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-The Project Gutenberg EBook of Sämmtliche Werke 8: Vermischte Schriften
-und Aufsätze, by Johann Gottlieb Fichte
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
-other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
-the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
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-
-Title: Sämmtliche Werke 8: Vermischte Schriften und Aufsätze
- Nicolai's Leben und sonderbare Meinungen / Deducirter Plan
- einer zu Berlin zu errichtenden höheren Lehranstalt /
- Beweis der Unrechtmässigkeit des Büchernachdrucks und
- andere Aufsätze / Recensionen / Poesien und metrische
- Uebersetzungen
-
-Author: Johann Gottlieb Fichte
-
-Editor: Immanuel Hermann Fichte
-
-Release Date: March 5, 2016 [EBook #51359]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: ISO-8859-1
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK SÄMMTLICHE WERKE 8: ***
-
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-
-Produced by Karl Eichwalder, Jens Sadowski, and the Online
-Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net This
-book was produced from scanned images of public domain
-material from the Google Books project.
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-
- Johann Gottlieb Fichte's
- sämmtliche Werke.
-
-
- Herausgegeben
- von
- I. H. FICHTE.
-
- Achter Band.
-
- Berlin, 1846.
- Verlag von Veit und Comp.
-
- Johann Gottlieb Fichte's
- sämmtliche Werke.
-
- Herausgegeben
- von
- I. H. FICHTE.
-
- Dritte Abtheilung.
- Populärphilosophische Schriften.
-
- Dritter Band:
- Vermischte Schriften und Aufsätze.
-
- Berlin, 1846.
- Verlag von Veit und Comp.
-
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- Inhaltsanzeige
- des achten Bandes.
-
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- Seite
- 1) Nicolai's Leben und sonderbare Meinungen, 1801 3-93
- 2) Deducirter Plan einer zu Berlin zu errichtenden höheren 97-204
- Lehranstalt, 1807
- Beilagen zum Universitätsplane (ungedruckt):
- a. Plan zu einem periodischen schriftstellerischen Werke 207-216
- an einer deutschen Universität, 1805
- b. Rede bei einer Ehrenpromotion an der Universität zu 216-219
- Berlin, am 16. April 1811
- 3) Vermischte Aufsätze:
- A. Beweis der Unrechtmässigkeit des Büchernachdrucks, 223-244
- ein Räsonnement und eine Parabel, 1791
- B. Zwei Predigten aus dem Jahre 1791 (ungedruckt) 245-269
- C. Ueber Geist und Buchstab in der Philosophie, 1794 270-300
- D. Von der Sprachfähigkeit und dem Ursprunge der 301-341
- Sprache, 1795
- E. Ueber Belebung und Erhöhung des Interesse an 342-352
- Wahrheit, 1795
- F. Aphorismen über Erziehung, 1804 (ungedruckt) 353-360
- G. Bericht über die Wissenschaftslehre und die 361-407
- bisherigen Schicksale derselben, 1806 (ungedruckt)
- 4) Recensionen:
- A. Von Creuzers skeptischen Betrachtungen über die 411-417
- Freiheit des Willens, 1793
- B. Von Gebhard über sittliche Güte, 1793 418-426
- C. Von Kant zum ewigen Frieden, 1796 427-436
- 5) Poesien und metrische Uebersetzungen:
- A. Das Thal der Liebenden, Novelle, 1786 (ungedruckt) 439-459
- B. Kleinere Gedichte (meist ungedruckt) 460-471
- C. Uebersetzungen aus dem Portugiesischen, Spanischen 472-479
- und Italiänischen (meist ungedruckt)
-
-
-
-
- Vorrede des Herausgebers.
-
-
-Der vorliegende achte Band der Werke enthält Alles, was von gedruckten
-und von ungedruckten Aufsätzen vermischten Inhaltes der Aufbewahrung
-werthgehalten wurde, und was im dritten Theile der »Nachgelassenen
-Werke« noch nicht erschienen ist. Diese beiden Bände stehen daher in
-nächster ergänzender Beziehung zueinander.
-
-Die Schrift, welche hier die Reihe eröffnet: »Nicolai's Leben und
-sonderbare Meinungen« (1801), wird bei ihrem Wiedererscheinen, da ihr
-Gegenstand unserer unmittelbaren Erinnerung und unserem parteinehmenden
-Interesse entrückt ist, wohl so heiter und so objectiv aufgenommen
-werden, als sie ursprünglich entworfen ward. Gleichwie wir aus den
-Selbstbekenntnissen des Dichters wissen, dass er sich mit dem ihm
-Feindlichen am Sichersten versöhnt habe, indem er es zum Gegenstande
-poetischer Darstellung machte: so ist es die ächte, überwindende und
-abschliessende Polemik des Denkers, wenn er das Gegnerische aus seinem
-Principe begreift und in der unwillkürlichen Consequenz seiner
-Verkehrtheit erschöpfend darlegt. Als Beispiel dieses Humors der
-Gründlichkeit wird das kleine Werk eine eigenthümliche Stelle behaupten
-neben den wenigen polemischen Musterstücken unserer Literatur. Das
-dreizehnte oder Schlusscapitel aus demselben: »Von den letzten Thaten,
-dem Tode und der wunderbaren Wiederbelebung unseres Helden,« (Bd. VIII.
-S. 89 ff.) welches der ursprüngliche Abdruck nur bruchstückweise enthält
-(S. 128 ff.), ist zwar im Manuscripte noch vollständig vorhanden; doch
-bleibt es, aristophanischer Derbheiten voll, auch jetzt kaum
-mitzutheilen.
-
-Der »Universitätsplan« gehört in jene Reihe von Entwürfen zur
-Umgestaltung der gesammten Nationalbildung, von denen wir in der Vorrede
-zum siebenten Bande Bericht erstattet. Er schrieb ihn auf Anregung des
-damaligen preussischen Cabinetsraths Beyme, der in Betreff desselben
-»sein ganzes Vertrauen auf ihn setzte« und bei dem Entwurfe selbst ihn
-davon lossprach, »an das Alte und Ueberlieferte sich zu binden« (Worte
-aus einem ungedruckten Briefe des Letzteren).
-
-So entstand jener Plan auf einer völlig neuen Grundlage des Begriffes
-einer Universität, und war ebenso auf ein neues Ziel gerichtet. In
-ersterer Beziehung wurde geltend gemacht, dass die Universität weit
-weniger Lehranstalt seyn solle, als Bildungsschule des freien
-Verstandesgebrauches: leitender Grundsatz sey, durchaus nichts mündlich
-zu lehren, was auch im Drucke vorliege und auf diese Weise weit besser
-und sicherer an den Zögling gebracht werden könne; vielmehr solle der
-akademische Unterricht nur in dem ununterbrochenen und innigen
-Wechselverkehr zwischen Lehrer und Lernenden bestehen, in
-Modificationen, welche der Plan ausführlich darlegt, um eben dadurch zur
-»Kunstschule des wissenschaftlichen Verstandesgebrauches« sich zu
-erheben. Als Ziel aber wurde gezeigt, dass dem Zöglinge dieser
-Kunstschule nach dem Eigenthümlichen seines Talentes und nach dem
-Ergebnisse seines Fleisses und seiner Ausbildung, auch die sichere
-Aussicht auf die höchsten Staatsämter eröffnet werde, ohne dass dabei,
-wie bisher, dem Stande oder sonstigen zufälligen Unterschieden der
-geringste Einfluss bleibe, damit der auch von daher neu umgestalteten
-Staatsverwaltung (auf Preussen wurde nemlich dabei zuerst gerechnet) die
-höchste Blüthe der Wissenschaft und des Talentes zu steter Erfrischung
-und Selbsterneuerung immerfort zu Gute komme.
-
-Es ist leicht erklärbar, nachdem zugleich die oberste Leitung der
-Universitätsangelegenheiten in andere Hände gekommen war, warum unter
-den damaligen Umständen, die guten Theiles noch jetzt fortdauern, ein
-solcher Plan, sowohl in seinem Ausgangspuncte, als in seiner letzten
-Absicht, unausführbar befunden werden musste. Berlin wurde eine
-Hochschule, wie jede andere auch; und was ihr höheren Glanz verlieh, war
-nicht das Vollkommene oder Rationellere ihrer ursprünglichen
-Organisation, sondern der Ruf einzelner Lehrer, die verschwenderische
-Fülle der Lehrmittel, welche sie darbot, endlich das äussere Ansehen,
-das ihre eigenthümliche Stellung in der Nähe der obersten
-Regierungsgewalten ihr verlieh.
-
-Dies Verhältniss erzeugte jedoch im weiteren Verlaufe eine andere, also
-noch nie dagewesene Erscheinung. Man sah vor Augen, wie mächtig der
-Einfluss der Wissenschaft sey auf die geistigen Bewegungen der Zeit, und
-so empfahl es sich als höchste Maxime der Staatsklugheit, eine
-Universität vor allen Dingen zur Bildungsanstalt künftiger Beamten zu
-stempeln, und den Geist derselben den jedesmal herrschenden Wünschen und
-Absichten der Regierung anzupassen. Hätte man bedacht, was eigentlich in
-diesem Grundsatze liegt, und könnte es gelingen, consequent ihn
-durchzuführen, so würde ans Licht kommen, dass er in Wahrheit nichts
-Geringeres fordert, als jeden Keim der Zukunft der jedesmaligen
-Gegenwart aufzuopfern und so den Stillstand zu verewigen!
-
-Wird nun irgend einmal unter den Gegenständen, welche in unserem
-Vaterlande einer nothwendigen Umgestaltung entgegengehen, die Reihe auch
-an unsere Universitäten kommen; wird man sich sodann die Frage zur
-klaren Entscheidung bringen müssen, ob sie auch künftig bloss
-Pflanzschulen für Beamte seyn sollen, oder wirklich und ungeschmälert
-freie Pflegerinnen der Wissenschaft, von denen der erste Antrieb zu
-jedem Weiterschreiten im Staate selber ausgehen müsse: so wird man
-gewiss auf denselben höchsten Grundsatz und wenigstens auf ähnliche
-Einrichtungen zurückkommen müssen, wie sie in Fichte's Universitätsplane
-vorgeschlagen sind, und dieser näheren oder ferneren Zukunft mag dann
-eine erneuerte Erwägung desselben vorbehalten bleiben. --
-
-Von den nun folgenden »vermischten Aufsätzen« schien uns jeder
-beachtenswerth in verschiedener Beziehung, als Zeugniss von den
-Interessen, welchen sich Fichte's Geist zu verschiedenen Zeiten
-zugewandt. Ehe er ganz von der Kantschen Philosophie dahingenommen
-wurde, war es sein höchstes Ziel, sich zum Kanzelredner zu bilden: was
-er darin erstrebte und für das Rechte hielt, mögen die abgedruckten
-Predigten zeigen, zusammengehalten mit der schon früher, im dritten
-Bande der »Nachgelassenen Werke« (S. 209.), mitgetheilten. Alle drei
-scheinen uns nicht ohne urkundliche Kraft und Eigenthümlichkeit, den
-künftigen wissenschaftlich-popularen Redner ankündigend.
-
-Von den weiteren Abhandlungen müssen wir »die Briefe über Geist und
-Buchstab in der Philosophie« (1794, ursprünglich für Schillers Horen
-bestimmt) auszeichnen. Sie stammen aus der ersten, frischesten Zeit der
-Erfindung seines Systemes, und geben zugleich am Ausführlichsten von
-seinen ästhetischen Principien Kunde. Der ästhetische Trieb wird darin
-als das Mittlere zwischen dem Erkenntniss- und dem praktischen Triebe
-bezeichnet, als das Ideelle, die Vernunft, aber in Form der Natur, der
-^Unmittelbarkeit^ des Bewusstseyns, wodurch der ästhetische Sinn, beiden
-Welten angehörend, beide eben vermitteln kann, weil Vernunft und Natur
-in ihm auf ursprüngliche Weise als Eins gesetzt sind. So hätte, diesem
-unmittelbarsten Entwurfe seines Systemes nach, die Aesthetik die
-dritte vermittelnde Disciplin zwischen den beiden Theilen der
-Wissenschaftslehre, dem theoretischen und dem praktischen, seyn sollen,
--- eine Auffassung, welcher indess keine weitere Folge gegeben worden
-ist, wiewohl sie auch in Fichte's Sittenlehre (Bd. IV. S. 353.) noch dem
-Begriffe des Schönen und der Kunst zu Grunde gelegt wird, indem er das
-Princip derselben dort also bezeichnet: »dass die schöne Kunst den
-^transscendentalen Gesichtspunct^« (den der Vernunft) »zum gemeinen«
-(unmittelbaren) »mache.« Wir finden in dieser Bestimmung keinen
-wesentlichen Unterschied von der in den späteren Systemen, das Schöne
-sey die Idee in sinnlicher Unmittelbarkeit, vielmehr dasselbe, wiewohl
-noch unausgeführt und in unbestimmtem Umrisse. Nur dies hinderte bei
-Fichte die fruchtbare Entfaltung dieses Gedankens, dass ihm das
-eigentlich nächste und unmittelbarste Gebiet dieses Sinnlichwerdens der
-Idee, die Natur, fortwährend ^blosse^ Sinnenwelt, ein schematisches, der
-Idee untheilhaftes Bewusstseyn blieb. Er konnte kein ^Naturschönes^
-anerkennen, und ^deshalb^ musste er auf die Frage, wo die Welt des
-schönen Geistes sey, antworten: »Innerlich in der Menschheit, ^und sonst
-nirgends^« (S. 354.). Diese Ausschliesslichkeit gegen die Natur tritt
-nun in jener Abhandlung noch nicht hervor: das neue Princip sucht noch
-das Reich der Wahrheit sich zu gewinnen, ohne genau die Grenzen
-abzustecken oder Etwas von sich auszuschliessen, und solche
-ursprünglichen Urtheile müssen immer für die bezeichnendsten und dem
-eigentlichen Sinne des Principes gemässesten gehalten werden.[1]
-Vielleicht auch eines Kunsturtheils wegen kann der Aufsatz für
-merkwürdig gelten. In jener Zeit, als ganz andere Dichter das Publicum
-beherrschten, verkündete er, als einer der frühesten, die Grösse des
-Goetheschen Dichtergeistes, nicht in seinen damals allein etwa beliebten
-Jugendwerken, sondern in seinen späteren Dichtungen, indem es ihnen
-gelungen sey, gerade durch Mässigung der höchsten Kraft, die in sich
-harmonische Schönheit darzustellen. --
-
-Die Abhandlung: »über Sprachfähigkeit und Ursprung der Sprache« wird auf
-den ersten Anblick vielleicht merkwürdig erscheinen durch das
-befremdliche Resultat, auf welches sie hinausgeht. Entschieden ist
-wenigstens, dass Fichte späterhin die Sprache nicht bloss mehr für
-freies Erzeugniss einer schon ausgebildeten Vernunftthätigkeit hielt,
-wiewohl zuzugeben ist, dass er die volle Bedeutung der Sprache überhaupt
-zur Verwirklichung des Vernunftbewusstseyns im ^Einzelsubjecte^, in
-keiner von seinen wissenschaftlichen Darstellungen vollständig gewürdigt
-hat.
-
-[Fußnote 1: Bekanntlich hat Solger im Erwin (I. S. 77.) Fichte's
-ästhetisches Princip einer Kritik unterworfen; ebenso ist es neuerdings
-von Th. W. Danzel charakterisirt worden in einer sehr beachtenswerthen
-Abhandlung: »über den gegenwärtigen Zustand der Philosophie der Kunst«
-(in des Herausgebers Zeitschrift für Philosophie etc. Bd. XIV. S. 165
-ff.). Das Obenangedeutete und Fichte's hier wiederabgedruckte Abhandlung
-mögen dafür zur Ergänzung und Berichtigung dienen.]
-
-Dennoch war der Grund von diesem Allem, wie eben aus jener Abhandlung
-deutlich erhellt, ein tiefer und ächt idealistischer. Die Vernunft ist
-das Ursprünglichste, Selbstständigste, Unabhängigste im Menschen; sie
-bedarf zu ihrer Wirklichkeit nicht, sich an Tonbildern zu befestigen,
-die sie vielmehr -- (so sah man überhaupt damals dies Verhältniss an) --
-nur in zufällig willkürlicher Gestaltung aus sich hervorbringt. Statt
-sprechend, kann sie sich daher auch in der stolzen Innerlichkeit des
-Schweigens genügen. Deshalb behauptete er, dass man die Tonsprache für
-viel zu wichtig gehalten habe, wenn geglaubt worden sey, dass ohne sie
-kein Vernunftgebrauch habe stattfinden können. So war er auch bei
-anderer Gelegenheit auf die Frage: ob man nur in Worten zu denken
-vermöge, geneigt, darauf mit Nein zu antworten, wo jedoch die genauere
-Selbstbeobachtung ihn im Stiche lässt.
-
-Es sey daher gestattet auf den gegenwärtigen Standpunct dieser Frage
-einen Blick zu werfen, um das Verhältniss jener Abhandlung zur
-philosophischen Sprachwissenschaft der Gegenwart bestimmter
-festzustellen. Seit W. von Humboldts Untersuchungen über diesen
-Gegenstand steht fest, dass von der Vorstellung, die auch Fichte hier
-vertritt, die Tonsprache sey erst ein Product des Bedürfnisses bei schon
-erwachter Vernunftthätigkeit gewesen, völlig abgesehen werden müsse. Das
-tonbildende Vermögen, so zeigte Humboldt, ist ein durchaus
-ursprüngliches, vom Seyn des Menschen unabtrennliches, mit
-unwillkürlicher Kraft, aber in tiefer Gesetzlichkeit, sich Luft machend:
--- was er nun an einer vergleichenden Physiologie und Semiotik der Laute
-weiter durchführt und mit grossem Reichthume der Beobachtung im
-Einzelnen begründet. Bis so weit nun, als Humboldt hierin führt, und von
-dieser Seite, ist der Grund und Ursprung der Sprachbildung aufgedeckt;
-aber die eigentliche Mitte des Problems ist damit noch nicht erreicht
-worden. Dies zum Bewusstseyn zu bringen, ist Fichte's Abhandlung
-geeignet, die zugleich noch eine andere, von jener unabtrennliche Frage
-anregt, die Frage über das Verhältniss der Zeichen- zur Tonsprache.
-
-Die erstere macht er zur ^Ursprache^, und fügt hinzu, dass sich diese
-vielleicht erst nach Jahrtausenden in Gehörsprache verwandelt habe, weil
-für Ausbildung der letzteren schon eine wirkliche Thätigkeit der
-Vernunft vorauszusetzen sey, wie er dies im weiteren Verlaufe der
-Abhandlung an der Erzeugung der grammatischen Formen ausführlich
-nachweist. Dies ist ein bedeutender Wink, der nur weiter auszubilden
-wäre, und auch der dabei geforderte Zeitverlauf ist ein wichtiges, wohl
-zu beachtendes Moment.
-
-Zunächst jedoch muss es als ungerechtfertigt erscheinen, Zeichen- und
-Tonsprache in ihrem unmittelbaren Ursprunge überhaupt von einander zu
-trennen, und diese später entstehen zu lassen. Unstreitig treten beide
-ursprünglich ^mit^ einander hervor, und gehen sogar noch immer, wie wir
-täglich bei lebhaft Sprechenden bemerken können, sich ergänzend und
-unterstützend nebeneinander her; ja bei Armuth der Tonsprache (wie im
-Chinesischen), oder bei dem Mangel derselben (wie in Taubstummheit),
-kann die Zeichensprache durch Reflexion und Absicht ebenso zur
-articulirten gesteigert werden, wie jene. Dennoch hat Fichte recht: nur
-allmählig, im Zeitverlaufe, wird die Tonsprache zum gegliederten
-Sprachorganismus, indem die bewusstwerdende Vernunft, das Denken, immer
-reicher in sie sich einbildet.
-
-Hier sind wir nun, dem unmittelbaren Anscheine nach, in einen Cirkel
-gerathen, zu dessen Vermeidung Fichte eben seine Hypothese von dem
-allmähligen Uebergange der Zeichen- in Tonsprache ersann. Ohne
-Vernunftgebrauch keine Sprache; aber wie vermag umgekehrt die Vernunft
-sich auszubilden, wenn sie nicht eine Sprache vorfindet, als das
-gefügige Element ihrer eigenen Verwirklichung? Was ist hier das Erste,
-was das Letzte? Fichte hat, seinem Principe gemäss, der Vernunft den
-Primat gegeben, und was schon seine nächsten Vorgänger behaupteten, in
-der Abhandlung mit neuen, in ihrer Begrenzung schwer zu widerlegenden
-Gründen durchgeführt: die Sprache kann nur allmählig entwickelt seyn
-durch die steigende Vernunftthätigkeit. Die entgegengesetzte Ansicht
-(Bonalds, Franz Baders, Fr. Schlegels u. A.) legt den Nachdruck auf die
-andere Seite: die Sprache kann dem Menschen nur verliehen seyn, weil
-erst durch sie vermittelt die eigene Vernunft ihm objectiv, er ihrer
-bewusst wird. Am Sprechen lernt der Mensch erst zu denken; -- was nicht
-minder richtig und unstreitig bleibt. Humboldt endlich hat die
-natürliche Grundlage hervorgehoben, aus deren unmittelbarer, aber tief
-gesetzmässiger Wirksamkeit alle Lautsprache hervorgeht, das ursprünglich
-tonbildende Vermögen des Menschen. Und so kann jetzt abschliessend
-ausgesprochen werden, dass zwischen jenen beiden Gegensätzen gar kein
-Widerstreit obwaltet, dass beide Geltung haben, aber in gegenseitig sich
-beschränkendem Sinne, der jedem daher seine scharfbegrenzte Wahrheit
-giebt. Die Sprache ist ebenso »eingeboren,« -- ^Ursprache^, äusserlich
-bedingt durch das tonbildende Vermögen des Menschen, innerlich durch die
-Immanenz der Vernunft im Menschengeiste -- als sie zu ihrer Ausbildung
-und Gliederung doch des steten Fortwirkens jener beiden Factoren bedarf.
-Es ist derselbe Process, nur energischer und reicher, der sich auch in
-den schon gebildeten Sprachen fortwährend entdecken lässt, indem die
-Denkweise eines Zeitalters unwillkürlich in den Veränderungen der
-Sprache sich abbildet, sie erweiternd oder verengend, vergeistigend oder
-entgeistend. Ebenso scheint von hier aus die Frage nach der Einheit und
-Verwandtschaft aller Sprachen von selbst sich zu lösen. Jene »Ursprache«
-ist als vollendete und für sich bestehende, nicht geredet worden bei
-irgend einem Volke oder in einer bestimmten Zeit: sie wird noch immer
-geredet und spricht sich hinein in alle individuellen Sprachen, deren
-grössere oder geringere Verwandtschaft von daher stammt; denn sie ist
-nur jene im tonbildenden Vermögen liegende Gesetzmässigkeit alles
-Sprechens. --
-
-Das philosophische Fragment endlich, »Bericht über den Begriff der
-Wissenschaftslehre und die bisherigen Schicksale derselben« (1806),
-dessen erster Abschnitt bereits in den »Nachgelassenen Werken«
-erschienen war, glaubten wir jetzt, trotz seines polemischen Inhaltes,
-in seiner Vollständigkeit nicht mehr zurückhalten zu dürfen, indem es
-als Actenstück in der Geschichte des Fichteschen und Schellingschen
-Systemes eine wesentliche Stelle einnimmt. Wenn es aber überhaupt
-mitgetheilt wurde, so musste dies in ungeschmälerter Ursprünglichkeit
-geschehen. Was dagegen zu erinnern wäre, verschwindet grossentheils vor
-der Betrachtung, dass hierbei die Erneuerung alter Kämpfe nicht zu
-besorgen steht: beide Systeme in ihrer damaligen Gestalt gehören der
-Geschichte an, und sind uns zu parteilosem Urtheile schon in eine so
-bedeutende Ferne gerückt, dass der Kundige, nach der einen wie der
-anderen Seite hin des Rechten nicht verfehlen oder aus anderen Quellen
-es leicht sich aneignen kann.
-
- * * * * *
-
-Unter den wiederabgedruckten Recensionen machen wir namentlich auf die
-beiden letzten aufmerksam. Die eine (von Gebhards Schrift über sittliche
-Güte, 1793) stellt an ihrem Schlusse, hier am Frühesten und zum
-Erstenmale, das neue Princip auf, mit welchem Fichte über Kants
-Idealismus hinausging. Es wird in der Wendung ausgedrückt: die
-praktische Vernunft habe nicht bloss, wie bei Kant, den Primat über die
-theoretische, sondern das Praktische, die That, sey als die Eine
-Grundbestimmung aller Vernunft und als Fundament alles ^Wissens^ zu
-bezeichnen. -- Ebenso ist die kurze Recension von Kants Schrift »zum
-ewigen Frieden« (1796), gedankenreich und bedeutend: sie enthält in
-gedrängter Darstellung das Unterscheidende der eigenen Rechtslehre von
-der Kantischen, und kann so zur Ergänzung des dritten Bandes der Werke
-und unserer Vorrede desselben dienen. Aber sie erhebt sich auch zu
-weiteren Fragen über die Zukunft der Geschichte; und hier werden
-Ansichten über die nothwendige Fortbildung der Gegenwart zum wahren
-Staate angedeutet, welche schon im Keime die Ideen seiner späteren
-Staatslehre zeigen.
-
- * * * * *
-
-In Betreff der am Schlusse des Bandes mitgetheilten poetischen Versuche
-sind wir nicht frei von der Besorgniss, dass mancher Leser einen anderen
-Maassstab des Urtheiles zu ihnen hinzubringe, als hier zulässig wäre.
-Nicht eigentlich als dichterische Erzeugnisse sind sie aufzufassen, --
-ob überhaupt nemlich poetische Productivität zum Talente des Denkers
-sich gesellen könne, welcher in der bildlosen Reine des Begriffes und in
-der Virtuosität der Abstraction waltet, ist durchaus zu bezweifeln, --
-sondern um das Bild von Fichte's Charakter nach einer Seite hin zu
-vollenden, die in diesen Werken bisher am Wenigsten hervortreten konnte;
--- wir meinen die gesammte Gemüthsweise, welche in solchen Productionen
-am Unverkennbarsten sich darstellt, und die in ihm allezeit ebenso
-entschieden zur Einheit ausgeprägt war, wie seine wissenschaftliche
-Denkart, ja in dieser nur ihr übereinstimmendes Gegenbild fand. Jene
-nun, der tief religiöse Ernst, das kraftvolle Erfassen des Lebens auch
-in seinen äusseren und scheinbar gleichgültigen Spitzen, aus diesem
-höchsten Mittelpuncte, ist der gemeinsame Faden, der sich auch durch
-seine Poesien zieht, selbst bis in den Humor hinein; darum schienen sie
-uns charakteristisch und aufbehaltenswerth, und so möge auch die
-Aufnahme seines ältesten poetischen Versuches (einer »Novelle« aus dem
-Jahre 1786, überhaupt des Frühesten, was im Nachlasse übriggeblieben
-ist) erklärt und gerechtfertigt seyn. Vielleicht verdient sie als
-literarische Merkwürdigkeit selbst einige Beachtung, wenn man sie mit
-dem damals herrschenden Geiste in solchen Erzählungen vergleichen will.
-
-Von hier aus können wir zugleich auf seine ästhetischen Neigungen noch
-einen Blick werfen. Wie er in der neueren Poesie dem objectiven Werthe
-nach Goethe unbedingt am Höchsten stellte und unter seinen Werken, gegen
-die gewöhnliche, auch bis jetzt noch geltende Annahme, seine »natürliche
-Tochter,« könnte aus seinem Briefwechsel bekannt seyn (Leben und
-Briefwechsel, Bd. II. S. 326 ff.). Dennoch war er auch der Romantik,
-namentlich der religiösen, bis in ihre Nebenabsenker mit Vorliebe
-zugethan, während ihm Jean Pauls Gefühlsweichheit ebenso, wie sein
-geschraubter Humor, ungeniessbar blieb. In Novalis, besonders seinen
-geistlichen Liedern, sah er neue Quellen ächter, tieferfrischender
-Poesie seinem Zeitalter geöffnet, und Tiecks »heilige Genoveva« erregte
-bei ihrem ersten Erscheinen ein so nachhaltiges Interesse in ihm, dass
-er diese Gattung romantisch religiöser Dramen selbst zur Darstellung
-philosophischer Ideen glaubte erheben zu können. Es ist noch von ihm der
-ausführliche Entwurf eines romantischen Trauerspiels: »der Tod des
-heiligen Bonifacius« vorhanden, in welchem er den Sieg der Idee eben
-dadurch, dass sie äusserlich sich opfert und in sinnlicher Gegenwart
-untergeht, zu schildern gedachte. -- In späteren Jahren endlich, als ihn
-das Studium des Italiänischen, Spanischen und Portugiesischen
-beschäftigte, war es besonders Dante, der ihn mächtig ergriff und zu
-dessen Betrachtung er mit immer neuem Interesse zurückkehrte. Von seinem
-^Purgatorio^ ist eine zum Theil metrische Uebersetzung mit Commentar im
-Nachlasse vorhanden (wovon ein Fragment in der Zeitschrift: »Vesta,
-Königsberg 1807« abgedruckt ist). Die anderen grossen Dichter jener
-Nationen, Petrarca, Cervantes, Calderon, Camoens schlossen sich in
-diesen Studien an, und von vielen Uebersetzungsversuchen aus ihren
-Werken haben wir einige zum Abdruck ausgewählt, welche uns die nach Wahl
-eigenthümlichsten, nach Ausführung gelungensten schienen.
-
-
-
-
- Friedrich Nicolai's
- Leben und sonderbare Meinungen.
-
-
- Ein Beitrag zur Literargeschichte des vergangenen und zur
- Pädagogik des angehenden Jahrhunderts.
-
- Von
- Johann Gottlieb Fichte.
-
- Herausgegeben
- von
- A. W. Schlegel.
-
- Erste Ausgabe: Tübingen, in der J. G. Cottaschen Buchhandlung.
- 1801.
-
-
-
-
- Vorrede des Herausgebers.
-
-
-Der Verfasser dieser Schrift hatte anfänglich die Absicht, sie unter
-seinen Augen dem Drucke zu übergeben. Da hiebei zufällige Hindernisse
-eintraten, und der nächste Zweck derselben durch die Unterhaltung,
-welche er bei ihrer Abfassung gefunden und seinen Freunden durch die
-Mittheilung verschafft hatte, eigentlich schon erreicht war, so wollte
-er von keiner weiteren Bemühung damit etwas wissen und zog seine Hand
-gänzlich von ihr ab. Das Manuscript kam in dem Kreise seiner Freunde
-auch an mich; ich bin durch keine Bevorwortung des Verfassers bei dem
-Gebrauche, den ich etwa davon möchte machen wollen, eingeschränkt, und
-so gestehe ich, dass ich mir ein Gewissen daraus machen würde, diese
-bündige und erschöpfende Charakteristik eines in seiner Art merkwürdigen
-Individuums dem Publicum vorzuenthalten. Der Würde Fichte's wäre es
-vielleicht angemessener, sein bisheriges verachtendes Stillschweigen
-auch jetzt nicht zu brechen: allein da er einmal die gutgelaunte
-Grossmuth gehabt hat, so viel Worte und Federzüge an Nicolai zu wenden,
-so muthe ich ihm auf meine Gefahr auch die zweite zu, die Welt seine
-ausgeübte Herablassung erfahren zu lassen. Was Nicolai betrifft, so
-weiss ich wohl, dass ich ihm durch die Herausgabe dieser Schrift die
-grösste Wohlthat erweise. Was könnte ihm, der seine hauptsächlichen
-Gegner nicht einmal dahin bringen kann, seine weitläufigen
-Streitschriften zu lesen, geschweige denn zu beantworten, der ihnen
-höchstens nur einige hingeworfene Sarkasmen abgelockt, glorreicheres
-begegnen, als dass Fichte auf ihn, als auf ein wirklich existirendes
-Wesen, sich förmlich einlässt, ihn aus Principien construirt, und ihn wo
-möglich sich selbst begreiflich macht? Der Tag, wo diese Schrift
-erscheint, ist unstreitig der ruhmbekrönteste seines langen Lebens, und
-man könnte besorgen, er werde bei seinem ohnehin schon schwachen Alter
-ein solches Uebermaass von Freude und Herrlichkeit nicht überleben.
-Verdient hat er es ganz und gar nicht um mich, dass ich ihm ein solches
-Fest bereite, da er mir die Schmach angethan, mich in früheren Schriften
-ordentlich zu loben, und noch in den letzten mir Kenntnisse und Talente
-zuzugestehen. Indessen die Lesung der folgenden Schrift hat mich in die
-darin herrschende grossmüthige Stimmung versetzt, und wenn er sich diese
-Anmaassung nicht wieder zu Schulden kommen lassen will, so sey das
-bisherige vergeben und vergessen.
-
-
-
-
- Einleitung.
-
-
-Ich habe zu Friedrich Nicolai's zahllosen Schmähungen und Verdrehungen
-meiner Schriften stillgeschwiegen, so lange es lediglich die Schriften
-traf; indem ich in demjenigen Theile des Publicums, wenn es einen
-solchen noch giebt, in welchem Nicolai über literarische Angelegenheiten
-eine Stimme hat, keine zu haben begehre. Nunmehro hat Nicolai auch meine
-persönliche Ehre angegriffen; -- denn dass er der Verfasser sey von der
-in der neuen deutschen Bibliothek, 56. B. 1. St. zu Ende des zweiten und
-zu Anfange des dritten Heftes befindlichen Anzeige, in welcher jene
-Angriffe geschehen, leidet keinen Zweifel und bedarf keines Beweises.
-Selbst auf den unerwarteten Fall, dass Nicolai seine Autorschaft
-abläugnete, werde ich diesen Beweis nicht führen; denn es ist jedem, der
-die lebenden Schriftsteller kennt, unmittelbar klar, dass nur Einer, nur
-Friedrich Nicolai, dies schreiben konnte. -- Ich bin es zwar nicht dem
-Herrn Nicolai, der die gegen mich vorgebrachten Beschuldigungen entweder
-selbst nicht glaubt, oder durch den Leichtsinn, mit welchem er sie
-vorbringt, auf alle persönliche Achtung Verzicht thut, -- wohl aber dem
-Publicum, welches dieselben ganz oder halb glauben dürfte, schuldig,
-mich vor ihm zu stellen und mich zu verantworten. --
-
-Nachdem es nun Nicolai endlich erzwungen, dass ich noch während seines
-Lebens von ihm spreche, so führe ich hiebei zugleich, früher als ich
-gerechnet hatte, einen alten Vorsatz aus. Nemlich ich scheue mich nicht
-zu gestehen, dass, seitdem ich die mich umgebende Welt kenne und selbst
-eine Meinung habe, nichts mir verhasster und verächtlicher gewesen ist,
-als die elende Behandlung der Wissenschaften, da man allerlei ^Facta^
-und Meinungen, wie sie uns unter die Hände kommen, zusammenrafft, ohne
-irgend einen Zusammenhang oder einen Zweck, ausser dem, sie
-zusammenzuraffen und über sie hin und her zu schwatzen; da man über
-alles für und wider disputirt, ohne sich für irgend etwas zu
-interessiren, oder es ergründen auch nur zu wollen, und in allen
-menschlichen Kenntnissen nichts erblickt, als den Stoff für ein müssiges
-Geplauder, dessen Haupterforderniss dies ist, dass es ebenso
-verständlich sey am Putztische, als auf dem Katheder; jene schaale
-Wisserei und Stümperei, Eklekticismus genannt, die ehemals beinahe
-allgemein waren, und auch gegenwärtig noch sehr häufig angetroffen
-werden. -- Ausser eignen Arbeiten und Untersuchungen, die für einen
-ernsthaften Zweck unternommen, und mit einem bessern Geiste geführt
-würden, und die immer das Gegenmittel gegen jenen verderblichen Hang
-bleiben müssen, schien mir auch noch ein zweites Gegenmittel sehr
-zweckmässig zu seyn: die lebendige Darstellung der unausbleiblichen
-Folgen jener Behandlung der Wissenschaft zur absoluten Ertödtung alles
-Sinnes für Wahrheit, Ernst und Gründlichkeit, und zur radicalen
-Verkehrung und Zerrüttung des Geistes. Das vollendetste Beispiel einer
-solchen radicalen Geisteszerrüttung und Verrückung in unserm Zeitalter
-war mir, seitdem ich ihn gekannt habe -- ich lernte ihn in dem Streite
-zwischen Mendelssohn und Jacobi kennen -- Friedrich Nicolai. Sein Bild
-wollte ich, wenn er seine verkehrte Laufbahn geschlossen haben würde,
-welches er freilich nur mit seinem Tode thun wird, allen studirenden
-Jünglingen, in denen ein Hang seyn könnte, seine Bahn zu betreten, und
-allen, die auf die Bildung dieser Jünglinge Einfluss hätten, zum
-warnenden Beispiele hinstellen.
-
-Diesen alten Vorsatz werde ich gleich bei der gegenwärtigen Gelegenheit
-ausführen; und dadurch einem Geschäfte, an welches ich, wenn es für eine
-blosse Vertheidigung meiner selbst gegen Nicolai angesehen würde, nicht
-ohne tiefe Beschämung gehen könnte, eine liberalere und allgemeinere
-Richtung zu geben suchen. Nicolai selbst, wenn darnach gefragt werden
-könnte, kann dies nicht übelnehmen. Er hat Zeit seines Lebens die
-grössten und verdientesten Männer der Nation auf eine Weise behandelt,
-dass er selbst, wenn er nur fähig wäre einen Augenblick lang andern
-dieselben Rechte gegen sich zuzuschreiben, die er sich gegen andere
-zuschreibt, es ganz billig finden müsste, dass man eine Rücksicht, die
-er nie gekannt hat, auch gegen ihn nicht beobachtet, keine Notiz davon
-nimmt, dass er noch unter den Lebendigen existirt, und ohne Bedenken
-eine Untersuchung, die ihn zum blossen Thema macht, unter seinen Augen
-anstellt.
-
-Zwar sehe ich bei diesem Unternehmen den Tadel zweier durchaus
-entgegengesetzter Parteien voraus. Zuvörderst den Tadel derjenigen,
-welche über Kunst und Wissenschaft im Wesentlichen mit mir gleich
-denken. Ihnen ist, so viel ich habe bemerken können, Nicolai ein so
-unbedeutender und verächtlicher Gegenstand, dass man in ihren Augen nur
-sich selbst herabsetzt, wenn man ihn einer Erwähnung und Beachtung
-würdigt. Sie haben vollkommen recht, und ich bin ganz ihrer Meinung,
-wenn von Nicolai als von einer Person geredet werden sollte. Als Object
-aber, als vollendete Darstellung einer absoluten Geistesverkehrtheit ist
-er, meines Erachtens, dem Literarhistoriker und Pädagogen wichtig, und
-so interessant, als dem Psychologen ein origineller Narr, oder dem
-Physiologen eine seltene Misgeburt nur immer seyn kann. Ich bekenne,
-dass es meine Schuld seyn würde, wenn ich dieses Interesse für meinen
-Gegenstand nicht zu erregen vermöchte.
-
-Sodann habe ich mich auf den Tadel der gutmüthigen Mittelmässigkeit
-gefasst zu halten, welche, seit die Urtheile der grössten deutschen
-Männer, eines Kant, Goethe, Schiller, über jenen Gegenstand in das
-Publicum gekommen, aus mehrern Winkeln der Literatur uns erinnern, denn
-doch auch die bedeutenden Verdienste des Mannes nicht zu vergessen. Ich
-werde tiefer unten meine Ueberzeugung, dass Nicolai für seine Person
-sein ganzes Leben hindurch nie etwas Kluges, sondern eitel Verkehrtes
-und Thörichtes angefangen habe, und dass auf ihm nicht das mindeste
-Verdienst, sondern eitel Schuld ruhe, weder verläugnen, noch sie zu
-begründen vergessen. Dass jene Stimmführer der Mittelmässigkeit wirklich
-zu wissen wähnen, was sie von jenen Verdiensten sagen, will ich glauben.
-Nicolai und sein Anhang haben es ja über ein Vierteljahrhundert lang
-genugsam wiederholt, dass Nicolai Verdienste habe, so dass endlich in
-dem Gedächtnisse jener wohl hangengeblieben seyn mag, dass so etwas
-gesagt worden. Sollten sie dieselbe Behauptung auch bei der
-gegenwärtigen Veranlassung wiederholen wollen, so ersuche ich sie, nur
-diesmal nicht so, wie sie immer zu thun pflegen, bloss ins unbestimmte
-hin zu versichern, sondern mir eines jener Verdienste namentlich
-anzugeben; mir irgend ein richtiges, treffendes Urtheil, das Nicolai
-gefällt, irgend eine gründliche Abhandlung, die er über etwas, das des
-Wissens werth ist, geschrieben, nachzuweisen, damit ich sie auch kennen
-lerne. Ich ersuche jene Stimmführer bei dieser Gelegenheit, sich
-zugleich vor sich selbst die Frage zu beantworten, welche Geisteskraft,
-oder welches Talent sie denn etwa Herrn Nicolai in einem vorzüglichen
-Grade zuschreiben möchten, ob Phantasie, oder Witz, oder Scharfsinn,
-oder Tiefsinn, oder, ich sage nicht eine vorzügliche, sondern auch nur
-richtige Schreibart; ob sie irgend etwas Eigenthümliches an ihm finden,
-als ein unversiegbares Geschwätz und die Kunstfertigkeit, alles, was ihm
-unter die Hände kommt, zu verdrehen; ich ersuche sie, diese Frage
-zuvörderst sich selbst, und sodann auch mir zu beantworten. Da ich sehr
-wohl wusste, dass sie keins von beiden befriedigend leisten würden, so
-mögen sie mir immer verzeihen, dass ich so gethan, als ob sie gar nichts
-sagen würden, und als ob sie überhaupt nicht vorhanden wären.
-
-Wir gehen an unser Vorhaben.
-
-Sollen das Leben und die sonderbaren Meinungen unsers Helden nicht
-rhapsodisch, so wie jedes uns in den Wurf kommt, oder chronologisch,
-sondern systematisch, in einer festen Charakterschilderung dargestellt
-werden: so müssen wir ein Grundprincip dieses Charakters nachweisen, aus
-welchem, und aus welchem allein, alle Phänomene in dem Leben unsers
-Helden sich befriedigend erklären lassen. Es kommt hierbei nicht auf
-Häufung der Phänomene an. Ein einziges, das sich durchaus nicht erklären
-lässt, ausser aus dem vorausgesetzten Princip, beweist so gut, wie
-tausende, dass dieses Princip und kein anderes dem zu erklärenden Leben
-zum Grunde gelegen habe.
-
-Jedem nur festen und ausgebildeten Charakter liegt ein solches Princip
-der Einheit zum Grunde; und der Unterschied dabei ist nur der: ob der
-Besitzer dieses Charakters wisse, dass dies sein Princip sey, oder ob er
-es nicht wisse. Ist der Charakter mit Freiheit und Bewusstseyn nach
-jenem Grundsatze gebildet, so ist dieser Grundsatz freilich dem Besitzer
-des Charakters bekannt; ist er ihm durch das Ungefähr, durch Natur und
-Schicksal angebildet, so ist ihm dieses Princip nicht bekannt. Unser
-Held befand sich in dem letztern Falle; es ist daher gar nicht zu
-glauben, dass ihm der Grundsatz alles seines Denkens und Handelns je
-bekannt geworden.
-
-Wir haben nach allem Gesagten zuvörderst das Grundprincip von unsers
-Helden intellectuellem Charakter (denn von diesem allein soll hier die
-Rede seyn) aufzustellen, und von gewissen Phänomenen zu zeigen, dass sie
-durchaus nur aus jenem Princip erschöpfend und vollkommen hinreichend zu
-erklären sind. Auf diesem Puncte der absoluten Unmöglichkeit jeder
-andern Erklärung beruht die Richtigkeit unserer Angabe des Princips; wir
-ersuchen daher unsere Leser, darauf vorzüglich ihre Aufmerksamkeit zu
-richten. Wir werden sodann noch einige originelle Grundzüge des
-Charakters unsers Helden, die sich nur aus jenem Princip erklären
-lassen, anführen, sie mit ihren Phänomenen belegen, und so den Beweis
-der Richtigkeit unsers Grundprincips vollenden.
-
-Wir werden in dieser ganzen Schilderung unsern Helden betrachten als
-einen todten Mann, und von ihm reden, wie von einer Person aus der
-vergangenen Zeit. Dies ist jeder Charakterschilderung eigen. Der Grund,
-warum anderwärts man den Charakter eines Mannes während seines noch
-fortdauernden Lebens nicht zu schildern vermag, -- weil nemlich die
-Reihe der Erscheinungen noch nicht geschlossen und es nie sicher ist,
-dass nicht neue Phänomene eintreten, die auf ein anderes Princip der
-Erklärung führen dürften, auch man nicht wissen kann, ob nicht etwa die
-Person noch durch Freiheit ihre Maximen ändern werde -- fällt bei
-Nicolai ganz weg. Es wird sich hoffentlich in der folgenden Schilderung
-zeigen, dass das Princip seiner Denkweise die Unabänderlichkeit
-unmittelbar in sich selbst enthält. Unser Held ist befestigt, er kann
-sich nicht mehr ändern oder geändert werden; ist auch die Reihe der
-Phänomene seines Lebens nicht beschlossen, so ist es doch der Charakter.
-Der Verfasser dieser Beschreibung ist dessen so innig überzeugt, dass er
-sehr gern allen seinen Anspruch auf Menschenkenntniss aufgeben will,
-wenn sich finden sollte, dass Friedrich Nicolai vor seinem Ende noch
-irgend einen der ihm hier als charakteristisch beigelegten Grundzüge und
-Handelsweisen abänderte.
-
-
-
-
- Erstes Capitel.
- Höchster Grundsatz, von welchem alle Geistesoperationen unsers
- Helden ausgegangen sind.
-
-
-Unser Held war seit seinen reifen Jahren der festen Meinung, dass alles
-mögliche menschliche Wissen in seinem Gemüthe umfasst, erschöpft und
-aufbewahrt sey, dass sein Urtheil über die Ansicht, die Behandlung, den
-Inhalt und den Werth aller Wissenschaft untrüglich und unfehlbar sey,
-und dem Urtheile aller andern vernünftigen Wesen zur Richtschnur und zum
-Kriterium ihrer eignen Vernünftigkeit dienen müsse; mit Einem Worte,
-dass er alles, was in irgend einem Fache richtig und nützlich sey,
-gedacht habe, und alles dasjenige unrichtig und unnütz sey, was er nicht
-gedacht hätte, oder nicht denken würde.
-
-Diese Meinung setzte ihn nicht nur vor sich selbst über alle Zweifel,
-alle spätere Untersuchung und alle Besorgniss hinweg, dass er sich doch
-etwa über dieses oder jenes im Irrthume befinden möchte; sondern er war
-noch überdies von allen andern Menschen ebenso fest überzeugt, und
-muthete es ihnen an, dass sie über alle Zweifel hinausseyn müssten,
-sobald sie nur recht wüssten, wie er selbst eine Sache fände. Alle seine
-Widerlegungen gingen von dem Hauptsatze aus: ich bin anderer Meinung;
-daher er denn zu diesem Hauptgrunde noch andre Nebengründe hinzuzufügen
-gewöhnlich unterliess. Die Gegner, glaubte er, könnten schon daraus
-sattsam ersehen, dass sie unrecht hätten. Bei allen Verweisen und
-Züchtigungen, die er in seinen spätern Jahren an das ausser der Art
-schlagende Zeitalter ergehen zu lassen genöthigt wurde, hob er nur immer
-davon an, dass er zeigte, man habe nicht nach seinem Rathe gehandelt;
-dies allein, glaubte er, würde sie schon dahin bringen, dass sie sich
-schämten und in sich gingen.
-
-In dieser Voraussetzung liess er sich denn auch durch keinen noch so
-sonderbaren Vorfall, der sich etwa ereignen mochte, irre machen. Sogar
-wenn ihm, wie dies in seinem spätern Alter häufig begegnete, von allen
-Seiten her einmüthig zugerufen wurde: er werde wohl selbst eines
-Urtheils über gewisse Dinge sich bescheiden, oder auch -- er sey ein
-geborner Dummkopf, ein Salbader, ein alter Geck, und was man noch alles
-für Freiheiten sich mit ihm herausnahm, mochte er doch immer lieber
-voraussetzen, man sage dies bloss aus Schalkheit, und um sich für die
-empfangenen Züchtigungen zu rächen, als dass er irgend einem Menschen
-die Verkehrtheit zugetraut hätte, dass er fähig wäre, in allem Ernste
-und im Herzen einen Nicolai nicht anzuerkennen.
-
-Diese Meinung von ihm selbst war ihm nach und nach so zur fixen Idee
-geworden, hatte sich so mit seinem Selbst verwebt und war selbst zu
-seinem innersten eigensten Selbst geworden, dass man keine Spur hat, er
-habe dieselbe je deutlich in sich wahrgenommen und sie zum bestimmten
-Bewusstseyn erhoben. Er räsonnirte, urtheilte, richtete ^von ihr aus^,
-als seinem einzig möglichen Standpuncte, niemals ^über sie^. Er starb
-daher alt und lebenssatt, ohne je mit seinem Denken, auch nur in sich
-selbst zu Ende gekommen zu seyn.
-
-
-
-
- Zweites Capitel.
- Wie unser Held zu diesem sonderbaren höchsten Grundsatze
- gekommen seyn möge.
-
-
-Gleiche Ursachen bringen allenthalben die gleichen Wirkungen hervor. Nun
-haben die ausser unserm Helden selbst liegenden Umstände, welche unsers
-Erachtens die beschriebene sonderbare Meinung in ihm erzeugt, sich auch
-bei andern Menschen gefunden, und haben auch bei ihnen in einem gewissen
-Grade denselben Erfolg gehabt. Aber so unerschütterlich auf jenem
-Princip beharrt, so allumfassend und so consequent durchgeführt hat es,
-so viel uns bekannt ist, keiner, ausser unserm Helden; und dies eben ist
-es, was ihm die Ehre erwirbt, als Muster seiner Gattung aufgestellt und
-der Nachwelt überliefert zu werden. Es muss sonach bei ihm, zu jenen
-anzuführenden äussern Umständen der Entwickelung jenes Princips, noch
-eine vorzügliche innere Empfänglichkeit seiner Natur dafür hinzugekommen
-seyn. Zum grössten Glücke für die Menschheit hat unser Held selbst --
-denn warum sollte ich nicht ebensowohl wie Klopstock, in seiner
-Zueignungsschrift vor Herrmanns Schlacht, als schon geschehen
-ankündigen, was geschehen wird, und weit sicherer geschehen wird, als
-das durch Klopstock Verkündigte geschehen konnte -- er selbst hat,
-nachdem im Jahre 1803 sein letzter Feind, der transscendentale
-Idealismus, ausgetilgt, und die A. D. B. wiederum gehörig in den Gang
-gebracht war[2], seine glorreich errungene Musse dazu angewendet, die
-Geschichte seiner Bildung bis in seine Knaben- und Kindesjahre, und bis
-zu seiner Wiege zurückzuführen; hat diese Krone seiner Werke vollendet,
-und dann seinen Geist dem Himmel wiedergegeben. In den ersten drei
-Bänden dieses klassischen Werks können die Leser sich unterrichten, wie
-der erste Schrei des Neugebornen die Schriftstellerwelt erschütterte und
-alle Sünder in ihr erbeben machte, und wie schon seine Windeln von dem
-attischen Salze dufteten, das er seitdem in unsterblichen Worten
-ausgehaucht und angesetzt hat, so dass alle Umstehenden sich
-verwunderten, und sprachen: was will aus dem Kindlein werden? In den
-folgenden Bänden können sie finden, wie er, seitdem er sich seiner
-erinnern kann -- und er kann sich seiner seit den frühesten Jahren
-erinnern -- durch seine lebhafte Phantasie, einen Trieb zu lernen und
-eine Fassungskraft, weit über alle Kinder seiner Gesellschaft und seines
-Alters in sich verspürt, so dass er von seinen Eltern und seinen Lehrern
-als ein wahres Wunderkind ausgerufen worden. Aber wir überlassen den
-Lesern, dieses in der ausführlichen und grazienvollen Beschreibung des
-Helden selbst nachzulesen, und schränken uns, sowohl hier als ins
-künftige, auf dasjenige ein, was der berühmte Verfasser übergeht, und
-was wir nur aus andern Denkmälern jenes Zeitalters schöpfen können.
-
-Ich will hier nicht untersuchen, ob es nothwendig sey, dass der
-Uebergang der Schriftstellerei einer Nation aus der gelehrten in die
-lebende Sprache eine Epoche des Verfalls der wahren gründlichen
-Gelehrsamkeit bei sich führe. Bei den Deutschen wenigstens war dies der
-Erfolg. Man bildete sich etwas ein darauf, endlich deutsch schreiben
-gelernt zu haben; man wollte, dass es auch für Deutsch anerkannt würde,
-und bemühte sich daher, über alle Gegenstände so zu schreiben, dass denn
-auch in der That nichts weiter zum Verstehen gehöre, als die Kenntniss
-der deutschen Sprache. Der Vortrag wurde die Hauptsache, das
-Vorzutragende mochte sich bequemen; was sich nicht so sagen liess, dass
-die halbschlummernde Schöne an ihrem Putztische es auch verstände, wurde
-eben nicht gesagt; -- und da man nur um sagen zu können lernte, auch
-nicht weiter gelernt, -- späterhin verachtet, als elende Spitzfindigkeit
-und Pedanterie: kurz, das elende Popularisiren kam an die Tagesordnung
-und von nun an wurde Popularität der Maassstab des Wahren, des
-Nützlichen und des Wissenswürdigen. In diese Epoche fiel unsers Helden
-erste Bildung. Er wollte schon früh etwas bedeuten, und dünkte sich
-schon früh etwas zu bedeuten; ohne alle klassische Gelehrsamkeit, wie er
-damals war, und trotz des Anscheins derselben, mit dem er späterhin sich
-behängte, immer blieb, musste dieser Dünkel bei ihm um so verderblicher
-werden. Zu seinem Unglücke kam er in die Bekanntschaft zweier Männer,
-deren erster ohne Zweifel weit mehr Ernst und Reinheit der Gesinnung
-hatte, als Nicolai; aber dieselbe Beschränktheit des Geistes, der
-Einsicht und des Zwecks. -- Hatte wohl im Grunde einer von diesen beiden
-anfangs eine höhere Tendenz, als die, dieses und jenes Aberglaubens
-ihrer Kirchen sich zu erwehren, ihre Confessionen so vernünftig zu
-machen, als sie selbst wären, und, wenn das Glück gut wäre, sich eine
-natürliche Religion zu bauen, bei der sie jener Confessionen ganz
-entbehren könnten; nur dass es der Andere auch hierin ernstlicher und
-herzlicher meinte, als unser Held? -- Der zweite dieser Männer, in deren
-Bekanntschaft unser Held kam, war ein allumfassender, lebendiger,
-rastloser Geist, und ein Charakter, für das Wahre, Rechte und Gute
-gebildet; nur dass er damals in der Unendlichkeit seines Wesens noch
-nichts Bestimmtes zu ergreifen und festzuhalten vermochte. Unser Held,
-der damals noch nicht alle Fähigkeit verloren hatte, eine Superiorität
-ausser sich anzuerkennen, anerkannte die dieses gewaltigen Geistes; aber
-nachdem er sich mit Mühe und Noth einiges Vermögen erworben hatte,
-mitzutreiben, womit dieser noch nicht fixirte Geist sein Spiel trieb,
-hielt er dieses Spielwerk für das Höchste, und sich selbst für jenes
-Geistes gleichen.
-
-Mit diesem Augenblicke war er vollendet und fiel. Er ist seitdem nicht
-weiter gekommen, und nicht zur Besinnung. Später hat er sich noch für
-einen weit höhern Geist gehalten als jenen, den er nun für ein, gutem
-Rathe nicht folgendes, überspanntes Genie ausgab.
-
-Unser Held hatte, mit jenen vereinigt, einen kritischen Kreuzzug gethan;
-entscheidend gegen einige schlechte Reimer, in andern Fächern, z. B. dem
-der Philosophie, nicht ganz so glorreich. Sein grosser Mitkämpfer wurde
-allmählig inne, dass dies ein schlechtes Geschäft sey, und dass er es
-nicht in der besten Gesellschaft treibe. Er zog sich zurück, und unser
-Held beschloss nunmehro, die Sache in das Weitere zu treiben, und sich
-selbst, sich allein, zum Mittelpuncte der deutschen Literatur und Kunst
-zu constituiren. Die allgemeine deutsche Bibliothek entstand, schon an
-sich ein widersinniges Unternehmen, verderblich durch die Art, wie es
-ausgeführt wurde, am allerverderblichsten für den Urheber selbst.
-
-Unser Held mag von dem sehr richtigen Vordersatze ausgegangen seyn: der
-Redacteur eines die ganze Literatur und Kunst umfassenden periodischen
-Werks muss selbst die ganze Literatur und Kunst umfassen; muss, und zwar
-in jedem besonderen Fache, höher stehen und alles besser wissen, als
-irgend einer seiner Zeitgenossen. Er muss in jedem Fache die grössten
-Meister, zu Beurtheilung derer, die unter ihnen sind, wählen, sie zu
-finden, sie sich zu verbinden wissen; er muss aber sogar diese grössten
-Meister der Fächer übersehen, um ihre eingesendeten Beurtheilungen zu
-prüfen und ersehen zu können, ob sie mit dem gewohnten Fleisse und
-Gründlichkeit bearbeitet sind, ob nicht etwa diese Männer sinken, ob
-nicht jüngere grössere neben ihnen aufkommen.
-
-Anstatt nun von diesem richtigen Vordersatze aus weiter so zu folgern:
-Ich wenigstens habe diese notwendigen Erfordernisse nicht an mir, und
-von mir wird jene Idee einer allgemeinen deutschen Bibliothek wohl
-unausgeführt bleiben; schloss er umgekehrt: da ich nun jene Idee
-ausführen will, so muss ich annehmen und mich betragen, als ob ich alle
-jene Erfordernisse an mir hätte; als ob ich ein allumfassender
-Polyhistor und der geistreichste und geschmackvollste Mann meines
-Zeitalters und aller vergangenen und künftigen Zeitalter wäre. Ich muss
-Untrüglichkeit mir kräftigst zueignen. Da ein Ausführer jener Idee die
-grössten Männer aller Fächer erkennen, wählen und mit sich verbinden
-muss, so muss ich den Satz umkehren und annehmen, dass diejenigen, die
-ich erkennen, wählen und mit mir verbinden werde, die grössten Männer in
-ihren Fächern sind.
-
-Es ist schwer auszumachen, ob unser Held schon damals im ganzen Ernste
-von sich selbst geglaubt, was er von nun an freilich gegen alle Welt
-behaupten und unerschütterlich voraussetzen musste. Das
-Wahrscheinlichste ist, dass es ihm ergangen, wie allen, die in die Lage
-kommen, unaufhörlich eine Aussage zu wiederholen, von der sie selbst
-nicht recht überzeugt sind. Am Ende glauben sie selbst an ihre Wahrheit.
-Für möglich konnte Nicolai jene Voraussetzung von sich immer halten; er
-fand nirgends ausser sich eine höhere Weisheit, als die seinige, indem
-er nur die seinige begriff, derjenigen Seelenkraft aber, die da Ahnung
-eines Höhern heisst, von jeher gänzlich ermangelte. Auf die Wirklichkeit
-dieser Voraussetzung hätte er damals vielleicht noch nicht geschworen.
-Aber seitdem er die Redaction seiner Bibliothek ergriff, musste er alle
-Stunden seines Lebens jene Meinung voraussetzen, sie behaupten, jeden
-Zweifel dagegen kräftigst niederschlagen, und kam von dieser Arbeit nie
-zur ruhigen Besinnung; so dass es durchaus begreiflich wird, wie dieser
-Glaube diese langen Jahre hindurch sich ihm fest einverleiben und mit
-ihm zusammenwachsen musste.
-
-Das Unternehmen jener Bibliothek ergriff das Zeitalter. Die leichte
-Weisheit und die wohlfeile Gelehrsamkeit, welche durch das grosse Werk
-herbeigeführt, und schnell von einem Ende Deutschlands bis zum andern
-verbreitet wurden, fand Beifall. Der geringste unter den Lesern glaubte
-sich selbst zu lesen; gerade so hatte er die Sache sich auch von jeher
-gedacht, und nur nicht den Muth gehabt, es sich laut zu gestehen. Die
-Unmündigen erhielten die Sprache, und das gefiel ihnen. Unser Held sahe
-diese grosse Revolution, deren Stifter, die schnelle allgemeine
-Erleuchtung, deren Urheber er war. Warum hätte nicht der Glaube andrer
-an sein Werk seinen eignen Glauben an sich bestärken sollen?
-
-Schriftsteller, denen an dem Beifalle des grossen Volks gelegen war,
-versammelten sich um den Ausspender dieses Beifalls, gaben ihm Beiträge,
-liessen sich von ihm berathen und erziehen, und schmeichelten auf jede
-Weise seiner Eitelkeit[3]. Man glaubt leicht, was man wünscht; Nicolai
-nahm in aller Unbefangenheit alles für baare Münze, und ihm fiel nicht
-bei, dass diese Lobeserhebungen vielleicht nur dem Redacteur der
-allgemeinen deutschen Bibliothek, keinesweges aber seinen persönlichen
-Verdiensten gelten möchten. Jene Männer waren seinem Princip nach
-ohnehin, als Mitarbeiter an der Bibliothek, die ersten Köpfe der Nation.
-Er fand sich sonach von den ersten Männern der Nation gelobt, anerkannt,
-zu ihrem Meister erhoben. Wer konnte es ihm verargen, dass er ihnen
-glaubte?
-
-Und so verschmolz allmählig in seiner Seele der Begriff von deutscher
-Literatur und Kunst mit dem Begriffe seiner Bibliothek; diese mit dem
-Begriffe von ihm selbst. Die Bibliothek wurde ihm zum Mittelpuncte des
-deutschen Geistes, er selbst zur innersten Seele dieses Mittelpuncts. An
-den Recensionen dieser Bibliothek mussten alle literarische und
-artistische Bestrebungen der Nation, und hinwiederum an seiner Einsicht
--- diese Recensionen sich orientiren. Ausser jener Bibliothek war ihm
-jetzt und zu ewigen Zeiten kein Heil und keine Wahrheit für die
-Wissenschaft; und für die Bibliothek selbst kein Heil und keine Wahrheit
-ausser ihm. Jene war seine Welt, und er die Seele dieser Welt; was er
-erblickte, erblickte er durch jene hindurch, jene aber erblickte er
-durch sich hindurch. In dieser beruhigenden Stimmung lebte er und starb
-im frohen Glauben an die Unsterblichkeit seines Werks.
-
-
- Anmerkungen.
-
-[Fußnote 2: Mit dem im Texte erwähnten Jahre 1803 verhält es sich so:
-Nicolai hatte im 11. Bande seiner Reisebeschreibung vorher verkündigt,
-dass Fichte und alle seine Schriften im Jahre 1840 rein vergessen seyn
-würden. Er wurde hierüber, wie über so manches andere, in gewissen
-^Briefen über die Guckkastenphilosophie des ewigen Juden^ verspottet. In
-dem Aerger hierüber decretirte und enuncirte er, -- in der Schrift gegen
-die Xenien, wo ich nicht irre, -- es solle nunmehr mit Fichte nicht
-einmal bis zum Jahre 1840 Frist haben, sondern schon Anno 1804 solle er
-vergessen seyn. Das Jahr 1800 ist verflossen, das 1801 angebrochen; das
-fatale Jahr der Vorhersagung tritt näher, und noch zeigen sich keine
-Spuren, dass die Weissagung anfange in Erfüllung zu gehen. Dies fiel
-unserem Helden bei Abfassung der im Eingange erwähnten Anzeige aufs
-Gewissen; er fand nun doch, »dass ^andere^ Gelehrte wohl etwa glauben
-möchten, hinter den Spitzfindigkeiten der neuen Philosophie u. s. w.
-stecke etwas, dass ^er^ aber sagen könne, dass es durchaus eine Nullität
-sey, und dass i. J. 1803 sich darüber mehr werde reden lassen.«
-Freilich, wenn i. J. 1804 diese Philosophie rein vergessen seyn sollte,
-so müsste wenigstens i. J. 1803 die Nullität derselben dargethan
-werden.]
-
-[Fußnote 3: Damit ja niemand in Zweifel stelle, ob deutsche Gelehrte
-sich so weit herabgelassen, unserm Helden zu schmeicheln, hat er selbst,
-in seiner Schrift gegen die Xenien, bezeugt: »ihm sey von jeher sehr
-geschmeichelt worden.«]
-
-
-
-
- Drittes Capitel.
- Wie im allgemeinen dieser höchste Grundsatz im Leben unsers
- Helden sich geäussert habe.
-
-
-Theils nach den öffentlichen Handlungen und Aeusserungen unsers Helden,
-theils nach mehreren Anekdoten von ihm, die zu seiner Zeit im
-allgemeinen Umlaufe waren, schrieb er sich selbst ausschliessend die
-Fähigkeit zu, alle Gegenstände des menschlichen Wissens mustermässig zu
-bearbeiten. Er pflegte, so oft in seiner Gegenwart das Gespräch auf
-irgend einen solchen Gegenstand fiel, nur das zu beklagen, dass seine
-übrigen Geschäfte ihm nicht Zeit liessen, ein Muster der Behandlung
-desselben zu liefern. Alles, zu dessen Bearbeitung er ohnerachtet dieser
-überhäuften Geschäfte denn doch noch Zeit fand, bearbeitete er auch
-wirklich mustermässig. So war seine Topographie von Berlin das Muster,
-wornach alle Arbeiten dieser Art gemacht werden sollten, und er ergriff
-jede Gelegenheit, sie als solches zu empfehlen; keinesweges, wie er
-hinzuzusetzen pflegte, aus Eigenlob, sondern weil sich die Sache
-wirklich so verhielt[4]. Wozu er nicht Zeit fand, mochten seine
-Zeitgenossen bearbeiten. Dass sie ihr Muster nie erreichen, dass sie nie
-es so machen würden, wie unser Held es gemacht hätte, wenn er nur die
-Zeit dazu gefunden, das verstand sich. Aber sie hatten ja ihn bei sich;
-und er ertheilte gern Rath, wenn man ihn bescheiden darum ersuchte.
-
-Diesen Rath sollten sie lehrbegierig und folgsam annehmen, fortarbeiten
-und sich bestreben, seine Idee immer besser zu treffen. Sie sollten ja
-nur die Zeit zur Ausführung hergeben, die ihm mangelte; den Geist und
-die Uebersicht wollte er hergeben. So würden sie immer höher steigen,
-und ihm, ihrem Muster, stets näher kommen. Auf diese Weise hatte er in
-der Schule seiner Bibliothek und seines handschriftlichen Rathes die
-grössten Schriftsteller der Nation gebildet: einen Lessing, der nur
-leider in seinen spätern Jahren umschlug, rechthaberisch und unfolgsam
-wurde, und dafür zur wohlverdienten Strafe in Zweifel an der
-Gründlichkeit der bibliothekarischen Aufklärung und an der Evidenz der
-Mendelssohnschen Demonstrationen verfiel; einen Mendelssohn; einen
-Justus Möser, und so viele noch Lebende, deren Bescheidenheit mir
-verbietet, sie zu nennen: -- hat er nicht Schriftsteller allein, sondern
-durch die vortrefflichen Bildnisse deutscher Gelehrten vor der
-Bibliothek und der Berliner Monatsschrift in seinem Verlage, welche, wie
-ich als Augenzeuge betheuren kann, in Berlin noch immer regelmässig
-ausgegeben wird -- hat er dadurch auch junge bildende Künstler
-herangezogen, ermuntert und unterstützt. Die Bildung ging von ihm aus,
-als ihrem Centrum, und verbreitete sich regelmässig umher.
-
-Dieser gesetzte, geordnete, gemässigte Gang wurde nun durch einige
-excentrische Köpfe gestört. In der Kunst erschien Goethe, Schiller, in
-der Philosophie Jacobi, Kant, die transscendentalen Idealisten. Was
-hätte an ihnen daran seyn können? -- Hatten sie sich denn erst in der A.
-D. B. unter Nicolai's Aufsicht im Schreiben geübt? Oder hatten sie ihm
-ihre Pläne vor der Ausführung vorher vorgelegt, und mit ihm darüber
-correspondirt, wie Lessing in seiner guten Zeit, und Mendelssohn, und
-alle die, welche Meisterwerke geliefert haben? Keins von diesen allen
-hatten sie gethan; sie hatten ein so böses Gewissen gehabt, dass sie ihm
-ihre Arbeiten nicht einmal zum Verlage angeboten; die letzte
-Gelegenheit, bei der sie hätten erfahren können, wie sie mit denselben
-daran wären, und was sie darüber zu urtheilen hätten.
-
-Dass an ihren vermeinten Kunstwerken und Entdeckungen durchaus nichts
-seyn konnte, war sonach ohne weitere Untersuchung und Prüfung, mit der
-man nur die ohnedies so beschränkte Zeit verloren haben würde,
-unmittelbar klar; und man konnte ohne weiteres mit den Waffen des
-Lächerlichen, welche unser Held zu führen glaubte, wie kein andrer,
-dagegen vorschreiten. So entstanden Freuden Werthers, die witzige
-Schrift gegen die Xenien, der dicke Mann, Sempronius Gundibert, die
-spasshaften Theile der Reisebeschreibung; und was weiss ich, was noch
-alles entstand.
-
-Zwar liess sich einigen jener excentrischen Subjecte und Querköpfe nicht
-alles Talent und alle Kenntniss ganz absprechen, nur verhinderte sie
-ihre eigenliebige Meinung, dass sie ausser dem Umkreise der richtigen
-Schule für sich allein fortkommen könnten, daran, diesem Talente die
-wahre Richtung zu geben. Man musste suchen, diese etwanigen Gaben doch
-noch nützlich zu machen und sie der deutschen Literatur, d. i. dem
-Umkreise der allgemeinen deutschen Bibliothek, wiederzugeben. Unser Held
-fand sich sonach in der Nothwendigkeit, jene Menschen scharf zu
-züchtigen, ob sie nicht etwa in sich gehen und den rechten Weg
-einschlagen möchten. Man sah es ihm -- sein Geschichtsschreiber sagt
-dies an seiner Urne mit der vollsten Ueberzeugung -- man sah es ihm an,
-dass nie persönlicher Hass oder Feindschaft, sondern immer der
-redlichste Eifer für die Literatur ihn trieb; dass er mit einer Art von
-Wehmuth an das Amtsgeschäft einer solennen und ausführlichen Ausstäupung
-ging (mit kleinen beiläufigen Hieben nahm er freilich es etwas
-leichter); man bemerkte, wie ein geheimes väterliches Wohlwollen gegen
-die Bestraften selbst seinem Feuereifer für die Literatur eine gewisse
-rührende Milde beimischte, und wie er schon ein Vorgefühl von dem Danke
-hatte, den ihm die Gezüchtigten selbst, wenn sie einst zu Verstande
-kämen, bringen würden. Er war daher nicht leicht zu bewegen, alle
-Hoffnung an einem Menschen aufzugeben, und er wusste geschickt diese
-Hoffnung zu zeigen, um dem Sünder nicht allen Muth zur Besserung zu
-benehmen.
-
-Traf es sich nun, dass einer wirklich sich besserte, so war die Milde
-rührend, mit der er ihn wieder zu Gnaden annahm. So gab es in diesen
-Tagen einen gewissen höchst perfectibeln Krug, welcher freilich in der
-allgemeinen Achtserklärung gegen die philosophischen Querköpfe
-mitbegriffen war. Dieser ging in sich und gab unserm Helden eine
-Aehrenlese von den Feldern anderer Philosophen zum Verlage, worüber er
-vermuthlich auch Nicolai's Rath eingezogen; -- denn den pflegte dieser
-keinem, der bei ihm verlegen liess, vorzuenthalten. Dafür segnete auch
-Gott diesen Krug, dass ihm auf eignem Boden eine Rechtslehre erwuchs,
-die einem philosophischen Recensenten an der allgemeinen deutschen
-Bibliothek wie aus der Seele geschrieben ist[5]. Jederman war damals der
-Meinung, dass wenn der junge Mann nur so fortführe, er es mit der Zeit
-wohl selbst bis zum ordentlichen Recensenten an der allgemeinen
-deutschen Bibliothek unter Nicolai's eigener Redaction bringen könnte.
-
-
- Anmerkungen.
-
-[Fußnote 4: M. s. z. B. den 6ten Band der Nicolai'schen Reisen. S. 337
-ff.]
-
-[Fußnote 5: M. s. in demselben Hefte der N. D. B., in welchem die
-Eingangs erwähnte Anzeige sich befindet (56. B. St. 1. Heft 2.), kurz
-vor derselben die Recension des Krugschen Buches.]
-
-
-
-
- Viertes Capitel.
- Worauf es, zufolge dieses höchsten Grundsatzes, unserm Helden
- bei allen seinen Disputen angekommen sey.
