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-The Project Gutenberg EBook of Die Majoratsherren, by Achim von Arnim
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
-other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
-the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
-www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have
-to check the laws of the country where you are located before using this ebook.
-
-Title: Die Majoratsherren
-
-Author: Achim von Arnim
-
-Illustrator: Alfred Kubin
-
-Release Date: January 3, 2016 [EBook #50833]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: ISO-8859-1
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-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE MAJORATSHERREN ***
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-Produced by Jens Sadowski
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- Achim von Arnim
- Die Majoratsherren
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- Achim von Arnim
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- Die Majoratsherren
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- Mit 24 Federzeichnungen
- von
- Alfred Kubin
-
- Avalun-Verlag · Wien und Leipzig
-
- Alle Rechte vorbehalten
-
-Wir durchblätterten eben einen ältern Kalender, dessen Kupferstiche
-manche Torheiten seiner Zeit abspiegeln. Liegt sie doch jetzt schon wie
-eine Fabelwelt hinter uns! Wie reich erfüllt war damals die Welt, ehe
-die allgemeine Revolution, welche von Frankreich den Namen erhielt, alle
-Formen zusammenstürzte; wie gleichförmig arm ist sie geworden!
-Jahrhunderte scheinen seit jener Zeit vergangen, und nur mit Mühe
-erinnern wir uns, daß unsere früheren Jahre ihr zugehörten. Aus der
-Tiefe dieser Seltsamkeiten, die uns Chodowieckis Meisterhand bewahrt
-hat, läßt sich die damalige Höhe geistiger Klarheit erraten; diese
-ermißt sich sogar am leichtesten an den Schattenbildern derer, die ihr
-im Wege standen, und die sie riesenhaft über die Erde hingezeichnet hat.
-Welche Gliederung und Abstufung, die sich nicht bloß im Äußern der
-Gesellschaft zeigte! Jeder einzelne war wieder auch in seinem Ansehn, in
-seiner Kleidung eine eigene Welt, jeder richtete sich gleichsam für die
-Ewigkeit auf dieser Erde ein, und wie für alle gesorgt war, so
-befriedigten auch Geisterbeschwörer und Geisterseher, geheime
-Gesellschaften und geheimnisvolle Abenteurer, Wundärzte und prophetische
-Kranke die tiefgeheime Sehnsucht des Herzens, aus der verschlossenen
-Brusthöhle hinausblicken zu können. Beachten wir den Reichtum dieser
-Erscheinungen, so drängt sich die Vermutung auf, als ob jenes
-Menschengeschlecht sich zu voreilig einer höheren Welt genahet habe und,
-geblendet vom Glanze der halbentschleierten, zur dämmernden Zukunft in
-frevelnder Selbstvernichtung fortgedrängt, durch die Notdurft an die
-Gegenwart der Erde gebunden werden mußte, die aller Kraft bedarf und uns
-in ruhiger Folge jede Anstrengung belohnt.
-
-Mit wie vielen Jahrhunderten war jene Zeit durch Stiftungen aller Art
-verbunden, die alle ernst und wichtig gegen jede Änderung geschützt
-wurden! So stand in der großen Stadt ... das Majoratshaus der Herren von
-..., obgleich seit dreißig Jahren unbewohnt, doch nach dem Inhalte der
-Stiftung mit Möbeln und Gerät so vollständig erhalten, zu niemands
-Gebrauch und zu jedermanns Anschauen, daß es, trotz seiner
-Altertümlichkeit, noch immer für eine besondere Merkwürdigkeit der Stadt
-gelten konnte. Da wurde jährlich, der Stiftung gemäß, eine bestimmte
-Summe zur Vermehrung des Silbergeschirrs, des Tischzeugs, der Gemälde,
-kurz zu allem dem verwendet, was in der Einrichtung eines Hauses auf
-Dauer Anspruch machen kann, und vor allem hatte sich ein Reichtum der
-kostbarsten, ältesten Weine in den Kellern gesammelt. Der Majoratsherr
-lebte mit seiner Mutter in der Fremde und brauchte bei dem übrigen
-Umfange seiner Einnahme nicht zu vermissen, was er in diesem Hause
-unbenutzt ließ. Der Haushofmeister zog der Stiftung gemäß alle Uhren auf
-und fütterte eine bestimmte Zahl von Katzen, welche die nagenden Mäuse
-wegfangen sollten, und teilte jeden Sonnabend eine gewisse Zahl von
-Pfennigen an die Armen im Hofe aus. Leicht hätten sich unter diesen
-Armen, wenn sie sich dessen nicht geschämt hätten, die Verwandten dieses
-Hauses einfinden können, dessen jüngere Linien bei der Bildung des
-großen Majorats völlig vergessen worden waren. Überhaupt schien das
-Majorat wenig Segen zu bringen, denn die reichen Besitzer waren selten
-ihres Reichtums froh geworden, während die Nichtbesitzer mit Neid zu
-ihnen aufblickten.
-
-So ging täglich vor dem Majoratsgebäude zu bestimmter Stunde ein Vetter
-des jetzigen Besitzers, ihm durch dreißig Jahre überlegen, aber an
-Vermögen ihm sehr untergeordnet, mit ernsten Schritten vorbei und
-schüttelte den Kopf und nahm eine Prise Tabak. Niemand war vielleicht so
-bekannt bei alt und jung in der ganzen Stadt, wie dieser alte, rotnasige
-Herr, der gleich dem eisernen Ritter an der Rathausuhr durch sein
-Heraustreten, noch ehe die Glocke angeschlagen, den Knaben zur
-Erinnerung der Schulstunde diente, den älteren Bürgern aber als
-wandernde Probeuhr, um ihre hölzernen Kuckucksuhren darnach zu stellen.
-Er trug bei den verschiedenartigen Klassen von Leuten verschiedene
-Namen. Bei den Vornehmen hieß er der Vetter, weil seine Verwandtschaft
-mit den ersten Familien des Reiches unleugbar und er diese einzige, ihm
-übrig gebliebene Ehre auch gern mit dieser Anrede geltend machte. Unter
-den gemeinen Leuten hieß er nur der Leutnant, weil er diese Stelle in
-seinen jungen Jahren bekleidet hatte, sowie sie ihn noch jetzt bekleiden
-mußte. Es schien ihm nämlich völlig unbekannt, daß der Kleiderschnitt
-sich in den dreißig Jahren, die seitdem verflossen, gar sehr verändert
-hatte. Etwas stärker mochte das Tuch damals wohl noch gearbeitet werden,
-das zeigten jetzt die mächtigen, wohlgedrehten Fäden, nachdem die Wolle
-abgetragen war. Der rote Kragen war schon mehr verdorben und gleichsam
-lackiert; die Knöpfe aber hatten die Kupferröte seiner Nase angenommen.
-Gleiche Farbe zeigte auch der fuchsrote, dreieckige Militärhut mit der
-wollenen Feder. Das Bedenklichste des ganzen Anzuges war aber das
-Portepee, weil es nur mit einem Faden am Schwerte, wie das Schwert über
-dem Haupte des Tyrannen am Haare, hing. Das Schwert hatte leider das
-Unglück des armen Teufels gemacht und den Lebensfaden eines vom Hofe
-begünstigten Nebenbuhlers in den Bewerbungen bei einer Hofdame
-durchschnitten; und diese unglückliche Ehrensache, bei welcher ihm doch
-niemand mehr Schuld als seinem Gegner zumessen konnte, hatte seine
-militärische Laufbahn versperrt. Wie er sich seitdem durch die Welt
-fortgeholfen, war freilich seltsam, aber es war ihm doch gelungen. Er
-hatte eine höchst vollständige Wappensammlung mit unablässig dreistem
-Fordern und unermüdlichem Briefschreiben zusammengebracht, verstand
-diese in verschiedenen Massen nachzuformen, auch abzumalen, wo jenes
-nicht gelang, sauber aufzukleben, und verkaufte diese Sammlungen durch
-Vermittlung eines Buchhändlers zu hohen Preisen, sowohl zum Bedürfnisse
-der Erwachsenen als der Kinder eingerichtet. Nebenher war es eine
-Liebhaberei von ihm, Truthähne und anderes Federvieh zu mästen und
-Raubtauben über die Stadt auszusenden, die immer mit einigen
-Überfliegenden in die geheime Öffnung seines Daches heimkehrten. Diesen
-Handel besorgte ihm seine Aufwärterin Ursula, eine treue Seele; ihm
-durfte niemand von diesem Handel sprechen, ohne sich Händel zuzuziehen.
-Von dem Erworbenen hatte er sich ein elendes, finsteres Haus im
-schlechtesten Teile der Stadt, neben der Judengasse, und vielerlei alten
-Kram gekauft, womit die Auktionen seine Zimmer geschmückt hatten, die er
-dabei in einer Ordnung erhielt und in einer Einsamkeit, daß niemand
-wußte, wie es eigentlich darin aussehe. Übrigens war er ein fleißiger
-Kirchengänger und setzte sich da einer Wand gegenüber, die mit alten
-Wappen von Erbbegräbnissen geschmückt war, machte aber übrigens alles
-mit wie andere Menschen, welche in die Kirche zum Zuhören gehen. Nach
-der Kirche aber pflegte er jedesmal bei der alten Hofdame anzutreten,
-vor deren Tür er an anderen Tagen mit einer Prise Schneeberger
-Schnupftabak, auf die er wohl funfzig Male niesen mußte, den
-geckenhaften schöntuenden Hahnentritt und Stutzerlauf sich vertrieb, der
-ihn in das Haus hineinzutreiben drohte, während ihm dabei der Degen, den
-er nach alter Art durch die Rocktasche gesteckt hatte, zwischen die
-Beine schlenkerte. Diese alte, hochauf frisierte, schneeweiß
-eingepuderte, feurig geschminkte, mit Schönpflästerchen beklebte Hofdame
-übte auch nach jenem unglücklichen Zweikampfe seit dreißig Jahren
-dieselbe zärtliche Gewalt über ihn aus, ohne daß sie ihm je ein
-entscheidendes Zeichen der Erwiderung gegeben hatte. Er besang sie fast
-täglich in allerlei erdichteten Verhältnissen, in kernhaften Reimen,
-wagte es aber nie, ihr diese Ergießungen seiner Muse vorzulegen, weil er
-vor ihrem Geist besondere Furcht hegte. Ihren großen, schwarzen Pudel
-Sonntags in ihrer Nähe unter hergebrachten Fragen zu kämmen, war der
-ganze Gewinn des heiß erflehten Sonntags; aber ihr Dank dafür, dies
-angenehme Lächeln, war auch ein reicher Lohn, -- wer ihn nur zu schätzen
-wußte. Andern Leuten schien dies starre, in weiß und rot mit blauen
-Adern gemalte Antlitz, das am Fenster unbeweglich auf eine Filetarbeit
-oder in den Spiegel der nahen Toilette blickte, eher wie ein seltsames
-Wirtsschild. Sie lebte übrigens sehr anständig von den Pensionen zweier
-Prinzessinnen, die sie bedient und überlebt hatte, und die Besuche von
-Hofleuten und Diplomaten an ihrer silbernen Toilette, während welcher
-sie vielerlei Brühen zur Erhaltung ihrer Schönheit zu genießen pflegte,
-waren zu einer herkömmlichen Feierlichkeit geworden und zugleich zu
-einer Gelegenheit, die Neuigkeiten des Tages auszutauschen.
-
-Es geschah aber an einem Frühlingssonntage, daß die Hofdame durch ein
-Zusammenlaufen der Leute in der Straße auf eine außerordentliche
-Neuigkeit aufmerksam gemacht wurde. Diese Außerordentlichkeit war aber
-diesmal der Leutnant, oder vielmehr sein vom Frühling verjüngtes Laub.
-Ein neuer, moderner Hut mit einer Feder statt der Wolle, ein glänzendes
-Degengehenk, eine neue Uniform mit geschmälerten Rockschößen, verkürzten
-Taschen an der Weste und neue, schwarze Samthosen verkündeten eine neue
-Periode der Weltgeschichte. Auch trat der Leutnant bald mit frohem
-Gesichte ins Zimmer und mit dem Berichte ihr entgegen: »Liebe Kusine,
-der Majoratsherr kommt in diesen Tagen; seine Mutter ist gestorben, ihm
-ist von einer prophetischen Kranken geraten, hierher zu gehen, wo er
-seine Ruhe finden werde, nachdem ihn ein heftiges Fieber um seine
-Gesundheit gebracht hat. Nun denken Sie sich, der junge Mann hat aus den
-Erzählungen der Mutter einen Abscheu gegen das Majoratshaus; er will
-durchaus bei mir wohnen und hat mich ersucht, ihm bei mir ein Zimmer
-recht bequem einzurichten, wozu er mir ein Kapital übermache. Mein
-Häuschen ist für einen so verwöhnten, reichen Herrn nicht eingerichtet;
-in unsern hohen Familien ist es leider wie bei den Katzen, ein junges
-wird als erstgebornes gut aufgefüttert, und alle jüngern Geschwister
-werden ins Wasser geworfen.« -- »Sie waren einmal schon recht nahe, das
-Majorat zu erhalten?« sagte die Hofdame. -- »Freilich,« antwortete er,
-»ich war dreißig Jahre alt, mein Oheim sechzig und hatte in erster Ehe
-keine Kinder bekommen. Da fällt es ihm ein, noch einmal ein junges
-Fräulein zu heiraten. Umso besser, dachte ich, die Junge ist des Alten
-Tod. Aber umso schlechter gings; sie brachte ihm kurz vor seinem Tode
-einen jungen Sohn, diesen Majoratsherrn, -- und ich hatte nichts!« --
-»Wenn der junge Mann stürbe, würden Sie Majoratsherr,« sagte ruhig die
-Hofdame; »junge Leute können sterben, alte Leute müssen sterben.« --
-»Leider!« antwortete der Leutnant; »der Prediger sprach heute auch davon
-auf der Kanzel.« -- »Was wurde denn gesungen?« fragte die Hofdame; »ich
-wollte es zu meiner Hausandacht wissen.« -- Der Leutnant schlug die
-Lieder auf; sie sang leise, und er kämmte den Pudel nach Gewohnheit,
-indem er ihr mit Bewunderung zuhörte. -- Als er sich empfahl, trug ihm
-die Hofdame auf, den jungen Vetter doch gleich, wenn er angekommen, bei
-ihr einzuführen.
