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+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 44722 ***
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+ FERDINAND LASSALLE
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+ EINE WÜRDIGUNG
+ DES LEHRERS UND
+ KÄMPFERS
+
+ VON
+
+ EDUARD BERNSTEIN
+
+
+ VERLEGT BEI PAUL CASSIRER, BERLIN
+ 1919
+
+
+ ALLE RECHTE VORBEHALTEN
+ COPYRIGHT 1919 BY PAUL CASSIRER, BERLIN
+
+
+ _DRUCK VON OSCAR BRANDSTETTER, LEIPZIG_
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+
+
+Inhalt.
+
+
+ Seite
+
+ Vorwort 5
+
+ Deutschland am Vorabend der Lassalleschen Bewegung 7
+
+ Lassalles Jugend, der Hatzfeldt-Prozeß, die Assisenrede
+ und der Franz von Sickingen 27
+
+ Ferdinand Lassalle und der Italienische Krieg 66
+
+ Das System der erworbenen Rechte 114
+
+ Der preußische Verfassungskonflikt, die Verfassungsreden
+ und das Arbeiterprogramm 145
+
+ Lassalle und das Leipziger Arbeiterkomitee. Das
+ Offene Antwortschreiben, politischer Teil 186
+
+ Der ökonomische Inhalt des Offenen Antwortschreibens.
+ Das eherne Lohngesetz und die Privatgenossenschaften
+ mit Staatskredit 213
+
+ Gründung und Führung des Allgemeinen Deutschen
+ Arbeitervereins 235
+
+ Lassalle und Bismarck 263
+
+ Lassalles letzte Schritte und Tod 285
+
+ Schlußbetrachtung 293
+
+
+
+
+Vorwort.
+
+
+Die vorliegende Schrift wurde von mir in ihrer ersten Gestalt im Jahre
+1891 verfaßt, als eine Einleitung zu der damals von der Buchhandlung
+„Vorwärts” veranstalteten Sammelausgabe von Reden und Schriften
+Lassalles. Der Umstand, daß ich zu jener Zeit noch in London lebte,
+dessen Bibliotheken nur Teile der Lassalle-Literatur darboten, und daß
+aus buchhändlerischen Gründen die Ausarbeitung der Schrift in einer
+ziemlich kurz bemessenen Frist geschehen mußte, hatte verschiedene
+Mängel zur Folge, die ich später oft bedauert habe.
+
+Daß nun eine Neuausgabe notwendig geworden ist, hat mir die ersehnte
+Gelegenheit geboten, hier zu bessern, was nach meiner eigenen
+Überzeugung und dem Urteil der von mir als berechtigt anerkannten Kritik
+vornehmlich zu bessern war. Insbesondere aber sind die in der
+Zwischenzeit erschienenen, teilweise recht bedeutsamen Briefe von, an
+und über Lassalle berücksichtigt worden, die dazu beigetragen haben, das
+Bild des großen Lehrers und Kämpfers ganz wesentlich einheitlicher zu
+gestalten, als es früher vor uns stand.
+
+Lassalle als Vorkämpfer zu würdigen war die besondere Aufgabe der
+Schrift. Von einem Mitglied der Partei, die in Lassalle einen ihrer
+Begründer verehrt, _für_ die Partei, also namentlich auch für
+bildungsdürstige Arbeiter geschrieben, hatte sie das Hauptgewicht darauf
+zu legen, die Bedeutung Lassalles als Lehrer und Führer der von ihm 1863
+neu ins Leben gerufenen Partei in möglichster Klarheit zur Anschauung zu
+bringen. Das hatte insofern eine gewisse Beschränkung zur Folge, als das
+literarhistorische Moment ziemlich zurücktreten mußte. Die Schrift
+beansprucht nicht, mit Arbeiten zu rivalisieren, die Lassalle von der
+Warte des außenstehenden Geschichtsschreibers oder Literaturpsychologen
+behandeln. Aber dafür glaubt sie dasjenige Moment um so heller zur
+Erkenntnis zu bringen, das gerade in unseren Tagen im Vordergrund des
+Interesses steht und an dem Lassalle am meisten gelegen war: sein Wollen
+und Wirken als bahnbrechender Lehrer des Sozialismus und als politischer
+Führer der sozialistischen Demokratie.
+
+_Berlin-Schöneberg_, im September 1919.
+
+ _Ed. Bernstein._
+
+
+
+
+FERDINAND LASSALLE UND DIE DEUTSCHE SOZIALDEMOKRATIE
+
+
+
+
+Deutschland am Vorabend der Lassalleschen Bewegung.
+
+
+Seit es herrschende und unterdrückte, ausbeutende und ausgebeutete
+Klassen gibt, hat es auch Auflehnungen der letzteren gegen die ersteren
+gegeben, haben sich Staatsmänner und Philosophen, Ehrgeizige und
+Schwärmer gefunden, welche gesellschaftliche Reformen zur Milderung oder
+Beseitigung des Ausbeutungsverhältnisses in Vorschlag brachten. Will man
+alle diese Bestrebungen unter den Begriff Sozialismus zusammenfassen, so
+ist der Sozialismus so alt wie die Zivilisation. Hält man sich jedoch an
+bestimmtere Erkennungsmerkmale als das bloße Verlangen nach einem
+Gesellschaftszustand der Harmonie und des allgemeinen Wohlstandes, so
+hat der Sozialismus der Gegenwart als Ideengebilde mit dem irgendeiner
+früheren Epoche nur soviel gemein, daß er wie jener der geistige
+Niederschlag der besonderen, von den Besitzlosen geführten Klassenkämpfe
+seiner Zeit ist. Überall drückt die Struktur der Gesellschaft, auf deren
+Boden er gewachsen ist, dem Sozialismus der Epoche ihren Stempel auf.
+
+Der moderne Sozialismus ist das Produkt des Klassenkampfes in der
+kapitalistischen Gesellschaft, er wurzelt in dem Klassengegensatz
+zwischen Bourgeoisie und modernem Proletariat, einem Gegensatz, der
+schon verhältnismäßig früh in der Geschichte in wirklichen Kämpfen zum
+Ausdruck kommt, ohne freilich gleich im Anfang von den Kämpfenden selbst
+in seiner vollen Tragweite begriffen zu werden. In seinem Anlauf gegen
+die privilegierten Stände der feudalen Gesellschaft, sowie in seinem
+Ringen mit dem absolutistischen Polizeistaat sieht sich das Bürgertum
+zunächst veranlaßt, sich als den Anwalt der Interessen aller
+Nichtprivilegierten aufzuspielen, die Beseitigung ihm unbequemer und die
+Schaffung ihm behufs Entfaltung seiner Kräfte notwendiger Einrichtungen
+jedesmal im Namen des ganzen Volkes zu verlangen. Es handelt dabei lange
+Zeit im guten Glauben, denn nur die Vorstellung, die es selbst mit
+diesen Forderungen verbindet, erscheint ihm als deren vernunftgemäße,
+vor dem gesunden Menschenverstand Bestand habende Auslegung. Das
+aufkommende Proletariat aber, soweit es sich selbst bereits von den
+zunftbürgerlichen Vorurteilen freigemacht, nimmt die Verheißungen der
+bürgerlichen Wortführer so lange für bare Münze, als das Bürgertum
+ausschließlich Opposition gegen die Vertreter der ständischen
+Institutionen ist. Hat jenes aber einmal die letzteren besiegt oder doch
+soweit zurückgedrängt, um an die Verwirklichung seiner eigenen
+Bestrebungen gehen zu können, so stellt sich bald heraus, daß die
+hinter ihm stehenden Plebejer ganz andere Begriffe von dem versprochenen
+Reich Gottes auf Erden haben, als ihre bisherigen Freunde und
+Beschützer, und es kommt zu Zusammenstößen, die um so heftiger
+ausfallen, je größer vorher die Illusionen waren. Das Proletariat ist
+jedoch noch nicht stark genug, seinen Widerstand aufrechtzuerhalten, es
+wird mit rücksichtsloser Gewalt zum Schweigen gebracht und tritt auf
+lange Zeit wieder vom Schauplatz zurück.
+
+Dies war der Fall in allen bürgerlichen Erhebungen des 16., 17. und 18.
+und selbst noch der ersten Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts. Die rasche
+Entwicklung, welche die Revolution der Produktionsverhältnisse in
+diesem Jahrhundert nahm, änderte jedoch auch das Verhalten des
+Proletariats gegenüber der Bourgeoisie. Es bedurfte nicht mehr
+außergewöhnlicher Veranlassungen, um den Gegensatz der Interessen und
+Bestrebungen der beiden an den Tag treten zu lassen, er kam in den
+vorgeschrittenen Ländern auch ohne solche zum Ausdruck. Arbeiter fingen
+an, sich zum Widerstand gegen Kapitalisten zu organisieren, die
+bürgerlich-kapitalistische Gesellschaftsordnung wurde vom
+proletarischen Standpunkt aus der Kritik unterworfen, es entstand eine
+antibürgerliche sozialistische Literatur. Verhältnismäßig unbedeutende
+Reibereien im Schoße der Bourgeoisie, ein bloßer Konflikt eines ihrer
+Flügel gegen einen andern aber genügten, um die tatkräftigeren Elemente
+des Proletariats als selbständige Partei mit eigenen Forderungen in die
+Aktion treten zu lassen. Die Reformbewegung des liberalen Bürgertums in
+England wurde das Signal zur Chartistenbewegung, die Julirevolution in
+Frankreich leitete erst eine rein republikanische Propaganda, dann aber
+sozialistische und proletarisch-revolutionäre Bewegungen ein, die
+zusammen an Ausdehnung kaum hinter der Chartistenagitation
+zurückbleiben.
+
+Literarisch und propagandistisch schlägt die Bewegung in den vierziger
+Jahren nach Deutschland hinüber. Schriftsteller und Politiker, die
+entweder als Exilierte oder um dem Polizeigeruch in der Heimat für eine
+Zeitlang zu entgehen, sich ins Ausland begeben, werden Proselyten des
+Sozialismus und suchen ihn nach Deutschland zu verpflanzen, deutsche
+Arbeiter, die auf ihrer Wanderschaft in Paris oder London gearbeitet,
+bringen die sozialistische Lehre in die Heimat zurück und kolportieren
+sie auf den Herbergen. Es werden geheime sozialistisch-revolutionäre
+Propagandagesellschaften gegründet und schließlich, am Vorabend des
+Revolutionsjahres 1848, tritt der Kommunistenbund ins Leben mit einem
+Programm, das mit unübertroffener revolutionärer Schärfe und
+Entschiedenheit den Gegensatz zwischen Proletariat und Bourgeoisie
+kennzeichnet, aber zugleich auch ausspricht, daß die besonderen
+Verhältnisse in Deutschland dort dem Proletariat zunächst noch die
+Aufgabe zuweisen, gemeinsam mit der Bourgeoisie gegen die absolute
+Monarchie, das feudale Grundeigentum und die reaktionäre Kleinbürgerei
+zu kämpfen.
+
+Die Februarrevolution in Frankreich und die Märzrevolution in
+Deutschland fanden das erstere in seinen Zentren stark sozialistisch
+unterwühlt, das letztere gleichfalls schon mit einer relativ großen
+Anzahl sozialistisch gesinnter Arbeiter durchsetzt. Hier wie dort
+lieferten die Arbeiter, wenn auch nicht in gleichem Verhältnis, bereits
+die tatkräftigsten Elemente der Revolution. Aber die Verhältnisse waren
+in Frankreich, trotz seiner politischen und ökonomischen Überlegenheit,
+der Verwirklichung des Sozialismus nicht viel günstiger als in
+Deutschland. Auf dem Lande herrschte der kleinbäuerliche Grundsatz vor,
+während in den Städten und Industriebezirken zwar die große Industrie
+bereits um sich gegriffen, aber doch noch lange nicht die
+Alleinherrschaft erobert hatte. Neben ihr spielte, und zwar gerade in
+Paris, dem Hauptplatz der Luxusgewerbe, das kleinere und mittlere
+Handwerk, wenn es auch aufgehört hatte, Zunfthandwerk zu sein und schon
+meist für den Großindustriellen arbeitete, noch eine verhältnismäßig
+große Rolle, ganz besonders auch das sogenannte Kunsthandwerk.
+Dementsprechend hatte der französische Sozialismus selbst dort, wo er
+sich vom eigentlichen Utopismus freigemacht hatte, mit wenigen Ausnahmen
+einen stark kleinbürgerlichen Zug. Und auch die Februarrevolution und
+die furchtbare Lehre der Junischlacht änderten daran nichts. Sie gaben
+dem utopistischen Sozialismus bei den französischen Arbeitern den
+Todesstoß, aber an seine Stelle trat auf Jahre hinaus -- der
+Proudhonismus.
+
+In dieser relativen Unreife der ökonomischen Verhältnisse liegt die
+Erklärung für die sonst unbegreifliche Tatsache, daß, während es damals
+in Frankreich von Sozialisten wimmelte, während über 200 Mitglieder der
+Deputiertenkammer sich „Sozialdemokraten” nannten, die bonapartistische
+Repression die Arbeiter mit leeren Redensarten abzuspeisen vermochte.
+
+In Deutschland war die Unreife natürlich noch größer. Die große Masse
+der Arbeiter steckte nicht nur noch tief in kleinbürgerlichen, sondern
+teilweise sogar in direkt zunftbürgerlichen Anschauungen. Auf
+verschiedenen der Arbeiterkongresse, die das Jahr 1848 ins Leben rief,
+wurden die reaktionärsten Vorschläge diskutiert. Nur eine
+verhältnismäßig kleine Minderheit der deutschen Arbeiter hatte bereits
+die revolutionäre Mission der Arbeiterklasse begriffen. Wenn diese
+überall in den vordersten Reihen der Volksparteien kämpfte, wenn sie, wo
+immer sie konnte, die bürgerliche Demokratie vorwärtszutreiben suchte,
+so zahlte sie die Kosten dafür an ihrem eigenen Leibe. Die Kommunisten
+des Jahres 1848 fielen auf den Barrikaden, auf den Schlachtfeldern in
+Baden, sie füllten die Gefängnisse, oder mußten, als die Reaktion auf
+der ganzen Linie gesiegt, das Exil aufsuchen, wo ein großer Teil von
+ihnen im Elend zugrunde ging. Die jungen Arbeiterorganisationen, die das
+Frühjahr 1848 ins Leben gerufen, wurden von den Regierungen
+unterschiedlos aufgelöst oder zu Tode drangsaliert. Was an Sozialisten
+noch im Lande blieb, zog sich entweder in Erwartung günstigerer Zeiten
+ganz von der Öffentlichkeit zurück, oder verphilisterte und schloß sich
+an die ihm adäquate Fraktion des bürgerlichen Liberalismus an. Letzteres
+gilt namentlich auch von einer Anzahl Vertreter des halb schöngeistigen,
+halb sansculottischen „wahren” Sozialismus, der mit so vielem Lärm
+aufgetreten war. Die Arbeiter selbst aber, mehr oder weniger
+eingeschüchtert, lassen von dem Gedanken ihrer Organisation als Klasse
+mit selbständigen Zielen ab und verfallen der Vormundschaft der
+radikalen Bourgeoisparteien oder der Protektion wohlmeinender
+Bourgeoisphilantropen.
+
+Es vollzieht sich eine Entwicklung, die in allen wesentlichen Punkten
+mit den in England und Frankreich unter den gleichen Umständen vor
+sich gegangenen Wandlungen übereinstimmt. Der Fehlschlag der
+erneuerten Agitation der Chartisten im Jahre 1848 hatte in England
+die Wirkung, daß der christliche Sozialismus der Maurice, Kingsley,
+Ludlow sich in den Vordergrund drängte und einen Teil der Arbeiter
+veranlaßte, in selbsthilflerischen Genossenschaften ihre Befreiung zu
+suchen -- nicht nur ihre ökonomische, sondern auch ihre
+„moralische”, ihre Befreiung vom „Egoismus”, vom „Klassenhaß”
+usw. Wenn nun diese ‚christlichen Sozialisten’ auch mit ihren
+Bestrebungen weder selbstsüchtige, persönliche Zwecke verbanden, noch
+die Geschäfte irgendeiner besonderen Partei der besitzenden Klassen
+besorgten, so war die Wirkung ihrer Propaganda unter den Arbeitern,
+soweit ihr Einfluß reichte, doch zunächst die der Ablenkung derselben
+von den allgemeinen Interessen ihrer Klasse, d. h. politische
+Entmannung. Soweit es gelang, den „Klassenegoismus” zu vertreiben,
+trat in den meisten Fällen an seine Stelle ein philiströser
+Genossenschaftsegoismus und ein nicht minder philisterhaftes
+„Bildungs”-Pharisäertum. Die Gewerkvereinsbewegung ihrerseits
+verliert sich fast ganz in der Verfolgung der allernächstliegenden
+Interessen, während die Reste der Oweniten sich meist auf die
+sogenannte freidenkerische Propaganda werfen.
+
+In Frankreich war es die Niederlage der Juni-Insurrektion gewesen,
+welche die Arbeiterklasse in den Hintergrund der revolutionären Bühne
+drängte. Jedoch vorerst nur in den Hintergrund. Der rege politische
+Geist des Pariser Proletariats konnte selbst durch diesen Riesenaderlaß
+nicht sofort ertötet werden. „Es versucht sich”, wie Marx im 18.
+Brumaire schreibt, „jedesmal wieder vorzudrängen, sobald die Bewegung
+einen neuen Anlauf zu nehmen scheint.” Indes seine Kraft war gebrochen,
+es konnte selbst nicht einmal mehr vorübergehend siegen. „Sobald eine
+der höher über ihm liegenden Gesellschaftsschichten in revolutionäre
+Gärung gerät, geht es eine Verbindung mit ihr ein und teilt so alle
+Niederlagen, die die verschiedenen Parteien nacheinander erleiden. Aber
+diese nachträglichen Schläge schwächen sich immer mehr ab, je mehr sie
+sich auf die ganze Oberfläche der Gesellschaft verteilen. Seine
+bedeutenderen Führer in der Versammlung und in der Presse fallen der
+Reihe nach den Gerichten zum Opfer, und immer zweideutigere Figuren
+treten an seine Spitze. Zum Teil wirft es sich auf doktrinäre
+Experimente, Tauschbanken und Arbeiter-Assoziationen, also in eine
+Bewegung, worin es darauf verzichtet, die alte Welt mit ihren eigenen
+großen Gesamtmitteln umzuwälzen, vielmehr hinter dem Rücken der
+Gesellschaft, auf Privatweise, innerhalb seiner beschränkten
+Existenzbedingungen, seine Erlösung zu vollbringen sucht, also notwendig
+scheitert.” (Der achtzehnte Brumaire, 3. Aufl., S. 14 und 15.)
+
+In Deutschland endlich, wo von einer eigentlichen Niederlage der
+Arbeiter keine Rede sein konnte, weil diese sich zu einer größeren
+Aktion als Klasse noch gar nicht aufgeschwungen hatten, unterblieben
+ebenfalls auf lange hinaus alle Versuche von Arbeitern, sich in
+nennenswerter Weise selbständig zu betätigen. Während die bürgerliche
+Philanthropie in Vereinen „für das Wohl der arbeitenden Klasse” sich
+mit der Frage der Arbeiterwohnungen, Krankenkassen und anderen
+harmlosen Dingen beschäftigte, nahm sich ein kleinbürgerlicher
+Demokrat, der preußische Abgeordnete Schulze-Delitzsch, der
+selbsthilflerischen Genossenschaften an, um vermittelst ihrer zur
+„Lösung der sozialen Frage” zu gelangen, bei welchem löblichen
+Unternehmen ihm gerade die ökonomische Rückständigkeit Deutschlands
+in ermunterndster Weise zustatten kam.
+
+Von vornherein hatte Schulze-Delitzsch bei seinen Genossenschaften
+weniger die Arbeiter, als die kleineren Handwerksmeister im Auge gehabt;
+diese sollten durch Kredit- und Rohstoffvereine in den Stand gesetzt
+werden, mit der Großindustrie zu konkurrieren. Da nun die Großindustrie
+in Deutschland noch wenig entwickelt war, es dafür aber eine große
+Anzahl von Handwerksmeistern gab, die sich noch nicht, wie die Meister
+der kleinen Industrie in Frankreich und England, an die große Industrie
+angepaßt hatten, sondern noch nach irgendeinem Schutz vor ihr
+ausschauten, so mußte bei diesen seine Idee auf einen fruchtbaren Boden
+fallen, die geschilderten Genossenschaften ihnen auch, solange sich die
+Großindustrie ihres besonderen Produktionszweiges noch nicht bemächtigt
+hatte, wirklich von Nutzen sein. So sproßten denn die Kredit- und
+Rohstoffvereine fröhlich auf, neben ihnen auch Konsumvereine von
+Kleinbürgern und Arbeitern, und im Hintergrunde winkten -- als die Krone
+des Ganzen erscheinend -- die Produktivgenossenschaften von Arbeitern
+als die Verwirklichung des Gedankens der Befreiung der Arbeit vom
+Kapital.
+
+Ebensowenig wie die englischen christlichen Sozialisten verband
+Schulze-Delitzsch ursprünglich mit der Propaganda für die
+selbsthilflerischen Genossenschaften spezifische politische
+Parteizwecke, sondern folgte, gleich jenen, nur einer mit seinem
+Klasseninstinkt verträglichen Philanthropie. Zur Zeit, als er sich der
+Bewegung zuwandte, war die politische Partei, zu der er gehörte, die
+Linke der preußischen Nationalversammlung, von der öffentlichen Bühne
+zurückgetreten. Nachdem sie sich von der Krone und deren geliebten
+Krautjunkern nach allen Regeln der Kunst hatte hineinlegen lassen, hatte
+sie, als die preußische Regierung das Dreiklassenwahlsystem oktroyierte,
+bis auf weiteres das Feld geräumt. Sie ballte die Faust in der Tasche
+und ließ die Reaktion sich selbst abwirtschaften.
+
+Kleinbürger vom Scheitel bis zur Sohle, aber Kleinbürger mit liberalen
+Anschauungen, dabei in seiner Art wohlmeinend, hatte Schulze-Delitzsch,
+als er von der Reaktion gemaßregelt worden war, eine Idee aufgegriffen,
+die damals allgemein in der Luft lag. „Assoziation” hatte der Ruf der
+Sozialisten in den dreißiger und vierziger Jahren gelautet,
+Assoziationen hatten Arbeiter im Revolutionsjahr gegründet, Assoziation
+dozierte der konservative Schriftsteller V. A. Huber, warum sollte der
+liberale Kreisrichter Schulze nicht auch für „Assoziationen” sich
+erwärmen?
+
+Da wir auf die Assoziationsfrage an anderer Stelle einzugehen haben
+werden, so seien hier nur aus einer 1858 veröffentlichten Schrift
+Schulze-Delitzschs einige Sätze zitiert über die Wirkungen, die er von
+den selbsthilflerischen Genossenschaften in bezug auf die Lage der
+Arbeiter erwartete:
+
+„Und was die im Lohndienst verbleibenden Arbeiter anbelangt, so ist die
+Konkurrenz, welche die Assoziationsgeschäfte ihrer bisherigen Genossen
+den Unternehmern machen, auch für sie von den günstigsten Folgen. Denn
+muß nicht die solchergestalt vermehrte Nachfrage seitens der Unternehmer
+zum Vorteil der Arbeiter rücksichtlich der Lohnbedingungen ausschlagen?
+Sind nicht die Inhaber der großen Etablissements dadurch genötigt, ihren
+Arbeitern möglichst gute Bedingungen zu bieten, weil sie sonst
+riskieren, daß dieselben zu einer der bestehenden Assoziationen
+übertreten, oder gar selbst eine dergleichen gründen, wozu natürlich die
+geschicktesten und strebsamsten Arbeiter am ersten geneigt sein werden?
+-- Gewiß, nur auf diese Weise, indem die Arbeiter selbst den
+Arbeitgebern Konkurrenz bieten, läßt sich ein dauernder Einfluß auf die
+Lohnerhöhung, auf eine günstigere Stellung der Arbeiter im ganzen
+ausüben, den man mittelst gesetzlicher Zwangsmittel, wie wir früher
+gesehen haben, oder durch die Appellation an die Humanität niemals
+allgemein und mit Sicherheit erreicht ...
+
+„Ist nur erst eine Anzahl solcher Assoziationsetablissements von den
+Arbeitern errichtet und das bisherige Monopol der Großunternehmer
+hierbei durchbrochen, so kann es nicht ausbleiben, daß sich die enormen
+Gewinne derselben, welche sie früher ausschließlich zogen, vermindern,
+weil sie den Arbeitern ihr Teil davon zukommen lassen müssen. Während
+also der Reichtum von der einen Seite etwas bescheidenere Dimensionen
+annehmen wird, schwindet auf der andern Seite der Notstand mehr und
+mehr, und die Zustände beginnen sich dem Niveau eines allgemeinen
+Wohlstandes zu nähern. Damit ist sowohl dem Mammonismus wie dem
+Pauperismus eine Grenze gezogen, diesen unseligen Auswüchsen unserer
+Industrie, in denen wir zwei gleich feindliche Mächte wahrer Kultur
+erblicken ...
+
+„Nur darauf kommen wir immer wieder zurück: daß ehe nicht die Arbeiter
+sich aus eigener Kraft und aus eigenem Triebe an dergleichen
+Unternehmungen wagen und tatsächlich die Möglichkeit dartun, daß sie es
+allenfalls auch allein, ohne Beteiligung der übrigen Klassen,
+durchzusetzen vermögen, man sich von seiten dieser wohl hüten wird,
+ihnen dabei entgegenzukommen, weil man viel zu sehr dabei interessiert
+ist, sie in der bisherigen Abhängigkeit zu erhalten. Erst wenn dieser
+Beweis bis zu einem durch die Konkurrenz fühlbaren Grade von ihnen
+geliefert ist, erst nachdem sie den Unternehmern einmal selbst als
+Unternehmer entgegengetreten sind, dürfen sie auf Beachtung ihrer
+Wünsche, auf das Entgegenkommen des Publikums, insbesondere der
+Kapitalisten rechnen, welche sie erst dann als Leute zu betrachten
+anfangen werden, welche im Verkehr auch mitzählen, während sie ihnen bis
+dahin für bloße Nullen galten, die beim Exempel selbständig für sich gar
+nicht in Ansatz kamen. Auf dem Gebiete des Erwerbs hat einmal das
+Eigeninteresse die unbestrittene Herrschaft, und Ansprüche und
+Strebungen, mögen sie noch so gerecht und billig sein, finden nur dann
+erst Geltung, wenn sie in sich selbst soweit erstarkt sind, daß sie in
+tatsächlichen, lebenskräftigen Gestaltungen sich unabweisbar
+hervordrängen.” ... (Vgl. Schulze-Delitzsch, Die arbeitenden Klassen und
+das Assoziationswesen in Deutschland. Leipzig 1858, S. 58, 61 und 63.)
+
+Indes auf dem volkswirtschaftlichen Kongreß, der im Sommer 1862
+tagte, mußte Schulze eingestehen, daß noch fast gar keine
+Produktivgenossenschaften und nur eine winzige Anzahl von Konsumvereinen
+beständen. Nur die aus Handwerksmeistern und kleinen Geschäftsleuten
+zusammengesetzten Kredit- und Vorschußvereine gediehen, neben ihnen,
+aber in geringerer Anzahl, die Rohstoffgenossenschaften.
+
+Wir sind damit unserer Darstellung des Ganges der Ereignisse von 1848
+bis zum Beginn der Lassalleschen Agitation etwas vorausgeeilt, und
+nehmen jetzt deren Faden wieder auf.
+
+Bereits der Krimkrieg hatte der europäischen Reaktion einen
+empfindlichen Stoß versetzt, indem er die „Solidarität der
+Regierungen”, die eine ihrer Bedingungen war, arg ins Wanken brachte.
+Die Rivalität zwischen Preußen und Österreich trat in dem verschiedenen
+Verhalten des Wiener und Berliner Kabinetts zu Rußland von neuem zutage,
+während der Tod Nikolaus I. und die Lage, in der sich das Zarenreich am
+Ende des Krieges befand, die Reaktionsparteien in Europa ihres stärksten
+Hortes beraubte. Rußland hatte vorläufig so viel mit seinen inneren
+Angelegenheiten zu tun, daß es auf Jahre hinaus nicht in der Lage war,
+sich für die Sache der Ordnung in irgendeinem andern Lande des
+„Prinzips” halber zu interessieren, es kam für die innere Politik der
+Nachbarstaaten vor der Hand außer Betracht. Zunächst jedoch beschränkte
+sich die Rivalität zwischen Preußen und Österreich auf kleinliche
+Kabinettsintrigen, ihren Landeskindern gegenüber blieben beide
+Regierungen vorderhand noch „solidarisch”.
+
+Einen zweiten Stoß gab der Reaktion die allgemeine Geschäftsstockung,
+die 1857 und 1858 sich einstellte. Wie die allgemeine Prosperität 1850
+die wankenden Throne zum Stehen gebracht hatte, so brachte die
+Handelskrise von 1857, die alle ihre Vorgängerinnen an Ausdehnung und
+Intensität übertraf, die stehenden Throne wieder ins Wanken. Überall
+gärte es in den unter der Krisis leidenden Volkskreisen, überall
+schöpfte die Opposition aus dieser Unzufriedenheit der Massen neue
+Kraft, überall erhoben die „Mächte des Umsturzes” von neuem ihr
+Haupt. Am drohendsten in Frankreich, wo der Thron freilich am
+wenigsten fest stand. Noch einmal versuchte es Napoleon III. mit
+drakonischen Gewaltmaßregeln, zu denen das Attentat Orsinis ihm den
+Vorwand lieferte; aber als er merkte, daß er dadurch seine Position
+eher verschlimmerte als sie zu verbessern, griff er zu einem andern
+Mittel. Er versuchte durch einen populären auswärtigen Krieg sein
+Regiment im Innern wieder zu befestigen und sein Leben vor den Dolchen
+der Carbonari zu beschützen. Diese hatten das einstige Mitglied ihrer
+Verschwörung durch Orsini wissen lassen, daß, wenn er sein ihnen
+gegebenes Wort nicht einlöse, sich immer neue Rächer gegen ihn erheben
+würden. Der italienische Feldzug wurde also eingeleitet. Fast um
+dieselbe Zeit nimmt in Preußen mit der Regentschaft Wilhelms I. die
+„Neue Ära” ihren Anfang. Von dem vorderhand noch geheimgehaltenen
+Wunsch beherrscht, Österreichs Hegemonie in Deutschland zu brechen,
+sucht Wilhelm I., damals noch Prinzregent, das liberale Bürgertum zu
+gewinnen und ernennt ein diesem genehmes Ministerium. Anfangs ging
+auch alles gut. Gerührt, daß er so ganz ohne sein Zutun wieder
+Gelegenheit bekam, mit dreinzureden, überbot sich der bürgerliche
+Liberalismus in allen möglichen Loyalitätsbeteuerungen. Der
+„Nationalverein” wurde gegründet mit dem Programm: Deutschlands
+Einigung unter Preußens Spitze. Preußen wurde die ehrenvolle Rolle
+zuerteilt, die politischen und nationalen Aspirationen der liberalen
+Bourgeoisie zu verwirklichen. Ein neuer Völkerfrühling schien
+angebrochen und ein viel schönerer als der von 1848, denn er versprach
+die Rose ohne die Dornen. Bei einer revolutionären Erhebung ist man
+nie sicher, wo sie Halt macht und welche Elemente sie in ihrem
+Verlaufe entfesselt. Jetzt aber brauchte man nicht die unbekannte
+Masse aufzurufen, alles versprach sich hübsch parlamentarisch
+abzuspielen. Wenn es jedoch wider Erwarten zu jenem Äußersten kommen
+sollte -- hatte nicht das Beispiel der Schulze-Delitzschen Spar- und
+Konsumvereine, der Vorschuß- und Rohstoffgenossenschaften die Arbeiter
+von ihren sozialistischen Utopien geheilt und ihnen den Beweis
+geliefert, welche große Dinge sie von der Selbsthilfe zu erwarten
+hätten, sie überzeugt, daß sie nichts, aber auch gar nichts als die
+liberalen „Freiheiten” brauchten?
+
+Wer heute die sozialpolitische Literatur des deutschen Liberalismus
+jener Tage wieder nachliest, dem fällt nichts so sehr auf als die
+kolossale Naivetät, die darin in bezug auf alle Fragen vorherrscht, die
+über den engen Horizont des aufgeklärten Gewürzkrämers hinausgehen. Man
+war sehr gebildet, sehr belesen, man wußte sehr viel von altathenischer
+Verfassung und englischem Parlamentarismus zu erzählen, aber die
+Nutzanwendung, die man aus allem zog, war immer die, daß der aufgeklärte
+deutsche Gewürzkrämer oder Schlossermeister der Normalmensch sei, und
+daß, was diesem nicht in den Kram passe, wert sei, daß es zugrunde gehe.
+Mit dieser selbstgefälligen Naivetät trieb man es im preußischen
+Abgeordnetenhaus zum Verfassungskonflikt, noch ehe man sich fest in den
+Sattel gesetzt, und mit dieser Naivetät entfremdete man sich die
+Arbeiterklasse, lange bevor ein ernsthafter Interessengegensatz dazu
+Veranlassung gab. Man wußte erschrecklich viel Geschichte, aber man
+hatte „auch wirklich nichts” aus ihr gelernt.
+
+Auf die Ursachen und den Gegenstand des preußischen Verfassungskonflikts
+braucht hier nicht eingegangen zu werden. Genug, er brach aus, und der
+Liberalismus sah sich plötzlich, er wußte selbst nicht wie, im
+heftigsten Krakeel mit eben der Regierung, die er die schöne Rolle der
+Wiederherstellung des Deutschen Reiches zugedacht, die Hegemonie in
+Deutschland zugesprochen hatte. Indes das war vorläufig nur Pech, aber
+kein Unglück. Die liberale Partei war mittlerweile so stark geworden,
+daß sie den Streit eine gute Weile aushalten konnte. Dank dem bornierten
+Trotz ihres Widersachers hatte sie fast das ganze Volk hinter sich. Die
+nationale Strömung hatte alle Klassen der Bevölkerung erfaßt; von der
+kleinen Vetterschaft der ostelbischen Feudalen und Betbrüder abgesehen,
+überließen sie namentlich der inzwischen konstituierten
+Fortschrittspartei die Ausfechtung des Kampfes mit der preußischen
+Regierung. Welche Fehler diese Partei auch beging, wie gemischt auch
+immer ihre Elemente, wie unzulänglich auch ihr Programm, in jenem
+Zeitpunkt vertrat sie, gegenüber der aufs neue ihr Haupt erhebenden
+Koalition von Junkertum und Polizeiabsolutismus, eine Sache, bei der ihr
+Sieg im Interesse aller nicht feudalen Gesellschaftselemente lag: das
+Budgetrecht der Volksvertretung.
+
+Aber einer Partei zeitweilig eine politische Aufgabe zuerkennen, heißt
+noch nicht, sich ihr mit Haut und Haaren verschreiben, ihr gegenüber auf
+jede Selbständigkeit verzichten. Das fühlten auch die entwickelteren
+Elemente unter den deutschen Arbeitern. Ihnen konnte die Rolle der
+Statisten, die ihnen die liberalen Wortführer zumuteten, die Kost, die
+ihnen in den von diesen patronisierten Bildungs- usw. Vereinen
+dargeboten wurde, unmöglich auf die Dauer genügen. Noch waren die alten
+kommunistischen und revolutionären Traditionen nicht völlig
+ausgestorben, noch gab es gar manchen Arbeiter, der entweder selbst
+Mitglied irgendeiner der kommunistischen Verbindungen gewesen oder von
+Mitgliedern über deren Grundsätze aufgeklärt, von ihnen mit
+kommunistischen Schriften versehen worden war. Unter diesen, und durch
+sie angeregt, fing man an, in immer weiteren Kreisen der Arbeiter die
+Frage zu erörtern, ob es nicht an der Zeit sei, wenn nicht sofort eine
+eigne Arbeiterpartei mit einem eignen Arbeiterprogramm, so doch
+wenigstens einen Arbeiterverband zu schaffen, der etwas mehr sei als
+eine bloße Kreatur der liberalen Partei.
+
+Hätten die Herren Fortschrittler und Nationalvereinler nur ein wenig
+aus der Geschichte anderer Länder gelernt gehabt, es wäre ihnen ein
+Leichtes gewesen, zu verhindern, daß diese Bewegung sich ihnen
+feindselig gegenüberstellte, solange sie selbst im Kampf mit der
+preußischen Regierung lagen. Aber sie waren viel zu viel von dem
+Gefühl durchdrungen, daß sie, da sie ja die Volkssache vertraten,
+_das_ „Volk”, und als „Volk der Denker” über die Einseitigkeiten
+-- nämlich die Klassenkämpfe -- des Auslandes erhaben seien; und so
+begriffen sie denn auch nicht, daß es sich hier um eine Strömung
+handelte, die früher oder später eintreten mußte, und daß es
+nur darauf ankam, sich mit ihr auf eine verständige Weise
+auseinanderzusetzen. So verliebt waren sie in sich, daß sie gar nicht
+zu fassen vermochten, daß die Arbeiter noch nach mehr geizen konnten,
+als nach der Ehre, durch sie vertreten zu sein. Die Antwort auf das
+Gesuch, den Arbeitern die Eintrittsbedingungen in den Nationalverein
+zu erleichtern: „Die Arbeiter sollen sich als die geborenen
+Ehrenmitglieder des Vereins betrachten” -- d. h. hübsch draußen
+bleiben -- war in der Tat typisch für das Unvermögen der
+Parteigenossen des braven Schulze, etwas anderes zu begreifen, als
+den denkenden Spießbürger -- ihr Ebenbild, ihren Gott.
+
+So kam es unter anderem zu jenen Diskussionen in Leipziger
+Arbeiterversammlungen, deren Ergebnis die Bildung eines Komitees zur
+Einberufung eines Kongresses deutscher Arbeiter und in weiterer Folge
+die Anknüpfung von Verhandlungen mit Ferdinand Lassalle war.
+
+
+
+
+Lassalles Jugend, der Hatzfeldt-Prozeß, die Assisenrede und der Franz
+von Sickingen.
+
+
+Als das Leipziger Komitee sich an Lassalle wandte, stand dieser in
+seinem 37. Lebensjahre, in der Vollkraft seiner körperlichen und
+geistigen Entwicklung. Er hatte bereits ein bewegtes Leben hinter sich,
+sich politisch und wissenschaftlich -- beides allerdings zunächst
+innerhalb bestimmter Kreise -- einen Namen gemacht, er unterhielt
+Verbindungen mit hervorragenden Vertretern der Literatur und Kunst,
+verfügte über ansehnliche Geldmittel und einflußreiche Freunde -- kurz,
+nach landläufigen Begriffen konnte ihm das Komitee, eine aus bisher
+völlig unbekannten Persönlichkeiten zusammengesetzte Vertretung einer im
+Embryozustand befindlichen Bewegung, nichts bieten, was er nicht schon
+hatte. Trotzdem ging er mit der größten Bereitwilligkeit auf dessen
+Wünsche ein und traf die einleitenden Schritte, der Bewegung diejenige
+Richtung zu geben, die seinen Ansichten und Zwecken am besten entsprach.
+Von anderen Rücksichten abgesehen, zog ihn gerade der Umstand besonders
+zu ihr hin, daß die Bewegung noch keine bestimmte Form angenommen hatte,
+daß sie sich ihm als eine ohne Schwierigkeit zu modelnde Masse
+darstellte. Ihr erst Form zu geben, sie zu einem Heerbann in seinem
+Sinne zu gestalten, das entsprach nicht nur seinen hochfliegenden
+Plänen, das war überhaupt eine Aufgabe, die seinen natürlichen Neigungen
+ungemein sympathisch sein mußte. Die Einladung traf ihn nicht nur bei
+seiner sozialistischen Überzeugung, sondern auch bei seinen Schwächen.
+Und so ging er denn mit großer Bereitwilligkeit auf sie ein.
+
+Die vorliegende Arbeit beansprucht nicht, eine eigentliche Biographie
+Ferdinand Lassalles zu geben, die sehr ansehnliche Zahl der
+Lebensbeschreibungen des Gründers des Allgemeinen Deutschen
+Arbeitervereins noch um eine weitere zu vermehren. Der für sie zur
+Verfügung stehende Raum gebietet von vielem abzusehen, was zu einer
+Biographie gehörte. Was sie in erster Reihe will, ist vielmehr die
+Persönlichkeit und Bedeutung Ferdinand Lassalles zu schildern, insoweit
+seine politisch-literarische und agitatorische Tätigkeit in Betracht
+kommt. Nichtsdestoweniger ist ein Rückblick auf den Lebenslauf Lassalles
+unerläßlich, da er erst den Schlüssel zum Verständnis seines politischen
+Handelns liefert.
+
+Schon seine Abstammung scheint auf die Entwicklung Lassalles eine große,
+man kann sogar sagen verhängnisvolle Wirkung ausgeübt zu haben. Wir
+sprechen hier nicht schlechthin von vererbten Eigenschaften oder
+Dispositionen, sondern von der bedeutungsvollen Tatsache, daß das
+Bewußtsein, von jüdischer Herkunft zu sein, Lassalle eingestandenermaßen
+noch in vorgeschrittenen Jahren peinlich war, und daß es ihm trotz seines
+eifrigen Bemühens oder vielleicht gerade wegen dieses Bemühens nie
+gelang, sich tatsächlich über seine Abstammung hinwegzusetzen, eine
+innerliche Befangenheit loszuwerden. Aber man darf nicht vergessen, daß
+Lassalles Wiege im östlichen Teil der preußischen Monarchie gestanden
+hatte -- er wurde am 11. April 1825 in Breslau geboren --, wo bis zum
+Jahre 1848 die Juden nicht einmal formell völlig emanzipiert waren. Die
+Wohlhabenheit seiner Eltern ersparte Lassalle viele Widerwärtigkeiten,
+unter denen die ärmeren Juden damals zu leiden hatten, aber sie schützte
+ihn nicht vor den allerhand kleinen Kränkungen, denen die Angehörigen
+jeder für untergeordnet gehaltenen Rasse, auch wenn sie sich in guter
+Lebensstellung befinden, ausgesetzt sind, und die in einer so
+selbstbewußten Natur, wie Lassalle von Jugend auf war, zunächst einen
+trotzigen Fanatismus des Widerstandes erzeugen, der dann später oft in
+das Gegenteil umschlägt. Wie stark dieser Fanatismus bei dem jungen
+Lassalle war, geht aus seinem durch Paul Lindau zur Veröffentlichung
+gebrachten Tagebuch aus den Jahren 1840 und 1841 hervor. Am
+1. Februar 1840 schreibt der noch nicht 15 Jahre alte Ferdinand in sein
+Tagebuch:
+
+„... Ich sagte ihm dies, und in der Tat, ich glaube, ich bin einer
+der besten Juden, die es gibt, ohne auf das Zeremonialgesetz zu
+achten. Ich könnte, wie jener Jude in Bulwers ‚Leila’ mein Leben
+wagen, die Juden aus ihrer jetzigen drückenden Lage zu reißen. Ich
+würde selbst das Schafott nicht scheuen, könnte ich sie wieder zu
+einem geachteten Volke machen. O, wenn ich meinen kindischen Träumen
+nachhänge, so ist es immer meine Lieblingsidee, an der Spitze der
+Juden mit den Waffen in der Hand sie selbständig zu machen.” Die
+Mißhandlungen der Juden in Damaskus im Mai 1840 entlocken ihm den
+Ausruf: „Ein Volk, das dies erträgt, ist schrecklich, es räche oder
+dulde die Behandlung.” Und an den Satz eines Berichterstatters: „Die
+Juden dieser Stadt erdulden Grausamkeiten, wie sie nur von diesen
+Parias der Erde ohne furchtbare Reaktion ertragen werden können”,
+knüpft er die von Börne übernommene Betrachtung an: „Also sogar die
+Christen wundern sich über unser träges Blut, daß wir uns nicht
+erheben, nicht lieber auf dem Schlachtfeld, als auf der Tortur
+sterben wollen. Waren die Bedrückungen, um deren willen sich die
+Schweizer einst erhoben, größer?... Feiges Volk, du verdienst kein
+besseres Los.” Noch leidenschaftlicher äußert er sich einige Monate
+später (30. Juli): „Wieder die abgeschmackten Geschichten, daß die
+Juden Christenblut brauchten. Dieselbe Geschichte, wie in Damaskus,
+auch in Rhodos und Lemberg. Daß aber aus allen Winkeln der Erde man
+mit diesen Beschuldigungen hervortritt, scheint mir anzudeuten, daß
+die Zeit bald reif ist, in der wir in der Tat durch Christenblut uns
+helfen werden. Aide-toi et le ciel t'aidera. Die Würfel liegen, es
+kommt auf den Spieler an.”
+
+Diese kindischen Ideen verfliegen, je mehr sich der Blick erweitert,
+aber die Wirkung, die solche Jugendeindrücke auf die geistigen
+Dispositionen ausüben, bleibt. Zunächst wurde der frühreife Lassalle
+durch den Stachel der „Torturen”, von denen er schreibt, um so mehr
+angetrieben, sich für seine Person um jeden Preis Anerkennung und
+Geltung zu verschaffen. Auf der anderen Seite wird der Rebell gegen die
+Unterdrückung der Juden durch die Christen bald politischer
+Revolutionär. Dabei macht er einmal, als er Schillers Fiesko gesehen,
+folgende, von merkwürdig scharfer Selbstkritik zeugende Bemerkung: „Ich
+weiß nicht, trotzdem ich jetzt revolutionär-demokratisch-republikanische
+Gesinnungen habe wie einer, so fühle ich doch, daß ich an der Stelle des
+Grafen Lavagna ebenso gehandelt und mich nicht damit begnügt hätte,
+Genuas erster Bürger zu sein, sondern nach dem Diadem meine Hand
+ausgestreckt hätte. Daraus ergibt sich, wenn ich die Sache bei Lichte
+betrachte, daß ich bloß Egoist bin. Wäre ich als Prinz oder Fürst
+geboren, ich würde mit Leib und Leben Aristokrat sein. So aber, da ich
+bloß ein schlichter Bürgerssohn bin, werde ich zu seiner Zeit Demokrat
+sein.”
+
+Sein politischer Radikalismus ist es auch, der 1841 den
+sechzehnjährigen Lassalle veranlaßt, den vorübergehend gefaßten
+Entschluß, sich zum Kaufmannsberuf vorzubereiten, wieder aufzugeben und
+von seinem Vater die Erlaubnis zu erwirken, sich zum Universitätsstudium
+vorzubereiten. Die lange Zeit verbreitete Anschauung, als sei Lassalle
+von seinem Vater wider seinen Willen auf die Handelsschule nach Leipzig
+geschickt worden, ist durch das Tagebuch als durchaus falsch erwiesen,
+Lassalle hat selbst seine Übersiedelung vom Gymnasium auf die
+Handelsschule betrieben. Freilich nicht aus vorübergehender Vorliebe für
+den Kaufmannsberuf, sondern um den Folgen einer Reihe von leichtsinnigen
+Streichen zu entgehen, die er zu dem Zweck begangen hatte, seinem Vater
+nicht die tadelnden Zensuren zeigen zu müssen, welche er -- nach seiner
+Ansicht unverdient -- zu erhalten pflegte. Als es ihm aber auf der
+Leipziger Handelsschule nicht besser erging als auf dem Breslauer
+Gymnasium, als er auch dort mit den meisten der Lehrer, und vor allem
+mit dem Direktor in Konflikte geriet, die sich immer mehr zuspitzten, je
+radikaler Lassalles Ansichten wurden, da war's auch sofort mit der
+Kaufmannsidee bei ihm vorbei. Im Mai 1840 hat er die Handelsschule
+bezogen, und schon am 3. August „hofft” er, daß der „Zufall” ihn
+eines Tages aus dem Kontor herausreißen und auf einen Schauplatz
+werfen werde, auf dem er öffentlich wirken könne. „Ich traue auf den
+Zufall und auf meinen festen Willen, mich mehr mit den Musen als den
+Haupt- und Strazzabüchern, mich mehr mit Hellas und dem Orient, als
+mit Indigo und Runkelrüben, mehr mit Thalien und ihren Priestern, als
+mit Krämern und ihren Kommis zu beschäftigen, mich mehr um die
+Freiheit, als um die Warenpreise zu bekümmern, heftiger die Hunde von
+Aristokraten, die dem Menschen sein erstes, höchstes Gut wegnehmen,
+als die Konkurrenten, die den Preis verschlechtern, zu verwünschen.”
+„Aber beim Verwünschen soll's nicht bleiben,” setzt er noch hinzu. Zu
+dem Radikalismus kommt der immer stärkere Drang, den Juden in sich
+abzuschütteln, und dieser Drang ist schließlich so energisch, daß,
+als Lassalle im Mai 1841 dem Vater seinen „unwiderruflichen”
+Entschluß mitteilt, doch zu studieren, er zugleich ablehnt, Medizin
+oder Jura zu studieren, weil „der Arzt wie der Advokat Kaufleute
+sind, die mit ihrem Wissen Handel treiben”. Er aber wolle studieren
+„des Wirkens wegen”. Mit dem letzteren war der Vater zwar nicht
+einverstanden, er willigte aber ein, daß Lassalle sich zum Studium
+vorbereite.
+
+Nun arbeitete Lassalle mit Rieseneifer, und war im Jahre 1842 schon so
+weit, sein Maturitätsexamen abzulegen. Er studiert zuerst Philologie,
+geht aber dann zur Philosophie über und entwirft den Plan zu einer
+größeren philologisch-philosophischen Arbeit über den Philosophen
+Herakleitos von Ephesus. Daß er sich gerade diesen Denker zum Gegenstand
+der Untersuchung auswählte, von dem selbst die größten Philosophen
+Griechenlands bekannt hatten, daß sie nie sicher seien, ob sie ihn ganz
+richtig verstanden, und der deshalb den Beinamen „der Dunkle” erhielt,
+ist wiederum in hohem Grade bezeichnend für Lassalle. Mehr noch als die
+Lehre Heraklits, den Hegel selbst als seinen Vorläufer anerkannt hatte,
+reizte ihn das Bewußtsein, daß hier nur durch glänzende Leistungen
+Lorbeeren zu erlangen waren. Neben dem schon erwähnten Trieb, jedermann
+durch außergewöhnliche Leistungen zu verblüffen, hatte Lassalle zugleich
+das Bewußtsein, jede Aufgabe, die er sich stellte, auch lösen zu können.
+Dieses grenzenlose Selbstvertrauen war das Fatum seines Lebens. Es hat
+ihn in der Tat Dinge unternehmen und zu Ende führen lassen, vor denen
+tausend andere zurückgeschreckt wären, selbst wenn sie über die
+intellektuellen Fähigkeiten Lassalles verfügt hätten, es ist aber auf
+der andern Seite zum Anlaß verhängnisvoller Fehlgriffe und schließlich
+zur Ursache seines jähen Endes geworden.
+
+Nach vollendetem Studium ging Lassalle 1845 an den Rhein und später
+nach Paris, teils um dort in den Bibliotheken zu arbeiten, teils um
+die Weltstadt, das Zentrum des geistigen Lebens der Epoche,
+kennenzulernen. In Paris gingen damals die Wogen der sozialistischen
+Bewegung sehr hoch, und so zog es auch Lassalle dorthin, der 1843
+schon sein sozialistisches Damaskus gefunden hatte. Ob und inwieweit
+Lassalle mit den in Paris lebenden deutschen Sozialisten bekannt
+wurde -- Karl Marx war, nachdem die „Deutsch-französischen
+Jahrbücher” eingegangen und der „Vorwärts” sistiert worden war, im
+Januar 1845 aus Paris ausgewiesen worden und nach Brüssel übersiedelt
+--, darüber fehlen zuverlässige Angaben. Wir wissen nur, daß er viel
+mit Heinrich Heine verkehrte, an den er empfohlen war, und dem er in
+mißlichen Geldangelegenheiten (einem Erbschaftsstreit) große Dienste
+leistete. Die Briefe, in denen der kranke Dichter dem zwanzigjährigen
+Lassalle seine Dankbarkeit und Bewunderung aussprach, sind bekannt.
+Sie lassen unter anderem erkennen, welch starken Eindruck Lassalles
+Selbstbewußtsein auf Heine gemacht hat.
+
+Nach Deutschland zurückgekehrt, machte Lassalle im Jahre 1846 die
+Bekanntschaft der Gräfin Sophie von Hatzfeldt, die sich seit Jahren
+vergeblich bemühte, von ihrem Manne, einem der einflußreichsten
+Aristokraten, der sie allen Arten von Demütigungen und Kränkungen
+ausgesetzt hatte, gesetzliche Scheidung und Herausgabe ihres Vermögens
+zu erlangen. Man hat über die Motive, welche Lassalle veranlaßten, die
+Führung der Sache der Gräfin zu übernehmen, vielerlei Vermutungen
+aufgestellt. Man hat sie auf ein Liebesverhältnis mit der zwar nicht
+mehr jugendlichen, aber noch immer schönen Frau zurückführen wollen,
+während Lassalle selbst sich im Kassettenprozeß mit großer
+Leidenschaftlichkeit dagegen verwahrt hat, durch irgendeinen anderen
+Beweggrund dazu veranlaßt worden zu sein, als den des Mitleids mit
+einer verfolgten, von allen helfenden Freunden verlassenen Frau, dem
+Opfer ihres Standes, dem Gegenstand der brutalen Verfolgungen eines
+übermütigen Aristokraten. Es liegt absolut kein Grund vor, dieser
+Lassalleschen Beteuerung nicht zu glauben. Ob nicht Lassalle in den
+folgenden Jahren vorübergehend in ein intimeres Verhältnis als das der
+Freundschaft zur Gräfin getreten ist, mag dahingestellt bleiben; es ist
+aber schon aus psychologischen Gründen unwahrscheinlich, daß ein solches
+Verhältnis gleich am Anfang ihrer Bekanntschaft, als Lassalle den Prozeß
+übernahm, bestanden habe. Viel wahrscheinlicher ist es, daß neben der
+vielleicht etwas romantisch übertriebenen, aber doch durchaus
+anerkennenswerten Parteinahme für eine verfolgte Frau und dem Haß gegen
+den hochgestellten Adligen gerade das Bewußtsein, daß es sich hier um
+eine Sache handelte, die nur mit Anwendung außergewöhnlicher Mittel und
+Kraftentfaltung zu gewinnen war, einen großen Reiz auf Lassalle ausgeübt
+hat. Was andere abgeschreckt hätte, zog ihn unbedingt an.
+
+Er hat in dem Streit gesiegt, er hat den Triumph gehabt, daß der
+hochmütige Aristokrat vor ihm, dem „dummen Judenjungen” kapitulieren
+mußte. Aber er ist gleichfalls nicht unverletzt aus dem Kampf
+hervorgegangen. Um ihn zu gewinnen, hatte er freilich außergewöhnliche
+Mittel aufwenden müssen, aber es waren nicht, oder richtiger, nicht nur
+die Mittel außergewöhnlicher Vertiefung in die rechtlichen Streitfragen,
+außergewöhnlicher Schlagfertigkeit und Schärfe in der Widerlegung der
+gegnerischen Finten; es waren auch die außergewöhnlichen Mittel des
+unterirdischen Krieges: die Spionage, die Bestechung, das Wühlen im
+ekelhaftesten Klatsch und Schmutz. Der Graf Hatzfeldt, ein gewöhnlicher
+Genußmensch, scheute vor keinem Mittel zurück, seine Ziele zu erreichen,
+und um seine schmutzigen Manöver zu durchkreuzen, nahm die Gegenseite zu
+Mitteln ihre Zuflucht, die nicht gerade viel sauberer waren. Wer die
+Aktenstücke des Prozesses nicht gelesen, kann sich keine Ahnung machen
+von dem Schmutz, der dabei aufgewühlt und immer wieder herangeschleppt
+wurde, von der Qualität der beiderseitigen Anklagen und -- Zeugen.
+
+Und von den Rückwirkungen der umgekehrten Augiasarbeit im
+Hatzfeldt-Prozeß hat sich Lassalle nie ganz freimachen können. Wir
+meinen das nicht im spießbürgerlichen Sinne, etwa im Hinblick auf seine
+späteren Liebesaffären, sondern mit Bezug auf seine von nun an
+wiederholt bewiesene Bereitwilligkeit, jedes Mittel gutzuheißen und zu
+benutzen, das ihm für seine jeweiligen Zwecke dienlich erschien; wir
+meinen den Verlust jenes Taktgefühls, das dem Mann von Überzeugung
+selbst im heftigsten Kampfe jeden Schritt verbietet, der mit den von ihm
+vertretenen Grundsätzen in Widerspruch steht, wir meinen die von da an
+wiederholt und am stärksten in der tragischen Schlußepisode seines
+Lebens sich offenbarende Einbuße an gutem Geschmack und moralischem
+Unterscheidungsvermögen. Als jugendlicher Enthusiast hatte Lassalle sich
+in den Hatzfeldtschen Prozeß gestürzt, -- er selbst gebraucht in der
+Kassettenrede das Bild des Schwimmers: „Welcher Mensch, der ein starker
+Schwimmer ist, sieht einen andern von den Wellen eines Stromes
+fortgetrieben, ohne ihm Hilfe zu bringen? Nun wohl, für einen guten
+Schwimmer hielt ich mich, unabhängig war ich, so sprang ich in den
+Strom” -- gewiß, aber leider war es ein recht trüber Strom, in den er
+sich gestürzt, ein Strom, der sich in eine große Pfütze verlief, und als
+Lassalle herauskam, war er von der eigenartigen Moral der Gesellschaft,
+mit der er sich zu befassen gehabt, angesteckt. Seine ursprünglichen
+besseren Instinkte kämpften lange gegen die Wirkungen dieses Giftes,
+drängten sie auch wiederholt siegreich zurück, aber schließlich ist er
+ihnen doch erlegen. Das hier Gesagte mag manchem zu scharf erscheinen,
+aber wir werden im weiteren Verlauf unserer Skizze sehen, daß es nur
+gerecht gegen Lassalle ist. Wir haben hier keine Apologie zu schreiben,
+sondern eine kritische Darstellung zu geben, und das erste Erfordernis
+einer solchen ist, die Wirkungen aus den Ursachen zu erklären[1].
+
+Bevor wir jedoch weitergehen, haben wir zunächst noch der Rolle zu
+gedenken, die Lassalle im Jahre 1848 gespielt hat.
+
+Beim Ausbruch der März-Revolution war Lassalle so tief in den Maschen
+des Hatzfeldtschen Prozesses verwickelt, daß er sich ursprünglich fast
+zur politischen Untätigkeit verurteilt sah. Im August 1848 fand der
+Prozeß wegen „Verleitung zum Kassettendiebstahl” gegen ihn statt und
+er hatte alle Hände voll zu tun, sich auf diesen zu rüsten. Erst als
+er nach siebentägiger Verhandlung freigesprochen worden war, gewann
+er wieder Zeit, an den politischen Ereignissen jener bewegten Zeit
+direkten Anteil zu nehmen.
+
+Lassalle, der damals in Düsseldorf, der Geburtsstadt Heines, lebte,
+stand natürlich als Republikaner und Sozialist auf der äußersten Linken
+der Demokratie. Organ dieser im Rheinland war die von Karl Marx
+redigierte „Neue Rheinische Zeitung”. Karl Marx gehörte ferner eine
+Zeitlang dem Kreisausschuß der rheinischen Demokraten an, der in Köln
+seinen Sitz hatte. So war eine doppelte Gelegenheit gegeben, Lassalle in
+nähere Verbindung mit Marx zu bringen. Er verkehrte mündlich und
+schriftlich mit dem erwähnten Kreisausschuß, sandte wiederholt
+Mitteilungen und Korrespondenzen an die „Neue Rheinische Zeitung” und
+erschien auch gelegentlich selbst auf der Redaktion dieses Blattes. So
+bildete sich allmählich ein freundschaftlicher persönlicher Verkehr
+zwischen Lassalle und Marx heraus, der auch später noch, als Marx im
+Exil lebte, in Briefen und auch zweimal in Besuchen fortgesetzt wurde.
+Lassalle besuchte Marx 1862 in London, nachdem Marx im Jahre 1861 auf
+einer Reise nach Deutschland Lassalle in Berlin besucht hatte. Indes
+herrschte zu keiner Zeit ein tieferes Freundschaftsverhältnis zwischen
+den beiden, dazu waren schon ihre Naturen viel zu verschieden angelegt.
+Was sonst noch einer über die politische Kampfgenossenschaft
+hinausgehenden Intimität im Wege stand, soll später erörtert werden.
+
+Der hereinbrechenden Reaktion des Jahres 1848 gegenüber nahm
+Lassalle genau dieselbe Haltung ein, wie die Redaktion der „Neuen
+Rheinischen Zeitung” und die Partei, die hinter dieser stand. Gleich
+ihr forderte er, als die preußische Regierung im November 1848 den
+Sitz der Nationalversammlung verlegt, die Bürgerwehr aufgelöst
+und den Belagerungszustand über Berlin verhängt hatte, und die
+Nationalversammlung ihrerseits mit der Versetzung des Ministeriums
+in Anklagezustand, sowie mit der Erklärung geantwortet hatte, daß
+dieses Ministerium nicht berechtigt sei, Steuern zu erheben, zur
+Organisierung des bewaffneten Widerstandes gegen die Steuererhebung
+auf. Gleich dem Ausschuß der rheinischen Demokraten ward auch
+Lassalle wegen Aufreizung zur Bewaffnung gegen die königliche
+Gewalt unter Anklage gestellt, gleich ihm von den Geschworenen
+freigesprochen, aber die immer rücksichtsloser auftretende Reaktion
+stellte außerdem gegen Lassalle noch die Eventualanklage, zur
+Widersetzlichkeit gegen Regierungsbeamte aufgefordert zu haben,
+um ihn vor das Zuchtpolizeigericht zu bringen. Und in der Tat
+verurteilte dieses -- die Regierung kannte unzweifelhaft ihre
+Berufsrichter -- Lassalle schließlich auch zu sechs Monaten
+Gefängnis.
+
+Lassalles Antwort auf die ersterwähnte Anklage ist unter dem Titel
+„Assisen-Rede” im Druck erschienen. Sie ist jedoch nie wirklich
+gehalten worden, und alles, was in verschiedenen älteren Biographien
+über den „tiefen” Eindruck erzählt wird, den sie auf die Geschworenen
+und das Publikum gemacht habe, gehört daher in das Bereich der Fabel.
+Lassalle hatte die Rede noch vor der Verhandlung in Druck gegeben,
+und da einzelne der fertigen Druckbogen auch vorher in Umlauf gesetzt
+worden waren, beschloß der Gerichtshof, die Öffentlichkeit
+auszuschließen. Als trotz Lassalles Protest und der Erklärung, die
+Verbreitung der Druckbogen sei ohne sein Vorwissen erfolgt, ja
+höchstwahrscheinlich von seinen Feinden durch das Mittel der
+Bestechung veranlaßt worden, der Gerichtshof den Beschluß aufrecht
+erhielt, verzichtete Lassalle überhaupt darauf, sich zu verteidigen,
+wurde aber nichtsdestoweniger freigesprochen.
+
+Ob aber gehalten oder nicht, die „Assisen-Rede” bleibt jedenfalls ein
+interessantes Dokument für das Studium der politischen Entwicklung
+Lassalles. Er steht in ihr fast durchgängig auf dem von Karl Marx drei
+Monate vorher in dessen Rede vor den Kölner Geschworenen vertretenen
+Standpunkt. Ein Vergleich der beiden Reden zeigt dies aufs deutlichste,
+ebenso aber auch die Verschiedenartigkeit des Wesens von Marx und
+Lassalle. Marx enthält sich aller oratorischen Ausschmückung, er geht
+direkt auf die Sache ein, entwickelt in einfacher und gedrängter
+Sprache, Satz für Satz, scharf und mit rücksichtsloser Logik seinen
+Standpunkt und schließt ohne jede Apostrophe mit einer Charakteristik
+der politischen Situation. Man sollte meinen, seine eigene Person stehe
+ganz außer Frage, und er habe nur die Aufgabe, den Geschworenen einen
+politischen Vortrag zu halten. Lassalle dagegen peroriert fast von
+Anfang bis zu Ende, er erschöpft sich in -- oft sehr schönen -- Bildern
+und in Superlativen. Alles ist Pathos, ob von der durch ihn vertretenen
+Sache oder von seiner Person die Rede ist, er spricht nicht zu den
+Geschworenen, sondern zu den Tribünen, zu einer imaginären
+Volksversammlung, und schließt, nach Verkündigung einer Rache, die „so
+vollständig” sein wird wie „die Schmach, die man dem Volke antut”,
+mit einer Rezitation aus Tell.
+
+Noch im Gefängnis, wo er sich durch seine Energie und Hartnäckigkeit
+Vergünstigungen ertrotzte, die sonst Gefangenen nie erteilt zu werden
+pflegten -- so erhielt er, was er später selbst für ungesetzlich
+erklärte, wiederholt Urlaub, um in den Prozessen der Gräfin Hatzfeldt zu
+plädieren -- und in den darauffolgenden Jahren wurde Lassalles Tätigkeit
+wieder fast vollständig durch die Hatzfeldtsche Angelegenheit in
+Anspruch genommen. Daneben hielt Lassalle ein gastliches Haus für
+politische Freunde und versammelte längere Zeit einen Kreis
+vorgeschrittener Arbeiter um sich, denen er politische Vorträge hielt.
+Endlich erfolgte im Jahre 1854 im Hatzfeldtschen Prozeß der
+Friedensschluß. Die Gräfin erhielt ein bedeutendes Vermögen ausbezahlt
+und Lassalle eine Rente von jährlich siebentausend Talern
+sichergestellt, die ihm gestattete, seine Lebensweise ganz nach seinen
+Wünschen einzurichten.
