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diff --git a/44722-0.txt b/44722-0.txt new file mode 100644 index 0000000..accb78e --- /dev/null +++ b/44722-0.txt @@ -0,0 +1,7300 @@ +*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 44722 *** + + +--------------------------------------------------------------------+ + | Anmerkungen zur Transkription | + | | + | Gesperrter Text ist als _gesperrt_ markiert. | + | Informationen zu Korrekturen befinden sich am Ende des Texts. | + +--------------------------------------------------------------------+ + + + + + FERDINAND LASSALLE + + EINE WÜRDIGUNG + DES LEHRERS UND + KÄMPFERS + + VON + + EDUARD BERNSTEIN + + + VERLEGT BEI PAUL CASSIRER, BERLIN + 1919 + + + ALLE RECHTE VORBEHALTEN + COPYRIGHT 1919 BY PAUL CASSIRER, BERLIN + + + _DRUCK VON OSCAR BRANDSTETTER, LEIPZIG_ + + + + +Inhalt. + + + Seite + + Vorwort 5 + + Deutschland am Vorabend der Lassalleschen Bewegung 7 + + Lassalles Jugend, der Hatzfeldt-Prozeß, die Assisenrede + und der Franz von Sickingen 27 + + Ferdinand Lassalle und der Italienische Krieg 66 + + Das System der erworbenen Rechte 114 + + Der preußische Verfassungskonflikt, die Verfassungsreden + und das Arbeiterprogramm 145 + + Lassalle und das Leipziger Arbeiterkomitee. Das + Offene Antwortschreiben, politischer Teil 186 + + Der ökonomische Inhalt des Offenen Antwortschreibens. + Das eherne Lohngesetz und die Privatgenossenschaften + mit Staatskredit 213 + + Gründung und Führung des Allgemeinen Deutschen + Arbeitervereins 235 + + Lassalle und Bismarck 263 + + Lassalles letzte Schritte und Tod 285 + + Schlußbetrachtung 293 + + + + +Vorwort. + + +Die vorliegende Schrift wurde von mir in ihrer ersten Gestalt im Jahre +1891 verfaßt, als eine Einleitung zu der damals von der Buchhandlung +„Vorwärts” veranstalteten Sammelausgabe von Reden und Schriften +Lassalles. Der Umstand, daß ich zu jener Zeit noch in London lebte, +dessen Bibliotheken nur Teile der Lassalle-Literatur darboten, und daß +aus buchhändlerischen Gründen die Ausarbeitung der Schrift in einer +ziemlich kurz bemessenen Frist geschehen mußte, hatte verschiedene +Mängel zur Folge, die ich später oft bedauert habe. + +Daß nun eine Neuausgabe notwendig geworden ist, hat mir die ersehnte +Gelegenheit geboten, hier zu bessern, was nach meiner eigenen +Überzeugung und dem Urteil der von mir als berechtigt anerkannten Kritik +vornehmlich zu bessern war. Insbesondere aber sind die in der +Zwischenzeit erschienenen, teilweise recht bedeutsamen Briefe von, an +und über Lassalle berücksichtigt worden, die dazu beigetragen haben, das +Bild des großen Lehrers und Kämpfers ganz wesentlich einheitlicher zu +gestalten, als es früher vor uns stand. + +Lassalle als Vorkämpfer zu würdigen war die besondere Aufgabe der +Schrift. Von einem Mitglied der Partei, die in Lassalle einen ihrer +Begründer verehrt, _für_ die Partei, also namentlich auch für +bildungsdürstige Arbeiter geschrieben, hatte sie das Hauptgewicht darauf +zu legen, die Bedeutung Lassalles als Lehrer und Führer der von ihm 1863 +neu ins Leben gerufenen Partei in möglichster Klarheit zur Anschauung zu +bringen. Das hatte insofern eine gewisse Beschränkung zur Folge, als das +literarhistorische Moment ziemlich zurücktreten mußte. Die Schrift +beansprucht nicht, mit Arbeiten zu rivalisieren, die Lassalle von der +Warte des außenstehenden Geschichtsschreibers oder Literaturpsychologen +behandeln. Aber dafür glaubt sie dasjenige Moment um so heller zur +Erkenntnis zu bringen, das gerade in unseren Tagen im Vordergrund des +Interesses steht und an dem Lassalle am meisten gelegen war: sein Wollen +und Wirken als bahnbrechender Lehrer des Sozialismus und als politischer +Führer der sozialistischen Demokratie. + +_Berlin-Schöneberg_, im September 1919. + + _Ed. Bernstein._ + + + + +FERDINAND LASSALLE UND DIE DEUTSCHE SOZIALDEMOKRATIE + + + + +Deutschland am Vorabend der Lassalleschen Bewegung. + + +Seit es herrschende und unterdrückte, ausbeutende und ausgebeutete +Klassen gibt, hat es auch Auflehnungen der letzteren gegen die ersteren +gegeben, haben sich Staatsmänner und Philosophen, Ehrgeizige und +Schwärmer gefunden, welche gesellschaftliche Reformen zur Milderung oder +Beseitigung des Ausbeutungsverhältnisses in Vorschlag brachten. Will man +alle diese Bestrebungen unter den Begriff Sozialismus zusammenfassen, so +ist der Sozialismus so alt wie die Zivilisation. Hält man sich jedoch an +bestimmtere Erkennungsmerkmale als das bloße Verlangen nach einem +Gesellschaftszustand der Harmonie und des allgemeinen Wohlstandes, so +hat der Sozialismus der Gegenwart als Ideengebilde mit dem irgendeiner +früheren Epoche nur soviel gemein, daß er wie jener der geistige +Niederschlag der besonderen, von den Besitzlosen geführten Klassenkämpfe +seiner Zeit ist. Überall drückt die Struktur der Gesellschaft, auf deren +Boden er gewachsen ist, dem Sozialismus der Epoche ihren Stempel auf. + +Der moderne Sozialismus ist das Produkt des Klassenkampfes in der +kapitalistischen Gesellschaft, er wurzelt in dem Klassengegensatz +zwischen Bourgeoisie und modernem Proletariat, einem Gegensatz, der +schon verhältnismäßig früh in der Geschichte in wirklichen Kämpfen zum +Ausdruck kommt, ohne freilich gleich im Anfang von den Kämpfenden selbst +in seiner vollen Tragweite begriffen zu werden. In seinem Anlauf gegen +die privilegierten Stände der feudalen Gesellschaft, sowie in seinem +Ringen mit dem absolutistischen Polizeistaat sieht sich das Bürgertum +zunächst veranlaßt, sich als den Anwalt der Interessen aller +Nichtprivilegierten aufzuspielen, die Beseitigung ihm unbequemer und die +Schaffung ihm behufs Entfaltung seiner Kräfte notwendiger Einrichtungen +jedesmal im Namen des ganzen Volkes zu verlangen. Es handelt dabei lange +Zeit im guten Glauben, denn nur die Vorstellung, die es selbst mit +diesen Forderungen verbindet, erscheint ihm als deren vernunftgemäße, +vor dem gesunden Menschenverstand Bestand habende Auslegung. Das +aufkommende Proletariat aber, soweit es sich selbst bereits von den +zunftbürgerlichen Vorurteilen freigemacht, nimmt die Verheißungen der +bürgerlichen Wortführer so lange für bare Münze, als das Bürgertum +ausschließlich Opposition gegen die Vertreter der ständischen +Institutionen ist. Hat jenes aber einmal die letzteren besiegt oder doch +soweit zurückgedrängt, um an die Verwirklichung seiner eigenen +Bestrebungen gehen zu können, so stellt sich bald heraus, daß die +hinter ihm stehenden Plebejer ganz andere Begriffe von dem versprochenen +Reich Gottes auf Erden haben, als ihre bisherigen Freunde und +Beschützer, und es kommt zu Zusammenstößen, die um so heftiger +ausfallen, je größer vorher die Illusionen waren. Das Proletariat ist +jedoch noch nicht stark genug, seinen Widerstand aufrechtzuerhalten, es +wird mit rücksichtsloser Gewalt zum Schweigen gebracht und tritt auf +lange Zeit wieder vom Schauplatz zurück. + +Dies war der Fall in allen bürgerlichen Erhebungen des 16., 17. und 18. +und selbst noch der ersten Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts. Die rasche +Entwicklung, welche die Revolution der Produktionsverhältnisse in +diesem Jahrhundert nahm, änderte jedoch auch das Verhalten des +Proletariats gegenüber der Bourgeoisie. Es bedurfte nicht mehr +außergewöhnlicher Veranlassungen, um den Gegensatz der Interessen und +Bestrebungen der beiden an den Tag treten zu lassen, er kam in den +vorgeschrittenen Ländern auch ohne solche zum Ausdruck. Arbeiter fingen +an, sich zum Widerstand gegen Kapitalisten zu organisieren, die +bürgerlich-kapitalistische Gesellschaftsordnung wurde vom +proletarischen Standpunkt aus der Kritik unterworfen, es entstand eine +antibürgerliche sozialistische Literatur. Verhältnismäßig unbedeutende +Reibereien im Schoße der Bourgeoisie, ein bloßer Konflikt eines ihrer +Flügel gegen einen andern aber genügten, um die tatkräftigeren Elemente +des Proletariats als selbständige Partei mit eigenen Forderungen in die +Aktion treten zu lassen. Die Reformbewegung des liberalen Bürgertums in +England wurde das Signal zur Chartistenbewegung, die Julirevolution in +Frankreich leitete erst eine rein republikanische Propaganda, dann aber +sozialistische und proletarisch-revolutionäre Bewegungen ein, die +zusammen an Ausdehnung kaum hinter der Chartistenagitation +zurückbleiben. + +Literarisch und propagandistisch schlägt die Bewegung in den vierziger +Jahren nach Deutschland hinüber. Schriftsteller und Politiker, die +entweder als Exilierte oder um dem Polizeigeruch in der Heimat für eine +Zeitlang zu entgehen, sich ins Ausland begeben, werden Proselyten des +Sozialismus und suchen ihn nach Deutschland zu verpflanzen, deutsche +Arbeiter, die auf ihrer Wanderschaft in Paris oder London gearbeitet, +bringen die sozialistische Lehre in die Heimat zurück und kolportieren +sie auf den Herbergen. Es werden geheime sozialistisch-revolutionäre +Propagandagesellschaften gegründet und schließlich, am Vorabend des +Revolutionsjahres 1848, tritt der Kommunistenbund ins Leben mit einem +Programm, das mit unübertroffener revolutionärer Schärfe und +Entschiedenheit den Gegensatz zwischen Proletariat und Bourgeoisie +kennzeichnet, aber zugleich auch ausspricht, daß die besonderen +Verhältnisse in Deutschland dort dem Proletariat zunächst noch die +Aufgabe zuweisen, gemeinsam mit der Bourgeoisie gegen die absolute +Monarchie, das feudale Grundeigentum und die reaktionäre Kleinbürgerei +zu kämpfen. + +Die Februarrevolution in Frankreich und die Märzrevolution in +Deutschland fanden das erstere in seinen Zentren stark sozialistisch +unterwühlt, das letztere gleichfalls schon mit einer relativ großen +Anzahl sozialistisch gesinnter Arbeiter durchsetzt. Hier wie dort +lieferten die Arbeiter, wenn auch nicht in gleichem Verhältnis, bereits +die tatkräftigsten Elemente der Revolution. Aber die Verhältnisse waren +in Frankreich, trotz seiner politischen und ökonomischen Überlegenheit, +der Verwirklichung des Sozialismus nicht viel günstiger als in +Deutschland. Auf dem Lande herrschte der kleinbäuerliche Grundsatz vor, +während in den Städten und Industriebezirken zwar die große Industrie +bereits um sich gegriffen, aber doch noch lange nicht die +Alleinherrschaft erobert hatte. Neben ihr spielte, und zwar gerade in +Paris, dem Hauptplatz der Luxusgewerbe, das kleinere und mittlere +Handwerk, wenn es auch aufgehört hatte, Zunfthandwerk zu sein und schon +meist für den Großindustriellen arbeitete, noch eine verhältnismäßig +große Rolle, ganz besonders auch das sogenannte Kunsthandwerk. +Dementsprechend hatte der französische Sozialismus selbst dort, wo er +sich vom eigentlichen Utopismus freigemacht hatte, mit wenigen Ausnahmen +einen stark kleinbürgerlichen Zug. Und auch die Februarrevolution und +die furchtbare Lehre der Junischlacht änderten daran nichts. Sie gaben +dem utopistischen Sozialismus bei den französischen Arbeitern den +Todesstoß, aber an seine Stelle trat auf Jahre hinaus -- der +Proudhonismus. + +In dieser relativen Unreife der ökonomischen Verhältnisse liegt die +Erklärung für die sonst unbegreifliche Tatsache, daß, während es damals +in Frankreich von Sozialisten wimmelte, während über 200 Mitglieder der +Deputiertenkammer sich „Sozialdemokraten” nannten, die bonapartistische +Repression die Arbeiter mit leeren Redensarten abzuspeisen vermochte. + +In Deutschland war die Unreife natürlich noch größer. Die große Masse +der Arbeiter steckte nicht nur noch tief in kleinbürgerlichen, sondern +teilweise sogar in direkt zunftbürgerlichen Anschauungen. Auf +verschiedenen der Arbeiterkongresse, die das Jahr 1848 ins Leben rief, +wurden die reaktionärsten Vorschläge diskutiert. Nur eine +verhältnismäßig kleine Minderheit der deutschen Arbeiter hatte bereits +die revolutionäre Mission der Arbeiterklasse begriffen. Wenn diese +überall in den vordersten Reihen der Volksparteien kämpfte, wenn sie, wo +immer sie konnte, die bürgerliche Demokratie vorwärtszutreiben suchte, +so zahlte sie die Kosten dafür an ihrem eigenen Leibe. Die Kommunisten +des Jahres 1848 fielen auf den Barrikaden, auf den Schlachtfeldern in +Baden, sie füllten die Gefängnisse, oder mußten, als die Reaktion auf +der ganzen Linie gesiegt, das Exil aufsuchen, wo ein großer Teil von +ihnen im Elend zugrunde ging. Die jungen Arbeiterorganisationen, die das +Frühjahr 1848 ins Leben gerufen, wurden von den Regierungen +unterschiedlos aufgelöst oder zu Tode drangsaliert. Was an Sozialisten +noch im Lande blieb, zog sich entweder in Erwartung günstigerer Zeiten +ganz von der Öffentlichkeit zurück, oder verphilisterte und schloß sich +an die ihm adäquate Fraktion des bürgerlichen Liberalismus an. Letzteres +gilt namentlich auch von einer Anzahl Vertreter des halb schöngeistigen, +halb sansculottischen „wahren” Sozialismus, der mit so vielem Lärm +aufgetreten war. Die Arbeiter selbst aber, mehr oder weniger +eingeschüchtert, lassen von dem Gedanken ihrer Organisation als Klasse +mit selbständigen Zielen ab und verfallen der Vormundschaft der +radikalen Bourgeoisparteien oder der Protektion wohlmeinender +Bourgeoisphilantropen. + +Es vollzieht sich eine Entwicklung, die in allen wesentlichen Punkten +mit den in England und Frankreich unter den gleichen Umständen vor +sich gegangenen Wandlungen übereinstimmt. Der Fehlschlag der +erneuerten Agitation der Chartisten im Jahre 1848 hatte in England +die Wirkung, daß der christliche Sozialismus der Maurice, Kingsley, +Ludlow sich in den Vordergrund drängte und einen Teil der Arbeiter +veranlaßte, in selbsthilflerischen Genossenschaften ihre Befreiung zu +suchen -- nicht nur ihre ökonomische, sondern auch ihre +„moralische”, ihre Befreiung vom „Egoismus”, vom „Klassenhaß” +usw. Wenn nun diese ‚christlichen Sozialisten’ auch mit ihren +Bestrebungen weder selbstsüchtige, persönliche Zwecke verbanden, noch +die Geschäfte irgendeiner besonderen Partei der besitzenden Klassen +besorgten, so war die Wirkung ihrer Propaganda unter den Arbeitern, +soweit ihr Einfluß reichte, doch zunächst die der Ablenkung derselben +von den allgemeinen Interessen ihrer Klasse, d. h. politische +Entmannung. Soweit es gelang, den „Klassenegoismus” zu vertreiben, +trat in den meisten Fällen an seine Stelle ein philiströser +Genossenschaftsegoismus und ein nicht minder philisterhaftes +„Bildungs”-Pharisäertum. Die Gewerkvereinsbewegung ihrerseits +verliert sich fast ganz in der Verfolgung der allernächstliegenden +Interessen, während die Reste der Oweniten sich meist auf die +sogenannte freidenkerische Propaganda werfen. + +In Frankreich war es die Niederlage der Juni-Insurrektion gewesen, +welche die Arbeiterklasse in den Hintergrund der revolutionären Bühne +drängte. Jedoch vorerst nur in den Hintergrund. Der rege politische +Geist des Pariser Proletariats konnte selbst durch diesen Riesenaderlaß +nicht sofort ertötet werden. „Es versucht sich”, wie Marx im 18. +Brumaire schreibt, „jedesmal wieder vorzudrängen, sobald die Bewegung +einen neuen Anlauf zu nehmen scheint.” Indes seine Kraft war gebrochen, +es konnte selbst nicht einmal mehr vorübergehend siegen. „Sobald eine +der höher über ihm liegenden Gesellschaftsschichten in revolutionäre +Gärung gerät, geht es eine Verbindung mit ihr ein und teilt so alle +Niederlagen, die die verschiedenen Parteien nacheinander erleiden. Aber +diese nachträglichen Schläge schwächen sich immer mehr ab, je mehr sie +sich auf die ganze Oberfläche der Gesellschaft verteilen. Seine +bedeutenderen Führer in der Versammlung und in der Presse fallen der +Reihe nach den Gerichten zum Opfer, und immer zweideutigere Figuren +treten an seine Spitze. Zum Teil wirft es sich auf doktrinäre +Experimente, Tauschbanken und Arbeiter-Assoziationen, also in eine +Bewegung, worin es darauf verzichtet, die alte Welt mit ihren eigenen +großen Gesamtmitteln umzuwälzen, vielmehr hinter dem Rücken der +Gesellschaft, auf Privatweise, innerhalb seiner beschränkten +Existenzbedingungen, seine Erlösung zu vollbringen sucht, also notwendig +scheitert.” (Der achtzehnte Brumaire, 3. Aufl., S. 14 und 15.) + +In Deutschland endlich, wo von einer eigentlichen Niederlage der +Arbeiter keine Rede sein konnte, weil diese sich zu einer größeren +Aktion als Klasse noch gar nicht aufgeschwungen hatten, unterblieben +ebenfalls auf lange hinaus alle Versuche von Arbeitern, sich in +nennenswerter Weise selbständig zu betätigen. Während die bürgerliche +Philanthropie in Vereinen „für das Wohl der arbeitenden Klasse” sich +mit der Frage der Arbeiterwohnungen, Krankenkassen und anderen +harmlosen Dingen beschäftigte, nahm sich ein kleinbürgerlicher +Demokrat, der preußische Abgeordnete Schulze-Delitzsch, der +selbsthilflerischen Genossenschaften an, um vermittelst ihrer zur +„Lösung der sozialen Frage” zu gelangen, bei welchem löblichen +Unternehmen ihm gerade die ökonomische Rückständigkeit Deutschlands +in ermunterndster Weise zustatten kam. + +Von vornherein hatte Schulze-Delitzsch bei seinen Genossenschaften +weniger die Arbeiter, als die kleineren Handwerksmeister im Auge gehabt; +diese sollten durch Kredit- und Rohstoffvereine in den Stand gesetzt +werden, mit der Großindustrie zu konkurrieren. Da nun die Großindustrie +in Deutschland noch wenig entwickelt war, es dafür aber eine große +Anzahl von Handwerksmeistern gab, die sich noch nicht, wie die Meister +der kleinen Industrie in Frankreich und England, an die große Industrie +angepaßt hatten, sondern noch nach irgendeinem Schutz vor ihr +ausschauten, so mußte bei diesen seine Idee auf einen fruchtbaren Boden +fallen, die geschilderten Genossenschaften ihnen auch, solange sich die +Großindustrie ihres besonderen Produktionszweiges noch nicht bemächtigt +hatte, wirklich von Nutzen sein. So sproßten denn die Kredit- und +Rohstoffvereine fröhlich auf, neben ihnen auch Konsumvereine von +Kleinbürgern und Arbeitern, und im Hintergrunde winkten -- als die Krone +des Ganzen erscheinend -- die Produktivgenossenschaften von Arbeitern +als die Verwirklichung des Gedankens der Befreiung der Arbeit vom +Kapital. + +Ebensowenig wie die englischen christlichen Sozialisten verband +Schulze-Delitzsch ursprünglich mit der Propaganda für die +selbsthilflerischen Genossenschaften spezifische politische +Parteizwecke, sondern folgte, gleich jenen, nur einer mit seinem +Klasseninstinkt verträglichen Philanthropie. Zur Zeit, als er sich der +Bewegung zuwandte, war die politische Partei, zu der er gehörte, die +Linke der preußischen Nationalversammlung, von der öffentlichen Bühne +zurückgetreten. Nachdem sie sich von der Krone und deren geliebten +Krautjunkern nach allen Regeln der Kunst hatte hineinlegen lassen, hatte +sie, als die preußische Regierung das Dreiklassenwahlsystem oktroyierte, +bis auf weiteres das Feld geräumt. Sie ballte die Faust in der Tasche +und ließ die Reaktion sich selbst abwirtschaften. + +Kleinbürger vom Scheitel bis zur Sohle, aber Kleinbürger mit liberalen +Anschauungen, dabei in seiner Art wohlmeinend, hatte Schulze-Delitzsch, +als er von der Reaktion gemaßregelt worden war, eine Idee aufgegriffen, +die damals allgemein in der Luft lag. „Assoziation” hatte der Ruf der +Sozialisten in den dreißiger und vierziger Jahren gelautet, +Assoziationen hatten Arbeiter im Revolutionsjahr gegründet, Assoziation +dozierte der konservative Schriftsteller V. A. Huber, warum sollte der +liberale Kreisrichter Schulze nicht auch für „Assoziationen” sich +erwärmen? + +Da wir auf die Assoziationsfrage an anderer Stelle einzugehen haben +werden, so seien hier nur aus einer 1858 veröffentlichten Schrift +Schulze-Delitzschs einige Sätze zitiert über die Wirkungen, die er von +den selbsthilflerischen Genossenschaften in bezug auf die Lage der +Arbeiter erwartete: + +„Und was die im Lohndienst verbleibenden Arbeiter anbelangt, so ist die +Konkurrenz, welche die Assoziationsgeschäfte ihrer bisherigen Genossen +den Unternehmern machen, auch für sie von den günstigsten Folgen. Denn +muß nicht die solchergestalt vermehrte Nachfrage seitens der Unternehmer +zum Vorteil der Arbeiter rücksichtlich der Lohnbedingungen ausschlagen? +Sind nicht die Inhaber der großen Etablissements dadurch genötigt, ihren +Arbeitern möglichst gute Bedingungen zu bieten, weil sie sonst +riskieren, daß dieselben zu einer der bestehenden Assoziationen +übertreten, oder gar selbst eine dergleichen gründen, wozu natürlich die +geschicktesten und strebsamsten Arbeiter am ersten geneigt sein werden? +-- Gewiß, nur auf diese Weise, indem die Arbeiter selbst den +Arbeitgebern Konkurrenz bieten, läßt sich ein dauernder Einfluß auf die +Lohnerhöhung, auf eine günstigere Stellung der Arbeiter im ganzen +ausüben, den man mittelst gesetzlicher Zwangsmittel, wie wir früher +gesehen haben, oder durch die Appellation an die Humanität niemals +allgemein und mit Sicherheit erreicht ... + +„Ist nur erst eine Anzahl solcher Assoziationsetablissements von den +Arbeitern errichtet und das bisherige Monopol der Großunternehmer +hierbei durchbrochen, so kann es nicht ausbleiben, daß sich die enormen +Gewinne derselben, welche sie früher ausschließlich zogen, vermindern, +weil sie den Arbeitern ihr Teil davon zukommen lassen müssen. Während +also der Reichtum von der einen Seite etwas bescheidenere Dimensionen +annehmen wird, schwindet auf der andern Seite der Notstand mehr und +mehr, und die Zustände beginnen sich dem Niveau eines allgemeinen +Wohlstandes zu nähern. Damit ist sowohl dem Mammonismus wie dem +Pauperismus eine Grenze gezogen, diesen unseligen Auswüchsen unserer +Industrie, in denen wir zwei gleich feindliche Mächte wahrer Kultur +erblicken ... + +„Nur darauf kommen wir immer wieder zurück: daß ehe nicht die Arbeiter +sich aus eigener Kraft und aus eigenem Triebe an dergleichen +Unternehmungen wagen und tatsächlich die Möglichkeit dartun, daß sie es +allenfalls auch allein, ohne Beteiligung der übrigen Klassen, +durchzusetzen vermögen, man sich von seiten dieser wohl hüten wird, +ihnen dabei entgegenzukommen, weil man viel zu sehr dabei interessiert +ist, sie in der bisherigen Abhängigkeit zu erhalten. Erst wenn dieser +Beweis bis zu einem durch die Konkurrenz fühlbaren Grade von ihnen +geliefert ist, erst nachdem sie den Unternehmern einmal selbst als +Unternehmer entgegengetreten sind, dürfen sie auf Beachtung ihrer +Wünsche, auf das Entgegenkommen des Publikums, insbesondere der +Kapitalisten rechnen, welche sie erst dann als Leute zu betrachten +anfangen werden, welche im Verkehr auch mitzählen, während sie ihnen bis +dahin für bloße Nullen galten, die beim Exempel selbständig für sich gar +nicht in Ansatz kamen. Auf dem Gebiete des Erwerbs hat einmal das +Eigeninteresse die unbestrittene Herrschaft, und Ansprüche und +Strebungen, mögen sie noch so gerecht und billig sein, finden nur dann +erst Geltung, wenn sie in sich selbst soweit erstarkt sind, daß sie in +tatsächlichen, lebenskräftigen Gestaltungen sich unabweisbar +hervordrängen.” ... (Vgl. Schulze-Delitzsch, Die arbeitenden Klassen und +das Assoziationswesen in Deutschland. Leipzig 1858, S. 58, 61 und 63.) + +Indes auf dem volkswirtschaftlichen Kongreß, der im Sommer 1862 +tagte, mußte Schulze eingestehen, daß noch fast gar keine +Produktivgenossenschaften und nur eine winzige Anzahl von Konsumvereinen +beständen. Nur die aus Handwerksmeistern und kleinen Geschäftsleuten +zusammengesetzten Kredit- und Vorschußvereine gediehen, neben ihnen, +aber in geringerer Anzahl, die Rohstoffgenossenschaften. + +Wir sind damit unserer Darstellung des Ganges der Ereignisse von 1848 +bis zum Beginn der Lassalleschen Agitation etwas vorausgeeilt, und +nehmen jetzt deren Faden wieder auf. + +Bereits der Krimkrieg hatte der europäischen Reaktion einen +empfindlichen Stoß versetzt, indem er die „Solidarität der +Regierungen”, die eine ihrer Bedingungen war, arg ins Wanken brachte. +Die Rivalität zwischen Preußen und Österreich trat in dem verschiedenen +Verhalten des Wiener und Berliner Kabinetts zu Rußland von neuem zutage, +während der Tod Nikolaus I. und die Lage, in der sich das Zarenreich am +Ende des Krieges befand, die Reaktionsparteien in Europa ihres stärksten +Hortes beraubte. Rußland hatte vorläufig so viel mit seinen inneren +Angelegenheiten zu tun, daß es auf Jahre hinaus nicht in der Lage war, +sich für die Sache der Ordnung in irgendeinem andern Lande des +„Prinzips” halber zu interessieren, es kam für die innere Politik der +Nachbarstaaten vor der Hand außer Betracht. Zunächst jedoch beschränkte +sich die Rivalität zwischen Preußen und Österreich auf kleinliche +Kabinettsintrigen, ihren Landeskindern gegenüber blieben beide +Regierungen vorderhand noch „solidarisch”. + +Einen zweiten Stoß gab der Reaktion die allgemeine Geschäftsstockung, +die 1857 und 1858 sich einstellte. Wie die allgemeine Prosperität 1850 +die wankenden Throne zum Stehen gebracht hatte, so brachte die +Handelskrise von 1857, die alle ihre Vorgängerinnen an Ausdehnung und +Intensität übertraf, die stehenden Throne wieder ins Wanken. Überall +gärte es in den unter der Krisis leidenden Volkskreisen, überall +schöpfte die Opposition aus dieser Unzufriedenheit der Massen neue +Kraft, überall erhoben die „Mächte des Umsturzes” von neuem ihr +Haupt. Am drohendsten in Frankreich, wo der Thron freilich am +wenigsten fest stand. Noch einmal versuchte es Napoleon III. mit +drakonischen Gewaltmaßregeln, zu denen das Attentat Orsinis ihm den +Vorwand lieferte; aber als er merkte, daß er dadurch seine Position +eher verschlimmerte als sie zu verbessern, griff er zu einem andern +Mittel. Er versuchte durch einen populären auswärtigen Krieg sein +Regiment im Innern wieder zu befestigen und sein Leben vor den Dolchen +der Carbonari zu beschützen. Diese hatten das einstige Mitglied ihrer +Verschwörung durch Orsini wissen lassen, daß, wenn er sein ihnen +gegebenes Wort nicht einlöse, sich immer neue Rächer gegen ihn erheben +würden. Der italienische Feldzug wurde also eingeleitet. Fast um +dieselbe Zeit nimmt in Preußen mit der Regentschaft Wilhelms I. die +„Neue Ära” ihren Anfang. Von dem vorderhand noch geheimgehaltenen +Wunsch beherrscht, Österreichs Hegemonie in Deutschland zu brechen, +sucht Wilhelm I., damals noch Prinzregent, das liberale Bürgertum zu +gewinnen und ernennt ein diesem genehmes Ministerium. Anfangs ging +auch alles gut. Gerührt, daß er so ganz ohne sein Zutun wieder +Gelegenheit bekam, mit dreinzureden, überbot sich der bürgerliche +Liberalismus in allen möglichen Loyalitätsbeteuerungen. Der +„Nationalverein” wurde gegründet mit dem Programm: Deutschlands +Einigung unter Preußens Spitze. Preußen wurde die ehrenvolle Rolle +zuerteilt, die politischen und nationalen Aspirationen der liberalen +Bourgeoisie zu verwirklichen. Ein neuer Völkerfrühling schien +angebrochen und ein viel schönerer als der von 1848, denn er versprach +die Rose ohne die Dornen. Bei einer revolutionären Erhebung ist man +nie sicher, wo sie Halt macht und welche Elemente sie in ihrem +Verlaufe entfesselt. Jetzt aber brauchte man nicht die unbekannte +Masse aufzurufen, alles versprach sich hübsch parlamentarisch +abzuspielen. Wenn es jedoch wider Erwarten zu jenem Äußersten kommen +sollte -- hatte nicht das Beispiel der Schulze-Delitzschen Spar- und +Konsumvereine, der Vorschuß- und Rohstoffgenossenschaften die Arbeiter +von ihren sozialistischen Utopien geheilt und ihnen den Beweis +geliefert, welche große Dinge sie von der Selbsthilfe zu erwarten +hätten, sie überzeugt, daß sie nichts, aber auch gar nichts als die +liberalen „Freiheiten” brauchten? + +Wer heute die sozialpolitische Literatur des deutschen Liberalismus +jener Tage wieder nachliest, dem fällt nichts so sehr auf als die +kolossale Naivetät, die darin in bezug auf alle Fragen vorherrscht, die +über den engen Horizont des aufgeklärten Gewürzkrämers hinausgehen. Man +war sehr gebildet, sehr belesen, man wußte sehr viel von altathenischer +Verfassung und englischem Parlamentarismus zu erzählen, aber die +Nutzanwendung, die man aus allem zog, war immer die, daß der aufgeklärte +deutsche Gewürzkrämer oder Schlossermeister der Normalmensch sei, und +daß, was diesem nicht in den Kram passe, wert sei, daß es zugrunde gehe. +Mit dieser selbstgefälligen Naivetät trieb man es im preußischen +Abgeordnetenhaus zum Verfassungskonflikt, noch ehe man sich fest in den +Sattel gesetzt, und mit dieser Naivetät entfremdete man sich die +Arbeiterklasse, lange bevor ein ernsthafter Interessengegensatz dazu +Veranlassung gab. Man wußte erschrecklich viel Geschichte, aber man +hatte „auch wirklich nichts” aus ihr gelernt. + +Auf die Ursachen und den Gegenstand des preußischen Verfassungskonflikts +braucht hier nicht eingegangen zu werden. Genug, er brach aus, und der +Liberalismus sah sich plötzlich, er wußte selbst nicht wie, im +heftigsten Krakeel mit eben der Regierung, die er die schöne Rolle der +Wiederherstellung des Deutschen Reiches zugedacht, die Hegemonie in +Deutschland zugesprochen hatte. Indes das war vorläufig nur Pech, aber +kein Unglück. Die liberale Partei war mittlerweile so stark geworden, +daß sie den Streit eine gute Weile aushalten konnte. Dank dem bornierten +Trotz ihres Widersachers hatte sie fast das ganze Volk hinter sich. Die +nationale Strömung hatte alle Klassen der Bevölkerung erfaßt; von der +kleinen Vetterschaft der ostelbischen Feudalen und Betbrüder abgesehen, +überließen sie namentlich der inzwischen konstituierten +Fortschrittspartei die Ausfechtung des Kampfes mit der preußischen +Regierung. Welche Fehler diese Partei auch beging, wie gemischt auch +immer ihre Elemente, wie unzulänglich auch ihr Programm, in jenem +Zeitpunkt vertrat sie, gegenüber der aufs neue ihr Haupt erhebenden +Koalition von Junkertum und Polizeiabsolutismus, eine Sache, bei der ihr +Sieg im Interesse aller nicht feudalen Gesellschaftselemente lag: das +Budgetrecht der Volksvertretung. + +Aber einer Partei zeitweilig eine politische Aufgabe zuerkennen, heißt +noch nicht, sich ihr mit Haut und Haaren verschreiben, ihr gegenüber auf +jede Selbständigkeit verzichten. Das fühlten auch die entwickelteren +Elemente unter den deutschen Arbeitern. Ihnen konnte die Rolle der +Statisten, die ihnen die liberalen Wortführer zumuteten, die Kost, die +ihnen in den von diesen patronisierten Bildungs- usw. Vereinen +dargeboten wurde, unmöglich auf die Dauer genügen. Noch waren die alten +kommunistischen und revolutionären Traditionen nicht völlig +ausgestorben, noch gab es gar manchen Arbeiter, der entweder selbst +Mitglied irgendeiner der kommunistischen Verbindungen gewesen oder von +Mitgliedern über deren Grundsätze aufgeklärt, von ihnen mit +kommunistischen Schriften versehen worden war. Unter diesen, und durch +sie angeregt, fing man an, in immer weiteren Kreisen der Arbeiter die +Frage zu erörtern, ob es nicht an der Zeit sei, wenn nicht sofort eine +eigne Arbeiterpartei mit einem eignen Arbeiterprogramm, so doch +wenigstens einen Arbeiterverband zu schaffen, der etwas mehr sei als +eine bloße Kreatur der liberalen Partei. + +Hätten die Herren Fortschrittler und Nationalvereinler nur ein wenig +aus der Geschichte anderer Länder gelernt gehabt, es wäre ihnen ein +Leichtes gewesen, zu verhindern, daß diese Bewegung sich ihnen +feindselig gegenüberstellte, solange sie selbst im Kampf mit der +preußischen Regierung lagen. Aber sie waren viel zu viel von dem +Gefühl durchdrungen, daß sie, da sie ja die Volkssache vertraten, +_das_ „Volk”, und als „Volk der Denker” über die Einseitigkeiten +-- nämlich die Klassenkämpfe -- des Auslandes erhaben seien; und so +begriffen sie denn auch nicht, daß es sich hier um eine Strömung +handelte, die früher oder später eintreten mußte, und daß es +nur darauf ankam, sich mit ihr auf eine verständige Weise +auseinanderzusetzen. So verliebt waren sie in sich, daß sie gar nicht +zu fassen vermochten, daß die Arbeiter noch nach mehr geizen konnten, +als nach der Ehre, durch sie vertreten zu sein. Die Antwort auf das +Gesuch, den Arbeitern die Eintrittsbedingungen in den Nationalverein +zu erleichtern: „Die Arbeiter sollen sich als die geborenen +Ehrenmitglieder des Vereins betrachten” -- d. h. hübsch draußen +bleiben -- war in der Tat typisch für das Unvermögen der +Parteigenossen des braven Schulze, etwas anderes zu begreifen, als +den denkenden Spießbürger -- ihr Ebenbild, ihren Gott. + +So kam es unter anderem zu jenen Diskussionen in Leipziger +Arbeiterversammlungen, deren Ergebnis die Bildung eines Komitees zur +Einberufung eines Kongresses deutscher Arbeiter und in weiterer Folge +die Anknüpfung von Verhandlungen mit Ferdinand Lassalle war. + + + + +Lassalles Jugend, der Hatzfeldt-Prozeß, die Assisenrede und der Franz +von Sickingen. + + +Als das Leipziger Komitee sich an Lassalle wandte, stand dieser in +seinem 37. Lebensjahre, in der Vollkraft seiner körperlichen und +geistigen Entwicklung. Er hatte bereits ein bewegtes Leben hinter sich, +sich politisch und wissenschaftlich -- beides allerdings zunächst +innerhalb bestimmter Kreise -- einen Namen gemacht, er unterhielt +Verbindungen mit hervorragenden Vertretern der Literatur und Kunst, +verfügte über ansehnliche Geldmittel und einflußreiche Freunde -- kurz, +nach landläufigen Begriffen konnte ihm das Komitee, eine aus bisher +völlig unbekannten Persönlichkeiten zusammengesetzte Vertretung einer im +Embryozustand befindlichen Bewegung, nichts bieten, was er nicht schon +hatte. Trotzdem ging er mit der größten Bereitwilligkeit auf dessen +Wünsche ein und traf die einleitenden Schritte, der Bewegung diejenige +Richtung zu geben, die seinen Ansichten und Zwecken am besten entsprach. +Von anderen Rücksichten abgesehen, zog ihn gerade der Umstand besonders +zu ihr hin, daß die Bewegung noch keine bestimmte Form angenommen hatte, +daß sie sich ihm als eine ohne Schwierigkeit zu modelnde Masse +darstellte. Ihr erst Form zu geben, sie zu einem Heerbann in seinem +Sinne zu gestalten, das entsprach nicht nur seinen hochfliegenden +Plänen, das war überhaupt eine Aufgabe, die seinen natürlichen Neigungen +ungemein sympathisch sein mußte. Die Einladung traf ihn nicht nur bei +seiner sozialistischen Überzeugung, sondern auch bei seinen Schwächen. +Und so ging er denn mit großer Bereitwilligkeit auf sie ein. + +Die vorliegende Arbeit beansprucht nicht, eine eigentliche Biographie +Ferdinand Lassalles zu geben, die sehr ansehnliche Zahl der +Lebensbeschreibungen des Gründers des Allgemeinen Deutschen +Arbeitervereins noch um eine weitere zu vermehren. Der für sie zur +Verfügung stehende Raum gebietet von vielem abzusehen, was zu einer +Biographie gehörte. Was sie in erster Reihe will, ist vielmehr die +Persönlichkeit und Bedeutung Ferdinand Lassalles zu schildern, insoweit +seine politisch-literarische und agitatorische Tätigkeit in Betracht +kommt. Nichtsdestoweniger ist ein Rückblick auf den Lebenslauf Lassalles +unerläßlich, da er erst den Schlüssel zum Verständnis seines politischen +Handelns liefert. + +Schon seine Abstammung scheint auf die Entwicklung Lassalles eine große, +man kann sogar sagen verhängnisvolle Wirkung ausgeübt zu haben. Wir +sprechen hier nicht schlechthin von vererbten Eigenschaften oder +Dispositionen, sondern von der bedeutungsvollen Tatsache, daß das +Bewußtsein, von jüdischer Herkunft zu sein, Lassalle eingestandenermaßen +noch in vorgeschrittenen Jahren peinlich war, und daß es ihm trotz seines +eifrigen Bemühens oder vielleicht gerade wegen dieses Bemühens nie +gelang, sich tatsächlich über seine Abstammung hinwegzusetzen, eine +innerliche Befangenheit loszuwerden. Aber man darf nicht vergessen, daß +Lassalles Wiege im östlichen Teil der preußischen Monarchie gestanden +hatte -- er wurde am 11. April 1825 in Breslau geboren --, wo bis zum +Jahre 1848 die Juden nicht einmal formell völlig emanzipiert waren. Die +Wohlhabenheit seiner Eltern ersparte Lassalle viele Widerwärtigkeiten, +unter denen die ärmeren Juden damals zu leiden hatten, aber sie schützte +ihn nicht vor den allerhand kleinen Kränkungen, denen die Angehörigen +jeder für untergeordnet gehaltenen Rasse, auch wenn sie sich in guter +Lebensstellung befinden, ausgesetzt sind, und die in einer so +selbstbewußten Natur, wie Lassalle von Jugend auf war, zunächst einen +trotzigen Fanatismus des Widerstandes erzeugen, der dann später oft in +das Gegenteil umschlägt. Wie stark dieser Fanatismus bei dem jungen +Lassalle war, geht aus seinem durch Paul Lindau zur Veröffentlichung +gebrachten Tagebuch aus den Jahren 1840 und 1841 hervor. Am +1. Februar 1840 schreibt der noch nicht 15 Jahre alte Ferdinand in sein +Tagebuch: + +„... Ich sagte ihm dies, und in der Tat, ich glaube, ich bin einer +der besten Juden, die es gibt, ohne auf das Zeremonialgesetz zu +achten. Ich könnte, wie jener Jude in Bulwers ‚Leila’ mein Leben +wagen, die Juden aus ihrer jetzigen drückenden Lage zu reißen. Ich +würde selbst das Schafott nicht scheuen, könnte ich sie wieder zu +einem geachteten Volke machen. O, wenn ich meinen kindischen Träumen +nachhänge, so ist es immer meine Lieblingsidee, an der Spitze der +Juden mit den Waffen in der Hand sie selbständig zu machen.” Die +Mißhandlungen der Juden in Damaskus im Mai 1840 entlocken ihm den +Ausruf: „Ein Volk, das dies erträgt, ist schrecklich, es räche oder +dulde die Behandlung.” Und an den Satz eines Berichterstatters: „Die +Juden dieser Stadt erdulden Grausamkeiten, wie sie nur von diesen +Parias der Erde ohne furchtbare Reaktion ertragen werden können”, +knüpft er die von Börne übernommene Betrachtung an: „Also sogar die +Christen wundern sich über unser träges Blut, daß wir uns nicht +erheben, nicht lieber auf dem Schlachtfeld, als auf der Tortur +sterben wollen. Waren die Bedrückungen, um deren willen sich die +Schweizer einst erhoben, größer?... Feiges Volk, du verdienst kein +besseres Los.” Noch leidenschaftlicher äußert er sich einige Monate +später (30. Juli): „Wieder die abgeschmackten Geschichten, daß die +Juden Christenblut brauchten. Dieselbe Geschichte, wie in Damaskus, +auch in Rhodos und Lemberg. Daß aber aus allen Winkeln der Erde man +mit diesen Beschuldigungen hervortritt, scheint mir anzudeuten, daß +die Zeit bald reif ist, in der wir in der Tat durch Christenblut uns +helfen werden. Aide-toi et le ciel t'aidera. Die Würfel liegen, es +kommt auf den Spieler an.” + +Diese kindischen Ideen verfliegen, je mehr sich der Blick erweitert, +aber die Wirkung, die solche Jugendeindrücke auf die geistigen +Dispositionen ausüben, bleibt. Zunächst wurde der frühreife Lassalle +durch den Stachel der „Torturen”, von denen er schreibt, um so mehr +angetrieben, sich für seine Person um jeden Preis Anerkennung und +Geltung zu verschaffen. Auf der anderen Seite wird der Rebell gegen die +Unterdrückung der Juden durch die Christen bald politischer +Revolutionär. Dabei macht er einmal, als er Schillers Fiesko gesehen, +folgende, von merkwürdig scharfer Selbstkritik zeugende Bemerkung: „Ich +weiß nicht, trotzdem ich jetzt revolutionär-demokratisch-republikanische +Gesinnungen habe wie einer, so fühle ich doch, daß ich an der Stelle des +Grafen Lavagna ebenso gehandelt und mich nicht damit begnügt hätte, +Genuas erster Bürger zu sein, sondern nach dem Diadem meine Hand +ausgestreckt hätte. Daraus ergibt sich, wenn ich die Sache bei Lichte +betrachte, daß ich bloß Egoist bin. Wäre ich als Prinz oder Fürst +geboren, ich würde mit Leib und Leben Aristokrat sein. So aber, da ich +bloß ein schlichter Bürgerssohn bin, werde ich zu seiner Zeit Demokrat +sein.” + +Sein politischer Radikalismus ist es auch, der 1841 den +sechzehnjährigen Lassalle veranlaßt, den vorübergehend gefaßten +Entschluß, sich zum Kaufmannsberuf vorzubereiten, wieder aufzugeben und +von seinem Vater die Erlaubnis zu erwirken, sich zum Universitätsstudium +vorzubereiten. Die lange Zeit verbreitete Anschauung, als sei Lassalle +von seinem Vater wider seinen Willen auf die Handelsschule nach Leipzig +geschickt worden, ist durch das Tagebuch als durchaus falsch erwiesen, +Lassalle hat selbst seine Übersiedelung vom Gymnasium auf die +Handelsschule betrieben. Freilich nicht aus vorübergehender Vorliebe für +den Kaufmannsberuf, sondern um den Folgen einer Reihe von leichtsinnigen +Streichen zu entgehen, die er zu dem Zweck begangen hatte, seinem Vater +nicht die tadelnden Zensuren zeigen zu müssen, welche er -- nach seiner +Ansicht unverdient -- zu erhalten pflegte. Als es ihm aber auf der +Leipziger Handelsschule nicht besser erging als auf dem Breslauer +Gymnasium, als er auch dort mit den meisten der Lehrer, und vor allem +mit dem Direktor in Konflikte geriet, die sich immer mehr zuspitzten, je +radikaler Lassalles Ansichten wurden, da war's auch sofort mit der +Kaufmannsidee bei ihm vorbei. Im Mai 1840 hat er die Handelsschule +bezogen, und schon am 3. August „hofft” er, daß der „Zufall” ihn +eines Tages aus dem Kontor herausreißen und auf einen Schauplatz +werfen werde, auf dem er öffentlich wirken könne. „Ich traue auf den +Zufall und auf meinen festen Willen, mich mehr mit den Musen als den +Haupt- und Strazzabüchern, mich mehr mit Hellas und dem Orient, als +mit Indigo und Runkelrüben, mehr mit Thalien und ihren Priestern, als +mit Krämern und ihren Kommis zu beschäftigen, mich mehr um die +Freiheit, als um die Warenpreise zu bekümmern, heftiger die Hunde von +Aristokraten, die dem Menschen sein erstes, höchstes Gut wegnehmen, +als die Konkurrenten, die den Preis verschlechtern, zu verwünschen.” +„Aber beim Verwünschen soll's nicht bleiben,” setzt er noch hinzu. Zu +dem Radikalismus kommt der immer stärkere Drang, den Juden in sich +abzuschütteln, und dieser Drang ist schließlich so energisch, daß, +als Lassalle im Mai 1841 dem Vater seinen „unwiderruflichen” +Entschluß mitteilt, doch zu studieren, er zugleich ablehnt, Medizin +oder Jura zu studieren, weil „der Arzt wie der Advokat Kaufleute +sind, die mit ihrem Wissen Handel treiben”. Er aber wolle studieren +„des Wirkens wegen”. Mit dem letzteren war der Vater zwar nicht +einverstanden, er willigte aber ein, daß Lassalle sich zum Studium +vorbereite. + +Nun arbeitete Lassalle mit Rieseneifer, und war im Jahre 1842 schon so +weit, sein Maturitätsexamen abzulegen. Er studiert zuerst Philologie, +geht aber dann zur Philosophie über und entwirft den Plan zu einer +größeren philologisch-philosophischen Arbeit über den Philosophen +Herakleitos von Ephesus. Daß er sich gerade diesen Denker zum Gegenstand +der Untersuchung auswählte, von dem selbst die größten Philosophen +Griechenlands bekannt hatten, daß sie nie sicher seien, ob sie ihn ganz +richtig verstanden, und der deshalb den Beinamen „der Dunkle” erhielt, +ist wiederum in hohem Grade bezeichnend für Lassalle. Mehr noch als die +Lehre Heraklits, den Hegel selbst als seinen Vorläufer anerkannt hatte, +reizte ihn das Bewußtsein, daß hier nur durch glänzende Leistungen +Lorbeeren zu erlangen waren. Neben dem schon erwähnten Trieb, jedermann +durch außergewöhnliche Leistungen zu verblüffen, hatte Lassalle zugleich +das Bewußtsein, jede Aufgabe, die er sich stellte, auch lösen zu können. +Dieses grenzenlose Selbstvertrauen war das Fatum seines Lebens. Es hat +ihn in der Tat Dinge unternehmen und zu Ende führen lassen, vor denen +tausend andere zurückgeschreckt wären, selbst wenn sie über die +intellektuellen Fähigkeiten Lassalles verfügt hätten, es ist aber auf +der andern Seite zum Anlaß verhängnisvoller Fehlgriffe und schließlich +zur Ursache seines jähen Endes geworden. + +Nach vollendetem Studium ging Lassalle 1845 an den Rhein und später +nach Paris, teils um dort in den Bibliotheken zu arbeiten, teils um +die Weltstadt, das Zentrum des geistigen Lebens der Epoche, +kennenzulernen. In Paris gingen damals die Wogen der sozialistischen +Bewegung sehr hoch, und so zog es auch Lassalle dorthin, der 1843 +schon sein sozialistisches Damaskus gefunden hatte. Ob und inwieweit +Lassalle mit den in Paris lebenden deutschen Sozialisten bekannt +wurde -- Karl Marx war, nachdem die „Deutsch-französischen +Jahrbücher” eingegangen und der „Vorwärts” sistiert worden war, im +Januar 1845 aus Paris ausgewiesen worden und nach Brüssel übersiedelt +--, darüber fehlen zuverlässige Angaben. Wir wissen nur, daß er viel +mit Heinrich Heine verkehrte, an den er empfohlen war, und dem er in +mißlichen Geldangelegenheiten (einem Erbschaftsstreit) große Dienste +leistete. Die Briefe, in denen der kranke Dichter dem zwanzigjährigen +Lassalle seine Dankbarkeit und Bewunderung aussprach, sind bekannt. +Sie lassen unter anderem erkennen, welch starken Eindruck Lassalles +Selbstbewußtsein auf Heine gemacht hat. + +Nach Deutschland zurückgekehrt, machte Lassalle im Jahre 1846 die +Bekanntschaft der Gräfin Sophie von Hatzfeldt, die sich seit Jahren +vergeblich bemühte, von ihrem Manne, einem der einflußreichsten +Aristokraten, der sie allen Arten von Demütigungen und Kränkungen +ausgesetzt hatte, gesetzliche Scheidung und Herausgabe ihres Vermögens +zu erlangen. Man hat über die Motive, welche Lassalle veranlaßten, die +Führung der Sache der Gräfin zu übernehmen, vielerlei Vermutungen +aufgestellt. Man hat sie auf ein Liebesverhältnis mit der zwar nicht +mehr jugendlichen, aber noch immer schönen Frau zurückführen wollen, +während Lassalle selbst sich im Kassettenprozeß mit großer +Leidenschaftlichkeit dagegen verwahrt hat, durch irgendeinen anderen +Beweggrund dazu veranlaßt worden zu sein, als den des Mitleids mit +einer verfolgten, von allen helfenden Freunden verlassenen Frau, dem +Opfer ihres Standes, dem Gegenstand der brutalen Verfolgungen eines +übermütigen Aristokraten. Es liegt absolut kein Grund vor, dieser +Lassalleschen Beteuerung nicht zu glauben. Ob nicht Lassalle in den +folgenden Jahren vorübergehend in ein intimeres Verhältnis als das der +Freundschaft zur Gräfin getreten ist, mag dahingestellt bleiben; es ist +aber schon aus psychologischen Gründen unwahrscheinlich, daß ein solches +Verhältnis gleich am Anfang ihrer Bekanntschaft, als Lassalle den Prozeß +übernahm, bestanden habe. Viel wahrscheinlicher ist es, daß neben der +vielleicht etwas romantisch übertriebenen, aber doch durchaus +anerkennenswerten Parteinahme für eine verfolgte Frau und dem Haß gegen +den hochgestellten Adligen gerade das Bewußtsein, daß es sich hier um +eine Sache handelte, die nur mit Anwendung außergewöhnlicher Mittel und +Kraftentfaltung zu gewinnen war, einen großen Reiz auf Lassalle ausgeübt +hat. Was andere abgeschreckt hätte, zog ihn unbedingt an. + +Er hat in dem Streit gesiegt, er hat den Triumph gehabt, daß der +hochmütige Aristokrat vor ihm, dem „dummen Judenjungen” kapitulieren +mußte. Aber er ist gleichfalls nicht unverletzt aus dem Kampf +hervorgegangen. Um ihn zu gewinnen, hatte er freilich außergewöhnliche +Mittel aufwenden müssen, aber es waren nicht, oder richtiger, nicht nur +die Mittel außergewöhnlicher Vertiefung in die rechtlichen Streitfragen, +außergewöhnlicher Schlagfertigkeit und Schärfe in der Widerlegung der +gegnerischen Finten; es waren auch die außergewöhnlichen Mittel des +unterirdischen Krieges: die Spionage, die Bestechung, das Wühlen im +ekelhaftesten Klatsch und Schmutz. Der Graf Hatzfeldt, ein gewöhnlicher +Genußmensch, scheute vor keinem Mittel zurück, seine Ziele zu erreichen, +und um seine schmutzigen Manöver zu durchkreuzen, nahm die Gegenseite zu +Mitteln ihre Zuflucht, die nicht gerade viel sauberer waren. Wer die +Aktenstücke des Prozesses nicht gelesen, kann sich keine Ahnung machen +von dem Schmutz, der dabei aufgewühlt und immer wieder herangeschleppt +wurde, von der Qualität der beiderseitigen Anklagen und -- Zeugen. + +Und von den Rückwirkungen der umgekehrten Augiasarbeit im +Hatzfeldt-Prozeß hat sich Lassalle nie ganz freimachen können. Wir +meinen das nicht im spießbürgerlichen Sinne, etwa im Hinblick auf seine +späteren Liebesaffären, sondern mit Bezug auf seine von nun an +wiederholt bewiesene Bereitwilligkeit, jedes Mittel gutzuheißen und zu +benutzen, das ihm für seine jeweiligen Zwecke dienlich erschien; wir +meinen den Verlust jenes Taktgefühls, das dem Mann von Überzeugung +selbst im heftigsten Kampfe jeden Schritt verbietet, der mit den von ihm +vertretenen Grundsätzen in Widerspruch steht, wir meinen die von da an +wiederholt und am stärksten in der tragischen Schlußepisode seines +Lebens sich offenbarende Einbuße an gutem Geschmack und moralischem +Unterscheidungsvermögen. Als jugendlicher Enthusiast hatte Lassalle sich +in den Hatzfeldtschen Prozeß gestürzt, -- er selbst gebraucht in der +Kassettenrede das Bild des Schwimmers: „Welcher Mensch, der ein starker +Schwimmer ist, sieht einen andern von den Wellen eines Stromes +fortgetrieben, ohne ihm Hilfe zu bringen? Nun wohl, für einen guten +Schwimmer hielt ich mich, unabhängig war ich, so sprang ich in den +Strom” -- gewiß, aber leider war es ein recht trüber Strom, in den er +sich gestürzt, ein Strom, der sich in eine große Pfütze verlief, und als +Lassalle herauskam, war er von der eigenartigen Moral der Gesellschaft, +mit der er sich zu befassen gehabt, angesteckt. Seine ursprünglichen +besseren Instinkte kämpften lange gegen die Wirkungen dieses Giftes, +drängten sie auch wiederholt siegreich zurück, aber schließlich ist er +ihnen doch erlegen. Das hier Gesagte mag manchem zu scharf erscheinen, +aber wir werden im weiteren Verlauf unserer Skizze sehen, daß es nur +gerecht gegen Lassalle ist. Wir haben hier keine Apologie zu schreiben, +sondern eine kritische Darstellung zu geben, und das erste Erfordernis +einer solchen ist, die Wirkungen aus den Ursachen zu erklären[1]. + +Bevor wir jedoch weitergehen, haben wir zunächst noch der Rolle zu +gedenken, die Lassalle im Jahre 1848 gespielt hat. + +Beim Ausbruch der März-Revolution war Lassalle so tief in den Maschen +des Hatzfeldtschen Prozesses verwickelt, daß er sich ursprünglich fast +zur politischen Untätigkeit verurteilt sah. Im August 1848 fand der +Prozeß wegen „Verleitung zum Kassettendiebstahl” gegen ihn statt und +er hatte alle Hände voll zu tun, sich auf diesen zu rüsten. Erst als +er nach siebentägiger Verhandlung freigesprochen worden war, gewann +er wieder Zeit, an den politischen Ereignissen jener bewegten Zeit +direkten Anteil zu nehmen. + +Lassalle, der damals in Düsseldorf, der Geburtsstadt Heines, lebte, +stand natürlich als Republikaner und Sozialist auf der äußersten Linken +der Demokratie. Organ dieser im Rheinland war die von Karl Marx +redigierte „Neue Rheinische Zeitung”. Karl Marx gehörte ferner eine +Zeitlang dem Kreisausschuß der rheinischen Demokraten an, der in Köln +seinen Sitz hatte. So war eine doppelte Gelegenheit gegeben, Lassalle in +nähere Verbindung mit Marx zu bringen. Er verkehrte mündlich und +schriftlich mit dem erwähnten Kreisausschuß, sandte wiederholt +Mitteilungen und Korrespondenzen an die „Neue Rheinische Zeitung” und +erschien auch gelegentlich selbst auf der Redaktion dieses Blattes. So +bildete sich allmählich ein freundschaftlicher persönlicher Verkehr +zwischen Lassalle und Marx heraus, der auch später noch, als Marx im +Exil lebte, in Briefen und auch zweimal in Besuchen fortgesetzt wurde. +Lassalle besuchte Marx 1862 in London, nachdem Marx im Jahre 1861 auf +einer Reise nach Deutschland Lassalle in Berlin besucht hatte. Indes +herrschte zu keiner Zeit ein tieferes Freundschaftsverhältnis zwischen +den beiden, dazu waren schon ihre Naturen viel zu verschieden angelegt. +Was sonst noch einer über die politische Kampfgenossenschaft +hinausgehenden Intimität im Wege stand, soll später erörtert werden. + +Der hereinbrechenden Reaktion des Jahres 1848 gegenüber nahm +Lassalle genau dieselbe Haltung ein, wie die Redaktion der „Neuen +Rheinischen Zeitung” und die Partei, die hinter dieser stand. Gleich +ihr forderte er, als die preußische Regierung im November 1848 den +Sitz der Nationalversammlung verlegt, die Bürgerwehr aufgelöst +und den Belagerungszustand über Berlin verhängt hatte, und die +Nationalversammlung ihrerseits mit der Versetzung des Ministeriums +in Anklagezustand, sowie mit der Erklärung geantwortet hatte, daß +dieses Ministerium nicht berechtigt sei, Steuern zu erheben, zur +Organisierung des bewaffneten Widerstandes gegen die Steuererhebung +auf. Gleich dem Ausschuß der rheinischen Demokraten ward auch +Lassalle wegen Aufreizung zur Bewaffnung gegen die königliche +Gewalt unter Anklage gestellt, gleich ihm von den Geschworenen +freigesprochen, aber die immer rücksichtsloser auftretende Reaktion +stellte außerdem gegen Lassalle noch die Eventualanklage, zur +Widersetzlichkeit gegen Regierungsbeamte aufgefordert zu haben, +um ihn vor das Zuchtpolizeigericht zu bringen. Und in der Tat +verurteilte dieses -- die Regierung kannte unzweifelhaft ihre +Berufsrichter -- Lassalle schließlich auch zu sechs Monaten +Gefängnis. + +Lassalles Antwort auf die ersterwähnte Anklage ist unter dem Titel +„Assisen-Rede” im Druck erschienen. Sie ist jedoch nie wirklich +gehalten worden, und alles, was in verschiedenen älteren Biographien +über den „tiefen” Eindruck erzählt wird, den sie auf die Geschworenen +und das Publikum gemacht habe, gehört daher in das Bereich der Fabel. +Lassalle hatte die Rede noch vor der Verhandlung in Druck gegeben, +und da einzelne der fertigen Druckbogen auch vorher in Umlauf gesetzt +worden waren, beschloß der Gerichtshof, die Öffentlichkeit +auszuschließen. Als trotz Lassalles Protest und der Erklärung, die +Verbreitung der Druckbogen sei ohne sein Vorwissen erfolgt, ja +höchstwahrscheinlich von seinen Feinden durch das Mittel der +Bestechung veranlaßt worden, der Gerichtshof den Beschluß aufrecht +erhielt, verzichtete Lassalle überhaupt darauf, sich zu verteidigen, +wurde aber nichtsdestoweniger freigesprochen. + +Ob aber gehalten oder nicht, die „Assisen-Rede” bleibt jedenfalls ein +interessantes Dokument für das Studium der politischen Entwicklung +Lassalles. Er steht in ihr fast durchgängig auf dem von Karl Marx drei +Monate vorher in dessen Rede vor den Kölner Geschworenen vertretenen +Standpunkt. Ein Vergleich der beiden Reden zeigt dies aufs deutlichste, +ebenso aber auch die Verschiedenartigkeit des Wesens von Marx und +Lassalle. Marx enthält sich aller oratorischen Ausschmückung, er geht +direkt auf die Sache ein, entwickelt in einfacher und gedrängter +Sprache, Satz für Satz, scharf und mit rücksichtsloser Logik seinen +Standpunkt und schließt ohne jede Apostrophe mit einer Charakteristik +der politischen Situation. Man sollte meinen, seine eigene Person stehe +ganz außer Frage, und er habe nur die Aufgabe, den Geschworenen einen +politischen Vortrag zu halten. Lassalle dagegen peroriert fast von +Anfang bis zu Ende, er erschöpft sich in -- oft sehr schönen -- Bildern +und in Superlativen. Alles ist Pathos, ob von der durch ihn vertretenen +Sache oder von seiner Person die Rede ist, er spricht nicht zu den +Geschworenen, sondern zu den Tribünen, zu einer imaginären +Volksversammlung, und schließt, nach Verkündigung einer Rache, die „so +vollständig” sein wird wie „die Schmach, die man dem Volke antut”, +mit einer Rezitation aus Tell. + +Noch im Gefängnis, wo er sich durch seine Energie und Hartnäckigkeit +Vergünstigungen ertrotzte, die sonst Gefangenen nie erteilt zu werden +pflegten -- so erhielt er, was er später selbst für ungesetzlich +erklärte, wiederholt Urlaub, um in den Prozessen der Gräfin Hatzfeldt zu +plädieren -- und in den darauffolgenden Jahren wurde Lassalles Tätigkeit +wieder fast vollständig durch die Hatzfeldtsche Angelegenheit in +Anspruch genommen. Daneben hielt Lassalle ein gastliches Haus für +politische Freunde und versammelte längere Zeit einen Kreis +vorgeschrittener Arbeiter um sich, denen er politische Vorträge hielt. +Endlich erfolgte im Jahre 1854 im Hatzfeldtschen Prozeß der +Friedensschluß. Die Gräfin erhielt ein bedeutendes Vermögen ausbezahlt +und Lassalle eine Rente von jährlich siebentausend Talern +sichergestellt, die ihm gestattete, seine Lebensweise ganz nach seinen +Wünschen einzurichten. + +Zunächst behielt er seinen Wohnsitz in Düsseldorf bei und arbeitete hier +an seinem „Heraklit” weiter. Daneben unternahm er allerhand Reisen, +u. a. auch eine in den Orient. Auf die Dauer aber konnten ihn diese +Unterbrechungen nicht mit dem Aufenthalt in der Provinzialstadt, in der +das politische Leben erloschen war, aussöhnen. Es verlangte ihn nach +einem freieren, anregenderen Leben, als es die rheinische Stadt bot oder +erlaubte, nach dem Umgang mit bedeutenden Persönlichkeiten, nach einem +größeren Wirkungskreis. So erwirkt er sich denn 1857 durch die +Vermittlung Alexander von Humboldts beim Prinzen von Preußen von der +Berliner Polizei die Erlaubnis, seinen Wohnsitz in Berlin nehmen zu +dürfen. + +Dieses Gesuch wie die erteilte Erlaubnis verdienen Beachtung. Lassalle +hatte im Mai 1849 in flammenden Worten die „schmachvolle und +unerträgliche Gewaltherrschaft” gebrandmarkt, die „über Preußen +hereingebrochen”; er hatte ausgerufen: „Warum zu soviel Gewalt noch +soviel Heuchelei? Doch das ist preußisch” und „vergessen wir nichts, +nie, niemals... Bewahren wir sie auf, diese Erinnerungen, sorgfältig +auf, wie die Gebeine gemordeter Eltern, deren einziges Erbe ist der +Racheschwur, der sich an diese Knochen knüpft.” (Assisenrede.) Wie kam +er nun dazu, ein solches Gesuch zu stellen, und es dem guten Willen der +Regierung, die in der angegebenen Weise angegriffen worden war, anheim +zu stellen, es zu bewilligen? Er konnte in politischen Dingen sehr +rigoros sein und hat es 1860 in einem Brief an Marx scharf verurteilt, +daß Wilhelm Liebknecht für die großdeutsch-konservative „Augsburger +Allgemeine Zeitung” schrieb. Aber er hielt es im Hinblick auf die +wissenschaftlichen Arbeiten, die ihn beschäftigten, für sein gutes +Recht, die Aufenthaltsbewilligung zu verlangen, und im Bewußtsein der +Festigkeit seines politischen Wollens für reine Formsache, daß er seine +betreffenden Eingaben als Gesuche abzufassen hatte. Denn es handelt sich +da um verschiedene Anträge, der erste 1855 an den Berliner +Polizeigewaltigen Hinckeldey, der zweite, im Juni 1856, direkt an den +damaligen Prinzregenten gerichtet (Vgl. darüber „Dokumente des +Sozialismus”, Jahrgang 1903, S. 130 und 407 ff.) Aus diesen Schritten +machte er Karl Marx gegenüber kein Geheimnis. + +Es ist zudem nicht unmöglich, daß Lassalle durch Verbindungen der Gräfin +Hatzfeldt, die ziemlich weit reichten, davon unterrichtet war, daß sich +in den oberen Regionen Preußens ein neuer Wind vorbereite. Wie weit +diese Verbindungen reichten, geht aus Informationen hervor, die Lassalle +bereits im Jahre 1854, beim Ausbruch des Krimkrieges, an Marx nach +London gelangen ließ. So teilt er Marx unterm 10. Februar 1854 den +Wortlaut einer Erklärung mit, die einige Tage vorher vom Berliner +Kabinett nach Paris und London abgegangen sei, schildert die Zustände im +Berliner Kabinett -- der König und fast alle Minister für Rußland, nur +Manteuffel und der Prinz von Preußen für England -- und die für gewisse +Eventualitäten vom Kabinett beschlossenen Maßregeln, worauf es heißt: +„Alle die hier mitgeteilten Nachrichten kannst Du so betrachten, als +wenn Du sie aus Manteuffels und Aberdeens eigenem Munde hättest!” Vier +Wochen später machte er wieder allerhand Mitteilungen über beabsichtigte +Schritte des Kabinetts, gestützt auf Mitteilungen „zwar nicht aus meiner +‚offiziellen’, aber doch aus ziemlich glaubhafter Quelle”. Am 20. Mai +1854 klagt er, daß seine „diplomatische Quelle” eine weite Reise +angetreten habe. „Eine so vorzügliche Quelle, durch die man +kabinettsmäßig informiert war, zu haben und dann auf so lange Zeit +wieder verlieren, ist überaus ärgerlich.” Aber er hat immer noch +Nebenquellen, die ihn über Interna des Berliner Kabinetts unterrichten, +und ist u. a. „zeitig vorher von Bonins Entlassung usw.” benachrichtigt +worden. + +Einige dieser Quellen standen dem Berliner Hof sehr nahe, und ihre +Berichte mögen auch Lassalles Schritt veranlaßt haben. Die geistige +Zerrüttung Friedrich Wilhelm IV. war um das Jahr 1857 bereits sehr weit +vorgeschritten, und wenn auch die getreuen Minister und Hüter der +monarchischen Idee sie noch nicht für genügend erachteten, des Königs +Regierungsunfähigkeit auszusprechen, so wußte man doch in allen +unterrichteten Kreisen, daß der Regierungsantritt des Prinzen von +Preußen nur noch eine Frage von Monaten sei. + +In Berlin vollendete Lassalle zunächst den Heraklit, der Ende 1857 im +Verlage von Franz Duncker erschien. + +Über dieses beinahe mehr noch philologische als philosophische Werk +gehen die Meinungen der Sachverständigen auseinander. Die einen stellen +es als epochemachend hin, die andern behaupten, daß es in der Hauptsache +nichts sage, was nicht schon bei Hegel zu finden sei. Richtig ist, daß +Lassalle hier fast durchgängig auf althegelschem Standpunkt steht -- die +Dinge werden aus den Begriffen entwickelt, die Kategorien des Gedankens +als ewige metaphysische Wesenheiten behandelt, deren Bewegung die +Geschichte erzeugt. Aber auch diejenigen, welche die epochemachende +Bedeutung der Lassalleschen Arbeit bestreiten, geben zu, daß sie eine +sehr tüchtige Leistung ist. Sie verschaffte Lassalle in der +wissenschaftlichen Welt einen geachteten Namen. + +Für die Charakteristik Lassalles und seines geistigen Entwicklungsganges +ist sein Werk über Herakleitos den Dunklen von Ephesos aber nicht bloß +darin von Bedeutung, daß es Lassalle als eben entschiedenen Anhänger +Hegels zeigt. Man kann auch dem bekannten dänischen Literarhistoriker G. +Brandes zustimmen, wenn er in seiner oft zugunsten belletristischer +Ausschmückung mit den Tatsachen ziemlich frei umspringenden Studie über +Lassalle[2] auf verschiedene Stellen in der Arbeit über Heraklit als +Schlüssel zum Verständnis von Lassalles Lebensanschauungen hinweist. Es +gilt dies namentlich von Lassalles großem Kultus des Staatsgedankens -- +auch in dieser Hinsicht war Lassalle Althegelianer -- und in bezug auf +Lassalles Auffassung von Ehre und Ruhm. Brandes schreibt in ersterer +Hinsicht: + +„Heraklits Ethik, sagt Lassalle, faßt sich in den einen Gedanken +zusammen, der zugleich der ewige Grundbegriff des Sittlichen selbst ist: +‚Hingabe an das Allgemeine.’ Das ist zugleich griechisch und modern; +aber Lassalle kann sich das Vergnügen nicht versagen, in der speziellen +Ausführung dieses Gedankens bei dem alten Griechen die Übereinstimmung +mit Hegels Staatsphilosophie nachzuweisen: ‚Wie in der Hegelschen +Philosophie die Gesetze gleichfalls aufgefaßt werden als die Realisation +des allgemeinen substantiellen Willens, ohne daß bei dieser Bestimmung +im geringsten an den formellen Willen der Subjekte und deren Zählung +gedacht wird, so ist auch das Allgemeine Heraklits gleich sehr von der +Kategorie der empirischen Allheit entfernt.’” (Vgl. a. a. O. S. 40.) + +Brandes hat nicht Unrecht, wenn er zwischen dieser Staatsidee, die bei +Lassalle immer wiederkehrt, und Lassalles Bekennerschaft zur Demokratie +und zum allgemeinen Stimmrecht -- die doch die Herrschaft des „formellen +Willens der Subjekte” darstellen -- einen Gegensatz erblickt, den man +„nicht ungestraft in seinem Gemüte hegt”, und der in der Welt der +Prinzipien das Gegenstück zu dem Kontrast darstelle, der „rein +äußerlich zutage trat, wenn Lassalle mit seiner ausgesucht eleganten +Kleidung, seiner ausgesucht feinen Wäsche und seinen Lackstiefeln in +und zu einem Kreise von Fabrikarbeitern mit rußiger Haut und +schwieligen Händen sprach”. + +Das ist belletristisch ausgedrückt. Tatsächlich hat Lassalles +althegelsche Staatsidee ihn später im Kampf gegen den Liberalismus weit +über das Ziel hinausschießen lassen. + +Über Lassalles Auffassung von Ehre und Ruhm schreibt Brandes: + +„Noch eine Übereinstimmung, die letzte zwischen -- Heraklit und +Lassalle, bildet der trotz des Selbstgefühls und des Stolzes so +leidenschaftliche Drang nach Ruhm und Ehre, nach der Bewunderung und +dem Lobe anderer. Heraklit hat das oft zitierte Wort gesprochen: ‚Die +größeren Schicksale erlangen das größere Los.’ Und er hat gesagt, was +das rechte Licht auf diesen Satz wirft: ‚Daß die Menge und die sich +weise Dünkenden den Sängern der Völker folgen und die Gesetze um Rat +fragen, nicht wissend, daß die Menge schlecht, wenige nur gut, die +Besten aber dem Ruhme nachfolgen. ‚Denn,’ fügt er hinzu, ‚es wählen +die Besten eins statt allem, den immerwährenden Ruhm der +Sterblichen.’ Ruhm war für Heraklit also gerade jenes größere Los, +welches das größere Schicksal erlangen kann; sein Trachten nach Ehre +war nicht nur das unmittelbare, welches im Blute liegt, sondern ein +durch Reflexion und Philosophie begründetes. ‚Der Ruhm’, sagt +Lassalle, ‚ist in der Tat das Entgegengesetzte von allem, das +Entgegengesetzte gegen die Kategorie des unmittelbaren realen Seins +überhaupt und seiner einzelnen Zwecke. Er ist Sein der Menschen in +ihrem Nichtsein, eine Fortdauer im Untergang der sinnlichen Existenz +selbst, er ist darum erreichte und wirklich gewordene Unendlichkeit +des Menschen”, und mit Wärme fügt er hinzu: ‚Wie dies der Grund ist, +weshalb der Ruhm seit je die großen Seelen so mächtig ergriffen und +über alle kleinen und beschränkten Ziele hinausgehoben hatte, wie das +der Grund ist, weshalb Platen von ihm singt, daß er erst annahen kann +‚Hand in Hand mit dem prüfenden Todesengel’, so ist es auch der +Grund, weshalb Heraklit in ihm die ethische Realisierung seines +spekulativen Prinzips erblickte.’” + +Allerdings lag es nicht in Lassalles Natur, sich mit dem Ruhm, der erst +Hand in Hand mit dem Todesengel annaht, zu begnügen. Im Gegensatz zu der +Heraklitischen Verachtung der Menge war er für den Beifall durchaus +nicht unempfindlich und nahm ihn selbst dann, wenn er mehr +Höflichkeitsform war, unter Umständen mit fast naiver Genugtuung für die +Sache selbst auf. Die Vorliebe für das Pathos, die sich bei Lassalle in +so hohem Grade zeigte, deutet in der Regel auf eine Neigung zur +Schauspielerei. Ist Lassalle nun auch von einer Dosis davon nicht ganz +freizusprechen, so kann man ihn wenigstens nicht anklagen, daß er aus +dem, was Brandes „seine unselige Vorliebe für den Lärm und +Trommelschall der Ehre, für ihre Pauken und Trompeten” nennt, je +einen Hehl gemacht habe. In seinen Schriften, in seinen Briefen tritt +sie mit einer Offenheit zutage, die in ihrer Naivetät etwas +Versöhnendes hat. Wenn Helene von Rakowitza in ihrer Rechtfertigungsschrift +erzählt, daß Lassalle ihr in Bern ausgemalt habe, wie er einst als +volkserwählter Präsident der Republik „von sechs Schimmeln gezogen” +seinen Einzug in Berlin halten werde, so ist man versucht, entweder +an eine Übertreibung der Schreiberin zu glauben, oder anzunehmen, daß +Lassalle sich durch Ausmalen einer so verlockenden Zukunft um so +fester in dem Herzen seiner Erwählten festzusetzen hoffte. Indes, die +bekannte schriftliche „Seelenbeichte” an Sophie von Sontzew beweist, +daß es sich bei diesem Zukunftsbild keineswegs nur um die Spielerei +einer müßigen Stunde, um den Einfall eines Verliebten handelte, +sondern um einen Gedanken, in dem Lassalle selbst sich berauschte, +dessen Zauber einen mächtigen Reiz auf ihn ausübte. Er nennt sich -- +im Jahre 1860 -- „das Haupt einer Partei”, in bezug auf das sich +„fast unsere ganze Gesellschaft” in zwei Parteien teile, deren eine +-- ein Teil der Bourgeoisie und das Volk -- Lassalle „achtet, liebt, +sogar nicht selten verehrt”, für die er „ein Mann von größtem Genie +und von einem fast übermenschlichen Charakter ist, von dem sie die +größten Taten erwarten”. Die andere Partei -- die ganze Aristokratie +und der größte Teil der Bourgeoisie -- fürchtet ihn „mehr als irgend +jemand anders” und haßt ihn daher „unbeschreiblich”. Werde die +Frauenwelt dieser aristokratischen Gesellschaft es Sophie von Sontzew +nicht verzeihen, daß sie einen solchen Menschen heiratete, so werden +auf der andern Seite viele Frauen es ihr nicht verzeihen, daß ein +solcher Mensch sie heiratete, „sie eines Glückes halber beneiden, das +ihre Verdienste übersteige”. Und „freilich, ich verhehle es Ihnen +nicht, es könnte wohl sein, daß, wenn gewisse Ereignisse eintreten, +eine Flut von Bewegung, Geräusch und Glanz auf Ihr Leben fallen +würde, wenn Sie mein Weib werden.” + +So übertrieben alle diese Äußerungen erscheinen, so wenig sie +der Wirklichkeit entsprachen zu einer Zeit, wo von einer +sozialistisch-demokratischen Partei gar keine Rede war, Lassalle +vielmehr gesellschaftlich mit den bürgerlichen Liberalen und Demokraten +auf bestem Fuße stand und soeben eine Broschüre veröffentlicht hatte, +deren Inhalt mit Aspirationen übereinstimmte, die in Regierungskreisen +gehegt wurden, so wohnt ihnen doch eine große subjektive Wahrheit inne +-- Lassalle selbst glaubte an sie. Lassalle glaubte an die Partei, die +in ihm ihr Haupt erblickte, wenn sie auch vorläufig bloß aus ihm bestand +und selbst in seinen Ideen noch ein sehr unbestimmtes Dasein führte. Die +Partei, das war er -- seine Bestrebungen und seine Pläne. Jedes Wort der +Anerkennung von seiten seiner Freunde oder aber, was er dafür hielt, war +für ihn Bestätigung seiner Mission, und nicht selten nahm er +Schmeichelei für aufrichtige Huldigung. Es ist merkwürdig, welcher +Widersprüche die menschliche Natur fähig ist. Lassalle war, wie aus den +Berichten seiner näheren Bekannten und aus seinen Briefen hervorgeht, +mit schmeichelhaften Adjektiven äußerst freigebig, aber sie waren +allenfalls Flitterwerk, wenn er sie verschleuderte, von anderen auf ihn +selbst angewendet, nahm er sie dagegen leicht für echtes Gold. + +So sehr war seine Partei in seiner Vorstellung mit ihm selbst +verwachsen, daß, als er später wirklich an der Spitze einer Partei +stand, oder wenigstens an der Spitze einer im Entstehen begriffenen +Partei, er sie nur aus dem Gesichtswinkel seiner Person zu betrachten +vermochte und danach behandelte. Man mißverstehe uns nicht. Es wäre +absurd, etwa zu sagen, daß Lassalle den Allgemeinen deutschen +Arbeiterverein nur ins Leben rief, um seinem Ehrgeiz zu frönen, daß der +Sozialismus ihm nur Mittel, aber nicht Zweck war. Lassalle war +überzeugter Sozialist, das unterliegt gar keinem Zweifel. Aber er wäre +nicht imstande gewesen, in die sozialistische Bewegung aufzugehen, ihr +seine Persönlichkeit -- ich sage ausdrücklich nicht sein Leben, +aufzuopfern. + +Soviel an dieser Stelle hierüber. + +Dem griechischen Philosophen folgte ein deutscher Ritter. Kurz nachdem +der Heraklit erschienen, vollendete Lassalle ein bereits in Düsseldorf +entworfenes historisches Drama und ließ es, nachdem eine anonym +eingereichte Bühnenbearbeitung von der Intendantur der Kgl. Schauspiele +abgelehnt worden war, 1859 unter seinem Namen im Druck erscheinen. + +Daß der „Franz von Sickingen” als Bühnenwerk verfehlt war, hat +Lassalle später selbst eingesehen, und er hat als Hauptursache dafür +den Mangel an dichterischer Phantasie bezeichnet. In der Tat macht +das Drama, trotz einzelner höchst wirkungsvoller Szenen und der +gedankenreichen Sprache, im ganzen einen trockenen Eindruck, die +Tendenz tritt zu absichtlich auf, es ist zuviel Reflexion da, und es +werden vor allem viel zuviel Reden gehalten. Auch ist die Metrik oft +von einer erstaunlichen Unbeholfenheit. Brandes erzählt, daß ein +Freund Lassalles, den dieser, während er am „Franz von Sickingen” +arbeitete, um seinen Rat ersuchte, und der ein bewährter metrischer +Künstler gewesen, Lassalle den Vorschlag gemacht habe, er solle das +Stück lieber in Prosa schreiben, und man kann Brandes beistimmen, daß +ein besserer Rat gar nicht gegeben werden konnte. Denn die +Lassallesche Prosa hat wirklich eine Reihe großer Vorzüge, und selbst +die stark entwickelte Tendenz, ins Deklamatorische zu verfallen, +hätte in einem Drama wie der Sickingen nichts verschlagen. Aber +Lassalle ließ sich nicht von seiner Idee abbringen, daß die Versform +für das Drama unentbehrlich sei, und so stolpern nicht nur seine +Ritter und Helden auf oft recht geschraubten fünffüßigen Jamben +einher, selbst die aufständischen Bauern bedienen sich der Stelzen +des Blankverses. Eine Ausnahme machen sie nur bei den bekannten +Losungsworten: + + „Loset, sagt an: Was ist das für ein Wesen?” + „Wir können vor Pfaffen und Adel nicht genesen,” + +die denn auch wahrhaft erfrischend wirken. + +Indes diese technischen Fragen treten für uns zurück vor der Frage nach +Inhalt und Tendenz des Dramas. Lassalle wollte mit dem „Franz von +Sickingen” über das historische Drama, wie es Schiller und Goethe +geschaffen, einen weiteren Schritt hinaus machen. Die historischen +Kämpfe sollten nicht, wie namentlich bei Schiller, nur erst den Boden +liefern, auf welchem sich der tragische Konflikt bewegt, während die +eigentliche dramatische Handlung sich um rein individuelle Interessen +und Geschicke dreht, vielmehr sollten die kulturhistorischen Prozesse +der Zeiten und Völker zum eigentlichen Subjekt der Tragödie werden, so +daß sich diese nicht mehr um die Individuen als solche dreht, die +vielmehr nur die Träger und Verkörperungen der kämpfenden Gegensätze +sind, sondern um jene größten und gewaltigsten Geschicke der Nationen +selbst -- „Schicksale, welche über das Wohl und Wehe des gesamten +allgemeinen Geistes entscheiden und von den dramatischen Personen mit +der verzehrenden Leidenschaft, welche historische Zwecke erzeugen, zu +ihrer eigenen Lebensfrage gemacht werden. Bei alledem sei es +möglich,” meint Lassalle, „den Individuen aus der Bestimmtheit der +Gedanken und Zwecke heraus, denen sie sich zuteilen, eine durchaus +markige und feste, selbst derbe und realistische Individualität zu +geben.” (Vgl. das Vorwort zum Franz von Sickingen.) Ob und inwieweit +Lassalle die so gestellte Aufgabe gelöst hat und inwieweit sie +überhaupt lösbar ist, unter welchen Voraussetzungen sich die großen +Kämpfe der Menschheit und der Völker so in Individuen verkörpern +lassen, daß nicht das eine oder das andere, die Größe und umfassende +Bedeutung jener Kämpfe oder die lebendige Persönlichkeit der +Individuen dabei zu kurz kommt, ist ebenfalls eine Frage, die wir +hier unerörtert lassen können. Es genügt, daß Lassalle bei der +Durchführung des Dramas von jener Auffassung ausgegangen ist. Und nun +zum Stoff des Dramas selbst. + +Wie schon der Titel anzeigt, hat es das Unternehmen Franz von Sickingens +gegen die deutschen Fürsten zum Mittelpunkt. Sickingen und sein Freund +und Ratgeber Ulrich von Hutten sind die Helden des Dramas, und es ist +eigentlich schwer zu sagen, wer von beiden das Interesse mehr in +Anspruch nimmt, der militärische und staatsmännische oder der +theoretische Repräsentant des niederen deutschen Adels. +Merkwürdigerweise hat Lassalle nicht in dem ersteren, sondern in dem +letzteren sich selbst zu zeichnen versucht. „Lesen Sie mein +Trauerspiel,” schreibt er an Sophie von Sontzew. „Alles, was ich Ihnen +hier sagen könnte, habe ich Hutten aussprechen lassen. Auch er hatte +alle Verleumdungen, alle Arten von Haß, jede Feindseligkeit zu ertragen. +Ich habe aus ihm den Spiegel meiner Seele gemacht, und ich konnte dies, +da sein Schicksal und das meinige einander vollständig gleich und von +überraschender Ähnlichkeit sind.” Es würde selbst Lassalle schwer +geworden sein, diese überraschende Ähnlichkeit zu beweisen, namentlich +um die Zeit, wo er diesen Brief schrieb. Er führte in Berlin ein +luxuriöses Leben, verkehrte mit Angehörigen aller Kreise der besser +situierten Gesellschaft und erfreute sich als Politiker nicht entfernt +eines ähnlichen Hasses wie der fränkische Ritter, der Urheber der +leidenschaftlichen Streitschriften wider die römische Pfaffenherrschaft. +Nur in einigen Äußerlichkeiten lassen sich Analogien zwischen Lassalle +und Hutten ziehen, aber in diesem Falle kann es weniger darauf ankommen, +was tatsächlich war, sondern was Lassalle glaubte und wovon er sich bei +seinem Werke geistig leiten ließ. Menschen mit so ausgeprägtem +Selbstgefühl sind in der Regel leicht Täuschungen über sich selbst +ausgesetzt. Genug, wir haben in dem Hutten des Dramas Lassalle vor uns, +wie er um jene Zeit dachte, und die Reden, die er Hutten in den Mund +legt, erhalten dadurch für das Verständnis des Lassalleschen +Ideenkreises eine besondere Bedeutung. + +Hierher gehört namentlich die Antwort Huttens auf die Bedenken des +Ökolampadius gegen den geplanten Aufstand: + + „Ehrwürd'ger Herr! Schlecht kennt Ihr die Geschichte. + Ihr habt ganz recht, es ist Vernunft ihr Inhalt,” + +ein echt Hegelscher Satz, + + „Doch ihre Form bleibt ewig -- die Gewalt!” + +Und dann, als Ökolampadius von der „Entweihung der Liebeslehre durch das +Schwert” gesprochen: + + „Ehrwürd'ger Herr! Denkt besser von dem Schwert! + Ein Schwert, geschwungen für die Freiheit, ist + Das fleischgewordne Wort, von dem Ihr predigt, + Der Gott, der in der Wirklichkeit geboren. + Das Christentum, es ward durchs Schwert verbreitet, + Durchs Schwert hat Deutschland jener Karl getauft, + Den wir noch heut den Großen staunend nennen. + Es ward durchs Schwert das Heidentum gestürzt, + Durchs Schwert befreit des Welterlösers Grab! + Durchs Schwert aus Rom Tarquinius vertrieben, + Durchs Schwert von Hellas Xerxes heimgepeitscht + Und Wissenschaft und Künste uns geboren. + Durchs Schwert schlug David, Simson, Gideon! + So vor- wie seitdem ward durchs Schwert vollendet + Das Herrliche, das die Geschichte sah, + Und alles Große, was sich jemals wird vollbringen, + Dem _Schwert_ zuletzt verdankt es sein Gelingen!” + +Es liegt in den Sätzen „doch ihre -- der Geschichte -- Form bleibt +ewig die Gewalt”, und „daß alles Große, was sich jemals wird +vollbringen”, dem Schwert zuletzt sein Gelingen verdanken werde, +unzweifelhaft viel Übertreibung. Trotzdem hatte der Hinweis, daß das +für die Freiheit geschwungene Schwert das „fleischgewordene Wort” +sei, daß, wer die Freiheit erwerben will, bereit sein muß, für sie +mit dem Schwert zu kämpfen, seine volle Berechtigung in einer Epoche, +wo man in weiten Kreisen der ehemaligen Demokratie sich immer mehr +darauf verlegte, alles von der Macht des Wortes zu erwarten. Sehr +zeitgemäß, und nicht nur für die damalige Epoche, sind auch die +Worte, die Lassalle den alten Balthasar Slör Sickingen im letzten Akt +zurufen läßt: + + „O, nicht der Erste seid Ihr, werdet nicht + Der Letzte sein, dem es den Hals wird kosten + In großen Dingen schlau zu sein. _Verkleidung_ + Gilt auf dem Markte der Geschichte nicht, + Wo im Gewühl die Völker dich nur an + Der Rüstung und dem Abzeichen erkennen; + Drum hülle stets vom Scheitel bis zur Sohle + Dich kühn in deines eig'nen Banners Farbe. + Dann probst du aus im ungeheuren Streit + Die ganze Triebkraft deines wahren Bodens, + Und stehst und fällst mit deinem ganzen Können!” + +Auch der Ausspruch Sickingens: + + „Das Ziel nicht zeige, zeige auch den Weg. + Denn so verwachsen ist hienieden Weg und Ziel, + Daß eines sich stets ändert mit dem andern, + Und andrer Weg auch andres Ziel erzeugt”. + +ist ein Satz aus dem politischen Glaubensbekenntnis Lassalles. Leider +hat er ihn jedoch gerade in der kritischsten Periode seiner politischen +Laufbahn unbeachtet gelassen. + +Halten wir uns jedoch nicht bei Einzelheiten auf, sondern nehmen wir das +Ganze des Dramas, ziehen wir seine Quintessenz. + +Die Rolle Huttens und Sickingens in der Geschichte ist bekannt. Sie sind +beide Vertreter des spätmittelalterlichen Rittertums, einer um die Zeit +der Reformation im Untergehen begriffenen Klasse. Was sie wollen, ist +diesen Untergang aufhalten, ein vergebliches Beginnen, das +notwendigerweise scheitert und dasjenige, was es verhindern will, nur +beschleunigt. Da Hutten wie Sickingen durch Charakter wie Intelligenz +ihre Klasse weit überragen, so ist hier in der Tat das Material zu +einer echten Tragödie gegeben, der vergebliche Kampf markiger +Persönlichkeiten gegen die geschichtliche Notwendigkeit. +Merkwürdigerweise wird aber diese Seite der Hutten-Sickingenschen +Bewegung im Lassalleschen Drama am wenigsten behandelt, so +bedeutungsvoll sie doch gerade für die -- wir wollen nicht einmal sagen, +sozialistische, sondern überhaupt die moderne wissenschaftliche +Geschichtsbetrachtung ist. Im Drama geht das Hutten-Sickingensche +Unternehmen an tausend Zufälligkeiten -- Unüberlegtheit, Mißgriffe in +den Mitteln, Verrat usw. -- zugrunde, und Hutten-Lassalle schließt mit +den Worten: „Künft'gen Jahrhunderten vermach' ich unsere Rache”, was +unwillkürlich an den recht unhistorischen Schluß in Götz von +Berlichingen erinnert: „Wehe dem Jahrhundert, das dich von sich stieß! +Wehe der Nachkommenschaft, die dich verkennt!” Begreift man aber, warum +der junge Goethe im achtzehnten Jahrhundert sich einen Vertreter des +untergehenden Rittertums zum Helden wählen konnte, so ist es schon +schwerer zu verstehen, wie nahezu hundert Jahre später, zu einer Zeit, +wo die Geschichtsforschung bereits ganz andere Gesichtspunkte zur +Beurteilung der Kämpfe des Reformationszeitalters eröffnet hatte, ein +Sozialist wie Lassalle zwei Vertreter eben dieses Rittertums schlechthin +als die Repräsentanten „eines kulturhistorischen Prozesses hinstellt, +auf dessen Resultaten”, wie er sich in der Vorrede ausdrückt, „unsere +ganze Wirklichkeit lebt”. „Ich wollte,” sagt er an der betreffenden +Stelle weiter, „wenn möglich, diesen kulturhistorischen Prozeß noch +einmal in bewußter Erkenntnis und leidenschaftlicher Ergreifung durch +die Adern alles Volkes jagen. Die Macht, einen solchen Zweck zu +erreichen, ist nur der Poesie gegeben -- und darum entschloß ich mich zu +diesem Drama.” + +Nun vertreten allerdings Hutten und Sickingen neben und mit der Sache +des Rittertums noch den Kampf gegen die Oberherrschaft Roms und für die +Einheit des Reiches, zwei Forderungen, welche ideologisch die des +untergehenden Rittertums waren, geschichtlich aber im Interesse der +aufkommenden Bourgeoisie lagen, und die denn auch durch die Entwicklung +der Verhältnisse in Deutschland nach Überwindung der unmittelbaren +Wirkungen des Dreißigjährigen Krieges wieder in den Vordergrund gedrängt +und im neunzehnten Jahrhundert in erster Reihe von dem liberalen +Bürgertum verfochten wurden. Der deutsche Adel hat sich erst nach der +Gründung des neudeutschen Reiches daran erinnert, daß er einmal eine so +anständige Persönlichkeit wie Franz von Sickingen hervorgebracht hat -- +den Hutten kann er noch immer nicht verdauen; in den fünfziger Jahren +und noch später feierte der „Gartenlauben”-Liberalismus Hutten und +Sickingen als Vorkämpfer der nationalen und Aufklärungsbewegung und +ignorierte ihre Klassenbestrebungen. + +Genau dasselbe ist im Lassalleschen Drama der Fall. Ulrich von Hutten +und Franz von Sickingen kämpfen lediglich um der geistigen Freiheit +willen gegen den römischen Antichrist, nur im Interesse der nationalen +Sache gegen die Einzelfürsten. „Was wir wollen,” sagt Sickingen im +Zwiegespräch mit Hutten, -- + + „das ist ein ein'ges großes, mächt'ges Deutschland, + Zertrümmerung alles Pfaffenregiments, + Vollständ'ger Bruch mit allem röm'schen Wesen, + Die reine Lehr' als Deutschlands ein'ge Kirche, + Wiedergeburt, zeitmäßige der alten, + Der urgermanischen gemeinen Freiheit, + Vernichtung unsrer Fürstenzwergherrschaft + Und usurpierten Zwischenregiments, + Und machtvoll auf der Zeit gewaltigem Drang + Gestützt, in ihrer Seele Tiefen wurzelnd, + Ein -- evangelisch Haupt als Kaiser an der Spitze + Des großen Reichs.” + +Und Hutten antwortet: „Treu ist das Bild.” + +Da Lassalle ausdrücklich den „Franz von Sickingen” als ein +Tendenzdrama bezeichnet, so haben wir in ihm einen Beleg für die +Wandlung, die sich in ihm in bezug auf seine -- vorläufig ideale -- +Stellungnahme zu den politischen Strömungen der Zeit vollzogen. Es +sollte indes gar nicht lange dauern, bis sich diese Wandlung, eine +Annäherung an die Auffassungsweise der norddeutschen bürgerlichen +Demokratie, auch gegenüber einer konkreten Frage des Tages offenbaren +sollte[3]. + +Der „Franz von Sickingen” war im Winter 1857/58 vollendet worden. +Lassalle hatte ihn, wie er an Marx schreibt, bereits entworfen und +begonnen, während er noch am Heraklit arbeitete. Es sei ihm ein +Bedürfnis gewesen, sich zeitweilig aus der abstrakten Gedankenwelt, in +die er sich bei jener Arbeit „einspintisieren” mußte, mit einem +Gegenstand zu beschäftigen, der in direkterer Beziehung zu den großen +Kämpfen der Menschheit stand. Daher habe er nebenbei Mittelalter und +Reformationszeit studiert und sich an den Werken und dem Leben Ulrich +von Huttens „berauscht”, als ihn die Lektüre eines gerade erschienenen +elenden „modernen” Dramas auf den Gedanken brachte: Das -- der Kampf +Huttens -- wäre ein Stoff, der Behandlung wert. So habe er ohne +ursprünglich an sich als ausführenden Dichter zu denken, den Plan des +Dramas entworfen, wurde sich aber alsbald klar, daß er es auch selbst +fertig machen müsse. Es sei „wie eine Eingebung” über ihn gekommen. +Man spürt es dem Drama auch an, daß es mit warmem Herzblut +geschrieben wurde. Trotz der oben bezeichneten Fehler erhebt es sich, +dank seines geistigen Gehalts, immer noch himmelhoch über die ganze +Dramenliteratur jener Zeit. Es hätte es keiner der deutschen Dichter +damals besser gemacht als Lassalle. + + +Fußnoten: + + [1] Auf Vorgänge, die mit Führung und Ausgang des Hatzfeldt-Prozesses + in Verbindung stehen, bezieht sich ein Teil der Anklagen, welche im + Jahre 1855 eine von Düsseldorf, dem damaligen Wohnort Lassalles, nach + London entsandte Deputation rheinischer Sozialisten bei Karl Marx und + Freiligrath gegen Lassalle erhob und die auf diese beiden, wie Marx an + Engels schrieb, einen _entscheidenden Eindruck_ machten. + + [2] G. Brandes, Ferdinand Lassalle. Ein literarisches Charakterbild. + Berlin 1877. + + [3] Das Vorstehende war seinerzeit gerade geschrieben, als ich + durch die Freundlichkeit von Friedrich Engels die im Nachlaß von + Karl Marx vorgefundenen Briefe Lassalles an Karl Marx erhielt, die + seitdem von Franz Mehring herausgegeben sind (Stuttgart, J. H. W. + Dietz Nachfolger). Ein vom 7. Mai 1859 datierter, an Marx und Engels + adressierter Brief handelt bis auf wenige Zeilen ausschließlich vom + „Franz von Sickingen”. Lassalle hatte von dem Drama, sobald es im + Druck erschienen, je ein Exemplar an Karl Marx und Friedrich Engels + geschickt, worauf ihm diese, die damals noch örtlich getrennt lebten, + eingehend ihre Urteile über es mitteilten, und der erwähnte Brief + Lassalles ist dessen Antwort auf diese Urteile. Er verbindet sie in + einem und demselben Schreiben, weil, wie er sich ausdrückt, „Eure + beiderseitigen Einwürfe, ohne geradezu identisch zu sein, doch in der + Hauptsache dieselben Punkte berühren”. + + Aus dem Lassalleschen Schreiben geht hervor, daß die Kritik von + Marx wie Engels eben die Punkte betrifft, die auch ich im obigen + kritisieren zu müssen glaubte. „Ihr stimmt beide darin überein,” + schreibt Lassalle an einer Stelle, „daß auch Sickingen noch zu + abstrakt gezeichnet ist.” In diesem Satze ist in nuce dasselbe gesagt, + was ich oben ausgeführt habe. Der Lassallesche Sickingen ist nicht der + streitbare Ritter der ersten Jahrzehnte des sechzehnten Jahrhunderts, + er ist der in des letzteren Rüstung gesteckte Liberale des neunzehnten + Jahrhunderts, das heißt der liberale Ideologe. Seine Reden fallen + gewöhnlich vollständig aus der Epoche, in der sie gehalten sein + sollen, heraus. „Ihr begegnet Euch Beide”, schreibt Lassalle an + einer andern Stelle, „daß ich die Bauernbewegung ‚zu sehr + zurückgesetzt’, ‚nicht genug hervorgehoben habe’. Du (Marx) + begründest dies so: Ich hätte Sickingen und Hutten daran untergehen + lassen müssen, daß sie, wie der polnische Adel etwa, nur in ihrer + Einbildung revolutionär waren, in der Tat aber ein reaktionäres + Interesse vertraten. ‚Die adligen Repräsentanten der Revolution’, + sagst Du, ‚hinter deren Stichwörtern von Einheit und Freiheit immer + noch der Traum des alten Kaiserthums und des Faustrechts lauert + -- durften dann nicht so alles Interesse absorbiren, wie sie es + bei Dir thun, sondern die Vertreter der Bauern, namentlich dieser, + und der revolutionären Elemente in den Städten mußten einen ganz + bedeutend aktiveren Hintergrund bilden. Du hättest dann auch in + viel höherem Grade gerade die modernsten Ideen in ihrer naivsten + Form sprechen lassen können, während jetzt in der That, außer der + religiösen Freiheit, die bürgerliche Einheit die Hauptidee bleibt’. + ‚Bist Du nicht selbst’, rufst Du aus, ‚gewissermaßen wie Dein + Franz von Sickingen in den diplomatischen Fehler gefallen, die + lutherisch-ritterliche Opposition über die plebejisch-bürgerliche zu + stellen?’” + + Ich habe aus diesem Zitat die Lassalleschen Zwischenbemerkungen + fortgelassen, weil sie sich meist auf im Brief vorhergehende + Ausführungen beziehen, hier also unverständlich wären. Im wesentlichen + verteidigt sich Lassalle damit, daß er nachzuweisen sucht, die + ritterliche Beschränktheit, soweit sie überhaupt im historischen + Sickingen vorhanden, damit genügend zum Ausdruck gebracht zu haben, + daß Sickingen, statt sich an die ganze Nation zu wenden, statt alle + revolutionären Kräfte im Reich zum Aufstand aufzurufen und sich an + ihre Spitze zu stellen, seinen Aufstand als einen ritterlichen beginnt + und fortführt, bis er an der Beschränktheit seiner ritterlichen + Mittel zugrunde geht. Gerade darin, daß Sickingen unterliegt, weil + er nicht weit genug gegangen, liege die tragische und zugleich die + revolutionäre Idee des Dramas. Der Bauernbewegung aber habe er in + der einen Szene des Stückes, in der er die Bauern selbst auf die + Bühne bringe, und in den verschiedenen Hinweisen auf sie in den Reden + Balthasars usw., vollauf die Bedeutung zugeschrieben, welche ihr in + Wirklichkeit innegewohnt habe und noch darüber hinaus. Geschichtlich + sei die Bauernbewegung ebenso reaktionär gewesen, wie die des Adels. + + Die letztere Auffassung hat Lassalle bekanntlich auch in + verschiedenen seiner späteren Schritten verfochten, so u. a. im + „Arbeiterprogramm”. Sie ist aber m. E. keineswegs richtig. Daß + die Bauern mit Forderungen auftraten, die auf die Vergangenheit + zurückgriffen, stempelt ihre Bewegung noch zu keiner reaktionären, + die Bauern waren zwar keine neue Klasse, aber sie waren keineswegs, + wie die Ritter, eine untergehende Klasse. Das Reaktionäre in ihren + Forderungen ist nur formell, nicht das Wesentliche. Das übersieht + Lassalle, der als Hegelianer hier wieder in den Fehler verfällt, + die Geschichte aus den „Ideen” abzuleiten, so vollständig, daß er + zu der Marxschen Bemerkung: „Du hättest dann auch in viel höherem + Grade gerade die modernsten Ideen in ihrer naivsten Form sprechen + lassen können”, ein doppeltes Fragezeichen, verstärkt durch ein + Ausrufungszeichen, macht. + + Der andere Teil seiner Verteidigung hätte dann seine Berechtigung, + wenn im Stück auch nur die leiseste Andeutung gegeben wäre, daß + Sickingens Beschränkung auf seine ritterlichen Mittel seiner + ritterlichen Beschränktheit geschuldet war. Das ist aber nicht der + Fall. Im Stück wird sie lediglich als ein taktischer Fehler behandelt. + Das reicht aus für die tragische Idee des Dramas, aber nicht für + die Veranschaulichung des historischen Anachronismus, an dem das + Sickingensche Unternehmen in Wirklichkeit zugrunde gegangen ist. + + + + +Ferdinand Lassalle und der italienische Krieg. + + +Anfang 1859 erschien der „Franz von Sickingen” als Buchdrama. Gerade +als er herauskam, stand Europa am Vorabend eines Krieges, der auf die +Entwicklung der Dinge in Deutschland eine große Rückwirkung ausüben +sollte. Es war der bereits im Sommer 1858 zwischen Louis Napoleon und +Cavour in Plombières verabredete französisch-sardinische Feldzug +behufs Losreißung der Lombardei von Österreich und der Beseitigung +der österreichischen Oberherrschaft in Mittelitalien. + +Österreich gehörte damals zum deutschen Bund, und so erhob sich +natürlich die Frage, welche Haltung die übrigen Bundesstaaten in diesem +Streit einnehmen sollten. Sei es Pflicht des übrigen Deutschland, sich +gegenüber Frankreich mit Österreich zu identifizieren oder nicht? + +Die Beantwortung der Frage war dadurch erschwert, daß der Krieg einen +zwieschlächtigen Charakter trug. Für die ihn betreibenden Italiener war +er ein nationaler Befreiungskampf, der die Sache der Einigung und +Befreiung Italiens einen Schritt vorwärts bringen sollte. Von seiten +Frankreichs dagegen war er ein Kabinettskrieg, unternommen, um die +Herrschaft des bonapartistischen Regimes in Frankreich zu stärken und +die Machtstellung Frankreichs in Europa zu erhöhen. Soviel stand auf +jeden Fall fest. Außerdem pfiffen es die Spatzen von den Dächern, daß +Napoleon sich von seinem Verbündeten, dem König von Sardinien, für seine +Bundesgenossenschaft einen hübschen Kaufpreis in Gebietsabtretungen +(Nizza und Savoyen) ausbedungen hatte und daß die „Einigung” Italiens +in jenem Moment nur soweit stattfinden sollte, als sich mit den +Interessen des bonapartistischen Kaiserreichs vertrug. Aus diesem +Grunde denunzierte z. B. ein so leidenschaftlicher italienischer +Patriot wie Mazzini bereits Ende 1858 den in Plombières zwischen +Napoleon und Cavour abgeschlossenen Geheimvertrag als eine bloße +dynastische Intrige. Soviel war sicher, daß, wer diesen Krieg +unterstützte, zunächst Napoleon III. und dessen Pläne unterstützte. + +Napoleon III. brauchte aber Unterstützung. Gegen Österreich allein +konnte er im Bunde mit Sardinien den Krieg aufnehmen, kamen aber die +übrigen Staaten des Deutschen Bundes und namentlich Preußen Österreich +zu Hilfe, so stand die Sache wesentlich bedenklicher. So ließ er denn +durch seine Agenten und Geschäftsträger bei den deutschen Regierungen, +in der deutschen Presse und unter den deutschen Parteiführern mit allen +Mitteln dagegen agitieren, daß der Krieg als eine Sache behandelt werde, +die Deutschland etwas angehe. Was habe das deutsche Volk für ein +Interesse, die Gewaltherrschaft, die Österreich in Italien ausübe, +aufrechtzuerhalten, überhaupt einem so urreaktionären Staat wie +Österreich Hilfe zu leisten? Österreich sei der geschworene Feind der +Freiheit der Völker; werde Österreich zertrümmert, so würde auch für +Deutschland ein schönerer Morgen anbrechen. + +Auf der anderen Seite entwickelten die österreichischen Federn, daß, +wenn die Napoleonischen Pläne im Süden sich verwirklichten, der Rhein in +direkte Gefahr geriete. Ihm würde der nächste Angriff gelten. Wer das +linke Rheinufer vor Frankreichs gierigen Händen sicherstellen wolle, +müsse dazu beitragen, daß Österreich seine militärischen Positionen in +Oberitalien unbeeinträchtigt erhalte, der Rhein müsse am Po verteidigt +werden. + +Die von den napoleonischen Agenten ausgegebene Parole stimmte in vielen +wesentlichen Punkten mit dem Programm der kleindeutschen Partei +(Einigung Deutschlands unter Preußens Spitze, unter Hinauswerfung +Österreichs aus dem deutschen Bund) überein, war direkt auf es +zugeschnitten. Trotzdem konnten sich eine große Anzahl kleindeutscher +Politiker nicht dazu entschließen, gerade in diesem Zeitpunkt die Sache +Österreichs von der des übrigen Deutschland zu trennen. Dies erschien +ihnen um so weniger zulässig, als es weiterhin bekannt war, daß Napoleon +den Krieg im Einvernehmen mit der zarischen Regierung in Petersburg +führte, dieser also den weiteren Zweck hatte, den russischen Intrigen im +Südosten Europas Vorschub zu leisten. Vielmehr ging ihre Meinung dahin, +jetzt käme es vor allen Dingen darauf an, den Angriff Napoleons +abzuschlagen. Erst wenn das geschehen sei, könne man weiter reden. Bis +es geschehen, müßten sich aber die Italiener gefallen lassen, daß man +sie, solange sie unter der Schutzherrschaft Bonapartes kämpften, einfach +als dessen Verbündete behandelte. + +Es läßt sich nun nicht leugnen, daß man vom kleindeutschen Standpunkt +aus auch zu einer andern Auffassung der Situation gelangen, in der +vorentwickelten Gedankenreihe eine Inkonsequenz erblicken konnte. Wenn +Österreich, und namentlich dessen außerdeutsche Besitzungen, um so eher +je besser aus dem Deutschen Bund hinausgeworfen werden sollten, warum +nicht mit Vergnügen ein Ereignis begrüßen, das sich als ein Schritt zur +Verwirklichung dieses Programms darstellte? Hatte nicht Napoleon +erklärt, daß er nur Österreich und nicht Deutschland bekriege? Warum +also Österreich gegen Frankreich beistehen, zumal man dadurch gezwungen +werde, auch die Italiener zu bekriegen, die doch für die gerechteste +Sache von der Welt kämpften? Warum den Rhein verteidigen, ehe er +angegriffen, ehe auch nur eine Andeutung gefallen, daß ein Angriff auf +ihn beabsichtigt sei? Warum nicht lieber die Verlegenheit Österreichs +und die Beschäftigung Napoleons in Italien benutzen, um die Sache der +Einigung Deutschlands unter Preußens Führung auch durch positive +Maßnahmen einen weiteren Schritt zu fördern? + +Dieser -- es sei wiederholt -- vom kleindeutschen Standpunkt aus +konsequenteren Politik spricht Lassalle in seiner, Ende Mai 1859 +erschienenen Schrift „Der Italienische Krieg und die Aufgabe Preußens” +das Wort. Mit großer Energie bekämpft er die in den beiden Berliner +Organen des norddeutschen Liberalismus, der „National-Zeitung” und der +„Volks-Zeitung”, -- in der ersteren unter anderm auch von Lassalles +nachmaligem Freunde, Lothar Bucher -- verfochtene Ansicht, einem von +Bonaparte ausgehenden Angriff gegenüber müsse Preußen Österreich als +Bundesgenosse zur Seite stehen, und fordert er dagegen, daß Preußen den +Moment benutzen solle, den deutschen Kleinstaaten gegenüber seine +deutsche Hegemonie geltend zu machen und, wenn Napoleon die Karte +Europas im Süden nach dem Prinzip der Nationalitäten revidiere, dasselbe +im Namen Deutschlands im Norden zu tun, wenn jener Italien befreie, +seinerseits Schleswig-Holstein zu nehmen. Jetzt sei der Moment gekommen, +„während die Demolierung Österreichs sich schon von selbst vollzieht, +für die Erhöhung Preußens in der Deutschen Achtung zu sorgen”. +Und, fügt Lassalle schließlich hinzu, „möge die Regierung dessen +gewiß sein. In diesem Kriege, der ebensosehr ein Lebensinteresse des +deutschen Volks als Preußens ist, würde die deutsche Demokratie +selbst Preußens Banner tragen und alle Hindernisse vor ihm zu Boden +werfen mit einer Expansivkraft, wie ihrer nur der berauschende +Ausbruch einer nationalen Leidenschaft fähig ist, welche seit fünfzig +Jahren komprimiert in dem Herzen eines großen Volkes zuckt und +zittert.” + +Man hat Lassalle später auf Grund dieser Broschüre zu einem Advokaten +der „deutschen” Politik Bismarcks zu stempeln gesucht, und es läßt +sich nicht bestreiten, daß das in ihr entwickelte nationale Programm +als solches eine große Ähnlichkeit mit dem des im Sommer 1859 +gegründeten Nationalvereins und ebenso, mutatis mutandis, mit der +Politik hat, die Bismarck bei der Verwirklichung der deutschen +Einheit unter preußischer Spitze befolgte. Lassalle war eben bei all +seinem theoretischen Radikalismus in der Praxis noch ziemlich stark +im Preußentum stecken geblieben. Nicht daß er bornierter preußischer +Partikularist gewesen wäre -- wir werden gleich sehen, wie weit er +davon entfernt war --, aber er sah die nationale Bewegung und die auf +die auswärtige Politik bezüglichen Angelegenheiten im wesentlichen +durch die Brille des preußischen Demokraten an, sein Haß gegen +Österreich war in dieser Hinsicht ebenso übertrieben, wie der +Preußenhaß vieler süddeutscher Demokraten und selbst Sozialisten. +Österreich ist ihm „der kulturfeindlichste Staatsbegriff, den Europa +aufzuweisen hat”, er möchte „den Neger kennen lernen, der, neben +Österreich gestellt, nicht ins Weißliche schimmerte”; Österreich ist +„ein reaktionäres Prinzip”, der „gefährlichste Feind aller +Freiheitsideen”; „der Staatsbegriff Österreich” muß „zerfetzt, +zerstückt, vernichtet, zermalmt -- in alle vier Winde zerstreut +werden”, jede politische Schandtat, die man Napoleon III. vorwerfen +könne, habe Österreich auch auf dem Gewissen, und „wenn die Rechnung +sonst ziemlich gleichstehen möchte -- das römische Konkordat hat +Louis Napoleon trotz seiner Begünstigung des Klerus nicht +geschlossen”. Selbst Rußland kommt noch besser weg, als Österreich. +„Rußland ist ein naturwüchsig-barbarisches Reich, welches von seiner +despotischen Regierung soweit zu zivilisieren gesucht wird, als mit +ihren despotischen Interessen verträglich ist. Die Barbarei hat hier +die Entschuldigung, daß sie nationales Element ist.” Ganz anders aber +mit Österreich. „Hier vertritt, im Gegensatz zu seinen Völkern, die +Regierung das barbarische Prinzip, künstlich und gewaltsam seine +Kulturvölker unter dasselbe beugend.” + +In dieser einseitigen und relativ -- d. h. wenn man die übrigen Staaten +in Vergleich zieht -- damals auch übertriebenen Schwarzmalerei +Österreichs und auch sonst in verschiedenen Punkten, begegnet sich die +Lassallesche Broschüre mit einer Schrift, die schon einige Wochen vor +ihr erschienen war und ebenfalls die Tendenz hatte, die Deutschen zu +ermahnen, Napoleon in Italien, solange er den Befreier spiele, freie +Hand zu lassen und der Zertrümmerung Österreichs zu applaudieren. Es war +dies die Schrift Karl Vogts „Studien zur gegenwärtigen Lage Europas”, +ein die bonapartistischen Schlagworte wiedergebendes und direkt oder +indirekt auch auf bonapartistischen Antrieb geschriebenes Buch. Ich +würde Anstand genommen haben, diese Schrift in irgendeinem Zusammenhange +mit der Lassalleschen zu zitieren, indes Lassalle ist so durchaus über +jeden Verdacht der Komplizität mit Vogt oder dessen Einbläsern erhaben, +daß die Möglichkeit absolut ausgeschlossen ist, durch den Vergleich, der +mir aus sachlichen Gründen notwendig erscheint, ein falsches Licht auf +Lassalle zu werfen. Zum Überfluß will ich aber noch einen Passus aus der +Vorrede zum „Herr Vogt” von Karl Marx hierhersetzen, jener Schrift, die +den Beweis lieferte, daß Vogt damals im bonapartistischen Interesse +schrieb und agitierte, und deren Beweisführung neun Jahre später durch +die in den Tuilerien vorgefundenen Dokumente bestätigt wurde -- ein +Passus, der schon deshalb hierher gehört, weil er zweifelsohne gerade +auch auf Lassalle sich bezieht. Marx schreibt: + + „Von Männern, die schon vor 1848 miteinander darin übereinstimmten, + die Unabhängigkeit Polens, Ungarns und Italiens nicht nur als ein + Recht dieser Länder, sondern als das Interesse Deutschlands und + Europas zu vertreten, wurden ganz entgegengesetzte Ansichten + aufgestellt über die Taktik, die Deutschland bei Gelegenheit des + italienischen Krieges von 1859 Louis Bonaparte gegenüber + auszuführen habe. Dieser Gegensatz entsprang aus gegensätzlichen + Urteilen über tatsächliche Voraussetzungen, über die zu entscheiden + einer späteren Zeit vorbehalten bleibt. Ich für meinen Teil habe es + in dieser Schrift nur mit den Ansichten Vogts und seiner Klique zu + tun. Selbst die Ansicht, die er zu vertreten vorgab, und in der + Einbildung eines urteilslosen Haufens vertrat, fällt in der Tat + außerhalb der Grenzen meiner Kritik. Ich behandle die Ansichten, + die er wirklich vertrat.” (K. Marx „Herr Vogt”. Vorwort V, VI.) + +Trotzdem war es natürlich nicht zu vermeiden, daß dort, wo Vogt mit +Argumenten operiert, die sich auch bei Lassalle finden, dieser in der +Marxschen Schrift mitkritisiert wird, was übrigens Lassalle nicht +verhindert hat, in einem Briefe an Marx vom 19. Januar 1861 zu +erklären, daß er nach der Lektüre des „Herr Vogt” Marx' +Überzeugung, daß Vogt von Bonaparte bestochen sei, „ganz +gerechtfertigt und in der Ordnung” finde, der innere Beweis dafür[4] +sei „mit einer immensen Evidenz geführt”. Das Buch sei „in jeder +Hinsicht ein meisterhaftes Ding”. + +Jedenfalls ist der „Herr Vogt” ein äußerst instruktives Buch zum +Verständnis der Geschichte des neunzehnten Jahrhunderts; dieses Pamphlet +enthält eine Fülle von geschichtlichem Material, das zu einem ganzen +Dutzend Abhandlungen ausreichen würde. + +Für unsere Betrachtung hat es aber noch ein besonderes Interesse. + +Die Korrespondenz zwischen Marx und Lassalle war zu keiner Zeit so +lebhaft, als in den Jahren 1859 und 1860, und ein großer Teil davon +handelt eben von dem italienischen Krieg und der ihm gegenüber +einzunehmenden Haltung. Ob die Briefe Marx' hierüber an Lassalle noch +erhalten sind und wenn, in welchen Händen sie sich befinden, ist bis +jetzt nicht bekannt, noch ob der jetzige Besitzer sie zu veröffentlichen +bereit ist. Aus den Lassalleschen Briefen ist jedoch die Stellung, die +Marx damals einnahm, nur unvollkommen zu ersehen, und noch weniger ihre +Begründung, da sich Lassalle, wie übrigens ganz natürlich, meist darauf +beschränkt, seine Stellungnahme zu motivieren und die Einwände gegen +dieselbe möglichst zu widerlegen. Es braucht aber wohl nicht des +weiteren dargelegt zu werden, warum in einer für Sozialisten +geschriebenen Abhandlung über Lassalle nicht nur dessen persönliche +Beziehung zu den Begründern des modernen wissenschaftlichen Sozialismus, +sondern auch sein Verhältnis zu ihrer theoretischen Doktrin und zu ihrer +Behandlung der politischen und sozialen Fragen von besonderem Interesse +ist. + +Der Tagesliterat hatte in bezug auf dieses Verhältnis lange Zeit seine +fertige Schablone. Für die Politik im engeren Sinne des Wortes lautete +sie: Lassalle war national, Marx und Engels waren in jeder Hinsicht +international, Lassalle war deutscher Patriot, Marx und Engels waren +vaterlandslos, sie haben sich immer nur um die Weltrepublik und die +Revolution gekümmert, was aus Deutschland wurde, war ihnen gleichgültig. + +Seit dem Erscheinen der ersten Auflage dieser Schrift hat jene +Gegenüberstellung aufgegeben werden müssen. + +Noch ehe Lassalles „Italienischer Krieg” erschien, war in demselben +Verlage, wie später diese, eine Broschüre erschienen, die dasselbe Thema +behandelte. Sie war betitelt: „Po und Rhein.” Der Verfasser, der sich +ebensowenig nannte, wie Lassalle in der ersten Auflage seiner Schrift, +suchte militärwissenschaftlich nachzuweisen, daß die von den Organen der +österreichischen Regierung ausgegebene Parole, Deutschland bedürfe zu +seiner Verteidigung im Südwesten der italienischen Provinzen, falsch +sei, daß auch ohne diese Deutschland noch eine starke Defensivposition +in den Alpen habe, namentlich sobald ein einheitliches und unabhängiges +Italien geschaffen sei, da ein solches kaum je einen triftigen Grund, +mit Deutschland zu hadern, wohl aber häufig genug Anlaß haben werde, +Deutschlands Bundesgenossenschaft gegen Frankreich zu suchen. +Oberitalien sei ein Anhängsel, das Deutschland höchstens im Kriege +nutzen, im Frieden immer nur schaden könne. Und auch der militärische +Vorteil im Kriege würde erkauft durch die geschworene Feindschaft von 25 +Millionen Italienern. Aber, führte der Verfasser alsdann aus, die Frage +um den Besitz dieser Provinzen ist eine zwischen Deutschland und +Italien, und nicht eine zwischen Österreich und Louis Napoleon. +Gegenüber einem Dritten, einem Napoleon, der um seiner eigenen, in +anderer Beziehung anti-deutschen Interessen willen sich einmischte, +handle es sich um die einfache Behauptung einer Provinz, die man nur +gezwungen abtritt, einer militärischen Position, die man nur räumt, wenn +man sie nicht mehr halten kann ... „Werden wir angegriffen, so wehren +wir uns.” Wenn Napoleon als Paladin der italienischen Unabhängigkeit +auftreten wolle, so möge er erst bei sich anfangen und den Italienern +Korsika abtreten, dann werde man sehen, wie ernst es ihm ist. Solle aber +die Karte von Europa revidiert werden, „so haben wir Deutsche das +Recht, zu fordern, daß es gründlich und unparteiisch geschehe, und daß +man nicht, wie es beliebte Mode ist, verlange, Deutschland allein solle +Opfer bringen.” „Das Endresultat dieser ganzen Untersuchung aber +ist,” heißt es schließlich, „daß wir Deutsche einen ganz +ausgezeichneten Handel machen würden, wenn wir den Po, den Mincio, +die Etsch und den ganzen italienischen Plunder vertauschen könnten +gegen die Einheit ... die allein uns nach innen und außen stark +machen kann.” + +Der Verfasser dieser Broschüre war kein anderer als -- Friedrich Engels. +Unnütz zu sagen, daß Engels sie im Einverständnis mit Karl Marx +veröffentlicht hatte. Den Verleger hatte Lassalle besorgt. Lassalle +hatte auch, wie aus einem seiner Briefe hervorgeht, eine Besprechung +ihres Inhalts an die -- damals noch unabhängige -- Wiener „Presse” +geschickt, deren Redakteur mit ihm verwandt war. Er kannte also ihren +Inhalt ganz genau, als er seinen „Italienischen Krieg” schrieb, +polemisiert somit auch gegen sie, wenn er die Ansicht bekämpft, daß, da +der Krieg durch Napoleons Führung aus einem Befreiungskrieg in ein gegen +Deutschland gerichtetes Unternehmen verwandelt sei, das notgedrungen mit +einem Angriff auf den Rhein enden werde, er auch deutscherseits nur als +solches zu behandeln sei. Auf der andern Seite wird, wie schon erwähnt, +Lassalles Schrift im „Herr Vogt” mitkritisiert, und zwar in dem +Abschnitt VIII „Dâ-dâ-Vogt und seine Studien”[5]. + +Wie sehr die Darlegungen Lassalles oft mit den Vogtschen +übereinstimmten, dafür nur ein Beispiel. Österreichischerseits war auf +die Verträge von 1815 hingewiesen worden, durch welche Österreich der +Besitz der Lombardei garantiert worden war. Darauf antworten nun: + + Vogt: + + „Es ist sonderbar, eine solche Sprache in dem Munde der einzigen + Regierung (bei Vogt unterstrichen) zu vernehmen, die bis jetzt in + frecher Weise die Verträge gebrochen hat. Von allen andern sind sie + bis jetzt respektiert worden, nur Österreich hat sie gebrochen, + indem es mitten im Frieden, ohne Ursache, seine frevelnde Hand + gegen die durch diese Verträge garantirte Republik Krakau + ausstreckte und dieselbe dem Kaiserstaat ohne weiteres + einverleibte.” („Studien”, S. 58.) + + Lassalle: + + „Die Verträge von 1815 können nicht einmal mehr diplomatisch + ernstlich aufgerufen werden. Verletzt durch die Konstituirung + Belgiens, mit Füßen getreten und zerrissen gerade von Österreich + durch die gewaltsame Okkupation Krakaus, gegen welche die + europäischen Kabinette zu protestieren nicht unterließen, haben sie + jede rechtliche Gültigkeit für jedes Mitglied der europäischen + Staatenfamilie verloren.” („Der Ital. Krieg usw.” Ges. Schriften + Bd. I S. 43.) + +Hören wir nun Marx gegen Vogt: + +„Nikolaus natürlich vernichtete Konstitution und Selbständigkeit des +Königreich Polen, durch die Verträge von 1815 garantiert, aus +‚Achtung’ vor den Verträgen von 1815. Rußland achtete nicht minder +die Integrität Krakaus, als es die freie Stadt im Jahre 1831 mit +moskowitischen Truppen besetzte. Im Jahre 1836 wurde Krakau wieder +besetzt von Russen, Österreichern und Preußen, wurde völlig als +erobertes Land behandelt und appellierte noch im Jahre 1840, unter +Berufung