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+The Project Gutenberg EBook of Der Junkervon Denow / Ein Geheimnis / Ein
+Besuch / Auf dem Altenteil, by Wilhelm Raabe
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Der Junkervon Denow / Ein Geheimnis / Ein Besuch / Auf dem Altenteil
+ Erzählungen
+
+Author: Wilhelm Raabe
+
+Release Date: January 9, 2014 [EBook #44639]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER JUNKERVON DENOW / EIN ***
+
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+
+
+Produced by Norbert H. Langkau, Norbert Müller and the
+Online Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net
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+ Anmerkungen zur Transkription
+
+ Text wurde folgendermaßen markiert:
+ _Antiqua_
+ =gesperrt=
+
+ Zeichensetzung und Rechtschreibung wurden weitgehend übernommen,
+ außer bei offensichtlichen Fehlern.
+
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+
+
+ Wilhelm Raabe
+
+ Bücherei
+
+ Erste Reihe:
+
+ Kleinere
+ Erzählungen
+
+ Zweiter Band
+
+
+
+
+ Berlin-Grunewald
+
+ Verlagsanstalt für Litteratur und
+ Kunst/Hermann Klemm
+
+
+
+
+ Wilhelm Raabe
+
+ Der Junker von
+ Denow
+
+ Ein Geheimnis
+
+ Ein Besuch
+
+ Auf dem Altenteil
+
+ Erzählungen
+
+
+ Dritte Auflage
+ 11.-16. Tausend
+
+
+
+
+ Berlin-Grunewald
+
+ Verlagsanstalt für Litteratur und
+ Kunst/Hermann Klemm
+
+
+
+
+ Gedruckt bei G. Kreysing in Leipzig
+ Einbandzeichnung entworfen von Bernhard Lorenz
+ Den Einband fertigte H. Fikentscher in Leipzig
+
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+ ******************************
+ * *
+ * Der *
+ * *
+ * Junker von Denow *
+ * *
+ * Historische Novelle *
+ * *
+ ******************************
+
+
+
+
+ I.
+
+
+Wer am Abend des sechsten Septembers alten Stils, am Donnerstag vor
+Mariä Geburt im Jahre unsers Herrn Eintausendfünfhundertneunundneunzig,
+nach Sonnenuntergang einen Blick aus der Vogelschau über die Rheinebene
+von Rees bis Emmerich und weit nach Ost und West ins Land hinein hätte
+werfen können, der würde eines erschrecklichen Schauspiels teilhaftig
+geworden sein.
+
+Schwarze regendrohende Wolken verhingen das Himmelsgewölbe, und es würde
+eine dunkle Nacht gewesen sein, wenn nicht der Mensch diesmal dafür
+gesorgt hätte, daß es auf der weiten Fläche nicht ganz finster wurde.
+Auf den Wällen von Rees leitete, an der Spitze seiner Hispanier,
+Burgunder und Wallonen, Don Ramiro de Gusman die Verteidigung der Stadt
+und Festung gegen das Reichsheer, welches schläfrig und matt genug der
+Belagerung oblag, dafür aber auf andere Weise desto mehr Lärm machte,
+wie es einer Armee des heiligen römischen Reichs deutscher Nation
+zukam. Ein fahles, blitzartiges Leuchten lag hier über der Gegend, denn
+wenn auch das schwere Geschütz seit Mittag schwieg, so knatterte doch
+das Musketenfeuer, schwächer oder stärker, rund um die Stadt fort und
+fort, und manch ein Wachtfeuer flackerte auf beiden Ufern des Flusses,
+welcher manche Leiche in seinen nachtschwarzen Fluten mit sich hinab
+führte in das leichenvolle Holland, wo der finstere Admiral von
+Aragonien, Don Francisco de Mendoza, und der Sohn der schönen Welserin,
+der bigotte Kardinal Andreas von Österreich, die Zeiten Albas
+erneuerten. --
+
+Wir haben es jedoch nur mit der rechten Seite des Rheines zu tun, wo
+tief in das Land hinein unter den zusammengewürfelten Tausenden des
+Reichsheeres, Hessen, Brandenburgern, Braunschweigern, Westfalen, der
+_furor teutonicus_, die sinnlose, trunkene, deutsche Furie ausgebrochen
+war und in Verwüstungen aller Art sich Luft machte. In allen Dörfern
+und Lagerplätzen Sturmglocken, Trommeln und rufende Trompeten --
+Geschrei und Jammer des elenden, geplünderten, mißhandelten Landvolkes
+-- bittende, drohende Befehlshaber -- flüchtende Herden, Weiber,
+Kinder, Kranke, Greise -- Reitergeschwader, die sich sammelten,
+Reitergeschwader, die auseinanderstoben -- brennende Häuser und
+Zeltreihen, und zwischen allem die Cleveschen Milizen, die
+»Hahnenfedern«, zur Wut gebracht durch die Ausschweifungen derer,
+welche da Hilfe bringen sollten gegen die Ausschweifungen des fremden
+Feindes! Überall Blut und Feuer und Brand -- ein unbeschreibliches,
+wüstes, grauenhaftes Durcheinander, zu dessen Schilderung Menschenrede
+nicht hinreicht!...
+
+Lange genug hatte an diesem Abend Don Ramiro, hinter seiner Brustwehr an
+eine zerschossene Lafette gelehnt, hinübergeschaut nach den Laufgräben
+und Angriffswerken der tollgewordenen Belagerer; jetzt stieg er langsam
+herab von seinem Lugaus, und begleitet von zwei Fackelträgern und
+mehreren seiner Unterbefehlshaber schritt er durch die Gassen von Rees,
+dessen zitternde Bewohner jedes Fenster hatten erhellen müssen, und
+dessen Straßen dumpf dröhnten unter den Schritten der gegen die
+östlichen Ausfallspforten heranmarschierenden Besatzung.
+
+»Francisco Orticio!« sagte der spanische Kommandant, und im nächsten
+Augenblick stand der Geforderte vor ihm.
+
+»Alles bereit?« fragte Don Ramiro wieder.
+
+Der gerüstete Führer senkte stumm den Degen und wies mit der Linken auf
+die Haufen der Krieger, welche jetzt alle an den ihnen bestimmten
+Plätzen dicht gedrängt, regungslos standen. Des Spaniers Auge flog mit
+düsterer Befriedigung über all diese im Glanz der Fackeln blitzenden
+Harnische, Sturmhauben, Piken und Schwerter -- er nickte. »Sie würden
+sich da draußen untereinander selbst fressen, gleich den hungrigen
+Wölfen,« sagte er, »aber wir wollen zur Ehre Gottes und der heiligen
+Jungfrau« -- hier lüftete er den Hut, und alle Umstehenden taten
+das Gleiche -- »unsern Teil an dem Verdienst haben, die Ketzer zu
+vertilgen! Erinnert Euch, Orticio, mit dem Schlage Elf beginnt das Feuer
+wiederum -- mit dem Schlage Elf hinaus auf sie! Spanien und die
+Jungfrau! die Losung.«
+
+»An eure Plätze, ihr Herren!« erschallte das Kommandowort Francisco
+Orticios -- ein dumpfes Gerassel und Geklirr der sich aneinander
+reibenden Harnische -- Don Ramiro de Gusman schritt langsam prüfend die
+Reihen entlang; dann stieg er schweigend wieder zu dem Walle empor, nach
+einem letzten Wink und Gruß für Orticio, welcher sein Wehrgehäng fester
+zog.
+
+»Noch eine halbe Stund'! Spanien und die Jungfrau, Spanien und die
+Jungfrau!« ging es dumpf durch die Reihen der harrenden Krieger. -- --
+
+Unsere Geschichte beginnt!
+
+»So hole der Teufel die meineidigen Schufte und meuterischen Hunde!«
+schrie der Hauptmann Burghard Hieronymus Rußwurmb in Verzweiflung,
+im Lager der dreizehn Fähnlein gewappneter Knechte, Reisiger und
+Fußsöldner, welche Herr Heinrich Julius, postulierter Bischof zu
+Halberstadt, Herzog zu Braunschweig und Lüneburg als Obrister des
+niedersächsischen Kreises zufolge des Koblenzschen Reichsabschieds
+für diesen Krieg geworben und aus aller deutschen Herren Ländern
+zusammengebracht hatte. »Ist denn die Welt ganz umgekehrt? Es ist zum
+Rasendwerden!... So schlage zum letzten Mal die Trommel, Hans Niekirche
+-- o heiliges Wort Gottes, das ist das Jüngste Gericht!«
+
+Hans Niekirche aus Braunschweig, der Trommelschläger, ein blutjunger
+Wicht, welcher einem Schneider seiner Geburtsstadt aus der Lehre
+gelaufen war, hatte, hierhin gestoßen, dahin gezerrt, sich fast zwischen
+die langen Beine seines Hauptmanns gerettet und fing nun mit zitternden
+Händen von neuem an, das Kalbfell zu bearbeiten; während der Hauptmann
+hin und her lief, mit beiden Händen das Haupthaar durchwühlend. Er hatte
+wohl das Recht, zornig zu sein, der Wackere! Dicht hinter sich hatte er
+ein geplündertes Bauernhaus, dessen Fenster und Türen eingeschlagen
+waren, und auf dessen Schwelle ein junges Weib mit zerrissenen Kleidern,
+in der im letzten Krampf zusammengekniffenen Hand ein Büschel roter
+Haare, leblos ausgestreckt lag. An sein linkes Bein hing sich jetzt auch
+noch ein arm Kindlein in seiner Todesangst, zu seiner Rechten schlug
+Niekirch seine Wirbel, und rings um ihn her schrie und stampfte, fluchte
+und drohete sein meuterisch Fähnlein und rasaunte durcheinander, wie ein
+aufgestört Rattennest.
+
+»O ihr Schelme, ihr Hunde, das soll euch heimgezahlt werden!« brüllte
+der Hauptmann. »Warte, Hans Diroff von Kahla, warte, Koburger, Christoph
+Stern von Saalfeld, an den Galgen und aufs Rad kommt ihr; oder die
+Gerechtigkeit ist krepiert auf Erden. Warte, du Schmalz von Gera, dein
+Fett soll all werden, wie eine Kerze im Feuer! O Tag des Zorns, o Hunde!
+Hunde!«
+
+»Gebt Raum, Hauptmann!« schrie ein riesenhafter Kerl, genannt Valentin
+Weisser von Roseneck, dem Führer den Büchsenkolben vor die Brust
+setzend. »Ihr seid die Verräter, die Schelme, Ihr und Eure saubern
+Gesellen und Euer Graf von Hohenlohe, der Holländer! Wollt Ihr uns nicht
+etwa über das Wasser, über den Rhein, von des Reiches Boden führen? He,
+sprecht!«
+
+»Nicht über den Rhein! nicht über den Rhein! nicht vor Bommel! nicht vor
+Bommel!« schrie es von allen Seiten, und weit über das Feld durch alle
+Tausende wälzte sich dasselbe Wort. Der Hauptmann schlug den Kolben von
+seiner Brust zur Seite.
+
+»Du wirst gehängt, wie ein Spatz, Rosenecker,« schrie er.
+
+»Ihr sollt es wenigstens nit erschauen!« brüllte der Schütz wieder, die
+brennende Lunte über dem Haupte schwingend. Er nahm sich nicht die Mühe,
+sie aufzuschrauben, das Feuerrohr lag auf der Gabel -- im nächsten
+Augenblick wäre der Hauptmann ein Kind des Todes gewesen, wenn nicht
+plötzlich zwischen dem Bedrohten und dem Drohenden ein Reiter im vollen
+Galopp angehalten und dem wütenden Musketierer den Büchsenlauf in die
+Höhe geschlagen hätte, daß der Schuß in die Luft ging.
+
+»Der Junker! der Junker!« schrie es auf allen Seiten. »Der Junker
+zurück! sprecht, sprecht, was ist's? was sagt der Graf? Haben sie uns
+verkauft an die holländischen Juden, ihnen ihre Festung Bommel zu
+entsetzen?... Der Junker, der Junker! Nicht nach Bommel, nicht vor
+Bommel! nicht über den Rhein! nicht über den Rhein! In die Spieße der
+von Hollach!«
+
+»Ja, schreit nur, bis ihr berstet!« zischte blau vor Grimm der
+Hauptmann durch die zusammengebissenen Zähne und ballte die Hände, daß
+die Nägel tief ins Fleisch drangen. »Schreit nur -- es ist noch nicht
+im Topf, darin es gekocht wird -- Christoph von Denow, sprecht zu den
+Meutmachern! sagt den räudigen Hunden Eure Botschaft!«
+
+Der junge Reiter richtete sich hoch auf im Sattel, und alle die wilden
+Gesichter im Fackelschein ringsumher wandten sich ihm zu.
+
+»Der wohlgeborene und edle Graf Philipp von Hohenlohe, unser gnädiger
+Feldhauptmann --«
+
+»Nichts von dem Grafen von Hollach, dem Verräter, dem Judas!« schrien
+einige. »Stille! Ruhe! Hört ihn!« riefen die andern und gewannen die
+Oberhand, daß der Reiter fortfahren konnte.
+
+»Der Graf läßt den Fähnlein des braunschweigischen Regiments zu Roß und
+zu Fuß vermelden, daß ihr Begehren und Gebaren unehrlich und treulos
+sei, deutscher Nation zu Schimpf und Schande und großem Schaden
+gereiche --«
+
+Ein allgemeines Wut- und Spottgebrüll unterbrach den Redner, der erst
+nach langem Harren weiter rufen konnte.
+
+»Es sagt der Graf von Hohenlohe, daß er befehle, Generalmarsch zu
+schlagen vor jeglichem Quartier und auszurücken in die Linien gen Rees,
+auf weitern Befehl! Da kommt unser gnädigster Obrister, der Herr von
+Rethen.«
+
+Neues Geschrei empfing den ebenfalls im vollen Rosseslauf erscheinenden
+Führer, welcher den schriftlichen Befehl des Grafen mit sich führte;
+aber ebenfalls vergeblich durch Bitten, Drohungen, Erinnerungen an den
+Artikelbrief das Volk zur Ruhe zu bringen versuchte. Atemlos,
+zornesbleich hielt er zuletzt in dem kleinen Kreise der Hauptleute und
+Offiziere und der wenigen treugebliebenen Söldner. Der Junker aber
+befand sich, willenlos fortgerissen, inmitten des wildesten Getümmels
+der aufrührerischen Knechte, die von Mord und Blut sprachen, und
+bereits ihre Spieße senkten, ihre Feuergewehre richteten auf das
+Häuflein der Getreuen, welche einen Ring schlossen um die Führer und die
+geretteten Feldzeichen, und sich rüsteten, ihr Leben so teuer als
+möglich zu verkaufen.
+
+Auch das Reiterlager hatte sich in Bewegung gesetzt, von Minute
+zu Minute wuchs der Tumult, und inmitten all dieser drohenden
+Spieße, Schwerter und Büchsen, unter all diesen scheu gewordenen,
+ausschlagenden, stampfenden Rossen und trunkenen Männern taucht jetzt
+für uns eine Gestalt auf, klein und zierlich gebaut, aber trutzig und
+unverzagt, im Heerlager aufgewachsen, gebräunt von Wind und Wetter,
+abgehärtet in mancher bösen Sturmnacht am schwächlichen Lagerfeuer, ein
+klein Hütlein, geziert mit einer Häherfeder, auf den krausen, wirren
+Locken, ein Dolchmesser im Gürtel, -- bekannt bei Führern, Knechten und
+Reisigen; zu Roß, zu Fuß, zu Wagen stets dem Heere zur Hand: =Anneke
+Mey= von Stadtoldendorf, des braunschweigschen Regiments Marketenderin
+und Schenkin!
+
+»Hab' ich dich auf den Fuß getreten, Anneke?« fragte ganz kleinmütig der
+wilde Valentin Weisser, der eben das Feuergewehr gegen den Hauptmann
+hatte losgehen lassen. »Nimm dich in acht, daß sie dich nicht
+erdrücken, Engel-Anneke -- stelle dich hinter mich, du wirst gleich dein
+blaues Wunder sehen.«
+
+»Nehmet Ihr Euch in acht, Rosenecker,« lachte das wildherzige Kind, »Ihr
+spielt ein hoch Spiel diese Nacht!«
+
+Der Riese warf einen trotzigen, lachenden Blick über die hin und her
+wogenden Massen. --
+
+»Hoho, sind wir nicht unsrer genug, zu gewinnen? Nicht vor Bommel!
+Ju -- ho! ho! nicht vor Bommel! nicht übern Rhein! Fort mit den
+Hauptleuten, fort mit dem Grafen von Hollach!«
+
+In diesem Augenblick riefen wieder Hunderte von Stimmen nach dem
+Junker -- dem Christoph von Denow. Da zuckte ein seltsamer Glanz über
+das Gesicht des Mädchens. Es stellte sich zuerst auf die Zehen, dann
+kletterte es mit katzengleicher Behendigkeit und Schnelligkeit auf einen
+Schutthaufen, wo sich bereits mehrere Soldatenweiber mit ihren Kindern
+und Habseligkeiten zusammengedrängt hatten und alle zugleich in den Lärm
+hineinkreischten.
+
+»Mein Mann! mein Mann! Jesus, sie würgen sich alle! Gottes Sohn --
+Franz! Franz!«
+
+»Was macht der Junker? wo ist der Junker?« rief Anneke Mey, eine Hand,
+welche ihr entgegengestreckt wurde, ergreifend.
+
+»Da! da! er spricht zu denen vom vierten Fähnlein -- da -- da -- Jesus,
+sie werfen den Hauptmann Eberbach nieder, und mein Mann, Jesus, mein
+Mann!« --
+
+Die Augen der Armen wurden starr, mit einem Sprung war sie von der Höhe
+herab und stürzte sich mitten in das Getümmel; über den am Boden
+liegenden Hauptmann sank unter den Hieben und Stößen der Meutrer der
+Doppelsöldner Franz Hase von Erfurt zusammen. Vergeblich hatte sich
+Christoph von Denow unter die Piken und Hellebarden geworfen, mit seinem
+Schwert die Spitzen niederschlagend; im vollen Lauf stürzte jetzt das
+aufrührerische Kriegsvolk auf die Treugebliebenen und die Befehlshaber,
+Schüsse krachten hinüber und herüber. Ihr Messer aus der Scheide reißend
+trieb Anneke Mey in den Aufruhr hinein. Christoph von Denow sah sie
+plötzlich an seiner Seite unter den Füßen der Kämpfenden; -- noch ein
+Augenblick, und sie war verloren, noch ein Augenblick, und er hatte sie,
+fast ohne zu wissen, was er tat, zu sich emporgezogen aufs Pferd; alles
+drehte sich um ihn her -- »Mordio! Mordio!« brüllte es auf allen
+Seiten -- -- Da -- -- urplötzlich -- -- blieben alle die zum Verbrechen
+gezückten und geschwungenen Waffen, wie durch ein Zauberwort aufgehalten
+in der Luft -- jeder Wut- und Angstschrei erstarrte auf den Lippen --
+Angreifer und Angegriffene standen lautlos, bewegungslos!
+
+Im Westen über Rees hatte sich, begleitet von einem donnerartigen
+Krachen, der dunkle Nachthimmel blutig-rot gefärbt. Alle Geschütze auf
+den Wällen, alle Geschütze in den Angriffslinien brüllten los; im Lager
+des Reichsheeres flog ein Pulvervorrat in die Luft, dazwischen rollte,
+immer stärker werdend, das kleine Gewehrfeuer.
+
+Mit einem Male hatte sich die Szene im aufrührerischen Lager vollständig
+verändert.
+
+»Sturm! Sturm! Rees zu Sturm geschossen!« ging es von Mund zu Mund.
+»Sturm! Sturm! Gen Rees! gen Rees!«
+
+Und als peitsche der Satan sie vorwärts, seiner Hölle zu, hatte sich
+plötzlich diese ganze Masse von Kriegern, Führern, Weibern, Troßknechten
+in Bewegung gesetzt, dem flammenden Vulkan im Westen entgegen. Gier nach
+Beute, unbefriedigte Gier nach Blut trieb sie von dannen. Im wildesten
+Taumel, Reiter und Fußvolk und Wagen bunt durcheinander, raste sie über
+das Feld durch die Nacht. Im wildesten Taumel und Traum, das Schwert am
+Faustriemen, vor sich auf dem Sattel das Mädchen aus den Weserbergen,
+saß Christoph von Denow auf seinem schwarzen Roß. -- --
+
+»Sturm! Sturm! Rees zu Sturm geschossen! Vivat der Graf! Vivat der Graf
+von Hollach! Vorwärts! Vorwärts!«
+
+Ein sekundenlanges Anhalten in dieser wüsten Menschenflut war eine
+Unmöglichkeit, ein Fehltritt, ein Straucheln der sichere Tod. Schon
+hörte man zwischen dem Donnern und Krachen um die Stadt den Schlachtruf
+der Feinde: »Spanien und die Jungfrau! Spanien und die Jungfrau!« und
+lauter und näher den Ruf der angegriffenen Belagerer: »Das Reich! das
+Reich! Vorwärts, das Reich!«
+
+Hinein in die Atmosphäre von Blut und Feuer brauste die anstürzende
+Menschenmasse, und die Letzten drängten bereits die Vordersten
+in die angegriffenen Laufgräben, aus denen eine andere Flut ihnen
+entgegen wogte. Das waren die Hessischen, die schlecht bewaffneten,
+halbverhungerten, im Regen und Rheinwasser fast ertränkten
+Schanzgräber, welche dem wilden Anprall der Spanier nicht hatten
+widerstehen können.
+
+»Spanien! Spanien! Spanien und die Jungfrau!« rief Francisco Orticio,
+sich über einen Schanzkorb in die Höhe schwingend.
+
+»Spanien! Spanien und die Jungfrau!« wiederholten seine Krieger ihm
+nachdringend.
+
+»Rette, Hessen! Rette!« schrien die flüchtigen Söldner des Landgrafen im
+panischen Schrecken.
+
+»Braunschweig! Braunschweig!« brüllte es von den Höhen der Böschungen.
+
+»Up dei Düvels!« schrie Heinrich Weber aus Schöppenstedt, eine Fackel in
+der Hand mitten unter die Hessen springend. Der flammende Brand flog im
+weiten Bogen gegen die Spanier -- ein zweiter Satz -- die zu Grund, der
+Bergstadt im Harz, gehämmerte Hellebarde schmetterte nieder auf eine zu
+Cordova geschmiedete Sturmhaube: Diego Lua aus Toboso stürzte mit einem
+»_Valga me Dios!_« tot zurück.
+
+»Braunschweig! Braunschweig!« brauste es dem Schöppenstedter nach, und
+»Braunschweig! Braunschweig!« jubelten auch die Hessen, welche mit neuem
+Mut sich wandten gegen ihre Verfolger.
+
+»Braunschweig! Braunschweig!« rief Christoph von Denow, dem es gelungen
+war, sich von seinem Pferde zu werfen, welches sich auf der Böschung
+hoch bäumte, im nächsten Augenblick aber, von einer Kugel getroffen,
+zusammenbrach. Anneke Mey stand unbeschädigt auf den Füßen, doch auch
+sie wurde mit hinabgerissen in die Gräben, wo sie jedoch samt Hans
+Niekirche hinter einem Haufen umgestürzter Schanzkörbe den verlorenen
+Atem wieder gewinnen konnte.
+
+Und jetzt Angriff und wütende Verteidigung, Flüche in sechs Sprachen,
+Todesrufe; -- auf engstem Raum Vernichtung jeder Art! -- Alle Hauptleute
+der Braunschweiger: Adebar, Maxen, Wulffen, Wobersnau, Rußwurmb, Dux,
+Statz, und wie sie hießen, hatten ihre Stellen als Befehlshaber wieder
+eingenommen und drängten tapfer kämpfend die Spanier zurück. Tapfer
+stritten aber auch die Spanier. Sechs Geschütze hatten sie in den
+hessischen Schanzen genommen und in den Rheingraben versenkt, Schritt
+für Schritt wichen sie zu den flammenden Mauern und Wällen der Stadt
+über die Leichen ihrer Landsleute und ihrer Feinde. Der Graf von
+Hohenlohe in vollster Rüstung mit seinen Herren führte stets neue
+Truppen an; Haufen auf Haufen ließ Don Ramiro de Gusman hervorbrechen.
+
+Dicht an den Spaniern kämpfte Christoph von Denow, das Blut rieselte aus
+einer Stirnwunde, -- er merkte es nicht. Anneke Mey hatte sich mutig auf
+ihren Schanzkorb geschwungen und den widerstrebenden Niekirche
+nachgezogen. Sie hielt ihr Messer noch immer gezückt in der Rechten, mit
+der Linken hielt sie den schlotternden Trommelschläger am Kragen.
+
+»So schlage den Sturmmarsch, Junge!« rief sie lachend. »Willst' nicht?
+Wart, gleich fliegst du herunter, daß sie dich drunten zu Brei
+vertreten, Feigling!«
+
+»Ja! ja! ich will!« jammerte Hans. »Ach wär' ich doch daheim! Ach wär'
+ich doch zu Haus! Mein Mutter! mein Mutter!«
+
+»Na, na, schlage nur immer zu, du kommst noch davon!« sagte Anneke
+begütigend und ließ den Kragen des Armen los. »Dein' Mutter wartet schon
+a bissel! Schau, wie lustig das aussieht -- da, guck, sie geben's den
+welschen Bluthunden! Wär' ich 'n Knab, wie du -- hei, ich wollt's ihnen
+auch schon zeigen!« Und mit heller Stimme fing das Mädchen an zu
+singen:
+
+ »Mein Vater wollt' ein Knäbelein,
+ Mein Mutter wollt' ein Mägdelein,
+ Mein' Mutter tät gewinnen,
+ Des muß den Flachs ich spinnen -- Ja spinnen!
+ Das ist mir großes Leid!«
+
+Immer mutiger schlug Hans Niekirche, durch seine Gefährtin aufgemuntert,
+seine Wirbel, und unter beiden Kindern vorbei drängten ununterbrochen
+die Scharen des Reichs vor und zurück, wie der Kampf vor- und
+zurückwich; bis die Spanier in die Stadt gedrängt waren, und das Zeichen
+zum Sammeln von allen Seiten den Deutschen gegeben wurde. Don Ramiro
+hatte die Rheinschleusen, welche er in seiner Gewalt hatte, öffnen
+lassen.
+
+»Sieh das Wasser! das Wasser!« rief Hans Niekirche in neuer Angst. »Laß
+uns fort, Anneke, sie wollen uns ersäufen, wie die jungen Katzen.«
+
+Ein allgemeiner Schrei erhob sich unter dem Getümmel in den Laufgräben;
+schon standen manche Haufen bis an den Gürtel in der reißend schnell
+steigenden Flut.
+
+»Halt, halt!« rief Anneke Mey. »Er ist noch nicht zurück; aber -- geh
+nur -- geh -- ich bleib'!«
+
+»Und ich bleib' auch!« schrie Hans der Trommler.
+
+»Zurück! zurück!« tönte es aus den rückwärts weichenden Scharen des
+Reichsheeres: »Das Wasser! Der Rhein! Das Wasser!« Und immerfort
+donnerte das Geschütz der Spanier von den Wällen, immerfort schlugen die
+Kugeln verheerend in das wirre, verzweiflungsvolle Durcheinander.
+
+Es war eine böse Belagerung -- die Belagerung der Stadt Rees am Rhein:
+es war kein Glück, es war keine Ehre dabei zu holen.