+
+Zunächst behielt er seinen Wohnsitz in Düsseldorf bei und arbeitete hier
+an seinem „Heraklit” weiter. Daneben unternahm er allerhand Reisen,
+u. a. auch eine in den Orient. Auf die Dauer aber konnten ihn diese
+Unterbrechungen nicht mit dem Aufenthalt in der Provinzialstadt, in der
+das politische Leben erloschen war, aussöhnen. Es verlangte ihn nach
+einem freieren, anregenderen Leben, als es die rheinische Stadt bot oder
+erlaubte, nach dem Umgang mit bedeutenden Persönlichkeiten, nach einem
+größeren Wirkungskreis. So erwirkt er sich denn 1857 durch die
+Vermittlung Alexander von Humboldts beim Prinzen von Preußen von der
+Berliner Polizei die Erlaubnis, seinen Wohnsitz in Berlin nehmen zu
+dürfen.
+
+Dieses Gesuch wie die erteilte Erlaubnis verdienen Beachtung. Lassalle
+hatte im Mai 1849 in flammenden Worten die „schmachvolle und
+unerträgliche Gewaltherrschaft” gebrandmarkt, die „über Preußen
+hereingebrochen”; er hatte ausgerufen: „Warum zu soviel Gewalt noch
+soviel Heuchelei? Doch das ist preußisch” und „vergessen wir nichts,
+nie, niemals... Bewahren wir sie auf, diese Erinnerungen, sorgfältig
+auf, wie die Gebeine gemordeter Eltern, deren einziges Erbe ist der
+Racheschwur, der sich an diese Knochen knüpft.” (Assisenrede.) Wie kam
+er nun dazu, ein solches Gesuch zu stellen, und es dem guten Willen der
+Regierung, die in der angegebenen Weise angegriffen worden war, anheim
+zu stellen, es zu bewilligen? Er konnte in politischen Dingen sehr
+rigoros sein und hat es 1860 in einem Brief an Marx scharf verurteilt,
+daß Wilhelm Liebknecht für die großdeutsch-konservative „Augsburger
+Allgemeine Zeitung” schrieb. Aber er hielt es im Hinblick auf die
+wissenschaftlichen Arbeiten, die ihn beschäftigten, für sein gutes
+Recht, die Aufenthaltsbewilligung zu verlangen, und im Bewußtsein der
+Festigkeit seines politischen Wollens für reine Formsache, daß er seine
+betreffenden Eingaben als Gesuche abzufassen hatte. Denn es handelt sich
+da um verschiedene Anträge, der erste 1855 an den Berliner
+Polizeigewaltigen Hinckeldey, der zweite, im Juni 1856, direkt an den
+damaligen Prinzregenten gerichtet (Vgl. darüber „Dokumente des
+Sozialismus”, Jahrgang 1903, S. 130 und 407 ff.) Aus diesen Schritten
+machte er Karl Marx gegenüber kein Geheimnis.
+
+Es ist zudem nicht unmöglich, daß Lassalle durch Verbindungen der Gräfin
+Hatzfeldt, die ziemlich weit reichten, davon unterrichtet war, daß sich
+in den oberen Regionen Preußens ein neuer Wind vorbereite. Wie weit
+diese Verbindungen reichten, geht aus Informationen hervor, die Lassalle
+bereits im Jahre 1854, beim Ausbruch des Krimkrieges, an Marx nach
+London gelangen ließ. So teilt er Marx unterm 10. Februar 1854 den
+Wortlaut einer Erklärung mit, die einige Tage vorher vom Berliner
+Kabinett nach Paris und London abgegangen sei, schildert die Zustände im
+Berliner Kabinett -- der König und fast alle Minister für Rußland, nur
+Manteuffel und der Prinz von Preußen für England -- und die für gewisse
+Eventualitäten vom Kabinett beschlossenen Maßregeln, worauf es heißt:
+„Alle die hier mitgeteilten Nachrichten kannst Du so betrachten, als
+wenn Du sie aus Manteuffels und Aberdeens eigenem Munde hättest!” Vier
+Wochen später machte er wieder allerhand Mitteilungen über beabsichtigte
+Schritte des Kabinetts, gestützt auf Mitteilungen „zwar nicht aus meiner
+‚offiziellen’, aber doch aus ziemlich glaubhafter Quelle”. Am 20. Mai
+1854 klagt er, daß seine „diplomatische Quelle” eine weite Reise
+angetreten habe. „Eine so vorzügliche Quelle, durch die man
+kabinettsmäßig informiert war, zu haben und dann auf so lange Zeit
+wieder verlieren, ist überaus ärgerlich.” Aber er hat immer noch
+Nebenquellen, die ihn über Interna des Berliner Kabinetts unterrichten,
+und ist u. a. „zeitig vorher von Bonins Entlassung usw.” benachrichtigt
+worden.
+
+Einige dieser Quellen standen dem Berliner Hof sehr nahe, und ihre
+Berichte mögen auch Lassalles Schritt veranlaßt haben. Die geistige
+Zerrüttung Friedrich Wilhelm IV. war um das Jahr 1857 bereits sehr weit
+vorgeschritten, und wenn auch die getreuen Minister und Hüter der
+monarchischen Idee sie noch nicht für genügend erachteten, des Königs
+Regierungsunfähigkeit auszusprechen, so wußte man doch in allen
+unterrichteten Kreisen, daß der Regierungsantritt des Prinzen von
+Preußen nur noch eine Frage von Monaten sei.
+
+In Berlin vollendete Lassalle zunächst den Heraklit, der Ende 1857 im
+Verlage von Franz Duncker erschien.
+
+Über dieses beinahe mehr noch philologische als philosophische Werk
+gehen die Meinungen der Sachverständigen auseinander. Die einen stellen
+es als epochemachend hin, die andern behaupten, daß es in der Hauptsache
+nichts sage, was nicht schon bei Hegel zu finden sei. Richtig ist, daß
+Lassalle hier fast durchgängig auf althegelschem Standpunkt steht -- die
+Dinge werden aus den Begriffen entwickelt, die Kategorien des Gedankens
+als ewige metaphysische Wesenheiten behandelt, deren Bewegung die
+Geschichte erzeugt. Aber auch diejenigen, welche die epochemachende
+Bedeutung der Lassalleschen Arbeit bestreiten, geben zu, daß sie eine
+sehr tüchtige Leistung ist. Sie verschaffte Lassalle in der
+wissenschaftlichen Welt einen geachteten Namen.
+
+Für die Charakteristik Lassalles und seines geistigen Entwicklungsganges
+ist sein Werk über Herakleitos den Dunklen von Ephesos aber nicht bloß
+darin von Bedeutung, daß es Lassalle als eben entschiedenen Anhänger
+Hegels zeigt. Man kann auch dem bekannten dänischen Literarhistoriker G.
+Brandes zustimmen, wenn er in seiner oft zugunsten belletristischer
+Ausschmückung mit den Tatsachen ziemlich frei umspringenden Studie über
+Lassalle[2] auf verschiedene Stellen in der Arbeit über Heraklit als
+Schlüssel zum Verständnis von Lassalles Lebensanschauungen hinweist. Es
+gilt dies namentlich von Lassalles großem Kultus des Staatsgedankens --
+auch in dieser Hinsicht war Lassalle Althegelianer -- und in bezug auf
+Lassalles Auffassung von Ehre und Ruhm. Brandes schreibt in ersterer
+Hinsicht:
+
+„Heraklits Ethik, sagt Lassalle, faßt sich in den einen Gedanken
+zusammen, der zugleich der ewige Grundbegriff des Sittlichen selbst ist:
+‚Hingabe an das Allgemeine.’ Das ist zugleich griechisch und modern;
+aber Lassalle kann sich das Vergnügen nicht versagen, in der speziellen
+Ausführung dieses Gedankens bei dem alten Griechen die Übereinstimmung
+mit Hegels Staatsphilosophie nachzuweisen: ‚Wie in der Hegelschen
+Philosophie die Gesetze gleichfalls aufgefaßt werden als die Realisation
+des allgemeinen substantiellen Willens, ohne daß bei dieser Bestimmung
+im geringsten an den formellen Willen der Subjekte und deren Zählung
+gedacht wird, so ist auch das Allgemeine Heraklits gleich sehr von der
+Kategorie der empirischen Allheit entfernt.’” (Vgl. a. a. O. S. 40.)
+
+Brandes hat nicht Unrecht, wenn er zwischen dieser Staatsidee, die bei
+Lassalle immer wiederkehrt, und Lassalles Bekennerschaft zur Demokratie
+und zum allgemeinen Stimmrecht -- die doch die Herrschaft des „formellen
+Willens der Subjekte” darstellen -- einen Gegensatz erblickt, den man
+„nicht ungestraft in seinem Gemüte hegt”, und der in der Welt der
+Prinzipien das Gegenstück zu dem Kontrast darstelle, der „rein
+äußerlich zutage trat, wenn Lassalle mit seiner ausgesucht eleganten
+Kleidung, seiner ausgesucht feinen Wäsche und seinen Lackstiefeln in
+und zu einem Kreise von Fabrikarbeitern mit rußiger Haut und
+schwieligen Händen sprach”.
+
+Das ist belletristisch ausgedrückt. Tatsächlich hat Lassalles
+althegelsche Staatsidee ihn später im Kampf gegen den Liberalismus weit
+über das Ziel hinausschießen lassen.
+
+Über Lassalles Auffassung von Ehre und Ruhm schreibt Brandes:
+
+„Noch eine Übereinstimmung, die letzte zwischen -- Heraklit und
+Lassalle, bildet der trotz des Selbstgefühls und des Stolzes so
+leidenschaftliche Drang nach Ruhm und Ehre, nach der Bewunderung und
+dem Lobe anderer. Heraklit hat das oft zitierte Wort gesprochen: ‚Die
+größeren Schicksale erlangen das größere Los.’ Und er hat gesagt, was
+das rechte Licht auf diesen Satz wirft: ‚Daß die Menge und die sich
+weise Dünkenden den Sängern der Völker folgen und die Gesetze um Rat
+fragen, nicht wissend, daß die Menge schlecht, wenige nur gut, die
+Besten aber dem Ruhme nachfolgen. ‚Denn,’ fügt er hinzu, ‚es wählen
+die Besten eins statt allem, den immerwährenden Ruhm der
+Sterblichen.’ Ruhm war für Heraklit also gerade jenes größere Los,
+welches das größere Schicksal erlangen kann; sein Trachten nach Ehre
+war nicht nur das unmittelbare, welches im Blute liegt, sondern ein
+durch Reflexion und Philosophie begründetes. ‚Der Ruhm’, sagt
+Lassalle, ‚ist in der Tat das Entgegengesetzte von allem, das
+Entgegengesetzte gegen die Kategorie des unmittelbaren realen Seins
+überhaupt und seiner einzelnen Zwecke. Er ist Sein der Menschen in
+ihrem Nichtsein, eine Fortdauer im Untergang der sinnlichen Existenz
+selbst, er ist darum erreichte und wirklich gewordene Unendlichkeit
+des Menschen”, und mit Wärme fügt er hinzu: ‚Wie dies der Grund ist,
+weshalb der Ruhm seit je die großen Seelen so mächtig ergriffen und
+über alle kleinen und beschränkten Ziele hinausgehoben hatte, wie das
+der Grund ist, weshalb Platen von ihm singt, daß er erst annahen kann
+‚Hand in Hand mit dem prüfenden Todesengel’, so ist es auch der
+Grund, weshalb Heraklit in ihm die ethische Realisierung seines
+spekulativen Prinzips erblickte.’”
+
+Allerdings lag es nicht in Lassalles Natur, sich mit dem Ruhm, der erst
+Hand in Hand mit dem Todesengel annaht, zu begnügen. Im Gegensatz zu der
+Heraklitischen Verachtung der Menge war er für den Beifall durchaus
+nicht unempfindlich und nahm ihn selbst dann, wenn er mehr
+Höflichkeitsform war, unter Umständen mit fast naiver Genugtuung für die
+Sache selbst auf. Die Vorliebe für das Pathos, die sich bei Lassalle in
+so hohem Grade zeigte, deutet in der Regel auf eine Neigung zur
+Schauspielerei. Ist Lassalle nun auch von einer Dosis davon nicht ganz
+freizusprechen, so kann man ihn wenigstens nicht anklagen, daß er aus
+dem, was Brandes „seine unselige Vorliebe für den Lärm und
+Trommelschall der Ehre, für ihre Pauken und Trompeten” nennt, je
+einen Hehl gemacht habe. In seinen Schriften, in seinen Briefen tritt
+sie mit einer Offenheit zutage, die in ihrer Naivetät etwas
+Versöhnendes hat. Wenn Helene von Rakowitza in ihrer Rechtfertigungsschrift
+erzählt, daß Lassalle ihr in Bern ausgemalt habe, wie er einst als
+volkserwählter Präsident der Republik „von sechs Schimmeln gezogen”
+seinen Einzug in Berlin halten werde, so ist man versucht, entweder
+an eine Übertreibung der Schreiberin zu glauben, oder anzunehmen, daß
+Lassalle sich durch Ausmalen einer so verlockenden Zukunft um so
+fester in dem Herzen seiner Erwählten festzusetzen hoffte. Indes, die
+bekannte schriftliche „Seelenbeichte” an Sophie von Sontzew beweist,
+daß es sich bei diesem Zukunftsbild keineswegs nur um die Spielerei
+einer müßigen Stunde, um den Einfall eines Verliebten handelte,
+sondern um einen Gedanken, in dem Lassalle selbst sich berauschte,
+dessen Zauber einen mächtigen Reiz auf ihn ausübte. Er nennt sich --
+im Jahre 1860 -- „das Haupt einer Partei”, in bezug auf das sich
+„fast unsere ganze Gesellschaft” in zwei Parteien teile, deren eine
+-- ein Teil der Bourgeoisie und das Volk -- Lassalle „achtet, liebt,
+sogar nicht selten verehrt”, für die er „ein Mann von größtem Genie
+und von einem fast übermenschlichen Charakter ist, von dem sie die
+größten Taten erwarten”. Die andere Partei -- die ganze Aristokratie
+und der größte Teil der Bourgeoisie -- fürchtet ihn „mehr als irgend
+jemand anders” und haßt ihn daher „unbeschreiblich”. Werde die
+Frauenwelt dieser aristokratischen Gesellschaft es Sophie von Sontzew
+nicht verzeihen, daß sie einen solchen Menschen heiratete, so werden
+auf der andern Seite viele Frauen es ihr nicht verzeihen, daß ein
+solcher Mensch sie heiratete, „sie eines Glückes halber beneiden, das
+ihre Verdienste übersteige”. Und „freilich, ich verhehle es Ihnen
+nicht, es könnte wohl sein, daß, wenn gewisse Ereignisse eintreten,
+eine Flut von Bewegung, Geräusch und Glanz auf Ihr Leben fallen
+würde, wenn Sie mein Weib werden.”
+
+So übertrieben alle diese Äußerungen erscheinen, so wenig sie
+der Wirklichkeit entsprachen zu einer Zeit, wo von einer
+sozialistisch-demokratischen Partei gar keine Rede war, Lassalle
+vielmehr gesellschaftlich mit den bürgerlichen Liberalen und Demokraten
+auf bestem Fuße stand und soeben eine Broschüre veröffentlicht hatte,
+deren Inhalt mit Aspirationen übereinstimmte, die in Regierungskreisen
+gehegt wurden, so wohnt ihnen doch eine große subjektive Wahrheit inne
+-- Lassalle selbst glaubte an sie. Lassalle glaubte an die Partei, die
+in ihm ihr Haupt erblickte, wenn sie auch vorläufig bloß aus ihm bestand
+und selbst in seinen Ideen noch ein sehr unbestimmtes Dasein führte. Die
+Partei, das war er -- seine Bestrebungen und seine Pläne. Jedes Wort der
+Anerkennung von seiten seiner Freunde oder aber, was er dafür hielt, war
+für ihn Bestätigung seiner Mission, und nicht selten nahm er
+Schmeichelei für aufrichtige Huldigung. Es ist merkwürdig, welcher
+Widersprüche die menschliche Natur fähig ist. Lassalle war, wie aus den
+Berichten seiner näheren Bekannten und aus seinen Briefen hervorgeht,
+mit schmeichelhaften Adjektiven äußerst freigebig, aber sie waren
+allenfalls Flitterwerk, wenn er sie verschleuderte, von anderen auf ihn
+selbst angewendet, nahm er sie dagegen leicht für echtes Gold.
+
+So sehr war seine Partei in seiner Vorstellung mit ihm selbst
+verwachsen, daß, als er später wirklich an der Spitze einer Partei
+stand, oder wenigstens an der Spitze einer im Entstehen begriffenen
+Partei, er sie nur aus dem Gesichtswinkel seiner Person zu betrachten
+vermochte und danach behandelte. Man mißverstehe uns nicht. Es wäre
+absurd, etwa zu sagen, daß Lassalle den Allgemeinen deutschen
+Arbeiterverein nur ins Leben rief, um seinem Ehrgeiz zu frönen, daß der
+Sozialismus ihm nur Mittel, aber nicht Zweck war. Lassalle war
+überzeugter Sozialist, das unterliegt gar keinem Zweifel. Aber er wäre
+nicht imstande gewesen, in die sozialistische Bewegung aufzugehen, ihr
+seine Persönlichkeit -- ich sage ausdrücklich nicht sein Leben,
+aufzuopfern.
+
+Soviel an dieser Stelle hierüber.
+
+Dem griechischen Philosophen folgte ein deutscher Ritter. Kurz nachdem
+der Heraklit erschienen, vollendete Lassalle ein bereits in Düsseldorf
+entworfenes historisches Drama und ließ es, nachdem eine anonym
+eingereichte Bühnenbearbeitung von der Intendantur der Kgl. Schauspiele
+abgelehnt worden war, 1859 unter seinem Namen im Druck erscheinen.
+
+Daß der „Franz von Sickingen” als Bühnenwerk verfehlt war, hat
+Lassalle später selbst eingesehen, und er hat als Hauptursache dafür
+den Mangel an dichterischer Phantasie bezeichnet. In der Tat macht
+das Drama, trotz einzelner höchst wirkungsvoller Szenen und der
+gedankenreichen Sprache, im ganzen einen trockenen Eindruck, die
+Tendenz tritt zu absichtlich auf, es ist zuviel Reflexion da, und es
+werden vor allem viel zuviel Reden gehalten. Auch ist die Metrik oft
+von einer erstaunlichen Unbeholfenheit. Brandes erzählt, daß ein
+Freund Lassalles, den dieser, während er am „Franz von Sickingen”
+arbeitete, um seinen Rat ersuchte, und der ein bewährter metrischer
+Künstler gewesen, Lassalle den Vorschlag gemacht habe, er solle das
+Stück lieber in Prosa schreiben, und man kann Brandes beistimmen, daß
+ein besserer Rat gar nicht gegeben werden konnte. Denn die
+Lassallesche Prosa hat wirklich eine Reihe großer Vorzüge, und selbst
+die stark entwickelte Tendenz, ins Deklamatorische zu verfallen,
+hätte in einem Drama wie der Sickingen nichts verschlagen. Aber
+Lassalle ließ sich nicht von seiner Idee abbringen, daß die Versform
+für das Drama unentbehrlich sei, und so stolpern nicht nur seine
+Ritter und Helden auf oft recht geschraubten fünffüßigen Jamben
+einher, selbst die aufständischen Bauern bedienen sich der Stelzen
+des Blankverses. Eine Ausnahme machen sie nur bei den bekannten
+Losungsworten:
+
+ „Loset, sagt an: Was ist das für ein Wesen?”
+ „Wir können vor Pfaffen und Adel nicht genesen,”
+
+die denn auch wahrhaft erfrischend wirken.
+
+Indes diese technischen Fragen treten für uns zurück vor der Frage nach
+Inhalt und Tendenz des Dramas. Lassalle wollte mit dem „Franz von
+Sickingen” über das historische Drama, wie es Schiller und Goethe
+geschaffen, einen weiteren Schritt hinaus machen. Die historischen
+Kämpfe sollten nicht, wie namentlich bei Schiller, nur erst den Boden
+liefern, auf welchem sich der tragische Konflikt bewegt, während die
+eigentliche dramatische Handlung sich um rein individuelle Interessen
+und Geschicke dreht, vielmehr sollten die kulturhistorischen Prozesse
+der Zeiten und Völker zum eigentlichen Subjekt der Tragödie werden, so
+daß sich diese nicht mehr um die Individuen als solche dreht, die
+vielmehr nur die Träger und Verkörperungen der kämpfenden Gegensätze
+sind, sondern um jene größten und gewaltigsten Geschicke der Nationen
+selbst -- „Schicksale, welche über das Wohl und Wehe des gesamten
+allgemeinen Geistes entscheiden und von den dramatischen Personen mit
+der verzehrenden Leidenschaft, welche historische Zwecke erzeugen, zu
+ihrer eigenen Lebensfrage gemacht werden. Bei alledem sei es
+möglich,” meint Lassalle, „den Individuen aus der Bestimmtheit der
+Gedanken und Zwecke heraus, denen sie sich zuteilen, eine durchaus
+markige und feste, selbst derbe und realistische Individualität zu
+geben.” (Vgl. das Vorwort zum Franz von Sickingen.) Ob und inwieweit
+Lassalle die so gestellte Aufgabe gelöst hat und inwieweit sie
+überhaupt lösbar ist, unter welchen Voraussetzungen sich die großen
+Kämpfe der Menschheit und der Völker so in Individuen verkörpern
+lassen, daß nicht das eine oder das andere, die Größe und umfassende
+Bedeutung jener Kämpfe oder die lebendige Persönlichkeit der
+Individuen dabei zu kurz kommt, ist ebenfalls eine Frage, die wir
+hier unerörtert lassen können. Es genügt, daß Lassalle bei der
+Durchführung des Dramas von jener Auffassung ausgegangen ist. Und nun
+zum Stoff des Dramas selbst.
+
+Wie schon der Titel anzeigt, hat es das Unternehmen Franz von Sickingens
+gegen die deutschen Fürsten zum Mittelpunkt. Sickingen und sein Freund
+und Ratgeber Ulrich von Hutten sind die Helden des Dramas, und es ist
+eigentlich schwer zu sagen, wer von beiden das Interesse mehr in
+Anspruch nimmt, der militärische und staatsmännische oder der
+theoretische Repräsentant des niederen deutschen Adels.
+Merkwürdigerweise hat Lassalle nicht in dem ersteren, sondern in dem
+letzteren sich selbst zu zeichnen versucht. „Lesen Sie mein
+Trauerspiel,” schreibt er an Sophie von Sontzew. „Alles, was ich Ihnen
+hier sagen könnte, habe ich Hutten aussprechen lassen. Auch er hatte
+alle Verleumdungen, alle Arten von Haß, jede Feindseligkeit zu ertragen.
+Ich habe aus ihm den Spiegel meiner Seele gemacht, und ich konnte dies,
+da sein Schicksal und das meinige einander vollständig gleich und von
+überraschender Ähnlichkeit sind.” Es würde selbst Lassalle schwer
+geworden sein, diese überraschende Ähnlichkeit zu beweisen, namentlich
+um die Zeit, wo er diesen Brief schrieb. Er führte in Berlin ein
+luxuriöses Leben, verkehrte mit Angehörigen aller Kreise der besser
+situierten Gesellschaft und erfreute sich als Politiker nicht entfernt
+eines ähnlichen Hasses wie der fränkische Ritter, der Urheber der
+leidenschaftlichen Streitschriften wider die römische Pfaffenherrschaft.
+Nur in einigen Äußerlichkeiten lassen sich Analogien zwischen Lassalle
+und Hutten ziehen, aber in diesem Falle kann es weniger darauf ankommen,
+was tatsächlich war, sondern was Lassalle glaubte und wovon er sich bei
+seinem Werke geistig leiten ließ. Menschen mit so ausgeprägtem
+Selbstgefühl sind in der Regel leicht Täuschungen über sich selbst
+ausgesetzt. Genug, wir haben in dem Hutten des Dramas Lassalle vor uns,
+wie er um jene Zeit dachte, und die Reden, die er Hutten in den Mund
+legt, erhalten dadurch für das Verständnis des Lassalleschen
+Ideenkreises eine besondere Bedeutung.
+
+Hierher gehört namentlich die Antwort Huttens auf die Bedenken des
+Ökolampadius gegen den geplanten Aufstand:
+
+ „Ehrwürd'ger Herr! Schlecht kennt Ihr die Geschichte.
+ Ihr habt ganz recht, es ist Vernunft ihr Inhalt,”
+
+ein echt Hegelscher Satz,
+
+ „Doch ihre Form bleibt ewig -- die Gewalt!”
+
+Und dann, als Ökolampadius von der „Entweihung der Liebeslehre durch das
+Schwert” gesprochen:
+
+ „Ehrwürd'ger Herr! Denkt besser von dem Schwert!
+ Ein Schwert, geschwungen für die Freiheit, ist
+ Das fleischgewordne Wort, von dem Ihr predigt,
+ Der Gott, der in der Wirklichkeit geboren.
+ Das Christentum, es ward durchs Schwert verbreitet,
+ Durchs Schwert hat Deutschland jener Karl getauft,
+ Den wir noch heut den Großen staunend nennen.
+ Es ward durchs Schwert das Heidentum gestürzt,
+ Durchs Schwert befreit des Welterlösers Grab!
+ Durchs Schwert aus Rom Tarquinius vertrieben,
+ Durchs Schwert von Hellas Xerxes heimgepeitscht
+ Und Wissenschaft und Künste uns geboren.
+ Durchs Schwert schlug David, Simson, Gideon!
+ So vor- wie seitdem ward durchs Schwert vollendet
+ Das Herrliche, das die Geschichte sah,
+ Und alles Große, was sich jemals wird vollbringen,
+ Dem _Schwert_ zuletzt verdankt es sein Gelingen!”
+
+Es liegt in den Sätzen „doch ihre -- der Geschichte -- Form bleibt
+ewig die Gewalt”, und „daß alles Große, was sich jemals wird
+vollbringen”, dem Schwert zuletzt sein Gelingen verdanken werde,
+unzweifelhaft viel Übertreibung. Trotzdem hatte der Hinweis, daß das
+für die Freiheit geschwungene Schwert das „fleischgewordene Wort”
+sei, daß, wer die Freiheit erwerben will, bereit sein muß, für sie
+mit dem Schwert zu kämpfen, seine volle Berechtigung in einer Epoche,
+wo man in weiten Kreisen der ehemaligen Demokratie sich immer mehr
+darauf verlegte, alles von der Macht des Wortes zu erwarten. Sehr
+zeitgemäß, und nicht nur für die damalige Epoche, sind auch die
+Worte, die Lassalle den alten Balthasar Slör Sickingen im letzten Akt
+zurufen läßt:
+
+ „O, nicht der Erste seid Ihr, werdet nicht
+ Der Letzte sein, dem es den Hals wird kosten
+ In großen Dingen schlau zu sein. _Verkleidung_
+ Gilt auf dem Markte der Geschichte nicht,
+ Wo im Gewühl die Völker dich nur an
+ Der Rüstung und dem Abzeichen erkennen;
+ Drum hülle stets vom Scheitel bis zur Sohle
+ Dich kühn in deines eig'nen Banners Farbe.
+ Dann probst du aus im ungeheuren Streit
+ Die ganze Triebkraft deines wahren Bodens,
+ Und stehst und fällst mit deinem ganzen Können!”
+
+Auch der Ausspruch Sickingens:
+
+ „Das Ziel nicht zeige, zeige auch den Weg.
+ Denn so verwachsen ist hienieden Weg und Ziel,
+ Daß eines sich stets ändert mit dem andern,
+ Und andrer Weg auch andres Ziel erzeugt”.
+
+ist ein Satz aus dem politischen Glaubensbekenntnis Lassalles. Leider
+hat er ihn jedoch gerade in der kritischsten Periode seiner politischen
+Laufbahn unbeachtet gelassen.
+
+Halten wir uns jedoch nicht bei Einzelheiten auf, sondern nehmen wir das
+Ganze des Dramas, ziehen wir seine Quintessenz.
+
+Die Rolle Huttens und Sickingens in der Geschichte ist bekannt. Sie sind
+beide Vertreter des spätmittelalterlichen Rittertums, einer um die Zeit
+der Reformation im Untergehen begriffenen Klasse. Was sie wollen, ist
+diesen Untergang aufhalten, ein vergebliches Beginnen, das
+notwendigerweise scheitert und dasjenige, was es verhindern will, nur
+beschleunigt. Da Hutten wie Sickingen durch Charakter wie Intelligenz
+ihre Klasse weit überragen, so ist hier in der Tat das Material zu
+einer echten Tragödie gegeben, der vergebliche Kampf markiger
+Persönlichkeiten gegen die geschichtliche Notwendigkeit.
+Merkwürdigerweise wird aber diese Seite der Hutten-Sickingenschen
+Bewegung im Lassalleschen Drama am wenigsten behandelt, so
+bedeutungsvoll sie doch gerade für die -- wir wollen nicht einmal sagen,
+sozialistische, sondern überhaupt die moderne wissenschaftliche
+Geschichtsbetrachtung ist. Im Drama geht das Hutten-Sickingensche
+Unternehmen an tausend Zufälligkeiten -- Unüberlegtheit, Mißgriffe in
+den Mitteln, Verrat usw. -- zugrunde, und Hutten-Lassalle schließt mit
+den Worten: „Künft'gen Jahrhunderten vermach' ich unsere Rache”, was
+unwillkürlich an den recht unhistorischen Schluß in Götz von
+Berlichingen erinnert: „Wehe dem Jahrhundert, das dich von sich stieß!
+Wehe der Nachkommenschaft, die dich verkennt!” Begreift man aber, warum
+der junge Goethe im achtzehnten Jahrhundert sich einen Vertreter des
+untergehenden Rittertums zum Helden wählen konnte, so ist es schon
+schwerer zu verstehen, wie nahezu hundert Jahre später, zu einer Zeit,
+wo die Geschichtsforschung bereits ganz andere Gesichtspunkte zur
+Beurteilung der Kämpfe des Reformationszeitalters eröffnet hatte, ein
+Sozialist wie Lassalle zwei Vertreter eben dieses Rittertums schlechthin
+als die Repräsentanten „eines kulturhistorischen Prozesses hinstellt,
+auf dessen Resultaten”, wie er sich in der Vorrede ausdrückt, „unsere
+ganze Wirklichkeit lebt”. „Ich wollte,” sagt er an der betreffenden
+Stelle weiter, „wenn möglich, diesen kulturhistorischen Prozeß noch
+einmal in bewußter Erkenntnis und leidenschaftlicher Ergreifung durch
+die Adern alles Volkes jagen. Die Macht, einen solchen Zweck zu
+erreichen, ist nur der Poesie gegeben -- und darum entschloß ich mich zu
+diesem Drama.”
+
+Nun vertreten allerdings Hutten und Sickingen neben und mit der Sache
+des Rittertums noch den Kampf gegen die Oberherrschaft Roms und für die
+Einheit des Reiches, zwei Forderungen, welche ideologisch die des
+untergehenden Rittertums waren, geschichtlich aber im Interesse der
+aufkommenden Bourgeoisie lagen, und die denn auch durch die Entwicklung
+der Verhältnisse in Deutschland nach Überwindung der unmittelbaren
+Wirkungen des Dreißigjährigen Krieges wieder in den Vordergrund gedrängt
+und im neunzehnten Jahrhundert in erster Reihe von dem liberalen
+Bürgertum verfochten wurden. Der deutsche Adel hat sich erst nach der
+Gründung des neudeutschen Reiches daran erinnert, daß er einmal eine so
+anständige Persönlichkeit wie Franz von Sickingen hervorgebracht hat --
+den Hutten kann er noch immer nicht verdauen; in den fünfziger Jahren
+und noch später feierte der „Gartenlauben”-Liberalismus Hutten und
+Sickingen als Vorkämpfer der nationalen und Aufklärungsbewegung und
+ignorierte ihre Klassenbestrebungen.
+
+Genau dasselbe ist im Lassalleschen Drama der Fall. Ulrich von Hutten
+und Franz von Sickingen kämpfen lediglich um der geistigen Freiheit
+willen gegen den römischen Antichrist, nur im Interesse der nationalen
+Sache gegen die Einzelfürsten. „Was wir wollen,” sagt Sickingen im
+Zwiegespräch mit Hutten, --
+
+ „das ist ein ein'ges großes, mächt'ges Deutschland,
+ Zertrümmerung alles Pfaffenregiments,
+ Vollständ'ger Bruch mit allem röm'schen Wesen,
+ Die reine Lehr' als Deutschlands ein'ge Kirche,
+ Wiedergeburt, zeitmäßige der alten,
+ Der urgermanischen gemeinen Freiheit,
+ Vernichtung unsrer Fürstenzwergherrschaft
+ Und usurpierten Zwischenregiments,
+ Und machtvoll auf der Zeit gewaltigem Drang
+ Gestützt, in ihrer Seele Tiefen wurzelnd,
+ Ein -- evangelisch Haupt als Kaiser an der Spitze
+ Des großen Reichs.”
+
+Und Hutten antwortet: „Treu ist das Bild.”
+
+Da Lassalle ausdrücklich den „Franz von Sickingen” als ein
+Tendenzdrama bezeichnet, so haben wir in ihm einen Beleg für die
+Wandlung, die sich in ihm in bezug auf seine -- vorläufig ideale --
+Stellungnahme zu den politischen Strömungen der Zeit vollzogen. Es
+sollte indes gar nicht lange dauern, bis sich diese Wandlung, eine
+Annäherung an die Auffassungsweise der norddeutschen bürgerlichen
+Demokratie, auch gegenüber einer konkreten Frage des Tages offenbaren
+sollte[3].
+
+Der „Franz von Sickingen” war im Winter 1857/58 vollendet worden.
+Lassalle hatte ihn, wie er an Marx schreibt, bereits entworfen und
+begonnen, während er noch am Heraklit arbeitete. Es sei ihm ein
+Bedürfnis gewesen, sich zeitweilig aus der abstrakten Gedankenwelt, in
+die er sich bei jener Arbeit „einspintisieren” mußte, mit einem
+Gegenstand zu beschäftigen, der in direkterer Beziehung zu den großen
+Kämpfen der Menschheit stand. Daher habe er nebenbei Mittelalter und
+Reformationszeit studiert und sich an den Werken und dem Leben Ulrich
+von Huttens „berauscht”, als ihn die Lektüre eines gerade erschienenen
+elenden „modernen” Dramas auf den Gedanken brachte: Das -- der Kampf
+Huttens -- wäre ein Stoff, der Behandlung wert. So habe er ohne
+ursprünglich an sich als ausführenden Dichter zu denken, den Plan des
+Dramas entworfen, wurde sich aber alsbald klar, daß er es auch selbst
+fertig machen müsse. Es sei „wie eine Eingebung” über ihn gekommen.
+Man spürt es dem Drama auch an, daß es mit warmem Herzblut
+geschrieben wurde. Trotz der oben bezeichneten Fehler erhebt es sich,
+dank seines geistigen Gehalts, immer noch himmelhoch über die ganze
+Dramenliteratur jener Zeit. Es hätte es keiner der deutschen Dichter
+damals besser gemacht als Lassalle.
+
+
+Fußnoten:
+
+ [1] Auf Vorgänge, die mit Führung und Ausgang des Hatzfeldt-Prozesses
+ in Verbindung stehen, bezieht sich ein Teil der Anklagen, welche im
+ Jahre 1855 eine von Düsseldorf, dem damaligen Wohnort Lassalles, nach
+ London entsandte Deputation rheinischer Sozialisten bei Karl Marx und
+ Freiligrath gegen Lassalle erhob und die auf diese beiden, wie Marx an
+ Engels schrieb, einen _entscheidenden Eindruck_ machten.
+
+ [2] G. Brandes, Ferdinand Lassalle. Ein literarisches Charakterbild.
+ Berlin 1877.
+
+ [3] Das Vorstehende war seinerzeit gerade geschrieben, als ich
+ durch die Freundlichkeit von Friedrich Engels die im Nachlaß von
+ Karl Marx vorgefundenen Briefe Lassalles an Karl Marx erhielt, die
+ seitdem von Franz Mehring herausgegeben sind (Stuttgart, J. H. W.
+ Dietz Nachfolger). Ein vom 7. Mai 1859 datierter, an Marx und Engels
+ adressierter Brief handelt bis auf wenige Zeilen ausschließlich vom
+ „Franz von Sickingen”. Lassalle hatte von dem Drama, sobald es im
+ Druck erschienen, je ein Exemplar an Karl Marx und Friedrich Engels
+ geschickt, worauf ihm diese, die damals noch örtlich getrennt lebten,
+ eingehend ihre Urteile über es mitteilten, und der erwähnte Brief
+ Lassalles ist dessen Antwort auf diese Urteile. Er verbindet sie in
+ einem und demselben Schreiben, weil, wie er sich ausdrückt, „Eure
+ beiderseitigen Einwürfe, ohne geradezu identisch zu sein, doch in der
+ Hauptsache dieselben Punkte berühren”.
+
+ Aus dem Lassalleschen Schreiben geht hervor, daß die Kritik von
+ Marx wie Engels eben die Punkte betrifft, die auch ich im obigen
+ kritisieren zu müssen glaubte. „Ihr stimmt beide darin überein,”
+ schreibt Lassalle an einer Stelle, „daß auch Sickingen noch zu
+ abstrakt gezeichnet ist.” In diesem Satze ist in nuce dasselbe gesagt,
+ was ich oben ausgeführt habe. Der Lassallesche Sickingen ist nicht der
+ streitbare Ritter der ersten Jahrzehnte des sechzehnten Jahrhunderts,
+ er ist der in des letzteren Rüstung gesteckte Liberale des neunzehnten
+ Jahrhunderts, das heißt der liberale Ideologe. Seine Reden fallen
+ gewöhnlich vollständig aus der Epoche, in der sie gehalten sein
+ sollen, heraus. „Ihr begegnet Euch Beide”, schreibt Lassalle an
+ einer andern Stelle, „daß ich die Bauernbewegung ‚zu sehr
+ zurückgesetzt’, ‚nicht genug hervorgehoben habe’. Du (Marx)
+ begründest dies so: Ich hätte Sickingen und Hutten daran untergehen
+ lassen müssen, daß sie, wie der polnische Adel etwa, nur in ihrer
+ Einbildung revolutionär waren, in der Tat aber ein reaktionäres
+ Interesse vertraten. ‚Die adligen Repräsentanten der Revolution’,
+ sagst Du, ‚hinter deren Stichwörtern von Einheit und Freiheit immer
+ noch der Traum des alten Kaiserthums und des Faustrechts lauert
+ -- durften dann nicht so alles Interesse absorbiren, wie sie es
+ bei Dir thun, sondern die Vertreter der Bauern, namentlich dieser,
+ und der revolutionären Elemente in den Städten mußten einen ganz
+ bedeutend aktiveren Hintergrund bilden. Du hättest dann auch in
+ viel höherem Grade gerade die modernsten Ideen in ihrer naivsten
+ Form sprechen lassen können, während jetzt in der That, außer der
+ religiösen Freiheit, die bürgerliche Einheit die Hauptidee bleibt’.
+ ‚Bist Du nicht selbst’, rufst Du aus, ‚gewissermaßen wie Dein
+ Franz von Sickingen in den diplomatischen Fehler gefallen, die
+ lutherisch-ritterliche Opposition über die plebejisch-bürgerliche zu
+ stellen?’”
+
+ Ich habe aus diesem Zitat die Lassalleschen Zwischenbemerkungen
+ fortgelassen, weil sie sich meist auf im Brief vorhergehende
+ Ausführungen beziehen, hier also unverständlich wären. Im wesentlichen
+ verteidigt sich Lassalle damit, daß er nachzuweisen sucht, die
+ ritterliche Beschränktheit, soweit sie überhaupt im historischen
+ Sickingen vorhanden, damit genügend zum Ausdruck gebracht zu haben,
+ daß Sickingen, statt sich an die ganze Nation zu wenden, statt alle
+ revolutionären Kräfte im Reich zum Aufstand aufzurufen und sich an
+ ihre Spitze zu stellen, seinen Aufstand als einen ritterlichen beginnt
+ und fortführt, bis er an der Beschränktheit seiner ritterlichen
+ Mittel zugrunde geht. Gerade darin, daß Sickingen unterliegt, weil
+ er nicht weit genug gegangen, liege die tragische und zugleich die
+ revolutionäre Idee des Dramas. Der Bauernbewegung aber habe er in
+ der einen Szene des Stückes, in der er die Bauern selbst auf die
+ Bühne bringe, und in den verschiedenen Hinweisen auf sie in den Reden
+ Balthasars usw., vollauf die Bedeutung zugeschrieben, welche ihr in
+ Wirklichkeit innegewohnt habe und noch darüber hinaus. Geschichtlich
+ sei die Bauernbewegung ebenso reaktionär gewesen, wie die des Adels.
+
+ Die letztere Auffassung hat Lassalle bekanntlich auch in
+ verschiedenen seiner späteren Schritten verfochten, so u. a. im
+ „Arbeiterprogramm”. Sie ist aber m. E. keineswegs richtig. Daß
+ die Bauern mit Forderungen auftraten, die auf die Vergangenheit
+ zurückgriffen, stempelt ihre Bewegung noch zu keiner reaktionären,
+ die Bauern waren zwar keine neue Klasse, aber sie waren keineswegs,
+ wie die Ritter, eine untergehende Klasse. Das Reaktionäre in ihren
+ Forderungen ist nur formell, nicht das Wesentliche. Das übersieht
+ Lassalle, der als Hegelianer hier wieder in den Fehler verfällt,
+ die Geschichte aus den „Ideen” abzuleiten, so vollständig, daß er
+ zu der Marxschen Bemerkung: „Du hättest dann auch in viel höherem
+ Grade gerade die modernsten Ideen in ihrer naivsten Form sprechen
+ lassen können”, ein doppeltes Fragezeichen, verstärkt durch ein
+ Ausrufungszeichen, macht.
+
+ Der andere Teil seiner Verteidigung hätte dann seine Berechtigung,
+ wenn im Stück auch nur die leiseste Andeutung gegeben wäre, daß
+ Sickingens Beschränkung auf seine ritterlichen Mittel seiner
+ ritterlichen Beschränktheit geschuldet war. Das ist aber nicht der
+ Fall. Im Stück wird sie lediglich als ein taktischer Fehler behandelt.
+ Das reicht aus für die tragische Idee des Dramas, aber nicht für
+ die Veranschaulichung des historischen Anachronismus, an dem das
+ Sickingensche Unternehmen in Wirklichkeit zugrunde gegangen ist.
+
+
+
+
+Ferdinand Lassalle und der italienische Krieg.
+
+
+Anfang 1859 erschien der „Franz von Sickingen” als Buchdrama. Gerade
+als er herauskam, stand Europa am Vorabend eines Krieges, der auf die
+Entwicklung der Dinge in Deutschland eine große Rückwirkung ausüben
+sollte. Es war der bereits im Sommer 1858 zwischen Louis Napoleon und
+Cavour in Plombières verabredete französisch-sardinische Feldzug
+behufs Losreißung der Lombardei von Österreich und der Beseitigung
+der österreichischen Oberherrschaft in Mittelitalien.
+
+Österreich gehörte damals zum deutschen Bund, und so erhob sich
+natürlich die Frage, welche Haltung die übrigen Bundesstaaten in diesem
+Streit einnehmen sollten. Sei es Pflicht des übrigen Deutschland, sich
+gegenüber Frankreich mit Österreich zu identifizieren oder nicht?
+
+Die Beantwortung der Frage war dadurch erschwert, daß der Krieg einen
+zwieschlächtigen Charakter trug. Für die ihn betreibenden Italiener war
+er ein nationaler Befreiungskampf, der die Sache der Einigung und
+Befreiung Italiens einen Schritt vorwärts bringen sollte. Von seiten
+Frankreichs dagegen war er ein Kabinettskrieg, unternommen, um die
+Herrschaft des bonapartistischen Regimes in Frankreich zu stärken und
+die Machtstellung Frankreichs in Europa zu erhöhen. Soviel stand auf
+jeden Fall fest. Außerdem pfiffen es die Spatzen von den Dächern, daß
+Napoleon sich von seinem Verbündeten, dem König von Sardinien, für seine
+Bundesgenossenschaft einen hübschen Kaufpreis in Gebietsabtretungen
+(Nizza und Savoyen) ausbedungen hatte und daß die „Einigung” Italiens
+in jenem Moment nur soweit stattfinden sollte, als sich mit den
+Interessen des bonapartistischen Kaiserreichs vertrug. Aus diesem
+Grunde denunzierte z. B. ein so leidenschaftlicher italienischer
+Patriot wie Mazzini bereits Ende 1858 den in Plombières zwischen
+Napoleon und Cavour abgeschlossenen Geheimvertrag als eine bloße
+dynastische Intrige. Soviel war sicher, daß, wer diesen Krieg
+unterstützte, zunächst Napoleon III. und dessen Pläne unterstützte.
+
+Napoleon III. brauchte aber Unterstützung. Gegen Österreich allein
+konnte er im Bunde mit Sardinien den Krieg aufnehmen, kamen aber die
+übrigen Staaten des Deutschen Bundes und namentlich Preußen Österreich
+zu Hilfe, so stand die Sache wesentlich bedenklicher. So ließ er denn
+durch seine Agenten und Geschäftsträger bei den deutschen Regierungen,
+in der deutschen Presse und unter den deutschen Parteiführern mit allen
+Mitteln dagegen agitieren, daß der Krieg als eine Sache behandelt werde,
+die Deutschland etwas angehe. Was habe das deutsche Volk für ein
+Interesse, die Gewaltherrschaft, die Österreich in Italien ausübe,
+aufrechtzuerhalten, überhaupt einem so urreaktionären Staat wie
+Österreich Hilfe zu leisten? Österreich sei der geschworene Feind der
+Freiheit der Völker; werde Österreich zertrümmert, so würde auch für
+Deutschland ein schönerer Morgen anbrechen.
+
+Auf der anderen Seite entwickelten die österreichischen Federn, daß,
+wenn die Napoleonischen Pläne im Süden sich verwirklichten, der Rhein in
+direkte Gefahr geriete. Ihm würde der nächste Angriff gelten. Wer das
+linke Rheinufer vor Frankreichs gierigen Händen sicherstellen wolle,
+müsse dazu beitragen, daß Österreich seine militärischen Positionen in
+Oberitalien unbeeinträchtigt erhalte, der Rhein müsse am Po verteidigt
+werden.
+
+Die von den napoleonischen Agenten ausgegebene Parole stimmte in vielen
+wesentlichen Punkten mit dem Programm der kleindeutschen Partei
+(Einigung Deutschlands unter Preußens Spitze, unter Hinauswerfung
+Österreichs aus dem deutschen Bund) überein, war direkt auf es
+zugeschnitten. Trotzdem konnten sich eine große Anzahl kleindeutscher
+Politiker nicht dazu entschließen, gerade in diesem Zeitpunkt die Sache
+Österreichs von der des übrigen Deutschland zu trennen. Dies erschien
+ihnen um so weniger zulässig, als es weiterhin bekannt war, daß Napoleon
+den Krieg im Einvernehmen mit der zarischen Regierung in Petersburg
+führte, dieser also den weiteren Zweck hatte, den russischen Intrigen im
+Südosten Europas Vorschub zu leisten. Vielmehr ging ihre Meinung dahin,
+jetzt käme es vor allen Dingen darauf an, den Angriff Napoleons
+abzuschlagen. Erst wenn das geschehen sei, könne man weiter reden. Bis
+es geschehen, müßten sich aber die Italiener gefallen lassen, daß man
+sie, solange sie unter der Schutzherrschaft Bonapartes kämpften, einfach
+als dessen Verbündete behandelte.
+
+Es läßt sich nun nicht leugnen, daß man vom kleindeutschen Standpunkt
+aus auch zu einer andern Auffassung der Situation gelangen, in der
+vorentwickelten Gedankenreihe eine Inkonsequenz erblicken konnte. Wenn
+Österreich, und namentlich dessen außerdeutsche Besitzungen, um so eher
+je besser aus dem Deutschen Bund hinausgeworfen werden sollten, warum
+nicht mit Vergnügen ein Ereignis begrüßen, das sich als ein Schritt zur
+Verwirklichung dieses Programms darstellte? Hatte nicht Napoleon
+erklärt, daß er nur Österreich und nicht Deutschland bekriege? Warum
+also Österreich gegen Frankreich beistehen, zumal man dadurch gezwungen
+werde, auch die Italiener zu bekriegen, die doch für die gerechteste
+Sache von der Welt kämpften? Warum den Rhein verteidigen, ehe er
+angegriffen, ehe auch nur eine Andeutung gefallen, daß ein Angriff auf
+ihn beabsichtigt sei? Warum nicht lieber die Verlegenheit Österreichs
+und die Beschäftigung Napoleons in Italien benutzen, um die Sache der
+Einigung Deutschlands unter Preußens Führung auch durch positive
+Maßnahmen einen weiteren Schritt zu fördern?
+
+Dieser -- es sei wiederholt -- vom kleindeutschen Standpunkt aus
+konsequenteren Politik spricht Lassalle in seiner, Ende Mai 1859
+erschienenen Schrift „Der Italienische Krieg und die Aufgabe Preußens”
+das Wort. Mit großer Energie bekämpft er die in den beiden Berliner
+Organen des norddeutschen Liberalismus, der „National-Zeitung” und der
+„Volks-Zeitung”, -- in der ersteren unter anderm auch von Lassalles
+nachmaligem Freunde, Lothar Bucher -- verfochtene Ansicht, einem von
+Bonaparte ausgehenden Angriff gegenüber müsse Preußen Österreich als
+Bundesgenosse zur Seite stehen, und fordert er dagegen, daß Preußen den
+Moment benutzen solle, den deutschen Kleinstaaten gegenüber seine
+deutsche Hegemonie geltend zu machen und, wenn Napoleon die Karte
+Europas im Süden nach dem Prinzip der Nationalitäten revidiere, dasselbe
+im Namen Deutschlands im Norden zu tun, wenn jener Italien befreie,
+seinerseits Schleswig-Holstein zu nehmen. Jetzt sei der Moment gekommen,
+„während die Demolierung Österreichs sich schon von selbst vollzieht,
+für die Erhöhung Preußens in der Deutschen Achtung zu sorgen”.
+Und, fügt Lassalle schließlich hinzu, „möge die Regierung dessen
+gewiß sein. In diesem Kriege, der ebensosehr ein Lebensinteresse des
+deutschen Volks als Preußens ist, würde die deutsche Demokratie
+selbst Preußens Banner tragen und alle Hindernisse vor ihm zu Boden
+werfen mit einer Expansivkraft, wie ihrer nur der berauschende
+Ausbruch einer nationalen Leidenschaft fähig ist, welche seit fünfzig
+Jahren komprimiert in dem Herzen eines großen Volkes zuckt und
+zittert.”
+
+Man hat Lassalle später auf Grund dieser Broschüre zu einem Advokaten
+der „deutschen” Politik Bismarcks zu stempeln gesucht, und es läßt
+sich nicht bestreiten, daß das in ihr entwickelte nationale Programm
+als solches eine große Ähnlichkeit mit dem des im Sommer 1859
+gegründeten Nationalvereins und ebenso, mutatis mutandis, mit der
+Politik hat, die Bismarck bei der Verwirklichung der deutschen
+Einheit unter preußischer Spitze befolgte. Lassalle war eben bei all
+seinem theoretischen Radikalismus in der Praxis noch ziemlich stark
+im Preußentum stecken geblieben. Nicht daß er bornierter preußischer
+Partikularist gewesen wäre -- wir werden gleich sehen, wie weit er
+davon entfernt war --, aber er sah die nationale Bewegung und die auf
+die auswärtige Politik bezüglichen Angelegenheiten im wesentlichen
+durch die Brille des preußischen Demokraten an, sein Haß gegen
+Österreich war in dieser Hinsicht ebenso übertrieben, wie der
+Preußenhaß vieler süddeutscher Demokraten und selbst Sozialisten.
+Österreich ist ihm „der kulturfeindlichste Staatsbegriff, den Europa
+aufzuweisen hat”, er möchte „den Neger kennen lernen, der, neben
+Österreich gestellt, nicht ins Weißliche schimmerte”; Österreich ist
+„ein reaktionäres Prinzip”, der „gefährlichste Feind aller
+Freiheitsideen”; „der Staatsbegriff Österreich” muß „zerfetzt,
+zerstückt, vernichtet, zermalmt -- in alle vier Winde zerstreut
+werden”, jede politische Schandtat, die man Napoleon III. vorwerfen
+könne, habe Österreich auch auf dem Gewissen, und „wenn die Rechnung
+sonst ziemlich gleichstehen möchte -- das römische Konkordat hat
+Louis Napoleon trotz seiner Begünstigung des Klerus nicht
+geschlossen”. Selbst Rußland kommt noch besser weg, als Österreich.
+„Rußland ist ein naturwüchsig-barbarisches Reich, welches von seiner
+despotischen Regierung soweit zu zivilisieren gesucht wird, als mit
+ihren despotischen Interessen verträglich ist. Die Barbarei hat hier
+die Entschuldigung, daß sie nationales Element ist.” Ganz anders aber
+mit Österreich. „Hier vertritt, im Gegensatz zu seinen Völkern, die
+Regierung das barbarische Prinzip, künstlich und gewaltsam seine
+Kulturvölker unter dasselbe beugend.”
+
+In dieser einseitigen und relativ -- d. h. wenn man die übrigen Staaten
+in Vergleich zieht -- damals auch übertriebenen Schwarzmalerei
+Österreichs und auch sonst in verschiedenen Punkten, begegnet sich die
+Lassallesche Broschüre mit einer Schrift, die schon einige Wochen vor
+ihr erschienen war und ebenfalls die Tendenz hatte, die Deutschen zu
+ermahnen, Napoleon in Italien, solange er den Befreier spiele, freie
+Hand zu lassen und der Zertrümmerung Österreichs zu applaudieren. Es war
+dies die Schrift Karl Vogts „Studien zur gegenwärtigen Lage Europas”,
+ein die bonapartistischen Schlagworte wiedergebendes und direkt oder
+indirekt auch auf bonapartistischen Antrieb geschriebenes Buch. Ich
+würde Anstand genommen haben, diese Schrift in irgendeinem Zusammenhange
+mit der Lassalleschen zu zitieren, indes Lassalle ist so durchaus über
+jeden Verdacht der Komplizität mit Vogt oder dessen Einbläsern erhaben,
+daß die Möglichkeit absolut ausgeschlossen ist, durch den Vergleich, der
+mir aus sachlichen Gründen notwendig erscheint, ein falsches Licht auf
+Lassalle zu werfen. Zum Überfluß will ich aber noch einen Passus aus der
+Vorrede zum „Herr Vogt” von Karl Marx hierhersetzen, jener Schrift, die
+den Beweis lieferte, daß Vogt damals im bonapartistischen Interesse
+schrieb und agitierte, und deren Beweisführung neun Jahre später durch
+die in den Tuilerien vorgefundenen Dokumente bestätigt wurde -- ein
+Passus, der schon deshalb hierher gehört, weil er zweifelsohne gerade
+auch auf Lassalle sich bezieht. Marx schreibt:
+
+ „Von Männern, die schon vor 1848 miteinander darin übereinstimmten,
+ die Unabhängigkeit Polens, Ungarns und Italiens nicht nur als ein
+ Recht dieser Länder, sondern als das Interesse Deutschlands und
+ Europas zu vertreten, wurden ganz entgegengesetzte Ansichten
+ aufgestellt über die Taktik, die Deutschland bei Gelegenheit des
+ italienischen Krieges von 1859 Louis Bonaparte gegenüber
+ auszuführen habe. Dieser Gegensatz entsprang aus gegensätzlichen
+ Urteilen über tatsächliche Voraussetzungen, über die zu entscheiden
+ einer späteren Zeit vorbehalten bleibt. Ich für meinen Teil habe es
+ in dieser Schrift nur mit den Ansichten Vogts und seiner Klique zu
+ tun. Selbst die Ansicht, die er zu vertreten vorgab, und in der
+ Einbildung eines urteilslosen Haufens vertrat, fällt in der Tat
+ außerhalb der Grenzen meiner Kritik. Ich behandle die Ansichten,
+ die er wirklich vertrat.” (K. Marx „Herr Vogt”. Vorwort V, VI.)
+
+Trotzdem war es natürlich nicht zu vermeiden, daß dort, wo Vogt mit
+Argumenten operiert, die sich auch bei Lassalle finden, dieser in der
+Marxschen Schrift mitkritisiert wird, was übrigens Lassalle nicht
+verhindert hat, in einem Briefe an Marx vom 19. Januar 1861 zu
+erklären, daß er nach der Lektüre des „Herr Vogt” Marx'
+Überzeugung, daß Vogt von Bonaparte bestochen sei, „ganz
+gerechtfertigt und in der Ordnung” finde, der innere Beweis dafür[4]
+sei „mit einer immensen Evidenz geführt”. Das Buch sei „in jeder
+Hinsicht ein meisterhaftes Ding”.
+
+Jedenfalls ist der „Herr Vogt” ein äußerst instruktives Buch zum
+Verständnis der Geschichte des neunzehnten Jahrhunderts; dieses Pamphlet
+enthält eine Fülle von geschichtlichem Material, das zu einem ganzen
+Dutzend Abhandlungen ausreichen würde.
+
+Für unsere Betrachtung hat es aber noch ein besonderes Interesse.
+
+Die Korrespondenz zwischen Marx und Lassalle war zu keiner Zeit so
+lebhaft, als in den Jahren 1859 und 1860, und ein großer Teil davon
+handelt eben von dem italienischen Krieg und der ihm gegenüber
+einzunehmenden Haltung. Ob die Briefe Marx' hierüber an Lassalle noch
+erhalten sind und wenn, in welchen Händen sie sich befinden, ist bis
+jetzt nicht bekannt, noch ob der jetzige Besitzer sie zu veröffentlichen
+bereit ist. Aus den Lassalleschen Briefen ist jedoch die Stellung, die
+Marx damals einnahm, nur unvollkommen zu ersehen, und noch weniger ihre
+Begründung, da sich Lassalle, wie übrigens ganz natürlich, meist darauf
+beschränkt, seine Stellungnahme zu motivieren und die Einwände gegen
+dieselbe möglichst zu widerlegen. Es braucht aber wohl nicht des
+weiteren dargelegt zu werden, warum in einer für Sozialisten
+geschriebenen Abhandlung über Lassalle nicht nur dessen persönliche
+Beziehung zu den Begründern des modernen wissenschaftlichen Sozialismus,
+sondern auch sein Verhältnis zu ihrer theoretischen Doktrin und zu ihrer
+Behandlung der politischen und sozialen Fragen von besonderem Interesse
+ist.
+
+Der Tagesliterat hatte in bezug auf dieses Verhältnis lange Zeit seine
+fertige Schablone. Für die Politik im engeren Sinne des Wortes lautete
+sie: Lassalle war national, Marx und Engels waren in jeder Hinsicht
+international, Lassalle war deutscher Patriot, Marx und Engels waren
+vaterlandslos, sie haben sich immer nur um die Weltrepublik und die
+Revolution gekümmert, was aus Deutschland wurde, war ihnen gleichgültig.
+
+Seit dem Erscheinen der ersten Auflage dieser Schrift hat jene
+Gegenüberstellung aufgegeben werden müssen.
+
+Noch ehe Lassalles „Italienischer Krieg” erschien, war in demselben
+Verlage, wie später diese, eine Broschüre erschienen, die dasselbe Thema
+behandelte. Sie war betitelt: „Po und Rhein.” Der Verfasser, der sich
+ebensowenig nannte, wie Lassalle in der ersten Auflage seiner Schrift,
+suchte militärwissenschaftlich nachzuweisen, daß die von den Organen der
+österreichischen Regierung ausgegebene Parole, Deutschland bedürfe zu
+seiner Verteidigung im Südwesten der italienischen Provinzen, falsch
+sei, daß auch ohne diese Deutschland noch eine starke Defensivposition
+in den Alpen habe, namentlich sobald ein einheitliches und unabhängiges
+Italien geschaffen sei, da ein solches kaum je einen triftigen Grund,
+mit Deutschland zu hadern, wohl aber häufig genug Anlaß haben werde,
+Deutschlands Bundesgenossenschaft gegen Frankreich zu suchen.
+Oberitalien sei ein Anhängsel, das Deutschland höchstens im Kriege
+nutzen, im Frieden immer nur schaden könne. Und auch der militärische
+Vorteil im Kriege würde erkauft durch die geschworene Feindschaft von 25
+Millionen Italienern. Aber, führte der Verfasser alsdann aus, die Frage
+um den Besitz dieser Provinzen ist eine zwischen Deutschland und
+Italien, und nicht eine zwischen Österreich und Louis Napoleon.
+Gegenüber einem Dritten, einem Napoleon, der um seiner eigenen, in
+anderer Beziehung anti-deutschen Interessen willen sich einmischte,
+handle es sich um die einfache Behauptung einer Provinz, die man nur
+gezwungen abtritt, einer militärischen Position, die man nur räumt, wenn
+man sie nicht mehr halten kann ... „Werden wir angegriffen, so wehren
+wir uns.” Wenn Napoleon als Paladin der italienischen Unabhängigkeit
+auftreten wolle, so möge er erst bei sich anfangen und den Italienern
+Korsika abtreten, dann werde man sehen, wie ernst es ihm ist. Solle aber
+die Karte von Europa revidiert werden, „so haben wir Deutsche das
+Recht, zu fordern, daß es gründlich und unparteiisch geschehe, und daß
+man nicht, wie es beliebte Mode ist, verlange, Deutschland allein solle
+Opfer bringen.” „Das Endresultat dieser ganzen Untersuchung aber
+ist,” heißt es schließlich, „daß wir Deutsche einen ganz
+ausgezeichneten Handel machen würden, wenn wir den Po, den Mincio,
+die Etsch und den ganzen italienischen Plunder vertauschen könnten
+gegen die Einheit ... die allein uns nach innen und außen stark
+machen kann.”
+
+Der Verfasser dieser Broschüre war kein anderer als -- Friedrich Engels.
+Unnütz zu sagen, daß Engels sie im Einverständnis mit Karl Marx
+veröffentlicht hatte. Den Verleger hatte Lassalle besorgt. Lassalle
+hatte auch, wie aus einem seiner Briefe hervorgeht, eine Besprechung
+ihres Inhalts an die -- damals noch unabhängige -- Wiener „Presse”
+geschickt, deren Redakteur mit ihm verwandt war. Er kannte also ihren
+Inhalt ganz genau, als er seinen „Italienischen Krieg” schrieb,
+polemisiert somit auch gegen sie, wenn er die Ansicht bekämpft, daß, da
+der Krieg durch Napoleons Führung aus einem Befreiungskrieg in ein gegen
+Deutschland gerichtetes Unternehmen verwandelt sei, das notgedrungen mit
+einem Angriff auf den Rhein enden werde, er auch deutscherseits nur als
+solches zu behandeln sei. Auf der andern Seite wird, wie schon erwähnt,
+Lassalles Schrift im „Herr Vogt” mitkritisiert, und zwar in dem
+Abschnitt VIII „Dâ-dâ-Vogt und seine Studien”[5].
+
+Wie sehr die Darlegungen Lassalles oft mit den Vogtschen
+übereinstimmten, dafür nur ein Beispiel. Österreichischerseits war auf
+die Verträge von 1815 hingewiesen worden, durch welche Österreich der
+Besitz der Lombardei garantiert worden war. Darauf antworten nun:
+
+ Vogt:
+
+ „Es ist sonderbar, eine solche Sprache in dem Munde der einzigen
+ Regierung (bei Vogt unterstrichen) zu vernehmen, die bis jetzt in
+ frecher Weise die Verträge gebrochen hat. Von allen andern sind sie
+ bis jetzt respektiert worden, nur Österreich hat sie gebrochen,
+ indem es mitten im Frieden, ohne Ursache, seine frevelnde Hand
+ gegen die durch diese Verträge garantirte Republik Krakau
+ ausstreckte und dieselbe dem Kaiserstaat ohne weiteres
+ einverleibte.” („Studien”, S. 58.)
+
+ Lassalle:
+
+ „Die Verträge von 1815 können nicht einmal mehr diplomatisch
+ ernstlich aufgerufen werden. Verletzt durch die Konstituirung
+ Belgiens, mit Füßen getreten und zerrissen gerade von Österreich
+ durch die gewaltsame Okkupation Krakaus, gegen welche die
+ europäischen Kabinette zu protestieren nicht unterließen, haben sie
+ jede rechtliche Gültigkeit für jedes Mitglied der europäischen
+ Staatenfamilie verloren.” („Der Ital. Krieg usw.” Ges. Schriften
+ Bd. I S. 43.)
+
+Hören wir nun Marx gegen Vogt:
+
+„Nikolaus natürlich vernichtete Konstitution und Selbständigkeit des
+Königreich Polen, durch die Verträge von 1815 garantiert, aus
+‚Achtung’ vor den Verträgen von 1815. Rußland achtete nicht minder
+die Integrität Krakaus, als es die freie Stadt im Jahre 1831 mit
+moskowitischen Truppen besetzte. Im Jahre 1836 wurde Krakau wieder
+besetzt von Russen, Österreichern und Preußen, wurde völlig als
+erobertes Land behandelt und appellierte noch im Jahre 1840, unter
+Berufung auf die Verträge von 1815, vergebens an England und
+Frankreich. Endlich am 22. Februar 1846 besetzten Russen,
+Österreicher und Preußen abermals Krakau, um es Österreich
+einzuverleiben. Der Vertragsbruch geschah durch die drei nordischen
+Mächte, und die österreichische Konfiskation von 1846 war nur das
+letzte Wort des russischen Einmarsches von 1831.” („Herr Vogt”, S.
