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Langkau, Norbert Müller +and the Online Distributed Proofreading Team at +http://www.pgdp.net + + + + + + Anmerkungen zur Transkription + + Text, der im Original gesperrt gesetzt war, wurde #so# markiert. + Text, der nicht in Fraktur, sondern in Antiqua gesetzt war, + wurde _so_ markiert, außer bei Regentenzahlen, wie Ludwig XVI. + + Zeichensetzung und Rechtschreibung wurden weitgehend übernommen, + auch dort, wo mehrere verschiedene Schreibweisen benutzt wurden, + außer bei offensichtlichen Fehlern. + + + + + Ein Blick in die Zukunft. + + + Von + Richard Michaelis, + Redakteur der »Chicagoer Freien Presse«. + + + Eine Antwort auf: + + Ein Rückblick + + von Edward Bellamy. + + + + + Leipzig. + + Druck und Verlag von Philipp Reclam jun. + + Chicago and New York. + Rand, McNally & Company, Publishers. + + + + +Vor Nachdruck gesetzlich geschützt. Alle Rechte sind vorbehalten. + + + + +Vorwort. + + +Jedes Streben nach der Wahrheit und Besserung unserer Zustände verdient +Anerkennung; selbst wenn wir die Richtung und die vorgeschlagenen +Maßregeln nicht billigen können. Herrn Edward Bellamys Buch, »Ein +Rückblick«, stellt einen Versuch dar, die Lage der Menschheit zu bessern +und ist deshalb lobenswert; aber wenn wir seine Verbesserungs-Vorschläge +des schillernden Mantels entkleiden, mit welchem er sie umgeben +hat, so bleibt nichts übrig, als nackter Kommunismus. Und dieser +hat sich überall, wo er ohne religiöse Grundlage eingeführt wurde, +als ein Fehlschlag erwiesen. Heute ist er nur noch bei Wilden und +Menschenfressern »Staatsform«. + +Chicago war während der letzten vierzehn Jahre der Mittelpunkt der +kommunistischen und anarchistischen Bewegung in den Ver. Staaten. +Während ich in der »Freien Presse« die Grundsätze, auf welchen das +amerikanische Staatswesen beruht, gegen jene aus den überbevölkerten +europäischen Industrie-Ländern eingeschleppten Lehren verteidigte, +wurde ich sowohl mit diesen sehr vertraut, wie auch mit den Schrullen +und Sonderheiten der Gesellschaftsretter, die allen Ernstes glauben, +sie seien im Besitz eines unfehlbaren Mittels, mit welchem sie nicht +nur alle menschlichen Einrichtungen, sondern auch die Menschen selbst +vollkommen machen könnten. + +Herr Bellamy vertritt allerdings gemäßigtere Ansichten, als diejenigen, +welche Spies und Parsons lehrten; aber er hat dies mit den Anarchisten +und Kommunisten von Chicago gemein, daß er unfähig geworden ist, +die Einrichtungen, Zustände und Menschen der Jetztzeit gerecht zu +beurteilen, daß er die Schwierigkeiten unterschätzt, welche der +Einführung von ihm vorgeschlagener Änderungen entgegen stehen, daß +er wirklich glaubt, seine Staatsluftschlösser würden im Handumdrehen +greifbare Gebilde werden und daß er sein Wolkenkuckucksheim mit +engelgleichen Wesen bevölkert, welche alle menschlichen Schwächen +abgelegt haben und unter keinen Umständen ein Unrecht begehen würden. +Die Annahme, daß die Männer und Frauen in einem kommunistischen +Staatswesen Selbstsucht, Neid, Haß, Eifersucht, Streitsucht und +Herrschsucht gänzlich abstreifen würden, ist ebenso vernünftig oder +unvernünftig, wie die Annahme, daß ein Mensch 113 Jahre schlafen +und alsdann eben so jung und kräftig aufstehen könnte, wie er sich +niederlegte. + +Welch sonderbare Maßregeln Gesellschaftsretter doch mitunter +vorschlagen! Joh. Most möchte im Namen der Gleichheit erst alle +diejenigen umbringen, die nicht in allen Dingen seiner Meinung sind. +Dann würde er alle Gesetze und alle Beamten abschaffen und dann der +Natur ihren Lauf lassen! -- + +Herr Bellamy dagegen würde, ebenfalls im Namen der Gleichheit, allen +tüchtigen und fleißigen Arbeitern einen namhaften Teil dessen rauben, +was sie mit ihrer Thätigkeit geschaffen, das Geraubte würde er den +ungeschickten, dummen und faulen Arbeitern geben, und das wäre dann, was +Herr Bellamy Gerechtigkeit und Gleichheit nennt! + +Und um diese angebliche »Gleichheit« zu erringen, würde Herr Bellamy +natürlich den Wettbewerb opfern müssen, die Riesenkraft, welche uns alle +und Herrn Bellamy mit uns auf die Höhe der Bildung und Gesittung erhoben +hat, die das Menschengeschlecht jetzt einnimmt. Es ist wahr, daß der +Wettbewerb schwere Mißbräuche im Gefolge gehabt hat und noch heute hat. +Aber jede Einrichtung kann zu Mißbräuchen führen und der Umstand, daß +ein Ding gemißbraucht wird, beweist durchaus nicht, daß das Ding an sich +schlecht ist. + +Niemand kann leugnen, daß der Wettbewerb während der Jahrhunderte +christlicher Civilisation die geistigen und körperlichen Kräfte +der Menschheit hoch entwickelt hat, daß der Wettbewerb während +dieser Jahrhunderte alle Menschen zur Einsetzung ihrer höchsten +Leistungsfähigkeit angespornt und unser Geschlecht auf eine Höhe +gehoben hat, auf welcher dem gewöhnlichen Arbeiter mehr Bequemlichkeiten +und Genüsse zugänglich sind, als den Königen, von welchen Homer singt. + +Jedes Geschlecht hat an großen Aufgaben zu arbeiten und uns liegt es +ob, die Beziehungen des Kapitals zur Arbeit zu regeln, welche besonders +schwierig geworden sind, seitdem durch die Entdeckung der Dampfkraft auf +den Gebieten vieler Erwerbszweige große Umwälzungen stattgefunden haben. + +Wir haben Mittel und Wege zu finden, nicht um die Arbeit zu vermeiden, +von welcher Herr Bellamy stets als von einem Übel spricht, sondern um +den Hirnkrebs unserer Zeit zu heilen: die beständige Unsicherheit und +die Furcht vor Armut. Das können wir aber durch Zusammenarbeiten und +durch Versicherungs-Gesellschaften, die auf Gegenseitigkeit begründet +sind, ohne daß es für uns nötig wird, in den Kommunismus zurück zu +fallen, diese niedrigste Form der menschlichen Gesellschaft. + +Die Unvollkommenheit, welche der Menschheit anhaftet, muß naturgemäß +auch alle ihre Einrichtungen kennzeichnen und nichts ist daher leichter, +als in einem »#Rückblick#« die Unzulänglichkeit aller Menschen und Dinge +nachzuweisen, und alsdann von Engeln bewohnte Luftschlösser zu bauen. + +Ich werde jetzt einen »#Blick in die Zukunft#« thun. Ich werde zeigen, +wie Herrn Bellamys hübsche Geschichte enden muß, wenn sie fortgesetzt +wird. Ich beabsichtige nachzuweisen, daß Herr Bellamy den Versuch macht, +einen Zustand unbedingter Gleichheit zu errichten; dann aber, an der +Möglichkeit verzweifelnd, eine Ungleichheit befürwortet, welche in +vieler Hinsicht drückender sein würde, als die jetzigen Verhältnisse. +Ich werde darlegen, daß unter der Regierungsform, welche Herr Bellamy +vorschlägt, Günstlingswirtschaft und Korruption im öffentlichen und +Erwerbs-Leben üppig wuchern müßten. Ich werde beweisen, daß in Herrn +Bellamys Vereinigten Staaten von menschlicher Freiheit wenig zu finden +sein und daß das selbstbewußte, unabhängige amerikanische Volk eine +solche Knechtschaft nimmermehr ertragen würde. Und ich werde über jeden +vernünftigen Zweifel hinaus nachweisen, daß das Volk in dem von Herrn +Bellamy angepriesenen Staatswesen viel ärmer sein würde, als heute. + +Ich bestreite durchaus nicht, daß unsere Gesellschaft dringend +umgestaltender Verbesserung bedarf; aber ich bin nicht bereit, Herrn +Bellamy, Herrn Most oder irgend jemandem blindlings zu folgen, lediglich +weil er behauptet, die Menschheit sofort von allen Übeln befreien zu +können. Ich beabsichtige nicht, mich kopfüber in die Dunkelheit zu +stürzen. + +Wenn Herr Bellamy und seine Anhänger sich so sicher fühlen, das +tausendjährige Reich menschlicher Glückseligkeit begründen zu können, +so mögen sie es versuchen, wie es die Kommunisten der »Amana Society« +versucht haben, welche im Staate Iowa eine Gemeinde errichteten +mit Gütergemeinschaft auf religiöser Grundlage. Die Regierung der +Vereinigten Staaten besitzt noch viele Tausende von Ackern guten Landes, +wo Herr Bellamy und seine Freunde sich niederlassen und der Welt zeigen +können, wie man die Menschheit im Handumdrehen vollkommen macht! Aber +sie sollten vom Volke der Vereinigten Staaten nicht verlangen, daß +dieses seine jetzige Regierungsform und seine Gesellschaftsordnung +aufgeben solle, ehe Herr Bellamy und dessen Freunde bewiesen haben, daß +ihre Heilmittel für die Schäden der Gesellschaft in der That unfehlbar +sind. + + #Chicago#, April 1890. + + #Richard Michaelis.# + + + + +Ein Blick in die Zukunft. + +Erstes Kapitel. + + +Um mich selbst denjenigen Lesern vorzustellen, welche das von Herrn +Edward Bellamy herausgegebene Buch »_Looking Backward_« (»Ein +Rückblick«)[1] nicht kennen, teile ich hier in Kürze die bemerkenswerten +Ereignisse meines Lebens mit, welche in jenem Werke erzählt worden sind. + +Ich wurde am 26. Dezember 1857 in Boston geboren und Julian West +getauft. Ich besuchte eine Schule und eine höhere Bildungsanstalt +meiner Vaterstadt; da ich aber im Besitze eines bedeutenden Vermögens +war, so widmete ich mich keinem Berufe oder Geschäfte. Ich war +mit Fräulein Edith Bartlett verlobt, einer jungen Dame von großer +Schönheit. Wir hegten die Absicht zu heiraten, sobald mein neues Haus +in bewohnbarem Zustande sein würde. Leider wurde aber der Bau vielfach +durch Arbeitseinstellungen der Zimmerleute und Maurer unterbrochen und +ich bewohnte immer noch das altväterliche Gebäude, in welchem drei +Geschlechter meiner Familie gelebt hatten. + +Da ich oft durch Schlaflosigkeit litt, hatte ich unter dem Fundamente +meines alten Hauses ein Gewölbe herrichten lassen, in das der Lärm der +Großstadt, meinen Schlummer störend, nicht dringen konnte. Das Gewölbe +war ganz feuerfest und erhielt frische Luft durch eine eiserne Röhre, +welche zum Dache des Hauses hinaufreichte. + +Um in Schlaf zu verfallen, war ich oft genötigt, mich der Hilfe eines +Mesmeristen zu bedienen. So auch am 30. Mai 1887. Nachdem ich zwei +Nächte schlaflos verbracht hatte, sandte ich meinen schwarzen Diener +Sawyer zu einem Dr. Pillsbury, welcher sich bei ähnlichen Gelegenheiten +stets hilfreich erwiesen hatte. Der Arzt war gerade im Begriff die Stadt +zu verlassen, um in New Orleans einen Wirkungskreis zu suchen, und es +war daher die letzte Behandlung, die er mir angedeihen lassen konnte. +Ich beauftragte Sawyer, mich am nächsten Morgen um 9 Uhr zu wecken und +fiel dann unter den Manipulationen des Mesmeristen in einen tiefen +Schlaf. + +Als ich erwachte, fand ich, daß ich 113 Jahre, 3 Monate und 11 Tage +geschlafen hatte. + +Ich entdeckte, daß das alte Haus durch Feuer zerstört worden war und daß +Sawyer in den Flammen seinen Tod gefunden hatte. Dr. Pillsbury hatte +Boston verlassen, die Existenz des unterirdischen Gewölbes war meinen +Freunden unbekannt gewesen, das Haus war nicht wieder aufgebaut worden +und so hatte ich mehr als hundert Jahre in tiefem Schlafe verbracht, bis +ein Dr. Leete, der Bewohner eines Hauses, welches auf einem Teile meines +früheren Grundstückes errichtet worden war, im Jahre 2000 mit dem Bau +eines Laboratoriums begonnen und bei dieser Gelegenheit mein Gewölbe +sowie mich selbst entdeckt hatte. + +Ich erfuhr, daß Edith Bartlett mich vierzehn Jahre lang betrauert und +dann geheiratet habe, daß Dr. Leetes Gattin Ediths Enkelin und daß seine +Tochter Edith demnach die Urenkelin der jungen Dame sei, welche ich vor +113 Jahren heiraten wollte. + +Meine ungebrochene Manneskraft widerstand dem gewaltigen Eindrucke, +welchen diese Entdeckungen auf mich machten. Ich fühlte mich in dem +Hause des Dr. Leete bald heimisch, um so mehr, als die junge Edith in +meinem Herzen alsbald den Platz einnahm, welcher einst Edith Bartlett +gehört hatte. Und es währte nicht lange, bis Edith Leete, ein romantisch +und mitleidsvoll veranlagtes, liebenswürdiges Mädchen, mit Anmut ihre +Zustimmung gegeben hatte, die Nachfolgerin ihrer Urgroßmutter, das +heißt, meine Braut zu werden. + +Aber noch bemerkenswerter als der Wechsel in meinem eigenen Schicksal, +waren die Veränderungen, welche auf socialem Gebiete stattgefunden +hatten. + +Dr. Leete erklärte mir die neue Ordnung der Dinge. + +Geschäftliche Unternehmungen einzelner hatten aufgehört. Der Staat +besorgt am Ende des 20. Jahrhunderts alles, was früher einzelne Leute +oder Gesellschaften und Körperschaften unternommen und geleitet hatten. +Alle gesunden Leute, Frauen wie Männer, im Alter von 21 bis 45 Jahren +gehören dem Heere der Arbeiter an. Leute über 45 Jahre werden nur +ausnahmsweise, in Fällen dringender Notwendigkeit, wieder in Dienst +gestellt. + +Geld ist abgeschafft worden; aber jeder Bewohner der Vereinigten +Staaten erhält einen gleichen Anteil an den Ergebnissen der Arbeit +der »industriellen Armee« in Gestalt eines Guthabens-Scheines, eines +Stückes Pappe, auf welchem Dollars und Cents verzeichnet sind. In +jedem Stadtteile und in jedem größeren Landbezirke befindet sich ein +Lagerhaus, in welchem das Volk alles findet, dessen es bedarf. Der +Wert der Waren, welche jemand kauft, wird aus seinem Guthabens-Schein +herausgestochen und sein Guthaben in den Regierungsbüchern wird mit dem +Betrage der gekauften Waren belastet. + +Die Mahlzeiten werden von großen Kochhäusern geliefert. Die Wäsche wird +in großen Anstalten gereinigt und ausgebessert. Es steht jedermann frei, +seine Mahlzeiten daheim oder im Speisehause einzunehmen. Die Auswahl der +Gerichte ist groß und man kann im Kochhause auch eigene Speisezimmer +haben. Der Preis der Mahlzeiten richtet sich nach den bestellten +Speisen, so wie nach dem Orte, wo diese genossen werden. + +Jede Familie bewohnt ein eigenes Haus. Die Einrichtung gehört dem +Bewohner. Die Miete richtet sich nach Größe und Einrichtung des Hauses +und wird ebenfalls mit einem Kneifzängchen aus dem Guthabens-Schein +herausgestochen. + +Alle Bewohner der Vereinigten Staaten sind verpflichtet die Schule zu +besuchen, bis sie das einundzwanzigste Lebensjahr erreicht haben. Dann +werden sie Mitglieder des Arbeiterheeres. Während der ersten drei Jahre +ihres Dienstes werden sie Rekruten oder Lehrlinge genannt. Sie müssen +die gewöhnlichsten Arbeiten verrichten unter dem unbedingten Befehle +ihrer Offiziere oder Aufseher. Über ihr Verhalten wird Buch geführt und +die Befähigung wie das Betragen jedes Rekruten angemerkt. + +Nach den ersten drei Jahren seines Dienstes kann jeder Rekrut einen +Beruf wählen. So viel wie möglich werden die Rekruten in solche +Beschäftigungszweige eingereiht, denen sie den Vorzug geben. Zuerst +dürfen diejenigen Rekruten wählen, welche die besten Zeugnisse haben. +Manche müssen allerdings eine zweite, oder auch eine dritte Wahl +treffen, wenn nach einzelnen Berufszweigen ein zu großer Andrang +stattfindet. Und noch andere müssen mit solchen Stellungen vorlieb +nehmen, welche ihnen von ihren Vorgesetzten angewiesen werden. + +Alle Mitglieder des Arbeiterheeres werden nach ihrer Befähigung und nach +ihrem Betragen in drei Abteilungen geteilt und Lehrlinge mit besten +Zeugnissen können nach dreijähriger Dienstzeit als Rekruten sofort in +die erste Abteilung derjenigen Gilde oder Zunft treten, welcher sie sich +anschließen wollen. + +Der General einer Zunft oder Gilde ernennt alle Offiziere derselben. Die +Leutnants müssen den Mitgliedern der ersten Abteilung entnommen werden. +Die Hauptleute erwählt der General aus den Reihen der Lieutenants, die +Obersten aus den Hauptleuten. Der General selbst wird von den früheren +Mitgliedern seiner Zunft erwählt, das heißt, von denjenigen, welche +das fünfundvierzigste Lebensjahr überschritten haben. Die früheren +Mitglieder aller Zünfte wählen auch die Vorsteher der zehn großen +Abteilungen oder Gruppen verwandter Zünfte, in welche das Arbeiterheer +eingeteilt ist. Diese Chefs oder Vorsteher werden aus den Generälen der +Zünfte gewählt. Die früheren Zunftgenossen erwählen auch den Präsidenten +der Vereinigten Staaten, welcher früher Vorstand einer der zehn großen +Abteilungen gewesen sein muß. Der Präsident, die Vorsteher der zehn +großen Abteilungen des Arbeiterheeres und die Generäle aller Zünfte +wohnen in Washington. + +Die Angehörigen der Arbeiterarmee haben nicht das Recht bei der Wahl der +Offiziere, von welchen sie befehligt werden, mit zu stimmen. Während +ihrer vierundzwanzigjährigen Dienstzeit haben sie keine Vertretung; aber +wenn sie gegen einen Vorgesetzten Beschwerde führen wollen, so können +sie ihre Klage vor einem Richter anhängig machen, dessen Entscheidung +endgültig ist. + +Die Richter werden vom Präsidenten aus den Reihen der Zunftgenossen +gewählt, welche aus dem Arbeiterheere geschieden und mehr als 45 Jahre +alt sind. Die Dienstzeit der Richter dauert fünf Jahre. + +Gerichtshöfe, Rechtsanwälte, Gefängnisse, Sheriffs, Steuereinschätzer +und -einnehmer, und viele andere Beamte sind abgeschafft worden. +Verbrecher werden in Heilanstalten als Verstandeskranke behandelt. + +Die Bundesregierung regelt alle Thätigkeit. Wenn sie bemerkt, daß +nach irgend einem Berufszweige ein starker Andrang von Freiwilligen +stattfindet, während andere Zünfte über Mangel an Freiwilligen klagen, +so verlängert die Regierung die Arbeitszeit der bevorzugten Gilde und +verringert die Zahl der Arbeitsstunden in denjenigen Berufszweigen, +welche mehr Freiwillige brauchen. + +Die Frauen haben ihre eigenen Offiziere, Generale und Richter, und +bilden ein Hilfsheer der Arbeit. Sie erhalten dieselben Guthabensscheine +wie die Männer, und da das Kochen, Waschen, sowie das Ausbessern von +Haushaltungsgegenständen außerhalb besorgt wird, so haben die Frauen des +zwanzigsten Jahrhunderts mehr Zeit für Arbeit, welche Werte erzeugt, als +die Frauen am Ende des neunzehnten Jahrhunderts. + +Rekruten, welche drei Jahre gedient haben, können in technische, +medizinische und andere gelehrte Schulen eintreten; wenn sie aber außer +Stande sind, mit ihren Klassen geistig Schritt zu halten, müssen +sie wieder austreten. Ärzte, welche von Kranken nicht genügend in +Anspruch genommen werden, mithin das Vertrauen ihrer Mitbürger nicht +genießen, müssen es sich gefallen lassen, daß ihnen andere Beschäftigung +zugewiesen wird. + +Wenn Leute die Herausgabe einer Zeitung wünschen, so können sie +zusammentreten und gemeinschaftlich genug von ihren Guthabensscheinen an +den Staat abgeben, um diesen für den Verlust der Arbeit der Redakteure, +Setzer und Drucker zu entschädigen. + +Wenn jemand ein Buch herausgeben will, kann er es in seinen Mußestunden +schreiben und es drucken lassen, indem er einen Teil seines +Guthabensscheines als Bezahlung für Satz, Druck und Papier an den Staat +aufgiebt. Für die verkauften Bücher erhält er dann ein entsprechendes +Guthaben. + +Geistliche werden in ähnlicher Weise wie die Redakteure von solchen +Leuten besoldet, welche deren Predigten zu hören wünschen. + +Krüppel oder andere Leute, welche außer Stande sind, die den Mitgliedern +des Arbeiterheeres obliegenden Pflichten ganz zu erfüllen, erhalten +nichtsdestoweniger ihren vollen Anteil an den Arbeitserzeugnissen. Die +Thatsache, daß sie Menschen sind, berechtigt sie zu einem vollen Teil an +den guten Dingen, welche die Erde bietet; gleichviel ob sie selbst wenig +oder gar nichts produzieren können. + +Die Staatsregierungen innerhalb des Gebietes der Union sind als nutzlos +abgeschafft worden. + +Alle anderen civilisierten Völker haben die Arbeit und den Verbrauch +ihrer Bürger ähnlich geregelt, wie die Vereinigten Staaten und sie +treiben freien Handel miteinander. Am Ende eines jeden Jahres wird das +Guthaben der verschiedenen Länder mit solchen Gegenständen ausgeglichen, +welche überall verwendbar sind. + +Die neue Ordnung der Dinge setzt die Völker in den Stand, ohne alle +Sorgen zu leben und die Folge davon ist, daß die meisten Männer und +Frauen von gesunder Körperbeschaffenheit 85 bis 90 Jahre alt werden. -- + +So lautete die Schilderung, welche mir Dr. Leete von der neuen +Gesellschaftsordnung in einer Anzahl von Unterredungen machte. Der +Doktor spricht sehr begeistert von dem Staate, in welchem er lebt, und +steht nicht an, ihn das tausendjährige Reich zu nennen. + +Die Besorgnis und Unsicherheit, welche ich in Bezug auf meine eigene +Thätigkeit in dem Arbeiterheere empfand, wurden von Dr. Leete beseitigt. +Er teilte mir mit, daß mir die Stellung des Professors der Geschichte +des neunzehnten Jahrhunderts am Shawmut Kollege in Boston offen stehe. +Ich habe dieses Anerbieten angenommen und werde am nächsten Montag mein +neues Amt antreten. + + + + +Zweites Kapitel. + + +Als ich zum erstenmale den großen Saal im Shawmut Kollege betrat, in +welchem ich meine Vorlesungen halten sollte, gewahrte ich nahe der +Saalthür einen Herrn im Alter von etwa vierzig Jahren. Er war zu alt, +als daß ich ihn hätte für einen Studenten halten können und da ich ihn +nicht gesehen hatte, als Dr. Leete mich den Professoren der Anstalt +vorstellte, so war ich einigermaßen neugierig zu erfahren, in welcher +Eigenschaft er meine erste Vorlesung mit seiner Gegenwart beehrte. + +Der herzliche Empfang, welcher mir von seiten der Professoren zu +teil geworden war, die Thatsache, daß die Studenten jeden Platz des +großen Saales füllten, wirkten außerordentlich anregend auf mich und +nachdem Dr. White, der Präsident der Universität, mich mit einigen +schmeichelhaften Bemerkungen als einen lebenden Zeugen der Civilisation +des neunzehnten Jahrhunderts vorgestellt hatte, begann ich meine erste +Vorlesung vom besten Geiste beseelt. + +Meine Rede stand naturgemäß unter dem Einflusse dessen, was Dr. Leete +mir in unseren Unterredungen über die vergleichsweisen Vorzüge und +Nachteile der Gesellschaftsordnung des neunzehnten und zwanzigsten +Jahrhunderts gesagt hatte. + +Ich setzte auseinander, daß meine Hörer von mir keine Übersicht der +eigenartigen Civilisation in beiden Jahrhunderten erwarten dürften; +auch keine Lobpreisungen der jetzigen Ordnung der Dinge. Ich würde +nur auf einige Bestimmungen und Einrichtungen verweisen, welche als +kennzeichnend gelten können für den Geist der beiden Zeitalter. + +Als Merkmal des Zeitgeistes des neunzehnten Jahrhunderts schilderte +ich den wahnsinnigen Wettbewerb. In diesem ekelhaften Kampfe sei der +Mensch gezwungen worden, zu »übervorteilen, verdrängen, unter dem +Werte kaufen und zu teuer verkaufen, das Geschäft zerstören, durch +welches sein Nachbar seine Kleinen ernährte, die Menschen verleiten +zu kaufen, was sie nicht sollten und zu verkaufen, was sie nicht +durften, seine Arbeiter drücken, seine Schuldner peinigen, seine +Gläubiger hintergehen,«[2] um diejenigen unterhalten zu können, +welche er zu ernähren hatte. Ich zeigte, daß es unter den Leuten am +Ende des neunzehnten Jahrhunderts »viele gegeben habe, welche, wenn +es sich um ihr eigenes Leben gehandelt hätte, es lieber aufgegeben, +als durch das Brot ernährt hätten, das sie anderen geraubt.«[3] Ich +setzte auseinander, daß dieser wahnsinnige und vernichtende Wettbewerb +beständig an Geist und Körper der Menschheit gezehrt habe und daß dieses +zehrende Fieber noch vermehrt worden sei durch die beständige Furcht vor +gänzlicher Verarmung. Das Gespenst der Unsicherheit hätte den Menschen +des neunzehnten Jahrhunderts auf Schritt und Tritt verfolgt, es hätte +sich mit ihm zu Tisch gesetzt, und wäre mit ihm zu Bett gegangen und +hätte ihm zugeraunt: »Arbeite noch so tüchtig, stehe früh auf und mühe +dich ab bis zum späten Abend, raube listig oder diene treu -- du wirst +nie die Sicherheit kennen. Du magst jetzt reich sein und doch kannst +du einst in Armut geraten. Hinterlasse deinen Kindern noch so großen +Reichtum -- du kannst dir nicht die Sicherheit erkaufen, daß dein Sohn +nicht einst der Diener deines Dieners wird, oder daß deine Tochter sich +nicht um Brot verkaufen muß.«[4] + +Vor hundertunddreizehn Jahren arbeiteten die Menschen wie die Sklaven +bis zur völligen Erschöpfung, ohne dadurch auch nur die Sicherheit vor +Verarmung oder vor einem jammervollen Hungertode erwerben zu können. +Heut, am Ende des gesegneten zwanzigsten Jahrhunderts, wandele die +Menschheit im rosigen Lichte der Freiheit, Sicherheit, Glückseligkeit +und Gleichheit. Die Jugend des zwanzigsten Jahrhunderts genieße in +vorzüglichen Schulen einen ausgezeichneten Unterricht und wähle nach +Durchmachung einer dreijährigen Lehrzeit frei ihren Beruf. Selbst +während ihrer Dienstzeit im Arbeiterheere erlaube ihnen die kurze +Arbeitszeit an ihrer geistigen Ausbildung weiter zu bauen und dennoch +bleibe ihnen zur Erholung mehr Zeit, als man vor hundert Jahren +für vereinbar gehalten hätte mit dem Betriebe der Fabriken, der +Landwirtschaft und anderer Berufszweige. + +Frei von allen Sorgen, in völliger Übereinstimmung mit den +Nebenmenschen, ohne den störenden Einfluß politischer Parteien, im +Besitz eines Reichtums, wie er in der Geschichte der Völker niemals +erhört wurde, könnten wir in der That sagen: »Der lange, traurige Winter +der Gattung ist vorüber. Ihr Sommer hat begonnen. Die Menschheit hat +ihre Puppenhülle durchbrochen. Der Himmel liegt vor ihr.«[5] + +Ich hatte mit Begeisterung, ja, mit tiefer Bewegung gesprochen und +erwartete eine mindestens beifällige Aufnahme meiner Rede. Aber nur +vereinzelte und kühle Beifallsbezeugungen ließen sich hören, als +ich meinen Vortrag beendet hatte. Kaum der vierte Teil der im Saale +befindlichen Studenten hatte es der Mühe wert gefunden, Übereinstimmung +mit den von mir entwickelten Ansichten auszudrücken und auch diese +Wenigen schienen mehr aus Höflichkeit, als aus herzensfreudiger +Übereinstimmung ihren Beifall kund gegeben zu haben. Diese frostige +Aufnahme war für mich eine solche Enttäuschung, daß ich nicht Mut genug +sammeln konnte, mein Katheder zu verlassen und durch die Studenten zu +schreiten, während diese den Saal verließen. + +Ich machte mir daher an meinem kleinen Pulte zu schaffen, bis jedermann +die Halle geräumt hatte, mit Ausnahme des Herrn, welcher bei meinem +Eintritt meine Aufmerksamkeit erregt hatte. Er blieb an der Thür stehen, +offenbar meinen Weggang erwartend. + +»Sie gehören zur Universität,« fragte ich, um meine Befangenheit zu +verbergen. + +»Allerdings,« antwortete er mit einem leichten Lächeln, welches zu +weiteren Fragen herausforderte. + +»Vermutlich habe ich das Vergnügen, einen meiner Herren Kollegen kennen +zu lernen,« fuhr ich fort. »Mein Name ist West.« + +»Bis vor einem Monate war ich Professor Forest, Ihr Vorgänger als Lehrer +der Geschichte des neunzehnten Jahrhunderts. Heut bin ich einer der +Pedelle und mein Vorgesetzter ist so freundlich gewesen, meiner Sorgfalt +gerade diesen Saal zu empfehlen.