+
+»Der Junker! der Junker! Christoph! Christoph von Denow!« schrie die
+junge Dirne auf ihrer Höhe, die Hände ringend, und das Wasser stieg und
+stieg. Schon waren die letzten der Haufen unter ihr vorüber, und die
+Toten, von den Fluten gehoben, wirbelten um sie her. Da griff eine Hand
+aus den Wassern nach dem Schanzkorbe, auf welchem sie stand, und ein
+bleiches Haupt erhob sich zu ihren Füßen: »Rette! Rette!«
+
+»Christoph! Christoph!« schrie das Mädchen, sie lag auf den Knien, sie
+faßte die triefenden Locken, sie faßte den Schwertriemen -- der Junker
+von Denow war gerettet. Valentin Weisser, der Riese, dessen Blutdurst
+und Mut durch den Kampf und den Rhein bedeutend gekühlt war, brachte
+mit Hilfe gutwilliger Genossen den wunden Junker, die Dirne und Hans,
+den Trommelschläger, glücklich auf das Trockene und weit hinein ins
+Feld, wo die gelichteten, zerrissenen, wunden Krieger des Reichsheeres
+um die Wachtfeuer murrend und grollend in stumpfsinniger Ermattung lagen
+und die Führer bereits wieder unheimliche und drohende Worte zu hören
+bekamen.
+
+
+
+
+ II.
+
+
+Trübe dämmerte der Morgen. Auf die wüste Nacht folgte ein ebenso wüster
+Tag. Vergeblich hatte Herr Otto Heinrich von Beylandt, Herr zu Rethen
+und Brembt, Leib und Leben und Seligkeit den Meuterern zum Pfande
+eingesetzt, daß sie nicht von des Reichs Boden weggeführt werden
+sollten; vergeblich hatte der Graf von Hohenlohe geflucht, gebeten und
+gedroht. Zwischen sieben und acht Uhr waren zehn Fähnlein des
+braunschweigischen Regiments aufgebrochen und aus dem Feld gezogen,
+Münster zu. Weiber, Kinder, Dirnen folgten jetzt dem plündernden,
+ehrvergessenen, eidbrüchigen Haufen durch den grauen Nebelregen. Keiner
+befahl, keiner gehorchte. Die einen meinten, es gehe gradaus zum Herzog
+von Braunschweig, ihrem Zahlherrn, nach Wolfenbüttel; andere glaubten,
+es gehe gegen den Bischof von Münster; die meisten aber dachten gar
+nichts, und so schwankte der tolle Zug, einem Betrunkenen gleich, hier
+vom Wege ab, dort vom Wege ab, jetzt auf ein Dorf zu, jetzt auf ein
+einsames Gehöft. Kleinere Banden schweiften zur Seite, oder vor und
+nach -- fort und fort über die Heide; hier im Kampfe mit einer
+ergrimmten Bauernschar, dort im Hader untereinander. Der Nebel ward
+Regen und hing sich in perlenden Tropfen an die letzten Blüten des
+Heidekrauts und träufelte von den Stacheln und Zweigen der Dornbüsche.
+Krähenscharen begleiteten den Zug lautkrächzend, oder flatterten in
+dichten Haufen westwärts dem Rhein zu, wo von Rees her das Feuer der
+Berennung nur noch in einzelnen Schlägen dumpf grollte. Stärker und
+stärker ward der Regen, die blutigen Spuren der vergangenen Nacht, der
+Schlamm der Laufgräben mischten sich auf den pulvergeschwärzten
+Gesichtern, den zerrissenen, verbrannten Kleidern, den verrosteten
+Waffenstücken -- die Männer fluchten und sangen, die Weiber ächzten, die
+Kinder schrien, und Anneke Mey auf ihrem Wagen, mit einem Bierfaß
+beladen, hielt tröstend das Haupt des wunden Christoph von Denow in
+ihrem Schoß und sprach ihm zu und verhüllte ihn, wie eine Mutter ihr
+Kind, mit einem groben Soldatenmantel; während Hans Niekirche
+zähneklappernd das magere Roß leitete, welches vor dem Karren ging. --
+Lange Zeit hatte der Junker wie besinnungslos gelegen, jetzt hob er den
+Kopf mühsam empor und strich die Haare aus der Stirn und warf einen
+Blick auf seine Umgebung.
+
+»O Anneke, weshalb hast mich nicht gelassen in dem Wasser -- oh! oh!«
+
+»Still, still, lieget ruhig, Herr! Die ganze Welt ist auseinander --«
+
+»Weshalb hast mich nicht gelassen im Lager -- im Heer vor Rees?«
+
+»Es ist aus, aus! Alles aus, sagen sie. Alles läuft auseinander --«
+
+»Und wohin gehen wir?«
+
+»Weiß nicht! weiß nicht!«
+
+»Bin also so weit! Ein Spießgesell von Räubern und Mördern und
+landesflüchtigem Gesindel! Krächzt nur, ihr schwarzen Galgenvögel, ihr
+habt einen feinen Geruch, wittert den Fraß, wann er noch lustig auf den
+Beinen herumstolpert und den Bauerngänsen die Hälse abhaut und die
+Rinder aus dem Stall zieht. O Christoph! Christoph! Und du könntest
+einen adeligen Schild führen!«
+
+Der junge Gesell stieß solch einen herzbrechenden Seufzer aus, daß ein
+neben dem Karren reitender Söldner aufmerksam wurde. Er drängte sein
+Pferd näher heran, zog seine Feldflasche hervor und reichte sie dem
+Wunden zu.
+
+»Hoho, Junker, was spinnst für Hanf? Da wärme dir das Herz, bis wir uns
+den Münsterschen Dompfaffen in die warmen Nester legen! Aufgeschaut,
+aufgeschaut, Christoffel! 's ist beschlossen, Ihr sollt unser Obrister
+werden!«
+
+Der Junker machte eine unwillige Handbewegung und antwortete nicht.
+
+»Auch gut,« brummte der Reiter. »Der Satan hol' alle diese Maulhänger!
+Möcht' nur wissen, was die Gesellen für einen Narren an ihm gefressen
+haben. Hat den Vorspruch gemacht gestern beim Grafen nach ihrem Willen
+und soll den Führer spielen, und kann den Kopf nicht grad halten -- Bah!
+Hätten hundert Bessere gefunden; kann mit seinem Adel weder den Mantel
+noch die Ehre flicken. Fort, Mähre, was scheust? Dacht ich's doch, da
+liegt wieder einer der trunkenen Schelme im Wege. Vorwärts, Schecke, laß
+liegen, was nicht mehr laufen mag. Was will die Trompete? Holla, was ist
+das?«
+
+Ja, was wollte die Trompete? Auf der rechten Seite des Weges der
+Meuterer waren zwar von Zeit zu Zeit vereinzelte Schüsse gefallen,
+niemand hatte sie aber beachtet, weil man sie nur den obenerwähnten
+Scharmützeln mit den Bauern und Hahnenfedern zuschrieb. Jetzt aber wurde
+das Feuer regelmäßiger, Reitertrompeten erschallten. Der Zug stutzte und
+hielt. Gestalten, schattenhaft, tummelten sich in dem dichten Nebel, und
+erschreckte Stimmen erklangen: »Die Spanier! Die Spanier!«
+
+»Zum Henker die Spanier; wie kommen die Spanier soweit über den Rhein?«
+brummte der Reiter, welcher eben dem Junker die Feldflasche geboten
+hatte. Er lockerte aber nichtsdestoweniger das Schwert in der Scheide
+und wickelte den rechten Arm aus dem Mantel los.
+
+»Der Feind! der Feind! die Speerreiter!« riefen die im Lauf
+rückkehrenden Plünderer, zu den Genossen stoßend, und einige brachten
+eine frische Wunde mit zurück. Näher und näher hörte man die Trompeten
+und den Schlachtruf »_España! España!_« und dann »Hohenlohe! Hohenlohe!«
+
+Keiner von den Meutmachern machte Miene, an dem Gefechte teilzunehmen;
+aber die Musketen waren auf die Gabeln gelegt, die Lunten aufgeschroben,
+die Spieße gesenkt, und man hatte instinktmäßig einen Kreis um die Wagen
+mit den Weibern und Kindern und den Raub geschlossen.
+
+Jetzt schienen die Spanier wieder zurückgedrängt zu werden; der Lärm des
+Kampfes verlor sich in der Ferne. Der Zug der Aufrührer wollte sich
+bereits wieder in Bewegung setzen.
+
+»Halt, halt!« rief einer der Fußknechte, »da kommen sie wieder!
+Rossestrab!« Er kniete nieder und legte das Ohr an den Boden. »Viel
+Pferde im Galopp!« Man konnte kaum zehn Schritte weit im Nebel und Regen
+deutlich sehen; es waren wieder nur unbestimmte Schatten, die man nahen
+sah.
+
+Ein »Halt« wurde ihnen zugerufen, und sie hielten, und eine einzelne
+Gestalt löste sich von dem Haufen ab. Aus dem Ring der aufrührerischen
+Söldner des Reichs traten ihr einige entgegen.
+
+»Wer seid Ihr? Woher des Weges? Was für Begehr?«
+
+Der Nahende ritt, ohne zu antworten, näher heran.
+
+»Haltet, oder wir schießen!«
+
+»Nur zu, eidbrüchig Gesindel; versucht, ob ihr einen ehrlichen
+Reitersmann trefft!«
+
+Wilde Flüche und der Ruf »Feuer, Feuer!« ertönten, und manche Büchse
+wurde in Anschlag gebracht; aber dazwischen riefen auch Stimmen: »Halt,
+halt, das sind keine Spanier, keine Speerreiter!«
+
+»Nein, das sind keine Spanier,« rief der Reisige zurück. »Das sind auch
+keine Meuterer, Mörder oder Diebshalunken; -- ehrliche Hohenlohesche
+Reiter sind's, die euch Lumpengesindel wahren sollen, daß ihr nicht dem
+Galgen entlauft! Glaubt's, der Graf hätte meinetwegen andere dazu
+schicken mögen, als uns -- nehmt das Ab -- Henkermahl drauf!«
+
+»Der Graf von Hollach hat Euch geschickt?« fragte es verwundert aus dem
+Haufen, und mancher der wilden Kerle drängte sich vor, näher an den
+Reitersmann.
+
+»Zurück!« rief dieser, »wir gehen mit euch, wie befohlen, jagen die
+Speerreiter, die euch die Gurgel abschneiden könnten, -- man sparte nur
+die Stricke -- und schützen das arme Landvolk vor euch Hunden. Damit
+holla! -- na, wohin geht der Marsch?«
+
+»Packt Euch zum Teufel, wir brauchen Euch nicht!« schrie Jobst Bengel
+aus Heiligenstadt. »Wer hat Euch gerufen? Sagt dem Grafen, dem
+Holländer, unsern schönsten Dank und wir könnten unsern Weg allein
+finden.«
+
+»Geht nicht! Alles auf Befehl! Kümmert euch so wenig als möglich um uns;
+ihr handelt nach Belieben, wir nach Befehl!«
+
+»Aber unser Belieben ist, daß ihr euch hinschert, woher ihr gekommen
+seid!« brüllte Hans Römer aus Erfurt. »Geht, oder es setzt mein' Seel
+blutige Köpfe!«
+
+»Unser Befehl ist, daß wir gehen, wohin euch der Satan treibt. Am
+Höllentor kehren wir um, das ist der Befehl. Genug der Worte.«
+
+Damit wandte der Hohenlohesche Rittmeister sein Roß und sprengte zurück
+zu seinen Reitern, welche unbeweglich auf einer kleinen Erderhöhung
+hielten und im Gegensatz zu dem tobsüchtigen, wüsten Gebaren der
+Meuterer nur leise Worte des Zorns und der Verachtung hatten.
+
+Auf seinem Schmerzenslager hatte Christoph von Denow halbblinden Auges
+und klingenden Ohres den Vorgang angesehen und angehört. Jetzt mußte er
+auch ohnmächtiger Zeuge der wilden Reden um ihn her sein.
+
+»Das ist solch ein falsch Spiel von dem Grafen -- das ist eine Falle.
+Sollen uns schützen vor den Speerreitern! -- Lauter Sorg und Lieb, bis
+sie uns den Hals zuschnüren! -- Nichts von dem Grafen von Hollach! Fort
+mit den Reitern des Holländers! Feuer auf sie! In die Spieße! in die
+Spieße mit ihnen!«
+
+»Die Rasenden! die Niederträchtigen!« stöhnte Christoph von Denow, die
+Hände ringend. »Und hier liegen zu müssen gleich einem abgestochenen
+Schaflamme! Halt, halt, was wollen sie tun?!«
+
+Seine schwache Stimme ging verloren in dem Lärm »fort mit Holländern,
+fort mit dem Grafen von Hollach!«
+
+Mit einem Schlage setzte die ganze Masse der Meuterer im Sturmlauf an
+gegen das kleine Häuflein der Reiter.
+
+»Hab's mir wohl gedacht,« brummte der Rittmeister in den grauen Bart.
+»Achtung, Gesellen! Stand gehalten -- das ist der Befehl. Herunter mit
+den Schuften, wenn sie euch nahe kommen.«
+
+Sie griffen wirklich an. Im nächsten Augenblick war die Reiterschar
+umringt, durchbrochen. Die meisten sanken nach tapfrer Gegenwehr vom
+Pferd; nur wenige schlugen sich durch und flohen über die Heide.
+Zuletzt kämpfte noch ein einzelner. Das war der tapfere alte Führer, der
+sich wie ein Verzweifelter wehrte. Endlich erstach ihm Balthasar
+Eschholz aus Berlin das Roß, und eine Kugel durchfuhr seine treue Brust.
+
+Einige Minuten standen die Mörder wie erstarrt. Schlug ihnen diesmal das
+Herz? Sie wagten es nicht, die Gefallenen zu berauben, ein plötzlicher
+Schrecken kam über sie, wie von Gott dem Richter gesandt, und Mann und
+Roß und Wagen stürzten von dannen, hinein in den Nebel, der sie
+verschlang, als seien sie nicht wert, von Himmel und Erde gesehen zu
+werden.
+
+»Das ist ein schlechter -- schlechter Tod!« seufzte der zu Boden
+liegende Reiterhauptmann. »Ein schlechter Tod! -- In deine Hände -- aber
+alles der Befehl -- nun kann der Rat von Nürnberg mein Weib und meine
+Jungen auffüttern -- ein schlechter Tod -- Amen! Alles -- der --
+Befehl!«
+
+Er griff noch einmal mit beiden Händen krampfhaft in das Heidekraut --
+es war vorüber.
+
+Ein Wäglein und drei Menschenkinder waren zurückgeblieben beim
+Fortstürzen der Mörderschar. Das waren Anneke Mey aus Stadtoldendorf,
+welche das Haupt des Erschlagenen stützte, das war Christoph von Denow,
+der auf seinem Lager das Vaterunser weiter betete, welches der
+Rittmeister nicht hatte zu Ende bringen können. Das war Hans Niekirche,
+der Trommelschläger, welcher schluchzend das Rößlein vor dem Wagen
+hielt!........
+
+
+
+
+ III.
+
+
+Nicht Leben, nicht Tod; nicht Vergessenheit, nicht Sinnesklarheit; nicht
+Schlaf, nicht Wachen; -- alles ein wildes, wirres Chaos in dem
+fieberkranken Kopfe Christoph von Denows! Jetzt legte es sich ihm, einem
+feurigen Schleier gleich, vor die Augen, tausend Sturmglocken und der
+Verzweiflungsschrei einer eroberten Stadt füllten ihm Ohr und Hirn; --
+jetzt versank er wieder in ein endloses graues Nichts, in welchem ihn
+allerlei unerkennbare Schatten umschwebten; -- jetzt vermochte er es
+wieder, sich und seine Umgebung zu unterscheiden, ohne sich klar darüber
+werden zu können, wer ihn von dannen führe und wohin man ihn führe.
+Manchmal war der Himmel über ihm grau und ihn fror, dann wieder schaute
+er empor in das reine Blau, und die Sonne schien herab auf ihn. Manchmal
+glaubte er sich in einem auf dem Wasser fahrenden Schifflein zu
+befinden, manchmal sah er wieder grüne Zweige über sich und hörte die
+Vögel singen. Er gab es auf, zu denken, sich zu erinnern: willenlos
+überließ er sich seinem Geschick. Es zog und zuckte durch seinen
+Geist! -- Da ist der weite, kühle Saal in der väterlichen Burg, dem
+einstmals am weitesten in das Polen- und Tartarenland vorgeschobenen
+Posten des deutschen Wesens. Durch die bunten Scheiben der spitzen
+Fenster fällt das Licht der Sonne und wirft die farbigen, flimmernden
+Schattenbilder der gemalten Wappen und Heiligen auf den Estrich. Da
+steht der Sessel des Ritters von Denow neben dem großen Kamine, und der
+Sessel und der Gebetschemel der Mutter in der Fenstervertiefung, da
+glitzern im Winkel auf dem künstlich geschnitzten Schenktisch die
+riesigen, wie Silber glänzenden Zinnkrüge und Geschirre. Da blickt ernst
+von der Wand der Ahnherr mit dem Ringpanzer auf der Brust, und manch
+wunderlich Gewaffen aus den Polen- und Preußenschlachten hängt an dem
+Mittelpfeiler, welcher den Saal stützt....
+
+Feuer! Feuer! Das ist nicht der Widerschein der Abendsonne an den
+Wänden. Feuer! Feuer! und das Wimmern der Burgglocken und der Schall der
+Sturmhörner! -- Wo blieb das süße, mildlächelnde Bild der Mutter, das
+eben noch durch den stillen dämmerigen Saal glitt? Feuer und Sturm! Die
+Polen! die Polen! Allverloren! Allgewonnen! Allgewonnen!
+
+Da taucht ein ehrliches bärtiges Gesicht auf -- das ist der Knecht
+Erdwin Wüstemann, welcher den kleinen Christoph aus der brennenden
+väterlichen Burg auf den Schultern trug und rettete.... Nun rauscht der
+Wald, nun murmelt der Bach -- das ist die verlorene Forsthütte, wo der
+treue Knecht und das Kind hausten so lange Jahre hindurch. Die Hunde
+zerren bellend an der Kette, der Falk schaukelt sich auf seiner Stange.
+Wilde Gesellen und Weiber -- fahrende Soldaten, Sänger und Studenten und
+demütige Juden verlangen Obdach vor dem nahen Gewitter oder dem
+Schneesturm. Sie lagern auf nackter Erde um das Feuer, an welchem die
+Hirschkeule bratet. Der Weinkrug geht im Kreise umher; Lieder
+erschallen! Lieder vom freien Landsknechtsleben, lutherische Lieder,
+Spottlieder gegen den Papst und den Türken und lateinische Lieder
+vom wandernden Scholarentum. Jetzt gerät der rote Heinz mit dem
+landflüchtigen Leibeigenen oder dem Zigeuner in Streit; die Messer
+blitzen, der Knecht Erdwin wirft sich zwischen die Kämpfenden -- es
+rauscht der Wald, es murmelt der Bach, es klingt die Harfe des blinden
+Sängers -- ah Wasser, Wasser und Waldfrische in dieser Glut, welche das
+Gehirn verdorrt und die Knochen versengt!
+
+Einen Augenblick lang öffnete der Kranke die Augen, er hörte Stimmen um
+sich her; jemand hielt ihm einen Krug voll frischen Wassers an die
+heißen Lippen. Er hatte nicht fragen können, wo er sei, wer ihm helfe in
+seiner Not? -- von neuem ergriff ihn der Fiebertraum.
+
+Aus dem Kinde ist im lustigen Wildschützenleben ein wackerer Bub
+geworden. Hinaus aus dem grünen Wald zieht der Knecht Erdwin mit dem
+Schützling. Die Zeiten sind danach -- wer kühn die Würfel wirft, kann
+wohl den Venuswurf werfen. Mancher gelangte in der Fremde zu hohen Ehren
+und Würden, der im Vaterlande kaum den heilen Rock trug. Gern kaufen
+Franzosen, Spanier, Holländer mit rotem Golde rotes deutsches Blut.
+Ho, so hattest du dir die Welt draußen vor dem Wald wohl nicht gedacht,
+Christoph von Denow? Hei, das waren andere Gestalten und Bilder:
+Städte, Klöster und Burgen; Fürsten mit Rittern und Rossen, schöne
+Damen, Äbte und Bischöfe mit reichem Gefolge, Bürgeraufzüge, bunte
+Landsknechtsrotten auf dem Wege nach Italien, nach Frankreich -- für den
+Kaiser und wider den Kaiser!
+
+Aus dem Reitersbuben ist ein Reitersmann geworden, welcher nichts sein
+nennt, als sein gutes Schwert, und welchem von den Vätern her nichts
+geblieben ist, als der eiserne Siegelring mit dem Wappen derer von
+Denow, welchen er am Finger trägt.
+
+Immer weiter hinein in das bunte Leben, in den bunten Traum -- tagelang,
+wochenlang im Wundfieber kämpfend zwischen Sein und Vernichtung, bis
+endlich eine Glocke dumpf und feierlich erklingt, eine Glocke, die nicht
+mehr allein in dem Gehirn des Kranken läutet!
+
+»Wo bin ich?... Die Glocke, was will die Glocke?« murmelte Christoph
+von Denow, die Augen aufschlagend.
+
+Anneke Mey stieß einen Freudenschrei aus und hob das Haupt des Junkers
+ein wenig aus ihrem Schoße: »Er lebt, o guter Gott, er wird leben!«
+
+»Die Glocke! die Glocke?«
+
+»Still, lieget still, Herr! das ist Sankt Lambert zu Münster, und da --
+horcht! das ist der Dom! Morgen ist der heilige Matthiastag -- still,
+still, lieget ruhig.«
+
+Es wurde dunkel über dem Junker; das Wäglein fuhr in diesem Augenblick
+durch die Torwölbung. Der Junker schloß die Augen wieder, er glaubte
+einen Wortwechsel zu hören, er glaubte zu bemerken, daß der Wagen hielt,
+Annekes Stimme erklang ängstlich und bittend dazwischen. Er glaubte ein
+bärtiges Gesicht über sich zu sehen und einen Ausruf des Schreckens zu
+hören. Der Wagen bewegte sich wieder -- er fuhr aus dem dunklen Tor in
+das Licht der Straße hinein. -- --
+
+Das war das Gesicht des alten Knechts Erdwin, welches der Junker von
+Denow über sich sah, bis im folgenden Moment alles verschwand und es
+wieder Nacht war im Geiste Christophs. -- Allmählich aber wurde diese
+Nacht jetzt Dämmerung; die Gedanken ordneten sich mehr und mehr.
+Christoph von Denow erwachte wieder zum Leben.
+
+Er fühlte den wohltuenden Strahl der milden Herbstsonne, er vernahm die
+Worte der Freunde um sich her. Jetzt erzählte Erdwin, der Knecht, jetzt
+sprach Anneke Mey, jetzt lachte Hans der Trommelschläger. Die Landschaft
+glitt an ihm vorüber, Städte, Dörfer, Flecken, er sah blaue Höhenzüge im
+Osten auftauchen und vernahm, wie ein Wanderer dem Knechte Erdwin sagte,
+das sei der altberühmte große Teutoburger Wald. Er schlummerte abermals
+ein, und als er abermals erwachte, fand er sich mitten in den Bergen,
+und ein Wasser rauschte seitwärts in das Dickicht. »Das Wässerlein kenn'
+ich,« rief Anneke, »das ist die Else, die fließt in die Werre, und die
+Werre fließt in die Weser, nun sind wir der Heimat nahe.«
+
+»Und wie ziehen wir nun, Anneke?« fragte der getreue Knecht Erdwin,
+welcher munter neben dem Wagen, den Spieß auf der Schulter, herschritt.
+
+»Wo die Sonne aufgeht, fahren wir zu; aus dem Teutoburger Wald in den
+Lippeschen Wald, zuletzt wird doch mal ein Berg kommen, von dem wir die
+Weser glitzern sehen können. Dann sind wir zu Hause!«
+
+»Anneke, Anneke!« murmelte Christoph.
+
+»O, wachet Ihr wieder, Junkerlein? geduldet Euch und lieget still, wir
+sind alle noch da, und der Meister Erdwin ist auch da und hat mir alles
+von Euch erzählt und ich ihm auch alles von Euch.«
+
+»O Junker, Junker, seid Ihr wach?« rief der Knecht Erdwin und schauete
+über den Rand des Wagens. »Das Mütterlein im Himmel muß über uns wachen,
+daß ich Euch grad am Tor zu Münster treffen mußt'. Von der Reichsschanze
+bis nach Münster bin ich kreuz und quer Euern Spuren nachgezogen. Habt
+mich schön in Angst und Not gebracht! Haltet das Maul, Junkerlein. Dem
+Herzmädel da dankt Ihr Euer jung Leben. Lasset Euch tränken und atzen
+und schlaft wieder ein, wir halten Euch oben, Hans und Anneke und ich!«
+
+Christoph drückte schwach die Hand des wackern Alten, er wollte nach dem
+Heere fragen, nach den Meuterern, aber er vergaß es. Sein wunder Kopf
+ruhte noch immer an der Brust der jungen Dirne. Aus schwimmenden Augen
+blickte er auf zu dem braunen, wildfreundlichen Gesicht über ihm.
+
+»Ach, Anneke Mey, Anneke Mey, wohin willst du mich führen?«
+
+»In meiner Heime ist es gar schön,« sagte das Mädchen. »Da sind die
+Berge und die Wiesen so grün, da schaut die alte Burg, sie heißen sie
+die Homburg herab auf das Städtel. Da sind die hohen weißen Felsen ganz
+weiß, weiß -- da wohnen die klugen Zwerge in tiefen runden Löchern. Das
+ist wahr, ganz gewiß wahr! Es ist auch schaurig da, manchmal rührt sich
+der Boden, und der Wald sinkt ein in die Erde, tief, tief, -- und ein
+Wässerlein springt dann unten in dem Grund auf; das Wasser trinken die
+Leut nicht gern. Aber mitten in den Bergen, da ist ein kühler Bronn, der
+Wellborn geheißen, aus dem kommt das Wasser durch Röhren in die Stadt,
+und die Brunnen rauschen und plätschern immer zu. Und vor dem Burgtor
+ist ein klein Haus dicht an der Stadtmauer, da sitzt meine alte Muhme,
+die Alheit -- mein Vater und Mutter sind lang tot im Lager von Lafere,
+wo wir mit dem französischen König Heinrich waren -- und ihre Katz sitzt
+neben ihr, und wenn sie, ich mein' die Muhme -- an mich gedenkt, so
+brummt und keift und bet't sie ein Vaterunser, grade weil sie mich gern
+hat. Schläfst noch nicht, Junkerlein? Mach die Augen zu und kümmre dich
+nicht um die Welt.«
+
+Mit leiser Stimme fing das Mädchen an zu singen:
+
+ »Musikanten zum Spielen,
+ Schöne Mädchen zum Lieben:
+ So lasset uns fahren,
+ Mit Roß und mit Wagen,
+ In unser Quartier!
+ In unser Quartier!«
+
+»Ach, der Wagen stößt zu hart; wisset Ihr was, Meister Erdwin? singet
+Ihr weiter.«
+
+»Wollen's versuchen!« sagte der Knecht Wüstemann und begann im Ton der
+Schlacht von Pavia das Lied von der Schlacht vor Bremen, in welche er
+als junger Bursch mit den Reitern des Grafen von Oldenburg gezogen war,
+und frisch schallte sein Baß in den Wald hinein.
+
+ »-- Unser Feldherr das vernahm,
+ Graf Albrecht von Mansfelde,
+ Sprach zu seinem Kriegsvolk lobesam:
+ Ihr lieben Auserwählten,
+ Nun seid ganz frisch und wohlgemut,
+ Ritterlich wolln wir fechten;
+ Gewinnen wolln wir Ehr und Gut,
+ Gott wird helfen dem Rechten.«
+
+Als der Endvers kam, war Christoph wirklich eingesungen zu sanftem
+Schlummer, und Hans Niekirche behielt den braunschweigschen Gassenhauer,
+den er eben zum besten geben wollte, auf das Ersuchen des alten Erdwins
+für sich. Mit einbrechender Nacht wurde bei einem Köhler mitten im Forst
+das Nachtquartier aufgeschlagen.