auf die Verträge von 1815, vergebens an England und +Frankreich. Endlich am 22. Februar 1846 besetzten Russen, +Österreicher und Preußen abermals Krakau, um es Österreich +einzuverleiben. Der Vertragsbruch geschah durch die drei nordischen +Mächte, und die österreichische Konfiskation von 1846 war nur das +letzte Wort des russischen Einmarsches von 1831.” („Herr Vogt”, S. +73/74.) In einer Note weist dann Marx noch auf sein Pamphlet +„Palmerston and Poland” hin, wo nachgewiesen sei, daß Palmerston seit +1831 ebenfalls an der Intrige gegen Krakau mitgearbeitet habe. Indes +das letztere ist eine Frage, die uns hier nicht weiter interessiert, +wohl aber interessiert uns der andere Nachweis bei Marx, daß Vogt +auch mit der Verweisung auf das Beispiel Krakaus nur eine von +bonapartistischer Seite ausgehende Argumentation ab- und umschrieb. +In einem der Anfang 1859 bei Dentu in Paris herausgekommenen +bonapartistischen Pamphlete, „La vraie question, France, -- Italie -- +Autriche”, hatte es wörtlich geheißen: + +„Mit welchem Rechte übrigens würde die österreichische Regierung die +Unverletzbarkeit der Verträge von 1815 anrufen, sie, welche dieselben +verletzt hat durch die Konfiskation von Krakau, dessen Unabhängigkeit +diese Verträge garantierten?” + +Vogt hatte in seiner Manier überall noch einen Extratrumpf +aufgesetzt. Phrasen wie „die einzige Regierung”, „in frecher +Weise”, „frevelnde Hand” sind sein Eigentum. Ebenso wenn er am +Schluß des obenzitierten Satzes pathetisch die „politische Nemesis” +gegen Österreich anruft. + +Lassalle hatte, als er seine Broschüre schrieb, das Vogtsche Machwerk +noch nicht zu Gesicht bekommen, aber daß seine Schrift durch die von +Bonaparte ausgegebenen und durch tausend Kanäle in die Presse des In- +und Auslandes lancierten Schlagworte beeinflußt war, das unterliegt +nach diesem Beispiel, dem noch eine ganze Reihe ähnlicher an die Seite +gesetzt werden können, gar keinem Zweifel. Wenn die nationalliberalen +Bismarckanbeter sich später darauf beriefen, daß die Politik ihres Heros +sogar die Sanktion Lassalles erhalten habe, so übersahen sie dabei nur +die eine Tatsache, daß das von Lassalle der preußischen Regierung +vorgehaltene Programm, wie immer es von Lassalle selbst gemeint war, in +den entscheidenden Punkten dem Programm glich, das Bonaparte zu jener +Zeit den deutschen Patrioten vorsetzen ließ, um sie für seine damalige +Politik zu gewinnen. Alle die Ausführungen Lassalles in dieser Schrift, +die später von bürgerlichen Schriftstellern als ungewöhnliche +Vorhersagungen bezeichnet worden sind, finden sich auch in Vogts +„Studien” und andern aus bonapartistischen Quellen gespeisten +Pamphleten. Gerade Vogt wußte z. B. schon im Jahre 1859, also noch vor +der preußischen Heeresreform, daß, wenn Preußen einen deutschen +Bürgerkrieg für die Herstellung einer einheitlichen deutschen +Zentralgewalt ins Werk setzen würde, dieser Krieg „nicht so viel Wochen +kosten würde, als der italienische Feldzug Monate.” („Studien” +S. 155.) Des weiteren wußte Vogt, daß das Berliner Kabinett Österreich +im Stich lassen werde, es mußte nach ihm „dem Kurzsichtigsten” klar +geworden sein, daß ein Einverständnis zwischen Preußens Regierung und +der kaiserlichen Regierung Frankreichs besteht; daß Preußen nicht zur +Verteidigung der außerdeutschen Provinzen Österreichs zum Schwerte +greifen ... jede Teilnahme des Bundes oder einzelner Bundesglieder +für Österreich verhindern wird, um ... seinen Lohn für diese +Anstrengungen in norddeutschen Flachlanden zu erhalten. („Studien” S. +19.) Mehr Vorhersagungen kann man wirklich von einem Propheten nicht +verlangen. + +Allerdings ist dies Programm nicht sofort zur Ausführung gekommen. +Bismarck, der dazu bereit gewesen wäre, war dem Prinzregenten von +Preußen noch zu sehr Stürmer, um ihm als Minister des Auswärtigen genehm +zu sein. Der nachmalige Wilhelm I. schreckte vor dem Gedanken zurück, +Österreich rundheraus die Bundeshilfe zu versagen. Er stellte seine +Bedingungen, und als man in Wien nicht auf sie einging, hielt er seine +Truppen zurück. So „drauf und dran” Österreich zu helfen, wie +Lassalle eine Zeitlang annahm, war auch er nicht. + +„Meine Broschüre ‚Der italienische Krieg und die Aufgabe +Preußens’” -- schreibt Lassalle unterm 27. Mai 1859 an Marx und +Engels -- „wird Euch zugekommen sein. Ich weiß nicht, ob Ihr dort +hinreichend deutsche Zeitungen lest, um mindestens durch diese +annähernd von der Stimmung hier unterrichtet gewesen zu sein. +Absolute Franzosenfresserei, Franzosenhaß (Napoleon nur Vorwand, die +revolutionäre Entwicklung Frankreichs der wirkliche geheime Grund), +das ist das Horn, in das alle hiesigen Zeitungen blasen, und die +Leidenschaft, die sie, die nationale Ader anschlagend, ins Herz der +untersten Volksklassen und der demokratischen Kreise zu gießen +suchen, und leider mit Erfolg genug. So nützlich ein gegen den Willen +des Volkes von der Regierung unternommener Krieg gegen Frankreich für +unsere revolutionäre Entwicklung sein würde, so schädlich müßte ein +von verblendeter Volkspopularität getragener Krieg auf unsre +demokratische Entwicklung einwirken. Zu den im 6. Kapitel meiner +Broschüre in dieser Hinsicht exponierten Gründen kommt dazu, daß man +schon jetzt den Riß, der uns von unsern Regierungen trennt, ganz und +gar zuwachsen läßt. Solchem drohenden Unheil fand ich für Pflicht, +mich entgegenzuwerfen ... Natürlich gebe ich mich keinen Augenblick +der Täuschung hin, als könnte und würde die Regierung den sub III +eingeschlagenen Weg ergreifen. Im Gegenteil!... Aber eben um so mehr +fühlte ich mich gedrungen, diesen Vorschlag zu machen, gerade weil er +sofort in einen Vorwurf umschlägt. Er kann wie ein Eisblock wirken, +an dem sich die Wogen dieser falschen Popularität zu brechen +anfangen.” + +Danach kam es Lassalle bei Abfassung seiner Schrift mehr darauf an, die +revolutionäre als die nationale Bewegung zu fördern, die letztere der +ersteren zu subordinieren. Der Gedanke an sich war berechtigt, die Frage +war eben nur, ob das Mittel das richtige war, ob es nicht die nationale +Bewegung, über deren zeitweilige Berechtigung zwischen Lassalle +einerseits und Marx und Engels andererseits durchaus keine +Meinungsverschiedenheit bestand, in falsche Bahnen lenken mußte. Marx +und Engels behaupteten das. Nach ihrer Ansicht kam es zunächst darauf +an, den gegen Deutschland als Ganzes geführten Streich durch eine +gemeinsame Aktion aller Deutschen zurückzuschlagen, und nicht in dem +Moment, wo ein solcher Schlag geführt wurde, eine Politik selbst nur +scheinbar zu unterstützen, die zur Zerreißung Deutschlands führen mußte. +Die Meinungsverschiedenheit zwischen ihnen und Lassalle in dieser Frage +beruht im wesentlichen darauf, daß sie sie mehr in ihrem weiteren +historischen und internationalen Zusammenhang betrachteten, während +Lassalle sich mehr durch die Rücksicht auf die augenblicklichen +Verhältnisse in der inneren Politik leiten ließ. Daher beging er auch +die Inkonsequenz, während er in bezug auf Frankreich streng zwischen +Volk und Regierung unterschied, Österreich und das Haus Habsburg ohne +weiteres zu identifizieren und die „Zertrümmerung Österreichs” zu +proklamieren, wo es sich zunächst doch nur um die Zertrümmerung des +habsburgischen Regierungssystems handeln konnte. In einem seiner Briefe +an Rodbertus knüpft er an folgenden Satz an, den dieser ihm geschrieben: + + „Und ich hoffe noch die Zeit zu erleben, wo -- die türkische + Erbschaft an Deutschland gefallen sein wird und deutsche Soldaten + oder Arbeiter-Regimenter am Bosporus stehen” + +und sagt: + +„Es hat mich zu eigentümlich berührt, als ich in Ihrem letzten +Schreiben diese Worte las! Denn wie oft habe ich nicht gerade diese +Ansicht meinen besten Freunden gegenüber vergeblich vertreten und +mich dafür von ihnen einen Träumer nennen lassen müssen! Die ganze +Verschiebung der seit 1839 so oft in Angriff genommenen +orientalischen Frage hat für mich immer nur den vernünftigen Sinn und +Zusammenhang gehabt, daß die Frage so lange hinausgeschoben werden +muß, bis der naturgemäße Anwärter, die deutsche Revolution, sie löst! +Wir scheinen im Geist als siamesische Zwillingsbrüder zur Welt +gekommen zu sein.” (Briefe von Ferdinand Lassalle an Carl +Rodbertus-Jagetzow, herausgegeben von Ad. Wagner, Brief vom 8. Mai +1863.) + +Wie Deutschland die türkische Erbschaft antreten sollte, nachdem +vorher Österreich „zerfetzt, zerstückt, vernichtet, zermalmt”, Ungarn +und die slawischen Landesteile von Deutsch-Österreich losgerissen +worden, ist schwer verständlich. + +Noch eine andere Stelle aus den Briefen an Rodbertus gehört hierher: + +„Wenn ich etwas in meinem Leben gehaßt habe, ist es die kleindeutsche +Partei. Alles Kleindeutsche ist Gothaerei und Gagerei (von Gagern, dem +‚Staatsmann’ der Kleindeutschen, abgeleitet) und reine Feigheit. Vor +1½ Jahren hielt ich hier einmal bei mir eine Versammlung meiner +Freunde ab, worin ich die Sache so formulierte: Wir müssen alle wollen: +Großdeutschland moins les dynasties.” + +„Ich habe in meinem Leben kein Wort geschrieben, das der kleindeutschen +Partei zugute käme, betrachte sie als das Produkt der bloßen Furcht vor: +Ernst, Krieg, Revolution, Republik und als ein gutes Stück +Nationalverrat.” (Brief vom 2. Mai 1863.) + +Es ist klar, daß, wenn es Lassalle mit dem nationalen Programm, wie er +es in „Der Italienische Krieg usw.” entwickelte, ernst gewesen wäre, +er unmöglich die obigen Sätze hätte schreiben können, denn jenes ist +ganz gewiß kleindeutsch. Er benutzte es vielmehr nur, weil es ihm für +seine viel weitergehenden politischen Zwecke, für die Herbeiführung +der Revolution, die die nationale Frage im großdeutschen Sinne lösen +sollte, zweckmäßig erschien. In den, auf sein Schreiben vom 27. Mai +1859 folgenden Briefen an Marx und Engels spricht er sich immer +bestimmter in diesem Sinne aus. Da die meist sehr ausführlichen +Briefe nun in ihrem vollen Wortlaut zum Abdruck gekommen sind, so +können wir uns hier auf einige Auszüge und kurze Zusammenfassungen +beschränken. + +Etwa am 20. Juni 1859 (die Lassalleschen Briefe sind sehr oft ohne +Datum, so daß dieses aus dem Inhalt kombiniert werden mußte) schreibt +Lassalle an Marx: „Nur in dem populären Kriege gegen Frankreich ... +sehe ich ein Unglück. In dem bei der Nation unpopulären Kriege aber ein +immenses Glück für die Revolution ... Die Aufgabe verteilt sich also so, +daß unsere Regierungen den Krieg machen müssen (und sie werden dies tun) +und wir ihn unpopularisieren müssen ... Ihr scheint dort, zehn Jahre +fern von hier, wirklich noch gar keine Ahnung zu haben, wie wenig +entmonarchisiert unser Volk ist. Ich habe es auch erst in Berlin mit +Leidwesen gesehen ... Käme nun noch hinzu, daß dem Volk die Überzeugung +beigebracht wird[6], die Regierung führe diesen Krieg als einen +nationalen, sie habe sich zu einer nationalen Tat erhoben, so solltet +Ihr sehen, wie vollständig die Versöhnung würde und wie, gerade bei +Unglücksfällen, das Band der ‚deutschen Treue’ das Volk an seine +Regierungen binden würde ...” Was in unserm Interesse liegt, ist +offenbar etwa folgendes: + +„1. daß der Krieg gemacht wird. (Dies besorgen, wie gesagt, unsere +Regierungen schon von selbst.) Alle Nachrichten, die mir aus guter +Quelle zukommen, besagen, daß der Prinz drauf und dran sei, für +Österreich einzutreten.” + +Das war, wie oben bemerkt, keineswegs so unbedingt zutreffend. + +„2. daß er schlecht geführt wird. (Dies werden unsere Regierungen +gleichfalls von selbst besorgen, und um so mehr, je weniger das +Volksinteresse für den Sieg sie unterstützt.) + +„3. daß das Volk der Überzeugung sei, der Krieg werde im +volksfeindlichen, im dynastischen, im kontrerevolutionären Sinne, also +gegen seine Interessen, unternommen. -- Dies allein können wir besorgen, +und dies zu besorgen ist daher unsere Pflicht.” + +Lassalle geht dann auf die Frage ein, welchen Zweck es haben könne, +„einen populären Krieg gegen Frankreich bei uns erregen zu wollen”. +Auch hier aber sind es lediglich zwei Rücksichten, die er als +maßgebend anerkennt: 1. die Rückwirkung auf die Aussichten der +revolutionären Parteien hüben und drüben, und 2. die Rückwirkung auf +die Beziehungen der deutschen Demokratie zur französischen und +italienischen Demokratie. Die Frage der Interessen Deutschlands als +Nation berührt er gar nicht. Auf den Vorhalt, daß er dieselbe Politik +empfehle wie Vogt, der im französischen Solde schreibe, antwortet er: +„Willst Du mich durch die schlechte Gesellschaft, die ich habe, ad +absurdum führen? Dann könnte ich Dir das Kompliment zurückgeben, daß +Du das Unglück hast, diesmal mit Venedey und Waldeck einer Meinung zu +sein.” Alsdann rühmt er sich, daß seine Broschüre „immens” gewirkt +habe, „Volks-Zeitung” und „National-Zeitung” hätten zum Rückzug +geblasen, die letztere „in einer Serie von sechs Leitartikeln eine +vollständige Schwenkung gemacht”. Daß Lassalle gar nicht darauf kam, +sich zu fragen, warum denn diese Organe kleindeutscher Richtung sich +so schnell bekehren ließen! + +In einem Brief an Marx von Mitte Juli 1859 -- nach Villafranca -- heißt +es: „Es ist ganz selbstredend, daß zwischen uns nicht das Prinzip, +sondern, wie Du sagst und wie ich es nie anders auffaßte, die +‚passendste Politik’ ... streitig war.” Und um wieder keinen Zweifel +darüber zu lassen, wie er das meine, setzt er die Worte hinzu: „d. h. +also doch die zur revolutionären Entwicklung passendste Politik.” + +Anfang 1860 an Fr. Engels: „Nur zur Vermeidung von Mißverständnissen +muß ich bemerken, daß ich übrigens auch im vorigen Jahre, als ich +meine Broschüre schrieb, sehnlichst wünschte, daß Preußen den Krieg +gegen Napoleon mache. Aber ich wünschte ihn nur unter der Bedingung, +daß die Regierung ihn mache, er aber beim Volke so unpopulär und +verhaßt wie möglich sei. Dann freilich wäre er ein großes Glück +gewesen. Aber dann mußte die Demokratie gegen, nicht für diesen Krieg +schreiben und propagieren ... Für die gegenwärtige Lage sind wir +wahrscheinlich ganz einer Meinung und wohl ebensosehr für die +zukünftige.” + +In dem gleichen Brief kommt Lassalle auch auf die damals gerade +eingebrachte Militärreorganisations-Vorlage zu sprechen, die bekanntlich +später zum Konflikt zwischen der Regierung und der liberalen +Bourgeoisie führte. Die Mobilmachung 1859 hatte die preußische Regierung +überzeugt, wie wenig schlagfertig die preußische Armee noch war und daß +durchgreifende Änderungen notwendig waren, um sie in den Stand zu +setzen, sei es nun gegen Frankreich oder Österreich, mit einiger +Aussicht auf Erfolg ins Feld zu rücken. Wer es also mit „Preußens +deutschem Beruf” ernst nahm, der mußte auch in die Heeresreorganisation +einwilligen oder mindestens objektiv ihre Berechtigung anerkennen, was +ja auch die Fortschrittler anfangs taten. Hören wir nun Lassalle: „Das +Gesetz ist schmachvoll! Aufhebung -- völlige, nur verkappte -- der +Landwehr als letzten demokratischen Restes der Zeit von 1810, Schöpfung +eines immensen Machtmittels für Absolutismus und Junkertum ist in zwei +Worten der evidente Zweck desselben. Nie würde Manteuffel gewagt haben, +so etwas vorzuschlagen! Nie hätte er es durchgesetzt. Wer jetzt in +Berlin lebt und nicht am Liberalismus stirbt, der wird nie am Ärger +sterben!” + +Schließlich sei noch eine Stelle aus einem Briefe Lassalles an Marx aus +Aachen vom 11. September 1860 zitiert. Marx hatte u. a. auch in einem +Briefe an Lassalle auf eine Zirkularnote Gortschakoffs hingewiesen, in +der ausgeführt worden war, daß, wenn Preußen Österreich gegen Frankreich +zu Hilfe käme, Rußland seinerseits für Frankreich intervenieren, d. h. +Preußen _und_ Österreich den Krieg erklären würde. Diese Note sei, +hatte Marx ausgeführt, erstens ein Beweis, daß es sich um einen Anschlag +gehandelt habe, bei dem die Befreiung Italiens nur Vorwand, die +Schwächung Deutschlands aber der wirkliche Zweck war, und sie sei +zweitens eine unverschämte Einmischung Rußlands in deutsche +Angelegenheiten, die nicht geduldet werden dürfe. Darauf erwidert nun +Lassalle, er könne in der Note eine Beleidigung nicht erblicken, aber +selbst wenn eine solche darin enthalten sei, so treffe sie ja doch nur +„die deutschen Regierungen”. „Denn, diable! was geht Dich und mich +die Machtstellung des Prinzen von Preußen an? Da alle seine Tendenzen +und Interessen gegen die Tendenzen und Interessen des deutschen Volkes +gerichtet sind, so liegt es vielmehr gerade im Interesse des deutschen +Volkes, wenn die Machtstellung des Prinzen nach außen so gering wie +möglich ist.” Man müsse sich also eher solcher Demütigungen freuen und +sie höchstens in dem Sinne gegen die Regierungen benutzen, wie es die +Franzosen unter Louis Philipp getan hätten. + +Man kann sich wohl nicht „hochverräterischer” ausdrücken, als es hier +überall geschieht, und diejenigen, die ehedem Lassalle als das Muster +eines guten Patrioten im nationalliberalen Sinne dieses Wortes der +Sozialdemokratie von heute gegenüberstellten, haben nach +Veröffentlichung der Lassalleschen Briefe an Marx und Engels einfach +einpacken müssen. Die Motive, die Lassalle bei der Abfassung des +„Italienischen Krieges” leiteten, sind alles andere, nur nicht eine +Anerkennung der nationalen Mission der Hohenzollern. Weit entfernt, daß +hier, wie es in den meisten bürgerlichen Biographien heißt, bei Lassalle +der Parteimann hinter den Patrioten zurücktritt, kann man im Gegenteil +eher sagen, daß der Parteimann, der republikanische Revolutionär, den +Patrioten zurückdrängt. + +Man könnte freilich mit einem gewissen Schein von Recht die Frage +aufwerfen: „Ja, wenn der Standpunkt, den Lassalle in seinen Briefen an +Marx entwickelt, so grundverschieden ist von dem, den er in der +Broschüre vertritt, wer garantiert dann, daß der erstere der wirklich +von Lassalle im Innersten seines Herzens eingenommene ist? Kann Lassalle +nicht, da er doch das eine Mal sein wahres Gesicht verhüllt, dies Marx +gegenüber getan haben?” Gegen diese Annahme sprechen aber so viele +Gründe, daß es kaum der Mühe lohnt, sich mit ihr zu belassen. Der +wichtigste ist der, daß der Widerspruch zwischen Broschüre und Briefen +schließlich doch nur ein scheinbarer ist. Wo Lassalle in der Broschüre +etwas sagt, was sich nicht mit den in seinen Briefen entwickelten Ideen +deckt, da spricht er immer nur hypothetisch mit einem großen „Wenn”, +und diesem Wenn stellt er am Schluß ein „Wenn aber nicht, dann” +gegenüber, und formuliert dieses „Dann” so: „So wird damit nur aber +und aber bewiesen sein, daß die Monarchie in Deutschland einer +nationalen Tat nicht mehr fähig ist.” Die positiven Behauptungen in +der Broschüre hält er aber alle auch in den Briefen aufrecht. Er meint +es vollkommen aufrichtig mit der, den Hauptinhalt der Broschüre +ausmachenden Darlegung, daß die Demokratie -- worunter er die +Gesamtheit der entschiedenen Oppositionsparteien verstand -- den Krieg +gegen Frankreich nicht gutheißen dürfe, weil sie sich dadurch mit den +Unterdrückern Italiens identifiziere, und es war ihm ferner durchaus +ernst mit dem Wunsche der Zertrümmerung Österreichs. Bis soweit ist +denn auch die Broschüre, ob man nun den in ihr entwickelten Standpunkt +für richtig hält oder nicht, als subjektive Meinungsäußerung +vollkommen berechtigt. + +Anders mit dem Schlußkapitel. Dort treibt Lassalle eine Diplomatie, die +gerade er in seinem Kommentar zum Franz von Sickingen als verwerflich +bekämpft hatte. Auch der demokratische Politiker braucht nicht in jedem +Zeitpunkt seine letzten Absichten auszuposaunen. Aber es steht ihm nicht +an und bringt ihn in eine falsche Lage, wenn er für eine Politik +eintritt, von der er nicht auch will, daß sie befolgt werde. Das jedoch +tut Lassalle. Der uneingeweihte Leser seiner Schrift mußte glauben, er +wünsche nichts sehnlicher, als daß die preußische Regierung die darin +von ihm entwickelte Politik befolge. Wohl konnte er sich darauf berufen, +daß er sicher war, die preußische Regierung werde diese Politik nicht +befolgen. Damit war aber das Doppelspiel sicherlich nicht +gerechtfertigt. Das Advokatenstück, eine Sache nur deshalb zu +empfehlen, weil man zu wissen glaubt, daß sie doch nicht geschieht, ist +ein durchaus falsches Mittel der Politik, nur geeignet, die eigenen +Anhänger irrezuführen, was ja später auch in diesem Falle eingetreten +ist. Das Beispiel, auf das Lassalle sich für seine Taktik beruft, ist +das denkbar unglücklichste. Die Art, wie die republikanische Opposition +in Frankreich unter Louis Philipp, die Herren vom „National”, +auswärtige Politik machten, ebnete später dem Mörder der Republik, dem +Bonapartismus, die Bahn. Wie die „reinen Republikaner” die +napoleonische Legende gegen Louis Philipp, so glaubte Lassalle die +friderizianische Legende gegen die damalige preußische Regierung +ausspielen zu können. Aber die friderizianische Tradition, wenigstens +soweit sie hier in Betracht kam, war keineswegs von der preußischen +Regierung aufgegeben, und statt gegen die Hauspolitik der +Hohenzollern, machte Lassalle Propaganda für sie. + +Wie diese später, sobald Preußen sich dazu militärisch stark genug +fühlte, energisch aufgenommen wurde, wie sie zunächst zum Bürgerkrieg +zwischen Nord- und Süddeutschland führte, wie Österreich glücklich aus +dem deutschen Bund herausgedrängt und die „Einigung” +Rumpf-Deutschlands alsdann vollzogen wurde, haben wir gesehen, aber +diese Realisierung des im „Italienischen Krieg” entwickelten Programms +verhält sich zu der Lösung, die Lassalle vorschwebte, wie in der +Lessingschen Fabel das Kamel zum Pferd[7]. + +[Wohin hat uns die preußische Lösung der deutschen Frage gebracht? +Österreichs Verdrängung aus dem deutschen Bund hat die panslawistische +Propaganda im höchsten Grade gefördert, die österreichische Regierung +muß heute den Slawen eine Konzession nach der andern machen, und diese +traten infolgedessen mit immer größeren Ansprüchen auf. Wo sie früher +mit Anerkennung ihrer Sprache und Nationalität zufrieden gewesen wären, +wollen sie heute herrschen und unterdrücken; in Prag, heute eine +tschechische Stadt, fraternisierten Tschechen und französische +Chauvinisten und toastierten auf den Kampf wider das Deutschtum. Die +Angliederung der deutschen Landesteile Österreichs an Deutschland wird +früher oder später freilich doch erfolgen, aber unter zehnfach +ungünstigeren Verhältnissen als vor der glorreichen Herauswerfung +Österreichs aus dem deutschen Bunde. Vorläufig muß das Deutsche Reich +ruhig zusehen, wie in jenen Landesteilen die Slawisierung immer weiter +um sich greift, denn die Bismarckische Art der Einigung Deutschlands hat +Rußland so stark gemacht, daß die deutsche Politik wieder das größte +Interesse an der Erhaltung selbst dieses Österreichs hatte. Etwas ist +immer noch besser als gar nichts. Und freilich, solange in Rußland der +Zarismus mit seinen panslawistischen Aspirationen herrscht, so lange +mag das heutige Österreich als Staat noch eine Berechtigung haben.] + +Lassalle wollte natürlich ganz etwas anderes als die bloße +Herausdrängung Österreichs aus dem Reiche. Er wollte die Zertrümmerung, +die Vernichtung Österreichs, dessen deutsche Länder einen integrierenden +Teil der einen und unteilbaren deutschen Republik bilden sollten. Aber +um so weniger durfte er auch nur zum Schein ein Programm aufstellen, +dessen unmittelbare Folge der Bürgerkrieg in Deutschland sein mußte, ein +Krieg von Norddeutschland gegen Süddeutschland, dessen Bevölkerung 1859 +ganz entschieden auf seiten Österreichs stand. Nur Lassalles starke +Geneigtheit, dem jeweilig verfolgten Zweck alle außer ihm liegenden +Rücksichten zu opfern, erklärt dieses Zurückgreifen auf eine Diplomatie, +die er noch soeben im „Franz von Sickingen” aufs schärfste verurteilt +hatte. + +Hinzu kam bei Abfassung der Broschüre der leidenschaftliche Drang, in +die aktuelle Politik einzugreifen. Er spricht sich immer und immer +wieder in seinen Briefen aus. Wenn Lassalle um jene Zeit die Beteiligung +an irgendeiner Sache mit dem Hinweis auf seine wissenschaftlichen +Arbeiten, die er noch vorhabe, ablehnt, so geschieht es mit dem +Vorbehalt: Aber wenn sich eine Möglichkeit bietet, unmittelbar auf die +revolutionäre Entwicklung einzuwirken, dann lasse ich auch die +Wissenschaft liegen. So hatte er auch am 21. März 1859 an Fr. Engels +geschrieben: + +„Vielmehr werde ich beim nationalökonomischen und +geschichtsphilosophischen Fache -- ich meine Geschichte im Sinne von +sozialer Kulturentwicklung -- von nun an wohl verbleiben, wenn nicht, +was freilich sehr zu hoffen wäre, der endliche Beginn praktischer +Bewegungen alle größere theoretische Tätigkeit sistiert.” + +„Wie gerne will ich ungeschrieben lassen, was ich etwa weiß, wenn es +dafür gelingt, einiges von dem zu tun, was wir (Partei-Plural) können.” + +Und sechs Wochen, nachdem er das geschrieben, sollte Lassalle ins +monarchistisch-kleindeutsche Lager abgeschwenkt sein? Nein, seine +Diplomatie war falsch, aber seine Absicht war die alte geblieben: die +Revolution für die eine und unteilbare deutsche Republik. Sie ist +gemeint, wenn er der Schrift das Motto aus dem Virgil voransetzt: +Flectere si nequeo superos acheronta movebo -- wenn ich die Götter -- +die Regierung -- nicht beeinflussen kann, werde ich den „Acheron” -- +das Volk -- in Bewegung setzen. + + * * * * * + +Die nächste Publikation, die Lassalle dem „Italienischen Krieg usw.” +folgen ließ, war ein Beitrag für eine Zeitschrift in Buchform, die der +demokratische Schriftsteller Ludwig Walesrode unter dem Titel +„Demokratische Studien” im Sommer 1860 herausgab. Es ist dies der +später als Broschüre herausgegebene Aufsatz: „Fichtes politisches +Vermächtnis und die neueste Gegenwart.” Man könnte ihn als ein +Nachwort zu „Der italienische Krieg usw.” bezeichnen, in welchem +Lassalle das offen heraussagt, was er dort zu verhüllen für gut +befunden. Das „politische Vermächtnis” Fichtes ist, wie Lassalle unter +Vorführung eines im Fichteschen Nachlaß vorgefundenen Entwurfs zu +einer politischen Abhandlung darlegt, der Gedanke der Einheit +Deutschlands als unitarische Republik. Anders sei die Verwirklichung +der Einheit Deutschlands überhaupt nicht möglich. Bei einer Eroberung +Deutschlands durch irgendeinen der bestehenden deutschen Staaten würde +„nicht Deutschland hergestellt, sondern nur die anderen Stämme durch +die gewaltsame Aufdrängung des spezifischen Hausgeistes unter die +Besonderheit desselben gebracht, preußifiziert, verbayert, +verösterreichert!” ... „Und indem so auch noch diejenige Ausgleichung +fortfiele, welche jetzt noch in dem Dasein der verschiedenen +Besonderheiten liegt,” schreibt er, „würde gerade dadurch das deutsche +Volk auch noch in seiner geistigen Wurzel aufgehoben.” + +„Die Eroberung Deutschlands, nicht im spezifischen Hausgeiste, sondern +mit freiem Aufgehen desselben in den nationalen Geist und seine Zwecke, +wäre freilich ein ganz anderes! Aber die Idealität dieser Entschließung +ist es geradezu töricht von Männern zu verlangen” -- es ist von den +deutschen Fürsten, speziell vom König von Preußen, die Rede -- „deren +geistige Persönlichkeit doch wie die aller anderen ein bestimmtes +Produkt ihrer Faktoren in Erziehung, Tradition, Neigung und Geschichte +ist und die dies daher ebensowenig leisten können, als es einer von uns +anderen leisten würde, wenn seine Bildung und Erziehung ausschließlich +durch dieselben Faktoren bestimmt worden wäre.” + +Dies sind die letzten eigenen Ausführungen Lassalles in dem Aufsatze. Es +folgen dann nur noch Darlegungen Fichtes, daß und warum die Einheit +Deutschlands nur möglich sei auf Grundlage der „ausgebildeten +persönlichen Freiheit”, und daß gerade deshalb die Deutschen „im +ewigen Weltenplane” berufen seien, ein „wahrhaftes Reich des Rechts” +darzustellen, ein Reich der „Freiheit, gegründet auf Gleichheit alles +dessen, was Menschenantlitz trägt”. Und „ferne sei es von uns, die +unerreichbare Gewalt dieser Worte durch irgendwelche Hinzufügungen +abschwächen zu wollen,” schließt Lassalle. Dann, zum Verleger +gewendet: „Habe ich nun, geehrter Herr, auch Ihrem Wunsche” -- einen +Artikel über eine „brennende Tagesfrage” zu schreiben -- „nicht +buchstäblich entsprochen, so ist doch, denke ich, Ihr Zweck erfüllt -- +wie der meinige.” + +Welches aber war Lassalles Zweck bei der Veröffentlichung des Aufsatzes, +der das Datum: Januar 1860, trägt? Auch darüber gibt ein Brief an Marx +uns Auskunft. Unter dem 14. April 1860 legt Lassalle diesem dar, warum +er, obwohl seine ganze Zeit zur Fertigstellung eines großen Werkes in +Anspruch genommen sei, Walesrodes Einladung angenommen habe. Erstens +habe er in diesem einen sehr redlichen Mann gefunden, der mutvoll und +tapfer, wie auch seine verdienstliche Broschüre „Politische +Totenschau” zeige, wohl verdiene, daß man etwas für ihn tue. Dann aber +heißt es weiter: + +„Endlich konnte das Taschenbuch doch vielleicht einigen entwickelnden +Einfluß auf unsere deutschen Philister ausüben, und schlug ich aus, so +kam der Auftrag jedenfalls an einen weit weniger entschiedenen, ja ganz +unbedingt an einen mit monarchischem oder ähnlichem Demokratismus oder +klein-deutschen Ideen Liebäugelnden, während mir der Auftrag die +Möglichkeit bot, wieder einmal einen echt republikanischen Feldruf +ertönen zu lassen und so im Namen unserer Partei von einem Buche Besitz +zu ergreifen, welches, wie ich mir vorstelle, nach seinem sonstigen +Inhalt, obgleich ich weder über diesen noch seine Mitarbeiter Näheres +weiß, schwerlich zur Verbreitung unserer Ideen und des Einflusses +unserer Partei beigetragen hätte. + +„So schreiben-wollend und nicht wollend entstand ein Artikel, von dem +ich mir, speziell um ihn Dir zu überschicken, einen besonderen Abzug +kommen ließ. (Das Buch erscheint erst zur Oktobermesse.) Ich schicke ihn +gleichzeitig mit diesem Brief, bitte Dich, ihn zu lesen und dann an +Engels zu senden und endlich mir zu schreiben, ob er Dir gefallen. + +„Ich glaube, daß er mitten in diesem widrigen gothaischen Gesumme doch +immerhin den erfrischenden Eindruck macht, daß hinter den Bergen auch +noch Leute, daß eine republikanische Partei noch lebt, den Eindruck +eines Trompetenstoßes.” + +Das Werk, an dessen Fertigstellung F. Lassalle damals arbeitete, war das +„System der erworbenen Rechte”. Drollig und doch wieder für jeden, der +sich mit größeren Arbeiten beschäftigt, ungemein verständlich klingt die +Klage Lassalles, die Arbeit ziehe sich so lange hin, daß er „bereits +einen intensiven Haß gegen sie bekommen habe”. Aber das „verm-- +Werk”, wie er es an einer anderen Stelle in demselben Briefe nennt, +sollte auch in den drei Monaten, die er sich nun als Termin stellt, +noch nicht fertig werden. + +Lassalle litt im Jahre 1860 wieder stark an Anfällen jener chronischen +Krankheit, von der er bereits in der Düsseldorfer Assisenrede spricht, +und die ihn periodisch immer wieder heimsuchte. „Ich war und bin noch +recht krank”, fängt ein Brief an, der Ende Januar 1860 geschrieben sein +muß, „ich war von neuem krank und schlimmer als früher”, beginnt der +obenzitierte Brief. „Habe ich mich in der letzten Zeit überarbeitet oder +rächt sich nun zu lange Vernachlässigung”, heißt es weiter, „kurz, +es scheint als ob meine Gesundheit aufgehört habe, der unverwüstliche +Fels zu sein, auf den ich sonst so zuversichtlich pochen konnte.” Um +sich gründlich zu heilen, ging Lassalle im Sommer desselben Jahres +nach Aachen. Dort machte er die Bekanntschaft einer jungen Russin, +Sophie von Sontzew, die ihren Vater, der ebenfalls einer Kur bedürftig +war, nach Aachen begleitet hatte, und diese Dame nahm Lassalle so für +sich ein, daß er ihr noch in Aachen einen Heiratsantrag machte, den +aber Fräulein von Sontzew nach einigen Wochen Bedenkzeit ablehnte. + +Es sind über diese Episode aus dem bewegten Leben Lassalles fast nur die +Aufzeichnungen bekannt geworden, die das damalige Fräulein von Sontzew, +später die Gattin eines Gutsbesitzers in Südrußland, im Jahre 1877 in +der Petersburger Revue „Der Europäische Bote” veröffentlicht hat, und +von denen eine Übersetzung ins Deutsche ein Jahr darauf im Verlage von +F. A. Brockhaus in Leipzig erschien[8]. Die eigentliche Liebesaffäre ist +nicht besonders interessant. Es geht alles ungemein korrekt zu. Sophie +von Sontzew schreibt, daß Lassalle zwar einen großen Eindruck auf sie +gemacht, daß sie auch vorübergehend geglaubt habe, ihn lieben zu können, +es seien aber stets sofort wieder Zweifel in ihr aufgetaucht, bis sie +sich schließlich darüber klar geworden sei, daß eine Liebe, die +zweifelt, keine Liebe sei -- vor allem keine Liebe, wie Lassalle sie +unter Hinweis auf die Kämpfe beanspruchte, die die Zukunft ihm bringen +werde. Vielleicht, daß auch die Aussicht gerade auf diese Kämpfe die +junge Dame mehr schreckte, als sie zugesteht -- Tagebuchgeständnisse und +Memoiren sagen bekanntlich nie die volle Wahrheit. Auf der andern Seite +scheint uns die Auffassung, die es dem damaligen Fräulein von Sontzew +beinahe als ein Verbrechen anrechnet, von Lassalle geliebt worden zu +sein, ohne seine Liebe zu erwidern, etwas gar zu sentimental. Die Dame +hatte ein unbestrittenes Recht, ihr Herz nicht zu verschenken, auch +wußte Lassalle sich, so stürmisch seine Werbungen gewesen, über den +Mißerfolg bald zu trösten. + +Weit interessanter als die eigentliche Liebesaffäre sind die aus Anlaß +dieser geschriebenen Briefe Lassalles an Sophie von Sontzew, und vor +allem der schon früher erwähnte, als „Seelenbeichte” bezeichnete, +mehr als 35 Druckseiten ausfüllende Manuskriptbrief. Dieser ist eines +der interessantesten Dokumente für die Charakteristik Lassalles. Sehen +wir in dessen erstem Tagebuch den zum Jüngling heranreifenden Knaben, +so sehen wir hier den zum Mann herangereiften Jüngling sein Ich +bloßlegen. Freilich gilt auch in diesem Falle das oben von solchen +Bekenntnissen Gesagte, aber einer der hervorstechendsten Charakterzüge +Lassalles ist seine -- man könnte fast sagen, unbewußte +Wahrhaftigkeit. Lassalle war, wie schon seine beständige Neigung, +ins Pathetische zu verfallen, zeigt, eine theatralisch angelegte +Natur. Er schauspielerte gern ein wenig und war viel zu sehr +Gesellschaftsmensch, um darin ein Unrecht zu erblicken, wenn er die +Sprache nach dem Rezept Talleyrands dazu verwendete, seine Gedanken zu +verbergen. Aber es war ihm doch nicht möglich, sich als Mensch anders +zu geben, als er wirklich war. Seine Neigungen und Leidenschaften +waren viel zu stark, als daß sie sich nicht überall verraten hätten, +seine Persönlichkeit viel zu ausgeprägt, um nicht durch jedes Gewand, +in dem er auftreten mochte, hindurchzublicken. So schaut auch aus dem +Bilde, das Lassalle für Sophie von Sontzew von sich entwirft, obwohl +es eine Schilderung gibt, wie er dem jungen Mädchen erscheinen wollte, +der richtige Lassalle heraus, mit seinen Vorzügen und seinen Fehlern. + +Auf Schritt und Tritt kommt hier sein hochgradiges Selbstvertrauen und +seine Einbildungskraft zum Ausdruck. Es wurde schon erzählt, wie er in +diesem Manuskript sich im Glanze seines zukünftigen Ruhmes sonnt, sich +als der Führer einer Partei hinstellt, die in Wirklichkeit noch gar +nicht existierte, die Aristokratie und Bourgeoisie ihn fürchten und +hassen läßt, wo zur Furcht und zum Haß damals jeder Anlaß fehlte. Ebenso +übertreibt er seine schon erzielten Triumphe. „Nichts, Sophie,” +schreibt er über den Erfolg der Kassettenrede, „kann Ihnen auch nur +annähernd eine Vorstellung von dem elektrischen Eindruck geben, den +ich hervorbrachte. Die ganze Stadt, die Bevölkerung der ganzen Provinz +schwamm sozusagen auf den Wogen des Enthusiasmus ... alle Klassen, +die ganze Bourgeoisie war trunken vor Enthusiasmus ... dieser Tag +verschafft mir in der Rheinprovinz den Ruf eines Redners ohnegleichen +und eines Mannes von unbegrenzter Energie, und die Zeitungen trugen +diesen Ruf durch die ganze Monarchie ... Seit diesem Tage erkannte +mich die demokratische Partei in der Rheinprovinz als ihren +Hauptführer an.” Dann schreibt er vom Düsseldorfer Prozeß, daß er aus +diesem „mit nicht weniger Glanz” hervorging. „Ich werde Ihnen meine +Rede aus diesem Prozesse geben, da diese gleichfalls gedruckt ist; sie +wird Sie amüsieren.” Daß er die Rede gar nicht gehalten hat, schreibt +er nicht. + +Neben diesen Zügen einer wahrhaft kindlichen oder kindischen Eitelkeit +fehlen aber auch nicht solche eines berechtigten, weil auf Grundsätzen, +statt auf äußeren Ehren, beruhenden Stolzes, und durch den ganzen Brief +hindurch klingt der Ton einer echten Überzeugung. Selbst wenn Lassalle +von dem „Glanz” spricht, mit dem der Eintritt „gewisser Ereignisse” +-- der erwarteten Revolution -- das Leben seiner zukünftigen Frau +ausstatten würde, setzt er sofort hinzu: „Aber, nicht wahr, Sophie, +mit so großen Dingen, die das Ziel der Anstrengungen des ganzen +Menschengeschlechts bilden, darf man nicht eine bloße Spekulation auf +individuelles Glück machen?” -- und bemerkt weiter: „Deshalb darf man +in keiner Weise darauf rechnen.” + +Noch in einer anderen Hinsicht ist die „Seelenbeichte” Lassalles von +Interesse. Er spricht sich darin sehr ausführlich über sein Verhältnis +zur Gräfin Hatzfeldt aus. Mag nun auch manches in bezug auf seine +früheren Beziehungen zu dieser Frau idealisiert sein, so ist doch soviel +sicher, daß Lassalle keinen Grund hatte, einem Mädchen, um das er gerade +warb und das als Gattin heimzuführen er so große Anstrengungen machte, +seine derzeitigen Empfindungen für die Gräfin, soweit sie über die der +Achtung und Dankbarkeit hinausgingen, stärker zu schildern, als sie +wirklich waren. Tatsächlich ergeht sich Lassalle nun in dem Brief in +Ausdrücken geradezu leidenschaftlicher Zärtlichkeit für die Gräfin. Er +liebe sie „mit der zärtlichsten Liebe eines Sohnes, die je existiert +hat”, noch „dreimal mehr wie seine zärtlich geliebte Mutter”. Er +verlangt von Sophie, daß sie, wenn sie ihn zum Mann nehme, die Gräfin +„mit der wahren Zärtlichkeit einer Tochter” liebe, und hofft, obwohl +die Gräfin „außerordentlich zartfühlend” sei und, ehe sie nicht +wisse, ob Sophie Sontzew sie auch liebe, nicht bei dem jungen Paar +werde wohnen wollen, sie doch dazu bestimmen zu können, -- um „alle +drei glücklich und vereint zu leben”[9]. + +Daraus geht hervor, daß diejenigen, die die Sache so hinstellen, als +habe sich die Gräfin Hatzfeldt damals in Berlin und später Lassalle +einer Klette gleich aufgedrungen, jedenfalls maßlos übertrieben haben. +Die Hatzfeldt hatte ihre großen Fehler und ihre Freundschaft ist +Lassalle unseres Erachtens nach mehreren Richtungen hin äußerst +verderblich gewesen, aber gerade weil wir dieser Ansicht sind, halten +wir es für unsere Pflicht, da, wo dieser Frau Unrecht geschehen, dem +entgegenzutreten. Nichts abgeschmackter als die, von verschiedenen +Schriftstellern dem bekannten Beckerschen Pamphlet nachgeschriebene +Behauptung, Lassalle habe sich später in die Dönniges-Affäre gestürzt, +um die Hatzfeldt loszuwerden. + +Sophie Sontzew spricht sich übrigens über den Eindruck, den die Gräfin +Hatzfeldt persönlich auf sie gemacht habe, nur günstig aus. + +Drei Briefe Lassalles an Marx datieren aus der Zeit seines damaligen +Aufenthalts in Aachen. Natürlich ist in keinem von der Liebesaffäre mit +der Sontzew die Rede. Nur einige Bemerkungen in einem der Briefe über +die Verhältnisse am russischen Hofe lassen auf die Sontzews als Quelle +schließen. Aber die Briefe enthalten sonst ziemlich viel des +Interessanten, und eine Stelle in einem davon ist ganz besonders +bemerkenswert, weil sie zeigt, wie Lassalle selbst zu einer Zeit, wo er +in Berlin noch mit den Führern der liberalen Opposition auf bestem Fuße +stand, über die damalige liberale Presse und über den von den Liberalen +in den Himmel gehobenen preußischen Richterstand dachte. Da sie ebenso +kurz wie drastisch ist, mag sie hier einen Platz finden. + +Marx hatte den Redakteur der Berliner National-Zeitung, Zabel, der ihn, +unter Benutzung des gegen ihn gerichteten Vogtschen Pamphlets der +infamierendsten Handlungen verdächtigt hatte, wegen Verleumdung zur +Rechenschaft ziehen wollen, war aber in drei Instanzen, noch ehe es zum +Prozeß kam, abgewiesen worden. Die betreffenden Richter am Stadtgericht, +am Kammergericht und am Obertribunal in Berlin fanden nämlich, daß wenn +Zabel alle diese Verleumdungen Vogts über Marx wiederholt und sie dabei +noch übertrumpft hatte, er dabei durchaus nicht die Absicht gehabt haben +konnte, Marx zu beleidigen. Ein solches Rechtsverfahren nun hatte Marx +selbst in Preußen für unmöglich gehalten, und er schrieb das auch an +Lassalle, worauf ihm dieser, der Marx von Anfang an vom Prozeß abgeraten +hatte, weil doch auf Recht nicht zu hoffen sei, wie folgt antwortete: + +„Du schreibst, nun wüßtest Du, daß es von den Richtern abhängt bei +uns, ob es ein Individuum überhaupt nur bis zum Prozeß bringen kann! +Lieber, was habe ich Dir neulich einmal Unrecht getan, als ich in +einem meiner Briefe sagte, daß Du zu schwarz siehst! Ich schlage ganz +reuig an meine Brust und nehme das gänzlich zurück. Die preußische +Justiz wenigstens scheinst Du in einem noch viel zu rosigen Lichte +betrachtet zu haben! Da habe ich noch ganz andere Erfahrungen an +diesen Burschen gemacht, noch ganz anders starke Beweise für diesen +Satz, und noch ganz anders starke Fälle überhaupt an ihnen erlebt, und +zwar zu dreimal drei Dutzenden und in Straf- wie besonders sogar in +reinen Zivilprozessen ... Uff! Ich muß die Erinnerung daran gewaltsam +unterdrücken. Denn wenn ich an diesen zehnjährigen täglichen +Justizmord denke, den ich erlebt habe, so zittert es mir wie +Blutwellen vor den Augen und es ist mir, als ob mich ein Wutstrom +ersticken wollte! Nun, ich habe das alles lange bewältigt und +niedergelebt, es ist Zeit genug seitdem verflossen, um kalt darüber zu +werden, aber nie wölbt sich meine Lippe zu einem Lächeln tieferer +Verachtung, als wenn ich von Richtern und Recht bei uns sprechen höre. +Galeerensträflinge scheinen mir sehr ehrenwerte Leute im Verhältnis zu +unsern Richtern zu sein. + +„Nun aber, Du wirst sie fassen dafür, schreibst Du. ‚Jedenfalls,’ +sagst Du, ‚liefern mir die Preußen so ein Material in die Hand, dessen +angenehme Folgen in der Londoner Presse sie bald merken sollen!’ Nein, +lieber Freund, sie werden gar nichts merken. Zwar zweifle ich nicht, +daß Du sie in der Londoner Presse darstellen und vernichten wirst. +Aber merken werden sie nichts davon, gar nichts, es wird sein, als +wenn Du gar nicht geschrieben hättest. Denn englische Blätter liest +man bei uns nicht, und, siehst Du, von unseren deutschen Zeitungen +wird auch keine einzige davon Notiz nehmen, keine einzige auch nur ein +armseliges Wörtchen davon bringen. Sie werden sich hüten! Und unsere +liberalen Blätter am allermeisten! Wo werden denn diese Kalbsköpfe ein +Wörtchen gegen ihr heiligstes Palladium, den ‚preußischen +Richterstand’ bringen, bei dessen bloßer Erwähnung sie vor Entzücken +schnalzen -- sie sprechen schon das Wort nie anders als mit zwei +vollen Pausbacken aus -- und vor Respekt mit dem Kopf auf die Erde +schlagen! O, gar nichts werden sie davon bringen, es von der Donau bis +zum Rhein und soweit sonst nur immer ‚die deutsche Zunge reicht’, +ruhig totschweigen! Was ist gegen diese Preßverschwörung zu machen? +O, unsere Polizei ist, man sage was man will, noch immer ein viel +liberaleres Institut als unsere Presse! Es ist -- hilf Himmel! +ich weiß wirklich keinen anderen Ausdruck für sie -- es ist die +reine ......” + +Das Wort, das Lassalle hier braucht, ist zu burschikos, um es im Druck +wiederzugeben, der Leser mag es nach Belieben selbst ergänzen. + +Im Jahre 1861 veröffentlichte Lassalle im zweiten Band der +Demokratischen Studien einen kleinen Aufsatz über Lessing, den er +bereits 1858, beim Erscheinen des Stahrschen Buches: „Lessings Leben und +Werke” geschrieben, und ließ endlich sein großes rechtsphilosophisches +Werk „Das System der erworbenen Rechte” erscheinen. + +Der Aufsatz über Lessing ist verhältnismäßig unbedeutend. Er ist noch +vorwiegend in althegelianischer Sprache gehalten und lehnt sich sachlich +sehr stark an die Ausführungen an, die Heine in „Über Deutschland” +mit Bezug auf Lessings Bedeutung für die Literatur und das öffentliche +Leben in Deutschland abgibt. Wie Heine feiert auch Lassalle Lessing +als den zweiten Luther Deutschlands, und wenn er am Schluß des +Aufsatzes unter Hinweis auf die große Ähnlichkeit der Situation des +derzeitigen Deutschland mit der zur Zeit Lessings ausruft: „ähnliche +Situationen erzeugen ähnliche Charaktere”, so mag ihm da wohl Heines +Ausspruch vorgeschwebt haben: „Ja, kommen wird auch der dritte Mann, +der da vollbringt, was Luther begonnen, was Lessing fortgesetzt, und +dessen das deutsche Vaterland so sehr bedarf -- der dritte Befreier!” +War es doch sein höchstes Streben, selbst dieser dritte Befreier zu +werden. Wie im Hutten des „Franz von Sickingen”, so spiegelt sich auch +im Lessing dieses Aufsatzes Lassalles eigene Gedankenwelt wider. Es +fehlt selbst die Apotheose des Schwertes nicht. „Allein wenn wir den +Begriff Lessings durch die Gebiete der Kunst, Religion, Geschichte +durchgeführt haben, wie ist es mit der Politik?” fragt Lassalle, und +um denjenigen, die nach Lessings Stellungnahme auf den vorerwähnten +Gebieten darüber noch nicht im klaren seien, die letzten Zweifel zu +lösen, zitiert er aus den Lessingschen Fragmenten zum „Spartakus” eine +Stelle, wo Spartakus auf die höhnende Frage des Konsuls: „Ich höre, +du philosophierst, Spartakus”, zurückgibt: + + „Wo du nicht willst, daß ich philosophieren soll -- Philosophieren, + es macht mich lachen! -- Nun wohlan! Wir wollen fechten!” + +Zwei Dezennien darauf sei in der französischen Revolution diese +Prophezeiung Lessings eingetroffen. Und dieser Ausgang werde nach Stahr +„wohl auch das Ende vom Liede sein in dem Handel zwischen dem Spartakus +und dem Konsul der Zukunft”. + + +Fußnoten: + + [4] Daß Vogt verdächtig war, hatte Lassalle, der ursprünglich Vogt in + Schutz genommen, schon früher zugegeben. + + [5] Desgleichen auch in einer zweiten Broschüre von Engels „Savoyen, + Nizza und der Rhein”. Lassalle hatte in seiner Broschüre die Annexion + Savoyens an Frankreich als eine ganz selbstverständliche und, wenn + Deutschland eine dieser Vergrößerung aufwiegende Kompensation + erhielte, „ganz unanstößige” Sache hingestellt. Engels weist nun + nach, welche außerordentlich starke militärische Position der Besitz + Savoyens Frankreich Italien und der Schweiz gegenüber verschaffe, + was doch auch in Betracht zu ziehen war. Sardinien gab Savoyen + preis, weil es im Moment mehr dafür eintauschte, die Schweizer waren + aber durchaus nicht erbaut von dem Handel, und ihre Staatsmänner, + Stämpfli, Frey-Herosé u. a., taten ihr möglichstes, die Überlieferung + des bisher neutralen Savoyer Gebiets in französische Hände zu + verhindern. Im „Herr Vogt” kann man nachlesen, durch welche Manöver + die bonapartistischen Agenten in der Schweiz jene Bemühungen + hintertrieben. Alles übrige sagt ein einfacher Blick auf die + Landkarte. + + [6] Hierzu macht Lassalle in Klammern die Bemerkung: „Nur daß zum + Glück auch Ihr ihm dieselbe nicht beibringen werdet, und darum + erscheint mir der revolutionäre Nutzen allerdings als gesichert.” + Wenn dem aber so war, wozu dann erst die Broschüre? + + [7] Auf diesen Satz folgte in der ersten Auflage die oben in + griechische Klammern gesetzte Betrachtung, die nicht nur durch die + russische Revolution mit der Auflösung des russischen Imperiums den + größten Teil ihrer sachlichen Bedeutung verloren hat, sondern die + auch Wendungen enthält, zu denen ich mich grundsätzlich nicht mehr + bekennen kann. Ich habe sie nur deshalb nicht ganz weggestrichen, + weil sie immerhin erkennen läßt, wie sich zur Zeit, wo sie + geschrieben wurde -- 1891 -- nach meiner Ansicht die durch 1866 + geschaffene Lage unter deutschem Gesichtspunkt darstellte. + + In der englischen Ausgabe hat die Betrachtung eine redaktionelle + Abänderung erfahren, die mir deshalb der Erwähnung wert erscheint, + weil sie zweifelsohne auf Friedrich Engels zurückzuführen ist, der, + wie im Vorwort mitgeteilt wurde, jene Ausgabe durchgesehen hat. Ins + Deutsche zurückübersetzt lautet die Einleitung dort: + + „Wohin hat die preußische Lösung der nationalen Frage Deutschland + gebracht? Lassen wir die Frage Elsaß-Lothringen beiseite -- die + Annexion dieser Provinzen war ein weiterer Bockstreich -- und + betrachten wir nur die Lage des deutschen Volkes gegenüber Rußland + und dem Panslawismus. Österreichs Verdrängung aus dem Deutschen Bund” + (weiter, wie im Original). + + Obwohl bei mir die Annexion Elsaß-Lothringens mit keiner Silbe + erwähnt war und sie für Engländer damals noch kein spezielles + Interesse hatte, nimmt Friedrich Engels doch die Gelegenheit wahr, + ihrer zu erwähnen, um sie als einen groben politischen Fehler zu + bezeichnen -- „an additional blunder” heißt es im Englischen. Ein + Beweis, wie wenig Engels diese Annexion für endgültig ansah. + + Daß im Englischen statt „uns gebracht” gesagt wird: „Deutschland + gebracht”, war durch die Rücksicht auf das andre Lesepublikum von + selbst geboten. Ich würde aber heute auch aus stilistischen Gründen + diese präzisere Ausdrucksweise vorziehen. + + [8] Unter dem Titel „Eine Liebes-Episode aus dem Leben Ferdinand + Lassalles”. Die Verfasserin ist nun auch längst aus dem Leben + geschieden. + + [9] Noch hinreißender schildert Lassalle sein seelisches Verhältnis + zu Sophie von Hatzfeldt in einem Fragment gebliebenen Brief an eine + ungenannte Adressatin, der er darin die Liebe aufkündigt, weil die + Dame ihm erklärt hatte, sie könne es nicht vertragen, neben sich + noch Sophie von Hatzfeldt um Lassalle zu sehen. Der Brief ist eine + ganze Abhandlung über seelische Liebe. (Vgl. Intime Briefe Ferdinand + Lassalles, Nachtrag.) + + + + +Das System der erworbenen Rechte. + + +Das „System der erworbenen Rechte”, Lassalles wissenschaftliches +Hauptwerk, ist zwar in erster Linie nur für den Rechtstheoretiker +geschrieben, doch liegt der Gegenstand, den es behandelt, den +praktischen Kämpfen der Gegenwart wesentlich näher als die Materie des +„Heraklit”, und wir wollen daher versuchen, wenigstens die +Hauptgedanken dieser Arbeit darzustellen, von der Lassalle mit Recht +gelegentlich den Ausdruck gebrauchen durfte, ein „Riesenwerk +menschlichen Fleißes”. Darüber herrscht bei Sachverständigen so +ziemlich Einstimmigkeit, daß das „System der erworbenen Rechte” +zugleich von der außerordentlichen geistigen Schaffenskraft, wie dem +großen juristischen Scharfsinn seines Verfassers Zeugnis ablegt. Aus +allen diesen Gründen wird man es berechtigt finden, wenn wir uns bei +diesem Buche etwas länger aufhalten. + +Es liegt außerhalb der Zuständigkeit des Schreibers dieser Abhandlung, +ein Urteil darüber zu fällen, welche positive Bereicherung die +Rechtswissenschaft dem „System der erworbenen Rechte” verdankt. Das +vermag nur der Kenner der gesamten einschlägigen Literatur, der +theoretisch gebildete Jurist. Wir beschränken uns hier darauf, die +Aufgabe zu kennzeichnen, die Lassalle sich mit seinem Buche stellt, die +Art, wie er sie löst, und den theoretischen Standpunkt, der seiner +Lösung zugrunde liegt. + +Die Aufgabe selbst ist in dem Untertitel gegeben, den das in zwei Teile +zerfallende Gesamtwerk trägt. „Eine Versöhnung des positiven Rechts und +der Rechtsphilosophie.” Lassalle führt in der Vorrede aus, daß trotz +Hegels Versuch, eine Versöhnung zwischen dem positiven Recht und dem +Naturrecht[10] herzustellen, die Entfremdung zwischen positiven Juristen +und Rechtsphilosophen zurzeit größer sei, als sie selbst vor Hegel +gewesen. Die Schuld daran trügen aber weniger die ersteren als die +letzteren; statt in den Reichtum des positiven Rechtsmaterials +einzudringen, hätten sie sich begnügt, „im Himmel ihrer allgemeinen +Redensarten der groben Erde des realen Rechtsstoffs so fern wie möglich +zu bleiben”. Unter den Rechtsphilosophen der Hegelschen Richtung herrsche +ein wahrer „horror pleni”, ein Grauen vor dem positiven Stoffe, woran +indes Hegel selbst unschuldig sei, der vielmehr unermüdlich hervorgehoben +habe, daß die Philosophie nichts so sehr erfordere, als die Vertiefung in +die Erfahrungswissenschaften. Hegels „Rechtsphilosophie” konnte, führt +Lassalle aus, nach den gesamten Grundbedingungen, unter denen dieselbe +erschien, „als der erste Versuch, das Recht als einen vernünftigen, sich +aus sich selbst entwickelnden Organismus nachzuweisen, zur wirklichen +Rechtsphilosophie gar kein anderes Verhältnis einnehmen, als etwa die +allgemeine logische Disposition eines Werkes zu dem Werke selbst”. +Hätten nun die Philosophen sich nicht darauf beschränkt, bei den +„dünnen, allgemeinen Grundlinien” derselben -- „Eigentum, Familie, +Vertrag usw.” -- stehenzubleiben, „wären sie dazu übergegangen, eine +Philosophie des Staatsrechts in dem ... Sinne einer philosophischen +Entwicklung der konkreten einzelnen Rechtsinstitute desselben zu +schreiben, so würde sich an dem bestimmten Inhalt dieser einzelnen +positiven Rechtsinstitute sofort herausgestellt haben, daß mit den +abstrakt-allgemeinen Kategorien vom Eigentum, Erbrecht, Vertrag, +Familie usw. überhaupt nichts getan ist, daß der römische Eigentumsbegriff +ein anderer ist, als der germanische Eigentumsbegriff, der römische +Erbtumsbegriff ein anderer als der germanische Erbtumsbegriff, der +römische Familienbegriff ein anderer als der germanische +Familienbegriff usw., d. h. daß die Rechtsphilosophie, als in das +Reich des historischen Geistes gehörend, es nicht mit logisch-ewigen +Kategorien zu tun hat, sondern daß die Rechtsinstitute nur +Realisationen historischer Geistesbegriffe, nur der Ausdruck des +geistigen Inhalts der verschiedenen historischen Volksgeister und +Zeitperioden, und daher nur als solche zu begreifen sind.” Eingehend +und erschöpfend sei dies durch den ganzen zweiten Teil des +vorliegenden Werkes an dem Erbtumsbegriff nachgewiesen und an dem +Beispiel desselben der Beweis geliefert, daß „jene Hegelsche +Disposition selbst, wie der gesamte Bau und die Architektonik der +Hegelschen Rechtsphilosophie vollständig aufgegeben werden muß und +nichts von der Hegelschen Philosophie bewahrt werden kann, als ihre +Grundprinzipien und ihre Methode, um die wahre Rechtsphilosophie zu +erzeugen ...” Das gelte aber auch von dem Verhältnis des Hegelschen +Systems zur Geistesphilosophie überhaupt, und wenn die Zeit +theoretischer Muße für die Deutschen niemals aufhören sollte, -- „man +kann sie heute nicht mehr mit Tacitus eine rara temporum felicitas +(ein seltenes Glück) nennen”, fügt Lassalle mit berechtigter +Bitterkeit hinzu -- so werde er, Lassalle, vielleicht eines Tages dies +in einem neuen System der Philosophie nachweisen. Indes werde die von +ihm verlangte totale Reformation der Hegelschen Philosophie doch im +Grunde nur „dieselbe von Hegel getragene Fahne” darstellen, die „nur +auf einem anderen Wege zum Siege geführt werden soll. Es sind immer +die Grundprinzipien und die Methode der Hegelschen Philosophie, die +nur gegen Hegel selbst Recht behalten”. Hegel habe, wegen +unzureichender Bekanntschaft mit dem Stoffe, dem Recht vielleicht +häufig größeres Unrecht getan, als irgendeiner anderen Disziplin. +„Wenn er die römischen Juristen