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diff --git a/44610-0.txt b/44610-0.txt new file mode 100644 index 0000000..7d76f9b --- /dev/null +++ b/44610-0.txt @@ -0,0 +1,2560 @@ +*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 44610 *** + + KOBOLZ + GROTESKEN + VON + HANS REIMANN + + + KURT WOLFF VERLAG + LEIPZIG + + Bücherei + Der jüngste Tag + Bd. 39/40 + + COPYRIGHT KURT WOLFF VERLAG, LEIPZIG 1917 + GEDRUCKT BEI G. KREYSING IN LEIPZIG + + «Memento vivere!» + + + + +BEDRUCKTES PAPIER + + +VOR mir liegt ein weißes Blatt Papier. -- + +O du weißes Blatt Papier! + +Du liegst unter meinen Augen -- wehrlos, unschuldig, schön. Glatt bist du +und ohne Makel. Wie sollt' ich dich beschreiben? + +Ich beschreibe dich nicht. + +Ich wage nicht, dich zu beschreiben. + +Du bist so weiß! + +O du weißes Papier! + +Was ist dir! + +Und was ist mir?? + +-- -- Ich starre auf das leere Blatt und lese Sätze -- wie von meiner Hand +geschrieben. + +Bin ich irre? Spukt es mich an? + +Ich lese Sätze, die ich nie geschrieben; ich lese Sätze, die ich nie +gedacht. + +Hier stehen sie gedruckt, wie ich sie sah. + +Das Blatt jedoch ist weiß wie Schnee. + +Vor meinen Augen flirrt's. + +Der grause Schrecken faßt mich an, mich schüttelt's wie im Fieber: + +Mit langen Beinen, ekel angehaarten, stolziert ein giftig grünes +Hirngespinst quer über meinen weißen Bogen. + +Und er, der eben leer, ist vollgekrakelt. + +Mir bleibt es, in die Druckerei zu schicken, was drauf steht. + +Ich tu's. + + + + +LITERATUR + + +WIR alle sind sehr verdorben. + +Wir lesen und fabrizieren Literatur, die an Intensität und Gesteigertheit +nichts zu wünschen übrig läßt. + +Ich empfehle zwecks Erholung und Reinigung der hirnlichen Zustände das +folgende barbarische Mittel: kauft euch Dr. H. Loewes spanische +Unterrichtsbriefe und lest darin! Lest darin, ohne spanisch lernen zu +wollen! + +Lest die Sätze: + +«Die Welt ist groß. Ihr habt ein Stiergefecht in Sevilla gesehen. Der +boshafte Räuber nimmt das Geld weg. Ich habe die Witwe des Generals geküßt. +Das schöne Fräulein hatte einen unglücklichen Vater. Sie erzürnten den +Zwerg, indem sie Bohnen in sein Gesicht warfen. Der Allmächtige erhält die +Welt, welche er erschuf. Du gibst mehr Geld aus, als nötig ist. Seid immer +fleißig und aufmerksam! Die Kartoffeln wurden im Jahre 1580 nach Europa +gebracht. Wie kannst du über das Unglück anderer lachen?» + +Je mehr ihr dieser weltgebornen Sätze leset, um so weiter werden eure +Herzen von der modernen Literatur hinwegrücken! + +(Oder etwa nicht??) + + + + +SCHERZHAFTE NOVELLETTE + + +DER Schreibtisch liegt im Scheine der flackernden Kerze. Im Ofen knistert +das Holz. Draußen ist kohlrabenschwarze Nacht. + +Ephraim schreibt an einer Novellette, die folgendermaßen anhebt: + +«Der Schreibtisch liegt im Scheine der flackernden Kerze. Im Kamine +knistert das Holz. Draußen ist kohlrabenschwarze Nacht.» + +Der Anfang dieser seiner Novellette hat vielerlei für sich. Vor allen +Dingen ist er von unanfechtbarer Wahrhaftigkeit und Sachlichkeit -- bis auf +den Kamin, der durch einen ordinären Ofen repräsentiert wird. + +Ephraim kann nicht weiter. Er nimmt einen auf dem Tische befindlichen +Zirkel (-- _neue_ deutsche Literaten, darunter auch meine Wenigkeit, +brächten es nicht übers Herz, das simple «befindlich» anzuwenden, vielmehr +würden sie sich eines aparten Zeitwortes wie etwa «Vagabundieren» oder +«Dahinträumen» bedienen! --), spreizt dessen Schenkel, daß sie eine Gerade +bilden, faßt ihn mit der Rechten und stochert in einem der hintersten +Backzähne. + +Der Mensch tut manches Unschöne, so er sich unbeobachtet glaubt. + +Sodann erhebt sich Ephraim, bohrt mit beiden Zeigefingern in beiden +Gehörgängen, lehnt sich rückwärts an die Tischplatte und schaut vor sich +hin. + +Mählich gewöhnen sich die Augen an das Halbdunkel des Stübchens und +verweilen auf den Gegenständen. + +Ephraim blickt auch auf das Fenster. + +Draußen ist Nacht. + +Ephraim blickt hinaus in die Nacht. + +Er erschrak nicht, er zuckte nicht zusammen, er geriet nicht aus der +Fassung, kein Muskel regte sich in seinem Angesicht, als er den Kopf sah. + +Draußen stand ein Mann und hatte seine Pupillen stier auf Ephraim +gerichtet. + +Zwei Augenpaare bohrten sich ineinander. + +Der in der Stube erschauderte. + +Er schwankte. Sollte er tun, als habe er nichts bemerkt, und sich wieder an +den Schreibtisch setzen, -- oder sollte er . . . . + +Ach wo, und er schritt zur Tür, öffnete sie, -- zwei, drei Schritte, und er +stand vor dem Fremden. + +«Fedor Ignaz Deichsel» stellte sich dieser vor (die Stimme klang piepsig +und dünn) und verbeugte sich trotz der Dunkelheit. + +Es war also nicht Sherlock Holmes! + +«Sehr erfreut!» entgegnete Ephraim, stellte sich seinerseits vor und lud +den Fremden ein, näher zu treten. + +Der Fremde folgte dem Dichter in die Stube. + +Erst redeten sie keine Silbe -- späterhin ging es recht lebhaft zu. + +Erst standen sich die zwei wie die Pflöcke gegenüber -- -- zuguterletzt +schlossen sie Brüderschaft. + +Der Fremde war nämlich auch ein Dichter. + +Er wollte eine Novellette schreiben und hatte sich das sehr schön +ausgemalt: wie er den Mann in der Stube beobachten würde, um ihn +abzukonterfeien und sein Tun zu schildern. Der Anfang, den er im Kopfe +trug, lautete: + +«Kohlrabenschwarze Nacht. Der Schreibtisch liegt im Scheine der flackernden +Kerze . . .» + +Weiter war er nicht gekommen, und es ist fraglich, ob er sich für «Ofen» +oder «Kamin» entschieden hätte. + +-- Ich, ich schöpfe das Fett ab. + +(Diese Malefizliteraten!) + + + + +DER NACHTWÄCHTER + + +ALS der Herr schlief, machten sich die Holzpantoffel auf die Wanderschaft. + +Zuerst kamen sie in ein Dorf, wo die Hunde bellten. Dann kamen sie in ein +Dorf, wo keine Hunde bellten. Dann kamen sie in ein Dorf, wo wiederum Hunde +bellten. Und endlich kamen sie in ein Dorf, wo nicht _ein_ Hund bellte. + +Da gefiel es ihnen, und sie trippeltrappelten kreuz und quer durch alle +Straßen und Gassen. + +Da kam der Nachtwächter und erfüllte seine Pflicht, indem daß er tutete. + +Die Pantoffel, zu jedem Schabernack aufgelegt, klapperten im Kreise um ihn +herum. + +Als der Nachtwächter die tanzenden Pantoffel sah und das Geklapper hörte, +wunderte er sich nicht schlecht und glaubte, er habe einen sitzen. + +Aber er hatte keinen sitzen, sondern es war wirklich wahr: die Pantinen +hupften und sprangen und trampelten um ihn herum. + +Da zog er seine Doppelkümmelflasche aus dem Busen und tat einen tiefen Zug, +um sich zu stärken. + +Als er die Holzdinger immer noch hupfen und springen sah, tat er auf den +Schreck und als gründlicher Beamter einen zweiten Zug. + +Als aber die Tüffel gar nicht aufhören wollten, ihn zu umklappern, +pietschte er die ganze Buddel aus. + +Was war die Folge? + +Er taumelte stockbetrunken durch das Dorf und kam sich von hunderttausend +Holzpantoffeln umhopst vor. + +Er torkelte heimwärts und fiel seiner Frau Gemahlin angstschlotternd um den +Hals. + +Die Pantoffel hatten nun genug und trippeltrappelten mopsfidel zurück zu +ihrem Herrn. + +Der Nachtwächter jedoch -- ein sogenannter Pantoffelheld -- nahm die +Schläge hin, die seine Frau Gemahlin ihm zugedachte. + + * * * * * + +Moral: Bedudle dich! Aber bedudle dich heimlich und nicht ohne den +triftigsten Grund. + + + + +GEFALLEN + + +WER hätte es noch nicht mit Entzücken betrachtet, das reizende Gemälde «Vom +Himmel gefallen»? Ein Baby, ein allerliebstes, in taufrischem Gefilde! + +Und wer hat noch nicht mit liebevoller Genugtuung festgestellt, daß jenes +Würmchen bei seinem Sturz vom Himmel nicht Hälslein und Beinlein gebrochen +hat, sondern völlig unversehrt geblieben ist? + +Reden wir nicht davon, begnügen wir uns vielmehr damit, zur Kenntnis zu +nehmen, daß sich das vom Himmel gefallene Baby allem Anscheine nach +pudelwohl fühlt auf dieser vom Himmel himmelweit verschiedenen Erdkugel. + +Der Maler sah es, malte und ging seiner Wege; für ihn war die Sache +abgetan. + +Das Gemälde ward vervielfältigt -- _vervielzuviefältigt_! --, ward in den +Kunsthandlungen ausgestellt und ward mit Entzücken betrachtet und wird es +noch. + +Um das (seinerzeit) vom Himmel gefallene Menschenkind kümmerte sich +niemand. In taufrischem Gefilde saß es und freute sich seines Daseins. + +Ach, wie edelmütig von den Herren Künstlern, den Lebensweg der vom Himmel +Gefallenen und der anderweitig wunderkindlich Veranlagten idyllisch auf +sich beruhen zu lassen und nicht aus der Schule des Lebens zu plaudern! + +Wenn etwas am schönsten ist, wird's gemalt und damit basta. + +Aber ich will dem Maler jenes Würmchens einen groben Strich durch sein Werk +ziehen und will ausplauschen, was geschah, und was sich begab. + +Also das kleine Wesen saß und saß und freute sich des Lebens. Der Maler war +längst über alle Berge. + +Aber dann kriegte es Hunger, und dann wurde es müde, und dann kam die +Nacht. + +Es fror, daß Gott erbarm, und da machte es sich auf seine kleinen +Strümpfchen und batterte in die Dunkelheit hinein. + +Selbstverständlich gelangte es an den bekannten Abgrund, in den zu stürzen +allerdings kein rettender Engel es verhinderte, oh nein: es purzelte hinein +in den Abgrund, brach jedoch infolge seiner Übung im Fallen weiter nichts +als das dritte Gliedchen des vierten Fingerchens des linken +Patschhändchens. + +Da lag es nun und plärrte ob des Wehwehchens, wie wenn es am Rost gebraten +werden sollte. + +Da kam der bekannte Köhler, der seine Hütte in weiser Voraussicht in +nächster Nähe erbaut hatte, und nahm es und trug es heim und verband das +Wehwehchen des dritten Gliedchens des vierten Fingerchens des linken +Patschhändchens und bettete das Kindelein und wartete sein. + +Die bekannten Jahre strichen ins Land, und die Köhlerstochter erblühte zur +Jungfrau. + +Und dann kam aber keineswegs der bekannte tugendhafte Prinz, um die schöne +Köhlermaid heimzuholen, im Gegenteil, es kam niemand. + +Und da niemand kam, sprach die Jungfrau zu sich selbst: «Ach wat!» und +bestieg ihr Veloziped und fuhr bis zur Bahnstation, und dort setzte sie +sich in die Eisenbahn und dampfte nach der Stadt und wurde daselbst Bardame +und ergab sich, huh, dem bekannten liederlichen Lebenswandel. + +Dies zu erfahren, ist zwar nicht hocherfreulich, doch ist es die Wahrheit. + +Ich halte es für meine Pflicht und Schuldigkeit, meinen Lesern reinen Wein +einzuschenken, und sei er noch so herb. + +-- So oft ich eines unschuldigen, wie vom Himmel gefallenen Menschenkindes +ansichtig werde, denke ich an das Urbild jenes bekannten Gemäldes -- an das +Urbild, das erst vom Himmel und dann auf der Erde und somit in der +Wertschätzung der lieben Mitmenschen fiel. + + + + +DIE DAME OHNE KOPF + + +(1) + +AUF der Terrasse des Esplanade-Hotels in Biarritz. + +Urban, Rüdiger und Martin, drei tadellos angezogene junge Herren, blicken +auf das Meer hinaus. + +Martin mahnt zum Aufbruch und zieht die Brieftasche. Er will bezahlen. + +Rüdiger klopft mit dem Löffel an sein Teeglas. + +Urban beobachtet absichtslos die Handbewegungen Martins. + +Da fällt aus dessen Brieftasche eine Akt-Photographie. + +Martin bückt sich, Urban bückt sich. Rüdiger dreht seinen Schnurrbart. + +Martin hat die Photographie aufgehoben und steckt sie in ein Fach seiner +Brieftasche. Er hat einen feuerroten Kopf. + +«Was war das?» fragt Urban. + +«Oh, weiter nichts!» gibt Martin zur Antwort. + +Aber der eine Blick, den Urban auf die Photographie geworfen hat, hat genug +enthüllt. + +Urban ersucht den verlegenen Martin, ihm die Photographie zu zeigen. + +Martin holt die Photographie heraus und reicht sie Urban hin. Mit dem +Daumen verdeckt er den Kopf der Dame. + +Rüdiger wirft einen flüchtigen Blick auf das Bild und putzt sodann +umständlich seine Brillengläser. + +Das Bild stellt eine Dame dar, die völlig nackt ist. Sie liegt rücklings +auf einer Ottomane und hat die Beine hoch in der Luft gekreuzt. + +Urban erkennt sofort seine Frau. + +Martin nimmt den Daumen weg. + +Die Dame hat keinen Kopf. Wo der Kopf sitzen müßte, hat die Photographie +einen leeren Fleck. + +«Wer ist das?» fragt Urban heiser. + +«Ihre Frau!» antwortet Martin. + +«Und wer hat die Aufnahme gemacht?» + +«Der Herr Gemahl!» + +«Ich denke nicht dran.» + +«Ihre Frau hat's gesagt.» + +«Das ist gelogen. Ich weiß nichts von der Aufnahme.» + +«_Ich_ habe die Aufnahme gemacht!» mischt sich Rüdiger in das Gespräch, +setzt seine Brille auf und schaut die beiden Herren an. + +«Das finde ich großartig!» spricht Urban. + +«Ich nicht» sagt Martin. «Rüdiger, Sie sind ein Schuft!» + +«Jawohl» versetzt Rüdiger. + +Beide stehen auf und gehen weg. + +Urban zahlt und schlendert hinter den beiden her. + + +(2) + +In den Dünen. + +Rüdiger und Martin schießen sich. + +Martin kriegt einen Schuß in den Kopf und ist auf der Stelle tot. + +Rüdiger nimmt dem Toten die Photographie aus der Brieftasche und entfernt +sich. + + +(3) + +In den Dünen. + +«Verschaffen Sie mir wenigstens eine Kopie von der Aufnahme!» sagt Urban zu +Rüdiger. Er ist ihm nachgelaufen. + +«Mit Vergnügen» gibt Rüdiger zurück und überreicht die Photographie, die er +Martins Brieftasche entnommen hat. + +«Danke!» sagt Urban. + +«Bitte schön!» sagt Rüdiger. + +Urban geht hierhin, Rüdiger geht dorthin. + + +(4) + +In den Dünen. + +Am Abend findet man Urban an derselben Stelle, an der Martin tot +zusammengebrochen ist. + +Er hat sich erschossen. + +Die Kugel ist durch die linke Brust gegangen -- mitten durch die +Photographie in der linken Brusttasche. + + +(5) + +Rüdiger heiratete trotzdem Urbans Witwe nicht. + + +(6) + +Aber Urbans Witwe, die Dame ohne Kopf, heiratete trotzdem. + + + + +«SNEEWITTCHEN, DER APFEL IN» + + +ICH lebe unter dem Fluche, Grotesken zu schreiben. + +Bringe ich die simpelsten, banalsten Dinge zu Papier -- Dinge, die ich mit +eigenen Augen sah und ohne irgendwelche «Ausschmückung» notierte --, so +heißt es, sie seien «grotesk». + +_Nichts ist grotesk auf dieser Erde._ + +Selbstverständlich ist _alles_ grotesk auf dieser Erde. + +Aber es kommt darauf an. + +Die Welt ist grotesk, und sie ist das Gegenteil. + +Das Leben ist ernst, und es ist das Gegenteil. + +Subjektiv genommen ist die Welt grotesk _und_ das Gegenteil. + +Subjektiv genommen ist das Leben ernst _und_ das Gegenteil. + +Aber objektiv genommen ist die Welt grotesk. Denn das Gemisch von Groteskem +und Nicht-Groteskem, eben dies Gemisch ist grotesk. + +Und das verflucht ernste Leben, das zu Zeiten so haarsträubend ulkt, ist +grotesk. + +Und auch das andere Leben, das so ulkig ist, kann zu Zeiten verflixt ernst +sein. Und somit grotesk. + +Ich komme vom Thema ab. -- + +Die Groteske «Sneewittchen, der Apfel in» ist lediglich der Überschrift +wegen geschrieben worden. (. . worden??) + +Diese Überschrift ist grandios! + +Ehrenwort! + +Mein Freund, der Dr. Kurt Lange, hat es bestätigt. + +Diese Überschrift ist eine Parodie (für die Hartköpfe sei's gesagt). + +Die Überschrift ist derartig . . . . schön, daß es sich erübrigt, den Text +dazu herzuschreiben. + +Als guterzogener Mensch will ich wenigstens andeuten, um was es sich bei +«Sneewittchen, der Apfel in» handelt. Oder vielmehr handeln sollte (es +handelt sich gar nicht!). + +Die Sache ist die: Sneewittchen kriegt von der Frau Königin einen Apfel +angeboten. Zum Beweise dessen, daß er nicht vergiftet sei -- na, wenn sie +das schon sagt, da soll ein Mensch nicht stutzig werden! --, schneidet sie +den Apfel (sie -- die Königin) in zwei Hälften. Aber die eine ist _doch_ +giftig, und die andere nicht, und die giftige verspachtelt Sneewittchen. + +Das ist ein dunkler Punkt. + +Denn ein kleines bissel Gift wird mindestens in die ungiftige Hälfte +gedrungen sein -- -- _wenn sich ein halbgiftiger und halbungiftiger Apfel +überhaupt anfertigen läßt!_ + + * * * * * + +Nachwort: Das Tollste in «Sneewittchen» oder besser «>Sneewittchen<, das +Tollste in» ist indessen die eigenartige Tatsache, daß die verschluckte +Apfelhälfte -- -- ach, das ganze Märchen taugt nichts! Ich werde es +revidieren und neu herausgeben unter dem Titel «>Sneewittchen<, ein für +fortgeschrittene Kinder nach den Resultaten moderner medizinischer +Forschung umgearbeitetes Märchen». + + + + +DOLL! + + +ES war einmal. + +Zufolge einer hitzigen Wette ritt der wirklich, also ich sage Ihnen: +wirklich feudale Graf Soundso in Lack und mit Einglas auf einer Kuh, also +Ehrenwort: auf einer Kuh durch eine belebte Straße der preußischen +Hauptstadt. + +Doll, was? + +Der Spaß kostete zwanzig Emm -- Lappalie! --, der Graf mußte absitzen und +wohl oder übel die Kuh nach Hause führen. + +Was sagen Sie dazu? + +Sie schütteln Ihren Kopf mit Recht. + + + + +NACHT IM HOTEL + + +IN der Nacht kroch mir etwas über das Gesicht. Davon wurde ich munter. Ich +machte Licht und sah, daß es eine Raupe war. Sie hatte eine grasgrüne +Hautfarbe und viele Borsten. Ich sprach zu ihr: «Du kommst mir ungelegen, +Raupe! Warum störst du mich im Schlafe?» Die Raupe erwiderte: «Ich störe +dich mitnichten im Schlafe; siehe denn, du träumst! Ich bin eine von dir +geträumte Raupe. Oder, wenn du willst: _Ich_ träume _dir_.» Ich wunderte +mich ein wenig und sagte: «Wenn es sich so verhält, und du nur eine mir +geträumte Raupe bist, so habe ich keine Veranlassung, dir zu zürnen. Aber +verschone mich bitte und träume, wenn möglich, einem andern.» Die Raupe +lächelte und kroch von hinnen. + +Es mochte eine Viertelstunde verstrichen sein, da stach mich etwas. Davon +erwachte ich und zündete Licht an. Da sah ich, daß es ein Floh war. Er +hüpfte weg, aber ich sprach: «Zu deinem Besten will ich annehmen, daß nur +ein geträumter Floh du bist; sonst möchte es dir übel ergehen, Freundchen. +Laß gut sein und reize mich hinfort nimmer; ich könnte dir das Fell eklig +über die Ohren ziehen.» Da kam der Floh aus dem Versteck hervor und +entgegnete: «Ich bin kein geträumter Floh, mein Herr. Im Gegenteil: ich bin +so ungeträumt wie überhaupt irgend möglich und liebe offene Karten. Darum +sei Ihnen angesagt: Sie werden den Rest der Nacht in Schlaflosigkeit und +Wut verbringen. Gott befohlen!» Ehe ich ihn greifen konnte, war er +enthüpft. Ich lag lange wach und konnte nicht einschlafen. Endlich schlief +ich. + +Es mochte abermals eine Viertelstunde verstrichen sein, da hockte mir etwas +auf der Brust. Davon erwachte ich. Als ich Licht anzündete, bemerkte ich +mit Entsetzen, daß mir ein Känguruh zu schaffen machte. Es kauerte auf +meinen Rippen und glupschte mich feindselig an. Ich sprach: «Es ist bereits +das dritte Mal in dieser Nacht, daß man mich belästigt. Sie mögen geträumt +sein oder nicht, ich habe nicht die geringste Lust, mich mit Ihnen zu +befassen. Beehren Sie sonstwen mit Ihrem unerbetenen Besuche, aber nicht +mich!» Sprach's und drehte mich auf die andere Seite. Rasch schlief ich +wieder ein. Mir träumte, daß ein Känguruh auf meiner Brust säße, das ich, +um es loszuwerden, erdrosselte. Schwer schlug die Leiche zu Boden. Davon +erwachte ich. + +Im Zimmer lag die Leiche eines Känguruhs. + +Im Waschbecken schwamm eine grasgrüne Raupe. + +Ein Floh stach mich. Die Sonne schien durchs Fenster. Ich griff mir an den +Kopf. + +Es ist nicht geheuer auf der Welt. + + + + +KLEIN-ELLI UND DIE KRITIK + + +DIE zweijährige Elli wandte sich an den fünfjährigen Ferd mit den Worten: +«Du, das eine kann ich dir sagen: So jung ich bin -- _mehr_ Lebenserfahrung +als du habe ich auf jeden Fall!» + +Ferd war platt. + +Und darauf beruhte Ellis Spekulation: man braucht dem andern nur etwas +himmelschreiend Überlegenes zuzuschleudern, und sofort hat dieser _weniger_ +Lebenserfahrung -- vorausgesetzt, er fällt hinein. + +Ferd war hineingefallen, und die zweijährige Elli war um eine +Lebenserfahrung reicher. + + * * * * * + +Ein Rezensent erklärte Obiges für Quatsch. Er dahlte von sinnloser +Originell-sein-Wollerei-um-jeden-Preis und stellte mich als +unzurechnungsfähig hin. + +Ich gab die Rezension der zweijährigen Elli. Sie sprach: «Siehste, Onkel +Reimann, ich hab' dir's gleich sagen wollen: schreib das nicht auf, die +Kritiker erklären es doch für Quatsch. Hättste nur auf mich gehört.» + +Das sah ich ein und faßte den Beschluß, wenigstens diese zweite Äußerung +der zweijährigen Elli dem rezensierfähigen Publikum vorzuenthalten. + + + + +«O (JUHU!) JUHUGENDZEIT!» + + +Personen: Ein glücklich liebend Paar. + +Ort der Handlung: Eine kleinste Hütte. + +Zeit: Was denn sonst als Mai? + +GEGEN Abend pürschte ich mich hinan. + +Drinnen kicherte etwas. + +Ich spitzte die Ohren. + +Ein Ehrenmitglied der menschlichen Gesellschaft packt mich bei den +Schlafittchen und zerrt mich weg. + +Ich sagte: «Lieber Herr, unterlassen Sie das! Übrigens hätte ich mich als +diskreter Mensch sowieso entfernt.» + +Er gab mich frei und entschwand im Gebüsch. + +Ich lagerte mich ins Kleefeld. + +Aber es trieb mich, es trieb mich, es trieb mich hin zu jener kleinsten +Hütte, worinnen etwas gekichert hatte. + +Es war Nacht geworden. + +Eine Lampe brannte. + +Auf stummen Zehen schlich ich; ich schlich auf stummen Zehen zum Fenster +hin, hin zum Fenster. + +Das Ehrenmitglied war auch schon da und spionierte durch eine Klinze im +Fensterladen. + +Drinnen erlosch die Lampe. + +Aber um uns lag grelle Helle: die zwiefache Gemeinheit strahlte aus unseren +Augen. + +Wir pusteten uns gegenseitig aus. + +Da war es dunkel. + + + + +OFFENER BRIEF AN EINEN UNBEKANNTEN + + +SEHR geehrter Herr! Ich nehme mir die Freiheit, in aller