-
-Als der Leutnant zu Hause kam, trat ihm ein großer, bleicher, junger
-Mann entgegen, in einer Kleidung, wie er sie noch nicht gesehen: seine
-Haare waren phantastisch ohne strenge Ordnung emporfrisiert, und
-Figaroslocken in leichten, dünnen Röhren umliefen wie ein Halbkreis die
-Ohren. Hinten vereinigte ein dicker Katillon die Haare, welche in einer
-Locke hinübergekämmt waren. Ein streifiger Rock mit prächtigen
-Stahlknöpfen und große silberne Schuhschnallen verrieten ihm den
-Reichtum des Majoratsherrn. Auch dieser hatte aus den Briefen an die
-Mutter gleich den Vetter erraten und berichtete ihm, daß er Tag und
-Nacht mit Kurierpferden gereist sei und ihm nicht genug sein
-Wohlgefallen über das Haus ausdrücken könne, das ganz nach seinem
-Geschmack sei, nur müsse er ihm erlauben, daß er neben dem für ihn
-bereiteten großen Zimmer auch ein kleines nehme, das nach der engen
-Gasse hinaussehe; denn da er nie oder selten ausgehe, so liebe er vor
-allem diese Beweglichkeit der engen Straßen. -- Der Vetter bewilligte
-ihm gern das schlechte Zimmer an der Judengasse und wollte gleich
-Anstalt machen, die trüben, von der Sonne verbrannten Fenster durch
-andere mit großen Scheiben zu ersetzen. -- »Mein lieber Herr Vetter!«
-rief der Majoratsherr, »diese trüben Scheiben sind meine Wonne; denn
-sehen Sie, durch diese eine helle Stelle seh ich einem Mädchen ins
-Zimmer, das mich in jeder Miene und Bewegung an meine Mutter erinnert,
-ohne daß sie mich bemerken kann.« -- »Ei, das gesteh ich,« sagte der
-Vetter und setzte sich in die Schultern und fing an gegen das Fenster zu
-streichen, mit seinem Liebestritt, daß er in Eil eine Prise nahm, nieste
-und kaltblütig sagte: »Die da ist ein Schickselchen.« -- »Mein
-Schicksal?« fragte der Majoratsherr bestürzt. »Wie Sie es nennen
-wollen,« fuhr der Vetter fort, »ein Schicksalchen also, ein
-Judenmädchen; sie heißt Esther, hat unten in der Gasse ihren Laden, eine
-gebildete Jüdin, hat sonst mit ihrem Vater, der ein großer Roßtäuscher
-war, alle Städte besucht, alle vornehme Herren bei sich gesehen, spricht
-alle Sprachen; das war eine Pracht, wenn sie hier ankam, und die
-Stiefmutter Vasthi mit den jüngern Kindern ging ihnen in Schmutz
-entgegen. Es konnte niemand was dagegen sagen; die Ursach, warum? Weil
-sie mit ihrem Wesen dem Vater gute Käufer anlockte. Aber zuletzt hatte
-der Vater großes Unglück durch einen Handelsgenossen, der ihm mit dem
-Vermögen durchging. Da gings ihm knapp; das konnt er nicht vertragen und
-starb. Dieser Tochter erster Ehe, der Esther, hinterließ er ein kleines
-Kapital, damit sie von der Stiefmutter nicht zu Tode gequält würde; aber
-das läßt sich die alte Vasthi doch nicht nehmen.« -- »Das ist ja
-entsetzlich!« sagte der Majoratsherr, »zwei Leute, die sich hassen, die
-sich totärgern, in einem Hause! Ich habe die alte Vasthi auch schon am
-Fenster gesehen: ein schrecklich Gesicht!« -- »Sie wohnen wohl in einem
-Hause,« antwortete der Vetter, »aber jede hat ihren besonderen Laden und
-Wohnung.« -- »Ich will ihr bald etwas zu verdienen geben,« sagte der
-Majoratsherr. »Es scheinen hier viele Juden zu wohnen.« »Nichts als
-Juden,« rief der Vetter, »das ist die Judengasse, da sind sie
-zusammengedrängt wie die Ameisen; das ist ein ewig Schachern und Zanken
-und Zeremonienmachen, und immer haben sie so viel Plackerei mit ihrem
-bißchen Essen; bald ist es ihnen verboten, bald ist es ihnen befohlen,
-bald sollen sie kein Feuer anmachen; kurz der Teufel ist bei ihnen immer
-los.« -- »Nein, lieber Vetter, Sie irren sich darin,« sagte der
-Majoratsherr und drückte ihm die Hände. »Wenn Sie gesehen hätten, was
-ich in Paris bei meiner Kranken sah, Sie könnten den Teufel nicht für
-den Vater des Glaubens ansehen; nein, ich versichere es Ihnen, er ist
-der Feind allen Glaubens! Aller Glaube, der geglaubt wird, kommt von
-Gott und ist wahr, und ich schwöre Ihnen, selbst die heidnischen Götter,
-die wir jetzt nur als eine lächerliche Verzierung ansehen, leben noch
-jetzt, haben freilich nicht mehr ihre alte Macht, aber sie wirken doch
-immer etwas mehr als gewöhnliche Menschen, und ich möchte von keinem
-schlecht sprechen. Ich habe sie alle mit meinem zweiten Augenpaar
-gesehen, sogar gesprochen.« -- »Ei der Tausend, da erstaune ich,« rief
-der Vetter, »das könnte uns erstaunliches Gewicht bei Hofe geben, wenn
-wir sie den hohen Herrschaften zeigen könnten.« -- »So geht das nicht,
-lieber Vetter,« antwortete jener ernst, »der Mensch, der sie sieht, muß
-noch mehr darauf vorbereitet sein durch jahrelanges Nachdenken, als jene
-Geister, die ihm erscheinen sollen; sonst entsetzen sich beide
-voreinander, und der sterbliche Teil erträgt es nicht. Aber wer auch bis
-zu der innern Welt vorgedrungen, -- wenn auch noch scheinbar lebend wie
-ich -- ist dennoch abgestorben bei ihrem Bestreben, ihrer Tätigkeit. Das
-wußte meine Mutter von mir und war darum so unruhig auf ihrem
-Totenbette, was aus mir werden sollte. Sie hatte bis dahin alle
-Geschäfte mit großer Einsicht und Ordnung betrieben, während ich mich
-den Studien und der Beschauung hingab. Ich habe meine Zeit mit großer
-Anstrengung genutzt, ich habe gerungen wie keiner, ich habe erreicht,
-was wenigen zuteil geworden. Aber verloren war ich, erdrückt, bis zum
-Wahnsinn zerstreut von den Geschäften, die nach dem Tode der Mutter auf
-mich eindrangen, ich wollte mich bezwingen, das Höhere dem Niedern zu
-opfern; die Qual brachte mich um meine Gesundheit. Eine Kranke, deren
-Blick weit reicht, sagte mir zu, daß ich hier Ruhe finden würde bei
-Ihnen, Vetter; Sie hätten ein seltenes Geschick für das praktische
-Leben, mein Vermögen würde sich unter Ihrer Spekulation verdreifachen. O
-Vetter! nehmen Sie mir die Last des Geldes und der Güter ab, genießen
-Sie des Reichtums, ich brauche wenig, und auch auf den Fall, daß ich den
-Luftgeist der Erde wieder binden könnte, daß Kinder mein Haus füllten,
-soll Ihnen die Hälfte meiner Einnahmen für die Besorgung des Ganzen
-bleiben.« -- Bei diesem Vortrage flossen zwei edle Tränen aus den Augen
-des Majoratsherrn, während die großen Augen des Vetters mit
-heraufgezogenen Augenbrauen ihn verwunderlich von der Seite anstierten,
-ohne dem köstlichen Vortrage Glauben beimessen zu können. Dann fuhr der
-Majoratsherr, um das Gespräch zu ändern, fort: »Als ich mit schwellendem
-Gefühl, was mir in der Stadt bevorstehe, in welcher der Kreis meines
-Lebens angefangen, die große Straße herabfuhr, da begegneten mir
-ausgemergelte Leute, die sich kaum zu den Kaffeehäusern hinbewegen
-konnten, denn sie wurden fast gewaltsam an den Röcken von unglücklichen
-Seelen zurückgezogen, die wegen ungeendigter Prozesse nicht zur Ruhe
-kommen konnten und jammervolle Vorstellungen ihnen nachtrugen. Auch
-meinen Vater sah ich dabei wegen des einen Konkursprozesses, dessen Ende
-wohl keiner erleben wird. Schaffen Sie Ruhe seiner Seele, lieber Vetter,
-ich bin zu schwach.« -- »Wahrhaftig,« rief der Vetter, »zu dem Tore
-gehen Sonntags die Räte, Schreiber und Kalkulatoren des großen Gerichts
-gewöhnlich mit ihren Frauen und Kindern zum Kaffeegarten hinaus.« --
-»Der Postillon meinte auch, das wären Kinder, die sich ihnen an die
-Röcke gehangen«, fuhr der Majoratsherr fort, »aber solche jammervolle
-Gesichter haben Kinder nicht, das sind die Plagegeister, die sie wegen
-ihrer Nachlässigkeit umgeben. Lieber Vetter! befriedigen Sie meines
-Vaters, Ihres Oheims, arme Seele.« -- Der Vetter sah sich ängstlich in
-dem trüben Zimmer um, ihm war es zumute, als ob die Geister, wie der
-Schnupfen, in der Luft lägen. »Alles, alles will ich tun, was sie
-wünschen, bester Vetter«, rief er dann, »ich bin nicht glücklich, wenn
-ich nicht so etwas zu betreiben habe. Prozesse sind mir lieber als
-Liebeshistorien, und Ihre Angelegenheiten sollen bald in eine Ordnung
-kommen wie meine Wappensammlung.« Bei diesen Worten führte er ihn in ein
-Vorderzimmer und hoffte, den Majoratsherrn durch den Anblick seiner
-zierlichen, gebohnten Schiebkasten, in welchen die Wappen, zum Teil mit
-Zinnober abgedrückt, die Namen in Frakturschrift beigefügt, glänzten, zu
-zerstreuen und zu befriedigen. Der Majoratsherr schien auch hierin, wie
-in allen Kenntnissen wohlbewandert; der Vetter mußte seine Bemerkungen
-achten. Als er aber den Schrank mit dem französischen Wappen eröffnete,
-da fuhr der Majoratsherr auf: »Gott! welch ein Lärmen! Wie die alten
-Ritter nach ihren Helmen suchen, und sie sind ihnen zu klein, und ihre
-Wappen sind mottenfräßig, ihre Schilde vom Rost durchlöchert; das bricht
-zusammen, ich halte es nicht aus, mir schwindelt, und mein Herz kann den
-Jammer nicht ertragen!« Der Vetter rückte den unglücklichen Schrank fort
-und führte den Majoratsherrn ans Fenster, daß er Luft schöpfen möchte.
