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Langkau, Norbert Müller and the +Online Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net + + + + + + Anmerkungen zur Transkription + + Text wurde folgendermaßen markiert: + _Antiqua_ + =gesperrt= + + Zeichensetzung und Rechtschreibung wurden weitgehend übernommen, + außer bei offensichtlichen Fehlern. + + + + + Wilhelm Raabe + + Bücherei + + Erste Reihe: + + Kleinere + Erzählungen + + Zweiter Band + + + + + Berlin-Grunewald + + Verlagsanstalt für Litteratur und + Kunst/Hermann Klemm + + + + + Wilhelm Raabe + + Der Junker von + Denow + + Ein Geheimnis + + Ein Besuch + + Auf dem Altenteil + + Erzählungen + + + Dritte Auflage + 11.-16. Tausend + + + + + Berlin-Grunewald + + Verlagsanstalt für Litteratur und + Kunst/Hermann Klemm + + + + + Gedruckt bei G. Kreysing in Leipzig + Einbandzeichnung entworfen von Bernhard Lorenz + Den Einband fertigte H. Fikentscher in Leipzig + + + + + ****************************** + * * + * Der * + * * + * Junker von Denow * + * * + * Historische Novelle * + * * + ****************************** + + + + + I. + + +Wer am Abend des sechsten Septembers alten Stils, am Donnerstag vor +Mariä Geburt im Jahre unsers Herrn Eintausendfünfhundertneunundneunzig, +nach Sonnenuntergang einen Blick aus der Vogelschau über die Rheinebene +von Rees bis Emmerich und weit nach Ost und West ins Land hinein hätte +werfen können, der würde eines erschrecklichen Schauspiels teilhaftig +geworden sein. + +Schwarze regendrohende Wolken verhingen das Himmelsgewölbe, und es würde +eine dunkle Nacht gewesen sein, wenn nicht der Mensch diesmal dafür +gesorgt hätte, daß es auf der weiten Fläche nicht ganz finster wurde. +Auf den Wällen von Rees leitete, an der Spitze seiner Hispanier, +Burgunder und Wallonen, Don Ramiro de Gusman die Verteidigung der Stadt +und Festung gegen das Reichsheer, welches schläfrig und matt genug der +Belagerung oblag, dafür aber auf andere Weise desto mehr Lärm machte, +wie es einer Armee des heiligen römischen Reichs deutscher Nation +zukam. Ein fahles, blitzartiges Leuchten lag hier über der Gegend, denn +wenn auch das schwere Geschütz seit Mittag schwieg, so knatterte doch +das Musketenfeuer, schwächer oder stärker, rund um die Stadt fort und +fort, und manch ein Wachtfeuer flackerte auf beiden Ufern des Flusses, +welcher manche Leiche in seinen nachtschwarzen Fluten mit sich hinab +führte in das leichenvolle Holland, wo der finstere Admiral von +Aragonien, Don Francisco de Mendoza, und der Sohn der schönen Welserin, +der bigotte Kardinal Andreas von Österreich, die Zeiten Albas +erneuerten. -- + +Wir haben es jedoch nur mit der rechten Seite des Rheines zu tun, wo +tief in das Land hinein unter den zusammengewürfelten Tausenden des +Reichsheeres, Hessen, Brandenburgern, Braunschweigern, Westfalen, der +_furor teutonicus_, die sinnlose, trunkene, deutsche Furie ausgebrochen +war und in Verwüstungen aller Art sich Luft machte. In allen Dörfern +und Lagerplätzen Sturmglocken, Trommeln und rufende Trompeten -- +Geschrei und Jammer des elenden, geplünderten, mißhandelten Landvolkes +-- bittende, drohende Befehlshaber -- flüchtende Herden, Weiber, +Kinder, Kranke, Greise -- Reitergeschwader, die sich sammelten, +Reitergeschwader, die auseinanderstoben -- brennende Häuser und +Zeltreihen, und zwischen allem die Cleveschen Milizen, die +»Hahnenfedern«, zur Wut gebracht durch die Ausschweifungen derer, +welche da Hilfe bringen sollten gegen die Ausschweifungen des fremden +Feindes! Überall Blut und Feuer und Brand -- ein unbeschreibliches, +wüstes, grauenhaftes Durcheinander, zu dessen Schilderung Menschenrede +nicht hinreicht!... + +Lange genug hatte an diesem Abend Don Ramiro, hinter seiner Brustwehr an +eine zerschossene Lafette gelehnt, hinübergeschaut nach den Laufgräben +und Angriffswerken der tollgewordenen Belagerer; jetzt stieg er langsam +herab von seinem Lugaus, und begleitet von zwei Fackelträgern und +mehreren seiner Unterbefehlshaber schritt er durch die Gassen von Rees, +dessen zitternde Bewohner jedes Fenster hatten erhellen müssen, und +dessen Straßen dumpf dröhnten unter den Schritten der gegen die +östlichen Ausfallspforten heranmarschierenden Besatzung. + +»Francisco Orticio!« sagte der spanische Kommandant, und im nächsten +Augenblick stand der Geforderte vor ihm. + +»Alles bereit?« fragte Don Ramiro wieder. + +Der gerüstete Führer senkte stumm den Degen und wies mit der Linken auf +die Haufen der Krieger, welche jetzt alle an den ihnen bestimmten +Plätzen dicht gedrängt, regungslos standen. Des Spaniers Auge flog mit +düsterer Befriedigung über all diese im Glanz der Fackeln blitzenden +Harnische, Sturmhauben, Piken und Schwerter -- er nickte. »Sie würden +sich da draußen untereinander selbst fressen, gleich den hungrigen +Wölfen,« sagte er, »aber wir wollen zur Ehre Gottes und der heiligen +Jungfrau« -- hier lüftete er den Hut, und alle Umstehenden taten +das Gleiche -- »unsern Teil an dem Verdienst haben, die Ketzer zu +vertilgen! Erinnert Euch, Orticio, mit dem Schlage Elf beginnt das Feuer +wiederum -- mit dem Schlage Elf hinaus auf sie! Spanien und die +Jungfrau! die Losung.« + +»An eure Plätze, ihr Herren!« erschallte das Kommandowort Francisco +Orticios -- ein dumpfes Gerassel und Geklirr der sich aneinander +reibenden Harnische -- Don Ramiro de Gusman schritt langsam prüfend die +Reihen entlang; dann stieg er schweigend wieder zu dem Walle empor, nach +einem letzten Wink und Gruß für Orticio, welcher sein Wehrgehäng fester +zog. + +»Noch eine halbe Stund'! Spanien und die Jungfrau, Spanien und die +Jungfrau!« ging es dumpf durch die Reihen der harrenden Krieger. -- -- + +Unsere Geschichte beginnt! + +»So hole der Teufel die meineidigen Schufte und meuterischen Hunde!« +schrie der Hauptmann Burghard Hieronymus Rußwurmb in Verzweiflung, +im Lager der dreizehn Fähnlein gewappneter Knechte, Reisiger und +Fußsöldner, welche Herr Heinrich Julius, postulierter Bischof zu +Halberstadt, Herzog zu Braunschweig und Lüneburg als Obrister des +niedersächsischen Kreises zufolge des Koblenzschen Reichsabschieds +für diesen Krieg geworben und aus aller deutschen Herren Ländern +zusammengebracht hatte. »Ist denn die Welt ganz umgekehrt? Es ist zum +Rasendwerden!... So schlage zum letzten Mal die Trommel, Hans Niekirche +-- o heiliges Wort Gottes, das ist das Jüngste Gericht!« + +Hans Niekirche aus Braunschweig, der Trommelschläger, ein blutjunger +Wicht, welcher einem Schneider seiner Geburtsstadt aus der Lehre +gelaufen war, hatte, hierhin gestoßen, dahin gezerrt, sich fast zwischen +die langen Beine seines Hauptmanns gerettet und fing nun mit zitternden +Händen von neuem an, das Kalbfell zu bearbeiten; während der Hauptmann +hin und her lief, mit beiden Händen das Haupthaar durchwühlend. Er hatte +wohl das Recht, zornig zu sein, der Wackere! Dicht hinter sich hatte er +ein geplündertes Bauernhaus, dessen Fenster und Türen eingeschlagen +waren, und auf dessen Schwelle ein junges Weib mit zerrissenen Kleidern, +in der im letzten Krampf zusammengekniffenen Hand ein Büschel roter +Haare, leblos ausgestreckt lag. An sein linkes Bein hing sich jetzt auch +noch ein arm Kindlein in seiner Todesangst, zu seiner Rechten schlug +Niekirch seine Wirbel, und rings um ihn her schrie und stampfte, fluchte +und drohete sein meuterisch Fähnlein und rasaunte durcheinander, wie ein +aufgestört Rattennest. + +»O ihr Schelme, ihr Hunde, das soll euch heimgezahlt werden!« brüllte +der Hauptmann. »Warte, Hans Diroff von Kahla, warte, Koburger, Christoph +Stern von Saalfeld, an den Galgen und aufs Rad kommt ihr; oder die +Gerechtigkeit ist krepiert auf Erden. Warte, du Schmalz von Gera, dein +Fett soll all werden, wie eine Kerze im Feuer! O Tag des Zorns, o Hunde! +Hunde!« + +»Gebt Raum, Hauptmann!« schrie ein riesenhafter Kerl, genannt Valentin +Weisser von Roseneck, dem Führer den Büchsenkolben vor die Brust +setzend. »Ihr seid die Verräter, die Schelme, Ihr und Eure saubern +Gesellen und Euer Graf von Hohenlohe, der Holländer! Wollt Ihr uns nicht +etwa über das Wasser, über den Rhein, von des Reiches Boden führen? He, +sprecht!« + +»Nicht über den Rhein! nicht über den Rhein! nicht vor Bommel! nicht vor +Bommel!« schrie es von allen Seiten, und weit über das Feld durch alle +Tausende wälzte sich dasselbe Wort. Der Hauptmann schlug den Kolben von +seiner Brust zur Seite. + +»Du wirst gehängt, wie ein Spatz, Rosenecker,« schrie er. + +»Ihr sollt es wenigstens nit erschauen!« brüllte der Schütz wieder, die +brennende Lunte über dem Haupte schwingend. Er nahm sich nicht die Mühe, +sie aufzuschrauben, das Feuerrohr lag auf der Gabel -- im nächsten +Augenblick wäre der Hauptmann ein Kind des Todes gewesen, wenn nicht +plötzlich zwischen dem Bedrohten und dem Drohenden ein Reiter im vollen +Galopp angehalten und dem wütenden Musketierer den Büchsenlauf in die +Höhe geschlagen hätte, daß der Schuß in die Luft ging. + +»Der Junker! der Junker!« schrie es auf allen Seiten. »Der Junker +zurück! sprecht, sprecht, was ist's? was sagt der Graf? Haben sie uns +verkauft an die holländischen Juden, ihnen ihre Festung Bommel zu +entsetzen?... Der Junker, der Junker! Nicht nach Bommel, nicht vor +Bommel! nicht über den Rhein! nicht über den Rhein! In die Spieße der +von Hollach!« + +»Ja, schreit nur, bis ihr berstet!« zischte blau vor Grimm der +Hauptmann durch die zusammengebissenen Zähne und ballte die Hände, daß +die Nägel tief ins Fleisch drangen. »Schreit nur -- es ist noch nicht +im Topf, darin es gekocht wird -- Christoph von Denow, sprecht zu den +Meutmachern! sagt den räudigen Hunden Eure Botschaft!« + +Der junge Reiter richtete sich hoch auf im Sattel, und alle die wilden +Gesichter im Fackelschein ringsumher wandten sich ihm zu. + +»Der wohlgeborene und edle Graf Philipp von Hohenlohe, unser gnädiger +Feldhauptmann --« + +»Nichts von dem Grafen von Hollach, dem Verräter, dem Judas!« schrien +einige. »Stille! Ruhe! Hört ihn!« riefen die andern und gewannen die +Oberhand, daß der Reiter fortfahren konnte. + +»Der Graf läßt den Fähnlein des braunschweigischen Regiments zu Roß und +zu Fuß vermelden, daß ihr Begehren und Gebaren unehrlich und treulos +sei, deutscher Nation zu Schimpf und Schande und großem Schaden +gereiche --« + +Ein allgemeines Wut- und Spottgebrüll unterbrach den Redner, der erst +nach langem Harren weiter rufen konnte. + +»Es sagt der Graf von Hohenlohe, daß er befehle, Generalmarsch zu +schlagen vor jeglichem Quartier und auszurücken in die Linien gen Rees, +auf weitern Befehl! Da kommt unser gnädigster Obrister, der Herr von +Rethen.« + +Neues Geschrei empfing den ebenfalls im vollen Rosseslauf erscheinenden +Führer, welcher den schriftlichen Befehl des Grafen mit sich führte; +aber ebenfalls vergeblich durch Bitten, Drohungen, Erinnerungen an den +Artikelbrief das Volk zur Ruhe zu bringen versuchte. Atemlos, +zornesbleich hielt er zuletzt in dem kleinen Kreise der Hauptleute und +Offiziere und der wenigen treugebliebenen Söldner. Der Junker aber +befand sich, willenlos fortgerissen, inmitten des wildesten Getümmels +der aufrührerischen Knechte, die von Mord und Blut sprachen, und +bereits ihre Spieße senkten, ihre Feuergewehre richteten auf das +Häuflein der Getreuen, welche einen Ring schlossen um die Führer und die +geretteten Feldzeichen, und sich rüsteten, ihr Leben so teuer als +möglich zu verkaufen. + +Auch das Reiterlager hatte sich in Bewegung gesetzt, von Minute +zu Minute wuchs der Tumult, und inmitten all dieser drohenden +Spieße, Schwerter und Büchsen, unter all diesen scheu gewordenen, +ausschlagenden, stampfenden Rossen und trunkenen Männern taucht jetzt +für uns eine Gestalt auf, klein und zierlich gebaut, aber trutzig und +unverzagt, im Heerlager aufgewachsen, gebräunt von Wind und Wetter, +abgehärtet in mancher bösen Sturmnacht am schwächlichen Lagerfeuer, ein +klein Hütlein, geziert mit einer Häherfeder, auf den krausen, wirren +Locken, ein Dolchmesser im Gürtel, -- bekannt bei Führern, Knechten und +Reisigen; zu Roß, zu Fuß, zu Wagen stets dem Heere zur Hand: =Anneke +Mey= von Stadtoldendorf, des braunschweigschen Regiments Marketenderin +und Schenkin! + +»Hab' ich dich auf den Fuß getreten, Anneke?« fragte ganz kleinmütig der +wilde Valentin Weisser, der eben das Feuergewehr gegen den Hauptmann +hatte losgehen lassen. »Nimm dich in acht, daß sie dich nicht +erdrücken, Engel-Anneke -- stelle dich hinter mich, du wirst gleich dein +blaues Wunder sehen.« + +»Nehmet Ihr Euch in acht, Rosenecker,« lachte das wildherzige Kind, »Ihr +spielt ein hoch Spiel diese Nacht!« + +Der Riese warf einen trotzigen, lachenden Blick über die hin und her +wogenden Massen. -- + +»Hoho, sind wir nicht unsrer genug, zu gewinnen? Nicht vor Bommel! +Ju -- ho! ho! nicht vor Bommel! nicht übern Rhein! Fort mit den +Hauptleuten, fort mit dem Grafen von Hollach!« + +In diesem Augenblick riefen wieder Hunderte von Stimmen nach dem +Junker -- dem Christoph von Denow. Da zuckte ein seltsamer Glanz über +das Gesicht des Mädchens. Es stellte sich zuerst auf die Zehen, dann +kletterte es mit katzengleicher Behendigkeit und Schnelligkeit auf einen +Schutthaufen, wo sich bereits mehrere Soldatenweiber mit ihren Kindern +und Habseligkeiten zusammengedrängt hatten und alle zugleich in den Lärm +hineinkreischten. + +»Mein Mann! mein Mann! Jesus, sie würgen sich alle! Gottes Sohn -- +Franz! Franz!« + +»Was macht der Junker? wo ist der Junker?« rief Anneke Mey, eine Hand, +welche ihr entgegengestreckt wurde, ergreifend. + +»Da! da! er spricht zu denen vom vierten Fähnlein -- da -- da -- Jesus, +sie werfen den Hauptmann Eberbach nieder, und mein Mann, Jesus, mein +Mann!« -- + +Die Augen der Armen wurden starr, mit einem Sprung war sie von der Höhe +herab und stürzte sich mitten in das Getümmel; über den am Boden +liegenden Hauptmann sank unter den Hieben und Stößen der Meutrer der +Doppelsöldner Franz Hase von Erfurt zusammen. Vergeblich hatte sich +Christoph von Denow unter die Piken und Hellebarden geworfen, mit seinem +Schwert die Spitzen niederschlagend; im vollen Lauf stürzte jetzt das +aufrührerische Kriegsvolk auf die Treugebliebenen und die Befehlshaber, +Schüsse krachten hinüber und herüber. Ihr Messer aus der Scheide reißend +trieb Anneke Mey in den Aufruhr hinein. Christoph von Denow sah sie +plötzlich an seiner Seite unter den Füßen der Kämpfenden; -- noch ein +Augenblick, und sie war verloren, noch ein Augenblick, und er hatte sie, +fast ohne zu wissen, was er tat, zu sich emporgezogen aufs Pferd; alles +drehte sich um ihn her -- »Mordio! Mordio!« brüllte es auf allen +Seiten -- -- Da -- -- urplötzlich -- -- blieben alle die zum Verbrechen +gezückten und geschwungenen Waffen, wie durch ein Zauberwort aufgehalten +in der Luft -- jeder Wut- und Angstschrei erstarrte auf den Lippen -- +Angreifer und Angegriffene standen lautlos, bewegungslos! + +Im Westen über Rees hatte sich, begleitet von einem donnerartigen +Krachen, der dunkle Nachthimmel blutig-rot gefärbt. Alle Geschütze auf +den Wällen, alle Geschütze in den Angriffslinien brüllten los; im Lager +des Reichsheeres flog ein Pulvervorrat in die Luft, dazwischen rollte, +immer stärker werdend, das kleine Gewehrfeuer. + +Mit einem Male hatte sich die Szene im aufrührerischen Lager vollständig +verändert. + +»Sturm! Sturm! Rees zu Sturm geschossen!« ging es von Mund zu Mund. +»Sturm! Sturm! Gen Rees! gen Rees!« + +Und als peitsche der Satan sie vorwärts, seiner Hölle zu, hatte sich +plötzlich diese ganze Masse von Kriegern, Führern, Weibern, Troßknechten +in Bewegung gesetzt, dem flammenden Vulkan im Westen entgegen. Gier nach +Beute, unbefriedigte Gier nach Blut trieb sie von dannen. Im wildesten +Taumel, Reiter und Fußvolk und Wagen bunt durcheinander, raste sie über +das Feld durch die Nacht. Im wildesten Taumel und Traum, das Schwert am +Faustriemen, vor sich auf dem Sattel das Mädchen aus den Weserbergen, +saß Christoph von Denow auf seinem schwarzen Roß. -- -- + +»Sturm! Sturm! Rees zu Sturm geschossen! Vivat der Graf! Vivat der Graf +von Hollach! Vorwärts! Vorwärts!« + +Ein sekundenlanges Anhalten in dieser wüsten Menschenflut war eine +Unmöglichkeit, ein Fehltritt, ein Straucheln der sichere Tod. Schon +hörte man zwischen dem Donnern und Krachen um die Stadt den Schlachtruf +der Feinde: »Spanien und die Jungfrau! Spanien und die Jungfrau!« und +lauter und näher den Ruf der angegriffenen Belagerer: »Das Reich! das +Reich! Vorwärts, das Reich!« + +Hinein in die Atmosphäre von Blut und Feuer brauste die anstürzende +Menschenmasse, und die Letzten drängten bereits die Vordersten +in die angegriffenen Laufgräben, aus denen eine andere Flut ihnen +entgegen wogte. Das waren die Hessischen, die schlecht bewaffneten, +halbverhungerten, im Regen und Rheinwasser fast ertränkten +Schanzgräber, welche dem wilden Anprall der Spanier nicht hatten +widerstehen können. + +»Spanien! Spanien! Spanien und die Jungfrau!« rief Francisco Orticio, +sich über einen Schanzkorb in die Höhe schwingend. + +»Spanien! Spanien und die Jungfrau!« wiederholten seine Krieger ihm +nachdringend. + +»Rette, Hessen! Rette!« schrien die flüchtigen Söldner des Landgrafen im +panischen Schrecken. + +»Braunschweig! Braunschweig!« brüllte es von den Höhen der Böschungen. + +»Up dei Düvels!« schrie Heinrich Weber aus Schöppenstedt, eine Fackel in +der Hand mitten unter die Hessen springend. Der flammende Brand flog im +weiten Bogen gegen die Spanier -- ein zweiter Satz -- die zu Grund, der +Bergstadt im Harz, gehämmerte Hellebarde schmetterte nieder auf eine zu +Cordova geschmiedete Sturmhaube: Diego Lua aus Toboso stürzte mit einem +»_Valga me Dios!_« tot zurück. + +»Braunschweig! Braunschweig!« brauste es dem Schöppenstedter nach, und +»Braunschweig! Braunschweig!« jubelten auch die Hessen, welche mit neuem +Mut sich wandten gegen ihre Verfolger. + +»Braunschweig! Braunschweig!« rief Christoph von Denow, dem es gelungen +war, sich von seinem Pferde zu werfen, welches sich auf der Böschung +hoch bäumte, im nächsten Augenblick aber, von einer Kugel getroffen, +zusammenbrach. Anneke Mey stand unbeschädigt auf den Füßen, doch auch +sie wurde mit hinabgerissen in die Gräben, wo sie jedoch samt Hans +Niekirche hinter einem Haufen umgestürzter Schanzkörbe den verlorenen +Atem wieder gewinnen konnte. + +Und jetzt Angriff und wütende Verteidigung, Flüche in sechs Sprachen, +Todesrufe; -- auf engstem Raum Vernichtung jeder Art! -- Alle Hauptleute +der Braunschweiger: Adebar, Maxen, Wulffen, Wobersnau, Rußwurmb, Dux, +Statz, und wie sie hießen, hatten ihre Stellen als Befehlshaber wieder +eingenommen und drängten tapfer kämpfend die Spanier zurück. Tapfer +stritten aber auch die Spanier. Sechs Geschütze hatten sie in den +hessischen Schanzen genommen und in den Rheingraben versenkt, Schritt +für Schritt wichen sie zu den flammenden Mauern und Wällen der Stadt +über die Leichen ihrer Landsleute und ihrer Feinde. Der Graf von +Hohenlohe in vollster Rüstung mit seinen Herren führte stets neue +Truppen an; Haufen auf Haufen ließ Don Ramiro de Gusman hervorbrechen. + +Dicht an den Spaniern kämpfte Christoph von Denow, das Blut rieselte aus +einer Stirnwunde, -- er merkte es nicht. Anneke Mey hatte sich mutig auf +ihren Schanzkorb geschwungen und den widerstrebenden Niekirche +nachgezogen. Sie hielt ihr Messer noch immer gezückt in der Rechten, mit +der Linken hielt sie den schlotternden Trommelschläger am Kragen. + +»So schlage den Sturmmarsch, Junge!« rief sie lachend. »Willst' nicht? +Wart, gleich fliegst du herunter, daß sie dich drunten zu Brei +vertreten, Feigling!« + +»Ja! ja! ich will!« jammerte Hans. »Ach wär' ich doch daheim! Ach wär' +ich doch zu Haus! Mein Mutter! mein Mutter!« + +»Na, na, schlage nur immer zu, du kommst noch davon!« sagte Anneke +begütigend und ließ den Kragen des Armen los. »Dein' Mutter wartet schon +a bissel! Schau, wie lustig das aussieht -- da, guck, sie geben's den +welschen Bluthunden! Wär' ich 'n Knab, wie du -- hei, ich wollt's ihnen +auch schon zeigen!« Und mit heller Stimme fing das Mädchen an zu +singen: + + »Mein Vater wollt' ein Knäbelein, + Mein Mutter wollt' ein Mägdelein, + Mein' Mutter tät gewinnen, + Des muß den Flachs ich spinnen -- Ja spinnen! + Das ist mir großes Leid!« + +Immer mutiger schlug Hans Niekirche, durch seine Gefährtin aufgemuntert, +seine Wirbel, und unter beiden Kindern vorbei drängten ununterbrochen +die Scharen des Reichs vor und zurück, wie der Kampf vor- und +zurückwich; bis die Spanier in die Stadt gedrängt waren, und das Zeichen +zum Sammeln von allen Seiten den Deutschen gegeben wurde. Don Ramiro +hatte die Rheinschleusen, welche er in seiner Gewalt hatte, öffnen +lassen. + +»Sieh das Wasser! das Wasser!« rief Hans Niekirche in neuer Angst. »Laß +uns fort, Anneke, sie wollen uns ersäufen, wie die jungen Katzen.« + +Ein allgemeiner Schrei erhob sich unter dem Getümmel in den Laufgräben; +schon standen manche Haufen bis an den Gürtel in der reißend schnell +steigenden Flut. + +»Halt, halt!« rief Anneke Mey. »Er ist noch nicht zurück; aber -- geh +nur -- geh -- ich bleib'!« + +»Und ich bleib' auch!« schrie Hans der Trommler. + +»Zurück! zurück!« tönte es aus den rückwärts weichenden Scharen des +Reichsheeres: »Das Wasser! Der Rhein! Das Wasser!« Und immerfort +donnerte das Geschütz der Spanier von den Wällen, immerfort schlugen die +Kugeln verheerend in das wirre, verzweiflungsvolle Durcheinander. + +Es war eine böse Belagerung -- die Belagerung der Stadt Rees am Rhein: +es war kein Glück, es war keine Ehre dabei zu holen. + +»Der Junker! der Junker! Christoph! Christoph von Denow!« schrie die +junge Dirne auf ihrer Höhe, die Hände ringend, und das Wasser stieg und +stieg. Schon waren die letzten der Haufen unter ihr vorüber, und die +Toten, von den Fluten gehoben, wirbelten um sie her. Da griff eine Hand +aus den Wassern nach dem Schanzkorbe, auf welchem sie stand, und ein +bleiches Haupt erhob sich zu ihren Füßen: »Rette! Rette!« + +»Christoph! Christoph!