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-The Project Gutenberg EBook of Die Wupper, by Else Lasker-Schüler
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
-other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
-the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
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-to check the laws of the country where you are located before using this ebook.
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-Title: Die Wupper
-
-Author: Else Lasker-Schüler
-
-Release Date: November 22, 2015 [EBook #50530]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: ISO-8859-1
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE WUPPER ***
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-
-Produced by Peter Becker, Jens Sadowski, and the Online
-Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net
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- DIE WUPPER
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- SCHAUSPIEL IN 5 AUFZÜGEN
- VON ELSE LASKER-SCHÜLER
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- OESTERHELD & CO · BERLIN 1909
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- DER LIEBLICHEN PRINZESSIN
- HELLE v. L.
- SCHENKE ICH DIESES BUCH
-
- DAS AUFFÜHRUNGSRECHT FÜR SÄMTLICHE
- BÜHNEN IST DURCH DIE VERLAGSFIRMA
- OESTERHELD & CO., BERLIN W. 15 ZU BEZIEHEN
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- PERSONEN
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- FRAU CHARLOTTE SONNTAG (Fabrikbesitzerin)
- HEINRICH }
- EDUARD } ihre Kinder
- MARTA }
- DR. JUR. BRUNO VON SIMON
- GROSSVATTER WALLBRECKER
- AMANDA PIUS, seine Tochter
- CARL PIUS, sein Enkel
- MUTTER PIUS (Carls Großmutter väterlicherseits)
- DER PENDELFREDERECH }
- LANGE ANNA } Drei Herumtreiber
- DER GLÄSERNE AMADEUS }
- AUGUST PUDERBACH, Färber
- LIESCHEN, sein Schwesterchen
- GRETE STOMMS, Lieschens Freundin
- WILLEM, Zuhälter, ehemaliger Weber
- ROSA, die Riesendame
- DIE HERREN MIT DEN GRAUEN CYLINDERN
- AUGUSTE }
- BERTA } Dienstboten im Hause Sonntag
-
- Fabrikarbeiter, Fabrikarbeiterinnen, Herumtreiber, Kroatenjungen,
- Jahrmarktleute, Kinder etc.
-
- Der erste und vierte Aufzug spielen im Arbeiterviertel, der
- zweite im Garten vor einer Villa, der dritte auf dem Jahrmarkt,
- der fünfte in einer Art Gartenzimmer derselben Villa. Die
- Schlußverwandlung des fünften Aufzuges spielt im Arbeiterviertel.
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- ERSTER AKT
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- Arbeiterviertel einer Fabrikstadt im Wuppertale.
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- Hintergrund bergiger Wald. Links im Tal fließt ein schmaler
- Wupperarm nach hinten in einer Biegung auslaufend. Über den Fluß
- führt eine Brücke zu einem Weg, an dem Pius zerfallenes,
- einstöckiges Häuschen liegt. Rechts hinten ein Gäßchen mit hohen,
- alten, schmutzigen Arbeitermietshäuschen. Im ersten, nur noch
- halb sichtbaren Hause, wohnen im obersten Stockwerk Puderbachs.
-
- Links von der Wupper eine Wiese -- in der Ferne sieht man
- dampfende Schornsteine von Fabriken und andere Häuser etc.
-
- Vor Pius' Häuschen steht eine Bank, neben dieser ein breiter
- Strauch. Vor einem Steg, der im Hintergrund in den Wald führt,
- brennt eine alte Laterne, die während des ersten Aufzuges langsam
- erbleicht.
-
-Großvatter Wallbrecker, Carl Pius, Frau Amanda Pius, Mutter Pius,
-Lieschen Puderbach, August Puderbach, der Pendelfrederech, Lange Anna,
-der gläserne Amadeus, zwei Helfershelfer, Kroatenjungen.
-
-Großvatter WALLBRECKER: Hör auf Dein alten Großvatter, Carl, schmeiß den
-Gelehrtenkrams beis Gerömpel. Du bist man so recht was für'n Meister,
-Gesellen müßt De unter Dein Kommando hab'n.
-
-CARL: Laß mich man erst Pastor sein, Großvatter, dann werden die
-Meisters meine Gesellen.
-
-Gr. W.: Und das Liesken drüben sollst Du doch frein.
-
-CARL (Überlegen wie zu einem Kind): Die heirat' mich um so lieber.
-
-Gr. W.: Fünfundzwanzig Jahr hab ich mit dem Liesken sein Großvatter am
-Webstuhl gesessen, und doch war das Leichentuch zu klein für uns zwei.
-(Pause). Es nimmt en Pastor schon, aber, zum gelehrten Mann gehört en
-feines Weib un zum Pastor eine Pastorin -- un der alte Großvatter gehört
-auch nicht rein in's Treibhaus!
-
-CARL: 'N en bequemen Sorgenstuhl kauf ich Dir, Großvatter, auf einem
-weichen Polster sitzt Du und tust den ganzen Tag niks andres wie
-schlafen, spazierengehen und schmöken. Was sagst De dazu, Vatter
-Wallbrecker?
-
-Gr. W.: Mit die Kaplans komm ich in Kollektion, daß Vatter Wallbreckers
-Enkelsohn Pastor is, sie haben mich schon das Haus eingelaufen wegen
-Dein Vater sein lutherschen Glaubens.
-
-CARL: An was Du alles denken tust.
-
-Gr. W.: Tum Tingelingeling, Carl, die alte Truthenne hat auch Dein Vater
-immer in die Ohren gelegen. Ein fleißiger Färber wars; (zeigt auf das
-Wasser der Wupper) da rinnt sein Blut. -- Fällt dem mit einmal ein, er
-taucht für die Arbeit nich mehr, un giftig is er geworden auf sein Herrn
-und seine Gemahlin. Aufgeblasen war se ja man mit die seidene Röck, aber
-en Hochmut darf sie ja hab'n bei so viel Geld. Am hellen Tag auf dem
-Marktplatz hat er ihren adeligen Blossen verhauen.
-
-CARL: Das hat Dir wol großen Kummer gemacht, Großvatter, weil Du es nich
-vergessen kannst.
-
-Gr. W.: Tum Tingelingeling, ein Jahr hab'n sie ihm für seine Missetat
-ins Loch gesteckt.
-
-CARL: (Beileid bezeugend).
-
-Gr. W.: Er war ja sonst ein ehrlicher Arbeiter gewesen.
-
-CARL: (Nickt).
-
-Gr. W.: Un die alte Truthenne hat ihm bald besucht. Mit ihre Quacksalben
-hat sie eine feine Madame den Brand an de Waden geschmiert. Siehst De,
-Carl, un nu meint Amanda, Dir steckt man auch mal rein wie Dein
-überdrüssiger Vatter und Deine studierte Großmutter.
-
-CARL: Die Zeiten hab'n sich geändert, Großvatter.
-
-Gr. W.: Siehst De, da hab'n wir's, bald denkst De auch an Dein alten
-Großvatter Taback nich mehr. (Kindlich schlau).
-
-CARL: Laß man gut sein.
-
-Gr. W.: Wie alt bist De nu, Jung! Puderbachs Aujust bringt schon zehn
-Taler nach Haus. Da läuft er mit seine Schwester, wie mit sein Schatz.
-
- (Man sieht beide geschwisterlich vom Wald heimwärts kommen.)
-
-CARL: Und ich werd' das Dreifache verdienen, laß mich man Zeit, bin ich
-erst Pastor, tust De alle Tage Dein Leibgericht knappern.
-
-Gr. W.: (bedenklich) Wenn es de alte Truthenne mich nich auffressen tut.
-
-CARL: Die bleibt hier an der Wupper in ihr Haus wohnen.
-
-Gr. W.: Und Du willst in de fremde Residenz predigen? Tum
-Tingelingeling, in die luthersche Lutherkirche hier mußt De von de
-Kanzel herunter auf all die reichen Muckerköppe brüllen: (kleine Pause)
-Und ich werd auch auf meine alten Tag en Ketzer werden, wenn es not tut
--- Dich zu Lieb, Carl. Ich hab das (schlägt ein Kreuz) doch verlernt
-(weinerlich), wenn man so immer dran hängen tut.
-
-CARL: Es ist schon spät, Großvatter, ich bring Dich in de Klappe.
-
-Gr. W.: Jung, Jung, Jung, wenn ich es erleben tu.
-
- (Sie schreiten ihrem kleinen Häuschen zu, im Begriff einzutreten,
- umhalst hinterrücks den Großvater Lieschen Puderbach, die ihrem
- Bruder vorangesprungen ist. Arbeiter sieht man in der Ferne
- und hört ihre rauhen Stimmen.)
-
-Gr. W.: Was willst De vom Großvatter, kleines, leckeres Dier? Seh Se
-Dich mal an, Carl, die meint es mit dem alten Großvatter gut.
-
-LIESCHEN: (vergnügt) Kriegst morgen zu Dein Geburtstag 'ne neue Piepe
-von mich, ich hab dem Aujust seine kleine im blauen Sametetui weggekläut
-un sie Herr Stomms gebracht heut. Ich kann mich für sie eine _lange_
-aussuchen wie Deine is, eine nagelneue, Großvatter, (ganz hoch zu
-sprechen) mit en Hirschkopf drauf.
-
-Gr. W.: (freut sich wie ein Kind) Die meint es gut mit dem alten
-Großvatter, Carl. (Er kitzelt Lieschen am nackten Hälschen) Ich klopf'
-ihm auch immer, wenn der junge Herr Eduard kommen tut, was Liesken?
-
-LIESCHEN: (schämt sich).
-
-Gr. W.: (Blinzelt Lieschen vertraulich an) Er fragt mir immer nach es.
-
-LIESCHEN: (altklug zu Carl) Herr Eduard sagt, ich wär seine Königsbraut.
-
-CARL: (sagt, um etwas zu erwidern) Un mich willst De also nich heiraten.
-
-Gr. W.: Tum Tingelingeling, er ist molz ein reichen Herr, was Liesken?
-
-LIESCHEN: Zwei große Bilder aus England hat er gesagt, bringt er mich
-mit hier -- siehst De! siehst De! Ich glaub, er kömmt gleich Dir
-besuchen, Carl.
-
-CARL: (schiebt das Kind ungeduldig zur Seite) Dein Bruder sucht Dich,
-Liesken.
-
-Gr. W.: Ein blaues Maul hat das Luder von'n Beerenfressen.
-
-LIESCHEN: Kuck mal seine Nas an, Großvatter!!
-
-Gr. W.: Die is man wie'n Affe seine gemalen.
-
-LIESCHEN: Aujust, Aujust, wie siehst De aus!!!!
-
-AUGUST: (blickt neidisch auf Carl) Ich bin man blos ein einfacher
-Färber, ich schäm mir nich, von Gottes Waldes Natur zu fressen; Du,
-Großvatter Wallbrecker?
-
-Gr. W.: (Schüttelt mit dem Kopf) Nä.
-
-AUGUST: Du Liesken? (Carl stellt sich an einen Seitenbalken des
-Häuschens, die Arme verschränkt).
-
-LIESCHEN: Wenn De de Mutter fragen tust, August, ob ich die Tante noch
-ein bischen waschen helfen darf, dann sag ich Dich auch, wo Deine kleine
-Piepe im blauen Sametetui is.
-
-AUGUST: Sag!!
-
-Gr. W.: (Schüttelt heftig Lieschen mit dem Kopf zu).
-
-LIESCHEN: (Lacht).
-
-AUGUST: Sag es doch, dummes Weib!!
-
-LIESCHEN: Molz! Ich weiß es doch nicht.
-
-Gr. W. und LIESCHEN: (Lachen August aus, der in komischen Wendungen im
-Begriffe ist, umzukehren, Lieschen verhindert es aber).
-
-LIESCHEN: Aujust, lieber Aujust, frag die Mutter, ja? Ich geb Dich auch
-en Dicken.
-
-AUGUST: Steck den Schmatz man in de Kiste, wenn de heiraten tust.
-
-LIESCHEN: Meine Klümken un de Stange Süßholz kannst De Dich nehmen aus
-Mutter ihre Kommode, Aujust.
-
-Frau AMANDA PIUS: (tritt ans offene Fenster, sie hat die letzten Worte
-Lieschens gehört) So en süßen Kater bist De, Aujust? Warum kömmst De
-eigentlich nich mehr beim Carl herüber?
-
- (Mutter Pius tritt hinter Amanda ans Fenster).
-
-AUGUST: Bei so'n feinen Herr, -- nä, Frau Pius?
-
-Mutter PIUS: Was soll auch unser Carl mit so einen gemeinen
-Baumwollenfärber anfangen?
-
-AUGUST: (Verzieht sich furchtbar komisch mit einem Katzenbuckel).
-
-Mutter PIUS: (zu Lieschen) Und Du müßt' schon in de Klappe liegen.
-
-LIESCHEN: (etwas schüchtern auf Frau Amanda blickend) Ich will die Tante
-noch waschen helfen, daß se morgen dem Großvatter sein Leibgericht
-kochen kann.
-
-Mutter PIUS: Und hat kein Zahn im Maul.
-
-LIESCHEN: Ich kann doch nich schlafen bei so'n Mond, der guckt so rot
-wie Pendelfrederech sein ausgelaufen Aug.
-
-Frau AMANDA: (geheimnisvoll) Hast De das schon gesehen, Liesken?
-
-LIESCHEN: Einmal hat er es mich und Gretchen Stomms gezeigt.
-
-Mutter PIUS: (zynisch) Un hast De sonst niks andres in sein Keller
-gesehn, Liesken?
-
-LIESCHEN: Ich hab immer blos in sein runden, roten Mond geguckt.
-
-Mutter PIUS: Aber en wacker Mädchen bist De geworden: Amanda guck mal,
-Brüst hat es schon, wie junge Salatköppe. (Carl tritt aus seinem Winkel
-auf den Großvater zu).
-
-Gr. W.: Carl, ich komm jetz.
-
- (Mutter Pius tritt in die Stube zurück; Lieschen klettert durchs
- Fenster, Frau Amanda ist ihr dabei behilflich. Dann schließt sie
- das Fenster. Der Großvater und Carl schlendern langsam ins Haus.)
-
-Gr. W.: Nä, wie mich das alles aufregen tut ....
-
-CARL: Was denn?
-
-Gr. W.: Mit Deine Carliäre, Carl.
-
-CARL: Schlaf man ruhig, Großvatter. (Sie treten beide ins Häuschen.
-August schleicht aus seiner Gasse, umlauert das kleine Häuschen von Pius
-und versteckt sich vorsichtig zwischen Strauch und Bank. Unterdessen
-wird das Dachkämmerchen von einem matten Öllämpchen erleuchtet, das
-kleine Fenster ist halb geöffnet. Betrunkene Arbeiter passieren den Weg,
-fluchen, lachen, etc. August gebärdet sich, da er durch den Lärm nicht
-zu hören glaubt, wie ein wütender Clown. Die Arbeiter biegen rechts in
-die Gasse ein. Man hört von oben Amandas Stimme).
-
-Frau AMANDA: Vatter ....
-
-Gr. W.: Jjo ....
-
-Frau AMANDA: So eilig hast De's ja sonst nich, wach auf!!
-
-Gr. W.: Was soll ich um Mitternacht, meine Tochter?
-
-Frau AMANDA: Was hat Carl gesagt?
-
-Gr. W.: Was?
-
-Frau AMANDA: Was er gesagt hat. Du hast doch gesprochen mit ihm.
-
-Gr. W.: Jjo, es is mich man so am Maul vorbeigeschlichen, was fürn
-schönen Posten der Aujust hat.
-
-Frau AMANDA: Un was sagt er drauf?
-
-Gr. W.: Nä, er will nich; de Pastor spuckt ihm in Kopf herum.
-
- { Drei Männer kommen langsam schweigend
- { über die Brücke, der eine murrt
- { unheimlich, es ist der Pendelfrederech,
- { sein linkes, ausgelaufenes Auge bedeckt
- Während { eine schwarze Klappe. Der zweite
- dessen { ist lange Anna, der trägt eine Handharmonika
- setzt { in einem verschossenen
- oben das { Band um die Schulter. Der dritte ist
- Gespräch { der gläserne Amadeus, der nimmt vorsichtig
- fort. { Platz auf der Stufe, die von
- { der Brücke zum Weg führt. Die
- { beiden anderen setzen sich auf das
- { Geländer der Brücke. August bückt
- { sich tiefer unter den Strauch.
-
-Frau AMANDA: Du kannst nich kallen! Ich hab auch keine Lust mehr, den
-ganz Stall zu füttern.
-
-Gr. W.: Gered' hab ich, ihr Weiber denkt wol, ihr habt allein en
-Schnabel, was? (Frau Amanda heult.) Laß das Heulen. (Sie gluckst.)
-Freuen tu ich mir doch auf Carl in Ornaments (schlau kindlich). Noch ein
-paar Jährkes, Amanda, meine liebe Tochter, dann kömmt der Lohn. Glaub
-Dein alten Vatter. (Er kräht noch einmal und schläfert.)
-
-Frau AMANDA: Die Pius hat an alles Schuld, hat se de Finger an mein Mann
-gehabt, soll se mein Jung zufrieden lassen.
-
-Gr. W.: (Aus dem Schlaf triumphierend) Er wird se auch nich einladen zu
-sich in sein Filla neben Kaiser Wilhelm Schloßkirche.
-
-Frau AMANDA: Du träumst wohl? (Sie schüttelt ihn ärgerlich, man hört das
-Bett krachen.)
-
-Gr. W.: Alles präzise Wahrheit, Amanda, diesmal hat de alte Pius gut
-spekuliert. (Kurze Pause.)
-
-Frau AMANDA: Seitdem Du nich mehr zum Heiland beten tust, is alles so
-gekommen. (Sie heult wieder.)
-
-Gr. W.: Ich bet jeden Abend, meine liebe Tochter, ich lüg lieber, als
-daß ich mir nich bedanken tu für seine große Gnade. (Leise singt die
-Türe.)
-
-Frau AMANDA: Kömm man herrein! -- Liesken will Dich gute Nacht sagen,
-Vatter, und denn kannst De schlafen meinetwegen. (Man hört die Tür roh
-ins Schloß werfen.)
-
-LIESCHEN: Großvatter, ich freu mir so auf Deine neue Piepe (ganz hoch
-sprechend) en Hirschkopf hat se!!
-
-Gr. W.: (Lacht wie ein Kind.)
-
-LIESCHEN: Klopfst De un pfeifst De mich, wenn er bei Euch kömmt?
-
-Gr. W.: (Pfeift sehr gelungen.)
-
-LIESCHEN: Dein dicken Zeh guckt ja aus de Federn heraus, Großvatter,
-warte, ich deck Dir zu wie'n Wickelkind.
-
-Gr. W.: Mach auch noch weiter das Fenster offen, ich leid an de Luft.
-
-LIESCHEN: (öffnet das kleine Fensterchen ganz.) Aujust, hier bin ich.
-
-AUGUST: (fährt erschrocken in die Höhe und winkt ab.)
-
-LIESCHEN: Ich komm jetzt runter; gute Nacht, Großvatter Wallbrecker!
-
-Gr. W.: (halb schlafend) Tum Tingelingeling, wenn ich noch se en jung
-Weib im Bett hab'n könnt.
-
- (Lieschen ist im Nu unten.)
-
-AUGUST: (tritt aus dem Versteck, Lieschen eilt zu ihm. August zu den
-Herumtreibern): N'Abend zusammen, kömmt ihr schon von de Arbeit?
-
-Lange ANNA: (hohe Weiberstimme) Wo sonst her, alter Duckmäuser?
-
-LIESCHEN: Amadeus, Du blutest ja.
-
-Lange ANNA: Laß es man bluten aus de Nasenrinnen, was fängt er auch an
-gescheit zu reden aus sein Traumbuch.
-
-AMADEUS: (legt angstvoll die Hand aufs Herz) Un en Sprung hat es
-abgekriegt, Liesken, es tröppelt immer.