-»Und wer fährt dort?« rief er, »der Tod sitzt auf dem Bocke, Hunger und
-Schmerz zwischen den Pferden, einbeinige und einarmige Geister fliegen
-um den Wagen und fordern Arme und Beine von dem Grausamen zurück, der
-sie mit kannibalischer Begierde ansieht. Seine Ankläger laufen mit
-Geschrei hinter ihm drein; es sind die Seelen, die er vorzeitig der Welt
-entriß -- bester Vetter! ist denn hier keine Polizei?« -- »Ich will den
-Mann rufen, lieber Vetter, daß er Ihren Puls fühle,« entgegnete der
-Vetter, »es ist unser bester Arzt und Chirurgus. Sie haben ihn gewiß an
-seinem schmalen, einsitzigen Wagen erkannt; sein Kutscher ist freilich
-mager und seine Pferde abgetrieben, aber die den Wagen umflattern, sind
-Sperlinge, und die ihm nachbellen, Gassenhunde.« -- »Nein,« antwortete
-der Majoratsherr, »um Gotteswillen rufen Sie keinen Arzt! Wenn die
-meinen Puls fühlen, der immer in abwechselnden Takten sich bewegt, dann
-ganz stille steht, so schreien alle, ich sei schon gestorben; und am
-Ende haben sie recht, denn mich erhält nur der Gedanke einer guten
-Seele, die auch krank ist. Übrigens habe ich Sie diesmal ohne Grund
-erschreckt, lieber Vetter, meine Worte drückten nur die Gefahr aus,
-worin sich der französische Adel befindet; ich bildete mir die Unruhe
-ein, die Frankreich in den alten Schlössern von den Geistern erfahren
-muß, Ihre Sammlung ist Geist-los. Ich kann genau unterscheiden, was ich
-mit dem Auge der Wahrheit sehen muß, oder was ich mir gestalte; wirklich
-bin ich ein guter Beobachter meiner selbst, und die Physik der Geister
-war von je mein Lieblingsstudium.«
-
-Der Leutnant, der mit dieser Physik der Geister durchaus nichts zu tun
-haben mochte, brachte die Rede auf häusliche Einrichtungen. Der
-Majoratsherr erklärte, daß er nur wenig Aufwartung bedürfe, nur die
-wenigsten um sich leiden könne und deshalb sich selbst frisiere und
-rasiere, auch alle Dienerschaft entlassen habe. »Die Aufwärterin hier«,
-sagte er, »ist eine herrliche Seele, sie trägt nicht mit Unrecht diesen
-Heiligenschein um ihr Haupt.« -- »Heiligenschein?« brummte der Vetter
-vor sich, »das ist wohl das weiße Tuch, womit sie sich den Kopf
-eingebunden hat!« Dann sprach er laut: »Wenn Gott aus der eine Heil'ge
-schnitzeln wollte, die ginge wohl ganz in die Späne!« Noch berichtete
-der Majoratsherr, daß er gewöhnlich bei Tag schlafe und erst, wenn die
-Sonne im Sinken, aus dem Bette aufzustehen und seine stille Arbeit zu
-betreiben pflege, wogegen der Vetter heimlich brummte: »Davon kommt der
-Geisterspuk im Kopfe; er lebt ja wie die Nachteulen.«
-
-Nachdem das Abendessen eingenommen, hatte sich der Vetter mit einer
-guten Nacht empfohlen. Auch die Aufwärterin war zu Bette gegangen,
-während der Majoratsherr sein großes Zimmer mit Wachskerzen tageshell
-erleuchtet hatte, um seine Bücher und Handschriften, auf- und abgehend,
-mit gleicher Bequemlichkeit zu durchlaufen und die Hauptarbeit seines
-Lebens, sein Tagebuch, fortzuführen. Dieser glänzende Kerzenschein war
-eine neue Erscheinung für die Bewohner der Gegend und die erste Unruhe,
-die er ihnen machte; denn bei der Sparsamkeit des Leutnants mußten sie
-vermuten, daß dort ein Feuer ausgebrochen sei. Als sie sich aber vor dem
-Hause sammelten und die klagenden Töne einer Flöte durch das offene
-Fenster erschallen hörten, beruhigten sie sich wieder und freuten sich
-des neuen Lichtes, das ihnen den Schmutz der Straße deutlich machte. Der
-Flötenspieler war der Majoratsherr, aber seine Töne sollten sich
-eigentlich zu Esther hinrichten, die er am Fenster des dunklen
-Nebenzimmers belauschte, wie sie ihre Kleider abwarf und im zierlichsten
-Nachtkleide vor einem eleganten Spiegeltische ihre Haare flocht. Der
-enge Bau jener Gasse, in welche die Balkenlagen jedes Stockwerkes immer
-weiter hinausragten, um den Zimmern noch etwas Raum zu gewinnen, brachte
-ihm ihr Fenster so nahe, daß er mit einem kühnen Sprunge zu ihr hinüber
-hätte fliegen können. Aber das Springen war nicht seine Sache; dagegen
-übte er die seltene Feinheit seines Ohres, das auf bedeutende Entfernung
-ihm hörbar machte, was jedem andern verhallte. Er hörte zuerst einen
-Schuß oder einen ähnlichen Schlag; da sprang sie auf und las ein
-italienisches Gedicht mit vielem Ausdruck, in welchem der Dienst der
-Liebesgötter bei einem Putztische beschrieben wurde; und gleich sah er
-unzählige dieser zartbeflügelten Gestalten das Zimmer beleben, wie sie
-ihr Kamm und Bänder reichten und ein zierliches Trinkgefäß, wie sie die
-abgeworfenen Kleider ordneten, alles nach dem Winken ihrer Hände, dann
-aber, als sie sich in ihr Bett gestreckt, wie ein gaukelnder Kreis um
-ihr Haupt schwebten, bis sie immer blässer und blässer sich im Dampfe
-der erlöschenden Nachtlampe verloren, in welchem ihm dagegen die Gestalt
-seiner Mutter erschien, die von der Stirn des Mädchens eine kleine
-beflügelte Lichtgestalt aufhob und in ihre Arme nahm, -- wie das Bild
-der Nacht, die das Kindlein Schlaf in ihrem Gewande trägt -- und in dem
-Zimmer bis zur Mitternacht damit auf- und niederschwebte, als wenn sie
-ihm die unruhigen Träume vertreiben wollte, es dann aber über den
-schwindelnden Straßengrund dicht an das Auge des Staunenden trug, der
-Esthers verklärte Züge in der Lichtgestalt deutlich erblickte, sie aber
-mit einem Schrei des Staunens unwiderruflich zerstreute. Denn mit diesem
-Schrei war er aus dem höheren Seelenzustande, aus dem Kern in die Schale
-zurückgesunken, und kein Wunsch führte ihm diesen seligen Anblick
-zurück. Er sah Esther in ihrem Bett nicht mehr liegen, ihr Zimmer war
-dunkel, nichts regte sich in der Gasse als die Ratten, die eine muntere
-Jagd unter den Brücken der Gossen hielten, auch hustete die alte Vasthi
-mit hoher Pelzmütze aus einem Fenster und fing an zu beten, als ein
-Stier in der Nähe ein heftiges Gebrüll erhob. Diesem Gebrüll ging der
-Majoratsherr im Hause nach und erblickte durch ein Hinterfenster beim
-Schein des aufgehenden Mondes auf grüner, mit Leichensteinen besetzten,
-ummauerten Fläche einen Stier von ungeheurer Größe und Dicke, der an
-einem Grabsteine wühlte, während zwei Ziegenböcke mit seltsamen
-Kreuzsprüngen durch die Luft sich über sein Wesen zu verwundern
-schienen. Hier stand dem Majoratsherrn der Verstand still; diese
-schreckliche Wirtschaft auf einem Gottesacker empörte ihn, er klingelte
-der Aufwärterin. Sie erschien bald und fragte ihn, was er befehle?
-»Nichts, gar nichts,« antwortete er, »aber was deutet dieser Spuk?« --
-Die Frau trat ans Fenster und sagte: »Ich sehe nichts als die
-Majoratsherren der Juden, das sind die erstgebornen Tiere, welche sie
-nach dem Befehle ihres Gesetzes dem Herrn weihen, die werden hier
-köstlich gefüttert, sie brauchen nichts zu tun; wenn sie aber ein Christ
-erschlägt, so tut er den Juden einen rechten Gefallen, weil er ihnen die
-Ausgabe spart.« -- »Die unglücklichen Majoratsherren,« seufzte er in
-sich, »und warum haben sie Nachts keine Ruhe?« -- »Die Juden sagen, daß
-einer aus der Sippschaft stirbt, wo sie nachts so wühlen am Grabe,«
-antwortete die Frau; »hier, wo dieser wühlt, ist der Vater der Esther,
-der große Roßtäuscher, begraben.« -- »O Gott nein!« rief er und ging in
-den betrübtesten Gefühlen auf sein Zimmer und suchte sich wieder mit
-heftigem Flötenspiel zu zerstreuen.
-
-Endlich wurde es Tag; die großen Schatten der Häuser lagerten sich unter
-dem hellen Himmel, die Mägde sprangen frisch geschuht, als ob sie sich
-an diesem Tage durchaus nicht beschmutzen wollten, von einem trocknen
-Stein zum andern, die Schwalben dagegen kreuzten hin zu dem köstlichen
-Baumörtel, den ihnen der gestrige Regen bereitet hatte, und füllten
-damit alle Lücken der menschlichen Architektur. Auch an dem Fenster, das
-zu Esther blickte, hatten sich heute zwei von den zwitschernden
-Grauröcken eingefunden und wollten ihr Nest gerade da ankleben, wo er
-durch die einzige helle Scheibe zu Esther hinblickte. Da stand der
-Majoratsherr zweifelnd, ob er sie stören, ob er alles abwarten solle,
-was ihm so bedeutend erschien. Seine Sinnesart überwog für das Abwarten.
-Nun ihm Esther verborgen, konnte er sich an den lieben Geschöpfen, an
-ihrer Lust, an ihrem Fleiße nicht satt sehen, es war ihm zumute, als ob
-er sich selbst da anbaue, als hänge sein Glück davon ab, daß sie fertig
-würden, und ehe er sich zu Bette legte, sang er noch zu seiner
-Mandoline:
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- Die Sonne scheinet an die Wand,
- Die Schwalbe baut daran;
- O Sonne, halt nur heute Stand,
- Daß sie recht bauen kann.
- Es ward ihr Nest so oft zerstört,
- Noch eh es fertig war,
- Und dennoch baut sie wie betört,
- Die Sonne scheint so klar!
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- So süß und töricht ist der Sinn,
- Der hier ein Haus sich baut, --
- Im hohen Flug ist kein Gewinn,
- Der fern aus Lüften schaut,
- Und ging er auch zur Ewigkeit,
- Er paßt nicht in die Zeit,
- Er ist von ihrer Freudigkeit
- Verschieden himmelweit.
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-Den Abend, als er aufwachte, fand er den Vetter schon mit einem guten
-Abendessen in seinem Zimmer, auch sprach er von einer unangenehmen
-Überraschung, die er ihm gemacht. -- Deswegen führte er ihn in das
-Nebenzimmer, von wo er die Gasse beobachten könnte, und der Majoratsherr
-fand es mit Sofa und Stühlen, mit Schränken und Tischen geschmückt, auch
-war das Fenster gewaschen -- aber die Schwalben waren herabgestoßen.
-»Meine guten schützenden Engel sind vertrieben«, dachte der
-Majoratsherr. »Ich soll sie sehen, meinen Todesengel, soll den ganzen
-Traum durchleben, der mich plagte; denn eins ist schon erfüllt, was ich
-im Schlafe sah.« -- »Warum so traurig, Vetter?« fragte der Leutnant. --
-»Ich habe unruhig geschlafen,« antwortete der Majoratsherr, »und mir
-träumte von der Esther, sie sei mein Todesengel. Närrisches Zeug! Ihr
-Kleid hatte unzählige Augen, und sie reichte mir einen Schmerzensbecher,
-einen Todesbecher, und ich trank ihn aus bis zum letzten Tropfen!« --
-»Sie hatten Durst im Schlafe,« sagte der Leutnant. »Setzen Sie sich zum
-Essen, da steht guter Wein, echter Unger, ich habe ihn selbst gemacht,
-aus Rosinen und schwarzem Brote. Apropos, Sie müssen die gute alte
-Hofdame bald einmal besuchen; sie hat mich heute halbtot gequält, daß
-ich Sie zu ihr bringe, sie wäre eine Freundin Ihrer Eltern.« -- »Dazu
-muß ich einen Tag leben, und ich verschlafe meine Tage viel lieber,«
-antwortete der Majoratsherr. »Lassen wir das, nehmen Sie meinen Dank für
-die Ausschmückung des Zimmers! Eins möchte ich mir noch kaufen, seidene
-Vorhänge vor jenes Fenster; Sie haben die Scheiben so hell polieren
-lassen, daß ich nicht mehr versteckt bin, wenn ich in die Gasse schaue.«
--- »Die finden Sie gleich unten bei der schönen Esther,« rief der
-Vetter, »da können Sie ihre Bekanntschaft viel näher machen als durch
-die Fensterscheiben. Alle unsere Majoratsherren waren verliebter
-Komplexion, Sie müssen keine Ausnahme machen, bester Vetter! Ich will
-Sie auch begleiten, damit Sie im Handel nicht betrogen werden, und daß
-Sie sich nicht abschrecken lassen, wenn das Mädchen sehr spröde tut.« So
-gingen beide, der Majoratsherr vom Leutnant fortgezogen, in die Gasse,
-und der letztere konnte sich eines Schauers nicht erwehren; ihm wars,
-als wären die hohen, hölzernen Häuser nur aus Pappdeckeln
-zusammengebaut, und die Menschen hingen wie ein Spielzeug der Kinder an
-Fäden und regten sich, wie es das Umdrehen der großen Sonnenwalze ihnen
-geboten. Jetzt fingen sie an, ihre Läden zu schließen, räumten auf,
-zählten den Gewinn, und der Majoratsherr wagte in dem Lärmen, in dem
-Dufte nicht aufzublicken.