« + +Ich hatte während der letzten Tage so vieles Neue und Überraschende +gesehen, daß ich nicht so leicht in Erstaunen versetzt werden konnte. + +Aber die Mitteilung, daß ein Universitätsprofessor mit der Reinhaltung +desselben Saales beauftragt werden könnte, in welchem er vorher gelehrt, +klang so unglaublich und eröffnete mir selbst für meine weitere +Laufbahn eine so unerfreuliche Aussicht, daß ich meine Bestürzung nicht +verbergen konnte. + +»Und was hat diesen sonderbaren Stellungswechsel veranlaßt?« fragte ich. + +»In meinen Vergleichen betreffs der Civilisation und der Lage der +Menschheit im Jahre 1900 und im Jahre 2000 kam ich zu andern Schlüssen, +als Sie,« antwortete Forest. + +»Sie wollen doch nicht etwa sagen, daß die Menschen am Ende des vorigen +Jahrhunderts besser gestellt waren, als das jetzige Geschlecht,« fragte +ich, gleichzeitig überrascht und neugierig. + +»Das ist in der That meine Ansicht,« sagte Forest. + +»Diese sonderbare Anschauung kann ich mir nur dadurch erklären, daß +Sie persönlich keine Kenntnis von den Zuständen haben, welche Ihnen so +schätzenswert erscheinen,« rief ich aus. + +»Ich muß natürlich zugeben, daß ich meine Belehrung aus unserer Bücherei +geschöpft habe und daß Sie zur Unterstützung Ihrer Ansichten über die +Civilisation des neunzehnten Jahrhunderts Ihre persönliche Erfahrung +geltend machen können,« antwortete Forest. »Dagegen sind Sie wohl nicht +so gut vertraut mit dem gegenwärtigen Stande der Dinge. Die Quelle Ihrer +Kenntnis des zwanzigsten Jahrhunderts ist #ein# Mann: Dr. Leete. Ich +darf deshalb wohl behaupten, daß meine Nachrichten über die Civilisation +Ihrer Tage besser sind, als Ihre Kenntnis unserer Zustände, weil ich +mich auf mehr Zeugen berufen kann, als Sie.« + +»Dann werden Sie auch die Ansichten mißbilligen, welche ich in meinem +Vortrage entwickelte.« + +»Ihre Vorlesung wird unzweifelhaft in allen Regierungs-Zeitungen +veröffentlicht werden, also in fast jeder Zeitung des Landes,« +entgegnete Forest, eine unmittelbare Antwort auf meine Frage vermeidend. + +»Sie sprechen von Regierungszeitungen,« fragte ich erstaunt. »Hat die +Regierung Zeitungen und braucht sie Organe?« + +»Freilich hat die Regierung Zeitungen. Und es ist ebenso schwierig wie +unangenehm, eine Zeitung herauszugeben, welche die Regierung tadelt oder +bekämpft. Wir haben deshalb nur sehr wenige solcher Zeitungen.« + +»Aber Dr. Leete sagte mir doch: »Wir haben keine Parteien oder +Politiker, und was das Demagogentum und die Bestechlichkeit anbetrifft, +so sind das Worte, die nur noch eine historische Bedeutung haben.«[6] +Und nun sprechen Sie von Gegnern der Regierung sowie von Zeitungen der +letzteren?« Ich sagte dies mit dem Ausdruck des Zweifels in Stimme und +Blick, aber Herr Forest wurde dadurch nicht beirrt. + +Er brach in ein lautes Gelächter aus und sagte dann: »Entschuldigen Sie, +bitte, meine Heiterkeit! aber Dr. Leete ist ein großer Spaßmacher und +er ist immer sicher, durch seine Scherze eine Versammlung zum Lachen +zu zwingen! In der That! Das ist zu gut! Ich wünsche, ich hätte sein +Gesicht sehen können, als er Ihnen diese Offenbarungen zu teil werden +ließ.« + +Und Forest lachte von neuem, daß ihm die Thränen in die Augen traten. + +»Ich bitte um Verzeihung, Herr West,« fuhr Herr Forest fort, als ich +seiner Heiterkeit mit Schweigen begegnete. »Aber Sie würden mich +entschuldigen und wahrscheinlich in mein Gelächter einstimmen, wenn Sie +Herrn Dr. Leete so gut kennen würden, wie ich und dann hörten, daß er +von einem Mangel an Politikern gesprochen hat. Doch ich will gleich hier +erklären,« fügte Herr Forest in ruhigerem Tone hinzu, »daß ich keine +geringe Meinung von Dr. Leete habe. Er ist ein etwas rücksichtsloser +Spaßvogel und ein geriebener Politiker; im übrigen aber ein so guter +Mann, wie unsere Zeit ihn nur hervorbringen kann.« + +»Dr. Leete ist ein Politiker?« fragte ich mit neuem Erstaunen. + +»Allerdings. Dr. Leete ist der einflußreichste Führer der +Regierungspartei in Boston. Seinem Einflusse bin ich es schuldig, daß +ich immer noch mit der Universität in Verbindung stehe.« + +Forest nahm wahr, daß ich nicht wußte, wie ich diese Erklärung deuten +solle und fügte daher hinzu: »Als ich beim Vergleich der Civilisation +der zwei Jahrhunderte zu dem Schluß gelangte, daß der Kommunismus sich +als ein Fehlschlag erwiesen habe, wurde ich als Verführer und Verderber +der studierenden Jugend in Anklagestand versetzt. Das in solchen Fällen +übliche Urteil: »Einsperrung in ein Irrenhaus« wurde gefällt. Denn nach +Ansicht unserer Machthaber kann nur ein Irrsinniger sich gegen die beste +gesellschaftliche Ordnung auflehnen, welche die Menschheit jemals hatte. +Dr. Leete erklärte indes, mein Irrsinn sei ein so harmloser, daß meine +Einsperrung in ein Tollhaus überflüssig erscheine, zumal sie auch zu +kostspielig sei. Ich könnte immer noch meinen Lebensunterhalt verdienen, +indem ich im Universitätsgebäude leichte Arbeit verrichte. Dadurch würde +ich den Professoren und Studenten als lebendige Warnung dienen, in ihren +Äußerungen und Lehren vorsichtig zu sein.« + +»Die Studenten scheinen Ihre Ansichten zu teilen; denn sie nahmen meine +Auseinandersetzungen recht kühl auf,« bemerkte ich, um der Unterredung +eine andere Wendung zu geben und einer weiteren Besprechung der +Eigenschaften meines Gastfreundes vorzubeugen. + +Forests durchdringende graue Augen blickten einen Augenblick forschend +in die meinigen. Dann sagte er freundlich: + +»Ich glaube, daß Sie Ihrer Überzeugung gemäß gesprochen haben, Herr +West. Haben Sie aber nicht das Gefühl gehabt, daß Sie Ihrer Zeit und +Ihren Zeitgenossen keine Gerechtigkeit widerfahren ließen? Machte es der +Wettbewerb, die Konkurrenz denn wirklich nötig, daß jedermann seinen +Nachbar betrog, seine Arbeiter auspreßte, seinen Schuldnern die Kehle +zuschnürte und anderen Leuten das Brot vom Munde wegriß? Waren denn +wirklich die meisten Menschen Ihres Zeitalters Betrüger und Blutsauger? +Waren die Arbeiter sämtlich Sklaven, welche tagtäglich arbeiteten, +bis sie gänzlich erschöpft waren? Ich weiß aus Zeitschriften und +Geschichtswerken recht wohl, daß die Mitglieder großer Gewerkschaften +in ihren Tagen oft die Arbeit einstellten, weil sie acht Stunden als +ein Tagewerk ansahen und daß sie sich weigerten, gegen gute Bezahlung +neun oder zehn Stunden zu arbeiten. Danach hatten sie einen kräftigen, +stolzen und unabhängigen Arbeiterstand, und es erscheint fast wie +eine Beleidigung, diese Leute als Sklaven zu bezeichnen. Und was die +Mädchen anbelangt, so habe ich Klagen darüber gelesen, daß Hilfe für +Hausfrauen zu Ihrer Zeit nur schwer zu erlangen war und daß Köchinnen +und Stubenmädchen je nach ihrer Leistungsfähigkeit von 2 bis 5 Dollar +wöchentlich und Kost erhielten. Es lag also für ein anständiges Mädchen +keine Entschuldigung vor, wenn sie sich »für Brot verkaufte.« Allerdings +war die Civilisation Ihrer Tage weit davon entfernt fehlerlos zu sein. +In der That ist nichts auf Erden vollkommen. Aber Ihre Schilderung der +Civilisation des neunzehnten Jahrhunderts war in so düsteren Farben +gehalten, daß unsere Studenten, welche mit der Geschichte jener Tage +nicht ganz unbekannt sind, sich von Ihrer Vorlesung unmöglich konnten +begeistern lassen. Dies wäre auch schon deshalb schwierig gewesen, weil +viele dieser jungen Leute unsere jetzigen Einrichtungen durchaus nicht +so unbedingt bewundern, wie Sie. Ich spreche ganz offen, Herr West, und +ich hoffe, daß Sie meinen Freimut entschuldigen werden. Ich möchte Ihnen +einen Dienst leisten, indem ich Ihnen unsere Zustände, Einrichtungen und +Menschen genau so schildere, wie sie sind.« + +Der warme Ton seiner Stimme und der freundliche Blick seiner Augen +veranlaßten mich beim Weggehen Forests Hand zu drücken; obschon alles, +was er sagte, gegen meine Freunde und gegen meine eigenen Ansichten +gerichtet war und mich daher sehr peinlich berührte. Ich ging in +gedrückter Stimmung nach Hause, in meinen Gedanken die Einwendungen +erwägend, welche Forest gegen meine Vorlesung erhoben hatte. + +Ich traf Dr. Leete und die Damen beisammen. Edith fragte mich, ob mein +erstes Auftreten als Professor sich meinen Erwartungen gemäß gestaltet +habe. + +Es war immer mein Grundsatz offen und ehrlich zu sein. Ich teilte +daher den Freunden meine Erlebnisse, den wesentlichen Inhalt meiner +Vorlesung, deren kühle Aufnahme und meine Enttäuschung mit. Ich erwähnte +auch Herrn Forests kritische Besprechung meiner Rede und gestand, daß +sein abfälliges Urteil in so fern berechtigt gewesen wäre, als ich +die Auswüchse, welche der Wettbewerb bei einzelnen Leuten meiner Zeit +erzeugt hatte, der gesamten Menschheit des neunzehnten Jahrhunderts +zuschrieb. Die Bemerkungen, welche Forest über Dr. Leete gemacht hatte, +erwähnte ich natürlich nicht. + +Mein Bericht machte offenbar auf Dr. Leete keinen unbedingt angenehmen +Eindruck. Nach einer kurzen Pause sagte er: »Ich meine, daß die +rücksichtslose Konkurrenz im letzten Teile des neunzehnten Jahrhunderts +notwendiger Weise das ganze Volk mehr oder weniger verderben mußte, -- +in den meisten Fällen mehr. Deshalb halte ich Ihre Vorlesung für eine +ausgezeichnete Darlegung leitender Grundsätze und ich glaube nicht, daß +Sie Veranlassung haben, auch nur einen Zoll breit von dem Standpunkte +zurückzuweichen, den Sie eingenommen haben. Die kühle Aufnahme, welche +Ihnen wurde, darf Sie nicht beirren. Sie ist eine Folge der Forestschen +Lehrthätigkeit. Er hat seine irrigen Ansichten in die Köpfe unserer +Studenten gesäet, seine blinde Verehrung für den Wettbewerb und seine +Abneigung gegen die jetzige Ordnung der Dinge. Es ist jetzt Ihre +Aufgabe, die jungen Leute über den vergleichsweisen Wert der beiden +Gesellschaftsordnungen aufzuklären. Herr Forest legt durch seine +unablässigen Versuche, die Studenten zu verleiten, unserer Geduld +schwere Proben auf. -- Hat er Ihnen gegenüber den Umstand nicht erwähnt, +daß er Ihr Vorgänger war?« + +»Er that es, nachdem ich ihn gefragt hatte, ob er ein Mitglied des +Lehrerpersonals sei. Er sagte, daß er wegen »Ketzerei« entlassen wurde +und daß er seine verhältnismäßig milde Behandlung Ihrer Verwendung +verdanke.« + +»Es ist nicht Forests Art, mit seinem Urteil zurückzuhalten und ich darf +demnach annehmen, daß er Ihnen eine nette Schilderung von Dr. Leete +entworfen hat,« sagte mein Gastfreund lächelnd. + +Unter den obwaltenden Umständen schien es mir am zweckmäßigsten, die +Äußerungen zu wiederholen, welche Forest über Dr. Leete gemacht hatte, +zumal dieselben nicht bösartig, sondern eher schmeichelhaft für meinen +Gastfreund waren. Ich kann wohl hinzufügen, daß ich einigermaßen +neugierig war zu sehen, was Dr. Leete zu der Behauptung des Herrn Forest +sagen würde, daß er ein Politiker und Führer der Regierungspartei wäre. + +So sagte ich denn: »Herr Forest lachte herzlich, als ich Ihre Äußerung +wiederholte, daß Sie weder Parteien noch Politiker hätten. Er nannte +Sie einen Spaßmacher, einen geriebenen Politiker, den Führer der +Regierungspartei und einen braven Mann.« + +Über Dr. Leetes Zügen flog ein etwas grimmiges Lächeln, als er +antwortete: »Das ist ein Charakterzeugnis, auf welches ich eigentlich +stolz sein sollte, da es von einem zum Krittler gewordenen Kritiker +herrührt. Was Forests Behauptung betrifft, daß ich ein Politiker sei, so +habe ich darauf nur zu entgegnen, daß ich noch nie ein Amt bekleidete; +und daß die Regierung mich in einzelnen Fällen zu Rate zog, macht mich +noch nicht zum Führer der Regierungspartei, denn diese Auszeichnung +wurde auch andern Bürgern häufig zu teil. Politische Parteien haben +wir nicht. Es giebt natürlich einige unverbesserliche Tadler, die, +wie Forest, nie zufriedengestellt werden können, und einige radikale +Krakehler. Ihnen wird aber wenig Beachtung geschenkt, so lange sie nicht +den Frieden des Volkes stören. Thun sie dies, so senden wir sie in eine +Heilanstalt, wo ihnen eine angemessene Behandlung zu teil wird.« + +Obschon auch die letzten Worte im Tone leichter Unterhaltung gesprochen +wurden, machten sie doch einen tiefen Eindruck auf mich. »Thun sie +dies, so senden wir sie in eine Heilanstalt, wo ihnen eine angemessene +Behandlung zu teil wird.« Bestätigte das nicht Forests Behauptung, daß +die Urteile, welche über Gegner des Kommunismus gefällt würden, fast +immer auf Einsperrung in eine Irrenanstalt lauteten? + +Meine unangenehmen Gedanken wurden durch Ediths weiche Stimme +unterbrochen: »Ich denke, lieber Vater,« sagte sie, »Herr Forest ist ein +eben so ehrenhafter wie wohlmeinender Mann und man sollte ihm gestatten, +seine Meinungen zu äußern, selbst wenn diese irrig oder gar sonderbar +sind. Die Studenten werden am Ende ohne Zweifel davon überzeugt werden, +daß unsere Gesellschaftsordnung so gut ist, wie sie nur gestaltet werden +kann. Außerdem ist es auch so unterhaltend, gelegentlich einmal eine +andere Ansicht zu hören.« + +Mit dem Ausdruck väterlicher Liebe legte Dr. Leete seine rechte Hand +auf Ediths reiches Haar und sagte: »Die Damen am Hofe Ludwigs XVI. von +Frankreich fanden auch die Ansichten sehr unterhaltsam, welche die +Revolution veranlaßten und vielen der »unterhaltenen« Damen und Herren +ihre Köpfe unter der Guillotine kosteten. -- Gedanken sind Feuerfunken, +die leicht eine Feuersbrunst veranlassen können, wenn sie nicht +überwacht werden.« + + + + +Drittes Kapitel. + + +Ich hatte mich niemals viel mit Volkswirtschaft befaßt und es war mir +demgemäß auch nie in den Sinn gekommen, wirtschaftliche Grundsätze +auf ihren Wert zu prüfen. Ob Wettbewerb oder Gütergemeinschaft der +Menschheit zuträglicher sei -- diese Frage war mir noch nie in den +Sinn gekommen. Als daher Dr. Leete in seiner ebenso bestimmten wie +ansprechenden Weise erklärte, wie die Gesellschaft nach Beseitigung +des Wettbewerbes geordnet wurde, hatte ich nicht einmal erkannt, daß +diese Ordnung auf kommunistischen Grundsätzen ruhte. Ich meinte, die +Menschheit hätte das tausendjährige Reich errungen und als Dr. Leete mir +sagte, daß seine bequeme, ja von Überfluß zeugende Lebensweise die des +gesamten Volkes im letzten Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts sei, da +zweifelte ich nicht, daß jedermann mit der neuen Gesellschaftsordnung +zufrieden sein müsse. + +Meine kühle Aufnahme seitens der Studenten und meine Unterredung mit +Herrn Forest hatten mich aber belehrt, daß nicht alle Bewohner der +Vereinigten Staaten im zweitausendsten Jahre des Herrn die jetzige +Gesellschaftsordnung für das tausendjährige Reich hielten und ich muß +bekennen, daß mich diese Wahrnehmung sehr schmerzlich berührte. Denn +ein süßer Friede, eine nie vorher empfundene Ruhe waren in mein Herz +gezogen, als Dr. Leete von der grenzenlosen Glückseligkeit erzählte, +deren sich die Menschheit im zwanzigsten Jahrhundert erfreute. + +Meine neue Stellung legte mir nun die Pflicht auf, mich eingehend +mit volkswirtschaftlichen Fragen zu beschäftigen. Allerdings hätte +ich einfach die gesellschaftlichen und politischen Zustände in den +Vereinigten Staaten am Schlusse des vorigen Jahrhunderts schildern und +vor jenem Hintergrunde die neue Ordnung der Dinge loben können; aber das +würde mir selbst nicht genügt haben. Ich wollte selbst durch eingehende +vergleichende Prüfung erforschen, welche von beiden wirtschaftlichen +Richtungen den Vorzug verdiene. Deshalb pflegte ich meine Bekanntschaft +mit Herrn Forest, um dessen Gründe gegen die von Dr. Leete vertretenen +Lehren kennen zu lernen. Dieser Umgang mit Herrn Forest war insofern für +mich kein angenehmer, als mich stets das Gefühl des Unbehagens bei dem +Gedanken überkam, daß Forests Anschauungen und Grundsätze sich als die +richtigeren erweisen könnten. Denn ein Sieg der von Forest vertretenen +Ansichten kam einer Umkehr zu einem Stande der Dinge gleich, welcher +mir so gründlich zuwieder war, wegen der Sorgen und Unbequemlichkeiten, +die er im Gefolge hatte. Mir erschien Dr. Leetes Staatswesen als ein +Paradies, aus dem Forest mich vertreiben wollte. + +In meinen nächsten Vorlesungen beschränkte ich mich auf eine genaue +Schilderung des »Arbeitsmarktes« in Boston im Jahre 1887. Alle +Übertreibungen sorgfältig vermeidend, zog ich aus den vorliegenden +Thatsachen nur unbestreitbare Schlußfolgerungen. Ich zeigte, wie Kapital +und Arbeit gleichmäßig unter den zahlreichen Arbeitseinstellungen jener +Tage gelitten hatten und pries die jetzige Ordnung der Dinge, weil sie +solche unsinnige wirtschaftliche Kämpfe unmöglich mache. + +Nach Beendigung meiner Vorlesungen unterhielt ich mich stets mit +Herrn Forest, welcher ebenso bereitwillig war, über die neue +Gesellschaftsordnung zu sprechen, wie Dr. Leete. + +»Die Freunde der Regierung nennen mich einen unverbesserlichen +Krittler«, sagte Forest, »und sie haben recht, obschon sie ihr Urteil in +etwas höflichere Worte kleiden und sagen könnten, daß ich zur Prüfung +aller Dinge geneigt bin. Ich würde jede Regierung, unter der zu leben +mein Schicksal wäre, prüfen und mein Urteil aussprechen; gleichviel, wie +gut, oder wie schlecht die Regierung auch wäre. Ich hege keinen Groll +gegen die Männer, welche die Vereinigten Staaten heut regieren. Ich gebe +sogar zu, daß sie etwas mehr Klugheit, Thatkraft und Duldsamkeit zeigen, +als die Mitglieder der Verwaltung, welche vor zwölf Jahren aus dem Amte +schied. Es sind eben die leitenden Grundsätze, welche falsch sind und +demgemäß müssen auch die Folgen schlecht sein, was immer die Regierung +thun mag, die üblen Folgen eines schlechten Systems zu verkleistern.« + +»Sie meinen demnach, daß das jetzige System durchaus falsch ist?« fragte +ich. + +»Können Sie daran zweifeln?« antwortete Forest. »Blicken Sie um +sich! Ist der leitende Grundsatz in der Schöpfung Gleichheit oder +Verschiedenheit? Sie finden oft Ähnlichkeit, nie Gleichheit. +Pflanzenkundige haben Tausende von Blättern gesammelt, die auf den +ersten Blick ganz gleich erschienen; aber bei sorgfältiger Prüfung +fanden sie ganz bestimmte Unterscheidungsmerkmale. Ungleichheit ist +Naturgesetz und jeder Versuch, unbedingte Gleichheit herzustellen, ist +demnach naturwidrig und unsinnig. Es haben deshalb auch alle derartigen +Versuche sich als Fehlschläge erwiesen. Selbst als einige der ersten +Christen, von Nächstenliebe geleitet, die Gütergemeinschaft unter +sich einführten, war das naturwidrige Unternehmen nicht von Bestand. +Selbst der selige Prokrustes konnte mit einer Bettstelle für alle +sein Geschäft nicht betreiben; er brauchte deren zwei, für die langen +und für die kurzen Opfer, welche ihm in die Hände fielen. Wir könnten +eben so wohl anordnen, daß künftighin alle Männer sechs Fuß lang sein, +zweiundvierzig Zoll um die Brust messen, eine griechische Nase, blaue +Augen, blonde Haare und eine Tenorstimme haben müssen, wie wir versuchen +können, alles Leben in einem kommunistischen Gemeinwesen in eine +Gleichheitszwangsjacke zu stecken, in der Erwartung, daß die Menschheit +sich da wohl fühlen solle. -- Berücksichtigen wir doch nur in Verbindung +mit der Verschiedenartigkeit der geistigen und körperlichen Anlagen die +Verschiedenheit der Neigung und des Geschmackes, die Mannigfaltigkeit +der Berufsthätigkeit und beantworten wir uns dann die Frage, ob die +Begründung einer Gesellschaftsordnung auf der Grundlage unbedingter +Gleichheit dauern kann.« + +»Wenn ich mir eine richtige Ansicht von der Gliederung Ihrer +Gesellschaft gebildet habe,« wandte ich hier ein, »so haben Sie das +Anrecht aller Menschen auf einen Lebensunterhalt anerkannt, indem Sie +jedermann einen gleichen Anteil an den Arbeitserzeugnissen zugestanden; +aber Sie haben auch jedermann die Gelegenheit geboten, einen ihm +zusagenden Beruf zu wählen. Sie haben ferner die zu einer Zunft +gehörigen Arbeiter in Abteilungen und Grade geteilt, um den Ehrgeiz der +Arbeiter nach Erreichung eines höheren Grades anzuregen und Sie haben +so eine Verschiedenartigkeit der Stellungen geschaffen, welche der +Ungleichheit der Menschen entspricht, die Sie vorhin hervorgehoben.« + +»So ist es,« sagte Forest. »Wir haben zuerst den Grundsatz der +Gleichheit festgestellt und alsdann unsere Gesellschaft auf der +Grundlage der Ungleichheit gegliedert, wodurch wir die ausdrückliche +Anerkennung der Thatsache vermieden, daß die neue Gesellschaftsordnung +in der Lehre wie in der Wirklichkeit eine Fehlgeburt ist. Die Frage, +welche uns vorliegt, ist eine sehr einfache: »#Sind wir alle einander +gleich?#« Wenn wir es sind, dann ist der Kommunismus die allein richtige +Gesellschaftsform und jedermann sollte alsdann einen gleichen Anteil von +den Erzeugnissen der gemeinschaftlichen Arbeit erhalten. Sind wir nicht +alle einander gleich, sind wir verschieden voneinander an geistigen und +körperlichen Fähigkeiten, sind die Arbeitsergebnisse ungleich, dann +liegt auch kein vernünftiger Grund vor, weshalb die Arbeitserzeugnisse +gleichmäßig verteilt werden sollten. Wir aber verkündigen erst den +Grundsatz der Gleichheit und behaupten, daß wir besagter Gleichheit +wegen die Arbeitserzeugnisse gleichmäßig verteilen; -- und dann teilen +wir die sämtlichen »Arbeiter, je nach ihrer Fähigkeit, in solche ersten, +zweiten und dritten Grades..... Und in vielen Fällen sind diese Grade +noch in eine erste und eine zweite Klasse geteilt.«[7] Hier sehen wir +also, daß die Arbeiter in sechs Abteilungen gegliedert werden und zwar +aus dem ausdrücklich angeführten Grunde: weil ihre Befähigung eine +#verschiedene# ist. Daß ihr Fleiß ebenfalls ungleich ist, wird nicht +ausdrücklich zugestanden, ist aber nichtsdestoweniger eine Thatsache. +Die #Ungleichheit# der Menschen wird also #ausdrücklich# anerkannt; +aber die Arbeitsergebnisse werden im Namen der #Gleichheit gleichmäßig +verteilt#!« + +»Nun hat ohne Zweifel,« fuhr Forest mit großem Nachdruck fort, +»jedermann ein natürliches Recht auf die Früchte seiner Thätigkeit. +Wir nehmen aber dem tüchtigen Arbeiter des ersten Grades einen +Teil seiner Arbeitserzeugnisse fort, um sie einem faulen Kerl +aus der sechsten Abteilung zu geben. Das ist natürlich offenbare +#Räuberei#, die sich nicht einmal unter dem schäbigen Mäntelchen +eines »Regierungsgrundsatzes« verbirgt; denn durch die Einteilung der +Arbeiter in sechs Abteilungen wegen verschiedener Befähigung erkennen +wir ja ausdrücklich an, daß es mit der Gleichheit »nichts ist!« -- +Dennoch werden alle Diejenigen, welche diese Beraubung der Fleißigen zu +Gunsten der Faulen nicht als Handlung höchster Staatsweisheit bewundern +mögen, als Feinde der besten Gesellschaftsordnung verdammt, von welcher +die Geschichte der Menschheit uns meldet.« + +»Sie sind bis zu einem gewissen Grade ein Verteidiger der Civilisation +des neunzehnten Jahrhunderts,« antwortete ich. »Nun wurden aber zu +unserer Zeit von manchen Wortführern der Arbeiter die Arbeitgeber +»Lohndiebe« gehießen, d. h. sie wurden beschuldigt, sie hätten einen zu +großen Anteil von dem für die Arbeitserzeugnisse vereinnahmten Gelde für +sich behalten und den Arbeitern zu geringen Lohn gegeben. Mir erscheint +die gleiche Verteilung alles Eigentums viel empfehlenswerter, als eine +Verteilungsart, bei welcher eine vergleichsweise kleine Anzahl von +Arbeitgebern sich auf Kosten der Masse des arbeitenden Volkes bereichern +konnte.« + +»Ich bin kein Verteidiger der Civilisation des neunzehnten +Jahrhunderts,« rief Forest. »Ich behaupte nur, daß der #Wettbewerb#, +unter welchem die Menschheit vor hundert Jahren arbeitete, dem +#Kommunismus#, unter welchem wir jetzt arbeiten, weit #überlegen# ist. +Der ungerechte Gewinn der Arbeitgeber, von welchem Sie sprechen, hätte +leicht abgeschafft werden können, wenn Ihre Arbeiter sich zu Teilhaber- +oder Genossenschaften vereinigt hätten. Vor 100 Jahren gab es kein +Gesetz, welches ein Dutzend Schuhmacher hätte hindern können, sich ein +Lokal mit Dampfkraft zu mieten, etliche Näh- und sonstige Maschinen zu +kaufen und Schuhzeug für eigne Rechnung und Gefahr zu machen. Und es +gab kein Gesetz, welches alle anderen Arbeiter hätte hindern können, +ihr Schuhzeug nur in solchen Genossenschaftswerkstätten zu kaufen. Wäre +dies geschehen, so hätten die Genossen die Gewinne des Fabrikanten, +des Großhändlers, des Kleinhändlers und des Arbeiters erhalten, d. h. +allen Gewinn, der überhaupt in der Arbeit steckte. Die Arbeiter aller +Geschäftszweige hätten sich allmählich zu Genossenschaften vereinigen +können, so Arbeitgeber und Arbeiter in einer Person darstellend. -- Wenn +die Arbeiter es vorzogen, von diesem Recht und von dieser Gelegenheit +keinen Gebrauch zu machen; wenn ihnen nicht daran lag, die Sorgen und +das Wagnis einer selbstständigen Geschäftsführung auf sich zu nehmen; +wenn sie lieber für einen Arbeitgeber thätig waren, diesem die Sorgen +und das Wagnis der Geschäftsleitung überlassend; dann hatten sie auch +kein Recht, über den Gewinn des Unternehmers zu klagen, der ihnen ja +zugänglich war. + +»Und wenn die Arbeiter Ihrer Zeit mit ihrem Lohn oder der Behandlung +unzufrieden waren, so konnten sie sich andere Beschäftigung suchen, was +unsere Arbeiter nicht können, weil der Staat der einzige Arbeitgeber +ist. Der Grundsatz, daß jedermann ein gutes Recht auf das hat, was er +hervorbringt, ist unter Ihrer Arbeitsweise nie in Frage gestellt worden. +Aber wir haben im Namen der Gleichheit und Gerechtigkeit das »Recht« +aufgestellt, den Fleißigen zu Gunsten des Faulen zu berauben. Wenn die +Arbeiter des neunzehnten Jahrhunderts, anstatt an Arbeitseinstellungen +Riesensummen zu opfern, einen Arbeitszweig nach dem andern auf +genossenschaftlicher Grundlage eingerichtet hätten, würden sie mit +verhältnismäßig geringen Schwierigkeiten das gelöst haben, was sie die +sociale Frage nannten. -- Uns aber würden sie dadurch bewahrt haben vor +der abscheulichen Form, in welcher die Gesellschaft jetzt gegliedert ist +und verwaltet wird.