-
-
-So oft unser Held im Begriff war, seinen Mund öffentlich aufzuthun, um
-dem Zeitalter einen Rath zu geben, oder eine Thorheit zu misbilligen und
-zu züchtigen, so trieb ihn seine liebenswürdige Bescheidenheit immer an,
-zuvörderst sich zu entschuldigen, dass er gerade die Sache zur Sprache
-bringe, dass er sie jetzt, in diesem Zeitpuncte, bei dieser Veranlassung
-zur Sprache bringe. Hierüber gab er immer seine guten Gründe an. Dass er
-aber die Sache, wovon die Rede war, verstehe, und dass er die Wahrheit,
-die pure lautere Wahrheit sagen könne, darüber gab er nie einen Beweis,
-indem es ihm gar nicht beikam, dass über diesen Punct irgend ein Leser
-oder Gegner den mindesten Zweifel hegen würde.
-
-So hub er, als er im 11. Bande seiner Reisebeschreibung von Tübingen aus
-auf die Horen, und von diesen aus auf die neue Philosophie schmälen
-wollte, damit an, dass er beklagte: es scheine nun einmal sein Beruf,
-dem Zeitalter unangenehme Wahrheiten zu sagen; und fuhr dann fort und
-sagte seine unangenehme Wahrheit; und alle Leser waren überzeugt und
-alle Gegner beschämt. Entweder hatten die letzten bisher, mit dem eignen
-guten Bewusstseyn, dass sie unrecht hatten, ihr Wesen getrieben,
-lediglich um etwas Neues, in der allgemeinen deutschen Bibliothek
-Unerhörtes anzubringen und Aufsehen zu erregen, und Nicolai wollte dies
-nun offenbaren; oder, wenn sie wirklich geglaubt hatten, recht zu haben,
-so sollten sie jetzt aus Nicolai's Versicherung, dass er ihnen die
-wahrste Wahrheit sage, vernehmen, dass sie denn also doch unrecht
-hätten.
-
-So sagt man, dass er allen mündlich geäusserten Vorstellungen und
-Bedenklichkeiten seiner Freunde, besonders wegen seiner spätern
-philosophischen Streitigkeiten, immer so zu begegnen gepflegt habe: man
-müsse überall mit der Sprache gerade herausgehn und die Wahrheit sagen.
-Ob sie gefalle oder nicht, ob man sich dadurch Feinde mache oder nicht,
-darnach könne nicht gefragt werden. Wenn die entgegengesetzte Maxime
-gelten solle, so hätten auch die Literaturbriefe nicht geschrieben
-werden müssen. So war er auf ewig gegen die Vermuthung befestigt und
-gesichert, dass irgend jemand glauben könne, er habe in der Sache selbst
-unrecht, und hielt jene Warnungen für nichts weiter, als für die
-zärtlichen Besorgnisse seiner schüchternen Freunde, durch die sie ihn
-verleiten wollten, aus Sorgfalt für seine persönliche Ruhe die Sache der
-Wahrheit zu verläugnen.
-
-
-
-
- Fünftes Capitel.
- Wirkliche Disputirmethode unsers Helden, aus diesem höchsten
- Grundsatze.
-
-
-Kam es nun wirklich zum Dispute, so machte unser Held es sich zum
-einzigen Augenmerk, die Wahrheit des Factums zu constatiren und dem
-Gegner den Ausweg des Abläugnens seiner That oder seiner Aeusserung
-abzuschneiden. Hierbei verfuhr er mit seiner gewöhnlichen Sorgfalt und
-Genauigkeit. Hatte er nur diesen Punct erst ins Reine gebracht, so
-schritt er ohne weiteres zum Endurtheile; denn er konnte den Glauben an
-den gesunden Menschenverstand seiner Gegner nie so weit aufgeben, um
-anzunehmen, dass sie der Thaten oder Aeusserungen, die sie aus seinem
-Munde wieder hören müssten, und von denen sie leicht abnehmen könnten,
-dass er sie misbillige, nicht sogleich sich innigst schämen, die
-Unrichtigkeit derselben einsehen und sie bereuen sollten.
-
-So kam in jenen Tagen zu Jena eine gewisse auch allgemeine
-Literaturzeitung heraus, welche sogleich in ihr Nichts verschwand,
-nachdem unser Held die Zügel der allgemeinen deutschen Bibliothek mit
-starken Händen wieder ergriffen hatte, und jener Zeitung die, bei
-Gelegenheit des Schellingschen und Schlegelschen Streits mit ihr zu Tage
-gekommene Abhängigkeit vorrückte. Dieser Zeitung sagte er in der oben
-angeführten unsterblichen Besitzergreifungsacte[6], zwar mit
-grossmüthigem Bedauern, dass dieses ihr Factum gewesen, jedoch übrigens
-kurz, fest und entschlossen, auf den Kopf zu, dass sie Kant gelobt
-hätte, und Reinhold gelobt hätte, er fügte jedesmal in Schwabacher
-hinzu, ^dass dies nicht zu läugnen wäre^. Freilich hatte jene Zeitung
-gehofft und geglaubt, dass kein Mensch als Nicolai jenen Verstoss
-entdeckt habe, und dass dieser es nicht weitersagen werde.
-
-So muss in jenen Tagen ein gewisser Fichte, von dem seit dem Jahre 1804
-alle Nachrichten verschwinden, sein Wesen getrieben haben. Diesem führt
-unser Held in derselben klassischen Acte mehrere seiner
-höchststräflichen Aeusserungen kurz und gut zu Gemüthe; dass z. B.
-dieser Fichte, und noch dazu vom Anfange an, und noch dazu ganz laut
-gesagt habe, kein einziger von Kants zahlreichen Nachfolgern habe
-verstanden, wovon eigentlich die Rede sey, -- ausser er, Fichte, wie
-sich verstehe, setzt unser Held dazu. (Wenn dieser Fichte nur die
-gemeinste Logik hatte, so versteht sich dies freilich; wie hätte er
-urtheilen können, dass alle übrigen es nicht verständen, wenn er nicht
-selbst es zu verstehen geglaubt hätte?) Um allen Zweifel über die
-Sträflichkeit und Absurdität dieser Aeusserungen zu heben, versichert
-er, ^es seyen dies wirklich Fichte's eigne Worte^, und citirt
-allenthalben Buch und Seite; und in einigen Blättern, welche dem
-allgemeinen Austilgungskriege gegen Fichte vom Jahre 1803 entgangen,
-findet sich auch wirklich, dass diese Citationen richtig sind.
-
-Unser Held war ein unbarmherziger Gegner. Wie muss es den armen Fichte
-niedergedrückt haben, durch Nicolai an den Tag gebracht zu sehen, was
-von ihm zum Drucke befördert sey.
-
-
- Anmerkung.
-
-[Fußnote 6: Wir nennen die oft erwähnte Anzeige eine
-Besitzergreifungsacte; denn lasst uns nur in einer Note, die mancher
-Leser vielleicht auch nicht liest, bekennen, dass alle die getroffenen
-Anstalten nicht lediglich um der Herren Schelling, W. und F. Schlegel,
-Tieck, Fichte, und wie die Gezüchtigten noch alle heissen, unternommen
-sind; dass diese nur das Mittel sind zum höhern Zwecke, und die gegen
-sie aufgestellten Truppen nur dazu dienen, den Punct des eigentlichen
-Angriffs zu verdecken. Dieser geht, dass wir es nur zu unsrer eigenen
-Demüthigung gerade heraussagen, eigentlich -- ^gegen die Jenaische
-Literaturzeitung^.
-
-Nicht von den anzuzeigenden Schriften -- eigentlich den zwischen
-Schelling, A. W. Schlegel und der A. L. Z. gewechselten Streitschriften
--- nein, vom unsterblichen Stifter der A. D. B. hebt die Rede an, wie
-dieser zuerst die Idee gefasst, zur Verhütung aller Einseitigkeit und
-Parteilichkeit (!) Mitarbeiter aus allen deutschen Ländern und Provinzen
-einzuladen. S. 145. lässt sich zwar nicht läugnen, dass ^auch die
-Redactoren der A. L. Z. dieser Idee gefolgt^. S. 150 aber sind bei ihr
-gerade die unangenehmen Fälle eingetreten, »^welche der Stifter der A.
-D. B. eben durch die Einladung von Mitarbeitern aus allen deutschen
-Ländern und Provinzen -- vom Anfange an -- so vorsichtig zu vermeiden
-wusste^.« Es bekamen nemlich ^nun^ -- wie denn ^nun^? folgten denn nun
-die Redactoren der ^A. L. Z.^ nicht mehr der Idee des unsterblichen
-Stifters der A. D. B.? Ei, was weiss ichs: kurz -- »es bekamen ^nun^
-durch die individuelle Lage der Redactoren der ^A. L. Z.^ gegen
-Mitarbeiter, die mit ihnen in zu naher Verbindung an Einem Orte lebten,
-und gegen deren Freunde, persönliche Rücksichten einen merklichen
-Einfluss auf das Werk, welcher demselben sicher nicht vortheilhaft war,
-und -- ^bei unparteiischen Lesern _das Vertrauen zu demselben sicher
-verminderte_^.« -- In der ganzen Anzeige kann man weiter ersehen, wie
-eben durch jene Streitschriften der ^A. L. Z.^ und ihrer Gegner, »die
-freilich keinem von beiden Theilen vortheilhaft sind« und deren
-^deswegen^, »gegen die sonstige Gewohnheit der D. B., in anderen
-gelehrten Zeitschriften erhobene Streitigkeiten aufzunehmen und
-fortzuführen,« allerdings erwähnt werden musste -- wie, sage ich, durch
-jene Streitschriften so recht an den Tag gekommen, dass die Schlegel und
-Schelling in die ^L. Z.^ Einfluss gehabt, dass diese von ihnen
-^abgehangen^. Nun kann der scharfsinnige Leser selbst ermessen, welch'
-ein erbärmlicher Wicht die ^L. Z.^ seyn möge, da sie von so erbärmlichen
-Wichten, deren und ihrer Freunde Personalien eben deswegen hier wieder
-in frisches und geschärftes Gedächtniss gebracht werden mussten,
-abgehangen; -- diese ^L. Z.^, von der sich ohnedies nicht läugnen lässt,
-dass sie Kant gelobt, und Reinhold gelobt.
-
-Dagegen kann jeder Leser wissen, dass die D. B. der neuen und neusten
-Philosophie von jeher im Wege gestanden; die unartigen Schleifwege, auf
-denen sich doch einmal ein gutes Wörtchen über sie in diese B.
-eingeschlichen, sind nun auch entdeckt und, besonders seit Nicolai
-wieder das Regiment führt, sicherlich verhauen. Es ist der
-Bescheidenheit, die alles Selbstlob verschmäht, angemessen, dieses
-anonym in den letzten Heften der bei Bohn herauskommenden neuen B. zu
-der Zeit, da die ersten Bände der wieder alt gewordenen B. bei Nicolai
-erscheinen, und das Vertrauen der Leser zur ^A. L. Z.^ durch den
-Schellingschen Streit in frischer Verminderung begriffen ist, gehörig
-auseinanderzusetzen, damit die Leser wissen, wohin sie sich nun mit
-ihrem Vertrauen zu wenden haben.
-
-Jene Anzeige ist sonach, ihrer wahren Bestimmung nach, eine
-Besitzergreifungsacte des alten Vertrauens für die alte Bibliothek, von
-dessen Verminderung der alte Herausgeber doch einige Spur haben muss.
-
-Wir wünschen sehr, dass der scharfsinnige und scharftreffende Herr
-Hofrath Schütz diese wahre Tendenz jener Anzeige ja nicht merke, sondern
-sie unbefangen als eine blosse Ausstäupung dieser Schlegel, dieses
-Schellings, dieses Fichte hinunterschlucke; auch, dass nicht etwa diese
-unsere Note ihm zu Gesichte komme: denn sonst -- möchten wir nicht an
-Herrn Nicolai's Stelle seyn. Auch dürfte sodann vielleicht uns selbst
-unser Eifer für die Ehre und den Flor jenes grossen literarischen
-Instituts nicht zum Besten bekommen.]
-
-
-
-
- Sechstes Capitel.
- Eine der allersonderbarsten Meinungen unsers Helden, zufolge
- jenes höchsten Grundsatzes.
-
-
-Mag der Grund in einer ursprünglichen Unfähigkeit der Natur unsers
-Helden, oder in einer frühern Verbildung desselben gelegen haben, kurz,
-es war unter seinen grössten Verehrern und wärmsten Freunden darüber nur
-Eine Stimme, dass er für die Philosophie ganz untauglich sey. Sein Geist
-war ein dürrer Chronikengeist. Nie vermochte er sich über die Erfahrung,
-und zwar über die Erfahrung im allerniedrigsten Sinne des Worts, über
-das blosse Aneinanderknüpfen von Sinneseindrücken und den Erzählungen
-davon hinweg, bis zum Begriffe eines allgemeinen Gesetzes, nach dem jene
-Erscheinungen erfolgten, oder erfolgen sollten, als dem ^Materiale^
-aller Philosophie, zu erheben. Doch was rede ich von dem Begriffe eines
-Gesetzes? Nicht einmal zu dem Begriffe eines Vordersatzes wusste er sich
-zu erheben; wie hätte er sonach jemals die leiseste Ahnung, auch nur von
-dem ^Formalen^ der Philosophie, von dem Zusammenhange der Gedanken in
-einer philosophischen Untersuchung, von dem Werthe und der Bestimmung,
-die sie von der Stelle erhalten, da sie stehen, von einem organischen
-Ganzen des Denkens, haben können? Jeden möglichen Gedanken, den er
-äusserte, trug er vor als unmittelbar gewiss, und durch sich selbst
-klar; ob, weil er ihn sagte, oder durch die Art, wie er ihn sagte,
-lassen wir an seinen Ort gestellt. Diese alle gleich unmittelbar
-gewissen Gedanken setzte er nun zusammen, wie sie ihm unter die Hände
-kamen, jeden möglichen an jeden andern möglichen, und so verwandelte
-sich ihm alles menschliche Denken in einen grossen Sandhaufen, in
-welchem jedes Körnchen für sich besteht, und alle durcheinander geworfen
-werden können, ohne dass in dem Einzelnen etwas verändert wird. Wir
-werden tiefer unten Belege dieses Verfahrens anführen.
-
-Nun ist zwar demjenigen, der zu einer gewissen Sache absolut unfähig
-ist, nicht füglich anzumuthen, dass er diese seine Unfähigkeit erkenne;
-denn gerade dasselbe, was ihn zur Sache unfähig macht, macht ihn auch
-unfähig, seine Fähigkeit zur Sache zu beurtheilen. Aber bei gewöhnlichen
-Menschen wird durch ein dunkles Gefühl ersetzt, was ihnen an klarem
-Urtheil abgeht. So ist es in Absicht des Faches, wovon wir hier
-sprechen, nichts Seltenes, Personen, wenn sie nur nicht als Professoren
-der Metaphysik, oder als philosophische Recensenten an der A. D. B. ihr
-Brot verdienen müssen, gestehen zu hören, dass Metaphysik ihr wahres
-Kreuz sey, dass es ihnen damit noch nie recht habe gelingen wollen, oder
-wenn sie mehr Eigendünkel haben, dass dies leere Spitzfindigkeiten
-seyen, mit denen sie sich den Kopf zerbrechen, -- nur nicht möchten. --
-Ferner hat ja jeder Mensch irgend einen vertrautern Bekannten oder
-Freund; und Nicolai hatte deren so viele unter seinen Zeitgenossen, die
-sich doch auch ein Urtheil über Philosophie zuschrieben. Sollte denn
-niemals einer von diesen unserm Helden mit aller Bescheidenheit zu
-verstehen gegeben haben, dass er zwar in andern Geschäften des
-menschlichen Scharfsinns, in der Fähigkeit, die feinsten Machinationen
-der Jesuiten zu wittern, den seltensten Zuschnitt eines
-Predigerüberschlags oder einer Perrücke auszuspüren, seines Gleichen
-nicht habe; dass er aber in der eigentlich sogenannten höhern
-Philosophie nicht dieselbe Stärke besitze? Setzte nicht Kant, dem unser
-Held doch auch nicht allen Scharfsinn absprach, zutrauungsvoll von ihm
-voraus, er werde wohl selbst eines Urtheils über Gegenstände der höhern
-Speculation sich bescheiden?
-
-Was that unser Held? Leistete er etwa, durch jenes dunkle Gefühl
-gewarnt, gleich von vornherein Verzicht auf dieses ihm durch seine Natur
-verschlossene Fach, oder achtete er auf jene Warnungen, und gab
-späterhin seine Theilnahme an demselben auf?
-
-Wie konnte er? Gehört denn nicht die Philosophie zum Umfange der
-menschlichen Kenntnisse, und ist sie nicht von jeher von allen Besitzern
-dieser Kenntnisse sogar an die Spitze derselben gestellt worden? Hatte
-nicht die Bibliothek von jeher auch das Fach der Philosophie umfasst?
-War es denn möglich, dass jemand Redacteur dieser Bibliothek, sonach die
-Seele derselben, sonach die Seele aller Geistesbildung wäre, der nicht
-eben darum der erste untrüglichste und allumfassendste aller Philosophen
-sey? Das Höchste, was er aus Herablassung gegen den alten Mann, den
-Kant, thun konnte, war, dass er einen historischen Bericht über seine
-philosophische Bildung abstattete. Aber gerade das, dass man fähig
-gewesen war, jenen Zweifel über unsers Helden Fähigkeit zu erheben,
-zeigte am deutlichsten den tiefen Verfall und die schreckliche
-Verwilderung in diesem Fache, und machte es ihm zur dringendsten
-Pflicht, von nun an alle seine Kräfte der Wiederherstellung desselben zu
-widmen.
-
-Auch hier, so wie allenthalben ging unser Held von dem Princip aus: ich,
-Friedrich Nicolai, bin anderer Meinung als ihr; und daraus könnt ihr
-ersehen, dass ihr unrecht habt. Er hat diesen höchsten Grundsatz seines
-speculativen Systems mehrere Male in bestimmten Worten ausgesprochen,
-ohnerachtet er sonst mehr für den rhapsodischen als für den
-systematischen Gang war. Es gehört zur Geschichte des Helden, wenigstens
-einige jener Aussprüche anzuführen.
-
-Jacobi hatte geäussert, und durch eine mit Lessing gehabte Unterredung
-belegt, dass der letztere in der höhern Speculation den Spinozischen
-Principien zugethan gewesen. Jene Aeusserung Jacobi's musste -- so
-wollten es die Freunde und -- Ehrenretter des Verstorbenen -- nicht wahr
-seyn; Lessing musste von den gesunden und moderaten Begriffen eines
-Nicolai und Mendelssohn nicht abgewichen seyn. Auch unser Held brachte
-seinen Beweis gegen Jacobi an. Und was für einen Beweis brachte er an?
--- ^Er, Nicolai, könne am gewissesten sagen, dass Jacobi Lessing
-sicherlich misverstanden hätte, indem er sagen könne, dass -- _Er selbst
-mit Lessing über jene Materie disserirt hätte_^[7]. Freilich war Jacobi
-nun hinlänglich beschämt. Welcher Leser hätte nach einem solchen
-Zeugnisse noch ein Wort von ihm angehört; und was hätte er auch
-vorbringen können, ohne vor sich ^selbst^ bis in die innerste Seele zu
-erröthen? -- Auf dieselbe Weise fürchtete er in der erwähnten berühmten
-Acte, dass freilich wohl ^andere^ Gelehrte glauben möchten, hinter den
-spitzfindigen Grübeleien der Ichphilosophie und der daraus gefolgerten
-speculativen Physik und Poetik stecke vielleicht etwas Wichtiges
-verborgen. ^Er^ aber, ^Er Nicolai^ wusste sehr wohl und verkündigte
-laut, dass die Nullität jener Philosophie nur immer deutlicher erhellen
-werde, und dass man im Jahre 1803 darüber mehr würde sprechen können[8].
-
-Aus diesem hier und da deutlich ausgesprochenen Princip führte nun unser
-Held unverrückt sein Richteramt in der Philosophie; auch da, wo er jenes
-Princip nicht deutlich aussprach. Alle seine Beweise beruhten allein
-darauf. Er hatte, seiner ^Bildung^ zufolge, einst gleichfalls
-Philosophie studirt, die philosophische Wahrheit ausgemessen, umfasst
-und in sich aufgenommen. Was damit übereinstimmte, -- war freilich nie
-so stark, so durchgeführt, so trefflich gesagt, als er es gesagt haben
-würde, wenn er nur Zeit dazu gehabt hätte, aber da er diese nun einmal
-nicht hatte -- mochte es doch existiren! Was damit nicht übereinstimmte,
-bei jener allgemeinen Ausmessung des philosophischen Gebiets von Nicolai
-nicht mit ermessen war, -- Jacobi's, Kants, der transscendentalen
-Idealisten Philosopheme -- welche Frage, ob sie falsch seyen? Wie
-konnten sie anders? -- indem ja, wenn sie wahr wären, Nicolai sie schon
-ehedem, eh' von allen diesen Menschen etwas gehört wurde, gefunden haben
-müsste. Falsch waren sie, das verstand sich, und unser Held musste,
-seinem beständigen Kriegsplane nach, ohne weiteres mit den Waffen des
-Lächerlichen dagegen vorschreiten.
-
-Kant war, als er mit seinem Systeme hervortrat, schon bejahrt, und
-dieses Verdienst blieb in den reifern Jahren unsers Helden nie ohne
-Wirkung auf ihn. Auch mochte vielleicht jener Philosoph, der bekanntlich
-sehr verschiedene Stufen der Bildung durchgegangen war, auf einer der
-frühern dieser Stufen einigen Wohlgefallen an der Aufklärerei der
-Bibliothekare gefunden und geäussert haben. Kant war daher ein übrigens
-(inwiefern er Nicolai's Grundprincip anzuerkennen schien) vernünftiger
-und gelehrter Mann, an welchem es umsomehr zu bewundern war, dass er
-Sätze als wahr behaupten könne, die Nicolai nicht aufgefunden. Die
-Streiche des Lächerlichen konnten ihm freilich nicht geschenkt, sondern
-mussten vielmehr, gerade weil er ein übrigens vernünftiger Mann war, von
-dem noch am ersten Besserung sich hoffen liess, wo möglich geschärft
-werden.
-
-Jacobi, als er als Schriftsteller auftrat, eben so die transscendentalen
-Idealisten, waren jünger als Nicolai; und in Rücksicht des jungen
-Anwuchses hatte unser Held die Maxime, sie scharf zu züchtigen, damit er
-in reiferen Jahren Ehre und Freude an ihnen erlebe. Daher war Jacobi
-einer jener mittelmässigen Köpfe, die alles drucken lassen, was sie etwa
-im Discurs gehört haben, oder vielmehr halb gehört haben, um sich ein
-Ansehn zu geben, ein Mann, der seine Materie nie recht durchdacht hatte,
-der nicht einmal schreiben konnte[9]. Die transscendentalen Idealisten
-waren Querköpfe, und wer weiss was sie noch alles waren.
-
-Und so benahm unserm Helden bis an sein Ende niemand die selige
-Ueberzeugung, dass im Umrütteln des oben erwähnten Sandhaufens das wahre
-Philosophiren bestehe; dass dies keiner besser könne, als er; und dass
-er sonach nicht nur der erste Philosoph aller Zeiten, sondern zugleich
-auch der gewaltigste philosophische Streiter sey. Die in seinen letzten
-Jahren häufiger an ihn ergehenden Zurufe, dass er in diesem Fache gar
-nichts verstehe, und hierüber am wenigsten eine Stimme habe, dienten ihm
-zum äussern, seiner innern Ueberzeugung freilich entbehrlichen Beweise,
-dass jene seine Meinung, von seiner philosophischen Superiorität, von
-jederman im Herzen anerkannt werde. Denn, sagte er bei sich selbst, wenn
-sie hoffen könnten, gegen meine Gründe etwas auszurichten, so würden sie
-ja diese zu entkräften suchen. Aber, da der blosse Anblick dieser Gründe
-sie zur Verzweiflung bringt (welches sich auch allerdings also
-verhielt): so bleibt ihnen nichts übrig, als einen Machtspruch zu thun,
-und zu sagen: ich verstehe nichts von der Sache. Dies aber beweist mir,
-dass sie wohl einsehen, ich allein verstehe die Sache.
-
-
- Anmerkungen.
-
-[Fußnote 7: M. s. ^Jacobi wider Mendelssohns Beschuldigungen etc.^
-(Leipzig bei Goeschen 1786, eine Schrift, deren Inhalt noch immer zur
-Tagesordnung gehört) S. 99., wo Jacobi die A. D. B. 65. B. 2. St. S.
-630. citirt. -- Eben daselbst sind die Beschuldigungen nachgewiesen,
-dass Jacobi nicht schreiben könne, seiner Materie nie mächtig sey, u. s.
-w.]
-
-[Fußnote 8: M. s. S. 167 der oft angeführten Anzeige in der N. D. B.]
-
-[Fußnote 9: In dem von ihm selbst herausgegebenen Lessingschen
-Briefwechsel mit Ramler, Eschenburg, Ihm (bei Ihm 1794) sagt Nicolai in
-der Vorrede, nachdem er beklagt, dass Mendelssohn Lessings
-Charakteristik nicht herausgegeben, -- woran bekanntermaassen diesen
-Freunden Lessings zufolge Jacobi's Notiz über Lessings wahres
-speculatives System ihn verhindert haben sollte: »dies ist nicht der
-erste Schaden, den die in Deutschland so übliche Anekdotenjägerei« --
-oder vielmehr Klatscherei (gab es in Deutschland wohl je eine ärgere
-Klatsche, als der Verfasser der bekannten Reisen?) »angerichtet hat,
-^da^ jeder mittelmässige Kopf, was er etwa im Discurse hört, -- oder
-halb hört, ^gleich^ drucken lässt -- um (Nicolai's bekannte pragmatische
-Methode) sich ein Ansehen zu geben.« Jacobi eben sollte nur halb gehört
-haben; er war es, durch dessen Druckenlassen die allein heilbringende
-Philosophie so aufgebracht war. Er war dieser Eine unter den
-mittelmässigen Köpfen.
-
-Armer Wicht, ahnete dir denn gar nicht von den Versuchungen des Teufels,
-als du diese Stelle niederschriebst? Hattest du denn gar keinen Freund,
-der dir in die Ohren geraunt hätte, dass wenn die Geisteskraft dieses
-mittelmässigen Kopfes, Friedrich Heinrich Jacobi, unter zehnmalzehnmal
-zehn Nicolai zu gleichen Theilen vertheilt würde, jeder dieser Nicolai
-seinen Kopf doch noch mit weit mehr Ehre durch die Welt tragen würde,
-als du, allererbärmlichster Friedrich Nicolai?
-
- * * * * *
-
-Und hiebei denn für mehrere Stellen dieser Schrift folgende Bemerkung.
-Ohnerachtet zwischen Jacobi und mir sich merkliche Differenzen erhoben
-haben, deren Hauptgrund ich darin finde, dass Jacobi über sehr
-wesentliche Puncte mich nicht genug verstanden, oder, wenn der Fehler an
-meinem Ausdrucke liegt, diese Puncte nicht in den Zusammenhang
-hineindenkt, aus welchem sie in meinem Denken hervorgehen, und in
-welchen ich sie sobald als möglich für alle Denker deutlich hineinsetzen
-werde -- vielleicht auch mit darin, dass Jacobi in seinem Kriege gegen
-den Nicolaismus sich gewöhnt hat, bei jedem seiner Gegner wenigstens
-eine kleine Portion dieses Nicolaismus, d. i. der leeren zwecklosen
-Denkerei, vorauszusetzen; -- ferner, wie Jacobi über mich und meine
-Unternehmungen auch je sich äussern, und ich nöthig finden möchte,
-diesen Aeusserungen zu begegnen; endlich, wenn es sich auch zutragen
-sollte, dass Jacobi nach dem allgemeinen menschlichen Schicksale
-späterhin durch Altersschwäche herabsänke, es selbst nicht bemerkte,
-keinen Freund hätte, der ihn warnte, und so vor dem Publicum seinem
-ehemaligen Selbst unähnlich erschiene: so soll mich doch dieses alles
-nicht abhalten, ihn für das Vergangene für einen der ersten Männer
-seines Zeitalters, für eines der wenigen Glieder in der
-Ueberlieferungskette der wahren Gründlichkeit, laut anzuerkennen: und
-dies nicht, um irgend jemandes Neigung mir zu erhalten, sondern weil es
-sich so gebührt. Hochachtung vor Männern gründet sich nicht auf
-zufällige Beziehungen, sondern auf Erkenntniss ihrer Verdienste; und es
-giebt des Achtungswürdigen wahrlich nicht so viel, dass man Ursache
-hätte, selbst dieses noch um kleiner Verstösse, oder wohl gar aus
-persönlichen Gründen, herabzusetzen. Ich erinnere dieses einmal für
-immer für diesen und ähnliche Fälle zur Vermeidung alles Anstosses und
-Misverständnisses, in unserm Zeitalter der Parteien. Es giebt nur Eine
-Partei, die man zu ergreifen hat, die für das Talent und die
-Gründlichkeit, und gegen die Dummheit und die Bosheit; von dieser Partei
-zu seyn, hat der Verfasser immer gewünscht.]
-
-
-
-
- Siebentes Capitel.
- Eine andere fast noch unglaublichere Meinung unsers Helden von
- sich selbst, zufolge jenes höchsten Grundsatzes.
-
-
-Ein anderes, beinahe unerklärliches Misgeschick unsers Helden war dies,
-dass, obgleich er allein mehr Papier beschrieben, als ein Dutzend seiner
-schreibseligsten Zeitgenossen, er doch bis an sein Ende nicht schreiben
-lernte. Man fand keine Zeile bei ihm, in welcher nicht ein oder ein paar
-unrecht angewendete Wörter und einige überflüssige vorgekommen wären. Am
-deutlichsten konnte man dies sehen, wenn man etwa das Unglück hatte,
-einiges aus seinen Druckschriften abschreiben zu müssen. Der Verfasser
-dieser seiner Geschichte sieht mit Schrecken vorher, dass tiefer unten
-diese Nothwendigkeit ohnedies ihn treffen werde. Er könnte es über das
-Herz bringen, grausamen Lesern, die ihm wohl gar anmuthen dürften, auch
-hier besondere Belege für seine Behauptung beizubringen, dafür
-anzuwünschen, dass sie selbst ein paar Seiten von Nicolai abschreiben
-müssten.
-
-Das Ganze seines Vortrages aber war so beschaffen: Es lag ihm stets
-innig am Herzen, dass seine Leser ihn doch ganz vernehmen und recht
-verstehen möchten. Es kam ihm daher, so wie er den ersten Perioden
-geendet hatte, immer so vor, als ob er noch was vergessen und noch nicht
-deutlich genug geredet hatte. Er fing sonach in einem zweiten wieder von
-vorn an, um zu sehen, ob ihm nicht im Reden das Vergessene beifallen,
-und ob es ihm mit der Deutlichkeit diesmal nicht noch besser gelingen
-möchte. Da es ihm nun aber mit dem zweiten Perioden eben so ergangen
-seyn könnte, wie bei dem erstern, so musste er nun freilich in einem
-dritten, und nach Endigung dieses in einem vierten wiederum von vorn
-anfangen, und so immerfort. So rang er rastlos nach immer höherer
-Deutlichkeit und Vollständigkeit; und wenn er endlich doch einmal
-aufhörte, wie er denn wirklich zuletzt noch immer aufgehört hat, so
-geschah dies lediglich darum, weil seine übrigen wichtigen Geschäfte ihn
-abriefen und ihm die nöthige Zeit zur vollkommenen Ausführung seines
-Themas nicht verstatteten.
-
-Dabei hatte er eine grosse Liebhaberei zum Witze, und seinen Geist schon
-früh bei den geistreichen Engländern, den Shaftsbury, Buttler, Smollet,
-den Verfassern des John Bunkel u. a. in die Nahrung gethan. Dennoch
-behielten bis in sein goldenstes Zeitalter, -- das der Gundiberte und
-der witzigen Theile von den Reisen -- seine Spässe eine gewisse dicke
-Zähheit, Plattheit und Gemeinheit. -- Da man in Nicolai's Witze den
-grössten Theil des polemischen Witzes seines Zeitalters zugleich mit
-charakterisirt, so dürfte vielleicht eine kurze Classification dieses
-Witzes hier nicht an der unrechten Stelle stehen.
-
-Wir theilen diesen Witz trichotomisch ein, und finden an ihm eine
-vollständige Synthesis. Die erstere Art ist der ^repetirende^ Witz; wenn
-am Markte einer aus dem Pöbel vor dem ganzen herumstehenden Haufen einer
-Hökerin sagt: du bist eine Diebin; und diese sich zu dem Haufen wendet
-und schreit: »Ich bin eine Diebin; sagt er:« ^Absolute Thesis des
-Witzes.^ Mit dieser Art pflegte unser Held seinen Widersachern die
-tiefsten Wunden zu schlagen; und die Schule der transscendentalen
-Philosophen soll allein daran sich zu Tode geblutet haben. -- Die zweite
-Art des Witzes ist die ^der einfachen Retorsion^; wenn jener sein Wort:
-»du bist eine Diebin« wiederholt, und die Hökerin ihm nun antwortet:
-»nein du, du bist ein Dieb:« ^Antithesis des Witzes.^ Auch diese Art
-wusste unser Held vortrefflich zu handhaben, und bediente sich derselben
-häufig. Endlich, die dritte Sorte ist die ^der spöttischen Retorsion^;
-wenn unser Mann sein Wort nochmals wiederholt, und die Hökerin ihm
-antwortet: »ja du wärst mir der Rechte, dass du mir das sagen solltest,
-du sähst mir so aus, du hättest es auf dem Leibe:« ^Synthesis des
-Witzes.^ Man muss es unserm Helden zum Ruhme nachsagen, dass er dieser
-letzten beissenden Sorte, ohnerachtet er auch sie sehr geschickt zu
-behandeln verstand, sich doch nur selten, und nur gegen sehr
-eingewurzelte Schäden bediente. Dies war der Umfang seiner Schalkheit,
-und andere Sorten haben in seinen zahlreichen Schriften sich nicht
-gefunden.
-
-So war es mit Nicolai's Talent zur Schriftstellerei nach der Wahrheit
-beschaffen.
-
-Was glaubte nun er selbst über dieses Talent? -- Lasset uns auch hier
-billig seyn. Wenn ein alter, misgeschaffener, von Gicht und Podagra
-zerrissener Faun, der in einem vorüberfliessenden Bache seine Gestalt
-erblickte, dieselbe männlich anständig und ehrwürdig fände: wer würde es
-ihm so sehr verdenken? Gehören doch die Augen, durch welche er sieht,
-auch zu ihm selbst. Wenn aber derselbe die krampfhaften Zuckungen der
-Gicht in seinem behaarten Gesichte für ein Lächeln der himmlischen
-Venus, und das Schlottern seiner verdorrten Schenkel und die Bebungen
-seiner spitzigen Bocksfüsse für die Tanzübung einer Grazie ansähe: so
-würde dies doch zu sehr das Mittelmaass der einem Faun allenfalls zu
-verstattenden Eigenliebe überschreiten.
-
-Es erging unserm Helden nicht viel besser als diesem Faune. Dass er sich
-für einen Richter und Meister über Sachen des Stils gehalten, beweisen
-theils der Tadel, den er so oft gegen anderer Schreibart ergehen lassen,
-wenn er z. B. Jacobi, ohne Zweifel einem der besten Stilisten seines
-Zeitalters, vorrückte: er könne nicht schreiben; theils die
-Liebkosungen, die er von Zeit zu Zeit ganz unverhohlen seinem eignen
-Vortrage machte, indem er sagte: die blossen Büchergelehrten wüssten gar
-nicht, wie man dem Publicum etwas vortragen müsse; er aber, ein Mann,
-der in der Welt gelebt, wisse es, und darauf Proben von dieser
-Fertigkeit gab[10]. Für welchen satirischen Kopf und durchtriebenen
-Schalk er sich gehalten, ist daraus zu ersehen, dass er die
-Horazisch-Shaftsburysche Maxime, durch das Lächerliche die Thorheit an
-den Tag zu bringen, zu der seinigen gemacht, und bis an sein Ende
-geglaubt, dass er der geborne und bestellte Verfolger aller Thorheit
-durch jene Waffen des Lächerlichen sey. Diese Meinung, da sie durchaus
-ohne alle äussere Veranlassung und von aller Wahrscheinlichkeit
-entblösst war, konnte durch nichts Anderes entstanden und befestigt
-seyn, ausser durch die Begriffe, welche unser Held von seinen Talenten
-überhaupt hatte.
-
-
- Anmerkung.
-
-[Fußnote 10: In sehr vielen Stellen der Nicolaischen Reisebeschreibung.]
-
-
-
-
- Achtes Capitel.
- Sonderbare Begriffe unsers Helden über seine und seiner Gegner
- gegenseitige Rechte, aus jenem höchsten Grundsatze.
-
-
-Da, wie gesagt, unser Held voraussetzte, dass er nie anders als recht
-haben könnte, und dass alle Welt gleichfalls, wenigstens im Herzen,
-derselben Ueberzeugung wäre, dass er nie unrecht haben könnte: so
-begegnete es ihm nicht selten, dass er seinem Gegner gerade dasselbe
-ernstlich verwies, was er selbst immer that, und vielleicht in demselben
-Augenblicke that, da er es jenem verwies. Sie sollten nemlich denken: ja
-dem Nicolai ist das wohl erlaubt, denn der hat recht; uns aber ist es
-nicht erlaubt, denn wir haben ja unrecht.
-
-So, nachdem er in der berühmten Acte mit grossmüthigem Bedauern
-gemeldet, dass es das Schicksal der Jenaischen allgemeinen Literatur
-geworden, Kant zu loben, und Reinhold: sagt er einige Seiten später ohne
-Bedauern, vielmehr mit Ruhme, dass seine allgemeine Literatur der neuen
-und neuesten Philosophie stets im Wege gewesen[11]. Man sollte meinen,
-Parteilichkeit ^für^ und Parteilichkeit ^wider^ sey doch immer beides
-Parteilichkeit, und eine der andern werth. -- Ja, aber die neue und
-neueste Philosophie ist ja falsch, denn sonst könnte die alte
-Nicolaische nicht wahr seyn; und es ist sonach allerdings ruhmwürdig,
-der ersten im Wege zu stehen, und sehr tadelnswürdig, sie zu loben.
-
-In derselben Acte beschuldigte er die Herren Schelling, A. W. Schlegel,
-Fichte, dass sie günstige Beurtheilungen ihrer Schriften in die
-Jenaische Allgemeinheit zu bringen, ja, dass der letztere sogar die
-bibliothekarische Allgemeinheit sich geneigt zu machen gesucht habe.
-Wenn sich dies auch nun so verhalten hätte (mikrologische
-Geschichtsforscher jener Zeiten, die ihren Fleiss sogar über die
-Lebensumstände jener nun vergessenen Schriftsteller verbreiten,
-versichern einstimmig, diese hätten die Wahrheit jener Beschuldigung
-beständig abgeläugnet), wenn es sich nun auch so verhalten hätte, hätte
-es ihnen denn Nicolai so sehr verdenken sollen, der sich rühmt, in
-seiner Bibliothek nur ungünstige Recensionen jener Philosophie, die eben
-darum seiner eigenen günstig sind, zuzulassen; und von welchem es in
-jenen Tagen bekannt war, dass er auch der Jenaischen allgemeinen
-Literatur dasselbe Princip angemuthet, und einem der Statthalter jener
-Literatur derb den Kopf dafür gewaschen, dass man ein paar Schriften von
-Fichte durch Reinhold habe recensiren lassen, und nicht vielmehr durch
-einen Mann, -- »der die Blössen jener Fichteschen Philosophie so recht
-an den Tag gebracht hätte?« -- Aber, war es denn jenen Männern noch
-nicht gesagt worden, dass sie unrecht hätten, von Nicolai selbst gesagt
-worden? War es nicht eine Schande, dass sie das Gift ihrer verworfenen
-Meinungen, mit dem sie für ihre Person leider angesteckt waren, nun auch
-durch die geheiligten Quellen der öffentlichen Literaturen in das
-Publicum zu bringen suchten, anstatt in die Einsamkeit sich
-zurückzuziehen und sich selbst heilen zu lassen?
-
-Dem Fichte besonders wird in jener Acte ein schweres Sündenregister zu
-Gemüthe geführt[11]. »Er habe sich in Jena auf Reinholds Stuhl gesetzt«
-(man hat mehrere Erklärungen der Antiquitätenkenner von dieser wichtigen
-Stelle, keine aber befriedigt uns, und wir müssen daher sie, die sehr
-leicht das grösste Verbrechen jenes Mannes enthalten mag, als
-unverständlich übergehen); »er habe gewusst, diesen so ungemein
-verehrten Lehrer bei den Studenten in Jena in kurzer Zeit fast in
-Vergessenheit zu bringen.« Unser Held hat nicht hinzugesetzt, welcher
-Mittel sich hierbei der Mann bedient; auf jeden Fall aber sollte man
-hieraus beinahe schliessen, dass es demselben nicht an allem
-Lehrertalente gefehlt haben müsse. Dies ist doch wohl nicht sein
-Vergehen? -- Vielleicht nur der üble Gebrauch, den er von jenem Talente
-machte? Aber der Reinhold, den er in Vergessenheit brachte, war ja, nach
-den Nachrichten der besten Geschichtschreiber, selbst ein Kantianer, und
-weit davon entfernt, in den Umkreis der allein wahren Bibliothek zu
-gehören. Diesen in Vergessenheit gebracht zu haben, kann Fichte's
-Vergehen nicht seyn. -- Lesen wir weiter. »^Nun^« (hier mildert der
-grossmüthige Mann ganz offenbar die Schuld des Angeklagten. Nach den
-besten Nachrichten hatte Fichte nicht erst, nachdem es ihm bei den
-Studenten gelungen war, Reinhold in Vergessenheit zu bringen, sondern
-sogar schon vor seiner Ankunft in Jena eine Schrift verfasst und dem
-Drucke übergeben, in welcher er geradezu die Kantische Philosophie für
-unvollendet erklärt, von den Reinholdschen Bemühungen bloss schonend
-gesprochen, und seinen Vorsatz, die Sache zu vollenden, bestimmt
-angekündigt.) -- »^nun^ habe es jenem Manne ein Leichtes geschienen,
-auch Kant von dem hohen Stuhle, der ihm als dem ^ersten Philosophen
-Deutschlands^ gesetzt worden, herunterzustossen.« Unser Held sprach nie
-und spricht auch hier nicht mit Billigung davon, dass Kant dieser hohe
-Stuhl gesetzt worden. Es war das unablässige Bestreben aller
-literarischen Thätigkeit seiner letzten Tage, ihn von diesem Stuhle
-herunterzustossen. Sonach wären ja Nicolai und Fichte einiger gewesen,
-als man glaubt, und der erstere hätte den letztern nimmermehr darüber
-tadeln können, dass er mit ihm für Einen Zweck arbeite. Lesen wir also
-weiter -- »^und sich selbst darauf zu setzen^.« Ja so, dies wollte
-Fichte, und hierin liegt sein Verbrechen! Dass er Reinhold in
-Vergessenheit brachte, war brav: dass er Kant vom hohen Stuhle
-herunterzustossen suchte, verdienstlich. Nur hätte er von da an in die
-Gemeine der Bibliothek, wo der wahre hohe Stuhl mit dem wahren ersten
-Philosophen Deutschlands schon längst besetzt war, selbst zurückkehren
-und die Seinigen dahin leiten sollen. Dann hätte man ihm seinen
-akademischen Beifall wohl gönnen mögen; er wäre vor seinen verderblichen
-Irrthümern bewahrt geblieben, hätte Reinholds Stuhl behalten bis an sein
-Ende, und sein Name lebte noch jetzt unter den andern berühmten Namen
-der Bibliothekare.
-
-In derselben Acte, und sonst noch an mehreren Orten, verweist Nicolai
-Schelling und Fichte die Unanständigkeit sehr ernstlich, dass ihnen
-zuweilen ihren Gegnern gegenüber so ein Wort von Halbköpfigkeit
-entschlüpft sey. Zwar war dieses, so viel man weiss, immer nur
-geschehen, wenn sie im Allgemeinen sprachen, und nie gegen bestimmte
-genannte Personen. Zwar hatten diese Schriftsteller seit Jahren ein
-System dem Publicum vorgelegt, das seinen Grundtheilen nach vollendet
-und vollständig bewiesen und begründet war. Warum man nun auf dasselbe
-sich nicht ernstlich einlasse, darüber hatten sie bis zu jener Epoche
-noch das erste vernünftige Wort aus dem Publicum zu vernehmen. Keiner
-ihrer Gegner verstand sie, und alles schwatzte, und muthete ihnen an,
-zehnmal abgewiesene Misverständnisse zum eilftenmale abzuweisen. Es wäre
-ihnen vielleicht zu verzeihen gewesen, wenn ihnen im Unwillen zuweilen
-etwas Menschliches begegnete. Nicolai hatte sie unter ihrem Namen, und
-mit ihnen zugleich noch eine Menge anderer genannter Männer in
-öffentlichen Schriften Querköpfe genannt, und noch mancherlei andere
-Schimpfworte ihnen angeworfen. Man hätte denken sollen, eine
-Zusammensetzung mit Kopf sey der andern werth, und die Benennung des
-Halbkopfs, der ja wohl noch wachsen kann, sey immer milder, als die
-eines völlig in die Quere gedrehten Kopfes; und Nicolai hätte sonach
-recht gut gleiches mit gleichem aufgehen lassen können.
-
-Aber wie können wir uns auch nur einfallen lassen, hier eine Gleichheit
-des Verhältnisses zu setzen? Hatte nicht zuvörderst Nicolai recht, und
-die Wahrheit auf seiner Seite? und war es an ihm zu tadeln, wenn im
-hohen Eifer für die Wahrheit ihm auch wohl ein derbes Scheltwort
-entfuhr? Vertheidigten die Gegner nicht den Irrthum, und war ihnen dies
-nicht etwa gesagt? Jemanden auch noch dazu zu schimpfen, weil er unsern
-Irrthum nicht gegen die Wahrheit vertauschen will: welche Verkehrtheit
-und Impertinenz! War nicht ferner Nicolai ein alter Mann, und jene
-Schriftsteller junge Leute; und ist es nicht eine ausgemachte Wahrheit
-unter allen alten Schriftstellern des Nicolaischen Kreises, dass die
-Alten auf die Jungen schimpfen dürfen, so viel sie wollen, diese aber
-nicht wiederschimpfen, sondern sich ziehen lassen müssen? Respect für
-das Alter! heisst es in dieser Schule; sogar wenn der alte Mann ein
-alter Narr ist. -- War Nicolai nicht der angestellte Altmeister aller
-Schriftsteller, und war es nicht sein ausdrücklicher besonderer Beruf,
-die Jugend durch jedes Mittel zum Guten zu ziehen; und konnten nicht
-auch harte Scheltworte unter diese Mittel gehören? Und diese Jugend,
-statt sich weisen zu lassen, schimpfte wieder. Welche Insubordination!
-Kurz, wenn Nicolai schimpfte, so that er es immer am rechten Orte, zu
-rechter Zeit, und schimpfte mit Grazie. Wenn andere schimpften, so war
-es gemein und pöbelhaft. Nicolai allein verstand zu schimpfen, und darum
-musste man es ihm allein überlassen.
-
-
- Anmerkung.
-
-[Fußnote 11: M. s. S. 147 der angeführten Anzeige in der N. D. B.]
-
-
-
-
- Neuntes Capitel.
- Wie unser Held, zufolge seines höchsten Grundsatzes, sich zu
- nehmen gepflegt, wenn derselbe angefochten worden.
-
-
-So fest und unerschütterlich unsers Helden Meinung war, dass ihn
-jederman für den ersten Menschen des Zeitalters anerkenne, so beharrlich
-war, wie jeder andere bemerken musste, sein Misgeschick, dass man ihn
-nicht einmal so recht im Mittelschlage mit wollte gelten lassen. So
-beliebt auch sehr bald seine Bibliothek wurde, so wusste man doch im
-grössern Publicum nicht viel anderes darüber, als dass er sie eben
-drucken liesse. Man hielt ihn höchstens für einen industriösen
-Buchhändler, und für einen Dilettanten in der Wissenschaft, der, weil
-viele Bücher durch seine Hände gingen, glaubte, wie eben jeder andere
-Buchhändler auch, über Bücher mitsprechen zu können. Für einen
-unstudirten Buchhändler, meinte man, möchten seine Räsonnements noch so
-hingehen. Er hat es in seinen alten Tagen dem Publicum oft genug in die
-Ohren rufen müssen, dass er sich wirklich und in der That nicht für
-einen blossen unstudirten Buchhändler, sondern in allem Ernste für einen
-wirklichen und wahren Gelehrten gehalten. Dennoch hat er es in keinem
-Zeitpuncte seines Lebens im Publicum zu derjenigen Reputation gebracht,
-welche in seinem Zeitalter jeder Gelehrte sich erwarb, der nur ungefähr
-ein Jahrzehend hindurch fleissig und anhaltend Bücher schrieb.
-
-Dies war wohl zum Theil Misgeschick, zum Theil aber auch eigene Schuld.
-Hätte er, nachdem er den Verstoss des Publicums merkte, nur mit seiner
-Emphase in der Welt verbreitet, dass er die Bibliothek nicht nur drucke,
-dass er auch an ihr recensire, ja, dass er sie redigire; hätte er sich
-vor aller eigenen Schreiberei unter seinem Namen sorgfältig gehütet: so
-würde er bald in dasselbe Ansehen gekommen seyn, welches so mancher
-andere höchst mittelmässige Redacteur berühmter gelehrter Zeitschriften
-geniesst, der der eigenen Autorschaft sorgfältiger aus dem Wege geht;
-und wir, sein Geschichtschreiber, wären der Hinzufügung des
-gegenwärtigen Capitels überhoben. Unser Held aber schrieb Bücher, dicke
-Bücher, unter eignem Namen, und dadurch verdarb er alles.
-
-Sein Sebaldus zwar hätte hingehen mögen. Dieser war dem Zeitalter seiner
-Erscheinung so angemessen, dass man ihn der Fähigkeit unsers Helden
-sogar nicht zutrauen wollte. Es sind wohl nicht viel unter meinen
-Lesern, denen ein zu jener Zeit ziemlich allgemein verbreitetes Gerücht
-nicht zu Ohren gekommen seyn sollte: Nicolai sey gar nicht der Verfasser
-des Sebaldus, er habe sich unrechtmässigerweise dafür ausgegeben; der
-wahre Verfasser, ein immer Geld bedürfender Gelehrter, bediene sich
-dieses Nicolaischen Plagiats, um durch die Drohung, es bekannt zu
-machen, in jedem Bedürfnisse Geld von ihm zu erpressen. -- Wir haben
-dieses Gerücht nicht angeführt, als ob wir selbst ihm Glauben
-zustellten; jenes Werk trägt zu unverkennbar das Gepräge der
-Nicolaischen Feder; sondern um zu zeigen, wie das Publicum von jeher
-über unsern Helden gedacht.
-
-Es folgte John Bunkel. Diesen hatte unser Held, seiner eigenen
-Versicherung nach, nicht selbst gemacht, sondern übersetzt. Aber das
-Buch fiel auf als schlecht; und darum stritt man ihm hier die
-Autorschaft auf, die man dort ihm abstritt; er sollte und musste mit
-aller Gewalt nicht der blosse Uebersetzer, sondern der Urheber selbst
-seyn. Und als man nun nicht länger läugnen konnte, dass er es übersetzt
-habe, war er darum um nichts gebessert. Der Verfasser der durchaus
-originellen, leider nicht sehr bekannt gewordenen ^Geschichte einiger
-Esel^ fing schon damals an, treffliche Beiträge zur Geschichte unsers
-Helden zu liefern.
-
-Jetzt trat unser Held seine Reisen an. Sein Weg führte den Berliner, der
-bisher zwischen dem protestantischen Berlin und dem protestantischen
-Leipzig und seiner Buchhändlermesse sein Wesen getrieben hatte, durch
-katholische Provinzen. Da sahe er Crucifixe an den Strassen,
-Heiligenbilder, Amulete, Votivtafeln; hörte, dass gewisse Heilige die
-Schutzpatrone gegen gewisse Landplagen oder Krankheiten wären; hörte,
-dass ein wohlmeinender Katholik, da seine Religion ihm allein
-seligmachend ist, jeden Menschen in den Schooss derselben zu bringen
-suchen müsse u. s. w. -- Dergleichen hatte er in Berlin und Leipzig
-nicht gesehen; hatte er ja von andern, die es gesehen hatten, etwas der
-Art erzählen gehört, so hatte er es für Aufschneiderei und für
-schlechten Spass gehalten; denn wie könnte doch irgendwo etwas anders
-seyn, als zu Berlin oder zu Leipzig; wie in aller Welt könnte man doch
-ein katholischer Katholik seyn? Jetzt sah er es mit seinen Augen, und
-rief athemlos durch das heilige römische Reich: hörts, Deutsche hörts,
-das Unglück -- die Entdeckung meines Scharfsinns; es giebt, o es giebt
-Katholiken, die da katholisch sind -- und damit man es ihm doch ja
-glauben möchte, brachte er alle Bilder und Gebetzettel aus allen
-Gegenden zu Hauf, und gab sie in den Kauf obenein.
-
-Nicht lange nachher begegnete ihm ein Verdruss mit seiner Bibliothek.
-Sie sollte -- welches, dass ich es im Vorbeigehen sage, nur zu wahr,
-offenbar und klar ist -- sie sollte ein der ^Religion^ gefährliches Werk
-seyn. Das war ihm zu hoch. Athmete doch dieses Werk seinem besten Wissen
-nach durchaus das, was er den reinsten Protestantismus nannte. Nur dem
-nunmehro seit seinen Reisen an den Tag gekommenen Antiprotestantismus,
-nur der ^katholischen^ Religion konnte es gefährlich seyn. Beide
-Visionen vermengten sich in seinem schwachen Kopfe, und dazu mischte
-sich noch eine dritte, die allein schon fähig gewesen wäre, ihn zu
-verwirren, die der geheimen Orden, der Gold- und Rosenkreuzerei. Nun
-konnten die Gegner seiner Bibliothek nichts Anderes seyn, als
-Kryptokatholiken, welche durch geheime Orden und andere Machinationen
-die Protestanten in den Schooss der römischen Kirche zurückzuführen
-suchten, und denen er durch seine Bibliothek und durch die wichtigen
-Entdeckungen seiner Reisen im Wege stand: und es musste von nun an alles
-von solchen Machinationen wimmeln. Noch im Jahre 1800 erzählte Nicolai
-in der Vorrede zum ersten Stück der von ihm wieder herausgegebenen
-Bibliothek sehr ernsthaft das alte Mährchen, und verrieth in aller
-Unbefangenheit den wahren Grund, der ihn auf diese Vision gebracht, die
-Anfechtungen nemlich, welche er und seine Bibliothek von einem Minister
-und einigen geistlichen Räthen unter der vorigen Regierung erdulden
-müssen. Jene vorgeblichen Verbreiter des Katholicismus thaten unserem
-Helden nur nicht die Liebe an, dass sie selbst katholisch geworden
-wären, geschweige, dass sie andere bedeutende Personen dazu gemacht
-hätten. Diejenigen, welche vielleicht anfangs durch das heftige Geschrei
-mit fortgerissen wurden, mussten sich denn doch nun, nachdem von allem
-Prophezeiten nichts erfolgte, und sie kälter wurden, erinnern, dass sie
-ja alles, was Nicolai ihnen erzählt, schon vorher auch gewusst und
-gesehen hätten, und dass beinahe alle Welt es gewusst und gesehen hätte,
-sie mussten sich wundern, dass es unserm Helden allein vorbehalten
-gewesen, diese Sachen so bedeutend zu nehmen, und so scharfsinnige
-Schlüsse daraus zu entwickeln, sich fragen, warum sie denn nicht selbst
-auch von denselben Prämissen aus auf dieselben Entdeckungen gekommen,
-und das Ganze konnte sich nur durch ein lautes und allgemeines Gelächter
-über unsern Helden beschliessen.
-
-Noch stand ihm eine andere traurige Epoche seines Lebens bevor: seine
-Feldzüge gegen die neuere Philosophie. Zwar waren seine Einwendungen
-gegen diese Philosophie, -- etwa, dass ja die Erscheinung der Sinnenwelt
-so gar nicht vor Blutigeln weiche, vor denen doch sonst jede Erscheinung
-verschwinde, oder dass, wenn alles, was da ist, das Ich selbst sey, ein
-Mensch, der eine wilde Schweinskeule ässe, sich selbst ässe, -- diese
-Einwendungen waren sämmtlich von der Art, dass jeder Knecht und jede
-Magd im römischen Reiche, die sie vernahmen, finden mussten, sie hätten
-dieselben wohl auch vorbringen können. Aber dadurch, dass unser Held sie
-ihnen so vor dem Munde wegnahm, empfahl er sich schlecht ihrer
-Zuneigung. Ueberdies hörten sie auch nicht, dass man jene Philosophen
-von Obrigkeitswegen in die Tollhäuser gebracht, welches doch, wenn ihre
-Behauptungen durch jene Einwendungen getroffen würden, nothwendig hätte
-geschehen müssen. Sie blieben also immer geneigter, anzunehmen, dass
-jene Sätze wohl noch einen andern Sinn haben dürften, den Nicolai nur
-nicht verstände, oder hämischerweise verdrehe; und so that selbst bei
-den gemeinsten Lesern diese Art der Polemik der Ehre unsers Helden weit
-grössern Abbruch, als der Ehre jener Philosophen.
-
-Diese zusammenhängende Reihe von Unglücksfällen musste nothwendig unsern
-Helden, der nie einen befestigten Credit besessen, immer verächtlicher
-und lächerlicher machen. Er kam in seinen letzten Tagen nach dem Jahre
-1803 so herab, dass jeder Muthwillige, der gerade keinen spasshaftern
-Zeitvertreib hatte, den alten Steinbock zu Berlin neckte und am Barte
-zupfte, um sich an seinen Capriolen zu belustigen.
-
-Wie benahm sich nun unser Held dabei? Ging ihm denn noch kein Licht
-darüber auf, dass das Zeitalter ihn nicht für seinen ersten Mann hielte?
-Keinesweges. Gegen diese Ahnung hatte er schon früher sich befestigt
-gezeigt.
-
-War es irgend möglich zu hoffen, dass man eine gegen ihn ergangene
-Schmähung überhört habe, so pflegte er derselben lieber gar nicht zu
-erwähnen, sondern sie mit grossmüthigem Stillschweigen zu übergehen. So
-hatten allerdings mehrere aus der Schule der transscendentalen
-Idealisten ihn oft etwas respectwidrig behandelt. Fichte hatte das
-einzige Mal, da er seiner erwähnt, ihn als die ^seufzende Creatur^
-charakterisirt; Schelling hatte ihn einmal ^einen alten Californier^,
-und ein andermal ^einen alten Geck^ gescholten; Niethammer hatte gar die
--- zwar ungegründete, und tiefer unten zu widerlegende Hypothese
-geäussert: Nicolai sey nun wirklich übergeschnappt, und er sey der Gott
-Vater zu Bedlam, der gegen seinen Nachbar Jesus Christus, -- etwa den
-Ritter Zimmermann, die Zähne fletsche. Dennoch hat Nicolai, so oft er
-auch hinterher veranlasst worden, diesen Männern ihr übriges Unrecht
-hart zu verweisen, dieser ihm selbst widerfahrenen Beleidigungen nie
-auch nur erwähnen mögen. Er hat vielmehr immer standhaft vorausgesetzt,
-dass jene Männer seiner Weisungen allerdings achteten, und lehrbegierig
-darauf hörten, und durch dieselben schon noch zur Besinnung gebracht
-werden würden. Tieck hatte ihn beinahe in allen seinen Schriften auf
-eine sehr empfindliche Weise durch wahren, tief eingreifenden Witz
-angezapft; besonders aber erschien im ersten Hefte seines poetischen
-Journals ein alter Mann, der unserm Helden wie aus den Augen geschnitten
-war; auch stellte im jüngsten Gerichte desselben Hefts Nicolai
-namentlich sich in einer höchst possirlichen Gestalt dar. Dadurch wurde
-unser Held so wenig beleidigt, dass er Kaltblütigkeit genug beibehielt,
-in eigner Person jenes Heft zu recensiren[12]. Zwar konnte er es nicht
-verbergen, dass die beiden Aufsätze, in denen er angegriffen war, nichts
-taugten; war aber schonend genug, den eigentlichen faulen Fleck in
-denselben nur ganz leise, wie wir unten sehen werden, zu berühren.
-
-War aber der Verstoss in zu grosser und guter Gesellschaft gemacht, und
-liess sich nicht annehmen, dass er auf die Erde gefallen sey, so wusste
-unser Held immer gut nachzuweisen, warum die Gegner so sprechen müssten,
-wie sie sprachen. Es fand sich immer, dass er sie schon früher
-angegriffen, und ihre Eigenliebe gekränkt habe, dass sie nur dafür sich
-rächen wollten, und deswegen Dinge vorbrächten, denen ihre wahre
-Herzensmeinung widerspräche. So war in den bekannten Xenien der Spass
-mit unserm Nicolai wirklich weit gegangen, auch liess sich die Kunde
-davon nicht gut abläugnen. Unser Held aber zeigte, dass die Verfasser
-jene Gedichte nur deswegen publicirt hätten, um die tiefen Wunden, die
-er ihnen durch den 11. Band seiner Reisen geschlagen, zu rächen.
-»Freilich höre niemand gern die Wahrheiten, die er ihnen dort sage, es
-sey ihnen eben nicht zu verdenken, dass sie sich rächten, so gut sie
-vermöchten.« Uebrigens wusste er, dass sie ihn im Herzen doch verehrten,
-ihn für einen Meister anerkannten, und gewaltige Furcht vor ihm
-hatten[13].
-
-So sagte er von den transscendentalen Idealisten, dass sie die D. B. zu
-verachten nur affectirten[14]. Freilich waren sie eine rohe,
-ungeschlachte Rotte, jene Idealisten, die für manches Geachtete wenig
-Achtung bezeigten. Aber die Bibliothek, dieses grösste Werk unsers
-Helden, wirklich und in der That nicht zu achten -- diese Verkehrtheit
-konnte selbst ihnen Nicolai nicht zutrauen. Nein, sie stellten sich nur
-so, sie affectirten nur Nichtachtung, weil ihnen die Trauben des
-schmackhaften Lobes jener Bibliothek zu hoch hingen.
-
-So setzte er bei der oben erwähnten Recension des Tieckschen Journals
-hinzu: »Tieck äussere da sein Misfallen an einigen Personen, denen er
-selbst und seine Verse wohl auch nicht gefallen haben möchten.« --
-Mochte doch diese Stelle denjenigen, die dieses Journal nicht gelesen
-hatten, dunkel bleiben. Was sollte doch er selbst durch seine Bibliothek
-das leider erhobene Skandal weiter verbreiten? Waren aber welche unter
-den Lesern, die jenes Journal gesehen hatten, so konnten diese nur
-glauben, Nicolai möchte Herrn Tieck früher etwas zu Leide gethan haben,
-dieser habe dafür sein Müthchen an ihm kühlen wollen; nicht, als ob er
-im Herzen nicht voller Achtung und Respect für ihn sey, sondern
-lediglich aus dem boshaften Grunde, sich an ihm zu rächen.
-
-Auf diese Weise entging unser Held dem, was in jedem andern Falle sicher
-zu erwarten gewesen wäre, dem sichtbar erscheinenden und im bürgerlichen
-Leben sich äussernden Wahnsinne. Mit dem Ritter Zimmermann, welchem
-Nicolai seine Eitelkeit nicht verzeihen konnte, ohnerachtet er selbst
-daran einen grössern Antheil hatte, und mit demselben Wohlgefallen von
-seinem Schachspielen mit dem Minister Wöllner, und von der witzigen
-Abfertigung, die er ihm gegeben, erzählte, als jener von seinen
-Unterredungen mit Friedrich dem Zweiten erzählt hatte -- mit dem armen
-Ritter endete es traurig, und auch dem unglücklichen Wetzel bekam seine
-Göttlichkeit übel. Es glaubten deswegen viele, dass es auch mit unserm
-Helden auf dieselbe Weise enden würde; und der oben angeführte Gelehrte
-glaubte sogar einstmals, dass dieser Fall wirklich eingetreten sey.
-Diesen Männern entging nur folgendes, dass man, um wahnsinnig werden zu
-können, doch noch irgend einen wahren und richtigen Gedanken
-unaustilgbar in sich haben muss, welcher mit den ebenso fest
-eingewurzelten unrichtigen und falschen in einen nie zu entscheidenden
-Widerstreit geräth, und dadurch das Phänomen der Geistesverwirrung
-erzeugt. Totale und radicale Verkehrtheit aber, mit welcher auch nicht
-Ein richtiger Gedanke verbunden ist, stimmt mit sich selbst innig
-zusammen, und macht das Verfahren ebenso fest und unerschütterlich und
-gleichmässig, als die Wahrheit. Ein solcher ist in seinem Ideenkreise
-beschlossen, und kein Gott würde einen Gedanken in denselben
-hineinbringen, der nicht darein passte. -- Hierzu kommt, dass besonders
-diejenige Art der Verrücktheit, welche aus Eigendünkel entsteht, und in
-welcher die Menschen sich für ganz etwas Anderes halten, als sie sind,
-eigentlich nur durch den Widerspruch anderer erhitzt, erbittert, und zu
-den wilden Aeusserungen, in die sie öfters ausbricht, bewogen wird. Bete
-man nur jenen Gott Vater zu Bedlam, und seinen Sohn Jesus Christus
-gläubig an; lasse man sie nur ruhig bei der Meinung, dass sie die Welt
-regieren und alle Tage das Wetter machen, und sie werden sehr sanfte
-wohlthätige Gottheiten bleiben. Nur der Widerspruch reizt sie. Gegen
-diese Reizung war unser Gott Vater durch ein in seiner Narrheit selbst
-liegendes Mittel gesichert: er glaubte nie, dass der Widerspruch
-ernstlich gemeint sey. Die Schnippchen, die man gegen seinen papiernen
-Olymp heraufschlug, hielt er für eigen gestaltete Dämpfe des Weihrauchs.
-Handelten die Sterblichen unter ihm nicht nach seinem Sinne, so griff er
-zu etwas, das er treuherzig für seinen Donnerkeil hielt, schleuderte es,
-und war nun fest überzeugt, dass alles um ihn herum zerschmettert und
-vernichtet wäre.
-
-Ein Narr war er freilich; denn es ist ohne Zweifel ebenso närrisch, wenn
-ein einfältiger unstudirter Buchhändler, der nie eines systematischen
-Unterrichts genossen, und nie die entfernteste Idee davon gehabt, was
-eine Wissenschaft sey, sich für den ersten aller Gelehrten, ein geborner
-stumpfer Kopf, der es nie dahin bringen können, auch nur einen Perioden
-sprachrichtig und logisch zu schreiben, sich für einen Mann von
-allgemeinem und ausserordentlichem Talent, und ein ausgemachter Berliner
-Badaud[15] und ungezogener tölpelhafter Schwätzer sich für einen grossen
-Weltkenner und Weltmann hält: als es närrisch ist, wenn ein armer
-Schuhflicker sich für den König von Jerusalem ansieht. Aber in dieser
-Verrücktheit blieb er sich so unerschütterlich gleich und alles sein
-Handeln, Glauben und Denken stimmte mit ihr, und unter sich so wohl
-überein, dass, wenn man bloss seine Aeusserungen unter einander
-verglich, und mit der ungeheuren Falschheit der ersten Voraussetzung
-nicht bekannt war, man bis an sein Ende nicht die geringste Spur einer
-Verstandesverwirrung an ihm entdecken konnte.
-
-
- Anmerkungen.
-
-[Fußnote 12: M. s. 3. Heft. 1. St. 56. B. der neuen deutschen
-Bibliothek.]
-
-[Fußnote 13: M. s. Nicolai's Schrift gegen die Xenien.]
-
-[Fußnote 14: M. s. das 2. Heft des oben angeführten Stücks der N. D. B.]
-
-[Fußnote 15: Wir erklären uns über diese Benennung in der 4ten Beilage.]
-
-
-
-
- Zehntes Capitel.
- Ein Grundzug des Geistescharakters unsers Helden, der aus
- jenem höchsten Grundsatze natürlich folgte.
-
-
-Wer bei aller Geistesthätigkeit keinen andern Zweck hat, als den, sich
-geltend zu machen und sein Uebergewicht zu zeigen, weil er ein solches
-Uebergewicht zu haben vermeint, der verliert sehr bald durchaus allen
-Sinn für jeden möglichen andern Zweck der Geistesthätigkeit. Ihm ist
-alles Forschen und Nachdenken lediglich Mittel zum Disputiren,
-keinesweges aber zur Auffindung einer bleibenden Wahrheit, die allem
-weitern Disput ein Ende mache. Eine solche Wahrheit, die da nun wahr sey
-und bleibe, ist ihm ein Greuel, er hasst sie und wüthet gegen ihre Idee;
-denn wenn sie gefunden würde, so müsste ja auch er sich ihr unterwerfen
-und dürfte nichts gegen sie sagen.
-
-Dieser Hass gegen alle positive bleibende Wahrheit musste also ein
-Grundzug unsers Helden seyn, der von dem nun sattsam beschriebenen
-Princip ausging. Gab er ja eine für sich bestehende und bleibende
-Wahrheit zu, so war es die der Anekdote; und sogar das ist zweifelhaft,
-ob er auch diese zugab. In allem, was über diesen Standpunct hinauslag,
-und ganz besonders in philosophischen und religiösen Materien, erblickte
-er nichts weiter, als einen Gegenstand des Disputs, wo jede Meinung so
-viel werth wäre, als jede andere, und der überall keinen Gebrauch hätte,
-als den, den Scharfsinn zu üben. Seine Maxime war: man müsse jedem, was
-über dergleichen Gegenstände zuletzt vorgebracht wäre, widersprechen,
-damit es nicht etwa dabei sein Bewenden behielte, und die einzige wahre
-Bestimmung des menschlichen Geistes, der Disput, ins Stocken geriethe.
-
-Darum waren ^Protestantismus^, ^Denkfreiheit^, ^Freiheit des Urtheils^
-seine beständigen Stichworte. Sein ^Protestantismus^ nemlich war die
-Protestation gegen alle Wahrheit, die da Wahrheit bleiben wollte; gegen
-alles Uebersinnliche und alle Religion, die durch Glauben dem
-Dispute ein Ende machte. Nach ihm war das eben der Zweck der
-Kirchenverbesserung, jeden Laien in den Stand zu setzen, über religiöse
-Gegenstände ins unbedingte hin und her zu disputiren, wie ein
-allgemeiner Bibliothekar, keinesweges aber irgend etwas gläubig zu
-ergreifen und in diesem Glauben zu handeln. Ihm war alle Religion nur
-Bildungsmittel des Kopfs zum unversiegbaren Geschwätz, keinesweges aber
-Sache des Herzens und des Wandels. Seine ^Denkfreiheit^ war die
-Befreiung von allem ^Gedachten^; die Ungezähmtheit des leeren Denkens,
-ohne Inhalt und Ziel. ^Freiheit des Urtheils^ war ihm die Berechtigung
-für jeden Stümper und Ignoranten, über alles sein Urtheil abzugeben, er
-mochte etwas davon verstehen oder nicht, und was er vorbrachte, mochte
-gehauen seyn oder gestochen. So fragt er in jener berühmten Acte
-Schelling, der sich über die Aufnahme zweier ungeschickten Recensionen
-einer seiner naturphilosophischen Schriften in die Jenaische gelehrte
-Zeitung beschwerte: »ob denn der Mann gar keinen Begriff von der
-Freiheit des Urtheils der Gelehrten habe?« Wohl mochte Schelling und
-alle seines Gleichen keinen Begriff haben von der Unverschämtheit, mit
-welcher jeder Stümper in Dinge hineintappte, von denen er recht wohl
-wusste, dass er sie nie gelernt hätte, und jeder Esel seinen Mund zur
-Antwort öffnete, ohne gefragt zu seyn.
-
-Und so brachte Nicolai sein Leben hin, gegen Papismus, ebenso wie gegen
-Kriticismus und Idealismus zu disputiren; denn gegen beides disputirte
-er aus demselben Grunde, -- als gegen eine fremde Autorität, die sich
-den Menschen aufdringen wollte, zum Nachtheil der unbegrenzten
-Disputirfreiheit, genannt Protestantismus, und seiner eigenen
-wohlerworbenen Autorität. Mit der eklektischen Philosophie hatte er sich
-wohl vertragen können; diese hatte auch sein protestantisches Princip,
-über alles hin und her zu meinen, nichts aber zu ergründen und
-auszumachen. Die neuere Philosophie aber wollte ergründen und ausmachen
-und entscheiden; es war ihr Ernst, das Zeitalter zum Redestehen und zur
-Entscheidung zwischen Ja oder Nein zu bringen, und dass es dabei sein
-Bewenden habe. Diese Anmuthung erschien unserem Helden als eine
-sträfliche Anmaassung. Dass jemand in allem Ernste an eine für sich
-bestehende Wahrheit glauben und überzeugt seyn könne, derselben auf die
-Spur gekommen zu seyn, setzte er nur nicht voraus. Diese Verkehrtheit
-selbst seinem verhasstesten Gegner zuzutrauen, war er doch zu
-grossmüthig. Er sahe sonach in den Sätzen jener Philosophen nichts als
-Meinungen, ihrem eigenen guten Bewusstseyn nach nur Meinungen, die nicht
-besser seyn wollen dürften, als andere Meinungen; und in dem Ernste und
-dem entscheidenden Tone, mit dem sie dieselben vortrugen, nichts, als
-die Bemühung, dem Publicum zu imponiren. Drum schrie er über Autorität.
