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If you are not located in the United States, you'll have -to check the laws of the country where you are located before using this ebook. - - - -Title: Die Wupper - -Author: Else Lasker-Schüler - -Release Date: November 22, 2015 [EBook #50530] - -Language: German - -Character set encoding: ISO-8859-1 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE WUPPER *** - - - - -Produced by Peter Becker, Jens Sadowski, and the Online -Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net - - - - - - - - - - DIE WUPPER - - - SCHAUSPIEL IN 5 AUFZÜGEN - VON ELSE LASKER-SCHÜLER - - OESTERHELD & CO · BERLIN 1909 - - DER LIEBLICHEN PRINZESSIN - HELLE v. L. - SCHENKE ICH DIESES BUCH - - DAS AUFFÜHRUNGSRECHT FÜR SÄMTLICHE - BÜHNEN IST DURCH DIE VERLAGSFIRMA - OESTERHELD & CO., BERLIN W. 15 ZU BEZIEHEN - - - - - PERSONEN - - - FRAU CHARLOTTE SONNTAG (Fabrikbesitzerin) - HEINRICH } - EDUARD } ihre Kinder - MARTA } - DR. JUR. BRUNO VON SIMON - GROSSVATTER WALLBRECKER - AMANDA PIUS, seine Tochter - CARL PIUS, sein Enkel - MUTTER PIUS (Carls Großmutter väterlicherseits) - DER PENDELFREDERECH } - LANGE ANNA } Drei Herumtreiber - DER GLÄSERNE AMADEUS } - AUGUST PUDERBACH, Färber - LIESCHEN, sein Schwesterchen - GRETE STOMMS, Lieschens Freundin - WILLEM, Zuhälter, ehemaliger Weber - ROSA, die Riesendame - DIE HERREN MIT DEN GRAUEN CYLINDERN - AUGUSTE } - BERTA } Dienstboten im Hause Sonntag - - Fabrikarbeiter, Fabrikarbeiterinnen, Herumtreiber, Kroatenjungen, - Jahrmarktleute, Kinder etc. - - Der erste und vierte Aufzug spielen im Arbeiterviertel, der - zweite im Garten vor einer Villa, der dritte auf dem Jahrmarkt, - der fünfte in einer Art Gartenzimmer derselben Villa. Die - Schlußverwandlung des fünften Aufzuges spielt im Arbeiterviertel. - - - - - ERSTER AKT - - - Arbeiterviertel einer Fabrikstadt im Wuppertale. - - Hintergrund bergiger Wald. Links im Tal fließt ein schmaler - Wupperarm nach hinten in einer Biegung auslaufend. Über den Fluß - führt eine Brücke zu einem Weg, an dem Pius zerfallenes, - einstöckiges Häuschen liegt. Rechts hinten ein Gäßchen mit hohen, - alten, schmutzigen Arbeitermietshäuschen. Im ersten, nur noch - halb sichtbaren Hause, wohnen im obersten Stockwerk Puderbachs. - - Links von der Wupper eine Wiese -- in der Ferne sieht man - dampfende Schornsteine von Fabriken und andere Häuser etc. - - Vor Pius' Häuschen steht eine Bank, neben dieser ein breiter - Strauch. Vor einem Steg, der im Hintergrund in den Wald führt, - brennt eine alte Laterne, die während des ersten Aufzuges langsam - erbleicht. - -Großvatter Wallbrecker, Carl Pius, Frau Amanda Pius, Mutter Pius, -Lieschen Puderbach, August Puderbach, der Pendelfrederech, Lange Anna, -der gläserne Amadeus, zwei Helfershelfer, Kroatenjungen. - -Großvatter WALLBRECKER: Hör auf Dein alten Großvatter, Carl, schmeiß den -Gelehrtenkrams beis Gerömpel. Du bist man so recht was für'n Meister, -Gesellen müßt De unter Dein Kommando hab'n. - -CARL: Laß mich man erst Pastor sein, Großvatter, dann werden die -Meisters meine Gesellen. - -Gr. W.: Und das Liesken drüben sollst Du doch frein. - -CARL (Überlegen wie zu einem Kind): Die heirat' mich um so lieber. - -Gr. W.: Fünfundzwanzig Jahr hab ich mit dem Liesken sein Großvatter am -Webstuhl gesessen, und doch war das Leichentuch zu klein für uns zwei. -(Pause). Es nimmt en Pastor schon, aber, zum gelehrten Mann gehört en -feines Weib un zum Pastor eine Pastorin -- un der alte Großvatter gehört -auch nicht rein in's Treibhaus! - -CARL: 'N en bequemen Sorgenstuhl kauf ich Dir, Großvatter, auf einem -weichen Polster sitzt Du und tust den ganzen Tag niks andres wie -schlafen, spazierengehen und schmöken. Was sagst De dazu, Vatter -Wallbrecker? - -Gr. W.: Mit die Kaplans komm ich in Kollektion, daß Vatter Wallbreckers -Enkelsohn Pastor is, sie haben mich schon das Haus eingelaufen wegen -Dein Vater sein lutherschen Glaubens. - -CARL: An was Du alles denken tust. - -Gr. W.: Tum Tingelingeling, Carl, die alte Truthenne hat auch Dein Vater -immer in die Ohren gelegen. Ein fleißiger Färber wars; (zeigt auf das -Wasser der Wupper) da rinnt sein Blut. -- Fällt dem mit einmal ein, er -taucht für die Arbeit nich mehr, un giftig is er geworden auf sein Herrn -und seine Gemahlin. Aufgeblasen war se ja man mit die seidene Röck, aber -en Hochmut darf sie ja hab'n bei so viel Geld. Am hellen Tag auf dem -Marktplatz hat er ihren adeligen Blossen verhauen. - -CARL: Das hat Dir wol großen Kummer gemacht, Großvatter, weil Du es nich -vergessen kannst. - -Gr. W.: Tum Tingelingeling, ein Jahr hab'n sie ihm für seine Missetat -ins Loch gesteckt. - -CARL: (Beileid bezeugend). - -Gr. W.: Er war ja sonst ein ehrlicher Arbeiter gewesen. - -CARL: (Nickt). - -Gr. W.: Un die alte Truthenne hat ihm bald besucht. Mit ihre Quacksalben -hat sie eine feine Madame den Brand an de Waden geschmiert. Siehst De, -Carl, un nu meint Amanda, Dir steckt man auch mal rein wie Dein -überdrüssiger Vatter und Deine studierte Großmutter. - -CARL: Die Zeiten hab'n sich geändert, Großvatter. - -Gr. W.: Siehst De, da hab'n wir's, bald denkst De auch an Dein alten -Großvatter Taback nich mehr. (Kindlich schlau). - -CARL: Laß man gut sein. - -Gr. W.: Wie alt bist De nu, Jung! Puderbachs Aujust bringt schon zehn -Taler nach Haus. Da läuft er mit seine Schwester, wie mit sein Schatz. - - (Man sieht beide geschwisterlich vom Wald heimwärts kommen.) - -CARL: Und ich werd' das Dreifache verdienen, laß mich man Zeit, bin ich -erst Pastor, tust De alle Tage Dein Leibgericht knappern. - -Gr. W.: (bedenklich) Wenn es de alte Truthenne mich nich auffressen tut. - -CARL: Die bleibt hier an der Wupper in ihr Haus wohnen. - -Gr. W.: Und Du willst in de fremde Residenz predigen? Tum -Tingelingeling, in die luthersche Lutherkirche hier mußt De von de -Kanzel herunter auf all die reichen Muckerköppe brüllen: (kleine Pause) -Und ich werd auch auf meine alten Tag en Ketzer werden, wenn es not tut --- Dich zu Lieb, Carl. Ich hab das (schlägt ein Kreuz) doch verlernt -(weinerlich), wenn man so immer dran hängen tut. - -CARL: Es ist schon spät, Großvatter, ich bring Dich in de Klappe. - -Gr. W.: Jung, Jung, Jung, wenn ich es erleben tu. - - (Sie schreiten ihrem kleinen Häuschen zu, im Begriff einzutreten, - umhalst hinterrücks den Großvater Lieschen Puderbach, die ihrem - Bruder vorangesprungen ist. Arbeiter sieht man in der Ferne - und hört ihre rauhen Stimmen.) - -Gr. W.: Was willst De vom Großvatter, kleines, leckeres Dier? Seh Se -Dich mal an, Carl, die meint es mit dem alten Großvatter gut. - -LIESCHEN: (vergnügt) Kriegst morgen zu Dein Geburtstag 'ne neue Piepe -von mich, ich hab dem Aujust seine kleine im blauen Sametetui weggekläut -un sie Herr Stomms gebracht heut. Ich kann mich für sie eine _lange_ -aussuchen wie Deine is, eine nagelneue, Großvatter, (ganz hoch zu -sprechen) mit en Hirschkopf drauf. - -Gr. W.: (freut sich wie ein Kind) Die meint es gut mit dem alten -Großvatter, Carl. (Er kitzelt Lieschen am nackten Hälschen) Ich klopf' -ihm auch immer, wenn der junge Herr Eduard kommen tut, was Liesken? - -LIESCHEN: (schämt sich). - -Gr. W.: (Blinzelt Lieschen vertraulich an) Er fragt mir immer nach es. - -LIESCHEN: (altklug zu Carl) Herr Eduard sagt, ich wär seine Königsbraut. - -CARL: (sagt, um etwas zu erwidern) Un mich willst De also nich heiraten. - -Gr. W.: Tum Tingelingeling, er ist molz ein reichen Herr, was Liesken? - -LIESCHEN: Zwei große Bilder aus England hat er gesagt, bringt er mich -mit hier -- siehst De! siehst De! Ich glaub, er kömmt gleich Dir -besuchen, Carl. - -CARL: (schiebt das Kind ungeduldig zur Seite) Dein Bruder sucht Dich, -Liesken. - -Gr. W.: Ein blaues Maul hat das Luder von'n Beerenfressen. - -LIESCHEN: Kuck mal seine Nas an, Großvatter!! - -Gr. W.: Die is man wie'n Affe seine gemalen. - -LIESCHEN: Aujust, Aujust, wie siehst De aus!!!! - -AUGUST: (blickt neidisch auf Carl) Ich bin man blos ein einfacher -Färber, ich schäm mir nich, von Gottes Waldes Natur zu fressen; Du, -Großvatter Wallbrecker? - -Gr. W.: (Schüttelt mit dem Kopf) Nä. - -AUGUST: Du Liesken? (Carl stellt sich an einen Seitenbalken des -Häuschens, die Arme verschränkt). - -LIESCHEN: Wenn De de Mutter fragen tust, August, ob ich die Tante noch -ein bischen waschen helfen darf, dann sag ich Dich auch, wo Deine kleine -Piepe im blauen Sametetui is. - -AUGUST: Sag!! - -Gr. W.: (Schüttelt heftig Lieschen mit dem Kopf zu). - -LIESCHEN: (Lacht). - -AUGUST: Sag es doch, dummes Weib!! - -LIESCHEN: Molz! Ich weiß es doch nicht. - -Gr. W. und LIESCHEN: (Lachen August aus, der in komischen Wendungen im -Begriffe ist, umzukehren, Lieschen verhindert es aber). - -LIESCHEN: Aujust, lieber Aujust, frag die Mutter, ja? Ich geb Dich auch -en Dicken. - -AUGUST: Steck den Schmatz man in de Kiste, wenn de heiraten tust. - -LIESCHEN: Meine Klümken un de Stange Süßholz kannst De Dich nehmen aus -Mutter ihre Kommode, Aujust. - -Frau AMANDA PIUS: (tritt ans offene Fenster, sie hat die letzten Worte -Lieschens gehört) So en süßen Kater bist De, Aujust? Warum kömmst De -eigentlich nich mehr beim Carl herüber? - - (Mutter Pius tritt hinter Amanda ans Fenster). - -AUGUST: Bei so'n feinen Herr, -- nä, Frau Pius? - -Mutter PIUS: Was soll auch unser Carl mit so einen gemeinen -Baumwollenfärber anfangen? - -AUGUST: (Verzieht sich furchtbar komisch mit einem Katzenbuckel). - -Mutter PIUS: (zu Lieschen) Und Du müßt' schon in de Klappe liegen. - -LIESCHEN: (etwas schüchtern auf Frau Amanda blickend) Ich will die Tante -noch waschen helfen, daß se morgen dem Großvatter sein Leibgericht -kochen kann. - -Mutter PIUS: Und hat kein Zahn im Maul. - -LIESCHEN: Ich kann doch nich schlafen bei so'n Mond, der guckt so rot -wie Pendelfrederech sein ausgelaufen Aug. - -Frau AMANDA: (geheimnisvoll) Hast De das schon gesehen, Liesken? - -LIESCHEN: Einmal hat er es mich und Gretchen Stomms gezeigt. - -Mutter PIUS: (zynisch) Un hast De sonst niks andres in sein Keller -gesehn, Liesken? - -LIESCHEN: Ich hab immer blos in sein runden, roten Mond geguckt. - -Mutter PIUS: Aber en wacker Mädchen bist De geworden: Amanda guck mal, -Brüst hat es schon, wie junge Salatköppe. (Carl tritt aus seinem Winkel -auf den Großvater zu). - -Gr. W.: Carl, ich komm jetz. - - (Mutter Pius tritt in die Stube zurück; Lieschen klettert durchs - Fenster, Frau Amanda ist ihr dabei behilflich. Dann schließt sie - das Fenster. Der Großvater und Carl schlendern langsam ins Haus.) - -Gr. W.: Nä, wie mich das alles aufregen tut .... - -CARL: Was denn? - -Gr. W.: Mit Deine Carliäre, Carl. - -CARL: Schlaf man ruhig, Großvatter. (Sie treten beide ins Häuschen. -August schleicht aus seiner Gasse, umlauert das kleine Häuschen von Pius -und versteckt sich vorsichtig zwischen Strauch und Bank. Unterdessen -wird das Dachkämmerchen von einem matten Öllämpchen erleuchtet, das -kleine Fenster ist halb geöffnet. Betrunkene Arbeiter passieren den Weg, -fluchen, lachen, etc. August gebärdet sich, da er durch den Lärm nicht -zu hören glaubt, wie ein wütender Clown. Die Arbeiter biegen rechts in -die Gasse ein. Man hört von oben Amandas Stimme). - -Frau AMANDA: Vatter .... - -Gr. W.: Jjo .... - -Frau AMANDA: So eilig hast De's ja sonst nich, wach auf!! - -Gr. W.: Was soll ich um Mitternacht, meine Tochter? - -Frau AMANDA: Was hat Carl gesagt? - -Gr. W.: Was? - -Frau AMANDA: Was er gesagt hat. Du hast doch gesprochen mit ihm. - -Gr. W.: Jjo, es is mich man so am Maul vorbeigeschlichen, was fürn -schönen Posten der Aujust hat. - -Frau AMANDA: Un was sagt er drauf? - -Gr. W.: Nä, er will nich; de Pastor spuckt ihm in Kopf herum. - - { Drei Männer kommen langsam schweigend - { über die Brücke, der eine murrt - { unheimlich, es ist der Pendelfrederech, - { sein linkes, ausgelaufenes Auge bedeckt - Während { eine schwarze Klappe. Der zweite - dessen { ist lange Anna, der trägt eine Handharmonika - setzt { in einem verschossenen - oben das { Band um die Schulter. Der dritte ist - Gespräch { der gläserne Amadeus, der nimmt vorsichtig - fort. { Platz auf der Stufe, die von - { der Brücke zum Weg führt. Die - { beiden anderen setzen sich auf das - { Geländer der Brücke. August bückt - { sich tiefer unter den Strauch. - -Frau AMANDA: Du kannst nich kallen! Ich hab auch keine Lust mehr, den -ganz Stall zu füttern. - -Gr. W.: Gered' hab ich, ihr Weiber denkt wol, ihr habt allein en -Schnabel, was? (Frau Amanda heult.) Laß das Heulen. (Sie gluckst.) -Freuen tu ich mir doch auf Carl in Ornaments (schlau kindlich). Noch ein -paar Jährkes, Amanda, meine liebe Tochter, dann kömmt der Lohn. Glaub -Dein alten Vatter. (Er kräht noch einmal und schläfert.) - -Frau AMANDA: Die Pius hat an alles Schuld, hat se de Finger an mein Mann -gehabt, soll se mein Jung zufrieden lassen. - -Gr. W.: (Aus dem Schlaf triumphierend) Er wird se auch nich einladen zu -sich in sein Filla neben Kaiser Wilhelm Schloßkirche. - -Frau AMANDA: Du träumst wohl? (Sie schüttelt ihn ärgerlich, man hört das -Bett krachen.) - -Gr. W.: Alles präzise Wahrheit, Amanda, diesmal hat de alte Pius gut -spekuliert. (Kurze Pause.) - -Frau AMANDA: Seitdem Du nich mehr zum Heiland beten tust, is alles so -gekommen. (Sie heult wieder.) - -Gr. W.: Ich bet jeden Abend, meine liebe Tochter, ich lüg lieber, als -daß ich mir nich bedanken tu für seine große Gnade. (Leise singt die -Türe.) - -Frau AMANDA: Kömm man herrein! -- Liesken will Dich gute Nacht sagen, -Vatter, und denn kannst De schlafen meinetwegen. (Man hört die Tür roh -ins Schloß werfen.) - -LIESCHEN: Großvatter, ich freu mir so auf Deine neue Piepe (ganz hoch -sprechend) en Hirschkopf hat se!! - -Gr. W.: (Lacht wie ein Kind.) - -LIESCHEN: Klopfst De un pfeifst De mich, wenn er bei Euch kömmt? - -Gr. W.: (Pfeift sehr gelungen.) - -LIESCHEN: Dein dicken Zeh guckt ja aus de Federn heraus, Großvatter, -warte, ich deck Dir zu wie'n Wickelkind. - -Gr. W.: Mach auch noch weiter das Fenster offen, ich leid an de Luft. - -LIESCHEN: (öffnet das kleine Fensterchen ganz.) Aujust, hier bin ich. - -AUGUST: (fährt erschrocken in die Höhe und winkt ab.) - -LIESCHEN: Ich komm jetzt runter; gute Nacht, Großvatter Wallbrecker! - -Gr. W.: (halb schlafend) Tum Tingelingeling, wenn ich noch se en jung -Weib im Bett hab'n könnt. - - (Lieschen ist im Nu unten.) - -AUGUST: (tritt aus dem Versteck, Lieschen eilt zu ihm. August zu den -Herumtreibern): N'Abend zusammen, kömmt ihr schon von de Arbeit? - -Lange ANNA: (hohe Weiberstimme) Wo sonst her, alter Duckmäuser? - -LIESCHEN: Amadeus, Du blutest ja. - -Lange ANNA: Laß es man bluten aus de Nasenrinnen, was fängt er auch an -gescheit zu reden aus sein Traumbuch. - -AMADEUS: (legt angstvoll die Hand aufs Herz) Un en Sprung hat es -abgekriegt, Liesken, es tröppelt immer. - -Lange ANNA: Laß ens lutschen ran. - -AMADEUS: Seid man still: es gibt noch was hinter de Düsterkeit, wart -man, wenn es erst Licht wird. - -AUGUST: (steckt ein Streichholz an) Hier hast De Licht, das können wir -auch machen. (Zu Lieschen) Versteck de Visage in Dein Schabbesdeckel, -Lieschen, Frederech hat wieder sein Pendel raushängen. (Frederech -murmelt grausig.) - -LIESCHEN: Ich hab' so 'ne Angst, Aujust, wir wollen bei Mutter gehn. - -Lange ANNA: Bange Hippe! - -AMADEUS: (mitleidig) Es ist auch Zeit, macht euch nach Haus, so'n -kleines Blag gehört nicht mehr auf de Straße. (Oben hüstelt der -Großvater. August und Lieschen biegen ins kleine Gäßchen ein und treten -in ihr Haus.) - -AMADEUS: Ich sag euch, lang mach ich so en Leben nich mehr mit. -Pendelfrederech, was hast De von Dein Leben? - -PENDELFREDERECH: (grausig murmelnd) Ich hab nicks von's Leben, aber es -hat mir zum Zeitvertreib. - -Lange ANNA: (höhnisch) So en verfaultes Zeitvertreib. - -PENDELFREDERECH: Nix für seine feinglasierte Fingers, aber wenn es einen -en Schabernack spielen will, dann holt es mir aus seine Kiste. (Murmelt -böse.) - -Lange ANNA: (lacht) Von de Türen rannten de Kochmamsells und die Herzen -fielen ihnen in de Buchsen. (Er klopft Pendelfrederech auf die Schulter -und lacht noch höher auf.) Mit Dich mach ich oft so'ne Opern. - -AMADEUS: Und daß de Polizisten Dich nich kriegen tun, Pendelfrederech. - -Lange ANNA: Die lachen selber. - -AMADEUS: Wat hast De eigentlich von de Sauereien? - -Lange ANNA: Und guckst man immer so mit das eine Aug in Dein Kopf rein? - -PENDELFREDERECH: Rot seh ich immer, lauter Rot. (Murmelt grausig.) - -AMADEUS: De Mutter Pius, die hat en Mittel dafür. Aus dem -Zuchthauskirchhof holt sie die Totenköpfe und reibt sie zu Zucker. (Sie -lachen alle drei. Carl tritt, leise vor sich hin pfeifend, aus dem Haus -und setzt sich auf die Bank. Amadeus spricht ohne Pause weiter, ohne -Carl zu bemerken.) Mich kann se vielleicht auch helfen. (Er legt die -Hand zärtlich bange aufs Herz; er bemerkt plötzlich Carl.) Nabend Carl. -(Rührselig). Es hat en Sprung gekriegt, es klirrt nur immer so drinn. - -Lange ANNA: (höhnisch) Deine Großmutter will er consultieren. - -AMADEUS: (auf Frederech zeigend) Dem soll se auch lebendig machen; wie -en Spezialdoktor weiß se mit de Kastemännekens Bescheid, was Carl? - -CARL: (hochmütig und abweisend) Sucht euch Arbeit, dann vergehen euch de -Schrullen. - -PENDELFREDERECH: Ich will nich reicher werden. - -Lange ANNA: (zu Carl) Tu man nich so aufgeblasen. - - (Kroatenjungen kommen, sie heulen.) - -AMADEUS: Was heult ihr so spät in der Nacht, heulen könnt ihr noch -morgen. - -KROATENJUNGEN: Aben verkauft nich, garnich, Meister schlägt, tut weh -.... - -Lange ANNA: (zu Carl) Pastor kümmer Dir um Deine Gemeinde. (Carl gibt -sich eine abweisende Würde.) - -AMADEUS: Laß man (er faßt in seine Tasche. Die Kroaten gehen weiter.) - -Lange ANNA: (zu Carl) Was, Du alter Geizkragen, Du Kreuzverdreher, Du -Taschendieb. (Er will in Carls Taschen fassen.) Zeig uns ens das fremde -Portemonnai! (Carl verrenkt mit wortloser Leidenschaft den Arm des -langen Anna. Der schreit furchtbar grell auf, Amadeus fällt zusammen, -der Pendelfrederech nimmt ein kleines Metallpfeifchen aus der Tasche und -pfeift. Geht dann stier, ohne den Erfolg abzuwarten, seines Weges und -legt sich gegenüber dem Hause Puderbach am Ufer der Wupper nieder. Es -nahen alsbald drei Helfershelfer aus der Umgegend, die glauben, da man -lange Anna seines kreischenden Heulens und Jammerns wegen nicht -verstehen kann, es handele sich um Amadeus und fluchen.) - - (Mutter Pius tritt aus dem Häuschen.) - -1. HELFERSHELFER: (zeigt auf Amadeus) Wegen den übergeschnappten Pitter? - -2. HELFERSHELFER: Pfeift uns der Stinkadores. - - (Mutter Pius und Carl bringen Amadeus in ihr Häuschen.) - -Lange ANNA: (zeigt vergebens seinen Arm und nach Carl) Ein Mörder is er! -(Die drei Helfershelfer verstehen endlich, um was es sich handelt, -drohen, zeigen Messer und werden sehr laut. Der Großvater Wallbrecker -tritt oben erschreckt ans Fenster.) - -Gr. W.: Macht euch zum Teufel, ihr versoffene Nachteulen. - -Die drei HELFERSHELFER: Johannes Sohn is ein Mörder, soll sich noch mal -sehen lassen. (Lange Anna kreischt wiederholend) Ein Mörder, ein Mörder! - -Gr. W.: (krähend) Amanda, ruf den Carl bei mich. (Er geht vom Fenster, -man hört sein Bett knacksen; kräht schlaftrunken) Meine Piepe will ich -hab'n, (in Lieschens Ton) mit dem Hirschkopf drauf! - - (Die Männer verziehen sich drohend, Lange Anna mit ihnen.) - -Gr. W.: (Leise) -- Tum tingelingeling .... - - (Der Vollmond steht grell am Himmel, leise öffnet sich eines der - Dachfenster im Arbeiterhause, in dem Puderbachs wohnen. Das - kleine Lieschen steigt leise mit geschlossenen Augen im - Nachthemdchen aufs Dach, macht einige Schritte zur Wupper hin, - wo Frederech liegt und steigt wieder zurück durchs Fenster. - Pendelfrederech hebt sich bei dem Vorgang langsam auf Vieren und - stiert gläsern nach dem Dach. Sozialdemokraten singen - unterdessen, hoch am Wald vorüberziehend, vierstimmig ein - sozialdemokratisches Lied, man hört die letzten Worte: Denn unsre - Fahn' ist rot.) - - - - - ZWEITER AKT - - - Ein blühender, gepflegter Garten mit Beeten und Rosensträuchern - und im Hintergrund ein Springbrunnen auf einer kleinen, künstlich - hergestellten Anhöhe; im Hintergrund ein Pavillon mit bunten - Fenstern, _den man kaum sehen kann_. Rechts ein weinumrankter - Treppeneingang, der in die alte Villa Sonntag führt. Links im - Vordergrund ein Zelt mit Tisch, Bank und Stühlen. Zwischen - Gartenzaun und Nachbarmauer zieht sich eine in die Stadt - führende, schmale Gasse. An der Nachbarmauer ist ein Blechschild - angebracht mit üblicher Warnung, aber es ist schon alt und - ruiniert und seine Aufschrift unleserlich. - -Frau Sonntag, Heinrich, Eduard, Martha, Carl Pius, Mutter Pius, Auguste -und Berta, die drei Herumtreiber: Pendelfrederech, Lange Anna, der -gläserne Amadeus. - -Mutter PIUS: Lassen Se mir ihm zwischen de eurigen sehn, das freut so'n -altes Großmutterherz. - -BERTA: (gnädig und geziert) Unsere Frau ist auch so freundlich zu ihm -und erst (respektvoll) der Herr Eduard. - -Mutter PIUS: Was Se sagen -- aber, is er das vielleicht nich wert? In de -früh um fünf kömmt euer junger Herr und holt ihm aus dem Nest und frägt -ihm hie und da wegen dem Examen. - -BERTA: (schnippisch) So klug ist der Carl? - -Mutter PIUS (überlegen): Wann er _mein_ Enkelsohn ist? - -BERTA (lacht vorlaut. Sie will Mutter Pius verlassen, stellt das Tablett -mit dem Abendgeschirr auf die Bank -- die Servietten vergeßlich unter -dem Arm haltend.) - -Mutter PIUS: Hab'n Se's so eilig, Berta, sonst verzählen Se sich doch so -gern mit mich? - -BERTA: Ich habe keine Zeit. - -Mutter PIUS: Sie haben wohl den Kopf vom Schatz voll? - -BERTA: Wer sagt Ihnen, daß ich einen Schatz habe? (Berta pflückt sich -eine Kamille vom Beet und läßt dabei zwei Servietten fallen.) - -Mutter PIUS: Wer das sagt? Raten Sie ens! -- Die Karten. (Berta stemmt -neugierig die Hände in die Seiten. Mutter Pius hebt die zwei -herabgefallenen Servietten auf und liest wohlgefällig den Namen auf dem -Serviettenring.) - -Mutter PIUS: (zu sich) Wie en Kind im Haus .... - -BERTA: Na was sagen denn die Karten all, Mutter Pius? (schmeichlerisch.) - -Mutter PIUS: (Läßt Berta ein bißchen zappeln) Das möchten Sie wohl -wissen, Berteken? - -BERTA: (Nickt geziert). - -Mutter PIUS: Dein Schatz wird Dich untreu, aber eine weite Reise machst -De übern Ozean, und ein reichen Millionär lernst De kennen. - -BERTA: _Donnerstag!_ (verwundert) Unser Fräulein hat mir zwei Nächte -hintereinander im Schiff gesehen. - -Mutter PIUS: Siehs De!! - -BERTA: Aber zu Auguste haben Sie am Sonntag gesagt, mein Schatz wär ein -robuster Mann mit einem Schnauzbart. - -Mutter PIUS: Ich hab das gesagt? Laß mir ens besinnen ..... - -BERTA: (geziert) Aber er ist von kleiner Statur und trägt einen hellen -Spitzbart. - -Mutter PIUS: (weissagend, komisch) Un adlig is er. - -BERTA: _Donnerstag._ (Verwundert.) - -Mutter PIUS: Das dumme Weib, geärgert hat sie sich, daß der Coeurkönig -nich bei ihm lag und es zwanzig Jahr auf einen warten muß. Un da hat es -Dir vor Neid angeschmiert. Nä, Berteken, daß De so dumm bist! - -BERTA: Ich werd's der besorgen! - -Mutter PIUS: Laß man, es is ja en arm Dier mit sein scheeles Aug und -seine schiefe Schultern, laß man Berteken. - -AUGUSTE: (steht im Seitengang, der aus der Küche in den Garten führt, zu -Berta) Wo bleiben Se denn? (Mutter Pius gewahrend, eilt sie zu ihr.) - -Mutter PIUS: (zu Berta) Ich hab auch de Madame schon rufen hören. (Berta -geht geziert ins Haus. Mutter Pius nähert sich gewandt dem Pavillon, -bückt sich, um durch die Ritzen besser sehen zu können.) - -Mutter PIUS: (zu Auguste) Ich habe ihm nur durch die Ritzen gesehen, ich -muß mir jetzt beeilen, das Liesken von Puderbach hat de Windpocken. - -AUGUSTE: Was Se nich alles verstehen (glotzäugig, gläubig.) - -Mutter PIUS: (nimmt ihr Körbchen am Arm und reicht Auguste die Hand.) - -AUGUSTE: Hab'n Se denn unsere Frau schon gesprochen? - -Mutter PIUS: Das sehen Se doch an die schmierige Spitzen. (Aufs Körbchen -weisend.) - -AUGUSTE: (glotzäugig, gläubig) Was Se nich alles verstehn! - -Mutter PIUS: Alles muß man verstehen, das feinste und das gröbste. - -AUGUSTE: (schüttelt bewundernd den Kopf. Mutter Pius wendet sich -geringschätzend und diabolisch lachend, noch einmal zu Auguste herum.) - -Mutter PIUS: Hab'n Se molz en flotten Kerl gefunden, trotz de Karten? - -AUGUSTE: Nä, leider nich, Eure Karten sind reine Teufels, Mutter Pius. - -Mutter PIUS: Kommen Se de doch ens wieder bei mich, vielleicht kriegen -wir Gewalt über den Zauber, Auguste. - -AUGUSTE: Wenn ich mich erlauben darf. (Man hört Husten aus dem Pavillon; -sie horchen beide erschreckt nach der Richtung.) - -AUGUSTE: Das is Herr Eduard nich, das is de Marta, die guckt zu lang in -de Nacht aus' en Fenster. - -Mutter PIUS: (lauernd) Euer Fräulein soll ens lieber schlafen. - -AUGUSTE: Sie möcht auch von Euch de Karten gelegt haben. - -Mutter PIUS: (freudig) Eine Gräfin war bei mich. - -AUGUSTE: (sie anstaunend) Wenn Se's nich wieder sagen, zeig ich Euch ne -neumodsche Photographie von de Marte -- splitternackt, wie's erste Weib -unterm Baum. (Frau Sonntag und Heinrich treten unbemerkt aus dem Haus.) - -Mutter PIUS: Du hältst de Mutter Pius wohl für dumm? - -AUGUSTE: Ihre Freundin, das Fräulein Oberbürgermeister, hat se so -abgenommen. -- - -Mutter PIUS: Lauf wacker! (Auguste eilt fort durch die Seitentür, Mutter -Pius ruft ihr nach) Ich leg Dich auch fein die Karten, Auguste ... - - (Mutter Pius bemerkt die Kommenden, Heinrich nähert sich dem - Zaun, und nimmt von einer Frau die Abendzeitung entgegen, drückt - ihr flüchtig ein Geldstück in die Hand, indessen Frau Sonntag - zum Zelt schreitet.) - -Mutter PIUS: (gewandt) Verzeihen Se, Ma'm Sonntag, daß ich noch hier -stehn tu, ich wollt mein Enkelsohn Addjüß sagen. (Frau Sonntag nickt -freundlich herablassend und geht rechts, die Rosen betrachtend, weiter. -Mutter Pius kommt auf Heinrich zu, klopft ihm vertraulich auf die -Schulter.) - -HEINRICH: Schockschwerenot, Frau Pius, wie geht es Euch bei den -schlechten Zeiten? - -Mutter PIUS: Davon wissen Sie doch nicks, Herr Heinrich. - -HEINRICH: Un immer jünger werden Se. (Berta tritt aus dem Haus, den -Tisch zu decken.) - -Mutter PIUS: Sie Schmeichler. - -HEINRICH: (zynisch, gutmütig) Frau Pius, was meinen Se zu uns zwei? - -BERTA: (kichernd.) - -HEINRICH: (zu Mutter Pius) Lassen Se den Kickindewelt lachen, er weiß -von de Liebe nicks. - - (Frau Sonntag nähert sich zerstreut dem Zelte.) - -Mutter PIUS: So en jungen reichen Herrn un ich? - -HEINRICH: Schockschwerenot, es is mein heiliger Ernst. Eine verständige -Frau muß ich haben. - -Frau SONNTAG: Frau Pius, lass Sie sich von meinem Sohn nicht zum Besten -halten. - -Mutter PIUS: Ich uz mir gern mit ihm, Ma'm Sonntag, lassen Se ihm die -Freude. - -HEINRICH: Wenn Se alles innes Lächerliche träkken, liebe Frau Pius, wir -passen doch aufs Haar zusammen. - -Mutter PIUS: (weiß nicht, wie sie es auffassen soll) Ein reiches -Fräulein muß Herr Heinrich heiraten. Titichens, will de Großmama (zeigt -auf Frau Sonntag) wieder in Arm wiegen (sie macht mit dem Arm die -Wiegebewegung.) - -Frau SONNTAG: Nun lass Frau Pius zufrieden, Heinrich. - -Mutter PIUS: Auf de Messe aber dürfen Se mir Johanni mit die Freunde in -meine Bude besuchen. Ich servier diesmal (nickt Heinrich heimlich -zynisch zu) en extra feine Delikatesse -- - -BERTA: (bescheiden zu Frau Sonntag und Heinrich) Ein Kind mit _zwei -Köpfen_ .... - -Mutter PIUS: (bemerkt endlich Auguste, die schon längere Zeit erfolglos -aus dem Seiteneingang winkt) Nabend zusammen, ich muß bei meine Leute! -(Frau Sonntag setzt sich auf die Bank an den Tisch und Heinrich bleibt -neben ihr stehen.) - -HEINRICH: Ein Unikum ist die Olle! - - (Mutter Pius entreißt Auguste das Bild [Kabinettgröße] und - entfernt sich aus der Zauntür. Auguste bleibt verdutzt stehen.) - -Frau SONNTAG: Du ziehst sie aber auch beständig auf, Heinrich. - -AUGUSTE: Wie'n Wind (geht ins Haus). - -HEINRICH: Spaß muß sein, Mama Charlottchen. - -Fr. SONNTAG: Macht Dir das solch einen Spaß? - -HEINRICH: Du sagst das so melancholisch. - -Fr. SONNTAG: So, das weiß ich garnicht. - -HEINRICH: (kleine Pause) Dieses Jahr wird die Bilanz gut werden, Mama -Charlottchen. - -Fr. SONNTAG: (lebhafter) Du belügst mich, Heinrich? - -HEINRICH: Bei meinem verrosteten, alten Säbel. - -Fr. SONNTAG: Du bist ein Junge! - -HEINRICH: Wir wollen ein Pulleken darauf trinken, Mama Charlottchen! - -Fr. SONNTAG: (schüttelt lächelnd den Kopf). - -HEINRICH: Schad, daß Pius Großmutter nicht mehr da ist; sitzen die noch -immer darin? (Er zeigt auf den Pavillon.) - -Fr. SONNTAG: Man muß sich nicht gemein machen mit diesen Leuten. - -HEINRICH: Mittags promeniert sie vor meinem Büro vorbei, bis ich -rauskomm. - -Fr. SONNTAG: Warum? - -HEINRICH: (im Ton der Arbeiter) Sie liebt mir -- - -Fr. SONNTAG: Schwätz keinen Unsinn, Heinrich. - -HEINRICH: (lacht). - -Fr. SONNTAG: Laß die arme, alte Person in Frieden, ich möchte die -Neckerei um Eduards Willen nicht. Du kennst doch seine Sympathie für -Pius. - -HEINRICH: Pius kennt die alte Schrulle ganz genau. - - (Berta trägt Schüsseln mit kalten Speisen auf.) - -Fr. SONNTAG: Taisez donc! - -HEINRICH: Ich sag ja nichts. (Er nähert sich dem Pavillon. Marta ist -gerade im Begriff aus der Türe zu treten -- die Geschwister stoßen sich -fast.) - -MARTA: Hast Du mich erschreckt! - -HEINRICH: (neckisch) Ein unschuldiger Mensch erschrickt nicht, beichte! - -MARTA: Esel! - -HEINRICH: (plötzlich leise mit Erregtheit, die sich steigert bis zum -Jähzorn) Ich will Dir mal was sagen, erfahre ich noch einmal, daß Du in -meiner Abwesenheit im Büro gewesen bist, so bekommst Du ein paar -Backpfeifen von mir. - -MARTA: (ein wenig verblüfft) Ich tu doch garnichts da. - -HEINRICH: Du weißt, Simon ist mein Angestellter, ich wünsche, daß er -Respekt behält vor uns, verstehst Du! (wieder munter) Schockschwerenot! - -MARTA: Herr von Simon ist stets höflich zu mir. - - (Eduard und Pius treten in den Pavillon.) - -HEINRICH: Das will ich auch hoffen. (Heinrich reicht Carl Pius die -Hand.) Hab doch wahrhaftig wieder die Marken vergessen. - -EDUARD: (zu Carl; Heinrich umfassend) Er schwitzt den ganzen Tag für -uns, Carl, er ist der selbstloseste Mensch auf der Welt. - -HEINRICH: (tut beschämt wie ein Backfischchen, bei seinem robusten -Äußern sehr ulkig wirkend). - -MARTA: (geht dem Tisch des Zeltes zu) Mama, ich habe schreckliche -Augenschmerzen (sie öffnet sie graziös affektiert) vom Nachschlagen. - -Fr. SONNTAG: Ich bewundere schon lange Deine Ausdauer. (Pius geht -ungeschickt auf Frau Sonntag zu und verbeugt sich tief vor ihr. Frau -Sonntag reicht ihm die Hand.) - -MARTA: Herr Pius will vor dem Abendbrot nach Hause gehen, Mama. - -Fr. SONNTAG: Aber warum das, Herr Pius? - -CARL: Wenn ich so frei sein darf? (Marta bietet ihm den Stuhl neben sich -an; Heinrich setzt sich links von Marta -- Eduard nimmt neben seiner -Mutter auf der Bank Platz. Berta serviert den Tee und bedient etc.) - -MARTA: Findest Du nicht die Hornbrille scheußlich für Herrn Pius, Mama? -Er sieht aus wie ein Dorfschullehrer. - -Fr. SONNTAG: Marta schwätz nicht soviel Unsinn. - -CARL: (verlegen.) - -Fr. SONNTAG: Ich habe noch garnicht bemerkt, daß Herr Pius eine Brille -trägt. - -CARL: Seit kurzem. - -EDUARD: Bitte nimm sie mal ab. (Carl zögert.) Ich bin auch kurzsichtig. - -Fr. SONNTAG: Deine Rehaugen .... - -HEINRICH: (ulkig einen Backfisch imitierend) Das lass ich mir nicht mehr -gefallen, mir macht kein Mensch den Hof. - -BERTA: (kichert leise auf, Frau Sonntags Blick streift sie rügend.) - -HEINRICH: Sie denken an Mutter Pius, Berta, was? Eine Großmutter haben -Sie, Pius, prima! - -CARL: (verlegen.) - -HEINRICH: Ich glaube sogar, sie ist eine ganz kluge Frau? - -EDUARD: (zu Carl) Von köstlichem Humor. - -MARTA: Eduard sagt, sie versteht lateinisch. - -Fr. SONNTAG: Auf welchen Tag fällt Ihr Examen, Herr Pius? - -CARL: Am Mittwoch, einige Tage nach Johanni, Madame Sonntag. - -EDUARD: Du regst Dich mehr auf, wie wir beide und die ganze Prima -zusammen. - -Fr. SONNTAG: Mein Sohn sagt mir, Sie machen sich Ihrer Studien wegen -Sorge? - -CARL: (ist verlegen um Antwort.) - -EDUARD: Du wolltest Dich doch für weiteres verwenden, Mutter? - -Fr. SONNTAG: (nickt freundlich Eduard zu, ihr Blick fällt plötzlich auf -Heinrich, der interessiert in der Zeitung liest.) Was interessiert Dich -in der Zeitung -- (rügend) während des Tisches. - -HEINRICH: Ich bitte um gnädige Verzeihung, Mama Charlottchen. - -MARTA: Hältst Du Dein Versprechen, Heinrich? - -HEINRICH: Gerad mein Pferd muß stürzen. - -MARTA: Du schwindelst mir immer was vor. - -HEINRICH: (neckisch) Im Gegenteil, Du mußt den Verlust tragen helfen! - -MARTA: Esel! - -HEINRICH: Danke! - -Fr. SONNTAG: Du kannst doch das Spielen nicht lassen. - -HEINRICH: Es ist, mit Herrn Schiller gesagt: Mein Spaziergang. - -EDUARD: Er sitzt auch viel zu viel im Büro. - -MARTA: Und dick bist Du, wie der Wirt vom Schützengarten drüben. - -CARL: Warum reiten Sie nicht, Herr Sonntag? - -Fr. SONNTAG: Du hast doch wirklich sonntags Zeit. - -HEINRICH: Der Hengst scheut ja, wenn ich mich ohne Uniform drauf setz', -Kinder. - -CARL: Fußtouren wären Ihnen auch zuträglich. - -EDUARD: In den Tiroler Alpen, was Carl? - -CARL: Zum Schneerössel rauf. - -EDUARD: Zehn Kilometer müßtest Du täglich steigen; faktisch, das tät ihm -gut. - -HEINRICH: Ich werde mich gleich im Schützengarten wiegen lassen, ich -glaub, ich habe schon durch eure guten Ratschläge abgenommen. (Zwei -kleine Mädchen stehen, von allen unbemerkt, am Gartenzaun.) - -Fr. SONNTAG: Mit ihm ist kein ernstes Wort zu reden. - -EDUARD: Pack doch einfach seinen Koffer, Mutter. - - (Die kleinen Töchter vom Wirt verschwinden ungesehen wieder.) - -HEINRICH: Und wer soll unterdessen für die Kleinen sorgen? - -Fr. SONNTAG: Du hast doch einen Stellvertreter. Marta lobte ihn gestern -noch. - -HEINRICH: Sie soll sich lieber um die Haushaltung bekümmern. - -MARTA: Esel! - -HEINRICH: Danke! Freuen Sie sich, Pius, daß Sie keine Schwester haben. - -CARL: (seltsam aufflammend, antwortet etwas schüchtern) Und ich beneide -Sie darum. - -Fr. SONNTAG: (lächelnd) Hörst Du's, Heinrich? - -HEINRICH: (schlägt Marta zärtlich auf den Rücken.) - - (Pause.) - -Fr. SONNTAG: Ich würde ja öfters in die Fabrik gehen ... - -HEINRICH: (neckisch) Weißt Du eigentlich, wo sie ist, Mama Charlottchen? - -Fr. SONNTAG: (scherzend) Wie er mich schlecht macht. - -MARTA: Herr von Simon ist energischer wie Du bist mit den Arbeitern. - -HEINRICH: Wenn ich dabei bin. - - (Alle lachen, nur Marta schmollt.) - -HEINRICH: Den Willem, meinen fleißigsten Arbeiter, hab ich seinetwegen -herauswerfen müssen. - -MARTA: Der drang betrunken ins Büro und wollte ihn dort totschlagen. - -HEINRICH: Die Sache ist mir auch noch nicht klar. - -Fr. SONNTAG: Wenn _Dir_ nur mal nichts passiert, Heinrich. - -EDUARD: Ihn haben sie alle gern, zu Dir haben sich öfter doch Arbeiter -geäußert, Carl? - -CARL: Ich steh mit all den Leuten kaum auf Grußfuß. (Frau Sonntags Blick -streift ihn mißtrauisch.) - -Fr. SONNTAG: (zerstreut) Wollen Sie wirklicher _evangelischer_ -Geistlicher werden, Herr Pius? - -CARL: Ja, Madame Sonntag. - -Fr. SONNTAG: Ihre Großmutter wünscht es wohl? - -CARL: So ernste Fragen pflege ich allein zu erledigen. - -Fr. SONNTAG: (unbewußt in herablassendem Tone) Versprechen Sie sich eine -schnellere Carriere? - -CARL: (primanerhaft) Ich bin mit den Dogmen der katholischen Kirche in -Konflikt geraten. - -Fr. SONNTAG: (nickt zustimmend hin zu Eduard.) - -EDUARD: Iwo, Mutter, er will heiraten. - -HEINRICH: Ich geh noch was rüber kegeln. - -MARTA: Die kleinen Blagen standen schon vormittags am Zaun. Sie hätten -heute Eisbein mit Sauerkohl, ließe ihr Vater Herrn Leutnant sagen. - -HEINRICH: (zu Carl) Er war mein Untergebener. - -Fr. SONNTAG: Das sind also die Kinder vom Wirt? - -HEINRICH: Ich kauf den Püppkens manchmal Schokolade. (Er erhebt sich und -macht eine lange Gähnbewegung mit Mund und Armen.) - -MARTA: (Schnellt vom Stuhl auf) Wollen Sie das Kissen mal sehen, was ich -Eduard (zu Carl sich wendend) zum Examen schenke? - -CARL: Ich bitte darum. (Er erhebt sich freudig.) - -Fr. SONNTAG: Aber Marta, wie kindisch, wie können Herrn Pius Deine -Stickereien interessieren? - -CARL: Ich habe sogar als Knabe mit Vorliebe weibliche Handarbeiten -selbst ausgeführt. (Frau Sonntag verzieht ihr Gesicht ungläubig.) - -EDUARD: Faktisch, Mutter! Mutter Pius zeigte mir ein großes Kreuz, was -er gestickt hat. (Heinrich schreitet, die Hände in den Taschen, dem -Hause zu, wendet sich um.) - -HEINRICH: Addjüß Kinder! (Marta und Carl schlendern um eins der Beete.) - -MARTA: Ich habe ein Bouquet Kamillen nach der Natur darauf gestickt. - -PIUS: Sie sind selbst eine Kamille, (leise) man möchte Sie immer fragen -.... Und es paßt auch viel besser für Sie, mit bunten seidenen Fäden zu -spielen als uns zwei Kandidaten Examenarbeiten zu helfen. (Man versteht -die letzten Worte kaum mehr, sie biegen in den Seitenweg des Gartens -ein.) - -EDUARD: Mutter, warum bist Du nicht freundlicher zu Pius? - -Fr. SONNTAG: Aber Kind, ich gebe mir doch die erdenklichste Mühe. - - (Sie legt ein Tuch um seine Füße.) - -EDUARD: (scherzend) Wenn ich mal oben im Himmel bin, wirst Du abends -heraufkommen und das große Sternenfenster schließen, Mütterchen. - -Fr. SONNTAG: Wie Du sprichst .... - -EDUARD: O, ich habe noch viel, viel zu erledigen. - - (Er legt seinen Arm lächelnd um ihre Schulter.) - -Fr. SONNTAG: Du solltest mehr an Dich denken, die vielen -Nachhilfestunden, die Du wieder für Pius übernommen hast! -- Ich gebe -ihm lieber das Geld. - -EDUARD: Das würde ihn beschämen; mir macht es faktisch Vergnügen; Pius -ist zu gesund, Geduld zu üben. (Kleine Pause.) Er hat mächtige Wellen, -Mutter, die überstürzen sich. - -Fr. SONNTAG: Dir tun seine Schüler leid, ich kenne Dich, Eduard. - -EDUARD: (lächelt) Hier waltet nur höhere Gerechtigkeit. - -Fr. SONNTAG: Du dichtest ihn Dir, Eduard. - -EDUARD: (scherzend) Wie sollte der, der den Himmel verkündet, nicht ein -Dichter sein. (Kleine Pause.) Dich stört seine breite, ungeschickte Art. - -Fr. SONNTAG: Ich verlange von ihm doch keine weltmännischen Finessen. - -EDUARD: Seine einfache Umgebung selbst respektiert instinktiv seine -geistige Stärke. - -Fr. SONNTAG: Seine geistige Stärke -- Kind, Kind, diese Leute haben nur -Respekt vor Fäusten. - -EDUARD: Denke an Petrus, Jakobus .... - - (Marta und Carl werden sichtbar.) - -Fr. SONNTAG: Du glaubst nicht, wie unsympathisch es mich berührt, wenn -ich ihn neben Marta sehe. - - (Eduard erhebt sich betrübt. Er hustet leicht.) - -Fr. SONNTAG: Willst Du zu Bette gehen, Eduard? - -EDUARD: (kleine Pause) Durch den Garten wollen wir wieder wandeln, -Mutter, weltentrückt, wie durch einen duftenden Psalm. - -Fr. SONNTAG: Du machst mir das Herz schwer .... - -EDUARD: Das will ich nicht. Dein Herz ist ein Teil meines Himmels, darum -werde ich Dir ja bleiben, Mutter. - - (Frau Sonntag und Eduard biegen um die Rosen ein. Pius und Marta - treten in den Vordergrund -- sie setzen sich auf eine Bank vor - dem Springbrunnen.) - -PIUS: (streng, schüttelt energisch den Kopf) Seinen Glauben respektier -ich. - -MARTA: Aber Mama weint immer, er will doch in den strengsten Orden -eintreten, barfuß geht er dann und seine schönen Locken werden ihm -abgeschnitten. - -PIUS: (neidvoll) Das empfinden Sie wohl am schmerzlichsten? - - (Pause.) - -Aber Sie erzählten mir doch, die Ärzte sagen, es käme nicht dazu. - -MARTA: Denen kann man ja nicht glauben -- und Mama haben sie es -verschwiegen, sie würde sterben an seinem Tod. - -CARL: (sarkastisch) Also der Tod wäre demnach Ihrer Frau Mutter sicher. - -MARTA: Bitte, spotten Sie nicht! - -CARL: Ich bin nicht zum Spotten aufgelegt. - -MARTA: (forschend) Ist er eigentlich schon katholisch geworden? - -CARL: Fragen Sie ihn doch selbst. - -MARTA: Sie sind frech! - -CARL: (theatralisch, primanerhaft) Darum will ich auch der Welt den -Schoß der Mutter nehmen. - -MARTA: (macht eine Bewegung des Unverständnisses.) - -CARL: Darum will ich evangelischer Verkünder werden. - -MARTA: Ich glaube, Sie werden furchtbar schimpfen von der Kanzel. - -CARL: (sarkastisch, scherzend) Fegefeuer auf all die Sünder regnen -lassen. - -MARTA: Sie stritten doch einmal mit Eduard, es gäbe keine Sünde. - -CARL: Im Sinne der Natur gibt's auch keine Sünde. - -MARTA: Warum wollen Sie dann strafen? - -CARL: Weil ich sie nicht genießen kann. (Er wendet sich plötzlich jäh zu -Marta.) - -MARTA: (erschrickt) Und schreiben so fromme Gedichte .... - -CARL: Haben Sie sie übersetzen können? - -MARTA: Mühsam, jedes Wort schlug ich nach. - -CARL: Später sende ich Ihnen täglich Kamillensträuße. Schenken Sie mir -eine aus Ihrem Gürtel, bitte. - -MARTA: Meinetwegen. - -CARL: Sie paßt zu Ihnen, wie zur Amazone die Waffe. - -MARTA: Und sind ebenso gefährlich. - -CARL: Wenn Sie die Blättchen fragen. (Man sieht Frau Sonntag und Eduard -durch eine dichte Baumallee wandeln, der Villa zu.) - -MARTA: Das tu ich schon lang nicht mehr. - -CARL: Sie sind Ihrer Sache gewiß. (Er will ihre Hand küssen.) Sie -spielen mit mir, Marta? - -MARTA: Wenn Sie noch einmal meine Hand berühren, schlage ich Sie. - -CARL: Tun Sie das. (Marta bricht, unwillig auflachend, ein Stöckchen vom -Strauch ab, sie berührt damit Carls Hand.) - -MARTA: Wehren Sie sich doch! - -CARL: Wie sollte ich mich wehren, einem Fräulein gegenüber. - -MARTA: Sie sind feig. - -CARL: Allerdings. - -MARTA: Feigling! - -CARL: Sie reizen mich. - -MARTA: (lacht mutwillig auf; Carl berührt mit seinem Bleistift leicht -ihre Hand; Marta lacht ihn aus, Carl schlägt.) - -CARL: Verzeihung -- o (er will ihre Hand küssen.) - -MARTA: Das war gemein. (Sie schlägt stärker zurück.) - -CARL: O! (wehrt ab.) - -MARTA: Das war gemein, hier! - -CARL: Ich fange gleich an zu weinen wie ein Kind. - -MARTA: Pfui! - -CARL: Sie sind herzlos. - -MARTA: Und Sie vielleicht nicht? - -CARL: Ich war hilflos. - -MARTA: (leichtfertig, kindlich und kokett) Und wenn ich Ihnen alle -(greift in den Gürtel nach ihrem Kamillenstrauße) schenke? - -CARL: Sie legten Sie nun auf ein Grab. - -HEINRICH: (kehrt durch die Gartentür zurück -- er nähert sich den -beiden.) - -MARTA: (erschrocken zu ihm) Wie ein Dieb. - -HEINRICH: Bei _den_ Füßen (zeigt sie) müßte man schon taub sein. (Er -gähnt in verschiedenen Tönen.) Pius, kennen Sie ein Subjekt Namens -Amadeus? - -CARL: (noch in Gedanken.) - -HEINRICH: Er kennt Sie. - -CARL: Der Amadeus mit dem gläsernen Herzen. - -MARTA: Warum kommst Du schon zurück? - -HEINRICH: Weil ich müd bin. - -MARTA: (zu Carl) Auguste kennt seinen Großvater, der war Glaser und er -deutet Träume. - -HEINRICH: Er hat mir soeben den Tod prophezeit. - -CARL: (ironisch) Die Deutung schmutziger Gewässer. - -HEINRICH: Nä ... (zynisch, gutmütig) ich hab von faulen Eierschalen -geträumt; für 10 Groschen wollte er mich auch nicht am Leben lassen. - -CARL: Er ist konsequent. - -HEINRICH: Das muß man ihm lassen. - -MARTA: Oft sollen gerade so Leute wahr prophezein; erzähl es nur nicht -Mama. - -HEINRICH: (geht zwischen den Zähnen summend ins Haus; vorher verschließt -er die Gartentür.) - -MARTA: Ich glaub, er hat doch was Angst. - -CARL: (lacht auf) Er hat es schon längst vergessen. - - (Die Katzen schreien.) - -MARTA: Wie kleine Kinder! - -CARL: (schweigt.) - -MARTA: Weiße Angorakatzen sind himmlisch. - - (Berta und Auguste schleichen um das Haus mit Briefen in der Hand - und klettern über den Zaun.) - -CARL: Haben Sie Ihre Dienstboten gesehen? - -MARTA: Es sind doch auch Menschen. - -CARL: Darum müssen sie gehorchen. - -MARTA: Eduard sagt immer, es seien arme, weiße Sklaven. - -CARL: Eduard ist ein Idealist. (Die Katzen schreien wieder auf.) - -MARTA: Das war die alte, greise Katze! - -CARL: Ich werde noch tobsüchtig ..... - -MARTA: (lacht mutwillig, kokett.) - -CARL: Lassen Sie das Vieh! - -MARTA: Wie Betrunkene -- (sie schreien wieder.) - -CARL: Sie lecken zuviel an den süßen bunten Kelchen. - -MARTA: Auf meiner Decke liegt des Morgens immer Blütenstaub. - -CARL: Ich schlafe nicht. - -MARTA: Wegen des Examens? - -CARL: Ich habe täglich ein schwereres zu bestehen. - -MARTA: Meine Mama -- -- -- (sie sehen beide gespannt zum oberen Fenster -der Villa; Carls Arme sinken schwer herab.) - -MARTA: (atmet laut auf, Frau Sonntag ist wieder vom Fenster -verschwunden, man hört murmeln außerhalb des Gartens.) - -CARL: Mädchen! (Er reißt Marta an sich, sie aber entwindet sich seinem -Arm und stürzt ins Haus. Carl bleibt allein. Der gläserne Amadeus, -Pendelfrederich, Lange Anna bleiben am Eingang der Gasse stehen.) - -Lange ANNA: Fises Mensch, zwei Stunden hab'n wir uns in die Winkels vor -de Türen gedrückt, in der Zeit Du prophezeit hast, un nu gibst De uns so -'en schäbigen Lohn? - -PENDELFREDERECH: Un mir kriegst De auch nich mehr mit zum Bangemachen. - -AMADEUS: Ich hab euch nich zu eingeladen, mit mich zu gehen; un Du, -Frederech, vertreibst mich de Kunden mit Deine offne Bux. - -Lange ANNA: (schmeichlerisch zu Amadeus.) Ich bin doch immer mit Dich -gegangen, un nun sprichst De so (stößt ihn mit der Schulter vertraulich -an). Es hat wohl lang nicht geklirrt in Dein zimperlich Herz? - -AMADEUS: Na, da hast es, aber en halben Taler mußt De mich lassen. - -Lange ANNA: (dreht sich um und stellt sich vor die Mauer.) - -AMADEUS: Siehst De denn nich (zeigt auf das Schild). - -Lange ANNA: Ich hab überall Passe-partout. (Die beiden Mädchen kehren -zurück, sie wollen schnell über den Zaun springen, sehen die Männer und -schreien auf.) - -AMADEUS: Nu schreit man nich so toll, ihr herrschaftliche Hurweibers. - -Lange ANNA: (ganz hoch) Sollen wir ens? - -BERTA: Herr Pius! - -AUGUSTE: Helfen Sie uns! - -CARL: (beachtet ihr Hilferufen nicht.) - -AUGUSTE: Der eine kriegt mir an de Bein! (Die Mädchen schreien -abwechselnd auf, sie sind endlich über den Zaun, laufen zu Carl.) - -BERTA: Haben Sie die drei gesehen? - -AUGUSTE: Ich kann nich mehr, ich kann nich mehr, nä, ich kann nich mehr! -(Amadeus lacht.) Hat die Frau nach mich gerufen, Herr Carl? - -CARL: Darüber kann ich Ihnen keine Auskunft geben. - - (Pendelfrederech murmelt grausig, Lange Anna spielt auf seiner - Handharmonika: O, Du lieber Augustin, alles ist hin, hin, hin - usw. Sie gehen weiter durch die Gasse der Stadt zu.) - -BERTA: So hochnäsig. Sie bilden sich wohl ein, Sie sind der Herr Eduard -selbst? - -AUGUSTE: (gutmütig) Lassen Sie ihm, Berta, es is ja sein Freund, was -Herr Carl? - -BERTA: (plötzlich gewöhnlich) Mach, daß Du zu Haus kömmst, de Großmutter -will das Enkelsöhnchen noch in Schlaf singen. - -AUGUSTE: Still, Berta, er wird schon wissen, warum er hier sitzen tut. - -BERTA: Aber beim Fräulein brennt doch schon de rosa Nachtampel. (Die -Mädchen schleichen durch den Kellergang ins Haus. Die Katzen schreien -noch mal auf, man hört in der Ferne noch Lange Anna spielen: »Alles ist -hin, hin ....«.) - - - - - DRITTER AKT - - - Abends ½9 Uhr. Jahrmarkt. Karussell im Vordergrund links. Hinter - dem Karussell und seitwärts rechts die verschiedenen Buden. Im - Vordergrund die Bude der Riesendame Rosa, neben dieser die - Schießbude, dann die Taucherbude, die Honigkuchenbude etc. - Gegenüber links in kleiner Entfernung die schrägstehende Bude der - Mutter Pius, die man nur ein Viertel sehen kann. Eine gemalte - _Kindermumie mit zwei Köpfen_ ist grotesk auf der Jalousie - gedruckt. Fabrikarbeiter, Fabrikarbeiterinnen, Kommis, - Ladenmädchen, Dienstmädchen, Herren der Gesellschaft mit ihren - Schätzen, Schuljungen, Gassenkinder, Herumtreiber, etc. Im - Karussell stehen im doppelten Kreis hölzerne, groteske Tiere: - Leopard neben Lamm, Reh neben Tiger, Löwe neben Pferd, Hirsch - neben einer Riesengans u. s. w. In Kutschen, die auf und nieder - schaukeln, sitzen laute Weibsbilder und an den Eisenstangen, die - das Dach des Karussells halten, stehen Arbeiter und Schuljungen, - um den Ring wetteifernd, der an einem Pfahl unweit des Karussells - hängt und eine Freifahrt bedeutet. Das Karussell dreht sich noch - langsam auf die schon fast abgelaufene Melodie »O Du lieber - Augustin«. Die letzten Töne: »Alles ist hin, hin hin, alles ist - hin ----« Vor dem Karussell stehen Heinrich Sonntag und Lieschen - Puderbach. -- Sie tragen auf der Nase ein blaues Pincenez und in - der Hand einen Gummiball. Heinrich ist etwas angeheitert. Um - Lieschens Hals hängt ein großes Pfefferkuchenherz mit der - Aufschrift: Ich liebe Dich. Man hört die beiden lachen zwischen - den Klingeltönen des Karussells. - -Heinrich Sonntag, sein Geschäftsfreund, die Herren mit grauen Cylindern, -Dr. v. Simon, Berta, Mutter Pius, Lieschen, August, Zuhälter Wilhelm, -Riesendame Rosa, Kommis, Ladenmädchen, Dienstmädchen, Pendelfrederich, -Lange Anna, der gläserne Amadeus, Arbeiter, unter ihnen Färber, Weber -etc., Arbeiterinnen, Weibsbilder, Jahrmarktsleute, Gassenkinder. - -LIESCHEN: Ich fahr für mein Leben gern, (es klatscht in die Hände) ich -setz mir auf den Leoparden und Sie auf das Lamm. - -HEINRICH: Das machen wir, Puppel. - -LIESCHEN: Wollt es ens doch endlich still stehen, Herr. - -HEINRICH: Du brauchst doch nicht immer Herr zu mir zu sagen. - -LIESCHEN: Wie soll ich Euch denn nennen? - -HEINRICH: Wie De Dein Schatz nennst, Puppel. - -LIESCHEN: Den nenn ich Herrn Eduard, er is mein Königsschatz. - -HEINRICH: (tut erstaunt, er ahnt den Zusammenhang nicht.) - -LIESCHEN: Den kennen Se nich. (Unbewußt verächtlich.) - -HEINRICH: Ist er grad so schön wie ich? - -LIESCHEN: Carl Pius sein Freund is er. - -HEINRICH: Aber so einen langen Schnurrbart (er streicht ihn in die Höhe) -hat er doch nicht? - -LIESCHEN: Herr Eduard scheint immer aus sein Gesicht. - -HEINRICH: (etwas besonnen, er weiß nun, von wem das Kind spricht) Ich -möchte so Jemanden wohl kennen lernen. - -LIESCHEN: Der kömmt doch hierhin nicht. (Das Karussell steht still, die -Leute springen ab. Es steigen unter andern wüste Männer und Weibsstücke -ein, welche toben und kreischen. Heinrich springt jäh mit Lieschen in -einem Satz herauf. Mutter Pius steht plötzlich vor dem Karussell; -Lieschen ist im Begriff, sich auf den Leoparden zu setzen und Heinrich -sitzt schon auf dem Lamm.) - -Mutter PIUS: (zu Lieschen) Das laß ich mich gefallen mit so en artigen -Herr, mein Herzeken. - -Ein Weibstück: (zu Lieschen) Laß mich ens beißen von das süße Herz. - -LIESCHEN: (zu Heinrich) Nä, dat kriegt der Aujust. Er guckt sich de -Augen nach aus und schämt sich, in de Leckersläden zu gehen. (Kleine -Pause.) Daß es noch nich anfängt! - - (Arbeiter treten ungeduldig mit den Füßen. Ein Geschäftsfreund - von Heinrich im grauen Zylinder tritt mit je einem Schatz am Arm - ans Karussell.) - -Der Geschäftsfreund: (zu Heinrich) Nun, Sie alter Sünder! (Das Karussell -bewegt sich.) - -HEINRICH: Steigen Sie noch rauf! (Sie springen herauf.) - -Gassenkind: Nehmen Se mir doch auch mit, Herr! (Die Musik spielt wieder: -»O, Du lieber Augustin etc.«.) - -Mutter PIUS: (zynisch zu Allen) Wünsch euch ne angenehme Hochzeitsreis! -(Sie kehrt schleunigst an ihre Bude zurück. Es kommen die Herren mit den -grauen Zylindern, [Bekannte von Heinrich] mit einer Anzahl Schätze und -springen im beginnenden Tempo aufs Karussell. Arbeiter drängen die -Weiber rücksichtslos ins Innere hinein, da sie auch den Ring greifen -wollen. Das Karussell dreht sich wie ein Wirbelwind. Dr. v. Simon und -Berta kommen aus der Bude der Riesendame -- sie gehen beide auf das -Karussell zu.) - -BERTA: Ist das nicht der Heinrich? - -Dr. v. SIMON: Wo? - -BERTA: Warten Sie, gleich können Sie ihn wieder sehen. - -Dr. v. SIMON: (ein wenig erschrocken.) - -BERTA: Wenns nun Herr Eduard erfährt? ..... - -Dr. v. SIMON: Der Narr ist wohl auch schon _Dein_ Beichtvater? - -BERTA: Und unsere Frau? - -Dr. v. SIMON: (blickt durch seine kleine, goldene Lorgnette -- beruhigt) -Er kann nicht mehr gerade sitzen. - -BERTA: Mich kanns ja gleich sein, ich will doch nicht mehr lange für -andere Leute arbeiten. - -Dr. v. SIMON: (ergreift aufatmend die Gelegenheit) Du mußt mir Dein -Herzchen ausschütten, liebes Kätzchen. (Er will mit ihr umkehren.) - -BERTA: Der bleibt ja nicht lange hier, er reitet ja jetzt immer schon um -6 Uhr früh spazieren. (Sie gehen in die Taucherbude, das Karussell -bewegt sich etwas langsamer. Man hört im Vorbeifahren Heinrichs Stimme.) - -HEINRICH: Noch einmal, Puppel? - -LIESCHEN: Sicher, lieber Herr! - -Ein Weibsbild: (aus der Rutsche) Kommt ens bei mich rein! - -LIESCHEN: Stell Dir doch an de Stange, dann kriegst De den Ring. (Einige -Gassenkinder schreien.) - -Gassenkinder: Der Schimpanse ist ausgekniffen, de große Chimpanse is -ausgekniffen! (Es entsteht eine Panik, zu einem Knäuel strömen die -Menschen zusammen, fast alle Fahrenden springen vom Karussell herunter, -Lieschen will das Gleiche tun.) - -Gassenkind: Der große Chimpanz mit dem kleinen Schwanz is ausgekniffen, -ausgekniffen!!!! - -LIESCHEN: Hörn Se denn nich, der wilde Affe is ausgekniffen, der beißt, -ich hab Angst vor das Tier. De Lehrer sagt, an Kinder machen sich de -großen Tiere am ersten ran. (Der Taucher läuft aus der Bude, -gestikuliert mit dem Eisenkopf und den Eisenfäusten, was furchtbar -komisch aussieht.) - -HEINRICH: (hält Lieschen fest). - -Mutter PIUS: (kommt ans Karussell) Bleibt man sitzen, das is ja nur eine -geriebene Reklame von de Zirkusleute. - -LIESCHEN: Is es auch sicher nich wahr, liebe Mutter Pius? - -HEINRICH: (nickt) Nein. Haben Sie das Pulleken kaltgestellt, Mutter -Pius? - -Mutter PIUS: (zynisch und wehmütig) Un mich dabei. (Die vorzeitig -Abgestiegenen nähern sich wieder dem Karussell, zwei Weibsbilder -schlendern Arm in Arm herbei.) - -Weibsbild: (zu Heinrich) Nehm mich doch, Du zerbrichst ja Dein -Riesengespielzeug. - -Ein anderes Weibsbild: Er is doch de _Puppenhangri_! - - (Die Herren im Zylinder lachen ermuntert auf.) - -HEINRICH: (zu Lieschen) Was sie nich alles vom lieben Heinrich wollen, -was Liescken? (Einer der beiden Schätze des Geschäftsfreundes sagt zu -ihrem Begleiter.) - -Die erste: Zu de Riesendame wollen wir ens rin (zu ihrer Mitliebsten) -Kuck, Minna, die hat en Bart wie en Kerl. (Das Karussell bewegt sich -wieder, ohne zu spielen; in ihm sitzen nur noch vereinzelt Kinder -zwischen Heinrich und Lieschen.) - -HEINRICH: (unsicher, da er angeheitert ist) Lieschen, spielt es denn -nicht? - -LIESCHEN: Es ist schon spät in die Nacht, Mutter Pius sagt, die -Polizisten kämen sonst. - -HEINRICH: Dann wollen wir auch machen, daß wir runterkommen. (Er läßt -die Kleine vom Leoparden auf seinen Rücken steigen, springt mit ihr vom -Karussell, juchheit, läßt Lieschen zur Erde fallen, hebt es wieder in -die Höhe, läßt es wieder fallen, hebt es wieder in die Höhe, läßt es -wieder fallen, fängt es auf, mit ihm springend durch die Menge, Mutter -Pius kommt ihnen bis zur Taucherbude entgegen. Die Herren mit den grauen -Zylindern sind vorangegangen mit den Schätzen und bleiben an der -Schießbude stehen und schießen.) - -Mutter PIUS: (etwas neidisch zu Heinrich und Lieschen) Wie die Blagen. -(Es kommen eine Menge neue Arbeiter.) - -LIESCHEN: Ich hab Angst, der Vater kömmt und holt mir. - -HEINRICH: Ich versteck Dich in meinen Mantel, Puppel. - -LIESCHEN: Meinen Taler nimmt er mich ab für die Sparkass. - -HEINRICH: Dann schenk ich Dir einen goldenen Puppel. - -LIESCHEN: So reich sin Se? (Mutter Pius, Heinrich, Lieschen gehen -weiter.) - -Eine Frau: (erstaunt fragend) Das Kleine von Puderbachs! ... (Sie sperrt -grinsend den Mund auf.) - -Mutter PIUS: Nu, un was alles! Das Kleine helft mich hier. (Sie biegen -nach links ein.) - - (Dr. v. Simon und Berta treten aus der Taucherbude.) - -v. SIMON: Du mußt nicht immer so laut meinen Namen nennen, Kätzchen, das -ist nicht fair. - -BERTA: (beleidigt) O, ich weiß mir doch zu benehmen. (Sie ahmt die -Bewegung Martas nach.) Du willst mir wohl los sein, Bruno? - -v. SIMON: Bewahre. (gereizt): Aber es wäre Deine Pflicht gewesen, mich -auf den Betrieb hier aufmerksam zu machen. Bedenke die Konsequenzen, -falls mich einer meiner Arbeiter hier überrascht. - -BERTA: Unser Heinrich geht doch auch immer auf die Messe. - -v. SIMON: All right! Die Arbeiter wissen auch, was sie von ihm zu halten -haben. - -BERTA: (mürrisch) Dann hätten wir ja überhaupt bei Dir bleiben können. - -v. SIMON: Das können wir ja noch nachholen. (Er kitzelt sie heimlich in -die Taille.) - -BERTA: (schüttelt den Kopf. Dr. v. Simon schiebt sie langsam vorwärts am -Karussell vorbei zum vorderen Ausgang.) - -v. SIMON: Wann feiern wir Hochzeit, Kätzchen? - -BERTA: (versöhnt) Ich dachte nach Weihnachten; so lang bleib ich auch -noch. Die Frau hat mir durchs Fräulein fragen lassen, was ich mir -wünsche. - -v. SIMON: Lass Dir mal weiche Kopfkissen schenken (sagt ihr noch etwas -ins Ohr) mit einem _rosa_ Himmelchen darüber .... - -BERTA: (verschämt geziert). - -v. SIMON: Also vorher wird nichts? - -BERTA: Ich bin doch ein anständiges Mädchen (geziert), ich dürfte nicht -mehr nach Hause kommen. - -v. SIMON: Auch nicht mir zu Liebe? (Er kitzelt sie wieder in die Seite. -Sie biegen beide ein, man sieht sie nicht mehr. Färber, deren Hände -durch ihren Beruf bunt angelaufen sind, -- August Puderbach ist unter -ihnen, und Weber in gestreiften Kitteln und andere Arbeiter in blauen -Blusen kommen über den Jahrmarkt. Mutter Pius tritt wieder in den -Vordergrund.) - -AUGUST: (Zu Mutter Pius) Wo ist es? - -Mutter PIUS: Liesken oder meine Rarität? - -AUGUST: Es! - -Mutter PIUS: Guck ens selber. - -AUGUST: Deine Bude ist ja schon zugeschlossen. - -Mutter PIUS: Meinst De, ich laß se bis zum frühen Morgen offen stehen? - -AUGUST: (Springt auf's Karussell, er dreht selbst die Orgel, die noch -die letzten Töne des Liedes O Du lieber Augustin dumpf abgibt. Er setzt -sich dann auf den Hirsch und lutscht an einer langen Stange Süßholz; -Herr v. Simon kehrt alleine nach Heinrich spionierend zurück, ein -Weibsbild tritt zu ihm heran.) - -Weibsbild: Lassen Se mir ens schießen, ich möcht en Taschenmesser -gewinnen. - -WILLEM: Das sag ich Dich, läßt de Dir mit _dem_ ein, hau ich Dich de -Backzähn aus! - -v. SIMON: (ihn wiederkennend, ängstlich) Nicht gleich so heftig, ich -werd sie Dir nicht fortschnappen. - -WILLEM: Du dünnet Geripp, durch wen bin ich so heruntergekommen, wenn -nicht durch Dir (droht.) - -v. SIMON: (zitternd) Sind Sie nicht der Willem? - -WILLEM: So heiß ich. - -v. SIMON: Warum hat Sie denn eigentlich der Chef gehen lassen? - - (fixiert ihn durch die Lorgnette.) - -WILLEM: Tu man das Glas von de Nas runter, de Hauptsach is, daß ich Dir -wieder kenn, miserabel Verführer! - -v. SIMON: (zitternd und devot) Kalt Blut, Willem. - -WILLEM: (Zu den Zuhörenden) Ich hab auch zu meiner Schwester gesagt, -wenn ich den ens zwischen de Finger krieg! - -August PUDERBACH: (springt komisch vom Karussell) Ich wollt meine Stange -Süßholz ens zu End lutschen. - -(Zu v. Simon idiotisch tückisch.) Seine Schwester haben Sie aufs -Gewissen; nu kann sie lange warten, bis ich sie nehm, Sie fiser -Seidenwurm. - -WILLEM: Meine Schwester Laura auf Dir warten? Auf son Pitter? (Er spuckt -ihn an.) - -v. SIMON: (will sich aus dem Staub machen, aber die Herren im Zylinder -halten ihn auf mit Fragen.) - -AUGUST: Ich heirat überhaupt nich und die abgeknutschte Laura verdek -nich. - -WILLEM: (Haut August eine Backfeife herunter; die Herren im Zylinder -kommen in den Vordergrund und und ziehen v. Simon mit sich.) - -v. SIMON: (zu den Herren) Es wird die höchste Zeit sich zu entfernen. -Shoking! Shoking! - -Einer der Herren mit dem grauen Zylinder: - -Sie verstehen nicht mit den Leuten zu scherzen. - -v. SIMON: (verächtlich sich mit den Fingerspitzen affektiert abstäubend) -Allerdings! - -DER GESCHÄFTSFREUND: Hat man Ihnen das nette Dingelchen stiebitzt? - -EIN ZWEITER VON DEN HERREN MIT DEM GRAUEN ZYLINDER: (auf Heinrich -zeigend) Der Chef versteht es besser mit den Leuten. (Heinrich taumelt -stark betrunken an der Hand Lieschens, das selbst sehr angeheitert ist, -fiebernde Backen und Augen hat, in den Vordergrund.) - -HEINRICH: (zu Lieschen) Kannst mich leiden, Puppel? - -LIESCHEN: (nickt, schüttelt die Haare wild und wirr durcheinander.) - -v. SIMON: Shoking! - -Die Herren: (freundschaftlich) Wir wollen ihn nach Hause bringen. - -HEINRICH: Nach Haus? Zylinder ab!! Lieschen, hörst Du, nach Haus wollen -sie mich transportieren. - -Mutter PIUS: (leise und vertraulich Heinrich ins Ohr) Mach man daß de -wegkommst, de kleine dünne Zahnstocher (weist auf v. Simon hin) gefällt -mich immer schon nich. - -HEINRICH: Wann wirst De eingesegnet, Liesken? - -LIESCHEN: (weinselig) Brüst hab ich wie junge Salatköppe. - -DIE HERREN MIT DEN GRAUEN ZYLINDERN: (drängen ernst) Sonntag, kommen Sie -jetzt! - -v. SIMON: Shoking! ... - -HEINRICH: Was sagen Sie? - -v. SIMON: (zieht ihn unsanft am Arm und spricht befehlerisch) Sie folgen -mir ohne Zaudern! - -HEINRICH: (in festem Ton, als ob er _nüchtern_ wäre, plötzlich) - -Wer ist der Herr, ich oder Sie? - -DER GESCHÄFTSFREUND VON HEINRICH: (zu v. Simon) Reizen Sie ihn jetzt -nicht. - -v. SIMON: (dreist, sich von den Herren gedeckt glaubend) In diesem Falle -bin ich der Herr. - -HEINRICH: (jähzornig taumelnd) Soldaten, Kameraden, wer is der Herr -Leutnant, er oder ich? - - (Scharen von Arbeitern sammeln sich plötzlich um Heinrich, v. - Simon ahnt eine Katastrophe, am Körper zitternd sucht er - kleinlaut Sicherheit hinter dem großen breitschultrigen - Geschäftsfreund von Heinrich und den anderen Herren.) - -Ein Arbeiter: Ein guter Leutnant war er. - -EIN ZWEITER: Gezecht hat er mit uns auf Kaiser sein Geburtstag wie'n -gemeiner Soldat mit den andern. - -EIN DRITTER ARBEITER: Wir wollen ihn hoch leben lassen. - -DIE GANZE SCHAR: Unser lieber Leutnant er lebe hoch! Hurra! Hurra! -Hurra! - -WILLEM: (Herrn v. Simon drohend) Kerl! - - (v. Simon wagt nicht den Schauplatz zu verlassen, sich überhaupt - zu bewegen.) - -HEINRICH: (brüllt) Angetreten! (Die Arbeiter und und Herumtreiber -sammeln sich in Kolonnen wie im Manöver. Die Weiber gucken neugierig zu. -August stellt sich an die Spitze des links aufgestellten Bataillons, er -hat sich einen Helm aus einer Zeitung angefertigt und setzt ihn auf den -Kopf. Er empfängt seiner Ungeschicklichkeit wegen Püffe und Stöße.) - -HEINRICH: (Besichtigt taumelnd sein Regiment, schickt den einen zurück, -den andern setzt er an den Anfang der Reihe etc. Ab und zu Flüche -ausstoßend. Brüllt) Gerade gestanden! Schockschwerenot! - -WILLEM: De Landhasen müssen zuerst auf den Feind losstürmen. (August -macht eine Schießbewegung, den zitternden v. Simon suchend.) - -LIESCHEN: (frech) Da is er ja! - -HEINRICH: Un de Maikäfer halten sich im Hinterhalt. - -WILLEM: Un de Musik machen de Bindfadenjungen, daß de Hengste nur so -galoppieren. (Alle lachen furchtbar und die einexerzierten Arbeiter -freuen sich mit Heinrich wie große ungeschlachte Jungen, die Soldaten -spielen.) - -WILLEM: Nu man los, Herr Leutnant, ich bin Euer Unteroffizier. - -HEINRICH: (brüllt) Ganzes Regiment linksum, vorwärts marsch! (Lieschen -läuft neben Heinrich her mit den Händen trommelnd und mit den Lippen den -Rhythmus markierend. Die Arbeiter exerzieren einige Schritte vom -Vordergrund dem Platz zu; plötzlich v. Simon bemerkend, wollen sie sich -wie wütende Hunde auf ihn stürzen.) - -HEINRICH: Stillgestanden!!! den Feind hau ich allein kurz und klein. - -WILLEM: (Schleift ihn herbei, seine Hände mit der Lorgnettenkette -fesselnd, wie vor seinen Feldherrn. v. Simon stöhnt vor Angst. Die -Herren mit den grauen Zylindern kommen ihm nicht zur Hilfe, sie -amüsieren sich, neugierig den Vorgang betrachtend.) Lassen Se sich nicht -totschlagen mit seinen Sabel, Herr Leutnant. (Er zeigt tobend vor Lachen -v. Simons dünnes Spazierstöckchen.) - -AUGUST: Nu kann es losgehen, Kinder. (Willem löst die Kette von v. -Simons Händen.) - -DER GESCHÄFTSFREUND: (drängt sich durch die erregte Arbeitermenge zu -Heinrich, der hört aber in seiner Betrunkenheit des Freundes leises -Zusprechen nicht; Heinrich