« + +»Die Arbeiterorganisationen und die Ausstände waren nur eine Wirkung der +Konzentration des Kapitals, das sich in größeren Massen als je zuvor +aufgehäuft hatte,« sagte ich, die Ansichten des Dr. Leete betreffs +dieser Frage wiedergebend. »Ehe diese Konzentration begann, und als +Handel und Industrie noch von unzähligen kleinen Geschäften mit geringem +Kapital, anstatt von einer kleinen Anzahl großer Geschäfte mit großem +Kapital betrieben wurde, hatte der einzelne Arbeiter dem Unternehmen +gegenüber eine verhältnismäßig wichtige und unabhängige Stellung. So +lange ferner ein geringes Kapital oder eine neue Idee hinreichten, +jemanden ein eigenes Geschäft beginnen zu lassen, wurden Arbeiter +beständig zu Unternehmern und gab es keine feste Grenze zwischen den +beiden Klassen. Arbeiterverbindungen waren damals unnötig und allgemeine +Ausstände konnten nicht vorkommen.«[8] + +»An Ihrer Stelle, Herr West, würde ich diese Aussprüche des Dr. Leete +nicht zu meinen eignen machen,« sagte Herr Forest lächelnd. »Der Doctor +hat häufig Gelegenheit gehabt, sich betreffs dieser Angelegenheit +eines Besseren belehren zu lassen; aber er besteht darauf, seine +irrigen Behauptungen zu wiederholen. Ich und andere haben diese +Auseinandersetzungen so oft widerlegt, daß es uns schließlich langweilig +wurde. »Streiks« sind nicht, wie Dr. Leete zu glauben vorgiebt, +verhältnismäßig neue Erscheinungen auf volkswirtschaftlichem Gebiete. +Eine der größten Arbeitseinstellungen, von welchen die Geschichte +uns berichtet, die »_Secessio in montem sacrum_«, fand schon 494 vor +Christi Geburt statt und während der Jahrhunderte des Mittelalters +waren Arbeitseinstellungen zur Erlangung höherer Löhne sehr häufig; +obschon in jenen Tagen die Arbeit viel besser zusammengegliedert war +(in Gilden und Zünfte) als die Geldmacht. Und was die Unmöglichkeit +der Arbeiter angeht, Arbeitgeber zu werden, so kann ich Ihnen in +der Universitätsbücherei eine deutsche Zeitung zeigen, die »Freie +Presse«, welche im Jahre 1888 in Chicago erschien und in welcher der +Redakteur, bei Widerlegung ähnlicher Behauptungen der Kommunisten +jener Tage, auf die Thatsache verweist, daß im Jahre 1888 in Chicago +12 000 Deutsch-Amerikaner wohnten, welche entweder Hausbesitzer, oder +Fabrikanten, oder sonst selbständige Geschäftsleute waren. Alle diese +Leute waren unbemittelt, meist der englischen Sprache unkundig, nach +Chicago gekommen und dort zu Wohlstand, ja viele zu Reichtum gelangt. +Dies widerlegt die Behauptung, daß die Unbemittelten sich in der zweiten +Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts bereits rettungslos in den Krallen +der Geldmächte befunden hätten. -- Nichts ist leichter, als ins Blaue +hinein Behauptungen aufzustellen. Diese Behauptungen zu beweisen, ist +oft schwer. Und Dr. Leete ist groß in solchen wilden Angaben.« + +»Führen Sie aber nicht ein höchst angenehmes Leben?« fragte ich +in der Hoffnung, Forests Angriffen auf die neue Ordnung der Dinge +ein Ende zu machen, indem ich auf einige unbestreitbare Thatsachen +verwies. »Erfreuen Sie sich nicht eines nie dagewesenen Wohlstandes? +Haben Sie nicht die Armut gänzlich ausgerottet? Und sind nicht diese +Errungenschaften kleine Opfer wert?« + +»Wir führen kein höchst angenehmes Leben. Wir erfreuen uns nicht eines +nie dagewesenen Wohlstandes. Sie werden sehr bald entdecken, daß +Sie sowohl die Art, wie die Früchte unserer Civilisation bedeutend +überschätzen. Und was die Vernichtung der Armut anlangt, so läuft +diese »Errungenschaft« im wesentlichen darauf hinaus, daß wir die +ungeschickten, dummen und faulen Leute mit den Arbeitsergebnissen der +geschickten und fleißigen Frauen und Männer bereichern. Das hätten Sie +vor 113 Jahren auch leisten können, aber Sie waren nicht so einfältig +und ungerecht, eine derartige Räuberei zu begehen.« + +»Wenn das Volk mit der jetzigen Gesellschaftsordnung unzufrieden ist, so +kann es ja eine Änderung vornehmen,« entgegnete ich. »Ihren Äußerungen +zufolge bilden die Gegner der Regierung keine Partei, die irgend welche +Bedeutung hat: denn Sie sagten mir, daß es nur einige Zeitungen giebt, +welche die Regierung bekämpfen. Dies scheint mir ein Beweis dafür zu +sein, daß das Volk im wesentlichen mit der jetzigen Ordnung der Dinge +zufrieden ist.« + +Forest sah sehr ernst drein als er antwortete: »Sie sind natürlich der +Meinung, daß wir uns derselben Freiheit erfreuen, welche Sie vor 113 +Jahren genossen. Aber im politischen Leben ist seit jener Zeit alles +anders geworden. Ihre Bürger waren von der Regierung ganz unabhängig, +die Beamten und solche Leute vielleicht ausgenommen, welche gerade +Arbeiten für die Regierung ausführten. Heut greift die Regierung in +alles ein und fast jedermann ist mittelbar oder unmittelbar von der +Gunst der höheren Beamten mehr oder weniger abhängig. Wer es wagt, die +Regierung offen zu bekämpfen, der kann sicher sein, daß ihn, seine +Verwandten und seine Freunde der Zorn des Beamtentums trifft. Deshalb +ist die Zahl derjenigen sehr klein, welche kühn genug sind, den Grimm +der Regierung offen herauszufordern, obschon vielen die jetzige Ordnung +der Dinge entschieden mißfällt.« + +»Weshalb wählt das Volk dann nicht Leute in den Kongreß, welche die +jetzige angeblich so unbefriedigende Ordnung der Dinge durch den Erlaß +neuer Gesetze ändern?« fragte ich, überzeugt, daß Forest in seiner +Krittelwut die dunklen Farben allzu dick aufgetragen hatte. + +»Der Kongreß hat heutzutage wenig Einfluß,« entgegnete Forest. »Die +Macht liegt fast ausschließlich in den Händen des Präsidenten und der +Vorsteher der zehn großen Abteilungen. Sie haben fast eine unumschränkte +Gewalt, die etwas an die Macht des Zehnerrates erinnert, welcher in +Venedig zu der Zeit herrschte, als diese aristokratische Republik auf +dem Gipfel ihres Ansehens stand. Da es in ihrer Willkür liegt, jeder +Person auf die Dauer von 24 Jahren gute oder schlechte Stellungen +anzuweisen, ja selbst Leute von mehr als 45 Jahren wieder in das +Arbeiterheer zu stellen und auf diese Weise Mißliebige wieder unter +ihre Gewalt zu bekommen, so haben unsere hohen Regierungsbeamten eine +Tyrannenmacht, von der auch nur zu träumen keinem Fürsten Ihrer Zeit +eingefallen wäre.« + +»Sie wissen natürlich,« fuhr Herr Forest fort, »daß alle Rekruten +während der ersten drei Jahre ihrer Dienstzeit in die Reihe der +gewöhnlichen Arbeiter gestellt werden. »Erst nach dieser Periode, +während welcher sie für jede Art der Arbeit ihren Vorgesetzten zur +Verfügung stehen, dürfen sie einen besonderen Beruf wählen!«[9] Sie +werden einsehen, daß die jungen Leute während dieser drei Jahre der +Gnade oder Ungnade ihrer Vorgesetzten preisgegeben sind. Diese können +einem Rekruten leichte und reinliche Arbeit zuweisen, sie können ihn +aber auch an schmutzige, ungesunde Beschäftigung schicken. Widerspruch +wird nicht geduldet. Denn »ein Mensch, der fähig ist Dienst zu thun, +sich dessen aber hartnäckig weigert, wird zu Isolierhaft bei Wasser und +Brot verurteilt bis er sich willig zeigt.«[10] + +»Sie wissen ferner, daß »über die Leistungen jeder Person Buch geführt, +und die besondere Tüchtigkeit erhält ihre Auszeichnung während die +Nachlässigkeit ihre Strafe findet.«[11] Dr. Leete hat Ihnen auch ohne +Zweifel gesagt, daß wir es nicht für weise halten »zu gestatten, +daß jugendliche Sorglosigkeit oder Unbesonnenheit, falls sie keine +erhebliche Schuld einschließt, die künftige Laufbahn der jungen Leute +schädige und allen, welche jenen ersten Grad ohne ernstliche Vergehen +durchgemacht haben, steht in gleicher Weise die Wahl des Lebensberufes, +für den sie die meiste Neigung haben, offen.« Nun werden aber nicht nur +Sitten- und Befähigungszeugnisse sorgfältig geprüft, »sondern es hängt +auch von der Durchschnittsbeschaffenheit des Zeugnisbuches während der +Lehrzeit der Rang ab, den er unter den vollen Arbeitern erhält.«[12] + +»Obwohl die innere Organisation der verschiedenen Gewerbezweige +in Industrie und Ackerbau, der Eigentümlichkeit ihrer besonderen +Bedingungen gemäß, verschieden ist, stimmen sie doch in der allgemeinen +Einteilung ihrer Arbeiter je nach ihrer Fähigkeit in solche ersten, +zweiten und dritten Grades überein; und in vielen Fällen sind diese +Grade noch in eine erste und eine zweite Klasse eingeteilt. Gemäß +seinen Leistungen als Lehrling erhält der junge Mann den Rang als +Arbeiter ersten, zweiten und dritten Grades..... Die Feststellungen +der Rangordnungen »finden in jedem Gewerbezweige in Zwischenräumen +statt.«[13] .... »Ein besonderer Vorteil eines hohen Grades ist +das Recht, welches derselbe dem Arbeiter verleiht, sich innerhalb +der verschiedenen Zweige oder Verrichtungen seines Gewerbes eine +Specialität auszuwählen.«[14] Dr. Leete hat Sie fernerhin wohl auch +davon unterrichtet, daß soweit wie möglich »selbst die Neigungen des +schlechtesten Arbeiters berücksichtigt werden.« .... »Aber obwohl auch +die Wünsche der Arbeiter eines niederen Grades Berücksichtigung finden, +so weit die Anforderungen des Dienstes es gestatten, so geschieht dies +doch erst dann, wenn für die Arbeiter der höheren Grade gesorgt worden +ist und so müssen sie oft mit einer, ihnen erst an zweiter oder dritter +Stelle zusagenden Wahl vorlieb nehmen, oder es wird ihnen sogar ohne +weiteres direkt eine Arbeit übertragen, wenn dies nötig wird. Dieses +Wahlrecht tritt bei jeder neuen Feststellung des Ranges in Kraft; und +wenn jemand seinen Rang verliert, so läuft er auch Gefahr, die Art +Arbeit, welche er liebt, mit einer anderen vertauschen zu müssen, welche +ihm weniger gefällt.«[15] .... Die hohen staatlichen Ämter sind »nur den +Männern des ersten Grades zugänglich.«[16] + +»Diese Bestimmungen beweisen die Richtigkeit dessen, was ich über die +Gewalt der Regierung sagte. Die Lieutenants, die Hauptleute und die +Obersten werden von den Zunftgeneralen ernannt, welche wiederum unter +dem Befehl der zehn Vorsteher der zehn großen Abteilungen stehen. +Diese Beamten können ihren jungen Freunden, welche als Rekruten in +das Arbeiterheer treten, leichte Arbeit und gute Zeugnisse geben und +sie können diese jungen Freunde in den Stand setzen auf Grund ihrer +guten Zeugnisse, sobald sie die ersten drei Jahre ihrer Dienstzeit +zurückgelegt haben, sofort in die erste Abteilung des ersten Grades +einer Zunft zu treten. Und ein solcher Günstling einflußreicher Leute +kann, nachdem er eine angenehme Rekrutenzeit verbracht hat und sofort +in die erste Abteilung des ersten Grades einer Zunft befördert worden +ist, alsbald zum Lieutenant ernannt werden und die Laufbahn zu den +höchsten Ehren in wenigen Jahren durchmachen. -- Sie können nicht +leugnen, Herr West, daß unsere gesetzlichen Bestimmungen eine solche +Günstlingswirtschaft ermöglichen.« + +Ich mußte zugeben, daß solche Vorkommnisse möglich wären. + +Herr Forest fuhr fort: »Andererseits können solche jungen Leute, welche +nicht die Söhne oder Freunde unserer Regierungslichter sind, sich sehr +glücklich schätzen, wenn sie in einer Stellung des zweiten Grades mit +einem Zeugnis unterkommen, welches die Hoffnung auf weitere Beförderung +nicht ausschließt. Verwandte von ausgesprochenen Gegnern der Regierung +können in die zweiten Abteilungen der dritten Grade der verschiedenen +Zünfte gestellt und ihre Zeugnisse können so geführt werden, daß alle +Hoffnung auf Erlangung einer höheren Stellung ausgeschlossen ist. Und +solche Günstlingswirtschaft ist nicht nur möglich, sie besteht in +vollem Umfange. Die Söhne und Verwandten von Leuten, welche als Gegner +der Regierung bekannt sind, führen ein Dasein, schlechter als das von +Sklaven und werden oft wie Fußbälle behandelt.« + +»Giebt es keinen Gerichtshof, vor welchem sie Klage führen können?« +fragte ich. + +»Ja. Ungerecht behandelte Frauen oder Männer können vor einem Richter +Klage führen,« antwortete Herr Forest. »Aber die Richter niederen Grades +sind einfach Leute, welche das fünfundvierzigste Lebensjahr zurückgelegt +haben und vom Präsidenten auf fünf Jahre zu Richtern ernannt worden +sind. Diese entscheiden, wie Dr. Leete Ihnen mitgeteilt haben wird, +in allen Fällen, in welchen ein Mitglied des Arbeiterheeres gegen +einen Vorgesetzten Klage wegen Ungerechtigkeit führt. Alle solche +Fragen werden von einem einzelnen Richter #endgültig# entschieden; drei +Richter werden nur in besonders schweren Fällen berufen.[17] -- Die vom +Präsidenten zu Richtern ernannten Leute sind natürlich Vertrauensmänner +und Freunde der Regierung und man kann von ihnen nicht erwarten, daß +sie bei solchen Klagen gegen die Beamten der Regierung und zu Gunsten +eines »Widersetzlichen« entscheiden sollten. Und da solche Beschwerden +endgültig entschieden werden, ohne daß dem Kläger das Recht zusteht, +vor einem höheren Gerichtshofe Berufung einzulegen, so bleibt dem +ungerecht behandelten Mitgliede des Arbeiterheeres nichts weiter übrig, +als auf seinen alten Posten zurückzukehren, wo sein Vorgesetzter, +gegen den es geklagt hat, es natürlich nicht besser behandelt als +zuvor. Im Gegenteile muß der »Widersetzliche« es in den meisten Fällen +schwer entgelten, daß er gegen einen Offizier Klage geführt hat. Bei +der nächsten Neueinteilung in Abteilungen und Grade kann der Offizier +den unglücklichen Menschen in die zweite Abteilung des dritten Grades +stecken, wenn er nicht schon dahin degradiert war. Jedenfalls kann der +erzürnte Offizier dem Mißvergnügten die schmutzigste, ungesundeste +Arbeit zuteilen.« + +Dieses von Forest entworfene Bild der Zustände im Arbeiterheere erschien +mir um so entsetzlicher, wenn ich es mit den rosenfarbenen Schilderungen +des Dr. Leete verglich. Ich war davon so erschüttert, daß ich mich +zu einem Versuch nicht aufraffen konnte, gegen die Schilderungen und +Schlüsse meines Vorgängers in der Professur anzukämpfen. + +Nach einer kurzen Pause fuhr der jetzige Pedell fort: »Nun erwägen +Sie in Verbindung mit den Thatsachen und Einrichtungen, die ich eben +erwähnt habe, daß die Arbeiter »kein Stimmrecht ausüben oder irgendwie +bei der Wahl ihrer Vorgesetzten hineinreden dürfen.«[18] »Der General +eines Gewerbes vollzieht die Ernennung für die Rangstufen unter ihm, +aber er selbst wird nicht ernannt, sondern durch Stimmenmehrheit +gewählt, ... d. h. von denjenigen, welche in der Zunft gedient und +ihre Entlassung erhalten haben.«[19] So, mein lieber Herr West, sind +also die Angehörigen des Arbeiterheeres vierundzwanzig Jahre lang der +Gnade oder Ungnade ihrer Vorgesetzten gänzlich preisgegeben. Wenn sie +während dieser Zeit leichten Dienst haben wollen, müssen sie allen +Befehlen blindlings gehorchen und mit allen ihnen zu Gebote stehenden +Mitteln nach Gunst streben. Sie müssen ihre stimmberechtigten Freunde +beeinflussen, damit diese nicht nur für die Regierung stimmen, sondern +das auch in möglichst demonstrativer Weise thun. Gelegentliche Geschenke +von Wein und Cigarren erregen bei manchen Offizieren freundliche +Gefühle. Verabsäumt das Mitglied des Arbeiterheeres alle diese +Schritte und Maßregeln, so kann es, unter Umständen, vierundzwanzig +Jahre lang ein Leben führen, mit welchem verglichen das Schicksal +eines Plantagensklaven oder eines Kohlengräbers vor 150 Jahren als +beneidenswertes Dasein erscheinen muß. Denn ein Plantagenneger +stellte für seinen Eigentümer einen wertvollen Besitz dar, der nicht +leichtsinnig gefährdet werden durfte, während der Kohlengräber seine +Arbeit aufgeben und sich anderswo Beschäftigung suchen konnte, wenn ihm +seine Arbeit oder die ihm widerfahrene Behandlung nicht behagten. Ein +Mitglied des Arbeiterheeres dagegen, welches sich den Zorn des einen +oder des andern Offiziers zugezogen hat, oder welches auf die Liste der +Feinde der Gesellschaft gesetzt worden ist, weil seine stimmfähigen +Verwandten gegen die Regierung gestimmt haben, -- ein solches Mitglied +der »industriellen Armee« führt ein Leben, welches man sehr wohl +»vierundzwanzig Jahre der Hölle auf Erden« nennen darf. + +»Sie ersehen hieraus, Herr West, weshalb der Kongreß keinen Einfluß +hat. Die große Mehrzahl seiner Mitglieder ist beständig bemüht, für +sich selbst, für Verwandte und für Freunde Gunstbezeugungen dadurch zu +erlangen, daß sie der Regierung in jeder Weise entgegenkommen. Und dies +ist die Gleichheit der besten Gesellschaftsordnung, deren die Menschheit +sich jemals erfreute! Dies ist, was Dr. Leete das tausendjährige Reich +menschlicher Glückseligkeit nennt.« + + + + +Viertes Kapitel. + + +»Es steht durchaus im Einklange mit den Naturgesetzen und ist deshalb +recht,« begann Forest unsere nächste Unterredung, »daß ein Mann seinem +Sohne, seinen Verwandten und seinen Freunden beisteht und ihnen im Leben +vorwärts hilft. Einen Mann, der das thut, würde ich nie tadeln; sondern +im Gegenteile diejenigen, welche das unterlassen, was ich für die +Pflicht jedes Mannes halte. Selbstverständlich müssen aber der Sohn, die +Verwandten oder die Freunde befähigt sein, die Stellungen auszufüllen, +für welche sie in Vorschlag gebracht werden. -- Ich entsinne mich, daß +einige Geschichtsschreiber über die Günstlingswirtschaft geschrieben +haben, welche zu ihrer Zeit bei der Vergebung von Bundesämtern +geherrscht haben soll und daß besonders General Grant beschuldigt wurde, +alle Zeit seine Verwandten und Freunde bei Anstellungen bevorzugt zu +haben. Das aber gefällt mir gerade an dem großen Feldherrn, daß er an +seinen Freunden so unerschütterlich festhielt und ich entschuldige +deshalb um so lieber die Mißgriffe, die er mitunter bei der Auswahl der +Beamten machte. Denn diese Mißgriffe wurden veranlaßt durch sein gutes +Herz, das seinen Freunden immer treu und mitunter geneigt war, deren +Befähigung und Ehrenhaftigkeit zu überschätzen. Wenn die Bande des +Blutes und der Freundschaft nicht mehr zusammenhalten, worauf sollen +wir dann noch vertrauen? Und da jedermann naturgemäß die Gesinnung und +die Befähigung seiner Verwandten und Freunde besser kennen muß, als die +Eigenschaften andrer Leute, so ist es ganz in der Ordnung, daß er die +ihm Nahestehenden, deren Befähigung er kennt, zunächst anstellt.« + +»Einer der vielen großen Schäden, an welchen unser öffentliches und +gewerbliches Leben krankt, ist der Umstand, daß unter ihm nicht nur die +Günstlingswirtschaft, sondern auch die Korruption im größten Umfange +wuchern #muß#. Vor hundertunddreizehn Jahren konnten die Männer, welche +an der Spitze der Vereinigten Staaten standen, oder solche, die in +den nächsten Regierungskreisen Einfluß hatten, mitunter nach Willkür +Stellungen besetzen, in welchen für wenig Arbeit ein gutes Gehalt +bezahlt wurde; aber solcher Ämter gab es nur verhältnismäßig wenige. +Die Zahl der von der Bundesregierung angestellten Beamten betrug, +wenn ich nicht irre, nur etwa 80 000 und die Mehrzahl dieser 80 000 +Ämter bestand aus kleinen Postmeisterstellungen. Diese Postmeister in +kleinen Dörfern und Landbezirken erhielten gar kein Gehalt, sondern +einen Teil des Geldes, welches sie für verkaufte Briefmarken einnahmen +und dieses Einkommen war ein so bettelhaftes, daß nur Kaufleute, +welche ohnehin den Tag über in ihren Läden zubrachten und die »Ehre« +nebst dem kleinen Gewinn so nebenbei mitnahmen, ein solches Bundesamt +annehmen konnten. Dazu kam, daß die verhältnismäßig geringe Anzahl +solcher Bundesämter, welche als »Sinekuren« bezeichnet werden konnten, +alle vier oder spätestens alle acht Jahre neu besetzt wurden. Unsere +Regierungen haben aber ein längeres Leben. Diejenige, welche zuletzt +abwirtschaftete, hat sechsundzwanzig Jahre gedauert. Und die Zahl der +Stellungen, welche unsere Regierung zu vergeben hat, ist sehr groß. Für +je zwölf Frauen oder Männer haben wir einen Aufseher oder Lieutenant; +von den Hauptleuten, Obersten usw. gar nicht zu reden. Und was wir gar +auf dem Gebiete der Schreiberei leisten, ist einfach ungeheuerlich. Wie +sie vermutlich wissen, führen wir sowohl in der Arbeits- wie in den +Verteilungsabteilungen Buch; ja noch mehr: jeder Bewohner und jede +Bewohnerin der Vereinigten Staaten hat in den Regierungsbüchern ein Soll +und ein Haben!«[20] + +»Angesichts unserer großen und beständig wachsenden Bevölkerung ist das, +wie Sie wohl einsehen werden, eine Riesenarbeit. Sie wissen ja, daß das +nordamerikanische Gebiet, welches früher unter englischer Regierung +stand, mit den Vereinigten Staaten vereinigt wurde und daß unsere +Bevölkerung sich nach der Zählung von 1990 auf 414 000 000 belief. Sie +wird jetzt auf 500 000 000 Menschen geschätzt.«[21] + +»Die ungeheuer umständliche Buchführung, welche durch den Kommunismus +notwendig gemacht wird und die Kürze der Arbeitszeit, welche die +Buchhalterinnen und Buchhalter als Günstlinge der Parteiführer genießen, +machen es notwendig, daß für je fünfzig Menschen ein Buchhalter +angestellt wird. Unter der letzten Regierung hatten wir sogar für je +zweiundvierzig Einwohner einen Rechenkünstler. Dies giebt der Regierung +Gelegenheit, nach eigener Willkür 10 Millionen Frauen und Männern +reinliche und bequeme Arbeit zuzuerteilen. Zu diesen 10 Millionen +guten Stellungen müssen Sie noch etwa eben so viele Offiziersposten im +Arbeiterheere und die Stellungen in den Warenniederlagen der Regierung +rechnen; von andern begehrenswerten Anstellungen gar nicht zu reden. +Hiernach können Sie ohne weitere Erklärung die außerordentliche Macht +ermessen, welche die Regierung durch die Anstellungsgewalt allein ausübt +und welche Versuchung die Ausübung dieser unerhörten Macht im Gefolge +hat.« + +»Ist es denn nicht notwendig,« fragte ich, »daß diejenigen, welche +sich um eine an Verantwortlichkeit reiche Stellung, wie die eines +Buchhalters, bewerben, die nötigen Studien machen und eine Prüfung +ablegen müssen, ehe sie so wichtige Pflichten übernehmen?« + +»Das Buchhalten bildet einen Teil des Lehrplans in unsern Schulen,« +antwortete Forest. »Übrigens wird die Buchhalterei bei uns nicht sehr +gewissenhaft besorgt. Deshalb lastet die Verantwortlichkeit nicht allzu +schwer auf den Schultern der Günstlinge unserer Regierung, und ich +glaube nicht, daß einer der Bevorzugten sich dieserhalb Sorgen macht. +Es ist natürlich für jemanden, der außerhalb des Regierungskreises +steht, nicht möglich, mit Bestimmtheit zu sagen, wie schlecht die Bücher +geführt werden. Als indes die letzte Regierung vor zwölf Jahren aus +dem Amte schied, wurde ein schier unergründlicher Pfuhl von Verderbnis +und Betrügereien aufgedeckt. Der Wert aller vorhandenen Warenbestände +wurde festgestellt und es wurde ermittelt, daß Güter im Werte von +432 000 000 Dollar fehlten. Die Mitglieder der abgesetzten Regierung +erklärten allerdings, daß diese Angaben falsch und nichts als böswillige +Verleumdungen seien, daß die neue Regierung Buchhalter eigens zu dem +Zwecke angestellt habe, einen Diebstahl von mehr als vierhundert +Millionen Dollars herauszurechnen, nur damit die Mitglieder der früheren +Verwaltung als Schurken politisch tot gemacht würden. Die abgegangenen +Beamten gaben zu, daß Waren fehlen könnten, weil die Angestellten in +den Warenhäusern stets reichliches Maß und Gewicht gegeben hätten; doch +könnte dieser Fehlbetrag nicht als ein Beweis der Unehrenhaftigkeit der +letzten Regierung gelten und nimmermehr die Riesensumme von 432 000 000 +Dollar erreichen. Andererseits bestanden aber die neuen Beamten auf +ihren Angaben und schrieben den Fehlbetrag der Korruption unter der +letzten Regierung zu, deren Mitglieder mehr Waren entnommen hätten, als +ihnen zukam, ohne daß aus ihren Anteilscheinen der entsprechende Betrag +herausgestochen wurde.« + +Ich fragte Forest, was er von diesen Beschuldigungen und +Gegenbeschuldigungen halte. + +»Ich glaube, sie sind bis zu einem gewissen Grade nur zu wohl +begründet,« sagte mein Amtsvorgänger. »Die Versuchung unter unserem +elenden System ist eben für viele Menschen zu groß. Daß die Führer +der Regierungspartei ihren Verwandten und Freunden die besten +Stellungen geben, würde ich durchaus nicht tadelnswert finden, wenn die +Angestellten die ihnen übertragenen Ämter gut verwalten könnten. Aber +die 20 000 000 besten Stellungen im Lande sind durchaus nicht mit den +besten und tüchtigsten Frauen und Männern besetzt. So weit diese Ämter +und Stellen nicht den Verwandten und nächsten Freunden der höchsten +Beamten verliehen sind, werden sie an die Angehörigen der eifrigsten und +einflußreichsten Anhänger der Regierung vergeben. Und selbst das würde +erträglich sein, wenn die Günstlingswirtschaft da ein Ende erreichte, an +der Grenze der Verderbtheit und drückenden Willkür. Aber sie geht noch +viel weiter.« + +»Klagen Sie die jetzige Regierung und deren Freunde der Korruption und +Tyrannei an?« fragte ich, entschlossen, meinen weiteren Unterredungen +mit Herrn Forest ein Ende zu machen, falls dieser entehrende Anklagen +gegen meinen Gastfreund vorbringen sollte. + +»Ich spreche von dem jetzigen Regierungssystem und erwähne nur +Thatsachen, oder Handlungen, welche ich nachweisen kann,« antwortete +Forest. »Ich klage niemanden an lediglich weil ich daran Vergnügen +finde. Ich fühle, daß Ihre Frage auf Dr. Leete Bezug hat und obschon sie +nicht unmittelbar gestellt wurde, werde ich sie doch offen beantworten. +Ich halte Dr. Leete für einen der besten und ehrenhaftesten unter +unseren Parteiführern, aber auch er macht von den Vorteilen Gebrauch, +welche unter unserem System den Machthabern so leicht zugänglich sind.« + +»Wollen Sie die Güte haben, Ihre Behauptung zu beweisen,« sagte ich +ruhig, aber bestimmt. + +»Ich werde es Ihrem Urteil überlassen, zu entscheiden, ob ich in meinen +Behauptungen zu weit gegangen bin,« fuhr Forest fort. »Hat Dr. Leete +Ihnen nicht mitgeteilt, daß er schon »seit langen Jahren vorhatte in +dem großen Garten neben diesem Hause ein Laboratorium für chemische +Zwecke zu bauen?«[22] Und hat er Ihnen nicht erzählt, daß er Arbeiter +kommen ließ, und daß diese das Gewölbe ausgruben, in welchem Sie +schliefen?«[23] + +»In der That! Dr. Leete sagte, daß er ein chemisches Laboratorium +zu bauen beabsichtigte,« gab ich zu. »Gestattet ihm aber sein +Guthabensschein nicht eine solche Ausgabe?