+73/74.) In einer Note weist dann Marx noch auf sein Pamphlet
+„Palmerston and Poland” hin, wo nachgewiesen sei, daß Palmerston seit
+1831 ebenfalls an der Intrige gegen Krakau mitgearbeitet habe. Indes
+das letztere ist eine Frage, die uns hier nicht weiter interessiert,
+wohl aber interessiert uns der andere Nachweis bei Marx, daß Vogt
+auch mit der Verweisung auf das Beispiel Krakaus nur eine von
+bonapartistischer Seite ausgehende Argumentation ab- und umschrieb.
+In einem der Anfang 1859 bei Dentu in Paris herausgekommenen
+bonapartistischen Pamphlete, „La vraie question, France, -- Italie --
+Autriche”, hatte es wörtlich geheißen:
+
+„Mit welchem Rechte übrigens würde die österreichische Regierung die
+Unverletzbarkeit der Verträge von 1815 anrufen, sie, welche dieselben
+verletzt hat durch die Konfiskation von Krakau, dessen Unabhängigkeit
+diese Verträge garantierten?”
+
+Vogt hatte in seiner Manier überall noch einen Extratrumpf
+aufgesetzt. Phrasen wie „die einzige Regierung”, „in frecher
+Weise”, „frevelnde Hand” sind sein Eigentum. Ebenso wenn er am
+Schluß des obenzitierten Satzes pathetisch die „politische Nemesis”
+gegen Österreich anruft.
+
+Lassalle hatte, als er seine Broschüre schrieb, das Vogtsche Machwerk
+noch nicht zu Gesicht bekommen, aber daß seine Schrift durch die von
+Bonaparte ausgegebenen und durch tausend Kanäle in die Presse des In-
+und Auslandes lancierten Schlagworte beeinflußt war, das unterliegt
+nach diesem Beispiel, dem noch eine ganze Reihe ähnlicher an die Seite
+gesetzt werden können, gar keinem Zweifel. Wenn die nationalliberalen
+Bismarckanbeter sich später darauf beriefen, daß die Politik ihres Heros
+sogar die Sanktion Lassalles erhalten habe, so übersahen sie dabei nur
+die eine Tatsache, daß das von Lassalle der preußischen Regierung
+vorgehaltene Programm, wie immer es von Lassalle selbst gemeint war, in
+den entscheidenden Punkten dem Programm glich, das Bonaparte zu jener
+Zeit den deutschen Patrioten vorsetzen ließ, um sie für seine damalige
+Politik zu gewinnen. Alle die Ausführungen Lassalles in dieser Schrift,
+die später von bürgerlichen Schriftstellern als ungewöhnliche
+Vorhersagungen bezeichnet worden sind, finden sich auch in Vogts
+„Studien” und andern aus bonapartistischen Quellen gespeisten
+Pamphleten. Gerade Vogt wußte z. B. schon im Jahre 1859, also noch vor
+der preußischen Heeresreform, daß, wenn Preußen einen deutschen
+Bürgerkrieg für die Herstellung einer einheitlichen deutschen
+Zentralgewalt ins Werk setzen würde, dieser Krieg „nicht so viel Wochen
+kosten würde, als der italienische Feldzug Monate.” („Studien”
+S. 155.) Des weiteren wußte Vogt, daß das Berliner Kabinett Österreich
+im Stich lassen werde, es mußte nach ihm „dem Kurzsichtigsten” klar
+geworden sein, daß ein Einverständnis zwischen Preußens Regierung und
+der kaiserlichen Regierung Frankreichs besteht; daß Preußen nicht zur
+Verteidigung der außerdeutschen Provinzen Österreichs zum Schwerte
+greifen ... jede Teilnahme des Bundes oder einzelner Bundesglieder
+für Österreich verhindern wird, um ... seinen Lohn für diese
+Anstrengungen in norddeutschen Flachlanden zu erhalten. („Studien” S.
+19.) Mehr Vorhersagungen kann man wirklich von einem Propheten nicht
+verlangen.
+
+Allerdings ist dies Programm nicht sofort zur Ausführung gekommen.
+Bismarck, der dazu bereit gewesen wäre, war dem Prinzregenten von
+Preußen noch zu sehr Stürmer, um ihm als Minister des Auswärtigen genehm
+zu sein. Der nachmalige Wilhelm I. schreckte vor dem Gedanken zurück,
+Österreich rundheraus die Bundeshilfe zu versagen. Er stellte seine
+Bedingungen, und als man in Wien nicht auf sie einging, hielt er seine
+Truppen zurück. So „drauf und dran” Österreich zu helfen, wie
+Lassalle eine Zeitlang annahm, war auch er nicht.
+
+„Meine Broschüre ‚Der italienische Krieg und die Aufgabe
+Preußens’” -- schreibt Lassalle unterm 27. Mai 1859 an Marx und
+Engels -- „wird Euch zugekommen sein. Ich weiß nicht, ob Ihr dort
+hinreichend deutsche Zeitungen lest, um mindestens durch diese
+annähernd von der Stimmung hier unterrichtet gewesen zu sein.
+Absolute Franzosenfresserei, Franzosenhaß (Napoleon nur Vorwand, die
+revolutionäre Entwicklung Frankreichs der wirkliche geheime Grund),
+das ist das Horn, in das alle hiesigen Zeitungen blasen, und die
+Leidenschaft, die sie, die nationale Ader anschlagend, ins Herz der
+untersten Volksklassen und der demokratischen Kreise zu gießen
+suchen, und leider mit Erfolg genug. So nützlich ein gegen den Willen
+des Volkes von der Regierung unternommener Krieg gegen Frankreich für
+unsere revolutionäre Entwicklung sein würde, so schädlich müßte ein
+von verblendeter Volkspopularität getragener Krieg auf unsre
+demokratische Entwicklung einwirken. Zu den im 6. Kapitel meiner
+Broschüre in dieser Hinsicht exponierten Gründen kommt dazu, daß man
+schon jetzt den Riß, der uns von unsern Regierungen trennt, ganz und
+gar zuwachsen läßt. Solchem drohenden Unheil fand ich für Pflicht,
+mich entgegenzuwerfen ... Natürlich gebe ich mich keinen Augenblick
+der Täuschung hin, als könnte und würde die Regierung den sub III
+eingeschlagenen Weg ergreifen. Im Gegenteil!... Aber eben um so mehr
+fühlte ich mich gedrungen, diesen Vorschlag zu machen, gerade weil er
+sofort in einen Vorwurf umschlägt. Er kann wie ein Eisblock wirken,
+an dem sich die Wogen dieser falschen Popularität zu brechen
+anfangen.”
+
+Danach kam es Lassalle bei Abfassung seiner Schrift mehr darauf an, die
+revolutionäre als die nationale Bewegung zu fördern, die letztere der
+ersteren zu subordinieren. Der Gedanke an sich war berechtigt, die Frage
+war eben nur, ob das Mittel das richtige war, ob es nicht die nationale
+Bewegung, über deren zeitweilige Berechtigung zwischen Lassalle
+einerseits und Marx und Engels andererseits durchaus keine
+Meinungsverschiedenheit bestand, in falsche Bahnen lenken mußte. Marx
+und Engels behaupteten das. Nach ihrer Ansicht kam es zunächst darauf
+an, den gegen Deutschland als Ganzes geführten Streich durch eine
+gemeinsame Aktion aller Deutschen zurückzuschlagen, und nicht in dem
+Moment, wo ein solcher Schlag geführt wurde, eine Politik selbst nur
+scheinbar zu unterstützen, die zur Zerreißung Deutschlands führen mußte.
+Die Meinungsverschiedenheit zwischen ihnen und Lassalle in dieser Frage
+beruht im wesentlichen darauf, daß sie sie mehr in ihrem weiteren
+historischen und internationalen Zusammenhang betrachteten, während
+Lassalle sich mehr durch die Rücksicht auf die augenblicklichen
+Verhältnisse in der inneren Politik leiten ließ. Daher beging er auch
+die Inkonsequenz, während er in bezug auf Frankreich streng zwischen
+Volk und Regierung unterschied, Österreich und das Haus Habsburg ohne
+weiteres zu identifizieren und die „Zertrümmerung Österreichs” zu
+proklamieren, wo es sich zunächst doch nur um die Zertrümmerung des
+habsburgischen Regierungssystems handeln konnte. In einem seiner Briefe
+an Rodbertus knüpft er an folgenden Satz an, den dieser ihm geschrieben:
+
+ „Und ich hoffe noch die Zeit zu erleben, wo -- die türkische
+ Erbschaft an Deutschland gefallen sein wird und deutsche Soldaten
+ oder Arbeiter-Regimenter am Bosporus stehen”
+
+und sagt:
+
+„Es hat mich zu eigentümlich berührt, als ich in Ihrem letzten
+Schreiben diese Worte las! Denn wie oft habe ich nicht gerade diese
+Ansicht meinen besten Freunden gegenüber vergeblich vertreten und
+mich dafür von ihnen einen Träumer nennen lassen müssen! Die ganze
+Verschiebung der seit 1839 so oft in Angriff genommenen
+orientalischen Frage hat für mich immer nur den vernünftigen Sinn und
+Zusammenhang gehabt, daß die Frage so lange hinausgeschoben werden
+muß, bis der naturgemäße Anwärter, die deutsche Revolution, sie löst!
+Wir scheinen im Geist als siamesische Zwillingsbrüder zur Welt
+gekommen zu sein.” (Briefe von Ferdinand Lassalle an Carl
+Rodbertus-Jagetzow, herausgegeben von Ad. Wagner, Brief vom 8. Mai
+1863.)
+
+Wie Deutschland die türkische Erbschaft antreten sollte, nachdem
+vorher Österreich „zerfetzt, zerstückt, vernichtet, zermalmt”, Ungarn
+und die slawischen Landesteile von Deutsch-Österreich losgerissen
+worden, ist schwer verständlich.
+
+Noch eine andere Stelle aus den Briefen an Rodbertus gehört hierher:
+
+„Wenn ich etwas in meinem Leben gehaßt habe, ist es die kleindeutsche
+Partei. Alles Kleindeutsche ist Gothaerei und Gagerei (von Gagern, dem
+‚Staatsmann’ der Kleindeutschen, abgeleitet) und reine Feigheit. Vor
+1½ Jahren hielt ich hier einmal bei mir eine Versammlung meiner
+Freunde ab, worin ich die Sache so formulierte: Wir müssen alle wollen:
+Großdeutschland moins les dynasties.”
+
+„Ich habe in meinem Leben kein Wort geschrieben, das der kleindeutschen
+Partei zugute käme, betrachte sie als das Produkt der bloßen Furcht vor:
+Ernst, Krieg, Revolution, Republik und als ein gutes Stück
+Nationalverrat.” (Brief vom 2. Mai 1863.)
+
+Es ist klar, daß, wenn es Lassalle mit dem nationalen Programm, wie er
+es in „Der Italienische Krieg usw.” entwickelte, ernst gewesen wäre,
+er unmöglich die obigen Sätze hätte schreiben können, denn jenes ist
+ganz gewiß kleindeutsch. Er benutzte es vielmehr nur, weil es ihm für
+seine viel weitergehenden politischen Zwecke, für die Herbeiführung
+der Revolution, die die nationale Frage im großdeutschen Sinne lösen
+sollte, zweckmäßig erschien. In den, auf sein Schreiben vom 27. Mai
+1859 folgenden Briefen an Marx und Engels spricht er sich immer
+bestimmter in diesem Sinne aus. Da die meist sehr ausführlichen
+Briefe nun in ihrem vollen Wortlaut zum Abdruck gekommen sind, so
+können wir uns hier auf einige Auszüge und kurze Zusammenfassungen
+beschränken.
+
+Etwa am 20. Juni 1859 (die Lassalleschen Briefe sind sehr oft ohne
+Datum, so daß dieses aus dem Inhalt kombiniert werden mußte) schreibt
+Lassalle an Marx: „Nur in dem populären Kriege gegen Frankreich ...
+sehe ich ein Unglück. In dem bei der Nation unpopulären Kriege aber ein
+immenses Glück für die Revolution ... Die Aufgabe verteilt sich also so,
+daß unsere Regierungen den Krieg machen müssen (und sie werden dies tun)
+und wir ihn unpopularisieren müssen ... Ihr scheint dort, zehn Jahre
+fern von hier, wirklich noch gar keine Ahnung zu haben, wie wenig
+entmonarchisiert unser Volk ist. Ich habe es auch erst in Berlin mit
+Leidwesen gesehen ... Käme nun noch hinzu, daß dem Volk die Überzeugung
+beigebracht wird[6], die Regierung führe diesen Krieg als einen
+nationalen, sie habe sich zu einer nationalen Tat erhoben, so solltet
+Ihr sehen, wie vollständig die Versöhnung würde und wie, gerade bei
+Unglücksfällen, das Band der ‚deutschen Treue’ das Volk an seine
+Regierungen binden würde ...” Was in unserm Interesse liegt, ist
+offenbar etwa folgendes:
+
+„1. daß der Krieg gemacht wird. (Dies besorgen, wie gesagt, unsere
+Regierungen schon von selbst.) Alle Nachrichten, die mir aus guter
+Quelle zukommen, besagen, daß der Prinz drauf und dran sei, für
+Österreich einzutreten.”
+
+Das war, wie oben bemerkt, keineswegs so unbedingt zutreffend.
+
+„2. daß er schlecht geführt wird. (Dies werden unsere Regierungen
+gleichfalls von selbst besorgen, und um so mehr, je weniger das
+Volksinteresse für den Sieg sie unterstützt.)
+
+„3. daß das Volk der Überzeugung sei, der Krieg werde im
+volksfeindlichen, im dynastischen, im kontrerevolutionären Sinne, also
+gegen seine Interessen, unternommen. -- Dies allein können wir besorgen,
+und dies zu besorgen ist daher unsere Pflicht.”
+
+Lassalle geht dann auf die Frage ein, welchen Zweck es haben könne,
+„einen populären Krieg gegen Frankreich bei uns erregen zu wollen”.
+Auch hier aber sind es lediglich zwei Rücksichten, die er als
+maßgebend anerkennt: 1. die Rückwirkung auf die Aussichten der
+revolutionären Parteien hüben und drüben, und 2. die Rückwirkung auf
+die Beziehungen der deutschen Demokratie zur französischen und
+italienischen Demokratie. Die Frage der Interessen Deutschlands als
+Nation berührt er gar nicht. Auf den Vorhalt, daß er dieselbe Politik
+empfehle wie Vogt, der im französischen Solde schreibe, antwortet er:
+„Willst Du mich durch die schlechte Gesellschaft, die ich habe, ad
+absurdum führen? Dann könnte ich Dir das Kompliment zurückgeben, daß
+Du das Unglück hast, diesmal mit Venedey und Waldeck einer Meinung zu
+sein.” Alsdann rühmt er sich, daß seine Broschüre „immens” gewirkt
+habe, „Volks-Zeitung” und „National-Zeitung” hätten zum Rückzug
+geblasen, die letztere „in einer Serie von sechs Leitartikeln eine
+vollständige Schwenkung gemacht”. Daß Lassalle gar nicht darauf kam,
+sich zu fragen, warum denn diese Organe kleindeutscher Richtung sich
+so schnell bekehren ließen!
+
+In einem Brief an Marx von Mitte Juli 1859 -- nach Villafranca -- heißt
+es: „Es ist ganz selbstredend, daß zwischen uns nicht das Prinzip,
+sondern, wie Du sagst und wie ich es nie anders auffaßte, die
+‚passendste Politik’ ... streitig war.” Und um wieder keinen Zweifel
+darüber zu lassen, wie er das meine, setzt er die Worte hinzu: „d. h.
+also doch die zur revolutionären Entwicklung passendste Politik.”
+
+Anfang 1860 an Fr. Engels: „Nur zur Vermeidung von Mißverständnissen
+muß ich bemerken, daß ich übrigens auch im vorigen Jahre, als ich
+meine Broschüre schrieb, sehnlichst wünschte, daß Preußen den Krieg
+gegen Napoleon mache. Aber ich wünschte ihn nur unter der Bedingung,
+daß die Regierung ihn mache, er aber beim Volke so unpopulär und
+verhaßt wie möglich sei. Dann freilich wäre er ein großes Glück
+gewesen. Aber dann mußte die Demokratie gegen, nicht für diesen Krieg
+schreiben und propagieren ... Für die gegenwärtige Lage sind wir
+wahrscheinlich ganz einer Meinung und wohl ebensosehr für die
+zukünftige.”
+
+In dem gleichen Brief kommt Lassalle auch auf die damals gerade
+eingebrachte Militärreorganisations-Vorlage zu sprechen, die bekanntlich
+später zum Konflikt zwischen der Regierung und der liberalen
+Bourgeoisie führte. Die Mobilmachung 1859 hatte die preußische Regierung
+überzeugt, wie wenig schlagfertig die preußische Armee noch war und daß
+durchgreifende Änderungen notwendig waren, um sie in den Stand zu
+setzen, sei es nun gegen Frankreich oder Österreich, mit einiger
+Aussicht auf Erfolg ins Feld zu rücken. Wer es also mit „Preußens
+deutschem Beruf” ernst nahm, der mußte auch in die Heeresreorganisation
+einwilligen oder mindestens objektiv ihre Berechtigung anerkennen, was
+ja auch die Fortschrittler anfangs taten. Hören wir nun Lassalle: „Das
+Gesetz ist schmachvoll! Aufhebung -- völlige, nur verkappte -- der
+Landwehr als letzten demokratischen Restes der Zeit von 1810, Schöpfung
+eines immensen Machtmittels für Absolutismus und Junkertum ist in zwei
+Worten der evidente Zweck desselben. Nie würde Manteuffel gewagt haben,
+so etwas vorzuschlagen! Nie hätte er es durchgesetzt. Wer jetzt in
+Berlin lebt und nicht am Liberalismus stirbt, der wird nie am Ärger
+sterben!”
+
+Schließlich sei noch eine Stelle aus einem Briefe Lassalles an Marx aus
+Aachen vom 11. September 1860 zitiert. Marx hatte u. a. auch in einem
+Briefe an Lassalle auf eine Zirkularnote Gortschakoffs hingewiesen, in
+der ausgeführt worden war, daß, wenn Preußen Österreich gegen Frankreich
+zu Hilfe käme, Rußland seinerseits für Frankreich intervenieren, d. h.
+Preußen _und_ Österreich den Krieg erklären würde. Diese Note sei,
+hatte Marx ausgeführt, erstens ein Beweis, daß es sich um einen Anschlag
+gehandelt habe, bei dem die Befreiung Italiens nur Vorwand, die
+Schwächung Deutschlands aber der wirkliche Zweck war, und sie sei
+zweitens eine unverschämte Einmischung Rußlands in deutsche
+Angelegenheiten, die nicht geduldet werden dürfe. Darauf erwidert nun
+Lassalle, er könne in der Note eine Beleidigung nicht erblicken, aber
+selbst wenn eine solche darin enthalten sei, so treffe sie ja doch nur
+„die deutschen Regierungen”. „Denn, diable! was geht Dich und mich
+die Machtstellung des Prinzen von Preußen an? Da alle seine Tendenzen
+und Interessen gegen die Tendenzen und Interessen des deutschen Volkes
+gerichtet sind, so liegt es vielmehr gerade im Interesse des deutschen
+Volkes, wenn die Machtstellung des Prinzen nach außen so gering wie
+möglich ist.” Man müsse sich also eher solcher Demütigungen freuen und
+sie höchstens in dem Sinne gegen die Regierungen benutzen, wie es die
+Franzosen unter Louis Philipp getan hätten.
+
+Man kann sich wohl nicht „hochverräterischer” ausdrücken, als es hier
+überall geschieht, und diejenigen, die ehedem Lassalle als das Muster
+eines guten Patrioten im nationalliberalen Sinne dieses Wortes der
+Sozialdemokratie von heute gegenüberstellten, haben nach
+Veröffentlichung der Lassalleschen Briefe an Marx und Engels einfach
+einpacken müssen. Die Motive, die Lassalle bei der Abfassung des
+„Italienischen Krieges” leiteten, sind alles andere, nur nicht eine
+Anerkennung der nationalen Mission der Hohenzollern. Weit entfernt, daß
+hier, wie es in den meisten bürgerlichen Biographien heißt, bei Lassalle
+der Parteimann hinter den Patrioten zurücktritt, kann man im Gegenteil
+eher sagen, daß der Parteimann, der republikanische Revolutionär, den
+Patrioten zurückdrängt.
+
+Man könnte freilich mit einem gewissen Schein von Recht die Frage
+aufwerfen: „Ja, wenn der Standpunkt, den Lassalle in seinen Briefen an
+Marx entwickelt, so grundverschieden ist von dem, den er in der
+Broschüre vertritt, wer garantiert dann, daß der erstere der wirklich
+von Lassalle im Innersten seines Herzens eingenommene ist? Kann Lassalle
+nicht, da er doch das eine Mal sein wahres Gesicht verhüllt, dies Marx
+gegenüber getan haben?” Gegen diese Annahme sprechen aber so viele
+Gründe, daß es kaum der Mühe lohnt, sich mit ihr zu belassen. Der
+wichtigste ist der, daß der Widerspruch zwischen Broschüre und Briefen
+schließlich doch nur ein scheinbarer ist. Wo Lassalle in der Broschüre
+etwas sagt, was sich nicht mit den in seinen Briefen entwickelten Ideen
+deckt, da spricht er immer nur hypothetisch mit einem großen „Wenn”,
+und diesem Wenn stellt er am Schluß ein „Wenn aber nicht, dann”
+gegenüber, und formuliert dieses „Dann” so: „So wird damit nur aber
+und aber bewiesen sein, daß die Monarchie in Deutschland einer
+nationalen Tat nicht mehr fähig ist.” Die positiven Behauptungen in
+der Broschüre hält er aber alle auch in den Briefen aufrecht. Er meint
+es vollkommen aufrichtig mit der, den Hauptinhalt der Broschüre
+ausmachenden Darlegung, daß die Demokratie -- worunter er die
+Gesamtheit der entschiedenen Oppositionsparteien verstand -- den Krieg
+gegen Frankreich nicht gutheißen dürfe, weil sie sich dadurch mit den
+Unterdrückern Italiens identifiziere, und es war ihm ferner durchaus
+ernst mit dem Wunsche der Zertrümmerung Österreichs. Bis soweit ist
+denn auch die Broschüre, ob man nun den in ihr entwickelten Standpunkt
+für richtig hält oder nicht, als subjektive Meinungsäußerung
+vollkommen berechtigt.
+
+Anders mit dem Schlußkapitel. Dort treibt Lassalle eine Diplomatie, die
+gerade er in seinem Kommentar zum Franz von Sickingen als verwerflich
+bekämpft hatte. Auch der demokratische Politiker braucht nicht in jedem
+Zeitpunkt seine letzten Absichten auszuposaunen. Aber es steht ihm nicht
+an und bringt ihn in eine falsche Lage, wenn er für eine Politik
+eintritt, von der er nicht auch will, daß sie befolgt werde. Das jedoch
+tut Lassalle. Der uneingeweihte Leser seiner Schrift mußte glauben, er
+wünsche nichts sehnlicher, als daß die preußische Regierung die darin
+von ihm entwickelte Politik befolge. Wohl konnte er sich darauf berufen,
+daß er sicher war, die preußische Regierung werde diese Politik nicht
+befolgen. Damit war aber das Doppelspiel sicherlich nicht
+gerechtfertigt. Das Advokatenstück, eine Sache nur deshalb zu
+empfehlen, weil man zu wissen glaubt, daß sie doch nicht geschieht, ist
+ein durchaus falsches Mittel der Politik, nur geeignet, die eigenen
+Anhänger irrezuführen, was ja später auch in diesem Falle eingetreten
+ist. Das Beispiel, auf das Lassalle sich für seine Taktik beruft, ist
+das denkbar unglücklichste. Die Art, wie die republikanische Opposition
+in Frankreich unter Louis Philipp, die Herren vom „National”,
+auswärtige Politik machten, ebnete später dem Mörder der Republik, dem
+Bonapartismus, die Bahn. Wie die „reinen Republikaner” die
+napoleonische Legende gegen Louis Philipp, so glaubte Lassalle die
+friderizianische Legende gegen die damalige preußische Regierung
+ausspielen zu können. Aber die friderizianische Tradition, wenigstens
+soweit sie hier in Betracht kam, war keineswegs von der preußischen
+Regierung aufgegeben, und statt gegen die Hauspolitik der
+Hohenzollern, machte Lassalle Propaganda für sie.
+
+Wie diese später, sobald Preußen sich dazu militärisch stark genug
+fühlte, energisch aufgenommen wurde, wie sie zunächst zum Bürgerkrieg
+zwischen Nord- und Süddeutschland führte, wie Österreich glücklich aus
+dem deutschen Bund herausgedrängt und die „Einigung”
+Rumpf-Deutschlands alsdann vollzogen wurde, haben wir gesehen, aber
+diese Realisierung des im „Italienischen Krieg” entwickelten Programms
+verhält sich zu der Lösung, die Lassalle vorschwebte, wie in der
+Lessingschen Fabel das Kamel zum Pferd[7].
+
+[Wohin hat uns die preußische Lösung der deutschen Frage gebracht?
+Österreichs Verdrängung aus dem deutschen Bund hat die panslawistische
+Propaganda im höchsten Grade gefördert, die österreichische Regierung
+muß heute den Slawen eine Konzession nach der andern machen, und diese
+traten infolgedessen mit immer größeren Ansprüchen auf. Wo sie früher
+mit Anerkennung ihrer Sprache und Nationalität zufrieden gewesen wären,
+wollen sie heute herrschen und unterdrücken; in Prag, heute eine
+tschechische Stadt, fraternisierten Tschechen und französische
+Chauvinisten und toastierten auf den Kampf wider das Deutschtum. Die
+Angliederung der deutschen Landesteile Österreichs an Deutschland wird
+früher oder später freilich doch erfolgen, aber unter zehnfach
+ungünstigeren Verhältnissen als vor der glorreichen Herauswerfung
+Österreichs aus dem deutschen Bunde. Vorläufig muß das Deutsche Reich
+ruhig zusehen, wie in jenen Landesteilen die Slawisierung immer weiter
+um sich greift, denn die Bismarckische Art der Einigung Deutschlands hat
+Rußland so stark gemacht, daß die deutsche Politik wieder das größte
+Interesse an der Erhaltung selbst dieses Österreichs hatte. Etwas ist
+immer noch besser als gar nichts. Und freilich, solange in Rußland der
+Zarismus mit seinen panslawistischen Aspirationen herrscht, so lange
+mag das heutige Österreich als Staat noch eine Berechtigung haben.]
+
+Lassalle wollte natürlich ganz etwas anderes als die bloße
+Herausdrängung Österreichs aus dem Reiche. Er wollte die Zertrümmerung,
+die Vernichtung Österreichs, dessen deutsche Länder einen integrierenden
+Teil der einen und unteilbaren deutschen Republik bilden sollten. Aber
+um so weniger durfte er auch nur zum Schein ein Programm aufstellen,
+dessen unmittelbare Folge der Bürgerkrieg in Deutschland sein mußte, ein
+Krieg von Norddeutschland gegen Süddeutschland, dessen Bevölkerung 1859
+ganz entschieden auf seiten Österreichs stand. Nur Lassalles starke
+Geneigtheit, dem jeweilig verfolgten Zweck alle außer ihm liegenden
+Rücksichten zu opfern, erklärt dieses Zurückgreifen auf eine Diplomatie,
+die er noch soeben im „Franz von Sickingen” aufs schärfste verurteilt
+hatte.
+
+Hinzu kam bei Abfassung der Broschüre der leidenschaftliche Drang, in
+die aktuelle Politik einzugreifen. Er spricht sich immer und immer
+wieder in seinen Briefen aus. Wenn Lassalle um jene Zeit die Beteiligung
+an irgendeiner Sache mit dem Hinweis auf seine wissenschaftlichen
+Arbeiten, die er noch vorhabe, ablehnt, so geschieht es mit dem
+Vorbehalt: Aber wenn sich eine Möglichkeit bietet, unmittelbar auf die
+revolutionäre Entwicklung einzuwirken, dann lasse ich auch die
+Wissenschaft liegen. So hatte er auch am 21. März 1859 an Fr. Engels
+geschrieben:
+
+„Vielmehr werde ich beim nationalökonomischen und
+geschichtsphilosophischen Fache -- ich meine Geschichte im Sinne von
+sozialer Kulturentwicklung -- von nun an wohl verbleiben, wenn nicht,
+was freilich sehr zu hoffen wäre, der endliche Beginn praktischer
+Bewegungen alle größere theoretische Tätigkeit sistiert.”
+
+„Wie gerne will ich ungeschrieben lassen, was ich etwa weiß, wenn es
+dafür gelingt, einiges von dem zu tun, was wir (Partei-Plural) können.”
+
+Und sechs Wochen, nachdem er das geschrieben, sollte Lassalle ins
+monarchistisch-kleindeutsche Lager abgeschwenkt sein? Nein, seine
+Diplomatie war falsch, aber seine Absicht war die alte geblieben: die
+Revolution für die eine und unteilbare deutsche Republik. Sie ist
+gemeint, wenn er der Schrift das Motto aus dem Virgil voransetzt:
+Flectere si nequeo superos acheronta movebo -- wenn ich die Götter --
+die Regierung -- nicht beeinflussen kann, werde ich den „Acheron” --
+das Volk -- in Bewegung setzen.
+
+ * * * * *
+
+Die nächste Publikation, die Lassalle dem „Italienischen Krieg usw.”
+folgen ließ, war ein Beitrag für eine Zeitschrift in Buchform, die der
+demokratische Schriftsteller Ludwig Walesrode unter dem Titel
+„Demokratische Studien” im Sommer 1860 herausgab. Es ist dies der
+später als Broschüre herausgegebene Aufsatz: „Fichtes politisches
+Vermächtnis und die neueste Gegenwart.” Man könnte ihn als ein
+Nachwort zu „Der italienische Krieg usw.” bezeichnen, in welchem
+Lassalle das offen heraussagt, was er dort zu verhüllen für gut
+befunden. Das „politische Vermächtnis” Fichtes ist, wie Lassalle unter
+Vorführung eines im Fichteschen Nachlaß vorgefundenen Entwurfs zu
+einer politischen Abhandlung darlegt, der Gedanke der Einheit
+Deutschlands als unitarische Republik. Anders sei die Verwirklichung
+der Einheit Deutschlands überhaupt nicht möglich. Bei einer Eroberung
+Deutschlands durch irgendeinen der bestehenden deutschen Staaten würde
+„nicht Deutschland hergestellt, sondern nur die anderen Stämme durch
+die gewaltsame Aufdrängung des spezifischen Hausgeistes unter die
+Besonderheit desselben gebracht, preußifiziert, verbayert,
+verösterreichert!” ... „Und indem so auch noch diejenige Ausgleichung
+fortfiele, welche jetzt noch in dem Dasein der verschiedenen
+Besonderheiten liegt,” schreibt er, „würde gerade dadurch das deutsche
+Volk auch noch in seiner geistigen Wurzel aufgehoben.”
+
+„Die Eroberung Deutschlands, nicht im spezifischen Hausgeiste, sondern
+mit freiem Aufgehen desselben in den nationalen Geist und seine Zwecke,
+wäre freilich ein ganz anderes! Aber die Idealität dieser Entschließung
+ist es geradezu töricht von Männern zu verlangen” -- es ist von den
+deutschen Fürsten, speziell vom König von Preußen, die Rede -- „deren
+geistige Persönlichkeit doch wie die aller anderen ein bestimmtes
+Produkt ihrer Faktoren in Erziehung, Tradition, Neigung und Geschichte
+ist und die dies daher ebensowenig leisten können, als es einer von uns
+anderen leisten würde, wenn seine Bildung und Erziehung ausschließlich
+durch dieselben Faktoren bestimmt worden wäre.”
+
+Dies sind die letzten eigenen Ausführungen Lassalles in dem Aufsatze. Es
+folgen dann nur noch Darlegungen Fichtes, daß und warum die Einheit
+Deutschlands nur möglich sei auf Grundlage der „ausgebildeten
+persönlichen Freiheit”, und daß gerade deshalb die Deutschen „im
+ewigen Weltenplane” berufen seien, ein „wahrhaftes Reich des Rechts”
+darzustellen, ein Reich der „Freiheit, gegründet auf Gleichheit alles
+dessen, was Menschenantlitz trägt”. Und „ferne sei es von uns, die
+unerreichbare Gewalt dieser Worte durch irgendwelche Hinzufügungen
+abschwächen zu wollen,” schließt Lassalle. Dann, zum Verleger
+gewendet: „Habe ich nun, geehrter Herr, auch Ihrem Wunsche” -- einen
+Artikel über eine „brennende Tagesfrage” zu schreiben -- „nicht
+buchstäblich entsprochen, so ist doch, denke ich, Ihr Zweck erfüllt --
+wie der meinige.”
+
+Welches aber war Lassalles Zweck bei der Veröffentlichung des Aufsatzes,
+der das Datum: Januar 1860, trägt? Auch darüber gibt ein Brief an Marx
+uns Auskunft. Unter dem 14. April 1860 legt Lassalle diesem dar, warum
+er, obwohl seine ganze Zeit zur Fertigstellung eines großen Werkes in
+Anspruch genommen sei, Walesrodes Einladung angenommen habe. Erstens
+habe er in diesem einen sehr redlichen Mann gefunden, der mutvoll und
+tapfer, wie auch seine verdienstliche Broschüre „Politische
+Totenschau” zeige, wohl verdiene, daß man etwas für ihn tue. Dann aber
+heißt es weiter:
+
+„Endlich konnte das Taschenbuch doch vielleicht einigen entwickelnden
+Einfluß auf unsere deutschen Philister ausüben, und schlug ich aus, so
+kam der Auftrag jedenfalls an einen weit weniger entschiedenen, ja ganz
+unbedingt an einen mit monarchischem oder ähnlichem Demokratismus oder
+klein-deutschen Ideen Liebäugelnden, während mir der Auftrag die
+Möglichkeit bot, wieder einmal einen echt republikanischen Feldruf
+ertönen zu lassen und so im Namen unserer Partei von einem Buche Besitz
+zu ergreifen, welches, wie ich mir vorstelle, nach seinem sonstigen
+Inhalt, obgleich ich weder über diesen noch seine Mitarbeiter Näheres
+weiß, schwerlich zur Verbreitung unserer Ideen und des Einflusses
+unserer Partei beigetragen hätte.
+
+„So schreiben-wollend und nicht wollend entstand ein Artikel, von dem
+ich mir, speziell um ihn Dir zu überschicken, einen besonderen Abzug
+kommen ließ. (Das Buch erscheint erst zur Oktobermesse.) Ich schicke ihn
+gleichzeitig mit diesem Brief, bitte Dich, ihn zu lesen und dann an
+Engels zu senden und endlich mir zu schreiben, ob er Dir gefallen.
+
+„Ich glaube, daß er mitten in diesem widrigen gothaischen Gesumme doch
+immerhin den erfrischenden Eindruck macht, daß hinter den Bergen auch
+noch Leute, daß eine republikanische Partei noch lebt, den Eindruck
+eines Trompetenstoßes.”
+
+Das Werk, an dessen Fertigstellung F. Lassalle damals arbeitete, war das
+„System der erworbenen Rechte”. Drollig und doch wieder für jeden, der
+sich mit größeren Arbeiten beschäftigt, ungemein verständlich klingt die
+Klage Lassalles, die Arbeit ziehe sich so lange hin, daß er „bereits
+einen intensiven Haß gegen sie bekommen habe”. Aber das „verm--
+Werk”, wie er es an einer anderen Stelle in demselben Briefe nennt,
+sollte auch in den drei Monaten, die er sich nun als Termin stellt,
+noch nicht fertig werden.
+
+Lassalle litt im Jahre 1860 wieder stark an Anfällen jener chronischen
+Krankheit, von der er bereits in der Düsseldorfer Assisenrede spricht,
+und die ihn periodisch immer wieder heimsuchte. „Ich war und bin noch
+recht krank”, fängt ein Brief an, der Ende Januar 1860 geschrieben sein
+muß, „ich war von neuem krank und schlimmer als früher”, beginnt der
+obenzitierte Brief. „Habe ich mich in der letzten Zeit überarbeitet oder
+rächt sich nun zu lange Vernachlässigung”, heißt es weiter, „kurz,
+es scheint als ob meine Gesundheit aufgehört habe, der unverwüstliche
+Fels zu sein, auf den ich sonst so zuversichtlich pochen konnte.” Um
+sich gründlich zu heilen, ging Lassalle im Sommer desselben Jahres
+nach Aachen. Dort machte er die Bekanntschaft einer jungen Russin,
+Sophie von Sontzew, die ihren Vater, der ebenfalls einer Kur bedürftig
+war, nach Aachen begleitet hatte, und diese Dame nahm Lassalle so für
+sich ein, daß er ihr noch in Aachen einen Heiratsantrag machte, den
+aber Fräulein von Sontzew nach einigen Wochen Bedenkzeit ablehnte.
+
+Es sind über diese Episode aus dem bewegten Leben Lassalles fast nur die
+Aufzeichnungen bekannt geworden, die das damalige Fräulein von Sontzew,
+später die Gattin eines Gutsbesitzers in Südrußland, im Jahre 1877 in
+der Petersburger Revue „Der Europäische Bote” veröffentlicht hat, und
+von denen eine Übersetzung ins Deutsche ein Jahr darauf im Verlage von
+F. A. Brockhaus in Leipzig erschien[8]. Die eigentliche Liebesaffäre ist
+nicht besonders interessant. Es geht alles ungemein korrekt zu. Sophie
+von Sontzew schreibt, daß Lassalle zwar einen großen Eindruck auf sie
+gemacht, daß sie auch vorübergehend geglaubt habe, ihn lieben zu können,
+es seien aber stets sofort wieder Zweifel in ihr aufgetaucht, bis sie
+sich schließlich darüber klar geworden sei, daß eine Liebe, die
+zweifelt, keine Liebe sei -- vor allem keine Liebe, wie Lassalle sie
+unter Hinweis auf die Kämpfe beanspruchte, die die Zukunft ihm bringen
+werde. Vielleicht, daß auch die Aussicht gerade auf diese Kämpfe die
+junge Dame mehr schreckte, als sie zugesteht -- Tagebuchgeständnisse und
+Memoiren sagen bekanntlich nie die volle Wahrheit. Auf der andern Seite
+scheint uns die Auffassung, die es dem damaligen Fräulein von Sontzew
+beinahe als ein Verbrechen anrechnet, von Lassalle geliebt worden zu
+sein, ohne seine Liebe zu erwidern, etwas gar zu sentimental. Die Dame
+hatte ein unbestrittenes Recht, ihr Herz nicht zu verschenken, auch
+wußte Lassalle sich, so stürmisch seine Werbungen gewesen, über den
+Mißerfolg bald zu trösten.
+
+Weit interessanter als die eigentliche Liebesaffäre sind die aus Anlaß
+dieser geschriebenen Briefe Lassalles an Sophie von Sontzew, und vor
+allem der schon früher erwähnte, als „Seelenbeichte” bezeichnete,
+mehr als 35 Druckseiten ausfüllende Manuskriptbrief. Dieser ist eines
+der interessantesten Dokumente für die Charakteristik Lassalles. Sehen
+wir in dessen erstem Tagebuch den zum Jüngling heranreifenden Knaben,
+so sehen wir hier den zum Mann herangereiften Jüngling sein Ich
+bloßlegen. Freilich gilt auch in diesem Falle das oben von solchen
+Bekenntnissen Gesagte, aber einer der hervorstechendsten Charakterzüge
+Lassalles ist seine -- man könnte fast sagen, unbewußte
+Wahrhaftigkeit. Lassalle war, wie schon seine beständige Neigung,
+ins Pathetische zu verfallen, zeigt, eine theatralisch angelegte
+Natur. Er schauspielerte gern ein wenig und war viel zu sehr
+Gesellschaftsmensch, um darin ein Unrecht zu erblicken, wenn er die
+Sprache nach dem Rezept Talleyrands dazu verwendete, seine Gedanken zu
+verbergen. Aber es war ihm doch nicht möglich, sich als Mensch anders
+zu geben, als er wirklich war. Seine Neigungen und Leidenschaften
+waren viel zu stark, als daß sie sich nicht überall verraten hätten,
+seine Persönlichkeit viel zu ausgeprägt, um nicht durch jedes Gewand,
+in dem er auftreten mochte, hindurchzublicken. So schaut auch aus dem
+Bilde, das Lassalle für Sophie von Sontzew von sich entwirft, obwohl
+es eine Schilderung gibt, wie er dem jungen Mädchen erscheinen wollte,
+der richtige Lassalle heraus, mit seinen Vorzügen und seinen Fehlern.
+
+Auf Schritt und Tritt kommt hier sein hochgradiges Selbstvertrauen und
+seine Einbildungskraft zum Ausdruck. Es wurde schon erzählt, wie er in
+diesem Manuskript sich im Glanze seines zukünftigen Ruhmes sonnt, sich
+als der Führer einer Partei hinstellt, die in Wirklichkeit noch gar
+nicht existierte, die Aristokratie und Bourgeoisie ihn fürchten und
+hassen läßt, wo zur Furcht und zum Haß damals jeder Anlaß fehlte. Ebenso
+übertreibt er seine schon erzielten Triumphe. „Nichts, Sophie,”
+schreibt er über den Erfolg der Kassettenrede, „kann Ihnen auch nur
+annähernd eine Vorstellung von dem elektrischen Eindruck geben, den
+ich hervorbrachte. Die ganze Stadt, die Bevölkerung der ganzen Provinz
+schwamm sozusagen auf den Wogen des Enthusiasmus ... alle Klassen,
+die ganze Bourgeoisie war trunken vor Enthusiasmus ... dieser Tag
+verschafft mir in der Rheinprovinz den Ruf eines Redners ohnegleichen
+und eines Mannes von unbegrenzter Energie, und die Zeitungen trugen
+diesen Ruf durch die ganze Monarchie ... Seit diesem Tage erkannte
+mich die demokratische Partei in der Rheinprovinz als ihren
+Hauptführer an.” Dann schreibt er vom Düsseldorfer Prozeß, daß er aus
+diesem „mit nicht weniger Glanz” hervorging. „Ich werde Ihnen meine
+Rede aus diesem Prozesse geben, da diese gleichfalls gedruckt ist; sie
+wird Sie amüsieren.” Daß er die Rede gar nicht gehalten hat, schreibt
+er nicht.
+
+Neben diesen Zügen einer wahrhaft kindlichen oder kindischen Eitelkeit
+fehlen aber auch nicht solche eines berechtigten, weil auf Grundsätzen,
+statt auf äußeren Ehren, beruhenden Stolzes, und durch den ganzen Brief
+hindurch klingt der Ton einer echten Überzeugung. Selbst wenn Lassalle
+von dem „Glanz” spricht, mit dem der Eintritt „gewisser Ereignisse”
+-- der erwarteten Revolution -- das Leben seiner zukünftigen Frau
+ausstatten würde, setzt er sofort hinzu: „Aber, nicht wahr, Sophie,
+mit so großen Dingen, die das Ziel der Anstrengungen des ganzen
+Menschengeschlechts bilden, darf man nicht eine bloße Spekulation auf
+individuelles Glück machen?” -- und bemerkt weiter: „Deshalb darf man
+in keiner Weise darauf rechnen.”
+
+Noch in einer anderen Hinsicht ist die „Seelenbeichte” Lassalles von
+Interesse. Er spricht sich darin sehr ausführlich über sein Verhältnis
+zur Gräfin Hatzfeldt aus. Mag nun auch manches in bezug auf seine
+früheren Beziehungen zu dieser Frau idealisiert sein, so ist doch soviel
+sicher, daß Lassalle keinen Grund hatte, einem Mädchen, um das er gerade
+warb und das als Gattin heimzuführen er so große Anstrengungen machte,
+seine derzeitigen Empfindungen für die Gräfin, soweit sie über die der
+Achtung und Dankbarkeit hinausgingen, stärker zu schildern, als sie
+wirklich waren. Tatsächlich ergeht sich Lassalle nun in dem Brief in
+Ausdrücken geradezu leidenschaftlicher Zärtlichkeit für die Gräfin. Er
+liebe sie „mit der zärtlichsten Liebe eines Sohnes, die je existiert
+hat”, noch „dreimal mehr wie seine zärtlich geliebte Mutter”. Er
+verlangt von Sophie, daß sie, wenn sie ihn zum Mann nehme, die Gräfin
+„mit der wahren Zärtlichkeit einer Tochter” liebe, und hofft, obwohl
+die Gräfin „außerordentlich zartfühlend” sei und, ehe sie nicht
+wisse, ob Sophie Sontzew sie auch liebe, nicht bei dem jungen Paar
+werde wohnen wollen, sie doch dazu bestimmen zu können, -- um „alle
+drei glücklich und vereint zu leben”[9].
+
+Daraus geht hervor, daß diejenigen, die die Sache so hinstellen, als
+habe sich die Gräfin Hatzfeldt damals in Berlin und später Lassalle
+einer Klette gleich aufgedrungen, jedenfalls maßlos übertrieben haben.
+Die Hatzfeldt hatte ihre großen Fehler und ihre Freundschaft ist
+Lassalle unseres Erachtens nach mehreren Richtungen hin äußerst
+verderblich gewesen, aber gerade weil wir dieser Ansicht sind, halten
+wir es für unsere Pflicht, da, wo dieser Frau Unrecht geschehen, dem
+entgegenzutreten. Nichts abgeschmackter als die, von verschiedenen
+Schriftstellern dem bekannten Beckerschen Pamphlet nachgeschriebene
+Behauptung, Lassalle habe sich später in die Dönniges-Affäre gestürzt,
+um die Hatzfeldt loszuwerden.
+
+Sophie Sontzew spricht sich übrigens über den Eindruck, den die Gräfin
+Hatzfeldt persönlich auf sie gemacht habe, nur günstig aus.
+
+Drei Briefe Lassalles an Marx datieren aus der Zeit seines damaligen
+Aufenthalts in Aachen. Natürlich ist in keinem von der Liebesaffäre mit
+der Sontzew die Rede. Nur einige Bemerkungen in einem der Briefe über
+die Verhältnisse am russischen Hofe lassen auf die Sontzews als Quelle
+schließen. Aber die Briefe enthalten sonst ziemlich viel des
+Interessanten, und eine Stelle in einem davon ist ganz besonders
+bemerkenswert, weil sie zeigt, wie Lassalle selbst zu einer Zeit, wo er
+in Berlin noch mit den Führern der liberalen Opposition auf bestem Fuße
+stand, über die damalige liberale Presse und über den von den Liberalen
+in den Himmel gehobenen preußischen Richterstand dachte. Da sie ebenso
+kurz wie drastisch ist, mag sie hier einen Platz finden.
+
+Marx hatte den Redakteur der Berliner National-Zeitung, Zabel, der ihn,
+unter Benutzung des gegen ihn gerichteten Vogtschen Pamphlets der
+infamierendsten Handlungen verdächtigt hatte, wegen Verleumdung zur
+Rechenschaft ziehen wollen, war aber in drei Instanzen, noch ehe es zum
+Prozeß kam, abgewiesen worden. Die betreffenden Richter am Stadtgericht,
+am Kammergericht und am Obertribunal in Berlin fanden nämlich, daß wenn
+Zabel alle diese Verleumdungen Vogts über Marx wiederholt und sie dabei
+noch übertrumpft hatte, er dabei durchaus nicht die Absicht gehabt haben
+konnte, Marx zu beleidigen. Ein solches Rechtsverfahren nun hatte Marx
+selbst in Preußen für unmöglich gehalten, und er schrieb das auch an
+Lassalle, worauf ihm dieser, der Marx von Anfang an vom Prozeß abgeraten
+hatte, weil doch auf Recht nicht zu hoffen sei, wie folgt antwortete:
+
+„Du schreibst, nun wüßtest Du, daß es von den Richtern abhängt bei
+uns, ob es ein Individuum überhaupt nur bis zum Prozeß bringen kann!
+Lieber, was habe ich Dir neulich einmal Unrecht getan, als ich in
+einem meiner Briefe sagte, daß Du zu schwarz siehst! Ich schlage ganz
+reuig an meine Brust und nehme das gänzlich zurück. Die preußische
+Justiz wenigstens scheinst Du in einem noch viel zu rosigen Lichte
+betrachtet zu haben! Da habe ich noch ganz andere Erfahrungen an
+diesen Burschen gemacht, noch ganz anders starke Beweise für diesen
+Satz, und noch ganz anders starke Fälle überhaupt an ihnen erlebt, und
+zwar zu dreimal drei Dutzenden und in Straf- wie besonders sogar in
+reinen Zivilprozessen ... Uff! Ich muß die Erinnerung daran gewaltsam
+unterdrücken. Denn wenn ich an diesen zehnjährigen täglichen
+Justizmord denke, den ich erlebt habe, so zittert es mir wie
+Blutwellen vor den Augen und es ist mir, als ob mich ein Wutstrom
+ersticken wollte! Nun, ich habe das alles lange bewältigt und
+niedergelebt, es ist Zeit genug seitdem verflossen, um kalt darüber zu
+werden, aber nie wölbt sich meine Lippe zu einem Lächeln tieferer
+Verachtung, als wenn ich von Richtern und Recht bei uns sprechen höre.
+Galeerensträflinge scheinen mir sehr ehrenwerte Leute im Verhältnis zu
+unsern Richtern zu sein.
+
+„Nun aber, Du wirst sie fassen dafür, schreibst Du. ‚Jedenfalls,’
+sagst Du, ‚liefern mir die Preußen so ein Material in die Hand, dessen
+angenehme Folgen in der Londoner Presse sie bald merken sollen!’ Nein,
+lieber Freund, sie werden gar nichts merken. Zwar zweifle ich nicht,
+daß Du sie in der Londoner Presse darstellen und vernichten wirst.
+Aber merken werden sie nichts davon, gar nichts, es wird sein, als
+wenn Du gar nicht geschrieben hättest. Denn englische Blätter liest
+man bei uns nicht, und, siehst Du, von unseren deutschen Zeitungen
+wird auch keine einzige davon Notiz nehmen, keine einzige auch nur ein
+armseliges Wörtchen davon bringen. Sie werden sich hüten! Und unsere
+liberalen Blätter am allermeisten! Wo werden denn diese Kalbsköpfe ein
+Wörtchen gegen ihr heiligstes Palladium, den ‚preußischen
+Richterstand’ bringen, bei dessen bloßer Erwähnung sie vor Entzücken
+schnalzen -- sie sprechen schon das Wort nie anders als mit zwei
+vollen Pausbacken aus -- und vor Respekt mit dem Kopf auf die Erde
+schlagen! O, gar nichts werden sie davon bringen, es von der Donau bis
+zum Rhein und soweit sonst nur immer ‚die deutsche Zunge reicht’,
+ruhig totschweigen! Was ist gegen diese Preßverschwörung zu machen?
+O, unsere Polizei ist, man sage was man will, noch immer ein viel
+liberaleres Institut als unsere Presse! Es ist -- hilf Himmel!
+ich weiß wirklich keinen anderen Ausdruck für sie -- es ist die
+reine ......”
+
+Das Wort, das Lassalle hier braucht, ist zu burschikos, um es im Druck
+wiederzugeben, der Leser mag es nach Belieben selbst ergänzen.
+
+Im Jahre 1861 veröffentlichte Lassalle im zweiten Band der
+Demokratischen Studien einen kleinen Aufsatz über Lessing, den er
+bereits 1858, beim Erscheinen des Stahrschen Buches: „Lessings Leben und
+Werke” geschrieben, und ließ endlich sein großes rechtsphilosophisches
+Werk „Das System der erworbenen Rechte” erscheinen.
+
+Der Aufsatz über Lessing ist verhältnismäßig unbedeutend. Er ist noch
+vorwiegend in althegelianischer Sprache gehalten und lehnt sich sachlich
+sehr stark an die Ausführungen an, die Heine in „Über Deutschland”
+mit Bezug auf Lessings Bedeutung für die Literatur und das öffentliche
+Leben in Deutschland abgibt. Wie Heine feiert auch Lassalle Lessing
+als den zweiten Luther Deutschlands, und wenn er am Schluß des
+Aufsatzes unter Hinweis auf die große Ähnlichkeit der Situation des
+derzeitigen Deutschland mit der zur Zeit Lessings ausruft: „ähnliche
+Situationen erzeugen ähnliche Charaktere”, so mag ihm da wohl Heines
+Ausspruch vorgeschwebt haben: „Ja, kommen wird auch der dritte Mann,
+der da vollbringt, was Luther begonnen, was Lessing fortgesetzt, und
+dessen das deutsche Vaterland so sehr bedarf -- der dritte Befreier!”
+War es doch sein höchstes Streben, selbst dieser dritte Befreier zu
+werden. Wie im Hutten des „Franz von Sickingen”, so spiegelt sich auch
+im Lessing dieses Aufsatzes Lassalles eigene Gedankenwelt wider. Es
+fehlt selbst die Apotheose des Schwertes nicht. „Allein wenn wir den
+Begriff Lessings durch die Gebiete der Kunst, Religion, Geschichte
+durchgeführt haben, wie ist es mit der Politik?” fragt Lassalle, und
+um denjenigen, die nach Lessings Stellungnahme auf den vorerwähnten
+Gebieten darüber noch nicht im klaren seien, die letzten Zweifel zu
+lösen, zitiert er aus den Lessingschen Fragmenten zum „Spartakus” eine
+Stelle, wo Spartakus auf die höhnende Frage des Konsuls: „Ich höre,
+du philosophierst, Spartakus”, zurückgibt:
+
+ „Wo du nicht willst, daß ich philosophieren soll -- Philosophieren,
+ es macht mich lachen! -- Nun wohlan! Wir wollen fechten!”
+
+Zwei Dezennien darauf sei in der französischen Revolution diese
+Prophezeiung Lessings eingetroffen. Und dieser Ausgang werde nach Stahr
+„wohl auch das Ende vom Liede sein in dem Handel zwischen dem Spartakus
+und dem Konsul der Zukunft”.
+
+
+Fußnoten:
+
+ [4] Daß Vogt verdächtig war, hatte Lassalle, der ursprünglich Vogt in
+ Schutz genommen, schon früher zugegeben.
+
+ [5] Desgleichen auch in einer zweiten Broschüre von Engels „Savoyen,
+ Nizza und der Rhein”. Lassalle hatte in seiner Broschüre die Annexion
+ Savoyens an Frankreich als eine ganz selbstverständliche und, wenn
+ Deutschland eine dieser Vergrößerung aufwiegende Kompensation
+ erhielte, „ganz unanstößige” Sache hingestellt. Engels weist nun
+ nach, welche außerordentlich starke militärische Position der Besitz
+ Savoyens Frankreich Italien und der Schweiz gegenüber verschaffe,
+ was doch auch in Betracht zu ziehen war. Sardinien gab Savoyen
+ preis, weil es im Moment mehr dafür eintauschte, die Schweizer waren
+ aber durchaus nicht erbaut von dem Handel, und ihre Staatsmänner,
+ Stämpfli, Frey-Herosé u. a., taten ihr möglichstes, die Überlieferung
+ des bisher neutralen Savoyer Gebiets in französische Hände zu
+ verhindern. Im „Herr Vogt” kann man nachlesen, durch welche Manöver
+ die bonapartistischen Agenten in der Schweiz jene Bemühungen
+ hintertrieben. Alles übrige sagt ein einfacher Blick auf die
+ Landkarte.
+
+ [6] Hierzu macht Lassalle in Klammern die Bemerkung: „Nur daß zum
+ Glück auch Ihr ihm dieselbe nicht beibringen werdet, und darum
+ erscheint mir der revolutionäre Nutzen allerdings als gesichert.”
+ Wenn dem aber so war, wozu dann erst die Broschüre?
+
+ [7] Auf diesen Satz folgte in der ersten Auflage die oben in
+ griechische Klammern gesetzte Betrachtung, die nicht nur durch die
+ russische Revolution mit der Auflösung des russischen Imperiums den
+ größten Teil ihrer sachlichen Bedeutung verloren hat, sondern die
+ auch Wendungen enthält, zu denen ich mich grundsätzlich nicht mehr
+ bekennen kann. Ich habe sie nur deshalb nicht ganz weggestrichen,
+ weil sie immerhin erkennen läßt, wie sich zur Zeit, wo sie
+ geschrieben wurde -- 1891 -- nach meiner Ansicht die durch 1866
+ geschaffene Lage unter deutschem Gesichtspunkt darstellte.
+
+ In der englischen Ausgabe hat die Betrachtung eine redaktionelle
+ Abänderung erfahren, die mir deshalb der Erwähnung wert erscheint,
+ weil sie zweifelsohne auf Friedrich Engels zurückzuführen ist, der,
+ wie im Vorwort mitgeteilt wurde, jene Ausgabe durchgesehen hat. Ins
+ Deutsche zurückübersetzt lautet die Einleitung dort:
+
+ „Wohin hat die preußische Lösung der nationalen Frage Deutschland
+ gebracht? Lassen wir die Frage Elsaß-Lothringen beiseite -- die
+ Annexion dieser Provinzen war ein weiterer Bockstreich -- und
+ betrachten wir nur die Lage des deutschen Volkes gegenüber Rußland
+ und dem Panslawismus. Österreichs Verdrängung aus dem Deutschen Bund”
+ (weiter, wie im Original).
+
+ Obwohl bei mir die Annexion Elsaß-Lothringens mit keiner Silbe
+ erwähnt war und sie für Engländer damals noch kein spezielles
+ Interesse hatte, nimmt Friedrich Engels doch die Gelegenheit wahr,
+ ihrer zu erwähnen, um sie als einen groben politischen Fehler zu
+ bezeichnen -- „an additional blunder” heißt es im Englischen. Ein
+ Beweis, wie wenig Engels diese Annexion für endgültig ansah.
+
+ Daß im Englischen statt „uns gebracht” gesagt wird: „Deutschland
+ gebracht”, war durch die Rücksicht auf das andre Lesepublikum von
+ selbst geboten. Ich würde aber heute auch aus stilistischen Gründen
+ diese präzisere Ausdrucksweise vorziehen.
+
+ [8] Unter dem Titel „Eine Liebes-Episode aus dem Leben Ferdinand
+ Lassalles”. Die Verfasserin ist nun auch längst aus dem Leben
+ geschieden.
+
+ [9] Noch hinreißender schildert Lassalle sein seelisches Verhältnis
+ zu Sophie von Hatzfeldt in einem Fragment gebliebenen Brief an eine
+ ungenannte Adressatin, der er darin die Liebe aufkündigt, weil die
+ Dame ihm erklärt hatte, sie könne es nicht vertragen, neben sich
+ noch Sophie von Hatzfeldt um Lassalle zu sehen. Der Brief ist eine
+ ganze Abhandlung über seelische Liebe. (Vgl. Intime Briefe Ferdinand
+ Lassalles, Nachtrag.)
+
+
+
+
+Das System der erworbenen Rechte.
+
+
+Das „System der erworbenen Rechte”, Lassalles wissenschaftliches
+Hauptwerk, ist zwar in erster Linie nur für den Rechtstheoretiker
+geschrieben, doch liegt der Gegenstand, den es behandelt, den
+praktischen Kämpfen der Gegenwart wesentlich näher als die Materie des
+„Heraklit”, und wir wollen daher versuchen, wenigstens die
+Hauptgedanken dieser Arbeit darzustellen, von der Lassalle mit Recht
+gelegentlich den Ausdruck gebrauchen durfte, ein „Riesenwerk
+menschlichen Fleißes”. Darüber herrscht bei Sachverständigen so
+ziemlich Einstimmigkeit, daß das „System der erworbenen Rechte”
+zugleich von der außerordentlichen geistigen Schaffenskraft, wie dem
+großen juristischen Scharfsinn seines Verfassers Zeugnis ablegt. Aus
+allen diesen Gründen wird man es berechtigt finden, wenn wir uns bei
+diesem Buche etwas länger aufhalten.
+
+Es liegt außerhalb der Zuständigkeit des Schreibers dieser Abhandlung,
+ein Urteil darüber zu fällen, welche positive Bereicherung die
+Rechtswissenschaft dem „System der erworbenen Rechte” verdankt. Das
+vermag nur der Kenner der gesamten einschlägigen Literatur, der
+theoretisch gebildete Jurist. Wir beschränken uns hier darauf, die
+Aufgabe zu kennzeichnen, die Lassalle sich mit seinem Buche stellt, die
+Art, wie er sie löst, und den theoretischen Standpunkt, der seiner
+Lösung zugrunde liegt.
+
+Die Aufgabe selbst ist in dem Untertitel gegeben, den das in zwei Teile
+zerfallende Gesamtwerk trägt. „Eine Versöhnung des positiven Rechts und
+der Rechtsphilosophie.” Lassalle führt in der Vorrede aus, daß trotz
+Hegels Versuch, eine Versöhnung zwischen dem positiven Recht und dem
+Naturrecht[10] herzustellen, die Entfremdung zwischen positiven Juristen
+und Rechtsphilosophen zurzeit größer sei, als sie selbst vor Hegel
+gewesen. Die Schuld daran trügen aber weniger die ersteren als die
+letzteren; statt in den Reichtum des positiven Rechtsmaterials
+einzudringen, hätten sie sich begnügt, „im Himmel ihrer allgemeinen
+Redensarten der groben Erde des realen Rechtsstoffs so fern wie möglich
+zu bleiben”. Unter den Rechtsphilosophen der Hegelschen Richtung herrsche
+ein wahrer „horror pleni”, ein Grauen vor dem positiven Stoffe, woran
+indes Hegel selbst unschuldig sei, der vielmehr unermüdlich hervorgehoben
+habe, daß die Philosophie nichts so sehr erfordere, als die Vertiefung in
+die Erfahrungswissenschaften. Hegels „Rechtsphilosophie” konnte, führt
+Lassalle aus, nach den gesamten Grundbedingungen, unter denen dieselbe
+erschien, „als der erste Versuch, das Recht als einen vernünftigen, sich
+aus sich selbst entwickelnden Organismus nachzuweisen, zur wirklichen
+Rechtsphilosophie gar kein anderes Verhältnis einnehmen, als etwa die
+allgemeine logische Disposition eines Werkes zu dem Werke selbst”.
+Hätten nun die Philosophen sich nicht darauf beschränkt, bei den
+„dünnen, allgemeinen Grundlinien” derselben -- „Eigentum, Familie,
+Vertrag usw.” -- stehenzubleiben, „wären sie dazu übergegangen, eine
+Philosophie des Staatsrechts in dem ... Sinne einer philosophischen
+Entwicklung der konkreten einzelnen Rechtsinstitute desselben zu
+schreiben, so würde sich an dem bestimmten Inhalt dieser einzelnen
+positiven Rechtsinstitute sofort herausgestellt haben, daß mit den
+abstrakt-allgemeinen Kategorien vom Eigentum, Erbrecht, Vertrag,
+Familie usw. überhaupt nichts getan ist, daß der römische Eigentumsbegriff
+ein anderer ist, als der germanische Eigentumsbegriff, der römische
+Erbtumsbegriff ein anderer als der germanische Erbtumsbegriff, der
+römische Familienbegriff ein anderer als der germanische
+Familienbegriff usw., d. h. daß die Rechtsphilosophie, als in das
+Reich des historischen Geistes gehörend, es nicht mit logisch-ewigen
+Kategorien zu tun hat, sondern daß die Rechtsinstitute nur
+Realisationen historischer Geistesbegriffe, nur der Ausdruck des
+geistigen Inhalts der verschiedenen historischen Volksgeister und
+Zeitperioden, und daher nur als solche zu begreifen sind.” Eingehend
+und erschöpfend sei dies durch den ganzen zweiten Teil des
+vorliegenden Werkes an dem Erbtumsbegriff nachgewiesen und an dem
+Beispiel desselben der Beweis geliefert, daß „jene Hegelsche
+Disposition selbst, wie der gesamte Bau und die Architektonik der
+Hegelschen Rechtsphilosophie vollständig aufgegeben werden muß und
+nichts von der Hegelschen Philosophie bewahrt werden kann, als ihre
+Grundprinzipien und ihre Methode, um die wahre Rechtsphilosophie zu
+erzeugen ...” Das gelte aber auch von dem Verhältnis des Hegelschen
+Systems zur Geistesphilosophie überhaupt, und wenn die Zeit
+theoretischer Muße für die Deutschen niemals aufhören sollte, -- „man
+kann sie heute nicht mehr mit Tacitus eine rara temporum felicitas
+(ein seltenes Glück) nennen”, fügt Lassalle mit berechtigter
+Bitterkeit hinzu -- so werde er, Lassalle, vielleicht eines Tages dies
+in einem neuen System der Philosophie nachweisen. Indes werde die von
+ihm verlangte totale Reformation der Hegelschen Philosophie doch im
+Grunde nur „dieselbe von Hegel getragene Fahne” darstellen, die „nur
+auf einem anderen Wege zum Siege geführt werden soll. Es sind immer
+die Grundprinzipien und die Methode der Hegelschen Philosophie, die
+nur gegen Hegel selbst Recht behalten”. Hegel habe, wegen
+unzureichender Bekanntschaft mit dem Stoffe, dem Recht vielleicht
+häufig größeres Unrecht getan, als irgendeiner anderen Disziplin.
+„Wenn er die römischen Juristen als die Tätigkeit des abstrakten
+Verstandes auffaßte, so werden wir auf das Positivste im ganzen
+Verlauf des zweiten Bandes zum Nachweis bringen, wie dies nur von
+unseren Juristen, von den römischen aber das strikte Gegenteil gilt.