-
-Lange ANNA: Laß ens lutschen ran.
-
-AMADEUS: Seid man still: es gibt noch was hinter de Düsterkeit, wart
-man, wenn es erst Licht wird.
-
-AUGUST: (steckt ein Streichholz an) Hier hast De Licht, das können wir
-auch machen. (Zu Lieschen) Versteck de Visage in Dein Schabbesdeckel,
-Lieschen, Frederech hat wieder sein Pendel raushängen. (Frederech
-murmelt grausig.)
-
-LIESCHEN: Ich hab' so 'ne Angst, Aujust, wir wollen bei Mutter gehn.
-
-Lange ANNA: Bange Hippe!
-
-AMADEUS: (mitleidig) Es ist auch Zeit, macht euch nach Haus, so'n
-kleines Blag gehört nicht mehr auf de Straße. (Oben hüstelt der
-Großvater. August und Lieschen biegen ins kleine Gäßchen ein und treten
-in ihr Haus.)
-
-AMADEUS: Ich sag euch, lang mach ich so en Leben nich mehr mit.
-Pendelfrederech, was hast De von Dein Leben?
-
-PENDELFREDERECH: (grausig murmelnd) Ich hab nicks von's Leben, aber es
-hat mir zum Zeitvertreib.
-
-Lange ANNA: (höhnisch) So en verfaultes Zeitvertreib.
-
-PENDELFREDERECH: Nix für seine feinglasierte Fingers, aber wenn es einen
-en Schabernack spielen will, dann holt es mir aus seine Kiste. (Murmelt
-böse.)
-
-Lange ANNA: (lacht) Von de Türen rannten de Kochmamsells und die Herzen
-fielen ihnen in de Buchsen. (Er klopft Pendelfrederech auf die Schulter
-und lacht noch höher auf.) Mit Dich mach ich oft so'ne Opern.
-
-AMADEUS: Und daß de Polizisten Dich nich kriegen tun, Pendelfrederech.
-
-Lange ANNA: Die lachen selber.
-
-AMADEUS: Wat hast De eigentlich von de Sauereien?
-
-Lange ANNA: Und guckst man immer so mit das eine Aug in Dein Kopf rein?
-
-PENDELFREDERECH: Rot seh ich immer, lauter Rot. (Murmelt grausig.)
-
-AMADEUS: De Mutter Pius, die hat en Mittel dafür. Aus dem
-Zuchthauskirchhof holt sie die Totenköpfe und reibt sie zu Zucker. (Sie
-lachen alle drei. Carl tritt, leise vor sich hin pfeifend, aus dem Haus
-und setzt sich auf die Bank. Amadeus spricht ohne Pause weiter, ohne
-Carl zu bemerken.) Mich kann se vielleicht auch helfen. (Er legt die
-Hand zärtlich bange aufs Herz; er bemerkt plötzlich Carl.) Nabend Carl.
-(Rührselig). Es hat en Sprung gekriegt, es klirrt nur immer so drinn.
-
-Lange ANNA: (höhnisch) Deine Großmutter will er consultieren.
-
-AMADEUS: (auf Frederech zeigend) Dem soll se auch lebendig machen; wie
-en Spezialdoktor weiß se mit de Kastemännekens Bescheid, was Carl?
-
-CARL: (hochmütig und abweisend) Sucht euch Arbeit, dann vergehen euch de
-Schrullen.
-
-PENDELFREDERECH: Ich will nich reicher werden.
-
-Lange ANNA: (zu Carl) Tu man nich so aufgeblasen.
-
- (Kroatenjungen kommen, sie heulen.)
-
-AMADEUS: Was heult ihr so spät in der Nacht, heulen könnt ihr noch
-morgen.
-
-KROATENJUNGEN: Aben verkauft nich, garnich, Meister schlägt, tut weh
-....
-
-Lange ANNA: (zu Carl) Pastor kümmer Dir um Deine Gemeinde. (Carl gibt
-sich eine abweisende Würde.)
-
-AMADEUS: Laß man (er faßt in seine Tasche. Die Kroaten gehen weiter.)
-
-Lange ANNA: (zu Carl) Was, Du alter Geizkragen, Du Kreuzverdreher, Du
-Taschendieb. (Er will in Carls Taschen fassen.) Zeig uns ens das fremde
-Portemonnai! (Carl verrenkt mit wortloser Leidenschaft den Arm des
-langen Anna. Der schreit furchtbar grell auf, Amadeus fällt zusammen,
-der Pendelfrederech nimmt ein kleines Metallpfeifchen aus der Tasche und
-pfeift. Geht dann stier, ohne den Erfolg abzuwarten, seines Weges und
-legt sich gegenüber dem Hause Puderbach am Ufer der Wupper nieder. Es
-nahen alsbald drei Helfershelfer aus der Umgegend, die glauben, da man
-lange Anna seines kreischenden Heulens und Jammerns wegen nicht
-verstehen kann, es handele sich um Amadeus und fluchen.)
-
- (Mutter Pius tritt aus dem Häuschen.)
-
-1. HELFERSHELFER: (zeigt auf Amadeus) Wegen den übergeschnappten Pitter?
-
-2. HELFERSHELFER: Pfeift uns der Stinkadores.
-
- (Mutter Pius und Carl bringen Amadeus in ihr Häuschen.)
-
-Lange ANNA: (zeigt vergebens seinen Arm und nach Carl) Ein Mörder is er!
-(Die drei Helfershelfer verstehen endlich, um was es sich handelt,
-drohen, zeigen Messer und werden sehr laut. Der Großvater Wallbrecker
-tritt oben erschreckt ans Fenster.)
-
-Gr. W.: Macht euch zum Teufel, ihr versoffene Nachteulen.
-
-Die drei HELFERSHELFER: Johannes Sohn is ein Mörder, soll sich noch mal
-sehen lassen. (Lange Anna kreischt wiederholend) Ein Mörder, ein Mörder!
-
-Gr. W.: (krähend) Amanda, ruf den Carl bei mich. (Er geht vom Fenster,
-man hört sein Bett knacksen; kräht schlaftrunken) Meine Piepe will ich
-hab'n, (in Lieschens Ton) mit dem Hirschkopf drauf!
-
- (Die Männer verziehen sich drohend, Lange Anna mit ihnen.)
-
-Gr. W.: (Leise) -- Tum tingelingeling ....
-
- (Der Vollmond steht grell am Himmel, leise öffnet sich eines der
- Dachfenster im Arbeiterhause, in dem Puderbachs wohnen. Das
- kleine Lieschen steigt leise mit geschlossenen Augen im
- Nachthemdchen aufs Dach, macht einige Schritte zur Wupper hin,
- wo Frederech liegt und steigt wieder zurück durchs Fenster.
- Pendelfrederech hebt sich bei dem Vorgang langsam auf Vieren und
- stiert gläsern nach dem Dach. Sozialdemokraten singen
- unterdessen, hoch am Wald vorüberziehend, vierstimmig ein
- sozialdemokratisches Lied, man hört die letzten Worte: Denn unsre
- Fahn' ist rot.)
-
-
-
-
- ZWEITER AKT
-
-
- Ein blühender, gepflegter Garten mit Beeten und Rosensträuchern
- und im Hintergrund ein Springbrunnen auf einer kleinen, künstlich
- hergestellten Anhöhe; im Hintergrund ein Pavillon mit bunten
- Fenstern, _den man kaum sehen kann_. Rechts ein weinumrankter
- Treppeneingang, der in die alte Villa Sonntag führt. Links im
- Vordergrund ein Zelt mit Tisch, Bank und Stühlen. Zwischen
- Gartenzaun und Nachbarmauer zieht sich eine in die Stadt
- führende, schmale Gasse. An der Nachbarmauer ist ein Blechschild
- angebracht mit üblicher Warnung, aber es ist schon alt und
- ruiniert und seine Aufschrift unleserlich.
-
-Frau Sonntag, Heinrich, Eduard, Martha, Carl Pius, Mutter Pius, Auguste
-und Berta, die drei Herumtreiber: Pendelfrederech, Lange Anna, der
-gläserne Amadeus.
-
-Mutter PIUS: Lassen Se mir ihm zwischen de eurigen sehn, das freut so'n
-altes Großmutterherz.
-
-BERTA: (gnädig und geziert) Unsere Frau ist auch so freundlich zu ihm
-und erst (respektvoll) der Herr Eduard.
-
-Mutter PIUS: Was Se sagen -- aber, is er das vielleicht nich wert? In de
-früh um fünf kömmt euer junger Herr und holt ihm aus dem Nest und frägt
-ihm hie und da wegen dem Examen.
-
-BERTA: (schnippisch) So klug ist der Carl?
-
-Mutter PIUS (überlegen): Wann er _mein_ Enkelsohn ist?
-
-BERTA (lacht vorlaut. Sie will Mutter Pius verlassen, stellt das Tablett
-mit dem Abendgeschirr auf die Bank -- die Servietten vergeßlich unter
-dem Arm haltend.)
-
-Mutter PIUS: Hab'n Se's so eilig, Berta, sonst verzählen Se sich doch so
-gern mit mich?
-
-BERTA: Ich habe keine Zeit.
-
-Mutter PIUS: Sie haben wohl den Kopf vom Schatz voll?
-
-BERTA: Wer sagt Ihnen, daß ich einen Schatz habe? (Berta pflückt sich
-eine Kamille vom Beet und läßt dabei zwei Servietten fallen.)
-
-Mutter PIUS: Wer das sagt? Raten Sie ens! -- Die Karten. (Berta stemmt
-neugierig die Hände in die Seiten. Mutter Pius hebt die zwei
-herabgefallenen Servietten auf und liest wohlgefällig den Namen auf dem
-Serviettenring.)
-
-Mutter PIUS: (zu sich) Wie en Kind im Haus ....
-
-BERTA: Na was sagen denn die Karten all, Mutter Pius? (schmeichlerisch.)
-
-Mutter PIUS: (Läßt Berta ein bißchen zappeln) Das möchten Sie wohl
-wissen, Berteken?
-
-BERTA: (Nickt geziert).
-
-Mutter PIUS: Dein Schatz wird Dich untreu, aber eine weite Reise machst
-De übern Ozean, und ein reichen Millionär lernst De kennen.
-
-BERTA: _Donnerstag!_ (verwundert) Unser Fräulein hat mir zwei Nächte
-hintereinander im Schiff gesehen.
-
-Mutter PIUS: Siehs De!!
-
-BERTA: Aber zu Auguste haben Sie am Sonntag gesagt, mein Schatz wär ein
-robuster Mann mit einem Schnauzbart.
-
-Mutter PIUS: Ich hab das gesagt? Laß mir ens besinnen .....
-
-BERTA: (geziert) Aber er ist von kleiner Statur und trägt einen hellen
-Spitzbart.
-
-Mutter PIUS: (weissagend, komisch) Un adlig is er.
-
-BERTA: _Donnerstag._ (Verwundert.)
-
-Mutter PIUS: Das dumme Weib, geärgert hat sie sich, daß der Coeurkönig
-nich bei ihm lag und es zwanzig Jahr auf einen warten muß. Un da hat es
-Dir vor Neid angeschmiert. Nä, Berteken, daß De so dumm bist!
-
-BERTA: Ich werd's der besorgen!
-
-Mutter PIUS: Laß man, es is ja en arm Dier mit sein scheeles Aug und
-seine schiefe Schultern, laß man Berteken.
-
-AUGUSTE: (steht im Seitengang, der aus der Küche in den Garten führt, zu
-Berta) Wo bleiben Se denn? (Mutter Pius gewahrend, eilt sie zu ihr.)
-
-Mutter PIUS: (zu Berta) Ich hab auch de Madame schon rufen hören. (Berta
-geht geziert ins Haus. Mutter Pius nähert sich gewandt dem Pavillon,
-bückt sich, um durch die Ritzen besser sehen zu können.)
-
-Mutter PIUS: (zu Auguste) Ich habe ihm nur durch die Ritzen gesehen, ich
-muß mir jetzt beeilen, das Liesken von Puderbach hat de Windpocken.
-
-AUGUSTE: Was Se nich alles verstehen (glotzäugig, gläubig.)
-
-Mutter PIUS: (nimmt ihr Körbchen am Arm und reicht Auguste die Hand.)
-
-AUGUSTE: Hab'n Se denn unsere Frau schon gesprochen?
-
-Mutter PIUS: Das sehen Se doch an die schmierige Spitzen. (Aufs Körbchen
-weisend.)
-
-AUGUSTE: (glotzäugig, gläubig) Was Se nich alles verstehn!
-
-Mutter PIUS: Alles muß man verstehen, das feinste und das gröbste.
-
-AUGUSTE: (schüttelt bewundernd den Kopf. Mutter Pius wendet sich
-geringschätzend und diabolisch lachend, noch einmal zu Auguste herum.)
-
-Mutter PIUS: Hab'n Se molz en flotten Kerl gefunden, trotz de Karten?
-
-AUGUSTE: Nä, leider nich, Eure Karten sind reine Teufels, Mutter Pius.
-
-Mutter PIUS: Kommen Se de doch ens wieder bei mich, vielleicht kriegen
-wir Gewalt über den Zauber, Auguste.
-
-AUGUSTE: Wenn ich mich erlauben darf. (Man hört Husten aus dem Pavillon;
-sie horchen beide erschreckt nach der Richtung.)
-
-AUGUSTE: Das is Herr Eduard nich, das is de Marta, die guckt zu lang in
-de Nacht aus' en Fenster.
-
-Mutter PIUS: (lauernd) Euer Fräulein soll ens lieber schlafen.
-
-AUGUSTE: Sie möcht auch von Euch de Karten gelegt haben.
-
-Mutter PIUS: (freudig) Eine Gräfin war bei mich.
-
-AUGUSTE: (sie anstaunend) Wenn Se's nich wieder sagen, zeig ich Euch ne
-neumodsche Photographie von de Marte -- splitternackt, wie's erste Weib
-unterm Baum. (Frau Sonntag und Heinrich treten unbemerkt aus dem Haus.)
-
-Mutter PIUS: Du hältst de Mutter Pius wohl für dumm?
-
-AUGUSTE: Ihre Freundin, das Fräulein Oberbürgermeister, hat se so
-abgenommen. --
-
-Mutter PIUS: Lauf wacker! (Auguste eilt fort durch die Seitentür, Mutter
-Pius ruft ihr nach) Ich leg Dich auch fein die Karten, Auguste ...
-
- (Mutter Pius bemerkt die Kommenden, Heinrich nähert sich dem
- Zaun, und nimmt von einer Frau die Abendzeitung entgegen, drückt
- ihr flüchtig ein Geldstück in die Hand, indessen Frau Sonntag
- zum Zelt schreitet.)
-
-Mutter PIUS: (gewandt) Verzeihen Se, Ma'm Sonntag, daß ich noch hier
-stehn tu, ich wollt mein Enkelsohn Addjüß sagen. (Frau Sonntag nickt
-freundlich herablassend und geht rechts, die Rosen betrachtend, weiter.
-Mutter Pius kommt auf Heinrich zu, klopft ihm vertraulich auf die
-Schulter.)
-
-HEINRICH: Schockschwerenot, Frau Pius, wie geht es Euch bei den
-schlechten Zeiten?
-
-Mutter PIUS: Davon wissen Sie doch nicks, Herr Heinrich.
-
-HEINRICH: Un immer jünger werden Se. (Berta tritt aus dem Haus, den
-Tisch zu decken.)
-
-Mutter PIUS: Sie Schmeichler.
-
-HEINRICH: (zynisch, gutmütig) Frau Pius, was meinen Se zu uns zwei?
-
-BERTA: (kichernd.)
-
-HEINRICH: (zu Mutter Pius) Lassen Se den Kickindewelt lachen, er weiß
-von de Liebe nicks.
-
- (Frau Sonntag nähert sich zerstreut dem Zelte.)
-
-Mutter PIUS: So en jungen reichen Herrn un ich?
-
-HEINRICH: Schockschwerenot, es is mein heiliger Ernst. Eine verständige
-Frau muß ich haben.
-
-Frau SONNTAG: Frau Pius, lass Sie sich von meinem Sohn nicht zum Besten
-halten.
-
-Mutter PIUS: Ich uz mir gern mit ihm, Ma'm Sonntag, lassen Se ihm die
-Freude.
-
-HEINRICH: Wenn Se alles innes Lächerliche träkken, liebe Frau Pius, wir
-passen doch aufs Haar zusammen.
-
-Mutter PIUS: (weiß nicht, wie sie es auffassen soll) Ein reiches
-Fräulein muß Herr Heinrich heiraten. Titichens, will de Großmama (zeigt
-auf Frau Sonntag) wieder in Arm wiegen (sie macht mit dem Arm die
-Wiegebewegung.)
-
-Frau SONNTAG: Nun lass Frau Pius zufrieden, Heinrich.
-
-Mutter PIUS: Auf de Messe aber dürfen Se mir Johanni mit die Freunde in
-meine Bude besuchen. Ich servier diesmal (nickt Heinrich heimlich
-zynisch zu) en extra feine Delikatesse --
-
-BERTA: (bescheiden zu Frau Sonntag und Heinrich) Ein Kind mit _zwei
-Köpfen_ ....
-
-Mutter PIUS: (bemerkt endlich Auguste, die schon längere Zeit erfolglos
-aus dem Seiteneingang winkt) Nabend zusammen, ich muß bei meine Leute!
-(Frau Sonntag setzt sich auf die Bank an den Tisch und Heinrich bleibt
-neben ihr stehen.)
-
-HEINRICH: Ein Unikum ist die Olle!
-
- (Mutter Pius entreißt Auguste das Bild [Kabinettgröße] und
- entfernt sich aus der Zauntür. Auguste bleibt verdutzt stehen.)
-
-Frau SONNTAG: Du ziehst sie aber auch beständig auf, Heinrich.
-
-AUGUSTE: Wie'n Wind (geht ins Haus).
-
-HEINRICH: Spaß muß sein, Mama Charlottchen.
-
-Fr. SONNTAG: Macht Dir das solch einen Spaß?
-
-HEINRICH: Du sagst das so melancholisch.
-
-Fr. SONNTAG: So, das weiß ich garnicht.
-
-HEINRICH: (kleine Pause) Dieses Jahr wird die Bilanz gut werden, Mama
-Charlottchen.
-
-Fr. SONNTAG: (lebhafter) Du belügst mich, Heinrich?
-
-HEINRICH: Bei meinem verrosteten, alten Säbel.
-
-Fr. SONNTAG: Du bist ein Junge!
-
-HEINRICH: Wir wollen ein Pulleken darauf trinken, Mama Charlottchen!
-
-Fr. SONNTAG: (schüttelt lächelnd den Kopf).
-
-HEINRICH: Schad, daß Pius Großmutter nicht mehr da ist; sitzen die noch
-immer darin? (Er zeigt auf den Pavillon.)
-
-Fr. SONNTAG: Man muß sich nicht gemein machen mit diesen Leuten.
-
-HEINRICH: Mittags promeniert sie vor meinem Büro vorbei, bis ich
-rauskomm.
-
-Fr. SONNTAG: Warum?
-
-HEINRICH: (im Ton der Arbeiter) Sie liebt mir --
-
-Fr. SONNTAG: Schwätz keinen Unsinn, Heinrich.
-
-HEINRICH: (lacht).
-
-Fr. SONNTAG: Laß die arme, alte Person in Frieden, ich möchte die
-Neckerei um Eduards Willen nicht. Du kennst doch seine Sympathie für
-Pius.
-
-HEINRICH: Pius kennt die alte Schrulle ganz genau.
-
- (Berta trägt Schüsseln mit kalten Speisen auf.)
-
-Fr. SONNTAG: Taisez donc!
-
-HEINRICH: Ich sag ja nichts. (Er nähert sich dem Pavillon. Marta ist
-gerade im Begriff aus der Türe zu treten -- die Geschwister stoßen sich
-fast.)
-
-MARTA: Hast Du mich erschreckt!