« + +Forest sah etwas erheitert aus, als er mich fragte, ob ich jemals +gesehen hätte, wie groß der Gesamtbetrag des Jahresguthabens wäre. +Ich gestand, daß ich dies nicht wüßte. Die Lebensweise des Dr. Leete +zeugte von Überfluß und erschien mir gut genug für selbst hochgestellte +Ansprüche. Ich hatte mir deshalb noch nie die Frage nach dem genauen +Betrage seiner Einnahmen vorgelegt. + +»Wenn es Ihnen genehm ist,« sagte Forest, »wollen wir über den +Volkswohlstand zu einer anderen Zeit sprechen. Heut wollen wir uns +darauf beschränken, die Neigung des Kommunismus zur Erzeugung von +Günstlingswirtschaft, Bestechlichkeit, Knechtssinn und Tyrannei zu +untersuchen. -- In Bezug auf Dr. Leete steht fest, daß er sich ein +chemisches Laboratorium bauen läßt, trotzdem dies Unternehmen in +offenbarem Widerspruch steht zu den Zwecken und dem Geist unserer +Einrichtungen. In dem Erdgeschosse dieser Universität befindet sich ein +sehr gutes derartiges Laboratorium und Dr. Leete hätte sicherlich nach +Gefallen in demselben experimentieren können, wenn er um die Erlaubnis +hierzu nachgesucht hätte. Schon sein Einfluß würde ihm diese verschafft +haben. Aber seine Eitelkeit veranlaßt ihn, ein überflüssiges Gebäude +errichten zu lassen, welches den Radikalen als ein neuer und sichtbarer +Beweis für ihre Anklagen gegen die herrschende Parteisippe dienen wird.« + +»Von welchen Radikalen sprechen Sie?« fragte ich. + +»Ich rede von den radikalen Kommunisten, welche die jetzige Regierung +bekämpfen, weil sie alle religiösen Gebräuche, die Ehe und das +wenige persönliche Eigentum abschaffen wollen, dessen Besitz jetzt +noch gestattet wird. Von unseren politischen Parteien und von deren +Grundsätzen werden wir später sprechen. Ich wollte Sie nur von der +Thatsache überzeugen, daß Dr. Leete zu seinem eigenen Gebrauche +und in offenbarem Widerspruch mit den kommunistischen Grundsätzen +ein chemisches Laboratorium errichtet, eine sehr kostspielige +Anstalt, welche mit den Guthabensscheinen von zehn Leuten nicht +hergestellt werden könnte und daß er auf diese Weise den Tadel aller +Regierungsgegner herausfordert.« + +»Kann Dr. Leete nicht eine angemessene Miete für das Laboratorium +bezahlen?« fragte ich. »Ich sollte meinen, daß der vorhandene Überschuß +der Arbeitskräfte nicht besser benutzt werden könnte, als zur Errichtung +von Gebäuden, deren Miete alsdann das Staatseinkommen erhöht.« + +»Wir haben aber keinen Überschuß von Arbeitskräften, wie Sie alsbald +erfahren werden,« sagte Forest. »Und stellen Sie sich nebenher einmal +vor, was geschehen würde, wenn jeder Bürger einen ähnlichen Aufwand +für Bauarbeiten und für die Anschaffung von Instrumenten beanspruchen +würde. Sie werden einsehen müssen, daß Dr. Leete eine Ausnahmestellung +beansprucht, was nach Anmaßung und Günstlingswirtschaft aussieht. Er +mißbraucht die Macht seiner Stellung und erregt dadurch böses Blut.« + +Ich konnte gegen diese Auseinandersetzungen Forests nichts Haltbares +vorbringen und schwieg deshalb. + +»Aber Günstlingswirtschaft und gelegentlicher Mißbrauch der +Regierungsgewalt zu Gunsten von Leuten wie Dr. Leete sind noch nicht +die schlimmsten Erscheinungen in unserem öffentlichen Leben,« sagte +Forest weiter. »Auch die Thatsache, daß einflußreiche Männer häufig +Geschenke von Seide, Pelzen und goldenen Schmucksachen für ihre Frauen +und Töchter, sowie von Wein und Cigarren für sich selbst seitens solcher +Leute erhalten, welche die Fürsprache der Einflußreichen brauchen, +könnte ertragen werden, obschon solche Vorkommnisse ein offenbarer +Beweis für eine gewisse Verderbtheit im öffentlichen Leben sind. Die +schlimmsten Folgen dieses verdammenswerten Kommunismus sind die Tyrannei +und rücksichtslose Verfolgung aller Gegner der Regierung auf der einen +Seite, und der Knechtssinn, die Schmeichelei und Verleumdungssucht auf +der anderen Seite. Jeder Mann und jede Partei, welche eine erstrebte +Stellung erreicht haben, werden sich in derselben gegen alle Angriffe +ihrer Gegner zu behaupten suchen. Sie werden die Freunde belohnen, von +welchen sie unterstützt werden und ihre Gegner zurückzudrängen suchen. +Deshalb ist es sehr gefährlich, eine große Regierung mit einer Gewalt +zu bekleiden, welche die Herrschenden in den Stand setzt, das Volk in +seiner täglichen Erwerbsthätigkeit sein Lebenlang in Abhängigkeit von +der Gunst seiner Beamten zu erhalten.« + +»Nach Ihrer Beschreibung erscheint die gegenwärtige Ordnung der Dinge +unerträglich,« sagte ich. + +»Wenn Sie unter den Mitgliedern der verschiedenen Zünfte, besonders +unter den Ackerbauern, Nachfrage halten,« entgegnete Forest, »so werden +Sie finden, daß ich die Zustände genau so schildere, wie sie sind. Jedes +Mitglied des Arbeiterheeres weiß, daß Befähigung und Fleiß allein nur +in Ausnahmefällen genügen, um jemanden zu einer erstrebten Stellung zu +verhelfen. Politischer Einfluß ist der allmächtige Hebel, der allein +uns zu höheren Stellungen hinaufbefördern kann und um diesen Einfluß zu +erlangen, muß der Arbeiter zum Kriecher, zum Schleicher, zum Angeber +seiner Kameraden und zum Bestecher seiner Vorgesetzten werden; ja er muß +auch alle stimmfähigen Verwandten und Freunde beschwören, sich ihrer +Selbständigkeit zu entäußern und alle Maßregeln, sowie alle Mitglieder +der Regierung zu unterstützen. + +»Wenn die Mitglieder des Arbeiterheeres ihre Offiziere oder Aufseher +wählen könnten,« fuhr Herr Forest in seinen Auseinandersetzungen fort, +»dann würde voraussichtlich die Disciplin in der »industriellen Armee« +nicht so strikt sein; aber selbst eine gelegentliche Auflehnung der +Leute gegen die Beamten würde dem jetzigen Stande der Dinge vorzuziehen +sein, unter welchem Alle, die sich den Groll ihrer Vorgesetzten +zugezogen haben, ein entsetzliches Dasein führen. Die Selbstmorde werden +deshalb alljährlich zahlreicher und die Zahl derjenigen, welche ihrem +Leben ein Ende machen, ist jetzt viermal so groß, wie zu Ihrer Zeit.« + +»Vor 113 Jahren wurde auf die große Zahl der Selbstmörder in den +europäischen Heeren aufmerksam gemacht,« bemerkte ich nachdenklich. +»Diese Leute töteten sich, obschon sie in Bezug auf Kleidung, Nahrung +und Wohnung keinen Mangel litten.« + +»Allerdings,« bestätigte Forest. »Die notwendigen Lebensmittel ohne +Freiheit haben nur geringen Wert. Viele Soldaten Ihrer Tage machten +ihrem Leben ein Ende, weil sie ein Dasein ohne Freiheit nicht führen +mochten. Sie warfen das Leben von sich, trotzdem ihre Dienstzeit +nur zwei, drei oder fünf Jahre dauerte und sie in Friedenszeiten +einen verhältnismäßig leichten Dienst hatten. Der Dienst in unserem +Arbeiterheere dauert die besten 24 Jahre unseres Lebens. Die Männer und +Frauen sind während dieser langen Zeit der Willkür ihrer Vorgesetzten +preisgegeben und sie können, wie ich schon hervorhob, gegen jahrelange +Mißhandlung durch den einen Angestellten der Regierung nur bei einem +andern Angestellten der Regierung Klage führen. Und diese sogenannten +»Richter« entscheiden solche Fälle endgültig meist dadurch, daß sie +die Kläger auffordern, wieder an ihre Arbeit zu gehen und sich mit +der Zufriedenheit ihrer Vorgesetzten die Aussicht auf Beförderung zu +erwerben.« + +»Sie sprachen von Politikern, Herr Forest,« fragte ich. »Nehmen viele +Männer thätigen Anteil am politischen Leben?« + +»Das will ich meinen,« rief Forest; »obschon allerdings in ihrer eigenen +Weise. Viele Männer und viele Frauen, welche das fünfundvierzigste +Lebensjahr zurückgelegt haben, thun nichts weiter, als daß sie sich +mit Politik beschäftigen. Mit ihrem Guthabensscheine können sie leben, +wo sie wollen und viele ziehen es vor, ihre Zeit in Washington zu +verbringen, wo sie eifrig und geschäftig sind, für ihre Freunde und +Schützlinge Gunstbezeugungen zu erjagen, sowie für solche Leute, welche +sich der Dienste dieser Politikanten versichert haben. Die »Lobby«, +welche zu Ihrer Zeit in den Hallen des Kongresses ihr Unwesen trieb, +wird als eine böse Gesellschaft raubsüchtiger, gewissenloser Abenteurer +beschrieben, welche sich gegen gute Bezahlung dazu gebrauchen ließen, +die Kongreßmitglieder zum Erlaß von Gesetzen zu Gunsten einzelner +Personen und Körperschaften zu verleiten. Wenn man aber jene nicht sehr +zahlreiche und im äußeren Auftreten immerhin einigermaßen anständige +Lobby mit den Washingtoner Wahlmachern unserer Tage vergleichen wollte, +so würde das etwa dasselbe sein, als wenn man eine Sonntagsschule +mit einer Reformschule vergliche, wie solche zur Besserung junger +Taugenichtse in Ihren Tagen unterhalten wurden. Millionen von +Leuten, welche bessere Arbeit, oder Beförderung wünschen und sich +von dem Einfluß, den sie daheim geltend machen können, keine Wirkung +versprechen, wenden sich an die Politikanten in Washington und sichern +sich deren Dienste.« + +»Aber was kann derjenige, welcher Vergünstigungen sucht, denjenigen +bieten, welche in Washington wohnen, um diese zur Aufbietung ihres +etwaigen Einflusses zu veranlassen,« fragte ich; »heutigen Tages sammelt +doch niemand Schätze?« + +»Das thut allerdings niemand,« antwortete Forest lächelnd. »Aber +manche Leute wollen sich von Zeit zu Zeit »vergnügte Tage« machen und +zu diesem Zwecke brauchen sie vielleicht alljährlich den fünf- oder +zehnfachen Betrag ihres Guthabensscheines. Manche unserer politischen +Lichter führen das, was man ein »großes Haus« nennt. Sie empfangen viele +Gäste, bewirten dieselben mit feinen Speisen und guten Weinen und +manche unserer hervorragenden Lobbyisten thun dasselbe. Wer von diesen +Leuten eine Begünstigung verlangt, muß einen namhaften Teil seines +Guthabensscheines abgeben und er mag sich, wenn er befördert wird, an +seine künftigen Untergebenen wegen eines reichen Ersatzes für das nach +Washington Abgegebene halten.« + +»Weshalb sind aber die Leute mit ihrem gesetzlichen Einkommen nicht +zufrieden?« fragte ich, schmerzlich überrascht davon, daß jetzt die +Wahlmacherei und die Verderbtheit noch üppiger zu wuchern schienen, als +vor 113 Jahren. »Ist nicht das Einkommen, welches ein Guthabensschein +gewährt, genügend zum Lebensunterhalte des Volks?« + +»Sie können die Menschen niemals zufriedenstellen,« sagte Forest. +»Heutzutage wird der tüchtige und fleißige Teil des Volks zu Gunsten +der Faulen und Dummen beraubt. Selbst die Begünstigten müssen sich die +Unverschämtheiten, die Erpressungen und Erniedrigung seitens ihrer +Vorgesetzten gefallen lassen.« + +»Und selbst die Männer und Frauen von den allergeringsten Fähigkeiten, +welche aus der gleichmäßigen Verteilung der Arbeitsergebnisse den +meisten Vorteil ziehen, sind nicht einmal sämtlich zufriedengestellt. +Manche derselben fordern die Abschaffung alles persönlichen Eigentums +und abgesonderter Haushaltungen. In der That ist nur ein kleiner Teil +unserer Bevölkerung wirklich zufrieden. -- Zur Bestreitung größeren +Aufwandes für feine Speisen, kostbare Mahlzeiten, teure Weine und +Havannacigarren reichen die Guthabensscheine nicht aus und Leute, welche +dergleichen regelmäßig genießen möchten, müssen sich nach Menschen +umsehen, welche unter Umständen bereit sind, dafür zu bezahlen. -- In +Washington leben aber nicht nur sogenannte »Lebemänner«, sondern auch +viele Mädchen und junge Frauen, welche Liebeleien, üppige Mahlzeiten, +feine Kleider und Juwelen, sowie den Strudel eines wilden, lüderlichen +Lebens der regelmäßigen Thätigkeit im Arbeiterheere oder in der +Haushaltung vorziehen.« + +»Die Prostitution wuchert also in Washington nach wie vor?« fragte ich +erstaunt. + +»Leider ist dem so,« entgegnete Forest. »Natürlich bekleiden jene +Mädchen Schreiber- oder Buchhalterstellen in den verschiedenen +Regierungsabteilungen; aber diese Posten sind nur Sinekuren. Von +Freunden, welche aus eigner Anschauung diese Geheimnisse des +Washingtoner Lebens kennen lernten (und man kann da eigentlich kaum +noch von Geheimnissen reden, da dieses Treiben allgemein bekannt ist), +habe ich die Ansicht aussprechen hören, daß manche der höheren Beamten +den fünfzigfachen Betrag ihrer Guthabensscheine mit leichtfertigen +Frauenzimmern verausgaben. Dieses Geld erlangen sie teilweise dadurch, +daß sie den Leuten, welche Begünstigungen suchen, einen Betrag ihres +Guthabenscheines abnehmen. Ein anderer Teil der vergeudeten Summen +kommt aus den Warenlagern der Regierung, wo nur ein kleiner Betrag +dessen, was diese hohen Beamten entnehmen, aus deren Guthabensscheinen +herausgestochen wird. Denn die in den Warenlagern Angestellten wissen, +daß sie sehr bald ihre Stellungen verlieren und in die zweiten +Abteilungen des dritten Grades einer Zunft versetzt werden würden, falls +sie sich beikommen ließen, die politischen Größen der Regierung, welche +Waren entnehmen, wie gewöhnliche Leute zu behandeln. Der Reiz, welchen +dieses üppige Leben auf viele Männer und Frauen ausübt, hat, wie ich +schon erwähnt, die Bevölkerung Washingtons außerordentlich vermehrt und +es ist demzufolge die volkreichste Stadt im Lande.« + +»Ich kann nicht begreifen, wie das Volk eine so verderbte und +willkürliche Regierung wie die von Ihnen geschilderte dulden kann,« +sagte ich; »und ich bin überzeugt, daß Ihre zur Schwarzseherei neigende +Lebensauffassung Ihr Urteil getrübt hat.« + +»Es liegt nur an Ihnen, wenn Sie in Zweifel darüber bleiben, ob meine +Angaben richtig sind, oder nicht,« antwortete Forest. »Wenn Sie um +Urlaub zu dem Zwecke nachsuchen, unsern Herrschern in Washington +einen Ihrer begeisterten Vorträge über die Vorzüge der jetzigen +Gesellschaftsordnung zu halten, so wird man Ihnen hier mit Vergnügen +gestatten, Ihre Vorlesungen eine Zeitlang auszusetzen und in Washington +wird man Sie glänzend empfangen. Denn die Begeisterung, mit welcher +Sie unsere Einrichtungen gegenüber denen des neunzehnten Jahrhunderts +preisen, gießt ja Wasser auf die Mühlenräder der Regierung. Sie werden +dann den Stand der Dinge genau so finden, wie ich ihn geschildert habe +und wenn Sie mit den Mitgliedern des Arbeiterheeres, sowie mit deren +Freunden sprechen, welche die Regierung unterstützen, dann werden +Sie erfahren, daß dies lediglich deshalb geschieht, weil sie an der +Möglichkeit einer Besserung unter dem jetzigen System verzweifeln und +nur eine Verschlimmerung für den Fall fürchten, daß die Radikalen ans +Ruder kommen.« + +»Wie könnten die öffentlichen Angelegenheiten sich noch schlimmer +gestalten, als sie Ihrer Schilderung nach schon sind?« rief ich aus. + +»Viele Leute fürchten, daß die Radikalen die Ehe beseitigen und »freie +Liebe« mit allen ihren Folgen dem Volke aufdrängen würden,« erklärte +Forest. »In der That fordern die radikalen Zeitungen -- die einzigen +Blätter, welche eine rücksichtslose Sprache gegen die Regierung führen, +und diese scharf angreifen -- Verbot aller religiösen Gebräuche, +Abschaffung der Ehe, Aufhebung der Familie, der besonderen Haushaltungen +und Abschaffung des geringen persönlichen Eigentums, welches zu +besitzen, den Leuten heute noch gestattet ist.« + +»Aber wie lassen sich solche Äußerungen und Forderungen der radikalen +Zeitungen in Einklang bringen mit dem, was Sie über die Behandlung von +Gegnern der Regierung erzählten?« fragte ich. »Wenn es gebräuchlich ist, +die Gegner der Regierung in Irrenhäuser zu sperren, so begreife ich +nicht, wie den radikalen Zeitungen gestattet werden kann, so scheußliche +Grundsätze zu predigen.« + +Forest lachte, als er entgegnete: »Die radikalen Redakteure werden +begünstigt und nehmen eine Ausnahmestellung ein; denn sie leisten +der Regierung wertvolle Dienste, indem sie die Masse des Volkes in +Unterwürfigkeit gegenüber der Regierung hineinängstigen. Jedesmal, +wenn eine Wahl der Zunftgenerale bevorsteht, dürfen die Redakteure der +Radikalen Zeitungen ihre volle Leistungsfähigkeit im Schimpfen und in +der Stellung wahnsinniger Forderungen entwickeln. Einige Tage vor der +Wahl drucken dann die Regierungszeitungen Auszüge aus jenen unflätigen +Angriffen auf Religion, Ehe und Familienleben nach und fragen das Volk, +ob es solche Änderungen wünsche. Dann wird das Volk aufgefordert, die +Regierung zu unterstützen, welche zwar nicht alle Leute zufriedenstellen +könne, immerhin aber die beste sei, welche auf Erden jemals bestanden +habe -- und so weiter mit Grazie bis ins Unendliche.« + +»Die radikalen Redakteure werden also einfach als Popanze +geduldet, welche das Volk einschüchtern müssen, während es +den gemäßigten Schriftstellern nicht gestattet wird, gegen die +jetzige Gesellschaftsordnung oder gegen die Regierung einen Tadel +auszusprechen?« + +»So ist es,« bestätigte Forest. »Ich fürchte indes, daß die Regierung +ein sehr gewagtes Spiel spielt. Die Radikalen gewinnen unzweifelhaft +Boden und es giebt unter ihnen sehr viele verzweifelte Burschen, +welche zu jeder Zeit bereit sind, die schwarze Fahne der Zerstörung zu +entfalten. Wäre das Volk frei und unabhängig, so wäre die Gefahr nicht +so groß. Dann würden alle freien Männer sich zur Verteidigung der von +ihnen geschätzten staatlichen Einrichtungen sammeln. Wie aber die Dinge +jetzt stehen, sind die Massen gewöhnt, sich unter die Herrschaft einer +Minderheit zu beugen. Der Aufstand eines Haufens zu Allem entschlossener +Männer würde deshalb vergleichsweise geringen Widerstand von seiten +der Bürger finden, die bereit wären für die Aufrechterhaltung der +jetzigen Ordnung der Dinge zu kämpfen. Und es wird ein verhängnisvoller +Tag für die Menschheit werden, an welchem die Radikalen die Herrschaft +gewinnen.« + +»Haben Sie mir nicht mitgeteilt, daß vor zwölf Jahren die damalige +Regierung die Wahl verlor und dadurch gestürzt ward?« warf ich +ein. »Und beweist das nicht, daß selbst eine Regierung mit einer +Machtvollkommenheit wie die Ihrige schließlich doch geschlagen werden +kann? Und sagten Sie nicht ferner, daß die jetzigen Oberbeamten +tüchtigere, bessere Leute seien, als diejenigen, welche die letzte +Regierung bildeten?« + +»Eine Besserung in der Leitung der öffentlichen Angelegenheiten ist +nicht in Abrede zu stellen; aber diese Besserung ist nicht sehr +wesentlich. Es hat in Wirklichkeit nur ein Wechsel der Beamten, nicht +aber eine Änderung des Systems stattgefunden. Günstlingswirtschaft, +Bestechlichkeit und Sittenverderbnis haben etwas abgenommen; aber sie +sind nicht ausgerottet worden. Sie wuchern im Gegenteile noch immer +viel zu üppig. -- Gerade diejenigen Leute, welche sich vor zwölf Jahren +im Kampfe besonders hervorthaten, mit Begeisterung die Erwählung der +jetzigen Parteiführer betrieben, weil sie von denselben die Reinigung +unseres öffentlichen Lebens und die Abstellung aller Übelstände +erhofften; gerade diese Leute haben jetzt alle Hoffnung aufgegeben, daß +unter dem Kommunismus eine gerechte und ehrliche Regierung überhaupt +bestehen könnte. Jener Wahlsieg hat also, eben weil er im wesentlichen +nur auf einen Personenwechsel hinauslief, das Vertrauen des Volkes auf +eine Besserung der Zustände unter dem jetzigen System vernichtet. Mithin +hat der Sieg mehr geschadet, als genützt. Der stärkste und verläßlichste +Bestandteil unserer Bevölkerung in einem Kampfe für vernünftige +Regierungsgrundsätze würden unsere Bauern sein; aber trotz ihrer großen +Zahlen bilden sie nur eine Zunft. Sie haben nur einen General und einen +Abteilungsvorsteher stets in der Minderheit. Und weil sie Gegner der +jetzigen Regierung sind, werden sie nicht so gut behandelt, wie die +Mitglieder der anderen Zünfte.« + +»Erhalten die Bauern nicht dieselben Guthabensscheine wie alle anderen +Bürger?« + +»Allerdings; aber sie beklagen sich, daß sie die schlechtesten Waren +erhalten und nicht den vollen Anteil an öffentlichen Einrichtungen +oder Verbesserungen. Sie behaupten, daß sie beständig zurückgesetzt +werden. -- Die Bauern würden die verläßlichsten Kämpfer gegen die +Radikalen sein; aber die Behandlung, welche ihnen von seiten der +Regierung zu teil geworden ist, hat sie so mißvergnügt gemacht, daß +bei einem Kampfe für die Aufrechterhaltung der jetzigen Regierung, +oder auch nur des jetzigen Systems, durchaus nicht auf sie zu rechnen +ist. Besonders klagen die Bauern darüber, daß die Städter bei Anlage +von Theatern, Musikhallen und anderen Vergnügung- und Erholungsplätzen +entschieden bevorzugt würden. Es ist natürlich unmöglich, an jedem +Kreuzwege im Lande ein Theater oder eine Konzerthalle zu bauen: aber +wenn die Bevölkerungszahl in Stadt und Land in Betracht gezogen +wird, so muß zugegeben werden, daß die Bauern im Verhältnis zu ihrer +Zahl recht kümmerlich bedacht werden. Die Regierung rechnet auf die +Unterstützung der Stadtleute und solcher Zünfte, welche hauptsächlich +aus Städtern gebildet werden; deshalb werden die Städter auf Kosten der +Bauern bevorzugt. Eine andere Klage der Bauern geht dahin, daß sie bei +der Austeilung der Waren übervorteilt worden. Infolge des wechselnden +Geschmacks, des jahreszeitwidrigen Wetters und verschiedener anderer +Ursachen bleiben in den Warenhäusern oft Reste liegen, welche »mit +Verlust verkauft« werden müssen.[24] Diese Waren kann die Regierung +verkaufen, wann sie will, d. h. wann sie meint, die besten Preise +dafür erhalten zu können. Die Regierung kann aber auch allein darüber +bestimmen, welche Waren zu herabgesetzten Preisen verkauft werden +sollen. Nun behaupten die Bauern, daß verlegene, unmoderne und schlechte +Waren den Landbewohnern als neu aufgeschwindelt werden; während +Begünstigte Waren zu herabgesetzten Preisen erhalten, die ganz neu und +fehlerlos sind. -- Ich will durchaus nicht behaupten, daß alle Klagen +unserer Bauern begründet sind. Teilweise mag dies nicht der Fall sein. +Aber die Klagen an sich sind ein Beweis der Unzufriedenheit und sie +sind nur möglich, weil unsere Regierung mit einer Machtvollkommenheit +bekleidet ist, welche in der Geschichte der Menschheit unerreicht +dasteht. Es ist das System, welches alle diese Übelstände erzeugt.« + +»Bestehen außer der radikalen und der Regierungspartei noch andere +Organisationen, welche nach der Leitung der Staatsangelegenheiten +streben?« + +»Wir haben eine Temperenzpartei, welche sehr thätig und gut organisiert +ist; aber dieselbe sucht nur innerhalb der Regierungspartei und durch +diese zur Macht zu gelangen. Die Regierung zeigt keine Feindseligkeit +gegen die Mitglieder dieser Fraktion, sondern läßt sie gewähren. Bisher +haben sie keine nennenswerten Erfolge errungen.« + +»Ich sehe wohl, daß Sie der jetzigen Gesellschaftsordnung nicht +viel Anerkennung zu teil werden lassen für irgend etwas, was +unter ihr geschehen ist. Aber glauben Sie denn nicht, daß die +Beseitigung der Armut, die Erhebung aller Menschen auf den Standpunkt +annähernder Gleichheit große und unschätzbare Errungenschaften des +Menschengeschlechtes darstellen? Ich entsinne mich nur zu wohl der +unsagbaren Leiden, welche die Armen meiner Zeit zu erdulden hatten. +Ich bin nicht genügend mit der jetzigen Ordnung der Dinge vertraut, um +alle Ihre Mitteilungen und Ansichten gutheißen oder ihnen widersprechen +zu können. Aber ich betrachte die gänzliche Beseitigung der Armut als +eine so großartige Errungenschaft, daß ich trotz Ihrer Verdammung des +jetzigen Systems die Hoffnung nicht aufgebe, es werde der jetzigen +Gesellschaft gelingen, die Unzulänglichkeiten zu überwältigen, welche +von allen menschlichen Anstrengungen und Einrichtungen unzertrennlich +sind.« + +»Mein verehrter Herr West, es freut mich außerordentlich wahrzunehmen, +daß Sie in Ihren letzten Äußerungen zur Verteidigung des Kommunismus +dieselben Gründe vorführen, welche zu Ihrer Zeit die Verteidiger Ihrer +Gesellschaftsform gegen die Kommunisten geltend machten. Es beweist +das einfach zweierlei: Erstens, daß uns unter Gottes Sonne auf der +Erde nichts vollkommen ist und zweitens, daß auch jede Regierung das +zugestehn muß. Die Abschaffung der wirklichen Armut hätte, wie ich +später über jeden Zweifel hinaus beweisen werde, auch ohne den Rückfall +in den Kommunismus durchgeführt werden können. Dadurch wären uns die +schauderhaften Folgen dieser elenden Gesellschaftsform erspart worden. +Die Thatsache, daß die Regierungsbeamten die im Arbeiterheere stehenden +Freunde ihrer Gegner wie Sklaven behandeln können und daß selbst +solche Freunde von Gegnern der Regierung, die sich durch Tüchtigkeit +bereits emporgearbeitet hatten, bei der jährlichen Neueinteilung in +die zweite Abteilung des dritten Grades zurückversetzt werden können, +die Günstlingswirtschaft, welche die Regierung eingeführt hat, haben +eine unerhörte Schmeichelei, Knechtschaffenheit, Verläumdungssucht und +Verderbtheit großgezogen. Nie hat es in der Geschichte der Amerikaner +eine Zeit gegeben, in welcher im öffentlichen wie im geschäftlichen +Leben so wenig Unabhängigkeitssinn und Mannhaftigkeit zu Tage traten. +Als vor zweihundertunddreißig Jahren England den Versuch machte, eine +Theesteuer einzuführen, da erhoben sich die Amerikaner in Waffen, +weil sie nicht gesonnen waren, der Regierung die Auferlegung einer +Steuer zu gestatten, so lange die Amerikaner keine Vertretung in dem +Parlamente hatten, welches diese Steuer ausschrieb. Heute verfügt die +Regierung über die Arbeit aller Männer und Frauen während vierundzwanzig +langer Jahre, ohne daß der Blüte des amerikanischen Volks auch nur +eine Gelegenheit gegeben würde, darüber abzustimmen, wie die Regierung +die Arbeit derjenigen leiten soll, welche alles das erzeugen, wovon +das ganze Volk lebt! Diese elende Sklaverei, welche nie zuvor unter +#civilisierten# Völkern bestanden hat, kann nicht lange mehr dauern. +Sie wird in einem Meere von Blut untergehen. Denn wahr ist das Wort +Schillers: + + Vor dem Sklaven, wenn er die Ketten zerbricht; + Vor dem freien Manne erzittere nicht. + + + + +Fünftes Kapitel. + + +Aus einem Himmel des Friedens und der Freude, aus einem nur von guten +Menschen bewohnten Idealstaate, hatte Forest mich hinabgestürzt in das +tiefe, dunkle Meer des Zweifels und des Trübsinns. + +Dr. Leete und dessen Familie entging natürlich mein gedrücktes, +verstörtes Wesen nicht und während der Doctor offenbar darauf wartete, +daß ich aufs neue mit ihm soziale Fragen besprechen würde, suchte Edith +mich zu trösten. Sie schien zu glauben, daß das Fremdartige meiner +Umgebungen und meiner neuen Stellung einen geistigen Druck auf mich +ausübe. + +Ich vermied indessen eine Erklärung. Ich hatte beschlossen, meine +Unterredungen mit Herrn Forest fortzusetzen, mir aber durch Prüfung +der Zustände eine eigne, klare Meinung zu bilden. Denn nur durch eigne +Anschauung konnte ich zu einem selbständigen Urteil darüber gelangen, +wie weit Dr. Leetes und wie weit Forests Darstellung die richtige sei. + +Deshalb schlenderte ich, wenn ich nach der Universität ging, oder von +dort zurückkehrte, die Straßen entlang und sprach mit allen Leuten, +die ich kennen lernte. Es erschien mir höchst befremdend, daß alle +sehr zurückhaltend wurden, ja ängstlich und mißtrauisch erschienen, +sobald ich an sie Fragen stellte über die Verwaltung der öffentlichen +Angelegenheiten, über die Grundsätze, auf welchen unser Staatswesen +ruht, über das Benehmen der Offiziere, über die Verwaltung der +Warenlager, sowie darüber, ob das Volk sich glücklich fühle oder nicht. + +Selten wurde mir eine entschiedene Antwort zu teil, aus welcher ich auf +freudige Zufriedenheit oder auf grollende Unzufriedenheit schließen +konnte. Nur einige Radikale sprachen sich in den allerstärksten +Ausdrücken gegen die jetzige Ordnung der Dinge aus, sowie gegen +die höchsten Beamten des Landes, und einige Frauen wurden so weit +mitteilsam, daß sie erklärten, sie fänden an der Arbeit in den Fabriken +gar keinen Gefallen. + +Aber obschon die Leute im allgemeinen sehr zurückhaltend in dem +Kundgeben ihrer Stimmungen und Meinungen waren, so wurde es mir doch +klar, daß Zufriedenheit in dem Garten des Kommunismus eine ebenso +seltene Pflanze ist, wie sie es vor 113 Jahren in den Ver. Staaten +war. Das rohe Schelten der Radikalen gegen die höchsten Beamten des +Landes konnte mich natürlich nicht überzeugen, daß die erhobenen +Beschuldigungen begründet wären. Bemerkenswert erschien es mir aber, +daß die Frauen und Männer des Arbeiterheeres, mit welchen ich über +jene Anklagen sprach, sich auf keine Verteidigung der Angegriffenen +einließen. Sie wollten es offenbar vermeiden, irgendwo anzustoßen, so +lange sie nicht von ihren Vorgesetzten aufgefordert wurden, für die +Regierung einzutreten. + +So drängte sich mir die Überzeugung auf, daß auch die Gütergemeinschaft +nicht die allgemeine Glückseligkeit und Zufriedenheit geschaffen hatte, +welche ich nach den Schilderungen des Dr. Leete zu finden hoffte. Aber +ich war zu der Annahme geneigt, daß die Leute im allgemeinen recht +angenehm lebten, ohne große Sorgen, nicht gerade besonders zufrieden +mit ihrem Lose, aber auch nicht entschlossen, den Stand der Dinge zu +ändern. Es schien mir ferner, als ob die Masse des Volkes geistig träge +und schwerfällig wäre, als ob nur wenige an irgendwelchen Dingen regen +Anteil nähmen. + +Eines Tages, als ich nach einem Spaziergange durch die Straßen Bostons +nach Dr. Leetes Haus zurückgekehrt war und den Hausflur betreten hatte, +hörte ich aus einem anstoßenden Zimmer, dessen Thür offen stand, eine in +sehr lautem Tone geführte Unterhaltung. Schon die ersten Worte fesselten +unwillkürlich meine Aufmerksamkeit. Sie wurden von einer tiefen, vor +Erregung zitternden Stimme gesprochen und lauteten: + +»Fräulein Edith hat mich zur Fortsetzung meiner Besuche ermutigt.