände genau so schildere, wie sie sind. Jedes
+Mitglied des Arbeiterheeres weiß, daß Befähigung und Fleiß allein nur
+in Ausnahmefällen genügen, um jemanden zu einer erstrebten Stellung zu
+verhelfen. Politischer Einfluß ist der allmächtige Hebel, der allein
+uns zu höheren Stellungen hinaufbefördern kann und um diesen Einfluß zu
+erlangen, muß der Arbeiter zum Kriecher, zum Schleicher, zum Angeber
+seiner Kameraden und zum Bestecher seiner Vorgesetzten werden; ja er muß
+auch alle stimmfähigen Verwandten und Freunde beschwören, sich ihrer
+Selbständigkeit zu entäußern und alle Maßregeln, sowie alle Mitglieder
+der Regierung zu unterstützen.
+
+»Wenn die Mitglieder des Arbeiterheeres ihre Offiziere oder Aufseher
+wählen könnten,« fuhr Herr Forest in seinen Auseinandersetzungen fort,
+»dann würde voraussichtlich die Disciplin in der »industriellen Armee«
+nicht so strikt sein; aber selbst eine gelegentliche Auflehnung der
+Leute gegen die Beamten würde dem jetzigen Stande der Dinge vorzuziehen
+sein, unter welchem Alle, die sich den Groll ihrer Vorgesetzten
+zugezogen haben, ein entsetzliches Dasein führen. Die Selbstmorde werden
+deshalb alljährlich zahlreicher und die Zahl derjenigen, welche ihrem
+Leben ein Ende machen, ist jetzt viermal so groß, wie zu Ihrer Zeit.«
+
+»Vor 113 Jahren wurde auf die große Zahl der Selbstmörder in den
+europäischen Heeren aufmerksam gemacht,« bemerkte ich nachdenklich.
+»Diese Leute töteten sich, obschon sie in Bezug auf Kleidung, Nahrung
+und Wohnung keinen Mangel litten.«
+
+»Allerdings,« bestätigte Forest. »Die notwendigen Lebensmittel ohne
+Freiheit haben nur geringen Wert. Viele Soldaten Ihrer Tage machten
+ihrem Leben ein Ende, weil sie ein Dasein ohne Freiheit nicht führen
+mochten. Sie warfen das Leben von sich, trotzdem ihre Dienstzeit
+nur zwei, drei oder fünf Jahre dauerte und sie in Friedenszeiten
+einen verhältnismäßig leichten Dienst hatten. Der Dienst in unserem
+Arbeiterheere dauert die besten 24 Jahre unseres Lebens. Die Männer und
+Frauen sind während dieser langen Zeit der Willkür ihrer Vorgesetzten
+preisgegeben und sie können, wie ich schon hervorhob, gegen jahrelange
+Mißhandlung durch den einen Angestellten der Regierung nur bei einem
+andern Angestellten der Regierung Klage führen. Und diese sogenannten
+»Richter« entscheiden solche Fälle endgültig meist dadurch, daß sie
+die Kläger auffordern, wieder an ihre Arbeit zu gehen und sich mit
+der Zufriedenheit ihrer Vorgesetzten die Aussicht auf Beförderung zu
+erwerben.«
+
+»Sie sprachen von Politikern, Herr Forest,« fragte ich. »Nehmen viele
+Männer thätigen Anteil am politischen Leben?«
+
+»Das will ich meinen,« rief Forest; »obschon allerdings in ihrer eigenen
+Weise. Viele Männer und viele Frauen, welche das fünfundvierzigste
+Lebensjahr zurückgelegt haben, thun nichts weiter, als daß sie sich
+mit Politik beschäftigen. Mit ihrem Guthabensscheine können sie leben,
+wo sie wollen und viele ziehen es vor, ihre Zeit in Washington zu
+verbringen, wo sie eifrig und geschäftig sind, für ihre Freunde und
+Schützlinge Gunstbezeugungen zu erjagen, sowie für solche Leute, welche
+sich der Dienste dieser Politikanten versichert haben. Die »Lobby«,
+welche zu Ihrer Zeit in den Hallen des Kongresses ihr Unwesen trieb,
+wird als eine böse Gesellschaft raubsüchtiger, gewissenloser Abenteurer
+beschrieben, welche sich gegen gute Bezahlung dazu gebrauchen ließen,
+die Kongreßmitglieder zum Erlaß von Gesetzen zu Gunsten einzelner
+Personen und Körperschaften zu verleiten. Wenn man aber jene nicht sehr
+zahlreiche und im äußeren Auftreten immerhin einigermaßen anständige
+Lobby mit den Washingtoner Wahlmachern unserer Tage vergleichen wollte,
+so würde das etwa dasselbe sein, als wenn man eine Sonntagsschule
+mit einer Reformschule vergliche, wie solche zur Besserung junger
+Taugenichtse in Ihren Tagen unterhalten wurden. Millionen von
+Leuten, welche bessere Arbeit, oder Beförderung wünschen und sich
+von dem Einfluß, den sie daheim geltend machen können, keine Wirkung
+versprechen, wenden sich an die Politikanten in Washington und sichern
+sich deren Dienste.«
+
+»Aber was kann derjenige, welcher Vergünstigungen sucht, denjenigen
+bieten, welche in Washington wohnen, um diese zur Aufbietung ihres
+etwaigen Einflusses zu veranlassen,« fragte ich; »heutigen Tages sammelt
+doch niemand Schätze?«
+
+»Das thut allerdings niemand,« antwortete Forest lächelnd. »Aber
+manche Leute wollen sich von Zeit zu Zeit »vergnügte Tage« machen und
+zu diesem Zwecke brauchen sie vielleicht alljährlich den fünf- oder
+zehnfachen Betrag ihres Guthabensscheines. Manche unserer politischen
+Lichter führen das, was man ein »großes Haus« nennt. Sie empfangen viele
+Gäste, bewirten dieselben mit feinen Speisen und guten Weinen und
+manche unserer hervorragenden Lobbyisten thun dasselbe. Wer von diesen
+Leuten eine Begünstigung verlangt, muß einen namhaften Teil seines
+Guthabensscheines abgeben und er mag sich, wenn er befördert wird, an
+seine künftigen Untergebenen wegen eines reichen Ersatzes für das nach
+Washington Abgegebene halten.«
+
+»Weshalb sind aber die Leute mit ihrem gesetzlichen Einkommen nicht
+zufrieden?« fragte ich, schmerzlich überrascht davon, daß jetzt die
+Wahlmacherei und die Verderbtheit noch üppiger zu wuchern schienen, als
+vor 113 Jahren. »Ist nicht das Einkommen, welches ein Guthabensschein
+gewährt, genügend zum Lebensunterhalte des Volks?«
+
+»Sie können die Menschen niemals zufriedenstellen,« sagte Forest.
+»Heutzutage wird der tüchtige und fleißige Teil des Volks zu Gunsten
+der Faulen und Dummen beraubt. Selbst die Begünstigten müssen sich die
+Unverschämtheiten, die Erpressungen und Erniedrigung seitens ihrer
+Vorgesetzten gefallen lassen.«
+
+»Und selbst die Männer und Frauen von den allergeringsten Fähigkeiten,
+welche aus der gleichmäßigen Verteilung der Arbeitsergebnisse den
+meisten Vorteil ziehen, sind nicht einmal sämtlich zufriedengestellt.
+Manche derselben fordern die Abschaffung alles persönlichen Eigentums
+und abgesonderter Haushaltungen. In der That ist nur ein kleiner Teil
+unserer Bevölkerung wirklich zufrieden. -- Zur Bestreitung größeren
+Aufwandes für feine Speisen, kostbare Mahlzeiten, teure Weine und
+Havannacigarren reichen die Guthabensscheine nicht aus und Leute, welche
+dergleichen regelmäßig genießen möchten, müssen sich nach Menschen
+umsehen, welche unter Umständen bereit sind, dafür zu bezahlen. -- In
+Washington leben aber nicht nur sogenannte »Lebemänner«, sondern auch
+viele Mädchen und junge Frauen, welche Liebeleien, üppige Mahlzeiten,
+feine Kleider und Juwelen, sowie den Strudel eines wilden, lüderlichen
+Lebens der regelmäßigen Thätigkeit im Arbeiterheere oder in der
+Haushaltung vorziehen.«
+
+»Die Prostitution wuchert also in Washington nach wie vor?« fragte ich
+erstaunt.
+
+»Leider ist dem so,« entgegnete Forest. »Natürlich bekleiden jene
+Mädchen Schreiber- oder Buchhalterstellen in den verschiedenen
+Regierungsabteilungen; aber diese Posten sind nur Sinekuren. Von
+Freunden, welche aus eigner Anschauung diese Geheimnisse des
+Washingtoner Lebens kennen lernten (und man kann da eigentlich kaum
+noch von Geheimnissen reden, da dieses Treiben allgemein bekannt ist),
+habe ich die Ansicht aussprechen hören, daß manche der höheren Beamten
+den fünfzigfachen Betrag ihrer Guthabensscheine mit leichtfertigen
+Frauenzimmern verausgaben. Dieses Geld erlangen sie teilweise dadurch,
+daß sie den Leuten, welche Begünstigungen suchen, einen Betrag ihres
+Guthabenscheines abnehmen. Ein anderer Teil der vergeudeten Summen
+kommt aus den Warenlagern der Regierung, wo nur ein kleiner Betrag
+dessen, was diese hohen Beamten entnehmen, aus deren Guthabensscheinen
+herausgestochen wird. Denn die in den Warenlagern Angestellten wissen,
+daß sie sehr bald ihre Stellungen verlieren und in die zweiten
+Abteilungen des dritten Grades einer Zunft versetzt werden würden, falls
+sie sich beikommen ließen, die politischen Größen der Regierung, welche
+Waren entnehmen, wie gewöhnliche Leute zu behandeln. Der Reiz, welchen
+dieses üppige Leben auf viele Männer und Frauen ausübt, hat, wie ich
+schon erwähnt, die Bevölkerung Washingtons außerordentlich vermehrt und
+es ist demzufolge die volkreichste Stadt im Lande.«
+
+»Ich kann nicht begreifen, wie das Volk eine so verderbte und
+willkürliche Regierung wie die von Ihnen geschilderte dulden kann,«
+sagte ich; »und ich bin überzeugt, daß Ihre zur Schwarzseherei neigende
+Lebensauffassung Ihr Urteil getrübt hat.«
+
+»Es liegt nur an Ihnen, wenn Sie in Zweifel darüber bleiben, ob meine
+Angaben richtig sind, oder nicht,« antwortete Forest. »Wenn Sie um
+Urlaub zu dem Zwecke nachsuchen, unsern Herrschern in Washington
+einen Ihrer begeisterten Vorträge über die Vorzüge der jetzigen
+Gesellschaftsordnung zu halten, so wird man Ihnen hier mit Vergnügen
+gestatten, Ihre Vorlesungen eine Zeitlang auszusetzen und in Washington
+wird man Sie glänzend empfangen. Denn die Begeisterung, mit welcher
+Sie unsere Einrichtungen gegenüber denen des neunzehnten Jahrhunderts
+preisen, gießt ja Wasser auf die Mühlenräder der Regierung. Sie werden
+dann den Stand der Dinge genau so finden, wie ich ihn geschildert habe
+und wenn Sie mit den Mitgliedern des Arbeiterheeres, sowie mit deren
+Freunden sprechen, welche die Regierung unterstützen, dann werden
+Sie erfahren, daß dies lediglich deshalb geschieht, weil sie an der
+Möglichkeit einer Besserung unter dem jetzigen System verzweifeln und
+nur eine Verschlimmerung für den Fall fürchten, daß die Radikalen ans
+Ruder kommen.«
+
+»Wie könnten die öffentlichen Angelegenheiten sich noch schlimmer
+gestalten, als sie Ihrer Schilderung nach schon sind?« rief ich aus.
+
+»Viele Leute fürchten, daß die Radikalen die Ehe beseitigen und »freie
+Liebe« mit allen ihren Folgen dem Volke aufdrängen würden,« erklärte
+Forest. »In der That fordern die radikalen Zeitungen -- die einzigen
+Blätter, welche eine rücksichtslose Sprache gegen die Regierung führen,
+und diese scharf angreifen -- Verbot aller religiösen Gebräuche,
+Abschaffung der Ehe, Aufhebung der Familie, der besonderen Haushaltungen
+und Abschaffung des geringen persönlichen Eigentums, welches zu
+besitzen, den Leuten heute noch gestattet ist.«
+
+»Aber wie lassen sich solche Äußerungen und Forderungen der radikalen
+Zeitungen in Einklang bringen mit dem, was Sie über die Behandlung von
+Gegnern der Regierung erzählten?« fragte ich. »Wenn es gebräuchlich ist,
+die Gegner der Regierung in Irrenhäuser zu sperren, so begreife ich
+nicht, wie den radikalen Zeitungen gestattet werden kann, so scheußliche
+Grundsätze zu predigen.«
+
+Forest lachte, als er entgegnete: »Die radikalen Redakteure werden
+begünstigt und nehmen eine Ausnahmestellung ein; denn sie leisten
+der Regierung wertvolle Dienste, indem sie die Masse des Volkes in
+Unterwürfigkeit gegenüber der Regierung hineinängstigen. Jedesmal,
+wenn eine Wahl der Zunftgenerale bevorsteht, dürfen die Redakteure der
+Radikalen Zeitungen ihre volle Leistungsfähigkeit im Schimpfen und in
+der Stellung wahnsinniger Forderungen entwickeln. Einige Tage vor der
+Wahl drucken dann die Regierungszeitungen Auszüge aus jenen unflätigen
+Angriffen auf Religion, Ehe und Familienleben nach und fragen das Volk,
+ob es solche Änderungen wünsche. Dann wird das Volk aufgefordert, die
+Regierung zu unterstützen, welche zwar nicht alle Leute zufriedenstellen
+könne, immerhin aber die beste sei, welche auf Erden jemals bestanden
+habe -- und so weiter mit Grazie bis ins Unendliche.«
+
+»Die radikalen Redakteure werden also einfach als Popanze
+geduldet, welche das Volk einschüchtern müssen, während es
+den gemäßigten Schriftstellern nicht gestattet wird, gegen die
+jetzige Gesellschaftsordnung oder gegen die Regierung einen Tadel
+auszusprechen?«
+
+»So ist es,« bestätigte Forest. »Ich fürchte indes, daß die Regierung
+ein sehr gewagtes Spiel spielt. Die Radikalen gewinnen unzweifelhaft
+Boden und es giebt unter ihnen sehr viele verzweifelte Burschen,
+welche zu jeder Zeit bereit sind, die schwarze Fahne der Zerstörung zu
+entfalten. Wäre das Volk frei und unabhängig, so wäre die Gefahr nicht
+so groß. Dann würden alle freien Männer sich zur Verteidigung der von
+ihnen geschätzten staatlichen Einrichtungen sammeln. Wie aber die Dinge
+jetzt stehen, sind die Massen gewöhnt, sich unter die Herrschaft einer
+Minderheit zu beugen. Der Aufstand eines Haufens zu Allem entschlossener
+Männer würde deshalb vergleichsweise geringen Widerstand von seiten
+der Bürger finden, die bereit wären für die Aufrechterhaltung der
+jetzigen Ordnung der Dinge zu kämpfen. Und es wird ein verhängnisvoller
+Tag für die Menschheit werden, an welchem die Radikalen die Herrschaft
+gewinnen.«
+
+»Haben Sie mir nicht mitgeteilt, daß vor zwölf Jahren die damalige
+Regierung die Wahl verlor und dadurch gestürzt ward?« warf ich
+ein. »Und beweist das nicht, daß selbst eine Regierung mit einer
+Machtvollkommenheit wie die Ihrige schließlich doch geschlagen werden
+kann? Und sagten Sie nicht ferner, daß die jetzigen Oberbeamten
+tüchtigere, bessere Leute seien, als diejenigen, welche die letzte
+Regierung bildeten?«
+
+»Eine Besserung in der Leitung der öffentlichen Angelegenheiten ist
+nicht in Abrede zu stellen; aber diese Besserung ist nicht sehr
+wesentlich. Es hat in Wirklichkeit nur ein Wechsel der Beamten, nicht
+aber eine Änderung des Systems stattgefunden. Günstlingswirtschaft,
+Bestechlichkeit und Sittenverderbnis haben etwas abgenommen; aber sie
+sind nicht ausgerottet worden. Sie wuchern im Gegenteile noch immer
+viel zu üppig. -- Gerade diejenigen Leute, welche sich vor zwölf Jahren
+im Kampfe besonders hervorthaten, mit Begeisterung die Erwählung der
+jetzigen Parteiführer betrieben, weil sie von denselben die Reinigung
+unseres öffentlichen Lebens und die Abstellung aller Übelstände
+erhofften; gerade diese Leute haben jetzt alle Hoffnung aufgegeben, daß
+unter dem Kommunismus eine gerechte und ehrliche Regierung überhaupt
+bestehen könnte. Jener Wahlsieg hat also, eben weil er im wesentlichen
+nur auf einen Personenwechsel hinauslief, das Vertrauen des Volkes auf
+eine Besserung der Zustände unter dem jetzigen System vernichtet. Mithin
+hat der Sieg mehr geschadet, als genützt. Der stärkste und verläßlichste
+Bestandteil unserer Bevölkerung in einem Kampfe für vernünftige
+Regierungsgrundsätze würden unsere Bauern sein; aber trotz ihrer großen
+Zahlen bilden sie nur eine Zunft. Sie haben nur einen General und einen
+Abteilungsvorsteher stets in der Minderheit. Und weil sie Gegner der
+jetzigen Regierung sind, werden sie nicht so gut behandelt, wie die
+Mitglieder der anderen Zünfte.«
+
+»Erhalten die Bauern nicht dieselben Guthabensscheine wie alle anderen
+Bürger?«
+
+»Allerdings; aber sie beklagen sich, daß sie die schlechtesten Waren
+erhalten und nicht den vollen Anteil an öffentlichen Einrichtungen
+oder Verbesserungen. Sie behaupten, daß sie beständig zurückgesetzt
+werden. -- Die Bauern würden die verläßlichsten Kämpfer gegen die
+Radikalen sein; aber die Behandlung, welche ihnen von seiten der
+Regierung zu teil geworden ist, hat sie so mißvergnügt gemacht, daß
+bei einem Kampfe für die Aufrechterhaltung der jetzigen Regierung,
+oder auch nur des jetzigen Systems, durchaus nicht auf sie zu rechnen
+ist. Besonders klagen die Bauern darüber, daß die Städter bei Anlage
+von Theatern, Musikhallen und anderen Vergnügung- und Erholungsplätzen
+entschieden bevorzugt würden. Es ist natürlich unmöglich, an jedem
+Kreuzwege im Lande ein Theater oder eine Konzerthalle zu bauen: aber
+wenn die Bevölkerungszahl in Stadt und Land in Betracht gezogen
+wird, so muß zugegeben werden, daß die Bauern im Verhältnis zu ihrer
+Zahl recht kümmerlich bedacht werden. Die Regierung rechnet auf die
+Unterstützung der Stadtleute und solcher Zünfte, welche hauptsächlich
+aus Städtern gebildet werden; deshalb werden die Städter auf Kosten der
+Bauern bevorzugt. Eine andere Klage der Bauern geht dahin, daß sie bei
+der Austeilung der Waren übervorteilt worden. Infolge des wechselnden
+Geschmacks, des jahreszeitwidrigen Wetters und verschiedener anderer
+Ursachen bleiben in den Warenhäusern oft Reste liegen, welche »mit
+Verlust verkauft« werden müssen.[24] Diese Waren kann die Regierung
+verkaufen, wann sie will, d. h. wann sie meint, die besten Preise
+dafür erhalten zu können. Die Regierung kann aber auch allein darüber
+bestimmen, welche Waren zu herabgesetzten Preisen verkauft werden
+sollen. Nun behaupten die Bauern, daß verlegene, unmoderne und schlechte
+Waren den Landbewohnern als neu aufgeschwindelt werden; während
+Begünstigte Waren zu herabgesetzten Preisen erhalten, die ganz neu und
+fehlerlos sind. -- Ich will durchaus nicht behaupten, daß alle Klagen
+unserer Bauern begründet sind. Teilweise mag dies nicht der Fall sein.