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-»Hier, hier!« rief der Leutnant, und der Majoratsherr wollte eben in
-einen Laden treten, als er statt der Esther ein grimmig Judenweib, mit
-einer Nase wie ein Adler, mit Augen wie Karfunkel, einer Haut wie
-geräucherte Gänsebrust, einem Bauch wie ein Bürgermeister, darin
-erblickte. Sie hatte sich ihm schon mit ihren Waren empfohlen und
-gefragt, ob sie auf sein Zimmer kommen solle, sie wolle ihm das Schönste
-zeigen, auch wenn er keine Elle kaufen möchte; denn er sei ein schöner
-Herr! -- Schon wollte er eintreten, als der Leutnant ihn am Rock zupfte
-und zuflüsterte: »Hier im andern Laden ist die schöne Esther!« -- Da
-wendete er sich fort und sagte verlegen, er wolle nichts kaufen, er
-hätte sich nur nach einem Komödienzettel an der Ecke umgesehen, und mit
-diesen Worten wandte er sich nach dem Nebenladen, wo er Esther zu sehen
-erwartete. Aber die alte Jüdin ließ ihn noch nicht los. Sie rief eifrig:
-»Junger Herr! hier im Winkel ist auch ein Zettel, ich habe vielleicht
-auch einen im Laden! Treten Sie ein, ich habe auch den Zettel von den
-spanischen Reitern!« Der Majoratsherr ward dadurch gestört und blickte
-sich um, erschrak aber, daß die Jüdin einen schwarzen Raben auf dem
-Kopfe trug, und verweilte. Unterdessen hatte der Leutnant schon ein
-Gespräch mit Esther angeknüpft, welche ihm ohne Zudringlichkeit Bescheid
-gegeben. Dieser zog den Majoratsherrn in den Laden der Esther, und nun
-erschallte hinter ihm ein fürchterliches Rabengekrächze aus dem Munde
-der alten Jüdin. In halb hebräischen Schimpfreden und im verzerrtesten
-Judendialekt zeihte sie die arme Tochter der Unkeuschheit, mit der sie
-Christen in ihren Laden locke, um ihrer eigenen Mutter den Verdienst zu
-rauben, und verfluchte sie dabei zu allen Martern. Endlich ließ der Atem
-des wütenden Weibes nach, der trotz der warmen Luft wie im Winter
-geraucht hatte, und sie hetzte vergeblich ein paar vorübergehende kleine
-Buben auf, daß sie ihr sollten schimpfen helfen, wofür sie ihnen Kuchen
-versprach. Esther glühte von Schamröte, aber sie erwiderte nichts.
-Endlich lief die Alte fort, weil ein Käufer kam. Der Majoratsherr
-fragte, wer die grimmige Alte mit dem Raben auf dem Kopfe gewesen? --
-»Meine Stiefmutter,« antwortete Esther, »haben Sie vielleicht das
-schwarze Tuch mit den langen Zipfeln für einen Raben angesehn?« -- Der
-Klang der Stimme schien dem Majoratsherrn nun erst bekannt, nun er sie
-so nahe hörte; noch deutlicher als aus dem Fenster durchdrang ihn die
-Ähnlichkeit mit seiner Mutter. Esther war nicht frischer, aber
-jugendlicher; eine schmerzliche Blässe hatte das zarte Antlitz, selbst
-die feingeformten Lippen, wie ein schädlicher Frühlingsnebel überzogen;
-auch ihre Augen schienen dem Lichte zu schwach und verengten sich
-unwillkürlich, wie Blumen gegen Abend die Blätter um ihren Sonnenkelch
-zusammenziehen. Während sie mit Eilfertigkeit seidene Zeuge entrollte,
-suchte sie der Leutnant in ziemlich ungeschickter Art zu trösten, indem
-er ihr die Hoffnung zusicherte, ihre Stiefmutter werde bald sterben. --
-»Ich wünsche ihr langes Leben,« antwortete die Gute, »sie hat noch
-Kinder, für die sie sorgen muß. Wer weiß, wer zuerst den bittern Tropfen
-des Todesengels kosten muß. Ich fühle mich heute in allen Nerven so
-gereizt und schwach.« -- Der Majoratsherr meinte einen Todesengel nicht
-nur fliegen zu sehen, sondern auch sein Flügelsausen zu hören: »Wie
-schrecklich seine Flügel sausen!« -- Aber Esther sprang nach einer
-Hintertür, schlug sie zu und entschuldigte sich wegen des heftigen
-Zuges; ihr kleiner Bruder habe die Tür offen gelassen. Der Majoratsherr
-wählte nun unter den Zeugen, fragte aber nach einer Farbe, die nicht im
-Vorrate war. Gleich sprang Esther zu ihrer Mutter nach dem andern Laden,
-und diese brachte mit fröhlichem Antlitz den verlangten Stoff, als ob
-der Gewittervorhang mit einem Hauche fortgezogen worden wäre. Der
-Leutnant wollte viel abdingen; aber der Majoratsherr warf das Geld hin,
-was verlangt worden. Da gab ihm Esther einige Taler heraus, denn soviel
-betrüge ihr Vorschlag; darüber fing die Mutter wieder an zu wettern,
-aber diesmal ganz hebräisch. Als Esther wieder geduldig die Augen
-niederschlug, antwortete der Leutnant ihr auf Hebräisch, so daß die
-Alte, ganz erstaunt über seine seltene Fertigkeit, das Feld räumte und
-sich in ihr Schneckenhaus verkroch. Esther schien sich darüber noch mehr
-zu kränken als über den Schimpf, den sie erdulden müssen, und der
-Majoratsherr zog aus Schonung den Vetter, der schon Triumph ausrufen
-wollte, mit sich fort, indem er zugleich das seidene Zeug unter dem Arme
-selbst forttrug.
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-Als sie zu Hause, fragte er den Leutnant, woher er das Hebräische wisse?
--- »Das brauchte ich zu meinem Verkehr mit den Juden,« antwortete er,
-»und was es mir kostet an Büchern und Lehrmeistern, hat es mir reichlich
-wieder eingebracht, denn ich konnte nun alle ihre Heimlichkeiten
-verstehen. Sehen Sie, Vetter, in dem Schranke sind lauter jüdische
-Sagenbücher und Beschreibung ihrer Sitten und Gebräuche. Wissen Sie, was
-die Alte zuletzt sagte? Sie freue sich darauf, wenn Esther stürbe, da
-würde es eine schöne Auktion geben! Wirklich ist sie auch aus dem
-Nachlasse ihres Vaters mit allen eleganten Möbeln versorgt, und die
-Leute erzählen, weil nun die feinen Herren nicht mehr, wie bei ihres
-Vaters Lebzeiten, zu ihr kommen, daß sie sich abends prächtig anputze
-und Tee mache, als ob sie Gesellschaft sehe, und dabei in allen Sprachen
-rede.« -- Aber der Majoratsherr hörte wenig mehr darauf, denn er war mit
-ganzer Seele über die Sagenbücher hergefallen. Der Leutnant wünschte ihm
-gute Nacht, und kaum hatte er ihn verlassen, so sah der Majoratsherr
-beim Lesen der alten Bücher in seinem Zimmer alle Patriarchen und
-Propheten, alle Rabbinen und ihre wunderlichen Geschichten aus den
-Sagenbüchern hervorgehen, daß die Stube zu eng schien für die ungeheure
-Zahl. Aber der Todesengel schlug sie endlich alle mit seinen Flügeln
-hinweg, und er konnte sich nicht satt lesen an seiner Geschichte: »Lilis
-war die Mitgeschaffne Adams im Paradiese; aber er war zu scheu und sie
-zu keusch, und so gestanden sie einander nie ihr Gefühl, und da erschuf
-ihm der Herr im Drange seines Lebens ein Weib aus seiner Rippe, wie er
-es sich im Schlafe träumte. Aus Gram über diese Mitgenossin ihrer Liebe
-floh Lilis den Adam und übernahm nach dem Sündenfalle des ersten
-Menschen das Geschäft eines Todesengels, bedrohte die Kinder Edens schon
-in der Geburt mit Tod und umlauert sie bis zum letzten Augenblicke, wo
-sie den bittern Tropfen von ihrem Schwert ihnen in den Mund fallen
-lassen kann. Tod bringt der Tropfen, und Tod bringt das Wasser, in
-welchem der Todesengel sein Schwert abwäscht.«
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-Unruhig lief der Majoratsherr bei diesen Worten im Zimmer umher, dann
-sprach er heftig: »Jeder Mensch fängt die Welt an, und jeder endet sie.
-Auch ich liebte scheu und fromm eine keusche Lilis, sie war meine
-Mutter; in ihrer ungeteilten Liebe ruhte das Glück meiner Jugend. Esther
-ist meine Eva, sie entzieht mich ihr und gibt mich dem Tode hin!« -- Er
-hielt es nicht aus bei dem Anblick des Todesengels, den er immer hinter
-sich lauernd zu schauen glaubte; er eilte auf die Straße im Mantel
-verhüllt, um sich an dem Nachhall des Tages zu zerstreuen. Endlich
-setzte er sich ermüdet hinter das Fußgestell einer Bildsäule, die in der
-Nische eines hohen Hauses stand, und sah den eiligen Läufern zu, die mit
-Fackelglanz einem rollenden Wagen vorleuchteten; die Lilis zog hinter
-ihm her. Jubelnde Gesellschaften zogen lärmend aus der Trinkstube nach
-Hause und klapperten noch mit den Nägeln gegen die Saiten, die sie so
-lange hatten schwingen lassen; aber auch ihnen zog der Todesengel nach
-und -- blies sie an aus einem Nachtwächterhorn. Und es wurden der
-Todesengel so viele vor seinen Augen, daß sie zueinander traten und
-paarweis wie Liebende nebeneinander gingen in traulichen Gesprächen. Und
-er horchte ihnen zu, damit er wüßte, wie er zu Esther reden müsse, um
-ihr seine Liebe kund zu tun. Aber die Liebenden wurden von den
-Geschäftigen verdrängt, und er mochte nicht eher zuhören, bis ihm die
-Stimme der Vasthi auffiel, die mit einem alten Rabbiner vorüberging und
-ihm sagte:
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-»Was soll ich die Esther schonen; ist sie doch nicht das Kind meines
-Mannes, sondern ein angenommenes Christenkind, der er den größten Teil
-seines Geldes zugewendet hat.« -- »Sei Sie still,« sagte der Rabbiner,
-»weiß Sie denn, wieviel der Mann mit dem Kinde bekommen hat?« »Alles. Er
-hatte nichts und konnte damit anlegen großen Handel. Was kann das
-Mädchen dafür, daß ihm sein Geld ist gestohlen worden?« -- Hier kamen
-sie ihm aus dem Bereich seines scharfen Gehörs, er eilte ihnen nach,
-aber sie hatten sich schon in irgend ein Haus begeben. Auch hier war er,
-wie gewöhnlich, zu spät zu einem Entschluß gekommen, doch war ihm der
-Fingerzeig seltsam bedeutend und führte ihn sinnend hin in sein Haus.
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-Als er sich kaum ein paar Minuten ausgeruht hatte, hörte er einen Schuß,
-er sah zum Fenster hinaus, aber niemand schien es gehört zu haben.
-Beruhigt rückte er auf seine Warte am Fenster und wagte es, einen
-Fensterflügel zu öffnen, so daß er noch genauer, als die Nacht vorher,
-das Zimmer der, schönen Esther übersehen konnte. -- Da hatte sich vieles
-verändert, die Kappen der Stühle waren abgenommen, und sie glänzten in
-weißem Atlas um einen prachtvollen Teetisch, auf welchem eine silberne
-Teemaschine dampfte. Esther schüttete wohlriechendes Wasser auf eine
-glühende Schippe, dann sprach sie in die Luft: »Nanni, es ist höchste
-Zeit, daß ich meine Locken mache, meine Gäste müssen bald kommen.«
-Esther antwortete darauf mit veränderter Stimme: »Gnädiges Fräulein, es
-ist alles bereit.« -- Im Augenblicke des Worts stand eine zierliche
-Kammerjungfer vor Esther und half ihr die Locken ausziehen und ordnen.
-Dann reichte sie Esther den Spiegel, und diese klagte: »Gott, wie bin
-ich bleich! Hat es denn nicht Zeit mit dem Erbleichen, bis ich tot bin?
-Du sagst, ich soll mich schminken. Nein, dann gefalle ich dem
-Majoratsherrn nicht, denn er ist auch blaß wie ich, gut wie ich,
-unglücklich wie ich; wenn er nur heut käme, die Gesellschaft macht mir
-ohne ihn keine Freude.« Nun war alles im Zimmer geordnet, und Esther,
-sehr elegant angezogen, legte einige schön gebundene englische Bücher
-aufs Sofa und begrüßte auch englisch das erste Nichts, dem sie in ihrer
-Gesellschaftskomödie die Tür öffnete. Kaum antwortete sie englisch in
-seinem Namen, so stand da ein langer, finsterer Engländer vor ihr, mit
-der Art Freiheit und Anstand, die sie damals vor allen Nationen in
-Europa auszeichnete. Mit solchen Luftbildern von Franzosen, Polen,
-Italienern, endlich auch mit einem kantischen Philosophen, einem
-deutschen Fürsten, der Roßhändler geworden, einem jungen aufgeklärten
-Theologen und einigen Edelleuten auf Reisen belebte sich der Teetisch.