+Wir werden sehen, wie ihre Tätigkeit vielmehr schlechterdings nur die
+des spekulativen Begriffs ist, nur eine sich selbst nicht
+durchsichtige und bewußte, wie dies ganz ebenso bei der Tätigkeit des
+religiösen und künstlerischen Geistes der Fall ist ... Allein hiermit
+wird dann immer nur erwiesen sein, daß die Hegelsche Philosophie noch
+weit mehr recht hatte, als Hegel selbst wußte, und daß der spekulative
+Begriff noch weitere Gebiete und noch viel intensiver beherrscht, als
+Hegel selbst erkannt hatte.” (Vorwort zum System der erworbenen
+Rechte.)
+
+Aus diesen Ausführungen geht bereits hervor, wie weit Lassalle in dem
+Werke selbst noch auf Hegelschem Boden fußt. Er steht Hegel bereits
+viel unabhängiger gegenüber als im „Heraklit”, aber er hält doch
+nicht nur an der Methode, sondern auch noch an den Grundprinzipien der
+Hegelschen Philosophie fest, d. h. nicht nur an der dialektischen
+Behandlung des zu untersuchenden Gegenstandes, der dialektischen Form
+der Untersuchung, sondern auch noch an dem Hegelschen Idealismus, der
+Zurückführung der geschichtlichen Erscheinungen auf die Entwicklung
+und Bewegung der Ideen ohne gleichzeitige Untersuchung der materiellen
+Grundlage dieser Bewegung. Wie Hegel bleibt auch Lassalle auf halbem
+Wege stehen. Er hebt ganz richtig hervor, daß es sich bei den
+Rechtsinstituten nicht um logisch-ewige, sondern um historische
+Kategorien handelt, aber er behandelt diese Kategorien nur als die
+„Realisationen historischer Geistesbegriffe”, läßt dagegen die Frage
+nach den Umständen, unter denen diese Geistesbegriffe sich
+entwickelten, nach den materiellen Verhältnissen, deren Ausdruck sie
+sind, ganz unberührt. Ja, er dreht das Verhältnis sogar um und will
+„im konkreten Stoffe selbst nachzuweisen suchen, wie das angeblich
+rein Positive und Historische nur notwendiger Ausfluß des
+jederzeitigen historischen Geistesbegriffes ist”. So muß er
+naturgemäß, auch bei dem größten Aufwand von Scharfsinn, zu falschen
+Folgerungen gelangen.
+
+Als das „großartigste Beispiel”, an welchem diese ursächliche
+Abhängigkeit des „angeblich rein Positiven und Historischen” von den
+historischen Geistesbegriffen in seinem Werk erwiesen sei, bezeichnet
+Lassalle die gesamte Darstellung des Erbrechts im zweiten Bande des
+Werkes, der den Titel trägt: „Das Wesen des römischen und germanischen
+Erbrechts in historisch-philosophischer Entwickelung.” Die Stärke dieser
+Arbeit beruht in ihrer Einheitlichkeit, der konsequenten Durchführung
+des leitenden Gedankens und der oft wahrhaft glänzenden Darstellung.
+Durch alle hierhergehörigen Rechtsformen hindurch sucht Lassalle den
+Gedanken zu verfolgen, dem römischen Erbrecht liege der Gedanke der
+Fortdauer des subjektiven Willens des Erblassers im Erben zugrunde,
+während im altgermanischen Erbrecht, dem Intestaterbrecht (Erbrecht ohne
+Testament), die Idee der Familie den leitenden Gedanken bilde, es gerade
+das sei, was vom römischen Erbrecht mit Unrecht behauptet werde: „wahres
+Familienrecht”. Das ist soweit im allgemeinen richtig. Aber nun beginnt
+die Schwäche der Lassalleschen Arbeit. Seine Dialektik, so scharf sie
+ist, bleibt an der Oberfläche haften, durchwühlt diese zwar wieder und
+immer wieder, läßt keine Scholle davon ununtersucht, aber was darunter
+liegt, bleibt total unberührt. Woher kommt es, daß das römische Erbrecht
+die Fortpflanzung des subjektiven Willens ausdrückt? Von der römischen
+Unsterblichkeitsidee, von dem Kultus der Laren und Manen. Woher kommt
+es, daß das germanische Erbrecht Familienrecht ist? Von der „Idee der
+germanischen Familie”. Welches ist die römische Unsterblichkeitsidee?
+Die Fortdauer des subjektiven Willens. Welches ist die Idee der
+germanischen Familie? Die „sittliche Identität der Personen, die zu
+ihrer substantiellen Grundlage ... die empfindende Einheit des Geistes
+oder die Liebe hat.” Damit sind wir so klug wie vorher, wir drehen uns
+im Kreise der Ideen und Begriffe, erhalten aber keine Erklärung, warum
+diese Idee hier, jener Begriff dort die ihm zugewiesene Rolle spielen
+konnten. Auch mit keiner Silbe wird der Versuch gemacht, die
+Rechtsvorstellungen und Rechtsbestimmungen der Römer und Germanen aus
+deren wirklichen Lebensverhältnissen selbst zu erklären, als die letzte
+Quelle des Rechts erscheint überall der „Volksgeist”. Dabei verfällt
+denn Lassalle in denselben Fehler, den er an einer andern Stelle mit
+Recht den bisherigen Rechtsphilosophen zum Vorwurf macht, er
+unterscheidet zwar zwischen römischem und germanischem Volksgeist, aber
+er ignoriert alle historische Entwicklung im Schoße des römischen Volkes
+und konstruiert einen, ein für allemal -- das ganze Jahrtausend von der
+Gründung Roms bis gegen die Zeit der Zersetzung des römischen Weltreichs
+-- maßgebenden „römischen Volksgeist”, der sich zum -- ebenso
+konstruierten -- „germanischen Volksgeiste” etwa verhalte, wie „Wille
+zu Liebe”.
+
+Allerdings darf nicht übersehen werden, daß zur Zeit, wo Lassalle sein
+„System der erworbenen Rechte” schrieb, die eigentliche
+Geschichtsforschung in bezug auf die Entstehung und Entwicklung der
+römischen Gesellschaft und der germanischen Vorzeit noch sehr im argen
+lag, selbst die Historiker von Fach in bezug auf sie in wichtigen
+Punkten im Dunkeln tappten. Es trifft ihn also weniger der Vorwurf, daß
+er die Frage nicht richtig beantwortete, als der, daß er sie nicht
+einmal richtig stellte.
+
+Erst durch die Fortschritte der vergleichenden Ethnologie und namentlich
+durch Morgans epochemachende Untersuchungen über die Gens (Sippe) ist
+genügend Licht in bezug auf die urgeschichtliche Entwicklung der
+verschiedenen Völker geschaffen worden, um erkennen zu lassen, warum die
+Römer mit einem ganz andern Erbrecht in die Geschichte eintraten, als
+die germanischen Stämme zur Zeit des Tacitus. Diese waren zu jener Zeit
+eben dabei, die Entwicklung von der Mittelstufe zur Oberstufe der
+Barbarei durchzumachen; der Übergang vom Mutterrecht zum Vaterrecht, von
+der Paarungsehe zur Monogamie war noch nicht ganz vollzogen, sie lebten
+noch in Gentilverbänden -- auf Blutsverwandtschaft beruhenden
+Genossenschaften -- und noch herrschte der Kommunismus der Sippe vor:
+ein auf dem subjektiven Willen beruhendes Erbrecht war daher einfach ein
+Ding der Unmöglichkeit. So viel die Blutsverwandtschaft, so wenig hat
+die „Liebe” -- eine viel modernere Erfindung -- etwas mit dem
+altgermanischen Erbrecht zu tun. Bei den Römern war dagegen schon vor
+Abschaffung des sogenannten Königtums die alte, auf persönlichen
+Blutbanden beruhende Gesellschaftsordnung gesprengt und eine neue, auf
+Gebietseinteilung und Vermögensunterschied begründete, wirkliche
+Staatsverfassung an ihre Stelle gesetzt worden[11]. Privateigentum an
+Boden und Auflösung der blutsverwandtschaftlichen Verbände als
+wirtschaftliche Einheit sind der Boden, auf dem das römische Testament
+erwächst, nicht als Produkt eines von vornherein gegebenen besonderen
+römischen „Volksgeists”, sondern als ein Produkt derselben
+Entwicklung, die den besonderen römischen Volksgeist schuf, der das
+Römertum zur Zeit der Zwölftafelgesetzgebung[12] erfüllte. Wenn die
+Römer dem Testament eine gewisse feierliche Weihe gaben, so berechtigt
+das keineswegs dazu, das Testament als einen Akt hinzustellen, bei dem
+die symbolische Handlung -- die Willensübertragung -- die Hauptsache,
+der substantielle Inhalt derselben -- die Vermögensübertragung --
+reine Nebensache gewesen sei. Auf einer gewissen Kulturstufe, und noch
+weit in die Zivilisation hinein, kleiden die Völker überhaupt alle
+wichtigen ökonomischen Handlungen in religiöse Akte; es sei nur an die
+Feierlichkeiten bei den Landaufteilungen, an die Einweihung der
+Grenzmarken usw. erinnert. Was würde man von einem Historiker sagen,
+der den römischen Kultus des Gottes Terminus als den Ausfluß der
+besonderen Natur des römischen Volksgeistes, als den Ausdruck einer
+speziell römischen „Idee” hinstellen wollte, bei der die eingegrenzten
+Äcker Nebensache, der Begriff der „Endlichkeit” die Hauptsache gewesen
+sei? Was von einem Rechtshistoriker, der das Aufkommen des
+Privateigentums an Grund und Boden in Rom auf den Kultus des Gottes
+Terminus zurückführen wollte? Und genau dies ist es, wenn Lassalle den
+Kultus der Manen und Laren als die Ursache des Aufkommens der
+Testamente bei den Römern bezeichnet, in der römischen Mythologie den
+letzten Grund dieser Rechtsschöpfung erblickt.[13]
+
+Auf diese Weise kommt er denn zu der ebenso unhistorischen wie
+unlogischen Behauptung, daß, wenn das römische Zwölftafelgesetz für den
+Fall der Abwesenheit eines Testamentserben die Hinterlassenschaft dem
+nächsten Agnaten (Verwandte männlicher Linie) und, falls kein Agnat
+vorhanden, der Gens zuschreibt, dies ein Beweis sei, daß das Testament
+auch der geschichtlichen Zeitfolge nach zuerst aufgetreten, das
+Intestaterbe aber erst nachträglich, subsidiär, eingeführt worden sei.
+Tatsächlich zeigt gerade das Zwölftafelgesetz, obwohl es die
+Reihenfolge umkehrt, den wirklichen Gang der historischen Entwicklung
+an. Es konstatiert zuerst den neueingeführten Rechtsgrundsatz der
+Testierfreiheit, daß derjenige erben soll, dem der Erblasser
+testamentarisch die Hinterlassenschaft zugeschrieben hat. Ist aber kein
+Testament da, so tritt das frühere Erbrecht wieder in Kraft, die
+urwüchsige Intestaterbschaft: zuerst erbt der nächste Agnat und dann die
+Gens, der ursprüngliche Blutsverband. Das geschichtlich erste Institut
+erscheint auf den zwölf Tafeln als letztes, weil es als das älteste das
+umfassendste ist, und als solches naturgemäß die letzte Instanz bildet.
+Wie erkünstelt dagegen Lassalles Konstruktion ist, geht schon daraus
+hervor, daß er sich, um seine Theorie von dem, auf den „Begriff des
+Willens” aufgebauten römischen Erbrecht aufrechtzuerhalten, einmal
+gezwungen sieht, zu behaupten, daß „den Agnaten nicht die Idee der
+Blutsverwandtschaft in irgendwelcher physischen Auffassung zugrunde
+liegt” und die Agnaten als „die durch das Band der Gewalt vermittelte
+Personengemeinschaft” bezeichnet. Als gläubige Althegelianer haben die
+alten Römer „mit gewaltiger begrifflicher Konsequenz” den „tiefen
+Satz der spekulativen Logik” verwirklicht, daß der nicht ausgedrückte
+Wille des Individuums der allgemeine Wille ist, der als Inhalt hat
+„den allgemeinen Willen des Volkes oder den Staat, in dessen
+Organisation derselbe verwirklicht ist”. Das Testament, die
+Testierfreiheit, ist danach älter als der römische Staat, aber das
+Intestaterbe ist vom Staat eingeführt, der Staat hat eines schönen
+Tages Agnaten und Gentilgenossenschaft als Subsidiärerben eingesetzt,
+und zwar nicht auf Grund der Abstammungsidentität, sondern in ihrer
+Eigenschaft als Organe der Staatsordnung, als Organe der
+Willensidentität.
+
+Wir wissen heute, daß sich die Dinge gerade umgekehrt zugetragen haben,
+daß es nicht der Staat ist, der die Gens mit Rechten ausgestattet hat,
+die sie vorher nicht besaß, sondern daß er ihr vielmehr eines der
+Rechte, eines der Ämter, die sie innegehabt, nach dem andern abgenommen,
+ihre Funktionen immer mehr eingeschränkt hat, daß erst mit der Lockerung
+des Gentilverbandes, mit seiner inneren Zersetzung der Staat möglich
+wurde, und erst mit und in dem Staate die Testierfreiheit.
+
+Da Lassalle die Gens nicht kannte, so mußte er, wie alle
+Rechtsgelehrten, die gleichzeitig mit ihm und vor ihm über das Wesen des
+ursprünglichen römischen Erbrechts schrieben, notwendigerweise zu
+falschen Schlüssen gelangen. Aber anstatt der Wahrheit näherzukommen,
+als seine Vorgänger, steht er ihr vielmehr viel ferner als diese.
+Bemüht, die Dinge aus dem spekulativen Begriff zu konstruieren,
+schneidet er sich jede Möglichkeit ab, ihren wirklichen Zusammenhang zu
+erkennen. Der berühmte Rechtslehrer Eduard Gans -- beiläufig ebenfalls
+Hegelianer -- hatte römisches Intestaterbe und Testamentserbe als
+miteinander kämpfende Gedanken hingestellt, die keinerlei
+Gemeinschaftlichkeit ihres Gedankeninhalts haben und sie als eine
+historische Stammesverschiedenheit zwischen Patriziern und Plebejern zu
+erklären versucht. So fehlerhaft diese Erklärung, so richtig ist der ihr
+zugrunde liegende Gedanke, daß es sich hier um einen grundsätzlichen
+Gegensatz handelt und daß die gegensätzlichen Rechtsbegriffe auf
+verschiedenem historischen Boden entstanden sind. Lassalle aber erblickt
+gerade in ihm einen Rückfall in den „Fehler der historischen Schule”,
+das „aus dem Gedanken Abzuleitende” als ein „äußerlich und
+historisch Gegebenes vorauszusetzen”. Und auf der andern Seite erklärt
+er es als einen „Grundirrtum”, wenn andere Rechtsphilosophen von der
+Auffassung ausgehen, daß „das römische Intestaterbrecht seinem
+Gedanken nach wahres Familienrecht sei”. Tatsächlich ist es wirklich
+nichts anderes. Nur daß die hier in Betracht kommende Familie sich
+nicht mit der römischen Familie deckt, sondern den weiteren
+Geschlechtsverband umfaßt[14].
+
+Wir können auf den Gegenstand hier nicht weiter eingehen, man sieht aber
+aus dem Bisherigen schon, daß der so kunstvoll ausgeführte Bau
+Lassalles auf absolut unhaltbarem Fundamente ruht. So geschlossen und
+streng folgerichtig daher die Beweisführung, und so geistreich auch die
+Analyse, so treffend vielfach Lassalles Kommentare -- gerade das, was er
+mit dem ganzen Buch über das römische Erbrecht beweisen wollte, hat er
+nicht bewiesen. Die römische Unsterblichkeitsidee ist nicht die
+Grundlage, sondern die ideologische Umkleidung des römischen Testaments,
+sie erklärt seine Formen, aber nicht seinen Inhalt. Dieser bleibt
+bestehen, auch wenn der religiöse Hintergrund verschwindet. Und gerade
+in den vielen Formen und Formalitäten, von denen die Römer die
+Rechtsgültigkeit der Testamente abhängig machten, liegt unseres
+Erachtens ein weiterer Beweis, daß das Testament nicht, wie Lassalle
+meint, die frühere, sondern umgekehrt die spätere Einrichtung gewesen
+ist und wahrscheinlich -- wie auch bei den Deutschen, nachdem diese das
+römische Recht bereits angenommen hatten, -- lange Zeit die Ausnahme
+bildete, während das Intestaterbe noch die Regel war.
+
+Wie steht es aber mit der Nutzanwendung, die Lassalle aus seiner Theorie
+zieht, daß das Testament nur aus der römischen Unsterblichkeitsidee --
+der Fortdauer der Willenssubjektivität nach dem Tode -- zu begreifen
+sei, daß es mit dieser „begrifflich” stehe und falle? Daß das moderne
+Testamentsrecht, nachdem die römische Willensunsterblichkeit der
+christlichen Idee der Geistesunsterblichkeit, der Unsterblichkeit des
+nicht mehr auf die Außenwelt bezogenen, sondern des „in sich
+zurückgezogenen Geistes” gewichen sei, nichts als ein großes
+Mißverständnis, eine „kompakte theoretische Unmöglichkeit” sei? Dies
+führt uns zurück auf den ersten Teil seines Werkes, zu dem der zweite,
+trotz seiner Abgeschlossenheit, eben doch nur eine Art Anhang ist.
+
+Der erste Teil des „Systems der erworbenen Rechte” führt den
+Untertitel „Die Theorie der erworbenen Rechte und der Kollision der
+Gesetze”. Lassalle sucht darin einen rechtswissenschaftlichen
+Grundsatz zu ermitteln, der ein für allemal die Grenze anzeigen soll,
+unter welchen Umständen und wie weit Gesetze rückwirkende Kraft haben
+dürfen, ohne gegen die Rechtsidee selbst zu verstoßen. Mit anderen
+Worten, wann da, wo neues Gesetz oder Recht und altes Gesetz oder
+Recht aufeinanderstoßen (kollidieren), das erstere und wann das
+letztere entscheiden, wann ein Recht wirklich als „erworbenes” zu
+respektieren, wann es ohne weiteres der Rückwirkung unterworfen sein
+soll.
+
+Bei der Beantwortung dieser Frage macht sich der oben gerügte Fehler der
+Lassalleschen Untersuchungsmethode weniger geltend, während alle ihre
+Vorzüge: die Schärfe des begrifflichen Denkens, das Verständnis --
+innerhalb der bezeichneten Grenzen -- für das geschichtliche Moment,
+verbunden mit revolutionärer Kühnheit in der Verfolgung eines Gedankens
+bis in seine letzten Konsequenzen -- zu ihrer vollen Entfaltung
+gelangen. So ist das Resultat denn auch ein viel befriedigenderes, als
+bei der Untersuchung über das Wesen des römischen Erbrechts. Wie hoch
+oder gering man immer die Erörterung solcher rechtsphilosophischen
+Fragen veranschlagen mag, so wird sich kaum bestreiten lassen, daß
+Lassalle die oben gestellte Frage in einer Weise löst, daß sowohl der
+Jurist wie der Revolutionär dabei zu ihrem Rechte kommen. Und das ist
+gewiß eine respektable Leistung.
+
+Lassalle stellt zunächst folgende zwei Sätze als Normen auf:
+
+a) „Kein Gesetz darf rückwirken, welches ein Individuum nur durch die
+Vermittelung seiner Willensaktionen trifft.”
+
+b) „Jedes Gesetz darf rückwirken, welches das Individuum ohne
+Dazwischenschiebung eines solchen freiwilligen Aktes trifft, welches das
+Individuum also unmittelbar in seinen unwillkürlichen, allgemein
+menschlichen oder natürlichen oder von der Gesellschaft ihm übertragenen
+Qualitäten trifft, oder es nur dadurch trifft, daß es die Gesellschaft
+selbst in ihren organischen Institutionen ändert.”
+
+Ein Gesetz z. B., welches die privatrechtlichen oder staatsbürgerlichen
+Befugnisse der Angehörigen des Landes ändert, tritt sofort in Kraft,
+läßt aber die Handlungen, welche die Individuen auf Grund der vorher
+ihnen zustehenden Befugnisse getroffen haben, unberührt, auch wenn diese
+Befugnisse selbst durch es aufgehoben werden. Wenn heute ein Gesetz das
+zur Volljährigkeit erforderliche Alter vom 21. auf das 25. Jahr erhöht,
+so verlieren alle Personen über 21 und unter 25 Jahren sofort die an die
+Volljährigkeit geknüpfte Handlungsfähigkeit, die sie bisher besaßen,
+denn sie besaßen sie nicht durch individuellen Willensakt. Aber auf die
+Rechtsgeschäfte, die sie vor Erlaß des Gesetzes, gestützt auf die ihnen
+bisher zuerkannte Volljährigkeit, abgeschlossen hatten, wirkt das neue
+Gesetz nicht zurück. Nur das durch eignes Tun und Wollen, durch
+individuelle Willensaktion der einzelnen verwirklichte Recht ist ein
+erworbenes Recht.
+
+Aber selbst das durch individuelle Willenshandlung erworbene Recht ist
+nicht unter allen Umständen der Rückwirkung entzogen. „Das Individuum
+kann sich und andern nur insoweit und auf so lange Rechte sichern,
+insoweit und solange die jederzeit bestehenden Gesetze diesen
+Rechtsinhalt als einen erlaubten ansehen.” Jedem Vertrage sei „von
+Anfang an die stillschweigende Klausel hinzuzudenken, als solle das
+in demselben für sich oder andere stipulierte Recht nur auf so lange
+Zeit Geltung haben, solange die Gesetzgebung ein solches Recht
+überhaupt als zulässig betrachten wird”. „Die alleinige Quelle des
+Rechts”, führt Lassalle aus, „ist das gemeinsame Bewußtsein des
+ganzen Volks, der allgemeine Geist”. Durch Erwerbung eines Rechts
+könne sich daher das Individuum „niemals der Einwirkung des
+allgemeinen Rechtsbewußtseins entziehen wollen. Nur ein solches
+Individuum würde diese Einwirkung wirklich von sich abhalten können,
+welches, wenn dies denkbar wäre, nun und niemals ein Recht weder
+erwerben noch ausüben und haben wollte.” „Es läßt sich vom
+Individuum kein Pflock in den Rechtsboden schlagen und sich mittelst
+desselben für selbstherrlich für alle Zeiten und gegen alle künftigen
+zwingenden und prohibitiven Gesetze erklären.” Nichts andres als
+„diese verlangte Selbstsouveränität des Individuums” liege in der
+Forderung, daß „ein erworbenes Recht auch für solche Zeiten fortdauern
+soll, wo prohibitive Gesetze seine Zulässigkeit ausschließen”. Wenn
+also „der öffentliche Geist in seiner Fortentwicklung dazu gelangt
+ist, den Fortbestand eines früheren Rechts, z. B. Leibeigenschaft,
+Hörigkeit, Robotten, Bann- und Zwanggerechtigkeiten, Dienste und
+Abgaben bestimmter Natur, Jagdrecht, Grundsteuerfreiheit,
+fideikommissarische Erbfolge usw. von jetzt ab auszuschließen”, so
+könne dabei „von irgendwelcher Kränkung erworbener Rechte ... gar
+nicht die Rede sein”. So seien denn auch die Dekrete der berühmten
+Nacht vom 4. August 1789, durch welche die französische
+konstituierende Nationalversammlung alle aus der Feudalherrschaft
+herfließenden Rechte aufhob, von „jeder Rechtsverletzung und
+Rückwirkung” frei gewesen. Es gab da „nichts zu entschädigen”. Ein
+Recht der Entschädigung, führt Lassalle treffend aus, auch da noch
+anzunehmen, wo der Inhalt des aufgehobenen Rechts vom öffentlichen
+Bewußtsein bereits prohibiert, d. h. als widerrechtlich bestimmt ist,
+heiße „vermöge der Kraft der Logik gar nichts Geringeres, als
+Klassen oder Individuen das Recht zusprechen, dem öffentlichen
+Geiste einen Tribut für seine Fortentwicklung aufzuerlegen”.
+Von einer Entschädigung könne nur da die Rede sein, wo nicht das
+Rechtsverhältnis selbst, sondern nur bestimmte Arten der Befriedigung
+aus demselben aufgehoben, nicht eine bestimmte Klasse von
+Rechtsobjekten, sondern nur einzelne ihrer Exemplare aus der Sphäre
+des Privatrechts in die des öffentlichen Rechts übergeführt werden.
+Diesen Grundsatz haben, weist er nach, die französischen Versammlungen
+nach 1789 durchgängig mit der „wahrhaften Logik des Begriffs”
+innegehalten. Dagegen sei beispielsweise das preußische Gesetz vom
+2. März 1850 über die Regulierung und Ablösung der gutsherrlichen
+und bäuerlichen Verhältnisse in einer Reihe von Bestimmungen nichts
+als eine widerrechtlich und wider das eigne Rechtsbewußtsein
+verordnete Vermögensverletzung der ärmsten Klassen zugunsten der
+adeligen Grundbesitzer, d. h. „logisch-konsequent” nichts als „ein
+Raub”[15].
+
+Dem bekannten konservativen Rechtslehrer Stahl, der geschrieben hatte,
+keine Zeit sei berufen, Gericht zu halten über die Vergangenheit und die
+aus derselben stammenden Rechte, je nach ihrem Urteil über die
+Angemessenheit, anzuerkennen oder zu vernichten, -- erwidert Lassalle,
+der Vordersatz sei sehr richtig, aber der Nachsatz sei sehr falsch. Was
+aus dem ersteren folge, sei vielmehr, daß jede Zeit autonom sei, keine
+Zeit unter der Herrschaft der anderen stehe, und also auch keine
+„rechtlich verpflichtet sein könne, in ihr selbst noch fortwirken zu
+lassen, was ihrem Rechtsbewußtsein widerspricht, und von ihr also von
+jetzt ab als ein Dasein des Unrechts, statt des Rechts, angeschaut
+würde”. Es sei aber durchaus nicht unbedingt erforderlich, führt er
+weiterhin aus, daß ein Volk seine neue Rechtsidee, seinen neuen Willen,
+in Worten -- durch den Mund der Volksvertretung etwa -- ausgedrückt
+habe. „Denn zum Begriff des Rechts gehört nur, daß der Volksgeist einen
+geistigen Inhalt als Gegenstand seines Willens in die Rechtssphäre,
+d. h. die Wirklichkeit, gesetzt habe. Dies kann aber unter Umständen
+nicht weniger bestimmt und energisch als durch Worte durch tatsächliche
+Zertrümmerung eines Rechtszustandes geschehen, den ein Volk vornimmt.”
+Diesen Grundsatz finde man schon bei den römischen Juristen, und die
+französische Gesetzgebung während und nach der französischen Revolution
+habe ihn von neuem bestätigt. Die Geschichte selbst habe dem Konvent
+recht gegeben, die Geschichtsschreibung, auch die reaktionäre, es
+ratifizieren müssen, wenn er die französische Revolution in ihren
+rechtlichen Wirkungen vom 14. Juli 1789, dem Tage des Bastillesturms,
+datierte. Und wieder exemplifiziert Lassalle auf analoge Vorgänge in
+Preußen und weist nach, wie im Gegensatz zur französischen Jurisprudenz
+das preußische Obertribunal sich in mehreren Erkenntnissen über das
+durch die Märzrevolution von 1848 geschaffene und in der preußischen
+Verfassung (selbst der oktroyierten) ausdrücklich anerkannte neue
+Rechtsbewußtsein, daß „alle Preußen vor dem Gesetze gleich sind und
+Standesvorrechte nicht stattfinden”, durch Wortkünste hinweggesetzt,
+Standesvorrechte wiederhergestellt, kurz, sich als ein wahrer
+„Reaktionskonvent” betätigt habe. Vier Jahre, nachdem das „System”
+erschienen, bewies das genannte Tribunal in der famosen Interpretation
+des Artikel 84 der preußischen Verfassung auch den „liberalen
+Kalbsköpfen”, wie sehr es auf diesen, ihm von Lassalle verliehenen Titel
+Anspruch hatte.
+
+Wir haben gesehen, erworbene Rechte müssen erstens durch individuelle
+Willensaktion vermittelt und zweitens in Übereinstimmung sein mit dem
+erkennbar zum Ausdruck gelangten Volksgeist. Das ist in kurzem die
+Theorie der erworbenen Rechte. Wenn also der französische Konvent im
+Gesetz vom 17. Nivose des Jahres II (6. Januar 1794) bestimmte, daß die
+Vorschriften dieses Gesetzes, das die fideikommissarischen usw.
+Erbschaften aufhob, auf alle Erbschaften Anwendung finden sollten, die
+seit dem 14. Juli 1789 eröffnet worden, so verstieß er damit nach
+Lassalle durchaus nicht gegen den Grundsatz der erworbenen Rechte. Im
+Gegenteil durfte er mit vollem Recht am 22. Ventose desselben Jahres in
+Beantwortung mehrerer Petitionen sich darauf berufen, daß das Gesetz
+„nur die seit jenem Tage -- eben dem 14. Juli 1789 -- von einem großen
+Volke, das seine Rechte wieder ergriff, proklamierten Prinzipien
+entwickelt” habe, aber das Prinzip der Nichtrückwirkung nicht einmal
+„auch nur in Frage stelle”, daß unstatthafte Rückwirkung jedoch dann
+eintrete, wenn man diese Grenze überschritte, d. h. das Gesetz auch auf
+die vor dem 14. Juli 1789 eröffneten Erbschaften ausdehnte.
+
+Es leuchtet hiernach ein, um damit zur Frage des Erbrechts
+zurückzukehren, worauf Lassalle mit seinen Untersuchungen über römisches
+und germanisches Erbrecht hinaus will. Das römische, auf Testamente und
+Intestaterbfolge nicht der Familie, sondern der „Reihen, in welche die
+Willensgemeinschaft sich gliedert”, beruhende Erbrecht war danach in Rom
+„erworbenes Recht”, denn es entsprach dem römischen Volksgeist, der
+„Substanz” des römischen Volkes, nämlich der Idee der Unsterblichkeit
+des Willenssubjekts. Ebenso war das altgermanische Erbrecht --
+Intestatrecht der Familie -- erworbenes Recht, denn es entsprach einer
+Idee des altgermanischen Volksgeistes, der auf der „sittlichen Identität
+der Personen” beruhenden Familie, die „zu ihrer substantiellen
+Grundlage die sich empfindende Einheit des Geistes oder die Liebe
+hat”. Die Familie erbt, weil das Eigentum überhaupt nur
+Familieneigentum ist. Die heutige Intestaterbfolge beruhe aber,
+nachdem das Eigentum rein individuelles Eigentum geworden, „nicht mehr
+auf der Familie als aus eigenem Recht erbender, auch nicht auf der
+Familie als durch den präsumierten Willen des Toten berufen, sondern
+auf der Familie als Staatsinstitution”, auf dem „die
+Vermögenshinterlassenschaften regelnden allgemeinen Willen des
+Staates”. Und das letztere sei auch der Fall mit dem Testamentrecht,
+von dem wir jetzt gesehen haben, daß es heutzutage „eine kompakte
+theoretische Unmöglichkeit” sei. Weder Intestaterbfolge noch
+Testamentrecht sind heute Naturrechte, sondern „Regelung der
+Hinterlassenschaft von Sozietäts wegen”. Und Lassalle schließt sein
+Werk mit dem Hinweis auf Leibniz, der, trotzdem er das Testament nicht
+in seinem vollen Sinne erkannt, doch den tiefen Satz ausgesprochen
+habe: „Testamenta vero mero jure nullius essent momenti, nisi anima
+esset immortalis” -- „Testamente aber wären mit vollem Recht durchaus
+null und nichtig, wenn die Seele nicht unsterblich wäre.”
+
+Braucht es hiernach noch einer besonderen Erklärung, was Lassalle meint,
+wenn er, gegen Hegels Beurteilung des Testaments polemisierend, in den
+Satz ausbricht: „Und es wird sich vielleicht bald zeigen, daß sich aus
+unseren objektiven Darstellungen zwar andere, aber noch radikalere
+Folgerungen über das moderne Testamentsrecht von selbst ergeben?” Was
+auf keinem Naturrecht beruht, sondern nur Staatsinstitution ist, können
+der Staat oder die Sozietät auch jederzeit ändern, einschränken oder
+ganz aufheben, wie es dem Bedürfnis der Sozietät angemessen erscheint.
+Wenn daher G. Brandes und andere nach ihm im ganzen System der
+erworbenen Rechte „nicht eine Zeile” gefunden haben, welche auf eine
+Umsetzung der Lassalleschen Erbrechtstheorie in die Praxis hinweise, so
+kann man ihnen aufrichtig beipflichten. Nicht eine Zeile, nein, das
+ganze Werk ist es, das -- wie Lassalle sich ausdrücken würde -- nach
+dieser Umsetzung schreit.
+
+Was anders kann Lassalle wohl gemeint haben, wenn er die Vorrede mit den
+Worten beginnt, daß, wenn das vorliegende Werk seine Aufgabe wahrhaft
+gelöst haben soll, es in seinem letzten Resultate nichts Geringeres sein
+könne und dürfe, als „die rechtswissenschaftliche Herausringung des
+unserer ganzen Zeitperiode zugrunde liegenden politisch-sozialen
+Gedankens”?
+
+Hat Lassalle aber seine Aufgabe gelöst?
+
+Was seine Theorie der erworbenen Rechte anbetrifft, so scheint die ihr
+zugrunde liegende Auffassung heut so ziemlich allgemein anerkannt zu
+sein. Sehr gelungen ist ferner, von der Urgeschichte abgesehen, die
+Darlegung, daß im allgemeinen „der kulturhistorische Gang aller
+Rechtsgeschichte” darin bestehe, „immer mehr die Eigentumssphäre des
+Privatindividuums zu beschränken, immer mehr Objekte außerhalb des
+Privateigentums zu setzen”. Lassalle legte auf die Stelle, wo er dies in
+sehr feiner Entwicklung ausführt, mit Recht den größten Wert. Sie ist
+ein ganzes geschichtsphilosophisches Programm, ein Meisterwerk
+begriffsscharfer Logik.
+
+Bedenklich dagegen steht es mit Lassalles Anwendung der Theorie, wenn
+sein Beispiel vom Wesen des römischen und germanischen Erbrechts
+maßgebend sein soll. Wir haben die Ursache der Schwäche dieses
+Vergleichs bereits oben gekennzeichnet und brauchen daher hier nur zu
+rekapitulieren. Lassalle leitet das Erbrecht aus dem spezifischen
+Volksgeiste ab. Wenngleich nun ein intimer Zusammenhang zwischen
+Erbsystem und Volksgeist nicht abgeleugnet werden soll, so ist dieser
+Zusammenhang doch nicht der von letzter Ursache und Wirkung. Erbsystem
+und Volksgeist stellen vielmehr zwei Wirkungen einer und derselben
+tieferliegenden Ursache oder Gruppe von Ursachen an. Beide sind in
+letzter Instanz das Produkt oder der Ausdruck der jeweiligen materiellen
+Lebensbedingungen eines Volkes, wachsen aus diesen heraus und ändern
+sich mit ihnen, d. h. das Erbrecht wird geändert, sobald es mit den
+materiellen Lebensbedingungen eines Volkes unverträglich wird.
+Dann entdeckt der „Volksgeist”, daß dieses Erbrecht seinem
+Rechtsbewußtsein nicht mehr entspreche. Und so mit allen übrigen
+Rechtseinrichtungen. Der „Volksgeist” erscheint nur als die letzte
+Instanz, die über ihren Bestand entscheidet, tatsächlich ist er so
+etwas wie Gerichtsvollzieher, die wirklich bestimmende Instanz sind
+die materiellen Lebensbedingungen des Volkes, die Art, wie, und die
+Verhältnisse, unter denen es die Gegenstände seines Bedarfs
+produziert[16].
+
+Wieso kam aber Lassalle zu einer so grundfalschen, die Irrtümer der
+alten Juristen und Rechtsphilosophen noch überbietenden Theorie? Der
+Fehler liegt daran, daß er zwar mit eiserner Konsequenz, aber zum desto
+größeren Schaden für seine Untersuchung, von Anfang bis zu Ende in der
+Sphäre des juristischen und philosophischen „Begriffs” bleibt. Aus der
+„begrifflichen” Ableitung sollen sich die Dinge erklären, die
+„begriffliche” Ableitung die Gesetze ihrer Entwicklung bloßlegen. Die
+Dinge aber richten sich nicht nach den Begriffen, sie haben ihre
+eigenen Entwicklungsgesetze.
+
+Unzweifelhaft war Lassalle ein sehr tüchtiger Jurist. Er brachte von
+Hause aus außergewöhnliche Anlagen dazu mit, und der jahrelange Kampf
+mit den Gerichten in der Hatzfeldt-Affäre hatte diese Eigenschaft noch
+stärker in ihm entwickelt. Wo es gilt, ein Gesetz zu zergliedern, einen
+Rechtsgrundsatz bis in die geheimsten Tiefen seines Begriffs zu
+verfolgen, da ist er in seinem Fahrwasser, da leistet er wahrhaft
+Glänzendes. Aber seine starke Seite ist zugleich auch seine Schwäche.
+Die juristische Seite überwuchert bei ihm. Und so sieht er auch die
+sozialen Probleme vorwiegend mit den Augen des Juristen an. Das zeigt
+sich schon hier im „System der erworbenen Rechte”, es bildet die
+Schwäche dieses Werkes, es sollte sich aber auch später in seiner
+sozialistischen Agitation zeigen.
+
+Das „System usw.” sollte laut Vorrede zugleich eine Kritik der
+Hegelschen Rechtsphilosophie sein. Es kritisiert sie aber nur in
+Nebenpunkten, macht nur einen halben Schritt vorwärts, bleibt dagegen
+in der Hauptsache auf demselben Standpunkt stehen, wie diese. Das ist
+um so merkwürdiger, als der Schritt, der geschehen mußte, um die
+Kritik zu einer wirklich den Kernpunkt treffenden zu gestalten, längst
+angegeben war, und zwar in Schriften, die Lassalle sämtlich kannte.
+1844 hatte Karl Marx in den deutsch-französischen Jahrbüchern in einem
+Aufsatz, der obendrein den Titel führt: „Zur Kritik der Hegelschen
+Rechtsphilosophie”, auf ihn hingewiesen, 1846 in der Schrift „La
+misère de la philosophie” ihn deutlich vorgezeichnet, 1847 hatten Marx
+und Engels im „Kommunistischen Manifest” das Beispiel seiner Anwendung
+geliefert, und endlich hatte Karl Marx in der Vorrede zu seiner 1859
+erschienenen Schrift „Zur Kritik der politischen Ökonomie” unter
+ausdrücklichem Hinweis auf den ersterwähnten Aufsatz, geschrieben:
+„Meine Untersuchung” -- zu der jener Aufsatz nur die Einleitung
+bildete -- „mündete in dem Ergebnis, daß Rechtsverhältnisse wie
+Staatsformen weder aus sich selbst zu begreifen sind, noch aus der
+sogenannten allgemeinen Entwicklung des menschlichen Geistes, sondern
+vielmehr in den materiellen Lebensverhältnissen wurzeln ... Es ist
+nicht das Bewußtsein der Menschen, das ihr Sein, sondern umgekehrt ihr
+gesellschaftliches Sein, das ihr Bewußtsein bestimmt.” Und obgleich
+Lassalle dieses Buch schon kannte, als er noch am „System” arbeitete,
+obwohl er sich Marx gegenüber in den begeistertesten Ausdrücken über
+es äußerte[17], findet sich in seinem Werk auch nicht eine Zeile, die
+im Sinne des Vorstehenden zu deuten wäre. Soll damit ein Vorwurf
+gegen Lassalle ausgesprochen werden? Das wäre im höchsten Grade
+abgeschmackt. Wir führen es an zur Kritik seines Standpunktes,
+seiner Auffassungsweise. Diese war zu jener Zeit noch die
+ideologisch-juristische. Das zeigte sich auch in der brieflichen
+Auseinandersetzung mit Marx über die im „System der erworbenen Rechte”
+aufgestellten Theorien des Erbrechts.
+
+Es liegt nach dem Obigen auf der Hand, daß sich Marx sofort gegen diese
+auflehnen mußte, denn sie standen mit seinem theoretischen Standpunkt im
+direkten Widerspruch. Was er Lassalle entgegenhielt, ist aus dessen
+Briefen nur unvollkommen zu ersehen, aber so viel geht aus ihnen hervor,
+daß die, übrigens nicht lange, brieflich geführte Debatte sich im
+wesentlichen um die Lassallesche Behauptung drehte, daß das Testament
+nur aus der römischen Mythologie, der römischen Unsterblichkeitsidee, zu
+begreifen sei, und daß die ökonomische Bourgeoisentwicklung niemals für
+sich allein das Testament habe entwickeln können, wenn sie es nicht
+schon im römischen Recht vorgefunden hätte. Und es ist ganz
+charakteristisch zu sehen, wie auf Fragen von Marx, die sich auf die
+ökonomische Entwicklung beziehen, Lassalle schließlich immer wieder mit
+juristisch-ideologischen Wendungen antwortet. Die grundsätzliche
+Verschiedenheit der theoretischen Ausgangspunkte beider Denker kommt in
+dieser Korrespondenz, auf die wir hier nicht weiter eingehen können, zum
+sprechendsten Ausdruck.
+
+Um es jedoch noch einmal zu wiederholen, trotz des falschen
+geschichtstheoretischen Standpunktes bleibt das „System der erworbenen
+Rechte” eine sehr bedeutende Leistung und eine, selbst für denjenigen,
+der Lassalles theoretischen Standpunkt nicht teilt, höchst anregende und
+genußreiche Lektüre.
+
+
+Fußnoten:
+
+ [10] Unter Naturrecht oder Vernunftrecht versteht man die Gesamtheit
+ derjenigen Rechtsgrundsätze, die durch die philosophische
+ Untersuchung vom Begriff und Wesen des Rechts und der
+ Rechtsverhältnisse gewonnen werden und als den Menschen sozusagen
+ angeborenes, ihr natürliches Recht gelten sollen. Es werden daher
+ vielfach Rechtsphilosophie und Naturrecht als Gleiches bezeichnende
+ Begriffe gebraucht.
+
+ [11] Vgl. Fr. Engels, „Der Ursprung der Familie, des Privateigentums
+ und des Staats. Im Anschluß an Lewis H. Morgans Forschungen”. 1.
+ Aufl. S. 93.
+
+ [12] Um das Jahr 450 v. Chr.
+
+ [13] Neuere Untersuchungen haben festgestellt, daß das Aufkommen des
+ Ahnenkultus bei allen Völkern mit dem Übergang vom Mutterrecht zum
+ Vaterrecht zusammentrifft.
+
+ [14] Übrigens brauchen auch die Römer das Wort familia nicht bloß
+ zur Bezeichnung der einzelnen, unter einem Oberhaupt stehenden
+ Hausgenossenschaft, sondern bereits ebenfalls für den mehr oder
+ minder gelockerten Geschlechtsverband. In einer Stelle des römischen
+ Juristen Ulpian, die Lassalle zitiert, wird ausdrücklich zwischen
+ der „familia” im engeren Sinne (jure proprio) und der familia im
+ weiteren Sinne (communi jure) unterschieden, zu welch letzterer alle
+ diejenigen gehören „... die aus demselben Haus und derselben gens
+ hervorgegangen sind.” Für Lassalle ist die betreffende Stelle ein
+ weiterer Beweis, daß das römische Intestaterbe -- kein Familienerbe
+ gewesen sei. „Denn,” sagt er u. a., „man wird doch ... das Erbrecht
+ der Gentilen nicht als ein ‚Familienrecht’ ausgeben wollen!”
+
+ [15] Auch gegen die Art, wie in Preußen bei der Aufhebung von
+ Grundsteuerfreiheiten usw. Entschädigungen von der Volksvertretung
+ erpreßt wurden, sagt Lassalle manches kräftige Wort. „Wenn eine
+ Staatsregierung”, schreibt er mit Bezug auf einen, 1859 von der
+ preußischen Regierung eingebrachten und solche Entschädigungen
+ stipulierenden Entwurf -- „die unbegreifliche Schwäche hat, einen
+ solchen Vorschlag zu machen, so verzichtet sie dabei grundsätzlich
+ auf das Souveränitätsrecht des Staates, und wenn eine Kammer
+ pflichtvergessen genug sein könnte, aus Rücksicht auf diese
+ Schwäche auf einen solchen Vorschlag einzugehen, so würde sie
+ wenigstens weit logischer handeln, gleich geradezu die Hörigkeit
+ des Volkes von den adeligen Grundbesitzern neu zu proklamiren.” Was
+ hätte er wohl gesagt, wenn ihm jemand erwidert hätte, noch nach
+ dreißig Jahren werden in Preußen solche „Schwächen” und solche
+ „Pflichtvergessenheit” berechtigte nationale Institutionen sein!
+ Freilich, Lassalle war damals noch naiv genug, zu schreiben, daß,
+ als in England die Kornzölle aufgehoben wurden, die Tories nicht die
+ „Schamlosigkeit” gehabt haben, „sich aus ihren jetzt unspekulativ
+ gewordenen Güterankäufen ein Ersatzrecht gegen den öffentlichen
+ Geist zu drehen!” Hätte er dreißig Jahre länger gelebt, so würde er
+ erfahren haben, daß was den Tories 1846 fehlte, weiter nichts war,
+ als das richtige „praktische Christentum”.
+
+ Aber welche Ironie der Geschichte, daß die Aufgabe, die Neuauflage
+ des „Systems der erworbenen Rechte” zu besorgen, gerade Lothar
+ Bucher zufallen mußte. Bucher schrieb 1880 im Vorwort zur zweiten
+ Ausgabe, nur seine Berufstätigkeit habe ihn verhindert, den
+ Nachweis zu versuchen, wie das „System in den Gesetzberatungen der
+ letztverflossenen zehn Jahre hätte benutzt oder erprobt werden
+ können”. Tatsächlich schlagen die meisten der dafür in Betracht
+ kommenden Gesetze der Ära Bismarck dem Geist dieses Buches direkt ins
+ Gesicht.
+
+ [16] Man muß sich freilich das Verhältnis nicht gar zu mechanisch
+ vorstellen. Nach dem Gesetz der Wechselwirkungen können die
+ religiösen, Rechts- usw. Anschauungen, kurz das, was man unter dem
+ Begriff des Volksgeistes zusammenfaßt, ihrerseits wiederum einen
+ großen Einfluß auf die Gestaltung der Produktionsverhältnisse
+ ausüben, innerhalb gewisser Grenzen z. B. ihre Fortentwicklung
+ hindern oder verlangsamen. Schließlich sind es doch immer die
+ Menschen, die ihre eigene Geschichte machen. Aber es handelt sich
+ hier um die letzten Ursachen, die der geschichtlichen Entwicklung
+ zugrunde liegen.
+
+ [17] In einem Briefe vom 11. September 1860 nennt er es „ein
+ Meisterwerk”, das ihn „zur höchsten Bewunderung hingerissen” habe.
+
+
+
+
+Der preußische Verfassungskonflikt, die Verfassungsreden und das
+Arbeiterprogramm.
+
+
+Lassalle trug sich in den Jahren 1860 und 1861 sehr stark mit der Idee,
+in Berlin ein demokratisches Blatt im großen Stil zu gründen. Wie er
+über die liberale Presse dachte, haben wir oben gesehen, und ebenso, wie
+er danach dürstete, unmittelbar auf die Entwicklung der Dinge in
+Deutschland einwirken zu können. Da beim Ableben Friedrich Wilhelms IV.
+eine allgemeine Amnestie in Aussicht stand, so wandte sich Lassalle
+daher an Marx mit der Frage, ob er und Engels in diesem Falle geneigt
+wären, nach Deutschland zurückzukehren und mit ihm gemeinsam ein solches
+Blatt herauszugeben. „In meinem vorletzten Brief”, schreibt er unterm
+11. März an Marx, „fragte ich an: ob Ihr denn, wenn der König stürbe
+und Amnestie einträte, zurückkommen würdet, hier ein Blatt
+herauszugeben? Antworte doch darauf. Ich trage mich nämlich für
+diesen Fall mit der freilich noch sehr unbestimmten, weitaussehenden
+Hoffnung, dann mit Euch (hier in Berlin) ein großes Blatt
+herauszugeben. Würdet Ihr also in solchem Falle geneigt sein,
+herzukommen? Und wieviel Kapital wäre zu einem großen Blatte
+erforderlich? Würde es hinreichen, wenn man etwa 10000 Taler dazu
+aufbringen könnte? Oder wieviel? Es wäre mir lieb, wenn Du mir
+darüber schriebst, denn ich denke gern an dies château en Espagne!”
+In den folgenden Briefen kommt er wiederholt auf die Idee zurück, und
+am 19. Januar 1861, als der Thronwechsel in Preußen in der Tat eine
+Amnestie herbeigeführt hatte, schreibt er dringender: „Noch einmal
+stelle ich Dir die Frage: 1. wieviel Kapital ist nötig, um hier ein
+Blatt zu stiften? 2. Wer von den ehemaligen Redakteuren der „Neuen
+Rheinischen Zeitung” würde eventuell zu solchem Zweck hierher
+zurückkehren?”
+
+Obwohl Marx einer Einladung Lassalles folgte und ihn im Frühjahr 1861 in
+Berlin besuchte, zerschlug sich der Plan. Erstens stellte Lassalle die
+ganz merkwürdige Bedingung, er solle in der Redaktion eine Stimme haben
+und Marx und Engels zusammen auch nur eine, denn sonst sei er ja „stets
+in der Minorität”! Dann aber legte die preußische Regierung die
+Amnestie so aus, daß diejenigen politischen Flüchtlinge, die durch
+mehr als zehnjährigen Aufenthalt im Auslande ihrer Zugehörigkeit zum
+preußischen Staatsverband verlustig gegangen seien, sie keineswegs
+ohne weiteres wieder erhalten, sondern ihre dahingehenden Anträge
+genau so behandelt werden sollten, wie die Naturalisationsgesuche von
+Ausländern überhaupt. Das heißt, da das erstere für die meisten
+Flüchtlinge zutraf, daß es von dem Belieben der Regierung abhängen
+sollte, jeden davon wieder „abschieben” zu können, dessen Rückkehr
+ihr „unbequem” war. Ein von Lassalle für Marx eingereichtes
+Naturalisationsgesuch wurde denn auch richtig in allen Instanzen
+abgelehnt, da, wie es in einem vom 11. November 1861 datierten
+Bescheid des -- liberalen -- Ministers Schwerin an Lassalle hieß,
+„zur Zeit wenigstens durchaus keine besonderen Gründe vorhanden sind,
+welche für die Erteilung der Naturalisation an den p. Marx sprechen
+könnten”. Damit war natürlich jeder Gedanke an eine Übersiedelung von
+Marx nach Berlin ausgeschlossen.
+
+Im Spätsommer 1861 machte Lassalle zusammen mit der Gräfin Hatzfeldt
+eine Reise nach Italien, die, wie er an Marx schreibt, „sehr
+instruktiv” für ihn gewesen sei. Sein Aufenthalt bei Garibaldi auf
+Caprera sei sehr interessant gewesen, auch habe er „fast alle
+leitenden Persönlichkeiten” in den verschiedenen Städten, die er
+besichtigt, kennengelernt. Wie Bernhard Becker in seiner Schrift
+„Enthüllungen über das tragische Lebensende Ferdinand Lassalles”
+zuerst bekannt gegeben hat und unter anderem durch Marx' Brief an Fr.
+Engels vom 30. Juli 1862 bestätigt wird, hat Lassalle bei jenem
+Besuch Garibaldi zu einem militärischen Unternehmen in großem Stil
+gegen Österreich zu überreden gesucht und den Plan dann in London
+auch Mazzini vorgelegt. Garibaldi sollte sich danach in Neapel zum
+Diktator aufwerfen, eine große Armee bilden und mit dieser über
+Padua noch weiter vordringen, während zugleich ein an die adriatische
+Küste geworfenes detachiertes Korps nach Ungarn vorrücken und die
+Ungarn insurgieren sollte. Ein Plan, der namentlich deshalb
+interessant ist, weil er zeigt, wie leicht sich Lassalle zu jener
+Zeit die Schaffung einer revolutionären Situation vorstellte, die
+unter anderm die erstrebte Lösung der deutschen Frage bringen sollte.
+Zu erwähnen ist noch, daß Marx Lassalle für diese Reise nach Italien
+einen Empfehlungsbrief an den deutschen Sozialisten und Freischärler
+Johann Philipp Becker gegeben hatte, ungünstige, aber zweifelsohne
+auf Klatsch beruhende Angaben einiger Italiener über Becker Lassalle
+jedoch bewogen, jenem aus dem Wege zu gehen. „Die meisten kennen ihn
+gar nicht” -- schreibt er über Becker an Marx zu seiner
+„Information” -- „die, die ihn kennen, halten ihn für einen Blagueur
+und Bummelfritz, für einen Humbug ... Gut steht er nur mit Türr, der
+eine entschieden napoleonische Kreatur ist, und dem er auf der Tasche
+liegt.” Infolgedessen habe er, Lassalle, beschlossen, von Marx'
+Empfehlungsbrief keinen Gebrauch zu machen. „Du weißt, wie oft wir in
+die Lage kommen, im Ausland uns vor nichts mehr zu hüten als vor
+unseren Landsleuten.” Nun, der wackere Jean Philipp war doch
+jedenfalls nicht der erste beste hergelaufene Großsprecher, sondern
+hatte wiederholt für die Sache der Freiheit seinen Mann gestanden,
+auf eine Zusammenkunft mit ihm hätte es Lassalle also schon ankommen
+lassen können. Als er später den „Allgemeinen deutschen
+Arbeiter-Verein” ins Leben rief, wußte er auch Beckers Adresse zu
+finden[18] und stellte diesem gegenüber, der auf irgendeine Weise
+erfahren hatte, welche Redereien über ihn im Umlauf seien, die Sache
+so dar, als habe Marx aus einer Mücke einen Elefanten gemacht und
+einer harmlosen gelegentlichen Äußerung über Beckers Verkehr mit Türr
+eine so schlimme Deutung gegeben.
+
+Erst im Januar 1862 kehrte Lassalle nach Berlin zurück. Er fand die
+politische Situation wesentlich verändert vor. Der Gegensatz zwischen
+dem König von Preußen und dem liberalen Bürgertum hatte sich zum
+offenen Konflikt verschärft; bei den Neuwahlen zur Kammer Anfang
+Dezember 1861 war die schwachmütige konstitutionelle Partei durch die,
+eine etwas schärfere Tonart anschlagende Fortschrittspartei verdrängt
+worden. Diese hatte sich im Sommer desselben Jahres aus der bis dahin
+eine kleine Minderheit in der Kammer ausmachenden Fraktion
+„Jung-Litauen” entwickelt oder vielmehr um sie geschart. Aber die
+Fortschrittspartei war keineswegs eine homogene Partei. Sie bestand
+aus den verschiedenartigsten Elementen, liberalisierende
+Großbourgeois saßen in ihr neben kleinbürgerlichen Demokraten,
+ehemalige Republikaner mit verschwommenen sozialistischen Tendenzen
+neben Männern, die beinahe noch königlicher waren als der König
+selbst. In seinem Hohenzollernschen Eigensinn hatte es Wilhelm I. eben
+mit allen verdorben; nur die Partei der Junker und Mucker und die
+eigentliche Bureaukratie mit ihrem Anhang hielten zur Regierung. Die
+Fortschrittspartei verfügte über die große Mehrheit der Kammer und
+über fast die ganze öffentliche Meinung im Lande. Selbst Leute, die
+das innere Wesen dieser Partei durchschauten und zu radikale Ansichten
+hegten, um sich ihr anschließen zu können, hielten es für gut, ihr
+zunächst nicht entgegenzutreten, sondern abzuwarten, wie sie ihren
+Kampf mit der preußischen Regierung zu Ende führen werde.
+
+Lassalle war mit denjenigen Männern, die den Mittelpunkt der
+Fortschrittspartei in Berlin bildeten, schon seit einiger Zeit
+zerfallen. Anfangs 1860 hatte er noch mit großer Emphase in einem
+Brief an Marx für die kleinbürgerlich-demokratische Berliner
+„Volkszeitung” eine Lanze eingelegt, sie ein Blatt genannt, das,
+„wenn auch häufig mit viel weniger Mut, als erforderlich ist, und mit
+viel weniger Konsequenz, als es sich trotz der Preßfesseln zur
+Pflicht machen sollte, doch immerhin den demokratischen Standpunkt im
+allgemeinen durch alle die Jahre hindurch verteidigt hat und weiter
+verteidigt”, und hatte jede andere Politik, als die 1848 von der
+„Neuen Rheinischen Zeitung” gegenüber den „blau-revolutionären”
+Blättern und Parteien eingenommene für „ebenso theoretisch falsch wie
+praktisch verderblich” erklärt. „Wir müssen”, schrieb er, „in
+bezug auf die vulgär-demokratischen Parteien und ihre verschiedenen
+Nüancen ebensosehr die Identität, als den Unterschied unsres
+sozial-revolutionären Standpunktes mit ihnen festhalten. Bloß den
+Unterschied herauskehren -- wird Zeit sein, wenn sie gesiegt haben.”
+Sollte die Partei in London dagegen sich zu dem Standpunkt entwickelt
+haben, alle bloß blau-revolutionären Blätter und Parteien den
+reaktionären gleichzustellen, dann „erkläre ich entschieden, daß ich
+diese Wandlung nicht mitmachen, sie vielmehr überall à outrance
+bekämpfen werde”. Im Brief vom 19. Januar 1861 teilt er jedoch Marx
+mit, daß er die Weigerung der „Volkszeitung”, eine längere Einsendung
+von ihm gegen die „Nationalzeitung” abzudrucken, als Anlaß benutzt
+habe, um mit ihrem Herausgeber, Franz Duncker, zu brechen. „Umgang
+meine ich, denn andres bestand überhaupt nicht. Ich benutze den
+Anlaß, sage ich. Denn es ist mir eine erwünschte Gelegenheit noch
+mehr als ein Grund. Es ist schon lange dahin gekommen mit ihm, daß
+ich diese Notwendigkeit einsah; es ist mit diesem mattherzigen
+Gesindel gar kein Verhältnis möglich, und so werde ich denn dies
+benutzen, um alle Beziehungen zu ihm, was ich ohne meine natürliche
+Gutmütigkeit schon lange getan, aufzuheben.” In der vom 27. März
+1861 datierten Vorrede zum „System der erworbenen Rechte” finden wir
+denn auch schon einen an jener Stelle sogar ziemlich unvermittelten
+Angriff auf die „Wortführer der liberalen Bourgeoisie”, die den
+Begriff des Politischen in einer „geistlosen Verflachung und
+Oberflächlichkeit”, in einer „Isoliertheit” fassen, die sie zwingt,
+„sich an bloße Worte hinzuverlieren, und auf Worten mit Worten und
+für Worte zu kämpfen”. Indes blieb Lassalle doch mit andern
+Fortschrittlern und Nationalvereinlern in Verkehr, und in Berlin
+selbst hatte der Bruch mit Duncker vorerst nur die Folge, daß
+politisch noch zweideutigere Gestalten Lassalles Umgang bildeten.
+Abgesehen von einigen wirklichen Gelehrten, durften ganz gewöhnliche
+Salonlöwen, wie der Baron Korff, Meyerbeers Schwiegersohn, oder
+radikaltuende Künstler, wie Hans von Bülow usw., sich der intimen
+Freundschaft Lassalles rühmen[19]. In der Rechtfertigungsschrift der
+Frau Helene von Racowitza wird von der Schreiberin, zwar
+unabsichtlich aber desto eindrucksvoller, die sehr gemischte und zum
+Teil ziemlich angefaulte Gesellschaft geschildert, in der sich
+Lassalle bewegte, als sie seine Bekanntschaft machte (Anfang 1862).
+Vom Rechtsanwalt Hiersemenzel, in dessen Haus die erste Zusammenkunft
+zwischen Helene und Lassalle stattfand, und dessen „reizende
+blondlockige Frau” jener Lassalle als „einen der intimsten Freunde
+ihres Mannes” bezeichnete, schreibt Lassalle selbst wenige Monate
+darauf -- am 9. Juni 1862 -- an Marx: „Beiläufig, mit dem ganz
+gemeinen Hecht Hiersemenzel habe ich for ever gebrochen” und fügt
+recht bezeichnend hinzu: „Glaube etwa nicht, daß seine Frau die
+Veranlassung davon bildet.”
+
+Dauerhafter erwies sich die Freundschaft Lassalles mit Lothar Bucher,
+der nach Erlaß der Amnestie nach Deutschland zurückgekehrt war und sich
+in Berlin niedergelassen hatte. Bucher war freilich kein Hecht, sondern
+gehörte einer zahmeren zoologischen Gruppe an.
+
+Verschiedene Briefe von und an Lassalle aus jener Zeit bestätigen, daß
+dieser aus Italien mit ziemlich abenteuerlichen Plänen heimgekehrt war,
+die an seinen Garibaldi vorgeschlagenen Revolutionsplan anknüpften.
+Einer der interessantesten davon ist der Brief Lothar Buchers vom 19.
+Januar 1862. Bucher, dem es damals herzlich schlecht ging und den
+Lassalle, wie er unterm 9. Februar 1862 an W. Rüstow schrieb, „in
+langen, mit rasender geistiger Anstrengung verbundenen Unterredungen”
+für seine Ideen zu gewinnen versucht hatte, nimmt in jenem Brief auf
+eine am Abend vorher geführte Debatte mit Lassalle Bezug und führt aus,
+daß er es zwar für möglich halte, die bestehende Ordnung -- „oder
+Unordnung” -- der Dinge in Deutschland niederzuwerfen, aber noch nicht,
+sie niederzuhalten; mit andern Worten, daß die Zeit für eine
+sozialistische Revolution noch nicht reif sei. „Bedenken Sie dazu noch
+eins: daß jede sozialistische Bewegung in Frankreich auf lange Zeit
+hinaus mit dem Kot und Gift des Bonapartismus versetzt sein und bei uns
+eine Menge gesunder und reiner Elemente gegen eine ähnliche Bewegung
+wachrufen würde.” Auf die Frage, was denn also geschehen solle, habe er
+nur „die lahme Antwort Machiavellis”: Politik ist die Wahl unter
+Übeln. „Ein Sieg des Militärs” -- d. h. der preußischen Regierung!!
+-- wäre „ein Übel”, aber „ein Sieg des heutigen Österreich wäre
+kein Sieg des reaktionären Prinzips”. Dafür stelle er Lassalle als
+Zeugen die „Berliner Revue” usw. usw. Diese als Einwand gegen
+Lassalle vorgebrachten Darlegungen lassen nur den Schluß zu, daß
+Lassalle eine Revolution erzwingen zu können glaubte und im Hinblick
+hierauf Österreich für den Vorstoß ausersehen hatte. Damit war der
+obenerwähnte Versuch, Garibaldi zu einem Freischarenzug nach Wien zu
+gewinnen, hinlänglich erklärt. Fraglich ist nur, wie Lassalle, der
+für gewöhnlich in politischen Dingen ein sehr nüchterner Rechner war,
+zu einem so abenteuerlichen Plan kommen konnte. Ob er von
+französischen, ungarischen oder italienischen Revolutionären angeregt
+worden war, die Lassalle auf seiner Reise nach und durch Italien
+kennengelernt, muß dahingestellt bleiben. Da Wilhelm Rüstow um ihn
+wußte und, wie Lassalle Marx erzählte, ihn gebilligt habe, mag er
+auch auf Anregungen dieses etwas phantasiereichen Militärs
+zurückzuführen sein. Es ist schwer zu glauben, daß er Lassalles
+eignem Kopf entsprungen war, so sehr er mit gewissen Ideen Lassalles
+übereinstimmte.
+
+Jedenfalls überzeugte sich Lassalle daheim, daß zu einer Revolution in
+Deutschland vor allem noch die deutschen Revolutionäre fehlten. Indes
+war die Situation doch zu bewegt, um die zu einer Rückkehr zum
+Studiertisch nötige Ruhe in ihm aufkommen zu lassen. Statt alsbald an
+die große national-ökonomische Arbeit zu gehen, die er sich vorgenommen,
+verschob er sie immer wieder, um sich den Fragen des Tages zu widmen,
+was bei dem täglich lebhafter pulsierenden öffentlichen Leben übrigens
+nur durchaus erklärlich war.
+
+Die erste Leistung, mit der er zunächst an die Öffentlichkeit trat, war
+das gemeinsam mit Bucher verfaßte Pamphlet „Julian Schmidt, der
+Literarhistoriker”. Obwohl die Schrift formell Kritik einer von Schmidt
+zusammengeschriebenen „Geschichte der deutschen Literatur” ist, zeigt
+das Vorwort, daß mit ihr die liberale Presse überhaupt getroffen werden
+sollte. Und auch die liberale Partei. Da Schmidt deren Programm
+mitunterschrieben hatte und eifrig verfocht, sollte „Julian der
+Grabowite” füglich der Ausdruck werden können, „welcher den geistigen
+Höhepunkt dieser Partei kennzeichnet”. Eine etwas übertriebene Logik,
+wie es überhaupt in der Schrift an Übertreibungen nicht fehlt. Auch war
+der Zeitpunkt für sie nicht sehr günstig gewählt, da gerade in jenen
+Tagen die Regierung das Abgeordnetenhaus aufgelöst und Wilhelm I. ein
+Reskript gegen die fortschrittlich-liberale Presse erlassen hatte. War
+nun auch die Fraktion Grabow -- die altliberale Partei -- nicht mit der
+Fortschrittspartei identisch, sondern noch ein gutes Teil mehr als diese
+zu Kompromissen geneigt, so machte sie doch in der Verfassungsfrage
+gemeinsame Sache mit ihr, so daß der Hieb sie in einem Augenblick traf,
+wo sie zufällig sich besser zeigte, als sonst. Im ganzen aber war die
+Julian Schmidt applizierte Lektion eine wohlverdiente, die scharfe
+Geißelung der bei ihm oft in „gespreizter Bildungssprache” sich
+wichtig machenden Oberflächlichkeit durchaus berechtigt.