+Aber die Klagen an sich sind ein Beweis der Unzufriedenheit und sie
+sind nur möglich, weil unsere Regierung mit einer Machtvollkommenheit
+bekleidet ist, welche in der Geschichte der Menschheit unerreicht
+dasteht. Es ist das System, welches alle diese Übelstände erzeugt.«
+
+»Bestehen außer der radikalen und der Regierungspartei noch andere
+Organisationen, welche nach der Leitung der Staatsangelegenheiten
+streben?«
+
+»Wir haben eine Temperenzpartei, welche sehr thätig und gut organisiert
+ist; aber dieselbe sucht nur innerhalb der Regierungspartei und durch
+diese zur Macht zu gelangen. Die Regierung zeigt keine Feindseligkeit
+gegen die Mitglieder dieser Fraktion, sondern läßt sie gewähren. Bisher
+haben sie keine nennenswerten Erfolge errungen.«
+
+»Ich sehe wohl, daß Sie der jetzigen Gesellschaftsordnung nicht
+viel Anerkennung zu teil werden lassen für irgend etwas, was
+unter ihr geschehen ist. Aber glauben Sie denn nicht, daß die
+Beseitigung der Armut, die Erhebung aller Menschen auf den Standpunkt
+annähernder Gleichheit große und unschätzbare Errungenschaften des
+Menschengeschlechtes darstellen? Ich entsinne mich nur zu wohl der
+unsagbaren Leiden, welche die Armen meiner Zeit zu erdulden hatten.
+Ich bin nicht genügend mit der jetzigen Ordnung der Dinge vertraut, um
+alle Ihre Mitteilungen und Ansichten gutheißen oder ihnen widersprechen
+zu können. Aber ich betrachte die gänzliche Beseitigung der Armut als
+eine so großartige Errungenschaft, daß ich trotz Ihrer Verdammung des
+jetzigen Systems die Hoffnung nicht aufgebe, es werde der jetzigen
+Gesellschaft gelingen, die Unzulänglichkeiten zu überwältigen, welche
+von allen menschlichen Anstrengungen und Einrichtungen unzertrennlich
+sind.«
+
+»Mein verehrter Herr West, es freut mich außerordentlich wahrzunehmen,
+daß Sie in Ihren letzten Äußerungen zur Verteidigung des Kommunismus
+dieselben Gründe vorführen, welche zu Ihrer Zeit die Verteidiger Ihrer
+Gesellschaftsform gegen die Kommunisten geltend machten. Es beweist
+das einfach zweierlei: Erstens, daß uns unter Gottes Sonne auf der
+Erde nichts vollkommen ist und zweitens, daß auch jede Regierung das
+zugestehn muß. Die Abschaffung der wirklichen Armut hätte, wie ich
+später über jeden Zweifel hinaus beweisen werde, auch ohne den Rückfall
+in den Kommunismus durchgeführt werden können. Dadurch wären uns die
+schauderhaften Folgen dieser elenden Gesellschaftsform erspart worden.
+Die Thatsache, daß die Regierungsbeamten die im Arbeiterheere stehenden
+Freunde ihrer Gegner wie Sklaven behandeln können und daß selbst
+solche Freunde von Gegnern der Regierung, die sich durch Tüchtigkeit
+bereits emporgearbeitet hatten, bei der jährlichen Neueinteilung in
+die zweite Abteilung des dritten Grades zurückversetzt werden können,
+die Günstlingswirtschaft, welche die Regierung eingeführt hat, haben
+eine unerhörte Schmeichelei, Knechtschaffenheit, Verläumdungssucht und
+Verderbtheit großgezogen. Nie hat es in der Geschichte der Amerikaner
+eine Zeit gegeben, in welcher im öffentlichen wie im geschäftlichen
+Leben so wenig Unabhängigkeitssinn und Mannhaftigkeit zu Tage traten.
+Als vor zweihundertunddreißig Jahren England den Versuch machte, eine
+Theesteuer einzuführen, da erhoben sich die Amerikaner in Waffen,
+weil sie nicht gesonnen waren, der Regierung die Auferlegung einer
+Steuer zu gestatten, so lange die Amerikaner keine Vertretung in dem
+Parlamente hatten, welches diese Steuer ausschrieb. Heute verfügt die
+Regierung über die Arbeit aller Männer und Frauen während vierundzwanzig
+langer Jahre, ohne daß der Blüte des amerikanischen Volks auch nur
+eine Gelegenheit gegeben würde, darüber abzustimmen, wie die Regierung
+die Arbeit derjenigen leiten soll, welche alles das erzeugen, wovon
+das ganze Volk lebt! Diese elende Sklaverei, welche nie zuvor unter
+#civilisierten# Völkern bestanden hat, kann nicht lange mehr dauern.
+Sie wird in einem Meere von Blut untergehen. Denn wahr ist das Wort
+Schillers:
+
+ Vor dem Sklaven, wenn er die Ketten zerbricht;
+ Vor dem freien Manne erzittere nicht.
+
+
+
+
+Fünftes Kapitel.
+
+
+Aus einem Himmel des Friedens und der Freude, aus einem nur von guten
+Menschen bewohnten Idealstaate, hatte Forest mich hinabgestürzt in das
+tiefe, dunkle Meer des Zweifels und des Trübsinns.
+
+Dr. Leete und dessen Familie entging natürlich mein gedrücktes,
+verstörtes Wesen nicht und während der Doctor offenbar darauf wartete,
+daß ich aufs neue mit ihm soziale Fragen besprechen würde, suchte Edith
+mich zu trösten. Sie schien zu glauben, daß das Fremdartige meiner
+Umgebungen und meiner neuen Stellung einen geistigen Druck auf mich
+ausübe.
+
+Ich vermied indessen eine Erklärung. Ich hatte beschlossen, meine
+Unterredungen mit Herrn Forest fortzusetzen, mir aber durch Prüfung
+der Zustände eine eigne, klare Meinung zu bilden. Denn nur durch eigne
+Anschauung konnte ich zu einem selbständigen Urteil darüber gelangen,
+wie weit Dr. Leetes und wie weit Forests Darstellung die richtige sei.
+
+Deshalb schlenderte ich, wenn ich nach der Universität ging, oder von
+dort zurückkehrte, die Straßen entlang und sprach mit allen Leuten,
+die ich kennen lernte. Es erschien mir höchst befremdend, daß alle
+sehr zurückhaltend wurden, ja ängstlich und mißtrauisch erschienen,
+sobald ich an sie Fragen stellte über die Verwaltung der öffentlichen
+Angelegenheiten, über die Grundsätze, auf welchen unser Staatswesen
+ruht, über das Benehmen der Offiziere, über die Verwaltung der
+Warenlager, sowie darüber, ob das Volk sich glücklich fühle oder nicht.
+
+Selten wurde mir eine entschiedene Antwort zu teil, aus welcher ich auf
+freudige Zufriedenheit oder auf grollende Unzufriedenheit schließen
+konnte. Nur einige Radikale sprachen sich in den allerstärksten
+Ausdrücken gegen die jetzige Ordnung der Dinge aus, sowie gegen
+die höchsten Beamten des Landes, und einige Frauen wurden so weit
+mitteilsam, daß sie erklärten, sie fänden an der Arbeit in den Fabriken
+gar keinen Gefallen.
+
+Aber obschon die Leute im allgemeinen sehr zurückhaltend in dem
+Kundgeben ihrer Stimmungen und Meinungen waren, so wurde es mir doch
+klar, daß Zufriedenheit in dem Garten des Kommunismus eine ebenso
+seltene Pflanze ist, wie sie es vor 113 Jahren in den Ver. Staaten
+war. Das rohe Schelten der Radikalen gegen die höchsten Beamten des
+Landes konnte mich natürlich nicht überzeugen, daß die erhobenen
+Beschuldigungen begründet wären. Bemerkenswert erschien es mir aber,
+daß die Frauen und Männer des Arbeiterheeres, mit welchen ich über
+jene Anklagen sprach, sich auf keine Verteidigung der Angegriffenen
+einließen. Sie wollten es offenbar vermeiden, irgendwo anzustoßen, so
+lange sie nicht von ihren Vorgesetzten aufgefordert wurden, für die
+Regierung einzutreten.
+
+So drängte sich mir die Überzeugung auf, daß auch die Gütergemeinschaft
+nicht die allgemeine Glückseligkeit und Zufriedenheit geschaffen hatte,
+welche ich nach den Schilderungen des Dr. Leete zu finden hoffte. Aber
+ich war zu der Annahme geneigt, daß die Leute im allgemeinen recht
+angenehm lebten, ohne große Sorgen, nicht gerade besonders zufrieden
+mit ihrem Lose, aber auch nicht entschlossen, den Stand der Dinge zu
+ändern. Es schien mir ferner, als ob die Masse des Volkes geistig träge
+und schwerfällig wäre, als ob nur wenige an irgendwelchen Dingen regen
+Anteil nähmen.
+
+Eines Tages, als ich nach einem Spaziergange durch die Straßen Bostons
+nach Dr. Leetes Haus zurückgekehrt war und den Hausflur betreten hatte,
+hörte ich aus einem anstoßenden Zimmer, dessen Thür offen stand, eine in
+sehr lautem Tone geführte Unterhaltung. Schon die ersten Worte fesselten
+unwillkürlich meine Aufmerksamkeit. Sie wurden von einer tiefen, vor
+Erregung zitternden Stimme gesprochen und lauteten:
+
+»Fräulein Edith hat mich zur Fortsetzung meiner Besuche ermutigt.«
+
+»Wir alle sind immer erfreut, Sie bei uns zu sehen, Herr Fest,«
+antwortete Dr. Leete. »Wir alle haben Sie eingeladen, Ihre Besuche zu
+wiederholen.«
+
+»Allerdings haben Sie das gethan; aber Sie verstehen wohl, was ich
+meine,« fuhr die Stimme fort. »Ich bin so oft in Ihr Haus gekommen und
+habe heut Fräulein Edith gefragt, ob sie mein Weib werden will, weil
+Ihre Tochter meine Hoffnung, ihre Liebe zu gewinnen, ermutigt hat.
+Jetzt aber wird mir in kühler Weise eröffnet, daß ich mich irrigen
+Hoffnungen hingegeben habe und ich sehe meinen Verdacht bestätigt, daß
+der Bostoner des neunzehnten Jahrhunderts, den Sie aus einem Keller in
+Ihrem Garten ausgraben ließen, der Mann ist, den Fräulein Edith allen
+andern vorzieht -- selbst demjenigen, den sie bis vor einigen Tagen
+ermutigte.«
+
+»Herr Fest, ich wünsche, daß Sie die Bildung und Gesittung des
+zwanzigsten Jahrhunderts mit mehr Anstand vertreten, wenn Sie von meiner
+Tochter und von meinem Gaste sprechen,« sagte Dr. Leete etwas erregt.
+
+»Natürlich muß ich vor allen Dingen den Anstand bewahren, nachdem ich
+durch herzlose Koketterie ein Jahr lang genarrt worden bin und nun die
+Entdeckung mache, daß das Mädchen, welches ich liebe, mir ein 143 Jahr
+altes Menschenkind vorzieht,« sagte Fest bitter und höhnisch.
+
+»Wie können Sie nur so beleidigende, unwahre Reden führen!« rief
+Edith in zorniger Aufregung. »Niemals während unserer zehnjährigen
+Freundschaft ist mir der Gedanke gekommen, daß Sie andere Gefühle für
+mich hegen, als die eines Bruders.«
+
+»Es ist an der Zeit, dieser Unterredung ein Ende zu machen,« erklärte
+jetzt Dr. Leete. »Nach den stattgehabten Erklärungen wird Herrn Fest
+ohne Zweifel sein Gefühl sagen, daß die bisherigen Beziehungen nicht
+fortgesetzt werden können.«
+
+»Natürlich können unsere Beziehungen nicht fortgesetzt werden,«
+schrie Fest im höchsten Zorne. »Ich verlasse Sie jetzt und erkläre
+Ihnen hiermit, daß ich Ihr Haus nicht wieder in freundlicher Absicht
+betreten werde. Sollte ich je zurückkehren, so werde ich als Feind
+kommen, um Rache zu suchen für die Zerstörung meines Lebensglückes und
+Herzensfriedens. Hüten Sie sich vor jenem Tage!«
+
+Die Sprache, welche dieser Mensch gegen Edith und deren Vater führte,
+empörte mich und, in das Zimmer tretend, sagte ich: »Bitte, sparen Sie
+Ihre hochtönenden Redensarten auf, bis Sie vielleicht einmal auf einem
+Liebhabertheater einen Bösewicht spielen und verlassen Sie sofort das
+Zimmer.«
+
+Der Mann vor mir war sechs Fuß und drei Zoll hoch, hatte breite
+Schultern und gewaltige Fäuste. Er blickte spöttisch auf mich nieder
+und sagte: »Siehe da! Der ausgegrabene Greis. Diesmal will ich Sie noch
+schonen, altes Männchen; aber wenn Sie mir noch einmal mit unverschämten
+Redensarten in den Weg treten, dann stecke ich Sie in einen Sack und
+werfe Sie in die Massachusetts-Bay.«
+
+Ehe ich auf diese Drohung antworten konnte, hatte Fest die Stube und das
+Haus verlassen.
+
+»Wer ist der Mann?« fragte ich, mich an Dr. Leete wendend, ohne daß ich
+versucht hätte, mein Mißvergnügen zu verbergen.
+
+»Er ist ein Maschinenbauer, ein sehr tüchtiger Mann in seinem Gewerbe
+und Hauptmann im Arbeiterheere,« erklärte der Doktor. »Seine Eltern
+lebten im nächsten Hause und als er ein Knabe war, pflegte er mit Edith
+zu spielen.«
+
+»Wenn ich die Bildung, sowie die Umgangsformen der Offiziere des
+Arbeiterheeres nach den Erfahrungen dieser Stunde beurteilen wollte,
+dann müßte ich sagen, daß die Gesittung eher Rückschritte als
+Fortschritte gemacht hat,« bemerkte ich.
+
+»Es ist ein außerordentlicher Fall von Atavismus,« erklärte Dr. Leete.
+»Solche Hitzköpfigkeit ist in unserem Zeitalter sehr selten und nur
+durch Vererbung erklärlich.«
+
+Ich mochte diese Unterhaltung, die ein sehr unerfreuliches Ende nehmen
+konnte, jetzt nicht fortsetzen. Ich konnte die Betrachtung nicht
+unterdrücken, daß die Sitten und Umgangsformen vor 113 Jahren zwischen
+beiden Geschlechtern eine Linie zogen, die zwar unsichtbar, aber von
+jedermann anerkannt war, der eine Ahnung von Schicklichkeitsgefühl hatte
+und daß zu meiner Zeit kaum ein Mann den Eindruck haben konnte, daß ein
+Mädchen ihn ermutigt hatte, wenn dies nicht der Fall war. Ich hegte
+nicht den geringsten Zweifel, daß Edith sich in dieser Angelegenheit so
+gut benommen hatte, wie das beste Mädchen ihrer Tage. Dieser peinliche
+Auftritt war auch eine Folge der Gleichmacherei, welche allüberall
+bemerklich ist und welche wahrscheinlich bis zu einem gewissen Grade die
+feine Scheidelinie verwischt hatte, welche vor 113 Jahren die sittlich
+erzogenen Mitglieder beider Geschlechter trennte. Ich erinnerte mich der
+Frage, welche ich einst an Dr. Leete stellte:
+
+»Und so erklären also die Mädchen des zwanzigsten Jahrhunderts ihre
+Liebe?«
+
+Worauf Dr. Leete antwortete:
+
+»Wenn es ihnen gefällt. Sie haben nicht mehr Grund als die sie liebenden
+Männer ihre Gefühle zu verbergen.«[25]
+
+Ja freilich! Wenn die Mädchen ihre Liebe ebenso erklären, wie die Männer
+das thun, dann muß freilich die feine Scheidelinie zwischen den beiden
+Geschlechtern verwischt werden.
+
+Ein Gefühl der Unruhe, ja des Widerwillens überkam mich.
+
+»Vielleicht wäre es doch zweckmäßig, Herrn Fest wenigstens auf einige
+Monate unter ärztliche Behandlung zu stellen,« sagte Dr. Leete
+nachdenklich. »Er befindet sich ohne Zweifel in einer hochgradigen
+Aufregung und es ist nicht unmöglich, daß er eine unüberlegte Handlung
+begeht, welche er später bereuen würde.«
+
+»Vor hundert und dreizehn Jahren würden wir solch einen Menschen einfach
+unter Friedensbürgschaft gestellt haben,« sagte ich, da mir der Gedanke
+Entsetzen einflößte, daß ein Mann lediglich deshalb in ein Tollhaus
+gesperrt werden sollte, weil er im Zorne einige Drohungen ausgestoßen
+hatte.
+
+»Was thaten Sie aber mit einem Manne, der trotz seiner Bürgschaft den
+Frieden brach?« fragte der Doktor.
+
+»Wir bestraften ihn nach den Gesetzen, welche auf den Fall Bezug hatten;
+entweder mit einer Geldstrafe, mit Gefängnishaft, oder, im Falle eines
+Mordes, mit Tötung.«
+
+»Wir bringen einen Mann, in welchem der Atavismus zum Durchbruch kommt,
+in ein Hospital, wo tüchtige Ärzte ihn so lange in Behandlung nehmen,
+bis sie ihn für genügend hergestellt erachten und seine Entlassung
+verfügen,« sagte Dr. Leete mit dem Ausdruck großer Selbstzufriedenheit
+und Güte, während er eine frische Havannacigarre anzündete.
+
+»Ich glaube nicht, daß du viel wagst, Papa,« sagte Edith, »wenn du dem
+Manne erlaubst, seiner Berufsthätigkeit nachzugehen. Er braust schnell
+auf; aber er wird sich auch bald wieder beruhigen.«
+
+»Dessen bin ich nicht so sicher,« antwortete Dr. Leete nachdenklich.
+»So weit ich ihn kenne, sind seine Gefühle, wenn einmal erregt, tief
+und nachhaltig. Vielleicht beruhigt er sich; vielleicht auch nicht.
+Jedenfalls ist es gefährlich, den Stimmungen eines solchen Menschen
+ausgesetzt zu sein.«
+
+Widerstreitende Gefühle und Gedanken füllten mir Herz und Hirn. Ich war
+überzeugt, daß eine Fortsetzung der Unterredung zu einem ernstlichen
+Streit mit Dr. Leete führen könnte und ich war nicht in der Stimmung,
+eine längere Erörterung mit ihm zu führen. So schützte ich denn starkes
+Kopfweh vor und trat einen Spaziergang an.