« + +»Wir alle sind immer erfreut, Sie bei uns zu sehen, Herr Fest,« +antwortete Dr. Leete. »Wir alle haben Sie eingeladen, Ihre Besuche zu +wiederholen.« + +»Allerdings haben Sie das gethan; aber Sie verstehen wohl, was ich +meine,« fuhr die Stimme fort. »Ich bin so oft in Ihr Haus gekommen und +habe heut Fräulein Edith gefragt, ob sie mein Weib werden will, weil +Ihre Tochter meine Hoffnung, ihre Liebe zu gewinnen, ermutigt hat. +Jetzt aber wird mir in kühler Weise eröffnet, daß ich mich irrigen +Hoffnungen hingegeben habe und ich sehe meinen Verdacht bestätigt, daß +der Bostoner des neunzehnten Jahrhunderts, den Sie aus einem Keller in +Ihrem Garten ausgraben ließen, der Mann ist, den Fräulein Edith allen +andern vorzieht -- selbst demjenigen, den sie bis vor einigen Tagen +ermutigte.« + +»Herr Fest, ich wünsche, daß Sie die Bildung und Gesittung des +zwanzigsten Jahrhunderts mit mehr Anstand vertreten, wenn Sie von meiner +Tochter und von meinem Gaste sprechen,« sagte Dr. Leete etwas erregt. + +»Natürlich muß ich vor allen Dingen den Anstand bewahren, nachdem ich +durch herzlose Koketterie ein Jahr lang genarrt worden bin und nun die +Entdeckung mache, daß das Mädchen, welches ich liebe, mir ein 143 Jahr +altes Menschenkind vorzieht,« sagte Fest bitter und höhnisch. + +»Wie können Sie nur so beleidigende, unwahre Reden führen!« rief +Edith in zorniger Aufregung. »Niemals während unserer zehnjährigen +Freundschaft ist mir der Gedanke gekommen, daß Sie andere Gefühle für +mich hegen, als die eines Bruders.« + +»Es ist an der Zeit, dieser Unterredung ein Ende zu machen,« erklärte +jetzt Dr. Leete. »Nach den stattgehabten Erklärungen wird Herrn Fest +ohne Zweifel sein Gefühl sagen, daß die bisherigen Beziehungen nicht +fortgesetzt werden können.« + +»Natürlich können unsere Beziehungen nicht fortgesetzt werden,« +schrie Fest im höchsten Zorne. »Ich verlasse Sie jetzt und erkläre +Ihnen hiermit, daß ich Ihr Haus nicht wieder in freundlicher Absicht +betreten werde. Sollte ich je zurückkehren, so werde ich als Feind +kommen, um Rache zu suchen für die Zerstörung meines Lebensglückes und +Herzensfriedens. Hüten Sie sich vor jenem Tage!« + +Die Sprache, welche dieser Mensch gegen Edith und deren Vater führte, +empörte mich und, in das Zimmer tretend, sagte ich: »Bitte, sparen Sie +Ihre hochtönenden Redensarten auf, bis Sie vielleicht einmal auf einem +Liebhabertheater einen Bösewicht spielen und verlassen Sie sofort das +Zimmer.« + +Der Mann vor mir war sechs Fuß und drei Zoll hoch, hatte breite +Schultern und gewaltige Fäuste. Er blickte spöttisch auf mich nieder +und sagte: »Siehe da! Der ausgegrabene Greis. Diesmal will ich Sie noch +schonen, altes Männchen; aber wenn Sie mir noch einmal mit unverschämten +Redensarten in den Weg treten, dann stecke ich Sie in einen Sack und +werfe Sie in die Massachusetts-Bay.« + +Ehe ich auf diese Drohung antworten konnte, hatte Fest die Stube und das +Haus verlassen. + +»Wer ist der Mann?« fragte ich, mich an Dr. Leete wendend, ohne daß ich +versucht hätte, mein Mißvergnügen zu verbergen. + +»Er ist ein Maschinenbauer, ein sehr tüchtiger Mann in seinem Gewerbe +und Hauptmann im Arbeiterheere,« erklärte der Doktor. »Seine Eltern +lebten im nächsten Hause und als er ein Knabe war, pflegte er mit Edith +zu spielen.« + +»Wenn ich die Bildung, sowie die Umgangsformen der Offiziere des +Arbeiterheeres nach den Erfahrungen dieser Stunde beurteilen wollte, +dann müßte ich sagen, daß die Gesittung eher Rückschritte als +Fortschritte gemacht hat,« bemerkte ich. + +»Es ist ein außerordentlicher Fall von Atavismus,« erklärte Dr. Leete. +»Solche Hitzköpfigkeit ist in unserem Zeitalter sehr selten und nur +durch Vererbung erklärlich.« + +Ich mochte diese Unterhaltung, die ein sehr unerfreuliches Ende nehmen +konnte, jetzt nicht fortsetzen. Ich konnte die Betrachtung nicht +unterdrücken, daß die Sitten und Umgangsformen vor 113 Jahren zwischen +beiden Geschlechtern eine Linie zogen, die zwar unsichtbar, aber von +jedermann anerkannt war, der eine Ahnung von Schicklichkeitsgefühl hatte +und daß zu meiner Zeit kaum ein Mann den Eindruck haben konnte, daß ein +Mädchen ihn ermutigt hatte, wenn dies nicht der Fall war. Ich hegte +nicht den geringsten Zweifel, daß Edith sich in dieser Angelegenheit so +gut benommen hatte, wie das beste Mädchen ihrer Tage. Dieser peinliche +Auftritt war auch eine Folge der Gleichmacherei, welche allüberall +bemerklich ist und welche wahrscheinlich bis zu einem gewissen Grade die +feine Scheidelinie verwischt hatte, welche vor 113 Jahren die sittlich +erzogenen Mitglieder beider Geschlechter trennte. Ich erinnerte mich der +Frage, welche ich einst an Dr. Leete stellte: + +»Und so erklären also die Mädchen des zwanzigsten Jahrhunderts ihre +Liebe?« + +Worauf Dr. Leete antwortete: + +»Wenn es ihnen gefällt. Sie haben nicht mehr Grund als die sie liebenden +Männer ihre Gefühle zu verbergen.«[25] + +Ja freilich! Wenn die Mädchen ihre Liebe ebenso erklären, wie die Männer +das thun, dann muß freilich die feine Scheidelinie zwischen den beiden +Geschlechtern verwischt werden. + +Ein Gefühl der Unruhe, ja des Widerwillens überkam mich. + +»Vielleicht wäre es doch zweckmäßig, Herrn Fest wenigstens auf einige +Monate unter ärztliche Behandlung zu stellen,« sagte Dr. Leete +nachdenklich. »Er befindet sich ohne Zweifel in einer hochgradigen +Aufregung und es ist nicht unmöglich, daß er eine unüberlegte Handlung +begeht, welche er später bereuen würde.« + +»Vor hundert und dreizehn Jahren würden wir solch einen Menschen einfach +unter Friedensbürgschaft gestellt haben,« sagte ich, da mir der Gedanke +Entsetzen einflößte, daß ein Mann lediglich deshalb in ein Tollhaus +gesperrt werden sollte, weil er im Zorne einige Drohungen ausgestoßen +hatte. + +»Was thaten Sie aber mit einem Manne, der trotz seiner Bürgschaft den +Frieden brach?« fragte der Doktor. + +»Wir bestraften ihn nach den Gesetzen, welche auf den Fall Bezug hatten; +entweder mit einer Geldstrafe, mit Gefängnishaft, oder, im Falle eines +Mordes, mit Tötung.« + +»Wir bringen einen Mann, in welchem der Atavismus zum Durchbruch kommt, +in ein Hospital, wo tüchtige Ärzte ihn so lange in Behandlung nehmen, +bis sie ihn für genügend hergestellt erachten und seine Entlassung +verfügen,« sagte Dr. Leete mit dem Ausdruck großer Selbstzufriedenheit +und Güte, während er eine frische Havannacigarre anzündete. + +»Ich glaube nicht, daß du viel wagst, Papa,« sagte Edith, »wenn du dem +Manne erlaubst, seiner Berufsthätigkeit nachzugehen. Er braust schnell +auf; aber er wird sich auch bald wieder beruhigen.« + +»Dessen bin ich nicht so sicher,« antwortete Dr. Leete nachdenklich. +»So weit ich ihn kenne, sind seine Gefühle, wenn einmal erregt, tief +und nachhaltig. Vielleicht beruhigt er sich; vielleicht auch nicht. +Jedenfalls ist es gefährlich, den Stimmungen eines solchen Menschen +ausgesetzt zu sein.« + +Widerstreitende Gefühle und Gedanken füllten mir Herz und Hirn. Ich war +überzeugt, daß eine Fortsetzung der Unterredung zu einem ernstlichen +Streit mit Dr. Leete führen könnte und ich war nicht in der Stimmung, +eine längere Erörterung mit ihm zu führen. So schützte ich denn starkes +Kopfweh vor und trat einen Spaziergang an. + +Die Erfahrungen der letzten Stunde schmeckten durchaus nicht nach +dem tausendjährigen Reiche menschlicher Glückseligkeit, von welchem +Dr. Leete wiederholt gesprochen hatte. Ein Mann, welcher eine +Offiziersstelle in dem Arbeiterheere bekleidet, beschuldigt Edith in der +rohesten Weise der Koketterie. Sein Betragen entsprach sicher nicht dem +hohen Lobe, welches Dr. Leete der Bildung und Erziehung junger Leute im +zwanzigsten Jahrhundert zollte. Jedenfalls bewies dieser Streit zwischen +Fest und der Familie des Dr. Leete, daß die Zufriedenstellung der +Menschheit durch die Einführung des Kommunismus, d. h. durch genügende +Beherbergung, Kleidung und Abfütterung aller Leute, auch nicht erreicht +wird. Haß und Eifersucht bedrohten meine Liebe und Fest schien mir ganz +der Mann zu sein, um mir sein Mißbehagen klar zu machen. Das Mittel, +durch welches Dr. Leete eine Gewaltthat des enttäuschten Liebhabers +verhindern wollte, erschien mir noch viel widerwärtiger, als die +Aussicht auf einen Kampf mit Fest. Und wieder stieg die Frage in mir +auf, ob wohl Edith Bartlett, meine Verlobte im Jahre 1887, einem Manne +auch nur die Möglichkeit der Klage offen gelassen hätte, daß sie mit ihm +kokettiert oder ihn zu einer Liebeserklärung ermutigt hätte. + +Als ich Herrn Forest nach meiner nächsten Vorlesung traf, warf ich die +Frage hin: »Wenn ich recht unterrichtet bin, so haben sich viele Mädchen +des zwanzigsten Jahrhunderts zu dem entwickelt, was wir emancipierte +Damen zu nennen pflegten?« + +Forest warf einen schnellen, prüfenden Blick auf mein blasses +Gesicht, welches von einer schlaflos verbrachten Nacht zeugte und +entgegnete dann: »Der blödsinnige Versuch, die in der Natur begründete +Verschiedenheit durch Gleichmachereibestrebungen zu verwischen, hat +auch die Beziehungen zwischen Frauen und Männern nicht verschont. Beide +Geschlechter gehören dem Arbeiterheere an, beide haben ihre Offiziere +und Richter, beide erhalten die gleiche Bezahlung. Die Königin Ihres +altväterlichen Haushaltes ist entthront worden. Wir nehmen unsere +Mahlzeiten in großartigen Dampfabfütterungsanstalten ein und wenn unsere +Radikalen (die wahrhaft folgerichtig denkenden Kommunisten) einmal +siegen sollten, dann werden wir alle in großen Kasernen leben, welche +Tausende von Menschen beherbergen können. Die Ehe und das Familienleben +werden abgeschafft sein, ebenso wie Religion und persönliches Eigentum; +freie Liebe wird das Losungswort sein und wir werden ein Dasein führen +wie eine Kaninchenherde. -- Das natürliche Schicklichkeitsgefühl, +welches eine hervorragende Eigenschaft des zarteren Geschlechts ist, +hat es glücklicherweise verhindert, daß die Mehrzahl unserer Frauen +und Mädchen den gemeinen und erniedrigenden Lehren des Kommunismus zum +Opfer gefallen ist. Aber das echte Mädchen unserer Zeit ist ein sehr +merkwürdiges, wenn auch nichts weniger als angenehmes Geschöpf. Haben +Sie schon Fräulein Cora Delong, eine Base des Fräulein Leete, kennen +gelernt?« + +»Bisher ist mir das Vergnügen versagt gewesen.« + +»Sie werden ihr nicht entgehen,« weissagte Forest mit einem heiteren +Lachen. »Fräulein Cora ist eine begeisterte Vorkämpferin für die +unbedingte Gleichheit von Weib und Mann. Und da manche junge Männer +den jungen Mädchen ihrer Bekanntschaft den Hof machen, so hält es +Fräulein Cora für recht und billig, daß sie den jungen Männern die Cour +schneidet. Sie nimmt keinen Anstand, ihnen zu sagen, daß sie deren +Schönheit bewundert, daß sie sie liebt, ja anbetet; sie sucht ihnen +Küsse zu rauben und ladet sie zu einem Schnaps ein; so etwa, wie junge +Männer die Damen ihrer Bekanntschaft zu einer Schale Eiskreme einladen. +Sie raucht Cigarren und spielt mit ihren jungen Freunden Billard, kurz, +sie thut alles, den Unterschied des Geschlechts zu verwischen. Und +bitter beklagen sich Cora Delong und Mädchen ihresgleichen, daß sie +nicht alle Unterschiede zwischen Männern und Frauen beseitigen können.« + +»Ich brenne durchaus nicht vor Verlangen, die Bekanntschaft des Fräulein +Delong zu machen,« gestand ich. »Und auf Grund meiner persönlichen +Erfahrung muß ich sagen, daß mir die frühere Art des Haushaltens +viel angenehmer erscheint. Führen aber die Frauen des zwanzigsten +Jahrhunderts nicht ein viel bequemeres Leben als selbst die reichen +Frauen meiner Zeit? Und wirtschaften Sie nicht mehr Arbeit aus Ihren +Frauen heraus als wir? Dr. Leete sagte mir das.«[26] + +»Dr. Leete ist ein großer Optimist; wenn immer es gilt dem Kommunismus +das Wort zu reden,« antwortete Forest »Es ist einfach unmöglich, mit +einiger Sicherheit festzustellen, welchen Wert die Arbeit aller Mädchen +und Frauen im Jahre 1887 hatte. Aber ich bezweifle die Richtigkeit +der Angaben Ihres Gastfreundes, »daß wir mehr Arbeit aus den Frauen +herauswirtschaften« (wie Dr. Leete sich ausdrückt) als Sie aus den +Frauen Ihrer Zeit.« + +»Das besondere Kochen, Waschen und Plätten am Ende des neunzehnten +Jahrhunderts muß doch entschieden bedeutend mehr Arbeit verursacht haben +als die Art und Weise, in welcher diese Verrichtungen heute besorgt +werden,« bemerkte ich. »Dazu kommt, daß, wie Dr. Leete versichert, es +heute keine Hausarbeit mehr giebt.«[27] + +»Das ist wieder einmal eine jener Behauptungen, in welchen Dr. Leete so +stark ist,« antwortete Forest. »Wer fegt die Zimmer, macht die Betten, +reinigt die Fenster, staubt die Möbel ab und scheuert den Fußboden? +Ohne Zweifel bildet die Familie des Dr. Leete eine Ausnahme; denn die +Frauen des Arbeiterheeres verrichten jedenfalls die meisten, wenn nicht +alle Arbeiten im Hause des einflußreichsten Vertreters der Regierung in +Boston. Haben Sie jemals Frau Leete oder Fräulein Edith Hausarbeit oder +überhaupt welche Arbeit verrichten sehen?« + +Ich mußte diese Frage verneinen; denn in der That hatte ich nur gesehen, +daß Edith einen Blumenstrauß gewunden hatte. Sonstige Arbeit irgend +welcher Art hatte ich sie oder ihre Mutter nie verrichten sehen. Wenn +sie ein Mitglied des Arbeiterheeres war, mußte sie eine Stellung +einnehmen, in welcher ihre Arbeit wenig Zeit in Anspruch nahm. Sie hatte +mir gegenüber niemals davon gesprochen, daß ihr irgend welche Pflichten +oblägen und ich erinnerte mich recht wohl, daß Dr. Leete gleich in den +ersten Tagen meines Verweilens in seinem Hause sagte, daß Edith eine +»unermüdliche Bazarbesucherin« sei,[28] dadurch andeutend, daß sie viele +müßige Stunden habe. + +»In den Häusern, welche die Mitglieder des Arbeiterheeres bewohnen, +haben die Frauen keine Hilfe von andern Mitgliedern des Hilfscorps, +d. h. von den Frauen der »industriellen Armee«. Sie müssen alle die +Arbeit, welche ich erwähnte, selbst verrichten, und für sie ist das +Kochen in den großen Speisehäusern keine so große Zeitersparnis, wie +Sie zu glauben scheinen. Diese Frauen müssen dreimal des Tages ihre +Kleider wechseln; denn sie können nicht in dem Anzuge bei Tische +erscheinen, in welchem sie Haus- oder Fabrikarbeit verrichten. Und +wenn sie kleine Kinder haben, müssen sie dieselben ebenfalls dreimal +sorgfältiger ankleiden, als dies notwendig wäre, wenn die Kinder +daheim essen würden.« + +»Bei dem Kochen in den großen Speisehäusern,« fuhr Forest fort, »wird +erfahrungsgemäß mit den Stoffen nicht gespart, und ich glaube deshalb, +daß die Massenkocherei durchaus nicht billig ist. Ferner müssen +diese großen Kosthäuser einen langen Speisezettel zusammenstellen, +und je mannigfacher die Kost, desto größer ist auch die Menge der +Überbleibsel, welche nicht mehr verwendet werden können. -- Aus +den angeführten Gründen haben die verheirateten Frauen, welche +Mitglieder des Arbeiterheeres sind, in der That wenig Zeit, außer +der Haushaltungsarbeit viel zu schaffen, und die Mehrheit derselben +würde lieber zu Hause kochen. Sie könnten dann, während sie mit +ihrem Haushalte beschäftigt sind, die Mahlzeiten bereiten, ohne +damit mehr Zeit zu verlieren, als jetzt mit dem Umziehen für die +gemeinschaftlichen Abfütterungen. Besonders die Familien mit vielen +Kindern würden lieber zu Hause kochen. Auch bei Krankheit in der Familie +ist es eben so schwierig, wie umständlich, in den großen Koch- und +Abfütterungsanstalten geeignete Kost für die Kranken zu erlangen. Eine +Frau Hosmer sagte mir vor einigen Tagen, daß sie und ihre sieben Kinder +schon um manche Mahlzeit gekommen sind, weil es ihr nicht immer möglich +war, sich selbst und ihre sieben Kleinen rechtzeitig frisch umzukleiden +und zu waschen.« + +»Wie beschäftigen Sie die verheirateten Frauen?« fragte ich. + +»Dies ist ein wunder Punkt in unserer vielgepriesenen gesellschaftlichen +Ordnung,« antwortete Forest. »Die meisten verheirateten Frauen +finden an der Thätigkeit im Arbeiterheere durchaus kein Gefallen +und suchen sie auf jede Weise zu vermeiden. Die Arbeit, welche die +Kinder veranlassen, und persönliches Unwohlsein werden am häufigsten +als Entschuldigungsgrund geltend gemacht für die Abwesenheit der +verheirateten Frauen von ihren Stellungen im Arbeiterheere.« + +»Ich glaube, daß es selbst für einen Arzt sehr schwierig ist, +festzustellen, ob die vorgebrachten Entschuldigungen begründet sind, +oder nicht,« bemerkte ich. + +»Ganz gewiß. In den meisten Fällen ist es für den Arzt unmöglich, +die Frauen zu beschuldigen, daß sie Unwohlsein heucheln und +diese Beschuldigung zu erweisen,« fuhr Herr Forest fort. »Diese +Schwierigkeiten, welche die verheirateten Frauen veranlassen, und die +Thatsache, daß die Sorge für ihre kleinen Kinder Frauen oft jahrelang +verhindert, im Arbeiterheer Dienst zu thun, -- diese Umstände werden +von den radikalen Kommunisten zur Unterstützung ihrer Forderung +geltend gemacht, daß die Familienhaushaltung ganz abgeschafft werden +müsse. Die Radikalen behaupten, daß ihr System ein viel gedeihlicheres +sein würde, als das unsrige. Es würde viel billiger sein, Hunderte +oder Tausende in einem Gebäude unterzubringen und zu beköstigen, als +Häuser zu unterhalten, in welchen nur eine, zwei oder drei Familien +wohnen können. Sie behaupten ferner, daß nach Beseitigung der Ehe und +nach der Einführung der »freien Liebe« als Gesetz zur Regelung des +geschlechtlichen Umganges die flüchtigen Verbindungen von Mann und Weib +bessere Nachzucht liefern würden, als die Ehe. Diese Kinder würden +in großen Kinderbewahranstalten untergebracht werden, so daß die +Mütter, von der Kinderpflege befreit, den ganzen Tag dem Dienste des +Arbeiterheeres widmen könnten.« + +»Wie gemein!« rief ich. »Alle menschlichen Einrichtungen, die +Beziehungen beider Geschlechter zu einander, sollen wir nur auf +die Berechnung gründen, was sich am besten bezahlt! Und wir sollen +die Kinder von der Mutter trennen, nur weil es billiger ist, die +jungen »Zweihänder« hundertweise aufzufüttern, obschon bei der +Massenaufzucht die Sterblichkeit unter denselben zehn oder zwanzig +Prozent größer wäre.« + +»Dennoch sind die Radikalen die folgerichtigen Denker unter den +Kommunisten,« sagte Forest. »Der Grundstein, auf welchem der +Kommunismus ruht, ist die Gleichheit. Sie können die Forderung, daß +die Arbeitsergebnisse gleichmäßig geteilt werden sollen, nur mit +der Behauptung rechtfertigen, daß wir alle gleich sind, und wenn +wir es sind, dann liegt kein Grund vor, weshalb wir in Häusern von +verschiedener Größe und Bauart leben, weshalb wir uns nicht gleichmäßig +kleiden und dieselben Gerichte essen sollen. Wenn wir alle gleich sind, +dann hat jedermann ein ebenso gutes Recht auf die Liebe eines Mädchens, +als jeder andere Mann und eben so hat jedwedes Mädchen einen ebenso +guten Anspruch auf die Liebe eines Mannes, als das andere. Und es giebt +keinen Grund, weshalb in einem kommunistischen Staatswesen das eine Kind +mehr Abwartung haben sollte, als das andere, und weshalb die eine Mutter +mehr Zeit bei ihrem Kinde verbringen sollte, als die andere, -- dadurch +kostbare Augenblicke vertrödelnd, welche der Gesamtheit gehören und zum +Kartoffelschälen nützlich verwendet werden könnten. -- Die Radikalen +sind die allein waschechten Kommunisten.« + +»Es kann doch nicht wohl jedes Mädchen alle Männer lieben und heiraten; +ebenso wenig wie jeder Mann alle Mädchen lieben und heiraten kann,« +warf ich ein, etwas belustigt durch den grimmigen Hohn Forests, obschon +ein tiefempfundener Widerwille gegen die von den Radikalen gepredigten +scheußlichen Grundsätze meine Heiterkeit nicht recht aufkommen ließ. + +»Unsere radikalen Weltbeglücker sind bis jetzt nicht imstande gewesen, +es mir ganz klar zu machen, wie sie die »freie Liebe« regeln wollen, +falls von einer Regelung derselben überhaupt die Rede sein kann,« +antwortete Herr Forest. »Wahrscheinlich wird die Schwierigkeit, +diese Frage völlig zu beleuchten, durch den Umstand erklärt, daß die +Weltbeglücker untereinander noch nicht klar darüber sind, wie frei die +»freie Liebe« sein soll. Einige Radikale scheinen geneigt zu sein, ein +Zusammenleben zweier Personen beiderlei Geschlechts so lange zu dulden, +wie die Neigung der beiden füreinander währt. Die wahrhaft aufgeklärten +und folgerichtig denkenden Kommunisten können aber eine dauernde +Verbindung nicht dulden, da sie in schroffem Widerspruch zu unserem +Grundsatze der unbedingten Gleichheit steht. Wahrscheinlich werden sie +sich dahin einigen, daß man sich täglich neu begattet und, damit beide +Geschlechter gleichgestellt werden, kann man den Frauen das Recht der +Auswahl an jedem Montag, Mittwoch und Freitag, den Männern an jedem +Dienstag, Donnerstag und Sonnabend geben. Die Sonntage werden vielleicht +aus Höflichkeit noch den Damen zugestanden. Und um alle Streitigkeiten +für den Fall zu vermeiden, daß eine Anzahl von Menschheitsbeglückern +dasselbe Mädchen wählt, oder daß mehrere Jungfrauen und Frauen denselben +Zeitgenossen heiraten wollen, kann man Lotterien veranstalten oder die +Reihenfolge »auskegeln«. Auch durch Skatspiel oder Würfeln läßt sich die +Reihenfolge feststellen. So wird man allen gerecht!« + +»Ich kann mir nicht vorstellen,« sagte ich, »wie Männer, welche das +freie Denken als ein besonderes Vorrecht in Anspruch nehmen möchten, +solche viehische Lebensgrundsätze entwerfen und dieselben als +fortschrittlich der Menschheit empfehlen können. Das Schicksal der +Frauen würde in der That beklagenswert werden, wenn diese Grundsätze +jemals den Sieg erringen sollten. »Freie Liebe« müßte die Stellung der +Frauen erniedrigen, weil sie dem Manne der alternden Frau das Recht +geben würde, sich von dieser zu trennen. Die Menschheit im allgemeinen +aber wäre zu beklagen, wenn die Pflege der Kinder den Müttern entrissen +und andern Menschen anvertraut werden sollte.« + +»Ich würde es als den furchtbarsten Schlag ansehen, der jemals gegen +die Menschheit geführt wurde,« entgegnete Forest, »wenn die Pflege und +die erste Erziehung der Kinder ihren Müttern entrissen werden sollte. +Keine Frau, kein Mann, wie gut und edel sie auch sein mögen, können +für ein fremdes Kind die unendliche Liebe und Geduld hegen, welche +das Elternherz erfüllen. Die Gefühle, welche Mann und Frau, sowie die +Familie verbinden, sind selbst von den kommunistischen Gesetzgebern +bisher geachtet worden. Die Menschheit wird in Barbarei zurückfallen +an dem Tage, an welchem die Familie zerstört, die Mutter vom Kinde und +der Mann von der Frau getrennt wird. Man raube der Ehe den veredelnden +Einfluß, welchen das gemeinschaftliche Tragen von Freud und Leid, der +beständige Austausch aller Gedanken und Gefühle den Beziehungen beider +Geschlechter zu einander verleiht, und man wird den Verkehr von Mann +und Frau zu einem wesentlich tierischen erniedrigen. Viele der besten +Eigenschaften aller Menschen können wir zurückverfolgen zu ihrer Quelle: +der unendlichen Liebe und Geduld unserer Mütter in ihrem Bestreben, +die geliebten Kinder zu guten und tüchtigen Menschen zu erziehen. +Fast alle großen Männer hatten gute Mütter. Nichts auf Erden kann dem +Kinde den Verlust der Mutter ersetzen; nichts könnte die Menschheit +für den wohlthätigen Einfluß entschädigen, welchen die Mütter auf die +heranwachsenden Geschlechter ausüben.« + +»Glauben Sie, daß Ihre Radikalen jemals Macht genug erlangen werden, um +die Mütter entthronen und die Ehe abschaffen zu können?