+
+»Was ist denn da draußen vorgegangen in der Welt?« fragte der schwarze
+Waldmann. »Ihr seid die Ersten nicht, die hier durchkommen sind und hier
+angehalten haben. Das ist ja auf einmal, als ob alles Kriegsvolk im
+deutschen Land sich hier auf den Wald niedergeschlagen hätt', wie ein
+Immenschwarm auf den Schlehenbusch. Ist es wahr, daß das Reichsheer
+auseinandergelaufen ist?«
+
+»Es ist wahr,« sagte der Knecht Erdwin düster. »Es ist aus, -- alles
+vorbei!«
+
+»Vorgestern zog hier ein Trupp durch, fast zehn Fähnlein stark, aber
+anzusehen wie ein wüst Raubgesindel, Fußvolk und Reiter durcheinander.
+Wollten gen die Weser und ließen sich vernehmen, sie wollten ihrem
+Zahlherrn, dem Braunschweiger Herzog --«
+
+»Die Braunschweiger?!« riefen Erdwin und Anneke und Hans Niekirche. »Die
+Braunschweiger?!« murmelte Christoph von Denow und richtete sich halb
+auf seinem Lager auf.
+
+»Gehöret Ihr zu ihnen?« fragte der Köhler mißtrauisch. »Nehmt Euch in
+acht; ich hab' einen gesprochen, der sagte, der Braunschweiger habe
+seine Leibguardia und Reiter die Menge abgesandt, ihnen den Weg zu
+verlegen. Sein Feldhauptmann, der Graf von Hohenlohe, ist auch, von
+Mitternacht her, gegen sie aufgebrochen. Das kann ein übel Ende nehmen!«
+
+»Gegen die Weser sind sie gezogen?«
+
+»Wie ich Euch sagte, Maidlein.«
+
+»Herr Gott, so müssen wir ab vom Weg!«
+
+»Ihr gehört also nicht zu ihnen?«
+
+»Nein! nein! nein!« riefen Christoph und Erdwin und Anneke.
+
+»Und Ihr wollt auch über die Weser?«
+
+»In meine Heimat!« rief Anneke.
+
+»Mit dem wunden Mann? Geht nicht, wahrlich geht nicht! Weg und Steg sind
+verlegt.«
+
+Alle schwiegen erschrocken und verstört einige Minuten.
+
+»Saget doch,« fuhr der Köhler dann fort, »weshalb wollt Ihr nicht bei
+mir bleiben im Walde, bis der Kopf des Burschen dort wieder heil und
+ganz ist? Hunger und Durst sollt Ihr nicht leiden. Ihr erzählet mir
+alles, was da draußen in der Welt vorgegangen ist, dafür geb' ich Euch
+Futter und Obdach. Gefällt's Euch?«
+
+»Ihr wolltet --?«
+
+»Gewiß will ich; ich will Euch sogar noch großen Dank schuldig sein
+dafür!«
+
+»Angenommen, Landsmann!« rief der Knecht Wüstemann freudig. »Junker, nun
+streckt Euch lang auf Euerm Lager, und wehe dem ersten Rehbock, der mir
+vor die Armbrust gerät, welche ich dort an der Wand sehe.«
+
+So kamen am Tage Cornelii des Hauptmanns die vier Flüchtlinge des
+Reichsheeres zum ersten Mal zu Ruhe.
+
+
+
+
+ IV.
+
+
+Dominus Basilius Sadler, der heiligen Schrift Doktor und fürstlicher
+Hofprediger zu Wolfenbüttel, hatte seine Predigt beendet und das
+Vaterunser gebetet. Unter den letzten Klängen der Orgel strömte die
+Menge aus der Marienkapelle in den dunkeln nebligen Herbsttag hinaus.
+Man schrieb den vierten November 1599.
+
+Was hatte das andächtige Volk? Statt ruhig und gemessen wie
+gewöhnlich am heiligen Sonntag ihren Wohnungen und dem Sonntagsbraten
+zuzuschreiten, blieben die Männer in Gruppen auf dem Kirchplatz stehen
+und steckten die Köpfe zusammen; selbst die Weiber waren von derselben
+Aufregung ergriffen. Kaum war nämlich der letzte Orgelton verhallt, so
+durchzitterte von der Dammfestung her ein anhaltender Trommelwirbel die
+stille Luft und schwieg dann einige Augenblicke. Darauf näherten sich
+die kriegerischen Klänge im Marschtakt, und manche der Bürger eilten
+ihnen, ihre Knaben an der Hand, entgegen; der größte Teil der Menge
+blieb jedoch zurück und erwartete die Dinge, welche da kommen sollten.
+»Nun geht es an! Das ist der Beginn!« hieß es unter dem Volk.
+
+»Das ist der Gerichtswebel, Martin Braun von Kolberg,« sagte ein
+Goldschmied, der von allem genau Bescheid wußte. »Der verkündet nun das
+kaiserliche Malefizrecht an allen vier Orten der Welt.«
+
+»Sie kommen! sie kommen!« hieß es unter der Menge, und eine Gasse
+bildete sich jetzt, um die Nahenden durchzulassen. Von der Dammbrücke
+her durchzog mit seinen drei Trommlern der Gerichtswebel, begleitet von
+einigen Hellebardierern, feierlich und langsam die Heinrichsstadt gegen
+das Kaisertor hin.
+
+Wir lassen ihn ziehen und lassen das Volk seine Betrachtungen anstellen
+und schreiten quer über den Platz vor der Marienkapelle, durch die
+Löwenstraße, über die Dammbrücke an dem Schloß vorüber nach dem
+Mühlentorturm, dessen Eingänge von einer stärkern Wache als gewöhnlich
+umgeben sind. Wir führen den Leser in das obere Stockwerk des Gebäudes.
+Ein weites Gewölbe tut sich uns hier auf, so dunkel, daß das Auge sich
+erst an die Finsternis gewöhnen muß, ehe es irgend etwas in dem Raum
+erkennen kann. Ist das geschehen, so bemerken wir, daß das trübe,
+herbstliche Tageslicht, durch viele, aber enge und stark vergitterte
+Fenster fällt. Die Wände entlang ist Stroh aufgeschichtet, auf welchem
+dunkle Gestalten in den mannigfaltigsten Stellungen und Lagen sich
+dehnen. Von dunkeln Gestalten sind auch einige hie und da aufgestellte
+Tische umgeben. Ein Kohlenfeuer glimmt in dem Kamin unter dem gewaltigen
+Rauchfang. Allmählich erkennen wir mehr in dem dunsterfüllten Raume:
+bleiche, wilde Gesichter, umgeben von wirren zerzausten Haaren,
+schlechtverbundene, mit blutigen Binden umwickelte Glieder. Ein leiseres
+oder lauteres Klirren und Rasseln von Ketten erschreckt uns; -- wir sind
+unter den -- Meuterern von Rees! Gekommen ist's, wie es kommen mußte;
+morgen wird der Obriste des niedersächsischen Kreises, Herr Heinrich
+Julius von Braunschweig, das Gericht über sie angehen lassen. Dumpf tönt
+der ferne Trommelschlag des um die Wälle der Festung ziehenden
+Gerichtswebels Martin Braun in ihr Gefängnis herüber. Lauschen wir ein
+wenig den Worten der gefangenen wilden Gesellen!
+
+»Ta, ta, ta! Was das für ein Wesen ist? Sollte man nicht meinen, der
+Teufel sei den Kerlen in den Lärmkasten gefahren? Es gehet alles zum
+Schlechteren, selbsten das Trommelschlagen,« sagte eine baumlange
+Gestalt, sich über die Genossen erhebend.
+
+»Sollt' meinen, Valtin, wir hätten uns um anderes zu kümmern als den
+Trommelschlag,« sagte unwirsch ein zweiter Söldner.
+
+Valentin Weisser ließ sich jedoch nicht von seinem Thema abbringen.
+»Horchet nur, ist das die alte freudige deutsche Art? Aber jetzt will
+jeder ein Neues einbringen! Auch die Hispanier machen's so; da lob' ich
+mir die Italiener, die haben aufgehoben, was wir nicht mehr mochten, und
+ziehen mit den fünf gleichen Schlägen bis ans Ende der Welt. Topp, topp,
+topp, topp, topp! das erwecket das Herz zu Freud und Tapferkeit und
+hilfet zu Leibeskräften. Topp, topp, topp, topp, topp! Hüt dich Bau'r,
+ich komm'! -- das ist's! oder --«
+
+»Hauptmann, gib uns Geld!« fiel lachend ein Dritter ein.
+
+»Füg dich zu der Kann!« brummte Hans Römer von Erfurt, der Schmerbauch.
+
+»Mach dich bald davon!« sang eine schrille Stimme dazwischen.
+
+»Hüt dich vor dem Mann!« brummte Jobst Bengel von Heiligenstadt.
+»Möchte nur wissen, wie lang wir noch in diesem Loch stecken sollen?
+Alle blutigen Teufel, ich wollt', der Blitz schlüg' gleich mitten
+unter uns, und nähme uns mit herauf oder herunter, ins Paradies oder
+die Hölle! 's sollt' mir gleich sein -- 's wär' wenigstens eine
+Veränderung!«
+
+»Das greuliche Fluchen ist auch nicht an der Zeit!« sagte eine ernste
+und finstere Stimme.
+
+»Hilft auch zu nichts, Meister Wüstemann,« grinste der Vorige wieder.
+»Dem Galgen entläuft man nit so leichtlich -- mit Verlaub, Junker, das
+war nicht auf Euch gesagt.« Wir folgen dem höhnischen Blick des
+Sprechenden. Neben dem Kamin, an die feuchtschwarze Wand gelehnt, steht
+Christoph von Denow, gebrochen an Leib und Seele. Er schaute starr,
+gradaus vor sich hin, bei den Worten Jobsts aber fuhr er auf, sank
+jedoch in demselben Augenblick mit einer abwehrenden Bewegung der Hand
+in seine vorige Stellung zurück. Die Entgegnung übernahm Erdwin
+Wüstemann, der drohend seine gefesselten Fäuste nach dem schon
+zurückweichenden Jobst ausstreckte: »Den Schädel zerschmettere ich dir
+an der Wand, wenn du den Rachen nicht hältst, du Sohn einer Hündin --
+sage noch ein Wort --«
+
+»Auf ihn! so ist's recht!« schrien einige der Gefangenen. »Halt, halt!
+trennt sie!« riefen andere.
+
+»Seid ruhig, Erdwin,« sagte der Junker, »laß ihn, Alter, -- er hat
+recht, der Strick des Hangmanns droht uns allen.«
+
+»Euch nicht! Euch nicht!« rief der alte Wüstemann, die ihm
+entgegengestreckte Hand seines Schützlings fassend. »O Ihr -- Ihr in
+diesen Banden -- das Herz bricht mir darüber -- o die Schurken, die
+Schurken!«
+
+Ein Murren, welches bald in lautere Drohungen überging, folgte den
+Verwünschungen des Alten, der alle ihn Umgebenden mit allen Flüchen
+überhäufte, welche ihm auf die Zunge gerieten.
+
+Wer weiß, was geschehen wäre, wenn man nicht plötzlich draußen vor der
+eisenbeschlagenen Tür des Gefängnisses Schritte und eine befehlende
+Stimme vernommen hätte. Hellebardenschäfte und Musketenkolben rasselten
+nieder auf den Steinboden. Eine allgemeine Stille trat ein unter den
+Gefangenen, die Schlösser der Tür kreischten und knarrten. Sie öffnete
+sich, ein Gefreiter mit der Partisane auf der Schulter schritt herein
+mit zwei Büchsenschützen, deren Lunten glimmten. Ihnen folgte ein
+kleines schwarzes Männlein, welchem zur Seite, von Kopf bis zu Fuß
+geharnischt, der Leutnant der Festung, Hans Sivers, sich hielt. Durch
+die geöffnete Tür sah man den Gang angefüllt mit Bewaffneten von der
+Besatzung.
+
+»Tut Eure Pflicht, Herr Notarius!« sagte der Leutnant, und das kleine
+schwarze Männlein -- Herr Friedericus Ortlepius, _notarius publicus_ und
+des peinlichen Gerichts zu Wolfenbüttel bestallter und beeidigter
+Gerichtsschreiber, räusperte sich, nahm das Barett vom Haupt und
+entfaltete ein Papier, welches er in der Rechten trug. Ein Söldner, der
+eine Lampe hielt, näherte sich. Der Leutnant hob den Arm gegen die
+Gefangenen, abermals räusperte sich Herr Ortlepius und las dann seine
+Schrift ab wie folgt:
+
+»Daß der Hochwürdige, Durchlauchtige, Hochgeborne Fürst und Herr,
+Herr Heinrich Julius, postulierter Bischof des Stifts Halberstadt,
+Herzog zu Braunschweig und Lüneburg, unser allerseits gnädiger Fürst
+und Herr, unlängst nach Besage und Inhalt des Koblenzschen Abschieds,
+als verordneter Kriegsobrister dieses niedersächsischen Kreises,
+zur Beschützung des lieben Vaterlandes wider das tyrannische Einfallen
+des hispanischen Kriegsvolkes, unter andern ein Regiment deutscher
+Knechte von dreizehn Fähnlein hat werben lassen, solches ist _notorium_
+und männiglich bekannt. Sind dieselben auch nachher von Seiner
+Fürstlichen Gnaden selbst gemustert, bewehrt, und haben sie in
+derselben persönlichen Gegenwart in dem Ring, altem löblichem
+Kriegsgebrauch nach, auf den Artikulbrief geschworen.
+
+Ob nun wohl I. F. G. sich gänzlich versehen und verhofft, nachdem
+I. F. G. es so treulich gemeinet, auch dem gemeinen Vaterland zum Besten es
+sich so sauer haben werden lassen, -- es würde gemeldetes Regiment sich
+vermöge geschworenen Eides, Treu und Pflicht, wie Solches ehrlichen,
+redlichen Kriegsleuten eignet und gebühret, verhalten haben, so hat sich
+aber befunden, daß zehn Fähnlein von solchem Regiment, ohne einige
+rechtmäßige gegebene Ursach, wider ihre geschworene Treu und Pflicht,
+I. F. G. zu sonderlichen Schimpf, der ganzen deutschen Nation zum
+sonderlichen Spott und Hohn, dieser Kriegsexpedition zum Nachteil, dem
+Feind aber zum Frohlocken mit fliegenden Fähnlein aus dem Felde gezogen
+sind. Haben ihre verordnete Obrigkeit nicht bei sich leiden wollen, auch
+in solcher Meuterei so lange kontinuiret, bis daß I. F. G., zur
+Erhaltung Deroselben Autorität, ein' Ernst zu diesen Sachen haben tun
+müssen, und sie durch ihren damaligen Statthalter und Generallieutenant
+den Wohlgebornen und Edeln Grafen Philipp zu Hohenlohe, auf der Heide
+zwischen der Ucht und Barenburg, hinter dem Moor, genannt das hessische
+Darlaten, haben trennen und zum Gehorsam bringen lassen. Und obwohl
+I. F. G. damals nach Kriegsgebrauch und scharfen Rechten sie zu
+massakrieren und sämtlich zu Schelmen zu machen, und über sie als
+Schelmen die Fähnlein abreißen und schleifen zu lassen, befugt gewesen
+sein, so haben doch I. F. G. zu Deroselbst eigenen Glimpf den
+gelindesten Weg für die Hand nehmen wollen und haben sich resolviret,
+euch die bestrickten Knechte, welche eines Teils bei I. F. G. als die
+Prinzipalisten Meutemacher angegeben sind, andernteils von ihren eigenen
+Spießgesellen dafür geliefert worden sind, -- vor ein öffentlich
+Malefizrecht stellen zu lassen.
+
+So fordere ich also auf unsers allerseits gnädigen Fürsten und Herrn
+gnädigen Befehl euch: Christoph von Denow, Detlof Schrader von
+Rendsburg, Erich Südfeld von Hannover usw. usw. -- so fordere ich euch
+auf morgen früh um sieben Uhr, das ist den fünften November dieses
+Jahres Eintausendfünfhundertneunundneunzig vor kaiserliches Recht in
+den Ring, wo ihr gerichtet werden sollt, wie es am Jüngsten Tage vor
+Gott dem Allmächtigen, wenn Gottes Sohn kommen wird zu richten die
+Lebendigen und Toten, zu verantworten ist!« -- --
+
+Fünfundachtzig Namen rief der Notarius Friedrich Ortlepp auf, und jeder
+der Gefangenen antwortete durch ein: »Ist hier gegenwärtig.« Als die
+Liste zu Ende gebracht war, hob der kleine schwarze Mann noch einmal,
+lächelnd, die bebrillte Nase und ließ seine Äuglein wohlwollend über die
+Gefangenen hingleiten; dann nickte er dem Geharnischten zu, dieser
+winkte dem Gefreiten, welcher seine Partisane anzog, sein Kommandowort
+rief. Die Musketierer schulterten ihre Büchsen, und die Beamten
+schritten heraus aus dem Gewölbe, dessen Tür sogleich hinter ihnen
+wieder zufiel.
+
+Noch einen Augenblick tiefster Stille, dann ein dumpfes Gemurmel, dann
+wildester Losbruch aller mächtig zusammengepreßten Gefühle und
+Leidenschaften der gefesselten Meuterer! Ein wildes Durcheinander, --
+Ausrufe des Zorns, des Hohns, der Besorgnis, der Angst, --
+Kettengerassel!
+
+»O Junker, Junker!« rief verzweiflungsvoll der Knecht Erdwin, das Haupt
+seines jungen Herrn an seine breite Brust ziehend. »O Junker, Junker,
+wenn das Euer Vater erlebt hätte!«
+
+»Ja, meine Mutter, meine Mutter! 's ist gut, daß sie tot ist!« seufzte
+Christoph von Denow, die Hand über die Augen legend. -- -- -- -- -- --
+
+In den überfüllten Schenken der Stadt erschallte der tobende Gesang der
+zum Kriegsgericht eingeforderten Söldner und Hauptleute; viel Zank und
+Streit blieb nicht aus in den Gassen. Die Bürger zeigten sich nicht
+allzuhäufig außerhalb ihrer Haustüren, und wenn es ja einen Nachbar oder
+Gevatter allzusehr drängte, die Ereignisse des Tages mit einem Gevatter
+oder Nachbar zu besprechen und abzuhandeln, so schlich er so vorsichtig
+als möglich im Schatten der Hauswände dahin. Der Nebel ward dichter und
+dichter, je mehr die Dämmerung Besitz ergriff von Stadt und Land. Der
+Herzog auf dem Schloß ließ mehr Holz in den Kamin seines Gemaches
+werfen, und der Geringste seiner Untertanen ahmte ihm darin so gut als
+möglich nach. Immer unfreundlicher ward die Nacht.
+
+Auf dem Prellsteine unter dem Torgewölbe des Mühlenturmes kauerte eine
+weibliche, verhüllte Gestalt. Einen grauen Mantel von schwerem,
+grobem Tuch hatte sie dicht um sich geschlagen, das spitze Hütlein,
+durch welches ein klein rundes Loch ging, gleich der Spur einer
+Büchsenkugel -- tief in die Stirn gedrückt; ein Bündel lag neben ihr.
+Das war Anneke Mey aus Stadtoldendorf!
+
+Ihr Haupt stützte sie auf beide Hände und starrte regungslos auf die
+schwarzen Massen des fürstlichen Schlosses, welches jenseits des
+Ockergrabens hoch emporragte in den dunkeln Nachthimmel, und in welchem
+hie und da ein erleuchtetes Fenster schimmerte. -- So hatte Anneke den
+ganzen lieben langen Tag über gesessen, so saß sie noch, als es schon
+vollständig Nacht geworden war, und die Ronde sich näherte, das Tor zu
+schließen.
+
+»Sitzt die Dirn da noch!« rief der Weibel. »Heda, Schätzchen, fort mit
+dir, daß dir das Fallgatter nicht auf den Kopf fällt. Marsch, Liebchen!
+weiß nicht, was du hier suchen könntest?« Anneke rührte sich nicht von
+ihrem Platze.
+
+»Na, wird's bald? Nimm Vernunft an, Kind, 's gibt wärmere Nester.« Damit
+faßte er den Arm der Kauernden, um sie in die Höhe zu ziehen.
+
+»O lasset mich hier! lasset mich hier!«
+
+»Hoho, geht nicht, geht nicht. Aber nun lasset doch auch einmal Euch ins
+Gesicht schauen. Hebt die Laterne hoch! Mädel, Kopf in die Höhe!«
+
+Der Schein der Laterne fiel in das bleiche gramvolle Gesicht des
+Mädchens. --
+
+»Alle Teufel, das ist ja die Anneke, die Anneke Mey von Rees her!« rief
+einer der Büchsenschützen sich vordrängend. »Weibel, mit der mußt du
+säuberlich umgehen. Fürcht dich nit, Anneke -- wo kommst du her?«
+
+»Aus dem Moor, aus dem hessischen Darlaten, Arendt Jungbluth!« sagte
+Anneke tonlos.
+
+»Wo sie die Meutmacher niedergelegt haben? Ei, ei, Anneke, und du bist
+mit ihnen gezogen?«
+
+»Sie sind im Wald über uns gekommen, weil sie der Graf von Hollach
+abgedrängt hatt' von der Weser, und sie haben den Junker aufs Pferd
+gezwungen, und er hat nichts anders gekonnt, er hat sie müssen führen;
+nun aber haben sie doch geraubt und gebrannt und sind gezogen, wo sie
+wollten, und wir haben müssen mit ihnen durch die Wiehenberge, ins Land
+Hoya. Da ist es zum Ende gekommen -- da hat uns der Graf gestellt, und
+Hans Niekirche ist tot, ist auch nicht heimgekommen zu seiner Mutter --
+Gnade Gott uns allen!«
+
+Lautlos umstanden die Söldner das junge Mädchen; endlich sagte der
+Weibel: »So ist es geschehen, dagegen kann keiner sagen -- arm Mädel,
+was sitzest nur hier auf dem kalten Stein?« Stumm deutete Anneke nach
+dem Gefängnis im Turm über ihr; dann sagte sie: »Sie führten uns zuerst
+auf das feste Haus Stolzenau; nun sind wir hier zum Gericht!«
+
+»Und der Junker, von welchem du gesprochen hast, ist da oben bei den
+andern?« fragte der Weibel.
+
+Anneke nickte.
+
+»Das ist der Knab Christoph von Denow, von den Reitern?« fragte wieder
+der Gefreite Arendt Jungbluth, welcher zuerst Anneke erkannt hatte. »Ist
+das dein Schatz?«
+
+Ein leises Zittern überlief den Körper des Mädchens, sie antwortete
+nicht und schüttelte das Haupt und senkte das Gesicht in die Hände und
+legte den Kopf auf die Knie.
+
+»Arm Kind! arm Mädel!« murmelten die Krieger. »Aber sie kann hier nicht
+bleiben,« brummte der Weibel. »Wir müssen fort, der Böse fährt uns sonst
+auf den Buckel!«
+
+»Lasset mich einmal mit ihr sprechen,« sagte Arendt Jungbluth. Er beugte
+sich nieder zu der Armen und flüsterte ihr zu; plötzlich stieß sie einen
+Schrei aus, einen Freudenschrei und stand auf den Füßen: »Wirklich,
+wirklich? Ihr könnt? Ihr wollt? O, Gott segne Euch tausendmal!«
+
+»Herauf die Brücke! Herunter das Gatter! Ist's geschehen? -- Fort nach
+der Schloßwach! -- Jürgen, marsch, voran mit der Laterne!« kommandierte
+der Weibel. »Anneke, Ihr gehört zu uns, niemand tut Euch was zu Leid.
+Marsch, marsch!«
+
+Die Hellebarden lagen wieder auf der Schulter: inmitten der
+Wachtmannschaft ging Anneke Mey, und Jürgen trug außer der Laterne auch
+noch das Bündlein des Soldatenkindes.
+
+
+
+
+ V.
+
+
+Eins schlug die Uhr des Schloßturmes, und die Krähen fuhren auf aus
+ihren Nestern und umflatterten krächzend die Spitze und die Wetterfahne,
+bis der Klang ausgezittert hatte.
+
+»So geh zu ihm!« flüsterte Arendt Jungbluth. »Um drei Uhr ist meine
+Wacht zu Ende, dann klopf' ich und du kommst heraus. Nun gehab dich
+wohl; des Wärtels Margaret lauert drunten am Gang.«
+
+»Dank Euch, dank Euch!« flüsterte Anneke Mey. Die Gefängnistür im
+Mühlenturm öffnete sich kaum weit genug, um das schmächtige junge
+Mädchen einzulassen, und schloß sich sogleich wieder.
+
+Die qualmende Hängelampe war wie ein roter Punkt in dem dunsterfüllten
+Raume anzuschauen; die meisten der Gefangenen schnarchten auf dem Stroh
+die Wände entlang, viele hatten aber auch die Köpfe auf den Tisch gelegt
+und schliefen so. -- Dann und wann erklirrte leise eine Fessel, oder ein
+Stöhnen und Geseufz ging durch die Wölbung. Niemand hatte den Eintritt
+des Mädchens bemerkt.
+
+Einige Minuten stand Anneke dicht an die Mauer gedrückt. Sie vermochte
+kaum Atem zu holen. Wie sollte sie in dieser Hölle den finden, welchen
+sie suchte?
+
+Plötzlich ward es hell in ihr: anfangs leise, dann lauter begann sie das
+alte Lied vom Falkensteiner zu singen:
+
+ »Sie ging den Turm wohl um und um:
+ Feinslieb bist du darinnen?
+ Und wenn ich dich nicht sehen kann,
+ So komm' ich von meinen Sinnen.
+
+ Sie ging den Turm wohl um und um,
+ Den Turm wollt' sie aufschließen:
+ Und wenn die Nacht ein Jahr läng wär',
+ Keine Stunde tät' mich verdrießen!«
+
+Von ihrem Lager richteten sich die Schläfer auf, stärker klirrten die
+Ketten an ihren Armen und Beinen.
+
+ »Ei, dürft' ich scharfe Messer tragen,
+ Wie unsers Herrn sein' Knechte,
+ Ich tät' mit dem Herrn vom Falkenstein,
+ Um meinen Herzliebsten fechten!«
+
+»Was ist das? Wer ist das? Wer singet hier?« tönte es wild
+durcheinander. »Anneke, Anneke, Anneke Mey,« rief die Stimme Christoph
+von Denows dazwischen, und Erdwin Wüstemann hielt das junge Mädchen in
+den Armen: »Hier, hier halt' ich sie, hier ist sie, wie ein Engel vom
+Himmel mit ihrer Lerchenstimme! O Kind, Kind, was willst hier in dieser
+Wüstenei? Junker, Junker, wo seid Ihr?«
+
+»O Anneke! Anneke!« rief Christoph von Denow.
+
+»Vivat Anneke, Anneke Mey!« riefen alle andern Gefangenen. »Das ist ein
+wackeres Mädel! Vivat des Regiments Schenkin!«
+
+Es fiel keine schnöde, böse Rede: im Gegenteil, es war, als ob durch das
+Erscheinen des Kindes jedes trotzige wilde Herz milder geworden wäre.
+Man hätte sie gern auf den Händen getragen, da sie das aber nicht leiden
+wollte, suchte man ihr den bequemsten Platz aus und breitete Mäntel
+unter ihre Füße, um sie vor der feuchten Kälte der Steinplatten zu
+schützen. Eine Bank wurde zerschlagen, um das erlöschende Feuer im Kamin
+damit zu nähren.