als die Tätigkeit des abstrakten +Verstandes auffaßte, so werden wir auf das Positivste im ganzen +Verlauf des zweiten Bandes zum Nachweis bringen, wie dies nur von +unseren Juristen, von den römischen aber das strikte Gegenteil gilt. +Wir werden sehen, wie ihre Tätigkeit vielmehr schlechterdings nur die +des spekulativen Begriffs ist, nur eine sich selbst nicht +durchsichtige und bewußte, wie dies ganz ebenso bei der Tätigkeit des +religiösen und künstlerischen Geistes der Fall ist ... Allein hiermit +wird dann immer nur erwiesen sein, daß die Hegelsche Philosophie noch +weit mehr recht hatte, als Hegel selbst wußte, und daß der spekulative +Begriff noch weitere Gebiete und noch viel intensiver beherrscht, als +Hegel selbst erkannt hatte.” (Vorwort zum System der erworbenen +Rechte.) + +Aus diesen Ausführungen geht bereits hervor, wie weit Lassalle in dem +Werke selbst noch auf Hegelschem Boden fußt. Er steht Hegel bereits +viel unabhängiger gegenüber als im „Heraklit”, aber er hält doch +nicht nur an der Methode, sondern auch noch an den Grundprinzipien der +Hegelschen Philosophie fest, d. h. nicht nur an der dialektischen +Behandlung des zu untersuchenden Gegenstandes, der dialektischen Form +der Untersuchung, sondern auch noch an dem Hegelschen Idealismus, der +Zurückführung der geschichtlichen Erscheinungen auf die Entwicklung +und Bewegung der Ideen ohne gleichzeitige Untersuchung der materiellen +Grundlage dieser Bewegung. Wie Hegel bleibt auch Lassalle auf halbem +Wege stehen. Er hebt ganz richtig hervor, daß es sich bei den +Rechtsinstituten nicht um logisch-ewige, sondern um historische +Kategorien handelt, aber er behandelt diese Kategorien nur als die +„Realisationen historischer Geistesbegriffe”, läßt dagegen die Frage +nach den Umständen, unter denen diese Geistesbegriffe sich +entwickelten, nach den materiellen Verhältnissen, deren Ausdruck sie +sind, ganz unberührt. Ja, er dreht das Verhältnis sogar um und will +„im konkreten Stoffe selbst nachzuweisen suchen, wie das angeblich +rein Positive und Historische nur notwendiger Ausfluß des +jederzeitigen historischen Geistesbegriffes ist”. So muß er +naturgemäß, auch bei dem größten Aufwand von Scharfsinn, zu falschen +Folgerungen gelangen. + +Als das „großartigste Beispiel”, an welchem diese ursächliche +Abhängigkeit des „angeblich rein Positiven und Historischen” von den +historischen Geistesbegriffen in seinem Werk erwiesen sei, bezeichnet +Lassalle die gesamte Darstellung des Erbrechts im zweiten Bande des +Werkes, der den Titel trägt: „Das Wesen des römischen und germanischen +Erbrechts in historisch-philosophischer Entwickelung.” Die Stärke dieser +Arbeit beruht in ihrer Einheitlichkeit, der konsequenten Durchführung +des leitenden Gedankens und der oft wahrhaft glänzenden Darstellung. +Durch alle hierhergehörigen Rechtsformen hindurch sucht Lassalle den +Gedanken zu verfolgen, dem römischen Erbrecht liege der Gedanke der +Fortdauer des subjektiven Willens des Erblassers im Erben zugrunde, +während im altgermanischen Erbrecht, dem Intestaterbrecht (Erbrecht ohne +Testament), die Idee der Familie den leitenden Gedanken bilde, es gerade +das sei, was vom römischen Erbrecht mit Unrecht behauptet werde: „wahres +Familienrecht”. Das ist soweit im allgemeinen richtig. Aber nun beginnt +die Schwäche der Lassalleschen Arbeit. Seine Dialektik, so scharf sie +ist, bleibt an der Oberfläche haften, durchwühlt diese zwar wieder und +immer wieder, läßt keine Scholle davon ununtersucht, aber was darunter +liegt, bleibt total unberührt. Woher kommt es, daß das römische Erbrecht +die Fortpflanzung des subjektiven Willens ausdrückt? Von der römischen +Unsterblichkeitsidee, von dem Kultus der Laren und Manen. Woher kommt +es, daß das germanische Erbrecht Familienrecht ist? Von der „Idee der +germanischen Familie”. Welches ist die römische Unsterblichkeitsidee? +Die Fortdauer des subjektiven Willens. Welches ist die Idee der +germanischen Familie? Die „sittliche Identität der Personen, die zu +ihrer substantiellen Grundlage ... die empfindende Einheit des Geistes +oder die Liebe hat.” Damit sind wir so klug wie vorher, wir drehen uns +im Kreise der Ideen und Begriffe, erhalten aber keine Erklärung, warum +diese Idee hier, jener Begriff dort die ihm zugewiesene Rolle spielen +konnten. Auch mit keiner Silbe wird der Versuch gemacht, die +Rechtsvorstellungen und Rechtsbestimmungen der Römer und Germanen aus +deren wirklichen Lebensverhältnissen selbst zu erklären, als die letzte +Quelle des Rechts erscheint überall der „Volksgeist”. Dabei verfällt +denn Lassalle in denselben Fehler, den er an einer andern Stelle mit +Recht den bisherigen Rechtsphilosophen zum Vorwurf macht, er +unterscheidet zwar zwischen römischem und germanischem Volksgeist, aber +er ignoriert alle historische Entwicklung im Schoße des römischen Volkes +und konstruiert einen, ein für allemal -- das ganze Jahrtausend von der +Gründung Roms bis gegen die Zeit der Zersetzung des römischen Weltreichs +-- maßgebenden „römischen Volksgeist”, der sich zum -- ebenso +konstruierten -- „germanischen Volksgeiste” etwa verhalte, wie „Wille +zu Liebe”. + +Allerdings darf nicht übersehen werden, daß zur Zeit, wo Lassalle sein +„System der erworbenen Rechte” schrieb, die eigentliche +Geschichtsforschung in bezug auf die Entstehung und Entwicklung der +römischen Gesellschaft und der germanischen Vorzeit noch sehr im argen +lag, selbst die Historiker von Fach in bezug auf sie in wichtigen +Punkten im Dunkeln tappten. Es trifft ihn also weniger der Vorwurf, daß +er die Frage nicht richtig beantwortete, als der, daß er sie nicht +einmal richtig stellte. + +Erst durch die Fortschritte der vergleichenden Ethnologie und namentlich +durch Morgans epochemachende Untersuchungen über die Gens (Sippe) ist +genügend Licht in bezug auf die urgeschichtliche Entwicklung der +verschiedenen Völker geschaffen worden, um erkennen zu lassen, warum die +Römer mit einem ganz andern Erbrecht in die Geschichte eintraten, als +die germanischen Stämme zur Zeit des Tacitus. Diese waren zu jener Zeit +eben dabei, die Entwicklung von der Mittelstufe zur Oberstufe der +Barbarei durchzumachen; der Übergang vom Mutterrecht zum Vaterrecht, von +der Paarungsehe zur Monogamie war noch nicht ganz vollzogen, sie lebten +noch in Gentilverbänden -- auf Blutsverwandtschaft beruhenden +Genossenschaften -- und noch herrschte der Kommunismus der Sippe vor: +ein auf dem subjektiven Willen beruhendes Erbrecht war daher einfach ein +Ding der Unmöglichkeit. So viel die Blutsverwandtschaft, so wenig hat +die „Liebe” -- eine viel modernere Erfindung -- etwas mit dem +altgermanischen Erbrecht zu tun. Bei den Römern war dagegen schon vor +Abschaffung des sogenannten Königtums die alte, auf persönlichen +Blutbanden beruhende Gesellschaftsordnung gesprengt und eine neue, auf +Gebietseinteilung und Vermögensunterschied begründete, wirkliche +Staatsverfassung an ihre Stelle gesetzt worden[11]. Privateigentum an +Boden und Auflösung der blutsverwandtschaftlichen Verbände als +wirtschaftliche Einheit sind der Boden, auf dem das römische Testament +erwächst, nicht als Produkt eines von vornherein gegebenen besonderen +römischen „Volksgeists”, sondern als ein Produkt derselben +Entwicklung, die den besonderen römischen Volksgeist schuf, der das +Römertum zur Zeit der Zwölftafelgesetzgebung[12] erfüllte. Wenn die +Römer dem Testament eine gewisse feierliche Weihe gaben, so berechtigt +das keineswegs dazu, das Testament als einen Akt hinzustellen, bei dem +die symbolische Handlung -- die Willensübertragung -- die Hauptsache, +der substantielle Inhalt derselben -- die Vermögensübertragung -- +reine Nebensache gewesen sei. Auf einer gewissen Kulturstufe, und noch +weit in die Zivilisation hinein, kleiden die Völker überhaupt alle +wichtigen ökonomischen Handlungen in religiöse Akte; es sei nur an die +Feierlichkeiten bei den Landaufteilungen, an die Einweihung der +Grenzmarken usw. erinnert. Was würde man von einem Historiker sagen, +der den römischen Kultus des Gottes Terminus als den Ausfluß der +besonderen Natur des römischen Volksgeistes, als den Ausdruck einer +speziell römischen „Idee” hinstellen wollte, bei der die eingegrenzten +Äcker Nebensache, der Begriff der „Endlichkeit” die Hauptsache gewesen +sei? Was von einem Rechtshistoriker, der das Aufkommen des +Privateigentums an Grund und Boden in Rom auf den Kultus des Gottes +Terminus zurückführen wollte? Und genau dies ist es, wenn Lassalle den +Kultus der Manen und Laren als die Ursache des Aufkommens der +Testamente bei den Römern bezeichnet, in der römischen Mythologie den +letzten Grund dieser Rechtsschöpfung erblickt.[13] + +Auf diese Weise kommt er denn zu der ebenso unhistorischen wie +unlogischen Behauptung, daß, wenn das römische Zwölftafelgesetz für den +Fall der Abwesenheit eines Testamentserben die Hinterlassenschaft dem +nächsten Agnaten (Verwandte männlicher Linie) und, falls kein Agnat +vorhanden, der Gens zuschreibt, dies ein Beweis sei, daß das Testament +auch der geschichtlichen Zeitfolge nach zuerst aufgetreten, das +Intestaterbe aber erst nachträglich, subsidiär, eingeführt worden sei. +Tatsächlich zeigt gerade das Zwölftafelgesetz, obwohl es die +Reihenfolge umkehrt, den wirklichen Gang der historischen Entwicklung +an. Es konstatiert zuerst den neueingeführten Rechtsgrundsatz der +Testierfreiheit, daß derjenige erben soll, dem der Erblasser +testamentarisch die Hinterlassenschaft zugeschrieben hat. Ist aber kein +Testament da, so tritt das frühere Erbrecht wieder in Kraft, die +urwüchsige Intestaterbschaft: zuerst erbt der nächste Agnat und dann die +Gens, der ursprüngliche Blutsverband. Das geschichtlich erste Institut +erscheint auf den zwölf Tafeln als letztes, weil es als das älteste das +umfassendste ist, und als solches naturgemäß die letzte Instanz bildet. +Wie erkünstelt dagegen Lassalles Konstruktion ist, geht schon daraus +hervor, daß er sich, um seine Theorie von dem, auf den „Begriff des +Willens” aufgebauten römischen Erbrecht aufrechtzuerhalten, einmal +gezwungen sieht, zu behaupten, daß „den Agnaten nicht die Idee der +Blutsverwandtschaft in irgendwelcher physischen Auffassung zugrunde +liegt” und die Agnaten als „die durch das Band der Gewalt vermittelte +Personengemeinschaft” bezeichnet. Als gläubige Althegelianer haben die +alten Römer „mit gewaltiger begrifflicher Konsequenz” den „tiefen +Satz der spekulativen Logik” verwirklicht, daß der nicht ausgedrückte +Wille des Individuums der allgemeine Wille ist, der als Inhalt hat +„den allgemeinen Willen des Volkes oder den Staat, in dessen +Organisation derselbe verwirklicht ist”. Das Testament, die +Testierfreiheit, ist danach älter als der römische Staat, aber das +Intestaterbe ist vom Staat eingeführt, der Staat hat eines schönen +Tages Agnaten und Gentilgenossenschaft als Subsidiärerben eingesetzt, +und zwar nicht auf Grund der Abstammungsidentität, sondern in ihrer +Eigenschaft als Organe der Staatsordnung, als Organe der +Willensidentität. + +Wir wissen heute, daß sich die Dinge gerade umgekehrt zugetragen haben, +daß es nicht der Staat ist, der die Gens mit Rechten ausgestattet hat, +die sie vorher nicht besaß, sondern daß er ihr vielmehr eines der +Rechte, eines der Ämter, die sie innegehabt, nach dem andern abgenommen, +ihre Funktionen immer mehr eingeschränkt hat, daß erst mit der Lockerung +des Gentilverbandes, mit seiner inneren Zersetzung der Staat möglich +wurde, und erst mit und in dem Staate die Testierfreiheit. + +Da Lassalle die Gens nicht kannte, so mußte er, wie alle +Rechtsgelehrten, die gleichzeitig mit ihm und vor ihm über das Wesen des +ursprünglichen römischen Erbrechts schrieben, notwendigerweise zu +falschen Schlüssen gelangen. Aber anstatt der Wahrheit näherzukommen, +als seine Vorgänger, steht er ihr vielmehr viel ferner als diese. +Bemüht, die Dinge aus dem spekulativen Begriff zu konstruieren, +schneidet er sich jede Möglichkeit ab, ihren wirklichen Zusammenhang zu +erkennen. Der berühmte Rechtslehrer Eduard Gans -- beiläufig ebenfalls +Hegelianer -- hatte römisches Intestaterbe und Testamentserbe als +miteinander kämpfende Gedanken hingestellt, die keinerlei +Gemeinschaftlichkeit ihres Gedankeninhalts haben und sie als eine +historische Stammesverschiedenheit zwischen Patriziern und Plebejern zu +erklären versucht. So fehlerhaft diese Erklärung, so richtig ist der ihr +zugrunde liegende Gedanke, daß es sich hier um einen grundsätzlichen +Gegensatz handelt und daß die gegensätzlichen Rechtsbegriffe auf +verschiedenem historischen Boden entstanden sind. Lassalle aber erblickt +gerade in ihm einen Rückfall in den „Fehler der historischen Schule”, +das „aus dem Gedanken Abzuleitende” als ein „äußerlich und +historisch Gegebenes vorauszusetzen”. Und auf der andern Seite erklärt +er es als einen „Grundirrtum”, wenn andere Rechtsphilosophen von der +Auffassung ausgehen, daß „das römische Intestaterbrecht seinem +Gedanken nach wahres Familienrecht sei”. Tatsächlich ist es wirklich +nichts anderes. Nur daß die hier in Betracht kommende Familie sich +nicht mit der römischen Familie deckt, sondern den weiteren +Geschlechtsverband umfaßt[14]. + +Wir können auf den Gegenstand hier nicht weiter eingehen, man sieht aber +aus dem Bisherigen schon, daß der so kunstvoll ausgeführte Bau +Lassalles auf absolut unhaltbarem Fundamente ruht. So geschlossen und +streng folgerichtig daher die Beweisführung, und so geistreich auch die +Analyse, so treffend vielfach Lassalles Kommentare -- gerade das, was er +mit dem ganzen Buch über das römische Erbrecht beweisen wollte, hat er +nicht bewiesen. Die römische Unsterblichkeitsidee ist nicht die +Grundlage, sondern die ideologische Umkleidung des römischen Testaments, +sie erklärt seine Formen, aber nicht seinen Inhalt. Dieser bleibt +bestehen, auch wenn der religiöse Hintergrund verschwindet. Und gerade +in den vielen Formen und Formalitäten, von denen die Römer die +Rechtsgültigkeit der Testamente abhängig machten, liegt unseres +Erachtens ein weiterer Beweis, daß das Testament nicht, wie Lassalle +meint, die frühere, sondern umgekehrt die spätere Einrichtung gewesen +ist und wahrscheinlich -- wie auch bei den Deutschen, nachdem diese das +römische Recht bereits angenommen hatten, -- lange Zeit die Ausnahme +bildete, während das Intestaterbe noch die Regel war. + +Wie steht es aber mit der Nutzanwendung, die Lassalle aus seiner Theorie +zieht, daß das Testament nur aus der römischen Unsterblichkeitsidee -- +der Fortdauer der Willenssubjektivität nach dem Tode -- zu begreifen +sei, daß es mit dieser „begrifflich” stehe und falle? Daß das moderne +Testamentsrecht, nachdem die römische Willensunsterblichkeit der +christlichen Idee der Geistesunsterblichkeit, der Unsterblichkeit des +nicht mehr auf die Außenwelt bezogenen, sondern des „in sich +zurückgezogenen Geistes” gewichen sei, nichts als ein großes +Mißverständnis, eine „kompakte theoretische Unmöglichkeit” sei? Dies +führt uns zurück auf den ersten Teil seines Werkes, zu dem der zweite, +trotz seiner Abgeschlossenheit, eben doch nur eine Art Anhang ist. + +Der erste Teil des „Systems der erworbenen Rechte” führt den +Untertitel „Die Theorie der erworbenen Rechte und der Kollision der +Gesetze”. Lassalle sucht darin einen rechtswissenschaftlichen +Grundsatz zu ermitteln, der ein für allemal die Grenze anzeigen soll, +unter welchen Umständen und wie weit Gesetze rückwirkende Kraft haben +dürfen, ohne gegen die Rechtsidee selbst zu verstoßen. Mit anderen +Worten, wann da, wo neues Gesetz oder Recht und altes Gesetz oder +Recht aufeinanderstoßen (kollidieren), das erstere und wann das +letztere entscheiden, wann ein Recht wirklich als „erworbenes” zu +respektieren, wann es ohne weiteres der Rückwirkung unterworfen sein +soll. + +Bei der Beantwortung dieser Frage macht sich der oben gerügte Fehler der +Lassalleschen Untersuchungsmethode weniger geltend, während alle ihre +Vorzüge: die Schärfe des begrifflichen Denkens, das Verständnis -- +innerhalb der bezeichneten Grenzen -- für das geschichtliche Moment, +verbunden mit revolutionärer Kühnheit in der Verfolgung eines Gedankens +bis in seine letzten Konsequenzen -- zu ihrer vollen Entfaltung +gelangen. So ist das Resultat denn auch ein viel befriedigenderes, als +bei der Untersuchung über das Wesen des römischen Erbrechts. Wie hoch +oder gering man immer die Erörterung solcher rechtsphilosophischen +Fragen veranschlagen mag, so wird sich kaum bestreiten lassen, daß +Lassalle die oben gestellte Frage in einer Weise löst, daß sowohl der +Jurist wie der Revolutionär dabei zu ihrem Rechte kommen. Und das ist +gewiß eine respektable Leistung. + +Lassalle stellt zunächst folgende zwei Sätze als Normen auf: + +a) „Kein Gesetz darf rückwirken, welches ein Individuum nur durch die +Vermittelung seiner Willensaktionen trifft.” + +b) „Jedes Gesetz darf rückwirken, welches das Individuum ohne +Dazwischenschiebung eines solchen freiwilligen Aktes trifft, welches das +Individuum also unmittelbar in seinen unwillkürlichen, allgemein +menschlichen oder natürlichen oder von der Gesellschaft ihm übertragenen +Qualitäten trifft, oder es nur dadurch trifft, daß es die Gesellschaft +selbst in ihren organischen Institutionen ändert.” + +Ein Gesetz z. B., welches die privatrechtlichen oder staatsbürgerlichen +Befugnisse der Angehörigen des Landes ändert, tritt sofort in Kraft, +läßt aber die Handlungen, welche die Individuen auf Grund der vorher +ihnen zustehenden Befugnisse getroffen haben, unberührt, auch wenn diese +Befugnisse selbst durch es aufgehoben werden. Wenn heute ein Gesetz das +zur Volljährigkeit erforderliche Alter vom 21. auf das 25. Jahr erhöht, +so verlieren alle Personen über 21 und unter 25 Jahren sofort die an die +Volljährigkeit geknüpfte Handlungsfähigkeit, die sie bisher besaßen, +denn sie besaßen sie nicht durch individuellen Willensakt. Aber auf die +Rechtsgeschäfte, die sie vor Erlaß des Gesetzes, gestützt auf die ihnen +bisher zuerkannte Volljährigkeit, abgeschlossen hatten, wirkt das neue +Gesetz nicht zurück. Nur das durch eignes Tun und Wollen, durch +individuelle Willensaktion der einzelnen verwirklichte Recht ist ein +erworbenes Recht. + +Aber selbst das durch individuelle Willenshandlung erworbene Recht ist +nicht unter allen Umständen der Rückwirkung entzogen. „Das Individuum +kann sich und andern nur insoweit und auf so lange Rechte sichern, +insoweit und solange die jederzeit bestehenden Gesetze diesen +Rechtsinhalt als einen erlaubten ansehen.” Jedem Vertrage sei „von +Anfang an die stillschweigende Klausel hinzuzudenken, als solle das +in demselben für sich oder andere stipulierte Recht nur auf so lange +Zeit Geltung haben, solange die Gesetzgebung ein solches Recht +überhaupt als zulässig betrachten wird”. „Die alleinige Quelle des +Rechts”, führt Lassalle aus, „ist das gemeinsame Bewußtsein des +ganzen Volks, der allgemeine Geist”. Durch Erwerbung eines Rechts +könne sich daher das Individuum „niemals der Einwirkung des +allgemeinen Rechtsbewußtseins entziehen wollen. Nur ein solches +Individuum würde diese Einwirkung wirklich von sich abhalten können, +welches, wenn dies denkbar wäre, nun und niemals ein Recht weder +erwerben noch ausüben und haben wollte.” „Es läßt sich vom +Individuum kein Pflock in den Rechtsboden schlagen und sich mittelst +desselben für selbstherrlich für alle Zeiten und gegen alle künftigen +zwingenden und prohibitiven Gesetze erklären.” Nichts andres als +„diese verlangte Selbstsouveränität des Individuums” liege in der +Forderung, daß „ein erworbenes Recht auch für solche Zeiten fortdauern +soll, wo prohibitive Gesetze seine Zulässigkeit ausschließen”. Wenn +also „der öffentliche Geist in seiner Fortentwicklung dazu gelangt +ist, den Fortbestand eines früheren Rechts, z. B. Leibeigenschaft, +Hörigkeit, Robotten, Bann- und Zwanggerechtigkeiten, Dienste und +Abgaben bestimmter Natur, Jagdrecht, Grundsteuerfreiheit, +fideikommissarische Erbfolge usw. von jetzt ab auszuschließen”, so +könne dabei „von irgendwelcher Kränkung erworbener Rechte ... gar +nicht die Rede sein”. So seien denn auch die Dekrete der berühmten +Nacht vom 4. August 1789, durch welche die französische +konstituierende Nationalversammlung alle aus der Feudalherrschaft +herfließenden Rechte aufhob, von „jeder Rechtsverletzung und +Rückwirkung” frei gewesen. Es gab da „nichts zu entschädigen”. Ein +Recht der Entschädigung, führt Lassalle treffend aus, auch da noch +anzunehmen, wo der Inhalt des aufgehobenen Rechts vom öffentlichen +Bewußtsein bereits prohibiert, d. h. als widerrechtlich bestimmt ist, +heiße „vermöge der Kraft der Logik gar nichts Geringeres, als +Klassen oder Individuen das Recht zusprechen, dem öffentlichen +Geiste einen Tribut für seine Fortentwicklung aufzuerlegen”. +Von einer Entschädigung könne nur da die Rede sein, wo nicht das +Rechtsverhältnis selbst, sondern nur bestimmte Arten der Befriedigung +aus demselben aufgehoben, nicht eine bestimmte Klasse von +Rechtsobjekten, sondern nur einzelne ihrer Exemplare aus der Sphäre +des Privatrechts in die des öffentlichen Rechts übergeführt werden. +Diesen Grundsatz haben, weist er nach, die französischen Versammlungen +nach 1789 durchgängig mit der „wahrhaften Logik des Begriffs” +innegehalten. Dagegen sei beispielsweise das preußische Gesetz vom +2. März 1850 über die Regulierung und Ablösung der gutsherrlichen +und bäuerlichen Verhältnisse in einer Reihe von Bestimmungen nichts +als eine widerrechtlich und wider das eigne Rechtsbewußtsein +verordnete Vermögensverletzung der ärmsten Klassen zugunsten der +adeligen Grundbesitzer, d. h. „logisch-konsequent” nichts als „ein +Raub”[15]. + +Dem bekannten konservativen Rechtslehrer Stahl, der geschrieben hatte, +keine Zeit sei berufen, Gericht zu halten über die Vergangenheit und die +aus derselben stammenden Rechte, je nach ihrem Urteil über die +Angemessenheit, anzuerkennen oder zu vernichten, -- erwidert Lassalle, +der Vordersatz sei sehr richtig, aber der Nachsatz sei sehr falsch. Was +aus dem ersteren folge, sei vielmehr, daß jede Zeit autonom sei, keine +Zeit unter der Herrschaft der anderen stehe, und also auch keine +„rechtlich verpflichtet sein könne, in ihr selbst noch fortwirken zu +lassen, was ihrem Rechtsbewußtsein widerspricht, und von ihr also von +jetzt ab als ein Dasein des Unrechts, statt des Rechts, angeschaut +würde”. Es sei aber durchaus nicht unbedingt erforderlich, führt er +weiterhin aus, daß ein Volk seine neue Rechtsidee, seinen neuen Willen, +in Worten -- durch den Mund der Volksvertretung etwa -- ausgedrückt +habe. „Denn zum Begriff des Rechts gehört nur, daß der Volksgeist einen +geistigen Inhalt als Gegenstand seines Willens in die Rechtssphäre, +d. h. die Wirklichkeit, gesetzt habe. Dies kann aber unter Umständen +nicht weniger bestimmt und energisch als durch Worte durch tatsächliche +Zertrümmerung eines Rechtszustandes geschehen, den ein Volk vornimmt.” +Diesen Grundsatz finde man schon bei den römischen Juristen, und die +französische Gesetzgebung während und nach der französischen Revolution +habe ihn von neuem bestätigt. Die Geschichte selbst habe dem Konvent +recht gegeben, die Geschichtsschreibung, auch die reaktionäre, es +ratifizieren müssen, wenn er die französische Revolution in ihren +rechtlichen Wirkungen vom 14. Juli 1789, dem Tage des Bastillesturms, +datierte. Und wieder exemplifiziert Lassalle auf analoge Vorgänge in +Preußen und weist nach, wie im Gegensatz zur französischen Jurisprudenz +das preußische Obertribunal sich in mehreren Erkenntnissen über das +durch die Märzrevolution von 1848 geschaffene und in der preußischen +Verfassung (selbst der oktroyierten) ausdrücklich anerkannte neue +Rechtsbewußtsein, daß „alle Preußen vor dem Gesetze gleich sind und +Standesvorrechte nicht stattfinden”, durch Wortkünste hinweggesetzt, +Standesvorrechte wiederhergestellt, kurz, sich als ein wahrer +„Reaktionskonvent” betätigt habe. Vier Jahre, nachdem das „System” +erschienen, bewies das genannte Tribunal in der famosen Interpretation +des Artikel 84 der preußischen Verfassung auch den „liberalen +Kalbsköpfen”, wie sehr es auf diesen, ihm von Lassalle verliehenen Titel +Anspruch hatte. + +Wir haben gesehen, erworbene Rechte müssen erstens durch individuelle +Willensaktion vermittelt und zweitens in Übereinstimmung sein mit dem +erkennbar zum Ausdruck gelangten Volksgeist. Das ist in kurzem die +Theorie der erworbenen Rechte. Wenn also der französische Konvent im +Gesetz vom 17. Nivose des Jahres II (6. Januar 1794) bestimmte, daß die +Vorschriften dieses Gesetzes, das die fideikommissarischen usw. +Erbschaften aufhob, auf alle Erbschaften Anwendung finden sollten, die +seit dem 14. Juli 1789 eröffnet worden, so verstieß er damit nach +Lassalle durchaus nicht gegen den Grundsatz der erworbenen Rechte. Im +Gegenteil durfte er mit vollem Recht am 22. Ventose desselben Jahres in +Beantwortung mehrerer Petitionen sich darauf berufen, daß das Gesetz +„nur die seit jenem Tage -- eben dem 14. Juli 1789 -- von einem großen +Volke, das seine Rechte wieder ergriff, proklamierten Prinzipien +entwickelt” habe, aber das Prinzip der Nichtrückwirkung nicht einmal +„auch nur in Frage stelle”, daß unstatthafte Rückwirkung jedoch dann +eintrete, wenn man diese Grenze überschritte, d. h. das Gesetz auch auf +die vor dem 14. Juli 1789 eröffneten Erbschaften ausdehnte. + +Es leuchtet hiernach ein, um damit zur Frage des Erbrechts +zurückzukehren, worauf Lassalle mit seinen Untersuchungen über römisches +und germanisches Erbrecht hinaus will. Das römische, auf Testamente und +Intestaterbfolge nicht der Familie, sondern der „Reihen, in welche die +Willensgemeinschaft sich gliedert”, beruhende Erbrecht war danach in Rom +„erworbenes Recht”, denn es entsprach dem römischen Volksgeist, der +„Substanz” des römischen Volkes, nämlich der Idee der Unsterblichkeit +des Willenssubjekts. Ebenso war das altgermanische Erbrecht -- +Intestatrecht der Familie -- erworbenes Recht, denn es entsprach einer +Idee des altgermanischen Volksgeistes, der auf der „sittlichen Identität +der Personen” beruhenden Familie, die „zu ihrer substantiellen +Grundlage die sich empfindende Einheit des Geistes oder die Liebe +hat”. Die Familie erbt, weil das Eigentum überhaupt nur +Familieneigentum ist. Die heutige Intestaterbfolge beruhe aber, +nachdem das Eigentum rein individuelles Eigentum geworden, „nicht mehr +auf der Familie als aus eigenem Recht erbender, auch nicht auf der +Familie als durch den präsumierten Willen des Toten berufen, sondern +auf der Familie als Staatsinstitution”, auf dem „die +Vermögenshinterlassenschaften regelnden allgemeinen Willen des +Staates”. Und das letztere sei auch der Fall mit dem Testamentrecht, +von dem wir jetzt gesehen haben, daß es heutzutage „eine kompakte +theoretische Unmöglichkeit” sei. Weder Intestaterbfolge noch +Testamentrecht sind heute Naturrechte, sondern „Regelung der +Hinterlassenschaft von Sozietäts wegen”. Und Lassalle schließt sein +Werk mit dem Hinweis auf Leibniz, der, trotzdem er das Testament nicht +in seinem vollen Sinne erkannt, doch den tiefen Satz ausgesprochen +habe: „Testamenta vero mero jure nullius essent momenti, nisi anima +esset immortalis” -- „Testamente aber wären mit vollem Recht durchaus +null und nichtig, wenn die Seele nicht unsterblich wäre.” + +Braucht es hiernach noch einer besonderen Erklärung, was Lassalle meint, +wenn er, gegen Hegels Beurteilung des Testaments polemisierend, in den +Satz ausbricht: „Und es wird sich vielleicht bald zeigen, daß sich aus +unseren objektiven Darstellungen zwar andere, aber noch radikalere +Folgerungen über das moderne Testamentsrecht von selbst ergeben?” Was +auf keinem Naturrecht beruht, sondern nur Staatsinstitution ist, können +der Staat oder die Sozietät auch jederzeit ändern, einschränken oder +ganz aufheben, wie es dem Bedürfnis der Sozietät angemessen erscheint. +Wenn daher G. Brandes und andere nach ihm im ganzen System der +erworbenen Rechte „nicht eine Zeile” gefunden haben, welche auf eine +Umsetzung der Lassalleschen Erbrechtstheorie in die Praxis hinweise, so +kann man ihnen aufrichtig beipflichten. Nicht eine Zeile, nein, das +ganze Werk ist es, das -- wie Lassalle sich ausdrücken würde -- nach +dieser Umsetzung schreit. + +Was anders kann Lassalle wohl gemeint haben, wenn er die Vorrede mit den +Worten beginnt, daß, wenn das vorliegende Werk seine Aufgabe wahrhaft +gelöst haben soll, es in seinem letzten Resultate nichts Geringeres sein +könne und dürfe, als „die rechtswissenschaftliche Herausringung des +unserer ganzen Zeitperiode zugrunde liegenden politisch-sozialen +Gedankens”? + +Hat Lassalle aber seine Aufgabe gelöst? + +Was seine Theorie der erworbenen Rechte anbetrifft, so scheint die ihr +zugrunde liegende Auffassung heut so ziemlich allgemein anerkannt zu +sein. Sehr gelungen ist ferner, von der Urgeschichte abgesehen, die +Darlegung, daß im allgemeinen „der kulturhistorische Gang aller +Rechtsgeschichte” darin bestehe, „immer mehr die Eigentumssphäre des +Privatindividuums zu beschränken, immer mehr Objekte außerhalb des +Privateigentums zu setzen”. Lassalle legte auf die Stelle, wo er dies in +sehr feiner Entwicklung ausführt, mit Recht den größten Wert. Sie ist +ein ganzes geschichtsphilosophisches Programm, ein Meisterwerk +begriffsscharfer Logik. + +Bedenklich dagegen steht es mit Lassalles Anwendung der Theorie, wenn +sein Beispiel vom Wesen des römischen und germanischen Erbrechts +maßgebend sein soll. Wir haben die Ursache der Schwäche dieses +Vergleichs bereits oben gekennzeichnet und brauchen daher hier nur zu +rekapitulieren. Lassalle leitet das Erbrecht aus dem spezifischen +Volksgeiste ab. Wenngleich nun ein intimer Zusammenhang zwischen +Erbsystem und Volksgeist nicht abgeleugnet werden soll, so ist dieser +Zusammenhang doch nicht der von letzter Ursache und Wirkung. Erbsystem +und Volksgeist stellen vielmehr zwei Wirkungen einer und derselben +tieferliegenden Ursache oder Gruppe von Ursachen an. Beide sind in +letzter Instanz das Produkt oder der Ausdruck der jeweiligen materiellen +Lebensbedingungen eines Volkes, wachsen aus diesen heraus und ändern +sich mit ihnen, d. h. das Erbrecht wird geändert, sobald es mit den +materiellen Lebensbedingungen eines Volkes unverträglich wird. +Dann entdeckt der „Volksgeist”, daß dieses Erbrecht seinem +Rechtsbewußtsein nicht mehr entspreche. Und so mit allen übrigen +Rechtseinrichtungen. Der „Volksgeist” erscheint nur als die letzte +Instanz, die über ihren Bestand entscheidet, tatsächlich ist er so +etwas wie Gerichtsvollzieher, die wirklich bestimmende Instanz sind +die materiellen Lebensbedingungen des Volkes, die Art, wie, und die +Verhältnisse, unter denen es die Gegenstände seines Bedarfs +produziert[16]. + +Wieso kam aber Lassalle zu einer so grundfalschen, die Irrtümer der +alten Juristen und Rechtsphilosophen noch überbietenden Theorie? Der +Fehler liegt daran, daß er zwar mit eiserner Konsequenz, aber zum desto +größeren Schaden für seine Untersuchung, von Anfang bis zu Ende in der +Sphäre des juristischen und philosophischen „Begriffs” bleibt. Aus der +„begrifflichen” Ableitung sollen sich die Dinge erklären, die +„begriffliche” Ableitung die Gesetze ihrer Entwicklung bloßlegen. Die +Dinge aber richten sich nicht nach den Begriffen, sie haben ihre +eigenen Entwicklungsgesetze. + +Unzweifelhaft war Lassalle ein sehr tüchtiger Jurist. Er brachte von +Hause aus außergewöhnliche Anlagen dazu mit, und der jahrelange Kampf +mit den Gerichten in der Hatzfeldt-Affäre hatte diese Eigenschaft noch +stärker in ihm entwickelt. Wo es gilt, ein Gesetz zu zergliedern, einen +Rechtsgrundsatz bis in die geheimsten Tiefen seines Begriffs zu +verfolgen, da ist er in seinem Fahrwasser, da leistet er wahrhaft +Glänzendes. Aber seine starke Seite ist zugleich auch seine Schwäche. +Die juristische Seite überwuchert bei ihm. Und so sieht er auch die +sozialen Probleme vorwiegend mit den Augen des Juristen an. Das zeigt +sich schon hier im „System der erworbenen Rechte”, es bildet die +Schwäche dieses Werkes, es sollte sich aber auch später in seiner +sozialistischen Agitation zeigen. + +Das „System usw.” sollte laut Vorrede zugleich eine Kritik der +Hegelschen Rechtsphilosophie sein. Es kritisiert sie aber nur in +Nebenpunkten, macht nur einen halben Schritt vorwärts, bleibt dagegen +in der Hauptsache auf demselben Standpunkt stehen, wie diese. Das ist +um so merkwürdiger, als der Schritt, der geschehen mußte, um die +Kritik zu einer wirklich den Kernpunkt treffenden zu gestalten, längst +angegeben war, und zwar in Schriften, die Lassalle sämtlich kannte. +1844 hatte Karl Marx in den deutsch-französischen Jahrbüchern in einem +Aufsatz, der obendrein den Titel führt: „Zur Kritik der Hegelschen +Rechtsphilosophie”, auf ihn hingewiesen, 1846 in der Schrift „La +misère de la philosophie” ihn deutlich vorgezeichnet, 1847 hatten Marx +und Engels im „Kommunistischen Manifest” das Beispiel seiner Anwendung +geliefert, und endlich hatte Karl Marx in der Vorrede zu seiner 1859 +erschienenen Schrift „Zur Kritik der politischen Ökonomie” unter +ausdrücklichem Hinweis auf den ersterwähnten Aufsatz, geschrieben: +„Meine Untersuchung” -- zu der jener Aufsatz nur die Einleitung +bildete -- „mündete in dem Ergebnis, daß Rechtsverhältnisse wie +Staatsformen weder aus sich selbst zu begreifen sind, noch aus der +sogenannten allgemeinen Entwicklung des menschlichen Geistes, sondern +vielmehr in den materiellen Lebensverhältnissen wurzeln ... Es ist +nicht das Bewußtsein der Menschen, das ihr Sein, sondern umgekehrt ihr +gesellschaftliches Sein, das ihr Bewußtsein bestimmt.” Und obgleich +Lassalle dieses Buch schon kannte, als er noch am „System” arbeitete, +obwohl er sich Marx gegenüber in den begeistertesten Ausdrücken über +es äußerte[17], findet sich in seinem Werk auch nicht eine Zeile, die +im Sinne des Vorstehenden zu deuten wäre. Soll damit ein Vorwurf +gegen Lassalle ausgesprochen werden? Das wäre im höchsten Grade +abgeschmackt. Wir führen es an zur Kritik seines Standpunktes, +seiner Auffassungsweise. Diese war zu jener Zeit noch die +ideologisch-juristische. Das zeigte sich auch in der brieflichen +Auseinandersetzung mit Marx über die im „System der erworbenen Rechte” +aufgestellten Theorien des Erbrechts. + +Es liegt nach dem Obigen auf der Hand, daß sich Marx sofort gegen diese +auflehnen mußte, denn sie standen mit seinem theoretischen Standpunkt im +direkten Widerspruch. Was er Lassalle entgegenhielt, ist aus dessen +Briefen nur unvollkommen zu ersehen, aber so viel geht aus ihnen hervor, +daß die, übrigens nicht lange, brieflich geführte Debatte sich im +wesentlichen um die Lassallesche Behauptung drehte, daß das Testament +nur aus der römischen Mythologie, der römischen Unsterblichkeitsidee, zu +begreifen sei, und daß die ökonomische Bourgeoisentwicklung niemals für +sich allein das Testament habe entwickeln können, wenn sie es nicht +schon im römischen Recht vorgefunden hätte. Und es ist ganz +charakteristisch zu sehen, wie auf Fragen von Marx, die sich auf die +ökonomische Entwicklung beziehen, Lassalle schließlich immer wieder mit +juristisch-ideologischen Wendungen antwortet. Die grundsätzliche +Verschiedenheit der theoretischen Ausgangspunkte beider Denker kommt in +dieser Korrespondenz, auf die wir hier nicht weiter eingehen können, zum +sprechendsten Ausdruck. + +Um es jedoch noch einmal zu wiederholen, trotz des falschen +geschichtstheoretischen Standpunktes bleibt das „System der erworbenen +Rechte” eine sehr bedeutende Leistung und eine, selbst für denjenigen, +der Lassalles theoretischen Standpunkt nicht teilt, höchst anregende und +genußreiche Lektüre. + + +Fußnoten: + + [10] Unter Naturrecht oder Vernunftrecht versteht man die Gesamtheit + derjenigen Rechtsgrundsätze, die durch die philosophische + Untersuchung vom Begriff und Wesen des Rechts und der + Rechtsverhältnisse gewonnen werden und als den Menschen sozusagen + angeborenes, ihr natürliches Recht gelten sollen. Es werden daher + vielfach Rechtsphilosophie und Naturrecht als Gleiches bezeichnende + Begriffe gebraucht. + + [11] Vgl. Fr. Engels, „Der Ursprung der Familie, des Privateigentums + und des Staats. Im Anschluß an Lewis H. Morgans Forschungen”. 1. + Aufl. S. 93. + + [12] Um das Jahr 450 v. Chr. + + [13] Neuere Untersuchungen haben festgestellt, daß das Aufkommen des + Ahnenkultus bei allen Völkern mit dem Übergang vom Mutterrecht zum + Vaterrecht zusammentrifft. + + [14] Übrigens brauchen auch die Römer das Wort familia nicht bloß + zur Bezeichnung der einzelnen, unter einem Oberhaupt stehenden + Hausgenossenschaft, sondern bereits ebenfalls für den mehr oder + minder gelockerten Geschlechtsverband. In einer Stelle des römischen + Juristen Ulpian, die Lassalle zitiert, wird ausdrücklich zwischen + der „familia” im engeren Sinne (jure proprio) und der familia im + weiteren Sinne (communi jure) unterschieden, zu welch letzterer alle + diejenigen gehören „... die aus demselben Haus und derselben gens + hervorgegangen sind.” Für Lassalle ist die betreffende Stelle ein + weiterer Beweis, daß das römische Intestaterbe -- kein Familienerbe + gewesen sei. „Denn,” sagt er u. a., „man wird doch ... das Erbrecht + der Gentilen nicht als ein ‚Familienrecht’ ausgeben wollen!” + + [15] Auch gegen die Art, wie in Preußen bei der Aufhebung von + Grundsteuerfreiheiten usw. Entschädigungen von der Volksvertretung + erpreßt wurden, sagt Lassalle manches kräftige Wort. „Wenn eine + Staatsregierung”, schreibt er mit Bezug auf einen, 1859 von der + preußischen Regierung eingebrachten und solche Entschädigungen + stipulierenden Entwurf -- „die unbegreifliche Schwäche hat, einen + solchen Vorschlag zu machen, so verzichtet sie dabei grundsätzlich + auf das Souveränitätsrecht des Staates, und wenn eine Kammer + pflichtvergessen genug sein könnte, aus Rücksicht auf diese + Schwäche auf einen solchen Vorschlag einzugehen, so würde sie + wenigstens weit logischer handeln, gleich geradezu die Hörigkeit + des Volkes von den adeligen Grundbesitzern neu zu proklamiren.” Was + hätte er wohl gesagt, wenn ihm jemand erwidert hätte, noch nach + dreißig Jahren werden in Preußen solche „Schwächen” und solche + „Pflichtvergessenheit” berechtigte nationale Institutionen sein! + Freilich, Lassalle war damals noch naiv genug, zu schreiben, daß, + als in England die Kornzölle aufgehoben wurden, die Tories nicht die + „Schamlosigkeit” gehabt haben, „sich aus ihren jetzt unspekulativ + gewordenen Güterankäufen ein Ersatzrecht gegen den öffentlichen + Geist zu drehen!” Hätte er dreißig Jahre länger gelebt, so würde er + erfahren haben, daß was den Tories 1846 fehlte, weiter nichts war, + als das richtige „praktische Christentum”. + + Aber welche Ironie der Geschichte, daß die Aufgabe, die Neuauflage + des „Systems der erworbenen Rechte” zu besorgen, gerade Lothar + Bucher zufallen mußte. Bucher schrieb 1880 im Vorwort zur zweiten + Ausgabe, nur seine Berufstätigkeit habe ihn verhindert, den + Nachweis zu versuchen, wie das „System in den Gesetzberatungen der + letztverflossenen zehn Jahre hätte benutzt oder erprobt werden + können”. Tatsächlich schlagen die meisten der dafür in Betracht + kommenden Gesetze der Ära Bismarck dem Geist dieses Buches direkt ins + Gesicht. + + [16] Man muß sich freilich das Verhältnis nicht gar zu mechanisch + vorstellen. Nach dem Gesetz der Wechselwirkungen können die + religiösen, Rechts- usw. Anschauungen, kurz das, was man unter dem + Begriff des Volksgeistes zusammenfaßt, ihrerseits wiederum einen + großen Einfluß auf die Gestaltung der Produktionsverhältnisse + ausüben, innerhalb gewisser Grenzen z. B. ihre Fortentwicklung + hindern oder verlangsamen. Schließlich sind es doch immer die + Menschen, die ihre eigene Geschichte machen. Aber es handelt sich + hier um die letzten Ursachen, die der geschichtlichen Entwicklung + zugrunde liegen. + + [17] In einem Briefe vom 11. September 1860 nennt er es „ein + Meisterwerk”, das ihn „zur höchsten Bewunderung hingerissen” habe. + + + + +Der preußische Verfassungskonflikt, die Verfassungsreden und das +Arbeiterprogramm. + + +Lassalle trug sich in den Jahren 1860 und 1861 sehr stark mit der Idee, +in Berlin ein demokratisches Blatt im großen Stil zu gründen. Wie er +über die liberale Presse dachte, haben wir oben gesehen, und ebenso, wie +er danach dürstete, unmittelbar auf die Entwicklung der Dinge in +Deutschland einwirken zu können. Da beim Ableben Friedrich Wilhelms IV. +eine allgemeine Amnestie in Aussicht stand, so wandte sich Lassalle +daher an Marx mit der Frage, ob er und Engels in diesem Falle geneigt +wären, nach Deutschland zurückzukehren und mit ihm gemeinsam ein solches +Blatt herauszugeben. „In meinem vorletzten Brief”, schreibt er unterm +11. März an Marx, „fragte ich an: ob Ihr denn, wenn der König stürbe +und Amnestie einträte, zurückkommen würdet, hier ein Blatt +herauszugeben? Antworte doch darauf. Ich trage mich nämlich für +diesen Fall mit der freilich noch sehr unbestimmten, weitaussehenden +Hoffnung, dann mit Euch (hier in Berlin) ein großes Blatt +herauszugeben. Würdet Ihr also in solchem Falle geneigt sein, +herzukommen? Und wieviel Kapital wäre zu einem großen Blatte +erforderlich? Würde es hinreichen, wenn man etwa 10000 Taler dazu +aufbringen könnte? Oder wieviel? Es wäre mir lieb, wenn Du mir +darüber schriebst, denn ich denke gern an dies château en Espagne!” +In den folgenden Briefen kommt er wiederholt auf die Idee zurück, und +am 19. Januar 1861, als der Thronwechsel in Preußen in der Tat eine +Amnestie herbeigeführt hatte, schreibt er dringender: „Noch einmal +stelle ich Dir die Frage: 1. wieviel Kapital ist nötig, um hier ein +Blatt zu stiften? 2. Wer von den ehemaligen Redakteuren der „Neuen +Rheinischen Zeitung” würde eventuell zu solchem Zweck hierher +zurückkehren?” + +Obwohl Marx einer Einladung Lassalles folgte und ihn im Frühjahr 1861 in +Berlin besuchte, zerschlug sich der Plan. Erstens stellte Lassalle die +ganz merkwürdige Bedingung, er solle in der Redaktion eine Stimme haben +und Marx und Engels zusammen auch nur eine, denn sonst sei er ja „stets +in der Minorität”! Dann aber legte die preußische Regierung die +Amnestie so aus, daß diejenigen politischen Flüchtlinge, die durch +mehr als zehnjährigen Aufenthalt im Auslande ihrer Zugehörigkeit zum +preußischen Staatsverband verlustig gegangen seien, sie keineswegs +ohne weiteres wieder erhalten, sondern ihre dahingehenden Anträge +genau so behandelt werden sollten, wie die Naturalisationsgesuche von +Ausländern überhaupt. Das heißt, da das erstere für die meisten +Flüchtlinge zutraf, daß es von dem Belieben der Regierung abhängen +sollte, jeden davon wieder „abschieben” zu können, dessen Rückkehr +ihr „unbequem” war. Ein von Lassalle für Marx eingereichtes +Naturalisationsgesuch wurde denn auch richtig in allen Instanzen +abgelehnt, da, wie es in einem vom 11. November 1861 datierten +Bescheid des -- liberalen -- Ministers Schwerin an Lassalle hieß, +„zur Zeit wenigstens durchaus keine besonderen Gründe vorhanden sind, +welche für die Erteilung der Naturalisation an den p. Marx sprechen +könnten”. Damit war natürlich jeder Gedanke an eine Übersiedelung von +Marx nach Berlin ausgeschlossen. + +Im Spätsommer 1861 machte Lassalle zusammen mit der Gräfin Hatzfeldt +eine Reise nach Italien, die, wie er an Marx schreibt, „sehr +instruktiv” für ihn gewesen sei. Sein Aufenthalt bei Garibaldi auf +Caprera sei sehr interessant gewesen, auch habe er „fast alle +leitenden Persönlichkeiten” in den verschiedenen Städten, die er +besichtigt, kennengelernt. Wie Bernhard Becker in seiner Schrift +„Enthüllungen über das tragische Lebensende Ferdinand Lassalles” +zuerst bekannt gegeben hat und unter anderem durch Marx' Brief an Fr. +Engels vom 30. Juli 1862 bestätigt wird, hat Lassalle bei jenem +Besuch Garibaldi zu einem militärischen Unternehmen in großem Stil +gegen Österreich zu überreden gesucht und den Plan dann in London +auch Mazzini vorgelegt. Garibaldi sollte sich danach in Neapel zum +Diktator aufwerfen, eine große Armee bilden und mit dieser über +Padua noch weiter vordringen, während zugleich ein an die adriatische +Küste geworfenes detachiertes Korps nach Ungarn vorrücken und die +Ungarn insurgieren sollte. Ein Plan, der namentlich deshalb +interessant ist, weil er zeigt, wie leicht sich Lassalle zu jener +Zeit die Schaffung einer revolutionären Situation vorstellte, die +unter anderm die erstrebte Lösung der deutschen Frage bringen sollte. +Zu erwähnen ist noch, daß Marx Lassalle für diese Reise nach Italien +einen Empfehlungsbrief an den deutschen Sozialisten und Freischärler +Johann Philipp Becker gegeben hatte, ungünstige, aber zweifelsohne +auf Klatsch beruhende Angaben einiger Italiener über Becker Lassalle +jedoch bewogen, jenem aus dem Wege zu gehen. „Die meisten kennen ihn +gar nicht” -- schreibt er über Becker an Marx zu seiner +„Information” -- „die, die ihn kennen, halten ihn für einen Blagueur +und Bummelfritz, für einen Humbug ... Gut steht er nur mit Türr, der +eine entschieden napoleonische Kreatur ist, und dem er auf der Tasche +liegt.” Infolgedessen habe er, Lassalle, beschlossen, von Marx' +Empfehlungsbrief keinen Gebrauch zu machen. „Du weißt, wie oft wir in +die Lage kommen, im Ausland uns vor nichts mehr zu hüten als vor +unseren Landsleuten.” Nun, der wackere Jean Philipp war doch +jedenfalls nicht der erste beste hergelaufene Großsprecher, sondern +hatte wiederholt für die Sache der Freiheit seinen Mann gestanden, +auf eine Zusammenkunft mit ihm hätte es Lassalle also schon ankommen +lassen können. Als er später den „Allgemeinen deutschen +Arbeiter-Verein” ins Leben rief, wußte er auch Beckers Adresse zu +finden[18] und stellte diesem gegenüber, der auf irgendeine Weise +erfahren hatte, welche Redereien über ihn im Umlauf seien, die Sache +so dar, als habe Marx aus einer Mücke einen Elefanten gemacht und +einer harmlosen gelegentlichen Äußerung über Beckers Verkehr mit Türr +eine so schlimme Deutung gegeben. + +Erst im Januar 1862 kehrte Lassalle nach Berlin zurück. Er fand die +politische Situation wesentlich verändert vor. Der Gegensatz zwischen +dem König von Preußen und dem liberalen Bürgertum hatte sich zum +offenen Konflikt verschärft; bei den Neuwahlen zur Kammer Anfang +Dezember 1861 war die schwachmütige konstitutionelle Partei durch die, +eine etwas schärfere Tonart anschlagende Fortschrittspartei verdrängt +worden. Diese hatte sich im Sommer desselben Jahres aus der bis dahin +eine kleine Minderheit in der Kammer ausmachenden Fraktion +„Jung-Litauen” entwickelt oder vielmehr um sie geschart. Aber die +Fortschrittspartei war keineswegs eine homogene Partei. Sie bestand +aus den verschiedenartigsten Elementen, liberalisierende +Großbourgeois saßen in ihr neben kleinbürgerlichen Demokraten, +ehemalige Republikaner mit verschwommenen sozialistischen Tendenzen +neben Männern, die beinahe noch königlicher waren als der König +selbst. In seinem Hohenzollernschen Eigensinn hatte es Wilhelm I. eben +mit allen verdorben; nur die Partei der Junker und Mucker und die +eigentliche Bureaukratie mit ihrem Anhang hielten zur Regierung. Die +Fortschrittspartei verfügte über die große Mehrheit der Kammer und +über fast die ganze öffentliche Meinung im Lande. Selbst Leute, die +das innere Wesen dieser Partei durchschauten und zu radikale Ansichten +hegten, um sich ihr anschließen zu können, hielten es für gut, ihr +zunächst nicht entgegenzutreten, sondern abzuwarten, wie sie ihren +Kampf mit der preußischen Regierung zu Ende führen werde. + +Lassalle war mit denjenigen Männern, die den Mittelpunkt der +Fortschrittspartei in Berlin bildeten, schon seit einiger Zeit +zerfallen. Anfangs 1860 hatte er noch mit großer Emphase in einem +Brief an Marx für die kleinbürgerlich-demokratische Berliner +„Volkszeitung” eine Lanze eingelegt, sie ein Blatt genannt, das, +„wenn auch häufig mit viel weniger Mut, als erforderlich ist, und mit +viel weniger Konsequenz, als es sich trotz der Preßfesseln zur +Pflicht machen sollte, doch immerhin den demokratischen Standpunkt im +allgemeinen durch alle die Jahre hindurch verteidigt hat und weiter +verteidigt”, und hatte jede andere Politik, als die 1848 von der +„Neuen Rheinischen Zeitung” gegenüber den „blau-revolutionären” +Blättern und Parteien eingenommene für „ebenso theoretisch falsch wie +praktisch verderblich” erklärt. „Wir müssen”, schrieb er, „in +bezug auf die vulgär-demokratischen Parteien und ihre verschiedenen +Nüancen ebensosehr die Identität, als den Unterschied unsres +sozial-revolutionären Standpunktes mit ihnen festhalten. Bloß den +Unterschied herauskehren -- wird Zeit sein, wenn sie gesiegt haben.” +Sollte die Partei in London dagegen sich zu dem Standpunkt entwickelt +haben, alle bloß blau-revolutionären Blätter und Parteien den +reaktionären gleichzustellen, dann „erkläre ich entschieden, daß ich +diese Wandlung nicht mitmachen, sie vielmehr überall à outrance +bekämpfen werde”. Im Brief vom 19. Januar 1861 teilt er jedoch Marx +mit, daß er die Weigerung der „Volkszeitung”, eine längere Einsendung +von ihm gegen die „Nationalzeitung” abzudrucken, als Anlaß benutzt +habe, um mit ihrem Herausgeber, Franz Duncker, zu brechen. „Umgang +meine ich, denn andres bestand überhaupt nicht. Ich benutze den +Anlaß, sage ich. Denn es ist mir eine erwünschte Gelegenheit noch +mehr als ein Grund. Es ist schon lange dahin gekommen mit ihm, daß +ich diese Notwendigkeit einsah; es ist mit diesem mattherzigen +Gesindel gar kein Verhältnis möglich, und so werde ich denn dies +benutzen, um alle Beziehungen zu ihm, was ich ohne meine natürliche +Gutmütigkeit schon lange getan, aufzuheben.” In der vom 27. März +1861 datierten Vorrede zum „System der erworbenen Rechte” finden wir +denn auch schon einen an jener Stelle sogar ziemlich unvermittelten +Angriff auf die „Wortführer der liberalen Bourgeoisie”, die den +Begriff des Politischen in einer „geistlosen Verflachung und +Oberflächlichkeit”, in einer „Isoliertheit” fassen, die sie zwingt, +„sich an bloße Worte hinzuverlieren, und auf Worten mit Worten und +für Worte zu kämpfen”. Indes blieb Lassalle doch mit andern +Fortschrittlern und Nationalvereinlern in Verkehr, und in Berlin +selbst hatte der Bruch mit Duncker vorerst nur die Folge, daß +politisch noch zweideutigere Gestalten Lassalles Umgang bildeten. +Abgesehen von einigen wirklichen Gelehrten, durften ganz gewöhnliche +Salonlöwen, wie der Baron Korff, Meyerbeers Schwiegersohn, oder +radikaltuende Künstler, wie Hans von Bülow usw., sich der intimen +Freundschaft Lassalles rühmen[19]. In der Rechtfertigungsschrift der +Frau Helene von Racowitza wird von der Schreiberin, zwar +unabsichtlich aber desto eindrucksvoller, die sehr gemischte und zum +Teil ziemlich angefaulte Gesellschaft geschildert, in der sich +Lassalle bewegte, als sie seine Bekanntschaft machte (Anfang 1862). +Vom Rechtsanwalt Hiersemenzel, in dessen Haus die erste Zusammenkunft +zwischen Helene und Lassalle stattfand, und dessen „reizende +blondlockige Frau” jener Lassalle als „einen der intimsten Freunde +ihres Mannes” bezeichnete, schreibt Lassalle selbst wenige Monate +darauf -- am 9. Juni 1862 -- an Marx: „Beiläufig, mit dem ganz +gemeinen Hecht Hiersemenzel habe ich for ever gebrochen” und fügt +recht bezeichnend hinzu: „Glaube etwa nicht, daß seine Frau die +Veranlassung davon bildet.” + +Dauerhafter erwies sich die Freundschaft Lassalles mit Lothar Bucher, +der nach Erlaß der Amnestie nach Deutschland zurückgekehrt war und sich +in Berlin niedergelassen hatte. Bucher war freilich kein Hecht, sondern +gehörte einer zahmeren zoologischen Gruppe an. + +Verschiedene Briefe von und an Lassalle aus jener Zeit bestätigen, daß +dieser aus Italien mit ziemlich abenteuerlichen Plänen heimgekehrt war, +die an seinen Garibaldi vorgeschlagenen Revolutionsplan anknüpften. +Einer der interessantesten davon ist der Brief Lothar Buchers vom 19. +Januar 1862. Bucher, dem es damals herzlich schlecht ging und den +Lassalle, wie er unterm 9. Februar 1862 an W. Rüstow schrieb, „in +langen, mit rasender geistiger Anstrengung verbundenen Unterredungen” +für seine Ideen zu gewinnen versucht hatte, nimmt in jenem Brief auf +eine am Abend vorher geführte Debatte mit Lassalle Bezug und führt aus, +daß er es zwar für möglich halte, die bestehende Ordnung -- „oder +Unordnung” -- der Dinge in Deutschland niederzuwerfen, aber noch nicht, +sie niederzuhalten; mit andern Worten, daß die Zeit für eine +sozialistische Revolution noch nicht reif sei. „Bedenken Sie dazu noch +eins: daß jede sozialistische Bewegung in Frankreich auf lange Zeit +hinaus mit dem Kot und Gift des Bonapartismus versetzt sein und bei uns +eine Menge gesunder und reiner Elemente gegen eine ähnliche Bewegung +wachrufen würde.” Auf die Frage, was denn also geschehen solle, habe er +nur „die lahme Antwort Machiavellis”: Politik ist die Wahl unter +Übeln. „Ein Sieg des Militärs” -- d. h. der preußischen Regierung!! +-- wäre „ein Übel”, aber „ein Sieg des heutigen Österreich wäre +kein Sieg des reaktionären Prinzips”. Dafür stelle er Lassalle als +Zeugen die „Berliner Revue” usw. usw. Diese als Einwand gegen +Lassalle vorgebrachten Darlegungen lassen nur den Schluß zu, daß +Lassalle eine Revolution erzwingen zu können glaubte und im Hinblick +hierauf Österreich für den Vorstoß ausersehen hatte. Damit war der +obenerwähnte Versuch, Garibaldi zu einem Freischarenzug nach Wien zu +gewinnen, hinlänglich erklärt. Fraglich ist nur, wie Lassalle, der +für gewöhnlich in politischen Dingen ein sehr nüchterner Rechner war, +zu einem so abenteuerlichen Plan kommen konnte. Ob er von +französischen, ungarischen oder italienischen Revolutionären angeregt +worden war, die Lassalle auf seiner Reise nach und durch Italien +kennengelernt, muß dahingestellt bleiben. Da Wilhelm Rüstow um ihn +wußte und, wie Lassalle Marx erzählte, ihn gebilligt habe, mag er +auch auf Anregungen dieses etwas phantasiereichen Militärs +zurückzuführen sein. Es ist schwer zu glauben, daß er Lassalles +eignem Kopf entsprungen war, so sehr er mit gewissen Ideen Lassalles +übereinstimmte. + +Jedenfalls überzeugte sich Lassalle daheim, daß zu einer Revolution in +Deutschland vor allem noch die deutschen Revolutionäre fehlten. Indes +war die Situation doch zu bewegt, um die zu einer Rückkehr zum +Studiertisch nötige Ruhe in ihm aufkommen zu lassen. Statt alsbald an +die große national-ökonomische Arbeit zu gehen, die er sich vorgenommen, +verschob er sie immer wieder, um sich den Fragen des Tages zu widmen, +was bei dem täglich lebhafter pulsierenden öffentlichen Leben übrigens +nur durchaus erklärlich war. + +Die erste Leistung, mit der er zunächst an die Öffentlichkeit trat, war +das gemeinsam mit Bucher verfaßte Pamphlet „Julian Schmidt, der +Literarhistoriker”. Obwohl die Schrift formell Kritik einer von Schmidt +zusammengeschriebenen „Geschichte der deutschen Literatur” ist, zeigt +das Vorwort, daß mit ihr die liberale Presse überhaupt getroffen werden +sollte. Und auch die liberale Partei. Da Schmidt deren Programm +mitunterschrieben hatte und eifrig verfocht, sollte „Julian der +Grabowite” füglich der Ausdruck werden können, „welcher den geistigen +Höhepunkt dieser Partei kennzeichnet”. Eine