-
-HEINRICH: (neckisch) Ein unschuldiger Mensch erschrickt nicht, beichte!
-
-MARTA: Esel!
-
-HEINRICH: (plötzlich leise mit Erregtheit, die sich steigert bis zum
-Jähzorn) Ich will Dir mal was sagen, erfahre ich noch einmal, daß Du in
-meiner Abwesenheit im Büro gewesen bist, so bekommst Du ein paar
-Backpfeifen von mir.
-
-MARTA: (ein wenig verblüfft) Ich tu doch garnichts da.
-
-HEINRICH: Du weißt, Simon ist mein Angestellter, ich wünsche, daß er
-Respekt behält vor uns, verstehst Du! (wieder munter) Schockschwerenot!
-
-MARTA: Herr von Simon ist stets höflich zu mir.
-
- (Eduard und Pius treten in den Pavillon.)
-
-HEINRICH: Das will ich auch hoffen. (Heinrich reicht Carl Pius die
-Hand.) Hab doch wahrhaftig wieder die Marken vergessen.
-
-EDUARD: (zu Carl; Heinrich umfassend) Er schwitzt den ganzen Tag für
-uns, Carl, er ist der selbstloseste Mensch auf der Welt.
-
-HEINRICH: (tut beschämt wie ein Backfischchen, bei seinem robusten
-Äußern sehr ulkig wirkend).
-
-MARTA: (geht dem Tisch des Zeltes zu) Mama, ich habe schreckliche
-Augenschmerzen (sie öffnet sie graziös affektiert) vom Nachschlagen.
-
-Fr. SONNTAG: Ich bewundere schon lange Deine Ausdauer. (Pius geht
-ungeschickt auf Frau Sonntag zu und verbeugt sich tief vor ihr. Frau
-Sonntag reicht ihm die Hand.)
-
-MARTA: Herr Pius will vor dem Abendbrot nach Hause gehen, Mama.
-
-Fr. SONNTAG: Aber warum das, Herr Pius?
-
-CARL: Wenn ich so frei sein darf? (Marta bietet ihm den Stuhl neben sich
-an; Heinrich setzt sich links von Marta -- Eduard nimmt neben seiner
-Mutter auf der Bank Platz. Berta serviert den Tee und bedient etc.)
-
-MARTA: Findest Du nicht die Hornbrille scheußlich für Herrn Pius, Mama?
-Er sieht aus wie ein Dorfschullehrer.
-
-Fr. SONNTAG: Marta schwätz nicht soviel Unsinn.
-
-CARL: (verlegen.)
-
-Fr. SONNTAG: Ich habe noch garnicht bemerkt, daß Herr Pius eine Brille
-trägt.
-
-CARL: Seit kurzem.
-
-EDUARD: Bitte nimm sie mal ab. (Carl zögert.) Ich bin auch kurzsichtig.
-
-Fr. SONNTAG: Deine Rehaugen ....
-
-HEINRICH: (ulkig einen Backfisch imitierend) Das lass ich mir nicht mehr
-gefallen, mir macht kein Mensch den Hof.
-
-BERTA: (kichert leise auf, Frau Sonntags Blick streift sie rügend.)
-
-HEINRICH: Sie denken an Mutter Pius, Berta, was? Eine Großmutter haben
-Sie, Pius, prima!
-
-CARL: (verlegen.)
-
-HEINRICH: Ich glaube sogar, sie ist eine ganz kluge Frau?
-
-EDUARD: (zu Carl) Von köstlichem Humor.
-
-MARTA: Eduard sagt, sie versteht lateinisch.
-
-Fr. SONNTAG: Auf welchen Tag fällt Ihr Examen, Herr Pius?
-
-CARL: Am Mittwoch, einige Tage nach Johanni, Madame Sonntag.
-
-EDUARD: Du regst Dich mehr auf, wie wir beide und die ganze Prima
-zusammen.
-
-Fr. SONNTAG: Mein Sohn sagt mir, Sie machen sich Ihrer Studien wegen
-Sorge?
-
-CARL: (ist verlegen um Antwort.)
-
-EDUARD: Du wolltest Dich doch für weiteres verwenden, Mutter?
-
-Fr. SONNTAG: (nickt freundlich Eduard zu, ihr Blick fällt plötzlich auf
-Heinrich, der interessiert in der Zeitung liest.) Was interessiert Dich
-in der Zeitung -- (rügend) während des Tisches.
-
-HEINRICH: Ich bitte um gnädige Verzeihung, Mama Charlottchen.
-
-MARTA: Hältst Du Dein Versprechen, Heinrich?
-
-HEINRICH: Gerad mein Pferd muß stürzen.
-
-MARTA: Du schwindelst mir immer was vor.
-
-HEINRICH: (neckisch) Im Gegenteil, Du mußt den Verlust tragen helfen!
-
-MARTA: Esel!
-
-HEINRICH: Danke!
-
-Fr. SONNTAG: Du kannst doch das Spielen nicht lassen.
-
-HEINRICH: Es ist, mit Herrn Schiller gesagt: Mein Spaziergang.
-
-EDUARD: Er sitzt auch viel zu viel im Büro.
-
-MARTA: Und dick bist Du, wie der Wirt vom Schützengarten drüben.
-
-CARL: Warum reiten Sie nicht, Herr Sonntag?
-
-Fr. SONNTAG: Du hast doch wirklich sonntags Zeit.
-
-HEINRICH: Der Hengst scheut ja, wenn ich mich ohne Uniform drauf setz',
-Kinder.
-
-CARL: Fußtouren wären Ihnen auch zuträglich.
-
-EDUARD: In den Tiroler Alpen, was Carl?
-
-CARL: Zum Schneerössel rauf.
-
-EDUARD: Zehn Kilometer müßtest Du täglich steigen; faktisch, das tät ihm
-gut.
-
-HEINRICH: Ich werde mich gleich im Schützengarten wiegen lassen, ich
-glaub, ich habe schon durch eure guten Ratschläge abgenommen. (Zwei
-kleine Mädchen stehen, von allen unbemerkt, am Gartenzaun.)
-
-Fr. SONNTAG: Mit ihm ist kein ernstes Wort zu reden.
-
-EDUARD: Pack doch einfach seinen Koffer, Mutter.
-
- (Die kleinen Töchter vom Wirt verschwinden ungesehen wieder.)
-
-HEINRICH: Und wer soll unterdessen für die Kleinen sorgen?
-
-Fr. SONNTAG: Du hast doch einen Stellvertreter. Marta lobte ihn gestern
-noch.
-
-HEINRICH: Sie soll sich lieber um die Haushaltung bekümmern.
-
-MARTA: Esel!
-
-HEINRICH: Danke! Freuen Sie sich, Pius, daß Sie keine Schwester haben.
-
-CARL: (seltsam aufflammend, antwortet etwas schüchtern) Und ich beneide
-Sie darum.
-
-Fr. SONNTAG: (lächelnd) Hörst Du's, Heinrich?
-
-HEINRICH: (schlägt Marta zärtlich auf den Rücken.)
-
- (Pause.)
-
-Fr. SONNTAG: Ich würde ja öfters in die Fabrik gehen ...
-
-HEINRICH: (neckisch) Weißt Du eigentlich, wo sie ist, Mama Charlottchen?
-
-Fr. SONNTAG: (scherzend) Wie er mich schlecht macht.
-
-MARTA: Herr von Simon ist energischer wie Du bist mit den Arbeitern.
-
-HEINRICH: Wenn ich dabei bin.
-
- (Alle lachen, nur Marta schmollt.)
-
-HEINRICH: Den Willem, meinen fleißigsten Arbeiter, hab ich seinetwegen
-herauswerfen müssen.
-
-MARTA: Der drang betrunken ins Büro und wollte ihn dort totschlagen.
-
-HEINRICH: Die Sache ist mir auch noch nicht klar.
-
-Fr. SONNTAG: Wenn _Dir_ nur mal nichts passiert, Heinrich.
-
-EDUARD: Ihn haben sie alle gern, zu Dir haben sich öfter doch Arbeiter
-geäußert, Carl?
-
-CARL: Ich steh mit all den Leuten kaum auf Grußfuß. (Frau Sonntags Blick
-streift ihn mißtrauisch.)
-
-Fr. SONNTAG: (zerstreut) Wollen Sie wirklicher _evangelischer_
-Geistlicher werden, Herr Pius?
-
-CARL: Ja, Madame Sonntag.
-
-Fr. SONNTAG: Ihre Großmutter wünscht es wohl?
-
-CARL: So ernste Fragen pflege ich allein zu erledigen.
-
-Fr. SONNTAG: (unbewußt in herablassendem Tone) Versprechen Sie sich eine
-schnellere Carriere?
-
-CARL: (primanerhaft) Ich bin mit den Dogmen der katholischen Kirche in
-Konflikt geraten.
-
-Fr. SONNTAG: (nickt zustimmend hin zu Eduard.)
-
-EDUARD: Iwo, Mutter, er will heiraten.
-
-HEINRICH: Ich geh noch was rüber kegeln.
-
-MARTA: Die kleinen Blagen standen schon vormittags am Zaun. Sie hätten
-heute Eisbein mit Sauerkohl, ließe ihr Vater Herrn Leutnant sagen.
-
-HEINRICH: (zu Carl) Er war mein Untergebener.
-
-Fr. SONNTAG: Das sind also die Kinder vom Wirt?
-
-HEINRICH: Ich kauf den Püppkens manchmal Schokolade. (Er erhebt sich und
-macht eine lange Gähnbewegung mit Mund und Armen.)
-
-MARTA: (Schnellt vom Stuhl auf) Wollen Sie das Kissen mal sehen, was ich
-Eduard (zu Carl sich wendend) zum Examen schenke?
-
-CARL: Ich bitte darum. (Er erhebt sich freudig.)
-
-Fr. SONNTAG: Aber Marta, wie kindisch, wie können Herrn Pius Deine
-Stickereien interessieren?
-
-CARL: Ich habe sogar als Knabe mit Vorliebe weibliche Handarbeiten
-selbst ausgeführt. (Frau Sonntag verzieht ihr Gesicht ungläubig.)
-
-EDUARD: Faktisch, Mutter! Mutter Pius zeigte mir ein großes Kreuz, was
-er gestickt hat. (Heinrich schreitet, die Hände in den Taschen, dem
-Hause zu, wendet sich um.)
-
-HEINRICH: Addjüß Kinder! (Marta und Carl schlendern um eins der Beete.)
-
-MARTA: Ich habe ein Bouquet Kamillen nach der Natur darauf gestickt.
-
-PIUS: Sie sind selbst eine Kamille, (leise) man möchte Sie immer fragen
-.... Und es paßt auch viel besser für Sie, mit bunten seidenen Fäden zu
-spielen als uns zwei Kandidaten Examenarbeiten zu helfen. (Man versteht
-die letzten Worte kaum mehr, sie biegen in den Seitenweg des Gartens
-ein.)
-
-EDUARD: Mutter, warum bist Du nicht freundlicher zu Pius?
-
-Fr. SONNTAG: Aber Kind, ich gebe mir doch die erdenklichste Mühe.
-
- (Sie legt ein Tuch um seine Füße.)
-
-EDUARD: (scherzend) Wenn ich mal oben im Himmel bin, wirst Du abends
-heraufkommen und das große Sternenfenster schließen, Mütterchen.
-
-Fr. SONNTAG: Wie Du sprichst ....
-
-EDUARD: O, ich habe noch viel, viel zu erledigen.
-
- (Er legt seinen Arm lächelnd um ihre Schulter.)
-
-Fr. SONNTAG: Du solltest mehr an Dich denken, die vielen
-Nachhilfestunden, die Du wieder für Pius übernommen hast! -- Ich gebe
-ihm lieber das Geld.
-
-EDUARD: Das würde ihn beschämen; mir macht es faktisch Vergnügen; Pius
-ist zu gesund, Geduld zu üben. (Kleine Pause.) Er hat mächtige Wellen,
-Mutter, die überstürzen sich.
-
-Fr. SONNTAG: Dir tun seine Schüler leid, ich kenne Dich, Eduard.
-
-EDUARD: (lächelt) Hier waltet nur höhere Gerechtigkeit.
-
-Fr. SONNTAG: Du dichtest ihn Dir, Eduard.
-
-EDUARD: (scherzend) Wie sollte der, der den Himmel verkündet, nicht ein
-Dichter sein. (Kleine Pause.) Dich stört seine breite, ungeschickte Art.
-
-Fr. SONNTAG: Ich verlange von ihm doch keine weltmännischen Finessen.
-
-EDUARD: Seine einfache Umgebung selbst respektiert instinktiv seine
-geistige Stärke.
-
-Fr. SONNTAG: Seine geistige Stärke -- Kind, Kind, diese Leute haben nur
-Respekt vor Fäusten.
-
-EDUARD: Denke an Petrus, Jakobus ....
-
- (Marta und Carl werden sichtbar.)
-
-Fr. SONNTAG: Du glaubst nicht, wie unsympathisch es mich berührt, wenn
-ich ihn neben Marta sehe.
-
- (Eduard erhebt sich betrübt. Er hustet leicht.)
-
-Fr. SONNTAG: Willst Du zu Bette gehen, Eduard?
-
-EDUARD: (kleine Pause) Durch den Garten wollen wir wieder wandeln,
-Mutter, weltentrückt, wie durch einen duftenden Psalm.
-
-Fr. SONNTAG: Du machst mir das Herz schwer ....
-
-EDUARD: Das will ich nicht. Dein Herz ist ein Teil meines Himmels, darum
-werde ich Dir ja bleiben, Mutter.
-
- (Frau Sonntag und Eduard biegen um die Rosen ein. Pius und Marta
- treten in den Vordergrund -- sie setzen sich auf eine Bank vor
- dem Springbrunnen.)
-
-PIUS: (streng, schüttelt energisch den Kopf) Seinen Glauben respektier
-ich.
-
-MARTA: Aber Mama weint immer, er will doch in den strengsten Orden
-eintreten, barfuß geht er dann und seine schönen Locken werden ihm
-abgeschnitten.
-
-PIUS: (neidvoll) Das empfinden Sie wohl am schmerzlichsten?
-
- (Pause.)
-
-Aber Sie erzählten mir doch, die Ärzte sagen, es käme nicht dazu.
-
-MARTA: Denen kann man ja nicht glauben -- und Mama haben sie es
-verschwiegen, sie würde sterben an seinem Tod.
-
-CARL: (sarkastisch) Also der Tod wäre demnach Ihrer Frau Mutter sicher.
-
-MARTA: Bitte, spotten Sie nicht!
-
-CARL: Ich bin nicht zum Spotten aufgelegt.
-
-MARTA: (forschend) Ist er eigentlich schon katholisch geworden?
-
-CARL: Fragen Sie ihn doch selbst.
-
-MARTA: Sie sind frech!
-
-CARL: (theatralisch, primanerhaft) Darum will ich auch der Welt den
-Schoß der Mutter nehmen.
-
-MARTA: (macht eine Bewegung des Unverständnisses.)
-
-CARL: Darum will ich evangelischer Verkünder werden.
-
-MARTA: Ich glaube, Sie werden furchtbar schimpfen von der Kanzel.
-
-CARL: (sarkastisch, scherzend) Fegefeuer auf all die Sünder regnen
-lassen.
-
-MARTA: Sie stritten doch einmal mit Eduard, es gäbe keine Sünde.
-
-CARL: Im Sinne der Natur gibt's auch keine Sünde.
-
-MARTA: Warum wollen Sie dann strafen?
-
-CARL: Weil ich sie nicht genießen kann. (Er wendet sich plötzlich jäh zu
-Marta.)
-
-MARTA: (erschrickt) Und schreiben so fromme Gedichte ....
-
-CARL: Haben Sie sie übersetzen können?
-
-MARTA: Mühsam, jedes Wort schlug ich nach.
-
-CARL: Später sende ich Ihnen täglich Kamillensträuße. Schenken Sie mir
-eine aus Ihrem Gürtel, bitte.
-
-MARTA: Meinetwegen.
-
-CARL: Sie paßt zu Ihnen, wie zur Amazone die Waffe.
-
-MARTA: Und sind ebenso gefährlich.
-
-CARL: Wenn Sie die Blättchen fragen. (Man sieht Frau Sonntag und Eduard
-durch eine dichte Baumallee wandeln, der Villa zu.)
-
-MARTA: Das tu ich schon lang nicht mehr.
-
-CARL: Sie sind Ihrer Sache gewiß. (Er will ihre Hand küssen.) Sie
-spielen mit mir, Marta?
-
-MARTA: Wenn Sie noch einmal meine Hand berühren, schlage ich Sie.
-
-CARL: Tun Sie das. (Marta bricht, unwillig auflachend, ein Stöckchen vom
-Strauch ab, sie berührt damit Carls Hand.)
-
-MARTA: Wehren Sie sich doch!
-
-CARL: Wie sollte ich mich wehren, einem Fräulein gegenüber.
-
-MARTA: Sie sind feig.
-
-CARL: Allerdings.
-
-MARTA: Feigling!
-
-CARL: Sie reizen mich.
-
-MARTA: (lacht mutwillig auf; Carl berührt mit seinem Bleistift leicht
-ihre Hand; Marta lacht ihn aus, Carl schlägt.)
-
-CARL: Verzeihung -- o (er will ihre Hand küssen.)
-
-MARTA: Das war gemein. (Sie schlägt stärker zurück.)
-
-CARL: O! (wehrt ab.)
-
-MARTA: Das war gemein, hier!
-
-CARL: Ich fange gleich an zu weinen wie ein Kind.
-
-MARTA: Pfui!
-
-CARL: Sie sind herzlos.
-
-MARTA: Und Sie vielleicht nicht?
-
-CARL: Ich war hilflos.
-
-MARTA: (leichtfertig, kindlich und kokett) Und wenn ich Ihnen alle
-(greift in den Gürtel nach ihrem Kamillenstrauße) schenke?
-
-CARL: Sie legten Sie nun auf ein Grab.
-
-HEINRICH: (kehrt durch die Gartentür zurück -- er nähert sich den
-beiden.)
-
-MARTA: (erschrocken zu ihm) Wie ein Dieb.
-
-HEINRICH: Bei _den_ Füßen (zeigt sie) müßte man schon taub sein. (Er
-gähnt in verschiedenen Tönen.) Pius, kennen Sie ein Subjekt Namens
-Amadeus?
-
-CARL: (noch in Gedanken.)
-
-HEINRICH: Er kennt Sie.
-
-CARL: Der Amadeus mit dem gläsernen Herzen.
-
-MARTA: Warum kommst Du schon zurück?
-
-HEINRICH: Weil ich müd bin.
-
-MARTA: (zu Carl) Auguste kennt seinen Großvater, der war Glaser und er
-deutet Träume.
-
-HEINRICH: Er hat mir soeben den Tod prophezeit.
-
-CARL: (ironisch) Die Deutung schmutziger Gewässer.
-
-HEINRICH: Nä ... (zynisch, gutmütig) ich hab von faulen Eierschalen
-geträumt; für 10 Groschen wollte er mich auch nicht am Leben lassen.
-
-CARL: Er ist konsequent.
-
-HEINRICH: Das muß man ihm lassen.
-
-MARTA: Oft sollen gerade so Leute wahr prophezein; erzähl es nur nicht
-Mama.
-
-HEINRICH: (geht zwischen den Zähnen summend ins Haus; vorher verschließt
-er die Gartentür.)
-
-MARTA: Ich glaub, er hat doch was Angst.
-
-CARL: (lacht auf) Er hat es schon längst vergessen.
-
- (Die Katzen schreien.)
-
-MARTA: Wie kleine Kinder!
-
-CARL: (schweigt.)
-
-MARTA: Weiße Angorakatzen sind himmlisch.
-
- (Berta und Auguste schleichen um das Haus mit Briefen in der Hand
- und klettern über den Zaun.)
-
-CARL: Haben Sie Ihre Dienstboten gesehen?