+
+»So hast du uns nicht verlassen, Anneke!« rief Christoph und hielt ihre
+beiden Hände in den seinigen, und der Knecht Erdwin wischte verstohlen
+eine Träne aus den grauen Wimpern. »O, wie können wir dir je das
+wiedervergelten?«
+
+»Wie könnt ich Euch verlassen? Und wenn sie Euch zum Tode führen, ich
+geh' mit Euch!«
+
+Sie saßen beieinander, Christoph und Anneke, neben dem Kamin, und die
+Dirne schluchzte und lächelte durch ihre Tränen. Sie vergaßen alles um
+sich her, und der alte Wüstemann stand dabei, seufzte tief und schwer
+und schüttelte das greise Haupt:
+
+»Jammer, o Jammer!«
+
+Um drei Uhr krähte zum ersten Mal der Hahn, um drei Uhr klopfte Arendt
+Jungbluth an die Tür.
+
+»Nun muß ich scheiden!« sagte Anneke. »Gott schütze uns; wenn das
+Gericht angeht, steh' ich auf Eurem Wege, Herr.«
+
+»Anneke, Gott lohn's dir, was du an uns tust!«
+
+»Fahre wohl! Fahre wohl, Anneke!« riefen die gefangenen Meuterer. »Gott
+segne dich, Anneke!«
+
+Christoph von Denow schlug die Hände vors Gesicht; -- die Tür war hinter
+dem jungen Mädchen zugefallen. Im Osten zeigte ein weißer Streif am
+Nachthimmel, daß der Morgen nicht mehr fern sei, und der Wind machte
+sich auf, fuhr von den Harzbergen nach dem deutschen Meer und verkündete
+dasselbe.
+
+ -- -- -- -- --
+
+Sechs schlug die Uhr des Schloßturmes; wieder schossen die Krähen aus
+ihren Nestern und umflatterten die Spitze, krochen aber diesmal nicht
+wieder zurück in ihre Schlupfwinkel, sondern ließen sich, eine bei der
+andern, nieder auf dem Rande der Galerie, welche nahe dem Dach, den Turm
+umzieht. Neugierig reckten sie die Hälse und blickten herab in den
+dichten weißen Nebel unter ihnen, aus welchem kaum die höchsten Giebel
+der Stadt und Festung hervorlugten. Trommelschall erdröhnte auf dem
+Schloßhofe und hallte wider von den Wällen, während eine kriegerische
+Musik aus der Ferne dem Weckauf der Besatzung antwortete. Auf der
+Festung trat die Soldateska unter die Waffen, und in der Heinrichsstadt
+verkündete das klingende Spiel, daß die Bürgerschaft in Wehr und
+Harnisch aufzog.
+
+Von Zeit zu Zeit löste sich einer der schwarzen Vögel aus der Reihe der
+Genossen los und flatterte mit kurzen Flügelschlägen hinein in den
+Nebel, als wolle er Kundschaft holen über das Fest, welches ihm drunten
+bereitet wurde. Kehrte er zurück, so wußte er mancherlei zu erzählen,
+und freudekreischend erhoben sich die andern und wirbelten durcheinander
+und überschlugen sich in der grauen Luft, um endlich wieder
+zurückzufallen auf ihre Plätze in Reih und Glied.
+
+Gegen sieben Uhr verflüchtigte sich der Schleier, welcher über der Stadt
+lag, um sieben Uhr trat alles ins Licht! Vor dem fürstlichen Marstalle
+waren die Schranken aufgestellt. Ein mit rotem Tuch bekleideter Tisch
+und ebenso überzogene Bänke für den Gerichtsschulzen und die Beisitzer
+standen in der Mitte. Das Volk umwogte dicht gedrängt den Platz. Jetzt
+zog »mit dem Gespiel« die fürstliche Leibgarde aus dem Schloßtor, den
+Graben entlang, und besetzte zwei Seiten der Schranken. Nach ihr rückte
+in drei Fähnlein die Bürgerschaft von der Dammfestung, der Heinrichstadt
+und dem Gotteslager heran und schloß die beiden andern Seiten ein. Der
+Ring war gebildet; die Fahnen wurden zusammengewickelt und unter sich
+gekehrt, die Obergewehre mit den Spitzen in die Erde gestoßen, nach
+Kriegsgebrauch bei kaiserlichem Malefizrecht.
+
+Abermals entstand eine Bewegung unter der Volksmenge; wieder schritt
+ein Zug durch die gebildete Gasse feierlich und langsam vom Schloß her.
+Das war der Gerichtsschulze Melchior Reicharts mit seinen einundzwanzig
+Richtern, Hauptleuten, Gefreiten und Gemeinen, und dem Gerichtsschreiber
+Fridericus Ortlepius die allesamt paarweise in den Ring eintraten.
+
+Zuerst ließ sich der _notarius publicus_ nieder, zur linken Hand an dem
+roten Tisch. Er ordnete seine Papiere, guckte in sein Tintenfaß, rückte
+das Sandfaß zurecht, und der trübe Himmel und die Krähen auf dem
+Schloßturm schauten ihm dabei zu. Er prüfte die Spitze seiner Feder auf
+dem Daumennagel, das Murmeln und Murren der tausendköpfigen Menge machte
+einer Totenstille Platz; von dem Mühlenturm her erklang ein taktmäßiges
+Rasseln und Klirren und verkündete das Nahen der Gefangenen. -- -- -- --
+
+»O mein Gott, hilf ihm und mir!« stöhnte Anneke Mey von Stadtoldendorf,
+als an dem Mühlenturm die Pforte sich öffnete und die davor aufgestellte
+Reiterwache, die Pferde rückwärtsdrängend, das Volk auseinander trieb.
+
+»Da sind sie! die Meutmacher! die Schufte! Da sind die falschen
+Schurken!« ging der unterdrückte Schrei durch das zornige Volk. Aus der
+Gefängnispforte hervor glitt ein verwildertes, trotziges oder verzagtes
+Gesicht nach dem andern an der zitternden Anneke vorüber.
+
+Und jetzt --
+
+»Christoph!« durchdrang grell und schneidend ein Schrei die schwere
+graue Luft, daß der Herzog Heinrich Julius, welcher an einem Fenster
+seines Schlosses stand und auf das Getümmel unter sich finster
+herabblickte, unwillkürlich den Kopf nach der Richtung hin neigte.
+
+Da schritt er einher, der Junker von Denow, bleich, wankend, gestützt
+auf den Arm des getreuen Knechtes Erdwin.
+
+»O Christoph! Christoph von Denow!«
+
+Der junge Reiter erhob das Auge; es haftete auf dem jungen Mädchen,
+welches hinter der Reihe der begleitenden Hellebardierer die Hände ihm
+entgegenstreckte; -- ein trübes Lächeln glitt über das Gesicht
+Christophs, dann schüttelte er das Haupt; er wollte anhalten.
+
+»Hast doch recht gehabt, Anneke!« lachte höhnisch Valentin Weisser,
+der Rosenecker. »Waren unsrer doch zu wenig. Puh -- 's ist am End
+einerlei -- Kugel oder Strick. Vorwärts, Junker Stoffel; ich tret' dir
+sonst die Hacken ab!«
+
+»Vorwärts! vorwärts!« rief der Führer der Geleitsmannschaft -- vorüber
+schritt Christoph von Denow. --
+
+Im Ring aber schwuren die Richter mit aufgerichtetem Finger und lauter
+Stimme:
+
+»Ich lobe und schwöre, daß ich diesen Tag und alles dasjenige, was vor
+diesem Malefizrecht vorkommen wird, urteilen und richten will, es sei
+gleich über Leib und Blut, Geld oder Geldeswert, als ich will, daß mich
+Gott am Jüngsten Tage richten soll -- den Armen als den Reichen. Will
+hierinnen weder Freundschaft noch Feindschaft, Gunst noch Ungunst, weder
+Haß, Geschenke, Gaben, Geld ober Geldeswert ansehen, oder mich
+verhindern lassen! So wahr mir Gott helfe und sein heiliges Wort!«
+
+Alle Beisitzer saßen darauf nieder an ihren Plätzen, und nur der
+Gerichtsschulze blieb stehen und tat eine Umfrage. Darauf verkannte er
+das Recht: erstens im Namen der heiligen unzerteilbaren Dreifaltigkeit,
+dann im Namen des Fürsten, dem Richter und Angeklagte als Kriegsleute
+geschworen hatten, zuletzt kraft seines eignen angeordneten Amts und
+Stabes, daß »keiner innerhalb oder außerhalb dem Rechten wolle einreden.
+Solle auch niemand einem Richter heimlich zusprechen. Dem Profoß solle
+eine freie Gasse gelassen werden, damit er guten Raum habe, damit er
+desto baß mit den Gefangenen vom Rechten ab- und zugehen möge, bei Pön
+eines rheinischen Gülden in Gold«.
+
+»Derhalben,« fuhr er fort, »wer nun vor diesem Kaiserlichen Recht zu
+schicken oder zu schaffen hat, es sei gleich Kläger oder Antworter oder
+sonsten einer, der dem löblichen Regiment etwas anzuzeigen hat: die
+stehen in den Ring und klagen, wie man pflegt zu klagen und Antwort zu
+geben, auf Red und Widerred, wie in Kaiserlichen Rechten der Gebrauch
+ist. -- Gerichtswebel, habt Ihr gestern den Profoß, wie auch die
+Angeklagten fürgeboten, zitieret und geladen?«
+
+Und der Gerichtswebel stand auf und antwortete: »Herr Schultheiß, ich
+habe sie gestern früh mit drei Trommeln an den vier Orten der Welt
+zitieret!«
+
+Und des Regiments Profoß, Karsten Fricke, trat in den Ring, und der
+Gerichtswebel führt die Angeklagten hinein, jedes Fähnlein für sich
+zusammengeschlossen. --
+
+
+
+
+ VI.
+
+
+Liege still, Kind,« sagte am zwanzigsten November bei Tagesanbruch auf
+der Hauptwache im Schloß zu Wolfenbüttel der Gefreite Arendt Jungbluth.
+»Liege ruhig und schlaf weiter: der Morgen ist dunkel und dräuet Schnee.
+Es geht noch nicht an.«
+
+Anneke Mey hatte sich auf der harten Holzbank, erschreckt aus tiefem
+Traum auffahrend, in die Höhe gerichtet, bei dem Ruf der Wacht draußen,
+die zur Ablösung herausrief.
+
+»Schlafe wieder ein, Anneke, ich wecke dich, wenn es Zeit ist,« sagte
+Arendt, die Sturmhaube auf den Kopf stülpend.
+
+»Der letzte Tag!« murmelte das Soldatenkind, und das müde Haupt sank
+wieder zurück auf das harte Lager, die Augen schlossen sich wieder.
+
+»Hui, der Wind -- Teufel!« brummte Arendt, als die Söldner wieder
+zurücktraten in die Wachtstube. »Schläft sie wieder? -- Richtig! ach,
+ich wollt', sie verschlief' es ganz. Ruhig, Kerle -- haltet eure Mäuler!
+Donner -- ist es nicht grad, als ob der Sturm den alten Kasten einem
+über dem Kopf zusammenreißen wollte? Das wird das rechte Wetter sein für
+die da draußen im Ring, das bläst ihnen die Urteile vom Munde weg. Wie
+sie da liegt! ist das nicht ein Jammer? Ich wollt', sie verschlief' die
+böse Stund.«
+
+Wild jagte der Wind die schweren Schneewolken vor sich her und heulte
+und pfiff in den Gängen des Schlosses wie der böse Feind, klapperte mit
+den Ziegeln, rüttelte an den Fenstern und trieb die Wetterfahnen mit den
+Löwen auf den Turmspitzen im Kreise umher, heftiger und heftiger, wie
+der Tag zunahm.
+
+Anneke Mey lag noch immer, nicht im Schlaf, sondern in stumpfsinniger
+Erschöpfung. Was kein Kriegszug vollbracht hatte, das hatten die letzten
+vierzehn Tage getan; sie hatten das Kind gebrochen, es matt und müd
+gemacht bis zum Tode. Vergeblich sahen sich diesmal auf ihrem Wege zum
+Gericht Christoph von Denow und Erdwin Wüstemann nach dem abgehärmten
+Gesicht ihres Schutzengels um.
+
+»Gottlob, gottlob, sie verschläft's!« murmelte Arendt Jungbluth, sich
+über das Lager der Armen beugend.
+
+Im Ring, unter dem düstern, schwarzen Himmel mit den jagenden Wolken las
+Friedrich Ortlepp, der Gerichtsschreiber, ein Todesurteil nach dem
+andern; einen Stab nach dem andern brach der Schultheiß und warf ihn auf
+den Richtplatz.
+
+»Gnade Gott der Seelen in Ewigkeit. Amen!« sprach er bei jeder weißen
+Rute, welche zerknickt auf den Boden fiel.
+
+Und jetzt -- jetzt der letzte Spruch!
+
+»Auf eingebrachte Klage des Profoßen, Gegenrede des Beklagten,
+produzierte Kundschaft und Zeugnis, ist durch einhellige Umfrage zu
+Recht erkannt, daß -- =Christoph von Denow= nicht gebührt hat, sich für
+einen Vorsprecher bei der vorgesetzten Obrigkeit, noch für einen
+Hauptmann aufzuwerfen, noch die Befehle zu vergeben und auszuteilen,
+noch die Wacht zu bestellen. Warum er dem Profoß überantwortet werden
+soll, welcher ihn in sein Gewahrsam führen und ihn dem Nachrichter
+einantworten und befehlen soll, daß er ihn hinausführe und an den
+nächsten Galgen hänge und mit dem Strange zwischen Himmel und Erde
+erwürge, damit der Wind unter ihm und über ihn durchwehen könne, ihm zu
+verwirkter Strafe und andern zum abscheulichen Exempel!«
+
+Wieder fiel der gebrochene Stab zu den anderen auf die Erde.
+
+»Gnade Gott der Seelen in Ewigkeit, Amen!«
+
+Auf die Knie stürzten dreiundachtzig der Verurteilten: »Gnade, Gnade!
+Gnade ist besser denn Recht!«
+
+Hochauf richteten sich Christoph von Denow und Erdwin Wüstemann, und der
+Junker hob die gefesselte Rechte zum Himmel, während der Wind seine
+Locken zerwühlte und die Schneewolken sich öffneten und das weiße
+Gestöber wirbelnd herabfuhr:
+
+»Keine Gnade! Recht! Recht! Recht ist besser denn Gnade!«
+
+In den Ring sprang der Profoß mit der Wache und stürzte sich auf die
+Gefangenen -- wild und anhaltend brach das Geschrei des Volkes los, die
+Kommandoworte erschallten dazwischen, die Trommeln wirbelten, die
+Trompeten schmetterten, aus der Erde wurden die Waffen gerissen und hoch
+in die Luft geschwungen, die Fähnlein entfalteten sich im Winde. Die
+Krähen aber schossen in einem schwarzen Haufen herab von dem Schloßturm
+und umflatterten krächzend die Stätte des Gerichts. Gleich dem bewegten
+Meer wogte und donnerte das Volk, und durch die Menschenflut kämpfte
+sich mit zerrissenen Kleidern, losgegangenen Haarflechten Anneke Mey.
+
+»Christoph! Christoph! O du heiliger Gott im Himmel! verloren!
+verloren!«
+
+Dem Herzog am geöffneten Fenster seines Gemachs riß der Sturm den Griff
+des Flügels aus der Hand, daß er klirrend zuschlug. Über den Schloßhof
+schritt der Gerichtsschultheiß Melchior Reicharts mit den Hauptleuten
+Georg Frost, Peter Köhler, Heinrich Jordans und Moritz Ahlemann nach
+getaner Pflicht den jungen Fürsten, Zahlherrn und Kreis-Obersten für
+die Verurteilten zu bitten. Fridericus Ortlepius trug »fürsichtiglich
+und sorgsamlich« die Akten und Protokolle. Tief in die Nacht hinein saß
+der Herzog mit den sechs Männern über diesen Papieren. Vierundzwanzig
+Todesurteile bestätigte er, und unter diesen befand sich das Christoph
+von Denows. Zweiunddreißig der Verurteilten begnadigte er dahin, »daß
+sie zur Straf sich verpflichten sollen, im Land zu Ungarn auf dem
+Grenzhause Groß-Wardein wider den Erbfeind der Christenheit zu Wasser
+und zu Lande, in Sturm und Schlachten jederzeit, wie ehrlichen
+Kriegsleuten solches gebührt, sich gebrauchen zu lassen«. --
+Siebenundzwanzig Männern wurde auf einen gewöhnlichen »Urfried« das
+Leben und die Ehre geschenket und sie ihrem Fähnlein wieder
+einverleibt. -- Zweien wurde das Leben und die Ehre ohne Bedingung
+geschenkt. Der erste war Erdwin Wüstemann, der andere ein Söldner,
+genannt Klaus Rischemann von Calvörde. Alle diese Schlüsse wurden den
+Gefangenen noch in derselben Nacht bekannt gemacht.
+
+
+
+
+ VII.
+
+
+Der Schnee lag hoch in den Straßen und auf den Plätzen der Stadt und
+Festung Wolfenbüttel. Der Sturm hatte sich mit Anbruch des Tages ganz
+gelegt, es war wieder still und ruhig geworden, und leise träufelte es
+von den Dächern, denn die Luft war warm und mit Feuchtigkeit gefüllt;
+mit dumpfem Geräusch bewegte sich das Volk in den Gassen.
+
+Die Fenster der Schloßkirche glänzten rötlich in die trübe
+Morgendämmerung herein, und feierlich erklang die Orgel und der Gesang
+vieler Menschenstimmen:
+
+ Allein zu dir, Herr Jesu Christ,
+ Mein Hoffnung steht auf Erden. --
+
+Im Schein der Lichter und Lampen erglänzte Harnisch an Harnisch in dem
+heiligen Gebäude: den Verurteilten sollte ihre letzte Predigt gehalten
+und das Abendmahl ihnen gereicht werden. Der junge Herzog saß in seinem
+Stuhl, das Gebetbuch vor sich; alle Offiziere der Besatzung waren in
+Wehr und Waffen zugegen, und die Wände entlang und im Schiff der Kirche
+drängte sich ein bärtiges ernstes Kriegergesicht an das andere. Die
+Vierundzwanzig, die sterben sollten, saßen auf einer niedern Bank unter
+der Kanzel, auf welcher der Magister Basilius im schwarzen Chorrock mit
+der Halskrause stand, bereit, seine Rede über die beiden Schächer am
+Kreuz zu beginnen. In einem dunkeln Winkel unter der Orgel stand Erdwin
+Wüstemann und hielt die schluchzende Anneke im Arm; um sie her knieten
+oder standen die vom Tode losgesprochenen Meuterer, denen man die
+Fesseln abgenommen hatte.
+
+Und jetzt schwieg die Orgel und der Gesang. Das Wort des Evangelisten
+Lukas wurde gelesen:
+
+»Aber der Übeltäter einer, die da gehängt waren, lästerte ihn und
+sprach: Bist du Christus, so hilf dir selber und uns! -- Da antwortete
+der andere, strafte ihn und sprach: Und du fürchtest dich auch nicht vor
+Gott, der du in gleicher Verdammnis bist? Wir sind billig darinnen, denn
+wir empfangen, was unsere Taten wert sind; dieser aber hat nichts
+Ungeschicktes gehandelt! -- Und er sprach zu Jesu: Herr, gedenke an
+mich, wenn du in dein Reich kommst! -- und Jesus sprach zu ihm:
+Wahrlich, ich sage dir, heut wirst du mit mir im Paradiese sein!« --
+
+Überlaut riefen bei diesen letzten Worten des Textes einige der
+Verurteilten: »Das helfe uns der allmächtige Gott!« und hoben die
+kettenklirrenden Hände gefaltet hoch empor. Das Auge Christoph von
+Denows aber leuchtete plötzlich in einem Glanz, welcher darin bereits
+für immer erloschen schien. Hatte er eine Vision? Rief ihm eine süße
+bekannte Stimme von oben? Erschien ihm winkend die tote Mutter?
+
+Christoph von Denow war zum Sterben bereit. --
+
+»Gott, Gott, laß so nicht das Haus Denow zu End kommen!« stöhnte in
+seinem Winkel Erdwin, der Knecht. »Herr, schenke du ihm einen adeligen
+Tod! Laß diesen Kelch an mir vorüber gehen!«
+
+»Er soll mir den Kopf zertreten und über meinen leblosen Leib weggehen,
+wenn er mich nicht hören will!« sagte Anneke Mey tonlos.
+
+Und Dominus Basilius Sadler begann seine Buß- und Trostpredigt und
+teilte sie in die zwei Punkte:
+
+Erstlich, wie sich der »heilige« Schächer am Kreuz in einer letzten Not
+gehalten.
+
+Zum andern, wie herrlich ihn Christus getröstet habe.
+
+Der Himmel im Osten aber färbte sich immer purpurner, und die Lichter
+und Lampen der Kapelle erblaßten mehr und mehr vor dem Glanz, welchen
+Gott über die winterliche Welt leuchten ließ. Die Gefangenen neigten die
+Häupter tiefer und tiefer.
+
+»-- Euer Weib und Kinder befehlet ihr, die ihr welche habt, Gott dem
+Allmächtigen, der ist der Waisen Vater und der Witwen Richter. Ist schon
+dieser Tod vor der Welt schmählich, so gedenket, wenn ihr euch bekehret,
+daß ihr Gottes Kinder seid, dann wird solch Leiden ehrlich und herrlich.
+Denn der Tod seiner Heiligen ist wert gehalten vor dem Herrn.« --
+
+»Einen ehrlichen Tod! o Gott, schenke ihm einen adeligen Tod!« murmelte
+Erdwin, der Knecht.
+
+»So gebe Gott der Allmächtige euch allen die Gnade seines heiligen
+Geistes, daß ihr euer' Sünd von Herzen erkennt und euch leid sein
+lasset, euch im wahren Glauben zu Christo wendet und darin bis ans Ende
+verharret, euer' Seel in Geduld fasset, allen Menschen von Herzen
+vergebet und verzeihet, heut, diesen Tag, Gott eure Seele opfert und
+überantwortet und am großen Tag des Herrn mit Freuden auferstehet und
+mit Leib und Seele ewig lebet! Amen, Amen, Amen!«
+
+Der Sand war verlaufen in der Uhr auf der Kanzel. Der Herzog verließ mit
+seinen Hofbeamten seinen Stuhl, Anneke Mey verschwand von der Seite
+Erdwins, ohne daß dieser es bemerkte; -- unter den Klängen des alten
+traurigen Chorales: Wenn mein Stündlein vorhanden ist -- wurde den
+Verurteilten das Abendmahl gereicht.
+
+Nun war auch das geschehen; in die letzten Klänge der Orgel mischte sich
+grell und schneidend ein anderer Klang -- der Schall des
+Armensünderglöckchens: Der Henker wartete an der Tür des Hauses Gottes!
+
+Im langsamen Zug traten die Verurteilten und Gefangenen, von ihren
+Wächtern umgeben, hinaus aus der Schloßkirche, vor welcher sie die
+harrende Menge mit wildem Geschrei und Droh- und Schmähworten empfing.
+Der schwere Gang begann, in das goldne Morgenrot hinein, über den
+Schloßplatz, die Dammbrücke, durch die Heinrichsstadt dem Kaisertor zu.
+Alle Gassen, durch welche der Zug ging, waren mit herzoglichen Reitern
+und den gewaffneten Bürgern besetzt, um den Andrang des Volks zu
+bändigen.
+
+Vor dem Kaisertor waren die vier Galgen gebaut, woran die vierundzwanzig
+Leben enden sollten. Fast eine halbe Stund verging, ehe die Verurteilten
+unter ihnen standen. Der Ring war geschlossen auf zwei Seiten von den
+Hellebardierern, auf den beiden andern Seiten von den Musketenschützen,
+deren Röhre auf den Gabeln lagen, deren glimmende Lunten zum
+augenblicklichen Gebrauch aufgeschroben waren. Dicht vor dem Gefreiten
+Arendt Jungbluth hielten sich Erdwin Wüstemann und der Junker Christoph
+von Denow.
+
+Der Alte hatte den Arm um seinen jungen Herrn geschlungen, und dieser
+das Haupt an die Brust des treuen Knechts gelegt. Sie sprachen leise
+zueinander.
+
+»Weiß nicht, wo sie geblieben ist! weiß nicht, wo sie bleibt!« sagte der
+Alte.
+
+»Sie hat mich nicht sterben sehen wollen; -- 's ist auch besser so! O
+schütze sie -- halte sie, trag sie auf den Händen und im Herzen und
+verlaß sie nie und nimmer -- ich will meiner Mutter von ihr sagen, wenn
+ich zu ihr komm'.«
+
+»O Junker, Junker, und Euer Vater« --
+
+»Vergiß nicht, was du ihm versprochen hast.«
+
+»Es wird geschehen, so wahr mir Gott helfe!« sagte dumpf der Alte.
+
+»Schau, es geht an -- da hast du den Ring -- mein Schwert liegt versenkt
+im Moor, es ist ein gutes, tadelloses Schwert geblieben! -- Ihr sag -- o
+Anneke! Anneke!« Der Junker brach ab; er vermochte es nicht, weiter zu
+sprechen.
+
+Unterdessen war eine Totenstille in der Menschenmenge eingetreten, die
+aber jedesmal, wenn die Henker einen der Meuterer des Reichsheeres von
+der Leiter stießen, in ein gräßliches, langanhaltendes Geheul, durch
+welches scharf das Wirbeln der Trommel klang, überging. -- --
+Dreiundzwanzig Mal hatte das Volk aufgeschrien. --
+
+»Christoph von Denow!« rief nun der Profoß mit lauter Stimme.
+
+Zum letztenmal lagen sich Christoph und Erdwin in den Armen.
+
+»Lebe wohl! lebe wohl!« flüsterte der erste -- »vergiß nicht!« --
+
+»So gnade Gott mir und Euch!« schrie der Knecht Wüstemann und strich die
+langen greisen Haare aus der Stirn zurück. Der Junker von Denow stand
+am Fuße der Leiter!
+
+Er drückte die Hand auf das Herz und setzte den Fuß auf die erste
+Staffel: »O Anneke, süße Anneke!«
+
+Der Gedanke kam ihm, er würde sie erblicken in der Menge, welche wieder
+in unheimlichster Stille den Richtplatz bedeckte; mit einem Sprung war
+er oben an der Seite des Henkers, der ihn mit dem Strick in der Hand
+erwartete. Er stieß die Hand desselben zurück -- seine Augen schweiften
+über all die Tausende emporgerichteter Gesichter. --
+
+»O Anneke Mey, liebe Anneke, wo bist du? wo bist du? weshalb hast du
+mich verlassen?!«
+
+Wieder streckte der Henker die Hand nach ihm aus; er hielt ein Blech,
+auf welchem die Worte standen »Meutmacher und Meineidiger« und wollte es
+dem Verurteilten an einem Bande um den Hals werfen.
+
+»Lebe wohl, süße Anneke Mey!« flüsterte Christoph von Denow; er schlug
+die Hand des Henkers abermals zur Seite, klirrend fiel das Blech, die
+Leiter nieder, zur Erde. --
+
+Mit einem wilden, entsetzlichen Schrei sprang Erdwin Wüstemann einen
+Schritt zurück, mit einem Griff riß er das Feuerrohr aus den Händen
+Arendt Jungbluths und an seine Wange. Der Schuß krachte -- »Gnade Gott
+mir und dir!«
+
+»Dank, Erdwin -- hast -- Wort gehalten!« sprach Christoph von Denow. Er
+schwankte -- breitete die Arme aus: »Lebe -- wohl -- süße -- Anneke!«
+Der entsetzte Henker wollte ihn halten, aber im dumpfen Fall stürzte der
+Körper die Leiter herab in den blutigen Schnee.