+
+Die Erfahrungen der letzten Stunde schmeckten durchaus nicht nach
+dem tausendjährigen Reiche menschlicher Glückseligkeit, von welchem
+Dr. Leete wiederholt gesprochen hatte. Ein Mann, welcher eine
+Offiziersstelle in dem Arbeiterheere bekleidet, beschuldigt Edith in der
+rohesten Weise der Koketterie. Sein Betragen entsprach sicher nicht dem
+hohen Lobe, welches Dr. Leete der Bildung und Erziehung junger Leute im
+zwanzigsten Jahrhundert zollte. Jedenfalls bewies dieser Streit zwischen
+Fest und der Familie des Dr. Leete, daß die Zufriedenstellung der
+Menschheit durch die Einführung des Kommunismus, d. h. durch genügende
+Beherbergung, Kleidung und Abfütterung aller Leute, auch nicht erreicht
+wird. Haß und Eifersucht bedrohten meine Liebe und Fest schien mir ganz
+der Mann zu sein, um mir sein Mißbehagen klar zu machen. Das Mittel,
+durch welches Dr. Leete eine Gewaltthat des enttäuschten Liebhabers
+verhindern wollte, erschien mir noch viel widerwärtiger, als die
+Aussicht auf einen Kampf mit Fest. Und wieder stieg die Frage in mir
+auf, ob wohl Edith Bartlett, meine Verlobte im Jahre 1887, einem Manne
+auch nur die Möglichkeit der Klage offen gelassen hätte, daß sie mit ihm
+kokettiert oder ihn zu einer Liebeserklärung ermutigt hätte.
+
+Als ich Herrn Forest nach meiner nächsten Vorlesung traf, warf ich die
+Frage hin: »Wenn ich recht unterrichtet bin, so haben sich viele Mädchen
+des zwanzigsten Jahrhunderts zu dem entwickelt, was wir emancipierte
+Damen zu nennen pflegten?«
+
+Forest warf einen schnellen, prüfenden Blick auf mein blasses
+Gesicht, welches von einer schlaflos verbrachten Nacht zeugte und
+entgegnete dann: »Der blödsinnige Versuch, die in der Natur begründete
+Verschiedenheit durch Gleichmachereibestrebungen zu verwischen, hat
+auch die Beziehungen zwischen Frauen und Männern nicht verschont. Beide
+Geschlechter gehören dem Arbeiterheere an, beide haben ihre Offiziere
+und Richter, beide erhalten die gleiche Bezahlung. Die Königin Ihres
+altväterlichen Haushaltes ist entthront worden. Wir nehmen unsere
+Mahlzeiten in großartigen Dampfabfütterungsanstalten ein und wenn unsere
+Radikalen (die wahrhaft folgerichtig denkenden Kommunisten) einmal
+siegen sollten, dann werden wir alle in großen Kasernen leben, welche
+Tausende von Menschen beherbergen können. Die Ehe und das Familienleben
+werden abgeschafft sein, ebenso wie Religion und persönliches Eigentum;
+freie Liebe wird das Losungswort sein und wir werden ein Dasein führen
+wie eine Kaninchenherde. -- Das natürliche Schicklichkeitsgefühl,
+welches eine hervorragende Eigenschaft des zarteren Geschlechts ist,
+hat es glücklicherweise verhindert, daß die Mehrzahl unserer Frauen
+und Mädchen den gemeinen und erniedrigenden Lehren des Kommunismus zum
+Opfer gefallen ist. Aber das echte Mädchen unserer Zeit ist ein sehr
+merkwürdiges, wenn auch nichts weniger als angenehmes Geschöpf. Haben
+Sie schon Fräulein Cora Delong, eine Base des Fräulein Leete, kennen
+gelernt?«
+
+»Bisher ist mir das Vergnügen versagt gewesen.«
+
+»Sie werden ihr nicht entgehen,« weissagte Forest mit einem heiteren
+Lachen. »Fräulein Cora ist eine begeisterte Vorkämpferin für die
+unbedingte Gleichheit von Weib und Mann. Und da manche junge Männer
+den jungen Mädchen ihrer Bekanntschaft den Hof machen, so hält es
+Fräulein Cora für recht und billig, daß sie den jungen Männern die Cour
+schneidet. Sie nimmt keinen Anstand, ihnen zu sagen, daß sie deren
+Schönheit bewundert, daß sie sie liebt, ja anbetet; sie sucht ihnen
+Küsse zu rauben und ladet sie zu einem Schnaps ein; so etwa, wie junge
+Männer die Damen ihrer Bekanntschaft zu einer Schale Eiskreme einladen.
+Sie raucht Cigarren und spielt mit ihren jungen Freunden Billard, kurz,
+sie thut alles, den Unterschied des Geschlechts zu verwischen. Und
+bitter beklagen sich Cora Delong und Mädchen ihresgleichen, daß sie
+nicht alle Unterschiede zwischen Männern und Frauen beseitigen können.«
+
+»Ich brenne durchaus nicht vor Verlangen, die Bekanntschaft des Fräulein
+Delong zu machen,« gestand ich. »Und auf Grund meiner persönlichen
+Erfahrung muß ich sagen, daß mir die frühere Art des Haushaltens
+viel angenehmer erscheint. Führen aber die Frauen des zwanzigsten
+Jahrhunderts nicht ein viel bequemeres Leben als selbst die reichen
+Frauen meiner Zeit? Und wirtschaften Sie nicht mehr Arbeit aus Ihren
+Frauen heraus als wir? Dr. Leete sagte mir das.«[26]
+
+»Dr. Leete ist ein großer Optimist; wenn immer es gilt dem Kommunismus
+das Wort zu reden,« antwortete Forest »Es ist einfach unmöglich, mit
+einiger Sicherheit festzustellen, welchen Wert die Arbeit aller Mädchen
+und Frauen im Jahre 1887 hatte. Aber ich bezweifle die Richtigkeit
+der Angaben Ihres Gastfreundes, »daß wir mehr Arbeit aus den Frauen
+herauswirtschaften« (wie Dr. Leete sich ausdrückt) als Sie aus den
+Frauen Ihrer Zeit.«
+
+»Das besondere Kochen, Waschen und Plätten am Ende des neunzehnten
+Jahrhunderts muß doch entschieden bedeutend mehr Arbeit verursacht haben
+als die Art und Weise, in welcher diese Verrichtungen heute besorgt
+werden,« bemerkte ich. »Dazu kommt, daß, wie Dr. Leete versichert, es
+heute keine Hausarbeit mehr giebt.«[27]
+
+»Das ist wieder einmal eine jener Behauptungen, in welchen Dr. Leete so
+stark ist,« antwortete Forest. »Wer fegt die Zimmer, macht die Betten,
+reinigt die Fenster, staubt die Möbel ab und scheuert den Fußboden?
+Ohne Zweifel bildet die Familie des Dr. Leete eine Ausnahme; denn die
+Frauen des Arbeiterheeres verrichten jedenfalls die meisten, wenn nicht
+alle Arbeiten im Hause des einflußreichsten Vertreters der Regierung in
+Boston. Haben Sie jemals Frau Leete oder Fräulein Edith Hausarbeit oder
+überhaupt welche Arbeit verrichten sehen?«
+
+Ich mußte diese Frage verneinen; denn in der That hatte ich nur gesehen,
+daß Edith einen Blumenstrauß gewunden hatte. Sonstige Arbeit irgend
+welcher Art hatte ich sie oder ihre Mutter nie verrichten sehen. Wenn
+sie ein Mitglied des Arbeiterheeres war, mußte sie eine Stellung
+einnehmen, in welcher ihre Arbeit wenig Zeit in Anspruch nahm. Sie hatte
+mir gegenüber niemals davon gesprochen, daß ihr irgend welche Pflichten
+oblägen und ich erinnerte mich recht wohl, daß Dr. Leete gleich in den
+ersten Tagen meines Verweilens in seinem Hause sagte, daß Edith eine
+»unermüdliche Bazarbesucherin« sei,[28] dadurch andeutend, daß sie viele
+müßige Stunden habe.
+
+»In den Häusern, welche die Mitglieder des Arbeiterheeres bewohnen,
+haben die Frauen keine Hilfe von andern Mitgliedern des Hilfscorps,
+d. h. von den Frauen der »industriellen Armee«. Sie müssen alle die
+Arbeit, welche ich erwähnte, selbst verrichten, und für sie ist das
+Kochen in den großen Speisehäusern keine so große Zeitersparnis, wie
+Sie zu glauben scheinen. Diese Frauen müssen dreimal des Tages ihre
+Kleider wechseln; denn sie können nicht in dem Anzuge bei Tische
+erscheinen, in welchem sie Haus- oder Fabrikarbeit verrichten. Und
+wenn sie kleine Kinder haben, müssen sie dieselben ebenfalls dreimal
+sorgfältiger ankleiden, als dies notwendig wäre, wenn die Kinder
+daheim essen würden.«
+
+»Bei dem Kochen in den großen Speisehäusern,« fuhr Forest fort, »wird
+erfahrungsgemäß mit den Stoffen nicht gespart, und ich glaube deshalb,
+daß die Massenkocherei durchaus nicht billig ist. Ferner müssen
+diese großen Kosthäuser einen langen Speisezettel zusammenstellen,
+und je mannigfacher die Kost, desto größer ist auch die Menge der
+Überbleibsel, welche nicht mehr verwendet werden können. -- Aus
+den angeführten Gründen haben die verheirateten Frauen, welche
+Mitglieder des Arbeiterheeres sind, in der That wenig Zeit, außer
+der Haushaltungsarbeit viel zu schaffen, und die Mehrheit derselben
+würde lieber zu Hause kochen. Sie könnten dann, während sie mit
+ihrem Haushalte beschäftigt sind, die Mahlzeiten bereiten, ohne
+damit mehr Zeit zu verlieren, als jetzt mit dem Umziehen für die
+gemeinschaftlichen Abfütterungen. Besonders die Familien mit vielen
+Kindern würden lieber zu Hause kochen. Auch bei Krankheit in der Familie
+ist es eben so schwierig, wie umständlich, in den großen Koch- und
+Abfütterungsanstalten geeignete Kost für die Kranken zu erlangen. Eine
+Frau Hosmer sagte mir vor einigen Tagen, daß sie und ihre sieben Kinder
+schon um manche Mahlzeit gekommen sind, weil es ihr nicht immer möglich
+war, sich selbst und ihre sieben Kleinen rechtzeitig frisch umzukleiden
+und zu waschen.«
+
+»Wie beschäftigen Sie die verheirateten Frauen?« fragte ich.
+
+»Dies ist ein wunder Punkt in unserer vielgepriesenen gesellschaftlichen
+Ordnung,« antwortete Forest. »Die meisten verheirateten Frauen
+finden an der Thätigkeit im Arbeiterheere durchaus kein Gefallen
+und suchen sie auf jede Weise zu vermeiden. Die Arbeit, welche die
+Kinder veranlassen, und persönliches Unwohlsein werden am häufigsten
+als Entschuldigungsgrund geltend gemacht für die Abwesenheit der
+verheirateten Frauen von ihren Stellungen im Arbeiterheere.«
+
+»Ich glaube, daß es selbst für einen Arzt sehr schwierig ist,
+festzustellen, ob die vorgebrachten Entschuldigungen begründet sind,
+oder nicht,« bemerkte ich.
+
+»Ganz gewiß. In den meisten Fällen ist es für den Arzt unmöglich,
+die Frauen zu beschuldigen, daß sie Unwohlsein heucheln und
+diese Beschuldigung zu erweisen,« fuhr Herr Forest fort. »Diese
+Schwierigkeiten, welche die verheirateten Frauen veranlassen, und die
+Thatsache, daß die Sorge für ihre kleinen Kinder Frauen oft jahrelang
+verhindert, im Arbeiterheer Dienst zu thun, -- diese Umstände werden
+von den radikalen Kommunisten zur Unterstützung ihrer Forderung
+geltend gemacht, daß die Familienhaushaltung ganz abgeschafft werden
+müsse. Die Radikalen behaupten, daß ihr System ein viel gedeihlicheres
+sein würde, als das unsrige. Es würde viel billiger sein, Hunderte
+oder Tausende in einem Gebäude unterzubringen und zu beköstigen, als
+Häuser zu unterhalten, in welchen nur eine, zwei oder drei Familien
+wohnen können. Sie behaupten ferner, daß nach Beseitigung der Ehe und
+nach der Einführung der »freien Liebe« als Gesetz zur Regelung des
+geschlechtlichen Umganges die flüchtigen Verbindungen von Mann und Weib
+bessere Nachzucht liefern würden, als die Ehe. Diese Kinder würden
+in großen Kinderbewahranstalten untergebracht werden, so daß die
+Mütter, von der Kinderpflege befreit, den ganzen Tag dem Dienste des
+Arbeiterheeres widmen könnten.«
+
+»Wie gemein!« rief ich. »Alle menschlichen Einrichtungen, die
+Beziehungen beider Geschlechter zu einander, sollen wir nur auf
+die Berechnung gründen, was sich am besten bezahlt! Und wir sollen
+die Kinder von der Mutter trennen, nur weil es billiger ist, die
+jungen »Zweihänder« hundertweise aufzufüttern, obschon bei der
+Massenaufzucht die Sterblichkeit unter denselben zehn oder zwanzig
+Prozent größer wäre.«
+
+»Dennoch sind die Radikalen die folgerichtigen Denker unter den
+Kommunisten,« sagte Forest. »Der Grundstein, auf welchem der
+Kommunismus ruht, ist die Gleichheit. Sie können die Forderung, daß
+die Arbeitsergebnisse gleichmäßig geteilt werden sollen, nur mit
+der Behauptung rechtfertigen, daß wir alle gleich sind, und wenn
+wir es sind, dann liegt kein Grund vor, weshalb wir in Häusern von
+verschiedener Größe und Bauart leben, weshalb wir uns nicht gleichmäßig
+kleiden und dieselben Gerichte essen sollen. Wenn wir alle gleich sind,
+dann hat jedermann ein ebenso gutes Recht auf die Liebe eines Mädchens,
+als jeder andere Mann und eben so hat jedwedes Mädchen einen ebenso
+guten Anspruch auf die Liebe eines Mannes, als das andere. Und es giebt
+keinen Grund, weshalb in einem kommunistischen Staatswesen das eine Kind
+mehr Abwartung haben sollte, als das andere, und weshalb die eine Mutter
+mehr Zeit bei ihrem Kinde verbringen sollte, als die andere, -- dadurch
+kostbare Augenblicke vertrödelnd, welche der Gesamtheit gehören und zum
+Kartoffelschälen nützlich verwendet werden könnten. -- Die Radikalen
+sind die allein waschechten Kommunisten.«
+
+»Es kann doch nicht wohl jedes Mädchen alle Männer lieben und heiraten;
+ebenso wenig wie jeder Mann alle Mädchen lieben und heiraten kann,«
+warf ich ein, etwas belustigt durch den grimmigen Hohn Forests, obschon
+ein tiefempfundener Widerwille gegen die von den Radikalen gepredigten
+scheußlichen Grundsätze meine Heiterkeit nicht recht aufkommen ließ.
+
+»Unsere radikalen Weltbeglücker sind bis jetzt nicht imstande gewesen,
+es mir ganz klar zu machen, wie sie die »freie Liebe« regeln wollen,
+falls von einer Regelung derselben überhaupt die Rede sein kann,«
+antwortete Herr Forest. »Wahrscheinlich wird die Schwierigkeit,
+diese Frage völlig zu beleuchten, durch den Umstand erklärt, daß die
+Weltbeglücker untereinander noch nicht klar darüber sind, wie frei die
+»freie Liebe« sein soll. Einige Radikale scheinen geneigt zu sein, ein
+Zusammenleben zweier Personen beiderlei Geschlechts so lange zu dulden,
+wie die Neigung der beiden füreinander währt. Die wahrhaft aufgeklärten
+und folgerichtig denkenden Kommunisten können aber eine dauernde
+Verbindung nicht dulden, da sie in schroffem Widerspruch zu unserem
+Grundsatze der unbedingten Gleichheit steht. Wahrscheinlich werden sie
+sich dahin einigen, daß man sich täglich neu begattet und, damit beide
+Geschlechter gleichgestellt werden, kann man den Frauen das Recht der
+Auswahl an jedem Montag, Mittwoch und Freitag, den Männern an jedem
+Dienstag, Donnerstag und Sonnabend geben. Die Sonntage werden vielleicht
+aus Höflichkeit noch den Damen zugestanden. Und um alle Streitigkeiten
+für den Fall zu vermeiden, daß eine Anzahl von Menschheitsbeglückern
+dasselbe Mädchen wählt, oder daß mehrere Jungfrauen und Frauen denselben
+Zeitgenossen heiraten wollen, kann man Lotterien veranstalten oder die
+Reihenfolge »auskegeln«. Auch durch Skatspiel oder Würfeln läßt sich die
+Reihenfolge feststellen. So wird man allen gerecht!«
+
+»Ich kann mir nicht vorstellen,« sagte ich, »wie Männer, welche das
+freie Denken als ein besonderes Vorrecht in Anspruch nehmen möchten,
+solche viehische Lebensgrundsätze entwerfen und dieselben als
+fortschrittlich der Menschheit empfehlen können. Das Schicksal der
+Frauen würde in der That beklagenswert werden, wenn diese Grundsätze
+jemals den Sieg erringen sollten. »Freie Liebe« müßte die Stellung der
+Frauen erniedrigen, weil sie dem Manne der alternden Frau das Recht
+geben würde, sich von dieser zu trennen. Die Menschheit im allgemeinen
+aber wäre zu beklagen, wenn die Pflege der Kinder den Müttern entrissen
+und andern Menschen anvertraut werden sollte.«
+
+»Ich würde es als den furchtbarsten Schlag ansehen, der jemals gegen
+die Menschheit geführt wurde,« entgegnete Forest, »wenn die Pflege und
+die erste Erziehung der Kinder ihren Müttern entrissen werden sollte.
+Keine Frau, kein Mann, wie gut und edel sie auch sein mögen, können
+für ein fremdes Kind die unendliche Liebe und Geduld hegen, welche
+das Elternherz erfüllen. Die Gefühle, welche Mann und Frau, sowie die
+Familie verbinden, sind selbst von den kommunistischen Gesetzgebern
+bisher geachtet worden. Die Menschheit wird in Barbarei zurückfallen
+an dem Tage, an welchem die Familie zerstört, die Mutter vom Kinde und
+der Mann von der Frau getrennt wird. Man raube der Ehe den veredelnden
+Einfluß, welchen das gemeinschaftliche Tragen von Freud und Leid, der
+beständige Austausch aller Gedanken und Gefühle den Beziehungen beider
+Geschlechter zu einander verleiht, und man wird den Verkehr von Mann
+und Frau zu einem wesentlich tierischen erniedrigen. Viele der besten
+Eigenschaften aller Menschen können wir zurückverfolgen zu ihrer Quelle:
+der unendlichen Liebe und Geduld unserer Mütter in ihrem Bestreben,
+die geliebten Kinder zu guten und tüchtigen Menschen zu erziehen.
+Fast alle großen Männer hatten gute Mütter. Nichts auf Erden kann dem
+Kinde den Verlust der Mutter ersetzen; nichts könnte die Menschheit
+für den wohlthätigen Einfluß entschädigen, welchen die Mütter auf die
+heranwachsenden Geschlechter ausüben.«
+
+»Glauben Sie, daß Ihre Radikalen jemals Macht genug erlangen werden, um
+die Mütter entthronen und die Ehe abschaffen zu können?« fragte ich mit
+einiger Neugierde.
+
+Forests Antwort lautete freudiger und zuversichtlicher als irgend eine
+Äußerung, welche ich bisher von ihm gehört hatte.