+Lassalle-Bucher verteidigen mit Witz und Schärfe die größten
+Denker und Dichter Deutschlands gegen die oft fälschende und
+tendenziös-gehässige Schmidtsche Überkritik. Wo „der Setzer” das
+Wort nimmt, ist es immer Lassalle, der spricht, während Lothar Bucher
+als „das Setzerweib” vorgeführt wird.
+
+Eine Einladung, die er im Frühjahr 1862 erhielt, in einem Berliner
+liberalen Bezirksverein einen Vortrag zu halten, gab Lassalle erwünschte
+Gelegenheit -- da es ihm in der Presse nicht möglich war --, den Führern
+der Fortschrittspartei vor ihren eignen Leuten mündlich
+gegenüberzutreten. Als Thema wählte er die Frage des Tages: den
+ausgebrochenen Verfassungskonflikt. Aber mit geschickter Berechnung
+hielt er sich in dem ersten Vortrag, den er „Über Verfassungswesen”
+betitelte, noch absolut auf dem Boden akademischer Darlegung. Er
+entwickelt seinen prinzipiellen Standpunkt, ohne die sich aus ihm
+ergebenden Folgerungen selbst darzulegen. Verfassungsfragen sind
+Machtfragen, eine Verfassung hat nur dann und so lange gesicherten
+Bestand, als sie der Ausdruck der realen Machtverhältnisse ist; ein Volk
+besitzt nur dann in der Verfassung einen Schutz gegen Willkür der
+Regierenden, wenn es in der Lage und gewillt ist, im gegebenen Fall auch
+ohne die Verfassung sich gegen sie zu schützen. Es sei daher der größte
+Fehler gewesen, daß man 1848, anstatt zuerst die realen Machtfaktoren zu
+ändern und vor allen Dingen das Heer aus einem königlichen in ein
+Volksheer zu verwandeln, die Zeit mit dem Ausarbeiten einer Verfassung
+so lange vertrödelte, bis die Gegenrevolution Kraft genug geschöpft
+hatte, die Nationalversammlung auseinanderzujagen. Wenn das Volk wieder
+einmal in die Lage komme, eine Verfassung zu machen, möge man diese
+Erfahrung daher beherzigen. Die von der Regierung eingebrachten
+Heeresvorlagen seien ebenfalls aus diesem Gesichtspunkt zu beurteilen --
+d. h. als dem Bestreben entsprungen, die tatsächlichen Verhältnisse
+weiter zugunsten der Regierung umzugestalten. „Das Fürstentum, meine
+Herren,” heißt es am Schluß, „hat praktische Diener, nicht
+Schönredner, aber praktische Diener, wie sie Ihnen zu wünschen
+wären.”
+
+Der Grundgedanke, von dem Lassalle hier ausgeht, ist unbestreitbar
+richtig. Auch die meisten Fortschrittler sahen das wohl ein. Wenn sie
+trotzdem einen andern Standpunkt fingierten, so taten sie dies, weil die
+Übersetzung des ersteren in die Praxis einfach die Revolution hieß, die
+Partei aber -- ein Teil der Führer überhaupt nur, der andere jedenfalls
+zunächst -- den Kampf auf parlamentarischem Boden zu führen wünschte.
+Man brauchte aber auch keineswegs ein so geschworener Gegner der
+Revolution zu sein, als wie Lassalle die Fortschrittler -- und im großen
+und ganzen auch durchaus mit Recht -- damals hinstellte, um den
+Zeitpunkt für eine solche als noch nicht gekommen zu erachten. Auch
+Lassalles Freund Bucher war ja, wie wir gesehen haben, trotz der vielen
+Gründe, die er hatte, die bestehende Ordnung der Dinge zu hassen,
+dieser Ansicht. Für den parlamentarischen Kampf bot jedoch die Fiktion,
+daß man für die bestehende Verfassung gegen die Regierung, die diese
+verletzte, für das „Recht” gegen die Macht kämpfte, eine viel
+günstigere, oder sagen wir lieber, bequemere Position, als die offene
+Proklamierung des Kampfes um die Macht selbst. Die materiellen
+Machtmittel hatte die Regierung in der Hand, darum wollte man sich
+wenigstens alle moralischen sichern.
+
+Obwohl Lassalle in seinem Vortrage nichts gesagt hatte, was nicht jeder
+Fortschrittler -- ja, jeder vernünftige Mensch überhaupt unterschreiben
+konnte, war er daher doch den Führern der Fortschrittspartei höchst
+unangenehm, während die Regierungs- und Reaktionspartei sich die Hände
+rieb. Ganz offen bejubelte ihn die „Kreuz-Zeitung”, das Organ der
+Junker und Mucker. Nicht nur, daß es ihr überhaupt angenehm war, wenn
+der Konflikt ins Herz des Feindes getragen wurde, lag ihr auch
+deshalb daran, die Verfassungsfrage als eine reine Machtfrage
+zwischen Königtum und Volksvertretung dargestellt zu sehen, weil
+dadurch ihre Position als einzig zuverlässige Stütze des Thrones eine
+um so befestigtere wurde. Man muß nicht vergessen, daß die
+„Neue Ära” Wilhelms I. nebenbei ein Versuch gewesen war, den Thron
+der Hohenzollern von der allzu lästig gewordenen Vormundschaft der
+ostelbischen Junker und der Bureaukratie zu emanzipieren. Gegenüber
+dem Programm, wie es Lassalle formulierte, mußte diese dagegen dem
+König als das unbedingt kleinere Übel erscheinen.
+
+Lassalle ließ den Vortrag, den er noch in drei weiteren
+fortschrittlichen Versammlungen gehalten hat -- ein Beweis, daß die
+fortschrittliche Wählerschaft nichts Bedenkliches an ihm fand -- „auf
+mehrfaches Andringen” in Druck erscheinen. Inzwischen hatten die
+Neuwahlen zum Landtage einen eklatanten Sieg der Fortschrittspartei über
+die Regierung gebracht, und alles harrte gespannten Blicks, wie sich
+unter diesen Verhältnissen der Konflikt zwischen den beiden weiter
+entwickeln werde.
+
+Ebenfalls im Frühjahr 1862 hielt Lassalle in Berlin -- im
+Handwerkerverein der Oranienburger Vorstadt, dem Maschinenbauerviertel
+Berlins -- noch einen zweiten Vortrag, dem er den Titel gab: „Über den
+besonderen Zusammenhang der Idee des Arbeiterstandes mit der
+gegenwärtigen Geschichtsperiode”. Auch diesen Vortrag hatte er vorher
+sorgfältig ausgearbeitet. Und er ist, wenngleich in Einzelheiten nicht
+einwandfrei -- schon der Titel fordert zur Kritik heraus --
+unzweifelhaft eine der besten, wenn nicht die beste der Lassalleschen
+Reden. Eine ebenso klare wie schöne Sprache, gedrungene, flüssige,
+nirgends überladene und doch nie trockene Darstellung, von Satz zu Satz
+fortschreitende systematische Entwicklung des Grundgedankens, sind ihre
+formellen Vorzüge, während sie ihrem Inhalte nach -- wie gesagt, mit
+einigen Einschränkungen -- eine vortreffliche Einleitung in die
+Gedankenwelt des Sozialismus genannt werden kann. Es nimmt ihrem Werte
+nichts, wenn ich sie als eine, der Zeit und den Umständen, unter denen
+sie gehalten wurde, angepaßte Umschreibung des „Kommunistischen
+Manifestes” bezeichne; sie führt in der Hauptsache an der Hand konkreter
+Beispiele aus, was im historischen Teil des Manifestes in großen Zügen
+bereits vorgezeichnet ist.
+
+Noch immer spielen freilich die Hegelsche Ideologie und die juristische
+Auffassungsweise in die Darstellung hinein, aber neben ihnen tritt doch
+auch, wie das übrigens im Vortrag über Verfassungswesen gleichfalls
+geschieht, die Betonung der ökonomischen Grundlagen der Bewegung der
+Geschichte in den Vordergrund. Daß die Arbeiter vermöge ihrer
+Klassenlage in der modernen bürgerlichen Gesellschaft die eigentliche
+revolutionäre Klasse bilden, diejenige Klasse, die berufen ist, die
+Gesellschaft auf eine neue Grundlage zu stellen -- die Grundidee des
+kommunistischen Manifestes -- ist auch der leitende Gedanke des
+„Arbeiterprogramms”, unter welchem Namen der Vortrag später in Druck
+erschienen ist. Nur daß sich für Lassalle die Sache sofort wieder in
+juristische Begriffe kristallisiert und mit ideologischen Vorstellungen
+verquickt wird. Wenn Lassalle im Titel und durchgängig im Vortrage
+selbst vom Arbeiterstand spricht, so könnte man darin eine bloße
+Konzession an den Sprachgebrauch erblicken, an der nur Pedanterie
+Anstoß nehmen möchte. Indes es muß Lassalle zu seinem Lobe nachgesagt
+werden, daß er in der Wahl seiner Ausdrücke durchaus nicht leichtfertig
+zu Werke ging; es ist kein bloßes Zugreifen nach einer populären
+Redewendung, die ihn vom „Arbeiterstand”, von einem „vierten Stand”
+sprechen läßt, sondern eine Folge seiner wesentlich juristischen
+Vorstellungen. Es ist derselbe Rückfall, der ihn den Begriff des
+Bourgeois nicht etwa von der tatsächlichen Machtstellung herleiten
+läßt, die der Kapitalbesitz rein vermöge seiner ökonomischen Wirkungen
+und Kräfte verleiht, sondern -- von den rechtlichen und staatlichen
+Privilegien, die der Kapitalist auf Grund seines Besitzes genießt oder
+beansprucht. Statt den fundamentalen Unterschied zwischen dem modernen
+Bourgeois und dem mittelalterlichen Feudalherrn scharf zu kennzeichnen,
+verwischt er ihn auf solche Weise und läßt den Kapitalbesitzer nur dann
+einen Bourgeois sein, wenn er staatlich und rechtlich die Stellung
+eines Feudalen beansprucht. (Vgl. S. 20-22 des „Arbeiterprogramm”.)
+Und, wie immer, konsequent selbst in seinem Irrtum, stellt er als
+bezeichnendes Merkmal -- d. h. nicht als ein, sondern als _das_ Merkmal
+der Bourgeoisie-Gesellschaft -- das Klassen- oder Zensuswahlsystem hin.
+Das preußische Dreiklassenwahlsystem, eingeführt von der
+feudalistisch-absolutistischen Reaktion gegen die bürgerliche
+Revolution des Jahres 1848, erscheint bei ihm als das Wahlsystem des
+modernen Bourgeoisiestaates. Das hat allenfalls einen Sinn, wenn man
+den Begriff Bourgeois auf die wenigen neufeudalen Großkapitalisten
+beschränkt, aber was wird dann aus dem „vierten Stand”?
+
+Als weiteres Kennzeichen des so bestimmten Bourgeoisiestaates bezeichnet
+Lassalle die Ausbildung des Systems der indirekten Steuern als Mittel
+der Abwälzung der Steuerlast auf die nicht privilegierten Klassen. Daß
+jeder privilegierten Klasse die Tendenz innewohnt, sich von den Steuern
+möglichst zu befreien, kann unbestritten bleiben. Aber wenn Lassalle den
+Begriff des Klassenstaates vom Bestand von Wahlvorrechten abhängig
+macht, dann wird seine Theorie schon durch die einfache Tatsache
+umgestoßen, daß gerade in dem Lande, wo das allgemeine und direkte
+Wahlrecht am längsten besteht, in Frankreich, das indirekte Steuersystem
+am stärksten ausgebildet ist. Lassalles Deduktion, daß von den 97
+Millionen Talern, die der preußische Staat im Jahre 1855 aus Steuern
+einnahm, nur etwa 13 Millionen aus direkten Steuern herstammen, ist
+übrigens gleichfalls anfechtbar. Er erklärt die 10 Millionen Taler
+Grundsteuer einfach für eine indirekte Steuer, da sie nicht von den
+Grundbesitzern bezahlt, sondern von diesen auf den Getreidepreis
+abgewälzt werde. Das Abwälzen war aber keineswegs eine so leichte Sache,
+solange die Landesgrenzen nicht durch Einfuhrzölle gegen die Zufuhr von
+außen abgesperrt waren. Die Grundsteuer hat vielmehr lange Zeit als
+eine reine Reallast auf den Grundbesitz gewirkt und ist auch als solche
+von den Grundbesitzern empfunden und bei Veräußerungen behandelt worden.
+9 Millionen Taler Einnahme aus dem Justizdienst mögen als eine indirekte
+Steuer bezeichnet werden, da aber die ärmste Klasse keineswegs die
+meisten Prozesse führt, so kann man hier nicht von einer Steuer zur
+Entlastung des großen Kapitals sprechen, wie immer man sonst über die
+Justizgebühren denkt. Kurz, die relative Steuerfreiheit des großen
+Kapitals ist kein notwendiges Kriterium der Bourgeoisiegesellschaft.
+Diese unterscheidet sich eben von der feudalen Gesellschaft dadurch, daß
+sie nicht an gesetzliche Statuierung der Klassenunterschiede gebunden
+ist, vielmehr auch bei formeller Gleichberechtigung aller fortbesteht.
+
+Anfechtbar war es auch, wenn Lassalle die Auferlegung von
+Zeitungskautionen und der Zeitungsstempelsteuer als einen Beleg dafür
+anführt, daß „die Bourgeoisie die Herrschaft ihres besonderen
+Privilegiums und Elementes -- des Kapitals -- mit noch strengerer
+Konsequenz durchführe, als dies der Adel im Mittelalter mit dem
+Grundbesitz getan hatte”. Zeitungskautionen und Zeitungsstempel waren in
+Preußen keineswegs Regierungsmittel der Bourgeoisie, sondern der
+halb-feudalen und bureaukratischen Reaktion. Lassalle brauchte bloß den
+Blick nach England zu wenden, wo die Bourgeoisie zur weitesten
+Entfaltung gediehen war, um sich zu überzeugen, wie auch ohne die
+kleinen Mittel eines rückständigen Regierungssystems die Presse, und
+obendrein in noch viel höherem Maße als in Preußen, „Privilegium des
+großen Kapitalbesitzes” werden kann. So richtig es natürlich war, gegen
+diese Mittel der politischen Repression die Stimme zu erheben, so ist es
+wiederum ein Beweis von Lassalles juristischer Denkweise, daß, wo er die
+Wirkung der Herrschaft der Bourgeoisie auf das Preßwesen darstellen
+will, er hier ausschließlich formal-rechtliche Einrichtungen anführt,
+den Einfluß der ökonomischen Faktoren dagegen gänzlich ignoriert.
+
+Und schließlich führt ihn seine Ideologie dahin, dem Staat, der
+„Staatsidee”, einen Dithyrambus anzustimmen. Der „vierte Stand” hat
+„eine ganz andere, ganz verschiedene Auffassung von dem sittlichen Zweck
+des Staates als die Bourgeoisie”.
+
+Als Staatsidee der Bourgeoisie stellt Lassalle die Auffassung der
+liberalen Freihandelsschule hin, nach welcher die Aufgabe des Staates
+einzig darin bestehe, die persönliche Freiheit des einzelnen und sein
+Eigentum zu schützen.
+
+Das sei aber eine „Nachtwächteridee”. Die Geschichte sei „ein Kampf
+mit der Natur, mit dem Elende, der Unwissenheit, der Armut, der
+Machtlosigkeit und somit der Unfreiheit aller Art, in der wir uns
+befanden, als das Menschengeschlecht am Anfang der Geschichte
+auftrat. Die fortschreitende Besiegung dieser Machtlosigkeit -- das
+ist die Entwicklung der Freiheit, welche die Geschichte darstellt”.
+Diese Entwicklung des Menschengeschlechts zur Freiheit zu
+vollbringen, das sei die wahrhafte Aufgabe des Staates. Der Staat sei
+„die Einheit der Individuen in einem sittlichen Ganzen”, sein Zweck
+sei, „durch diese Vereinigung die einzelnen in den Stand zu setzen,
+solche Zwecke, eine solche Stufe des Daseins zu erreichen, die sie
+als einzelne niemals erreichen könnten, sie zu befähigen, eine Summe
+von Bildung, Macht und Freiheit zu erlangen, die ihnen sämtlich als
+einzelnen schlechthin unersteiglich wäre”. Und weiter sei sein Zweck,
+„das menschliche Wesen zur positiven Entfaltung und fortschreitenden
+Entwicklung zu bringen, mit anderen Worten, die menschliche
+Bestimmung -- d. i. die Kultur, deren das Menschengeschlecht fähig
+ist -- zum wirklichen Dasein zu gestalten”. Er sei „die Erziehung und
+Entwicklung des Menschengeschlechts zur Freiheit”. So sehr sei dies
+„die wahre und höhere Aufgabe” des Staates, daß „sie deshalb seit
+allen Zeiten durch den Zwang der Dinge selbst von dem Staate, auch
+ohne seinen Willen, auch unbewußt, auch gegen den Willen seiner
+Leiter, mehr oder weniger ausgeführt wurde”.
+
+Und der Arbeiterstand, die unteren Klassen der Gesellschaft überhaupt
+haben schon durch die hilflose Lage, in der sich ihre Mitglieder als
+einzelne befänden, den „tiefen Instinkt, daß eben dies die Bestimmung
+des Staates sei und sein müsse”. Ein unter die Herrschaft der Idee des
+Arbeiterstandes gesetzter Staat aber würde sich diese „sittliche
+Natur” des Staates „mit höchster Klarheit und völligem Bewußtsein”
+zu seiner Aufgabe machen und „einen Aufschwung des Geistes, die
+Entwicklung einer Summe von Glück, Bildung, Wohlsein und Freiheit
+herbeiführen, wie sie ohne Beispiel dasteht in der Weltgeschichte”.
+
+So schön das Ganze entwickelt ist, so leidet diese Darstellung doch an
+einem großen Fehler: Trotz aller Betonung der geschichtlichen
+Veränderungen in Staat und Gesellschaft erscheint der Staat hier seinem
+Begriff und Wesen nach als ein für alle Zeit gleicherweise Gegebenes,
+als habe er von Anfang an einen bestimmten, einen seiner „Idee”
+zugrunde liegenden Zweck gehabt, der zeitweise verkannt, mangelhaft
+erkannt oder ignoriert worden sei und dem daher zur vollen
+Anerkennung verholfen werden müsse. Der Staatsbegriff ist sozusagen
+ein ewiger. In diesem Sinne zitiert Lassalle eine Stelle aus einer
+Festrede von Boeckh, wo der berühmte Altertumskenner „gegen die
+Staatsidee des Liberalismus” an die „antike Bildung” appelliert,
+welche „nun einmal die unverlierbare Grundlage des deutschen Geistes
+geworden” sei und von der aus sich die Ansicht erzeuge, der Begriff
+des Staates sei dahin zu erweitern, daß „der Staat die Einrichtung
+sei, in welcher die ganze Tugend der Menschheit sich verwirklichen
+solle”. So begreiflich und innerhalb gewisser Grenzen auch durchaus
+berechtigt der Protest gegen die sich damals breitmachende Theorie
+des absoluten sozialpolitischen Gehen- und Geschehenlassens war, so
+weit schießt Lassalle hier selbst über das Ziel. Der Staat der Alten
+beruhte auf Gesellschaftszuständen, so grundverschieden von denen der
+Gegenwart, daß die Ideen der Alten aber den Staat ebensowenig für die
+Gegenwart maßgebend sein können, wie etwa die Ideen der Alten über
+die Arbeit, das Geld, die Familie. Gleich diesen ist die antike
+Staatsidee nur Material der vergleichenden Forschung, aber keineswegs
+eine auf die Neuzeit übertragbare Theorie. Wenn nach Boeckh die
+Staatsidee des Liberalismus die Gefahr einer „modernen Barbarei” in
+sich trug, so die Aufpfropfung der antiken Staatsidee auf die heutige
+Gesellschaft die Gefahr einer modernen Staatssklaverei. Ferner stimmt
+es auch durchaus nicht, was Lassalle von den Wirkungen des Staates
+sagt. Diese sind vielmehr zu verschiedenen Zeiten sehr verschiedene
+gewesen. Großartige Kulturfortschritte sind vollzogen worden, ehe ein
+Staat bestand, und wichtige Kulturaufgaben erfüllt worden, ohne den
+jeweiligen Staat oder auch in Gegensatz zu ihm; der Staat hat
+unzweifelhaft im wesentlichen den Fortschritt der Menschheit
+gefördert, aber doch auch oft sich ihm als ein Hemmschuh erwiesen.
+
+Natürlich dachte Lassalle nicht so unhistorisch, den Staatsbegriff
+der Alten unverändert wieder herstellen zu wollen -- auch Boeckh lag
+ein solcher Gedanke fern --, aber mit dem schlechtweg abgeleiteten
+Staatsbegriff wurde die Sache nicht besser, sondern schlimmer. Der
+Kultus des Staates schlechthin heißt der Kultus jedes Staates, und
+wenn auch bei Lassalles demokratisch-sozialistischer Gesinnung ein
+direktes Eintreten für den bestehenden Staat ausgeschlossen war, so
+verhinderte diese doch nicht, daß jener Kultus später von den
+Anwälten des bestehenden Staates weidlich zu dessen Gunsten
+ausgebeutet wurde. Das ist überhaupt die Achillesferse aller auf
+abgeleitete Begriffe aufgebauten Theorie, daß sie, so revolutionär
+sie auch gedacht ist, tatsächlich immer in Gefahr ist, in eine
+Verklärung bestehender oder vergangener Zustände umzuschlagen.
+Lassalles Staatsidee war die Brücke, die den Republikaner Lassalle
+eines Tages mit den Streitern für das absolute Königtum und den
+Revolutionär Lassalle mit den eingefleischten Reaktionären
+zusammenführte. Der philosophische Absolutismus hatte zu allen Zeiten
+eine Ader, die ihn dem politischen Absolutismus nahe brachte.
+
+So enthält dieser Vortrag, trotz seiner sonst vortrefflichen
+Eigenschaften, im Keim bereits alle Fehler, welche in der späteren
+Lassalleschen Bewegung zutage getreten sind.
+
+Zum Schluß ermahnt Lassalle die Arbeiter, sich ganz von dem Gedanken an
+die hohe geschichtliche Mission ihrer Klasse durchdringen zu lassen, aus
+ihm die Pflicht zu einer ganz neuen Haltung herzuleiten. „Es ziemen
+Ihnen nicht mehr die Laster der Unterdrückten, noch die müßigen
+Zerstreuungen der Gedankenlosen, noch selbst der harmlose Leichtsinn
+der Unbedeutenden. Sie sind der Fels, auf welchen die Kirche der
+Gegenwart gebaut werden soll!”
+
+Lassalle ließ, wie gesagt, auch diesen Vortrag drucken. Aber so
+vorsichtig er auch gehalten ist, so sehr Lassalle jede unmittelbare
+politische Schlußfolgerung vermeidet, so witterte die Berliner Polizei,
+zumal ihr Lassalles politische Bestrebungen sehr gut bekannt waren, doch
+sofort, worauf der Vortrag hinauslief. Sie ließ die ganze, bei einem
+Berliner Drucker hergestellte Auflage von 3000 Exemplaren beschlagnahmen
+und gegen Lassalle Strafuntersuchung einleiten. Ende Juni war die
+Broschüre im Druck vollendet und konfisziert worden. Am 4. November 1862
+reichte der Staatsanwalt von Schelling -- ein Sohn des Philosophen
+Schelling -- beim Berliner Stadtgericht das Gesuch ein um Einleitung der
+Strafuntersuchung gegen Lassalle wegen „Aufreizung der besitzlosen
+Klassen zu Haß und Verachtung gegen die Besitzenden”. Am 17. November
+beschloß das Stadtgericht, dem Gesuch Folge zu geben, und am
+16. Januar 1863 kam der Prozeß in erster Instanz zur Verhandlung. Trotz
+einer wahrhaft brillanten Verteidigung, in der sich Lassalle dem
+Staatsanwalt und dem Gerichtspräsidenten gleich überlegen zeigte, und
+namentlich den ersteren Spießruten laufen ließ, wurde Lassalle doch zu
+vier Monaten Gefängnis verurteilt. Er appellierte und hatte wenigstens
+den Erfolg, daß das Kammergericht die Gefängnisstrafe in eine
+verhältnismäßig unerhebliche Geldstrafe umwandelte. Die Beschlagnahme
+der Broschüre blieb allerdings aufrechterhalten, indes ließ Lassalle den
+Vortrag nun bei Meyer & Zeller in Zürich in Neuauflage erscheinen.
+
+Ebenfalls bei Meyer & Zeller erschienen die drei Broschüren über den
+Prozeß in der ersten Instanz -- von denen die erste die
+Verteidigungsrede Lassalles (unter dem Sondertitel: „Die Wissenschaft
+und die Arbeiter”), die zweite den stenographischen Bericht über die
+mündlichen Verhandlungen, und die dritte eine etwas breite Kritik des
+erstinstanzlichen Urteils enthält -- und schließlich auch unter dem
+Titel: „Die indirekte Steuer und die Lage der arbeitenden Klassen”, die
+eine ganze Geschichte und Kritik der indirekten Steuer darbietende
+Verteidigungsrede in der zweiten Instanz. War die erste
+Verteidigungsrede eine außerordentlich geschickte und wirkungsvolle
+Beweisführung dafür, daß der Satz in der preußischen Verfassung „die
+Wissenschaft und ihre Lehre sind frei” sinnlos wäre, wenn er nicht das
+Recht in sich begriffe, die Lehren der Wissenschaft und ihre Theorien
+den breiten Volkskreisen vorzutragen, und daß gerade die Arbeiterklasse
+infolge ihrer gesellschaftlichen Lage die natürliche Verbündete der für
+ihre Freiheit kämpfenden Wissenschaft sei, so ist die Rede über die
+indirekte Steuer eine ganze ökonomische Abhandlung mit sehr vielem
+geschichtlichen und statistischen Material, die man noch heute mit
+Frucht lesen wird, eine der wuchtigsten Anklageschriften gegen das
+System der indirekten Steuern, die je geschrieben wurden. Politisch
+kommt in dieser zweiten Rede schon der Kampf Lassalles mit dem
+bürgerlichen Liberalismus zu schärfstem Ausdruck, während in der ersten
+Rede noch die Gemeinsamkeit des Kampfes beider wider die Reaktionsmächte
+betont wurde. Eine eingehendere Würdigung dieser Reden findet man in den
+Vorworten des Schreibers zu ihnen. Hier müssen wir vorerst wieder auf
+die Zeit zurückgehen, in welcher der Vortrag selbst gehalten worden war,
+das Frühjahr 1862.
+
+Es ist begreiflich, daß der Vortrag als solcher zunächst kein
+besonderes Aufsehen machte. So sehr er sich dem inneren Gehalt nach von
+der Kost unterschied, die den Berliner Arbeitern damals von den
+Fortschrittsrednern vorgesetzt wurde, der äußeren, politischen Tendenz
+nach wich er wenig von ihr ab. An radikalen Wendungen, Anspielungen auf
+eine Neuauflage der 1848er Revolution, Angriffen auf die indirekte
+Steuer usw. ließen es auch die fortschrittlich-demokratischen
+Dutzendredner nicht fehlen. Ja, da sie ihre Reden mit Ausfällen gegen
+die Regierung spickten, hörten sich diese gewöhnlich viel radikaler an
+als der fast ganz akademisch gehaltene Vortrag Lassalles. Wenn der
+Philister oppositionell ist, nimmt er es in der Großspurigkeit der
+Redensarten mit jedem auf. Auf die Mehrheit seiner Hörer, ob Arbeiter
+oder Bürger, machte der Vortrag noch nicht den Eindruck von
+außergewöhnlichem Radikalismus.
+
+So wurde denn auch Lassalle, der Mitglied der „Philosophischen
+Gesellschaft” in Berlin war, noch in demselben Frühjahr von dieser dazu
+ausersehen, bei der auf den 19. Mai veranstalteten Gedenkfeier zum
+hundertjährigen Geburtstage des Philosophen Fichte die Festrede zu
+halten. Weder an seinem sozialen noch an seinem politischen
+Radikalismus, der natürlich in diesen Kreisen wohl bekannt war, nahmen
+die leitenden Persönlichkeiten damals Anstoß. Da das Bürgertum in seiner
+großen Mehrheit oppositionell war, durften auch seine Gelehrten noch
+Ideologie treiben.
+
+Sechs Monate zuvor hatte Lassalle in den „Demokratischen Studien”
+Fichte als Apostel der deutschen Republik gefeiert; wenn man ihm
+jetzt den Auftrag erteilte, dem Andenken Fichtes eine Festrede zu
+halten, so war das im Grunde nichts als eine Anerkennung jenes
+Aufsatzes. Und Lassalle ließ sich denn auch die Gelegenheit nicht
+entgehen, das dort Gesagte in anderer Umkleidung zu wiederholen.
+
+Die Rede trägt den Titel: „Die Philosophie Fichtes und die Bedeutung des
+deutschen Volksgeistes.” Sie ist glänzend, soweit sie Fichtes Stellung
+in der Geschichte der deutschen Philosophie zur Anschauung bringt.
+Weiterhin aber verfällt Lassalle wieder in eine ganz althegelsche
+Ideologie. Der deutsche Volksgeist ist die metaphysische Volksidee, und
+seine Bedeutung besteht darin, daß die Deutschen die hohe
+weltgeschichtliche Aufgabe haben, aus dem „reinen Geist” heraus diesem
+„nicht bloß eine reale Wirklichkeit”, sondern sogar „die bloße
+Stätte seines Daseins, sein Territorium”, erst zu schaffen. „Indem
+hier das Sein aus dem reinen Geist selbst erzeugt wird, mit nichts
+Geschichtlichem, nichts Naturwüchsigem und Besonderem verwachsen,
+kann es nur sein, des reinen Gedankens, Ebenbild sein, und trägt
+hierin die Notwendigkeit jener Bestimmung zur höchsten und
+vollendetsten Geistigkeit der Freiheit, die ihm Fichte weissagt.” Und
+was Fichte philosophisch in der Einsamkeit seines Denkens aufgestellt
+habe, das sei, einen anderen Ausspruch dieses Philosophen
+bewahrheitend, bereits „zur Religion geworden” und durchbebe „unter
+dem populären und dogmatischen Namen der deutschen Einheit jedes
+edlere deutsche Herz”.
+
+Das Streben nach der deutschen Einheit als die Frucht des „reinen, mit
+nichts Geschichtlichem verwachsenen” Geistes hinstellen -- das ging noch
+über die Ideologie des Liberalismus hinaus. Deshalb scheint auch der mit
+großer Konsequenz und Einheitlichkeit des Gedankens durchgeführte
+Vortrag seine Wirkung auf das Festpublikum total verfehlt zu haben. Wie
+einige Blätter schadenfroh berichteten, verließen die Hörer zum großen
+Verdruß Lassalles allmählich das Zimmer der Festrede, „um sich nach dem
+Zimmer des leckeren Mahles zu verfügen”. Sie vergaßen aber
+hinzuzusetzen, daß die Hörerschaft sich nicht nur aus Mitgliedern der
+philosophischen Gesellschaft, sondern in der Mehrheit aus deren Gästen
+zusammensetzte -- meist also Leute, die solche Festversammlungen
+lediglich des guten Tons halber besuchen.
+
+Lassalle ließ auch diese Rede im Separatdruck erscheinen und sandte sie,
+zusammen mit dem „Julian Schmidt”, und dem Vortrag „über
+Verfassungswesen” durch Lothar Bucher an Marx. Er habe „etwas
+politisch-praktische Agitation beginnen” wollen, schreibt er unter dem
+9. Juni an letzteren. „So habe ich den Verfassungsvortrag in vier
+Vereinen gehalten. Außerdem einen weit längeren Vortrag über den
+Arbeiterstand geschrieben und in einem Arbeiterverein gehalten.”
+Es ist dies das „Arbeiterprogramm”. „Ich habe mich jetzt auch
+entschlossen,” setzt er hinzu, „ihn drucken zu lassen; er ist bereits
+unter der Presse. Sowie er fertig ist, sende ich ihn Dir.” Im
+weiteren Verlauf seines Briefes kommt er wieder darauf zurück, daß
+durch die intensivere Beschäftigung mit anderen Dingen in den letzten
+drei Jahren die nationalökonomische Materie in seinem Kopf „gleichsam
+fossil” geworden sei. Erst wenn „alles wieder flüssig geworden”,
+werde er an die zweite Lektüre des Marxschen Buches „Zur Kritik der
+politischen Ökonomie” gehen, und dann ziemlich gleichzeitig an dessen
+Besprechung und die Ausführung seines eigenen ökonomischen Werkes --
+„welch letztere freilich sehr lange dauern wird”. Dieses Programm
+werde ohnehin durch eine zweimonatige Reise unterbrochen, denn im
+Sommer halte er es in Berlin nicht aus. Im Juli werde er nach der
+Schweiz reisen oder erst nach London kommen und dann in die Schweiz
+gehen.
+
+Er entschied sich für das letztere. Vorher aber schrieb er noch einmal
+an Marx, und zwar:
+
+„Lieber Marx! Der Überbringer ist der Hauptmann Schweigert, der mit
+Auszeichnung unter Garibaldi und speziell unter meinem Freund Rüstow
+gedient hat. Er ist der ehrlichste und zuverlässigste Kerl von der Welt.
+C'est un homme d'action. Er steht an der Spitze der Wehrvereine, die er
+von Coburg aus organisiert und geht jetzt nach London, um dort
+Geldmittel für 3000 Gewehre aufzutreiben, die er für die Wehrvereine
+braucht. Ich brauche Dir nicht erst zu sagen, wie wünschenswert dies
+wäre. Habe also die Güte, ihn mit allen Leuten in Rapport zu setzen, von
+denen er Geld für diesen Zweck erhalten kann oder sonstigen zu diesem
+Ziel führenden Vorschub zu tun. Tue Dein Möglichstes.
+
+„Die Wahrscheinlichkeit, daß ich nach London komme, nimmt zu.
+
+ Berlin, 19. 6. 62. Dein F. Lassalle.”
+
+Die von Coburg aus organisierten „Wehrvereine” standen im Lager des
+„Nationalvereins”, der seinen Sitz in jener Stadt hatte. Rüstow wollte
+sie offenbar für Aktionen verwendbar machen, die zeitgemäß werden
+konnten, wenn Garibaldi sich von neuem erhob. Die Betonung des „homme
+d'action”, und das große Interesse an der Beschaffung der 3000 Gewehre
+sind eine weitere Bestätigung für das weiter oben von den
+Revolutionsplänen Lassalles Gesagte.
+
+Mit zwei kurzen Briefen aus London selbst, die sich auf Besuche und
+einen zu unternehmenden gemeinsamen Ausflug beziehen, schließen die mir
+vorliegenden Briefe Lassalles an Marx ab. Es wäre aber falsch, daraus
+den Schluß zu ziehen, daß es bei dem Besuch zu einem Bruch zwischen den
+beiden gekommen wäre. Ein solcher hat nie stattgefunden. Wohl aber
+wissen wir von Marx, daß in den mündlichen Auseinandersetzungen zwischen
+ihm und Lassalle er dem letzteren die grundsätzliche Verschiedenheit der
+beiderseitigen Standpunkte rückhaltlos dargelegt, sich rundweg gegen
+dessen Pläne erklärt habe. Bald nachdem Lassalle im Herbst 1862 nach
+Berlin zurückgekehrt war, schlief die Korrespondenz gänzlich ein. Um so
+enger schloß sich Lassalle an Bucher an, der ihn später auch mit
+Rodbertus in Verbindung brachte.
+
+Im Spätsommer 1862 schien es einen Augenblick, als wolle die preußische
+Regierung der Volksvertretung gegenüber eine nachgiebigere Haltung
+einschlagen. Wieder wurde hin- und herverhandelt, bis plötzlich der
+König in schroffer Weise der Kammer erklären ließ, daß er sich auf keine
+Konzessionen in bezug auf die Verkürzung der Militärdienstpflicht
+einlasse und auch keine Neigung verspüre, um Indemnität für die
+verfassungswidrige Durchführung der Armeeorganisation einzukommen. Die
+Kammer antwortete damit, daß sie die Forderung der Regierung, die Kosten
+der Heeresorganisation in den Etat der ordentlichen Ausgaben
+aufzunehmen, mit 308 gegen 11 Stimmen verwarf. Um den Widerstand der
+Mehrheit zu brechen, berief der König an Stelle des Herrn v. d. Heydt
+den gerade in Berlin befindlichen Gesandten Preußens am französischen
+Hofe, Otto v. Bismarck, ins Ministerium. Die vorhergegangene schroffe
+Betonung der königlichen Vorrechte war bereits im Einverständnis mit
+Bismarck erfolgt.
+
+Bismarck, der 1847 im „Vereinigten Landtag” und 1849 in der
+Preußischen Nationalversammlung als feudal-junkerlicher Heißsporn
+aufgetreten war, hatte sich inzwischen zum „modernen Staatsmann”
+entwickelt. Er hatte die junkerlichen Ideologien über Bord geworfen,
+um desto wirksamer die Interessen des „befestigten Grundbesitzes”
+wahrzunehmen, er hatte den vormärzlichen Absolutismus aufgegeben, um
+dem Königtum dadurch eine um so privilegiertere Stellung zu sichern,
+daß die Volksvertretung die Verantwortung, aber auch nichts als die
+Verantwortung für die Bedürfnisse und die Politik der Monarchie
+übernehmen sollte. Kurz, er hatte die Maximen des als Bonapartismus
+bekannten Regierungssystems übernommen, das, wenn es von Demokratie
+spricht, Regierungsgewalt meint, und von Fürsorge für das Wohl der
+Armen deklamiert, wenn es einen Steuerfeldzug auf die Taschen der
+Arbeiter im Schilde führt. Von der zarischen Diplomatie hatte er
+gelernt, wie man absolutistisch regieren und unter der Hand mit
+Revolutionären Geschäfte machen kann, von der bonapartistischen, wie
+man stets in dem Augenblick den Gegner einer verpönten Handlung
+beschuldigen muß, wo man selbst eben diese Handlung zu begehen im
+Begriff ist. Als Spezialität übte er außerdem die Gepflogenheit aller
+geriebenen Diplomaten, zeitweilig eine verblüffende Aufrichtigkeit an
+den Tag zu legen, um bei der nächsten Gelegenheit mit desto mehr
+Erfolg die Sprache gebrauchen zu können, um die Wahrheit nicht zu
+sagen.
+
+Mit dieser „Aufrichtigkeit” trat Bismarck auch vor die Kammer, trotzdem
+wurde ihm jedoch sein deutsches Programm nicht geglaubt. Seine Erklärung
+in der Budgetkommission, die deutsche Frage werde nur durch „Blut und
+Eisen” gelöst werden, reizte nur um so mehr zum Widerstand. Das
+Abgeordnetenhaus blieb bei seinem Beschluß bestehen, der Regierung
+nichts zu bewilligen, bevor nicht sein verfassungsmäßiges Recht von ihr
+anerkannt sei, worauf Bismarck das Haus vertagte mit der Erklärung, die
+Regierung werde vorderhand das Geld nehmen, wo sie es finde.
+
+Indes war seine Lage keineswegs eine sehr gesicherte. Wohl hatte er die
+Regierungsgewalt, d. h. die organisierte Macht, hinter sich, während
+die Kammer vorläufig nichts als die „öffentliche Meinung” auf ihrer
+Seite hatte. Indes, er wußte ganz gut, daß er sich auf die preußischen
+Bajonette nicht „setzen” konnte. Auf durchgreifende Erfolge in der
+auswärtigen Politik, geeignet, die ehemaligen „Gothaer”, d. h. die
+schwachliberalen Kleindeutschen, für die Regierung zurückzugewinnen, war
+vorderhand nicht zu rechnen. Er mußte also anderwärts Verbündete gegen
+die Fortschrittspartei zu gewinnen suchen.
+
+Es war um diese Zeit, im Herbst 1862, daß man in Berlin in
+Arbeiterkreisen anfing, die Einberufung eines Allgemeinen deutschen
+Arbeiterkongresses zur Erörterung von besonderen Fragen des Arbeiterwohls
+ernsthaft zu betreiben, und daß in Zusammenkünften, die dieser Frage
+galten, ein beschäftigungsloser Arbeiter namens Eichler mit besonderer
+Heftigkeit die Fortschrittspartei der Lahmheit anklagte und gegen die
+Schulzeschen Genossenschaften loszog, die dem Arbeiter nichts nützten.
+Mit der „Selbsthilfe”, von der die Liberalen soviel Geschrei machten,
+sei es nichts, nur der Staat könne den Arbeitern helfen. Eichler, der
+behauptete, von seinem Prinzipal wegen seiner absprechenden
+Äußerungen über die Schulzesche Selbsthilfe gemaßregelt zu sein, fand
+die Mittel, nach Leipzig zu reisen, wo im dortigen Arbeiterverein
+„Vorwärts” gleichfalls die Idee der Einberufung eines allgemeinen
+Arbeiterkongresses und die Gründung einer selbständigen
+Arbeiterorganisation lebhaft diskutiert wurde. Er suchte das
+Leipziger Zentralkomitee für die Einberufung des Kongresses nach
+Berlin zu gewinnen, und als man ihm etwas genauer auf den Zahn
+fühlte, rückte er schließlich in der Hitze des Gefechtes mit der
+Erklärung heraus, er wisse ganz genau, daß die preußische Regierung
+den guten Willen habe, den Arbeitern zu helfen, namentlich bei der
+Gründung von Produktivgenossenschaften; er könne mitteilen, daß Herr
+von Bismarck bereit sei, 30000 Taler zur Gründung einer
+Maschinenbauer-Produktivgenossenschaft zu liefern -- die
+Maschinenbauer waren damals, und noch lange später, in Berlin die
+Kerntruppe der Fortschrittspartei! Natürlich müßten sich die Arbeiter
+dazu entschließen, der Fortschrittspartei den Rücken zu kehren, die
+eine Partei der Bourgeoisie, der Hauptfeindin der Arbeiter, sei.
+
+Damit fiel Eichler indes ab, denn so wenig die Leute, welche in Leipzig
+den Arbeiterkongreß betrieben, Verehrer der Fortschrittler waren, so
+geringe Lust hatten sie, ihnen der preußischen Regierung zuliebe in den
+Rücken zu fallen. Eichler zog unverrichteter Sache heim und scheint auch
+in Berlin wenig ausgerichtet zu haben. Als man ihm wegen seiner
+auffällig flotten Lebensweise, die zu seiner „Arbeitslosigkeit” so gar
+nicht paßte, auf den Pelz rückte, machte er mysteriöse Anspielungen auf
+eine reiche vornehme Dame, die Wohlgefallen an ihm gefunden habe, und da
+er ein hübscher Bursche war, hatte das auch nichts besonders
+Unwahrscheinliches. Eichler verschwand dann von der Bildfläche und
+tauchte später als -- preußischer Polizeibeamter auf.
+
+Als 16 Jahre später, in der Reichstagssitzung vom 16. September 1878,
+August Bebel die Eichlersche „Mission” dem inzwischen zum Fürsten
+avancierten Bismarck vorhielt, suchte dieser tags darauf den Eichler von
+sich abzuschütteln, indem er ein Versehen Bebels in der Zeitbestimmung
+für sich ausnutzte -- Bebel hatte September statt Oktober 1862 als die
+Zeit des Eichlerschen Gastspiels in Leipzig angegeben; aber im Vertrauen
+auf die Wirkung dieses Kunstgriffs ließ er sich zu dem Geständnis
+verleiten, Eichler habe späterhin „Forderungen an mich gestellt für
+Dienste, die er mir nicht geleistet hatte”, und daß ihm „bei der
+Gelegenheit erst in Erinnerung gekommen, daß Herr Eichler im Dienste der
+Polizei gewesen ist und daß er Berichte geliefert hat”. (Vgl. die unter
+dem Titel „Die Sozialdemokratie vor dem deutschen Reichstage”
+veröffentlichten amtlichen Stenogramme über die Beratung des
+Sozialistengesetzes, 1878, S. 85.) Mit andern Worten, die angebliche
+vornehme Dame, oder, wie sich der Leipziger „Volksstaat” seinerzeit
+einmal drastisch ausdrückte, die „aristokratische Vettel” entpuppte
+sich als -- das Berliner Polizeipräsidium.
+
+Ebenfalls im Herbst 1862, nachdem am 13. Oktober Bismarck den Landtag
+vertagt hatte, hielt Lassalle seinen zweiten Verfassungsvortrag: „Was
+nun?” Er beruft sich dort darauf, daß die Ereignisse den Ausführungen
+in seinem ersten Vortrage recht gegeben haben. Die „Kreuzzeitung”, der
+Kriegsminister von Roon und der gegenwärtige Ministerpräsident von
+Bismarck hätten seine Theorie, daß Verfassungsfragen Machtfragen sind,
+bestätigt. Gestützt auf ihre Macht habe die Regierung fortgefahren, sich
+über die Beschlüsse der Kammer hinwegzusetzen. Es handle sich nun
+weniger um die Frage, wie der Verfassung von 1850 zur Fortdauer ihrer
+Existenz zu verhelfen sei, an deren Bestimmungen das Volk zum Teil gar
+kein Interesse habe, sondern einfach um die Frage, wie das Budgetrecht
+der Volksvertretung aufrechtzuerhalten, das parlamentarische Regime zur
+Wahrheit zu machen sei, da „in ihm, und nur in ihm das Wesen einer jeden
+wahrhaft konstitutionellen Regierung” bestehe. Soll man zu dem Mittel
+der Steuerverweigerung greifen? Nein, antwortet Lassalle. Diese sei als
+solche ein wirksames Mittel nur in den Händen eines Volkes, das, wie das
+englische, die vielen Machtmittel der organisierten Macht auf seiner
+Seite habe. Sie hätte nur dann einen Sinn, wenn sie dazu dienen sollte,
+einen allgemeinen Aufstand zu entflammen. Aber an einen solchen „werde
+unter den jetzigen Umständen hoffentlich wohl niemand denken”. Das
+einzige Mittel sei, auszusprechen, was ist. Die Kammer müsse, sobald sie
+wieder zusammentrete, „aussprechen das, was ist”. Das sei „das
+gewaltigste politische Mittel”. Die Kammer müsse es der Regierung
+unmöglich machen, mit dem Scheinkonstitutionalismus weiter zu regieren.
+Sobald sie wieder zusammentrete, müsse sie unverzüglich einen Beschluß
+fassen, daß sie, solange die Regierung ihren Verfassungsbruch fortsetze,
+es ablehne, durch Forttagen und Fortbeschließen der Regierung behilflich
+zu sein, den Schein eines verfassungsmäßigen Zustandes aufrechtzuhalten,
+und daß sie daher ihre Sitzungen „auf unbestimmte Zeit, und zwar auf so
+lange aussetze, bis die Regierung den Nachweis antritt, daß die
+verweigerten Ausgaben nicht länger fortgesetzt werden”. Sobald die
+Kammer diesen Beschluß gefaßt habe, sei die Regierung besiegt. Auflösung
+nutze ihr nichts, denn die neuen Abgeordneten würden mit derselben
+Parole wiedergewählt werden. Ohne Kammer könne sie aber auch nicht
+regieren. Ihr Kredit, ihr Ansehen, ihre Machtstellung nach außen würden
+so gewaltig darunter leiden, daß sie über kurz oder lang gezwungen sein
+werde, nachzugeben. Ein anderes Mittel, den Konflikt beizulegen, gäbe es
+aber nicht. Durch Forttagen und Verweigern anderer oder auch aller
+Ausgaben der Regierung würden nur Volk und Regierung an die süße
+Gewohnheit der Nichtbeachtung von Kammerbeschlüssen gewöhnt. Noch
+schlimmer würde es sein, wollte die Kammer sich auf einen Kompromiß
+einlassen, etwa für den Preis der Bewilligung der zweijährigen
+Dienstzeit. Nein, kein Nachgeben in der konstitutionellen Grundfrage, um
+die es sich jetzt handle. Je hartnäckiger sich die Regierung stelle, um
+so größer werde alsdann ihre Demütigung sein, wenn sie sich gezwungen
+sehen werde, nachzugeben. „Um so mehr erkennt sie dann die
+gesellschaftliche Macht des Bürgertums als die ihr überlegene Macht an,
+wenn sie erst später umkehrend sich vor Volk und Kammer beugen muß.”
+Dann aber „keinen Versöhnungsdusel, meine Herren”. Keinen neuen
+Kompromiß mit dem alten Absolutismus, sondern „den Daumen aufs Auge und
+das Knie auf die Brust”.
+
+Lassalle nimmt in diesem Vortrag im ganzen eine versöhnliche Haltung
+gegenüber der Fortschrittspartei ein. Er will „der Einigkeit zuliebe”
+alle schweren Anklagen, die er gegen sie auf dem Herzen habe,
+unterdrücken. Nur die „Volkszeitung” und ihre Hintermänner, deren
+Politik das Aussprechen was nicht ist, sei, greift er an. Diese
+„Geistesärmsten” trügen durch ihre Versuche, die Regierung in eine
+konstitutionelle „umzulügen”, einen sehr großen Teil der
+Verantwortung für den jetzigen Stand der Dinge. Aber „Friede, meine
+Herren, der Vergangenheit”!
+
+Ob Lassalle im Innersten seines Herzens so friedlich gesinnt war und
+wirklich sich dem Glauben hingab, die Fortschrittler würden auf seinen
+Vorschlag eingehen, oder ob diese Versöhnlichkeit nur oratorische
+Floskel war, um ihm später eine desto schärfere Position gegen die
+Fortschrittler zu verleihen, läßt sich schwer feststellen. Es mag beides
+zutreffen. Daß er einem zeitweiligen Zusammengehen mit den
+Fortschrittlern grundsätzlich nicht abgeneigt war, haben wir vorher
+gesehen, viele persönliche Beziehungen ließen ihm das sogar als
+wünschenswert erscheinen, und vom prinzipiellen Standpunkt ließ sich bei
+der damaligen Sachlage auch nichts dagegen einwenden. Auf der anderen
+Seite war es aber immer zweifelhafter geworden, ob die Fortschrittler
+sich mit ihm einlassen und ihm denjenigen Einfluß auf ihre Taktik
+einräumen würden, auf den er Anspruch zu haben glaubte.
+
+
+Fußnoten:
+
+ [18] Daß die Führer der Italiener Becker sehr gut kannten, geht
+ aus einem Briefe Mazzinis an Becker vom Juni 1861 hervor. Vgl. die
+ Veröffentlichungen R. Rüeggs aus den Papieren Joh. Ph. Beckers im
+ Jahrgang 1888 der „Neuen Zeit”, S. 458 usf.
+
+ [19] Die Briefe Lassalles an Hans von Bülow sind Mitte der achtziger
+ Jahre im Buchhandel erschienen. (Dresden und Leipzig, H. Minden.)
+ So dünn das Bändchen, so liederlich ist es zusammengestellt. Im
+ Vorwort wird eine Stelle aus einem Brief Heines über Lassalle dem
+ Fürsten Pückler-Muskau zugeschrieben; die Briefe selbst sind nicht
+ einmal chronologisch geordnet, wozu deren Nichtdatierung von seiten
+ Lassalles den Vorwand liefern muß, obwohl bei den meisten aus dem
+ Inhalt das ungefähre Datum leicht festzustellen war. In einem der
+ Briefe ist von „Salingers genialer Komposition” die Rede. Der
+ Herausgeber, der die Briefe von Hans von Bülow selbst erhalten, macht
+ dazu die Note „Arbeiterhymne von Herwegh”. Daß der Name Salinger
+ bzw. Solinger Pseudonym für Hans von Bülow war, wird dagegen nicht
+ einmal angedeutet. Bülow hatte die Komposition des Herweghschen
+ Gedichts unter dem Namen Solinger veröffentlicht.
+
+
+
+
+Lassalle und das Leipziger Arbeiterkomitee. -- Das Offene
+Antwortschreiben, politischer Teil.
+
+
+Jedenfalls gingen sie auf die Friedensbedingung, d. h. die von Lassalle
+vorgeschlagene Kampfesmethode, nicht ein. Man kann ihnen auch von ihrem
+Standpunkt aus nicht unrecht geben. Lassalles Vorschlag war sehr gut,
+wenn man es so schnell als möglich zum Äußersten treiben wollte, wenn
+man entschlossen, sowie in der Lage war, auf einen Staatsstreich -- denn
+weiter blieb der Regierung bei dieser Taktik nichts übrig -- mit einer
+Revolution zu antworten. Soweit waren aber die Fortschrittler noch
+nicht, und darum zogen sie die Methode des Hinziehens vor. Ohne
+Revolution in unmittelbarer Reserve lief der freiwillige Verzicht auf
+die Tribüne in der Kammer auf den famosen „passiven Widerstand”
+hinaus, über den Lassalle sich mit Recht selbst lustig machte. Durch
+beharrliche Verweigerung des Budgets konnte man ebenso laut und
+drastisch „aussprechen, was ist”, die öffentliche Meinung ebenso
+wirksam oder noch mehr in Erregung halten, als durch das Mittel der
+Vertagung ins Unbestimmte, das der Regierung obendrein einen Schein
+von Recht für die Außerkraftsetzung der Verfassung lieferte. Das war
+ja aber die Hauptidee der Taktik der Fortschrittler, die Regierung
+vor allem als Vertreterin der Gewalt gegenüber dem Recht
+hinzustellen. „Ihre Hauptwortführer,” sagt B. Becker sehr gut,
+„waren meist Leute aus dem Richter- und Advokatenstande, folglich an
+juristisch-advokatorische _Dehnbarkeit_[20] gewöhnt und den Streit
+der Kammermajorität mit der Regierung wie einen langen Rechtsstreit
+zu betrachten geneigt.”
+
+Sie erhoben denn auch von neuem gegen Lassalle den Vorwurf, daß er,
+gleich der Regierung, Macht vor Recht gestellt habe. Und nun, nicht nach
+der ersten Verfassungs-Broschüre, wie es bei Becker heißt, schrieb
+Lassalle den Aufsatz „Macht und Recht”, in welchem er der
+Fortschrittspartei rund heraus den Fehdehandschuh hinwarf. Es war ihm
+ein leichtes, die ganze Lächerlichkeit jenes Vorwurfs mit ein paar
+Worten schlagend nachzuweisen und den Fortschrittlern als Zugabe den
+Beweis zu liefern, daß ihr Abgott Schwerin, dessen Erklärung, daß in
+Preußen „Recht vor Macht gehe”, sie so laut bejubelten, an einem
+ganzen Dutzend Rechtsbrüchen, wo Macht vor Recht ging, teilgenommen
+hatte. „Es hat kein Mensch im preußischen Staat das Recht, vom
+‚Recht’ zu sprechen” -- ruft er aus -- „als die Demokratie, die
+alte und wahre Demokratie. Denn sie allein ist es, die stets am Recht
+festgehalten und sich zu keinem Kompromiß mit der Macht erniedrigt
+hat.” Und: „Bei der Demokratie allein ist alles Recht -- und bei ihr
+allein wird die Macht sein!”
+
+Dieser Kriegserklärung, in Form einer Berichtigung an die radikale
+Berliner „Reform” eingesandt, verschloß letztere -- für die Lassalle
+noch im Juni 1862 bei Marx ein gutes Wort eingelegt hatte -- ihre
+Spalten, desgleichen die „Vossische Zeitung”. Die letztere lehnte auch
+die Aufnahme des Aufsatzes als bezahltes Inserat ab, worauf Lassalle ihn
+als „Offenes Sendschreiben” in Zürich erscheinen ließ. Daß die Wahl
+dieses Verlagsortes die „preßgesetzlichen Bedenken” der „Vossischen
+Zeitung” eigentlich rechtfertigte, kümmerte ihn nicht weiter.
+
+ * * * * *
+
+Zwischen der Veröffentlichung des Vortrages „Was nun?” (Dezember 1862)
+und der Abfassung des „Sendschreibens” (Februar 1863) liegen wiederum
+zwei Monate. Noch vor dieser Zeit (Ende Oktober 1862) waren zwei
+Mitglieder des Leipziger Arbeiterkomitees, der Tabakarbeiter
+F. W. Fritzsche und der Schuhmacher Julius Vahlteich, nach Berlin
+gefahren und hatten dort, nach Konferenzen mit führenden Mitgliedern des
+Berliner Arbeiterkomitees, sowie mit Schulze-Delitzsch und noch etlichen
+Fortschrittsführern am 2. November einer großen Arbeiterversammlung
+beigewohnt, in der mit überwiegender Mehrheit beschlossen wurde, das
+Mandat für die Einberufung des Kongresses dem Leipziger Komitee zu
+übertragen. Der Besuch überzeugte sie, die selbst schon Sozialisten
+waren, daß die Arbeiter Berlins noch stark an Schulze-Delitzsch hingen,
+dieser aber und die übrigen Führer der Fortschrittspartei von einer
+selbständigen Arbeiterbewegung sehr wenig wissen wollten. Spätere
+Anfragen bestärkten diesen Eindruck noch. In bezug auf die Frage des
+Beitritts zum Nationalverein erhielt man die bereits erwähnte klassische
+Antwort, die Arbeiter sollten sich als „Ehrenmitglieder” des
+Nationalvereins betrachten. In bezug auf die Frage des Wahlrechts waren
+die Unruh, Schulze-Delitzsch usw. selbst gespalten, hielten sie auch
+außerdem für keine brennende. Das Dreiklassenwahlsystem hatte ja eine so
+vortreffliche Kammer zusammengebracht, man könne es also schon noch eine
+Weile mitansehen. Daß die vortreffliche, d. h. die oppositionelle
+Kammer, lediglich das Produkt der besonderen Zeitverhältnisse war, kam
+den guten Leuten nicht zum Bewußtsein.
+
+Von dem jugendlichen Berliner Demokraten, dem späteren
+Fortschrittsabgeordneten Ludwig Löwe, wurden die Leipziger auf Ferdinand
+Lassalle und dessen Vortrag „Das Arbeiterprogramm” aufmerksam gemacht
+und setzten sich nun mit Lassalle in Verbindung. Man kann sich leicht
+denken, wie sehr dies dessen Entschluß bestärken mußte, nunmehr das
+„Friede der Vergangenheit, meine Herren” zurückzunehmen. Als er das
+Sendschreiben „Macht und Recht” erließ, war bereits zwischen ihm und
+dem Leipziger Komitee verabredet, daß dieses ihn in einem offiziellen
+Schreiben ersuchen sollte, seine Ansichten über die Aufgaben der
+Arbeiterbewegung und die Frage der Assoziationen in einer ihm passend
+erscheinenden Form darzulegen, und daß diese Form eben die einer
+Flugschrift sein sollte. Die äußerst interessanten damaligen Briefe
+Lassalles an die Leipziger sind neuerdings von Prof. H. Oncken in
+Grünbergs „Archiv für die Geschichte des Sozialismus” veröffentlicht
+worden (Jahrgang 2, Heft 2 und 3). Sie zeigen, daß Lassalle, so froh
+er über die Verbindung mit dem Leipziger Komitee war, sich diesem
+doch in keiner Weise aufdrängte. Die Leipziger, d. h. die treibenden
+Elemente im Arbeiterverein, wußten sehr gut, worauf sie
+hinauswollten; worüber man noch unentschlossen war, das war weniger
+das Wesen der zu unternehmenden Aktion, als das Aktionsprogramm. Es
+war durchaus nicht „das Bewußtsein seiner eigenen Unklarheit”, wie
+Bernh. Becker in seiner „Die Wahrheit über alles” stellenden
+Geschichte der Lassalleschen Arbeiteragitation schreibt, die das
+Komitee veranlaßte, in einem vom 10. Februar datierten „Aufruf an die
+deutschen Arbeiter” gleichzeitig für Beschleunigung, aber gegen
+Übereilung des zu berufenden Arbeiterkongresses sich auszusprechen.
+Der Kongreß sollte möglichst bald stattfinden, aber nicht so bald,
+daß nicht inzwischen die Lassallesche Antwort ihre Wirkung getan
+haben konnte. In derselben Sitzung, wo es den vorerwähnten Aufruf
+erließ, beschloß das Komitee, folgenden Brief an Lassalle zu
+schicken, der auch tags darauf abging:
+
+„Herrn Ferdinand Lassalle in Berlin.
+
+ Sehr geehrter Herr!
+
+Ihre Broschüre: ‚Über den besonderen Zusammenhang der gegenwärtigen
+Geschichtsperiode mit der Idee des Arbeiterstandes’ ist hier überall von
+den Arbeitern mit großem Beifall aufgenommen worden und das
+Zentralkomitee hat sich in Ihrem Sinne in der Arbeiterzeitung
+ausgesprochen. Andrerseits sind von verschiedenen Seiten sehr ernstliche
+Bedenken ausgesprochen worden, ob die von Schulze-Delitzsch empfohlenen
+Assoziationen der großen Mehrzahl der Arbeiter, die gar nichts besitzt,
+genügend helfen können, ob namentlich durch dieselben die Stellung der
+Arbeiter im Staat in der Art verändert werden kann, wie es notwendig
+erscheinen muß. Das Zentralkomitee hat in der Arbeiterzeitung (Nr. 6)
+hierüber seine Ansichten ausgesprochen; es ist der Überzeugung, daß das
+Assoziationswesen unter unsern jetzigen Verhältnissen nicht genug
+leisten könne. -- Da nun aber aller Orten die Ideen von
+Schulze-Delitzsch als maßgebend für den Arbeiterstand, unter dem wir die
+gedrückteste Klasse des Volkes verstehen, empfohlen werden, und da doch
+wohl noch andere Mittel und Wege, als die von Schulze-Delitzsch
+vorgeschlagenen, denkbar wären, um die Ziele der Arbeiterbewegung:
+Verbesserung der Lage der Arbeiter in politischer, materieller und
+geistiger Beziehung zu erreichen, so hat das Zentralkomitee in seiner
+Sitzung vom 10. Februar cr. einstimmig beschlossen:
+
+ Sie zu ersuchen, in irgendeiner Ihnen passend erscheinenden Form
+ Ihre Ansichten über die Arbeiterbewegung und über die Mittel, deren
+ dieselbe sich zu bedienen hat, sowie besonders auch über den Wert
+ der Assoziationen für die ganz unbemittelte Volksklasse,
+ auszusprechen.
+
+ Wir legen den größten Wert auf Ihre Ansichten, welche Sie in der
+ angeführten Broschüre ausgesprochen haben, und werden deshalb auch
+ Ihre ferneren Mitteilungen vollkommen zu würdigen wissen. Wir
+ ersuchen Sie schließlich nur noch um möglichst baldige Erfüllung
+ unserer Bitte, da uns viel daran liegt, die Entwicklung der
+ Arbeiterbewegung zu beschleunigen. -- Mit Gruß und Handschlag!
+
+ Leipzig, 11. Februar 63.
+
+ Für das Zentralkomitee zur Berufung eines
+ Allgemeinen Deutschen Arbeiterkongresses
+
+ Otto Dammer.”
+
+Die Antwort auf diesen Brief bildete das vom 1. März 1863 datierte
+„Offene Antwortschreiben an das Zentralkomitee zur Berufung eines
+allgemeinen deutschen Arbeiterkongresses zu Leipzig von Ferdinand
+Lassalle”.
+
+Mit dieser Schrift und ihrer Annahme im Komitee und im Leipziger
+Arbeiterverein selbst beginnt die eigentlich sozialistische Agitation
+Lassalles und die Geschichte des „Allgemeinen deutschen
+Arbeitervereins”.
+
+ * * * * *
+
+Das „Offene Antwortschreiben” Lassalles tritt zunächst der Ansicht
+entgegen, daß die Arbeiter sich nicht um die Politik zu bekümmern
+hätten. Im Gegenteil, sie hätten sich durchaus an der Politik zu
+beteiligen, bloß dürften sie dies nicht in der Weise tun, daß sie sich
+als den „selbstlosen Chor und Resonanzboden” der Fortschrittspartei
+betrachteten. Der Nachweis dafür, daß die Fortschrittspartei den
+Anspruch darauf verwirkt habe, stützt sich im wesentlichen auf das von
+dieser im Verfassungskonflikt beobachtete Verhalten und ist insofern
+nicht überall von gleichmäßiger Beweiskraft. Wenn Lassalle z. B. auf
+Seite 4 der Schrift der Fortschrittspartei vorwarf, daß sie „nur ....
+das Festhalten am Budgetbewilligungsrecht zum Inhalt ihres Kampfes
+habe”, so vergaß er, daß er selbst es noch im Vortrage „Was nun?”
+als das eigentliche und mit aller Energie zu vertretende Objekt des
+Kampfes bezeichnet hatte. Ebenso konnte sich die Fortschrittspartei
+auf ihn selbst berufen, wenn er es ihr als eine politische Sünde
+anrechnete, daß sie
+
+ „sich durch ihr Dogma von der preußischen Spitze zwingt, in der
+ preußischen Regierung den berufenen Messias für die deutsche
+ Wiedergeburt zu sehen, während es, mit Einschluß Hessens, nicht
+ eine einzige deutsche Regierung gibt, welche hinter der preußischen
+ in politischer Beziehung zurückstände, während es, und zwar mit
+ Einschluß Österreichs (!!), fast keine einzige deutsche Regierung
+ gibt, welche der preußischen nicht noch bedeutend voraus wäre.”