hebt ein Kalkstückchen vom Boden auf und -zieht einen großen Kreis unterhalb seines Herzens.) - -HEINRICH: So Jüngsken, das Terrain darfst De nich überschreiten, sonst -bin ich belämmert (alles lacht stürmisch, nur Lieschen umklammert Mutter -Pius ängstlich.) - -LIESCHEN: (Sinnlich erweckt) Der macht den Heinrich tot. (v. Simon -verblüfft; Heinrich wankt auf seine Freunde zu. v. Simon will die Flucht -ergreifen, aber die Arbeiter packen ihn.) - -Die Riesendame: (guckt aus ihrer Bude) Kommen Se bei mich, Herrchen! (v. -Simon befreit sich einen Augenblick, die Arbeiter hinter ihm her. August -springt wie ein Kater auf seinen Rücken. Aber es gelingt v. Simon, ihn -abzuwerfen und sie rasen hintereinander über den Platz dem Ausgang zu.) - -HEINRICH: Steckt ihn in den Aussichtsturm, meinetwegen! (Die Herren -nehmen den völlig erschöpften Heinrich in die Mitte, um mit ihm fort zu -gehen.) - -HEINRICH: (zu Lieschen und zu Mutter Pius) Schlaf süß, Marze, gute -Nacht, Mama Charlottchen. - -Der Geschäftsfreund: Das müßt sie hören. (Die Menge verläuft sich, die -Buden werden geschlossen, die alte Pius rennt in ihre Bude. Lieschen -steht ganz allein im Vordergrund, setzt sich noch einmal auf den -Leoparden im Karussell, streichelt ihn und springt dann ab.) - -Die Riesendame: (Steckt den Kopf durchs Fenster.) Wie heißt Dein -charmanter Kavalier? - -LIESCHEN: Das geht Euch niks an. (Heinrich, in der Mitte der Herren, -sieht man noch hinter dem Platz des Jahrmarktes auf einer Anhöhe -heimwärts ziehen. Die drei Herumtreiber kommen langsam am Karussell -vorbeigewandelt über den Jahrmarkt gehend.) - -PENDELFREDERECH: Wir wollen den Garten nu reinigen von de Sünde (murmelt -böse). - -Lange ANNA: (Macht die Bewegung des Kehrens. Er trägt eine lange -rauschende Papierschürze und eine Frauennachthaube aus Papier mit -flatternden Bändern auf dem Kopf und eine dicke Warzennase.) - -AMADEUS: (Auf Heinrich zeigend.) Da wandelt mein Todeskandidat. - -Mutter PIUS: (kommt von ihrer Bude zurück, in der einen Hand einen Korb, -in der andern die Kindermumie, ihr zweiter Kopf angefertigt aus Lumpen, -baumelt am Rumpf herunter.) - -Mutter PIUS: (zu Lieschen) Ich will mir hängen lassen, wenn es nicht -Dein Krakehler von Vater gewesen war. (Lieschen läßt vor Müdigkeit den -Kopf hängen; schauert auf, als Mutter Pius ihm die kleine Mumie reicht.) - -Mutter PIUS: (zynisch) Halt ens Dein Zwilling fest; (Mutter Pius -befestigt den Kopf wieder an dem Rumpf. Die Riesendame grinst aus dem -Fenster.) - -Mutter PIUS: Nu komm man rasch, sonst pumpt mir die Rosa (Auf die -Riesendame weisend) wieder an, und de Mutter Pius kann nicht »Nä« sagen. - - (Sie wollen beide eilig über den Platz gehen, als Lieschen stehen - bleibt, jäh Mutter Pius' Schoß umfassend.) - -LIESCHEN: Ich dank Dir auch vielmals für alles, liebe Mutter Pius. (Sie -eilen weiter, die Riesendame läßt die grün und gelb gestreifte Jalousie -ihrer Bude herunter, die fällt gleichzeitig wie der erste Vorhang über -die ganze Bühne.) - - - - - VIERTER AKT - - - (Im Arbeiterviertel wie im ersten Aufzug.) - - Schornsteine dampfen und pfeifen in der Ferne jenseits der - Wupper. Die Wupper ist bewegt und dunkelrot verfärbt. - Fabrikarbeiter und Arbeiterinnen sind auf dem Wege zur Fabrik. - Jungen ziehen Milchkarren und Kinder laufen in die Bäckereien, - Frühstück auszutragen. Über die Brücke geht dem Häuschen von Pius - zu, Eduard. - -Eduard, Carl, Lieschen, August Puderbach, Mutter Pius, Frau Amanda Pius, -Großvater Wallbrecker, Gretchen Stomms. - -EDUARD: (erblickt Lieschen, das zur Bäckerei gehen will) Lieschen! - -LIESCHEN: (es läuft entzückt zu ihm) Herr Eduard! Herr Eduard! - -EDUARD: Wohin gehst Du denn so früh? - -LIESCHEN: (ist noch immer zu freudig, um zu sprechen, es hält Eduards -Hand fest und springt beständig in die Höhe.) - -EDUARD: Freust Du Dich denn so, mein Kind? - -LIESCHEN: Sicher! - -EDUARD: Sieh mal -- (er schwingt eine Rolle hoch in der Luft.) Komm, wir -setzen uns hier auf die Bank. (Sie setzen sich vor Pius' Haus auf die -Bank. Eduard öffnet die Rolle.) - -LIESCHEN: Is aus England, nich? - -EDUARD: (nickt). - -LIESCHEN: (bewundernd) Wie is _das_ schön gemalen! - -EDUARD: Welche von den Puppenmüttern gefällt Dir am besten, Lieschen? - -LIESCHEN: (freudig) De mittelste, die hat so große Augen, wie Sie habn. - -EDUARD: (streichelt ihr Haar) Das Bild mußt Du Dir an die Wand hängen, -mein Kind. - -LIESCHEN: Über unser Bett kommt es zu hängen, un der alte Herr Jesus -fliegt auf'n Oller mit seine rotgeheulte Augen. - -EDUARD: Aber Lieschen ......... - -LIESCHEN: Er guckt wie der Vater, wenn er von de sündige Welt predigt. - -EDUARD: Es kann auch nur ein frommer Maler unsern Heiland so schön -malen, wie er gewesen ist. - -LIESCHEN: (etwas dreist) Meine Mutter sagt, Sie möchten uns en goldenen -Rahmen bei das Bild kaufen. - -EDUARD: Hat das Deine Mutter gesagt? - -LIESCHEN: (ihre Dreistigkeit fühlend, kleinlaut) Molz! - -EDUARD: (spricht zärtlich, gütig) Aber daß Du gestern nicht das kleine -Christkind besucht hast, Lieschen, darüber bin ich sehr traurig. - -LIESCHEN: (erschrocken) Das dürfen Se nich sein; lieber bleib ich mein -Lebenlang in de Kirche auf de Stein liegen, dreihundertundfünfundsechzig -Tage (besinnt sich) un all die Stunden und die Minuten. - -EDUARD: (gerührt) Unsere liebe Mutter hat Dich auch besonders gern, -Lieschen. - -LIESCHEN: Ich bin doch ens so schäbig angezogen. - - (Sieht auf ihr Kleid herunter, Arbeiter grüßen Eduard - ehrerbietig.) - -EDUARD: Darauf sieht unsere liebe Mutter nicht; sie sagte mir, Du habest -ein himmelblaues Herzchen, Lieschen, und sie möchte so gern, daß es -nicht fleckig würde. - -LIESCHEN: En himmelblaues Herzken ... habn Sie einmal so eins gesehn? -(Kinder rufen Lieschen an.) - -Erstes Kind: Lieschen! - -Zweites Kind: Lieschen! (Sie laufen wieder fort.) - -EDUARD: Nur einmal bei einem kleinen Engelchen, das trug es ganz -vorsichtig in einem seidenen Tüchelchen in den Händen. - -LIESCHEN: Aber denn konnt es doch nich mehr klopfen? - -EDUARD: Gewiß, es pochte ganz, ganz leise, lauter Perlen. - -LIESCHEN: Sicher? - -EDUARD: Und das Engelchen konnt es immer sehn, und so mußt Du auch Dein -Herzchen wohl behüten, verstehst Du mich, Lieschen? - -LIESCHEN: (verzückt und erstaunt) Ja ..... - -Kinder: Lieschen, es is half sieben, wir sagen es wieder!! (Lieschen -rafft sich auf.) - -LIESCHEN: Ich muß nu laufen, Herr Eduard. (Gretchen Stomms kommt herbei, -nähert sich etwas dreist den Beiden und sagt Lieschen etwas ins Ohr.) - -LIESCHEN: Das is doch _der_ nich. (Wird schüchtern, will fortlaufen mit -Gretchen Stomms.) - -EDUARD: Eine Hand darfst Du mir doch noch geben! - -LIESCHEN: Mir haut der Vater, wenn ich trödel'. - -GRETCHEN STOMMS: (altklug) Es kriegt heute seine Löhnung. - -EDUARD: (nickt; Wichtigkeit markierend. Lieschen verläßt ihn befangen. -Die beiden Kinder laufen, die Arme gegenseitig über Kreuz im Rücken, -fort.) - -Gr. WALLBRECKER: (er trägt altmodisch grüngestickte Pantoffeln und die -neue Pfeife in der einen Ecke im Mund. Arbeiter kommen wieder an Eduard -vorbei.) - -Einer der Arbeiter: (brutal auf Eduard zeigend) Der muß auch bald ins -Gras beißen. - -Großvater: (erblickt ihn) Guck einer an, der junge Herr so früh. (Nicht -Antwort abwartend nach dem Dachfenster sich aufstreckend) Carl, steh -auf, Faulenzer, dicker Plumpsack, steh auf! Amanda! - -EDUARD: (will ihn beruhigen) Lassen Sie sie noch friedlich schlummern, -Großvater. - -Großvater: Tum Tingelingeling! ..... (Er drängt Eduard, sich wieder auf -die Bank niederzusetzen.) - -EDUARD: Was meinen Sie, Großvater, wenn ich mir auch ein Pfeifchen -anzünde? - -Großvater: (streicht ein Schwefelhölzchen an der Wand des Häuschens an.) -Schlecht sehn Se mal wieder aus, un es fehlt doch nicks bei Sie; wo der -Teufel einmal drinsitzt! ... Was sag ich, der Teufel? Wallbrecker bist -Du doch en dämlich Roß, aber was muß das für en Satans in Sie sein? - -EDUARD: (schelmisch) Wer den wohl erlegen könnte, Großvater? - -Großvater: En Heiligen sind Sie, der heilige Laurentius sind Se, un -Kaffee müssen Se bei uns trinken, sonst beleidigen Se meine Tochter -Amanda. (Er zeigt auf Amanda, die mit einem Tisch aus dem Häuschen -kommt, ihn vor die Bank zu stellen.) - -Frau AMANDA PIUS: Son'ne Ehre, geehrter Herr Eduard! (Stellt den Tisch -vor die Bank und reicht ihm die Hand. Zu Wallbrecker): Wo is de Carl? - -Großvater: Er schläft noch. Ruf Du ihm. - -Frau AMANDA: (geht ins Häuschen.) - -Großvater: Er will nu Pastor werden, nehmen Sie's ihn nich übel, lieber -Herr Eduard. (Amanda kehrt mit Kaffeekanne, Tassen, Butterbrot etc. -zurück. Es wird immer heller. Arbeiter und Arbeiterinnen, unter ihnen -Färber mit grün-, rot-, oder gelb-glänzenden Händen und bleichen -Gesichtern ziehen vorbei.) - -Großvater: (zu einigen Arbeitern) Guten Tag zusammen! - -Arbeiter: Auch schon aufgestanden? - -AMANDA: Wenn uns der junge Herr (Carl unterbricht sie.) - -CARL: Ich bin gleich unten. - -AMANDA: Wenn uns der junge Herr die Ehre schenken will un en Köppchen -Kaffee mit uns trinken will? - -EDUARD: (gütig) Ich bin ordentlich durstig, liebe Frau Wirtin. - -AMANDA: Es fiel mich ja im Traum nich ein, daß de junge Herr heut kommen -könnt, ich hätt sonst en Lot mehr gemahlen. - -CARL: (man hört ihn oben sprechen) Meinen Kragenknopf kann ich nich -finden. - -Mutter PIUS: (guckt aus dem Dachfensterchen) Was seh ich -- (Sie tritt -wieder vom Fenster zurück) Nu halt man still, ich kann Dir doch nich -mehr auf en Arm nehmen un Dir antrekken. - - (Alle lachen unten.) - -Großvater: Mich is so dämlich im Kopf. - -AMANDA: Du bist auch schon alt, Vatter. (Mutter Pius kommt.) - -Mutter PIUS: (zu Eduard) Bleiben Se man sitzen, tun Se als wenn Se zu -Hause wären. - -EDUARD: (hustet.) - -Großvater: Da meld er sich. - -EDUARD: (hustet stärker) Der alte Satansdrachen, was Großvater? - -Mutter PIUS: De alten Doktors kurieren an Sie herum, die Mutter Pius -aber wird Herr Eduard auf de Beine bringen, jeden Morgen und Abend en -Köppken von de junge Weizensaat müssen Sie trinken. Ich will es Ihren -Personal sagen. - -EDUARD: (gütig) Das mag wohl zuträglich sein, Mutter Pius. - -Großvater: Un jetzt man, wo wir Vollmond haben, soll es am tauglichsten -sein. - -Mutter PIUS: (herrisch und verächtlich) Misch Dir nich in mein Praxis, -Großvatter Wallbrecker. - -EDUARD: (besänftigend) Das nehmen alle Mediziner übel, Großvater wir -sind doch mal nur Laien. - -Großvater: (könnte aufplatzen vor Lachen) Tum Tingelingeling, tum -tingelingeling. - -CARL: (frisch, markig, primanerhaft, pathetisch) Ich grüße Dich, -Gottesmann, der Du fürlieb nimmst mit unserer Speise und Trank. - -EDUARD: (leuchtend schelmisch) Friede sei Deinem Haus, mein Bruder. - -Großvater: (spricht auf Amanda unverständlich ein, Mutter Pius versorgt -sich mit Kaffee, streicht Carl Butterbröte.) - -EDUARD: (legt Amanda ein Kuvert auf ihren Schoß) Von meiner Mutter. - -Großvater: (neugierig) Laß ens gucken! - -AMANDA: (sie stößt ihren Vater mit dem Ellbogen unsanft zurück) Nä, Ihre -Frau Mutter is engelgut. (Eine dicke Träne fließt über ihre Backe.) - -Großvater: (nickt dazu fortwährend Amandas Worte bestätigend.) - -Tum Tingelingeling, tum tingelingeling, tum, tum, tum, tum! (Carl und -Eduard unterhalten sich leise. Aus der Seitengasse, dem Zimmer im -obersten Stock, das Puderbachs bewohnen, dringt Lärm. Ein Haufen Kinder -sammelt sich lauschend vor dem Haus an.) - -Mutter PIUS: (spricht lauter) Vielleicht trinkt Herr Eduard auch noch -ein Köppken? (Der Lärm läßt nach.) - -EDUARD: (nickt Frau Amanda zu) Er ist außergewöhnlich gut gebraut, ich -möchte das Rezept unserer Auguste sagen. - -Mutter PIUS: (katzenfreundlich zu Amanda) Er schmeckt aber auch gut -heut, Amanda. - -AMANDA: Vatter, hol noch wacker was Zucker aus die Blas', (er steht -langsam auf) nu eil Dir man ein bischen. - - (Lärm dringt wieder stärker aus der Seitengasse, man hört weinen - und es ist, als ob Porzellan zerbricht. Arbeiter und - Arbeiterinnen gesellen sich neugierig zu den Kindern vor der - Gasse.) - -AMANDA: Geh doch ens rüber, Carl, Du verstehst Dir doch mit dem -Scheinheiligen. Bist Dich doch eine Otoridät. - -CARL: (hart) Laß mich zufrieden. - -EDUARD: (verlegen.) - -AMANDA: Wat redest De rauh! (Der Lärm läßt nach. Großvater Wallbrecker -kommt zurück, in seinem roten Taschentuch den Zucker wie in einem -Beutelchen tragend.) - -AMANDA: Bist De toll, Vatter? (Carl und Eduard lachen.) - -Mutter PIUS: Ich sag gar niks mehr. - -Großvater: Wat soll ich denn? Ich schlabbere ja mit de Löffels (zu -Amanda) ich schütt ihn doch so in 'em Reisbrei. - -CARL: (sich belustigend) Ich bin Zeuge! Großvatter kallt de pure -Wahrheit. - -AMANDA: Glauben Se's nich, Herr Eduard, (auf Großvater zeigend) er -träumt immer. - -Mutter PIUS: (großmütig heuchlerisch) Wat sagst De, Wallbrecker, ich -nehm mich _doch_ en Löffel dovon in mein Köppken? - - (Eduard klopft Mutter Pius auf die Schulter.) - -Großvater: Ich hab mir seit von Tag nicht drin geschnäutzt. (Alle lachen -wieder herzlich. Aber furchtbar dringt der Lärm aus dem Hause der -Seitengasse.) - -AMANDA: Entweder geh Du oder ich. (Bittend.) - -CARL: (Unerbittlich) Wenn er sie ens tüchtig verwichsen tät. - -Großvater: Du willst en Pastor werden, Carl ---- ich hab gleich gesagt, -Gesellen mußt De habn. - - (Der Großvater erhebt sich.) - -Mutter PIUS: Wegen dat schlumprige Weib drüben lassen wir uns beim -Kaffee stören. - - (Der Großvater ist im Begriff herüber zu gehen.) - -EDUARD: Bleiben Se sitzen, Großvater, der Carl wird Ruhe schaffen. (Der -Großvater läßt sich aber nicht aufhalten.) - -Mutter PIUS: (neidisch auf Großvater weisend) Das tut er mich zum Ärger. - -AMANDA: Nu lauf man rasch den Großvater nach, Carl! - -CARL: (ärgerlich) Steh Du doch Deiner Freundin bei! (Carl hält Eduard -zurück, der sich schlicht erheben will.) - -CARL: Er kommt ja gleich wieder heil zurück. (Der Großvater naht Salve -Cäsar!) Statt den Lorbeer das Käppken auf den Kopf und Lieskens Present -in de Schnute. (Alle lachen, auch hört man keinen Lärm mehr.) - -Großvater: Ich hab all wieder gestillt, Kinderkes. Bleiben Se man -sitzen, Herr Eduard. (Er bemerkt gar nicht, daß Eduard auf seinem Stuhl -sitzt.) - -AMANDA: (geschwätzig) Was bloß aus dem Liesken werden soll? -- - -EDUARD: Lassen Sie mich erst über den Berg sein. - -Mutter PIUS: (listig) Da lassen Se man de Finger von. - -CARL: Der Apfel fällt nicht weit vom Stamme. - -Mutter PIUS: (cynisch, halb zu sich zum eignen Amüsement) Herr Eduard -ist doch kein Feinschmecker! - -EDUARD: Meine Schwester soll sich des Kindes annehmen. - -AMANDA: (devot) Ihr Fräulein Prinzessin Schwester? - -EDUARD: (nickt stolz) Ist sie nicht eine Prinzessin, Carl? - -CARL: (errötet, ist benommen.) - -Mutter PIUS: Dem Weib bin ich zu gut, ganz genau de Mama aus dem Gesicht -geschnitten. - -Großvater: (bestätigend) Tum Tingelingeling, Tum Tingelingeling, tum, -tum, tum. - - (Wieder gehen Männer vorbei. Es sind die Helfershelfer, die Lange - Anna zu Hilfe kamen am ersten Abend.) - -Großvater: Nehmt man de Bein auf en Nacken. - -Der Herumtreiber: (höhnisch) Na, wie schmeckt es euch denn? - -Großvater: Carl, hast De das gehört? - -Mutter PIUS: (zu Carl ängstlich, er könnte sie hauen) Ärgre Dir man nich -darüber, Carl, das sind die nich wert. - -CARL: (benommen) Ich hab gar niks gehört. - -Großvater: Daß se mich nich en gemütlichen Abend gönnen, Herr Eduard. -Fünfundzwanzig Jahr hab ich mit dem Liesken sein Großvater am Webstuhl -gesessen, (weinerlich) und doch war das Leichentuch zu klein für uns -beide. - -CARL: Mutter gieb mir meine Kappe! - -EDUARD: (gütig, schelmisch zum Großvater) Wir werden noch oft zusammen -ein Piepken schmöken, Großvatter. (Alle lachen, nur der Großvater nickt -ernsthaft.) - -Großvater: Jetzt leb ich von de Gnade meiner Tochter un die (er zeigt -auf Mutter Pius.) - -Mutter PIUS: Ich bin doch gewiß nobel für Dich! - -AMANDA: Daß er das viele Tabakschmöken nicht lassen kann. - -CARL: Für de Arbeit sind de Frauleut da! (Frau Amanda greift Carls Kappe -durchs Fenster und setzt sie ihm auf.) - -Mutter PIUS: (lacht) Du frecher Bullenbeißer! - -Großvater: (zu Carl) Du bist noch jung, ich aber bin en altes, kränklich -Roß. (Er hüstelt und spricht für sich.) Hab das Wiehern eigentlich schon -vergessen. (Er will aufstehen und ausspeien.) - -AMANDA: (zum Großvater) Versteck Dir rasch, siehst Die nich? (Der -Großvater beugt sich schnell hinter den Strauch neben dem Haus.) - - (Der Kaplan kommt vom Spaziergang in den Wald über die Wiese - links; er hat einen _schwankenden_ Gang. Er bemerkt die - Gesellschaft vor dem Häuschen nicht.) - -EDUARD: Warum soll sich der Großvater vor dem sanften Kaplan verstecken? - -Mutter PIUS: (weist auf ihn) Wien'n kleines Prozessionsboot über'n -evangelisch Meer. - -EDUARD: Er ist sehr unglücklich, Deiner Abtrünnigkeit wegen, Carl. - -CARL: (sarkastisch) So viel Kummer hat sich noch keiner um meine Seele -gemacht. - -EDUARD: Was sagen _Sie_ dazu, Mutter Pius? - -Mutter PIUS: Daß Se lieber wieder nach unseren Luther hören sollen, was -wollen Se allein herumschiffen? - -EDUARD: (zu Carl) Die Mütter!! - -AMANDA: Aufstehen, Vatter, wir müssen auf die Wies'. - -Großvater: (seufzend zu Eduard) De Wäsch legen. - - (Eduard erhebt sich auch.) - -Mutter PIUS: (zu Eduard) Bleiben Se doch noch en bischen bei de Mutter -Pius, Herr Eduard. - -EDUARD: Morgen gehts Examen los, ich muß noch mathematische Zahlen -rechnen. - -Mutter PIUS: Was nich de Schulmeister all wollen, zu meiner Zeit war es -noch nicht halb so schlimm. - -CARL: (sarkastisch) Deshalb bist De auch kein Pastor geworden! - -EDUARD: (Großvater und Amanda, die zögernd warten, die Hand reichend. -Die beiden gehen ins Häuschen.) Wir sind alle Pflugtiere. Kommst Du mit -mir, Carl. - -CARL: (nickt.) - -Mutter PIUS: Mit de Schluffen an de Bein, Jung? - -CARL: (kleinlaut) Ich wär wahrhaftig in Gedanken so gelaufen. (Zu -Eduard) Ich hab die Stiefel beim Schuster. - -Mutter PIUS: (zu Eduard, wie zu einem kleinen Jungen) De Mama werd schon -bang sein -- dafür kenn ich ihr. (Mutter Pius reicht Eduard ermahnend -die Hand, Carl begleitet ihn bis zur Ecke. Eduard winkt noch einmal -Mutter Pius zu.) - -Mutter PIUS: (ruft durchs Fenster) Gib mir meine Valentiaspitzen und -Poingtskrägen. Se liegen in de Fase auf en Schrank, daß de Mietze nich -damit spielt. - -Großvater: (Reicht die Spitzen heraus und zeigt in die Ferne, wo am Rand -des Waldes die drei Herumtreiber: Pendelfrederech, Lange Anna und der -gläserne Amadeus um eine Laterne gehen, deren Licht noch nicht ganz -erblichen ist.) - -Großvater: (dämlich) Da gehen die drei Erzengel in de Ferne un blasen -aus de Laterne. - -Mutter PIUS: Du fängst auch wohl an zu reimen, wie de Carl? - - (Carl kommt zurück.) - -Mutter PIUS: (zu Carl) Lang macht der auch nicht mehr mit. - -Großvater: (nickt beständig zustimmend) Tum, tum, tum, tum. - -CARL: Ich würd dem schon ein Stück von meiner gesunden Brust gebn. - -Mutter PIUS: (Pause) Sag ens, Carl, wen hast De lieber, mir oder ihm? -(In der Richtung blickend, die Eduard eingeschlagen hat.) - -CARL: (lacht) Du träumst wohl, Großmutter, ich bin noch der Carl in -Deinem Schoß. - -Mutter PIUS: Mir überkömmt es man so. - -CARL: Dich? - -Großvater: Tum tingelingeling!! - -Mutter PIUS: Meinst wohl, de Großmutter war nie wehmutsvoll gewesen? - -CARL: Na, was is denn los? - -Mutter PIUS: (sitzt eine Weile schweigend, den Kopf herabgesunken auf -die Brust; die drei Männer verschwinden in der Ferne im Wald.) - -AMANDA: (ruft) Wo bist Du denn, Vatter? - -Großvater: Ich muß noch bei de Mutter Pius bleiben, sie hat -Heiratsgedanken. - -Mutter PIUS: (auffahrend) Du alter Sünder. - -Großvater: Wenn ich en Sünder bin, da hätten wir uns heiraten sollen. - -Mutter PIUS: Dir! Du schlapper Bock! - -CARL: Haltet Eure Mäuler, ich muß arbeiten. - -Großvater: (Holt einen Ausklopfer) Wart man, ich schaff Dich Ruh! -(Amanda zieht ihren Vater vom Fenster fort. Man hört ihn noch aus dem -Hause reden, wichtig): Im Examen muß er steigen! - - (Carl nimmt Heft und Buch, Tintenfäßchen, Halter aus seiner - Tasche und beginnt zu blättern; Mutter Pius glättet geschickt die - Spitzen und schweigt grübelnd.) - -CARL: (etwas neckisch) Ich glaub en's, der Großvater hat recht -gesprochen. - -Mutter PIUS: Ich altes Weib? - -CARL: (sie neckend) Mit Dein jung Herz! - -Mutter PIUS: (sich aufraffend) Temperatur hab'n alle Pius im Leib gehabt -un Du auch, Carl, siehst De, un de Großmutter weiß das. (Sie holt -sorgfältig Martas Bild aus ihrer Ledertasche und hält es Carl hin.) - -CARL: (fragend verblüfft). - -Mutter PIUS: Deine Flamme! - -CARL: (tiefrot, zittert, reißt das Bild an sich.) - -Mutter PIUS: Du Spitzbub, gib man rasch wieder. - - (Carl steckt es in seine Brieftasche. Kleine Pause.) - -Mutter PIUS: Sie guckt sich nach Dich die Augen aus. (Kleine Pause.) - -CARL: Wer sagt das? - -Mutter PIUS: Ich! - -CARL: Das is gelogen. - -Mutter PIUS: All de Leut sagen es in de Nachbarschaft. - -CARL: Weibergeklatsch. (Kleine Pause. Flehentlich erregt) Wer hat Dir -das gegeben, Großmutter? - -Mutter PIUS: Weißt De nich genug, daß Du es auf Deine Haut trägst, Carl? - -CARL: (plötzlich glücklich) Großmutter! (Er küßt sie auf den Mund) Du -bist eine Teufelin!!! - -Mutter PIUS: Kriegt de Mutter Pius ens Schimpfe für die Gabe. (Kleine -Pause.) Du heulst ja! - -CARL: (unterdrückt die Erregung) Ich glaub es Dir bald! - -Mutter PIUS: Wat zitterst Du denn? - -CARL: Ich hab Angst, ich fall im Examen durch. (Plötzlich hart) Ihr -Weiber stört mich! (Kleine Pause.) - -Mutter PIUS: Carl, ich muß Dich was recht Intimes sagen. Keiner darf es -hören. - -CARL: Laß mich zufrieden. - -Mutter PIUS: Sprech mit Deine Schwiegermutter. - -CARL: Was? - -Mutter PIUS: Wenn Dus Examen bestanden hast. - -CARL: (grübelnd). - -Mutter PIUS: Sie weist Dir nicht ab, glaub es Mutter Pius. - -(Kleine Pause,) Du guckst mir an, als wenn ich Dir zum Narren halt. - -CARL: (gespannt). - -Mutter PIUS: So en wackerer Mann wie Du bist, Carl -- un de feine -Herrschaften stärken gern man das Treibhausblut mit den natürlichen -seines. - -CARL: (immer gespannt). - -Mutter PIUS: Liest De dann nich in de Zeitung öfters, daß de Gräfinnen -sich mit die Lakais einlassen? - -CARL: (naiv) Hinter den Rücken der Mütter? - -Mutter PIUS: Die Olschen wissen immer davon. (Listig): Mamma Sonntag -weiß auch von das viele Leckers un de Cigarretten, was de Marta Dich in -de Manteltaschen stopft? - -CARL: (trotzig) Wer sagt Dir, daß sie es herein stopft? - -Mutter PIUS: Das riech ich im Dampf, Carl. Nä, wie ein kleines Gockel -bist de noch! (Von der Seite kommen August Puderbach und andere Färber -(mit bunten Händen) durcheinander redend, von der Fabrik zurück; sie -bleiben vor Pius' Häuschen stehen.) - -AUGUST: Se streiken wieder. - -Mutter PIUS: (ärgerlich) Und Du? - -DIE ARBEITER: (durcheinanderredend) Aufhängen soll man die Krakäler. - -CARL: Das sag ich auch. - -AUGUST: Sind wir ens einmal eine Ansicht. - - (Amanda kommt zurück, rechts vom Hause her; sie hat die letzten - Worte gehört.) - -AMANDA: Gut bist De dem Carl ens doch, August. Den Scheitel trägst De ja -am Sonntag wie er an der Seit'. - -EINER DER ARBEITER: Was hab'n wir von der Streikerei? - -AUGUST: Drei un ein halben Taler weniger im Monat. Mich war de -Arbeitszeit nich zu lang. - -Mutter PIUS: Das muß man Dich lassen, ein fleißiger Jung bist De, -- -aber was tust De auch zu Haus bei Dein mukkerigen Vater? - -AUGUST: (zu Carl) De Pastoren, die streiken nich, was, Carl? -- -Vielleicht sattle ich noch um. - -CARL: Halts Maul! - -EIN ANDERER ARBEITER: Was sollen wir machen, Mutter Pius, wir dürfen uns -so nich zu Haus sehen lassen. - -Mutter PIUS: Kümmert Euch doch nicht um Eure Brüders. - -EINER DER ARBEITER: Was sollen wir machen gegen so viel -Sozialdemokraten? Wir sind ja all Sozialdemokraten, aber darum brauchen -wir doch keine Dummheiten machen. - -Mutter PIUS: Nä, wahrhaftig nich. - -DERSELBE ARBEITER: Wat rätst De uns Mutter Pius? - -AMANDA: Geht man wieder zurück zu Euren Herrn und klatscht ihm die -Vorgänge. - -EIN ANDERER ARBEITER: Nä, verraten tun wir de Brüder nich. - -CARL: (herablassend brutal) Schlagt Euern Herrn tot, wie s'es in Rußland -machen. - -DERSELBE ARBEITER: Un dann? - -Mutter PIUS: (lachend) Dann wirst Du der Besitzer, August. - -EIN ANDERER ARBEITER: Lieber bleiben wir en Arbeiter, als en Herrn -werden über se Alle. - -Mutter PIUS: Ich würd schon mit ihm tauschen. Alte Schafsköppe, wo man -Euch hintreibt, freßt Ihr! - -EINER DER ARBEITER: Recht hat Se man. - -EIN ANDERER ARBEITER: Mein Jung soll lieber in unser eigenen Schweiß (er -zeigt auf die Wupper) versaufen, als en Färber werden. - -EINER DER ARBEITER: Kannst Du uns was borgen, Mutter Pius? - -EIN ANDERER ARBEITER: Guck ens in Dein Beutel nach .... - -Mutter PIUS: Ich hab von Tag nich en Kastemänneken über. De Carl muß -doch auf de Universität ne ganze Bux am Hintersten hab'n. - - (Lieschen läuft, vom Brotaustragen zurückgekehrt, zu August -- er - und die Arbeiter gehen weiter sich zu beraten etc. Der Großvater - Wallbrecker kommt keuchend über die Wiese; er ruht sich vor - der Brücke aus. Er trägt einen Wäschesack auf dem Rücken. Von der - Gasse hört man Getrampel und Fluchen, eine Schar Arbeiter - kommt auf Pius' Häuschen zu.) - -Mutter PIUS: (Nimmt mit einem Griff Carls Bücher und ihre Spitzen) Komm -wacker herein, Carl, ich muß mir neutral halten un wenn Bebel selber mir -um Rat fragen tät. -- (Der Großvater sieht Lieschen, das noch vor dem -Haus von Pius steht.) - -Großvater: Lieschen! - -LIESCHEN: (Mit raffiniertem Einverständnis zu Mutter Pius) Soll ich heut -wieder helfen, Mutter Pius? (Mutter Pius ist aber schon im Haus und hat -Lieschens Frage nicht gehört. Die Arbeiter verziehen sich, Lieschen geht -der Gasse zu.) - -Großvater: (Ruft; aber Lieschen will scheint's nicht hören; er pfeift -den Pfiff, der Lieschen ein Signal geworden ist. Nun steht der Großvater -vor dem Häuschen.) - -Großvater: Nä, wie sich das Blag verändert hat! Amanda, mein Puckel -stürzt ein! (Er geht ins Haus.) - - - - - FÜNFTER AKT - - - Eine Art Gartenzimmer in der Villa der Familie Sonntag. Rechts - führt die Tür zum Flur, von der man die Haustür deutlich sehen - kann. Links ein breites Fenster, das den Garten spiegelt. Viele - Schlingpflanzen und andere Blumen schmücken das Zimmer. Nahe dem - Fenster steht ein lila Ledersofa, worauf Frau Sonntag und Eduard - sitzen. Frau Sonntag hält zerstreut ein offenes Buch auf der - Rückseite im Schoß. Marta ist im Begriff, den Flor von Heinrichs - Bild abzunehmen. Die Familienmitglieder sind in Schwarz - gekleidet, auch die Dienstboten. - -Frau Sonntag, Eduard, Marta, Carl Pius, Dr. von Simon, Auguste, Berta. - -MARTA: Immer wieder hängt ihn Auguste um das Bild. - -Fr. SONNTAG: Warum nimmst Du ihn ab? - -MARTA: Eduard will es ja. - -EDUARD: (liebevoll) Ich möchte, liebe Mutter, daß man ihm Lebendigeres -brächte. - -MARTA: (zu Eduard) Wie gefällt Dir dieses junge Grün? - -EDUARD: (Nickt dankbar). - -Fr. SONNTAG (melancholisch) Ich traure, daß er gelebt hat. (Marta -schmückt das Bild, setzt sich dann ans Fenster und stickt auf einem -Rahmen in Seide Kamillen. Ihre Bewegungen sind unruhig, wartend.) - -EDUARD: Daß Du nur einen Augenblick an seiner Ehrenhaftigkeit zweifeln -kannst! - -MARTA: Dr. v. Simon sagt aber auch, ein Unschuldiger gehe nicht dem -Leben durch. - -EDUARD: Der Inspektor hat sich kein Urteil über unsern Bruder zu -erlauben, vor allen Dingen aber vor seines Herrn Schwester nicht. - -Fr. SONNTAG: (Winkt Marta zu schweigen. Kleine Pause.) - -EDUARD: Soldat war er, wie soll der anders in diesem unaufklärbaren -Falle handeln! - -Fr. SONNTAG: Ich glaubte, diese Zeit hätte er längst vergessen. - -EDUARD: Aber Mutter, der Soldat lag ihm im Blut wie in Achill der Sieg. - -Fr. SONNTAG: Wie Du ihn zu verherrlichen suchst, Eduard. - -MARTA: Schneidig standen ihm die Schnüren und der Galahelm. - -EDUARD: (Marta in die Rede fallend) Er hätte Soldat bleiben sollen, -Mutter, auch nach Papas Tod. - -Fr. SONNTAG: Du sagst das so vorwurfsvoll, sollte ich mich vielleicht -ins Bureau der Fabrik setzen? - -EDUARD: Mutter, Du bist nervös. - -Fr. SONNTAG: Er hat damals Papa versprechen müssen, die Leitung zu -übernehmen. - -EDUARD: Ich hätte ihm das Versprechen nicht gegeben, wenn ich Heinrich -gewesen wäre. - -Fr. SONNTAG: Du? (erstaunt) Daß ich meine Kinder so wenig kenne .... Es -hätte sich schon ein Stellvertreter in der Verwandtschaft gefunden. - -MARTA: Wenn Ihr Euch jetzt immer so ernst unterhaltet -- es ist schon -trist genug bei uns im Haus. - -Fr. SONNTAG: (melancholisch) Ich bin auch keine Gesellschaft für Dich. - -EDUARD: Bald habt Ihr mich los. - -Fr. SONNTAG: (Frau Sonntag und Marta sprechen fast zusammen) Ich hoffte, -Du würdest nun bleiben, Eduard? - -MARTA: Bringst Du auch mal einen Mönch mit nach Hause? - - (Mutter und Sohn lächeln.) - -EDUARD: Wie denkst Du Dir das? - -MARTA: Ich möchte mal so jemand ganz Frommes kennen lernen. - -Fr. SONNTAG: (wehmütig mokant) Du bist ihr nicht fromm genug. - -EDUARD: Kinder und Narren -- (kleine Pause). - -MARTA: Mama, kann man eigentlich _rosa_ auf dem Standesamt tragen? - -Fr. SONNTAG: (unterbricht Marta erschrocken) Daß Du es übers Herz -bringen kannst, Eduard. - -EDUARD: Wenn Du Gott liebtest, Mutter, würdest Du nicht versuchen, mich -wankend zu machen. - -Fr. SONNTAG: Ich liebe Gott nicht. - -EDUARD: Weil Du ihn mit menschlichen Empfindungen suchst. - -Fr. SONNTAG: (melancholisch) Ich habe keine andern. - -EDUARD: (legt den Arm um sie.) Un doch leidest Du unmenschlich, -Mütterchen. (Kleine Pause.) Ich möchte Dir, so lange ich noch bei Dir -bin, Vater und Heinrich ersetzen. -- Warum lächelst Du so fremd? - -Fr. SONNTAG: Das wirst Du nie, Kind. - -EDUARD: Wenn ich mir nun alle Mühe geben werde? - -Fr. SONNTAG: Du _könntest_ es, Gott sei Dank, nicht. - -MARTA: Ich habe einmal zwei Mönche im Kölner Dom gesehen. Ihre Köpfe -waren geschoren, wie bei Verbrechern und barfuß gingen sie später durch -den Schnee. - -MUTTER: (seufzend) Du hältst es nicht ein Jahr im Franziskanerorden aus, -Eduard. - -AUGUSTE: (öffnet behutsam die Tür des Zimmers) Herr Pius ist da un will -die Frau ganz allein sprechen. - -Fr. SONNTAG: (zu Eduard) Er meint Dich gewiß, Eduard. - -AUGUSTE: Nä, er sagt ganz ausdrücklich, _die_ Frau. - -Fr. SONNTAG: (erhebt sich achselzuckend. Auguste flüstert Marta leise -ins Ohr.) - -AUGUSTE: Ihr Bräutigam is auch wieder da. - - (Marta blickt forschend auf Eduard, der aber nichts gehört hat - und geht leise trällernd aus dem Zimmer. Auguste deckt Eduard mit - der Gebärde der Frau Sonntag eine Decke über die Füße.) - -EDUARD: Bei der Wärme, Auguste? - -AUGUSTE: Wenn es Herr Eduard hab'n will, leist ich ihm en bißchen -Gesellschaft. - -EDUARD: (nickt gütig). - -AUGUSTE: Ich hör für mein Leben gern von Herrn Jesus erzählen. - -EDUARD: (nickt. Auguste nimmt Platz und zieht ihren breiten, blauen -Strickstrumpf aus der Tasche.) - -AUGUSTE: Sie müssen nich immer auf den Heinrich gucken, er kriegt kein -Frieden. - -EDUARD: Und eigentlich war ich doch an der Reihe. - -AUGUSTE: Das helft Alles nicks, passen Se auf, Herr Eduard. (Freudig -verheißend) nach de Trauer folgt de Hochzeit. - -EDUARD: (blickt sie fragend an). - -AUGUSTE: Euch mein ich doch verdeck nich oder der liebe Herrgott müßt -sich auch eine Tochter machen. - -EDUARD: (lächelt). - -AUGUSTE: De Marta mein ich. - -BERTA: (tritt mürrisch ins Zimmer, sie bringt auf einem Tablett eine -Kanne Milch und ein Glas. Zu Auguste). Ihnen alles nachzutragen habe ich -auch keine Lust mehr. (Sie verläßt das Zimmer.) - -AUGUSTE: Das dumme Blag tut ens so zimperlich wie'n Fräulein. - -EDUARD: Sie sieht seit einigen Tagen sehr unzufrieden aus. - -AUGUSTE: Gekündigt hat se Mamma Sonntag, sie geht nach Schlamerika. - -EDUARD: So? - -AUGUSTE: Ich glaub, de Mutter Pius hat ihr das aus de Karten prophezeit. - -EDUARD: Mutter Pius hält Euch nur zum Besten -- sie