+
+»Die Radikalen mögen sich erheben und die jetzige Regierung
+niederwerfen; sie mögen mancherlei vollbringen, ohne viel Widerstand
+bei den Massen zu finden, welche das jetzige System nur eben dulden und
+für dessen Verteidigung keine großen Anstrengungen machen werden. Aber
+unsere radikalen Weltverbesserer würden sehr unangenehme Überraschungen
+erleben, wenn sie es versuchen wollten, den Mann von seinem Weibe, die
+Mutter von ihrem Kinde zu trennen. Fast jede Mutter wird wie eine Löwin
+um ihre Kleinen kämpfen, und ich kenne einen Mann, der keinen Strohhalm
+opfern möchte, um die Niederlage der jetzigen Regierung zu hindern,
+der aber bis zum Tode kämpfen würde, ehe er sich von dem Weibe seines
+Herzens trennen ließe. Denn ein gutes, liebendes Weib ist das Höchste,
+was Gott dem Manne gewähren kann, und kein Mann von Mut und Ehre wird
+sich sein Weib rauben lassen, so lange noch ein Tropfen Blut warm durch
+seine Adern rollt.«
+
+
+
+
+Sechstes Kapitel.
+
+
+»Nun, Herr Forest,« sagte ich, als ich wiederum mit meinem Vorgänger in
+der Professur zusammentraf, »teilen Sie mir doch freundlichst mit, wie
+groß das Jahreseinkommen jedes Bewohners der Ver. Staaten von Amerika
+ist.«
+
+»Das Einkommen wurde letztes Jahr auf 204 Dollars berechnet,« antwortete
+Forest.
+
+»Zweihundertundvier Dollars sagen Sie?« rief ich erstaunt. »Ist das
+Alles? Nach den Angaben des Dr. Leete und nach seiner Lebensweise hatte
+ich angenommen, daß der Betrag mindestens dreimal so groß sein müßte.«
+
+Forest lächelte. »Wie hoch war das durchschnittliche Jahreseinkommen der
+Bewohner der Ver. Staaten zu Ihrer Zeit?« fragte er.
+
+Ich mußte gestehen, daß ich keine Vorstellung davon hatte.
+
+»Es betrug 165 Dollars,« sagte Herr Forest, »doppelt so viel, wie das
+Durchschnittseinkommen der Bewohner Deutschlands und Frankreichs.«
+
+Ich wurde durch diese Zahlenangaben ganz verwirrt. Ich hatte mich
+niemals mit volkswirtschaftlichen Übersichten beschäftigt und jährlich
+wohl zwanzigmal 165 Dollars verausgabt. Ich erinnerte mich nur, einmal
+in den Zeitungen gelesen zu haben, daß der Jahresverdienst aller
+arbeitenden Männer, Frauen und Kinder sich auf mehr als vierhundert
+Dollars beliefe und ich hatte eine dunkle Vorstellung, daß das
+Jahreseinkommen der Männer durchschnittlich etwa 600 Dollars war. Ich
+teilte dies Herrn Forest mit.
+
+»Sie haben bei Ihrer Berechnung die Frauen und Kinder nicht
+berücksichtigt, welche nichts verdienten, sondern von dem Einkommen
+ihrer Gatten, Väter oder Brüder lebten,« erklärte Forest. »Ein
+Jahreseinkommen von 204 Dollars für alle Männer, Frauen und Kinder
+würde demnach eine erhebliche Zunahme des Volksreichtums anzeigen,
+wenn die Zahl richtig berechnet wäre. Das ist aber nicht der Fall.
+Um den Volkswohlstand recht groß erscheinen zu lassen, wird der Wert
+aller Arbeitserzeugnisse viel höher angegeben, als in Ihren Tagen.
+Die natürliche Folge ist, daß die Kaufkraft des Dollars auf unseren
+Guthabensscheinen geringer ist, als der des Dollars zu Ihren Zeiten.
+Ich habe die Preise aller Lebensbedürfnisse und Luxusgegenstände in
+den Jahren 1900 und 2000 miteinander verglichen und gefunden, daß die
+Preissteigerung sich auf nahezu 95 Prozent beziffert. Das wirkliche
+Jahreseinkommen unserer Bevölkerung beläuft sich demnach nur auf etwa
+112 Dollars; es hat also nicht um 24 Prozent zugenommen, sondern ist um
+33 Prozent geringer geworden.«
+
+»Wie erklären Sie diese auffälligen Angaben?« fragte ich.
+
+»Diese Frage ist leichter gestellt, als beantwortet,« meinte Forest.
+
+»Ich bin sehr gespannt auf Ihre Erklärung,« bemerkte ich. »Dr. Leete
+hat so viele annehmbare Gründe gegeben für die »Armut, welche die Folge
+unseres absonderlichen Wirtsschaftssystems war,«[29] daß ich von dem
+größeren Reichtum Ihres Volkes ganz überzeugt wurde. Er erwähnte die
+häufigen »verfehlten Unternehmungen« im neunzehnten Jahrhundert, den
+»Verlust durch Konkurrenz«, die »periodische Überproduktion« von Werten
+aller Art, mit darauffolgenden Arbeitsstockungen, den Verlust, »den die
+Nichtbeschäftigung von Kapital und von Arbeitskraft zu allen Zeiten
+verursacht«[30] und er hob besonders hervor, daß von fünf Unternehmungen
+im neunzehnten Jahrhundert vier fehlschlugen, »ehe eine erfolgreiche
+kam.«[31]
+
+»Ja! Ich kenne die Ansichten und Gründe, welche Dr. Leete geltend
+macht, aus seinen gelegentlichen Reden, sowie aus den Aufsätzen, die
+er zuweilen für Regierungszeitungen liefert,« entgegnete Forest. »Und
+er hat unzweifelhaft noch andere Ursachen geltend gemacht, welche die
+Arbeit Ihrer Zeit schädigten. Wahrscheinlich hat er Sie auch aufmerksam
+gemacht auf die Kosten, welche das Heer und die Flotte veranlaßten,
+sowie die Zoll- und Steuerbeamten, die Steuereinschätzer und Einnehmer,
+die vielen Richter und andere Beamte, welche Sie brauchten. Er wird auf
+die viele Arbeit verwiesen haben, welche das Waschen und Kochen in den
+einzelnen Haushaltungen verursachte, sowie auf die große Anzahl von
+Zwischenhändlern, welche die Waren durch ihre Hände gehen ließen, ehe
+die Arbeitserzeugnisse von den Arbeitern zu denjenigen gelangten, welche
+sie gebrauchten. Und Dr. Leete wird auch die Rechtsanwälte, Bankiers,
+sowie deren Gehilfen erwähnt haben, welche zwar in ihrer Art arbeiteten,
+aber keine Werte hervorbrachten. Alle die Arbeitskräfte, welche in
+jenen Berufszweigen beschäftigt waren, sind jetzt dem Arbeiterheere
+einverleibt worden.«
+
+»In der That,« sagte ich, »Dr. Leete hat die meisten Ursachen für die
+Armut unseres Zeitalters, welche Sie da namhaft machten, mir aufgezählt.
+Und da jene Übel jetzt wegfallen, erscheint es mir ganz natürlich, daß
+unter Ihrem Arbeitssystem das durchschnittliche Jahreseinkommen des
+Volkes ein größeres sein muß, und es wundert mich nur, daß die Zunahme
+des Wohlstandes nicht noch größer ist.«
+
+»Ich werde keine Zeit damit verschwenden,« begann Forest wieder,
+»eine eingehende Untersuchung darüber anzustellen, wie groß der
+Verlust war, welcher aus all' jenen Ursachen für die Arbeit des
+neunzehnten Jahrhunderts entstand. Es scheint mir aber, daß Sie die
+Wirkung derselben überschätzen. Unglückliche Spekulationen schädigten
+beispielsweise allerdings die Unternehmer, aber in den meisten Fällen
+erzeugten sie doch Werte, welche den Volksreichtum vermehrten und
+schließlich anderen zu gute kamen. Der »wahnsinnige Wettbewerb« dagegen
+machte die Waren billiger, vermehrte dadurch deren Verbrauch und
+dadurch wieder deren Herstellung und gereichte somit der Menschheit
+doch auch wieder zum Nutzen. Die Behauptung, daß vier Unternehmungen im
+neunzehnten Jahrhundert fehlschlugen, ehe eine Erfolg hatte, ist eine
+jener Angaben des Dr. Leete, welche der vereinte Glaube von zehn der
+stärksten Männer nicht verdauen könnte. Sie müssen selbst am besten
+beurteilen können, daß das eine unsinnige Übertreibung ist.«
+
+»Die Ersparnisse, welche aus dem gemeinschaftlichen Kochen entstehen,
+haben wir bereits untersucht,« fuhr Forest fort. »Wenn in der That
+ein Vorteil daraus entsteht, so ist er in den Städten gering, auf dem
+Lande noch geringer und keinenfalls bietet er Entschädigung für den
+Verlust an häuslichem Behagen, welcher daraus entsteht. Ferner müssen
+wir berücksichtigen, daß viele Richter, Rechtsanwälte, Bankiers,
+Beamte und Zwischenhändler, sowie deren Gehilfen Männer waren,
+welche das einundzwanzigste Lebensjahr noch nicht erreicht, oder das
+fünfundvierzigste Lebensjahr bereits zurückgelegt hatten. Diese Leute,
+welche außerhalb des Dienstalters des Arbeiterheeres standen, sind
+also abzurechnen von denjenigen, deren unproduktive Thätigkeit als ein
+Verlust angesehen werden muß.«
+
+»Dennoch müssen die Verluste, welche aus schlecht angelegtem Kapital
+und schlecht geleisteter Arbeit, sowie aus vielen andern Ursachen
+entstanden, ganz ungeheuer gewesen sein,« sagte ich. »Und diese
+Verluste machen die große Armut des Volkes am Ende des vorigen
+Jahrhunderts sehr erklärlich.«
+
+»Unzweifelhaft würde dem so sein,« meinte Forest, »wenn nicht andere
+Ursachen für eine Abnahme unserer Leistungsfähigkeit wirksam wären.
+Aber solcher Ursachen giebt es mehrere und Sie werden deren Tragweite
+wohl erkennen, wenn ich Sie darauf aufmerksam mache. Die Hauptursache,
+welche den beständigen Rückgang in der Menge, wie in der Güte
+unserer Arbeitserzeugnisse verschuldet, liegt in der Beseitigung des
+Wettbewerbes. Diese Riesenkraft war es, welche während der ersten
+neunzehn Jahrhunderte christlicher Civilisation jedermann antrieb,
+seine besten Geistes- und Körperkräfte einzusetzen. Seit aber der
+Kommunismus eingeführt worden ist, seitdem der faulste Arbeiter ebenso
+viel erhält, wie der fleißigste, d. h. seitdem der Fleißige zu Gunsten
+des Faulen um einen Teil seiner Arbeitsergebnisse beraubt wird, seitdem
+jedermann sicher ist, einen gleichen Anteil von den Arbeitsergebnissen
+zu erhalten, gleichviel ob er viele und gute, oder wenige und schlechte
+Arbeit geliefert hat, -- seitdem werden die Massen des Volks von Jahr
+zu Jahr gleichgültiger und träger. Sie setzen nicht mehr ihre besten
+Kräfte ein, um gute und viele Arbeit zu liefern. Sie machen sich das
+Leben bequem. Die geistigen wie die körperlichen Fähigkeiten sind in
+beständiger Abnahme begriffen. Das Volk der Ver. Staaten, einst berühmt
+wegen seiner Findigkeit und Thatkraft, entartet. Die Beförderung der
+Tüchtigsten hätte vielleicht als Sporn dienen können, hätte nicht
+die Günstlingswirtschaft der Politiker alle guten Stellungen für
+die Verwandten jener Wahlzutreiber in Anspruch genommen, welche die
+Helfershelfer der Regierung sind.«
+
+»Ein anderer Grund für die Abnahme des Volkswohlstandes ist die
+Verkürzung der Arbeitszeit, sowohl der Jahre, wie der täglichen
+Arbeitsstunden. Es ist sehr schwierig festzustellen, wie viele Menschen
+beiderlei Geschlechts in den verschiedenen Lebensaltern zu Ihrer Zeit in
+nutzbringender Thätigkeit beschäftigt waren. Die letzte Volkszählung,
+welche in den Ver. Staaten veranstaltet wurde, ehe Sie in Ihren
+hundertjährigen Schlaf fielen, fand im Jahre 1880 statt. Der Bericht
+ist ein sehr ausführlicher sowohl in Bezug auf die Zahl der Leute
+verschiedenen Lebensalters, sowie auch in Hinsicht auf ihre Abstammung
+u. s. w. Aber in Bezug auf das Alter der Arbeiter giebt der Bericht
+nur drei Abteilungen. Die erste umfaßt alle Leute unter 15 Jahre, die
+zweite alle Menschen zwischen 16 und 59 und die dritte alle Arbeiter
+über 60 Jahre. Von Mädchen und Knaben unter 15 Jahren wurden 1 118 356
+beschäftigt; im Alter von mehr als 60 Jahren 1 004 517 Leute, von
+welchen 70 873 Frauen waren. Von 50 155 783 Bewohnern der Ver. Staaten
+gehörten nicht weniger als 17 392 099 dem Arbeiterheere an, wovon
+2 647 157 weiblichen Geschlechts waren, die Dienstmädchen eingerechnet.«
+
+»Ich erinnere mich, diese Zahlen gelesen zu haben,« bemerkte ich.
+
+»Der Census von 1880 zeigt also, daß über 12 Prozent der Bevölkerung in
+den Ver. Staaten, welche zur Arbeiterarmee gehörten, unter 15 oder über
+60 Jahre alt waren,« rechnete Forest weiter. »Das ist allerdings ein
+recht trübseliger Ausweis. Mädchen und Knaben unter 15 Jahren sollten
+noch Schulen besuchen und Leute, welche das sechzigste Lebensjahr
+zurückgelegt haben, sollten ein genügendes Auskommen besitzen und nicht
+mehr zur Arbeit gezwungen sein. Darüber kann aber kein Zweifel bestehen,
+daß am Ende des letzten Jahrhunderts das Arbeiterheer verhältnismäßig
+viel stärker war, als es heute ist. Denn nach der Zählung von 1880
+lebten in den Ver. Staaten 15 527 215 Menschen im Alter von 21 bis
+45 Jahren, das Arbeiterheer zählte aber 17 392 099 Menschen; mithin
+beschäftigten Sie 2 173 184 Leute mehr, als sich in dem Alter befanden,
+welches wir zum dienstpflichtigen gemacht haben. Dabei wäre denn
+angenommen, daß alle Leute, welche sich bei uns im dienstpflichtigen
+Alter befinden, auch wirklich Dienst thun; was aber bekanntlich nicht
+der Fall ist. Denn die Kranken, die Blödsinnigen, die Krüppel, die
+Mütter kleiner Kinder und andere verrichten keine Arbeit im Heere.
+Sie werden hiernach zugestehen müssen, daß Ihre Zeitgenossen eine
+verhältnismäßig viel größere Arbeiterarmee aufstellten, als wir dies
+thun.«
+
+»Das scheint mir unbestreitbar zu sein,« antwortete ich.
+
+Forest zog nun ein Blatt Papier aus der Tasche und rechnete weiter:
+»Hier ist ein Verzeichnis aller derjenigen Berufszweige, welche ich
+dem Census von 1880 entnommen habe und welche Sie als unproduktiv
+bezeichnen können. Ich habe manche Thätigkeiten als unproduktiv
+angeführt, über deren Nützlichkeit und selbst Notwendigkeit sich
+streiten ließe. Viele dieser Leute haben durch ihre Arbeit zum mindesten
+solchen Menschen Zeit gespart, welche Werte hervorbrachten. Manche
+Frauen hätten sich vielleicht nicht als Künstlerinnen, Sängerinnen oder
+dergleichen ausbilden lassen und später in ihrem Berufe wirken können,
+wenn sie nicht Hilfe im Haushalte gefunden hätten. Diese Dienstboten
+eingeschlossen, waren aber im Jahre des Herrn 1880 in den Ver. Staaten
+1 654 319 Menschen mit Arbeiten beschäftigt, welche Dr. Leete als
+unproduktiv bezeichnen würde. Wenn wir diese 1 654 319 Menschen
+von den 2 173 084 Leuten abziehen, welche Sie über die Zahl der im
+dienstpflichtigen Alter befindlichen Personen hinaus dem Arbeiterheere
+eingereiht hatten, so stellten Sie immer noch 518 765 mehr Leute, als
+1880 in den Ver. Staaten im Alter zwischen 21 und 45 Jahren lebten.«
+
+Ich ermunterte Herrn Forest, in seinen Auseinandersetzungen fortzufahren
+und er sagte: »Sie hatten also im Jahre 1880 unzweifelhaft viel mehr
+Leute in nutzbringender Thätigkeit beschäftigt (im Verhältnis zu Ihrer
+Bevölkerungszahl natürlich) als wir. Nun bedenken Sie noch, daß die
+Arbeiter Ihrer Tage sämtlich durch den Wettbewerb angespornt wurden, daß
+sie danach strebten, einmal unabhängig zu werden, um ein sorgenfreies
+Alter genießen zu können und daß sie zur Erreichung dieses Zieles ihre
+besten Kräfte einsetzten. Ihre Zeitgenossen arbeiteten also mehrere
+Jahre länger als wir, die tägliche Arbeitszeit war eine längere, der
+Sporn des Wettbewerbes wirkte mächtig auf alle ein und so war es denn
+nur natürlich, daß zu Ihrer Zeit verhältnismäßig viel mehr und viel
+bessere Arbeit geliefert wurde, als heutzutage.«
+
+»Das werde ich wohl zugeben müssen,« sagte ich.
+
+»Und die Art unserer Gesellschaftsordnung drängt immer mehr darauf
+hin, daß die Arbeitszeit noch weiter verkürzt werde und daß die
+Arbeitsergebnisse noch geringer und schlechter werden, als sie schon
+sind,« setzte Forest seine Darlegung fort. »Da sind z. B. die Bauern,
+welche mit der jetzigen Gesellschaftsordnung so unzufrieden wie
+möglich zu sein scheinen. Sie beklagen sich bitter darüber, daß sie in
+Bezug auf die Anlage von Theatern, Museen, Konzerthallen und anderen
+öffentlichen Anstalten gegen die Bewohner der Städte zurückgesetzt
+werden. Auch behaupten unsere Bauern, daß ihre Arbeit viel schwerer
+sei, als die der Städter. Die Folge der Unzufriedenheit war ein Andrang
+der Landbevölkerung nach den Städten, der viel größer ist, als der,
+über welchen schon zu Ihrer Zeit geklagt wurde. Das Land würde sehr
+bald an allen Ackerbauerzeugnissen Mangel gelitten haben, wenn die
+Regierung dem Andrange des Landvolks nach den Städten nicht Einhalt
+gethan hätte. Aber man hieß die Ankömmlinge nicht willkommen. Es wurde
+ihnen einfach befohlen, Landarbeit zu thun. Damit war ihrem Wunsche,
+in der Stadt zu leben, ein Ende gemacht; aber auch ihrem Ehrgeiz und
+ihrem Arbeitstriebe. Die Landleute sind jetzt davon überzeugt, daß
+ihnen andere Stellungen verschlossen sind, daß sie Zeit ihres Lebens
+die Acker bauen müssen und daß die Städter auf ihre Kosten ein besseres
+Leben führen. Die Folge ist, daß sie so wenig und schlecht wie möglich
+arbeiten und daß die Ackerbauerzeugnisse immer weniger werden. Schon
+wiederholt haben Leute aus der zweiten Abteilung des dritten Grades
+der städtischen Zünfte als Hilfsarbeiter auf das Land geschickt werden
+müssen, um eine Hungersnot abzuwenden.«
+
+»Teilen Sie mir das Schlimmste mit,« sagte ich mit einem erzwungenen
+Lächeln; denn ich sah das herrliche Luftschloß, welches Dr. Leete
+vor mir errichtet hatte, unter dem Artilleriefeuer der Forestschen
+Logik zusammenstürzen. »Wir haben gesehen,« nahm Forest den Faden
+seiner Auseinandersetzungen wieder auf, »daß das Arbeiterheer im Jahre
+1880 verhältnismäßig viel stärker war, als das unsrige ist, daß die
+Arbeitszeit eine längere war, und daß die Arbeiter durch den Wettbewerb
+angeregt wären, ihre ganze Leistungsfähigkeit zu entwickeln. Sie müssen
+aber auch berücksichtigen, daß wir eine ungeheure Arbeitskraft mit der
+Aufsicht und mit der Buchhalterei vergeuden. Ihr Kleinhandel wurde
+größtenteils gegen Barzahlung betrieben und die kleinen Geschäftsleute
+besorgten ihre geringe Buchhalterei abends nach Schließung ihrer Läden.