+
+Indes in der Sache selbst hatte Lassalle natürlich recht. Die
+Organisation der Arbeiter als selbständige politische Partei mit eigenem
+Programm war eine geschichtliche Notwendigkeit, und wenn die Entwicklung
+der politischen Zustände Deutschlands es zweifelhaft erscheinen lassen
+konnte, ob es gerade in jenem Augenblick geraten war, die Arbeiter vom
+Heerbann der gegen den Absolutismus kämpfenden Fortschrittspartei
+abzutrennen, so lag von seiten der letzteren genug vor, was zu dieser
+Abtrennung geradezu herausforderte. Zudem hieß die selbständige
+Organisierung der Arbeiter an sich noch nicht Beeinträchtigung der
+Aggressivkraft der Fortschrittspartei. Daß sie diese in der Tat zur
+Folge hatte, ist in nicht geringem Grade Schuld der Fortschrittspartei
+selbst -- ihrer wahrhaft bornierten Haltung gegenüber der neuen
+Bewegung. Zum Teil allerdings auch Schuld des Programms, welches
+Lassalle dieser Bewegung gab.
+
+Wir haben bei Besprechung des „Arbeiterprogramms” gesehen, welch
+abstrakte, rein ideologische Vorstellung Lassalle mit dem Begriff
+„Staat” verband. Es ist keine Übertreibung zu sagen, daß er einen
+wahren Kultus mit dem Staatsbegriff trieb. „Das uralte Vestafeuer
+aller Zivilisation, den Staat, verteidige ich mit Ihnen gegen jene
+modernen Barbaren” -- nämlich die Manchesterpartei -- ruft er in der
+Rede „Die indirekte Steuer” den Richtern des Berliner Kammergerichts
+zu, und ähnliche Stellen finden sich in fast allen seinen Reden vor.
+Dieser Staatskultus ist die Achillesferse der Lassalleschen Doktrin,
+die Ursache von allerhand verhängnisvollen Fehlgriffen. Die
+althegelisch-ideologische Vorstellung vom „Staat” veranlaßte
+Lassalle, in einem Augenblick den Arbeitern eine halbmystische
+Verehrung des Staats einzuprägen, wo es sich für sie zunächst noch
+darum handelte, die Bevormundungen des Polizeistaats erst
+loszuwerden. Es hört sich sehr hübsch an, wenn er im „Offenen
+Antwortschreiben” den Arbeitern zuruft: „Wie, Sie wollten über
+Freizügigkeit debattieren? Ich weiß Ihnen hierauf nur mit dem
+Distichon Schillers zu antworten:
+
+ „Jahrelang bedien' ich mich schon meiner Nase zum Riechen,
+ Aber hab' ich an sie auch ein erweisliches Recht?” --
+
+Freizügigkeit und Gewerbefreiheit seien Dinge, die man in einem
+gesetzgebenden Körper „stumm und lautlos dekretiert, aber nicht mehr
+debattiert”. Tatsächlich jedoch waren diese Dinge und mit ihnen die
+Koalitionsfreiheit eben noch nicht da, während die Arbeiter sie
+unbedingt brauchten. Der wirkliche Grund, warum Freizügigkeit und
+Gewerbefreiheit einen verhältnismäßig untergeordneten Rang auf einem
+Arbeiterkongreß einzunehmen hatten, war der, daß sie zugleich in hohem
+Grade Forderungen des bürgerlichen Liberalismus waren; aber überflüssig
+war ihre Diskutierung schon deshalb nicht, weil selbst in
+Arbeiterkreisen noch sehr viel Unklarheit über ihre Bedeutung herrschte.
+
+Lassalle schob diese Fragen beiseite, weil ihm wichtiger als sie die
+Forderung der Staatshilfe schien. Einmal der Sache selbst wegen,
+zweitens aber, weil er in dem Ausblick auf die Staatshilfe das einzig
+wirksame Mittel erblickte, die Arbeiterklasse für die politische Aktion
+aufzurütteln, sie zugleich von der Vormundschaft der bürgerlichen
+Parteien zu emanzipieren und doch für die Erkämpfung der demokratischen
+Forderungen zu erwärmen. Und kein Zweifel, daß ihm zu jener Zeit diese
+zweite Seite die wichtigere war. Sie war es auch nach Lage der Dinge
+selbst. Es handelte sich nur darum, ob Methode und Mittel, durch die er
+diesen Zweck zu erreichen suchte, richtig waren.
+
+Um die Arbeiter von der Wirkungslosigkeit der Selbsthilfe zu überzeugen,
+wie sie von bürgerlicher Seite gepredigt wurde, berief sich Lassalle auf
+das Lohngesetz der kapitalistischen Produktion, wie es von den
+Klassikern der politischen Ökonomie, insbesondere und am schärfsten von
+Ricardo formuliert worden war, das „eherne und grausame Gesetz, wonach
+unter der Herrschaft von Angebot und Nachfrage der durchschnittliche
+Arbeitslohn immer auf den notwendigen Lebensunterhalt reduziert bleibt,
+der in einem Volke gewohnheitsmäßig zur Fristung der Existenz und zur
+Fortpflanzung erforderlich ist”. Steige er zeitweilig über diesen Satz,
+so bewirkten leichtere Verehelichung und Fortpflanzung eine Vermehrung
+der Arbeiterbevölkerung und damit des Arbeiterangebots, infolgedessen
+der Lohn wieder auf den früheren Lohnsatz zurückfalle. Falle er aber
+unter diesen Satz, so bewirkten Auswanderung, größere Sterblichkeit
+unter den Arbeitern, Enthaltung von Ehe und Fortpflanzung eine
+Verminderung des Arbeiterangebots, infolgedessen die Löhne wieder
+stiegen. So tanzten „Arbeiter und Arbeitslohn immer um den äußersten
+Rand dessen herum, was nach dem Bedürfnis jeder Zeit zu dem
+notwendigsten Lebensunterhalt gehört”, und dies „ändert sich nie”.
+
+Es sei daher jeder Versuch der Arbeiterklasse, durch die individuellen
+Anstrengungen ihrer Mitglieder ihre Lage zu verbessern, notwendigerweise
+zur Wirkungslosigkeit verurteilt. Ebenso sei es verfehlt, die Lage der
+Arbeiter durch Konsumvereine verbessern zu wollen. So lange diese
+vereinzelt blieben, könnten sie hier und da den Arbeitern Vorteile
+verschaffen. Von dem Zeitpunkt aber an, wo sie allgemein würden, würden
+die Arbeiter als Produzenten, an ihrem Lohne, wieder verlieren, was sie
+als Konsumenten, beim Einkauf ihrer Bedarfsartikel, gewönnen. Die Lage
+der Arbeiterklasse könne vielmehr dauernd nur von dem Druck jenes
+ökonomischen Gesetzes befreit werden, wenn an die Stelle des
+Arbeitslohns der Arbeitsertrag trete, wenn die Arbeiterklasse ihr
+eigener Unternehmer werde. Das sei aber nicht durch die Gründung
+selbsthilflerischer Assoziationen zu erreichen, da diesen die
+erforderlichen Mittel dazu fehlten, und da sie nur zu oft dem Schicksal
+verfielen, daß in ihnen der Unternehmergeist seinen Einzug halte und die
+Mitglieder in die „widrige Karikatur der Arbeiter mit Arbeitermitteln
+und Unternehmergesinnungen” verwandelte. Die großen Fragen ließen sich
+nur mit großen Mitteln lösen, und darum müßten die Assoziationen in
+großartigem Maßstabe und mit Ausdehnung auf die fabrikmäßige
+Großindustrie ins Leben gerufen, die Mittel dazu aber -- das nötige
+Kapital, bzw. der nötige Kredit -- vom Staat dargeboten werden. Das sei
+durchaus kein Kommunismus oder Sozialismus. „Nichts ist weiter entfernt
+von dem sogenannten Kommunismus oder Sozialismus als diese Forderung,
+bei welcher die arbeitenden Klassen ganz wie heute ihre individuelle
+Freiheit, individuelle Lebensweise und individuelle Arbeitsvergütung
+beibehalten und zu dem Staat in keiner anderen Beziehung stehen, als daß
+ihnen durch ihn das erforderliche Kapital, resp. der erforderliche
+Kredit zu ihrer Assoziation vermittelt wird.” Der Beruf des Staates sei
+es aber gerade, die großen Kulturfortschritte der Menschheit zu
+erleichtern und zu vermitteln. „Dazu existiert er, hat immer dazu
+gedient und dienen müssen.” Was aber „ist denn der Staat”? Und
+Lassalle führt die Zahlen der preußischen Einkommensstatistik von
+1851 an, wonach in jenem Jahre 89 Prozent der Bevölkerung ein
+Einkommen unter 200 Talern gehabt hatten, dazu 7¼ Prozent der
+Bevölkerung ein solches von 200 bis 400 Talern, so daß also 96¼
+Prozent der Bevölkerung in elender, gedrückter Lage sich befänden.
+„Ihnen also, meine Herren, den notleidenden Klassen, gehört der
+Staat, nicht uns, den höheren Ständen, denn aus Ihnen besteht er! Was
+ist der Staat? fragte ich, und Sie ersehen jetzt aus wenigen Zahlen,
+handgreiflicher als aus dicken Büchern, die Antwort: Ihre, der
+ärmeren Klassen, große Assoziation -- das ist der Staat.” Und wie
+den Staat zu der geforderten Intervention vermögen? Dies werde nur
+durch das allgemeine und direkte Wahlrecht möglich sein. Nur wenn die
+gesetzgebenden Körper Deutschlands aus dem allgemeinen und direkten
+Wahlrecht hervorgehen -- „dann und nur dann werden Sie den Staat
+bestimmen können, sich dieser seiner Pflicht zu unterziehen”. Das
+allgemeine und direkte Wahlrecht ... „ist nicht nur Ihr politisches,
+es ist auch ihr soziales Grundprinzip, die Grundbedingung aller
+sozialen Hilfe”. Darum mögen sich die Arbeiter zu einem allgemeinen
+deutschen Arbeiterverein organisieren, der zum Zweck habe die
+Einführung des allgemeinen und direkten Wahlrechts in allen deutschen
+Ländern. Werde diese Forderung von den 89 bis 96 Prozent der
+Bevölkerung als Magenfrage aufgefaßt und daher auch mit der
+Magenwärme durch den ganzen nationalen Körper hin verbreitet, so
+werde es keine Macht geben, die sich dem lange widersetzen würde.
+„Alle Kunst praktischer Erfolge besteht darin, alle Kraft zu jeder
+Zeit auf einen Punkt -- auf den wichtigsten Punkt -- zu konzentrieren
+und nicht nach rechts und links zu sehen. Blicken Sie nicht nach
+rechts noch links, seien Sie taub für alles, was nicht allgemeines
+und direktes Wahlrecht heißt oder damit in Zusammenhang steht und
+dazu führen kann.”
+
+Dies in möglichst knapper Form der Gedankeninhalt des „Offenen
+Antwortschreibens” und zugleich der Lassalleschen Agitation überhaupt.
+Denn wenn natürlich hiermit nicht das letzte Wort der Bestrebungen
+Lassalles gesagt war, so hielt doch Lassalle bis zuletzt daran fest,
+die Bewegung auf diesen einen Punkt: „Allgemeines Wahlrecht behufs
+Erlangung von Staatshilfe für Produktionsgenossenschaften” zu
+beschränken, eben im Sinne des oben entwickelten Grundsatzes, daß die
+Kunst praktischer Erfolge darin besteht, alle Kraft zu jeder Zeit auf
+einen Punkt zu konzentrieren. Es ist von Wichtigkeit, dies im Auge zu
+behalten, wenn man an die agitatorische Tätigkeit Lassalles den
+richtigen Maßstab anlegen will. Sie ist, wenigstens in ihrem Beginn,
+auf den unmittelbaren, praktischen Erfolg berechnet gewesen.
+Ausdrücklich verweist Lassalle im „Offenen Antwortschreiben” auf die
+Agitation und den Erfolg der Kornzoll-Liga in England, und ebenso
+scheint ihm die Agitation der englischen Chartisten vorgeschwebt zu
+haben, wie der Satz von der „Magenfrage” beweist, der an die Erklärung
+des Chartistenpredigers Stephens erinnert: „Der Chartismus, meine
+Freunde, ist keine politische Frage, sondern eine Messer- und
+Gabelfrage.”
+
+Wenn wir uns nun zunächst die Frage vorlegen, ob denn ein unmittelbarer
+praktischer Erfolg der so abgesteckten Agitation überhaupt nach Lage der
+damaligen Verhältnisse möglich war, so glaube ich die Frage unbedingt
+bejahen zu müssen. Daß später Bismarck, wenn auch freilich nur zum
+Norddeutschen Reichstag, wirklich das allgemeine Wahlrecht einführte,
+ist für mich dabei nicht maßgebend. Allerhand Umstände hätten das
+verhindern können, ohne daß dadurch die Tatsache umgestoßen worden wäre,
+daß Lassalles Berechnung ihrer Zeit eine richtige war. Umgekehrt,
+obgleich das Dreiklassenwahlsystem zum preußischen Landtag beibehalten
+wurde, bleibt der Lassallesche Kalkül doch richtig; er entsprach
+durchaus der damaligen politischen Situation. Lassalle wußte ganz genau,
+daß, wenn im Lager der Fortschrittspartei das allgemeine Wahlrecht viele
+Gegner und im ganzen nur laue Freunde hatte, dafür in den Kreisen der
+Regierung das Dreiklassenwahlsystem allmählich mit immer scheeleren
+Augen angesehen wurde. Die gouvernementalen Blätter sprachen sich
+bereits ganz unverhohlen in diesem Sinne aus, und außerdem fehlte es,
+wie wir gesehen haben, Lassalle durchaus nicht an Verbindungen, durch
+die er genau über die Strömungen in den Hof- und Regierungskreisen
+unterrichtet war. Wenn die Regierung in dem Verfassungskonflikt nicht
+nachgeben wollte, so blieb ihr, kam nicht ein auswärtiger Krieg -- der
+ihr aber auch verhängnisvoll werden konnte -- schließlich kaum etwas
+anderes übrig, als Napoleon III. nachzuahmen: den Landtag aufzulösen und
+ein anderes, „demokratischeres” Wahlrecht zu oktroyieren. Zu diesem
+Schritt mußte sie sich um so mehr veranlaßt fühlen, je mehr eine starke,
+von der Fortschrittspartei unabhängige Bewegung bestand, die die
+Abschaffung des Dreiklassenwahlsystems auf ihre Fahne geschrieben hatte.
+Gerade im Hinblick auf einen möglichen Krieg mußte ihr dies als der
+beste Ausweg erscheinen, gegebenenfalls nicht das ganze Volk feindselig
+gegen sich im Rücken zu haben[21].
+
+Von dem Gesichtspunkt des unmittelbaren praktischen Erfolgs hatte also
+Lassalle unzweifelhaft recht. Es war möglich, das allgemeine Wahlrecht
+auf die von ihm entwickelte Weise zu erringen. Allerdings um einen
+Preis: wenn die Regierung es gab, um der Fortschrittspartei nicht
+nachgeben zu müssen, so wurde damit die Lösung des Verfassungskonflikts
+mindestens noch weiter hinausgeschoben. „Seien Sie taub für alles, was
+nicht allgemeines und direktes Stimmrecht heißt oder damit im
+Zusammenhang steht und dazu führen kann”, heißt es im „Offenen
+Antwortschreiben”. Einmal das allgemeine Wahlrecht durchgesetzt, würde
+dieses, das muß man bei Lassalle, wenn er es auch nicht ausdrücklich
+ausspricht, logischerweise als Voraussetzung annehmen, auch diese Frage
+lösen. War aber diese Erwartung Lassalles vom allgemeinen Wahlrecht, wie
+überhaupt die Erwartungen, die er an es knüpfte, in der Sache selbst
+gerechtfertigt?
+
+Erfahrungen in bezug auf das allgemeine und direkte Wahlrecht lagen zur
+Zeit Lassalles nur aus Frankreich vor. Und hier sprachen sie durchaus
+nicht besonders zu dessen Gunsten. Es hatte zwar während der
+Februarrepublik eine Reihe von Sozialisten in die Volksvertretung
+gebracht, aber die Stimme dieser Sozialisten war erdrückt worden durch
+die der Vertreter der verschiedenen Bourgeoisparteien, und das
+allgemeine Wahlrecht hatte den Staatsstreich Bonapartes so wenig
+verhindert, daß im Gegenteil Bonaparte ihn hatte unternehmen können als
+„Wiederhersteller des allgemeinen Wahlrechts”. Und dabei war die
+Februarrepublik, als sie ins Leben trat, vom Pariser Proletariat
+proklamiert worden als soziale Republik, ihr war vorhergegangen eine
+Epoche sozialistischer Propaganda von großartigster Ausdehnung, so daß
+nach dieser Seite hin die Voraussetzungen dafür gegeben waren, daß sie
+im Laufe der Zeit zu einer wirklichen sozialistischen Republik hätte
+werden können. Warum wurde sie es nicht? Warum konnte sie vielmehr durch
+das Kaiserreich gestürzt werden?
+
+Wenn Lassalle am Schluß des „Arbeiterprogramms” sagt, was am
+2. Dezember 1851 gestürzt worden, das sei „nicht die Republik”
+gewesen, sondern die Bourgeoisrepublik, welche durch das Wahlgesetz
+vom Mai 1850 das allgemeine Wahlrecht aufgehoben und einen verkappten
+Zensus zur Ausschließung der Arbeiter eingeführt hatte; die Republik
+des allgemeinen Wahlrechts aber würde „an der Brust der französischen
+Arbeiter einen unübersteiglichen Wall gefunden haben”, so wiederholt
+er damit ein Schlagwort der kleinbürgerlichen Revolutionäre à la
+Ledru-Rollin, das die Frage nicht beantwortet, sondern nur
+verschiebt. Wo war dieser „unübersteigliche Wall”, als die auf Grund
+des allgemeinen Wahlrechts gewählte Kammer dieses aufhob? Warum
+hatten die Pariser Arbeiter diesen „Staatsstreich der Bourgeoisie”
+nicht verhindert?
+
+Hätte Lassalle sich diese Frage vorgelegt, so würde er auf die Tatsache
+gestoßen sein, daß die Februarrepublik als soziale Republik sich nicht
+halten konnte, weil die Klasse, auf die sie sich als solche hätte
+stützen müssen, noch nicht entwickelt genug war -- d. h. nicht
+entwickelt genug im sozialen Sinne dieses Wortes. Das moderne
+industrielle Proletariat war da, es war stark genug gewesen, für einen
+Augenblick die bestehende Ordnung der Dinge über den Haufen zu werfen,
+aber nicht stark genug, sie niederzuhalten. Wir begegnen hier wieder dem
+Grundfehler der Lassalleschen Betrachtungsweise. Selbst wo Lassalle auf
+die tieferen Ursachen der geschichtlichen Vorgänge einzugehen sucht,
+hält ihn seine mehr juristische Denkart davon ab, ihrer sozialen Seite
+wirklich auf den Grund zu gehen, und auch das Ökonomische packt er
+gerade da an, wo es sich bereits, wenn ich mich so ausdrücken darf,
+juristisch verdichtet hat. Nur so ist es zu erklären, daß er, um den
+Arbeitern zu zeigen, aus welchen Elementen sich die Bevölkerung des
+Staats zusammensetzt, sich an die Statistik der Einkommensverteilung,
+und zwar ausschließlich an sie hält. Der Streit, der sich damals an
+diese Stelle des „Offenen Antwortschreibens” knüpfte, ist ein
+verhältnismäßig untergeordneter. Ob Lassalle sich um einige Prozentsätze
+nach der einen oder anderen Richtung geirrt hat, darauf kommt im Grunde
+wenig an, die Tatsache, daß die große Masse der Bevölkerung in dürftigen
+Verhältnissen lebt, während nur eine kleine Minderheit im Überfluß
+schwelgt, konnten die Wackernagel und Konsorten, die sich Lassalle
+damals entgegenstellten, mit dem Aufwand ihrer ganzen Rabulistik nicht
+aus der Welt leugnen. Viel wichtiger ist es, daß Lassalle gar nicht
+berücksichtigt, aus wie verschiedenartigen Elementen sich die 96 oder 89
+Prozent der Bevölkerung zusammensetzten, als deren „große
+Assoziation” er den Staat bezeichnete. Welch großen Bruchteil davon
+Kleinhandwerker und Kleinbauern, sowie vor allem die Landarbeiter
+bildeten, die noch großenteils völlig unter der geistigen
+Vormundschaft ihrer Arbeitsherren standen, läßt er ganz unerörtert.
+Über die Hälfte der Bevölkerung Preußens entfiel damals auf den
+Ackerbau, die größeren Städte spielten bei weitem nicht die Rolle,
+die sie heute spielen, vom Standpunkt der industriellen Entwicklung
+betrachtet, war der ganze Osten der Monarchie nur eine Wüste mit
+vereinzelten Oasen[22].
+
+Was konnte unter solchen Umständen das allgemeine Wahlrecht an der
+Zusammensetzung der Kammer ändern? War von ihm ein besseres Resultat zu
+erwarten, als von dem allgemeinen Wahlrecht im Frankreich der Jahre 1848
+und 1849? Sicherlich nicht. Es konnte eine gewisse Anzahl von
+Arbeitervertretern in die Volksvertretung bringen, und das war an sich
+gewiß sehr zu wünschen. Aber im übrigen mußte es, gerade je mehr es die
+Wirkung erfüllte, die Lassalle von ihm versprach -- nämlich einen
+Volksvertretungskörper zusammenbringen, der „das genaue, treue Ebenbild
+ist des Volkes, das ihn gewählt hat” („Arbeiterprogramm”) -- die
+Zusammensetzung der Kammer verschlechtern, anstatt sie zu verbessern.
+Denn so jämmerlich immer die damalige Volksvertretung war, sie war doch
+wenigstens bürgerlich-liberal. Lassalle vergaß, daß die dürftigen
+Klassen zwar unter Umständen sämtlich revolutionäre Truppen stellen,
+aber keineswegs samt und sonders revolutionäre Klassen sind, er vergaß,
+daß die 89 Prozent nur erst zum Teil aus modernen Proletariern
+bestanden.
+
+Wenn also das allgemeine Wahlrecht zu erlangen möglich war, so ist doch
+damit noch keineswegs gesagt, daß es das, wozu es selbst wieder als
+Mittel dienen sollte, auch in absehbarer Zeit herbeigeführt haben würde.
+Bei der politischen und sonstigen Bildungsstufe der großen Masse der
+Bevölkerung konnte das Wahlrecht auch zunächst das Gegenteil bewirken,
+statt Vertreter moderner Prinzipien, solche des Rückschritts in größerer
+Anzahl als bisher in die Kammer bringen. Nicht alle Fortschrittler waren
+aus Klasseninteresse Gegner oder laue Freunde des allgemeinen
+Wahlrechts, es waren unter ihnen ein großer Teil Ideologen, welche
+gerade durch die Entwicklung der Dinge in Frankreich in bezug auf seinen
+Wert skeptisch geworden waren. Auch Sozialisten dachten so. Es sei nur
+an Rodbertus erinnert, der in seinem Offenen Brief an das Leipziger
+Komitee ebenfalls auf Frankreich hinwies, als ein Beispiel dafür, daß
+das allgemeine Stimmrecht „nicht notwendig dem Arbeiterstande die
+Staatsgewalt in die Hände spielt”. Es sei gesagt worden, das allgemeine
+Wahlrecht solle nur Mittel zum Zweck sein, Mittel seien aber „zu
+verschiedenen Zwecken und mitunter zu den entgegengesetzten brauchbar”.
+„Sind Sie,” fragt er, „dessen gewiß, daß hier das Mittel mit
+zwingender Notwendigkeit zu dem von Ihnen aufgesteckten Ziele führen
+muß? Ich glaube das nicht.” Aus den Briefen Lassalles an Rodbertus
+geht auch hervor, daß, beinahe mehr noch als Rodbertus'
+gegensätzliches Urteil über den Wert der Produktivgenossenschaften,
+sein Gegensatz gegen das allgemeine Stimmrecht der Grund war, daß er
+trotz aller dringenden Bitten Lassalles dem Allgemeinen Deutschen
+Arbeiterverein nicht beitrat[23].
+
+Und wie man sonst auch über Rodbertus denken mag, seine Motive werden
+auf das Unzweifelhafteste durch den Schlußsatz seines Briefes
+charakterisiert, wo er den Arbeitern anrät, obwohl Lassalle recht habe,
+daß man solche Fragen nicht mehr debattiere, doch Freizügigkeit und
+freie Wahl der Beschäftigung als selbstverständlich in ihr Programm
+aufzunehmen, um „jeden Reaktionär, der Ihnen schaden könnte, höchst
+wirksam zurückzuscheuchen”.
+
+Wenn Rodbertus und andere die Gefahr des Bonapartismus übertrieben, so
+nahm Lassalle sie seinerseits entschieden zu leicht. Die Schwenkung, die
+er später tatsächlich in dieser Richtung machte, lag dem Ideengang nach
+von vornherein in ihm. Höchst charakteristisch ist dafür eine Stelle aus
+dem teilweise schon früher zitierten Brief Lassalles an Marx vom 20.
+Juni 1859 über die Frage des italienischen Krieges. Dort heißt es:
+
+ „Im Anfang, als mit solcher Wut überall das nationale Geschrei
+ eines Krieges gegen Frankreich ausbrach, rief die ‚Volkszeitung’
+ (Bernstein, für mich ein Urreaktionär, ist ihr Redakteur) in einem
+ Leitartikel triumphierend aus: ‚Will man wissen, was dies Geschrei
+ aller Völker gegen Frankreich bedeutet? Will man seine
+ welthistorische Bedeutung kennen? Die Emanzipation Deutschlands von
+ der politischen Entwicklung Frankreichs -- das bedeutet es.’ --
+ Habe ich erst nötig, den urreaktionären Inhalt dieses
+ Triumphgeschreis Dir auseinanderzusetzen? Doch gewiß nicht! Ein
+ populärer Krieg gegen Frankreich -- und unsere kleinbürgerlichen
+ Demokraten, unsere Dezentralisten, die Feinde aller
+ Gesellschaftsinitiative, haben einen unberechenbaren Kraftzuwachs
+ auf lange, lange gewonnen. Noch bis weit in die deutsche Revolution
+ hinein würde die Wirkung dieser Strömung sich bemerklich machen.
+ Wir haben wahrhaftig nicht nötig, diesem gefährlichsten Feind, den
+ wir haben, dem deutschen Spießbürgerindividualismus, durch einen
+ blutigen Antagonismus gegen den romanisch-sozialen Geist in seiner
+ klassischen Form, in Frankreich, noch neue Kräfte zuzuführen.”
+
+So Lassalle. Der verstorbene Redakteur der „Volkszeitung” verdiente in
+gewisser Hinsicht zweifelsohne den Titel, den Lassalle ihm hier beilegt,
+aber des zitierten Satzes wegen vielleicht am wenigsten. Die politische
+Entwicklung Frankreichs war in jenem Zeitpunkt der Bonapartismus,
+während die Partei der „Volkszeitung” auf England, als ihr politisches
+Vorbild, schwor. Das war sicher sehr einseitig, aber noch nicht
+reaktionär, oder doch reaktionär nur insoweit, als es eben einseitig
+war. Lassalles Auffassung, die in dem staatlichen Zentralismus
+Frankreichs ein Produkt des „romanisch-sozialen” Geistes sah, ihn mit
+dem Grundgedanken des Sozialismus identifizierte, dagegen seine
+reaktionäre Seite ganz unbeachtet ließ, ist jedoch nicht minder
+einseitig.
+
+So weit über die politische Seite des Lassalleschen Programms, nun zu
+seiner ökonomischen.
+
+
+Fußnoten:
+
+ [20] Wohl ein Druckfehler. D. H.
+
+ [21] Wir haben oben, bei Besprechung des „Italienischen Krieges”
+ gesehen, mit welchem kühlen, gar nicht in die Schablone des „guten
+ Patrioten” passenden Blick Lassalle die Rückwirkung auswärtiger
+ Verwicklungen auf die innere Politik betrachtete. Sehr bezeichnend
+ dafür ist auch eine Stelle in der Schrift „Was nun?”, die schon
+ deshalb hierher gehört, weil Lassalles dort entwickelter Vorschlag
+ tatsächlich nur zwei Lösungen zuließ: Entweder Staatsstreich oder
+ Revolution. Anknüpfend daran, wie unmöglich und unhaltbar die
+ auswärtige diplomatische Stellung der preußischen Regierung wäre,
+ wenn sein Vorschlag befolgt würde, fährt Lassalle fort:
+
+ „Daß Keiner von Ihnen, meine Herren, glaube, dies sei ein
+ unpatriotisches Räsonnement. Einmal hat der Politiker, wie der
+ Naturforscher, Alles zu betrachten, was ist, und also alle wirkenden
+ Kräfte in Erwägung zu ziehen. Der Antagonismus der Staaten unter
+ einander, der Gegensatz, die Eifersucht, der Konflikt in den
+ diplomatischen Beziehungen ist einmal eine wirkende Kraft und,
+ gleichviel ob gut oder schlimm, müßte sie hiernach schon unbedingt
+ in Rechnung gezogen werden. Überdies aber, meine Herren, wie oft
+ habe ich Gelegenheit gehabt, in der Stille meines Zimmers bei
+ historischen Studien mir die große Wahrheit auf das Genaueste zu
+ vergegenwärtigen, daß fast garnicht abzusehen wäre, auf welcher Stufe
+ der Barbarei wir, und die Welt im Allgemeinen, noch stehen würden,
+ wenn nicht seit je die Eifersucht und der Gegensatz der Regierungen
+ unter einander ein wirksames Mittel gewesen wäre, die Regierung zu
+ Fortschritten im Innern zu zwingen! Endlich aber, meine Herren, ist
+ die Existenz der Deutschen nicht von so prekärer Natur, daß bei ihnen
+ eine Niederlage ihrer Regierungen eine wirkliche Gefahr für die
+ Existenz der Nation in sich schlösse. Wenn Sie, meine Herren, die
+ Geschichte genau und mit innerem Verständniß betrachten, so werden
+ Sie sehen, daß die Kulturarbeiten, die unser Volk vollbracht hat, so
+ riesenhafte und gewaltige, so bahnbrechende und dem übrigen Europa
+ vorleuchtende sind, daß an der Nothwendigkeit und Unverwüstlichkeit
+ unserer nationalen Existenz garnicht gezweifelt werden kann. Geraten
+ wir also in einen großen äußeren Krieg, so können in demselben wohl
+ unsere einzelnen Regierungen, die sächsische, preußische, bayerische
+ zusammenbrechen, aber wie ein Phönix würde sich aus der Asche
+ derselben unzerstörbar erheben das, worauf es uns allein ankommen
+ kann -- das deutsche Volk!”
+
+ Es ist in diesen Sätzen sehr viel Richtiges enthalten, doch darf man
+ zweierlei nicht vergessen. Erstens, daß, ein so wichtiger Faktor
+ des Fortschritts der Völker die Rivalität der Regierenden sein kann
+ und unzweifelhaft oft gewesen ist, sie doch auch recht oft als ein
+ Faktor im entgegengesetzten Sinne gewirkt, sich als ein Hemmnis des
+ Fortschritts erwiesen hat. Es sei nur an die beiden Gesichter des
+ heutigen Militarismus erinnert. Zweitens, daß ein äußerer Krieg zwar
+ ein großes Kulturvolk nicht aus der Reihe der Nationen auslöschen, es
+ aber doch so wesentlich in seinen Lebensinteressen schädigen kann,
+ daß er immer eine Sache bleibt, die man in Betracht ziehen, aber
+ auf die man nicht spekulieren soll. In dem erwähnten Beispiel tut
+ Lassalle nur das erstere, aber wie der Schlußsatz und seine Briefe
+ zeigen, war er auch zu dem Letzteren sehr geneigt -- eine übrigens
+ weit verbreitete, aber darum nicht minder zu bekämpfende Tendenz.
+
+ [22] Auf 3428457 selbsttätige Personen in der Landwirtschaft
+ kamen damals in Preußen erst 766180 selbsttätige Personen in der
+ Fabrikindustrie, die Geschäftsleiter und Beamten eingeschlossen.
+
+ [23] Ursprünglich hatte es in Rodbertus' „Offenem Brief” geheißen:
+ „Und ich wiederhole, daß ich mir auch von den Produktivassoziationen
+ nicht im Geringsten einen Beitrag zu dem verspreche, was man die
+ Lösung der sozialen Frage nennt.” Auf Wunsch Lassalles wurden aber
+ diese Worte beim Druck fortgelassen, da er der Sache nach eine
+ Wiederholung des in dem Brief vorher Gesagten sei, in dieser scharfen
+ Form aber notwendigerweise „die Arbeiter, wenn sie so schroffen
+ Widerstreit zwischen ihren Führern sehen, entmutigen müsse”.
+ (Lassalles Brief an Rodbertus vom 22. April 1863.)
+
+
+
+
+Der ökonomische Inhalt des Offenen Antwortschreiben.
+
+Das eherne Lohngesetz und die Privatgenossenschaften mit Staatskredit.
+
+
+Das Lohngesetz, auf welches sich Lassalle berief und dem er das
+Beiwort „ehern” gab, entspricht, wie ich an anderer Stelle[24]
+nachgewiesen zu haben glaube, einer bestimmten Produktionsmethode --
+der Manufakturindustrie -- und einem auf ihr beruhenden
+Gesellschaftszustande, ist also in der Gesellschaft der modernen
+Großindustrie, der entwickelten Verkehrsmittel, des beschleunigten
+Kreislaufes von Krisis, Stockung und Prosperität, der rasch sich
+vollziehenden Steigerung der Produktivität der Arbeit usw. zum
+mindesten überlebt. Auch setzt es ein absolut freies Walten von
+Angebot und Nachfrage auf dem Arbeitsmarkt voraus, das schon gestört
+ist, sobald die Arbeiterklasse dem Unternehmertum organisiert
+gegenübertritt, oder der Staat, bzw. die Gesetzgebung, in die Regelung
+des Arbeitsverhältnisses eingreifen. Wenn also die Liberalen Lassalle
+entgegenhielten, sein Lohngesetz stimme nicht, es sei veraltet, so
+hatte das teilweise seine Berechtigung. Aber nur teilweise. Denn die
+guten Leute verfielen ihrerseits in viel schlimmere Fehler als
+Lassalle.
+
+Lassalle legte den Ton auf den ehernen Charakter der den Lohn
+bestimmenden Gesetze, weil er den stärksten Schlag gegen die moderne
+Gesellschaft damit zu führen meinte, daß er nachwies, der Arbeiter
+erhalte unter keinen Umständen seinen vollen Arbeitsertrag, den vollen
+Anteil an dem von ihm erzeugten Produkt. Er gab der Frage einen
+rechtlichen Charakter, und agitatorisch hat sich das auch höchst wirksam
+erwiesen. Aber in der Sache selbst traf er damit keineswegs den Kern der
+Frage. Den vollen Ertrag seiner Arbeit hat der Arbeiter auch unter den
+früheren Produktionsformen nicht erhalten, und wenn ein „ehernes”
+Gesetz es verhindert, daß der Lohn dauernd unter ein bestimmtes
+Minimum sinkt, dieses Minimum selbst aber -- wie Lassalle
+ausdrücklich zugab -- im Laufe der Entwicklung sich zwar langsam
+hebt, aber doch hebt, so war der Beweis für die Notwendigkeit der von
+ihm geforderten Einmischung des Staates schwer zu erbringen.
+
+Das, worauf es wirklich ankommt, ist von Lassalle erst später, und nur
+beiläufig, hervorgehoben worden. Nicht die Ablohnung des Arbeiters mit
+einem Bruchteil des von ihm erzeugten neuen Wertes, sondern diese
+Ablohnung in Verbindung mit der Unsicherheit der proletarischen
+Existenz, die Abhängigkeit des Arbeiters von den in wechselnden
+Zeiträumen einander folgenden Kontraktionen des Weltmarktes, von
+beständigen Revolutionen der Industrie und der Absatzverhältnisse -- der
+schreiende Gegensatz zwischen dem immer mehr gesellschaftlich werdenden
+Charakter der Produktion und ihrer anarchischen Leitung, dabei die
+wachsende Unmöglichkeit für den einzelnen Arbeiter, aus der doppelten
+Abhängigkeit vom Unternehmertum und den Wechselfällen des industriellen
+Zyklus sich zu befreien, die beständige Bedrohung mit dem
+Hinausgeworfenwerden aus einer Sphäre der Industrie in eine andre,
+tieferstehende, oder in das Heer der Arbeitslosen -- das ist es, was die
+Lage der Arbeiterklasse in der modernen Gesellschaft so unerträglich
+macht, sie von der bei jeder vorhergehenden Produktionsweise zum
+Schlechteren unterscheidet. Die Abhängigkeit des Arbeiters ist mit der
+scheinbaren Freiheit nur größer geworden. Sie ist es, die mit eherner
+Wucht auf der Arbeiterklasse lastet, und deren Druck zunimmt mit der
+wachsenden Entwicklung des Kapitalismus. Die Lohnhöhe dagegen wechselt
+heute, je nach den verschiedenen Industriezweigen, von buchstäblichen
+Verhungerungslöhnen bis zu Löhnen, die tatsächlich einen gewissen
+Wohlstand darstellen, und ebenso ist die Ausbeutungsrate in den
+verschiedenen Industrien eine sehr verschiedene, teils höher, teils aber
+auch geringer als in früheren Produktionsepochen. Beide hängen von sehr
+veränderlichen Faktoren ab, beide wechseln nicht nur von Industrie zu
+Industrie, sondern sind auch in jeder einzelnen Industrie den größten
+Veränderungen unterworfen, und beständig ist nur die Tendenz des
+Kapitals, die Ausbeutungsrate zu erhöhen, zusätzliche Mehrarbeit auf die
+eine oder die andere Weise aus dem Arbeiter herauszupressen.
+
+Dadurch, daß Lassalle als die wesentliche Ursache der Leiden der
+Arbeiterklasse in der heutigen Gesellschaft eine Tatsache hinstellte,
+die gar nicht das charakterisierende Merkmal der modernen
+Produktionsweise ist -- denn, wie gesagt, den vollen Arbeitsertrag hat
+der Arbeiter zu keiner Zeit erhalten -- war der Hauptfehler seines
+Abhilfemittels von vornherein angezeigt. Es ignoriert, oder, um Lassalle
+auch nicht Unrecht zu tun, es unterschätzt die Stärke und den Umfang der
+Gesetze der Warenproduktion und deren wirtschaftliche und soziale
+Rückwirkungen auf das gesamte moderne Wirtschaftsleben. Wir müssen hier
+wieder genau unterscheiden zwischen Lassalles Mittel und Lassalles Ziel.
+Sein Ziel war natürlich, die Warenproduktion aufzuheben, sein Mittel
+aber ließ sie unangetastet. Sein Ziel war die gesellschaftlich
+organisierte Produktion, sein Mittel die individuelle Assoziation, die
+sich von der Schulzeschen zunächst nur dadurch unterschied, daß sie mit
+Staatskredit, mit Staatsmitteln ausgestattet werden sollte. Alles
+weitere, der Verband der Assoziationen usw., bleibt bei ihm der
+freiwilligen Entschließung jener überlassen -- es wird von ihnen erwartet,
+aber ihnen nicht zur Bedingung gemacht. Der Staat sollte nur Arbeitern,
+die sich zu assoziieren wünschten, die erforderlichen Mittel dazu auf
+dem Wege der Kreditgewährung vorstrecken.
+
+Die Assoziationen einer bestimmten Industrie würden also, solange sie
+nicht diese ganze Industrie umfaßten, mit den bestehenden Unternehmungen
+ihres Produktionszweigs in Konkurrenz zu treten, sich den Bedingungen
+dieser Konkurrenz zu unterwerfen haben. Damit war als unvermeidliche
+Folge auch gegeben, daß sich im Schoße der Assoziationen
+Sonderinteressen herausentwickeln mußten, daß jede Assoziation danach
+streben mußte, ihren Gewinn so hoch als möglich zu steigern, sei es auch
+auf Kosten andrer Assoziationen oder andrer Arbeitskategorien. Ob mit
+Staatskredit oder nicht, die Assoziationen blieben Privatunternehmungen
+von mehr oder minder großen Gruppen von Arbeitern. Individuelle
+Eigenschaften, individuelle Vorteile, individuelle Glückschancen mußten
+daher bei ihnen eine hervorragende Rolle spielen, die Frage von Gewinn
+und Verlust für sie dieselbe Bedeutung erhalten, wie für andre
+Privatunternehmungen. Lassalle glaubte zwar erstens -- gestützt darauf,
+daß 1848 in Paris der Andrang zu den Produktivgenossenschaften sehr
+stark war --, daß sich sofort mindestens alle Arbeiter bestimmter
+Industrien an den einzelnen Orten zu je einer großen Assoziation
+zusammentun würden, und sprach sich zweitens im „Bastiat-Schulze”
+später sogar dahin aus, daß der Staat in jeder Stadt immer „nur einer
+Assoziation in jedem besonderen Gewerkszweig den Staatskredit zuteil
+werden” lassen würde, „allen Arbeitern dieses Gewerkes den Eintritt in
+dieselbe offen haltend”, aber selbst solche örtlich einheitlich
+organisierten Assoziationen blieben noch immer in nationaler Konkurrenz.
+Die nationale Konkurrenz sollte nun zwar durch große Assekuranz- und
+Kreditverbände der Assoziationen untereinander in ihren ökonomischen
+Folgen aufgehoben werden; es liegt aber auf der Hand, daß diese
+Assekuranz ein Unding war, wenn sie nicht einfach ein anderes Wort war
+für nationale Organisation und nationale Monopolisierung der Industrie.
+Sonst mußte die Überproduktion sehr bald die Assekuranzgesellschaft
+sprengen. Und die Überproduktion war unvermeidlich, wenn der Staat, wie
+es oben heißt, allen Arbeitern desselben Gewerkes den Eintritt in die
+Assoziationen „offen hielt”. Lassalle verwickelte sich da, von seinem
+sozialistischen Gewissen getrieben, in einen großen Widerspruch. „Den
+Eintritt offen halten” heißt die Assoziation zur Aufnahme jedes sich
+meldenden Arbeiters verpflichten. Nach dem „Offenen Antwortschreiben”
+sollte aber die Assoziation dem Staat gegenüber vollkommen unabhängig
+sein, ihm nur das Recht der Genehmigung der Statuten und der Kontrolle
+der Geschäftsführung zur Sicherung seiner Interessen zustehen. Mit
+obiger Verpflichtung war sie dagegen aus einem unabhängigen in ein
+öffentliches, d. h. unter den gegebenen Verhältnissen staatliches
+Institut umgewandelt -- ein innerer Gegensatz, an dem sie unbedingt
+hätte scheitern müssen.
+
+Ein anderer Widerspruch der Lassalleschen Produktivgenossenschaft ist
+folgender. Solange die Assoziationen nur einen Bruchteil der Angehörigen
+eines bestimmten Industriezweiges umfaßten, unterstanden sie den
+Zwangsgesetzen der Konkurrenz, und dies um so mehr, als Lassalle ja
+gerade die Betriebe fabrikmäßiger Großproduktion im Auge hatte, die
+zugleich die großen Weltmarktsindustrien bilden. Wo aber Konkurrenz
+besteht, besteht auch geschäftliches Risiko; die Konkurrenz zwingt den
+Unternehmer, sei er eine einzelne Person, eine Aktiengesellschaft oder
+eine Assoziation, sich der Möglichkeit auszusetzen, daß sein Produkt
+jeweilig als unterwertig -- d. h. als Erzeugnis von nicht
+gesellschaftlich notwendiger Arbeit -- aus dem Markt geworfen wird.
+Konkurrenz und Überproduktion, Konkurrenz und Stockung, Konkurrenz und
+Bankrotte sind in der heutigen Gesellschaft untrennbar. Eine
+Beherrschung der Produktion durch die Produzenten selbst ist nur möglich
+nach Maßgabe der Aufhebung der Konkurrenz unter ihnen, nur erreichbar
+durch das Monopol. Während aber die Konkurrenz in der heutigen
+Gesellschaft die wichtige Mission hat, die Konsumenten vor
+Übervorteilung zu schützen und die Produktionskosten beständig zu
+senken, hat das Monopol umgekehrt die Tendenz, die Konsumenten zugunsten
+der Monopolinhaber zu überteuern und den Fortschritt der Technik, wenn
+nicht aufzuheben, so doch zu verlangsamen. Das letztere um so mehr, wenn
+die beteiligten Arbeiter selbst die Inhaber des Monopols sind. Die
+Aufhebung des geschäftlichen Risikos für die Assoziationen würde also im
+Rahmen der kapitalistischen Gesellschaftsordnung, wenn überhaupt zu
+verwirklichen, notwendigerweise auf Kosten der Konsumenten vor sich
+gehen, die jedesmal den betreffenden Produzenten gegenüber die große
+Mehrheit ausmachen. Zwischen Assoziations- und Gesamtinteresse wäre ein
+unlösbarer Antagonismus.
+
+In einem sozialistischen Gemeinwesen wäre das natürlich leicht zu
+verhindern, aber ein solches wird nicht den Umweg von der
+subventionierten Produktivgenossenschaft zur Vergesellschaftung der
+Produktion gehen, sondern die Produktion, auch wenn sie sich dabei der
+Form der genossenschaftlichen Betriebe bedient, von vornherein auf
+gesellschaftlicher Grundlage organisieren. In die kapitalistische
+Gesellschaft verpflanzt, wird gerade die Produktivgenossenschaft dagegen
+so oder so stets einen kapitalistischen Charakter annehmen. Die
+Lassalleschen Produktivgenossenschaften würden sich von den
+Schulze-Delitzschschen nur quantitativ, nicht qualitativ, nur der Größe,
+nicht dem Wesen nach unterschieden haben.
+
+Das letztere war auch die Meinung von Rodbertus, der ein viel zu
+durchgebildeter Ökonom war, als daß ihm diese schwache Seite der
+Lassalleschen Assoziationen hätte entgehen können. Wir haben bereits aus
+dem oben zitierten Brief Lassalles an ihn gesehen, wie schroff Rodbertus
+sich in seinem „Offenen Brief” über sie hatte äußern wollen, und die
+auf jenen folgenden Briefe Lassalles an Rodbertus lassen ziemlich
+deutlich durchblicken, welches der Haupteinwand von Rodbertus war.
+Noch deutlicher aber geht dies aus den Briefen von Rodbertus an
+Rudolph Meyer hervor, und es dürfte nicht uninteressant sein, einige
+der betreffenden Stellen hier folgen zu lassen.
+
+Unterm 6. September 1871 schreibt Rodbertus:
+
+„... Hieran läßt sich, in weiterem Verfolg, auch nachweisen, daß
+dasjenige Kollektiveigentum, das die Sozialdemokraten heute verfolgen,
+das von Agrargemeinden und Produktivgenossenschaften, ein viel
+schlechteres, zu weit größeren Ungerechtigkeiten führendes Grund- und
+Kapitaleigentum ist, als das heutige individuelle. Die Arbeiter folgen
+hier noch Lassalle. Ich hatte ihn aber brieflich überführt, zu welchen
+Absurditäten und Ungerechtigkeiten ein solches Eigentum ausgehen müsse
+und (was ihm besonders unangenehm war) daß er gar nicht der Schöpfer
+dieser Idee sei, sondern sie Proudhons Idée générale de la Révolution
+entlehnt habe.”[25]
+
+Brief vom 24. Mai 1872: „Noch einen dritten Grund allgemeiner Natur habe
+ich gegen diese Löhnungsart. (Es ist von der Beteiligung am
+Geschäftsgewinn die Rede.) Sie bleibt entweder eine Gratifikation, wie
+Settegast mit Recht sagt -- und mit ‚Biergeldern’ wird die soziale
+Frage nicht gelöst -- oder sie entwickelt sich auch zu einem
+Anrecht in Leitung des Betriebs und damit schließlich zu einem
+Kollektiveigentum am Einzelbetriebsfonds. Dies Kollektiveigentum
+liegt aber nicht auf dem sozialen Entwicklungswege. Der Beweis würde
+mich zu weit führen, aber so weit hatte ich Lassalle denn doch schon
+in unserer Korrespondenz getrieben, daß er mir in einem seiner
+letzten Briefe schrieb: ‚Aber, wer sagt Ihnen denn, daß ich will, daß
+der Produktivassoziation der Fonds zum Betriebe _gehören_ soll!’
+(sic!) Es geht auch einfach nicht! Das Kollektiveigentum der Arbeiter
+an den einzelnen Betrieben wäre ein weit übleres Eigentum, als das
+individuale Grund- und Kapitaleigentum oder selbst das Eigentum einer
+Kapitalistenassoziation.” ...
+
+Eine Stelle wie die hier zitierte findet sich in keinem der zur
+Veröffentlichung gelangten Briefe Lassalles an Rodbertus. Es ist aber
+kaum anzunehmen, daß Rodbertus sich so bestimmt ausgedrückt haben
+würde, wenn er den Wortlaut nicht vor sich gehabt hätte. Möglich, daß er
+gerade diesen Brief später verlegt hat. Kein triftiger Grund spricht
+nämlich dagegen, daß Lassalle sich nicht in der Tat einmal so
+ausgedrückt haben sollte. In allen Lassalleschen Reden ist vielmehr von
+den Zinsen die Rede, welche die Assoziationen dem Staat für das
+vorgeschossene Kapital zu zahlen hätten. Es liegt also in dem Satz noch
+nicht einmal ein Zugeständnis an den Rodbertusschen Standpunkt. Ein
+solches, und zwar ein so starkes, daß es zugleich in eine --
+unbeabsichtigte -- Verurteilung der Produktivassoziationen umschlägt,
+findet sich dagegen in dem Brief Lassalles an Rodbertus vom 26. Mai
+1863. Dort heißt es:
+
+„Dagegen ist ja so klar wie die Sonne, daß, wenn dem Arbeiter Boden,
+Kapital und Arbeitsprodukt gehört[26], von einer Lösung der sozialen
+Frage nicht die Rede sein kann. Dasselbe Resultat wird sich also auch
+annähernd herausstellen, wenn ihm Boden und Kapital zur Benutzung
+geliefert wird und ihm das Arbeitsprodukt gehört. Bei der ländlichen
+Assoziation wird dann der Arbeiter entweder mehr oder weniger als sein
+Arbeitsprodukt haben. Bei der industriellen Assoziation wird er in der
+Regel mehr erhalten als seinen Arbeitsertrag. Alles dieses weiß ich
+genau und würde es, wenn ich mein ökonomisches Werk schreibe, sehr
+explizit nachweisen.”
+
+Im nächsten Brief erklärt Lassalle, da Rodbertus entweder den Sinn der
+vorstehenden Sätze nicht genau verstanden hatte oder Lassalle in die
+Enge jagen wollte, sich noch deutlicher. Er schreibt (einen hier
+gleichgültigen Zwischensatz lasse ich fort):
+
+„Meine Äußerung: ‚bei der ländlichen Assoziation wird dann der
+Arbeiter entweder mehr oder weniger als sein Arbeitsprodukt haben’,
+ist jedenfalls in bezug auf das ‚mehr’ doch leicht zu verstehen. Ich
+verstehe gar nicht die Schwierigkeit, die in bezug auf diesen Satz
+stattfinden könnte.
+
+Die Assoziationen auf den besser beschaffenen oder besser gelegenen usw.
+Äckern würden doch zunächst gerade so Grundrente beziehen, wie jetzt die
+Einzelbesitzer derselben. Und folglich mehr als ihren wirklichen
+Arbeitsertrag, Arbeitsprodukt, haben.
+
+Allein schon daraus allein, daß einer in der Gesellschaft mehr hat als
+sein legitimes Arbeitsprodukt, folgt, daß ein andrer weniger haben muß,
+als bei der legitimen Verteilung des Arbeitsertrages, wie wir uns
+dieselbe übereinstimmend (vgl. den Schluß Ihres dritten sozialen
+Briefes) denken, auf die Vergütung seiner Arbeit kommen würde.
+
+Genauer: Was ist mein legitimes Arbeitsprodukt (im Sinne der endgültigen
+Lösung der sozialen Frage, also im Sinne der ‚Idee’, die ich hier
+immer als Norm und Vergleichungsmaßstab bei dem ‚mehr oder weniger’
+unterstelle)? Ist es das Produkt, das ich ländlich oder industriell
+unter beliebigen Verhältnissen individuell hervorbringen kann,
+während ein anderer unter günstigeren Verhältnissen mit derselben
+Arbeit mehr, ein Dritter unter noch ungünstigeren mit derselben
+Arbeit weniger erzeugt? Doch nicht! Sondern mein Arbeitsprodukt wäre
+der Anteil an der gesamten gesellschaftlichen Produktivität, der
+bestimmt wird durch das Verhältnis, in welchem mein Arbeitsquantum
+zum Arbeitsquantum der gesamten Gesellschaft steht.
+
+Nach dem Schluß Ihres dritten sozialen Briefes können Sie das unmöglich
+bestreiten.
+
+Und folglich haben, solange die Arbeiter der einen Assoziation
+Grundrente beziehen, die Arbeiter der andern, die nicht in diesem Fall
+sind, weniger als ihnen zukommt, weniger als ihr legitimes
+Arbeitsprodukt.”
+
+Soweit Lassalle. Ein Mißverständnis ist hier gar nicht mehr möglich. Die
+„Idee”, welche Lassalle bei dem „mehr oder weniger” unterstellt,
+ist die kommunistische, die das gesamte Arbeitsprodukt der
+Gesellschaft und nicht den individuellen Arbeitsertrag des einzelnen
+oder der Gruppe ins Auge faßt, und Lassalle war sich durchaus dessen
+bewußt, daß, solange der letztere den Verteilungsmaßstab bildet, ein
+Bruchteil der Bevölkerung mehr, der andere aber notwendigerweise
+weniger erhalten werde als ihm auf Grund des von ihm verrichteten
+Anteils an der gesellschaftlichen Gesamtarbeit, bei gerechter
+Verteilung, zukommen sollte, d. h. daß die Assoziationen zunächst
+eine neue Ungleichheit schaffen würden. Gerade mit Rücksicht darauf
+habe er, so behauptet Lassalle immer wieder, bei Entwicklung seines
+Vorschlages das Wort „Lösung der sozialen Frage” sorgfältig vermieden
+-- „nicht aus praktischer Furchtsamkeit und Leisetreterei, sondern
+aus jenen theoretischen Gründen”.
+
+Im weiteren Verlauf des Briefes entwickelt Lassalle, daß die
+Ungleichheit bei den ländlichen Assoziationen durch eine
+differenzierende Grundsteuer leicht beseitigt werden könne, welche „die
+ganze Grundrente abolieren, d. h. in die Hände des Staats bringen, den
+Arbeitern nur den wirklich gleichmäßigen Arbeitsertrag lassen” soll --
+die Grundrente im Sinne Ricardos genommen[27]. Die Grundsteuer würde die
+Bezahlung bilden für die Überlassung der Bodenfläche an die
+assoziierten Arbeiter und -- wie es bei Lassalle heißt -- „schon aus
+Gerechtigkeit und Neid” von den ländlichen Assoziationen
+„leidenschaftlich begünstigt werden”. Der Staat aber hätte an dieser
+Grundrente die Mittel, Schulunterricht, Wissenschaft, Kunst, öffentliche
+Ausgaben aller Art zu bestreiten. Bei den industriellen Assoziationen
+solle sich die Ausgleichung dagegen dadurch vollziehen, daß sobald die
+Assoziationen jeder einzelnen Branche sich zu je einer großen
+Assoziation zusammengezogen haben, der private Zwischenhandel aufhören
+und der Verkauf in vom Staat angelegten Verkaufshallen besorgt werden
+würde. „Würde hiermit nicht zugleich getötet werden, was man heut
+Überproduktion und Handelskrise nennt?”
+
+Der Gedanke der Verstaatlichung oder Vergesellschaftung der
+Grundrente[28] ist ein durchaus rationeller, d. h. er enthält keinen
+Widerspruch in sich. Es ist auch sogar meines Erachtens sehr
+wahrscheinlich, daß er auf einer gewissen Stufe der Entwicklung
+irgendwie verwirklicht werden wird. Die Idee der Zusammenziehung der
+Assoziationen ist dagegen nur ein frommer Wunsch, der in Erfüllung gehen
+kann, aber nicht notwendigerweise in Erfüllung zu gehen braucht,
+solange die Teilnahme ins Belieben der einzelnen Assoziationen gestellt
+wird. Und selbst wenn sie in Erfüllung ginge, würde damit noch durchaus
+nicht schlechthin verhindert sein, daß die Mitglieder der einzelnen
+Assoziation nicht in ihrem Anteil an deren Ertrage eine größere oder
+unter Umständen geringere Quote des gesellschaftlichen Gesamtprodukts
+erhalten, als ihnen auf Grund der geleisteten Arbeitsmenge zukäme. Es
+stände immer wieder Assoziationsinteresse gegen Gesamtinteresse.
+
+Hören wir noch einmal Rodbertus.
+
+Im Brief an Rudolph Meyer vom 16. August 1872 nimmt er auf einen Artikel
+des „Neuen Sozialdemokrat” Bezug, wo ausgeführt war, daß Lassalle der
+„weitgehendsten Richtung des Sozialismus” angehört habe, und meint,
+das sei wohl richtig, es sei
+
+ „aber auch ebenso richtig, daß Lassalle und der (Neue)
+ ‚Sozialdemokrat’ ursprünglich eine Produktivassoziation angestrebt
+ haben, wie Schulze-Delitzsch sie wollte, nämlich in welcher der
+ Kapitalgewinn den Arbeitern selbst gehören sollte, nur daß
+ Schulze-Delitzsch wollte, sie sollten sich das Kapital selbst dazu
+ sparen, und Lassalle wollte, der Staat, auch der heutige, sollte es
+ ihnen liefern (ob leihen oder schenken, ist wohl nicht ganz klar).
+ Aber eine Produktivassoziation, die den Kapitalgewinn einsackt,
+ setzt ja das Kapitaleigentum, das ‚Gehören’ voraus. Wie soll also
+ jene ‚weitgehendste Richtung’ mit einer solchen Assoziation
+ vermittelt werden können?”
+
+Rodbertus geht nun auf die Frage ein, ob die Produktivassoziation
+als „provisorische Institution” gedacht werden könne, und
+fährt nach einigen allgemeinen Bemerkungen fort: „Genug, die
+Produktivassoziation, die Lassalle und der ‚Sozialdemokrat’ in der
+Tat angestrebt, kann auch nicht einmal als Übergangszustand zu jenem
+‚weitgehendsten’ Ziele dienen, denn, der menschlichen Natur gemäß,
+würde er nicht zu allgemeiner Brüderlichkeit, sondern zu dem
+schärfsten Korporationseigentum zurückführen, in welchem nur die
+Personen der Besitzenden gewechselt hätten, und das sich tausendmal
+verhaßter machen würde, als das heutige individuale Eigentum. Der
+Durchgang von diesem zu dem allgemeinen Staatseigentum kann eben
+niemals das Korporations- oder auch Kollektiveigentum sein (es kommt
+ziemlich über eins heraus); weit eher ist gerade das individuale
+Eigentum der Übergang vom Korporationseigentum zum Staatseigentum.
+Und hierin liegt die Konfusion der Sozialdemokraten (und lag die
+Lassalles), nämlich bei jenem weitgehendsten Ziel (das auch bei
+Lassalle noch kein praktisches Interesse erregen sollte) doch die
+Produktivassoziation mit Kapitalgewinn und also auch Kapitaleigentum
+zu verlangen. Niemals sind also die Pferde mehr hinter den Wagen
+gespannt worden, als von den Berliner Sozialdemokraten (und ihrem
+Führer Lassalle, insofern er ebenfalls jenes ‚weitgehendste’ Ziel
+anstrebte) und das weiß Marx sehr gut.” (Briefe usw. von
+Rodbertus-Jagetzow.)
+
+Ich habe Rodbertus so ausführlich sprechen lassen, weil er Lassalle
+vielleicht am objektivsten gegenüberstand und in seiner Auffassung vom
+Staat usw. sehr viel Berührungspunkte mit Lassalle hatte, auch wohl
+niemand so eingehend mit Lassalle über die Produktivgenossenschaften
+diskutiert hat, wie er. Ganz unbefangen ist sein Urteil freilich auch
+nicht, da er bekanntlich seine eigene Theorie von der „Lösung der
+sozialen Frage” hatte, nämlich den Normalwerksarbeitstag und den
+verhältnismäßigen Arbeitslohn. Aber den schwachen Punkt in der
+Lassalleschen Assoziation hat er in der Hauptsache richtig bezeichnet,
+wenn er sagt, daß diese die Pferde hinter den Wagen spannt. Lassalle
+wollte die Vergesellschaftung der Produktion und der Produktionsmittel,
+und weil er es für unzeitgemäß hielt, das dem „Mob” -- worunter er
+den ganzen Troß der Gedankenlosen aller Parteien verstand -- bereits
+zu sagen, den Gedanken selbst aber in die Massen schleudern wollte,
+stellte er das ihm ungefährlicher scheinende Postulat der
+Produktivgenossenschaft mit Staatskredit auf.
+
+Er beging damit denselben Fehler, den er in seinem Aufsatz über Franz
+von Sickingen als die tragische Schuld Sickingens hingestellt hatte, er
+„listete” mit der „Idee”, wie es in jenem Aufsatz heißt, und
+täuschte die Freunde mehr, als die Feinde. Aber er tat es, wie
+Sickingen, im guten Glauben. Wenn Lassalle wiederholt gegenüber
+Rodbertus erklärt hat, er sei bereit, auf die Assoziationen zu
+verzichten, sobald jener ihm ein ebenso leichtes und wirksames Mittel
+zum gleichen Zweck zeige, so darf man daraus nicht den Schluß ziehen,
+daß Lassalle nicht von der Güte seines Mittels durchaus überzeugt
+war. Solche Erklärungen pflegt jeder abzugeben, und kann sie um so
+eher abgeben, je mehr er seiner Sache sicher zu sein glaubt. Und wie
+sehr dies bei Lassalle der Fall, zeigt seine letzte Äußerung in bezug
+auf die Assoziationen Rodbertus gegenüber: „Kurz, ich begreife nicht,
+wie man nicht sehen könnte, daß die Assoziation, vom Staat ausgehend,
+der organische Entwicklungskeim ist, der zu allem weiteren führt.” --
+Er ist also unbedingt von dem Vorwurf freizusprechen, mit dieser
+Forderung den Arbeitern etwas empfohlen zu haben, von dessen
+Richtigkeit er nicht durchdrungen war, ein Vorwurf, der viel
+schwerwiegender wäre, als der eines theoretischen Irrtums.
+
+Lassalle glaubte, daß in dem Mittel der Assoziationen mit Staatskredit
+der Zweck, dem diese dienen sollten, nämlich die Verwirklichung der
+sozialistischen Gesellschaft, in seinen wesentlichen Grundzügen bereits
+enthalten, daß hier in der Tat -- worauf er so großes Gewicht legte --
+„das Mittel von der eignen Natur des Zweckes ganz und gar durchdrungen”
+sei. Nun ist ja auch tatsächlich die Assoziation im kleinen ein Stück
+Verwirklichung des sozialistischen Prinzips der Gemeinschaftlichkeit,
+und die Forderung der Staatshilfe eine Anwendung des Gedankens, die
+Staatsmaschinerie als Mittel der ökonomischen Befreiung der
+Arbeiterklasse in Anspruch zu nehmen, sowie zugleich ein Mittel, den
+Zusammenhang mit dem großen Ganzen, der bei der Schulzeschen Assoziation
+verlorenging, möglichst zu bewahren. Bis soweit kann man Lassalle nicht
+nur keinen Vorwurf machen, sondern muß vielmehr die Einheitlichkeit des
+Gedankens bei ihm im höchsten Grade anerkennen. Wir haben gesehen,
+welche Auffassung er vom Staat hatte, wie dieser für ihn nicht der
+jeweilige politische Ausdruck bestimmter gesellschaftlicher Zustände
+war, sondern die Verwirklichung eines ethischen Begriffs, der durch
+jeweilige historische Einflüsse zwar beeinträchtigt, dessen ewige
+„wahre Natur” aber nicht aufgehoben werden kann. Bei solcher
+Auffassung ist es aber nur folgerichtig, in der Forderung der
+Staatshilfe mehr als eine bloße praktische Maßregel zu erblicken
+und ihr, wie Lassalle dies getan, als einem fundamentalen Prinzip des
+Sozialismus, eine selbständige prinzipielle Bedeutung zuzuschreiben[29].
+Und ebenso steht die Forderung der Produktivgenossenschaften in
+engster Ideenverbindung mit Lassalles Theorie des ehernen
+Lohngesetzes. Sie fußt auf denselben ökonomischen Voraussetzungen.
+Kurz, es ist hier alles, möchte ich sagen, aus einem Guß.