-
-MARTA: Es sind doch auch Menschen.
-
-CARL: Darum müssen sie gehorchen.
-
-MARTA: Eduard sagt immer, es seien arme, weiße Sklaven.
-
-CARL: Eduard ist ein Idealist. (Die Katzen schreien wieder auf.)
-
-MARTA: Das war die alte, greise Katze!
-
-CARL: Ich werde noch tobsüchtig .....
-
-MARTA: (lacht mutwillig, kokett.)
-
-CARL: Lassen Sie das Vieh!
-
-MARTA: Wie Betrunkene -- (sie schreien wieder.)
-
-CARL: Sie lecken zuviel an den süßen bunten Kelchen.
-
-MARTA: Auf meiner Decke liegt des Morgens immer Blütenstaub.
-
-CARL: Ich schlafe nicht.
-
-MARTA: Wegen des Examens?
-
-CARL: Ich habe täglich ein schwereres zu bestehen.
-
-MARTA: Meine Mama -- -- -- (sie sehen beide gespannt zum oberen Fenster
-der Villa; Carls Arme sinken schwer herab.)
-
-MARTA: (atmet laut auf, Frau Sonntag ist wieder vom Fenster
-verschwunden, man hört murmeln außerhalb des Gartens.)
-
-CARL: Mädchen! (Er reißt Marta an sich, sie aber entwindet sich seinem
-Arm und stürzt ins Haus. Carl bleibt allein. Der gläserne Amadeus,
-Pendelfrederich, Lange Anna bleiben am Eingang der Gasse stehen.)
-
-Lange ANNA: Fises Mensch, zwei Stunden hab'n wir uns in die Winkels vor
-de Türen gedrückt, in der Zeit Du prophezeit hast, un nu gibst De uns so
-'en schäbigen Lohn?
-
-PENDELFREDERECH: Un mir kriegst De auch nich mehr mit zum Bangemachen.
-
-AMADEUS: Ich hab euch nich zu eingeladen, mit mich zu gehen; un Du,
-Frederech, vertreibst mich de Kunden mit Deine offne Bux.
-
-Lange ANNA: (schmeichlerisch zu Amadeus.) Ich bin doch immer mit Dich
-gegangen, un nun sprichst De so (stößt ihn mit der Schulter vertraulich
-an). Es hat wohl lang nicht geklirrt in Dein zimperlich Herz?
-
-AMADEUS: Na, da hast es, aber en halben Taler mußt De mich lassen.
-
-Lange ANNA: (dreht sich um und stellt sich vor die Mauer.)
-
-AMADEUS: Siehst De denn nich (zeigt auf das Schild).
-
-Lange ANNA: Ich hab überall Passe-partout. (Die beiden Mädchen kehren
-zurück, sie wollen schnell über den Zaun springen, sehen die Männer und
-schreien auf.)
-
-AMADEUS: Nu schreit man nich so toll, ihr herrschaftliche Hurweibers.
-
-Lange ANNA: (ganz hoch) Sollen wir ens?
-
-BERTA: Herr Pius!
-
-AUGUSTE: Helfen Sie uns!
-
-CARL: (beachtet ihr Hilferufen nicht.)
-
-AUGUSTE: Der eine kriegt mir an de Bein! (Die Mädchen schreien
-abwechselnd auf, sie sind endlich über den Zaun, laufen zu Carl.)
-
-BERTA: Haben Sie die drei gesehen?
-
-AUGUSTE: Ich kann nich mehr, ich kann nich mehr, nä, ich kann nich mehr!
-(Amadeus lacht.) Hat die Frau nach mich gerufen, Herr Carl?
-
-CARL: Darüber kann ich Ihnen keine Auskunft geben.
-
- (Pendelfrederech murmelt grausig, Lange Anna spielt auf seiner
- Handharmonika: O, Du lieber Augustin, alles ist hin, hin, hin
- usw. Sie gehen weiter durch die Gasse der Stadt zu.)
-
-BERTA: So hochnäsig. Sie bilden sich wohl ein, Sie sind der Herr Eduard
-selbst?
-
-AUGUSTE: (gutmütig) Lassen Sie ihm, Berta, es is ja sein Freund, was
-Herr Carl?
-
-BERTA: (plötzlich gewöhnlich) Mach, daß Du zu Haus kömmst, de Großmutter
-will das Enkelsöhnchen noch in Schlaf singen.
-
-AUGUSTE: Still, Berta, er wird schon wissen, warum er hier sitzen tut.
-
-BERTA: Aber beim Fräulein brennt doch schon de rosa Nachtampel. (Die
-Mädchen schleichen durch den Kellergang ins Haus. Die Katzen schreien
-noch mal auf, man hört in der Ferne noch Lange Anna spielen: »Alles ist
-hin, hin ....«.)
-
-
-
-
- DRITTER AKT
-
-
- Abends ½9 Uhr. Jahrmarkt. Karussell im Vordergrund links. Hinter
- dem Karussell und seitwärts rechts die verschiedenen Buden. Im
- Vordergrund die Bude der Riesendame Rosa, neben dieser die
- Schießbude, dann die Taucherbude, die Honigkuchenbude etc.
- Gegenüber links in kleiner Entfernung die schrägstehende Bude der
- Mutter Pius, die man nur ein Viertel sehen kann. Eine gemalte
- _Kindermumie mit zwei Köpfen_ ist grotesk auf der Jalousie
- gedruckt. Fabrikarbeiter, Fabrikarbeiterinnen, Kommis,
- Ladenmädchen, Dienstmädchen, Herren der Gesellschaft mit ihren
- Schätzen, Schuljungen, Gassenkinder, Herumtreiber, etc. Im
- Karussell stehen im doppelten Kreis hölzerne, groteske Tiere:
- Leopard neben Lamm, Reh neben Tiger, Löwe neben Pferd, Hirsch
- neben einer Riesengans u. s. w. In Kutschen, die auf und nieder
- schaukeln, sitzen laute Weibsbilder und an den Eisenstangen, die
- das Dach des Karussells halten, stehen Arbeiter und Schuljungen,
- um den Ring wetteifernd, der an einem Pfahl unweit des Karussells
- hängt und eine Freifahrt bedeutet. Das Karussell dreht sich noch
- langsam auf die schon fast abgelaufene Melodie »O Du lieber
- Augustin«. Die letzten Töne: »Alles ist hin, hin hin, alles ist
- hin ----« Vor dem Karussell stehen Heinrich Sonntag und Lieschen
- Puderbach. -- Sie tragen auf der Nase ein blaues Pincenez und in
- der Hand einen Gummiball. Heinrich ist etwas angeheitert. Um
- Lieschens Hals hängt ein großes Pfefferkuchenherz mit der
- Aufschrift: Ich liebe Dich. Man hört die beiden lachen zwischen
- den Klingeltönen des Karussells.
-
-Heinrich Sonntag, sein Geschäftsfreund, die Herren mit grauen Cylindern,
-Dr. v. Simon, Berta, Mutter Pius, Lieschen, August, Zuhälter Wilhelm,
-Riesendame Rosa, Kommis, Ladenmädchen, Dienstmädchen, Pendelfrederich,
-Lange Anna, der gläserne Amadeus, Arbeiter, unter ihnen Färber, Weber
-etc., Arbeiterinnen, Weibsbilder, Jahrmarktsleute, Gassenkinder.
-
-LIESCHEN: Ich fahr für mein Leben gern, (es klatscht in die Hände) ich
-setz mir auf den Leoparden und Sie auf das Lamm.
-
-HEINRICH: Das machen wir, Puppel.
-
-LIESCHEN: Wollt es ens doch endlich still stehen, Herr.
-
-HEINRICH: Du brauchst doch nicht immer Herr zu mir zu sagen.
-
-LIESCHEN: Wie soll ich Euch denn nennen?
-
-HEINRICH: Wie De Dein Schatz nennst, Puppel.
-
-LIESCHEN: Den nenn ich Herrn Eduard, er is mein Königsschatz.
-
-HEINRICH: (tut erstaunt, er ahnt den Zusammenhang nicht.)
-
-LIESCHEN: Den kennen Se nich. (Unbewußt verächtlich.)
-
-HEINRICH: Ist er grad so schön wie ich?
-
-LIESCHEN: Carl Pius sein Freund is er.
-
-HEINRICH: Aber so einen langen Schnurrbart (er streicht ihn in die Höhe)
-hat er doch nicht?
-
-LIESCHEN: Herr Eduard scheint immer aus sein Gesicht.
-
-HEINRICH: (etwas besonnen, er weiß nun, von wem das Kind spricht) Ich
-möchte so Jemanden wohl kennen lernen.
-
-LIESCHEN: Der kömmt doch hierhin nicht. (Das Karussell steht still, die
-Leute springen ab. Es steigen unter andern wüste Männer und Weibsstücke
-ein, welche toben und kreischen. Heinrich springt jäh mit Lieschen in
-einem Satz herauf. Mutter Pius steht plötzlich vor dem Karussell;
-Lieschen ist im Begriff, sich auf den Leoparden zu setzen und Heinrich
-sitzt schon auf dem Lamm.)
-
-Mutter PIUS: (zu Lieschen) Das laß ich mich gefallen mit so en artigen
-Herr, mein Herzeken.
-
-Ein Weibstück: (zu Lieschen) Laß mich ens beißen von das süße Herz.
-
-LIESCHEN: (zu Heinrich) Nä, dat kriegt der Aujust. Er guckt sich de
-Augen nach aus und schämt sich, in de Leckersläden zu gehen. (Kleine
-Pause.) Daß es noch nich anfängt!
-
- (Arbeiter treten ungeduldig mit den Füßen. Ein Geschäftsfreund
- von Heinrich im grauen Zylinder tritt mit je einem Schatz am Arm
- ans Karussell.)
-
-Der Geschäftsfreund: (zu Heinrich) Nun, Sie alter Sünder! (Das Karussell
-bewegt sich.)
-
-HEINRICH: Steigen Sie noch rauf! (Sie springen herauf.)
-
-Gassenkind: Nehmen Se mir doch auch mit, Herr! (Die Musik spielt wieder:
-»O, Du lieber Augustin etc.«.)
-
-Mutter PIUS: (zynisch zu Allen) Wünsch euch ne angenehme Hochzeitsreis!
-(Sie kehrt schleunigst an ihre Bude zurück. Es kommen die Herren mit den
-grauen Zylindern, [Bekannte von Heinrich] mit einer Anzahl Schätze und
-springen im beginnenden Tempo aufs Karussell. Arbeiter drängen die
-Weiber rücksichtslos ins Innere hinein, da sie auch den Ring greifen
-wollen. Das Karussell dreht sich wie ein Wirbelwind. Dr. v. Simon und
-Berta kommen aus der Bude der Riesendame -- sie gehen beide auf das
-Karussell zu.)
-
-BERTA: Ist das nicht der Heinrich?
-
-Dr. v. SIMON: Wo?
-
-BERTA: Warten Sie, gleich können Sie ihn wieder sehen.
-
-Dr. v. SIMON: (ein wenig erschrocken.)
-
-BERTA: Wenns nun Herr Eduard erfährt? .....
-
-Dr. v. SIMON: Der Narr ist wohl auch schon _Dein_ Beichtvater?
-
-BERTA: Und unsere Frau?
-
-Dr. v. SIMON: (blickt durch seine kleine, goldene Lorgnette -- beruhigt)
-Er kann nicht mehr gerade sitzen.
-
-BERTA: Mich kanns ja gleich sein, ich will doch nicht mehr lange für
-andere Leute arbeiten.
-
-Dr. v. SIMON: (ergreift aufatmend die Gelegenheit) Du mußt mir Dein
-Herzchen ausschütten, liebes Kätzchen. (Er will mit ihr umkehren.)
-
-BERTA: Der bleibt ja nicht lange hier, er reitet ja jetzt immer schon um
-6 Uhr früh spazieren. (Sie gehen in die Taucherbude, das Karussell
-bewegt sich etwas langsamer. Man hört im Vorbeifahren Heinrichs Stimme.)
-
-HEINRICH: Noch einmal, Puppel?
-
-LIESCHEN: Sicher, lieber Herr!
-
-Ein Weibsbild: (aus der Rutsche) Kommt ens bei mich rein!
-
-LIESCHEN: Stell Dir doch an de Stange, dann kriegst De den Ring. (Einige
-Gassenkinder schreien.)
-
-Gassenkinder: Der Schimpanse ist ausgekniffen, de große Chimpanse is
-ausgekniffen! (Es entsteht eine Panik, zu einem Knäuel strömen die
-Menschen zusammen, fast alle Fahrenden springen vom Karussell herunter,
-Lieschen will das Gleiche tun.)
-
-Gassenkind: Der große Chimpanz mit dem kleinen Schwanz is ausgekniffen,
-ausgekniffen!!!!
-
-LIESCHEN: Hörn Se denn nich, der wilde Affe is ausgekniffen, der beißt,
-ich hab Angst vor das Tier. De Lehrer sagt, an Kinder machen sich de
-großen Tiere am ersten ran. (Der Taucher läuft aus der Bude,
-gestikuliert mit dem Eisenkopf und den Eisenfäusten, was furchtbar
-komisch aussieht.)
-
-HEINRICH: (hält Lieschen fest).
-
-Mutter PIUS: (kommt ans Karussell) Bleibt man sitzen, das is ja nur eine
-geriebene Reklame von de Zirkusleute.
-
-LIESCHEN: Is es auch sicher nich wahr, liebe Mutter Pius?
-
-HEINRICH: (nickt) Nein. Haben Sie das Pulleken kaltgestellt, Mutter
-Pius?
-
-Mutter PIUS: (zynisch und wehmütig) Un mich dabei. (Die vorzeitig
-Abgestiegenen nähern sich wieder dem Karussell, zwei Weibsbilder
-schlendern Arm in Arm herbei.)
-
-Weibsbild: (zu Heinrich) Nehm mich doch, Du zerbrichst ja Dein
-Riesengespielzeug.
-
-Ein anderes Weibsbild: Er is doch de _Puppenhangri_!
-
- (Die Herren im Zylinder lachen ermuntert auf.)
-
-HEINRICH: (zu Lieschen) Was sie nich alles vom lieben Heinrich wollen,
-was Liescken? (Einer der beiden Schätze des Geschäftsfreundes sagt zu
-ihrem Begleiter.)
-
-Die erste: Zu de Riesendame wollen wir ens rin (zu ihrer Mitliebsten)
-Kuck, Minna, die hat en Bart wie en Kerl. (Das Karussell bewegt sich
-wieder, ohne zu spielen; in ihm sitzen nur noch vereinzelt Kinder
-zwischen Heinrich und Lieschen.)
-
-HEINRICH: (unsicher, da er angeheitert ist) Lieschen, spielt es denn
-nicht?
-
-LIESCHEN: Es ist schon spät in die Nacht, Mutter Pius sagt, die
-Polizisten kämen sonst.
-
-HEINRICH: Dann wollen wir auch machen, daß wir runterkommen. (Er läßt
-die Kleine vom Leoparden auf seinen Rücken steigen, springt mit ihr vom
-Karussell, juchheit, läßt Lieschen zur Erde fallen, hebt es wieder in
-die Höhe, läßt es wieder fallen, hebt es wieder in die Höhe, läßt es
-wieder fallen, fängt es auf, mit ihm springend durch die Menge, Mutter
-Pius kommt ihnen bis zur Taucherbude entgegen. Die Herren mit den grauen
-Zylindern sind vorangegangen mit den Schätzen und bleiben an der
-Schießbude stehen und schießen.)
-
-Mutter PIUS: (etwas neidisch zu Heinrich und Lieschen) Wie die Blagen.
-(Es kommen eine Menge neue Arbeiter.)
-
-LIESCHEN: Ich hab Angst, der Vater kömmt und holt mir.
-
-HEINRICH: Ich versteck Dich in meinen Mantel, Puppel.
-
-LIESCHEN: Meinen Taler nimmt er mich ab für die Sparkass.
-
-HEINRICH: Dann schenk ich Dir einen goldenen Puppel.
-
-LIESCHEN: So reich sin Se? (Mutter Pius, Heinrich, Lieschen gehen
-weiter.)
-
-Eine Frau: (erstaunt fragend) Das Kleine von Puderbachs! ... (Sie sperrt
-grinsend den Mund auf.)
-
-Mutter PIUS: Nu, un was alles! Das Kleine helft mich hier. (Sie biegen
-nach links ein.)
-
- (Dr. v. Simon und Berta treten aus der Taucherbude.)
-
-v. SIMON: Du mußt nicht immer so laut meinen Namen nennen, Kätzchen, das
-ist nicht fair.
-
-BERTA: (beleidigt) O, ich weiß mir doch zu benehmen. (Sie ahmt die
-Bewegung Martas nach.) Du willst mir wohl los sein, Bruno?
-
-v. SIMON: Bewahre. (gereizt): Aber es wäre Deine Pflicht gewesen, mich
-auf den Betrieb hier aufmerksam zu machen. Bedenke die Konsequenzen,
-falls mich einer meiner Arbeiter hier überrascht.
-
-BERTA: Unser Heinrich geht doch auch immer auf die Messe.
-
-v. SIMON: All right! Die Arbeiter wissen auch, was sie von ihm zu halten
-haben.
-
-BERTA: (mürrisch) Dann hätten wir ja überhaupt bei Dir bleiben können.
-
-v. SIMON: Das können wir ja noch nachholen. (Er kitzelt sie heimlich in
-die Taille.)
-
-BERTA: (schüttelt den Kopf. Dr. v. Simon schiebt sie langsam vorwärts am
-Karussell vorbei zum vorderen Ausgang.)
-
-v. SIMON: Wann feiern wir Hochzeit, Kätzchen?
-
-BERTA: (versöhnt) Ich dachte nach Weihnachten; so lang bleib ich auch
-noch. Die Frau hat mir durchs Fräulein fragen lassen, was ich mir
-wünsche.
-
-v. SIMON: Lass Dir mal weiche Kopfkissen schenken (sagt ihr noch etwas
-ins Ohr) mit einem _rosa_ Himmelchen darüber ....
-
-BERTA: (verschämt geziert).
-
-v. SIMON: Also vorher wird nichts?
-
-BERTA: Ich bin doch ein anständiges Mädchen (geziert), ich dürfte nicht
-mehr nach Hause kommen.
-
-v. SIMON: Auch nicht mir zu Liebe? (Er kitzelt sie wieder in die Seite.
-Sie biegen beide ein, man sieht sie nicht mehr. Färber, deren Hände
-durch ihren Beruf bunt angelaufen sind, -- August Puderbach ist unter
-ihnen, und Weber in gestreiften Kitteln und andere Arbeiter in blauen
-Blusen kommen über den Jahrmarkt. Mutter Pius tritt wieder in den
-Vordergrund.)
-
-AUGUST: (Zu Mutter Pius) Wo ist es?
-
-Mutter PIUS: Liesken oder meine Rarität?
-
-AUGUST: Es!
-
-Mutter PIUS: Guck ens selber.
-
-AUGUST: Deine Bude ist ja schon zugeschlossen.
-
-Mutter PIUS: Meinst De, ich laß se bis zum frühen Morgen offen stehen?
-
-AUGUST: (Springt auf's Karussell, er dreht selbst die Orgel, die noch
-die letzten Töne des Liedes O Du lieber Augustin dumpf abgibt. Er setzt
-sich dann auf den Hirsch und lutscht an einer langen Stange Süßholz;
-Herr v. Simon kehrt alleine nach Heinrich spionierend zurück, ein
-Weibsbild tritt zu ihm heran.)
-
-Weibsbild: Lassen Se mir ens schießen, ich möcht en Taschenmesser
-gewinnen.
-
-WILLEM: Das sag ich Dich, läßt de Dir mit _dem_ ein, hau ich Dich de
-Backzähn aus!
-
-v. SIMON: (ihn wiederkennend, ängstlich) Nicht gleich so heftig, ich
-werd sie Dir nicht fortschnappen.