etwas übertriebene Logik, +wie es überhaupt in der Schrift an Übertreibungen nicht fehlt. Auch war +der Zeitpunkt für sie nicht sehr günstig gewählt, da gerade in jenen +Tagen die Regierung das Abgeordnetenhaus aufgelöst und Wilhelm I. ein +Reskript gegen die fortschrittlich-liberale Presse erlassen hatte. War +nun auch die Fraktion Grabow -- die altliberale Partei -- nicht mit der +Fortschrittspartei identisch, sondern noch ein gutes Teil mehr als diese +zu Kompromissen geneigt, so machte sie doch in der Verfassungsfrage +gemeinsame Sache mit ihr, so daß der Hieb sie in einem Augenblick traf, +wo sie zufällig sich besser zeigte, als sonst. Im ganzen aber war die +Julian Schmidt applizierte Lektion eine wohlverdiente, die scharfe +Geißelung der bei ihm oft in „gespreizter Bildungssprache” sich +wichtig machenden Oberflächlichkeit durchaus berechtigt. +Lassalle-Bucher verteidigen mit Witz und Schärfe die größten +Denker und Dichter Deutschlands gegen die oft fälschende und +tendenziös-gehässige Schmidtsche Überkritik. Wo „der Setzer” das +Wort nimmt, ist es immer Lassalle, der spricht, während Lothar Bucher +als „das Setzerweib” vorgeführt wird. + +Eine Einladung, die er im Frühjahr 1862 erhielt, in einem Berliner +liberalen Bezirksverein einen Vortrag zu halten, gab Lassalle erwünschte +Gelegenheit -- da es ihm in der Presse nicht möglich war --, den Führern +der Fortschrittspartei vor ihren eignen Leuten mündlich +gegenüberzutreten. Als Thema wählte er die Frage des Tages: den +ausgebrochenen Verfassungskonflikt. Aber mit geschickter Berechnung +hielt er sich in dem ersten Vortrag, den er „Über Verfassungswesen” +betitelte, noch absolut auf dem Boden akademischer Darlegung. Er +entwickelt seinen prinzipiellen Standpunkt, ohne die sich aus ihm +ergebenden Folgerungen selbst darzulegen. Verfassungsfragen sind +Machtfragen, eine Verfassung hat nur dann und so lange gesicherten +Bestand, als sie der Ausdruck der realen Machtverhältnisse ist; ein Volk +besitzt nur dann in der Verfassung einen Schutz gegen Willkür der +Regierenden, wenn es in der Lage und gewillt ist, im gegebenen Fall auch +ohne die Verfassung sich gegen sie zu schützen. Es sei daher der größte +Fehler gewesen, daß man 1848, anstatt zuerst die realen Machtfaktoren zu +ändern und vor allen Dingen das Heer aus einem königlichen in ein +Volksheer zu verwandeln, die Zeit mit dem Ausarbeiten einer Verfassung +so lange vertrödelte, bis die Gegenrevolution Kraft genug geschöpft +hatte, die Nationalversammlung auseinanderzujagen. Wenn das Volk wieder +einmal in die Lage komme, eine Verfassung zu machen, möge man diese +Erfahrung daher beherzigen. Die von der Regierung eingebrachten +Heeresvorlagen seien ebenfalls aus diesem Gesichtspunkt zu beurteilen -- +d. h. als dem Bestreben entsprungen, die tatsächlichen Verhältnisse +weiter zugunsten der Regierung umzugestalten. „Das Fürstentum, meine +Herren,” heißt es am Schluß, „hat praktische Diener, nicht +Schönredner, aber praktische Diener, wie sie Ihnen zu wünschen +wären.” + +Der Grundgedanke, von dem Lassalle hier ausgeht, ist unbestreitbar +richtig. Auch die meisten Fortschrittler sahen das wohl ein. Wenn sie +trotzdem einen andern Standpunkt fingierten, so taten sie dies, weil die +Übersetzung des ersteren in die Praxis einfach die Revolution hieß, die +Partei aber -- ein Teil der Führer überhaupt nur, der andere jedenfalls +zunächst -- den Kampf auf parlamentarischem Boden zu führen wünschte. +Man brauchte aber auch keineswegs ein so geschworener Gegner der +Revolution zu sein, als wie Lassalle die Fortschrittler -- und im großen +und ganzen auch durchaus mit Recht -- damals hinstellte, um den +Zeitpunkt für eine solche als noch nicht gekommen zu erachten. Auch +Lassalles Freund Bucher war ja, wie wir gesehen haben, trotz der vielen +Gründe, die er hatte, die bestehende Ordnung der Dinge zu hassen, +dieser Ansicht. Für den parlamentarischen Kampf bot jedoch die Fiktion, +daß man für die bestehende Verfassung gegen die Regierung, die diese +verletzte, für das „Recht” gegen die Macht kämpfte, eine viel +günstigere, oder sagen wir lieber, bequemere Position, als die offene +Proklamierung des Kampfes um die Macht selbst. Die materiellen +Machtmittel hatte die Regierung in der Hand, darum wollte man sich +wenigstens alle moralischen sichern. + +Obwohl Lassalle in seinem Vortrage nichts gesagt hatte, was nicht jeder +Fortschrittler -- ja, jeder vernünftige Mensch überhaupt unterschreiben +konnte, war er daher doch den Führern der Fortschrittspartei höchst +unangenehm, während die Regierungs- und Reaktionspartei sich die Hände +rieb. Ganz offen bejubelte ihn die „Kreuz-Zeitung”, das Organ der +Junker und Mucker. Nicht nur, daß es ihr überhaupt angenehm war, wenn +der Konflikt ins Herz des Feindes getragen wurde, lag ihr auch +deshalb daran, die Verfassungsfrage als eine reine Machtfrage +zwischen Königtum und Volksvertretung dargestellt zu sehen, weil +dadurch ihre Position als einzig zuverlässige Stütze des Thrones eine +um so befestigtere wurde. Man muß nicht vergessen, daß die +„Neue Ära” Wilhelms I. nebenbei ein Versuch gewesen war, den Thron +der Hohenzollern von der allzu lästig gewordenen Vormundschaft der +ostelbischen Junker und der Bureaukratie zu emanzipieren. Gegenüber +dem Programm, wie es Lassalle formulierte, mußte diese dagegen dem +König als das unbedingt kleinere Übel erscheinen. + +Lassalle ließ den Vortrag, den er noch in drei weiteren +fortschrittlichen Versammlungen gehalten hat -- ein Beweis, daß die +fortschrittliche Wählerschaft nichts Bedenkliches an ihm fand -- „auf +mehrfaches Andringen” in Druck erscheinen. Inzwischen hatten die +Neuwahlen zum Landtage einen eklatanten Sieg der Fortschrittspartei über +die Regierung gebracht, und alles harrte gespannten Blicks, wie sich +unter diesen Verhältnissen der Konflikt zwischen den beiden weiter +entwickeln werde. + +Ebenfalls im Frühjahr 1862 hielt Lassalle in Berlin -- im +Handwerkerverein der Oranienburger Vorstadt, dem Maschinenbauerviertel +Berlins -- noch einen zweiten Vortrag, dem er den Titel gab: „Über den +besonderen Zusammenhang der Idee des Arbeiterstandes mit der +gegenwärtigen Geschichtsperiode”. Auch diesen Vortrag hatte er vorher +sorgfältig ausgearbeitet. Und er ist, wenngleich in Einzelheiten nicht +einwandfrei -- schon der Titel fordert zur Kritik heraus -- +unzweifelhaft eine der besten, wenn nicht die beste der Lassalleschen +Reden. Eine ebenso klare wie schöne Sprache, gedrungene, flüssige, +nirgends überladene und doch nie trockene Darstellung, von Satz zu Satz +fortschreitende systematische Entwicklung des Grundgedankens, sind ihre +formellen Vorzüge, während sie ihrem Inhalte nach -- wie gesagt, mit +einigen Einschränkungen -- eine vortreffliche Einleitung in die +Gedankenwelt des Sozialismus genannt werden kann. Es nimmt ihrem Werte +nichts, wenn ich sie als eine, der Zeit und den Umständen, unter denen +sie gehalten wurde, angepaßte Umschreibung des „Kommunistischen +Manifestes” bezeichne; sie führt in der Hauptsache an der Hand konkreter +Beispiele aus, was im historischen Teil des Manifestes in großen Zügen +bereits vorgezeichnet ist. + +Noch immer spielen freilich die Hegelsche Ideologie und die juristische +Auffassungsweise in die Darstellung hinein, aber neben ihnen tritt doch +auch, wie das übrigens im Vortrag über Verfassungswesen gleichfalls +geschieht, die Betonung der ökonomischen Grundlagen der Bewegung der +Geschichte in den Vordergrund. Daß die Arbeiter vermöge ihrer +Klassenlage in der modernen bürgerlichen Gesellschaft die eigentliche +revolutionäre Klasse bilden, diejenige Klasse, die berufen ist, die +Gesellschaft auf eine neue Grundlage zu stellen -- die Grundidee des +kommunistischen Manifestes -- ist auch der leitende Gedanke des +„Arbeiterprogramms”, unter welchem Namen der Vortrag später in Druck +erschienen ist. Nur daß sich für Lassalle die Sache sofort wieder in +juristische Begriffe kristallisiert und mit ideologischen Vorstellungen +verquickt wird. Wenn Lassalle im Titel und durchgängig im Vortrage +selbst vom Arbeiterstand spricht, so könnte man darin eine bloße +Konzession an den Sprachgebrauch erblicken, an der nur Pedanterie +Anstoß nehmen möchte. Indes es muß Lassalle zu seinem Lobe nachgesagt +werden, daß er in der Wahl seiner Ausdrücke durchaus nicht leichtfertig +zu Werke ging; es ist kein bloßes Zugreifen nach einer populären +Redewendung, die ihn vom „Arbeiterstand”, von einem „vierten Stand” +sprechen läßt, sondern eine Folge seiner wesentlich juristischen +Vorstellungen. Es ist derselbe Rückfall, der ihn den Begriff des +Bourgeois nicht etwa von der tatsächlichen Machtstellung herleiten +läßt, die der Kapitalbesitz rein vermöge seiner ökonomischen Wirkungen +und Kräfte verleiht, sondern -- von den rechtlichen und staatlichen +Privilegien, die der Kapitalist auf Grund seines Besitzes genießt oder +beansprucht. Statt den fundamentalen Unterschied zwischen dem modernen +Bourgeois und dem mittelalterlichen Feudalherrn scharf zu kennzeichnen, +verwischt er ihn auf solche Weise und läßt den Kapitalbesitzer nur dann +einen Bourgeois sein, wenn er staatlich und rechtlich die Stellung +eines Feudalen beansprucht. (Vgl. S. 20-22 des „Arbeiterprogramm”.) +Und, wie immer, konsequent selbst in seinem Irrtum, stellt er als +bezeichnendes Merkmal -- d. h. nicht als ein, sondern als _das_ Merkmal +der Bourgeoisie-Gesellschaft -- das Klassen- oder Zensuswahlsystem hin. +Das preußische Dreiklassenwahlsystem, eingeführt von der +feudalistisch-absolutistischen Reaktion gegen die bürgerliche +Revolution des Jahres 1848, erscheint bei ihm als das Wahlsystem des +modernen Bourgeoisiestaates. Das hat allenfalls einen Sinn, wenn man +den Begriff Bourgeois auf die wenigen neufeudalen Großkapitalisten +beschränkt, aber was wird dann aus dem „vierten Stand”? + +Als weiteres Kennzeichen des so bestimmten Bourgeoisiestaates bezeichnet +Lassalle die Ausbildung des Systems der indirekten Steuern als Mittel +der Abwälzung der Steuerlast auf die nicht privilegierten Klassen. Daß +jeder privilegierten Klasse die Tendenz innewohnt, sich von den Steuern +möglichst zu befreien, kann unbestritten bleiben. Aber wenn Lassalle den +Begriff des Klassenstaates vom Bestand von Wahlvorrechten abhängig +macht, dann wird seine Theorie schon durch die einfache Tatsache +umgestoßen, daß gerade in dem Lande, wo das allgemeine und direkte +Wahlrecht am längsten besteht, in Frankreich, das indirekte Steuersystem +am stärksten ausgebildet ist. Lassalles Deduktion, daß von den 97 +Millionen Talern, die der preußische Staat im Jahre 1855 aus Steuern +einnahm, nur etwa 13 Millionen aus direkten Steuern herstammen, ist +übrigens gleichfalls anfechtbar. Er erklärt die 10 Millionen Taler +Grundsteuer einfach für eine indirekte Steuer, da sie nicht von den +Grundbesitzern bezahlt, sondern von diesen auf den Getreidepreis +abgewälzt werde. Das Abwälzen war aber keineswegs eine so leichte Sache, +solange die Landesgrenzen nicht durch Einfuhrzölle gegen die Zufuhr von +außen abgesperrt waren. Die Grundsteuer hat vielmehr lange Zeit als +eine reine Reallast auf den Grundbesitz gewirkt und ist auch als solche +von den Grundbesitzern empfunden und bei Veräußerungen behandelt worden. +9 Millionen Taler Einnahme aus dem Justizdienst mögen als eine indirekte +Steuer bezeichnet werden, da aber die ärmste Klasse keineswegs die +meisten Prozesse führt, so kann man hier nicht von einer Steuer zur +Entlastung des großen Kapitals sprechen, wie immer man sonst über die +Justizgebühren denkt. Kurz, die relative Steuerfreiheit des großen +Kapitals ist kein notwendiges Kriterium der Bourgeoisiegesellschaft. +Diese unterscheidet sich eben von der feudalen Gesellschaft dadurch, daß +sie nicht an gesetzliche Statuierung der Klassenunterschiede gebunden +ist, vielmehr auch bei formeller Gleichberechtigung aller fortbesteht. + +Anfechtbar war es auch, wenn Lassalle die Auferlegung von +Zeitungskautionen und der Zeitungsstempelsteuer als einen Beleg dafür +anführt, daß „die Bourgeoisie die Herrschaft ihres besonderen +Privilegiums und Elementes -- des Kapitals -- mit noch strengerer +Konsequenz durchführe, als dies der Adel im Mittelalter mit dem +Grundbesitz getan hatte”. Zeitungskautionen und Zeitungsstempel waren in +Preußen keineswegs Regierungsmittel der Bourgeoisie, sondern der +halb-feudalen und bureaukratischen Reaktion. Lassalle brauchte bloß den +Blick nach England zu wenden, wo die Bourgeoisie zur weitesten +Entfaltung gediehen war, um sich zu überzeugen, wie auch ohne die +kleinen Mittel eines rückständigen Regierungssystems die Presse, und +obendrein in noch viel höherem Maße als in Preußen, „Privilegium des +großen Kapitalbesitzes” werden kann. So richtig es natürlich war, gegen +diese Mittel der politischen Repression die Stimme zu erheben, so ist es +wiederum ein Beweis von Lassalles juristischer Denkweise, daß, wo er die +Wirkung der Herrschaft der Bourgeoisie auf das Preßwesen darstellen +will, er hier ausschließlich formal-rechtliche Einrichtungen anführt, +den Einfluß der ökonomischen Faktoren dagegen gänzlich ignoriert. + +Und schließlich führt ihn seine Ideologie dahin, dem Staat, der +„Staatsidee”, einen Dithyrambus anzustimmen. Der „vierte Stand” hat +„eine ganz andere, ganz verschiedene Auffassung von dem sittlichen Zweck +des Staates als die Bourgeoisie”. + +Als Staatsidee der Bourgeoisie stellt Lassalle die Auffassung der +liberalen Freihandelsschule hin, nach welcher die Aufgabe des Staates +einzig darin bestehe, die persönliche Freiheit des einzelnen und sein +Eigentum zu schützen. + +Das sei aber eine „Nachtwächteridee”. Die Geschichte sei „ein Kampf +mit der Natur, mit dem Elende, der Unwissenheit, der Armut, der +Machtlosigkeit und somit der Unfreiheit aller Art, in der wir uns +befanden, als das Menschengeschlecht am Anfang der Geschichte +auftrat. Die fortschreitende Besiegung dieser Machtlosigkeit -- das +ist die Entwicklung der Freiheit, welche die Geschichte darstellt”. +Diese Entwicklung des Menschengeschlechts zur Freiheit zu +vollbringen, das sei die wahrhafte Aufgabe des Staates. Der Staat sei +„die Einheit der Individuen in einem sittlichen Ganzen”, sein Zweck +sei, „durch diese Vereinigung die einzelnen in den Stand zu setzen, +solche Zwecke, eine solche Stufe des Daseins zu erreichen, die sie +als einzelne niemals erreichen könnten, sie zu befähigen, eine Summe +von Bildung, Macht und Freiheit zu erlangen, die ihnen sämtlich als +einzelnen schlechthin unersteiglich wäre”. Und weiter sei sein Zweck, +„das menschliche Wesen zur positiven Entfaltung und fortschreitenden +Entwicklung zu bringen, mit anderen Worten, die menschliche +Bestimmung -- d. i. die Kultur, deren das Menschengeschlecht fähig +ist -- zum wirklichen Dasein zu gestalten”. Er sei „die Erziehung und +Entwicklung des Menschengeschlechts zur Freiheit”. So sehr sei dies +„die wahre und höhere Aufgabe” des Staates, daß „sie deshalb seit +allen Zeiten durch den Zwang der Dinge selbst von dem Staate, auch +ohne seinen Willen, auch unbewußt, auch gegen den Willen seiner +Leiter, mehr oder weniger ausgeführt wurde”. + +Und der Arbeiterstand, die unteren Klassen der Gesellschaft überhaupt +haben schon durch die hilflose Lage, in der sich ihre Mitglieder als +einzelne befänden, den „tiefen Instinkt, daß eben dies die Bestimmung +des Staates sei und sein müsse”. Ein unter die Herrschaft der Idee des +Arbeiterstandes gesetzter Staat aber würde sich diese „sittliche +Natur” des Staates „mit höchster Klarheit und völligem Bewußtsein” +zu seiner Aufgabe machen und „einen Aufschwung des Geistes, die +Entwicklung einer Summe von Glück, Bildung, Wohlsein und Freiheit +herbeiführen, wie sie ohne Beispiel dasteht in der Weltgeschichte”. + +So schön das Ganze entwickelt ist, so leidet diese Darstellung doch an +einem großen Fehler: Trotz aller Betonung der geschichtlichen +Veränderungen in Staat und Gesellschaft erscheint der Staat hier seinem +Begriff und Wesen nach als ein für alle Zeit gleicherweise Gegebenes, +als habe er von Anfang an einen bestimmten, einen seiner „Idee” +zugrunde liegenden Zweck gehabt, der zeitweise verkannt, mangelhaft +erkannt oder ignoriert worden sei und dem daher zur vollen +Anerkennung verholfen werden müsse. Der Staatsbegriff ist sozusagen +ein ewiger. In diesem Sinne zitiert Lassalle eine Stelle aus einer +Festrede von Boeckh, wo der berühmte Altertumskenner „gegen die +Staatsidee des Liberalismus” an die „antike Bildung” appelliert, +welche „nun einmal die unverlierbare Grundlage des deutschen Geistes +geworden” sei und von der aus sich die Ansicht erzeuge, der Begriff +des Staates sei dahin zu erweitern, daß „der Staat die Einrichtung +sei, in welcher die ganze Tugend der Menschheit sich verwirklichen +solle”. So begreiflich und innerhalb gewisser Grenzen auch durchaus +berechtigt der Protest gegen die sich damals breitmachende Theorie +des absoluten sozialpolitischen Gehen- und Geschehenlassens war, so +weit schießt Lassalle hier selbst über das Ziel. Der Staat der Alten +beruhte auf Gesellschaftszuständen, so grundverschieden von denen der +Gegenwart, daß die Ideen der Alten aber den Staat ebensowenig für die +Gegenwart maßgebend sein können, wie etwa die Ideen der Alten über +die Arbeit, das Geld, die Familie. Gleich diesen ist die antike +Staatsidee nur Material der vergleichenden Forschung, aber keineswegs +eine auf die Neuzeit übertragbare Theorie. Wenn nach Boeckh die +Staatsidee des Liberalismus die Gefahr einer „modernen Barbarei” in +sich trug, so die Aufpfropfung der antiken Staatsidee auf die heutige +Gesellschaft die Gefahr einer modernen Staatssklaverei. Ferner stimmt +es auch durchaus nicht, was Lassalle von den Wirkungen des Staates +sagt. Diese sind vielmehr zu verschiedenen Zeiten sehr verschiedene +gewesen. Großartige Kulturfortschritte sind vollzogen worden, ehe ein +Staat bestand, und wichtige Kulturaufgaben erfüllt worden, ohne den +jeweiligen Staat oder auch in Gegensatz zu ihm; der Staat hat +unzweifelhaft im wesentlichen den Fortschritt der Menschheit +gefördert, aber doch auch oft sich ihm als ein Hemmschuh erwiesen. + +Natürlich dachte Lassalle nicht so unhistorisch, den Staatsbegriff +der Alten unverändert wieder herstellen zu wollen -- auch Boeckh lag +ein solcher Gedanke fern --, aber mit dem schlechtweg abgeleiteten +Staatsbegriff wurde die Sache nicht besser, sondern schlimmer. Der +Kultus des Staates schlechthin heißt der Kultus jedes Staates, und +wenn auch bei Lassalles demokratisch-sozialistischer Gesinnung ein +direktes Eintreten für den bestehenden Staat ausgeschlossen war, so +verhinderte diese doch nicht, daß jener Kultus später von den +Anwälten des bestehenden Staates weidlich zu dessen Gunsten +ausgebeutet wurde. Das ist überhaupt die Achillesferse aller auf +abgeleitete Begriffe aufgebauten Theorie, daß sie, so revolutionär +sie auch gedacht ist, tatsächlich immer in Gefahr ist, in eine +Verklärung bestehender oder vergangener Zustände umzuschlagen. +Lassalles Staatsidee war die Brücke, die den Republikaner Lassalle +eines Tages mit den Streitern für das absolute Königtum und den +Revolutionär Lassalle mit den eingefleischten Reaktionären +zusammenführte. Der philosophische Absolutismus hatte zu allen Zeiten +eine Ader, die ihn dem politischen Absolutismus nahe brachte. + +So enthält dieser Vortrag, trotz seiner sonst vortrefflichen +Eigenschaften, im Keim bereits alle Fehler, welche in der späteren +Lassalleschen Bewegung zutage getreten sind. + +Zum Schluß ermahnt Lassalle die Arbeiter, sich ganz von dem Gedanken an +die hohe geschichtliche Mission ihrer Klasse durchdringen zu lassen, aus +ihm die Pflicht zu einer ganz neuen Haltung herzuleiten. „Es ziemen +Ihnen nicht mehr die Laster der Unterdrückten, noch die müßigen +Zerstreuungen der Gedankenlosen, noch selbst der harmlose Leichtsinn +der Unbedeutenden. Sie sind der Fels, auf welchen die Kirche der +Gegenwart gebaut werden soll!” + +Lassalle ließ, wie gesagt, auch diesen Vortrag drucken. Aber so +vorsichtig er auch gehalten ist, so sehr Lassalle jede unmittelbare +politische Schlußfolgerung vermeidet, so witterte die Berliner Polizei, +zumal ihr Lassalles politische Bestrebungen sehr gut bekannt waren, doch +sofort, worauf der Vortrag hinauslief. Sie ließ die ganze, bei einem +Berliner Drucker hergestellte Auflage von 3000 Exemplaren beschlagnahmen +und gegen Lassalle Strafuntersuchung einleiten. Ende Juni war die +Broschüre im Druck vollendet und konfisziert worden. Am 4. November 1862 +reichte der Staatsanwalt von Schelling -- ein Sohn des Philosophen +Schelling -- beim Berliner Stadtgericht das Gesuch ein um Einleitung der +Strafuntersuchung gegen Lassalle wegen „Aufreizung der besitzlosen +Klassen zu Haß und Verachtung gegen die Besitzenden”. Am 17. November +beschloß das Stadtgericht, dem Gesuch Folge zu geben, und am +16. Januar 1863 kam der Prozeß in erster Instanz zur Verhandlung. Trotz +einer wahrhaft brillanten Verteidigung, in der sich Lassalle dem +Staatsanwalt und dem Gerichtspräsidenten gleich überlegen zeigte, und +namentlich den ersteren Spießruten laufen ließ, wurde Lassalle doch zu +vier Monaten Gefängnis verurteilt. Er appellierte und hatte wenigstens +den Erfolg, daß das Kammergericht die Gefängnisstrafe in eine +verhältnismäßig unerhebliche Geldstrafe umwandelte. Die Beschlagnahme +der Broschüre blieb allerdings aufrechterhalten, indes ließ Lassalle den +Vortrag nun bei Meyer & Zeller in Zürich in Neuauflage erscheinen. + +Ebenfalls bei Meyer & Zeller erschienen die drei Broschüren über den +Prozeß in der ersten Instanz -- von denen die erste die +Verteidigungsrede Lassalles (unter dem Sondertitel: „Die Wissenschaft +und die Arbeiter”), die zweite den stenographischen Bericht über die +mündlichen Verhandlungen, und die dritte eine etwas breite Kritik des +erstinstanzlichen Urteils enthält -- und schließlich auch unter dem +Titel: „Die indirekte Steuer und die Lage der arbeitenden Klassen”, die +eine ganze Geschichte und Kritik der indirekten Steuer darbietende +Verteidigungsrede in der zweiten Instanz. War die erste +Verteidigungsrede eine außerordentlich geschickte und wirkungsvolle +Beweisführung dafür, daß der Satz in der preußischen Verfassung „die +Wissenschaft und ihre Lehre sind frei” sinnlos wäre, wenn er nicht das +Recht in sich begriffe, die Lehren der Wissenschaft und ihre Theorien +den breiten Volkskreisen vorzutragen, und daß gerade die Arbeiterklasse +infolge ihrer gesellschaftlichen Lage die natürliche Verbündete der für +ihre Freiheit kämpfenden Wissenschaft sei, so ist die Rede über die +indirekte Steuer eine ganze ökonomische Abhandlung mit sehr vielem +geschichtlichen und statistischen Material, die man noch heute mit +Frucht lesen wird, eine der wuchtigsten Anklageschriften gegen das +System der indirekten Steuern, die je geschrieben wurden. Politisch +kommt in dieser zweiten Rede schon der Kampf Lassalles mit dem +bürgerlichen Liberalismus zu schärfstem Ausdruck, während in der ersten +Rede noch die Gemeinsamkeit des Kampfes beider wider die Reaktionsmächte +betont wurde. Eine eingehendere Würdigung dieser Reden findet man in den +Vorworten des Schreibers zu ihnen. Hier müssen wir vorerst wieder auf +die Zeit zurückgehen, in welcher der Vortrag selbst gehalten worden war, +das Frühjahr 1862. + +Es ist begreiflich, daß der Vortrag als solcher zunächst kein +besonderes Aufsehen machte. So sehr er sich dem inneren Gehalt nach von +der Kost unterschied, die den Berliner Arbeitern damals von den +Fortschrittsrednern vorgesetzt wurde, der äußeren, politischen Tendenz +nach wich er wenig von ihr ab. An radikalen Wendungen, Anspielungen auf +eine Neuauflage der 1848er Revolution, Angriffen auf die indirekte +Steuer usw. ließen es auch die fortschrittlich-demokratischen +Dutzendredner nicht fehlen. Ja, da sie ihre Reden mit Ausfällen gegen +die Regierung spickten, hörten sich diese gewöhnlich viel radikaler an +als der fast ganz akademisch gehaltene Vortrag Lassalles. Wenn der +Philister oppositionell ist, nimmt er es in der Großspurigkeit der +Redensarten mit jedem auf. Auf die Mehrheit seiner Hörer, ob Arbeiter +oder Bürger, machte der Vortrag noch nicht den Eindruck von +außergewöhnlichem Radikalismus. + +So wurde denn auch Lassalle, der Mitglied der „Philosophischen +Gesellschaft” in Berlin war, noch in demselben Frühjahr von dieser dazu +ausersehen, bei der auf den 19. Mai veranstalteten Gedenkfeier zum +hundertjährigen Geburtstage des Philosophen Fichte die Festrede zu +halten. Weder an seinem sozialen noch an seinem politischen +Radikalismus, der natürlich in diesen Kreisen wohl bekannt war, nahmen +die leitenden Persönlichkeiten damals Anstoß. Da das Bürgertum in seiner +großen Mehrheit oppositionell war, durften auch seine Gelehrten noch +Ideologie treiben. + +Sechs Monate zuvor hatte Lassalle in den „Demokratischen Studien” +Fichte als Apostel der deutschen Republik gefeiert; wenn man ihm +jetzt den Auftrag erteilte, dem Andenken Fichtes eine Festrede zu +halten, so war das im Grunde nichts als eine Anerkennung jenes +Aufsatzes. Und Lassalle ließ sich denn auch die Gelegenheit nicht +entgehen, das dort Gesagte in anderer Umkleidung zu wiederholen. + +Die Rede trägt den Titel: „Die Philosophie Fichtes und die Bedeutung des +deutschen Volksgeistes.” Sie ist glänzend, soweit sie Fichtes Stellung +in der Geschichte der deutschen Philosophie zur Anschauung bringt. +Weiterhin aber verfällt Lassalle wieder in eine ganz althegelsche +Ideologie. Der deutsche Volksgeist ist die metaphysische Volksidee, und +seine Bedeutung besteht darin, daß die Deutschen die hohe +weltgeschichtliche Aufgabe haben, aus dem „reinen Geist” heraus diesem +„nicht bloß eine reale Wirklichkeit”, sondern sogar „die bloße +Stätte seines Daseins, sein Territorium”, erst zu schaffen. „Indem +hier das Sein aus dem reinen Geist selbst erzeugt wird, mit nichts +Geschichtlichem, nichts Naturwüchsigem und Besonderem verwachsen, +kann es nur sein, des reinen Gedankens, Ebenbild sein, und trägt +hierin die Notwendigkeit jener Bestimmung zur höchsten und +vollendetsten Geistigkeit der Freiheit, die ihm Fichte weissagt.” Und +was Fichte philosophisch in der Einsamkeit seines Denkens aufgestellt +habe, das sei, einen anderen Ausspruch dieses Philosophen +bewahrheitend, bereits „zur Religion geworden” und durchbebe „unter +dem populären und dogmatischen Namen der deutschen Einheit jedes +edlere deutsche Herz”. + +Das Streben nach der deutschen Einheit als die Frucht des „reinen, mit +nichts Geschichtlichem verwachsenen” Geistes hinstellen -- das ging noch +über die Ideologie des Liberalismus hinaus. Deshalb scheint auch der mit +großer Konsequenz und Einheitlichkeit des Gedankens durchgeführte +Vortrag seine Wirkung auf das Festpublikum total verfehlt zu haben. Wie +einige Blätter schadenfroh berichteten, verließen die Hörer zum großen +Verdruß Lassalles allmählich das Zimmer der Festrede, „um sich nach dem +Zimmer des leckeren Mahles zu verfügen”. Sie vergaßen aber +hinzuzusetzen, daß die Hörerschaft sich nicht nur aus Mitgliedern der +philosophischen Gesellschaft, sondern in der Mehrheit aus deren Gästen +zusammensetzte -- meist also Leute, die solche Festversammlungen +lediglich des guten Tons halber besuchen. + +Lassalle ließ auch diese Rede im Separatdruck erscheinen und sandte sie, +zusammen mit dem „Julian Schmidt”, und dem Vortrag „über +Verfassungswesen” durch Lothar Bucher an Marx. Er habe „etwas +politisch-praktische Agitation beginnen” wollen, schreibt er unter dem +9. Juni an letzteren. „So habe ich den Verfassungsvortrag in vier +Vereinen gehalten. Außerdem einen weit längeren Vortrag über den +Arbeiterstand geschrieben und in einem Arbeiterverein gehalten.” +Es ist dies das „Arbeiterprogramm”. „Ich habe mich jetzt auch +entschlossen,” setzt er hinzu, „ihn drucken zu lassen; er ist bereits +unter der Presse. Sowie er fertig ist, sende ich ihn Dir.” Im +weiteren Verlauf seines Briefes kommt er wieder darauf zurück, daß +durch die intensivere Beschäftigung mit anderen Dingen in den letzten +drei Jahren die nationalökonomische Materie in seinem Kopf „gleichsam +fossil” geworden sei. Erst wenn „alles wieder flüssig geworden”, +werde er an die zweite Lektüre des Marxschen Buches „Zur Kritik der +politischen Ökonomie” gehen, und dann ziemlich gleichzeitig an dessen +Besprechung und die Ausführung seines eigenen ökonomischen Werkes -- +„welch letztere freilich sehr lange dauern wird”. Dieses Programm +werde ohnehin durch eine zweimonatige Reise unterbrochen, denn im +Sommer halte er es in Berlin nicht aus. Im Juli werde er nach der +Schweiz reisen oder erst nach London kommen und dann in die Schweiz +gehen. + +Er entschied sich für das letztere. Vorher aber schrieb er noch einmal +an Marx, und zwar: + +„Lieber Marx! Der Überbringer ist der Hauptmann Schweigert, der mit +Auszeichnung unter Garibaldi und speziell unter meinem Freund Rüstow +gedient hat. Er ist der ehrlichste und zuverlässigste Kerl von der Welt. +C'est un homme d'action. Er steht an der Spitze der Wehrvereine, die er +von Coburg aus organisiert und geht jetzt nach London, um dort +Geldmittel für 3000 Gewehre aufzutreiben, die er für die Wehrvereine +braucht. Ich brauche Dir nicht erst zu sagen, wie wünschenswert dies +wäre. Habe also die Güte, ihn mit allen Leuten in Rapport zu setzen, von +denen er Geld für diesen Zweck erhalten kann oder sonstigen zu diesem +Ziel führenden Vorschub zu tun. Tue Dein Möglichstes. + +„Die Wahrscheinlichkeit, daß ich nach London komme, nimmt zu. + + Berlin, 19. 6. 62. Dein F. Lassalle.” + +Die von Coburg aus organisierten „Wehrvereine” standen im Lager des +„Nationalvereins”, der seinen Sitz in jener Stadt hatte. Rüstow wollte +sie offenbar für Aktionen verwendbar machen, die zeitgemäß werden +konnten, wenn Garibaldi sich von neuem erhob. Die Betonung des „homme +d'action”, und das große Interesse an der Beschaffung der 3000 Gewehre +sind eine weitere Bestätigung für das weiter oben von den +Revolutionsplänen Lassalles Gesagte. + +Mit zwei kurzen Briefen aus London selbst, die sich auf Besuche und +einen zu unternehmenden gemeinsamen Ausflug beziehen, schließen die mir +vorliegenden Briefe Lassalles an Marx ab. Es wäre aber falsch, daraus +den Schluß zu ziehen, daß es bei dem Besuch zu einem Bruch zwischen den +beiden gekommen wäre. Ein solcher hat nie stattgefunden. Wohl aber +wissen wir von Marx, daß in den mündlichen Auseinandersetzungen zwischen +ihm und Lassalle er dem letzteren die grundsätzliche Verschiedenheit der +beiderseitigen Standpunkte rückhaltlos dargelegt, sich rundweg gegen +dessen Pläne erklärt habe. Bald nachdem Lassalle im Herbst 1862 nach +Berlin zurückgekehrt war, schlief die Korrespondenz gänzlich ein. Um so +enger schloß sich Lassalle an Bucher an, der ihn später auch mit +Rodbertus in Verbindung brachte. + +Im Spätsommer 1862 schien es einen Augenblick, als wolle die preußische +Regierung der Volksvertretung gegenüber eine nachgiebigere Haltung +einschlagen. Wieder wurde hin- und herverhandelt, bis plötzlich der +König in schroffer Weise der Kammer erklären ließ, daß er sich auf keine +Konzessionen in bezug auf die Verkürzung der Militärdienstpflicht +einlasse und auch keine Neigung verspüre, um Indemnität für die +verfassungswidrige Durchführung der Armeeorganisation einzukommen. Die +Kammer antwortete damit, daß sie die Forderung der Regierung, die Kosten +der Heeresorganisation in den Etat der ordentlichen Ausgaben +aufzunehmen, mit 308 gegen 11 Stimmen verwarf. Um den Widerstand der +Mehrheit zu brechen, berief der König an Stelle des Herrn v. d. Heydt +den gerade in Berlin befindlichen Gesandten Preußens am französischen +Hofe, Otto v. Bismarck, ins Ministerium. Die vorhergegangene schroffe +Betonung der königlichen Vorrechte war bereits im Einverständnis mit +Bismarck erfolgt. + +Bismarck, der 1847 im „Vereinigten Landtag” und 1849 in der +Preußischen Nationalversammlung als feudal-junkerlicher Heißsporn +aufgetreten war, hatte sich inzwischen zum „modernen Staatsmann” +entwickelt. Er hatte die junkerlichen Ideologien über Bord geworfen, +um desto wirksamer die Interessen des „befestigten Grundbesitzes” +wahrzunehmen, er hatte den vormärzlichen Absolutismus aufgegeben, um +dem Königtum dadurch eine um so privilegiertere Stellung zu sichern, +daß die Volksvertretung die Verantwortung, aber auch nichts als die +Verantwortung für die Bedürfnisse und die Politik der Monarchie +übernehmen sollte. Kurz, er hatte die Maximen des als Bonapartismus +bekannten Regierungssystems übernommen, das, wenn es von Demokratie +spricht, Regierungsgewalt meint, und von Fürsorge für das Wohl der +Armen deklamiert, wenn es einen Steuerfeldzug auf die Taschen der +Arbeiter im Schilde führt. Von der zarischen Diplomatie hatte er +gelernt, wie man absolutistisch regieren und unter der Hand mit +Revolutionären Geschäfte machen kann, von der bonapartistischen, wie +man stets in dem Augenblick den Gegner einer verpönten Handlung +beschuldigen muß, wo man selbst eben diese Handlung zu begehen im +Begriff ist. Als Spezialität übte er außerdem die Gepflogenheit aller +geriebenen Diplomaten, zeitweilig eine verblüffende Aufrichtigkeit an +den Tag zu legen, um bei der nächsten Gelegenheit mit desto mehr +Erfolg die Sprache gebrauchen zu können, um die Wahrheit nicht zu +sagen. + +Mit dieser „Aufrichtigkeit” trat Bismarck auch vor die Kammer, trotzdem +wurde ihm jedoch sein deutsches Programm nicht geglaubt. Seine Erklärung +in der Budgetkommission, die deutsche Frage werde nur durch „Blut und +Eisen” gelöst werden, reizte nur um so mehr zum Widerstand. Das +Abgeordnetenhaus blieb bei seinem Beschluß bestehen, der Regierung +nichts zu bewilligen, bevor nicht sein verfassungsmäßiges Recht von ihr +anerkannt sei, worauf Bismarck das Haus vertagte mit der Erklärung, die +Regierung werde vorderhand das Geld nehmen, wo sie es finde. + +Indes war seine Lage keineswegs eine sehr gesicherte. Wohl hatte er die +Regierungsgewalt, d. h. die organisierte Macht, hinter sich, während +die Kammer vorläufig nichts als die „öffentliche Meinung” auf ihrer +Seite hatte. Indes, er wußte ganz gut, daß er sich auf die preußischen +Bajonette nicht „setzen” konnte. Auf durchgreifende Erfolge in der +auswärtigen Politik, geeignet, die ehemaligen „Gothaer”, d. h. die +schwachliberalen Kleindeutschen, für die Regierung zurückzugewinnen, war +vorderhand nicht zu rechnen. Er mußte also anderwärts Verbündete gegen +die Fortschrittspartei zu gewinnen suchen. + +Es war um diese Zeit, im Herbst 1862, daß man in Berlin in +Arbeiterkreisen anfing, die Einberufung eines Allgemeinen deutschen +Arbeiterkongresses zur Erörterung von besonderen Fragen des Arbeiterwohls +ernsthaft zu betreiben, und daß in Zusammenkünften, die dieser Frage +galten, ein beschäftigungsloser Arbeiter namens Eichler mit besonderer +Heftigkeit die Fortschrittspartei der Lahmheit anklagte und gegen die +Schulzeschen Genossenschaften loszog, die dem Arbeiter nichts nützten. +Mit der „Selbsthilfe”, von der die Liberalen soviel Geschrei machten, +sei es nichts, nur der Staat könne den Arbeitern helfen. Eichler, der +behauptete, von seinem Prinzipal wegen seiner absprechenden +Äußerungen über die Schulzesche Selbsthilfe gemaßregelt zu sein, fand +die Mittel, nach Leipzig zu reisen, wo im dortigen Arbeiterverein +„Vorwärts” gleichfalls die Idee der Einberufung eines allgemeinen +Arbeiterkongresses und die Gründung einer selbständigen +Arbeiterorganisation lebhaft diskutiert wurde. Er suchte das +Leipziger Zentralkomitee für die Einberufung des Kongresses nach +Berlin zu gewinnen, und als man ihm etwas genauer auf den Zahn +fühlte, rückte er schließlich in der Hitze des Gefechtes mit der +Erklärung heraus, er wisse ganz genau, daß die preußische Regierung +den guten Willen habe, den Arbeitern zu helfen, namentlich bei der +Gründung von Produktivgenossenschaften; er könne mitteilen, daß Herr +von Bismarck bereit sei, 30000 Taler zur Gründung einer +Maschinenbauer-Produktivgenossenschaft zu liefern -- die +Maschinenbauer waren damals, und noch lange später, in Berlin die +Kerntruppe der Fortschrittspartei! Natürlich müßten sich die Arbeiter +dazu entschließen, der Fortschrittspartei den Rücken zu kehren, die +eine Partei der Bourgeoisie, der Hauptfeindin der Arbeiter, sei. + +Damit fiel Eichler indes ab, denn so wenig die Leute, welche in Leipzig +den Arbeiterkongreß betrieben, Verehrer der Fortschrittler waren, so +geringe Lust hatten sie, ihnen der preußischen Regierung zuliebe in den +Rücken zu fallen. Eichler zog unverrichteter Sache heim und scheint auch +in Berlin wenig ausgerichtet zu haben. Als man ihm wegen seiner +auffällig flotten Lebensweise, die zu seiner „Arbeitslosigkeit” so gar +nicht paßte, auf den Pelz rückte, machte er mysteriöse Anspielungen auf +eine reiche vornehme Dame, die Wohlgefallen an ihm gefunden habe, und da +er ein hübscher Bursche war, hatte das auch nichts besonders +Unwahrscheinliches. Eichler verschwand dann von der Bildfläche und +tauchte später als -- preußischer Polizeibeamter auf. + +Als 16 Jahre später, in der Reichstagssitzung vom 16. September 1878, +August Bebel die Eichlersche „Mission” dem inzwischen zum Fürsten +avancierten Bismarck vorhielt, suchte dieser tags darauf den Eichler von +sich abzuschütteln, indem er ein Versehen Bebels in der Zeitbestimmung +für sich ausnutzte -- Bebel hatte September statt Oktober 1862 als die +Zeit des Eichlerschen Gastspiels in Leipzig angegeben; aber im Vertrauen +auf die Wirkung dieses Kunstgriffs ließ er sich zu dem Geständnis +verleiten, Eichler habe späterhin „Forderungen an mich gestellt für +Dienste, die er mir nicht geleistet hatte”, und daß ihm „bei der +Gelegenheit erst in Erinnerung gekommen, daß Herr Eichler im Dienste der +Polizei gewesen ist und daß er Berichte geliefert hat”. (Vgl. die unter +dem Titel „Die Sozialdemokratie vor dem deutschen Reichstage” +veröffentlichten amtlichen Stenogramme über die Beratung des +Sozialistengesetzes, 1878, S. 85.) Mit andern Worten, die angebliche +vornehme Dame, oder, wie sich der Leipziger „Volksstaat” seinerzeit +einmal drastisch ausdrückte, die „aristokratische Vettel” entpuppte +sich als -- das Berliner Polizeipräsidium. + +Ebenfalls im Herbst 1862, nachdem am 13. Oktober Bismarck den Landtag +vertagt hatte, hielt Lassalle seinen zweiten Verfassungsvortrag: „Was +nun?” Er beruft sich dort darauf, daß die Ereignisse den Ausführungen +in seinem ersten Vortrage recht gegeben haben. Die „Kreuzzeitung”, der +Kriegsminister von Roon und der gegenwärtige Ministerpräsident von +Bismarck hätten seine Theorie, daß Verfassungsfragen Machtfragen sind, +bestätigt. Gestützt auf ihre Macht habe die Regierung fortgefahren, sich +über die Beschlüsse der Kammer hinwegzusetzen. Es handle sich nun +weniger um die Frage, wie der Verfassung von 1850 zur Fortdauer ihrer +Existenz zu verhelfen sei, an deren Bestimmungen das Volk zum Teil gar +kein Interesse habe, sondern einfach um die Frage, wie das Budgetrecht +der Volksvertretung aufrechtzuerhalten, das parlamentarische Regime zur +Wahrheit zu machen sei, da „in ihm, und nur in ihm das Wesen einer jeden +wahrhaft konstitutionellen Regierung” bestehe. Soll man zu dem Mittel +der Steuerverweigerung greifen? Nein, antwortet Lassalle. Diese sei als +solche ein wirksames Mittel nur in den Händen eines Volkes, das, wie das +englische, die vielen Machtmittel der organisierten Macht auf seiner +Seite habe. Sie hätte nur dann einen Sinn, wenn sie dazu dienen sollte, +einen allgemeinen Aufstand zu entflammen. Aber an einen solchen „werde +unter den jetzigen Umständen hoffentlich wohl niemand denken”. Das +einzige Mittel sei, auszusprechen, was ist. Die Kammer müsse, sobald sie +wieder zusammentrete, „aussprechen das, was ist”. Das sei „das +gewaltigste politische Mittel”. Die Kammer müsse es der Regierung +unmöglich machen, mit dem Scheinkonstitutionalismus weiter zu regieren. +Sobald sie wieder zusammentrete, müsse sie unverzüglich einen Beschluß +fassen, daß sie, solange die Regierung ihren Verfassungsbruch fortsetze, +es ablehne, durch Forttagen und Fortbeschließen der Regierung behilflich +zu sein, den Schein eines verfassungsmäßigen Zustandes aufrechtzuhalten, +und daß sie daher ihre Sitzungen „auf unbestimmte Zeit, und zwar auf so +lange aussetze, bis die Regierung den Nachweis antritt, daß die +verweigerten Ausgaben nicht länger fortgesetzt werden”. Sobald die +Kammer diesen Beschluß gefaßt habe, sei die Regierung besiegt. Auflösung +nutze ihr nichts, denn die neuen Abgeordneten würden mit derselben +Parole wiedergewählt werden. Ohne Kammer könne sie aber auch nicht +regieren. Ihr Kredit, ihr Ansehen, ihre Machtstellung nach außen würden +so gewaltig darunter leiden, daß sie über kurz oder lang gezwungen sein +werde, nachzugeben. Ein anderes Mittel, den Konflikt beizulegen, gäbe es +aber nicht. Durch Forttagen und Verweigern anderer oder auch aller +Ausgaben der Regierung würden nur Volk und Regierung an die süße +Gewohnheit der Nichtbeachtung von Kammerbeschlüssen gewöhnt. Noch +schlimmer würde es sein, wollte die Kammer sich auf einen Kompromiß +einlassen, etwa für den Preis der Bewilligung der zweijährigen +Dienstzeit. Nein, kein Nachgeben in der konstitutionellen Grundfrage, um +die es sich jetzt handle. Je hartnäckiger sich die Regierung stelle, um +so größer werde alsdann ihre Demütigung sein, wenn sie sich gezwungen +sehen werde, nachzugeben. „Um so mehr erkennt sie dann die +gesellschaftliche Macht des Bürgertums als die ihr überlegene Macht an, +wenn sie erst später umkehrend sich vor Volk und Kammer beugen muß.” +Dann aber „keinen Versöhnungsdusel, meine Herren”. Keinen neuen +Kompromiß mit dem alten Absolutismus, sondern „den Daumen aufs Auge und +das Knie auf die Brust”. + +Lassalle nimmt in diesem Vortrag im ganzen eine versöhnliche Haltung +gegenüber der Fortschrittspartei ein. Er will „der Einigkeit zuliebe” +alle schweren Anklagen, die er gegen sie auf dem Herzen habe, +unterdrücken. Nur die „Volkszeitung” und ihre Hintermänner, deren +Politik das Aussprechen was nicht ist, sei, greift er an. Diese +„Geistesärmsten” trügen durch ihre Versuche, die Regierung in eine +konstitutionelle „umzulügen”, einen sehr großen Teil der +Verantwortung für den jetzigen Stand der Dinge. Aber „Friede, meine +Herren, der Vergangenheit”! + +Ob Lassalle im Innersten seines Herzens so friedlich gesinnt war und +wirklich sich dem Glauben hingab, die Fortschrittler würden auf seinen +Vorschlag eingehen, oder ob diese Versöhnlichkeit nur oratorische +Floskel war, um ihm später eine desto schärfere Position gegen die +Fortschrittler zu verleihen, läßt sich schwer feststellen. Es mag beides +zutreffen. Daß er einem zeitweiligen Zusammengehen mit den +Fortschrittlern grundsätzlich nicht abgeneigt war, haben wir vorher +gesehen, viele persönliche Beziehungen ließen ihm das sogar als +wünschenswert erscheinen, und vom prinzipiellen Standpunkt ließ sich bei +der damaligen Sachlage auch nichts dagegen einwenden. Auf der anderen +Seite war es aber immer zweifelhafter geworden, ob die Fortschrittler +sich mit ihm einlassen und ihm denjenigen Einfluß auf ihre Taktik +einräumen würden, auf den er Anspruch zu haben glaubte. + + +Fußnoten: + + [18] Daß die Führer der Italiener Becker sehr gut kannten, geht + aus einem Briefe Mazzinis an Becker vom Juni 1861 hervor. Vgl. die + Veröffentlichungen R. Rüeggs aus den Papieren Joh. Ph. Beckers im + Jahrgang 1888 der „Neuen Zeit”, S. 458 usf. + + [19] Die Briefe Lassalles an Hans von Bülow sind Mitte der achtziger + Jahre im Buchhandel erschienen. (Dresden und Leipzig, H. Minden.) + So dünn das Bändchen, so liederlich ist es zusammengestellt. Im + Vorwort wird eine Stelle aus einem Brief Heines über Lassalle dem + Fürsten Pückler-Muskau zugeschrieben; die Briefe selbst sind nicht + einmal chronologisch geordnet, wozu deren Nichtdatierung von seiten + Lassalles den Vorwand liefern muß, obwohl bei den meisten aus dem + Inhalt das ungefähre Datum leicht festzustellen war. In einem der + Briefe ist von „Salingers genialer Komposition” die Rede. Der + Herausgeber, der die Briefe von Hans von Bülow selbst erhalten, macht + dazu die Note „Arbeiterhymne von Herwegh”. Daß der Name Salinger + bzw. Solinger Pseudonym für Hans von Bülow war, wird dagegen nicht + einmal angedeutet. Bülow hatte die Komposition des Herweghschen + Gedichts unter dem Namen Solinger veröffentlicht. + + + + +Lassalle und das Leipziger Arbeiterkomitee. -- Das Offene +Antwortschreiben, politischer Teil. + + +Jedenfalls gingen sie auf die Friedensbedingung, d. h. die von Lassalle +vorgeschlagene Kampfesmethode, nicht ein. Man kann ihnen auch von ihrem +Standpunkt aus nicht unrecht geben. Lassalles Vorschlag war sehr gut, +wenn man es so schnell als möglich zum Äußersten treiben wollte, wenn +man entschlossen, sowie in der Lage war, auf einen Staatsstreich -- denn +weiter blieb der Regierung bei dieser Taktik nichts übrig -- mit einer +Revolution zu antworten. Soweit waren aber die Fortschrittler noch +nicht, und darum zogen sie die Methode des Hinziehens vor. Ohne +Revolution in unmittelbarer Reserve lief der freiwillige Verzicht auf +die Tribüne in der Kammer auf den famosen „passiven Widerstand” +hinaus, über den Lassalle sich mit Recht selbst lustig machte. Durch +beharrliche Verweigerung des Budgets konnte man ebenso laut und +drastisch „aussprechen, was ist”, die öffentliche Meinung ebenso +wirksam oder noch mehr in Erregung halten, als durch das Mittel der +Vertagung ins Unbestimmte, das der Regierung obendrein einen Schein +von Recht für die Außerkraftsetzung der Verfassung lieferte. Das war +ja aber die Hauptidee der Taktik der Fortschrittler, die Regierung +vor allem als Vertreterin der Gewalt gegenüber dem Recht +hinzustellen. „Ihre Hauptwortführer,” sagt B. Becker sehr gut, +„waren meist Leute aus dem Richter- und Advokatenstande, folglich an +juristisch-advokatorische _Dehnbarkeit_[20] gewöhnt und den Streit +der Kammermajorität mit der Regierung wie einen langen Rechtsstreit +zu betrachten geneigt.” + +Sie erhoben denn auch von neuem gegen Lassalle den Vorwurf, daß er, +gleich der Regierung, Macht vor Recht gestellt habe. Und nun, nicht nach +der ersten Verfassungs-Broschüre, wie es bei Becker heißt, schrieb +Lassalle den Aufsatz „Macht und Recht”, in welchem er der +Fortschrittspartei rund heraus den Fehdehandschuh hinwarf. Es war ihm +ein leichtes, die ganze Lächerlichkeit jenes Vorwurfs mit ein paar +Worten schlagend nachzuweisen und den Fortschrittlern als Zugabe den +Beweis zu liefern, daß ihr Abgott Schwerin, dessen Erklärung, daß in +Preußen „Recht vor Macht gehe”, sie so laut bejubelten, an einem +ganzen Dutzend Rechtsbrüchen, wo Macht vor Recht ging, teilgenommen +hatte. „Es hat kein Mensch im preußischen Staat das Recht, vom +‚Recht’ zu sprechen” -- ruft er aus -- „als die Demokratie, die +alte und wahre Demokratie. Denn sie allein ist es, die stets am Recht +festgehalten und sich zu keinem Kompromiß mit der Macht erniedrigt +hat.” Und: „Bei der Demokratie allein ist alles Recht -- und bei ihr +allein wird die Macht sein!” + +Dieser Kriegserklärung, in Form einer Berichtigung an die radikale +Berliner „Reform” eingesandt, verschloß letztere -- für die Lassalle +noch im Juni 1862 bei Marx ein gutes Wort eingelegt hatte -- ihre +Spalten, desgleichen die „Vossische Zeitung”. Die letztere lehnte auch +die Aufnahme des Aufsatzes als bezahltes Inserat ab, worauf Lassalle ihn +als „Offenes Sendschreiben” in Zürich erscheinen ließ. Daß die Wahl +dieses Verlagsortes die „preßgesetzlichen Bedenken” der „Vossischen +Zeitung” eigentlich rechtfertigte, kümmerte ihn nicht weiter. + + * * * * * + +Zwischen der Veröffentlichung des Vortrages „Was nun?” (Dezember 1862) +und der Abfassung des „Sendschreibens” (Februar 1863) liegen wiederum +zwei Monate. Noch vor dieser Zeit (Ende Oktober 1862) waren zwei +Mitglieder des Leipziger Arbeiterkomitees, der Tabakarbeiter +F. W. Fritzsche und der Schuhmacher Julius Vahlteich, nach Berlin +gefahren und hatten dort, nach Konferenzen mit führenden Mitgliedern des +Berliner Arbeiterkomitees, sowie mit Schulze-Delitzsch und noch etlichen +Fortschrittsführern am 2. November einer großen Arbeiterversammlung +beigewohnt, in der mit überwiegender Mehrheit beschlossen wurde, das +Mandat für die Einberufung des Kongresses dem Leipziger Komitee zu +übertragen. Der Besuch überzeugte sie, die selbst schon Sozialisten +waren, daß die Arbeiter Berlins noch stark an Schulze-Delitzsch hingen, +dieser aber und die übrigen Führer der Fortschrittspartei von einer +selbständigen Arbeiterbewegung sehr wenig wissen wollten. Spätere +Anfragen bestärkten diesen Eindruck noch. In bezug auf die Frage des +Beitritts zum Nationalverein erhielt man die bereits erwähnte klassische +Antwort, die Arbeiter sollten sich als „Ehrenmitglieder” des +Nationalvereins betrachten. In bezug auf die Frage des Wahlrechts waren +die Unruh, Schulze-Delitzsch usw. selbst gespalten, hielten sie auch +außerdem für keine brennende. Das Dreiklassenwahlsystem hatte ja eine so +vortreffliche Kammer zusammengebracht, man könne es also schon noch eine +Weile mitansehen. Daß die vortreffliche, d. h. die oppositionelle +Kammer, lediglich das Produkt der besonderen Zeitverhältnisse war, kam +den guten Leuten nicht zum Bewußtsein. + +Von dem jugendlichen Berliner Demokraten, dem späteren +Fortschrittsabgeordneten Ludwig Löwe, wurden die Leipziger auf Ferdinand +Lassalle und dessen Vortrag „Das Arbeiterprogramm” aufmerksam gemacht +und setzten sich nun mit Lassalle in Verbindung. Man kann sich leicht +denken, wie sehr dies dessen Entschluß bestärken mußte, nunmehr das +„Friede der Vergangenheit, meine Herren” zurückzunehmen. Als er das +Sendschreiben „Macht und Recht” erließ, war bereits zwischen ihm und +dem Leipziger Komitee verabredet, daß dieses ihn in einem offiziellen +Schreiben ersuchen sollte, seine Ansichten über die Aufgaben der +Arbeiterbewegung und die Frage der Assoziationen in einer ihm passend +erscheinenden Form darzulegen, und daß diese Form eben die einer +Flugschrift sein sollte. Die äußerst interessanten damaligen Briefe +Lassalles an die Leipziger sind neuerdings von Prof. H. Oncken in +Grünbergs „Archiv für die Geschichte des Sozialismus” veröffentlicht +worden (Jahrgang 2, Heft 2 und 3). Sie zeigen, daß Lassalle, so froh +er über die Verbindung mit dem Leipziger Komitee war, sich diesem +doch in keiner Weise aufdrängte. Die Leipziger, d. h. die treibenden +Elemente im Arbeiterverein, wußten sehr gut, worauf sie +hinauswollten; worüber man noch unentschlossen war, das war weniger +das Wesen der zu unternehmenden Aktion, als das Aktionsprogramm. Es +war durchaus nicht „das Bewußtsein seiner eigenen Unklarheit”, wie +Bernh. Becker in seiner „Die Wahrheit über alles” stellenden +Geschichte der Lassalleschen Arbeiteragitation schreibt, die das +Komitee veranlaßte, in einem vom 10. Februar datierten „Aufruf an die +deutschen Arbeiter” gleichzeitig für Beschleunigung, aber gegen +Übereilung des zu berufenden Arbeiterkongresses sich auszusprechen. +Der Kongreß sollte möglichst bald stattfinden, aber nicht so bald, +daß nicht inzwischen die Lassallesche Antwort ihre Wirkung getan +haben konnte. In derselben Sitzung, wo es den vorerwähnten Aufruf +erließ, beschloß das Komitee, folgenden Brief an Lassalle zu +schicken, der auch tags darauf abging: + +„Herrn Ferdinand Lassalle in Berlin. + + Sehr geehrter Herr! + +Ihre Broschüre: ‚Über den besonderen Zusammenhang der gegenwärtigen +Geschichtsperiode mit der Idee des Arbeiterstandes’ ist hier überall von +den Arbeitern mit großem Beifall aufgenommen worden und das +Zentralkomitee hat sich in Ihrem Sinne in der Arbeiterzeitung +ausgesprochen. Andrerseits sind von verschiedenen Seiten sehr ernstliche +Bedenken ausgesprochen worden, ob die von Schulze-Delitzsch empfohlenen +Assoziationen der großen Mehrzahl der Arbeiter, die gar nichts besitzt, +genügend helfen können, ob namentlich durch dieselben die Stellung der +Arbeiter im Staat in der Art verändert werden kann, wie es notwendig +erscheinen muß. Das Zentralkomitee hat in der Arbeiterzeitung (Nr. 6) +hierüber seine Ansichten ausgesprochen; es ist der Überzeugung, daß das +Assoziationswesen unter unsern jetzigen Verhältnissen nicht genug +leisten könne. -- Da nun aber aller Orten die Ideen von +Schulze-Delitzsch als maßgebend für den Arbeiterstand, unter dem wir die +gedrückteste Klasse des Volkes verstehen, empfohlen werden, und da doch +wohl noch andere Mittel und Wege, als die von Schulze-Delitzsch +vorgeschlagenen, denkbar wären, um die Ziele der Arbeiterbewegung: +Verbesserung der Lage der Arbeiter in politischer, materieller und +geistiger Beziehung zu erreichen, so hat das Zentralkomitee in seiner +Sitzung vom 10. Februar cr. einstimmig beschlossen: + + Sie zu ersuchen, in irgendeiner Ihnen passend erscheinenden Form + Ihre Ansichten über die Arbeiterbewegung und über die Mittel, deren + dieselbe sich zu bedienen hat, sowie besonders auch über den Wert + der Assoziationen für die ganz unbemittelte Volksklasse, + auszusprechen. + + Wir legen den größten Wert auf Ihre Ansichten, welche Sie in der + angeführten Broschüre ausgesprochen haben, und werden deshalb auch + Ihre ferneren Mitteilungen vollkommen zu würdigen wissen. Wir + ersuchen Sie schließlich nur noch um möglichst baldige Erfüllung + unserer Bitte, da uns viel daran liegt, die Entwicklung der + Arbeiterbewegung zu beschleunigen. -- Mit Gruß und Handschlag! + + Leipzig, 11. Februar 63. + + Für das Zentralkomitee zur Berufung eines + Allgemeinen Deutschen Arbeiterkongresses + + Otto Dammer.” + +Die Antwort auf diesen Brief bildete das vom 1. März 1863 datierte +„Offene Antwortschreiben an das Zentralkomitee zur Berufung eines +allgemeinen deutschen Arbeiterkongresses zu Leipzig von Ferdinand +Lassalle”. + +Mit dieser Schrift und ihrer Annahme im Komitee und im Leipziger +Arbeiterverein selbst beginnt die eigentlich sozialistische Agitation +Lassalles und die Geschichte des „Allgemeinen deutschen +Arbeitervereins”. + + * * * * * + +Das „Offene Antwortschreiben” Lassalles tritt zunächst der Ansicht +entgegen, daß die Arbeiter sich nicht um die Politik zu bekümmern +hätten. Im Gegenteil, sie hätten sich durchaus an der Politik zu +beteiligen, bloß dürften sie dies nicht in der Weise tun, daß sie sich +als den „selbstlosen Chor und Resonanzboden” der Fortschrittspartei +betrachteten. Der Nachweis dafür, daß die Fortschrittspartei den +Anspruch darauf verwirkt habe, stützt sich im wesentlichen auf das von +dieser im Verfassungskonflikt beobachtete Verhalten und ist insofern +nicht überall von gleichmäßiger Beweiskraft. Wenn Lassalle z. B. auf +Seite 4 der Schrift der Fortschrittspartei vorwarf, daß sie „nur .... +das Festhalten am Budgetbewilligungsrecht zum Inhalt ihres Kampfes +habe”, so vergaß er, daß er selbst es noch im Vortrage „Was nun?” +als das eigentliche und mit aller Energie zu vertretende Objekt des +Kampfes bezeichnet hatte. Ebenso konnte sich die Fortschrittspartei +auf ihn selbst berufen, wenn er es ihr als eine politische Sünde +anrechnete, daß sie + + „sich durch ihr Dogma von der preußischen Spitze zwingt, in der + preußischen Regierung den berufenen Messias für die deutsche + Wiedergeburt zu