+Wir dagegen haben für jeden Mann, für jede Frau und für jedes Kind
+ein »Soll und Haben« in den Büchern der Regierung eingerichtet[32].
+Wir haben eine Kanzlei, wo »die Ärzte über ihre Thätigkeit regelmäßig
+Bericht zu erstatten« haben.[33] Wir haben eine andere Kanzlei, wo Buch
+geführt wird über die Hilfe, welche jemand von der Arbeiterarmee in
+Anspruch nimmt; sei es für Hausarbeit oder für andere Zwecke. Dort wird
+das Konto desjenigen belastet, welcher die Hilfe in Anspruch nimmt und
+das Konto desjenigen wird kreditiert, der die Hilfe leistet.[34] Wir
+haben Kanzleien für jeden Zweig der menschlichen Arbeit und dieselben
+dürfen als Musteranstalten für die beste Art gelten, in welcher eine
+Regierung menschliche Arbeitskraft vergeuden kann. Das ganze Feld der
+produzierenden Arbeit ist, wie Sie wissen, in zehn große Abteilungen
+abgegrenzt worden. Jede dieser letzteren umfaßt eine Gruppe verwandter
+Thätigkeitszweige. Jede dieser Unterabteilungen hat wiederum ihre
+eigne Kanzlei und diese Kanzlei führt genau Buch über alles was in
+der betreffenden Zunft geschieht, über vorhandene Betriebsmittel,
+die geleistete Arbeit und so weiter, sowie über die jetzige
+Leistungsfähigkeit und über die Möglichkeit, letztere zu erhöhen.
+Eine besondere Abteilung, welche den Warenversandt besorgt, ermittelt
+auch den mutmaßlichen Verbrauch und nachdem diese Ermittelungen von
+der Regierung gut geheißen worden sind, erhält jede der zehn großen
+Abteilungen ihre Arbeit zugeteilt, diese zehn Abteilungen vergeben
+die Arbeit an die einzelnen Zünfte und diese setzen ihre Leute in
+Thätigkeit.«
+
+»Jedes Betriebsamt ist für die ihm zuerteilte Arbeit verantwortlich und
+seine Thätigkeit wird durch die betreffende Berufsgenossenschaft und die
+Generalverwaltung kontrolliert.«
+
+»Das 'Verteilungsamt nimmt keine Warenlieferung an, ohne sich selbst
+von der Beschaffenheit derselben überzeugt zu haben', und so genau
+ist die Durchführung, daß ein Gegenstand, der sich in den Händen des
+Verbrauchers als unbefriedigend erweist, »bis zu demjenigen Arbeiter
+zurückverfolgt werden, welcher mit der Herstellung des speziellen
+Stückes betraut gewesen war.«[35]
+
+»Diese ungeheure Buchhalterei und Aufseherei, welche die Regierung in
+den Stand setzt, die Arbeiter zu ermitteln, welche eine schadhafte Nadel
+oder eine schlechte Cigarre gemacht haben, ermöglicht es ihr auch, für
+ihre Günstlinge zahllose gute Stellungen offen zu halten; aber die
+Produktionskraft des Volkes und die Menge der erzeugten Werte werden
+natürlich dementsprechend vermindert. Dazu kommt, daß die Zahl der
+Verbraucher größer ist als früher.«
+
+»Wie erklären Sie das?« fragte ich.
+
+»Hat Dr. Leete Ihnen nicht mitgeteilt, daß Leute von gewöhnlicher
+Konstitution in der Regel 85 bis 90 Jahre alt werden?«[36]
+
+»Allerdings.«
+
+»Nun wohl. Dies erklärt die vermehrte Anzahl von Verbrauchern, welche
+sämtlich ihren vollen Anteil an den Arbeitserzeugnissen in Gestalt
+eines Guthabensscheins beanspruchen«, erklärte Forest. »Die Leute leben
+heut länger, als Ihre Zeitgenossen. Sie machen sich das Leben bequem
+und während die Geistesschärfe, die Thatkraft und der Unternehmungsmut
+beständig abnehmen, vegetiert der Körper länger.«
+
+»Endlich gestehen Sie doch einmal eine Errungenschaft des jetzigen
+Systems zu,« rief ich.
+
+»Wenn das überhaupt eine Errungenschaft ist,« meinte Forest, »auf
+Kosten des geistigen Lebens und Wirkens eine Lebensverlängerung des
+verdummenden Menschen zu erzielen.« --
+
+Und nach einer kurzen Pause schloß Forest seine Auseinandersetzungen
+über die kommunistische Gesellschaftsordnung am Ende des zwanzigsten
+Jahrhunderts folgendermaßen:
+
+»Ich glaube nachgewiesen zu haben, daß unser Staatswesen mit seinen
+auf die angebliche Gleichheit aller Menschen begründeten Einrichtungen
+ein Fehlschlag ist, daß die in der Natur begründete Ungleichheit
+jetzt in mancher Hinsicht viel drückender ist, als zu Ihrer Zeit, daß
+Günstlingswirtschaft und Korruption heut ebenso wuchern, wie vor 113
+Jahren, daß von persönlicher Freiheit fast keine Spur mehr vorhanden
+und an deren Stelle eine unerträgliche Knechtschaft verbunden mit
+Kriecherei und Augendienerei gegenüber den Vorgesetzten getreten ist,
+daß die Angehörigen des Arbeiterheeres, des Stimmrechts beraubt, der
+Gnade oder Ungnade ihrer Offiziere preisgegeben sind, daß diejenigen
+Mitglieder der »industriellen Armee,« welche als Gegner der Regierung
+gelten, ein elendes Leben führen müssen, das man wohl als »eine
+vierundzwanzigjährige Höllenpein auf Erden« bezeichnen kann, und daß die
+Abschaffung des Wettbewerbes sowohl einen Rückgang der Geisteskräfte,
+wie des Volkswohlstandes zur Folge hatte. In der That haben die
+Beseitigung des Wettbewerbes, die Abkürzung der Arbeitsjahre sowohl
+wie der Arbeitsstunden und die Erschaffung zahlloser Sinekuren für
+faulenzende Günstlinge und Maitressen der einflußreichen Politiker die
+Produktion dermaßen vermindert, während die Zahl der Verbraucher sich
+beständig vermehrt hat, daß unser durchschnittliches Jahreseinkommen
+heut kaum noch größer ist, als das eines gewöhnlichen Arbeiters Ihrer
+Tage. Es gewährt uns nur ein sehr mäßiges Auskommen. Und es kann meiner
+Ansicht nach keinem Zweifel unterliegen, daß die Menschheit, wenn sie
+unter diesem System weiter lebt, in einigen Jahrhunderten in Barbarei
+zurückversinken muß.«
+
+
+
+
+Siebentes Kapitel.
+
+
+»Sie waren so liebenswürdig, mir Ihre Ansichten über die jetzige
+Gesellschaftsordnung vorzutragen,« begann ich meine nächste Unterredung
+mit Herrn Forest; »Sie haben aber auch gelegentlich die Meinung
+geäußert, daß die Gesellschaft am Schlusse des neunzehnten Jahrhunderts
+mancherlei Verbesserungen bedurfte. Würden Sie mir wohl jetzt mitteilen,
+durch welche Maßregeln Sie den Übeln meines Zeitalters entgegen gewirkt
+hätten?«
+
+Forest lächelte. »Ich halte mich nicht für einen Weltverbesserer, der
+die Menschheit und deren Einrichtungen vollkommen machen kann. Vergessen
+Sie niemals, daß wir alle mit Wasser kochen müssen, d. h. daß alles, was
+wir unvollkommenen Menschen leisten können, den Stempel menschlicher
+Unvollkommenheit an sich tragen muß. Wie jeder denkende Mensch habe auch
+ich meine Ansichten über die gesellschaftlichen Einrichtungen, und wenn
+Sie diese Ansichten hören wollen, will ich sie Ihnen gern mitteilen.«
+
+»Ich bitte darum.«
+
+»Was viele Leute die sociale Frage nennen, ist unlösbar,« begann
+Forest. »Die von der Natur begründete Verschiedenartigkeit wird sich
+bei den Menschen stets fühlbar machen. Jeder Versuch zur Gleichmacherei
+muß fehlschlagen. Es wird stets kluge und dumme, fleißige und faule
+Leute geben. Tüchtige Frauen und Männer werden nie damit zufrieden
+sein, daß man die Arbeitsergebnisse gleichmäßig verteilt und ihnen
+dadurch einen Teil der Frucht ihrer Thätigkeit raubt. Werden aber die
+Arbeitserzeugnisse nach Verdienst verteilt, so werden viele derjenigen,
+welche weniger erhalten, unzufrieden sein. Deshalb ist es unmöglich,
+alle Menschen zufrieden zu stellen, gleichviel, wie die Früchte der
+Arbeit verteilt werden. Aber die Unmöglichkeit, jeden ganz zufrieden
+und glücklich zu machen, entbindet uns nicht von der Verpflichtung, mit
+allen Kräften eine Verbesserung unserer Zustände zu erstreben.«
+
+»Ich begreife Ihre Stellung. Aber lassen Sie mich hören, welche
+Verbesserungen Sie vorgeschlagen haben würden, wenn Sie am Schlusse des
+letzten Jahrhunderts gelebt hätten.«
+
+»Die Gesellschaft Ihrer Tage krankte vornehmlich an der planlosen
+Arbeitsweise, an der Monopolwirtschaft, welche die Anhäufung
+riesiger Reichtümer ermöglichte, und an einem einsichtslosen
+Arbeiterstande, der sich lieber der Ausbeutung unterwarf, oder die
+Thätigkeit ganz einstellte, anstatt einfach durch Begründung von
+Arbeitergenossenschaften nach und nach alle Zweige menschlicher
+Thätigkeit auf Gegenseitigkeit zum besten der Arbeitenden zu übernehmen.
+Ein großer Übelstand war auch die Ungerechtigkeit Ihrer Besteuerung.
+
+»Auf fast allen Gebieten menschlicher Thätigkeit wurden Werte erzeugt,
+ohne daß jemand eine klare Vorstellung von dem wirklichen Verbrauche
+hatte. Die Landwirtschaft lieferte alljährlich einen großen Überschuß
+ihrer Erzeugnisse und letztere waren daher meist so billig, daß die
+Bauern ein ziemlich kümmerliches Leben führen mußten. Viele Fabriken
+arbeiteten Tag und Nacht, bis der Markt mit ihren Waren überfüllt war.
+Dann wurden diese zu jedem Preise losgeschlagen, manchmal unter den
+Herstellungskosten, zahlreiche Bankerotte folgten, die Fabriken wurden
+geschlossen und die Fabrikanten, wie Ihre Arbeiter, erlitten schwere
+Verluste durch ihre unfreiwillige Unthätigkeit, bis der Überschuß
+an Waren aufgebracht war. Dann begann aufs neue eine fieberhafte
+Thätigkeit.«
+
+»Wie würden Sie diese Übelstände bekämpft haben?« fragte ich.
+
+»Ein Bundesamt hätte feststellen müssen, wie groß der durchschnittliche
+Jahresverbrauch der verschiedenen Lebensbedürfnisse war und wie sich die
+Leistungsfähigkeit der betreffenden Berufszweige zur Erzeugung solcher
+Waren zum Verbrauch verhielt.«
+
+»Und was dann? Hätte dann die Regierung den verschiedenen Berufszweigen
+einen Auftrag zur Herstellung gewisser Erzeugnisse geben sollen? Und wie
+hätten diese Aufträge so verteilt werden können, daß die Arbeiter damit
+zufrieden gewesen wären?«
+
+»Die Bundesregierung hätte einfach den Jahresverbrauch der
+verschiedenen Waren und die Leistungsfähigkeit der Berufszweige zur
+Erzeugung der erforderlichen Waren feststellen sollen. Sache der
+Berufsgenossenschaften wäre es dann gewesen, die Produktion zu regeln.
+Solche Ermittelungen der Regierung, welche den ungefähren Bedarf
+feststellten, hätten der arbeitenden Menschheit eine ziemlich klare
+Vorstellung von ihren Aufgaben gegeben. Jeder Berufszweig hätte sich
+organisieren, Vertreter zu einer Nationalkonvention wählen und auf
+dieser die Arbeit verteilen können. Die Arbeit ins Blaue hinein, die
+Überfüllung der Märkte mit ins Massenhafte erzeugten Waren, hätte so
+vermieden werden können; und doch wäre der #Wettbewerb#, sowohl zwischen
+den verschiedenen Fabriken, wie zwischen den einzelnen Arbeitern
+#aufrecht erhalten# worden, der Wettbewerb, durch den allein tüchtige
+und reichliche Arbeitsleistungen erzielt werden.«
+
+»Wenn aber trotzdem mehr Waren hergestellt worden wären, als verbraucht
+wurden,« wandte ich ein.
+
+»Das würde natürlich der betreffende Berufszweig verschuldet haben und
+die übeln Folgen würden auf ihn gefallen sein,« entgegnete Forest.
+
+»Angenommen aber, daß sämtliche Angehörige eines Gewerbes sich zu dem
+Zwecke verständigt hätten, für ihre Erzeugnisse einen unverhältnismäßig
+hohen Preis zu verlangen und das zu bilden, was man zu meiner Zeit einen
+'Trust' nannte,« fragte ich. »Wie wären Sie einer solchen Ausbeutung des
+Volkes begegnet?«
+
+»Ein Bundesgesetz hätte das Volk gegen jeden solchen Raubversuch
+schützen können, welches verordnete, daß alles Eigentum der an solchen
+Raubplänen beteiligten Leute, Genossenschaften und Gesellschaften
+von den Ver. Staaten beschlagnahmt und an den Meistbietenden verkauft
+werden solle, sobald ein annehmbares Gebot erfolge. Bis dahin hätte die
+Regierung durch Verwalter den Betrieb besorgen lassen oder letzteren
+einstellen können. Die Einfuhr hätte unter Umständen den Bedarf gedeckt,
+bis der volle Betrieb wieder aufgenommen worden wäre.«
+
+»Und wie würden Sie die vielen Arbeitseinstellungen gehindert haben,
+welche die Erwerbsthätigkeit unserer Tage so oft störten?« fragte ich
+weiter.
+
+»Durch Ermutigung der Arbeiter zur Begründung von
+Produktivgenossenschaften,« antwortete Forest. »Ich habe bereits
+auseinander gesetzt, wie leicht solche Teilhaberschaften begründet
+werden konnten. Ein Dutzend Schneider oder Schuhmacher konnten einen
+Flur mit Dampfkraft mieten, einige Näh- und sonstige Maschinen
+anschaffen und ihre Arbeitserzeugnisse dann unmittelbar an andere
+Arbeiter verkaufen. Dadurch hätten sie sich den Gewinn der Fabrikanten,
+Großhändler, Kleinhändler und Arbeiter gesichert, d. h. allen
+Gewinn, der überhaupt in ihren Erzeugnissen steckte. Und es gab im
+Jahre 1887 kein Gesetz, welches die Arbeiter hinderte, derartige
+Produktivgenossenschaften zu begründen, oder ihre Bedürfnisse an
+Kleidern, Schuhwerk, Möbeln u. s. w. nur von Produktivgenossenschaften
+zu kaufen. Die Fabrikanten würden, sobald es offenbar geworden, daß
+die Arbeiter nur von Produktivgenossenschaften kaufen wollten, sehr
+gern bereit gewesen sein, ihre Einrichtungen billig herzugeben,
+billiger, als die neuen Gesellschaften sie hätten einrichten können.
+Ich meine, es müsse kein Vergnügen gewesen sein, zu ihrer Zeit ein
+Geschäft zu leiten, in welchem viele Leute arbeiteten. Denn die vielen
+Arbeitseinstellungen müssen es den Geschäftsleitern fast unmöglich
+gemacht haben, Voranschläge für das nächste Jahr zu berechnen, oder
+Kontrakte abzuschließen. Deshalb würden, wie ich mir vorstelle, die
+Eigentümer von Fabriken froh gewesen sein, wenn sie ihre Einrichtungen
+zu einigermaßen günstigen Preisen hätten verkaufen können. Und die
+Arbeiter hätten nichts Gescheiteres thun können, als die Fabrikanten zu
+veranlassen, die Leitung der Geschäfte gegen eine angemessene Bezahlung
+weiter zu führen. Dies würde den ferneren erfolgreichen Geschäftsbetrieb
+wesentlich erleichtert haben. Bei einem solchen Abkommen würden die
+Arbeiter durch monatliche Abschlagszahlungen Eigentümer geworden sein,
+sie würden sich dadurch die volle Bezahlung für ihre Arbeit gesichert
+haben, der frühere Eigentümer hätte für seine Einrichtungen einen
+angemessenen Preis erhalten, wäre aller Sorgen ledig und erhielte für
+seine Arbeit auch eine angemessene Bezahlung.«
+
+»Ich glaube, daß den meisten Fabrikanten und Geschäftsleuten meiner
+Zeit durch die unaufhörlichen neuen Forderungen und Streiks ihrer Leute
+die Leitung großer Unternehmungen so verekelt war, daß sie ihren Besitz
+gern verkauft hätten,« bemerkte ich. »Aber was wäre aus den Groß- und
+Kleinhändlern geworden?«
+
+»Sie hätten ihre Waren verkaufen und sich dann entweder einer
+Genossenschaft anschließen oder den Laden einer solchen verwalten
+können. Auch stand es ihnen frei, sich eine andere Berufsthätigkeit
+zu suchen,« entgegnete Forest. »Die Arbeiter Ihrer Tage hätten
+in der angedeuteten Weise einen Berufszweig nach dem andern auf
+genossenschaftlicher Grundlage organisieren können, bis die gesamte
+Industrie durch große, in Nationalverbände vereinte, Genossenschaften
+betrieben worden wäre.«
+
+»Aber unsere Arbeiter wollten die Verantwortlichkeit, die Sorgen
+und Wagnisse nicht übernehmen, welche von der Führung eines eigenen
+Geschäftes unzertrennlich sind. Sie zogen es vor, für Lohn zu arbeiten
+und versuchten es, diesen von Zeit zu Zeit zu erhöhen, indem sie die
+Arbeit einstellten und andere Leute verhinderten, die Plätze der
+Streiker einzunehmen,« sagte ich. »Ihnen sind diese Verhältnisse
+jedenfalls bekannt.«
+
+»Allerdings,« erwiderte Forest, »und es muß auf den unbeteiligten
+Beobachter einen trübseligen Eindruck gemacht haben, daß tüchtige
+Arbeiter, die ihr Geschäft gründlich verstanden, anstatt auf
+gemeinschaftliche Kosten eigene Geschäfte zu begründen, Lohnarbeiter
+blieben und aus ihren Arbeitgebern mehr Geld zu erpressen versuchten,
+als diese zahlen wollten oder konnten, dabei andere Leute gewaltsam
+verhindernd, für den vom Fabrikanten bewilligten Lohn zu arbeiten.