-
-WILLEM: Du dünnet Geripp, durch wen bin ich so heruntergekommen, wenn
-nicht durch Dir (droht.)
-
-v. SIMON: (zitternd) Sind Sie nicht der Willem?
-
-WILLEM: So heiß ich.
-
-v. SIMON: Warum hat Sie denn eigentlich der Chef gehen lassen?
-
- (fixiert ihn durch die Lorgnette.)
-
-WILLEM: Tu man das Glas von de Nas runter, de Hauptsach is, daß ich Dir
-wieder kenn, miserabel Verführer!
-
-v. SIMON: (zitternd und devot) Kalt Blut, Willem.
-
-WILLEM: (Zu den Zuhörenden) Ich hab auch zu meiner Schwester gesagt,
-wenn ich den ens zwischen de Finger krieg!
-
-August PUDERBACH: (springt komisch vom Karussell) Ich wollt meine Stange
-Süßholz ens zu End lutschen.
-
-(Zu v. Simon idiotisch tückisch.) Seine Schwester haben Sie aufs
-Gewissen; nu kann sie lange warten, bis ich sie nehm, Sie fiser
-Seidenwurm.
-
-WILLEM: Meine Schwester Laura auf Dir warten? Auf son Pitter? (Er spuckt
-ihn an.)
-
-v. SIMON: (will sich aus dem Staub machen, aber die Herren im Zylinder
-halten ihn auf mit Fragen.)
-
-AUGUST: Ich heirat überhaupt nich und die abgeknutschte Laura verdek
-nich.
-
-WILLEM: (Haut August eine Backfeife herunter; die Herren im Zylinder
-kommen in den Vordergrund und und ziehen v. Simon mit sich.)
-
-v. SIMON: (zu den Herren) Es wird die höchste Zeit sich zu entfernen.
-Shoking! Shoking!
-
-Einer der Herren mit dem grauen Zylinder:
-
-Sie verstehen nicht mit den Leuten zu scherzen.
-
-v. SIMON: (verächtlich sich mit den Fingerspitzen affektiert abstäubend)
-Allerdings!
-
-DER GESCHÄFTSFREUND: Hat man Ihnen das nette Dingelchen stiebitzt?
-
-EIN ZWEITER VON DEN HERREN MIT DEM GRAUEN ZYLINDER: (auf Heinrich
-zeigend) Der Chef versteht es besser mit den Leuten. (Heinrich taumelt
-stark betrunken an der Hand Lieschens, das selbst sehr angeheitert ist,
-fiebernde Backen und Augen hat, in den Vordergrund.)
-
-HEINRICH: (zu Lieschen) Kannst mich leiden, Puppel?
-
-LIESCHEN: (nickt, schüttelt die Haare wild und wirr durcheinander.)
-
-v. SIMON: Shoking!
-
-Die Herren: (freundschaftlich) Wir wollen ihn nach Hause bringen.
-
-HEINRICH: Nach Haus? Zylinder ab!! Lieschen, hörst Du, nach Haus wollen
-sie mich transportieren.
-
-Mutter PIUS: (leise und vertraulich Heinrich ins Ohr) Mach man daß de
-wegkommst, de kleine dünne Zahnstocher (weist auf v. Simon hin) gefällt
-mich immer schon nich.
-
-HEINRICH: Wann wirst De eingesegnet, Liesken?
-
-LIESCHEN: (weinselig) Brüst hab ich wie junge Salatköppe.
-
-DIE HERREN MIT DEN GRAUEN ZYLINDERN: (drängen ernst) Sonntag, kommen Sie
-jetzt!
-
-v. SIMON: Shoking! ...
-
-HEINRICH: Was sagen Sie?
-
-v. SIMON: (zieht ihn unsanft am Arm und spricht befehlerisch) Sie folgen
-mir ohne Zaudern!
-
-HEINRICH: (in festem Ton, als ob er _nüchtern_ wäre, plötzlich)
-
-Wer ist der Herr, ich oder Sie?
-
-DER GESCHÄFTSFREUND VON HEINRICH: (zu v. Simon) Reizen Sie ihn jetzt
-nicht.
-
-v. SIMON: (dreist, sich von den Herren gedeckt glaubend) In diesem Falle
-bin ich der Herr.
-
-HEINRICH: (jähzornig taumelnd) Soldaten, Kameraden, wer is der Herr
-Leutnant, er oder ich?
-
- (Scharen von Arbeitern sammeln sich plötzlich um Heinrich, v.
- Simon ahnt eine Katastrophe, am Körper zitternd sucht er
- kleinlaut Sicherheit hinter dem großen breitschultrigen
- Geschäftsfreund von Heinrich und den anderen Herren.)
-
-Ein Arbeiter: Ein guter Leutnant war er.
-
-EIN ZWEITER: Gezecht hat er mit uns auf Kaiser sein Geburtstag wie'n
-gemeiner Soldat mit den andern.
-
-EIN DRITTER ARBEITER: Wir wollen ihn hoch leben lassen.
-
-DIE GANZE SCHAR: Unser lieber Leutnant er lebe hoch! Hurra! Hurra!
-Hurra!
-
-WILLEM: (Herrn v. Simon drohend) Kerl!
-
- (v. Simon wagt nicht den Schauplatz zu verlassen, sich überhaupt
- zu bewegen.)
-
-HEINRICH: (brüllt) Angetreten! (Die Arbeiter und und Herumtreiber
-sammeln sich in Kolonnen wie im Manöver. Die Weiber gucken neugierig zu.
-August stellt sich an die Spitze des links aufgestellten Bataillons, er
-hat sich einen Helm aus einer Zeitung angefertigt und setzt ihn auf den
-Kopf. Er empfängt seiner Ungeschicklichkeit wegen Püffe und Stöße.)
-
-HEINRICH: (Besichtigt taumelnd sein Regiment, schickt den einen zurück,
-den andern setzt er an den Anfang der Reihe etc. Ab und zu Flüche
-ausstoßend. Brüllt) Gerade gestanden! Schockschwerenot!
-
-WILLEM: De Landhasen müssen zuerst auf den Feind losstürmen. (August
-macht eine Schießbewegung, den zitternden v. Simon suchend.)
-
-LIESCHEN: (frech) Da is er ja!
-
-HEINRICH: Un de Maikäfer halten sich im Hinterhalt.
-
-WILLEM: Un de Musik machen de Bindfadenjungen, daß de Hengste nur so
-galoppieren. (Alle lachen furchtbar und die einexerzierten Arbeiter
-freuen sich mit Heinrich wie große ungeschlachte Jungen, die Soldaten
-spielen.)
-
-WILLEM: Nu man los, Herr Leutnant, ich bin Euer Unteroffizier.
-
-HEINRICH: (brüllt) Ganzes Regiment linksum, vorwärts marsch! (Lieschen
-läuft neben Heinrich her mit den Händen trommelnd und mit den Lippen den
-Rhythmus markierend. Die Arbeiter exerzieren einige Schritte vom
-Vordergrund dem Platz zu; plötzlich v. Simon bemerkend, wollen sie sich
-wie wütende Hunde auf ihn stürzen.)
-
-HEINRICH: Stillgestanden!!! den Feind hau ich allein kurz und klein.
-
-WILLEM: (Schleift ihn herbei, seine Hände mit der Lorgnettenkette
-fesselnd, wie vor seinen Feldherrn. v. Simon stöhnt vor Angst. Die
-Herren mit den grauen Zylindern kommen ihm nicht zur Hilfe, sie
-amüsieren sich, neugierig den Vorgang betrachtend.) Lassen Se sich nicht
-totschlagen mit seinen Sabel, Herr Leutnant. (Er zeigt tobend vor Lachen
-v. Simons dünnes Spazierstöckchen.)
-
-AUGUST: Nu kann es losgehen, Kinder. (Willem löst die Kette von v.
-Simons Händen.)
-
-DER GESCHÄFTSFREUND: (drängt sich durch die erregte Arbeitermenge zu
-Heinrich, der hört aber in seiner Betrunkenheit des Freundes leises
-Zusprechen nicht; Heinrich hebt ein Kalkstückchen vom Boden auf und
-zieht einen großen Kreis unterhalb seines Herzens.)
-
-HEINRICH: So Jüngsken, das Terrain darfst De nich überschreiten, sonst
-bin ich belämmert (alles lacht stürmisch, nur Lieschen umklammert Mutter
-Pius ängstlich.)
-
-LIESCHEN: (Sinnlich erweckt) Der macht den Heinrich tot. (v. Simon
-verblüfft; Heinrich wankt auf seine Freunde zu. v. Simon will die Flucht
-ergreifen, aber die Arbeiter packen ihn.)
-
-Die Riesendame: (guckt aus ihrer Bude) Kommen Se bei mich, Herrchen! (v.
-Simon befreit sich einen Augenblick, die Arbeiter hinter ihm her. August
-springt wie ein Kater auf seinen Rücken. Aber es gelingt v. Simon, ihn
-abzuwerfen und sie rasen hintereinander über den Platz dem Ausgang zu.)
-
-HEINRICH: Steckt ihn in den Aussichtsturm, meinetwegen! (Die Herren
-nehmen den völlig erschöpften Heinrich in die Mitte, um mit ihm fort zu
-gehen.)
-
-HEINRICH: (zu Lieschen und zu Mutter Pius) Schlaf süß, Marze, gute
-Nacht, Mama Charlottchen.
-
-Der Geschäftsfreund: Das müßt sie hören. (Die Menge verläuft sich, die
-Buden werden geschlossen, die alte Pius rennt in ihre Bude. Lieschen
-steht ganz allein im Vordergrund, setzt sich noch einmal auf den
-Leoparden im Karussell, streichelt ihn und springt dann ab.)
-
-Die Riesendame: (Steckt den Kopf durchs Fenster.) Wie heißt Dein
-charmanter Kavalier?
-
-LIESCHEN: Das geht Euch niks an. (Heinrich, in der Mitte der Herren,
-sieht man noch hinter dem Platz des Jahrmarktes auf einer Anhöhe
-heimwärts ziehen. Die drei Herumtreiber kommen langsam am Karussell
-vorbeigewandelt über den Jahrmarkt gehend.)
-
-PENDELFREDERECH: Wir wollen den Garten nu reinigen von de Sünde (murmelt
-böse).
-
-Lange ANNA: (Macht die Bewegung des Kehrens. Er trägt eine lange
-rauschende Papierschürze und eine Frauennachthaube aus Papier mit
-flatternden Bändern auf dem Kopf und eine dicke Warzennase.)
-
-AMADEUS: (Auf Heinrich zeigend.) Da wandelt mein Todeskandidat.
-
-Mutter PIUS: (kommt von ihrer Bude zurück, in der einen Hand einen Korb,
-in der andern die Kindermumie, ihr zweiter Kopf angefertigt aus Lumpen,
-baumelt am Rumpf herunter.)
-
-Mutter PIUS: (zu Lieschen) Ich will mir hängen lassen, wenn es nicht
-Dein Krakehler von Vater gewesen war. (Lieschen läßt vor Müdigkeit den
-Kopf hängen; schauert auf, als Mutter Pius ihm die kleine Mumie reicht.)
-
-Mutter PIUS: (zynisch) Halt ens Dein Zwilling fest; (Mutter Pius
-befestigt den Kopf wieder an dem Rumpf. Die Riesendame grinst aus dem
-Fenster.)
-
-Mutter PIUS: Nu komm man rasch, sonst pumpt mir die Rosa (Auf die
-Riesendame weisend) wieder an, und de Mutter Pius kann nicht »Nä« sagen.
-
- (Sie wollen beide eilig über den Platz gehen, als Lieschen stehen
- bleibt, jäh Mutter Pius' Schoß umfassend.)
-
-LIESCHEN: Ich dank Dir auch vielmals für alles, liebe Mutter Pius. (Sie
-eilen weiter, die Riesendame läßt die grün und gelb gestreifte Jalousie
-ihrer Bude herunter, die fällt gleichzeitig wie der erste Vorhang über
-die ganze Bühne.)
-
-
-
-
- VIERTER AKT
-
-
- (Im Arbeiterviertel wie im ersten Aufzug.)
-
- Schornsteine dampfen und pfeifen in der Ferne jenseits der
- Wupper. Die Wupper ist bewegt und dunkelrot verfärbt.
- Fabrikarbeiter und Arbeiterinnen sind auf dem Wege zur Fabrik.
- Jungen ziehen Milchkarren und Kinder laufen in die Bäckereien,
- Frühstück auszutragen. Über die Brücke geht dem Häuschen von Pius
- zu, Eduard.
-
-Eduard, Carl, Lieschen, August Puderbach, Mutter Pius, Frau Amanda Pius,
-Großvater Wallbrecker, Gretchen Stomms.
-
-EDUARD: (erblickt Lieschen, das zur Bäckerei gehen will) Lieschen!
-
-LIESCHEN: (es läuft entzückt zu ihm) Herr Eduard! Herr Eduard!
-
-EDUARD: Wohin gehst Du denn so früh?
-
-LIESCHEN: (ist noch immer zu freudig, um zu sprechen, es hält Eduards
-Hand fest und springt beständig in die Höhe.)
-
-EDUARD: Freust Du Dich denn so, mein Kind?
-
-LIESCHEN: Sicher!
-
-EDUARD: Sieh mal -- (er schwingt eine Rolle hoch in der Luft.) Komm, wir
-setzen uns hier auf die Bank. (Sie setzen sich vor Pius' Haus auf die
-Bank. Eduard öffnet die Rolle.)
-
-LIESCHEN: Is aus England, nich?
-
-EDUARD: (nickt).
-
-LIESCHEN: (bewundernd) Wie is _das_ schön gemalen!
-
-EDUARD: Welche von den Puppenmüttern gefällt Dir am besten, Lieschen?
-
-LIESCHEN: (freudig) De mittelste, die hat so große Augen, wie Sie habn.
-
-EDUARD: (streichelt ihr Haar) Das Bild mußt Du Dir an die Wand hängen,
-mein Kind.
-
-LIESCHEN: Über unser Bett kommt es zu hängen, un der alte Herr Jesus
-fliegt auf'n Oller mit seine rotgeheulte Augen.
-
-EDUARD: Aber Lieschen .........
-
-LIESCHEN: Er guckt wie der Vater, wenn er von de sündige Welt predigt.
-
-EDUARD: Es kann auch nur ein frommer Maler unsern Heiland so schön
-malen, wie er gewesen ist.
-
-LIESCHEN: (etwas dreist) Meine Mutter sagt, Sie möchten uns en goldenen
-Rahmen bei das Bild kaufen.
-
-EDUARD: Hat das Deine Mutter gesagt?
-
-LIESCHEN: (ihre Dreistigkeit fühlend, kleinlaut) Molz!
-
-EDUARD: (spricht zärtlich, gütig) Aber daß Du gestern nicht das kleine
-Christkind besucht hast, Lieschen, darüber bin ich sehr traurig.
-
-LIESCHEN: (erschrocken) Das dürfen Se nich sein; lieber bleib ich mein
-Lebenlang in de Kirche auf de Stein liegen, dreihundertundfünfundsechzig
-Tage (besinnt sich) un all die Stunden und die Minuten.
-
-EDUARD: (gerührt) Unsere liebe Mutter hat Dich auch besonders gern,
-Lieschen.
-
-LIESCHEN: Ich bin doch ens so schäbig angezogen.
-
- (Sieht auf ihr Kleid herunter, Arbeiter grüßen Eduard
- ehrerbietig.)
-
-EDUARD: Darauf sieht unsere liebe Mutter nicht; sie sagte mir, Du habest
-ein himmelblaues Herzchen, Lieschen, und sie möchte so gern, daß es
-nicht fleckig würde.
-
-LIESCHEN: En himmelblaues Herzken ... habn Sie einmal so eins gesehn?
-(Kinder rufen Lieschen an.)
-
-Erstes Kind: Lieschen!
-
-Zweites Kind: Lieschen! (Sie laufen wieder fort.)
-
-EDUARD: Nur einmal bei einem kleinen Engelchen, das trug es ganz
-vorsichtig in einem seidenen Tüchelchen in den Händen.
-
-LIESCHEN: Aber denn konnt es doch nich mehr klopfen?
-
-EDUARD: Gewiß, es pochte ganz, ganz leise, lauter Perlen.
-
-LIESCHEN: Sicher?
-
-EDUARD: Und das Engelchen konnt es immer sehn, und so mußt Du auch Dein
-Herzchen wohl behüten, verstehst Du mich, Lieschen?
-
-LIESCHEN: (verzückt und erstaunt) Ja .....
-
-Kinder: Lieschen, es is half sieben, wir sagen es wieder!! (Lieschen
-rafft sich auf.)
-
-LIESCHEN: Ich muß nu laufen, Herr Eduard. (Gretchen Stomms kommt herbei,
-nähert sich etwas dreist den Beiden und sagt Lieschen etwas ins Ohr.)
-
-LIESCHEN: Das is doch _der_ nich. (Wird schüchtern, will fortlaufen mit
-Gretchen Stomms.)
-
-EDUARD: Eine Hand darfst Du mir doch noch geben!
-
-LIESCHEN: Mir haut der Vater, wenn ich trödel'.
-
-GRETCHEN STOMMS: (altklug) Es kriegt heute seine Löhnung.
-
-EDUARD: (nickt; Wichtigkeit markierend. Lieschen verläßt ihn befangen.
-Die beiden Kinder laufen, die Arme gegenseitig über Kreuz im Rücken,
-fort.)
-
-Gr. WALLBRECKER: (er trägt altmodisch grüngestickte Pantoffeln und die
-neue Pfeife in der einen Ecke im Mund. Arbeiter kommen wieder an Eduard
-vorbei.)
-
-Einer der Arbeiter: (brutal auf Eduard zeigend) Der muß auch bald ins
-Gras beißen.
-
-Großvater: (erblickt ihn) Guck einer an, der junge Herr so früh. (Nicht
-Antwort abwartend nach dem Dachfenster sich aufstreckend) Carl, steh
-auf, Faulenzer, dicker Plumpsack, steh auf! Amanda!
-
-EDUARD: (will ihn beruhigen) Lassen Sie sie noch friedlich schlummern,
-Großvater.
-
-Großvater: Tum Tingelingeling! ..... (Er drängt Eduard, sich wieder auf
-die Bank niederzusetzen.)
-
-EDUARD: Was meinen Sie, Großvater, wenn ich mir auch ein Pfeifchen
-anzünde?
-
-Großvater: (streicht ein Schwefelhölzchen an der Wand des Häuschens an.)
-Schlecht sehn Se mal wieder aus, un es fehlt doch nicks bei Sie; wo der
-Teufel einmal drinsitzt! ... Was sag ich, der Teufel? Wallbrecker bist
-Du doch en dämlich Roß, aber was muß das für en Satans in Sie sein?
-
-EDUARD: (schelmisch) Wer den wohl erlegen könnte, Großvater?
-
-Großvater: En Heiligen sind Sie, der heilige Laurentius sind Se, un
-Kaffee müssen Se bei uns trinken, sonst beleidigen Se meine Tochter
-Amanda. (Er zeigt auf Amanda, die mit einem Tisch aus dem Häuschen
-kommt, ihn vor die Bank zu stellen.)
-
-Frau AMANDA PIUS: Son'ne Ehre, geehrter Herr Eduard! (Stellt den Tisch
-vor die Bank und reicht ihm die Hand. Zu Wallbrecker): Wo is de Carl?
-
-Großvater: Er schläft noch. Ruf Du ihm.
-
-Frau AMANDA: (geht ins Häuschen.)
-
-Großvater: Er will nu Pastor werden, nehmen Sie's ihn nich übel, lieber
-Herr Eduard. (Amanda kehrt mit Kaffeekanne, Tassen, Butterbrot etc.
-zurück. Es wird immer heller. Arbeiter und Arbeiterinnen, unter ihnen
-Färber mit grün-, rot-, oder gelb-glänzenden Händen und bleichen
-Gesichtern ziehen vorbei.)