« schrie das Mädchen, sie lag auf den Knien, sie +faßte die triefenden Locken, sie faßte den Schwertriemen -- der Junker +von Denow war gerettet. Valentin Weisser, der Riese, dessen Blutdurst +und Mut durch den Kampf und den Rhein bedeutend gekühlt war, brachte +mit Hilfe gutwilliger Genossen den wunden Junker, die Dirne und Hans, +den Trommelschläger, glücklich auf das Trockene und weit hinein ins +Feld, wo die gelichteten, zerrissenen, wunden Krieger des Reichsheeres +um die Wachtfeuer murrend und grollend in stumpfsinniger Ermattung lagen +und die Führer bereits wieder unheimliche und drohende Worte zu hören +bekamen. + + + + + II. + + +Trübe dämmerte der Morgen. Auf die wüste Nacht folgte ein ebenso wüster +Tag. Vergeblich hatte Herr Otto Heinrich von Beylandt, Herr zu Rethen +und Brembt, Leib und Leben und Seligkeit den Meuterern zum Pfande +eingesetzt, daß sie nicht von des Reichs Boden weggeführt werden +sollten; vergeblich hatte der Graf von Hohenlohe geflucht, gebeten und +gedroht. Zwischen sieben und acht Uhr waren zehn Fähnlein des +braunschweigischen Regiments aufgebrochen und aus dem Feld gezogen, +Münster zu. Weiber, Kinder, Dirnen folgten jetzt dem plündernden, +ehrvergessenen, eidbrüchigen Haufen durch den grauen Nebelregen. Keiner +befahl, keiner gehorchte. Die einen meinten, es gehe gradaus zum Herzog +von Braunschweig, ihrem Zahlherrn, nach Wolfenbüttel; andere glaubten, +es gehe gegen den Bischof von Münster; die meisten aber dachten gar +nichts, und so schwankte der tolle Zug, einem Betrunkenen gleich, hier +vom Wege ab, dort vom Wege ab, jetzt auf ein Dorf zu, jetzt auf ein +einsames Gehöft. Kleinere Banden schweiften zur Seite, oder vor und +nach -- fort und fort über die Heide; hier im Kampfe mit einer +ergrimmten Bauernschar, dort im Hader untereinander. Der Nebel ward +Regen und hing sich in perlenden Tropfen an die letzten Blüten des +Heidekrauts und träufelte von den Stacheln und Zweigen der Dornbüsche. +Krähenscharen begleiteten den Zug lautkrächzend, oder flatterten in +dichten Haufen westwärts dem Rhein zu, wo von Rees her das Feuer der +Berennung nur noch in einzelnen Schlägen dumpf grollte. Stärker und +stärker ward der Regen, die blutigen Spuren der vergangenen Nacht, der +Schlamm der Laufgräben mischten sich auf den pulvergeschwärzten +Gesichtern, den zerrissenen, verbrannten Kleidern, den verrosteten +Waffenstücken -- die Männer fluchten und sangen, die Weiber ächzten, die +Kinder schrien, und Anneke Mey auf ihrem Wagen, mit einem Bierfaß +beladen, hielt tröstend das Haupt des wunden Christoph von Denow in +ihrem Schoß und sprach ihm zu und verhüllte ihn, wie eine Mutter ihr +Kind, mit einem groben Soldatenmantel; während Hans Niekirche +zähneklappernd das magere Roß leitete, welches vor dem Karren ging. -- +Lange Zeit hatte der Junker wie besinnungslos gelegen, jetzt hob er den +Kopf mühsam empor und strich die Haare aus der Stirn und warf einen +Blick auf seine Umgebung. + +»O Anneke, weshalb hast mich nicht gelassen in dem Wasser -- oh! oh!« + +»Still, still, lieget ruhig, Herr! Die ganze Welt ist auseinander --« + +»Weshalb hast mich nicht gelassen im Lager -- im Heer vor Rees?« + +»Es ist aus, aus! Alles aus, sagen sie. Alles läuft auseinander --« + +»Und wohin gehen wir?« + +»Weiß nicht! weiß nicht!« + +»Bin also so weit! Ein Spießgesell von Räubern und Mördern und +landesflüchtigem Gesindel! Krächzt nur, ihr schwarzen Galgenvögel, ihr +habt einen feinen Geruch, wittert den Fraß, wann er noch lustig auf den +Beinen herumstolpert und den Bauerngänsen die Hälse abhaut und die +Rinder aus dem Stall zieht. O Christoph! Christoph! Und du könntest +einen adeligen Schild führen!« + +Der junge Gesell stieß solch einen herzbrechenden Seufzer aus, daß ein +neben dem Karren reitender Söldner aufmerksam wurde. Er drängte sein +Pferd näher heran, zog seine Feldflasche hervor und reichte sie dem +Wunden zu. + +»Hoho, Junker, was spinnst für Hanf? Da wärme dir das Herz, bis wir uns +den Münsterschen Dompfaffen in die warmen Nester legen! Aufgeschaut, +aufgeschaut, Christoffel! 's ist beschlossen, Ihr sollt unser Obrister +werden!« + +Der Junker machte eine unwillige Handbewegung und antwortete nicht. + +»Auch gut,« brummte der Reiter. »Der Satan hol' alle diese Maulhänger! +Möcht' nur wissen, was die Gesellen für einen Narren an ihm gefressen +haben. Hat den Vorspruch gemacht gestern beim Grafen nach ihrem Willen +und soll den Führer spielen, und kann den Kopf nicht grad halten -- Bah! +Hätten hundert Bessere gefunden; kann mit seinem Adel weder den Mantel +noch die Ehre flicken. Fort, Mähre, was scheust? Dacht ich's doch, da +liegt wieder einer der trunkenen Schelme im Wege. Vorwärts, Schecke, laß +liegen, was nicht mehr laufen mag. Was will die Trompete? Holla, was ist +das?« + +Ja, was wollte die Trompete? Auf der rechten Seite des Weges der +Meuterer waren zwar von Zeit zu Zeit vereinzelte Schüsse gefallen, +niemand hatte sie aber beachtet, weil man sie nur den obenerwähnten +Scharmützeln mit den Bauern und Hahnenfedern zuschrieb. Jetzt aber wurde +das Feuer regelmäßiger, Reitertrompeten erschallten. Der Zug stutzte und +hielt. Gestalten, schattenhaft, tummelten sich in dem dichten Nebel, und +erschreckte Stimmen erklangen: »Die Spanier! Die Spanier!« + +»Zum Henker die Spanier; wie kommen die Spanier soweit über den Rhein?« +brummte der Reiter, welcher eben dem Junker die Feldflasche geboten +hatte. Er lockerte aber nichtsdestoweniger das Schwert in der Scheide +und wickelte den rechten Arm aus dem Mantel los. + +»Der Feind! der Feind! die Speerreiter!« riefen die im Lauf +rückkehrenden Plünderer, zu den Genossen stoßend, und einige brachten +eine frische Wunde mit zurück. Näher und näher hörte man die Trompeten +und den Schlachtruf »_España! España!_« und dann »Hohenlohe! Hohenlohe!« + +Keiner von den Meutmachern machte Miene, an dem Gefechte teilzunehmen; +aber die Musketen waren auf die Gabeln gelegt, die Lunten aufgeschroben, +die Spieße gesenkt, und man hatte instinktmäßig einen Kreis um die Wagen +mit den Weibern und Kindern und den Raub geschlossen. + +Jetzt schienen die Spanier wieder zurückgedrängt zu werden; der Lärm des +Kampfes verlor sich in der Ferne. Der Zug der Aufrührer wollte sich +bereits wieder in Bewegung setzen. + +»Halt, halt!« rief einer der Fußknechte, »da kommen sie wieder! +Rossestrab!« Er kniete nieder und legte das Ohr an den Boden. »Viel +Pferde im Galopp!« Man konnte kaum zehn Schritte weit im Nebel und Regen +deutlich sehen; es waren wieder nur unbestimmte Schatten, die man nahen +sah. + +Ein »Halt« wurde ihnen zugerufen, und sie hielten, und eine einzelne +Gestalt löste sich von dem Haufen ab. Aus dem Ring der aufrührerischen +Söldner des Reichs traten ihr einige entgegen. + +»Wer seid Ihr? Woher des Weges? Was für Begehr?« + +Der Nahende ritt, ohne zu antworten, näher heran. + +»Haltet, oder wir schießen!« + +»Nur zu, eidbrüchig Gesindel; versucht, ob ihr einen ehrlichen +Reitersmann trefft!« + +Wilde Flüche und der Ruf »Feuer, Feuer!« ertönten, und manche Büchse +wurde in Anschlag gebracht; aber dazwischen riefen auch Stimmen: »Halt, +halt, das sind keine Spanier, keine Speerreiter!« + +»Nein, das sind keine Spanier,« rief der Reisige zurück. »Das sind auch +keine Meuterer, Mörder oder Diebshalunken; -- ehrliche Hohenlohesche +Reiter sind's, die euch Lumpengesindel wahren sollen, daß ihr nicht dem +Galgen entlauft! Glaubt's, der Graf hätte meinetwegen andere dazu +schicken mögen, als uns -- nehmt das Ab -- Henkermahl drauf!« + +»Der Graf von Hollach hat Euch geschickt?« fragte es verwundert aus dem +Haufen, und mancher der wilden Kerle drängte sich vor, näher an den +Reitersmann. + +»Zurück!« rief dieser, »wir gehen mit euch, wie befohlen, jagen die +Speerreiter, die euch die Gurgel abschneiden könnten, -- man sparte nur +die Stricke -- und schützen das arme Landvolk vor euch Hunden. Damit +holla! -- na, wohin geht der Marsch?« + +»Packt Euch zum Teufel, wir brauchen Euch nicht!« schrie Jobst Bengel +aus Heiligenstadt. »Wer hat Euch gerufen? Sagt dem Grafen, dem +Holländer, unsern schönsten Dank und wir könnten unsern Weg allein +finden.« + +»Geht nicht! Alles auf Befehl! Kümmert euch so wenig als möglich um uns; +ihr handelt nach Belieben, wir nach Befehl!« + +»Aber unser Belieben ist, daß ihr euch hinschert, woher ihr gekommen +seid!« brüllte Hans Römer aus Erfurt. »Geht, oder es setzt mein' Seel +blutige Köpfe!« + +»Unser Befehl ist, daß wir gehen, wohin euch der Satan treibt. Am +Höllentor kehren wir um, das ist der Befehl. Genug der Worte.« + +Damit wandte der Hohenlohesche Rittmeister sein Roß und sprengte zurück +zu seinen Reitern, welche unbeweglich auf einer kleinen Erderhöhung +hielten und im Gegensatz zu dem tobsüchtigen, wüsten Gebaren der +Meuterer nur leise Worte des Zorns und der Verachtung hatten. + +Auf seinem Schmerzenslager hatte Christoph von Denow halbblinden Auges +und klingenden Ohres den Vorgang angesehen und angehört. Jetzt mußte er +auch ohnmächtiger Zeuge der wilden Reden um ihn her sein. + +»Das ist solch ein falsch Spiel von dem Grafen -- das ist eine Falle. +Sollen uns schützen vor den Speerreitern! -- Lauter Sorg und Lieb, bis +sie uns den Hals zuschnüren! -- Nichts von dem Grafen von Hollach! Fort +mit den Reitern des Holländers! Feuer auf sie! In die Spieße! in die +Spieße mit ihnen!« + +»Die Rasenden! die Niederträchtigen!« stöhnte Christoph von Denow, die +Hände ringend. »Und hier liegen zu müssen gleich einem abgestochenen +Schaflamme! Halt, halt, was wollen sie tun?!« + +Seine schwache Stimme ging verloren in dem Lärm »fort mit Holländern, +fort mit dem Grafen von Hollach!« + +Mit einem Schlage setzte die ganze Masse der Meuterer im Sturmlauf an +gegen das kleine Häuflein der Reiter. + +»Hab's mir wohl gedacht,« brummte der Rittmeister in den grauen Bart. +»Achtung, Gesellen! Stand gehalten -- das ist der Befehl. Herunter mit +den Schuften, wenn sie euch nahe kommen.« + +Sie griffen wirklich an. Im nächsten Augenblick war die Reiterschar +umringt, durchbrochen. Die meisten sanken nach tapfrer Gegenwehr vom +Pferd; nur wenige schlugen sich durch und flohen über die Heide. +Zuletzt kämpfte noch ein einzelner. Das war der tapfere alte Führer, der +sich wie ein Verzweifelter wehrte. Endlich erstach ihm Balthasar +Eschholz aus Berlin das Roß, und eine Kugel durchfuhr seine treue Brust. + +Einige Minuten standen die Mörder wie erstarrt. Schlug ihnen diesmal das +Herz? Sie wagten es nicht, die Gefallenen zu berauben, ein plötzlicher +Schrecken kam über sie, wie von Gott dem Richter gesandt, und Mann und +Roß und Wagen stürzten von dannen, hinein in den Nebel, der sie +verschlang, als seien sie nicht wert, von Himmel und Erde gesehen zu +werden. + +»Das ist ein schlechter -- schlechter Tod!« seufzte der zu Boden +liegende Reiterhauptmann. »Ein schlechter Tod! -- In deine Hände -- aber +alles der Befehl -- nun kann der Rat von Nürnberg mein Weib und meine +Jungen auffüttern -- ein schlechter Tod -- Amen! Alles -- der -- +Befehl!« + +Er griff noch einmal mit beiden Händen krampfhaft in das Heidekraut -- +es war vorüber. + +Ein Wäglein und drei Menschenkinder waren zurückgeblieben beim +Fortstürzen der Mörderschar. Das waren Anneke Mey aus Stadtoldendorf, +welche das Haupt des Erschlagenen stützte, das war Christoph von Denow, +der auf seinem Lager das Vaterunser weiter betete, welches der +Rittmeister nicht hatte zu Ende bringen können. Das war Hans Niekirche, +der Trommelschläger, welcher schluchzend das Rößlein vor dem Wagen +hielt!........ + + + + + III. + + +Nicht Leben, nicht Tod; nicht Vergessenheit, nicht Sinnesklarheit; nicht +Schlaf, nicht Wachen; -- alles ein wildes, wirres Chaos in dem +fieberkranken Kopfe Christoph von Denows! Jetzt legte es sich ihm, einem +feurigen Schleier gleich, vor die Augen, tausend Sturmglocken und der +Verzweiflungsschrei einer eroberten Stadt füllten ihm Ohr und Hirn; -- +jetzt versank er wieder in ein endloses graues Nichts, in welchem ihn +allerlei unerkennbare Schatten umschwebten; -- jetzt vermochte er es +wieder, sich und seine Umgebung zu unterscheiden, ohne sich klar darüber +werden zu können, wer ihn von dannen führe und wohin man ihn führe. +Manchmal war der Himmel über ihm grau und ihn fror, dann wieder schaute +er empor in das reine Blau, und die Sonne schien herab auf ihn. Manchmal +glaubte er sich in einem auf dem Wasser fahrenden Schifflein zu +befinden, manchmal sah er wieder grüne Zweige über sich und hörte die +Vögel singen. Er gab es auf, zu denken, sich zu erinnern: willenlos +überließ er sich seinem Geschick. Es zog und zuckte durch seinen +Geist! -- Da ist der weite, kühle Saal in der väterlichen Burg, dem +einstmals am weitesten in das Polen- und Tartarenland vorgeschobenen +Posten des deutschen Wesens. Durch die bunten Scheiben der spitzen +Fenster fällt das Licht der Sonne und wirft die farbigen, flimmernden +Schattenbilder der gemalten Wappen und Heiligen auf den Estrich. Da +steht der Sessel des Ritters von Denow neben dem großen Kamine, und der +Sessel und der Gebetschemel der Mutter in der Fenstervertiefung, da +glitzern im Winkel auf dem künstlich geschnitzten Schenktisch die +riesigen, wie Silber glänzenden Zinnkrüge und Geschirre. Da blickt ernst +von der Wand der Ahnherr mit dem Ringpanzer auf der Brust, und manch +wunderlich Gewaffen aus den Polen- und Preußenschlachten hängt an dem +Mittelpfeiler, welcher den Saal stützt.... + +Feuer! Feuer! Das ist nicht der Widerschein der Abendsonne an den +Wänden. Feuer! Feuer! und das Wimmern der Burgglocken und der Schall der +Sturmhörner! -- Wo blieb das süße, mildlächelnde Bild der Mutter, das +eben noch durch den stillen dämmerigen Saal glitt? Feuer und Sturm! Die +Polen! die Polen! Allverloren! Allgewonnen! Allgewonnen! + +Da taucht ein ehrliches bärtiges Gesicht auf -- das ist der Knecht +Erdwin Wüstemann, welcher den kleinen Christoph aus der brennenden +väterlichen Burg auf den Schultern trug und rettete.... Nun rauscht der +Wald, nun murmelt der Bach -- das ist die verlorene Forsthütte, wo der +treue Knecht und das Kind hausten so lange Jahre hindurch. Die Hunde +zerren bellend an der Kette, der Falk schaukelt sich auf seiner Stange. +Wilde Gesellen und Weiber -- fahrende Soldaten, Sänger und Studenten und +demütige Juden verlangen Obdach vor dem nahen Gewitter oder dem +Schneesturm. Sie lagern auf nackter Erde um das Feuer, an welchem die +Hirschkeule bratet. Der Weinkrug geht im Kreise umher; Lieder +erschallen! Lieder vom freien Landsknechtsleben, lutherische Lieder, +Spottlieder gegen den Papst und den Türken und lateinische Lieder +vom wandernden Scholarentum. Jetzt gerät der rote Heinz mit dem +landflüchtigen Leibeigenen oder dem Zigeuner in Streit; die Messer +blitzen, der Knecht Erdwin wirft sich zwischen die Kämpfenden -- es +rauscht der Wald, es murmelt der Bach, es klingt die Harfe des blinden +Sängers -- ah Wasser, Wasser und Waldfrische in dieser Glut, welche das +Gehirn verdorrt und die Knochen versengt! + +Einen Augenblick lang öffnete der Kranke die Augen, er hörte Stimmen um +sich her; jemand hielt ihm einen Krug voll frischen Wassers an die +heißen Lippen. Er hatte nicht fragen können, wo er sei, wer ihm helfe in +seiner Not? -- von neuem ergriff ihn der Fiebertraum. + +Aus dem Kinde ist im lustigen Wildschützenleben ein wackerer Bub +geworden. Hinaus aus dem grünen Wald zieht der Knecht Erdwin mit dem +Schützling. Die Zeiten sind danach -- wer kühn die Würfel wirft, kann +wohl den Venuswurf werfen. Mancher gelangte in der Fremde zu hohen Ehren +und Würden, der im Vaterlande kaum den heilen Rock trug. Gern kaufen +Franzosen, Spanier, Holländer mit rotem Golde rotes deutsches Blut. +Ho, so hattest du dir die Welt draußen vor dem Wald wohl nicht gedacht, +Christoph von Denow? Hei, das waren andere Gestalten und Bilder: +Städte, Klöster und Burgen; Fürsten mit Rittern und Rossen, schöne +Damen, Äbte und Bischöfe mit reichem Gefolge, Bürgeraufzüge, bunte +Landsknechtsrotten auf dem Wege nach Italien, nach Frankreich -- für den +Kaiser und wider den Kaiser! + +Aus dem Reitersbuben ist ein Reitersmann geworden, welcher nichts sein +nennt, als sein gutes Schwert, und welchem von den Vätern her nichts +geblieben ist, als der eiserne Siegelring mit dem Wappen derer von +Denow, welchen er am Finger trägt. + +Immer weiter hinein in das bunte Leben, in den bunten Traum -- tagelang, +wochenlang im Wundfieber kämpfend zwischen Sein und Vernichtung, bis +endlich eine Glocke dumpf und feierlich erklingt, eine Glocke, die nicht +mehr allein in dem Gehirn des Kranken läutet! + +»Wo bin ich?... Die Glocke, was will die Glocke?« murmelte Christoph +von Denow, die Augen aufschlagend. + +Anneke Mey stieß einen Freudenschrei aus und hob das Haupt des Junkers +ein wenig aus ihrem Schoße: »Er lebt, o guter Gott, er wird leben!« + +»Die Glocke! die Glocke?« + +»Still, lieget still, Herr! das ist Sankt Lambert zu Münster, und da -- +horcht! das ist der Dom! Morgen ist der heilige Matthiastag -- still, +still, lieget ruhig.« + +Es wurde dunkel über dem Junker; das Wäglein fuhr in diesem Augenblick +durch die Torwölbung. Der Junker schloß die Augen wieder, er glaubte +einen Wortwechsel zu hören, er glaubte zu bemerken, daß der Wagen hielt, +Annekes Stimme erklang ängstlich und bittend dazwischen. Er glaubte ein +bärtiges Gesicht über sich zu sehen und einen Ausruf des Schreckens zu +hören. Der Wagen bewegte sich wieder -- er fuhr aus dem dunklen Tor in +das Licht der Straße hinein. -- -- + +Das war das Gesicht des alten Knechts Erdwin, welches der Junker von +Denow über sich sah, bis im folgenden Moment alles verschwand und es +wieder Nacht war im Geiste Christophs. -- Allmählich aber wurde diese +Nacht jetzt Dämmerung; die Gedanken ordneten sich mehr und mehr. +Christoph von Denow erwachte wieder zum Leben. + +Er fühlte den wohltuenden Strahl der milden Herbstsonne, er vernahm die +Worte der Freunde um sich her. Jetzt erzählte Erdwin, der Knecht, jetzt +sprach Anneke Mey, jetzt lachte Hans der Trommelschläger. Die Landschaft +glitt an ihm vorüber, Städte, Dörfer, Flecken, er sah blaue Höhenzüge im +Osten auftauchen und vernahm, wie ein Wanderer dem Knechte Erdwin sagte, +das sei der altberühmte große Teutoburger Wald. Er schlummerte abermals +ein, und als er abermals erwachte, fand er sich mitten in den Bergen, +und ein Wasser rauschte seitwärts in das Dickicht. »Das Wässerlein kenn' +ich,« rief Anneke, »das ist die Else, die fließt in die Werre, und die +Werre fließt in die Weser, nun sind wir der Heimat nahe.« + +»Und wie ziehen wir nun, Anneke?« fragte der getreue Knecht Erdwin, +welcher munter neben dem Wagen, den Spieß auf der Schulter, herschritt. + +»Wo die Sonne aufgeht, fahren wir zu; aus dem Teutoburger Wald in den +Lippeschen Wald, zuletzt wird doch mal ein Berg kommen, von dem wir die +Weser glitzern sehen können. Dann sind wir zu Hause!« + +»Anneke, Anneke!« murmelte Christoph. + +»O, wachet Ihr wieder, Junkerlein? geduldet Euch und lieget still, wir +sind alle noch da, und der Meister Erdwin ist auch da und hat mir alles +von Euch erzählt und ich ihm auch alles von Euch.« + +»O Junker, Junker, seid Ihr wach?« rief der Knecht Erdwin und schauete +über den Rand des Wagens. »Das Mütterlein im Himmel muß über uns wachen, +daß ich Euch grad am Tor zu Münster treffen mußt'. Von der Reichsschanze +bis nach Münster bin ich kreuz und quer Euern Spuren nachgezogen. Habt +mich schön in Angst und Not gebracht! Haltet das Maul, Junkerlein. Dem +Herzmädel da dankt Ihr Euer jung Leben. Lasset Euch tränken und atzen +und schlaft wieder ein, wir halten Euch oben, Hans und Anneke und ich!« + +Christoph drückte schwach die Hand des wackern Alten, er wollte nach dem +Heere fragen, nach den Meuterern, aber er vergaß es. Sein wunder Kopf +ruhte noch immer an der Brust der jungen Dirne. Aus schwimmenden Augen +blickte er auf zu dem braunen, wildfreundlichen Gesicht über ihm. + +»Ach, Anneke Mey, Anneke Mey, wohin willst du mich führen?« + +»In meiner Heime ist es gar schön,« sagte das Mädchen. »Da sind die +Berge und die Wiesen so grün, da schaut die alte Burg, sie heißen sie +die Homburg herab auf das Städtel. Da sind die hohen weißen Felsen ganz +weiß, weiß -- da wohnen die klugen Zwerge in tiefen runden Löchern. Das +ist wahr, ganz gewiß wahr! Es ist auch schaurig da, manchmal rührt sich +der Boden, und der Wald sinkt ein in die Erde, tief, tief, -- und ein +Wässerlein springt dann unten in dem Grund auf; das Wasser trinken die +Leut nicht gern. Aber mitten in den Bergen, da ist ein kühler Bronn, der +Wellborn geheißen, aus dem kommt das Wasser durch Röhren in die Stadt, +und die Brunnen rauschen und plätschern immer zu. Und vor dem Burgtor +ist ein klein Haus dicht an der Stadtmauer, da sitzt meine alte Muhme, +die Alheit -- mein Vater und Mutter sind lang tot im Lager von Lafere, +wo wir mit dem französischen König Heinrich waren -- und ihre Katz sitzt +neben ihr, und wenn sie, ich mein' die Muhme -- an mich gedenkt, so +brummt und keift und bet't sie ein Vaterunser, grade weil sie mich gern +hat. Schläfst noch nicht, Junkerlein? Mach die Augen zu und kümmre dich +nicht um die Welt.« + +Mit leiser Stimme fing das Mädchen an zu singen: + + »Musikanten zum Spielen, + Schöne Mädchen zum Lieben: + So lasset uns fahren, + Mit Roß und mit Wagen, + In unser Quartier! + In unser Quartier!« + +»Ach, der Wagen stößt zu hart; wisset Ihr was, Meister Erdwin? singet +Ihr weiter.« + +»Wollen's versuchen!« sagte der Knecht Wüstemann und begann im Ton der +Schlacht von Pavia das Lied von der Schlacht vor Bremen, in welche er +als junger Bursch mit den Reitern des Grafen von Oldenburg gezogen war, +und frisch schallte sein Baß in den Wald hinein. + + »-- Unser Feldherr das vernahm, + Graf Albrecht von Mansfelde, + Sprach zu seinem Kriegsvolk lobesam: + Ihr lieben Auserwählten, + Nun seid ganz frisch und wohlgemut, + Ritterlich wolln wir fechten; + Gewinnen wolln wir Ehr und Gut, + Gott wird helfen dem Rechten.« + +Als der Endvers kam, war Christoph wirklich eingesungen zu sanftem +Schlummer, und Hans Niekirche behielt den braunschweigschen Gassenhauer, +den er eben zum besten geben wollte, auf das Ersuchen des alten Erdwins +für sich. Mit einbrechender Nacht wurde bei einem Köhler mitten im Forst +das Nachtquartier aufgeschlagen. + +»Was ist denn da draußen vorgegangen in der Welt?« fragte der schwarze +Waldmann. »Ihr seid die Ersten nicht, die hier durchkommen sind und hier +angehalten haben. Das ist ja auf einmal, als ob alles Kriegsvolk im +deutschen Land sich hier auf den Wald niedergeschlagen hätt', wie ein +Immenschwarm auf den Schlehenbusch. Ist es wahr, daß das Reichsheer +auseinandergelaufen ist?« + +»Es ist wahr,« sagte der Knecht Erdwin düster. »Es ist aus, -- alles +vorbei!« + +»Vorgestern zog hier ein Trupp durch, fast zehn Fähnlein stark, aber +anzusehen wie ein wüst Raubgesindel, Fußvolk und Reiter durcheinander. +Wollten gen die Weser und ließen sich vernehmen, sie wollten ihrem +Zahlherrn, dem Braunschweiger Herzog --« + +»Die Braunschweiger?!