-Für den, der keine Kraft hat, selbstständig aus sich Wahrheit zu
-erzeugen, giebt es auch wirklich nirgend etwas Anderes als Autorität.
-
-
-
-
- Eilftes Capitel.
- Ein paar andere Grundzüge, welche aus dem ersten Grundzuge und
- höchsten Grundsatze unseres Helden erfolgt sind.
-
-
-Wer die Rede des anderen hört, oder seine Schrift liest, lediglich um
-etwas daran auszusetzen und ihm zu widersprechen, und dem es, da er gar
-nichts Anderes zu thun hat, leid thun würde, jenen noch einen Augenblick
-fortreden zu lassen, nachdem er Gelegenheit zum Widerspruche gefunden,
-ergreift immer die nächste Gelegenheit. Diese aber kann jeder, dem es
-nur ernstlich um das Widersprechen zu thun ist, immer auf der Oberfläche
-finden. Da es ihm nun nur darum zu thun ist, so hat er nie ein
-Bedürfniss, über diese Oberfläche hinauszugehen; es wird ihm habituell,
-nie über sie hinauszugehen, und so entsteht in ihm und verwächst mit
-seinem Selbst das Phänomen ^der absoluten Oberflächlichkeit und totalen
-Seichtigkeit^. Dies war das Schicksal unseres Helden. Es war
-schlechterdings unmöglich, bei irgend einem Gegenstande ihn auch nur um
-eine Linie unter die Oberfläche in das Innere zu bringen.
-
-Die absolute Oberfläche ist das nackte abgerissene Factum, als solches.
-Daher war der Kreis, in welchen das Nicolaische Vermögen gebannt blieb,
-der der Anekdote und der Curiosität. Es war ihm Herzensfreude, wenn die
-Untersuchung sich dahin lenkte. Welch ein Fest für ihn, als Friedrich
-der zweite starb, und Anekdoten in Fülle über ihn erschienen! Da war er
-in seinem Felde; da gab es zu widerlegen, zu berichtigen, zu ergänzen.
-
-Das blosse Wissen der geringfügigsten Anekdote war ihm Zweck an sich:
-durch dergleichen Wisserei erfüllte er, seiner Meinung nach, den Zweck
-des menschlichen Daseyns, und stillte sein unendliches Sehnen nach
-Wahrheit. Je seltener diese Wisserei war, desto lieber war sie ihm, denn
-dann konnte er am meisten damit prahlen; und diese Seltenheit der
-Wisserei war die einzige Art der Gründlichkeit, die er kannte. Daher
-sein Hang nach Curiositäten, nach Predigerüberschlägen, Perrücken und
-Haartouren, den leichtesten Angelhaken; -- und wer möchte die
-Kleinigkeiten alle aufzählen, mit denen er seinen Forschungsgeist
-nährte. -- Dass er die entfernteste Ahnung gehabt, wozu die genaue
-Erforschung dieser einzelnen an sich geringfügig erscheinenden Dinge im
-^Ganzen^ gebraucht werden könnte; -- dass dieser Anekdotengeist sich je
-auch nur zum dunkelsten Begriffe von Geschichte erhoben habe, davon
-findet in seinen Schriften sich nicht die geringste Spur.
-
-Vor dieses ihm allein sichtbare Forum der Anekdote zog er nun alles
-andere, was ihm unter die Hände kam, und selbst die Philosophie. Die
-seinige, bei der es, ihm zufolge, eben sein Bewenden haben sollte, war
-selbst nichts Anderes, als eine Sammlung von Anekdoten über die Sprüche
-und Meinungen ehemaliger Philosophen. Und so widerlegte er denn auch die
-Speculation anderer durch Anekdoten, wahre oder erfundene Geschichte;
-und ein Sempronius Gundibert schlug eine Kritik der reinen Vernunft.
-Gegen den kategorischen Imperativ erinnerte er, und erinnerte wieder,
-dass es nach demselben im Leben nicht herginge, und glaubte bis an sein
-Ende, jenem Imperativ dadurch den Garaus gemacht zu haben.
-
-Dies ist die absolute Seichtigkeit, welche man die ^materiale^ nennen
-könnte. Ebenso innig mit unserem Helden verwachsen, und aus demselben
-Grundzuge hervorgegangen, war eine zweite, die wir die Seichtigkeit ^in
-der Form^ nennen wollen.
-
-Wem es nur darum zu thun ist, den anderen in die Rede zu fallen, und mit
-seinem Widerspruche schnell anzukommen, dem ist jeder Gedanke, der ihm
-zuerst in den Sinn kommt, recht. In welchem Zusammenhange des Denkens
-der Andere seine Meinung vortrage, ^woraus^ er sie beweise, und ^was^ er
-hinwiederum aus ihr erweisen wolle, wie sie daher durch dieses
-Vorhergehende und Nachfolgende bestimmt, und dieser Bestimmung nach
-eigentlich zu verstehen sey, -- dies zu bedenken, hat er nicht Zeit; und
-wenn er überhaupt nur hört, und von jeher nur gehört hat, um zu
-widersprechen, kommt er nie zu dem Begriffe von einem solchen
-Zusammenhange. Ihm hängt absolut alles Denkbare unmittelbar zusammen,
-weil man mit jedem jedem widersprechen kann; und es entsteht ihm das
-schon oben beschriebene System des aus unmittelbar gewissen Körpern
-bestehenden grossen Sandhaufens; denn dieses ist das tauglichste zum
-eilfertigen Widerspruche.
-
-So war es unserem Helden ein Leichtes, dem Princip des transscendentalen
-Idealismus ein halbes Dutzend Blutigel, eine Schweinskeule, eine ^chaise
-percée^ in den Weg zu werfen, sowie eins dieser Dinge ihm zuerst unter
-die Hände kam; ohne abzuwarten, wie es etwa jenes System machen würde,
-um den Blutigeln und den Schweinskeulen auszuweichen. Bei ihm entstand
-durchaus kein Zweifel, ob diese Einwürfe auch wohl passen möchten. Warum
-sollten sie denn nicht passen? Hatte er sie doch angepasst.
-
-Aus dieser absoluten Seichtigkeit entsteht nun schon an und für sich
-^Schiefheit^ für alles, was da höher liegt, als die blosse Anekdote,
-oder durch seinen Zusammenhang bestimmt wird. --
-
-Aber zu dieser aus der Seichtigkeit natürlich erfolgenden Schiefheit
-hatte Nicolai noch eine andere durch Kunst sich erworben, und durch
-Uebung sich angebildet und zur zweiten Natur gemacht. Damit verhielt es
-sich so. Wer den anderen bloss darum anhört, um ihm zu widersprechen,
-dem ist es immer Hauptaugenmerk, die Dinge nicht in dem Lichte zu sehen,
-in welchem der andere sie zeigen will, denn dann dürfte er einig mit ihm
-seyn, sondern in dem, in welchem der andere sie nicht zeigen will;
-sonach alles zu verdrehen, aus seiner natürlichen Lage zu richten und
-auf den Kopf zu stellen. Wer dieses Handwerk eine Zeitlang treibt,
-dessen Sehorgane wird durch die beständige schiefe Richtung, die man ihm
-giebt, diese Richtung endlich natürlich: sein Auge wird zum Schalke. Er
-will nicht mehr verdrehen und schief sehen; es stellt sich ihm schon von
-selbst alles verkehrt, verdreht und auf dem Kopfe stehend dar. So war es
-unserem Helden ergangen, und daher entstanden die zusammengesetzten
-Schiefheiten, die Schiefheiten der Schiefen von den Schiefen, die sich
-in allen seinen Ansichten befanden. Die einfache und ihm natürliche:
-dass er die Dinge aus ihrem Standpuncte und dem Zusammenhange des
-Denkens riss; die zweite künstliche: dass er, sogar in dieser Lage, sie
-noch ein oder einige Male verrückte. Es lässt sich ihm nachweisen, dass
-er z. B. in seinen philosophischen Streiten weit plausiblere Dinge gegen
-die angegriffenen Systeme hätte vorbringen können, wenn er, wie andere
-seiner Zeitgenossen, sich mit dem ersten einfachen, jedem
-unphilosophischen Kopfe natürlichen und jedem anderen unphilosophischen
-Kopfe leicht mitzutheilenden Misverständnisse hätte begnügen wollen.
-Aber das war ihm zu einfach, zu wenig originell; es musste
-mannigfaltiger und künstlicher verdreht werden; und so arbeitete er oft
-selbst seinem Zwecke entgegen. -- Es gereicht vielleicht zur Ergötzung
-des Lesers, diese Grundschiefheit unseres Helden in einem Beispiele
-dargestellt zu sehen. Wir wählen das erste, das uns unter die Hände
-fällt.
-
-Nicolai unternimmt in jener berühmten Acte, das Fichtesche System aus
-seinen Gründen zu prüfen und zu widerlegen. Wie mag er zuvörderst wohl
-bei der historischen Aufstellung des Inhalts dieses Systems zu Werke
-gegangen seyn? Nun, ohne Zweifel hat er eine speculative Schrift jenes
-Schriftstellers, in der dieser die Principien seiner Philosophie am
-deutlichsten vorzutragen behauptet, -- etwa die ersten §§. der Grundlage
-der Wissenschaftslehre, oder das erste Capitel einer neuen Darstellung
-dieser Wissenschaft im philosophischen Journale, angeführt und einen
-wörtlichen Auszug davon seiner Prüfung zu Grunde gelegt? -- Falsch
-gerathen! Aus abgerissenen Sätzen sehr vieler Schriften jenes
-Schriftstellers hat er seinen Bericht zusammengeflickt. -- Nun so wird
-er bei dieser Arbeit sich doch wenigstens auf eigentlich strenge
-scientifische Schriften des Mannes eingeschränkt haben? -- Wiederum
-falsch gerathen. Dann bliebe es ja bei der einfachen Schiefheit. -- Oder
-hat er die angeführten Stellen aus populären Schriften des Verfassers
-herausgerissen? -- Nun das wäre allerdings etwas; aber doch noch nicht
-genug für unseren Helden. Aus populären und scientifischen Schriften,
-aus abgerissenen Phrasen der Appellation, der Wissenschaftslehre, der
-Bestimmung des Menschen, des Naturrechts des Verfassers, im buntesten
-Gemisch nebeneinandergestellt, hat er seinen Bericht zusammengeflickt;
-und hat so wenig Ahnung, dass jemand gegen dieses Verfahren etwas haben
-könne, dass er höchst pünktlich über historische Wahrheit zu wachen
-glaubt, indem er bei jedem Citat hinzusetzt: es seyen Fichte's eigene
-Worte, und die Seitenzahl angiebt.
-
-Und wie geht es mit der Prüfung und Widerlegung des Systems? -- Wir
-wollen unsere Leser nicht vergeblich mit Rathen auf die Folter spannen;
-indem wir sehr wohl wissen, dass schlechthin keiner, und sey er der
-wiedererwachte Oedipus, fähig ist zu errathen, wie es damit geht. Wer
-möchte auf den Grad der Schiefheit rathen, dass unser Held in einem
-Athemzuge die Wahrheit und Richtigkeit des Systems durchaus anerkennt,
-und in demselben Athemzuge sie wieder abläugnet? Und doch hat es sich
-wirklich also begeben. Er lässt sich vernehmen: -- »Das Ich ist Subject
-und Object zugleich; nun dies ist richtig und giebt eine gute
-Beschreibung des Bewusstseyns.« -- So? wenn dies richtig ist, so richtig
-ist, als F. es nahm, als ein absolut identischer Satz, so dass man ihn
-auch umkehren könne: Identität des Subjects und Objects = dem Ich, oder
-auf die gewöhnlichere Weise ausgedrückt, das Ich ist durchaus nichts
-anderes, als Identität des Subjects und Objects: so ist das ganze System
-richtig, denn dieses System besteht durchaus in nichts anderem, als in
-einer vollständigen Analyse des zugestandenen Satzes.
-
-Wie fängt es denn nun Nicolai an, um in demselben Athemzuge wieder
-zurückzunehmen, was er hier zugesteht? Auch hier sind wir sicher, dass
-kein Leser auf das räth, was sich wirklich zuträgt. Es trägt sich
-nemlich nichts geringeres zu, als dies, dass Nicolai den ^eigentlichen
-Inhalt^ dieser Philosophie, in dessen vollständigem und durchgeführtem
-Beweise eben jenes System bestand, für eine der ^Prämissen^ dieses
-Systems, und zwar für eine willkürlich und ohne allen Beweis
-vorgebrachte Prämisse ansieht; das Gebäude selbst für die Kelle, womit
-das Gebäude gemauert worden, die Erde für die Schildkröte, von welcher
-die Erde getragen wird. Denn so lässt er sich vernehmen:
-
- »^der Satz, dass das Ich die Intelligenz, und die Intelligenz das
- Ich sey, sey lediglich eine willkürliche Terminologie: es werde
- nichts für den Beweis dieses Satzes vorgebracht, auf welchen doch
- der ganze transscendentale Idealismus sich gründe^« --
-
-schreibe: ^sich gründe^. -- Damit ja kein Zweifel übrig bleibe, wie dies
-zu nehmen sey, setzt er tiefer unten hinzu: ^man (nemlich Nicolai) wende
-gegen jenen Satz ein: mein Ich ist nicht blosse Intelligenz, sondern
-Vernunft, Sinnlichkeit, Denkkraft, körperliche Kraft gehört dazu^,
-schreibe: ^gehört dazu^.
-
-Also: die lediglich auf eine willkürliche Terminologie sich gründende,
-durch nichts bewiesene Prämisse des Fichteschen Idealismus ist der Satz:
-Ich, ^oder^ Intelligenz, ^oder^ Vernunft, Sinnlichkeit, Denkkraft,
-körperliche Kraft sind durchaus identisch. -- Diesem Satze stellt
-Nicolai als unmittelbar gewissen Satz entgegen: ^Mein Ich ist freilich
-unter anderen auch Intelligenz^ (denn indem er sagt, dass es nicht
-^blosse^ Intelligenz sey, sagt er ohne Zweifel, dass es diese doch auch
-mit sey); aber es gehören noch ausser der ^Intelligenz^ mit dazu,
-^Vernunft^, ^Sinnlichkeit^, ^Denkkraft^, ^körperliche Kraft^. -- Durch
-diese Gegensetzung nun hebt er jene Fichtesche Prämisse auf, und
-sprengt, da ganz allein auf diese sich der ganze transscendentale
-Idealismus gründet, diesen zugleich mit in die Luft; denn ^cessante
-fundamento cessat fundatum^.
-
-Es ist zu beklagen, dass Nicolai nicht unmittelbar darauf, als er diese
-Widerlegung zu Ende gebracht hatte, aufgehenkt worden, damit er im
-Bewusstseyn dieses glorreichen Arguments seine speculative Laufbahn
-beschlossen hätte, und die Nachkommen hierbei seiner gedenken möchten.
-Zuvörderst ist sehr merkwürdig, dass in jenem Gegensatze, ausser und
-neben der ^Intelligenz^, auch noch ^Vernunft^, ^Denkkraft^,
-^Sinnlichkeit^ (denn die körperliche Kraft können wir ihm hier erlassen)
-aufgezählt wird. Hätte Nicolai seinen Fleiss auf eine Beschreibung der
-preussischen Armee gerichtet, so würde er bemerkt haben, dass der König
-ausser seiner Armee auch noch Infanterie gehalten hätte, und Husaren und
-Pfeifer.
-
-Ferner stellt Nicolai, wie er immer thut, seinen Gegensatz so hin, als
-ob sich die Wahrheit desselben von selbst verstände. Also er führt ihn
-als eine Thatsache des unmittelbaren Bewusstseyns. Hatte denn Nicolai
-gar keinen philosophischen Freund -- er selbst freilich konnte dies
-nicht wissen, ohnerachtet er sich zum Richter in Sachen der Philosophie
-aufwarf -- der ihm gesagt hätte, dass es wohl etwa Thatsache genannt
-werden könne, dass man in einem bestimmten Falle vernehme, denke,
-empfinde, sinnlich wirke, dass aber Vernunft in Bausch und Bogen, und
-die Sinnlichkeit, und die Denk- oder körperliche Kraft, ^als Kraft^, für
-Thatsachen des Bewusstseyns auszugeben, in jenem Zeitalter nur noch
-einem durchaus unkritischen Ignoranten zu verzeihen war?
-
-Endlich war der Satz, dass das Ich, inwiefern es Subject-Object sey, die
-Intelligenz selbst, also Vernunft, Denkkraft, Willensvermögen, sinnliche
-Anschauung, physische Kraft sey, so wenig eine Prämisse jenes Systems,
-dass er vielmehr das System selbst war; und dieses in seinem ganzen
-Umfange nichts anderes zu thun hatte, als zu zeigen, dass alle jene
-Erscheinungen im Gemüthe nichts wären, denn die verschieden gebrochene
-und sich zu einander verhaltende Subject-Objectivität selbst. Auf diese
-Beweise und Ableitungen musste sich ein Gegner dieses Systems einlassen,
-und sie zu entkräften, oder Lücken und Mängel in ihnen zu entdecken
-suchen. Statt dessen zu widersprechen, wie unser Held es that, war
-gerade so, als ob ein Physiker aufgetreten wäre, und gesagt hätte: mir
-ist es ausgemacht, dass alle mögliche Farben nichts sind, als
-verschiedene Brechungen des Einen farblosen Lichtstrahls; und Euch
-anderen will ich dieses durch eine Reihe von Experimenten beweisen,
-indem ich durch bestimmte Brechungen desselben farblosen Lichtstrahls
-alle andere Farben vor euren eigenen Augen entstehen lasse; und einer
-aus dem Pöbel, ohne nach seinen Experimenten nur zu sehen, die Zunge
-herausgesteckt, dem Physiker Esel gebohrt, und geschrien hätte: der Narr
-denkt, alle Kühe sind weiss, er weiss noch nicht, dass es auch schwarze
-und gefleckte Kühe giebt. So wurde beim Hindurchgehen durch das Sehorgan
-unseres Helden alles schief, verzerrt und gar wunderlich. Es ist ihm
-während seines Lebens sehr häufig vorgeworfen worden, dass er alles, was
-er unter die Hände bekäme, hämischerweise verdrehe, und schmutzigerweise
-besudle. Wir nehmen ihn gegen diese Beschuldigung in Schutz. Es war sehr
-wahr, dass aus seinen Händen alles beschmutzt und verdreht herausging;
-aber es war nicht wahr, dass er es beschmutzen und verdrehen wollte. Es
-ward ihm nur so durch die Eigenschaft seiner Natur. Wer möchte ein
-Stinkthier beschuldigen, dass es boshafterweise alles, was es zu sich
-nehme, in Gestank, -- oder die Natter, dass sie es in Gift verwandle.
-Diese Thiere sind daran sehr unschuldig; sie folgen nur ihrer Natur.
-Ebenso unser Held, der nun einmal zum literarischen Stinkthiere und der
-Natter des achtzehnten Jahrhunderts bestimmt war, verbreitete Stank um
-sich, und spritzte Gift, nicht aus Bosheit, sondern lediglich durch
-seine Bestimmung getrieben.
-
-
-
-
- Zwölftes Capitel.
- Wie es zugegangen, dass unser Held unter allen diesen
- Umständen dennoch einigen Einfluss auf sein Zeitalter gehabt.
-
-
-Wir würden ein grosses Mistrauen in die Penetration unseres Lesers
-setzen, wenn wir nöthig fänden, nach allem Gesagten hinzuzusetzen, dass
-wir Friedrich Nicolai für den einfältigsten Menschen seines Zeitalters
-halten, und nicht glauben, dass irgend etwas recht Menschliches an ihm
-gewesen, ausser der Sprache.
-
-Dass er nun von dieser seiner grossen Geistesgebrechlichkeit selbst
-durchaus nichts gespürt, und mit der Meinung aus der Welt gegangen, er,
-der allereinfältigste, sey gerade der allerklügste, ist kein
-Wunder; denn diese Meinung von sich selbst, und diese totale
-Unerschütterlichkeit durch irgend ein fremdes Urtheil, folgte aus seiner
-extremen Dummheit selbst, und er hätte um ein gutes Theil weniger dumm
-seyn können, ehe er begriffen hätte, dass er dumm sey.
-
-Aber er hat auf seine Zeitgenossen gewirkt, und ist, zwar nicht
-öffentlich anerkannt, aber wie der unparteiische Forscher gestehen wird,
-wirklich und in der That, der Urheber eines grossen Theils des
-Meinungssystems gewesen, welches in seinem Zeitalter die
-Mittelmässigkeit zu dem ihrigen gemacht hatte. Wir geben wohl etwa in
-einer Beilage nähere Nachweisung über dieses Meinungssystem[16].
-
-Wie in aller Welt ging es nun zu, dass diesmal die Armuth ihr Eigenthum
-beim Bettel, die Einfalt ihre Weisheit bei der Dummheit, die Schielenden
-ihre Einsichten beim Stockblinden holten, da sie doch dieses alles auf
-eigenem Boden, und durch ihre eigenen Augen weit besser hätten erzeugen
-können?
-
-Den Menschenkenner kann dies sonderbare Phänomen nicht befremden, wenn
-er nur weiss, dass unser Held bei seiner extremen Dummheit zugleich
-einer der rührigsten und der allerunverschämteste unter seinen
-Zeitgenossen war. Er trug kein Bedenken, alles, was ihm durch den Kopf
-ging, sogleich auf allen Dächern zu predigen, und es unaufhörlich an
-allen Ecken den Leuten in die Ohren zu rufen; und liess sich schlechthin
-durch nichts irre machen oder aus der Rede bringen. Das Volk, das nicht
-selbst arbeiten mag, und dem von allen Seelenkräften beinahe nur das
-Gedächtniss zu Theil geworden, konnte nicht umhin, jene Weisheit sich
-endlich zu merken. Sie hatten nun längst vergessen, von wem sie dieses
-alles zuerst gehört hätten, sie erinnerten sich nur noch dunkel, dass
-sie es einmal gewusst, und glaubten nach und nach, sie hätten es selbst
-entdeckt und wahr befunden. Es fiel ihnen in den Gemeinschatz der
-ausgemachten Wahrheiten und Thatsachen: und es war allerdings Thatsache,
-dass sie es oft genug gehört hatten. Und so ward unser Held der Urheber
-eines grossen Theils der Denkart seines Zeitalters, ohne dass eben
-jemand ihm sonderlich dafür dankte, noch wusste, woher diese Denkart
-eigentlich wäre. Er aber wusste es; und die schreiende Unerkenntlichkeit
-der Zeitgenossen, um die er sich doch so sehr verdient gemacht, mag sehr
-viel zu der üblen Laune seines höheren Alters beigetragen haben.
-
-Es ist kein Zweifel, dass auch ein Hund, wenn man ihm nur das Vermögen
-der Sprache und Schrift beibringen könnte, und die Nicolaische
-Unverschämtheit und das Nicolaische Lebensalter ihm garantiren könnte,
-mit demselben Erfolge arbeiten würde, als unser Held. Möchte man sich
-immer anfangs an seiner Hundenatur stossen, wie man sich eben auch an
-die Nicolainatur unseres Helden stiess. Wenn er sich nur nicht irre und
-schüchtern machen liesse, dieser Hund, wenn er nur das Gesagte immer
-wieder sagte und fest dabei bliebe, und unermüdet schrie und schriebe,
-er habe doch recht, und alle Andern hätten unrecht; wenn er sich wohl
-gar noch durch den Gedanken begeistern liesse, und sich damit brüstete,
-dass er schon als ein blosser unstudirter Hund dies einsähe, wie Nicolai
-sich auch immer damit gebrüstet, dass er als ein unstudirter Bürgersmann
-alles dies wisse: so wäre uns gar nicht bange, dass nicht dieser Hund
-sich einen sehr verbreiteten Einfluss verschaffen sollte. Seine Theorien
-würden das Zeitalter ergreifen, ohne dass man sich eben erinnerte, dass
-sie von unserem Hunde herkämen; es würde eine Aesthetik entstehen, nach
-welcher jeder Spitz die Schönheit einer Emilia Galotti kunstmässig
-zerlegen, und die Fehler in Herrmann und Dorothea so fertig nachweisen
-könnte, als es jetzt nur Gottfried Merkel vermag; und die Bibel würde
-endlich von allem noch übrigen Aberglauben gereinigt und so ausgelegt
-werden, wie ein aufgeklärter Pudel sie verständig finden, und wie er
-selbst sie geschrieben haben könnte.
-
-
- Anmerkung.
-
-[Fußnote 16: Der Leser kann die in der dritten Beilage gelieferte
-Charakteristik des Geistes der deutschen Bibliothek zugleich für eine
-solche Nachweisung nehmen.]
-
-
-
-
- Erste Beilage.
- (Zur Einleitung.)
-
-
- Angriffe Nicolai's auf die persönliche Ehre und den Charakter des
- Verfassers enthalten die folgenden Stellen:
-
-
- 1.
-
-Nachdem Nicolai die Herren Schelling und Schlegel beschuldigt, dass sie
-günstige Beurtheilungen ihrer Schriften in die Jenaische
-Literaturzeitung zu bringen gesucht, fährt er (S. 159. der oben
-angeführten Anzeige) so fort: »Es ist der Schule der Ich-Philosophen
-schon länger« (dem Zusammenhange nach ^früher^, ehe die obengenannten
-gethan, dessen Nicolai sie beschuldigt, und ehe sie zu dieser Schule zu
-rechnen gewesen) »eigen gewesen, dass sie, wenn es nicht anders zu
-beschaffen war« (welch ekelhaftes Geschäft, dergleichen Schreiberei
-abschreiben zu müssen!), »für ihren transscendentalen Idealismus
-Anpreisung zu ^erschleichen^ suchte. Sie affectirten zwar bei aller
-Gelegenheit, die allgemeine deutsche Bibliothek zu verachten, ^aber
-arbeiteten nicht wenig unter der Hand^, sie sich geneigt zu machen (1).
-Sie versuchten Mitarbeiter anzubieten, welche eben Herrn Fichte's Schule
-verlassen hatten, und da dieses nicht ging, so (2) suchten sie durch
-einen Mitarbeiter der allgemeinen deutschen Bibliothek, der gar nicht im
-philosophischen Fache arbeitete, ^unverlangt^ solche Recensionen
-einzuschicken, wie sie ihren Absichten dienten, die, wie allenfalls
-durch gewisse Kennzeichen zu zeigen wäre, aus ^Jena^ kamen. Die damalige
-Direction der neuen deutschen Bibliothek war auf solchen ^unartigen
-Schleifweg^ nicht gleich aufmerksam genug u. s. w. (3). Man sahe nun
-also wirklich in der neuen deutschen Bibliothek XVIII. B. S. 355. eine
-solche heimlich eingeschwärzte Recension von Fichte's Grundriss der
-gesammten Wissenschaftslehre, in welcher ein in die allgemeine deutsche
-Bibliothek sich unverlangt eingeschlichener Fichtianer schlau so anhebt«
-u. s. w.
-
-Wer sind denn diese ^Sie^ aus der ichphilosophischen ^Schule^ (der
-verständige Leser verzeiht mir wohl, dass ich, sowohl hier als im
-folgenden, um der Kürze willen, die Ausdrücke dieses Schulmeisters
-beibehalte, der allenthalben nur Schulen erblickt, so innig auch mir
-diese Ausdrücke zuwider sind), wer sind, sage ich, diese Sie, die
-^früher^ noch, als Schelling an dieser Art des Philosophirens öffentlich
-Theil nahm, ^früher^, als jene Recension des Fichteschen Grundrisses
-eingeschwärzt wurde, -- der erste Streich, nach Herrn Nicolai, der ihnen
-gelang, -- offenbar ^um ein beträchtliches früher^, denn durch die
-vorhergegangenen vereitelten Machinationen müssen sie doch auch Zeit
-verloren haben -- welche, sage ich, zu dieser Zeit das thaten, dessen
-Nicolai sie unter (1) und (2) beschuldigt; diese ^Sie^ von der
-Ichschule, die damals die allgemeine deutsche Bibliothek zu verachten
-affectirten, -- ohne Zweifel ^öffentlich^, da ihre entgegengesetzten
-Bestrebungen ^unter der Hand^ geschahen, in ^öffentlichen Schriften^
-also (wie könnte auch sonst Nicolai um jene Affectationen wissen?),
-diese Sie also, die schon damals in öffentlichen Schriften sich als
-Ichphilosophen zeigten? Wer können sie seyn, diese Sie? Weiss Nicolai
-aus diesem Zeitalter irgend einen Schriftsteller mir zu nennen, der sich
-für das System der Wissenschaftslehre erklärt hätte, ausser mir selbst?
-Kann er aus jenem Zeitpuncte irgend jemand zu seiner Ichschule rechnen,
-ausser mir und meinen Zuhörern, deren keiner Schriftsteller war, und die
-wohl nur durch mich literarische Connexionen hätten erhalten können?
-
-Will etwa Nicolai insinuiren, dass ich an der Spitze der vorgegebenen
-geheimen Machinationen gestanden, oder wenigstens an ihnen Theil
-genommen? Das muss er wohl wollen; denn seine Beschuldigung muss doch
-irgend jemanden treffen sollen; sie muss doch einen von den früher
-genannten und angegriffenen Männern treffen sollen, und da sie die
-anderen, den Herrn Prof. Schelling, die beiden Schlegel, Herrn Tieck
-nicht treffen soll, indem das Factum in eine frühere Zeit gesetzt wird,
--- sie muss den einzigen, welcher noch übrig bleibt, sie muss ^mich^
-treffen sollen. Auf mich wird sie auch jeder Leser, der die Stelle in
-ihrem Zusammenhange liest, beziehen. Dies musste Nicolai vorhersehen;
-und da er es vorhersah, und doch redete, wie er geredet hat, musste er
-beabsichtigen, dass es geschehen möchte. Oder, wollte er nicht, dass
-jene Beschuldigung auf mich bezogen würde, wollte er nur überhaupt in
-das blaue Feld hin, so dass kein bestimmter Mensch getroffen würde,
-beschuldigen, so musste er ausdrücklich erklären, dass er mich nicht
-meine, dass er keinen Grund habe zu glauben, dass ich für meine Person
-an jenem Getreibe Theil genommen, von demselben gewusst habe und
-dergleichen.
-
-Dies hat Nicolai nicht gethan; er hat sonach gewollt, dass die
-Beschuldigung auf mich bezogen werde.
-
-Das Betragen, dessen er mich beschuldigt, ist Nicolai's eigenem guten
-Bewusstseyn, Vortrage und Sinne nach, ein höchst verächtliches und
-nichtswürdiges Betragen; er will, dass die Leser es ebenso ansehen, und
-bedient sich der Ausdrücke, die es als ein solches beschreiben. Er redet
-von ^Erschleichungen^, ^unartigen Schleifwegen, heimlichem
-Einschwärzen^, von Versuchen, ^unter der Hand sich geneigt zu machen,
-was man öffentlich zu verachten affectirt^.
-
-Dasselbe Betragen ist nach meinen Begriffen und nach den Begriffen aller
-Leser, deren Achtung Werth für mich hat, noch unendlich nichtswürdiger,
-verächtlicher -- und dümmer dazu, als Nicolai verstehen und begreifen
-kann. Denn ich und alle die, mit welchen und auf welche zu wirken ich
-wünschen kann, haben überhaupt gar wenig Respect für die gewöhnlichen
-gelehrten Zeitungen, ihre Urtheile, und das Urtheil derer, die auf jene
-Urtheile etwas geben.
-
-Was aber insbesondere die allgemeine deutsche Bibliothek anbelangt, ob
-sie in Bohns oder in Nicolai's Verlage herauskomme, so affectire ich
-nicht dieselbe zu verachten, sondern ich verachte sie wirklich und im
-ganzen Ernste, wegen ihrer allgemeinen Tendenz, und in dem besonderen
-Fache, in welchem ich mir ein Urtheil zuschreiben darf, in dem der
-Philosophie.[17]
-
-[Fußnote 17: Und wie könnte ich anders, als sie verachten, von der Seite
-ihres Geistes versteht sich, diese Recensenten, denen nicht einmal der
-Nicolaische Kunsttrieb zu Theil wurde, miszuverstehen, zu verdrehen, und
-sodann sich das Ansehen zu geben, als ob sie widerlegten; sondern die
-sich geradezu hinstellen, bekennen und bejammern, wie der Schulknabe,
-der seine Lection aufsagen soll, und sie nicht gelernt hat, dass sie das
-Vorgebrachte denn doch gar nicht verstehen und klar kriegen könnten;
-dass philosophische Schriften denn doch zum allerwenigsten so deutlich
-seyn sollten, dass sie ^von Philosophen^ (sie sind wohl auch welche,
-diese Recensenten? ein Philosoph ist wohl ein Mensch, der im
-philosophischen Fache an der A. D. B. recensirt?), dass sie, sage ich,
-von Philosophen verstanden werden könnten; die denn doch bei alle dem
-ihre Abneigung gegen das, was sie nicht zu verstehen bekennen, nicht
-bergen können, und zuletzt mit dem Troste für ihren Redacteur, ihre
-Leser und sich selbst, abtreten, dass noch zeitig genug die Zeit kommen
-werde, da diese verzweifelte neueste Philosophie widerlegt seyn werde;
-diese Recensenten, mit deren Belesenheit es so beschaffen ist, dass sie
-aus Citaten Druckfehler abdrucken lassen, und sich hinterher über den
-sonderbaren Ausdruck verwundern. So lässt neulich einer aus Heydenreichs
-Vesta unbefangen folgenden Satz als den meinigen abdrucken: »Das
-eheliche Verhältniss ist die von der Natur geforderte ^Masse^ (^Weise^
-steht in meinem Texte, m. s. mein Naturrecht Bd. III. 316. [2. Th. 174])
-des erwachsenen Menschen von beiden Geschlechtern zu existiren.«
-Allerdings eine sonderbare Art sich auszudrücken, ruft der Recensent in
-einer Parenthese aus.
-
-Jeder, der in den neuesten Stücken der N. D. B. unter den
-philosophischen Recensionen herumblättern will, wird auf die oben
-angeführten Aeusserungen stossen.
-
-Nun wird zwar Nicolai, der bei der Wiederübernehmung der Herausgabe
-jener Bibliothek die bisherigen Recensenten beizubehalten verspricht
-(auch nimmermehr andere bekommen würde), versichern, dass jene
-Recensenten unter die ersten deutschen Schriftsteller gehörten, wie er
-dies von dem Recensenten der Schellingschen Weltseele in der Jenaischen
-Literaturzeitung versichert, und wohl gar so grossmüthig seyn, sich in
-meine Seele, ebenso wie in Schellings zu schämen, dass ich von diesen
-Männern spreche, wie von einfältigen Schulknaben; wie ich denn auch
-allerdings thue.]
-
-Dieselbe Verachtung habe ich ohne Ausnahme bei allen angetroffen, deren
-Gesinnungen über diesen Punct ich zu erfahren Gelegenheit hatte. Und nun
-will Nicolai, dass man von mir glaube, ich habe dieses Blatt, dessen
-Verächtlichkeit unter die gemeingeltenden Dinge gehört, mir geneigt zu
-machen gesucht.
-
-Ein solches Betragen wäre, sagte ich unter anderen, auch dümmer, als
-Nicolai begreifen kann. In der Gegend, in welcher ich damals mich
-aufhielt und in dem noch südlicheren Deutschlande ist die Verachtung
-gegen die allgemeine deutsche Bibliothek, selbst bei den gemeinsten
-Lesern, sogar zum Vorurtheile geworden; sieht man sie ja noch an, so
-thut man es in den Stunden der Verdauung, um sich an den wunderlichen
-Wendungen und Renkungen der Trivialität und Nullität, die es selbst zu
-merken anfängt, dass sie Nullität ist, zu belustigen. Wer in jenen
-Gegenden lebt, hält ein Lob in dieser Bibliothek für eine schlechte
-Empfehlung. Auf dieses Blatt giebt man nur noch in einigen finsteren
-Provinzen Deutschlands etwas, wo man im Ganzen noch auf der Stufe der
-Bildung steht, auf der wir vor 40 Jahren standen, und noch aus dem
-Grundtexte berichtet zu seyn wünscht, ob in einer Stelle des neuen
-Testaments vom Teufel wirklich die Rede sey, oder nicht, oder gegen die
-Furcht vor dem Umsturze der theuren protestantischen Denkfreiheit durch
-die Machinationen der Jesuiten Beruhigung sucht.
-
-Also das Betragen, dessen Nicolai mich beschuldigt, ist nichtswürdig,
-verächtlich, dumm. Er führt nichts an, um seine Beschuldigung zu
-beweisen. Ich kann einen nicht geführten Beweis nicht widerlegen. -- Da
-ich im Ernste nicht wieder zu Nicolai zurückkommen mag, so muss ich mich
-begnügen, ehrliebende Leser zu versichern, dass die ganze Beschuldigung
-rein erdichtet ist, dass ich nie in freundschaftlichem Umgange oder
-Verbindung mit irgend einem Menschen gestanden, der mir als Mitarbeiter
-an der allgemeinen deutschen Bibliothek oder als zusammenhängend mit der
-Redaction derselben bekannt gewesen, dass ich um die Urtheile in der
-allgemeinen deutschen Bibliothek mich nie bekümmert, und nie das
-Geringste gethan habe, um auf dieselben einen Einfluss zu erhalten. --
-
-Der Verweis, den ich dem damaligen Verleger derselben, Herrn Bohn, zu
-geben genöthigt wurde, wegen der Imbecillität, mit welcher er Pasquille
-auf mich im Intelligenzblatte jener Zeitschrift abdrucken liess, und als
-ich hierüber Nachfrage anstellte, nicht wusste, wovon die Rede war, war
-doch ohne Zweifel keine Gunstbewerbung.
-
-Es ist jetzt an den Lesern, die meiner Versicherung nicht glauben,
-Nicolai zum öffentlichen Beweise seiner Beschuldigung anzuhalten. Ich
-weiss sicher, dass er nichts als Erdichtungen und Lügen wird vorbringen
-können, und diese werden hoffentlich von der Art seyn, dass man, ohne
-vor dem Publicum sich mit ihm abzugeben, ihn vor dem bürgerlichen
-Gerichtshofe belangen, und diesem das Urtheil übergeben könne.
-
-Jedoch, ist es denn nicht Factum, was Nicolai Nr. 3 anführt, dass eine,
-wie Nicolai meint, lobpreisende Recension meiner Grundlage der
-Wissenschaftslehre in der neuen deutschen Bibliothek abgedruckt worden?
-Für Nr. 1 und 2 hat Nicolai vielleicht gar keine Beweise; er hat es
-vielleicht aus Nr. 3 durch seine bekannte Conjecturalkritik nur
-gefolgert, und kein Bedenken getragen, seine Folgerungen als historische
-Thatsachen hinzustellen.
-
-Welche Folgerungen! Weil eine Anzeige, die meine Gedanken nur nicht
-sogleich weggeworfen haben will, sondern sie einem weiteren Nachdenken
-empfiehlt, in die neue deutsche Bibliothek, deren Grundmaxime es ist,
-alles Neue ohne weiteres wegzuwerfen, sich verläuft; muss sie von einem
-ausgemachten Fichtianer seyn, muss sie in Jena verfertigt seyn, muss ich
-an der Einsendung derselben Theil haben, muss ich schon seit langem
-ähnliche Versuche vergebens gemacht haben?
-
-Wäre denn nicht auch etwa ^der^ Fall möglich, dass jene Anzeige von
-einem Gelehrten herkäme, der ^nicht^ zu Jena lebte, der mich nie
-persönlich gekannt, und bis diese Stunde mich nicht persönlich kennt,
-der kein Interesse für mich haben konnte, als das, welches ihm die
-angezeigte Schrift einflösste, und von dessen Existenz sogar ich erst
-durch die Existenz jener Anzeige unterrichtet wurde? Wäre es nicht
-möglich, dass dieser Gelehrte diese Anzeige ohne alle Bestellung irgend
-eines Redacteurs, lediglich aus Interesse für die Sache, und in der
-gutmüthigen Meinung, dass dieser durch eine Recension nachgeholfen
-werden könnte, abgefasst, und sie zuerst an eine andere wirklich
-gangbare gelehrte Zeitschrift eingesendet; dass sie von da aus, etwa
-weil man sie, wofür auch Nicolai sie erkannt haben will, für einen
-blossen trockenen Auszug gehalten, zurückgesendet worden, und nun erst
--- Nicolai mag wissen auf welchem Wege, ich weiss es nicht -- an die N.
-D. B. gekommen, bloss damit sie nicht vergebens geschrieben wäre; dass
-ich von diesem letztern Schicksale jener Anzeige durchaus nichts vorher
-gewusst oder erfahren, und mit einer ähnlichen Befremdung, als Nicolai,
-sie in dem angeführten Hefte der N. D. B. abgedruckt gefunden? Wäre
-dieser Fall nicht ebenso möglich? Aber warum soll ich es nicht gerade
-heraussagen: durch ein Ungefähr bin ich hierin besser unterrichtet, als
-der sonst immer so wohl unterrichtete Nicolai; -- der als möglich
-vorausgesetzte Fall ist wirklich; gerade so, wie ich es oben angegeben,
-hat es sich zugetragen. Nicolai will wissen, dass jene Anzeige durch
-einen Mitarbeiter an der A. D. B., der gar nicht im philosophischen
-Fache arbeitete, der ihm sonach sehr wohl bekannt seyn muss, eingesandt
-worden; und hierin weiss er mehr, als ich. Er hatte sonach einen festen
-Punct, um seine sorgfältigen und wichtigen Untersuchungen anzuknüpfen.
-Hätte er doch, er, der auf manchem Blatte[18] seinen Lesern erzählt, wie
-weit herum er correspondire, um gründlichen Bericht abstatten zu können,
-wo die leichtesten Angelhaken verfertigt würden, -- hätte er doch auch
-hier ein paar Briefe sich nicht gereuen lassen! Oder ist er vielleicht
-auch über diesen Gegenstand besser unterrichtet, als er sichs will
-abmerken lassen, und diente es nur nicht in seinen Kram, zu verrathen,
-dass die von ihm wieder aufgenommene A. D. B. fürlieb genommen, was eine
-andere gelehrte Zeitschrift abgewiesen, und auf mein eigenes Anrathen
-abgewiesen hatte?
-
-
- 2.
-
-Ich komme zu Nicolai's zweitem ehrenrührigen Angriffe. Er beschuldigt
-mich (S. 176), ich habe, in Beziehung auf einen Gegner, »^der mir
-gezeigt habe, was offenbar aus meinen Sätzen folge^,« von Schurkerei und
-Büberei gesprochen.
-
-Ich weiss nicht, ob Nicolai selbst begreift, wessen er dadurch mich
-beschuldigt, und ich zweifle, dass er es begreift. Er wirft diese
-Schmähung zusammen, und bringt sie in Einem Athemzuge vor mit einer
-anderen Anklage, mit der, dass ich von gewissen Gegnern als von
-Halbköpfen gesprochen. Dünkt ihm etwa dieses letztere und jenes erstere
-so ohngefähr gleich?
-
-Dünke ihm, was da wolle, es kommt nicht darauf an, was Er von mir
-glaubt, sondern darauf, was er andere von mir glauben machen will. In
-den Augen desjenigen Theils des Publicums, an dessen Achtung mir etwas
-liegt, und in meinen eigenen Augen, ist dieses letztere und jenes
-erstere nicht gleich.
-
-Einen literarischen Angriff durch einen Angriff auf die persönliche
-moralische Ehre des Gegners erwiedern, und die Anführung von Gründen
-Schurkerei und Büberei nennen, ist nach meinem Urtheile, und wie ich
-hoffe nach dem Urtheile aller verständigen und ehrliebenden Männer, nur
-das Betragen eines wüthenden Narren, oder tückischen und hämischen
-Wahrheitsfeindes und Bösewichts.
-
-[Fußnote 18: S. die Vorrede zum XI. Theile seiner Reisebeschreibung.]
-
-Hätte der Gegner nur wirklich aus ^meinen^ Sätzen gefolgert, gesetzt
-auch, er hätte diese Sätze falsch verstanden, oder er hätte unrichtig
-aus ihnen gefolgert, und ich hätte ihm das Misverständniss oder die
-Fehlschlüsse handgreiflich darthun können, so hätte ich ihm allerdings
-Unverstand, Inconsequenz und dergleichen Verstandesgebrechen vorrücken,
-aber ich hätte nimmermehr von Schurkerei und Büberei sprechen dürfen, so
-lange noch die mindeste Möglichkeit übrig gewesen, anzunehmen, dass er
-ehrlicherweise ^selbst glaube^, was er behauptet.
-
-Wie verhält sich denn nun die Sache? Zum Glücke lässt in diesem Handel
-das Factum, worauf Nicolai seine Beschuldigung baut, sich zu Tage
-liefern. Er giebt die Stelle richtig an (Philos. Journal v. J. 1798,
-Heft 8, S. 386.[19] --) Hier ist sie im Zusammenhange.
-
-[Fußnote 19: Sämmtliche Werke Bd. V. S. 394. -- Die im Folgenden
-erwähnte Note ist dort weggelassen worden, als längst vergessenen
-polemischen Beziehungen angehörig. (Anmerk. des Herausgebers.)]
-
-Ich sage S. 385 oben im Texte: »ich habe die lügenhaften Verdrehungen,
-die z. B. Hr. Heusinger mit dem Gesagten vornimmt, weder verdient, noch
-veranlasst;« und setze in einer Note hinzu: »Ich sage (S. 10 meines
-Aufsatzes über den Grund unseres Glaubens an eine moralische
-Weltregierung, im 1. Hefte des Phil. Journals desselben Jahrganges), um
-die nothwendige Consequenz beider Gedanken auszudrücken: Ich muss, wenn
-ich nicht mein eigenes Wesen verläugnen will, die Ausführung jenes
-Zwecks (der Moralität) mir vorsetzen; -- habe diesen Satz zu analysiren,
-wiederhole ihn daher auf der folgenden Seite ^verkürzt^ mit
-Hinweglassung der Merkmale, die keiner Analyse bedürfen, so: ich muss
-schlechthin den Zweck der Moralität mir vorsetzen, ^heisst^: u. s. w. --
-Die Rede ist sonach gleich der folgenden: In einem rechtwinkligen
-Triangel ist das Quadrat der Hypotenuse gleich dem Quadrate der beiden
-Katheten. In ^einem Triangel^ ist das Quadrat der Hypotenuse etc.
-^heisst^: u. s. w. -- Hr. Heusinger aber[20] hält sich an den letzten
-Ausdruck des Satzes, als den ^directen^, erklärt meine ganze Theorie aus
-diesem unbedingt gesetzten ^Muss^, um mich eines Fatalismus zu
-bezüchtigen (da doch jedem, der nur eine Sylbe von mir gelesen, bekannt
-seyn muss, dass auf die Freiheit des Willens mein ganzes Denken
-aufgebaut ist), und es recht klar darzulegen, wie nach mir die
-moralische Ordnung ^sich selbst mache^, und wie ich mit meinem guten
-Bewusstseyn ein offenbarer Atheist sey. -- Im gemeinen Leben nennt jeder
-Ehrliebende ein solches Benehmen Schurkerei, Büberei, Lüge. Wie soll man
-es in der Literatur nennen?« -- Dies ists, was ich geschrieben hatte.
-Ich bitte den verständigen und ehrliebenden Leser sich folgende Fragen
-zu beantworten:
-
-1) Heisst das, ^aus meinen Sätzen folgern^, wie Nicolai es nennt, wenn
-man mir einen ^bedingten Satz^ in einen ^unbedingten^ verwandelt, um mir
-eine Meinung anzudichten, von welcher jeder, der in der neuen
-philosophischen Literatur bewandert ist, wissen muss, und Hr. Heusinger
-sicher wusste, dass ich mich von jeher auf das stärkste gegen sie
-erklärt habe? Es ist also nicht von ^Folgerungen^, es ist von
-^Verdrehungen und Erdichtungen^ die Rede.
-
-2) Kann man umhin, anzunehmen, dass diese Verdrehung nicht aus Irrthum,
-sondern mit gutem Wissen und Bedacht gemacht worden, wenn der Verfasser
-seinen Zweck, eine dem Gegner gemachte Beschuldigung (die des Atheismus)
-als gegründet zu erweisen, gleich von vornherein angiebt, und wenn
-dieser Zweck ^nur durch dieses Mittel^ zu erreichen ist?
-
-3) Wie würde man ein ähnliches Benehmen im bürgerlichen Leben nennen?
-Wenn ich z. B. im Gespräche gesagt hätte: wenn Nicolai nicht ein
-grundschiefer und zerrütteter Kopf ist, so ist er ein hämischer
-Bösewicht: und Nicolai hätte mehr zu bedeuten, als er hat, und es ginge
-einer zu ihm, und erzählte ihm, ich, Fichte, habe gesagt, er, Nicolai,
-sey ein hämischer Bösewicht; und dieser Erzähler thäte es in der laut
-zugestandenen Absicht, einer Anklage, durch welche ein unauslöschliches
-Brandmal auf meinen Charakter gebracht werden sollte, und durch deren
-Erfolg ich aus meiner Laufbahn geworfen worden, die öffentliche
-Beistimmung zu verschaffen: würde man dieses Benehmen anders bezeichnen
-können, ausser durch die Benennung der Lüge, der Schurkerei und Büberei?
-
-4) Ist die Anfrage: im bürgerlichen Leben nennt man dies Schurkerei,
-Büberei, Lüge, wie soll man es in der Literatur nennen? -- gleich ^dem^
-Satze: man soll es in der Literatur ebenso nennen, und ich will es
-hiermit also genannt haben? Zwar bin ich, damit nicht etwa jemand
-glaube, dass ich mich zurückziehen wolle, ich bin allerdings der
-Ueberzeugung, dass man es auch in der Literatur so nennen solle, wenn es
-nur über literarische Rechtlichkeit eine ebenso befestigte und
-verbreitete allgemeine Meinung gäbe, wie über bürgerliche Ehre. Ich bin
-allerdings der Ueberzeugung, und scheue mich nicht, es laut zu erklären,
-dass dieser Herr Heusinger sehr nichtswürdig gehandelt hat.
-
-5) Nicolai's Betragen, der, wenn er nicht von so immensem Gedächtnisse
-ist, dass er darin sogar die Seitenzahlen unseres philosophischen
-Journals gegenwärtig hat, die oben angeführte Stelle, welche er richtig
-citirt, aufgeschlagen und vor Augen haben musste, und dennoch fähig war
-niederzuschreiben: ich habe darüber, dass ^ein Gegner mir gezeigt, was
-aus meinen Sätzen folge^, von Schurkerei und Büberei gesprochen, --
-dieses Betragen Nicolai's zu beurtheilen und zu benennen, überlasse ich
-ganz allein dem ehrliebenden Leser.
-
-[Fußnote 20: In seiner Schrift: über das idealistisch-atheistische
-System des Herrn Prof. Fichte.]
-
-Soviel über diese ehrenrührigen Angriffe Nicolai's, die auf erdichtete
-Thatsachen sich gründen. Was er (S. 154 u. S. 177) über mein Benehmen
-bei der Niederlegung meines Lehramtes an der Universität Jena urtheilt,
-übergehe ich mit Stillschweigen, indem er hierin wenigstens nicht
-offenbar falsche Thatsachen erdichtet, obgleich er mir Empfindungen und
-Gesinnungen zuschreibt, welche nie die meinigen waren. Das Urtheil eines
-Nicolai ist mir zu unbedeutend und zu verächtlich, als dass ich mich
-dagegen vertheidigen oder annehmen sollte, dass irgend jemand, an dessen
-Achtung mir liegen könnte, dieses Urtheil theilte. Es dürfte vielleicht,
-ausser dem, was über jene Sache bekannt worden, noch andere Umstände
-geben, die da unbekannt geblieben, und welche mein Betragen dabei in ein
-anderes Licht stellen würden, als dasjenige ist, in welchem Nicolai
-zweckmässig findet, dieses Betragen erscheinen zu lassen; aber Nicolai
-gerade ist der letzte, der über diese Dinge mich zur Rede bringen soll.
-
-
-
-
- Zweite Beilage.
- (Zum zweiten Capitel.)
-
-
-Gegen die Schilderung Mendelssohns im Texte, dass er ein Mann von dem
-besten Willen, aber von eingeschränkten Einsichten und Zwecken gewesen
-sey, wird ohne Zweifel niemand etwas einwenden, der diesen Mann aus
-seinen Schriften und öffentlichen Verhandlungen, aus dem Lessingschen
-Briefwechsel, und etwa auch aus mündlichen Erzählungen kennt; -- wenn
-nemlich der Beurtheiler nicht etwa selbst von eingeschränkten Einsichten
-und Zwecken ist. Mit Beurtheilern der Art aber wollen wir hier nicht die
-Zeit verlieren.
-
-Dass Lessing -- wir beziehen uns hier allenthalben auf die früheren
-Schriften desselben und die von seinem Bruder herausgegebene
-Lebensbeschreibung und Briefwechsel, und wünschten, dass der Leser, der
-ein Urtheil in dieser Sache begehrt, damit sehr bekannt wäre, -- dass,
-sage ich, Lessing in seiner frühen Jugend sich in einer unbestimmten
-literarischen Thätigkeit herumgeworfen, dass alles ihm recht war, was
-nur seinen Geist beschäftigte und übte, und dass er hierbei zuweilen auf
-unrechte Bahnen gekommen, wird kein Verständiger läugnen. Die
-eigentliche Epoche der Bestimmung und Befestigung seines Geistes scheint
-in seinen Aufenthalt in Breslau zu fallen, während dessen dieser Geist,
-ohne literarische Richtung nach aussen, unter durchaus heterogenen
-Amtsgeschäften, die bei ihm nur auf der Oberfläche hingleiteten, sich
-auf sich selbst besann, und in sich selbst Wurzel schlug. Von da an
-wurde ein rastloses Hinstreben nach der Tiefe und dem Bleibenden in
-allem menschlichen Wissen an ihm sichtbar; und eine der deutlichsten
-Erscheinungen dieser Veränderung war eine sich durchaus nicht
-verbergende Verachtung gegen Nicolai's Person, und ganzes Werk und
-Wesen, indess er die gutmüthige Beschränktheit Mendelssohns fortdauernd
-mit schonendem Stillschweigen trug.
-
-Schon früher hatte er unserem Helden die Verweise seiner Unwissenheit,
-Ungeschicktheit und Suffisance nicht erlassen. (M. s. S. 98 ff. u. S.
-109 ff. des von Nicolai selbst edirten Briefwechsels.) Von jetzt an
-correspondirte er mit ihm nur noch über Verlagsangelegenheiten, um ihm
-Aufträge zu geben, z. B. dass er ihm Schuhe überschicken solle, und um
-Neuigkeiten von der Buchhändlermesse durch ihn zu erhalten. Sein
-Vertrauen hatte Nicolai so wenig, dass Lessing unverhohlen über einen
-gewissen Plan ihm schrieb: den könne er ihm nicht mittheilen, der müsse
-unter ^den Freunden^ (Klopstock, Bode u. a.) bleiben; ohnerachtet er
-freilich fürchtete, dass ihm beim Herumgehen um das Thor zu Leipzig ein
-Wink darüber entschlüpft seyn möchte (S. 177 des angeführten
-Briefwechsels); seine literarische Unterstützung und Billigung der
-Unternehmungen so wenig, dass Lessing nie eine Recension in die D. B.
-verfertigt, so sehr auch Nicolai suchte, ihm dergleichen abzuschmeicheln
-(S. 147), und sich genöthigt fand, dies öffentlich zu erklären (S. 255),
-und dass er nicht dazu zu bringen war, ihm Beiträge aus der
-Wolfenbüttelschen Bibliothek für seine (Nicolai's) Volkslieder zu
-senden, »indem doch der ganze Spass nur auf Verwechselung des Pöbels mit
-dem Volke hinauslaufe« (S. 393). Man sehe dagegen, mit welcher
-Dienstfertigkeit und innigen Achtung derselbe Mann Conrad Arnold Schmid
-(29. Theil der Lessingschen Schriften) und den fleissigen, biederen
-Reiske (28. Theil) behandelte. Einen Zug in einer Nicolaischen Recension
-nannte Lessing, kurz und gut, sowie er es wirklich war, ihm unter die
-Augen ^hämisch^ (S. 213 d. a. Briefwechsels). Nicht nur Nicolai's
-Person, sein ganzes Werk und Wesen verachtete er. So war ihm die
-Aufklärerei und der Neologismus in der Theologie, wie er in der D. B.
-getrieben wurde, ein wahrer Gräuel, und er drückte unter vier Augen sich
-oft kräftig darüber aus. So schreibt er seinem Bruder (30. Theil S.
-286): »was ist sie anders, unsere neumodische Theologie gegen die
-Orthodoxie, als Mistjauche gegen unreines Wasser?« Und auf der folgenden
-Seite: »Flickwerk von Stümpern und Halbphilosophen ist das
-Religionssystem, welches man jetzt (wo anders als in der D. B.?) an die
-Stelle des alten setzen will, und mit weit mehr Einfluss auf Vernunft
-und Philosophie, als sich das alte anmaasst.«
-
-Wielands Pläsanterie über den Bunkel findet er so gerecht als lustig
-(29. Theil S. 495). Was er daselbst noch weiter hinzusetzt, --
-ohnerachtet es auf eine unseres Erachtens sehr unrichtige Voraussetzung
-sich gründet, -- um Nicolai zu entschuldigen, zeigt doch wenigstens an,
-zu welcherlei Handwerk Lessing diesen Mann allenfalls noch tauglich
-gefunden: »zu Verbreitung -- ^solcher^ Ideen, die für ein gewisses
-Publicum, das doch auch mit diese Stufe besteigen müsse, wenn es weiter
-kommen solle, ihren Werth hätten, durch -- ^so einen Roman^.«
-
-Und Nicolai, der sich mit Lessings Freundschaft brüstete, der die Ehre
-des Todten gegen den Vorwurf vertheidigte, dass er -- kein so seichter
-Kopf gewesen sey, als ein Nicolai, hat die Stirn, seinen Briefwechsel
-mit Lessing, aus dem wir oben Auszüge geliefert, selbst herauszugeben?
-Warum nicht? Er hat lange Noten dazu gemacht, in denen er sich
-herausredet, Lessing für einen wunderlichen Kopf, für einen übellaunigen
-Brummer, für ein überspanntes Genie ausgiebt, und seine ihm (dem
-Nicolai) selbst ungelegenen Meinungen aus der leidigen Paradoxie und
-Disputirsucht erklärt.
-
-Heiliger Schatten, vergieb uns, dass wir in demselben Zusammenhange von
-dir redeten und von ihm. Wenn auch keine deiner Behauptungen, wie du sie
-in Worte fasstest, die Probe halten, keines deiner Werke bestehen
-sollte, so bleibe doch dein Geist des Eindringens in das innere Mark der
-Wissenschaft, deine Ahnung einer Wahrheit, die da Wahrheit bleibt, dein
-tiefer inniger Sinn, deine Freimüthigkeit, dein feuriger Hass gegen alle
-Oberflächlichkeit und leichtfertige Absprecherei unvertilgbar unter
-deiner Nation!
-
-
-
-
- Dritte Beilage.
- (Zum zweiten Capitel.)
-
-
-Ich nenne die deutsche Bibliothek ^ein an sich widersinniges
-Unternehmen^. Dies ist unter einer Nation, die in ihrer eigenen Sprache
-schreibt, ihre eigene Literatur und einen sehr verbreiteten Buchhandel
-hat, und viel liest, der Strenge nach ^jedes allgemeine Recensionswerk^.
-
-Es ist zu beklagen, dass ich daran ein Paradoxon sage; denn dies ist
-jede einem jedem gerade vor den Füssen liegende Wahrheit jedem
-verkünstelten Zeitalter. Könnte ich nur einige Augenblicke auf
-unbefangene Leser rechnen, so würde ich sie bitten, folgendes mit mir zu
-überlegen.
-
-Der Leser will doch ohne Zweifel ein richtiges Urtheil über die Producte
-der Kunst und der Wissenschaft, auf das er sich auch verlassen könne.
-Wer kann denn nun, und wer soll diese Urtheile fällen? Doch wohl die
-ersten Meister in jedem Fache der Kunst und der Wissenschaft?
-
-Wenn nun zuvörderst der einige grösste Meister in einem Fache -- denn es
-ist doch wohl nicht anzunehmen, dass die Grossen wie Pilze aus der Erde
-wachsen -- etwas schriebe, wer soll denn diesem sein Urtheil fällen? Wer
-soll gegenwärtig in der Kunst über Goethe, wer sollte zu seiner Zeit in
-der Philosophie über Leibnitz, wer sollte, als Kant mit seiner Kritik
-der reinen Vernunft hervortrat, über Kant urtheilen? Ueber den letzten
-etwa die Garve, die Eberharde? Nun, sie haben es gethan, und es ist
-darnach. Diesen Fall aber abgerechnet: sollten denn die grössten Meister
-die Geneigtheit haben, dieses Richteramt über die Schriften zu
-übernehmen; sollten sie nicht etwas Besseres thun können, das dem
-gemeinen Wesen noch erspriesslicher sey? -- Der Lebenslauf jedes
-wahrhaften Künstlers oder wissenschaftlichen Kopfs ist eine fortgehende
-Entwickelung seiner eigenen Originalität. Seine Kunst oder seine
-Wissenschaft erlernt, und auf den Punct sich erhoben, wo das Zeitalter
-stand, hat er; das versteht sich, und dies ist nun vorbei. Er geht
-^seinen^ Gang, entwickelt sich selbst in eigenen Schriften, die er bei
-der vorausgesetzten Ausbreitung des Buchhandels leicht ins Publicum
-bringen kann; von den Arbeiten anderer nimmt er Notiz, nur inwiefern sie
-gerade seinen Gang berühren, und ihm im oder am Wege liegen, und er wird
-ohne Zweifel in seinen eigenen Werken die nöthige Rücksicht darauf
-nehmen. Sollte er sich wohl in diesem Kreise unterbrechen lassen, um
-sich alle Wochen in einen ganz anderen Kreis eines ihm zur Recension
-zugesandten Buches zu versetzen? Es ist nicht wahrscheinlich.
-
-Oder hat etwa das deutsche Publicum bis jetzt in allem Ernste geglaubt,
-dass es zwei Klassen grosser Gelehrten habe: die eine, deren Namen es
-kennt, und die die Bücher schreiben; und die zweite, wohl ebenso
-bedeutende, deren Namen es nicht kennt, und die die Recensionen
-schreiben?
-
-Wer selbst ein Buch schreiben kann, der schreibt ein Buch und keine
-Recension, und für die Recensionen bleiben ^in der Regel^ nur diejenigen
-übrig, die kein Buch schreiben können: hinter ihrem Zeitalter
-zurückgebliebene ^Invaliden^, deren Bücher keinen Absatz, und also
-keinen Verleger finden, und ^Schüler^, die zwar ein Aufsätzchen in
-Grösse einer Recension zusammenbringen, aber nicht den Plan eines Buchs
-entwerfen können. Dafür, meine Leser, dafür ist die Anonymität der
-Recensenten. Das Publicum würde ein schönes Schauspiel erhalten, wenn
-die Redactoren der recensirenden Institute plötzlich genöthigt würden,
-die Verfasser aller seit 5 Jahren erschienenen Recensionen zu nennen. --
-^In der Regel^ ist es so, habe ich gesagt: denn es ist möglich, dass ein
-wirklicher Schriftsteller etwas in seinen gegenwärtigen Gedankenkreis
-Fallendes beurtheile, und da er gerade kein Buch unter der Feder hat, in
-welches diese Beurtheilung passe, sie vorläufig in einem recensirenden
-Blatte abdrucken lasse. Auf dergleichen Beiträge aber rechnet ganz
-gewiss kein Redacteur, der seinen Messkatalog herunterrecensiren lassen,
-und sein Blatt alle Tage voll haben muss: er muss bestellte, pünctliche
-Arbeiter haben. Oder es dürfte sich, ^da das leidige Vorurtheil für
-Recensionen einmal in der Welt ist, und vor der Hand wohl nicht leicht
-auszurotten seyn dürfte^, eine Gesellschaft von Männern, die allerdings
-selbst Meisterwerke liefern könnten, verbinden, sich selbst zu
-verläugnen, und auf dem Wege des Recensirens in das Zeitalter
-einzugreifen. Die Redaction der Erlanger Literaturzeitung leistet in
-einer neuerlichen Ankündigung Versprechungen dieser Art, und zeigt, dass
-sie durchaus wisse, worauf es dabei ankomme; so dass sich billigerweise
-annehmen lässt, sie sey im Besitze des Mittels, diese Versprechungen zu
-halten, und gründe sich auf eine solche patriotische Verbindung; auch
-berechtigt der Anfang zu immer grösseren Hoffnungen auf die Zukunft.
-Diese Zeitung würde sodann eine höchst seltene und höchst ehrenvolle
-Ausnahme von dem obigen allgemeinen Urtheile machen.
-
-Ein ^Invalid^ also, oder ein ^Schüler^ wird in den ^8 oder 14 Tagen^, da
-er das Buch flüchtig durchläuft, und recensirt, sich über den Autor
-erheben, der ^Jahre lang^, oder vielmehr, da jede seiner Arbeiten doch
-immer Resultat seines ganzen Lebenslaufes ist, ^sein ganzes Leben^ an
-diese Materie ausschliessend verwendete? Es ist nicht wahrscheinlich.
-
-Der ^Invalid^ -- mit ihnen sind diejenigen literarischen Institute, die
-auf Reputation halten, am meisten besetzt, damit sie im Falle der Noth
-sich mit einem Namen decken können, der vor 20 Jahren galt -- der
-Invalid wird das Zeitalter, in welchem er etwas bedeutete, in seinen
-Recensionen zurückzuführen suchen, und alles neue verurtheilen, weil es
-neu ist. Der ^Schüler^ wird, wenn er noch am unbefangensten ist, auf
-seinem Richterstuhle herumtappen, und vor den Lesern, die ein Urtheil
-von ihm erwarten, zu begreifen suchen, worüber er richtet. Seine
-Recension wird eine seiner Schulübungen werden.[21]
-
-[Fußnote 21: Ein Beispiel aus tausenden, um es dem Leser recht vor die
-Augen zu stellen, in welche Verlegenheiten heutzutage ein ehrlicher
-Redacteur kommen kann, und wie kläglich sich dieselben oftmals behelfen
-müssen!
-
-Die Jenasche Literaturzeitung fand sich genöthiget, noch ein
-Ergänzungsblatt, gleichsam einen Beiwagen zu der immer zu stark
-besetzten ordinären Landkutsche, anzulegen. Es wurde ausdrücklich und
-namentlich angekündigt, dass dieses Ergänzungsblatt unter anderen auch
-einen Bericht über die durch die Fichteschen Religionslehren
-entstandenen Bewegungen enthalten würde. Jeder Leser musste glauben,
-dass dieser Bericht ein vorzügliches Meisterwerk, und ein wahres
-Bravourstück des Recensionswesens seyn würde, von dessen
-Vortrefflichkeit er auf das Ganze schliessen könnte, da es ihm schon im
-voraus so bedeutend angekündigt wurde; und höchstwahrscheinlich hatte
-der Herr Hofrath Schütz wirklich auf ein solches Meisterstück Bestellung
-gemacht und erwartete täglich die Ankunft desselben. Und was hat er
-erhalten!
-
-Zwar so lange der Recensent Gefahr ahnt und deswegen auf seiner Hut ist,
-zieht er sich listig genug aus dem Handel. Statt irgend eine
-Eigenthümlichkeit der angefochtenen Lehre anzugeben, sagt er nur kurz:
-was im Forbergschen Aufsatze richtig sey, sey Kantisch, und auch
-Fichte's Lehre sey Kantisch, ausser dass der letztere diese Lehre an
-seine Wissenschaftslehre anzuknüpfen suche. Nun thue ihm einer etwas!
-Fragt ihr, was denn nun richtig sey in diesen Aufsätzen, so ist die
-Antwort: das Kantische; und fragt ihr wiederum, was denn das Kantische
-sey, so ist die Antwort: dasjenige was richtig ist.
-
-Dagegen aber fällt ihn sein Unglück da an, wo er keine Gefahr weiter
-ahnet. Von der Substanz, meint er, habe noch kein Philosoph einen
-bestimmten Begriff aufgestellt. -- Welcher Philosoph weiss nicht, dass
-seit Locke eine sehr bestimmte Nominalerklärung der Substanz vorhanden
-ist: die, dass sie sey ^der Träger der Accidenzen^? Auch würde der
-Recensent gerade in dieser Wissenschaftslehre, von welcher er zu sagen
-weiss, dass Fichte sein Religionssystem daran anzuknüpfen suche, eine,
-wie wir glauben, sehr bestimmte Real- und genetische Erklärung der
-Substanz gefunden haben; dass sie nemlich sey ^die^ (allein im Denken
-geschiedenen) ^Accidenzen selbst, in sinnlicher Anschauung zusammen- und
-als Eins aufgefasst^, wenn er diese Wissenschaftslehre jemals
-durchblättert hätte: und er hätte sodann den Lesern der ^A. L. Z.^
-berichten können, warum Gott, der in sinnlicher Anschauung nicht
-vorkomme, das Prädicat der Substanz sich nicht beilegen lasse; welches
-den Lesern zu grosser Erbauung, und der Literaturzeitung zu grossem
-Ruhme gereicht haben würde. Von diesem allen hat er nichts gethan und
-nichts gewusst. Man sieht, die Philosophie ist dieses Recensenten Fach
-nicht.
-
-Nun, was ist er denn also, und welches ist sein Fach?
-
-Er fürchtet, Fichte möge sich im Ausdrucke vergriffen haben, und geht
-daran herum, ihm denselben zu verbessern. Man sieht, dass er gewohnt
-ist, ^exercitia stili^ zu corrigiren. Ein Sprachmeister ist er.
-
-Und was für ein Sprachmeister! -- Fichte hat gesagt, dass man Gott das
-Prädicat der Substanz nicht beilegen könne, und fährt darauf fort: »es
-ist erlaubt, dieses aufrichtig zu sagen, und das Schulgeschwätz
-niederzuschlagen, damit die Religion des freudigen Rechtthuns ^sich
-erhebe^.« Unser Sprachmeister nimmt von diesem letzteren Ausdrucke die
-Gelegenheit, Fichte dem Verfasser des ^Schreibens eines Vaters etc.^,
-welcher Verfasser Forberg und Fichte zuerst öffentlich des Atheismus
-bezüchtigt, -- so ungefähr gleichzustellen (denn dieser Sprachmeister
-hat zugleich ein sehr gutes Gemüth gegen Fichte, und zeigt es in diesem
-einzigen Blatte, das die Langweiligkeit des Ganzen uns zugelassen hat,
-durchzulaufen, auch noch an anderen Stellen), indem auch Fichte, nur
-freilich etwas feiner, in der Speculation anders Denkende ohne weiteres
-der Irreligiosität beschuldige, und hier insinuire, dass der Begriff von
-Gott als Substanz erst niedergeschlagen werden müsse, ehe die wahre
-Religion stattfinde. Ihm sind sonach ^sich erheben^ (über Hindernisse
-und Zweifel) und ^entstehen^ Synonyme.
-
-Forbergs Benehmen, das er höher oben als petulant, und der Wichtigkeit
-der Sache nicht angemessen beschreibt, nennt er tiefer unten, um doch
-auch seine Kenntniss des Französischen zu zeigen, ^niaiserie^. Er mag
-wohl dieses Wort in seinem Dictionnäre durch ^läppisches Wesen^
-übersetzt finden, und es seinen Schülern immer so übersetzt haben, ohne
-einen Unterschied zu bemerken zwischen einem ^unschicklichen^ Betragen
-aus Muthwillen (dessen er ohne Zweifel Forberg beschuldigen will) und
-einem ^ungeschickten^ und täppischen aus Unbeholfenheit, dessen weder er
-noch irgend jemand Forberg beschuldigen wird, und welches allein doch
-durch das Wort ^niaiserie^ bezeichnet wird. (^Niais^, höchst
-wahrscheinlich von ^nidus^, eigentlich, ein junger Vogel, der, noch ehe
-er fliegen konnte, aus dem Neste genommen worden und dessen Flug daher
-unbeholfen bleibt.)
-
-Der Recensent ist sonach ein verdorbener, heruntergekommener
-Sprachmeister, der bei dieser Unwissenheit freilich seine Kunden
-verlieren musste, und nun durch Recensionen an der Literaturzeitung sich
-seinen Unterhalt zu erwerben sucht.
-
-Kein Mensch, und am allerwenigsten der Verfasser, wird glauben, dass ein
-so berühmter Philolog, als der Herr Hofrath Schütz, diese argen
-Verstösse nicht bemerkt habe. Aber was konnte er machen? Der Abgang des
-Beiwagens war angekündigt, die Stunde war da, und kein anderes Gut
-vorhanden. Er musste eben aufladen, was er hatte.]