-
-Großvater: (zu einigen Arbeitern) Guten Tag zusammen!
-
-Arbeiter: Auch schon aufgestanden?
-
-AMANDA: Wenn uns der junge Herr (Carl unterbricht sie.)
-
-CARL: Ich bin gleich unten.
-
-AMANDA: Wenn uns der junge Herr die Ehre schenken will un en Köppchen
-Kaffee mit uns trinken will?
-
-EDUARD: (gütig) Ich bin ordentlich durstig, liebe Frau Wirtin.
-
-AMANDA: Es fiel mich ja im Traum nich ein, daß de junge Herr heut kommen
-könnt, ich hätt sonst en Lot mehr gemahlen.
-
-CARL: (man hört ihn oben sprechen) Meinen Kragenknopf kann ich nich
-finden.
-
-Mutter PIUS: (guckt aus dem Dachfensterchen) Was seh ich -- (Sie tritt
-wieder vom Fenster zurück) Nu halt man still, ich kann Dir doch nich
-mehr auf en Arm nehmen un Dir antrekken.
-
- (Alle lachen unten.)
-
-Großvater: Mich is so dämlich im Kopf.
-
-AMANDA: Du bist auch schon alt, Vatter. (Mutter Pius kommt.)
-
-Mutter PIUS: (zu Eduard) Bleiben Se man sitzen, tun Se als wenn Se zu
-Hause wären.
-
-EDUARD: (hustet.)
-
-Großvater: Da meld er sich.
-
-EDUARD: (hustet stärker) Der alte Satansdrachen, was Großvater?
-
-Mutter PIUS: De alten Doktors kurieren an Sie herum, die Mutter Pius
-aber wird Herr Eduard auf de Beine bringen, jeden Morgen und Abend en
-Köppken von de junge Weizensaat müssen Sie trinken. Ich will es Ihren
-Personal sagen.
-
-EDUARD: (gütig) Das mag wohl zuträglich sein, Mutter Pius.
-
-Großvater: Un jetzt man, wo wir Vollmond haben, soll es am tauglichsten
-sein.
-
-Mutter PIUS: (herrisch und verächtlich) Misch Dir nich in mein Praxis,
-Großvatter Wallbrecker.
-
-EDUARD: (besänftigend) Das nehmen alle Mediziner übel, Großvater wir
-sind doch mal nur Laien.
-
-Großvater: (könnte aufplatzen vor Lachen) Tum Tingelingeling, tum
-tingelingeling.
-
-CARL: (frisch, markig, primanerhaft, pathetisch) Ich grüße Dich,
-Gottesmann, der Du fürlieb nimmst mit unserer Speise und Trank.
-
-EDUARD: (leuchtend schelmisch) Friede sei Deinem Haus, mein Bruder.
-
-Großvater: (spricht auf Amanda unverständlich ein, Mutter Pius versorgt
-sich mit Kaffee, streicht Carl Butterbröte.)
-
-EDUARD: (legt Amanda ein Kuvert auf ihren Schoß) Von meiner Mutter.
-
-Großvater: (neugierig) Laß ens gucken!
-
-AMANDA: (sie stößt ihren Vater mit dem Ellbogen unsanft zurück) Nä, Ihre
-Frau Mutter is engelgut. (Eine dicke Träne fließt über ihre Backe.)
-
-Großvater: (nickt dazu fortwährend Amandas Worte bestätigend.)
-
-Tum Tingelingeling, tum tingelingeling, tum, tum, tum, tum! (Carl und
-Eduard unterhalten sich leise. Aus der Seitengasse, dem Zimmer im
-obersten Stock, das Puderbachs bewohnen, dringt Lärm. Ein Haufen Kinder
-sammelt sich lauschend vor dem Haus an.)
-
-Mutter PIUS: (spricht lauter) Vielleicht trinkt Herr Eduard auch noch
-ein Köppken? (Der Lärm läßt nach.)
-
-EDUARD: (nickt Frau Amanda zu) Er ist außergewöhnlich gut gebraut, ich
-möchte das Rezept unserer Auguste sagen.
-
-Mutter PIUS: (katzenfreundlich zu Amanda) Er schmeckt aber auch gut
-heut, Amanda.
-
-AMANDA: Vatter, hol noch wacker was Zucker aus die Blas', (er steht
-langsam auf) nu eil Dir man ein bischen.
-
- (Lärm dringt wieder stärker aus der Seitengasse, man hört weinen
- und es ist, als ob Porzellan zerbricht. Arbeiter und
- Arbeiterinnen gesellen sich neugierig zu den Kindern vor der
- Gasse.)
-
-AMANDA: Geh doch ens rüber, Carl, Du verstehst Dir doch mit dem
-Scheinheiligen. Bist Dich doch eine Otoridät.
-
-CARL: (hart) Laß mich zufrieden.
-
-EDUARD: (verlegen.)
-
-AMANDA: Wat redest De rauh! (Der Lärm läßt nach. Großvater Wallbrecker
-kommt zurück, in seinem roten Taschentuch den Zucker wie in einem
-Beutelchen tragend.)
-
-AMANDA: Bist De toll, Vatter? (Carl und Eduard lachen.)
-
-Mutter PIUS: Ich sag gar niks mehr.
-
-Großvater: Wat soll ich denn? Ich schlabbere ja mit de Löffels (zu
-Amanda) ich schütt ihn doch so in 'em Reisbrei.
-
-CARL: (sich belustigend) Ich bin Zeuge! Großvatter kallt de pure
-Wahrheit.
-
-AMANDA: Glauben Se's nich, Herr Eduard, (auf Großvater zeigend) er
-träumt immer.
-
-Mutter PIUS: (großmütig heuchlerisch) Wat sagst De, Wallbrecker, ich
-nehm mich _doch_ en Löffel dovon in mein Köppken?
-
- (Eduard klopft Mutter Pius auf die Schulter.)
-
-Großvater: Ich hab mir seit von Tag nicht drin geschnäutzt. (Alle lachen
-wieder herzlich. Aber furchtbar dringt der Lärm aus dem Hause der
-Seitengasse.)
-
-AMANDA: Entweder geh Du oder ich. (Bittend.)
-
-CARL: (Unerbittlich) Wenn er sie ens tüchtig verwichsen tät.
-
-Großvater: Du willst en Pastor werden, Carl ---- ich hab gleich gesagt,
-Gesellen mußt De habn.
-
- (Der Großvater erhebt sich.)
-
-Mutter PIUS: Wegen dat schlumprige Weib drüben lassen wir uns beim
-Kaffee stören.
-
- (Der Großvater ist im Begriff herüber zu gehen.)
-
-EDUARD: Bleiben Se sitzen, Großvater, der Carl wird Ruhe schaffen. (Der
-Großvater läßt sich aber nicht aufhalten.)
-
-Mutter PIUS: (neidisch auf Großvater weisend) Das tut er mich zum Ärger.
-
-AMANDA: Nu lauf man rasch den Großvater nach, Carl!
-
-CARL: (ärgerlich) Steh Du doch Deiner Freundin bei! (Carl hält Eduard
-zurück, der sich schlicht erheben will.)
-
-CARL: Er kommt ja gleich wieder heil zurück. (Der Großvater naht Salve
-Cäsar!) Statt den Lorbeer das Käppken auf den Kopf und Lieskens Present
-in de Schnute. (Alle lachen, auch hört man keinen Lärm mehr.)
-
-Großvater: Ich hab all wieder gestillt, Kinderkes. Bleiben Se man
-sitzen, Herr Eduard. (Er bemerkt gar nicht, daß Eduard auf seinem Stuhl
-sitzt.)
-
-AMANDA: (geschwätzig) Was bloß aus dem Liesken werden soll? --
-
-EDUARD: Lassen Sie mich erst über den Berg sein.
-
-Mutter PIUS: (listig) Da lassen Se man de Finger von.
-
-CARL: Der Apfel fällt nicht weit vom Stamme.
-
-Mutter PIUS: (cynisch, halb zu sich zum eignen Amüsement) Herr Eduard
-ist doch kein Feinschmecker!
-
-EDUARD: Meine Schwester soll sich des Kindes annehmen.
-
-AMANDA: (devot) Ihr Fräulein Prinzessin Schwester?
-
-EDUARD: (nickt stolz) Ist sie nicht eine Prinzessin, Carl?
-
-CARL: (errötet, ist benommen.)
-
-Mutter PIUS: Dem Weib bin ich zu gut, ganz genau de Mama aus dem Gesicht
-geschnitten.
-
-Großvater: (bestätigend) Tum Tingelingeling, Tum Tingelingeling, tum,
-tum, tum.
-
- (Wieder gehen Männer vorbei. Es sind die Helfershelfer, die Lange
- Anna zu Hilfe kamen am ersten Abend.)
-
-Großvater: Nehmt man de Bein auf en Nacken.
-
-Der Herumtreiber: (höhnisch) Na, wie schmeckt es euch denn?
-
-Großvater: Carl, hast De das gehört?
-
-Mutter PIUS: (zu Carl ängstlich, er könnte sie hauen) Ärgre Dir man nich
-darüber, Carl, das sind die nich wert.
-
-CARL: (benommen) Ich hab gar niks gehört.
-
-Großvater: Daß se mich nich en gemütlichen Abend gönnen, Herr Eduard.
-Fünfundzwanzig Jahr hab ich mit dem Liesken sein Großvater am Webstuhl
-gesessen, (weinerlich) und doch war das Leichentuch zu klein für uns
-beide.
-
-CARL: Mutter gieb mir meine Kappe!
-
-EDUARD: (gütig, schelmisch zum Großvater) Wir werden noch oft zusammen
-ein Piepken schmöken, Großvatter. (Alle lachen, nur der Großvater nickt
-ernsthaft.)
-
-Großvater: Jetzt leb ich von de Gnade meiner Tochter un die (er zeigt
-auf Mutter Pius.)
-
-Mutter PIUS: Ich bin doch gewiß nobel für Dich!
-
-AMANDA: Daß er das viele Tabakschmöken nicht lassen kann.
-
-CARL: Für de Arbeit sind de Frauleut da! (Frau Amanda greift Carls Kappe
-durchs Fenster und setzt sie ihm auf.)
-
-Mutter PIUS: (lacht) Du frecher Bullenbeißer!
-
-Großvater: (zu Carl) Du bist noch jung, ich aber bin en altes, kränklich
-Roß. (Er hüstelt und spricht für sich.) Hab das Wiehern eigentlich schon
-vergessen. (Er will aufstehen und ausspeien.)
-
-AMANDA: (zum Großvater) Versteck Dir rasch, siehst Die nich? (Der
-Großvater beugt sich schnell hinter den Strauch neben dem Haus.)
-
- (Der Kaplan kommt vom Spaziergang in den Wald über die Wiese
- links; er hat einen _schwankenden_ Gang. Er bemerkt die
- Gesellschaft vor dem Häuschen nicht.)
-
-EDUARD: Warum soll sich der Großvater vor dem sanften Kaplan verstecken?
-
-Mutter PIUS: (weist auf ihn) Wien'n kleines Prozessionsboot über'n
-evangelisch Meer.
-
-EDUARD: Er ist sehr unglücklich, Deiner Abtrünnigkeit wegen, Carl.
-
-CARL: (sarkastisch) So viel Kummer hat sich noch keiner um meine Seele
-gemacht.
-
-EDUARD: Was sagen _Sie_ dazu, Mutter Pius?
-
-Mutter PIUS: Daß Se lieber wieder nach unseren Luther hören sollen, was
-wollen Se allein herumschiffen?
-
-EDUARD: (zu Carl) Die Mütter!!
-
-AMANDA: Aufstehen, Vatter, wir müssen auf die Wies'.
-
-Großvater: (seufzend zu Eduard) De Wäsch legen.
-
- (Eduard erhebt sich auch.)
-
-Mutter PIUS: (zu Eduard) Bleiben Se doch noch en bischen bei de Mutter
-Pius, Herr Eduard.
-
-EDUARD: Morgen gehts Examen los, ich muß noch mathematische Zahlen
-rechnen.
-
-Mutter PIUS: Was nich de Schulmeister all wollen, zu meiner Zeit war es
-noch nicht halb so schlimm.
-
-CARL: (sarkastisch) Deshalb bist De auch kein Pastor geworden!
-
-EDUARD: (Großvater und Amanda, die zögernd warten, die Hand reichend.
-Die beiden gehen ins Häuschen.) Wir sind alle Pflugtiere. Kommst Du mit
-mir, Carl.
-
-CARL: (nickt.)
-
-Mutter PIUS: Mit de Schluffen an de Bein, Jung?
-
-CARL: (kleinlaut) Ich wär wahrhaftig in Gedanken so gelaufen. (Zu
-Eduard) Ich hab die Stiefel beim Schuster.
-
-Mutter PIUS: (zu Eduard, wie zu einem kleinen Jungen) De Mama werd schon
-bang sein -- dafür kenn ich ihr. (Mutter Pius reicht Eduard ermahnend
-die Hand, Carl begleitet ihn bis zur Ecke. Eduard winkt noch einmal
-Mutter Pius zu.)
-
-Mutter PIUS: (ruft durchs Fenster) Gib mir meine Valentiaspitzen und
-Poingtskrägen. Se liegen in de Fase auf en Schrank, daß de Mietze nich
-damit spielt.
-
-Großvater: (Reicht die Spitzen heraus und zeigt in die Ferne, wo am Rand
-des Waldes die drei Herumtreiber: Pendelfrederech, Lange Anna und der
-gläserne Amadeus um eine Laterne gehen, deren Licht noch nicht ganz
-erblichen ist.)
-
-Großvater: (dämlich) Da gehen die drei Erzengel in de Ferne un blasen
-aus de Laterne.
-
-Mutter PIUS: Du fängst auch wohl an zu reimen, wie de Carl?
-
- (Carl kommt zurück.)
-
-Mutter PIUS: (zu Carl) Lang macht der auch nicht mehr mit.
-
-Großvater: (nickt beständig zustimmend) Tum, tum, tum, tum.
-
-CARL: Ich würd dem schon ein Stück von meiner gesunden Brust gebn.
-
-Mutter PIUS: (Pause) Sag ens, Carl, wen hast De lieber, mir oder ihm?
-(In der Richtung blickend, die Eduard eingeschlagen hat.)
-
-CARL: (lacht) Du träumst wohl, Großmutter, ich bin noch der Carl in
-Deinem Schoß.
-
-Mutter PIUS: Mir überkömmt es man so.
-
-CARL: Dich?
-
-Großvater: Tum tingelingeling!!
-
-Mutter PIUS: Meinst wohl, de Großmutter war nie wehmutsvoll gewesen?
-
-CARL: Na, was is denn los?
-
-Mutter PIUS: (sitzt eine Weile schweigend, den Kopf herabgesunken auf
-die Brust; die drei Männer verschwinden in der Ferne im Wald.)
-
-AMANDA: (ruft) Wo bist Du denn, Vatter?
-
-Großvater: Ich muß noch bei de Mutter Pius bleiben, sie hat
-Heiratsgedanken.
-
-Mutter PIUS: (auffahrend) Du alter Sünder.
-
-Großvater: Wenn ich en Sünder bin, da hätten wir uns heiraten sollen.
-
-Mutter PIUS: Dir! Du schlapper Bock!
-
-CARL: Haltet Eure Mäuler, ich muß arbeiten.
-
-Großvater: (Holt einen Ausklopfer) Wart man, ich schaff Dich Ruh!
-(Amanda zieht ihren Vater vom Fenster fort. Man hört ihn noch aus dem
-Hause reden, wichtig): Im Examen muß er steigen!
-
- (Carl nimmt Heft und Buch, Tintenfäßchen, Halter aus seiner
- Tasche und beginnt zu blättern; Mutter Pius glättet geschickt die
- Spitzen und schweigt grübelnd.)
-
-CARL: (etwas neckisch) Ich glaub en's, der Großvater hat recht
-gesprochen.
-
-Mutter PIUS: Ich altes Weib?
-
-CARL: (sie neckend) Mit Dein jung Herz!
-
-Mutter PIUS: (sich aufraffend) Temperatur hab'n alle Pius im Leib gehabt
-un Du auch, Carl, siehst De, un de Großmutter weiß das. (Sie holt
-sorgfältig Martas Bild aus ihrer Ledertasche und hält es Carl hin.)
-
-CARL: (fragend verblüfft).
-
-Mutter PIUS: Deine Flamme!
-
-CARL: (tiefrot, zittert, reißt das Bild an sich.)
-
-Mutter PIUS: Du Spitzbub, gib man rasch wieder.
-
- (Carl steckt es in seine Brieftasche. Kleine Pause.)
-
-Mutter PIUS: Sie guckt sich nach Dich die Augen aus. (Kleine Pause.)
-
-CARL: Wer sagt das?
-
-Mutter PIUS: Ich!
-
-CARL: Das is gelogen.
-
-Mutter PIUS: All de Leut sagen es in de Nachbarschaft.
-
-CARL: Weibergeklatsch. (Kleine Pause. Flehentlich erregt) Wer hat Dir
-das gegeben, Großmutter?
-
-Mutter PIUS: Weißt De nich genug, daß Du es auf Deine Haut trägst, Carl?
-
-CARL: (plötzlich glücklich) Großmutter! (Er küßt sie auf den Mund) Du
-bist eine Teufelin!!!
-
-Mutter PIUS: Kriegt de Mutter Pius ens Schimpfe für die Gabe. (Kleine
-Pause.) Du heulst ja!
-
-CARL: (unterdrückt die Erregung) Ich glaub es Dir bald!
-
-Mutter PIUS: Wat zitterst Du denn?
-
-CARL: Ich hab Angst, ich fall im Examen durch. (Plötzlich hart) Ihr
-Weiber stört mich! (Kleine Pause.)
-
-Mutter PIUS: Carl, ich muß Dich was recht Intimes sagen. Keiner darf es
-hören.
-
-CARL: Laß mich zufrieden.
-
-Mutter PIUS: Sprech mit Deine Schwiegermutter.
-
-CARL: Was?
-
-Mutter PIUS: Wenn Dus Examen bestanden hast.
-
-CARL: (grübelnd).
-
-Mutter PIUS: Sie weist Dir nicht ab, glaub es Mutter Pius.
-
-(Kleine Pause,) Du guckst mir an, als wenn ich Dir zum Narren halt.
-
-CARL: (gespannt).
-
-Mutter PIUS: So en wackerer Mann wie Du bist, Carl -- un de feine
-Herrschaften stärken gern man das Treibhausblut mit den natürlichen
-seines.
-
-CARL: (immer gespannt).
-
-Mutter PIUS: Liest De dann nich in de Zeitung öfters, daß de Gräfinnen
-sich mit die Lakais einlassen?
-
-CARL: (naiv) Hinter den Rücken der Mütter?
-
-Mutter PIUS: Die Olschen wissen immer davon. (Listig): Mamma Sonntag
-weiß auch von das viele Leckers un de Cigarretten, was de Marta Dich in
-de Manteltaschen stopft?
-
-CARL: (trotzig) Wer sagt Dir, daß sie es herein stopft?
-
-Mutter PIUS: Das riech ich im Dampf, Carl. Nä, wie ein kleines Gockel
-bist de noch! (Von der Seite kommen August Puderbach und andere Färber
-(mit bunten Händen) durcheinander redend, von der Fabrik zurück; sie
-bleiben vor Pius' Häuschen stehen.)
-
-AUGUST: Se streiken wieder.
-
-Mutter PIUS: (ärgerlich) Und Du?
-
-DIE ARBEITER: (durcheinanderredend) Aufhängen soll man die Krakäler.
-
-CARL: Das sag ich auch.
-
-AUGUST: Sind wir ens einmal eine Ansicht.
-
- (Amanda kommt zurück, rechts vom Hause her; sie hat die letzten
- Worte gehört.)
-
-AMANDA: Gut bist De dem Carl ens doch, August. Den Scheitel trägst De ja
-am Sonntag wie er an der Seit'.