-Sie war in einer unerschöpflichen Bewegung durch alle Sprachen. Es
-entspann sich ein Streit über die Angelegenheiten Frankreichs. Der
-Kantianer demonstrierte, aber der Franzose wütete. Sie suchte sehr
-gewandt die Streitenden auseinander zu halten und schüttete endlich, als
-ob sie angestoßen wäre, eine Tasse heißen Tee dem Kantianer auf die
-Unterkleider, um eine Diversion zu machen. Das gelang auch; es wurde
-entschuldigt, abgewischt, und sie versicherte, den Tritt des
-Majoratsherrn zu hören, eine neue Bekanntschaft, die sie erst jetzt
-gemacht, ein ausgezeichneter junger Mann, der Frankreich erst kürzlich
-verlassen habe und jene streitigen Fragen am besten beantworten könne.
--- Bei diesen Worten durchgriff eine kalte Hand den Majoratsherrn. Er
-fürchtete, sich selbst eintreten zu sehen; es war ihm, als ob er wie ein
-Handschuh im Herabziehen von sich selbst umgekehrt würde. Zu seiner
-Beruhigung sah er gar nichts auf dem Stuhle, den Esther ihm hinrückte,
-aber den andern Mitgliedern der eleganten Gesellschaft mußte sein
-Ansehen etwas Unheimliches haben, und während Esther zu ihm flüsterte,
-empfahlen sich diese, aber einer nach dem andern. Als alle sich entfernt
-hatten, sprach Esther lauter zu dem leeren Stuhle: »Sie haben mir in
-aller Kürze gesagt, ich sei nicht, was ich zu sein -- scheine, und ich
-entgegne darauf, daß auch Sie nicht sind, was Sie scheinen.« Darauf
-antwortete Esther, indem sie zum Staunen des aufhorchenden Majoratsherrn
-seine Stimme täuschend nachahmte: »Ich will mich erklären: Sie sind
-nicht die Tochter dessen, den die Welt Ihren Vater nennt, Sie sind ein
-geraubtes Christenkind, Ihren wahren Eltern, Ihrem wahren Glauben
-geraubt, und mein Entschluß, Sie dahin zurückzuführen, hat mich
-bestimmt, Ihnen meine Aufwartung zu machen. Erklären Sie sich mir jetzt
-auch deutlicher.« -- Esther: »Es sei. Ich bin Sie und Sie sind ich;
-sollte aber die Sache wieder in Ordnung gebracht werden, so zweifle ich,
-daß ich dabei gewinnen kann, Sie aber verlören unglaublich viel, und nur
-der schreckliche, rotnasige Vetter würde zu einer schwindelnden Höhe
-erhoben.«
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-Sie schwieg und flehte sich selbst mit der Stimme des Majoratsherrn an,
-weiter zu reden, denn eine Ähnlichkeit mit der geliebten Mutter
-enthüllte ihm nun halb das Geheimnis. -- Dann fuhr sie fort: »Ist Ihnen
-denn der Eigensinn eines alten Majoratsherrn, der von seinem Vetter, dem
-Leutnant, mehrmals gekränkt worden, einem eignen Sohne die geliebten
-Reichtümer überlassen möchte, so geheimnisvoll? Nehmen Sie an, daß die
-Erfüllung dieser Hoffnung ihm nahe bevorstand, daß seine Frau in Wochen
-kommen sollte, daß ihn aber die Furcht quälte, die Geburt eines Mädchens
-könne alles vereiteln. Wenn diese oft geäußerte Furcht eine listige
-Hofdame benutzt, um ihm einen Knaben aufzuschwatzen, den sie eine Woche
-früher insgeheim geboren: bedarf es da mehr als einer oft bestochenen
-Hebamme, wenn nun die Furcht erfüllt wird, und ich statt eines Knaben
-geboren werde? Ich werde einem dienstbaren Juden überliefert, der, außer
-dem Vorteil, auch seiner Religion dadurch etwas zuzuwenden hofft. Haben
-Sie Nathan den Weisen gelesen?« -- Majoratsherr: »Nein!« -- Esther: »Nun
-gut, Sie werden der Mutter an die Brust gegeben, wie die Nachtigall auch
-Kuckuckseier ausbrütet, doch es versteht sich, ohne etwas Böses damit
-sagen zu wollen. Und daß ich dies alles weiß, danke ich der Sterbestunde
-meines Pflegevaters; er versicherte mir noch dabei, daß jenes Kapital,
-was er mir zurücklasse, mehr betrage, als was ich nach der Stiftung des
-Majorats fordern könne; er habe aber wohl das Dreifache vom alten
-Majoratsherrn empfangen, um das Geheimnis zu bewahren, es sei die
-Grundlage seines großen Handelsverkehrs geworden. Sie verstummen, Sie
-zweifeln, was zu tun sei? Sie verfluchen die Eitelkeit des männlichen
-Geschlechts, seinen Namen allein in Ansehen erhalten zu wollen? Aber was
-ist zu tun? Lassen Sie denn den alten, lächerlichen Vetter Ihres
-Reichtums mit froh werden, wie Sie schon jetzt getan; meine Bahn ist
-bald durchlaufen, und ich ertrage keinen großen Wechsel der Witterung.
-Aber Sie lieben mich, sagen Sie. Ach ich habe Ihre Augen beim ersten
-Anblick verstanden, aber unsre Liebe ist nicht von dieser Welt; diese
-Welt hat mich mit aller ihrer Torheit zerstört. Freund, nicht alle
-Männer meinten es mit mir so ehrlich wie Sie, und sie umstrickten mich
-mit jeder Eitelkeit des kindischen Verstandes. Scheiden wir für heute,
-denn es kostet mir viel Zeit, Ihnen zu sagen, daß ich Ihnen kein ganzes
-Herz mehr schenken kann; es brach, es ging in Stücken, und nur dort
-heilt sich der Riß.« -- Bei diesen Worten verfinsterte eine Tränenflut
-die Augen des Majoratsherrn. Als er aufblickte, lag Esther, nachdem sie
-das Nachtlicht ausgelöscht, in ihrem Hemdchen im Fenster und atmete
-heftig die kalte Nachtluft ein; dann ging sie zu Bette, und er setzte
-sich zu seinem Tagebuche, um alles Wunderbare, so treu er vermochte,
-aufzuzeichnen.
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-Gegen Mittag kam der Vetter, wie gewöhnlich, vor sein Bette und fragte
-ihn, ob er nicht endlich Lust habe, die Hofdame zu besuchen. Der
-Majoratsherr überraschte ihn mit einem vernehmlichen Ja, hätte aber gern
-hinzugefügt, daß er lieber allein den Besuch gemacht hätte. Er kleidete
-sich schnell an und machte sich mit dem Vetter auf den Weg, der sich
-darüber freute, daß sie jetzt gewiß noch allein sei. Wie sie sich dem
-Hause näherten, pochte dem Majoratsherrn das Herz. »Was ist das für ein
-schrecklich großer Menschenkasten dort,« fragte er, »mit den
-Spiegelscheiben? In dieser Nische habe ich einmal nachts hinter der
-Statue in der Nische gesessen!« -- »Kennen Sie noch nicht Ihr eigenes
-Majoratshaus?« fragte der Vetter, »da ließe es sich besser wohnen als in
-meinem kleinen Neste!« -- »Bewahre der Himmel,« antwortete der
-Majoratsherr, »ich wollte, daß ich es nie gesehen hätte; die großen
-Steine scheinen mit Hunger und Kummer zusammengemauert.« -- »Freilich,
-der es baute, hat sich kaum satt zu essen gewagt, und Ihr Vater war
-nicht auf sonderliche Ausgaben eingerichtet, hat mir einmal, als ich
-knapp von einem Tage zum andern lebte, einen Prozeß gemacht, weil ich
-eine Schneiderrechnung, die er für mich ausgelegt, am festgesetzten Tage
-ihm nicht wieder gezahlt hatte.« -- »Gott, das ist hart,« sagte der
-Majoratsherr, »das kann den Erben keinen Segen bringen!«
-
-Unter solchen Gesprächen waren sie in das Vorzimmer der Hofdame
-getreten, die darum bitten ließ, daß die Herren eine halbe Stunde warten
-möchten, sie hätte noch einige Worte zu schreiben. Der Vetter sah an
-seiner Uhr, daß er nicht so lange warten könne, wegen seines
-regelmäßigen Spazierganges, und ließ den Majoratsherrn allein. Diesem
-ward sehr unheimlich in dem Zimmer. Der schreiende Laubfrosch auf der
-kleinen Leiter schien von einem fatalen Geiste beseelt; auch die Blumen
-in den Töpfen hatten kein recht unschuldiges Ansehen; aus dem Potpourri
-glaubte er ein Dutzend abgelebte Diplomaten heraufhorchen zu sehen. Aber
-mehr als alles quälte ihn der schwarze Pudel, obgleich sich dieser vor
-ihm zu fürchten schien; er hielt ihn für eine Inkarnation des Teufels.
-Als nun endlich die Hofdame wie ein chinesisches Feuerwerk mit dem
-steifen Wechsel ihrer Farben aus dem andern Zimmer hervortrat, da
-vergingen ihm fast die Sinne, denn ihm stand's vor der Seele, daß die
-Abscheuliche seine Mutter sei. »Mutter,« sagte er, und sah sie scharf
-an, »deinem Sohn ist sehr wehe!« Er dachte, sie würde erschrecken, ihn
-für einen Toren erklären; aber sie setzte sich ruhig zu ihm und sagte:
-»Sohn, deiner Mutter ist sehr wohl.« Sie wollte ihm ein emailliertes,
-großes Riechfläschchen reichen, aber er scheute sich davor und sagte:
-»Da sehe ich eine Seele eingesperrt!« Sie legte es leise beiseite und
-sagte: »Wenn darin eine Seele, so ist es die Seele deines Vaters, des
-Schönen; ich reichte es ihm, als er vom Leutnant, dem Vetter,
-durchstochen ward, im unerwarteten Zweikampf vor meiner Türe.« -- »Ich
-lebe mit dem Mörder meines Vaters unter einem Dache, und du bist seine
-geliebte Freundin?« -- »Du weißt zuviel, mein Sohn,« fuhr sie fort, »als
-daß du nicht alles wissen solltest, wieviel du mir zu danken, was ich
-für dich getan habe. Dein Vater hieß der schöne ... in der ganzen Stadt;
-dieser Ruf machte, daß ich gegen ihn alle Vorsicht vergaß. Unser
-Liebeshandel blieb zwar heimlich; aber bei den Folgen, die ich trug,
-mußte ich auf Verbannung vom Hofe gefaßt sein, wenn ich diese Folgen
-nicht verheimlichen könnte, nachdem dein Vater erstochen war, ehe er
-sein Versprechen, mich zu heiraten, erfüllen können. Das gelang mir.« --
-»Ich weiß es.« -- »Und zugleich rächte ich deinen Vater an seinem
-Mörder, indem ich dir das Vermögen zuwandte, was jenem mit allem Rechte
-zugefallen wäre. Ich tat noch mehr. Durch meinen Einfluß am Hofe hemmte
-ich jeden seiner Versuche, sich in Ehren fortzuarbeiten, und erhielt ihn
-dabei in den Netzen meiner Reize. Weder seinem Verstande noch seinem
-Mute wurde gerechte Anerkennung; so veraltete er in sinnlosem Treiben
-und quälenden Nahrungsspekulationen, ein lächerliches Spottgesicht aller
-Welt, während die ältern Leute noch mit Entzücken von der Schönheit
-deines Vaters reden, ihn noch als Sprichwort brauchen, um Schönheit zu
-bezeichnen. Wenn ich dich in deinem Reichtum edel, sorgenfrei
-aufgewachsen sehe, allem Höheren zugewendet, und den Vetter denke, wie
-er da täglich unter schielenden Seitenblicken der Alten und mit
-Hohnlachen der Gassenbuben in lächerlichen Hahnentritten vor meinem
-Fenster vorübertrippelt, oder Sonntags meinen Hund kämmen muß, dann
-fühle ich, daß ich deinen Vater gerächt, ihm ein rechtes Totenopfer
-gebracht habe. Oder soll ich noch mehr tun, um den Vetter zu kränken,
-soll ich ihn heiraten, ihn in seinem Stundenlauf durch die Stadt stören,
-seine Wappensammlung zusammenwerfen?« -- Der Majoratsherr hatte auf das
-alles nicht gehört, sonst möchte sein Widerspruch sie früher
-unterbrochen haben. Er sprach halbträumend in sich hinein: »Also ward
-ich der Edlen nur als ein Dieb an die Mutterbrust gelegt. Und wo ist das
-unglückliche Kind, das meinetwegen verstoßen wurde? Ich weiß es, Esther
-ist es, die unglückliche, geistreiche, von der Gemeinheit der Ihren, von
-dem Fluch ihres Glaubens niedergebeugte Esther!« -- »Darüber kann ich
-dir keine Antwort geben,« sagte die Hofdame, »der alte Majoratsherr
-allein führte die Sache aus; ich war beruhigt, als ich dich aus der
-Schande unehelicher Geburt zu dem glänzendsten Schicksale erhoben sah.