Öffentlichkeit ein +Schreiben an Sie zu richten, weil ich Sie nicht länger darüber im Unklaren +lassen möchte, wie unsympathisch Sie mir sind. + +Mit Erstaunen werden Sie fragen, welche Gründe um alles in der Welt mich, +der ich Sie nicht kenne, bewegen, Sie einen mir unsympathischen Menschen zu +heißen. + +So hören Sie denn, daß ich nicht den winzigsten Grund habe, um so mehr, als +ich Sie, wie gesagt, nicht kenne. + +Trotzdem sind Sie mir in tiefster Seele und aus einem, wenn ich mich so +ausdrücken darf, allgemeinen Gefühl heraus unausstehlich, und ich +versichere laut, daß ich jeden Zug Ihres Wesens, jede Spur Ihres Seins +widerlich finde, mögen Sie existieren oder nicht. + +Ich bin überzeugt, daß Ihre sauber genähten Krawatten mir nicht minder auf +die Nerven fallen würden als die Handbewegungen, womit Sie Ihrer jüngsten +Tochter, wenn Sie eine hätten, über den Scheitel fahren, wenn sie einen +hätte, und daß mich die Geschwulst hinter Ihrem rechten Ohre, gesetzt, Sie +hätten eine, ebenso peinlich berühren würde wie die Art, in der Sie über +Angelegenheiten der inneren Politik sprechen -- wenn Sie darüber sprechen. +Warum übrigens in drei Teufels Namen lassen Sie sich jene Geschwulst hinter +dem rechten Ohre nicht endlich operieren -- für den Fall, Sie haben eine? + +Sie gelten mir, klipp und klar, in jedweder Hinsicht als vollendeter Typus +eines Proleten -- herrisch, ordinär, albern, rücksichtslos und seicht, wie +Sie hoffentlich sind. Um das Maß voll zu machen, lieben Sie -- Sie werden +mich darin nicht enttäuschen -- das Skatspiel und die Lektüre infamer +Schmöker, die nicht angeführt sein mögen, und entrüsten sich womöglich als +sogenannter Gegner des Fremdwortes, daß ich Wörter wie «Lektüre» und +«infam» anwende. + +Ich gebe zu, daß ich meinem Vorurteil, das am Äußerlichen haftet, allzu +willfährig bin und besser daran täte, Ihr Inneres zu prüfen, muß indessen +zu meiner Rechtfertigung erklären, daß ich die «Unsympathischkeit» auf den +ersten Blick, die sich jederzeit in das Gegenteil verkehren könnte, bei +weitem der «Sympathischkeit», um nicht zu sagen «Liebe» auf den ersten +Blick den Vorzug gebe, welche kritischen Erschütterungen nur in seltenen +Fällen standzuhalten vermag. + +Mit Freuden bin ich bereit, mich mit Ihnen, den ich gottlob nicht kenne, +und von dem ich nicht weiß, ob er überhaupt auf Erden wandelt, an drittem +Orte zu treffen, um die wenig erquicklichen Beziehungen, die uns +verknüpfen, in erfreulichere oder sogar erfreuliche zu verändern, obwohl +ich meine Besorgnis nicht verhehlen möchte, daß Sie gerade bei naher +Bekanntschaft und nach Preisgabe Ihres Inwendigen ein gräßliches Subjekt, +unter Umständen sogar ein hierorts als «Mistvieh» zu bezeichnendes +Individuum abgeben dürften, dem ich besser aus dem Wege trete. + +Lassen wir es also zu beiderseitigem Vorteile bei der bestehenden +Unbekanntschaft verbleiben, und bauen wir auf unser Vorurteil, das +sicherlich wohl begründet ist, sei es auch nur gefühlsmäßig. «Unser» +Vorurteil schreibe ich, da ich allzu gut weiß, wie wenig Sie Ihrerseits +mich leiden mögen -- mich, den es gibt. + +Mit dem Ausdrucke vollkommener Hochachtung bin ich Ihnen, den es nicht +gibt, ergeben und schließe mit dem Bemerken, daß die letztgebrauchte +Redewendung eine leere Phrase ist und nichts weiter. + +H. R. + + + + +DER OCHSE + + + _Personen_: + Hans + Kurt + Theo + +«WAS stehst du da und sinnst?» + +«Ich sinne nicht. Ich warte auf Theo.» + +«Wartest du lange?» + +«Ja, aber er kommt nicht.» + +«Ich will dir helfen. Du weißt, daß der Ochse kommt, wenn man von ihm +spricht?» + +«Freilich.» + +«Also laß uns von Theo sprechen.» + +Hans und Kurt sprechen von Theo, damit der Ochse kommt. + +Aber er kommt nicht. + +«Du, unser Sprechen ist für die Katz'. Theo kommt nicht.» + +«Nein, er kommt nicht.» + +Theo kommt. + +Hans und Kurt brechen gleichzeitig in die Worte aus: «Siehst du, er ist +_doch_ ein Ochse!» + +«Wer?» fragt Theo. + +«Du!» lautet die fröhliche Antwort. + +Theo ist vom Gegenteil überzeugt. + + + + +VON DEM MANNE, DER AUSZOG, ERDBEEREN ZU SUCHEN UND PFIFFERLINGE MIT +HEIMBRACHTE + + +EINE sehr schöne Geschichte. + +Von mir. + +Und außerdem eine sehr kurze Geschichte. + +Aber auch kurze Geschichten können schön sein. + +Ich liebe die kurzen Geschichten, die schön sind. + +Dies ist eine. + +Wenigstens meiner Meinung nach. + +Also: ein Mann ging in den Wald, um Erdbeeren zu suchen. Sogenannte +Walderdbeeren. + +(Weil sie im Walde wachsen!) + +Aber er fand keine. + +Aber Pfifferlinge fand er. + +Einen ganzen Sack voll. + +Er ging heim mit seinem Sack voller Pfifferlinge oder Pfefferlinge. + +In Sachsen sagt man «Gehlchen». + +Die Sachsen müssen immer eine Extrawurst haben. + +Na, und die schmorte er sich.[1] + +Und aß sie. + +Und die schmeckten sehr gut. + +[Footnote 1: Die Pilze, meine Verehrten!] + +In Sachsen sagt man «schmeckten sehr _schön_». + +Die schmeckten also sehr schön. + +Und da freute sich der Mann schrecklich und vergaß völlig, daß er in den +Wald gegangen war, um Erdbeeren zu suchen. + + * * * * * + +Das ist die ganze Geschichte. + +Ist sie nicht schön? + + + + +DIE WAHRHEIT + + +UM es ganz aufrichtig und ehrlich zu sagen, so halte ich -- menschlich -- +jeden beliebigen Kaufmann für tausendmal wertvoller als irgendeinen +Künstler. + +Man wird mir diesen Satz nicht glauben -- um so weniger, als ich heftig +beteuere, ihn durchweg ernst zu meinen. + +Aber: ich halte zehn gute Kaufleute, Gott straf mich, für tausendmal +wichtiger -- menschlich -- als einen halben Gymnasiallehrer. + +Auch diesen Satz wird mir niemand glauben. + +Nun denn, ganz aufrichtig und ehrlich: ich halte weder Kaufmann noch Lehrer +für wichtig, geschweige denn für wertvoll. Den Künstler erst recht nicht. + +Dies ist voller Ernst und mein letztes Wort in dieser Sache. Punktum. + + + + +KEIN SCHÖNRER TOD IST AUF DER WELT . . . + + +ALS es 418 (418!) Tage lang, 418 Tage lang hintereinander, 418 Tage lang +ununterbrochen hintereinander geregnet hatte, 418 Tage lang geregnet hatte, +waren alle Wesen des Lebens überdrüssig. + +Und der hochbetagte Bibliothekar Stibulke sprach zu seiner Frau: + +«Rosa, weißt du was, wir ersäufen uns!» + +Das war aber gar nicht mehr nötig; denn -- siehe -- in demselben +Augenblicke wurde das Ehepaar von den eindringenden Fluten hinweggespült. + + + + +SERENISSIMUS JAGT SCHMETTERLINGE + + +SERENISSIMUS jagt Schmetterlinge. Für seine Sammlung. -- Hat eine +Schmetterlings-Sammlung. -- Lauter Schmetterlinge. Und Käfer. -- Und +Briefmarken. -- Alles durcheinander. -- Auch Strumpfbänder. Weibliche. -- +Souvenirs. -- Namentlich Strumpfbänder. -- Nebenbei auch einige +Schmetterlinge. -- Zwei oder drei. -- Oder einen? -- Ja, _einen_. Einen +einzigen. Tja. Aber einen ganz seltenen! -- Ein Mistpfauenauge. Oder so +ähnlich. Ganz drolliges Viech. -- Sieht aus wie en Käfer. -- Tja. -- Ist +auch en Käfer. Heißt genau genommen Mistpfauenkäfer. -- Oder so ähnlich. -- +Oder Mistkäfer. -- Ja: Mistkäfer. -- Geschmacklos. -- Warum nich +Guanokäfer? Oder Kloakenkäfer? -- Tja. -- Ein entzückender Kloakenkäfer. -- +Schillert in allen Farben. -- Täuschend imitiert. -- Sieht aus wie echt. +Wie wenn er lebte. -- Tja. -- War ooch teuer genug! Zierte Lisas +Strumpfbänder, die Katze. -- _Zwei_ waren es sogar. Eigentlich. +Ursprünglich. -- Na, der _eine_ ist gerettet. -- Apartes Andenken. An die +verflossene Lisa. -- Saßen auf dem Strumpfband, die beiden Käfer. Oder +vielmehr: auf _den_ Strumpfbändern. Auf jedem einer. -- Lisa mußte zweie +haben. -- Dolles Weib. T, t, t, t. -- Viel Geld gekostet. -- Tja. -- Na, +egal. -- War die Sache wert. -- Süßer Käfer. -- Hat Karriere gemacht. -- +Nach unten. -- Bis in den Rinnstein. -- Ooch en Kloakenkäfer geworden. Oder +Mistkäfer. -- Hähä, blendender Witz. -- Jaja, feines Köppchen! -- Tja. -- +Na, wolln ma sehn, was sich tun läßt. + +Serenissimus stelzt über ein Stoppelfeld. Das Schmetterlingsnetz in der +Hand. + +Er will seine Sammlung bereichern. + +Schmetterlinge jagen ist sein neuster Sport. + +Serenissimus ist passionierter Schmetterlingsjäger. + +Absolut einwandfrei edles Weidwerk. + +Totschick! -- Heissa, hussa! + +Serenissimus stelzt über das Stoppelfeld. Mit sagenhaft elastischen +Schritten. + +Einem Schmetterling ist er auf den Fersen. + +Einem Sauerkohlweißling. + +Der schillert so angenehm rötlich. + +Vielleicht gar en Rotkohlweißling? + +Oder en Sauerkohlrötling? + +Vertrackt schwierige Kiste, Schmetterlinge jagen. + +Die Tiere flattern in der Luft herum. + +Sind gar nich en bißchen zutraulich. + +Na, wern den Kerl schon kriegen! + +-- Serenissimus stelzt über die Stoppeln. Dem Weißling hinterher. + +Da geschieht etwas durchaus Unerwartetes. + +Eine Dampfwalze kommt in rasendem Tempo auf Serenissimus zugeschossen. Wie +ein Pfeil. + +Serenissimus, der bei _einem Haare_ den Weißling im Netz hatte, springt -- +juchopps -- mit einem Fluch beiseite. + +Himmelherrgottspappedeckel, Klabund und Wolkenbruch!! + +-- -- -- Die Dampfwalze prescht wie besessen an dem verdatterten Ferschten +vorüber . . . . + +Da bemerkt Serenissimus dort, wo die Dampfwalze ihren Weg genommen hat, +einen rotgelben Tupfen: den zu Brei gequetschten Sauerkohlrotweißling. + +Er hebt ihn auf und steckt ihn ins Netz. + +Das Netz schultert er und geht heim. Serenissime. + +_So fing Serenissimus seinen ersten Schmetterling._ + + * * * * * + +Daraus geht hervor: Um einem Serenissimo dienstbar zu sein, scheuen die +himmlischen Gewalten weder Kosten noch Mühe. + + + + +DAS ZIMMER + + +LINKS eine Wand. Rechts eine Wand. Vorn eine Wand. Hinten eine Wand. Oben +die Decke. Unten die Diele. -- In der linken Wand eine Tür, in der rechten +Wand zwei Fenster, in der vorderen Wand nichts, in der hinteren Wand +nichts. -- An allen vier Wänden Tapete. -- In der Mitte der Diele ein +Tisch, darauf eine Vase. Um den Tisch drei Stühle. An der rechten Wand +zwischen den Fenstern ein Büchergestell. An der linken Wand über der Tür +ein Haussegen. An der vorderen Wand ein Ofen, ein Waschtisch, ein Bett, ein +Spiegel. An der hinteren Wand ein Sofa, ein Schreibtisch mit Lehnsessel, +ein Schrank; über dem Sofa ein großes Bild. An der Decke eine Lampe. + +Dies ist ein Zimmer. -- + +Was ist ein Zimmer? -- Ein Selbstmordmotiv. + +Öde, kahl, ekel. -- -- -- + +Laß an den Fenstern Gardinen anbringen, und in der Dämmerstunde stell auf +den Tisch die duftenden Reseden: -- das Zimmer ist traut und wohnlich. + +Und liegt ein sündhaft schönes Weib im Bett, der Teufel hole dich, wenn du +das Zimmer nicht mit Lust beziehst. + + + + +HAND UND AUGE + + +(Ein Reise-Erlebnis) + + _Personen_: + Die anmutige Dame + Der stattliche Herr + + _Ort_: + Eisenbahn-Abteil 2. Klasse + +DER Herr: «Darf ich das Fenster öffnen?» + +Die Dame: «Ja.» + +Der Herr: «Stört es Sie, wenn ich eine Zigarette rauche?» + +Die Dame: «Nein.» + +Der Herr: «Darf ich fragen, wohin Ihre Reise geht?» + +Die Dame: «Ja. Nach Danzig.» + +Der Herr: «Wie sich das trifft! Ausgerechnet nach Danzig fahre auch _ich_!» + +Der Herr: «Ist es Ihnen unangenehm, mit mir im selben Abteil fahren zu +müssen?» + +Die Dame: «Nein.» + +Der Herr: «Fahren Sie gern Eisenbahn?» + +Die Dame: «Nein.» + +-- -- + +Ein Gespräch kommt nicht zustande. + +Es ist frostern im Abteil. Die Dame ist zugeknöpft. Der Herr versucht es +mit einem Gewaltmittel: + +«Schauen Sie», spricht er, «ich hab' ein Glasauge!» und nimmt sein linkes +Auge heraus. + +Die Dame taut auf: «Ach!? -- Ist das echt?» + +«Jawohl -- es ist ein echtes nachgemachtes Auge.» + +«Gott, wie goldig!» + +«Nicht wahr?» + +«Und _ohne_ das Auge sehen Sie gar nichts?» + +«Nein, nicht das mindeste.» + +«Und _mit_ dem Auge?» + +«Sehe ich auch nichts!» + +«Ja, ist denn das Auge nicht durchsichtig?» + +«Doch -- aber womit sollte ich hindurchsehen?» + +«Haben Sie das Auge verloren?» + +«Ja -- ein Fräulein hat es mir mit der Hutnadel ausgestochen.» + +«Wie gemein!» + +«Ich habe mich gebührend gerächt.» + +«Inwiefern?» + +«Ich habe das Fräulein geheiratet.» + +Die Dame rückt ab und knöpft sich wiederum zu. Der Herr hat seinen Reiz zur +guten Hälfte verloren. Er ist verheiratet! + +Der Herr steckt sein Auge ein. + +Die Dame -- nach langer Pause --: «Sie tragen ja gar keinen Trauring?» + +«Nein, warum? Ich bin ja nicht verheiratet.» + +«Sie sagten doch . . .» + +«Ein Scherz.» + +«Aber das falsche Auge ist doch wenigstens _echt_, wie?» + +«Völlig echt, meine Gnädige.» + +«Darf ich es mal sehen?» + +«Mit Vergnügen.» + +Der Herr reicht der Dame das echte falsche Auge. Die Dame nimmt es in die +linke Hand. + +Sie faßt das Auge scharf ins Auge und spricht: + +«Es ist täuschend imitiert. Besser als diese meine linke Hand.» + +«Was ist mit der Hand?» + +«Sie ist künstlich. Aus Marmor.» + +«Seltsam. Ein falsches Auge in falscher Hand!» + +«Ich finde das weniger seltsam, als wenn ein echtes Auge in einer echten +Hand läge.» + +«So? Wäre das seltsamer?» + +«Es wäre nicht nur seltsamer, es wäre _unmöglich_.» + +«Es ist nicht unmöglich. -- Mein Auge ist kein Glasauge. -- Das Auge ist +mein wirkliches, echtes Auge.» + +Die Dame läßt erschreckt das Auge fallen. + +Das Auge blickt die Dame wehmutig an. + +Die Dame greift gerührt mit ihrer Linken nach dem Auge -- -- -- die Hand +füllt sich mit Leben, Blut durchrinnt sie, Puls klopft auf. + +Das Auge zwinkert bedeutsam. + +Der Herr sieht die marmornen Finger der Dame sich regen; «Ihre Hand, +Gnädige, scheint lebend zu sein!» + +Die Dame krümmt die Finger -- und ist selbst betroffen über die +Verwandlung. + +Sie streicht mit der Rechten über das Auge in ihrer Linken, und das Auge +schläft ein. + +Der Herr nimmt es und steckt es in seine Höhle zurück. + +Die Dame kann nicht anders, sie drückt einen Kuß auf das Auge. + +Der Herr küßt der Dame die linke Hand. + +Das Auge öffnet sich und blickt dankbar. + +Die Linke der Dame streichelt die Wange des Herrn. + +«_Danzig_ --!» + + + + +TROPFEN AUS HEITERM HIMMEL + + +AUF der Wiese steht ein Greis und will eine Kneippkur machen. + +Er ist barfuß und barhaupt. + +Über ihm hängt ein wunderschöner, blauer, wolkenloser Himmel. + +Der Greis hält Ausschau nach einer Kuh, die fern am Waldrande Bedürfnis +über Bedürfnis verrichtet. + +Da tropft dem Greis etwas aufs Haupt. + +Ein dicker Tropfen. + +Der Greis greift mit der Hand auf seinen Schädel und wischt den Tropfen ab. + +Dann lugt er auf zum Himmel. + +Der Himmel glänzt in seidiger Bläue. + +«Wie?» denkt der Greis, «ein Tropfen aus heiterm Himmel?» + +Und er begibt sich von dem Flecke, auf dem er gestanden, weg und pflanzt +sich anderswo auf. + +Daselbst hält er wiederum Ausschau nach jener bedürfnisstrotzenden Kuh. + +Er steht nicht lange -- der Greis --, so kleckt ihm ein zweiter Tropfen +aufs Haupt. + +Aufschauend zum Himmel, wundert er sich ins Fäustchen und wischt sodann den +nassen Tropfen sich vom Schädel. + +Der Himmel lacht. Mit Recht. + +«Wenn das so weitergeht,» denkt unser Greis bei sich, «das kann ja gut +werden!» + +Und er bleibt stehen, wo er steht. + +Er will herauskriegen, wo die Tropfen herkommen; auch will er wissen, ob +ihrer noch mehr herunterklecken. + +Abermals wendet er sein Augenmerk nach jener fladenden Kuh und vergißt über +sie das Tropfen. + +Es währt nur kurze Zeit, so tropft dem Greis ein dritter Tropfen auf den +Kopf. + +Der Greis runzelt die Stirn und betrachtet den Himmel. Der thront +unschuldig und engelisch-rein über der Szenerie. + +Der Greis legt sich ins grüne Gras und läßt den Himmel nicht aus dem Auge. + +Es kleckt kein Tropfen mehr vom Himmel. + +«Aha,» denkt sich der Greis, «dies geschieht, weil ich Obacht gebe». + +Und er paßt auf. Er wendet keinen Blick vom Himmel. + + * * * * * + +Auf der Wiese liegt ein Greis. Er hat eine Kneippkur machen wollen, aber er +muß aufpassen, ob es tropft. Er ist überzeugt, daß in dem Augenblicke, wo +er den Himmel außer acht läßt, ein Tropfen ihm aufs Haupt kleckt. + +Der Greis schläft darüber ein. + +Er träumt, daß ihm ein Tropfen auf den Kopf kleckt. Er stellt sich +anderswohin, und ein zweiter Tropfen kleckt. Er bleibt stehen, und ein +dritter Tropfen kleckt. Da legt er sich ins grüne Gras und spannt auf den +Himmel. -- Dies träumt der Greis. + +Die Kuh möhkt plötzlich dicht bei ihm. + +Davon erwacht der Greis, erhebt sich ächzend und begibt sich an die +Kneippkur. + +Ihm ist, als seien drei Tropfen auf seinen Kopf gekleckt. + +Dies ist jedoch völlig unmöglich. Denn der Himmel ist blau, heiter und +wolkenlos. + +Hat der Greis geträumt? + + + + +DAS ALTER + + + _Personen_: + Der gutgelaunte Vorgesetzte + Der wie auf den Kopf gefallene Bewerber + +DER Vorgesetzte läßt den Bewerber eintreten und ersucht ihn, Platz zu +greifen. Es entspinnt sich eine Unterredung, die auf einem gewissen +halbtoten Punkt stehen bleibt: Der Vorgesetzte möchte Einzelheiten aus dem +Privatleben des Bewerbers wissen. Er fragt zuvörderst nach dem Alter. «Wie +alt sind Sie denn?» + +«Ich werde 32.» + +«Wie alt Sie sind?» + +«Ich werde 32.» + +«Ich will nicht wissen, wie alt Sie _werden_; ich will wissen, wie alt Sie +_sind_.» + +Der Bewerber schweigt kopfscheu. + +«Na wie alt _sind_ Sie denn?» + +«Ich bin 31 gewesen.» + +«Guter Mann, hm, wenn Sie 31 _gewesen_ sind, so sind Sie zur Zeit 32. +Soeben behaupten Sie jedoch, Sie _würden_ erst 32.» + +«Ja, das stimmt.» + +«Nee, das stimmt nicht. Wenn Sie 32 _werden_, können Sie nicht 32 _sein_.» + +«Nein, so nicht, -- ich bin nicht 32. Ich _werde_ 32.» + +«Schön. Demnach dürften Sie 31 sein.» + +«Ja natürlich. Ich bin 31!» + +«Also Sie sind 31. -- Wann ist Ihr Geburtstag?» + +«Am 5. April.» + +«Das wäre heute in 6 Wochen?» + +«Zu dienen.» + +«Wie alt werden Sie heute in 6 Wochen?» + +Der Bewerber, zaghaft und scheu: «32 . .» + +«Richtig.» + +«Ihr wievielter Geburtstag ist das?» + +«Mein 32. selbstredend.» + +«Durchaus nicht! -- Ihr 33.!» + +«Das verstehe ich nicht.» + +«Nein? -- Merken Sie auf: Als Sie zur Welt kamen, begingen Sie Ihren ersten +Geburtstag. An jenem ersten Geburtstage waren Sie null Jahre alt. -- Als +Sie Ihren zweiten Geburtstag feierten, vollendeten Sie das erste Jahr, d. +h. Sie wurden am _zweiten_ Geburtstag _ein_ Jahr alt. -- Sehen Sie das +ein?» + +Der Bewerber, gänzlich verwirrt: «Oh ja!» + +«Nun also. -- Sie _sind_ 30 _gewesen_, _sind_ 31, _werden_ 32 und feiern in +Kürze den 33. Geburtstag.» + +Der Bewerber bricht ohnmächtig zusammen. + +Die Unterredung ist beendet. + + + + +ALLE WEGE FÜHREN NACH ROM + + +DIESES Sprichwort ist eine hundsgemeine Lüge. + +Der Privatdozent Kladderosinenzagel mußte es am eigenen Leibe erfahren. + +Er, den wir um der Kürze willen K. nennen wollen, machte sich an einem +Ferientage auf die denn doch nicht mehr so eigentlich ganz naturfarbig +genannt werden dürfenden Socken, um gen Rom zu fahrten. + +Er, K., fußte auf dem Sprichwort: Alle Wege führen nach Rom. + +K. wanderte, mit reichlichem Mundvorrate und einer leeren Thermosflasche +ausgestattet, einen vollen Nachmittag lang. + +Reiseziel: Rom. + +Es führen aber mitnichten alle Wege nach Rom. + +_Der Weg_, den K. einzuschlagen für ratsam befunden hatte, hörte plötzlich +auf, ein Weg zu sein und verwandelte sich in eine Wiese, auf welcher +notgedrungen sieben Kühe -- die Verkörperung der fetten Jahre -- sich an +ihrem Anblicke und dem saftigen Grün weideten. + +Und K. stand hinter einer Tafel, die von vorn zu besichtigen er nicht +umhinkonnte. + +Die Tafel bezog sich auf den Weg, welchen K. zurückgelegt hatte, und trug +die Aufschrift: «Verbotener Weg». + +In einem Lande, wo die Polizei so auf dem Damme ist wie in Deutschland, +führt zwar mancher Weg nach Rom, aber er ist verboten. + +K. mußte umkehren und sich des Planes, auf natürlichem Wege nach Rom zu +gelangen, entschlagen. + + + + +«HÖHENLUFT» + + + Ein Roman aus den Tiroler Bergen + von + Paul Grabein + +ist im Okt. 1916 als Ullstein-Buch -- 1 M.! -- erschienen. Ich habe das +Buch gelesen -- unter Aufgebot größter Energie. Ein paar Worte darüber und +dazu. + +Die Personen des Buches sind: + + Karl Gerboth, Maler, + Hilde, seine Tochter, + Franz Hilgers, Maler, + Günther Marr, Leutnant. + +Handlung: Franz hat seinen Jugendfreund Günther eingeladen. Günther leistet +der Einladung -- Erholungsurlaub -- Folge. Auf Seite 19 trifft er, nach dem +Dörfchen, in dem Franz wohnt, wandernd, eine Dame. Dies ist Hilde Gerboth. +Sofort weiß man «alles», und es kommt auch tatsächlich «alles» so. Franz +ist der einzige Schüler Karl Gerboths und Bräutigam eben jener Hilde, +freilich, ohne daß diese darum weiß. Der alte Gerboth hat sich von der Welt +zurückgezogen und schafft in aller Stille. Hilde wird von ihm behütet und +betreut, daß es eine Art hat. Sie ist die Tochter einer Dame, die -- als +Gattin Gerboths -- Temperament und etliches darüber hinaus besaß. Aus +Angst, Hilde könne ihrer Mutter nachschlagen, läßt sie der alte Gerboth +nicht von sich. Sie ist absolut naiv und ahnungslos. Sie weiß nicht Musik, +Tramway, Kino, Theater, Börse, Bordell, Liebe, Geld, Börse (absichtlich 2 +Mal) -- kurz: was Leben ist. Das weiß sie nicht. Sie ist 20 Jahre alt. Und +Franz ist ein Schwächling, ein thraniger, limonadiger Hampelmann. Er muß +kurz nach Günthers Ankunft verreisen. Infolgedessen Solo-Szene zwischen +Günther und Hilde. Aussprache -- er schildert ihr die Welt und das Leben. +Sie -- die Freiheit lockt -- verliebt sich in ihn. Sie will hinaus -- in +die sogenannte Welt. Sagt's ihrem Vater. Der refüsiert. Hilde knickt +zusammen. Günther trifft sie -- tatsächlich durch Zufall! (Ich glaub's! Wer +noch?) -- ein zweites Mal. Er redet ihr energisch zu. Franz kehrt zurück +(aber das ging fix!) und erfährt durch Günther selbst, daß er, G., Hilde +liebt und überhaupt: daß was los war. Franz zum alten Gerock oder Gehrock +oder Gerboth: Höre mal, so und so -- -- und Gerboth spricht gründlich mit +seinem Töchting. Klamauk. Sie will Franz nicht. Sie will Günther. Und in +die Welt hinaus. Bon. Am Tag drauf hält Günther um ihre Hand an beim alten +Klopstock. Der sagt Nein. Da sagt Günther: Dann heirat ich Ihre Hilde gegen +Ihren Willen. Bumms. Aber der Alte -- philosophisch! -- gestattet eine +letzte Aussprache zwischen Hilde und Günther, worin sie ihm erklärt, er +dürfe hoffen, wenn er vor sie hinträte. + +Am nächsten Tag reist Günther nicht ab, oh nein. Er kann nicht: eine +richtige Lawine hat sich bemüht, herniederzugehen, und das ist ihr auch +gelungen. Aber die gute Hilde, die irgendeinen Schafhirten hat retten +wollen vom Hungertode, gerät mitsamst ihrem Freßkörbchen und dem +Bernhardiner (aha!) in sie (die Lawinije) hinein. + +Na, und Günther rettet sie selbstredend. + +Na, und dann kriegen sie sich. + +Na, und das ist ja die Hauptsache. + +Das Buch schließt (auf Seite 253!) mit den Worten Günthers: + +«Wagen wir es denn zusammen, Hilde!» + +Und nun sind sie glücklich, und uns entpullert eine Träne. + +Ich setze das Romänchen fort: + +Am 12. Sept. 1916 fällt Günther in der Sommeschlacht (das Buch spielt +nämlich direktemang im Weltkrieg). + +Daraufhin begeht seine Frau einen ganz totsicheren Selbstmord. + +Daraufhin kriegt ihr Vater einen geharnischten Schlaganfall. + +Sela. + + + + +EHE + + +MANN und Frau faulenzen auf dem Diwan. Der Mann ist am Einschlafen. Die +Frau wird von Halbträumen umfangen. + +Eine Fliege summt. + +Die Glocken einer fernen Kirche baumeln. + +-- -- -- Der Mann ächzt, räkelt sich, fragt: «Sind das Glocken?» + +Die Frau horcht. «Das sind doch keine Glocken. -- Das ist eine Fliege.» + +«Unsinn. Das ist doch keine Fliege. -- Das sind Glocken.» + +«Das ist eine Fliege.» + +«Das sind Glocken.» + +Beide horchen. + +Der Mann: «Selbstredend sind das Glocken. -- Warum wird denn geläutet?» + +Die Frau: «Ich werde doch Glocken von einer Fliege unterscheiden können! +Ich höre keine Glocken. Das ist eine Fliege.» + +«Das sind Glocken.» + +«Wenn ich dir sage, das ist eine Fliege.» + +«Herrgott, das sind Glocken. Das ist doch keine Fliege!» + +«Das _ist_ eine Fliege!» + +«Das sind _Glocken_!» + +«Na, da bleib' bei deinem Glauben.» + +«So etwas Dummes! Ich bin doch nicht verrückt. Natürlich sind das Glocken. +-- Ganz deutlich.» + +«Eine Fliege ist es.» + +«Wo ich genau die einzelnen Glocken heraushöre.» + +«Was _du_ alles fertig bringst. -- Ich höre bloß eine Fliege. -- Warum +sollten denn jetzt die Glocken läuten?!» + +«Ja, das möchte ich eben gerne wissen.» + +«Du kannst dich drauf verlassen, das ist eine Fliege.» + +Beide horchen. + +Die Glocken haben aufgehört, zu summen. + +Auch die Fliege läutet nicht mehr. + +Der Mann denkt: Ekelhaft. So macht sie's immer. Bei jeder Gelegenheit. Da +ist einfach nichts zu wollen. Zum Auswachsen. -- Eine Fliege! Lachhaft. -- +Aber da kann sie niemand davon abbringen. Sie bleibt bei ihrer Fliege. Es +ist eine Fliege. Und wenn die Glocken hier in der Stube vor ihrer Nase +läuteten, -- -- es ist eben eine Fliege. Albern. Wenn sie sich etwas +einbildet, bleibt sie dabei. -- Selbstredend waren es Glocken. -- -- -- Mir +einstreiten zu wollen, daß es eine Fliege war . . . . + +Er schläft. + +Die Frau denkt: Wenn es nicht zufällig mein Mann wäre, ich konnte ihn +ohrfeigen. Das Schaf. Immer recht haben. Immer recht haben. Muß er. -- Ich +höre deutlich die Fliege summen. Nein, es sind eben Glocken. -- -- Ich kann +sagen, was ich will: er bleibt bei seinen Glocken. -- Jetzt, um die Zeit +Glocken! -- -- -- So ein Schaf! -- -- -- Aber das ist jeden Tag so. -- -- +-- Das Kamel . . . . + +Sie schläft. + +Sie träumt von einer Fliege, die hoch auf dem Kirchturme geläutet wird. + +Der Mann träumt von Glocken, die ihm über das Gesicht krabbeln. + +Ganz leise fängt die Fliege wieder an, zu summen. + +Es klingt wie fernes Glockenläuten. + + + + +ICH BIN, ICH WAR + + +ICH bin eine Blume. Ich blühe auf der Heide. + +Ich bin eine Blume und blühe auf der Heide. + +Da kommt eine Kuh und frißt mich ab. + +Nun bin ich eine Blume gewesen. Nun bin ich keine Blume mehr. + +Wie bin ich traurig! + + * * * * * + +Ich bin eine Kuh und grase. + +Niemand merkt mir an, daß ich traurig bin. + +Grasen ist fade, Kuhsein ist fade; als Blume hatte ich es besser. + +Aber muß man als Kuh nicht stoisch sein und tragen, was man aufgebürdet +kriegt? + +Geduldig sein und grasen und sich fassen, möh. -- + +Es ist schließlich gar nicht so traurig, Kuh zu sein. + +Die Sonne scheint, die Wiese duftet, der Himmel bläut -- und da soll ich +traurig sein? + +Ich bin lustig. + +Aber es ist nicht die Blumenlustigkeit, die mich durchglüht, es ist die +Lustigkeit der Kühe. + +Ich mache mutwillige Sprünge und möhe und muhe. + +Die Welt ist schön, muh. + +Muh, schön ist die Welt. + +Und ich bin doch traurig! + +(Ich war eine Blume!!) + +-- -- -- + +Da kommen zwei vermummte Kerle. Die fackeln nicht lange: Einer packt mich +hinterrücks und ringelt mir den Schwanz zusammen, das tut weh. Der andere +schlingt mir eine Kette ums Gehörn und knufft mich. Sein Spießgeselle +peitscht auf mich ein. Ich weiß nicht, was gehauen und gestochen ist. + +(Einst war ich eine Blume.) + +Man führt mich hinweg von meiner Wiese. Ade, du Wiese, ade! + +-- -- -- + +In der Abendstunde erreichen wir ein Gehöft. + +Einst war ich eine Blume, ich denke dran. + +Blume bin ich nimmer; bin eine armselige, wehrlose Kuh, muh. + +(Hilft mir der Stoizismus etwas?) + +Rasch tritt der Tod die Kühe an: Eine Ledermaske mit einem bösen +Stirnbolzen wird mir aufgestülpt -- -- -- ein Schlag, und ich stürze hin. +Da hilft kein Muhen. + +Mit einem Rohrstock pfählt man mir das arme Hirn. Das macht mich traurig. +Oder lustig? Ich weiß nicht, ich glaube, ich bin tot. + +Kuh bin ich gewesen. + +Blume bin ich gewesen. + +Ich entsinne mich wirr . . . es ist mir, ja . . . vor langer, langer Zeit +-- war ich ein Falter. Aber ich weiß es nicht. + +Daß ich Blume war, weiß ich mit Sicherheit. Ich lege meinen Huf dafür ins +Feuer. + +Es ist vorbei. + +Bin weder Kuh noch Blume mehr. + + * * * * * + +Bin Wurst. Salamiwurst. Ich koste das Pfund 1.80 M.[2] Ich bin erstklassige +Ware, elektrisch hergestellt. + +Den Stoizismus habe ich behalten. Dennoch stimmt es trübe, Wurst sein zu +müssen, wenn man Blume hat sein dürfen. + +Ich bin mir Wurst. Ich nehme es hin. Muh. (Eigentlich dürfte ich als Wurst +nimmer muhen. Ich nehme das Muh als anachronistisch zurück.) + +Ich habe keine Freude mehr auf der Welt. + +Ich bin eine kalte Wurst. Nichts tangiert mich. + +Wenn ich mein Leben überdenke, so muß ich frank gestehen: Wurst sein, das +ist das Schlimmste nicht. Mensch sein ist weitaus schlimmer! + +Doch Kuh sein, das ist schöner als Wurst sein. + +Das Allerallerschönste freilich war: Blume sein, Blume gewesen sein, Blume +sein gedurft zu haben. + +Mir war's verstattet. + +[Footnote 2: Wer's glaubt.] + +Ich war Blume, ich war Blume! + +O Blumen, ihr seid glücklicher als Kuh und Wurst! + +O Blumen, nichts auf Erden ist glücklicher denn ihr. + +O Blumen -- -- + + * * * * * + +Die Kuh ist besser dran als die Blume. + +Denn während eine Kuh sehr wohl Blumen fressen kann, kann eine Blume nichts +fressen. + +Und eine Wurst kann auch nichts fressen: nicht Kuh, nicht Blume. + +Kuh gewesen sein gedurft zu haben ist also -- mit Vorbehalt -- noch +erhebender als Blume gewesen sein gedurft zu haben. + +Ich wünsch' euch eine gute Nacht und mir, wieder Kuh werden zu dürfen. + + + + +MÄRCHEN + + +ES war einmal ein Frosch, der konnte sich gewaltig giften, wenn seine Frau +zu ihm quakte: «I, sei doch kein Frosch!» + +Infolgedessen quakte die Fröschin den Satz bei jeder Gelegenheit. Der +Frosch getraute sich überhaupt nichts mehr zu äußern. Sagte er etwas, so +mußte er als Antwort hören: «I, sei doch kein Frosch!» + +Da raffte er sich auf und nahm seine Ehefrau ernstlich ins Gebet, sie solle +es fürderhin gefälligst unterlassen, den albernen Satz zu quaken. + +«I, sei doch kein Frosch!» stereotypte die Fröschin. Es war mit ihr nichts +anzufangen. + +Sie war in der Ehe verblödet. + +Da verfiel der Frosch, der keiner sein sollte, auf einen Ausweg: Er kam +seiner Frau mit der Redensart zuvor und apostrophierte sie, wo immer er +ihrer ansichtig wurde, mit dem Satze: «I, sei doch keine Fröschin!» + +Er antwortete mit nichts anderem als mit diesem Satze. Er sagte nichts als +diesen Satz. Er verkehrte mit seiner Frau nur noch auf Grund und unter +Zuhilfenahme dieses Satzes. + +Die Fröschin zeigte sich der Situation nicht gewachsen und ersäufte sich. + +Der Frosch war kein Frosch und holte sich eine andere heim. + +_Moral_: Ihr Frauen, reizet eure Männer nicht zum Äußersten und lasset sie +gewähren, selbst wenn sie Frösche sind. + + + + +AUF DER OALM, DOA GIBT'S EINEM ON DIT ZUFOLGE KOA SÜAND! + + +DIE weitverbreitete Meinung, auf der Alm gäbe es ka Sünd, hat ihren +Ursprung in dem sprichwortgewordenen Liedertext: «Auf der Alm, da gibt's ka +Sünd». + +Selbstverständlich gibt es auf der Alm a Sünd. + +Das wäre ja _noch_ schöner, wenn es auf der Alm ka Sünd geben täte! + +Von ka Sünd kann gar keine Rede nicht sein. + +A Sünd gibt's überall -- namentlich auf der Alm. + +Ich möchte sogar so weit gehen, zu behaupten: Wenn es überhaupt a Sünd +gibt, so vor allem auf der Alm. + +. . . . . . . . . . + +Plötzlich erschallt draußen unter meinem Fenster das Gerassel und Gebimmel +der Feuerwehr. + +Ich armer, schwacher Mensch unterbreche mein Schreiben und stehe eilends +auf, um nachzusehen, wo es brennt. + +. . . . . . . . . . + +Es war weiter nichts. + +Ein Pferd ist gestützt. + +Ich kann also in meinem Schreiben fortfahren. + +Aber ich habe, offen gestanden, nicht mehr die rechte Lust dazu und stecke +es auf. + +Ein ander Mal. + +Der Zensor würde die Geschichte ohnehin gestrichen haben; denn es geht toll +zu auf der Alm. _Ich habe Beweise._ + + + + +PETERLE + + +Ein Märchen + +PETERLE war ein gutes Kind und machte dennoch seinen Eltern großen Kummer. + +Wie ist das möglich? + +Es lag an Peterle. + +Peterle hätte nicht soviel träumen sollen, bei Nacht nicht und bei +hellerlichtem Tag nicht. Peterle träumte, wo sie ging und stand; wo sie lag +und saß. Sie träumte immerfort. Nichts war mit ihr anzufangen, kein +vernünftiges Wort mit ihr zu reden. Sie spielte nicht die Spiele +ihresgleichen; sie spielte nicht mit anderen