« riefen Erdwin und Anneke und Hans Niekirche. »Die +Braunschweiger?!« murmelte Christoph von Denow und richtete sich halb +auf seinem Lager auf. + +»Gehöret Ihr zu ihnen?« fragte der Köhler mißtrauisch. »Nehmt Euch in +acht; ich hab' einen gesprochen, der sagte, der Braunschweiger habe +seine Leibguardia und Reiter die Menge abgesandt, ihnen den Weg zu +verlegen. Sein Feldhauptmann, der Graf von Hohenlohe, ist auch, von +Mitternacht her, gegen sie aufgebrochen. Das kann ein übel Ende nehmen!« + +»Gegen die Weser sind sie gezogen?« + +»Wie ich Euch sagte, Maidlein.« + +»Herr Gott, so müssen wir ab vom Weg!« + +»Ihr gehört also nicht zu ihnen?« + +»Nein! nein! nein!« riefen Christoph und Erdwin und Anneke. + +»Und Ihr wollt auch über die Weser?« + +»In meine Heimat!« rief Anneke. + +»Mit dem wunden Mann? Geht nicht, wahrlich geht nicht! Weg und Steg sind +verlegt.« + +Alle schwiegen erschrocken und verstört einige Minuten. + +»Saget doch,« fuhr der Köhler dann fort, »weshalb wollt Ihr nicht bei +mir bleiben im Walde, bis der Kopf des Burschen dort wieder heil und +ganz ist? Hunger und Durst sollt Ihr nicht leiden. Ihr erzählet mir +alles, was da draußen in der Welt vorgegangen ist, dafür geb' ich Euch +Futter und Obdach. Gefällt's Euch?« + +»Ihr wolltet --?« + +»Gewiß will ich; ich will Euch sogar noch großen Dank schuldig sein +dafür!« + +»Angenommen, Landsmann!« rief der Knecht Wüstemann freudig. »Junker, nun +streckt Euch lang auf Euerm Lager, und wehe dem ersten Rehbock, der mir +vor die Armbrust gerät, welche ich dort an der Wand sehe.« + +So kamen am Tage Cornelii des Hauptmanns die vier Flüchtlinge des +Reichsheeres zum ersten Mal zu Ruhe. + + + + + IV. + + +Dominus Basilius Sadler, der heiligen Schrift Doktor und fürstlicher +Hofprediger zu Wolfenbüttel, hatte seine Predigt beendet und das +Vaterunser gebetet. Unter den letzten Klängen der Orgel strömte die +Menge aus der Marienkapelle in den dunkeln nebligen Herbsttag hinaus. +Man schrieb den vierten November 1599. + +Was hatte das andächtige Volk? Statt ruhig und gemessen wie +gewöhnlich am heiligen Sonntag ihren Wohnungen und dem Sonntagsbraten +zuzuschreiten, blieben die Männer in Gruppen auf dem Kirchplatz stehen +und steckten die Köpfe zusammen; selbst die Weiber waren von derselben +Aufregung ergriffen. Kaum war nämlich der letzte Orgelton verhallt, so +durchzitterte von der Dammfestung her ein anhaltender Trommelwirbel die +stille Luft und schwieg dann einige Augenblicke. Darauf näherten sich +die kriegerischen Klänge im Marschtakt, und manche der Bürger eilten +ihnen, ihre Knaben an der Hand, entgegen; der größte Teil der Menge +blieb jedoch zurück und erwartete die Dinge, welche da kommen sollten. +»Nun geht es an! Das ist der Beginn!« hieß es unter dem Volk. + +»Das ist der Gerichtswebel, Martin Braun von Kolberg,« sagte ein +Goldschmied, der von allem genau Bescheid wußte. »Der verkündet nun das +kaiserliche Malefizrecht an allen vier Orten der Welt.« + +»Sie kommen! sie kommen!« hieß es unter der Menge, und eine Gasse +bildete sich jetzt, um die Nahenden durchzulassen. Von der Dammbrücke +her durchzog mit seinen drei Trommlern der Gerichtswebel, begleitet von +einigen Hellebardierern, feierlich und langsam die Heinrichsstadt gegen +das Kaisertor hin. + +Wir lassen ihn ziehen und lassen das Volk seine Betrachtungen anstellen +und schreiten quer über den Platz vor der Marienkapelle, durch die +Löwenstraße, über die Dammbrücke an dem Schloß vorüber nach dem +Mühlentorturm, dessen Eingänge von einer stärkern Wache als gewöhnlich +umgeben sind. Wir führen den Leser in das obere Stockwerk des Gebäudes. +Ein weites Gewölbe tut sich uns hier auf, so dunkel, daß das Auge sich +erst an die Finsternis gewöhnen muß, ehe es irgend etwas in dem Raum +erkennen kann. Ist das geschehen, so bemerken wir, daß das trübe, +herbstliche Tageslicht, durch viele, aber enge und stark vergitterte +Fenster fällt. Die Wände entlang ist Stroh aufgeschichtet, auf welchem +dunkle Gestalten in den mannigfaltigsten Stellungen und Lagen sich +dehnen. Von dunkeln Gestalten sind auch einige hie und da aufgestellte +Tische umgeben. Ein Kohlenfeuer glimmt in dem Kamin unter dem gewaltigen +Rauchfang. Allmählich erkennen wir mehr in dem dunsterfüllten Raume: +bleiche, wilde Gesichter, umgeben von wirren zerzausten Haaren, +schlechtverbundene, mit blutigen Binden umwickelte Glieder. Ein leiseres +oder lauteres Klirren und Rasseln von Ketten erschreckt uns; -- wir sind +unter den -- Meuterern von Rees! Gekommen ist's, wie es kommen mußte; +morgen wird der Obriste des niedersächsischen Kreises, Herr Heinrich +Julius von Braunschweig, das Gericht über sie angehen lassen. Dumpf tönt +der ferne Trommelschlag des um die Wälle der Festung ziehenden +Gerichtswebels Martin Braun in ihr Gefängnis herüber. Lauschen wir ein +wenig den Worten der gefangenen wilden Gesellen! + +»Ta, ta, ta! Was das für ein Wesen ist? Sollte man nicht meinen, der +Teufel sei den Kerlen in den Lärmkasten gefahren? Es gehet alles zum +Schlechteren, selbsten das Trommelschlagen,« sagte eine baumlange +Gestalt, sich über die Genossen erhebend. + +»Sollt' meinen, Valtin, wir hätten uns um anderes zu kümmern als den +Trommelschlag,« sagte unwirsch ein zweiter Söldner. + +Valentin Weisser ließ sich jedoch nicht von seinem Thema abbringen. +»Horchet nur, ist das die alte freudige deutsche Art? Aber jetzt will +jeder ein Neues einbringen! Auch die Hispanier machen's so; da lob' ich +mir die Italiener, die haben aufgehoben, was wir nicht mehr mochten, und +ziehen mit den fünf gleichen Schlägen bis ans Ende der Welt. Topp, topp, +topp, topp, topp! das erwecket das Herz zu Freud und Tapferkeit und +hilfet zu Leibeskräften. Topp, topp, topp, topp, topp! Hüt dich Bau'r, +ich komm'! -- das ist's! oder --« + +»Hauptmann, gib uns Geld!« fiel lachend ein Dritter ein. + +»Füg dich zu der Kann!« brummte Hans Römer von Erfurt, der Schmerbauch. + +»Mach dich bald davon!« sang eine schrille Stimme dazwischen. + +»Hüt dich vor dem Mann!« brummte Jobst Bengel von Heiligenstadt. +»Möchte nur wissen, wie lang wir noch in diesem Loch stecken sollen? +Alle blutigen Teufel, ich wollt', der Blitz schlüg' gleich mitten +unter uns, und nähme uns mit herauf oder herunter, ins Paradies oder +die Hölle! 's sollt' mir gleich sein -- 's wär' wenigstens eine +Veränderung!« + +»Das greuliche Fluchen ist auch nicht an der Zeit!« sagte eine ernste +und finstere Stimme. + +»Hilft auch zu nichts, Meister Wüstemann,« grinste der Vorige wieder. +»Dem Galgen entläuft man nit so leichtlich -- mit Verlaub, Junker, das +war nicht auf Euch gesagt.« Wir folgen dem höhnischen Blick des +Sprechenden. Neben dem Kamin, an die feuchtschwarze Wand gelehnt, steht +Christoph von Denow, gebrochen an Leib und Seele. Er schaute starr, +gradaus vor sich hin, bei den Worten Jobsts aber fuhr er auf, sank +jedoch in demselben Augenblick mit einer abwehrenden Bewegung der Hand +in seine vorige Stellung zurück. Die Entgegnung übernahm Erdwin +Wüstemann, der drohend seine gefesselten Fäuste nach dem schon +zurückweichenden Jobst ausstreckte: »Den Schädel zerschmettere ich dir +an der Wand, wenn du den Rachen nicht hältst, du Sohn einer Hündin -- +sage noch ein Wort --« + +»Auf ihn! so ist's recht!« schrien einige der Gefangenen. »Halt, halt! +trennt sie!« riefen andere. + +»Seid ruhig, Erdwin,« sagte der Junker, »laß ihn, Alter, -- er hat +recht, der Strick des Hangmanns droht uns allen.« + +»Euch nicht! Euch nicht!« rief der alte Wüstemann, die ihm +entgegengestreckte Hand seines Schützlings fassend. »O Ihr -- Ihr in +diesen Banden -- das Herz bricht mir darüber -- o die Schurken, die +Schurken!« + +Ein Murren, welches bald in lautere Drohungen überging, folgte den +Verwünschungen des Alten, der alle ihn Umgebenden mit allen Flüchen +überhäufte, welche ihm auf die Zunge gerieten. + +Wer weiß, was geschehen wäre, wenn man nicht plötzlich draußen vor der +eisenbeschlagenen Tür des Gefängnisses Schritte und eine befehlende +Stimme vernommen hätte. Hellebardenschäfte und Musketenkolben rasselten +nieder auf den Steinboden. Eine allgemeine Stille trat ein unter den +Gefangenen, die Schlösser der Tür kreischten und knarrten. Sie öffnete +sich, ein Gefreiter mit der Partisane auf der Schulter schritt herein +mit zwei Büchsenschützen, deren Lunten glimmten. Ihnen folgte ein +kleines schwarzes Männlein, welchem zur Seite, von Kopf bis zu Fuß +geharnischt, der Leutnant der Festung, Hans Sivers, sich hielt. Durch +die geöffnete Tür sah man den Gang angefüllt mit Bewaffneten von der +Besatzung. + +»Tut Eure Pflicht, Herr Notarius!« sagte der Leutnant, und das kleine +schwarze Männlein -- Herr Friedericus Ortlepius, _notarius publicus_ und +des peinlichen Gerichts zu Wolfenbüttel bestallter und beeidigter +Gerichtsschreiber, räusperte sich, nahm das Barett vom Haupt und +entfaltete ein Papier, welches er in der Rechten trug. Ein Söldner, der +eine Lampe hielt, näherte sich. Der Leutnant hob den Arm gegen die +Gefangenen, abermals räusperte sich Herr Ortlepius und las dann seine +Schrift ab wie folgt: + +»Daß der Hochwürdige, Durchlauchtige, Hochgeborne Fürst und Herr, +Herr Heinrich Julius, postulierter Bischof des Stifts Halberstadt, +Herzog zu Braunschweig und Lüneburg, unser allerseits gnädiger Fürst +und Herr, unlängst nach Besage und Inhalt des Koblenzschen Abschieds, +als verordneter Kriegsobrister dieses niedersächsischen Kreises, +zur Beschützung des lieben Vaterlandes wider das tyrannische Einfallen +des hispanischen Kriegsvolkes, unter andern ein Regiment deutscher +Knechte von dreizehn Fähnlein hat werben lassen, solches ist _notorium_ +und männiglich bekannt. Sind dieselben auch nachher von Seiner +Fürstlichen Gnaden selbst gemustert, bewehrt, und haben sie in +derselben persönlichen Gegenwart in dem Ring, altem löblichem +Kriegsgebrauch nach, auf den Artikulbrief geschworen. + +Ob nun wohl I. F. G. sich gänzlich versehen und verhofft, nachdem +I. F. G. es so treulich gemeinet, auch dem gemeinen Vaterland zum Besten es +sich so sauer haben werden lassen, -- es würde gemeldetes Regiment sich +vermöge geschworenen Eides, Treu und Pflicht, wie Solches ehrlichen, +redlichen Kriegsleuten eignet und gebühret, verhalten haben, so hat sich +aber befunden, daß zehn Fähnlein von solchem Regiment, ohne einige +rechtmäßige gegebene Ursach, wider ihre geschworene Treu und Pflicht, +I. F. G. zu sonderlichen Schimpf, der ganzen deutschen Nation zum +sonderlichen Spott und Hohn, dieser Kriegsexpedition zum Nachteil, dem +Feind aber zum Frohlocken mit fliegenden Fähnlein aus dem Felde gezogen +sind. Haben ihre verordnete Obrigkeit nicht bei sich leiden wollen, auch +in solcher Meuterei so lange kontinuiret, bis daß I. F. G., zur +Erhaltung Deroselben Autorität, ein' Ernst zu diesen Sachen haben tun +müssen, und sie durch ihren damaligen Statthalter und Generallieutenant +den Wohlgebornen und Edeln Grafen Philipp zu Hohenlohe, auf der Heide +zwischen der Ucht und Barenburg, hinter dem Moor, genannt das hessische +Darlaten, haben trennen und zum Gehorsam bringen lassen. Und obwohl +I. F. G. damals nach Kriegsgebrauch und scharfen Rechten sie zu +massakrieren und sämtlich zu Schelmen zu machen, und über sie als +Schelmen die Fähnlein abreißen und schleifen zu lassen, befugt gewesen +sein, so haben doch I. F. G. zu Deroselbst eigenen Glimpf den +gelindesten Weg für die Hand nehmen wollen und haben sich resolviret, +euch die bestrickten Knechte, welche eines Teils bei I. F. G. als die +Prinzipalisten Meutemacher angegeben sind, andernteils von ihren eigenen +Spießgesellen dafür geliefert worden sind, -- vor ein öffentlich +Malefizrecht stellen zu lassen. + +So fordere ich also auf unsers allerseits gnädigen Fürsten und Herrn +gnädigen Befehl euch: Christoph von Denow, Detlof Schrader von +Rendsburg, Erich Südfeld von Hannover usw. usw. -- so fordere ich euch +auf morgen früh um sieben Uhr, das ist den fünften November dieses +Jahres Eintausendfünfhundertneunundneunzig vor kaiserliches Recht in +den Ring, wo ihr gerichtet werden sollt, wie es am Jüngsten Tage vor +Gott dem Allmächtigen, wenn Gottes Sohn kommen wird zu richten die +Lebendigen und Toten, zu verantworten ist!« -- -- + +Fünfundachtzig Namen rief der Notarius Friedrich Ortlepp auf, und jeder +der Gefangenen antwortete durch ein: »Ist hier gegenwärtig.« Als die +Liste zu Ende gebracht war, hob der kleine schwarze Mann noch einmal, +lächelnd, die bebrillte Nase und ließ seine Äuglein wohlwollend über die +Gefangenen hingleiten; dann nickte er dem Geharnischten zu, dieser +winkte dem Gefreiten, welcher seine Partisane anzog, sein Kommandowort +rief. Die Musketierer schulterten ihre Büchsen, und die Beamten +schritten heraus aus dem Gewölbe, dessen Tür sogleich hinter ihnen +wieder zufiel. + +Noch einen Augenblick tiefster Stille, dann ein dumpfes Gemurmel, dann +wildester Losbruch aller mächtig zusammengepreßten Gefühle und +Leidenschaften der gefesselten Meuterer! Ein wildes Durcheinander, -- +Ausrufe des Zorns, des Hohns, der Besorgnis, der Angst, -- +Kettengerassel! + +»O Junker, Junker!« rief verzweiflungsvoll der Knecht Erdwin, das Haupt +seines jungen Herrn an seine breite Brust ziehend. »O Junker, Junker, +wenn das Euer Vater erlebt hätte!« + +»Ja, meine Mutter, meine Mutter! 's ist gut, daß sie tot ist!« seufzte +Christoph von Denow, die Hand über die Augen legend. -- -- -- -- -- -- + +In den überfüllten Schenken der Stadt erschallte der tobende Gesang der +zum Kriegsgericht eingeforderten Söldner und Hauptleute; viel Zank und +Streit blieb nicht aus in den Gassen. Die Bürger zeigten sich nicht +allzuhäufig außerhalb ihrer Haustüren, und wenn es ja einen Nachbar oder +Gevatter allzusehr drängte, die Ereignisse des Tages mit einem Gevatter +oder Nachbar zu besprechen und abzuhandeln, so schlich er so vorsichtig +als möglich im Schatten der Hauswände dahin. Der Nebel ward dichter und +dichter, je mehr die Dämmerung Besitz ergriff von Stadt und Land. Der +Herzog auf dem Schloß ließ mehr Holz in den Kamin seines Gemaches +werfen, und der Geringste seiner Untertanen ahmte ihm darin so gut als +möglich nach. Immer unfreundlicher ward die Nacht. + +Auf dem Prellsteine unter dem Torgewölbe des Mühlenturmes kauerte eine +weibliche, verhüllte Gestalt. Einen grauen Mantel von schwerem, +grobem Tuch hatte sie dicht um sich geschlagen, das spitze Hütlein, +durch welches ein klein rundes Loch ging, gleich der Spur einer +Büchsenkugel -- tief in die Stirn gedrückt; ein Bündel lag neben ihr. +Das war Anneke Mey aus Stadtoldendorf! + +Ihr Haupt stützte sie auf beide Hände und starrte regungslos auf die +schwarzen Massen des fürstlichen Schlosses, welches jenseits des +Ockergrabens hoch emporragte in den dunkeln Nachthimmel, und in welchem +hie und da ein erleuchtetes Fenster schimmerte. -- So hatte Anneke den +ganzen lieben langen Tag über gesessen, so saß sie noch, als es schon +vollständig Nacht geworden war, und die Ronde sich näherte, das Tor zu +schließen. + +»Sitzt die Dirn da noch!« rief der Weibel. »Heda, Schätzchen, fort mit +dir, daß dir das Fallgatter nicht auf den Kopf fällt. Marsch, Liebchen! +weiß nicht, was du hier suchen könntest?« Anneke rührte sich nicht von +ihrem Platze. + +»Na, wird's bald? Nimm Vernunft an, Kind, 's gibt wärmere Nester.« Damit +faßte er den Arm der Kauernden, um sie in die Höhe zu ziehen. + +»O lasset mich hier! lasset mich hier!« + +»Hoho, geht nicht, geht nicht. Aber nun lasset doch auch einmal Euch ins +Gesicht schauen. Hebt die Laterne hoch! Mädel, Kopf in die Höhe!« + +Der Schein der Laterne fiel in das bleiche gramvolle Gesicht des +Mädchens. -- + +»Alle Teufel, das ist ja die Anneke, die Anneke Mey von Rees her!« rief +einer der Büchsenschützen sich vordrängend. »Weibel, mit der mußt du +säuberlich umgehen. Fürcht dich nit, Anneke -- wo kommst du her?« + +»Aus dem Moor, aus dem hessischen Darlaten, Arendt Jungbluth!« sagte +Anneke tonlos. + +»Wo sie die Meutmacher niedergelegt haben? Ei, ei, Anneke, und du bist +mit ihnen gezogen?« + +»Sie sind im Wald über uns gekommen, weil sie der Graf von Hollach +abgedrängt hatt' von der Weser, und sie haben den Junker aufs Pferd +gezwungen, und er hat nichts anders gekonnt, er hat sie müssen führen; +nun aber haben sie doch geraubt und gebrannt und sind gezogen, wo sie +wollten, und wir haben müssen mit ihnen durch die Wiehenberge, ins Land +Hoya. Da ist es zum Ende gekommen -- da hat uns der Graf gestellt, und +Hans Niekirche ist tot, ist auch nicht heimgekommen zu seiner Mutter -- +Gnade Gott uns allen!« + +Lautlos umstanden die Söldner das junge Mädchen; endlich sagte der +Weibel: »So ist es geschehen, dagegen kann keiner sagen -- arm Mädel, +was sitzest nur hier auf dem kalten Stein?« Stumm deutete Anneke nach +dem Gefängnis im Turm über ihr; dann sagte sie: »Sie führten uns zuerst +auf das feste Haus Stolzenau; nun sind wir hier zum Gericht!« + +»Und der Junker, von welchem du gesprochen hast, ist da oben bei den +andern?« fragte der Weibel. + +Anneke nickte. + +»Das ist der Knab Christoph von Denow, von den Reitern?« fragte wieder +der Gefreite Arendt Jungbluth, welcher zuerst Anneke erkannt hatte. »Ist +das dein Schatz?« + +Ein leises Zittern überlief den Körper des Mädchens, sie antwortete +nicht und schüttelte das Haupt und senkte das Gesicht in die Hände und +legte den Kopf auf die Knie. + +»Arm Kind! arm Mädel!« murmelten die Krieger. »Aber sie kann hier nicht +bleiben,« brummte der Weibel. »Wir müssen fort, der Böse fährt uns sonst +auf den Buckel!« + +»Lasset mich einmal mit ihr sprechen,« sagte Arendt Jungbluth. Er beugte +sich nieder zu der Armen und flüsterte ihr zu; plötzlich stieß sie einen +Schrei aus, einen Freudenschrei und stand auf den Füßen: »Wirklich, +wirklich? Ihr könnt? Ihr wollt? O, Gott segne Euch tausendmal!« + +»Herauf die Brücke! Herunter das Gatter! Ist's geschehen? -- Fort nach +der Schloßwach! -- Jürgen, marsch, voran mit der Laterne!« kommandierte +der Weibel. »Anneke, Ihr gehört zu uns, niemand tut Euch was zu Leid. +Marsch, marsch!« + +Die Hellebarden lagen wieder auf der Schulter: inmitten der +Wachtmannschaft ging Anneke Mey, und Jürgen trug außer der Laterne auch +noch das Bündlein des Soldatenkindes. + + + + + V. + + +Eins schlug die Uhr des Schloßturmes, und die Krähen fuhren auf aus +ihren Nestern und umflatterten krächzend die Spitze und die Wetterfahne, +bis der Klang ausgezittert hatte. + +»So geh zu ihm!« flüsterte Arendt Jungbluth. »Um drei Uhr ist meine +Wacht zu Ende, dann klopf' ich und du kommst heraus. Nun gehab dich +wohl; des Wärtels Margaret lauert drunten am Gang.« + +»Dank Euch, dank Euch!« flüsterte Anneke Mey. Die Gefängnistür im +Mühlenturm öffnete sich kaum weit genug, um das schmächtige junge +Mädchen einzulassen, und schloß sich sogleich wieder. + +Die qualmende Hängelampe war wie ein roter Punkt in dem dunsterfüllten +Raume anzuschauen; die meisten der Gefangenen schnarchten auf dem Stroh +die Wände entlang, viele hatten aber auch die Köpfe auf den Tisch gelegt +und schliefen so. -- Dann und wann erklirrte leise eine Fessel, oder ein +Stöhnen und Geseufz ging durch die Wölbung. Niemand hatte den Eintritt +des Mädchens bemerkt. + +Einige Minuten stand Anneke dicht an die Mauer gedrückt. Sie vermochte +kaum Atem zu holen. Wie sollte sie in dieser Hölle den finden, welchen +sie suchte? + +Plötzlich ward es hell in ihr: anfangs leise, dann lauter begann sie das +alte Lied vom Falkensteiner zu singen: + + »Sie ging den Turm wohl um und um: + Feinslieb bist du darinnen? + Und wenn ich dich nicht sehen kann, + So komm' ich von meinen Sinnen. + + Sie ging den Turm wohl um und um, + Den Turm wollt' sie aufschließen: + Und wenn die Nacht ein Jahr läng wär', + Keine Stunde tät' mich verdrießen!« + +Von ihrem Lager richteten sich die Schläfer auf, stärker klirrten die +Ketten an ihren Armen und Beinen. + + »Ei, dürft' ich scharfe Messer tragen, + Wie unsers Herrn sein' Knechte, + Ich tät' mit dem Herrn vom Falkenstein, + Um meinen Herzliebsten fechten!« + +»Was ist das? Wer ist das? Wer singet hier?« tönte es wild +durcheinander. »Anneke, Anneke, Anneke Mey,« rief die Stimme Christoph +von Denows dazwischen, und Erdwin Wüstemann hielt das junge Mädchen in +den Armen: »Hier, hier halt' ich sie, hier ist sie, wie ein Engel vom +Himmel mit ihrer Lerchenstimme! O Kind, Kind, was willst hier in dieser +Wüstenei? Junker, Junker, wo seid Ihr?« + +»O Anneke! Anneke!« rief Christoph von Denow. + +»Vivat Anneke, Anneke Mey!« riefen alle andern Gefangenen. »Das ist ein +wackeres Mädel! Vivat des Regiments Schenkin!« + +Es fiel keine schnöde, böse Rede: im Gegenteil, es war, als ob durch das +Erscheinen des Kindes jedes trotzige wilde Herz milder geworden wäre. +Man hätte sie gern auf den Händen getragen, da sie das aber nicht leiden +wollte, suchte man ihr den bequemsten Platz aus und breitete Mäntel +unter ihre Füße, um sie vor der feuchten Kälte der Steinplatten zu +schützen. Eine Bank wurde zerschlagen, um das erlöschende Feuer im Kamin +damit zu nähren. + +»So hast du uns nicht verlassen, Anneke!« rief Christoph und hielt ihre +beiden Hände in den seinigen, und der Knecht Erdwin wischte verstohlen +eine Träne aus den grauen Wimpern. »O, wie können wir dir je das +wiedervergelten?« + +»Wie könnt ich Euch verlassen? Und wenn sie Euch zum Tode führen, ich +geh' mit Euch!« + +Sie saßen beieinander, Christoph und Anneke, neben dem Kamin, und die +Dirne schluchzte und lächelte durch ihre Tränen. Sie vergaßen alles um +sich her, und der alte Wüstemann stand dabei, seufzte tief und schwer +und schüttelte das greise Haupt: + +»Jammer, o Jammer!« + +Um drei Uhr krähte zum ersten Mal der Hahn, um drei Uhr klopfte Arendt +Jungbluth an die Tür. + +»Nun muß ich scheiden!« sagte Anneke. »Gott schütze uns; wenn das +Gericht angeht, steh' ich auf Eurem Wege, Herr.« + +»Anneke, Gott lohn's dir, was du an uns tust!« + +»Fahre wohl! Fahre wohl, Anneke!« riefen die gefangenen Meuterer. »Gott +segne dich, Anneke!