-Du dankst mir nicht dafür?« -- Er saß in sich versunken und hörte nicht,
-sondern sprach halblaut: »Ich sollte reich sein auf Unkosten einer
-Armen? Habe ich nicht manches gelernt, was mir einen Unterhalt
-verschaffen kann? Ich spiele mehrere Instrumente so fertig wie
-irgendeiner; ich male, ich kann in mancher Sprache Unterricht geben.
-Fort mit der Sündenlast des Reichtums, sie hat mich nie beglückt!« --
-Die Hofdame hörte ihm aufmerksam zu und sprach mit ihrem Pudel, der
-seine Vorderpfoten auf ihre Knie stützte und ihr ans Ohr den Kopf
-ausstreckte, dann nahm sie die Hand des Majoratsherrn und sagte: »Du
-bist deiner Mutter wenigstens Gehorsam schuldig, und was ich fordere,
-ist nicht unbillig; nur vierundzwanzig Stunden bewahre das Geheimnis
-deiner Geburt und schiebe jeden Entschluß auf, den es in dir erregen
-könnte; darauf gib mir Hand und Wort!« -- Der Majoratsherr war froh, daß
-er in vierundzwanzig Stunden zu keinem Entschluß zu kommen brauchte,
-schlug ein, küßte die Hand, empfahl sich ihr und eilte nach Hause, um zu
-einer ruhigen Fassung zu gelangen.
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-Aber eine neue Veranlassung zur tiefsten Beunruhigung seines Gemüts
-mußte er dort vorfinden. Er sah vor dem Hause der Esther eine große
-Versammlung von Juden und Jüdinnen, die heftig miteinander redeten. Weil
-er sich nicht darunter mischen wollte, so ging er in sein Haus und
-befragte die alte Aufwärterin. Sie berichtete ihm, daß der Verlobte der
-schönen Esther vor einer Stunde ganz zerlumpt von einer Reise nach
-England zurückgekommen sei; er habe alles das Seine verloren. Die alte
-Vasthi habe ihm darauf erklärt, daß er ihre Schwelle nie betreten, an
-ihre Stieftochter nicht denken solle; aber Esther habe laut versichert,
-daß sie gerade jetzt ihre Zusage erfüllen wolle, den Unglücklichen zu
-heiraten, weil er ihrer bedürfe, sonst hätte sie wegen ihrer
-Kränklichkeit das Verlöbnis aufgelöst. Darüber sei eine schreckliche Wut
-der Mutter Vasthi ausgebrochen, die kaum durch das Zwischentreten der
-ältesten Nachbarn beschwichtigt worden sei. Jedermann gebe ihr laut
-schuld, daß sie nicht aus Vorsorge für die Stieftochter, sondern aus
-Verlangen, sie zu beerben, weil sie sehr kränklich, die Heirat zu
-hindern suche.
-
-So war nun ein Mittel der Ausgleichung, wenn er selbst, der
-Majoratsherr, die verstoßene Esther geheiratet hätte, fast verloren, und
-seine Neigung schien ihm jetzt sträflich. Er sah Esther, die bleich und
-erstarrt wie eine Tote auf ihrem Sofa lag, während der Verlobte, ein
-jammervoller Mensch, ihr seine unglücklichen Begebenheiten erzählte. Es
-wurde Licht angezündet; sie schien sich zu erholen, tröstete ihn,
-versprach ihm ihren Handel zu überlassen, wenn sie verheiratet wären,
-aber er dürfe dann nie ihr Zimmer betreten. Er beschwor alle
-Bedingungen, die sie ihm machen wolle, wenn sie ihn aus dem Elend reißen
-und vor dem Zorn der grausamen Vasthi bewahren wolle. »Sie ist der
-Würgengel, der Todesengel,« sagte er, »ich weiß es gewiß; sie wird
-abends gerufen, daß die toten Leute nicht über Nacht im Hause bleiben
-müssen, und saugt ihnen den Atem aus, daß sie sich nicht lange quälen
-und den Ihren zur Last fallen. Ich hab's gesehen, als sie von meiner
-Mutter fortschlich, und als ich ans Bette kam, war sie tot; ich hab es
-gehört von meinem Schwager, es darf nur keiner davon reden. Es ist eine
-Sache der Milde, aber ich scheue mich davor.« Esther suchte es ihm
-auszureden, endlich sagte sie: »Bedenk Er sich wohl! Wenn Er sich
-allzusehr vor ihr fürchtet, so heirate Er mich nicht. Mir ist es
-einerlei, ich tue es nur, um Ihn aus dem Elend zu retten; das bedenk Er
-sich und geh Er und laß Er mich allein.« Der Verlobte ging. Kaum war er
-fort, so stand Esther mit Mühe auf, erschrak, als sie sich im Spiegel
-erblickte, und rang die Hände.
-
-Der Majoratsherr beschaute den schmalen Raum, der sie trennte; er
-glaubte sie trösten zu müssen. Aber ehe er entschlossen, ob er sich
-einem kühnen Sprunge hingeben oder durch ein Brett beide Fenster in
-aller Sicherheit vereinigen könnte, hörte er, wie alle Abende, einen
-Schuß, und es überfiel der gesellige Wahnsinn die schöne Esther schon
-wieder. Sie schlüpfte mit Eile in ein kurzes Ballkleid und warf darüber
-einen feuerfarbenen Maskenmantel, nahm auch eine Maske vor, und so
-erwartete sie die übrigen Masken zu dem Balle. Es ging wie am vorigen
-Tage, nur viel wilder. Groteske Verkleidungen, Teufel, Schornsteinfeger,
-Ritter, große Hähne schnarrten und schrien in allen Sprachen, er sah die
-Gestalten, sowie ihre Stimme sie belebte. Sie war schlagend witzig gegen
-alle Angriffe, die sie sich selbst machte, und scheute in diesen
-Spottreden keine ihrer Schwächen, die sie je gehabt hatte; aber sie
-wußte auch von allem die beste Seite zu zeigen. Nur einer Maske wußte
-sie nichts zu antworten, die ihr vorwarf, so nahe ihrer Hochzeit solchen
-Leichtsinn zu treiben. »Nennen Sie dieses Almosen, das ich dem armen
-Jungen reiche, keine Hochzeit. Ich bin verlassen; der Majoratsherr wird
-sich immerdar zu lange in Unschlüssigkeit bedenken, ehe er etwas für
-mich tut, meine Pulse schlagen bald die letzte Stunde, kurz David tanzte
-vor der Bundeslade, und ich tanze dem höheren Bunde entgegen.« Bei
-diesen Worten ergriff sie die Maske und raste einen schnellen Walzer,
-welchem Beispiel die anderen Masken folgten, während ihr Mund mit
-seltener Fertigkeit Violinen, Bässe, Hoboen und Waldhörner tanzend
-nachzuahmen wußte. Kaum war dieser allgemeine Tanz beendet, so wurde sie
-angefleht, die Fandango zu tanzen. Sie warf die Maske und auch das
-Ballkleid von sich, ergriff die Kastagnetten und tanzte mit einer
-Zierlichkeit den zierlichsten Tanz, daß dem Majoratsherrn alle anderen
-Gedanken in Wonne des Anschauens untergingen. Als ihr nun alle für diese
-Kunst ihren Dank zollten und sie nur mit Mühe wieder zu Atem kam, sah
-sie mit Schrecken einen kleinen Mann eintreten, den auch der
-Majoratsherr, sobald sie ihn genannt, in einer sehr abgetragenen Maske
-die Herren begrüßen sah. »Gott, das ist mein armer Bräutigam,« sagte
-sie, »der will mit seinen Kunststücken Geld verdienen.« Diese armselige
-Maske trug einen kleinen Tisch und Stuhl auf dem Rücken, empfahl seine
-Kunststücke, ließ einen Teller umhergehen, um für sich einzusammeln, und
-eröffnete den Schauplatz mit sehr geschickten Kartenkünsten; dann
-brachte er Becher, Ringe, Beutel, Leuchter und ähnliche
-Schnurrpfeifereien vor, mit denen er das größte Entzücken in der ganzen
-Gesellschaft erregte. Zuletzt sprang er in einem leichten, weißen
-Anzuge, doch wieder maskiert, wie eine Seele aus dem schmutzigen
-Maskenmantel heraus und versicherte, mit seinem Körper seltsame
-Kunststücke machen zu wollen, legte sich auf den Bauch und drehte sich
-wie ein angestochener Käfer umher. Aber Esther faßte einen so gräßlichen
-Widerwillen gegen ihn in dieser Verzerrung, daß sie mit zugehaltenen
-Augen in Krämpfen auf ihr Bett stürzte. Im Augenblicke waren dem
-Majoratsherrn alle Gestalten verschwunden; er sah die Geliebte, die
-Unterdrückte im schrecklichsten Leiden verlassen; er beschloß, zu ihr zu
-eilen. Er sprang die Treppe hinunter; aber er fehlte die Tür und trat in
-ein Zimmer, das er nie betreten. Und ihm und seiner Laterne entgegen
-drängten sich ungeheure gefiederte Gestalten, denen rote Nasen wie
-Nachtmützen über die Schnäbel hingen. Er flieht zurück und steigt zum
-Dache empor, indem er sein Zimmer sucht. Er blickt umher in dem Raume,
-und still umsitzen ihn heilige Gestalten, fromme Symbole, weiße Tauben;
-und das Gefühl, wie er zwischen Himmel und Hölle wohne, und die
-Sehnsucht nach dem himmlischen Frieden, dessen Sinnbilder ihn umgaben,
-stillte wie Öl die Sturmeswellen, die ihn durchbebten, und eine Ahnung,
-daß er ihm nahe, daß es seiner auf Erden nicht mehr bedürfe, drängte
-seine aufglimmende Tätigkeit für Esther wieder zurück.
-
-Doch diesem höheren Traum stellte sich die Wirklichkeit mit spitzer
-Nachtmütze, einem bunten Band darum gebunden, eine Brille auf der roten
-Nase, einen japanischen, bunten Schlafrock am Leibe, mit bloßem Schwerte
-entgegen; natürlich der Vetter, der, von dem Geräusch im Hause erwacht,
-den Majoratsherrn mit den Worten begrüßte: »Sind Sie es, lieber Vetter,
-oder Ihr Geist?« -- »Mein Geist,« antwortete der Majoratsherr verlegen,
-»denn kaum weiß ich, wie ich hier unter die Engel versetzt bin.« --
-»Kommen Sie in Ihr Zimmer zurück,« entgegnete der Vetter, »sonst
-verlassen die Tauben ihre Eier; meine Puthähne unten wollen sich ohnehin
-nicht zufrieden geben, Sie waren gewiß auch dort, ich konnte mir dieses
-Treppensteigen, den Lärm bei den Tieren nicht anders erklären, als daß
-ein Dieb von der Judengasse eingestiegen sei. Nun ist es mir nur lieb,
-daß Sie es sind. Vielleicht etwas mondsüchtig, lieber Vetter? Das weiß
-ich zu kurieren.« -- Unter solchen Gesprächen führte er den
-Majoratsherrn in sein Zimmer zurück. Dieser aber faßte den Entschluß,
-dem Vetter zu erzählen, daß er Esther in Krämpfen ganz verlassen aus
-seinem Fenster gesehen habe, und daß er in der Eil', ihr zu Hilfe zu
-kommen, die Türen verfehlt habe. -- »Welch ein Glück,« rief der Vetter,
-»denn wenn die Türe der Gasse offen gewesen, Sie wären nicht ohne
-Unglück oder Schimpf hinausgekommen.« -- Der Majoratsherr war an das
-Fenster gegangen und sagte: »Sie scheint jetzt zu schlummern, der
-schreckliche Anfall ist vorüber.« Der Leutnant erzählte aber weiter:
-»Vor einem Jahre hätten Sie die Esther sehen sollen, da war sie schön;
-da kam der Sohn eines Regimentskameraden vom Lande hieher unter die
-Dragoner. Er war das einzige Gut der Mutter, seitdem der Vater in einem
-Scharmützel geblieben; denn die sind oft gefährlicher als die großen
-Schlachten. Ich sah es, wie sie ihm das letzte Hemde zu seiner
-Equipierung nähte; sie dachte nicht, daß es sein Sterbehemde werden
-sollte. Aber der Mensch war unbesonnen, ich sah es ihm gleich beim
-Reiten an: er wollte immer Kunststücke auf den Straßen machen und dachte
-nicht daran, daß da Leute neben ihm gingen. Genug, der verliebt sich in
-die schöne Esther, und sie in ihn, und mein junger Herr will abends zu
-ihr schleichen, und wie die armen Juden außer ihrer Gasse mißhandelt
-werden, so meinen sie die Christen drinnen auch mißhandeln zu können,
-und fallen über ihn her, -- besonders die alte Vasthi, die hätte ihn
-fast erwürgt. Die Sache ward laut, die Offiziere wollten nicht mit dem
-jungen Fähndrich weiter dienen. Er kam zu mir: was er tun sollte? Ich
-sagte ihm: schießt Euch tot, weiter ist nichts zu tun. Und der Mensch
-nimmt das Wort buchstäblich und schießt sich tot. Da hatte ich Mühe, es
-der Mutter auf gute Art beizubringen. Die Esther aber bekommt seitdem
-abends um die Zeit, wo er sich erschossen, einen Eindruck, als ob ein
-Pistolenschuß in der Nähe fiele, -- andre hören es nicht, -- und dann
-ein Anfall von Reden, Tanzen, daß kein Mensch aus ihr klug wird; und die
-andern im Hause lassen sie allein und scheuen sich vor ihr!« -- Entsetzt
-von dem kaltblütigen Vortrage rief der Majoratsherr: »Welche Klüfte
-trennen die arme Menschheit, die sich immer nach Vereinigung liebend
-sehnt! Wie hoch muß ihre Bestimmung sein, daß sie solcher Fundamente
-bedarf, daß solche Opfer von der ewigen Liebe gefordert werden, solche
-Zeichen, -- die, mehr als Wunder, die Wahrheit der heiligen Geschichte
-bewähren? O, sie sind alle wahr, die heiligen Geschichten aller Völker!«
--- Nach einer Pause fragte er: »Ist denn die Vasthi wirklich der
-Würgengel? Die Leute sagen, daß sie den Sterbenden den Todesdruck gebe.«
--- »Wenn das der Fall ist,« sagte der Vetter, »so ist es Milde, daß sie
-nicht lebend begraben werden, weil ein törichtes Gesetz gebietet, die
-Toten nach dreien Stunden aus dem Hause zu schaffen.« Es habe ihm ein
-Arzt versichert, daß er deswegen einem, der an Krämpfen gelitten,
-schwören mußte, bei ihm zu bleiben, daß er nicht erstickt würde, wenn
-man ihn für tot hielte. Und da sah er, wie die Verwandten ihn verlegen
-bereden wollten, fortzugehen, der Tote sei tot; aber er blieb und
-rettete das Leben des Erstarrten, der ihm noch lange dankte. Da sollte
-die Obrigkeit ein Einsehen haben und das frühe Beerdigen verbieten.