-
-EINER DER ARBEITER: Was hab'n wir von der Streikerei?
-
-AUGUST: Drei un ein halben Taler weniger im Monat. Mich war de
-Arbeitszeit nich zu lang.
-
-Mutter PIUS: Das muß man Dich lassen, ein fleißiger Jung bist De, --
-aber was tust De auch zu Haus bei Dein mukkerigen Vater?
-
-AUGUST: (zu Carl) De Pastoren, die streiken nich, was, Carl? --
-Vielleicht sattle ich noch um.
-
-CARL: Halts Maul!
-
-EIN ANDERER ARBEITER: Was sollen wir machen, Mutter Pius, wir dürfen uns
-so nich zu Haus sehen lassen.
-
-Mutter PIUS: Kümmert Euch doch nicht um Eure Brüders.
-
-EINER DER ARBEITER: Was sollen wir machen gegen so viel
-Sozialdemokraten? Wir sind ja all Sozialdemokraten, aber darum brauchen
-wir doch keine Dummheiten machen.
-
-Mutter PIUS: Nä, wahrhaftig nich.
-
-DERSELBE ARBEITER: Wat rätst De uns Mutter Pius?
-
-AMANDA: Geht man wieder zurück zu Euren Herrn und klatscht ihm die
-Vorgänge.
-
-EIN ANDERER ARBEITER: Nä, verraten tun wir de Brüder nich.
-
-CARL: (herablassend brutal) Schlagt Euern Herrn tot, wie s'es in Rußland
-machen.
-
-DERSELBE ARBEITER: Un dann?
-
-Mutter PIUS: (lachend) Dann wirst Du der Besitzer, August.
-
-EIN ANDERER ARBEITER: Lieber bleiben wir en Arbeiter, als en Herrn
-werden über se Alle.
-
-Mutter PIUS: Ich würd schon mit ihm tauschen. Alte Schafsköppe, wo man
-Euch hintreibt, freßt Ihr!
-
-EINER DER ARBEITER: Recht hat Se man.
-
-EIN ANDERER ARBEITER: Mein Jung soll lieber in unser eigenen Schweiß (er
-zeigt auf die Wupper) versaufen, als en Färber werden.
-
-EINER DER ARBEITER: Kannst Du uns was borgen, Mutter Pius?
-
-EIN ANDERER ARBEITER: Guck ens in Dein Beutel nach ....
-
-Mutter PIUS: Ich hab von Tag nich en Kastemänneken über. De Carl muß
-doch auf de Universität ne ganze Bux am Hintersten hab'n.
-
- (Lieschen läuft, vom Brotaustragen zurückgekehrt, zu August -- er
- und die Arbeiter gehen weiter sich zu beraten etc. Der Großvater
- Wallbrecker kommt keuchend über die Wiese; er ruht sich vor
- der Brücke aus. Er trägt einen Wäschesack auf dem Rücken. Von der
- Gasse hört man Getrampel und Fluchen, eine Schar Arbeiter
- kommt auf Pius' Häuschen zu.)
-
-Mutter PIUS: (Nimmt mit einem Griff Carls Bücher und ihre Spitzen) Komm
-wacker herein, Carl, ich muß mir neutral halten un wenn Bebel selber mir
-um Rat fragen tät. -- (Der Großvater sieht Lieschen, das noch vor dem
-Haus von Pius steht.)
-
-Großvater: Lieschen!
-
-LIESCHEN: (Mit raffiniertem Einverständnis zu Mutter Pius) Soll ich heut
-wieder helfen, Mutter Pius? (Mutter Pius ist aber schon im Haus und hat
-Lieschens Frage nicht gehört. Die Arbeiter verziehen sich, Lieschen geht
-der Gasse zu.)
-
-Großvater: (Ruft; aber Lieschen will scheint's nicht hören; er pfeift
-den Pfiff, der Lieschen ein Signal geworden ist. Nun steht der Großvater
-vor dem Häuschen.)
-
-Großvater: Nä, wie sich das Blag verändert hat! Amanda, mein Puckel
-stürzt ein! (Er geht ins Haus.)
-
-
-
-
- FÜNFTER AKT
-
-
- Eine Art Gartenzimmer in der Villa der Familie Sonntag. Rechts
- führt die Tür zum Flur, von der man die Haustür deutlich sehen
- kann. Links ein breites Fenster, das den Garten spiegelt. Viele
- Schlingpflanzen und andere Blumen schmücken das Zimmer. Nahe dem
- Fenster steht ein lila Ledersofa, worauf Frau Sonntag und Eduard
- sitzen. Frau Sonntag hält zerstreut ein offenes Buch auf der
- Rückseite im Schoß. Marta ist im Begriff, den Flor von Heinrichs
- Bild abzunehmen. Die Familienmitglieder sind in Schwarz
- gekleidet, auch die Dienstboten.
-
-Frau Sonntag, Eduard, Marta, Carl Pius, Dr. von Simon, Auguste, Berta.
-
-MARTA: Immer wieder hängt ihn Auguste um das Bild.
-
-Fr. SONNTAG: Warum nimmst Du ihn ab?
-
-MARTA: Eduard will es ja.
-
-EDUARD: (liebevoll) Ich möchte, liebe Mutter, daß man ihm Lebendigeres
-brächte.
-
-MARTA: (zu Eduard) Wie gefällt Dir dieses junge Grün?
-
-EDUARD: (Nickt dankbar).
-
-Fr. SONNTAG (melancholisch) Ich traure, daß er gelebt hat. (Marta
-schmückt das Bild, setzt sich dann ans Fenster und stickt auf einem
-Rahmen in Seide Kamillen. Ihre Bewegungen sind unruhig, wartend.)
-
-EDUARD: Daß Du nur einen Augenblick an seiner Ehrenhaftigkeit zweifeln
-kannst!
-
-MARTA: Dr. v. Simon sagt aber auch, ein Unschuldiger gehe nicht dem
-Leben durch.
-
-EDUARD: Der Inspektor hat sich kein Urteil über unsern Bruder zu
-erlauben, vor allen Dingen aber vor seines Herrn Schwester nicht.
-
-Fr. SONNTAG: (Winkt Marta zu schweigen. Kleine Pause.)
-
-EDUARD: Soldat war er, wie soll der anders in diesem unaufklärbaren
-Falle handeln!
-
-Fr. SONNTAG: Ich glaubte, diese Zeit hätte er längst vergessen.
-
-EDUARD: Aber Mutter, der Soldat lag ihm im Blut wie in Achill der Sieg.
-
-Fr. SONNTAG: Wie Du ihn zu verherrlichen suchst, Eduard.
-
-MARTA: Schneidig standen ihm die Schnüren und der Galahelm.
-
-EDUARD: (Marta in die Rede fallend) Er hätte Soldat bleiben sollen,
-Mutter, auch nach Papas Tod.
-
-Fr. SONNTAG: Du sagst das so vorwurfsvoll, sollte ich mich vielleicht
-ins Bureau der Fabrik setzen?
-
-EDUARD: Mutter, Du bist nervös.
-
-Fr. SONNTAG: Er hat damals Papa versprechen müssen, die Leitung zu
-übernehmen.
-
-EDUARD: Ich hätte ihm das Versprechen nicht gegeben, wenn ich Heinrich
-gewesen wäre.
-
-Fr. SONNTAG: Du? (erstaunt) Daß ich meine Kinder so wenig kenne .... Es
-hätte sich schon ein Stellvertreter in der Verwandtschaft gefunden.
-
-MARTA: Wenn Ihr Euch jetzt immer so ernst unterhaltet -- es ist schon
-trist genug bei uns im Haus.
-
-Fr. SONNTAG: (melancholisch) Ich bin auch keine Gesellschaft für Dich.
-
-EDUARD: Bald habt Ihr mich los.
-
-Fr. SONNTAG: (Frau Sonntag und Marta sprechen fast zusammen) Ich hoffte,
-Du würdest nun bleiben, Eduard?
-
-MARTA: Bringst Du auch mal einen Mönch mit nach Hause?
-
- (Mutter und Sohn lächeln.)
-
-EDUARD: Wie denkst Du Dir das?
-
-MARTA: Ich möchte mal so jemand ganz Frommes kennen lernen.
-
-Fr. SONNTAG: (wehmütig mokant) Du bist ihr nicht fromm genug.
-
-EDUARD: Kinder und Narren -- (kleine Pause).
-
-MARTA: Mama, kann man eigentlich _rosa_ auf dem Standesamt tragen?
-
-Fr. SONNTAG: (unterbricht Marta erschrocken) Daß Du es übers Herz
-bringen kannst, Eduard.
-
-EDUARD: Wenn Du Gott liebtest, Mutter, würdest Du nicht versuchen, mich
-wankend zu machen.
-
-Fr. SONNTAG: Ich liebe Gott nicht.
-
-EDUARD: Weil Du ihn mit menschlichen Empfindungen suchst.
-
-Fr. SONNTAG: (melancholisch) Ich habe keine andern.
-
-EDUARD: (legt den Arm um sie.) Un doch leidest Du unmenschlich,
-Mütterchen. (Kleine Pause.) Ich möchte Dir, so lange ich noch bei Dir
-bin, Vater und Heinrich ersetzen. -- Warum lächelst Du so fremd?
-
-Fr. SONNTAG: Das wirst Du nie, Kind.
-
-EDUARD: Wenn ich mir nun alle Mühe geben werde?
-
-Fr. SONNTAG: Du _könntest_ es, Gott sei Dank, nicht.
-
-MARTA: Ich habe einmal zwei Mönche im Kölner Dom gesehen. Ihre Köpfe
-waren geschoren, wie bei Verbrechern und barfuß gingen sie später durch
-den Schnee.
-
-MUTTER: (seufzend) Du hältst es nicht ein Jahr im Franziskanerorden aus,
-Eduard.
-
-AUGUSTE: (öffnet behutsam die Tür des Zimmers) Herr Pius ist da un will
-die Frau ganz allein sprechen.
-
-Fr. SONNTAG: (zu Eduard) Er meint Dich gewiß, Eduard.
-
-AUGUSTE: Nä, er sagt ganz ausdrücklich, _die_ Frau.
-
-Fr. SONNTAG: (erhebt sich achselzuckend. Auguste flüstert Marta leise
-ins Ohr.)
-
-AUGUSTE: Ihr Bräutigam is auch wieder da.
-
- (Marta blickt forschend auf Eduard, der aber nichts gehört hat
- und geht leise trällernd aus dem Zimmer. Auguste deckt Eduard mit
- der Gebärde der Frau Sonntag eine Decke über die Füße.)
-
-EDUARD: Bei der Wärme, Auguste?
-
-AUGUSTE: Wenn es Herr Eduard hab'n will, leist ich ihm en bißchen
-Gesellschaft.
-
-EDUARD: (nickt gütig).
-
-AUGUSTE: Ich hör für mein Leben gern von Herrn Jesus erzählen.
-
-EDUARD: (nickt. Auguste nimmt Platz und zieht ihren breiten, blauen
-Strickstrumpf aus der Tasche.)
-
-AUGUSTE: Sie müssen nich immer auf den Heinrich gucken, er kriegt kein
-Frieden.
-
-EDUARD: Und eigentlich war ich doch an der Reihe.
-
-AUGUSTE: Das helft Alles nicks, passen Se auf, Herr Eduard. (Freudig
-verheißend) nach de Trauer folgt de Hochzeit.
-
-EDUARD: (blickt sie fragend an).
-
-AUGUSTE: Euch mein ich doch verdeck nich oder der liebe Herrgott müßt
-sich auch eine Tochter machen.
-
-EDUARD: (lächelt).
-
-AUGUSTE: De Marta mein ich.
-
-BERTA: (tritt mürrisch ins Zimmer, sie bringt auf einem Tablett eine
-Kanne Milch und ein Glas. Zu Auguste). Ihnen alles nachzutragen habe ich
-auch keine Lust mehr. (Sie verläßt das Zimmer.)
-
-AUGUSTE: Das dumme Blag tut ens so zimperlich wie'n Fräulein.
-
-EDUARD: Sie sieht seit einigen Tagen sehr unzufrieden aus.
-
-AUGUSTE: Gekündigt hat se Mamma Sonntag, sie geht nach Schlamerika.
-
-EDUARD: So?
-
-AUGUSTE: Ich glaub, de Mutter Pius hat ihr das aus de Karten prophezeit.
-
-EDUARD: Mutter Pius hält Euch nur zum Besten -- sie ist doch eine kluge
-Frau, dünkt mich?
-
-AUGUSTE: Sie gucken ja immer in den Himmel rein.
-
-EDUARD: Nein, ist sie keine kluge Frau?
-
-AUGUSTE: Wie man's beguckt; aus ihrer Schlauigkeit krauchen die
-Narrheiten.
-
-EDUARD: Das ist mir ganz neu.
-
-AUGUSTE: (Kleine Pause.) Ich könnt Euch alles beichten, Herr Eduard.
-(Sie hebt eine Masche auf, die während ihres Sprechens gefallen ist.)
-
-EDUARD: Tun Sie das, Auguste!
-
-AUGUSTE: Ich habe Mamma Sonntag vorige Woche was vorgelogen.
-
-EDUARD: (ein Lächeln unterdrückend) Was denn, Auguste?
-
-AUGUSTE: Ich hab mich gar nicht verschlafen, im Leichenhaus war ich. Ich
-wollt dem lieben Herrn Heinrich addjüß sagen.
-
-EDUARD: Das hätte Ihnen meine Mutter ja nicht verwehrt, Auguste. (Eine
-Schar Jungens mit Waldbeeren in Kannen klingeln an der Haustür und
-klopfen und surren.)
-
-AUGUSTE: (schließt die Tür) Und was denken Sie, wem seh ich da -- de
-alte Pius! De Augen standen scheel wie beim Geripp un gedreht hat se
-sich (spricht immer tiefer) um de Leichen immer rund um ohne aufzuhören,
-un gesungen hat se dabei (sie singt ganz tief, fast im Baß) O Du lieber
-Augustin Alles is hin, hin, hin.
-
-EDUARD: Was erzählen Sie da, Auguste?
-
-AUGUSTE: Regen Se sich deshalb nich auf. Carl sein Großvater der hat vor
-langer Zeit zu mich gesagt, de Mutter Pius wär das Karussell, wo wir All
-drin sitzen.
-
-Fr. SONNTAG: (Sie kommt entstellt ins Zimmer, sie sieht ganz gelb im
-Gesicht aus. Die Jungens sieht man beim Hereintreten sich vor der
-Haustür drängen. Der größte hält ein Öllämpchen in der Hand.)
-
-AUGUSTE: De Jungens machen mir ganz nervös.
-
- (Ahmt Frau Sonntag nach, erhebt sich gemächlich vom Stuhl und
- geht behutsam aus dem Zimmer.)
-
-DIE JUNGENS: Gitzhals! Gitzhals!
-
-Fr. SONNTAG: Du weißt es wohl schon? (Eduard ist noch immer erregt von
-Augustens Erzählung.)
-
-EDUARD: (Nickt fragend Nein) Du schüttelst Dich, als ob Du über ein
-gedüngertes Land gegangen bist.
-
-Fr. SONNTAG: Du weißt es wirklich nicht, Eduard?
-
-EDUARD: Setz Dich zu mir, armes, armes Mütterchen. (Pause.)
-
-Fr. SONNTAG: Pius war doch hier.
-
-EDUARD: Ach ja, was wollte er?
-
-Fr. SONNTAG: (tonlos) Marta. (Kleine Pause.)
-
-EDUARD: Ich hätte mich mehr erschrocken, wenn es der Inspektor gewesen
-wäre.
-
-Fr. SONNTAG: (verlegen) Du hättest ihn sehen müssen den schüchternen
-Jungen -- impertinent wurde er, sage ich Dir, Eduard. Er trinkt
-überdies.
-
-EDUARD: (Kleine Pause.) Ich bildete mir ein, er hätte uns so oft
-meinetwegen besucht. (Kleine Pause.) Ich bin Egoist geworden während
-meiner Krankheit.
-
-Fr. SONNTAG: Aber Eduard, er konnte sich doch glücklich schätzen, Dich
-besuchen zu dürfen.
-
-EDUARD: Wie trivial faßt Du unsere Freundschaft auf, Mutter. (Die Jungen
-werden so laut, daß man sie im geschlossenen Zimmer hört.)
-
-Fr. SONNTAG: (sehr verlegen) Auguste soll die Kinder draußen
-fortschicken. (Sie klingelt.)
-
-EDUARD: Eine junge, eherne Apostelgestalt ist Carl Pius in Versuchung.
-
-Fr. SONNTAG: Du bist ein Fanatiker.
-
-EDUARD: Und doch lehrt Krankheit weise Melodien. (Kleine Pause.) Was
-sagtest Du ihm?
-
-Fr. SONNTAG: Ich erinnerte ihn zuerst an seine Jugend.
-
-EDUARD: Und?
-
-Fr. SONNTAG: (sich erdenkend) Daß Marta dann schon ein altes Mädchen
-sein würde -- aber als er impertinent wurde -- wies ich ihm die Tür.
-
-EDUARD: (Senkt den Kopf.)
-
-AUGUSTE: (Tritt behutsam ins Zimmer, ihre roten Backen glänzen, sie läßt
-die Zimmertür halb offen stehen.) Wie zwei Turteltauben die beiden im
-Garten .... (Frau Sonntag verlegen.)
-
-EDUARD: Das wäre allerdings eine Impertinenz ....
-
- (Die Jungens betteln unaufhörlich.)
-
-AUGUSTE: Wir wollen de Jungens en Liter Waldbeeren abkaufen, dann hab'n
-se Ruh. (Sie nimmt aus Frau Sonntags Portemonnaie im Schlüsselkorb, ohne
-Antwort abzuwarten, Geld. Marta und der Inspektor werden sichtbar im
-Garten. Eduard wendet den Kopf zum Fenster hin. Frau Sonntag rafft sich
-auf.)
-
-Fr. SONNTAG: (gepreßt) Sie sollten es Dir selbst sagen, Eduard.
-
-EDUARD: (Kleine Pause.) Schamloser konntest Du Deinen Sohn Heinrich
-nicht verraten. (Kleine Pause.) Mein armer Bruder, ein flüchtender
-Soldat, ging er verzweifelt in den Tod .....
-
-Fr. SONNTAG: Damit gibst Du ja seine Schuld zu.
-
-EDUARD: Es steht Dir nicht, Mutter, mich meuchlings überführen zu
-wollen.
-
-Fr. SONNTAG: Ich verstehe nicht, was Du eigentlich gegen Dr. v. Simon
-hast.
-
-EDUARD: Dasselbe, was Du gegen ihn hast, Mutter, darum wagtest Du auch
-nicht, mir von der Katastrophe _selbst_ Mitteilung zu machen.
-
-Fr. SONNTAG: (etwas finster) Ich fürchte mich vor meinen Kindern nicht,
-selbst vor Dir nicht, Eduard.
-
-EDUARD: (Kleine Pause.) Erinnere Dich doch, welchen Verdacht Du gestern
-noch gegen ihn aussprachst.
-
-Fr. SONNTAG: (hochmütig) Ich hab ihn mir eigentlich erst heute morgen
-angesehen.
-
-EDUARD: (spöttisch) Schwärmst etwa _auch nun_ für seine schmachtenden
-Wimpern?
-
-Fr. SONNTAG: (aufweinend) Ich fühle, Eduard, ich war zu selbstlos zu
-Dir.
-
-EDUARD: Mutter, teure Mutter, aus welchem Grunde willst Du Martas
-Mädchenseele preisgeben?
-
-Fr. SONNTAG: Daß Heinrich in der letzten Zeit auf ihn erbost war, hat
-tiefere Gründe.
-
-EDUARD: Aber wir haben doch Augen und Ohren, Mutter.
-
-Fr. SONNTAG: (gezwungen) Ich wünschte sogar, wir hätten Herrn Dr. v.