sehen, während es, mit Einschluß Hessens, nicht + eine einzige deutsche Regierung gibt, welche hinter der preußischen + in politischer Beziehung zurückstände, während es, und zwar mit + Einschluß Österreichs (!!), fast keine einzige deutsche Regierung + gibt, welche der preußischen nicht noch bedeutend voraus wäre.” + +Indes in der Sache selbst hatte Lassalle natürlich recht. Die +Organisation der Arbeiter als selbständige politische Partei mit eigenem +Programm war eine geschichtliche Notwendigkeit, und wenn die Entwicklung +der politischen Zustände Deutschlands es zweifelhaft erscheinen lassen +konnte, ob es gerade in jenem Augenblick geraten war, die Arbeiter vom +Heerbann der gegen den Absolutismus kämpfenden Fortschrittspartei +abzutrennen, so lag von seiten der letzteren genug vor, was zu dieser +Abtrennung geradezu herausforderte. Zudem hieß die selbständige +Organisierung der Arbeiter an sich noch nicht Beeinträchtigung der +Aggressivkraft der Fortschrittspartei. Daß sie diese in der Tat zur +Folge hatte, ist in nicht geringem Grade Schuld der Fortschrittspartei +selbst -- ihrer wahrhaft bornierten Haltung gegenüber der neuen +Bewegung. Zum Teil allerdings auch Schuld des Programms, welches +Lassalle dieser Bewegung gab. + +Wir haben bei Besprechung des „Arbeiterprogramms” gesehen, welch +abstrakte, rein ideologische Vorstellung Lassalle mit dem Begriff +„Staat” verband. Es ist keine Übertreibung zu sagen, daß er einen +wahren Kultus mit dem Staatsbegriff trieb. „Das uralte Vestafeuer +aller Zivilisation, den Staat, verteidige ich mit Ihnen gegen jene +modernen Barbaren” -- nämlich die Manchesterpartei -- ruft er in der +Rede „Die indirekte Steuer” den Richtern des Berliner Kammergerichts +zu, und ähnliche Stellen finden sich in fast allen seinen Reden vor. +Dieser Staatskultus ist die Achillesferse der Lassalleschen Doktrin, +die Ursache von allerhand verhängnisvollen Fehlgriffen. Die +althegelisch-ideologische Vorstellung vom „Staat” veranlaßte +Lassalle, in einem Augenblick den Arbeitern eine halbmystische +Verehrung des Staats einzuprägen, wo es sich für sie zunächst noch +darum handelte, die Bevormundungen des Polizeistaats erst +loszuwerden. Es hört sich sehr hübsch an, wenn er im „Offenen +Antwortschreiben” den Arbeitern zuruft: „Wie, Sie wollten über +Freizügigkeit debattieren? Ich weiß Ihnen hierauf nur mit dem +Distichon Schillers zu antworten: + + „Jahrelang bedien' ich mich schon meiner Nase zum Riechen, + Aber hab' ich an sie auch ein erweisliches Recht?” -- + +Freizügigkeit und Gewerbefreiheit seien Dinge, die man in einem +gesetzgebenden Körper „stumm und lautlos dekretiert, aber nicht mehr +debattiert”. Tatsächlich jedoch waren diese Dinge und mit ihnen die +Koalitionsfreiheit eben noch nicht da, während die Arbeiter sie +unbedingt brauchten. Der wirkliche Grund, warum Freizügigkeit und +Gewerbefreiheit einen verhältnismäßig untergeordneten Rang auf einem +Arbeiterkongreß einzunehmen hatten, war der, daß sie zugleich in hohem +Grade Forderungen des bürgerlichen Liberalismus waren; aber überflüssig +war ihre Diskutierung schon deshalb nicht, weil selbst in +Arbeiterkreisen noch sehr viel Unklarheit über ihre Bedeutung herrschte. + +Lassalle schob diese Fragen beiseite, weil ihm wichtiger als sie die +Forderung der Staatshilfe schien. Einmal der Sache selbst wegen, +zweitens aber, weil er in dem Ausblick auf die Staatshilfe das einzig +wirksame Mittel erblickte, die Arbeiterklasse für die politische Aktion +aufzurütteln, sie zugleich von der Vormundschaft der bürgerlichen +Parteien zu emanzipieren und doch für die Erkämpfung der demokratischen +Forderungen zu erwärmen. Und kein Zweifel, daß ihm zu jener Zeit diese +zweite Seite die wichtigere war. Sie war es auch nach Lage der Dinge +selbst. Es handelte sich nur darum, ob Methode und Mittel, durch die er +diesen Zweck zu erreichen suchte, richtig waren. + +Um die Arbeiter von der Wirkungslosigkeit der Selbsthilfe zu überzeugen, +wie sie von bürgerlicher Seite gepredigt wurde, berief sich Lassalle auf +das Lohngesetz der kapitalistischen Produktion, wie es von den +Klassikern der politischen Ökonomie, insbesondere und am schärfsten von +Ricardo formuliert worden war, das „eherne und grausame Gesetz, wonach +unter der Herrschaft von Angebot und Nachfrage der durchschnittliche +Arbeitslohn immer auf den notwendigen Lebensunterhalt reduziert bleibt, +der in einem Volke gewohnheitsmäßig zur Fristung der Existenz und zur +Fortpflanzung erforderlich ist”. Steige er zeitweilig über diesen Satz, +so bewirkten leichtere Verehelichung und Fortpflanzung eine Vermehrung +der Arbeiterbevölkerung und damit des Arbeiterangebots, infolgedessen +der Lohn wieder auf den früheren Lohnsatz zurückfalle. Falle er aber +unter diesen Satz, so bewirkten Auswanderung, größere Sterblichkeit +unter den Arbeitern, Enthaltung von Ehe und Fortpflanzung eine +Verminderung des Arbeiterangebots, infolgedessen die Löhne wieder +stiegen. So tanzten „Arbeiter und Arbeitslohn immer um den äußersten +Rand dessen herum, was nach dem Bedürfnis jeder Zeit zu dem +notwendigsten Lebensunterhalt gehört”, und dies „ändert sich nie”. + +Es sei daher jeder Versuch der Arbeiterklasse, durch die individuellen +Anstrengungen ihrer Mitglieder ihre Lage zu verbessern, notwendigerweise +zur Wirkungslosigkeit verurteilt. Ebenso sei es verfehlt, die Lage der +Arbeiter durch Konsumvereine verbessern zu wollen. So lange diese +vereinzelt blieben, könnten sie hier und da den Arbeitern Vorteile +verschaffen. Von dem Zeitpunkt aber an, wo sie allgemein würden, würden +die Arbeiter als Produzenten, an ihrem Lohne, wieder verlieren, was sie +als Konsumenten, beim Einkauf ihrer Bedarfsartikel, gewönnen. Die Lage +der Arbeiterklasse könne vielmehr dauernd nur von dem Druck jenes +ökonomischen Gesetzes befreit werden, wenn an die Stelle des +Arbeitslohns der Arbeitsertrag trete, wenn die Arbeiterklasse ihr +eigener Unternehmer werde. Das sei aber nicht durch die Gründung +selbsthilflerischer Assoziationen zu erreichen, da diesen die +erforderlichen Mittel dazu fehlten, und da sie nur zu oft dem Schicksal +verfielen, daß in ihnen der Unternehmergeist seinen Einzug halte und die +Mitglieder in die „widrige Karikatur der Arbeiter mit Arbeitermitteln +und Unternehmergesinnungen” verwandelte. Die großen Fragen ließen sich +nur mit großen Mitteln lösen, und darum müßten die Assoziationen in +großartigem Maßstabe und mit Ausdehnung auf die fabrikmäßige +Großindustrie ins Leben gerufen, die Mittel dazu aber -- das nötige +Kapital, bzw. der nötige Kredit -- vom Staat dargeboten werden. Das sei +durchaus kein Kommunismus oder Sozialismus. „Nichts ist weiter entfernt +von dem sogenannten Kommunismus oder Sozialismus als diese Forderung, +bei welcher die arbeitenden Klassen ganz wie heute ihre individuelle +Freiheit, individuelle Lebensweise und individuelle Arbeitsvergütung +beibehalten und zu dem Staat in keiner anderen Beziehung stehen, als daß +ihnen durch ihn das erforderliche Kapital, resp. der erforderliche +Kredit zu ihrer Assoziation vermittelt wird.” Der Beruf des Staates sei +es aber gerade, die großen Kulturfortschritte der Menschheit zu +erleichtern und zu vermitteln. „Dazu existiert er, hat immer dazu +gedient und dienen müssen.” Was aber „ist denn der Staat”? Und +Lassalle führt die Zahlen der preußischen Einkommensstatistik von +1851 an, wonach in jenem Jahre 89 Prozent der Bevölkerung ein +Einkommen unter 200 Talern gehabt hatten, dazu 7¼ Prozent der +Bevölkerung ein solches von 200 bis 400 Talern, so daß also 96¼ +Prozent der Bevölkerung in elender, gedrückter Lage sich befänden. +„Ihnen also, meine Herren, den notleidenden Klassen, gehört der +Staat, nicht uns, den höheren Ständen, denn aus Ihnen besteht er! Was +ist der Staat? fragte ich, und Sie ersehen jetzt aus wenigen Zahlen, +handgreiflicher als aus dicken Büchern, die Antwort: Ihre, der +ärmeren Klassen, große Assoziation -- das ist der Staat.” Und wie +den Staat zu der geforderten Intervention vermögen? Dies werde nur +durch das allgemeine und direkte Wahlrecht möglich sein. Nur wenn die +gesetzgebenden Körper Deutschlands aus dem allgemeinen und direkten +Wahlrecht hervorgehen -- „dann und nur dann werden Sie den Staat +bestimmen können, sich dieser seiner Pflicht zu unterziehen”. Das +allgemeine und direkte Wahlrecht ... „ist nicht nur Ihr politisches, +es ist auch ihr soziales Grundprinzip, die Grundbedingung aller +sozialen Hilfe”. Darum mögen sich die Arbeiter zu einem allgemeinen +deutschen Arbeiterverein organisieren, der zum Zweck habe die +Einführung des allgemeinen und direkten Wahlrechts in allen deutschen +Ländern. Werde diese Forderung von den 89 bis 96 Prozent der +Bevölkerung als Magenfrage aufgefaßt und daher auch mit der +Magenwärme durch den ganzen nationalen Körper hin verbreitet, so +werde es keine Macht geben, die sich dem lange widersetzen würde. +„Alle Kunst praktischer Erfolge besteht darin, alle Kraft zu jeder +Zeit auf einen Punkt -- auf den wichtigsten Punkt -- zu konzentrieren +und nicht nach rechts und links zu sehen. Blicken Sie nicht nach +rechts noch links, seien Sie taub für alles, was nicht allgemeines +und direktes Wahlrecht heißt oder damit in Zusammenhang steht und +dazu führen kann.” + +Dies in möglichst knapper Form der Gedankeninhalt des „Offenen +Antwortschreibens” und zugleich der Lassalleschen Agitation überhaupt. +Denn wenn natürlich hiermit nicht das letzte Wort der Bestrebungen +Lassalles gesagt war, so hielt doch Lassalle bis zuletzt daran fest, +die Bewegung auf diesen einen Punkt: „Allgemeines Wahlrecht behufs +Erlangung von Staatshilfe für Produktionsgenossenschaften” zu +beschränken, eben im Sinne des oben entwickelten Grundsatzes, daß die +Kunst praktischer Erfolge darin besteht, alle Kraft zu jeder Zeit auf +einen Punkt zu konzentrieren. Es ist von Wichtigkeit, dies im Auge zu +behalten, wenn man an die agitatorische Tätigkeit Lassalles den +richtigen Maßstab anlegen will. Sie ist, wenigstens in ihrem Beginn, +auf den unmittelbaren, praktischen Erfolg berechnet gewesen. +Ausdrücklich verweist Lassalle im „Offenen Antwortschreiben” auf die +Agitation und den Erfolg der Kornzoll-Liga in England, und ebenso +scheint ihm die Agitation der englischen Chartisten vorgeschwebt zu +haben, wie der Satz von der „Magenfrage” beweist, der an die Erklärung +des Chartistenpredigers Stephens erinnert: „Der Chartismus, meine +Freunde, ist keine politische Frage, sondern eine Messer- und +Gabelfrage.” + +Wenn wir uns nun zunächst die Frage vorlegen, ob denn ein unmittelbarer +praktischer Erfolg der so abgesteckten Agitation überhaupt nach Lage der +damaligen Verhältnisse möglich war, so glaube ich die Frage unbedingt +bejahen zu müssen. Daß später Bismarck, wenn auch freilich nur zum +Norddeutschen Reichstag, wirklich das allgemeine Wahlrecht einführte, +ist für mich dabei nicht maßgebend. Allerhand Umstände hätten das +verhindern können, ohne daß dadurch die Tatsache umgestoßen worden wäre, +daß Lassalles Berechnung ihrer Zeit eine richtige war. Umgekehrt, +obgleich das Dreiklassenwahlsystem zum preußischen Landtag beibehalten +wurde, bleibt der Lassallesche Kalkül doch richtig; er entsprach +durchaus der damaligen politischen Situation. Lassalle wußte ganz genau, +daß, wenn im Lager der Fortschrittspartei das allgemeine Wahlrecht viele +Gegner und im ganzen nur laue Freunde hatte, dafür in den Kreisen der +Regierung das Dreiklassenwahlsystem allmählich mit immer scheeleren +Augen angesehen wurde. Die gouvernementalen Blätter sprachen sich +bereits ganz unverhohlen in diesem Sinne aus, und außerdem fehlte es, +wie wir gesehen haben, Lassalle durchaus nicht an Verbindungen, durch +die er genau über die Strömungen in den Hof- und Regierungskreisen +unterrichtet war. Wenn die Regierung in dem Verfassungskonflikt nicht +nachgeben wollte, so blieb ihr, kam nicht ein auswärtiger Krieg -- der +ihr aber auch verhängnisvoll werden konnte -- schließlich kaum etwas +anderes übrig, als Napoleon III. nachzuahmen: den Landtag aufzulösen und +ein anderes, „demokratischeres” Wahlrecht zu oktroyieren. Zu diesem +Schritt mußte sie sich um so mehr veranlaßt fühlen, je mehr eine starke, +von der Fortschrittspartei unabhängige Bewegung bestand, die die +Abschaffung des Dreiklassenwahlsystems auf ihre Fahne geschrieben hatte. +Gerade im Hinblick auf einen möglichen Krieg mußte ihr dies als der +beste Ausweg erscheinen, gegebenenfalls nicht das ganze Volk feindselig +gegen sich im Rücken zu haben[21]. + +Von dem Gesichtspunkt des unmittelbaren praktischen Erfolgs hatte also +Lassalle unzweifelhaft recht. Es war möglich, das allgemeine Wahlrecht +auf die von ihm entwickelte Weise zu erringen. Allerdings um einen +Preis: wenn die Regierung es gab, um der Fortschrittspartei nicht +nachgeben zu müssen, so wurde damit die Lösung des Verfassungskonflikts +mindestens noch weiter hinausgeschoben. „Seien Sie taub für alles, was +nicht allgemeines und direktes Stimmrecht heißt oder damit im +Zusammenhang steht und dazu führen kann”, heißt es im „Offenen +Antwortschreiben”. Einmal das allgemeine Wahlrecht durchgesetzt, würde +dieses, das muß man bei Lassalle, wenn er es auch nicht ausdrücklich +ausspricht, logischerweise als Voraussetzung annehmen, auch diese Frage +lösen. War aber diese Erwartung Lassalles vom allgemeinen Wahlrecht, wie +überhaupt die Erwartungen, die er an es knüpfte, in der Sache selbst +gerechtfertigt? + +Erfahrungen in bezug auf das allgemeine und direkte Wahlrecht lagen zur +Zeit Lassalles nur aus Frankreich vor. Und hier sprachen sie durchaus +nicht besonders zu dessen Gunsten. Es hatte zwar während der +Februarrepublik eine Reihe von Sozialisten in die Volksvertretung +gebracht, aber die Stimme dieser Sozialisten war erdrückt worden durch +die der Vertreter der verschiedenen Bourgeoisparteien, und das +allgemeine Wahlrecht hatte den Staatsstreich Bonapartes so wenig +verhindert, daß im Gegenteil Bonaparte ihn hatte unternehmen können als +„Wiederhersteller des allgemeinen Wahlrechts”. Und dabei war die +Februarrepublik, als sie ins Leben trat, vom Pariser Proletariat +proklamiert worden als soziale Republik, ihr war vorhergegangen eine +Epoche sozialistischer Propaganda von großartigster Ausdehnung, so daß +nach dieser Seite hin die Voraussetzungen dafür gegeben waren, daß sie +im Laufe der Zeit zu einer wirklichen sozialistischen Republik hätte +werden können. Warum wurde sie es nicht? Warum konnte sie vielmehr durch +das Kaiserreich gestürzt werden? + +Wenn Lassalle am Schluß des „Arbeiterprogramms” sagt, was am +2. Dezember 1851 gestürzt worden, das sei „nicht die Republik” +gewesen, sondern die Bourgeoisrepublik, welche durch das Wahlgesetz +vom Mai 1850 das allgemeine Wahlrecht aufgehoben und einen verkappten +Zensus zur Ausschließung der Arbeiter eingeführt hatte; die Republik +des allgemeinen Wahlrechts aber würde „an der Brust der französischen +Arbeiter einen unübersteiglichen Wall gefunden haben”, so wiederholt +er damit ein Schlagwort der kleinbürgerlichen Revolutionäre à la +Ledru-Rollin, das die Frage nicht beantwortet, sondern nur +verschiebt. Wo war dieser „unübersteigliche Wall”, als die auf Grund +des allgemeinen Wahlrechts gewählte Kammer dieses aufhob? Warum +hatten die Pariser Arbeiter diesen „Staatsstreich der Bourgeoisie” +nicht verhindert? + +Hätte Lassalle sich diese Frage vorgelegt, so würde er auf die Tatsache +gestoßen sein, daß die Februarrepublik als soziale Republik sich nicht +halten konnte, weil die Klasse, auf die sie sich als solche hätte +stützen müssen, noch nicht entwickelt genug war -- d. h. nicht +entwickelt genug im sozialen Sinne dieses Wortes. Das moderne +industrielle Proletariat war da, es war stark genug gewesen, für einen +Augenblick die bestehende Ordnung der Dinge über den Haufen zu werfen, +aber nicht stark genug, sie niederzuhalten. Wir begegnen hier wieder dem +Grundfehler der Lassalleschen Betrachtungsweise. Selbst wo Lassalle auf +die tieferen Ursachen der geschichtlichen Vorgänge einzugehen sucht, +hält ihn seine mehr juristische Denkart davon ab, ihrer sozialen Seite +wirklich auf den Grund zu gehen, und auch das Ökonomische packt er +gerade da an, wo es sich bereits, wenn ich mich so ausdrücken darf, +juristisch verdichtet hat. Nur so ist es zu erklären, daß er, um den +Arbeitern zu zeigen, aus welchen Elementen sich die Bevölkerung des +Staats zusammensetzt, sich an die Statistik der Einkommensverteilung, +und zwar ausschließlich an sie hält. Der Streit, der sich damals an +diese Stelle des „Offenen Antwortschreibens” knüpfte, ist ein +verhältnismäßig untergeordneter. Ob Lassalle sich um einige Prozentsätze +nach der einen oder anderen Richtung geirrt hat, darauf kommt im Grunde +wenig an, die Tatsache, daß die große Masse der Bevölkerung in dürftigen +Verhältnissen lebt, während nur eine kleine Minderheit im Überfluß +schwelgt, konnten die Wackernagel und Konsorten, die sich Lassalle +damals entgegenstellten, mit dem Aufwand ihrer ganzen Rabulistik nicht +aus der Welt leugnen. Viel wichtiger ist es, daß Lassalle gar nicht +berücksichtigt, aus wie verschiedenartigen Elementen sich die 96 oder 89 +Prozent der Bevölkerung zusammensetzten, als deren „große +Assoziation” er den Staat bezeichnete. Welch großen Bruchteil davon +Kleinhandwerker und Kleinbauern, sowie vor allem die Landarbeiter +bildeten, die noch großenteils völlig unter der geistigen +Vormundschaft ihrer Arbeitsherren standen, läßt er ganz unerörtert. +Über die Hälfte der Bevölkerung Preußens entfiel damals auf den +Ackerbau, die größeren Städte spielten bei weitem nicht die Rolle, +die sie heute spielen, vom Standpunkt der industriellen Entwicklung +betrachtet, war der ganze Osten der Monarchie nur eine Wüste mit +vereinzelten Oasen[22]. + +Was konnte unter solchen Umständen das allgemeine Wahlrecht an der +Zusammensetzung der Kammer ändern? War von ihm ein besseres Resultat zu +erwarten, als von dem allgemeinen Wahlrecht im Frankreich der Jahre 1848 +und 1849? Sicherlich nicht. Es konnte eine gewisse Anzahl von +Arbeitervertretern in die Volksvertretung bringen, und das war an sich +gewiß sehr zu wünschen. Aber im übrigen mußte es, gerade je mehr es die +Wirkung erfüllte, die Lassalle von ihm versprach -- nämlich einen +Volksvertretungskörper zusammenbringen, der „das genaue, treue Ebenbild +ist des Volkes, das ihn gewählt hat” („Arbeiterprogramm”) -- die +Zusammensetzung der Kammer verschlechtern, anstatt sie zu verbessern. +Denn so jämmerlich immer die damalige Volksvertretung war, sie war doch +wenigstens bürgerlich-liberal. Lassalle vergaß, daß die dürftigen +Klassen zwar unter Umständen sämtlich revolutionäre Truppen stellen, +aber keineswegs samt und sonders revolutionäre Klassen sind, er vergaß, +daß die 89 Prozent nur erst zum Teil aus modernen Proletariern +bestanden. + +Wenn also das allgemeine Wahlrecht zu erlangen möglich war, so ist doch +damit noch keineswegs gesagt, daß es das, wozu es selbst wieder als +Mittel dienen sollte, auch in absehbarer Zeit herbeigeführt haben würde. +Bei der politischen und sonstigen Bildungsstufe der großen Masse der +Bevölkerung konnte das Wahlrecht auch zunächst das Gegenteil bewirken, +statt Vertreter moderner Prinzipien, solche des Rückschritts in größerer +Anzahl als bisher in die Kammer bringen. Nicht alle Fortschrittler waren +aus Klasseninteresse Gegner oder laue Freunde des allgemeinen +Wahlrechts, es waren unter ihnen ein großer Teil Ideologen, welche +gerade durch die Entwicklung der Dinge in Frankreich in bezug auf seinen +Wert skeptisch geworden waren. Auch Sozialisten dachten so. Es sei nur +an Rodbertus erinnert, der in seinem Offenen Brief an das Leipziger +Komitee ebenfalls auf Frankreich hinwies, als ein Beispiel dafür, daß +das allgemeine Stimmrecht „nicht notwendig dem Arbeiterstande die +Staatsgewalt in die Hände spielt”. Es sei gesagt worden, das allgemeine +Wahlrecht solle nur Mittel zum Zweck sein, Mittel seien aber „zu +verschiedenen Zwecken und mitunter zu den entgegengesetzten brauchbar”. +„Sind Sie,” fragt er, „dessen gewiß, daß hier das Mittel mit +zwingender Notwendigkeit zu dem von Ihnen aufgesteckten Ziele führen +muß? Ich glaube das nicht.” Aus den Briefen Lassalles an Rodbertus +geht auch hervor, daß, beinahe mehr noch als Rodbertus' +gegensätzliches Urteil über den Wert der Produktivgenossenschaften, +sein Gegensatz gegen das allgemeine Stimmrecht der Grund war, daß er +trotz aller dringenden Bitten Lassalles dem Allgemeinen Deutschen +Arbeiterverein nicht beitrat[23]. + +Und wie man sonst auch über Rodbertus denken mag, seine Motive werden +auf das Unzweifelhafteste durch den Schlußsatz seines Briefes +charakterisiert, wo er den Arbeitern anrät, obwohl Lassalle recht habe, +daß man solche Fragen nicht mehr debattiere, doch Freizügigkeit und +freie Wahl der Beschäftigung als selbstverständlich in ihr Programm +aufzunehmen, um „jeden Reaktionär, der Ihnen schaden könnte, höchst +wirksam zurückzuscheuchen”. + +Wenn Rodbertus und andere die Gefahr des Bonapartismus übertrieben, so +nahm Lassalle sie seinerseits entschieden zu leicht. Die Schwenkung, die +er später tatsächlich in dieser Richtung machte, lag dem Ideengang nach +von vornherein in ihm. Höchst charakteristisch ist dafür eine Stelle aus +dem teilweise schon früher zitierten Brief Lassalles an Marx vom 20. +Juni 1859 über die Frage des italienischen Krieges. Dort heißt es: + + „Im Anfang, als mit solcher Wut überall das nationale Geschrei + eines Krieges gegen Frankreich ausbrach, rief die ‚Volkszeitung’ + (Bernstein, für mich ein Urreaktionär, ist ihr Redakteur) in einem + Leitartikel triumphierend aus: ‚Will man wissen, was dies Geschrei + aller Völker gegen Frankreich bedeutet? Will man seine + welthistorische Bedeutung kennen? Die Emanzipation Deutschlands von + der politischen Entwicklung Frankreichs -- das bedeutet es.’ -- + Habe ich erst nötig, den urreaktionären Inhalt dieses + Triumphgeschreis Dir auseinanderzusetzen? Doch gewiß nicht! Ein + populärer Krieg gegen Frankreich -- und unsere kleinbürgerlichen + Demokraten, unsere Dezentralisten, die Feinde aller + Gesellschaftsinitiative, haben einen unberechenbaren Kraftzuwachs + auf lange, lange gewonnen. Noch bis weit in die deutsche Revolution + hinein würde die Wirkung dieser Strömung sich bemerklich machen. + Wir haben wahrhaftig nicht nötig, diesem gefährlichsten Feind, den + wir haben, dem deutschen Spießbürgerindividualismus, durch einen + blutigen Antagonismus gegen den romanisch-sozialen Geist in seiner + klassischen Form, in Frankreich, noch neue Kräfte zuzuführen.” + +So Lassalle. Der verstorbene Redakteur der „Volkszeitung” verdiente in +gewisser Hinsicht zweifelsohne den Titel, den Lassalle ihm hier beilegt, +aber des zitierten Satzes wegen vielleicht am wenigsten. Die politische +Entwicklung Frankreichs war in jenem Zeitpunkt der Bonapartismus, +während die Partei der „Volkszeitung” auf England, als ihr politisches +Vorbild, schwor. Das war sicher sehr einseitig, aber noch nicht +reaktionär, oder doch reaktionär nur insoweit, als es eben einseitig +war. Lassalles Auffassung, die in dem staatlichen Zentralismus +Frankreichs ein Produkt des „romanisch-sozialen” Geistes sah, ihn mit +dem Grundgedanken des Sozialismus identifizierte, dagegen seine +reaktionäre Seite ganz unbeachtet ließ, ist jedoch nicht minder +einseitig. + +So weit über die politische Seite des Lassalleschen Programms, nun zu +seiner ökonomischen. + + +Fußnoten: + + [20] Wohl ein Druckfehler. D. H. + + [21] Wir haben oben, bei Besprechung des „Italienischen Krieges” + gesehen, mit welchem kühlen, gar nicht in die Schablone des „guten + Patrioten” passenden Blick Lassalle die Rückwirkung auswärtiger + Verwicklungen auf die innere Politik betrachtete. Sehr bezeichnend + dafür ist auch eine Stelle in der Schrift „Was nun?”, die schon + deshalb hierher gehört, weil Lassalles dort entwickelter Vorschlag + tatsächlich nur zwei Lösungen zuließ: Entweder Staatsstreich oder + Revolution. Anknüpfend daran, wie unmöglich und unhaltbar die + auswärtige diplomatische Stellung der preußischen Regierung wäre, + wenn sein Vorschlag befolgt würde, fährt Lassalle fort: + + „Daß Keiner von Ihnen, meine Herren, glaube, dies sei ein + unpatriotisches Räsonnement. Einmal hat der Politiker, wie der + Naturforscher, Alles zu betrachten, was ist, und also alle wirkenden + Kräfte in Erwägung zu ziehen. Der Antagonismus der Staaten unter + einander, der Gegensatz, die Eifersucht, der Konflikt in den + diplomatischen Beziehungen ist einmal eine wirkende Kraft und, + gleichviel ob gut oder schlimm, müßte sie hiernach schon unbedingt + in Rechnung gezogen werden. Überdies aber, meine Herren, wie oft + habe ich Gelegenheit gehabt, in der Stille meines Zimmers bei + historischen Studien mir die große Wahrheit auf das Genaueste zu + vergegenwärtigen, daß fast garnicht abzusehen wäre, auf welcher Stufe + der Barbarei wir, und die Welt im Allgemeinen, noch stehen würden, + wenn nicht seit je die Eifersucht und der Gegensatz der Regierungen + unter einander ein wirksames Mittel gewesen wäre, die Regierung zu + Fortschritten im Innern zu zwingen! Endlich aber, meine Herren, ist + die Existenz der Deutschen nicht von so prekärer Natur, daß bei ihnen + eine Niederlage ihrer Regierungen eine wirkliche Gefahr für die + Existenz der Nation in sich schlösse. Wenn Sie, meine Herren, die + Geschichte genau und mit innerem Verständniß betrachten, so werden + Sie sehen, daß die Kulturarbeiten, die unser Volk vollbracht hat, so + riesenhafte und gewaltige, so bahnbrechende und dem übrigen Europa + vorleuchtende sind, daß an der Nothwendigkeit und Unverwüstlichkeit + unserer nationalen Existenz garnicht gezweifelt werden kann. Geraten + wir also in einen großen äußeren Krieg, so können in demselben wohl + unsere einzelnen Regierungen, die sächsische, preußische, bayerische + zusammenbrechen, aber wie ein Phönix würde sich aus der Asche + derselben unzerstörbar erheben das, worauf es uns allein ankommen + kann -- das deutsche Volk!” + + Es ist in diesen Sätzen sehr viel Richtiges enthalten, doch darf man + zweierlei nicht vergessen. Erstens, daß, ein so wichtiger Faktor + des Fortschritts der Völker die Rivalität der Regierenden sein kann + und unzweifelhaft oft gewesen ist, sie doch auch recht oft als ein + Faktor im entgegengesetzten Sinne gewirkt, sich als ein Hemmnis des + Fortschritts erwiesen hat. Es sei nur an die beiden Gesichter des + heutigen Militarismus erinnert. Zweitens, daß ein äußerer Krieg zwar + ein großes Kulturvolk nicht aus der Reihe der Nationen auslöschen, es + aber doch so wesentlich in seinen Lebensinteressen schädigen kann, + daß er immer eine Sache bleibt, die man in Betracht ziehen, aber + auf die man nicht spekulieren soll. In dem erwähnten Beispiel tut + Lassalle nur das erstere, aber wie der Schlußsatz und seine Briefe + zeigen, war er auch zu dem Letzteren sehr geneigt -- eine übrigens + weit verbreitete, aber darum nicht minder zu bekämpfende Tendenz. + + [22] Auf 3428457 selbsttätige Personen in der Landwirtschaft + kamen damals in Preußen erst 766180 selbsttätige Personen in der + Fabrikindustrie, die Geschäftsleiter und Beamten eingeschlossen. + + [23] Ursprünglich hatte es in Rodbertus' „Offenem Brief” geheißen: + „Und ich wiederhole, daß ich mir auch von den Produktivassoziationen + nicht im Geringsten einen Beitrag zu dem verspreche, was man die + Lösung der sozialen Frage nennt.” Auf Wunsch Lassalles wurden aber + diese Worte beim Druck fortgelassen, da er der Sache nach eine + Wiederholung des in dem Brief vorher Gesagten sei, in dieser scharfen + Form aber notwendigerweise „die Arbeiter, wenn sie so schroffen + Widerstreit zwischen ihren Führern sehen, entmutigen müsse”. + (Lassalles Brief an Rodbertus vom 22. April 1863.) + + + + +Der ökonomische Inhalt des Offenen Antwortschreiben. + +Das eherne Lohngesetz und die Privatgenossenschaften mit Staatskredit. + + +Das Lohngesetz, auf welches sich Lassalle berief und dem er das +Beiwort „ehern” gab, entspricht, wie ich an anderer Stelle[24] +nachgewiesen zu haben glaube, einer bestimmten Produktionsmethode -- +der Manufakturindustrie -- und einem auf ihr beruhenden +Gesellschaftszustande, ist also in der Gesellschaft der modernen +Großindustrie, der entwickelten Verkehrsmittel, des beschleunigten +Kreislaufes von Krisis, Stockung und Prosperität, der rasch sich +vollziehenden Steigerung der Produktivität der Arbeit usw. zum +mindesten überlebt. Auch setzt es ein absolut freies Walten von +Angebot und Nachfrage auf dem Arbeitsmarkt voraus, das schon gestört +ist, sobald die Arbeiterklasse dem Unternehmertum organisiert +gegenübertritt, oder der Staat, bzw. die Gesetzgebung, in die Regelung +des Arbeitsverhältnisses eingreifen. Wenn also die Liberalen Lassalle +entgegenhielten, sein Lohngesetz stimme nicht, es sei veraltet, so +hatte das teilweise seine Berechtigung. Aber nur teilweise. Denn die +guten Leute verfielen ihrerseits in viel schlimmere Fehler als +Lassalle. + +Lassalle legte den Ton auf den ehernen Charakter der den Lohn +bestimmenden Gesetze, weil er den stärksten Schlag gegen die moderne +Gesellschaft damit zu führen meinte, daß er nachwies, der Arbeiter +erhalte unter keinen Umständen seinen vollen Arbeitsertrag, den vollen +Anteil an dem von ihm erzeugten Produkt. Er gab der Frage einen +rechtlichen Charakter, und agitatorisch hat sich das auch höchst wirksam +erwiesen. Aber in der Sache selbst traf er damit keineswegs den Kern der +Frage. Den vollen Ertrag seiner Arbeit hat der Arbeiter auch unter den +früheren Produktionsformen nicht erhalten, und wenn ein „ehernes” +Gesetz es verhindert, daß der Lohn dauernd unter ein bestimmtes +Minimum sinkt, dieses Minimum selbst aber -- wie Lassalle +ausdrücklich zugab -- im Laufe der Entwicklung sich zwar langsam +hebt, aber doch hebt, so war der Beweis für die Notwendigkeit der von +ihm geforderten Einmischung des Staates schwer zu erbringen. + +Das, worauf es wirklich ankommt, ist von Lassalle erst später, und nur +beiläufig, hervorgehoben worden. Nicht die Ablohnung des Arbeiters mit +einem Bruchteil des von ihm erzeugten neuen Wertes, sondern diese +Ablohnung in Verbindung mit der Unsicherheit der proletarischen +Existenz, die Abhängigkeit des Arbeiters von den in wechselnden +Zeiträumen einander folgenden Kontraktionen des Weltmarktes, von +beständigen Revolutionen der Industrie und der Absatzverhältnisse -- der +schreiende Gegensatz zwischen dem immer mehr gesellschaftlich werdenden +Charakter der Produktion und ihrer anarchischen Leitung, dabei die +wachsende Unmöglichkeit für den einzelnen Arbeiter, aus der doppelten +Abhängigkeit vom Unternehmertum und den Wechselfällen des industriellen +Zyklus sich zu befreien, die beständige Bedrohung mit dem +Hinausgeworfenwerden aus einer Sphäre der Industrie in eine andre, +tieferstehende, oder in das Heer der Arbeitslosen -- das ist es, was die +Lage der Arbeiterklasse in der modernen Gesellschaft so unerträglich +macht, sie von der bei jeder vorhergehenden Produktionsweise zum +Schlechteren unterscheidet. Die Abhängigkeit des Arbeiters ist mit der +scheinbaren Freiheit nur größer geworden. Sie ist es, die mit eherner +Wucht auf der Arbeiterklasse lastet, und deren Druck zunimmt mit der +wachsenden Entwicklung des Kapitalismus. Die Lohnhöhe dagegen wechselt +heute, je nach den verschiedenen Industriezweigen, von buchstäblichen +Verhungerungslöhnen bis zu Löhnen, die tatsächlich einen gewissen +Wohlstand darstellen, und ebenso ist die Ausbeutungsrate in den +verschiedenen Industrien eine sehr verschiedene, teils höher, teils aber +auch geringer als in früheren Produktionsepochen. Beide hängen von sehr +veränderlichen Faktoren ab, beide wechseln nicht nur von Industrie zu +Industrie, sondern sind auch in jeder einzelnen Industrie den größten +Veränderungen unterworfen, und beständig ist nur die Tendenz des +Kapitals, die Ausbeutungsrate zu erhöhen, zusätzliche Mehrarbeit auf die +eine oder die andere Weise aus dem Arbeiter herauszupressen. + +Dadurch, daß Lassalle als die wesentliche Ursache der Leiden der +Arbeiterklasse in der heutigen Gesellschaft eine Tatsache hinstellte, +die gar nicht das charakterisierende Merkmal der modernen +Produktionsweise ist -- denn, wie gesagt, den vollen Arbeitsertrag hat +der Arbeiter zu keiner Zeit erhalten -- war der Hauptfehler seines +Abhilfemittels von vornherein angezeigt. Es ignoriert, oder, um Lassalle +auch nicht Unrecht zu tun, es unterschätzt die Stärke und den Umfang der +Gesetze der Warenproduktion und deren wirtschaftliche und soziale +Rückwirkungen auf das gesamte moderne Wirtschaftsleben. Wir müssen hier +wieder genau unterscheiden zwischen Lassalles Mittel und Lassalles Ziel. +Sein Ziel war natürlich, die Warenproduktion aufzuheben, sein Mittel +aber ließ sie unangetastet. Sein Ziel war die gesellschaftlich +organisierte Produktion, sein Mittel die individuelle Assoziation, die +sich von der Schulzeschen zunächst nur dadurch unterschied, daß sie mit +Staatskredit, mit Staatsmitteln ausgestattet werden sollte. Alles +weitere, der Verband der Assoziationen usw., bleibt bei ihm der +freiwilligen Entschließung jener überlassen -- es wird von ihnen erwartet, +aber ihnen nicht zur Bedingung gemacht. Der Staat sollte nur Arbeitern, +die sich zu assoziieren wünschten, die erforderlichen Mittel dazu auf +dem Wege der Kreditgewährung vorstrecken. + +Die Assoziationen einer bestimmten Industrie würden also, solange sie +nicht diese ganze Industrie umfaßten, mit den bestehenden Unternehmungen +ihres Produktionszweigs in Konkurrenz zu treten, sich den Bedingungen +dieser Konkurrenz zu unterwerfen haben. Damit war als unvermeidliche +Folge auch gegeben, daß sich im Schoße der Assoziationen +Sonderinteressen herausentwickeln mußten, daß jede Assoziation danach +streben mußte, ihren Gewinn so hoch als möglich zu steigern, sei es auch +auf Kosten andrer Assoziationen oder andrer Arbeitskategorien. Ob mit +Staatskredit oder nicht, die Assoziationen blieben Privatunternehmungen +von mehr oder minder großen Gruppen von Arbeitern. Individuelle +Eigenschaften, individuelle Vorteile, individuelle Glückschancen mußten +daher bei ihnen eine hervorragende Rolle spielen, die Frage von Gewinn +und Verlust für sie dieselbe Bedeutung erhalten, wie für andre +Privatunternehmungen. Lassalle glaubte zwar erstens -- gestützt darauf, +daß 1848 in Paris der Andrang zu den Produktivgenossenschaften sehr +stark war --, daß sich sofort mindestens alle Arbeiter bestimmter +Industrien an den einzelnen Orten zu je einer großen Assoziation +zusammentun würden, und sprach sich zweitens im „Bastiat-Schulze” +später sogar dahin aus, daß der Staat in jeder Stadt immer „nur einer +Assoziation in jedem besonderen Gewerkszweig den Staatskredit zuteil +werden” lassen würde, „allen Arbeitern dieses Gewerkes den Eintritt in +dieselbe offen haltend”, aber selbst solche örtlich einheitlich +organisierten Assoziationen blieben noch immer in nationaler Konkurrenz. +Die nationale Konkurrenz sollte nun zwar durch große Assekuranz- und +Kreditverbände der Assoziationen untereinander in ihren ökonomischen +Folgen aufgehoben werden; es liegt aber auf der Hand, daß diese +Assekuranz ein Unding war, wenn sie nicht einfach ein anderes Wort war +für nationale Organisation und nationale Monopolisierung der Industrie. +Sonst mußte die Überproduktion sehr bald die Assekuranzgesellschaft +sprengen. Und die Überproduktion war unvermeidlich, wenn der Staat, wie +es oben heißt, allen Arbeitern desselben Gewerkes den Eintritt in die +Assoziationen „offen hielt”. Lassalle verwickelte sich da, von seinem +sozialistischen Gewissen getrieben, in einen großen Widerspruch. „Den +Eintritt offen halten” heißt die Assoziation zur Aufnahme jedes sich +meldenden Arbeiters verpflichten. Nach dem „Offenen Antwortschreiben” +sollte aber die Assoziation dem Staat gegenüber vollkommen unabhängig +sein, ihm nur das Recht der Genehmigung der Statuten und der Kontrolle +der Geschäftsführung zur Sicherung seiner Interessen zustehen. Mit +obiger Verpflichtung war sie dagegen aus einem unabhängigen in ein +öffentliches, d. h. unter den gegebenen Verhältnissen staatliches +Institut umgewandelt -- ein innerer Gegensatz, an dem sie unbedingt +hätte scheitern müssen. + +Ein anderer Widerspruch der Lassalleschen Produktivgenossenschaft ist +folgender. Solange die Assoziationen nur einen Bruchteil der Angehörigen +eines bestimmten Industriezweiges umfaßten, unterstanden sie den +Zwangsgesetzen der Konkurrenz, und dies um so mehr, als Lassalle ja +gerade die Betriebe fabrikmäßiger Großproduktion im Auge hatte, die +zugleich die großen Weltmarktsindustrien bilden. Wo aber Konkurrenz +besteht, besteht auch geschäftliches Risiko; die Konkurrenz zwingt den +Unternehmer, sei er eine einzelne Person, eine Aktiengesellschaft oder +eine Assoziation, sich der Möglichkeit auszusetzen, daß sein Produkt +jeweilig als unterwertig -- d. h. als Erzeugnis von nicht +gesellschaftlich notwendiger Arbeit -- aus dem Markt geworfen wird. +Konkurrenz und Überproduktion, Konkurrenz und Stockung, Konkurrenz und +Bankrotte sind in der heutigen Gesellschaft untrennbar. Eine +Beherrschung der Produktion durch die Produzenten selbst ist nur möglich +nach Maßgabe der Aufhebung der Konkurrenz unter ihnen, nur erreichbar +durch das Monopol. Während aber die Konkurrenz in der heutigen +Gesellschaft die wichtige Mission hat, die Konsumenten vor +Übervorteilung zu schützen und die Produktionskosten beständig zu +senken, hat das Monopol umgekehrt die Tendenz, die Konsumenten zugunsten +der Monopolinhaber zu überteuern und den Fortschritt der Technik, wenn +nicht aufzuheben, so doch zu verlangsamen. Das letztere um so mehr, wenn +die beteiligten Arbeiter selbst die Inhaber des Monopols sind. Die +Aufhebung des geschäftlichen Risikos für die Assoziationen würde also im +Rahmen der kapitalistischen Gesellschaftsordnung, wenn überhaupt zu +verwirklichen, notwendigerweise auf Kosten der Konsumenten vor sich +gehen, die jedesmal den betreffenden Produzenten gegenüber die große +Mehrheit ausmachen. Zwischen Assoziations- und Gesamtinteresse wäre ein +unlösbarer Antagonismus. + +In einem sozialistischen Gemeinwesen wäre das natürlich leicht zu +verhindern, aber ein solches wird nicht den Umweg von der +subventionierten Produktivgenossenschaft zur Vergesellschaftung der +Produktion gehen, sondern die Produktion, auch wenn sie sich dabei der +Form der genossenschaftlichen Betriebe bedient, von vornherein auf +gesellschaftlicher Grundlage organisieren. In die kapitalistische +Gesellschaft verpflanzt, wird gerade die Produktivgenossenschaft dagegen +so oder so stets einen kapitalistischen Charakter annehmen. Die +Lassalleschen Produktivgenossenschaften würden sich von den +Schulze-Delitzschschen nur quantitativ, nicht qualitativ, nur der Größe, +nicht dem Wesen nach unterschieden haben. + +Das letztere war auch die Meinung von Rodbertus, der ein viel zu +durchgebildeter Ökonom war, als daß ihm diese schwache Seite der +Lassalleschen Assoziationen hätte entgehen können. Wir haben bereits aus +dem oben zitierten Brief Lassalles an ihn gesehen, wie schroff Rodbertus +sich in seinem „Offenen Brief” über sie hatte äußern wollen, und die +auf jenen folgenden Briefe Lassalles an Rodbertus lassen ziemlich +deutlich durchblicken, welches der Haupteinwand von Rodbertus war. +Noch deutlicher aber geht dies aus den Briefen von Rodbertus an +Rudolph Meyer hervor, und es dürfte nicht uninteressant sein, einige +der betreffenden Stellen hier folgen zu lassen. + +Unterm 6. September 1871 schreibt Rodbertus: + +„... Hieran läßt sich, in weiterem Verfolg, auch nachweisen, daß +dasjenige Kollektiveigentum, das die Sozialdemokraten heute verfolgen, +das von Agrargemeinden und Produktivgenossenschaften, ein viel +schlechteres, zu weit größeren Ungerechtigkeiten führendes Grund- und +Kapitaleigentum ist, als das heutige individuelle. Die Arbeiter folgen +hier noch Lassalle. Ich hatte ihn aber brieflich überführt, zu welchen +Absurditäten und Ungerechtigkeiten ein solches Eigentum ausgehen müsse +und (was ihm besonders unangenehm war) daß er gar nicht der Schöpfer +dieser Idee sei, sondern sie Proudhons Idée générale de la Révolution +entlehnt habe.”[25] + +Brief vom 24. Mai 1872: „Noch einen dritten Grund allgemeiner Natur habe +ich gegen diese Löhnungsart. (Es ist von der Beteiligung am +Geschäftsgewinn die Rede.) Sie bleibt entweder eine Gratifikation, wie +Settegast mit Recht sagt -- und mit ‚Biergeldern’ wird die soziale +Frage nicht gelöst -- oder sie entwickelt sich auch zu einem +Anrecht in Leitung des Betriebs und damit schließlich zu einem +Kollektiveigentum am Einzelbetriebsfonds. Dies Kollektiveigentum +liegt aber nicht auf dem sozialen Entwicklungswege. Der Beweis würde +mich zu weit führen, aber so weit hatte ich Lassalle denn doch schon +in unserer Korrespondenz getrieben, daß er mir in einem seiner +letzten Briefe schrieb: ‚Aber, wer sagt Ihnen denn, daß ich will, daß +der Produktivassoziation der Fonds zum Betriebe _gehören_ soll!’ +(sic!) Es geht auch einfach nicht! Das Kollektiveigentum der Arbeiter +an den einzelnen Betrieben wäre ein weit übleres Eigentum, als das +individuale Grund- und Kapitaleigentum oder selbst das Eigentum einer +Kapitalistenassoziation.” ... + +Eine Stelle wie die hier zitierte findet sich in keinem der zur +Veröffentlichung gelangten Briefe Lassalles an Rodbertus. Es ist aber +kaum anzunehmen, daß Rodbertus sich so bestimmt ausgedrückt haben +würde, wenn er den Wortlaut nicht vor sich gehabt hätte. Möglich, daß er +gerade diesen Brief später verlegt hat. Kein triftiger Grund spricht +nämlich dagegen, daß Lassalle sich nicht in der Tat einmal so +ausgedrückt haben sollte. In allen Lassalleschen Reden ist vielmehr von +den Zinsen die Rede, welche die Assoziationen dem Staat für das +vorgeschossene Kapital zu zahlen hätten. Es liegt also in dem Satz noch +nicht einmal ein Zugeständnis an den Rodbertusschen Standpunkt. Ein +solches, und zwar ein so starkes, daß es zugleich in eine -- +unbeabsichtigte -- Verurteilung der Produktivassoziationen umschlägt, +findet sich dagegen in dem Brief Lassalles an Rodbertus vom 26. Mai +1863. Dort heißt es: + +„Dagegen ist ja so klar wie die Sonne, daß, wenn dem Arbeiter Boden, +Kapital und Arbeitsprodukt gehört[26], von einer Lösung der sozialen +Frage nicht die Rede sein kann. Dasselbe Resultat wird sich also auch +annähernd herausstellen, wenn ihm Boden und Kapital zur Benutzung +geliefert wird und ihm das Arbeitsprodukt gehört. Bei der ländlichen +Assoziation wird dann der Arbeiter entweder mehr oder weniger als sein +Arbeitsprodukt haben. Bei der industriellen Assoziation wird er in der +Regel mehr erhalten als seinen Arbeitsertrag. Alles dieses weiß ich +genau und würde es, wenn ich mein ökonomisches Werk schreibe, sehr +explizit nachweisen.” + +Im nächsten Brief erklärt Lassalle, da Rodbertus entweder den Sinn der +vorstehenden Sätze nicht genau verstanden hatte oder Lassalle in die +Enge jagen wollte, sich noch deutlicher. Er schreibt (einen hier +gleichgültigen Zwischensatz lasse ich fort): + +„Meine Äußerung: ‚bei der ländlichen Assoziation wird dann der +Arbeiter entweder mehr oder weniger als sein Arbeitsprodukt haben’, +ist jedenfalls in bezug auf das ‚mehr’ doch leicht zu verstehen. Ich +verstehe gar nicht die Schwierigkeit, die in bezug auf diesen Satz +stattfinden könnte. + +Die Assoziationen auf den besser beschaffenen oder besser gelegenen usw. +Äckern würden doch zunächst gerade so Grundrente beziehen, wie jetzt die +Einzelbesitzer derselben. Und folglich mehr als ihren wirklichen +Arbeitsertrag, Arbeitsprodukt, haben. + +Allein schon daraus allein, daß einer in der Gesellschaft mehr hat als +sein legitimes Arbeitsprodukt, folgt, daß ein andrer weniger haben muß, +als bei der legitimen Verteilung des Arbeitsertrages, wie wir uns +dieselbe übereinstimmend (vgl. den Schluß Ihres dritten sozialen +Briefes) denken, auf die Vergütung seiner Arbeit kommen würde. + +Genauer: Was ist mein legitimes Arbeitsprodukt (im Sinne der endgültigen +Lösung der sozialen Frage, also im Sinne der ‚Idee’, die ich hier +immer als Norm und Vergleichungsmaßstab bei dem ‚mehr oder weniger’ +unterstelle)? Ist es das Produkt, das ich ländlich oder industriell +unter beliebigen Verhältnissen individuell hervorbringen kann, +während ein anderer unter günstigeren Verhältnissen mit derselben +Arbeit mehr, ein Dritter unter noch ungünstigeren mit derselben +Arbeit weniger erzeugt? Doch nicht! Sondern mein Arbeitsprodukt wäre +der Anteil an der gesamten gesellschaftlichen Produktivität, der +bestimmt wird durch das Verhältnis, in welchem mein Arbeitsquantum +zum Arbeitsquantum der gesamten Gesellschaft steht. + +Nach dem Schluß Ihres dritten sozialen Briefes können Sie das unmöglich +bestreiten. + +Und folglich haben, solange die Arbeiter der einen Assoziation +Grundrente beziehen, die Arbeiter der andern, die nicht in diesem Fall +sind, weniger als ihnen zukommt, weniger als ihr legitimes +Arbeitsprodukt.” + +Soweit Lassalle. Ein Mißverständnis ist hier gar nicht mehr möglich. Die +„Idee”, welche Lassalle bei dem „mehr oder weniger” unterstellt, +ist die kommunistische, die das gesamte Arbeitsprodukt der +Gesellschaft und nicht den individuellen Arbeitsertrag des einzelnen +oder der Gruppe ins Auge faßt, und Lassalle war sich durchaus dessen +bewußt, daß, solange der letztere den Verteilungsmaßstab bildet, ein +Bruchteil der Bevölkerung mehr, der andere aber notwendigerweise +weniger erhalten werde als ihm auf Grund des von ihm verrichteten +Anteils an der gesellschaftlichen Gesamtarbeit, bei gerechter +Verteilung, zukommen sollte, d. h. daß die Assoziationen zunächst +eine neue Ungleichheit schaffen würden. Gerade mit Rücksicht darauf +habe er, so behauptet Lassalle immer wieder, bei Entwicklung seines +Vorschlages das Wort „Lösung der sozialen Frage” sorgfältig vermieden +-- „nicht aus praktischer Furchtsamkeit und Leisetreterei, sondern +aus jenen theoretischen Gründen”. + +Im weiteren Verlauf des Briefes entwickelt Lassalle, daß die +Ungleichheit bei den ländlichen Assoziationen durch eine +differenzierende Grundsteuer leicht beseitigt werden könne, welche „die +ganze Grundrente abolieren, d. h. in die Hände des Staats bringen, den +Arbeitern nur den wirklich gleichmäßigen Arbeitsertrag lassen” soll -- +die Grundrente im Sinne Ricardos genommen[27]. Die Grundsteuer würde die +Bezahlung bilden für die Überlassung der Bodenfläche an die +assoziierten Arbeiter und -- wie es bei Lassalle heißt -- „schon aus +Gerechtigkeit und Neid” von den ländlichen Assoziationen +„leidenschaftlich begünstigt werden”. Der Staat aber hätte an dieser +Grundrente die Mittel, Schulunterricht, Wissenschaft, Kunst, öffentliche +Ausgaben aller Art zu bestreiten. Bei den industriellen Assoziationen +solle sich die Ausgleichung dagegen dadurch vollziehen, daß sobald die +Assoziationen jeder einzelnen Branche sich zu je einer großen +Assoziation zusammengezogen haben, der private Zwischenhandel aufhören +und der Verkauf in vom Staat angelegten Verkaufshallen besorgt werden +würde. „Würde hiermit nicht zugleich getötet werden, was man heut +Überproduktion und Handelskrise nennt?” + +Der Gedanke der Verstaatlichung oder Vergesellschaftung der +Grundrente[28] ist ein durchaus rationeller, d. h. er enthält keinen +Widerspruch in sich. Es ist auch sogar meines Erachtens sehr +wahrscheinlich, daß er auf einer gewissen Stufe der Entwicklung +irgendwie verwirklicht werden wird. Die Idee der Zusammenziehung der +Assoziationen ist dagegen nur ein frommer Wunsch, der in Erfüllung gehen +kann, aber nicht notwendigerweise in Erfüllung zu gehen braucht, +solange die Teilnahme ins Belieben der einzelnen Assoziationen gestellt +wird. Und selbst wenn sie in Erfüllung ginge, würde damit noch durchaus +nicht schlechthin verhindert sein, daß die Mitglieder der einzelnen +Assoziation nicht in ihrem Anteil an deren Ertrage eine größere oder +unter Umständen geringere Quote des gesellschaftlichen Gesamtprodukts +erhalten, als ihnen auf Grund der geleisteten Arbeitsmenge zukäme. Es +stände immer wieder Assoziationsinteresse gegen Gesamtinteresse. + +Hören wir noch einmal Rodbertus. + +Im Brief an Rudolph Meyer vom 16. August 1872 nimmt er auf einen Artikel +des „Neuen Sozialdemokrat” Bezug, wo ausgeführt war, daß Lassalle der +„weitgehendsten Richtung des Sozialismus” angehört habe, und meint, +das sei wohl richtig, es sei + + „aber auch ebenso richtig, daß Lassalle und der (Neue) + ‚Sozialdemokrat’ ursprünglich eine Produktivassoziation angestrebt + haben, wie Schulze-Delitzsch sie wollte, nämlich in welcher der + Kapitalgewinn den Arbeitern selbst gehören sollte, nur daß + Schulze-Delitzsch wollte, sie sollten sich das Kapital selbst dazu + sparen, und Lassalle wollte, der Staat, auch der heutige, sollte es + ihnen liefern (ob leihen oder schenken, ist wohl nicht ganz klar). + Aber eine Produktivassoziation, die den Kapitalgewinn einsackt, + setzt ja das Kapitaleigentum, das ‚Gehören’ voraus. Wie soll also + jene ‚weitgehendste Richtung’ mit einer solchen Assoziation + vermittelt werden können?” + +Rodbertus geht nun auf die Frage ein, ob die Produktivassoziation +als „provisorische Institution” gedacht werden könne, und +fährt nach einigen allgemeinen Bemerkungen fort: „Genug, die +Produktivassoziation, die Lassalle und der ‚Sozialdemokrat’ in der +Tat angestrebt, kann auch nicht einmal als Übergangszustand zu jenem +‚weitgehendsten’ Ziele dienen, denn, der menschlichen Natur gemäß, +würde er nicht zu allgemeiner Brüderlichkeit, sondern zu dem +schärfsten Korporationseigentum zurückführen, in welchem nur die +Personen der Besitzenden gewechselt hätten, und das sich tausendmal +verhaßter machen würde, als das heutige individuale Eigentum. Der +Durchgang von diesem zu dem allgemeinen Staatseigentum kann eben +niemals das Korporations- oder auch Kollektiveigentum sein (es kommt +ziemlich über eins heraus); weit eher ist gerade das individuale +Eigentum der Übergang vom Korporationseigentum zum Staatseigentum. +Und hierin liegt die Konfusion der Sozialdemokraten (und lag die +Lassalles), nämlich bei jenem weitgehendsten Ziel (das auch bei +Lassalle noch kein praktisches Interesse erregen sollte) doch die +Produktivassoziation mit Kapitalgewinn und also auch Kapitaleigentum +zu verlangen. Niemals sind also die Pferde mehr hinter den Wagen +gespannt worden, als von den Berliner Sozialdemokraten (und ihrem +Führer Lassalle, insofern er ebenfalls jenes ‚weitgehendste’ Ziel +anstrebte) und das weiß Marx sehr gut.” (Briefe usw. von +Rodbertus-Jagetzow.) + +Ich habe Rodbertus so ausführlich sprechen lassen, weil er Lassalle +vielleicht am objektivsten gegenüberstand und in seiner Auffassung vom +Staat usw. sehr viel Berührungspunkte mit Lassalle hatte, auch wohl +niemand so eingehend mit Lassalle über die Produktivgenossenschaften +diskutiert hat, wie er. Ganz unbefangen ist sein Urteil freilich auch +nicht, da er bekanntlich seine eigene Theorie von der „Lösung der +sozialen Frage” hatte, nämlich den Normalwerksarbeitstag und den +verhältnismäßigen Arbeitslohn. Aber den schwachen Punkt in der +Lassalleschen Assoziation hat er in der Hauptsache richtig bezeichnet, +wenn er sagt, daß diese die Pferde hinter den Wagen spannt. Lassalle +wollte die Vergesellschaftung der Produktion und der Produktionsmittel, +und weil er es für unzeitgemäß hielt, das dem „Mob” -- worunter er +den ganzen Troß der Gedankenlosen aller Parteien verstand -- bereits +zu sagen, den Gedanken selbst aber in die Massen schleudern wollte, +stellte er das ihm ungefährlicher scheinende Postulat der +Produktivgenossenschaft mit Staatskredit auf. + +Er beging damit denselben Fehler, den er in seinem Aufsatz über Franz +von Sickingen als die tragische Schuld Sickingens hingestellt hatte, er +„listete” mit der „Idee”, wie es in jenem Aufsatz heißt, und +täuschte die Freunde mehr, als die Feinde. Aber er tat es, wie +Sickingen, im guten Glauben. Wenn Lassalle wiederholt gegenüber +Rodbertus erklärt hat, er sei bereit, auf die Assoziationen zu +verzichten, sobald jener ihm ein ebenso leichtes und wirksames Mittel +zum gleichen Zweck zeige, so darf man daraus nicht den Schluß ziehen, +daß Lassalle nicht von der Güte seines Mittels durchaus überzeugt +war. Solche Erklärungen pflegt jeder abzugeben, und kann sie um so +eher abgeben, je mehr er seiner Sache sicher zu sein glaubt. Und wie +sehr dies bei Lassalle der Fall, zeigt seine letzte Äußerung in bezug +auf die Assoziationen Rodbertus gegenüber: „Kurz, ich begreife nicht, +wie man nicht sehen könnte, daß die Assoziation, vom Staat ausgehend, +der organische Entwicklungskeim ist, der zu allem weiteren führt.” -- +Er ist also unbedingt von dem Vorwurf freizusprechen, mit dieser +Forderung den Arbeitern etwas empfohlen zu haben, von dessen +Richtigkeit er nicht durchdrungen war, ein Vorwurf, der viel +schwerwiegender wäre, als der eines theoretischen Irrtums. + +Lassalle glaubte, daß in dem Mittel der Assoziationen mit Staatskredit +der Zweck, dem diese dienen sollten, nämlich die Verwirklichung der +sozialistischen Gesellschaft, in seinen wesentlichen Grundzügen bereits +enthalten, daß hier in der Tat -- worauf er so großes Gewicht legte -- +„das Mittel von der eignen Natur des Zweckes ganz und gar durchdrungen” +sei. Nun ist ja auch tatsächlich die Assoziation im kleinen ein Stück +Verwirklichung des sozialistischen Prinzips der Gemeinschaftlichkeit, +und die Forderung der Staatshilfe eine Anwendung des Gedankens, die +Staatsmaschinerie als Mittel der ökonomischen Befreiung der +Arbeiterklasse in Anspruch zu nehmen, sowie zugleich ein Mittel, den +Zusammenhang mit dem großen Ganzen, der bei der Schulzeschen Assoziation +verlorenging, möglichst zu bewahren. Bis soweit kann man Lassalle nicht +nur keinen Vorwurf machen, sondern muß vielmehr die Einheitlichkeit des +Gedankens bei ihm im höchsten Grade anerkennen. Wir haben gesehen, +welche Auffassung er vom Staat hatte, wie dieser für ihn nicht der +jeweilige politische Ausdruck bestimmter gesellschaftlicher Zustände +war, sondern die Verwirklichung eines ethischen Begriffs, der durch +jeweilige historische Einflüsse zwar beeinträchtigt, dessen ewige +„wahre Natur” aber nicht aufgehoben werden kann. Bei solcher +Auffassung ist es aber nur folgerichtig, in der Forderung der +Staatshilfe mehr als eine bloße praktische Maßregel zu erblicken +und ihr, wie Lassalle dies getan, als einem fundamentalen Prinzip des +Sozialismus, eine selbständige prinzipielle Bedeutung zuzuschreiben[29]. +Und ebenso steht die Forderung der Produktivgenossenschaften in +engster Ideenverbindung mit Lassalles Theorie des ehernen +Lohngesetzes. Sie fußt auf denselben ökonomischen Voraussetzungen. +Kurz, es ist hier alles, möchte ich sagen, aus einem Guß. + +Aber es genügt noch nicht, daß Lassalle an die Richtigkeit seines +Mittels glaubte, um es zu rechtfertigen, daß er über sein Ziel sich so +unbestimmt wie nur möglich äußerte. Er, der in dem schon zitierten +Aufsatz über den „Franz von Sickingen” so trefflich dargelegt hatte, +welche Gefahr darin liegt, „die wahren und letzten Zwecke der Bewegung +andern (‚und beiläufig eben dadurch häufig sogar sich selbst’) geheim +zu