-
-Und welche verächtliche Leidenschaften werden durch diese ganze
-Verfassung erregt und genährt! Welcher Eigendünkel bei guten Jünglingen,
-welche grösstentheils dergleichen Einrichtungen wirklich für das halten,
-was sie seyn müssten, wenn sie überhaupt seyn sollten! Der Wahl
-tappender und schielender Redactoren vertrauend, glauben sie vom Tage
-ihrer Einladung zur Mitgliedschaft einer berühmten Recensentengilde
-wirklich die Fähigkeiten zu besitzen, die sie in ihrer Unbefangenheit
-den Recensenten zuschreiben, zürnen auf ihre redlichen Lehrer, welche
-vielleicht diese Fähigkeiten in ihnen noch nicht bemerken wollten, und
-ergreifen die Gelegenheit, diesen ihre Uebermacht fühlbar werden zu
-lassen![22] Welche schöne Aussichten für Literaten aller Art, ihre
-gelehrte Eifersucht, ihren Neid, ihre Rachsucht gegen jeden, der ihnen
-irgendwo im Wege gestanden, zu befriedigen, ohne dass jemand wisse,
-woher die Streiche kommen! Jeder Gedrückte tröstet sich in aller Stille
-damit: ei, ich will ihm schon einmal in einer Recension eins versetzen;
-und er hält Wort. -- Welches Schauspiel würde das Publicum auch in
-dieser Rücksicht erhalten, wenn die Redactoren plötzlich genöthigt
-würden, die Verfasser der bisher erschienenen Recensionen anzugeben; und
-die recensirten oder gelegentlich angezapften Schriftsteller hierauf
-anfingen, Particularia und Personalia zu erzählen!
-
-Welch ein ganz eigener Ton, der besonders in den Verantwortungen
-angefochtener Redactoren und noch stärker in den Antworten der durch die
-Anonymität gedeckten Recensenten auf Antikritiken, in seiner ganzen
-Originalität erscheint! Da stösst ein Mann, der im Grunde weder witzig
-noch hitzig ist, und es sehr gut weiss, dass er unrecht hat, sich bei
-jedem Athemzuge in die Rippen, um die Langmüthigkeit seiner Natur zum
-Zorne, zur Grobheit, zur Pöbelhaftigkeit zu reizen; jener lediglich, um
-sein Blatt beim Publicum, dieser, um sich beim Redacteur, der allein ihn
-kennt, in Respect zu erhalten. »Ei, die verstehns; die wissen recht
-einem jeden eins zu versetzen,« soll der Lesepöbel denken.
-
-[Fußnote 22: Der Verfasser kann zwar nicht ganz in der beschriebenen,
-aber doch in einer ähnlichen Weise aus eigener Erfahrung sprechen.
-Nachdem er ein -- von ihm selbst schon damals dafür erkanntes --
-schlechtes Buch geschrieben hatte, dafür in einer berühmten Zeitung
-mächtig gelobt, und gleich darauf zur Mitarbeit an dieser Zeitung
-eingeladen wurde -- ei, dachte er, gehört dazu nichts weiter? und hatte
-einige Freude, und wurde auch wirklich, so lange er selbst in seiner
-Wissenschaft noch keinen festen Standpunct hatte, zum Ritter an ein paar
-jungen Schriftstellern, die noch weniger feststanden als er selbst.
-Seitdem er diesen Standpunct gefunden und bessere Schriften schreiben zu
-können glaubte, hat er jene Mitgliedschaft aufgegeben. Er kann nicht
-dafür stehen, dass er nicht einst, wenn er etwa durch Altersschwäche
-herunterkommen sollte, wieder zu derselben greifen werde, und will für
-diesen Fall jener berühmten Zeitung, und ihrem berühmten Redacteur,
-welche ohne Zweifel dann noch fortdauern werden, sich hiermit schon im
-voraus zu gutem Andenken und zu brüderlicher Schonung empfohlen haben.
---]
-
-Welch ein abenteuerliches System von Begriffen und Meinungen, das aus
-dieser Einrichtung hervorgegangen ist! Zuvörderst der Begriff einer
-^Kritik^, die ausserhalb der Meister und der Meisterschaft und von ihnen
-abgesondert wohnen soll! Eine Partei, die die Werke liefert, ohne
-Kritik; eine andere Partei, die die Kritik besitzt, und sie über die
-Werke anderer hingiesst, ohne selbst Werke hervorzubringen. Dann der
-Begriff von einer ^Urtheilsfreiheit der Gelehrten^: d. h. dass es jedem,
-der einige Perioden deutsch zu schreiben vermag, erlaubt seyn müsse,
-über alles Geschriebene in den Tag hineinzuschreiben, ob er davon etwas
-gelernt habe, oder nicht, und dass über sein Geschwätz kein anderer
-lachen dürfe. Dann die Meinung, dass jedes erscheinende Buch ein ^corpus
-delicti^ sey, das sogleich vor den Richterstuhl gezogen werden müsse;
-dass die Bücher eigentlich nur darum geschrieben würden, um recensirt zu
-werden; und dass die Recensenten weit vornehmere Wesen seyen, als die
-Schriftsteller; dass nur schlechte Schriftsteller sich gegen die --
-Kritik, verstehe die Recensenten, auflehnen, gute aber sich ihr demüthig
-unterwerfen und sich bessern. -- Armes Publicum, dass du dir dergleichen
-Dinge aufbinden lassen! Wisse, dass jedes Werk, das da werth war zu
-erscheinen, sogleich bei seiner Erscheinung gar keinen Richter finden
-kann; es soll sich erst sein Publicum erziehen, und einen Richterstuhl
-für sich bilden; es ist eine Lection an dich, gutes Publicum, und kein
-^corpus delicti^. Spinoza hat über ein Jahrhundert gelegen, ehe ein
-treffendes Wort über ihn gesagt wurde; über Leibnitz ist vielleicht das
-erste treffende Wort noch zu erwarten, über Kant ganz gewiss. Findet ein
-Buch sogleich bei seiner Erscheinung seinen competenten Richter, so ist
-dies der treffendste Beweis, dass dieses Buch ebensowohl auch
-ungeschrieben hätte bleiben können.
-
-So mit den ^allgemeinen^ Recensionsanstalten, die auf Universalität der
-Wissenschaft und auf Mitarbeiter aus allen Provinzen des deutschen
-Vaterlandes Anspruch machen. Ein wenig unschuldiger sind die kleinen
-Particular-Recensionsfabriken. Mit diesen will man entweder den Ort, wo
-sie erscheinen, ehren, und beweisen, dass derselbe auch Gelehrte habe,
-die ein Wort mitsprechen können. Unseres Erachtens ein sehr mislicher
-Beweis; es wäre dem Orte mehr Ehre, er hätte viele Gelehrte, die etwas
-besseres zu thun hätten, als zu recensiren. Oder dergleichen kleine
-Zeitungen enthalten die Ausreden der vornehmen Herren Professoren an die
-gelehrten Mitbürger, denen durch alle Mühe, die man sich darum giebt,
-doch das Lesen auswärtiger Schriftsteller sich nicht ganz verkümmern
-lässt, warum sie von ihren Kathedern herab nicht ebenso belehrt werden,
-als es in dieser eingeführten literarischen Contrebande geschieht; auch
-kräftige Anpreisungen der eigenen Producte dieser vornehmen Professoren.
-Solche Recensionen zeichnen sich durch die Formeln aus: »Rec. trug dies
-immer so vor;« oder: »was der Verfasser da sagt, ist zwar wahr, doch
-aber sind wir auch der Ueberzeugung, dass auch die entgegengesetzte
-Ansicht, welche der Rec. immer gegeben hat, richtig ist;« oder: »wie
-kann der Mann nur das rühmen, wovon wir immer gesagt haben, dass es
-nichts tauge; so er etwas rühmen will, so rühme er unsere Apodiktik.«
-Das unsterbliche Muster in dieser Art werden immer die Gelehrtenanzeigen
-der Göttingischen Universität bleiben, deren Lehrer sehr oft mit
-auswärtigen Schriftstellern in Collision kommen mögen. Sie sind
-lediglich auf die gelehrten Mitbürger berechnet; und wer sie für mehr
-hält, auf dessen Kopf falle der Schade!
-
-Aber es ist doch so bequem für das grössere Publicum, und selbst für die
-wirklichen Gelehrten, beim Durchblättern einer einzigen Zeitschrift zu
-erfahren, was in jedem Fache Neues erschienen, welches der Inhalt
-desselben sey, und nun zu beurtheilen, ob sie das Buch sich selbst
-anzuschaffen haben, oder ob sie es entbehren können. --
-
-Ohne Zweifel; und dieser Vortheil soll beibehalten werden; nur die
-unbefugte Richterei und Urtheilerei soll wegfallen.
-
-Wie man Petersilie, Pilze und Bücklinge auf den Strassen ausruft, ebenso
-sollen auch die Bücher ausgerufen werden; nicht durch die ersten
-Erzeuger, wie sich versteht, sondern durch die Verkäufer, die
-Buchhändler. Das Verfahren hierbei ist durch die Natur der Sache
-bestimmt und ist sehr einfach. Vereinigen sich die deutschen
-Buchhändler, und übertragen einem aus ihrer Mitte, ebenso wie sie
-ehemals der Weidmannschen Buchhandlung die Herausgabe des Messkatalogs
-überliessen, die Herausgabe eines ausführlichen Messkatalogs; -- oder
-sey dabei auch durchaus freie Concurrenz. Dieser Messkatalog enthalte
-den Titel des Buches, die Verlagshandlung, den Ladenpreis, einen
-verhältnissmässigen Auszug des Inhalts, -- wo es hingehört, Proben der
-Schreibart. Um dergleichen Anzeigen zu verfertigen, bedarf es nur
-einiger Commis, die da lesen können und schreiben, höchstens auf einer
-lateinischen Schule bis in Secunda gekommen sind. Man hat ja überdies in
-einer jeden wohl eingerichteten Druckerei einen Corrector, der ein
-Literatus ist; dieser sey der Redacteur des Blattes; ihm gebe man mit
-dem Correcturbogen zugleich das angezeigte Buch mit ein, damit er
-urtheilen könne, ob der Auszug richtig und zweckmässig ist. Es mag ihm
-auch verstattet werden, sich als Herausgeber auf dem Titelblatte zu
-nennen. --
-
-Alles eigenen Urtheils enthalten diese Commis und dieser Corrector sich
-gänzlich; oder wollen sie ja etwas von ihrem Eigenen hinzuthun, so loben
-sie ^alle^ Bücher, die sie anzeigen, aus gleich vollen Backen. Sie
-schreiben im Namen der sämmtlichen Verleger, und es ist sehr natürlich
-und sehr unschuldig, dass ein Verkäufer seine Waare lobt. Wer dadurch
-getäuscht wird, der schreibe es lediglich seiner eigenen Unerfahrenheit
-zu. Mehrere Buchhändler, welche die Fertigkeiten der beschriebenen
-Commis in sich vereinigen, haben dies schon recht gut angefangen, und es
-könnte den Verfassern solcher Anzeigen, wie wir sie meinen, keinesweges
-an Mustern fehlen.
-
-^Zweitens^ habe ich gesagt, die allgemeine deutsche Bibliothek sey
-verderblich geworden -- durch die Art ihrer Ausführung. Jene Bibliothek
-wurde nemlich, wie wir jedem, der nicht selbst zu den Seichten gehört,
-zu finden anmuthen -- sie wurde der Mittelpunct der Seichtigkeit, der
-Popularität, des leeren Geschwätzes. Eine Philosophie, die hinüber und
-herüberschwatzte, ohne Regel und feste Bahn, eine Theologie, deren
-Hauptzweck war, die Bibel so vernünftig zu machen, als diese seichten
-philosophischen Schwätzer selbst waren, eine Kunstkritik, die auf nichts
-sah, als auf die Wahrscheinlichkeit der Fabel, und die moralische
-Erbaulichkeit, eine Gelehrsamkeit, die im Zusammenschleppen seltener
-Raritäten auf einen confusen Haufen bestand, eine flache breite
-Schreiberei: dies war von jeher der Geist dieses Werkes. Dieser Geist
-hat der Cultur der Wissenschaften in unserem Vaterlande unendlich
-geschadet; er lebt noch und fährt noch fort zu schaden. -- Man irrt sich
-sehr über den eigentlichen Zweck derer, die Nicolai und seinem Anhange
-so sehr zuwider sind. Sie wollen nicht gerade diese oder jene
-Philosophie herrschend machen. Nur den Geist der Seichtigkeit und
-Popularität möchten sie durch den Geist wahrer Gründlichkeit und
-Wissenschaftlichkeit verdrängen; -- durch den Geist, der durch die
-Lessinge, die Jacobi, die Kante, aus der besseren alten Welt durch die
-Zeit der Ueberschwemmung hindurch in die neue Welt herüber gerettet
-worden. Sodann mag auch über Philosophie, Aesthetik, Naturlehre etwas
-ausgemacht werden.
-
-Dass, wie ich ^drittens^ gesagt habe, dieses Unternehmen der Bibliothek
-keinem verderblicher gewesen, als dem Urheber selbst, ist in dieser
-Schrift zur Genüge erwiesen.
-
-
-
-
- Vierte Beilage.
- (Zum neunten Capitel.)
-
-
-Das im Texte erwähnte Geschwätz über Katholicismus und
-Kryptokatholicismus ist ein trauriger Beweis, was dem guten deutschen
-Volke jeder Schwätzer anmuthen kann, wenn er nur kräftig schreit. Möchte
-es doch auch ein abschreckender Beweis für die Zukunft seyn!
-
-Nicolai war und ist eigentlich seines Zeichens ein ausgemachter Berliner
-^Badaud^, so sehr er sich auch für einen Weltkenner hält. Es gehört eben
-mit zum Charakter eines ^Badaud^, dass er sich für einen Weltkenner
-halte. Ein ^Berliner Badaud^, habe ich gesagt; nicht, als ob man nicht
-ebensowohl ein Wiener, oder Pariser, oder auch ein Golitzer und
-Kohlgartenscher ^Badaud^ seyn könnte, oder als ob die Berliner mehr Hang
-hätten, es zu seyn, als die Bewohner anderer grossen Städte, sondern
-weil ^der Badaud^, von welchem ich hier rede, nun einmal aus Berlin ist.
-Ein ^Badaud^ ist nemlich ein Mensch, der, um ganz populär davon zu
-sprechen, nie hinter seinem Backofen hervorgekommen ist, daher sich
-einbildet, es müsse allenthalben in der Welt so aussehen, wie hinter
-seinem Backofen, und, wenn er doch einmal hervorkommt, alles, was er
-erblickt, maulaufsperrend bewundert. Mein Dictionnäre übersetzt dieses
-Wort durch ^Maulaffe^. Nicolai's ganze Reise ist die Reise eines solchen
-Maulaffen. Alles, von den heiligen Bildern an bis zu den geflochtenen
-Zöpfen der Tübinger Mädchen begafft er voll Verwunderung. Und lediglich
-aus dieser bewundernden Gafferei des Berliner ^Badaud^ entstand das
-Geschrei über Katholicismus, und hinterher, da seine Bibliothek
-angefochten wurde, über Kryptokatholicismus.
-
-Was hat man denn durch alles dieses Geschrei der Welt entdeckt, das
-nicht jeder, der weitergekommen als Nicolai, oder der auch nur die
-Geschichte und einige Reisebeschreibungen gelesen, oder einige Fremde
-gesprochen, schon vorher auch gewusst hätte? »Es sey mit der Aufklärung
-(es war immer nur von der Nicolaischen negativen Aufklärung, der
-Befreiung von diesem oder jenem Aberglauben, die Rede) der Katholiken
-noch gar nicht so weit gekommen, als etwa gutmüthige Protestanten
-glauben dürften.« Ei, wer waren denn diese gutmüthigen Protestanten?
-Doch wohl nur Nicolai und seine Bibliothekare, welche ^ihr^ Licht in
-jene Länder verbreitet zu haben hofften. »Es werde in den katholischen
-Ländern durch die Mönche noch immer der alte Aberglauben
-aufrechterhalten, auch wohl noch neuer hinzugebracht.« Wer hatte es denn
-je anders gewusst oder gesagt? »Der Papst nehme seine Behauptungen in
-der Regel nie zurück; er rechne auch die protestantischen Länder
-gewissermaassen noch immer unter seinen Sprengel, und suche sie
-besonders durch Bekehrungen in den deutschen fürstlichen Familien in den
-Schooss der Kirche zurückzuführen.« Wer hat denn die Geschichte gelesen
-und dies nicht gewusst; wer hat aber auch nicht gewusst, dass in Absicht
-der Unterthanen dies nichts fruchtet, und sie sich ihre
-Religionsprivilegien nur noch fester versichern lassen? Woher denn nun
-jetzt auf einmal der Lärm, nachdem Friedrich Nicolai auf Reisen ging?
-War denn alles dies etwas Neues, erst jetzt Entdecktes? Ich könnte nicht
-sagen; ausser etwa für Nicolai und seines Gleichen. Oder wurden etwa
-jetzt jene Bemühungen kräftiger und glücklicher? Keinesweges, vielmehr
-geschah ihnen gerade in diesem Zeitpuncte durch die Unternehmungen
-Kaiser Josephs des Zweiten grosser Abbruch.
-
-Ja; aber die eifrige Verbreitung der geheimen Orden, die Ceremonien in
-denselben, das Räuchern, Salben, Händeauflegen! Sind dies nicht offenbar
-katholische Ceremonien? Sieht man da nicht -- so nemlich connectirt
-Nicolai -- offenbar die Tendenz der Katholiken, die Protestanten an ihre
-kirchlichen Gebräuche zu gewöhnen, und dadurch u. s. w.? -- Jedes
-Zeitalter hat sein besonderes Steckenpferd. Das des abgelaufenen
-Jahrhunderts waren geheime Ordensverbindungen. Es ist aus tausend
-Gründen begreiflich, dass höhere Grade entstanden, und dass diese durch
-besondere Ceremonien ausgezeichnet wurden. Warum sollen diese Ceremonien
-denn gerade katholisch seyn; warum nicht ebensowohl jüdisch und
-heidnisch? denn von daher sind sie erst in die christliche Kirche
-gekommen. Kurz, sie sind aus dem Alterthume. -- Hätte Nicolai diesen
-Lärm erhoben, als der Baron Hund, der in Frankreich wirklich katholisch
-geworden, sein Tempelherrnsystem einführte, als Stark mit seinem
-allerdings sonderbaren Klerikate auftrat, so hätte die Sache einigen
-Anschein für sich gehabt. Aber zu ^der^ Zeit ihn zu erheben, da er ihn
-erhob, so lange nach dem Mittagsessen mit seinem Senfe zu kommen! Zeige
-er doch aus diesen Zeiten Ein Beispiel, dass jemand in geheimen Orden
-zur katholischen Religion gebracht worden!
-
-Nicolai ist zwar stets bereit, jedem Gelehrten, der ihm in dieser Sache
-widerspricht, zu antworten: auf der Studirstube freilich erfahre man so
-etwas nicht, und durch Schlüsse ^a priori^ lasse es sich nicht
-herausbringen: das erführen nur Weltleute seiner Art; denn für einen
-solchen hält er sich, weil er über Wien und München nach Zürich gereist,
-und mit dem Minister von Wöllner Schach gespielt. Der Verfasser dieses
-hat über acht Jahre in Ländern, wo Protestanten und Katholiken vermischt
-sind, gelebt, und ist in ihnen gereist: in der Lausitz, im südlichen
-Deutschlande, in der Schweiz, in Polen, in Westpreussen. Er ist diese
-Länder nicht durchflogen, um sie in der Eile zu beschreiben, zu lauern
-und, wie es Leuten dieser Art geht, zu sehen und sich aufbinden zu
-lassen, was man gern sehen und hören will; er hat in ihnen gelebt,
-Geschäfte gehabt, und selbst mitgehandelt, wo man ohne Zweifel besser
-sieht, als wenn man nur durchreiset; hat Umgang gehabt mit Leuten von
-allerlei Confessionen und Meinungen, und glaubt seine Augen eben auch
-offen gehabt zu haben, ob er gleich keine seiner Beobachtungen so neu
-und so interessant gefunden, um sie dem Publicum vorzulegen. Das
-Sichtbare, was Nicolai gesehen, hat er eben auch gesehen; aber er hat
-keine Veranlassung gefunden, darauf die Schlüsse zu bauen, die Nicolai
-aufbaut. Ebenso ist er mit dem Innern der geheimen Orden vielleicht so
-gut bekannt, als Nicolai, vielleicht besser. Er würde nie darauf
-gefallen seyn, ihnen die Wichtigkeit und die Tendenz zuzuschreiben, die
-Nicolai ihnen zuschreibt.
-
-Halte doch Nicolai sich nicht so sehr auf über den Abt Barruel! Die
-Jacobinerriecherei ist das ächte Gegenstück zur Jesuitenriecherei, und
-Barruel ist in der erstern ganz dasselbe, was Nicolai in der zweiten
-war.
-
-
-
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- Fünfte Beilage.
- (Zum neunten Capitel.)
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-Die A. d. B. war allerdings ein der Religiosität der Nation höchst
-schädliches Unternehmen. Religiosität ist Tiefe des Sinns, und geht aus
-ihr hervor; die ganze Tendenz jenes Unternehmens geht auf
-Oberflächlichkeit; Religion deutet auf das übersinnliche höhere Leben;
-der ganze Zweck jenes Unternehmens ist unmittelbare Brauchbarkeit und
-Nützlichkeit für das Gröbste dieses Lebens. Die von dieser Clique haben
-die Religionsaufklärung und einen Volkslehrer sattsam gelobt, wenn sie
-erzählt haben, dass die Bauern weniger Processe führen, sich seltener
-betrinken, und die Stallfütterung eingeführt haben.
-
-Doch was soll ich hier noch viel Worte über diesen Gegenstand machen?
-Jene ^Appellation an das Publicum^ etc., die Nicolai auch so zuwider
-ist, und von der er glaubt, dass sie nur im Zorne geschrieben seyn könne
-(der arme Mann!), redet, indem sie von wahren Gottesläugnern,
-Götzendienern, Dienern eines bösen Weltgeistes spricht, ganz eigentlich
-von Nicolai und denen, die ihm gleichen. Wem diese nicht bewiesen hat,
-was hier zu beweisen wäre, für den ist jeder andere Beweis verloren.
-
-
-
-
- Noch eine Beilage
- oder
- Dreizehntes Capitel.
- Von den letzten Thaten, dem Tode und der wunderbaren
- Wiederbelebung unsers Helden.
-
-
-Die Betriebsamkeit gewisser Buchhändler ging in jenen Tagen so weit,
-dass sie, nachdem beim Nachdrucken nicht genug mehr zu gewinnen war, die
-Kunst erfanden, Vordrucke zu veranstalten. Auf diese Weise erschien noch
-bei Nicolai's Lebzeiten ein unrechtmässiger Vordruck der gegenwärtigen
-Lebensbeschreibung unsers Helden, die wir jetzt in der ersten, einzig
-rechtmässigen Ausgabe den rechtlichen und gewissenhaften Lesern
-mitgetheilt haben.
-
-Nicolai verwendete gegen diese also erschienene Lebensbeschreibung seine
-ganze polemische Taktik. Zuerst versuchte er, dieselbe zu ignoriren, und
-an der Erziehung Fichte's und seiner Genossen so unbefangen, wie bisher,
-fortzuarbeiten. Als dieses sich nicht thun liess, griff er zum Fache des
-Erhabenen, verbreitete selbst die Schrift durch seinen Buchhandel,
-erklärte öffentlich, dass der Spass so übel nicht sey, und dass er
-selbst bei mehreren Stellen gelacht habe; -- nur hätte, fügte er hinzu,
-der Autor sich kürzer fassen sollen. Hierauf begab er sich mitten in das
-Gründliche und Ausführliche hinein; erzählte, zur Widerlegung des
-Vorgebens, dass er nie eines gelehrten Unterrichts genossen, seine ganze
-Jugendgeschichte, wie er erst die Buchstaben kennen gelernt, darauf
-buchstabiren, dann lesen, sodann schreiben; wiederholte alle Lectionen,
-die er von Jugend auf erhalten, vollständig, legte zum Beweise seiner
-Wahrhaftigkeit seine Schreibebücher, in einem saubern Holzschnitte
-nachgestochen, und abgedruckt, und alle seine ^exercitia stili^ bei.
-Dies gab 4 Alphabete; Format und Druck, wie in den Beilagen zu seinen
-Reisen. Er setzte hierauf sein wahres Verhältniss mit Lessing durch
-ausführlichere und deutlichere Noten zu dem schon gedruckten
-Briefwechsel, und durch die Erzählung aller »Discurse,« die er in seinem
-Leben mit jenem geführt, auseinander; ebenso bewies er durch die
-vollständige und ausführliche Aufführung aller Discurse, die er mit
-Moses Mendelssohn geführt, dass derselbe keinesweges ein Mann von
-eingeschränkten Begriffen und Zwecken gewesen. Dies gab abermals 4
-Alphabete, in besagtem Format und Druck. Er erzählte ferner alle die
-Gedanken, die er so bei sich geführt, als er mit der Stiftung der
-allgemeinen deutschen Bibliothek umgegangen; erzählte die pragmatische
-Geschichte jeder in dieser Bibliothek befindlichen Recension, so wie
-jeder seiner eignen Schriften; brachte, um zu beweisen, wie er ehedessen
-geschätzt worden sey, alle Briefe der Gelehrten an ihn bei;
-bewies nochmals, noch einleuchtender als ehemals, die für den
-Kryptokatholicismus beigebrachten Facta; zählte, um zu zeigen, dass er
-kein Badaud und Tölpel, sondern ein Mann von Welt und Lebensart sey,
-alle königliche und fürstliche Personen, Minister, Generale, Gesandte u.
-s. w. auf, die er in seinem Leben gesehen, und mit ihnen gesprochen,
-erzählte, was er mit ihnen gesprochen, bei ihnen gegessen und getrunken,
-welche witzige Einfälle er gehabt, legte alle die Schachpartien vor, die
-er in seinem Leben mit hohen Personen gespielt: -- und wir müssten die
-Geduld haben, die er hatte, oder die Inhaltsanzeige seines Werks
-nachdrucken lassen, um vollständig zu verzeichnen, was er alles
-beibrachte. Das Ganze belief sich auf 16 Alphabete, in besagtem Format
-und Druck, und war um einen äusserst civilen Preis in seiner Handlung zu
-haben. Kein Mensch las oder kaufte diese 16 Alphabete.
-
-Unser Held stutzte; aber bescheiden, wie er immer gewesen, sahe er bald
-ein, wo der Fehler läge, und war aufrichtig genug gegen sich selbst,
-sich denselben zu gestehen. Er fand, dass er noch nicht deutlich,
-ausführlich, kräftig, lebhaft und witzig genug geschrieben habe. Er
-verfasste daher 32 Alphabete in demselben Format, um auf die ersten 16
-aufmerksam zu machen; erläuterte, ergänzte, verstärkte, und brachte noch
-weit mehr Spässe an. Diese 32 Alphabete waren um einen noch civilern
-Preis in seiner Buchhandlung zu haben; aber kein Mensch kaufte oder las
-diese 32 Alphabete, ebensowenig, als die sechszehn.
-
-»^Noch^ nicht deutlich genug! sagte er bei sich selbst. Das sind die
-fatalen Geschäfte, die einem alle Zeit rauben. Aber ich will mich
-endlich frei machen.« So übergab er seine Handlung und die Redaction
-seiner geliebten allgemeinen Bibliothek in treue Verwaltung, zog auf das
-Land, schloss sich ein, und dictirte unablässig Tag und Nacht fort einem
-Dutzend Schreibern. Aber auch die nunmehrige Deutlichkeit und
-Vollständigkeit genügte ihm nicht, und sein Stündlein überfiel ihn, ehe
-er vollendet hatte und mit sich selbst zufrieden war.[23]
-
-Sein alter Freund hatte die Besorgung der Verlassenschaft übernommen.
-Gern hätte er den schriftstellerischen Nachlass des Vollendeten durch
-den Druck der Welt mitgetheilt; aber es fand sich, dass das Unternehmen
-einiger Tausende von starken Bänden die Kräfte des Zeitalters
-übersteige, er beschloss daher auf einem ganz andern Wege diesen
-kostbaren Nachlass aufzulösen, den Geist desselben zu entbinden und in
-das Universum hineinströmen zu lassen.
-
-[Fußnote 23: Es findet sich hier ein Dissensus der Geschichtschreiber.
-Einige sagen, dass auch das gegenwärtige dreizehnte Capitel in dem
-erwähnten diebischen Vordrucke mit abgedruckt gewesen, Nicolai daher
-unmöglich habe thun können, wovon ihm vorhergesagt worden, dass er es
-thun werde. Er habe bloss kurz gesagt: der zukünftige Verfasser dieser
-vorgedruckten Schrift müsse sehr eitel und einbildisch seyn, um zu
-glauben, dass man gegen seine leidenschaftliche und schmutzige Broschüre
-sich ernsthaft vertheidigen werde; so etwas übergehe ein Ehrenmann, wie
-er sey, mit stillschweigender Verachtung. -- Die 48 Alphabete, das
-unablässige Dictiren und der Tod, welches alles an sich wohl guten Grund
-habe, habe sich auf eine andere Veranlassung begeben. Ein anderer Theil
-der Geschichtschreiber berichtet, dass entweder das gegenwärtige
-dreizehnte Capitel nicht mit vorgedruckt worden, oder dass Nicolai doch
-gethan, was er nicht lassen können, unerachtet man es ihm vorausgesagt,
-und dass alles sich durchaus so zugetragen habe, wie wir es oben
-erzählen. Hieraus ersieht sonach der geliebte Leser, dass das letztere
-die allein wahre und richtige Meinung ist; und wir wollen keinem rathen,
-das Gegentheil anzunehmen, widrigenfalls es ihm in der nächsten
-Recension, die wir verfertigen, übel ergehen soll.
-
- Der erste einzig wahre Verfasser dieser Lebensbeschreibung
- im Jahre 1840 -- zugleich Recensent an der
- weltberühmten allgemeinen Literaturzeitung.]
-
-Es wurde auf seinen Befehl unter freiem Himmel folgendes Denkmal
-errichtet. Man gab den hinterlassenen Handschriften die Form eines
-ruhenden Kolossen, dessen äussere Gestalt und Bildung dem Seligen so
-nahe kam, als möglich. Zur Unterlage diente ihm die allgemeine deutsche
-Bibliothek, zum Kopfkissen die alte und neue Berliner Monatsschrift, die
-Backenseiten waren durch die neuern Hefte der Jenaischen
-Literaturzeitung unterstützt. Der alte Freund hatte von allen Parteien
-einige zur Einweihung des Denkmals eingeladen, damit sie unter der
-Beschattung desselben sich brüderlich vereinigen möchten. Da standen,
-durch das gemeinschaftliche Leid endlich verträglich gemacht, und
-insgesammt Ein Herz und Eine Seele, Reinhard und Zöllner, Gedike, die
-beiden Schlegel, Biester, Tieck, Jacobi, der Hofrath Schütz, Reinhold,
-die Jesuiten, die Bibliothekare, und die Grossen alle.
-
-Durch eine wunderbare Fügung hatten Fichte und Schelling, die unter den
-Eingeladenen sich befanden, und mit den Rücken an das papierne Denkmal
-sich angelehnt hatten, sich gerade,[24] »jener mit Hasenbraten, dieser
-mit einer wilden Schweinskeule ^allzuvoll gestopft^, -- wie denn dies
-dem ernsthaftesten Philosophen unvermerkt begegnen kann -- und der eine
-konnte nun schlechterdings nicht, er mochte sich anstrengen, wie er
-wollte, an der Bestimmung des Menschen, noch der andere an der Deduction
-der Kategorien der Physik weiter fortarbeiten, sondern sie mussten
-endlich die Feder wegwerfen und zum Rhabarber greifen.« -- -- -- --
-
-[Fußnote 24: Das Folgende sind Herrn Nicolai's eigne Worte, S. 174. f.
-der angeführten Anzeige; und selbst diese Citation geschieht in
-Nicolai's eignen Worten.]
-
- * * * * *
-
-O, nie genug zu beweinender Schade! Gerade von dieser Stelle an, wo man
-nun das Interessanteste erwartet, ist unsre Handschrift so zerfressen,
-dass wir mit aller Conjecturalkritik keinen Sinn herausbringen können,
-und uns durchaus ausser Stand befinden, anzugeben, was es mit der in der
-Aufschrift gemeldeten Wiederbelebung unsers Helden für eine Bewandtniss
-gehabt, durch welches wunderbare Mittel sie erfolgt, und ob es der
-eigentliche wahre fleischliche Leib desselben, oder der beschriebne
-papierne gewesen, in welchen die Seele zurückgekehrt. So viel wird uns
-aus einigen übriggebliebenen Sylben wahrscheinlich, dass alle die
-genannten, und noch mehrere an dem Wunder Antheil gehabt; und nach
-manchen ganz unleserlichen Seiten bringen wir gegen das Ende der Schrift
-noch folgendes heraus:
-
--- »vordere Mund, den der Freund so inbrünstig küsste. -- Indessen
-dehnten und reckten sich die zwei fest umschlungenen Heroen aus über das
-ganze Land, die Umrisse ihrer Glieder verschwanden, so wie sie selbst,
-und es blieb an ihrer Stelle nur eine lieblich dämmernde Aufklärung
-übrig. Alle Umste« -- --
-
-Von da an ist das Manuscript wieder völlig zerfressen und unleserlich.
-
-Es wäre gewiss eine interessante Untersuchung anzustellen, wie dieses
-kostbare Ueberbleibsel des Alterthums in einen solchen Zustand gekommen,
-und wir muntern alle unsere jungen Kritikbeflissenen auf, an dieser
-Untersuchung ihre Kräfte zu üben. Zwar behauptet ein grosser Gelehrter,
-dessen wir mit hoher Ehrerbietung erwähnen, dass diese Handschrift von
-den berühmten Blutigeln, welche Friedrich Nicolai von aller
-Geisteserscheinung auf immer geheilt, so zerfressen worden: eine höchst
-scharfsinnige Muthmaassung. Jederman aber sieht ein, dass dieselbe
-ungereimt ist; denn die Blutigel fressen kein Papier.
-
-Indessen gebe ich dem Leser mein Wort, dass ich dieses Capitel aus
-Handschriften sicher wiederherstellen, und es zu seiner Zeit durch den
-Druck bekannt machen werde. Ich schlage dafür den Weg der Pränumeration
-ein. Liebhaber haben die Güte sich im Comptoir der Allgemeinen
-Literaturzeitung zu melden.
-
- Der erste wahre Autor dieser Lebensbeschreibung
- im Jahre 1840.
-
-
-
-
- Inhalt
-
-
- Seite
- Einleitung 4
- Erstes Capitel. Höchster Grundsatz, von welchem alle 10
- Geistesoperationen unsers Helden ausgegangen sind
- Zweites Capitel. Wie unser Held zu diesem sonderbaren höchsten 11
- Grundsatze gekommen seyn möge
- Drittes Capitel. Wie im allgemeinen dieser höchste Grundsatz 18
- im Leben unsers Helden sich geäussert habe
- Viertes Capitel. Worauf es, zufolge dieses höchsten 21
- Grundsatzes, unserm Helden bei allen seinen Disputen
- angekommen sey
- Fünftes Capitel. Wirkliche Disputirmethode unsers Helden, aus 23
- diesem höchsten Grundsatze
- Sechstes Capitel. Eine der allersonderbarsten Meinungen unsers 26
- Helden, zufolge jenes höchsten Grundsatzes
- Siebentes Capitel. Eine andere fast noch unglaublichere 32
- Meinung unsers Helden von sich selbst, zufolge jenes
- höchsten Grundsatzes
- Achtes Capitel. Sonderbare Begriffe unsers Helden über seine 36
- und seiner Gegner gegenseitige Rechte, aus jenem höchsten
- Grundsatze
- Neuntes Capitel. Wie unser Held, zufolge seines höchsten 40
- Grundsatzes, sich zu nehmen gepflegt, wenn derselbe
- angefochten worden
- Zehntes Capitel. Ein Grundzug des Geistescharakters unsers 49
- Helden, der aus jenem höchsten Grundsatze natürlich folgte
- Eilftes Capitel. Ein paar andere Grundzüge, welche aus dem 51
- ersten Grundzuge und höchsten Grundsatze unsers Helden
- erfolgt sind
- Zwölftes Capitel. Wie es zugegangen, dass unser Held unter 59
- allen diesen Umständen dennoch einigen Einfluss auf sein
- Zeitalter gehabt
- Beilagen 61
-
-
-
-
- Deducirter Plan
- einer
- zu Berlin zu errichtenden höheren Lehranstalt.
-
-
- Geschrieben im Jahre 1807
- von
- Johann Gottlieb Fichte.
-
- Erste Ausgabe: Stuttgart und Tübingen, in der Cottaschen
- Buchhandlung. 1817.
-
- Deducirter Plan
- einer zu Berlin zu errichtenden höheren Lehranstalt, die in
- gehöriger Verbindung mit einer Akademie der Wissenschaften
- stehe.
-
-
-
-
- Erster Abschnitt.
- Begriff einer durch die Zeitbedürfnisse geforderten höheren
- Lehranstalt überhaupt.
-
-
- §. 1.
-
-Als die Universitäten zuerst entstanden, war das wissenschaftliche
-Gebäude der neueren Welt grossentheils noch erst zu errichten. ^Bücher^
-gab es überhaupt nicht viel; die ^wenigen^, die es gab, waren selten,
-und schwer zu erhalten; und wer etwas Neues mitzutheilen hatte, kam
-zunächst in Versuchung, es auf dem schwierigeren Wege der
-Schriftstellerei zu thun. So wurde die ^mündliche Fortpflanzung^ das
-allgemein brauchbarste Mittel zu der Erbauung, der Aufrechterhaltung und
-der Bereicherung des wissenschaftlichen Gebäudes, und die Universitäten
-wurden der Ersatz der nicht vorhandenen oder seltenen Bücher.
-
-
- §. 2.
-
-Auch nachdem durch Erfindung der Buchdruckerkunst die Bücher höchst
-gemein worden, und die Ausbreitung des Buchhandels jedwedem es sogar
-weit leichter gemacht hat, durch Schriften sich mitzutheilen, als durch
-mündliche Lehrvorträge; nachdem es keinen Zweig der Wissenschaft mehr
-giebt, über welchen nicht sogar ein Ueberfluss von Büchern vorhanden
-sey, hält man dennoch noch immer sich für verbunden, durch Universitäten
-dieses gesammte Buchwesen der Welt ^noch einmal zu setzen^, und
-ebendasselbe, was schon ^gedruckt^ vor jedermans Augen liegt, auch noch
-durch Professoren ^recitiren^ zu lassen. Da auf diese Weise dasselbe
-Eine in zwei verschiedenen Formen vorhanden ist, so ermangelt die
-Trägheit nicht, sowohl den ^mündlichen^ Unterricht zu versäumen, indem
-sie ja dasselbe irgend einmal auch aus dem Buche werde lernen können,
-als den durch ^Bücher^ zu vernachlässigen, indem sie dasselbige ja auch
-^hören^ könne, wodurch es denn dahin gekommen, dass, wenige Ausnahmen
-abgerechnet, gar nichts mehr gelernt worden, als was durch das Ohngefähr
-auf einem der beiden Wege an uns hängen geblieben, sonach überhaupt
-nichts im Ganzen, sondern nur abgerissene Bruchstücke; zuletzt hat es
-sich zugetragen, dass die Wissenschaft, -- als etwas nach Belieben
-immerfort auf die leichteste Weise an sich zu bringendes, bei der Menge
-der Halbgelehrten, die auf diese Weise entstanden, in tiefe Verachtung
-gerathen. Nun ist von den genannten zwei Mitteln der Belehrung das
-eigene Studiren der Bücher sogar das vorzüglichere, indem das Buch der
-frei zu richtenden Aufmerksamkeit Stand hält, und das, wobei diese sich
-zerstreute, noch einmal ^gelesen^, das aber, was man nicht sogleich
-versteht, bis zum erfolgten Verständnisse hin und her überlegt werden,
-auch die Lectüre nach Belieben fortgesetzt werden kann, so lange man
-Kraft fühlt, oder abgebrochen werden, wo diese uns verlässt; dagegen in
-der Regel der Professor seine Stunde lang seinen Spruch fortredet, ohne
-zu achten, ob irgend jemand ihm folge, ihn abbricht, da wo die Stunde
-schlägt, und ihn nicht eher wieder anknüpft, als bis abermals seine
-Stunde geschlagen. Es wird durch diese Lage des Schülers, in der es ihm
-unmöglich ist, in den Fluss der Rede seines Lehrers auf irgend eine
-Weise einzugreifen und ihn nach seinem Bedürfnisse zum Stehen zu
-bringen, das leidende Hingeben als Regel eingeführt, der Trieb der
-eigenen Thätigkeit vernichtet, und so dem Jünglinge sogar die
-Möglichkeit genommen, des zweiten Mittels der Belehrung, der Bücher, mit
-freithätiger Aufmerksamkeit sich zu bedienen. Und so sind wir denn, um
-von der Kostspieligkeit dieser Einrichtung für das gemeine und das
-Privatwesen, und von der dadurch bewirkten Verwilderung der Sitten hier
-zu schweigen, durch die Beibehaltung des ^Nothmittels^, nachdem die Noth
-längst aufgehoben, auch noch für den Gebrauch des ^wahren und besseren
-Mittels^ verdorben worden.
-
-
- §. 3.
-
-Um nicht ungerecht, zugleich auch oberflächlich zu seyn, müssen wir
-jedoch hinzusetzen, dass die neueren Universitäten ^mehr^ oder ^weniger^
-ausser dieser blossen ^Wiederholung^ des vorhandenen Buchinhalts noch
-einen anderen edleren Bestandtheil gehabt haben, nemlich das Princip der
-Verbesserung dieses Buchinhalts. Es gab selbstthätige Geister, welche in
-irgend einem Fache des Wissens durch den ihnen wohlbekannten
-Bücherinhalt nicht befriedigt wurden, ohne doch das Befriedigende hierin
-sogleich bei der Hand zu haben, und es in einem neuen und besseren
-Buche, als die bisherigen waren, niederlegen zu können. Diese theilten
-ihr Ringen nach dem Vollkommneren vorläufig mündlich mit, um entweder in
-dieser Wechselwirkung mit anderen in sich selber bis zu dem
-beabsichtigten Buche klar zu werden, oder, falls auch sie selbst in
-diesem Streben von geistiger Kraft oder dem Leben verlassen würden,
-Stellvertreter hinter sich zu lassen, welche das beabsichtigte Buch,
-oder auch statt desselben, und aus diesen Prämissen, ein noch besseres
-hinstellten. Aber selbst in Absicht dieses Bestandtheiles lässt sich
-nicht läugnen, dass er von jeher der bei weitem kleinere auf allen
-Universitäten gewesen, dass keine Verwaltung ein Mittel in den Händen
-gehabt, auch nur überhaupt den Besitz eines solchen Bestandtheiles sich
-zu garantiren, oder auch nur deutlich zu wissen, ob sie ihn habe, oder
-nicht, und dass selbst dieser kleine Bestandtheil, wenn er durch gutes
-Glück irgendwo vorhanden gewesen, selten mit einiger klaren Erkenntniss
-seines Strebens und der Regeln, nach denen er zu verfahren hätte,
-gewirkt und gewaltet.
-
-
- §. 4.
-
-Eine solche zunächst überflüssige, sodann in ihren Folgen auch
-schädliche Wiederholung desselben, was in einer anderen Form weit besser
-da ist, soll nun gar nicht existiren; es müssten daher die
-Universitäten, wenn sie nichts Anderes zu seyn vermöchten, sofort
-abgeschafft, und die Lehrbedürftigen an das Studium der vorhandenen
-Schriften gewiesen werden. Auch könnte es diesen Instituten zu keinem
-Schutze gereichen, dass sie den soeben berührten edleren Bestandtheil
-für sich anführten, indem in keinem bestimmten Falle (auf keiner
-gegebenen Universität) dieser edlere Theil Rechenschaft von sich zu
-geben, noch sein Daseyn zu beweisen, noch die Fortdauer desselben zu
-garantiren vermag; und sogar, wenn dies nicht so wäre, doch immer der
-schlechtere Theil, die blosse Wiederholung des Buchwesens, weggeworfen
-werden müsste. Sowie Alles, was auf das Recht der Existenz Anspruch
-macht, ^seyn^ und ^leisten^ muss, was ^nichts^ ausser ihm zu seyn und zu
-leisten vermag, zugleich sein Beharren in diesem seinem Wesen, und seine
-unvergängliche Fortdauer verbürgend: so muss dies auch die Universität,
-oder wie wir vorläufig im antiken Sinne des Wortes sagen wollen, die
-^Akademie^, oder sie muss vergehen.
-
-
- §. 5.
-
-Was, im Sinne dieser höheren Anforderung an ihre Existenz, die Akademie
-seyn könne, und, falls sie seyn soll, seyn müsse, geht sogleich hervor,
-wenn man die Beziehung der Wissenschaft auf das wirkliche Leben
-betrachtet.
-
-Man studirt ja nicht, um lebenslänglich und stets dem Examen bereit das
-Erlernte in Worten wieder von sich zu geben, sondern um dasselbe auf die
-vorkommenden Fälle des Lebens anzuwenden, und so es in ^Werke^ zu
-verwandeln; es nicht bloss zu wiederholen, sondern etwas Anderes daraus
-und damit zu machen: es ist demnach auch hier letzter Zweck keinesweges
-das Wissen, sondern vielmehr die Kunst, das Wissen zu gebrauchen. Nun
-setzt diese Kunst der Anwendung der Wissenschaft im Leben noch andere
-der Akademie fremde Bestandtheile voraus, Kenntniss des Lebens nemlich
-und Uebung der Beurtheilungsfähigkeit der Fälle der Anwendung, und es
-ist demnach von ihr zunächst nicht die Rede. Wohl aber gehört hierher
-die Frage, auf welche Weise man denn die Wissenschaft selbst so zum
-freien und auf unendliche Weise zu gestaltenden Eigenthume und Werkzeuge
-erhalte, dass eine fertige Anwendung derselben auf das, freilich auf
-anderem Wege zu erkennende, Leben möglich werde?
-
-Offenbar geschieht dies nur dadurch, dass man jene Wissenschaft gleich
-anfangs mit klarem und freiem Bewusstseyn erhalte. Man verstehe uns
-also. Es macht sich vieles von selbst in unserem Geiste, und legt sich
-demselben gleichsam an durch einen blinden und uns selber verborgen
-bleibenden Mechanismus. Was also entstanden, ist nicht mit klarem und
-freiem Bewusstseyn durchdrungen, es ist auch nicht unser sicheres und
-stets wieder herbeizurufendes Eigenthum, sondern es kommt wieder oder
-verschwindet nach den Gesetzen desselben verborgenen Mechanismus, nach
-welchem es sich erst in uns anlegte. Was wir hingegen mit dem
-Bewusstseyn, ^dass^ wir es thätig erlernen, und dem Bewusstseyn der
-^Regeln^ dieser erlernenden Thätigkeit, auffassen: das wird, zufolge
-dieser eigenen Thätigkeit und des Bewusstseyns ihrer Regeln, ein
-eigenthümlicher Bestandtheil unserer Persönlichkeit, und unseres frei
-und beliebig zu entwickelnden Lebens.
-
-Die freie Thätigkeit des Auffassens heisst Verstand. Bei dem zuerst
-erwähnten mechanischen Erlernen wird der Verstand gar nicht angewendet,
-sondern es waltet allein die blinde Natur. Wenn jene Thätigkeit des
-Verstandes und die bestimmten Weisen, wie dieselbe verfährt, um etwas
-aufzufassen, ^wiederum zu klarem Bewusstseyn erhoben^ werden, so wird
-dadurch entstehen eine besonnene Kunst des Verstandesgebrauches im
-Erlernen. Eine kunstmässige Entwickelung jenes Bewusstseyns der Weise
-des Erlernens -- im Erlernen irgend eines Gegebenen -- würde somit,
-unbeschadet des jetzt aufgegebenen Lernens, zunächst nicht auf das
-Lernen, sondern auf die Bildung des Vermögens zum Lernen ausgehen.
-Unbeschadet des jetzt aufgegebenen Lernens, habe ich gesagt, vielmehr zu
-seinem grossen Vortheile; denn man weiss gründlich und unvergesslich nur
-das, wovon man weiss, wie man dazu gelangt ist. Sodann wird, indem nicht
-bloss das zuerst Gegebene gelernt, sondern an ihm zugleich die Kunst des
-Erlernens überhaupt gelernt und geübt wird, die ^Fertigkeit^ entwickelt,
-ins Unendliche fort nach Belieben leicht und sicher alles Andere zu
-lernen; und es entstehen ^Künstler^ im Lernen. Endlich wird dadurch
-alles Erlernte oder zu Erlernende ein sicheres Eigenthum des Menschen,
-womit er nach Belieben schalten könne, und es ist somit die erste und
-ausschliessende Bedingung des praktischen Kunstgebrauches der
-Wissenschaft im Leben herbeigeführt und erfüllet. Eine Anstalt, in
-welcher mit Besonnenheit und nach Regeln das beschriebene Bewusstseyn
-entwickelt, und die dabei beabsichtigte Kunst geübt würde, wäre, was
-folgende Benennung ausspricht: ^eine Schule der Kunst des
-wissenschaftlichen Verstandesgebrauches^.
-
-Ohnerachtet auf den bisherigen Universitäten von ohngefähr zuweilen
-geistreiche Männer aufgetreten, die im Geiste des obigen Begriffes in
-einem besonderen Fache des Wissens Schüler gezogen, so hat doch sehr
-viel gefehlt, dass die Realisirung dieses Begriffes im Allgemeinen mit
-Sicherheit, Festigkeit und nach unfehlbaren Gesetzen auch nur deutlich
-gedacht und vorgeschlagen, geschweige denn, dass sie irgendwo ausgeführt
-worden. Dadurch aber ist die Erhaltung und Steigerung der
-wissenschaftlichen Bildung im Menschengeschlechte dem guten Glücke und
-blinden Zufalle preisgegeben gewesen, aus dessen Händen sie unter die
-Aufsicht des klaren Bewusstseyns lediglich durch die Darstellung des
-erwähnten Begriffes gebracht werden könnte. Und so ist es die Ausführung
-dieses Begriffes, die in Beziehung auf das wissenschaftliche Wesen in
-dem Abfluss der Zeit dermalen an der Tagesordnung ist, und die sogar in
-ihrer Existenz angegriffene Akademie würde wohlthun, diese Ausführung zu
-übernehmen, da das, was sie bis jetzt gewesen, gar nicht länger das
-Recht hat, dazuseyn.
-
-
- §. 6.
-
-Aber sogar dieses Anspruches alleinigen und ausschliessenden Besitz wird
-etwas Anderes der Akademie streitig machen, die niedere Gelehrtenschule
-nemlich. Diese, vielleicht selbst erst bei dieser Gelegenheit über ihr
-wahres Wesen klar geworden, wird anführen, dass sie, bis auf die Zeiten
-der neueren verseichtenden Pädagogik, weit besser und vorzüglicher eine
-solche Kunstschule des wissenschaftlichen Verstandesgebrauches gewesen,
-denn irgend eine Universität. Somit wird die Akademie zuvörderst mit
-dieser niederen Gelehrtenschule eine Grenzberichtigung treffen müssen.
-
-Diese Grenzberichtigung wird ohne Zweifel zur Zufriedenheit beider
-Theile dahin zu Stande kommen, dass der niederen Schule die Kunstübung
-des allgemeinen Instrumentes aller Verständigung, der Sprache, und von
-dem wissenschaftlichen Gebäude das allgemeine Gerüst und Geripp des
-vorhandenen Stoffes, ohne Kritik, anheimfalle; dagegen die höhere
-Gelehrtenschule die Kunst der Kritik, des Sichtens des Wahren vom
-Falschen, des Nützlichen vom Unnützen, und das Unterordnen des minder
-Wichtigen unter das Wichtige, zum ausschliessenden Eigenthum
-erhalte; somit die erste: Kunstschule des wissenschaftlichen
-Verstandesgebrauches, als blossen Auffassungsvermögens oder
-Gedächtnisses, die letzte: Kunstschule des Verstandesgebrauches, als
-Beurtheilungsvermögens, würde.
-
-
- §. 7.
-
-Kunstfertigkeit kann nur also gebildet werden, dass der Lehrling nach
-einem bestimmten Plane des Lehrers unter desselben Augen selber arbeite,
-und die Kunst, in der er Meister werden soll, auf ihren verschiedenen
-Stufen von ihren ersten Anfängen an bis zur Meisterschaft, ohne
-Ueberspringen regelmässig fortschreitend, ausübe. Bei unserer Aufgabe
-ist es die Kunst wissenschaftlichen Verstandesgebrauches, welche geübt
-werden soll. Der Lehrer giebt nur den Stoff und regt an die Thätigkeit;
-diesen Stoff bearbeite der Lehrling selbst; der Lehrer muss aber in der
-Lage bleiben, zusehen zu können, ob und wie der Lehrling diesen Stoff
-bearbeite, damit er aus dieser Art der Bearbeitung ermesse, auf welcher
-Stufe der Fertigkeit jener stehe, und auf diese den neuen Stoff, den er
-geben wird, berechnen könne.
-
-Nicht bloss der Lehrer, sondern auch der Schüler muss fortdauernd sich
-äussern und mittheilen, so dass ihr gegenseitiges Lehrverhältniss werde
-eine fortlaufende Unterredung, in welcher jedes Wort des Lehrers sey
-Beantwortung einer durch das unmittelbar Vorhergegangene aufgeworfenen
-Frage des Lehrlings, und Vorlegung einer neuen Frage des Lehrers an
-diesen, die er durch seine nächstfolgende Aeusserung beantworte; und so
-der Lehrer seine Rede nicht richte an ein ihm völlig unbekanntes
-Subject, sondern an ein solches, das sich ihm immerfort bis zur völligen
-Durchschauung enthüllt; dass er wahrnehme dessen unmittelbares
-Bedürfniss, verweilend und in anderen und wieder anderen Formen sich
-aussprechend, wo der Lehrling ihn nicht gefasst hat, ohne Verzug zum
-nächsten Gliede schreitend, wenn dieser ihn gefasst hat; wodurch denn
-der wissenschaftliche Unterricht aus der Form einfach fortfliessender
-Rede, die er im Buchwesen auch hat, sich verwandelt in die dialogische
-Form, und eine wahrhafte Akademie im Sinne der Sokratischen Schule, an
-welche zu erinnern wir gerade dieses Wortes uns bedienen wollten,
-errichtet werde.
-
-
- §. 8.
-
-Der Lehrer muss ein ihm immer bekannt bleibendes festes und bestimmtes
-Subject im Auge behalten, sagten wir. Falls nun, wie zu erwarten, dieses
-Subject nicht zugleich auch aus Einem Individuum, sondern aus mehreren
-bestände, so müssen, da das Subject des Lehrers Eins und ein bestimmtes
-seyn muss, diese Individuen selber zu einer geistigen Einheit und zu
-einem bestimmten organischen Lehrlingskörper zusammenschmelzen. Sie
-müssen darum auch unter sich in fortgesetzter Mittheilung und in einem
-wissenschaftlichen Wechselleben verbleiben, in welchem jeder allen die
-Wissenschaft von derjenigen Seite zeige, von welcher er, als Individuum,
-sie erfasst, der leichtere Kopf dem schwerfälligeren etwas von seiner
-Schnelligkeit, und der letzte dem ersten etwas von seiner ruhigen
-Schwerkraft abtrete.
-
-
- §. 9.
-
-Um unsern Grundbegriff durch weitere Auseinandersetzung noch
-anschaulicher zu machen: -- Der Stoff, welchen der Meister dem Zöglinge
-seiner Kunst giebt, sind theils seine eigenen Lehrvorträge, theils
-gedruckte Bücher, deren geordnetes und kunstmässiges Studium er ihm
-aufgiebt; indem in Absicht des letzteren es ja ein Haupttheil der
-wissenschaftlichen Kunst ist, durch den Gebrauch von Büchern sich
-belehren zu können, und es sonach eine Anführung auch zu dieser Kunst
-geben muss; sodann aber auf einer solchen Akademie der bei weitem
-grösste Theil des wissenschaftlichen Stoffes aus Büchern wird erlernt
-werden müssen, wie dies an seinem Orte sich finden wird.
-
-Die Weisen aber, wie der Meister seinem Lehrlinge sich enthüllt, sind
-folgende:
-
-^Examina^, nicht jedoch im Geiste des Wissens, sondern in dem der Kunst.
-In diesem letztern Geiste ist jede Frage des Examinators, wodurch das
-Wiedergeben dessen, was der Lehrling gehört oder gelesen hat, als
-Antwort begehrt wird, ungeschickt und zweckwidrig. Vielmehr muss die
-Frage das Erlernte zur Prämisse machen, und eine Anwendung dieser
-Prämisse in irgend einer Folgerung als Antwort begehren.
-
-^Conversatoria^, in denen der Lehrling fragt, und der Meister
-zurückfragt über die Frage, und so ein expresser Sokratischer Dialog
-entstehe, innerhalb des unsichtbar immer fortgehenden Dialogs des ganzen
-akademischen Lebens.
-
-^Durch schriftliche Ausarbeitungen zu lösende _Aufgaben_ an den
-Lehrling^, immer im Geiste der Kunst, und also, dass nicht das Gelernte
-wiedergegeben, sondern etwas Anderes damit und daraus gemacht werden
-solle, also, dass erhelle, ob und inwieweit der Lehrling jenes zu seinem
-Eigenthum und zu seinem Werkzeuge für allerlei Gebrauch bekommen habe.
-Der natürliche Erfinder solcher Aufgaben ist zwar der Meister; es soll
-aber auch der geübtere Lehrling aufgefordert werden, dergleichen sich
-auszusinnen, und sie für sich oder für andere in Vorschlag zu bringen.
--- Es wird durch diese schriftlichen Ausarbeitungen zugleich die Kunst
-des schriftlichen Vortrages eines wissenschaftlichen Stoffes geübt, und
-es soll darum der Meister in der Beurtheilung auch über die Ordnung, die
-Bestimmtheit und die sinnliche Klarheit der Darstellung sich
-äussern.[25]
-
-
- §. 10.
- Vom Lehrlinge einer solchen Anstalt.
-
-Die äussern Bedingungen, wodurch derselbe theils zu Stande kommt, theils
-in seinem Zustande verharrt, sind die folgenden:
-
-1) ^Gehörige Vorbereitung auf der niederen Gelehrtenschule für die
-höhere.^ Welche Leistungen für die Bildung des Kopfs zur Wissenschaft
-der niederen Schule anzumuthen sind, haben wir schon oben (§. 6.)
-ersehen. Dies muss nun, wenn die höhere Schule mit sicherm Schritt
-einhergehen soll, von der niedern nicht wie bisher, wie gutes Glück und
-Ohngefähr es geben, sondern nach einem festen Plane, und so, dass man
-immer wisse, was gelungen sey und was nicht, geschehen. Die Verbesserung
-der höheren Lehranstalten setzt sonach die der niedern nothwendig
-voraus, wiewohl wiederum auch umgekehrt eine gründliche Verbesserung der
-letzten nur durch die Verbesserung der ersten, und indem auf ihnen die
-Lehrer der niedern Schule die ihnen jetzt grossentheils abgehende Kunst
-des Lehrens erlernen, möglich wird; dass daher schon hier erhellet, dass
-wir nicht mit Einem Schlage das Vollkommene werden hinstellen können,
-sondern uns demselben nur allmählig und in mancherlei Vorschritten
-werden annähern müssen.
-
-[Fußnote 25: Es dürfte vielleicht nicht überflüssig seyn, der Erwähnung
-solcher Aufgaben noch ausdrücklich die Bemerkung hinzuzufügen, dass
-nicht bloss in dem apriorischen Theile der Wissenschaft, sondern auch in
-ganz empirischen Scienzen solche, die Selbstthätigkeit des Auffassens
-erkundende, Aufgaben möglich seyen. In der Philologie, der Theologie u.
-s. w. ist ja wohlbekannt, dass diese Fächer der eignen Combinationsgabe
-und Conjecturalkritik ein fast unermessliches Feld darbieten, wobei,
-gesetzt auch die Ausbeute wäre nicht von Bedeutung, dennoch die
-Selbstthätigkeit des Geistes geübt und documentirt wird. Aber auch der
-Lehrer der Universalgeschichte könnte, meines Erachtens, ein nicht
-wirklich eingetretenes Ereigniss fingiren, mit der Aufgabe an sein
-Auditorium, zu zeigen, was bei diesem oder diesem von ihnen erlernten
-Zustande der Welt daraus am wahrscheinlichsten erfolgt seyn würde; oder
-der des römischen Rechts irgend einen Fall, mit der Aufgabe an sein
-Auditorium, das aus dem Ganzen der römischen Gesetzgebung hervorgehende,
-und in dasselbe organisch einpassende Gesetz für diesen Fall anzugeben.
-Es würde aus dem Versuche der Lösung dieser Aufgaben ohne Zweifel klar
-hervorgehen, zuvörderst, ob seine Zuhörer die Geschichte oder das
-römische Recht wirklich wüssten, sodann, ob und inwieweit sie diese
-Scienzen in ihrem Geiste durchdrungen, oder dieselben nur mechanisch
-auswendig gelernt hätten.]
-
-Zur Verbreitung höherer Klarheit über unsern Grundbegriff füge ich hier
-noch folgendes hinzu. Dass der für ein wissenschaftliches Leben
-bestimmte Jüngling zuvörderst mit dem allgemeinen Sprachschatze der
-wissenschaftlichen Welt, als dem Werkzeuge, vermittelst dessen allein
-er, so zu verstehen, wie sich verständlich zu machen vermag, vertraut
-werden müsse, ist unmittelbar klar. Diese positive Kenntniss der Sprache
-aber, so unentbehrlich sie auch ist, erscheint als leichte Zugabe, wenn
-wir bedenken, dass besonders durch Erlernung der Sprachen einer andern
-Welt, welche die Merkmale ganz anders zu Wortbegriffen gestaltet, der
-Jüngling über den Mechanismus, womit die angeborne moderne Sprache,
-gleichsam als ob es nicht anders seyn könnte, ihn fesselt, unvermerkt
-hinweggehoben, und im leichten Spiele zur Freiheit der Begriffebildung
-angeführt wird; ferner, dass beim Interpretiren der Schriftsteller er an
-dem leichtesten und schon fertig ihm hingelegten Stoffe lernt, seine
-Betrachtung willkürlich zu bewegen, dahin und dorthin zu richten für
-einen ihm bekannten Zweck, und nicht eher abzulassen in dieser Arbeit,
-als bis der Zweck erreicht dastehe. Es wird nun, um dieses Verhältnisses
-willen der ^niedern^ Kunst des wissenschaftlichen Verstandesgebrauches
-zu der ^höhern^, nothwendig seyn, dass die Schule in ihrem
-Sprachunterrichte also verfahre, dass nicht bloss der erste Zweck der
-historischen Sprachkenntniss, sondern zugleich auch der letzte der
-Verstandesbildung an ihr sicher, allgemein und für klare Documentation
-ausreichend erfüllt werde; dass z. B. der Schüler auf jeder Stufe des
-Unterrichts verstehen lerne, was er verstehen soll, vollkommen und bis
-zum Ende, und wissen lerne, ^ob^ er also verstanden, und den Beweis
-davon führen lerne; keinesweges aber, wie es bisher so oft geschehen,
-hierüber vom guten Glücke abhänge, und im Dunkeln tappe, indem sehr oft
-sein Lehrer selbst keinen rechten Begriff vom Verstehen überhaupt hat,
-und gar nicht weiss, welche Fragen alle müssen beantwortet werden
-können, wenn man sagen will, man habe z. B. eine Stelle eines Autors
-verstanden.
-
-Betreffend das Grundgerüst des vorhandenen wissenschaftlichen Stoffes,
-als das zweite Stück der nöthigen Vorbereitung, die der Schule zukommt,
-mache ich durch folgende Wendung mich klarer. Man hat wohl, um den
-Forderungen einer solchen geistigen Kunstbildung, wie sie auch in diesem
-Aufsatze gemacht werden, auszuweichen, die Bemerkung gemacht: eine
-solche besonnene Ausbildung der Geistesvermögen sey wohl bei den alten
-klassischen Völkern möglich gewesen, weil das sehr beschränkte Feld der
-positiven Kenntnisse, die sie zu erlernen gehabt, ihnen Zeit genug
-übriggelassen hätte; dagegen unsere Zeit und Vermögen durch das
-unermessliche Gebiet des zu Erlernenden gänzlich aufgezehrt werde, und
-für keine anderen Zwecke uns ein Theil derselben übrigbleibe. Als ob
-nicht vielmehr gerade darum, weil wir mit ihm weit mehr zu leisten
-haben, eine kunstmässige Ausbildung des Vermögens um so nöthiger würde,
-und wir nicht um so mehr auf Fertigkeit und Gewandtheit im Lernen
-bedacht seyn müssten, da wir eine so grosse Aufgabe des Lernens vor uns
-haben. In der That kommt jenes Erschrecken vor der Unermesslichkeit
-unsers wissenschaftlichen Stoffes daher, dass man ihn ohne einen
-ordnenden Geist und ohne eine mit Besonnenheit geübte Gedächtnisskunst,
-deren Hauptmittel jener ordnende Geist ist, erfasset; vielmehr blind
-sich hineinstürzt in das Chaos, und ohne Leitfaden in das Labyrinth, und
-so im Herumirren bei jedem Schritte Zeit verliert; also, dass die
-wenigen, welche in diesem ungeheuren Oceane, vom Versinken gerettet,
-noch oben schwimmen, beim Rückblicke auf ihren Weg erschrecken vor der
-eigenen Arbeit und dem gehabten Glücke, und, die noch immer vorhandenen
-Lücken in ihrem Wissen entdeckend, glauben, es habe ihnen nichts weiter
-gemangelt, denn ^Zeit^, -- da doch die ordnende Kunst, die sie nicht
-kennen, indem sie keinen Schritt vergebens thut, die Zeit ins Unendliche
-vervielfältigt und eine kurze Spanne von Menschenleben ausdehnt zu einer
-Ewigkeit. Wenn schon die erste Schule für den Anfänger nicht länger das
-fähige Gedächtniss des einen Knaben für einen glücklichen Zufall, das
-langsamere eines andern für ein unabwendbares Naturunglück halten,
-sondern lernen wird, das Gedächtniss sowohl überhaupt, als in seinen
-besonderen, für besondere Zweige passenden, Fertigkeiten kunstmässig zu
-entwickeln und zu bilden; wenn sie diesem Gedächtnisse erst ein ganz ins
-Kurze und Kleine gezogenes, aber lebendiges und klares Bild des Ganzen
-eines bestimmten wissenschaftlichen Stoffes (z. B. für die Geschichte
-ein allgemeines Bild der Umwandlungen im Menschengeschlechte durch die
-Hauptbegebenheiten der herrschenden Völker, neben einem Bilde von der
-allgemeinen Gestalt der Oberfläche des Erdbodens, als dem Schauplatze
-jener Umwandlungen 1) hingeben, und unaustilgbar fest in die innere
-Anschauung einprägen wird; sodann diese Bilder Tag für Tag wieder
-hervorrufen lassen, und sie allmählig, aber verhältnissmässig nach allen
-ihren Theilen, nach einer gewissen Regel der nothwendigen Folge der
-^Gesichtspuncte^, und so, dass kein einzelner zum Schaden der übrigen
-ungebührlich anwachse, vergrössern wird: so wird jenes Entsetzen vor der
-Unermesslichkeit gänzlich verschwinden, und die also gebildeten Köpfe
-werden leicht und sicher alles, was ihnen vorkommt, auf jene mit ihrer
-Persönlichkeit verwachsenen Grundbilder, jedes an seiner Stelle
-auftragen, nicht auf ein unbekanntes Weltmeer versprengt, sondern in
-ihrer väterlichen Wohnung die ihnen wohlbekannten Kammern mit Schätzen
-ausfüllend, die sie nach jedesmaligem Bedürfnisse wieder da hinwegnehmen
-können, wo sie dieselben vorher hingestellt.
-
-Somit fällt die Vorbereitung, welche der Lehrling einer höhern
-Kunstschule auf der niedern erhalten haben muss, die Rechenschaft, die
-er vor der Aufnahme von seiner Tüchtigkeit zu geben hat, und die
-Vollkommenheit, bis zu welcher die niedere Schule verbessert werden
-muss, zu folgenden zwei Stücken zusammen. Zuvörderst muss der Adspirant
-eine seinen Fähigkeiten angemessene, ihm vorgelegte Stelle eines Autors
-in gegebener Zeit gründlich verstehen lernen, und den Beweis führen
-können, dass er sie recht verstehe, indem sie gar nicht anders
-verstanden werden könne. Sodann muss er zeigen, dass er ein allgemeines
-Bild des gesammten wissenschaftlichen Stoffes, erhoben und bereichert
-bis zu derjenigen Potenz des Gesichtspunctes, an welche die höhere
-Schule ihren Unterricht anknüpft, in freier Gewalt und zu beliebigem
-Gebrauche als sein Eigenthum besitze.
-
-2) ^Aufgehen seines gesammten Lebens in seinem Zwecke, darum Absonderung
-desselben von aller andern Lebensweise, und vollkommene Isolirung.^ Der
-Sohn eines Bürgers, welcher ein bürgerliches Gewerbe treibt, besucht
-vielleicht auch des Tages mehrere Stunden eine gute Bürgerschule, worin
-mancherlei gelehrt wird, das die gelehrte Schule gleichfalls vorträgt.
-Dennoch ist die Schule nicht der Sitz seines wahren, eigentlichen
-Lebens, und er ist nicht daselbst zu Hause, sondern sein wahres Leben
-ist sein Familienleben, und der Beistand, den er seinen Eltern in ihrem
-Gewerbe leistet; die Schule aber ist Nebensache und blosses Mittel für
-den bessern Fortgang des bürgerlichen Gewerbes, als den eigentlichen
-Zweck. Dem Gelehrten aber muss die Wissenschaft nicht Mittel für irgend
-einen Zweck, sondern sie muss ihm selbst Zweck werden; er wird einst,
-als vollendeter Gelehrter, in welcher Weise er auch künftig seine
-wissenschaftliche Bildung im Leben anwende, in jedem Falle allein in der
-Idee die Wurzel seines Lebens haben, und nur von ihr aus die
-Wirklichkeit erblicken, und nach ihr sie gestalten und fügen,
-keinesweges aber zugeben, dass die Idee nach der Wirklichkeit sich füge;
-und er kann nicht zu früh in dieses sein eigenthümliches Element sich
-hineinleben und das widerwärtige Element abstossen.
-
-Es ist eine bekannte Bemerkung, dass bisher auf Universitäten, die in
-einer kleinern Stadt errichtet waren, bei einigem Talente der Lehrer,
-sehr leicht ein allgemeiner wissenschaftlicher Geist und Ton unter den
-Studirenden sich erzeugt habe, was in grössern Städten selten oder
-niemals also gelungen. Sollten wir davon den Grund angeben, so würden
-wir sagen, dass es deswegen also erfolge, weil in dem ersten Falle die
-Studirenden auf den Umgang unter sich selber, und den Stoff, den dieser
-zu gewähren vermag, eingeschränkt werden; dagegen sie im zweiten Falle
-immerfort verfliessen in die allgemeine Masse des Bürgerthums, und
-zerstreut werden über den gesammten Stoff, den dieses liefert, und so
-das Studiren ihnen niemals zum eigentlichen Leben, ausser welchem man
-ein anderes gar nicht an sich zu bringen vermag, sondern wo es noch am
-besten ist, zu einer Berufspflicht wird. Jener bekannte Einwurf gegen
-grosse Universitätsstädte, dass in ihnen die Studirenden von einem
-Hörsaale zum andern weit zu gehen hätten, möchte sonach nicht der
-tiefste seyn, den man vorbringen könnte, und er möchte sich eher
-beseitigen lassen, als das höhere Uebel der Verschmelzung des
-studirenden Theiles des gemeinen Wesens mit der allgemeinen Masse des
-gewerbtreibenden oder dumpfgeniessenden Bürgerthumes; indem, ganz davon
-abgesehen, dass bei einem solchen nur als Nebensache getriebenen
-Studiren wenig oder nichts gelernt wird, auf diese Weise die ganze Welt
-verbürgern, und eine über die Wirklichkeit hinausliegende Ansicht der
-Wirklichkeit, bei welcher allein die Menschheit Heilung finden kann
-gegen jedes ihrer Uebel, ausgetilgt werden würde in dem
-Menschengeschlechte; und mehr als jemals würde hierauf Rücksicht zu
-nehmen seyn in einem solchen Zeitalter, welches in dringendem Verdachte
-einer beinahe allgemeinen Verbürgerung steht.