+
+Aufbrüllte die Menge und tobte durcheinander, der Ring löste sich -- die
+Offiziere, die Beamten, der Gewaltiger stürzten sich auf den Knecht
+Erdwin, welcher regungslos dastand, das abgeschossene Rohr in der Hand.
+
+Und jetzt ein neues Geschrei von der Stadt her: »Haltet, haltet!«
+
+Ein Reiter mit einem Papier in der Hand, im Galopp ansprengend! Ihm nach
+ein zweiter Reiter, vor sich auf dem Pferd ein halbohnmächtiges,
+todtbleiches Mädchen. --
+
+»Halt, halt! Befehl, den Verurteilten Christoph von Denow zurückzuführen
+ins Gewahrsam!«
+
+Anneke Mey leblos auf dem leblosen Körper des Erschossenen -- Erdwin
+Wüstemann besinnungslos in den Armen Arendt Jungbluths -- -- --
+Trompetenschall von der Torwache; von der Stadt her eine neue
+Reiterschar: »Der Herzog! der Herzog! -- Zu spät! zu spät!« -- -- -- --
+
+In dem wiedergebildeten Ring hielt der junge Fürst mit seinem Gefolge;
+vor ihm stand barhäuptig der Profoß neben der schrecklichen Gruppe am
+Boden und erzählte das Vorgefallene. Als er geendet, stieg der junge
+Fürst ab von seinem Hengst und näherte sich dem treuen Knecht des Hauses
+Denow:
+
+»Weshalb hast du das getan?«
+
+Der Angeredete blickte irr und wirr im Kreise umher, antwortete nicht,
+sondern brach nur in ein herzzerreißendes Gelächter aus.
+
+Der Herzog legte die Hand an die Stirn; -- dann wandte er sich:
+
+»Hebt doch das Kind von der Leiche!«
+
+Der Leutnant von der Festung, Johannes Sivers, beugte sich nieder, um
+dem Befehl nachzukommen. Es gelang ihm mit Mühe:
+
+»O gnädiger Gott, tot, tot, fürstliche Gnaden!«
+
+Ein dumpfes Gemurmel ging durch die lauschende Menge; der Fürst schritt
+finster sinnend einige Minuten auf und ab. Dann hob er das Haupt:
+
+»Bei meinen Vätern, ich glaub', da ist ein bös Ding getan! leget die
+Dirne und den toten Knaben auf die Gewehrläufe -- es ist Unsere Meinung
+und Wille, daß das Gericht wieder beginne. Wir sind entschlossen,
+selbsten im Ring zu sitzen!«
+
+Während dieser letzten Worte hatte sich Erdwin Wüstemann langsam
+aufgerichtet; jetzt stand er wieder fest auf den Füßen. Der Herzog
+bemerkte es, er legte ihm die Hand auf die Schulter:
+
+»Ihr habet hart und schnell in unser Gericht eingegriffen. Stehet zu mir
+nun auch im Ring, daß die Wahrheit an den Tag kommt! Nachher, wenn's
+sich ausgewiesen hat, wie ich es mir zusammendenke, wollen Wir, daß Ihr
+die dort gen Ungarn führet als Unser Ehrbarer, Mannhafter und Getreuer!
+Höret Ihr, Hauptmann Erdwin Wüstemann?! Nun hebet die Leichen und rühret
+die Trommeln -- fort! fort!«
+
+Über der blutigen Morgenröte hatten sich die Wolken wieder dunkel
+zusammengezogen. Wieder sanken leise einzelne weiße Flocken herab. Sie
+mehrten sich von Augenblick zu Augenblick und deckten bald, einem
+Leichentuch gleich, die Körper Christophs und Annas, wie sie durch die
+Gassen der Stadt Wolfenbüttel, dem Zuge der Krieger und Bürger voran,
+dicht hinter dem Gefolge des Herzogs, welcher mit gesenktem Haupte
+vorausritt, der Gerichtsstätte am Schloß zugetragen wurden. Der alte
+Knecht Erdwin ging neben seinem jungen Herrn her; aber er wußte nichts
+davon -- dunkel war es in ihm und um ihn! --
+
+=So starb der Junker Christoph von Denow eines adeligen Todes!=
+
+
+
+
+ *********************************************
+ * *
+ * Ein Geheimnis *
+ * *
+ * Lebensbild aus den Tagen Ludwigs XIV. *
+ * *
+ *********************************************
+
+
+
+
+ I.
+
+ In der Gasse Quincampoix.
+
+
+Wenn man bedenkt, was für wunderliche Geschichten in dieser Welt
+tagtäglich geschehen, so muß man sich sehr wundern, daß es immerfort
+Leute gegeben hat und noch gibt, welche sich abmühten und abmühen,
+selbst seltsame Abenteuer zu erfinden und sie ihren leichtgläubigen
+Nebenmenschen durch Schrift und Wort für Wahrheit aufzubinden. Die
+Leute, die solches tun, verfallen denn auch meistens -- wenn sie ihr
+leichtfertig Handwerk nicht ins Große treiben und was man nennt große
+Dichter werden, -- der öffentlichen Mißachtung als Flausenmacher und
+Windbeutel, und alle Vernünftigen und Verständigen, die sich durch ein
+ehrlich Handwerk ernähren, als wie Prediger, Leinweber und Juristen,
+Bürstenbinder, Ärzte, Schneider, Schuster und dergleichen, blicken mit
+mitleidiger Geringschätzung auf sie herab, und das mit Recht!
+
+So sage ich denn reu- und wehmütig _confiteor, confiteor; -- mea culpa,
+mea culpa!_ so beginne ich denn meine -- =wahre Geschichte=.
+
+Es war in dem durch die Seeschlacht von La Hogue für das Glück und den
+Glanz des französischen Königs und Volkes so unheilvollen Jahre 1692.
+Viel Not und Elend herrschte im Lande; in Guienne, Bearn, Languedoc und
+der Dauphinée starben die Menschen zu Tausenden vor Hunger; Bankerotte,
+greuliche Mordtaten, Aufstände waren an der Tagesordnung; -- es war, als
+wolle es abwärts gehen mit dem großen Louis. Es regnete, und der
+Novemberwind fuhr in kurzen Stößen scharf über die Stadt Paris und durch
+die Gasse Quincampoix, welche letztere gar wüst, schmutzig und
+verwahrlost ausschauete. Und sah die Gasse Quincampoix an diesem düstern
+Novembernachmittag häßlich aus, so gewährten die Menschen, welche sie
+bevölkerten, einen noch schlimmern Anblick. War es nicht, als ob das
+allgemeine Unglück jedem Gesicht seinen Stempel aufgedrückt habe? -- O
+wie verkommen erschien diese französische Nation, welche sich für die
+erste der Welt hielt.
+
+Vier Uhr schlug's, als ein junger Mensch von ungefähr achtundzwanzig
+Jahren, hager, bleichgelblich von Gesicht, schwarzhaarig, schwarzäugig,
+in luftigen, ärmlichen, schäbigen Kleidern, in der Gasse Quincampoix in
+die Kneipe zum Dauphinswappen trat, um seine letzten Sols an eine
+Mahlzeit zu wenden. =Stefano Vinacche= hieß dieser junge Mann; ein
+Neapolitaner war er von Geburt, ein Abenteurer vom reinsten Wasser. Als
+er in die Gargotte eintrat, herrschte in derselben ein wahrer
+Höllenlärm; ein Sergeant vom Regiment Villequier war mit einem Kornet
+vom Regiment Ruffey über dem Spiele in Streit geraten, ein
+Perückenmacher zankte mit einem Lakaien der Prinzessin von Conti über
+die Frage: ob es recht sei, daß Monsieur de Pomponne, der
+Staatsminister, so viel einzunehmen habe, als ein Prinz von Geblüt; --
+andere Gäste unterhielten sich über andere Gegenstände mit so viel Lärm
+als möglich. Im Hinterzimmer, welches an die Kneipstube grenzte, war ein
+äußerst hitziger Wortkampf ausgebrochen zwischen dem Wirt zum
+Dauphinswappen, Claude Bullot, und seiner hübschen galanten Tochter, --
+kurz, alles ging drunter und drüber, und nur Margot die Kellnerin, eine
+Picarde, bewahrte ihren Gleichmut, blickte vom Kamin aus mit
+untergeschlagenen Armen in das Getümmel und gab Achtung, daß dem
+Sergeanten und dem Kornet jede zerbrochene Flasche, jedes zertrümmerte
+Glas richtig angekreidet wurden. Margot die Picarde wußte, daß im
+Notfall die Marechaussée in der Gaststube alles schon ins Gleichgewicht
+bringen würde, und was im Hinterzimmer vorging, zwischen ihrem Herrn und
+der Mademoiselle, machte ihr das höchste Vergnügen. --
+
+Am Kamin legte Margot die Picarde dem Neapolitaner das Kuvert, und der
+Fremde war allzu ausgehungert und allzu naß, um anfangs an etwas anderes
+zu denken, als den Hunger aus dem Magen und die Kälte aus den übrigen
+Gliedern zu verjagen. Ruhig setzte er sich auf den ihm angewiesenen
+Platz, aß und trank, trocknete seine Kleider, bis er allgemach wieder
+auflebte und fähig wurde, seine Aufmerksamkeit den Vorgängen in seiner
+Umgebung zuzuwenden. Der Sergeant vom Regiment Villequier erhielt
+richtig einen Degenstoß in die Schulter, verhaftet wurde darüber der
+Kornet vom Regiment Ruffey; die Bürger, Lakaien, Diebe und Tagediebe
+zerstreuten sich mit einbrechender Dämmerung, um sich vor der Dunkelheit
+zu retten, oder in der Dunkelheit ihren lichtscheuen Geschäften
+nachzugehen. Es wurde still in der Gargotte, nur im Hinterzimmer konnte
+man sich immer noch nicht beruhigen. In der Tür, welche auf die Gasse
+führte, stand die Kellnerin Margot und blickte in den Regen und die
+Nacht hinaus, das Feuer im Kamine prasselte und knatterte und warf
+seinen roten Schein über die Tische und Bänke des weiten Gemaches, die
+trübe Hängelampe qualmte an der geschwärzten Decke; niemand störte jetzt
+mehr den jungen Neapolitaner in seinen trüben Gedanken. Mechanisch
+klimperte er mit den wenigen Geldstücken in seiner Tasche; -- was sollte
+er beginnen, um nicht Hungers zu sterben, um nicht in den Gassen dieses
+schmutzigen, kalten, stinkenden Paris zu erfrieren? »O Neapel, Neapel!«
+seufzte Stefano Vinacche.
+
+Jawohl, etwas anderes war es, eine Nacht obdachlos am Strande des
+tyrrhenischen Meeres, ein anderes, eine Nacht obdachlos am Ufer der
+Seine zuzubringen. Eine Art stumpfsinniger Schlaftrunkenheit überkam den
+jungen Italiener, seine Augen schlossen sich unwillkürlich, und immer
+dumpfer und verworrener vernahm er das Schluchzen der Mademoiselle
+Bullot und die kreischende Stimme des zornigen Vaters.
+
+Aber was war das? Plötzlich schwand jedes Zeichen von Ermüdung, von
+Erschöpfung an dem Italiener. Vorgebeugt saß er auf seinem Stuhle und
+horchte mit der gespanntesten Aufmerksamkeit nach der Tür hin, welche in
+das Hinterzimmer führte. Das Wechselgespräch zwischen Vater und Tochter
+war dem Fremden auf einmal interessant geworden durch einen Namen, der
+soeben mehrere Male darin vorgekommen war.
+
+Immer gespannter horchte Vinacche.
+
+Hatte nicht Meister Claude Bullot, ehe ihm Monseigneur der Herzog von
+Chaulnes die Kneipe zum Dauphinswappen einrichtete, als Seifensieder
+Bankerott gemacht?
+
+War nicht Mademoiselle Bullot ein reizendes Schätzchen, dem man schon
+etwas zu Gefallen tun konnte?
+
+Hoch spitzte Stefano Vinacche die Ohren beim Namen des Herzogs von
+Chaulnes.
+
+»Oho, Stefano, solltest du da unvermutet in den Honigtopf gefallen sein?
+Oho, Glück geht immer über Verstand, -- _va' piu un' oncia di fortuna,
+che una libra di sapere_. Achtung, Achtung, Vinacche!«
+
+Mancherlei sprach der Vater im Hinterzimmer der Kneipe zum Wappen des
+Dauphins. Mancherlei sprach das Töchterlein dagegen; immer fröhlicher
+rieb sich Stefano die Hände, bis endlich die Verbindungstür mit Macht
+aufgerissen wurde und Mademoiselle -- _éplorée_ in das Schenkzimmer
+stürzte. Hinter ihr erschien der zornige Papa, einen zusammengedrehten
+Strick in der Hand:
+
+»Warte, Kreatur!«
+
+Stefano Vinacche wußte schon längst, was er zu tun hatte. Er warf sich
+auf den ergrimmten Gargottier und packte seinen erhobenen Arm.
+
+»Monsieur?!«
+
+»Monsieur!«
+
+»Laßt mich frei! was fällt Euch ein?«
+
+»Ich leid's nicht, daß Ihr Mademoiselle mißhandelt; -- tretet hinter
+mich, Mademoiselle!«
+
+»Margot, Margot!« rief endlich der Wirt zum Dauphinswappen.
+
+Margot erschien, stemmte aber nur die Arme in die Seite und sah der
+Szene zu, ohne ihrem Herrn zu Hilfe zu kommen.
+
+»Haltet ihn, um Gottes willen, haltet ihn, er wird mich ermorden, wenn
+Ihr ihn freilaßt!« rief Mademoiselle Bullot.
+
+»Seid ruhig, Schönste; er soll Euch nichts zuleide tun. Pfui, schämt
+Euch, Monsieur, wie könnt Ihr eine liebenswürdige Tochter also
+behandeln?«
+
+»Ich frage Euch zum letztenmal, wollt Ihr mich loslassen?«
+
+»In Ewigkeit nicht, wenn Ihr mir nicht den Strick gebt, Signor, und
+versprecht artig zu sein gegen die Damen, Signor!«
+
+»Morbleu!« schrie der Wirt zum Dauphinswappen, und der Himmel weiß, was
+geschehen wäre, wenn nicht der Eintritt eines in einen Mantel
+gewickelten Mannes der Szene ein Ende gemacht hätte.
+
+Der Mantel fiel zur Erde, und Wirt und Töchterlein und Kellnerin und
+Italiener riefen mit einer Stimme:
+
+»Monseigneur!«
+
+Der Eingetretene war Karl d'Albert, Herzog von Chaulnes, Pair von
+Frankreich, Vidame von Amiens, ein ältlicher Mann, dem man den »großen
+Herrn« nicht im mindesten ansah, woran der bürgerliche Anzug durchaus
+nicht schuld war; ein Mann, von welchem einige Jahre später ein
+deutscher Schriftsteller sagte: »Er erwartet den Tod mitten in seinen
+Vergnügungen; er ist freigebig ohne Unterschied und von einem sehr
+abgenutzten Gehirne.«
+
+»Holla, das geht ja lustig her!« rief der Herzog. »_Notre Dame de
+Miracle_, und auch Vinacche dabei! Sagt mir um aller Teufel willen --«
+
+Mademoiselle Bullot ließ ihn nicht aussprechen; sie eilte auf den hohen
+Herrn zu und -- warf sich an seinen Hals, schluchzend, Gift und Galle
+speiend:
+
+»Monseigneur, ich halt's nicht mehr aus; Monseigneur, errettet mich aus
+den Händen meines Vaters! Wäre dieser edle junge Mann eben nicht
+dazwischen gekommen, er hätte mich gewißlich zu Tode geschlagen.«
+
+»Wieder das alte Lied? Bullot, Bullot, ich frage Euch um Gottes willen,
+glaubt Ihr in der Tat, ich habe Euch Eurer roten Nase wegen zum
+Eigentümer dieses Dauphinswappens gemacht? Ich sage Euch, auf den Knieen
+solltet Ihr Eure liebenswürdige Tochter verehren; -- _notre Dame de
+Miracle_, ich sage Euch zum allerletzten Male, behandelt Mademoiselle,
+wie es sich ziemt, oder --«
+
+»O Monseigneur!« flehte Meister Claude, welcher seinen Strick längst
+ganz verstohlen in den Winkel geworfen hatte und katzenbuckelnd so
+gemein und niederträchtig aussah, wie man unter der Regierung des
+großen Louis nur aussehen konnte. »O Monseigneur, ich versichere Euch,
+=sie= hat's darauf abgesehen, ihren unglückseligen Vater in ein
+frühzeitig Grab zu bringen. Monseigneur, Ihr kennt sie nur von der einen
+Seite; aber ich -- o Monseigneur!« --
+
+»Still! Ihr seid ein Schurke, und Mademoiselle ist ein Engel! --
+beruhige dich, Kind --«
+
+»Monseigneur, er ist zu boshaft. Monseigneur, wenn Ihr mich wirklich
+liebt, so laßt mich nicht in seiner Gewalt.«
+
+»Ruhig, ruhig, süßes Kind. Was ist denn nur eigentlich vorgefallen?«
+
+Ja, was war vorgefallen?
+
+Eine Zungenfertigkeit sondergleichen entwickelten Mademoiselle Bullot
+und Meister Claude Bullot gegeneinander, doch haben wir mit dem
+Ausgangspunkte des Streites nicht das mindeste zu schaffen und brauchen
+nur zu sagen, daß der Herzog von Chaulnes, obgleich er im Grunde seines
+Herzens dem erzürnten Papa recht geben mußte, in Anbetracht seiner
+zarten Stellung zu Mademoiselle sich auf deren Seite stellte. Sehr
+ärgerlich war der Herzog von Chaulnes! In äußerst lebendiger Stimmung
+war er durch die Gasse Quincampoix zum Dauphinswappen geschlichen, nun
+fand er statt Ruhe und Behagen, Unzufriedenheit und Streit; wo er
+Lächeln und Lachen erwartet hatte, mußte er Tränen trocknen; -- _notre
+Dame de Miracle_, es war zu ärgerlich!
+
+»Etienne,« sagte der Herzog zu Vinacche, »Etienne, ich bin dieses Lärms
+müde; ich will nach Haus und du magst mit mir kommen. Meister Claude,
+ich versichere Euch meiner gnädigsten Ungnade! Mademoiselle, Eure
+rotgeweinten Augen betrüben mich sehr -- gute Nacht, Mademoiselle --
+dazu zweihundert Louisdor im Landsknecht verloren -- kommt, Etienne
+Vinacche, Ihr mögt mit mir zum Hotel fahren, ich habe Euch etwas zu
+sagen; ich habe eine Idee!«
+
+Vergebens hing sich Mademoiselle Bullot an den Arm des Herzogs mit den
+süßesten Schmeicheleien und Liebkosungen. Er machte sich los, streckte
+dem niedergeschmetterten Wirt zum Dauphinswappen eine Faust entgegen,
+ließ sich von Vinacche den Mantel wieder um die Schultern legen und
+verließ, im höchsten Grade mißmutig gestimmt, mit seiner »Idee« die
+Gargotte, in welcher nach seinem Abzuge der Tanz zwischen Vater und
+Tochter von neuem anging, doch diesmal mit allem Vorteil auf Seiten von
+Mademoiselle. Meister Claude Bullot sah ein, daß er ein Esel -- ein
+gewaltiger Esel war; demütig kroch er zu Kreuze und nahm jede Injurie,
+welche ihm das Töchterlein an den Kopf warf, mit gekrümmtem Rücken in
+Empfang.
+
+Unterdessen wateten mühsam der Herzog und der Italiener durch den
+Schmutz und die Gefahren der Gassen von Paris, bis sie an einer Ecke zu
+der harrenden Karosse des Herzogs gelangten. Mit tiefen Bücklingen riß
+der Lakai den Wagenschlag auf.
+
+»Steig hinten auf, Etienne; ich habe mit dir zu reden,« sagte der Herzog
+und warf sich in die Kissen seiner Kutsche.
+
+»Achtung, Stefano, jetzt mag's in deinen Topf regnen!« murmelte der
+schlaue Neapolitaner, und schwerfällig setzte sich die Karosse in
+Bewegung.
+
+
+
+
+ II.
+
+ Gold.
+
+
+Während vor dem flackernden Kaminfeuer in seinem Hotel der Herzog von
+Chaulnes dem obdachlosen Vagabunden Stefano Vinacche den annehmbaren
+Vorschlag tut, Mademoiselle Bullot, das liebenswürdige Erzeugnis der
+Gasse Quincampoix, zu -- heiraten und dadurch nicht nur sich selbst,
+sondern auch Monseigneur aus mancherlei ärgerlichen Verdrießlichkeiten
+des Lebens herauszureißen, wollen wir erzählen, wer Stefano Vinacche
+eigentlich war. Im Jahre 1689 war der junge Neapolitaner als Lakai im
+Gefolge des Herzogs, dem er zu Rom mancherlei Dienste kurioser Art
+geleistet haben mochte, nach Frankreich gekommen, ohne jedoch in diesem
+Lande anfangs die Träume, welche ihm seine südliche Phantasie
+vorspiegelte, zu verwirklichen. Es wird uns nicht gesagt, was ihn im
+folgenden Jahre schon aus dem Dienste seines Gönners trieb, und ihn
+bewog, sich als gemeiner Soldat in das Regiment Royal-Roussillon
+aufnehmen zu lassen. Wir wissen nur, daß er im Jahre 1691 dem
+Regimentsschreiber Nicolle, seinem Schlafkameraden, einige
+Offiziersuniformen, welche derselbe ausbessern sollte, stahl und mit
+ihnen desertierte, welches Wagestück aber fast übel abgelaufen wäre. Auf
+dem Wege nach Paris, der Stadt, nach welcher von jeher eine dumpfe
+Ahnung künftiger Geschicke das seltsame Menschenkind trieb, gefangen und
+als Fahnenflüchtiger ins Gefängnis geworfen und zum Tode verurteilt,
+entging er nur durch Verwendung des Grafen von Auvergne dem Galgen. Im
+nächsten Jahre in Freiheit gesetzt, machte sich Stefano Vinacche von
+neuem auf den Weg nach Paris, und haben wir seiner Ankunft in der
+Gargotte zum Wappen des Dauphins in der Gasse Quincampoix soeben
+beigewohnt. --
+
+Ei, wie wunderlich, wunderlich spinnt sich ein Menschenleben ab! Wir
+armen blinden Leutlein auf diesem Erdenballe wandern freilich in einem
+dichten Nebel, der sich nur zeitweilig ein wenig hier und da lüftet, um
+im nächsten Augenblicke desto dichter sich wieder zusammenzuziehen. Wir
+getriebenen und treibenden Erdbewohner haben freilich nur eine dumpfe
+Ahnung von dem, was im Getümmel ringsumher vorgeht. Warum sollten wir
+uns auch in der kurzen Spanne Lebenszeit, die uns gegeben ist, viel um
+andere Leute bekümmern, da wir doch so viel mit uns selbst zu tun haben?
+Über allen Nebeln ist Gott; der mag zusehen, daß alles mit rechten
+Dingen zugeht; der mag acht geben, daß sich der Faden der Geschlechter,
+welchen er durch die Jahrtausende von dem Erdknäuel abwickelt, nicht
+verwirrt. Nur weil sie abgewickelt werden, drehen sich Sonne, Mond,
+Sterne; -- von jeder leuchtenden Kugel läuft ein Faden zu dem großen
+Knäuel in der Hand Gottes, zu dem großen letzten Knäuel, in welchem
+jeglicher Knoten, der unterwegs entstanden sein mochte, gelöst sein
+wird, in welchem alle Fäden nach Farben und Feinheit harmonisch sich
+zusammenfinden werden.
+
+Da ist solch ein Knötlein im Erdenfaden! wir finden es in unsrer
+Erdgeschichte am Ende des siebenzehnten und Anfang des achtzehnten
+Jahrhunderts nach Jesu Geburt, wo viel Sünde, Schande und Verderbnis
+sich häßlich ineinander schlingen, wo Krieg und Sittenlosigkeit das
+abscheulichste Bündnis geschlossen haben, daß das jetzige Gechlecht
+schaudernd darob die Hände über dem Kopfe zusammenschlägt.
+
+Der Erzähler aber, des letzten großen knotenlosen Knäuels in der Hand
+Gottes gedenkend, schlägt nicht die Hände über dem Kopfe zusammen; --
+den Handschuh hat er ausgezogen, mutig in die Wüstenei hineingegriffen,
+einen längst begrabenen, vermoderten, vergessenen Gesellen
+hervorgezogen. Da ist er -- =Stefano Vinacche= -- späterhin Monsieur
+Etienne de Vinacche, großer Arzt, berühmter Chemiker, -- Goldmacher,
+nächst Samuel Bernard der reichste Privatmann seiner Zeit!...
+
+»Also Etienne,« sprach der Herzog von Chaulnes zu dem halb verhungerten,
+obdachlosen Vagabunden, »eine allerliebste Frau und eine vortreffliche
+Aussteuer....«
+
+»_Servitore umilissimo!_«
+
+»Und, Etienne, eine Empfehlung an meinen Freund, den Herzog von Brissac.
+Ihr geht nach Anjou, -- lebt auf dem Lande, wie die Engel _à la Claude
+Gillot_, -- ich besuche Euch -- stehe Gevatter --«
+
+»Ah!« machte der Italiener mit einer unbeschreiblichen Bewegung des
+ganzen Oberkörpers.
+
+»_Plait-il?_«
+
+»O nichts, Monseigneur!« sagte der Italiener. »Ihr seid mein
+gnädigster, gütigster Herr und Gebieter.« Er machte eine Verbeugung bis
+auf den Boden.
+
+»Wann soll die Hochzeit sein, Monseigneur?«
+
+»So schnell als möglich -- ach!«
+
+»Monseigneur seufzt?!« rief Stefano schnell. »Noch ist's Zeit, daß
+Monseigneur Sein Wort zurücknehme; Mademoiselle Bullot ist ein reizendes
+Mädchen; aber wenn Monseigneur die hohe Gnade haben wollte, mich wieder
+zu seinem Kammerdiener zu machen --«
+
+»Nein, nein, nein, es bleibt dabei, Vinacche; Ihr heiratet die Schöne,
+und ich -- _ah notre Dame de Miracle_ -- ich will hingehen und sorgen,
+daß Madame von Maintenon und der Pater La Chaise davon zu hören
+bekommen. Also geht, Vinacche; bis zur Hochzeit gehört Ihr wieder zu
+meinem Haus. Der Intendant soll für Euch sorgen.«
+
+»Monseigneur ist der großmütigste Herr der Welt!« rief Vinacche, dem
+Herzog die Hand küssend. Unter tiefen Bücklingen schritt er rücklings
+zur Tür hinaus, und tief seufzend blickte ihm sein Gönner nach.
+
+Als sich die Tür hinter dem Italiener geschlossen hatte, murmelte
+dieser: »_Corpo di Bacco_, Achtung, Achtung, Vinacche, Stefano mein
+Söhnchen! Halte die Augen offen, mein Püppchen! Ist's mir nicht
+versprochen bei meiner Geburt, daß ich vierspännig fahren sollte in der
+Hauptstadt der Franzosen?!«
+
+Drinnen rieb sich der Herzog die Stirn und ächzte:
+
+»Ach, Madame von Maintenon ist eine große Dame! _Vive la messe!_«
+
+Acht Tage nach dem eben Erzählten war eine Hochzeit in der Gasse
+Quincampoix. Der Wirt zum Dauphinswappen Claude Bullot verheiratete zu
+seiner eigenen Verwunderung und zur Verwunderung sämtlicher Nachbaren
+und Nachbarinnen seine hübsche Tochter mit einem ganz unbekannten jungen
+Menschen, der nicht einmal ein Franzose war. Mancherlei Glossen wurden
+darüber gemacht, und allgemein hieß es, Mademoiselle Bullot sei eine
+Törin, welche nicht wisse, was man mit einem hübschen Gesicht und
+tadellosen Wuchs in Paris anfangen könne.