+Der Umstand, daß die Arbeiter am Ende des neunzehnten Jahrhunderts
+nicht Unternehmungsmut, geistige Befähigung und Unabhängigkeitssinn
+genug besaßen, für eigene Rechnung zu arbeiten, hat die menschliche
+Gesellschaft in den Kommunismus gestürzt. Daß diese fluchwürdige
+Staatsform ein kläglicher Fehlschlag werden mußte, war eine aus der
+menschlichen Natur erwachsende Notwendigkeit. Ein Geschlecht, welches
+noch auf einem so niedrigen Standpunkte der Entwicklung stand, daß die
+Schuhmacher nicht einmal thatkräftig und klug genug waren, für eigene
+gemeinschaftliche Rechnung Schuhe und Stiefel zu machen, sondern viel
+lieber 'Lohnsklaven' blieben, streikten und andere Arbeiter prügelten,
+welche für den gebotenen Lohn arbeiten wollten; ein so kümmerliches
+Geschlecht war natürlich geistig durchaus unfähig, ein Staatswesen zu
+bilden, welches alle menschliche Thätigkeit und den Verbrauch aller
+Arbeitserzeugnisse regelt.«
+
+»Jedenfalls ist die Thätigkeit der Arbeiter auf gemeinschaftliche
+Rechnung die vernünftigste Lösung dessen, was viele Arbeiter auch heut
+noch die sociale Frage nennen,« fuhr Forest fort, nachdem er eine kurze
+Pause gemacht hatte. »Solche Genossenschaften sichern den Arbeitern
+den vollen Lohn für ihre Thätigkeit und erhalten den Wettbewerb
+aufrecht, die mächtige Triebkraft zur Entwicklung der Menschheit. Ob
+wir aber diese Lösung der Arbeiterfrage erleben werden, erscheint sehr
+zweifelhaft.«
+
+»So weit die in Fabriken und Werkstätten beschäftigten Arbeiter in
+Frage kommen, erscheint mir Ihr Vorschlag in der That recht gut,«
+gab ich zu. »Wie würden Sie aber die Arbeit auf dem Lande geregelt
+haben, die Thätigkeit der Ärzte und Rechtsanwälte, der Eisenbahnbeamten
+und -Arbeiter, der Angestellten an den Straßenbahnen, der Kaufleute,
+Bankiers und vieler anderer Berufszweige?«
+
+»Lassen Sie uns schrittweise vorgehen,« entgegnete Forest lächelnd.
+»Beschäftigen wir uns zunächst mit der agrarischen Frage, welche seit
+Menschengedenken jeder Umgestaltung der Gesellschaft die größten
+Schwierigkeiten bereitet hat. Unter der jetzigen kommunistischen
+Wirtschaft hegen die Ackerbauer nur wenig Liebe für den Boden, den sie
+bewirtschaften. Das Land gehört ihnen ebenso wenig, wie das, was sie
+demselben abgewinnen. Sie glauben, daß sie für die Städter arbeiten
+müssen, welche auf Kosten der Landbevölkerung bevorzugt werden. -- Hätte
+man mich am Ende des neunzehnten Jahrhunderts gefragt, wie ich die
+Landfrage behandeln wolle, so würde ich ein Gesetz befürwortet haben,
+nach welchem niemand mehr als 40 Acker besitzen dürfte. Diejenigen
+Bauern, welche damals mehr Land besaßen, hätten dasselbe behalten,
+aber nach ihrem Tode hätte niemand mehr als 40 Acker erben dürfen. Auf
+einem 'Vierzig-Ackerstück' kann ein Bauer sehr gut leben und obschon in
+Ihren Tagen die Ackerbauer unter der Zuvielerzeugung von Vieh, Getreide
+und Früchten aller Art schwer zu leiden hatten, so entschädigte die
+Farmer doch die Aussicht auf die beständige Vermehrung der Bevölkerung,
+verstärkt durch Einwanderung, für die kümmerliche Gegenwart; denn die
+Bevölkerungsvermehrung steigerte natürlich den Wert der Farmländereien.«
+
+»Aber wie hätten Sie der Überproduktion landwirtschaftlicher Erzeugnisse
+Einhalt thun können, wodurch die Landbevölkerung im Jahre 1887 so schwer
+litt?« fragte ich.
+
+»Das Bundesamt für Ermittelungen, auch statistisches Bureau geheißen,
+würde den Bauern ebenso gedient haben, wie dem übrigen arbeitenden
+Volke,« versetzte Forest. »Die Bauern hätten einen Nationalverein
+bilden und dieser hätte die Produktion regeln sollen nach der
+Leistungsfähigkeit der Ackergüter des ganzen Landes. Und wenn es
+sich herausstellte, daß die Farmer ungleich mehr Ackerbauerzeugnisse
+hervorbringen konnten, als der Bedarf erforderte, dann hätten die Bauern
+einen Teil ihres Landes zum Anbau neuer Nutzpflanzen verwenden können,
+für welche sich vielleicht ein Markt gefunden hätte; oder sie hätten
+einfach Arbeit sparen können, indem sie einen Teil des Bodens brach
+liegen ließen.«
+
+»Nach Ihrer Ordnung der Dinge hätte nicht jedermann ein Anrecht an den
+Grund und Boden gehabt?« warf ich ein.
+
+»Doch! Jedermann, welcher den Preis zahlen wollte und konnte, den der
+Eigentümer dafür forderte,« entgegnete Forest. »Es kann nicht jedermann
+ein Landgut besitzen. Besaßen Sie eins?«
+
+»Nein.«
+
+»Nun wohl! Unter der kommunistischen Wirtschaft besitzt niemand auch nur
+so viel Land, daß man einen Stock hinein stecken könnte.«
+
+»Wie würden Sie die Thätigkeit der Ärzte und Rechtsanwälte geregelt
+haben?«
+
+»Durch gesetzmäßige Feststellung einer Gebührentaxe. Und die Gesetze
+selbst würde ich sehr vereinfacht haben durch Beseitigung des
+schauderhaften Wirrwarrs, welcher aus einer sogenannten Rechtspflege
+entstand, die aus der Entscheidung zahlloser früherer Fälle hergeleitet
+wurde. Lange habe ich es nicht glauben wollen, bis ich ganz
+unzweifelhafte Angaben darüber fand, daß eine so viel Handel treibende
+Nation, wie die amerikanische es gegen Ende des neunzehnten Jahrhunderts
+war, weder ein einheitliches Kriminalgesetz, noch ein einheitliches
+Handelsgesetz besaß. Diese Thatsache und der Wirrwarr, welcher aus den
+einander widersprechenden Entscheidungen ähnlicher Fälle in früheren
+Prozessen folgte (Entscheidungen, welche stets von den Rechtsanwälten
+beider Parteien in einem Rechtsstreite vorgeführt werden konnten),
+müssen die Ver. Staaten am Ende des neunzehnten Jahrhunderts zu einem
+Paradiese für Schwindler und für solche Advokaten gemacht haben, welchen
+es weniger um die Feststellung des Rechts zu thun war, als um einen
+möglichst hohen »Ehrensold«; oder, besser gesagt, Sündenlohn.«
+
+»Solche Anklagen wurden zu meiner Zeit vielfach gegen die Rechtspflege
+und gegen die Rechtsanwälte erhoben,« schaltete ich ein. »Aber nun
+sagen Sie mir, was Sie mit den Angestellten der Eisenbahn- und
+Telegraphenlinien gethan hätten; mit ....«
+
+»Fragen Sie gefälligst etwas langsamer,« ersuchte mich Herr Forest.
+»Ich würde alle Eisenbahn- und Telegraphenlinien des Landes zu einem
+angemessenen Preise aufgekauft und Bundesschuldscheine zur Bezahlung
+ausgegeben haben. Die Einnahmen der Eisenbahnen- und Telegraphenlinien
+würde ich zur Zahlung der laufenden Ausgaben und zur Verzinsung
+der ausgegebenen Schuldscheine benutzt haben, die Überschüsse im
+Bundesschatzamte aber zur Bezahlung der ausgegebenen Bonds.«
+
+»Mir scheint, als stände dieser Vorschlag im Widerspruche mit dem, was
+Sie in Bezug auf die schauderhaften Zustände sagten, die eine Folge der
+Ansammlung zu großer Macht in den Händen der Regierung sein sollen,«
+fragte ich.
+
+»Nein,« antwortete Forest. »Zur Herbeiführung solcher Zustände, wie die
+jetzigen, wären die Eisenbahn- und Telegraphenämter nicht zahlreich
+genug, abgesehen davon, daß #jetzt# alle Arbeiter von der Regierung
+ganz abhängig sind, keine Stimme bei der Erwählung der Beamten haben,
+und ihre Arbeitgeber nicht wechseln können, weil der Staat der einzige
+Arbeitgeber ist; während zu Ihrer Zeit alle Beamten das Wahlrecht
+hatten und ihre Stellungen mit andern vertauschen konnten, wenn sie
+unzufrieden wurden. Auch erinnere ich mich, daß man zu Ihrer Zeit mit
+der Reformierung des Beamtenwesens begonnen hatte. Ich habe darüber
+widersprechende Urteile gelesen. In manchen Aufsätzen wurde behauptet,
+daß die Sicherheit der republikanischen Einrichtungen einen häufigen
+Wechsel der Beamten erfordere; während in andern Schichten diese Ansicht
+als lächerlich verspottet wurde. Jeder vernünftige Mensch würde einen
+Mann, der ihm treu und umsichtig diene, so lange wie möglich behalten.
+Das Volk solle dasselbe thun, und seine Angestellten so lange behalten,
+wie sie ihre Schuldigkeit thäten; gleichviel welcher politischen Partei
+sie angehörten. Nur dadurch könnte eine gute Verwaltung der öffentlichen
+Angelegenheiten erzielt werden. Ich entsinne mich gelesen zu haben,
+daß Briefträger und andere im Postdienst Angestellte nicht entlassen
+werden durften, wenn man ihnen keine Pflichtverletzung nachweisen
+konnte. Wenn diese Grundsätze auf alle Angestellten des Eisenbahn-
+und Telegraphenwesens angewendet worden wären, von dem Augenblick an,
+da diese Einrichtungen in die Verwaltung der Ver. Staaten übergingen;
+wenn alle Angestellten mit denselben Gehältern, die sie früher bezogen,
+beibehalten worden wären, so lange sie ihre Schuldigkeit thaten, so
+hätte die Übernahme des Eisenbahn- und Telegraphenwesens und die
+Vereinigung dieser beiden Verkehrsanstalten mit dem Postdienste
+nur geringe Schwierigkeiten veranlaßt. »Uncle Sam« hätte natürlich
+ebenso gute, wenn nicht bessere Gehalte zahlen können, als die
+Aktiengesellschaften, welche früher den Eisenbahn- und Telegraphendienst
+leiteten.«
+
+»Das klingt ganz annehmbar.«
+
+»Und es ist annehmbar. Deutschland hatte mit der Vereinigung des
+Post-, Eisenbahn- und Telegraphendienstes unter Staatsleitung bereits
+eine erfolgreiche Probe zu der Zeit gemacht, da man 1887 schrieb.
+-- Es ist in der That höchst bemerkenswert, daß ein so weltkluges,
+thatkräftiges und handeltreibendes Volk, wie das der Ver. Staaten am
+Ende des neunzehnten Jahrhunderts, die Hauptverkehrsmittel in den Händen
+von Körperschaften ließ, welche dieselben natürlich zu dem Zwecke
+verwalteten, möglichst großen Gewinn herauszuwirtschaften; mitunter auch
+einen Nebengewinn für einen Direktorenring.«
+
+»In manchen Geschichtswerken Ihrer Zeit,« fuhr Forest fort, »begegnet
+man Äußerungen des Erstaunens und des Zorns darüber, daß im vierzehnten
+und fünfzehnten Jahrhundert in manchen europäischen Ländern sogenannte
+Raubritter ihr Unwesen treiben durften. Diese Biedermänner hielten die
+unter ihren Schlössern vorbeiziehenden Kaufleute und Reisenden an,
+forderten einen Zoll und lieferten ihnen unter Umständen dafür Schutz
+innerhalb gewisser Grenzen. Dies waren die »Geschäftsgrundsätze« der
+»anständigen« Raubritter. Die »unanständigen« plünderten die Reisenden
+einfach aus, unterschieden sich also in keiner Weise von gewöhnlichen
+Straßenräubern. Wir haben es hier nur mit den Rittern zu thun, welche
+für die Benutzung der über ihr Gebiet führenden Straßen eigenmächtig
+einen Zoll erhoben. Diese Herren wagten ihre gesunden Gliedmaßen, ja ihr
+Leben an die Eintreibung eines Wegezolles; denn die Kaufleute wußten
+mit Schwert und Lanze umzugehen, hatten oft bewaffnete Knechte mit sich
+und leisteten häufig erfolgreichen Widerstand. Mehr als ein Ritter fiel
+bei seinem Versuche, Zoll zu erheben, im Kampf auf der Landstraße,
+manches »Raubschloß«, dessen Insassen den benachbarten Städten besonders
+beschwerlich geworden waren, wurde von den Bürgern gestürmt, und
+der Herr Raubritter büßte seine Gelüste nach Zöllen mit dem Tode.
+Anders war es zu Ihrer Zeit. Die Herren, welche damals Zölle von den
+Reisenden und von den Waren erhoben, die über die Hauptverkehrsstraßen
+befördert wurden, konnten das ohne alle Gefahr thun. Sie durften diese
+Zölle auch fast nach Belieben steigern. Alles, was sie zu diesem
+Zweck zu thun hatten, war die Veranstaltung einer Zusammenkunft der
+Eisenbahnpräsidenten da oder dort und die Annahme des Beschlusses,
+daß sie die Preise für die Beförderung von Reisenden und Frachtgütern
+erhöhen wollten. Solche Zusammenkünfte hatten nur dann üble Folgen, wenn
+der Champagner schlecht war, welcher bei diesen Gelegenheiten getrunken
+wurde. Es war ein fast lächerlicher Zustand, daß ein handeltreibendes
+Volk den gesamten riesigen Personen- und Frachtverkehr des Landes der
+Willkür von Dividenden machenden Gesellschaften preisgab, und es legt
+ein gutes Zeugnis für das Billigkeitsgefühl der Eisenbahnbeherrscher
+im Jahre 1887 ab, daß dieselben das Volk so gut behandelten, wie
+es geschah; da sie ja eigentlich thun und lassen konnte, was ihnen
+beliebte.«
+
+»Die Gas- und Wasserwerke, sowie die Straßenbahnlinien hätten Sie
+vermutlich unter die Leitung der Stadtverwaltungen gestellt,« fragte
+ich.
+
+»Allerdings,« antwortete Forest. »Aber ehe ich mich mit städtischen
+Angelegenheiten befaßt hätte, würde ich unter die Bundesverwaltung
+auch noch diejenigen Wald- und Bergwerksländereien gestellt haben,
+welche damals den Ver. Staaten noch gehörten, d. h. ich würde eine
+geordnete Forst- und Bergwerkswirtschaft eingeführt haben. Wenn das Volk
+der Ver. Staaten einigermaßen vernünftig mit den ungeheuren Wäldern
+gewirtschaftet hätte, welche früher weite Gebiete dieses großen Landes
+bedeckten, so würden wir jetzt, im Jahre 2000, nicht an Holzmangel
+leiden.«
+
+»Was würden Sie mit den Bankiers und mit den Kaufleuten angefangen
+haben?«
+
+»Nichts,« entgegnete Forest. »Die zahlreichen Produktivgenossenschaften
+hätten nicht nur Männer gebraucht, welche den Betrieb der Fabrik leiten
+konnten, sondern auch Geschäftsführer und Buchhalter. Denn die Arbeiter
+würden sehr bald die Entdeckung gemacht haben, daß die Handarbeit allein
+nicht genügt, um ein großes Unternehmen mit Erfolg und zum Nutzen aller
+Beteiligten zu betreiben. Als Geschäftsleiter und Buchhalter hätten
+viele Bankiers und Buchführer wieder Anstellung gefunden. Die Eigentümer
+von Läden aller Art hätten, falls von den Produktivgenossenschaften
+Verbrauchsvereine begründet worden wären, die alle Waren hielten, wie
+zu Ihrer Zeit die sogenannten »Country Stores«, sehr leicht Anstellung
+finden können, nachdem sie ihren Warenvorrat verkauft hatten.«
+
+»Ich glaube, daß unter Ihrem System alle Läden gezwungen worden wären,
+ihre Thüren zu schließen,« bemerkte ich. »Denn die verschiedenen
+Gewerkschaften hätten ganz sicher eigne Läden eingerichtet, alle Waren
+im großen gekauft und den Mitgliedern der Genossenschaften mit kleinem
+Gewinn wieder verkauft. Mit solchen Geschäften hätten die Kaufleute
+natürlich nicht konkurrieren können. Diejenigen Ladenbesitzer, welche
+nicht imstande gewesen wären, Anstellungen in den Geschäften der
+Genossenschaften zu erlangen, hätten sich nach anderer Arbeit umsehen
+müssen -- für viele derselben ein hartes Los!«
+
+»Der Übergang von dem Betrieb der Industrie auf Rechnung einzelner Leute
+oder Aktiengesellschaften zu dem Betrieb durch Produktivgenossenschaften
+wäre sicher kein plötzlicher gewesen, sondern allmählich geschehen,«
+erklärte Forest. »Dadurch hätten die Kaufleute vielleicht dreißig oder
+fünfzig Jahre Zeit gefunden, sich in die neue Ordnung der Dinge zu
+schicken. Ihre Kinder hätten sich, anstatt Kaufleute zu werden, den
+Gewerkschaften anschließen können. Außerdem liegt kein Grund zu der
+Annahme vor, daß aller kaufmännischen Thätigkeit einzelner durch die
+Läden der Verbrauchsgenossenschaften ein Ende gemacht werden müßte. Die
+Billigkeit einer Ware allein sichert ihr nicht unter allen Umständen
+die Käufer. Der Geschmack beim Einkaufe hat sehr viel damit zu thun und
+viele Leute zahlen lieber für einen Gegenstand, der ihnen gefällt, etwas
+mehr, als für einen andern, der eben so zweckentsprechend, aber nicht
+so hübsch ist. Deshalb hätten Kaufleute, die beim Einkauf ihrer Waren
+feinen Geschmack entwickelten, immer auf Kundschaft zählen können, allen
+Genossenschaftsläden zum Trotz. -- Auch in vielen Landbezirken hätten
+sich Läden einzelner Kaufleute wohl halten können.«
+
+»Sie sagten, Sie würden ein Bundesgesetz erlassen haben, demzufolge
+niemand mehr als 40 Äcker Land besitzen sollte,« sagte ich. »Hätten Sie
+auch das Recht der Städter auf Besitz von Grundeigentum beschränkt?«
+
+»Der Besitz eines Hauses hätte jeden billig denkenden Menschen
+befriedigen sollen,« entgegnete Forest. »Niemand kann in Abrede
+stellen, daß die Ansammlung von Reichtümern, die sich in die Millionen
+beliefen, in den Händen einzelner, während andererseits viele nicht die
+nötigsten Lebensbedürfnisse hatten, diesem verdammenswerten Kommunismus
+vorarbeitete, ihn ermöglichte.«
+
+»Wie hätten Sie aber die Ansammlung von großen Reichtümern verhindern
+wollen?« fragte ich neugierig.