-
-3) ^Sicherung vor jeder Sorge um das Aeussere, vermittelst einer
-angemessenen Unterhaltung fürs Gegenwärtige, und Garantie einer
-gehörigen Versorgung in der Zukunft.^ Dass das Detail der kleinen
-Sorgfältigkeiten um die täglichen Bedürfnisse des Lebens zum Studiren
-nicht passt; dass Nahrungssorgen den Geist niederdrücken; Nebenarbeiten
-ums Brot die Thätigkeit zerstreuen, und die Wissenschaft als einen
-Broterwerb hinstellen; Zurücksetzung von Begüterten Dürftigkeits halber,
-oder die Demuth, der man sich unterzieht, um jener Zurücksetzung
-auszuweichen, den Charakter herabwürdigen: dieses alles ist, wenn auch
-nicht allenthalben sattsam erwogen, denn doch ziemlich allgemein
-zugestanden. Aber man kann von demselben Gegenstande auch noch eine
-tiefere Ansicht nehmen. Es wird nemlich ohnedies gar bald sehr klar die
-Nothwendigkeit sich zeigen, dass im Staate, und besonders bei den
-höheren Dienern desselben, recht fest einwurzele die Denkart, nach
-welcher man nicht der Gesellschaft dienen will, um leben zu können,
-sondern leben mag, allein um der Gesellschaft dienen zu können, und in
-welcher man durch kein Erbarmen mit dem eigenen, oder irgend eines
-Anderen, Lebensgenusse bewegt wird, zu thun, zu rathen, oder, wo man
-hindern könnte, zuzulassen, was nicht auch gänzlich ohne diese Rücksicht
-durch sich selber sich gebührt; aber es kann diese Denkart Wurzel fassen
-nur in einem durch das Leben in der Wissenschaft veredelten Geiste.
-Mächtig aber wird dieser Veredelung und dieser Unabhängigkeit von der
-erwähnten Rücksicht vorgearbeitet werden, wenn die künftigen Gelehrten,
-aus deren Mitte ja wohl die Staatsämter werden besetzt werden, von
-früher Jugend an gewöhnt werden, die Bedürfnisse des Lebens nicht als
-Beweggrund irgend einer Thätigkeit, sondern als etwas, das für sich
-selbst seinen eigenen Weg geht, anzusehen, indem es ihnen, sogar ohne
-Rücksicht auf ihren gegenwärtigen zweckmässigen Fleiss, der aus der
-Liebe zur Sache hervorgehen soll, zugesichert ist.
-
-
- §. 11.
- Wie muss der Lehrer an einer solchen Anstalt beschaffen seyn,
- und ausgestattet?
-
-Zuvörderst, wie sich von selbst versteht, indem keiner lehren kann, was
-er selbst nicht weiss, muss er sich im Besitze der Wissenschaft
-befinden, und zwar auf die oben angegebene Weise, als freier Künstler,
-so dass er sie zu jedem gegebenen Zwecke anzuwenden und in jede mögliche
-Gestalt hinüberzubilden vermöge. Aber auch diese Kunstfertigkeit muss
-ihn nicht etwa mechanisch leiten, und bloss als natürliches Talent und
-Gabe ihm beiwohnen, sondern er muss auch sie wiederum mit klarem
-Bewusstseyn durchdrungen haben, bis zur Erkenntniss im Allgemeinen
-sowohl, als in den besonderen individuellen Bestimmungen, die sie bei
-Einzelnen annimmt, indem er ja jeden Schüler dieser Kunst soll
-beobachten, beurtheilen und leiten können.
-
-Aber sogar dieses klare Bewusstseyn und dieses Auffassen der
-wissenschaftlichen Kunst, als eines organischen Ganzen, reicht ihm noch
-nicht hin, denn auch dieses könnte, wie alles blosse Wissen, todt seyn,
-höchstens bis zur historischen Niederlegung in einem Buche ausgebildet.
-Er bedarf noch überdies für die wirkliche Ausübung der Fertigkeit, jeden
-Augenblick diejenige Regel, die hier Anwendung findet, hervorzurufen,
-und der Kunst, das Mittel ihrer Anwendung auf der Stelle zu finden. Zu
-diesem hohen Grade der Klarheit und Freiheit muss die wissenschaftliche
-Kunst sich in ihm gesteigert haben. Sein Wesen ist die Kunst, den
-wissenschaftlichen Künstler selber zu bilden, welche Kunst eine
-Wissenschaft der wissenschaftlichen Kunst auf ihrer ersten Stufe
-voraussetzt, für deren Möglichkeit wiederum der eigene Besitz dieser
-Kunst auf der ersten Stufe vorausgesetzt wird; in dieser Vereinigung und
-Folge sonach besteht das Wesen eines Lehrers an einer Kunstschule des
-wissenschaftlichen Verstandesgebrauchs.
-
-Das Princip, durch welches die wissenschaftliche Kunst zu dieser Höhe
-sich steigert, ist die Liebe zur Kunst.
-
-Dieselbe Liebe ist es auch, die die wirklich entstandene Kunst der
-Künstlerbildung immerfort von neuem beleben, und in jedem besonderen
-Falle sie anregen und sie auf das Rechte leiten muss. Sie ist, wie alle
-Liebe, göttlichen Ursprungs und genialischer Natur, und erzeugt sich
-frei aus sich selber; für sie ist die übrige wissenschaftliche
-Kunstbildung ein sicher zu berechnendes Product, sie selbst aber, die
-Kunst dieser Kunstbildung, lässt sich nicht jederman anmuthen, noch
-lässt sie selbst da, wo sie war, sich erhalten, falls ihr freier
-Geniusflügel sich hinwegwendet.
-
-Diese Liebe jedoch pflanzt auf eine unsichtbare Weise sich fort, und
-regt unbegreiflich den Umkreis an. Nichts gewährt höheres Vergnügen, als
-das Gefühl der Freiheit und zweckmässigen Regsamkeit des Geistes, und
-des Wachsthums dieser Freiheit, und so entsteht das liebevollste und
-freudenvollste Leben des Lehrlings in diesen Uebungen, und in dem Stoffe
-derselben.
-
-Diese Liebe für die Kunst ist in Beziehung auf andere ^achtend^, und
-richtet vom Lehrer, als dem eigentlichen Focus, ausgegangen mit dieser
-Achtung aus dem Individuum heraus sich auf die anderen, welche
-gemeinschaftlich mit ihm diese Kunst treiben, und zieht jeden hin zu
-allen übrigen, wodurch die §. 8 geforderte wechselseitige Mittheilung
-Aller, und die Verschmelzung der Einzelnen zu einem lernenden
-organischen Ganzen, wie es gerade nur aus diesen lernenden Individuen
-sich bilden kann, entstehet, deren Möglichkeit noch zu erklären war.
-
-(Ein geistiges Zusammenleben, das ^zunächst^ der schnelleren,
-fruchtbareren und in den Formen sehr vielseitigen Geistesentwickelung,
-^später^ im bürgerlichen Leben der Entstehung eines Corps von
-Geschäftsleuten dient, in welchem nicht, wie bisher, der eigentliche
-Gelehrte, der dem Geschäftsmanne für einen Quer- und verrückenden Kopf
-gilt, diesem meist mit Recht den stumpfen Kopf und den empirischen
-Stümper zurückgiebt, -- sondern, die einander frühzeitig durchaus kennen
-und achten gelernt haben, und die von einer Allen gleichbekannten und
-unter ihnen gar nicht streitigen Basis in allen ihren Berathungen
-ausgehen.)
-
-
- §. 12.
-
-Diese Kunst der wissenschaftlichen Künstlerbildung, falls sie etwa in
-irgend einem Zeitalter zum deutlichen Bewusstseyn hervorbrechen und zu
-irgend einem Grade der Ausübung gedeihen sollte, muss, in Absicht ihrer
-Fortdauer und ihres Erwachsens zu höherer Vollkommenheit, keinesweges
-dem blinden Ohngefähr überlassen werden; sondern es muss, und dieses am
-schicklichsten an der schon bestehenden Kunstschule selbst, eine feste
-Einrichtung getroffen werden, dieselbe mit Besonnenheit und nach einer
-festen Regel zu erhalten, und zu höherer Vollkommenheit zu bilden;
-wodurch diese Kunstschule, so wie jedes mit wahrhaftem Leben existirende
-Wesen soll, ihre ewige Fortdauer verbürgen würde.
-
-Sie ist, wie oben gesagt, selbst der höchste Grad der wissenschaftlichen
-Kunst, erfordernd die höchste Liebe und die höchste Fertigkeit und
-Geistesgewandtheit. Es ist darum klar, dass sie nicht allen angemuthet
-werden könne, wie man denn auch nur weniger, die sie ausüben, bedarf;
-aber sie muss allen angeboten und mit ihnen der Versuch gemacht werden,
-damit man sicher sey, dass nirgends dieses seltene Talent, aus Mangel an
-Kunde seiner, ungebraucht verloren gehe.
-
-Für diesen Zweck wäre demnach der Lehrling, doch ohne Ueberspringen und
-nach erlangter hinlänglicher Gewandtheit in den niederen Graden der
-Kunst, zur Ausübung aller der oben erwähnten Geschäfte des Lehrers
-anzuhalten, unter Aufsicht und mit der Beurtheilung des eigentlichen
-Lehrers, so wie der anderen, in demselben Grade befindlichen Lehrlinge.
-So denselben Weg zurücklegend unter der Leitung des schon geübten
-Lehrers, und vertraut gemacht mit dessen Kunstgriffen, welchen Weg der
-Lehrer selbst, von keinem geholfen und im Dunkeln tappend, gehen musste,
-wird dieser Lehrling es ohne Zweifel noch viel weiter bringen in geübter
-und klarer Kunst, denn sein Lehrer, und einst selber nach demselben
-Gesetze eine noch geübtere und klarere Generation hinterlassen.
-
-(Es geht hieraus hervor, dass eine solche Pflanzschule
-wissenschaftlicher Künstler überhaupt, nach den verschiedenen Graden
-dieser Kunst, auf ihrer höchsten Spitze ein Professor-Seminarium seyn
-würde, und also genannt werden könnte. Man hat homiletische Uebungen
-gehabt, um zur Kunst des Vortrages für das Volk, man hat
-Schullehrer-Seminaria gehabt, um den Vortrag für die niedere Schule zu
-bilden; an eine besondere Uebung oder Prüfung in der Kunst des
-akademischen Vortrages aber hat unseres Wissens niemand gedacht, gleich
-als ob es sich von selbst verstände, dass man, was man nur wisse, auch
-werde sagen können: zum schlagenden Beweise, dass man mit deutlichem
-Bewusstseyn, so weit dieses in dieser Region gedrungen, mit der
-Universität durchaus nichts mehr beabsichtigt, als dem gedruckten
-Buchwesen noch ein zweites redendes Buchwesen an die Seite zu setzen;
-wodurch unsere Rede wieder in ihren Ausgangspunct hineinfällt, zum
-Beweise, dass sie ihren Kreis durchlaufen hat.
-
-
- §. 13.
- Corollarium.
-
-Der bis hierher entwickelte Begriff, selbst angesehen in einem
-wissenschaftlichen Ganzen, giebt der Kunst der Menschenbildung oder der
-Pädagogik den Gipfel, dessen sie bisher ermangelte. Ein anderer Mann hat
-in unserem Zeitalter die ebenfalls vorher ermangelnde Wurzel derselben
-Pädagogik gefunden. Jener Gipfel macht möglich die höchste und letzte
-Schule der wissenschaftlichen Kunst; diese Wurzel macht möglich die
-erste und allgemeine Schule des Volks, das letzte Wort nicht für Pöbel
-genommen, sondern für die Nation. Der mittlere Stamm der Pädagogik ist
-die niedere Gelehrtenschule.
-
-Aber der Gipfel ruht fest nur auf dem Stamme, und dieser zieht seinen
-Lebenssaft nur aus der Wurzel; alle insgesammt haben nur an-, in- und
-durcheinander Leben und versicherte Dauer. Ebenso verhält es sich auch
-mit der höheren und der niederen Gelehrtenschule, und mit der
-Volksschule. Wir unseres Ortes, die wir die erstere beabsichtigen,
-gehen, so gut wir es unter diesen Umständen vermögen, aus unserem
-besonderen und abgeschnittenen Mittelpuncte aus, unseren Weg fort, nur
-auf die niedere Gelehrtenschule, mit der wir allernächst zusammenhängen,
-und ohne deren Beihülfe wir nicht füglich auch nur einen Anfang machen
-können, die nöthige Rücksicht nehmend. Ebenso geht ihres Orts, und
-unser, die wir nur selbst erst unser eigenes Daseyn suchen, unserer
-Hülfe und unseres leitenden Lichtes entbehrend, die allgemeine Pädagogik
-ihren Weg fort, so gut sie es vermag. Aber arbeiten wir nur redlich
-fort, jeder an seinem Ende: wir werden mit der Zeit zusammenkommen, und
-insgesammt in einander eingreifen; denn jedweder Theil, der nur in sich
-selber etwas Rechtes ist, ist Theil zu einem grösseren ewigen Ganzen,
-das in der Erscheinung nur aus der Zusammenfügung der einzelnen Theile
-zusammentritt. Da aber, wo wir zusammenkommen werden, wird der armen,
-jetzt in ihrer ganzen Hülfslosigkeit dastehenden Menschheit Hülfe und
-Rettung bereit seyn; denn diese Rettung hängt lediglich davon ab, dass
-die Menschenbildung im Grossen und Ganzen aus den Händen des blinden
-Ohngefährs unter das leuchtende Auge einer besonnenen Kunst komme.
-
-Diese Einsicht und das Bewusstseyn, dass uns ein grosser Moment gegeben
-ist, der, ungenutzt verstrichen, nicht leicht wiederkehrt, bringe
-heiligen Ernst und Andacht in unsere Berathungen.
-
-
- Anmerkung.
-
-Da man oft unerwartet auf Verkennung jenes höchsten Grundsatzes alles
-unseres Lebens und Treibens stösst, so ist es vielleicht nicht
-überflüssig, hierüber noch einige Worte hinzuzufügen.
-
-Ein blindes Geschick hat die menschlichen Angelegenheiten erträglich,
-und obgleich langsam, dennoch zu einiger Verbesserung des ganzen
-Zustandes geleitet, so lange in diese Dunkelheit das gute und böse
-Princip in der Menschheit gemeinschaftlich und mit einander verwachsen
-eingehüllt war. Diese Lage der Dinge hat sich verändert, durch diese
-Veränderung ist eben ein durchaus neues Zeitalter, gegen dessen
-Anerkenntniss man sich noch so häufig sträubt, und es sind durchaus neue
-Aufgaben an die Zeit entstanden. Das böse Princip hat nemlich aus jener
-Mischung sich entbunden zum Lichte; es ist sich selbst vollkommen klar
-geworden, und schreitet frei und besonnen und ohne alle Scheu und Scham
-vorwärts. Klarheit siegt allemal über die Dunkelheit; und so wird denn
-das böse Princip ohne Zweifel Sieger bleiben so lange, bis auch das gute
-sich zur Klarheit und besonnenen Kunst erhebt.
-
-In allen menschlichen Verhältnissen, besonders aber in der
-Menschenbildung, ist das Alte und Hergebrachte das Dunkele; eine Region,
-die mit dem klaren Begriffe zu durchdringen und mit besonnener Kunst zu
-bearbeiten man Verzicht leistet, und aus welcher herab man den Segen
-Gottes ohne sein eigenes Zuthun erwartet. Setzt man in diesem
-Glaubenssysteme jenem göttlichen Segen etwa noch eine menschliche
-Direction und Oberaufsicht an die Seite, so ist das eine blosse
-Inconsequenz. Das Alte ist ja jedermänniglich bekannt, diesem soll
-gefolgt werden, es giebt darum keine Pläne auszudenken; der Erfolg kommt
-von oben herab, und keine menschliche Klugheit kann hier etwas
-ausrichten; es giebt darum auch nichts zu leiten, und die Oberaufsicht
-ist ein völlig überflüssiges Glied. Nur in dem Falle, dass Behauptungen,
-wie die unsrige, von freier und besonnener Kunst sich vernehmen liessen
-und einen Einfluss begehrten, erhielte sie eine Bestimmung, die, der
-Neuerung sich kräftig zu widersetzen, und festzuhalten über dem alten
-hergebrachten Dunkel.
-
-Es ist nicht zu hören, wenn die Sicherheit dieses alten und
-ausgetretenen Weges gepriesen, dagegen das Unsichere und Gewagte aller
-Neuerungen gefürchtet wird. Bleibt man beim Alten, so wird der Erfolg
-schlecht seyn, darauf kann man sich verlassen; denn es kann, nachdem die
-Welt einmal ist, wie sie ist, aus dem Dunkeln nichts Anderes mehr
-hervorgehen, denn Böses. Hofft man etwa dabei das zu gewinnen, dass man
-sich sagen könne, man habe das Böse wenigstens nicht durch sein thätiges
-Handeln herbeigeführt, es sey eben von selbst gekommen, und man würde
-nichts dagegen gehabt haben, wenn statt dessen das Gute gekommen wäre?
-Man muss leicht zu trösten seyn, wenn man damit sich beruhigt. Und warum
-sollte es denn ein so grosses Wagstück seyn, nach einem klaren und
-festen Begriffe einherzugehen? Wagen wird man allein in den beiden
-Fällen, wenn man entweder seines Begriffes nicht Meister ist, oder nicht
-schon im voraus entschlossen, sein Alles an die Ausführung desselben zu
-setzen. Aber nichts nöthigt uns, uns in einem dieser beiden Fälle zu
-befinden.
-
-Am wenigsten würden wir den Grundbegriff von einer Universität gelten
-lassen, dass dieselbe sey keinesweges eine Erziehungsanstalt, deren
-unfehlbaren Erfolg man soviel möglich sichern müsse, sondern eine im
-Grunde überflüssige und nur als freie Gabe zu betrachtende
-Bildungsanstalt, die jeder, der in der Lage sey, mit Freiheit gebrauchen
-könne, wie er eben wolle. Giebt es solche Anstalten, als da etwa wäre
-das Werkmeistersche Museum u. dergl., so können dieselben nur seyn für
-weise Männer und gemachte Bürger, die in Absicht einer persönlichen
-Bestimmung und eines festen Berufes mit dem Staate sich schon abgefunden
-haben, keinesweges für Jünglinge, die einen Beruf noch suchen. Auch hat
-bisher der Staat, -- und dies ist auch ein Altes und Wohlhergebrachtes,
-bei welchem es ohne Zweifel sein Bewenden wird haben müssen, -- es hat
-der Staat allerdings auf die Universitäten gerechnet, als eine
-nothwendige und bisher durch nichts Anderes ersetzte Erziehungsanstalt
-eines Standes, an dem ihm viel gelegen ist: und es wäre zu erwarten, was
-erfolgen würde, wenn nur drei Jahre hintereinander es der Freiheit aller
-Studirenden gefiele, die Universität nicht auf die rechte Weise zu
-benutzen. Oder soll man voraussetzen, dass es mitten in unseren
-gebildeten Staaten noch einen Haufen von Menschen gebe, deren
-angeborenes Privilegium dies ist, dass kein Mensch Anspruch auf ihre
-Kräfte und die Bildung derselben habe, und denen es freistehen muss, ob
-sie zu etwas oder zu nichts taugen wollen, weil sie ausserdem zu leben
-haben? Soll für diese vielleicht jene freie und auf gar nichts rechnende
-Bildungsanstalt angelegt werden, damit sie, wenn sie wollen, hier die
-Mittel erwerben, ihr einstiges müssiges Leben mit weniger Langeweile
-hinzubringen? Alles zugegeben, möchten wenigstens diese Klassen selbst
-für die Befriedigung dieses ihres Bedürfnisses sorgen; aber dem Staate
-liessen die Kosten einer solchen Anstalt sich keinesweges aufbürden.
-
-
-
-
- Zweiter Abschnitt.
- Wie unter den gegebenen Bedingungen der Zeit und des Orts der
- aufgegebene Begriff realisirt werden könne.
-
-
- §. 14.
-
-Soll unsere Lehranstalt keinesweges etwa eine in sich selbst
-abgeschlossene Welt bilden, sondern soll sie eingreifen in die wirklich
-vorhandene Welt, und soll sie insbesondere das gelehrte Erziehungswesen
-dieser Welt umbilden, so muss sie sich anschliessen an dasselbe, so wie
-es ist und sie dasselbe vorfindet. Dieses muss ihr erster Standpunct
-seyn; dies der von ihr anzueignende und durch sie zu organisirende
-Stoff; sie aber das geistige Ferment dieses Stoffes. Sie muss sich
-erzeugen und sich fortbilden innerhalb einer gewöhnlichen Universität,
-weil wir dies nicht vermeiden können, so lange bis die letztere in die
-erste aufgehend gänzlich verschwinde: keinesweges aber müssen wir von
-dem Gedanken ausgehen, dass wir eine ganz gewöhnliche Universität und
-nichts weiter bilden wollen.
-
-
- §. 15.
-
-Diese nothwendige Stätigkeit des Fortgangs in der Zeit sogar
-abgerechnet, vermögen wir in dieses Vorhabens Ausführung um so weniger
-anders, denn also zu verfahren, da die freie ^Kunst der besonderen
-Wissenschaft sowohl überhaupt, als in ihren einzelnen Fächern^ dermalen
-noch gar nicht also vorhanden ist, dass sie sicher und nach einer Regel
-aufbehalten und fortgepflanzt werden könnte; sondern diese freie Kunst
-der ^besonderen^ Wissenschaft erst selber in der schon vorhandenen
-Kunstschule zu deutlichem Bewusstseyn und zu geübter Fertigkeit erhoben
-werden, und so die Kunstschule einem ihrer wesentlichen Theile nach sich
-selber erst erschaffen muss. So nun nicht wenigstens der Ausgangspunct
-dieser Kunst in der Wissenschaft überhaupt, und unabhängig von dem
-Vorhandenseyn der Schule, irgendwo und irgendwann zu existiren
-vermöchte, so würde es niemals zu einer solchen Kunstschule, ja sogar
-nicht zu dem Gedanken und der Aufgabe derselben kommen.
-
-
- §. 16.
-
-Mit diesem Ausgangspuncte der wissenschaftlichen Kunst verhält es sich
-nun also. Kunst wird (§. 4) dadurch erzeugt, dass man deutlich versteht,
-^was^ man und ^wie^ man es macht. Die besondere Wissenschaft aber ist in
-allen ihren einzelnen Fächern ein besonderes Machen und Verfahren mit
-dem Geistesvermögen; und man hat dies von jeher anerkannt, wenn man z.
-B. vom historischen Genie, Tact und Sinne, oder von Beobachtungsgabe u.
-dergl., als von besonderen, ihren eigenthümlichen Charakter tragenden
-Talenten gesprochen. Nun ist ein solches Talent allemal Naturgabe, und
-da es ein besonderes Talent ist, so ist der Besitzer desselben eine
-besondere und auf diesen Standpunct beschränkte Natur, die nicht
-wiederum über diesen Punct sich erheben, ihn frei anschauen, ihn mit dem
-Begriffe durchdringen und so aus der blossen Naturgabe eine freie Kunst
-machen könnte. Und so würde denn die besondere Wissenschaft entweder gar
-nicht getrieben werden können, weil es an Talent fehlte, oder, wo sie
-getrieben würde, könnte es, eben weil dazu Talent, das eben nur Talent
-sey, gehört, niemals zu einer besonnenen Kunst derselben kommen. So ist
-es denn auch wirklich. Der Geist jeder besonderen Wissenschaft ist ein
-beschränkter und beschränkender Geist, der zwar in sich selber lebt und
-treibet, und köstliche Früchte gewährt, der aber weder sich selbst, noch
-andere Geister ausser ihm zu verstehen vermag. Sollte es nun doch zu
-einer solchen Kunst in der besonderen Wissenschaft kommen, so müsste
-dieselbe, unabhängig von ihrer Ausübung, und noch ehe sie getrieben
-würde, verstanden, d. i. die Art und Weise der geistigen Thätigkeit,
-deren es dazu bedarf, erkannt werden, und so der allgemeine ^Begriff^
-ihrer Kunst der ^Ausübung^ dieser Kunst selbst vorhergehen können. Nun
-ist dasjenige, was die ^gesammte^ geistige Thätigkeit, mithin auch alle
-besonderen und weiter bestimmten Aeusserungen derselben wissenschaftlich
-erfasst, die Philosophie: von philosophischer Kunstbildung aus müsste
-sonach den besonderen Wissenschaften ihre Kunst gegeben, und das, was in
-ihnen bisher blosse, vom guten Glücke abhängende Naturgabe war, zu
-besonnenem Können und Treiben erhoben werden; der Geist der Philosophie
-wäre derjenige, welcher zuerst sich selbst, und sodann in sich selber
-alle anderen Geister verstände; der Künstler in einer besonderen
-Wissenschaft müsste vor allen Dingen ein philosophischer Künstler
-werden, und seine besondere Kunst wäre lediglich eine weitere Bestimmung
-und einzelne Anwendung seiner allgemeinen philosophischen Kunst.
-
-(Dies dunkel fühlend hat man, wenigstens bis auf die letzten durch und
-durch verworrenen und seichten Zeiten, geglaubt, dass alle höhere
-wissenschaftliche Bildung von der Philosophie ausgehen, und dass auf
-Universitäten die philosophischen Vorlesungen von Allen und zuerst
-gehört werden müssten. Ferner hat man in den besonderen Wissenschaften
-z. B. von philosophischen Juristen oder Geschichtsforschern oder Aerzten
-gesprochen, und man wird finden, dass von denen, welche sich selber
-verstanden, immer diejenigen mit dieser Benennung bezeichnet wurden, die
-mit der grössten Fertigkeit und Gewandtheit ihre Wissenschaft vielseitig
-anzuwenden wussten, sonach die ^Künstler^ in der Wissenschaft. Denn
-diejenigen, welche ^a priori^ phantasirten, wo es galt Facta
-beizubringen, sind ebenso, wie diejenigen, die sich auf die wirkliche
-Beschaffenheit der Dinge beriefen, wo das apriorische Ideal dargestellt
-werden sollte, von den Verständigen mit der gebührenden Verachtung
-angesehen worden.)
-
-
- §. 17.
-
-Die erste und ausschliessende Bedingung der Möglichkeit, eine
-wissenschaftliche Kunstschule zu errichten, würde demnach diese seyn,
-dass man einen Lehrer fände, der da fähig wäre, das Philosophiren selber
-als eine Kunst zu treiben, und der es verstände, eine Anzahl seiner
-Schüler zu einer bedeutenden Fertigkeit in dieser Kunst zu erheben, mit
-welcher nun einige dieser wiederum den ihnen anderwärts herzugebenden
-positiven Stoff der besonderen Wissenschaften durchdrängen, und sich
-auch in diesen zu Künstlern bildeten; von welchen letzteren wiederum
-diejenigen, die es zu dem Grade der Klarheit dieser Kunst gebracht
-hätten, dass sie selbst Künstler zu bilden vermöchten, ihre Kunst
-fortpflanzten. Nachdem dieses Letztere über das ganze Gebiet der
-Wissenschaften möglich geworden, in einer solchen Ausdehnung, dass man
-auf die sichere Fortpflanzung der gesammten wissenschaftlichen Kunst bis
-ans Ende der Tage rechnen könnte: alsdann stände die beabsichtigte
-wissenschaftliche Kunstschule da, und wäre errichtet.
-
-
- §. 18.
-
-Dieser philosophische Künstler muss, beim Beginnen der Anstalt, ein
-einziger seyn, ausser welchem durchaus kein anderer auf die Entwickelung
-des Lehrlings zum Philosophiren Einfluss habe. Wer dagegen einwenden
-wollte, dass es, um die Jünglinge vor Einseitigkeit und blindem Glauben
-an Einen Lehrer zu verwahren, auf einer höheren Lehranstalt vielmehr
-eine Mannigfaltigkeit der Ansichten und Systeme, und eben darum der
-Lehrer geben müsse, würde dadurch verrathen, dass er weder von der
-Philosophie überhaupt, noch vom Philosophiren, als einer Kunst, einen
-Begriff habe. Denn obwohl, falls es Gewissheit giebt und dieselbe dem
-Menschen erreichbar ist (wer über diesen Punct sich noch in Zweifel
-befände, der wäre nicht ausgestattet, um mit uns über die Einrichtung
-eines ^wissenschaftlichen^ Instituts zu berathschlagen), der Lehrer, den
-wir suchen, selber in sich seiner Sache gewiss seyn und ein System haben
-muss, indem im entgegengesetzten Falle er mit seinem Philosophiren nicht
-zu Ende gekommen wäre, mithin die ganze Kunst des Philosophirens nicht
-einmal selber ausgeübt hätte und so durchaus unfähig wäre, dieselbe in
-ihrem ganzen Umfange mit Bewusstseyn zu durchdringen, und sie anderen
-mitzutheilen, und wir uns daher in der Wahl der Person vergriffen hätten
--- obwohl, sage ich, dies also ist, so wird er dennoch in seinem
-Bestreben, selbstthätige, die Gewissheit in sich selbst erzeugende und
-das System selbst erfindende Künstler zu bilden, nicht von seinem
-Systeme, noch überhaupt von irgend einer positiven Behauptung
-^ausgehen^; sondern nur ihr systematisches Denken anregen, freilich in
-der sehr natürlichen Voraussetzung, dass sie am Ende desselben bei
-demselben Resultate ankommen werden, bei dem auch er angekommen, und
-dass, wenn sie bei einem anderen ankommen, irgendwo in der Ausübung der
-Kunst ein Fehler begangen worden. Wäre irgend ein anderer neben ihm, der
-ihm widerspräche, so müsste dieser etwas ^behaupten^; liesse er sich
-verleiten, dem Widerspruche zu widersprechen, so müsste nun auch er
-behaupten, und es entstände Polemik. Wo aber Polemik ist, da ist Thesis,
-und wo Thesis ist, da wird nicht mehr thätig philosophirt, sondern es
-wird nur das Resultat des, so Gott will, vorher ausgeübten thätigen
-Philosophirens historisch erzählt; somit hebt die Polemik das Wesen
-einer philosophischen Kunstschule gänzlich auf, und es ist ihr darum
-aller Eingang in diese abzuschneiden. --
-
-(Dieselbe Unbekanntschaft mit dem Wesen der Philosophie würde verrathen
-eine andere Bemerkung, die folgende: es müsse auf einer solchen Anstalt
-die Vollständigkeit der sogenannten philosophischen Wissenschaften
-beabsichtigt werden, und dies, da sie einem Einzigen nicht wohl
-anzumuthen sey, werde eine Mehrheit der Lehrer der Philosophie
-verlangen. Denn wenn nur wirklich der philosophische Geist und die Kunst
-des Philosophirens entwickelt ist, so wird ganz von selbst diese sich
-über die gesammte Sphäre des Philosophirens ausbreiten, und diese in
-Besitz nehmen; sollte aber für andere, an welchen das Streben, sie in
-diese Kunst einzuweihen, mislingt, die wir aber dennoch, aus Mangel
-besserer Subjecte, in den bürgerlichen Geschäften anstellen und brauchen
-müssten, irgend ein historisch zu erlernender ^philosophischer
-Katechismus^, als Rechtslehre, Moral u. dergl. nöthig seyn, so wird ja
-wohl dieser in gedruckten Büchern irgendwo vorliegen, an deren eigenes
-Studium auch hier, so wie in den anderen Fächern, dergleichen Subjecte
-vom Lehrer der Philosophie hingewiesen, und erforderlichenfalles darüber
-examinirt würden.)
-
-
- §. 19.
-
-Mit diesem also entwickelten philosophischen Geiste, als der reinen Form
-des Wissens, ^müsste nun der gesammte wissenschaftliche Stoff in seiner
-organischen Einheit^ auf der höheren Lehranstalt aufgefasst und
-durchdrungen werden, also dass man genau wüsste, was zu ihm gehöre oder
-nicht, und so die strenge Grenze zwischen Wissenschaft und
-Nichtwissenschaft gezogen würde; dass man ferner das organische
-Eingreifen der Theile dieses Stoffes ineinander, und das gegenseitige
-Verhältniss derselben unter sich allseitig verstände, damit man daraus
-ermessen könnte, ob dieser Stoff am Lehrinstitute vollständig bearbeitet
-werde, oder nicht; in welcher ^Folge^ oder ^Gleichzeitigkeit^ am
-vortheilhaftesten diese einzelnen Theile zu bearbeiten seyen; bis zu
-welcher Potenz die ^niedere^ Schule denselben zu erheben, und wo
-eigentlich die höhere einzugreifen habe; ferner, bis zu welcher
-Potenz auch auf der letzteren ^alle^, die auf den Titel eines
-wissenschaftlichen Künstlers Anspruch machen wollten, ihn auszubilden
-hätten, und wie viel dagegen der ^besonderen^ Ausbildung für ein
-^bestimmtes praktisches^ Fach anheimfiele und vorbehalten bleiben müsse.
-Dies gäbe eine philosophische Encyklopädie der gesammten Wissenschaft,
-als stehendes Regulativ für die Bearbeitung aller besonderen
-Wissenschaften.
-
-(Wenn auch allenfalls die Philosophie schon jetzt fähig seyn sollte, zu
-einer solchen encyklopädischen Ansicht der gesammten Wissenschaft in
-ihrer organischen Einheit einige Auskunft zu geben, so ist doch die
-übrige wissenschaftliche Welt viel zu abgeneigt, der Philosophie die
-Gesetzgebung, die sie dadurch in Anspruch nähme, zuzugestehen, oder
-dieselbe in dergleichen Aeusserungen auch nur nothdürftig zu begreifen,
-als dass sich hiervon einiger Erfolg sollte erwarten lassen. Auch
-müssten, da es hier nicht um theoretische Behauptung einiger Sätze,
-sondern um Einführung einer Kunst zu thun ist, erst eine beträchtliche
-Anzahl von Männern gebildet werden, die da fähig wären, eine solche
-Encyklopädie nicht bloss zu verstehen und wahr zu finden, sondern auch
-nach den Regeln derselben die besonderen Fächer der Wissenschaft
-wirklich zu bearbeiten; dass es daher am schicklichsten seyn wird,
-hierüber sich vorläufig gar nicht auszusprechen, sondern jene
-Encyklopädie durch das wechselseitige Eingreifen der Philosophie und der
-philosophisch kunstmässigen Bearbeitung der nun eben vorhandenen
-besonderen Fächer der Wissenschaft, allmählig von selber erwachsen zu
-lassen; dass mithin in Absicht dieses ihr sehr wesentlichen
-Bestandtheiles die Kunstschule sich selbst innerhalb ihrer selbst
-erschaffen müsste.)
-
-
- §. 20.
-
-Beim Anfange und so lange, bis es dahin gekommen, müssen wir uns
-begnügen, die vorliegenden Fächer ohne organischen Einheitspunct bloss
-historisch aufzufassen, nur dasjenige, wovon wir schon bei dem
-gegenwärtigen Grade der allgemeinen philosophischen Bildung darthun
-können, dass es dem wissenschaftlichen Verstandesgebrauche entweder
-geradezu widerspreche, oder nicht zu demselben gehöre, von uns
-ausscheidend, das Uebrige aufnehmend, und es in seiner Würde und an
-seinem Platze bis zur besseren allgemeinen Verständigung stehen lassend;
-ferner in diesen Fächern die am meisten ^philosophischen^, d. i. die mit
-der grössten Freiheit, Kunstmässigkeit und Selbstständigkeit in
-denselben verfahrenden unter den Zeitgenossen, zu Lehrern uns
-anzueignen; endlich, diese zu der am meisten philosophischen, d. i. zu
-der, Selbstthätigkeit und Klarheit am sichersten entwickelnden,
-Mittheilung ihres Faches anzuhalten und sie darauf zu verpflichten.
-
-
- §. 21.
-
-Ueber den ersten Punct, betreffend die Ausscheidung, werden wir
-demnächst beim Durchgehen der vorhandenen wissenschaftlichen Fächer uns
-erklären. Ueber den zweiten merke ich hier im allgemeinen nur das an,
-dass wir den Vortheil haben, in einigen der Hauptfächer diejenigen,
-welche als die freisten und selbstthätigsten allgemein anerkannt sind,
-schon jetzt die unserigen zu nennen, und dass, falls nicht etwa einige
-für die Herablassung und für das Wechselleben mit ihren Schülern, das
-dieser Plan ihnen anmuthet, sich zu vornehm dünken, wir hoffen dürfen,
-sie für unseren Zweck zu gewinnen, und dass in anderen Fächern, in denen
-wir nicht mit derselben Zuversichtlichkeit dasselbe rühmen können, der
-Unterschied zwischen den Zeitgenossen in Absicht des angegebenen
-Gesichtspunctes überhaupt nicht sehr gross ist, und wir darum hoffen
-dürfen, ohne grosse Schwierigkeit die nothwendigen Stellen so gut zu
-besetzen, als sie unter den gegenwärtigen Umständen überhaupt besetzt
-werden können; dass es aber ausschliessende Bedingung sey, dass
-dieselben schon vor ihrer Berufung und Anstellung sowohl über unseren
-Hauptplan, als über den dritten Punct in Absicht des zu wählenden
-Vortrages unterrichtet, und aufrichtig mit uns einverstanden seyen. In
-Absicht dieses dritten Punctes endlich, stellen wir als eine Folge aus
-allem Bisherigen fest, dass -- die oben erwähnten Examina,
-Conversatorien und Aufgaben, als die erste charakteristische Eigenheit
-unserer Methode, deren Anwendung im besonderen Falle am gehörigen Orte
-näher wird beschrieben werden, noch abgerechnet, -- alle mündliche
-Mittheilung über ein besonderes Fach ausgehen müsse von der
-^Encyklopädie^ dieses Faches, und dass dieses die allererste Vorlesung
-jedes bei uns anzustellenden Lehrers seyn und von jedem Schüler zu
-allererst gehört werden müsse. Denn die bis zur höchsten Klarheit
-gesteigerten einzelnen Encyklopädien der besonderen Fächer, besonders
-wenn sie alle zusammen den Lehrern und Zöglingen der Anstalt bekannt
-sind, sind das zunächst in die von der Philosophie ausgehen sollende
-^allgemeine Encyklopädie^ (§. 19. am Schlusse) eingreifende Glied,
-arbeiten derselben mächtig vor, und werden der letzteren, wenn sie
-entstehen wird, die vollkommene Verständlichkeit ertheilen müssen, indem
-auch sie selber umgekehrt von ihr neue Festigkeit und Klarheit erhalten
-werden. Sodann ist Einheit und Ansicht der Sache aus Einem
-Gesichtspuncte heraus der Charakter der Philosophie und der freien
-Kunstmässigkeit, die wir anstreben; dagegen unverbundene
-Mannigfaltigkeit und mit nichts zusammenhängende Einzelheit der
-Charakter der Unphilosophie, der Verworrenheit und der Unbehülflichkeit,
-welche wir eben aus der ganzen Welt austilgen möchten, und sie darum
-nicht in uns selbst aufnehmen müssen. Endlich, wenn auch dieses alles
-nicht so wäre, können wir aus Mangelhaftigkeit der niederen Schule zu
-Anfange bei unseren Schülern nicht auf ein solches schon fertiges Gerüst
-des gesammten wissenschaftlichen Stoffes, wie es oben (§. 10.)
-beschrieben worden, rechnen, und müssen zu allererst diesen Mangel in
-unseren besonderen Encyklopädien ersetzen. Die Hauptgesichtspuncte einer
-solchen auf eine wissenschaftliche Kunstschule berechneten Encyklopädie
-sind die folgenden: ^dass sie zuvörderst die eigentliche
-charakteristische Unterscheidung des Verstandesgebrauches^ in diesem
-Fache, und die besonderen Kunstgriffe oder Vorsichtsregeln in ihm mit
-aller dem Lehrer selbst beiwohnenden Klarheit angebe, und sie mit
-Beispielen belege (und so eben z. B. das ^historische Talent^, oder die
-^Beobachtungsgabe^ mit dem Begriffe durchdringe); dass sie die Theile
-dieser Wissenschaft vollständig und umfassend vorlege, und zeige, auf
-welche besondere Weise jeder, und in welcher Zeitfolge sie studirt
-werden müssen; endlich, dass sie die für den Zweck des Lehrlings nöthige
-Literaturkenntniss des Faches gebe, und ihn berathe, ^was^, und in
-^welcher Ordnung^ und etwa mit welchen Vorsichtsmaassregeln, er zu lesen
-habe. Besonders in der letzten Rücksicht ist der Lehrer dem Lehrlinge
-ein allgemeines Register und Repertorium des ^gesammten Buchwesens^ in
-diesem Fache, inwieweit dasselbe dem Lehrlinge nöthig ist, schuldig;
-welches nun der Lehrling selber, nach der ihm gegebenen Anleitung, zu
-lesen, keinesweges aber vom Lehrer zu erwarten hat, dass auch dieser es
-ihm noch einmal recitire. Gehört nun ferner, wie wir hoffen, der Lehrer
-zu dem oben erwähnten edleren Bestandtheile der bisherigen
-Universitäten, dass er mit dem gesammten Buchwesen seines Faches nicht
-allerdings zufrieden und fähig sey, dasselbe hier und da zu verbessern,
-so zeige er in seiner Encyklopädie diese fehlerhaften Stellen des
-grossen Buches an, und lege dar seinen Plan, wie er in besonderen
-Vorlesungen diese fehlerhaften Stellen verbessern wolle, und in welcher
-Ordnung diese besonderen Vorlesungen, die insgesammt auf der festen
-Unterlage seiner Encyklopädie ruhen, und auf ihr geordnet sind, zu hören
-seyen. Ist dessen so viel, dass er es allein nicht bestreiten kann, so
-wähle er sich einen Unterlehrer, der verbunden ist, in seinem Plane zu
-arbeiten. Nur sage er nicht, was im Buche auch steht, sondern nur das,
-was in keinem Buche steht. (Als Beispiel: dass in den Schüler der
-niederen Schule sehr früh ein Inbegriff der Universalgeschichte
-hineingebildet werden müsse, versteht sich, und ist oben gesagt; wozu
-aber, ausser der Anweisung, wie man die gesammte Menschengeschichte zu
-^verstehen^ habe, welche wohl am schicklichsten dem Philosophen
-anheimfallen dürfte, auf der höheren Schule ein Cursus der
-Universalgeschichte solle, bekenne ich nicht zu begreifen; dagegen aber
-würde ich es für sehr schicklich und alles Dankes werth halten, wenn ein
-Professor der Geschichte ein Collegium ankündigte über besondere Data
-aus der Weltgeschichte, ^die keiner vor ihm so richtig gewusst habe, wie
-er^, und er mit diesem Versprechen Wort hielte.)
-
-(Wir setzen der Erwähnung dieser von vielen so sehr angefeindeten
-Encyklopädien, zur Vorbauung möglichen Misverständnisses, noch folgendes
-hinzu. Mit derselben vollkommenen Ueberzeugung, mit welcher wir zugeben,
-dass das Bestreben, bei solchen allgemeinen Uebersichten und Resultaten
-^stehenzubleiben^, von Seichtigkeit, Trägheit und Sucht nach wohlfeilem
-Glanze zeuge, und diese Schlechtigkeiten befördere, sehen wir zugleich
-auch ein, dass das Widerstreben, ^von ihnen auszugehen^, den Lehrling
-ohne Steuerruder und Compass in den verworrenen Ocean stürze, dass,
-obwohl einige sich rühmen hierbei ohne Ertrinken davongekommen zu seyn,
-man darum doch nicht das Recht habe, jederman derselben Gefahr
-auszusetzen, dass selbst die Geretteten gesunder seyn würden, wenn sie
-der Gefahr sich nicht ausgesetzt hätten; und dass die Quellen dieses
-Widerstrebens keinesweges aus einer besseren Einsicht, sondern dass sie
-grösstentheils aus dem persönlichen Unvermögen hervorgehen, solche
-encyklopädische Rechenschaft über das eigene Fach zu geben, indem diese,
-nur gross im Einzelnen, niemals zur Ansicht eines Ganzen sich erhoben
-haben. Wer nun eine solche Encyklopädie seines Faches geben nicht könnte
-oder nicht wollte, der wäre für uns nicht bloss unbrauchbar, sondern
-sogar verderblich, indem durch seine Wirksamkeit der Geist unseres
-Institutes sogleich im Beginne getödtet würde.)
-
-
- §. 22.
-
-Wir gehen an die historische Auffassung des auf den bisherigen
-Universitäten vorliegenden Stoffes, und schicken folgende zwei
-allgemeine Bemerkungen voraus. Eine Schule des wissenschaftlichen
-Verstandesgebrauches setzt voraus, dass verstanden und bis in seinen
-letzten Grund durchdrungen werden könne, was sie sich aufgiebt; sonach
-wäre ein solches, das den Verstandesgebrauch sich verbittet, und sich
-als ein unbegreifliches Geheimniss gleich von vornherein aufstellt,
-durch das Wesen derselben von ihr ausgeschlossen. Wollte also etwa die
-Theologie noch fernerhin auf einem Gotte bestehen, der etwas wollte ohne
-allen Grund; welches Willens Inhalt kein Mensch durch sich selber
-begreifen, sondern Gott selbst unmittelbar durch besondere Abgesandte
-ihm mittheilen müsste; dass eine solche Mittheilung geschehen sey, und
-das Resultat derselben in gewissen heiligen Büchern, die übrigens in
-einer sehr dunklen Sprache geschrieben sind, vorliege, von deren
-richtigem Verständnisse die Seligkeit des Menschen abhange: so könnte
-wenigstens eine Schule des Verstandesgebrauches sich mit ihr nicht
-befassen. Nur wenn sie diesen Anspruch auf ihr allein bekannte
-Geheimnisse und Zaubermittel durch eine unumwundene Erklärung aufgiebt,
-laut bekennend, dass der Wille Gottes ohne alle besondere Offenbarung
-erkannt werden könne, und dass jene Bücher durchaus nicht
-^Erkenntnissquelle^, sondern nur ^Vehiculum des Volksunterrichtes^
-seyen, welche, ganz unabhängig von dem, was die Verfasser etwa wirklich
-gesagt haben, beim wirklichen Gebrauche also erklärt werden müssen, wie
-die Verfasser hätten sagen sollen; welches letztere, wie sie hätten
-sagen sollen, darum schon vor ihrer Erklärung anderwärtsher bekannt seyn
-müsse: nur unter dieser Bedingung kann der Stoff, den sie bisher
-besessen hat, von unserer Anstalt aufgenommen und jener Voraussetzung
-gemäss bearbeitet werden. Ferner haben mehrere bisher auf den
-Universitäten bearbeitete Fächer (als die soeben erwähnte Theologie, die
-Jurisprudenz, die Medicin) einen Theil, der nicht zur wissenschaftlichen
-Kunst, sondern zu der sehr verschiedenen praktischen Kunst der Anwendung
-im Leben gehört. Es gereicht sowohl einestheils zum Vortheile dieser
-praktischen Kunst, die am besten in unmittelbarer und ernstlich
-gemeinter Ausübung unter dem Auge des schon geübten Meisters erlernt
-wird, als anderentheils zum Vortheile der wissenschaftlichen Kunst
-selbst, welche zu möglichster Reinheit sich abzusondern und in sich
-selbst sich zu concentriren hat: dass jener Theil von unserer
-Kunstschule abgesondert, und in Beziehung auf ihn andere für sich
-bestehende Einrichtungen gemacht werden. Was inzwischen auch in dieser
-Rücksicht von der wissenschaftlichen Kunstschule zu beobachten sey,
-werden wir bei Erwähnung der einzelnen Fälle beibringen.
-
-
- §. 23.
-
-Nächst der Philosophie macht die ^Philologie^, als das allgemeine
-Kunstmittel aller Verständigung, mit Recht den meisten Anspruch auf
-Universalität. Ob auch wohl überhaupt ^für das gesammte studirende
-Publicum^ auf der höheren Schule es eines philologischen Unterrichtes
-bedürfen, oder vielmehr dieser schon auf der niederen Schule beendigt
-seyn solle, ob insbesondere für diejenigen, ^die sich zu Schullehrern^
-bestimmen, und für die es allerdings einer weiteren Anführung bedarf,
-die dahingehörigen Anstalten nicht schicklicher mit den niederen Schulen
-selbst vereinigt werden würden: -- die Beantwortung dieser Frage können
-wir für jetzt ^dem^ Zeitalter, da die allgemeine Encyklopädie geltend
-gemacht seyn, und die niedere Schule seyn wird, was sie soll,
-anheimgeben, und vorläufig es beim Alten lassen.
-
-
- §. 24.
-
-Von der ^Mathematik^ sollte unseres Erachtens der reine Theil bis zu
-einer gewissen Potenz schon auf der niederen Schule vollkommen abgethan
-seyn; und es wäre hierdurch das, was oben über das Pensum dieser Schule
-gesagt worden, zu ergänzen. Da auch hierauf im Anfange nicht zu rechnen
-ist, so wäre vorläufig ein auf diesen gegenwärtigen Zustand der niederen
-Schule berechneter Plan des mathematischen Studiums zu entwerfen. --
-
-Auf allen Fall ist mein Vorschlag, dass ein ^Comité^ aus unseren
-tüchtigsten Mathematikern ernannt, diesen unser Plan im Ganzen
-vorgelegt, und ihnen aufgegeben würde, die Beziehung ihrer Wissenschaft
-auf denselben zu ermessen, und demzufolge durch allgemeine Uebereinkunft
-^Einen^ aus ihrer Mitte zu ernennen, oder auch einen Fremden zur
-Vocation vorzuschlagen, dem die Encyklopädie, der Plan und die Direction
-dieses ganzen Studiums übertragen würde.
-
-
- §. 25.
-
-Die gesammte Geschichte theilt sich in die Geschichte der ^fliessenden^
-Erscheinung, und in die der ^dauernden^. Die erste ist die vorzüglich
-also genannte Geschichte oder Historie, mit ihren Hülfswissenschaften;
-die zweite die Naturgeschichte, -- welche ihren theoretischen Theil hat,
-die Naturlehre.
-
-In der ersten ist der zu berufende Ober- und encyklopädische Lehrer über
-unseren Grundplan zu verständigen; worüber er vorläufig mit uns einig
-seyn muss.
-
-Das ausgedehnte Fach der ^Naturwissenschaft^ betreffend, welche durchaus
-als ein organisches Ganze behandelt werden muss, kann ich nur ein
-^Comité^, so wie oben bei der Mathematik, in Vorschlag bringen, das aus
-seiner Mitte, oder auch einen Fremden rufend, den Encyklopädisten,
-Entwerfer des Lehrplans, und Director des ganzen Studiums erwähle, und
-falls es so nöthig befunden würde, nach seinem Plane den Vortrag
-desselben, auch hier mit der beständigen Rücksicht, dass nicht mündlich
-mitgetheilt werde, was so gut oder besser sich aus dem Buche lernen
-lässt, ^unter sich vertheile^. Das Haupterforderniss eines solchen
-Planes ist Vollständigkeit und organische Ganzheit der Encyklopädie.
-Zugleich hat sie für ihr Fach sich mit der niederen Schule über die
-Grenze zu berichtigen, und dieser die Potenz, die sie hervorbringen
-soll, als ihr künftiges Pensum aufzugeben, welches auch für die oben
-erwähnten, sowie für alle folgenden Fächer gilt, und hier einmal für
-immer erinnert wird. Bloss die Philosophie verbittet die directe
-Vorbereitung der niederen Schule, und ist nur ausschliessend eine Kunst
-der höheren.
-
-
- §. 26.
-
-Die drei sogenannten höheren Facultäten würden schon früher wohlgethan
-haben, wenn sie sich, in Absicht ihres wahren Wesens, in dem ganzen
-Zusammenhange des Wissens deutlich erkannt, und sich darum nicht,
-pochend auf ihre praktische Unentbehrlichkeit und ihre Gültigkeit beim
-Haufen, als ein abgesondertes und vornehmeres Wesen hingestellt, sondern
-lieber jenem Zusammenhange sich untergeordnet und mit schuldiger Demuth
-ihre Abhängigkeit erkannt hätten; indem sie nemlich verachteten, wurden
-sie verachtet, und die Studirenden anderer Fächer nahmen keine Notiz von
-dem, was jene ausschliessend für sich zu besitzen begehrten, wodurch
-sowohl ihrem Studium, als der Wissenschaft im Grossen und Ganzen sehr
-geschadet wurde. Wir werden auf Belege dieser Angabe stossen. Eine
-wissenschaftliche Kunstschule muthet ihnen sogleich bei ihrem Eintritte
-in ihren Umkreis diese Bescheidenheit zu.
-
-Der wissenschaftliche Stoff der ^Jurisprudenz^ ist ein Capitel aus der
-Geschichte; sogar nur ein Fragment dieses Capitels, wie sie bisher
-behandelt worden. Sie sollte seyn ^eine Geschichte der Ausbildung und
-Fortgestaltung des Rechtsbegriffes unter den Menschen^, welcher
-^Rechtsbegriff^ selber, unabhängig von dieser Geschichte, und als
-^Herrscher^, keinesweges als ^Diener^, schon vorher durch Philosophiren
-gefunden seyn müsste. In ihrer gewöhnlichen ersten, lediglich
-praktischen Absicht, -- nur ^Richter^, welches ein untergeordnetes
-Geschäft ist, zu bilden, wird sie Geschichte jener Ausbildung in dem
-Lande, in welchem wir leben, und wenn es hoch geht, unter den Römern,
-und so Fragment; aber ihr letzter praktischer Zweck ist der, den
-^Gesetzgeber^ zu bilden; und für diesen Behuf möchte ihr wohl das ganze
-Capitel rathsam seyn; denn obwohl, was überhaupt Gesetz seyn solle,
-schlechthin ^a priori^ erkannt wird, so dürfte doch die Kunst, die
-besondere Gestalt dieses Gesetzes für jede gegebene Zeit zu finden und
-es ihr anzuschmiegen, der Erfahrung der gesammten bekannten Zeit in
-demselben Geschäfte bedürfen. Richteramt sowohl als Gesetzgebung sind
-praktische Anwendung ^der Geschichte^; und so hat die Jurisprudenz zu
-ihrer ersten Encyklopädie die Encyklopädie der Geschichte, indem dieses
-der Boden ist, auf welchem sie und der wissenschaftliche
-Verstandesgebrauch in ihr ruhet, und die Ausübung derselben in ihrer
-höchsten Potenz eigentlich die Kunst ist, eine Geschichte, und zwar eine
-erfreulichere, als die bisherige, hervorzubringen. Die Anführung aber
-zur praktischen Anwendung im Leben fällt ganz ausser den Umkreis der
-Schule, und wären hierin die Schüler an die ausübenden Collegia zu
-verweisen, unter deren Augen, aber auf die ^Verantwortung^ der Beamten,
-denen sie anvertraut worden, sie für die künftige Geschäftsführung sich
-vorbereiteten. Ich schlage daher für dieses Fach ein ^Comité^ vor, in
-welchem aber der oben beschriebene Encyklopädist der Geschichte Sitz,
-und für seinen Antheil entscheidende Stimme hätte. Dieses hätte einen
-besonderen Encyklopädisten für die ^Theile^ und die Literatur des
-beschriebenen Capitels anzustellen, den Studienplan vorzuzeichnen, und
-die Anstalten für praktische Bildung unabhängig von der
-wissenschaftlichen Kunstschule zu organisiren. Ich hoffe, dass bei
-entschiedener Durchführung des Satzes, nicht mündlich zu lehren, was im
-Buche steht, der Lectionskatalog dieser Facultät kürzer werden wird, als
-er bisher war; wiewohl durch unsere Grundsätze des zu Erlernenden mehr
-geworden ist.
-
-Die ^Heilkunde^ ruht auf dem zweiten Theile des positiv zu Erlernenden,
-der ^Naturwissenschaft^; jedoch erlaubt ihr gegenwärtiger Zustand den
-Zweifel, in welchem auch der Schreiber dieses sich zu befinden gern
-bekennt, ob aus jener unstreitig wissenschaftlichen Basis in der
-wirklichen Heilkunde auch nur ein einziger ^positiver Schluss^ zu
-machen, und somit, ob diese Basis ^Leiterin^ sey in der Ausübung, wie in
-der Jurisprudenz dies offenbar der Fall ist, oder ob nur gewissen
-allgemeinen Resultaten jener Basis bloss nicht ^widersprochen werden
-dürfe^ durch die Ausübung; jene daher (die Wissenschaft) für diese (die
-Ausübung) nur ^negatives Regulativ^ und ^Correctiv^ wäre? Sollte, wie
-wir befürchten, das Letzte der Fall seyn, und wie wir gleichfalls
-befürchten, immerfort bleiben müssen, so gäbe es von der Wissenschaft in
-irgend einem ihrer Zweige zu der ausübenden Heilkunde gar keinen
-stätigen positiven Uebergang, sondern die letztere hätte ihren
-eigenthümlichen Boden in einer ^besonderen^, niemals auf ^positive
-Principien zurückzuführenden Beobachtung^; sie wäre somit von der
-wissenschaftlichen Schule, welche alle Zweige der Naturwissenschaft bis
-zu Anatomie, Botanik u. dergl. ohne alle Rücksicht auf Heilkunde, und
-als jedem wissenschaftlich gebildeten Menschen überhaupt durchaus
-anzumuthende Kenntnisse, sorgfältig triebe, abzusondern, und in einem
-für sich bestehenden Institute, rein und ohne wissenschaftliche
-Beimischung, die als in der Schule erlernt vorausgesetzt wird, von der
-^materia medica^ z. B. an, die ja nichts ist, als die Anwendung der
-ärztlichen Empirie auf die Botanik und dergl., zu treiben. Welche
-unermesslichen Vortheile eine solche Verselbstständigung der
-Naturwissenschaft, die bisher häufig nur als Magd der Heilkunde
-betrachtet und bearbeitet wurde, und an ihrem Theile auch der Heilkunde,
-dadurch aber dem ganzen wissenschaftlichen Gemeinwesen bringen würde,
-leuchtet wohl von selbst ein. Es wäre daher aus Sachkundigen ein Comité
-zu Beantwortung der oben aufgeworfenen Frage und zu Organisirung
-derjenigen Anstalten, welche das Resultat dieser Beantwortung
-erforderte, zu ernennen. Dass ein solches selbstständiges Institut der
-Heilkunde den ihm anheimgefallenen Stoff nach einem festen, auf seine
-Encyklopädie begründeten Plane, nach der Maxime, nicht zu lehren, was im
-Buche schon steht, behandelte, wäre auch ihm zu wünschen, und es würde
-sich von selbst verstehen.
-
-Nun aber, welches ja nicht aus der Acht zu lassen, haben auch die
-wichtigsten Resultate der fortgesetzten ärztlichen Beobachtung, deren
-wirkliche Vollziehung ihr allein überlassen wird, als ein Theil der
-gesammten Naturbeobachtung, Einfluss auf den Fortgang der ganzen
-Naturwissenschaft, und so muss auch die wissenschaftliche Schule sie
-keinesweges verschmähen, sondern sich in den Stand setzen, fortdauernd
-von ihr Notiz zu haben und bei ihr zu lernen. Jedoch wird die Ausbeute
-davon niemals sofort und auf der Stelle eingreifen in das Ganze, und so
-in den encyklopädischen Unterricht gehören; es wird drum eine andere, an
-ihrem Orte anzugebende Maassregel getroffen werden müssen, dieselbe
-aufzunehmen, und sie bis zur Eintragung in die Encyklopädie
-aufzubewahren.
-
-Dass die ^Theologie^, falls sie nicht den ehemals laut gemachten und
-auch neuerlich nie förmlich zurückgenommenen Anspruch auf ein Geheimniss
-feierlich aufgeben wollte, in eine Schule der Wissenschaft nicht
-aufgenommen werden könne, ist schon oben gezeigt. Giebt sie ihn auf, so
-bequemt sie sich dadurch zugleich zu der bisher auch nicht so recht
-zugegebenen Trennung ihres praktischen Theiles von ihrem
-wissenschaftlichen.
-
-Um zuvörderst den ersten abzuhandeln: der Volkslehrer, den sie bisher zu
-bilden sich vorsetzte, ist in seinem Wesen der Vermittler zwischen dem
-höheren, dem wissenschaftlich ausgebildeten Stande (denn einen anderen
-höheren Stand giebt es nicht, und was nicht wissenschaftlich ausgebildet
-ist, ist Volk), und dem niederen, oder dem Volke. Zunächst zwar, und
-dies mit vollem Rechte, knüpft er sein Bildungsgeschäft an die Wurzel
-und das Allgemeinste aller höheren menschlichen Bildung, an die Religion
-an; aber nicht bloss diese, sondern alles, was von der höheren Bildung
-an das Volk zu bringen und seinem Zustande anzupassen ist, soll er
-immerfort demselben zuführen.
-
-Nichts verhindert, dass er nicht noch neben diesem Berufe ein die
-Wissenschaft selbst in ihrer Wurzel selbstthätig bearbeitender und sie
-weiter bringender Gelehrter sey, wenn er ^will^ und ^kann^; aber es ist
-ihm für diesen Beruf nicht nothwendig, und drum ihm nicht anzumuthen. Es
-ist für ihn hinlänglich, dass er überhaupt die Kunst besitze,
-wissenschaftliche Gegenstände zu ^verstehen^ und sich über sie
-^verständlich zu machen^, die er ja schon in der niederen Schule, welche
-er auf alle Fälle durchzumachen hat, gelernt haben wird; ferner von dem
-gesammten wissenschaftlichen Umfange die allgemeinsten Resultate, und
-das Vermögen, erforderlichen Falles durch Nachlesen sich weiter zu
-belehren, worin ihm die an der wissenschaftlichen Schule eingeführten
-Encyklopädien den Unterricht und die nöthigen Literaturkenntnisse geben.
-Die nöthige Anführung zum Philosophiren hat er beim Philosophen zu
-holen. Für sein nächstes Geschäft der religiösen Volksbildung hat er zu
-allererst sein Religionssystem in der Schule des Philosophen zu bilden.
-Für das Anknüpfen seines Unterrichtes an die biblischen Bücher wird es
-vollkommen hinreichen, dass ein Buch geschrieben und ihm in die Hände
-gegeben werde, in welchem aus diesen Büchern der Inhalt ächter Religion
-und Moral entwickelt werde, wobei nun weder die Verfasser dieses Buches,
-noch der dadurch zur Bibel^anwendung^ anzuleitende künftige Volkslehrer
-sehr bekümmert zu seyn brauchen über die Frage, ob die biblischen
-Schriftsteller es wirklich also gemeint haben, wie sie dieselben
-erklären; das Volk aber vor dieser, durchaus nicht in seinen
-Gesichtskreis gehörigen Frage sorgfältig zu bewahren ist. Der
-Volkslehrer hat darum durchaus nicht nöthig, die biblischen
-Schriftsteller nach ^ihrem wahren, von ihnen beabsichtigten Sinne^ zu
-verstehen; wie denn ohne Zweifel auch bisher, ohngeachtet es
-beabsichtiget und häufig vorgegeben worden, weder bei ihm, noch auch oft
-bei seinem Professor in der Exegese, dies der Fall gewesen; und wir
-somit nicht einmal eine Neuerung, sondern nur das Geständniss der wahren
-Beschaffenheit der Sache, und das besonnene Aufgeben eines unnöthigen
-und vergeblichen Strebens begehren. Ueber ^Pastoralklugheit^, d. i. über
-seine eigentliche Bestimmung als Volkslehrer im Ganzen eines
-Menschengeschlechts, und die Kunstmittel, dieselbe zu erfüllen, wird er
-ohne Zweifel auch beim Philosophen einige Auskunft finden können. Sein
-eigenthümlich ihm anzumuthender Charakter, die ^Kunst^ der
-^Popularität^, und die Uebungen derselben durch katechetische,
-homiletische, auch ^Umgangsinstitute^ mit Gliedern aus dem Volke, sind
-der wissenschaftlichen Schule, welche den scientifischen Vortrag
-beabsichtigt, entgegengesetzt, drum von ihm abzusondern, und am
-schicklichsten den ausübenden Volkslehrern, wie bei den Juristen, zu
-übertragen. Das eigentliche Genie für den künftigen Volkslehrer ist ein
-frommes, Menschen und besonders das Volk liebendes Herz; hierauf wäre
-bei der Zulassung zu diesem Berufe hauptsächlich zu sehen, und besonders
-bei Besetzung der Consistorien, als etwa der künftigen Schulen solcher
-Lehrer, würde weit mehr auf diese Eigenschaften, als auf andere
-glänzende Talente oder auf ausgebreitete Kenntnisse Rücksicht genommen
-werden müssen.
-
-Der wissenschaftliche Nachlass dieser, als einer priesterlichen
-Vermittlerin zwischen Gott und den Menschen mit Tode abgegangenen
-Theologie an die wissenschaftliche Schule würde durch eine solche
-Veränderung seine ganze bisherige Natur ausziehen und eine neue anlegen.
-Es hat derselbe zwei Theile: ein von der Philologie abgerissenes Stück,
-und ein Capitel aus der Geschichte. Die morgenländischen Sprachen, zu
-denen der den Theologen bis jetzt fast ausschliessend überlassene
-hebräische Dialekt einen leichten und schicklichen Eingang darbietet,
-machen einen sehr wesentlichen Theil der Sprachentwickelung des
-menschlichen Geschlechts aus, und sind bei einer einst zu hoffenden
-organischen Uebersicht derselben ja nicht auszulassen; die
-hellenistische Form nun vollends der griechischen biblischen
-Schriftsteller gehört zur Kenntniss der griechischen Sprache im Ganzen,
-welche Sprache ja auf unseren Schulen getrieben wird. Beide erhalten
-gegen den aufgegebenen höchst zweideutigen Anspruch, heilige Sprachen zu
-seyn, den weit bedeutenderen, dass sie menschliche Sprachen sind,
-zurück, und fallen der niederen Schule, die sich ja der Trägheit schämen
-wird, die beschränkte hebräische Sprache nicht allgemein bearbeiten zu
-können, da sie die sehr reiche griechische Sprache mit Glück bearbeitet,
-wiederum anheim. Ferner sind die biblischen Schriftsteller ja höchst
-bedeutende Formen der Entwickelung des menschlichen Geistes, deren
-wahrer Werth bloss darum nicht beachtet worden, weil ein erdichteter
-falscher alle Aufmerksamkeit der einen Partei anzog, und den Hass und
-die unbedingte Nichtbeachtung der anderen Partei erregte. Von nun an,
-^sine ira et studio^ in dieser Sache urtheilend, werden wir es ebenso
-belehrend und ergötzend finden, den Jesaias zu lesen, als den Aeschylos,
-und den Johannes als den Plato, und es wird uns mit dem richtigen
-Wortverständnisse derselben, ^welches das gelehrte Studium allerdings
-anstreben wird^, weit besser gelingen, wenn auch die ersten ebensowohl
-als die zweiten zuweilen auch ^unrecht^ haben dürften, als vorher, da
-sie immer, und für die besondere Ansicht jedes neuen Exegeten, recht
-haben sollten, welches ohne mancherlei Zwang und ohne nie endenden
-Streit nicht zu bewerkstelligen war. Diese Exegese wird redlich seyn,
-auch redlich gestehen, was sie nicht versteht, dagegen die vom
-theologischen Principe ausgehende höchst unredlich war; (das oben
-Vorgeschlagene aber gleichfalls keine unredliche Exegese ist, da es
-überhaupt nicht Exegese ist, noch sich dafür giebt, indem eine solche
-eine gelehrte Aufgabe ist, die durchaus vor das Volk nicht gehört).
-
-Das Capitel aus der Historie, wovon die bisherige Theologie einen
-Haupttheil sich fast ausschliessend zugeeignet, ist die ^Geschichte der
-Entwickelung der religiösen Begriffe unter den Menschen^. Es geht aus
-dem gebrauchten Ausdrucke hervor, dass die Aufgabe umfassender ist, als
-die Theologie sie genommen, indem auch über die Religionsbegriffe der
-sogenannten Heiden Auskunft gegeben werden müsste, und dass die
-wissenschaftliche Schule sie in dieser Ausdehnung nehmen wird. Mit
-diesen zu ihr gehörigen und sie erklärenden Bestandtheilen versehen,
-ferner ohne alles Interesse für irgend ein Resultat, und mit redlicher
-Wahrheitsliebe bearbeitet, wird auch die eigentliche Kirchengeschichte
-eine ganz andere Gestalt gewinnen, und man wird der Lösung mehrerer
-Probleme (z. B. über die wahren Verfasser mancher biblischen Schriften,
-über die ächten oder unächten Theile derselben, die Geschichte des
-Kanon, u. s. w.), die dem Unbefangenen noch immer nicht gründlich gelöst
-zu seyn scheinen könnten, näher kommen, oder auch genau finden und
-bekennen, was in dieser Region sich ausmitteln lasse, und was nicht. Es
-wäre, wie sich versteht, dieser Theil der Geschichte dem Encyklopädisten
-der gesammten Geschichte, zur Verflechtung in seinen Studienplan,
-anheimzugeben. --
-
-Zur Entscheidung über die oben vorgelegte Hauptfrage, und falls die
-Antwort darauf befriedigend ausfiele, zur Entwerfung eines festen Planes
-und Errichtung eines besonderen Institutes zur Bildung künftiger
-Volkslehrer wäre ein aus sachverständigen und guten Theologen und
-Predigern bestehendes Comité niederzusetzen.
-
-
- §. 27.
-
-Diesen zu beauftragenden einzelnen Männern und Comités wäre, ausser den
-schon angeführten Geschäften, auch noch folgendes aufzugeben, dass sie
-vollständig untersuchten, was an gelehrtem Apparate für jedes Fach
-(Bücher, Kunst- und Naturaliensammlungen, physikalische Instrumente, und
-dergl.) vorhanden sey, welche Notwendigkeiten dagegen uns abgingen und
-angeschafft werden müssten; für vollständige Kataloge und Repertorien
-dieser Schätze sorgten; und in ihre Studienpläne den zweckmässigen,
-folgegemässen Gebrauch derselben aufnähmen. Falls die beauftragten
-einzelnen Männer neben ihrem ersten Geschäfte zu diesem nicht Zeit
-fänden, so wären sie zu ersuchen, einen anderen tüchtigen Mann für
-dasselbe zu ernennen.
-
-In diesem Geschäfte hätten sie von einer Seite sich sorgfältig zu hüten,
-dass sie, etwa um nichts umkommen zu lassen, oder aus Streben nach
-äusserem Glanze und Rivalität mit anderen gelehrten Anstalten, durch
-Beibehaltung überflüssiger Dinge der Reinheit und Einfachheit unserer
-Anstalt Abbruch thäten; sowie von der anderen Seite nichts zu sparen am
-wirklich Nöthigen. Was den äusseren Glanz betrifft, so wird uns dieser,
-falls wir nur das innere Wesen redlich ausbilden, von selbst zufallen;
-die bedachte Beachtung desselben aber, und die Nachahmung anderer, von
-denen wir nicht Beispiele annehmen, sondern sie ihnen geben wollen,
-würde uns wiederum in die Verworrenheit hineinwerfen, welche ja von uns
-abzuhalten unser erstes Bestreben seyn muss.
-
-
- §. 28.
-
-Durch die allseitige Lösung der aufgestellten Aufgaben wäre nun fürs
-erste zu Stande gebracht das ^lehrende Subject^ der wissenschaftlichen
-Kunstschule. Wir könnten mit den encyklopädischen Vorlesungen eine, fürs
-erste in ihren übrigen Bestimmungen ^ganz gewöhnliche Universität^
-eröffnen. Es wären jedoch diese gesammten Vorlesungen, in denen, immer
-nach dem Ermessen des Lehrers, der fortfliessende Vortrag mit Examinibus
-und Conversatorien, deren Besuchung jedem Studirenden ^freistände^,
-keiner aber dazu ^verbunden^ wäre, abwechselte, über das erste
-Unterrichtsjahr also zu vertheilen, dass die Studenten, und wenn sie es
-wollten, auch die Lehrer, diese Vorlesungen alle hören könnten, dennoch
-aber den ersteren zum aufgegebenen Bücherlesen und zur Ausarbeitung der
-Aufsätze, -- von welchem demnächst, -- den letzteren zu Beurtheilung
-dieser Aufsätze Zeit übrig bliebe. Es möchte in dieser Zeitberechnung
-bei beiden Theilen in Gottes Namen auf noch mehr als den üblichen Fleiss
-und Berufstreue gerechnet werden; indem diese Eigenschaften ohnedies an
-unserer Schule an die Tagesordnung kommen sollen, und drum nicht zu früh
-eingeführt werden können.
-
-
- §. 29.
-
-^Während^ dieser encyklopädischen Vorlesungen des ersten Lehrjahres
-stellen der philosophische Lehrer sowohl, als die übrigen
-encyklopädischen eine ^Aufgabe^ an ihr Auditorium, in dem oben sattsam
-charakterisirten Geiste; so dass das aus dem mündlichen Vortrage oder
-dem Buche Erlernte nicht bloss wiedergegeben, sondern dass es zur
-Prämisse gemacht werde, damit sich zeige, ob der Jüngling es zu seinem
-freien Eigenthume erhalten habe, und als anhebender Künstler etwas
-Anderes daraus zu gestalten vermöge. Diese Aufgabe bearbeitet jeder
-Studirende, der da will, in einem Aufsatze, den er zu einem bestimmten
-Termine vor Beendigung des Lehrjahres, mit einem versiegelten Zettel,
-der den Namen des Verfassers enthalte, bei dem aufgebenden Lehrer
-einsendet. Der Lehrer prüft diese Aufsätze und hebt die vorzüglichsten
-heraus.