« + +Christoph von Denow schlug die Hände vors Gesicht; -- die Tür war hinter +dem jungen Mädchen zugefallen. Im Osten zeigte ein weißer Streif am +Nachthimmel, daß der Morgen nicht mehr fern sei, und der Wind machte +sich auf, fuhr von den Harzbergen nach dem deutschen Meer und verkündete +dasselbe. + + -- -- -- -- -- + +Sechs schlug die Uhr des Schloßturmes; wieder schossen die Krähen aus +ihren Nestern und umflatterten die Spitze, krochen aber diesmal nicht +wieder zurück in ihre Schlupfwinkel, sondern ließen sich, eine bei der +andern, nieder auf dem Rande der Galerie, welche nahe dem Dach, den Turm +umzieht. Neugierig reckten sie die Hälse und blickten herab in den +dichten weißen Nebel unter ihnen, aus welchem kaum die höchsten Giebel +der Stadt und Festung hervorlugten. Trommelschall erdröhnte auf dem +Schloßhofe und hallte wider von den Wällen, während eine kriegerische +Musik aus der Ferne dem Weckauf der Besatzung antwortete. Auf der +Festung trat die Soldateska unter die Waffen, und in der Heinrichsstadt +verkündete das klingende Spiel, daß die Bürgerschaft in Wehr und +Harnisch aufzog. + +Von Zeit zu Zeit löste sich einer der schwarzen Vögel aus der Reihe der +Genossen los und flatterte mit kurzen Flügelschlägen hinein in den +Nebel, als wolle er Kundschaft holen über das Fest, welches ihm drunten +bereitet wurde. Kehrte er zurück, so wußte er mancherlei zu erzählen, +und freudekreischend erhoben sich die andern und wirbelten durcheinander +und überschlugen sich in der grauen Luft, um endlich wieder +zurückzufallen auf ihre Plätze in Reih und Glied. + +Gegen sieben Uhr verflüchtigte sich der Schleier, welcher über der Stadt +lag, um sieben Uhr trat alles ins Licht! Vor dem fürstlichen Marstalle +waren die Schranken aufgestellt. Ein mit rotem Tuch bekleideter Tisch +und ebenso überzogene Bänke für den Gerichtsschulzen und die Beisitzer +standen in der Mitte. Das Volk umwogte dicht gedrängt den Platz. Jetzt +zog »mit dem Gespiel« die fürstliche Leibgarde aus dem Schloßtor, den +Graben entlang, und besetzte zwei Seiten der Schranken. Nach ihr rückte +in drei Fähnlein die Bürgerschaft von der Dammfestung, der Heinrichstadt +und dem Gotteslager heran und schloß die beiden andern Seiten ein. Der +Ring war gebildet; die Fahnen wurden zusammengewickelt und unter sich +gekehrt, die Obergewehre mit den Spitzen in die Erde gestoßen, nach +Kriegsgebrauch bei kaiserlichem Malefizrecht. + +Abermals entstand eine Bewegung unter der Volksmenge; wieder schritt +ein Zug durch die gebildete Gasse feierlich und langsam vom Schloß her. +Das war der Gerichtsschulze Melchior Reicharts mit seinen einundzwanzig +Richtern, Hauptleuten, Gefreiten und Gemeinen, und dem Gerichtsschreiber +Fridericus Ortlepius die allesamt paarweise in den Ring eintraten. + +Zuerst ließ sich der _notarius publicus_ nieder, zur linken Hand an dem +roten Tisch. Er ordnete seine Papiere, guckte in sein Tintenfaß, rückte +das Sandfaß zurecht, und der trübe Himmel und die Krähen auf dem +Schloßturm schauten ihm dabei zu. Er prüfte die Spitze seiner Feder auf +dem Daumennagel, das Murmeln und Murren der tausendköpfigen Menge machte +einer Totenstille Platz; von dem Mühlenturm her erklang ein taktmäßiges +Rasseln und Klirren und verkündete das Nahen der Gefangenen. -- -- -- -- + +»O mein Gott, hilf ihm und mir!« stöhnte Anneke Mey von Stadtoldendorf, +als an dem Mühlenturm die Pforte sich öffnete und die davor aufgestellte +Reiterwache, die Pferde rückwärtsdrängend, das Volk auseinander trieb. + +»Da sind sie! die Meutmacher! die Schufte! Da sind die falschen +Schurken!« ging der unterdrückte Schrei durch das zornige Volk. Aus der +Gefängnispforte hervor glitt ein verwildertes, trotziges oder verzagtes +Gesicht nach dem andern an der zitternden Anneke vorüber. + +Und jetzt -- + +»Christoph!« durchdrang grell und schneidend ein Schrei die schwere +graue Luft, daß der Herzog Heinrich Julius, welcher an einem Fenster +seines Schlosses stand und auf das Getümmel unter sich finster +herabblickte, unwillkürlich den Kopf nach der Richtung hin neigte. + +Da schritt er einher, der Junker von Denow, bleich, wankend, gestützt +auf den Arm des getreuen Knechtes Erdwin. + +»O Christoph! Christoph von Denow!« + +Der junge Reiter erhob das Auge; es haftete auf dem jungen Mädchen, +welches hinter der Reihe der begleitenden Hellebardierer die Hände ihm +entgegenstreckte; -- ein trübes Lächeln glitt über das Gesicht +Christophs, dann schüttelte er das Haupt; er wollte anhalten. + +»Hast doch recht gehabt, Anneke!« lachte höhnisch Valentin Weisser, +der Rosenecker. »Waren unsrer doch zu wenig. Puh -- 's ist am End +einerlei -- Kugel oder Strick. Vorwärts, Junker Stoffel; ich tret' dir +sonst die Hacken ab!« + +»Vorwärts! vorwärts!« rief der Führer der Geleitsmannschaft -- vorüber +schritt Christoph von Denow. -- + +Im Ring aber schwuren die Richter mit aufgerichtetem Finger und lauter +Stimme: + +»Ich lobe und schwöre, daß ich diesen Tag und alles dasjenige, was vor +diesem Malefizrecht vorkommen wird, urteilen und richten will, es sei +gleich über Leib und Blut, Geld oder Geldeswert, als ich will, daß mich +Gott am Jüngsten Tage richten soll -- den Armen als den Reichen. Will +hierinnen weder Freundschaft noch Feindschaft, Gunst noch Ungunst, weder +Haß, Geschenke, Gaben, Geld ober Geldeswert ansehen, oder mich +verhindern lassen! So wahr mir Gott helfe und sein heiliges Wort!« + +Alle Beisitzer saßen darauf nieder an ihren Plätzen, und nur der +Gerichtsschulze blieb stehen und tat eine Umfrage. Darauf verkannte er +das Recht: erstens im Namen der heiligen unzerteilbaren Dreifaltigkeit, +dann im Namen des Fürsten, dem Richter und Angeklagte als Kriegsleute +geschworen hatten, zuletzt kraft seines eignen angeordneten Amts und +Stabes, daß »keiner innerhalb oder außerhalb dem Rechten wolle einreden. +Solle auch niemand einem Richter heimlich zusprechen. Dem Profoß solle +eine freie Gasse gelassen werden, damit er guten Raum habe, damit er +desto baß mit den Gefangenen vom Rechten ab- und zugehen möge, bei Pön +eines rheinischen Gülden in Gold«. + +»Derhalben,« fuhr er fort, »wer nun vor diesem Kaiserlichen Recht zu +schicken oder zu schaffen hat, es sei gleich Kläger oder Antworter oder +sonsten einer, der dem löblichen Regiment etwas anzuzeigen hat: die +stehen in den Ring und klagen, wie man pflegt zu klagen und Antwort zu +geben, auf Red und Widerred, wie in Kaiserlichen Rechten der Gebrauch +ist. -- Gerichtswebel, habt Ihr gestern den Profoß, wie auch die +Angeklagten fürgeboten, zitieret und geladen?« + +Und der Gerichtswebel stand auf und antwortete: »Herr Schultheiß, ich +habe sie gestern früh mit drei Trommeln an den vier Orten der Welt +zitieret!« + +Und des Regiments Profoß, Karsten Fricke, trat in den Ring, und der +Gerichtswebel führt die Angeklagten hinein, jedes Fähnlein für sich +zusammengeschlossen. -- + + + + + VI. + + +Liege still, Kind,« sagte am zwanzigsten November bei Tagesanbruch auf +der Hauptwache im Schloß zu Wolfenbüttel der Gefreite Arendt Jungbluth. +»Liege ruhig und schlaf weiter: der Morgen ist dunkel und dräuet Schnee. +Es geht noch nicht an.« + +Anneke Mey hatte sich auf der harten Holzbank, erschreckt aus tiefem +Traum auffahrend, in die Höhe gerichtet, bei dem Ruf der Wacht draußen, +die zur Ablösung herausrief. + +»Schlafe wieder ein, Anneke, ich wecke dich, wenn es Zeit ist,« sagte +Arendt, die Sturmhaube auf den Kopf stülpend. + +»Der letzte Tag!« murmelte das Soldatenkind, und das müde Haupt sank +wieder zurück auf das harte Lager, die Augen schlossen sich wieder. + +»Hui, der Wind -- Teufel!« brummte Arendt, als die Söldner wieder +zurücktraten in die Wachtstube. »Schläft sie wieder? -- Richtig! ach, +ich wollt', sie verschlief' es ganz. Ruhig, Kerle -- haltet eure Mäuler! +Donner -- ist es nicht grad, als ob der Sturm den alten Kasten einem +über dem Kopf zusammenreißen wollte? Das wird das rechte Wetter sein für +die da draußen im Ring, das bläst ihnen die Urteile vom Munde weg. Wie +sie da liegt! ist das nicht ein Jammer? Ich wollt', sie verschlief' die +böse Stund.« + +Wild jagte der Wind die schweren Schneewolken vor sich her und heulte +und pfiff in den Gängen des Schlosses wie der böse Feind, klapperte mit +den Ziegeln, rüttelte an den Fenstern und trieb die Wetterfahnen mit den +Löwen auf den Turmspitzen im Kreise umher, heftiger und heftiger, wie +der Tag zunahm. + +Anneke Mey lag noch immer, nicht im Schlaf, sondern in stumpfsinniger +Erschöpfung. Was kein Kriegszug vollbracht hatte, das hatten die letzten +vierzehn Tage getan; sie hatten das Kind gebrochen, es matt und müd +gemacht bis zum Tode. Vergeblich sahen sich diesmal auf ihrem Wege zum +Gericht Christoph von Denow und Erdwin Wüstemann nach dem abgehärmten +Gesicht ihres Schutzengels um. + +»Gottlob, gottlob, sie verschläft's!« murmelte Arendt Jungbluth, sich +über das Lager der Armen beugend. + +Im Ring, unter dem düstern, schwarzen Himmel mit den jagenden Wolken las +Friedrich Ortlepp, der Gerichtsschreiber, ein Todesurteil nach dem +andern; einen Stab nach dem andern brach der Schultheiß und warf ihn auf +den Richtplatz. + +»Gnade Gott der Seelen in Ewigkeit. Amen!« sprach er bei jeder weißen +Rute, welche zerknickt auf den Boden fiel. + +Und jetzt -- jetzt der letzte Spruch! + +»Auf eingebrachte Klage des Profoßen, Gegenrede des Beklagten, +produzierte Kundschaft und Zeugnis, ist durch einhellige Umfrage zu +Recht erkannt, daß -- =Christoph von Denow= nicht gebührt hat, sich für +einen Vorsprecher bei der vorgesetzten Obrigkeit, noch für einen +Hauptmann aufzuwerfen, noch die Befehle zu vergeben und auszuteilen, +noch die Wacht zu bestellen. Warum er dem Profoß überantwortet werden +soll, welcher ihn in sein Gewahrsam führen und ihn dem Nachrichter +einantworten und befehlen soll, daß er ihn hinausführe und an den +nächsten Galgen hänge und mit dem Strange zwischen Himmel und Erde +erwürge, damit der Wind unter ihm und über ihn durchwehen könne, ihm zu +verwirkter Strafe und andern zum abscheulichen Exempel!« + +Wieder fiel der gebrochene Stab zu den anderen auf die Erde. + +»Gnade Gott der Seelen in Ewigkeit, Amen!« + +Auf die Knie stürzten dreiundachtzig der Verurteilten: »Gnade, Gnade! +Gnade ist besser denn Recht!« + +Hochauf richteten sich Christoph von Denow und Erdwin Wüstemann, und der +Junker hob die gefesselte Rechte zum Himmel, während der Wind seine +Locken zerwühlte und die Schneewolken sich öffneten und das weiße +Gestöber wirbelnd herabfuhr: + +»Keine Gnade! Recht! Recht! Recht ist besser denn Gnade!« + +In den Ring sprang der Profoß mit der Wache und stürzte sich auf die +Gefangenen -- wild und anhaltend brach das Geschrei des Volkes los, die +Kommandoworte erschallten dazwischen, die Trommeln wirbelten, die +Trompeten schmetterten, aus der Erde wurden die Waffen gerissen und hoch +in die Luft geschwungen, die Fähnlein entfalteten sich im Winde. Die +Krähen aber schossen in einem schwarzen Haufen herab von dem Schloßturm +und umflatterten krächzend die Stätte des Gerichts. Gleich dem bewegten +Meer wogte und donnerte das Volk, und durch die Menschenflut kämpfte +sich mit zerrissenen Kleidern, losgegangenen Haarflechten Anneke Mey. + +»Christoph! Christoph! O du heiliger Gott im Himmel! verloren! +verloren!« + +Dem Herzog am geöffneten Fenster seines Gemachs riß der Sturm den Griff +des Flügels aus der Hand, daß er klirrend zuschlug. Über den Schloßhof +schritt der Gerichtsschultheiß Melchior Reicharts mit den Hauptleuten +Georg Frost, Peter Köhler, Heinrich Jordans und Moritz Ahlemann nach +getaner Pflicht den jungen Fürsten, Zahlherrn und Kreis-Obersten für +die Verurteilten zu bitten. Fridericus Ortlepius trug »fürsichtiglich +und sorgsamlich« die Akten und Protokolle. Tief in die Nacht hinein saß +der Herzog mit den sechs Männern über diesen Papieren. Vierundzwanzig +Todesurteile bestätigte er, und unter diesen befand sich das Christoph +von Denows. Zweiunddreißig der Verurteilten begnadigte er dahin, »daß +sie zur Straf sich verpflichten sollen, im Land zu Ungarn auf dem +Grenzhause Groß-Wardein wider den Erbfeind der Christenheit zu Wasser +und zu Lande, in Sturm und Schlachten jederzeit, wie ehrlichen +Kriegsleuten solches gebührt, sich gebrauchen zu lassen«. -- +Siebenundzwanzig Männern wurde auf einen gewöhnlichen »Urfried« das +Leben und die Ehre geschenket und sie ihrem Fähnlein wieder +einverleibt. -- Zweien wurde das Leben und die Ehre ohne Bedingung +geschenkt. Der erste war Erdwin Wüstemann, der andere ein Söldner, +genannt Klaus Rischemann von Calvörde. Alle diese Schlüsse wurden den +Gefangenen noch in derselben Nacht bekannt gemacht. + + + + + VII. + + +Der Schnee lag hoch in den Straßen und auf den Plätzen der Stadt und +Festung Wolfenbüttel. Der Sturm hatte sich mit Anbruch des Tages ganz +gelegt, es war wieder still und ruhig geworden, und leise träufelte es +von den Dächern, denn die Luft war warm und mit Feuchtigkeit gefüllt; +mit dumpfem Geräusch bewegte sich das Volk in den Gassen. + +Die Fenster der Schloßkirche glänzten rötlich in die trübe +Morgendämmerung herein, und feierlich erklang die Orgel und der Gesang +vieler Menschenstimmen: + + Allein zu dir, Herr Jesu Christ, + Mein Hoffnung steht auf Erden. -- + +Im Schein der Lichter und Lampen erglänzte Harnisch an Harnisch in dem +heiligen Gebäude: den Verurteilten sollte ihre letzte Predigt gehalten +und das Abendmahl ihnen gereicht werden. Der junge Herzog saß in seinem +Stuhl, das Gebetbuch vor sich; alle Offiziere der Besatzung waren in +Wehr und Waffen zugegen, und die Wände entlang und im Schiff der Kirche +drängte sich ein bärtiges ernstes Kriegergesicht an das andere. Die +Vierundzwanzig, die sterben sollten, saßen auf einer niedern Bank unter +der Kanzel, auf welcher der Magister Basilius im schwarzen Chorrock mit +der Halskrause stand, bereit, seine Rede über die beiden Schächer am +Kreuz zu beginnen. In einem dunkeln Winkel unter der Orgel stand Erdwin +Wüstemann und hielt die schluchzende Anneke im Arm; um sie her knieten +oder standen die vom Tode losgesprochenen Meuterer, denen man die +Fesseln abgenommen hatte. + +Und jetzt schwieg die Orgel und der Gesang. Das Wort des Evangelisten +Lukas wurde gelesen: + +»Aber der Übeltäter einer, die da gehängt waren, lästerte ihn und +sprach: Bist du Christus, so hilf dir selber und uns! -- Da antwortete +der andere, strafte ihn und sprach: Und du fürchtest dich auch nicht vor +Gott, der du in gleicher Verdammnis bist? Wir sind billig darinnen, denn +wir empfangen, was unsere Taten wert sind; dieser aber hat nichts +Ungeschicktes gehandelt! -- Und er sprach zu Jesu: Herr, gedenke an +mich, wenn du in dein Reich kommst! -- und Jesus sprach zu ihm: +Wahrlich, ich sage dir, heut wirst du mit mir im Paradiese sein!« -- + +Überlaut riefen bei diesen letzten Worten des Textes einige der +Verurteilten: »Das helfe uns der allmächtige Gott!« und hoben die +kettenklirrenden Hände gefaltet hoch empor. Das Auge Christoph von +Denows aber leuchtete plötzlich in einem Glanz, welcher darin bereits +für immer erloschen schien. Hatte er eine Vision? Rief ihm eine süße +bekannte Stimme von oben? Erschien ihm winkend die tote Mutter? + +Christoph von Denow war zum Sterben bereit. -- + +»Gott, Gott, laß so nicht das Haus Denow zu End kommen!« stöhnte in +seinem Winkel Erdwin, der Knecht. »Herr, schenke du ihm einen adeligen +Tod! Laß diesen Kelch an mir vorüber gehen!« + +»Er soll mir den Kopf zertreten und über meinen leblosen Leib weggehen, +wenn er mich nicht hören will!« sagte Anneke Mey tonlos. + +Und Dominus Basilius Sadler begann seine Buß- und Trostpredigt und +teilte sie in die zwei Punkte: + +Erstlich, wie sich der »heilige« Schächer am Kreuz in einer letzten Not +gehalten. + +Zum andern, wie herrlich ihn Christus getröstet habe. + +Der Himmel im Osten aber färbte sich immer purpurner, und die Lichter +und Lampen der Kapelle erblaßten mehr und mehr vor dem Glanz, welchen +Gott über die winterliche Welt leuchten ließ. Die Gefangenen neigten die +Häupter tiefer und tiefer. + +»-- Euer Weib und Kinder befehlet ihr, die ihr welche habt, Gott dem +Allmächtigen, der ist der Waisen Vater und der Witwen Richter. Ist schon +dieser Tod vor der Welt schmählich, so gedenket, wenn ihr euch bekehret, +daß ihr Gottes Kinder seid, dann wird solch Leiden ehrlich und herrlich. +Denn der Tod seiner Heiligen ist wert gehalten vor dem Herrn.« -- + +»Einen ehrlichen Tod! o Gott, schenke ihm einen adeligen Tod!« murmelte +Erdwin, der Knecht. + +»So gebe Gott der Allmächtige euch allen die Gnade seines heiligen +Geistes, daß ihr euer' Sünd von Herzen erkennt und euch leid sein +lasset, euch im wahren Glauben zu Christo wendet und darin bis ans Ende +verharret, euer' Seel in Geduld fasset, allen Menschen von Herzen +vergebet und verzeihet, heut, diesen Tag, Gott eure Seele opfert und +überantwortet und am großen Tag des Herrn mit Freuden auferstehet und +mit Leib und Seele ewig lebet! Amen, Amen, Amen!« + +Der Sand war verlaufen in der Uhr auf der Kanzel. Der Herzog verließ mit +seinen Hofbeamten seinen Stuhl, Anneke Mey verschwand von der Seite +Erdwins, ohne daß dieser es bemerkte; -- unter den Klängen des alten +traurigen Chorales: Wenn mein Stündlein vorhanden ist -- wurde den +Verurteilten das Abendmahl gereicht. + +Nun war auch das geschehen; in die letzten Klänge der Orgel mischte sich +grell und schneidend ein anderer Klang -- der Schall des +Armensünderglöckchens: Der Henker wartete an der Tür des Hauses Gottes! + +Im langsamen Zug traten die Verurteilten und Gefangenen, von ihren +Wächtern umgeben, hinaus aus der Schloßkirche, vor welcher sie die +harrende Menge mit wildem Geschrei und Droh- und Schmähworten empfing. +Der schwere Gang begann, in das goldne Morgenrot hinein, über den +Schloßplatz, die Dammbrücke, durch die Heinrichsstadt dem Kaisertor zu. +Alle Gassen, durch welche der Zug ging, waren mit herzoglichen Reitern +und den gewaffneten Bürgern besetzt, um den Andrang des Volks zu +bändigen. + +Vor dem Kaisertor waren die vier Galgen gebaut, woran die vierundzwanzig +Leben enden sollten. Fast eine halbe Stund verging, ehe die Verurteilten +unter ihnen standen. Der Ring war geschlossen auf zwei Seiten von den +Hellebardierern, auf den beiden andern Seiten von den Musketenschützen, +deren Röhre auf den Gabeln lagen, deren glimmende Lunten zum +augenblicklichen Gebrauch aufgeschroben waren. Dicht vor dem Gefreiten +Arendt Jungbluth hielten sich Erdwin Wüstemann und der Junker Christoph +von Denow. + +Der Alte hatte den Arm um seinen jungen Herrn geschlungen, und dieser +das Haupt an die Brust des treuen Knechts gelegt. Sie sprachen leise +zueinander. + +»Weiß nicht, wo sie geblieben ist! weiß nicht, wo sie bleibt!« sagte der +Alte. + +»Sie hat mich nicht sterben sehen wollen; -- 's ist auch besser so! O +schütze sie -- halte sie, trag sie auf den Händen und im Herzen und +verlaß sie nie und nimmer -- ich will meiner Mutter von ihr sagen, wenn +ich zu ihr komm'.« + +»O Junker, Junker, und Euer Vater« -- + +»Vergiß nicht, was du ihm versprochen hast.« + +»Es wird geschehen, so wahr mir Gott helfe!« sagte dumpf der Alte. + +»Schau, es geht an -- da hast du den Ring -- mein Schwert liegt versenkt +im Moor, es ist ein gutes, tadelloses Schwert geblieben! -- Ihr sag -- o +Anneke! Anneke!« Der Junker brach ab; er vermochte es nicht, weiter zu +sprechen. + +Unterdessen war eine Totenstille in der Menschenmenge eingetreten, die +aber jedesmal, wenn die Henker einen der Meuterer des Reichsheeres von +der Leiter stießen, in ein gräßliches, langanhaltendes Geheul, durch +welches scharf das Wirbeln der Trommel klang, überging. -- -- +Dreiundzwanzig Mal hatte das Volk aufgeschrien. -- + +»Christoph von Denow!« rief nun der Profoß mit lauter Stimme. + +Zum letztenmal lagen sich Christoph und Erdwin in den Armen. + +»Lebe wohl! lebe wohl!« flüsterte der erste -- »vergiß nicht!« -- + +»So gnade Gott mir und Euch!« schrie der Knecht Wüstemann und strich die +langen greisen Haare aus der Stirn zurück. Der Junker von Denow stand +am Fuße der Leiter! + +Er drückte die Hand auf das Herz und setzte den Fuß auf die erste +Staffel: »O Anneke, süße Anneke!« + +Der Gedanke kam ihm, er würde sie erblicken in der Menge, welche wieder +in unheimlichster Stille den Richtplatz bedeckte; mit einem Sprung war +er oben an der Seite des Henkers, der ihn mit dem Strick in der Hand +erwartete. Er stieß die Hand desselben zurück -- seine Augen schweiften +über all die Tausende emporgerichteter Gesichter. -- + +»O Anneke Mey, liebe Anneke, wo bist du? wo bist du? weshalb hast du +mich verlassen?!« + +Wieder streckte der Henker die Hand nach ihm aus; er hielt ein Blech, +auf welchem die Worte standen »Meutmacher und Meineidiger« und wollte es +dem Verurteilten an einem Bande um den Hals werfen. + +»Lebe wohl, süße Anneke Mey!« flüsterte Christoph von Denow; er schlug +die Hand des Henkers abermals zur Seite, klirrend fiel das Blech, die +Leiter nieder, zur Erde. -- + +Mit einem wilden, entsetzlichen Schrei sprang Erdwin Wüstemann einen +Schritt zurück, mit einem Griff riß er das Feuerrohr aus den Händen +Arendt Jungbluths und an seine Wange. Der Schuß krachte -- »Gnade Gott +mir und dir!« + +»Dank, Erdwin -- hast -- Wort gehalten!« sprach Christoph von Denow. Er +schwankte -- breitete die Arme aus: »Lebe -- wohl -- süße -- Anneke!« +Der entsetzte Henker wollte ihn halten, aber im dumpfen Fall stürzte der +Körper die Leiter herab in den blutigen Schnee. + +Aufbrüllte die Menge und tobte durcheinander, der Ring löste sich -- die +Offiziere, die Beamten, der Gewaltiger stürzten sich auf den Knecht +Erdwin, welcher regungslos dastand, das abgeschossene Rohr in der Hand. + +Und jetzt ein neues Geschrei von der Stadt her: »Haltet, haltet!« + +Ein Reiter mit einem Papier in der Hand, im Galopp ansprengend! Ihm nach +ein zweiter Reiter, vor sich auf dem Pferd ein halbohnmächtiges, +todtbleiches Mädchen. -- + +»Halt, halt! Befehl, den Verurteilten Christoph von Denow zurückzuführen +ins Gewahrsam!« + +Anneke Mey leblos auf dem leblosen Körper des Erschossenen -- Erdwin +Wüstemann besinnungslos in den Armen Arendt Jungbluths -- -- -- +Trompetenschall von der Torwache; von der Stadt her eine neue +Reiterschar: »Der Herzog! der Herzog! -- Zu spät! zu spät!« -- -- -- -- + +In dem wiedergebildeten Ring hielt der junge Fürst mit seinem Gefolge; +vor ihm stand barhäuptig der Profoß neben der schrecklichen Gruppe am +Boden und erzählte das Vorgefallene. Als er geendet, stieg der junge +Fürst ab von seinem Hengst und näherte sich dem treuen Knecht des Hauses +Denow: + +»Weshalb hast du das getan?« + +Der Angeredete blickte irr und wirr im Kreise umher, antwortete nicht, +sondern brach nur in ein herzzerreißendes Gelächter aus. + +Der Herzog legte die Hand an die Stirn; -- dann wandte er sich: + +»Hebt doch das Kind von der Leiche!