+
+Aber es genügt noch nicht, daß Lassalle an die Richtigkeit seines
+Mittels glaubte, um es zu rechtfertigen, daß er über sein Ziel sich so
+unbestimmt wie nur möglich äußerte. Er, der in dem schon zitierten
+Aufsatz über den „Franz von Sickingen” so trefflich dargelegt hatte,
+welche Gefahr darin liegt, „die wahren und letzten Zwecke der Bewegung
+andern (‚und beiläufig eben dadurch häufig sogar sich selbst’) geheim
+zu halten”, der in diesem Geheimhalten bei Sickingen dessen
+„sittliche Schuld” erblickt hatte, die seinen Untergang herbeiführen
+mußte, den Ausfluß eines Mangels an Zutrauen in die Macht der von ihm
+vertretenen Idee, ein „Abweichen von seinem Prinzip”, ein „halbes
+Gebrochensein” -- er gerade zuletzt hätte sich darauf verlegen
+dürfen, die Bewegung auf ein Mittel, statt auf den wirklichen Zweck
+zuzuspitzen. Die Entschuldigung, daß man diesen Zweck dem „Mob” noch
+nicht sagen durfte, oder daß die Massen für ihn noch nicht zu
+gewinnen waren, trifft nicht zu. Waren die Massen für das wirkliche
+Ziel der Bewegung noch nicht zu interessieren, so war diese
+überhaupt verfrüht und dann konnte auch das Mittel, selbst wenn
+erlangt, nicht zum Ziele führen. In den Händen einer Arbeiterschaft,
+die ihre weltgeschichtliche Mission noch nicht zu begreifen vermag,
+konnte das allgemeine Wahlrecht mehr schaden als nützen und mußten
+die Produktivgenossenschaften mit Staatskredit nur der bestehenden
+Staatsgewalt zugute kommen, ihr Prätorianer liefern. War aber die
+Arbeiterschaft entwickelt genug, das Ziel der Bewegung zu begreifen,
+dann mußte dieses auch offen ausgesprochen werden. Es brauchte damit
+noch nicht als unmittelbares, über Nacht zu verwirklichendes Ziel
+hingestellt zu werden, aber nicht nur der Führer, sondern auch jeder
+der Geführten mußte wissen, welchem Ziel das Mittel galt, und daß es
+nichts als Mittel zu diesem Ziele war. Die Masse wäre dadurch nicht
+mehr vor den Kopf gestoßen worden, als es durch den Kampf um das
+Mittel selbst geschah. Lassalle weist selbst darauf hin, wie fein der
+Instinkt der herrschenden Klassen ist, wenn es sich um ihre Existenz
+handelt. „Individuen,” sagt er in dieser Beziehung mit Recht, „sind
+zu täuschen, Klassen niemals.”
+
+Wem das im Vorstehenden Ausgeführte doktrinär erscheint, der sei auf die
+Geschichte der Bewegung unter und nach Lassalle verwiesen. Und damit
+will ich zum Schluß auf dieses Thema übergehen.
+
+
+Fußnoten:
+
+ [24] „Neue Zeit”, Jahrgang 1890/91: „Zur Frage des ehernen
+ Lohngesetzes.” Die so betitelte Abhandlung ist von mir später
+ gesondert in das Buch „Zur Theorie des Lohngesetzes und Verwandtes”
+ (erster Teil der Sammelschrift „Zur Theorie und Geschichte des
+ Sozialismus”, Berlin, Ferd. Dümmler) übernommen worden.
+
+ [25] Proudhon selbst hatte die Produktivassoziation Louis Blanc
+ „entlehnt” -- richtiger, Louis Blancs Assoziationsplan in seiner
+ Weise umgearbeitet. Lassalles Vorschlag nimmt eine Mittelstellung
+ zwischen Louis Blancs und Proudhons Vorschlägen ein; mit dem ersteren
+ hat er die Staatshilfe, mit dem letzteren die Selbständigkeit der
+ Assoziation gemein.
+
+ [26] In der von Prof. Ad. Wagner besorgten Ausgabe der Lassalleschen
+ Briefe heißt es „nicht gehört”. Das „nicht” beruht aber, wie
+ sich im folgenden zeigt, auf einem Druckfehler. Es fehlt auch in dem
+ Abdruck des Briefes bei Rudolph Meyer (vgl. a. a. O. S. 463).
+
+ [27] D. h. als der Überschuß des Bodenertrags über einen gewissen
+ Mindestsatz, unter dem Boden überhaupt nicht bewirtschaftet wird,
+ weil er nicht einmal vollwertige Bezahlung für die in ihn gesteckte
+ Arbeit abwirft.
+
+ [28] Hier nicht zu verwechseln mit den Vorschlägen von Henry George,
+ Flürscheim usw., da Lassalle die allgemeine Verwirklichung der
+ Assoziationen voraussetzt, ohne welche, wie wir früher gesehen haben,
+ jede Steuerreform nach seiner Ansicht am ehernen Lohngesetz scheitern
+ müßte.
+
+ [29] Auch war es bei solcher Auffassung nur logisch, wenn Lassalle
+ z. B. in seiner Leipziger Rede „Zur Arbeiterfrage” den sogenannten
+ Manchestermännern u. a. schon daraus einen Vorwurf machte, daß
+ sie, wenn sie könnten, den Staat „untergehen lassen würden in der
+ Gesellschaft”. Tatsächlich liegt das Bezeichnende jedoch darin, daß
+ die Manchestermänner den Staat in der kapitalistischen Gesellschaft
+ untergehen lassen wollen.
+
+
+
+
+Gründung und Führung des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins.
+
+
+Die Einzelheiten der Lassalleschen Agitation können hier nicht
+dargestellt werden, soll diese Schrift nicht den Umfang eines ganzen
+Werkes annehmen; ich muß mich vielmehr darauf beschränken, vorderhand
+nur die allgemeinen Züge der Bewegung hervorzuheben.
+
+Das „Offene Antwortschreiben” hatte zunächst nur zum Teil die Wirkung,
+die Lassalle sich von ihm versprach. Wohl durfte er an Gustav Levy in
+Düsseldorf und andere schreiben: „Das Ganze liest sich mit solcher
+Leichtigkeit, daß es dem Arbeiter sofort sein muß, als wüßte er es schon
+jahrelang!” Die Schrift war wirklich ein agitatorisches Meisterwerk,
+sachlich und doch nicht trocken, beredt, ohne ins Phrasenhafte zu
+verfallen, voller Wärme und zugleich mit scharfer Logik geschrieben.
+Aber -- die Arbeiter lasen sie vorerst überhaupt nicht; nur wo der Boden
+bereits vorbereitet war, schlug sie in den Reihen der Arbeiterschaft
+ein. Dies war der Fall, wie wir gesehen haben, in Leipzig, desgleichen
+in Frankfurt a. M., in einigen größeren Städten und Industrieorten am
+Rhein und in Hamburg. Teils hatten zurückgekehrte politische Flüchtlinge
+eine sozialistische Propaganda im kleinen entfaltet, teils lebten, wie
+namentlich am Rhein, die Traditionen der sozialistischen Propaganda aus
+der Zeit vor und während der 1848 er Revolution wieder auf. Aber das
+Gros der Arbeiter, die an der politischen Bewegung teilnahmen, blieb auf
+längere Zeit hinaus noch von dem ergangenen Appell unberührt und
+betrachtete Lassalle mit denselben Augen wie die meisten Führer der
+Fortschrittspartei -- als einen Handlanger der Reaktion.
+
+Was nämlich die Fortschrittspartei in Preußen und außerhalb Preußens
+anbetrifft, so hatte bei dieser allerdings das „Antwortschreiben” einen
+wahren Sturm erregt -- nämlich einen wahren Sturm der Entrüstung, der
+leidenschaftlichen Erbitterung. Sie waren sich so groß vorgekommen, so
+erhaben in ihrer Eigenschaft als Ritter der bedrohten Volksrechte, und
+nun wurde ihnen plötzlich von links her zugerufen, daß sie keinen
+Anspruch auf diesen Titel, daß sie sich des Vertrauens, das ihnen das
+Volk bisher entgegengebracht, unwürdig erwiesen hätten und daß daher
+jeder, der es mit der Freiheit aufrichtig meine, insbesondere jeder
+Arbeiter, ihnen den Rücken zu kehren habe. Eine solche Beschuldigung
+verträgt keine kämpfende Partei, am allerwenigsten, wenn sie sich in
+einer Situation befindet, wie damals die Fortschrittspartei. Die
+Feindseligkeiten zwischen ihr und der preußischen Regierung hatten
+allmählich einen Höhegrad erreicht, daß eine gewaltsame Lösung des
+Konfliktes fast unvermeidlich schien, jedenfalls mußte man sich auf das
+Äußerste gefaßt machen. Auf die Deduktionen der Regierungsorgane, daß
+die Fortschrittspartei gar nicht das wirkliche Volk hinter sich habe,
+hatte diese bisher mit Hohn und Spott antworten können, das Volk, das
+politisch denke, stehe einmütig hinter ihr, und in dieser Zuversicht
+hatte sie eine immer drohendere Sprache geführt. Denn wenn die
+Fortschrittler auch keine große Lust hatten, Revolution zu machen, an
+Drohungen mit ihr ließen sie es darum doch nicht fehlen[30].
+
+Und gerade in einem solchen Augenblick sollte man sich von einem Manne,
+der als Demokrat, als Gegner der Regierung auftrat, vorwerfen lassen,
+man habe die Sache des Volkes preisgegeben, ruhig mitansehen, wie dieser
+Mensch die Arbeiter unter einem neuen Banner um sich zu scharen suchte?
+Das hieß ihnen Unmenschliches zumuten.
+
+Schon der Selbsterhaltungstrieb gebot den Fortschrittlern ihr
+Möglichstes zu versuchen, die Lassallesche Agitation nicht aufkommen zu
+lassen, und die nachträgliche Kritik hat es daher nur mit dem Wie dieser
+Gegenwehr zu tun, nicht mit der Tatsache selbst, die zu begreiflich ist,
+um zu irgendwelcher Betrachtung Anlaß zu bieten. Die Art der Gegenwehr
+nun kann kaum anders bezeichnet werden, als mit dem Wort: kläglich. Daß
+die Fortschrittler Lassalle als einen Handlanger der Reaktion
+hinstellten, ist eigentlich noch das geringste, was ihnen zum Vorwurf
+gemacht werden könnte. Denn es läßt sich nun einmal nicht bestreiten,
+daß Lassalles „Antwortschreiben” zunächst Wasser auf die Mühle der
+preußischen Regierung sein mußte. Statt sich aber darauf zu beschränken,
+Lassalle in denjenigen Punkten entgegenzutreten, in denen sie eine
+starke Position, oder, wie die Engländer es nennen, „einen starken
+Fall” ihm gegenüber hatten, bissen sie gerade auf diejenigen seiner
+Angriffe an, die sie bei ihrer schwachen Seite trafen, und
+entwickelten dabei eine geistige Ohnmacht, die in ihrer Hilflosigkeit
+hätte Mitleid erregen können, wenn sie nicht zugleich mit einer so
+riesigen Dosis von Selbstüberhebung gepaart gewesen wäre. Lassalles
+einseitiger Staatsidee setzten sie eine bis ins Abgeschmackte
+getriebene Verleugnung aller sozialpolitischen Aufgaben des
+Staats gegenüber, seinem, wie wir gesehen haben, auf zum Teil
+unrichtigen Voraussetzungen beruhenden ehernen Lohngesetz die
+platteste Verherrlichung der bürgerlich-kapitalistischen
+Konkurrenzgesellschaft. In ihrer blinden Wut vergaßen sie so sehr
+alle Wirklichkeit, alles, was sie selbst früher in bezug auf die
+nachteiligen Wirkungen der kapitalistischen Produktion geschrieben
+hatten, daß sie durch die Unsinnigkeit ihrer Behauptungen selbst die
+Übertreibungen Lassalles rechtfertigten. Aus kleinbürgerlichen
+Gegnern des Kapitalismus wurden die Schulze-Delitzsch und Genossen
+über Nacht zu dessen Lobrednern. Man vergleiche nur die im ersten
+Abschnitt dieser Schrift (S. 18 ff.) gegebenen Auszüge aus der 1858
+erschienenen Schrift des ersteren mit den Ausführungen Schulzes in
+seinem „Kapitel zu einem deutschen Arbeiterkatechismus” -- eine
+Zusammenstellung von sechs Vorträgen, die letzten davon bestimmt,
+Lassalle vor den Berliner Arbeitern kritisch zu vernichten. Während
+dort es als eine der schönsten Wirkungen der selbsthilflerischen
+Assoziationen bezeichnet wurde, daß sie den Unternehmergewinn
+herunterdrücken hülfen, heißt es hier, daß „die Wissenschaft ein
+solches Ding wie Unternehmergewinn” gar nicht kenne und also
+auch natürlich keinen Gegensatz zwischen Arbeitslohn und
+Unternehmergewinn. Sie kenne nur „a) Unternehmerlohn und b)
+Kapitalgewinn” (vgl. Schulze-Delitzsch, Kapitel S. 153). Gegenüber
+solcher „Wissenschaft” brauchte man nicht einmal ein Lassalle zu
+sein, um mit ihr fertig zu werden.
+
+Aber trotz seiner geistigen Überlegenheit, trotz seiner packenden
+Rhetorik hatte Lassalle doch den Fortschrittlern gegenüber nicht den
+Erfolg, auf den er gerechnet hatte. Von einer Wirkung des „Offenen
+Antwortschreibens” gleich der der von Luther an die Wittenberger
+Schloßkirche genagelten Thesen -- wie sie Lassalle sich laut dem bereits
+erwähnten Schreiben an seinen Freund Levy versprach -- konnte zunächst
+auch nicht entfernt die Rede sein. Am 19. Mai 1863 hatte Lassalle in
+Frankfurt a. M., nachdem er zwei Tage vorher auf dem dort abgehaltenen
+„Arbeitertag des Maingaues” eine vierstündige Rede gehalten, in einer
+zum Abschluß derselben anberaumten Volksversammlung die Annahme einer
+Resolution durchgesetzt, wonach sich die Anwesenden verpflichteten, für
+das Zustandekommen eines allgemeinen deutschen Arbeitervereins im Sinne
+Lassalles zu wirken, und am 23. Mai 1863 ward alsdann in Leipzig, in
+Anwesenheit von Delegierten aus 11 Städten (Hamburg, Harburg, Köln,
+Düsseldorf, Mainz, Elberfeld, Barmen, Solingen, Leipzig, Dresden und
+Frankfurt a. M.), der „Allgemeine Deutsche Arbeiterverein” gegründet,
+auf Grund von Statuten, die Lassalle im Verein mit dem ihm befreundeten
+demokratischen Fortschrittsabgeordneten Ziegler ausgearbeitet hatte.
+Gemäß diesen Statuten war die Organisation eine streng zentralistische,
+was sich zum Teil durch die deutschen Vereinsgesetze, zum Teil durch den
+Umstand erklärt, daß ursprünglich auch an die Gründung eines allgemeinen
+Arbeiterversicherungsverbandes gedacht worden war. Der Plan war fallen
+gelassen worden, aber Lassalle behielt trotzdem die Bestimmungen der
+Statuten bei, die sich lediglich auf ihn bezogen hatten, so namentlich
+die persönlicher Spitze und die geradezu diktatorischen Vollmachten für
+die Person des Präsidenten, der obendrein auf fünf Jahre unabsetzbar
+sein sollte. Es machten sich zwar bereits auf dieser ersten
+konstituierenden Versammlung Anzeichen einer Opposition gegen solche
+Präsidialgewalt bemerkbar, aber sie konnte gegenüber Lassalles
+ausgesprochenem Wunsch auf unveränderte Annahme der Statuten nicht
+durchdringen. Mit allen gegen eine Stimme (York aus Harburg) wurde
+Lassalle zum Präsidenten erwählt, und nachdem man ihm noch die Befugnis
+zugestanden, so oft und auf so lange als er wollte, einen
+Vizepräsidenten zu ernennen, nahm er nach einigem Zaudern die Wahl an.
+Er war somit anerkannter Führer der neuen Bewegung; diese selbst aber
+blieb auf längere Zeit hinaus noch auf eine geringe Anhängerschaft
+beschränkt. Drei Monate nach der Gründung betrug die Mitgliederzahl des
+Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins kaum 900. An sich wäre das ein gar
+nicht zu verachtender Anfang gewesen, aber Lassalle hatte auf ganz
+andere Zahlen gerechnet. Er wollte nicht der Leiter einer
+Propagandagesellschaft, sondern der Führer einer Massenbewegung sein.
+Die Massen aber blieben der neuen Organisation fern.
+
+Lassalle war eine bedeutende Arbeitskraft, er konnte zeitweise eine
+wahrhafte Riesenarbeit leisten; aber was ihm nicht gegeben war, das war
+das stetige, solide, ausdauernde Schaffen. Der Verein war noch nicht
+sechs Wochen alt, da trat der neue Präsident bereits eine mehrmonatige
+Erholungsreise an -- zunächst in die Schweiz, dann an die Nordsee.
+Freilich blieb Lassalle auch unterwegs nicht untätig. Er unterhielt eine
+rege Korrespondenz, suchte alle möglichen Größen für den Verein zu
+gewinnen, wobei er übrigens nicht sehr wählerisch vorging, aber gerade
+das, worauf es ankam: die Agitation unter den Massen, ließ er ruhen.
+Ferner sorgte er unbegreiflicherweise nicht einmal dafür, daß der Verein
+wenigstens ein ordentliches Wochenblatt zur Verfügung hatte, obwohl es
+ihm an den Mitteln dazu nicht fehlte. Er begnügte sich mit
+gelegentlichen Subventionen an Blätter, wie den in Hamburg von dem alten
+Freischärler Bruhn herausgegebene „Nordstern” und den in Leipzig von
+einem Eigenbrödler, Dr. Ed. Löwenthal, herausgegebene „Zeitgeist”,
+womit diese Blätter zeitweise über Wasser gehalten wurden, ohne
+jedoch deshalb aufzuhören beständig zwischen Leben und Sterben zu
+schweben.
+
+Wie die Masse der Arbeiter, so blieben auch die meisten der
+vorgeschrittenen Demokraten und Sozialisten aus den bürgerlichen
+Kreisen, an die sich Lassalle mit Einladungen zum Beitritt wandte, dem
+Verein fern. Ein großer Teil dieser Leute war, wie bereits erwähnt,
+stark verphilistert oder doch auf dem besten Wege zum Philisterium,
+andere wurden durch ein unbestimmtes persönliches Mißtrauen gegen
+Lassalle davon abgehalten, sich öffentlich für ihn zu erklären, wieder
+andere hielten den Zeitpunkt für sehr ungeeignet, die Fortschrittspartei
+von links her zu attackieren. Und selbst diejenigen, die dem Verein
+beitraten, ließen es meist bei der einfachen Mitgliedschaft bewenden und
+verhielten sich im übrigen durchaus passiv. Dafür agitierten zwar andere
+Mitglieder des Vereins, ganz besonders die aus der Arbeiterklasse
+hervorgegangenen, um so eifriger, und der Sekretär des Vereins, Jul.
+Vahlteich, entwickelte eine geradezu fieberhafte Tätigkeit Anhänger für
+den Verein zu werben, aber die Erfolge entsprachen durchaus nicht den
+Anstrengungen. Auf der einen Seite erwies sich die Gleichgültigkeit der
+unentwickelten Masse der Arbeiter, auf der andern die das Interesse des
+Augenblicks absorbierende nationale Bewegung in Verbindung mit dem
+Verfassungskampf in Preußen als ein fast unübersteigbares Hindernis, so
+daß an verschiedenen Orten die Mitglieder des Vereins bereits lebhaft
+die Frage diskutierten, ob man nicht durch Anziehungsmittel
+unpolitischer Natur, Gründung von Unterstützungskassen usw., das
+Werbegeschäft fördern solle.
+
+Lassalle selbst war einen Augenblick geneigt, auf die Diskussion dieser
+Frage einzugehen -- vgl. seinen Brief vom 29. August 1863 an den
+Vereinssekretär (zitiert bei B. Becker, Geschichte der Arbeiteragitation
+usw. S. 83) --, er kam aber wieder davon ab, weil er einsah, daß der
+Verein damit notwendigerweise seinen Charakter ändern mußte. Er würde
+aufgehört haben, eine jederzeit disponible politische Maschine
+abzugeben, und nur als eine solche hatte er in den Augen Lassalles Wert.
+
+Noch in den Bädern entwarf Lassalle die Grundgedanken einer Rede, mit
+der er bei seiner Rückkehr die Agitation wieder aufnehmen wollte, und
+zwar zunächst am Rhein, wo der Boden sich ihm am günstigsten erwiesen
+hatte. Es ist dies die Rede „Die Feste, die Presse und der Frankfurter
+Abgeordnetentag”.
+
+Diese Rede, die Lassalle in den Tagen vom 20. bis 29. September 1863 in
+Barmen, Solingen und Düsseldorf hielt, bezeichnet den Wendepunkt in
+seiner Agitation. Welche Einflüsse während der Sommermonate auf ihn
+eingewirkt hatten, wird wohl kaum festgestellt werden können, indes wird
+man nicht fehlgehen, wenn man auf die Gräfin Hatzfeldt und ihre
+Verbindungen schließt. Die Hatzfeldt hatte begreiflicherweise fast ein
+noch größeres Streben, Lassalle vom Erfolg emporgehoben zu sehen, als
+dieser selbst; für sie ging das Interesse am Sozialismus vollständig auf
+im Interesse an Lassalle, durch dessen Vermittlung sie überhaupt erst
+zum Sozialismus gekommen war. Sie wurde auch sicherlich nur durch ihre
+große Zuneigung zu Lassalle getrieben, wenn sie ihm zu Schritten riet,
+die wohl versprachen, seinem persönlichen Ehrgeiz Befriedigung zu
+verschaffen, die aber die Bewegung selbst im höchsten Grade
+kompromittieren konnten. Für sie war eben die Bewegung Lassalle und
+Lassalle die Bewegung, sie betrachtete die Dinge meist durch die Brille
+der vermeintlichen Interessen Lassalles. Solche uneigennützigen Freunde
+sind indessen in der Regel von sehr zweifelhaftem Wert. Sind sie aber
+obendrein noch durch Erziehung, Lebensstellung usw. in besonderen
+Klassenvorurteilen befangen und haben sie keinen eigenen selbständigen
+Wirkungskreis, so wirkt ihre Fürsorge zuweilen schlimmer als Gift. Sie
+bestärken den Gegenstand ihrer Liebe in allen seinen Fehlern und
+Schwächen, sie reizen beständig seine Empfindlichkeit, indem sie ihn auf
+jedes Unrecht aufmerksam machen, das ihm scheinbar geschehen; mehr als
+der Beleidigte selbst verzehren sie sich im Durst nach Rache für dieses
+Unrecht, sie hetzen und schüren und intrigieren -- alles in bester
+Absicht, aber zum größten Schaden dessen, für den es vermeintlich
+geschieht.
+
+Die Hatzfeldt war in ihrer Art eine gescheite Frau, die Lassalle, so
+sehr sie ihm an Wissen und Energie nachstand, doch in bezug auf
+Erfahrung überlegen war. Wo seine Leidenschaft nicht im Wege stand, gab
+er viel auf ihren Rat; er mußte doppelt auf ihn wirken, wo er seinen
+Leidenschaften Vorschub leistete. In einem am Schluß seiner Laufbahn
+geschriebenen Briefe an die Gräfin macht Lassalle dieser gegenüber die
+Bemerkung, sie sei es ja eigentlich gewesen, die ihn zur Annahme des
+Präsidiums des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins veranlaßt habe.
+Das ist sicherlich nicht wörtlich zu nehmen. Lassalle hätte wohl auch
+ohne die Gräfin das Präsidium angenommen. Aber in solchen Situationen
+läßt man sich besonders gern durch gute Freunde zu dem bestimmen, was
+man selbst möchte, weil es die Verantwortlichkeit zu mindern scheint.
+Die Gräfin wird also Lassalles Bedenken beschwichtigt haben, und es
+liegt der Schluß mehr als nahe, daß sie es mit Verweisung auf die Dinge
+getan haben wird, die sich in den oberen Regionen Preußens damals
+vorbereiteten. Es sei nur an die Erklärung Lassalles in seiner
+Verteidigungsrede im Hochverratsprozeß erinnert, daß er schon vom ersten
+Tage, wo er seine Agitation begann, gewußt habe, daß Bismarck das
+allgemeine Wahlrecht oktroyieren werde, und an die weitere Erklärung,
+daß, als er das „Offene Antwortschreiben” erließ, ihm „klar” war,
+daß „große auswärtige Konflikte bevorstehen, Konflikte, welche es
+unmöglich machen, das Volk zu ignorieren”. Er stellt es zwar dort so
+hin, als ob dies jeder hätte wissen müssen, der die Ereignisse mit
+sicherem Blick verfolge, aus seinen Briefen an Marx haben wir aber
+gesehen, wie sehr er sich bei seinen politischen Schritten durch die
+„Informationen” beeinflussen ließ, die ihm aus „diplomatischen
+Quellen” über die Vorgänge in Regierungskreisen zugingen.
+
+Die Hatzfeldt war durch das langsame Wachstum des Allgemeinen deutschen
+Arbeitervereins sicherlich noch mehr enttäuscht worden, als Lassalle
+selbst. Durch ihren ganzen Bildungsgang auf die Mittel der Intrige und
+stillen Diplomatie abgerichtet, mußte sie auch jetzt darauf verfallen,
+hinten herum das zu erreichen, was auf dem Wege des offenen Kampfes sich
+als so schwer zu erreichen erwies. In diesem Streben fand sie an
+Lassalles Geneigtheit, Erfolge, die er sich einmal als Ziel gesetzt, um
+jeden Preis zu erzwingen, an seinem rücksichtslosen Temperament und
+seinem hochgradigen Selbstgefühl nur zu bereitwillige Unterstützung.
+Inwieweit damals schon die Fäden angeknüpft waren, die später Lassalle
+ins Palais des Herrn von Bismarck führten, läßt sich heute nicht mehr
+feststellen, aber sowohl die Worte, welche Lassalle, als er die Rede
+„Die Feste, die Presse usw.” für den Druck niederschrieb, an seinen
+Freund Levy richtete: „Was ich da schreibe, schreibe ich bloß für ein
+paar Leute in Berlin,” als auch vor allem der Inhalt der Rede selbst
+beweisen, daß an diesen Fäden mindestens eifrig gesponnen wurde. Die
+Rede ist gespickt mit Angriffen auf die Fortschrittspartei, die
+teilweise sehr übertrieben sind, während dagegen dem Minister Bismarck
+unumwunden geschmeichelt wird. Hatten bis dahin stets der Demokrat und
+der Sozialist in Lassalle die demagogische Ader in ihm gemeistert, so
+meistert hier der Demagoge die ersteren.
+
+Im Juni 1863 hatte die preußische Regierung, nachdem sie den Landtag
+nach Hause geschickt, die berüchtigten Preßordonnanzen erlassen, welche
+die Verwaltungsbehörden ermächtigten, nach vorheriger zweimaliger
+Verwarnung das fernere Erscheinen irgendeiner inländischen Zeitung oder
+Zeitschrift „wegen fortdauernder, die öffentliche Wohlfahrt
+gefährdender Haltung zeitweise oder dauernd” zu verbieten. Die
+liberale Presse, ausschließlich in den Händen von Privatunternehmern,
+hatte daraufhin meist es vorgezogen, während der Dauer der
+Preßordonnanzen überhaupt nichts mehr über die innere Politik zu
+schreiben. Das war gewiß nichts weniger als tapfer, aber es war auch
+nicht so schlimmer Verrat an der eigenen Sache als wie Lassalle es
+hinstellt. Lassalle übersah geflissentlich, daß Bismarcks Absicht
+beim Erlaß der Preßordonnanz eben gewesen war, die ihm verhaßten
+Blätter der Opposition geschäftlich zu ruinieren, um seine eigene
+oder eine ihm genehme Presse an ihre Stelle zu bringen. In der
+Begründung der Preßordonnanz hatte es ausdrücklich geheißen:
+
+ „Die positive Gegenwirkung gegen die Einflüsse derselben (d. h. der
+ liberalen Presse) vermittelst der konservativen Presse kann schon
+ deshalb den wünschenswerten Erfolg nur teilweise haben, weil die
+ meisten der oppositionellen Organe durch eine langjährige Gewöhnung
+ des Publikums und durch die industrielle Seite der betreffenden
+ Unternehmungen eine Verbreitung besitzen, welche nicht leicht zu
+ bekämpfen ist.”
+
+Wenn also die liberalen Blätter es nicht darauf ankommen ließen,
+verboten zu werden, so erhielt die Regierung auch keine Möglichkeit,
+andere Blätter an deren Stelle einzuschmuggeln oder jenen die Annoncen
+abspenstig zu machen. Der eine Zweck der Maßregel wurde also gerade
+durch dies zeitweilige Schweigen über die innere Politik vereitelt.
+Nicht minder aber auch der zweite, direkt politische Zweck. Lassalle
+meint in seiner Rede, wenn die liberale Presse sich hätte verbieten
+lassen, wenn der Spießbürger nicht mehr beim Frühstück seine gewohnte
+Zeitung bekommen hätte, dann würde die Erbitterung über die
+Preßordonnanzen im Volke aufs höchste gesteigert worden sein und die
+Regierung sich gezwungen gesehen haben, nachzugeben. Indes, die
+Erbitterung war nicht minder groß, wenn der Spießer zwar seine gewohnte
+Zeitung forterhielt, aber ihm zugleich Tag für Tag am Inhalt derselben
+vordemonstriert wurde, daß seinem Organ ein Knebel angelegt war, wenn er
+zwar sein Blatt, aber ohne den geliebten Leitartikel erhielt.
+
+Zudem war die Preßordonnanz eine Maßregel, die nicht aufrechtzuerhalten
+war, sobald der Landtag wieder zusammentrat. Es handelte sich um ein
+Provisorium, und die liberalen Blätter hatten gar keine Ursache, während
+desselben, Bismarck zuliebe -- wie Lassalle es ausdrückt -- „mit Ehren
+zu sterben”.
+
+Die Wut der Regierung war denn auch eine nicht geringe, und ihre Organe
+spiegelten diese Wut natürlich entsprechend wieder. Lassalle drückt das
+so aus, daß er sagt: „Selbst (!) die reaktionären Blätter wußten
+damals ihrem Erstaunen und ihrer Entrüstung über dieses Gebaren kaum
+hinreichenden Ausdruck zu geben.” Und er zitiert als Beweis die
+„Berliner Revue”, das Organ des reaktionärsten Muckertums.
+
+Natürlich benutzten die Reaktionäre die Finte, ihren Angriffen auf die
+liberale Presse ein sozialistisches Mäntelchen umzuhängen, sich zu
+gebärden, als ob sie ihres kapitalistischen Charakters halber angriffen.
+Statt jedoch gegen diese Fälschung des sozialistischen Gedankens zu
+protestieren und jede Solidarität mit ihren Urhebern zurückzuweisen,
+leistete Lassalle dem Spiel der Bismärcker noch Vorschub, indem er ihre
+Blechmünzen den Arbeitern als echtes Gold ausgab.
+
+Gewiß ist die Tatsache, daß die Presse heute ein Geldgeschäft ist, ein
+großer Übelstand, ein mächtiger Faktor der Korruption des öffentlichen
+Lebens. Dem ist aber, solange überhaupt das kapitalistische
+Privateigentum besteht, schwerlich abzuhelfen, -- am allerwenigsten
+durch beschränkende Gesetze des selbst noch kapitalistisch geleiteten
+Staates. Soweit heute Abhilfe geschaffen werden kann, wird sie durch die
+Freiheit der Presse ermöglicht. Davon aber wollte die preußische
+Regierung nichts wissen, und Lassalle unterstützte ihren Widerstand
+noch, indem er zwar für volle Preßfreiheit eintrat, aber zugleich
+erklärte, daß diese ohnmächtig sein würde, das Wesen der Presse
+umzuwandeln, wenn nicht zugleich der Presse das Recht entzogen würde,
+Annoncen zu bringen. Mit letzterem würde die Presse nämlich aufhören,
+eine lukrative Geldspekulation zu sein, und würden wieder nur solche
+Männer Zeitungen schreiben, welche für das Wohl und das geistige
+Interesse des Volkes kämpfen.
+
+Braucht es noch eines besonderen Nachweises, wie absolut wirkungslos
+dieses Mittel wäre? Lassalle hätte nur seine Blicke über den
+Grenzbereich des preußischen Staates hinaus nach England und Frankreich
+zu richten brauchen, um sich von der Verkehrtheit seiner Idee zu
+überzeugen. In England bildete und bildet heute noch das Annoncenwesen
+eine sehr wesentliche Einnahmequelle der Presse, während in Frankreich
+den Blättern die Aufnahme von Anzeigen zwar nicht direkt verboten, aber
+durch eine hohe Steuer fast unmöglich gemacht, auf ein Minimum reduziert
+war. War deshalb die französische Presse besser als die englische?
+Weniger im Dienst des Kapitalismus, weniger korrumpiert als jene? Mit
+nichten. Die Abwesenheit der Annoncen hatte es im Gegenteil dem
+Bonapartismus sehr wesentlich erleichtert, die Presse für seine Zwecke
+zu korrumpieren, und sie hatte anderseits die politische Presse
+Frankreichs nicht verhindert, der hohen Finanz in viel höherem Grade
+dienstbar zu sein, als es die politische Presse Englands war.
+
+Immerhin berührte Lassalle in diesem Teil seiner Rede wenigstens eine
+Frage, die in der Tat ab ein wunder Punkt des modernen öffentlichen
+Lebens bezeichnet werden muß. War der Zeitpunkt auch schlecht gewählt,
+war das Heilmittel auch von problematischem Wert, an und für sich bleibt
+die Tatsache, daß die Presse, ob mit oder ohne Annoncen, immer mehr ein
+kapitalistisches Institut wird, ein Krebsschaden, auf den die
+Aufmerksamkeit der Arbeiterklasse gelenkt werden muß, soll sie sich vom
+Einfluß der Kapitalistenorgane befreien. Ganz und gar unzutreffend aber
+war, was Lassalle über die Feste sagt, welche die Fortschrittler 1863
+Bismarck zum Trotz abhielten. Er wußte doch wohl, daß die Feste weiter
+nichts waren, als Agitationsversammlungen, als Demonstrationen gegen die
+Regierung, wie sie in Frankreich und England unter ähnlichen
+Verhältnissen auch veranstaltet worden waren. Wollte er sie kritisieren,
+so mußte er hervorheben, daß mit den Festen allein noch nichts getan
+war, daß, wenn es bei ihnen blieb, die Sache des Volks gegen die
+Regierung um keinen Schritt gefördert wurde. Statt dessen beschränkte er
+sich darauf, die Redensarten der Regierungspresse über die Feste zu
+wiederholen, den Hohn, unter dem diese ihren Ärger zu verbergen suchte,
+noch zu überbieten. Niemand, der die Geschichte der preußischen
+Verfassungskämpfe des Jahres 1863 genauer kennt, wird diese Stelle der
+Lassalleschen Rede lesen können, ohne sie zu mißbilligen.
+
+Der dritte Teil der Rede, die Kritik des im Sommer 1863 zu
+Frankfurt a. M. zusammengetretenen Deutschen Abgeordnetentages, wäre
+berechtigt gewesen, wenn Lassalle sich nicht in demselben Augenblick, wo
+er den Fortschrittlern einen Vorwurf daraus machte, daß sie mit den
+deutschen Fürsten liebäugelten, um Herrn von Bismarck bangezumachen --
+wir haben gesehen, wie er ihnen im „Offenen Antwortschreiben” das
+„Dogma von der preußischen Spitze” vorgeworfen und Preußen als den
+reaktionärsten der deutschen Staaten hingestellt hatte -- wenn
+Lassalle nicht in demselben Atemzuge seinerseits ein gleiches Spiel
+getrieben hätte, wie die Fortschrittler, nur daß er nach der andern
+Seite hin liebäugelte. Seine ganze Rede enthält keine Silbe gegen
+Bismarck und die preußische Regierung, wohl aber eine ganze Reihe
+direkter und indirekter Schmeicheleien an deren Adresse. Er läßt sie
+„mit dem ruhigen Lächeln tatsächlicher Verachtung” über die
+Beschlüsse der Kammer hinweggehen, und er stellt Bismarck das Zeugnis
+aus, er sei „ein Mann”, während die Fortschrittler alte Weiber seien.
+Noch ein Passus der Rede zeugt von der veränderten Frontrichtung
+Lassalles.
+
+Der Führer des Nationalvereins, Herr von Bennigsen, hatte den
+Abgeordnetentag mit folgenden Worten geschlossen, und es ist ganz gut,
+wieder einmal daran zu erinnern: „Die Leidenschaft der Volkspartei und
+die Verstocktheit der Regierenden habe schon oft zu revolutionären
+Umwälzungen geführt. Aber das deutsche Volk sei nicht bloß einmütig,
+sondern auch so gemäßigt bei seinen Ansprüchen, daß die deutsche
+nationale Partei, die keine Revolution wolle und keine machen kann,
+keine Verantwortung dafür habe, wenn nach ihr eine Partei kommen sollte,
+welche, weil keine Reform mehr möglich, zu der Umwälzung greife.”
+
+Für jeden, der lesen kann, ist diese Erklärung eine zwar recht
+lendenlahme Drohung, aber doch eine Drohung mit der Revolution. „Wir
+wollen keine Revolution, o Gott behüte, wir waschen unsere Hände in
+Unschuld, aber wenn ihr nicht nachgebt, dann wird sie doch kommen, und
+dann habt ihr es euch selbst zuzuschreiben.” Eine, wenn man wirklich die
+ganze Nation hinter sich hat, sehr feige Art zu drohen, aber leider
+zugleich auch sehr gebräuchliche Art zu drohen -- so gebräuchlich, daß,
+wie gesagt, über den Sinn der Erklärung gar kein Mißverständnis möglich
+war. Was aber tut Lassalle? Er stellt sich, als ob er die Drohung nicht
+verstanden habe, und er stellt sich so, nicht etwa, um die
+Fortschrittler zu einer entschiedeneren Sprache herauszufordern, sondern
+um ihnen zu drohen für den Fall, daß es zu einer Revolution oder einem
+Staatsstreich kommen sollte. Er zitiert den obigen Ausspruch des Herrn
+von Bennigsen und läßt ihm das nachstehende Pronunziamento folgen:
+„Erheben wir also unsere Arme und verpflichten wir uns, wenn jemals
+dieser Umschwung, sei es auf diesem, sei es auf jenem Wege käme, es den
+Fortschrittlern und Nationalvereinlern gedenken zu wollen, daß sie bis
+zum letzten Augenblicke erklärt haben: sie wollen keine Revolution!
+Verpflichtet euch dazu, hebt eure Hände empor.”
+
+Und „die ganze Versammlung erhebt in großer Aufregung ihre Hände”,
+heißt es in dem, von Lassalle selbst redigierten Bericht über die
+Rede.
+
+Was sollte diese Drohung, dieses „Gedenken” bedeuten? Es war kaum eine
+andre Auslegung möglich, ab daß man die Fortschrittler, wenn nicht
+direkt angreifen, so doch im Stich lassen wollte, wenn es „auf diesem
+oder jenem Wege” zum gewaltsamen Zusammenstoß kommen sollte. Eine solche
+Drohung in diesem Moment konnte aber nur die eine Wirkung haben, die
+Fortschrittler, statt sie vorwärtszutreiben, erst recht kopfscheu zu
+machen.
+
+In einer der Versammlungen, in Solingen, kam es zu blutigen Konflikten.
+Eine Anzahl Fortschrittler, die versucht hatten, Lassalle zu
+unterbrechen, wurden von exaltierten Anhängern desselben mit
+Messerstichen bedacht. Auf Grund dieser Vorkommnisse löste der
+Bürgermeister eine halbe Stunde später die Versammlung auf, worauf
+Lassalle, gefolgt von einer, ein Hoch über das andere ausbringenden
+Menge zum Telegraphenbureau eilte und das bekannte Telegramm an Bismarck
+aufgab, das mit den Worten beginnt: „Fortschrittlicher Bürgermeister hat
+soeben an der Spitze von zehn mit Bajonettgewehren bewaffneten Gendarmen
+und mehreren Polizisten mit gezogenem Säbel von mir einberufene
+Arbeiterversammlung ohne jeden gesetzlichen Grund aufgelöst”, und mit
+der „Bitte um strengste, schleunigste, gesetzliche Genugtuung” schloß.
+
+Auch wenn man alles in Betracht zieht, was zu Lassalles Entschuldigung
+angeführt werden kann: seine Erbitterung über die ihm von seiten der
+Fortschrittler widerfahrenen Angriffe, seine Enttäuschung über die
+verhältnismäßig geringen Erfolge seiner Agitation, seinen tiefen
+Widerwillen gegen die feige Taktik der Fortschrittler, seine einseitige,
+aber doch aufrichtige Gegnerschaft gegen die liberale Wirtschaftslehre
+-- kurz, wenn man sich noch so sehr in seine damalige Lage hineindenkt,
+so geht doch aus diesem Telegramm, in Verbindung mit der vorstehend
+geschilderten Rede, eines unbestreitbar hervor -- daß Lassalle, als er
+nach Deutschland zurückkam, bereits seinen inneren Halt -- wenn ich mich
+so ausdrücken darf: seinen Standpunkt verloren hatte. Ein solches
+Telegramm hätte man keinem Konservativen verziehen, geschweige denn
+einem Mann, der sich mit Stolz einen Revolutionär genannt, und der
+seiner inneren Überzeugung nach sicherlich sich noch für einen solchen
+hielt. Wenn nicht andre Erwägungen, so hätte das einfachste Taktgefühl
+Lassalle verbieten müssen, sich zu einem Appell an die Staatsgewalt
+herbeizulassen, der mit einer politischen Denunziation begann.
+
+Und wenn man selbst dieses Telegramm noch mit der durch die Auflösung
+der Versammlung hervorgerufenen Erregung entschuldigen könnte, so
+folgten ihm bald andre, bei kältester Überlegung unternommene Schritte,
+die ebenfalls den politischen Grundsätzen, als deren Vertreter Lassalle
+auftrat, schnurstracks entgegenstanden. Hier nur ein Beispiel, das zudem
+in enger Verbindung mit den vorerwähnten Vorkommnissen steht.
+
+Einige Arbeiter, die in der Solinger Versammlung vom Messer Gebrauch
+gemacht haben sollten, waren im Frühjahr 1864 zu mehrmonatigen
+Gefängnisstrafen verurteilt worden. Und da war es Lassalle, der allen
+Ernstes und wiederholt den Vorschlag machte, die Verurteilten sollten,
+unterstützt durch eine allgemeine Arbeiteradresse, ein Gnadengesuch an
+den König von Preußen richten. Man denke, Lassalle, der noch einige
+Jahre zuvor geschrieben hatte (vgl. S. 88 dieser Schrift), er habe zu
+seinem Leidwesen erst in Berlin gesehen, „wie wenig entmonarchisiert”
+das Volk in Preußen sei, Lassalle, der in Frankfurt am Main ausgerufen
+hatte: „Ich habe keine Lust und keinen Beruf, zu andern zu sprechen, als
+zu Demokraten”, er, der als Führer der neuen Bewegung doch vor allem die
+Pflicht hatte, seinen Anhängern das Beispiel demokratischen Stolzes zu
+geben, ermuntert sie, vom König von Preußen Begnadigung zu erbetteln.
+Indes, die Arbeiter zeigten sich hier taktfester als ihr Führer. Am 20.
+April 1864 meldet der Solinger Bevollmächtigte Klings, daß gegen
+Lassalles Vorschlag allgemeine Abneigung herrsche. Sämtliche
+Hauptmitglieder des Vereins hätten sich dagegen ausgesprochen. „Die
+beiden von hier Verurteilten gehören zu der entschiedensten
+Arbeiterpartei und würden, selbst wenn es vier Jahre wären, nicht zu
+bewegen sein, ein Gnadengesuch einzureichen, weil es ihren Gesinnungen
+widerstreitet, Sr. Majestät verpflichtet zu sein.”
+
+Dieser Widerstand erweckte das demokratische Gewissen Lassalles, und er
+schrieb an Klings, die Weigerung der Leute erfülle ihn mit großem Stolz.
+Aber den Gedanken der Adresse an den König gab er noch immer nicht auf,
+sondern suchte nachzuweisen, daß diese auch ohne das Gnadengesuch der
+Verurteilten von großem Nutzen sein könne. Es kann, heißt es wörtlich,
+„vielleicht auch noch folgender Nutzen eintreten, daß, wenn die Adresse
+von mehreren tausend Arbeitern unterschrieben ist, man diesem Schritte
+oben eine -- für uns ganz unverbindliche -- Auslegung gibt, durch welche
+man sich um so mehr ermutigt fühlt, bei kommender Gelegenheit an die
+Oktroyierung des allgemeinen und direkten Wahlrechts zu gehen: ein
+Schritt, den man, wie Ihnen der beigefügte Leitartikel der
+ministeriellen Zeitung (die damals veröffentlichte Sternzeitung) zeigt,
+oben jetzt gerade wieder hin und her überlegt”. Indes auch diese
+Perspektive vermochte die Solinger nicht von der Richtigkeit des
+empfohlenen Schrittes zu überzeugen, und so blieb der Bewegung diese
+Bloßstellung erspart.
+
+Als Lassalle anfangs Oktober 1863 nach Berlin zurückkehrte, ging er
+zunächst mit allem Eifer daran, die Hauptstadt für seine Sache zu
+erobern. Er verfaßte einen Aufruf „An die Arbeiter Berlins”, ließ ihn
+in 16000 Exemplaren abziehen und einen Teil davon unentgeltlich unter
+den Arbeitern Berlins verbreiten. Obwohl der Aufruf sehr wirksam
+geschrieben ist und namentlich geschickt an die entstellten Berichte
+der Berliner fortschrittlichen Presse („Volkszeitung” und „Reform”)
+über die rheinischen Versammlungen anknüpft, war der Erfolg doch
+zunächst ein sehr bescheidener. Die ersten Versammlungen Lassalles in
+Berlin fanden in kleineren Sälen statt und gaben zu allerhand Gespött
+Anlaß, und als in der ersten größeren Versammlung Lassalle auf
+Requisition der Berliner Staatsanwaltschaft verhaftet wurde,
+klatschten fanatisierte Arbeiter sogar dazu Beifall. Die Mehrheit der
+Personen, die sich als Neugierige oder unter dem Eindruck der
+Vorträge Lassalles in die Listen hatten einzeichnen lassen, fielen
+bald wieder ab, so daß der Verein, der Anfang Dezember 1863 es bis
+auf über 200 Mitglieder in Berlin gebracht hatte, im Februar 1864
+kaum noch drei Dutzend Mitglieder zählte, wovon obendrein ein großer
+Teil Nichtarbeiter waren.
+
+Neben der Agitation beschäftigten Lassalle auch sehr stark seine
+Prozesse und sonstigen Kämpfe mit den Behörden. Denn so angenehm dem
+Ministerium Bismarck auch seine Agitation war, soweit diese sich gegen
+die Fortschrittspartei kehrte, so wußte es doch sehr gut, daß es in
+Lassalle keinen Helfer hatte, der sich als willfähriges Werkzeug
+gebrauchen ließ. Es konnte ihm also nur angenehm sein, wenn die unteren
+Behörden fortfuhren, Lassalle mit Prozessen usw. zu überschütten.
+Dadurch kam es in die Lage, entweder zur rechten Zeit einen unbequemen
+Dränger loszuwerden oder vielleicht gar ihn doch „mürbe” zu bekommen.
+Wie dem jedoch sei, die Staatsanwaltschaft in Düsseldorf ließ die Rede
+„Die Feste, die Presse usw.” konfiszieren und erhob gegen Lassalle
+Anklage auf Verletzung der §§ 100, 101 des Preußischen Strafgesetzbuches
+(Aufreizung und Verbreitung erdichteter Tatsachen behufs Herabsetzung
+von Anordnungen der Obrigkeit). Der Prozeß verursachte Lassalle
+unendlich viel Scherereien und endete, nachdem Lassalle in erster
+Instanz in contumaciam zu einem Jahr Gefängnis verurteilt worden war,
+mit seiner Verurteilung in zweiter Instanz zu sechs Monaten Gefängnis.
+Wegen der Flugschrift „An die Arbeiter Berlins” erhob die
+Staatsanwaltschaft in Berlin Anklage wegen Hochverrats gegen Lassalle
+und ließ auch, wie bereits erwähnt, Lassalle in Untersuchungshaft
+nehmen, aus der er jedoch gegen Kaution freigelassen wurde. Beides,
+Anklage wie Verhaftsbefehl, mochten indes der persönlichen Rachsucht des
+Staatsanwalts von Schelling entflossen sein, den Lassalle ein Jahr
+vorher in seiner Verteidigung vor dem Stadtgericht so bös zerzaust
+hatte. In der Gerichtsverhandlung, die am 12. März 1864 vor dem
+Staatsgerichtshof in Berlin stattfand, beantragte der Staatsanwalt nicht
+weniger als drei Jahre Zuchthaus und fünf Jahre Polizeiaufsicht gegen
+Lassalle; das Gericht erkannte jedoch, soweit die Anklage auf Hochverrat
+lautete, auf Freisprechung und überwies die Behandlung der
+untergeordneteren, von der Staatsanwaltschaft behaupteten Verstöße gegen
+das Strafgesetz der zuständigen Gerichtsabteilung.
+
+Die Verteidigungsrede in diesem Prozeß ist ein wichtiges Dokument für
+die Geschichte der Lassalleschen Agitation. Bevor wir jedoch auf sie
+eingehen, haben wir noch der großen sozialpolitischen Arbeit Lassalles
+zu erwähnen, die Ende Januar 1864 die Presse verließ und als sein
+propagandistisches Hauptwerk bezeichnet werden muß. Es ist dies die
+Streitschrift „Herr Bastiat-Schulze von Delitzsch, der ökonomische
+Julian, oder Kapital und Arbeit”.
+
+Es wurde gelegentlich bereits der Vorträge erwähnt, die
+Schulze-Delitzsch im Frühjahr 1863 im Berliner Arbeiterverein hielt und
+unter dem Titel „Kapitel zu einem deutschen Arbeiterkatechismus” als
+Gegenschrift gegen die Lassallesche Agitation veröffentlichte. Diese,
+aus den plattesten Gemeinplätzen der liberalen Ökonomie
+zusammengesetzten Vorträge nun boten Lassalle eine willkommene Handhabe,
+den auf der Höhe seines Ruhms stehenden Schulze und mit ihm die Partei,
+die in ihm ihren ökonomischen Heros verehrte, jetzt auch theoretisch zu
+vernichten. Berücksichtigt man, daß Lassalle zu systematischen
+ökonomischen Arbeiten nicht gekommen war, sondern gerade in dem Moment,
+wo er sich an die Vorarbeiten zu seinem ökonomischen Werk machen wollte,
+durch die praktische Agitation davon abgelenkt wurde, und zieht man
+außerdem in Betracht, daß Lassalle, während er den „Bastiat-Schulze”
+schrieb, durch seine Prozesse und die Arbeiten für die Leitung des
+Vereins fortgesetzt in Anspruch genommen war, so kann man nicht umhin,
+in diesem Buch einen neuen Beweis für das außergewöhnliche Talent, die
+staunenswerte Vielseitigkeit und Elastizität des Lassalleschen Geistes
+zu erblicken. Freilich trägt der „Bastiat-Schulze” daneben auch aufs
+deutlichste die Spuren seines Entstehens. So sehr die Form der Polemik
+der Popularität der Schrift zugute kommt, sind die Umstände, unter denen
+diese Polemik erfolgte, die hochgradige Gereiztheit Lassalles, die um so
+größer war, als Lassalle wohl selbst fühlte, daß er immer mehr in eine
+falsche Position geriet -- die Enttäuschung einerseits, und das
+Bestreben, sich über diese Enttäuschung selbst hinwegzutäuschen,
+andererseits, dem Ton der Polemik sehr verhängnisvoll gewesen. Aber auch
+inhaltlich ist sie keineswegs immer auf der Höhe des Gegenstandes,
+sondern verliert sich oft in kleinliche Wortklauberei, die obendrein
+nicht einmal immer in der Sache zutrifft[31]. Dazu ist der sachliche
+und theoretische Teil, so brillant die Einzelheiten vielfach sind, nicht
+frei von Widersprüchen. Als Ganzes genommen hat der „Bastiat-Schulze”
+jedoch das große Verdienst, den historischen Sinn und das Verständnis
+für die tieferen Probleme der Ökonomie unter den deutschen Arbeitern in
+hohem Grade gefördert zu haben. Stellenweise erhebt sich die Darstellung
+auf die Höhe des Besten, was Lassalle je geschrieben hat, an diesen
+Stellen leuchtet sein Genius noch einmal in seinem hellsten Glanze auf.
+
+
+Fußnoten:
+
+ [30] Ich erinnere mich, obwohl ich damals noch ein Schulknabe war,
+ noch sehr gut jener Epoche; aus ihr datieren meine ersten politischen
+ Eindrücke. In der Schulklasse, auf dem Turnplatz -- überall wurde
+ in jenen Tagen politisiert, und natürlich gaben wir Knaben nur
+ in unserer Art wieder, was wir im elterlichen Hause, in unserer
+ Umgebung, zu vernehmen pflegten. Meine Mitschüler gehörten den
+ bürgerlichen Klassen, meine Spielkameraden dem Proletariat an, aber
+ die einen wie die andern waren gleich fest davon überzeugt, daß eine
+ Revolution „kommen muß”, denn „mein Vater hat es auch gesagt”.
+ Jede Äußerung der Wortführer der Fortschrittspartei, die als
+ ein Hinweis auf die Revolution gedeutet werden könnte, wurde
+ triumphierend von Mund zu Mund kolportiert, desgleichen Spottverse
+ auf den König und seine Minister.
+
+ [31] So ist z. B. gleich der erste Einwurf Lassalles gegen
+ Schulze-Delitzsch, „Bedürfnis” und „Trieb nach Befriedigung”
+ seien „nur zwei verschiedene Wortbezeichnungen für dieselbe Sache”
+ falsch. Beides fällt in der Regel zusammen, ist aber keineswegs
+ dasselbe. Einige Seiten darauf macht sich Lassalle darüber lustig,
+ daß Schulze-Delitzsch den Unterschied zwischen menschlicher und
+ tierischer Arbeit darin erblicke, daß die erstere Arbeit für künftige
+ Bedürfnisse sei, verfällt aber seinerseits in den noch größeren
+ Fehler, diesen Unterschied einfach darin zu sehen, daß der Mensch mit
+ Bewußtsein, das Tier ohne solches tätig sei. Und ähnlich an anderen
+ Stellen.
+
+
+
+
+Lassalle und Bismarck.
+
+
+Was Lassalle nach dem „Bastiat-Schulze” gesprochen und geschrieben
+hat, trägt immer deutlicher die Züge der inneren Ermattung, der
+geistigen Abspannung. Die Energie ist nicht mehr die ursprüngliche,
+das natürliche Produkt des Glaubens an die eigene Kraft und die
+Stärke der verfochtenen Sache, sondern nur noch eine erzwungene. Man
+vergleiche das „Arbeiterprogramm” mit der Ronsdorfer Rede, die
+Verteidigungsrede „Die Wissenschaft und die Arbeiter” mit der
+Verteidigungsrede im Hochverratsprozeß, und man wird das hier Gesagte
+verstehen. Die innere Kraft ist gewichen und Kraftausdrücke treten an
+ihre Stelle, logisches Blendwerk ersetzt die zwingende logische
+Beweisführung, und statt zu überzeugen, verlegt sich Lassalle immer
+mehr auf das Überschreien. Was er vor kurzem noch den Fortschrittlern
+vorgeworfen, tut er jetzt selbst -- er berauscht sich in erdichteten
+Erfolgen.
+
+Im Hochverratsprozeß braucht Lassalle zu seiner Verteidigung gegen die
+Behauptung der Anklage, daß der Hintergedanke seiner Agitation die
+schließliche Anwendung der physischen Gewalt sei, mit großem Geschick
+das Bild des Schillerschen Wallenstein am Vorabend von dessen Übertritt
+zu den Schweden und zitiert die Verse des Monologs im ersten Akt von
+„Wallensteins Tod”:
+
+ „Wär's möglich? -- könnt' ich nicht mehr, wie ich wollte?
+ Nicht mehr zurück, wie mir's beliebt?”
+
+Es ist merkwürdig, wie sehr diese Verse auf Lassalles eigene Situation
+um jene Zeit passen, wie sehr seine Lage der Wallensteins, als dieser
+jene Worte sprach, ähnlich war. Auch er hatte, wie der Friedländer -- um
+sein eigenes Bild zu brauchen -- „Dinge getan, welche er à deux mains
+verwenden konnte”. Er hatte sich nicht damit begnügt, die Vorgänge in
+der inneren und äußeren Politik objektiv zu studieren, um den günstigen
+Moment zur Aktion für seine Pläne auszunützen, er war bereits dazu
+übergegangen, mit dem Vertreter der einen der Mächte, gegen die er
+kämpfte, zu verhandeln, er war mit Herrn von Bismarck in direkte
+Unterhandlung getreten. Sicherlich konnte auch er noch wie Wallenstein
+sagen:
+
+ „Noch ist sie rein -- noch! das Verbrechen kam
+ Nicht über diese Schwelle noch!”
+
+Noch war er keine Verpflichtungen eingegangen. Aber war er auch
+innerlich noch frei? Konnte nicht auch ihn die Logik der Tatsachen dazu
+treiben, die „Tat” zu vollbringen, weil er „nicht die Versuchung von
+sich wies”?
+
+Daß Lassalle im Winter 1863/64 wiederholte und eingehende
+Besprechungen unter vier Augen mit dem damaligen Herrn von Bismarck
+hatte, ist heute über jeden Zweifel sichergestellt. Die langjährige
+Vertraute Lassalles, die Gräfin Sophie von Hatzfeldt, hat es im Sommer
+1878, als Bismarck sein Knebelungsgesetz gegen die deutsche
+Sozialdemokratie einbrachte, aus eigner Initiative Vertretern
+derselben unter Hinzufügung der näheren Umstände mitgeteilt, und als
+August Bebel in der schon erwähnten Sitzung vom 16. September 1878 die
+Sache im deutschen Reichstag zur Sprache brachte, gab Bismarck tags
+darauf zu, Zusammenkünfte mit Lassalle gehabt zu haben, und suchte
+nur in Abrede zu stellen, daß es sich dabei um politische
+Verhandlungen gedreht habe. Bebel hatte, gestützt auf die Mitteilungen
+der Gräfin Hatzfeldt, gesagt: „Es drehte sich bei diesen
+Unterhaltungen und Unterhandlungen um zweierlei, erstens um
+Oktroyierung des allgemeinen Stimmrechts, und zweitens um die
+Gewährung von Staatsmitteln zu Produktivgenossenschaften. Fürst
+Bismarck war für diesen Plan von Lassalle vollständig gewonnen, er
+weigerte sich nur, wie Lassalle verlangte, sofort mit der Oktroyierung
+des allgemeinen Stimmrechts vorzugehen, bevor nicht der
+schleswig-holsteinische Krieg glücklich zu Ende geführt worden sei.
+Infolge dieser Meinungsverschiedenheit entstanden tiefe Differenzen
+zwischen Lassalle und dem Fürsten Bismarck, und es war nicht etwa der
+letztere, welcher die Unterhandlungen abbrach, sondern es war, wie ich
+ausdrücklich konstatieren muß, Lassalle, der den Bruch herbeiführte
+und erklärte, auf weitere Unterhandlungen sich nicht einlassen zu
+können.” Darauf antwortete nun Bismarck: „Unsre Unterhaltungen drehten
+sich gewiß auch um das allgemeine Wahlrecht, unter keinen Umständen
+aber jemals um eine Oktroyierung desselben. Auf einen so
+ungeheuerlichen Gedanken, das allgemeine Wahlrecht durch Oktroyierung
+einzuführen, bin ich in meinem Leben nicht gekommen.” Er habe es „mit
+einem gewissen Widerstreben”, als „Frankfurter Tradition” akzeptiert.
+Was die Produktivgenossenschaften anbetreffe, so sei er „von deren
+Unzweckmäßigkeit noch heute nicht überzeugt”. Nur hätten die damals
+eingetretenen politischen Ereignisse die Fortführung der in dieser
+Hinsicht angebahnten Versuche nicht gestattet. Übrigens habe nicht er,
+sondern Lassalle diese Zusammenkünfte gewünscht, ihn brieflich darum
+gebeten, und er, Bismarck, habe sich aus reiner Liebhaberei dazu
+herbeigelassen, Lassalles Wünschen zu willfahren. „Was hätte mir
+Lassalle bieten und geben können? Er hatte nichts hinter sich. In
+allen politischen Verhandlungen ist das do ut des (ich gebe, damit du
+gibst) eine Sache, die im Hintergrunde steht, auch wenn man
+anstandshalber nicht davon spricht. Wenn man sich aber sagen muß, was
+kannst du armer Teufel geben? -- Er hatte nichts, was er mir als
+Minister hätte geben können.”
+
+Es liegt auf der Hand, daß der Mann, der „offiziell noch nie gelogen”
+hat, hier mit der Wahrheit sehr unoffiziell umsprang. Um einer bloßen
+Unterhaltung willen wäre Lassalle nicht zum Minister gegangen, und
+würde dieser nicht den „revolutionären Juden” wiederholt -- er selbst
+gesteht, daß es viermal gewesen sein könne, während Sophie Hatzfeldt
+behauptet hatte, daß es wiederholt drei- bis viermal in einer Woche
+gewesen sei -- zu sich gebeten und mit ihm stundenlang disputiert
+haben. Weiter braucht man nur die Reden der Regierungsvertreter in
+der Kammer und die Artikel in der Regierungspresse aus jener Epoche
+nachzulesen, um sich zu überzeugen, wie stark sich das Ministerium
+Bismarck damals mit dem Gedanken trug, das allgemeine Wahlrecht
+einzuführen, und dazu gab es unter den obwaltenden Umständen kaum
+einen anderen Weg, als den der Oktroyierung. Lassalle selbst zitiert
+in der Verteidigungsrede vor dem Staatsgerichtshof einige derartige
+Äußerungen und knüpft daran im weiteren Verlauf die bekannten
+Erklärungen, die nun erst, nachdem seine Zusammenkünfte mit Bismarck
+bekannt geworden, richtig gewürdigt werden können:
+
+„Der Staatsanwalt beschuldigt mich, das allgemeine und direkte
+Wahlrecht herstellen und somit die Verfassung stürzen zu wollen!
+
+Nun wohl, meine Herren, obwohl ein einfacher Privatmann, kann ich
+Ihnen sagen: ich will nicht nur die Verfassung stürzen, sondern es
+vergeht vielleicht nicht mehr als ein Jahr, so habe ich sie gestürzt!
+
+Aber wie? Ohne daß ein Tropfen Blutes geflossen, ohne daß eine Faust
+zur Gewalt sich geballt hat! Es vergeht vielleicht nicht ein Jahr
+mehr, so ist in der friedlichsten Weise von der Welt das allgemeine
+und direkte Wahlrecht oktroyiert.
+
+Die starken Spiele, meine Herren, können gespielt werden, Karten auf
+dem Tisch! Es ist die stärkste Diplomatie, welche ihre Berechnungen
+mit keiner Heimlichkeit zu umgeben braucht, weil sie auf erzene
+Notwendigkeit gegründet sind.
+
+Und so verkündige ich Ihnen denn an diesem feierlichen Orte, es wird
+vielleicht kein Jahr mehr vergehen -- und Herr von Bismarck hat die
+Rolle Robert Peels gespielt, und das allgemeine und direkte Wahlrecht
+ist oktroyiert!”
+
+Lassalle sagt freilich hierzu, er habe das von Anfang an gewußt, „schon
+an dem ersten Tage, an welchem ich durch den Erlaß meines
+Antwortschreibens diese Agitation begann, und es konnte niemand
+entgehen, der mit klarem Blick die Situation auffaßte”. Aber wenn es
+auch zweifelsohne richtig ist, daß man schon im Winter 1862/63 in
+Regierungskreisen die Frage in Betracht zog, ob es möglich sei, durch
+eine Änderung des Wahlgesetzes die fortschrittliche Kammermehrheit zu
+sprengen, und zu diesem Behufe in sozialer Frage zu machen begann[32],
+so würde Lassalle doch schwerlich mit dieser Bestimmtheit von einer
+bevorstehenden Oktroyierung des allgemeinen Wahlrechts gesprochen haben
+und immer wieder darauf zurückgekommen sein, wenn er nicht aus seinen
+Unterhaltungen mit Bismarck die Überzeugung gewonnen hätte, daß, ob nun
+vor oder nach Beendigung des dänischen Feldzuges, diese Oktroyierung
+beschlossene Sache sei.
+
+Mehr glaubwürdig ist es dagegen, wenn Bismarck bestreitet, daß es
+zwischen ihm und Lassalle zu einem Bruch gekommen sei. Die Verhandlungen
+schliefen ein, als Lassalle sich nach vielem Drängen überzeugt hatte,
+daß Bismarck noch abwarten wollte, ehe er den immerhin gewagten Schritt
+unternahm -- und darum spricht Lassalle auch immer nur von einer
+möglicherweise binnen Jahresfrist erfolgenden Oktroyierung. Aber daß die
+Verbindung noch nicht endgültig abgebrochen war, geht schon daraus
+hervor, daß Lassalle fortfuhr, von allen seinen Veröffentlichungen usw.
+durch das Sekretariat des „Allgemeinen deutschen Arbeitervereins” ein
+Doppelexemplar in verschlossenem Kuvert und mit der Aufschrift
+„persönlich” an Bismarck übersenden zu lassen.
+
+Ebenso kann man Bismarck auch glauben, daß seine Verhandlungen mit
+Lassalle wegen des „do ut des” zu keinen bestimmten Abmachungen führen
+konnten. Zwar stand die Sache nicht so, wie Bismarck sie nachträglich
+protzenhaft mit der Phrase abtut: „Was kannst du armer Teufel geben? Er
+hatte nichts, was er mir als Minister hätte geben können.” Bismarck
+hatte es zu jener Zeit gar nicht so üppig, daß er nicht jede Hilfe
+brauchen konnte, und etwas konnte Lassalle ihm immerhin geben. Die Sache
+war nur die, daß es nicht genug war, um Bismarck zu bestimmen Lassalles
+Drängen nachzugeben. Vielleicht ist das auch mit einer der Gründe, daß
+Lassalle, der noch am 25. Juli 1863 an Vahlteich geschrieben hatte: „Sie
+können unsre Bevollmächtigten keine Unwahrheiten sagen lassen. Sie
+können sie also nicht auffordern, von 10000 Mitgliedern zu sprechen,
+während wir vielleicht nicht 1000 haben. Man kann schweigen über diesen
+Punkt, aber lügen schickt sich für uns nicht” -- nach seiner Rückkehr
+nach Berlin in geradezu krankhafter Weise seine Erfolge übertrieb. Er
+wollte um jeden Preis eine Macht scheinen, wenn es ihm nicht gelang, mit
+wirklichen Massen aufzumarschieren. Aber Bismarck war durch andre
+Berichterstatter wahrscheinlich hinreichend darüber informiert, wie es
+in Wirklichkeit mit der Bewegung stand.