halten”, der in diesem Geheimhalten bei Sickingen dessen +„sittliche Schuld” erblickt hatte, die seinen Untergang herbeiführen +mußte, den Ausfluß eines Mangels an Zutrauen in die Macht der von ihm +vertretenen Idee, ein „Abweichen von seinem Prinzip”, ein „halbes +Gebrochensein” -- er gerade zuletzt hätte sich darauf verlegen +dürfen, die Bewegung auf ein Mittel, statt auf den wirklichen Zweck +zuzuspitzen. Die Entschuldigung, daß man diesen Zweck dem „Mob” noch +nicht sagen durfte, oder daß die Massen für ihn noch nicht zu +gewinnen waren, trifft nicht zu. Waren die Massen für das wirkliche +Ziel der Bewegung noch nicht zu interessieren, so war diese +überhaupt verfrüht und dann konnte auch das Mittel, selbst wenn +erlangt, nicht zum Ziele führen. In den Händen einer Arbeiterschaft, +die ihre weltgeschichtliche Mission noch nicht zu begreifen vermag, +konnte das allgemeine Wahlrecht mehr schaden als nützen und mußten +die Produktivgenossenschaften mit Staatskredit nur der bestehenden +Staatsgewalt zugute kommen, ihr Prätorianer liefern. War aber die +Arbeiterschaft entwickelt genug, das Ziel der Bewegung zu begreifen, +dann mußte dieses auch offen ausgesprochen werden. Es brauchte damit +noch nicht als unmittelbares, über Nacht zu verwirklichendes Ziel +hingestellt zu werden, aber nicht nur der Führer, sondern auch jeder +der Geführten mußte wissen, welchem Ziel das Mittel galt, und daß es +nichts als Mittel zu diesem Ziele war. Die Masse wäre dadurch nicht +mehr vor den Kopf gestoßen worden, als es durch den Kampf um das +Mittel selbst geschah. Lassalle weist selbst darauf hin, wie fein der +Instinkt der herrschenden Klassen ist, wenn es sich um ihre Existenz +handelt. „Individuen,” sagt er in dieser Beziehung mit Recht, „sind +zu täuschen, Klassen niemals.” + +Wem das im Vorstehenden Ausgeführte doktrinär erscheint, der sei auf die +Geschichte der Bewegung unter und nach Lassalle verwiesen. Und damit +will ich zum Schluß auf dieses Thema übergehen. + + +Fußnoten: + + [24] „Neue Zeit”, Jahrgang 1890/91: „Zur Frage des ehernen + Lohngesetzes.” Die so betitelte Abhandlung ist von mir später + gesondert in das Buch „Zur Theorie des Lohngesetzes und Verwandtes” + (erster Teil der Sammelschrift „Zur Theorie und Geschichte des + Sozialismus”, Berlin, Ferd. Dümmler) übernommen worden. + + [25] Proudhon selbst hatte die Produktivassoziation Louis Blanc + „entlehnt” -- richtiger, Louis Blancs Assoziationsplan in seiner + Weise umgearbeitet. Lassalles Vorschlag nimmt eine Mittelstellung + zwischen Louis Blancs und Proudhons Vorschlägen ein; mit dem ersteren + hat er die Staatshilfe, mit dem letzteren die Selbständigkeit der + Assoziation gemein. + + [26] In der von Prof. Ad. Wagner besorgten Ausgabe der Lassalleschen + Briefe heißt es „nicht gehört”. Das „nicht” beruht aber, wie + sich im folgenden zeigt, auf einem Druckfehler. Es fehlt auch in dem + Abdruck des Briefes bei Rudolph Meyer (vgl. a. a. O. S. 463). + + [27] D. h. als der Überschuß des Bodenertrags über einen gewissen + Mindestsatz, unter dem Boden überhaupt nicht bewirtschaftet wird, + weil er nicht einmal vollwertige Bezahlung für die in ihn gesteckte + Arbeit abwirft. + + [28] Hier nicht zu verwechseln mit den Vorschlägen von Henry George, + Flürscheim usw., da Lassalle die allgemeine Verwirklichung der + Assoziationen voraussetzt, ohne welche, wie wir früher gesehen haben, + jede Steuerreform nach seiner Ansicht am ehernen Lohngesetz scheitern + müßte. + + [29] Auch war es bei solcher Auffassung nur logisch, wenn Lassalle + z. B. in seiner Leipziger Rede „Zur Arbeiterfrage” den sogenannten + Manchestermännern u. a. schon daraus einen Vorwurf machte, daß + sie, wenn sie könnten, den Staat „untergehen lassen würden in der + Gesellschaft”. Tatsächlich liegt das Bezeichnende jedoch darin, daß + die Manchestermänner den Staat in der kapitalistischen Gesellschaft + untergehen lassen wollen. + + + + +Gründung und Führung des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins. + + +Die Einzelheiten der Lassalleschen Agitation können hier nicht +dargestellt werden, soll diese Schrift nicht den Umfang eines ganzen +Werkes annehmen; ich muß mich vielmehr darauf beschränken, vorderhand +nur die allgemeinen Züge der Bewegung hervorzuheben. + +Das „Offene Antwortschreiben” hatte zunächst nur zum Teil die Wirkung, +die Lassalle sich von ihm versprach. Wohl durfte er an Gustav Levy in +Düsseldorf und andere schreiben: „Das Ganze liest sich mit solcher +Leichtigkeit, daß es dem Arbeiter sofort sein muß, als wüßte er es schon +jahrelang!” Die Schrift war wirklich ein agitatorisches Meisterwerk, +sachlich und doch nicht trocken, beredt, ohne ins Phrasenhafte zu +verfallen, voller Wärme und zugleich mit scharfer Logik geschrieben. +Aber -- die Arbeiter lasen sie vorerst überhaupt nicht; nur wo der Boden +bereits vorbereitet war, schlug sie in den Reihen der Arbeiterschaft +ein. Dies war der Fall, wie wir gesehen haben, in Leipzig, desgleichen +in Frankfurt a. M., in einigen größeren Städten und Industrieorten am +Rhein und in Hamburg. Teils hatten zurückgekehrte politische Flüchtlinge +eine sozialistische Propaganda im kleinen entfaltet, teils lebten, wie +namentlich am Rhein, die Traditionen der sozialistischen Propaganda aus +der Zeit vor und während der 1848 er Revolution wieder auf. Aber das +Gros der Arbeiter, die an der politischen Bewegung teilnahmen, blieb auf +längere Zeit hinaus noch von dem ergangenen Appell unberührt und +betrachtete Lassalle mit denselben Augen wie die meisten Führer der +Fortschrittspartei -- als einen Handlanger der Reaktion. + +Was nämlich die Fortschrittspartei in Preußen und außerhalb Preußens +anbetrifft, so hatte bei dieser allerdings das „Antwortschreiben” einen +wahren Sturm erregt -- nämlich einen wahren Sturm der Entrüstung, der +leidenschaftlichen Erbitterung. Sie waren sich so groß vorgekommen, so +erhaben in ihrer Eigenschaft als Ritter der bedrohten Volksrechte, und +nun wurde ihnen plötzlich von links her zugerufen, daß sie keinen +Anspruch auf diesen Titel, daß sie sich des Vertrauens, das ihnen das +Volk bisher entgegengebracht, unwürdig erwiesen hätten und daß daher +jeder, der es mit der Freiheit aufrichtig meine, insbesondere jeder +Arbeiter, ihnen den Rücken zu kehren habe. Eine solche Beschuldigung +verträgt keine kämpfende Partei, am allerwenigsten, wenn sie sich in +einer Situation befindet, wie damals die Fortschrittspartei. Die +Feindseligkeiten zwischen ihr und der preußischen Regierung hatten +allmählich einen Höhegrad erreicht, daß eine gewaltsame Lösung des +Konfliktes fast unvermeidlich schien, jedenfalls mußte man sich auf das +Äußerste gefaßt machen. Auf die Deduktionen der Regierungsorgane, daß +die Fortschrittspartei gar nicht das wirkliche Volk hinter sich habe, +hatte diese bisher mit Hohn und Spott antworten können, das Volk, das +politisch denke, stehe einmütig hinter ihr, und in dieser Zuversicht +hatte sie eine immer drohendere Sprache geführt. Denn wenn die +Fortschrittler auch keine große Lust hatten, Revolution zu machen, an +Drohungen mit ihr ließen sie es darum doch nicht fehlen[30]. + +Und gerade in einem solchen Augenblick sollte man sich von einem Manne, +der als Demokrat, als Gegner der Regierung auftrat, vorwerfen lassen, +man habe die Sache des Volkes preisgegeben, ruhig mitansehen, wie dieser +Mensch die Arbeiter unter einem neuen Banner um sich zu scharen suchte? +Das hieß ihnen Unmenschliches zumuten. + +Schon der Selbsterhaltungstrieb gebot den Fortschrittlern ihr +Möglichstes zu versuchen, die Lassallesche Agitation nicht aufkommen zu +lassen, und die nachträgliche Kritik hat es daher nur mit dem Wie dieser +Gegenwehr zu tun, nicht mit der Tatsache selbst, die zu begreiflich ist, +um zu irgendwelcher Betrachtung Anlaß zu bieten. Die Art der Gegenwehr +nun kann kaum anders bezeichnet werden, als mit dem Wort: kläglich. Daß +die Fortschrittler Lassalle als einen Handlanger der Reaktion +hinstellten, ist eigentlich noch das geringste, was ihnen zum Vorwurf +gemacht werden könnte. Denn es läßt sich nun einmal nicht bestreiten, +daß Lassalles „Antwortschreiben” zunächst Wasser auf die Mühle der +preußischen Regierung sein mußte. Statt sich aber darauf zu beschränken, +Lassalle in denjenigen Punkten entgegenzutreten, in denen sie eine +starke Position, oder, wie die Engländer es nennen, „einen starken +Fall” ihm gegenüber hatten, bissen sie gerade auf diejenigen seiner +Angriffe an, die sie bei ihrer schwachen Seite trafen, und +entwickelten dabei eine geistige Ohnmacht, die in ihrer Hilflosigkeit +hätte Mitleid erregen können, wenn sie nicht zugleich mit einer so +riesigen Dosis von Selbstüberhebung gepaart gewesen wäre. Lassalles +einseitiger Staatsidee setzten sie eine bis ins Abgeschmackte +getriebene Verleugnung aller sozialpolitischen Aufgaben des +Staats gegenüber, seinem, wie wir gesehen haben, auf zum Teil +unrichtigen Voraussetzungen beruhenden ehernen Lohngesetz die +platteste Verherrlichung der bürgerlich-kapitalistischen +Konkurrenzgesellschaft. In ihrer blinden Wut vergaßen sie so sehr +alle Wirklichkeit, alles, was sie selbst früher in bezug auf die +nachteiligen Wirkungen der kapitalistischen Produktion geschrieben +hatten, daß sie durch die Unsinnigkeit ihrer Behauptungen selbst die +Übertreibungen Lassalles rechtfertigten. Aus kleinbürgerlichen +Gegnern des Kapitalismus wurden die Schulze-Delitzsch und Genossen +über Nacht zu dessen Lobrednern. Man vergleiche nur die im ersten +Abschnitt dieser Schrift (S. 18 ff.) gegebenen Auszüge aus der 1858 +erschienenen Schrift des ersteren mit den Ausführungen Schulzes in +seinem „Kapitel zu einem deutschen Arbeiterkatechismus” -- eine +Zusammenstellung von sechs Vorträgen, die letzten davon bestimmt, +Lassalle vor den Berliner Arbeitern kritisch zu vernichten. Während +dort es als eine der schönsten Wirkungen der selbsthilflerischen +Assoziationen bezeichnet wurde, daß sie den Unternehmergewinn +herunterdrücken hülfen, heißt es hier, daß „die Wissenschaft ein +solches Ding wie Unternehmergewinn” gar nicht kenne und also +auch natürlich keinen Gegensatz zwischen Arbeitslohn und +Unternehmergewinn. Sie kenne nur „a) Unternehmerlohn und b) +Kapitalgewinn” (vgl. Schulze-Delitzsch, Kapitel S. 153). Gegenüber +solcher „Wissenschaft” brauchte man nicht einmal ein Lassalle zu +sein, um mit ihr fertig zu werden. + +Aber trotz seiner geistigen Überlegenheit, trotz seiner packenden +Rhetorik hatte Lassalle doch den Fortschrittlern gegenüber nicht den +Erfolg, auf den er gerechnet hatte. Von einer Wirkung des „Offenen +Antwortschreibens” gleich der der von Luther an die Wittenberger +Schloßkirche genagelten Thesen -- wie sie Lassalle sich laut dem bereits +erwähnten Schreiben an seinen Freund Levy versprach -- konnte zunächst +auch nicht entfernt die Rede sein. Am 19. Mai 1863 hatte Lassalle in +Frankfurt a. M., nachdem er zwei Tage vorher auf dem dort abgehaltenen +„Arbeitertag des Maingaues” eine vierstündige Rede gehalten, in einer +zum Abschluß derselben anberaumten Volksversammlung die Annahme einer +Resolution durchgesetzt, wonach sich die Anwesenden verpflichteten, für +das Zustandekommen eines allgemeinen deutschen Arbeitervereins im Sinne +Lassalles zu wirken, und am 23. Mai 1863 ward alsdann in Leipzig, in +Anwesenheit von Delegierten aus 11 Städten (Hamburg, Harburg, Köln, +Düsseldorf, Mainz, Elberfeld, Barmen, Solingen, Leipzig, Dresden und +Frankfurt a. M.), der „Allgemeine Deutsche Arbeiterverein” gegründet, +auf Grund von Statuten, die Lassalle im Verein mit dem ihm befreundeten +demokratischen Fortschrittsabgeordneten Ziegler ausgearbeitet hatte. +Gemäß diesen Statuten war die Organisation eine streng zentralistische, +was sich zum Teil durch die deutschen Vereinsgesetze, zum Teil durch den +Umstand erklärt, daß ursprünglich auch an die Gründung eines allgemeinen +Arbeiterversicherungsverbandes gedacht worden war. Der Plan war fallen +gelassen worden, aber Lassalle behielt trotzdem die Bestimmungen der +Statuten bei, die sich lediglich auf ihn bezogen hatten, so namentlich +die persönlicher Spitze und die geradezu diktatorischen Vollmachten für +die Person des Präsidenten, der obendrein auf fünf Jahre unabsetzbar +sein sollte. Es machten sich zwar bereits auf dieser ersten +konstituierenden Versammlung Anzeichen einer Opposition gegen solche +Präsidialgewalt bemerkbar, aber sie konnte gegenüber Lassalles +ausgesprochenem Wunsch auf unveränderte Annahme der Statuten nicht +durchdringen. Mit allen gegen eine Stimme (York aus Harburg) wurde +Lassalle zum Präsidenten erwählt, und nachdem man ihm noch die Befugnis +zugestanden, so oft und auf so lange als er wollte, einen +Vizepräsidenten zu ernennen, nahm er nach einigem Zaudern die Wahl an. +Er war somit anerkannter Führer der neuen Bewegung; diese selbst aber +blieb auf längere Zeit hinaus noch auf eine geringe Anhängerschaft +beschränkt. Drei Monate nach der Gründung betrug die Mitgliederzahl des +Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins kaum 900. An sich wäre das ein gar +nicht zu verachtender Anfang gewesen, aber Lassalle hatte auf ganz +andere Zahlen gerechnet. Er wollte nicht der Leiter einer +Propagandagesellschaft, sondern der Führer einer Massenbewegung sein. +Die Massen aber blieben der neuen Organisation fern. + +Lassalle war eine bedeutende Arbeitskraft, er konnte zeitweise eine +wahrhafte Riesenarbeit leisten; aber was ihm nicht gegeben war, das war +das stetige, solide, ausdauernde Schaffen. Der Verein war noch nicht +sechs Wochen alt, da trat der neue Präsident bereits eine mehrmonatige +Erholungsreise an -- zunächst in die Schweiz, dann an die Nordsee. +Freilich blieb Lassalle auch unterwegs nicht untätig. Er unterhielt eine +rege Korrespondenz, suchte alle möglichen Größen für den Verein zu +gewinnen, wobei er übrigens nicht sehr wählerisch vorging, aber gerade +das, worauf es ankam: die Agitation unter den Massen, ließ er ruhen. +Ferner sorgte er unbegreiflicherweise nicht einmal dafür, daß der Verein +wenigstens ein ordentliches Wochenblatt zur Verfügung hatte, obwohl es +ihm an den Mitteln dazu nicht fehlte. Er begnügte sich mit +gelegentlichen Subventionen an Blätter, wie den in Hamburg von dem alten +Freischärler Bruhn herausgegebene „Nordstern” und den in Leipzig von +einem Eigenbrödler, Dr. Ed. Löwenthal, herausgegebene „Zeitgeist”, +womit diese Blätter zeitweise über Wasser gehalten wurden, ohne +jedoch deshalb aufzuhören beständig zwischen Leben und Sterben zu +schweben. + +Wie die Masse der Arbeiter, so blieben auch die meisten der +vorgeschrittenen Demokraten und Sozialisten aus den bürgerlichen +Kreisen, an die sich Lassalle mit Einladungen zum Beitritt wandte, dem +Verein fern. Ein großer Teil dieser Leute war, wie bereits erwähnt, +stark verphilistert oder doch auf dem besten Wege zum Philisterium, +andere wurden durch ein unbestimmtes persönliches Mißtrauen gegen +Lassalle davon abgehalten, sich öffentlich für ihn zu erklären, wieder +andere hielten den Zeitpunkt für sehr ungeeignet, die Fortschrittspartei +von links her zu attackieren. Und selbst diejenigen, die dem Verein +beitraten, ließen es meist bei der einfachen Mitgliedschaft bewenden und +verhielten sich im übrigen durchaus passiv. Dafür agitierten zwar andere +Mitglieder des Vereins, ganz besonders die aus der Arbeiterklasse +hervorgegangenen, um so eifriger, und der Sekretär des Vereins, Jul. +Vahlteich, entwickelte eine geradezu fieberhafte Tätigkeit Anhänger für +den Verein zu werben, aber die Erfolge entsprachen durchaus nicht den +Anstrengungen. Auf der einen Seite erwies sich die Gleichgültigkeit der +unentwickelten Masse der Arbeiter, auf der andern die das Interesse des +Augenblicks absorbierende nationale Bewegung in Verbindung mit dem +Verfassungskampf in Preußen als ein fast unübersteigbares Hindernis, so +daß an verschiedenen Orten die Mitglieder des Vereins bereits lebhaft +die Frage diskutierten, ob man nicht durch Anziehungsmittel +unpolitischer Natur, Gründung von Unterstützungskassen usw., das +Werbegeschäft fördern solle. + +Lassalle selbst war einen Augenblick geneigt, auf die Diskussion dieser +Frage einzugehen -- vgl. seinen Brief vom 29. August 1863 an den +Vereinssekretär (zitiert bei B. Becker, Geschichte der Arbeiteragitation +usw. S. 83) --, er kam aber wieder davon ab, weil er einsah, daß der +Verein damit notwendigerweise seinen Charakter ändern mußte. Er würde +aufgehört haben, eine jederzeit disponible politische Maschine +abzugeben, und nur als eine solche hatte er in den Augen Lassalles Wert. + +Noch in den Bädern entwarf Lassalle die Grundgedanken einer Rede, mit +der er bei seiner Rückkehr die Agitation wieder aufnehmen wollte, und +zwar zunächst am Rhein, wo der Boden sich ihm am günstigsten erwiesen +hatte. Es ist dies die Rede „Die Feste, die Presse und der Frankfurter +Abgeordnetentag”. + +Diese Rede, die Lassalle in den Tagen vom 20. bis 29. September 1863 in +Barmen, Solingen und Düsseldorf hielt, bezeichnet den Wendepunkt in +seiner Agitation. Welche Einflüsse während der Sommermonate auf ihn +eingewirkt hatten, wird wohl kaum festgestellt werden können, indes wird +man nicht fehlgehen, wenn man auf die Gräfin Hatzfeldt und ihre +Verbindungen schließt. Die Hatzfeldt hatte begreiflicherweise fast ein +noch größeres Streben, Lassalle vom Erfolg emporgehoben zu sehen, als +dieser selbst; für sie ging das Interesse am Sozialismus vollständig auf +im Interesse an Lassalle, durch dessen Vermittlung sie überhaupt erst +zum Sozialismus gekommen war. Sie wurde auch sicherlich nur durch ihre +große Zuneigung zu Lassalle getrieben, wenn sie ihm zu Schritten riet, +die wohl versprachen, seinem persönlichen Ehrgeiz Befriedigung zu +verschaffen, die aber die Bewegung selbst im höchsten Grade +kompromittieren konnten. Für sie war eben die Bewegung Lassalle und +Lassalle die Bewegung, sie betrachtete die Dinge meist durch die Brille +der vermeintlichen Interessen Lassalles. Solche uneigennützigen Freunde +sind indessen in der Regel von sehr zweifelhaftem Wert. Sind sie aber +obendrein noch durch Erziehung, Lebensstellung usw. in besonderen +Klassenvorurteilen befangen und haben sie keinen eigenen selbständigen +Wirkungskreis, so wirkt ihre Fürsorge zuweilen schlimmer als Gift. Sie +bestärken den Gegenstand ihrer Liebe in allen seinen Fehlern und +Schwächen, sie reizen beständig seine Empfindlichkeit, indem sie ihn auf +jedes Unrecht aufmerksam machen, das ihm scheinbar geschehen; mehr als +der Beleidigte selbst verzehren sie sich im Durst nach Rache für dieses +Unrecht, sie hetzen und schüren und intrigieren -- alles in bester +Absicht, aber zum größten Schaden dessen, für den es vermeintlich +geschieht. + +Die Hatzfeldt war in ihrer Art eine gescheite Frau, die Lassalle, so +sehr sie ihm an Wissen und Energie nachstand, doch in bezug auf +Erfahrung überlegen war. Wo seine Leidenschaft nicht im Wege stand, gab +er viel auf ihren Rat; er mußte doppelt auf ihn wirken, wo er seinen +Leidenschaften Vorschub leistete. In einem am Schluß seiner Laufbahn +geschriebenen Briefe an die Gräfin macht Lassalle dieser gegenüber die +Bemerkung, sie sei es ja eigentlich gewesen, die ihn zur Annahme des +Präsidiums des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins veranlaßt habe. +Das ist sicherlich nicht wörtlich zu nehmen. Lassalle hätte wohl auch +ohne die Gräfin das Präsidium angenommen. Aber in solchen Situationen +läßt man sich besonders gern durch gute Freunde zu dem bestimmen, was +man selbst möchte, weil es die Verantwortlichkeit zu mindern scheint. +Die Gräfin wird also Lassalles Bedenken beschwichtigt haben, und es +liegt der Schluß mehr als nahe, daß sie es mit Verweisung auf die Dinge +getan haben wird, die sich in den oberen Regionen Preußens damals +vorbereiteten. Es sei nur an die Erklärung Lassalles in seiner +Verteidigungsrede im Hochverratsprozeß erinnert, daß er schon vom ersten +Tage, wo er seine Agitation begann, gewußt habe, daß Bismarck das +allgemeine Wahlrecht oktroyieren werde, und an die weitere Erklärung, +daß, als er das „Offene Antwortschreiben” erließ, ihm „klar” war, +daß „große auswärtige Konflikte bevorstehen, Konflikte, welche es +unmöglich machen, das Volk zu ignorieren”. Er stellt es zwar dort so +hin, als ob dies jeder hätte wissen müssen, der die Ereignisse mit +sicherem Blick verfolge, aus seinen Briefen an Marx haben wir aber +gesehen, wie sehr er sich bei seinen politischen Schritten durch die +„Informationen” beeinflussen ließ, die ihm aus „diplomatischen +Quellen” über die Vorgänge in Regierungskreisen zugingen. + +Die Hatzfeldt war durch das langsame Wachstum des Allgemeinen deutschen +Arbeitervereins sicherlich noch mehr enttäuscht worden, als Lassalle +selbst. Durch ihren ganzen Bildungsgang auf die Mittel der Intrige und +stillen Diplomatie abgerichtet, mußte sie auch jetzt darauf verfallen, +hinten herum das zu erreichen, was auf dem Wege des offenen Kampfes sich +als so schwer zu erreichen erwies. In diesem Streben fand sie an +Lassalles Geneigtheit, Erfolge, die er sich einmal als Ziel gesetzt, um +jeden Preis zu erzwingen, an seinem rücksichtslosen Temperament und +seinem hochgradigen Selbstgefühl nur zu bereitwillige Unterstützung. +Inwieweit damals schon die Fäden angeknüpft waren, die später Lassalle +ins Palais des Herrn von Bismarck führten, läßt sich heute nicht mehr +feststellen, aber sowohl die Worte, welche Lassalle, als er die Rede +„Die Feste, die Presse usw.” für den Druck niederschrieb, an seinen +Freund Levy richtete: „Was ich da schreibe, schreibe ich bloß für ein +paar Leute in Berlin,” als auch vor allem der Inhalt der Rede selbst +beweisen, daß an diesen Fäden mindestens eifrig gesponnen wurde. Die +Rede ist gespickt mit Angriffen auf die Fortschrittspartei, die +teilweise sehr übertrieben sind, während dagegen dem Minister Bismarck +unumwunden geschmeichelt wird. Hatten bis dahin stets der Demokrat und +der Sozialist in Lassalle die demagogische Ader in ihm gemeistert, so +meistert hier der Demagoge die ersteren. + +Im Juni 1863 hatte die preußische Regierung, nachdem sie den Landtag +nach Hause geschickt, die berüchtigten Preßordonnanzen erlassen, welche +die Verwaltungsbehörden ermächtigten, nach vorheriger zweimaliger +Verwarnung das fernere Erscheinen irgendeiner inländischen Zeitung oder +Zeitschrift „wegen fortdauernder, die öffentliche Wohlfahrt +gefährdender Haltung zeitweise oder dauernd” zu verbieten. Die +liberale Presse, ausschließlich in den Händen von Privatunternehmern, +hatte daraufhin meist es vorgezogen, während der Dauer der +Preßordonnanzen überhaupt nichts mehr über die innere Politik zu +schreiben. Das war gewiß nichts weniger als tapfer, aber es war auch +nicht so schlimmer Verrat an der eigenen Sache als wie Lassalle es +hinstellt. Lassalle übersah geflissentlich, daß Bismarcks Absicht +beim Erlaß der Preßordonnanz eben gewesen war, die ihm verhaßten +Blätter der Opposition geschäftlich zu ruinieren, um seine eigene +oder eine ihm genehme Presse an ihre Stelle zu bringen. In der +Begründung der Preßordonnanz hatte es ausdrücklich geheißen: + + „Die positive Gegenwirkung gegen die Einflüsse derselben (d. h. der + liberalen Presse) vermittelst der konservativen Presse kann schon + deshalb den wünschenswerten Erfolg nur teilweise haben, weil die + meisten der oppositionellen Organe durch eine langjährige Gewöhnung + des Publikums und durch die industrielle Seite der betreffenden + Unternehmungen eine Verbreitung besitzen, welche nicht leicht zu + bekämpfen ist.” + +Wenn also die liberalen Blätter es nicht darauf ankommen ließen, +verboten zu werden, so erhielt die Regierung auch keine Möglichkeit, +andere Blätter an deren Stelle einzuschmuggeln oder jenen die Annoncen +abspenstig zu machen. Der eine Zweck der Maßregel wurde also gerade +durch dies zeitweilige Schweigen über die innere Politik vereitelt. +Nicht minder aber auch der zweite, direkt politische Zweck. Lassalle +meint in seiner Rede, wenn die liberale Presse sich hätte verbieten +lassen, wenn der Spießbürger nicht mehr beim Frühstück seine gewohnte +Zeitung bekommen hätte, dann würde die Erbitterung über die +Preßordonnanzen im Volke aufs höchste gesteigert worden sein und die +Regierung sich gezwungen gesehen haben, nachzugeben. Indes, die +Erbitterung war nicht minder groß, wenn der Spießer zwar seine gewohnte +Zeitung forterhielt, aber ihm zugleich Tag für Tag am Inhalt derselben +vordemonstriert wurde, daß seinem Organ ein Knebel angelegt war, wenn er +zwar sein Blatt, aber ohne den geliebten Leitartikel erhielt. + +Zudem war die Preßordonnanz eine Maßregel, die nicht aufrechtzuerhalten +war, sobald der Landtag wieder zusammentrat. Es handelte sich um ein +Provisorium, und die liberalen Blätter hatten gar keine Ursache, während +desselben, Bismarck zuliebe -- wie Lassalle es ausdrückt -- „mit Ehren +zu sterben”. + +Die Wut der Regierung war denn auch eine nicht geringe, und ihre Organe +spiegelten diese Wut natürlich entsprechend wieder. Lassalle drückt das +so aus, daß er sagt: „Selbst (!) die reaktionären Blätter wußten +damals ihrem Erstaunen und ihrer Entrüstung über dieses Gebaren kaum +hinreichenden Ausdruck zu geben.” Und er zitiert als Beweis die +„Berliner Revue”, das Organ des reaktionärsten Muckertums. + +Natürlich benutzten die Reaktionäre die Finte, ihren Angriffen auf die +liberale Presse ein sozialistisches Mäntelchen umzuhängen, sich zu +gebärden, als ob sie ihres kapitalistischen Charakters halber angriffen. +Statt jedoch gegen diese Fälschung des sozialistischen Gedankens zu +protestieren und jede Solidarität mit ihren Urhebern zurückzuweisen, +leistete Lassalle dem Spiel der Bismärcker noch Vorschub, indem er ihre +Blechmünzen den Arbeitern als echtes Gold ausgab. + +Gewiß ist die Tatsache, daß die Presse heute ein Geldgeschäft ist, ein +großer Übelstand, ein mächtiger Faktor der Korruption des öffentlichen +Lebens. Dem ist aber, solange überhaupt das kapitalistische +Privateigentum besteht, schwerlich abzuhelfen, -- am allerwenigsten +durch beschränkende Gesetze des selbst noch kapitalistisch geleiteten +Staates. Soweit heute Abhilfe geschaffen werden kann, wird sie durch die +Freiheit der Presse ermöglicht. Davon aber wollte die preußische +Regierung nichts wissen, und Lassalle unterstützte ihren Widerstand +noch, indem er zwar für volle Preßfreiheit eintrat, aber zugleich +erklärte, daß diese ohnmächtig sein würde, das Wesen der Presse +umzuwandeln, wenn nicht zugleich der Presse das Recht entzogen würde, +Annoncen zu bringen. Mit letzterem würde die Presse nämlich aufhören, +eine lukrative Geldspekulation zu sein, und würden wieder nur solche +Männer Zeitungen schreiben, welche für das Wohl und das geistige +Interesse des Volkes kämpfen. + +Braucht es noch eines besonderen Nachweises, wie absolut wirkungslos +dieses Mittel wäre? Lassalle hätte nur seine Blicke über den +Grenzbereich des preußischen Staates hinaus nach England und Frankreich +zu richten brauchen, um sich von der Verkehrtheit seiner Idee zu +überzeugen. In England bildete und bildet heute noch das Annoncenwesen +eine sehr wesentliche Einnahmequelle der Presse, während in Frankreich +den Blättern die Aufnahme von Anzeigen zwar nicht direkt verboten, aber +durch eine hohe Steuer fast unmöglich gemacht, auf ein Minimum reduziert +war. War deshalb die französische Presse besser als die englische? +Weniger im Dienst des Kapitalismus, weniger korrumpiert als jene? Mit +nichten. Die Abwesenheit der Annoncen hatte es im Gegenteil dem +Bonapartismus sehr wesentlich erleichtert, die Presse für seine Zwecke +zu korrumpieren, und sie hatte anderseits die politische Presse +Frankreichs nicht verhindert, der hohen Finanz in viel höherem Grade +dienstbar zu sein, als es die politische Presse Englands war. + +Immerhin berührte Lassalle in diesem Teil seiner Rede wenigstens eine +Frage, die in der Tat ab ein wunder Punkt des modernen öffentlichen +Lebens bezeichnet werden muß. War der Zeitpunkt auch schlecht gewählt, +war das Heilmittel auch von problematischem Wert, an und für sich bleibt +die Tatsache, daß die Presse, ob mit oder ohne Annoncen, immer mehr ein +kapitalistisches Institut wird, ein Krebsschaden, auf den die +Aufmerksamkeit der Arbeiterklasse gelenkt werden muß, soll sie sich vom +Einfluß der Kapitalistenorgane befreien. Ganz und gar unzutreffend aber +war, was Lassalle über die Feste sagt, welche die Fortschrittler 1863 +Bismarck zum Trotz abhielten. Er wußte doch wohl, daß die Feste weiter +nichts waren, als Agitationsversammlungen, als Demonstrationen gegen die +Regierung, wie sie in Frankreich und England unter ähnlichen +Verhältnissen auch veranstaltet worden waren. Wollte er sie kritisieren, +so mußte er hervorheben, daß mit den Festen allein noch nichts getan +war, daß, wenn es bei ihnen blieb, die Sache des Volks gegen die +Regierung um keinen Schritt gefördert wurde. Statt dessen beschränkte er +sich darauf, die Redensarten der Regierungspresse über die Feste zu +wiederholen, den Hohn, unter dem diese ihren Ärger zu verbergen suchte, +noch zu überbieten. Niemand, der die Geschichte der preußischen +Verfassungskämpfe des Jahres 1863 genauer kennt, wird diese Stelle der +Lassalleschen Rede lesen können, ohne sie zu mißbilligen. + +Der dritte Teil der Rede, die Kritik des im Sommer 1863 zu +Frankfurt a. M. zusammengetretenen Deutschen Abgeordnetentages, wäre +berechtigt gewesen, wenn Lassalle sich nicht in demselben Augenblick, wo +er den Fortschrittlern einen Vorwurf daraus machte, daß sie mit den +deutschen Fürsten liebäugelten, um Herrn von Bismarck bangezumachen -- +wir haben gesehen, wie er ihnen im „Offenen Antwortschreiben” das +„Dogma von der preußischen Spitze” vorgeworfen und Preußen als den +reaktionärsten der deutschen Staaten hingestellt hatte -- wenn +Lassalle nicht in demselben Atemzuge seinerseits ein gleiches Spiel +getrieben hätte, wie die Fortschrittler, nur daß er nach der andern +Seite hin liebäugelte. Seine ganze Rede enthält keine Silbe gegen +Bismarck und die preußische Regierung, wohl aber eine ganze Reihe +direkter und indirekter Schmeicheleien an deren Adresse. Er läßt sie +„mit dem ruhigen Lächeln tatsächlicher Verachtung” über die +Beschlüsse der Kammer hinweggehen, und er stellt Bismarck das Zeugnis +aus, er sei „ein Mann”, während die Fortschrittler alte Weiber seien. +Noch ein Passus der Rede zeugt von der veränderten Frontrichtung +Lassalles. + +Der Führer des Nationalvereins, Herr von Bennigsen, hatte den +Abgeordnetentag mit folgenden Worten geschlossen, und es ist ganz gut, +wieder einmal daran zu erinnern: „Die Leidenschaft der Volkspartei und +die Verstocktheit der Regierenden habe schon oft zu revolutionären +Umwälzungen geführt. Aber das deutsche Volk sei nicht bloß einmütig, +sondern auch so gemäßigt bei seinen Ansprüchen, daß die deutsche +nationale Partei, die keine Revolution wolle und keine machen kann, +keine Verantwortung dafür habe, wenn nach ihr eine Partei kommen sollte, +welche, weil keine Reform mehr möglich, zu der Umwälzung greife.” + +Für jeden, der lesen kann, ist diese Erklärung eine zwar recht +lendenlahme Drohung, aber doch eine Drohung mit der Revolution. „Wir +wollen keine Revolution, o Gott behüte, wir waschen unsere Hände in +Unschuld, aber wenn ihr nicht nachgebt, dann wird sie doch kommen, und +dann habt ihr es euch selbst zuzuschreiben.” Eine, wenn man wirklich die +ganze Nation hinter sich hat, sehr feige Art zu drohen, aber leider +zugleich auch sehr gebräuchliche Art zu drohen -- so gebräuchlich, daß, +wie gesagt, über den Sinn der Erklärung gar kein Mißverständnis möglich +war. Was aber tut Lassalle? Er stellt sich, als ob er die Drohung nicht +verstanden habe, und er stellt sich so, nicht etwa, um die +Fortschrittler zu einer entschiedeneren Sprache herauszufordern, sondern +um ihnen zu drohen für den Fall, daß es zu einer Revolution oder einem +Staatsstreich kommen sollte. Er zitiert den obigen Ausspruch des Herrn +von Bennigsen und läßt ihm das nachstehende Pronunziamento folgen: +„Erheben wir also unsere Arme und verpflichten wir uns, wenn jemals +dieser Umschwung, sei es auf diesem, sei es auf jenem Wege käme, es den +Fortschrittlern und Nationalvereinlern gedenken zu wollen, daß sie bis +zum letzten Augenblicke erklärt haben: sie wollen keine Revolution! +Verpflichtet euch dazu, hebt eure Hände empor.” + +Und „die ganze Versammlung erhebt in großer Aufregung ihre Hände”, +heißt es in dem, von Lassalle selbst redigierten Bericht über die +Rede. + +Was sollte diese Drohung, dieses „Gedenken” bedeuten? Es war kaum eine +andre Auslegung möglich, ab daß man die Fortschrittler, wenn nicht +direkt angreifen, so doch im Stich lassen wollte, wenn es „auf diesem +oder jenem Wege” zum gewaltsamen Zusammenstoß kommen sollte. Eine solche +Drohung in diesem Moment konnte aber nur die eine Wirkung haben, die +Fortschrittler, statt sie vorwärtszutreiben, erst recht kopfscheu zu +machen. + +In einer der Versammlungen, in Solingen, kam es zu blutigen Konflikten. +Eine Anzahl Fortschrittler, die versucht hatten, Lassalle zu +unterbrechen, wurden von exaltierten Anhängern desselben mit +Messerstichen bedacht. Auf Grund dieser Vorkommnisse löste der +Bürgermeister eine halbe Stunde später die Versammlung auf, worauf +Lassalle, gefolgt von einer, ein Hoch über das andere ausbringenden +Menge zum Telegraphenbureau eilte und das bekannte Telegramm an Bismarck +aufgab, das mit den Worten beginnt: „Fortschrittlicher Bürgermeister hat +soeben an der Spitze von zehn mit Bajonettgewehren bewaffneten Gendarmen +und mehreren Polizisten mit gezogenem Säbel von mir einberufene +Arbeiterversammlung ohne jeden gesetzlichen Grund aufgelöst”, und mit +der „Bitte um strengste, schleunigste, gesetzliche Genugtuung” schloß. + +Auch wenn man alles in Betracht zieht, was zu Lassalles Entschuldigung +angeführt werden kann: seine Erbitterung über die ihm von seiten der +Fortschrittler widerfahrenen Angriffe, seine Enttäuschung über die +verhältnismäßig geringen Erfolge seiner Agitation, seinen tiefen +Widerwillen gegen die feige Taktik der Fortschrittler, seine einseitige, +aber doch aufrichtige Gegnerschaft gegen die liberale Wirtschaftslehre +-- kurz, wenn man sich noch so sehr in seine damalige Lage hineindenkt, +so geht doch aus diesem Telegramm, in Verbindung mit der vorstehend +geschilderten Rede, eines unbestreitbar hervor -- daß Lassalle, als er +nach Deutschland zurückkam, bereits seinen inneren Halt -- wenn ich mich +so ausdrücken darf: seinen Standpunkt verloren hatte. Ein solches +Telegramm hätte man keinem Konservativen verziehen, geschweige denn +einem Mann, der sich mit Stolz einen Revolutionär genannt, und der +seiner inneren Überzeugung nach sicherlich sich noch für einen solchen +hielt. Wenn nicht andre Erwägungen, so hätte das einfachste Taktgefühl +Lassalle verbieten müssen, sich zu einem Appell an die Staatsgewalt +herbeizulassen, der mit einer politischen Denunziation begann. + +Und wenn man selbst dieses Telegramm noch mit der durch die Auflösung +der Versammlung hervorgerufenen Erregung entschuldigen könnte, so +folgten ihm bald andre, bei kältester Überlegung unternommene Schritte, +die ebenfalls den politischen Grundsätzen, als deren Vertreter Lassalle +auftrat, schnurstracks entgegenstanden. Hier nur ein Beispiel, das zudem +in enger Verbindung mit den vorerwähnten Vorkommnissen steht. + +Einige Arbeiter, die in der Solinger Versammlung vom Messer Gebrauch +gemacht haben sollten, waren im Frühjahr 1864 zu mehrmonatigen +Gefängnisstrafen verurteilt worden. Und da war es Lassalle, der allen +Ernstes und wiederholt den Vorschlag machte, die Verurteilten sollten, +unterstützt durch eine allgemeine Arbeiteradresse, ein Gnadengesuch an +den König von Preußen richten. Man denke, Lassalle, der noch einige +Jahre zuvor geschrieben hatte (vgl. S. 88 dieser Schrift), er habe zu +seinem Leidwesen erst in Berlin gesehen, „wie wenig entmonarchisiert” +das Volk in Preußen sei, Lassalle, der in Frankfurt am Main ausgerufen +hatte: „Ich habe keine Lust und keinen Beruf, zu andern zu sprechen, als +zu Demokraten”, er, der als Führer der neuen Bewegung doch vor allem die +Pflicht hatte, seinen Anhängern das Beispiel demokratischen Stolzes zu +geben, ermuntert sie, vom König von Preußen Begnadigung zu erbetteln. +Indes, die Arbeiter zeigten sich hier taktfester als ihr Führer. Am 20. +April 1864 meldet der Solinger Bevollmächtigte Klings, daß gegen +Lassalles Vorschlag allgemeine Abneigung herrsche. Sämtliche +Hauptmitglieder des Vereins hätten sich dagegen ausgesprochen. „Die +beiden von hier Verurteilten gehören zu der entschiedensten +Arbeiterpartei und würden, selbst wenn es vier Jahre wären, nicht zu +bewegen sein, ein Gnadengesuch einzureichen, weil es ihren Gesinnungen +widerstreitet, Sr. Majestät verpflichtet zu sein.” + +Dieser Widerstand erweckte das demokratische Gewissen Lassalles, und er +schrieb an Klings, die Weigerung der Leute erfülle ihn mit großem Stolz. +Aber den Gedanken der Adresse an den König gab er noch immer nicht auf, +sondern suchte nachzuweisen, daß diese auch ohne das Gnadengesuch der +Verurteilten von großem Nutzen sein könne. Es kann, heißt es wörtlich, +„vielleicht auch noch folgender Nutzen eintreten, daß, wenn die Adresse +von mehreren tausend Arbeitern unterschrieben ist, man diesem Schritte +oben eine -- für uns ganz unverbindliche -- Auslegung gibt, durch welche +man sich um so mehr ermutigt fühlt, bei kommender Gelegenheit an die +Oktroyierung des allgemeinen und direkten Wahlrechts zu gehen: ein +Schritt, den man, wie Ihnen der beigefügte Leitartikel der +ministeriellen Zeitung (die damals veröffentlichte Sternzeitung) zeigt, +oben jetzt gerade wieder hin und her überlegt”. Indes auch diese +Perspektive vermochte die Solinger nicht von der Richtigkeit des +empfohlenen Schrittes zu überzeugen, und so blieb der Bewegung diese +Bloßstellung erspart. + +Als Lassalle anfangs Oktober 1863 nach Berlin zurückkehrte, ging er +zunächst mit allem Eifer daran, die Hauptstadt für seine Sache zu +erobern. Er verfaßte einen Aufruf „An die Arbeiter Berlins”, ließ ihn +in 16000 Exemplaren abziehen und einen Teil davon unentgeltlich unter +den Arbeitern Berlins verbreiten. Obwohl der Aufruf sehr wirksam +geschrieben ist und namentlich geschickt an die entstellten Berichte +der Berliner fortschrittlichen Presse („Volkszeitung” und „Reform”) +über die rheinischen Versammlungen anknüpft, war der Erfolg doch +zunächst ein sehr bescheidener. Die ersten Versammlungen Lassalles in +Berlin fanden in kleineren Sälen statt und gaben zu allerhand Gespött +Anlaß, und als in der ersten größeren Versammlung Lassalle auf +Requisition der Berliner Staatsanwaltschaft verhaftet wurde, +klatschten fanatisierte Arbeiter sogar dazu Beifall. Die Mehrheit der +Personen, die sich als Neugierige oder unter dem Eindruck der +Vorträge Lassalles in die Listen hatten einzeichnen lassen, fielen +bald wieder ab, so daß der Verein, der Anfang Dezember 1863 es bis +auf über 200 Mitglieder in Berlin gebracht hatte, im Februar 1864 +kaum noch drei Dutzend Mitglieder zählte, wovon obendrein ein großer +Teil Nichtarbeiter waren. + +Neben der Agitation beschäftigten Lassalle auch sehr stark seine +Prozesse und sonstigen Kämpfe mit den Behörden. Denn so angenehm dem +Ministerium Bismarck auch seine Agitation war, soweit diese sich gegen +die Fortschrittspartei kehrte, so wußte es doch sehr gut, daß es in +Lassalle keinen Helfer hatte, der sich als willfähriges Werkzeug +gebrauchen ließ. Es konnte ihm also nur angenehm sein, wenn die unteren +Behörden fortfuhren, Lassalle mit Prozessen usw. zu überschütten. +Dadurch kam es in die Lage, entweder zur rechten Zeit einen unbequemen +Dränger loszuwerden oder vielleicht gar ihn doch „mürbe” zu bekommen. +Wie dem jedoch sei, die Staatsanwaltschaft in Düsseldorf ließ die Rede +„Die Feste, die Presse usw.” konfiszieren und erhob gegen Lassalle +Anklage auf Verletzung der §§ 100, 101 des Preußischen Strafgesetzbuches +(Aufreizung und Verbreitung erdichteter Tatsachen behufs Herabsetzung +von Anordnungen der Obrigkeit). Der Prozeß verursachte Lassalle +unendlich viel Scherereien und endete, nachdem Lassalle in erster +Instanz in contumaciam zu einem Jahr Gefängnis verurteilt worden war, +mit seiner Verurteilung in zweiter Instanz zu sechs Monaten Gefängnis. +Wegen der Flugschrift „An die Arbeiter Berlins” erhob die +Staatsanwaltschaft in Berlin Anklage wegen Hochverrats gegen Lassalle +und ließ auch, wie bereits erwähnt, Lassalle in Untersuchungshaft +nehmen, aus der er jedoch gegen Kaution freigelassen wurde. Beides, +Anklage wie Verhaftsbefehl, mochten indes der persönlichen Rachsucht des +Staatsanwalts von Schelling entflossen sein, den Lassalle ein Jahr +vorher in seiner Verteidigung vor dem Stadtgericht so bös zerzaust +hatte. In der Gerichtsverhandlung, die am 12. März 1864 vor dem +Staatsgerichtshof in Berlin stattfand, beantragte der Staatsanwalt nicht +weniger als drei Jahre Zuchthaus und fünf Jahre Polizeiaufsicht gegen +Lassalle; das Gericht erkannte jedoch, soweit die Anklage auf Hochverrat +lautete, auf Freisprechung und überwies die Behandlung der +untergeordneteren, von der Staatsanwaltschaft behaupteten Verstöße gegen +das Strafgesetz der zuständigen Gerichtsabteilung. + +Die Verteidigungsrede in diesem Prozeß ist ein wichtiges Dokument für +die Geschichte der Lassalleschen Agitation. Bevor wir jedoch auf sie +eingehen, haben wir noch der großen sozialpolitischen Arbeit Lassalles +zu erwähnen, die Ende Januar 1864 die Presse verließ und als sein +propagandistisches Hauptwerk bezeichnet werden muß. Es ist dies die +Streitschrift „Herr Bastiat-Schulze von Delitzsch, der ökonomische +Julian, oder Kapital und Arbeit”. + +Es wurde gelegentlich bereits der Vorträge erwähnt, die +Schulze-Delitzsch im Frühjahr 1863 im Berliner Arbeiterverein hielt und +unter dem Titel „Kapitel zu einem deutschen Arbeiterkatechismus” als +Gegenschrift gegen die Lassallesche Agitation veröffentlichte. Diese, +aus den plattesten Gemeinplätzen der liberalen Ökonomie +zusammengesetzten Vorträge nun boten Lassalle eine willkommene Handhabe, +den auf der Höhe seines Ruhms stehenden Schulze und mit ihm die Partei, +die in ihm ihren ökonomischen Heros verehrte, jetzt auch theoretisch zu +vernichten. Berücksichtigt man, daß Lassalle zu systematischen +ökonomischen Arbeiten nicht gekommen war, sondern gerade in dem Moment, +wo er sich an die Vorarbeiten zu seinem ökonomischen Werk machen wollte, +durch die praktische Agitation davon abgelenkt wurde, und zieht man +außerdem in Betracht, daß Lassalle, während er den „Bastiat-Schulze” +schrieb, durch seine Prozesse und die Arbeiten für die Leitung des +Vereins fortgesetzt in Anspruch genommen war, so kann man nicht umhin, +in diesem Buch einen neuen Beweis für das außergewöhnliche Talent, die +staunenswerte Vielseitigkeit und Elastizität des Lassalleschen Geistes +zu erblicken. Freilich trägt der „Bastiat-Schulze” daneben auch aufs +deutlichste die Spuren seines Entstehens. So sehr die Form der Polemik +der Popularität der Schrift zugute kommt, sind die Umstände, unter denen +diese Polemik erfolgte, die hochgradige Gereiztheit Lassalles, die um so +größer war, als Lassalle wohl selbst fühlte, daß er immer mehr in eine +falsche Position geriet -- die Enttäuschung einerseits, und das +Bestreben, sich über diese Enttäuschung selbst hinwegzutäuschen, +andererseits, dem Ton der Polemik sehr verhängnisvoll gewesen. Aber auch +inhaltlich ist sie keineswegs immer auf der Höhe des Gegenstandes, +sondern verliert sich oft in kleinliche Wortklauberei, die obendrein +nicht einmal immer in der Sache zutrifft[31]. Dazu ist der sachliche +und theoretische Teil, so brillant die Einzelheiten vielfach sind, nicht +frei von Widersprüchen. Als Ganzes genommen hat der „Bastiat-Schulze” +jedoch das große Verdienst, den historischen Sinn und das Verständnis +für die tieferen Probleme der Ökonomie unter den deutschen Arbeitern in +hohem Grade gefördert zu haben. Stellenweise erhebt sich die Darstellung +auf die Höhe des Besten, was Lassalle je geschrieben hat, an diesen +Stellen leuchtet sein Genius noch einmal in seinem hellsten Glanze auf. + + +Fußnoten: + + [30] Ich erinnere mich, obwohl ich damals noch ein Schulknabe war, + noch sehr gut jener Epoche; aus ihr datieren meine ersten politischen + Eindrücke. In der Schulklasse, auf dem Turnplatz -- überall wurde + in jenen Tagen politisiert, und natürlich gaben wir Knaben nur + in unserer Art wieder, was wir im elterlichen Hause, in unserer + Umgebung, zu vernehmen pflegten. Meine Mitschüler gehörten den + bürgerlichen Klassen, meine Spielkameraden dem Proletariat an, aber + die einen wie die andern waren gleich fest davon überzeugt, daß eine + Revolution „kommen muß”, denn „mein Vater hat es auch gesagt”. + Jede Äußerung der Wortführer der Fortschrittspartei, die als + ein Hinweis auf die Revolution gedeutet werden könnte, wurde + triumphierend von Mund zu Mund kolportiert, desgleichen Spottverse + auf den König und seine Minister. + + [31] So ist z. B. gleich der erste Einwurf Lassalles gegen + Schulze-Delitzsch, „Bedürfnis” und „Trieb nach Befriedigung” + seien „nur zwei verschiedene Wortbezeichnungen für dieselbe Sache” + falsch. Beides fällt in der Regel zusammen, ist aber keineswegs + dasselbe. Einige Seiten darauf macht sich Lassalle darüber lustig, + daß Schulze-Delitzsch den Unterschied zwischen menschlicher und + tierischer Arbeit darin erblicke, daß die erstere Arbeit für künftige + Bedürfnisse sei, verfällt aber seinerseits in den noch größeren + Fehler, diesen Unterschied einfach darin zu sehen, daß der Mensch mit + Bewußtsein, das Tier ohne solches tätig sei. Und ähnlich an anderen + Stellen. + + + + +Lassalle und Bismarck. + + +Was Lassalle nach dem „Bastiat-Schulze” gesprochen und geschrieben +hat, trägt immer deutlicher die Züge der inneren Ermattung, der +geistigen Abspannung. Die Energie ist nicht mehr die ursprüngliche, +das natürliche Produkt des Glaubens an die eigene Kraft und die +Stärke der verfochtenen Sache, sondern nur noch eine erzwungene. Man +vergleiche das „Arbeiterprogramm” mit der Ronsdorfer Rede, die +Verteidigungsrede „Die Wissenschaft und die Arbeiter” mit der +Verteidigungsrede im Hochverratsprozeß, und man wird das hier Gesagte +verstehen. Die innere Kraft ist gewichen und Kraftausdrücke treten an +ihre Stelle, logisches Blendwerk ersetzt die zwingende logische +Beweisführung, und statt zu überzeugen, verlegt sich Lassalle immer +mehr auf das Überschreien. Was er vor kurzem noch den Fortschrittlern +vorgeworfen, tut er jetzt selbst -- er berauscht sich in erdichteten +Erfolgen. + +Im Hochverratsprozeß braucht Lassalle zu seiner Verteidigung gegen die +Behauptung der Anklage, daß der Hintergedanke seiner Agitation die +schließliche Anwendung der physischen Gewalt sei, mit großem Geschick +das Bild des Schillerschen Wallenstein am Vorabend von dessen Übertritt +zu den Schweden und zitiert die Verse des Monologs im ersten Akt von +„Wallensteins Tod”: + + „Wär's möglich? -- könnt' ich nicht mehr, wie ich wollte? + Nicht mehr zurück, wie mir's beliebt?” + +Es ist merkwürdig, wie sehr diese Verse auf Lassalles eigene Situation +um jene Zeit passen, wie sehr seine Lage der Wallensteins, als dieser +jene Worte sprach, ähnlich war. Auch er hatte, wie der Friedländer -- um +sein eigenes Bild zu brauchen -- „Dinge getan, welche er à deux mains +verwenden konnte”. Er hatte sich nicht damit begnügt, die Vorgänge in +der inneren und äußeren Politik objektiv zu studieren, um den günstigen +Moment zur Aktion für seine Pläne auszunützen, er war bereits dazu +übergegangen, mit dem Vertreter der einen der Mächte, gegen die er +kämpfte, zu verhandeln, er war mit Herrn von Bismarck in direkte +Unterhandlung getreten. Sicherlich konnte auch er noch wie Wallenstein +sagen: + + „Noch ist sie rein -- noch! das Verbrechen kam + Nicht über diese Schwelle noch!” + +Noch war er keine Verpflichtungen eingegangen. Aber war er auch +innerlich noch frei? Konnte nicht auch ihn die Logik der Tatsachen dazu +treiben, die „Tat” zu vollbringen, weil er „nicht die Versuchung von +sich wies”? + +Daß Lassalle im Winter 1863/64 wiederholte und eingehende +Besprechungen unter vier Augen mit dem damaligen Herrn von Bismarck +hatte, ist heute über jeden Zweifel sichergestellt. Die langjährige +Vertraute Lassalles, die Gräfin Sophie von Hatzfeldt, hat es im Sommer +1878, als Bismarck sein Knebelungsgesetz gegen die deutsche +Sozialdemokratie einbrachte, aus eigner Initiative Vertretern +derselben unter Hinzufügung der näheren Umstände mitgeteilt, und als +August Bebel in der schon erwähnten Sitzung vom 16. September 1878 die +Sache im deutschen Reichstag zur Sprache brachte, gab Bismarck tags +darauf zu, Zusammenkünfte mit Lassalle gehabt zu haben, und suchte +nur in Abrede zu stellen, daß es sich dabei um politische +Verhandlungen gedreht habe. Bebel hatte, gestützt auf die Mitteilungen +der Gräfin Hatzfeldt, gesagt: „Es drehte sich bei diesen +Unterhaltungen und Unterhandlungen um zweierlei, erstens um +Oktroyierung des allgemeinen Stimmrechts, und zweitens um die +Gewährung von Staatsmitteln zu Produktivgenossenschaften. Fürst +Bismarck war für diesen Plan von Lassalle vollständig gewonnen, er +weigerte sich nur, wie Lassalle verlangte, sofort mit der Oktroyierung +des allgemeinen Stimmrechts vorzugehen, bevor nicht der +schleswig-holsteinische Krieg glücklich zu Ende geführt worden sei. +Infolge dieser Meinungsverschiedenheit entstanden tiefe Differenzen +zwischen Lassalle und dem Fürsten Bismarck, und es war nicht etwa der +letztere, welcher die Unterhandlungen abbrach, sondern es war, wie ich +ausdrücklich konstatieren muß, Lassalle, der den Bruch herbeiführte +und erklärte, auf weitere Unterhandlungen sich nicht einlassen zu +können.” Darauf antwortete nun Bismarck: „Unsre Unterhaltungen drehten +sich gewiß auch um das allgemeine Wahlrecht, unter keinen Umständen +aber jemals um eine Oktroyierung desselben. Auf einen so +ungeheuerlichen Gedanken, das allgemeine Wahlrecht durch Oktroyierung +einzuführen, bin ich in meinem Leben nicht gekommen.” Er habe es „mit +einem gewissen Widerstreben”, als „Frankfurter Tradition” akzeptiert. +Was die Produktivgenossenschaften anbetreffe, so sei er „von deren +Unzweckmäßigkeit noch heute nicht überzeugt”. Nur hätten die damals +eingetretenen politischen Ereignisse die Fortführung der in dieser +Hinsicht angebahnten Versuche nicht gestattet. Übrigens habe nicht er, +sondern Lassalle diese Zusammenkünfte gewünscht, ihn brieflich darum +gebeten, und er, Bismarck, habe sich aus reiner Liebhaberei dazu +herbeigelassen, Lassalles Wünschen zu willfahren. „Was hätte mir +Lassalle bieten und geben können? Er hatte nichts hinter sich. In +allen politischen Verhandlungen ist das do ut des (ich gebe, damit du +gibst) eine Sache, die im Hintergrunde steht, auch wenn man +anstandshalber nicht davon spricht. Wenn man sich aber sagen muß, was +kannst du armer Teufel geben? -- Er hatte nichts, was er mir als +Minister hätte geben können.” + +Es liegt auf der Hand, daß der Mann, der „offiziell noch nie gelogen” +hat, hier mit der Wahrheit sehr unoffiziell umsprang. Um einer bloßen +Unterhaltung willen wäre Lassalle nicht zum Minister gegangen, und +würde dieser nicht den „revolutionären Juden” wiederholt -- er selbst +gesteht, daß es viermal gewesen sein könne, während Sophie Hatzfeldt +behauptet hatte, daß es wiederholt drei- bis viermal in einer Woche +gewesen sei -- zu sich gebeten und mit ihm stundenlang disputiert +haben. Weiter braucht man nur die Reden der Regierungsvertreter in +der Kammer und die Artikel in der Regierungspresse aus jener Epoche +nachzulesen, um sich zu überzeugen, wie stark sich das Ministerium +Bismarck damals mit dem Gedanken trug, das allgemeine Wahlrecht +einzuführen, und dazu gab es unter den obwaltenden Umständen kaum +einen anderen Weg, als den der Oktroyierung. Lassalle selbst zitiert +in der Verteidigungsrede vor dem Staatsgerichtshof einige derartige +Äußerungen und knüpft daran im weiteren Verlauf die bekannten +Erklärungen, die nun erst, nachdem seine Zusammenkünfte mit Bismarck +bekannt geworden, richtig gewürdigt werden können: + +„Der Staatsanwalt beschuldigt mich, das allgemeine und direkte +Wahlrecht herstellen und somit die Verfassung stürzen zu wollen! + +Nun wohl, meine Herren, obwohl ein einfacher Privatmann, kann ich +Ihnen sagen: ich will nicht nur die Verfassung stürzen, sondern es +vergeht vielleicht nicht mehr als ein Jahr, so habe ich sie gestürzt! + +Aber wie? Ohne daß ein Tropfen Blutes geflossen, ohne daß eine Faust +zur Gewalt sich geballt hat! Es vergeht vielleicht nicht ein Jahr +mehr, so ist in der friedlichsten Weise von der Welt das allgemeine +und direkte Wahlrecht oktroyiert. + +Die starken Spiele, meine Herren, können gespielt werden, Karten auf +dem Tisch! Es ist die stärkste Diplomatie, welche ihre Berechnungen +mit keiner Heimlichkeit zu umgeben braucht, weil sie auf erzene +Notwendigkeit gegründet sind. + +Und so verkündige ich Ihnen denn an diesem feierlichen Orte, es wird +vielleicht kein Jahr mehr vergehen -- und Herr von Bismarck hat die +Rolle Robert Peels gespielt, und das allgemeine und direkte Wahlrecht +ist oktroyiert!” + +Lassalle sagt freilich hierzu, er habe das von Anfang an gewußt, „schon +an dem ersten Tage, an welchem ich durch den Erlaß meines +Antwortschreibens diese Agitation begann, und es konnte niemand +entgehen, der mit klarem Blick die Situation auffaßte”. Aber wenn es +auch zweifelsohne richtig ist, daß man schon im Winter 1862/63 in +Regierungskreisen die Frage in Betracht zog, ob es möglich sei, durch +eine Änderung des Wahlgesetzes die fortschrittliche Kammermehrheit zu +sprengen, und zu diesem Behufe in sozialer Frage zu machen begann[32], +so würde Lassalle doch schwerlich mit dieser Bestimmtheit von einer +bevorstehenden Oktroyierung des allgemeinen Wahlrechts gesprochen haben +und immer wieder darauf zurückgekommen sein, wenn er nicht aus seinen +Unterhaltungen mit Bismarck die Überzeugung gewonnen hätte, daß, ob nun +vor oder nach Beendigung des dänischen Feldzuges, diese Oktroyierung +beschlossene Sache sei. + +Mehr glaubwürdig ist es dagegen, wenn Bismarck bestreitet, daß es +zwischen ihm und Lassalle zu einem Bruch gekommen sei. Die Verhandlungen +schliefen ein, als Lassalle sich nach vielem Drängen überzeugt hatte, +daß Bismarck noch abwarten wollte, ehe er den immerhin gewagten Schritt +unternahm -- und darum spricht Lassalle auch immer nur von einer +möglicherweise binnen Jahresfrist erfolgenden Oktroyierung. Aber daß die +Verbindung noch nicht endgültig abgebrochen war, geht schon daraus +hervor, daß Lassalle fortfuhr, von allen seinen Veröffentlichungen usw. +durch das Sekretariat des „Allgemeinen deutschen Arbeitervereins” ein +Doppelexemplar in verschlossenem Kuvert und mit der Aufschrift +„persönlich” an Bismarck übersenden zu lassen. + +Ebenso kann man Bismarck auch glauben, daß seine Verhandlungen mit +Lassalle wegen des „do ut des” zu keinen bestimmten Abmachungen führen +konnten. Zwar stand die Sache nicht so, wie Bismarck sie nachträglich +protzenhaft mit der Phrase abtut: „Was kannst du armer Teufel geben? Er +hatte nichts, was er mir als Minister hätte