« + +Der Leutnant von der Festung, Johannes Sivers, beugte sich nieder, um +dem Befehl nachzukommen. Es gelang ihm mit Mühe: + +»O gnädiger Gott, tot, tot, fürstliche Gnaden!« + +Ein dumpfes Gemurmel ging durch die lauschende Menge; der Fürst schritt +finster sinnend einige Minuten auf und ab. Dann hob er das Haupt: + +»Bei meinen Vätern, ich glaub', da ist ein bös Ding getan! leget die +Dirne und den toten Knaben auf die Gewehrläufe -- es ist Unsere Meinung +und Wille, daß das Gericht wieder beginne. Wir sind entschlossen, +selbsten im Ring zu sitzen!« + +Während dieser letzten Worte hatte sich Erdwin Wüstemann langsam +aufgerichtet; jetzt stand er wieder fest auf den Füßen. Der Herzog +bemerkte es, er legte ihm die Hand auf die Schulter: + +»Ihr habet hart und schnell in unser Gericht eingegriffen. Stehet zu mir +nun auch im Ring, daß die Wahrheit an den Tag kommt! Nachher, wenn's +sich ausgewiesen hat, wie ich es mir zusammendenke, wollen Wir, daß Ihr +die dort gen Ungarn führet als Unser Ehrbarer, Mannhafter und Getreuer! +Höret Ihr, Hauptmann Erdwin Wüstemann?! Nun hebet die Leichen und rühret +die Trommeln -- fort! fort!« + +Über der blutigen Morgenröte hatten sich die Wolken wieder dunkel +zusammengezogen. Wieder sanken leise einzelne weiße Flocken herab. Sie +mehrten sich von Augenblick zu Augenblick und deckten bald, einem +Leichentuch gleich, die Körper Christophs und Annas, wie sie durch die +Gassen der Stadt Wolfenbüttel, dem Zuge der Krieger und Bürger voran, +dicht hinter dem Gefolge des Herzogs, welcher mit gesenktem Haupte +vorausritt, der Gerichtsstätte am Schloß zugetragen wurden. Der alte +Knecht Erdwin ging neben seinem jungen Herrn her; aber er wußte nichts +davon -- dunkel war es in ihm und um ihn! -- + +=So starb der Junker Christoph von Denow eines adeligen Todes!= + + + + + ********************************************* + * * + * Ein Geheimnis * + * * + * Lebensbild aus den Tagen Ludwigs XIV. * + * * + ********************************************* + + + + + I. + + In der Gasse Quincampoix. + + +Wenn man bedenkt, was für wunderliche Geschichten in dieser Welt +tagtäglich geschehen, so muß man sich sehr wundern, daß es immerfort +Leute gegeben hat und noch gibt, welche sich abmühten und abmühen, +selbst seltsame Abenteuer zu erfinden und sie ihren leichtgläubigen +Nebenmenschen durch Schrift und Wort für Wahrheit aufzubinden. Die +Leute, die solches tun, verfallen denn auch meistens -- wenn sie ihr +leichtfertig Handwerk nicht ins Große treiben und was man nennt große +Dichter werden, -- der öffentlichen Mißachtung als Flausenmacher und +Windbeutel, und alle Vernünftigen und Verständigen, die sich durch ein +ehrlich Handwerk ernähren, als wie Prediger, Leinweber und Juristen, +Bürstenbinder, Ärzte, Schneider, Schuster und dergleichen, blicken mit +mitleidiger Geringschätzung auf sie herab, und das mit Recht! + +So sage ich denn reu- und wehmütig _confiteor, confiteor; -- mea culpa, +mea culpa!_ so beginne ich denn meine -- =wahre Geschichte=. + +Es war in dem durch die Seeschlacht von La Hogue für das Glück und den +Glanz des französischen Königs und Volkes so unheilvollen Jahre 1692. +Viel Not und Elend herrschte im Lande; in Guienne, Bearn, Languedoc und +der Dauphinée starben die Menschen zu Tausenden vor Hunger; Bankerotte, +greuliche Mordtaten, Aufstände waren an der Tagesordnung; -- es war, als +wolle es abwärts gehen mit dem großen Louis. Es regnete, und der +Novemberwind fuhr in kurzen Stößen scharf über die Stadt Paris und durch +die Gasse Quincampoix, welche letztere gar wüst, schmutzig und +verwahrlost ausschauete. Und sah die Gasse Quincampoix an diesem düstern +Novembernachmittag häßlich aus, so gewährten die Menschen, welche sie +bevölkerten, einen noch schlimmern Anblick. War es nicht, als ob das +allgemeine Unglück jedem Gesicht seinen Stempel aufgedrückt habe? -- O +wie verkommen erschien diese französische Nation, welche sich für die +erste der Welt hielt. + +Vier Uhr schlug's, als ein junger Mensch von ungefähr achtundzwanzig +Jahren, hager, bleichgelblich von Gesicht, schwarzhaarig, schwarzäugig, +in luftigen, ärmlichen, schäbigen Kleidern, in der Gasse Quincampoix in +die Kneipe zum Dauphinswappen trat, um seine letzten Sols an eine +Mahlzeit zu wenden. =Stefano Vinacche= hieß dieser junge Mann; ein +Neapolitaner war er von Geburt, ein Abenteurer vom reinsten Wasser. Als +er in die Gargotte eintrat, herrschte in derselben ein wahrer +Höllenlärm; ein Sergeant vom Regiment Villequier war mit einem Kornet +vom Regiment Ruffey über dem Spiele in Streit geraten, ein +Perückenmacher zankte mit einem Lakaien der Prinzessin von Conti über +die Frage: ob es recht sei, daß Monsieur de Pomponne, der +Staatsminister, so viel einzunehmen habe, als ein Prinz von Geblüt; -- +andere Gäste unterhielten sich über andere Gegenstände mit so viel Lärm +als möglich. Im Hinterzimmer, welches an die Kneipstube grenzte, war ein +äußerst hitziger Wortkampf ausgebrochen zwischen dem Wirt zum +Dauphinswappen, Claude Bullot, und seiner hübschen galanten Tochter, -- +kurz, alles ging drunter und drüber, und nur Margot die Kellnerin, eine +Picarde, bewahrte ihren Gleichmut, blickte vom Kamin aus mit +untergeschlagenen Armen in das Getümmel und gab Achtung, daß dem +Sergeanten und dem Kornet jede zerbrochene Flasche, jedes zertrümmerte +Glas richtig angekreidet wurden. Margot die Picarde wußte, daß im +Notfall die Marechaussée in der Gaststube alles schon ins Gleichgewicht +bringen würde, und was im Hinterzimmer vorging, zwischen ihrem Herrn und +der Mademoiselle, machte ihr das höchste Vergnügen. -- + +Am Kamin legte Margot die Picarde dem Neapolitaner das Kuvert, und der +Fremde war allzu ausgehungert und allzu naß, um anfangs an etwas anderes +zu denken, als den Hunger aus dem Magen und die Kälte aus den übrigen +Gliedern zu verjagen. Ruhig setzte er sich auf den ihm angewiesenen +Platz, aß und trank, trocknete seine Kleider, bis er allgemach wieder +auflebte und fähig wurde, seine Aufmerksamkeit den Vorgängen in seiner +Umgebung zuzuwenden. Der Sergeant vom Regiment Villequier erhielt +richtig einen Degenstoß in die Schulter, verhaftet wurde darüber der +Kornet vom Regiment Ruffey; die Bürger, Lakaien, Diebe und Tagediebe +zerstreuten sich mit einbrechender Dämmerung, um sich vor der Dunkelheit +zu retten, oder in der Dunkelheit ihren lichtscheuen Geschäften +nachzugehen. Es wurde still in der Gargotte, nur im Hinterzimmer konnte +man sich immer noch nicht beruhigen. In der Tür, welche auf die Gasse +führte, stand die Kellnerin Margot und blickte in den Regen und die +Nacht hinaus, das Feuer im Kamine prasselte und knatterte und warf +seinen roten Schein über die Tische und Bänke des weiten Gemaches, die +trübe Hängelampe qualmte an der geschwärzten Decke; niemand störte jetzt +mehr den jungen Neapolitaner in seinen trüben Gedanken. Mechanisch +klimperte er mit den wenigen Geldstücken in seiner Tasche; -- was sollte +er beginnen, um nicht Hungers zu sterben, um nicht in den Gassen dieses +schmutzigen, kalten, stinkenden Paris zu erfrieren? »O Neapel, Neapel!« +seufzte Stefano Vinacche. + +Jawohl, etwas anderes war es, eine Nacht obdachlos am Strande des +tyrrhenischen Meeres, ein anderes, eine Nacht obdachlos am Ufer der +Seine zuzubringen. Eine Art stumpfsinniger Schlaftrunkenheit überkam den +jungen Italiener, seine Augen schlossen sich unwillkürlich, und immer +dumpfer und verworrener vernahm er das Schluchzen der Mademoiselle +Bullot und die kreischende Stimme des zornigen Vaters. + +Aber was war das? Plötzlich schwand jedes Zeichen von Ermüdung, von +Erschöpfung an dem Italiener. Vorgebeugt saß er auf seinem Stuhle und +horchte mit der gespanntesten Aufmerksamkeit nach der Tür hin, welche in +das Hinterzimmer führte. Das Wechselgespräch zwischen Vater und Tochter +war dem Fremden auf einmal interessant geworden durch einen Namen, der +soeben mehrere Male darin vorgekommen war. + +Immer gespannter horchte Vinacche. + +Hatte nicht Meister Claude Bullot, ehe ihm Monseigneur der Herzog von +Chaulnes die Kneipe zum Dauphinswappen einrichtete, als Seifensieder +Bankerott gemacht? + +War nicht Mademoiselle Bullot ein reizendes Schätzchen, dem man schon +etwas zu Gefallen tun konnte? + +Hoch spitzte Stefano Vinacche die Ohren beim Namen des Herzogs von +Chaulnes. + +»Oho, Stefano, solltest du da unvermutet in den Honigtopf gefallen sein? +Oho, Glück geht immer über Verstand, -- _va' piu un' oncia di fortuna, +che una libra di sapere_. Achtung, Achtung, Vinacche!« + +Mancherlei sprach der Vater im Hinterzimmer der Kneipe zum Wappen des +Dauphins. Mancherlei sprach das Töchterlein dagegen; immer fröhlicher +rieb sich Stefano die Hände, bis endlich die Verbindungstür mit Macht +aufgerissen wurde und Mademoiselle -- _éplorée_ in das Schenkzimmer +stürzte. Hinter ihr erschien der zornige Papa, einen zusammengedrehten +Strick in der Hand: + +»Warte, Kreatur!« + +Stefano Vinacche wußte schon längst, was er zu tun hatte. Er warf sich +auf den ergrimmten Gargottier und packte seinen erhobenen Arm. + +»Monsieur?!« + +»Monsieur!« + +»Laßt mich frei! was fällt Euch ein?« + +»Ich leid's nicht, daß Ihr Mademoiselle mißhandelt; -- tretet hinter +mich, Mademoiselle!« + +»Margot, Margot!« rief endlich der Wirt zum Dauphinswappen. + +Margot erschien, stemmte aber nur die Arme in die Seite und sah der +Szene zu, ohne ihrem Herrn zu Hilfe zu kommen. + +»Haltet ihn, um Gottes willen, haltet ihn, er wird mich ermorden, wenn +Ihr ihn freilaßt!« rief Mademoiselle Bullot. + +»Seid ruhig, Schönste; er soll Euch nichts zuleide tun. Pfui, schämt +Euch, Monsieur, wie könnt Ihr eine liebenswürdige Tochter also +behandeln?« + +»Ich frage Euch zum letztenmal, wollt Ihr mich loslassen?« + +»In Ewigkeit nicht, wenn Ihr mir nicht den Strick gebt, Signor, und +versprecht artig zu sein gegen die Damen, Signor!« + +»Morbleu!« schrie der Wirt zum Dauphinswappen, und der Himmel weiß, was +geschehen wäre, wenn nicht der Eintritt eines in einen Mantel +gewickelten Mannes der Szene ein Ende gemacht hätte. + +Der Mantel fiel zur Erde, und Wirt und Töchterlein und Kellnerin und +Italiener riefen mit einer Stimme: + +»Monseigneur!« + +Der Eingetretene war Karl d'Albert, Herzog von Chaulnes, Pair von +Frankreich, Vidame von Amiens, ein ältlicher Mann, dem man den »großen +Herrn« nicht im mindesten ansah, woran der bürgerliche Anzug durchaus +nicht schuld war; ein Mann, von welchem einige Jahre später ein +deutscher Schriftsteller sagte: »Er erwartet den Tod mitten in seinen +Vergnügungen; er ist freigebig ohne Unterschied und von einem sehr +abgenutzten Gehirne.« + +»Holla, das geht ja lustig her!« rief der Herzog. »_Notre Dame de +Miracle_, und auch Vinacche dabei! Sagt mir um aller Teufel willen --« + +Mademoiselle Bullot ließ ihn nicht aussprechen; sie eilte auf den hohen +Herrn zu und -- warf sich an seinen Hals, schluchzend, Gift und Galle +speiend: + +»Monseigneur, ich halt's nicht mehr aus; Monseigneur, errettet mich aus +den Händen meines Vaters! Wäre dieser edle junge Mann eben nicht +dazwischen gekommen, er hätte mich gewißlich zu Tode geschlagen.« + +»Wieder das alte Lied? Bullot, Bullot, ich frage Euch um Gottes willen, +glaubt Ihr in der Tat, ich habe Euch Eurer roten Nase wegen zum +Eigentümer dieses Dauphinswappens gemacht? Ich sage Euch, auf den Knieen +solltet Ihr Eure liebenswürdige Tochter verehren; -- _notre Dame de +Miracle_, ich sage Euch zum allerletzten Male, behandelt Mademoiselle, +wie es sich ziemt, oder --« + +»O Monseigneur!« flehte Meister Claude, welcher seinen Strick längst +ganz verstohlen in den Winkel geworfen hatte und katzenbuckelnd so +gemein und niederträchtig aussah, wie man unter der Regierung des +großen Louis nur aussehen konnte. »O Monseigneur, ich versichere Euch, +=sie= hat's darauf abgesehen, ihren unglückseligen Vater in ein +frühzeitig Grab zu bringen. Monseigneur, Ihr kennt sie nur von der einen +Seite; aber ich -- o Monseigneur!« -- + +»Still! Ihr seid ein Schurke, und Mademoiselle ist ein Engel! -- +beruhige dich, Kind --« + +»Monseigneur, er ist zu boshaft. Monseigneur, wenn Ihr mich wirklich +liebt, so laßt mich nicht in seiner Gewalt.« + +»Ruhig, ruhig, süßes Kind. Was ist denn nur eigentlich vorgefallen?« + +Ja, was war vorgefallen? + +Eine Zungenfertigkeit sondergleichen entwickelten Mademoiselle Bullot +und Meister Claude Bullot gegeneinander, doch haben wir mit dem +Ausgangspunkte des Streites nicht das mindeste zu schaffen und brauchen +nur zu sagen, daß der Herzog von Chaulnes, obgleich er im Grunde seines +Herzens dem erzürnten Papa recht geben mußte, in Anbetracht seiner +zarten Stellung zu Mademoiselle sich auf deren Seite stellte. Sehr +ärgerlich war der Herzog von Chaulnes! In äußerst lebendiger Stimmung +war er durch die Gasse Quincampoix zum Dauphinswappen geschlichen, nun +fand er statt Ruhe und Behagen, Unzufriedenheit und Streit; wo er +Lächeln und Lachen erwartet hatte, mußte er Tränen trocknen; -- _notre +Dame de Miracle_, es war zu ärgerlich! + +»Etienne,« sagte der Herzog zu Vinacche, »Etienne, ich bin dieses Lärms +müde; ich will nach Haus und du magst mit mir kommen. Meister Claude, +ich versichere Euch meiner gnädigsten Ungnade! Mademoiselle, Eure +rotgeweinten Augen betrüben mich sehr -- gute Nacht, Mademoiselle -- +dazu zweihundert Louisdor im Landsknecht verloren -- kommt, Etienne +Vinacche, Ihr mögt mit mir zum Hotel fahren, ich habe Euch etwas zu +sagen; ich habe eine Idee!« + +Vergebens hing sich Mademoiselle Bullot an den Arm des Herzogs mit den +süßesten Schmeicheleien und Liebkosungen. Er machte sich los, streckte +dem niedergeschmetterten Wirt zum Dauphinswappen eine Faust entgegen, +ließ sich von Vinacche den Mantel wieder um die Schultern legen und +verließ, im höchsten Grade mißmutig gestimmt, mit seiner »Idee« die +Gargotte, in welcher nach seinem Abzuge der Tanz zwischen Vater und +Tochter von neuem anging, doch diesmal mit allem Vorteil auf Seiten von +Mademoiselle. Meister Claude Bullot sah ein, daß er ein Esel -- ein +gewaltiger Esel war; demütig kroch er zu Kreuze und nahm jede Injurie, +welche ihm das Töchterlein an den Kopf warf, mit gekrümmtem Rücken in +Empfang. + +Unterdessen wateten mühsam der Herzog und der Italiener durch den +Schmutz und die Gefahren der Gassen von Paris, bis sie an einer Ecke zu +der harrenden Karosse des Herzogs gelangten. Mit tiefen Bücklingen riß +der Lakai den Wagenschlag auf. + +»Steig hinten auf, Etienne; ich habe mit dir zu reden,« sagte der Herzog +und warf sich in die Kissen seiner Kutsche. + +»Achtung, Stefano, jetzt mag's in deinen Topf regnen!« murmelte der +schlaue Neapolitaner, und schwerfällig setzte sich die Karosse in +Bewegung. + + + + + II. + + Gold. + + +Während vor dem flackernden Kaminfeuer in seinem Hotel der Herzog von +Chaulnes dem obdachlosen Vagabunden Stefano Vinacche den annehmbaren +Vorschlag tut, Mademoiselle Bullot, das liebenswürdige Erzeugnis der +Gasse Quincampoix, zu -- heiraten und dadurch nicht nur sich selbst, +sondern auch Monseigneur aus mancherlei ärgerlichen Verdrießlichkeiten +des Lebens herauszureißen, wollen wir erzählen, wer Stefano Vinacche +eigentlich war. Im Jahre 1689 war der junge Neapolitaner als Lakai im +Gefolge des Herzogs, dem er zu Rom mancherlei Dienste kurioser Art +geleistet haben mochte, nach Frankreich gekommen, ohne jedoch in diesem +Lande anfangs die Träume, welche ihm seine südliche Phantasie +vorspiegelte, zu verwirklichen. Es wird uns nicht gesagt, was ihn im +folgenden Jahre schon aus dem Dienste seines Gönners trieb, und ihn +bewog, sich als gemeiner Soldat in das Regiment Royal-Roussillon +aufnehmen zu lassen. Wir wissen nur, daß er im Jahre 1691 dem +Regimentsschreiber Nicolle, seinem Schlafkameraden, einige +Offiziersuniformen, welche derselbe ausbessern sollte, stahl und mit +ihnen desertierte, welches Wagestück aber fast übel abgelaufen wäre. Auf +dem Wege nach Paris, der Stadt, nach welcher von jeher eine dumpfe +Ahnung künftiger Geschicke das seltsame Menschenkind trieb, gefangen und +als Fahnenflüchtiger ins Gefängnis geworfen und zum Tode verurteilt, +entging er nur durch Verwendung des Grafen von Auvergne dem Galgen. Im +nächsten Jahre in Freiheit gesetzt, machte sich Stefano Vinacche von +neuem auf den Weg nach Paris, und haben wir seiner Ankunft in der +Gargotte zum Wappen des Dauphins in der Gasse Quincampoix soeben +beigewohnt. -- + +Ei, wie wunderlich, wunderlich spinnt sich ein Menschenleben ab! Wir +armen blinden Leutlein auf diesem Erdenballe wandern freilich in einem +dichten Nebel, der sich nur zeitweilig ein wenig hier und da lüftet, um +im nächsten Augenblicke desto dichter sich wieder zusammenzuziehen. Wir +getriebenen und treibenden Erdbewohner haben freilich nur eine dumpfe +Ahnung von dem, was im Getümmel ringsumher vorgeht. Warum sollten wir +uns auch in der kurzen Spanne Lebenszeit, die uns gegeben ist, viel um +andere Leute bekümmern, da wir doch so viel mit uns selbst zu tun haben? +Über allen Nebeln ist Gott; der mag zusehen, daß alles mit rechten +Dingen zugeht; der mag acht geben, daß sich der Faden der Geschlechter, +welchen er durch die Jahrtausende von dem Erdknäuel abwickelt, nicht +verwirrt. Nur weil sie abgewickelt werden, drehen sich Sonne, Mond, +Sterne; -- von jeder leuchtenden Kugel läuft ein Faden zu dem großen +Knäuel in der Hand Gottes, zu dem großen letzten Knäuel, in welchem +jeglicher Knoten, der unterwegs entstanden sein mochte, gelöst sein +wird, in welchem alle Fäden nach Farben und Feinheit harmonisch sich +zusammenfinden werden. + +Da ist solch ein Knötlein im Erdenfaden! wir finden es in unsrer +Erdgeschichte am Ende des siebenzehnten und Anfang des achtzehnten +Jahrhunderts nach Jesu Geburt, wo viel Sünde, Schande und Verderbnis +sich häßlich ineinander schlingen, wo Krieg und Sittenlosigkeit das +abscheulichste Bündnis geschlossen haben, daß das jetzige Gechlecht +schaudernd darob die Hände über dem Kopfe zusammenschlägt. + +Der Erzähler aber, des letzten großen knotenlosen Knäuels in der Hand +Gottes gedenkend, schlägt nicht die Hände über dem Kopfe zusammen; -- +den Handschuh hat er ausgezogen, mutig in die Wüstenei hineingegriffen, +einen längst begrabenen, vermoderten, vergessenen Gesellen +hervorgezogen. Da ist er -- =Stefano Vinacche= -- späterhin Monsieur +Etienne de Vinacche, großer Arzt, berühmter Chemiker, -- Goldmacher, +nächst Samuel Bernard der reichste Privatmann seiner Zeit!... + +»Also Etienne,« sprach der Herzog von Chaulnes zu dem halb verhungerten, +obdachlosen Vagabunden, »eine allerliebste Frau und eine vortreffliche +Aussteuer....« + +»_Servitore umilissimo!_« + +»Und, Etienne, eine Empfehlung an meinen Freund, den Herzog von Brissac. +Ihr geht nach Anjou, -- lebt auf dem Lande, wie die Engel _à la Claude +Gillot_, -- ich besuche Euch -- stehe Gevatter --« + +»Ah!« machte der Italiener mit einer unbeschreiblichen Bewegung des +ganzen Oberkörpers. + +»_Plait-il?_« + +»O nichts, Monseigneur!« sagte der Italiener. »Ihr seid mein +gnädigster, gütigster Herr und Gebieter.« Er machte eine Verbeugung bis +auf den Boden. + +»Wann soll die Hochzeit sein, Monseigneur?« + +»So schnell als möglich -- ach!« + +»Monseigneur seufzt?!« rief Stefano schnell. »Noch ist's Zeit, daß +Monseigneur Sein Wort zurücknehme; Mademoiselle Bullot ist ein reizendes +Mädchen; aber wenn Monseigneur die hohe Gnade haben wollte, mich wieder +zu seinem Kammerdiener zu machen --« + +»Nein, nein, nein, es bleibt dabei, Vinacche; Ihr heiratet die Schöne, +und ich -- _ah notre Dame de Miracle_ -- ich will hingehen und sorgen, +daß Madame von Maintenon und der Pater La Chaise davon zu hören +bekommen. Also geht, Vinacche; bis zur Hochzeit gehört Ihr wieder zu +meinem Haus. Der Intendant soll für Euch sorgen.« + +»Monseigneur ist der großmütigste Herr der Welt!« rief Vinacche, dem +Herzog die Hand küssend. Unter tiefen Bücklingen schritt er rücklings +zur Tür hinaus, und tief seufzend blickte ihm sein Gönner nach. + +Als sich die Tür hinter dem Italiener geschlossen hatte, murmelte +dieser: »_Corpo di Bacco_, Achtung, Achtung, Vinacche, Stefano mein +Söhnchen! Halte die Augen offen, mein Püppchen! Ist's mir nicht +versprochen bei meiner Geburt, daß ich vierspännig fahren sollte in der +Hauptstadt der Franzosen?!« + +Drinnen rieb sich der Herzog die Stirn und ächzte: + +»Ach, Madame von Maintenon ist eine große Dame! _Vive la messe!_« + +Acht Tage nach dem eben Erzählten war eine Hochzeit in der Gasse +Quincampoix. Der Wirt zum Dauphinswappen Claude Bullot verheiratete zu +seiner eigenen Verwunderung und zur Verwunderung sämtlicher Nachbaren +und Nachbarinnen seine hübsche Tochter mit einem ganz unbekannten jungen +Menschen, der nicht einmal ein Franzose war. Mancherlei Glossen wurden +darüber gemacht, und allgemein hieß es, Mademoiselle Bullot sei eine +Törin, welche nicht wisse, was man mit einem hübschen Gesicht und +tadellosen Wuchs in Paris anfangen könne. + +Da aber Mademoiselle Bullot und Stefano Vinacche mit ziemlich vergnügten +Mienen ihr Schicksal trugen, so mochten Papa und Nachbarschaft nach +Belieben sich wundern, nach Belieben Glossen machen. Sämtliche +Dienerschaft des Herzogs von Chaulnes verherrlichte die Hochzeit durch +ihre Gegenwart; Flöten und Geigen erklangen in der Gargotte zum Wappen +des Dauphins. Man sang, jubelte, trank auf das Wohl der Neuvermählten +bis tief in die Nacht. Zuletzt artete das Gelage nach der Sitte der Zeit +in eine wahre Orgie aus; blutige Köpfe gab's, und zum Schluß mußte der +Polizeileutnant einschreiten und die ausgelassene Gesellschaft +auseinander treiben. Am folgenden Tage machte das junge Paar sich auf +den Weg zum Gouverneur von Anjou, dem Herzog von Brissac, einem »armen +Heiligen, dessen Name nicht im Kalender steht«. + +Ein tüchtiges Schneegestöber wirbelte herab, als der Wagen der +Neuvermählten hervorfuhr aus der Gasse Quincampoix. Auf der Schwelle +seiner Tür stand der Vater Bullot mit der Kellnerin Margot, und beide +blickten dem Fuhrwerk nach, so lange sie es sehen konnten. Dann zog der +Wirt zum Dauphinswappen die Schultern so hoch als möglich in die Höhe +und trat mit der Picarde zurück in die Schenkstube, welche noch deutlich +die Spuren der Hochzeitsnacht an sich trug. + +»Alles in allem genommen, ist's doch ein Trost und ein Glück, daß ich +sie los bin,« brummte der zärtliche Papa. »Es hätte noch ein Unglück +gegeben; das war ja immer, als brenne der Scheuerlappen zwischen uns. +Vorwärts, Margot! einen Kuß und an die Arbeit, mein Liebchen, auf daß +das Haus rein werde.