ist doch eine kluge -Frau, dünkt mich? - -AUGUSTE: Sie gucken ja immer in den Himmel rein. - -EDUARD: Nein, ist sie keine kluge Frau? - -AUGUSTE: Wie man's beguckt; aus ihrer Schlauigkeit krauchen die -Narrheiten. - -EDUARD: Das ist mir ganz neu. - -AUGUSTE: (Kleine Pause.) Ich könnt Euch alles beichten, Herr Eduard. -(Sie hebt eine Masche auf, die während ihres Sprechens gefallen ist.) - -EDUARD: Tun Sie das, Auguste! - -AUGUSTE: Ich habe Mamma Sonntag vorige Woche was vorgelogen. - -EDUARD: (ein Lächeln unterdrückend) Was denn, Auguste? - -AUGUSTE: Ich hab mich gar nicht verschlafen, im Leichenhaus war ich. Ich -wollt dem lieben Herrn Heinrich addjüß sagen. - -EDUARD: Das hätte Ihnen meine Mutter ja nicht verwehrt, Auguste. (Eine -Schar Jungens mit Waldbeeren in Kannen klingeln an der Haustür und -klopfen und surren.) - -AUGUSTE: (schließt die Tür) Und was denken Sie, wem seh ich da -- de -alte Pius! De Augen standen scheel wie beim Geripp un gedreht hat se -sich (spricht immer tiefer) um de Leichen immer rund um ohne aufzuhören, -un gesungen hat se dabei (sie singt ganz tief, fast im Baß) O Du lieber -Augustin Alles is hin, hin, hin. - -EDUARD: Was erzählen Sie da, Auguste? - -AUGUSTE: Regen Se sich deshalb nich auf. Carl sein Großvater der hat vor -langer Zeit zu mich gesagt, de Mutter Pius wär das Karussell, wo wir All -drin sitzen. - -Fr. SONNTAG: (Sie kommt entstellt ins Zimmer, sie sieht ganz gelb im -Gesicht aus. Die Jungens sieht man beim Hereintreten sich vor der -Haustür drängen. Der größte hält ein Öllämpchen in der Hand.) - -AUGUSTE: De Jungens machen mir ganz nervös. - - (Ahmt Frau Sonntag nach, erhebt sich gemächlich vom Stuhl und - geht behutsam aus dem Zimmer.) - -DIE JUNGENS: Gitzhals! Gitzhals! - -Fr. SONNTAG: Du weißt es wohl schon? (Eduard ist noch immer erregt von -Augustens Erzählung.) - -EDUARD: (Nickt fragend Nein) Du schüttelst Dich, als ob Du über ein -gedüngertes Land gegangen bist. - -Fr. SONNTAG: Du weißt es wirklich nicht, Eduard? - -EDUARD: Setz Dich zu mir, armes, armes Mütterchen. (Pause.) - -Fr. SONNTAG: Pius war doch hier. - -EDUARD: Ach ja, was wollte er? - -Fr. SONNTAG: (tonlos) Marta. (Kleine Pause.) - -EDUARD: Ich hätte mich mehr erschrocken, wenn es der Inspektor gewesen -wäre. - -Fr. SONNTAG: (verlegen) Du hättest ihn sehen müssen den schüchternen -Jungen -- impertinent wurde er, sage ich Dir, Eduard. Er trinkt -überdies. - -EDUARD: (Kleine Pause.) Ich bildete mir ein, er hätte uns so oft -meinetwegen besucht. (Kleine Pause.) Ich bin Egoist geworden während -meiner Krankheit. - -Fr. SONNTAG: Aber Eduard, er konnte sich doch glücklich schätzen, Dich -besuchen zu dürfen. - -EDUARD: Wie trivial faßt Du unsere Freundschaft auf, Mutter. (Die Jungen -werden so laut, daß man sie im geschlossenen Zimmer hört.) - -Fr. SONNTAG: (sehr verlegen) Auguste soll die Kinder draußen -fortschicken. (Sie klingelt.) - -EDUARD: Eine junge, eherne Apostelgestalt ist Carl Pius in Versuchung. - -Fr. SONNTAG: Du bist ein Fanatiker. - -EDUARD: Und doch lehrt Krankheit weise Melodien. (Kleine Pause.) Was -sagtest Du ihm? - -Fr. SONNTAG: Ich erinnerte ihn zuerst an seine Jugend. - -EDUARD: Und? - -Fr. SONNTAG: (sich erdenkend) Daß Marta dann schon ein altes Mädchen -sein würde -- aber als er impertinent wurde -- wies ich ihm die Tür. - -EDUARD: (Senkt den Kopf.) - -AUGUSTE: (Tritt behutsam ins Zimmer, ihre roten Backen glänzen, sie läßt -die Zimmertür halb offen stehen.) Wie zwei Turteltauben die beiden im -Garten .... (Frau Sonntag verlegen.) - -EDUARD: Das wäre allerdings eine Impertinenz .... - - (Die Jungens betteln unaufhörlich.) - -AUGUSTE: Wir wollen de Jungens en Liter Waldbeeren abkaufen, dann hab'n -se Ruh. (Sie nimmt aus Frau Sonntags Portemonnaie im Schlüsselkorb, ohne -Antwort abzuwarten, Geld. Marta und der Inspektor werden sichtbar im -Garten. Eduard wendet den Kopf zum Fenster hin. Frau Sonntag rafft sich -auf.) - -Fr. SONNTAG: (gepreßt) Sie sollten es Dir selbst sagen, Eduard. - -EDUARD: (Kleine Pause.) Schamloser konntest Du Deinen Sohn Heinrich -nicht verraten. (Kleine Pause.) Mein armer Bruder, ein flüchtender -Soldat, ging er verzweifelt in den Tod ..... - -Fr. SONNTAG: Damit gibst Du ja seine Schuld zu. - -EDUARD: Es steht Dir nicht, Mutter, mich meuchlings überführen zu -wollen. - -Fr. SONNTAG: Ich verstehe nicht, was Du eigentlich gegen Dr. v. Simon -hast. - -EDUARD: Dasselbe, was Du gegen ihn hast, Mutter, darum wagtest Du auch -nicht, mir von der Katastrophe _selbst_ Mitteilung zu machen. - -Fr. SONNTAG: (etwas finster) Ich fürchte mich vor meinen Kindern nicht, -selbst vor Dir nicht, Eduard. - -EDUARD: (Kleine Pause.) Erinnere Dich doch, welchen Verdacht Du gestern -noch gegen ihn aussprachst. - -Fr. SONNTAG: (hochmütig) Ich hab ihn mir eigentlich erst heute morgen -angesehen. - -EDUARD: (spöttisch) Schwärmst etwa _auch nun_ für seine schmachtenden -Wimpern? - -Fr. SONNTAG: (aufweinend) Ich fühle, Eduard, ich war zu selbstlos zu -Dir. - -EDUARD: Mutter, teure Mutter, aus welchem Grunde willst Du Martas -Mädchenseele preisgeben? - -Fr. SONNTAG: Daß Heinrich in der letzten Zeit auf ihn erbost war, hat -tiefere Gründe. - -EDUARD: Aber wir haben doch Augen und Ohren, Mutter. - -Fr. SONNTAG: (gezwungen) Ich wünschte sogar, wir hätten Herrn Dr. v. -Simon veranlaßt, zeitiger in unserem Hause zu verkehren. - -EDUARD: Du weichst noch immer meiner Frage aus, Mutter? - -Fr. SONNTAG: Um Dir Einblick in die geschäftlichen Dinge zu geben, warst -Du damals zu jung, Eduard. - -EDUARD: Wir lebten doch luxuriöser als heute, Papa gab eine Festlichkeit -nach der andern. - -Fr. SONNTAG: Das war es ja eben. Heinrich hat oft genug sein -Schweineglück, wie er sich ausdrückte, gepriesen, einen Mann wie Dr. v. -Simon gefunden zu haben. (Kleine Pause.) Wir können uns glücklich -schätzen, daß er Marta nimmt. - -EDUARD: Der Mann bringt wahrhaftig kein Opfer. - - (Auguste öffnet zögernd die Zimmertür, sie hält einen großen - Rosenstrauß in der Hand, zwischen den Blättern liegt eine Karte. - Sie versucht sich mit Frau Sonntag schweigend zu verständigen.) - -Fr. SONNTAG: Nicht wahr, Auguste, Herr Dr. v. Simon ist doch der -richtige Mann für das Fräulein? (Auguste schlägt erstaunt die Augen auf -und dann mit zufriedenem Lächeln.) - -AUGUSTE: Von das Fräulein Oberbürgermeister .... - - (Sie stellt den Strauß zärtlich in eine Vase.) - -EDUARD: (spöttisch) Du fragst doch sonst Deine Dienstboten nicht. - -Fr. SONNTAG: Sie können gehen. - -AUGUSTE: (greift in die Schürzentasche) Un das soll ich die Madame von -dem längsten Bengel draußen geben un er wünscht ein langes Leben. - -Fr. SONNTAG: (Nimmt das Couvert gedankenlos hin, spielt damit, legt es -dann schließlich auf den Tisch.) - -AUGUSTE: (zu Eduard) Ich glaub, dem Liesken sein Bruder war's, der Kerl -mit der langen Nas und de grüngemalten Hände. Seine Bux hat er -aufgekrempelt bis über de Knie. (Auguste bleibt bei der halbgeöffneten -Zimmertür unbemerkt stehen.) - -EDUARD: (nimmt das Gespräch wieder auf) Das ist alles noch kein Grund, -seine Tochter zu verkaufen. - -Fr. SONNTAG: Soll Marta vielleicht Ladenmädchen werden? - -EDUARD: (primanerhaft) Lieber als im buhlerischen Bett liegen. - -Fr. SONNTAG: Du übertreibst, Eduard, ich bitte Dich, schlafe eine Nacht -darüber. - -EDUARD: (mit biblischer Wucht) Ich sage Dir, Weib, beflecke unser Haus -nicht. - - (Mutter bricht weinend zusammen.) - -Fr. SONNTAG: (leise) Du bist impertinent wie Carl Pius. - -AUGUSTE: (behutsam durch die Tür wieder eintretend, glotzäugig, -gutmütig, lügend) Überall schellt es -- - -EDUARD: Die kommt Dir immer wie gerufen. - -AUGUSTE: Ich kann de Mama Sonntag nicht heulen sehen. (Tritt gutherzig -näher zu ihr hin.) Ma'mm Sonntag .... - -EDUARD: (kämpft mit sich. Marta kommt temperamentvoll ins Zimmer, v. -Simon verharrt unsicher, als er Eduard erblickt, vor der halboffenen -Zimmertür.) - -Fr. SONNTAG: Marta, laß uns noch einen Augenblick allein. (Marta -gehorcht schmollend, im nächsten Augenblick ihren Bräutigam graziös -anlächelnd, verschwindet sie mit ihm wieder.) - -EDUARD: (zärtlich aber fest) Hast Du mir noch etwas zu sagen? - -AUGUSTE: (zu Frau Sonntag) Gucken Sie ihm an, Ma'mm Sonntag, er hat en -Heiligenschein um de Locken. - -Fr. SONNTAG: (nickt unendlich traurig.) - -AUGUSTE: Er paßt gar nicht in de sündige Welt. - -Fr. SONNTAG: (ernst zustimmend.) - -AUGUSTE: (zeigt auf die Haustür) Da steht verdeck noch der große Lümmel -von Puderbachs vor de Haustür un lauert. - -EDUARD: Ist das Lieschen bei ihm? - -Fr. SONNTAG: Aber Eduard ...... - -AUGUSTE: Lassen Se das arme Blag man lieber links liegen, sonst kommen -Se auch wie de Heinrich im falsches Verdacht. - -EDUARD: (erschöpft, er hustet stärker). - -AUGUSTE: (harmlos) Er hat mir selber öfters gefragt, ob Herr Eduard das -Lieschen poussierte. - -EDUARD: (entgeistert, kleine Pause) Mutter, hast Du das gewußt? - -Fr. SONNTAG: (mitleidsvoll) Ich kenne Dich doch, Eduard. -- - -EDUARD: (schreitet fremd und einsam aus dem Zimmer wie _über einen Berg -herüber_. Frau Sonntag sieht ihm melancholisch nach; nimmt das Couvert -zerstreut vom Tisch und tritt ans Fenster, vor das die Verlobten treten; -Marta blickt erstaunt den Zaun des Gartens entlang.) - -MARTA: Denk mal, Mama -- (Frau S. hört kaum hin) eben ging Berta aus dem -Haus am Zaun vorbei in _meinem_ Jackett und Hut und _ihre_ Sachen hängen -an meinem Haken am Ständer. - -v. SIMON: Darf ich der verehrten Mama die Hand küssen? (Berührt die ihm -zaudernd dargereichte Hand.) - -Fr. SONNTAG: (verlegen) Ich kann mich noch garnicht an den Gedanken -gewöhnen. - -AUGUSTE: (wartet am äußeren Ende des Zimmers. Die Situation ist ihr -unbegreiflich. Sie geht heraus.) - -MARTA: (schmollt. Sie nimmt eine Kamille aus ihrem Gürtel und befestigt -sie über dem Herzen v. Simons.) - -v. SIMON: Du wirst mich ausputzen wie einen Geck, Kätzchen. - -Fr. SONNTAG: (öffnet apathisch das Couvert, sie nimmt Martas nackte -Photographie hervor -- erschrickt heftig -- begreift nicht, betrachtet -sie von allen Seiten. Sie ruft Marta ans Fenster zu sich und hält ihr -die Kehrseite des Bildes vor Augen.) - -Fr. SONNTAG: Marta, kennst Du die Handschrift? - -MARTA: (übermütig) Das ist Pius seine dicke Tatze. - -AUGUSTE: (kommt geheimnisvoll ins Zimmer) Herr Eduard sitzt in seine -Stub und beguckt sich im Spiegel. - -MARTA: Den hat er doch beklebt, daß er nicht eitel werde. (Frau Sonntag -schließt das Bild in ihren Sekretär ein.) - -v. SIMON: (leise zu Marta) Für Dich wird es auch die höchste Zeit, hier -herauszukommen, Kätzchen. - -Fr. SONNTAG: (apathisch, dann aufleuchtend zu sich redend, aber den Kopf -zu den Beiden zum Fenster hin gewandt) Ich werde ihm eine Herzensfreude -machen. - -MARTA: (etwas schnippisch) Du willst wohl mit ihm ins Kloster gehen, -Mama? (Auguste geht mit der Gebärde, die ausdrückt um Himmelswillen -nicht, fürsorglich hinter Frau Sonntag aus der Türe. Die Verlobten -verschwinden im Garten.) - - - II. SCENE. - - (Im selben Arbeiterviertel wie im ersten Aufzug.) - -Pendelfrederech, Lange Anna, Amadeus, Eduard, Carl, August Puderbach, -Großvater Wallbrecker. - -AMADEUS: Klopfen Se man tüchtig, de alte Pius schläft doch nich in de -Nacht, die hat mit em Satan zu konferieren. - -Lange ANNA: Un oben beim Wallbrecker sin de Fensterlöcher verstopft. - -PENDELFREDERECH: (stößt Eduard stier an) Ich hab 'ne trockene Kehl', -Herr. - -Lange ANNA: Du toter Maulwurf, was weißt Du von em Durscht! - -PENDELFREDERECH: (zu Eduard) Wir sin ja beide auf de Himmelfahrtreis. -(Er murmelt grausig. Eduard gibt ihm ein Geldstück.) - -Lange ANNA: (betrachtet es höhnisch) Davon brauchst De mich nicks -mitgeben, Frederech! - -PENDELFREDERECH: Altes Ferkel! - -AMADEUS: Wenn Sie de Carl sprechen wollen, Herr, der is im Wirtshaus un -säuft 'en Fusel nach dem andern (Eduard bewegt) un de Aujust sitzt bei -ihm un frißt Zucker aus seine Tasch und säuft mit ihm in Kömpanni. - -EDUARD: (bewegt sich in der Richtung zum Wirtshaus.) - -AMADEUS: (instinktiv) Ich will ihm herausholen, bleiben Sie man lieber -hier. - -PENDELFREDERECH: Hausknecht! - -EDUARD: (hält Amadeus zurück). - -Lange ANNA: (kreischt plötzlich auf, ähnlich wie am Abend, als Carl Pius -seinen Arm verrenkte). - -AMADEUS: Was is Dich, Lange Anna? - -Lange ANNA: (Wimmert wie ein Weib). - -PENDELFREDERECH: (murmelt böse). - -AMADEUS: Wie 'n Schellenzug von de Großmutter bammelt Dein Ärmel am Leib -herunter. - -Lange ANNA: (quietscht leise Frederech ins Ohr). - -PENDELFREDERECH: Altes Ferkel! - -AMADEUS: (zur langen Anna) Du hast es auch ein bißchen zu weit -getrieben. - -Lange ANNA: Ich? - -AMADEUS: Ja, das hast De; seit de Zeit hockt er im Fusel drin. - -Lange ANNA: Hihihihi! - -AMADEUS: Dat tut mich leid, leid tut mich das, er säuft ja sonst nicks. -(Lieschens Vater kommt nach Hause, durch die kleine Seitengasse vom -inneren Viertel her, man sieht ihn also nicht, hört nur, wie er mit der -Faust krachend die Haustür aufstößt.) - -AMADEUS: Ich merk das Poltern da. (Faßt auf sein Herz.) - -PENDELFREDERECH: (murmelt böse) Aus de Bibelstunde kömmt er. - -Lange ANNA: (stößt Eduard an die Schulter und quietscht höhnisch auf) -Das war der Vater von es .... - -PENDELFREDERECH: (murmelt grausig). - -AMADEUS: Geheult hat es, als es in die Zwangserziehungsanstalt geholt -wurd wie en Madame ihr Schoßpudel auf dem Weg zum Schlachthaus. - -EDUARD: (bewegt). - -Lange ANNA: Da werden se es man tüchtig durchbleuen für seine -Liebhabereien. (Kleine Pause.) Mich hätt' Ihr Bruder lieber nehmen -sollen. - -PENDELFREDERECH: Dir altes Ferkel? (Eduard bewegt.) Die Kleine versteht -es feiner wie Du. Im Nachthemd spaziert es grad unterm Mond über die -Dächer. Ich lag selber auf de Lauer und schnappte nach dem Glühwürmken. - -AMADEUS: (zu Eduard, wehmütig) Einmal hab ich es ja auch gesehen. - -Lange ANNA: Auf mir hat es in de Herrgottsfrüh nach der Oper (zeigt auf -seinen Arm) unten an de Wupper gelegen. - -AMADEUS: Ich war dem netten Dier gut. - -Lange ANNA: (zeigt auf seinen Arm) Ich soll man niks de Polizisten -erzählen von de Carl, es wär sein Schatz. Hihihihi! - -PENDELFREDERECH: Verlogenes Ferkel, verkrochen hast De Dir vor Carl -seine fette Faust. - -Lange ANNA: Du lauerst wohl aus Dein Deckel? - - (Carl und August kommen schwankend Arm in Arm aus dem Wirtshaus. - Carl sieht grenzenlos verändert aus. Seine alte Primanermütze - trägt August umgedreht auf einen Stock gespießt. Die drei - Herumtreiber lachen, Carl erblickt Eduard.) - -CARL: Nen Abend, Eduard, wie geht es mein Schatz Marzebillken? Se will -mich doch heiraten. Ijo, ijo! (zu sich selbst sprechend im Ton seiner -Großmutter) Carl, hast De Deine Großmutter lieb? (Kleine Pause. Im -seligtrunkenen Ton) Ich hab Dich ja so lieb, Eduard. - -AUGUST: (neidisch; er schwankt ebenfalls) Laß doch den Hungerleider -stehn, Carl, er soll sich das Haar schneiden lassen. - -AMADEUS: (zu August) Zeig meine beiden Kollegen molz de heilige Eva aus -Deine Brieftäsch, Aujust. (Die Brieftasche hängt August aus der -Hosentasche.) - -EDUARD: Das ist Pius' Brieftasche. (Es beginnt ein Wehen in der Luft.) - -AMADEUS: Ein Spruch aus lateinlich steht auf der Hinterseit'. - -EDUARD: (Er umfaßt Carl hinterrücks) Helfen Sie mir doch, Amadeus. - -AMADEUS: Ich kann ihm nich untergreifen, mein gläsern Herz bricht in -Splittern. (Wehleidig) En Sprung hat es schon. - -Lange ANNA: Nehmt mir in de Mitte, versoffne Brüders. (Er stößt Eduard -zurück, der taumelnd an Frederechs Brust fällt. Lange Anna drängt sich -zwischen Carl und August.) - -PENDELFREDERECH: Sin wir beide Todenvögels vereint. - - (Carl, Lange Anna, August wanken über die Brücke von dort weiter. - Der Nachtwind klagt wie ein Kind, Eduard fröstelt. Noch einmal - klopft er leise an die Haustür von Pius' Häuschen. Der Großvater - öffnet sein Fensterchen und kräht.) - -Gr. WALLBRECKER: Will se schon vertreiben de Nachtgespenster. (Er gießt -eine Emaillekanne voll Wasser herunter.) - -PENDELFREDERECH: (murmelt böse) Ich leg mir schlafen unterm Busch. -(Eduard tritt mit gesenktem Kopf den Heimweg an.) - - Ende - - - - - - - - Zur Kenntnis: Das Original dieses Schauspiels ist _en - Wopperdhalerplatt_ geschrieben worden. - - - - - - - -Druckfehlerberichtigung: - -Seite 31, Zeile 10 von oben lies statt: - -Sie liebt mir -- Sie liebt _mich_. »Im Ton der Arbeiter« muß wegfallen. - - - - - - - -Von ELSE LASKER-SCHÜLER erschienen bisher: - - STYX. Gedichte. - DER SIEBENTE TAG. Gedichte. - DAS PETER HILLE-BUCH. - DIE NÄCHTE TINO VON BAGDADS. - - - - -Anmerkungen zur Transkription - - -Hervorhebungen wurden mit _Unterstrichen_ gekennzeichnet. - -Die Schreibweise und Zeichensetzung des Originales wurden weitgehend -beibehalten. Nur offensichtliche Fehler wurden korrigiert wie hier -aufgeführt (vorher/nachher): - - [S. 12]: - ... (Sie schreiten ihrem kleinem Häuschen zu, im ... - ... (Sie schreiten ihrem kleinen Häuschen zu, im ... - - [S. 25]: - ... Mutter PIUS: (Läßt Berta ein bischen zappeln) Das ... - ... Mutter PIUS: (Läßt Berta ein bißchen zappeln) Das ... - - [S. 27]: - ... daß Liesken von Puderbach hat de Windpocken. ... - ... das Liesken von Puderbach hat de Windpocken. ... - - [S. 31]: - ... HEINRICH: Schad, daß Pius Grossmutter nicht ... - ... HEINRICH: Schad, daß Pius Großmutter nicht ... - - [S. 41]: - ... MARTA: Warum wollen sie dann strafen? ... - ... MARTA: Warum wollen Sie dann strafen? ... - - [S. 47]: (mehrfache Fälle) - ... Eisenstangen, die das Dach des Karussels halten, ... - ... Eisenstangen, die das Dach des Karussells halten, ... - - [S. 48]: - ... Um Lieschen Hals hängt ein großes Pfefferkuchenherz ... - ... Um Lieschens Hals hängt ein großes Pfefferkuchenherz ... - - [S. 51]: - ... Menschen zusammen, fast alle fahrenden springen ... - ... Menschen zusammen, fast alle Fahrenden springen ... - - [S. 58]: - ... Ohr) Mach man das de wegkommst, de kleine ... - ... Ohr) Mach man daß de wegkommst, de kleine ... - - [S. 60]: - ... löst die Kette von v. Simons Hände.) ... - ... löst die Kette von v. Simons Händen.) ... - - [S. 68]: - ... kehrt mit Kaffekanne, Tassen, Butterbrot etc. ... - ... kehrt mit Kaffeekanne, Tassen, Butterbrot etc. ... - - [S. 71]: - ... Lärm. Ein haufen Kinder sammelt sich lauschend ... - ... Lärm. Ein Haufen Kinder sammelt sich lauschend ... - - [S. 86]: - ... Dass Du es übers Herz bringen kannst, Eduard. ... - ... Daß Du es übers Herz bringen kannst, Eduard. ... - - [S. 88]: - ... die Füsse.) ... - ... die Füße.) ... - - [S. 90]: - ... AUGUSTE: (schliesst die Tür) Und was denken ... - ... AUGUSTE: (schließt die Tür) Und was denken ... - - [S. 90]: - ... drängen. Der grösste hält ein Öllämpchen in ... - ... drängen. Der größte hält ein Öllämpchen in ... - - [S. 94]: - ... das soll ich die Madame von dem längsten ... - ... soll ich die Madame von dem längsten ... - - - - - - -End of the Project Gutenberg EBook of Die Wupper, by Else Lasker-Schüler - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE WUPPER *** - -***** This file should be named 50530-8.txt or 50530-8.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/5/0/5/3/50530/ - -Produced by Peter Becker, Jens Sadowski, and the Online -Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net - - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. 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You may copy it, give it away or re-use it under the terms of -the Project Gutenberg License included with this eBook or online at -www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have -to check the laws of the country where you are located before using this ebook. - - - -Title: Die Wupper - -Author: Else Lasker-Schüler - -Release Date: November 22, 2015 [EBook #50530] - -Language: German - -Character set encoding: ISO-8859-1 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE WUPPER *** - - - - -Produced by Peter Becker, Jens Sadowski, and the Online -Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net - - - - - - -</pre> - - -<div class="titlematter"> -<h1 class="title"> -DIE WUPPER -</h1> - -<p class="aut"> -SCHAUSPIEL IN 5 AUFZÜGEN<br /> -VON ELSE LASKER-SCHÜLER -</p> - -<p class="pub"> -OESTERHELD & CO · BERLIN 1909 -</p> - -</div> - -<div class="titlematter"> -<p class="ded"> -DER LIEBLICHEN PRINZESSIN<br /> -HELLE v. L.<br /> -SCHENKE ICH DIESES BUCH -</p> - -</div> - -<div class="titlematter"> -<p class="cop"> -DAS AUFFÜHRUNGSRECHT FÜR SÄMTLICHE<br /> -BÜHNEN IST DURCH DIE VERLAGSFIRMA<br /> -OESTERHELD & CO., BERLIN W. 15 ZU BEZIEHEN -</p> - -</div> - -<h2 class="chapter" id="chapter-0-1"> -<a id="page-7" class="pagenum" title="7"></a> -PERSONEN -</h2> - -<div class="table"> -<table class="pers" summary="Table-1"> -<tbody> - <tr class="m"> - <td class="col1" colspan="3">FRAU CHARLOTTE SONNTAG (Fabrikbesitzerin)</td> - </tr> - <tr class="m1"> - <td class="col1">HEINRICH</td> - <td class="col2" rowspan="3" >}</td> - <td class="col3" rowspan="3" >ihre Kinder</td> - </tr> - <tr class="m"> - <td class="col1">EDUARD</td> - </tr> - <tr class="m"> - <td class="col1">MARTA</td> - </tr> - <tr class="m"> - <td class="col1" colspan="3">DR. JUR. BRUNO VON SIMON</td> - </tr> - <tr class="m"> - <td class="col1" colspan="3">GROSSVATTER WALLBRECKER</td> - </tr> - <tr class="m"> - <td class="col1" colspan="3">AMANDA PIUS, seine Tochter</td> - </tr> - <tr class="m"> - <td class="col1" colspan="3">CARL PIUS, sein Enkel</td> - </tr> - <tr class="m"> - <td class="col1" colspan="3">MUTTER PIUS (Carls Großmutter väterlicherseits)</td> - </tr> - <tr class="m2"> - <td class="col1">DER PENDELFREDERECH</td> - <td class="col2" rowspan="3">}</td> - <td class="col3" rowspan="3">Drei Herumtreiber</td> - </tr> - <tr class="m2"> - <td class="col1">LANGE ANNA</td> - </tr> - <tr class="m2"> - <td class="col1">DER GLÄSERNE AMADEUS</td> - </tr> - <tr class="m"> - <td class="col1" colspan="3">AUGUST PUDERBACH, Färber</td> - </tr> - <tr class="m"> - <td class="col1" colspan="3">LIESCHEN, sein Schwesterchen</td> - </tr> - <tr class="m"> - <td class="col1" colspan="3">GRETE STOMMS, Lieschens Freundin</td> - </tr> - <tr class="m"> - <td class="col1" colspan="3">WILLEM, Zuhälter, ehemaliger Weber</td> - </tr> - <tr class="m"> - <td class="col1" colspan="3">ROSA, die Riesendame</td> - </tr> - <tr class="m"> - <td class="col1" colspan="3">DIE HERREN MIT DEN GRAUEN CYLINDERN</td> - </tr> - <tr class="m3"> - <td class="col1">AUGUSTE</td> - <td class="col2" rowspan="2">}</td> - <td class="col3" rowspan="2">Dienstboten im Hause Sonntag</td> - </tr> - <tr class="m3"> - <td class="col1">BERTA</td> - </tr> -</tbody> -</table> -</div> -<p class="center"> -Fabrikarbeiter, Fabrikarbeiterinnen, Herumtreiber, -Kroatenjungen, Jahrmarktleute, Kinder etc. -</p> - -<div class="dir"> -<p> -Der erste und vierte Aufzug spielen im Arbeiterviertel, -der zweite im Garten vor einer Villa, der -dritte auf dem Jahrmarkt, der fünfte in einer Art -Gartenzimmer derselben Villa. Die Schlußverwandlung -des fünften Aufzuges spielt im Arbeiterviertel. -</p> - -</div> - -<h2 class="chapter" id="chapter-0-2"> -<a id="page-9" class="pagenum" title="9"></a> -ERSTER AKT -</h2> - -<div class="dir"> -<p> -Arbeiterviertel einer Fabrikstadt im Wuppertale. -</p> - -<p> -Hintergrund bergiger Wald. Links im Tal fließt ein -schmaler Wupperarm nach hinten in einer Biegung -auslaufend. Über den Fluß führt eine Brücke zu -einem Weg, an dem Pius zerfallenes, einstöckiges -Häuschen liegt. Rechts hinten ein Gäßchen mit hohen, -alten, schmutzigen Arbeitermietshäuschen. Im ersten, -nur noch halb sichtbaren Hause, wohnen im obersten -Stockwerk Puderbachs. -</p> - -<p> -Links von der Wupper eine Wiese — in der Ferne -sieht man dampfende Schornsteine von Fabriken -und andere Häuser etc. -</p> - -<p> -Vor Pius’ Häuschen steht eine Bank, neben dieser -ein breiter Strauch. Vor einem Steg, der im Hintergrund -in den Wald führt, brennt eine alte Laterne, -die während des ersten Aufzuges langsam erbleicht. -</p> - -</div> - -<div class="pers"> -<p> -Großvatter Wallbrecker, Carl Pius, Frau Amanda -Pius, Mutter Pius, Lieschen Puderbach, August Puderbach, -der Pendelfrederech, Lange Anna, der gläserne -Amadeus, zwei Helfershelfer, Kroatenjungen. -</p> - -</div> - -<p> -Großvatter WALLBRECKER: Hör auf Dein alten -Großvatter, Carl, schmeiß den Gelehrtenkrams -beis Gerömpel. Du bist man so recht was für’n -Meister, Gesellen müßt De unter Dein Kommando -hab’n. -</p> - -<p> -<a id="page-10" class="pagenum" title="10"></a> -CARL: Laß mich man erst Pastor sein, Großvatter, -dann werden die Meisters meine Gesellen. -</p> - -<p> -Gr. W.: Und das Liesken drüben sollst Du doch -frein. -</p> - -<p> -CARL (Überlegen wie zu einem Kind): Die heirat’ -mich um so lieber. -</p> - -<p> -Gr. W.: Fünfundzwanzig Jahr hab ich mit dem -Liesken sein Großvatter am Webstuhl gesessen, -und doch war das Leichentuch zu klein für uns -zwei. (Pause). Es nimmt en Pastor schon, aber, -zum gelehrten Mann gehört en feines Weib un -zum Pastor eine Pastorin — un der alte Großvatter -gehört auch nicht rein in’s Treibhaus! -</p> - -<p> -CARL: ’N en bequemen Sorgenstuhl kauf ich Dir, -Großvatter, auf einem weichen Polster sitzt Du -und tust den ganzen Tag niks andres wie schlafen, -spazierengehen und schmöken. Was sagst De -dazu, Vatter Wallbrecker? -</p> - -<p> -Gr. W.: Mit die Kaplans komm ich in Kollektion, -daß Vatter Wallbreckers Enkelsohn Pastor is, sie -haben mich schon das Haus eingelaufen wegen -Dein Vater sein lutherschen Glaubens. -</p> - -<p> -CARL: An was Du alles denken tust. -</p> - -<p> -Gr. W.: Tum Tingelingeling, Carl, die alte Truthenne -hat auch Dein Vater immer in die Ohren gelegen. -Ein fleißiger Färber wars; (zeigt auf das Wasser -der Wupper) da rinnt sein Blut. — Fällt dem -mit einmal ein, er taucht für die Arbeit nich -mehr, un giftig is er geworden auf sein Herrn -<a id="page-11" class="pagenum" title="11"></a> -und seine Gemahlin. Aufgeblasen war se ja -man mit die seidene Röck, aber en Hochmut -darf sie ja hab’n bei so viel Geld. Am hellen -Tag auf dem Marktplatz hat er ihren adeligen -Blossen verhauen. -</p> - -<p> -CARL: Das hat Dir wol großen Kummer gemacht, -Großvatter, weil Du es nich vergessen kannst. -</p> - -<p> -Gr. W.: Tum Tingelingeling, ein Jahr hab’n sie ihm -für seine Missetat ins Loch gesteckt. -</p> - -<p> -CARL: (Beileid bezeugend). -</p> - -<p> -Gr. W.: Er war ja sonst ein ehrlicher Arbeiter -gewesen. -</p> - -<p> -CARL: (Nickt). -</p> - -<p> -Gr. W.: Un die alte Truthenne hat ihm bald besucht. -Mit ihre Quacksalben hat sie eine feine Madame -den Brand an de Waden geschmiert. Siehst De, -Carl, un nu meint Amanda, Dir steckt man auch -mal rein wie Dein überdrüssiger Vatter und Deine -studierte Großmutter. -</p> - -<p> -CARL: Die Zeiten hab’n sich geändert, Großvatter. -</p> - -<p> -Gr. W.: Siehst De, da hab’n wir’s, bald denkst -De auch an Dein alten Großvatter Taback nich -mehr. (Kindlich schlau). -</p> - -<p> -CARL: Laß man gut sein. -</p> - -<p> -Gr. W.: Wie alt bist De nu, Jung! Puderbachs -Aujust bringt schon zehn Taler nach Haus. Da -läuft er mit seine Schwester, wie mit sein Schatz. -</p> - -<p class="dir"> -(Man sieht beide geschwisterlich vom Wald heimwärts -kommen.) -</p> - -<p> -CARL: Und ich werd’ das Dreifache verdienen, -<a id="page-12" class="pagenum" title="12"></a> -laß mich man Zeit, bin ich erst Pastor, tust De -alle Tage Dein Leibgericht knappern. -</p> - -<p> -Gr. W.: (bedenklich) Wenn es de alte Truthenne -mich nich auffressen tut. -</p> - -<p> -CARL: Die bleibt hier an der Wupper in ihr Haus -wohnen. -</p> - -<p> -Gr. W.: Und Du willst in de fremde Residenz -predigen? Tum Tingelingeling, in die luthersche -Lutherkirche hier mußt De von de Kanzel herunter -auf all die reichen Muckerköppe brüllen: (kleine -Pause) Und ich werd auch auf meine alten Tag -en Ketzer werden, wenn es not tut — Dich zu -Lieb, Carl. Ich hab das (schlägt ein Kreuz) doch -verlernt (weinerlich), wenn man so immer dran -hängen tut. -</p> - -<p> -CARL: Es ist schon spät, Großvatter, ich bring -Dich in de Klappe. -</p> - -<p> -Gr. W.: Jung, Jung, Jung, wenn ich es erleben tu. -</p> - -<p class="dir"> -(Sie schreiten ihrem <a id="corr-1"></a>kleinen Häuschen zu, im -Begriff einzutreten, umhalst hinterrücks den Großvater -Lieschen Puderbach, die ihrem Bruder vorangesprungen -ist. Arbeiter sieht man in der Ferne -und hört ihre rauhen Stimmen.) -</p> - -<p> -Gr. W.: Was willst De vom Großvatter, kleines, -leckeres Dier? Seh Se Dich mal an, Carl, die -meint es mit dem alten Großvatter gut. -</p> - -<p> -LIESCHEN: (vergnügt) Kriegst morgen zu Dein -Geburtstag ’ne neue Piepe von mich, ich hab dem -Aujust seine kleine im blauen Sametetui weggekläut -un sie Herr Stomms gebracht heut. Ich -<a id="page-13" class="pagenum" title="13"></a> -kann mich für sie eine <em>lange</em> aussuchen wie -Deine is, eine nagelneue, Großvatter, (ganz hoch -zu sprechen) mit en Hirschkopf drauf. -</p> - -<p> -Gr. W.: (freut sich wie ein Kind) Die meint es gut -mit dem alten Großvatter, Carl. (Er kitzelt -Lieschen am nackten Hälschen) Ich klopf’ ihm -auch immer, wenn der junge Herr Eduard kommen -tut, was Liesken? -</p> - -<p> -LIESCHEN: (schämt sich). -</p> - -<p> -Gr. W.: (Blinzelt Lieschen vertraulich an) Er fragt -mir immer nach es. -</p> - -<p> -LIESCHEN: (altklug zu Carl) Herr Eduard sagt, -ich wär seine Königsbraut. -</p> - -<p> -CARL: (sagt, um etwas zu erwidern) Un mich -willst De also nich heiraten. -</p> - -<p> -Gr. W.: Tum Tingelingeling, er ist molz ein reichen -Herr, was Liesken? -</p> - -<p> -LIESCHEN: Zwei große Bilder aus England hat er -gesagt, bringt er mich mit hier — siehst De! -siehst De! Ich glaub, er kömmt gleich Dir -besuchen, Carl. -</p> - -<p> -CARL: (schiebt das Kind ungeduldig zur Seite) Dein -Bruder sucht Dich, Liesken. -</p> - -<p> -Gr. W.: Ein blaues Maul hat das Luder von’n -Beerenfressen. -</p> - -<p> -LIESCHEN: Kuck mal seine Nas an, Großvatter!! -</p> - -<p> -Gr. W.: Die is man wie’n Affe seine gemalen. -</p> - -<p> -LIESCHEN: Aujust, Aujust, wie siehst De aus!!!! -</p> - -<p> -AUGUST: (blickt neidisch auf Carl) Ich bin man -blos ein einfacher Färber, ich schäm mir nich, -<a id="page-14" class="pagenum" title="14"></a> -von Gottes Waldes Natur zu fressen; Du, Großvatter -Wallbrecker? -</p> - -<p> -Gr. W.: (Schüttelt mit dem Kopf) Nä. -</p> - -<p> -AUGUST: Du Liesken? (Carl stellt sich an einen -Seitenbalken des Häuschens, die Arme verschränkt). -</p> - -<p> -LIESCHEN: Wenn De de Mutter fragen tust, -August, ob ich die Tante noch ein bischen -waschen helfen darf, dann sag ich Dich auch, -wo Deine kleine Piepe im blauen Sametetui is. -</p> - -<p> -AUGUST: Sag!! -</p> - -<p> -Gr. W.: (Schüttelt heftig Lieschen mit dem Kopf zu). -</p> - -<p> -LIESCHEN: (Lacht). -</p> - -<p> -AUGUST: Sag es doch, dummes Weib!! -</p> - -<p> -LIESCHEN: Molz! Ich weiß es doch nicht. -</p> - -<p> -Gr. W. und -LIESCHEN: -(Lachen August aus, der in komischen -Wendungen im Begriffe ist, umzukehren, -Lieschen verhindert es aber). -</p> - -<p> -LIESCHEN: Aujust, lieber Aujust, frag die Mutter, -ja? Ich geb Dich auch en Dicken. -</p> - -<p> -AUGUST: Steck den Schmatz man in de Kiste, -wenn de heiraten tust. -</p> - -<p> -LIESCHEN: Meine Klümken un de Stange Süßholz -kannst De Dich nehmen aus Mutter ihre -Kommode, Aujust. -</p> - -<p> -Frau AMANDA PIUS: (tritt ans offene Fenster, -sie hat die letzten Worte Lieschens gehört) So -en süßen Kater bist De, Aujust? Warum kömmst -De eigentlich nich mehr beim Carl herüber? -</p> - -<p class="dirc"> -(Mutter Pius tritt hinter Amanda ans Fenster). -</p> - -<p> -<a id="page-15" class="pagenum" title="15"></a> -AUGUST: Bei so’n feinen Herr, — nä, Frau Pius? -</p> - -<p> -Mutter PIUS: Was soll auch unser Carl mit so -einen gemeinen Baumwollenfärber anfangen? -</p> - -<p> -AUGUST: (Verzieht sich furchtbar komisch mit -einem Katzenbuckel). -</p> - -<p> -Mutter PIUS: (zu Lieschen) Und Du müßt’ schon -in de Klappe liegen. -</p> - -<p> -LIESCHEN: (etwas schüchtern auf Frau Amanda -blickend) Ich