« fragte ich mit +einiger Neugierde. + +Forests Antwort lautete freudiger und zuversichtlicher als irgend eine +Äußerung, welche ich bisher von ihm gehört hatte. + +»Die Radikalen mögen sich erheben und die jetzige Regierung +niederwerfen; sie mögen mancherlei vollbringen, ohne viel Widerstand +bei den Massen zu finden, welche das jetzige System nur eben dulden und +für dessen Verteidigung keine großen Anstrengungen machen werden. Aber +unsere radikalen Weltverbesserer würden sehr unangenehme Überraschungen +erleben, wenn sie es versuchen wollten, den Mann von seinem Weibe, die +Mutter von ihrem Kinde zu trennen. Fast jede Mutter wird wie eine Löwin +um ihre Kleinen kämpfen, und ich kenne einen Mann, der keinen Strohhalm +opfern möchte, um die Niederlage der jetzigen Regierung zu hindern, +der aber bis zum Tode kämpfen würde, ehe er sich von dem Weibe seines +Herzens trennen ließe. Denn ein gutes, liebendes Weib ist das Höchste, +was Gott dem Manne gewähren kann, und kein Mann von Mut und Ehre wird +sich sein Weib rauben lassen, so lange noch ein Tropfen Blut warm durch +seine Adern rollt.« + + + + +Sechstes Kapitel. + + +»Nun, Herr Forest,« sagte ich, als ich wiederum mit meinem Vorgänger in +der Professur zusammentraf, »teilen Sie mir doch freundlichst mit, wie +groß das Jahreseinkommen jedes Bewohners der Ver. Staaten von Amerika +ist.« + +»Das Einkommen wurde letztes Jahr auf 204 Dollars berechnet,« antwortete +Forest. + +»Zweihundertundvier Dollars sagen Sie?« rief ich erstaunt. »Ist das +Alles? Nach den Angaben des Dr. Leete und nach seiner Lebensweise hatte +ich angenommen, daß der Betrag mindestens dreimal so groß sein müßte.« + +Forest lächelte. »Wie hoch war das durchschnittliche Jahreseinkommen der +Bewohner der Ver. Staaten zu Ihrer Zeit?« fragte er. + +Ich mußte gestehen, daß ich keine Vorstellung davon hatte. + +»Es betrug 165 Dollars,« sagte Herr Forest, »doppelt so viel, wie das +Durchschnittseinkommen der Bewohner Deutschlands und Frankreichs.« + +Ich wurde durch diese Zahlenangaben ganz verwirrt. Ich hatte mich +niemals mit volkswirtschaftlichen Übersichten beschäftigt und jährlich +wohl zwanzigmal 165 Dollars verausgabt. Ich erinnerte mich nur, einmal +in den Zeitungen gelesen zu haben, daß der Jahresverdienst aller +arbeitenden Männer, Frauen und Kinder sich auf mehr als vierhundert +Dollars beliefe und ich hatte eine dunkle Vorstellung, daß das +Jahreseinkommen der Männer durchschnittlich etwa 600 Dollars war. Ich +teilte dies Herrn Forest mit. + +»Sie haben bei Ihrer Berechnung die Frauen und Kinder nicht +berücksichtigt, welche nichts verdienten, sondern von dem Einkommen +ihrer Gatten, Väter oder Brüder lebten,« erklärte Forest. »Ein +Jahreseinkommen von 204 Dollars für alle Männer, Frauen und Kinder +würde demnach eine erhebliche Zunahme des Volksreichtums anzeigen, +wenn die Zahl richtig berechnet wäre. Das ist aber nicht der Fall. +Um den Volkswohlstand recht groß erscheinen zu lassen, wird der Wert +aller Arbeitserzeugnisse viel höher angegeben, als in Ihren Tagen. +Die natürliche Folge ist, daß die Kaufkraft des Dollars auf unseren +Guthabensscheinen geringer ist, als der des Dollars zu Ihren Zeiten. +Ich habe die Preise aller Lebensbedürfnisse und Luxusgegenstände in +den Jahren 1900 und 2000 miteinander verglichen und gefunden, daß die +Preissteigerung sich auf nahezu 95 Prozent beziffert. Das wirkliche +Jahreseinkommen unserer Bevölkerung beläuft sich demnach nur auf etwa +112 Dollars; es hat also nicht um 24 Prozent zugenommen, sondern ist um +33 Prozent geringer geworden.« + +»Wie erklären Sie diese auffälligen Angaben?« fragte ich. + +»Diese Frage ist leichter gestellt, als beantwortet,« meinte Forest. + +»Ich bin sehr gespannt auf Ihre Erklärung,« bemerkte ich. »Dr. Leete +hat so viele annehmbare Gründe gegeben für die »Armut, welche die Folge +unseres absonderlichen Wirtsschaftssystems war,«[29] daß ich von dem +größeren Reichtum Ihres Volkes ganz überzeugt wurde. Er erwähnte die +häufigen »verfehlten Unternehmungen« im neunzehnten Jahrhundert, den +»Verlust durch Konkurrenz«, die »periodische Überproduktion« von Werten +aller Art, mit darauffolgenden Arbeitsstockungen, den Verlust, »den die +Nichtbeschäftigung von Kapital und von Arbeitskraft zu allen Zeiten +verursacht«[30] und er hob besonders hervor, daß von fünf Unternehmungen +im neunzehnten Jahrhundert vier fehlschlugen, »ehe eine erfolgreiche +kam.«[31] + +»Ja! Ich kenne die Ansichten und Gründe, welche Dr. Leete geltend +macht, aus seinen gelegentlichen Reden, sowie aus den Aufsätzen, die +er zuweilen für Regierungszeitungen liefert,« entgegnete Forest. »Und +er hat unzweifelhaft noch andere Ursachen geltend gemacht, welche die +Arbeit Ihrer Zeit schädigten. Wahrscheinlich hat er Sie auch aufmerksam +gemacht auf die Kosten, welche das Heer und die Flotte veranlaßten, +sowie die Zoll- und Steuerbeamten, die Steuereinschätzer und Einnehmer, +die vielen Richter und andere Beamte, welche Sie brauchten. Er wird auf +die viele Arbeit verwiesen haben, welche das Waschen und Kochen in den +einzelnen Haushaltungen verursachte, sowie auf die große Anzahl von +Zwischenhändlern, welche die Waren durch ihre Hände gehen ließen, ehe +die Arbeitserzeugnisse von den Arbeitern zu denjenigen gelangten, welche +sie gebrauchten. Und Dr. Leete wird auch die Rechtsanwälte, Bankiers, +sowie deren Gehilfen erwähnt haben, welche zwar in ihrer Art arbeiteten, +aber keine Werte hervorbrachten. Alle die Arbeitskräfte, welche in +jenen Berufszweigen beschäftigt waren, sind jetzt dem Arbeiterheere +einverleibt worden.« + +»In der That,« sagte ich, »Dr. Leete hat die meisten Ursachen für die +Armut unseres Zeitalters, welche Sie da namhaft machten, mir aufgezählt. +Und da jene Übel jetzt wegfallen, erscheint es mir ganz natürlich, daß +unter Ihrem Arbeitssystem das durchschnittliche Jahreseinkommen des +Volkes ein größeres sein muß, und es wundert mich nur, daß die Zunahme +des Wohlstandes nicht noch größer ist.« + +»Ich werde keine Zeit damit verschwenden,« begann Forest wieder, +»eine eingehende Untersuchung darüber anzustellen, wie groß der +Verlust war, welcher aus all' jenen Ursachen für die Arbeit des +neunzehnten Jahrhunderts entstand. Es scheint mir aber, daß Sie die +Wirkung derselben überschätzen. Unglückliche Spekulationen schädigten +beispielsweise allerdings die Unternehmer, aber in den meisten Fällen +erzeugten sie doch Werte, welche den Volksreichtum vermehrten und +schließlich anderen zu gute kamen. Der »wahnsinnige Wettbewerb« dagegen +machte die Waren billiger, vermehrte dadurch deren Verbrauch und +dadurch wieder deren Herstellung und gereichte somit der Menschheit +doch auch wieder zum Nutzen. Die Behauptung, daß vier Unternehmungen im +neunzehnten Jahrhundert fehlschlugen, ehe eine Erfolg hatte, ist eine +jener Angaben des Dr. Leete, welche der vereinte Glaube von zehn der +stärksten Männer nicht verdauen könnte. Sie müssen selbst am besten +beurteilen können, daß das eine unsinnige Übertreibung ist.« + +»Die Ersparnisse, welche aus dem gemeinschaftlichen Kochen entstehen, +haben wir bereits untersucht,« fuhr Forest fort. »Wenn in der That +ein Vorteil daraus entsteht, so ist er in den Städten gering, auf dem +Lande noch geringer und keinenfalls bietet er Entschädigung für den +Verlust an häuslichem Behagen, welcher daraus entsteht. Ferner müssen +wir berücksichtigen, daß viele Richter, Rechtsanwälte, Bankiers, +Beamte und Zwischenhändler, sowie deren Gehilfen Männer waren, +welche das einundzwanzigste Lebensjahr noch nicht erreicht, oder das +fünfundvierzigste Lebensjahr bereits zurückgelegt hatten. Diese Leute, +welche außerhalb des Dienstalters des Arbeiterheeres standen, sind +also abzurechnen von denjenigen, deren unproduktive Thätigkeit als ein +Verlust angesehen werden muß.« + +»Dennoch müssen die Verluste, welche aus schlecht angelegtem Kapital +und schlecht geleisteter Arbeit, sowie aus vielen andern Ursachen +entstanden, ganz ungeheuer gewesen sein,« sagte ich. »Und diese +Verluste machen die große Armut des Volkes am Ende des vorigen +Jahrhunderts sehr erklärlich.« + +»Unzweifelhaft würde dem so sein,« meinte Forest, »wenn nicht andere +Ursachen für eine Abnahme unserer Leistungsfähigkeit wirksam wären. +Aber solcher Ursachen giebt es mehrere und Sie werden deren Tragweite +wohl erkennen, wenn ich Sie darauf aufmerksam mache. Die Hauptursache, +welche den beständigen Rückgang in der Menge, wie in der Güte +unserer Arbeitserzeugnisse verschuldet, liegt in der Beseitigung des +Wettbewerbes. Diese Riesenkraft war es, welche während der ersten +neunzehn Jahrhunderte christlicher Civilisation jedermann antrieb, +seine besten Geistes- und Körperkräfte einzusetzen. Seit aber der +Kommunismus eingeführt worden ist, seitdem der faulste Arbeiter ebenso +viel erhält, wie der fleißigste, d. h. seitdem der Fleißige zu Gunsten +des Faulen um einen Teil seiner Arbeitsergebnisse beraubt wird, seitdem +jedermann sicher ist, einen gleichen Anteil von den Arbeitsergebnissen +zu erhalten, gleichviel ob er viele und gute, oder wenige und schlechte +Arbeit geliefert hat, -- seitdem werden die Massen des Volks von Jahr +zu Jahr gleichgültiger und träger. Sie setzen nicht mehr ihre besten +Kräfte ein, um gute und viele Arbeit zu liefern. Sie machen sich das +Leben bequem. Die geistigen wie die körperlichen Fähigkeiten sind in +beständiger Abnahme begriffen. Das Volk der Ver. Staaten, einst berühmt +wegen seiner Findigkeit und Thatkraft, entartet. Die Beförderung der +Tüchtigsten hätte vielleicht als Sporn dienen können, hätte nicht +die Günstlingswirtschaft der Politiker alle guten Stellungen für +die Verwandten jener Wahlzutreiber in Anspruch genommen, welche die +Helfershelfer der Regierung sind.« + +»Ein anderer Grund für die Abnahme des Volkswohlstandes ist die +Verkürzung der Arbeitszeit, sowohl der Jahre, wie der täglichen +Arbeitsstunden. Es ist sehr schwierig festzustellen, wie viele Menschen +beiderlei Geschlechts in den verschiedenen Lebensaltern zu Ihrer Zeit in +nutzbringender Thätigkeit beschäftigt waren. Die letzte Volkszählung, +welche in den Ver. Staaten veranstaltet wurde, ehe Sie in Ihren +hundertjährigen Schlaf fielen, fand im Jahre 1880 statt. Der Bericht +ist ein sehr ausführlicher sowohl in Bezug auf die Zahl der Leute +verschiedenen Lebensalters, sowie auch in Hinsicht auf ihre Abstammung +u. s. w. Aber in Bezug auf das Alter der Arbeiter giebt der Bericht +nur drei Abteilungen. Die erste umfaßt alle Leute unter 15 Jahre, die +zweite alle Menschen zwischen 16 und 59 und die dritte alle Arbeiter +über 60 Jahre. Von Mädchen und Knaben unter 15 Jahren wurden 1 118 356 +beschäftigt; im Alter von mehr als 60 Jahren 1 004 517 Leute, von +welchen 70 873 Frauen waren. Von 50 155 783 Bewohnern der Ver. Staaten +gehörten nicht weniger als 17 392 099 dem Arbeiterheere an, wovon +2 647 157 weiblichen Geschlechts waren, die Dienstmädchen eingerechnet.« + +»Ich erinnere mich, diese Zahlen gelesen zu haben,« bemerkte ich. + +»Der Census von 1880 zeigt also, daß über 12 Prozent der Bevölkerung in +den Ver. Staaten, welche zur Arbeiterarmee gehörten, unter 15 oder über +60 Jahre alt waren,« rechnete Forest weiter. »Das ist allerdings ein +recht trübseliger Ausweis. Mädchen und Knaben unter 15 Jahren sollten +noch Schulen besuchen und Leute, welche das sechzigste Lebensjahr +zurückgelegt haben, sollten ein genügendes Auskommen besitzen und nicht +mehr zur Arbeit gezwungen sein. Darüber kann aber kein Zweifel bestehen, +daß am Ende des letzten Jahrhunderts das Arbeiterheer verhältnismäßig +viel stärker war, als es heute ist. Denn nach der Zählung von 1880 +lebten in den Ver. Staaten 15 527 215 Menschen im Alter von 21 bis +45 Jahren, das Arbeiterheer zählte aber 17 392 099 Menschen; mithin +beschäftigten Sie 2 173 184 Leute mehr, als sich in dem Alter befanden, +welches wir zum dienstpflichtigen gemacht haben. Dabei wäre denn +angenommen, daß alle Leute, welche sich bei uns im dienstpflichtigen +Alter befinden, auch wirklich Dienst thun; was aber bekanntlich nicht +der Fall ist. Denn die Kranken, die Blödsinnigen, die Krüppel, die +Mütter kleiner Kinder und andere verrichten keine Arbeit im Heere. +Sie werden hiernach zugestehen müssen, daß Ihre Zeitgenossen eine +verhältnismäßig viel größere Arbeiterarmee aufstellten, als wir dies +thun.« + +»Das scheint mir unbestreitbar zu sein,« antwortete ich. + +Forest zog nun ein Blatt Papier aus der Tasche und rechnete weiter: +»Hier ist ein Verzeichnis aller derjenigen Berufszweige, welche ich +dem Census von 1880 entnommen habe und welche Sie als unproduktiv +bezeichnen können. Ich habe manche Thätigkeiten als unproduktiv +angeführt, über deren Nützlichkeit und selbst Notwendigkeit sich +streiten ließe. Viele dieser Leute haben durch ihre Arbeit zum mindesten +solchen Menschen Zeit gespart, welche Werte hervorbrachten. Manche +Frauen hätten sich vielleicht nicht als Künstlerinnen, Sängerinnen oder +dergleichen ausbilden lassen und später in ihrem Berufe wirken können, +wenn sie nicht Hilfe im Haushalte gefunden hätten. Diese Dienstboten +eingeschlossen, waren aber im Jahre des Herrn 1880 in den Ver. Staaten +1 654 319 Menschen mit Arbeiten beschäftigt, welche Dr. Leete als +unproduktiv bezeichnen würde. Wenn wir diese 1 654 319 Menschen +von den 2 173 084 Leuten abziehen, welche Sie über die Zahl der im +dienstpflichtigen Alter befindlichen Personen hinaus dem Arbeiterheere +eingereiht hatten, so stellten Sie immer noch 518 765 mehr Leute, als +1880 in den Ver. Staaten im Alter zwischen 21 und 45 Jahren lebten.« + +Ich ermunterte Herrn Forest, in seinen Auseinandersetzungen fortzufahren +und er sagte: »Sie hatten also im Jahre 1880 unzweifelhaft viel mehr +Leute in nutzbringender Thätigkeit beschäftigt (im Verhältnis zu Ihrer +Bevölkerungszahl natürlich) als wir. Nun bedenken Sie noch, daß die +Arbeiter Ihrer Tage sämtlich durch den Wettbewerb angespornt wurden, daß +sie danach strebten, einmal unabhängig zu werden, um ein sorgenfreies +Alter genießen zu können und daß sie zur Erreichung dieses Zieles ihre +besten Kräfte einsetzten. Ihre Zeitgenossen arbeiteten also mehrere +Jahre länger als wir, die tägliche Arbeitszeit war eine längere, der +Sporn des Wettbewerbes wirkte mächtig auf alle ein und so war es denn +nur natürlich, daß zu Ihrer Zeit verhältnismäßig viel mehr und viel +bessere Arbeit geliefert wurde, als heutzutage.« + +»Das werde ich wohl zugeben müssen,« sagte ich. + +»Und die Art unserer Gesellschaftsordnung drängt immer mehr darauf +hin, daß die Arbeitszeit noch weiter verkürzt werde und daß die +Arbeitsergebnisse noch geringer und schlechter werden, als sie schon +sind,« setzte Forest seine Darlegung fort. »Da sind z. B. die Bauern, +welche mit der jetzigen Gesellschaftsordnung so unzufrieden wie +möglich zu sein scheinen. Sie beklagen sich bitter darüber, daß sie in +Bezug auf die Anlage von Theatern, Museen, Konzerthallen und anderen +öffentlichen Anstalten gegen die Bewohner der Städte zurückgesetzt +werden. Auch behaupten unsere Bauern, daß ihre Arbeit viel schwerer +sei, als die der Städter. Die Folge der Unzufriedenheit war ein Andrang +der Landbevölkerung nach den Städten, der viel größer ist, als der, +über welchen schon zu Ihrer Zeit geklagt wurde. Das Land würde sehr +bald an allen Ackerbauerzeugnissen Mangel gelitten haben, wenn die +Regierung dem Andrange des Landvolks nach den Städten nicht Einhalt +gethan hätte. Aber man hieß die Ankömmlinge nicht willkommen. Es wurde +ihnen einfach befohlen, Landarbeit zu thun. Damit war ihrem Wunsche, +in der Stadt zu leben, ein Ende gemacht; aber auch ihrem Ehrgeiz und +ihrem Arbeitstriebe. Die Landleute sind jetzt davon überzeugt, daß +ihnen andere Stellungen verschlossen sind, daß sie Zeit ihres Lebens +die Acker bauen müssen und daß die Städter auf ihre Kosten ein besseres +Leben führen. Die Folge ist, daß sie so wenig und schlecht wie möglich +arbeiten und daß die Ackerbauerzeugnisse immer weniger werden. Schon +wiederholt haben Leute aus der zweiten Abteilung des dritten Grades +der städtischen Zünfte als Hilfsarbeiter auf das Land geschickt werden +müssen, um eine Hungersnot abzuwenden.« + +»Teilen Sie mir das Schlimmste mit,« sagte ich mit einem erzwungenen +Lächeln; denn ich sah das herrliche Luftschloß, welches Dr. Leete +vor mir errichtet hatte, unter dem Artilleriefeuer der Forestschen +Logik zusammenstürzen. »Wir haben gesehen,« nahm Forest den Faden +seiner Auseinandersetzungen wieder auf, »daß das Arbeiterheer im Jahre +1880 verhältnismäßig viel stärker war, als das unsrige ist, daß die +Arbeitszeit eine längere war, und daß die Arbeiter durch den Wettbewerb +angeregt wären, ihre ganze Leistungsfähigkeit zu entwickeln. Sie müssen +aber auch berücksichtigen, daß wir eine ungeheure Arbeitskraft mit der +Aufsicht und mit der Buchhalterei vergeuden. Ihr Kleinhandel wurde +größtenteils gegen Barzahlung betrieben und die kleinen Geschäftsleute +besorgten ihre geringe Buchhalterei abends nach Schließung ihrer Läden. +Wir dagegen haben für jeden Mann, für jede Frau und für jedes Kind +ein »Soll und Haben« in den Büchern der Regierung eingerichtet[32]. +Wir haben eine Kanzlei, wo »die Ärzte über ihre Thätigkeit regelmäßig +Bericht zu erstatten« haben.[33] Wir haben eine andere Kanzlei, wo Buch +geführt wird über die Hilfe, welche jemand von der Arbeiterarmee in +Anspruch nimmt; sei es für Hausarbeit oder für andere Zwecke. Dort wird +das Konto desjenigen belastet, welcher die Hilfe in Anspruch nimmt und +das Konto desjenigen wird kreditiert, der die Hilfe leistet.[34] Wir +haben Kanzleien für jeden Zweig der menschlichen Arbeit und dieselben +dürfen als Musteranstalten für die beste Art gelten, in welcher eine +Regierung menschliche Arbeitskraft vergeuden kann. Das ganze Feld der +produzierenden Arbeit ist, wie Sie wissen, in zehn große Abteilungen +abgegrenzt worden. Jede dieser letzteren umfaßt eine Gruppe verwandter +Thätigkeitszweige. Jede dieser Unterabteilungen hat wiederum ihre +eigne Kanzlei und diese Kanzlei führt genau Buch über alles was in +der betreffenden Zunft geschieht, über vorhandene Betriebsmittel, +die geleistete Arbeit und so weiter, sowie über die jetzige +Leistungsfähigkeit und über die Möglichkeit, letztere zu erhöhen. +Eine besondere Abteilung, welche den Warenversandt besorgt, ermittelt +auch den mutmaßlichen Verbrauch und nachdem diese Ermittelungen von +der Regierung gut geheißen worden sind, erhält jede der zehn großen +Abteilungen ihre Arbeit zugeteilt, diese zehn Abteilungen vergeben +die Arbeit an die einzelnen Zünfte und diese setzen ihre Leute in +Thätigkeit.« + +»Jedes Betriebsamt ist für die ihm zuerteilte Arbeit verantwortlich und +seine Thätigkeit wird durch die betreffende Berufsgenossenschaft und die +Generalverwaltung kontrolliert.« + +»Das 'Verteilungsamt nimmt keine Warenlieferung an, ohne sich selbst +von der Beschaffenheit derselben überzeugt zu haben', und so genau +ist die Durchführung, daß ein Gegenstand, der sich in den Händen des +Verbrauchers als unbefriedigend erweist, »bis zu demjenigen Arbeiter +zurückverfolgt werden, welcher mit der Herstellung des speziellen +Stückes betraut gewesen war.«[35] + +»Diese ungeheure Buchhalterei und Aufseherei, welche die Regierung in +den Stand setzt, die Arbeiter zu ermitteln, welche eine schadhafte Nadel +oder eine schlechte Cigarre gemacht haben, ermöglicht es ihr auch, für +ihre Günstlinge zahllose gute Stellungen offen zu halten; aber die +Produktionskraft des Volkes und die Menge der erzeugten Werte werden +natürlich dementsprechend vermindert. Dazu kommt, daß die Zahl der +Verbraucher größer ist als früher.« + +»Wie erklären Sie das?« fragte ich. + +»Hat Dr. Leete Ihnen nicht mitgeteilt, daß Leute von gewöhnlicher +Konstitution in der Regel 85 bis 90 Jahre alt werden?«[36] + +»Allerdings.« + +»Nun wohl. Dies erklärt die vermehrte Anzahl von Verbrauchern, welche +sämtlich ihren vollen Anteil an den Arbeitserzeugnissen in Gestalt +eines Guthabensscheins beanspruchen«, erklärte Forest. »Die Leute leben +heut länger, als Ihre Zeitgenossen. Sie machen sich das Leben bequem +und während die Geistesschärfe, die Thatkraft und der Unternehmungsmut +beständig abnehmen, vegetiert der Körper länger.« + +»Endlich gestehen Sie doch einmal eine Errungenschaft des jetzigen +Systems zu,« rief ich. + +»Wenn das überhaupt eine Errungenschaft ist,« meinte Forest, »auf +Kosten des geistigen Lebens und Wirkens eine Lebensverlängerung des +verdummenden Menschen zu erzielen.« -- + +Und nach einer kurzen Pause schloß Forest seine Auseinandersetzungen +über die kommunistische Gesellschaftsordnung am Ende des zwanzigsten +Jahrhunderts folgendermaßen: + +»Ich glaube nachgewiesen zu haben, daß unser Staatswesen mit seinen +auf die angebliche Gleichheit aller Menschen begründeten Einrichtungen +ein Fehlschlag ist, daß die in der Natur begründete Ungleichheit +jetzt in mancher Hinsicht viel drückender ist, als zu Ihrer Zeit, daß +Günstlingswirtschaft und Korruption heut ebenso wuchern, wie vor 113 +Jahren, daß von persönlicher Freiheit fast keine Spur mehr vorhanden +und an deren Stelle eine unerträgliche Knechtschaft verbunden mit +Kriecherei und Augendienerei gegenüber den Vorgesetzten getreten ist, +daß die Angehörigen des Arbeiterheeres, des Stimmrechts beraubt, der +Gnade oder Ungnade ihrer Offiziere preisgegeben sind, daß diejenigen +Mitglieder der »industriellen Armee,« welche als Gegner der Regierung +gelten, ein elendes Leben führen müssen, das man wohl als »eine +vierundzwanzigjährige Höllenpein auf Erden« bezeichnen kann, und daß die +Abschaffung des Wettbewerbes sowohl einen Rückgang der Geisteskräfte, +wie des Volkswohlstandes zur Folge hatte. In der That haben die +Beseitigung des Wettbewerbes, die Abkürzung der Arbeitsjahre sowohl +wie der Arbeitsstunden und die Erschaffung zahlloser Sinekuren für +faulenzende Günstlinge und Maitressen der einflußreichen Politiker die +Produktion dermaßen vermindert, während die Zahl der Verbraucher sich +beständig vermehrt hat, daß unser durchschnittliches Jahreseinkommen +heut kaum noch größer ist, als das eines gewöhnlichen Arbeiters Ihrer +Tage. Es gewährt uns nur ein sehr mäßiges Auskommen. Und es kann meiner +Ansicht nach keinem Zweifel unterliegen, daß die Menschheit, wenn sie +unter diesem System weiter lebt, in einigen Jahrhunderten in Barbarei +zurückversinken muß.« + + + + +Siebentes Kapitel. + + +»Sie waren so liebenswürdig, mir Ihre Ansichten über die jetzige +Gesellschaftsordnung vorzutragen,« begann ich meine nächste Unterredung +mit Herrn Forest; »Sie haben aber auch gelegentlich die Meinung +geäußert, daß die Gesellschaft am Schlusse des neunzehnten Jahrhunderts +mancherlei Verbesserungen bedurfte. Würden Sie mir wohl jetzt mitteilen, +durch welche Maßregeln Sie den Übeln meines Zeitalters entgegen gewirkt +hätten?« + +Forest lächelte. »Ich halte mich nicht für einen Weltverbesserer, der +die Menschheit und deren Einrichtungen vollkommen machen kann. Vergessen +Sie niemals, daß wir alle mit Wasser kochen müssen, d. h. daß alles, was +wir unvollkommenen Menschen leisten können, den Stempel menschlicher +Unvollkommenheit an sich tragen muß. Wie jeder denkende Mensch habe auch +ich meine Ansichten über die gesellschaftlichen Einrichtungen, und wenn +Sie diese Ansichten hören wollen, will ich sie Ihnen gern mitteilen.« + +»Ich bitte darum.« + +»Was viele Leute die sociale Frage nennen, ist unlösbar,« begann +Forest. »Die von der Natur begründete Verschiedenartigkeit wird sich +bei den Menschen stets fühlbar machen. Jeder Versuch zur Gleichmacherei +muß fehlschlagen. Es wird stets kluge und dumme, fleißige und faule +Leute geben. Tüchtige Frauen und Männer werden nie damit zufrieden +sein, daß man die Arbeitsergebnisse gleichmäßig verteilt und ihnen +dadurch einen Teil der Frucht ihrer Thätigkeit raubt. Werden aber die +Arbeitserzeugnisse nach Verdienst verteilt, so werden viele derjenigen, +welche weniger erhalten, unzufrieden sein. Deshalb ist es unmöglich, +alle Menschen zufrieden zu stellen, gleichviel, wie die Früchte der +Arbeit verteilt werden. Aber die Unmöglichkeit, jeden ganz zufrieden +und glücklich zu machen, entbindet uns nicht von der Verpflichtung, mit +allen Kräften eine Verbesserung unserer Zustände zu erstreben.« + +»Ich begreife Ihre Stellung. Aber lassen Sie mich hören, welche +Verbesserungen Sie vorgeschlagen haben würden, wenn Sie am Schlusse des +letzten Jahrhunderts gelebt hätten.« + +»Die Gesellschaft Ihrer Tage krankte vornehmlich an der planlosen +Arbeitsweise, an der Monopolwirtschaft, welche die Anhäufung +riesiger Reichtümer ermöglichte, und an einem einsichtslosen +Arbeiterstande, der sich lieber der Ausbeutung unterwarf, oder die +Thätigkeit ganz einstellte, anstatt einfach durch Begründung von +Arbeitergenossenschaften nach und nach alle Zweige menschlicher +Thätigkeit auf Gegenseitigkeit zum besten der Arbeitenden zu übernehmen. +Ein großer Übelstand war auch die Ungerechtigkeit Ihrer Besteuerung. + +»Auf fast allen Gebieten menschlicher Thätigkeit wurden Werte erzeugt, +ohne daß jemand eine klare Vorstellung von dem wirklichen Verbrauche +hatte. Die Landwirtschaft lieferte alljährlich einen großen Überschuß +ihrer Erzeugnisse und letztere waren daher meist so billig, daß die +Bauern ein ziemlich kümmerliches Leben führen mußten. Viele Fabriken +arbeiteten Tag und Nacht, bis der Markt mit ihren Waren überfüllt war. +Dann wurden diese zu jedem Preise losgeschlagen, manchmal unter den +Herstellungskosten, zahlreiche Bankerotte folgten, die Fabriken wurden +geschlossen und die Fabrikanten, wie Ihre Arbeiter, erlitten schwere +Verluste durch ihre unfreiwillige Unthätigkeit, bis der Überschuß +an Waren aufgebracht war. Dann begann aufs neue eine fieberhafte +Thätigkeit.« + +»Wie würden Sie diese Übelstände bekämpft haben?« fragte ich. + +»Ein Bundesamt hätte feststellen müssen, wie groß der durchschnittliche +Jahresverbrauch der verschiedenen Lebensbedürfnisse war und wie sich die +Leistungsfähigkeit der betreffenden Berufszweige zur Erzeugung solcher +Waren zum Verbrauch verhielt.« + +»Und was dann? Hätte dann die Regierung den verschiedenen Berufszweigen +einen Auftrag zur Herstellung gewisser Erzeugnisse geben sollen? Und wie +hätten diese Aufträge so verteilt werden können, daß die Arbeiter damit +zufrieden gewesen wären?