« + +Liebe Freunde, wer das Leben Stefano Vinacches beschreibt, der muß recht +acht geben, daß er seinen Weg im Nebel nicht verliere. Schattenhaft +gleitet die Gestalt des Abenteurers vor dem Erzähler her, bald zu einem +Zwerg sich zusammenziehend, bald riesenhaft anwachsend, gleich jener +seltsamen Naturerscheinung, die den Wanderer im Gebirge unter dem Namen +des Nebelgespenstes erschreckt. Bald klarer, bald unbestimmter tritt +Stefano Vinacche aus den Berichten seiner Zeitgenossen uns entgegen. Wir +wissen nicht, was ihn mit seiner Frau so schnell aus Anjou nach Paris +zurücktrieb; wir wissen nur, daß am neunten April 1693, an dem Tage, an +welchem Roger von Rabutin, Graf von Bussy, sein wechselvolles Leben +beschloß, der Papa Bullot in höchster Verblüffung die Hände über dem +Kopfe zusammenschlug, als er Tochter und Schwiegersohn zu Fuß, +kotbespritzt, mit höchst winziger Bagage, durch die Gasse Quincampoix +auf das Dauphinswappen zuschreiten sah. Der gute Alte traute seinen +Augen nicht und überzeugte sich nicht eher von der Wirklichkeit dessen, +was er erblickte, bis ihm Madame Vinacche schluchzend um den Hals fiel, +und Stefano ihn herzzerbrechend anflehte, ihn und sein Weib für eine +Zeit wieder unter sein Dach zu nehmen. + +»Wir wollen auch recht artige Kinder sein!« bat Madame Vinacche. + +»Und wir werden nicht lange Euch zur Last sein!« rief Stefano. + +»_Diable! diable!_« ächzte Meister Claude Bullot, und Margot, die +Picarde, gab ihm verstohlen einen Rippenstoß, daß er fest bleibe und +sich nicht beschwatzen lasse. + +Wer hätte aber den beredten Worten Stefano Vinacches widerstehen können? +Das Ende vom Liede war, daß das junge Ehepaar mit seinen armen +Habseligkeiten einzog in die Kneipe zum Dauphinswappen, und daß Meister +Bullot und Margot, die Kellnerin, nachdem Madame Vinacche die Schwelle +überschritten hatte, seufzend sich in das Unvermeidliche fügten. + +»Ach, Margot, Margot, nun sind die schönen Tage wieder vorüber!« seufzte +Meister Claude, und während die Heimgekehrten im oberen Stockwerk des +Hauses ihre Einrichtungen trafen, saßen am Kamin in der leeren +Schenkstube der Wirt und seine Kellnerin trübselig einander gegenüber +und konnten sich nur durch das weise Wort, daß man das Leben nehmen +müsse, wie es komme, -- trösten. Dann schlossen die beiden Parteien +einen Kompromiß, in welchem festgestellt wurde, daß weder Monsieur +Etienne noch Madame in die Angelegenheiten des Papas und der Kellnerin +Margot sich mischen sollten, und daß sie durch ihnen passend scheinende +Mittel für ihrer Leiber Nahrung und Kleidung selbst zu sorgen hätten. +Wohnung, Licht und Feuerung versprachen Meister Bullot und Margot die +Picarde zu liefern. + +Feierlich wurde dieser Vertrag von einem Stammgast der Gargotte, dem +Sieur Le Poudrier, einem Winkeladvokaten, verbrieft und besiegelt, und +man lebte fortan miteinander, wie man konnte. + +Da der Herzog von Chaulnes seine Verpflichtungen gegen das junge Ehepaar +glänzend abgetragen zu haben glaubte, so floß die Quelle seiner Gnaden +immer spärlicher und versiegte zuletzt ganz. Die Haushaltung im zweiten +Stockwerk des Dauphinswappens mußte für Eröffnung anderer Geldquellen +sorgen, zumal da noch im Laufe des Sommers ein kleiner Vinacchetto das +Licht der Gasse Quincampoix erblickte. Die Not und der Zug der Zeit +machten Stefano zu einem Charlatan; aber jedenfalls zu einem genialen +Charlatan. + +»_Anima mia_, laß den Mut nicht sinken, wir fahren doch noch +vierspännig!« sagte er zu seiner hungernden Frau und fing an, den +Nachbarn und Nachbarinnen, sowie den Gästen, welche die Gargotte seines +Schwiegervaters besuchten, Mittel gegen das Fieber und andere +unangenehme Übel zu verkaufen. + +Allmählich verwandelte sich das Wohngemach der kleinen Familie in ein +schwarzangeräuchertes chemisches Laboratorium; mit wahrer Leidenschaft +warf sich Stefano Vinacche, obgleich er bis an sein Ende weder lesen +noch schreiben lernte, auf das Studium der Simpla und der Mineralien. + +Eine gewaltige Veränderung ging mit dem seltsamen Menschen vor; -- nicht +mehr war er der vagabondierende Abenteurer, der das Glück seines Lebens +auf den Landstraßen, in den Gassen suchte. Tag und Nacht schritt er +grübelnd einher, das Haupt zur Brust gesenkt, die Arme über der Brust +gekreuzt. Wer konnte sagen, was er suchte? + +Eine fast ebenso überraschende Veränderung kam über das junge Weib +Vinacches. Die frühere Mätresse des Herzogs von Chaulnes verehrte den +ihr aufgedrungenen Mann auf den Knien, sie war die treuste, liebendste +Gattin geworden, und ist es über den Tod Stefanos hinaus geblieben. + +=Sie= konnte lesen, =sie= konnte schreiben: --wie viele alte vergilbte +Bouquins hat sie dem suchenden Forscher, in stillen Nächten, während sie +ihr Kind wiegte, vorgelesen! + +Der Vater Bullot hatte nicht mehr Ursache, sich über das wilde, +unbändige Gebaren seiner Tochter zu beklagen. Die eigentümliche Gewalt, +welche Stefano Vinacche späterhin über die schärfsten, klarsten Geister +hatte, trat auch jetzt in der engeren Sphäre schon bedeutend hervor. +Papa Claude, Margot die Picarde, Gratien Le Poudrier der Rabulist, alle +Nachbaren und alle Nachbarinnen beugten sich dem schwarzen, funkelnden +Auge Stefanos. Der Stein war ins Wasser gefallen, und die Wellenringe +liefen in immer weitern Kreisen fort; -- weit, weit über die Gasse +Quincampoix hinaus verbreitete sich der Ruf Stefano Vinacches! + +Unterdessen schlug man sich in Deutschland, Flandern, Spanien, Italien +und auf der See. In Deutschland verbrannte Melac Heidelberg, und der +Feldmarschallleutnant von Hettersdorf, der »die _poltronnerie_ seines +Herzens mit großen _Peruquen_ und bebremten Kleidern zu bedecken +pflegte«, -- Hettersdorf, der elende Kommandant der unglücklichen Stadt, +wurde auf einem Schinderkarren durch die Armee des Prinzen Ludwig von +Baden geführt, nachdem ihm der Degen vom Henker zerbrochen worden war. +Aus Flandern schickte der Marschall von Luxemburg durch d'Artagnan die +Nachricht vom Sieg bei Neerwinden. Roses in Katalonien wurde erobert. Zu +Versailles, zu Paris in der Kirche unserer lieben Frau sang man _Te Deum +laudamus_; aber im Bischoftum Limoges starben gegen zehntausend Menschen +Hungers. Zu Lyon wie zu Rouen fiel das Volk in den Gassen wie Fliegen, +und ihrer viel fand man, welche den Mund voll Gras hatten, ihr elendes +Leben damit zu fristen. + +Stefano Vinacche, nach einer Reise in die Bretagne, verließ die Gasse +Quincampoix und das Haus seines Schwiegervaters und zog in die Gasse +Bourg l'Abbé. Strahlend brach die Glückssonne Stefanos durch die Wolken. +Fünf Monate war er in der Bretagne gewesen, und niemand hat jemals +erfahren, was er dort getrieben, -- gesucht, -- gefunden hat! Zu Fuß +zog er aus, in einer zweispännigen Karosse kehrte er zurück. Zwei +Lakaien und ein Kammerdiener bedienten ihn in der Straße Bourg l'Abbé, +wohin er aus der Gasse Quincampoix zog. Von neuem errichtete er in +seiner jetzigen Wohnung seine chemischen Feuerherde, von neuem braute er +seine Rezepte, und das Gerücht ging aus, Monsieur Etienne Vinacche suche +den Stein der Weisen, und es sei Hoffnung vorhanden, daß er denselben +binnen kurzem finden werde; und wieder tritt dem Erzähler der alte +Gönner des unbegreiflichen Mannes, der Herzog von Chaulnes, entgegen, +welcher ihm zum Ankauf von Kohlen, Retorten und dergleichen Apparaten +zweitausend Taler gibt. + +Im Jahr der Gnade Eintausendsiebenhundert war das große Geheimnis +gefunden; -- Stefano Vinacche hatte das Projektionspulver hergestellt, +Etienne Vinacche machte -- + + =Gold!= + +In demselben Jahre Eintausendsiebenhundert kaufte =Monsieur de Vinacche= +aus dem Inventar von Monsieur, dem Bruder des Königs, für sechzigtausend +Livres Diamanten. + + + + + III. + + Glück und Glanz. + + +Wir schauen wie in ein Bild von Antoine Watteau durch das zarte +frühlingsfrische Blätterwerk zu Coubron -- fünf Meilen von Paris -- wo +Monsieur Etienne de Vinacche auf seinem reizenden Landsitze ein +glänzendes Fest gibt. Die untergehende Maisonne des Jahres +Siebzehnhunderteins übergießt die Landschaft mit rosigem Schein; -- +Lachen und Kosen und Flüstern des jungen Volkes ertönt im Gebüsch; +geputzte ältere Herren und Damen durchwandeln gravitätisch die +gradlinigen Gänge des Parkes. Karossen und Reitpferde mit ihrer +Begleitung von Kutschern, Lakaien und Läufern halten vor dem vergoldeten +Gittertor; Monsieur de Vinacche und seine Frau sind eben im Begriff, von +einem Teil ihrer Gäste, der nach Paris oder den umliegenden Landhäusern +zurückkehren will, Abschied zu nehmen. + +Die Dame Rochebillard, die Geliebte Tronchins, des ersten Kassierers +Samuel Bernards, des »_fils de Plutus_«, -- wird von Madame de Vinacche +zu ihrer Kutsche geleitet; Monsieur Etienne befindet sich im eifrigen +Gespräch mit einem jungen Edelmann, dem Sieur de Mareuil. Für +fünftausend Livres will Vinacche dem Herrn von Mareuil einen +konstellierten Diamant, vermöge dessen man immerfort glücklich spielen +soll, anfertigen. Ein wenig weiter zurück unterhalten sich die beiden +reichen Bankiers van der Hultz, der Vater und der Sohn, mit Herrn +Menager, _Sécrétaire du Roi_ und Handelsdeputierten von Rouen; -- auf +einem Rasenplatz tanzen einige junge Paare nach den Tönen einer Schalmei +und eines Dudelsacks ein Menuett; bunte Diener tragen Erfrischungen +umher, für die abfahrenden Gäste erscheinen andere; der Chevalier von +Serignan, Monsieur Nicolaus Buisson, der Sieur Destresoriers, Edelleute +von der Robe, Edelleute vom Degen, Finanzleute, Beamte und so weiter mit +ihren Frauen und Töchtern, allgesamt angezogen von dem Glanz, der Pracht +und dem großen Geheimnis des einstigen neapolitanischen Bettlers Stefano +Vinacche. + +Hat sich aber um Mitternacht dieser Schwarm der Gäste verloren, so +erscheinen andere Gestalten. Aus verborgenen Schlupfwinkeln tauchen +Männer auf, finstere bleiche Männer mit zusammengezogenen Augenbrauen +und rauhen, rauchgeschwärzten Händen. Da ist Konrad Schulz, ein +Deutscher, den Herr von Pontchartrain später verschwinden läßt, ohne daß +man jemals wieder von ihm hört. Da sind Dupin und Marconnel, +hocherfahren in der geheimen Kunst. Da ist Thuriat, ein wackerer +Chemiker; da ist ein anderer Italiener, Martino Polli. Geheimnisvolle +Wagen, von geheimnisvollen Fuhrleuten begleitet, langen an und fahren +ab, und Säcke werden abgeladen und aufgeladen, die, wenn sie die Erde +oder einen harten Gegenstand berühren, ein leises Klirren, als wären sie +mit Goldstücken gefüllt, von sich geben, geheimnisvolle Feuer in +geheimnisvollen Öfen flammen auf, -- Wacht hält Madame de Vinacche, daß +die nächtlichen Arbeiter nicht gestört werden in ihrem Werke. + +Hüte dich, Stefano Vinacche! Im geheimen Staatsrat zu Versailles hat man +von dir gesprochen: Monsieur Pelletier von Sousy, der Intendant der +Finanzen, hat den Mann mit dem Kopf voll böser Anschläge, hat Monsieur +d'Argenson aufmerksam auf dich gemacht. + +Hüte dich, Stefano Vinacche! -- + +Wer klopft in dunkler Nacht an das Hinterpförtchen des Landhauses zu +Coubron? + +Salomon Jakob, ein Jude aus Metz, welcher die Verbindung des +»Unbegreiflichen« mit Deutschland vermittelt. + +Wer klopft in dunkler Nacht an die Pforte des Landhauses zu Coubron? + +Franz Heinrich von Montmorency-Luxemburg, Pair und Marschall von +Frankreich, welchen Stefano Vinacche die Kunst lehren soll, den Teufel +zu beschwören. + +In dunkler Nacht fährt nach Coubron der Herzog von Nevers, um sich in +die geheimen Wissenschaften einweihen zu lassen. + +In dunkler Nacht fährt nach Coubron Karl d'Albert, Herzog von Chaulnes, +und Madame de Vinacche empfängt ihn in brokatnen Gewändern, geschmückt +mit einer Cordeliere und einem Halsband im Wert von sechstausend Livres. + +»_Notre Dame de Miracle_, wie habe ich für Euer Glück gesorgt, +Allerschönste!« sagt der Herzog von Chaulnes, und die Tochter des Wirts +zum Dauphinswappen verbeugt sich mit dem Anstand einer großen Dame und +führt den hohen Gast und Gönner in ihren Salon, welcher den Vergleich +mit jedem andern zu Paris aushält. + +Stefano Vinacche trägt nicht mehr sein eigenes Haar; eine wallende +gewaltige Lockenperücke bedeckt sein kluges Haupt. Mit feiner Ironie +sagt er, in den wallenden Stirnlocken dieser seiner Perücke halte er +seinen _Spiritus familiaris_, sein »_folet_« verborgen und gefesselt. + +»_Notre Dame de Miracle_, Ihr seid ein großer Mann, Etienne!« sagt der +Herzog von Chaulnes, und der Hausherr von Coubron verbeugt sich +lächelnd: + +»O Monseigneur!« + +»Ja, ja, wer hätte das gedacht, als ich Euch in Italien von der +Landstraße aufhob? Wer hätte das gedacht, als ich Euch durch den Grafen +von Auvergne vom Galgen errettete; -- Vinacche, Ihr müßt mir sehr +dankbar sein.« + +Stefano legt die Hand auf das Herz. + +»Monseigneur, ich habe ein gutes Gedächtnis für empfangene Wohltaten. +Glaubt nicht, daß das Glück und die errungene Wissenschaft mich stolz +mache. Fragt meine Frau, was gestern geschehen ist.« + +»Wahrlich, Monseigneur, es war eine tolle Szene. Stellt Euch vor, es +befindet sich gestern eine glänzende Gesellschaft bei uns, Monsieur +Despontis, Monsieur von Beaubriant und viele andere, als ein abgelumpter +Mensch Etienne zu sprechen verlangt. Die Diener wollten ihn abweisen; +aber Etienne hört den Lärm und läßt den Vagabunden kommen. _Mon Dieu_, +was für eine Szene!« + +»Nun?!« + +»Nicolle war's, gnädigster Herr! Nicolle, meines Mannes Kamerad aus dem +Regiment Royal-Roussillon!« + +»Oh, oh, oh! ah, ah, ah!« lacht der Herzog. »Dem Wiederfinden hätt' ich +beiwohnen mögen. Das muß in der Tat eine eigentümliche Überraschung +gegeben haben.« + +»Ich fiel in Ohnmacht, und Etienne -- fiel dem Vagabunden um den +Hals --« + +»Und die Gesellschaft?« + +»Stand in starrer Verwunderung! Es war ein tödlicher Augenblick,« ruft +Madame de Vinacche klagend, doch Etienne sagt: + +»Ich hatte dem Manne einst ein schweres Unrecht zugefügt, jetzt war mir +die Gelegenheit gegeben, es wieder gutzumachen, und ich benutzte diese +Gelegenheit.« + +»_Notre Dame de Miracle_, ich werde der Frau von Maintenon diese +Geschichte erzählen. Ihr seid ein braver Gesell, Etienne. Ah, oh, _ou la +vertu va-t-elle se nicher_? wie Monsieur Molière sagt, -- sagt er nicht +so?« + +»Ich glaube, gnädiger Herr,« meint Vinacche, die Achsel zuckend, und +setzt hinzu, als eben jemand an die Tür des Salons mit leisem Finger +klopft: »Da kommt Konrad, uns zum Werk zu holen. Wenn es also beliebt, +Monseigneur, so können wir unsere Arbeit von neuem aufnehmen; Zeit und +Stunde sind günstig, jeder Stern steht an seinem rechten Platz, und gute +Hände schüren die Flamme!« + +In die geöffnete Tür schaut das finstere Gesicht des deutschen Meisters +Konrad Schulz: + +»Es ist alles bereit!« + +»Wir kommen!« sagt der Herzog von Chaulnes, mit zärtlichem Handkuß von +Madame Vinacche Abschied nehmend. In das chemische Laboratorium herab +schreiten die Männer. + +Um den schwarzen Herd stehen regungslos die Gehilfen des großen +Goldmachers. Atemlos verfolgt der Herzog jede Bewegung des Alchymisten. + +Der Meister arbeitet! + +Tiegel voll Salpeter, Antimonium, Schwefel, Arsenik, Qecksilber gehen +von Hand zu Hand. Die Phiole mit dem »Sonnenöl« reicht Martino Polli, +das Blei bringt Konrad Schulz zum Fluß; -- der große Augenblick ist +gekommen. Aus einem Loch in der schwarzen feuchten Mauer ringelt sich +eine bunte Schlange hervor, sie steigt an dem Beine Stefano Vinacches +empor, sie umschlingt seinen Arm und scheint ihm ins Ohr zu zischen. Ein +Zittern überkommt den Goldmacher, aus der Brust zieht er ein winziges +Fläschchen; -- im Tiegel gärt und kocht die metallische Masse, -- die +Flammen züngeln, -- aus der Phiole in der Hand des Meisters fällt das +Projektionspulver in den Tiegel -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- + +Das Werk ist vollbracht! In die Form gießt Konrad Schulz die kostbare, +im höchsten Fluß befindliche Masse -- nach einigen Augenblicken wiegt +der Herzog von Chaulnes eine glänzende Metallbarre in der Hand. +»Reinstes Gold, Monseigneur!« sagt Stefano Vinacche. -- + + + + + IV. + + Was man in Versailles dazu sagte. + + +Vinacche fuhr mit seiner Frau vierspännig durch die Straßen von Paris. +Lange war Claude Bullot tot und erinnerte sie nicht mehr an die +Dunkelheit ihrer Herkunft. In der Gasse Saint Sauveur besaß Stefano +jetzt ein prächtiges Haus, wo er die beste Gesellschaft von Paris bei +sich sah. Sein Leben strahlte im höchsten Glanz. Die Teilnehmer seiner +wunderlichen Operationen hatte er durch Drohungen, Versprechungen, List +und Überredung zu seinen Sklaven gemacht; er durfte ihnen drohen, sie +bei der geringsten Auflehnung gegen seinen Willen als Fälscher, Kipper +und Wipper hängen zu lassen. Seine Geschäftsverbindungen mit Samuel +Bernard, Tronchin, Menager, mit den beiden van der Hultz, mit +Saint-Robert und dem Sieur Buisson Destresoriers nahmen ihren +ungestörten Fortgang. Man sah in seinen Gemächern oft fünfzehn, zwanzig, +dreißig Säcke voll nagelneuer Louisdors aufgestellt. Neu geprägte +Goldstücke fanden die Diener und Dienerinnen, von denen das Haus +überquoll, im Kehricht, in den Winkeln, unter der schmutzigen Wäsche; -- +sie verkauften Stückchen von Goldbarren an die Juden, und Madame de +Vinacche erschrak eines Tages heftig genug, als sie, ungesehen von +ihnen, ein Gespräch zwischen ihrer Kammerfrau La Martion und einigen +Lakaien ihres Mannes belauschte. -- + +Der spanische Erbfolgekrieg hatte begonnen. War das Geld im Hause +Stephano Vinacches im Überfluß vorhanden, so mangelte es um desto mehr +im Hause des Königs Ludwig des Vierzehnten. Herrschte im Hause Stefano +Vinacches Jubel und Übermut, so herrschte Mißmut, Angst, Sorge und Not +zu Versailles. Ein gewaltiger Umschwung aller Dinge trat in diesem +früher so glänzenden Frankreich mehr und mehr hervor. Auf die Zeit des +phantastischen, lebenvollen Karnevals folgte der Aschermittwoch mit +seinen Grabgedanken. Zu Grabe gegangen waren die Schriftsteller und +Dichter: Pascal und Franz von La Rochefoucauld ergründeten nicht mehr +die Tiefe des menschlichen Herzens. Jean de Lafontaine hielt nicht mehr +den lustigen Spiegel der Welt vor, Jean war »davongegangen wie er +gekommen war«; -- verstummt war die mächtige Leier des großen Corneille, +Jean Racine hatte sein Schwanenlied gesungen und war hinabgesunken in +die blaue Flut der Ewigkeit. Tot, tot war Molière, der gute Kämpfer +gegen Dummheit, Heuchelei, Aberglauben und Laster; tot war Jean Baptiste +Poquelin, genannt Molière, aber Tartuffe lebte noch! + +Die Heiterkeit des Daseins war erblaßt, auch die feierlichen Stimmen der +großen Kanzelredner Bossuet, Bourdaloue, Flechier verstummten! König in +Frankreich war der Pater La Chaise, Königin in Frankreich war Franziska +d'Aubigné, die Witwe Paul Scarrons. Die Schutzherrschaft über das Land +nahm man dem heiligen Michael und gab sie der Jungfrau Maria, wie man +sie vorher dem heiligen Martin und vor diesem dem heiligen Denis +genommen hatte. Schaffe Geld, schaffe Geld, Geld, Geld, o heilige +Jungfrau Maria! Schaffe Geld, holde Schutzherrin, Geld zum Kampf gegen +deine und unsere Feinde! Schaffe Geld und abermals Geld und wiederum +Geld, süße Mutter Gottes! Schaffe Geld, Geld, Geld, o Schutzpatronin von +Frankreich und Versailles, Marly und Trianon! + +Wiederum war ein Staatsrat gehalten worden zu Versailles über die besten +Mittel, Geld zu bekommen, und niemand hatte Rat gewußt; weder +Pontchartrain, noch Pomponne, noch du Harlay, Barbezieux, d'Argouges, +d'Agnesseau. Wohl war manche neue Steuer vorgeschlagen worden; doch ohne +zu einem Resultat gelangt zu sein, hatte Louis der Vierzehnte seine Räte +entlassen müssen. Verstimmt im höchsten Grade, ratlos bis zur +Verzweiflung schritt er auf und ab in seinem Gemach und seufzte: + +»O Colbert, o Louvois!« + +Der König von Frankreich befand sich vollständig in der Seelenstimmung +Sauls, des Königs der Juden, als er Verlangen trug nach dem Geiste +Samuels, des Hohenpriesters. + +Dazu war die Frau Marquise nach Saint Cyr zu ihren jungen Damen +gefahren, und der Vater La Chaise gab einigen Brüdern in Christo in +der Vorstadt Saint Antoine in seinem Hause ein kleines Fest. Armer, +großer Louis! zu seinem letzten Mittel mußte er greifen, um sich zu +zerstreuen; -- Fagon, sein Leibarzt, wurde gerufen. In der Unterhaltung +mit diesem klugen Manne ging dem Monarchen, freilich doch langsam +genug, dieser trübe Oktobernachmittag des Jahres 1703 hin, und zuletzt +kam auch Madame von Maintenon zurück. Der König seufzte auf, gleich +einem, der von einer schweren Last befreit wird; Fagon machte seine +Verbeugungen und entfernte sich, ebenfalls höchlichst erfreut über seine +Erlösung. + +Im klagenden Tone erzählte nun der König seiner Ratgeberin von seiner +trüben Nachmittagsstimmung, von seiner Sehnsucht nach ihr, seiner +einzigen Freundin, von der Dummheit der Ärzte und von der vergeblichen +Ratssitzung. + +»Sire,« sagte die Marquise lächelnd, »ich bin Eure demütige Dienerin; +die besten Ärzte sind die, welche die Seele zu heilen verstehen, was +aber die Ratlosigkeit Eurer Räte betrifft, so ist hier ein Billett, +welches die Mittel angibt, dem Staat Geld zu schaffen. Von unbekannter +Hand wurde es mir in den Wagen geworfen. Leset es, Sire, wir haben schon +einmal über den Mann gesprochen, von dem es handelt.« + +Der König nahm das Schreiben und überflog es. + +»Vinacche?! der Goldmacher!« murmelte er und zuckte die Achseln. + +»Ich höre Erstaunliches über den Mann,« meinte die Marquise. »Sein +Luxus geht ins Grenzenlose. Die größten Herren Eures Hofes, Sire, gehen +bei ihm ein und aus. Der Herzog von Brissac hat mir neulich stundenlang +von dem geheimnisvollen Menschen gesprochen. Neulich war auch Madame von +Chamillard bei mir; sie steht in Verbindung mit dem reichen +holländischen Bankier van der Hultz. Auch dieser Mann soll vollständig +überzeugt sein, Monsieur de Vinacche habe das Projektionspulver +gefunden, Monsieur de Vinacche mache in Wahrheit Gold.« + +»Ach, Marquise, von wie vielen haben wir das geglaubt!« + +»Sire, wäre ich an Eurer Stelle, ich würde d'Argenson beauftragen, +diesen Italiener etwas genauer zu beobachten.« + +Der König zuckte abermals die Achseln und gab das Billett zurück. + +»Wenn d'Argenson das für nötig hält, so mag er seine Anordnungen +treffen; -- ich will nichts damit zu tun haben. Was beginnen Eure +Fräulein zu Saint Cyr, Marquise?