-Simon veranlaßt, zeitiger in unserem Hause zu verkehren.
-
-EDUARD: Du weichst noch immer meiner Frage aus, Mutter?
-
-Fr. SONNTAG: Um Dir Einblick in die geschäftlichen Dinge zu geben, warst
-Du damals zu jung, Eduard.
-
-EDUARD: Wir lebten doch luxuriöser als heute, Papa gab eine Festlichkeit
-nach der andern.
-
-Fr. SONNTAG: Das war es ja eben. Heinrich hat oft genug sein
-Schweineglück, wie er sich ausdrückte, gepriesen, einen Mann wie Dr. v.
-Simon gefunden zu haben. (Kleine Pause.) Wir können uns glücklich
-schätzen, daß er Marta nimmt.
-
-EDUARD: Der Mann bringt wahrhaftig kein Opfer.
-
- (Auguste öffnet zögernd die Zimmertür, sie hält einen großen
- Rosenstrauß in der Hand, zwischen den Blättern liegt eine Karte.
- Sie versucht sich mit Frau Sonntag schweigend zu verständigen.)
-
-Fr. SONNTAG: Nicht wahr, Auguste, Herr Dr. v. Simon ist doch der
-richtige Mann für das Fräulein? (Auguste schlägt erstaunt die Augen auf
-und dann mit zufriedenem Lächeln.)
-
-AUGUSTE: Von das Fräulein Oberbürgermeister ....
-
- (Sie stellt den Strauß zärtlich in eine Vase.)
-
-EDUARD: (spöttisch) Du fragst doch sonst Deine Dienstboten nicht.
-
-Fr. SONNTAG: Sie können gehen.
-
-AUGUSTE: (greift in die Schürzentasche) Un das soll ich die Madame von
-dem längsten Bengel draußen geben un er wünscht ein langes Leben.
-
-Fr. SONNTAG: (Nimmt das Couvert gedankenlos hin, spielt damit, legt es
-dann schließlich auf den Tisch.)
-
-AUGUSTE: (zu Eduard) Ich glaub, dem Liesken sein Bruder war's, der Kerl
-mit der langen Nas und de grüngemalten Hände. Seine Bux hat er
-aufgekrempelt bis über de Knie. (Auguste bleibt bei der halbgeöffneten
-Zimmertür unbemerkt stehen.)
-
-EDUARD: (nimmt das Gespräch wieder auf) Das ist alles noch kein Grund,
-seine Tochter zu verkaufen.
-
-Fr. SONNTAG: Soll Marta vielleicht Ladenmädchen werden?
-
-EDUARD: (primanerhaft) Lieber als im buhlerischen Bett liegen.
-
-Fr. SONNTAG: Du übertreibst, Eduard, ich bitte Dich, schlafe eine Nacht
-darüber.
-
-EDUARD: (mit biblischer Wucht) Ich sage Dir, Weib, beflecke unser Haus
-nicht.
-
- (Mutter bricht weinend zusammen.)
-
-Fr. SONNTAG: (leise) Du bist impertinent wie Carl Pius.
-
-AUGUSTE: (behutsam durch die Tür wieder eintretend, glotzäugig,
-gutmütig, lügend) Überall schellt es --
-
-EDUARD: Die kommt Dir immer wie gerufen.
-
-AUGUSTE: Ich kann de Mama Sonntag nicht heulen sehen. (Tritt gutherzig
-näher zu ihr hin.) Ma'mm Sonntag ....
-
-EDUARD: (kämpft mit sich. Marta kommt temperamentvoll ins Zimmer, v.
-Simon verharrt unsicher, als er Eduard erblickt, vor der halboffenen
-Zimmertür.)
-
-Fr. SONNTAG: Marta, laß uns noch einen Augenblick allein. (Marta
-gehorcht schmollend, im nächsten Augenblick ihren Bräutigam graziös
-anlächelnd, verschwindet sie mit ihm wieder.)
-
-EDUARD: (zärtlich aber fest) Hast Du mir noch etwas zu sagen?
-
-AUGUSTE: (zu Frau Sonntag) Gucken Sie ihm an, Ma'mm Sonntag, er hat en
-Heiligenschein um de Locken.
-
-Fr. SONNTAG: (nickt unendlich traurig.)
-
-AUGUSTE: Er paßt gar nicht in de sündige Welt.
-
-Fr. SONNTAG: (ernst zustimmend.)
-
-AUGUSTE: (zeigt auf die Haustür) Da steht verdeck noch der große Lümmel
-von Puderbachs vor de Haustür un lauert.
-
-EDUARD: Ist das Lieschen bei ihm?
-
-Fr. SONNTAG: Aber Eduard ......
-
-AUGUSTE: Lassen Se das arme Blag man lieber links liegen, sonst kommen
-Se auch wie de Heinrich im falsches Verdacht.
-
-EDUARD: (erschöpft, er hustet stärker).
-
-AUGUSTE: (harmlos) Er hat mir selber öfters gefragt, ob Herr Eduard das
-Lieschen poussierte.
-
-EDUARD: (entgeistert, kleine Pause) Mutter, hast Du das gewußt?
-
-Fr. SONNTAG: (mitleidsvoll) Ich kenne Dich doch, Eduard. --
-
-EDUARD: (schreitet fremd und einsam aus dem Zimmer wie _über einen Berg
-herüber_. Frau Sonntag sieht ihm melancholisch nach; nimmt das Couvert
-zerstreut vom Tisch und tritt ans Fenster, vor das die Verlobten treten;
-Marta blickt erstaunt den Zaun des Gartens entlang.)
-
-MARTA: Denk mal, Mama -- (Frau S. hört kaum hin) eben ging Berta aus dem
-Haus am Zaun vorbei in _meinem_ Jackett und Hut und _ihre_ Sachen hängen
-an meinem Haken am Ständer.
-
-v. SIMON: Darf ich der verehrten Mama die Hand küssen? (Berührt die ihm
-zaudernd dargereichte Hand.)
-
-Fr. SONNTAG: (verlegen) Ich kann mich noch garnicht an den Gedanken
-gewöhnen.
-
-AUGUSTE: (wartet am äußeren Ende des Zimmers. Die Situation ist ihr
-unbegreiflich. Sie geht heraus.)
-
-MARTA: (schmollt. Sie nimmt eine Kamille aus ihrem Gürtel und befestigt
-sie über dem Herzen v. Simons.)
-
-v. SIMON: Du wirst mich ausputzen wie einen Geck, Kätzchen.
-
-Fr. SONNTAG: (öffnet apathisch das Couvert, sie nimmt Martas nackte
-Photographie hervor -- erschrickt heftig -- begreift nicht, betrachtet
-sie von allen Seiten. Sie ruft Marta ans Fenster zu sich und hält ihr
-die Kehrseite des Bildes vor Augen.)
-
-Fr. SONNTAG: Marta, kennst Du die Handschrift?
-
-MARTA: (übermütig) Das ist Pius seine dicke Tatze.
-
-AUGUSTE: (kommt geheimnisvoll ins Zimmer) Herr Eduard sitzt in seine
-Stub und beguckt sich im Spiegel.
-
-MARTA: Den hat er doch beklebt, daß er nicht eitel werde. (Frau Sonntag
-schließt das Bild in ihren Sekretär ein.)
-
-v. SIMON: (leise zu Marta) Für Dich wird es auch die höchste Zeit, hier
-herauszukommen, Kätzchen.
-
-Fr. SONNTAG: (apathisch, dann aufleuchtend zu sich redend, aber den Kopf
-zu den Beiden zum Fenster hin gewandt) Ich werde ihm eine Herzensfreude
-machen.
-
-MARTA: (etwas schnippisch) Du willst wohl mit ihm ins Kloster gehen,
-Mama? (Auguste geht mit der Gebärde, die ausdrückt um Himmelswillen
-nicht, fürsorglich hinter Frau Sonntag aus der Türe. Die Verlobten
-verschwinden im Garten.)
-
-
- II. SCENE.
-
- (Im selben Arbeiterviertel wie im ersten Aufzug.)
-
-Pendelfrederech, Lange Anna, Amadeus, Eduard, Carl, August Puderbach,
-Großvater Wallbrecker.
-
-AMADEUS: Klopfen Se man tüchtig, de alte Pius schläft doch nich in de
-Nacht, die hat mit em Satan zu konferieren.
-
-Lange ANNA: Un oben beim Wallbrecker sin de Fensterlöcher verstopft.
-
-PENDELFREDERECH: (stößt Eduard stier an) Ich hab 'ne trockene Kehl',
-Herr.
-
-Lange ANNA: Du toter Maulwurf, was weißt Du von em Durscht!
-
-PENDELFREDERECH: (zu Eduard) Wir sin ja beide auf de Himmelfahrtreis.
-(Er murmelt grausig. Eduard gibt ihm ein Geldstück.)
-
-Lange ANNA: (betrachtet es höhnisch) Davon brauchst De mich nicks
-mitgeben, Frederech!
-
-PENDELFREDERECH: Altes Ferkel!
-
-AMADEUS: Wenn Sie de Carl sprechen wollen, Herr, der is im Wirtshaus un
-säuft 'en Fusel nach dem andern (Eduard bewegt) un de Aujust sitzt bei
-ihm un frißt Zucker aus seine Tasch und säuft mit ihm in Kömpanni.
-
-EDUARD: (bewegt sich in der Richtung zum Wirtshaus.)
-
-AMADEUS: (instinktiv) Ich will ihm herausholen, bleiben Sie man lieber
-hier.
-
-PENDELFREDERECH: Hausknecht!
-
-EDUARD: (hält Amadeus zurück).
-
-Lange ANNA: (kreischt plötzlich auf, ähnlich wie am Abend, als Carl Pius
-seinen Arm verrenkte).
-
-AMADEUS: Was is Dich, Lange Anna?
-
-Lange ANNA: (Wimmert wie ein Weib).
-
-PENDELFREDERECH: (murmelt böse).
-
-AMADEUS: Wie 'n Schellenzug von de Großmutter bammelt Dein Ärmel am Leib
-herunter.
-
-Lange ANNA: (quietscht leise Frederech ins Ohr).
-
-PENDELFREDERECH: Altes Ferkel!
-
-AMADEUS: (zur langen Anna) Du hast es auch ein bißchen zu weit
-getrieben.
-
-Lange ANNA: Ich?
-
-AMADEUS: Ja, das hast De; seit de Zeit hockt er im Fusel drin.
-
-Lange ANNA: Hihihihi!
-
-AMADEUS: Dat tut mich leid, leid tut mich das, er säuft ja sonst nicks.
-(Lieschens Vater kommt nach Hause, durch die kleine Seitengasse vom
-inneren Viertel her, man sieht ihn also nicht, hört nur, wie er mit der
-Faust krachend die Haustür aufstößt.)
-
-AMADEUS: Ich merk das Poltern da. (Faßt auf sein Herz.)
-
-PENDELFREDERECH: (murmelt böse) Aus de Bibelstunde kömmt er.
-
-Lange ANNA: (stößt Eduard an die Schulter und quietscht höhnisch auf)
-Das war der Vater von es ....
-
-PENDELFREDERECH: (murmelt grausig).
-
-AMADEUS: Geheult hat es, als es in die Zwangserziehungsanstalt geholt
-wurd wie en Madame ihr Schoßpudel auf dem Weg zum Schlachthaus.
-
-EDUARD: (bewegt).
-
-Lange ANNA: Da werden se es man tüchtig durchbleuen für seine
-Liebhabereien. (Kleine Pause.) Mich hätt' Ihr Bruder lieber nehmen
-sollen.
-
-PENDELFREDERECH: Dir altes Ferkel? (Eduard bewegt.) Die Kleine versteht
-es feiner wie Du. Im Nachthemd spaziert es grad unterm Mond über die
-Dächer. Ich lag selber auf de Lauer und schnappte nach dem Glühwürmken.
-
-AMADEUS: (zu Eduard, wehmütig) Einmal hab ich es ja auch gesehen.
-
-Lange ANNA: Auf mir hat es in de Herrgottsfrüh nach der Oper (zeigt auf
-seinen Arm) unten an de Wupper gelegen.
-
-AMADEUS: Ich war dem netten Dier gut.
-
-Lange ANNA: (zeigt auf seinen Arm) Ich soll man niks de Polizisten
-erzählen von de Carl, es wär sein Schatz. Hihihihi!
-
-PENDELFREDERECH: Verlogenes Ferkel, verkrochen hast De Dir vor Carl
-seine fette Faust.
-
-Lange ANNA: Du lauerst wohl aus Dein Deckel?
-
- (Carl und August kommen schwankend Arm in Arm aus dem Wirtshaus.
- Carl sieht grenzenlos verändert aus. Seine alte Primanermütze
- trägt August umgedreht auf einen Stock gespießt. Die drei
- Herumtreiber lachen, Carl erblickt Eduard.)
-
-CARL: Nen Abend, Eduard, wie geht es mein Schatz Marzebillken? Se will
-mich doch heiraten. Ijo, ijo! (zu sich selbst sprechend im Ton seiner
-Großmutter) Carl, hast De Deine Großmutter lieb? (Kleine Pause. Im
-seligtrunkenen Ton) Ich hab Dich ja so lieb, Eduard.
-
-AUGUST: (neidisch; er schwankt ebenfalls) Laß doch den Hungerleider
-stehn, Carl, er soll sich das Haar schneiden lassen.
-
-AMADEUS: (zu August) Zeig meine beiden Kollegen molz de heilige Eva aus
-Deine Brieftäsch, Aujust. (Die Brieftasche hängt August aus der
-Hosentasche.)
-
-EDUARD: Das ist Pius' Brieftasche. (Es beginnt ein Wehen in der Luft.)
-
-AMADEUS: Ein Spruch aus lateinlich steht auf der Hinterseit'.
-
-EDUARD: (Er umfaßt Carl hinterrücks) Helfen Sie mir doch, Amadeus.
-
-AMADEUS: Ich kann ihm nich untergreifen, mein gläsern Herz bricht in
-Splittern. (Wehleidig) En Sprung hat es schon.
-
-Lange ANNA: Nehmt mir in de Mitte, versoffne Brüders. (Er stößt Eduard
-zurück, der taumelnd an Frederechs Brust fällt. Lange Anna drängt sich
-zwischen Carl und August.)
-
-PENDELFREDERECH: Sin wir beide Todenvögels vereint.
-
- (Carl, Lange Anna, August wanken über die Brücke von dort weiter.
- Der Nachtwind klagt wie ein Kind, Eduard fröstelt. Noch einmal
- klopft er leise an die Haustür von Pius' Häuschen. Der Großvater
- öffnet sein Fensterchen und kräht.)
-
-Gr. WALLBRECKER: Will se schon vertreiben de Nachtgespenster. (Er gießt
-eine Emaillekanne voll Wasser herunter.)
-
-PENDELFREDERECH: (murmelt böse) Ich leg mir schlafen unterm Busch.
-(Eduard tritt mit gesenktem Kopf den Heimweg an.)
-
- Ende
-
-
-
-
-
-
-
- Zur Kenntnis: Das Original dieses Schauspiels ist _en
- Wopperdhalerplatt_ geschrieben worden.
-
-
-
-
-
-
-
-Druckfehlerberichtigung:
-
-Seite 31, Zeile 10 von oben lies statt:
-
-Sie liebt mir -- Sie liebt _mich_. »Im Ton der Arbeiter« muß wegfallen.
-
-
-
-
-
-
-
-Von ELSE LASKER-SCHÜLER erschienen bisher:
-
- STYX. Gedichte.
- DER SIEBENTE TAG. Gedichte.
- DAS PETER HILLE-BUCH.
- DIE NÄCHTE TINO VON BAGDADS.
-
-
-
-
-Anmerkungen zur Transkription
-
-
-Hervorhebungen wurden mit _Unterstrichen_ gekennzeichnet.
-
-Die Schreibweise und Zeichensetzung des Originales wurden weitgehend
-beibehalten. Nur offensichtliche Fehler wurden korrigiert wie hier
-aufgeführt (vorher/nachher):
-
- [S. 12]:
- ... (Sie schreiten ihrem kleinem Häuschen zu, im ...
- ... (Sie schreiten ihrem kleinen Häuschen zu, im ...
-
- [S. 25]:
- ... Mutter PIUS: (Läßt Berta ein bischen zappeln) Das ...
- ... Mutter PIUS: (Läßt Berta ein bißchen zappeln) Das ...
-
- [S. 27]:
- ... daß Liesken von Puderbach hat de Windpocken. ...
- ... das Liesken von Puderbach hat de Windpocken. ...
-
- [S. 31]:
- ... HEINRICH: Schad, daß Pius Grossmutter nicht ...
- ... HEINRICH: Schad, daß Pius Großmutter nicht ...
-
- [S. 41]:
- ... MARTA: Warum wollen sie dann strafen? ...
- ... MARTA: Warum wollen Sie dann strafen? ...
-
- [S. 47]: (mehrfache Fälle)
- ... Eisenstangen, die das Dach des Karussels halten, ...
- ... Eisenstangen, die das Dach des Karussells halten, ...
-
- [S. 48]:
- ... Um Lieschen Hals hängt ein großes Pfefferkuchenherz ...
- ... Um Lieschens Hals hängt ein großes Pfefferkuchenherz ...
-
- [S. 51]:
- ... Menschen zusammen, fast alle fahrenden springen ...
- ... Menschen zusammen, fast alle Fahrenden springen ...
-
- [S. 58]:
- ... Ohr) Mach man das de wegkommst, de kleine ...
- ... Ohr) Mach man daß de wegkommst, de kleine ...
-
- [S. 60]:
- ... löst die Kette von v. Simons Hände.) ...
- ... löst die Kette von v. Simons Händen.) ...
-
- [S. 68]:
- ... kehrt mit Kaffekanne, Tassen, Butterbrot etc. ...
- ... kehrt mit Kaffeekanne, Tassen, Butterbrot etc. ...
-
- [S. 71]:
- ... Lärm. Ein haufen Kinder sammelt sich lauschend ...
- ... Lärm. Ein Haufen Kinder sammelt sich lauschend ...
-
- [S. 86]:
- ... Dass Du es übers Herz bringen kannst, Eduard. ...
- ... Daß Du es übers Herz bringen kannst, Eduard. ...
-
- [S. 88]:
- ... die Füsse.) ...
- ... die Füße.) ...
-
- [S. 90]:
- ... AUGUSTE: (schliesst die Tür) Und was denken ...
- ... AUGUSTE: (schließt die Tür) Und was denken ...
-
- [S. 90]:
- ... drängen. Der grösste hält ein Öllämpchen in ...
- ... drängen. Der größte hält ein Öllämpchen in ...
-
- [S. 94]:
- ... das soll ich die Madame von dem längsten ...
- ... soll ich die Madame von dem längsten ...
-
-
-
-
-
-
-End of the Project Gutenberg EBook of Die Wupper, by Else Lasker-Schüler
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE WUPPER ***
-
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-Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
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-Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
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-exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations
-from people in all walks of life.
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-Volunteers and financial support to provide volunteers with the
-assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
-goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
-remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
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-generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary
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-Sections 3 and 4 and the Foundation information page at
-www.gutenberg.org Section 3. Information about the Project Gutenberg
-Literary Archive Foundation
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-The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
-501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
-state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
-Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
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-The Foundation's principal office is in Fairbanks, Alaska, with the
-mailing address: PO Box 750175, Fairbanks, AK 99775, but its
-volunteers and employees are scattered throughout numerous
-locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt
-Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to
-date contact information can be found at the Foundation's web site and
-official page at www.gutenberg.org/contact
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-For additional contact information:
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- Chief Executive and Director
- gbnewby@pglaf.org
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-Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
-Literary Archive Foundation
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-Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
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-increasing the number of public domain and licensed works that can be
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-methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
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-Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic works.
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-Professor Michael S. Hart was the originator of the Project
-Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be
-freely shared with anyone. For forty years, he produced and
-distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of
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