-
-In dieser Beurtheilung der Aufsätze ist bei rein philosophischem Inhalte
-der Lehrer der Philosophie unbeschränkt: zur Krönung anderer aber, die
-einen positiv wissenschaftlichen Stoff haben, müssen der encyklopädische
-Lehrer des Faches und der Philosoph (später, wenn wir eine solche haben
-werden, die philosophische Klasse) sich vereinigen, der ^erstere^
-entscheidend über die Richtigkeit und die auf dieser Stufe des
-Unterrichts anzumuthende Tiefe und Vollständigkeit der historischen
-Erkenntniss, der zweite über den philosophischen und Künstlergeist, mit
-welchem jener Stoff verarbeitet worden. Ein von ^Einem^ dieser beiden
-verworfener Aufsatz bleibt verworfen, obschon der andere Theil ihn
-billigte. Die Nothwendigkeit dieser Mitwirkung der philosophischen
-Klasse liegt im Wesen einer Kunstschule: die Mitwirkung des historischen
-Wissens aber soll uns dagegen verwahren, dass nicht in empirischen
-Fächern ^a priori^ phantasirt werde, statt gründlicher Gelehrsamkeit.
-
-Am ^Schlusse^ des ersten Lehrjahres wird das Resultat der also
-vollzogenen Beurtheilung der eingegebenen Aufsätze, und die Namen derer,
-deren Ausarbeitungen gebilligt sind, bekannt gemacht; und es treten von
-ihnen diejenigen, ^welche wollen^, zusammen, als der erste Anfang eines
-^lernenden Subjects^, in höherem und vorzüglicherem Sinne, an unserer
-wissenschaftlichen Kunstschule. Welche wollen, sagte ich; denn obwohl
-die Ausfertigung eines Aufsatzes, und die Unterwerfung desselben unter
-die Beurtheilung des lehrenden Corps, diesen Willen vorauszusetzen
-scheint: so können mit dem ersten doch auch mancherlei andere Zwecke
-beabsichtigt werden, von denen zu seiner Zeit; alle Studirenden an
-unserer Universität können auch für diese Zwecke berechtiget werden; und
-es muss darum jedem, der sogar beitreten ^dürfte^, überlassen werden, ob
-er ^will^. Inzwischen wird die Fortsetzung unseres Entwurfes ohne
-Zweifel die sichere Vermuthung begründen, dass jeder wollen werde, der
-da dürfe.
-
-
- §. 30.
-
-Sie treten zusammen zu einer einzigen grossen Haushaltung, zu
-gemeinschaftlicher Wohnung und Kost, unter einer angemessenen liberalen
-Aufsicht. Ihre Bedürfnisse ohne alle Ausnahme, nicht ausgeschlossen
-Bücher, Kleider, Schreibmaterialien u. s. f. werden ihnen von der
-Oekonomieverwaltung in Natur gereicht, und sie haben, die Verwaltung
-eines mässigen Taschengeldes abgerechnet, wofür ein Maximum festgesetzt
-werden könnte, während ihrer Studienjahre mit keinem anderen
-ökonomischen Geschäfte zu thun. (Der Grund dieser Einrichtung ist schon
-oben angegeben worden; und auf die Einwendung, dass junge Leute auf der
-Universität zugleich das Haushalten mitlernen müssten, ist zu erwiedern,
-dass, falls dieselben bei uns das Ehrgefühl, die Gewissenhaftigkeit und
-die intellectuelle Bildung erhalten, die wir anstreben, es sich mit dem
-künftigen Haushalten von selbst finden werde; erhalten sie aber bei dem
-Grade der Sorgfalt, den wir anwenden werden, dieselbe nicht, so ist gar
-kein Schaden dabei, dass sie auch äusserlich verderben, und mag dies
-immer je eher je lieber geschehen.) Inwiefern aber diese Verpflegung
-^ihnen frei auf Kosten des Staates^, oder auf ihre eigenen Kosten
-gereicht werden solle, davon behalten wir uns vor, tiefer unten zu
-sprechen; und wollen wir mit dem Gesagten keinesweges unbedingt das
-Erste gesagt haben.
-
-Mit diesem also zu Stande gebrachten Stamme tritt nun das lehrende Corps
-in das oben beschriebene innige Wechselleben. Sie werden fortdauernd
-erforscht und in ihrem Geistesgange beobachtet, sie haben den ersten
-Zutritt zu den Examinibus, Conversatorien, dem Umgange und der Berathung
-der Lehrer, und stehen in der Benutzung der vorhandenen literarischen
-Hülfsmittel jedem Anderen vor; auf ihre nächsten unmittelbaren und
-wohlbekannten Bedürfnisse rechnet immerfort der gesammte mündliche
-Vortrag der Kunstschule. Im Falle der würdigen Benutzung dieser Schule,
-die durch eine tiefer unten zu beschreibende Prüfung documentirt wird,
-stehen sie bei Besetzung der höchsten Aemter des Staates allen Anderen
-vor (und tragen den von Gottes Gnaden durch ein vorzügliches Talent
-ihnen geschenkten, und durch würdige Ausbildung jenes ersteren
-verdienten Adel).
-
-Immerhin mögen neben ihnen andere Studirende an den vorhandenen
-Bildungsmitteln der Anstalt, welche recht eigentlich doch nur für jene
-sind, nach allem ihren Vermögen theilnehmen, und in freier Bildung jenen
-den Rang abzulaufen suchen, welches, falls es ihnen gelänge, auch nicht
-unanerkannt bleiben soll. Diese wachsen gewissermaassen wild, wie im
-Walde; jene sind eine sorgfältig gepflegte Baumschule, welche in alle
-Wege doch auch seyn soll, und aus welcher sogar dem Walde manches edlere
-Saamenkorn zufliegen wird. Jene sind ^regulares^, und es wird wohl auch
-eine anständige deutsche Benennung für sie sich finden lassen; diese
-sind ^irregulares^, blosse ^Socii^ und ^Zugewandte^; und dies wären die
-beiden Hauptklassen, in die unser studirendes Publicum zerfiele.
-
-
- §. 31.
-
-Es würde auch fernerhin nach jedem abgelaufenen Lehrjahre denen, die bis
-jetzt noch unter den Zugewandten sich befänden, freistehen, durch
-gelungene Ausarbeitungen (indem gegen das Ende jedes Lehrjahres Aufgaben
-für dergleichen gegeben werden) ihre Aufnahme unter die Regularen
-nachzusuchen. Ausserdem würden diejenigen der jungen Inländer, welche
-vorzügliches Talent und Progressen von der niederen Schule zu
-documentiren vermöchten (über deren Grad und die Art der Beweisführung
-später etwas Festes bestimmt werden kann), gleich bei ihrem Eintritte
-auf die Universität ein Recht haben auf einen Platz unter den Regularen.
-
-
- §. 32.
-
-Es wäre zu veranlassen, dass gleich bei der Eröffnung der Universität,
-da es noch keine Regulare giebt, diejenigen, welche die Aufnahme unter
-sie durch Ausarbeitungen zu suchen gedächten, ebenso wie späterhin die
-Regularen es sollen, zu einem gemeinschaftlichen Haushalt
-zusammenträten. Diese, obwohl unter besonderer Aufsicht des
-Lehrinstituts stehend, wäre dennoch keine eigentliche öffentliche,
-sondern eine Privatanstalt, und die Mitglieder lebten nicht, wie es mit
-den Regularen unter gewissen Bedingungen wohl der Fall seyn kann, auf
-Kosten des Staates, sondern auf die eigenen, die jedoch, ganz wie bei
-den Regularen, gemeinschaftlich verwaltet würden. Es könnte auch
-denjenigen unter diesen Vereinigten, welche beim Anfange des zweiten
-Lehrjahres nicht unter die Regularen aufgenommen, und so aus dieser
-ersten Verbindung in eine neue hinübergenommen würden, nicht verwehrt
-werden, in dieser ihrer ersten Verbindung fortzuleben, indem sie zufolge
-des vorhergehenden §. beim Anfange des künftigen Lehrjahres glücklicher
-seyn können, und so ^Candidaten^ der ^Regel^ zu bleiben. Es könnten zu
-ihnen hinzutreten, um denselben Anspruch zu bezeichnen, andere, die
-bisher unter den Zugewandten sich befanden, desgleichen die von der
-niederen Schule Kommenden, die nicht schon von daher das Recht,
-unmittelbar unter die Regularen zu treten, mitbringen. Diese machen nun
-eine dritte Klasse der bei uns Studirenden, ein Verbindungsglied
-zwischen den Regularen und den Zugewandten: ^Novizen^. Sie sind schon
-durch die Natur der Sache, indem die Lehrer wissen, dass vorzüglich aus
-ihrer Mitte beim Anfange des neuen Lehrjahres sie das Collegium der
-Regularen zu ergänzen haben werden, der besonderen Beachtung derselben
-empfohlen.
-
-
- §. 33.
-
-Damit nun nicht etwa die Zugewandten, -- denn von den Novizen, die ihren
-Anspruch auf die Regel durch ihr Zusammenleben bekennen, ist dies nicht
-zu befürchten -- um der grösseren Licenz willen, jemals versucht werden,
-sich für vornehmer zu halten, denn die Regularen, soll der Vorzug der
-letzteren sogar äusserlich anschaubar gemacht werden durch eine
-^Uniform^, die kein Anderer zu tragen berechtigt sey, denn sie und ihre
-ordentlichen Lehrer. Damit dieser Rock gleich anfangs die rechte
-Bedeutung erhalte, sollen sogleich von Eröffnung der Universität an die
-ordentlichen Lehrer diese Uniform gewöhnlich tragen, also dass im ersten
-Lehrjahre nur sie, und diejenigen, die in demselben Verhältnisse mit
-ihnen zur Universität stehen, damit bekleidet seyen; später, nach
-Ernennung des ersten Collegiums von Regularen, sie auf diese fortgehe,
-und so ferner bei allen folgenden Ergänzungen des letzteren. --
-
-
- §. 34.
-
-Diese Einrichtung soll zugleich die äussere sittliche Bildung unserer
-Zöglinge unterstützen, und die Achtung derselben bei dem übrigen
-Publicum befördern und sicherstellen. Gründliches und geistreiches
-Treiben der Wissenschaft veredelt ohnedies ganz von sich selbst;
-überdies wird für die Entwickelung der Ehrliebe und des Gefühls für das
-Erhabene, als das eigentliche Vehiculum der sittlichen Bildung des
-Jünglings, durch Beispiel und Lehre gesorgt werden; die Ordnung aber
-kommt durch die getroffene Einrichtung von selber in seinen Lebenslauf:
-und so ist für die innere Bildung gesorgt.
-
-Die äussere wird, bei entwickelter Ehrliebe, der Gedanke unterstützen,
-dass sein Rock ihn bezeichne, und dass dieses Kleid nicht im Müssiggange
-auf den Strassen sich herumtreiben, oder wohl gar an gemeinen Orten und
-bei Zusammenläufen sichtbar werden, sondern dass es, als Mitglied der
-Gesellschaft, nur in Ehrenhäusern erscheinen dürfe. Was aber Ehrenhäuser
-sind, wird man ihm sagen, und auf alle Weise die Erlaubniss, in solchen
-Häusern ihn zu empfehlen, zu verdienen suchen. (Z. B. mag immerhin beim
-jetzigen Zustande der Dinge unter gewissen Umständen ein ehrliebender
-Jüngling, der in ein Duell verflochten worden, Entschuldigung verdienen,
-so soll doch unser Zögling durchaus keine finden ^darüber^, dass er sich
-erst unter Pöbel, von welcher Geburt derselbe auch übrigens seyn möge,
-begeben, wo dergleichen möglich war. Dahin werde der ^point d'honneur^
-des ganzen Corps gerichtet. Feige übrigens sollen sie nicht werden.)
-
-Nach aussen hin ist gegen die Hauptquelle der Verachtung im Leben,
-Unordnung im Haushalt und Schuldenmachen, unser Zögling gesichert. Dass
-bei Excessen, deren Urheber unbekannt bleiben sollten, nicht auch
-unschuldig, wie dies in den Universitätsstädten wohl zu geschehen
-pflegt, dies Corps als der stets vorauszusetzende allgemeine Sünder
-aufgestellt werde, dagegen werden die Lehrer sich durch die Vorstellung
-schützen: Habt ihr unsern Ehrenrock bei dem Excesse gesehen? Habt ihr
-dies nun nicht, so verleumdet nicht unsere Zöglinge, denn diese gehen
-nie aus, ausser in diesem Rocke: und sie (diese Lehrer) werden überhaupt
-alles Ernstes auf die Ehre ihrer Zöglinge und auf alle die Einrichtungen
-halten, die ihnen möglich machen, dies mit ihrer eigenen Ehre zu thun.
-
-
- §. 35.
-
-Die ^Zugewandten^ stehen, da sie weder eigentliche Mitglieder unserer
-Anstalt, noch eigentliche angesessene Bürger sind, unter der allgemeinen
-Polizei, und es muss diese, ohne alle Mitwirkung von Seiten der Anstalt,
-und ganz auf ihre eigene Verantwortung, die Einrichtungen, wodurch den
-übrigen Bürgern die gehörige Garantie in Hinsicht dieser Fremden
-geleistet werde, treffen. Nicht anders würde es sich mit den Novizen
-verhalten; welche jedoch, da sie eine Einheit bilden, und ein sichtbares
-Band dieser Einheit an ihrer ökonomischen Verwaltung haben, eine
-tüchtigere Garantie zu geben, auch durch diesen ihren Repräsentanten in
-Unterhandlung mit der Polizei zu treten vermögen, und so, in Absicht der
-Individuen, einer liberaleren Gesetzgebung unterworfen werden können,
-als die ersteren. Nun aber steht die Lehranstalt mit diesen beiden
-Klassen noch in einem engeren Verhältnisse, denn die übrigen Bürger, und
-es ist der allgemeinen Polizei völlig fremd, dasjenige, was aus diesem
-engeren Verhältnisse hervorgeht, zu ordnen. Demnach fielen die dahin
-gehörigen Anordnungen dem Institute, als dem einen und vorzüglichsten
-Theilnehmer des abzuschliessenden Contractes anheim. -- Diese Klassen
-haben zu allen von der Schule getroffenen Lehranstalten den Zutritt; da
-aber ferner die Schule weder um ihre wissenschaftlichen Fortschritte,
-noch um ihre Aufführung sich im mindesten bekümmert, so beschränkt sich
-ihr Recht an diese lediglich auf den Punct, ^sich gegen die
-Verletzungen, welche aus der Ertheilung dieses Zutrittes entstehen
-könnten^ (denn gegen andere Verletzungen schützt auch sie die allgemeine
-Polizei), ^zu schützen^.
-
-Dergleichen Verletzungen würden seyn: Störung der Ruhe und Ordnung in
-den Lehrübungen, zu denen sie den Zutritt erhalten; Verletzung der
-Achtung, die das Verhältniss des Lernenden zum Lehrer, oder der
-Zugewandten zu denen, um deren willen die Anstalt eigentlich da ist,
-erfordert; endlich könnten, bei dem bekannten Eigendünkel und der
-verkehrten Reizbarkeit der gewöhnlichen Studirenden, aus dem, Dingen der
-ersten und zweiten Art entgegengesetzten Widerstande der Lehrer andere
-gröblichere Beleidigungen und Angriffe erfolgen, welche, als erfolgt
-lediglich aus dem verstatteten Zutritte, nicht nach allgemeinen
-polizeilichen Grundsätzen, sondern nach strengeren beurtheilt werden
-müssten.
-
-Es müsste demzufolge zwischen der Lehranstalt und jedem Individuum der
-Contract, durch den das letztere das Recht des Zutrittes erhält und sich
-auf die Bedingungen, unter denen es dasselbe erhält, verpflichtet, durch
-einen ausdrücklichen Act abgemacht werden. Dieser Act ist die
-^Inscription^; die Bedingungen aber sind die ^Gesetzgebung^ für den
-Zugewandten, welche, da das übrige Verhältniss desselben zu anderen
-Bürgern eine Sache der Polizei ist, durchaus nur sein Verhältniss zur
-Lehranstalt, ^als solcher^, zu bestimmen hat. Die Novizen können, aus
-dem schon der Polizei gegenüber angegebenen Grunde, auch in dieser
-Beziehung unter eine mildere Gesetzgebung gesetzt werden.
-
-Der Act der Inscription und Verpflichtung auf die Gesetze ist ein
-juridischer, und wird drum am schicklichsten, sowie die unten zu
-bezeichnenden Justizgeschäfte einem besonders zu ernennenden
-^Justitiarius^ der Lehranstalt anheimfallen.
-
-Da die Anstalt in gar kein anderes Verhältniss mit den Zugewandten
-eingeht, als auf die Erlaubniss des Zutrittes, so bleibt ihr auch kein
-anderes Zwangsmittel übrig, als die Zurücknahme dieser Erlaubniss.
-Dieses kann geschehen im ^Besonderen^ oder im ^Allgemeinen^. In Absicht
-des ersteren muss es jedem einzelnen Lehrer, auf seine eigene
-Verantwortung vor seinem Gewissen, freistehen, einen Zugewandten, dessen
-Unruhe und Zerstreutheit ihn oder sein Auditorium stört, oder der ihn
-oder seine mit ihm enger verbundenen Schüler beleidigt hat, den Zutritt
-zu seinen Lehrübungen für eine gewisse Zeit, oder auch auf immer, zu
-untersagen; und das ganze lehrende Corps muss ihn hiebei, durch die
-Verwarnung vor grösserem Uebel, auf seine blosse Anzeige unterstützen.
-Das zweite erklärt sich selbst; und sind die Fälle, -- unter die der,
-dass jemand der Verweisung eines einzelnen Lehrers aus seinem Auditorium
-nicht Folge geleistet hätte, mit gehört, -- durch das Gesetz
-festzustellen. Sollte, bei Verborgenheit der Urheber beleidigender
-Attentate, etwas erst ausgemittelt werden müssen, so fällt diese
-Untersuchung dem Justitiarius der Universität anheim, vor dessen Gericht
-sich der Inscribirte, bei Strafe der Relegation ^in contumaciam^, zu
-stellen hat. Bisherige Universitäten, z. B. die Nutritoren der
-Jenaischen Universität und derselben Senat, haben angenommen, dass es in
-solchen Fällen für die Verurtheilung keinesweges des strengen
-juridischen Beweises bedürfe, sondern dass ein dringender Verdacht dazu
-hinreiche; indem ja nicht irgend eine Strafe zugefügt, sondern nur eine
-frei ertheilte Erlaubniss wiederum zurückgenommen werde, weil deren
-Fortdauer gefährlich scheine; und der Verfasser dieses ist der Meinung,
-dass diese recht haben, und dass auch wir denselben Grundsatz
-aufzunehmen hätten. Der Justitiarius ist in dieser Qualität, als
-Verwalter des Rechtes des Institutes, sich selbst zu schützen, demselben
-verantwortlich.
-
-Mit der Zurücknehmung der Inscription ist, theils um die Mitglieder der
-Universität gegen den ferneren Ueberlauf und die Rache der Entlassenen
-zu sichern, theils, weil ein solcher gar keinen Grund mehr aufweisen
-kann, seinen Aufenthalt an diesem Orte fortzusetzen, die Verweisung aus
-der Universitätsstadt und ihrer nächsten Nachbarschaft, oder die
-^Relegation^ natürlich verknüpft. Die Pflicht, über diese zu halten,
-fällt der Polizei, die in dieser Rücksicht gar nicht Richter oder
-Revisor des Urtheils, sondern lediglich Executor des schon gesprochenen
-Urtheils ist, anheim; und müsste gegen diese, falls sie ihre Pflicht
-lässig betriebe, die Universität als Kläger auftreten.
-
-(Sollte in dieser Ansicht einige Richtigkeit seyn, so würde daraus auch
-erhellen, wie die bisherige Justizverwaltung auf Universitäten, bald in
-der Voraussetzung, dass die Universität nicht mehr dürfe, als eine
-Erlaubniss zurücknehmen, die sie selbst gegeben, bald, indem sie
-zugleich das ihr fremde Geschäft der Polizei und der Civiljustiz ausüben
-sollte, endlich, indem ihr auch ein Gefühl ihrer Vater- und
-Erzieherpflichten entstand, geschwankt, und bald zu viel, bald zu wenig
-gethan habe. Hier ist durch die Trennung zwei sehr verschiedener Klassen
-von Studirenden der Widerspruch gelöst; und durch die anheimgegebene
-Freiheit, zu welcher Klasse jemand gehören wolle, das persönliche Recht
-behauptet.)
-
-
- §. 36.
-
-In Absicht der Verknüpfung der Relegation mit der Zurücknahme der
-Inscription, die bei Fremden ganz unbedenklich ist, dürfte in dem Falle,
-da die zu Relegirenden ihren elterlichen Wohnplatz in der
-Universitätsstadt hätten, billig das Bedenken eintreten, ob die
-Universität, sowie sie ohne Zweifel das Recht hat, diese aus ihren
-Hörsälen zu verweisen, auch das Recht habe, sie aus ihrem väterlichen
-Hause zu vertreiben. Da inzwischen, falls man ihr dieses Recht
-absprechen müsste, sie gegen diese durchaus nicht weniger gefährlichen
-Jünglinge ohne eine besondere Einrichtung nicht gesichert werden könnte,
-so wäre als eine solche besondere Einrichtung vorzuschlagen: 1) dass
-Söhne aus der Universitätsstadt, falls sie nicht etwa schon als
-Mitglieder einer niederen Schule das gute Zeugniss dieser ihrer Lehrer
-für sich hätten, sich einige Zeit vor der Inscription zu derselben
-anmelden müssten, und von da an beobachtet würden, und dass man ihnen,
-falls diese Beobachtung Bedenklichkeit gegen sie einflösste, die
-Inscription verweigern könne. 2) Dass ihre Eltern eine namhafte Summe
-als Caution für sie stellten, deren erste Hälfte im Falle der
-Zurücknahme der Inscription, statt der Relegationsstrafe, mit der sie
-dermalen verschont blieben, verfiele; dass aber, falls sie hinführo von
-neuem sich einiger Excesse gegen die Lehranstalt schuldig machten, auch
-die andere Hälfte verfiele, und sie dennoch relegirt würden. Sollten
-Eltern diese Caution stellen nicht können oder wollen, so müssen sie
-sich es eben gefallen lassen, dass auch ihre Söhne im Falle der
-Verschuldung relegirt werden; sowie bisher zuweilen sogar Professoren
-sich haben gefallen lassen müssen, dass ihren unfertigen Söhnen dieses
-begegnet; indem es gänzlich in dem freien Vermögen aller Studenten in
-der Welt beruhet, diejenigen Handlungen, welche Relegation nach sich
-ziehen, und deren Katalog bei uns, die wir der Polizei und dem
-Civilgerichte überlassen würden, was ihres Amtes ist, gar nicht gross
-seyn würde, zu unterlassen.
-
-
- §. 37.
-
-Die Regularen werden vom Staate und seinem Organe, der allgemeinen
-Polizei (denn mit der Civiljustiz könnte wohl die Oekonomieverwaltung
-derselben, keinesweges aber ein Einzelner von ihnen zu thun bekommen),
-betrachtet als ein Familienganzes, das als solches für seine Mitglieder
-einsteht. Wäre von den letzteren gesündigt, so ist freilich das Ganze
-zur Verantwortung und Strafe zu ziehen; dagegen bleibt die Bestrafung
-des einzelnen Mitgliedes der Familie selbst überlassen und wird im
-Schoosse derselben vollzogen, und ist väterlich und brüderlich, und soll
-dienen als Erziehungs-, keinesweges aber als schreckendes Mittel. Nur
-wenn ein Individuum vom Körper abgesondert und ausgestossen werden
-müsste, könnte es wieder als Einzelner dastehen, und dem Forum, für
-welches es sodann gehörte, anheimfallen.
-
-Es erhellt, dass ohne vorhergegangene Degradation und Ausstossung keine
-der bisher aufgestellten gesetzlichen Verfügungen auf die Regularen
-passen, und dass für sie weder Justitiarius oder Relegation, oder dass
-etwas stattfinde. Durch die blosse Ausstossung könnten sie doch nicht
-weniger werden, als das, was sie ohne Einverleibung in das Corps der
-Regularen gewesen seyn würden, ^Zugewandte^, und erst als solche müssten
-sie von neuem sich vergehen, um der Polizei oder dem Justitiarius,
-welchem sie ja von nun an erst anheimfallen, verantwortlich zu werden.
-Dass die Fälle, in denen ein Familienganzes seine Mitglieder nicht
-vertreten kann, z. B. Criminalfälle, ausgenommen sind, dass aber auch
-sodann die Degradation der Auslieferung an den Richter vorhergehen
-müsse, ist unmittelbar klar.
-
-Die Regularen hätten sonach zuvörderst für sich eine Regel zu finden,
-nach der die Möglichkeit solcher Fälle so gut als aufgehoben, und
-überhaupt alle Vorkehrungen so getroffen würden, dass die Polizei keine
-Gelegenheit fände, von ihnen Notiz zu nehmen: sodann ein Ephorat und
-Gericht zu errichten, das über die Ausübung dieser Regel hielte. Ohne
-dies würde in dem Hause, in welchem sie beisammen wohnten, ein alter
-ehrwürdiger Gelehrter, der selbst einst mit Ruhm und Verdienst Lehrer am
-Institut gewesen wäre, als der unmittelbarste Hausvater der Familie, mit
-ihnen wohnen und leben. (Sollte späterhin die Gesellschaft also
-anwachsen, dass sie in mehrere Häuser vertheilt werden müsste, so müsste
-diese nicht etwa durch die Benennung verschiedener Collegia getrennt,
-sondern das Einheitsband müsste durch die Gemeinschaftlichkeit Eines
-Hausvaters und durch andere Mittel auch äusserlich sichtbar bleiben.)
-Dieser wäre der natürliche Präsident dieses Familiengerichts. Ferner
-sind natürliche Beisitzer desselben alle ordentlichen Lehrer an der
-Anstalt, indem ja deren eigene Ehre von der Ehre ihres Zöglings abhängt;
-und könnten dieselben, zur Sparung ihrer Zeit, ^abwechselnd^ in
-demselben sitzen. Endlich wären, damit ein wahrhaftes Familien- und
-Brudergericht entstände, aus den Regularen selbst, nach einer leicht zu
-findenden Regel, Beisitzer zu ernennen. Deren richterliche Verwaltung
-trüge nun den oben angegebenen Grundcharakter, die Verhandlungen aber
-und Richtersprüche derselben blieben durchaus im Schoosse dieses Corps;
-hierüber anderen etwas mitzutheilen, würde betrachtet als eine
-Ehrlosigkeit, die unmittelbar die Ausstossung nach sich ziehen müsste.
-
-Eine ähnliche Einrichtung können die Novizen, falls sie eine Verwaltung
-finden, deren Garantie die Polizei annehmen will, treffen. Nur haben sie
-keinen Anspruch auf den Beisitz der ordentlichen Lehrer in ihrem
-Familiengerichte; es kann ihnen aber erlaubt werden, ausserordentliche
-Professoren, von denen zu seiner Zeit, oder auch andere brave Gelehrte,
-zu diesem Beisitze einzuladen. Ueberhaupt, so ähnlich auch das Noviziat
-jetzt oder künftig dem Collegium der Regularen werden möchte, so bleibt
-doch immer der Hauptunterschied, dass das letztere unter öffentlicher
-Autorität und Garantie steht, das erste aber ein mit Privatfreiheit zu
-Stande gebrachtes Institut ist, dessen Mitglieder von Rechtswegen keinen
-grösseren Anspruch haben, denn die Zugewandten, und die die
-Begünstigungen, welche Polizei und Universität ihnen etwa geben, nur
-anzusehen haben als ein freies Geschenk, das ihnen auch wieder entzogen
-werden kann.
-
-
- §. 38.
-
-Durch das Bisherige ist nun auch die Entstehung des ^lernenden
-Subjectes^ in seinen verschiedenen Abstufungen, und wie dasselbe
-immerfort ergänzt und erneuert werden solle, beschrieben. Wir können
-nunmehro auch an eine weitere Bestimmung des schon oben im Allgemeinen
-aufgestellten lehrenden Subjectes gehen.
-
-Auf den bisherigen Universitäten war es Doctoren und ausserordentlichen
-Professoren erlaubt, sich im Lesen zu versuchen und zu erwarten, ob ein
-Publicum sich um sie herum versammeln werde. Haben dieselben schon auf
-einer anderen Universität das Recht, Vorlesungen zu halten, gehabt, so
-können auch wir es ihnen erlauben. Im entgegengesetzten Falle mögen sie
-das anderwärts Gebräuchliche auch bei uns leisten. Die eigentlichen
-Lehrer für die Regularen und die, so es zu werden streben, sind freilich
-die encyklopädischen Lehrer, die ja auch die entscheidenden Aufgaben
-geben, sowie die von diesen etwa eingesetzten Lehrer des Theils eines
-Faches, welche, obwohl Unterlehrer, dennoch ^ordentliche^ Lehrer sind.
-Für diese, die wir immer insgesammt ^ausserordentliche^ Professoren
-nennen könnten, blieben demnach die Zugewandten übrig, an denen sie sich
-versuchen könnten. Dennoch sollen auch nicht nur Regulare, und zwar die
-geübtesten und befestigtsten, von dem encyklopädischen Lehrer des Faches
-zur Besuchung ihrer Vorlesungen ernannt werden, sondern auch dieser
-Lehrer selbst und andere Lehrer befugt seyn, denselben insoweit
-beizuwohnen, bis sie einen bestimmten Begriff von den Kenntnissen und
-dem Lehrertalent des Mannes sich erworben.
-
-Die erste Erlaubniss zu lesen geht nur auf Ein Lehrjahr. Nach Verfluss
-desselben muss abermals um dieselbe eingekommen werden, und es kann
-diese nach Befinden der Umstände erneuert oder verweigert werden; oder
-auch der zweckmässig befundene Lehrer kann als ordentlicher Unterlehrer
-oder auch als Encyklopädist, wenn der vorherige abgehen will, ernannt
-werden.
-
-Die Entscheidung über beide Gegenstände hängt, wie bei Beurtheilung der
-Aufsätze, ab von der Klasse des Faches, so wie von der philosophischen
-Klasse, wo die erstere über die Gründlichkeit der empirischen
-Erkenntniss, die zweite über die philosophische Freiheit und Klarheit
-entscheidet. Auch hier müssen für ein bejahendes Urtheil beide Stimmen
-sich vereinigen, indem jede Klasse erst unter sich und für sich einig
-seyn muss, und ihre Stimme hier nur für eine gezählt wird. Da jedoch, so
-wie das Alter beschuldigt wird, jeder Neuerung zuweilen sich feindselig
-zu zeigen, ebenso die kräftigere Jugend von Eifersucht gegen fremdes
-Verdienst nicht immer ganz frei zu sprechen ist, so müsste bei einem die
-Erlaubniss zu lesen, oder die Anstellung eines Lehrers betreffenden
-Falle fürs erste jede besondere Klasse (die hier requirirte empirische,
-so wie die philosophische) zuvörderst in sich selber in zwei Theile
-getheilt werden, den ^Rath der Alten^, und den ^der ausübenden Lehrer^,
-und nur wenn diese beiden Theile Nein sagten, hätte die Klasse Nein
-gesagt, dagegen auch das einseitige Ja des einen Rathes zum Ja der
-Klasse würde. Dadurch würde hervorgebracht, dass weder die
-Neuerungsfurcht des einen, noch die Eifersucht des anderen Theiles den
-Fortschritt zum Besseren hindern könnte, und diesen beiden Dingen an
-einander selber ein wirksames Gegengewicht gegeben; wo aber beide Theile
-Nein sagten, da würde wohl ohne Zweifel das Nein die richtige Antwort
-seyn.
-
-(Uebrigens wird eine solche Eintheilung unseres gelehrten Corps in einen
-Senat der Alten und der Lehrer zu seiner Zeit aus dem Wesen des Ganzen,
-ganz ohne Rücksicht auf das soeben erwähnte besondere Bedürfniss, sich
-sehr natürlich ergeben.)
-
-
- §. 39.
-
-Eine Auswahl der Regularen in jedem Fache wird beim Fortgange der
-Anstalt, als ein Professorseminarium, ohnedies unter der Aufsicht der
-ordentlichen Lehrer zu den Geschäften des Lehrers angehalten werden.
-Diesen könnte, wenn sie aus der Klasse der Studirenden herausgetreten
-und zu ^Meistern^ ernannt worden, das Recht zu lesen auf dieselbe Weise
-ertheilt werden, so wie aus ihnen die Lehrstellen nach derselben Regel
-sehr leicht besetzt werden. Doch würden uns immerfort auf jeder Stufe
-unserer Vollendung zu uns kommende fremde Lehrer, auf die §. ^praeced.^
-erwähnte Weise, willkommen seyn, und wir dadurch gegen jede
-Einseitigkeit des Tones uns zu verwahren suchen.
-
-
- §. 40.
-
-Die Verwaltung des Lehramtes, besonders nach unseren Grundsätzen,
-erfordert jugendliche Kraft und Gewandtheit. Nun ist wenigen die
-Fortdauer dieser jugendlichen Frischheit bis in ein höheres Alter hinein
-zugesichert; auch fällt die Neigung der meisten originellen Bearbeiter
-der Wissenschaft in reiferen Jahren dahin, ihre Bildung in einer festen
-und vollendeten Gestalt niederzulegen in das Archiv des allgemeinen
-Buchwesens, und es ist sehr zu wünschen, dass dies geschehe, und ihnen
-die Zeit und Ruhe dazu zu gönnen. Wir müssen darum nicht anders rechnen,
-als dass wir die Lehrer an unserer Anstalt nur auf eine bestimmte Zeit
-beibehalten wollen. Alle diejenigen, mit denen das Institut zuerst
-beginnt, werden sich bald nach der ehrenvoll verdienten Ruhe sehnen, und
-gern den Zeitpunct ergreifen, da unter ihnen ein jüngeres Talent sich
-gebildet hat, das ihren Platz würdig besetze. Alle während des
-Fortganges des Instituts neu angestellte Lehrer sind nur auf einen
-bestimmten Zeitraum (etwa für die Periode, innerhalb welcher das
-studirende Publicum sich zu erneuern pflegt) anzunehmen, nach dessen
-Ablaufe beide Theile, die Universität und der Lehrer, auf die §. 38
-beschriebene Weise, den Contract erneuern oder auch aufheben können.
-
-
- §. 41.
-
-Um im ökonomischen Theile solcher Verhandlungen dem bisher oft
-stattgefundenen anstössigen Markten zwischen Regierungen und Gelehrten,
-indem die ersteren zuweilen von der Verlegenheit eines wackeren Mannes
-Vortheil zu ziehen suchten, um seine Kraft und sein Talent wohlfeilen
-Kaufes an sich zu bringen, die letzteren zuweilen auch mit dem Gehörigen
-sich nicht begnügen mochten, und ihre übertriebenen Forderungen durch
-theils mit List an sich gebrachte auswärtige Vocationen unterstützen, in
-der Zukunft und für unser Lehrinstitut vorzubauen, mache ich folgenden
-Vorschlag:
-
-Entweder sind diese Lehrer Inländer, und auf unserem Institute, wohl gar
-als Regulare, wie zu erwarten, gebildet, so hat das Vaterland ohnedies
-den ersten Anspruch auf ihre Kräfte, so wie ^sie^ Anspruch auf die
-Fürsorge desselben, in jedem Falle und ihr ganzes Leben hindurch, haben;
-oder sie sind Fremde, welche bei uns auch ihre Bildung nicht erhalten
-haben. Im letzten Falle fordere man von ihnen, dass sie, beim Eingehen
-irgend eines Verhältnisses mit uns, oder bei der Erneuerung eines
-solchen, sich erklären, ob sie ihr Fremdenrecht beibehalten, oder ob sie
-das völlige Bürgerrecht haben (sich ^nostrificiren^ lassen) wollen. Im
-ersten Falle müssen wir uns freilich gefallen lassen, dass, falls sie
-uns unentbehrlich sind, sie sich uns so theuer verkaufen, als sie irgend
-können; jedoch wird diese Verbindung immer nur auf einen Zeitraum
-eingegangen; und können wir etwa nach dessen Abfluss sie entbehren, so
-sollen sie wissen, dass wir uns sodann um sie durchaus nicht weiter
-kümmern werden, und sie gehen können, wohin es ihnen gefällt. Im zweiten
-Falle erhält der Staat an sie, und sie an den Staat alle Ansprüche, die
-zwischen ihm und den bei uns gebildeten Eingebornen stattfinden. Um nun
-in diesem letzteren Verhältnisse zugleich die persönliche Freiheit des
-Individuums sicher zu stellen, zugleich eine rechtliche Gleichheit des
-Individuums mit dem Staate, der bisher seinem Diener lebenslänglichen
-Unterhalt zusichern, von ihm aber zu jeder Stunde sich den Dienst
-aufkündigen lassen musste, hervorzubringen, und besonders, um dem
-Gelehrtenstande zu grösserer Moralität und Ehrliebe in Dingen dieser Art
-zu verhelfen, setze man den Anspruch auf lebenslange Versorgung,
-verhältnissmässig nach dem Fache, als ^gleich einem gewissen bestimmten
-Capital^, das der des vollkommenen Bürgerrechts Theilhaftige dem Staate
-zurückzahle, wenn er dessen bisherige Dienste verlassen will. Ist er nun
-dem auswärtigen Berufer dieser Summe werth, so mag derselbe sie
-bezahlen, und er ist frei; aber es ist zu hoffen, dass dieser Fall nicht
-sehr häufig eintreten, und auf diese Weise wir mit der Beseitigung so
-mannigfacher Vocationen verschont bleiben werden.
-
-
- §. 42.
-
-Es ist, in der Voraussetzung dieser Einrichtung, bei der Frage, wie
-abgetretene Professoren zu versorgen seyen, nur von solchen die Rede,
-denen das vollkommene Bürgerrecht angeboren, oder von ihnen angenommen
-ist; indem diejenigen, welche dasselbe abgelehnt, nach ihrem Austritte
-nicht nur nicht versorgt werden, sondern es sogar eine feste Maxime
-unserer Politik seyn soll, dieselben sobald wie möglich entbehrlich zu
-machen.
-
-Die bei uns erzogenen und beim Austritte aus den Studirenden des
-^Meisterthums^ würdig befundenen Regularen haben ohnedies den ersten
-Anspruch auf die ersten Aemter des Staats, und man könnte auch immerhin
-den Lehrern, die das Institut beginnen werden, denselben Anspruch
-ertheilen, den man ihren späteren Zöglingen nicht wird versagen können.
-Dieser Anspruch und die Fähigkeit, dergleichen Aemter zu bekleiden,
-werden dadurch ohne Zweifel nicht vermindert, dass der Mann durch einige
-Jahre Lehramt es zu noch grösserer Gewandtheit in demjenigen
-wissenschaftlichen Fache, dessen Anwendung im Leben das erledigte
-Staatsamt fordert, und nebenbei zu grösserer Reife des Alters und der
-Erfahrung gebracht hat; es wäre vielmehr zu wünschen, dass alle diesen
-Weg gingen, und das Leben der ersten Bürger in der Regel in die drei
-Epochen des lernenden, des lehrenden und des ausübenden
-wissenschaftlichen Künstlers zerfiele. Weit entfernt daher, um die
-Anstellung ausgetretener Lehrer verlegen zu seyn, müssten wir, wenn wir
-auch sonst keines Corps der Lehrer bedürften, ein solches schon als
-Pflanzschule und Repertorium höherer Geschäftsmänner errichten, und bei
-eintretendem Bedürfnisse aus diesem Behälter zuweilen sogar den, der
-lieber darin bliebe, herausheben.
-
-Dieses Bedürfniss austretender Lehrer für den Staat und den höheren
-Geschäftskreis desselben noch abgerechnet, bedarf auch für sich selbst
-als literarisches Institut solcher Männer. -- Es giebt sehr weit von der
-Wurzel des wissenschaftlichen Systems abliegende, in ein sehr genaues
-Detail eines Faches gehende Kenntnisse, welche in die allgemeine
-Encyklopädie und den gewöhnlichen Kreis des Unterrichts an der
-wissenschaftlichen Schule nicht eingreifen, und ohne deren Kenntniss
-jemand ein sehr trefflicher Lehrer seyn kann. Doch kann das Bedürfniss
-auch dieser Kenntniss für Lehrer und Lernende eintreten; es muss daher
-das Mittel vorhanden seyn, sie irgendwo zu schöpfen. Dies seyen fürs
-erste die ausgetretenen Lehrer. Vielleicht arbeiten sie ohnedies an
-einem Werke, in welchem sie ihre individuelle Bildung in das allgemeine
-Archiv des Buches niederlegen wollen, zu dem ihnen die Musse zu gönnen
-ist. Nebenbei mögen auch Lehrer und Lernende sich bei ihnen Raths
-erholen über das, worin sie vorzüglich stark sind; oder auch
-vorkommenden Falles beide sie um einige Vorlesungen ersuchen, in Gottes
-Namen über ein orientalisches Wurzelwort, oder die Naturgeschichte eines
-einzelnen Mooses. Sie sind mit einem Worte Rath und Hülfe der jüngeren
-bei eintretenden Nothfällen im Wissen sowohl als der Kunst.
-
-Indem sie nun doch nicht mehr eigentliche und ordentliche Lehrer an der
-Universität, und ihre noch fortdauernden Leistungen nur frei begehrte
-und frei gewährte Gaben sind, sind sie eine ^Akademie der Wissenschaft^,
-im ^modernen^ (eigentlich französischen) Sinne dieses Wortes; und für
-die Universitätsangelegenheiten der oben erwähnte ^Rath^ der ^Alten^.
-Mit ihnen tritt bei dergleichen Berathschlagungen das Corps der
-wirklichen Lehrer, als ^Rath der ausübenden Lehrer^ zusammen; daher sind
-auch die letzteren natürliche Mitglieder der Akademie; und die gesammte
-Akademie ist, in Beziehung auf die Universität, der ^Senat^ derselben,
-nach den erwähnten beiden Haupttheilen in allen festzusetzenden
-besonderen Klassen.
-
-Freie Mitglieder der Akademie bleiben auch die zu anderen Staatsämtern
-beförderten ausgetretenen Lehrer, und sie sind befugt, und, inwiefern es
-ihre anderen Geschäfte erlauben, ersucht an den Berathschlagungen
-derselben, als Mitglieder des Rathes der Alten, Theil zu nehmen (und sie
-werden gebeten werden, welche Decorationen auch sonst ihnen zu Theil
-geworden seyn dürften, dennoch zuweilen auch unsere Uniform, welche
-überhaupt jeder Akademiker trägt, mit ihren Personen zu beehren).
-
-In dieser Akademie Schooss bleibt ihnen auch immer, welche Schicksale
-auch sonst auf ihrer politischen Laufbahn sie betroffen haben möchten,
-der ehrenvolle Rückzug, und ist ihnen da ein sorgenfreies, geehrtes
-Alter bereitet, indem der Charakter eines Akademikers ^character
-indelebilis^ wird.
-
-
- §. 43.
-
-Noch wäre, in derselben Rücksicht, um sichern Rath und Hülfe in jeder
-literarischen Noth zu finden, eine andere Art von Akademikern, die sogar
-niemals ordentliche Lehrer gewesen, anzustellen; ich meine jene
-lebendigen Repertorien der Bücherwelt, und die, welche gross und einzig
-sind in irgend einer seltenen Wisserei, obwohl sie es niemals zu einer
-encyklopädischen Einheit der Ansicht ihres Faches, oder zu einer
-lebendigen Kunst in demselben, gebracht haben, und darum als ordentliche
-Lehrer für uns nicht taugen. Wir wollen sie nur dazu, dass unser
-ordentlicher Lehrer diese lebendigen Bücher zuweilen nachschlage; die
-Klarheit und Kunstmässigkeit wird er dem bei ihm geschöpften Stoffe für
-die Mittheilung an seine Schüler schon selber geben.
-
-(So starb vor mehreren Jahren zu Jena ein gewisser B.[26], der mehrere
-Hunderte von Sprachen zu wissen sich rühmte, und von dem andere, auch
-nicht mit Unrecht, sagten, er besitze keine einzige. Dessenohnerachtet,
-glaube ich, würde auch der Besitz eines solchen uns wünschenswürdig
-seyn. Denn falls etwa, wie es denn in der That dergleichen Leute giebt,
-jemand glaubte, das gesammte menschliche Sprachvermögen sey im Grunde
-Eins, und die mancherlei besonderen Sprachen seyen nur, nach einem
-gewissen Naturgesetze, ohne einige Einmischung der Willkür
-fortschreitende weitere Bestimmungen und Ausbildungen jener Einen
-Wurzel, und es lasse sich sowohl diese Wurzel, als jenes Naturgesetz
-finden; und etwa einer unserer Akademiker an die Lösung dieser Aufgabe
-ginge, so würde diesem aus anderen Gründen nicht füglich anzumuthen
-seyn, dass er alle Sprachen der Welt wisse; es möchte sie aber neben ihm
-und für seinen Gebrauch ein solcher B. wissen, der wiederum immer
-unfähig seyn möchte, ein solches Problem zu denken und sein Wissen für
-die Lösung desselben zu gebrauchen. -- So müssen wir denn den ganzen
-vorhandenen historischen Schatz aller Wissenschaft bei uns
-aufzuspeichern suchen, nicht um ihn todt liegen zu lassen, sondern um
-ihn einst mit organisirendem Geiste zu bearbeiten. Ist dies geschehen,
-dann wird es Zeit seyn, das ^caput mortuum^ wegzuschaffen; bis dahin
-wollen wir nichts wegwerfen oder verschmähen.)
-
-[Fußnote 26: Büttner (?).]
-
-So ist, nachdem der Theologie der Alleinbesitz der orientalischen
-Sprachkunde und der der Kirchengeschichte abgenommen worden, kaum zu
-erwarten, dass beides, bis auf seinen letzten bekannten Detail, in den
-gesammten encyklopädischen Unterricht der Philologie oder der Geschichte
-an unserer Kunstschule werde aufgenommen werden; dass wir sonach eines
-ordentlichen Lehrers der orientalischen Sprachen oder der
-Kirchengeschichte kaum bedürfen werden. Dennoch müssen immerfort Männer
-in unserer Mitte seyn, bei welchen jeder, der aus irgend einem Grunde
-das Bedürfniss hat, über das Encyklopädische hinaus bis zu dem
-äussersten Detail dieser Fächer fortzugehen, sein durch das blosse Buch
-nicht also zu befriedigendes Bedürfniss zu befriedigen vermag.
-
-Uebrigens sind diese Anführungen nur als Beispiele zu verstehen. Eine
-systematische Uebersicht der Summe unserer Bedürfnisse in dieser
-Rücksicht, so wie die Angabe der bestimmten Männer, die wir zu diesem
-Behuf für den Anfang mit uns zu vereinigen hätten, werden die
-Berathschlagungen der oben erwähnten einzelnen Männer und Comités,
-welche auch über diesen Theil unseres Plans zu instruiren wären, an die
-Hand geben.
-
-Auch diese Art von Akademikern besitzt alle Rechte eines solchen, und
-sitzt im ^Rathe der Alten^.
-
-
- §. 44.
-
-Betreffend den Uebergang aus dem Corps der Lehrlinge in das der
-Lehrenden oder praktisch Ausübenden:
-
-Der Regulare müsse am Ende seines Studirens documentiren, dass der Zweck
-desselben bei ihm erreicht worden, sagten wir oben. Da nun der letzte
-Zweck unserer Anstalt keinesweges die Mittheilung eines Wissens, sondern
-die Entwicklung einer Kunst ist, der in einer Kunst Vollendete aber
-Meister heisst, so würde jene Documentation darin bestehen, dass er sich
-als Meister bewähre.
-
-Das Meisterstück würde am schicklichsten in einer zu liefernden
-Probeschrift bestehen, nicht über ein Thema freier Wahl, sondern über
-ein vom Lehrer seines Faches ihm gegebenes und ^darauf^ berechnetes,
-dass daran sich zeigen müsse, ^ob der Lehrling die in seiner
-individuellen Natur liegende grösste Schwierigkeit^, die dem Lehrer ja
-wohlbekannt seyn muss, durch die kunstmässige Bildung seines Selbst
-besiegt habe. (Wählt er selbst, so wählt er das, wozu er am meisten
-Leichtigkeit und Lust hat; daran aber zeigt sich nicht der Triumph der
-Kunst; der Lehrer soll ihm das aufgeben, was für seine Natur das
-Schwerste ist, denn das Schwere mit Leichtigkeit thun, ist Sache des
-Meisters.) Ueber diese seine eigene Schrift nun, und auf den Grund
-derselben werde er, bis zur völligen Genüge des Lehrers, öffentlich
-examinirt.
-
-Es sind zwei Fälle. Entweder wird in einem besonderen empirischen Fache
-das Meisterthum begehrt. In diesem Falle giebt der Lehrer dieses Fachs
-das Thema; die Prüfung aber, und das ^tentamen^ zerfällt in zwei Theile,
-von denen, wie auch bei den früheren Beurtheilungen der Aufsätze der
-Studenten, der Lehrer des Faches nach der Erkenntniss, und beim
-Candidaten des Meisterthums insbesondere darnach forscht, ob er sie in
-der Vollständigkeit und bis zu demjenigen Detail, bis zu welchem der
-mündliche und Bücherunterricht an der Kunstschule fortgeht, gefasst
-habe; die philosophische Klasse aber über die lebendige Klarheit dieser
-Erkenntniss die Prüfung nach allen Seiten hinwendet und versucht.
-
-Oder der Candidat begehrte bloss in der Philosophie das Meisterthum: so
-würde er in Absicht des Themas sowohl, als der Prüfung auf den ersten
-Anblick lediglich der philosophischen Klasse anheimfallen, und die
-Empirie an ihn keine Ansprüche haben. Da inzwischen die Philosophie gar
-keinen eigentlichen Stoff hat, sondern nur das allen Stoff der
-Wissenschaft und des Lebens in Klarheit und Besonnenheit auflösende
-Mittel ist; und derjenige, der sich für einen grossen Philosophen
-ausgäbe, dabei aber bekennte, dass er weder etwas Anderes gelernt,
-vermittelst dessen, als eines Mittelgliedes, er seinen philosophischen
-Geist ins Leben einzuführen vermöchte, noch auch seine Philosophie
-unmittelbar von sich zu geben und sie anderen mitzutheilen verstände,
-ohne Zweifel der Gesellschaft völlig unbrauchbar, und keinesweges ein
-Künstler, sondern ein todtes Stück Gut seyn würde: so muss der, der sich
-auf die Philosophie beschränkt, wenigstens sein Vermögen sie
-mitzutheilen, und einen kunstmässigen Lehrer in derselben abzugeben,
-documentiren. Und so kann keiner als Meister in der Philosophie
-anerkannt werden, der sich nicht auch zugleich als ^Doctor^ derselben
-bewährt hat.
-
-Nun ist es ferner gar nicht hinlänglich, dass er in dieser Fertigkeit
-des Vortrages seiner Klasse genüge; er soll auch Nichtphilosophen,
-dergleichen ja, wenn er das Lehramt einst im Ernste verwaltet, alle
-seine Lehrlinge anfangs seyn werden, verständlich werden können; und so
-fällt denn in dieser Rücksicht das Endurtheil von seiner eigenen Klasse
-an die empirischen Klassen insgesammt, die es durch aus ihrer Mitte
-ernannte Stellvertreter verwalten können. Hier also entscheidet
-umgekehrt die philosophische Klasse über die Richtigkeit des Inhalts,
-als Resultat der erlernten Kunst, die Gesetze des Denkens im
-Philosophiren frei zu befolgen, die empirischen über die Gewandtheit und
-Klarheit in dieser Kunst, die er durch den Vortrag darlegt. Mögen diese
-immerhin über das Vorgetragene kein Urtheil haben; der Vortrag selbst
-wenigstens muss ihnen als meistermässig einleuchten. -- Es werden darum
-diejenigen, welche um das Meisterthum in der Philosophie nachzusuchen
-gedenken, sich schon früher in dem Lehrerseminarium geübt haben, da der
-philosophische Vortrag ohnedies der vollkommenste und das Vorbild alles
-anderen Vortrages bleiben muss, und darüber an unserer Kunstschule alles
-Ernstes zu halten ist.
-
-Dagegen kann der empirische Gelehrte, der seine Kenntnisse vielleicht
-nur praktisch anzuwenden gedenkt, Meister seyn, ohne gerade Doctor seyn
-zu können. Macht er auch auf das Letztere Anspruch, und begehrt er an
-unserem Institute zu lehren, so muss er seine Fertigkeit darin noch
-besonders darthun, und hat er hierüber beiden, sowohl der
-philosophischen Klasse, als der seines Faches, Genüge zu leisten.
-
-Es lässt sich auch den Zugewandten das Recht, das Meisterthum in
-Anspruch zu nehmen, nicht durchaus versagen. Da jedoch hierbei die, den
-Lehrern auch von allen schwachen Seiten ihrer individuellen Natur oder
-Erkenntniss weit besser bekannten, Regularen in Nachtheil kommen würden,
-so wäre von den Zugewandten in diesem Falle, für Herstellung der
-Gleichheit, zu fordern, dass sie wenigstens Ein Lehrjahr vor ihrer
-Erhebung zu Meistern ihren Anspruch dem Lehrer des Faches, so wie dem
-der Philosophie, bekannt machten, und dieses Jahr hindurch sich dem
-allseitigen Studium dieser Lehrer blossstellten. Könnten nicht diese
-beiden Lehrer am Ende des Jahres mit gutem Gewissen erklären, dass ihnen
-diese jungen Männer für die Absicht hinlänglich erkundet seyen, so
-müsste die Berathung über ihr Gesuch abermals ein Lehrjahr hinausgesetzt
-werden, während dessen sie zu diesen beiden in demselben Verhältnisse
-blieben, wie im ersten Jahre. Sie möchten auch an diese Lehrer für diese
-eigentlich nicht im Kreise ihres Berufs liegende Mühe einen Ersatz
-auszahlen, der in jedem Falle, ob sie nun des Meisterthums würdig
-befunden wären oder nicht, verfiele.
-
-Erst durch die Erlangung des Meisterthums beweist der Regulare seine
-würdige Benutzung des Instituts, und tritt ein in sein Recht des ersten
-Anspruchs auf die ersten Würden des Staats. Ganz gleich lässt sich ihm
-hierin nun einmal nicht setzen der Meister aus den Zugewandten, der uns
-die nähere Bekanntschaft mit seinem moralischen Charakter und seiner
-bisherigen sittlichen Aufführung versagt hat. Jedoch auch hierüber das
-Beste hoffend, und da er denn doch auch der Kunst Meister ist, könnte
-man ihm den ersten Anspruch da, wo kein Meister aus den Regularen sich
-gemeldet, zugestehen.
-
-Den Regularen, die etwa in dem Gesuche des Meisterthums durchfielen, so
-wie Zugewandten, die keinen Anspruch darauf machten, möchte man immerhin
-den gewöhnlichen ^Doctor^grad ertheilen, und mögen die empirischen
-Klassen über die dabei nöthigen Leistungen etwas festsetzen. Ein
-gewöhnlicher und gemeiner Doctor nemlich ist derjenige, der nicht
-zugleich auch, wie die früher oben angeführten, Meister ist; und es ist
-in diesem Falle mit den beiden letzten Buchstaben nicht eigentlich
-Ernst, indem wirklich Doctor zu seyn nur derjenige vermag, der Meister
-ist, sondern es ist jenes Wort nur euphemistisch gesetzt, statt
-^doctus^, einer der etwas erlernt hat.
-
-Die rechten heissen Meister schlechtweg, und kann man den Doctor
-weglassen; wiewohl man auch, um den Unterschied noch schärfer zu
-bezeichnen, die letzten Titular-Doctoren nennen könnte. Die
-philosophische Klasse hat bei dergleichen Promotionen gar kein Geschäft;
-denn in ihr selber giebt es nur Meister und Doctor in Vereinigung; um
-die anderen Klassen aber bekümmert sie sich nur, wenn diese Anspruch auf
-den Rang des Künstlers machen, dessen diese letzte Art der Doctoren sich
-bescheidet.
-
-Aus ihnen werden im Staate die subalternen Aemter besetzt. (Man creirte
-^magistros artium^, und in den neueren Zeiten, da der Magistertitel in
-Verachtung gerathen, hat man nur noch den für vornehmer geachteten
-Doctortitel führen mögen, da es doch offenbar weit mehr bedeutet ein
-Meister zu seyn, denn ein Lehrer. Wir haben mit jenen ^magistris artium^
-gar nicht zu thun, da wir keinesweges ^Künste^ annehmen, und in
-denselben etwa bis auf Sieben zählen, sondern nur Eine, die Kunst
-schlechtweg, und diese zwar als unendlich, kennen; sondern unser Meister
-ist ^artis magister^ schlechtweg, der Kunst Meister, und es ist zu
-erwarten, dass die, die dieses Namens werth sind, sich seiner nicht
-schämen werden. Und so mögen sie denn immer Meister, schlechtweg ohne
-Beisatz und ohne das, auch nur verringernde, Herr, angeredet werden, und
-sich schreiben: der Kunst Meister.
-
-Vor der Neuerung haben wir uns auch nicht zu fürchten, denn auch andere
-Universitäten machen Neuerungen, wie die Jenaische, die anfing gar keine
-^magistros artium^ mehr, sondern nur Doctoren der Philosophie, zu
-creiren, oder die zu Landshut, die dermalen Doctoren der Aesthetik
-creirt.
-
-Nun ist dieser ^gradus magistri^ dermalen nirgends vorhanden, und wir
-können uns denselben nicht ertheilen lassen. Ohne Zweifel aber wird das
-Meisterstück der die Kunstschule anfangenden Lehrer dann geliefert seyn,
-wenn sie andere Künstler gebildet haben. Indem sie nun mit gutem
-Gewissen diese für Meister erklären dürfen, erklären sie zugleich sich
-selbst dafür; sie erhalten den Grad, indem sie ihn ertheilen, und können
-ihn darum von da an auch führen.)
-
-
- §. 45.
-
-In allen den erwähnten Aufsätzen, so wie in denen über das Meisterthum
-und den damit zusammenhängenden ^tentaminibus^ wird die ^deutsche^
-Sprache gebraucht, keinesweges etwa die lateinische. Der in diesem oft
-angeregten Streite dennoch niemals deutlich ausgesprochene entscheidende
-Grund ist der:
-
-Lebendige Kunst kann ausgeübt und documentirt werden lediglich in einer
-Sprache, die nicht schon durch sich den Kreis einengt, sondern in
-welcher man ^neu^ und ^schöpferisch^ seyn darf, einer lebendigen, und in
-welche, als unsere Muttersprache, unser eigenes Leben verwebt ist. Als
-die Scholastiker in der lateinischen Sprache mit freiem und originellem
-Denken sich regen wollten, mussten sie eben die Grenzen dieser Sprache
-erweitern, wodurch es nun nicht mehr dieselbe Sprache blieb, und ihr
-Latein eigentlich nicht Latein, sondern eine der mehreren im Mittelalter
-entstehenden neulateinischen Sprachen wurde.
-
-Wir haben für diese freie Regung unsere vortreffliche deutsche Sprache:
-das Latein studiren wir ausdrücklich als das abgeschlossene Resultat der
-Sprachbildung eines untergegangenen Volkes, und wir müssen es darum in
-dieser Abgeschlossenheit lassen.
-
-Der Philolog, eben weil er sein Geschäft in diesem fest abgeschlossenen
-Kreise treibt, kann bei Interpretation der Klassiker sich der römischen,
-und, wie in Gottes Namen zu wünschen wäre, auch der griechischen Sprache
-bedienen; und es wäre den Zöglingen unseres Institutes anzumuthen, dass
-sie schon beim Austritte aus der niederen Schule diese Fertigkeit, auch
-lateinisch zu reden und sich zu unterreden, gelernt hätten. Sollte man
-in gewissen Fällen, z. B. wo der Anspruch auf ein Schulamt ginge, nöthig
-finden, dass auch der Candidat des Meisterthums die Fortdauer und noch
-höhere Ausbildung dieser Fertigkeit zeigte, so könnte er dies thun, aber
-nur an Gegenständen jenes historisch geschlossenen Cyklus; wo aber
-ursprünglich schöpferisches Denken gezeigt werden soll, da wird die
-schon fertige Phrasis bald für uns denken, bald unser Denken hemmen; und
-darum bleibe bei diesem Geschäfte die todte Sprache ferne von uns.
-
-
- §. 46.
-
-Wir gehen über zur Oekonomieverwaltung unseres Instituts.
-
-Es ist vor allem klar, dass ein zu ^fester Einheit^ organisirtes
-Verwaltungscorps dieser Geschäfte eingesetzt werden müsse, dessen
-höchste Mitglieder wenigstens aus dem Schoosse der Akademie selbst
-seyen, etwa ausgetretene Lehrer, indem nur diesen die gebührende Liebe
-sich zutrauen lässt, die übrigen aber diesen und der gesammten Akademie
-verantwortlich sind.
-
-Um den Folgen aus der Veränderlichkeit des Geldwerthes für ewige Tage
-vorzubeugen, wären die Einkünfte des Institutes nicht auf Geld, sondern
-auf Naturalien festzusetzen, also, dass es z. B. zu einem bestimmten
-Termine von einem bestimmten Bezahler so und so viel Scheffel Korn zu
-ziehen hätte, die allerdings nicht in Natur, sondern in klingender Münze
-abgeliefert würden; nicht jedoch nach einem für immer festgesetzten
-Preise, sondern nach dem, den dieses Korn am Termine der Zahlung auf dem
-Markte wirklich hätte. Ebenso hätte es nun auch an seine Besoldeten
-terminlich so und so viel Scheffel Korn zu bezahlen.
-
-
- §. 47.
-
-Die beiden Hauptquellen von Einkünften, auf die wir fürs erste zu
-rechnen hätten, wären die Einkünfte des Kalenderstempels von der
-Akademie, sodann die der eingegangenen Universität Halle, inwiefern
-dieselben uns verbleiben, wozu noch die Verwaltung der ^Zahlstellen^ im
-Corps der Regularen, und späterhin andere, tiefer unten zu erwähnende,
-Hülfsquellen kommen würden. Nicht bloss darum, weil die Nation zahlt,
-sondern aus noch weit tieferen Gründen, soll dieselbe innigst mit dieser
-Angelegenheit verflochten werden, und unser Institut sehr deutlich als
-ein Nationalinstitut dastehen.
-
-Wir werden dies auf folgende Weise erreichen. Da den eigentlichen
-wesentlichen Theil unserer Anstalt, um dessenwillen alles Andere da ist,
-das Corps der Regularen bildet, so werden die Stellen in diesem Corps
-vertheilt auf die ^Kreise^ und ^Städte^ der Monarchie,[27] nach dem
-Maassstabe, wie jeder, gezwungen oder freiwillig, beiträgt. ^Stellen^,
-nicht in dem Sinne, dass nur der aus dem Kreise oder der Stadt Gebürtige
-diese Stelle haben könne, sondern jeder, dem eine solche Stelle zukommt
-und sie begehrt, erhält sie ohne Verzug; sondern also, dass zwischen dem
-Besitzer der Stelle und dem Kreise oder der Stadt, dem sie zufällt, ein
-Verhältniss entstehe, wie zwischen Clienten und Patron; dass der Erstere
-glaube, so wie sein eigentlicher Geburtsort ihm zu dem natürlichen
-Leben, so habe dieser Kreis oder diese Stadt ihm zu dem höheren
-wissenschaftlichen Leben verholfen; dass die letztere an den Successen
-dieses ihres Alumnus den Antheil von Ruhm nehme, den die griechischen
-Städte an den aus ihnen stammenden Siegern in den olympischen
-Wettkämpfen nahmen; endlich, dass der Erstere, wie hoch er auch jemals
-emporsteige, dennoch zeitlebens zu dankbarem Gegendienste bei jeder
-Gelegenheit bereit sey, und aus dem Clienten ein Patron werde. Mehrere
-zarte sittliche Verhältnisse, die daher entspringen, abgerechnet, wird
-sich auch ein Interesse und eine Achtung für Wissenschaft durch die
-Nation als ein sie ehrenvoll auszeichnender Charakterzug verbreiten, der
-wiederum die Quelle grosser Ereignisse werden kann. Stellen ferner,
-nicht in dem Sinne, dass die Zahl derselben jemals geschlossen sey,
-vielmehr soll jeder, der es werth ist und es begehrt, aufgenommen
-werden; sondern dass die vorhandenen und besetzten nach diesem
-bestimmten Maassstabe unter die Kreise u. s. w. vertheilt werden. Auch
-dem ^deutschen^ Ausländer (wer von anderer Nation wäre, qualificirt sich
-wegen Abgang der Sprache nicht zum Wechselleben mit uns) soll, wenn er
-würdig ist, besonders wenn er beim Eintritte zugleich der Verpflichtung,
-die das vollkommene Bürgerrecht (§. 40.) mit sich führt, sich
-unterwürfe, die Aufnahme unter die Regularen nicht abgeschlagen werden.
-Doch würde, nach dem Grundsatze, dass mit dem Auslande nur der
-Repräsentant der Einheit des Staates zu verhandeln hätte, diese
-Erlaubniss nur der König ertheilen können, und wären somit alle an
-Ausländer gegebene Plätze ^königliche^, keinesweges aber
-^Landes^-Stellen. Doch wäre der König zu ersuchen, diese Erlaubniss den
-von dem Lehrercorps vorgeschlagenen nicht leicht, und nicht ohne höchst
-bewegende Gründe zu versagen; indem, anderer Rücksichten zu schweigen,
-hierdurch die preussische Nation recht laut ihre Anerkennung des
-allgemeinen deutschen Bruderthumes documentirt, und auch dies in der
-Zukunft wichtige Ereignisse nach sich ziehen kann.
-
-[Fußnote 27: Wie es z. B. mit den Stellen an den sächsischen
-Fürstenschulen die Einrichtung ist; auch mit den weiterhin beschriebenen
-Modificationen.]
-
-
- §. 48.
-
-Nach Maassgabe, wie jeder Theil des Landes beiträgt, sollten auf ihn die
-Stellen vertheilt werden, sagte ich. So möchte, ohne alle Rücksicht, ob
-dadurch die Verwaltung vereinfacht werde oder nicht, indem weit höhere
-Dinge (die wirkliche Beschäftigung der Nation mit diesem Gegenstande und
-derselben Folgen) zu beabsichtigen sind, der bisherige Kalenderpacht
-ganz aufgehoben werden, dagegen aber die Kreise und Städte sich selber
-taxiren, wie viele Scheffel Korn für diesen Stempel sie zahlen wollten,
-die sie hernach durch eigene Distribution der Kalender wieder
-beitrieben; wobei ihnen vorbehalten bleiben müsste, die Stempelgebühr
-nach Steigen oder Fallen der Kornpreise zu steigern oder zu verringern.
-Nach dieser ihrer Quote am Beitrage zum Ganzen richtete sich ihr Antheil
-an der Berechtigung auf Stellen. Falls nicht, was der Schreiber dieses
-in seiner dermaligen Lage nicht erkunden kann, dadurch eine andere,
-schon eingeführte Stempeltaxe aufgehoben würde, so könnte diese Einnahme
-noch auf folgende Weise vermehrt werden: dass durch alle Theile der
-Monarchie dasselbe Eine Maass und Gewicht eingeführt werde, was ohnedies
-seit langem sehr zu wünschen war. Die Bestimmung eines solchen, und des
-Mittels, es unwandelbar zu erhalten, ist ein natürlich einer Akademie
-der Wissenschaften anheimfallendes Geschäft. Die Uebereinstimmung mit
-diesem Grundmaasse und Gewicht wäre nun allen Maassen und Gewichten
-durch einen Stempel zu attestiren, dessen Ertrag dem Institute zu gut
-käme, und auf dieselbe Weise beigetrieben würde.
-
-Ebenso würde das, woraus der bisherige Fonds der Universität Halle
-bestanden, auf Naturalien gesetzt, und denen, die es abzutragen schuldig
-sind, als Quote ihrer Berechtigung zur Besetzung der Stellen
-angerechnet.
-
-
- §. 49.
-
-Da die bei uns gebildeten Regularen den ersten Anspruch auf die ersten
-Stellen des Staates haben sollen, so würden, wenn noch andere
-Universitäten ausser uns in der Monarchie bestehen sollten, dieselben
-entweder auch sich zur Kunstschule, und zu diesem Behufe ein Corps von
-Regularen in ihrer Mitte bilden müssen; oder sie würden als reine
-Zugewandtheiten, in denen auch nicht einmal ein besserer Kern wirkte, zu
-betrachten seyn, und derselben Zöglinge ebenso am Verdienste wie am
-Rechte den unserigen nachstehen. Es ist zu befürchten, dass das erstere
-ihnen nicht sonderlich gelingen werde, indem wir, die wir ohnedies im
-Anfange nicht einmal auf Vollständigkeit für unseren Bedarf rechnen
-können, ihnen ohne Zweifel weder im Inlande noch im Auslande etwas für
-eine Kunstschule Taugliches übriglassen werden; dass sie sonach, bei dem
-besten Bestreben, dennoch in die zweite höchst nachtheilige Lage kommen
-würden. Und so dürfte denn vielleicht das in Anregung Gebrachte zugleich
-die Veranlassung werden, um über eine tiefere, bisher mannigfaltig
-verkannte Wahrheit die Augen zu öffnen.
-
-Das Bestreben, die Schule und Universität recht nahe am väterlichen
-Hause zu haben, und in dem Kreise, in welchem man dumpf und bewusstlos
-aufwuchs, ebenso dumpf fortzuwachsen und in ihm sein Leben hinzubringen,
-ist unseres Erachtens zuvörderst entwürdigend für den Menschen; -- denn
-dieser soll einmal herausgehoben werden aus allen den Gängelbändern, mit
-denen die Familien-, Nachbar- und Landsmannsverhältnisse ihn immerfort
-tragen und heben, und in einem Kreise von Fremden, denen er durchaus
-nichts mehr gilt, als was er persönlich werth ist, ein neues und eigenes
-Leben beginnen, und dieses Recht, das Leben einmal selbstständig von
-vorn anzufangen, soll keinem geschmälert werden; -- sodann streitet es
-insbesondere mit dem Charakter des wissenschaftlichen Mannes, dem
-freier, über Zeit und Ort erhabener Ueberblick zukommt, den das Kleben
-an der Scholle aber, das höchstens dem gewerbtreibenden Bürger zu
-verzeihen, entehrt; endlich wird dadurch sogar die organische
-Verwachsung aller zu Einem und demselben Bürgerthume gehindert, und
-lediglich daher entstehen die Absonderungen einzelner Provinzen und
-Städte vom grossen Ganzen des Staates; daher, dass z. B. der Ostpreusse
-dem Brandenburger, der Thüringer dem Meissner, als etwas für sich
-bedeuten wollend, gegenübertritt, und man sich nicht wundern muss, dass
-z. B. der Baier dem Preussen gegenüber sich der gemeinsamen Deutschheit
-nicht entsinnt, da ja sogar der Ostpreusse zuweilen des gemeinsamen
-Preussens vergisst. Aus keinem in solcher Beschränktheit Aufgewachsenen
-ist jemals ein tüchtiger Mensch oder ein umfassender Staatsmann
-geworden. Wäre dieses Bestreben einmal in seiner wahren Natur erkannt,
-und so eingesehen, dass dasselbe keinesweges geschont, sondern ohne
-Barmherzigkeit weggeworfen werden müsse: so wäre auch kein Grund
-mehr vorhanden, warum mehrere Universitäten in derselben
-Staatseinheit bestehen sollten; es würde erhellen, dass der Ausdruck
-»^Provincialuniversität^« einen Widerspruch enthalte, indem die
-Universalität das Besondere aufhebt, und dass Ein Staat von Rechtswegen
-auch nur Eine Universität haben sollte. Sollen und müssen einmal
-diejenigen Bürger des gemeinsamen Staates, die nicht bestimmt sind,
-aus der unbeweglichen Scholle den Nahrungsstoff zu ziehen,
-durcheinandergerüttelt werden zu allseitiger Belebung: so ist dazu die
-Universität der einzig schickliche Ort, und mögen sie von da an wiederum
-nach allen Richtungen verbreitet werden, jeder, nicht dahin, wo er
-geboren ist, sondern wohin er passt, damit wenigstens an dieser edleren
-Klasse ein Geschlecht entstehe, das nichts weiter ist, denn Bürger, und
-das auf der ganzen Oberfläche des Staates zu Hause ist.
-
-Nach diesen Principien müssten die anderen in der preussischen Monarchie
-vorhandenen Universitäten eingehen, und die Fonds derselben zu unserer
-Anstalt gezogen werden. Die in die neue Anstalt nicht herübergezogenen
-Lehrer könnten ihre Gehalte fortziehen, oder auch nach Maassgabe ihrer
-Brauchbarkeit anderwärts versorgt werden. (Einen Theil derselben würden
-wir, als die §. 42. beschriebene Art von Mitgliedern des Rathes der
-Alten, sogar nothwendig brauchen.) Diese herübergezogenen Fonds würden
-auf die Provinzen der eingegangenen Universitäten, als Quoten ihrer
-Berechtigung auf Stellen, vertheilt, zum Ersatze des verlorenen Rechtes
-im Schoosse der Familie den gelehrten Hausbedarf an sich zu bringen.