« + +Nachdem der König das Gespräch auf eine andere Bahn geleitet hatte, war +es vergeblich, von neuem den verlassenen Punkt zu berühren; aber die +Marquise schob das Billett in ihre Tasche und faßte einen Beschluß. Am +andern Tage schickte sie ihren Stallmeister Manceau in die Gasse Saint +Sauveur zu Vinacche, unter dem Vorgeben: er solle Diamanten kaufen für +eine fremde Prinzessin. Manceau, von seiner Herrin bestens instruiert, +ließ nichts in dem Hause des Alchymisten außer Augen und erzählte +nachher Wunder von der Pracht und dem Glanze, die darinnen herrschten. +Pferde, Gemälde, Silbergeschirr, Meubles, alles taxierte er, wie ein +Auktionskommissär; auf seine Frage nach Juwelen antwortete aber +Vinacche, er besitze deren wohl sehr schöne, aber er handle nicht damit. + +Fast schwindelnd von dem Geschauten kam der Abgesandte der Marquise nach +Versailles zurück und stattete seiner Herrin Bericht ab. Einige Tage +nachher wurde Stefano Vinacche selbst nach Versailles beschieden und +daselbst sehr höflich und zuvorkommend von Herrn von Chamillard +empfangen! Ein langes Gespräch hatten die beiden Herren miteinander, und +hinter einem Vorhange lauschte die Marquise von Maintenon demselben. +Aber aalglatt entschlüpfte Vinacche jeder Frage, die sich auf seine +große Kunst bezog; er nahm Abschied und bestieg seine Karosse wieder, +ohne daß die Marquise und Chamillard ihrem Ziel im geringsten +nähergekommen wären. + +»Lassen wir d'Argenson kommen!« sagte Frau von Maintenon. »Um keinen +Preis darf uns dieser Mann entgehen.« + +Monsieur de Chamillard verbeugte sich bis zur Erde, und -- d'Argenson +ward gerufen. + + + + + V. + + Das Ende. + + +Und Monsieur d'Argenson streckte seine Hand aus; -- es fiel ein +schwarzer Schatten über das glänzende, fröhliche Leben in der Gasse +Saint Sauveur; nach allen Seiten hin zerstob das Getümmel der vornehmen, +reichen und geistreichen Gäste. Die Flucht nahmen die Herzöge, die +Marquis, die Chevaliers, die Abbés, die Poeten. Wer durfte wagen, da zu +weilen, wohin Monsieur d'Argenson den Fuß gesetzt hatte? + +Aus dem Nebel ragt düster drohend die Bastille! Sie halten den Stefano +Vinacche, auf daß ihnen sein köstliches Geheimnis »nicht entgehe«, +und -- am 22. März 1704, einem Sonnabend -- scharren sie ihn ein auf dem +Kirchhof von Sankt Paul, unter dem Namen =Etienne Durand=. + +Wer hat je das Genie durch Gewalt gezwungen, seine Schätze mitzuteilen? + +So liest man in den Registern der Bastille: + +»In der Nacht vom Mittwoch auf den grünen Donnerstag, als am 20. März +1704, morgens um ein Viertel auf zwei Uhr verschied in Nummer drei der +Bertaudiere Monsieur de Vinacche, ein Italiener, in der Gegenwart des +Schließers La Boutonnière und des Korporals der Freikompagnie der +Bastille, Michel Hirlancle. Nach dem Tode des Gefangenen gingen die +beiden Wächter, Monsieur de Rosarges davon zu benachrichtigen, und erhob +sich dieser und verfügte sich in die Zelle des Sieur Vinacche, welcher +sich selbst getötet hat, indem er sich gestern, als am Mittwoch, +ungefähr um zwei Uhr nachmittags mit seinem Messer die Kehle unter dem +Kinn zerschnitt und sich also eine sehr große und weite Wunde +beibrachte. Obgleich ihm alle mögliche Hilfe geleistet wurde, konnte man +ihn doch nicht retten. Da der Sterbende einige Zeit hindurch das +Bewußtsein wieder erlangte, so hat unser Almosenierer sein Bestes getan, +ihn zur Beichte zu bewegen, jedoch ganz und gar vergeblich. Gegen neun +Uhr abends habe ich Monsieur d'Argenson von dem Unglück Nachricht +gegeben, und ist derselbe in aller Eile sogleich erschienen, um zu dem +Sterbenden zu reden, jedoch auch ihm hat der Unglückliche keine Antwort +gegeben. + + In diesem Schlosse der Bastille 20. März 1704. + + =Dujonca=, + + Königsleutnant in der Bastille. + +Wohl mochte nachher d'Argenson in seinem Bericht an Chamillard von +»_billonage_«, von Kipperei und Wipperei sprechen, es glaubte niemand +daran, selbst der Berichterstatter glaubte nicht daran; man brauchte nur +eine Rechtfertigung dem aufgeregten Publikum gegenüber. Zu Versailles +wirkte die Nachricht von dem Tode Stefano Vinacches gleich einem +Donnerschlag; der König Ludwig der Vierzehnte wurde darob ebenso zornig +und niederschlagen, wie später in demselben Jahre über die Kunde von den +Niederlagen auf dem Schellenberge und bei Höchstedt. Die Frau Marquise +und die Herren de Chamillard und d'Argenson hatten einige bittere +Stunden zu durchleben; aber was half das? Stefano Vinacche war tot und +hatte sein Geheimnis mit in das Grab genommen! + +Der Witwe des Unglücklichen meldete man offiziell, ihr Gemahl sei in der +Bastille am Schlagfluß verschieden; sie blieb im ungestörten Besitze +aller der auf so geheimnisvolle Weise erworbenen ungeheuren Güter. Der +alte Bericht, dem wir dieses seltsame Lebensbild nacherzählen, +vergleicht den gemordeten Stefano mit jenem Künstler, welcher dem +Imperator Tiberius ein köstliches Gefäß von biegsamem, hämmerbarem Glas +überreichte. Der Kaiser bewunderte die vortreffliche Erfindung und +fragte, ob dieselbe schon andern Menschen bekannt sei, welches der +Künstler verneinte. Auf diese Antwort hin ließ der Tyrann dem genialen +Erfinder den Kopf abschlagen und die Werkstatt desselben zerstören, +damit nicht »Gold und Silber gemein und wertlos würden, wie der Kot in +den Gassen von Rom«. + +»_Par notre Dame de Miracle_, Madame, Euer Gemahl war ein großer Mann,« +sagte der Herzog von Chaulnes zu der trauernden Witwe Stefanos, »Euer +Gemahl war in Wahrheit ein großer Mann; aber =einen= Fehler hatte er, er +war zu verschwiegen! Wie oft hab' ich ihn beschworen, mir sein großes +Geheimnis anzuvertrauen, -- Madame, auf meine Ehre, Monsieur Etienne war +zu verschwiegen, viel zu verschwiegen.« + +»O Madame, Madame, die Welt ist nicht so beschaffen, daß sie ein großes +Genie in sich dulden könnte!« sagte zur Frau Vinacche der Dichter Jean +Baptiste Rousseau, der Freund Stefanos. »Madame, die Welt kann das +Talent nur töten, und es gibt nur einen Trost: + +_c'est le même Dieu qui nous jugera tous!_« + +»Liebste Schwester,« sagte der Graf d'Aubigné zur Marquise von +Maintenon, »liebste Schwester, in meinem Leben habe ich noch nichts +erfunden, wohl aber traue ich mir viel Geschick zu, die Erfindungen +anderer Leute herauszuholen. Ihr wißt das ja; _mon Dieu_, weshalb habt +Ihr mir nicht diese Geschichte mit dem Italiener überlassen? Das war +kein Charakter für die Kunst Monsieur d'Argensons.« + +Die Frau Marquise seufzte, zuckte die Achseln und griff nach ihrem +Gebetbuch, Mademoiselle La Caverne, ihre Kammerfrau, meldete: Seine +Majestät verfüge sich soeben in die Messe. Graf d'Aubigné, welcher »sich +wegen seiner Schwester Regierung einbildete, er sei die dritte Person in +dem Königreiche«, ließ die Unterlippe herabsinken und legte sein Gesicht +in die frömmsten Falten. + +»Gehen wir, mein Bruder,« sagte die Marquise. »Wir wollen beten für die +Seele dieses unglücklichen Monsieur de Vinacche und bitten, daß Gott uns +seinen Tod nicht zurechne.« + + + + + ****************************** + * * + * Ein Besuch * + * * + ****************************** + + + + +Es war schon Dämmerung, als der Besuch kam; so sehr Dämmerung, daß es +uns unmöglich ist, zu sagen, wie der Besuch aussah. Es ist uns überhaupt +nicht leicht gemacht, hierüber ganz deutlich zu werden. Helfen uns die +Leserinnen selber nicht dabei, so werden wir auf diesem Blatt Papier mit +Feder und Tinte wenig ausrichten. + +»Wieder ein Tag, Johanne, in Einsamkeit und mühseliger, geringen Nutzen +bringender Arbeit; und zu der Arbeit trübe Gedanken den ganzen Tag über. +Wegplaudern kann ich dir deine Sorgen nicht; da habe ich Schwestern, die +das besser verstehen. Ich kann nur hier und da eine Stunde bei dir +verweilen; laß mich das jetzt, vielleicht ist dir wohler nachher. Hast +auch wohl schmerzende Augen von dem ewigen Schaffen so spät in den +Jahren? Die darfst du dreist zumachen, derweil ich bei dir bin. Nur +keine unnötigen Höflichkeiten unter Freunden. Laß dich gehen, ich lasse +mich auch gehen und lege mir niemandes wegen Zwang an, und viel Zeit +habe ich nie, das wißt ihr ja alle, die ihr mich dann und wann unter +euerer übrigen Bekanntschaft in der Welt bei euch seht. Wo warst du +eben, Johanne?« + +»Sie feierten ein Fest heute drunten im Hause, daran habe ich gequält, +widerwillig teilnehmen müssen. Es war so viel Wagenrollen in der Gasse +und vor dem Hause, die Leute waren so laut; es drang so viel lustiger +Lärm zu mir herauf. Es war töricht: aber ich ließ mich von meiner +Phantasie hinabführen zu meiner jungen, reichen, glücklichen +Hausgenossin; und da wurde mein Schicksal bitterer, ich war den Tag über +unzufriedener denn je mit meinem Lose; ach, da es nun wieder stiller +geworden ist, will ich es nur gestehen: ich war recht böse den Tag über, +voll Mißgunst, Neid und Eifersucht. Es war sehr unrecht.« + +»Ja freilich, du bist arm, und deine Hausgenossin ist reich; du bist alt +geworden, und deine Hausgenossin ist noch jung. Niemand kommt zu dir als +von Zeit zu Zeit ich, und jene führt das lebendigste Leben. Daran kann +ich nichts ändern, nicht den kleinsten Stein des Anstoßes in der +Körperlichkeit der Dinge kann ich dir aus dem Wege räumen; -- aber wie +wäre es, wenn du dessenungeachtet jetzt doch einmal einige Wege mit mir +gingest -- die ich dich führe?« + +Da die Frau Johanne jetzt lächelt, ist sie schon auf diesen Wegen mit +ihrem Besuch -- dieser seltsamen Besucherin, die nicht plaudert, wenige +Neuigkeiten weiß, sondern nur von Zeit zu Zeit die Hand oder auch nur +den Zeigefinger erhebt. Frau Johanne hat dabei auch dem andern Rat ihres +stillen Gastes Folge gegeben; sie hat die Augen geschlossen. Bei +geschlossenen Augen sagt sie: »Ja es ist unrecht, und es nützt auch +nichts, andern ihr Glück oder vielleicht auch nur den Schein des Glückes +zu mißgönnen. Das Leben geht so rasch hin, und es wird so schnell Abend +aus Morgen allen Leuten! + +Ist es nicht wie gestern, als es auch noch in meinem Leben Morgen war? +als ich so jung war wie diese junge Nachbarin und auch über schöne +Teppiche schritt? als die Wagen auch vor meiner Tür hielten und die +Gäste zu mir kamen? als meine Gestalt aus dem Pfeilerspiegel im +Festkleide mir zulächelte und Richard mir über meine Schulter +zuflüsterte, was der Spiegel mir sagte? + +Hab' ich damals, an meinem Morgen, in meinem Frühling, in meiner Jugend +viel daran gedacht, wie die Leute über meinem Haupte, unter meinen +Füßen, die Nachbarn gegenüber lebten, und ob sie weniger jung, sorgenlos +und glücklich als ich waren?« + +»Siehst du, es wandelt sich gut an meiner Hand,« nickte der Besuch. »Nur +weiter, komm nur weiter, wir sind auf dem ganz richtigen Wege. Es ist +nur, weil man in der mißmutigen Stunde nicht recht seine Gedanken +zusammennehmen kann, daß man seine Tage so regenfarbig, seine Nächte so +dunkel und sternenlos sieht. Was zeigte dir dein Spiegel noch außer +deiner Gestalt im Haus- und im Festkleide und den Bildern deiner +nächsten Umgebung?« + +Frau Johanne legt das Haupt in ihrem Stuhl zurück und die Hand auf die +Stirn. Sie sitzt wieder vor ihrem hohen, vornehmen Spiegel, den Rücken +gegen die Fenster gewendet. Aber aus dem zerbrechlichen Glase und der so +leicht verwischbaren Folie von damals ist in Wahrheit ein Zauberspiegel +geworden, aus dem sich wesenhaft, greifbar, voll Leben und Wirklichkeit +die Hoffnung, der Trost, das beste Glück ihrer Witwenschaft, ihrer +Kinderlosigkeit, ihres Alters loslösen. + +Es sind aber nicht die Abbilder ihrer nächsten Umgebung, die Möbel, +Wände, Gemälde, Teppiche und Vorhänge ihres damaligen Gemaches, die sie +nun mit ihren geschlossenen Augen wiedersieht. Es ist das Stück der +Gasse, das gegenüberliegende Haus, das damals in den goldenen Rahmen +zufällig mit hineinfiel und nun wieder lebendig in ihm leuchtet, nachdem +Glas und Folie längst zersplittert und verwischt sind, wie Glanz und +Glück jener lange vergangenen Tage. + +»Ich denke, wir wagen es noch einmal, folgen unserm guten Einfall und +schlüpfen hinüber zu der unbekannten Nachbarin. Was meinst du, Johanne?« + +»Ein Einfall!« murmelt die Frau Johanne. »Nur ein seltsamer Einfall -- +_un concetto, una fantasia strana_, wie die Italiener sagen. Und mir +vielleicht auch nur darum möglich, weil ich eben erst mit Richard von +unserm schönen langen Aufenthalt in Italien nach Hause gekommen war. +Dort, in Italien, folgen die Leute viel leichter als hier bei uns ihren +Einfällen und schlüpfen so über die Gasse und halten gute Nachbarschaft, +zumal wenn sie sich vom Fenster oder -- Spiegel aus schon längst kennen +und unser Gatte einmal gesagt hat: 'Der Mann der hübschen kleinen Frau +im blauen Kleide da drüben ist einer unserer besten, talentvollsten +Unterbeamten, Johanne; das Weibchen mit seinem Kindchen ist wirklich +allerliebst, schade, daß sie nicht zu uns gehören, d. h. nicht in unsere +Gesellschaftskreise passen.'« + +»Ja, was würde aus euerer Welt werden, wenn ich nicht immer von neuem, +zu jeder Zeit und überall eure närrischen Kreise störte und euch +zusammenbrächte im Wachen und im -- Traum? Nur weiter, immer weiter, +Johanne. Die Nachbarin wohnt in keinem vornehmen Hause; die Treppen, die +zu ihr hinaufführen, sind steil und dunkel; aber wir sind auf dem +rechten Wege -- ganz auf dem rechten Wege!« + +»Auf dem rechten Wege! Wie kommst du eigentlich hierzu, Johanne?« habe +ich mich noch auf der steilen dunkeln Treppe gefragt. »Ihr habt euch ja +noch nicht einmal zugenickt und noch weniger je ein Wort miteinander +gesprochen. Wie wäre das auch möglich gewesen bei so vielem andern +gesellschaftlichen Verkehr?« + +»Das weiß ich am besten, von welchen Kleinigkeiten alles abhängt,« sagt +der Besuch. »Törichtes Menschenvolk! wo bliebet ihr, wenn nicht ich aus +dem Kern den Baum, aus dem Funken das Licht, aus dem Hauch den Sturm +machte? Dein Blut war noch abenteuerlich unruhig von den bunten +Erlebnissen in der Fremde; du hattest viel gähnen müssen an jenem Tage; +leugne es nicht, Johanne, du warst eigentlich in keiner angenehmen +Stimmung, trotzdem daß du noch jung, reich und eine Schönheit warst. Zu +verbraucht, alltäglich, gewöhnlich, abgenutzt und gering erschien dir +alles in der behaglichen Heimat um dich herum.« + +»Und Richard hatte mir jetzt gesagt: Unsere Nachbarin hat Unglück +während unserer Abwesenheit gehabt; der Mann ist ihr gestorben; wir +werden nicht leicht einen so guten Arbeiter wieder bekommen. -- Da sah +ich sie statt im blauen oder rosa Kleide in einem schwarzen am Fenster, +bleich und kummervoll. Und sie trug ihr Kind auf dem Arme, ihr armes +verwaistes Kindchen, und da --, da nickte ich ihr zu von meinem Fenster; +und da --, da bin ich zu ihr gegangen!«... + +Und nun ist sie wieder bei ihr, die Träumende, -- die Freundin bei der +Freundin, und die Zeiten -- die Stunden, Tage und Jahre vermischen sich +wunderbar im süß-melancholischen Dämmerungstraum. Der Besuch könnte nun +wohl gehen -- o wie lebendig, wie lebendig ist alles nun im Traum!... + +Im Traum. Die alte Frau schläft in ihrem Stuhl nach dem arbeitsvollen +mühsamen Tage. Sie denkt nicht mehr über die Vergangenheit; sie träumt +von ihr und süß und friedlich; denn der Besuch hatte ihr ja vorher +leise, beruhigend die Hand auf die furchenvolle Stirn gelegt. + +Nun ist der Raum um sie her nicht mehr beschränkt und niedrig, nun sind +die Gerätschaften nicht mehr ärmlich und abgenutzt; denn im gleichen +Stübchen und unter gleichem Geräte führte ja die beste Freundin ihrer +Jugend ihr =liebes=, stilles Leben. Zu solchem Stübchen schlich sie aus +dem Glanz und der Fülle des eigenen Daseins, und alles ist im Traum wie +damals um sie her. + +Wie viele Jahre gehen vorüber während der kurzen Augenblicke, in denen +sie jetzt die Augen geschlossen hält? Wechselnde Schicksale -- viel +Sorge und Angst im Mittage des Lebens auch im eigenen Hause. Was ist +noch übrig von alledem, was damals war? Wo sind die hohen Spiegel, die +Purpurvorhänge, die weichen Teppiche -- die Freunde, die Bekannten der +Jugend? Ist doch der eigene Gatte so lange schon tot und die eigenen +Kinder; und auch die Freundin schläft ja nun lange schon unter ihrem +grünen Hügel und steigt nur dann und wann daraus hervor in der +=Erinnerung= und im =Traum=, und lächelnd, tröstend und Geduld anratend +zumeist auch nur dann, wenn vorher der Besuch gekommen ist, den die +Greisin, die arme alte Frau Johanne, bei ihrer späten, beschwerlichen +Lebensmühe wie in der Dämmerung des heutigen Abends bei sich empfangen +hat. + +Von all den guten Freunden, den lieben Bekannten ist niemand übrig, ist +niemand treu als das Kind, das einst die Träumerin zum erstenmal +hinüberzog aus ihrer Lebensfreude und dem Glanz ihrer Jugend zu dem Leid +der jungen Nachbarin im schwarzen Kleide. Und dieses Kind ist erwachsen, +ist auch eine verheiratete Frau und weit in der Ferne. -- -- -- + +Horch, ein Schritt auf der Treppe. + +Ist es die Stimme des Besuchs, welche die Frau Johanne noch in ihrem +Traume vernimmt: »Nun gehe ich und lasse dich der Wirklichkeit. Wie gern +käme ich zu allen so wie zu dir in den bösen Stunden des Erdenlebens, +wie gern hülfe ich allen so wie dir hinweg über die dumpfen Pausen +zwischen euern Schicksalen; wenn ich nur nicht so oft vor die +verschlossene Tür käme. In den Büchern heiße ich eine vornehme Frau; mit +einem großen Gefolge hoher Söhne und Töchter schreite ich durch die +Jahrtausende, aber gern sitze ich nieder zu den Kindern, den Armen, den +Bekümmerten -- mit Freuden komme ich zu denen, die aus Büchern nur wenig +oder nichts von mir wissen. Nun lebe wohl, du närrisch alt Weiblein, +lache und weine dich aus in dem Glück der Gegenwart und Wirklichkeit und +halte mir deine Tür offen; ich klopfe nicht gern lange vergeblich.«... + +Es war nur der Briefträger, dessen Schritt man auf der Treppe gehört +hatte. Der Brief aber, den er der Frau Johanne brachte, lautete freilich +trotz der ganzen, vollen Wirklichkeit, die er verkündete, wie +Glockenklang und Jubelruf aus Dichtung und Wahrheit. + +»Meine liebe andere Mutter, ich bin so glücklich -- Franz ist daheim! +Gesund und so bärtig wie ein Bär und so sonnenverbrannt -- entsetzlich! +Aber es hat ihm, Gott sei Dank, nichts geschadet, und ich bin so +glücklich, so glücklich! Gestern sind sie eingezogen, und es war so +wundervoll, und ich hatte einen so guten Platz. Ich brauchte den Leuten +vor mir nur zu sagen: ich habe ja auch meinen Mann darunter, und sie +trugen mich fast auf ihren Armen in die erste Reihe. Und wir -- ich und +viele Hunderte und Tausende von meiner Sorte, hätten fast den ganzen +Effekt gestört. Das war ja aber auch nur zu natürlich, und kein +Feldmarschall und sonstiger großer General und Prinz durfte etwas +dagegen einwenden. Ich hing ihm unter den Trommeln und Trompeten, den +Pferden und Bajonetten am Halse, und wie ich nachher nach Hause gekommen +bin, weiß ich nicht. Nun habe ich ihn aber selber wieder zu Hause -- +ganz und heil zu Hause: es lebe der Kaiser und mein Mann und mein Kind +und du, mein liebes zweites Mütterchen! Und nun höre nur, über acht Tage +sind wir alle bei dir, -- er, Franz, muß dir ja sein Eisernes Kreuz +zeigen und ich dir unsern Jungen und meinen tapfern Ritter und +Landwehrmann, den sie mir so unvermutet mitten im vorigen Sommer von +seinem Zeichen- und meinem Nähtisch wegholten und für das Vaterland ins +fürchterlichste Kanonenfeuer stellten. Was haben wir ausgestanden, Mama! +Da war es ja noch ein Segen, daß der Junge noch zu klein und dumm war, +um schon mit einsehen zu können, was der Mensch an Ängsten und Sorgen +auf der Erde und im Kriege aushalten muß und kann. Aber eins hat er auch +noch zuwege gebracht, und das ist herrlich -- ich meine der Krieg und +nicht unser Junge natürlich -- ach, ich bin immer noch so konfus und +habe es wie tausend Glocken im Ohr und wie Ameisen in allen Gliedern! +nämlich die Privatingenieure sind im Preise gestiegen, und unser Weizen +blüht endlich auch einmal. -- Darüber werden wir denn recht eingehend +reden in acht Tagen in deinem lieben Stübchen; du sollst und darfst uns +nun nicht mehr so einsam und allein sitzen, jetzt, da es uns so gut geht +und noch viel besser gehen wird, was wir aber um Gottes willen ja nicht +berufen, sondern ja bei dem Wort dreimal unter den Tisch klopfen wollen! +Wir haben alle so viel ausstehen müssen und einander so wenig helfen +können; aber nun soll's anders werden, sagt Franz. Eine bessere Stelle +haben wir schon, nämlich Franz, und dies hat sich schon mitten im Kriege +gemacht, wo merkwürdigerweise nicht bloß Leute zusammengeraten, die sich +auf den Tod hassen, sondern auch solche, die einander recht gut +gebrauchen können. Nun sagt er, jetzt gäbe er nicht mehr nach, und +sollte er noch dreimal so lange wie vor dem schrecklichen Metz vor dir +in die Erde gegraben liegen und dich belagern müssen. Er erzählt +furchtbare Dinge von seiner Hartnäckigkeit und neugewonnenen Erfahrung +in dergleichen Kriegskunststücken; und er behauptet, es wäre gar kein +Zweifel, jetzt kriegte er dich -- wir kriegten dich! O könnten wir's dir +doch zum tausendsten Teil vergelten, was du so viele kümmerliche Jahre +durch bis in unsere Brautzeit und bis zu unserer Heirat an uns getan +hast! + +Ich glaube meinem Manne natürlich auf sein Wort, daß du jetzt zu uns +kommen wirst, aber ich verlasse mich eigentlich doch noch mehr auf +meinen Jungen. Was soll das arme Kind ohne dich anfangen, +Großmütterlein; jetzt, wo es anfängt zu laufen und ich doch nicht ewig +aufpassen kann? Großmütterchen, du gehörst zu unserm Richard wie die +Stadt Metz wieder zum Deutschen Reich, was aber eine recht schlechte +Vergleichung ist; ich kann aber nichts dafür, weil ich als jetzige +glorreiche Kriegsfrau so kurz nach den vielen Siegen und Eroberungen +mich nur in solchen Vergleichungen bewegen kann und übrigens auch eben +keine andere wußte. + +Wir mieten natürlich eine größere Wohnung, und es wird ein Leben wie in +Frankreich, wo es freilich, wie Franz meint, die letzte Zeit durch kein +gutes Leben gewesen ist, was also eigentlich wieder nicht paßt. Nein, +wir wollen leben in Deutschland, wie ich es mir als das Schönste denke; +und denke du dir es auch so lieb, als wenn alle Dichtung auf Erden, wenn +du diesen Brief bekommst, eben zum Besuch bei dir gewesen wäre und dich +leise auf unsere Pläne und Absichten mit dir vorbereitet hätte, daß dir +der Schrecken nichts schade! Was ich dir eigentlich schreibe, weiß ich +gar nicht, und den Jungen habe ich auch beim Schreiben auf dem Schoße. +* Dieser Klex kommt auf seine Rechnung, denn greift er mir nicht in die +Frisur, so führt er mir mit die Feder. + +Und nun nichts mehr; denn in acht Tagen sind wir bei dir; und obgleich +ich hier jetzt an keiner Stunde am Tage was auszusetzen finde, so wollte +ich doch, daß es erst über acht Tage wäre, um dir Auge in Auge, Mund auf +Mund sagen zu können, wie ich bis in den Tod dein dankbares Kind bin und +bleibe, du meine zweite Herzensmutter!