und nicht für sich allein -- +sie puppelte nicht einmal! Nein, von Puppen mochte sie gar nichts wissen. + +Und was das Tollste ist: Peterle wollte durchaus ein Junge sein, obwohl sie +doch ein Fräulein war. Sie behauptete, sie sei ein Junge namens Peterle, +und damit holla! Sie und ein Mädchen -- haha! «Ich bin ein Junge» +verkündete sie jedem, der es wissen wollte, und beharrte eigensinnig auf +diesem ihrem Vorurteil. + +Peterle hatte ihre lustigen Seiten. Nicht nur die, daß sie ein Junge sein +wollte, sondern vor allem ihre Person, ihre «Erscheinung», ihr «Äußeres». + +Peterle war winzig klein, aber dafür dick wie ein Moppel. Sie hatte eine +kurze, umgestülpte Nase, zwei wasserblaue Guckaugen und einen verschmitzten +Mund. Aber das Putzigste an ihr war die Frisur: sie trug die spärlichen, +bindfadendünnen Zöpfchen in zwei Schnecken prätentiös über die Ohren +geringelt! Und die Zöpfe waren strohgelb. + +Und doch war sie den Eltern ein Persönchen -- Gegenstand kann man wohl +nicht sagen -- argen Kummers. + +Während andere Eltern prahlten und Stolzes voll die Taten, Antworten und +sonstigen Äußerungen ihrer «aufgeweckten» Kinder zum besten gaben, +empfanden Peterles Eltern schmerzliche Beschämung, wenn sie von ihrem +Mädelchen nichts aussagen konnten als: «Sie träumt.» + +Peterle tat nämlich nichts als Träumen. Stundenlang saß sie hinterm Ofen +oder auf dem Boden und träumte für sich hin. Wovon sie träumte, das erfuhr +kein Mensch; denn sie teilte sich nicht mit, sondern behielt alles fein im +Herzen. + +Aber sie war nun schon fünf Jahre alt und sollte über ein dreiviertel Jahr +bereits zur Schule. + +Noch hatte sie große Ferien. Waren die erst einmal verstrichen, diese +sechsjährigen großen Ferien, dann stand es bös. + +Ach, es würden trübe Zeiten kommen für Peterle; denn war sie erst +schulpflichtig, mußte die Träumerei ein Ende nehmen. + +Die Eltern wußten sich keinen Rat und hätten ihr Kind am liebsten der +Schule ferngehalten. + +Da erschien eines Tages -- und zwar an jenem, der jenem, an welchem sie ihr +fünftes Lebensjahr vollendete, vorausging -- dem Peterle eine Fee. Keine +großartige, sondern eine ganz gewöhnliche Fee, wie sie täglich dutzendweise +den braven Kindern erscheinen. + +Diese Fee stellte dem Peterle einen Wunsch frei. Sie dürfe sich zu ihrem +morgigen Geburtstage etwas wünschen -- gleichviel was --, der Wunsch werde +in Erfüllung gehen. + +Peterle schwankte keinen Augenblick, obwohl sich tausend Wünsche auf ihre +niedliche Zunge drängen wollten. + +Sie wünschte sich das Schönste, das sie sich je hatte ersinnen können: +Schnee. -- Sie wünschte sich Schnee. -- Sie wünschte, daß zu ihrem +Geburtstage Schnee fiele. + +Die Fee runzelte die Stirn, aber da sie sich keine Blöße geben wollte, +sprach sie: «Es wird geschehen; was du wünschest. An deinem Wiegenfeste +soll es schneen.» + +Und verschwand, nicht ohne einen merklich holden Duft zu hinterlassen. + +Klein-Peterle hüpfte nicht und tanzte nicht vor Freuden, sondern träumte +weiter in sich hinein -- wenn auch in einer mäßig aufgeregten Erwartung und +Neugier. Sie träumte dem Geburtstage entgegen. + +Die Fee setzte schleunigst alle Hebel in Bewegung; denn es war kein +Kleines, des Peterles Wunsch zu erfüllen und Schnee fallen zu lassen. + +Es sei eine kurze Unterbrechung verstattet: _wann_ beginnt ein Geburtstag? + +Zweifellos in der Sekunde, womit der Geburtstag selbst anhebt, mithin nach +Ablauf der zwölften Stunde des Vortages. + +Es hätte demzufolge unmittelbar auf den zwölften, mitternächtigen +Glockenschlag desselben Tages, an dem die Fee bei Peterle vorsprach, zu +schneen einsetzen müssen. Indes sind Feen und Kinder nicht so spitzfindig +wie die Herren Juristen, die gewißlich zunächst untersucht haben würden, ob +die Äußerung des Wunsches jenes Kindes namens Peterle (unvorbestraft, +besondere Merkmale: prätentiöse Schnecken) die Bedingung in sich +geschlossen habe, daß es den _geschlagenen Geburtstag_ oder nur _überhaupt_ +am Geburtstage schneen solle usw., -- und daher zerbrach sich die Fee ihren +anmutig geformten Kopf nicht über Dinge, die das Kopfzerbrechen nicht +verlohnen, sintemal ihr aus der eigenen Jugend wohl bewußt war, daß für +jegliches Kind der Geburtstag dann anfängt, wenn es erwacht und sich der +Tatsache, daß heut' Geburtstag ist, bewußt wird. + +Peterle erwachte erst gegen neun Uhr. + +Ihr erster Blick fiel durch das Fenster auf die Straße hinaus. + +Peterle jubilierte: Schnee! + +Es schneete wirklich! Und zwar in glitzrigen, silbrigen Flöckchen, in +zierlichen. + +Peterle freute sich unbändig. Nicht, weil es schneete; auch nicht, weil die +Fee den Wunsch erfüllt hatte, sondern, weil sie -- Peterle -- den Schnee +(indirekt) _selbst_ «gemacht» hatte. + +Es war _ihr_ Schnee, der da draußen fiel. + +Sie ließ zu ihrem Geburtstage Schnee fallen. + +Schnee -- zu ihrem Geburtstage! + +Ihr meint, das sei nichts Besonderes? + +Oho, da muß ich sehr bitten: das ist etwas ganz besonders Besonderes! + +Peterle ist nämlich am elften Juni zur Welt gekommen. + +Nun stellt Euch vor: an einem elften Juni schneete es! + +War das nicht Grund genug für Peterle, sich des Schnees zu freuen und den +ganzen Geburtstag am Fenster zu kauern und in den Schnee zu gucken? + +Ich denke doch. + +Peterle saß denn auch am elften Juni unerschütterlich am Fenster und war +glücklich über den vielen, vielen Schnee, der da vom Himmel +heruntergeschüttet wurde. + +-- -- + +Es ist nichts mehr von Peterle zu erzählen. Sie hat ihren Schnee gehabt und +weiter geträumt, bis sie zur Schule mußte. Und der Rohrstock des Lehrers +erwies sich -- bezüglich der Träumereien -- als ein besserer Pädagog als +die verhätschelnde Liebe der Eltern. + +Es wäre vielleicht dem oder jenem Leser angenehm gewesen, wenn sich +herausgestellt hätte, daß Klein-Peterle Fieber gehabt hätte und an ihrem +Geburtstage (nach Erledigung der «Schnee-Vision») ein Englein geworden sei. +Sozusagen: der «tragische» Tod eines Kindes. + +Oh nein! Peterle hat kein Fieber gehabt -- und der Schnee war wirklicher, +_echter_ Schnee. + +Meine Eltern wohnten damals in derselben Straße wie Peterles Eltern, und +ich bin Zeuge -- ich erinnere mich noch deutlich --, daß es im Jahre 18 +. ., am elften Juni den lieben, langen Tag über ununterbrochen geschneet +hat. Allerdings nur in _unserer_ Straße und sonst nirgends. Das war damals +ein allgemeines Verwundern und Kopfschütteln in Klotzsche -- in Klotzsche +hat sich der Schneefall begeben! --, und meine Eltern und wir alle haben +nichts damit anzufangen gewußt, bis mir vierzehn Jahre später Peterle +selbst von ihrem Geburtstagswunsche und der Fee berichtet hat. + +Peterle ist nämlich meine Frau geworden. Aber eine Fee ist ihr nicht wieder +erschienen. Ich glaube, daran bin _ich_ schuld. + + + + +IM FLÜSTERTONE + + +Abziehbilderbogen + + +(1) + +EIN Huhn steht auf dem Hofe und sieht aus, als habe es die Hände in den +Hosentaschen. + +Es blickt mich hühnisch an -- mich, der ich schreibe, daß es aussieht, als +habe es die Hände in den Hosentaschen. + +Es weiß nicht, daß ich schreibe, es sähe aus, als habe es die Hände in den +Hosentaschen. + +Belassen wir es in seiner Nichtwissenheit! + + +(2) + +Ein junger Mann, der zu den kühnsten Hoffnungen berechtigt, liegt im Bett +und streckt die Füße über den Bettgiebel hinaus. + +Er hat zweierlei Strümpfe an. + +Einen schwarzen und einen grauen. + +Ich habe dem nichts hinzuzufügen. + + +(3) + +Ein Auto pfeilt durchs Dorf und zermalmt einen Mistkäfer, den die Sehnsucht +nach Erlebnissen in die weite Welt getrieben hatte. + +Ist es, frage ich, ist es nicht töricht, wenn Ernst Zwibinsky der Ältere +erklärt, um den Mistkäfer sei es nicht schade, und er hätte ja doch früher +oder später ein Ende gefunden? + +Wie wenig hat jener Zwibinsky den Sinn des Lebens erfaßt! + +Laßt uns ihn gemeinsam verachten!! + + +(4) + +Johanna Würmchen, sechsundvierzig Jahre alt und äußerst unbescholten, +erhebt sich Punkt zwölf Uhr mitternachts, um den Sonnenaufgang nicht zu +verpassen. + +Der Kalender steht auf Dezember. + +Hätte sich Johanna um sieben Uhr erhoben, wäre vollauf Zeit gewesen, zum +Sonnenaufgang zurecht zu kommen. + +Ich bitte um ihre Adresse, Wiederholungen obiger Unangebrachtheit vermeiden +zu helfen. + + +(5) + +Der europäischen Kultur und ihrer Begleiterscheinungen über und +überdrüssig, dampfte Pippin, Edler von Krachgehirn, gen Hinterafrika, um +sich zu barbarisieren. + +In Vitzpatuchpoma betrat er Land und drang urwaldeinwärts. + +Nach drei Nachtmärschen erreichte er eine primitive Hütte, woselbst er sich +niederließ und mit Wohlgefühl schwängerte. + +Da erklang aus der Hütte ein Grammophon: «Puppchen, du bist . . .» + +. . . von Jean Gilbert, obwohl er bloß Max Winterfeld heißt und im +Automobil komponiert. + +Pippin, Edler von Krachgehirn, zögerte keine Sekunde, sich von der +allergiftigsten Schlange bebeißen zu lassen. + + +(6) + +Hinaus mit den Fremdwörtern! + +Das war die Losung und nicht die Parole. + +Endlich waren sie alle hinaus. + +Draußen ist es kalt. + +Die Fremdsprachen weigern sich, die Überläufer mit den fremden Gesichtern +aufzunehmen. + +Nun stehen sie herum, die Ausgetriebenen, nicht Fisch, nicht Fleisch, +zwiefältig mißhandelt, -- und verhungern. + +Atze sie, deutscher Sprachverein, und laß den Frierenden wollene Strümpfe +stricken! + + +(7) + +Hier liegt die Tafel Schokolade. + +Dort sitzt der Mensch und hat einen schmerzenden, hohlen Zahn. -- + +Darüber nicht zu lachen, ist der erste Schritt ins Christentum. + + +(8) + +Der Laubfrosch Nepopomuk war ein gar sensibel besaitet Gemüt, hatte aber +seinen Dickkopf für sich. + +Kauerte, sofern Regen zu gewärtigen stand, auf der obersten Leitersprosse +und blusterte sich in der grasigen Niederung seines Glashauses prophetisch +auf, wenn sonnige Tage im Anzug waren. + +Glaubt ihr, er habe damit die Dispositionen des großen Unbekannten, der +jenseits der Wolken thront, über den Haufen geworfen? + +Glaubt ihr das? + +Meiner Treu, Der über den Wolken hat Wichtigeres zu tun, als Obacht zu +geben auf kleine Nepopomuks. + +Die Sonne scheint, und der Regen fällt -- ohne das Hinzutun irgendwessen. + + +(9) + +Drehorganist Schrimpf, der mit Onkel Rübezahl auf du und du steht, mußte +vom Gebirge ins Tal hinunter, geriet in eine Herberge und erblickte in +dieser einen pompösen, wandverzierenden Buntdruck, der keinen Geringeren +als Hindenburg darstellte. + +In Politicis und auch sonst mangelhaft beschlagen, erkundigte sich +Schrimpf, wer das sei. + +In Dalldorf interniert wurde der Herr Drehorganist. + + +(10) + +Dem Konstantin Funkelpunze kleckte es, eine zur Ehe hitzig entschlossene +Maid aufzugabeln und daraus die Konsequenzen zu ziehen. + +Die