+
+Da aber Mademoiselle Bullot und Stefano Vinacche mit ziemlich vergnügten
+Mienen ihr Schicksal trugen, so mochten Papa und Nachbarschaft nach
+Belieben sich wundern, nach Belieben Glossen machen. Sämtliche
+Dienerschaft des Herzogs von Chaulnes verherrlichte die Hochzeit durch
+ihre Gegenwart; Flöten und Geigen erklangen in der Gargotte zum Wappen
+des Dauphins. Man sang, jubelte, trank auf das Wohl der Neuvermählten
+bis tief in die Nacht. Zuletzt artete das Gelage nach der Sitte der Zeit
+in eine wahre Orgie aus; blutige Köpfe gab's, und zum Schluß mußte der
+Polizeileutnant einschreiten und die ausgelassene Gesellschaft
+auseinander treiben. Am folgenden Tage machte das junge Paar sich auf
+den Weg zum Gouverneur von Anjou, dem Herzog von Brissac, einem »armen
+Heiligen, dessen Name nicht im Kalender steht«.
+
+Ein tüchtiges Schneegestöber wirbelte herab, als der Wagen der
+Neuvermählten hervorfuhr aus der Gasse Quincampoix. Auf der Schwelle
+seiner Tür stand der Vater Bullot mit der Kellnerin Margot, und beide
+blickten dem Fuhrwerk nach, so lange sie es sehen konnten. Dann zog der
+Wirt zum Dauphinswappen die Schultern so hoch als möglich in die Höhe
+und trat mit der Picarde zurück in die Schenkstube, welche noch deutlich
+die Spuren der Hochzeitsnacht an sich trug.
+
+»Alles in allem genommen, ist's doch ein Trost und ein Glück, daß ich
+sie los bin,« brummte der zärtliche Papa. »Es hätte noch ein Unglück
+gegeben; das war ja immer, als brenne der Scheuerlappen zwischen uns.
+Vorwärts, Margot! einen Kuß und an die Arbeit, mein Liebchen, auf daß
+das Haus rein werde.«
+
+Liebe Freunde, wer das Leben Stefano Vinacches beschreibt, der muß recht
+acht geben, daß er seinen Weg im Nebel nicht verliere. Schattenhaft
+gleitet die Gestalt des Abenteurers vor dem Erzähler her, bald zu einem
+Zwerg sich zusammenziehend, bald riesenhaft anwachsend, gleich jener
+seltsamen Naturerscheinung, die den Wanderer im Gebirge unter dem Namen
+des Nebelgespenstes erschreckt. Bald klarer, bald unbestimmter tritt
+Stefano Vinacche aus den Berichten seiner Zeitgenossen uns entgegen. Wir
+wissen nicht, was ihn mit seiner Frau so schnell aus Anjou nach Paris
+zurücktrieb; wir wissen nur, daß am neunten April 1693, an dem Tage, an
+welchem Roger von Rabutin, Graf von Bussy, sein wechselvolles Leben
+beschloß, der Papa Bullot in höchster Verblüffung die Hände über dem
+Kopfe zusammenschlug, als er Tochter und Schwiegersohn zu Fuß,
+kotbespritzt, mit höchst winziger Bagage, durch die Gasse Quincampoix
+auf das Dauphinswappen zuschreiten sah. Der gute Alte traute seinen
+Augen nicht und überzeugte sich nicht eher von der Wirklichkeit dessen,
+was er erblickte, bis ihm Madame Vinacche schluchzend um den Hals fiel,
+und Stefano ihn herzzerbrechend anflehte, ihn und sein Weib für eine
+Zeit wieder unter sein Dach zu nehmen.
+
+»Wir wollen auch recht artige Kinder sein!« bat Madame Vinacche.
+
+»Und wir werden nicht lange Euch zur Last sein!« rief Stefano.
+
+»_Diable! diable!_« ächzte Meister Claude Bullot, und Margot, die
+Picarde, gab ihm verstohlen einen Rippenstoß, daß er fest bleibe und
+sich nicht beschwatzen lasse.
+
+Wer hätte aber den beredten Worten Stefano Vinacches widerstehen können?
+Das Ende vom Liede war, daß das junge Ehepaar mit seinen armen
+Habseligkeiten einzog in die Kneipe zum Dauphinswappen, und daß Meister
+Bullot und Margot, die Kellnerin, nachdem Madame Vinacche die Schwelle
+überschritten hatte, seufzend sich in das Unvermeidliche fügten.
+
+»Ach, Margot, Margot, nun sind die schönen Tage wieder vorüber!« seufzte
+Meister Claude, und während die Heimgekehrten im oberen Stockwerk des
+Hauses ihre Einrichtungen trafen, saßen am Kamin in der leeren
+Schenkstube der Wirt und seine Kellnerin trübselig einander gegenüber
+und konnten sich nur durch das weise Wort, daß man das Leben nehmen
+müsse, wie es komme, -- trösten. Dann schlossen die beiden Parteien
+einen Kompromiß, in welchem festgestellt wurde, daß weder Monsieur
+Etienne noch Madame in die Angelegenheiten des Papas und der Kellnerin
+Margot sich mischen sollten, und daß sie durch ihnen passend scheinende
+Mittel für ihrer Leiber Nahrung und Kleidung selbst zu sorgen hätten.
+Wohnung, Licht und Feuerung versprachen Meister Bullot und Margot die
+Picarde zu liefern.
+
+Feierlich wurde dieser Vertrag von einem Stammgast der Gargotte, dem
+Sieur Le Poudrier, einem Winkeladvokaten, verbrieft und besiegelt, und
+man lebte fortan miteinander, wie man konnte.
+
+Da der Herzog von Chaulnes seine Verpflichtungen gegen das junge Ehepaar
+glänzend abgetragen zu haben glaubte, so floß die Quelle seiner Gnaden
+immer spärlicher und versiegte zuletzt ganz. Die Haushaltung im zweiten
+Stockwerk des Dauphinswappens mußte für Eröffnung anderer Geldquellen
+sorgen, zumal da noch im Laufe des Sommers ein kleiner Vinacchetto das
+Licht der Gasse Quincampoix erblickte. Die Not und der Zug der Zeit
+machten Stefano zu einem Charlatan; aber jedenfalls zu einem genialen
+Charlatan.
+
+»_Anima mia_, laß den Mut nicht sinken, wir fahren doch noch
+vierspännig!« sagte er zu seiner hungernden Frau und fing an, den
+Nachbarn und Nachbarinnen, sowie den Gästen, welche die Gargotte seines
+Schwiegervaters besuchten, Mittel gegen das Fieber und andere
+unangenehme Übel zu verkaufen.
+
+Allmählich verwandelte sich das Wohngemach der kleinen Familie in ein
+schwarzangeräuchertes chemisches Laboratorium; mit wahrer Leidenschaft
+warf sich Stefano Vinacche, obgleich er bis an sein Ende weder lesen
+noch schreiben lernte, auf das Studium der Simpla und der Mineralien.
+
+Eine gewaltige Veränderung ging mit dem seltsamen Menschen vor; -- nicht
+mehr war er der vagabondierende Abenteurer, der das Glück seines Lebens
+auf den Landstraßen, in den Gassen suchte. Tag und Nacht schritt er
+grübelnd einher, das Haupt zur Brust gesenkt, die Arme über der Brust
+gekreuzt. Wer konnte sagen, was er suchte?
+
+Eine fast ebenso überraschende Veränderung kam über das junge Weib
+Vinacches. Die frühere Mätresse des Herzogs von Chaulnes verehrte den
+ihr aufgedrungenen Mann auf den Knien, sie war die treuste, liebendste
+Gattin geworden, und ist es über den Tod Stefanos hinaus geblieben.
+
+=Sie= konnte lesen, =sie= konnte schreiben: --wie viele alte vergilbte
+Bouquins hat sie dem suchenden Forscher, in stillen Nächten, während sie
+ihr Kind wiegte, vorgelesen!
+
+Der Vater Bullot hatte nicht mehr Ursache, sich über das wilde,
+unbändige Gebaren seiner Tochter zu beklagen. Die eigentümliche Gewalt,
+welche Stefano Vinacche späterhin über die schärfsten, klarsten Geister
+hatte, trat auch jetzt in der engeren Sphäre schon bedeutend hervor.
+Papa Claude, Margot die Picarde, Gratien Le Poudrier der Rabulist, alle
+Nachbaren und alle Nachbarinnen beugten sich dem schwarzen, funkelnden
+Auge Stefanos. Der Stein war ins Wasser gefallen, und die Wellenringe
+liefen in immer weitern Kreisen fort; -- weit, weit über die Gasse
+Quincampoix hinaus verbreitete sich der Ruf Stefano Vinacches!
+
+Unterdessen schlug man sich in Deutschland, Flandern, Spanien, Italien
+und auf der See. In Deutschland verbrannte Melac Heidelberg, und der
+Feldmarschallleutnant von Hettersdorf, der »die _poltronnerie_ seines
+Herzens mit großen _Peruquen_ und bebremten Kleidern zu bedecken
+pflegte«, -- Hettersdorf, der elende Kommandant der unglücklichen Stadt,
+wurde auf einem Schinderkarren durch die Armee des Prinzen Ludwig von
+Baden geführt, nachdem ihm der Degen vom Henker zerbrochen worden war.
+Aus Flandern schickte der Marschall von Luxemburg durch d'Artagnan die
+Nachricht vom Sieg bei Neerwinden. Roses in Katalonien wurde erobert. Zu
+Versailles, zu Paris in der Kirche unserer lieben Frau sang man _Te Deum
+laudamus_; aber im Bischoftum Limoges starben gegen zehntausend Menschen
+Hungers. Zu Lyon wie zu Rouen fiel das Volk in den Gassen wie Fliegen,
+und ihrer viel fand man, welche den Mund voll Gras hatten, ihr elendes
+Leben damit zu fristen.
+
+Stefano Vinacche, nach einer Reise in die Bretagne, verließ die Gasse
+Quincampoix und das Haus seines Schwiegervaters und zog in die Gasse
+Bourg l'Abbé. Strahlend brach die Glückssonne Stefanos durch die Wolken.
+Fünf Monate war er in der Bretagne gewesen, und niemand hat jemals
+erfahren, was er dort getrieben, -- gesucht, -- gefunden hat! Zu Fuß
+zog er aus, in einer zweispännigen Karosse kehrte er zurück. Zwei
+Lakaien und ein Kammerdiener bedienten ihn in der Straße Bourg l'Abbé,
+wohin er aus der Gasse Quincampoix zog. Von neuem errichtete er in
+seiner jetzigen Wohnung seine chemischen Feuerherde, von neuem braute er
+seine Rezepte, und das Gerücht ging aus, Monsieur Etienne Vinacche suche
+den Stein der Weisen, und es sei Hoffnung vorhanden, daß er denselben
+binnen kurzem finden werde; und wieder tritt dem Erzähler der alte
+Gönner des unbegreiflichen Mannes, der Herzog von Chaulnes, entgegen,
+welcher ihm zum Ankauf von Kohlen, Retorten und dergleichen Apparaten
+zweitausend Taler gibt.
+
+Im Jahr der Gnade Eintausendsiebenhundert war das große Geheimnis
+gefunden; -- Stefano Vinacche hatte das Projektionspulver hergestellt,
+Etienne Vinacche machte --
+
+ =Gold!=
+
+In demselben Jahre Eintausendsiebenhundert kaufte =Monsieur de Vinacche=
+aus dem Inventar von Monsieur, dem Bruder des Königs, für sechzigtausend
+Livres Diamanten.
+
+
+
+
+ III.
+
+ Glück und Glanz.
+
+
+Wir schauen wie in ein Bild von Antoine Watteau durch das zarte
+frühlingsfrische Blätterwerk zu Coubron -- fünf Meilen von Paris -- wo
+Monsieur Etienne de Vinacche auf seinem reizenden Landsitze ein
+glänzendes Fest gibt. Die untergehende Maisonne des Jahres
+Siebzehnhunderteins übergießt die Landschaft mit rosigem Schein; --
+Lachen und Kosen und Flüstern des jungen Volkes ertönt im Gebüsch;
+geputzte ältere Herren und Damen durchwandeln gravitätisch die
+gradlinigen Gänge des Parkes. Karossen und Reitpferde mit ihrer
+Begleitung von Kutschern, Lakaien und Läufern halten vor dem vergoldeten
+Gittertor; Monsieur de Vinacche und seine Frau sind eben im Begriff, von
+einem Teil ihrer Gäste, der nach Paris oder den umliegenden Landhäusern
+zurückkehren will, Abschied zu nehmen.
+
+Die Dame Rochebillard, die Geliebte Tronchins, des ersten Kassierers
+Samuel Bernards, des »_fils de Plutus_«, -- wird von Madame de Vinacche
+zu ihrer Kutsche geleitet; Monsieur Etienne befindet sich im eifrigen
+Gespräch mit einem jungen Edelmann, dem Sieur de Mareuil. Für
+fünftausend Livres will Vinacche dem Herrn von Mareuil einen
+konstellierten Diamant, vermöge dessen man immerfort glücklich spielen
+soll, anfertigen. Ein wenig weiter zurück unterhalten sich die beiden
+reichen Bankiers van der Hultz, der Vater und der Sohn, mit Herrn
+Menager, _Sécrétaire du Roi_ und Handelsdeputierten von Rouen; -- auf
+einem Rasenplatz tanzen einige junge Paare nach den Tönen einer Schalmei
+und eines Dudelsacks ein Menuett; bunte Diener tragen Erfrischungen
+umher, für die abfahrenden Gäste erscheinen andere; der Chevalier von
+Serignan, Monsieur Nicolaus Buisson, der Sieur Destresoriers, Edelleute
+von der Robe, Edelleute vom Degen, Finanzleute, Beamte und so weiter mit
+ihren Frauen und Töchtern, allgesamt angezogen von dem Glanz, der Pracht
+und dem großen Geheimnis des einstigen neapolitanischen Bettlers Stefano
+Vinacche.
+
+Hat sich aber um Mitternacht dieser Schwarm der Gäste verloren, so
+erscheinen andere Gestalten. Aus verborgenen Schlupfwinkeln tauchen
+Männer auf, finstere bleiche Männer mit zusammengezogenen Augenbrauen
+und rauhen, rauchgeschwärzten Händen. Da ist Konrad Schulz, ein
+Deutscher, den Herr von Pontchartrain später verschwinden läßt, ohne daß
+man jemals wieder von ihm hört. Da sind Dupin und Marconnel,
+hocherfahren in der geheimen Kunst. Da ist Thuriat, ein wackerer
+Chemiker; da ist ein anderer Italiener, Martino Polli. Geheimnisvolle
+Wagen, von geheimnisvollen Fuhrleuten begleitet, langen an und fahren
+ab, und Säcke werden abgeladen und aufgeladen, die, wenn sie die Erde
+oder einen harten Gegenstand berühren, ein leises Klirren, als wären sie
+mit Goldstücken gefüllt, von sich geben, geheimnisvolle Feuer in
+geheimnisvollen Öfen flammen auf, -- Wacht hält Madame de Vinacche, daß
+die nächtlichen Arbeiter nicht gestört werden in ihrem Werke.
+
+Hüte dich, Stefano Vinacche! Im geheimen Staatsrat zu Versailles hat man
+von dir gesprochen: Monsieur Pelletier von Sousy, der Intendant der
+Finanzen, hat den Mann mit dem Kopf voll böser Anschläge, hat Monsieur
+d'Argenson aufmerksam auf dich gemacht.
+
+Hüte dich, Stefano Vinacche! --
+
+Wer klopft in dunkler Nacht an das Hinterpförtchen des Landhauses zu
+Coubron?
+
+Salomon Jakob, ein Jude aus Metz, welcher die Verbindung des
+»Unbegreiflichen« mit Deutschland vermittelt.
+
+Wer klopft in dunkler Nacht an die Pforte des Landhauses zu Coubron?
+
+Franz Heinrich von Montmorency-Luxemburg, Pair und Marschall von
+Frankreich, welchen Stefano Vinacche die Kunst lehren soll, den Teufel
+zu beschwören.
+
+In dunkler Nacht fährt nach Coubron der Herzog von Nevers, um sich in
+die geheimen Wissenschaften einweihen zu lassen.
+
+In dunkler Nacht fährt nach Coubron Karl d'Albert, Herzog von Chaulnes,
+und Madame de Vinacche empfängt ihn in brokatnen Gewändern, geschmückt
+mit einer Cordeliere und einem Halsband im Wert von sechstausend Livres.
+
+»_Notre Dame de Miracle_, wie habe ich für Euer Glück gesorgt,
+Allerschönste!« sagt der Herzog von Chaulnes, und die Tochter des Wirts
+zum Dauphinswappen verbeugt sich mit dem Anstand einer großen Dame und
+führt den hohen Gast und Gönner in ihren Salon, welcher den Vergleich
+mit jedem andern zu Paris aushält.
+
+Stefano Vinacche trägt nicht mehr sein eigenes Haar; eine wallende
+gewaltige Lockenperücke bedeckt sein kluges Haupt. Mit feiner Ironie
+sagt er, in den wallenden Stirnlocken dieser seiner Perücke halte er
+seinen _Spiritus familiaris_, sein »_folet_« verborgen und gefesselt.
+
+»_Notre Dame de Miracle_, Ihr seid ein großer Mann, Etienne!« sagt der
+Herzog von Chaulnes, und der Hausherr von Coubron verbeugt sich
+lächelnd:
+
+»O Monseigneur!«
+
+»Ja, ja, wer hätte das gedacht, als ich Euch in Italien von der
+Landstraße aufhob? Wer hätte das gedacht, als ich Euch durch den Grafen
+von Auvergne vom Galgen errettete; -- Vinacche, Ihr müßt mir sehr
+dankbar sein.«
+
+Stefano legt die Hand auf das Herz.
+
+»Monseigneur, ich habe ein gutes Gedächtnis für empfangene Wohltaten.
+Glaubt nicht, daß das Glück und die errungene Wissenschaft mich stolz
+mache. Fragt meine Frau, was gestern geschehen ist.«
+
+»Wahrlich, Monseigneur, es war eine tolle Szene. Stellt Euch vor, es
+befindet sich gestern eine glänzende Gesellschaft bei uns, Monsieur
+Despontis, Monsieur von Beaubriant und viele andere, als ein abgelumpter
+Mensch Etienne zu sprechen verlangt. Die Diener wollten ihn abweisen;
+aber Etienne hört den Lärm und läßt den Vagabunden kommen. _Mon Dieu_,
+was für eine Szene!«
+
+»Nun?!«
+
+»Nicolle war's, gnädigster Herr! Nicolle, meines Mannes Kamerad aus dem
+Regiment Royal-Roussillon!«
+
+»Oh, oh, oh! ah, ah, ah!« lacht der Herzog. »Dem Wiederfinden hätt' ich
+beiwohnen mögen. Das muß in der Tat eine eigentümliche Überraschung
+gegeben haben.«
+
+»Ich fiel in Ohnmacht, und Etienne -- fiel dem Vagabunden um den
+Hals --«
+
+»Und die Gesellschaft?«
+
+»Stand in starrer Verwunderung! Es war ein tödlicher Augenblick,« ruft
+Madame de Vinacche klagend, doch Etienne sagt:
+
+»Ich hatte dem Manne einst ein schweres Unrecht zugefügt, jetzt war mir
+die Gelegenheit gegeben, es wieder gutzumachen, und ich benutzte diese
+Gelegenheit.«
+
+»_Notre Dame de Miracle_, ich werde der Frau von Maintenon diese
+Geschichte erzählen. Ihr seid ein braver Gesell, Etienne. Ah, oh, _ou la
+vertu va-t-elle se nicher_? wie Monsieur Molière sagt, -- sagt er nicht
+so?«
+
+»Ich glaube, gnädiger Herr,« meint Vinacche, die Achsel zuckend, und
+setzt hinzu, als eben jemand an die Tür des Salons mit leisem Finger
+klopft: »Da kommt Konrad, uns zum Werk zu holen. Wenn es also beliebt,
+Monseigneur, so können wir unsere Arbeit von neuem aufnehmen; Zeit und
+Stunde sind günstig, jeder Stern steht an seinem rechten Platz, und gute
+Hände schüren die Flamme!«
+
+In die geöffnete Tür schaut das finstere Gesicht des deutschen Meisters
+Konrad Schulz:
+
+»Es ist alles bereit!«
+
+»Wir kommen!« sagt der Herzog von Chaulnes, mit zärtlichem Handkuß von
+Madame Vinacche Abschied nehmend. In das chemische Laboratorium herab
+schreiten die Männer.
+
+Um den schwarzen Herd stehen regungslos die Gehilfen des großen
+Goldmachers. Atemlos verfolgt der Herzog jede Bewegung des Alchymisten.
+
+Der Meister arbeitet!
+
+Tiegel voll Salpeter, Antimonium, Schwefel, Arsenik, Qecksilber gehen
+von Hand zu Hand. Die Phiole mit dem »Sonnenöl« reicht Martino Polli,
+das Blei bringt Konrad Schulz zum Fluß; -- der große Augenblick ist
+gekommen. Aus einem Loch in der schwarzen feuchten Mauer ringelt sich
+eine bunte Schlange hervor, sie steigt an dem Beine Stefano Vinacches
+empor, sie umschlingt seinen Arm und scheint ihm ins Ohr zu zischen. Ein
+Zittern überkommt den Goldmacher, aus der Brust zieht er ein winziges
+Fläschchen; -- im Tiegel gärt und kocht die metallische Masse, -- die
+Flammen züngeln, -- aus der Phiole in der Hand des Meisters fällt das
+Projektionspulver in den Tiegel -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
+
+Das Werk ist vollbracht! In die Form gießt Konrad Schulz die kostbare,
+im höchsten Fluß befindliche Masse -- nach einigen Augenblicken wiegt
+der Herzog von Chaulnes eine glänzende Metallbarre in der Hand.
+»Reinstes Gold, Monseigneur!« sagt Stefano Vinacche. --
+
+
+
+
+ IV.
+
+ Was man in Versailles dazu sagte.
+
+
+Vinacche fuhr mit seiner Frau vierspännig durch die Straßen von Paris.
+Lange war Claude Bullot tot und erinnerte sie nicht mehr an die
+Dunkelheit ihrer Herkunft. In der Gasse Saint Sauveur besaß Stefano
+jetzt ein prächtiges Haus, wo er die beste Gesellschaft von Paris bei
+sich sah. Sein Leben strahlte im höchsten Glanz. Die Teilnehmer seiner
+wunderlichen Operationen hatte er durch Drohungen, Versprechungen, List
+und Überredung zu seinen Sklaven gemacht; er durfte ihnen drohen, sie
+bei der geringsten Auflehnung gegen seinen Willen als Fälscher, Kipper
+und Wipper hängen zu lassen. Seine Geschäftsverbindungen mit Samuel
+Bernard, Tronchin, Menager, mit den beiden van der Hultz, mit
+Saint-Robert und dem Sieur Buisson Destresoriers nahmen ihren
+ungestörten Fortgang. Man sah in seinen Gemächern oft fünfzehn, zwanzig,
+dreißig Säcke voll nagelneuer Louisdors aufgestellt. Neu geprägte
+Goldstücke fanden die Diener und Dienerinnen, von denen das Haus
+überquoll, im Kehricht, in den Winkeln, unter der schmutzigen Wäsche; --
+sie verkauften Stückchen von Goldbarren an die Juden, und Madame de
+Vinacche erschrak eines Tages heftig genug, als sie, ungesehen von
+ihnen, ein Gespräch zwischen ihrer Kammerfrau La Martion und einigen
+Lakaien ihres Mannes belauschte. --
+
+Der spanische Erbfolgekrieg hatte begonnen. War das Geld im Hause
+Stephano Vinacches im Überfluß vorhanden, so mangelte es um desto mehr
+im Hause des Königs Ludwig des Vierzehnten. Herrschte im Hause Stefano
+Vinacches Jubel und Übermut, so herrschte Mißmut, Angst, Sorge und Not
+zu Versailles. Ein gewaltiger Umschwung aller Dinge trat in diesem
+früher so glänzenden Frankreich mehr und mehr hervor. Auf die Zeit des
+phantastischen, lebenvollen Karnevals folgte der Aschermittwoch mit
+seinen Grabgedanken. Zu Grabe gegangen waren die Schriftsteller und
+Dichter: Pascal und Franz von La Rochefoucauld ergründeten nicht mehr
+die Tiefe des menschlichen Herzens. Jean de Lafontaine hielt nicht mehr
+den lustigen Spiegel der Welt vor, Jean war »davongegangen wie er
+gekommen war«; -- verstummt war die mächtige Leier des großen Corneille,
+Jean Racine hatte sein Schwanenlied gesungen und war hinabgesunken in
+die blaue Flut der Ewigkeit. Tot, tot war Molière, der gute Kämpfer
+gegen Dummheit, Heuchelei, Aberglauben und Laster; tot war Jean Baptiste
+Poquelin, genannt Molière, aber Tartuffe lebte noch!
+
+Die Heiterkeit des Daseins war erblaßt, auch die feierlichen Stimmen der
+großen Kanzelredner Bossuet, Bourdaloue, Flechier verstummten! König in
+Frankreich war der Pater La Chaise, Königin in Frankreich war Franziska
+d'Aubigné, die Witwe Paul Scarrons. Die Schutzherrschaft über das Land
+nahm man dem heiligen Michael und gab sie der Jungfrau Maria, wie man
+sie vorher dem heiligen Martin und vor diesem dem heiligen Denis
+genommen hatte. Schaffe Geld, schaffe Geld, Geld, Geld, o heilige
+Jungfrau Maria! Schaffe Geld, holde Schutzherrin, Geld zum Kampf gegen
+deine und unsere Feinde! Schaffe Geld und abermals Geld und wiederum
+Geld, süße Mutter Gottes! Schaffe Geld, Geld, Geld, o Schutzpatronin von
+Frankreich und Versailles, Marly und Trianon!
+
+Wiederum war ein Staatsrat gehalten worden zu Versailles über die besten
+Mittel, Geld zu bekommen, und niemand hatte Rat gewußt; weder
+Pontchartrain, noch Pomponne, noch du Harlay, Barbezieux, d'Argouges,
+d'Agnesseau. Wohl war manche neue Steuer vorgeschlagen worden; doch ohne
+zu einem Resultat gelangt zu sein, hatte Louis der Vierzehnte seine Räte
+entlassen müssen. Verstimmt im höchsten Grade, ratlos bis zur
+Verzweiflung schritt er auf und ab in seinem Gemach und seufzte:
+
+»O Colbert, o Louvois!«
+
+Der König von Frankreich befand sich vollständig in der Seelenstimmung
+Sauls, des Königs der Juden, als er Verlangen trug nach dem Geiste
+Samuels, des Hohenpriesters.
+
+Dazu war die Frau Marquise nach Saint Cyr zu ihren jungen Damen
+gefahren, und der Vater La Chaise gab einigen Brüdern in Christo in
+der Vorstadt Saint Antoine in seinem Hause ein kleines Fest. Armer,
+großer Louis! zu seinem letzten Mittel mußte er greifen, um sich zu
+zerstreuen; -- Fagon, sein Leibarzt, wurde gerufen. In der Unterhaltung
+mit diesem klugen Manne ging dem Monarchen, freilich doch langsam
+genug, dieser trübe Oktobernachmittag des Jahres 1703 hin, und zuletzt
+kam auch Madame von Maintenon zurück. Der König seufzte auf, gleich
+einem, der von einer schweren Last befreit wird; Fagon machte seine
+Verbeugungen und entfernte sich, ebenfalls höchlichst erfreut über seine
+Erlösung.