«... + +Die Frau Johanne hat viel Unglück im Leben gehabt. Eigene Familie hat +sie nicht mehr, ihr Mann ist tot, ihre Knaben sind ihr schon als Kinder +genommen, ihren Wohlstand hat sie auch verloren, und doch gibt es keine +andere Frau in der Stadt, die in dieser Stunde so glückliche Tränen +weint wie diese, welche nie dem Besuch, der in der Dämmerung bei ihr +war, die Tür verschloß, und die an seiner Hand in den Traum sich leiten +ließ, bis die Wirklichkeit anklopfte und ihr die reife liebliche Frucht +jenes »Einfalls« und Nachbarschaftsbesuchs der Tage der Jugend in den +Schoß legte. + + + + + ****************************** + * * + * Auf dem Altenteil * + * * + * Eine Silvester-Stimmung * + * * + ****************************** + + + + + I. + + +Sie hatten den Senioren der Familie alle Ehre angetan, wie sich das denn +auch wohl so von Rechts wegen gebührte; aber der Lärm wurde den +weißhaarigen Herrschaften allmählich doch ein wenig zu arg. Die alte +Dame, die immer noch um ein paar Jahre jünger war als der alte Herr, +hatte dem letzteren ein ihm schon längst wohlbekanntes kopfschüttelnd +Lächeln gezeigt, welches weiter nichts bedeutete als: + +»Kind, Kind, bedenke den Morgen und deinen Rheumatismus! Es hat alles +seine Zeit, und ich glaube, die unsrige ist jetzt vorhanden.« + +Der alte Herr hatte zuerst ganz erstaunt aufgesehen und sein Weib an: +Nicht mehr bis Mitternacht, und in das neue Jahr hinein? Ei, ei, ei -- +hm! + +»Hm,« sagte der alte Herr, in dem fröhlichen Kreise erhitzter Gesichter +umherblickend; »es hat freilich alles seine Zeit; aber es ist +sonderbar, und, liebe Kinder, es kommt einem ganz kurios vor, wenn auch +dieses -- zum erstenmal Zeit wird!« + +Dabei hatte er sich aber bereits etwas mühsam aus seinem Sessel erhoben. +Den Kopf schüttelte er auch; jedoch ohne dabei zu lächeln wie seine +Frau. + +»Du hast recht, Anna; es ist unsere Zeit gekommen, und so wünsche ich, +wünschen wir euch jungem Volk --« + +Von einem Gewissen war bei diesem »jungen Volk« natürlich nicht die +Rede. Dazu waren sie sämtlich (auch die Ältesten unter ihnen) noch viel +zu jung, und viel zu vergnügt und viel zu aufgeregt durch die uralten, +ewig jungen Stimmungen der letzten Stunden des scheidenden Jahres. Ein +Gewühl von blonden und braunen Köpfchen und Köpfen, von Händen und +Händchen erhob sich um die beiden Greise; und alle Verführungskünste, +deren die Menschheit in ihrer Erscheinung als Familie in der +Silvesternacht fähig ist, waren zur Anwendung gebracht worden. + +Einmal noch schadete es sicherlich gewiß nicht!... Großpapa und +Großmama hatten noch nie so munter ausgesehen!... Es ging ja niemand zu +Bett vor Mitternacht, selbst die Jüngsten nicht!... + +»Nun, Mutter! Einmal noch? Was meinst du?« Kleine weiße Händchen -- +weiße beringte Hände hatten ihre Verführungskünste nicht ohne Erfolg +versucht; nun legte sich statt anderer Antwort auf die Frage des alten +Herrn wieder eine Hand auf die seinige. Das war aber keine weiche, keine +weiße, keine kräftige mehr; aber eine starke und treue war es auch; +vielleicht wohl die stärkste und treueste. + +»Die Großmutter hat recht! Es hat alles seine Zeit, und die unsrige ist +gekommen. Junges Volk, wir werden zu Bette geschickt von ihr, der Madame +Zeit, während die Jüngsten aufbleiben dürfen. Der Kopf summt uns zu sehr +morgen früh, wenn wir uns dagegen sperren und wehren; und es ist zwar +hübsch von Großmama, wenn sie nur von Rheumatismus spricht; aber das +rechte Wort ist es eigentlich nicht. Sie hätte ganz dreist Gicht sagen +können, gerade so gut wie der Herr Schwiegersohn und _Doctor medicinae_ +da hinter seinem Punschglase, wenn er jetzt ein Gewissen hätte. Liebe +Kinder, wir sind beide über siebenzig Jahre alt, und --« + +»Oh!...« + +»Und wir sind sehr glücklich und behaglich. Sehr wohl ist uns zumute +und so wünschen wir euch allen zum erstenmal vor Ablauf des alten Jahres +ein glückliches neues.... Bitte, lieber Sohn, ich weiß, was du sagen +willst; aber wende dich damit an die Mama, die wird dich versichern, daß +deine Frau, unsere liebe Sophie da, heute über dreißig Jahre sicherlich +gleichfalls viel verständiger sein wird, als du. Wende dich an deine +Mutter, mein Schmeichelkätzchen Marie. Sie hat immer gemeint, du seiest +ganz ihr Vorbild, also wirst du wohl wissen, was in vierzig Jahren in +der Neujahrsnacht deine Meinung sein wird, wenn die unverständige Jugend +dir deinen Mann da verführen will. Schieben Sie die Kinder nicht so +heran, lieber Schwiegersohn, sie machen der Großmama nur das Herz +schwer. Es ist Zeit geworden für uns; -- -- -- ein fröhliches, +segensreiches Jahr ihr -- alle!...« + +»Alle!« jubelten sie, und die Gläser hatten geklungen, und die Kinder, +die Enkel hatten sich zugedrängt und ihre kleinen Becher hingehalten, +ohne daß man sie dazu zu schieben brauchte. Sie hatten sehr gejubelt; +und die Tonwellen der Gläser und der Stimmen waren verklungen. + +»Nun seid weiter vergnügt; aber die Kinder laßt ihr mir morgen +ausschlafen. Begleitung nehmen wir nicht mit, die Trepp' hinauf. Wir +finden unseren Weg schon allein, nicht wahr, Walter?« sagte die alte +Dame, die Großmutter des Hauses. + + + + + II. + + +Sie entschlüpften, wie man entschlüpft, wenn man das siebenzigste +Lebensjahr hinter sich hat. Langsam stiegen die beiden die +teppichbelegte Treppe in ihre Stube hinauf, der Greis gestützt auf den +Arm der Greisin; und dann waren sie allein miteinander, noch einmal +allein miteinander in der Neujahrsnacht.... Umgesehen hatten sie sich +nicht auf der Treppe und einen leisen Schritt, einen Kinderschritt, der +ihnen nachglitt, den hatten sie überhört. Ein so scharfes Ohr, wie vor +Jahren, hatte keins von den zwei Alten mehr; aber diesen Schritt, diesen +Geister-Kinderschritt würde auch wohl jedes andere jüngere Ohr überhört +haben. -- + +Auf dem Altenteil! Das kann eines der bittersten Worte sein, die das +Schicksal den Menschen in dieser Welt zuruft; aber auch eines der +behaglichsten. Für diese beiden Alten war es nach langer schwerer, +mühseliger Arbeit ein behagliches geworden. Sie fanden ihre Gemächer +durch ein verschleiertes Lampenlicht erhellt, ihre beiden Lehnstühle an +den warmen Ofen gerückt und: + +»Mit dem Schlage Zwölf komme ich doch und poche an eurer Kammertür und +spreche meinen Wunsch durchs Schlüsselloch. Ihr braucht aber nicht +darauf zu hören; ich schicke ihn euch auch in den Schlaf hinein!« hatte +das jüngste und am jüngsten verheiratete Töchterlein als letztes Wort im +Festsaale da unten gesagt. + +»O mein Gott, da sitzt ihr noch?« rief dieselbe junge Frau unter dem +Glockenklang und dem Neujahrschoral von den Türmen, unter dem plötzlich +aufklingenden Gassenjubel und dem Jubel der Kinder und Enkel in dem +Saale des Hauses. »Das ist doch ganz wider die Abrede, und heute übers +Jahr werden wir euch da unten bei uns fester halten, ihr Lieben, Bösen, +Besten!... Ein glückliches neues Jahr, Großpapa! ein glückliches neues +Jahr, Großmama!« + +Da stand ein niedrig lehnenloses Sesselchen mit einem verblaßten +gestickten Blumenstrauß darauf neben den zwei Stühlen der Greise. Die +junge Frau, nachdem sie den Vater und die Mutter mit ihren Küssen fast +erstickt hatte, saß nieder auf dem kleinen Stuhl und hatte keine Ahnung +davon, wer eben vor ihr darauf gesessen und die Mutter und den Vater +gegen die Abrede und gegen ihren eigenen festen Vorsatz wach gehalten +hatte über die Mitternachtsstunde hinaus und aus dem alten Jahr in das +neue hinein! Mit leise bebender Hand strich die alte Frau die blonden +Haare der Tochter aus dem lebensfreudigen, glühenden, erhitzten +Gesichte. Die blonden Locken, die sich eben vor ihr ringelnd bewegt +hatten, waren schon vor vierzig Jahren zu Staub und Asche geworden: die +junge Frau wußte nichts von ihnen, oder doch nur gerüchtweise. Lange vor +ihrer Geburt war das erste, das älteste Kind gestorben, zwölf Jahre alt. +Ein halbverwischtes Pastellbildchen, das über der Kommode der Mutter, +der Großmutter des Hauses, hing, war alles, was von ihm übrig geblieben +war in der Welt. + +Alles? + + + + + III. + + +Ein leiser Schritt, ein unhörbarer Schritt; -- ein Geister-Kinderschritt +in der Silvesternacht!... Wir haben gesagt, daß die beiden Greise vor +einer Stunde die Treppe zu ihren Gemächern hinaufgestiegen und ihn, wie +wir übrigen alle, nicht vernahmen. Ganz war es doch nicht so. + +Als der alte Herr der alten Dame mit immer noch zierlicher Höflichkeit +die Tür öffnete, um sie zuerst über die Schwelle treten zu lassen, hatte +die Frau einen Augenblick gezögert und zurückgesehen und gehorcht. + +Der alte Herr glaubte, sie horche noch einmal auf den fröhlichen Lärm, +auf das heitere Stimmengewirr der Neujahrsnacht dort unten im Festsaal +des Hauses. + +»Sie sind gottlob recht heiter,« meinte er, »wüßte auch nicht, weshalb +nicht. Und auch wir, -- Mutter! -- nicht wahr, Alte?... Wie spät ist es +denn eigentlich? Elf Uhr! Noch früh am Tage, wenngleich wirklich ein +wenig spät im Jahre.« + +»Ja, Walter!« hatte die Greisin erwidert, aber nur, um doch eine Antwort +zu geben. »Ich hörte eigentlich nicht auf dich; ich dachte an unser +Ännchen,« fügte sie hinzu, als sich die Tür hinter ihnen geschlossen +hatte und sie in der letzten Stunde des ablaufenden Jahres mit sich +allein waren. + + + + + IV. + + +Das junge Volk! Längst hat es drei Viertel des Hauses nach seinem +Geschmack und Bedürfnis eingerichtet und mit vollem Rechte des Lebens. +An das Reich der beiden Alten hat keine Hand gerührt; außer dann und +wann eine Kinderhand, deren volles Recht des Lebens es freilich ist und +immerdar sein wird, in der Großväter und der Großmütter Hausrat, +Schubladen und Schränken zu wühlen und zu kramen und sich die vom Anfang +der Welt an dazugehörigen erstaunungswürdigen, lustigen und traurigen +Geschichten erzählen zu lassen. + +Es war einmal!... oh, noch einmal von dem, was war!... Und so war es +gekommen, daß die jüngste Tochter des Hauses die Eltern um Mitternacht +noch wach fand unter den Glocken, die das neue Jahr einläuteten. Eine +Kinderhand aber war es wiederum gewesen, die an den Schleiern der +Vergangenheit gezupft hatte: »Es war einmal! Ich bin da! -- Mama, du +sagst in dieser Stunde nicht: Man hat doch keinen Augenblick Ruhe vor +dir, Kind! -- Ich bin da; und nun laßt mich sitzen auf meinem Stuhl, +laßt uns erzählen: Es war einmal!... laßt uns erzählen von dem, was +einmal war!«... + +Und sie hatten davon erzählt, die beiden Greise nämlich. Das Kind hatte +nur drein gesprochen. + +»Sie wäre gewiß auch eine stattliche Frau und eine gute geworden,« sagte +die alte Dame. »Ich meine, am meisten hätte sie wohl der Theodore +geglichen, wenn wir sie behalten hätten, das liebe Kind. Sie haben alle +da unten, -- unsere meine ich, Papa! -- ein hübsches lustiges Lachen; +aber ich kann nichts dafür, ich muß es sagen: wie das Kind, unser +Ännchen, ist doch keins so glücklich in seinem Lachen gewesen. Die +andern kennen wir ja auch nun schon lange mit ihren Sorgen und ihren +Nöten und ihren unnützen Ärgernissen. Keins von ihnen lacht und kreischt +und kichert so wie mein Ännchen es tat. Hätten wir die Enkel nicht, so +würde das Haus wohl manchmal still genug sein; -- selbst dir, Großpapa.« + +Da war das Lachen, das vor so langen, langen Jahren zuerst das Haus hell +und heiter gemacht hatte! Auch der alte Herr, der Großpapa, dem das +Haus nie ruhig genug sein konnte, kannte es ganz genau. + +»Also, ihr wißt es doch noch, wie es war, als wir drei allein waren, und +dein Haar noch nicht so weiß, Vater; und auch deines nicht so hübsch +grau, mein Mütterchen, und ich euer liebes, einziges Mädchen! Hier sitze +ich auf meinem Stuhl und behalte mein Recht, allen meinen Schwestern und +Brüdern und allen meinen Nichten und Neffen zum Trotz. Ich bin die +Älteste! Wer auch nach mir gekommen ist, wie viele auch gesessen haben +auf diesem Schemelchen -- mir gehört es, mir habt ihr es hierher +gestellt; das ist mein Sitz am Herde! Wer kann mir meinen Platz nehmen +in eurer Seele? wer in dem Hause, das ihr gebaut habt und in dem ihr +mich einmal euer Glück nanntet?!« + +»Du hast recht, Mutter,« sagte der alte Herr; »ich weiß eigentlich +nicht, wie wir gerade jetzt darauf kommen; aber das Kind hat immer zu +mir, -- zu uns gehört. Nur weil wir es wußten, haben wir nicht immer +dran gedacht. So geht es aber mit allem Wissenswürdigen in der Welt.« + +»Mein Ännchen!« seufzte einfach die Greisin; doch die blonden Locken +wurden wie mutwillig von neuem geschüttelt, und wieder legte sich der +kleine Finger schalkhaft auf den Mund: »Ja, ich war immer da, wenn ihr +auch nicht an mich zu denken glaubtet: an manchem schwülen Sommertage, +in mancher kalten, dunkeln, trostlosen Winternacht. An manchem Feste in +der lichtstrahlenden Winternacht, an manchem sonnigen, seufzervollen +Frühlingsmorgen. Jetzt haben die andern da unten im Saale euere Sorgen, +Freuden und Arbeiten. Ihr aber habt Zeit für mich. Eure andern, die nach +mir gekommen sind, haben mir wohl mein altes Spielzeug verkramt und +zerbrochen; aber mein Plätzchen im Hause haben sie mir nicht nehmen +können. Ich habe es ihnen nur geliehen, einem nach dem andern; doch mein +Eigentum ist es und bleibt es; nicht wahr, Papa und Mama?! Ihr habt zwar +unter den andern gottlob nun auch wieder ein Ännchen -- ein Enkelkind +mit meinem Namen -- aber das tut nichts, wir vertragen uns schon um +diesen kleinen Stuhl und um -- euch!... Es war wohl ein kleiner Sarg, +in den ihr mich legen mußtet; aber -- ich bin immer über meine Jahre +klug gewesen. Ich habe es wohl oft heimlich erlauscht, wenn ihr das über +mich sagtet. Damals wußte ich freilich nicht recht, was ihr damit sagen +wolltet, und ob es eigentlich ein Lob für mich sei; jetzt aber weiß ich +es. Ei ja, ich bin sehr klug für meine Jahre gewesen! nun lacht nur, wie +ihr damals geweint habt, als ich von euch weggeführt wurde und nicht +über die Schulter zurücksehen durfte. Seht ihr wohl, da lächelt ihr +wenigstens schon. Die Jahre sind nun hingegangen; lange, lange Jahre! +Heute abend habt ihr euch vorgenommen, noch einmal jung zu sein mit +euren Kindern und Enkeln. Es ist euch auch wohl gelungen, doch nicht +ganz. Ganz jung seid ihr erst jetzt wieder, da ich mich zu euch gesetzt +habe, ich -- euere Älteste und euere Jüngste. Nimm meinen Krauskopf +wieder zwischen deine Hände, Mutter, laß mich wieder auf deinem Knie +sitzen, Väterchen; draußen schneit es sehr, und der Nordwind bläst, und +es ist spät in der Nacht; ihr aber schickt mich diesmal noch nicht zu +Bett; -- wir wollen jetzt einander noch nicht zu Bette schicken; wir +wollen noch einmal ein Weilchen sitzen und erzählen von =dem, was einmal +war=.« + + + + + V. + + +Sie hatten nur noch fünf Minuten in ihren Großväterstühlen neben dem +Ofen sitzen wollen, um sich von dem Feste, dem Händedrücken, all den +Küssen und guten Wünschen zu dem neuen kommenden Jahre ein wenig zu +erholen, wie es den ältesten Leuten in der Familie geziemt in der +Silvesternacht, während die Jugend um die lichterglänzende Festtafel +weiter jubelt und lärmt, nach der Uhr sieht und den Sekundenzeiger mit +lachendem Auge verfolgt bis heran an den neuen ernsten Grenzstein ihrer +Erdenzeit. Und sie, die bereits Greise waren, hatten nicht nach der Uhr +gesehen; sie hatten gar nicht einmal daran gedacht. Die Sekunden der +letzten Stunden des Jahres waren ihnen dahingeglitten, wie die vielen, +langen arbeitsvollen, inhaltreichen Jahre ihres Daseins selber bis in +dieses jüngste und das eben vor der Tür stehende hinein. + +»Du fragst wohl, Vater, wie wir gerade jetzt darauf kommen, und sagst, +daß du an das Kind lange nicht gedacht hast,« sagte die alte Dame. »Es +ist freilich lange her, daß wir ihren kleinen Sarg dort in dem Saale, wo +sie jetzt gottlob so lustig sind, aufstellen mußten. Wie wunderlich es +doch ist, daß ich gerade jetzt darauf komme, was für eine schöne +Sommernacht es war, in welcher sie starb! Horch jetzt nur, wie der Wind +den Schnee gegen die Fenster treibt. Wir haben die andern alle behalten +und wir haben an unseren Kindeskindern Freude; aber an unsere Älteste +habe ich doch immer gedacht. Was würde aus den Kindern werden, wenn ihre +Mütter nicht immer an sie dächten. Selbst die Gestorbenen können ohne +ihre Mutter nicht auskommen. -- Horch, wie sie es da unten treiben! +eigentlich ist es recht unrecht von ihnen, daß sie auch die Jüngsten so +lange aus dem Bette zurückhalten, und ich werde ihnen morgen früh auch +jedenfalls meine Meinung darüber sagen. -- Als =sie= in ihrem Fieber +lag, saß ich auch und zerrang mir die Hände und fragte mich Tag und +Nacht, was ich hätte anders machen können, damit das Schreckliche nicht +so zu kommen brauchte. Du warst wohl vernünftiger, wenn du aus deinem +Kontor heraufkamst und mir zuredetest, Geduld zu haben. Wie konnte ich +wohl verständig sein und Geduld haben? Und man sucht doch immer so, wie +man einem andern die Schuld geben kann, und wäre man das auch selber!« + +»Ich meine, Mutter, wir geben das auf, uns den Kopf darüber zu +zerbrechen, und noch dazu so spät in der Nacht, im Jahr und in den +Jahren,« sprach der alte Herr, wiederum sehr vernünftig; und dann +sprachen sie bis zu dem ersten Glockenschlage der Mitternacht nichts +mehr miteinander. Dagegen aber füllte sich ihre Stube immer mehr mit den +Bildern und den Klängen der Vergangenheit. Und der liebliche Spuk der +Silvesternacht hatte nicht das geringste vom Phantasten an sich. Das +älteste Kind des Hauses war noch einmal im vollen blühenden Leben Herrin +im Reich und fand all sein altes verkramtes Spielzeug wieder, wie -- die +zwei weißhaarigen Greise. Sie paßten wieder ganz zueinander, die Eltern +und das Kind: der dunkle, geheimnisvolle Vorhang der Zukunft hatte sich +bewegt, und es war eine Kinderhand, die sich aus den schwarzen Falten +weiß und zierlich hervorstreckte und winkte. Sie aber, die Fröhlichen da +unten im Festsaale des Hauses, hatten dem Vater und der Mutter, dem +Großvater und der Großmutter -- den beiden Alten ein glückliches, ein +segensreiches neues Jahr gewünscht und hatten zwischen Becherklang und +lustigem Lachen ihren Wunsch wehmütig ernst gemeint, wie sich das +gebührte. + +»Wie gut der Papa und die Mama heute abend aussahen,« meinten sie. »Es +ist doch eine Freude, wie frisch sie sich erhalten und wie sie noch an +allem teilnehmen. Aber verständig war es doch, daß sie nicht über ihre +Zeit bei uns sitzen blieben. Morgen früh hätten wir uns doch Vorwürfe +gemacht, wenn wir sie noch länger gequält hätten, das Vergnügen nicht +durch ihr Weggehen zu stören.... Jetzt aber auf die Uhr gesehen! in +fünf Minuten wird es Zwölf schlagen; -- ein bißchen leise, Kinder, daß +=wir die alten Leute nicht wecken!=«... + +Zwölf Uhr und -- ein neues Jahr! Alle guten Geister haben einen leisen +Schritt und gehen auf weichen Sohlen; so schlich sich die jüngste +Tochter des Hauses weg aus dem jubelnden Kreis, glitt die Treppe hinauf +und horchte an der Tür der »alten Leute«, die durch den Becherklang, die +lauten Glückwünsche und alles, was sonst noch in die Stunde gehört, +nicht gestört werden sollten in ihrer Ruhe auf dem Altenteil. + +»O mein Gott, da sitzt ihr noch? Das ist doch ganz wider die Abrede! Sie +meinen alle da unten, daß ihr längst in den Federn liegt und euch +behaglich in das neue Jahr hinübergeträumt habt.« + +»Das letztere haben wir auch getan, mein Kind,« sagte der alte Herr +nachdenklich lächelnd. + +»Oh, und nun müßte ich sie alle -- alle die übrigen auch noch +heraufrufen, daß sie euch ihre Meinung sagen. Sie werden es mit Recht +sehr übel nehmen, wenn ich's nicht auf der Stelle tue, Mama!« + +»Laß es lieber, mein Herz,« meinte die alte Dame, leise die blonden +Flechten vor ihr, die noch nicht Staub und Asche geworden waren, +streichelnd. »Es würde den Vater doch zu sehr aufregen, und wir gehen +nun wirklich gleich zu Bett. Wir haben vorher nur noch ein wenig an +allerlei gedacht, was vor eurer -- vor deiner Zeit war.« + +»Ach ich bin so glücklich!« rief die junge Frau. »Wir sind so vergnügt +da unten an unserem Tische, und ihr hier in euerer lieben, alten, guten +Stube seht so jung aus und so hell aus den Augen, wie das Jüngste von +uns -- euern andern! Oh, und mein Franz ist so drollig; der Mensch ist +mir fast ein wenig zu ausgelassen, oh -- und also noch einmal: ein +fröhliches, glückliches, gesegnetes neues Jahr euch vor allen und -- uns +andern auch!« + +»Ja, ja!« sagten die =alten Leute= leise zu gleicher Zeit und nickten +freundlich ihre Zustimmung zu dem guten Wunsch. + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Der Junkervon Denow / Ein Geheimnis / +Ein Besuch / Auf dem Altenteil, by Wilhelm Raabe + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER JUNKERVON DENOW / EIN *** + +***** This file should be named 44639-8.txt or 44639-8.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + http://www.gutenberg.org/4/4/6/3/44639/ + +Produced by Norbert H. 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It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation information page at www.gutenberg.org + + +Section 3. 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Newby + Chief Executive and Director + gbnewby@pglaf.org + +Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation + +Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide +spread public support and donations to carry out its mission of +increasing the number of public domain and licensed works that can be +freely distributed in machine readable form accessible by the widest +array of equipment including outdated equipment. Many small donations +($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt +status with the IRS. + +The Foundation is committed to complying with the laws regulating +charities and charitable donations in all 50 states of the United +States. Compliance requirements are not uniform and it takes a +considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up +with these requirements. We do not solicit donations in locations +where we have not received written confirmation of compliance. 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