will die Tante noch waschen helfen, -daß se morgen dem Großvatter sein Leibgericht -kochen kann. -</p> - -<p> -Mutter PIUS: Und hat kein Zahn im Maul. -</p> - -<p> -LIESCHEN: Ich kann doch nich schlafen bei so’n -Mond, der guckt so rot wie Pendelfrederech sein -ausgelaufen Aug. -</p> - -<p> -Frau AMANDA: (geheimnisvoll) Hast De das schon -gesehen, Liesken? -</p> - -<p> -LIESCHEN: Einmal hat er es mich und Gretchen -Stomms gezeigt. -</p> - -<p> -Mutter PIUS: (zynisch) Un hast De sonst niks andres -in sein Keller gesehn, Liesken? -</p> - -<p> -LIESCHEN: Ich hab immer blos in sein runden, -roten Mond geguckt. -</p> - -<p> -Mutter PIUS: Aber en wacker Mädchen bist De -geworden: Amanda guck mal, Brüst hat es schon, -wie junge Salatköppe. (Carl tritt aus seinem -Winkel auf den Großvater zu). -</p> - -<p> -Gr. W.: Carl, ich komm jetz. -</p> - -<p class="dir"> -(Mutter Pius tritt in die Stube zurück; Lieschen -klettert durchs Fenster, Frau Amanda ist ihr dabei -<a id="page-16" class="pagenum" title="16"></a> -behilflich. Dann schließt sie das Fenster. Der -Großvater und Carl schlendern langsam ins Haus.) -</p> - -<p> -Gr. W.: Nä, wie mich das alles aufregen tut .... -</p> - -<p> -CARL: Was denn? -</p> - -<p> -Gr. W.: Mit Deine Carliäre, Carl. -</p> - -<p> -CARL: Schlaf man ruhig, Großvatter. (Sie treten -beide ins Häuschen. August schleicht aus seiner -Gasse, umlauert das kleine Häuschen von Pius -und versteckt sich vorsichtig zwischen Strauch -und Bank. Unterdessen wird das Dachkämmerchen -von einem matten Öllämpchen erleuchtet, das -kleine Fenster ist halb geöffnet. Betrunkene -Arbeiter passieren den Weg, fluchen, lachen, etc. -August gebärdet sich, da er durch den Lärm nicht -zu hören glaubt, wie ein wütender Clown. Die -Arbeiter biegen rechts in die Gasse ein. Man -hört von oben Amandas Stimme). -</p> - -<p> -Frau AMANDA: Vatter .... -</p> - -<p> -Gr. W.: Jjo .... -</p> - -<p> -Frau AMANDA: So eilig hast De’s ja sonst nich, -wach auf!! -</p> - -<p> -Gr. W.: Was soll ich um Mitternacht, meine Tochter? -</p> - -<p> -Frau AMANDA: Was hat Carl gesagt? -</p> - -<p> -Gr. W.: Was? -</p> - -<p> -Frau AMANDA: Was er gesagt hat. Du hast doch -gesprochen mit ihm. -</p> - -<p> -Gr. W.: Jjo, es is mich man so am Maul vorbeigeschlichen, -was fürn schönen Posten der Aujust -hat. -</p> - -<p> -Frau AMANDA: Un was sagt er drauf? -</p> - -<p> -<a id="page-17" class="pagenum" title="17"></a> -Gr. W.: Nä, er will nich; de Pastor spuckt ihm in -Kopf herum. -</p> - -<div class="dir17"> - -<p class="left"> -Während<br /> -dessen<br /> -setzt<br /> -oben das<br /> -Gespräch<br /> -fort. -</p> - -<p class="right"> -Drei Männer kommen langsam schweigend -über die Brücke, der eine murrt -unheimlich, es ist der Pendelfrederech, -sein linkes, ausgelaufenes Auge bedeckt -eine schwarze Klappe. Der zweite -ist lange Anna, der trägt eine Handharmonika -in einem verschossenen -Band um die Schulter. Der dritte ist -der gläserne Amadeus, der nimmt vorsichtig -Platz auf der Stufe, die von -der Brücke zum Weg führt. Die -beiden anderen setzen sich auf das -Geländer der Brücke. August bückt -sich tiefer unter den Strauch. -</p> - -</div> -<p> -Frau AMANDA: Du kannst nich kallen! Ich hab -auch keine Lust mehr, den ganz Stall zu füttern. -</p> - -<p> -Gr. W.: Gered’ hab ich, ihr Weiber denkt wol, ihr -habt allein en Schnabel, was? (Frau Amanda -heult.) Laß das Heulen. (Sie gluckst.) Freuen -tu ich mir doch auf Carl in Ornaments (schlau -kindlich). Noch ein paar Jährkes, Amanda, meine -liebe Tochter, dann kömmt der Lohn. Glaub -Dein alten Vatter. (Er kräht noch einmal und -schläfert.) -</p> - -<p> -Frau AMANDA: Die Pius hat an alles Schuld, hat -se de Finger an mein Mann gehabt, soll se mein -Jung zufrieden lassen. -</p> - -<p> -Gr. W.: (Aus dem Schlaf triumphierend) Er wird -<a id="page-18" class="pagenum" title="18"></a> -se auch nich einladen zu sich in sein Filla neben -Kaiser Wilhelm Schloßkirche. -</p> - -<p> -Frau AMANDA: Du träumst wohl? (Sie schüttelt -ihn ärgerlich, man hört das Bett krachen.) -</p> - -<p> -Gr. W.: Alles präzise Wahrheit, Amanda, diesmal -hat de alte Pius gut spekuliert. (Kurze Pause.) -</p> - -<p> -Frau AMANDA: Seitdem Du nich mehr zum Heiland -beten tust, is alles so gekommen. (Sie heult -wieder.) -</p> - -<p> -Gr. W.: Ich bet jeden Abend, meine liebe Tochter, -ich lüg lieber, als daß ich mir nich bedanken -tu für seine große Gnade. (Leise singt die Türe.) -</p> - -<p> -Frau AMANDA: Kömm man herrein! — Liesken -will Dich gute Nacht sagen, Vatter, und denn -kannst De schlafen meinetwegen. (Man hört die -Tür roh ins Schloß werfen.) -</p> - -<p> -LIESCHEN: Großvatter, ich freu mir so auf Deine -neue Piepe (ganz hoch sprechend) en Hirschkopf -hat se!! -</p> - -<p> -Gr. W.: (Lacht wie ein Kind.) -</p> - -<p> -LIESCHEN: Klopfst De un pfeifst De mich, wenn -er bei Euch kömmt? -</p> - -<p> -Gr. W.: (Pfeift sehr gelungen.) -</p> - -<p> -LIESCHEN: Dein dicken Zeh guckt ja aus de -Federn heraus, Großvatter, warte, ich deck Dir -zu wie’n Wickelkind. -</p> - -<p> -Gr. W.: Mach auch noch weiter das Fenster offen, -ich leid an de Luft. -</p> - -<p> -LIESCHEN: (öffnet das kleine Fensterchen ganz.) -Aujust, hier bin ich. -</p> - -<p> -<a id="page-19" class="pagenum" title="19"></a> -AUGUST: (fährt erschrocken in die Höhe und -winkt ab.) -</p> - -<p> -LIESCHEN: Ich komm jetzt runter; gute Nacht, -Großvatter Wallbrecker! -</p> - -<p> -Gr. W.: (halb schlafend) Tum Tingelingeling, wenn -ich noch se en jung Weib im Bett hab’n könnt. -</p> - -<p class="dirc"> -(Lieschen ist im Nu unten.) -</p> - -<p> -AUGUST: (tritt aus dem Versteck, Lieschen eilt zu -ihm. August zu den Herumtreibern): N’Abend -zusammen, kömmt ihr schon von de Arbeit? -</p> - -<p> -Lange ANNA: (hohe Weiberstimme) Wo sonst her, -alter Duckmäuser? -</p> - -<p> -LIESCHEN: Amadeus, Du blutest ja. -</p> - -<p> -Lange ANNA: Laß es man bluten aus de Nasenrinnen, -was fängt er auch an gescheit zu reden -aus sein Traumbuch. -</p> - -<p> -AMADEUS: (legt angstvoll die Hand aufs Herz) -Un en Sprung hat es abgekriegt, Liesken, es -tröppelt immer. -</p> - -<p> -Lange ANNA: Laß ens lutschen ran. -</p> - -<p> -AMADEUS: Seid man still: es gibt noch was -hinter de Düsterkeit, wart man, wenn es erst -Licht wird. -</p> - -<p> -AUGUST: (steckt ein Streichholz an) Hier hast De -Licht, das können wir auch machen. (Zu Lieschen) -Versteck de Visage in Dein Schabbesdeckel, -Lieschen, Frederech hat wieder sein Pendel raushängen. -(Frederech murmelt grausig.) -</p> - -<p> -LIESCHEN: Ich hab’ so ’ne Angst, Aujust, wir -wollen bei Mutter gehn. -</p> - -<p> -<a id="page-20" class="pagenum" title="20"></a> -Lange ANNA: Bange Hippe! -</p> - -<p> -AMADEUS: (mitleidig) Es ist auch Zeit, macht euch -nach Haus, so’n kleines Blag gehört nicht mehr -auf de Straße. (Oben hüstelt der Großvater. -August und Lieschen biegen ins kleine Gäßchen -ein und treten in ihr Haus.) -</p> - -<p> -AMADEUS: Ich sag euch, lang mach ich so en -Leben nich mehr mit. Pendelfrederech, was hast -De von Dein Leben? -</p> - -<p> -PENDELFREDERECH: (grausig murmelnd) Ich hab -nicks von’s Leben, aber es hat mir zum Zeitvertreib. -</p> - -<p> -Lange ANNA: (höhnisch) So en verfaultes Zeitvertreib. -</p> - -<p> -PENDELFREDERECH: Nix für seine feinglasierte -Fingers, aber wenn es einen en Schabernack -spielen will, dann holt es mir aus seine Kiste. -(Murmelt böse.) -</p> - -<p> -Lange ANNA: (lacht) Von de Türen rannten de -Kochmamsells und die Herzen fielen ihnen in de -Buchsen. (Er klopft Pendelfrederech auf die -Schulter und lacht noch höher auf.) Mit Dich -mach ich oft so’ne Opern. -</p> - -<p> -AMADEUS: Und daß de Polizisten Dich nich -kriegen tun, Pendelfrederech. -</p> - -<p> -Lange ANNA: Die lachen selber. -</p> - -<p> -AMADEUS: Wat hast De eigentlich von de -Sauereien? -</p> - -<p> -Lange ANNA: Und guckst man immer so mit das -eine Aug in Dein Kopf rein? -</p> - -<p> -<a id="page-21" class="pagenum" title="21"></a> -PENDELFREDERECH: Rot seh ich immer, lauter -Rot. (Murmelt grausig.) -</p> - -<p> -AMADEUS: De Mutter Pius, die hat en Mittel dafür. -Aus dem Zuchthauskirchhof holt sie die -Totenköpfe und reibt sie zu Zucker. (Sie lachen -alle drei. Carl tritt, leise vor sich hin pfeifend, -aus dem Haus und setzt sich auf die Bank. -Amadeus spricht ohne Pause weiter, ohne Carl -zu bemerken.) Mich kann se vielleicht auch -helfen. (Er legt die Hand zärtlich bange aufs -Herz; er bemerkt plötzlich Carl.) Nabend Carl. -(Rührselig). Es hat en Sprung gekriegt, es klirrt -nur immer so drinn. -</p> - -<p> -Lange ANNA: (höhnisch) Deine Großmutter will er -consultieren. -</p> - -<p> -AMADEUS: (auf Frederech zeigend) Dem soll se -auch lebendig machen; wie en Spezialdoktor weiß -se mit de Kastemännekens Bescheid, was Carl? -</p> - -<p> -CARL: (hochmütig und abweisend) Sucht euch -Arbeit, dann vergehen euch de Schrullen. -</p> - -<p> -PENDELFREDERECH: Ich will nich reicher werden. -</p> - -<p> -Lange ANNA: (zu Carl) Tu man nich so aufgeblasen. -</p> - -<p class="dirc"> -(Kroatenjungen kommen, sie heulen.) -</p> - -<p> -AMADEUS: Was heult ihr so spät in der Nacht, -heulen könnt ihr noch morgen. -</p> - -<p> -KROATENJUNGEN: Aben verkauft nich, garnich, -Meister schlägt, tut weh .... -</p> - -<p> -Lange ANNA: (zu Carl) Pastor kümmer Dir um -Deine Gemeinde. (Carl gibt sich eine abweisende -Würde.) -</p> - -<p> -<a id="page-22" class="pagenum" title="22"></a> -AMADEUS: Laß man (er faßt in seine Tasche. Die -Kroaten gehen weiter.) -</p> - -<p> -Lange ANNA: (zu Carl) Was, Du alter Geizkragen, -Du Kreuzverdreher, Du Taschendieb. (Er will -in Carls Taschen fassen.) Zeig uns ens das -fremde Portemonnai! (Carl verrenkt mit wortloser -Leidenschaft den Arm des langen Anna. -Der schreit furchtbar grell auf, Amadeus fällt -zusammen, der Pendelfrederech nimmt ein kleines -Metallpfeifchen aus der Tasche und pfeift. Geht -dann stier, ohne den Erfolg abzuwarten, seines -Weges und legt sich gegenüber dem Hause -Puderbach am Ufer der Wupper nieder. Es -nahen alsbald drei Helfershelfer aus der Umgegend, -die glauben, da man lange Anna seines -kreischenden Heulens und Jammerns wegen nicht -verstehen kann, es handele sich um Amadeus -und fluchen.) -</p> - -<p class="dirc"> -(Mutter Pius tritt aus dem Häuschen.) -</p> - -<p> -1. HELFERSHELFER: (zeigt auf Amadeus) Wegen -den übergeschnappten Pitter? -</p> - -<p> -2. HELFERSHELFER: Pfeift uns der Stinkadores. -</p> - -<p class="dir"> -(Mutter Pius und Carl bringen Amadeus in ihr -Häuschen.) -</p> - -<p> -Lange ANNA: (zeigt vergebens seinen Arm und nach -Carl) Ein Mörder is er! (Die drei Helfershelfer -verstehen endlich, um was es sich handelt, drohen, -zeigen Messer und werden sehr laut. Der Großvater -Wallbrecker tritt oben erschreckt ans -Fenster.) -</p> - -<p> -<a id="page-23" class="pagenum" title="23"></a> -Gr. W.: Macht euch zum Teufel, ihr versoffene -Nachteulen. -</p> - -<p> -Die drei HELFERSHELFER: Johannes Sohn is -ein Mörder, soll sich noch mal sehen lassen. -(Lange Anna kreischt wiederholend) Ein Mörder, -ein Mörder! -</p> - -<p> -Gr. W.: (krähend) Amanda, ruf den Carl bei mich. -(Er geht vom Fenster, man hört sein Bett knacksen; -kräht schlaftrunken) Meine Piepe will ich hab’n, -(in Lieschens Ton) mit dem Hirschkopf drauf! -</p> - -<p class="dir"> -(Die Männer verziehen sich drohend, Lange Anna -mit ihnen.) -</p> - -<p> -Gr. W.: (Leise) — Tum tingelingeling .... -</p> - -<p class="dir"> -(Der Vollmond steht grell am Himmel, leise öffnet -sich eines der Dachfenster im Arbeiterhause, in -dem Puderbachs wohnen. Das kleine Lieschen -steigt leise mit geschlossenen Augen im Nachthemdchen -aufs Dach, macht einige Schritte zur -Wupper hin, wo Frederech liegt und steigt wieder -zurück durchs Fenster. Pendelfrederech hebt -sich bei dem Vorgang langsam auf Vieren und -stiert gläsern nach dem Dach. Sozialdemokraten -singen unterdessen, hoch am Wald vorüberziehend, -vierstimmig ein sozialdemokratisches -Lied, man hört die letzten Worte: Denn unsre -Fahn’ ist rot.) -</p> - -<h2 class="chapter" id="chapter-0-3"> -<a id="page-24" class="pagenum" title="24"></a> -ZWEITER AKT -</h2> - -<div class="dir"> -<p> -Ein blühender, gepflegter Garten mit Beeten und -Rosensträuchern und im Hintergrund ein Springbrunnen -auf einer kleinen, künstlich hergestellten -Anhöhe; im Hintergrund ein Pavillon mit bunten -Fenstern, <em>den man kaum sehen kann</em>. Rechts -ein weinumrankter Treppeneingang, der in die alte -Villa Sonntag führt. Links im Vordergrund ein -Zelt mit Tisch, Bank und Stühlen. Zwischen Gartenzaun -und Nachbarmauer zieht sich eine in die -Stadt führende, schmale Gasse. An der Nachbarmauer -ist ein Blechschild angebracht mit üblicher -Warnung, aber es ist schon alt und ruiniert und -seine Aufschrift unleserlich. -</p> - -</div> - -<div class="pers"> -<p> -Frau Sonntag, Heinrich, Eduard, Martha, Carl -Pius, Mutter Pius, Auguste und Berta, die drei -Herumtreiber: Pendelfrederech, Lange Anna, der -gläserne Amadeus. -</p> - -</div> - -<p> -Mutter PIUS: Lassen Se mir ihm zwischen de -eurigen sehn, das freut so’n altes Großmutterherz. -</p> - -<p> -BERTA: (gnädig und geziert) Unsere Frau ist auch -so freundlich zu ihm und erst (respektvoll) der -Herr Eduard. -</p> - -<p> -Mutter PIUS: Was Se sagen — aber, is er das -vielleicht nich wert? In de früh um fünf kömmt -<a id="page-25" class="pagenum" title="25"></a> -euer junger Herr und holt ihm aus dem -Nest und frägt ihm hie und da wegen dem -Examen. -</p> - -<p> -BERTA: (schnippisch) So klug ist der Carl? -</p> - -<p> -Mutter PIUS (überlegen): Wann er <em>mein</em> Enkelsohn -ist? -</p> - -<p> -BERTA (lacht vorlaut. Sie will Mutter Pius verlassen, -stellt das Tablett mit dem Abendgeschirr auf -die Bank — die Servietten vergeßlich unter dem -Arm haltend.) -</p> - -<p> -Mutter PIUS: Hab’n Se’s so eilig, Berta, sonst verzählen -Se sich doch so gern mit mich? -</p> - -<p> -BERTA: Ich habe keine Zeit. -</p> - -<p> -Mutter PIUS: Sie haben wohl den Kopf vom Schatz -voll? -</p> - -<p> -BERTA: Wer sagt Ihnen, daß ich einen Schatz -habe? (Berta pflückt sich eine Kamille vom -Beet und läßt dabei zwei Servietten fallen.) -</p> - -<p> -Mutter PIUS: Wer das sagt? Raten Sie ens! — -Die Karten. (Berta stemmt neugierig die Hände -in die Seiten. Mutter Pius hebt die zwei herabgefallenen -Servietten auf und liest wohlgefällig -den Namen auf dem Serviettenring.) -</p> - -<p> -Mutter PIUS: (zu sich) Wie en Kind im Haus .... -</p> - -<p> -BERTA: Na was sagen denn die Karten all, Mutter -Pius? (schmeichlerisch.) -</p> - -<p> -Mutter PIUS: (Läßt Berta ein <a id="corr-3"></a>bißchen zappeln) Das -möchten Sie wohl wissen, Berteken? -</p> - -<p> -BERTA: (Nickt geziert). -</p> - -<p> -Mutter PIUS: Dein Schatz wird Dich untreu, aber -<a id="page-26" class="pagenum" title="26"></a> -eine weite Reise machst De übern Ozean, und -ein reichen Millionär lernst De kennen. -</p> - -<p> -BERTA: <em>Donnerstag!</em> (verwundert) Unser Fräulein -hat mir zwei Nächte hintereinander im Schiff -gesehen. -</p> - -<p> -Mutter PIUS: Siehs De!! -</p> - -<p> -BERTA: Aber zu Auguste haben Sie am Sonntag -gesagt, mein Schatz wär ein robuster Mann mit -einem Schnauzbart. -</p> - -<p> -Mutter PIUS: Ich hab das gesagt? Laß mir ens -besinnen ..... -</p> - -<p> -BERTA: (geziert) Aber er ist von kleiner Statur -und trägt einen hellen Spitzbart. -</p> - -<p> -Mutter PIUS: (weissagend, komisch) Un adlig is er. -</p> - -<p> -BERTA: <em>Donnerstag.</em> (Verwundert.) -</p> - -<p> -Mutter PIUS: Das dumme Weib, geärgert hat sie -sich, daß der Coeurkönig nich bei ihm lag und -es zwanzig Jahr auf einen warten muß. Un da -hat es Dir vor Neid angeschmiert. Nä, Berteken, -daß De so dumm bist! -</p> - -<p> -BERTA: Ich werd’s der besorgen! -</p> - -<p> -Mutter PIUS: Laß man, es is ja en arm Dier mit -sein scheeles Aug und seine schiefe Schultern, -laß man Berteken. -</p> - -<p> -AUGUSTE: (steht im Seitengang, der aus der Küche -in den Garten führt, zu Berta) Wo bleiben Se -denn? (Mutter Pius gewahrend, eilt sie zu ihr.) -</p> - -<p> -Mutter PIUS: (zu Berta) Ich hab auch de Madame -schon rufen hören. (Berta geht geziert ins Haus. -Mutter Pius nähert sich gewandt dem Pavillon, -<a id="page-27" class="pagenum" title="27"></a> -bückt sich, um durch die Ritzen besser sehen -zu können.) -</p> - -<p> -Mutter PIUS: (zu Auguste) Ich habe ihm nur durch -die Ritzen gesehen, ich muß mir jetzt beeilen, -<a id="corr-4"></a>das Liesken von Puderbach hat de Windpocken. -</p> - -<p> -AUGUSTE: Was Se nich alles verstehen (glotzäugig, -gläubig.) -</p> - -<p> -Mutter PIUS: (nimmt ihr Körbchen am Arm und -reicht Auguste die Hand.) -</p> - -<p> -AUGUSTE: Hab’n Se denn unsere Frau schon gesprochen? -</p> - -<p> -Mutter PIUS: Das sehen Se doch an die schmierige -Spitzen. (Aufs Körbchen weisend.) -</p> - -<p> -AUGUSTE: (glotzäugig, gläubig) Was Se nich alles -verstehn! -</p> - -<p> -Mutter PIUS: Alles muß man verstehen, das feinste -und das gröbste. -</p> - -<p> -AUGUSTE: (schüttelt bewundernd den Kopf. Mutter -Pius wendet sich geringschätzend und diabolisch -lachend, noch einmal zu Auguste herum.) -</p> - -<p> -Mutter PIUS: Hab’n Se molz en flotten Kerl gefunden, -trotz de Karten? -</p> - -<p> -AUGUSTE: Nä, leider nich, Eure Karten sind reine -Teufels, Mutter Pius. -</p> - -<p> -Mutter PIUS: Kommen Se de doch ens wieder bei -mich, vielleicht kriegen wir Gewalt über den -Zauber, Auguste. -</p> - -<p> -AUGUSTE: Wenn ich mich erlauben darf. (Man -hört Husten aus dem Pavillon; sie horchen beide -erschreckt nach der Richtung.) -</p> - -<p> -<a id="page-28" class="pagenum" title="28"></a> -AUGUSTE: Das is Herr Eduard nich, das is de Marta, -die guckt zu lang in de Nacht aus’ en Fenster. -</p> - -<p> -Mutter PIUS: (lauernd) Euer Fräulein soll ens lieber -schlafen. -</p> - -<p> -AUGUSTE: Sie möcht auch von Euch de Karten -gelegt haben. -</p> - -<p> -Mutter PIUS: (freudig) Eine Gräfin war bei mich. -</p> - -<p> -AUGUSTE: (sie anstaunend) Wenn Se’s nich wieder -sagen, zeig ich Euch ne neumodsche Photographie -von de Marte — splitternackt, wie’s erste Weib -unterm Baum. (Frau Sonntag und Heinrich treten -unbemerkt aus dem Haus.) -</p> - -<p> -Mutter PIUS: Du hältst de Mutter Pius wohl für -dumm? -</p> - -<p> -AUGUSTE: Ihre Freundin, das Fräulein Oberbürgermeister, -hat se so abgenommen. — -</p> - -<p> -Mutter PIUS: Lauf wacker! (Auguste eilt fort -durch die Seitentür, Mutter Pius ruft ihr nach) -Ich leg Dich auch fein die Karten, Auguste ... -</p> - -<p class="dir"> -(Mutter Pius bemerkt die Kommenden, Heinrich -nähert sich dem Zaun, und nimmt von einer Frau -die Abendzeitung entgegen, drückt ihr flüchtig -ein Geldstück in die Hand, indessen Frau Sonntag -zum Zelt schreitet.) -</p> - -<p> -Mutter PIUS: (gewandt) Verzeihen Se, Ma’m Sonntag, -daß ich noch hier stehn tu, ich wollt mein -Enkelsohn Addjüß sagen. (Frau Sonntag nickt -freundlich herablassend und geht rechts, die Rosen -betrachtend, weiter. Mutter Pius kommt auf -Heinrich zu, klopft ihm vertraulich auf die Schulter.) -</p> - -<p> -<a id="page-29" class="pagenum" title="29"></a> -HEINRICH: Schockschwerenot, Frau Pius, wie geht -es Euch bei den schlechten Zeiten? -</p> - -<p> -Mutter PIUS: Davon wissen Sie doch nicks, Herr -Heinrich. -</p> - -<p> -HEINRICH: Un immer jünger werden Se. (Berta -tritt aus dem Haus, den Tisch zu decken.) -</p> - -<p> -Mutter PIUS: Sie Schmeichler. -</p> - -<p> -HEINRICH: (zynisch, gutmütig) Frau Pius, was -meinen Se zu uns zwei? -</p> - -<p> -BERTA: (kichernd.) -</p> - -<p> -HEINRICH: (zu Mutter Pius) Lassen Se den Kickindewelt -lachen, er weiß von de Liebe nicks. -</p> - -<p class="dirc"> -(Frau Sonntag nähert sich zerstreut dem Zelte.) -</p> - -<p> -Mutter PIUS: So en jungen reichen Herrn un ich? -</p> - -<p> -HEINRICH: Schockschwerenot, es is mein heiliger -Ernst. Eine verständige Frau muß ich haben. -</p> - -<p> -Frau SONNTAG: Frau Pius, lass Sie sich von -meinem Sohn nicht zum Besten halten. -</p> - -<p> -Mutter PIUS: Ich uz mir gern mit ihm, Ma’m Sonntag, -lassen Se ihm die Freude. -</p> - -<p> -HEINRICH: Wenn Se alles innes Lächerliche träkken, -liebe Frau Pius, wir passen doch aufs Haar zusammen. -</p> - -<p> -Mutter PIUS: (weiß nicht, wie sie es auffassen soll) -Ein reiches Fräulein muß Herr Heinrich heiraten. -Titichens, will de Großmama (zeigt auf Frau -Sonntag) wieder in Arm wiegen (sie macht mit -dem Arm die Wiegebewegung.) -</p> - -<p> -Frau SONNTAG: Nun lass Frau Pius zufrieden, -Heinrich. -</p> - -<p> -<a id="page-30" class="pagenum" title="30"></a> -Mutter PIUS: Auf de Messe aber dürfen Se mir -Johanni mit die Freunde in meine Bude besuchen. -Ich servier diesmal (nickt Heinrich -heimlich zynisch zu) en extra feine Delikatesse — -</p> - -<p> -BERTA: (bescheiden zu Frau Sonntag und Heinrich) -Ein Kind mit <em>zwei Köpfen</em> .... -</p> - -<p> -Mutter PIUS: (bemerkt endlich Auguste, die schon -längere Zeit erfolglos aus dem Seiteneingang -winkt) Nabend zusammen, ich muß bei meine -Leute! (Frau Sonntag setzt sich auf die Bank an -den Tisch und Heinrich bleibt neben ihr stehen.) -</p> - -<p> -HEINRICH: Ein Unikum ist die Olle! -</p> - -<p class="dir"> -(Mutter Pius entreißt Auguste das Bild [Kabinettgröße] -und entfernt sich aus der Zauntür. Auguste -bleibt verdutzt stehen.) -</p> - -<p> -Frau SONNTAG: Du ziehst sie aber auch beständig -auf, Heinrich. -</p> - -<p> -AUGUSTE: Wie’n Wind (geht ins Haus). -</p> - -<p> -HEINRICH: Spaß muß sein, Mama Charlottchen. -</p> - -<p> -Fr. SONNTAG: Macht Dir das solch einen Spaß? -</p> - -<p> -HEINRICH: Du sagst das so melancholisch. -</p> - -<p> -Fr. SONNTAG: So, das weiß ich garnicht. -</p> - -<p> -HEINRICH: (kleine Pause) Dieses Jahr wird die -Bilanz gut werden, Mama Charlottchen. -</p> - -<p> -Fr. SONNTAG: (lebhafter) Du belügst mich, -Heinrich? -</p> - -<p> -HEINRICH: Bei meinem verrosteten, alten Säbel. -</p> - -<p> -Fr. SONNTAG: Du bist ein Junge! -</p> - -<p> -HEINRICH: Wir wollen ein Pulleken darauf trinken, -Mama Charlottchen! -</p> - -<p> -<a id="page-31" class="pagenum" title="31"></a> -Fr. SONNTAG: (schüttelt lächelnd den Kopf). -</p> - -<p> -HEINRICH: Schad, daß Pius <a id="corr-5"></a>Großmutter nicht -mehr da ist; sitzen die noch immer darin? (Er -zeigt auf den Pavillon.) -</p> - -<p> -Fr. SONNTAG: Man muß sich nicht gemein machen -mit diesen Leuten. -</p> - -<p> -HEINRICH: Mittags promeniert sie vor meinem -Büro vorbei, bis ich rauskomm. -</p> - -<p> -Fr. SONNTAG: Warum? -</p> - -<p> -HEINRICH: (im Ton der Arbeiter) Sie liebt mir — -</p> - -<p> -Fr. SONNTAG: Schwätz keinen Unsinn, Heinrich. -</p> - -<p> -HEINRICH: (lacht). -</p> - -<p> -Fr. SONNTAG: Laß die arme, alte Person in -Frieden, ich möchte die Neckerei um Eduards -Willen nicht. Du kennst doch seine Sympathie -für Pius. -</p> - -<p> -HEINRICH: Pius kennt die alte Schrulle ganz genau. -</p> - -<p class="dirc"> -(Berta trägt Schüsseln mit kalten Speisen auf.) -</p> - -<p> -Fr. SONNTAG: Taisez donc! -</p> - -<p> -HEINRICH: Ich sag ja nichts. (Er nähert sich dem -Pavillon. Marta ist gerade im Begriff aus der -Türe zu treten — die Geschwister stoßen sich -fast.) -</p> - -<p> -MARTA: Hast Du mich erschreckt! -</p> - -<p> -HEINRICH: (neckisch) Ein unschuldiger Mensch -erschrickt nicht, beichte! -</p> - -<p> -MARTA: Esel! -</p> - -<p> -HEINRICH: (plötzlich leise mit Erregtheit, die sich -steigert bis zum Jähzorn) Ich will Dir mal was -sagen, erfahre ich noch einmal, daß Du in meiner -<a id="page-32" class="pagenum" title="32"></a> -Abwesenheit im Büro gewesen bist, so bekommst -Du ein paar Backpfeifen von mir. -</p> - -<p> -MARTA: (ein wenig verblüfft) Ich tu doch garnichts -da. -</p> - -<p> -HEINRICH: Du weißt, Simon ist mein Angestellter, -ich wünsche, daß er Respekt behält vor uns, -verstehst Du! (wieder munter) Schockschwerenot! -</p> - -<p> -MARTA: Herr von Simon ist stets höflich zu mir. -</p> - -<p class="dirc"> -(Eduard und Pius treten in den Pavillon.) -</p> - -<p> -HEINRICH: Das will ich auch hoffen. (Heinrich -reicht Carl Pius die Hand.) Hab doch wahrhaftig -wieder die Marken vergessen. -</p> - -<p> -EDUARD: (zu Carl; Heinrich umfassend) Er schwitzt -den ganzen Tag für uns, Carl, er ist der selbstloseste -Mensch auf der Welt. -</p> - -<p> -HEINRICH: (tut beschämt wie ein Backfischchen, -bei seinem robusten Äußern sehr ulkig wirkend). -</p> - -<p> -MARTA: (geht dem Tisch des Zeltes zu) Mama, -ich habe schreckliche Augenschmerzen (sie öffnet -sie graziös affektiert) vom Nachschlagen. -</p> - -<p> -Fr. SONNTAG: Ich bewundere schon lange Deine -Ausdauer. (Pius geht ungeschickt auf Frau Sonntag -zu und verbeugt sich tief vor ihr. Frau -Sonntag reicht ihm die Hand.) -</p> - -<p> -MARTA: Herr Pius will vor dem Abendbrot nach -Hause gehen, Mama. -</p> - -<p> -Fr. SONNTAG: Aber warum das, Herr Pius? -</p> - -<p> -CARL: Wenn ich so frei sein darf? (Marta bietet -ihm den Stuhl neben sich an; Heinrich setzt sich -links von Marta — Eduard nimmt neben seiner -<a id="page-33" class="pagenum" title="33"></a> -Mutter auf der Bank Platz. Berta serviert den -Tee und bedient etc.) -</p> - -<p> -MARTA: Findest Du nicht die Hornbrille scheußlich -für Herrn Pius, Mama? Er sieht aus wie -ein Dorfschullehrer. -</p> - -<p> -Fr. SONNTAG: Marta schwätz nicht soviel Unsinn. -</p> - -<p> -CARL: (verlegen.) -</p> - -<p> -Fr. SONNTAG: Ich habe noch garnicht bemerkt, -daß Herr Pius eine Brille trägt. -</p> - -<p> -CARL: Seit kurzem. -</p> - -<p> -EDUARD: Bitte nimm sie mal ab. (Carl zögert.) -Ich bin auch kurzsichtig. -</p> - -<p> -Fr. SONNTAG: Deine Rehaugen .... -</p> - -<p> -HEINRICH: (ulkig einen Backfisch imitierend) Das -lass ich mir nicht mehr gefallen, mir macht kein -Mensch den Hof. -</p> - -<p> -BERTA: (kichert leise auf, Frau Sonntags Blick -streift sie rügend.) -</p> - -<p> -HEINRICH: Sie denken an Mutter Pius, Berta, -was? Eine Großmutter haben Sie, Pius, prima! -</p> - -<p> -CARL: (verlegen.) -</p> - -<p> -HEINRICH: Ich glaube sogar, sie ist eine ganz -kluge Frau? -</p> - -<p> -EDUARD: (zu Carl) Von köstlichem Humor. -</p> - -<p> -MARTA: Eduard sagt, sie versteht lateinisch. -</p> - -<p> -Fr. SONNTAG: Auf welchen Tag fällt Ihr Examen, -Herr Pius? -</p> - -<p> -CARL: Am Mittwoch, einige Tage nach Johanni, -Madame Sonntag. -</p> - -<p> -<a id="page-34" class="pagenum" title="34"></a> -EDUARD: Du regst Dich mehr auf, wie wir beide -und die ganze Prima zusammen. -</p> - -<p> -Fr. SONNTAG: Mein Sohn sagt mir, Sie machen -sich Ihrer Studien wegen Sorge? -</p> - -<p> -CARL: (ist verlegen um Antwort.) -</p> - -<p> -EDUARD: Du wolltest Dich doch für weiteres verwenden, -Mutter? -</p> - -<p> -Fr. SONNTAG: (nickt freundlich Eduard zu, ihr -Blick fällt plötzlich auf Heinrich, der interessiert -in der Zeitung liest.) Was interessiert Dich in -der Zeitung — (rügend) während des Tisches. -</p> - -<p> -HEINRICH: Ich bitte um gnädige Verzeihung, Mama -Charlottchen. -</p> - -<p> -MARTA: Hältst Du Dein Versprechen, Heinrich? -</p> - -<p> -HEINRICH: Gerad mein Pferd muß stürzen. -</p> - -<p> -MARTA: Du schwindelst mir immer was vor. -</p> - -<p> -HEINRICH: (neckisch) Im Gegenteil, Du mußt den -Verlust tragen helfen! -</p> - -<p> -MARTA: Esel! -</p> - -<p> -HEINRICH: Danke! -</p> - -<p> -Fr. SONNTAG: Du kannst doch das Spielen nicht -lassen. -</p> - -<p> -HEINRICH: Es ist, mit Herrn Schiller gesagt: Mein -Spaziergang. -</p> - -<p> -EDUARD: Er sitzt auch viel zu viel im Büro. -</p> - -<p> -MARTA: Und dick bist Du, wie der Wirt vom -Schützengarten drüben. -</p> - -<p> -CARL: Warum reiten Sie nicht, Herr Sonntag? -</p> - -<p> -Fr. SONNTAG: Du hast doch wirklich sonntags -Zeit. -</p> - -<p> -<a id="page-35" class="pagenum" title="35"></a> -HEINRICH: Der Hengst scheut ja, wenn ich mich -ohne Uniform drauf setz’, Kinder. -</p> - -<p> -CARL: Fußtouren wären Ihnen auch zuträglich. -</p> - -<p> -EDUARD: In den Tiroler Alpen, was Carl? -</p> - -<p> -CARL: Zum Schneerössel rauf. -</p> - -<p> -EDUARD: Zehn Kilometer müßtest Du täglich -steigen; faktisch, das tät ihm gut. -</p> - -<p> -HEINRICH: Ich werde mich gleich im Schützengarten -wiegen lassen, ich glaub, ich habe schon -durch eure guten Ratschläge abgenommen. (Zwei -kleine Mädchen stehen, von allen unbemerkt, am -Gartenzaun.) -</p> - -<p> -Fr. SONNTAG: Mit ihm ist kein ernstes Wort zu reden. -</p> - -<p> -EDUARD: Pack doch einfach seinen Koffer, Mutter. -</p> - -<p class="dir"> -(Die kleinen Töchter vom Wirt verschwinden -ungesehen wieder.) -</p> - -<p> -HEINRICH: Und wer soll unterdessen für die Kleinen -sorgen? -</p> - -<p> -Fr. SONNTAG: Du hast doch einen Stellvertreter. -Marta lobte ihn gestern noch. -</p> - -<p> -HEINRICH: Sie soll sich lieber um die Haushaltung -bekümmern. -</p> - -<p> -MARTA: Esel! -</p> - -<p> -HEINRICH: Danke! Freuen Sie sich, Pius, daß Sie -keine Schwester haben. -</p> - -<p> -CARL: (seltsam aufflammend, antwortet etwas -schüchtern) Und ich beneide Sie darum. -</p> - -<p> -Fr. SONNTAG: (lächelnd) Hörst Du’s, Heinrich? -</p> - -<p> -HEINRICH: (schlägt Marta zärtlich auf den Rücken.) -</p> - -<p class="dirc"> -(Pause.) -</p> - -<p> -<a id="page-36" class="pagenum" title="36"></a> -Fr. SONNTAG: Ich würde ja öfters in die Fabrik -gehen ... -</p> - -<p> -HEINRICH: (neckisch) Weißt Du eigentlich, wo sie -ist, Mama Charlottchen? -</p> - -<p> -Fr. SONNTAG: (scherzend) Wie er mich schlecht -macht. -</p> - -<p> -MARTA: Herr von Simon ist energischer wie Du -bist mit den Arbeitern. -</p> - -<p> -HEINRICH: Wenn ich dabei bin. -</p> - -<p class="dirc"> -(Alle lachen, nur Marta schmollt.) -</p> - -<p> -HEINRICH: Den Willem, meinen fleißigsten Arbeiter, -hab ich seinetwegen herauswerfen müssen. -</p> - -<p> -MARTA: Der drang betrunken ins Büro und wollte -ihn dort totschlagen. -</p> - -<p> -HEINRICH: Die Sache ist mir auch noch nicht klar. -</p> - -<p> -Fr. SONNTAG: Wenn <em>Dir</em> nur mal nichts passiert, -Heinrich. -</p> - -<p> -EDUARD: Ihn haben sie alle gern, zu Dir haben -sich öfter doch Arbeiter geäußert, Carl? -</p> - -<p> -CARL: Ich steh mit all den Leuten kaum auf -Grußfuß. (Frau Sonntags Blick streift ihn mißtrauisch.) -</p> - -<p> -Fr. SONNTAG: (zerstreut) Wollen Sie wirklicher -<em>evangelischer</em> Geistlicher werden, Herr Pius? -</p> - -<p> -CARL: Ja, Madame Sonntag. -</p> - -<p> -Fr. SONNTAG: Ihre Großmutter wünscht es wohl? -</p> - -<p> -CARL: So ernste Fragen pflege ich allein zu erledigen. -</p> - -<p> -Fr. SONNTAG: (unbewußt in herablassendem Tone) -Versprechen Sie sich eine schnellere Carriere? -</p> - -<p> -<a id="page-37" class="pagenum" title="37"></a> -CARL: (primanerhaft) Ich bin mit den Dogmen der -katholischen Kirche in Konflikt geraten. -</p> - -<p> -Fr. SONNTAG: (nickt zustimmend hin zu Eduard.) -</p> - -<p> -EDUARD: Iwo, Mutter, er will heiraten. -</p> - -<p> -HEINRICH: Ich geh noch was rüber kegeln. -</p> - -<p> -MARTA: Die kleinen Blagen standen schon vormittags -am Zaun. Sie hätten heute Eisbein mit -Sauerkohl, ließe ihr Vater Herrn Leutnant sagen. -</p> - -<p> -HEINRICH: (zu Carl) Er war mein Untergebener. -</p> - -<p> -Fr. SONNTAG: Das sind also die Kinder vom Wirt? -</p> - -<p> -HEINRICH: Ich kauf den Püppkens manchmal -Schokolade. (Er erhebt sich und macht eine -lange Gähnbewegung mit Mund und Armen.) -</p> - -<p> -MARTA: (Schnellt vom Stuhl auf) Wollen Sie das -Kissen mal sehen, was ich Eduard (zu Carl sich -wendend) zum Examen schenke? -</p> - -<p> -CARL: Ich bitte darum. (Er erhebt sich freudig.) -</p> - -<p> -Fr. SONNTAG: Aber Marta, wie kindisch, wie -können Herrn Pius Deine Stickereien interessieren? -</p> - -<p> -CARL: Ich habe sogar als Knabe mit Vorliebe -weibliche Handarbeiten selbst ausgeführt. (Frau -Sonntag verzieht ihr Gesicht ungläubig.) -</p> - -<p> -EDUARD: Faktisch, Mutter! Mutter Pius zeigte mir -ein großes Kreuz, was er gestickt hat. (Heinrich -schreitet, die Hände in den Taschen, dem Hause -zu, wendet sich um.) -</p> - -<p> -HEINRICH: Addjüß Kinder! (Marta und Carl -schlendern um eins der Beete.) -</p> - -<p> -MARTA: Ich habe ein Bouquet Kamillen nach der -Natur darauf gestickt. -</p> - -<p> -<a