« + +»Die Bundesregierung hätte einfach den Jahresverbrauch der +verschiedenen Waren und die Leistungsfähigkeit der Berufszweige zur +Erzeugung der erforderlichen Waren feststellen sollen. Sache der +Berufsgenossenschaften wäre es dann gewesen, die Produktion zu regeln. +Solche Ermittelungen der Regierung, welche den ungefähren Bedarf +feststellten, hätten der arbeitenden Menschheit eine ziemlich klare +Vorstellung von ihren Aufgaben gegeben. Jeder Berufszweig hätte sich +organisieren, Vertreter zu einer Nationalkonvention wählen und auf +dieser die Arbeit verteilen können. Die Arbeit ins Blaue hinein, die +Überfüllung der Märkte mit ins Massenhafte erzeugten Waren, hätte so +vermieden werden können; und doch wäre der #Wettbewerb#, sowohl zwischen +den verschiedenen Fabriken, wie zwischen den einzelnen Arbeitern +#aufrecht erhalten# worden, der Wettbewerb, durch den allein tüchtige +und reichliche Arbeitsleistungen erzielt werden.« + +»Wenn aber trotzdem mehr Waren hergestellt worden wären, als verbraucht +wurden,« wandte ich ein. + +»Das würde natürlich der betreffende Berufszweig verschuldet haben und +die übeln Folgen würden auf ihn gefallen sein,« entgegnete Forest. + +»Angenommen aber, daß sämtliche Angehörige eines Gewerbes sich zu dem +Zwecke verständigt hätten, für ihre Erzeugnisse einen unverhältnismäßig +hohen Preis zu verlangen und das zu bilden, was man zu meiner Zeit einen +'Trust' nannte,« fragte ich. »Wie wären Sie einer solchen Ausbeutung des +Volkes begegnet?« + +»Ein Bundesgesetz hätte das Volk gegen jeden solchen Raubversuch +schützen können, welches verordnete, daß alles Eigentum der an solchen +Raubplänen beteiligten Leute, Genossenschaften und Gesellschaften +von den Ver. Staaten beschlagnahmt und an den Meistbietenden verkauft +werden solle, sobald ein annehmbares Gebot erfolge. Bis dahin hätte die +Regierung durch Verwalter den Betrieb besorgen lassen oder letzteren +einstellen können. Die Einfuhr hätte unter Umständen den Bedarf gedeckt, +bis der volle Betrieb wieder aufgenommen worden wäre.« + +»Und wie würden Sie die vielen Arbeitseinstellungen gehindert haben, +welche die Erwerbsthätigkeit unserer Tage so oft störten?« fragte ich +weiter. + +»Durch Ermutigung der Arbeiter zur Begründung von +Produktivgenossenschaften,« antwortete Forest. »Ich habe bereits +auseinander gesetzt, wie leicht solche Teilhaberschaften begründet +werden konnten. Ein Dutzend Schneider oder Schuhmacher konnten einen +Flur mit Dampfkraft mieten, einige Näh- und sonstige Maschinen +anschaffen und ihre Arbeitserzeugnisse dann unmittelbar an andere +Arbeiter verkaufen. Dadurch hätten sie sich den Gewinn der Fabrikanten, +Großhändler, Kleinhändler und Arbeiter gesichert, d. h. allen +Gewinn, der überhaupt in ihren Erzeugnissen steckte. Und es gab im +Jahre 1887 kein Gesetz, welches die Arbeiter hinderte, derartige +Produktivgenossenschaften zu begründen, oder ihre Bedürfnisse an +Kleidern, Schuhwerk, Möbeln u. s. w. nur von Produktivgenossenschaften +zu kaufen. Die Fabrikanten würden, sobald es offenbar geworden, daß +die Arbeiter nur von Produktivgenossenschaften kaufen wollten, sehr +gern bereit gewesen sein, ihre Einrichtungen billig herzugeben, +billiger, als die neuen Gesellschaften sie hätten einrichten können. +Ich meine, es müsse kein Vergnügen gewesen sein, zu ihrer Zeit ein +Geschäft zu leiten, in welchem viele Leute arbeiteten. Denn die vielen +Arbeitseinstellungen müssen es den Geschäftsleitern fast unmöglich +gemacht haben, Voranschläge für das nächste Jahr zu berechnen, oder +Kontrakte abzuschließen. Deshalb würden, wie ich mir vorstelle, die +Eigentümer von Fabriken froh gewesen sein, wenn sie ihre Einrichtungen +zu einigermaßen günstigen Preisen hätten verkaufen können. Und die +Arbeiter hätten nichts Gescheiteres thun können, als die Fabrikanten zu +veranlassen, die Leitung der Geschäfte gegen eine angemessene Bezahlung +weiter zu führen. Dies würde den ferneren erfolgreichen Geschäftsbetrieb +wesentlich erleichtert haben. Bei einem solchen Abkommen würden die +Arbeiter durch monatliche Abschlagszahlungen Eigentümer geworden sein, +sie würden sich dadurch die volle Bezahlung für ihre Arbeit gesichert +haben, der frühere Eigentümer hätte für seine Einrichtungen einen +angemessenen Preis erhalten, wäre aller Sorgen ledig und erhielte für +seine Arbeit auch eine angemessene Bezahlung.« + +»Ich glaube, daß den meisten Fabrikanten und Geschäftsleuten meiner +Zeit durch die unaufhörlichen neuen Forderungen und Streiks ihrer Leute +die Leitung großer Unternehmungen so verekelt war, daß sie ihren Besitz +gern verkauft hätten,« bemerkte ich. »Aber was wäre aus den Groß- und +Kleinhändlern geworden?« + +»Sie hätten ihre Waren verkaufen und sich dann entweder einer +Genossenschaft anschließen oder den Laden einer solchen verwalten +können. Auch stand es ihnen frei, sich eine andere Berufsthätigkeit +zu suchen,« entgegnete Forest. »Die Arbeiter Ihrer Tage hätten +in der angedeuteten Weise einen Berufszweig nach dem andern auf +genossenschaftlicher Grundlage organisieren können, bis die gesamte +Industrie durch große, in Nationalverbände vereinte, Genossenschaften +betrieben worden wäre.« + +»Aber unsere Arbeiter wollten die Verantwortlichkeit, die Sorgen +und Wagnisse nicht übernehmen, welche von der Führung eines eigenen +Geschäftes unzertrennlich sind. Sie zogen es vor, für Lohn zu arbeiten +und versuchten es, diesen von Zeit zu Zeit zu erhöhen, indem sie die +Arbeit einstellten und andere Leute verhinderten, die Plätze der +Streiker einzunehmen,« sagte ich. »Ihnen sind diese Verhältnisse +jedenfalls bekannt.« + +»Allerdings,« erwiderte Forest, »und es muß auf den unbeteiligten +Beobachter einen trübseligen Eindruck gemacht haben, daß tüchtige +Arbeiter, die ihr Geschäft gründlich verstanden, anstatt auf +gemeinschaftliche Kosten eigene Geschäfte zu begründen, Lohnarbeiter +blieben und aus ihren Arbeitgebern mehr Geld zu erpressen versuchten, +als diese zahlen wollten oder konnten, dabei andere Leute gewaltsam +verhindernd, für den vom Fabrikanten bewilligten Lohn zu arbeiten. +Der Umstand, daß die Arbeiter am Ende des neunzehnten Jahrhunderts +nicht Unternehmungsmut, geistige Befähigung und Unabhängigkeitssinn +genug besaßen, für eigene Rechnung zu arbeiten, hat die menschliche +Gesellschaft in den Kommunismus gestürzt. Daß diese fluchwürdige +Staatsform ein kläglicher Fehlschlag werden mußte, war eine aus der +menschlichen Natur erwachsende Notwendigkeit. Ein Geschlecht, welches +noch auf einem so niedrigen Standpunkte der Entwicklung stand, daß die +Schuhmacher nicht einmal thatkräftig und klug genug waren, für eigene +gemeinschaftliche Rechnung Schuhe und Stiefel zu machen, sondern viel +lieber 'Lohnsklaven' blieben, streikten und andere Arbeiter prügelten, +welche für den gebotenen Lohn arbeiten wollten; ein so kümmerliches +Geschlecht war natürlich geistig durchaus unfähig, ein Staatswesen zu +bilden, welches alle menschliche Thätigkeit und den Verbrauch aller +Arbeitserzeugnisse regelt.« + +»Jedenfalls ist die Thätigkeit der Arbeiter auf gemeinschaftliche +Rechnung die vernünftigste Lösung dessen, was viele Arbeiter auch heut +noch die sociale Frage nennen,« fuhr Forest fort, nachdem er eine kurze +Pause gemacht hatte. »Solche Genossenschaften sichern den Arbeitern +den vollen Lohn für ihre Thätigkeit und erhalten den Wettbewerb +aufrecht, die mächtige Triebkraft zur Entwicklung der Menschheit. Ob +wir aber diese Lösung der Arbeiterfrage erleben werden, erscheint sehr +zweifelhaft.« + +»So weit die in Fabriken und Werkstätten beschäftigten Arbeiter in +Frage kommen, erscheint mir Ihr Vorschlag in der That recht gut,« +gab ich zu. »Wie würden Sie aber die Arbeit auf dem Lande geregelt +haben, die Thätigkeit der Ärzte und Rechtsanwälte, der Eisenbahnbeamten +und -Arbeiter, der Angestellten an den Straßenbahnen, der Kaufleute, +Bankiers und vieler anderer Berufszweige?« + +»Lassen Sie uns schrittweise vorgehen,« entgegnete Forest lächelnd. +»Beschäftigen wir uns zunächst mit der agrarischen Frage, welche seit +Menschengedenken jeder Umgestaltung der Gesellschaft die größten +Schwierigkeiten bereitet hat. Unter der jetzigen kommunistischen +Wirtschaft hegen die Ackerbauer nur wenig Liebe für den Boden, den sie +bewirtschaften. Das Land gehört ihnen ebenso wenig, wie das, was sie +demselben abgewinnen. Sie glauben, daß sie für die Städter arbeiten +müssen, welche auf Kosten der Landbevölkerung bevorzugt werden. -- Hätte +man mich am Ende des neunzehnten Jahrhunderts gefragt, wie ich die +Landfrage behandeln wolle, so würde ich ein Gesetz befürwortet haben, +nach welchem niemand mehr als 40 Acker besitzen dürfte. Diejenigen +Bauern, welche damals mehr Land besaßen, hätten dasselbe behalten, +aber nach ihrem Tode hätte niemand mehr als 40 Acker erben dürfen. Auf +einem 'Vierzig-Ackerstück' kann ein Bauer sehr gut leben und obschon in +Ihren Tagen die Ackerbauer unter der Zuvielerzeugung von Vieh, Getreide +und Früchten aller Art schwer zu leiden hatten, so entschädigte die +Farmer doch die Aussicht auf die beständige Vermehrung der Bevölkerung, +verstärkt durch Einwanderung, für die kümmerliche Gegenwart; denn die +Bevölkerungsvermehrung steigerte natürlich den Wert der Farmländereien.« + +»Aber wie hätten Sie der Überproduktion landwirtschaftlicher Erzeugnisse +Einhalt thun können, wodurch die Landbevölkerung im Jahre 1887 so schwer +litt?« fragte ich. + +»Das Bundesamt für Ermittelungen, auch statistisches Bureau geheißen, +würde den Bauern ebenso gedient haben, wie dem übrigen arbeitenden +Volke,« versetzte Forest. »Die Bauern hätten einen Nationalverein +bilden und dieser hätte die Produktion regeln sollen nach der +Leistungsfähigkeit der Ackergüter des ganzen Landes. Und wenn es +sich herausstellte, daß die Farmer ungleich mehr Ackerbauerzeugnisse +hervorbringen konnten, als der Bedarf erforderte, dann hätten die Bauern +einen Teil ihres Landes zum Anbau neuer Nutzpflanzen verwenden können, +für welche sich vielleicht ein Markt gefunden hätte; oder sie hätten +einfach Arbeit sparen können, indem sie einen Teil des Bodens brach +liegen ließen.« + +»Nach Ihrer Ordnung der Dinge hätte nicht jedermann ein Anrecht an den +Grund und Boden gehabt?« warf ich ein. + +»Doch! Jedermann, welcher den Preis zahlen wollte und konnte, den der +Eigentümer dafür forderte,« entgegnete Forest. »Es kann nicht jedermann +ein Landgut besitzen. Besaßen Sie eins?« + +»Nein.« + +»Nun wohl! Unter der kommunistischen Wirtschaft besitzt niemand auch nur +so viel Land, daß man einen Stock hinein stecken könnte.« + +»Wie würden Sie die Thätigkeit der Ärzte und Rechtsanwälte geregelt +haben?« + +»Durch gesetzmäßige Feststellung einer Gebührentaxe. Und die Gesetze +selbst würde ich sehr vereinfacht haben durch Beseitigung des +schauderhaften Wirrwarrs, welcher aus einer sogenannten Rechtspflege +entstand, die aus der Entscheidung zahlloser früherer Fälle hergeleitet +wurde. Lange habe ich es nicht glauben wollen, bis ich ganz +unzweifelhafte Angaben darüber fand, daß eine so viel Handel treibende +Nation, wie die amerikanische es gegen Ende des neunzehnten Jahrhunderts +war, weder ein einheitliches Kriminalgesetz, noch ein einheitliches +Handelsgesetz besaß. Diese Thatsache und der Wirrwarr, welcher aus den +einander widersprechenden Entscheidungen ähnlicher Fälle in früheren +Prozessen folgte (Entscheidungen, welche stets von den Rechtsanwälten +beider Parteien in einem Rechtsstreite vorgeführt werden konnten), +müssen die Ver. Staaten am Ende des neunzehnten Jahrhunderts zu einem +Paradiese für Schwindler und für solche Advokaten gemacht haben, welchen +es weniger um die Feststellung des Rechts zu thun war, als um einen +möglichst hohen »Ehrensold«; oder, besser gesagt, Sündenlohn.« + +»Solche Anklagen wurden zu meiner Zeit vielfach gegen die Rechtspflege +und gegen die Rechtsanwälte erhoben,« schaltete ich ein. »Aber nun +sagen Sie mir, was Sie mit den Angestellten der Eisenbahn- und +Telegraphenlinien gethan hätten; mit ....« + +»Fragen Sie gefälligst etwas langsamer,« ersuchte mich Herr Forest. +»Ich würde alle Eisenbahn- und Telegraphenlinien des Landes zu einem +angemessenen Preise aufgekauft und Bundesschuldscheine zur Bezahlung +ausgegeben haben. Die Einnahmen der Eisenbahnen- und Telegraphenlinien +würde ich zur Zahlung der laufenden Ausgaben und zur Verzinsung +der ausgegebenen Schuldscheine benutzt haben, die Überschüsse im +Bundesschatzamte aber zur Bezahlung der ausgegebenen Bonds.« + +»Mir scheint, als stände dieser Vorschlag im Widerspruche mit dem, was +Sie in Bezug auf die schauderhaften Zustände sagten, die eine Folge der +Ansammlung zu großer Macht in den Händen der Regierung sein sollen,« +fragte ich. + +»Nein,« antwortete Forest. »Zur Herbeiführung solcher Zustände, wie die +jetzigen, wären die Eisenbahn- und Telegraphenämter nicht zahlreich +genug, abgesehen davon, daß #jetzt# alle Arbeiter von der Regierung +ganz abhängig sind, keine Stimme bei der Erwählung der Beamten haben, +und ihre Arbeitgeber nicht wechseln können, weil der Staat der einzige +Arbeitgeber ist; während zu Ihrer Zeit alle Beamten das Wahlrecht +hatten und ihre Stellungen mit andern vertauschen konnten, wenn sie +unzufrieden wurden. Auch erinnere ich mich, daß man zu Ihrer Zeit mit +der Reformierung des Beamtenwesens begonnen hatte. Ich habe darüber +widersprechende Urteile gelesen. In manchen Aufsätzen wurde behauptet, +daß die Sicherheit der republikanischen Einrichtungen einen häufigen +Wechsel der Beamten erfordere; während in andern Schichten diese Ansicht +als lächerlich verspottet wurde. Jeder vernünftige Mensch würde einen +Mann, der ihm treu und umsichtig diene, so lange wie möglich behalten. +Das Volk solle dasselbe thun, und seine Angestellten so lange behalten, +wie sie ihre Schuldigkeit thäten; gleichviel welcher politischen Partei +sie angehörten. Nur dadurch könnte eine gute Verwaltung der öffentlichen +Angelegenheiten erzielt werden. Ich entsinne mich gelesen zu haben, +daß Briefträger und andere im Postdienst Angestellte nicht entlassen +werden durften, wenn man ihnen keine Pflichtverletzung nachweisen +konnte. Wenn diese Grundsätze auf alle Angestellten des Eisenbahn- +und Telegraphenwesens angewendet worden wären, von dem Augenblick an, +da diese Einrichtungen in die Verwaltung der Ver. Staaten übergingen; +wenn alle Angestellten mit denselben Gehältern, die sie früher bezogen, +beibehalten worden wären, so lange sie ihre Schuldigkeit thaten, so +hätte die Übernahme des Eisenbahn- und Telegraphenwesens und die +Vereinigung dieser beiden Verkehrsanstalten mit dem Postdienste +nur geringe Schwierigkeiten veranlaßt. »Uncle Sam« hätte natürlich +ebenso gute, wenn nicht bessere Gehalte zahlen können, als die +Aktiengesellschaften, welche früher den Eisenbahn- und Telegraphendienst +leiteten.« + +»Das klingt ganz annehmbar.« + +»Und es ist annehmbar. Deutschland hatte mit der Vereinigung des +Post-, Eisenbahn- und Telegraphendienstes unter Staatsleitung bereits +eine erfolgreiche Probe zu der Zeit gemacht, da man 1887 schrieb. +-- Es ist in der That höchst bemerkenswert, daß ein so weltkluges, +thatkräftiges und handeltreibendes Volk, wie das der Ver. Staaten am +Ende des neunzehnten Jahrhunderts, die Hauptverkehrsmittel in den Händen +von Körperschaften ließ, welche dieselben natürlich zu dem Zwecke +verwalteten, möglichst großen Gewinn herauszuwirtschaften; mitunter auch +einen Nebengewinn für einen Direktorenring.« + +»In manchen Geschichtswerken Ihrer Zeit,« fuhr Forest fort, »begegnet +man Äußerungen des Erstaunens und des Zorns darüber, daß im vierzehnten +und fünfzehnten Jahrhundert in manchen europäischen Ländern sogenannte +Raubritter ihr Unwesen treiben durften. Diese Biedermänner hielten die +unter ihren Schlössern vorbeiziehenden Kaufleute und Reisenden an, +forderten einen Zoll und lieferten ihnen unter Umständen dafür Schutz +innerhalb gewisser Grenzen. Dies waren die »Geschäftsgrundsätze« der +»anständigen« Raubritter. Die »unanständigen« plünderten die Reisenden +einfach aus, unterschieden sich also in keiner Weise von gewöhnlichen +Straßenräubern. Wir haben es hier nur mit den Rittern zu thun, welche +für die Benutzung der über ihr Gebiet führenden Straßen eigenmächtig +einen Zoll erhoben. Diese Herren wagten ihre gesunden Gliedmaßen, ja ihr +Leben an die Eintreibung eines Wegezolles; denn die Kaufleute wußten +mit Schwert und Lanze umzugehen, hatten oft bewaffnete Knechte mit sich +und leisteten häufig erfolgreichen Widerstand. Mehr als ein Ritter fiel +bei seinem Versuche, Zoll zu erheben, im Kampf auf der Landstraße, +manches »Raubschloß«, dessen Insassen den benachbarten Städten besonders +beschwerlich geworden waren, wurde von den Bürgern gestürmt, und +der Herr Raubritter büßte seine Gelüste nach Zöllen mit dem Tode. +Anders war es zu Ihrer Zeit. Die Herren, welche damals Zölle von den +Reisenden und von den Waren erhoben, die über die Hauptverkehrsstraßen +befördert wurden, konnten das ohne alle Gefahr thun. Sie durften diese +Zölle auch fast nach Belieben steigern. Alles, was sie zu diesem +Zweck zu thun hatten, war die Veranstaltung einer Zusammenkunft der +Eisenbahnpräsidenten da oder dort und die Annahme des Beschlusses, +daß sie die Preise für die Beförderung von Reisenden und Frachtgütern +erhöhen wollten. Solche Zusammenkünfte hatten nur dann üble Folgen, wenn +der Champagner schlecht war, welcher bei diesen Gelegenheiten getrunken +wurde. Es war ein fast lächerlicher Zustand, daß ein handeltreibendes +Volk den gesamten riesigen Personen- und Frachtverkehr des Landes der +Willkür von Dividenden machenden Gesellschaften preisgab, und es legt +ein gutes Zeugnis für das Billigkeitsgefühl der Eisenbahnbeherrscher +im Jahre 1887 ab, daß dieselben das Volk so gut behandelten, wie +es geschah; da sie ja eigentlich thun und lassen konnte, was ihnen +beliebte.« + +»Die Gas- und Wasserwerke, sowie die Straßenbahnlinien hätten Sie +vermutlich unter die Leitung der Stadtverwaltungen gestellt,« fragte +ich. + +»Allerdings,« antwortete Forest. »Aber ehe ich mich mit städtischen +Angelegenheiten befaßt hätte, würde ich unter die Bundesverwaltung +auch noch diejenigen Wald- und Bergwerksländereien gestellt haben, +welche damals den Ver. Staaten noch gehörten, d. h. ich würde eine +geordnete Forst- und Bergwerkswirtschaft eingeführt haben. Wenn das Volk +der Ver. Staaten einigermaßen vernünftig mit den ungeheuren Wäldern +gewirtschaftet hätte, welche früher weite Gebiete dieses großen Landes +bedeckten, so würden wir jetzt, im Jahre 2000, nicht an Holzmangel +leiden.« + +»Was würden Sie mit den Bankiers und mit den Kaufleuten angefangen +haben?« + +»Nichts,« entgegnete Forest. »Die zahlreichen Produktivgenossenschaften +hätten nicht nur Männer gebraucht, welche den Betrieb der Fabrik leiten +konnten, sondern auch Geschäftsführer und Buchhalter. Denn die Arbeiter +würden sehr bald die Entdeckung gemacht haben, daß die Handarbeit allein +nicht genügt, um ein großes Unternehmen mit Erfolg und zum Nutzen aller +Beteiligten zu betreiben. Als Geschäftsleiter und Buchhalter hätten +viele Bankiers und Buchführer wieder Anstellung gefunden. Die Eigentümer +von Läden aller Art hätten, falls von den Produktivgenossenschaften +Verbrauchsvereine begründet worden wären, die alle Waren hielten, wie +zu Ihrer Zeit die sogenannten »Country Stores«, sehr leicht Anstellung +finden können, nachdem sie ihren Warenvorrat verkauft hatten.« + +»Ich glaube, daß unter Ihrem System alle Läden gezwungen worden wären, +ihre Thüren zu schließen,« bemerkte ich. »Denn die verschiedenen +Gewerkschaften hätten ganz sicher eigne Läden eingerichtet, alle Waren +im großen gekauft und den Mitgliedern der Genossenschaften mit kleinem +Gewinn wieder verkauft. Mit solchen Geschäften hätten die Kaufleute +natürlich nicht konkurrieren können. Diejenigen Ladenbesitzer, welche +nicht imstande gewesen wären, Anstellungen in den Geschäften der +Genossenschaften zu erlangen, hätten sich nach anderer Arbeit umsehen +müssen -- für viele derselben ein hartes Los!« + +»Der Übergang von dem Betrieb der Industrie auf Rechnung einzelner Leute +oder Aktiengesellschaften zu dem Betrieb durch Produktivgenossenschaften +wäre sicher kein plötzlicher gewesen, sondern allmählich geschehen,« +erklärte Forest. »Dadurch hätten die Kaufleute vielleicht dreißig oder +fünfzig Jahre Zeit gefunden, sich in die neue Ordnung der Dinge zu +schicken. Ihre Kinder hätten sich, anstatt Kaufleute zu werden, den +Gewerkschaften anschließen können. Außerdem liegt kein Grund zu der +Annahme vor, daß aller kaufmännischen Thätigkeit einzelner durch die +Läden der Verbrauchsgenossenschaften ein Ende gemacht werden müßte. Die +Billigkeit einer Ware allein sichert ihr nicht unter allen Umständen +die Käufer. Der Geschmack beim Einkaufe hat sehr viel damit zu thun und +viele Leute zahlen lieber für einen Gegenstand, der ihnen gefällt, etwas +mehr, als für einen andern, der eben so zweckentsprechend, aber nicht +so hübsch ist. Deshalb hätten Kaufleute, die beim Einkauf ihrer Waren +feinen Geschmack entwickelten, immer auf Kundschaft zählen können, allen +Genossenschaftsläden zum Trotz. -- Auch in vielen Landbezirken hätten +sich Läden einzelner Kaufleute wohl halten können.« + +»Sie sagten, Sie würden ein Bundesgesetz erlassen haben, demzufolge +niemand mehr als 40 Äcker Land besitzen sollte,« sagte ich. »Hätten Sie +auch das Recht der Städter auf Besitz von Grundeigentum beschränkt?« + +»Der Besitz eines Hauses hätte jeden billig denkenden Menschen +befriedigen sollen,« entgegnete Forest. »Niemand kann in Abrede +stellen, daß die Ansammlung von Reichtümern, die sich in die Millionen +beliefen, in den Händen einzelner, während andererseits viele nicht die +nötigsten Lebensbedürfnisse hatten, diesem verdammenswerten Kommunismus +vorarbeitete, ihn ermöglichte.« + +»Wie hätten Sie aber die Ansammlung von großen Reichtümern verhindern +wollen?« fragte ich neugierig. + +»Durch Änderung des Steuerwesens,« antwortete Forest. »An Stelle mancher +Steuern, welche Sie erhoben, und welche großenteils den Unbemittelten +mehr belasteten als den Reichen, hätte ich eine Erbschaftssteuer +eingeführt, die zur Aufrechterhaltung der Bundes-, Staats- und +Gemeinderegierungen beigetragen hätte. Ich würde eine Steuer von einem +Prozent auf jede Erbschaft vorgeschlagen haben, welche jemandem zufiel +und sich auf nicht mehr als 10 000 Dollars belief. Eine Erbschaft von +20 000 Dollars würde ich mit zwei Prozent besteuert haben, 30 000 +Dollars mit drei Prozent, 100 000 Dollars mit zehn Prozent, 200 000 +Dollars mit zwanzig Prozent, 500 000 Dollars mit fünfzig Prozent. Hätte +jemand ein so großes Vermögen hinterlassen, daß auf jeden Erben mehr als +500 000 Dollars (d. h. nach Abzug der Erbschaftssteuer 250 000 Dollars) +entfallen wären, so würde der Überschuß als ein Erbteil der Menschheit +angesehen zur Bestreitung der Bundes-, Staats- und Gemeindeausgaben +verwendet worden sein.« + +»Würde ein solches Gesetz nicht als ein Abkühlungsmittel auf den +Unternehmungsgeist gewirkt und den Wettbewerb gelähmt haben, den Sie +stets als den Urquell alles menschlichen Fortschritts preisen?« fragte +ich. + +»Es hätte nur die Ansammlung ungeheurer Vermögen verhindert und den +Wettbewerb nicht gehindert, sondern im Gegenteile geschützt,« gab Forest +zur Antwort. »Leute, welche zwanzig, oder fünfzig Millionen Dollars +besaßen und diese großen Geldmittel rücksichtslos im »Kampfe um das +Dasein« verwendeten, waren gefährlicher, als Diebe und Einbrecher. +Sie konnten jede Konkurrenz weniger bemittelter Bewerber vernichten +und oft bedienten sie sich erbarmungslos ihrer Macht. Sie traten den +Wettbewerb tot, vermehrten ihre Millionen und bahnten dem fluchwürdigen +Kommunismus den Weg. War es nicht ein großes Unrecht, daß ein Mensch, +welcher durch allerlei Mittel ein großes Vermögen angesammelt hatte, +dieses unverkürzt einem Sohne hinterlassen konnte, letzteren in den +Stand setzend, die Abschlachtung der Konkurrenten und die Vermehrung +der Millionen fortzusetzen? Was konnte der tüchtigste Mensch in vielen +Berufszweigen erzielen, wenn er auf einen anderen Menschen stieß, der +vielleicht geringere Fähigkeiten, aber viel Geld und kein Gewissen besaß +und seine Millionen in der rücksichtslosesten Weise zum Verderben seiner +Konkurrenten benützte. -- Nein! Reiche Eltern mögen immer für ihre +Kinder ein ansehnliches Vermögen hinterlassen, welches ihre Lieblinge +gegen Nahrungssorgen sicher stellt; aber sie sollten ihre Kinder nicht +in den Stand setzen, die Kinder ärmerer Eltern im Kampfe ums Dasein an +die Wand zu drücken und im Wettbewerb töten.« + +»Eine solche Erbschaftssteuer würde in meiner Zeit erbitterten +Widerstand gefunden haben,« bemerkte ich. + +»Wohl möglich,« entgegnete Forest. »Wahrscheinlich hätten jene +kurzsichtigen Millionäre, welche durch ihr Treiben den Kommunismus +heraufbeschworen, Einwand dagegen erhoben. Ich bin nichts destoweniger +der Meinung, daß solch ein Gesetz nicht nur der Menschheit im +allgemeinen, sondern auch den Kindern der Millionäre genützt haben +würde. Nur ein Gesetz dieser Art, welches die Zertrümmerung der +Riesenvermögen bewirkt haben würde, hätte den Ansturm des Kommunismus +und der Anarchie zurückwerfen können. Jemand, der 250 000 Dollars +erbte, hätte mit dieser Summe wohl zufrieden sein und den Überschuß der +Erbschaft dem Gemeinwesen willig abgeben können. Durch Aufopferung eines +Teiles der Erbschaft hätten die Erben jener Riesenvermögen den Rest +gerettet und den Kommunismus geschwächt. Außerdem erscheint es mir sehr +zweifelhaft, daß der Besitz großer Reichtümer deren Eigentümer gut, oder +glücklich machte.« + +»Wenn im Jahre 1887 in den Ver. Staaten ein solches Gesetz erlassen +worden wäre, würden die meisten Millionäre ihren Besitz zu Gelde +gemacht haben und nach Europa ausgewandert sein,« wendete ich den +Auseinandersetzungen Forests gegenüber ein. + +Dieser erwiderte: »Das glaube ich auch. Aber derjenige, der einen +großen Besitz antritt, den er nicht erworben hat, kann sehr wohl eine +hohe Abgabe an die Gemeinde entrichten und die durch eine derartige +Erbschaftssteuer bewirkte Zerstücklung der großen Vermögen hätte den +kommunistischen Wühlereien die Spitze abgebrochen. Selbstverständlich +hätte eine solche Steuer nach vorangegangenen internationalen +Verhandlungen in allen größeren Kulturstaaten gleichzeitig eingeführt +werden müssen.