Ehe, die sich in welcher Hinsicht auch immer glücklich anließ, fiel +buchstäblich ins Wasser, als der Dampfer, welcher den hochzeitsreisenden +Funkelpunze benebst Gattin an Bord trug, havarierte und mit Mann, Maus, +Kind und Kegel untersank. + +Ein freundlicher Amerikafahrer fischte die junge, verheißungsvolle Ehe aus +den Fluten und schickte sie mir per Flaschenpost. + +Ich offeriere: Ehe, so gut wie ungebraucht, preiswert zu verkaufen. + + +(11) + +Ein Schutzmann steht auf dem Altmarkte und teilt Gebärden aus. + +Die Welt leert sich, der Schutzmann jedoch wankt und weicht nicht von +seinem Posten. + +Er berechtigt, wenn nicht alles trügt, zu der Frage, wozu er da ist. + +Wozu, wozu, wozu ist der Schutzmann da? + +Was ist überhaupt ein Schutzmann?? + +Ein Schutzmann, lieben Leute, ist dazu da, daß er da ist. Punktum. + + + + +DIE LORELEI + + +(Ein wirklich schönes Lied für den Loreleierkasten) + + ICH weiß nicht, was es bedeuten soll, + Daß ich so geknickt bin. + Ein Märchen aus uralten Tagen, + Das geht mir wie ein Mühlrad im Kopf herum. + + Den Fischer in seinem kleinen Kahne + Ergreift ein ganz wildes Weh; + Er sieht die Felsenriffe nicht, + Weil er zur Lorelei hinaufschauen muß. + + Ich glaube, die Wellen verschlingen + Den Schiffer mitsamt seinem Kahne. + Und das hat mit ihrem Gesange + Selbstverständlich die Lorelei bewerkstelligt. + + + + +OHNE ÜBERSCHRIFT + + +ALLES das, was der Berliner hundsgemeinhin «Natua» benennt -- o du +bildschönes Wort! --, alles das machte Frühling. + +Von dieser Veranstaltung sich auszuschließen brachte nicht übers eiweiche +Herz der Skribifax H. R. + +Er streifte die Krachledernen über, hängte eine sinnige Ader ein, vergaß +des Bleistifts nicht, nicht des Papieres und kehrte seinen vier trockenen +Pfählen den gerundeten Rücken. + +In einem Forste angelangt, der den ausschweifenden Titel «Das Rosental» +führt, sog er den würzigen Knofelduft ein, kurbelte sein Hirn an, drückte +auf die Ader und brachte zu Papier folgende + + +_Abhandlung_: + + A I Der Sachse sagt _nicht_: Dies dürfte der Fall _sein_. + Der Sachse sagt: 's werd schon meejlich _sinn_. + II Der Sachse sagt _nicht_: Ich werde um 8 Uhr zuhause _sein_. + Der Sachse sagt: Um achte rum weer j heeme _sinn_. + B I Der Sachse sagt _nicht_: Sobald wir angelangt _sind_. + Der Sachse sagt: Wemmr da _sinn_. + II Der Sachse sagt _nicht_: Die Eier _sind_ teuer. + Der Sachse sagt: De Eier _sinn_ deier. + +Wenn Sachsen -- echte Sachsen, ächte Sachsen, Kaffee-Sachsen, +Gaffee-Sachsen, Kümmel-Sachsen -- gebildet scheinen wollen und sich einer +schriftdeutschen, reinen Aussprache befleißen, so scheitern sie gern an dem +knifflichen «_Sinn_». + +Dem Sachsen gelingen die gebüldeten Sätze: + +«Die Eier _sein_ deuer.» + +«Wenn mir angegomm _sein_.» + +Während der Berliner sich zu den Sätzen versteigen kann: + +«Das dürfte der Fall _sind_.» + +«Kann schon möglich _sind_.» + +Ich persönlich möchte ebensowenig Sachse sind wie Berliner. Beide sein +schlechter dran als der Süddeutsche, dem das neutrale _san_ zu Gebote +steht. -- + +Bei dieser Gelegenheit will ich nicht verfehlen, eines Vorfalls zu +gedenken, der sich in einem Leipziger Buchladen zugetragen hat: + +Eine Dame sächsischster Observanz tritt ein und verlangt pfeilgrad das neue +Buch von Franz Würfel. + +Sie hat Franz Werfel schriftdeutsch aussprechen wollen. + +Nachdem H. R. diese Abhandlung niedergeschrieben hatte, sprach er +vernehmlich in die linde Frühlingsluft hinein (oder hinaus?): + +«Ich lasse mich kreuzweise vierteilen, wenn Kurt Wolff sich dazu hergibt, +diesen Bockmist drucken zu lassen.» + + +_Nachwort 1_: + +Der Bockmist ist gedruckt worden. + +Ihr habt ihn soeben gelesen. + + +_Nachwort 2_: + +Es steht zu erwarten, daß H. R. als ein Mann von Wort sein Wort hält und +sich vierteilen läßt. + + +_Nachwort 3_. + +Man atme auf. + + + + +GESTERN NOCH AUF STOLZEN ROSSEN . . . . + + +JA also, ich weiß nicht, ach was, ich erzähl's. Theo von Quarre liegt seit +dritthalb Stunden im Bette und kann nicht einschlafen, Deubel nich noch +mal. + +(Ich habe das Gefühl, als ob ich die Geschichte besser in den Papierkorb +schleuderte. Erstens ist sie langstielig, und zweitens hat sie keinen +Schluß. Was meinen _Sie_ zu dem Vorfalle?) + +Theo steht auf (und denkt: «Wenn mich der Herr Verfasser man bloß noch eine +Viertelstunde hätte liegen lassen, wäre ich todsicher eingeschlafen. Es ist +scheußlich, über sich verfügen lassen zu müssen. Na, mir kann's ja Gottlieb +Schulze sein, was der Verfasser mit mir vor hat») und zieht Reitdreß an. +Erfahrungsgemäß macht ihn der à tempo schlapp. + +Die Reitstiefel pumpern durch die nächtlichen Räume, ohne auf Quarre anders +als belebend zu wirken. + +(Hier mache ich einen Punkt. Ein Zaudern erfaßt mich. Soll ich fortfahren?) + +Quarre kommt sich vor wie ein pikfrischer Maimorgen. + +Stunden vergehen (und ich täte vielleicht besser, mir die störenden +Zwischenbemerkungen zu verkneifen), und Theo von Quarre zieht schließlich +Galoschen über die Reitstiefel (du meine Güte, soll das etwa «humoristisch» +sein? Ich lache!) und müht sich keuchend, das widerspenstige Ich in +aberhundert Kniebeugen schlaff zu machen. + +Der Körper will nicht, gut, so soll der Geist. + +Theo öffnet den Bücherschrank und greift sich Felix Dahns unverwüstlichen +«Kampf um Rom». Darin tummeln sich so viele Eigennamen, daß der Geist, +breitgequetscht, in wirrer Konfusion entfleucht. + +(Sinnlose Gehässigkeit!) (Das schöne Buch!) (Dämliche Unterbrechungen.) +(Halt's Maul!!) (Bitte fahren Sie fort:) + +Aber auch die Lektüre verfängt nicht. + +Theo schmeißt -- der Morgen, grau wie alle Theorie (wieso?), graut grau in +grau herauf -- den «Kampf um Rom», komplett gebunden zum Vorzugspreise von +318 M., ein Barthaar eines echten Germanen gratis als Beigabe, _sehr_ +geeignet zu Geschenkzwecken, sollte auf keinem Büchertisch fehlen, hinter +den Bücherschrank und spricht: «Wenn das bloß der Verleger nicht erfährt!» +(Plumpe Verdrehung; denn der Verfasser vorliegender Geschichte ist es, der +dies denkt!) (Weiter im Texte:) + +Durch das Geräusch schrecklings aufgemuntert (und ohnehin sowohl wie +sowieso) erhebt sich Hermann aus den Federn, der treue Diener des Herrn von +Quarre. (Trauriger Mangel an Phantasie! Warum muß der Diener «Hermann» +heißen? Archibald ist bedeutend ansprechender!!) Er (Hermann) sieht +bekümmert nach dem Rechten und findet seinen Gebieterich in wabernder +Verzweiflung. (Ich würde, was mich anlangt, ein anderes Beiwort wählen als +wabernd. Mich bedünkt es, als gäbe der Herr Verfasser sich wenig Mühe. Er +wird mit einer Stunde Nachsitzen bestraft werden.) + +Theo will schlafen und kann nicht. Und kann nicht! + +Sich bezechen, rät Hermann. Alkohol macht bleiernen Kopf. + +Gut: Alkohol! + +Theo gießt sich voll mit schweren Weinen, trockenen Sekten, süßen Schnäpsen +und fühlt es, wie die Müdigkeit mit stumpfer Pranke ihm . . . (Ich hätte +den Diener übrigens _doch_ Archibald nennen sollen!) (Der Satz bleibt ein +Fragment.) + +Kurzum: der Alkohol tut seine Wirkung. Theo stürzt in den ledernen Schlund +eines Klubsessels und verlangt, zu rauchen. (Hier will ich mir die Klammer +einmal verkneifen.) + +Hermann trägt Zigarren herbei. (Wie finden Sie «Archibald»? Ist «Archibald» +nicht primafeinfein gegen «Hermann»?) + +Theo steckt sich eine Pappspitze in das markante Gesicht und zündet sie +unter schwerer Mühe an. + +Pfui Geier! + +Aha, es ist keine Zigarre drin. + +Soso. Theo zwängt einen importierten Zigarro in die Spitze und zündet eben +diesen an. + +Er brennt nicht. Er kann nicht brennen. Die Spitze ist nicht abgeschnitten. + +Theo erkennt dies (Gottlob, der Autor vergißt, Klammern zu machen!) und +schwappt zunächst «immer mal wieder» ein Glas hinter die Binde und fährt +sodann fort, rauchen zu wollen. Er knipst die _Spitze_ ab (ja, hat denn die +deutsche Sprache nur ein einziges Wort für Zigarrenspitze und +Zigarrenspitze?) und bohrt die Zigarre in die _Spitze_ (also in die +Pappspitze!). Hermann (immer noch Hermann? Ich denke, der Hermann ist +längst geändert in Archibald!) reicht das Streichholz dar, und Theo _zieht_ +-- ah -- famos -- hupp! -- fui Deibel! . . . + +(Dies Fui Deibel wird ewig ungeklärt bleiben, da Theo über dem Fui Deibel +einschlief. Ach so, das gehört ja gar nicht in die Klammer!) + +Der Schlaf knebelt den Theo von Quarre beim Rauchenwollen, die +Zigarrenspitze einschließlich der Zigarre (ohne Spitze) entschlüpft dem +müden Munde . . . Theo schnarcht. + +(Ei verfault. Jetzt sitz' ich in der Patsche! Wenn ich nämlich den Herrn +von Quarre schon schlafen lasse, hat sich die ganze Geschichte erledigt, +und ich kann einpacken. Ich muß ihn wohl oder übel wieder aufwecken, so +unmotiviert dies auch ist. Du liebe Zeit, was ist im Leben nicht alles +unmotiviert! Motivieren tun nur die modernen Schriftsteller. Das Leben hat +solche Mätzchen nicht nötig. Ich fahre fort:) + +Theo schrickt auf. + +Die brennende Zigarre ist ihm auf die Hand geglitten und hat ihm ein +Brandmal zugefügt. (Dann hätte er dies jedoch, bitte sehr, augenblicklich +wahrnehmen müssen! Hier stimmt etwas nicht. Wollen wir darüber hinwegsehen, +damit der Verfasser zu einem Ende kommt.) + +(Übrigens finde ich das Ganze schwülstig erzählt.) + +(Hier tritt eine große Unterbrechung ein. Der Autor muß unbedingt einen +drängenden Brief beantworten. Sie gedulden sich bitte einstweilen!) -- -- +-- + +(Der Brief ist geschrieben. Der Verfasser hat sich in der Zwischenzeit die +Hände gewaschen und frisches Wasser auf seine Mühle gefüllt. Es geht +weiter:) + +«Ja, ist denn die vertrackte Geschichte noch nicht zu Ende?» fragt Theo und +langt eine zweite Importe aus der Kiste. + +(So etwas Mähriges! Wo ist der Telegrammstil?) + +(Der Telegrammstil: «Hier!») + +(Der Verfasser: «Komm, hilf!») + +Importe No. 2, beschnitten, in Hülse gesteckt. Hülse greift nicht. Schon +Zigarre drin. Schweinerei! Hülse in Ofen, Zigarre ohne Hülse in Mund. +Verkehrt herum angebrannt. Verflucht! Dritte Importe . . . . + +(Meine Herren, so geht das auf keinen Fall weiter. Die Sache ist völlig +unverständlich. Telegrammstil, schieb ab!) + +Ich werde die Geschichte ganz einfach mit einem schönen Titel versehen und +als eine Jugendleistung ausgeben. Ich werde behaupten, sie sei geschrieben +worden, als ich noch aufs Gymnasium ging. Da wird man erstens Nachsicht +üben, zweitens gedoppeltes Interesse bekunden, und drittens wird man sich +freuen, zu erfahren, daß p. p. Verfasser ein gebildeter Mensch ist, indem +daß er ein Gymnasium besucht hat. + +Ach, ihr lieben Leute, ich sage euch ehrlich: ich wäre lieber Schneider +geworden oder Tischlermeister oder Pianofortebauer. Beim Himmel, jedes +Handwerk würde