id="page-38" class="pagenum" title="38"></a> -PIUS: Sie sind selbst eine Kamille, (leise) man -möchte Sie immer fragen .... Und es paßt auch -viel besser für Sie, mit bunten seidenen Fäden -zu spielen als uns zwei Kandidaten Examenarbeiten -zu helfen. (Man versteht die letzten -Worte kaum mehr, sie biegen in den Seitenweg -des Gartens ein.) -</p> - -<p> -EDUARD: Mutter, warum bist Du nicht freundlicher -zu Pius? -</p> - -<p> -Fr. SONNTAG: Aber Kind, ich gebe mir doch die -erdenklichste Mühe. -</p> - -<p class="dirc"> -(Sie legt ein Tuch um seine Füße.) -</p> - -<p> -EDUARD: (scherzend) Wenn ich mal oben im -Himmel bin, wirst Du abends heraufkommen und -das große Sternenfenster schließen, Mütterchen. -</p> - -<p> -Fr. SONNTAG: Wie Du sprichst .... -</p> - -<p> -EDUARD: O, ich habe noch viel, viel zu erledigen. -</p> - -<p class="dirc"> -(Er legt seinen Arm lächelnd um ihre Schulter.) -</p> - -<p> -Fr. SONNTAG: Du solltest mehr an Dich denken, -die vielen Nachhilfestunden, die Du wieder für -Pius übernommen hast! — Ich gebe ihm lieber -das Geld. -</p> - -<p> -EDUARD: Das würde ihn beschämen; mir macht -es faktisch Vergnügen; Pius ist zu gesund, Geduld -zu üben. (Kleine Pause.) Er hat mächtige Wellen, -Mutter, die überstürzen sich. -</p> - -<p> -Fr. SONNTAG: Dir tun seine Schüler leid, ich -kenne Dich, Eduard. -</p> - -<p> -EDUARD: (lächelt) Hier waltet nur höhere Gerechtigkeit. -</p> - -<p> -<a id="page-39" class="pagenum" title="39"></a> -Fr. SONNTAG: Du dichtest ihn Dir, Eduard. -</p> - -<p> -EDUARD: (scherzend) Wie sollte der, der den -Himmel verkündet, nicht ein Dichter sein. (Kleine -Pause.) Dich stört seine breite, ungeschickte Art. -</p> - -<p> -Fr. SONNTAG: Ich verlange von ihm doch keine -weltmännischen Finessen. -</p> - -<p> -EDUARD: Seine einfache Umgebung selbst respektiert -instinktiv seine geistige Stärke. -</p> - -<p> -Fr. SONNTAG: Seine geistige Stärke — Kind, -Kind, diese Leute haben nur Respekt vor Fäusten. -</p> - -<p> -EDUARD: Denke an Petrus, Jakobus .... -</p> - -<p class="dirc"> -(Marta und Carl werden sichtbar.) -</p> - -<p> -Fr. SONNTAG: Du glaubst nicht, wie unsympathisch -es mich berührt, wenn ich ihn neben Marta sehe. -</p> - -<p class="dirc"> -(Eduard erhebt sich betrübt. Er hustet leicht.) -</p> - -<p> -Fr. SONNTAG: Willst Du zu Bette gehen, Eduard? -</p> - -<p> -EDUARD: (kleine Pause) Durch den Garten wollen -wir wieder wandeln, Mutter, weltentrückt, wie -durch einen duftenden Psalm. -</p> - -<p> -Fr. SONNTAG: Du machst mir das Herz schwer .... -</p> - -<p> -EDUARD: Das will ich nicht. Dein Herz ist ein -Teil meines Himmels, darum werde ich Dir ja -bleiben, Mutter. -</p> - -<p class="dir"> -(Frau Sonntag und Eduard biegen um die Rosen -ein. Pius und Marta treten in den Vordergrund -— sie setzen sich auf eine Bank vor dem Springbrunnen.) -</p> - -<p> -PIUS: (streng, schüttelt energisch den Kopf) Seinen -Glauben respektier ich. -</p> - -<p> -MARTA: Aber Mama weint immer, er will doch -<a id="page-40" class="pagenum" title="40"></a> -in den strengsten Orden eintreten, barfuß geht -er dann und seine schönen Locken werden ihm -abgeschnitten. -</p> - -<p> -PIUS: (neidvoll) Das empfinden Sie wohl am -schmerzlichsten? -</p> - -<p class="dirc"> -(Pause.) -</p> - -<p class="i"> -Aber Sie erzählten mir doch, die Ärzte sagen, -es käme nicht dazu. -</p> - -<p> -MARTA: Denen kann man ja nicht glauben — und -Mama haben sie es verschwiegen, sie würde -sterben an seinem Tod. -</p> - -<p> -CARL: (sarkastisch) Also der Tod wäre demnach -Ihrer Frau Mutter sicher. -</p> - -<p> -MARTA: Bitte, spotten Sie nicht! -</p> - -<p> -CARL: Ich bin nicht zum Spotten aufgelegt. -</p> - -<p> -MARTA: (forschend) Ist er eigentlich schon katholisch -geworden? -</p> - -<p> -CARL: Fragen Sie ihn doch selbst. -</p> - -<p> -MARTA: Sie sind frech! -</p> - -<p> -CARL: (theatralisch, primanerhaft) Darum will -ich auch der Welt den Schoß der Mutter -nehmen. -</p> - -<p> -MARTA: (macht eine Bewegung des Unverständnisses.) -</p> - -<p> -CARL: Darum will ich evangelischer Verkünder -werden. -</p> - -<p> -MARTA: Ich glaube, Sie werden furchtbar schimpfen -von der Kanzel. -</p> - -<p> -CARL: (sarkastisch, scherzend) Fegefeuer auf all -die Sünder regnen lassen. -</p> - -<p> -<a id="page-41" class="pagenum" title="41"></a> -MARTA: Sie stritten doch einmal mit Eduard, es -gäbe keine Sünde. -</p> - -<p> -CARL: Im Sinne der Natur gibt’s auch keine Sünde. -</p> - -<p> -MARTA: Warum wollen <a id="corr-6"></a>Sie dann strafen? -</p> - -<p> -CARL: Weil ich sie nicht genießen kann. (Er -wendet sich plötzlich jäh zu Marta.) -</p> - -<p> -MARTA: (erschrickt) Und schreiben so fromme -Gedichte .... -</p> - -<p> -CARL: Haben Sie sie übersetzen können? -</p> - -<p> -MARTA: Mühsam, jedes Wort schlug ich nach. -</p> - -<p> -CARL: Später sende ich Ihnen täglich Kamillensträuße. -Schenken Sie mir eine aus Ihrem Gürtel, -bitte. -</p> - -<p> -MARTA: Meinetwegen. -</p> - -<p> -CARL: Sie paßt zu Ihnen, wie zur Amazone die Waffe. -</p> - -<p> -MARTA: Und sind ebenso gefährlich. -</p> - -<p> -CARL: Wenn Sie die Blättchen fragen. (Man sieht -Frau Sonntag und Eduard durch eine dichte -Baumallee wandeln, der Villa zu.) -</p> - -<p> -MARTA: Das tu ich schon lang nicht mehr. -</p> - -<p> -CARL: Sie sind Ihrer Sache gewiß. (Er will ihre -Hand küssen.) Sie spielen mit mir, Marta? -</p> - -<p> -MARTA: Wenn Sie noch einmal meine Hand -berühren, schlage ich Sie. -</p> - -<p> -CARL: Tun Sie das. (Marta bricht, unwillig auflachend, -ein Stöckchen vom Strauch ab, sie -berührt damit Carls Hand.) -</p> - -<p> -MARTA: Wehren Sie sich doch! -</p> - -<p> -CARL: Wie sollte ich mich wehren, einem Fräulein -gegenüber. -</p> - -<p> -<a id="page-42" class="pagenum" title="42"></a> -MARTA: Sie sind feig. -</p> - -<p> -CARL: Allerdings. -</p> - -<p> -MARTA: Feigling! -</p> - -<p> -CARL: Sie reizen mich. -</p> - -<p> -MARTA: (lacht mutwillig auf; Carl berührt mit -seinem Bleistift leicht ihre Hand; Marta lacht ihn -aus, Carl schlägt.) -</p> - -<p> -CARL: Verzeihung — o (er will ihre Hand küssen.) -</p> - -<p> -MARTA: Das war gemein. (Sie schlägt stärker -zurück.) -</p> - -<p> -CARL: O! (wehrt ab.) -</p> - -<p> -MARTA: Das war gemein, hier! -</p> - -<p> -CARL: Ich fange gleich an zu weinen wie ein Kind. -</p> - -<p> -MARTA: Pfui! -</p> - -<p> -CARL: Sie sind herzlos. -</p> - -<p> -MARTA: Und Sie vielleicht nicht? -</p> - -<p> -CARL: Ich war hilflos. -</p> - -<p> -MARTA: (leichtfertig, kindlich und kokett) Und -wenn ich Ihnen alle (greift in den Gürtel nach -ihrem Kamillenstrauße) schenke? -</p> - -<p> -CARL: Sie legten Sie nun auf ein Grab. -</p> - -<p> -HEINRICH: (kehrt durch die Gartentür zurück — -er nähert sich den beiden.) -</p> - -<p> -MARTA: (erschrocken zu ihm) Wie ein Dieb. -</p> - -<p> -HEINRICH: Bei <em>den</em> Füßen (zeigt sie) müßte man -schon taub sein. (Er gähnt in verschiedenen -Tönen.) Pius, kennen Sie ein Subjekt Namens -Amadeus? -</p> - -<p> -CARL: (noch in Gedanken.) -</p> - -<p> -HEINRICH: Er kennt Sie. -</p> - -<p> -<a id="page-43" class="pagenum" title="43"></a> -CARL: Der Amadeus mit dem gläsernen Herzen. -</p> - -<p> -MARTA: Warum kommst Du schon zurück? -</p> - -<p> -HEINRICH: Weil ich müd bin. -</p> - -<p> -MARTA: (zu Carl) Auguste kennt seinen Großvater, -der war Glaser und er deutet Träume. -</p> - -<p> -HEINRICH: Er hat mir soeben den Tod prophezeit. -</p> - -<p> -CARL: (ironisch) Die Deutung schmutziger Gewässer. -</p> - -<p> -HEINRICH: Nä ... (zynisch, gutmütig) ich hab von -faulen Eierschalen geträumt; für 10 Groschen -wollte er mich auch nicht am Leben lassen. -</p> - -<p> -CARL: Er ist konsequent. -</p> - -<p> -HEINRICH: Das muß man ihm lassen. -</p> - -<p> -MARTA: Oft sollen gerade so Leute wahr prophezein; -erzähl es nur nicht Mama. -</p> - -<p> -HEINRICH: (geht zwischen den Zähnen summend -ins Haus; vorher verschließt er die Gartentür.) -</p> - -<p> -MARTA: Ich glaub, er hat doch was Angst. -</p> - -<p> -CARL: (lacht auf) Er hat es schon längst vergessen. -</p> - -<p class="dirc"> -(Die Katzen schreien.) -</p> - -<p> -MARTA: Wie kleine Kinder! -</p> - -<p> -CARL: (schweigt.) -</p> - -<p> -MARTA: Weiße Angorakatzen sind himmlisch. -</p> - -<p class="dir"> -(Berta und Auguste schleichen um das Haus -mit Briefen in der Hand und klettern über den -Zaun.) -</p> - -<p> -CARL: Haben Sie Ihre Dienstboten gesehen? -</p> - -<p> -MARTA: Es sind doch auch Menschen. -</p> - -<p> -CARL: Darum müssen sie gehorchen. -</p> - -<p> -MARTA: Eduard sagt immer, es seien arme, weiße -Sklaven. -</p> - -<p> -<a id="page-44" class="pagenum" title="44"></a> -CARL: Eduard ist ein Idealist. (Die Katzen schreien -wieder auf.) -</p> - -<p> -MARTA: Das war die alte, greise Katze! -</p> - -<p> -CARL: Ich werde noch tobsüchtig ..... -</p> - -<p> -MARTA: (lacht mutwillig, kokett.) -</p> - -<p> -CARL: Lassen Sie das Vieh! -</p> - -<p> -MARTA: Wie Betrunkene — (sie schreien wieder.) -</p> - -<p> -CARL: Sie lecken zuviel an den süßen bunten -Kelchen. -</p> - -<p> -MARTA: Auf meiner Decke liegt des Morgens -immer Blütenstaub. -</p> - -<p> -CARL: Ich schlafe nicht. -</p> - -<p> -MARTA: Wegen des Examens? -</p> - -<p> -CARL: Ich habe täglich ein schwereres zu bestehen. -</p> - -<p> -MARTA: Meine Mama — — — (sie sehen beide -gespannt zum oberen Fenster der Villa; Carls -Arme sinken schwer herab.) -</p> - -<p> -MARTA: (atmet laut auf, Frau Sonntag ist wieder -vom Fenster verschwunden, man hört murmeln -außerhalb des Gartens.) -</p> - -<p> -CARL: Mädchen! (Er reißt Marta an sich, sie -aber entwindet sich seinem Arm und stürzt ins -Haus. Carl bleibt allein. Der gläserne Amadeus, -Pendelfrederich, Lange Anna bleiben am Eingang -der Gasse stehen.) -</p> - -<p> -Lange ANNA: Fises Mensch, zwei Stunden hab’n -wir uns in die Winkels vor de Türen gedrückt, -in der Zeit Du prophezeit hast, un nu gibst De -uns so ’en schäbigen Lohn? -</p> - -<p> -<a id="page-45" class="pagenum" title="45"></a> -PENDELFREDERECH: Un mir kriegst De auch -nich mehr mit zum Bangemachen. -</p> - -<p> -AMADEUS: Ich hab euch nich zu eingeladen, mit -mich zu gehen; un Du, Frederech, vertreibst -mich de Kunden mit Deine offne Bux. -</p> - -<p> -Lange ANNA: (schmeichlerisch zu Amadeus.) Ich -bin doch immer mit Dich gegangen, un nun -sprichst De so (stößt ihn mit der Schulter vertraulich -an). Es hat wohl lang nicht geklirrt in -Dein zimperlich Herz? -</p> - -<p> -AMADEUS: Na, da hast es, aber en halben Taler -mußt De mich lassen. -</p> - -<p> -Lange ANNA: (dreht sich um und stellt sich vor -die Mauer.) -</p> - -<p> -AMADEUS: Siehst De denn nich (zeigt auf das -Schild). -</p> - -<p> -Lange ANNA: Ich hab überall Passe-partout. (Die -beiden Mädchen kehren zurück, sie wollen schnell -über den Zaun springen, sehen die Männer und -schreien auf.) -</p> - -<p> -AMADEUS: Nu schreit man nich so toll, ihr herrschaftliche -Hurweibers. -</p> - -<p> -Lange ANNA: (ganz hoch) Sollen wir ens? -</p> - -<p> -BERTA: Herr Pius! -</p> - -<p> -AUGUSTE: Helfen Sie uns! -</p> - -<p> -CARL: (beachtet ihr Hilferufen nicht.) -</p> - -<p> -AUGUSTE: Der eine kriegt mir an de Bein! (Die -Mädchen schreien abwechselnd auf, sie sind -endlich über den Zaun, laufen zu Carl.) -</p> - -<p> -BERTA: Haben Sie die drei gesehen? -</p> - -<p> -<a id="page-46" class="pagenum" title="46"></a> -AUGUSTE: Ich kann nich mehr, ich kann nich -mehr, nä, ich kann nich mehr! (Amadeus lacht.) -Hat die Frau nach mich gerufen, Herr Carl? -</p> - -<p> -CARL: Darüber kann ich Ihnen keine Auskunft -geben. -</p> - -<p class="dir"> -(Pendelfrederech murmelt grausig, Lange Anna -spielt auf seiner Handharmonika: O, Du lieber -Augustin, alles ist hin, hin, hin usw. Sie gehen -weiter durch die Gasse der Stadt zu.) -</p> - -<p> -BERTA: So hochnäsig. Sie bilden sich wohl ein, -Sie sind der Herr Eduard selbst? -</p> - -<p> -AUGUSTE: (gutmütig) Lassen Sie ihm, Berta, es -is ja sein Freund, was Herr Carl? -</p> - -<p> -BERTA: (plötzlich gewöhnlich) Mach, daß Du zu -Haus kömmst, de Großmutter will das Enkelsöhnchen -noch in Schlaf singen. -</p> - -<p> -AUGUSTE: Still, Berta, er wird schon wissen, -warum er hier sitzen tut. -</p> - -<p> -BERTA: Aber beim Fräulein brennt doch schon -de rosa Nachtampel. (Die Mädchen schleichen -durch den Kellergang ins Haus. Die Katzen -schreien noch mal auf, man hört in der Ferne -noch Lange Anna spielen: „Alles ist hin, hin ....“.) -</p> - -<h2 class="chapter" id="chapter-0-4"> -<a id="page-47" class="pagenum" title="47"></a> -DRITTER AKT -</h2> - -<div class="dir"> -<p> -Abends ½9 Uhr. Jahrmarkt. Karussell im -Vordergrund links. Hinter dem Karussell und seitwärts -rechts die verschiedenen Buden. Im Vordergrund -die Bude der Riesendame Rosa, neben dieser -die Schießbude, dann die Taucherbude, die Honigkuchenbude -etc. Gegenüber links in kleiner -Entfernung die schrägstehende Bude der Mutter -Pius, die man nur ein Viertel sehen kann. Eine -gemalte <em>Kindermumie mit zwei Köpfen</em> ist -grotesk auf der Jalousie gedruckt. Fabrikarbeiter, -Fabrikarbeiterinnen, Kommis, Ladenmädchen, Dienstmädchen, -Herren der Gesellschaft mit ihren Schätzen, -Schuljungen, Gassenkinder, Herumtreiber, etc. Im -Karussell stehen im doppelten Kreis hölzerne, groteske -Tiere: Leopard neben Lamm, Reh neben Tiger, -Löwe neben Pferd, Hirsch neben einer Riesengans -u. s. w. In Kutschen, die auf und nieder -schaukeln, sitzen laute Weibsbilder und an den -Eisenstangen, die das Dach des <a id="corr-7"></a>Karussells halten, -stehen Arbeiter und Schuljungen, um den Ring -wetteifernd, der an einem Pfahl unweit des Karussells -hängt und eine Freifahrt bedeutet. Das -Karussell dreht sich noch langsam auf die schon -fast abgelaufene Melodie „O Du lieber Augustin“. -Die letzten Töne: „Alles ist hin, hin hin, alles ist -hin ——“ Vor dem Karussell stehen Heinrich -Sonntag und Lieschen Puderbach. — Sie tragen -auf der Nase ein blaues Pincenez und in der Hand -<a id="page-48" class="pagenum" title="48"></a> -einen Gummiball. Heinrich ist etwas angeheitert. -Um <a id="corr-8"></a>Lieschens Hals hängt ein großes Pfefferkuchenherz -mit der Aufschrift: Ich liebe Dich. Man hört -die beiden lachen zwischen den Klingeltönen des -Karussells. -</p> - -</div> - -<div class="pers"> -<p> -Heinrich Sonntag, sein Geschäftsfreund, die -Herren mit grauen Cylindern, Dr. v. Simon, Berta, -Mutter Pius, Lieschen, August, Zuhälter Wilhelm, -Riesendame Rosa, Kommis, Ladenmädchen, Dienstmädchen, -Pendelfrederich, Lange Anna, der gläserne -Amadeus, Arbeiter, unter ihnen Färber, Weber etc., -Arbeiterinnen, Weibsbilder, Jahrmarktsleute, Gassenkinder. -</p> - -</div> - -<p> -LIESCHEN: Ich fahr für mein Leben gern, (es -klatscht in die Hände) ich setz mir auf den Leoparden -und Sie auf das Lamm. -</p> - -<p> -HEINRICH: Das machen wir, Puppel. -</p> - -<p> -LIESCHEN: Wollt es ens doch endlich still stehen, -Herr. -</p> - -<p> -HEINRICH: Du brauchst doch nicht immer Herr -zu mir zu sagen. -</p> - -<p> -LIESCHEN: Wie soll ich Euch denn nennen? -</p> - -<p> -HEINRICH: Wie De Dein Schatz nennst, Puppel. -</p> - -<p> -LIESCHEN: Den nenn ich Herrn Eduard, er is -mein Königsschatz. -</p> - -<p> -HEINRICH: (tut erstaunt, er ahnt den Zusammenhang -nicht.) -</p> - -<p> -<a id="page-49" class="pagenum" title="49"></a> -LIESCHEN: Den kennen Se nich. (Unbewußt verächtlich.) -</p> - -<p> -HEINRICH: Ist er grad so schön wie ich? -</p> - -<p> -LIESCHEN: Carl Pius sein Freund is er. -</p> - -<p> -HEINRICH: Aber so einen langen Schnurrbart (er -streicht ihn in die Höhe) hat er doch nicht? -</p> - -<p> -LIESCHEN: Herr Eduard scheint immer aus sein -Gesicht. -</p> - -<p> -HEINRICH: (etwas besonnen, er weiß nun, von -wem das Kind spricht) Ich möchte so Jemanden -wohl kennen lernen. -</p> - -<p> -LIESCHEN: Der kömmt doch hierhin nicht. (Das -Karussell steht still, die Leute springen ab. Es -steigen unter andern wüste Männer und Weibsstücke -ein, welche toben und kreischen. Heinrich -springt jäh mit Lieschen in einem Satz -herauf. Mutter Pius steht plötzlich vor dem -Karussell; Lieschen ist im Begriff, sich auf den -Leoparden zu setzen und Heinrich sitzt schon -auf dem Lamm.) -</p> - -<p> -Mutter PIUS: (zu Lieschen) Das laß ich mich gefallen -mit so en artigen Herr, mein Herzeken. -</p> - -<p> -Ein Weibstück: (zu Lieschen) Laß mich ens beißen -von das süße Herz. -</p> - -<p> -LIESCHEN: (zu Heinrich) Nä, dat kriegt der Aujust. -Er guckt sich de Augen nach aus und schämt -sich, in de Leckersläden zu gehen. (Kleine -Pause.) Daß es noch nich anfängt! -</p> - -<p class="dir"> -(Arbeiter treten ungeduldig mit den Füßen. -Ein Geschäftsfreund von Heinrich im grauen -<a id="page-50" class="pagenum" title="50"></a> -Zylinder tritt mit je einem Schatz am Arm ans -Karussell.) -</p> - -<p> -Der Geschäftsfreund: (zu Heinrich) Nun, Sie alter -Sünder! (Das Karussell bewegt sich.) -</p> - -<p> -HEINRICH: Steigen Sie noch rauf! (Sie springen -herauf.) -</p> - -<p> -Gassenkind: Nehmen Se mir doch auch mit, -Herr! (Die Musik spielt wieder: „O, Du lieber -Augustin etc.“.) -</p> - -<p> -Mutter PIUS: (zynisch zu Allen) Wünsch euch ne -angenehme Hochzeitsreis! (Sie kehrt schleunigst -an ihre Bude zurück. Es kommen die Herren -mit den grauen Zylindern, [Bekannte von Heinrich] -mit einer Anzahl Schätze und springen im beginnenden -Tempo aufs Karussell. Arbeiter -drängen die Weiber rücksichtslos ins Innere -hinein, da sie auch den Ring greifen wollen. -Das Karussell dreht sich wie ein Wirbelwind. -Dr. v. Simon und Berta kommen aus der Bude -der Riesendame — sie gehen beide auf das -Karussell zu.) -</p> - -<p> -BERTA: Ist das nicht der Heinrich? -</p> - -<p> -Dr. v. SIMON: Wo? -</p> - -<p> -BERTA: Warten Sie, gleich können Sie ihn wieder -sehen. -</p> - -<p> -Dr. v. SIMON: (ein wenig erschrocken.) -</p> - -<p> -BERTA: Wenns nun Herr Eduard erfährt? ..... -</p> - -<p> -Dr. v. SIMON: Der Narr ist wohl auch schon <em>Dein</em> -Beichtvater? -</p> - -<p> -BERTA: Und unsere Frau? -</p> - -<p> -<a id="page-51" class="pagenum" title="51"></a> -Dr. v. SIMON: (blickt durch seine kleine, goldene -Lorgnette — beruhigt) Er kann nicht mehr gerade -sitzen. -</p> - -<p> -BERTA: Mich kanns ja gleich sein, ich will doch -nicht mehr lange für andere Leute arbeiten. -</p> - -<p> -Dr. v. SIMON: (ergreift aufatmend die Gelegenheit) -Du mußt mir Dein Herzchen ausschütten, liebes -Kätzchen. (Er will mit ihr umkehren.) -</p> - -<p> -BERTA: Der bleibt ja nicht lange hier, er reitet ja -jetzt immer schon um 6 Uhr früh spazieren. (Sie -gehen in die Taucherbude, das Karussell bewegt -sich etwas langsamer. Man hört im Vorbeifahren -Heinrichs Stimme.) -</p> - -<p> -HEINRICH: Noch einmal, Puppel? -</p> - -<p> -LIESCHEN: Sicher, lieber Herr! -</p> - -<p> -Ein Weibsbild: (aus der Rutsche) Kommt ens bei -mich rein! -</p> - -<p> -LIESCHEN: Stell Dir doch an de Stange, dann -kriegst De den Ring. (Einige Gassenkinder -schreien.) -</p> - -<p> -Gassenkinder: Der Schimpanse ist ausgekniffen, de -große Chimpanse is ausgekniffen! (Es entsteht -eine Panik, zu einem Knäuel strömen die -Menschen zusammen, fast alle <a id="corr-9"></a>Fahrenden springen -vom Karussell herunter, Lieschen will das Gleiche -tun.) -</p> - -<p> -Gassenkind: Der große Chimpanz mit dem kleinen -Schwanz is ausgekniffen, ausgekniffen!!!! -</p> - -<p> -LIESCHEN: Hörn Se denn nich, der wilde Affe is -ausgekniffen, der beißt, ich hab Angst vor das -<a id="page-52" class="pagenum" title="52"></a> -Tier. De Lehrer sagt, an Kinder machen sich -de großen Tiere am ersten ran. (Der Taucher -läuft aus der Bude, gestikuliert mit dem Eisenkopf -und den Eisenfäusten, was furchtbar komisch -aussieht.) -</p> - -<p> -HEINRICH: (hält Lieschen fest). -</p> - -<p> -Mutter PIUS: (kommt ans Karussell) Bleibt man -sitzen, das is ja nur eine geriebene Reklame von -de Zirkusleute. -</p> - -<p> -LIESCHEN: Is es auch sicher nich wahr, liebe -Mutter Pius? -</p> - -<p> -HEINRICH: (nickt) Nein. Haben Sie das Pulleken -kaltgestellt, Mutter Pius? -</p> - -<p> -Mutter PIUS: (zynisch und wehmütig) Un mich -dabei. (Die vorzeitig Abgestiegenen nähern sich -wieder dem Karussell, zwei Weibsbilder schlendern -Arm in Arm herbei.) -</p> - -<p> -Weibsbild: (zu Heinrich) Nehm mich doch, Du zerbrichst -ja Dein Riesengespielzeug. -</p> - -<p> -Ein anderes Weibsbild: Er is doch de <em>Puppenhangri</em>! -</p> - -<p class="dirc"> -(Die Herren im Zylinder lachen ermuntert auf.) -</p> - -<p> -HEINRICH: (zu Lieschen) Was sie nich alles vom -lieben Heinrich wollen, was Liescken? (Einer der -beiden Schätze des Geschäftsfreundes sagt zu -ihrem Begleiter.) -</p> - -<p> -Die erste: Zu de Riesendame wollen wir ens rin -(zu ihrer Mitliebsten) Kuck, Minna, die hat en -Bart wie en Kerl. (Das Karussell bewegt sich -wieder, ohne zu spielen; in ihm sitzen nur -<a id="page-53" class="pagenum" title="53"></a> -noch vereinzelt Kinder zwischen Heinrich und -Lieschen.) -</p> - -<p> -HEINRICH: (unsicher, da er angeheitert ist) Lieschen, -spielt es denn nicht? -</p> - -<p> -LIESCHEN: Es ist schon spät in die Nacht, Mutter -Pius sagt, die Polizisten kämen sonst. -</p> - -<p> -HEINRICH: Dann wollen wir auch machen, daß -wir runterkommen. (Er läßt die Kleine vom -Leoparden auf seinen Rücken steigen, springt -mit ihr vom Karussell, juchheit, läßt Lieschen zur -Erde fallen, hebt es wieder in die Höhe, läßt es -wieder fallen, hebt es wieder in die Höhe, läßt -es wieder fallen, fängt es auf, mit ihm springend -durch die Menge, Mutter Pius kommt ihnen bis -zur Taucherbude entgegen. Die Herren mit den -grauen Zylindern sind vorangegangen mit den -Schätzen und bleiben an der Schießbude stehen -und schießen.) -</p> - -<p> -Mutter PIUS: (etwas neidisch zu Heinrich und -Lieschen) Wie die Blagen. (Es kommen eine Menge -neue Arbeiter.) -</p> - -<p> -LIESCHEN: Ich hab Angst, der Vater kömmt und -holt mir. -</p> - -<p> -HEINRICH: Ich versteck Dich in meinen Mantel, -Puppel. -</p> - -<p> -LIESCHEN: Meinen Taler nimmt er mich ab für -die Sparkass. -</p> - -<p> -HEINRICH: Dann schenk ich Dir einen goldenen Puppel. -</p> - -<p> -LIESCHEN: So reich sin Se? (Mutter Pius, Heinrich, -Lieschen gehen weiter.) -</p> - -<p> -<a id="page-54" class="pagenum" title="54"></a> -Eine Frau: (erstaunt fragend) Das Kleine von Puderbachs! ... -(Sie sperrt grinsend den Mund auf.) -</p> - -<p> -Mutter PIUS: Nu, un was alles! Das Kleine helft -mich hier. (Sie biegen nach links ein.) -</p> - -<p class="dir"> -(Dr. v. Simon und Berta treten aus der Taucherbude.) -</p> - -<p> -v. SIMON: Du mußt nicht immer so laut meinen -Namen nennen, Kätzchen, das ist nicht fair. -</p> - -<p> -BERTA: (beleidigt) O, ich weiß mir doch zu benehmen. -(Sie ahmt die Bewegung Martas nach.) -Du willst mir wohl los sein, Bruno? -</p> - -<p> -v. SIMON: Bewahre. (gereizt): Aber es wäre -Deine Pflicht gewesen, mich auf den Betrieb hier -aufmerksam zu machen. Bedenke die Konsequenzen, -falls mich einer meiner Arbeiter hier -überrascht. -</p> - -<p> -BERTA: Unser Heinrich geht doch auch immer auf -die Messe. -</p> - -<p> -v. SIMON: All right! Die Arbeiter wissen auch, -was sie von ihm zu halten haben. -</p> - -<p> -BERTA: (mürrisch) Dann hätten wir ja überhaupt -bei Dir bleiben können. -</p> - -<p> -v. SIMON: Das können wir ja noch nachholen. -(Er kitzelt sie heimlich in die Taille.) -</p> - -<p> -BERTA: (schüttelt den Kopf. Dr. v. Simon schiebt -sie langsam vorwärts am Karussell vorbei zum -vorderen Ausgang.) -</p> - -<p> -v. SIMON: Wann feiern wir Hochzeit, Kätzchen? -</p> - -<p> -BERTA: (versöhnt) Ich dachte nach Weihnachten; -so lang bleib ich auch noch. Die Frau hat mir -<a id="page-55" class="pagenum" title="55"></a> -durchs Fräulein fragen lassen, was ich mir -wünsche. -</p> - -<p> -v. SIMON: Lass Dir mal weiche Kopfkissen -schenken (sagt ihr noch etwas ins Ohr) mit einem -<em>rosa</em> Himmelchen darüber .... -</p> - -<p> -BERTA: (verschämt geziert). -</p> - -<p> -v. SIMON: Also vorher wird nichts? -</p> - -<p> -BERTA: Ich bin doch ein anständiges Mädchen -(geziert), ich dürfte nicht mehr nach Hause -kommen. -</p> - -<p> -v. SIMON: Auch nicht mir zu Liebe? (Er kitzelt -sie wieder in die Seite. Sie biegen beide ein, -man sieht sie nicht mehr. Färber, deren Hände -durch ihren Beruf bunt angelaufen sind, — August -Puderbach ist unter ihnen, und Weber in gestreiften -Kitteln und andere Arbeiter in blauen -Blusen kommen über den Jahrmarkt. Mutter -Pius tritt wieder in den Vordergrund.) -</p> - -<p> -AUGUST: (Zu Mutter Pius) Wo ist es? -</p> - -<p> -Mutter PIUS: Liesken oder meine Rarität? -</p> - -<p> -AUGUST: Es! -</p> - -<p> -Mutter PIUS: Guck ens selber. -</p> - -<p> -AUGUST: Deine Bude ist ja schon zugeschlossen. -</p> - -<p> -Mutter PIUS: Meinst De, ich laß se bis zum frühen -Morgen offen stehen? -</p> - -<p> -AUGUST: (Springt auf’s Karussell, er dreht selbst -die Orgel, die noch die letzten Töne des Liedes -O Du lieber Augustin dumpf abgibt. Er setzt -sich dann auf den Hirsch und lutscht an einer -langen Stange Süßholz; Herr v. Simon kehrt -<a id="page-56" class="pagenum" title="56"></a> -alleine nach Heinrich spionierend zurück, ein -Weibsbild tritt zu ihm heran.) -</p> - -<p> -Weibsbild: Lassen Se mir ens schießen, ich möcht -en Taschenmesser gewinnen. -</p> - -<p> -WILLEM: Das sag ich Dich, läßt de Dir mit <em>dem</em> -ein, hau ich Dich de Backzähn aus! -</p> - -<p> -v. SIMON: (ihn wiederkennend, ängstlich) Nicht -gleich so heftig, ich werd sie Dir nicht fortschnappen. -</p> - -<p> -WILLEM: Du dünnet Geripp, durch wen bin ich -so heruntergekommen, wenn nicht durch Dir -(droht.) -</p> - -<p> -v. SIMON: (zitternd) Sind Sie nicht der Willem? -</p> - -<p> -WILLEM: So heiß ich. -</p> - -<p> -v. SIMON: Warum hat Sie denn eigentlich der -Chef gehen lassen? -</p> - -<p class="dirc"> -(fixiert ihn durch die Lorgnette.) -</p> - -<p> -WILLEM: Tu man das Glas von de Nas runter, -de Hauptsach is, daß ich Dir wieder kenn, -miserabel Verführer! -</p> - -<p> -v. SIMON: (zitternd und devot) Kalt Blut, Willem. -</p> - -<p> -WILLEM: (Zu den Zuhörenden) Ich hab auch zu -meiner Schwester gesagt, wenn ich den ens -zwischen de Finger krieg! -</p> - -<p> -August PUDERBACH: (springt komisch vom Karussell) -Ich wollt meine Stange Süßholz ens zu End -lutschen. -</p> - -<p class="i"> -(Zu v. Simon idiotisch tückisch.) Seine Schwester -haben Sie aufs Gewissen; nu kann sie lange -warten, bis ich sie nehm, Sie fiser Seidenwurm. -</p> - -<p> -<a id="page-57" class="pagenum" title="57"></a> -WILLEM: Meine Schwester Laura auf Dir warten? -Auf son Pitter? (Er spuckt ihn an.) -</p> - -<p> -v. SIMON: (will sich aus dem Staub machen, aber -die Herren im Zylinder halten ihn auf mit Fragen.) -</p> - -<p> -AUGUST: Ich heirat überhaupt nich und die abgeknutschte -Laura verdek nich. -</p> - -<p> -WILLEM: (Haut August eine Backfeife herunter; -die Herren im Zylinder kommen in den Vordergrund -und und ziehen v. Simon mit sich.) -</p> - -<p> -v. SIMON: (zu den Herren) Es wird die höchste -Zeit sich zu entfernen. Shoking! Shoking! -</p> - -<p> -Einer der Herren mit dem grauen Zylinder: -</p> - -<p class="i"> -Sie verstehen nicht mit den Leuten zu scherzen. -</p> - -<p> -v. SIMON: (verächtlich sich mit den Fingerspitzen -affektiert abstäubend) Allerdings! -</p> - -<p> -DER GESCHÄFTSFREUND: Hat man Ihnen das -nette Dingelchen stiebitzt? -</p> - -<p> -EIN ZWEITER VON DEN HERREN MIT DEM -GRAUEN ZYLINDER: (auf Heinrich zeigend) Der -Chef versteht es besser mit den Leuten. (Heinrich -taumelt stark betrunken an der Hand Lieschens, -das selbst sehr angeheitert ist, fiebernde Backen -und Augen hat, in den Vordergrund.) -</p> - -<p> -HEINRICH: (zu Lieschen) Kannst mich leiden, -Puppel? -</p> - -<p> -LIESCHEN: (nickt, schüttelt die Haare wild und -wirr durcheinander.) -</p> - -<p> -v. SIMON: Shoking! -</p> - -<p> -Die Herren: (freundschaftlich) Wir wollen ihn nach -Hause bringen. -</p> - -<p> -<a id="page-58" class="pagenum" title="58"></a> -HEINRICH: Nach Haus? Zylinder ab!! Lieschen, -hörst Du, nach Haus wollen sie mich transportieren. -</p> - -<p> -Mutter PIUS: (leise und vertraulich Heinrich ins -Ohr) Mach man <a id="corr-16"></a>daß de wegkommst, de kleine -dünne Zahnstocher (weist auf v. Simon hin) gefällt -mich immer schon nich. -</p> - -<p> -HEINRICH: Wann wirst De eingesegnet, Liesken? -</p> - -<p> -LIESCHEN: (weinselig) Brüst hab ich wie junge -Salatköppe. -</p> - -<p> -DIE HERREN MIT DEN GRAUEN ZYLINDERN: -(drängen ernst) Sonntag, kommen Sie jetzt! -</p> - -<p> -v. SIMON: Shoking! ... -</p> - -<p> -HEINRICH: Was sagen Sie? -</p> - -<p> -v. SIMON: (zieht ihn unsanft am Arm und spricht -befehlerisch) Sie folgen mir ohne Zaudern! -</p> - -<p> -HEINRICH: (in festem Ton, als ob er <em>nüchtern</em> -wäre, plötzlich) -</p> - -<p class="i"> -Wer ist der Herr, ich oder Sie? -</p> - -<p> -DER GESCHÄFTSFREUND VON HEINRICH: (zu -v. Simon) Reizen Sie ihn jetzt nicht. -</p> - -<p> -v. SIMON: (dreist, sich von den Herren gedeckt -glaubend) In diesem Falle bin ich der Herr. -</p> - -<p> -HEINRICH: (jähzornig taumelnd) Soldaten, Kameraden, -wer is der Herr Leutnant, er oder ich? -</p> - -<p class="dir"> -(Scharen von Arbeitern sammeln sich plötzlich -um Heinrich, v. Simon ahnt eine Katastrophe, -am Körper zitternd sucht er kleinlaut Sicherheit -hinter dem großen breitschultrigen Geschäftsfreund -von Heinrich und den anderen Herren.) -</p> - -<p> -Ein Arbeiter: Ein guter Leutnant war er. -</p> - -<p> -<a id="page-59" class="pagenum" title="59"></a> -EIN ZWEITER: Gezecht hat er mit uns auf Kaiser -sein Geburtstag wie’n gemeiner Soldat mit den -andern. -</p> - -<p> -EIN DRITTER ARBEITER: Wir wollen ihn hoch -leben lassen. -</p> - -<p> -DIE GANZE SCHAR: Unser lieber Leutnant er -lebe hoch! Hurra! Hurra! Hurra! -</p> - -<p> -WILLEM: (Herrn v. Simon drohend) Kerl! -</p> - -<p class="dir"> -(v. Simon wagt nicht den Schauplatz zu verlassen, -sich überhaupt zu bewegen.) -</p> - -<p> -HEINRICH: (brüllt) Angetreten! (Die Arbeiter und -und Herumtreiber sammeln sich in Kolonnen wie -im Manöver. Die Weiber gucken neugierig zu. -August stellt sich an die Spitze des links aufgestellten -Bataillons, er hat sich einen Helm aus -einer Zeitung angefertigt und setzt ihn auf den -Kopf. Er empfängt seiner Ungeschicklichkeit -wegen Püffe und Stöße.) -</p> - -<p> -HEINRICH: (Besichtigt taumelnd sein Regiment, -schickt den einen zurück, den andern setzt er -an den Anfang der Reihe etc. Ab und zu -Flüche ausstoßend. Brüllt) Gerade gestanden! -Schockschwerenot! -</p> - -<p> -WILLEM: De Landhasen müssen zuerst auf den -Feind losstürmen. (August macht eine Schießbewegung, -den zitternden v. Simon suchend.) -</p> - -<p> -LIESCHEN: (frech) Da is er ja! -</p> - -<p> -HEINRICH: Un de Maikäfer halten sich im Hinterhalt. -</p> - -<p> -WILLEM: Un de Musik machen de Bindfadenjungen, -<a id="page-60" class="pagenum" title="60"></a> -daß de Hengste nur so galoppieren. (Alle -lachen furchtbar und die einexerzierten Arbeiter -freuen sich mit Heinrich wie große ungeschlachte -Jungen, die Soldaten spielen.) -</p> - -<p> -WILLEM: Nu man los, Herr Leutnant, ich bin -Euer Unteroffizier. -</p> - -<p> -HEINRICH: (brüllt) Ganzes Regiment linksum, vorwärts -marsch! (Lieschen läuft neben Heinrich -her mit den Händen trommelnd und mit den -Lippen den Rhythmus markierend. Die Arbeiter -exerzieren einige Schritte vom Vordergrund dem -Platz zu; plötzlich v. Simon bemerkend, wollen -sie sich wie wütende Hunde auf ihn stürzen.) -</p> - -<p> -HEINRICH: Stillgestanden!!! den Feind hau ich -allein kurz und klein. -</p> - -<p> -WILLEM: (Schleift ihn herbei, seine Hände mit der -Lorgnettenkette fesselnd, wie vor seinen Feldherrn. -v. Simon stöhnt vor Angst. Die Herren -mit den grauen Zylindern kommen ihm nicht zur -Hilfe, sie amüsieren sich, neugierig den Vorgang -betrachtend.) Lassen Se sich nicht totschlagen -mit seinen Sabel, Herr Leutnant. (Er zeigt -tobend vor Lachen v. Simons dünnes Spazierstöckchen.) -</p> - -<p> -AUGUST: Nu kann es losgehen, Kinder. (Willem -löst die Kette von v. Simons <a id="corr-17"></a>Händen.) -</p> - -<p> -DER GESCHÄFTSFREUND: (drängt sich durch die -erregte Arbeitermenge zu Heinrich, der hört aber -in seiner Betrunkenheit des Freundes leises Zusprechen -nicht; Heinrich hebt ein Kalkstückchen -<a id="page-61" class="pagenum" title="61"></a> -vom Boden auf und zieht einen großen Kreis -unterhalb seines Herzens.) -</p> - -<p> -HEINRICH: So Jüngsken, das Terrain darfst De -nich überschreiten, sonst bin ich belämmert -(alles lacht stürmisch, nur Lieschen umklammert -Mutter Pius ängstlich.) -</p> - -<p> -LIESCHEN: (Sinnlich erweckt) Der macht den -Heinrich tot. (v. Simon verblüfft; Heinrich -wankt auf seine Freunde zu. v. Simon will die -Flucht ergreifen, aber die Arbeiter packen ihn.) -</p> - -<p> -Die Riesendame: (guckt aus ihrer Bude) Kommen -Se bei mich, Herrchen! (v. Simon befreit sich -einen Augenblick, die Arbeiter hinter ihm her. -August springt wie ein Kater auf seinen Rücken. -Aber es gelingt v. Simon, ihn abzuwerfen und -sie rasen hintereinander über den Platz dem -Ausgang zu.) -</p> - -<p> -HEINRICH: Steckt ihn in den Aussichtsturm, -meinetwegen! (Die Herren nehmen den völlig -erschöpften Heinrich in die Mitte, um mit ihm -fort zu gehen.) -</p> - -<p> -HEINRICH: (zu Lieschen und zu Mutter Pius) -Schlaf süß, Marze, gute Nacht, Mama Charlottchen. -</p> - -<p> -Der Geschäftsfreund: Das müßt sie hören. (Die -Menge verläuft sich, die Buden werden geschlossen, -die alte Pius rennt in ihre Bude. -Lieschen steht ganz allein im Vordergrund, setzt -sich noch einmal auf den Leoparden im Karussell, -streichelt ihn und springt dann ab.) -</p> - -<p> -<a id="page-62" class="pagenum" title="62"></a> -Die Riesendame: (Steckt den Kopf durchs Fenster.) -Wie heißt Dein charmanter Kavalier? -</p> - -<p> -LIESCHEN: Das geht Euch niks an. (Heinrich, in -der Mitte der Herren, sieht man noch hinter dem -Platz des Jahrmarktes auf einer Anhöhe heimwärts -ziehen. Die drei Herumtreiber kommen -langsam am Karussell vorbeigewandelt über den -Jahrmarkt gehend.) -</p> - -<p> -PENDELFREDERECH: Wir wollen den Garten nu -reinigen von de Sünde (murmelt böse). -</p> - -<p> -Lange ANNA: (Macht die Bewegung des Kehrens. -Er trägt eine lange rauschende Papierschürze und -eine Frauennachthaube aus Papier mit flatternden -Bändern auf dem Kopf und eine dicke Warzennase.) -</p> - -<p> -AMADEUS: (Auf Heinrich zeigend.) Da wandelt -mein Todeskandidat. -</p> - -<p> -Mutter PIUS: (kommt von ihrer Bude zurück, in -der einen Hand einen Korb, in der andern die -Kindermumie, ihr zweiter Kopf angefertigt aus -Lumpen, baumelt am Rumpf herunter.) -</p> - -<p> -Mutter PIUS: (zu Lieschen) Ich will mir hängen -lassen, wenn es nicht Dein Krakehler von Vater -gewesen war. (Lieschen läßt vor Müdigkeit den -Kopf hängen; schauert auf, als Mutter Pius ihm -die kleine Mumie reicht.) -</p> - -<p> -Mutter PIUS: (zynisch) Halt ens Dein Zwilling fest; -(Mutter Pius befestigt den Kopf wieder an -dem Rumpf. Die Riesendame grinst aus dem -Fenster.) -</p> - -<p> -<a id="page-63" class="pagenum" title="63"></a> -Mutter PIUS: Nu komm man rasch, sonst pumpt -mir die Rosa (Auf die Riesendame weisend) wieder -an, und de Mutter Pius kann nicht „Nä“ sagen. -</p> - -<p class="dir"> -(Sie wollen beide eilig über den Platz gehen, als -Lieschen stehen bleibt, jäh Mutter Pius’ Schoß -umfassend.) -</p> - -<p> -LIESCHEN: Ich dank Dir auch vielmals für alles, -liebe Mutter Pius. (Sie eilen weiter, die Riesendame -läßt die grün und gelb gestreifte Jalousie -ihrer Bude herunter, die fällt gleichzeitig wie der -erste Vorhang über die ganze Bühne.) -</p> - -<h2 class="chapter" id="chapter-0-5"> -<a id="page-64" class="pagenum" title="64"></a> -VIERTER AKT -</h2> - -<div class="dir"> -<p class="dirc"> -(Im Arbeiterviertel wie im ersten Aufzug.) -</p> - -<p> -Schornsteine dampfen und pfeifen in der Ferne -jenseits der Wupper. Die Wupper ist bewegt und -dunkelrot verfärbt. Fabrikarbeiter und Arbeiterinnen -sind auf dem Wege zur Fabrik. Jungen ziehen -Milchkarren und Kinder laufen in die Bäckereien, -Frühstück auszutragen. Über die Brücke geht dem -Häuschen von Pius zu, Eduard. -</p> - -</div> - -<div class="pers"> -<p> -Eduard, Carl, Lieschen, August Puderbach, Mutter -Pius, Frau Amanda Pius, Großvater Wallbrecker, -Gretchen Stomms. -</p> - -</div> - -<p> -EDUARD: (erblickt Lieschen, das zur Bäckerei -gehen will) Lieschen! -</p> - -<p> -LIESCHEN: (es läuft entzückt zu ihm) Herr Eduard! -Herr Eduard! -</p> - -<p> -EDUARD: Wohin gehst Du denn so früh? -</p> - -<p> -LIESCHEN: (ist noch immer zu freudig, um zu -sprechen, es hält Eduards Hand fest und springt -beständig in die Höhe.) -</p> - -<p> -EDUARD: Freust Du Dich denn so, mein Kind? -</p> - -<p> -LIESCHEN: Sicher! -</p> - -<p> -EDUARD: Sieh mal — (er schwingt eine Rolle -hoch in der Luft.) Komm, wir setzen uns hier -auf die Bank. (Sie setzen sich vor Pius’ Haus -auf die Bank. Eduard öffnet die Rolle.) -</p> - -<p> -<a id="page-65" class="pagenum" title="65"></a> -LIESCHEN: Is aus England, nich? -</p> - -<p> -EDUARD: (nickt). -</p> - -<p> -LIESCHEN: (bewundernd) Wie is <em>das</em> schön gemalen! -</p> - -<p> -EDUARD: Welche von den Puppenmüttern gefällt -Dir am besten, Lieschen? -</p> - -<p> -LIESCHEN: (freudig) De mittelste, die hat so große -Augen, wie Sie habn. -</p> - -<p> -EDUARD: (streichelt ihr Haar) Das Bild mußt Du -Dir an die Wand hängen, mein Kind. -</p> - -<p> -LIESCHEN: Über unser Bett kommt es zu hängen, -un der alte Herr Jesus fliegt auf’n Oller mit seine -rotgeheulte Augen. -</p> - -<p> -EDUARD: Aber Lieschen ......... -</p> - -<p> -LIESCHEN: Er guckt wie der Vater, wenn er von -de sündige Welt predigt. -</p> - -<p> -EDUARD: Es kann auch nur ein frommer Maler -unsern Heiland so schön malen, wie er gewesen ist. -</p> - -<p> -LIESCHEN: (etwas dreist) Meine Mutter sagt, Sie -möchten uns en goldenen Rahmen bei das Bild -kaufen. -</p> - -<p> -EDUARD: Hat das Deine Mutter gesagt? -</p> - -<p> -LIESCHEN: (ihre Dreistigkeit fühlend, kleinlaut) -Molz! -</p> - -<p> -EDUARD: (spricht zärtlich, gütig) Aber daß Du -gestern nicht das kleine Christkind besucht hast, -Lieschen, darüber bin ich sehr traurig. -</p> - -<p> -LIESCHEN: (erschrocken) Das dürfen Se nich sein; -lieber bleib ich mein Lebenlang in de Kirche -auf de Stein liegen, dreihundertundfünfundsechzig -<a id="page-66" class="pagenum" title="66"></a> -Tage (besinnt sich) un all die Stunden und die -Minuten. -</p> - -<p> -EDUARD: (gerührt) Unsere liebe Mutter hat Dich -auch besonders gern, Lieschen. -</p> - -<p> -LIESCHEN: Ich bin doch ens so schäbig angezogen. -</p> - -<p class="dir"> -(Sieht auf ihr Kleid herunter, Arbeiter grüßen -Eduard ehrerbietig.) -</p> - -<p> -EDUARD: Darauf sieht unsere liebe Mutter nicht; -sie sagte mir, Du habest ein himmelblaues -Herzchen, Lieschen, und sie möchte so gern, -daß es nicht fleckig würde. -</p> - -<p> -LIESCHEN: En himmelblaues Herzken ... habn Sie -einmal so eins gesehn? (Kinder rufen Lieschen an.) -</p> - -<p> -Erstes Kind: Lieschen! -</p> - -<p> -Zweites Kind: Lieschen! (Sie laufen wieder fort.) -</p> - -<p> -EDUARD: Nur einmal bei einem kleinen Engelchen, -das trug es ganz vorsichtig in einem seidenen -Tüchelchen in den Händen. -</p> - -<p> -LIESCHEN: Aber denn konnt es doch nich mehr -klopfen? -</p> - -<p> -EDUARD: Gewiß, es pochte ganz, ganz leise, lauter -Perlen. -</p> - -<p> -LIESCHEN: Sicher? -</p> - -<p> -EDUARD: Und das Engelchen konnt es immer -sehn, und so mußt Du auch Dein Herzchen wohl -behüten, verstehst Du mich, Lieschen? -</p> - -<p> -LIESCHEN: (verzückt und erstaunt) Ja ..... -</p> - -<p> -Kinder: Lieschen, es is half sieben, wir sagen es -wieder!! (Lieschen rafft sich auf.) -</p> - -<p> -LIESCHEN: Ich muß nu laufen, Herr Eduard. (Gretchen -<a id="page-67" class="pagenum" title="67"></a> -Stomms kommt herbei, nähert sich etwas -dreist den Beiden und sagt Lieschen etwas ins Ohr.) -</p> - -<p> -LIESCHEN: Das is doch <em>der</em> nich. (Wird schüchtern, -will fortlaufen mit Gretchen Stomms.) -</p> - -<p> -EDUARD: Eine Hand darfst Du mir doch noch -geben! -</p> - -<p> -LIESCHEN: Mir haut der Vater, wenn ich trödel’. -</p> - -<p> -GRETCHEN STOMMS: (altklug) Es kriegt heute -seine Löhnung. -</p> - -<p> -EDUARD: (nickt; Wichtigkeit markierend. Lieschen -verläßt ihn befangen. Die beiden Kinder laufen, -die Arme gegenseitig über Kreuz im Rücken, fort.) -</p> - -<p> -Gr. WALLBRECKER: (er trägt altmodisch grüngestickte -Pantoffeln und die neue Pfeife in der -einen Ecke im Mund. Arbeiter kommen wieder -an Eduard vorbei.) -</p> - -<p> -Einer der Arbeiter: (brutal auf Eduard zeigend) -Der muß auch bald ins Gras beißen. -</p> - -<p> -Großvater: (erblickt ihn) Guck einer an, der junge -Herr so früh. (Nicht Antwort abwartend nach -dem Dachfenster sich aufstreckend) Carl, steh -auf, Faulenzer, dicker Plumpsack, steh auf! -Amanda! -</p> - -<p> -EDUARD: (will ihn beruhigen) Lassen Sie sie noch -friedlich schlummern, Großvater. -</p> - -<p> -Großvater: Tum Tingelingeling! ..... (Er drängt -Eduard, sich wieder auf die Bank niederzusetzen.) -</p> - -<p> -EDUARD: Was meinen Sie, Großvater, wenn ich -mir auch ein Pfeifchen anzünde? -</p> - -<p> -Großvater: (streicht ein Schwefelhölzchen an der -<a id="page-68" class="pagenum" title="68"></a> -Wand des Häuschens an.) Schlecht sehn Se mal -wieder aus, un es fehlt doch nicks bei Sie; wo -der Teufel einmal drinsitzt! ... Was sag ich, der -Teufel? Wallbrecker bist Du doch en dämlich -Roß, aber was muß das für en Satans in Sie -sein? -</p> - -<p> -EDUARD: (schelmisch) Wer den wohl erlegen -könnte, Großvater? -</p> - -<p> -Großvater: En Heiligen sind Sie, der heilige Laurentius -sind Se, un Kaffee müssen Se bei uns -trinken, sonst beleidigen Se meine Tochter -Amanda. (Er zeigt auf Amanda, die mit einem -Tisch aus dem Häuschen kommt, ihn vor die -Bank zu stellen.) -</p> - -<p> -Frau AMANDA PIUS: Son’ne Ehre, geehrter Herr -Eduard! (Stellt den Tisch vor die Bank und -reicht ihm die Hand. Zu Wallbrecker): Wo is -de Carl? -</p> - -<p> -Großvater: Er schläft noch. Ruf Du ihm. -</p> - -<p> -Frau AMANDA: (geht ins Häuschen.) -</p> - -<p> -Großvater: Er will nu Pastor werden, nehmen Sie’s -ihn nich übel, lieber Herr Eduard. (Amanda -kehrt mit <a id="corr-22"></a>Kaffeekanne, Tassen, Butterbrot etc. -zurück. Es wird immer heller. Arbeiter und -Arbeiterinnen, unter ihnen Färber mit grün-, -rot-, oder gelb-glänzenden Händen und bleichen -Gesichtern ziehen vorbei.) -</p> - -<p> -Großvater: (zu einigen Arbeitern) Guten Tag zusammen! -</p> - -<p> -Arbeiter: Auch schon aufgestanden? -</p> - -<p> -<a id="page-69" class="pagenum" title="69"></a> -AMANDA: Wenn uns der junge Herr (Carl unterbricht -sie.) -</p> - -<p> -CARL: Ich bin gleich unten. -</p> - -<p> -AMANDA: Wenn uns der junge Herr die Ehre -schenken will un en Köppchen Kaffee mit uns -trinken will? -</p> - -<p> -EDUARD: (gütig) Ich bin ordentlich durstig, liebe -Frau Wirtin. -</p> - -<p> -AMANDA: Es fiel mich ja im Traum nich ein, daß -de junge Herr heut kommen könnt, ich hätt -sonst en Lot mehr gemahlen. -</p> - -<p> -CARL: (man hört ihn oben sprechen) Meinen -Kragenknopf kann ich nich finden. -</p> - -<p> -Mutter PIUS: (guckt aus dem Dachfensterchen) Was -seh ich — (Sie tritt wieder vom Fenster zurück) -Nu halt man still, ich kann Dir doch nich mehr -auf en Arm nehmen un Dir antrekken. -</p> - -<p class="dirc"> -(Alle lachen unten.) -</p> - -<p> -Großvater: Mich is so dämlich im Kopf. -</p> - -<p> -AMANDA: Du bist auch schon alt, Vatter. (Mutter -Pius kommt.) -</p> - -<p> -Mutter PIUS: (zu Eduard) Bleiben Se man sitzen, -tun Se als wenn Se zu Hause wären. -</p> - -<p> -EDUARD: (hustet.) -</p> - -<p> -Großvater: Da meld er sich. -</p> - -<p> -EDUARD: (hustet stärker) Der alte Satansdrachen, -was Großvater? -</p> - -<p> -Mutter PIUS: De alten Doktors kurieren an Sie -herum, die Mutter Pius aber wird Herr Eduard -auf de Beine bringen, jeden Morgen und Abend -<a id="page-70" class="pagenum" title="70"></a> -en Köppken von de junge Weizensaat müssen -Sie trinken. Ich will es Ihren Personal sagen. -</p> - -<p> -EDUARD: (gütig) Das mag wohl zuträglich sein, -Mutter Pius. -</p> - -<p> -Großvater: Un jetzt man, wo wir Vollmond haben, -soll es am tauglichsten sein. -</p> - -<p> -Mutter PIUS: (herrisch und verächtlich) Misch Dir -nich in mein Praxis, Großvatter Wallbrecker. -</p> - -<p> -EDUARD: (besänftigend) Das nehmen alle Mediziner -übel, Großvater wir sind doch mal nur Laien. -</p> - -<p> -Großvater: (könnte aufplatzen vor Lachen) Tum -Tingelingeling, tum tingelingeling. -</p> - -<p> -CARL: (frisch, markig, primanerhaft, pathetisch) Ich -grüße Dich, Gottesmann, der Du fürlieb nimmst -mit unserer Speise und Trank. -</p> - -<p> -EDUARD: (leuchtend schelmisch) Friede sei Deinem -Haus, mein Bruder. -</p> - -<p> -Großvater: (spricht auf Amanda unverständlich ein, -Mutter Pius versorgt sich mit Kaffee, streicht -Carl Butterbröte.) -</p> - -<p> -EDUARD: (legt Amanda ein Kuvert auf ihren -Schoß) Von meiner Mutter. -</p> - -<p> -Großvater: (neugierig) Laß ens gucken! -</p> - -<p> -AMANDA: (sie stößt ihren Vater mit dem Ellbogen -unsanft zurück) Nä, Ihre Frau Mutter is engelgut. -(Eine dicke Träne fließt über ihre Backe.) -</p> - -<p> -Großvater: (nickt dazu fortwährend Amandas Worte -bestätigend.) -</p> - -<p class="i"> -Tum Tingelingeling, tum tingelingeling, tum, tum, -tum, tum! (Carl und Eduard unterhalten sich -<a id="page-71" class="pagenum" title="71"></a> -leise. Aus der Seitengasse, dem Zimmer im -obersten Stock, das Puderbachs bewohnen, dringt -Lärm. Ein <a id="corr-24"></a>Haufen Kinder sammelt sich lauschend -vor dem Haus an.) -</p> - -<p> -Mutter PIUS: (spricht lauter) Vielleicht trinkt Herr -Eduard auch noch ein Köppken? (Der Lärm -läßt nach.) -</p> - -<p> -EDUARD: (nickt Frau Amanda zu) Er ist außergewöhnlich -gut gebraut, ich möchte das Rezept -unserer Auguste sagen. -</p> - -<p> -Mutter PIUS: (katzenfreundlich zu Amanda) Er -schmeckt aber auch gut heut, Amanda. -</p> - -<p> -AMANDA: Vatter, hol noch wacker was Zucker -aus die Blas’, (er steht langsam auf) nu eil Dir -man ein bischen. -</p> - -<p class="dir"> -(Lärm dringt wieder stärker aus der Seitengasse, -man hört weinen und es ist, als ob Porzellan -zerbricht. Arbeiter und Arbeiterinnen gesellen -sich neugierig zu den Kindern vor der Gasse.) -</p> - -<p> -AMANDA: Geh doch ens rüber, Carl, Du verstehst -Dir doch mit dem Scheinheiligen. Bist Dich doch -eine Otoridät. -</p> - -<p> -CARL: (hart) Laß mich zufrieden. -</p> - -<p> -EDUARD: (verlegen.) -</p> - -<p> -AMANDA: Wat redest De rauh! (Der Lärm läßt -nach. Großvater Wallbrecker kommt zurück, in -seinem roten Taschentuch den Zucker wie in -einem Beutelchen tragend.) -</p> - -<p> -AMANDA: Bist De toll, Vatter? (Carl und Eduard -lachen.) -</p> - -<p> -<a id="page-72" class="pagenum" title="72"></a> -Mutter PIUS: Ich sag gar niks mehr. -</p> - -<p> -Großvater: Wat soll ich denn? Ich schlabbere ja -mit de Löffels (zu Amanda) ich schütt ihn doch -so in ’em Reisbrei. -</p> - -<p> -CARL: (sich belustigend) Ich bin Zeuge! Großvatter -kallt de pure Wahrheit. -</p> - -<p> -AMANDA: Glauben Se’s nich, Herr Eduard, (auf -Großvater zeigend) er träumt immer. -</p> - -<p> -Mutter PIUS: (großmütig heuchlerisch) Wat sagst -De, Wallbrecker, ich nehm mich <em>doch</em> en Löffel -dovon in mein Köppken? -</p> - -<p class="dirc"> -(Eduard klopft Mutter Pius auf die Schulter.) -</p> - -<p> -Großvater: Ich hab mir seit von Tag nicht drin -geschnäutzt. (Alle lachen wieder herzlich. Aber -furchtbar dringt der Lärm aus dem Hause der -Seitengasse.) -</p> - -<p> -AMANDA: Entweder geh Du oder ich. (Bittend.) -</p> - -<p> -CARL: (Unerbittlich) Wenn er sie ens tüchtig verwichsen -tät. -</p> - -<p> -Großvater: Du willst en Pastor werden, Carl —— -ich hab gleich gesagt, Gesellen mußt De habn. -</p> - -<p class="dirc"> -(Der Großvater erhebt sich.) -</p> - -<p> -Mutter PIUS: Wegen dat schlumprige Weib drüben -lassen wir uns beim Kaffee stören. -</p> - -<p class="dirc"> -(Der Großvater ist im Begriff herüber zu gehen.) -</p> - -<p> -EDUARD: Bleiben Se sitzen, Großvater, der Carl -wird Ruhe schaffen. (Der Großvater läßt sich -aber nicht aufhalten.) -</p> - -<p> -Mutter PIUS: (neidisch auf Großvater weisend) Das -tut er mich zum Ärger. -</p> - -<p> -<a id="page-73" class="pagenum" title="73"></a> -AMANDA: Nu lauf man rasch den Großvater -nach, Carl! -</p> - -<p> -CARL: (ärgerlich) Steh Du doch Deiner Freundin -bei! (Carl hält Eduard zurück, der sich schlicht -erheben will.) -</p> - -<p> -CARL: Er kommt ja gleich wieder heil zurück. -(Der Großvater naht Salve Cäsar!) Statt den -Lorbeer das Käppken auf den Kopf und Lieskens -Present in de Schnute. (Alle lachen, auch hört -man keinen Lärm mehr.) -</p> - -<p> -Großvater: Ich hab all wieder gestillt, Kinderkes. -Bleiben Se man sitzen, Herr Eduard. (Er bemerkt -gar nicht, daß Eduard auf seinem Stuhl -sitzt.) -</p> - -<p> -AMANDA: (geschwätzig) Was bloß aus dem Liesken -werden soll? — -</p> - -<p> -EDUARD: Lassen Sie mich erst über den Berg sein. -</p> - -<p> -Mutter PIUS: (listig) Da lassen Se man de Finger von. -</p> - -<p> -CARL: Der Apfel fällt nicht weit vom Stamme. -</p> - -<p> -Mutter PIUS: (cynisch, halb zu sich zum eignen -Amüsement) Herr Eduard ist doch kein Feinschmecker! -</p> - -<p> -EDUARD: Meine Schwester soll sich des Kindes -annehmen. -</p> - -<p> -AMANDA: (devot) Ihr Fräulein Prinzessin Schwester? -</p> - -<p> -EDUARD: (nickt stolz) Ist sie nicht eine Prinzessin, -Carl? -</p> - -<p> -CARL: (errötet, ist benommen.) -</p> - -<p> -Mutter PIUS: Dem Weib bin ich zu gut, ganz -genau de Mama aus dem Gesicht geschnitten. -</p> - -<p> -<a id="page-74" class="pagenum" title="74"></a> -Großvater: (bestätigend) Tum Tingelingeling, Tum -Tingelingeling, tum, tum, tum. -</p> - -<p class="dir"> -(Wieder gehen Männer vorbei. Es sind die -Helfershelfer, die Lange Anna zu Hilfe kamen -am ersten Abend.) -</p> - -<p> -Großvater: Nehmt man de Bein auf en Nacken. -</p> - -<p> -Der Herumtreiber: (höhnisch) Na, wie schmeckt es -euch denn? -</p> - -<p> -Großvater: Carl, hast De das gehört? -</p> - -<p> -Mutter PIUS: (zu Carl ängstlich, er könnte sie -hauen) Ärgre Dir man nich darüber, Carl, das -sind die nich wert. -</p> - -<p> -CARL: (benommen) Ich hab gar niks gehört. -</p> - -<p> -Großvater: Daß se mich nich en gemütlichen Abend -gönnen, Herr Eduard. Fünfundzwanzig Jahr hab -ich mit dem Liesken sein Großvater am Webstuhl -gesessen, (weinerlich) und doch war das -Leichentuch zu klein für uns beide. -</p> - -<p> -CARL: Mutter gieb mir meine Kappe! -</p> - -<p> -EDUARD: (gütig, schelmisch zum Großvater) Wir -werden noch oft zusammen ein Piepken schmöken, -Großvatter. (Alle lachen, nur der Großvater -nickt ernsthaft.) -</p> - -<p> -Großvater: Jetzt leb ich von de Gnade meiner -Tochter un die (er zeigt auf Mutter Pius.) -</p> - -<p> -Mutter PIUS: Ich bin doch gewiß nobel für -Dich! -</p> - -<p> -AMANDA: Daß er das viele Tabakschmöken nicht -lassen kann. -</p> - -<p> -CARL: Für de Arbeit sind de Frauleut da! (Frau -<a id="page-75" class="pagenum" title="75"></a> -Amanda greift Carls Kappe durchs Fenster und -setzt sie ihm auf.) -</p> - -<p> -Mutter PIUS: (lacht) Du frecher Bullenbeißer! -</p> - -<p> -Großvater: (zu Carl) Du bist noch jung, ich aber -bin en altes, kränklich Roß. (Er hüstelt und spricht -für sich.) Hab das Wiehern eigentlich schon -vergessen. (Er will aufstehen und ausspeien.) -</p> - -<p> -AMANDA: (zum Großvater) Versteck Dir rasch, -siehst Die nich? (Der Großvater beugt sich -schnell hinter den Strauch neben dem Haus.) -</p> - -<p class="dir"> -(Der Kaplan kommt vom Spaziergang in den Wald -über die Wiese links; er hat einen <em>schwankenden</em> -Gang. Er bemerkt die Gesellschaft vor dem -Häuschen nicht.) -</p> - -<p> -EDUARD: Warum soll sich der Großvater vor dem -sanften Kaplan verstecken? -</p> - -<p> -Mutter PIUS: (weist auf ihn) Wien’n kleines Prozessionsboot -über’n evangelisch Meer. -</p> - -<p> -EDUARD: Er ist sehr unglücklich, Deiner Abtrünnigkeit -wegen, Carl. -</p> - -<p> -CARL: (sarkastisch) So viel Kummer hat sich noch -keiner um meine Seele gemacht. -</p> - -<p> -EDUARD: Was sagen <em>Sie</em> dazu, Mutter Pius? -</p> - -<p> -Mutter PIUS: Daß Se lieber wieder nach unseren -Luther hören sollen, was wollen Se allein herumschiffen? -</p> - -<p> -EDUARD: (zu Carl) Die Mütter!! -</p> - -<p> -AMANDA: Aufstehen, Vatter, wir müssen auf die Wies’. -</p> - -<p> -Großvater: (seufzend zu Eduard) De Wäsch legen. -</p> - -<p class="dirc"> -(Eduard erhebt sich auch.) -</p> - -<p> -<a id="page-76" class="pagenum" title="76"></a> -Mutter PIUS: (zu Eduard) Bleiben Se doch noch -en bischen bei de Mutter Pius, Herr Eduard. -</p> - -<p> -EDUARD: Morgen gehts Examen los, ich muß noch -mathematische Zahlen rechnen. -</p> - -<p> -Mutter PIUS: Was nich de Schulmeister all wollen, -zu meiner Zeit war es noch nicht halb so schlimm. -</p> - -<p> -CARL: (sarkastisch) Deshalb bist De auch kein -Pastor geworden! -</p> - -<p> -EDUARD: (Großvater und Amanda, die zögernd -warten, die Hand reichend. Die beiden gehen -ins Häuschen.) Wir sind alle Pflugtiere. Kommst -Du mit mir, Carl. -</p> - -<p> -CARL: (nickt.) -</p> - -<p> -Mutter PIUS: Mit de Schluffen an de Bein, Jung? -</p> - -<p> -CARL: (kleinlaut) Ich wär wahrhaftig in Gedanken -so gelaufen. (Zu Eduard) Ich hab die Stiefel -beim Schuster. -</p> - -<p> -Mutter PIUS: (zu Eduard, wie zu einem kleinen -Jungen) De Mama werd schon bang sein — -dafür kenn ich ihr. (Mutter Pius reicht Eduard -ermahnend die Hand, Carl begleitet ihn bis -zur Ecke. Eduard winkt noch einmal Mutter -Pius zu.) -</p> - -<p> -Mutter PIUS: (ruft durchs Fenster) Gib mir meine -Valentiaspitzen und Poingtskrägen. Se liegen in -de Fase auf en Schrank, daß de Mietze nich -damit spielt. -</p> - -<p> -Großvater: (Reicht die Spitzen heraus und zeigt in -die Ferne, wo am Rand des Waldes die drei -Herumtreiber: Pendelfrederech, Lange Anna und -<a id="page-77" class="pagenum" title="77"></a> -der gläserne Amadeus um eine Laterne gehen, -deren Licht noch nicht ganz erblichen ist.) -</p> - -<p> -Großvater: (dämlich) Da gehen die drei Erzengel -in de Ferne un blasen aus de Laterne. -</p> - -<p> -Mutter PIUS: Du fängst auch wohl an zu reimen, -wie de Carl? -</p> - -<p class="dirc"> -(Carl kommt zurück.) -</p> - -<p> -Mutter PIUS: (zu Carl) Lang macht der auch nicht -mehr mit. -</p> - -<p> -Großvater: (nickt beständig zustimmend) Tum, tum, -tum, tum. -</p> - -<p> -CARL: Ich würd dem schon ein Stück von meiner -gesunden Brust gebn. -</p> - -<p> -Mutter PIUS: (Pause) Sag ens, Carl, wen hast De -lieber, mir oder ihm? (In der Richtung blickend, -die Eduard eingeschlagen hat.) -</p> - -<p> -CARL: (lacht) Du träumst wohl, Großmutter, ich -bin noch der Carl in Deinem Schoß. -</p> - -<p> -Mutter PIUS: Mir überkömmt es man so. -</p> - -<p> -CARL: Dich? -</p> - -<p> -Großvater: Tum tingelingeling!! -</p> - -<p> -Mutter PIUS: Meinst wohl, de Großmutter war nie -wehmutsvoll gewesen? -</p> - -<p> -CARL: Na, was is denn los? -</p> - -<p> -Mutter PIUS: (sitzt eine Weile schweigend, den Kopf -herabgesunken auf die Brust; die drei Männer -verschwinden in der Ferne im Wald.) -</p> - -<p> -AMANDA: (ruft) Wo bist Du denn, Vatter? -</p> - -<p> -Großvater: Ich muß noch bei de Mutter Pius bleiben, -sie hat Heiratsgedanken. -</p> - -<p> -<a id="page-78" class="pagenum" title="78"></a> -Mutter PIUS: (auffahrend) Du alter Sünder. -</p> - -<p> -Großvater: Wenn ich en Sünder bin, da hätten wir -uns heiraten sollen. -</p> - -<p> -Mutter PIUS: Dir! Du schlapper Bock! -</p> - -<p> -CARL: Haltet Eure Mäuler, ich muß arbeiten. -</p> - -<p> -Großvater: (Holt einen Ausklopfer) Wart man, ich -schaff Dich Ruh! (Amanda zieht ihren Vater -vom Fenster fort. Man hört ihn noch aus dem -Hause reden, wichtig): Im Examen muß er steigen! -</p> - -<p class="dir"> -(Carl nimmt Heft und Buch, Tintenfäßchen, Halter -aus seiner Tasche und beginnt zu blättern; Mutter -Pius glättet geschickt die Spitzen und schweigt -grübelnd.) -</p> - -<p> -CARL: (etwas neckisch) Ich glaub en’s, der Großvater -hat recht gesprochen. -</p> - -<p> -Mutter PIUS: Ich altes Weib? -</p> - -<p> -CARL: (sie neckend) Mit Dein jung Herz! -</p> - -<p> -Mutter PIUS: (sich aufraffend) Temperatur hab’n -alle Pius im Leib gehabt un Du auch, Carl, siehst -De, un de Großmutter weiß das. (Sie holt sorgfältig -Martas Bild aus ihrer Ledertasche und hält -es Carl hin.) -</p> - -<p> -CARL: (fragend verblüfft). -</p> - -<p> -Mutter PIUS: Deine Flamme! -</p> - -<p> -CARL: (tiefrot, zittert, reißt das Bild an sich.) -</p> - -<p> -Mutter PIUS: Du Spitzbub, gib man rasch wieder. -</p> - -<p class="dirc"> -(Carl steckt es in seine Brieftasche. Kleine Pause.) -</p> - -<p> -Mutter PIUS: Sie guckt sich nach Dich die Augen -aus. (Kleine Pause.) -</p> - -<p> -CARL: Wer sagt das? -</p> - -<p> -<a id="page-79" class="pagenum" title="79"></a> -Mutter PIUS: Ich! -</p> - -<p> -CARL: Das is gelogen. -</p> - -<p> -Mutter PIUS: All de Leut sagen es in de Nachbarschaft. -</p> - -<p> -CARL: Weibergeklatsch. (Kleine Pause. Flehentlich -erregt) Wer hat Dir das gegeben, Großmutter? -</p> - -<p> -Mutter PIUS: Weißt De nich genug, daß Du es auf -Deine Haut trägst, Carl? -</p> - -<p> -CARL: (plötzlich glücklich) Großmutter! (Er küßt -sie auf den Mund) Du bist eine Teufelin!!! -</p> - -<p> -Mutter PIUS: Kriegt de Mutter Pius ens Schimpfe -für die Gabe. (Kleine Pause.) Du heulst ja! -</p> - -<p> -CARL: (unterdrückt die Erregung) Ich glaub es -Dir bald! -</p> - -<p> -Mutter PIUS: Wat zitterst Du denn? -</p> - -<p> -CARL: Ich hab Angst, ich fall im Examen durch. -(Plötzlich hart) Ihr Weiber stört mich! (Kleine -Pause.) -</p> - -<p> -Mutter PIUS: Carl, ich muß Dich was recht Intimes -sagen. Keiner darf es hören. -</p> - -<p> -CARL: Laß mich zufrieden. -</p> - -<p> -Mutter PIUS: Sprech mit Deine Schwiegermutter. -</p> - -<p> -CARL: Was? -</p> - -<p> -Mutter PIUS: Wenn Dus Examen bestanden hast. -</p> - -<p> -CARL: (grübelnd). -</p> - -<p> -Mutter PIUS: Sie weist Dir nicht ab, glaub es -Mutter Pius. -</p> - -<p class="i"> -(Kleine Pause,) Du guckst mir an, als wenn ich -Dir zum Narren halt. -</p> - -<p> -CARL: (gespannt). -</p> - -<p> -<a id="page-80" class="pagenum" title="80"></a> -Mutter PIUS: So en wackerer Mann wie Du bist, -Carl — un de feine Herrschaften stärken gern -man das Treibhausblut mit den natürlichen seines. -</p> - -<p> -CARL: (immer gespannt). -</p> - -<p> -Mutter PIUS: Liest De dann nich in de Zeitung -öfters, daß de Gräfinnen sich mit die Lakais -einlassen? -</p> - -<p> -CARL: (naiv) Hinter den Rücken der Mütter? -</p> - -<p> -Mutter PIUS: Die Olschen wissen immer davon. -(Listig): Mamma Sonntag weiß auch von das -viele Leckers un de Cigarretten, was de Marta -Dich in de Manteltaschen stopft? -</p> - -<p> -CARL: (trotzig) Wer sagt Dir, daß sie es herein stopft? -</p> - -<p> -Mutter PIUS: Das riech ich im Dampf, Carl. Nä, -wie ein kleines Gockel bist de noch! (Von der -Seite kommen August Puderbach und andere -Färber (mit bunten Händen) durcheinander redend, -von der Fabrik zurück; sie bleiben vor Pius’ -Häuschen stehen.) -</p> - -<p> -AUGUST: Se streiken wieder. -</p> - -<p> -Mutter PIUS: (ärgerlich) Und Du? -</p> - -<p> -DIE ARBEITER: (durcheinanderredend) Aufhängen -soll man die Krakäler. -</p> - -<p> -CARL: Das sag ich auch. -</p> - -<p> -AUGUST: Sind wir ens einmal eine Ansicht. -</p> - -<p class="dir"> -(Amanda kommt zurück, rechts vom Hause her; -sie hat die letzten Worte gehört.) -</p> - -<p> -AMANDA: Gut bist De dem Carl ens doch, August. -Den Scheitel trägst De ja am Sonntag wie er an -der Seit’. -</p> - -<p> -<a id="page-81" class="pagenum" title="81"></a> -EINER DER ARBEITER: Was hab’n wir von der -Streikerei? -</p> - -<p> -AUGUST: Drei un ein halben Taler weniger im -Monat. Mich war de Arbeitszeit nich zu lang. -</p> - -<p> -Mutter PIUS: Das muß man Dich lassen, ein -fleißiger Jung bist De, — aber was tust De auch -zu Haus bei Dein mukkerigen Vater? -</p> - -<p> -AUGUST: (zu Carl) De Pastoren, die streiken nich, -was, Carl? — Vielleicht sattle ich noch um. -</p> - -<p> -CARL: Halts Maul! -</p> - -<p> -EIN ANDERER ARBEITER: Was sollen wir machen, -Mutter Pius, wir dürfen uns so nich zu Haus -sehen lassen. -</p> - -<p> -Mutter PIUS: Kümmert Euch doch nicht um Eure -Brüders. -</p> - -<p> -EINER DER ARBEITER: Was sollen wir machen -gegen so viel Sozialdemokraten? Wir sind ja -all Sozialdemokraten, aber darum brauchen wir -doch keine Dummheiten machen. -</p> - -<p> -Mutter PIUS: Nä, wahrhaftig nich. -</p> - -<p> -DERSELBE ARBEITER: Wat rätst De uns Mutter Pius? -</p> - -<p> -AMANDA: Geht man wieder zurück zu Euren -Herrn und klatscht ihm die Vorgänge. -</p> - -<p> -EIN ANDERER ARBEITER: Nä, verraten tun wir -de Brüder nich. -</p> - -<p> -CARL: (herablassend brutal) Schlagt Euern Herrn -tot, wie s’es in Rußland machen. -</p> - -<p> -DERSELBE ARBEITER: Un dann? -</p> - -<p> -Mutter PIUS: (lachend) Dann wirst Du der Besitzer, -August. -</p> - -<p> -<a id="page-82" class="pagenum" title="82"></a> -EIN ANDERER ARBEITER: Lieber bleiben wir en -Arbeiter, als en Herrn werden über se Alle. -</p> - -<p> -Mutter PIUS: Ich würd schon mit ihm tauschen. -Alte Schafsköppe, wo man Euch hintreibt, freßt -Ihr! -</p> - -<p> -EINER DER ARBEITER: Recht hat Se man. -</p> - -<p> -EIN ANDERER ARBEITER: Mein Jung soll lieber -in unser eigenen Schweiß (er zeigt auf die Wupper) -versaufen, als en Färber werden. -</p> - -<p> -EINER DER ARBEITER: Kannst Du uns was borgen, -Mutter Pius? -</p> - -<p> -EIN ANDERER ARBEITER: Guck ens in Dein -Beutel nach .... -</p> - -<p> -Mutter PIUS: Ich hab von Tag nich en Kastemänneken -über. De Carl muß doch auf de -Universität ne ganze Bux am Hintersten hab’n. -</p> - -<p class="dir"> -(Lieschen läuft, vom Brotaustragen zurückgekehrt, -zu August — er und die Arbeiter gehen weiter -sich zu beraten etc. Der Großvater Wallbrecker -kommt keuchend über die Wiese; er ruht sich -vor der Brücke aus. Er trägt einen Wäschesack -auf dem Rücken. Von der Gasse hört man -Getrampel und Fluchen, eine Schar Arbeiter -kommt auf Pius’ Häuschen zu.) -</p> - -<p> -Mutter PIUS: (Nimmt mit einem Griff Carls Bücher -und ihre Spitzen) Komm wacker herein, Carl, ich -muß mir neutral halten un wenn Bebel selber -mir um Rat fragen tät. — (Der Großvater sieht -Lieschen, das noch vor dem Haus von Pius steht.) -</p> - -<p> -Großvater: Lieschen! -</p> - -<p> -<a id="page-83" class="pagenum" title="83"></a> -LIESCHEN: (Mit raffiniertem Einverständnis zu -Mutter Pius) Soll ich heut wieder helfen, Mutter -Pius? (Mutter Pius ist aber schon im Haus und -hat Lieschens Frage nicht gehört. Die Arbeiter -verziehen sich, Lieschen geht der Gasse zu.) -</p> - -<p> -Großvater: (Ruft; aber Lieschen will scheint’s nicht -hören; er pfeift den Pfiff, der Lieschen ein Signal -geworden ist. Nun steht der Großvater vor dem -Häuschen.) -</p> - -<p> -Großvater: Nä, wie sich das Blag verändert hat! -Amanda, mein Puckel stürzt ein! (Er geht ins -Haus.) -</p> - -<h2 class="chapter" id="chapter-0-6"> -<a id="page-84" class="pagenum" title="84"></a> -FÜNFTER AKT -</h2> - -<div class="dir"> -<p> -Eine Art Gartenzimmer in der Villa der Familie -Sonntag. Rechts führt die Tür zum Flur, von der -man die Haustür deutlich sehen kann. Links ein -breites Fenster, das den Garten spiegelt. Viele -Schlingpflanzen und andere Blumen schmücken das -Zimmer. Nahe dem Fenster steht ein lila Ledersofa, -worauf Frau Sonntag und Eduard sitzen. Frau -Sonntag hält zerstreut ein offenes Buch auf der -Rückseite im Schoß. Marta ist im Begriff, den Flor -von Heinrichs Bild abzunehmen. Die Familienmitglieder -sind in Schwarz gekleidet, auch die -Dienstboten. -</p> - -</div> - -<div class="pers"> -<p> -Frau Sonntag, Eduard, Marta, Carl Pius, Dr. von -Simon, Auguste, Berta. -</p> - -</div> - -<p> -MARTA: Immer wieder hängt ihn Auguste um das -Bild. -</p> - -<p> -Fr. SONNTAG: Warum nimmst Du ihn ab? -</p> - -<p> -MARTA: Eduard will es ja. -</p> - -<p> -EDUARD: (liebevoll) Ich möchte, liebe Mutter, daß -man ihm Lebendigeres brächte. -</p> - -<p> -MARTA: (zu Eduard) Wie