+
+»Durch Änderung des Steuerwesens,« antwortete Forest. »An Stelle mancher
+Steuern, welche Sie erhoben, und welche großenteils den Unbemittelten
+mehr belasteten als den Reichen, hätte ich eine Erbschaftssteuer
+eingeführt, die zur Aufrechterhaltung der Bundes-, Staats- und
+Gemeinderegierungen beigetragen hätte. Ich würde eine Steuer von einem
+Prozent auf jede Erbschaft vorgeschlagen haben, welche jemandem zufiel
+und sich auf nicht mehr als 10 000 Dollars belief. Eine Erbschaft von
+20 000 Dollars würde ich mit zwei Prozent besteuert haben, 30 000
+Dollars mit drei Prozent, 100 000 Dollars mit zehn Prozent, 200 000
+Dollars mit zwanzig Prozent, 500 000 Dollars mit fünfzig Prozent. Hätte
+jemand ein so großes Vermögen hinterlassen, daß auf jeden Erben mehr als
+500 000 Dollars (d. h. nach Abzug der Erbschaftssteuer 250 000 Dollars)
+entfallen wären, so würde der Überschuß als ein Erbteil der Menschheit
+angesehen zur Bestreitung der Bundes-, Staats- und Gemeindeausgaben
+verwendet worden sein.«
+
+»Würde ein solches Gesetz nicht als ein Abkühlungsmittel auf den
+Unternehmungsgeist gewirkt und den Wettbewerb gelähmt haben, den Sie
+stets als den Urquell alles menschlichen Fortschritts preisen?« fragte
+ich.
+
+»Es hätte nur die Ansammlung ungeheurer Vermögen verhindert und den
+Wettbewerb nicht gehindert, sondern im Gegenteile geschützt,« gab Forest
+zur Antwort. »Leute, welche zwanzig, oder fünfzig Millionen Dollars
+besaßen und diese großen Geldmittel rücksichtslos im »Kampfe um das
+Dasein« verwendeten, waren gefährlicher, als Diebe und Einbrecher.
+Sie konnten jede Konkurrenz weniger bemittelter Bewerber vernichten
+und oft bedienten sie sich erbarmungslos ihrer Macht. Sie traten den
+Wettbewerb tot, vermehrten ihre Millionen und bahnten dem fluchwürdigen
+Kommunismus den Weg. War es nicht ein großes Unrecht, daß ein Mensch,
+welcher durch allerlei Mittel ein großes Vermögen angesammelt hatte,
+dieses unverkürzt einem Sohne hinterlassen konnte, letzteren in den
+Stand setzend, die Abschlachtung der Konkurrenten und die Vermehrung
+der Millionen fortzusetzen? Was konnte der tüchtigste Mensch in vielen
+Berufszweigen erzielen, wenn er auf einen anderen Menschen stieß, der
+vielleicht geringere Fähigkeiten, aber viel Geld und kein Gewissen besaß
+und seine Millionen in der rücksichtslosesten Weise zum Verderben seiner
+Konkurrenten benützte. -- Nein! Reiche Eltern mögen immer für ihre
+Kinder ein ansehnliches Vermögen hinterlassen, welches ihre Lieblinge
+gegen Nahrungssorgen sicher stellt; aber sie sollten ihre Kinder nicht
+in den Stand setzen, die Kinder ärmerer Eltern im Kampfe ums Dasein an
+die Wand zu drücken und im Wettbewerb töten.«
+
+»Eine solche Erbschaftssteuer würde in meiner Zeit erbitterten
+Widerstand gefunden haben,« bemerkte ich.
+
+»Wohl möglich,« entgegnete Forest. »Wahrscheinlich hätten jene
+kurzsichtigen Millionäre, welche durch ihr Treiben den Kommunismus
+heraufbeschworen, Einwand dagegen erhoben. Ich bin nichts destoweniger
+der Meinung, daß solch ein Gesetz nicht nur der Menschheit im
+allgemeinen, sondern auch den Kindern der Millionäre genützt haben
+würde. Nur ein Gesetz dieser Art, welches die Zertrümmerung der
+Riesenvermögen bewirkt haben würde, hätte den Ansturm des Kommunismus
+und der Anarchie zurückwerfen können. Jemand, der 250 000 Dollars
+erbte, hätte mit dieser Summe wohl zufrieden sein und den Überschuß der
+Erbschaft dem Gemeinwesen willig abgeben können. Durch Aufopferung eines
+Teiles der Erbschaft hätten die Erben jener Riesenvermögen den Rest
+gerettet und den Kommunismus geschwächt. Außerdem erscheint es mir sehr
+zweifelhaft, daß der Besitz großer Reichtümer deren Eigentümer gut, oder
+glücklich machte.«
+
+»Wenn im Jahre 1887 in den Ver. Staaten ein solches Gesetz erlassen
+worden wäre, würden die meisten Millionäre ihren Besitz zu Gelde
+gemacht haben und nach Europa ausgewandert sein,« wendete ich den
+Auseinandersetzungen Forests gegenüber ein.
+
+Dieser erwiderte: »Das glaube ich auch. Aber derjenige, der einen
+großen Besitz antritt, den er nicht erworben hat, kann sehr wohl eine
+hohe Abgabe an die Gemeinde entrichten und die durch eine derartige
+Erbschaftssteuer bewirkte Zerstücklung der großen Vermögen hätte den
+kommunistischen Wühlereien die Spitze abgebrochen. Selbstverständlich
+hätte eine solche Steuer nach vorangegangenen internationalen
+Verhandlungen in allen größeren Kulturstaaten gleichzeitig eingeführt
+werden müssen.«
+
+»Die Versuchung, die hohe Abgabe zu vermeiden, würde sehr groß gewesen
+sein,« machte ich geltend. »Viele Leute würden es versucht haben, die
+Steuer teilweise zu umgehen, indem sie die Erbschaften den Behörden
+gegenüber kleiner angaben, als sie wirklich waren; oder indem sie schon
+bei Lebzeiten ihren Kindern und Verwandten einen Teil der Erbschaft
+schenkten.«
+
+»Der Versuch der Steuerbetrügerei hätte mit Wegnahme des gesamten
+Eigentums bestraft werden können,« sagte Forest, »die Geschenke dagegen
+hätten ebenso besteuert werden können, wie die Erbschaften. Angesichts
+der Gerechtigkeit und der wohlthätigen Wirkungen eines solchen Gesetzes
+hätte man einige Beschwerlichkeiten in der Durchführung schon mit in
+den Kauf nehmen können; zumal diese Schwierigkeiten sich nur anfangs
+schroff geltend gemacht haben würden. Sobald der Betrieb der Eisenbahn-
+und Telegraphenlinien an die Ver. Staaten, der Betrieb der Industrie
+und der Handel mit Lebensbedürfnissen dagegen an die Genossenschaften
+übergegangen wäre, würden Vermögen im Betrage von 50 oder 100 Millionen
+Dollars zu den gewesenen Dingen gehört haben; denn alle diese
+Einrichtungen hätten ebenso wohl der Verarmung wie der Anhäufung großer
+Reichtümer entgegen gewirkt. Die Zahl der Agenten und Zwischenhändler
+würde bedeutend vermindert worden sein, jeder Mann wäre zu einer
+nutzbringenden Thätigkeit ermutigt worden und würde einen Lohn empfangen
+haben, welcher der Güte und Menge seiner Leistungen entsprochen hätte.«
+
+»Würden nicht solche Cliquen und Sippen sich gebildet haben, wie
+diejenigen, welche nach Ihrer Behauptung Ihre Regierung beeinflussen?«
+fragte ich. »Und würden diese Sippen nicht die Leitung der Fabrikations-
+und Verbrauchsgenossenschaften an sich gerissen haben? Hätten nicht
+Cliquen den guten Arbeiter zu gering, den begünstigten schlechten
+Arbeiter zu hoch bezahlen können?«
+
+»Solche Fälle hätten wohl eintreten können, würden aber zur Folge gehabt
+haben, daß die tüchtigen Arbeiter eine Genossenschaft verlassen hätten,
+in welcher sie zu Gunsten der Faulenzer und Pfuscher betrogen wurden.
+Sie hätten leicht Aufnahme in einer andern Genossenschaft gefunden;
+denn gute Arbeiter werden überall da gewürdigt, wo der Wettbewerb
+herrscht. Dagegen würde eine Genossenschaft, welche ihre tüchtigsten
+Arbeiter vertrieben hätte, in ihren Leistungen zurückgegangen und
+unfähig geworden sein, den Wettbewerb ferner auszuhalten. Derartige
+Schwierigkeiten würden sich also sehr leicht ausgeglichen haben.«
+
+»Natürlich müssen Sie auf Gegenseitigkeit beruhende
+Versicherungsgesellschaften unter den Berufsgenossenschaften
+befürworten, Gesellschaften, welche alle Beteiligten gegen Unfälle,
+Krankheiten, Arbeitsunfähigkeit jeder Art sicher stellten und in einem
+gewissen Alter eine Pension gewährten,« sagte ich. »Und wahrscheinlich
+würden diese Versicherungsgesellschaften auch Feuer- und Lebenspolicen
+ausgestellt haben.«
+
+»Dies würde allerdings eine Folge des Systems gewesen sein, welches
+die wenigen Vorteile, die der Kommunismus bietet, mit den Wohlthaten
+vereint, die aus dem Wettbewerbe erwachsen,« antwortete Forest.
+
+»Würden Sie die Einwanderung ermutigt haben?« fragte ich weiter. »Am
+Ende des neunzehnten Jahrhunderts waren viele ehrliche, wohlmeinende,
+durchaus nicht engherzige Leute, die niemand des Fremdenhasses
+beschuldigen durfte, der Ansicht, daß die Ver. Staaten alle fremden
+Elemente aufgenommen hätten, welche sie allenfalls verdauen konnten
+und daß der Rest der Bundesländereien für die Kinder der Bewohner
+der Ver. Staaten aufgehoben werden sollte. Die Abneigung gegen
+weitere Einwanderung war großenteils durch die deutschen und irischen
+'Dynamiteriche' verschuldet worden.«
+
+»Ich kann mir vorstellen,« entgegnete Forest, »daß manche Sitten und
+Schrullen der Einwanderer Ihrer Zeit den eingeborenen Amerikanern
+anstößig erschienen, und daß die Verbrechen der Dynamitwüteriche gegen
+die Gesetze des Landes, das sie gastfrei aufgenommen hatte, eine tiefe
+Entrüstung bei den Angloamerikanern hervorgerufen haben mußten. Nichts
+destoweniger glaube ich, daß Ihre Zeitgenossen alle Ursache hatten, die
+Einwanderung zu ermutigen. Strenge Handhabung der Gesetze gegen #alle#
+Übertreter derselben, gegen die #eingeborenen# sowohl, wie gegen die
+#eingewanderten#, würde dem Lande sehr wohl gethan und alle Versuche
+überflüssig gemacht haben, die Einwanderung zu beschränken. Die wirklich
+anstößigen Einwanderer hätte man doch nicht aus dem Lande halten können,
+wenn sie hinein wollten; denn diese Leute wären, falls man ihnen die
+Häfen der Ver. Staaten verschlossen hätte, über Mexico oder Canada
+eingewandert.«
+
+»Dieselben Gründe wurden zu meiner Zeit vielfach geltend gemacht,«
+bemerkte ich zustimmend.
+
+»Das vergleichsweise geringe Unheil, welches die Einwanderer
+anrichteten, wurde ganz in den Schatten gestellt durch den großen
+Nutzen, welcher dem Volke der Ver. Staaten aus dem europäischen
+Menschenstrom erwuchs,« fuhr Forest fort. »Die einfache Thatsache,
+daß Hunderttausende gesunder Menschen, deren Aufzucht und Erziehung
+den europäischen Ländern mehrere hundert Millionen Dollars gekostet
+hatte, den amerikanischen Boden betraten, war ein großer Gewinn für
+die Ver. Staaten. Die bloße Anwesenheit dieser Männer und Frauen
+erhöhte den Wert des Landes da, wo sie sich niederließen; so die
+Grundeigentümer bereichernd. Viele der Einwanderer waren geschulte
+Arbeiter und Handwerker, andere Künstler und Gelehrte. Alle diese
+Männer und Frauen waren aber mit den Sitten, den Geschäftsgebräuchen,
+den Landesverhältnissen und oft auch mit der englischen Sprache nicht
+vertraut. Sie mußten daher fast ausnahmslos beim #Beginn# ihrer
+amerikanischen Thätigkeit die untersten Plätze im amerikanischen
+Erwerbsleben einnehmen. Dadurch erhoben sie naturgemäß alle diejenigen,
+welche schon in den Ver. Staaten wohnten, zu mehr oder weniger höheren
+Stellungen im Leben.«
+
+»Viele dieser Leute, welche aus allen Teilen Europas hierher kamen,
+waren befähigte und gebildete Menschen, welche mit der Zeit erfolgreiche
+Mitbewerber der älteren Ansiedler wurden. Aber der beständige
+Menschenstrom, welcher sich aus den europäischen Ländern nach den Ver.
+Staaten ergoß, bereicherte und erhob doch beständig das amerikanische
+Volk und alle die Schläge, welche gegen die Einwanderung gerichtet
+wurden, waren deshalb unklug. Die Gesetzgeber, welche solche Maßregeln
+befürworteten, erinnern mich an den Mann, welcher eine Gans schlachten
+wollte, die jeden Tag ein goldenes Ei legte.«
+
+Nach einer kurzen Pause schloß Forest seine Auseinandersetzungen
+folgendermaßen: »Es ist natürlich ganz unmöglich, irgend welche
+Vorschläge zur Umgestaltung der Gesellschaft zu entwickeln, welche sich
+allgemeiner Zustimmung erfreuen könnten. Ich behaupte indes, daß alle
+solche Vorschläge zwei leitende Grundsätze verkörpern müssen. Alle
+Verbesserungsvorschläge sollten den Zweck haben, #aus der menschlichen
+Gesellschaft die unverschuldete Armut zu verbannen#, indem sie die
+Furcht vor derselben durch zweckmäßige Versicherungseinrichtungen
+beseitigen und sie sollten den #Wettbewerb erhalten#, die gewaltige
+Kraft, welche beständig jedermann anspornt, seine besten Kräfte
+einzusetzen, um sich selbst und die Menschheit auf einen höheren
+Standpunkt zu erheben.«
+
+
+
+
+Achtes Kapitel.
+
+
+Als ich Herrn Forest nach unserer letzten Unterredung verlassen hatte,
+war ich teils durch seine Auseinandersetzungen, teils durch meine
+eigenen Wahrnehmungen überzeugt worden, daß der Kommunismus nicht,
+wie Dr. Leete behauptete, das tausendjährige Reich menschlicher
+Glückseligkeit herbeigeführt, sondern im Gegenteil die Menschheit in
+vielen Beziehungen erniedrigt hatte.
+
+Es war mir klar, daß ich mit Dr. Leete offen über den Wechsel meiner
+Ansichten sprechen und meine Stellung als Professor im Shawmut-College
+aufgeben mußte, ohne Rücksicht auf die jedenfalls unausbleiblichen übeln
+Folgen.
+
+Dr. Leete hatte mich mit großer Güte behandelt. Ich war überzeugt,
+daß mein liebenswürdiger Gastfreund mir auch dann seine Freundschaft
+geschenkt haben würde, wenn ich mich nicht gleich vom Anbeginn für den
+Kommunismus begeistert hätte. Er würde andere Ansichten sicherlich
+geduldet haben, wenn ich nur die Regierung nicht offen bekämpft hätte.
+Vielleicht hätte er sogar in meine Verbindung mit Edith gewilligt. Ganz
+anders lagen aber die Verhältnisse jetzt. Der Wechsel meiner Ansichten
+mußte für Dr. Leete im höchsten Grade unangenehm werden. Er hatte mich
+als einen Mann empfohlen, der sich besonders zum Nachfolger Forests
+als Professor der Geschichte des neunzehnten Jahrhunderts eigne.
+Meine Ernennung war lediglich eine Folge seiner Empfehlung und mein
+Abfall vom Kommunismus mußte notwendigerweise das Ansehen schädigen,
+dessen Dr. Leete sich bisher erfreute. Es war mir nicht zweifelhaft,
+daß mein Gastfreund das tief empfinden würde. Mein plötzlicher
+Meinungswechsel in Bezug auf die Gesellschaftsordnung war ja nur eine
+Folge meiner Unkenntnis volkswirtschaftlicher und gesellschaftlicher
+Lehren und Erfahrungen. Nichts destoweniger mußte mein Abfall mir in
+der Leete'schen Familie und in den politischen Kreisen außerordentlich
+schaden. War man nicht gezwungen, mich für einen oberflächlichen, faden
+und undankbaren Menschen zu halten, der sich nicht nur in wenigen
+Wochen aus einem begeisterten Anhänger der Gütergemeinschaft in einen
+entschiedenen Gegner dieser Lehre verwandelt, sondern durch sein
+Verhalten auch seinen wohlwollenden Freund in eine sehr peinliche Lage
+gebracht hatte?
+
+Und was mußte Edith von meinem Gesinnungswechsel und von meinem
+Rücktritt aus der Professur denken? Sie liebte und verehrte ihren
+Vater. Würde ihre junge Neigung zu mir sich in diesem schweren Kampfe
+lebenskräftig zeigen? Meine blinde Begeisterung für die neue Ordnung
+der Dinge war von der Regierungspresse dem ganzen Lande verkündet
+worden. Man hatte besonderes Gewicht darauf gelegt, daß gerade ich,
+ein lebender Zeuge der früheren Gesellschaftsordnung, ein fanatischer
+Anhänger des Kommunismus geworden wäre. Mein Abfall von dieser Lehre,
+gleich nachdem ich mit ihr und den Folgen ihrer Durchführung näher
+vertraut geworden war, versetzte die Presse der Regierung in eine sehr
+peinliche, fast komische Lage. Es war vorauszusehen, daß man mich als
+einen grundsatzlosen Demagogen, vielleicht sogar als einen gefährlichen
+Schurken behandeln würde. Ich mußte natürlich erwarten, daß man mich in
+die zweite Abteilung eines dritten Grades stecken und mir die denkbar
+unangenehmste Arbeit zuerteilen würde; -- wenn man mich nicht gar in ein
+Tollhaus brachte. Konnte ich noch daran denken, Edith Leete, welche im
+Hause ihres angesehenen Vaters wie eine Blume in einem wohlgepflegten
+Garten aufgewachsen war, aufzufordern, das Schicksal eines Mannes zu
+teilen, der von den Menschen entweder als ein flachköpfiger Schwätzer
+oder als ein grundsatzloser Heuchler angesehen werden mußte, für den
+eine Stellung in der zweiten Abteilung des dritten Grades eigentlich
+noch viel zu gut war?
+
+Die Furcht, Ediths Liebe zu verlieren, drängte eine Zeitlang alle meine
+andern Gedanken in den Hintergrund; denn in Edith Leete liebte ich Edith
+Bartlett und die Vorstellung, daß Edith sich von mir abwenden könnte,
+legte sich wie ein Alp auf mein Herz. Niemals in meinem Leben hatte ich
+mich so hoffnungslos elend gefühlt, wie auf meinem Wege zum Hause des
+Dr. Leete nach meiner letzten Unterredung mit Herrn Forest.
+
+Einen Augenblick erwog ich den Gedanken, meinem elenden, aussichtslosen
+Dasein mit eigener Hand ein Ende zu machen; dann aber entschloß ich
+mich, mein Schicksal wie ein Mann zu tragen. So schritt ich denn Dr.