-»Aber lassen Sie uns von angenehmeren Dingen reden,« fuhr der Vetter
-fort. »Ich habe Ihnen vielen Dank zu sagen, Sie haben mein Glück
-gemacht. Meine vortreffliche Herzens- und Hofdame fühlt eine so gütige,
-mütterliche Zärtlichkeit gegen Sie, daß sie mir die seit dreißig Jahren
-versagte Hand reichen will, insofern ich Sie verpflichten kann, als ein
-geliebter Sohn in ihrer Nähe zu bleiben und unser nahendes Alter zu
-unterstützen. Da Sie nun, lieber Vetter, Ihr ganzes äußeres Dasein mit
-der Verwaltung des Majorats mir übertragen haben, ich auch aus der
-näheren Kenntnis der Verhandlungen ersehe, daß Sie viel zu abstrakt in
-Ihren Studien sind, um Ihrem Vermögen selbst vorstehen zu können, so
-habe ich, gleichsam als Ihr natürlicher Vormund, Ihr Wort dazu gegeben.«
-
-Der Majoratsherr fühlte sich in den Willen des Vetters ebenso
-hingegeben, wie Esther in den Willen der Vasthi; er kam ihm auch vor wie
-ein Würgengel, und er konnte sich denken, daß er ihm ebenso gleichgültig
-wie dem jungen Dragoner die Pistole reichen würde, wenn er das Geheimnis
-des Majorats erführe. Der Majoratsherr liebte aber sein Leben wie alle
-Kranke und Leidende, und es schien ihm ein milder Ausweg, den die
-Hofdame ersonnen, ihn durch diese Heirat als Sohn dem Hause dergestalt
-zu verknüpfen, daß bei der Unwahrscheinlichkeit, in ihrem Alter noch
-andre Kinder zu bekommen, er allein die Aussicht und der Mittelpunkt
-aller Hoffnungen beider werden müßte. So fand er sich gezwungen, dem
-Vetter zur Heirat Glück zu wünschen und ihm seine kindliche Ergebenheit
-gegen die Hofdame zu versichern; auch versprach er ihm, künftig mit ihm
-im Majoratshause zu wohnen, Gesellschaften zu sehen und am Hofe sein
-Glück zu suchen. Dann las ihm der Vetter einige wohlgereimte Gedichte
-vor, in denen er dieses Glück besungen hatte, und empfahl sich erst spät
-dem schlaftrunkenen Majoratsherrn, der heimlich allen Versen
-abgeschworen, seitdem er die edle Reimkunst mit so fataler nichtiger
-Fertigkeit hatte handhaben hören. Und doch konnte er es nicht lassen,
-einige Reime bis zum Verzweifeln sich zu wiederholen, und wußte auch
-nicht, wo er sie gehört hatte, doch meinte er damals, als er die alte
-Vasthi hinter der Bildsäule belauerte.
-
- Es war eine alte Jüdin,
- Ein grimmig gelbes Weib;
- Sie hat eine schöne Tochter
- Ihr Haar war schön geflochten
- Mit Perlen, soviel sie mochte,
- Zu ihrem Hochzeitskleid.
-
- »Ach liebste, liebste Mutter,
- Wie tut mirs Herz so weh; --
- In meinem geblümten Kleide
- Ach laß mich eine Weile
- Spazieren auf grüner Heide,
- Bis an die blaue See.
-
- Gut Nacht! Gut Nacht, Herzmutter,
- Du siehst mich nimmermehr;
- Zum Meere will ich laufen,
- Und sollt ich auch ersaufen,
- Es muß mich heute taufen;
- Es stürmet gar zu sehr!«
-
-Spät entschlafen unter diesen wiederkehrenden Reimen, wurde er erst
-gegen Abend durch den Pistolenschuß erweckt, der sich zur gewohnten
-Stunde hören ließ. Fast zugleich trat die alte, gute Aufwärterin leise
-ein, und als sie ihn wachend fand, fragte sie: ob er nicht der
-Judenhochzeit aus dem Hinterfenster zusehen wolle. -- »Wer wird
-verheiratet?« fuhr er auf. -- »Die schöne Esther, mit dem armen Lump,
-der gestern zurückgekehrt ist.« -- Zum Glück war der Majoratsherr
-unausgekleidet auf seinem Sofa eingeschlafen, denn Zeit konnte er nicht
-verlieren, mit solcher Heftigkeit sprang er nach den hinteren Fenstern
-des Hauses, aus denen er den Begräbnisort mit den wilden Tieren gesehen
-hatte. Lange Häuserschatten und zwischendurch strahlende Abendlichter
-streiften über den grünen Platz neben dem Begräbnisort, der mit einem
-schrecklichen Gewirre schmutziger Kinder eingehegt war. Die Art der
-Musik, welche jetzt anhub, erinnerte an das Morgenland, auch der
-reichgestickte Baldachin, der von vier Knaben vorausgetragen wurde.
-Ebenso fremdartig waren alle Zeichen der Lustigkeit unter den
-Zuschauern, welche Nachtigallen und Wachteln künstlich nachahmten,
-einander zwickten und Gesichter schnitten, und endlich, zum Teil mit
-künstlichen Sprüngen, den Bräutigam begrüßten, der wie ein
-Schornsteinfeger ein schwarzes Tuch um den Kopf trug und mit einer Zahl
-befreundeter Männer eintrat. Und welche Ungeduld, wie viele seltsame
-Einfälle unter den Leuten, als die Braut länger als erlaubt auf sich
-warten ließ. Aber endlich kam händeringend ein Weib und schrie
-unbarmherzig: »Esther ist tot!«
-
-Die Musik der Zimbeln und kleinen Pauken schwieg, die Knaben ließen den
-Thronhimmel fallen, der wilde Stier brüllte schrecklich oder wurde jetzt
-erst gehört. Der Majoratsherr allein, während alles lief zu schauen,
-blieb erstarrt in seiner Fensterecke liegen, bis die Tauben heimkehrend
-es mit lautem Flügel umflogen, und die Aufwärterin sagte: »Ach Gott! da
-haben sie wieder eine mitgebracht; wer weiß, welchem armen Menschen sie
-gehört hat, und wieviele sich darum grämen!« -- »Sie ists,« rief der
-Majoratsherr, »die himmlische Taube, und ich werde nicht lange um sie
-weinen!« Er ging auf sein Zimmer zurück und wagte es nach ihrem Fenster
-hinzublicken. Schon waren alle aus ihrem Zimmer entflohen, aus Furcht
-der Einwirkung eines Toten. Der Verlobte zerriß sein Kleid vor dem Hause
-und überließ sich allen Rasereien des Schmerzes, während die Ältesten
-von der Beerdigung redeten. Sie lag auf ihrem Bette. Der Kopf hing
-herab, und die Haarflechten rollten aufgelöst zum Boden. Ein Topf mit
-blühenden Zweigen aller Art stand neben ihr und ein Becher mit Wasser,
-aus dem sie wohl die letzte Kühlung im heißen Lebenskampfe mochte
-empfangen haben. -- »Wohin seid ihr nun entrückt,« rief er nun zum
-Himmel, »ihr himmlischen Gestalten, die ahnend sie umgaben? Wo bist du,
-schöner Todesengel, Abbild meiner Mutter! So ist der Glaube nur ein
-zweifelhaft Schauen zwischen Schlaf und Wachen, ein Morgennebel, der das
-schmerzliche Licht zerstreut! Wo ist die geflügelte Seele, der ich mich
-einst in reinster Umgebung zu nahen hoffte? Und wenn ich mir alles
-abstreite, wer legt Zeugnis ab für jene höhere Welt? Die Männer vor dem
-Hause reden vom Begräbnis, und dann ist alles abgetan. Immer dunkler
-wird ihr Zimmer, die geliebten Züge verschwinden darin.«
-
-Während er in tränenlosem Wahnsinn so vor sich hinredete, trat die alte
-Vasthi mit einer Diebeslaterne in das Zimmer, öffnete einen Schrank und
-nahm einige Beutel heraus, die sie in ihre lange Seitentasche steckte.
-Dann nahm sie den Brautschmuck der Erstarrten vom Kopfe und maß mit
-einem Bande ihre Länge, wohl nicht zu einem Kleide, sondern zur Auswahl
-des Sarges. Und nun setzte sie sich auf das Bett, und es schien, als ob
-sie bete. Und der Majoratsherr vergab ihr den Diebstahl für dies Gebet
-und betete mit ihr. Und wie sie gebetet hatte, zogen sich alle Züge
-ihres Antlitzes in lauter Schatten zusammen, wie die ausgeschnittenen
-Kartengesichter, welche, einem Lichte entgegengestellt, mit dem
-durchscheinenden Lichte ein menschliches Bild darstellen, das sie doch
-selbst nicht zu erkennen geben: sie erschien nicht wie ein menschliches
-Wesen, sondern wie ein Geier, der, lange von Gottes Sonne gnädig
-beschienen, mit der gesammelten Glut auf eine Taube niederstößt. So
-setzte sie sich wie ein Alpdruck auf die Brust der armen Esther und
-legte ihre Hände an ihren Hals. Der Majoratsherr meinte einige
-Bewegungen am Kopf, an Händen und Füßen der schönen Esther zu sehen;
-aber Wille und Entschluß lagen ihm wie immer fern, der Anblick ergriff
-ihn, daß er es nicht meinte überleben zu können. »Der grimmige Geier,
-die arme Taube!« -- Und wie Esther das Ringen aufgab und ihre Arme über
-den Kopf ausstreckte, da erlosch das Licht, und aus der Tiefe des
-Zimmers erschienen mit mildem Gruße die Gestalten der ersten reinen
-Schöpfung, Adam und Eva, unter dem verhängnisvollen Baume und blickten
-tröstend zu der Sterbenden aus dem Frühlingshimmel des wiedergewonnenen
-Paradieses, während der Todesengel zu ihrem Haupte mit traurigem Antlitz
-in einem Kleide voll Augen mit glänzendem, gesenktem Flammenschwerte
-lauerte, den letzten, bittern Tropfen ihren Lippen einzuflößen. So saß
-der Engel wartend, tiefsinnig, wie ein Erfinder am Schlusse seiner
-mühevollen Arbeit. Aber Esther sprach mit gebrochener Stimme zu Adam und
-Eva: »Euretwegen muß ich so viel leiden!« -- Und jene erwiderten: »Wir
-taten nur eine Sünde, und hast du auch nur eine getan?« -- Da seufzte
-Esther, und wie sich ihr Mund öffnete, fiel der bittre Tropfen von dem
-Schwerte des Todesengels in ihren Mund, und mit Unruhe lief ihr Geist
-durch alle Glieder getrieben und nahm Abschied von dem schmerzlich
-geliebten Aufenthaltsorte. Der Todesengel wusch aber die Spitze seines
-Schwertes in dem offenen Wasserbecher vor dem Bette ab und steckte es in
-die Scheide und empfing dann die geflügelte, lauschende Seele von den
-Lippen der schönen Esther, ihr feines Ebenbild. Und die Seele stellte
-sich auf die Zehen in seine Hand und faltete die Hände zum Himmel, und
-so entschwanden beide, als ob das Haus ihrem Fluge kein Hindernis sei,
-und es erschien überall durch den Bau dieser Welt eine höhere, welche
-den Sinnen nur in der Phantasie erkenntlich wird: in der Phantasie, die
-zwischen beiden Welten als Vermittlerin steht und immer neu den toten
-Stoff der Umhüllung zu lebender Gestaltung vergeistigt, indem sie das
-Höhere verkörpert. Die alte Vasthi schien aber von all der Herrlichkeit
-nichts zu erkennen und zu sehen; ihre Augen waren abgewandt, und als
-sich der Todeskampf gestillt hatte, nahm sie noch einigen Schmuck zu
-sich und hob das Bild von Adam und Eva von der Wand und schleppte es
-auch mit fort.