gefällt Dir dieses junge -Grün? -</p> - -<p> -EDUARD: (Nickt dankbar). -</p> - -<p> -Fr. SONNTAG (melancholisch) Ich traure, daß er -gelebt hat. (Marta schmückt das Bild, setzt sich -<a id="page-85" class="pagenum" title="85"></a> -dann ans Fenster und stickt auf einem Rahmen -in Seide Kamillen. Ihre Bewegungen sind unruhig, -wartend.) -</p> - -<p> -EDUARD: Daß Du nur einen Augenblick an seiner -Ehrenhaftigkeit zweifeln kannst! -</p> - -<p> -MARTA: Dr. v. Simon sagt aber auch, ein Unschuldiger -gehe nicht dem Leben durch. -</p> - -<p> -EDUARD: Der Inspektor hat sich kein Urteil über -unsern Bruder zu erlauben, vor allen Dingen -aber vor seines Herrn Schwester nicht. -</p> - -<p> -Fr. SONNTAG: (Winkt Marta zu schweigen. Kleine -Pause.) -</p> - -<p> -EDUARD: Soldat war er, wie soll der anders in -diesem unaufklärbaren Falle handeln! -</p> - -<p> -Fr. SONNTAG: Ich glaubte, diese Zeit hätte er -längst vergessen. -</p> - -<p> -EDUARD: Aber Mutter, der Soldat lag ihm im -Blut wie in Achill der Sieg. -</p> - -<p> -Fr. SONNTAG: Wie Du ihn zu verherrlichen suchst, -Eduard. -</p> - -<p> -MARTA: Schneidig standen ihm die Schnüren und -der Galahelm. -</p> - -<p> -EDUARD: (Marta in die Rede fallend) Er hätte -Soldat bleiben sollen, Mutter, auch nach Papas -Tod. -</p> - -<p> -Fr. SONNTAG: Du sagst das so vorwurfsvoll, sollte -ich mich vielleicht ins Bureau der Fabrik setzen? -</p> - -<p> -EDUARD: Mutter, Du bist nervös. -</p> - -<p> -Fr. SONNTAG: Er hat damals Papa versprechen -müssen, die Leitung zu übernehmen. -</p> - -<p> -<a id="page-86" class="pagenum" title="86"></a> -EDUARD: Ich hätte ihm das Versprechen nicht -gegeben, wenn ich Heinrich gewesen wäre. -</p> - -<p> -Fr. SONNTAG: Du? (erstaunt) Daß ich meine -Kinder so wenig kenne .... Es hätte sich schon -ein Stellvertreter in der Verwandtschaft gefunden. -</p> - -<p> -MARTA: Wenn Ihr Euch jetzt immer so ernst -unterhaltet — es ist schon trist genug bei uns -im Haus. -</p> - -<p> -Fr. SONNTAG: (melancholisch) Ich bin auch keine -Gesellschaft für Dich. -</p> - -<p> -EDUARD: Bald habt Ihr mich los. -</p> - -<p> -Fr. SONNTAG: (Frau Sonntag und Marta sprechen -fast zusammen) Ich hoffte, Du würdest nun -bleiben, Eduard? -</p> - -<p> -MARTA: Bringst Du auch mal einen Mönch mit -nach Hause? -</p> - -<p class="dirc"> -(Mutter und Sohn lächeln.) -</p> - -<p> -EDUARD: Wie denkst Du Dir das? -</p> - -<p> -MARTA: Ich möchte mal so jemand ganz Frommes -kennen lernen. -</p> - -<p> -Fr. SONNTAG: (wehmütig mokant) Du bist ihr -nicht fromm genug. -</p> - -<p> -EDUARD: Kinder und Narren — (kleine Pause). -</p> - -<p> -MARTA: Mama, kann man eigentlich <em>rosa</em> auf dem -Standesamt tragen? -</p> - -<p> -Fr. SONNTAG: (unterbricht Marta erschrocken) -<a id="corr-28"></a>Daß Du es übers Herz bringen kannst, Eduard. -</p> - -<p> -EDUARD: Wenn Du Gott liebtest, Mutter, würdest -Du nicht versuchen, mich wankend zu machen. -</p> - -<p> -Fr. SONNTAG: Ich liebe Gott nicht. -</p> - -<p> -<a id="page-87" class="pagenum" title="87"></a> -EDUARD: Weil Du ihn mit menschlichen Empfindungen -suchst. -</p> - -<p> -Fr. SONNTAG: (melancholisch) Ich habe keine -andern. -</p> - -<p> -EDUARD: (legt den Arm um sie.) Un doch leidest -Du unmenschlich, Mütterchen. (Kleine Pause.) -Ich möchte Dir, so lange ich noch bei Dir bin, -Vater und Heinrich ersetzen. — Warum lächelst -Du so fremd? -</p> - -<p> -Fr. SONNTAG: Das wirst Du nie, Kind. -</p> - -<p> -EDUARD: Wenn ich mir nun alle Mühe geben werde? -</p> - -<p> -Fr. SONNTAG: Du <em>könntest</em> es, Gott sei Dank, -nicht. -</p> - -<p> -MARTA: Ich habe einmal zwei Mönche im Kölner -Dom gesehen. Ihre Köpfe waren geschoren, wie -bei Verbrechern und barfuß gingen sie später -durch den Schnee. -</p> - -<p> -MUTTER: (seufzend) Du hältst es nicht ein Jahr -im Franziskanerorden aus, Eduard. -</p> - -<p> -AUGUSTE: (öffnet behutsam die Tür des Zimmers) -Herr Pius ist da un will die Frau ganz allein -sprechen. -</p> - -<p> -Fr. SONNTAG: (zu Eduard) Er meint Dich gewiß, -Eduard. -</p> - -<p> -AUGUSTE: Nä, er sagt ganz ausdrücklich, <em>die</em> -Frau. -</p> - -<p> -Fr. SONNTAG: (erhebt sich achselzuckend. Auguste -flüstert Marta leise ins Ohr.) -</p> - -<p> -AUGUSTE: Ihr Bräutigam is auch wieder da. -</p> - -<p class="dir"> -(Marta blickt forschend auf Eduard, der aber -<a id="page-88" class="pagenum" title="88"></a> -nichts gehört hat und geht leise trällernd -aus dem Zimmer. Auguste deckt Eduard mit -der Gebärde der Frau Sonntag eine Decke über -die <a id="corr-29"></a>Füße.) -</p> - -<p> -EDUARD: Bei der Wärme, Auguste? -</p> - -<p> -AUGUSTE: Wenn es Herr Eduard hab’n will, leist -ich ihm en bißchen Gesellschaft. -</p> - -<p> -EDUARD: (nickt gütig). -</p> - -<p> -AUGUSTE: Ich hör für mein Leben gern von Herrn -Jesus erzählen. -</p> - -<p> -EDUARD: (nickt. Auguste nimmt Platz und zieht -ihren breiten, blauen Strickstrumpf aus der Tasche.) -</p> - -<p> -AUGUSTE: Sie müssen nich immer auf den Heinrich -gucken, er kriegt kein Frieden. -</p> - -<p> -EDUARD: Und eigentlich war ich doch an der Reihe. -</p> - -<p> -AUGUSTE: Das helft Alles nicks, passen Se auf, -Herr Eduard. (Freudig verheißend) nach de -Trauer folgt de Hochzeit. -</p> - -<p> -EDUARD: (blickt sie fragend an). -</p> - -<p> -AUGUSTE: Euch mein ich doch verdeck nich oder -der liebe Herrgott müßt sich auch eine Tochter -machen. -</p> - -<p> -EDUARD: (lächelt). -</p> - -<p> -AUGUSTE: De Marta mein ich. -</p> - -<p> -BERTA: (tritt mürrisch ins Zimmer, sie bringt auf -einem Tablett eine Kanne Milch und ein Glas. -Zu Auguste). Ihnen alles nachzutragen habe ich -auch keine Lust mehr. (Sie verläßt das Zimmer.) -</p> - -<p> -AUGUSTE: Das dumme Blag tut ens so zimperlich -wie’n Fräulein. -</p> - -<p> -<a id="page-89" class="pagenum" title="89"></a> -EDUARD: Sie sieht seit einigen Tagen sehr unzufrieden -aus. -</p> - -<p> -AUGUSTE: Gekündigt hat se Mamma Sonntag, sie -geht nach Schlamerika. -</p> - -<p> -EDUARD: So? -</p> - -<p> -AUGUSTE: Ich glaub, de Mutter Pius hat ihr das -aus de Karten prophezeit. -</p> - -<p> -EDUARD: Mutter Pius hält Euch nur zum Besten -— sie ist doch eine kluge Frau, dünkt mich? -</p> - -<p> -AUGUSTE: Sie gucken ja immer in den Himmel -rein. -</p> - -<p> -EDUARD: Nein, ist sie keine kluge Frau? -</p> - -<p> -AUGUSTE: Wie man’s beguckt; aus ihrer Schlauigkeit -krauchen die Narrheiten. -</p> - -<p> -EDUARD: Das ist mir ganz neu. -</p> - -<p> -AUGUSTE: (Kleine Pause.) Ich könnt Euch alles -beichten, Herr Eduard. (Sie hebt eine Masche -auf, die während ihres Sprechens gefallen ist.) -</p> - -<p> -EDUARD: Tun Sie das, Auguste! -</p> - -<p> -AUGUSTE: Ich habe Mamma Sonntag vorige Woche -was vorgelogen. -</p> - -<p> -EDUARD: (ein Lächeln unterdrückend) Was denn, -Auguste? -</p> - -<p> -AUGUSTE: Ich hab mich gar nicht verschlafen, im -Leichenhaus war ich. Ich wollt dem lieben Herrn -Heinrich addjüß sagen. -</p> - -<p> -EDUARD: Das hätte Ihnen meine Mutter ja nicht -verwehrt, Auguste. (Eine Schar Jungens mit -Waldbeeren in Kannen klingeln an der Haustür -und klopfen und surren.) -</p> - -<p> -<a id="page-90" class="pagenum" title="90"></a> -AUGUSTE: (<a id="corr-31"></a>schließt die Tür) Und was denken -Sie, wem seh ich da — de alte Pius! De Augen -standen scheel wie beim Geripp un gedreht hat -se sich (spricht immer tiefer) um de Leichen -immer rund um ohne aufzuhören, un gesungen -hat se dabei (sie singt ganz tief, fast im Baß) -O Du lieber Augustin Alles is hin, hin, hin. -</p> - -<p> -EDUARD: Was erzählen Sie da, Auguste? -</p> - -<p> -AUGUSTE: Regen Se sich deshalb nich auf. Carl -sein Großvater der hat vor langer Zeit zu mich -gesagt, de Mutter Pius wär das Karussell, wo -wir All drin sitzen. -</p> - -<p> -Fr. SONNTAG: (Sie kommt entstellt ins Zimmer, -sie sieht ganz gelb im Gesicht aus. Die Jungens -sieht man beim Hereintreten sich vor der Haustür -drängen. Der <a id="corr-32"></a>größte hält ein Öllämpchen in -der Hand.) -</p> - -<p> -AUGUSTE: De Jungens machen mir ganz nervös. -</p> - -<p class="dir"> -(Ahmt Frau Sonntag nach, erhebt sich gemächlich -vom Stuhl und geht behutsam aus dem Zimmer.) -</p> - -<p> -DIE JUNGENS: Gitzhals! Gitzhals! -</p> - -<p> -Fr. SONNTAG: Du weißt es wohl schon? (Eduard -ist noch immer erregt von Augustens Erzählung.) -</p> - -<p> -EDUARD: (Nickt fragend Nein) Du schüttelst Dich, -als ob Du über ein gedüngertes Land gegangen -bist. -</p> - -<p> -Fr. SONNTAG: Du weißt es wirklich nicht, Eduard? -</p> - -<p> -EDUARD: Setz Dich zu mir, armes, armes -Mütterchen. (Pause.) -</p> - -<p> -Fr. SONNTAG: Pius war doch hier. -</p> - -<p> -<a id="page-91" class="pagenum" title="91"></a> -EDUARD: Ach ja, was wollte er? -</p> - -<p> -Fr. SONNTAG: (tonlos) Marta. (Kleine Pause.) -</p> - -<p> -EDUARD: Ich hätte mich mehr erschrocken, wenn -es der Inspektor gewesen wäre. -</p> - -<p> -Fr. SONNTAG: (verlegen) Du hättest ihn sehen -müssen den schüchternen Jungen — impertinent -wurde er, sage ich Dir, Eduard. Er trinkt überdies. -</p> - -<p> -EDUARD: (Kleine Pause.) Ich bildete mir ein, er -hätte uns so oft meinetwegen besucht. (Kleine -Pause.) Ich bin Egoist geworden während meiner -Krankheit. -</p> - -<p> -Fr. SONNTAG: Aber Eduard, er konnte sich doch -glücklich schätzen, Dich besuchen zu dürfen. -</p> - -<p> -EDUARD: Wie trivial faßt Du unsere Freundschaft -auf, Mutter. (Die Jungen werden so laut, daß -man sie im geschlossenen Zimmer hört.) -</p> - -<p> -Fr. SONNTAG: (sehr verlegen) Auguste soll die -Kinder draußen fortschicken. (Sie klingelt.) -</p> - -<p> -EDUARD: Eine junge, eherne Apostelgestalt ist -Carl Pius in Versuchung. -</p> - -<p> -Fr. SONNTAG: Du bist ein Fanatiker. -</p> - -<p> -EDUARD: Und doch lehrt Krankheit weise Melodien. -(Kleine Pause.) Was sagtest Du ihm? -</p> - -<p> -Fr. SONNTAG: Ich erinnerte ihn zuerst an seine -Jugend. -</p> - -<p> -EDUARD: Und? -</p> - -<p> -Fr. SONNTAG: (sich erdenkend) Daß Marta dann -schon ein altes Mädchen sein würde — aber als -er impertinent wurde — wies ich ihm die Tür. -</p> - -<p> -<a id="page-92" class="pagenum" title="92"></a> -EDUARD: (Senkt den Kopf.) -</p> - -<p> -AUGUSTE: (Tritt behutsam ins Zimmer, ihre roten -Backen glänzen, sie läßt die Zimmertür halb offen -stehen.) Wie zwei Turteltauben die beiden im -Garten .... (Frau Sonntag verlegen.) -</p> - -<p> -EDUARD: Das wäre allerdings eine Impertinenz .... -</p> - -<p class="dirc"> -(Die Jungens betteln unaufhörlich.) -</p> - -<p> -AUGUSTE: Wir wollen de Jungens en Liter Waldbeeren -abkaufen, dann hab’n se Ruh. (Sie nimmt -aus Frau Sonntags Portemonnaie im Schlüsselkorb, -ohne Antwort abzuwarten, Geld. Marta -und der Inspektor werden sichtbar im Garten. -Eduard wendet den Kopf zum Fenster hin. Frau -Sonntag rafft sich auf.) -</p> - -<p> -Fr. SONNTAG: (gepreßt) Sie sollten es Dir selbst -sagen, Eduard. -</p> - -<p> -EDUARD: (Kleine Pause.) Schamloser konntest -Du Deinen Sohn Heinrich nicht verraten. (Kleine -Pause.) Mein armer Bruder, ein flüchtender -Soldat, ging er verzweifelt in den Tod ..... -</p> - -<p> -Fr. SONNTAG: Damit gibst Du ja seine Schuld zu. -</p> - -<p> -EDUARD: Es steht Dir nicht, Mutter, mich meuchlings -überführen zu wollen. -</p> - -<p> -Fr. SONNTAG: Ich verstehe nicht, was Du eigentlich -gegen Dr. v. Simon hast. -</p> - -<p> -EDUARD: Dasselbe, was Du gegen ihn hast, Mutter, -darum wagtest Du auch nicht, mir von der Katastrophe -<em>selbst</em> Mitteilung zu machen. -</p> - -<p> -Fr. SONNTAG: (etwas finster) Ich fürchte mich vor -meinen Kindern nicht, selbst vor Dir nicht, Eduard. -</p> - -<p> -<a id="page-93" class="pagenum" title="93"></a> -EDUARD: (Kleine Pause.) Erinnere Dich doch, -welchen Verdacht Du gestern noch gegen ihn -aussprachst. -</p> - -<p> -Fr. SONNTAG: (hochmütig) Ich hab ihn mir eigentlich -erst heute morgen angesehen. -</p> - -<p> -EDUARD: (spöttisch) Schwärmst etwa <em>auch nun</em> -für seine schmachtenden Wimpern? -</p> - -<p> -Fr. SONNTAG: (aufweinend) Ich fühle, Eduard, ich -war zu selbstlos zu Dir. -</p> - -<p> -EDUARD: Mutter, teure Mutter, aus welchem -Grunde willst Du Martas Mädchenseele preisgeben? -</p> - -<p> -Fr. SONNTAG: Daß Heinrich in der letzten Zeit -auf ihn erbost war, hat tiefere Gründe. -</p> - -<p> -EDUARD: Aber wir haben doch Augen und Ohren, -Mutter. -</p> - -<p> -Fr. SONNTAG: (gezwungen) Ich wünschte sogar, -wir hätten Herrn Dr. v. Simon veranlaßt, zeitiger -in unserem Hause zu verkehren. -</p> - -<p> -EDUARD: Du weichst noch immer meiner Frage -aus, Mutter? -</p> - -<p> -Fr. SONNTAG: Um Dir Einblick in die geschäftlichen -Dinge zu geben, warst Du damals zu jung, -Eduard. -</p> - -<p> -EDUARD: Wir lebten doch luxuriöser als heute, -Papa gab eine Festlichkeit nach der andern. -</p> - -<p> -Fr. SONNTAG: Das war es ja eben. Heinrich hat -oft genug sein Schweineglück, wie er sich ausdrückte, -gepriesen, einen Mann wie Dr. v. Simon -gefunden zu haben. (Kleine Pause.) Wir können -uns glücklich schätzen, daß er Marta nimmt. -</p> - -<p> -<a id="page-94" class="pagenum" title="94"></a> -EDUARD: Der Mann bringt wahrhaftig kein Opfer. -</p> - -<p class="dir"> -(Auguste öffnet zögernd die Zimmertür, sie hält -einen großen Rosenstrauß in der Hand, zwischen -den Blättern liegt eine Karte. Sie versucht sich -mit Frau Sonntag schweigend zu verständigen.) -</p> - -<p> -Fr. SONNTAG: Nicht wahr, Auguste, Herr -Dr. v. Simon ist doch der richtige Mann für das -Fräulein? (Auguste schlägt erstaunt die Augen -auf und dann mit zufriedenem Lächeln.) -</p> - -<p> -AUGUSTE: Von das Fräulein Oberbürgermeister .... -</p> - -<p class="dirc"> -(Sie stellt den Strauß zärtlich in eine Vase.) -</p> - -<p> -EDUARD: (spöttisch) Du fragst doch sonst Deine -Dienstboten nicht. -</p> - -<p> -Fr. SONNTAG: Sie können gehen. -</p> - -<p> -AUGUSTE: (greift in die Schürzentasche) Un das -<a id="corr-34"></a>soll ich die Madame von dem längsten -Bengel draußen geben un er wünscht ein langes -Leben. -</p> - -<p> -Fr. SONNTAG: (Nimmt das Couvert gedankenlos -hin, spielt damit, legt es dann schließlich auf -den Tisch.) -</p> - -<p> -AUGUSTE: (zu Eduard) Ich glaub, dem Liesken -sein Bruder war’s, der Kerl mit der langen Nas -und de grüngemalten Hände. Seine Bux hat er -aufgekrempelt bis über de Knie. (Auguste bleibt -bei der halbgeöffneten Zimmertür unbemerkt -stehen.) -</p> - -<p> -EDUARD: (nimmt das Gespräch wieder auf) Das -ist alles noch kein Grund, seine Tochter zu verkaufen. -</p> - -<p> -<a id="page-95" class="pagenum" title="95"></a> -Fr. SONNTAG: Soll Marta vielleicht Ladenmädchen -werden? -</p> - -<p> -EDUARD: (primanerhaft) Lieber als im buhlerischen -Bett liegen. -</p> - -<p> -Fr. SONNTAG: Du übertreibst, Eduard, ich bitte -Dich, schlafe eine Nacht darüber. -</p> - -<p> -EDUARD: (mit biblischer Wucht) Ich sage Dir, -Weib, beflecke unser Haus nicht. -</p> - -<p class="dirc"> -(Mutter bricht weinend zusammen.) -</p> - -<p> -Fr. SONNTAG: (leise) Du bist impertinent wie -Carl Pius. -</p> - -<p> -AUGUSTE: (behutsam durch die Tür wieder eintretend, -glotzäugig, gutmütig, lügend) Überall -schellt es — -</p> - -<p> -EDUARD: Die kommt Dir immer wie gerufen. -</p> - -<p> -AUGUSTE: Ich kann de Mama Sonntag nicht -heulen sehen. (Tritt gutherzig näher zu ihr hin.) -Ma’mm Sonntag .... -</p> - -<p> -EDUARD: (kämpft mit sich. Marta kommt temperamentvoll -ins Zimmer, v. Simon verharrt unsicher, -als er Eduard erblickt, vor der halboffenen -Zimmertür.) -</p> - -<p> -Fr. SONNTAG: Marta, laß uns noch einen -Augenblick allein. (Marta gehorcht schmollend, -im nächsten Augenblick ihren Bräutigam -graziös anlächelnd, verschwindet sie mit ihm -wieder.) -</p> - -<p> -EDUARD: (zärtlich aber fest) Hast Du mir noch -etwas zu sagen? -</p> - -<p> -AUGUSTE: (zu Frau Sonntag) Gucken Sie ihm an, -<a id="page-96" class="pagenum" title="96"></a> -Ma’mm Sonntag, er hat en Heiligenschein um de -Locken. -</p> - -<p> -Fr. SONNTAG: (nickt unendlich traurig.) -</p> - -<p> -AUGUSTE: Er paßt gar nicht in de sündige Welt. -</p> - -<p> -Fr. SONNTAG: (ernst zustimmend.) -</p> - -<p> -AUGUSTE: (zeigt auf die Haustür) Da steht verdeck -noch der große Lümmel von Puderbachs -vor de Haustür un lauert. -</p> - -<p> -EDUARD: Ist das Lieschen bei ihm? -</p> - -<p> -Fr. SONNTAG: Aber Eduard ...... -</p> - -<p> -AUGUSTE: Lassen Se das arme Blag man lieber -links liegen, sonst kommen Se auch wie de Heinrich -im falsches Verdacht. -</p> - -<p> -EDUARD: (erschöpft, er hustet stärker). -</p> - -<p> -AUGUSTE: (harmlos) Er hat mir selber öfters -gefragt, ob Herr Eduard das Lieschen poussierte. -</p> - -<p> -EDUARD: (entgeistert, kleine Pause) Mutter, hast -Du das gewußt? -</p> - -<p> -Fr. SONNTAG: (mitleidsvoll) Ich kenne Dich doch, -Eduard. — -</p> - -<p> -EDUARD: (schreitet fremd und einsam aus dem -Zimmer wie <em>über einen Berg herüber</em>. Frau -Sonntag sieht ihm melancholisch nach; nimmt das -Couvert zerstreut vom Tisch und tritt ans Fenster, -vor das die Verlobten treten; Marta blickt erstaunt -den Zaun des Gartens entlang.) -</p> - -<p> -MARTA: Denk mal, Mama — (Frau S. hört kaum -hin) eben ging Berta aus dem Haus am Zaun -vorbei in <em>meinem</em> Jackett und Hut und <em>ihre</em> -Sachen hängen an meinem Haken am Ständer. -</p> - -<p> -<a id="page-97" class="pagenum" title="97"></a> -v. SIMON: Darf ich der verehrten Mama die Hand -küssen? (Berührt die ihm zaudernd dargereichte -Hand.) -</p> - -<p> -Fr. SONNTAG: (verlegen) Ich kann mich noch -garnicht an den Gedanken gewöhnen. -</p> - -<p> -AUGUSTE: (wartet am äußeren Ende des Zimmers. -Die Situation ist ihr unbegreiflich. Sie geht -heraus.) -</p> - -<p> -MARTA: (schmollt. Sie nimmt eine Kamille aus -ihrem Gürtel und befestigt sie über dem Herzen -v. Simons.) -</p> - -<p> -v. SIMON: Du wirst mich ausputzen wie einen -Geck, Kätzchen. -</p> - -<p> -Fr. SONNTAG: (öffnet apathisch das Couvert, sie -nimmt Martas nackte Photographie hervor — -erschrickt heftig — begreift nicht, betrachtet sie -von allen Seiten. Sie ruft Marta ans Fenster -zu sich und hält ihr die Kehrseite des Bildes -vor Augen.) -</p> - -<p> -Fr. SONNTAG: Marta, kennst Du die Handschrift? -</p> - -<p> -MARTA: (übermütig) Das ist Pius seine dicke -Tatze. -</p> - -<p> -AUGUSTE: (kommt geheimnisvoll ins Zimmer) Herr -Eduard sitzt in seine Stub und beguckt sich im -Spiegel. -</p> - -<p> -MARTA: Den hat er doch beklebt, daß er nicht -eitel werde. (Frau Sonntag schließt das Bild in -ihren Sekretär ein.) -</p> - -<p> -v. SIMON: (leise zu Marta) Für Dich wird es auch -die höchste Zeit, hier herauszukommen, Kätzchen. -</p> - -<p> -<a id="page-98" class="pagenum" title="98"></a> -Fr. SONNTAG: (apathisch, dann aufleuchtend zu -sich redend, aber den Kopf zu den Beiden zum -Fenster hin gewandt) Ich werde ihm eine Herzensfreude -machen. -</p> - -<p> -MARTA: (etwas schnippisch) Du willst wohl mit -ihm ins Kloster gehen, Mama? (Auguste geht -mit der Gebärde, die ausdrückt um Himmelswillen -nicht, fürsorglich hinter Frau Sonntag aus -der Türe. Die Verlobten verschwinden im Garten.) -</p> - -<h3 class="subchap" id="subchap-0-6-1"> -II. SCENE. -</h3> - -<p class="dirc"> -(Im selben Arbeiterviertel wie im ersten Aufzug.) -</p> - -<p class="pers"> -Pendelfrederech, Lange Anna, Amadeus, Eduard, -Carl, August Puderbach, Großvater Wallbrecker. -</p> - -<p> -AMADEUS: Klopfen Se man tüchtig, de alte Pius -schläft doch nich in de Nacht, die hat mit em -Satan zu konferieren. -</p> - -<p> -Lange ANNA: Un oben beim Wallbrecker sin de -Fensterlöcher verstopft. -</p> - -<p> -PENDELFREDERECH: (stößt Eduard stier an) Ich -hab ’ne trockene Kehl’, Herr. -</p> - -<p> -Lange ANNA: Du toter Maulwurf, was weißt Du -von em Durscht! -</p> - -<p> -PENDELFREDERECH: (zu Eduard) Wir sin ja -beide auf de Himmelfahrtreis. (Er murmelt -grausig. Eduard gibt ihm ein Geldstück.) -</p> - -<p> -Lange ANNA: (betrachtet es höhnisch) Davon -brauchst De mich nicks mitgeben, Frederech! -</p> - -<p> -PENDELFREDERECH: Altes Ferkel! -</p> - -<p> -<a id="page-99" class="pagenum" title="99"></a> -AMADEUS: Wenn Sie de Carl sprechen wollen, -Herr, der is im Wirtshaus un säuft ’en Fusel -nach dem andern (Eduard bewegt) un de Aujust -sitzt bei ihm un frißt Zucker aus seine Tasch -und säuft mit ihm in Kömpanni. -</p> - -<p> -EDUARD: (bewegt sich in der Richtung zum Wirtshaus.) -</p> - -<p> -AMADEUS: (instinktiv) Ich will ihm herausholen, -bleiben Sie man lieber hier. -</p> - -<p> -PENDELFREDERECH: Hausknecht! -</p> - -<p> -EDUARD: (hält Amadeus zurück). -</p> - -<p> -Lange ANNA: (kreischt plötzlich auf, ähnlich wie -am Abend, als Carl Pius seinen Arm verrenkte). -</p> - -<p> -AMADEUS: Was is Dich, Lange Anna? -</p> - -<p> -Lange ANNA: (Wimmert wie ein Weib). -</p> - -<p> -PENDELFREDERECH: (murmelt böse). -</p> - -<p> -AMADEUS: Wie ’n Schellenzug von de Großmutter -bammelt Dein Ärmel am Leib herunter. -</p> - -<p> -Lange ANNA: (quietscht leise Frederech ins Ohr). -</p> - -<p> -PENDELFREDERECH: Altes Ferkel! -</p> - -<p> -AMADEUS: (zur langen Anna) Du hast es auch -ein bißchen zu weit getrieben. -</p> - -<p> -Lange ANNA: Ich? -</p> - -<p> -AMADEUS: Ja, das hast De; seit de Zeit hockt -er im Fusel drin. -</p> - -<p> -Lange ANNA: Hihihihi! -</p> - -<p> -AMADEUS: Dat tut mich leid, leid tut mich das, -er säuft ja sonst nicks. (Lieschens Vater kommt -nach Hause, durch die kleine Seitengasse vom -inneren Viertel her, man sieht ihn also nicht, -<a id="page-100" class="pagenum" title="100"></a> -hört nur, wie er mit der Faust krachend die -Haustür aufstößt.) -</p> - -<p> -AMADEUS: Ich merk das Poltern da. (Faßt auf -sein Herz.) -</p> - -<p> -PENDELFREDERECH: (murmelt böse) Aus de -Bibelstunde kömmt er. -</p> - -<p> -Lange ANNA: (stößt Eduard an die Schulter und -quietscht höhnisch auf) Das war der Vater von -es .... -</p> - -<p> -PENDELFREDERECH: (murmelt grausig). -</p> - -<p> -AMADEUS: Geheult hat es, als es in die Zwangserziehungsanstalt -geholt wurd wie en Madame -ihr Schoßpudel auf dem Weg zum Schlachthaus. -</p> - -<p> -EDUARD: (bewegt). -</p> - -<p> -Lange ANNA: Da werden se es man tüchtig durchbleuen -für seine Liebhabereien. (Kleine Pause.) -Mich hätt’ Ihr Bruder lieber nehmen sollen. -</p> - -<p> -PENDELFREDERECH: Dir altes Ferkel? (Eduard -bewegt.) Die Kleine versteht es feiner wie Du. -Im Nachthemd spaziert es grad unterm Mond -über die Dächer. Ich lag selber auf de Lauer -und schnappte nach dem Glühwürmken. -</p> - -<p> -AMADEUS: (zu Eduard, wehmütig) Einmal hab ich -es ja auch gesehen. -</p> - -<p> -Lange ANNA: Auf mir hat es in de Herrgottsfrüh -nach der Oper (zeigt auf seinen Arm) unten an -de Wupper gelegen. -</p> - -<p> -AMADEUS: Ich war dem netten Dier gut. -</p> - -<p> -Lange ANNA: (zeigt auf seinen Arm) Ich soll -<a id="page-101" class="pagenum" title="101"></a> -man niks de Polizisten erzählen von de Carl, es -wär sein Schatz. Hihihihi! -</p> - -<p> -PENDELFREDERECH: Verlogenes Ferkel, verkrochen -hast De Dir vor Carl seine fette Faust. -</p> - -<p> -Lange ANNA: Du lauerst wohl aus Dein Deckel? -</p> - -<p class="dir"> -(Carl und August kommen schwankend Arm in -Arm aus dem Wirtshaus. Carl sieht grenzenlos -verändert aus. Seine alte Primanermütze trägt -August umgedreht auf einen Stock gespießt. Die -drei Herumtreiber lachen, Carl erblickt Eduard.) -</p> - -<p> -CARL: Nen Abend, Eduard, wie geht es mein -Schatz Marzebillken? Se will mich doch heiraten. -Ijo, ijo! (zu sich selbst sprechend im Ton seiner -Großmutter) Carl, hast De Deine Großmutter -lieb? (Kleine Pause. Im seligtrunkenen Ton) Ich -hab Dich ja so lieb, Eduard. -</p> - -<p> -AUGUST: (neidisch; er schwankt ebenfalls) Laß -doch den Hungerleider stehn, Carl, er soll sich -das Haar schneiden lassen. -</p> - -<p> -AMADEUS: (zu August) Zeig meine beiden Kollegen -molz de heilige Eva aus Deine Brieftäsch, -Aujust. (Die Brieftasche hängt August aus der -Hosentasche.) -</p> - -<p> -EDUARD: Das ist Pius’ Brieftasche. (Es beginnt -ein Wehen in der Luft.) -</p> - -<p> -AMADEUS: Ein Spruch aus lateinlich steht auf der -Hinterseit’. -</p> - -<p> -EDUARD: (Er umfaßt Carl hinterrücks) Helfen Sie -mir doch, Amadeus. -</p> - -<p> -AMADEUS: Ich kann ihm nich untergreifen, mein -<a id="page-102" class="pagenum" title="102"></a> -gläsern Herz bricht in Splittern. (Wehleidig) En -Sprung hat es schon. -</p> - -<p> -Lange ANNA: Nehmt mir in de Mitte, versoffne -Brüders. (Er stößt Eduard zurück, der taumelnd -an Frederechs Brust fällt. Lange Anna drängt -sich zwischen Carl und August.) -</p> - -<p> -PENDELFREDERECH: Sin wir beide Todenvögels -vereint. -</p> - -<p class="dir"> -(Carl, Lange Anna, August wanken über die -Brücke von dort weiter. Der Nachtwind klagt -wie ein Kind, Eduard fröstelt. Noch einmal -klopft er leise an die Haustür von Pius’ Häuschen. -Der Großvater öffnet sein Fensterchen und kräht.) -</p> - -<p> -Gr. WALLBRECKER: Will se schon vertreiben de -Nachtgespenster. (Er gießt eine Emaillekanne -voll Wasser herunter.) -</p> - -<p> -PENDELFREDERECH: (murmelt böse) Ich leg mir -schlafen unterm Busch. (Eduard tritt mit gesenktem -Kopf den Heimweg an.) -</p> - -<p class="end"> -Ende -</p> - -<div class="backmatter"> -<p class="note"> -<a id="page-103" class="pagenum" title="103"></a> -Zur Kenntnis: Das Original dieses Schauspiels ist -<em>en Wopperdhalerplatt</em> geschrieben worden. -</p> - -<p class="corr"> -Druckfehlerberichtigung: -</p> - -<p class="i"> -Seite 31, Zeile 10 von oben lies statt: -</p> - -<p> -Sie liebt mir — Sie liebt <em>mich</em>. „Im Ton der -Arbeiter“ muß wegfallen. -</p> - -</div> - -<div class="backmatter"> -<p class="left"> -<a id="page-104" class="pagenum" title="104"></a> -Von ELSE LASKER-SCHÜLER erschienen bisher: -</p> - -<p class="books"> -STYX. Gedichte.<br /> -DER SIEBENTE TAG. Gedichte.<br /> -DAS PETER HILLE-BUCH.<br /> -DIE NÄCHTE TINO VON BAGDADS. -</p> - -</div> - - -<div class="trnote"> -<p id="trnote" class="chapter"><b>Anmerkungen zur Transkription</b></p> - -<p class="handheld-only">Hervorhebungen, die im Original -g e s p e r r t -sind, wurden mit <em>einem anderen Schriftstil</em> gekennzeichnet. -</p> - -<p> -Die Schreibweise und Zeichensetzung des Originales wurden weitgehend -beibehalten. Nur offensichtliche Fehler wurden korrigiert wie hier aufgeführt -(vorher/nachher): -</p> - - -<ul> - -<li> -... (Sie schreiten ihrem <span class="underline">kleinem</span> Häuschen zu, im ...<br /> -... (Sie schreiten ihrem <a href="#corr-1"><span class="underline">kleinen</span></a> Häuschen zu, im ...<br /> -</li> - -<li> -... Mutter PIUS: (Läßt Berta ein <span class="underline">bischen</span> zappeln) Das ...<br /> -... Mutter PIUS: (Läßt Berta ein <a href="#corr-3"><span class="underline">bißchen</span></a> zappeln) Das ...<br /> -</li> - -<li> -... <span class="underline">daß</span> Liesken von Puderbach hat de Windpocken. ...<br /> -... <a href="#corr-4"><span class="underline">das</span></a> Liesken von Puderbach hat de Windpocken. ...<br /> -</li> - -<li> -... HEINRICH: Schad, daß Pius <span class="underline">Grossmutter</span> nicht ...<br /> -... HEINRICH: Schad, daß Pius <a href="#corr-5"><span class="underline">Großmutter</span></a> nicht ...<br /> -</li> - -<li> -... MARTA: Warum wollen <span class="underline">sie</span> dann strafen? ...<br /> -... MARTA: Warum wollen <a href="#corr-6"><span class="underline">Sie</span></a> dann strafen? ...<br /> -</li> - -<li> - (mehrfache Fälle)<br /> -... Eisenstangen, die das Dach des <span class="underline">Karussels</span> halten, ...<br /> -... Eisenstangen, die das Dach des <a href="#corr-7"><span class="underline">Karussells</span></a> halten, ...<br /> -</li> - -<li> -... Um <span class="underline">Lieschen</span> Hals hängt ein großes Pfefferkuchenherz ...<br /> -... Um <a href="#corr-8"><span class="underline">Lieschens</span></a> Hals hängt ein großes Pfefferkuchenherz ...<br /> -</li> - -<li> -... Menschen zusammen, fast alle <span class="underline">fahrenden</span> springen ...<br /> -... Menschen zusammen, fast alle <a href="#corr-9"><span class="underline">Fahrenden</span></a> springen ...<br /> -</li> - -<li> -... Ohr) Mach man <span class="underline">das</span> de wegkommst, de kleine ...<br /> -... Ohr) Mach man <a href="#corr-16"><span class="underline">daß</span></a> de wegkommst, de kleine ...<br /> -</li> - -<li> -... löst die Kette von v. Simons <span class="underline">Hände</span>.) ...<br /> -... löst die Kette von v. Simons <a href="#corr-17"><span class="underline">Händen</span></a>.) ...<br /> -</li> - -<li> -... kehrt mit <span class="underline">Kaffekanne</span>, Tassen, Butterbrot etc. ...<br /> -... kehrt mit <a href="#corr-22"><span class="underline">Kaffeekanne</span></a>, Tassen, Butterbrot etc. ...<br /> -</li> - -<li> -... Lärm. Ein <span class="underline">haufen</span> Kinder sammelt sich lauschend ...<br /> -... Lärm. Ein <a href="#corr-24"><span class="underline">Haufen</span></a> Kinder sammelt sich lauschend ...<br /> -</li> - -<li> -... <span class="underline">Dass</span> Du es übers Herz bringen kannst, Eduard. ...<br /> -... <a href="#corr-28"><span class="underline">Daß</span></a> Du es übers Herz bringen kannst, Eduard. ...<br /> -</li> - -<li> -... die <span class="underline">Füsse</span>.) ...<br /> -... die <a href="#corr-29"><span class="underline">Füße</span></a>.) ...<br /> -</li> - -<li> -... AUGUSTE: (<span class="underline">schliesst</span> die Tür) Und was denken ...<br /> -... AUGUSTE: (<a href="#corr-31"><span class="underline">schließt</span></a> die Tür) Und was denken ...<br /> -</li> - -<li> -... drängen. Der <span class="underline">grösste</span> hält ein Öllämpchen in ...<br /> -... drängen. Der <a href="#corr-32"><span class="underline">größte</span></a> hält ein Öllämpchen in ...<br /> -</li> - -<li> -... <span class="underline">das </span>soll ich die Madame von dem längsten ...<br /> -... <a href="#corr-34"></a>soll ich die Madame von dem längsten ...<br /> -</li> -</ul> -</div> - - - - - - - - - -<pre> - - - - - -End of the Project Gutenberg EBook of Die Wupper, by Else Lasker-Schüler - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE WUPPER *** - -***** This file should be named 50530-h.htm or 50530-h.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/5/0/5/3/50530/ - -Produced by Peter Becker, Jens Sadowski, and the Online -Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net - - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. 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Information about the Project Gutenberg -Literary Archive Foundation - -The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit -501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the -state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal -Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification -number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by -U.S. federal laws and your state's laws. - -The Foundation's principal office is in Fairbanks, Alaska, with the -mailing address: PO Box 750175, Fairbanks, AK 99775, but its -volunteers and employees are scattered throughout numerous -locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt -Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to -date contact information can be found at the Foundation's web site and -official page at www.gutenberg.org/contact - -For additional contact information: - - Dr. Gregory B. Newby - Chief Executive and Director - gbnewby@pglaf.org - -Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg -Literary Archive Foundation - -Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide -spread public support and donations to carry out its mission of -increasing the number of public domain and licensed works that can be -freely distributed in machine readable form accessible by the widest -array of equipment including outdated equipment. Many small donations -($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt -status with the IRS. - -The Foundation is committed to complying with the laws regulating -charities and charitable donations in all 50 states of the United -States. 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