+
+Und dann hatte es mit dem „Geben” auch sonst seine eigne Bewandtnis.
+Bismarck war sich schwerlich auch nur einen Augenblick im unklaren
+darüber, daß er an Lassalle nur so lange und nur insoweit einen
+politischen Verbündeten haben würde, solange dieses Bündnis im
+Interesse Lassalles und seiner politischen Zwecke lag -- mit andern
+Worten, daß Lassalle genau so mit ihm verfahren würde, wie er mit
+ihm, d. h. sich unbarmherzig gegen ihn wenden würde, sobald er das
+von ihm erreicht hatte, was er brauchte. Davon mußte ihn die erste
+Unterredung mit Lassalle überzeugt haben, daß dieser nicht, wie
+Rodbertus einmal sehr gut von Bucher sagt, „ein Fisch ohne Gräten”
+war, sondern ganz gehörige Gräten und Stacheln hatte. Mit der
+Aussicht auf ein Pöstchen -- von Geld gar nicht zu reden -- war da
+nichts zu machen. Einmal das Wahlrecht gegeben, konnte Lassalle
+leicht sehr unbequem werden, also warum sich übereilen? Die Agitation
+Lassalles kehrte ihre Spitze ohnehin immer schroffer und einseitiger
+gegen die liberale Partei, und das war vorderhand alles, was Bismarck
+brauchte.
+
+In seiner Verteidigungsrede „Die Wissenschaft und die Arbeiter”,
+gehalten am 16. Januar 1863, hatte Lassalle erklärt:
+
+„Kann man bei uns selbst nur sagen, daß die Einführung des
+Dreiklassenwahlgesetzes den besitzenden Klassen, daß sie dem deutschen
+Bürgertum zur Last falle?... Die preußische Regierung ist es, nicht die
+besitzenden Klassen in Preußen, welche für alle Zeiten und vor allem
+Volk die Schuld und Verantwortlichkeit des oktroyierten
+Dreiklassenwahlgesetzes tragen wird.” Und: „Bourgeoisie und Arbeiter
+sind wir die Glieder eines Volkes und ganz einig gegen unsre
+Unterdrücker” -- d. h. also gegen die Regierung.
+
+Vor dem Staatsgerichtshof aber -- am 12. März 1864 -- ist ihm der
+Verfassungskonflikt in Preußen nur noch der Kampf zwischen dem
+Königtum und einer „Clique”. Dieser „Clique” könne das Königtum
+nicht weichen, „vollkommen wohl” aber könne es „das Volk auf die
+Bühne rufen und sich auf es stützen. Es brauche sich hierzu nur
+seines Ursprungs zu erinnern, denn alles Königtum ist ursprünglich
+Volkskönigtum gewesen.”
+
+„Ein Louis-Philippsches Königtum, ein Königtum von der Schöpfung der
+Bourgeoisie könnte dies freilich nicht; aber ein Königtum, das noch aus
+seinem ursprünglichen Teige geknetet dasteht, auf den Knauf des
+Schwertes gestützt, könnte das vollkommen wohl, wenn es entschlossen
+ist, wahrhaft große, nationale und volksgemäße Ziele zu verfolgen.”
+
+Das ist die Sprache des Cäsarismus, und im weiteren Verlaufe seiner
+Rede steigert Lassalle sie noch, indem er die bestehende Verfassung
+als eine vom Königtum der Bourgeoisie erwiesene Gunst hinstellt.
+Niemand lasse aber „gern aus seiner eigenen Gunst ein Halsband
+drehen, an welchem er erwürgt wird, und das ist niemand zu verdenken,
+und daher auch dem Königtum nicht”. Beständig auf das angebliche
+„Recht” hingedrängt, habe sich das Königtum „erinnert, daß es mehr
+in seiner Stellung läge, sich auf das wirkliche Recht zurückzuziehen
+und das Volk auf die Bühne zu führen, als einer Clique zu weichen und
+von einer Handvoll Personen sich aus seiner eignen Gunst ein Halsband
+winden zu lassen, an dem es erwürgt wird”. So würde er, Lassalle,
+sprechen an dem Tage, wo das Königtum die Verfassung gestürzt und das
+allgemeine Wahlrecht oktroyiert haben werde, wenn man ihn der
+intellektuellen Urheberschaft dieses Verfassungsumsturzes anklagte.
+
+Lassalle war bereits so weit, daß er nicht nur durch die Tatsache seiner
+Agitation -- was unter Umständen nicht zu vermeiden ist -- der Reaktion
+vorübergehend einen Dienst erwies, er verfiel auch immer mehr darin, die
+Sprache der Reaktion zu sprechen. Gewiß konnte er noch immer mit
+Wallenstein ausrufen:
+
+ „Beim großen Gott des Himmels! Es war nicht
+ Mein Ernst, beschlossene Sache war es nie!”
+
+Er spielte mit der Reaktion, glaubte sie seinen Zwecken dienstbar
+machen, sie selbst aber im gegebenen Moment mit einem Ruck
+abschütteln zu können. In diesem Sinne nannte er auch einmal der
+Gräfin Hatzfeldt gegenüber Bismarck seinen „Bevollmächtigten”. Aber
+er vergaß, daß es eine Logik der Tatsachen gibt, die stärker ist als
+selbst der stärkste individuelle Wille, und daß, indem er überhaupt
+um den Erfolg spielte, statt auf die eigne Kraft der Bewegung zu
+vertrauen und ausschließlich ihr seine Energie zu widmen, er nach
+seiner eignen Theorie die Bewegung selbst zum Teil bereits aufgab.
+
+In der Tat, um noch einmal auf den schon zitierten Aufsatz Lassalles
+über die Grundidee seines „Franz von Sickingen” zurückzugreifen: mit
+der seit seiner Rückkehr aus den Bädern vollzogenen Schwenkung war
+Lassalle genau zu derselben Taktik gelangt, die er in jenem Aufsatz
+als die „sittliche Schuld” Franz von Sickingens hingestellt hatte. Es
+ist merkwürdig, wie genau Lassalle dort sein eignes Schicksal
+vorgezeichnet hat. Auch er war auf die „sich realistisch dünkende
+Verständigkeit” verfallen, revolutionäre Zwecke durch diplomatische
+Mittel erreichen zu wollen, er hatte eine Maske vorgenommen, seinen
+Gegner -- die preußische Regierung -- zu täuschen, aber er täuschte
+tatsächlich nicht diese, sondern die Massen des Volkes, ohne die er
+nichts war; die Bewegung selbst blieb auf einen kleinen Trupp
+persönlicher Anhänger beschränkt. Und wie Lassalle von Sickingen
+schreibt, daß „dieser große Diplomat und Realist, der alles sorgsam
+vorherberechnet und den Zufall ganz ausschließen will, gerade dadurch
+zuletzt gezwungen ist, dem zufälligsten Zufall alles anheim zu
+geben”, und, „während die Rechnung auf jene Täuschung durch den
+Anschein des Zufälligen und Unwesentlichen an der bewußten Natur des
+Bestehenden zugrunde gehen muß, die Entscheidung, statt wie er
+wollte, aus den Händen des vorbereiteten, vielmehr aus denen des
+ersten unvorbereiteten Zufalls entgegennehmen muß”[33] -- so sieht
+auch er, Lassalle, sich gezwungen, nunmehr bloß noch mit dem Zufall
+zu rechnen, alles von zufälligen Konstellationen in der inneren und
+äußeren Politik abhängig zu machen. Im Vertrauen auf seine
+realistische Gewandtheit spielte er, aber er bedachte nicht, daß beim
+Spiel derjenige die meisten Aussichten hat seinen Mitspieler
+lahmzulegen, der die meisten Trümpfe in der Hand -- beim politischen
+Spiel, der über die meisten tatsächlichen Machtfaktoren zu gebieten
+hat. Und da das in diesem Falle nicht er, sondern Bismarck war,
+konnte es nicht ausbleiben, daß er schließlich mehr Bismarcks, als
+dieser sein „Bevollmächtigter” wurde.
+
+Dies die Situation, in der Lassalle die Ronsdorfer Ansprache, „die
+Agitation des Allgemeinen deutschen Arbeitervereins und das Versprechen
+des Königs von Preußen” hielt. Es ist seine letzte und zugleich seine
+schwächste Agitationsrede, ausschließlich auf den äußeren Effekt
+berechnet. Wie sehr sich Lassalle der Schwäche dieser Rede bewußt war,
+zeigt ihre von ihm selbst redigierte gedruckte Ausgabe mit den überall
+eingestreuten Vermerken über den Effekt der einzelnen Sätze -- Krücken,
+deren ein Vortrag, der an Hand und Fuß gesund ist, durchaus entbehren
+kann, und die den Eindruck einer inhaltsvollen Rede sogar
+beeinträchtigen würden. Aber die Ronsdorfer Rede weist keinen der
+Vorzüge der ersten Agitationsreden Lassalles auf, potenziert dagegen
+deren Fehler.
+
+Die Rede ist nicht bloß inhaltlich schwach, sie ist auch ihrer Tendenz
+nach tadelnswerter als alle Mißgriffe, die Lassalle bis dahin begangen.
+
+Schlesische Weber hatten, durch die Not getrieben und durch die
+Sozialdemagogie der Feudalen ermuntert, eine Deputation nach Berlin
+geschickt, um beim König von Preußen um Abhilfe gegen die Übelstände,
+unter denen sie litten, zu petitionieren. Sie waren auch schließlich, da
+es sich um die Arbeiter eines fortschrittlichen Fabrikanten handelte,
+auf Veranlassung Bismarcks vom König empfangen worden und hatten auf
+ihre Beschwerden die Antwort erhalten, der König habe seine Minister
+angewiesen, „eine gesetzliche Abhilfe, soweit sie möglich ist, schleunig
+und mit allem Ernst vorzubereiten”.
+
+Daß Lassalle diesen Schritt der schlesischen Weber und den Empfang
+der Deputation von Seiten des Königs als einen Erfolg seiner
+Agitation hinstellt, wird ihm, so übertrieben es tatsächlich war,
+niemand zum besonderen Vorwurf machen. Wie andere Übertreibungen in
+der Ansprache, erklärte sich auch diese aus der Situation Lassalles.
+Indes Lassalle blieb dabei nicht stehen. Er gab dem Empfang der
+Deputation durch den König und den Worten des letzteren eine
+Auslegung, die zunächst nur als eine Reklame für jenen und dessen
+Regierung wirken konnte. Er verliest den Arbeitern einen Bericht der
+offiziösen „Zeidlerschen Korrespondenz” über den Empfang der
+Deputation beim König und liest gerade die dem Königtum günstigste
+Stelle daraus, wie er in der gedruckten Rede ausdrücklich
+verzeichnet, „mit dem höchsten Nachdruck der Stimme und begleitet
+sie mit der eindringlichsten Handbewegung”[34].
+
+In den Worten des Königs liege, erklärt er, „die Anerkennung des
+Hauptgrundsatzes, zu dessen Gunsten wir unsere Agitation begonnen” --
+nämlich, daß eine Regelung der Arbeiterfrage durch die Gesetzgebung
+notwendig sei -- ferner, „das Versprechen des Königs, daß diese
+Regelung der Arbeiterfrage und Abhilfe der Arbeiternot durch die
+Gesetzgebung erfolgen soll”, und drittens, da „eine
+Fortschrittskammer, eine nach dem oktroyierten Dreiklassenwahlgesetz
+erwählte Kammer, dem Könige niemals die zu diesem Zwecke
+erforderlichen Gelder bewilligen und ebensowenig, selbst wenn die
+Sache ohne Geld zu machen wäre, auch nur ihre Zustimmung zu einem
+solchen Gesetz erteilen würde”, so sei in dem königlichen
+Versprechen, „innerlich durch die Kraft der Logik eingeschlossen”
+auch „das allgemeine und direkte Wahlrecht versprochen worden”.
+
+Bei diesen Worten läßt der Bericht „die Versammlung, welche diesem
+ganzen letzten Teil der Rede in einer unglaublichen Spannung ...
+zugehört” habe, in einen „nicht zu beschreibenden Jubel” ausbrechen,
+der immer wieder von neuem begonnen habe, sobald Lassalle weiter zu
+sprechen versuchte.
+
+War der Jubel wirklich so groß, so bewies er, daß die Arbeiter Lassalles
+Auslegung des königlichen Versprechens für bare Münze nahmen, das
+schlimmste Zeugnis, das dieser Rede ausgestellt werden konnte.
+
+Kein Zweifel, es sollten mit dieser Rede, soweit die Arbeiter in
+Betracht kamen, diese nur durch möglichst glänzende Ausmalung der
+bisher erzielten Erfolge zur höchsten, begeisterten Tätigkeit für den
+Verein hingerissen werden. Aber die Rede ist noch an eine andere
+Adresse als die der Arbeiter gerichtet. In seiner Erwiderung auf eine
+in der „Kreuzzeitung” erschienene Rezension des „Bastiat-Schulze”,
+die nach Lassalle „von zu beachtenswerter Seite” kam, als daß die in
+ihr an Lassalle gerichteten Fragen hätten unbeantwortet bleiben
+dürfen, verweist Lassalle den Herrn Rezensenten des Regierungsblattes
+ausdrücklich auf die Ronsdorfer Rede und läßt die Erwiderung und zwei
+Exemplare der Rede unter Kuvert „persönlich” an Bismarck senden.
+Beide, Rezension und Rede, sind berechnet, auf die Regierung Eindruck
+zu machen -- ad usum delphini geschrieben. Der „unbeschreibliche
+Jubel” sollte Köder für Bismarck und den König sein. Aber niemand
+kann zwei Herren dienen, und das Bestreben, die Rede so zu
+gestalten, daß sie den gewünschten Effekt nach oben mache, bewirkte,
+daß sie tatsächlich einen durch und durch cäsaristischen Charakter
+erhielt. Sie ist ein doppeltes Pronunziamento des Cäsarismus:
+Cäsarismus in den Reihen der Partei, und Cäsarismus in der Politik
+der Partei.
+
+„Ja, es gibt nichts Organisations- und Zeugungsunfähigeres,
+nichts Unintelligenteres,” heißt es in der Einsendung an die
+„Kreuzzeitung”, „als der unruhige, nörgelnde liberale
+Individualismus, diese große Krankheit unserer Zeit! Aber dieser
+unruhige, nörgelnde Individualismus ist keineswegs Massenkrankheit,
+sondern wurzelt notwendig und naturgemäß nur in den Viertels- und
+Achtels-Intelligenzen der Bourgeoisie.
+
+Der Grund ist klar: Der Geist der Massen ist, ihrer Massenlage
+angemessen, immer auf objektive, auf sachliche Zwecke gerichtet. Die
+Stimmen unruhiger, persönlichkeitssüchtiger Einzelner würden hier in
+diesem Stimmenakkord verklingen, ohne nur gehört zu werden. Der
+oligarchische Boden allein ist der homogene, mütterliche Boden für den
+negativen, ätzenden Individualismus unserer liberalen Bourgeoisie und
+ihre subjektive, eigenwillige Persönlichkeitssucht.”
+
+Ähnlich hatte es in der Ronsdorfer Rede geheißen:
+
+„Noch ein anderes höchst merkwürdiges Element unseres Erfolges habe
+ich zu erwähnen. Es ist dieser geschlossene Geist strengster Einheit
+und Disziplin, welcher in unserem Vereine herrscht! Auch in dieser
+Hinsicht, und in dieser Hinsicht vor allem, steht unser Verein
+epochemachend, und als eine ganz neue Erscheinung in der Geschichte,
+da! Dieser große Verein, sich erstreckend über fast alle deutschen
+Länder, regt sich und bewegt sich mit der geschlossenen Einheit eines
+Individuums! In den wenigsten Gemeinden bin ich persönlich bekannt
+oder jemals persönlich gewesen, und dennoch habe ich vom Rhein bis
+zur Nordsee, und von der Elbe bis zur Donau noch niemals ein ‚Nein’
+gehört, und gleichwohl ist die Autorität, die ihr mir anvertraut
+habt, eine durchaus auf eurer fortgesetzten höchsten Freiwilligkeit
+beruhende!... Wohin ich gekommen bin, überall habe ich von den
+Arbeitern Worte gehört, die sich in den Satz zusammenfassen:
+Wir müssen unserer aller Willen in einen einzigen Hammer
+zusammenschmieden und diesen Hammer in die Hände eines Mannes legen,
+zu dessen Intelligenz, Charakter und guten Willen wir das nötige
+Zutrauen haben, damit er aufschlagen könne mit dem Hammer!
+
+Die beiden Gegensätze, die unsere Staatsmänner bisher für unvereinbar
+betrachteten, deren Vereinigung sie für den Stein der Weisen hielten,
+Freiheit und Autorität, -- die höchsten Gegensätze, sie sind auf das
+innigste vereinigt in unserem Verein, welcher so nur das Vorbild im
+kleinen unserer nächsten Gesellschaftsform im großen darstellt. Nicht
+eine Spur ist in uns von jenem nörgelnden Geiste des Liberalismus, von
+jener Krankheit des individuellen Meinens und Besserwissen-Wollens, von
+welchem der Körper unserer Bourgeoisie durchfressen ist ...”
+
+Es liegt diesen Sätzen formell ein richtiger Gedanke zugrunde, der
+nämlich, daß in der modernen Gesellschaft die Arbeiter unter normalen
+Verhältnissen viel mehr als irgendeine andere Gesellschaftsklasse auf
+die gemeinsame Aktion angewiesen sind, und daß in der Tat schon die
+Existenzbedingungen des modernen industriellen Proletariers den Geist
+der Gemeinschaftlichkeit in ihm entwickeln, während umgekehrt der
+Bourgeois nur unter anormalen Verhältnissen, nicht aber durch die bloße
+Art seiner gesellschaftlichen Existenz, zur gemeinschaftlichen Aktion
+sich veranlaßt sieht. Dieser richtige Gedanke empfängt aber durch die
+obige Verallgemeinerung eine total falsche Deutung. Die Massenaktion
+heißt noch lange nicht die persönliche Diktatur; wo die Masse ihren
+Willen aus der Hand gibt, ist sie vielmehr bereits auf dem Wege, aus
+einem revolutionären ein reaktionärer Faktor zu werden. Die persönliche
+Diktatur ist in den Kämpfen der modernen Gesellschaft jedesmal der
+Rettungsanker der in ihrer Existenz sich bedroht sehenden reaktionären
+Klassen gewesen, niemand ist mehr geneigt, den „negativen, ätzenden
+Individualismus” aufzugeben, als der moderne Bourgeois, sobald sein
+Geldsack, sein Klassenprivilegium, ernsthaft gefährdet erscheint. In
+solchen Momenten wird das Schlagwort von der „einen reaktionären
+Masse” zur Wahrheit und blüht, sobald die Strömung sich
+verallgemeinert, der Bonapartismus. Die zur Selbstregierung sich
+unfähig fühlenden Klassen tun das, was Lassalle oben den Arbeitern
+unterstellt: sie treten ihren Willen an eine einzelne Persönlichkeit
+ab und verdammen jeden Versuch, etwaigen Sonderinteressen dieser
+Persönlichkeit entgegenzutreten, als „unruhigen, nörgelnden
+Individualismus”. So beschuldigte die deutsche Bourgeoisie in den
+letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts immer wieder gerade die
+Partei, die tatsächlich am konsequentesten deren Klassenforderungen
+vertritt -- die deutschfreisinnige Partei -- des Verrats an ihren
+Interessen, weil sie durch ihre „Nörgelei” die staatserhaltende
+Tätigkeit der Regierung beeinträchtige, und so griff im Jahre 1851
+die französische Bourgeoisie ihre eigenen parlamentarischen Vertreter
+jedesmal, wenn diese daran gingen, dem Louis Bonaparte die Mittel zum
+Staatsstreich zu verweigern, solange als Unruhestifter, Anarchisten
+usw. an, bis Napoleon stark genug war, sich zum Diktator der
+Bourgeoisie aufzuwerfen, statt sich mit der Rolle des bloßen Hüters
+der Ruhe und Ordnung für die Bourgeoisie zu begnügen.
+
+Eine aufsteigende, revolutionäre Klasse hat absolut keinen Anlaß,
+ihren Willen aus der Hand zu geben, auf das Recht der Kritik, auf das
+„Besserwissen-Wollen” ihren Führern gegenüber zu verzichten. Und wir
+haben bei der Solinger Affäre gesehen, daß, wie sehr auch Lassalle
+den Arbeitern gegenüber auf seine höhere Intelligenz pochte, er
+gerade aus den Reihen der Arbeiter heraus ein sehr deutliches und
+kräftiges „Nein” hatte hören müssen, und sicherlich nicht zum
+Schaden der Bewegung. Auch in Berlin hatte er bei einem bestimmten
+Anlaß ein ebensolches „Nein” gehört -- er sprach, wenn er sich
+rühmte, in dem von ihm geleiteten Verein „Autorität und Freiheit” in
+der oben geschilderten Weise verwirklicht zu haben, mehr einen
+Wunsch, als eine bereits verwirklichte Tatsache aus.
+
+Zur Ehre Lassalles muß gesagt werden, daß er von Anfang an die
+persönliche Spitze für unerläßlich gehalten hatte. Zu diesem bloßen
+Glauben kam nun jedoch das wirkliche Bedürfnis hinzu. Die Politik, die
+er jetzt eingeschlagen hatte, war nur durchzuführen, wenn die Mitglieder
+und Anhänger der Bewegung kritiklos dem Führer folgten und ohne Murren
+taten, was er von ihnen verlangte. Wie Lassalle selbst das Versprechen
+des Königs von Preußen gegenüber den schlesischen Webern in einer Weise
+behandelte, daß nur noch ein kleiner, ganz beiläufiger Vorbehalt den
+Demokraten -- man möchte sagen, vor seinem Gewissen -- salvierte, das
+übrige aber auf den reinen Cäsarismus hinauslief, so mußten auch sie
+bereit sein, auf Kommando das Loyalitätsmäntelchen umzuhängen. Wenn
+eines die Ronsdorfer Rede wenigstens menschlich zu entschuldigen vermag,
+so ist es die Tatsache, daß sie für Lassalle unter den gegebenen
+Verhältnissen eine Notwendigkeit war. Er brauchte die Diktatur, um die
+Arbeiter je nach Bedürfnis für seine jeweiligen Zwecke zur Verfügung zu
+haben, und er brauchte die Bestätigung der Diktatur, um nach oben hin
+als eine bündnisfähige Macht zu erscheinen. Die Rede war der notwendige
+Schritt auf der einmal betretenen Bahn -- ein Halt war da nicht mehr
+möglich.
+
+
+Fußnoten:
+
+ [32] Es sei hier noch einmal an das Auftreten Eichlers erinnert.
+ Ferner ist interessant folgende Stelle aus dem Schlußwort einer
+ Ansprache des Herrn Herm. Wagener, Vertrauten des Herrn von Bismarck
+ und tonangebenden Leiter der „Kreuz-Zeitung”, in einer Sitzung des
+ konservativen preußischen Volksvereins vom 2. November 1862: „Meine
+ Herren, täuschen wir uns nicht, lernen wir von unsern Gegnern, denn
+ sie sagen mit Recht, wenn es Euch nicht gelingt, die soziale Frage zu
+ lösen, so ist all Euer Laufen und Mühen umsonst. Ich schließe deshalb
+ mit der Aufforderung, treiben wir das, was wir als die Aufgaben und
+ Bedürfnisse der nächsten Zukunft erkennen, treiben wir das mit noch
+ mehr Energie, treiben wir es nicht bloß für die Zeit der Wahlen.”
+
+ [33] Der Aufsatz ist in unserer Gesamtausgabe der Lassalleschen
+ Schriften dem für das große Publikum bestimmten Vorwort Lassalles zum
+ Franz von Sickingen angefügt (vgl. Bd. I).
+
+ [34] Die Stelle lautet: „Mit dem Trost einer möglichst baldigen
+ gesetzlichen Regelung der Frage und dadurch Abhülfe ihrer Not
+ entließen Seine Majestät die Deputation. Das königliche Versprechen
+ wird erhebend und ermuthigend in allen Thälern des Riesengebirges
+ widerhallen und vielen hundert duldenden redlichen Familien neue
+ Hoffnung und neue Kraft zum muthigen Ausharren geben.”
+
+
+
+
+Lassalles letzte Schritte und Tod.
+
+
+Die ihr folgenden Schritte Lassalles, sowohl was die innere
+Vereinsleitung als auch was die geplante nächste äußere Aktion des
+Vereins anbetrifft, bewegten sich denn auch in der gleichen Richtung. Im
+Verein drang er auf die Ausstoßung Vahlteichs, der in bezug auf die
+Organisation in Gegensatz zu ihm getreten war, und er stellte dabei
+nicht nur die Kabinettsfrage: er oder ich, so daß den Vereinsmitgliedern
+kaum etwas anderes übrig blieb, als den Arbeiter Vahlteich dem Herrn
+Präsidenten aufzuopfern, er verfuhr auch sonst in dieser Angelegenheit
+höchst illoyal, indem er z. B. Anweisungen gab, sein gegen Vahlteich
+gerichtetes, sehr umfangreiches Anklageschreiben in solcher Weise
+zirkulieren zu lassen, daß Vahlteich selbst den Inhalt des Schreibens
+erst kennenlernen mußte, nachdem die übrigen Vorstandsmitglieder bereits
+gegen ihn beeinflußt waren.
+
+Wie man nun auch über Vahlteichs Vorschläge zur Abänderung der
+Organisation denken mochte, die Art, wie Lassalle schon den Gedanken
+an eine Reformierung des Vereins quasi als Verrat an der Sache
+hinstellte, war um so weniger gerechtfertigt, als er, Lassalle, selbst
+bereits halb entschlossen war, den Verein fallen zu lassen, wenn sein
+letzter Versuch, „einen Druck auf die Ereignisse auszuüben”,
+mißglücken sollte.
+
+Dieser Versuch oder „Coup”, wie Lassalle ihn selbst genannt, sollte in
+Hamburg in Szene gesetzt werden. Er betraf die Angelegenheit der soeben
+von Dänemark eroberten Herzogtümer Schleswig-Holstein.
+
+Als im Winter 1863 der Tod des Königs von Dänemark die
+schleswig-holsteinische Frage in den Vordergrund gedrängt hatte, hatte
+Lassalle, der in jenem Moment bereits mit Bismarck in Unterhandlung
+stand und deshalb ein großes Interesse daran hatte, je nach derjenigen
+Politik, für die die preußische Regierung sich entschloß, den Verein
+Stellung nehmen zu lassen, bei dessen Mitgliedern gegen den
+„Schleswig-Holstein-Dusel” Stimmung gemacht[35] und eine Resolution
+ausgearbeitet und überall annehmen lassen, in der erklärt wurde:
+
+ „Die einheitliche Gestaltung Deutschlands würde die
+ schleswig-holsteinische Frage ganz von selbst erledigen. Dieser
+ großen Aufgabe gegenüber erscheint die Frage, ob, solange in
+ Deutschland 33 Fürsten bestehen, einer derselben ein ausländischer
+ Fürst ist, von verhältnismäßig sehr untergeordnetem Interesse.”
+
+Im übrigen enthält die Resolution nur mehr oder weniger allgemeine
+Wendungen; alle deutschen Regierungen seien verpflichtet, die
+Einverleibung der Herzogtümer in Deutschland „nötigenfalls mit
+Waffengewalt” durchzusetzen, aber das Volk wird aufgefordert, auf der
+Hut zu sein; es „lasse sich durch nichts von seinen gewaltigen zentralen
+Aufgaben abziehen”. Gegen die Fortschrittler und Nationalvereinler wird
+der Vorwurf erhoben, daß sie „Schleswig-Holstein als eine Gelegenheit
+benutzen zu wollen scheinen, um die Aufmerksamkeit von der inneren Lage
+abzulenken und der Lösung eines Konfliktes, dem sie nicht gewachsen
+sind, unter dem Schein des Patriotismus zu entfliehen”. Dies im Dezember
+1863.
+
+Jetzt waren die Herzogtümer erobert, und es handelte sich um die Frage,
+was mit ihnen geschehen solle. Ein großer Teil der Fortschrittler trat
+für die legitimen Ansprüche des Herzogs von Augustenburg ein, während
+man in maßgebenden Kreisen Preußens auf die Annexion der Herzogtümer in
+Preußen hinarbeitete. So wenig Interesse nun die demokratischen Parteien
+hatten, zu den vorhandenen 33 souveränen Fürsten in Deutschland noch
+einen 34sten zu schaffen, so hatten sie andrerseits auch keine Ursache,
+der zur Zeit reaktionärsten Regierung in Deutschland einen Machtzuwachs
+zuzusprechen. Lassalle aber hatte bereits so sehr sein politisches
+Taktgefühl verloren, daß er allen Ernstes beabsichtigte, in Hamburg eine
+große Volksversammlung abzuhalten und von dieser eine Resolution
+beschließen zu lassen, des Inhalts, daß Bismarck verpflichtet sei, die
+Herzogtümer gegen den Willen Österreichs und der übrigen deutschen
+Staaten an Preußen zu annektieren. Es braucht nicht durch Worte
+bezeichnet zu werden, welche Rolle Lassalle damit auf sich nahm und zu
+welcher Rolle er die sozialistisch gesinnten Arbeiter Hamburgs
+gebrauchen wollte, die ihm so warme Dankbarkeit und Verehrung
+entgegenbrachten. Indes ist es nicht zur Ausführung des Vorhabens
+gekommen, es blieb den Hamburger Arbeitern der Konflikt zwischen ihrer
+demokratischen Überzeugung und der vermeintlichen Pflicht gegen ihren
+Führer glücklicherweise erspart.
+
+Lassalle war, nachdem er in Düsseldorf noch einen Prozeß ausgefochten,
+in die Schweiz gegangen. Er nahm zunächst Aufenthalt auf Rigi Kaltbad,
+und dort besuchte ihn gelegentlich eines Ausfluges Fräulein Helene von
+Dönniges, deren Bekanntschaft er im Winter 1861/62 in Berlin gemacht
+und der er, nach ihrer Darstellung, schon damals seine Hand angetragen
+hatte. Es entwickelte sich im Anschluß an den Besuch jene Liebesaffäre,
+deren Schlußresultat der frühzeitige Tod Lassalles war.
+
+Die Einzelheiten der Lassalle-Dönniges-Affäre sind heute so bekannt und
+die für Lassalle bezeichnenderen Schritte desselben in dieser Affäre so
+über alle Zweifel sichergestellt, daß auf eine Wiedererzählung des
+ganzen Verlaufs der Sache hier verzichtet werden kann. Lassalle zeigte
+sich bei diesem Anlasse auch durchaus nicht in einem neuen Lichte; er
+entwickelte vielmehr nur Eigenschaften, die wir bereits bei ihm kennen
+gelernt haben -- man kann sagen, daß die Dönniges-Affäre im kleinen und
+auf einem andern Gebiet lediglich ein Abbild der Lassalleschen
+Agitationsgeschichte darstellt. Lassalle glaubt in Helene von Dönniges
+das Weib seiner Wahl gefunden zu haben. Die einzige Schwierigkeit ist,
+das Jawort der Eltern zu erlangen. Aber Lassalle hegt nicht den
+mindesten Zweifel, daß es dem Einfluß seiner Persönlichkeit gelingen
+muß, diese Schwierigkeit zu überwinden. Selbstbewußt, und zugleich mit
+umsichtiger Berechnung aller in Betracht kommenden Momente, entwirft er
+seinen Operationsplan. Er wird kommen, die Zuneigung der Eltern erobern
+und ihnen die Einwilligung abringen, ehe sie noch recht wissen, was sie
+mit ihrer Genehmigung tun. Da stellt sich plötzlich ein kleines,
+unvorhergesehenes Hindernis in den Weg: durch eine Unvorsichtigkeit der
+jungen Dame erfahren die Eltern früher als sie sollen von der Verlobung
+und erklären, Lassalle unter keinen Umständen als Schwiegersohn annehmen
+zu wollen. Indes noch gibt Lassalle seinen Plan nicht auf, sein Triumph
+wird nur um so größer sein, je größer der Widerstand der Eltern. Von
+diesem Selbstbewußtsein getragen, begeht er einen Schritt, der die
+Situation so gestaltet, daß jede Hoffnung, auf dem geplanten Wege zum
+Ziele zu gelangen, ausgeschlossen ist, ja, der sogar das Mädchen selbst
+an ihm irre werden läßt. Indes, ist's nicht dieser Weg, so ist's ein
+anderer. Und ohne Rücksicht darauf, was er sich und seiner politischen
+Stellung schuldig ist, beginnt Lassalle einen Kampf, bei dem es für ihn
+nur einen Gesichtspunkt gibt: den Erfolg. Jedes Mittel ist recht, das
+Erfolg verspricht. Spione werden angestellt, die die Familie Dönniges
+beobachten und über jeden ihrer Schritte rapportieren müssen. Durch die
+Vermittlung Hans von Bülows wird Richard Wagner ersucht, den König von
+Bayern zu veranlassen, zugunsten Lassalles bei Herrn v. Dönniges zu
+intervenieren, während dem Bischof Ketteler von Mainz der Übertritt
+Lassalles zum Katholizismus angeboten wird, damit der Bischof seinen
+Einfluß zugunsten Lassalles geltend mache. Lassalle machte sich nicht
+die geringsten Gedanken darüber, wie wenig würdig es der geschichtlichen
+Mission war, die er übernommen hatte, bei einem Minister von Schrenk zu
+antichambrieren, damit dieser ihm zu seiner Geliebten verhelfe, noch
+kümmerte er sich darum, wie wenig er sich seines Vorbildes Hutten würdig
+erwies, wenn er bei einem eingefleischten Vertreter Roms um Hilfe zur
+Erlangung eines Weibes petitionierte. Hier, wo er hätte stolz sein
+dürfen, wo er stolz sein mußte, war er es nicht.
+
+Trotzdem blieb der Erfolg aus. Der Bischof von Mainz konnte gar nichts
+tun, weil Helene von Dönniges protestantisch war, und der
+Vermittlungsversuch, den ein vom bayerischen Minister des Auswärtigen an
+den Schauplatz des Konfliktes entsandter Vertrauensmann unternahm,
+führte nur dahin, Lassalle den Beweis zu liefern, daß er durch die Art
+seines Vorgehens sich und das Weib, für das er kämpfte, in eine total
+falsche Position gebracht hatte. Obwohl er gewußt hatte, daß Helene
+jeder Willensenergie entbehrte und darin gerade einen Vorzug für sein
+zukünftiges Zusammenleben mit ihr erblickt hatte -- „erhalten Sie mir
+Helene in den unterwürfigen Gesinnungen, in denen sie jetzt ist”, hatte
+er am 2. August an die Gräfin Hatzfeldt geschrieben --, hatte er ihr
+jetzt eine Rolle zugemutet, welche die höchste Willensstärke erforderte,
+und war empört darüber, daß das junge Mädchen sich ihr zu entziehen
+suchte. Getragen von seinem Selbstgefühl und gewohnt, die Dinge
+ausschließlich unter dem Gesichtswinkel seiner Stimmungen und Interessen
+zu betrachten, hatte er ganz außer Erwägung gelassen, daß gerade die
+unterwürfigsten Menschenkinder am leichtesten ihre Empfindungen ändern,
+und sah den „bodenlosen Verrat” und das „unerhörteste Spiel” einer
+„verworfenen Dirne”, wo weiter nichts vorlag, als die Unbeständigkeit
+eines verwöhnten Weltkindes.
+
+Indes, er war nervös total heruntergekommen und besaß längst nicht mehr
+die Energie eines gesunden Willens. Das rasche Zugreifen zu
+Gewaltmitteln, das Bestreben, um jeder Kleinigkeit wegen Himmel und
+Hölle in Bewegung zu setzen, die Unfähigkeit, Widerspruch zu ertragen
+oder sich einen Wunsch zu versagen, sind nicht Beweise geistiger Kraft,
+sondern eines hochgradigen Schwächezustandes. Auch der schnelle Wechsel
+von Zornesausbrüchen und Tränen, der sich nach den übereinstimmenden
+Berichten der Augenzeugen bei Lassalle damals zeigte, deutet untrüglich
+auf ein stark zerrüttetes Nervensystem.
+
+In dieser Verfassung war es ihm unmöglich, die erlittene Niederlage
+ruhig zu ertragen, und er suchte sich durch ein Duell Genugtuung zu
+verschaffen für die ihm nach seiner Ansicht angetane Schmach. So töricht
+das Duell an sich ist, so begreiflich war es unter den obwaltenden
+Verhältnissen. In den Gesellschaftskreisen, in denen die Affäre spielte,
+ist das Duell das reinigende Bad für allen Schmutz und allen Schimpf,
+und wenn Lassalle nicht die moralische Kraft besaß, sich im Kampf um
+irgendeine Sache auf solche Mittel zu beschränken, welche sich für den
+Vertreter der Partei der sozialistischen Umgestaltung der Gesellschaft
+schicken, so war es auch nur konsequent, daß er für den vermeintlich
+erlittenen Schimpf sich in der Weise seiner Umgebung Genugtuung zu
+verschaffen suchte. Wer sich dem Bojaren Janko von Rakowitza im Duell
+gegenüberstellte, das war nicht der Sozialist Lassalle, sondern der
+verjunkerte Kaufmannssohn Lassalle, und wenn mit dem letzteren auch der
+erstere, der Sozialist, im Duell erschossen wurde, so sühnte er damit
+die Schuld, daß er jenem die Macht über sich eingeräumt hatte.
+
+
+Fußnoten:
+
+ [35] In einen Brief Lassalles an den Vize-Präsidenten Dr. Dammer,
+ an den Lassalle in der ersten Aufregung zwei sich durchaus
+ widersprechende Telegramme gesandt, hatte es wörtlich geheißen:
+ „Die erste Depesche ... erließ ich sofort, weil mir der ganze
+ Schleswig-Holstein-Dusel in vieler Hinsicht höchst unangenehm ist.”
+ Der Widerspruch in den Telegrammen erklärt sich jetzt durch die
+ widerspruchsvolle Situation, in die Lassalle geraten war. Er war,
+ ohne es selbst zu wissen, nicht mehr frei.
+
+
+
+
+Schlußbetrachtung.
+
+
+So machte ein frühzeitiger Tod der politischen Laufbahn Lassalles,
+seinen Plänen und Hoffnungen ein jähes Ende. Vielleicht war es gut so,
+vielleicht hat er es selbst in seinen letzten Stunden nicht als ein
+Unglück empfunden. Das Ziel, das er im Sturm nehmen zu können geglaubt,
+war wieder in die Ferne gerückt, und für die ruhige Organisationsarbeit
+hielt er sich nicht geschaffen. So sah seine nächste Zukunft sehr
+problematisch aus, und dies mag zu der fast wahnsinnigen Hast, mit der
+er sich in die Dönniges-Affäre gestürzt hatte, viel beigetragen haben.
+
+Es ist eigentlich müßig, sich die Frage vorzulegen, was Lassalle wohl
+getan hätte, wenn er nicht der Kugel des Herrn von Rakowitza erlegen
+wäre. Indes ist diese Frage bisher meist in einer Weise erörtert
+worden, die ein kurzes Eingehen darauf rechtfertigt.
+
+Gewöhnlich wird nämlich gesagt, es würde Lassalle, wenn er weiter gelebt
+hätte, nach Lage der Dinge nichts übrig geblieben sein, als gleich
+seinem Freunde Bucher eine Stelle im preußischen Staatsdienst
+anzutreten. Wer aber so spricht, beurteilt Lassalle absolut falsch. Wohl
+hätte die von ihm schließlich eingeschlagene Politik, wenn konsequent
+weiter befolgt, ihn zuletzt ins Regierungslager führen müssen, aber auf
+diesen letzten Schritt hätte es Lassalle eben für sich nicht ankommen
+lassen. Er hätte nie den preußischen Beamtenrock angezogen. Er besaß
+genug, um nach seinen Bedürfnissen leben zu können, und seinem Ehrgeiz
+hätte eine Stelle, wie die preußische Regierung sie ihm bieten konnte,
+ebensowenig genügt, wie sie seiner im Innersten stets unveränderten
+Gesinnung entsprochen hätte. In dieser Hinsicht hätte eher er zu
+Bismarck, als dieser zu ihm sagen können: „Was kannst du, armer Teufel,
+geben?”
+
+Das Wahrscheinliche ist vielmehr, daß Lassalle sich, sobald die gegen
+ihn erkannten Strafen rechtskräftig geworden, dauernd im Ausland
+niedergelassen und dort einen Umschwung der Verhältnisse in Preußen,
+bzw. Deutschland abgewartet hätte. Denn daß der Hamburger „Coup”,
+selbst wenn die Versammlung zustande kam und die Resolution
+beschlossen wurde, an den tatsächlichen Verhältnissen zunächst nichts
+geändert haben würde, liegt auf der Hand. Wie gering diese Aussicht
+war, geht daraus hervor, daß das bloße Jawort Helenes von Dönniges
+genügt hatte, um Lassalles Ansicht über den voraussichtlichen Effekt
+des „Coup” erheblich zu erschüttern. Am 27. Juli hatte er über diesen
+an die Gräfin Hatzfeldt geschrieben: „... Ich muß noch vorher in
+Hamburg sein, wo ich einen großen, sehr großen, vielleicht tatsächlich
+wichtigen Coup schlagen will.” Tags darauf erhält er Helenes Zusage
+und schreibt nun an die Gräfin, daß er sich selbst „nicht zu viel”
+von dem Versuch in Hamburg verspreche. Die betreffende Stelle dieses
+Briefes ist zwar oft zitiert, da sie aber für Lassalles damalige
+Stimmung äußerst charakteristisch ist, mag sie auch hier zum Abdruck
+kommen. Sie lautet:
+
+„Wie Sie mich doch mißverstehen, wenn Sie schreiben: ‚Können Sie sich
+nicht auf einige Zeit in Wissenschaft, Freundschaft und schöner Natur
+genügen?’ Sie meinen, ich müsse Politik haben.
+
+Ach, wie wenig Sie au fait in mir sind. Ich wünsche nichts sehnlicher,
+als die ganze Politik loszuwerden, um mich in Wissenschaft, Freundschaft
+und Natur zurückzuziehen. Ich bin der Politik müde und satt. Zwar würde
+ich so leidenschaftlich wie je für dieselbe entflammen, wenn ernste
+Ereignisse da wären, oder wenn ich die Macht hätte, oder ein Mittel
+sähe, sie zu erobern -- ein solches Mittel, das sich für mich schickt;
+denn ohne höchste Macht läßt sich nichts machen. Zum Kinderspiel aber
+bin ich zu alt und zu groß. Darum habe ich höchst ungern das Präsidium
+übernommen! Ich gab nur Ihnen nach. Darum drückt es mich jetzt gewaltig.
+Wenn ich es los wäre, jetzt wäre der Moment, wo ich entschlossen wäre,
+mit Ihnen nach Neapel zu ziehen! (Aber wie es los werden?!)
+
+Denn die Ereignisse werden sich, fürcht' ich, langsam, langsam
+entwickeln, und meine glühende Seele hat an diesen Kinderkrankheiten und
+chronischen Prozessen keinen Spaß. Politik heißt aktuelle momentane
+Wirksamkeit. Alles andere kann man auch von der Wissenschaft aus
+besorgen! Ich werde versuchen, in Hamburg einen Druck auf die Ereignisse
+auszuüben. Aber inwieweit das wirken wird, das kann ich nicht
+versprechen und verspreche mir selbst nicht zu viel davon!
+
+Ach könnte ich mich zurückziehen!” --
+
+In demselben Brief schreibt Lassalle an anderer Stelle, er sei „lustig
+und voller Lebenskraft” und „nun, die alte Kraft ist noch da, das alte
+Glück auch noch”. Es waren also lediglich politische Erwägungen, die
+jene resignierten Sätze diktierten.
+
+Als er nach dem Aufenthalt mit Helene von Dönniges in Bern am
+3. August 1864 in Genf eintraf, scheint Lassalle bereits zur vorläufigen
+Expatriierung entschlossen gewesen zu sein. In den Papieren Joh. Ph.
+Beckers befindet sich eine von der Genfer Regierung für „Mr. Ferdinand
+Lassalle professeur”, wohnhaft „chez Mr. Becker”, ausgestellte
+Aufenthaltsbewilligung, und auf dem Umschlag derselben folgender Vermerk
+von der Hand des alten Freiheitsveteranen:
+
+„Als mir Freund Lassalle nach seiner Ankunft im verhängnisvollen Jahre
+1864 hier mitteilte, er fühle seine Kraft aufgerieben, müsse Einhalt
+machen; er habe geglaubt, er vermöge die sozialistische Bewegung in
+etwa einem Jahre zum Durchbruch zu bringen, jetzt sehe er aber ein, daß
+es Jahrzehnte erheische, wozu er seine leibliche Kraft nicht
+hinreichend fühle, namentlich werde er die bevorstehenden
+Gefängnisstrafen nicht überdauern können. Hierauf gab ich ihm den Rat,
+sich unter bewandten Umständen irgendwo einen festen Wohnsitz zu
+gründen, zu diesem Behufe sofort Domizil in Genf zu nehmen, und wenn er
+dem Gesetz gemäß einen Aufenthalt von zwei Jahren nachweise, sich das
+Bürgerrecht zu erwerben, was damals gar keinen Anstand gefunden hätte.
+In der Zwischenzeit könnte er natürlich beliebige Reisen machen.
+Lassalle schlug ohne Bedenken ein, und ich verschaffte ihm am 11.
+August 1864 vorliegende Aufenthaltsbewilligung.”
+
+Die Aufenthaltsbewilligung selbst lautet auf vorläufig sechs Monate.
+
+Briefe, die vom Sekretariat des Allgemeinen deutschen Arbeitervereins an
+ihn gelangten, hat Lassalle während der vier Wochen seines Kampfes um
+Helene von Dönniges gar nicht mehr beantwortet. Erst als er am Vorabend
+des Duells sein Testament machte, gedachte er wieder des Vereins und
+setzte dem Sekretär desselben, Willms, auf fünf Jahre hinaus eine Rente
+von jährlich 500 Talern für Agitationszwecke aus und eine ebensolche von
+jährlich 150 Talern für seinen persönlichen Bedarf. Als seinen
+Nachfolger empfahl er dem Verein den Frankfurter Bevollmächtigten
+Bernhard Becker. Er solle an der Organisation festhalten, „sie wird den
+Arbeiterstand zum Siege führen”.
+
+Unter den Mitgliedern des Vereins erregte die Nachricht von Lassalles
+Tod nicht geringe Bestürzung. Es war ihnen lange unmöglich den Gedanken
+zu fassen, daß Lassalle wirklich nur in einer gewöhnlichen Liebesaffäre
+gefallen sei. Sie glaubten an einen vorbedachten Anschlag, der von den
+Gegnern angezettelt sei, um den gefährlichen Agitator aus dem Wege zu
+räumen, und feierten den Gefallenen als das Opfer einer nichtswürdigen
+politischen Intrige. Ein wahrer Lassalle-Kultus entwickelte sich
+zunächst, eine Art Lassalle-Religion, deren Propagierung vor allem die
+Gräfin Hatzfeldt, aus übrigens menschlich durchaus erklärlichen Gründen,
+sich angelegen sein ließ. Sehr trug zu diesem Kultus auch die Art bei,
+wie Lassalle den Arbeitern persönlich gegenübergetreten war. So
+liebenswürdig er im Umgang mit ihnen sein konnte, so hatte er doch
+sorgfältig darauf geachtet, in seiner äußeren Erscheinung sowohl wie in
+seinem Benehmen ihnen seine gesellschaftliche und geistige Überlegenheit
+stets vor Augen zu halten. Mit größtem Wohlbehagen hatte er ferner sich
+in Ronsdorf als eine Art Religionsstifter feiern lassen und selbst dafür
+gesorgt, daß ein die wirklichen Vorgänge noch übertreibender Bericht
+darüber im „Nordstern” erschien.
+
+In seinen Reden war seine Person immer mehr in den Vordergrund getreten
+-- so stark, daß, wenn er sich in Verbindung mit andern genannt hatte,
+er stets das Ich hatte vorangehen lassen.
+
+Einzelne mochte diese Art des Auftretens abstoßen, auf die Masse hatte
+es, namentlich bei der Jugend der Bewegung, einen großen Zauber
+ausgeübt, und je mehr sich ein Mythenkreis um Lassalles Persönlichkeit
+wob, um so stärkere Wirkung übte der Zauber nachträglich aus.
+
+Es wäre übrigens sehr falsch, die Tatsache zu verkennen, daß dieser
+Kultus der Persönlichkeit Lassalles sich für die Agitation lange Zeit im
+hohen Grade fördernd erwiesen hat. Es liegt nun einmal in den meisten
+Menschen der Zug, eine Sache, die sich in jedem gegebenen Moment um so
+mehr als etwas Abstraktes darstellt, je weittragender ihre Ziele sind,
+gern in einer Person verkörpert zu sehen. Diese Personifizierungssucht
+ist das Geheimnis der Erfolge der meisten Religionsstifter, ob
+Charlatane oder Illusionäre, und sie ist in England und Amerika ein
+anerkannter Faktor im politischen Parteikampfe. Sie ist so stark, daß
+zuweilen die bloße Tatsache, daß eine Persönlichkeit aus einer
+Körperschaft Gleicher oder selbst Besserer ausscheidet, genügt, sie über
+diese hinauszuheben und ihr eine Macht zu verschaffen, die jener
+hartnäckig verweigert wurde. Man erinnere sich nur des Boulanger-Fiebers
+in Frankreich, das durchaus nicht der Beispiele in der Geschichte
+anderer Länder ermangelt. Dutzende von Mitgliedern der französischen
+Kammer waren Boulanger an Wissen, Begabung und Charakter überlegen und
+konnten auf die ehrenvollsten Narben im Dienste der Republik verweisen,
+aber sie sanken doch zu Nullen ihm gegenüber herab, während er zur
+großen Eins emporgeschnellt wurde und sein Name Hunderttausende
+entflammte. Warum? Weil sich plötzlich in ihm eine Idee verkörperte,
+während die Deputiertenkammer, trotz der Summe von Wissen und Erfahrung,
+die sie repräsentierte, nichts war als eine anonyme Vielheit.
+
+Der Name Lassalle wurde zum Banner, für das sich die Massen immer mehr
+begeisterten, je mehr die Schriften Lassalles ins Volk drangen. Für
+den unmittelbaren Erfolg berechnet, mit einem außergewöhnlichen Talent
+geschrieben, populär und doch die theoretischen Gesichtspunkte
+hervorhebend, übten sie und üben sie zum Teil noch heute eine große
+agitatorische Wirkung aus. Das „Arbeiterprogramm”, das „Offene
+Antwortschreiben”, das „Arbeiterlesebuch” usw. haben Hunderttausende
+für den Sozialismus gewonnen. Die Kraft der Überzeugung, die in diesen
+Schriften weht, hat Hunderttausende zum Kampf für die Rechte der
+Arbeit entflammt. Dabei verlieren sich die Lassalleschen Schriften nie
+in ein gegenstandsloses Phrasengeklingel, -- ein verständiger
+Realismus, der sich zwar gelegentlich in den Mitteln vergreift, der
+aber stets die Wirklichkeit im Auge zu behalten sucht, herrscht in
+ihnen vor und hat sich durch sie auch der Bewegung mitgeteilt. Wovon
+Lassalle in seiner Praxis eher etwas zu viel hatte, davon hat er in
+seine ersten und besten Agitationsschriften das rechte Maß dessen
+hineingelegt, was die Arbeiterbewegung brauchte. Wenn die deutsche
+Sozialdemokratie den Wert einer kräftigen Organisation zu allen Zeiten
+zu schätzen gewußt hat, wenn sie von der Notwendigkeit des
+Zusammenfassens der Kräfte so durchdrungen ist, daß sie auch ohne das
+äußere Band einer Organisation doch alle Funktionen einer solchen
+aufrechtzuerhalten gewußt hat, so ist das zum großen Teil eine
+Erbschaft der Agitation Lassalles. Es ist eine unbestreitbare
+Tatsache, daß diejenigen Orte, wo in der Arbeiterschaft die
+Traditionen der Lassalleschen Agitation am stärksten waren, in bezug
+auf die Organisation in der Regel am meisten geleistet haben.
+
+Indes, man kann die Vorteile einer Sache nicht haben, ohne auch ihre
+Nachteile in den Kauf nehmen zu müssen. Wir haben gesehen, welchen
+doppelt zwieschlächtigen Charakter die Lassallesche Agitation trug,
+zwieschlächtig in ihrer theoretischen Grundlage, zwieschlächtig in ihrer
+Praxis. Das blieb natürlich lange noch bestehen, nachdem Lassalle selbst
+aus dem Leben geschieden war. Ja, es verschlimmerte sich noch.
+Festhalten an Lassalles Taktik hieß Festhalten an der Schwenkung, die
+er während der letzten Monate seiner Agitation vollzogen, er selbst in
+dem Bewußtsein und mit dem Vorbehalt, jeden Augenblick umkehren, die
+Maske abwerfen zu können. Aber, um einen seiner eignen Aussprüche
+anzuwenden: Individuen können sich verstellen, Massen nie. Seine Politik
+fortführen hieß, wenn es buchstäblich genommen wurde, die Massen
+irreführen. Und die Massen wurden irregeführt. Es kam die Zeit der
+Schweitzerschen Diktatur. Ob J. B. von Schweitzer je ein Regierungsagent
+im buchstäblichen Sinne dieses Wortes war, scheint mir sehr zweifelhaft;
+kein Zweifel aber kann bestehen, daß seine Politik zeitweise der eines
+Regierungsagenten nahekam. Kam es doch unter seiner Leitung dahin, daß
+von Agitatoren des „Allgemeinen deutschen Arbeitervereins” Republikaner
+sein für gleichbedeutend mit Bourgeois sein erklärt wurde, weil die
+bisherigen Republiken Bourgeoisrepubliken gewesen. Schweitzer war
+unzweifelhaft der begabteste Nachfolger Lassalles. Aber wenn er ihn an
+Talent nahezu erreichte, so übertraf er ihn zugleich in einigen seiner
+bedenklichsten Fehler. Mit noch weniger Scheu als Lassalle hat er mit
+den preußischen Hof-Sozialdemagogen geliebäugelt. Daß er dies jedoch
+konnte, ohne je um einen, seine Politik unterstützenden Satz aus
+Lassalles Reden in Verlegenheit zu sein, ist ein Vorwurf, der Lassalle
+nicht erspart bleiben darf. Schlimmeres, als die um die
+verfassungsmäßigen Rechte der Volksvertretung kämpfenden Parteien, unter
+denen sich Männer wie Johann Jacoby, Waldeck, Ziegler usw. befanden,
+einfach als eine „Clique” zu bezeichnen, hat selbst Schweitzer nie
+getan.
+
+Auch andre Fehler Lassalles erbten sich in der Bewegung fort, und es hat
+langwierige und schwere Kämpfe gekostet, bis sie völlig überwunden
+wurden. Was die theoretischen Irrtümer Lassalles anbetrifft, die ich
+oben ausführlicher behandelt habe, so sei hier nur daran erinnert, wie
+heftige Kämpfe es gekostet hat, bis sich in der deutschen
+sozialistischen Arbeiterschaft eine richtige Wertschätzung der
+Gewerkschaftsbewegung Bahn gebrochen hat, wie lange die Gewerkschaften
+von einem großen Teil der Sozialisten mit dem Hinweis auf das „eherne
+Lohngesetz” bekämpft wurden. Die persönliche Färbung, die Lassalle der
+Bewegung gab, hatte zur Folge, daß diese nach seinem Tode in das
+Fahrwasser der Sektiererei geriet und noch lange Jahre in ihm trieb.
+
+Leute, die eine hervorragende Rolle gespielt und auffallende
+Eigenschaften entwickelt haben, pflegen alsbald eine große Anzahl
+Nachahmer zu erzeugen. So auch Lassalle. Die Viertels- und
+Achtels-Lassalle sproßten nach seinem Tode fröhlich aus dem Boden. Da
+sie aber in Ermangelung seines Talents sich darauf beschränken mußten,
+ihm nachzuahmen „wie er sich geräuspert und wie er gespuckt”, und
+dies, wie wir gesehen haben, nicht gerade das Beste an ihm war, so
+bildeten sie eine der unerquicklichsten Erscheinungen der
+Arbeiterbewegung.
+
+Heute ist das alles überwunden, und die Sozialdemokratie kann ohne
+Bitterkeit darüber hinweggehen. Aber es gab eine Zeit, wo die Bewegung
+darunter litt, und darum sei es hier erwähnt.
+
+Damit indes genug. Es möchte sonst der Eindruck dessen, was ich vorher
+von dem Erbe gesagt, das Lassalle der Arbeiterschaft bis auf heute
+hinterlassen, wiederum abgeschwächt werden, und das liegt durchaus nicht
+in meiner Absicht. Solange ich das Wirken Lassalles im einzelnen zu
+untersuchen hatte, mußte ich scharf sein; denn höher als der Ruhm des
+einzelnen steht das Interesse der großen Sache, für die der Kampf geht,
+und diese fordert vor allen Dingen Wahrheit. Die Sozialdemokratie hat
+keine Legenden und braucht keine Legenden, sie betrachtet ihre
+Vorkämpfer nicht als Heilige, sondern als Menschen, und kann es daher
+auch vertragen, wenn sie als Menschen kritisiert werden. Sie würdigt
+darum nicht weniger ihre Verdienste und hält das Andenken derer in
+Ehren, die das Werk der Befreiung der Arbeiterklasse wesentlich
+gefördert haben.
+
+Und das hat Lassalle in hohem Maße getan. Vielleicht in höherem Maße,
+als er selbst am Vorabend seines Todes geahnt hat. Es ist anders
+gekommen, als wie er glaubte, aber die Bewegung ist heute dieselbe, für
+die er im Frühjahr 1863 das Banner aufpflanzte. Es sind dieselben
+Ziele, für die sie heute kämpft, wenn sie auch in andrer Weise und mit
+andern Forderungen kämpft. Nach etlichen Jahren wird sie vielleicht
+wieder in andrer Weise kämpfen, und es wird doch dieselbe Bewegung sein.
+
+Kein Mensch, und sei er der größte Denker, kann den Weg der
+Sozialdemokratie im einzelnen vorherbestimmen. Niemand weiß, wie viele
+Kämpfe noch vor ihr liegen und wie viele Kämpfer noch werden ins Grab
+sinken müssen, bis das Ziel der Bewegung erreicht ist; aber die
+Leichensteine ihrer Toten erzählen von den Fortschritten der Bewegung
+und erfüllen ihre Kämpfer mit Siegesgewißheit für die Zukunft.
+
+Lassalle hat die deutsche Sozialdemokratie nicht geschaffen, so wenig
+wie irgendein andrer sie geschaffen hat. Wir haben gesehen, wie es
+bereits unter den vorgeschrittenen Arbeitern Deutschlands gärte und
+brodelte, als Lassalle sich an die Spitze der Bewegung stellte. Aber
+wenn er auch nicht als Schöpfer der Partei bezeichnet werden darf, so
+gebührt Lassalle doch der Ruhm, daß er Großes für sie ausgerichtet hat,
+-- so Großes, wie es Einzelnen selten gegeben ist. Er hat, wo meist nur
+erst unbestimmtes Wollen vorhanden war, bewußtes Streben verbreitet, er
+hat der deutschen Arbeiterwelt die Erkenntnis von ihrer geschichtlichen
+Mission beigebracht, er hat sie gelehrt, sich zur selbständigen
+politischen Partei zu organisieren, und er hat auf diese Weise den
+Entwicklungsprozeß der Bewegung ganz erheblich beschleunigt. Sein
+eigentliches Unternehmen schlug fehl, aber der Kampf für es war kein
+vergeblicher. Lassalle hat nicht umsonst die Fahne für die Erkämpfung
+des allgemeinen, gleichen und direkten Wahlrechts erhoben. Dank der
+Agitation des von ihm gegründeten Allgemeinen deutschen Arbeitervereins
+für diese Forderung wurden die Fortschrittler genötigt, sich nun
+gleichfalls ihrer anzunehmen, und so verschwand sie nicht mehr von der
+Tagesordnung und mußte die Berliner Regierung in sie einwilligen, als
+nach dem deutschen Kriege von 1866 die Verfassung des Norddeutschen
+Bundes geschaffen wurde. Das allgemeine gleiche, direkte und geheime
+Wahlrecht wurde wenigstens für den Reichstag des Norddeutschen Bundes
+und später des Deutschen Reiches verfassungsmäßiges Volksrecht. Noch war
+freilich die Zeit der Siege durch die Waffe dieses Wahlrechts nicht da.
+Aber um siegen zu können, mußte die Arbeiterschaft erst kämpfen lernen.
+Die Siege sind dann nicht ausgeblieben, von Wahl zu Wahl haben sie sich
+gehäuft, und im Augenblick, wo diese Abhandlung in neuer Form ins Land
+geht, hat die deutsche Arbeiterschaft vermittelst des nun auf die Wahlen
+zu allen Gesetzgebungskörpern und den Selbstverwaltungsvertretungen
+ausgedehnten und in jeder Hinsicht demokratisierten Wahlrechts eine
+politische Machtstellung erlangt, die ihr die glänzendsten Aussichten
+auf Durchsetzung tiefgreifender Maßnahmen sozialer Befreiung eröffnet.
+Sie zum Kampf einexerziert, ihr für ihn und ihre weiteren Ziele, wie es
+im Liede heißt, Schwerter gegeben, zugleich aber auch in die Seelen
+deutscher Arbeiter Sinn und Verständnis für diesen _organischen_ Weg
+gepflanzt zu haben, der unter allen Gesichtspunkten dem wilden
+Massenkampf vorzuziehen ist, -- bleibt das große, das unvergängliche
+Verdienst Ferdinand Lassalles.
+
+
+
+
+ +--------------------------------------------------------------------+
+ | Anmerkungen zur Transkription |
+ | |
+ | Folgende Inkonsistenzen im Text wurden beibehalten, da beide |
+ | Schreibweisen üblich waren, oder die Begriffe aus Zitaten stammen: |
+ | |
+ | anderm -- anderem |
+ | andern -- anderen |
+ | Arbeiterverein -- Arbeiter-Verein |
+ | eigne -- eigene |
+ | garnicht -- gar nicht |
+ | heut -- heute |
+ | Testamentrecht -- Testamentsrecht |
+ | Vermittelung -- Vermittlung |
+ | Verständniß -- Verständnis |
+ | |
+ | Im Text wurden folgende Änderungen vorgenommen: |
+ | |
+ | Schmutztitel "FERDINAND LASSALLE" entfernt. |
+ | Inhaltsverzeichnis vom Ende des Buchs an den Anfang verschoben. |
+ | S. 16 "selbhilflerischen" in "selbsthilflerischen" geändert. |
+ | S. 19 "Kulter" in "Kultur" geändert. |
+ | S. 30 "Schaffot" in "Schafott" geändert. |
+ | S. 34 "Lorbeern" in "Lorbeeren" geändert. |
+ | S. 37 "Hatzfeldtprozeß" in "Hatzfeldt-Prozeß" geändert. |
+ | S. 38 "Hatzfeldtprozesses" in "Hatzfeldt-Prozesses" geändert |
+ | (Fußnote). |
+ | S. 44 "Hinkeldey" in "Hinckeldey" geändert. |
+ | S. 49 ‚ vor "Denn" eingefügt. |
+ | S. 55 „ vor "Bei alledem" entfernt. |
+ | S. 71 "mutatis mutantis" in "mutatis mutandis" geändert. |
+ | S. 72 „ vor "zerfetzt" eingesetzt. |
+ | S. 80 "Frei-Herrosé" in "Frey-Herosé" geändert (Fußnote). |
+ | S. 84 "Eisbock" in "Eisblock" geändert. |
+ | S. 99 "Ludwis" in "Ludwig" geändert. |
+ | S. 128 „ vor "..." eingesetzt (Fußnote 14). |
+ | S. 136 "Geschichtschreibung" in "Geschichtsschreibung" geändert. |
+ | S. 138 "Leibnitz" in "Leibniz" geändert. |
+ | S. 138 „ am Beginn von Leibniz Zitat eingefügt. |
+ | S. 154 "Macchiavellis" in "Machiavellis" geändert. |
+ | S. 182 "anvancierten" in "avancierten" geändert. |
+ | S. 206 ” hinter "Bourgeoisie" eingefügt. |
+ | S. 209 "sonderns" in "sonders" geändert. |
+ | S. 217 "mußte" und "mußten" vertauscht. |
+ | S. 219 "Weltmarktsindustrie" in "Weltmarktsindustrien" geändert. |
+ | S. 255 "Gensdarmen" in "Gendarmen" geändert. |
+ | S. 278 "wiederhallen" in "widerhallen" geändert. |
+ | S. 302 "I. B. von Schweitzer" in "J. B. von Schweitzer" geändert. |
+ | S. 303 "Sektirerei" in "Sektiererei" geändert. |
+ | Inhalt "Hatzfeld" in "Hatzfeldt" geändert. |
+ +--------------------------------------------------------------------+
+
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+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Ferdinand Lassalle, by Eduard Bernstein
+
+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 44722 ***