+Leetes Hause zu, entschlossen, meine Freunde nicht zu täuschen und meine
+Schuldigkeit als Mann von Ehre zu thun.
+
+Ich fand Dr. Leete, der sonst immer freundlich und gefaßt erschien, in
+aufgeregter Stimmung. Er blickte sorgenvoll und drohend zugleich drein.
+Ehe ich ihn anreden konnte, blieb er auf dem Wege durch das Zimmer vor
+mir stehen und sagte:
+
+»Ich habe die glaubwürdige Nachricht erhalten, daß unser
+gemeinschaftlicher Freund Fest einen Aufstand der Radikalen veranlassen
+möchte. Während der letzten Tage haben mehrere geheime Versammlungen
+stattgefunden und ich weiß, daß Fest die Absicht hat, den Anfang hier in
+Boston zu machen.«
+
+»Wie wollen Sie sein Vorhaben vereiteln?« fragte ich. »Wollen Sie
+die Bürger aufrufen und die Verschwörer verhaften lassen? Ich stehe
+jedenfalls zu Ihren Diensten,« fügte ich hinzu, sehr froh, meinem
+Gastfreunde wenigstens gegen die Radikalen dienstwillig sein zu können.
+Denn ich verabscheute deren Lehren noch mehr als deren Führer.
+
+»Ich bezweifle, daß es politisch klug wäre, einen Aufruf an die Bürger
+zu erlassen,« entgegnete der Doktor. »Durch einen solchen Schritt würde
+man der Verschwörung zu viel Bedeutung verleihen. Ich wollte, ich hätte
+diesen Fest unter ärztliche Behandlung gestellt, gleich nachdem er zum
+letztenmale mein Haus verließ. Er allein ist gefährlich. Sein Anhang
+bedeutet an sich nicht viel. Aber unter der Führung eines Menschen, der,
+wie Fest, eine gewisse rohe Beredsamkeit mit Kühnheit und persönlicher
+Kraft verbindet, kann eine Empörung immerhin gefährlich werden. Um das
+zu verhüten, habe ich Auftrag gegeben, den Hauptverschwörer zu verhaften
+und ihn an einem sichern Platze unter ärztliche Behandlung zu nehmen.«
+
+Ich konnte diesen Schritt nicht gutheißen, obschon derselbe Erfolg
+versprach. Unangenehm berührte es mich, daß man einen politischen Feind
+nicht offen als solchen behandeln und unschädlich machen wollte,
+sondern daß man auch hier wieder von Heilanstalt und ärztlicher
+Behandlung faselte. Ich hielt es indes für nutzlos, in diesem
+Augenblicke meine Ansichten über diese Behandlungsart politischer Gegner
+auseinander zu setzen und fragte Herrn Leete nur, ob er einige Minuten
+für meine Angelegenheiten übrig habe. Ich hielt es für meine Pflicht,
+nunmehr offen mit Ediths Vater zu sprechen.
+
+Mit seiner gewöhnlichen Güte wandte Dr. Leete sich zu mir und bat mich,
+wenn es mir nicht unangenehm sei, die Unterredung auf den nächsten
+Morgen zu verschieben.
+
+Ich gab meine Zustimmung.
+
+Wir gingen in das Speisezimmer und setzten uns zu Tische. Frau Leete
+hatte aus dem Kochhause ein leichtes Abendbrot holen lassen; aber
+niemand bekundete irgendwelche Eßlust. Wir alle waren in unruhiger
+Stimmung.
+
+Dr. Leete blickte auf seine Uhr.
+
+»Fest sollte sich jetzt bereits unter der Obhut der Beamten und Ärzte
+befinden,« sagte er. »Ich erwarte einen Bericht.«
+
+Nachdem einige weitere Minuten in unruhiger Erwartung vergangen waren,
+hörten wir Lärm auf der Straße. Eine große Volksmenge schien sich dem
+Hause zu nähern.
+
+Die Hausthür wurde geöffnet und ein lärmender Volkshaufe füllte den
+Flur sowie das Speisezimmer. An der Spitze befand sich Fest, welcher
+offenbar einen heißen Kampf bestanden hatte. Sein wollenes Hemd war
+zerrissen und das Schlächterbeil, welches er in seiner Rechten hielt,
+triefte von Blut.
+
+»Hier bin ich wieder, Dr. Leete,« rief er mit seiner mächtigen, etwas
+heisern Stimme. »Ich habe Sie gewarnt und Ihnen gesagt, daß ich Ihr Haus
+nie wieder als Freund betreten würde. Und da Sie, verfluchter alter
+heuchlerischer Tyrann Befehl gegeben haben, mich gesunden Menschen in
+ein Tollhaus zu sperren, so habe ich beschlossen, daß Sie heute Abend
+noch sterben sollen. Das Volk von Boston soll von Ihrer Tyrannei befreit
+werden.«
+
+Ich ergriff ein Messer und trat an Dr. Leetes Seite, entschlossen, ihn
+mit meinem Leibe zu decken.
+
+Aber in diesem Augenblicke wurde die Aufmerksamkeit des Menschenhaufens
+durch Forest in Anspruch genommen, der sich durch die Menge drängte, auf
+den Eßtisch sprang und ohne Zeitverlust rief: »Ihr alle kennt mich und
+wißt, daß ich ein Feind dieses Mannes bin.« Dabei wies er auf Dr. Leete.
+»Weil ich unsere elende Regierung nicht verteidigen wollte, wurde ich
+aus meiner Professorenstellung verdrängt und Dr. Leete war es, der mir
+eine Hausknechtsstelle in der Universität anwies.«
+
+»Das sieht dem miserablen alten Kerl ähnlich,« schrie ein schmutzig
+aussehender Bursche.
+
+»Deshalb sage ich: Nieder mit einer Regierung, welche die freie Rede
+erwürgen wollte!« redete Forest weiter. »Nieder mit der Tyrannei! Aber
+laßt uns diesen jämmerlichen alten Sünder nicht abschlachten. Es ist
+kräftiger, bewaffneter Männer, wie wir es sind, ganz unwürdig, einen
+unbewaffneten, alten Menschen zu töten. Wir wollen ihn in dasselbe
+Tollhaus sperren, in welches er unseren Freund Fest schicken wollte.«
+
+»Ja! So ist es recht! Sperrt ihn in ein Tollhaus!« brüllten die
+Radikalen.
+
+Es war klar, daß Forest versuchte, Dr. Leetes Leben zu retten. Mein
+Blick glitt zu Edith hinüber. Sie war totenbleich, aber gefaßt. Sie
+hatte ihren linken Arm um ihren Vater geschlungen und ihr Auge begegnete
+dem meinigen freundlich wie immer. Unglücklicherweise bemerkte Fest
+diesen Blick Ediths und seine Eifersucht brach mit erneuter Wut los.
+
+»Ihr verdammten Narren,« schrie er mit vor Grimm fast erstickter Stimme.
+»Merkt ihr denn nicht, daß dieser Forest den Versuch macht, das Leben
+jenes verschmitzten und gefährlichen alten Tyrannen zu retten? Aber das
+soll ihm nicht gelingen. Als meinen Anteil an der Beute verlange ich das
+Leben Leetes und seine lebendige Tochter.«
+
+»Thue, was du willst, Bob,« riefen einige aus dem Haufen.
+
+»Verlassen Sie dieses Haus, Forest,« befahl Robert Fest. »Ich hege
+keinen Groll gegen Sie. Wenn Sie aber meinen Weg kreuzen, werden Sie die
+Folgen zu tragen haben.«
+
+»So lange ich lebe, sollen Sie in diesem Hause und an diesem alten Manne
+nicht zum Mörder werden,« entgegnete Forest. »Sie sollten sich schämen,
+Fest! Ihr Benehmen ist eines Mannes von Ehre ganz unwürdig.«
+
+»Schweig, du Narr,« schrie Fest wütend. »Der heuchlerische Schurke Leete
+hat das Volk lange genug geknechtet. Er muß sterben und wenn du dich
+nicht aus dem Wege machst, wirst du mit ihm zur Hölle fahren.«
+
+Ein Zorn, wie ich ihn nie zuvor empfunden, riß mich hin.
+
+»Was hat dieser alte Mann gethan, um deinen Blutdurst zu erregen, du
+gemeiner, grausamer Feigling,« rief ich, auf Fest zuspringend, um ihm
+mein Messer in die Brust zu stoßen. Aber ein Dutzend Fäuste entwaffnete
+mich, während Fest befahl:
+
+»Steckt den Jubelgreis in einen Sack und werft ihn in den Hafen. Obschon
+ich in den Augen des Professors kein Mann von Ehre bin, halte ich doch
+mein Wort und ich habe dem ausgegrabenen Gespenst versprochen, daß ich
+es wie einen jungen Hund ersäufen würde, wenn er mir wieder zwischen die
+Beine läuft.«
+
+Er erhob seine blutige Axt und schritt auf Dr. Leete zu, der
+bewegungslos dastand, seine grauen Augen auf den rohen Feind gerichtet.
+
+Noch einmal versuchte Forest das Leben des alten Herrn zu retten, indem
+er sich vor diesen stellte; aber ein Kerl mit struppigem Bart und
+kleinen, viehisch funkelnden Augen begrub ein langes Messer in Forests
+treuer Brust. Mit den Worten: »Wir sind quitt, Leete,« stürzte er zu
+Boden.
+
+Edith rang mit zwei Männern, welche versuchten, sie von ihrem Vater
+fortzuführen, als Fests Fleischeraxt auf das graue Haupt Dr. Leetes
+niederfiel.
+
+Ohne einen Laut von sich zu geben, brach er tot zusammen.
+
+Edith stieß einen lauten Schrei aus und verlor die Besinnung. Fest fing
+sie in seinem mit dem Blute ihres Vaters bespritzten Arme auf.
+
+»Sie weigerte sich, mein Weib zu werden,« sagte er mit einem
+gleichzeitig rohen und boshaften Grinsen. »Jetzt ist sie mein, ohne die
+alberne Eheschließerei.«
+
+Und während er, Edith forttragend, zur Thür schritt, rief er seinen
+Genossen zu: »Schlagt alle Freunde der Regierung tot, meine Jungen! In
+einer Stunde werde ich euch auf dem Rathause treffen.«
+
+Ich machte eine letzte, verzweifelte Anstrengung, die Männer von mir
+abzuschütteln, welche mich festhielten und -- erwachte am 31. Mai 1887
+in meinem Bette. An meiner Seite befanden sich ein Arzt und mein Diener
+Sawyer, welche längere Zeit vergeblich versucht hatten, mich aus meinem
+tiefen durch den Mesmeristen veranlaßten Schlaf zu erwecken.
+
+Mehr als eine Stunde verging, bis ich mein Denkvermögen wieder erlangt
+hatte; dann aber machte ein tiefer Seufzer meiner Beklemmung ein Ende.
+
+Mit Blitzesschnelle jagten alle Einzelheiten meines anziehenden und doch
+auch schrecklichen Traumes an meinem Geiste vorüber. Wiederum wog ich
+die Gründe, welche Dr. Leete und Forest für ihre Ansichten vorgeführt
+hatten, gegen einander ab und ich fühlte mich unendlich glücklich bei
+dem Bewußtsein, daß ich im neunzehnten Jahrhundert und nicht in dem
+Kommunistenstaate lebte, der mir wie ein riesiges Zuchthaus am Abende
+vor einem Aufstande der Sträflinge erschien.
+
+»Lieber will ich doch in der Freiheit schwer arbeiten, als täglich in
+einem gefängnisartigen Dasein einige Stunden mehr müßig zu gehen,«
+sagte ich, in Betrachtungen versunken, zu mir selbst. »#Denn die Arbeit
+ist kein Übel!# Und ehe ich mich unter die kommunistische Sklaverei
+beuge, will ich lieber einige Jahre länger thätig sein und auf einige
+Lebensannehmlichkeiten verzichten. Die meisten Genüsse, nach welchen wir
+streben, erscheinen ohnehin am begehrenswertesten, solange wir uns ihrer
+nicht erfreuen. Wenn wir das Erstrebte erreicht haben und an den Genuß
+gewöhnt sind, verliert er fast immer jeden Reiz.«
+
+Ich beschloß, künftighin mein bestes Können für die Förderung alles
+dessen einzusetzen, was der Menschheit zum Heile gereichen muß; vor
+allem aber zur Zufriedenheit zu mahnen, welche die einzige verläßliche
+Grundlage für menschliches Wohlbehagen bildet. Glückseligkeit ist ja
+viel unabhängiger von Wohlstand, als viele glauben; ja in Wirklichkeit
+scheitert das Wohlbehagen nur zu oft an Ruhm und Reichtum. Ob wir
+uns glücklich fühlen, oder nicht, das hängt großenteils von unserer
+Lebensauffassung ab.
+
+ Ende.
+
+FUSSNOTEN:
+
+[1] S. Reclam's Universal-Bibliothek Nr. 2661/62.
+
+[2] Einzelne Stellen aus Bellamy's Buch, »#Ein Rückblick#« welche
+kennzeichnend für die Art und Weise sind, wie er Gegenwart und
+Zukunft beurteilt, teile ich in »Anführungszeichen« mit und gebe die
+Seiten an, auf welchen diese Sätze enthalten sind, wobei die in der
+»#Universal-Bibliothek#« (#Verlag von Philipp Reclam jr., Leipzig#)
+erschienene Übersetzung von #G. v. Gizycki# als Grundlage dient. Die
+als Fußnoten gegebenen Seitenzahlen weisen daher immer auf die erwähnte
+Übersetzung hin. Obiges ist auf Seite 224 zu finden.
+
+[3] Seite 224.
+
+[4] Seite 261.
+
+[5] Seite 237.
+
+[6] Seite 49.
+
+[7] Seite 99.
+
+[8] Seite 42 und 43.
+
+[9] Seite 57.
+
+[10] Seite 102.
+
+[11] Seite 98 und 99.
+
+[12] Seite 98 und 99.
+
+[13] Seite 99.
+
+[14] Seite 100.
+
+[15] Seite 100.
+
+[16] Seite 101.
+
+[17] Seite 165-167.
+
+[18] Seite 152.
+
+[19] Seite 152 u. 153.
+
+[20] Seite 70.
+
+[21] Die erste amtliche Zählung in den Vereinigten Staaten wurde 1790
+vorgenommen; man zählte 3 929 314 Einwohner. Im Jahre 1880 belief sich
+die Bevölkerung auf 50 155 738 und 1890 wird sie auf über 65 000 000
+Seelen geschätzt. In hundert Jahren hat sie sich versechzehnfacht.
+Sollte der Zuwachs in gleichem Maße fortdauern, so würden 1990 in den
+Vereinigten Staaten und in Canada 1 040 000 000 Menschen leben. Ich habe
+die jährliche Bevölkerungszunahme aber auf nur zwei Prozent berechnet,
+wonach die Vereinigten Staaten und Canada im Jahre 2000 ungefähr 500
+Millionen Einwohner haben würden.
+
+[22] Seite 28.
+
+[23] Seite 28.
+
+[24] Seite 150.
+
+[25] Seite 216.
+
+[26] Seite 208.
+
+[27] Seite 95.
+
+[28] Seite 79.
+
+[29] Seite 35.
+
+[30] Seite 187.
+
+[31] Seite 188.
+
+[32] Seite 70.
+
+[33] Seite 97.
+
+[34] Seite 97.
+
+[35] Seite 147.
+
+[36] Seite 159.
+
+
+
+
+Philipp Reclam's billigste Classiker-Ausgaben.
+
+
+Börne's gesammelte Schriften. 3 Bände. Geh. 4 M. 50 Pf. -- In 3 eleg.
+Leinenbänden 6 M.
+
+Byron's sämmtliche Werke. Frei übersetzt v. #Adolf Seubert#. 3 Bände.
+Geheftet 4 M. 50 Pf. -- In 3 eleg. Leinenbänden 6 M.
+
+Goethe's sämmtliche Werke in 45 Bänden. Geh. 11 M. -- In 10 eleg.
+braunen Leinenbänden 18 M. -- In 10 eleg. rothen Leinenbänden 19 M.
+
+Goethe's Werke. Auswahl. 16 Bände in 4 eleg. Leinenbänden 6 M. -- In 4
+eleg. #rothen# Leinenbänden 6 M. 50 Pf.
+
+Grabbe's sämmtliche Werke. Herausgegeben von #Rud. Gottschall#.
+2 Bände. Geh. 3 M. -- In 2 eleg. Leinenbänden 4 M. 20 Pf.
+
+Hauff's sämmtliche Werke. 2 Bände. Geheftet 2 M. 25 Pf. -- In 2 eleg.
+Leinenbänden 3 M. 50 Pf.
+
+Heine's sämmtliche Werke in 4 Bänden. Herausgegeben von #O. F.
+Lachmann#. Geh. M. 3.60. -- In 4 eleg. Ganzleinenbdn. 6 M.
+
+Herder's ausgewählte Werke. Herausgegeben v. #Ad. Stern#. 3 Bände.
+Geheftet 4 M. 50 Pf. -- In 3 eleg. Leinenbänden 6 M.
+
+H. v. Kleist's sämmtliche Werke. Herausgeg. v. #Ed. Grisebach#.
+2 Bände. Geh. 1 M. 25 Pf. -- In 1 eleg. Leinenband 1 M. 75 Pf.
+
+Körner's sämmtliche Werke. Geh. 1 M. -- In eleg. Lnbd. 1 M. 50 Pf.
+
+Lenau's sämmtliche Werke. Herausgeg. v. #G. Emil Barthel#. 2. Aufl.
+Geh. 1 M. 25 Pf. -- In eleg. Leinenband 1 M. 75 Pf.
+
+Lessing's Werke in 6 Bänden. Geheftet 3 M. -- In 2 eleg. Leinenbänden
+4 M. 20 Pf. -- In 3 Leinenbänden 5 M.
+
+Lessing's poetische und dramatische Werke. Geheftet 1 M. -- In eleg.
+Leinenband 1 M. 50 Pf.
+
+Longfellow's sämmtliche poetische Werke. Uebersetzt v. #Herm. Simon#.
+2 Bde. Geh. 3 M. -- In 2 eleg. Leinenbänden 4 M. 20 Pf.
+
+Mignet, Geschichte der französischen Revolution. Deutsch v. _Dr._ #Fr.
+Köhler#. Mit 16 Illustrationen. In eleg. Leinenband 2 M.
+
+Milton's poetische Werke. Deutsch v. #Adolf Böttger#. Geh. 1 M. 50 Pf.
+-- In eleg. rothen Leinenband 2 M. 25 Pf.
+
+Molière's sämmtliche Werke. Herausgegeben v. #E. Schröder#. 2 Bände.
+Geh. 3 M. -- In 2 eleg. Leinenbänden 4 M. 20 Pf.
+
+Schiller's sämmtliche Werke in 12 Bänden. Geh. 3 M. -- In 3
+Halbleinenbdn. M. 4.50. -- In 4 eleg. Leinenbdn. M. 5.40. -- In 4 eleg.
+Halbfranzbdn. 6 M. -- In 4 eleg. #rothen# Ganzleinenbdn. 6 M.
+
+Shakespeare's sämmtliche dramatische Werke. Deutsch von #Schlegel#,
+#Benda# und #Voß#. 3 Bände. Geheftet 4 M. 50 Pf. -- In 3 eleg.
+Leinenbänden 6 M.
+
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+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation information page at www.gutenberg.org
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
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+throughout numerous locations. Its business office is located at 809
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+Foundation's web site and official page at www.gutenberg.org/contact
+
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+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
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+where we have not received written confirmation of compliance. To
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+
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+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including checks, online payments and credit card donations.
+To donate, please visit: www.gutenberg.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For forty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
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