-Ueber unseren Plan gehörig verständiget, ist sogar zu hoffen, dass sie
-sich diese Abänderung gern werden gefallen lassen.
-
-(Als Einwürfe dagegen erwähne ich zuvörderst einen, den man kaum für
-möglich halten würde, wenn er nicht wirklich gemacht würde, den ^von der
-weiten Reise^. Gerade die Möglichkeit, junge Menschen vorauszusetzen,
-welche die Unbequemlichkeit eines Transportes scheuen, wie Bäume, oder
-vor den Gefährlichkeiten einer Reise, z. B. von Königsberg nach Berlin,
-sich fürchten, beweiset, wie nothwendig es seyn möge, dem Muthe mancher
-in der Nation hierin ein wenig zu Hülfe zu kommen. Oder ist der
-Kostenaufwand für ordinäre Post und Zehrung auf dieser kurzen Reise
-ihnen so fürchterlich, so könnte man ja den sich berechtigt glaubenden
-Provinzen aus den Fonds eine Reisestipendienkasse zugestehen, aus denen
-sie für die gar zu Dürftigen diese kleine Ausgabe bezahlten.
-
-Sodann meint man: es könnte doch etwa einmal auf einer solchen
-Universität ein besonderer und interessanter Geist und Ton entstehen,
-den wir durch eine Aufhebung dieser Universität ganz unschuldig viele
-Jahre vor seiner Geburt morden würden, und man befürchtet, dass wir der
-Entwickelung der herrlichen Originalität innerhalb solcher kleinen
-Beschränkungen Eintrag thun würden. Hierauf dienet zur Antwort: dass
-zufolge der Zeit, in welcher die Wissenschaft steht, es in derselben
-nicht mehr Legionen Geister, die jeder für sich ihr Wesen treiben,
-sondern nur Einen, in seiner Einheit klar zu durchdringenden Geist
-giebt, für dessen ewige allseitige Anfrischung gerade an unserem
-Institute durch die sehr häufige Erneuerung des lehrenden Corps, und
-durch den offen geführten edlen Wettstreit aller miteinander, vorzüglich
-gesorgt ist; dass aber diese vorgebliche Originalität innerhalb localer
-Beschränkung nicht Originalität, sondern vielmehr ^Caricatur^ sey,
-welche, so wie den schlechten Geschmack, der an ihr sich labt, immermehr
-verschwinden zu machen, auch ein Zweck unserer Anstalt ist. Es bliebe
-nach Beseitigung dieser sich aussprechenden Einwürfe kein anderer übrig,
-als das dunkle Gefühl des Strebens, doch ja nichts umkommen zu lassen,
-indem allerhand, uns freilich nicht bekanntes Heil durch irgend eine
-Zauberkraft daraus sich entwickeln könne, mit welchem, als selbst nicht
-auf deutliche Begriffe zu Bringendem, man in der Region deutlicher
-Begriffe nicht reden kann.)
-
-
- §. 50.
-
-Die Stellen der Kanoniker an den Hochstiften waren ursprünglich für den
-Unterricht eingesetzt, und die Einkünfte könnten diesem ersten Zwecke
-füglich zurückgegeben werden. Auf die gleiche Weise ist der Streit gegen
-die Ungläubigen, wozu die Johanniter-Maltheserritter gestiftet worden,
-nicht mehr an der Tagesordnung, wohl aber der geistige Krieg gegen
-Unwissenheit, Unverstand und alle die traurigen Folgen derselben; und
-könnten so auch diese Güter diesem Zwecke gewidmet werden. Sie würden
-auf dieselbe Weise, wie die früher erwähnten Einkünfte, als Recht auf
-Stellen unter die Beitragenden vertheilt.
-
-Ich sage nicht, dass unser einiges Institut diese ohne Zweifel sehr
-grossen Hülfsquellen verschlingen solle. Dieses Institut muss für sich
-den Grundsatz der Verwaltung haben, dass ihm alles dasjenige, dessen es
-für die Erreichung seiner Zwecke bedarf, unfehlbar werde, dass es aber
-auch durchaus nichts begehre, dessen es nicht bedarf; noch kann es einen
-anderen haben, ohne durch überflüssiges Geschlepp und Gepäck sich selbst
-zur Last zu werden. Sodann wird zu bedenken seyn, dass auch der,
-demnächst sogleich zu reformirenden niederen Schule ihr Antheil zukomme;
-ferner, dass wenn es über kurz oder lang zu einer ernstlichen Reform der
-Volkserziehung kommen sollte, auch für die Unterstützung dieses Zweckes
-das Nöthige vorhanden seyn müsse. Wir wollen nur sagen, dass gerade die
-gegenwärtige Zeit der Verlegenheit benutzt werden könne, um jene bisher
-anders angewendete Güter für diesen grösseren Zweck des gesammten
-Erziehungswesens in Beschlag zu nehmen, und dass es unter anderen auch
-der Kunstschule freistehen müsste, von ihnen Gebrauch zu machen, falls
-einmal ihre anderen Quellen nicht ausreichend befunden würden. Selbst
-auf den Fall, dass zunächst, oder irgend ein andermal, der Staat für
-eigene Zwecke dieser Einkünfte bedürfe, worüber tiefer unten: so würde
-es immer ein freundlicheres Ansehen haben, wenn er sie zuerst für
-diesen, als Zweck der Nation unmittelbar einleuchtenden Zweck der
-Nationalerziehung in Beschlag genommen hätte.
-
-
- §. 51.
-
-Wie in Absicht der regularen Stellen überhaupt der Grundsatz feststeht,
-dass jedwedes Individuum, das zu einer solchen sich qualificirt, und sie
-begehrt, sie haben müsse, so steht in Absicht ^der Zahlung^ der
-Grundsatz fest, dass, wer zahlen könne, zahlen müsse, wer aber nicht
-zahlen könne, dieselbe, ^inwiefern er nicht zahlen kann^, unweigerlich
-frei erhalte. Nicht die Zahlung qualificirt, sondern die anderweitige
-Leistung; und so soll auch der doppelt oder dreifach Zahlende dennoch,
-als Ausländer, bei dem Könige, als Inländer, bei einem Kreise, eine
-Stelle als freie Gunst nachsuchen, damit er wisse, dass es in unserer
-Anstalt noch etwas giebt, das für Geld nicht zu haben ist, und soll der
-etwanigen ökonomischen Rücksicht, dass man den Zahlung Anbietenden in
-Absicht der Proben der Würdigkeit gelinder behandle, durchaus kein
-Einfluss gestattet werden. Ebenso schliesst auch nicht das Unvermögen zu
-zahlen aus, sondern das geistige Unvermögen.
-
-Die zu leistende Zahlung ist zu berechnen im Durchschnitte (am besten
-auch nach Scheffeln Getreide) auf die eben erwähnten, dem Zöglinge in
-Natur zu liefernden Bedürfnisse, auf Honorar an die Lehrer für
-Unterricht und Prüfung bei Ertheilung des Meisterthums, auf Gebrauch der
-öffentlichen literarischen Schätze u. s. w., und haben die Eltern oder
-Vormünder des zahlenden Zöglings der Oekonomieverwaltung Caution zu
-leisten auf die Zeit, für welche der Zögling in das Institut aufgenommen
-wird, indem man ihn, um späterhin ausbleibender Zahlung willen, ja nicht
-ausstossen könnte, dennoch aber die Verwaltung auf ihn als Zahler
-rechnet. Die Form dieser Sicherstellung wird leicht sich finden lassen.
-Und zwar werden alle jene in Rechnung kommende Gegenstände also
-berechnet, wie sie dem Zöglinge zu stehen kommen würden, wenn er einen
-Privathaushalt führte, keinesweges aber also, wie sie der alles im
-Ganzen an sich bringenden Verwaltung zu stehen kommen: wie denn dies, da
-dieser grosse Haushalt ohne Zutritt des Einzelnen als eine Einrichtung
-des Staates besteht, ganz billig ist, und schon dadurch zu Deckung der
-Freistellen ein Beträchtliches gewonnen werden kann.
-
-Es ist zu hoffen, dass unsere reichen Häuser, deren Glanz ja sonst bei
-also getroffenen Einrichtungen in ihrer Nachkommenschaft erlöschen
-würde, den Zutritt zu unseren Regularen fleissig nachsuchen, und dass
-besonders unser Adel diese Gelegenheit mit Freuden ergreifen werde, um
-zu zeigen, dass es nicht bloss die versagte Concurrenz war, die ihn bei
-seinem bisherigen Range erhielt, sondern dass er auch bei eröffneter
-freier Concurrenz mit dem Bürgerstande denselben zu behaupten vermöge.
-Es könnte hierbei festgesetzt werden, dass die ^Grafen^ doppelte Zahlung
-leisteten, wie dies in Absicht der Collegienhonorarien auch bisher also
-gehalten worden; andere Adelige noch die Hälfte des ganzen Quantums
-zuschössen.
-
-Freistellen müssen nicht nothwendig ^ganze^ Freistellen seyn, indem eine
-Familie, die zwar nicht alle diese Kosten zu tragen vermöchte, doch
-vielleicht einen Theil derselben tragen kann. Es kann also Viertel-,
-Halbe-, Dreiviertelfreistellen geben, nach Maassgabe des Vermögens der
-Familie.
-
-Doch sollen ganz Unvermögende auch ganz freie Station erhalten; und es
-soll in Rücksicht dieser sogar eine Veranstaltung getroffen werden,
-wodurch sie beim einstigen Austritte aus dem Collegium der Regularen,
-wie dieser auch übrigens ausfallen möge, für die erste Zeit und bis zu
-einiger Anstellung gedeckt seyen.
-
-Die Entscheidung über diese theilweisen oder ganzen Befreiungen fällt
-der ökonomischen Verwaltung des Institutes zu, welchem zu diesem Behufe
-die Eltern oder Vormünder des Zöglings genügende Einsicht in die
-Vermögensumstände desselben zu geben haben. Es muss bei dieser Einsicht
-Genauigkeit stattfinden, indem hierüber das Ehrgefühl der Nation selbst
-geschärft werden soll, und so, wie Armuth keine Schande, das
-Sicharmstellen und die Raubgier, welche den Ertrag milder Stiftungen
-wirklich Unvermögenden wegzunehmen sucht, zur grossen Schande werden
-sollen. Hinwiederum ist mild und freundlich dem wirklichen Unvermögen
-das Gebührende zu erlassen, und es ist darum klar, dass diese Verwalter
-für den Fortgang der Wissenschaften redlich interessirte, und
-talentvolle Jünglinge, auch wenn sie arm sind, herzlich liebende Männer,
-und also selbst ^Akademiker^, wo möglich ^ausgetretene Lehrer^ seyn
-müssen.
-
-Welcher nun unter den Zöglingen seine Stelle ganz, oder theilweise frei
-habe, braucht niemand zu wissen, ausser die Eltern oder Vormünder eines
-solchen und die erwähnten Verwalter; indem dieses die beiden Theile
-sind, welche die Abkunft geschlossen, und sind diese allerseits zur
-Verschwiegenheit zu verpflichten. Denn obwohl Armuth fernerhin keine
-Schande seyn soll, so soll doch so lange, bis es allgemein
-dahingekommen, dem zahlenden Zöglinge auch die Versuchung erspart
-werden, sich über den ihm bekannten Nichtzahler neben ihm zu erheben.
-Alle sollen in solche Gleichheit gesetzt werden, dass dem Reichsten das
-wenige, Anständigkeitshalber vielleicht nöthige Taschengeld von der
-Verwaltung nicht reichlicher gereicht werde, als dem ganz freien Armen.
-Nicht einmal der freigehaltene Zögling selbst braucht diesen Umstand zu
-wissen; denn obwohl wir für das Daseyn der Anstalt überhaupt die
-Dankbarkeit Aller, Zahler oder Nichtzahler, in Anspruch nehmen, so
-wollen wir doch dafür, dass jedes Talent, auch ohne Aequivalent in
-Gelde, bei uns Entwickelung findet, keinen besonderen Dank, indem wir
-dies für Pflicht, so wie für den eigenen Vortheil des Vaterlandes
-erkennen. Und so sind denn die an die Kreise zu vertheilenden Stellen
-keinesweges Kost- oder Freistellen, sondern es sind Stellen überhaupt.
-Jede mögliche Stelle kann auch Freistelle werden; nur weiss der Kreis
-selber nicht, wie es sich damit verhält, sondern nimmt unbefangen
-Antheil an den wissenschaftlichen Fortschritten seines Clienten, ohne zu
-wissen, auf welche besondere ökonomischen Bedingungen er dieses ist.
-
-
- §. 52.
-
-Indem der Ausfall, der durch diese ertheilten Befreiungen in der
-Oekonomie des Regulats entsteht, aus der Gesammtheit der oben
-verzeichneten Quellen bestritten werden muss, dieser Ausfall aber,
-jenachdem das vorzüglichere Talent aus den reichen oder aus den
-unbegüterten Klassen der Nation hervorgeht, sehr wandelbar und
-veränderlich seyn dürfte: so ist klar, dass in diesem Haupttheile der
-Ausgaben keine Fixirung stattfinde, dass der Verwaltung grosse
-Hülfsmittel zur Disposition stehen müssen, dass dieselbe durchaus kein
-Interesse hat, dieselben ohne Noth zu verschwenden, dass sie demnach die
-etwanigen Ersparnisse getreulich den Händen der Regierung zurückliefern
-wird, welche über die Wahrhaftigkeit des Resultates der geführten
-Verwaltung durch eine, gleichfalls auf Stillschweigen zu verpflichtende
-Behörde Einsicht nehmen kann; endlich, dass dieser ganze Theil der
-Verwaltung dem übrigen Publicum ein dasselbe nicht angehendes und ihm
-undurchdringliches Geheimniss bleibe. Das lehrende Corps ist es
-eigentlich, das nach den gelieferten Aufsätzen oder der von der niederen
-Schule gebrachten Tüchtigkeit, ohne alle Rücksicht oder Notiz von den
-Vermögensumständen, das Regulat ertheilt: dies ist das Erste und
-Wesentliche. In dieser Ertheilung können sie, nach dem aufgestellten
-Grundsatze, dass durchaus kein vorzügliches Talent ausgeschlossen werden
-solle, nicht beschränkt werden. Wie es mit dem also zum Regularen
-unwiederbringlich Ernannten in ökonomischer Rücksicht gehalten werden
-solle, ist die zweite ausserwesentliche Frage, deren Beantwortung der
-Oekonomieverwaltung anheimfällt. Dieser verbietet Gerechtigkeitsgefühl
-und Rücksicht auf Ehrliebe der Nation, Befreiung ohne Noth zu
-begünstigen; die Natur der ganzen Einrichtung aber, sie der dargelegten
-Noth zu versagen; und so kann auch diese auf keine Weise eingeschränkt
-werden.
-
-Ebensowenig findet im zweiten Haupttheile der Ausgaben, der Besoldung
-der Lehrer und anderer Akademiker, der Erhaltung oder neuen Anschaffung
-von Literaturschätzen, und anderer den Fortgang der Wissenschaften
-befördern sollender Einrichtungen, eine Fixirung statt. Denn obwohl sich
-auch etwa ein Maximum des Gehaltes für einen einzigen festsetzen liesse,
-so lässt sich doch durchaus nichts festsetzen über die Anzahl der zu
-Besoldenden, von so höchst verschiedenen Arten und Klassen, sondern es
-richtet sich diese, sowie die anderen angegebenen Veranlassungen von
-Ausgaben, nach dem jedesmaligen Zustande der Wissenschaft, und ist
-wandelbar wie dieser. Die Mitglieder der Anstalt können in diesen
-Beurtheilungen nur das Heil der Wissenschaft und ihrer Anstalt als
-höchstes Gesetz anerkennen, und sie sind diejenigen, denen gründliche
-Durchschauung desselben, sowie herzliche Liebe dafür sich am
-vorzüglichsten zutrauen lässt; auch verbietet die Erwägung dieses Heils
-selbst ihnen ebenso unnöthige Verschwendung in allen den erwähnten
-Zweigen, als schädliche und unwürdige Sucht zu sparen. Und so geht denn
-auch für diesen Theil dasselbe Resultat hervor, das wir oben für den
-ersten Theil aufstellten; es gilt dasselbe demnach fürs Ganze.
-
-
- §. 53.
-
-In Absicht des Besoldungssystems möchte festgesetzt werden 1) ein
-Gehalt, der dem Akademiker, als solchem, gereicht wird, und der dem des
-vollkommenen Bürgerrechtes Theilhaftigen unter keiner Bedingung entzogen
-werden kann. Da nicht so leicht jemand bloss Akademiker seyn wird, so
-ist dieser Gehalt nur als ein Beitrag, keinesweges aber als das, woraus
-der ganze anständige Unterhalt des Mannes zu bestreiten sey, zu
-betrachten. 2) Das Mitglied des Rathes der Alten hat entweder ein
-anderweitiges Staatsamt, oder eine von den mannigfaltigen ökonomischen
-oder Aufseherstellen, die aus der Natur unseres Instituts hervorgehen,
-wofür er besonders besoldet wird; auch wäre er für die Weisen, wie er
-durch vorübergehende Vorlesungen oder andere Leistungen uns nützlich
-wird, durch vorübergehende Remunerationen zu entschädigen. Arbeitet er
-an einem gelehrten Werke, so könnte ihm auch für diesen Behuf die
-Oekonomieverwaltung Unterstützung oder Vorschüsse leisten. 3) Der
-ausübende Lehrer wird nach Maassgabe seiner Arbeit an Vorlesungen und
-anderen Uebungen und Prüfungen besonders besoldet. Die Zugewandten
-zahlen für alle diese Gegenstände, inwiefern sie an denselben Antheil
-nehmen wollen, ein festzusetzendes Honorar, und zwar ^voraus^. Denn es
-wird dadurch eines solchen Zugewandten, der sein vorausbezahltes Geld
-nun auch wiederum abhören will, Fleiss und Regelmässigkeit sehr
-befördert; und mögen wir ihm diese Art der Ermunterung gern gönnen. Der
-Regulare ist hierin frei, und wird eben der Gehalt des Lehrers als sein
-von der Verwaltung für ihn bezahlter Beitrag, der ja bei Zahlstellen
-auch angerechnet wird, betrachtet. Dieses von den Zugewandten zu
-ziehende Honorar ist jedoch dem Lehrer bei Fixirung seines Gehaltes
-nicht eben in Rechnung zu bringen, sondern derselbe also zu setzen, als
-ob er neben seinem Gehalte als Akademiker von diesem leben müsste; um
-ihn von dem Beifalle dieser Zugewandten ganz unabhängig zu erhalten.
-
-Dasselbe Honorar von den Zugewandten haben auch die ausserordentlichen
-Professoren zu beziehen.
-
-Eigentlich ist es die Akademie selbst, welche als unumschränkte
-Oekonomieverwaltung (§. 52.) sich selbst aus ihrer Mitte besoldet. So
-wie die anderen Stände nicht verlangen sollen, dass diese in
-Anständigkeit des Auskommens ihnen nachstehen, so wird auch ihnen von
-ihrer Seite gerade jenes nicht zu vermeidende Verhältniss die Pflicht
-auflegen, vor den Augen der Nation nicht als unersättliche und
-habsüchtige, sondern als edle und sich bescheidende Männer dazustehen;
-und ist diese Denkart auf alle Weise in sie hineinzubringen.
-
-
- §. 54.
-
-Für das erste Lehrjahr möchte es zweckmässig seyn, den encyklopädischen
-Lehrern, sowie etwa den anderen nöthig befundenen Unterlehrern, wenn,
-wie es grösstentheils der Fall seyn dürfte, sie schon ausserdem, als
-Akademiker oder dergl., einen fixirten lebenslänglichen Gehalt haben,
-eine besondere Remuneration für die Arbeiten dieses ersten Lehrjahres
-zuzugestehen, und für die folgenden Lehrjahre sich ein weiteres Bedenken
-vorzubehalten; unter anderen auch, damit man erst sähe, wie sich jedes
-machte, und ob nicht indessen etwas Anderes sich findet, das sich noch
-besser macht. In Bestimmung dieser Remuneration wäre, inwiefern nicht
-etwa der Mann schon sonst ausreichend besoldet ist, und man in dieser
-Rücksicht schon ohnedies einen Anspruch hat auf seine ganze Kraft,
-billig als Maassstab unterzulegen, was in dieser Zeit durch
-Schriftstellerei hätte erworben werden können. Denn obwohl das bisweilen
-auch übliche Ablesen eines vor langen Jahren angefertigten Heftes etwas
-höchst Bequemes ist, und kaum eine andere Kraft fordert, als die der
-Lunge, so dürfte doch eine solche Verwaltung des Lehramts, wie wir sie
-gefordert haben, und die unter anderen auch den grössten Theil der alten
-Hefte unbrauchbar macht, alle Kraft und Zeit des Lehrers in Anspruch
-nehmen; und wer diese Verhältnisse kennt, weiss, dass Collegienlesen auf
-die gewöhnlichen Bedingungen für einen nicht ungewandten Schriftsteller
-in ökonomischer Rücksicht ein Opfer ist, das zwar der wackere Mann gern
-bringt, der auch wackere aber nicht ohne Noth fordert.
-
-
- §. 55.
-
-Für dieses erste Jahr könnte nun der Universität vom Staate ein
-öffentlicher Hörsaal eingegeben werden. Die Studirenden löseten gegen
-ihr Honorar, etwa bei dem, um der Inscriptionen willen auch gleich
-anfangs anzustellenden Justitiarius der Universität, ^Belege^
-(Zutrittskarten), nach welchen ihnen, durch einen gleichfalls
-anzustellenden ^famulus communis^, auf eine zu Jena seit 1790 übliche,
-dem Schreiber dieses wohlbekannte Weise, ihre Plätze im Auditorium
-angewiesen werden. Da wir im ersten Jahre noch keine Regulare haben
-(Novizen können wir haben, die aber doch immer nur als Zugewandte zu
-betrachten sind), sonach diese etwa künftigen Regularen, denen
-vielleicht auch künftig Freistellen gegeben werden, in der allgemeinen
-Masse der Zugewandten noch unentdeckt liegen: so soll der Justitiarius,
-nach einem ihm etwa anzugebenden Kanon, diese erwähnten Belege auch frei
-geben können, worüber er sich hernach mit dem Lehrer, der das Collegium
-liest, zu berechnen hat. Ebenso wäre ein Plan zu entwerfen, wie man
-während dieses ersten Jahres unvermögende Studirende durch Stipendien,
-Freitische und dergl. unterstützen könnte. Doch ist die Einführung des
-gewöhnlichen Convictoren-, Stipendiaten-Examens und dergl., durch welche
-der Unvermögende herausgehoben und bezeichnet wird, als mit unserm
-allerersten Grundsatze über diesen Gegenstand streitend, auch im ersten
-Jahre zu vermeiden. Sollte man nicht etwa späterhin über den Grundsatz
-sich einverständigen, ^dass bei solchen, die da Regulare werden weder
-könnten, noch wollten^ (wo bei Bejahung des letzten Falles die
-einigermaassen frei zu haltenden wenigstens ^Novizen^ seyn müssten, und
-es im Noviziate über diesen Punct eben also gehalten werden könnte, wie
-oben (§. 51.) für das Regulat vorgeschlagen worden), und da die zu
-subalternen Geschäften nöthigen Handwerksfertigkeiten weit sicherer und
-schicklicher ausserhalb der Universität erlernt werden, ^das Studiren
-ein blosser Luxus sey, der, wenn er ja statthaben solle, aus eigenen
-Mitteln, keinesweges aber auf Kosten des Staates, bestritten werden
-müsse^; sondern sollte man darauf bestehen, die milden Stiftungen der
-über diese Dinge freilich nicht so scharf sehenden Vorwelt, auf die
-bisherige Weise zu verwenden: so kann man freilich nichts dagegen haben,
-dass dergleichen Beneficiaten unter den blossen Zugewandten auf alle
-Weise bezeichnet werden, und, so Gott will, ihnen sogar eine metallene
-Nummer an den Aermel geheftet werde, damit die Liebeswerke doch auch
-recht in die Augen fallen! Nur soll man den nicht also behandeln, der
-einmal ein Ehrenjüngling und Regularer werden könnte.
-
-
- §. 56.
-
-Diese also zu einem organischen Ganzen verwachsene Akademie der
-Wissenschaften, wissenschaftliche Kunstschule und Universität muss ein
-Jahresfest haben, an welchem sie sich dem übrigen Publicum in ihrer
-Existenz und Gesammtheit darstelle. Der natürlich sich ergebende Act
-dieses Festes ist die Ablegung der Rechenschaft über ihre Verhandlungen
-das ganze Jahr über; und es sollten hiebei zugegen seyn Repräsentanten
-der Nation, gewählt aus den zu den Stellen Berechtigten, und des Königs,
-beider, als der Behörde, der die Rechenschaft abgelegt wird. Zu diesem
-Feste wäre der Geburtstag Friedrich Wilhelms des Dritten, als dessen
-Stiftung jener Körper existiren wird, falls er jemals zur Existenz
-kommt, unabänderlich und auf ewige Zeiten festzusetzen.
-
-
- §. 57.
- Corollarium.
-
-Die einzelnen Vorschläge dieses Entwurfes sind keineswegs unerhörte
-Neuerungen; sondern sie sind, wie sich bei einem so viele Jahrhunderte
-hindurch in so vielen Ländern bearbeiteten Gegenstande erwarten lässt,
-insgesammt einzeln irgendwo wirklich dagewesen, und lassen sich bis
-diesen Augenblick in mehreren Einrichtungen der Universitäten Tübingen,
-Oxford, Cambridge, der sächsischen Fürstenschulen, in ihrem sehr guten,
-das Gewöhnliche weit übertreffenden Erfolge, darlegen. Lediglich darin
-könnte der gegenwärtige Entwurf auf Originalität Anspruch machen, dass
-er alle diese einzelnen Einrichtungen durch einen klaren Begriff in
-ihrer eigentlichen Absicht verstanden, sie aus diesem Begriffe heraus
-wiederum vollständig abgeleitet, und sie so zu einem organischen Ganzen
-verwebt habe; welches, wenn es sich also verhielte, demselben
-keinesweges zum Tadel gereichen würde.
-
-Den Haupteinwurf betreffend, den derselbe zu befürchten hat, den der
-Unausführbarkeit, muss in der Berathschlagung hierüber nur nicht die im
-Verlaufe von allen Seiten hinlänglich charakterisirte, übrigens
-ehrenwerthe und von uns herzlich geehrte Klasse gefragt werden, welche,
-wenn nur sie allein in der Welt vorhanden wäre, mit ihrer Behauptung der
-absoluten Unausführbarkeit recht behalten würde. Wir selbst geben zu,
-dass im Anfange die Ausführung am allerunvollkommensten ausfallen werde,
-glauben aber sicher rechnen zu dürfen, dass, wenn es überhaupt nur zu
-einigem Anfange kommen könne, der Fortgang immer besser gerathen werde;
-selbst aber auf den Fall, dass wir befürchten müssten, es werde sogar
-nicht zu einem rechten Anfange kommen, müssten wir dennoch den Versuch
-nicht unterlassen, indem im allerschlimmsten Falle wir doch nichts
-Schlimmeres werden können, denn eine Universität nach hergebrachtem
-deutschem Schlage.
-
-Die allgemeinen Merkmale der Gründlichkeit eines Planes, der sich nicht
-bescheiden mag, ein blosser schöner Traum zu seyn, sondern der auf
-wirkliche und alsbaldige Ausführung Anspruch macht, sind diese: dass er
-zuvörderst nicht etwa die wirkliche Welt liegen lasse und für sich
-seinen Weg fortzugehen begehre, sondern dass er durchaus auf sie
-Rücksicht nehme, wiewohl allerdings nicht in der Voraussetzung, dass sie
-bleiben solle, wie sie ist, sondern dass sie anders werden solle, und
-dass im Fortgange nicht Er sich ihr, sondern Sie sich ihm bequeme; und
-dass er, nach Maassgabe der Verwandtschaft, eingreife auch in die
-übrigen Verhältnisse des Lebens, und wiederum von diesen getragen und
-gehoben werde; sodann, dass er, einmal in Gang gebracht, nicht der immer
-fortgesetzten neuen Anstösse seines Meisters bedürfe, sondern für sich
-selbst fortgehe, und, so ers braucht, zu höherer Vollkommenheit sich
-bilde. Nach diesen Merkmalen sonach ist jeder Entwurf zu prüfen, wenn
-die Frage über seine Ausführbarkeit entschieden werden soll.
-
-
-
-
- Dritter Abschnitt.
- Von den Mitteln, durch welche unsere wissenschaftliche Anstalt
- auf ein wissenschaftliches Universum Einfluss gewinnen solle.
-
-
- §. 58.
-
-Das in unserer Kunstschule einmal begonnene wissenschaftliche Leben soll
-nicht etwa in jeder künftigen Generation, sowie es schon da war, nur
-sich ^wiederholen^, viel weniger noch soll es ungewiss herumtappen, und
-so selbst Rückfällen ins Schlimmere ausgesetzt seyn; sondern es soll mit
-sicherem Bewusstseyn und nach einer Regel zu höherer Vollkommenheit
-fortschreiten. Damit dies möglich werde, muss die Schule die in einem
-gewissen Zeitpuncte errungene Vollkommenheit irgendwo deutlich und
-verständlich niederlegen; an welche also niedergelegte Stufe der
-Vollkommenheit dieses Zeitpunctes das beginnende frische Leben sich
-selber und seine Entwickelung anknüpfe. Am besten wird diese
-Aufbewahrung geschehen vermittelst eines ^Buches^.
-
-
- §. 59.
-
-Da aber das wirkliche, in unmittelbarer Ausübung befindliche Leben der
-wissenschaftlichen Kunst fortschreitet von jeder errungenen Entwickelung
-zu einer neuen, jede dieser Entwickelungen aber, als die feste Grundlage
-der auf sie folgenden neuen, niedergelegt werden soll im Buche: so folgt
-daraus, dass dieses Buch selbst ein fortschreitendes, ein ^periodisches^
-Werk seyn werde. Es sind ^Jahrbücher^ der Fortschritte der
-wissenschaftlichen Kunst an der Kunstschule; welche Jahrbücher, wie ein
-solcher Fortschritt erfolgt ist, ihn bestimmt bezeichnet niederlegen für
-die nächste und alle folgende Zeit, und welche, wenn die
-wissenschaftliche Kunst nicht unendlich wäre, einst nach Vollendung
-derselben begründen würden eine ^Geschichte^ dieser -- sodann
-vollendeten Kunst.
-
-
- §. 60.
-
-Die Kunst schreitet fort auf zwiefache Weise: theils überhaupt, wie
-alles Leben, dass sie eben lebendig bleibe, und niemals erstarre oder
-versteine; theils dass dieses überhaupt also fort^gehende^ Leben auch
-fort^schreite^ zu höherer Kraft und Entwickelung. Dies Letztere
-geschieht wiederum auf doppelte Weise: nemlich zuerst in ihm selber und
-intensive, in Absicht des ^Grades^, sodann nach aussen hin und
-extensive, indem es immer mehr des ihm angemessenen Stoffes in sich
-aufnimmt, und ihn mit sich ihn durchdringend organisirt, also in Absicht
-der Ausdehnung. -- Todt ist ein wissenschaftlicher Stoff, so lange er
-einzeln und ohne sichtbares Band mit einem Ganzen des Wissens dasteht,
-und lediglich dem Gedächtnisse, in Hoffnung eines künftigen Gebrauches,
-anheimgegeben wird. Belebt und organisirt wird er, wenn er mit einem
-andern verknüpft, und so zu einem unentbehrlichen Theile eines
-entdeckten grösseren Ganzen wird; und jetzt erst ist er der Kunst
-anheimgefallen. Wird dieses schon entdeckte und in den Jahrbüchern
-vorliegende Ganze mit einem klaren Begriffe durchdrungen (die Klarheit
-ist aber ein ins Unendliche zu steigerndes), dass die Theile sich noch
-enger an einander anschliessen und durch einander verwachsen: so hat die
-Kunst intensiv gewonnen; greift der vorhandene Einheitsbegriff weiter,
-und erfasst ein bis jetzt noch einzeln dastehendes Glied, so gewinnt sie
-extensive. Beide Arten des Fortschrittes unterstützen sich
-wechselseitig, und arbeiten einander vor. Die ^Erweiterung^ des
-Begriffes macht seine ^Verklärung^, seine ^Verklärung^ seine
-^Erweiterung^ leichter.
-
-In Absicht der zuerst erwähnten periodischen ^Anfrischung^ des
-wissenschaftlichen Lebens aber, die an sich kein Fortschreiten ist weder
-intensiv noch extensiv, verhält es sich also: -- Unabhängig in Absicht
-der Materie von der besonnenen und kunstmässigen Entwickelung, und
-gerade um so mehr, in je höherem Grade die letztere vorhanden ist,
-schreitet das geistige Leben des Menschengeschlechtes durch sich selber,
-wie nach einem unbewussten Naturgesetze fort. Die Sprache concentrirt,
-die Phantasie erhöht sich, die Schnelligkeit des Fassungsvermögens
-steigt, der Geschmack wird zarter; und so ^ersterben^ in einem späteren
-Zeitalter Formen, die der wahrhafte Ausdruck des Lebens eines früheren
-waren, und so muss oft das, dem in keiner Weise eine höhere innere
-Vollkommenheit sich geben liesse, dennoch aus der erstorbenen äusseren
-Form in die des dermaligen Menschengeschlechtes aufgenommen werden. (Wir
-machen an folgendem Beispiele unseren Gedanken klarer. -- Selber die
-Philosophie, als die reinste, stoffloseste Form, die auch im mündlichen
-Vortrage immer also, als reines Entwickelungsmittel der Kunst des
-Philosophirens, sich behandelt, geht dennoch in Beziehung auf stätigen
-Fortschritt der Wissenschaft auf ^ein Buch^ aus, welches ^die
-durchgeführte richtige Anwendung der Denkgesetze^, als festes und
-stehendes Resultat, absetze. Fürs erste nun, was nicht unmittelbar
-dasjenige ist, was wir sagen wollen, sondern wodurch wir uns
-vorbereiten: -- wäre nun ein solches Buch vorhanden, so würde bis ans
-Ende der Tage jedwedes Individuum, das ein Philosoph seyn wollte,
-vielleicht jenes Buch als Leitfaden brauchend, dennoch jene Anwendung
-der Denkgesetze ^selbst^ und in eigener ^Person^ durchführen müssen, und
-von dieser Arbeit jenes Buch ihn auf keine Weise entbinden. Dagegen
-hätte er davon folgenden Vortheil: führte sein Denken ihn auf ein
-anderes Resultat, als in jenem Buche vorliegt, so müsste er entweder
-deutlich und bestimmt nachweisen können, welcher Fehler in Anwendung der
-Denkgesetze im Buche begangen worden, der dieses von dem seinigen
-verschiedene Resultat hervorgebracht hätte; oder er wüsste, so lange er
-dies nicht könnte, sicher, dass er mit seinem eigenen Denken noch nicht
-im Klaren sey, er müsste annehmen, dass sein Resultat ebensowohl irrig
-seyn könnte, als das im Buche vorliegende, und hätte kein Recht, seinen
-Satz, der möglicherweise irrig seyn könnte, an die Stelle eines andern,
-der freilich auch irrig seyn kann, in dem allgemeinen Buchwesen zu
-setzen. Möchte er höchstens diesen seinen Satz, ausdrücklich als nicht
-sattsam begründet, für die weitere Untersuchung eines künftigen klareren
-Denkers aufbewahren. Und dies wäre denn in dem ersten, wie in dem
-zweiten Falle der Erfolg des vorhandenen Buches für die Wissenschaft,
-dort sichere Erweiterung, hier Verwahrung vor blindem Herumtappen und
-dem Eigendünkel, der da will, dass seine unbewiesenen Behauptungen mehr
-seyen, als anderer vielleicht bewiesene Behauptungen, indem er nur
-unfähig ist, den Beweis zu fassen. Hiervon reden wir nun zunächst nicht,
-sondern davon. Ob nun wohl auch jenes niedergelegte philosophische Buch
-also beschaffen wäre, dass es weder in seinem Inhalte, noch im Grade der
-Klarheit überhaupt eine Verbesserung erhalten könnte, so möchte es doch
-immer einer ^Erfrischung^ durch das neue Leben der Zeit bedürfen.)
-
-
- §. 61.
-
-Das bisher beschriebene gäbe nun das ^Kunstbuch^ der Schule. Nun zeigt
-sich diese Kunst, und ihr Leben schreitet fort, in Organisation eines
-Stoffes. Inwiefern dieser Stoff wirklich schon organisirt ist, ist er
-aufgenommen in die Kunst und in derselben Buch, und es bedarf für ihn
-keines besonderen Buches; inwiefern er aber noch nicht durchdrungen ist,
-und er also die weitere Aufgabe für die Kunstschule enthält, muss diese
-Aufgabe irgendwo in fester Gestalt niedergelegt seyn, und die Schule
-bedarf, ausser ihrem Kunstbuche, auch eines ^Stoffbuches^. Dies ist nun
-zum Theil schon vorhanden an dem ganzen vorliegenden Buchwesen, und muss
-nur die Schule dieses ^kennen^. Die dahin gehörigen Einrichtungen sind
-schon im vorigen Abschnitte angegeben, und es lässt in dieser Kenntniss
-ein Fortschritt nur so sich denken, dass diese Kenntniss des vorhandenen
-Buchwesens vervollständiget, und das allgemeine Repertorium desselben
-besser geordnet und einer leichteren Uebersicht im Ganzen zugänglicher
-gemacht werde, auf welchen Zweck auch unsere Schule in alle Wege
-anzuweisen ist. Jenes auf diese Weise schon vorhandene grosse Stoffbuch
-selber soll nun fortschreiten: zuvörderst, indem es seiner äusseren Form
-nach erfrischt und erneuert wird, sodann, indem in Absicht des Inhaltes
-es theils berichtigt und von den darin vorhandenen Fehlern gereinigt,
-theils immerfort ergänzt und erweitert wird. Das Letzte geschieht durch
-neue Entdeckungen auf dem Gebiete der Geschichte und der Naturkunde;
-welche Entdeckungen immerhin bei ihrer ersten Erscheinung zur Aufnahme
-in die Einheit sich nicht qualificiren mögen, dennoch aber, bis ein
-Mehreres zu ihnen hinzukommt, aufbehalten werden müssen. Durch diese
-neuen Entdeckungen verlängert sich wiederum das Stoffbuch nach der
-Peripherie hin, das nach der Seite seines Centrums immer mehr verkürzt
-und von dem Kunstbuche aufgenommen wird.
-
-Dieser Fortschritt, des Stoffbuches sowohl wie auch des Kunstbuches,
-kann sich nun begeben entweder ^bei uns^, oder ^bei anderen^; wo wir im
-letztern Falle die Ausbeute in unsere Schule und unser Buch aufzunehmen
-haben, damit das gesammte Buch des Menschengeschlechtes und sein
-wissenschaftlicher Fortschritt Einheit behalte.
-
-Zum Fortschritte dieses gesammten Buches gehören auch diejenigen
-Bestrebungen, dasselbe zu verbessern, die nur noch Versuche und noch
-nicht zu der Festigkeit gediehen sind, dass man sie in einem Buche
-niederlegen könne. Auch diese Versuche, wenn sie bei anderen angestellt
-werden, kennen zu lernen, wenn wir sie anstellen, uns dabei der
-Beobachtung anderer nicht zu entziehen, müssen wir Anstalt treffen.
-
-
- §. 62.
-
-Um über den Fortschritt der wissenschaftlichen Kunst, die im Kunstbuche
-dargelegt werden soll, ganz verständlich zu werden, legen wir unsere
-Gedanken dar an einem Beispiele.
-
-Wenn also z. B. mit der Universalgeschichte es dahin zu kommen bestimmt
-wäre, dass man einsähe, sie sey nicht ein Zufälliges, das auch entbehrt
-werden könne, sondern sie habe eine bestimmte, dem Menschengeschlechte
-sich aufdringende Frage nach bestimmten gleichfalls im menschlichen
-Geiste schon vorliegenden Frageartikeln zu beantworten, als etwa: wie
-unser Geschlecht zu menschlicher Lebensweise, zu Gesetzlichkeit, zu
-Weisheit, zur Religion, und worin noch etwa sonst die Ausbildung zum
-wahren Menschen bestehen mag, sich allmählig erhoben habe, -- hier
-einseitig, dann zurückfallend, um auch andere, bisher vernachlässigte
-Bildungsweisen in sich aufzunehmen; -- und man über diese Fragen zu
-einigen bestimmten und unveränderlichen Resultaten gekommen wäre: so
-würde man sodann auch einsehen, dass die bisher abgesteckten Epochen
-nach Entstehung oder Untergang grosser Reiche, nach Schlachten und
-Friedensschlüssen, die Regententafeln u. dergl. nur provisorische
-Hülfsmittel, berechnet auf eine Denkart, die nur durch die Erschütterung
-des äusseren Sinnes berührt wird, gewesen seyen, um die Sphäre jener
-besseren Ausbeute indessen zu erhalten; und man würde nur an jene,
-inniger an das Interesse der menschlichen Wissbegier sich anschmiegenden
-Epochen die Geschichte anknüpfen, welche nun allerdings auch jene ersten
-weniger bedeutenden mit sich fortführen würden, damit das Gemälde sein
-vollkommenes Leben bis auf den wirklichen Boden herab bekäme. Man würde
-z. B. nicht mehr sagen: unter der Regierung des und des wurde der Pflug
-erfunden, sondern umgekehrt: als der Pflug erfunden wurde, regierte der
-und der, dessen Leben vielleicht auf die weiteren Begebenheiten des
-Pfluges, auf welches letzteren Geschichte es hier doch allein ankommt,
-Einfluss hatte. Die Kunst der Geschichte wäre dadurch ohne Zweifel
-fortgeschritten, indem man nunmehro erst recht wüsste, wonach man in
-derselben zu fragen, und worauf in ihr zu sehen habe; sie wäre mit einem
-klaren Begriffe durchdrungen.
-
-Dadurch wäre auch die ganze Bearbeitung derselben an unserer Kunstschule
-verändert. Vorher bestand ihre eigentliche Aufgabe darin, jenen klaren
-Begriff und die festen Data, die eine Uebersicht der Begebenheiten nach
-seiner Leitung giebt, ^zu finden^, und in diesem Finden bestand die
-gemeinschaftliche Arbeit unserer Kunstschule. Jetzt ist dies da: es wird
-abgesetzt im Buche, das unser Zögling selber lesen mag. Vorher musste er
-ein nach anderen Epochen eingetheiltes Buch lesen, das ihm jetzt auch in
-alle Wege nicht ganz erlassen werden kann, das aber ihm, der einen
-Leitfaden von höherer Potenz hat, weit leichter haften wird, als seinem
-früheren Vorgänger. Die unmittelbar zu treibende Kunst an unserer Schule
-erhält in Beziehung auf die Geschichte eine andere Aufgabe; ohne Zweifel
-die, jene Data weiter auszuarbeiten und zu verbinden, und so mehr des
-bisher noch nicht durchdrungenen Stoffes der Facta durch den
-Grundbegriff zu durchdringen.
-
-So in allen anderen Fächern. Die Kunst gräbt fortgehend sich tiefer in
-bisher unsichtbare Welten; die in dem nunmehr ausgegrabenen Schachte
-gewonnene Ausbeute legt sie im Kunstbuche nieder, als Ausgangspunct und
-als Instrument ihres weiteren Verfahrens.
-
-Und so wäre denn 1) in unseren Jahrbüchern des Fortschrittes der Kunst
-an unserer Schule, als Hauptbestandtheile und als Epoche machend,
-niederzulegen die encyklopädischen Ansichten jedes unserer Lehrer von
-seinem Fache; kurz, versteht sich, und im Grossen und Ganzen. Sollte
-ihm, wie dies also zu erwarten, diese klare und ewig dauernde
-Rechenschaft auch nicht während der Ausübung seines Lehramtes angemuthet
-werden können, so kann sie dennoch nach dem Austritte ihm nicht füglich
-erlassen werden, und hat er darauf schon während der Ausübung zu
-rechnen.
-
-2) Da unsere Schüler auch Bücher lesen sollen, und wir ihnen überhaupt
-nichts zu sagen gedenken, was ebenso gut im Buche steht, so gehört zu
-jener encyklopädischen Rechenschaft eines Lehrers allerdings auch die
-Angabe, welche Lectüre er vorschreibe. Diese Lectüre mag für den Anfang
-in schon vorhandenen Büchern bestehen, und es wird in diesem Falle genug
-seyn, diese zu citiren.
-
-Späterhin aber werden wir, theils um die allenfalls veraltete äussere
-Form anzufrischen, theils aber und vorzüglich, wegen des durch den
-Fortschritt der Kunst ganz veränderten Ausgangspunctes der von uns
-wirklich zu ^treibenden^ Kunst, Lesebücher für unsere Zöglinge (ein
-^corpus^ jedes einzelnen Faches, wie es bisher nur ein ^corpus juris^
-gab) eigens drucken lassen müssen. In Absicht des ersten -- des
-Auffrischens -- wird zu beachten seyn, dass dies nicht von dem Ermessen
-des Einzelnen abhängen könne, sondern mehrere die Tüchtigkeit eines
-Einzelnen für diesen Behuf anerkennen müssen, indem nicht in jedem der
-gesammte lebendige Zeitgeist sich ausspricht, und mancher versucht wird,
-seinen individuellen Geist für jenen zu halten. In Absicht des zweiten
-haben wir, sowie im Lehren, den Grundsatz, nicht zu sagen, was schon
-gedruckt ist, im Schreiben den, nicht zum zweitenmale drucken zu lassen,
-was einmal gedruckt ist. -- Wird einmal das Bedürfniss solcher eigenen
-Lesebücher eintreten, so werden uns die Mittel nicht abgehen, demselben
-abzuhelfen, und können wir recht füglich von denen, die bei uns Meister
-oder Doctor zu werden verlangen, dergleichen Probestücke begehren.
-
-Wir erhielten an jenen encyklopädischen Rechenschaften, von denen jede
-künftige die vorhergegangene entweder ^formaliter^, durch Klarheit und
-Leichtigkeit, oder ^materialiter^, durch weitere Umfassung des Stoffes,
-übertreffen müsste, -- oder sie könnte nicht aufgenommen werden, und
-dies wäre ein Beweis, dass die Kunst dermalen bei uns stille stände --
-eine ^fortgehende und eng zusammenhängende Reihe^ von Fortschritten in
-der Wissenschaft, welche der Nachwelt, die einen beträchtlichen Theil
-derselben übersehen, und vielleicht das ^Gesetz^ dieses Fortschrittes
-entdecken könnte, wiederum als Mittel weit höherer Fortschritte dienen
-könnte. Wir erhielten an dem, mit jener und ihrem Gesetze gemäss
-fortschreitenden ^Lesebuche^, das nicht gerade in den Context jener
-Jahrbücher eingewoben seyn müsste, sondern selbstständig existiren
-könnte, ein äusserliches Document und einen Exponenten der Jahrbücher.
-
-Dieses Lesebuch würde, sowie es von einer Seite durch Steigerung der
-Gesichtspuncte anwüchse, von der anderen durch Auswerfung des sattsam
-bearbeiteten Stoffes abnehmen. Wir machen dies deutlich an demselben
-Beispiele der Geschichte. Wenn man durch Erfassung etwa des angegebenen
-Standpunctes für diese -- die Geschichte -- vielleicht auch den Zweck
-aufgeben wird, in derselben ^Psychologie^ oder ^Staatswissenschaft^ zu
-lernen -- Zwecke, die man leicht für Vorspiegelungen halten dürfte, um
-dem Philosophen gegenüber sich aus der Verlegenheit zu ziehen, einen
-Zweck ihres Studiums deutlich anzugeben, -- begreifend, dass man diese
-Zwecke weit wohlfeileren Kaufes mit der Philosophie erreichen könne;
-dass aber die Regierungs^kunst^, die durchaus etwas Anderes ist, denn
-die durch Philosophiren zu schöpfende Regierungs^wissenschaft^, eine
-leichte und sich von selbst findende Zugabe des rechten Studiums der
-Geschichte sey: -- wenn man, sage ich, diese Zwecke aufgeben wird,
-alsdann wird man einer Menge Untersuchungen, die nur dem psychologischen
-oder politischen Zwecke unter die Arme greifen sollen, sich gern
-überheben. -- (So lange es, um über die Aechtheit eines gewissen
-Documents urtheilen zu können, auf die Untersuchung, welchen Zuschnitt
-der Bart eines gewissen Kaisers gehabt habe, ankommt, muss man in alle
-Wege diese Untersuchung gründlich treiben. Sollte aber durch einstige
-Vollendung dieser Untersuchung die Aechtheit oder Unächtheit des
-Documents, gemeingültig für alle künftige Zeit, ausgemittelt seyn, so
-mag man nun den Bart immer fahren lassen; ja dieses um so mehr, wenn
-sogar an der Aechtheit oder Unächtheit des Documents selber uns nichts
-mehr liegen sollte, indem, was dadurch entschieden werden soll, indess
-anderwärtsher entschieden worden. Freilich müsste man zu diesem Behufe
-auch darüber mit sich einig seyn, dass es in allen Fächern Gewissheit
-und eine feste, unwidersprechliche Beweisführung gebe, und nicht etwa
-gerade in das blinde Herumtappen, und in die Wiederholung desselben
-Kreislaufes durch jegliche Generation, die Perfectibilität des
-Menschengeschlechtes setzen.)
-
-So, wenn nun jemand durchaus kein anderes Mittel hat, um über den Werth
-einer gewissen Meinung zu entscheiden, ausser daraus, dass sie die
-Meinung eines gewissen alten Philosophen gewesen, dabei aber doch noch
-immer Zweifel hegt, ob dieselbe nicht vielmehr die Folge der
-Gesundheitsbeschaffenheit dieses Philosophen, als seiner Speculation
-gewesen: so ist diesem die Frage über die Hypochondrie oder
-Nichthypochondrie des Mannes allerdings höchst bedeutend; wer aber auf
-anderem Wege über den in Frage gestellten Werth Bescheid hätte, der
-könnte jenen Philosophen sammt seinem Gesundheitszustande ruhig an
-seinen Ort gestellt seyn lassen.
-
-
- §. 63.
-
-Neben diesem ersten und wesentlichen Theile der Jahrbücher, den
-encyklopädischen Rechenschaften der Lehrer, giebt es noch einen zweiten,
-zum ersten nothwendig gehörenden Theil, die Ausarbeitungen der Schüler.
-Denn es soll ja nicht bloss die Kunst der gesammten Schule in
-Bearbeitung des wissenschaftlichen Stoffes, es soll auch die besondere
-Kunst der Lehrer gezeigt werden, selber Künstler aus dem ihnen gegebenen
-Stoffe der Zöglinge zu bilden, und, so Gott will, der Fortgang auch
-dieser Kunst. Ueber die Lehrmethode derselben wird schon ihre
-encyklopädische Rechenschaft, auch ohne ausdrückliches Vermelden, die
-nöthige Auskunft geben. Ueber so viele andere, in Worten auch nicht
-füglich zu beschreibende Kunstmittel mögen sie schweigen, und dieselben
-eben üben; aber ihr ^Werk^, den Künstler, der aus ihren Händen
-hervorgeht, mögen sie vorzeigen.
-
-Im Anfange zwar, und in den ersten Jahren werden wir noch nichts dieser
-Art vorzuweisen haben; einen sicheren Anfang aber müssen dennoch auch
-die Jahrbücher sich setzen, indem es ausserdem wohl immer bei dem
-Versprechen bleiben könnte. Dieser Anfang könnte erscheinen zu Anfang
-des zweiten Lehrjahres, und er müsste enthalten: 1) die encyklopädischen
-Ansichten der angestellten Lehrer jedes Faches, die sie ja ohne Zweifel
-bei der Vorbereitung auf dieses ihnen grossentheils neue Collegium
-schriftlich entworfen, und während des mündlichen Vortrages und der mit
-den Lehrlingen angestellten Uebungen verbessert haben werden. 2) Die
-Probeaufsätze der Studirenden, welche gebilligt, und deren Verfassern
-die Befugniss, das Regulat nachzusuchen, gegeben worden. Sollte das
-Letztere zu weitläufig ausfallen, so könnten aus den gelungenen nur die
-gelungensten ausgewählt, der anderen aber nur im allgemeinen mit dem
-gebührenden Lobe gedacht werden.
-
-(Der zweite Punct wäre zugleich die den Lehrern, die das Regulat zuerst
-besetzen, allerdings nicht zu erlassende öffentliche Rechenschaft, dass
-sie hierbei nach festen Grundsätzen und keinesweges willkürlich
-verfahren; ingleichen die Weisung an Studirende und deren Eltern, was
-bei künftigem Anspruche auf dasselbe Regulat von ihnen ^wenigstens^
-gefordert werden würde. Wenigstens; denn es könnte so kommen, dass das
-erstemal, um denn doch überhaupt ein an Personal nicht gar zu schwaches
-Regulat einzusetzen, nach ein wenig milderen Grundsätzen verfahren
-werden müsste, denn späterhin.)
-
-Aus denselben Bestandtheilen, Nachträgen der Lehrer zu ihren
-encyklopädischen Ansichten, und Probeaufsätzen neuer Candidaten des
-Regulats würden die Jahrbücher auch zu Anfange des dritten, vierten etc.
-Lehrjahres bestehen, so lange bis wir Aufsätze von solchen, die bei uns
-das Meisterthum erhalten hätten, mittheilen und so die Aufsätze der
-Schüler ungedruckt lassen könnten. Erst mit diesen ginge die eigentliche
-Rechenschaftsablegung des Lehrers über seine Lehrkunst an.
-
-Hier auch hebt die eigentliche Rechenschaft der gesammten Kunstschule
-über den Fortschritt des Lehrtalentes und der Künstlerbildung an ihr an.
-Werden, noch abgerechnet die Steigerung des Begriffes selbst (wovon in
-§. ^praeced.^), in der ^Form^ die Aufsätze der künftigen Meister klarer,
-gewandter, freier, leichter, denn die der früheren, so steigt die Kunst;
-das Gegentheil davon wäre ein Beweis, dass sie wenigstens in dieser
-Rücksicht fiele, und die gesammte Akademie hätte zusammenzutreten und
-Anstalten zu treffen, ^ne detrimenti quid capiat respublica^.
-
-Schon in den anderen mit den Lehrlingen anzustellenden Uebungen, recht
-eigentlich aber, und auch andern sichtbar in diesen Jahrbüchern, kann
-ein Lehrer sehen, ob ein anderes, jugendlicheres und gewandteres
-Lehrertalent neben ihm aufkomme, und er hat sodann ohne Säumen
-auszutreten, und diesem seinen Lehrstuhl zu überlassen. Der eigentliche
-Vater dieses Studiums, und der fortdauernde Berather und Warner in
-demselben bleibt er immerfort.
-
-Der hier entworfene Begriff solcher Jahrbücher wäre dem ersten
-anhebenden Theile derselben in einer, das grosse Publicum befriedigenden
-Deutlichkeit voranzusetzen, und hätten wir in dieser Einleitung uns auf
-alle hier aufgestellten Grundsätze für uns und unsere Nachkommen, vor
-Welt und Nachwelt, auf ewig zu verpflichten.
-
-
- §. 64.
-
-Betreffend den Fortgang insbesondere des Stoffbuches durch uns, geht
-dieser, wie sich versteht, auch bei uns, sowie in der übrigen Welt,
-seinen Weg fort. Es wäre hierbei nur folgendes anzumerken. Zuvörderst
-ist wohl von keinem unserer Akademiker zu erwarten, dass er, entweder um
-das Daseyn seiner Person kund zu thun, oder um an den Ehrensold irgend
-eines schlecht unterrichteten Buchhändlers zu kommen, Geschriebenes
-schreibe, und compilirend aus zehn Büchern ein eilftes mache, und hätte,
-falls dergleichen doch einem beikäme, die gesammte Akademie die
-gemeinschaftliche Ehre zu retten, und die Schmach des Einzelnen von sich
-abzuwehren. Sodann: dergleichen Vermehrungen des Stoffbuches von Seiten
-unserer Akademiker müssten zunächst auf das gegenwärtige Bedürfniss
-unserer Kunstschule gehen und bestimmt seyn, diesem abzuhelfen; und es
-wäre den Arbeiten von dieser Beziehung der Vorzug vor anderen zu geben.
-Im Falle eines solchen Bedürfnisses könnten wir auch Auswärtige zur
-Mithülfe durch Aussetzung eines ^Preises^ auffordern; der Akademiker
-selbst ist für den Preis zu hoch; dem Bedürfnisse der Familie
-abzuhelfen, wenn er kann, ist ihm ohnedies Pflicht wie Freude, und sind
-die vom Rathe der Alten recht eigentlich für dieses Geschäft, auch in
-Absicht des Buchwesens, eingesetzt.
-
-Einen Theil des fortschreitenden Stoffbuches jedoch müssen wir als ein
-nothwendiges Glied in unseren Plan aufnehmen, und die regelmässige
-Fortsetzung desselben organisiren; ich meine die Niederlegung der an
-unserer Akademie gemachten neuen Entdeckungen für Geschichte und
-Naturwissenschaft, zu welcher letzteren auch das in der ärztlichen
-Praxis Entdeckte, das einen wissenschaftlichen Aufschluss über die Natur
-verspricht, gehört, und wir deswegen auch, ohnerachtet wir die ärztliche
-Praxis ganz von uns auszuschliessen gedenken, für diesen letzteren Behuf
-einen, oder etliche Männer unter unseren Akademikern haben müssen. Es
-ist unsere Pflicht sowohl, als unser Vortheil, dass diese Entdeckungen,
-sobald sie zu einer bestimmten schriftlichen Relation haltbar genug
-geworden, nicht innerhalb unserer Gesellschaft bleiben, sondern auch das
-auswärtige Publicum, das uns ja auch diesen neuen Stoff bearbeiten
-helfen soll, Kunde davon erhalte. Es müssten drum angelegt werden
-^Jahrbücher der Wissenschaftlichen Entdeckungen an unserer Akademie^. Ob
-der Stoff so reich ausfalle, dass er einer selbstständigen periodischen
-Schrift bedürfe, oder ob diese Jahrbücher mit dem tiefer unten zu
-erwähnenden Werke, der Bibliothek der Akademie, vereinigt werden
-sollten, mag entschieden werden, wenn es an die wirkliche Ausführung
-geht. So viel ist klar, dass wir kein Bändchen der Fortsetzung solcher
-Jahrbücher liefern können, wenn wir innerhalb der Zeit nichts Neues
-entdeckt haben, dass sie somit keinesweges bestimmte Termine ihrer
-Erscheinung halten können.
-
-
- §. 65.
-
-Noch ein Hauptgegenstand der Beachtung unserer Akademie ist die
-Benutzung des ausserhalb unser, und anderwärts fortschreitenden
-^Stoff^-, sowie auch ^Kunstbuches^; und die Nutzbarmachung desselben für
-diejenigen unserer Mitglieder, die wegen anderer Geschäfte nicht Zeit
-haben aufs blosse Gerathewohl zu lesen (die ausübenden Lehrer und
-Studirenden), von denjenigen aus uns, die diese Zeit haben (dem Rathe
-der Alten).
-
-Es ist dazu erforderlich zuvörderst, dass man diesen Fortschritt, d. h.
-die neu erschienenen Schriften historisch kenne. Für diesen Behuf
-erscheint nun zu Leipzig der bekannte Messkatalog, als das Verzeichniss
-ihrer zu Markte gebrachten Waare, dessen Besorgung, wie sich versteht,
-eine Sache des Verkäufers der Waare ist. Es mochte gut seyn, dass sich
-fertigere Federn fanden, welche diesen Messkatalog paraphrasirten; doch
-war und blieb dies immer eine rein mercantilische Sache, zum Dienste des
-Käufers und Verkäufers; und eine allgemeine Literaturzeitung kann
-durchaus auf keinen höheren Werth Anspruch machen, als auf den eines
-Journals des Luxus und der Moden. Dass diese subalternen Handarbeiter
-durch schlecht unterrichtete Schmeichler sich überreden liessen, sie
-verwalteten zugleich das Geschäft der Kritik, und dieses lasse sich eben
-mit der durchaus mercantilischen Rücksicht, ^den ganzen Messkatalog
-herunter zu recensiren^, vereinigen; dass, nachdem die Meinung einmal
-entstanden, sogar solche, die da wohl fähig gewesen wären, das Amt der
-Kritik zu verwalten, sich verleiten liessen, zuweilen ein treffenderes
-Wort in jenen unwürdigen Context hineinzuwerfen, ist in unseren Tagen
-eine der ergiebigsten Quellen des literarischen und anderen Verderbens
-geworden, und es ist darüber auf Handlanger und Unternehmer solcher
-Paraphrasen des Messkatalogs ein grösseres Maass von Spott gefallen, als
-sie Kraft hatten, zu verdienen. Da die Liebhaberei unserer Leser noch
-immer nach dergleichen Literaturzeitungen sich hinzuwenden scheint, und,
-so viel dem Schreiber dieses bekannt ist, der eigentliche Grund ihrer
-Verwerflichkeit selten rein ausgesprochen und ins Auge gefasst wird, so
-sagen wir noch bestimmt, dass dieser unser Entwurf anmuthe, zu begreifen
-folgendes: dass, wenn auch etwa überhaupt, was wir hier an seinen Ort
-gestellt seyn lassen, die Zeit sich herausnehmen dürfe, die Zeit zu
-kritisiren, diese Kritik wenigstens nicht an ^der Allheit der
-erscheinenden Bücher^, sowie die einzelnen uns unter die Hände fallen,
-geübt werden könne, indem ein solcher Vorsatz selbst einen absolut
-unkritischen, unphilosophischen, der Einheit unempfänglichen, planlosen
-Geist voraussetzt, und nur eine planlose und verworrene Geburt erzeugen
-kann; sondern dass sie an ^ganzen Klassen und Arten von Büchern^, die
-nach inneren Kriterien schon vorher unterschieden worden, geübt werden
-müsse; dass jener Vorsatz, alles aus der Presse Hervorgegangene zu
-recensiren, offenbar die Rücksicht auf gleiche Gerechtigkeit gegen alle
-Verleger, als Waarenlieferanten, darthue, wie es denn auch die Verleger
-sind, welche auf die Vollständigkeit der Literaturzeitungen am meisten
-dringen, und über Vergewaltigung laut klagen, wenn einer ihrer Artikel
-unangezeigt geblieben; dass demnach der mercantilische Zweck der
-wesentliche, den Plan und das Grundgesetz solcher Unternehmungen
-bestimmende, der kritische aber nur hinterher als Vorwand hinzugekommen
-ist, und dass man sogar auch darüber sich niemals ernsthaft
-berathschlagt, ob eine Vereinigung dieser beiden Zwecke auch wohl
-möglich sey.
-
-Möge wenigstens von unserer Akademie eine solche Verwirrung, welche ihr
-und der Kunstschule Wesen sogleich im Beginn zerstören würde, fern
-bleiben!
-
-Uebrigens mag in Gottes Namen, und es wäre dieses sogar höchst rathsam,
-in der Hauptstadt unserer Monarchie, neben dem Sitze der Akademie, auch
-eine solche vollständige Paraphrase des Messkatalogs erscheinen; wäre es
-auch nur darum, um die anderwärts erscheinenden aufgeblasenen
-Zwitternaturen von unseren weniger unterrichteten Mitbürgern abzuhalten.
-Es sey dies ein Privatunternehmen eines, etwa des akademischen
-Buchhändlers. Die Sache ist Handarbeit, welcher der Leipziger
-unparaphrasirte Messkatalog zur Basis diene. Der Referent versichert als
-Augenzeuge, dass das Buch wirklich erschienen sey, und er es unter den
-Augen gehabt habe; das sey sein Titel, so viel koste es, und hierauf
-lässt er die Inhaltsanzeige und irgend eine Stelle aus dem Buche
-abdrucken. Ueber die Wahl dieser Stellen, auch etwa über ganz
-auszulassende Schriften, mag er die Akademie derjenigen Klassen, die
-ohnedies aus anderen Gründen diese Bücher durchzulaufen haben, befragen
-dürfen, und wäre diesen eine allgemeine Aufsicht und Censur dieses
-Messcatalogus, jedem in seinem Fache, zu übertragen. -- Halte zu diesem
-Behuf der Unternehmer sich einige Zugewandte, wiewohl auch ganz
-unstudirte Kaufmannsbursche das Geschäft versehen könnten.
-
-Was dagegen der Akademie als solcher in Beziehung auf die auswärtige
-Vermehrung des Buchwesens recht eigentlich zukommen würde, wäre
-folgendes:
-
-1) Die Mitglieder des Rathes der Alten nehmen, jeder für sein Fach, die
-durch die letzte Messe erfolgte Vermehrung des Buches für dieses Fach
-vollständig in Augenschein, welches, wenn die Literatur der Deutschen
-ihren bisherigen Charakter noch lange behält, grossentheils mit
-Durchsicht der Inhaltsanzeigen, der Register, der Vorreden, und einigem
-Durchblättern sich wird abthun lassen. Sollte in dieser Durchsicht dem
-Einen etwas vor die Augen kommen, das nicht eigentlich zur Competenz
-seines Faches gehörte, und hier sich nur in dasselbe verloren hätte, so
-macht er den, in dessen Fach es eigentlich gehört, aufmerksam.
-
-2) Was nun in dieser dermaligen Vermehrung des Buches sich findet als
-Fortschritt, d. i. als Verbesserung oder Erweiterung des Stoffbuches in
-diesem Fache, oder auch als Erhöhung des Kunstbuches, nach dem oben
-angegebenen Maassstabe einer solchen Erhöhung, wird niedergelegt in
-einem anderen periodischen Werke, welches man ^Jahrbücher der
-Fortschritte des Buchwesens^, oder auch die ^Bibliothek der Akademie^,
-nennen könnte. Was blosse Wiederholung des schon Bekannten ist, wird mit
-Stillschweigen übergangen. Rückfälle in schon widerlegte Irrthümer
-mögen, falls nemlich zu befürchten wäre, dass ein Mitglied unserer
-Akademie dadurch geirrt werden könnte, angezeigt werden. Da eine solche
-Uebersicht ausgeht von der bisherigen Literatur des Faches, die ihre
-feststehenden Abtheilungen schon haben wird, so kann sie recht füglich
-an diese, als den Grundleitfaden sich halten, zeigend, wie jeder dieser
-Theile bereichert worden sey, und so das Buch, wo diese Bereicherung
-sich vorfindet, auf Veranlassung des Inhalts, keinesweges aber den
-Inhalt auf Veranlassung des Buches, wie dies die Paraphrase des
-Messkatalogs thut, anführen.
-
-Bücher, in denen gar nichts Neues steht, ohne dass sie doch auch als
-eine Auffrischung des bisherigen Buchwesens in diesem Fache gelten
-könnten, und die daher gar nicht existiren sollten, werden in dieser
-Bibliothek ganz übergangen. Es würde ganz zweckmässig seyn, dass
-dergleichen, nach Angabe dieser Referenten in der Bibliothek, die man
-darüber zu befragen hätte, auch in dem Messkatalog übergangen würden,
-damit, sowie wir selbst auf die blosse Buchmacherei Verzicht thun, wir
-auch die Unterstützung der auswärtigen Buchfabriken durch den Ankauf
-unserer weniger unterrichteten Mitbürger verhindern. Das Publicum wisse,
-dass es desjenigen, das sogar unser Messkatalog übergeht, sicherlich
-nicht bedarf.
-
-Diese Bibliothek ist ^unserer Akademie^ Bibliothek, und zunächst für
-deren Gebrauch geschrieben. Mit dem ersterwähnten Durchwühlen des
-ganzen, durch die Messe herbeigeführten Schuttes braucht keiner unserer
-Lehrer oder unserer Schüler sich zu bemühen; selber der alte Akademiker
-und Mitarbeiter an der Bibliothek braucht es nur mit dem, der auf seinen
-Theil gefallen ist; die übrigen Theile haben andere für ihn übernommen.
-Und so hat denn unser Akademiker nur diese Bibliothek zu lesen, und
-findet in ihr die bestimmte Nachweisung, was er etwa noch ausserdem neu
-Erschienenes zu lesen habe. Für ihn ist daher diese Bibliothek
-allerdings ^Kritik^, Scheidung des zu Lesenden von dem nicht zu
-Lesenden, des ganzen neuesten Buches.
-
-Will auch das auswärtige Publicum, und unter ihnen die Verfasser und
-Verleger dieses gesammten neuesten Buches, diese Bibliothek, die
-durchaus nicht ihnen zu Liebe geschrieben ist, dennoch lesen, so steht
-ihnen dies ganz frei. Wollen sie ferner dieselbe als allgemeine und so
-auch für sie geltende Kritik ansehen, so thun sie das auf ihre eigene
-Verantwortung. Wir wenigstens uns auf die unsrigen beschränkend, haben
-niemals einen solchen arroganten Anspruch gemacht, unsern Richterspruch
-der ganzen Welt aufzudringen; dringt er sich ihnen aber etwa von selbst
-in ihrem eigenen Bewusstseyn auf, so ist dies ein desto ehrenvolleres
-Zeugniss für uns. Was daraus entstehen möge, so haben wir mit Verfassern
-oder Verlegern nichts abzuthun, indem wir uns diesen niemals für etwas
-verbunden haben.
-
-(Dass, weil wir nicht blind herumtappen, sondern nach einem festen Plane
-einhergehen, wir gar bald zu grossem Ansehen gelangen werden und dass
-dies mächtig zur Verbesserung des ganzen Literaturwesens wirken werde,
-lässt sich voraussehen. Jedoch ist sogar diese grosse Folge nur eine
-zufällige, die wir nicht beabsichtigen; denn zu bescheiden, das Heil der
-ganzen Welt auf unsere Schultern laden zu wollen, denken wir zunächst
-nur auf unser eigenes Heil.)
-
-
- §. 66.
-
-Noch sind allein übrig die oben erwähnten Anstalten, wodurch wir von den
-Bemühungen anderer wissenschaftlicher Körper, welche Bemühungen noch
-nicht Festigkeit genug erhalten haben, um im Buche niedergelegt zu
-werden, zeitig Notiz erhalten, und diese Körper in die Lage setzen, von
-den gleichen Bemühungen bei uns Notiz zu nehmen. Es wäre in dieser
-Rücksicht vorzuschlagen: 1) dass wir an allen bedeutenden Akademien und
-Universitäten des deutschen Vaterlandes sowohl, als des Auslandes, uns
-einen besonderen Freund und Repräsentanten erwählten aus den Mitgliedern
-eines solchen Corps; gegenseitig diesen erlaubend und sie einladend,
-dasselbe bei uns zu thun. Diese Repräsentanten wären ersucht, alles, was
-an ihrem Orte von der eben erwähnten Art sich zutrüge, davon sie
-glaubten, dass es die befreundete Akademie interessiren könnte,
-derselben durch Correspondenz zu melden. 2) Damit wir jedoch, tiefer
-denn diese fremden Berichte, die nur die erste Aufmerksamkeit erregen
-sollen, und selbst dasjenige, was diese etwa mit Stillschweigen
-übergehen, mit eigenen Augen zu sehen uns in den Stand setzen, sollen,
-wo möglich ununterbrochen, junge Männer aus unserer Mitte zu ihnen
-gesendet werden und bei ihnen einige Zeit sich aufhalten; die nach
-erfolgter Rückkehr uns mündlichen Bericht abstatten, wie sie alles
-befunden. Diese sind zu allernächst an unseren Repräsentanten adressirt,
-der ihnen mit Rath und That an die Hand gehe. Es versteht sich, dass wir
-dasselbe den verbündeten Gesellschaften zugestehen, und die ihrigen also
-behandeln, wie wir wollen, dass die unsrigen von ihnen behandelt werden.
-So wünschen wir ohne Zweifel, dass die unsrigen den unbeschränktesten
-Zutritt zu allen wissenschaftlichen Uebungen der Auswärtigen erhalten,
-und müssen drum diesen denselben Zutritt bei uns geben. Keinesweges aber
-wünschen wir, dass den unsern bei diesen Besuchen etwa das Sehwerkzeug
-des Auslandes untergeschoben werde, sondern dass sie sich ihres eigenen
-Auges, sowie es bei uns gebildet worden, bedienen; wir sind darum
-ebensowenig befugt, oder, falls wir unseren Augpunct für besser zu
-halten berechtigt seyn sollten, verpflichtet, ihn unseren Gästen zu
-leihen, sondern mögen sie das Vermögen zu sehen eben schon mitgebracht
-haben. Der hierüber nöthigen Politik mögen sich sowohl unsere zu diesen
-Gesandtschaften gebrauchten Mitbürger, als alle unsere Akademiker
-befleissigen; und es haben z. B. die ersten nicht gerade nöthig, dem
-Ausländer gegenüber laut über ihn zu denken, sondern sie mögen sich
-berichten lassen, ihres Herzens wahre Gedanken aber, bis zu ihrer
-Rückkehr in unsere Mitte, für sich behalten.
-
-Die zu diesen wissenschaftlichen Gesandtschaften am besten sich
-qualificirenden Subjecte wären bei uns gezogene und gelungene Regulare,
-und könnten sie damit sehr füglich die Zeit zwischen ihrem Austritte aus
-dem Regulat und ihrem Eintritte in die Akademie ausfüllen.