geben können.” Bismarck +hatte es zu jener Zeit gar nicht so üppig, daß er nicht jede Hilfe +brauchen konnte, und etwas konnte Lassalle ihm immerhin geben. Die Sache +war nur die, daß es nicht genug war, um Bismarck zu bestimmen Lassalles +Drängen nachzugeben. Vielleicht ist das auch mit einer der Gründe, daß +Lassalle, der noch am 25. Juli 1863 an Vahlteich geschrieben hatte: „Sie +können unsre Bevollmächtigten keine Unwahrheiten sagen lassen. Sie +können sie also nicht auffordern, von 10000 Mitgliedern zu sprechen, +während wir vielleicht nicht 1000 haben. Man kann schweigen über diesen +Punkt, aber lügen schickt sich für uns nicht” -- nach seiner Rückkehr +nach Berlin in geradezu krankhafter Weise seine Erfolge übertrieb. Er +wollte um jeden Preis eine Macht scheinen, wenn es ihm nicht gelang, mit +wirklichen Massen aufzumarschieren. Aber Bismarck war durch andre +Berichterstatter wahrscheinlich hinreichend darüber informiert, wie es +in Wirklichkeit mit der Bewegung stand. + +Und dann hatte es mit dem „Geben” auch sonst seine eigne Bewandtnis. +Bismarck war sich schwerlich auch nur einen Augenblick im unklaren +darüber, daß er an Lassalle nur so lange und nur insoweit einen +politischen Verbündeten haben würde, solange dieses Bündnis im +Interesse Lassalles und seiner politischen Zwecke lag -- mit andern +Worten, daß Lassalle genau so mit ihm verfahren würde, wie er mit +ihm, d. h. sich unbarmherzig gegen ihn wenden würde, sobald er das +von ihm erreicht hatte, was er brauchte. Davon mußte ihn die erste +Unterredung mit Lassalle überzeugt haben, daß dieser nicht, wie +Rodbertus einmal sehr gut von Bucher sagt, „ein Fisch ohne Gräten” +war, sondern ganz gehörige Gräten und Stacheln hatte. Mit der +Aussicht auf ein Pöstchen -- von Geld gar nicht zu reden -- war da +nichts zu machen. Einmal das Wahlrecht gegeben, konnte Lassalle +leicht sehr unbequem werden, also warum sich übereilen? Die Agitation +Lassalles kehrte ihre Spitze ohnehin immer schroffer und einseitiger +gegen die liberale Partei, und das war vorderhand alles, was Bismarck +brauchte. + +In seiner Verteidigungsrede „Die Wissenschaft und die Arbeiter”, +gehalten am 16. Januar 1863, hatte Lassalle erklärt: + +„Kann man bei uns selbst nur sagen, daß die Einführung des +Dreiklassenwahlgesetzes den besitzenden Klassen, daß sie dem deutschen +Bürgertum zur Last falle?... Die preußische Regierung ist es, nicht die +besitzenden Klassen in Preußen, welche für alle Zeiten und vor allem +Volk die Schuld und Verantwortlichkeit des oktroyierten +Dreiklassenwahlgesetzes tragen wird.” Und: „Bourgeoisie und Arbeiter +sind wir die Glieder eines Volkes und ganz einig gegen unsre +Unterdrücker” -- d. h. also gegen die Regierung. + +Vor dem Staatsgerichtshof aber -- am 12. März 1864 -- ist ihm der +Verfassungskonflikt in Preußen nur noch der Kampf zwischen dem +Königtum und einer „Clique”. Dieser „Clique” könne das Königtum +nicht weichen, „vollkommen wohl” aber könne es „das Volk auf die +Bühne rufen und sich auf es stützen. Es brauche sich hierzu nur +seines Ursprungs zu erinnern, denn alles Königtum ist ursprünglich +Volkskönigtum gewesen.” + +„Ein Louis-Philippsches Königtum, ein Königtum von der Schöpfung der +Bourgeoisie könnte dies freilich nicht; aber ein Königtum, das noch aus +seinem ursprünglichen Teige geknetet dasteht, auf den Knauf des +Schwertes gestützt, könnte das vollkommen wohl, wenn es entschlossen +ist, wahrhaft große, nationale und volksgemäße Ziele zu verfolgen.” + +Das ist die Sprache des Cäsarismus, und im weiteren Verlaufe seiner +Rede steigert Lassalle sie noch, indem er die bestehende Verfassung +als eine vom Königtum der Bourgeoisie erwiesene Gunst hinstellt. +Niemand lasse aber „gern aus seiner eigenen Gunst ein Halsband +drehen, an welchem er erwürgt wird, und das ist niemand zu verdenken, +und daher auch dem Königtum nicht”. Beständig auf das angebliche +„Recht” hingedrängt, habe sich das Königtum „erinnert, daß es mehr +in seiner Stellung läge, sich auf das wirkliche Recht zurückzuziehen +und das Volk auf die Bühne zu führen, als einer Clique zu weichen und +von einer Handvoll Personen sich aus seiner eignen Gunst ein Halsband +winden zu lassen, an dem es erwürgt wird”. So würde er, Lassalle, +sprechen an dem Tage, wo das Königtum die Verfassung gestürzt und das +allgemeine Wahlrecht oktroyiert haben werde, wenn man ihn der +intellektuellen Urheberschaft dieses Verfassungsumsturzes anklagte. + +Lassalle war bereits so weit, daß er nicht nur durch die Tatsache seiner +Agitation -- was unter Umständen nicht zu vermeiden ist -- der Reaktion +vorübergehend einen Dienst erwies, er verfiel auch immer mehr darin, die +Sprache der Reaktion zu sprechen. Gewiß konnte er noch immer mit +Wallenstein ausrufen: + + „Beim großen Gott des Himmels! Es war nicht + Mein Ernst, beschlossene Sache war es nie!” + +Er spielte mit der Reaktion, glaubte sie seinen Zwecken dienstbar +machen, sie selbst aber im gegebenen Moment mit einem Ruck +abschütteln zu können. In diesem Sinne nannte er auch einmal der +Gräfin Hatzfeldt gegenüber Bismarck seinen „Bevollmächtigten”. Aber +er vergaß, daß es eine Logik der Tatsachen gibt, die stärker ist als +selbst der stärkste individuelle Wille, und daß, indem er überhaupt +um den Erfolg spielte, statt auf die eigne Kraft der Bewegung zu +vertrauen und ausschließlich ihr seine Energie zu widmen, er nach +seiner eignen Theorie die Bewegung selbst zum Teil bereits aufgab. + +In der Tat, um noch einmal auf den schon zitierten Aufsatz Lassalles +über die Grundidee seines „Franz von Sickingen” zurückzugreifen: mit +der seit seiner Rückkehr aus den Bädern vollzogenen Schwenkung war +Lassalle genau zu derselben Taktik gelangt, die er in jenem Aufsatz +als die „sittliche Schuld” Franz von Sickingens hingestellt hatte. Es +ist merkwürdig, wie genau Lassalle dort sein eignes Schicksal +vorgezeichnet hat. Auch er war auf die „sich realistisch dünkende +Verständigkeit” verfallen, revolutionäre Zwecke durch diplomatische +Mittel erreichen zu wollen, er hatte eine Maske vorgenommen, seinen +Gegner -- die preußische Regierung -- zu täuschen, aber er täuschte +tatsächlich nicht diese, sondern die Massen des Volkes, ohne die er +nichts war; die Bewegung selbst blieb auf einen kleinen Trupp +persönlicher Anhänger beschränkt. Und wie Lassalle von Sickingen +schreibt, daß „dieser große Diplomat und Realist, der alles sorgsam +vorherberechnet und den Zufall ganz ausschließen will, gerade dadurch +zuletzt gezwungen ist, dem zufälligsten Zufall alles anheim zu +geben”, und, „während die Rechnung auf jene Täuschung durch den +Anschein des Zufälligen und Unwesentlichen an der bewußten Natur des +Bestehenden zugrunde gehen muß, die Entscheidung, statt wie er +wollte, aus den Händen des vorbereiteten, vielmehr aus denen des +ersten unvorbereiteten Zufalls entgegennehmen muß”[33] -- so sieht +auch er, Lassalle, sich gezwungen, nunmehr bloß noch mit dem Zufall +zu rechnen, alles von zufälligen Konstellationen in der inneren und +äußeren Politik abhängig zu machen. Im Vertrauen auf seine +realistische Gewandtheit spielte er, aber er bedachte nicht, daß beim +Spiel derjenige die meisten Aussichten hat seinen Mitspieler +lahmzulegen, der die meisten Trümpfe in der Hand -- beim politischen +Spiel, der über die meisten tatsächlichen Machtfaktoren zu gebieten +hat. Und da das in diesem Falle nicht er, sondern Bismarck war, +konnte es nicht ausbleiben, daß er schließlich mehr Bismarcks, als +dieser sein „Bevollmächtigter” wurde. + +Dies die Situation, in der Lassalle die Ronsdorfer Ansprache, „die +Agitation des Allgemeinen deutschen Arbeitervereins und das Versprechen +des Königs von Preußen” hielt. Es ist seine letzte und zugleich seine +schwächste Agitationsrede, ausschließlich auf den äußeren Effekt +berechnet. Wie sehr sich Lassalle der Schwäche dieser Rede bewußt war, +zeigt ihre von ihm selbst redigierte gedruckte Ausgabe mit den überall +eingestreuten Vermerken über den Effekt der einzelnen Sätze -- Krücken, +deren ein Vortrag, der an Hand und Fuß gesund ist, durchaus entbehren +kann, und die den Eindruck einer inhaltsvollen Rede sogar +beeinträchtigen würden. Aber die Ronsdorfer Rede weist keinen der +Vorzüge der ersten Agitationsreden Lassalles auf, potenziert dagegen +deren Fehler. + +Die Rede ist nicht bloß inhaltlich schwach, sie ist auch ihrer Tendenz +nach tadelnswerter als alle Mißgriffe, die Lassalle bis dahin begangen. + +Schlesische Weber hatten, durch die Not getrieben und durch die +Sozialdemagogie der Feudalen ermuntert, eine Deputation nach Berlin +geschickt, um beim König von Preußen um Abhilfe gegen die Übelstände, +unter denen sie litten, zu petitionieren. Sie waren auch schließlich, da +es sich um die Arbeiter eines fortschrittlichen Fabrikanten handelte, +auf Veranlassung Bismarcks vom König empfangen worden und hatten auf +ihre Beschwerden die Antwort erhalten, der König habe seine Minister +angewiesen, „eine gesetzliche Abhilfe, soweit sie möglich ist, schleunig +und mit allem Ernst vorzubereiten”. + +Daß Lassalle diesen Schritt der schlesischen Weber und den Empfang +der Deputation von Seiten des Königs als einen Erfolg seiner +Agitation hinstellt, wird ihm, so übertrieben es tatsächlich war, +niemand zum besonderen Vorwurf machen. Wie andere Übertreibungen in +der Ansprache, erklärte sich auch diese aus der Situation Lassalles. +Indes Lassalle blieb dabei nicht stehen. Er gab dem Empfang der +Deputation durch den König und den Worten des letzteren eine +Auslegung, die zunächst nur als eine Reklame für jenen und dessen +Regierung wirken konnte. Er verliest den Arbeitern einen Bericht der +offiziösen „Zeidlerschen Korrespondenz” über den Empfang der +Deputation beim König und liest gerade die dem Königtum günstigste +Stelle daraus, wie er in der gedruckten Rede ausdrücklich +verzeichnet, „mit dem höchsten Nachdruck der Stimme und begleitet +sie mit der eindringlichsten Handbewegung”[34]. + +In den Worten des Königs liege, erklärt er, „die Anerkennung des +Hauptgrundsatzes, zu dessen Gunsten wir unsere Agitation begonnen” -- +nämlich, daß eine Regelung der Arbeiterfrage durch die Gesetzgebung +notwendig sei -- ferner, „das Versprechen des Königs, daß diese +Regelung der Arbeiterfrage und Abhilfe der Arbeiternot durch die +Gesetzgebung erfolgen soll”, und drittens, da „eine +Fortschrittskammer, eine nach dem oktroyierten Dreiklassenwahlgesetz +erwählte Kammer, dem Könige niemals die zu diesem Zwecke +erforderlichen Gelder bewilligen und ebensowenig, selbst wenn die +Sache ohne Geld zu machen wäre, auch nur ihre Zustimmung zu einem +solchen Gesetz erteilen würde”, so sei in dem königlichen +Versprechen, „innerlich durch die Kraft der Logik eingeschlossen” +auch „das allgemeine und direkte Wahlrecht versprochen worden”. + +Bei diesen Worten läßt der Bericht „die Versammlung, welche diesem +ganzen letzten Teil der Rede in einer unglaublichen Spannung ... +zugehört” habe, in einen „nicht zu beschreibenden Jubel” ausbrechen, +der immer wieder von neuem begonnen habe, sobald Lassalle weiter zu +sprechen versuchte. + +War der Jubel wirklich so groß, so bewies er, daß die Arbeiter Lassalles +Auslegung des königlichen Versprechens für bare Münze nahmen, das +schlimmste Zeugnis, das dieser Rede ausgestellt werden konnte. + +Kein Zweifel, es sollten mit dieser Rede, soweit die Arbeiter in +Betracht kamen, diese nur durch möglichst glänzende Ausmalung der +bisher erzielten Erfolge zur höchsten, begeisterten Tätigkeit für den +Verein hingerissen werden. Aber die Rede ist noch an eine andere +Adresse als die der Arbeiter gerichtet. In seiner Erwiderung auf eine +in der „Kreuzzeitung” erschienene Rezension des „Bastiat-Schulze”, +die nach Lassalle „von zu beachtenswerter Seite” kam, als daß die in +ihr an Lassalle gerichteten Fragen hätten unbeantwortet bleiben +dürfen, verweist Lassalle den Herrn Rezensenten des Regierungsblattes +ausdrücklich auf die Ronsdorfer Rede und läßt die Erwiderung und zwei +Exemplare der Rede unter Kuvert „persönlich” an Bismarck senden. +Beide, Rezension und Rede, sind berechnet, auf die Regierung Eindruck +zu machen -- ad usum delphini geschrieben. Der „unbeschreibliche +Jubel” sollte Köder für Bismarck und den König sein. Aber niemand +kann zwei Herren dienen, und das Bestreben, die Rede so zu +gestalten, daß sie den gewünschten Effekt nach oben mache, bewirkte, +daß sie tatsächlich einen durch und durch cäsaristischen Charakter +erhielt. Sie ist ein doppeltes Pronunziamento des Cäsarismus: +Cäsarismus in den Reihen der Partei, und Cäsarismus in der Politik +der Partei. + +„Ja, es gibt nichts Organisations- und Zeugungsunfähigeres, +nichts Unintelligenteres,” heißt es in der Einsendung an die +„Kreuzzeitung”, „als der unruhige, nörgelnde liberale +Individualismus, diese große Krankheit unserer Zeit! Aber dieser +unruhige, nörgelnde Individualismus ist keineswegs Massenkrankheit, +sondern wurzelt notwendig und naturgemäß nur in den Viertels- und +Achtels-Intelligenzen der Bourgeoisie. + +Der Grund ist klar: Der Geist der Massen ist, ihrer Massenlage +angemessen, immer auf objektive, auf sachliche Zwecke gerichtet. Die +Stimmen unruhiger, persönlichkeitssüchtiger Einzelner würden hier in +diesem Stimmenakkord verklingen, ohne nur gehört zu werden. Der +oligarchische Boden allein ist der homogene, mütterliche Boden für den +negativen, ätzenden Individualismus unserer liberalen Bourgeoisie und +ihre subjektive, eigenwillige Persönlichkeitssucht.” + +Ähnlich hatte es in der Ronsdorfer Rede geheißen: + +„Noch ein anderes höchst merkwürdiges Element unseres Erfolges habe +ich zu erwähnen. Es ist dieser geschlossene Geist strengster Einheit +und Disziplin, welcher in unserem Vereine herrscht! Auch in dieser +Hinsicht, und in dieser Hinsicht vor allem, steht unser Verein +epochemachend, und als eine ganz neue Erscheinung in der Geschichte, +da! Dieser große Verein, sich erstreckend über fast alle deutschen +Länder, regt sich und bewegt sich mit der geschlossenen Einheit eines +Individuums! In den wenigsten Gemeinden bin ich persönlich bekannt +oder jemals persönlich gewesen, und dennoch habe ich vom Rhein bis +zur Nordsee, und von der Elbe bis zur Donau noch niemals ein ‚Nein’ +gehört, und gleichwohl ist die Autorität, die ihr mir anvertraut +habt, eine durchaus auf eurer fortgesetzten höchsten Freiwilligkeit +beruhende!... Wohin ich gekommen bin, überall habe ich von den +Arbeitern Worte gehört, die sich in den Satz zusammenfassen: +Wir müssen unserer aller Willen in einen einzigen Hammer +zusammenschmieden und diesen Hammer in die Hände eines Mannes legen, +zu dessen Intelligenz, Charakter und guten Willen wir das nötige +Zutrauen haben, damit er aufschlagen könne mit dem Hammer! + +Die beiden Gegensätze, die unsere Staatsmänner bisher für unvereinbar +betrachteten, deren Vereinigung sie für den Stein der Weisen hielten, +Freiheit und Autorität, -- die höchsten Gegensätze, sie sind auf das +innigste vereinigt in unserem Verein, welcher so nur das Vorbild im +kleinen unserer nächsten Gesellschaftsform im großen darstellt. Nicht +eine Spur ist in uns von jenem nörgelnden Geiste des Liberalismus, von +jener Krankheit des individuellen Meinens und Besserwissen-Wollens, von +welchem der Körper unserer Bourgeoisie durchfressen ist ...” + +Es liegt diesen Sätzen formell ein richtiger Gedanke zugrunde, der +nämlich, daß in der modernen Gesellschaft die Arbeiter unter normalen +Verhältnissen viel mehr als irgendeine andere Gesellschaftsklasse auf +die gemeinsame Aktion angewiesen sind, und daß in der Tat schon die +Existenzbedingungen des modernen industriellen Proletariers den Geist +der Gemeinschaftlichkeit in ihm entwickeln, während umgekehrt der +Bourgeois nur unter anormalen Verhältnissen, nicht aber durch die bloße +Art seiner gesellschaftlichen Existenz, zur gemeinschaftlichen Aktion +sich veranlaßt sieht. Dieser richtige Gedanke empfängt aber durch die +obige Verallgemeinerung eine total falsche Deutung. Die Massenaktion +heißt noch lange nicht die persönliche Diktatur; wo die Masse ihren +Willen aus der Hand gibt, ist sie vielmehr bereits auf dem Wege, aus +einem revolutionären ein reaktionärer Faktor zu werden. Die persönliche +Diktatur ist in den Kämpfen der modernen Gesellschaft jedesmal der +Rettungsanker der in ihrer Existenz sich bedroht sehenden reaktionären +Klassen gewesen, niemand ist mehr geneigt, den „negativen, ätzenden +Individualismus” aufzugeben, als der moderne Bourgeois, sobald sein +Geldsack, sein Klassenprivilegium, ernsthaft gefährdet erscheint. In +solchen Momenten wird das Schlagwort von der „einen reaktionären +Masse” zur Wahrheit und blüht, sobald die Strömung sich +verallgemeinert, der Bonapartismus. Die zur Selbstregierung sich +unfähig fühlenden Klassen tun das, was Lassalle oben den Arbeitern +unterstellt: sie treten ihren Willen an eine einzelne Persönlichkeit +ab und verdammen jeden Versuch, etwaigen Sonderinteressen dieser +Persönlichkeit entgegenzutreten, als „unruhigen, nörgelnden +Individualismus”. So beschuldigte die deutsche Bourgeoisie in den +letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts immer wieder gerade die +Partei, die tatsächlich am konsequentesten deren Klassenforderungen +vertritt -- die deutschfreisinnige Partei -- des Verrats an ihren +Interessen, weil sie durch ihre „Nörgelei” die staatserhaltende +Tätigkeit der Regierung beeinträchtige, und so griff im Jahre 1851 +die französische Bourgeoisie ihre eigenen parlamentarischen Vertreter +jedesmal, wenn diese daran gingen, dem Louis Bonaparte die Mittel zum +Staatsstreich zu verweigern, solange als Unruhestifter, Anarchisten +usw. an, bis Napoleon stark genug war, sich zum Diktator der +Bourgeoisie aufzuwerfen, statt sich mit der Rolle des bloßen Hüters +der Ruhe und Ordnung für die Bourgeoisie zu begnügen. + +Eine aufsteigende, revolutionäre Klasse hat absolut keinen Anlaß, +ihren Willen aus der Hand zu geben, auf das Recht der Kritik, auf das +„Besserwissen-Wollen” ihren Führern gegenüber zu verzichten. Und wir +haben bei der Solinger Affäre gesehen, daß, wie sehr auch Lassalle +den Arbeitern gegenüber auf seine höhere Intelligenz pochte, er +gerade aus den Reihen der Arbeiter heraus ein sehr deutliches und +kräftiges „Nein” hatte hören müssen, und sicherlich nicht zum +Schaden der Bewegung. Auch in Berlin hatte er bei einem bestimmten +Anlaß ein ebensolches „Nein” gehört -- er sprach, wenn er sich +rühmte, in dem von ihm geleiteten Verein „Autorität und Freiheit” in +der oben geschilderten Weise verwirklicht zu haben, mehr einen +Wunsch, als eine bereits verwirklichte Tatsache aus. + +Zur Ehre Lassalles muß gesagt werden, daß er von Anfang an die +persönliche Spitze für unerläßlich gehalten hatte. Zu diesem bloßen +Glauben kam nun jedoch das wirkliche Bedürfnis hinzu. Die Politik, die +er jetzt eingeschlagen hatte, war nur durchzuführen, wenn die Mitglieder +und Anhänger der Bewegung kritiklos dem Führer folgten und ohne Murren +taten, was er von ihnen verlangte. Wie Lassalle selbst das Versprechen +des Königs von Preußen gegenüber den schlesischen Webern in einer Weise +behandelte, daß nur noch ein kleiner, ganz beiläufiger Vorbehalt den +Demokraten -- man möchte sagen, vor seinem Gewissen -- salvierte, das +übrige aber auf den reinen Cäsarismus hinauslief, so mußten auch sie +bereit sein, auf Kommando das Loyalitätsmäntelchen umzuhängen. Wenn +eines die Ronsdorfer Rede wenigstens menschlich zu entschuldigen vermag, +so ist es die Tatsache, daß sie für Lassalle unter den gegebenen +Verhältnissen eine Notwendigkeit war. Er brauchte die Diktatur, um die +Arbeiter je nach Bedürfnis für seine jeweiligen Zwecke zur Verfügung zu +haben, und er brauchte die Bestätigung der Diktatur, um nach oben hin +als eine bündnisfähige Macht zu erscheinen. Die Rede war der notwendige +Schritt auf der einmal betretenen Bahn -- ein Halt war da nicht mehr +möglich. + + +Fußnoten: + + [32] Es sei hier noch einmal an das Auftreten Eichlers erinnert. + Ferner ist interessant folgende Stelle aus dem Schlußwort einer + Ansprache des Herrn Herm. Wagener, Vertrauten des Herrn von Bismarck + und tonangebenden Leiter der „Kreuz-Zeitung”, in einer Sitzung des + konservativen preußischen Volksvereins vom 2. November 1862: „Meine + Herren, täuschen wir uns nicht, lernen wir von unsern Gegnern, denn + sie sagen mit Recht, wenn es Euch nicht gelingt, die soziale Frage zu + lösen, so ist all Euer Laufen und Mühen umsonst. Ich schließe deshalb + mit der Aufforderung, treiben wir das, was wir als die Aufgaben und + Bedürfnisse der nächsten Zukunft erkennen, treiben wir das mit noch + mehr Energie, treiben wir es nicht bloß für die Zeit der Wahlen.” + + [33] Der Aufsatz ist in unserer Gesamtausgabe der Lassalleschen + Schriften dem für das große Publikum bestimmten Vorwort Lassalles zum + Franz von Sickingen angefügt (vgl. Bd. I). + + [34] Die Stelle lautet: „Mit dem Trost einer möglichst baldigen + gesetzlichen Regelung der Frage und dadurch Abhülfe ihrer Not + entließen Seine Majestät die Deputation. Das königliche Versprechen + wird erhebend und ermuthigend in allen Thälern des Riesengebirges + widerhallen und vielen hundert duldenden redlichen Familien neue + Hoffnung und neue Kraft zum muthigen Ausharren geben.” + + + + +Lassalles letzte Schritte und Tod. + + +Die ihr folgenden Schritte Lassalles, sowohl was die innere +Vereinsleitung als auch was die geplante nächste äußere Aktion des +Vereins anbetrifft, bewegten sich denn auch in der gleichen Richtung. Im +Verein drang er auf die Ausstoßung Vahlteichs, der in bezug auf die +Organisation in Gegensatz zu ihm getreten war, und er stellte dabei +nicht nur die Kabinettsfrage: er oder ich, so daß den Vereinsmitgliedern +kaum etwas anderes übrig blieb, als den Arbeiter Vahlteich dem Herrn +Präsidenten aufzuopfern, er verfuhr auch sonst in dieser Angelegenheit +höchst illoyal, indem er z. B. Anweisungen gab, sein gegen Vahlteich +gerichtetes, sehr umfangreiches Anklageschreiben in solcher Weise +zirkulieren zu lassen, daß Vahlteich selbst den Inhalt des Schreibens +erst kennenlernen mußte, nachdem die übrigen Vorstandsmitglieder bereits +gegen ihn beeinflußt waren. + +Wie man nun auch über Vahlteichs Vorschläge zur Abänderung der +Organisation denken mochte, die Art, wie Lassalle schon den Gedanken +an eine Reformierung des Vereins quasi als Verrat an der Sache +hinstellte, war um so weniger gerechtfertigt, als er, Lassalle, selbst +bereits halb entschlossen war, den Verein fallen zu lassen, wenn sein +letzter Versuch, „einen Druck auf die Ereignisse auszuüben”, +mißglücken sollte. + +Dieser Versuch oder „Coup”, wie Lassalle ihn selbst genannt, sollte in +Hamburg in Szene gesetzt werden. Er betraf die Angelegenheit der soeben +von Dänemark eroberten Herzogtümer Schleswig-Holstein. + +Als im Winter 1863 der Tod des Königs von Dänemark die +schleswig-holsteinische Frage in den Vordergrund gedrängt hatte, hatte +Lassalle, der in jenem Moment bereits mit Bismarck in Unterhandlung +stand und deshalb ein großes Interesse daran hatte, je nach derjenigen +Politik, für die die preußische Regierung sich entschloß, den Verein +Stellung nehmen zu lassen, bei dessen Mitgliedern gegen den +„Schleswig-Holstein-Dusel” Stimmung gemacht[35] und eine Resolution +ausgearbeitet und überall annehmen lassen, in der erklärt wurde: + + „Die einheitliche Gestaltung Deutschlands würde die + schleswig-holsteinische Frage ganz von selbst erledigen. Dieser + großen Aufgabe gegenüber erscheint die Frage, ob, solange in + Deutschland 33 Fürsten bestehen, einer derselben ein ausländischer + Fürst ist, von verhältnismäßig sehr untergeordnetem Interesse.” + +Im übrigen enthält die Resolution nur mehr oder weniger allgemeine +Wendungen; alle deutschen Regierungen seien verpflichtet, die +Einverleibung der Herzogtümer in Deutschland „nötigenfalls mit +Waffengewalt” durchzusetzen, aber das Volk wird aufgefordert, auf der +Hut zu sein; es „lasse sich durch nichts von seinen gewaltigen zentralen +Aufgaben abziehen”. Gegen die Fortschrittler und Nationalvereinler wird +der Vorwurf erhoben, daß sie „Schleswig-Holstein als eine Gelegenheit +benutzen zu wollen scheinen, um die Aufmerksamkeit von der inneren Lage +abzulenken und der Lösung eines Konfliktes, dem sie nicht gewachsen +sind, unter dem Schein des Patriotismus zu entfliehen”. Dies im Dezember +1863. + +Jetzt waren die Herzogtümer erobert, und es handelte sich um die Frage, +was mit ihnen geschehen solle. Ein großer Teil der Fortschrittler trat +für die legitimen Ansprüche des Herzogs von Augustenburg ein, während +man in maßgebenden Kreisen Preußens auf die Annexion der Herzogtümer in +Preußen hinarbeitete. So wenig Interesse nun die demokratischen Parteien +hatten, zu den vorhandenen 33 souveränen Fürsten in Deutschland noch +einen 34sten zu schaffen, so hatten sie andrerseits auch keine Ursache, +der zur Zeit reaktionärsten Regierung in Deutschland einen Machtzuwachs +zuzusprechen. Lassalle aber hatte bereits so sehr sein politisches +Taktgefühl verloren, daß er allen Ernstes beabsichtigte, in Hamburg eine +große Volksversammlung abzuhalten und von dieser eine Resolution +beschließen zu lassen, des Inhalts, daß Bismarck verpflichtet sei, die +Herzogtümer gegen den Willen Österreichs und der übrigen deutschen +Staaten an Preußen zu annektieren. Es braucht nicht durch Worte +bezeichnet zu werden, welche Rolle Lassalle damit auf sich nahm und zu +welcher Rolle er die sozialistisch gesinnten Arbeiter Hamburgs +gebrauchen wollte, die ihm so warme Dankbarkeit und Verehrung +entgegenbrachten. Indes ist es nicht zur Ausführung des Vorhabens +gekommen, es blieb den Hamburger Arbeitern der Konflikt zwischen ihrer +demokratischen Überzeugung und der vermeintlichen Pflicht gegen ihren +Führer glücklicherweise erspart. + +Lassalle war, nachdem er in Düsseldorf noch einen Prozeß ausgefochten, +in die Schweiz gegangen. Er nahm zunächst Aufenthalt auf Rigi Kaltbad, +und dort besuchte ihn gelegentlich eines Ausfluges Fräulein Helene von +Dönniges, deren Bekanntschaft er im Winter 1861/62 in Berlin gemacht +und der er, nach ihrer Darstellung, schon damals seine Hand angetragen +hatte. Es entwickelte sich im Anschluß an den Besuch jene Liebesaffäre, +deren Schlußresultat der frühzeitige Tod Lassalles war. + +Die Einzelheiten der Lassalle-Dönniges-Affäre sind heute so bekannt und +die für Lassalle bezeichnenderen Schritte desselben in dieser Affäre so +über alle Zweifel sichergestellt, daß auf eine Wiedererzählung des +ganzen Verlaufs der Sache hier verzichtet werden kann. Lassalle zeigte +sich bei diesem Anlasse auch durchaus nicht in einem neuen Lichte; er +entwickelte vielmehr nur Eigenschaften, die wir bereits bei ihm kennen +gelernt haben -- man kann sagen, daß die Dönniges-Affäre im kleinen und +auf einem andern Gebiet lediglich ein Abbild der Lassalleschen +Agitationsgeschichte darstellt. Lassalle glaubt in Helene von Dönniges +das Weib seiner Wahl gefunden zu haben. Die einzige Schwierigkeit ist, +das Jawort der Eltern zu erlangen. Aber Lassalle hegt nicht den +mindesten Zweifel, daß es dem Einfluß seiner Persönlichkeit gelingen +muß, diese Schwierigkeit zu überwinden. Selbstbewußt, und zugleich mit +umsichtiger Berechnung aller in Betracht kommenden Momente, entwirft er +seinen Operationsplan. Er wird kommen, die Zuneigung der Eltern erobern +und ihnen die Einwilligung abringen, ehe sie noch recht wissen, was sie +mit ihrer Genehmigung tun. Da stellt sich plötzlich ein kleines, +unvorhergesehenes Hindernis in den Weg: durch eine Unvorsichtigkeit der +jungen Dame erfahren die Eltern früher als sie sollen von der Verlobung +und erklären, Lassalle unter keinen Umständen als Schwiegersohn annehmen +zu wollen. Indes noch gibt Lassalle seinen Plan nicht auf, sein Triumph +wird nur um so größer sein, je größer der Widerstand der Eltern. Von +diesem Selbstbewußtsein getragen, begeht er einen Schritt, der die +Situation so gestaltet, daß jede Hoffnung, auf dem geplanten Wege zum +Ziele zu gelangen, ausgeschlossen ist, ja, der sogar das Mädchen selbst +an ihm irre werden läßt. Indes, ist's nicht dieser Weg, so ist's ein +anderer. Und ohne Rücksicht darauf, was er sich und seiner politischen +Stellung schuldig ist, beginnt Lassalle einen Kampf, bei dem es für ihn +nur einen Gesichtspunkt gibt: den Erfolg. Jedes Mittel ist recht, das +Erfolg verspricht. Spione werden angestellt, die die Familie Dönniges +beobachten und über jeden ihrer Schritte rapportieren müssen. Durch die +Vermittlung Hans von Bülows wird Richard Wagner ersucht, den König von +Bayern zu veranlassen, zugunsten Lassalles bei Herrn v. Dönniges zu +intervenieren, während dem Bischof Ketteler von Mainz der Übertritt +Lassalles zum Katholizismus angeboten wird, damit der Bischof seinen +Einfluß zugunsten Lassalles geltend mache. Lassalle machte sich nicht +die geringsten Gedanken darüber, wie wenig würdig es der geschichtlichen +Mission war, die er übernommen hatte, bei einem Minister von Schrenk zu +antichambrieren, damit dieser ihm zu seiner Geliebten verhelfe, noch +kümmerte er sich darum, wie wenig er sich seines Vorbildes Hutten würdig +erwies, wenn er bei einem eingefleischten Vertreter Roms um Hilfe zur +Erlangung eines Weibes petitionierte. Hier, wo er hätte stolz sein +dürfen, wo er stolz sein mußte, war er es nicht. + +Trotzdem blieb der Erfolg aus. Der Bischof von Mainz konnte gar nichts +tun, weil Helene von Dönniges protestantisch war, und der +Vermittlungsversuch, den ein vom bayerischen Minister des Auswärtigen an +den Schauplatz des Konfliktes entsandter Vertrauensmann unternahm, +führte nur dahin, Lassalle den Beweis zu liefern, daß er durch die Art +seines Vorgehens sich und das Weib, für das er kämpfte, in eine total +falsche Position gebracht hatte. Obwohl er gewußt hatte, daß Helene +jeder Willensenergie entbehrte und darin gerade einen Vorzug für sein +zukünftiges Zusammenleben mit ihr erblickt hatte -- „erhalten Sie mir +Helene in den unterwürfigen Gesinnungen, in denen sie jetzt ist”, hatte +er am 2. August an die Gräfin Hatzfeldt geschrieben --, hatte er ihr +jetzt eine Rolle zugemutet, welche die höchste Willensstärke erforderte, +und war empört darüber, daß das junge Mädchen sich ihr zu entziehen +suchte. Getragen von seinem Selbstgefühl und gewohnt, die Dinge +ausschließlich unter dem Gesichtswinkel seiner Stimmungen und Interessen +zu betrachten, hatte er ganz außer Erwägung gelassen, daß gerade die +unterwürfigsten Menschenkinder am leichtesten ihre Empfindungen ändern, +und sah den „bodenlosen Verrat” und das „unerhörteste Spiel” einer +„verworfenen Dirne”, wo weiter nichts vorlag, als die Unbeständigkeit +eines verwöhnten Weltkindes. + +Indes, er war nervös total heruntergekommen und besaß längst nicht mehr +die Energie eines gesunden Willens. Das rasche Zugreifen zu +Gewaltmitteln, das Bestreben, um jeder Kleinigkeit wegen Himmel und +Hölle in Bewegung zu setzen, die Unfähigkeit, Widerspruch zu ertragen +oder sich einen Wunsch zu versagen, sind nicht Beweise geistiger Kraft, +sondern eines hochgradigen Schwächezustandes. Auch der schnelle Wechsel +von Zornesausbrüchen und Tränen, der sich nach den übereinstimmenden +Berichten der Augenzeugen bei Lassalle damals zeigte, deutet untrüglich +auf ein stark zerrüttetes Nervensystem. + +In dieser Verfassung war es ihm unmöglich, die erlittene Niederlage +ruhig zu ertragen, und er suchte sich durch ein Duell Genugtuung zu +verschaffen für die ihm nach seiner Ansicht angetane Schmach. So töricht +das Duell an sich ist, so begreiflich war es unter den obwaltenden +Verhältnissen. In den Gesellschaftskreisen, in denen die Affäre spielte, +ist das Duell das reinigende Bad für allen Schmutz und allen Schimpf, +und wenn Lassalle nicht die moralische Kraft besaß, sich im Kampf um +irgendeine Sache auf solche Mittel zu beschränken, welche sich für den +Vertreter der Partei der sozialistischen Umgestaltung der Gesellschaft +schicken, so war es auch nur konsequent, daß er für den vermeintlich +erlittenen Schimpf sich in der Weise seiner Umgebung Genugtuung zu +verschaffen suchte. Wer sich dem Bojaren Janko von Rakowitza im Duell +gegenüberstellte, das war nicht der Sozialist Lassalle, sondern der +verjunkerte Kaufmannssohn Lassalle, und wenn mit dem letzteren auch der +erstere, der Sozialist, im Duell erschossen wurde, so sühnte er damit +die Schuld, daß er jenem die Macht über sich eingeräumt hatte. + + +Fußnoten: + + [35] In einen Brief Lassalles an den Vize-Präsidenten Dr. Dammer, + an den Lassalle in der ersten Aufregung zwei sich durchaus + widersprechende Telegramme gesandt, hatte es wörtlich geheißen: + „Die erste Depesche ... erließ ich sofort, weil mir der ganze + Schleswig-Holstein-Dusel in vieler Hinsicht höchst unangenehm ist.” + Der Widerspruch in den Telegrammen erklärt sich jetzt durch die + widerspruchsvolle Situation, in die Lassalle geraten war. Er war, + ohne es selbst zu wissen, nicht mehr frei. + + + + +Schlußbetrachtung. + + +So machte ein frühzeitiger Tod der politischen Laufbahn Lassalles, +seinen Plänen und Hoffnungen ein jähes Ende. Vielleicht war es gut so, +vielleicht hat er es selbst in seinen letzten Stunden nicht als ein +Unglück empfunden. Das Ziel, das er im Sturm nehmen zu können geglaubt, +war wieder in die Ferne gerückt, und für die ruhige Organisationsarbeit +hielt er sich nicht geschaffen. So sah seine nächste Zukunft sehr +problematisch aus, und dies mag zu der fast wahnsinnigen Hast, mit der +er sich in die Dönniges-Affäre gestürzt hatte, viel beigetragen haben. + +Es ist eigentlich müßig, sich die Frage vorzulegen, was Lassalle wohl +getan hätte, wenn er nicht der Kugel des Herrn von Rakowitza erlegen +wäre. Indes ist diese Frage bisher meist in einer Weise erörtert +worden, die ein kurzes Eingehen darauf rechtfertigt. + +Gewöhnlich wird nämlich gesagt, es würde Lassalle, wenn er weiter gelebt +hätte, nach Lage der Dinge nichts übrig geblieben sein, als gleich +seinem Freunde Bucher eine Stelle im preußischen Staatsdienst +anzutreten. Wer aber so spricht, beurteilt Lassalle absolut falsch. Wohl +hätte die von ihm schließlich eingeschlagene Politik, wenn konsequent +weiter befolgt, ihn zuletzt ins Regierungslager führen müssen, aber auf +diesen letzten Schritt hätte es Lassalle eben für sich nicht ankommen +lassen. Er hätte nie den preußischen Beamtenrock angezogen. Er besaß +genug, um nach seinen Bedürfnissen leben zu können, und seinem Ehrgeiz +hätte eine Stelle, wie die preußische Regierung sie ihm bieten konnte, +ebensowenig genügt, wie sie seiner im Innersten stets unveränderten +Gesinnung entsprochen hätte. In dieser Hinsicht hätte eher er zu +Bismarck, als dieser zu ihm sagen können: „Was kannst du, armer Teufel, +geben?” + +Das Wahrscheinliche ist vielmehr, daß Lassalle sich, sobald die gegen +ihn erkannten Strafen rechtskräftig geworden, dauernd im Ausland +niedergelassen und dort einen Umschwung der Verhältnisse in Preußen, +bzw. Deutschland abgewartet hätte. Denn daß der Hamburger „Coup”, +selbst wenn die Versammlung zustande kam und die Resolution +beschlossen wurde, an den tatsächlichen Verhältnissen zunächst nichts +geändert haben würde, liegt auf der Hand. Wie gering diese Aussicht +war, geht daraus hervor, daß das bloße Jawort Helenes von Dönniges +genügt hatte, um Lassalles Ansicht über den voraussichtlichen Effekt +des „Coup” erheblich zu erschüttern. Am 27. Juli hatte er über diesen +an die Gräfin Hatzfeldt geschrieben: „... Ich muß noch vorher in +Hamburg sein, wo ich einen großen, sehr großen, vielleicht tatsächlich +wichtigen Coup schlagen will.” Tags darauf erhält er Helenes Zusage +und schreibt nun an die Gräfin, daß er sich selbst „nicht zu viel” +von dem Versuch in Hamburg verspreche. Die betreffende Stelle dieses +Briefes ist zwar oft zitiert, da sie aber für Lassalles damalige +Stimmung äußerst charakteristisch ist, mag sie auch hier zum Abdruck +kommen. Sie lautet: + +„Wie Sie mich doch mißverstehen, wenn Sie schreiben: ‚Können Sie sich +nicht auf einige Zeit in Wissenschaft, Freundschaft und schöner Natur +genügen?’ Sie meinen, ich müsse Politik haben. + +Ach, wie wenig Sie au fait in mir sind. Ich wünsche nichts sehnlicher, +als die ganze Politik loszuwerden, um mich in Wissenschaft, Freundschaft +und Natur zurückzuziehen. Ich bin der Politik müde und satt. Zwar würde +ich so leidenschaftlich wie je für dieselbe entflammen, wenn ernste +Ereignisse da wären, oder wenn ich die Macht hätte, oder ein Mittel +sähe, sie zu erobern -- ein solches Mittel, das sich für mich schickt; +denn ohne höchste Macht läßt sich nichts machen. Zum Kinderspiel aber +bin ich zu alt und zu groß. Darum habe ich höchst ungern das Präsidium +übernommen! Ich gab nur Ihnen nach. Darum drückt es mich jetzt gewaltig. +Wenn ich es los wäre, jetzt wäre der Moment, wo ich entschlossen wäre, +mit Ihnen nach Neapel zu ziehen! (Aber wie es los werden?!) + +Denn die Ereignisse werden sich, fürcht' ich, langsam, langsam +entwickeln, und meine glühende Seele hat an diesen Kinderkrankheiten und +chronischen Prozessen keinen Spaß. Politik heißt aktuelle momentane +Wirksamkeit. Alles andere kann man auch von der Wissenschaft aus +besorgen! Ich werde versuchen, in Hamburg einen Druck auf die Ereignisse +auszuüben. Aber inwieweit das wirken wird, das kann ich nicht +versprechen und verspreche mir selbst nicht zu viel davon! + +Ach könnte ich mich zurückziehen!” -- + +In demselben Brief schreibt Lassalle an anderer Stelle, er sei „lustig +und voller Lebenskraft” und „nun, die alte Kraft ist noch da, das alte +Glück auch noch”. Es waren also lediglich politische Erwägungen, die +jene resignierten Sätze diktierten. + +Als er nach dem Aufenthalt mit Helene von Dönniges in Bern am +3. August 1864 in Genf eintraf, scheint Lassalle bereits zur vorläufigen +Expatriierung entschlossen gewesen zu sein. In den Papieren Joh. Ph. +Beckers befindet sich eine von der Genfer Regierung für „Mr. Ferdinand +Lassalle professeur”, wohnhaft „chez Mr. Becker”, ausgestellte +Aufenthaltsbewilligung, und auf dem Umschlag derselben folgender Vermerk +von der Hand des alten Freiheitsveteranen: + +„Als mir Freund Lassalle nach seiner Ankunft im verhängnisvollen Jahre +1864 hier mitteilte, er fühle seine Kraft aufgerieben, müsse Einhalt +machen; er habe geglaubt, er vermöge die sozialistische Bewegung in +etwa einem Jahre zum Durchbruch zu bringen, jetzt sehe er aber ein, daß +es Jahrzehnte erheische, wozu er seine leibliche Kraft nicht +hinreichend fühle, namentlich werde er die bevorstehenden +Gefängnisstrafen nicht überdauern können. Hierauf gab ich ihm den Rat, +sich unter bewandten Umständen irgendwo einen festen Wohnsitz zu +gründen, zu diesem Behufe sofort Domizil in Genf zu nehmen, und wenn er +dem Gesetz gemäß einen Aufenthalt von zwei Jahren nachweise, sich das +Bürgerrecht zu erwerben, was damals gar keinen Anstand gefunden hätte. +In der Zwischenzeit könnte er natürlich beliebige Reisen machen. +Lassalle schlug ohne Bedenken ein, und ich verschaffte ihm am 11. +August 1864 vorliegende Aufenthaltsbewilligung.” + +Die Aufenthaltsbewilligung selbst lautet auf vorläufig sechs Monate. + +Briefe, die vom Sekretariat des Allgemeinen deutschen Arbeitervereins an +ihn gelangten, hat Lassalle während der vier Wochen seines Kampfes um +Helene von Dönniges gar nicht mehr beantwortet. Erst als er am Vorabend +des Duells sein Testament machte, gedachte er wieder des Vereins und +setzte dem Sekretär desselben, Willms, auf fünf Jahre hinaus eine Rente +von jährlich 500 Talern für Agitationszwecke aus und eine ebensolche von +jährlich 150 Talern für seinen persönlichen Bedarf. Als seinen +Nachfolger empfahl er dem Verein den Frankfurter Bevollmächtigten +Bernhard Becker. Er solle an der Organisation festhalten, „sie wird den +Arbeiterstand zum Siege führen”. + +Unter den Mitgliedern des Vereins erregte die Nachricht von Lassalles +Tod nicht geringe Bestürzung. Es war ihnen lange unmöglich den Gedanken +zu fassen, daß Lassalle wirklich nur in einer gewöhnlichen Liebesaffäre +gefallen sei. Sie glaubten an einen vorbedachten Anschlag, der von den +Gegnern angezettelt sei, um den gefährlichen Agitator aus dem Wege zu +räumen, und feierten den Gefallenen als das Opfer einer nichtswürdigen +politischen Intrige. Ein wahrer Lassalle-Kultus entwickelte sich +zunächst, eine Art Lassalle-Religion, deren Propagierung vor allem die +Gräfin Hatzfeldt, aus übrigens menschlich durchaus erklärlichen Gründen, +sich angelegen sein ließ. Sehr trug zu diesem Kultus auch die Art bei, +wie Lassalle den Arbeitern persönlich gegenübergetreten war. So +liebenswürdig er im Umgang mit ihnen sein konnte, so hatte er doch +sorgfältig darauf geachtet, in seiner äußeren Erscheinung sowohl wie in +seinem Benehmen ihnen seine gesellschaftliche und geistige Überlegenheit +stets vor Augen zu halten. Mit größtem Wohlbehagen hatte er ferner sich +in Ronsdorf als eine Art Religionsstifter feiern lassen und selbst dafür +gesorgt, daß ein die wirklichen Vorgänge noch übertreibender Bericht +darüber im „Nordstern” erschien. + +In seinen Reden war seine Person immer mehr in den Vordergrund getreten +-- so stark, daß, wenn er sich in Verbindung mit andern genannt hatte, +er stets das Ich hatte vorangehen lassen. + +Einzelne mochte diese Art des Auftretens abstoßen, auf die Masse hatte +es, namentlich bei der Jugend der Bewegung, einen großen Zauber +ausgeübt, und je mehr sich ein Mythenkreis um Lassalles Persönlichkeit +wob, um so stärkere Wirkung übte der Zauber nachträglich aus. + +Es wäre übrigens sehr falsch, die Tatsache zu verkennen, daß dieser +Kultus der Persönlichkeit Lassalles sich für die Agitation lange Zeit im +hohen Grade fördernd erwiesen hat. Es liegt nun einmal in den meisten +Menschen der Zug, eine Sache, die sich in jedem gegebenen Moment um so +mehr als etwas Abstraktes darstellt, je weittragender ihre Ziele sind, +gern in einer Person verkörpert zu sehen. Diese Personifizierungssucht +ist das Geheimnis der Erfolge der meisten Religionsstifter, ob +Charlatane oder Illusionäre, und sie ist in England und Amerika ein +anerkannter Faktor im politischen Parteikampfe. Sie ist so stark, daß +zuweilen die bloße Tatsache, daß eine Persönlichkeit aus einer +Körperschaft Gleicher oder selbst Besserer ausscheidet, genügt, sie über +diese hinauszuheben und ihr eine Macht zu verschaffen, die jener +hartnäckig verweigert wurde. Man erinnere sich nur des Boulanger-Fiebers +in Frankreich, das durchaus nicht der Beispiele in der Geschichte +anderer Länder ermangelt. Dutzende von Mitgliedern der französischen +Kammer waren Boulanger an Wissen, Begabung und Charakter überlegen und +konnten auf die ehrenvollsten Narben im Dienste der Republik verweisen, +aber sie sanken doch zu Nullen ihm gegenüber herab, während er zur +großen Eins emporgeschnellt wurde und sein Name Hunderttausende +entflammte. Warum? Weil sich plötzlich in ihm eine Idee verkörperte, +während die Deputiertenkammer, trotz der Summe von Wissen und Erfahrung, +die sie repräsentierte, nichts war als eine anonyme Vielheit. + +Der Name Lassalle wurde zum Banner, für das sich die Massen immer mehr +begeisterten, je mehr die Schriften Lassalles ins Volk drangen. Für +den unmittelbaren Erfolg berechnet, mit einem außergewöhnlichen Talent +geschrieben, populär und doch die theoretischen Gesichtspunkte +hervorhebend, übten sie und üben sie zum Teil noch heute eine große +agitatorische Wirkung aus. Das „Arbeiterprogramm”, das „Offene +Antwortschreiben”, das „Arbeiterlesebuch” usw. haben Hunderttausende +für den Sozialismus gewonnen. Die Kraft der Überzeugung, die in diesen +Schriften weht, hat Hunderttausende zum Kampf für die Rechte der +Arbeit entflammt. Dabei verlieren sich die Lassalleschen Schriften nie +in ein gegenstandsloses Phrasengeklingel, -- ein verständiger +Realismus, der sich zwar gelegentlich in den Mitteln vergreift, der +aber stets die Wirklichkeit im Auge zu behalten sucht, herrscht in +ihnen vor und hat sich durch sie auch der Bewegung mitgeteilt. Wovon +Lassalle in seiner Praxis eher etwas zu viel hatte, davon hat er in +seine ersten und besten Agitationsschriften das rechte Maß dessen +hineingelegt, was die Arbeiterbewegung brauchte. Wenn die deutsche +Sozialdemokratie den Wert einer kräftigen Organisation zu allen Zeiten +zu schätzen gewußt hat, wenn sie von der Notwendigkeit des +Zusammenfassens der Kräfte so durchdrungen ist, daß sie auch ohne das +äußere Band einer Organisation doch alle Funktionen einer solchen +aufrechtzuerhalten gewußt hat, so ist das zum großen Teil eine +Erbschaft der Agitation Lassalles. Es ist eine unbestreitbare +Tatsache, daß diejenigen Orte, wo in der Arbeiterschaft die +Traditionen der Lassalleschen Agitation am stärksten waren, in bezug +auf die Organisation in der Regel am meisten geleistet haben. + +Indes, man kann die Vorteile einer Sache nicht haben, ohne auch ihre +Nachteile in den Kauf nehmen zu müssen. Wir haben gesehen, welchen +doppelt zwieschlächtigen Charakter die Lassallesche Agitation trug, +zwieschlächtig in ihrer theoretischen Grundlage, zwieschlächtig in ihrer +Praxis. Das blieb natürlich lange noch bestehen, nachdem Lassalle selbst +aus dem Leben geschieden war. Ja, es verschlimmerte sich noch. +Festhalten an Lassalles Taktik hieß Festhalten an der Schwenkung, die +er während der letzten Monate seiner Agitation vollzogen, er selbst in +dem Bewußtsein und mit dem Vorbehalt, jeden Augenblick umkehren, die +Maske abwerfen zu können. Aber, um einen seiner eignen Aussprüche +anzuwenden: Individuen können sich verstellen, Massen nie. Seine Politik +fortführen hieß, wenn es buchstäblich genommen wurde, die Massen +irreführen. Und die Massen wurden irregeführt. Es kam die Zeit der +Schweitzerschen Diktatur. Ob J. B. von Schweitzer je ein Regierungsagent +im buchstäblichen Sinne dieses Wortes war, scheint mir sehr zweifelhaft; +kein Zweifel aber kann bestehen, daß seine Politik zeitweise der eines +Regierungsagenten nahekam. Kam es doch unter seiner Leitung dahin, daß +von Agitatoren des „Allgemeinen deutschen Arbeitervereins” Republikaner +sein für gleichbedeutend mit Bourgeois sein erklärt wurde, weil die +bisherigen Republiken Bourgeoisrepubliken gewesen. Schweitzer war +unzweifelhaft der begabteste Nachfolger Lassalles. Aber wenn er ihn an +Talent nahezu erreichte, so übertraf er ihn zugleich in einigen seiner +bedenklichsten Fehler. Mit noch weniger Scheu als Lassalle hat er mit +den preußischen Hof-Sozialdemagogen geliebäugelt. Daß er dies jedoch +konnte, ohne je um einen, seine Politik unterstützenden Satz aus +Lassalles Reden in Verlegenheit zu sein, ist ein Vorwurf, der Lassalle +nicht erspart bleiben darf. Schlimmeres, als die um die +verfassungsmäßigen Rechte der Volksvertretung kämpfenden Parteien, unter +denen sich Männer wie Johann Jacoby, Waldeck, Ziegler usw. befanden, +einfach als eine „Clique” zu bezeichnen, hat selbst Schweitzer nie +getan. + +Auch andre Fehler Lassalles erbten sich in der Bewegung fort, und es hat +langwierige und schwere Kämpfe gekostet, bis sie völlig überwunden +wurden. Was die theoretischen Irrtümer Lassalles anbetrifft, die ich +oben ausführlicher behandelt habe, so sei hier nur daran erinnert, wie +heftige Kämpfe es gekostet hat, bis sich in der deutschen +sozialistischen Arbeiterschaft eine richtige Wertschätzung der +Gewerkschaftsbewegung Bahn gebrochen hat, wie lange die Gewerkschaften +von einem großen Teil der Sozialisten mit dem Hinweis auf das „eherne +Lohngesetz” bekämpft wurden. Die persönliche Färbung, die Lassalle der +Bewegung gab, hatte zur Folge, daß diese nach seinem Tode in das +Fahrwasser der Sektiererei geriet und noch lange Jahre in ihm trieb. + +Leute, die eine hervorragende Rolle gespielt und auffallende +Eigenschaften entwickelt haben, pflegen alsbald eine große Anzahl +Nachahmer zu erzeugen. So auch Lassalle. Die Viertels- und +Achtels-Lassalle sproßten nach seinem Tode fröhlich aus dem Boden. Da +sie aber in Ermangelung seines Talents sich darauf beschränken mußten, +ihm nachzuahmen „wie er sich geräuspert und wie er gespuckt”, und +dies, wie wir gesehen haben, nicht gerade das Beste an ihm war, so +bildeten sie eine der unerquicklichsten Erscheinungen der +Arbeiterbewegung. + +Heute ist das alles überwunden, und die Sozialdemokratie kann ohne +Bitterkeit darüber hinweggehen. Aber es gab eine Zeit, wo die Bewegung +darunter litt, und darum sei es hier erwähnt. + +Damit indes genug. Es möchte sonst der Eindruck dessen, was ich vorher +von dem Erbe gesagt, das Lassalle der Arbeiterschaft bis auf heute +hinterlassen, wiederum abgeschwächt werden, und das liegt durchaus nicht +in meiner Absicht. Solange ich das Wirken Lassalles im einzelnen zu +untersuchen hatte, mußte ich scharf sein; denn höher als der Ruhm des +einzelnen steht das Interesse der großen Sache, für die der Kampf geht, +und diese fordert vor allen Dingen Wahrheit. Die Sozialdemokratie hat +keine Legenden und braucht keine Legenden, sie betrachtet ihre +Vorkämpfer nicht als Heilige, sondern als Menschen, und kann es daher +auch vertragen, wenn sie als Menschen kritisiert werden. Sie würdigt +darum nicht weniger ihre Verdienste und hält das Andenken derer in +Ehren, die das Werk der Befreiung der Arbeiterklasse wesentlich +gefördert haben. + +Und das hat Lassalle in hohem Maße getan. Vielleicht in höherem Maße, +als er selbst am Vorabend seines Todes geahnt hat. Es ist anders +gekommen, als wie er glaubte, aber die Bewegung ist heute dieselbe, für +die er im Frühjahr 1863 das Banner aufpflanzte. Es sind dieselben +Ziele, für die sie heute kämpft, wenn sie auch in andrer Weise und mit +andern Forderungen kämpft. Nach etlichen Jahren wird sie vielleicht +wieder in andrer Weise kämpfen, und es wird doch dieselbe Bewegung sein. + +Kein Mensch, und sei er der größte Denker, kann den Weg der +Sozialdemokratie im einzelnen vorherbestimmen. Niemand weiß, wie viele +Kämpfe noch vor ihr liegen und wie viele Kämpfer noch werden ins Grab +sinken müssen, bis das Ziel der Bewegung erreicht ist; aber die +Leichensteine ihrer Toten erzählen von den Fortschritten der Bewegung +und erfüllen ihre Kämpfer mit Siegesgewißheit für die Zukunft. + +Lassalle hat die deutsche Sozialdemokratie nicht geschaffen, so wenig +wie irgendein andrer sie geschaffen hat. Wir haben gesehen, wie es +bereits unter den vorgeschrittenen Arbeitern Deutschlands gärte und +brodelte, als Lassalle sich an die Spitze der Bewegung stellte. Aber +wenn er auch nicht als Schöpfer der Partei bezeichnet werden darf, so +gebührt Lassalle doch der Ruhm, daß er Großes für sie ausgerichtet hat, +-- so Großes, wie es Einzelnen selten gegeben ist. Er hat, wo meist nur +erst unbestimmtes Wollen vorhanden war, bewußtes Streben verbreitet, er +hat der deutschen Arbeiterwelt die Erkenntnis von ihrer geschichtlichen +Mission beigebracht, er hat sie gelehrt, sich zur selbständigen +politischen Partei zu organisieren, und er hat auf diese Weise den +Entwicklungsprozeß der Bewegung ganz erheblich beschleunigt. Sein +eigentliches Unternehmen schlug fehl, aber der Kampf für es war kein +vergeblicher. Lassalle hat nicht umsonst die Fahne für die Erkämpfung +des allgemeinen, gleichen und direkten Wahlrechts erhoben. Dank der +Agitation des von ihm gegründeten Allgemeinen deutschen Arbeitervereins +für diese Forderung wurden die Fortschrittler genötigt, sich nun +gleichfalls ihrer anzunehmen, und so verschwand sie nicht mehr von der +Tagesordnung und mußte die Berliner Regierung in sie einwilligen, als +nach dem deutschen Kriege von 1866 die Verfassung des Norddeutschen +Bundes geschaffen wurde. Das allgemeine gleiche, direkte und geheime +Wahlrecht wurde wenigstens für den Reichstag des Norddeutschen Bundes +und später des Deutschen Reiches verfassungsmäßiges Volksrecht. Noch war +freilich die Zeit der Siege durch die Waffe dieses Wahlrechts nicht da. +Aber um siegen zu können, mußte die Arbeiterschaft erst kämpfen lernen. +Die Siege sind dann nicht ausgeblieben, von Wahl zu Wahl haben sie sich +gehäuft, und im Augenblick, wo diese Abhandlung in neuer Form ins Land +geht, hat die deutsche Arbeiterschaft vermittelst des nun auf die Wahlen +zu allen Gesetzgebungskörpern und den Selbstverwaltungsvertretungen +ausgedehnten und in jeder Hinsicht demokratisierten Wahlrechts eine +politische Machtstellung erlangt, die ihr die glänzendsten Aussichten +auf Durchsetzung tiefgreifender Maßnahmen sozialer Befreiung eröffnet. +Sie zum Kampf einexerziert, ihr für ihn und ihre weiteren Ziele, wie es +im Liede heißt, Schwerter gegeben, zugleich aber auch in die Seelen +deutscher Arbeiter Sinn und Verständnis für diesen _organischen_ Weg +gepflanzt zu haben, der unter allen Gesichtspunkten dem wilden +Massenkampf vorzuziehen ist, -- bleibt das große, das unvergängliche +Verdienst Ferdinand Lassalles. + + + + + +--------------------------------------------------------------------+ + | Anmerkungen zur Transkription | + | | + | Folgende Inkonsistenzen im Text wurden beibehalten, da beide | + | Schreibweisen üblich waren, oder die Begriffe aus Zitaten stammen: | + | | + | anderm -- anderem | + | andern -- anderen | + | Arbeiterverein -- Arbeiter-Verein | + | eigne -- eigene | + | garnicht -- gar nicht | + | heut -- heute | + | Testamentrecht -- Testamentsrecht | + | Vermittelung -- Vermittlung | + | Verständniß -- Verständnis | + | | + | Im Text wurden folgende Änderungen vorgenommen: | + | | + | Schmutztitel "FERDINAND LASSALLE" entfernt. | + | Inhaltsverzeichnis vom Ende des Buchs an den Anfang verschoben. | + | S. 16 "selbhilflerischen" in "selbsthilflerischen" geändert. | + | S. 19 "Kulter" in "Kultur" geändert. | + | S. 30 "Schaffot" in "Schafott" geändert. | + | S. 34 "Lorbeern" in "Lorbeeren" geändert. | + | S. 37 "Hatzfeldtprozeß" in "Hatzfeldt-Prozeß" geändert. | + | S. 38 "Hatzfeldtprozesses" in "Hatzfeldt-Prozesses" geändert | + | (Fußnote). | + | S. 44 "Hinkeldey" in "Hinckeldey" geändert. | + | S. 49 ‚ vor "Denn" eingefügt. | + | S. 55 „ vor "Bei alledem" entfernt. | + | S. 71 "mutatis mutantis" in "mutatis mutandis" geändert. | + | S. 72 „ vor "zerfetzt" eingesetzt. | + | S. 80 "Frei-Herrosé" in "Frey-Herosé" geändert (Fußnote). | + | S. 84 "Eisbock" in "Eisblock" geändert. | + | S. 99 "Ludwis" in "Ludwig" geändert. | + | S. 128 „ vor "..." eingesetzt (Fußnote 14). | + | S. 136 "Geschichtschreibung" in "Geschichtsschreibung" geändert. | + | S. 138 "Leibnitz" in "Leibniz" geändert. | + | S. 138 „ am Beginn von Leibniz Zitat eingefügt. | + | S. 154 "Macchiavellis" in "Machiavellis" geändert. | + | S. 182 "anvancierten" in "avancierten" geändert. | + | S. 206 ” hinter "Bourgeoisie" eingefügt. | + | S. 209 "sonderns" in "sonders" geändert. | + | S. 217 "mußte" und "mußten" vertauscht. | + | S. 219 "Weltmarktsindustrie" in "Weltmarktsindustrien" geändert. | + | S. 255 "Gensdarmen" in "Gendarmen" geändert. | + | S. 278 "wiederhallen" in "widerhallen" geändert. | + | S. 302 "I. B. von Schweitzer" in "J. B. von Schweitzer" geändert. | + | S. 303 "Sektirerei" in "Sektiererei" geändert. | + | Inhalt "Hatzfeld" in "Hatzfeldt" geändert. | + +--------------------------------------------------------------------+ + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Ferdinand Lassalle, by Eduard Bernstein + +*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 44722 *** |