mir willkommen sein, jede Profession. _So_ hat man nichts +als sein bissel Bildung, das zu nichts nutze ist, es sei denn dazu, daß man +auf sie schimpft. + +Um auf den unvermeidlichen Theo zurückzukommen, so sei leichthin bemerkt, +daß er, um definitiv einschlafen zu können, hundertsiebenunddreißig +Schlafpulver zu sich nahm. + +Daraufhin schlief er sechzehn Tage. + +Hermann rasierte ihn allmorgens, ohne daß Quarre dadurch wäre gestört +worden. + +Und, um den guten Archibald (Sie wissen, wen ich meine!) nicht aus dem +Spiele zu lassen, so sei gesagt, daß er als treubesorgter Diener seines +Herrn und in der Furcht, es könne diesem (seinem Herrn) etwas Böses +zustoßen (denn der lange Schlaf war in der Tat beängstigend!), kein Auge +zutat -- nicht bei Tage, nicht bei Nacht. + +Nach den abgeschlafenen sechzehn Tagen schlief Theo von Quarre ohne Pause +weiter, so müde war er durch das übermäßige Schlafen geworden. + +Theo schlief ununterbrochen. + +Hermann wachte ununterbrochen. + +Und darin hat sich bis auf den heutigen Tag nichts geändert. + +Theo schläft. + +Und Hermann wacht über den Schlafenden. + +Dies -- prophezeie ich -- wird nicht eher anders werden (Hermann wird nicht +eher schlafen können, als bis sein Herr aufgewacht ist, und Theo wird nicht +aufwachen, ehebevor ich ihn nicht geweckt habe -- und ich werde mich hüten, +dies zu tun -- was sollte ich auch mit dem wachen Theo und dem schlafenden +Hermann beginnen?) jetzt ist es außergewöhnlich knifflig, den begonnenen +Satz grammatikalisch richtig zu Ende zu führen, ach was, ich falle einfach +aus der Konstruktion, der Theodor Körner hat's ja auch des öfteren getan, +sehen Sie, ich bin doch ein gebildeter Mensch; ich meine nämlich den +«Zriny», den haben wir auf dem Gymnasium gelesen, ich mußte das «Volk» +machen, das gab den größten Spaß -- mit anderen Worten (wieso mit +anderen?): Hermann wacht so lange und Theo von Quarre schläft so lange, bis +mir eingefallen ist, wie ich die Geschichte schließen kann. Voraussichtlich +wird mir nichts einfallen; denn just dies ist mein Einfall, daß die +Geschichte ohne Einfall (auch e Einfall!) endet. + +(Ich hätte doch «Archibald» schreiben sollen statt «Hermann»!) + + + + +VON DEN NAMEN + + +DER ewige Ahasver stiert in die offene Welt und überläßt sich seinen +Gedanken. Tausend Menschen schwimmen an ihm vorüber und achten seiner +nicht. Aber Ahasver achtet ihrer und rührt nackte Herzen an. Etwelche sind +gut, die meisten schlecht und faulig. Die Herzen leben und zucken und +machen, daß die dazugehörigen Menschen leben und zucken. Ahasver denkt: Ihr +bildet euch ein, zu leben, weil eure Herzen leben. Ihr bildet euch ein, +Menschen zu sein. Aber ihr seid lediglich durch Zufall als Menschen lebig. +Ihr könntet gewißlich ebensogut Nähmaschinen sein oder Wäscheklammern. So +wahr mir Gott helfe, du eignest dich, mein Freund, vorzüglich zur +Gießkanne. Warum bist du Mensch? Du weißt es nicht. Du steckst in deiner +Haut und nimmst dich auf die leichte Achsel. Du mimst einen Menschen. +_Bist_ du einer? Du bist eine ausgefüllte Haut und gleichst allen andern, +obwohl du Lehmann heißt und ein Lehmann bist. Weißt du, warum du Lehmann +heißt? Weil dein Herz ein Lehmann ist, ein ganz ordinärer Lehmann. Deine +Haut steht dir gut, sie ist blaß wie dein Herz. Du paßt in die Familie. Ihr +gleicht euch wie ein Lehmann dem andern, wenn ihr auch nicht allesamt +Lehmann heißt. Ich weiß es: Ihr heißt bloß teilweise Lehmann. Ein großer +Prozentsatz eurer Häute läßt sich durch den Namen Ziergiebel tragen. Und +die mit Ziergiebels verwandten Häute heißen geradezu Matterstock, +Knebelsdorff und Hammer. Aber das Seltsamliche ist, daß die +Matterstockischen auf den ersten Hieb in Matterstocks, Kirstes, +Freudenbergs und Föllners zerfallen. Auch Rippers gehören zu deiner Sippe. +Und die Freudenbergs sind verwurzelt in sogenannten Schröders, der Teufel +mag wissen, wieso. Der eine Schröder ist ein berühmter Dichter und hat sich +wohlweislich durch ein Pseudonym unkenntlich gemacht. Bruderherz, +Bruderhaut: Bist du dessen eingedenk, daß es um dich herum lebt und heißt? +Und daß ihr alle, die um dich und die mit dir und die neben dir, daß ihr +alle verknäuelt seid ineinander? Und verenkelt und verschwippschwägert und +verfilzt, ihr wißt nicht, wie? Und daß es Menschen gibt, die -- beim Himmel +-- akkurat so heißen wie du und dennoch ganz anders aussehen und sind? Es +gibt Menschen, Herr Bruder, die heißen wie du, und du schreitest achtlos an +ihnen vorüber und schaust ihnen lauwarm in die Augen. Du gehst auf der +Straße, fährst auf der Stadtbahn, betrittst einen Konzertsaal, und die +Menschen um dich herum heißen Gelbstein, Mosler, Trautscholdt, +Berlit-Boosen, van Delten, Kenne, Heinz, Kumpanini -- -- und du verspürst +es nicht! Willst du es nicht verspüren, Herr Mensch? Und alle diese +Menschen _sind_ etwas, stellen etwas vor, üben etwas aus, betreiben ein +Handwerk, ein Gewerbe, eine Tätigkeit, rackern sich ab, faulenzen, trinken +Tee, gehen spazieren, sind kränklich -- -- und du wandelst an ihnen +vorüber, ohne dessen eingedenk zu sein, daß sie aus dem nämlichen Holze +geschnitzt sind wie du, Freund Mensch. Und was sind sie von Beruf? +Schneidermeister und Balbiere und Photographen und Cellovirtuosen! Manche +sind sogar Kaufleute. Ich kenne einen, der ist Kolonialwarenhändler. Der +kauft en gros Waren ein und verkauft sie en detail. En gros kriegt er sie +billiger, als wenn er sie en detail einkaufte. Verstehst du das? Auf der +Berechnung, daß en detail kaufende Mitmenschen -- die Nächsten -- teurer +bezahlen müssen, als er im Einkauf bezahlt hat, beruht seine Existenz. +Seine Gattin heißt Rosamunde und kriegt jeden Monat einen neuen Hut. Ich +werde auch Kaufmann werden. Das ist ein probates Mittel, Geld zu verdienen, +und um Geld zu verdienen, ist man auf der Welt, nicht wahr, Herr homo +sapiens? Es gibt aber auch Bonbonkocher und Seifensieder und Gußputzer und +Salon-Feuerwerker und Geheimpolizisten und Papierzähler. Von weiblichen +Berufen zu geschweigen. Ich kenne einen Papierzähler, das ist ein +vernunftbegabtes Lebewesen mit Namen Kutzschebauch, und dieses Lebewesen +steht seit seinem siebzehnten Lebensjahre tagaus, tagein im Donnergepolter +der Maschinen und zählt Papier ab. Sechsunddreißig Jahre ist er alt. Er +zählt täglich hunderttausend Bogen Papier. Er darf sich nicht verzählen. Er +verzählt sich auch nie. Er hat keine Zeit dazu. Wenn er bei neunzigtausend +ist und glaubt, sich verzählt zu haben, kann er nicht wiederum bei eins +anfangen. Es ist unmöglich. Wenn es der Himmel fügt, erreicht das +vernunftbegabte, papierzählende Lebewesen ein biblisches Alter. Sein Leben +ist mehr als Mühe und Arbeit gewesen; es ist Stumpfsinn gewesen. Aber ein +Leben ist es gewesen. Gelebt von jenem einzigen Kutzschebauch, der +ausgerechnet Kutzschebauch heißt, Solltest du zufällig gleicherweise +Kutzschebauch heißen, so zürne mir nicht. Ich will dir meinerseits gewiß +nicht zürnen, ich verspreche es dir. Ich bin einsichtig genug anzuerkennen, +daß es Kutzschebäuche geben muß. Aber ich habe nur dies eine Mal Nachsicht. +Sei lieb und heiße das nächste Mal besser. Es gibt so viele schöne Namen! +Gschwindbichler und Hühnerschlund, Fleischpinsel und Bettbetreff! Oder sind +dir das keine schönen Namen? Felix Kutzschebauch, was sagst du zu dem Namen +Telofonsky? Und zu Umschlauch? Ach, Felix Kutzschebauch, du hast das Gefühl +dafür verloren! Ich will dich nicht befragen. Du heißest Kutzschebauch, als +müßte dies so sein. Aber es muß nicht so sein, man kann der +Kutzschebäuchigkeit oder, wenn du willst, der Kutzschebeleibtheit aus dem +Wege gehen: Man kann sich umbringen. Ein vertrackter Name, ist das kein +Selbstmordmotiv? Du lächelst, denn du bist arg weit entfernt, deinen Namen +umzubringen. Im Gegenteil: Du stehst im Begriffe zu heiraten. Viele kleine +Kutzschebäuche sehe ich die unschuldige Welt bewimmeln. Sie werden +dermaleinst Papier zählen. Und deine Braut -- eine geborene Nolke -- gibt +freudigen Herzens ihren Namen auf, um Kutzschebauch zu werden. Sie heißet +Olga. Sie will gerufen werden. O Olga! Du siehst einer Olga verblüffend +ähnlich. Dein Name steht dir gut, dein Name kleidet dich. O Olga Nolke, +warte nur, balde hat es sich ausgenolkt, und du darfst glücklich sein wie +dein künftiger Gatte. Tu, Felix Kutzschebauch, nube! Und vergiß die Fritzi +und die Gerta und die Friedel, und wie sie alle geheißen haben -- ohne +eines Familiennamens bedurft zu haben. Die Fritzi ist die Fritzi, aber +deine Olga ist die Olga Nolke. Kanntest du nicht dereinst eine Olga, deren +Photographie du jüngst verbrennen mußtest, auf daß sie der Normalbraut +nicht in die Hände falle? Hast du die beiden Olgas miteinander verglichen? +Gegeneinander ins Treffen geführt? Gewägt? Und verspürst du es nicht, daß +_beide_ -- Olga heißen müssen? Daß sie nicht anders heißen dürfen? Denn +jegliche Frau sieht so aus, wie sie mit ihrem Rufnamen heißt. Und jeglicher +Mann heißt so, daß man -- sobald man weiß: er heißt _so_ -- überzeugt ist: +er heißt mit Fug und Recht _so_. Jeglicher heißt richtig. Wir alle heißen, +wie wir müssen. Ich kann nicht Cohn heißen, ob ich gleich Ahasver bin. Und +Theodulf Schwertnagel ist Theodulf Schwertnagel. Name ist weder Schall noch +Rauch. Ohne daß ich ihn dir schildere, ohne daß du sein Konterfei siehst, +weißt du, wie einer aussehen muß, der Woldemar Lohengrin heißt. Im Anfang +war der Name. Nota bene: Eigenname. Wisse das und heiße hinfort bewußt! Und +bist du, der du mich Ahasver denken ließest, ein belangloser Schulze oder +ein Meier oder Müller -- dein Name hat dich! Drum lobsinge dem Schöpfer, +daß du Schulze heißest oder Meier oder Müller. Es ist nämlich kein +leichtes, Richard Wagner zu heißen. Als Richard Wagner _darfst_ du nicht +Bäckermeister sein. Und als Ludwig Ganghofer _darfst_ du nicht Kassenbote +sein. Es lebt ein Ludwig Ganghofer, der betreibt ein Friseurgeschäft. +«Rasier, Friseur und Haarschneiden» steht über seinem Laden. Das ist recht +trauriges Deutsch, aber der arme Mensch von diesem Friseur hat es besonders +gut machen wollen. Es ist ein armer Mensch, das versichere ich. Wenn er +seinen berühmten Namen, den ein anderer hat, in der Tageszeitung liest, so +trifft ihn jedesmal ein robuster Schlaganfall. Der Name, den er hat, und +der gar nicht sein ist, beutelt ihn und polkt ihn in Grund und Boden. +Fühlst du es nach, Bruderherz, daß es seinen Haken hat, ein Ludwig +Ganghofer zu heißen? Ich persönlich bedanke mich dafür und ziehe es vor, +Ahasver zu sein. + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Kobolz, by Hans Reimann + +*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 44610 *** |