+
+Im klagenden Tone erzählte nun der König seiner Ratgeberin von seiner
+trüben Nachmittagsstimmung, von seiner Sehnsucht nach ihr, seiner
+einzigen Freundin, von der Dummheit der Ärzte und von der vergeblichen
+Ratssitzung.
+
+»Sire,« sagte die Marquise lächelnd, »ich bin Eure demütige Dienerin;
+die besten Ärzte sind die, welche die Seele zu heilen verstehen, was
+aber die Ratlosigkeit Eurer Räte betrifft, so ist hier ein Billett,
+welches die Mittel angibt, dem Staat Geld zu schaffen. Von unbekannter
+Hand wurde es mir in den Wagen geworfen. Leset es, Sire, wir haben schon
+einmal über den Mann gesprochen, von dem es handelt.«
+
+Der König nahm das Schreiben und überflog es.
+
+»Vinacche?! der Goldmacher!« murmelte er und zuckte die Achseln.
+
+»Ich höre Erstaunliches über den Mann,« meinte die Marquise. »Sein
+Luxus geht ins Grenzenlose. Die größten Herren Eures Hofes, Sire, gehen
+bei ihm ein und aus. Der Herzog von Brissac hat mir neulich stundenlang
+von dem geheimnisvollen Menschen gesprochen. Neulich war auch Madame von
+Chamillard bei mir; sie steht in Verbindung mit dem reichen
+holländischen Bankier van der Hultz. Auch dieser Mann soll vollständig
+überzeugt sein, Monsieur de Vinacche habe das Projektionspulver
+gefunden, Monsieur de Vinacche mache in Wahrheit Gold.«
+
+»Ach, Marquise, von wie vielen haben wir das geglaubt!«
+
+»Sire, wäre ich an Eurer Stelle, ich würde d'Argenson beauftragen,
+diesen Italiener etwas genauer zu beobachten.«
+
+Der König zuckte abermals die Achseln und gab das Billett zurück.
+
+»Wenn d'Argenson das für nötig hält, so mag er seine Anordnungen
+treffen; -- ich will nichts damit zu tun haben. Was beginnen Eure
+Fräulein zu Saint Cyr, Marquise?«
+
+Nachdem der König das Gespräch auf eine andere Bahn geleitet hatte, war
+es vergeblich, von neuem den verlassenen Punkt zu berühren; aber die
+Marquise schob das Billett in ihre Tasche und faßte einen Beschluß. Am
+andern Tage schickte sie ihren Stallmeister Manceau in die Gasse Saint
+Sauveur zu Vinacche, unter dem Vorgeben: er solle Diamanten kaufen für
+eine fremde Prinzessin. Manceau, von seiner Herrin bestens instruiert,
+ließ nichts in dem Hause des Alchymisten außer Augen und erzählte
+nachher Wunder von der Pracht und dem Glanze, die darinnen herrschten.
+Pferde, Gemälde, Silbergeschirr, Meubles, alles taxierte er, wie ein
+Auktionskommissär; auf seine Frage nach Juwelen antwortete aber
+Vinacche, er besitze deren wohl sehr schöne, aber er handle nicht damit.
+
+Fast schwindelnd von dem Geschauten kam der Abgesandte der Marquise nach
+Versailles zurück und stattete seiner Herrin Bericht ab. Einige Tage
+nachher wurde Stefano Vinacche selbst nach Versailles beschieden und
+daselbst sehr höflich und zuvorkommend von Herrn von Chamillard
+empfangen! Ein langes Gespräch hatten die beiden Herren miteinander, und
+hinter einem Vorhange lauschte die Marquise von Maintenon demselben.
+Aber aalglatt entschlüpfte Vinacche jeder Frage, die sich auf seine
+große Kunst bezog; er nahm Abschied und bestieg seine Karosse wieder,
+ohne daß die Marquise und Chamillard ihrem Ziel im geringsten
+nähergekommen wären.
+
+»Lassen wir d'Argenson kommen!« sagte Frau von Maintenon. »Um keinen
+Preis darf uns dieser Mann entgehen.«
+
+Monsieur de Chamillard verbeugte sich bis zur Erde, und -- d'Argenson
+ward gerufen.
+
+
+
+
+ V.
+
+ Das Ende.
+
+
+Und Monsieur d'Argenson streckte seine Hand aus; -- es fiel ein
+schwarzer Schatten über das glänzende, fröhliche Leben in der Gasse
+Saint Sauveur; nach allen Seiten hin zerstob das Getümmel der vornehmen,
+reichen und geistreichen Gäste. Die Flucht nahmen die Herzöge, die
+Marquis, die Chevaliers, die Abbés, die Poeten. Wer durfte wagen, da zu
+weilen, wohin Monsieur d'Argenson den Fuß gesetzt hatte?
+
+Aus dem Nebel ragt düster drohend die Bastille! Sie halten den Stefano
+Vinacche, auf daß ihnen sein köstliches Geheimnis »nicht entgehe«,
+und -- am 22. März 1704, einem Sonnabend -- scharren sie ihn ein auf dem
+Kirchhof von Sankt Paul, unter dem Namen =Etienne Durand=.
+
+Wer hat je das Genie durch Gewalt gezwungen, seine Schätze mitzuteilen?
+
+So liest man in den Registern der Bastille:
+
+»In der Nacht vom Mittwoch auf den grünen Donnerstag, als am 20. März
+1704, morgens um ein Viertel auf zwei Uhr verschied in Nummer drei der
+Bertaudiere Monsieur de Vinacche, ein Italiener, in der Gegenwart des
+Schließers La Boutonnière und des Korporals der Freikompagnie der
+Bastille, Michel Hirlancle. Nach dem Tode des Gefangenen gingen die
+beiden Wächter, Monsieur de Rosarges davon zu benachrichtigen, und erhob
+sich dieser und verfügte sich in die Zelle des Sieur Vinacche, welcher
+sich selbst getötet hat, indem er sich gestern, als am Mittwoch,
+ungefähr um zwei Uhr nachmittags mit seinem Messer die Kehle unter dem
+Kinn zerschnitt und sich also eine sehr große und weite Wunde
+beibrachte. Obgleich ihm alle mögliche Hilfe geleistet wurde, konnte man
+ihn doch nicht retten. Da der Sterbende einige Zeit hindurch das
+Bewußtsein wieder erlangte, so hat unser Almosenierer sein Bestes getan,
+ihn zur Beichte zu bewegen, jedoch ganz und gar vergeblich. Gegen neun
+Uhr abends habe ich Monsieur d'Argenson von dem Unglück Nachricht
+gegeben, und ist derselbe in aller Eile sogleich erschienen, um zu dem
+Sterbenden zu reden, jedoch auch ihm hat der Unglückliche keine Antwort
+gegeben.
+
+ In diesem Schlosse der Bastille 20. März 1704.
+
+ =Dujonca=,
+
+ Königsleutnant in der Bastille.
+
+Wohl mochte nachher d'Argenson in seinem Bericht an Chamillard von
+»_billonage_«, von Kipperei und Wipperei sprechen, es glaubte niemand
+daran, selbst der Berichterstatter glaubte nicht daran; man brauchte nur
+eine Rechtfertigung dem aufgeregten Publikum gegenüber. Zu Versailles
+wirkte die Nachricht von dem Tode Stefano Vinacches gleich einem
+Donnerschlag; der König Ludwig der Vierzehnte wurde darob ebenso zornig
+und niederschlagen, wie später in demselben Jahre über die Kunde von den
+Niederlagen auf dem Schellenberge und bei Höchstedt. Die Frau Marquise
+und die Herren de Chamillard und d'Argenson hatten einige bittere
+Stunden zu durchleben; aber was half das? Stefano Vinacche war tot und
+hatte sein Geheimnis mit in das Grab genommen!
+
+Der Witwe des Unglücklichen meldete man offiziell, ihr Gemahl sei in der
+Bastille am Schlagfluß verschieden; sie blieb im ungestörten Besitze
+aller der auf so geheimnisvolle Weise erworbenen ungeheuren Güter. Der
+alte Bericht, dem wir dieses seltsame Lebensbild nacherzählen,
+vergleicht den gemordeten Stefano mit jenem Künstler, welcher dem
+Imperator Tiberius ein köstliches Gefäß von biegsamem, hämmerbarem Glas
+überreichte. Der Kaiser bewunderte die vortreffliche Erfindung und
+fragte, ob dieselbe schon andern Menschen bekannt sei, welches der
+Künstler verneinte. Auf diese Antwort hin ließ der Tyrann dem genialen
+Erfinder den Kopf abschlagen und die Werkstatt desselben zerstören,
+damit nicht »Gold und Silber gemein und wertlos würden, wie der Kot in
+den Gassen von Rom«.
+
+»_Par notre Dame de Miracle_, Madame, Euer Gemahl war ein großer Mann,«
+sagte der Herzog von Chaulnes zu der trauernden Witwe Stefanos, »Euer
+Gemahl war in Wahrheit ein großer Mann; aber =einen= Fehler hatte er, er
+war zu verschwiegen! Wie oft hab' ich ihn beschworen, mir sein großes
+Geheimnis anzuvertrauen, -- Madame, auf meine Ehre, Monsieur Etienne war
+zu verschwiegen, viel zu verschwiegen.«
+
+»O Madame, Madame, die Welt ist nicht so beschaffen, daß sie ein großes
+Genie in sich dulden könnte!« sagte zur Frau Vinacche der Dichter Jean
+Baptiste Rousseau, der Freund Stefanos. »Madame, die Welt kann das
+Talent nur töten, und es gibt nur einen Trost:
+
+_c'est le même Dieu qui nous jugera tous!_«
+
+»Liebste Schwester,« sagte der Graf d'Aubigné zur Marquise von
+Maintenon, »liebste Schwester, in meinem Leben habe ich noch nichts
+erfunden, wohl aber traue ich mir viel Geschick zu, die Erfindungen
+anderer Leute herauszuholen. Ihr wißt das ja; _mon Dieu_, weshalb habt
+Ihr mir nicht diese Geschichte mit dem Italiener überlassen? Das war
+kein Charakter für die Kunst Monsieur d'Argensons.«
+
+Die Frau Marquise seufzte, zuckte die Achseln und griff nach ihrem
+Gebetbuch, Mademoiselle La Caverne, ihre Kammerfrau, meldete: Seine
+Majestät verfüge sich soeben in die Messe. Graf d'Aubigné, welcher »sich
+wegen seiner Schwester Regierung einbildete, er sei die dritte Person in
+dem Königreiche«, ließ die Unterlippe herabsinken und legte sein Gesicht
+in die frömmsten Falten.
+
+»Gehen wir, mein Bruder,« sagte die Marquise. »Wir wollen beten für die
+Seele dieses unglücklichen Monsieur de Vinacche und bitten, daß Gott uns
+seinen Tod nicht zurechne.«
+
+
+
+
+ ******************************
+ * *
+ * Ein Besuch *
+ * *
+ ******************************
+
+
+
+
+Es war schon Dämmerung, als der Besuch kam; so sehr Dämmerung, daß es
+uns unmöglich ist, zu sagen, wie der Besuch aussah. Es ist uns überhaupt
+nicht leicht gemacht, hierüber ganz deutlich zu werden. Helfen uns die
+Leserinnen selber nicht dabei, so werden wir auf diesem Blatt Papier mit
+Feder und Tinte wenig ausrichten.
+
+»Wieder ein Tag, Johanne, in Einsamkeit und mühseliger, geringen Nutzen
+bringender Arbeit; und zu der Arbeit trübe Gedanken den ganzen Tag über.
+Wegplaudern kann ich dir deine Sorgen nicht; da habe ich Schwestern, die
+das besser verstehen. Ich kann nur hier und da eine Stunde bei dir
+verweilen; laß mich das jetzt, vielleicht ist dir wohler nachher. Hast
+auch wohl schmerzende Augen von dem ewigen Schaffen so spät in den
+Jahren? Die darfst du dreist zumachen, derweil ich bei dir bin. Nur
+keine unnötigen Höflichkeiten unter Freunden. Laß dich gehen, ich lasse
+mich auch gehen und lege mir niemandes wegen Zwang an, und viel Zeit
+habe ich nie, das wißt ihr ja alle, die ihr mich dann und wann unter
+euerer übrigen Bekanntschaft in der Welt bei euch seht. Wo warst du
+eben, Johanne?«
+
+»Sie feierten ein Fest heute drunten im Hause, daran habe ich gequält,
+widerwillig teilnehmen müssen. Es war so viel Wagenrollen in der Gasse
+und vor dem Hause, die Leute waren so laut; es drang so viel lustiger
+Lärm zu mir herauf. Es war töricht: aber ich ließ mich von meiner
+Phantasie hinabführen zu meiner jungen, reichen, glücklichen
+Hausgenossin; und da wurde mein Schicksal bitterer, ich war den Tag über
+unzufriedener denn je mit meinem Lose; ach, da es nun wieder stiller
+geworden ist, will ich es nur gestehen: ich war recht böse den Tag über,
+voll Mißgunst, Neid und Eifersucht. Es war sehr unrecht.«
+
+»Ja freilich, du bist arm, und deine Hausgenossin ist reich; du bist alt
+geworden, und deine Hausgenossin ist noch jung. Niemand kommt zu dir als
+von Zeit zu Zeit ich, und jene führt das lebendigste Leben. Daran kann
+ich nichts ändern, nicht den kleinsten Stein des Anstoßes in der
+Körperlichkeit der Dinge kann ich dir aus dem Wege räumen; -- aber wie
+wäre es, wenn du dessenungeachtet jetzt doch einmal einige Wege mit mir
+gingest -- die ich dich führe?«
+
+Da die Frau Johanne jetzt lächelt, ist sie schon auf diesen Wegen mit
+ihrem Besuch -- dieser seltsamen Besucherin, die nicht plaudert, wenige
+Neuigkeiten weiß, sondern nur von Zeit zu Zeit die Hand oder auch nur
+den Zeigefinger erhebt. Frau Johanne hat dabei auch dem andern Rat ihres
+stillen Gastes Folge gegeben; sie hat die Augen geschlossen. Bei
+geschlossenen Augen sagt sie: »Ja es ist unrecht, und es nützt auch
+nichts, andern ihr Glück oder vielleicht auch nur den Schein des Glückes
+zu mißgönnen. Das Leben geht so rasch hin, und es wird so schnell Abend
+aus Morgen allen Leuten!
+
+Ist es nicht wie gestern, als es auch noch in meinem Leben Morgen war?
+als ich so jung war wie diese junge Nachbarin und auch über schöne
+Teppiche schritt? als die Wagen auch vor meiner Tür hielten und die
+Gäste zu mir kamen? als meine Gestalt aus dem Pfeilerspiegel im
+Festkleide mir zulächelte und Richard mir über meine Schulter
+zuflüsterte, was der Spiegel mir sagte?
+
+Hab' ich damals, an meinem Morgen, in meinem Frühling, in meiner Jugend
+viel daran gedacht, wie die Leute über meinem Haupte, unter meinen
+Füßen, die Nachbarn gegenüber lebten, und ob sie weniger jung, sorgenlos
+und glücklich als ich waren?«
+
+»Siehst du, es wandelt sich gut an meiner Hand,« nickte der Besuch. »Nur
+weiter, komm nur weiter, wir sind auf dem ganz richtigen Wege. Es ist
+nur, weil man in der mißmutigen Stunde nicht recht seine Gedanken
+zusammennehmen kann, daß man seine Tage so regenfarbig, seine Nächte so
+dunkel und sternenlos sieht. Was zeigte dir dein Spiegel noch außer
+deiner Gestalt im Haus- und im Festkleide und den Bildern deiner
+nächsten Umgebung?«
+
+Frau Johanne legt das Haupt in ihrem Stuhl zurück und die Hand auf die
+Stirn. Sie sitzt wieder vor ihrem hohen, vornehmen Spiegel, den Rücken
+gegen die Fenster gewendet. Aber aus dem zerbrechlichen Glase und der so
+leicht verwischbaren Folie von damals ist in Wahrheit ein Zauberspiegel
+geworden, aus dem sich wesenhaft, greifbar, voll Leben und Wirklichkeit
+die Hoffnung, der Trost, das beste Glück ihrer Witwenschaft, ihrer
+Kinderlosigkeit, ihres Alters loslösen.
+
+Es sind aber nicht die Abbilder ihrer nächsten Umgebung, die Möbel,
+Wände, Gemälde, Teppiche und Vorhänge ihres damaligen Gemaches, die sie
+nun mit ihren geschlossenen Augen wiedersieht. Es ist das Stück der
+Gasse, das gegenüberliegende Haus, das damals in den goldenen Rahmen
+zufällig mit hineinfiel und nun wieder lebendig in ihm leuchtet, nachdem
+Glas und Folie längst zersplittert und verwischt sind, wie Glanz und
+Glück jener lange vergangenen Tage.
+
+»Ich denke, wir wagen es noch einmal, folgen unserm guten Einfall und
+schlüpfen hinüber zu der unbekannten Nachbarin. Was meinst du, Johanne?«
+
+»Ein Einfall!« murmelt die Frau Johanne. »Nur ein seltsamer Einfall --
+_un concetto, una fantasia strana_, wie die Italiener sagen. Und mir
+vielleicht auch nur darum möglich, weil ich eben erst mit Richard von
+unserm schönen langen Aufenthalt in Italien nach Hause gekommen war.
+Dort, in Italien, folgen die Leute viel leichter als hier bei uns ihren
+Einfällen und schlüpfen so über die Gasse und halten gute Nachbarschaft,
+zumal wenn sie sich vom Fenster oder -- Spiegel aus schon längst kennen
+und unser Gatte einmal gesagt hat: 'Der Mann der hübschen kleinen Frau
+im blauen Kleide da drüben ist einer unserer besten, talentvollsten
+Unterbeamten, Johanne; das Weibchen mit seinem Kindchen ist wirklich
+allerliebst, schade, daß sie nicht zu uns gehören, d. h. nicht in unsere
+Gesellschaftskreise passen.'«
+
+»Ja, was würde aus euerer Welt werden, wenn ich nicht immer von neuem,
+zu jeder Zeit und überall eure närrischen Kreise störte und euch
+zusammenbrächte im Wachen und im -- Traum? Nur weiter, immer weiter,
+Johanne. Die Nachbarin wohnt in keinem vornehmen Hause; die Treppen, die
+zu ihr hinaufführen, sind steil und dunkel; aber wir sind auf dem
+rechten Wege -- ganz auf dem rechten Wege!«
+
+»Auf dem rechten Wege! Wie kommst du eigentlich hierzu, Johanne?« habe
+ich mich noch auf der steilen dunkeln Treppe gefragt. »Ihr habt euch ja
+noch nicht einmal zugenickt und noch weniger je ein Wort miteinander
+gesprochen. Wie wäre das auch möglich gewesen bei so vielem andern
+gesellschaftlichen Verkehr?«
+
+»Das weiß ich am besten, von welchen Kleinigkeiten alles abhängt,« sagt
+der Besuch. »Törichtes Menschenvolk! wo bliebet ihr, wenn nicht ich aus
+dem Kern den Baum, aus dem Funken das Licht, aus dem Hauch den Sturm
+machte? Dein Blut war noch abenteuerlich unruhig von den bunten
+Erlebnissen in der Fremde; du hattest viel gähnen müssen an jenem Tage;
+leugne es nicht, Johanne, du warst eigentlich in keiner angenehmen
+Stimmung, trotzdem daß du noch jung, reich und eine Schönheit warst. Zu
+verbraucht, alltäglich, gewöhnlich, abgenutzt und gering erschien dir
+alles in der behaglichen Heimat um dich herum.«
+
+»Und Richard hatte mir jetzt gesagt: Unsere Nachbarin hat Unglück
+während unserer Abwesenheit gehabt; der Mann ist ihr gestorben; wir
+werden nicht leicht einen so guten Arbeiter wieder bekommen. -- Da sah
+ich sie statt im blauen oder rosa Kleide in einem schwarzen am Fenster,
+bleich und kummervoll. Und sie trug ihr Kind auf dem Arme, ihr armes
+verwaistes Kindchen, und da --, da nickte ich ihr zu von meinem Fenster;
+und da --, da bin ich zu ihr gegangen!«...
+
+Und nun ist sie wieder bei ihr, die Träumende, -- die Freundin bei der
+Freundin, und die Zeiten -- die Stunden, Tage und Jahre vermischen sich
+wunderbar im süß-melancholischen Dämmerungstraum. Der Besuch könnte nun
+wohl gehen -- o wie lebendig, wie lebendig ist alles nun im Traum!...
+
+Im Traum. Die alte Frau schläft in ihrem Stuhl nach dem arbeitsvollen
+mühsamen Tage. Sie denkt nicht mehr über die Vergangenheit; sie träumt
+von ihr und süß und friedlich; denn der Besuch hatte ihr ja vorher
+leise, beruhigend die Hand auf die furchenvolle Stirn gelegt.
+
+Nun ist der Raum um sie her nicht mehr beschränkt und niedrig, nun sind
+die Gerätschaften nicht mehr ärmlich und abgenutzt; denn im gleichen
+Stübchen und unter gleichem Geräte führte ja die beste Freundin ihrer
+Jugend ihr =liebes=, stilles Leben. Zu solchem Stübchen schlich sie aus
+dem Glanz und der Fülle des eigenen Daseins, und alles ist im Traum wie
+damals um sie her.
+
+Wie viele Jahre gehen vorüber während der kurzen Augenblicke, in denen
+sie jetzt die Augen geschlossen hält? Wechselnde Schicksale -- viel
+Sorge und Angst im Mittage des Lebens auch im eigenen Hause. Was ist
+noch übrig von alledem, was damals war? Wo sind die hohen Spiegel, die
+Purpurvorhänge, die weichen Teppiche -- die Freunde, die Bekannten der
+Jugend? Ist doch der eigene Gatte so lange schon tot und die eigenen
+Kinder; und auch die Freundin schläft ja nun lange schon unter ihrem
+grünen Hügel und steigt nur dann und wann daraus hervor in der
+=Erinnerung= und im =Traum=, und lächelnd, tröstend und Geduld anratend
+zumeist auch nur dann, wenn vorher der Besuch gekommen ist, den die
+Greisin, die arme alte Frau Johanne, bei ihrer späten, beschwerlichen
+Lebensmühe wie in der Dämmerung des heutigen Abends bei sich empfangen
+hat.
+
+Von all den guten Freunden, den lieben Bekannten ist niemand übrig, ist
+niemand treu als das Kind, das einst die Träumerin zum erstenmal
+hinüberzog aus ihrer Lebensfreude und dem Glanz ihrer Jugend zu dem Leid
+der jungen Nachbarin im schwarzen Kleide. Und dieses Kind ist erwachsen,
+ist auch eine verheiratete Frau und weit in der Ferne. -- -- --
+
+Horch, ein Schritt auf der Treppe.
+
+Ist es die Stimme des Besuchs, welche die Frau Johanne noch in ihrem
+Traume vernimmt: »Nun gehe ich und lasse dich der Wirklichkeit. Wie gern
+käme ich zu allen so wie zu dir in den bösen Stunden des Erdenlebens,
+wie gern hülfe ich allen so wie dir hinweg über die dumpfen Pausen
+zwischen euern Schicksalen; wenn ich nur nicht so oft vor die
+verschlossene Tür käme. In den Büchern heiße ich eine vornehme Frau; mit
+einem großen Gefolge hoher Söhne und Töchter schreite ich durch die
+Jahrtausende, aber gern sitze ich nieder zu den Kindern, den Armen, den
+Bekümmerten -- mit Freuden komme ich zu denen, die aus Büchern nur wenig
+oder nichts von mir wissen. Nun lebe wohl, du närrisch alt Weiblein,
+lache und weine dich aus in dem Glück der Gegenwart und Wirklichkeit und
+halte mir deine Tür offen; ich klopfe nicht gern lange vergeblich.«...
+
+Es war nur der Briefträger, dessen Schritt man auf der Treppe gehört
+hatte. Der Brief aber, den er der Frau Johanne brachte, lautete freilich
+trotz der ganzen, vollen Wirklichkeit, die er verkündete, wie
+Glockenklang und Jubelruf aus Dichtung und Wahrheit.
+
+»Meine liebe andere Mutter, ich bin so glücklich -- Franz ist daheim!
+Gesund und so bärtig wie ein Bär und so sonnenverbrannt -- entsetzlich!
+Aber es hat ihm, Gott sei Dank, nichts geschadet, und ich bin so
+glücklich, so glücklich! Gestern sind sie eingezogen, und es war so
+wundervoll, und ich hatte einen so guten Platz. Ich brauchte den Leuten
+vor mir nur zu sagen: ich habe ja auch meinen Mann darunter, und sie
+trugen mich fast auf ihren Armen in die erste Reihe. Und wir -- ich und
+viele Hunderte und Tausende von meiner Sorte, hätten fast den ganzen
+Effekt gestört. Das war ja aber auch nur zu natürlich, und kein
+Feldmarschall und sonstiger großer General und Prinz durfte etwas
+dagegen einwenden. Ich hing ihm unter den Trommeln und Trompeten, den
+Pferden und Bajonetten am Halse, und wie ich nachher nach Hause gekommen
+bin, weiß ich nicht. Nun habe ich ihn aber selber wieder zu Hause --
+ganz und heil zu Hause: es lebe der Kaiser und mein Mann und mein Kind
+und du, mein liebes zweites Mütterchen! Und nun höre nur, über acht Tage
+sind wir alle bei dir, -- er, Franz, muß dir ja sein Eisernes Kreuz
+zeigen und ich dir unsern Jungen und meinen tapfern Ritter und
+Landwehrmann, den sie mir so unvermutet mitten im vorigen Sommer von
+seinem Zeichen- und meinem Nähtisch wegholten und für das Vaterland ins
+fürchterlichste Kanonenfeuer stellten. Was haben wir ausgestanden, Mama!
+Da war es ja noch ein Segen, daß der Junge noch zu klein und dumm war,
+um schon mit einsehen zu können, was der Mensch an Ängsten und Sorgen
+auf der Erde und im Kriege aushalten muß und kann. Aber eins hat er auch
+noch zuwege gebracht, und das ist herrlich -- ich meine der Krieg und
+nicht unser Junge natürlich -- ach, ich bin immer noch so konfus und
+habe es wie tausend Glocken im Ohr und wie Ameisen in allen Gliedern!
+nämlich die Privatingenieure sind im Preise gestiegen, und unser Weizen
+blüht endlich auch einmal. -- Darüber werden wir denn recht eingehend
+reden in acht Tagen in deinem lieben Stübchen; du sollst und darfst uns
+nun nicht mehr so einsam und allein sitzen, jetzt, da es uns so gut geht
+und noch viel besser gehen wird, was wir aber um Gottes willen ja nicht
+berufen, sondern ja bei dem Wort dreimal unter den Tisch klopfen wollen!
+Wir haben alle so viel ausstehen müssen und einander so wenig helfen
+können; aber nun soll's anders werden, sagt Franz. Eine bessere Stelle
+haben wir schon, nämlich Franz, und dies hat sich schon mitten im Kriege
+gemacht, wo merkwürdigerweise nicht bloß Leute zusammengeraten, die sich
+auf den Tod hassen, sondern auch solche, die einander recht gut
+gebrauchen können. Nun sagt er, jetzt gäbe er nicht mehr nach, und
+sollte er noch dreimal so lange wie vor dem schrecklichen Metz vor dir
+in die Erde gegraben liegen und dich belagern müssen. Er erzählt
+furchtbare Dinge von seiner Hartnäckigkeit und neugewonnenen Erfahrung
+in dergleichen Kriegskunststücken; und er behauptet, es wäre gar kein
+Zweifel, jetzt kriegte er dich -- wir kriegten dich! O könnten wir's dir
+doch zum tausendsten Teil vergelten, was du so viele kümmerliche Jahre
+durch bis in unsere Brautzeit und bis zu unserer Heirat an uns getan
+hast!