« + +»Die Versuchung, die hohe Abgabe zu vermeiden, würde sehr groß gewesen +sein,« machte ich geltend. »Viele Leute würden es versucht haben, die +Steuer teilweise zu umgehen, indem sie die Erbschaften den Behörden +gegenüber kleiner angaben, als sie wirklich waren; oder indem sie schon +bei Lebzeiten ihren Kindern und Verwandten einen Teil der Erbschaft +schenkten.« + +»Der Versuch der Steuerbetrügerei hätte mit Wegnahme des gesamten +Eigentums bestraft werden können,« sagte Forest, »die Geschenke dagegen +hätten ebenso besteuert werden können, wie die Erbschaften. Angesichts +der Gerechtigkeit und der wohlthätigen Wirkungen eines solchen Gesetzes +hätte man einige Beschwerlichkeiten in der Durchführung schon mit in +den Kauf nehmen können; zumal diese Schwierigkeiten sich nur anfangs +schroff geltend gemacht haben würden. Sobald der Betrieb der Eisenbahn- +und Telegraphenlinien an die Ver. Staaten, der Betrieb der Industrie +und der Handel mit Lebensbedürfnissen dagegen an die Genossenschaften +übergegangen wäre, würden Vermögen im Betrage von 50 oder 100 Millionen +Dollars zu den gewesenen Dingen gehört haben; denn alle diese +Einrichtungen hätten ebenso wohl der Verarmung wie der Anhäufung großer +Reichtümer entgegen gewirkt. Die Zahl der Agenten und Zwischenhändler +würde bedeutend vermindert worden sein, jeder Mann wäre zu einer +nutzbringenden Thätigkeit ermutigt worden und würde einen Lohn empfangen +haben, welcher der Güte und Menge seiner Leistungen entsprochen hätte.« + +»Würden nicht solche Cliquen und Sippen sich gebildet haben, wie +diejenigen, welche nach Ihrer Behauptung Ihre Regierung beeinflussen?« +fragte ich. »Und würden diese Sippen nicht die Leitung der Fabrikations- +und Verbrauchsgenossenschaften an sich gerissen haben? Hätten nicht +Cliquen den guten Arbeiter zu gering, den begünstigten schlechten +Arbeiter zu hoch bezahlen können?« + +»Solche Fälle hätten wohl eintreten können, würden aber zur Folge gehabt +haben, daß die tüchtigen Arbeiter eine Genossenschaft verlassen hätten, +in welcher sie zu Gunsten der Faulenzer und Pfuscher betrogen wurden. +Sie hätten leicht Aufnahme in einer andern Genossenschaft gefunden; +denn gute Arbeiter werden überall da gewürdigt, wo der Wettbewerb +herrscht. Dagegen würde eine Genossenschaft, welche ihre tüchtigsten +Arbeiter vertrieben hätte, in ihren Leistungen zurückgegangen und +unfähig geworden sein, den Wettbewerb ferner auszuhalten. Derartige +Schwierigkeiten würden sich also sehr leicht ausgeglichen haben.« + +»Natürlich müssen Sie auf Gegenseitigkeit beruhende +Versicherungsgesellschaften unter den Berufsgenossenschaften +befürworten, Gesellschaften, welche alle Beteiligten gegen Unfälle, +Krankheiten, Arbeitsunfähigkeit jeder Art sicher stellten und in einem +gewissen Alter eine Pension gewährten,« sagte ich. »Und wahrscheinlich +würden diese Versicherungsgesellschaften auch Feuer- und Lebenspolicen +ausgestellt haben.« + +»Dies würde allerdings eine Folge des Systems gewesen sein, welches +die wenigen Vorteile, die der Kommunismus bietet, mit den Wohlthaten +vereint, die aus dem Wettbewerbe erwachsen,« antwortete Forest. + +»Würden Sie die Einwanderung ermutigt haben?« fragte ich weiter. »Am +Ende des neunzehnten Jahrhunderts waren viele ehrliche, wohlmeinende, +durchaus nicht engherzige Leute, die niemand des Fremdenhasses +beschuldigen durfte, der Ansicht, daß die Ver. Staaten alle fremden +Elemente aufgenommen hätten, welche sie allenfalls verdauen konnten +und daß der Rest der Bundesländereien für die Kinder der Bewohner +der Ver. Staaten aufgehoben werden sollte. Die Abneigung gegen +weitere Einwanderung war großenteils durch die deutschen und irischen +'Dynamiteriche' verschuldet worden.« + +»Ich kann mir vorstellen,« entgegnete Forest, »daß manche Sitten und +Schrullen der Einwanderer Ihrer Zeit den eingeborenen Amerikanern +anstößig erschienen, und daß die Verbrechen der Dynamitwüteriche gegen +die Gesetze des Landes, das sie gastfrei aufgenommen hatte, eine tiefe +Entrüstung bei den Angloamerikanern hervorgerufen haben mußten. Nichts +destoweniger glaube ich, daß Ihre Zeitgenossen alle Ursache hatten, die +Einwanderung zu ermutigen. Strenge Handhabung der Gesetze gegen #alle# +Übertreter derselben, gegen die #eingeborenen# sowohl, wie gegen die +#eingewanderten#, würde dem Lande sehr wohl gethan und alle Versuche +überflüssig gemacht haben, die Einwanderung zu beschränken. Die wirklich +anstößigen Einwanderer hätte man doch nicht aus dem Lande halten können, +wenn sie hinein wollten; denn diese Leute wären, falls man ihnen die +Häfen der Ver. Staaten verschlossen hätte, über Mexico oder Canada +eingewandert.« + +»Dieselben Gründe wurden zu meiner Zeit vielfach geltend gemacht,« +bemerkte ich zustimmend. + +»Das vergleichsweise geringe Unheil, welches die Einwanderer +anrichteten, wurde ganz in den Schatten gestellt durch den großen +Nutzen, welcher dem Volke der Ver. Staaten aus dem europäischen +Menschenstrom erwuchs,« fuhr Forest fort. »Die einfache Thatsache, +daß Hunderttausende gesunder Menschen, deren Aufzucht und Erziehung +den europäischen Ländern mehrere hundert Millionen Dollars gekostet +hatte, den amerikanischen Boden betraten, war ein großer Gewinn für +die Ver. Staaten. Die bloße Anwesenheit dieser Männer und Frauen +erhöhte den Wert des Landes da, wo sie sich niederließen; so die +Grundeigentümer bereichernd. Viele der Einwanderer waren geschulte +Arbeiter und Handwerker, andere Künstler und Gelehrte. Alle diese +Männer und Frauen waren aber mit den Sitten, den Geschäftsgebräuchen, +den Landesverhältnissen und oft auch mit der englischen Sprache nicht +vertraut. Sie mußten daher fast ausnahmslos beim #Beginn# ihrer +amerikanischen Thätigkeit die untersten Plätze im amerikanischen +Erwerbsleben einnehmen. Dadurch erhoben sie naturgemäß alle diejenigen, +welche schon in den Ver. Staaten wohnten, zu mehr oder weniger höheren +Stellungen im Leben.« + +»Viele dieser Leute, welche aus allen Teilen Europas hierher kamen, +waren befähigte und gebildete Menschen, welche mit der Zeit erfolgreiche +Mitbewerber der älteren Ansiedler wurden. Aber der beständige +Menschenstrom, welcher sich aus den europäischen Ländern nach den Ver. +Staaten ergoß, bereicherte und erhob doch beständig das amerikanische +Volk und alle die Schläge, welche gegen die Einwanderung gerichtet +wurden, waren deshalb unklug. Die Gesetzgeber, welche solche Maßregeln +befürworteten, erinnern mich an den Mann, welcher eine Gans schlachten +wollte, die jeden Tag ein goldenes Ei legte.« + +Nach einer kurzen Pause schloß Forest seine Auseinandersetzungen +folgendermaßen: »Es ist natürlich ganz unmöglich, irgend welche +Vorschläge zur Umgestaltung der Gesellschaft zu entwickeln, welche sich +allgemeiner Zustimmung erfreuen könnten. Ich behaupte indes, daß alle +solche Vorschläge zwei leitende Grundsätze verkörpern müssen. Alle +Verbesserungsvorschläge sollten den Zweck haben, #aus der menschlichen +Gesellschaft die unverschuldete Armut zu verbannen#, indem sie die +Furcht vor derselben durch zweckmäßige Versicherungseinrichtungen +beseitigen und sie sollten den #Wettbewerb erhalten#, die gewaltige +Kraft, welche beständig jedermann anspornt, seine besten Kräfte +einzusetzen, um sich selbst und die Menschheit auf einen höheren +Standpunkt zu erheben.« + + + + +Achtes Kapitel. + + +Als ich Herrn Forest nach unserer letzten Unterredung verlassen hatte, +war ich teils durch seine Auseinandersetzungen, teils durch meine +eigenen Wahrnehmungen überzeugt worden, daß der Kommunismus nicht, +wie Dr. Leete behauptete, das tausendjährige Reich menschlicher +Glückseligkeit herbeigeführt, sondern im Gegenteil die Menschheit in +vielen Beziehungen erniedrigt hatte. + +Es war mir klar, daß ich mit Dr. Leete offen über den Wechsel meiner +Ansichten sprechen und meine Stellung als Professor im Shawmut-College +aufgeben mußte, ohne Rücksicht auf die jedenfalls unausbleiblichen übeln +Folgen. + +Dr. Leete hatte mich mit großer Güte behandelt. Ich war überzeugt, +daß mein liebenswürdiger Gastfreund mir auch dann seine Freundschaft +geschenkt haben würde, wenn ich mich nicht gleich vom Anbeginn für den +Kommunismus begeistert hätte. Er würde andere Ansichten sicherlich +geduldet haben, wenn ich nur die Regierung nicht offen bekämpft hätte. +Vielleicht hätte er sogar in meine Verbindung mit Edith gewilligt. Ganz +anders lagen aber die Verhältnisse jetzt. Der Wechsel meiner Ansichten +mußte für Dr. Leete im höchsten Grade unangenehm werden. Er hatte mich +als einen Mann empfohlen, der sich besonders zum Nachfolger Forests +als Professor der Geschichte des neunzehnten Jahrhunderts eigne. +Meine Ernennung war lediglich eine Folge seiner Empfehlung und mein +Abfall vom Kommunismus mußte notwendigerweise das Ansehen schädigen, +dessen Dr. Leete sich bisher erfreute. Es war mir nicht zweifelhaft, +daß mein Gastfreund das tief empfinden würde. Mein plötzlicher +Meinungswechsel in Bezug auf die Gesellschaftsordnung war ja nur eine +Folge meiner Unkenntnis volkswirtschaftlicher und gesellschaftlicher +Lehren und Erfahrungen. Nichts destoweniger mußte mein Abfall mir in +der Leete'schen Familie und in den politischen Kreisen außerordentlich +schaden. War man nicht gezwungen, mich für einen oberflächlichen, faden +und undankbaren Menschen zu halten, der sich nicht nur in wenigen +Wochen aus einem begeisterten Anhänger der Gütergemeinschaft in einen +entschiedenen Gegner dieser Lehre verwandelt, sondern durch sein +Verhalten auch seinen wohlwollenden Freund in eine sehr peinliche Lage +gebracht hatte? + +Und was mußte Edith von meinem Gesinnungswechsel und von meinem +Rücktritt aus der Professur denken? Sie liebte und verehrte ihren +Vater. Würde ihre junge Neigung zu mir sich in diesem schweren Kampfe +lebenskräftig zeigen? Meine blinde Begeisterung für die neue Ordnung +der Dinge war von der Regierungspresse dem ganzen Lande verkündet +worden. Man hatte besonderes Gewicht darauf gelegt, daß gerade ich, +ein lebender Zeuge der früheren Gesellschaftsordnung, ein fanatischer +Anhänger des Kommunismus geworden wäre. Mein Abfall von dieser Lehre, +gleich nachdem ich mit ihr und den Folgen ihrer Durchführung näher +vertraut geworden war, versetzte die Presse der Regierung in eine sehr +peinliche, fast komische Lage. Es war vorauszusehen, daß man mich als +einen grundsatzlosen Demagogen, vielleicht sogar als einen gefährlichen +Schurken behandeln würde. Ich mußte natürlich erwarten, daß man mich in +die zweite Abteilung eines dritten Grades stecken und mir die denkbar +unangenehmste Arbeit zuerteilen würde; -- wenn man mich nicht gar in ein +Tollhaus brachte. Konnte ich noch daran denken, Edith Leete, welche im +Hause ihres angesehenen Vaters wie eine Blume in einem wohlgepflegten +Garten aufgewachsen war, aufzufordern, das Schicksal eines Mannes zu +teilen, der von den Menschen entweder als ein flachköpfiger Schwätzer +oder als ein grundsatzloser Heuchler angesehen werden mußte, für den +eine Stellung in der zweiten Abteilung des dritten Grades eigentlich +noch viel zu gut war? + +Die Furcht, Ediths Liebe zu verlieren, drängte eine Zeitlang alle meine +andern Gedanken in den Hintergrund; denn in Edith Leete liebte ich Edith +Bartlett und die Vorstellung, daß Edith sich von mir abwenden könnte, +legte sich wie ein Alp auf mein Herz. Niemals in meinem Leben hatte ich +mich so hoffnungslos elend gefühlt, wie auf meinem Wege zum Hause des +Dr. Leete nach meiner letzten Unterredung mit Herrn Forest. + +Einen Augenblick erwog ich den Gedanken, meinem elenden, aussichtslosen +Dasein mit eigener Hand ein Ende zu machen; dann aber entschloß ich +mich, mein Schicksal wie ein Mann zu tragen. So schritt ich denn Dr. +Leetes Hause zu, entschlossen, meine Freunde nicht zu täuschen und meine +Schuldigkeit als Mann von Ehre zu thun. + +Ich fand Dr. Leete, der sonst immer freundlich und gefaßt erschien, in +aufgeregter Stimmung. Er blickte sorgenvoll und drohend zugleich drein. +Ehe ich ihn anreden konnte, blieb er auf dem Wege durch das Zimmer vor +mir stehen und sagte: + +»Ich habe die glaubwürdige Nachricht erhalten, daß unser +gemeinschaftlicher Freund Fest einen Aufstand der Radikalen veranlassen +möchte. Während der letzten Tage haben mehrere geheime Versammlungen +stattgefunden und ich weiß, daß Fest die Absicht hat, den Anfang hier in +Boston zu machen.« + +»Wie wollen Sie sein Vorhaben vereiteln?« fragte ich. »Wollen Sie +die Bürger aufrufen und die Verschwörer verhaften lassen? Ich stehe +jedenfalls zu Ihren Diensten,« fügte ich hinzu, sehr froh, meinem +Gastfreunde wenigstens gegen die Radikalen dienstwillig sein zu können. +Denn ich verabscheute deren Lehren noch mehr als deren Führer. + +»Ich bezweifle, daß es politisch klug wäre, einen Aufruf an die Bürger +zu erlassen,« entgegnete der Doktor. »Durch einen solchen Schritt würde +man der Verschwörung zu viel Bedeutung verleihen. Ich wollte, ich hätte +diesen Fest unter ärztliche Behandlung gestellt, gleich nachdem er zum +letztenmale mein Haus verließ. Er allein ist gefährlich. Sein Anhang +bedeutet an sich nicht viel. Aber unter der Führung eines Menschen, der, +wie Fest, eine gewisse rohe Beredsamkeit mit Kühnheit und persönlicher +Kraft verbindet, kann eine Empörung immerhin gefährlich werden. Um das +zu verhüten, habe ich Auftrag gegeben, den Hauptverschwörer zu verhaften +und ihn an einem sichern Platze unter ärztliche Behandlung zu nehmen.« + +Ich konnte diesen Schritt nicht gutheißen, obschon derselbe Erfolg +versprach. Unangenehm berührte es mich, daß man einen politischen Feind +nicht offen als solchen behandeln und unschädlich machen wollte, +sondern daß man auch hier wieder von Heilanstalt und ärztlicher +Behandlung faselte. Ich hielt es indes für nutzlos, in diesem +Augenblicke meine Ansichten über diese Behandlungsart politischer Gegner +auseinander zu setzen und fragte Herrn Leete nur, ob er einige Minuten +für meine Angelegenheiten übrig habe. Ich hielt es für meine Pflicht, +nunmehr offen mit Ediths Vater zu sprechen. + +Mit seiner gewöhnlichen Güte wandte Dr. Leete sich zu mir und bat mich, +wenn es mir nicht unangenehm sei, die Unterredung auf den nächsten +Morgen zu verschieben. + +Ich gab meine Zustimmung. + +Wir gingen in das Speisezimmer und setzten uns zu Tische. Frau Leete +hatte aus dem Kochhause ein leichtes Abendbrot holen lassen; aber +niemand bekundete irgendwelche Eßlust. Wir alle waren in unruhiger +Stimmung. + +Dr. Leete blickte auf seine Uhr. + +»Fest sollte sich jetzt bereits unter der Obhut der Beamten und Ärzte +befinden,« sagte er. »Ich erwarte einen Bericht.« + +Nachdem einige weitere Minuten in unruhiger Erwartung vergangen waren, +hörten wir Lärm auf der Straße. Eine große Volksmenge schien sich dem +Hause zu nähern. + +Die Hausthür wurde geöffnet und ein lärmender Volkshaufe füllte den +Flur sowie das Speisezimmer. An der Spitze befand sich Fest, welcher +offenbar einen heißen Kampf bestanden hatte. Sein wollenes Hemd war +zerrissen und das Schlächterbeil, welches er in seiner Rechten hielt, +triefte von Blut. + +»Hier bin ich wieder, Dr. Leete,« rief er mit seiner mächtigen, etwas +heisern Stimme. »Ich habe Sie gewarnt und Ihnen gesagt, daß ich Ihr Haus +nie wieder als Freund betreten würde. Und da Sie, verfluchter alter +heuchlerischer Tyrann Befehl gegeben haben, mich gesunden Menschen in +ein Tollhaus zu sperren, so habe ich beschlossen, daß Sie heute Abend +noch sterben sollen. Das Volk von Boston soll von Ihrer Tyrannei befreit +werden.« + +Ich ergriff ein Messer und trat an Dr. Leetes Seite, entschlossen, ihn +mit meinem Leibe zu decken. + +Aber in diesem Augenblicke wurde die Aufmerksamkeit des Menschenhaufens +durch Forest in Anspruch genommen, der sich durch die Menge drängte, auf +den Eßtisch sprang und ohne Zeitverlust rief: »Ihr alle kennt mich und +wißt, daß ich ein Feind dieses Mannes bin.« Dabei wies er auf Dr. Leete. +»Weil ich unsere elende Regierung nicht verteidigen wollte, wurde ich +aus meiner Professorenstellung verdrängt und Dr. Leete war es, der mir +eine Hausknechtsstelle in der Universität anwies.« + +»Das sieht dem miserablen alten Kerl ähnlich,« schrie ein schmutzig +aussehender Bursche. + +»Deshalb sage ich: Nieder mit einer Regierung, welche die freie Rede +erwürgen wollte!« redete Forest weiter. »Nieder mit der Tyrannei! Aber +laßt uns diesen jämmerlichen alten Sünder nicht abschlachten. Es ist +kräftiger, bewaffneter Männer, wie wir es sind, ganz unwürdig, einen +unbewaffneten, alten Menschen zu töten. Wir wollen ihn in dasselbe +Tollhaus sperren, in welches er unseren Freund Fest schicken wollte.« + +»Ja! So ist es recht! Sperrt ihn in ein Tollhaus!« brüllten die +Radikalen. + +Es war klar, daß Forest versuchte, Dr. Leetes Leben zu retten. Mein +Blick glitt zu Edith hinüber. Sie war totenbleich, aber gefaßt. Sie +hatte ihren linken Arm um ihren Vater geschlungen und ihr Auge begegnete +dem meinigen freundlich wie immer. Unglücklicherweise bemerkte Fest +diesen Blick Ediths und seine Eifersucht brach mit erneuter Wut los. + +»Ihr verdammten Narren,« schrie er mit vor Grimm fast erstickter Stimme. +»Merkt ihr denn nicht, daß dieser Forest den Versuch macht, das Leben +jenes verschmitzten und gefährlichen alten Tyrannen zu retten? Aber das +soll ihm nicht gelingen. Als meinen Anteil an der Beute verlange ich das +Leben Leetes und seine lebendige Tochter.« + +»Thue, was du willst, Bob,« riefen einige aus dem Haufen. + +»Verlassen Sie dieses Haus, Forest,« befahl Robert Fest. »Ich hege +keinen Groll gegen Sie. Wenn Sie aber meinen Weg kreuzen, werden Sie die +Folgen zu tragen haben.« + +»So lange ich lebe, sollen Sie in diesem Hause und an diesem alten Manne +nicht zum Mörder werden,« entgegnete Forest. »Sie sollten sich schämen, +Fest! Ihr Benehmen ist eines Mannes von Ehre ganz unwürdig.« + +»Schweig, du Narr,« schrie Fest wütend. »Der heuchlerische Schurke Leete +hat das Volk lange genug geknechtet. Er muß sterben und wenn du dich +nicht aus dem Wege machst, wirst du mit ihm zur Hölle fahren.« + +Ein Zorn, wie ich ihn nie zuvor empfunden, riß mich hin. + +»Was hat dieser alte Mann gethan, um deinen Blutdurst zu erregen, du +gemeiner, grausamer Feigling,« rief ich, auf Fest zuspringend, um ihm +mein Messer in die Brust zu stoßen. Aber ein Dutzend Fäuste entwaffnete +mich, während Fest befahl: + +»Steckt den Jubelgreis in einen Sack und werft ihn in den Hafen. Obschon +ich in den Augen des Professors kein Mann von Ehre bin, halte ich doch +mein Wort und ich habe dem ausgegrabenen Gespenst versprochen, daß ich +es wie einen jungen Hund ersäufen würde, wenn er mir wieder zwischen die +Beine läuft.« + +Er erhob seine blutige Axt und schritt auf Dr. Leete zu, der +bewegungslos dastand, seine grauen Augen auf den rohen Feind gerichtet. + +Noch einmal versuchte Forest das Leben des alten Herrn zu retten, indem +er sich vor diesen stellte; aber ein Kerl mit struppigem Bart und +kleinen, viehisch funkelnden Augen begrub ein langes Messer in Forests +treuer Brust. Mit den Worten: »Wir sind quitt, Leete,« stürzte er zu +Boden. + +Edith rang mit zwei Männern, welche versuchten, sie von ihrem Vater +fortzuführen, als Fests Fleischeraxt auf das graue Haupt Dr. Leetes +niederfiel. + +Ohne einen Laut von sich zu geben, brach er tot zusammen. + +Edith stieß einen lauten Schrei aus und verlor die Besinnung. Fest fing +sie in seinem mit dem Blute ihres Vaters bespritzten Arme auf. + +»Sie weigerte sich, mein Weib zu werden,« sagte er mit einem +gleichzeitig rohen und boshaften Grinsen. »Jetzt ist sie mein, ohne die +alberne Eheschließerei.« + +Und während er, Edith forttragend, zur Thür schritt, rief er seinen +Genossen zu: »Schlagt alle Freunde der Regierung tot, meine Jungen! In +einer Stunde werde ich euch auf dem Rathause treffen.« + +Ich machte eine letzte, verzweifelte Anstrengung, die Männer von mir +abzuschütteln, welche mich festhielten und -- erwachte am 31. Mai 1887 +in meinem Bette. An meiner Seite befanden sich ein Arzt und mein Diener +Sawyer, welche längere Zeit vergeblich versucht hatten, mich aus meinem +tiefen durch den Mesmeristen veranlaßten Schlaf zu erwecken. + +Mehr als eine Stunde verging, bis ich mein Denkvermögen wieder erlangt +hatte; dann aber machte ein tiefer Seufzer meiner Beklemmung ein Ende. + +Mit Blitzesschnelle jagten alle Einzelheiten meines anziehenden und doch +auch schrecklichen Traumes an meinem Geiste vorüber. Wiederum wog ich +die Gründe, welche Dr. Leete und Forest für ihre Ansichten vorgeführt +hatten, gegen einander ab und ich fühlte mich unendlich glücklich bei +dem Bewußtsein, daß ich im neunzehnten Jahrhundert und nicht in dem +Kommunistenstaate lebte, der mir wie ein riesiges Zuchthaus am Abende +vor einem Aufstande der Sträflinge erschien. + +»Lieber will ich doch in der Freiheit schwer arbeiten, als täglich in +einem gefängnisartigen Dasein einige Stunden mehr müßig zu gehen,« +sagte ich, in Betrachtungen versunken, zu mir selbst. »#Denn die Arbeit +ist kein Übel!# Und ehe ich mich unter die kommunistische Sklaverei +beuge, will ich lieber einige Jahre länger thätig sein und auf einige +Lebensannehmlichkeiten verzichten. Die meisten Genüsse, nach welchen wir +streben, erscheinen ohnehin am begehrenswertesten, solange wir uns ihrer +nicht erfreuen. Wenn wir das Erstrebte erreicht haben und an den Genuß +gewöhnt sind, verliert er fast immer jeden Reiz.« + +Ich beschloß, künftighin mein bestes Können für die Förderung alles +dessen einzusetzen, was der Menschheit zum Heile gereichen muß; vor +allem aber zur Zufriedenheit zu mahnen, welche die einzige verläßliche +Grundlage für menschliches Wohlbehagen bildet. Glückseligkeit ist ja +viel unabhängiger von Wohlstand, als viele glauben; ja in Wirklichkeit +scheitert das Wohlbehagen nur zu oft an Ruhm und Reichtum. Ob wir +uns glücklich fühlen, oder nicht, das hängt großenteils von unserer +Lebensauffassung ab. + + Ende. + +FUSSNOTEN: + +[1] S. Reclam's Universal-Bibliothek Nr. 2661/62. + +[2] Einzelne Stellen aus Bellamy's Buch, »#Ein Rückblick#« welche +kennzeichnend für die Art und Weise sind, wie er Gegenwart und +Zukunft beurteilt, teile ich in »Anführungszeichen« mit und gebe die +Seiten an, auf welchen diese Sätze enthalten sind, wobei die in der +»#Universal-Bibliothek#« (#Verlag von Philipp Reclam jr., Leipzig#) +erschienene Übersetzung von #G. v. Gizycki# als Grundlage dient. Die +als Fußnoten gegebenen Seitenzahlen weisen daher immer auf die erwähnte +Übersetzung hin. Obiges ist auf Seite 224 zu finden. + +[3] Seite 224. + +[4] Seite 261. + +[5] Seite 237. + +[6] Seite 49. + +[7] Seite 99. + +[8] Seite 42 und 43. + +[9] Seite 57. + +[10] Seite 102. + +[11] Seite 98 und 99. + +[12] Seite 98 und 99. + +[13] Seite 99. + +[14] Seite 100. + +[15] Seite 100. + +[16] Seite 101. + +[17] Seite 165-167. + +[18] Seite 152. + +[19] Seite 152 u. 153. + +[20] Seite 70. + +[21] Die erste amtliche Zählung in den Vereinigten Staaten wurde 1790 +vorgenommen; man zählte 3 929 314 Einwohner. Im Jahre 1880 belief sich +die Bevölkerung auf 50 155 738 und 1890 wird sie auf über 65 000 000 +Seelen geschätzt. In hundert Jahren hat sie sich versechzehnfacht. +Sollte der Zuwachs in gleichem Maße fortdauern, so würden 1990 in den +Vereinigten Staaten und in Canada 1 040 000 000 Menschen leben. Ich habe +die jährliche Bevölkerungszunahme aber auf nur zwei Prozent berechnet, +wonach die Vereinigten Staaten und Canada im Jahre 2000 ungefähr 500 +Millionen Einwohner haben würden. + +[22] Seite 28. + +[23] Seite 28. + +[24] Seite 150. + +[25] Seite 216. + +[26] Seite 208. + +[27] Seite 95. + +[28] Seite 79. + +[29] Seite 35. + +[30] Seite 187. + +[31] Seite 188. + +[32] Seite 70. + +[33] Seite 97. + +[34] Seite 97. + +[35] Seite 147. + +[36] Seite 159. + + + + +Philipp Reclam's billigste Classiker-Ausgaben. + + +Börne's gesammelte Schriften. 3 Bände. Geh. 4 M. 50 Pf. -- In 3 eleg. +Leinenbänden 6 M. + +Byron's sämmtliche Werke. Frei übersetzt v. #Adolf Seubert#. 3 Bände. +Geheftet 4 M. 50 Pf. -- In 3 eleg. Leinenbänden 6 M. + +Goethe's sämmtliche Werke in 45 Bänden. Geh. 11 M. -- In 10 eleg. +braunen Leinenbänden 18 M. -- In 10 eleg. rothen Leinenbänden 19 M. + +Goethe's Werke. Auswahl. 16 Bände in 4 eleg. 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Geheftet 4 M. 50 Pf. -- In 3 eleg. +Leinenbänden 6 M. + + + + + +End of Project Gutenberg's Ein Blick in die Zukunft, by Richard Michaelis + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK EIN BLICK IN DIE ZUKUNFT *** + +***** This file should be named 44598-8.txt or 44598-8.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + http://www.gutenberg.org/4/4/5/9/44598/ + +Produced by Jana Srna, Norbert H. Langkau, Norbert Müller +and the Online Distributed Proofreading Team at +http://www.pgdp.net + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. 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Newby + Chief Executive and Director + gbnewby@pglaf.org + +Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation + +Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide +spread public support and donations to carry out its mission of +increasing the number of public domain and licensed works that can be +freely distributed in machine readable form accessible by the widest +array of equipment including outdated equipment. Many small donations +($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt +status with the IRS. + +The Foundation is committed to complying with the laws regulating +charities and charitable donations in all 50 states of the United +States. Compliance requirements are not uniform and it takes a +considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up +with these requirements. We do not solicit donations in locations +where we have not received written confirmation of compliance. 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