-
-Erst jetzt fiel dem Majoratsherrn ein, daß etwas Wirkliches auch für
-diese Welt an allem dem sein könne, was er gesehen, und mit dem Schrei:
-»Um Gottes Gnade willen, die Alte hat sie erwürgt,« sprang er, seiner
-selbst unbewußt, auf das Fenster und glücklich hinüber in das offene
-Fenster der Esther. Sein Schrei hatte die Totengräber und den Verlobten
-ins Haus gerufen. Sie kamen in das Zimmer, wo sie den Majoratsherrn, den
-keiner kannte, beschäftigt fanden, der armen Esther Leben einzuhauchen.
-Aber vergebens. Mit Mühe sagte er ihnen, was er gesehen, wie Vasthi sie
-erwürgt habe. Der Verlobte rief: »Es ist gewißlich wahr, ich sah sie
-hinaufschleichen und sah sie herunterschleichen, aber ich fürchtete mich
-vor ihr!« Die Totenbegleiter verwiesen ihm aber solche frevelhafte
-Gedanken, der Fremde sei ein Rasender, vielleicht ein Dieb, der solche
-Lügen ersonnen, um sich der Strafe zu entziehen. Da ergriff der
-Majoratsherr den Becher mit Wasser und sprach: »So gewiß der Tod in
-diesem Wasser sein Schwert gewaschen und es tödlich vergiftet hat, so
-gewiß hat Vasthi die arme Esther vor meinen Augen erwürgt!« -- Bei
-diesen Worten trank er den Becher aus und sank am Bette nieder. -- Alle
-sahen an dem Glanze seiner Augen, an der Bleichheit seiner Lippen, daß
-ihm sehr wehe sei, und sie hörten seinen gebrochenen Reden zu. »Sie
-würgte an ihr schon manches Jahr,« sagte er, »und Esther starb in einem
-Abbilde ihres Lebens, das mit seinem eiteln Schmuck noch in dem Tode die
-Raubgier der Alten und vergebliche Liebe in mir regte. Sie ist dem
-Himmel ihres Glaubens nicht entzogen, sie hat ihn gefunden, und auch ich
-werde meinen Himmel, die Ruhe und Unbeweglichkeit des ewigen Blaus
-finden, das mich aufnimmt in seiner Unendlichkeit, sein jüngstes Kind,
-wie seine Erstgeborenen, alle in gleicher Seligkeit!«
-
-Bald wurden seine Worte undeutlicher, und er bewegte kaum noch die
-Lippen. Und die Juden alle sagten, daß das Wasser in einem Sterbezimmer
-gefährlich und selbst öfter als tödlich erfunden sei bei gewaltsamen
-Todesfällen. Sie trugen ihn in das Haus des Leutnants und erzählten, was
-er ihnen von den Ereignissen berichtet hätte. Dieser versicherte ihnen,
-der Sterbende sei schon lange sehr kränklich gewesen, und rief eben den
-Arzt in das Haus, den der Majoratsherr zuerst erblickt hatte, wie der
-Tod auf seinem Wagen gesessen und die beiden Rosse, Hunger und Schmerz,
-gelenkt habe. Dieser zuckte die Achseln, machte Versuche mit Stechen und
-Brennen und einigen heftigen Mitteln; aber er konnte die Ruhe des
-Unglücklichen nicht mehr stören, sondern beschleunigte nur seinen Tod.
-
-Noch am Abend nahm der Leutnant Besitz von dem Majoratshause und schlief
-seine erste selige Nacht in dem Prachtbette des Hauses. Seine glänzende
-Bedienung, sein Geschmack in der Pracht zeigte sich zur allgemeinen
-Bewunderung bei dem Leichenbegängnisse des Majoratsherrn. Er gab mehrere
-große Mittagessen, und es verging keine Woche und jedermann war
-erstaunt, wie dem Manne Unrecht geschehen. Viele rühmten seinen echt
-praktischen Verstand, wie er sich durch alle Not des Lebens
-durchgearbeitet habe; andre erinnerten sich jetzt, wie viele Proben
-seines Mutes er im Kriege gegeben; einige verehrten sogar seine Gedichte
-und erboten sich, sie herauszugeben. Bald trat er nach seinem
-Dienstalter in die Armee ein und reichte als General der alten Hofdame
-seine Hand, nachdem er durch die glückliche Erfindungsgabe jenes Arztes
-von seiner roten Nase kuriert war.
-
-Dem Hochzeitstage zu Ehren wurde alles Geflügel geschlachtet, das er im
-kleinen Hause so lange verpflegt hatte. Die hohen Herrschaften beehrten
-ihn selbst mit ihrer Gegenwart, und jedermann rühmte die Fröhlichkeit
-und die Pracht dieses Festes. Um so unruhiger war die Nacht. Die Ärzte
-behaupteten, der Vetter habe sich im Weine übernommen; die Leute im
-Hause aber berichteten, die Hofdame habe im zu Bette gehen ein
-emailliertes Riechfläschchen zerbrochen, worin der Geist ihres
-erstochenen Freundes eingeschlossen gewesen. Dieser Geist habe ihr Bett
-gegen ihn mit dem Degen verteidigt, und beide hätten die ganze Nacht
-gefochten, bis endlich der Herr ermüdet sich vor ihm zurückgezogen. Die
-Hofdame verhöhnte ihn am Morgen als einen törichten Geisterseher, und
-als er ihr im Zorne antwortete, drohte sie die Geschichte zu seinem
-Schimpfe am Hofe bekannt zu machen. Zu ihren Füßen flehte er, daß sie
-schweigen möchte, und sie versprach es unter der Bedingung, daß er sie
-in keiner ihrer Launen stören wolle. So mußte er es ruhig dulden, daß
-die Hunde der Frau, als diese die Wappensammlung besehen und offen
-stehen lassen, mit den kostbarsten Wappen spielten und sie im Spiel
-zerbissen. Auch mit der Ordnung seiner Zeit hatte es ein Ende, denn die
-Frau verstellte und verdrehte ihm alle Uhren, wenn die Hunde zum
-Mittagessen früher eine Lust bezeigten. Auch hatte er zum Spazierengehen
-nun so wenig Zeit übrig, seit ihm die Frau eine gewisse Anzahl junger
-Hühnerhunde und Hetzhunde zum Abrichten übergeben hatte. Die gute alte
-Ursula wagte es, zuzureden, ihn zum Widerstand aufzumuntern; aber er
-fürchtete schon bei dem bloßen Gedanken, daß sie in der nächsten Nacht
-den Geist aus dem emaillierten Riechfläschchen loslassen möchte, und
-jagte sie aus seinem Dienste; er trug die physische Angst in seinem
-Herzen, wie ein gebissener Hahn, der einmal vor seinem Gegner flüchtig
-geworden ist.
-
-Die Frau kannte diese schwache Seite und trieb ihn mit dieser Furcht aus
-allen guten Zimmern des großen Hauses auf ein Bodenzimmer, um ihre neuen
-Kolonien von Hunderassen aller Art in den Prachtzimmern wohl
-unterzubringen. Ungeachtet seiner Ehrenstellen wagte er sich unter
-solchen beschämenden Umständen nicht in die Welt, die sich der Frau
-wegen der allmählich verbreiteten Geschichte ihrer heimlichen
-Niederkunft und des Kindertausches ohnehin verschloß. Um so ungestörter
-gab sie sich ihrer Liebhaberei zu Tieren aller Art und gestattete
-niemand den Eintritt in das Innere ihres Hauses. Neugierige Leute
-lauerten wohl abends vor dem Fenster, wenn sie durch die Ritzen der
-Fensterladen die Kronleuchter hell brennen sahen, und kletterten auch
-wohl hinan, um etwas von diesem seltsamen Feste zu ersehen. Sie
-erzählten dann, daß sie unzählige Hunde und Katzen an großen
-wohlbedeckten Tischen hätten tafeln sehen, und wie der Herr General
-hinter dem Stuhle des Lieblingshundes mit einem Teller unter dem Arme
-aufgewartet habe, während sie alle mit den artigsten französischen
-Worten zum Essen überredet habe. Sie erzählten, wie sie als einen
-artigen Einfall belacht habe, als ein paar Hunde die schmutzigen Pfoten
-an dem großen Wappen des Majoratsdamastgedeckes abgewischt hätten,
-während der Teller des Eheherrn hinter dem Stuhle des Hundes vom Zittern
-des unterdrückten Zornes an den Uniformknöpfen den hellsten Triller
-geschlagen habe. »Wir sind jetzt alle bei recht guter Laune«, hatte sie
-da befragt gesagt, »lesen Sie uns Ihr Gedicht auf den Namenstag meines
-Kartusch vor!« Als der Horcher bei diesen Worten laut auflachte, brachte
-dies dem ganzen Feste eine Störung. Die Frau schalt, die Hunde bellten,
-der General schickte seine Leute hinaus. Alle Zuschauer flüchteten, und
-am anderen Tage wurde das Haus mit einem hohen, eisernen Gitter umgeben,
-so daß niemand mehr diesen Heimlichkeiten zusehen konnte.
-
-Mit diesem Gitter schließen sich auch, zufällig oder historisch, je
-nachdem man es ansehen will, die Nachrichten von den Majoratsherren. Die
-Stadt hatte während des Revolutionskrieges sehr bald Gelegenheit, andere
-Leutnants und Generale zu beobachten. Es war eine so unruhige Zeit, daß
-die alten Leute gar nicht mehr mitkommen konnten und deswegen unbemerkt
-abstarben. So erging es wenigstens dem Majoratsherrn, seiner Frau und
-ihren Hunden nach einigen heftigen Auftritten, in denen einer der
-fremden Offiziere, der eine bessere Hausordnung zu stiften sich berufen
-glaubte, die Hunde auf gewaltsame Weise aus dem Staatszimmer hetzte und
-den alten Majoratsherrn in seine Rechte auf die Hausherrschaft wieder
-einzusetzen strebte. Bald darauf kam die Stadt unter die Herrschaft der
-Fremden; die Lehnsmajorate wurden aufgehoben, die Juden aus der engen
-Gasse befreit, der Kontinent aber wie ein überwiesener Verbrecher
-eingesperrt. Da gab es viel heimlichen Handelsverkehr auf Schleichwegen,
-und Vasthi soll ihre Zeit so wohl benutzt haben, daß sie das
-ausgestorbene Majoratshaus durch Gunst der neuen Regierung zur Anlegung
-einer Salmiakfabrik für eine Kleinigkeit erkaufte, welche durch den
-Verkauf einiger darin übernommenen Bilder völlig wiedererstattet war. So
-erhielt das Majoratshaus eine den Nachbarn zwar unangenehme, aber doch
-sehr nützliche Bestimmung, und es trat der Kredit an die Stelle des
-Lehnrechtes.
-
- Achim von Arnim's »Die Majoratsherren«
- mit den Zeichnungen von Alfred Kubin
- wurde im Auftrage des Avalun-Verlages,
- Wien, neunzehnhundertzweiundzwanzig
- bei Jakob Hegner in Hellerau bei Dresden
- in Jean-Paul-Fraktur auf Bütten gedruckt.
-
-
-
-
-Anmerkungen zur Transkription
-
-
-Die folgenden Fehler wurden wie hier aufgeführt korrigiert
-(vorher/nachher):
-
- [S. 15]:
- ... in ununsern ...
- ... in unsern ...
-
- [S. 22]:
- ... von den Grausamen zurück, der sie mit kannibalischer Begierde
- ansieht. ...
- ... von dem Grausamen zurück, der sie mit kannibalischer Begierde
- ansieht. ...
-
- [S. 46]:
- ... beschwichtigt worden sei. Jederman gebe ihr laut schuld, daß ...
- ... beschwichtigt worden sei. Jedermann gebe ihr laut schuld, daß ...
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-End of the Project Gutenberg EBook of Die Majoratsherren, by Achim von Arnim
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-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE MAJORATSHERREN ***
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-Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
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-Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
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-exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations
-from people in all walks of life.
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-Volunteers and financial support to provide volunteers with the
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-Sections 3 and 4 and the Foundation information page at
-www.gutenberg.org
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-Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
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-The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
-501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
-state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
-Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
-number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary
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-The Foundation's principal office is in Fairbanks, Alaska, with the
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-volunteers and employees are scattered throughout numerous
-locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt
-Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to
-date contact information can be found at the Foundation's web site and
-official page at www.gutenberg.org/contact
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-For additional contact information:
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- Dr. Gregory B. Newby
- Chief Executive and Director
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-Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
-Literary Archive Foundation
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-Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
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-International donations are gratefully accepted, but we cannot make
-any statements concerning tax treatment of donations received from
-outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
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-Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
-methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
-ways including checks, online payments and credit card donations. To
-donate, please visit: www.gutenberg.org/donate
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-Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic works.
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-Professor Michael S. Hart was the originator of the Project
-Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be
-freely shared with anyone. For forty years, he produced and
-distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of
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-Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
-editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in
-the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not
-necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper
-edition.
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-facility: www.gutenberg.org
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