+
+Ich glaube meinem Manne natürlich auf sein Wort, daß du jetzt zu uns
+kommen wirst, aber ich verlasse mich eigentlich doch noch mehr auf
+meinen Jungen. Was soll das arme Kind ohne dich anfangen,
+Großmütterlein; jetzt, wo es anfängt zu laufen und ich doch nicht ewig
+aufpassen kann? Großmütterchen, du gehörst zu unserm Richard wie die
+Stadt Metz wieder zum Deutschen Reich, was aber eine recht schlechte
+Vergleichung ist; ich kann aber nichts dafür, weil ich als jetzige
+glorreiche Kriegsfrau so kurz nach den vielen Siegen und Eroberungen
+mich nur in solchen Vergleichungen bewegen kann und übrigens auch eben
+keine andere wußte.
+
+Wir mieten natürlich eine größere Wohnung, und es wird ein Leben wie in
+Frankreich, wo es freilich, wie Franz meint, die letzte Zeit durch kein
+gutes Leben gewesen ist, was also eigentlich wieder nicht paßt. Nein,
+wir wollen leben in Deutschland, wie ich es mir als das Schönste denke;
+und denke du dir es auch so lieb, als wenn alle Dichtung auf Erden, wenn
+du diesen Brief bekommst, eben zum Besuch bei dir gewesen wäre und dich
+leise auf unsere Pläne und Absichten mit dir vorbereitet hätte, daß dir
+der Schrecken nichts schade! Was ich dir eigentlich schreibe, weiß ich
+gar nicht, und den Jungen habe ich auch beim Schreiben auf dem Schoße.
+* Dieser Klex kommt auf seine Rechnung, denn greift er mir nicht in die
+Frisur, so führt er mir mit die Feder.
+
+Und nun nichts mehr; denn in acht Tagen sind wir bei dir; und obgleich
+ich hier jetzt an keiner Stunde am Tage was auszusetzen finde, so wollte
+ich doch, daß es erst über acht Tage wäre, um dir Auge in Auge, Mund auf
+Mund sagen zu können, wie ich bis in den Tod dein dankbares Kind bin und
+bleibe, du meine zweite Herzensmutter!«...
+
+Die Frau Johanne hat viel Unglück im Leben gehabt. Eigene Familie hat
+sie nicht mehr, ihr Mann ist tot, ihre Knaben sind ihr schon als Kinder
+genommen, ihren Wohlstand hat sie auch verloren, und doch gibt es keine
+andere Frau in der Stadt, die in dieser Stunde so glückliche Tränen
+weint wie diese, welche nie dem Besuch, der in der Dämmerung bei ihr
+war, die Tür verschloß, und die an seiner Hand in den Traum sich leiten
+ließ, bis die Wirklichkeit anklopfte und ihr die reife liebliche Frucht
+jenes »Einfalls« und Nachbarschaftsbesuchs der Tage der Jugend in den
+Schoß legte.
+
+
+
+
+ ******************************
+ * *
+ * Auf dem Altenteil *
+ * *
+ * Eine Silvester-Stimmung *
+ * *
+ ******************************
+
+
+
+
+ I.
+
+
+Sie hatten den Senioren der Familie alle Ehre angetan, wie sich das denn
+auch wohl so von Rechts wegen gebührte; aber der Lärm wurde den
+weißhaarigen Herrschaften allmählich doch ein wenig zu arg. Die alte
+Dame, die immer noch um ein paar Jahre jünger war als der alte Herr,
+hatte dem letzteren ein ihm schon längst wohlbekanntes kopfschüttelnd
+Lächeln gezeigt, welches weiter nichts bedeutete als:
+
+»Kind, Kind, bedenke den Morgen und deinen Rheumatismus! Es hat alles
+seine Zeit, und ich glaube, die unsrige ist jetzt vorhanden.«
+
+Der alte Herr hatte zuerst ganz erstaunt aufgesehen und sein Weib an:
+Nicht mehr bis Mitternacht, und in das neue Jahr hinein? Ei, ei, ei --
+hm!
+
+»Hm,« sagte der alte Herr, in dem fröhlichen Kreise erhitzter Gesichter
+umherblickend; »es hat freilich alles seine Zeit; aber es ist
+sonderbar, und, liebe Kinder, es kommt einem ganz kurios vor, wenn auch
+dieses -- zum erstenmal Zeit wird!«
+
+Dabei hatte er sich aber bereits etwas mühsam aus seinem Sessel erhoben.
+Den Kopf schüttelte er auch; jedoch ohne dabei zu lächeln wie seine
+Frau.
+
+»Du hast recht, Anna; es ist unsere Zeit gekommen, und so wünsche ich,
+wünschen wir euch jungem Volk --«
+
+Von einem Gewissen war bei diesem »jungen Volk« natürlich nicht die
+Rede. Dazu waren sie sämtlich (auch die Ältesten unter ihnen) noch viel
+zu jung, und viel zu vergnügt und viel zu aufgeregt durch die uralten,
+ewig jungen Stimmungen der letzten Stunden des scheidenden Jahres. Ein
+Gewühl von blonden und braunen Köpfchen und Köpfen, von Händen und
+Händchen erhob sich um die beiden Greise; und alle Verführungskünste,
+deren die Menschheit in ihrer Erscheinung als Familie in der
+Silvesternacht fähig ist, waren zur Anwendung gebracht worden.
+
+Einmal noch schadete es sicherlich gewiß nicht!... Großpapa und
+Großmama hatten noch nie so munter ausgesehen!... Es ging ja niemand zu
+Bett vor Mitternacht, selbst die Jüngsten nicht!...
+
+»Nun, Mutter! Einmal noch? Was meinst du?« Kleine weiße Händchen --
+weiße beringte Hände hatten ihre Verführungskünste nicht ohne Erfolg
+versucht; nun legte sich statt anderer Antwort auf die Frage des alten
+Herrn wieder eine Hand auf die seinige. Das war aber keine weiche, keine
+weiße, keine kräftige mehr; aber eine starke und treue war es auch;
+vielleicht wohl die stärkste und treueste.
+
+»Die Großmutter hat recht! Es hat alles seine Zeit, und die unsrige ist
+gekommen. Junges Volk, wir werden zu Bette geschickt von ihr, der Madame
+Zeit, während die Jüngsten aufbleiben dürfen. Der Kopf summt uns zu sehr
+morgen früh, wenn wir uns dagegen sperren und wehren; und es ist zwar
+hübsch von Großmama, wenn sie nur von Rheumatismus spricht; aber das
+rechte Wort ist es eigentlich nicht. Sie hätte ganz dreist Gicht sagen
+können, gerade so gut wie der Herr Schwiegersohn und _Doctor medicinae_
+da hinter seinem Punschglase, wenn er jetzt ein Gewissen hätte. Liebe
+Kinder, wir sind beide über siebenzig Jahre alt, und --«
+
+»Oh!...«
+
+»Und wir sind sehr glücklich und behaglich. Sehr wohl ist uns zumute
+und so wünschen wir euch allen zum erstenmal vor Ablauf des alten Jahres
+ein glückliches neues.... Bitte, lieber Sohn, ich weiß, was du sagen
+willst; aber wende dich damit an die Mama, die wird dich versichern, daß
+deine Frau, unsere liebe Sophie da, heute über dreißig Jahre sicherlich
+gleichfalls viel verständiger sein wird, als du. Wende dich an deine
+Mutter, mein Schmeichelkätzchen Marie. Sie hat immer gemeint, du seiest
+ganz ihr Vorbild, also wirst du wohl wissen, was in vierzig Jahren in
+der Neujahrsnacht deine Meinung sein wird, wenn die unverständige Jugend
+dir deinen Mann da verführen will. Schieben Sie die Kinder nicht so
+heran, lieber Schwiegersohn, sie machen der Großmama nur das Herz
+schwer. Es ist Zeit geworden für uns; -- -- -- ein fröhliches,
+segensreiches Jahr ihr -- alle!...«
+
+»Alle!« jubelten sie, und die Gläser hatten geklungen, und die Kinder,
+die Enkel hatten sich zugedrängt und ihre kleinen Becher hingehalten,
+ohne daß man sie dazu zu schieben brauchte. Sie hatten sehr gejubelt;
+und die Tonwellen der Gläser und der Stimmen waren verklungen.
+
+»Nun seid weiter vergnügt; aber die Kinder laßt ihr mir morgen
+ausschlafen. Begleitung nehmen wir nicht mit, die Trepp' hinauf. Wir
+finden unseren Weg schon allein, nicht wahr, Walter?« sagte die alte
+Dame, die Großmutter des Hauses.
+
+
+
+
+ II.
+
+
+Sie entschlüpften, wie man entschlüpft, wenn man das siebenzigste
+Lebensjahr hinter sich hat. Langsam stiegen die beiden die
+teppichbelegte Treppe in ihre Stube hinauf, der Greis gestützt auf den
+Arm der Greisin; und dann waren sie allein miteinander, noch einmal
+allein miteinander in der Neujahrsnacht.... Umgesehen hatten sie sich
+nicht auf der Treppe und einen leisen Schritt, einen Kinderschritt, der
+ihnen nachglitt, den hatten sie überhört. Ein so scharfes Ohr, wie vor
+Jahren, hatte keins von den zwei Alten mehr; aber diesen Schritt, diesen
+Geister-Kinderschritt würde auch wohl jedes andere jüngere Ohr überhört
+haben. --
+
+Auf dem Altenteil! Das kann eines der bittersten Worte sein, die das
+Schicksal den Menschen in dieser Welt zuruft; aber auch eines der
+behaglichsten. Für diese beiden Alten war es nach langer schwerer,
+mühseliger Arbeit ein behagliches geworden. Sie fanden ihre Gemächer
+durch ein verschleiertes Lampenlicht erhellt, ihre beiden Lehnstühle an
+den warmen Ofen gerückt und:
+
+»Mit dem Schlage Zwölf komme ich doch und poche an eurer Kammertür und
+spreche meinen Wunsch durchs Schlüsselloch. Ihr braucht aber nicht
+darauf zu hören; ich schicke ihn euch auch in den Schlaf hinein!« hatte
+das jüngste und am jüngsten verheiratete Töchterlein als letztes Wort im
+Festsaale da unten gesagt.
+
+»O mein Gott, da sitzt ihr noch?« rief dieselbe junge Frau unter dem
+Glockenklang und dem Neujahrschoral von den Türmen, unter dem plötzlich
+aufklingenden Gassenjubel und dem Jubel der Kinder und Enkel in dem
+Saale des Hauses. »Das ist doch ganz wider die Abrede, und heute übers
+Jahr werden wir euch da unten bei uns fester halten, ihr Lieben, Bösen,
+Besten!... Ein glückliches neues Jahr, Großpapa! ein glückliches neues
+Jahr, Großmama!«
+
+Da stand ein niedrig lehnenloses Sesselchen mit einem verblaßten
+gestickten Blumenstrauß darauf neben den zwei Stühlen der Greise. Die
+junge Frau, nachdem sie den Vater und die Mutter mit ihren Küssen fast
+erstickt hatte, saß nieder auf dem kleinen Stuhl und hatte keine Ahnung
+davon, wer eben vor ihr darauf gesessen und die Mutter und den Vater
+gegen die Abrede und gegen ihren eigenen festen Vorsatz wach gehalten
+hatte über die Mitternachtsstunde hinaus und aus dem alten Jahr in das
+neue hinein! Mit leise bebender Hand strich die alte Frau die blonden
+Haare der Tochter aus dem lebensfreudigen, glühenden, erhitzten
+Gesichte. Die blonden Locken, die sich eben vor ihr ringelnd bewegt
+hatten, waren schon vor vierzig Jahren zu Staub und Asche geworden: die
+junge Frau wußte nichts von ihnen, oder doch nur gerüchtweise. Lange vor
+ihrer Geburt war das erste, das älteste Kind gestorben, zwölf Jahre alt.
+Ein halbverwischtes Pastellbildchen, das über der Kommode der Mutter,
+der Großmutter des Hauses, hing, war alles, was von ihm übrig geblieben
+war in der Welt.
+
+Alles?
+
+
+
+
+ III.
+
+
+Ein leiser Schritt, ein unhörbarer Schritt; -- ein Geister-Kinderschritt
+in der Silvesternacht!... Wir haben gesagt, daß die beiden Greise vor
+einer Stunde die Treppe zu ihren Gemächern hinaufgestiegen und ihn, wie
+wir übrigen alle, nicht vernahmen. Ganz war es doch nicht so.
+
+Als der alte Herr der alten Dame mit immer noch zierlicher Höflichkeit
+die Tür öffnete, um sie zuerst über die Schwelle treten zu lassen, hatte
+die Frau einen Augenblick gezögert und zurückgesehen und gehorcht.
+
+Der alte Herr glaubte, sie horche noch einmal auf den fröhlichen Lärm,
+auf das heitere Stimmengewirr der Neujahrsnacht dort unten im Festsaal
+des Hauses.
+
+»Sie sind gottlob recht heiter,« meinte er, »wüßte auch nicht, weshalb
+nicht. Und auch wir, -- Mutter! -- nicht wahr, Alte?... Wie spät ist es
+denn eigentlich? Elf Uhr! Noch früh am Tage, wenngleich wirklich ein
+wenig spät im Jahre.«
+
+»Ja, Walter!« hatte die Greisin erwidert, aber nur, um doch eine Antwort
+zu geben. »Ich hörte eigentlich nicht auf dich; ich dachte an unser
+Ännchen,« fügte sie hinzu, als sich die Tür hinter ihnen geschlossen
+hatte und sie in der letzten Stunde des ablaufenden Jahres mit sich
+allein waren.
+
+
+
+
+ IV.
+
+
+Das junge Volk! Längst hat es drei Viertel des Hauses nach seinem
+Geschmack und Bedürfnis eingerichtet und mit vollem Rechte des Lebens.
+An das Reich der beiden Alten hat keine Hand gerührt; außer dann und
+wann eine Kinderhand, deren volles Recht des Lebens es freilich ist und
+immerdar sein wird, in der Großväter und der Großmütter Hausrat,
+Schubladen und Schränken zu wühlen und zu kramen und sich die vom Anfang
+der Welt an dazugehörigen erstaunungswürdigen, lustigen und traurigen
+Geschichten erzählen zu lassen.
+
+Es war einmal!... oh, noch einmal von dem, was war!... Und so war es
+gekommen, daß die jüngste Tochter des Hauses die Eltern um Mitternacht
+noch wach fand unter den Glocken, die das neue Jahr einläuteten. Eine
+Kinderhand aber war es wiederum gewesen, die an den Schleiern der
+Vergangenheit gezupft hatte: »Es war einmal! Ich bin da! -- Mama, du
+sagst in dieser Stunde nicht: Man hat doch keinen Augenblick Ruhe vor
+dir, Kind! -- Ich bin da; und nun laßt mich sitzen auf meinem Stuhl,
+laßt uns erzählen: Es war einmal!... laßt uns erzählen von dem, was
+einmal war!«...
+
+Und sie hatten davon erzählt, die beiden Greise nämlich. Das Kind hatte
+nur drein gesprochen.
+
+»Sie wäre gewiß auch eine stattliche Frau und eine gute geworden,« sagte
+die alte Dame. »Ich meine, am meisten hätte sie wohl der Theodore
+geglichen, wenn wir sie behalten hätten, das liebe Kind. Sie haben alle
+da unten, -- unsere meine ich, Papa! -- ein hübsches lustiges Lachen;
+aber ich kann nichts dafür, ich muß es sagen: wie das Kind, unser
+Ännchen, ist doch keins so glücklich in seinem Lachen gewesen. Die
+andern kennen wir ja auch nun schon lange mit ihren Sorgen und ihren
+Nöten und ihren unnützen Ärgernissen. Keins von ihnen lacht und kreischt
+und kichert so wie mein Ännchen es tat. Hätten wir die Enkel nicht, so
+würde das Haus wohl manchmal still genug sein; -- selbst dir, Großpapa.«
+
+Da war das Lachen, das vor so langen, langen Jahren zuerst das Haus hell
+und heiter gemacht hatte! Auch der alte Herr, der Großpapa, dem das
+Haus nie ruhig genug sein konnte, kannte es ganz genau.
+
+»Also, ihr wißt es doch noch, wie es war, als wir drei allein waren, und
+dein Haar noch nicht so weiß, Vater; und auch deines nicht so hübsch
+grau, mein Mütterchen, und ich euer liebes, einziges Mädchen! Hier sitze
+ich auf meinem Stuhl und behalte mein Recht, allen meinen Schwestern und
+Brüdern und allen meinen Nichten und Neffen zum Trotz. Ich bin die
+Älteste! Wer auch nach mir gekommen ist, wie viele auch gesessen haben
+auf diesem Schemelchen -- mir gehört es, mir habt ihr es hierher
+gestellt; das ist mein Sitz am Herde! Wer kann mir meinen Platz nehmen
+in eurer Seele? wer in dem Hause, das ihr gebaut habt und in dem ihr
+mich einmal euer Glück nanntet?!«
+
+»Du hast recht, Mutter,« sagte der alte Herr; »ich weiß eigentlich
+nicht, wie wir gerade jetzt darauf kommen; aber das Kind hat immer zu
+mir, -- zu uns gehört. Nur weil wir es wußten, haben wir nicht immer
+dran gedacht. So geht es aber mit allem Wissenswürdigen in der Welt.«
+
+»Mein Ännchen!« seufzte einfach die Greisin; doch die blonden Locken
+wurden wie mutwillig von neuem geschüttelt, und wieder legte sich der
+kleine Finger schalkhaft auf den Mund: »Ja, ich war immer da, wenn ihr
+auch nicht an mich zu denken glaubtet: an manchem schwülen Sommertage,
+in mancher kalten, dunkeln, trostlosen Winternacht. An manchem Feste in
+der lichtstrahlenden Winternacht, an manchem sonnigen, seufzervollen
+Frühlingsmorgen. Jetzt haben die andern da unten im Saale euere Sorgen,
+Freuden und Arbeiten. Ihr aber habt Zeit für mich. Eure andern, die nach
+mir gekommen sind, haben mir wohl mein altes Spielzeug verkramt und
+zerbrochen; aber mein Plätzchen im Hause haben sie mir nicht nehmen
+können. Ich habe es ihnen nur geliehen, einem nach dem andern; doch mein
+Eigentum ist es und bleibt es; nicht wahr, Papa und Mama?! Ihr habt zwar
+unter den andern gottlob nun auch wieder ein Ännchen -- ein Enkelkind
+mit meinem Namen -- aber das tut nichts, wir vertragen uns schon um
+diesen kleinen Stuhl und um -- euch!... Es war wohl ein kleiner Sarg,
+in den ihr mich legen mußtet; aber -- ich bin immer über meine Jahre
+klug gewesen. Ich habe es wohl oft heimlich erlauscht, wenn ihr das über
+mich sagtet. Damals wußte ich freilich nicht recht, was ihr damit sagen
+wolltet, und ob es eigentlich ein Lob für mich sei; jetzt aber weiß ich
+es. Ei ja, ich bin sehr klug für meine Jahre gewesen! nun lacht nur, wie
+ihr damals geweint habt, als ich von euch weggeführt wurde und nicht
+über die Schulter zurücksehen durfte. Seht ihr wohl, da lächelt ihr
+wenigstens schon. Die Jahre sind nun hingegangen; lange, lange Jahre!
+Heute abend habt ihr euch vorgenommen, noch einmal jung zu sein mit
+euren Kindern und Enkeln. Es ist euch auch wohl gelungen, doch nicht
+ganz. Ganz jung seid ihr erst jetzt wieder, da ich mich zu euch gesetzt
+habe, ich -- euere Älteste und euere Jüngste. Nimm meinen Krauskopf
+wieder zwischen deine Hände, Mutter, laß mich wieder auf deinem Knie
+sitzen, Väterchen; draußen schneit es sehr, und der Nordwind bläst, und
+es ist spät in der Nacht; ihr aber schickt mich diesmal noch nicht zu
+Bett; -- wir wollen jetzt einander noch nicht zu Bette schicken; wir
+wollen noch einmal ein Weilchen sitzen und erzählen von =dem, was einmal
+war=.«
+
+
+
+
+ V.
+
+
+Sie hatten nur noch fünf Minuten in ihren Großväterstühlen neben dem
+Ofen sitzen wollen, um sich von dem Feste, dem Händedrücken, all den
+Küssen und guten Wünschen zu dem neuen kommenden Jahre ein wenig zu
+erholen, wie es den ältesten Leuten in der Familie geziemt in der
+Silvesternacht, während die Jugend um die lichterglänzende Festtafel
+weiter jubelt und lärmt, nach der Uhr sieht und den Sekundenzeiger mit
+lachendem Auge verfolgt bis heran an den neuen ernsten Grenzstein ihrer
+Erdenzeit. Und sie, die bereits Greise waren, hatten nicht nach der Uhr
+gesehen; sie hatten gar nicht einmal daran gedacht. Die Sekunden der
+letzten Stunden des Jahres waren ihnen dahingeglitten, wie die vielen,
+langen arbeitsvollen, inhaltreichen Jahre ihres Daseins selber bis in
+dieses jüngste und das eben vor der Tür stehende hinein.
+
+»Du fragst wohl, Vater, wie wir gerade jetzt darauf kommen, und sagst,
+daß du an das Kind lange nicht gedacht hast,« sagte die alte Dame. »Es
+ist freilich lange her, daß wir ihren kleinen Sarg dort in dem Saale, wo
+sie jetzt gottlob so lustig sind, aufstellen mußten. Wie wunderlich es
+doch ist, daß ich gerade jetzt darauf komme, was für eine schöne
+Sommernacht es war, in welcher sie starb! Horch jetzt nur, wie der Wind
+den Schnee gegen die Fenster treibt. Wir haben die andern alle behalten
+und wir haben an unseren Kindeskindern Freude; aber an unsere Älteste
+habe ich doch immer gedacht. Was würde aus den Kindern werden, wenn ihre
+Mütter nicht immer an sie dächten. Selbst die Gestorbenen können ohne
+ihre Mutter nicht auskommen. -- Horch, wie sie es da unten treiben!
+eigentlich ist es recht unrecht von ihnen, daß sie auch die Jüngsten so
+lange aus dem Bette zurückhalten, und ich werde ihnen morgen früh auch
+jedenfalls meine Meinung darüber sagen. -- Als =sie= in ihrem Fieber
+lag, saß ich auch und zerrang mir die Hände und fragte mich Tag und
+Nacht, was ich hätte anders machen können, damit das Schreckliche nicht
+so zu kommen brauchte. Du warst wohl vernünftiger, wenn du aus deinem
+Kontor heraufkamst und mir zuredetest, Geduld zu haben. Wie konnte ich
+wohl verständig sein und Geduld haben? Und man sucht doch immer so, wie
+man einem andern die Schuld geben kann, und wäre man das auch selber!«
+
+»Ich meine, Mutter, wir geben das auf, uns den Kopf darüber zu
+zerbrechen, und noch dazu so spät in der Nacht, im Jahr und in den
+Jahren,« sprach der alte Herr, wiederum sehr vernünftig; und dann
+sprachen sie bis zu dem ersten Glockenschlage der Mitternacht nichts
+mehr miteinander. Dagegen aber füllte sich ihre Stube immer mehr mit den
+Bildern und den Klängen der Vergangenheit. Und der liebliche Spuk der
+Silvesternacht hatte nicht das geringste vom Phantasten an sich. Das
+älteste Kind des Hauses war noch einmal im vollen blühenden Leben Herrin
+im Reich und fand all sein altes verkramtes Spielzeug wieder, wie -- die
+zwei weißhaarigen Greise. Sie paßten wieder ganz zueinander, die Eltern
+und das Kind: der dunkle, geheimnisvolle Vorhang der Zukunft hatte sich
+bewegt, und es war eine Kinderhand, die sich aus den schwarzen Falten
+weiß und zierlich hervorstreckte und winkte. Sie aber, die Fröhlichen da
+unten im Festsaale des Hauses, hatten dem Vater und der Mutter, dem
+Großvater und der Großmutter -- den beiden Alten ein glückliches, ein
+segensreiches neues Jahr gewünscht und hatten zwischen Becherklang und
+lustigem Lachen ihren Wunsch wehmütig ernst gemeint, wie sich das
+gebührte.
+
+»Wie gut der Papa und die Mama heute abend aussahen,« meinten sie. »Es
+ist doch eine Freude, wie frisch sie sich erhalten und wie sie noch an
+allem teilnehmen. Aber verständig war es doch, daß sie nicht über ihre
+Zeit bei uns sitzen blieben. Morgen früh hätten wir uns doch Vorwürfe
+gemacht, wenn wir sie noch länger gequält hätten, das Vergnügen nicht
+durch ihr Weggehen zu stören.... Jetzt aber auf die Uhr gesehen! in
+fünf Minuten wird es Zwölf schlagen; -- ein bißchen leise, Kinder, daß
+=wir die alten Leute nicht wecken!=«...
+
+Zwölf Uhr und -- ein neues Jahr! Alle guten Geister haben einen leisen
+Schritt und gehen auf weichen Sohlen; so schlich sich die jüngste
+Tochter des Hauses weg aus dem jubelnden Kreis, glitt die Treppe hinauf
+und horchte an der Tür der »alten Leute«, die durch den Becherklang, die
+lauten Glückwünsche und alles, was sonst noch in die Stunde gehört,
+nicht gestört werden sollten in ihrer Ruhe auf dem Altenteil.
+
+»O mein Gott, da sitzt ihr noch? Das ist doch ganz wider die Abrede! Sie
+meinen alle da unten, daß ihr längst in den Federn liegt und euch
+behaglich in das neue Jahr hinübergeträumt habt.«
+
+»Das letztere haben wir auch getan, mein Kind,« sagte der alte Herr
+nachdenklich lächelnd.
+
+»Oh, und nun müßte ich sie alle -- alle die übrigen auch noch
+heraufrufen, daß sie euch ihre Meinung sagen. Sie werden es mit Recht
+sehr übel nehmen, wenn ich's nicht auf der Stelle tue, Mama!«
+
+»Laß es lieber, mein Herz,« meinte die alte Dame, leise die blonden
+Flechten vor ihr, die noch nicht Staub und Asche geworden waren,
+streichelnd. »Es würde den Vater doch zu sehr aufregen, und wir gehen
+nun wirklich gleich zu Bett. Wir haben vorher nur noch ein wenig an
+allerlei gedacht, was vor eurer -- vor deiner Zeit war.«
+
+»Ach ich bin so glücklich!« rief die junge Frau. »Wir sind so vergnügt
+da unten an unserem Tische, und ihr hier in euerer lieben, alten, guten
+Stube seht so jung aus und so hell aus den Augen, wie das Jüngste von
+uns -- euern andern! Oh, und mein Franz ist so drollig; der Mensch ist
+mir fast ein wenig zu ausgelassen, oh -- und also noch einmal: ein
+fröhliches, glückliches, gesegnetes neues Jahr euch vor allen und -- uns
+andern auch!«
+
+»Ja, ja!« sagten die =alten Leute= leise zu gleicher Zeit und nickten
+freundlich ihre Zustimmung zu dem guten Wunsch.
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Der Junkervon Denow / Ein Geheimnis /
+Ein Besuch / Auf dem Altenteil, by Wilhelm Raabe
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER JUNKERVON DENOW / EIN ***
+
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+concept of a library of electronic works that could be freely shared
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