-
-Vorzüglich würden zu diesen Geschäften gebraucht werden und, falls sie
-nur gerade so gut wie andere sich dazu qualificirten, diesen sogar
-vorgezogen werden müssen die Söhne aus der Universitätsstadt, und
-besonders die unserer Akademiker; es versteht sich, wenn die
-Hauptbedingung, dass sie gelungene Regulare wären, von ihnen erfüllt
-wäre. Dieses zwar keinesweges als ein ^persönliches Vorrecht^,
-dergleichen bei uns keine Geburt giebt, sondern vielmehr als
-^Gleichstellung^ mit den übrigen, und ^Entschädigung^ dafür, dass sie
-die Universitätsstadt an ihrem Geburtsorte finden, und im Grunde aus dem
-Umkreise der Ihrigen zu einem völlig selbstständigen Leben noch niemals
-herausgekommen sind, und so die hiermit verknüpften, oben erwähnten
-Vortheile bisher verloren haben.
-
-
- §. 67.
- Corollarium.
-
-Unsere Akademie, an und für sich betrachtet, giebt in der von uns
-angegebenen Ausführung das Bild eines vollkommenen Staates: redliches
-Ineinandergreifen der verschiedensten Kräfte, die zu organischer Einheit
-und Vollständigkeit verschmolzen sind, zur Beförderung eines gemeinsamen
-Zweckes. An ihr sieht der wirkliche Staatskünstler immerfort dieselbe
-Form gegenwärtig und vorhanden, welche er auch seinem Stoffe zu geben
-strebt, und er gewöhnt an sie sein, von nun an durch nichts Anderes zu
-befriedigendes Auge.
-
-Dieselbe Akademie stellt in ihrer Verbindung mit den übrigen, ausser ihr
-vorhandenen wissenschaftlichen Körpern dar das Bild des vollendet
-rechtlichen Staatenverhältnisses. Alle, in sich übrigens allein,
-geschlossen und selbstständig bleibend, kämpfen aus aller ihrer Kraft um
-denselben Preis, die Beförderung der Wissenschaft und der
-wissenschaftlichen Kunst; aber ihr Wettkampf ist nothwendig redlich, und
-keiner kann den errungenen Sieg verkennen oder schmälern, ohne sich
-selbst der, allen gemeinschaftlichen und bei unendlicher Theilung
-dennoch immer ganz bleibenden Ausbeute des Sieges zu berauben. Ihr
-Wettkampf ist liebend; das beleidigte Selbstgefühl des Ueberwundenen
-hebt sogleich sich wieder empor an der Freude über den gemeinsamen
-Gewinn, und die augenblickliche Eifersucht geht schnell über in Dank an
-den Förderer des gemeinen Wesens.
-
-Diese Form einer organischen Vereinigung der aus lauter verschiedenen
-Individuen bestehenden Menschheit vermag in ihrer Sphäre die
-Wissenschaft zu allererst, und dem Kreise der übrigen menschlichen
-Angelegenheiten lange zuvorkommend, zu realisiren. Als einzelne Republik
-darum, weil zuvörderst das Interesse, das in dieser Sphäre scheiden,
-trennen und das zu Vereinigende voneinanderhalten könnte, hier bei
-weitem nicht so dringend und gebieterisch herrscht, als das der
-sinnlichen Selbsterhaltung, welches im Gebiete des Staates entzweiet und
-sich befeindet; sodann weil selber das Element, das die Wissenschaft
-bearbeitet, die Denkart veredelt und die Selbstsucht schmählich macht.
-Als ein Verein von Republiken darum, weil alle genau wissen und
-verstehen, was sie eigentlich wollen; dagegen die politischen
-Entzweiungen der Völker und weltverheerende Kriege sich sehr oft auf die
-verworrensten und finstersten unter allen möglichen Vorstellungen
-gründen. In dieser früheren Realisirung der für alle menschlichen
-Verhältnisse eben also angestrebten Form ist sie Weissagung, Bürge und
-Unterpfand, dass auch das Uebrige einst also gestaltet seyn werde, der
-strahlende Bogen des Bundes, der in lichten Höhen über den Häuptern der
-bangen Völker sich wölbt.
-
-Aber selbst, indem sie noch verheisset, erfüllet sie schon und ist
-gedrungen zu erfüllen. Die einzige Quelle aller menschlichen Schuld, wie
-alles Uebels, ist die Verworrenheit derselben über den eigentlichen
-Gegenstand ihres Wollens; ihr einiges Rettungsmittel daher Klarheit über
-denselben Gegenstand; eine Klarheit, welche, da sie nicht uns fremd
-bleibende Dinge erfasst, sondern die innerste Wurzel unseres Lebens,
-unser Wollen ergreift, auch unmittelbar einfliesst in das Leben. Diese
-Klarheit muss nun jeder wissenschaftliche Körper rund um sich herum,
-schon um seines eigenen Interesse willen, wollen und aus aller Kraft
-befördern; er muss daher, sowie er nur in sich selbst einige Consistenz
-bekommen, unaufhaltsam fortfliessen zu Organisation einer Erziehung der
-Nation, als seines eigenen Bodens, zu Klarheit und Geistesfreiheit, und
-so die Erneuerung aller menschlichen Verhältnisse vorbereiten und
-möglich machen; durch welche Erwähnung der Nationalerziehung wir wieder
-am Schlusse unseres ersten Abschnittes niedergesetzt werden, und so den
-bis ans Ende durchlaufenen Kreis schliessen.
-
-
-
-
- Beilagen zum Universitätsplane.
-
-
- (Ungedruckt.)
-
-
- I.
- Plan zu einem periodischen schriftstellerischen Werke an einer
- deutschen Universität.[28]
-
-1) Soll ein solches Werk der Universität Ehre machen und zugleich den
-steigenden Flor derselben befördern, so muss dasselbe auf dem Gipfel der
-wissenschaftlichen Bildung der deutschen Nation anheben, und seine
-Fortsetzung kann nichts Anderes seyn, als das fortlaufende Document des
-ununterbrochenen Fortschreitens jener Bildung auf der vorausgesetzten
-Universität.
-
-2) Es muss wirklich das Werk der Lehrer und Mitglieder dieser
-Universität, und das Resultat des wissenschaftlichen Geistes und seiner
-Leistungen auf derselben seyn, und das öffentliche Urtheil muss darüber
-nicht in Zweifel bleiben können. Es ist daher nicht hinlänglich, dass
-jenes Werk etwa nur in der Stadt, wo auch die Universität sich befindet,
-gedruckt oder auch von Gelehrten, die zugleich Lehrer an derselben sind,
-geschrieben werde: es muss die Rechenschaftsablegung enthalten über den
-Geist und die Resultate ihres Treibens. Die Ehre, welche bei
-Vernünftigen dadurch der Universität zu Theil würde, dürfte sonst
-vielleicht der jenes Glockenziehers, der zu einer vortrefflichen Predigt
-eingeläutet zu haben sich rühmte, nicht ungleich seyn: die Rechnung auf
-das Vorurtheil der Unvernünftigen aber ist, wenn man sich auch
-herablassen wollte, darauf Rücksicht zu nehmen, nicht sicher auf die
-Dauer.
-
-[Fußnote 28: Geschrieben im Jahre 1805, mit Bezug auf die Universität
-Erlangen. Vergl. Nachgelassene Werke Bd. III. S. 277. ff.]
-
-3) Der dadurch zu liefernde Beweis der Superiorität des
-wissenschaftlichen Geistes auf der vorausgesetzten Universität muss
-nicht ^indirect^ geführt werden, so dass man sich nur zeige, als fähig
-die Schwächen oder auch die Vorzüge Anderer einzusehen, durch welche
-unabhängig von uns die Wissenschaften bearbeitet werden; denn das ist
-seinem Wesen nach untergeordnete und Schülerarbeit.
-
-(Dergleichen sind alle Recensiranstalten, Bibliotheken,
-Literaturzeitungen, und wie sie Namen haben mögen. Sie tragen das
-Gepräge ihrer Unselbstständigkeit und Inferiorität dadurch an sich, dass
-sie für die Möglichkeit ihrer eigenen Existenz Bücher voraussetzen, und
-gründen sich auf den Wahn des Zeitalters, dass die einzige und rechte
-Bearbeitung der Wissenschaften die Buchmacherei sey. Entweder das Buch
-wird herabgesetzt in der Recension: welche Ehre aber ist es für den
-vorauszusetzenden Professor-Recensenten, dass er mehr ist, als der arme
-Stümper, den er uns vorführt? Oder es wird erhoben: entweder der
-Verfasser ist ein Fremder. Welche Ehre erwächst sodann durch sein gutes
-Buch unserer Universität, als die sehr untergeordnete der Anerkennung
-fremden Verdienstes? Oder er ist einer unser gelehrten Mitbürger: wer
-wird uns recht glauben?
-
-In Deutschland waren diese Unternehmungen in neueren Zeiten gar nicht
-für den Flor der Universitäten ersonnen, sondern bloss ein
-mercantilisches Institut, das den Buchführern zum Absatz ihrer Waare
-verhelfen sollte, zuerst selbst von einem Buchführer, sodann von einem
-bekannten industriösen Schriftsteller, der einen dürftig besoldeten
-Professor für seinen Plan gewonnen. Von ohngefähr und durch ganz andere
-Ursachen -- die Lehrer, denen Jena vorzüglich seinen Ruf verdankt, sind
-nie fleissige Recensenten, noch die Redactoren der Literaturzeitung je
-vorzügliche Lehrer gewesen, -- gewann die verfallene Universität, an
-deren Spitze das letzterwähnte Werk dieser Art gedruckt wurde, eine neue
-Blüthe; und nun machte der grosse Haufen den gewöhnlichen Fehlschluss
-vom Zugleichseyenden auf das Verhältniss von Ursache und Wirkung;
-welcher Fehlschluss denn auch, da ihn der grosse Haufen gemacht, einige
-Zeitlang gute Dienste geleistet hat. Dennoch fing Jena schon vorher an
-zu verfallen, ehe es die Schützsche Literaturzeitung verlor, und jetzt
-hilft es ihm nichts, dass es sogleich wieder eine andere errichtet hat,
-welche unstreitig an innerem Werthe die alte bei weitem übertrifft. Auch
-hat zu Leipzig, Erlangen u. s. w. durch den Abdruck von Recensionen, die
-meist von Lehrern dieser Universitäten verfasst sind, wie in den
-Göttinger Anzeigen, sich kein grösserer Flor dieser Universitäten
-ergeben wollen, als wie sie ohne dergleichen Literaturzeitungen auch
-besitzen würden.
-
-Ueberdies, falls wir uns auch auf das Alte und Mittelmässige bescheiden
-wollten, ist sogar dies nicht einmal mehr uns zugänglich. Aus unseren
-eigenen Mitteln, ohne fremde Beiträge, vermögen wir eine
-Literaturzeitung nicht einmal auch nur zum Scheine anzufüllen: durch den
-Conflict der alten und der neuen Jenaischen Literaturzeitung aber sind
-alle Federn schon in Beschlag genommen, und es giebt gewiss keinen
-Gelehrten von einigem Verdienste, welcher zu Arbeiten dieser Art sich
-nicht für zu gut hält, der nicht bei einer dieser beiden, oder auch wohl
-bei beiden in Diensten stehe.
-
-Ahmen wir lieber dies Bestreben in dem einzigen Puncte nach, dass wir,
-so wie jene zu ihrer Zeit, etwas Neues unternehmen, wobei sie uns meines
-Erachtens zugleich den Vortheil gelassen haben, dass das Rechte noch neu
-ist.)
-
-4) Der zu führende Beweis muss ^direct^ geführt werden, -- sagten wir:
-also, dass das periodische Werk der Universität den steten Fortschritt
-der Wissenschaft und des wissenschaftlichen Geistes auf derselben,
-unmittelbar und aus der ersten Hand darlege. Jenes Werk enthalte ganz
-eigentlich, was die ältere Benennung: ^acta literaria Universitatis N.
-N.^ ausdrückt.
-
-Den Fortschritt der ^Wissenschaft^ und des ^wissenschaftlichen Geistes^
-aus der ersten Hand, sagten wir ferner. Die Wissenschaft ist ja nicht
-zunächst das Buch, noch lebt sie im Buche, sondern sie lebt in dem, was
-im wirklichen Forschen, im Conflicte der Geister und im Vortrage sich
-ergiebt. Dieses nun werde zum Buche und Buchstaben zunächst in jener
-Relation. Die akademischen Lehrer sind ja als Lehrer angestellt, und
-nichts verhindert, dass sie nicht auch überdies noch unter sich selber,
-gleich einer Akademie, in geistigen Wechselverkehr treten; nicht aber
-werden sie vom Staate dazu besoldet, dass sie in die weite Welt hinein
-Bücher schreiben. Jene literarischen Acten der Universität würden nun
-ihr gemeinschaftliches Buch, wenn sie von Amtswegen zu schreiben hätten,
-und wohin Alles, was sie des Druckes für würdig achteten, zunächst
-gehörte.
-
-(Es bliebe ihnen dabei unbenommen, auch noch auf eigene Hand Bücher zu
-ediren. Vom ehrenvollen Falle tiefer unten. Als Buchfabricanten oder
-Compilatoren aber im Dienste von betriebsamen Verlegern Sachen drucken
-zu lassen, die nur die Masse des bedruckten Papieres, keinesweges aber
-die Wissenschaft vermehren, ist ohnedies unter der Würde eines Lehrers
-an einer solchen Universität, und wäre durchaus den sogenannten
-Privatgelehrten zu überlassen.)
-
-Den ^Fortschritt^ der Wissenschaften sollten diese literarischen Acten
-documentiren. Es gehörte daher in sie nur das ^Neue, Weiterbringende^,
-keinesweges aber blosse Wiederholungen oder neue Aufstutzungen des
-Alten, Bekannten.
-
-Die Wissenschaft kann fortschreiten, theils in der ^Materie^ durch neue
-Entdeckungen und Ansichten, theils in der ^Form^ durch bessere
-Lehrmethoden und immer begriffsmässige Beherrschung und Durchdringung
-des Lehrstoffes. Alles dieser Art von den Lehrern Erfundene in allen
-Zweigen der Wissenschaften, welche auf dieser Universität bearbeitet
-werden, wäre in den Acten niederzulegen.
-
-Ausgezeichnete und den Standpunct des wissenschaftlichen Unterrichts an
-der Universität durch den Erfolg bezeichnende Arbeiten der Zöglinge des
-Instituts wären nicht auszuschliessen. Bringen sie auch die Wissenschaft
-nicht weiter, so können sie doch einen bei Jünglingen nicht gewöhnlichen
-Grad der wissenschaftlichen Ausbildung documentiren, und sollen es.
-Keiner derselben müsste der gelehrten Würden der Universität theilhaftig
-werden, welcher nicht einen, nach jenem Grundsatze wenigstens
-^aufnehmbaren^ Beitrag zu den Acten geliefert hätte; wodurch die von
-dieser Universität ertheilten Würden Achtung gewinnen würden vor denen
-anderer Universitäten, wo dieser Maassstab nicht angelegt werden kann.
-
-Es würde solchen Acten nicht zum Vorwurfe gereichen, wenn selbst
-widerstreitende Ansichten derselben Gegenstände von verschiedenen
-Verfassern in ihnen nebeneinander ständen. Denn es kommt hierbei fürs
-Erste nicht darauf an, ob die Ansichten wahr, sondern nur ob sie neu
-sind, und ob man sich von ihnen versprechen kann, dass sie auch zu einer
-neuen Wahrheit führen könnten. Ueber die Wahrheit soll erst die Zukunft
-und die fortgesetzte Forschung entscheiden, und so kann selbst ein neuer
-Irrthum ein Fortschritt auf einem wissenschaftlichen Gebiete werden,
-wenn er auf eine neue Wahrheit leitet, welche allein ihn zu widerlegen
-vermag. Aus demselben Grunde würde es dem Werke auch nicht zum Vorwurfe
-gereichen, wenn etwa die Fortsetzung die früheren Lieferungen zum Theil
-widerlegte; denn dadurch würde ja gerade der Fortschritt bewiesen.
-
-5) Zur Lieferung von Beiträgen wären die Lehrer nur insofern zu
-verbinden:
-
-^a.^ dass sie ihre auf Erweiterung der Wissenschaften gerichteten
-Bestrebungen, die so weit gereift sind, dass sie einer Berichterstattung
-durch den Druck fähig geworden, zuerst den Acten anböten;
-
-^b.^ dass jeder Lehrer im Verlaufe seines Wirkens denn doch etwas
-liefere und dadurch seine Berechtigung, an diesem Platze zu stehen,
-darthäte. Späterhin, nach Einführung der Acten, könnte es
-ausschliessende Bedingung der Berufung zu einer Stelle an dieser
-Universität werden, dass man einen bedeutenden, im Geiste des Instituts
-verfassten Beitrag geliefert hätte. Wer seinen fortschreitenden Geist
-nicht schon bewährt hat, der taugt nicht zum Mitgliede einer
-Gesellschaft, die lediglich für den Fortschritt der Wissenschaft
-arbeitet. Keinesweges aber wären sie
-
-^c.^ also zu verbinden, dass sie binnen halbjähriger oder Jahresfrist so
-viel Neues in ihrer Wissenschaft entdeckt haben müssten, dass der
-zweckmässige Bericht darüber so und so viel gedruckte Bogen füllen
-könne. Vielmehr liegt es in dem Begriffe solcher Acten, dass ihr
-Erscheinen durchaus an keine bestimmten Zeiträume gebunden ist: sie
-mögen fortgesetzt werden, sobald Stoff dazu sich gesammelt hat;
-keinesweges aber soll ihre Erscheinung an das Kalenderdatum oder an die
-Buchhändlermessen gebunden seyn.
-
-6) Unter den, keinesweges von den Beitragenden selbst, sondern von
-Anderen, die sodann für diesen Fall eine Direction bildeten, zu
-entscheidenden Fragen ist die erste: ob eine Ansicht oder eine
-Verbesserung wirklich neu sey und der Wissenschaft einen Fortschritt
-verspreche? (Was keinesweges gleichbedeutend mit der Frage ist: ob sie
-wahr sey?) Die Beantwortung dieser Frage würde für jeden besonderen
-Beitrag der Facultät (dem bestimmten Lehr- und Erkenntnissfache) des
-Beitragenden anheimfallen. Diese hätte ihre verneinende Antwort mit
-Gründen zu belegen und diese dem Beitragenden zu eigener reifer
-Ueberlegung schriftlich mitzutheilen. Dies wäre die erste Instanz. Würde
-er durch diese Gründe nicht überzeugt und zur Rücknahme bewogen, so
-sollte es noch eine höhere Instanz für Entscheidung dieser Frage geben,
-wofür in einem grossen Staate eine zweckmässig besetzte Akademie der
-Wissenschaften in der Hauptstadt sich am besten qualificiren würde. Es
-möchte im Falle der Billigung des Beitrags in dieser Instanz, im
-öffentlichen Drucke bemerkt werden, dass die locale Facultät des
-Beitragenden denselben verworfen, die Akademie der Wissenschaften aber
-ihn gebilligt habe. Im Falle der Verwerfung auch in dieser Instanz hätte
-die Akademie ihre Gründe dem Beitragenden gleichfalls schriftlich
-mitzutheilen. Von dieser Instanz verworfen, könnte sein Aufsatz nun
-freilich nicht in den Acten der Universität erscheinen; es müsste ihm
-aber erlaubt bleiben, denselben nebst den angeführten Gründen der
-Verwerfung in beiden Instanzen, auf eigene Verantwortung vor das
-Publicum zu bringen, und die Mit- und Nachwelt zum Richter des erhobenen
-Streites zu machen. Selbst seine Verhältnisse zur Universität und zu den
-Acten derselben bei anderen, den Streitpunct nicht berührenden
-Gegenständen müssten dadurch nicht gestört, vielmehr seine bürgerliche
-und persönliche Sicherheit, sein öffentlicher guter Name, seine Schrift-
-und Lehrfreiheit unter den besonderen Schutz des Staates genommen
-werden; denn das gelehrte Publicum seines Staates in seiner sichtbaren
-Repräsentation ist ihm gegenüber zur Partei geworden, und das Richteramt
-zwischen ihnen ist einer höheren Instanz übergeben, welche zu ihrer Zeit
-Ehre und Schande austheilen wird. Und insbesondere halte die öffentliche
-Gewalt sich fern von der Möglichkeit der Berührung mit dieser Schande.
-
-Man sage nicht, dass durch dieses Hindurchgehen durch verschiedene
-Instanzen Zeit verloren gehe. Der einem respectabelen Corps anderer
-Gelehrten einzeln gegenüberstehende Gelehrte soll Veranlassung und Zeit
-gewinnen, seine Sache reiflich zu überlegen; auch bedarf es bei wahrhaft
-originalen Ansichten keiner Eile, etwa aus Furcht, dass etwa Andere sie
-uns vorweg nehmen dürften.
-
-7) Eine zweite von einer Direction zu entscheidende Frage wird seyn über
-die Form des Vortrages; denn auch der Vortrag eines solchen Werkes muss
-mustermässig seyn und auf der Spitze der Kunst des Vortrages im
-Zeitalter stehen.
-
-Zur Entscheidung darüber müsste ein bewährter und zwar philosophischer
-Schriftsteller herbeigezogen werden, welcher mit dem ursprünglich
-Beitragenden so lange den Aufsatz verbesserte, bis dieser seine Gedanken
-durchaus als wiedergegeben anerkennte, und jener mit der Form zufrieden
-wäre. Ohne die Approbation der Form durch diesen Schriftsteller, welcher
-über diesen Punct ganz allein dem Curatorium und dem Publicum
-verantwortlich wäre, dürfte kein Aufsatz in den Acten abgedruckt werden.
-
-8) Die Unterstützung, deren ein solches Werk von der Regierung bedürfte,
-würde, falls nur das Personal der Lehrer richtig gewählt wäre, sich auf
-den ersten Vorschuss zum Verlage, und auf die Direction der Verlags- und
-Debitsgeschäfte, mit denen die Gelehrten durchaus nichts zu thun haben
-müssten, ferner auf den Schutz derselben gegen Nachdruck überhaupt und
-gegen Wiederabdruck einzelner Aufsätze, beschränken. Ein solches Werk
-würde in kurzer Zeit eine Abnahme finden, die die Zurücknahme des
-vorgeschossenen Capitals mit den Interessen erlaubte, die Kosten des
-mercantilischen Geschäfts dabei deckte, und dennoch einen ansehnlichen
-Ueberschuss zur Vertheilung an die Beitragenden übrig liesse. Dieser
-Ueberschuss wäre, nach Abzug der Correctionsgebühren, welche bei jedem
-besonderen Aufsatze nach Verhältniss der aufgewendeten Mühe besonders zu
-bestimmen wären, nach der Bogenzahl der gelieferten Beiträge an die
-Beitragenden gleich zu vertheilen, und ihnen und ihren Erben und
-Erbnehmern, auf ewige Zeiten, so lange noch ein Exemplar des Bandes, in
-welchem ihre Beiträge stehen, verkauft wird, als unantastbares Eigenthum
-zuzusichern. Dass die Regierung diesen Gegenstand zu einer
-Finanzoperation mache, wäre unter ihrer Würde. Wiederum lässt von der
-anderen Seite von anständig besoldeten und an einer zahlreich besuchten
-Universität, deren Studirende auf eine zweckmässige Weise angehalten
-werden, die gebührenden Honorarien zu entrichten, arbeitenden Gelehrten
-sich nicht erwarten, dass sie nach dem Schriftstellersolde eilen werden,
-so wie der Bogen abgedruckt ist. Vielmehr würden sie das allmählige
-Eingehen ihres Antheils ruhig abwarten; auch wohl dieses Nebeneinkommen
-gern für die Ihrigen, die sie möglicherweise doch als unversorgte
-Wittwen und Waisen hinterlassen könnten, stehen lassen.
-
-
- Schlussanmerkung.
-
-1) Vor diesem Plane möchte mancher Bescheidene erschrecken und das Ziel
-zu hoch gesteckt finden. Es ist dabei zu erwägen, dass, wie bei allen im
-blossen Begriffe vorgezeichneten Plänen, also auch hier, die Ausführung
-hinter dem Vorsatze zurückbleiben werde, und dass dieses ohne alles
-unser Vorhaben sich schon von selbst findet. Es ist daher um so
-nöthiger, sich sogleich den einzig rechten Zweck in seiner ganzen
-Klarheit zu setzen, weil man sodann doch immer hoffen kann, mehr zu
-erreichen, als wenn man sich gleich von vornherein vornimmt, mit dem
-Mittelmässigen oder Falschen sich abfinden zu lassen.
-
-2) Besonders könnte bei Erwähnung des Neuen und des Erfindens nach
-Inhalt oder nach Form gesagt werden: wenn nun aber auf der
-vorausgesetzten Universität nichts Neues in beiderlei Richtung erfunden
-wird? Ich antworte, dass jene Acten dadurch desto nöthiger werden, um
-über die eigentliche Beschaffenheit des Gelehrtenpersonals an der
-Universität aufzuklären. Sie können dem Curatorium derselben deutlich
-einen Maassstab geben, an welcher Stelle es eigentlich fehle, und wo
-nachgeholfen werden müsse. Ein solcher nicht mehr fortstrebender, weder
-in Erweiterung des Inhaltes seiner Wissenschaft, noch in Bewältigung
-ihres Stoffes zu geistigerer Form Neues leistender Gelehrter kann auch
-nicht mehr zu den guten Universitätslehrern gezählt werden; er müsste
-durch einen anderen ersetzt werden. Im Ganzen aber müsste einer
-Universität, welche dergleichen Acten herausgäbe, kein einziges, im
-gemeinsamen Vaterlande aufblühendes Talent entgehen, welches sie nicht
-wenigstens für die Zeit seiner besten Blüthe sich aneignete. Ein
-Curatorium könnte auch sodann besser beurtheilen und dem Zweifelnden
-augenscheinlich nachweisen, welche Personen in den ehrwürdigen Rang der
-Veteranen zu versetzen wären, die von nun an entweder bloss zur
-Tradition des Erlernten oder zur Anwendung desselben im praktischen
-Wirken zu gebrauchen, aus dem Umkreise des wachsenden Lebens aber zu
-entfernen sind. Ueberhaupt hängt dieser Plan zusammen mit einem
-grösseren Plane zur Errichtung einer wahrhaft deutschen
-Nationaluniversität, durch welchen er, und welcher wiederum durch ihn,
-erklärt und die Ausführung erleichtert würde.
-
-
- II.
- Rede von Fichte, als Decan der philosophischen Facultät, bei
- Gelegenheit einer Ehrenpromotion an der Universität zu Berlin,
- am 16. April 1811.
-
- Hochgeehrte Herren!
-
-Ich weiss nicht, ob es der Universität anständig seyn würde, sich zu
-verwundern, dass sie in Berlin ist, so wie viele ausser ihr dermaassen
-darüber erstaunt sind, dass sie um der Wunderbarkeit willen die Wahrheit
-der Sache noch immer nicht recht glauben können. Einer Facultät
-inzwischen, die nun gar allhier Doctoren creirt, wird diese Verwunderung
-über sich selbst oft so aufgedrungen, dass es in der That sehr nöthig
-wird, sich wohl zu besinnen, was man eigentlich thue, und, so man kann,
-in sich selbst Fuss zu fassen, um ernsthafte Haltung zu gewinnen nach
-Aussen.
-
-Erlauben Sie mir daher, dass, ehe wir zu dem angesetzten Promotionsact
-gehen, ich diese nöthige Selbstbesinnung laut vor Ihnen vollziehe.
-
-Als im neueren Europa zuerst Universitäten entstanden, stellten sich
-diese eine Aufgabe, welche ihnen keinesweges von der Gesellschaft oder
-vom Staate, welche dafür blind waren, übertragen wurde, sondern die sie
-allein erblickten und mit hochherziger Freiwilligkeit auf sich nahmen,
--- die Aufgabe, den menschlichen Geist zu befreien und ihn nach allen
-Richtungen hin und durch alle Mittel, die ihnen bekannt werden möchten,
-zu bilden. Wem diese akademische Würden ertheilten, den erklärten sie
-dadurch für tüchtig, an der Erreichung dieses Zweckes mitzuarbeiten und
-nahmen ihn auf in ihren grossen, freien Bund. Von ihnen sind die
-akademischen Würden aus Hand in Hand bis auf uns herabgekommen, und es
-giebt Keinen unter den jetzt lebenden Graduirten, auf den sie nicht
-durch eine stete Reihe der Ueberlieferung von jenem ersten Bunde aus
-gekommen sey.
-
-Auch dauert das Bedürfniss eines solchen freien Bundes noch immer fort.
-Uncultur und Barbarei umgiebt uns noch allenthalben; wie derselben
-beizukommen sey, welcher Punct jedesmal in dem Fortgange der geistigen
-Menschenbildung an die Tagesordnung komme, wer ein tauglicher Mitgehülfe
-sey an dieser grossen Arbeit: dieses Alles zu bestimmen möchte wohl noch
-immer der Staat ebenso unfähig seyn, als er es vor Jahrhunderten war,
-und es möchte die Lösung dieser Fragen wohl noch immer anheimfallen
-jenem grossen Bunde. Unser Staat, bei der Stellung unserer Universität
-in die höchste Leichtigkeit versetzt, von allem Althergebrachten
-abzugehen, und von Stimmungen umgeben, die nicht geneigt sind, irgend
-eine Auszeichnung anzuerkennen, welche nicht unmittelbar vom Staate
-herkommt, -- hat dennoch, zu seinem ewigen Ruhme, durch die trefflichen
-Männer, die ihn hierin vertreten, jenen Grundsatz ausdrücklich
-anerkannt, indem er die vorhergegangene feierliche Aufnahme in den
-grossen europäischen Gelehrtenbund zur Bedingung der öffentlichen
-Anstellung an der Universität gemacht hat, die freilich nur Er ertheilt.
-Tiefer bekennt er sich daher auch zu dem Grundsatz, dass die neue
-Universität ihm nicht bloss eine Pflanzschule seyn soll für künftige
-Beamte, sondern eine freie Pflegerin in jeglicher Richtung und im
-weitesten, von ihm ungeschmälerten Sinne.
-
-Die akademische Würde ist darum noch immer, was sie ursprünglich war:
-feierliches Symbol der Aufnahme in den grossen Bund der Veredlung des
-Menschengeschlechts durch wissenschaftliche Bildung; und wer sie
-annimmt, übernimmt dadurch feierlich vor Gott und Menschen die
-Verpflichtung, dieser Bestimmung allein sein Leben zu widmen, und alle
-andern Zwecke desselben aufzugeben.
-
-Mag doch nun immer diese Würde oft an Unwürdige ertheilt worden seyn!
-Der Unwürdige hat sie in der That nicht empfangen, sondern nur die
-äussere Benennung. Es kann sie Keiner erhalten, der sie nicht schon
-trägt in sich selbst. Der Promotionsact fügt bloss die äussere
-Anerkennung hinzu: es kann aber Keiner anerkannt werden für das, was er
-nicht ist. Auch wird der Würdige von dem, der selber würdig ist,
-sicherlich anerkannt. Was der, der Ideen unfähige, Pöbel dazu sage, und
-ob dieser unseren Grad auch ehre oder seiner zu spotten sich bestrebe,
-darnach fragt der Eingeweihte nicht; denn dieser Pöbel ist für ihn
-überhaupt nur da, als ein Gegenstand, der entpöbelt werden soll. Der
-rechte Doctor, der von seiner akademischen Würde, von der Würde eines
-geistigen Bildners der Menschheit innig durchdrungene, würde sich sogar
-entehrt finden, wenn er auf einmal anfinge, dem Pöbel wohlzugefallen: er
-würde in sich gehen und sich ernstlich prüfen, ob ihm nicht etwa eine
-Leichtfertigkeit angeflogen sey.
-
-Dass es der Eine grosse, im neueren Europa zur Verbreitung der
-Wissenschaften geschlossene Bund ist, welcher die akademischen Würden
-ertheilt, spricht sich auch dadurch aus, dass jede dieser Würden in
-ihrer Art nur Eine ist und dieselbige, die auch überall als die Eine und
-selbige anerkannt wird. Die besonderen Universitäten und Facultäten sind
-in dieser Beziehung nur Glieder und Bevollmächtigte des ganzen Bundes,
-und übertragen die Würde in seinem Namen. Um dies deutlich auszusprechen
-und den Promovirenden sogar zu nöthigen, nicht etwa den örtlichen Grad
-des Doctors, sondern den Grad schlechthin zu ertheilen, haben die
-Universitäten eine gemeinsame Form dieser Ertheilung verfügt und auch
-die Sprache als die gemeinsame aller Gelehrten dabei gewählt, u. s. w.
-
- Joannes Friderice Guilelme Himly,
- Joannes Alberte Eytelwein,
- Sigismunde Friderice Hermbstaedt,
- Auguste Ferdinande Bernhardi,
-
- ^etc. etc.^
-
- ^creo, creatum renuncio, renunciatum proclamo, et publice
- confirmo!^
-
-
-
-
- Vermischte Aufsätze.
-
-
-
-
- A.
- Beweis der Unrechtmässigkeit des Büchernachdrucks.
- Ein Räsonnement und eine Parabel.
-
-
- (Berliner Monatsschrift Bd. 21. S. 443-483.)
-
-Wer schlechte Gründe verdrängt, macht bessern Platz. So urtheilte
-unlängst ein durch seinen Rang, und mehr noch durch seine Gerechtigkeit
-ehrwürdiges Gericht; und so dachte der Verfasser des Aufsatzes: »Der
-Bücherverlag in Betrachtung der Schriftsteller, der Verleger und des
-Publicums, nochmals erwogen« im Deutschen Magaz., April 1791. Die
-Unrechtmässigkeit des Büchernachdrucks schien nemlich Herrn Reimarus
-durch die bis jetzt angeführten Gründe noch nicht erwiesen; und er
-wollte durch eine scheinbare Vertheidigung desselben die Gelehrten
-auffordern, auf bessere gegen denselben zu denken. Denn unmöglich konnte
-es ihm dabei Ernst seyn; unmöglich konnte er wollen, dass die
-Vertheidigung eines Verfahrens sich behaupte, gegen welches jeder
-Wohldenkende einen inneren Abscheu fühlt.
-
-Seine Abhandlung theilt sich, der Natur der Sache gemäss, in die zwei
-Fragen: über die ^Rechtmässigkeit^, und über die ^Nützlichkeit^ des
-Büchernachdrucks. In Absicht der ersteren behauptet er: dass bis jetzt
-noch kein, offenbar nur aus einem fortdauernden Eigenthume des Gelehrten
-an seinem Buche abzuleitendes Recht desselben, oder seines
-Stellvertreters, des rechtmässigen Verlegers, den Nachdruck zu
-verhindern, nachgewiesen sey; woraus natürlich eine Befugniss zum
-Nachdrucke folgen würde: mithin die Frage: ob der Nachdruck in
-policirten Staaten zu dulden sey? nach ihrer Abweisung vom Richterstuhle
-der vollkommenen Rechte, von der Beantwortung der weiteren Frage
-abhängen würde: ob er nützlich sey? Herr Reimarus beantwortet diese
-Frage bejahend, mithin auch die erste; schlägt jedoch zum Vortheile des
-Verfassers und seines rechtmässigen Verlegers einige Einschränkungen der
-allgemeinen Erlaubniss des Büchernachdruckes vor.
-
-Herr Reimarus -- denn wir gestehen, dass wir nicht nöthig gefunden
-haben, die Verfasser, welche er für eben diese Meinung anführt,
-nachzulesen, da wir natürlicherweise voraussetzen konnten, dass er ihre
-Gründe benutzt, und dass die letzte Schrift dafür, die seinige, auch die
-stärkste seyn werde, -- Herr Reimarus also hat nicht erwiesen, noch zu
-erweisen gesucht, dass überhaupt kein dergleichen fortdauerndes
-Eigenthum des Verfassers möglich sey; sondern nur gesagt, dass man bis
-jetzt es noch nicht klar dargelegt habe, und einige Instanzen angeführt,
-die seiner Meinung nach gegen die Allgemeinheit, und mithin auch
-Vollkommenheit eines solchen vom Eigenthume abgeleiteten Rechts streiten
-würden. Wir haben also gar nicht nöthig ihm Schritt vor Schritt zu
-folgen, und uns auf seine Gründe einzulassen. Können wir nur ein
-dergleichen fortdauerndes Eigenthum des Verfassers an seine Schrift
-wirklich beweisen, so ist geschehen, was er verlangte, und er mag nun
-seine Instanzen selbst mit demselben zu vereinigen suchen. Ferner haben
-wir dann auch seinen Erweis der Nützlichkeit des Büchernachdrucks nicht
-zu beantworten; denn es kömmt sodann darauf gar nicht mehr an, da nie
-geschehen darf, was schlechthin unrecht ist; sey es so nützlich es
-wolle.
-
-Die Schwierigkeit, welche man fand, ein fortdauerndes Eigenthum des
-Verfassers an sein Buch zu beweisen, kam daher, weil wir gar nichts
-ähnliches haben, und das, was demselben einigermaassen ähnlich zu seyn
-scheint, wieder in Vielem sich gar sehr davon unterscheidet. Ebendaher
-kömmt es, dass unser Beweis ein etwas spitzfindiges Ansehen bekommen
-muss, welches wir aber so gut als möglich zu poliren suchen werden. Aber
-der Leser lasse sich ihn dadurch nicht verdächtig werden; denn es wird
-sehr leicht möglich seyn, ihn ^in concreto^ klarzumachen und zu
-erhärten. -- Es sind nemlich eine Menge Maximen über diesen Gegenstand
-im Umlaufe, welche jeder von der Sache Unterrichtete, Wohldenkende und
-für das Gegentheil nicht Interessirte annimmt, anderer Verhalten in
-Dingen der Art darnach beurtheilt, und das seinige selbst einrichtet.
-Lassen sich diese alle leicht und natürlich auf unseren als Princip
-aufgestellten Satz zurückführen, so ist dies gleichsam seine Probe; und
-es wird dadurch klar, dass er der Grundsatz ist, welcher allen unseren
-Urtheilen über diesen Gegenstand, obgleich dunkel und unentwickelt, zum
-Grunde lag.
-
-Zuerst der Grundsatz: Wir behalten nothwendig das Eigenthum eines
-Dinges, dessen Zueignung durch einen Anderen physisch unmöglich ist. Ein
-Satz, der unmittelbar gewiss ist und keines weiteren Beweises bedarf.
-Und jetzt die Frage: Giebt es etwas von der Art in einem Buche?
-
-Wir können an einem Buche zweierlei unterscheiden: das ^Körperliche^
-desselben, das bedruckte Papier; und sein ^Geistiges^. Das Eigenthum des
-ersteren geht durch den Verkauf des Buches unwidersprechlich auf den
-Käufer über. Er kann es lesen und es verleihen so oft er will,
-wiederverkaufen an wen er will, und so theuer oder so wohlfeil er will
-oder kann, es zerreissen, verbrennen: wer könnte darüber mit ihm
-streiten? Da man jedoch ein Buch selten auch darum, am seltensten bloss
-darum kauft, um mit seinem Papier und Drucke Staat zu machen, und damit
-die Wände zu tapeziren: so muss man durch den Ankauf doch auch ein Recht
-auf sein Geistiges zu überkommen meinen. Dieses Geistige ist nemlich
-wieder einzutheilen: in das ^Materielle^, den Inhalt des Buches, die
-Gedanken, die es vorträgt; und in die ^Form^ dieser Gedanken, die Art
-wie, die Verbindung in welcher, die Wendungen und die Worte, mit denen
-es sie vorträgt. Das erste wird durch die blosse Uebergabe des Buches an
-uns offenbar noch nicht unser Eigenthum. Gedanken übergeben sich nicht
-von Hand in Hand, werden nicht durch klingende Münze bezahlt, und nicht
-dadurch unser, dass wir ein Buch, worin sie stehen, an uns nehmen, es
-nach Hause tragen und in unserem Bücherschranke aufstellen. Um sie uns
-zuzueignen, gehört noch eine Handlung dazu: wir müssen das Buch lesen,
-seinen Inhalt, wofern er nur nicht ganz gemein ist, durchdenken, ihn von
-mehreren Seiten ansehen, und so ihn in unsere eigene Ideenverbindung
-aufnehmen. Da man indess, ohne das Buch zu besitzen, dies nicht konnte,
-und um des blossen Papiers willen dasselbe nicht kaufte, so muss der
-Ankauf desselben uns doch auch hierzu ein Recht geben: wir erkauften uns
-nemlich dadurch die Möglichkeit, uns die Gedanken des Verfassers zu
-eigen zu machen; diese Möglichkeit aber zur Wirklichkeit zu erheben,
-dazu bedurfte es unserer eigenen Arbeit. -- So waren die Gedanken des
-ersten Denkers dieses und der vergangenen Jahrhunderte, und
-höchstwahrscheinlich eines der ersten aller künftigen, vor der
-Bekanntmachung seiner merkwürdigen Werke, und noch eine geraume Zeit
-nachher sein ausschliessendes Eigenthum; und kein Käufer bekam für das
-Geld, welches er für die Kritik der reinen Vernunft hingab, ihren Geist.
-Jetzt aber hat mancher hellsehende Mann sich denselben zugeeignet, und
-das wahrlich nicht durch Ankauf des Buches, sondern durch fleissiges und
-vernünftiges Studium desselben. Dieses Mitdenken ist denn auch, im
-Vorbeigehen sey es gesagt, das einzig passende Aequivalent für
-Geistesunterricht, sey er mündlich oder schriftlich. Der menschliche
-Geist hat einen ihm angeborenen Hang, Uebereinstimmung mit seiner
-Denkungsart hervorzubringen; und jeder Anschein der Befriedigung
-desselben ist ihm die süsseste Belohnung aller angewandten Mühe. Wer
-wollte lehren vor leeren Wänden, oder Bücher schreiben, die niemand
-läse? Das, was für dergleichen Unterricht an Gelde entrichtet wird, für
-Aequivalent anzusehen, wäre widersinnig. Es ist nur Ersatz dessen, was
-der Lehrer denen geben muss, die während der Zeit, dass er für andere
-denkt, für ihn jagen, fischen, säen und ernten.
-
-Was also fürs erste durch die Bekanntmachung eines Buches sicherlich
-feilgeboten wird, ist ^das bedruckte Papier^, für jeden, der Geld hat es
-zu bezahlen, oder einen Freund, es von ihm zu borgen; und der Inhalt
-desselben, für jeden, der Kopf und Fleiss genug hat, sich desselben zu
-bemächtigen. Das erstere hört durch den Verkauf unmittelbar auf, ein
-Eigenthum des Verfassers (den wir hier noch immer als Verkäufer
-betrachten können) zu seyn, und wird ausschliessendes des Käufers, weil
-es nicht mehrere Herren haben kann; das letztere aber, dessen Eigenthum
-vermöge seiner geistigen Natur Vielen gemein seyn kann, so, dass doch
-jeder es ganz besitze, hört durch die Bekanntmachung eines Buches
-freilich auf, ^ausschliessendes^ Eigenthum des ersten Herrn zu seyn
-(wenn es dasselbe nur vorher war, wie dies mit manchem heurigen Buche
-der Fall nicht ist), bleibt aber sein mit Vielen gemeinschaftliches
-Eigenthum. -- Was aber schlechterdings nie jemand sich zueignen kann,
-weil dies physisch unmöglich bleibt, ist die ^Form^ dieser Gedanken, die
-Ideenverbindung, in der, und die Zeichen, mit denen sie vorgetragen
-werden.
-
-Jeder hat seinen eigenen Ideengang, seine besondere Art, sich Begriffe
-zu machen und sie untereinander zu verbinden: dies wird, als allgemein
-anerkannt, und von jedem, der es versteht, sogleich anzuerkennend, von
-uns vorausgesetzt, da wir hier keine empirische Seelenlehre schreiben.
-Alles, was wir uns denken sollen, müssen wir uns nach der Analogie
-unserer übrigen Denkart denken; und bloss durch dieses Verarbeiten
-fremder Gedanken, nach der Analogie unserer Denkart, werden sie die
-unsrigen: ohne dies sind sie etwas Fremdartiges in unserem Geiste, das
-mit nichts zusammenhängt und auf nichts wirkt. Es ist unwahrscheinlicher
-als das Unwahrscheinlichste, dass zwei Menschen über einen Gegenstand
-völlig das Gleiche, in eben der Ideenreihe und unter eben den Bildern,
-denken sollen, wenn sie nichts voneinander wissen, doch ist es nicht
-absolut unmöglich; dass aber der eine, welchem die Gedanken erst durch
-einen anderen gegeben werden müssen, sie in eben der Form in sein
-Gedankensystem aufnehme, ist absolut unmöglich. Da nun reine Ideen ohne
-sinnliche Bilder sich nicht einmal denken, vielweniger anderen
-darstellen lassen, so muss freilich jeder Schriftsteller seinen Gedanken
-eine gewisse Form geben, und kann ihnen keine andere geben als die
-seinige, weil er keine andere hat; aber er kann durch die Bekanntmachung
-seiner Gedanken gar nicht Willens seyn, auch diese ^Form^ gemein zu
-machen: denn niemand kann seine Gedanken sich zueignen, ohne dadurch,
-dass er ihre Form verändere. Die letztere also bleibt auf immer sein
-ausschliessendes Eigenthum.
-
-Hieraus fliessen zwei Rechte der Schriftsteller: nemlich nicht bloss,
-wie Herr R. will, das Recht zu verhindern, dass niemand ihm überhaupt
-das Eigenthum dieser Form abspreche (zu fordern, dass jeder ihn für den
-Verfasser des Buches anerkenne); sondern auch das Recht, zu verhindern,
-dass niemand in sein ausschliessendes Eigenthum dieser Form Eingriffe
-thue und sich des Besitzes derselben bemächtige.
-
-Doch ehe wir weitere Folgerungen aus diesen Prämissen ziehen, lasst sie
-uns erst ihrer Probe unterwerfen! -- Noch bis jetzt haben die
-Schriftsteller es nicht übel empfunden, dass wir ihre Schriften
-verbrauchen, dass wir sie anderen zum Gebrauch mittheilen, dass wir
-sogar Leihbibliotheken davon errichten, ungeachtet dies (denn wir sehen
-sie hier noch immer als Verkäufer an) offenbar zu ihrem Schaden
-gereichet; und wenn wir sie zerreissen oder verbrennen, so beleidigt
-dies den Vernünftigen nur alsdann, wenn es wahrscheinlich in der Absicht
-geschieht, ihm dadurch Verachtung zu bezeugen. Noch haben sie uns also
-bis jetzt durchgängig das völlige Eigenthum des ^Körperlichen^ ihrer
-Schriften zugestanden. -- Ebensowenig sind sie dadurch beleidigt worden,
-wenn man, bei wissenschaftlichen Werken, sich ihre Grundsätze eigen
-machte, sie aus verschiedenen Gesichtspuncten darstellte und auf
-verschiedene Gegenstände anwendete; oder bei Werken des Geschmackes ihre
-Manier, welches ganz etwas anderes ist als ihre Form, nachahmte. Sie
-haben dadurch eingestanden, dass das ^Gedankeneigenthum^ auf andere
-übergehen könne.
-
-Aber immer ist es allgemein für verächtlich angesehen worden, wörtlich
-auszuschreiben, ohne den eigentlichen Verfasser zu nennen; und man hat
-dergleichen Schriftsteller mit dem entehrenden Namen eines Plagiars
-gebrandmarkt. Dass diese allgemeine Misbilligung nicht auf die
-Geistesarmuth des Plagiars, sondern auf etwas in seiner Handlung
-liegendes Unmoralisches gehe: ist daraus klar, weil wir im ersten Falle
-ihn bloss bemitleiden, aber nicht verachten würden. Dass dieses
-Unmoralische, und der Grund des Namens, den man ihm giebt, gar nicht
-darin gesetzt werde, weil er durch den Verkauf eines Dinges, welches
-Käufer schon besitzt, diesen um sein Geld bringt: ergiebt sich daraus,
-dass unsere schlechte Meinung von ihm nicht um das Geringste gemildert
-wird, wenn er ein höchstseltenes, etwa nur auf grossen Bibliotheken
-vorzufindendes Buch ausgeschrieben hat. Dass endlich diese
-Ungerechtigkeit nicht etwa darin bestehe, dass er, wie Herr R. meinen
-könnte, dem Verfasser seine Autorschaft abspreche: folgt daraus, weil er
-diese gar nicht läugnet, sondern sie nur ignorirt. Auch würde man sie
-vergeblich darauf zurückführen, dass er dem Verfasser die rechtmässige
-Ehre nicht erzeige, indem er ihn nicht nenne, wo er ihn hätte nennen
-sollen: indem der Plagiar nicht weniger Plagiar genannt wird, wenn er
-auch das Buch eines Anonymus ausgeschrieben hat. Wir können sicher jeden
-ehrliebenden Mann fragen: ob er sich nicht in sich selbst schämen würde,
-wenn er es sich nur als möglich dächte, dass er etwa eines unbekannten
-verstorbenen Mannes Handschrift, oder ein Buch, dessen einziger Besitzer
-er wäre, ausschreiben könnte? ... Diese Empfindungen können, nach allem
-Gesagten, in nichts, als in dem Gedanken liegen: dass der Plagiar sich
-eines Dinges bemächtiget, welches nicht sein ist. -- Warum denkt man nun
-über den Gebrauch der ^eigenen Worte^ eines Schriftstellers ganz anders,
-als über die Anwendung seiner ^Gedanken^? Im letzteren Falle bedienen
-wir uns dessen, was unser mit ihm gemeinschaftliches Eigenthum seyn
-kann, und beweisen, dass es dieses sey, dadurch, dass wir ihm unsere
-Form geben; im ersten Falle bemächtigen wir uns seiner Form, welche
-nicht unser, sondern sein ausschliessendes Eigenthum ist.
-
-Eine Ausnahme macht man mit den Citaten: nemlich nicht nur solchen, wo
-von einem Verfasser bloss gesagt wird, dass er irgend etwas entdeckt,
-erwiesen, dargestellt habe, wobei man sich weder seiner Form bemächtigt,
-noch eigentlich seine Gedanken vorträgt, sondern auf sie nur weiter
-fortbaut; sondern auch solchen, wo die eigenen Worte des Verfassers
-angeführt werden. Im letzten Falle bemächtigt man sich wirklich der Form
-des Verfassers, die man zwar nicht für die seinige ausgiebt, welches
-jedoch hier nichts zur Sache thut. Diese Befugniss scheint sich auf
-einen stillschweigenden Vertrag der Schriftsteller untereinander zu
-gründen, einander gegenseitig mit Anführung der eigenen Worte zu
-citiren; doch würde auch hier es niemand billigen, wenn ein anderer,
-ohne sichtbares Bedürfniss, besonders grosse Stellen ausschriebe. Mit
-nur halbem Rechte stehen unter den Ausnahmen die Blumenlesen, die
-^Geiste (esprits)^, zu deren Verfertigung gemeinhin nicht viel Geist
-gehört, und dergleichen kleine Diebereien, die niemand sehr bemerkt,
-weil sie niemandem viel helfen, noch viel schaden.
-
-Kein Docent duldet es, dass jemand seine Vorlesungen abdrucken lasse;
-noch nie aber hat einer etwas dagegen gehabt, wenn seine Zuhörer sich
-seinen Geist und seine Grundsätze eigen zu machen gesucht, und sie
-mündlich oder schriftlich weiter verbreitet haben. -- Worauf gründet
-sich dieser Unterschied? Im letzten Falle tragen sie seine Gedanken vor,
-die durch ihr eigenes Nachdenken, und die Aufnahme derselben in ihre
-Ideenreihe, die ihrigen geworden sind; im ersteren bemächtigen sie sich
-seiner Form, die nie ihr Eigenthum werden kann, kränken ihn also in
-seinem vollkommenen Rechte.
-
-Und jetzt diese ^a priori^ erwiesenen und ^a posteriori^ durch die aus
-ihnen mögliche Erklärbarkeit dessen, was in Sachen der Art für recht
-gehalten wird, erprobten Grundsätze auf das Verhältniss des Verfassers
-und des Verlegers angewandt! Was überträgt der Erstere an den Letzteren,
-indem er ihm seine Handschrift übergiebt? ... Ein Eigenthum: etwa das
-der ^Handschrift^? Aber die Gelehrten werden gestehen, dass diese
-grösstentheils des Geldes nicht werth sey; und warum verzeihen sie es
-sich denn nicht, mehrere von eben der Schrift an mehrere Verleger zu
-verkaufen? Das Eigenthum der darin enthaltenen Gedanken: dies überträgt
-sich nicht durch eine blosse Uebergabe; und selten würde dem Verleger
-viel damit gedient seyn. -- Noch weniger das der ^Form^ dieser Gedanken:
-denn diese ist und bleibt auf immer ausschliessendes Eigenthum des
-Verfassers. -- Der Verleger bekommt also durch den Contract mit dem
-Verfasser überhaupt kein Eigenthum, sondern unter gewissen Bedingungen
-nur das Recht eines gewissen ^Niessbrauches^ des Eigenthums des
-Verfassers, d. i. seiner Gedanken in ihre bestimmte Form eingekleidet.
-Er darf, an wen er will und kann, verkaufen -- nicht die Gedanken des
-Verfassers und ihre Form, sondern nur die durch den Druck derselben
-hervorgebrachte ^Möglichkeit^, sich die ersteren zuzueignen. Er handelt
-also allenthalben nicht in seinem Namen, sondern im Namen und aus
-Auftrag des Verfassers.
-
-Auch diese Begriffe zeigen sich in allgemein angenommenen Maximen. Warum
-wird selbst der rechtmässige Verleger allgemein getadelt, wenn er eine
-grössere Anzahl Exemplare abdrucken lässt, als er mit dem Verfasser
-verabredet hat? Das Recht des Verfassers, dies zu hindern, gründet sich
-zwar auf einen Contract, der aber nicht über das Eigenthum, sondern den
-Niessbrauch abgeschlossen ist. Der Verleger kann höchstens Eigenthümer
-dieses Niessbrauchs heissen. -- Warum dann, wenn er eine zweite Auflage
-besorgt, ohne Erlaubniss des Verfassers? Wie kann der Verfasser bei
-einer zweiten Auflage, wenn er nichts Neues hinzusetzt noch umarbeitet,
-von neuem Honorar vom Verleger für die blosse Erlaubniss der neuen
-Auflage fordern? Wären diese Maximen nicht widersprechend, wenn man
-annähme, dass das Buch ein Eigenthum des Verlegers würde, und nicht
-beständiges Eigenthum des Verfassers bliebe, so dass der Verleger
-fortdauernd nichts ist, als sein Stellvertreter? Wäre es nicht
-widersprechend, dass das Publicum, wenn es, durch einen prächtigen Titel
-getäuscht, ein Buch gekauft hat, in welchem es nichts, als das
-Längstbekannte, aus den bekanntesten Büchern ärmlich zusammengestoppelt,
-findet, an dem Verfasser des Buches Regress nimmt, und nicht an seinen
-Verleger sich hält? Ein Recht, uns zu beklagen, haben wir allerdings;
-wir wollten nicht bloss ein paar Alphabete gedrucktes Papier, wir
-wollten zugleich die ^Möglichkeit^ erkaufen, uns über gewisse
-Gegenstände zu belehren. Diese ward uns versprochen, und nicht gegeben.
-Wir sind getäuscht, wir sind um unser Geld. Aber gaben wir dies nicht
-dem Verleger? War er es nicht, der uns das leere Buch dagegen gab? Warum
-halten wir uns nicht an ihn, als an den letzten Verkäufer, wie wir es
-sonst bei jedem Kaufe thun? Was sündigte der arme Verfasser? ... So
-müssten wir nothwendig denken, wenn wir den erstern nicht als blossen
-Stellvertreter des letztern betrachteten, der bloss in jenes Namen mit
-uns handelte, und, wenn wir betrogen wurden, in jenes Namen, auf jenes
-Geheiss, und oft ohne selbst das geringste Arge daraus zu haben, uns
-betrog. --
-
-So verhalten sich Schriftsteller, Verleger und Publicum. Und wie verhält
-sich zu ihnen der ^Nachdrucker^? Er bemächtigt sich -- nicht des
-Eigenthums des Verfassers, nicht seiner Gedanken (das kann er
-grösstentheils nicht; denn wenn er kein Ignorant wäre, so würde er eine
-ehrlichere Handthierung treiben), nicht der Form derselben (das könnte
-er nicht; auch wenn er kein Ignorant wäre); -- sondern des
-^Niessbrauches^ seines Eigenthums. Er handelt im Namen des Verfassers,
-ohne von ihm Aufträge zu haben, ohne mit ihm übereingekommen zu seyn,
-und bemächtigt sich der Vortheile, die aus dieser Stellvertretung
-entstehen; er maasset sich dadurch ein Recht an, das ihm nicht zusteht,
-und stört den Verfasser in der Ausübung seines vollkommenen Rechtes.
-
-Ehe wir das endliche Resultat ziehen, müssen wir noch ausdrücklich
-erinnern, dass die Frage gar nicht von dem ^Schaden^ ist, welchen der
-Nachdrucker hierdurch dem Verfasser entweder unmittelbar, oder mittelbar
-in der Person seines Stellvertreters zufüge. Man zeige, soviel man will,
-dass dadurch weder dem Verfasser, noch dem Verleger ein Nachtheil
-entstehe; dass es sogar der Vortheil des Schriftstellers sey, recht viel
-nachgedruckt zu werden, dass dadurch sein Ruhm über alle Staaten
-Deutschlands, von der Stapelstadt der Gelehrsamkeit bis in das
-entfernteste Dörfchen der Provinz, und von der Studirstube des Gelehrten
-bis in die Werkstätte des Handwerkers verbreitet werde: wird dadurch
-^recht^, was einmal unrecht ist? Darf man jemandem wider seinen Willen
-und sein Recht Gutes thun? Ein jeder hat die vollkommene Befugniss,
-seinem Rechte nichts zu vergeben; sey es ihm auch so schädlich als es
-wolle. Wann wird man doch ein Gefühl für die erhabene Idee des Rechts,
-ohne alle Rücksicht auf Nutzen, bekommen? -- Man merke ferner, dass
-dieses Recht des Verfassers, welches der Nachdrucker kränkt, sich nicht,
-wie Herr Reimarus glaubt, auf einen vermeinten Contract desselben mit
-dem Publicum und auf eine jesuitische Mentalreservation in demselben
-gründet; sondern dass es sein natürliches, angebornes, unzuveräusserndes
-Eigenthumsrecht ist. Dass man ein solches Recht nicht verletzt sehen
-wolle, wird wohl ohne ausdrückliche Erinnerung vorausgesetzt; vielmehr
-müsste man dann es sagen, wenn man auf die Ausübung desselben Verzicht
-thun wollte.
-
-Dies alles als erwiesen vorausgesetzt, muss, wenn jeder ein Dieb ist,
-der um Gewinnstes willen den Genuss des Eigenthums anderer an sich
-reisst, der Nachdrucker ohne Zweifel einer seyn. Wenn ferner jeder
-Diebstahl dadurch, dass er an Dingen geschieht, die ihrer Natur nach
-nicht unter Verwahrung gehalten werden können, sträflicher wird, so ist
-der des Nachdruckers, welcher an einer Sache verübt wird, die jedem
-offenstehen muss, wie Luft und Aether, einer der sträflichsten. Wird er
-es endlich dadurch noch mehr, an je edleren Dingen er geschieht, so ist
-der an Dingen, die zur Geistescultur gehören, der allersträflichste:
-daher man denn auch schon den Namen des Plagiats, der zuerst Diebstahl
-an Menschen bedeutete, auf Bücherdiebereien übertragen hat.
-
-Und jetzt zu einigen Instanzen des Herrn Reimarus! »Wer es denn sey, der
-den Niessbrauch des fortdauernden Eigenthums der Verfasser bei den alten
-Autoren, der es bei Luthers Bibelübersetzung habe?« fragt derselbe. --
-Wenn der Eigenthümer einer Sache, und seine Erben und Erbnehmer
-ausgestorben, oder nicht auszumitteln sind, so erbt die Gesellschaft.
-Will diese ihr Recht aufgeben, und es gemein werden lassen; will es der
-Eigenthümer selbst: -- wer kann es wehren?
-
-»Ob das auch ein Raub des Büchereigenthums seyn würde,« fragt Herr R.
-weiter, »wenn jemand ein Buch einzeln oder in grösserer Anzahl
-abschreiben und die Abschriften verkaufen wolle?« Da die Liebhaber,
-welche ein Buch lieber in Handschrift, als gedruckt besitzen wollten,
-selten seyn, mithin durch diese Vervielfältigung der Exemplare weder dem
-Verfasser noch dem Verleger grosser Nachtheil entstehen möchte; da der
-Gewinn bei dieser mühsamen Arbeit nicht gross, und der Verkaufswerth
-wohl grösstentheils kümmerliche Bezahlung der angewandten Mühe seyn,
-mithin die ungerechte Habsucht des Abschreibers weniger auffallen würde:
-so möchten vielleicht der Erstere und der Zweite dazu schweigen. Sind
-aber unsere eben ausgeführten Sätze erwiesen, so bleibt an sich jeder
-Niessbrauch des Buches, sey er so wenig einträglich als er wolle,
-ungerecht; und diejenigen, welche das Buch in Abschrift zu besitzen
-wünschten, oder der Abschreiber, müssten darüber in Unterhandlung mit
-dem Verfasser treten. -- Wenn die alten Schriftsteller über den
-möglichen Niessbrauch der Autorschaft nicht nachgedacht hatten, oder,
-weil sie sein nicht begehrten, das Abschreiben ihrer Bücher jedem
-freistellten, dem es beliebte, und durch ihr Stillschweigen die
-Einwilligung dazu gaben: so hatten sie das vollkommenste Recht, -- wie
-jeder es hat -- ihr Recht aufzugeben; wenn sie aber gewollt hätten, so
-hätten sie es ebensowohl geltend machen können, als die unsrigen: denn
-was heute recht ist, war es ewig.
-
-Diese Grundsätze werden durch Anwendung auf Dinge, die man oft mit ihnen
-verglichen und verwechselt hat, noch deutlicher werden. So hat man
-^Producte der mechanischen Kunst^ mit Büchern, und das Nachmachen
-derselben zum Nachtheil des Erfinders mit dem Nachdrucke verglichen; --
-wie passend oder unpassend, werden wir sogleich sehen. Auch ein solches
-Werk hat etwas Körperliches: die Materie, aus der es verfertigt ist,
-Stahl, Gold, Holz und dergleichen; und etwas Geistiges: den Begriff, der
-ihm zum Grunde liegt (die Regel, nach der es verfertigt ist). Von diesem
-Geistigen kann man nicht sagen, dass es eine dem Verfertiger
-eigenthümliche Form habe, weil es selbst ein Begriff einer ^bestimmten^
-Form ist -- die Form der Materie, das Verhältniss ihrer einzelnen Theile
-zur Hervorbringung des beabsichtigten Zwecks; -- welches folglich nur
-auf einerlei Art, einem deutlich gedachten Begriffe gemäss, bestimmt
-seyn kann. Hier ist es das Körperliche, welches, ^insofern es nicht
-durch den Begriff bestimmt wird^, eine besondere Form annimmt, von
-welcher die Nettigkeit, die Eleganz, die Schönheit des Kunstwerkes,
-insofern sie nicht auf den hervorzubringenden Zweck bezogen wird,
-abhängt: an welcher man z. B. die Arbeiten der Engländer, die Arbeiten
-eines gewissen bestimmten Meisters, von jeder andern unterscheidet, ohne
-eigentlich und deutlich angeben zu können, worin der Unterschied liege.
-Diese Form des Körperlichen kann auch ein Buch haben, und durch sie wird
-die Reinheit und Eleganz des Druckes bestimmt; in dieser Rücksicht ist
-es Product der mechanischen Kunst, und gehört unter die nun leicht zu
-entwickelnden Regeln derselben.
-
-Angenommen, was allgemein anzunehmen ist, dass durch den Verkauf einer
-Sache dem Käufer das Eigenthum alles desjenigen übertragen werde, dessen
-Zueignung physisch möglich ist: was wird durch den Verkauf eines solchen
-Kunstwerkes dem Käufer übertragen? Jedem ohne Zweifel das Eigenthum des
-materiellen Körperlichen, nebst der Möglichkeit, das Werk zu dem
-verlangten Zwecke zu gebrauchen, wenn er will, ihn kennt und ihn dadurch
-zu erreichen weiss. Die Möglichkeit, sich den dem Werke zu Grunde
-liegenden Begriff (nemlich die Regel, nach der es verfertigt ist)
-zuzueignen, ist nicht die Absicht des Verkaufs, und gemeinhin auch nicht
-des Kaufs, wie bei einem Buche, wo dies offenbar die Absicht ist. Auch
-wird sie durch den Verkauf nicht jedem, sondern bloss dem, der dazu die
-nöthigen Kenntnisse hat, übergeben. Das Eigenthum dieses Begriffs aber
-wird durch den Verkauf gar nicht übergeben; sondern zur Zueignung
-desselben gehört noch die Handlung des Käufers, dass er das Werk
-untersuche, es vielleicht zerlege, darüber nachdenke u. s. w. Aber
-dennoch ist es nicht nur physisch möglich, sondern auch oft sehr leicht,
-die Regel der Verfertigung des Werkes zu finden. Diesen Begriffen nun
-seine Form zu geben, muss man selbst Künstler, und zwar Künstler in
-dieser Kunst seyn. Die Form des ersten Verfertigers wird man dem
-Körperlichen nie geben; aber es kommt darauf nicht an, der Unterschied
-ist meistens ganz unbemerkbar, und oft wird der zweite Verfertiger ihm
-eine weit schönere geben. Man kann folglich nicht nur das Eigenthum der
-Materie, sondern unter gewissen Bedingungen auch das des Begriffs, nach
-welchem sie bearbeitet ist, sich erwerben; und da man das Recht hat,
-sein Eigenthum auf jede beliebige Art zu benutzen, so hat man ohne
-Zweifel auch das, dies Kunstwerk nachzumachen. Allein, die Ausübung
-dieses Rechtes ist nicht billig: es ist nicht billig, dass der Mann,
-welcher Jahre lang Fleiss, Mühe und Kosten aufwendete, durch die erste
-Bekanntmachung des Resultats seiner jahrelangen Arbeit, welches von der
-Art, dass jeder desselben sich bemächtigen kann, der es siehet, um alle
-Frucht dieser Arbeit gebracht werde. Da aber in Sachen des Gewinnstes
-auf die Billigkeit anderer nicht sehr zu rechnen ist, so tritt der Staat
-ins Mittel, und macht durch ein ausdrückliches Gesetz, genannt
-^Privilegium^, dasjenige Rechtens, was vorher nur Sache der Billigkeit
-war. Weil indess durch ein solches Gesetz das natürliche Recht anderer
-allerdings eingeschränkt, und sie dessen beraubt werden, besonders
-dadurch beraubt werden, dass man das, was von ihrem guten Willen abhing,
-und ihnen ein Verdienst geben konnte, ihnen abnöthigt, und sie dadurch
-wenigstens der Entdeckung dieses Verdienstes beraubt: so hebt der Staat
-dieses Gesetz wieder auf, sobald seine Absicht, den ersten Erfinder zu
-entschädigen, erreicht ist, und giebt den Menschen ihr angebornes und
-durch Nachdenken und Studium behauptetes Recht wieder.
-
-Ein solches Privilegium geht also auf den Gebrauch des erworbenen
-Begriffs; und nur dasjenige Bücherprivilegium würde mit ihm zu
-vergleichen seyn, welches verböte, innerhalb zehn Jahren nichts über
-^gewisse Materien^, als z. B. keine Metaphysik, keine Naturlehre, zu
-schreiben. -- Verwechselte etwa Herr R., dessen Vorschläge bei
-Bücherprivilegien eben dahin auslaufen, Bücher mit mechanischen
-Kunstwerken, als ob zu ihrer Verfertigung nichts weiter gehöre, als etwa
-ein Recept, ein Buch zu machen im Kopfe, und übrigens gelenke Finger,
-Papier und Dinte?
-
-Das Recht des Käufers, das Gekaufte nachzumachen, geht, soweit die
-physische Möglichkeit geht, es sich zuzueignen; und diese nimmt ab, je
-mehr das Werk von der Form abhängt, welche wir uns nie eigen machen
-können. Diese Gradation geht in unmerklichen Abstufungen von der
-gemeinen Studirlampe bis zu Correggio's Nacht. Letztere hat nie um ein
-Privilegium nachgesucht, und ist darum doch nicht nachgemacht worden.
-Zwar Farben auftragen, Licht und Schatten, und ein Kind und eine junge
-Frau malen, kann jeder Pinsler; aber es ist uns nicht darum, es ist uns
-um die nicht zu beschreibende, aber zu fühlende Form des Vortrags zu
-thun. -- Kupferstiche von Gemälden sind keine Nachdrücke: sie verändern
-die Form. Sie liefern Kupferstiche, und keine Gemälde; und wem sie den
-letzteren gleich gelten, dem bleibt es unbenommen. Auch Nachstechen
-schon abgestochener Gemälde ist nicht Nachdruck; denn jeder giebt seinem
-Stiche seine eigene Form. Nachdruck wäre nur das, wenn jemand sich der
-Platte des Andern bemächtigte und sie abdruckte.
-
-Und nach dieser Unterscheidung nun die Frage: Was ist ein
-Bücherprivilegium? Ein Privilegium überhaupt ist Ausnahme von einem
-allgemein geltenden Gesetze der natürlichen oder der bürgerlichen
-Gesetzgebung. Ueber Büchereigenthum ist bis jetzt kein bürgerliches
-Gesetz vorhanden; also muss ein Bücherprivilegium eine Ausnahme von
-einem Naturgesetze seyn sollen. Ein dergleichen Privilegium sagt, ein
-gewisses Buch solle nicht nachgedruckt werden; es setzt mithin ein
-Gesetz der Natur voraus, welches so lauten müsste: Jeder hat ein Recht,
-jedes Buch nachzudrucken. -- Es ist also doch wahr, dass das
-Nachdruckerrecht selbst von denen, in deren Hände die Menschheit alle
-ihre Rechte zur Aufbewahrung überlieferte, von den Regenten, als ein
-allgemein gültiges Naturrecht anerkannt werde? Doch wahr, dass selbst
-die Gelehrten es dafür anerkennen; denn was kann die Bitte um ein
-Privilegium anders heissen, als: Ich erkenne an, dass vom Tage der
-Publication meines Werkes jeder, wer will, das unbezweifelte Recht hat,
-sich das Eigenthum und jeden möglichen Nutzen desselben anzumaassen,
-bitte aber um meines Vortheils willen, die Rechte der Menschheit
-einzuschränken. -- Hat man sich je einen Freibrief gegen Strassenräuber
-geben lassen? -- »Aber ein Bücherprivilegium ist kein Freibrief gegen
-Strassenräuber; es ist eine Bedeckung von Husaren«, sagt man mir. Wenn
-dies wahr wäre, wenn es in Ländern wahr seyn könnte, wo die
-Strassenräuber nicht, wie in Arabien, ungebändigt in den Wäldern
-herumstreifen, sondern zu jeder Stunde durch die obrigkeitliche Gewalt
-abgelangt werden können: so ständen wir vor einer andern Untersuchung.
-
-Die Tr... nemlich, Sch..., die W... sind freilich Räuber; aber sie sind
-privilegirte Räuber. Sie haben -- denn die Bemerkung, dass eins von
-beiden, entweder das Privilegium, welches den Nachdruck verbietet, oder
-das, welches ihn erlaubt, widersinnig seyn muss, wollen wir schenken --
-sie, sage ich, haben nicht die mindeste Schuld. Unbekannt mit dem, was
-Recht oder Unrecht sey, weil es für sie zu tief lag, fragten sie die,
-welche es wissen sollten. Man sagte es ihnen, und sie glaubten. Freilich
-gefiel es dem englischen Kaufmanne nie wohl, wenn ein französischer
-Kaper ihm sein Schiff und seine Waaren wegnahm. Er beklagte sich über
-diese Ungerechtigkeit. »Das ist nicht Unrecht, das ist Kriegsrecht«,
-sagte der Kaper, und zeigte ihm seinen Kaperschein vor; und während der
-Engländer diesen untersuchte, um sich von der Rechtmässigkeit der
-Behandlung, die er erfuhr, zu überzeugen, durchsuchte ihm jener die
-Taschen, und er hatte darin recht.
-
-Aber, mit welchem Rechte nur überhaupt die Hummeln den Bienen den Krieg
-ankündigen? ... Welcher Vertheidiger des Büchernachdrucks wird uns dies
-erklären? -- »Es würde doch von einem Staate viel verlangt heissen, sagt
-man, dass er befehlen solle, fremde theure Waare in sein Land
-einzuführen.« Das würde allerdings viel verlangt heissen; aber die
-Forderung, dass er sich dann, wann sie ihm zu theuer ist, ganz ohne sie
-behelfen möge, wäre so unbillig eben nicht. Joseph II. hatte allerdings
-das vollkommene Recht, die Einfuhr der holländischen Häringe in seine
-Staaten zu verbieten: wer könnte ihm dies abstreiten? Aber hätte er
-darum auch wohl das Recht gehabt -- da holländische Häringe sich nun
-einmal nicht nachdrucken lassen -- Kaper auszusenden, welche den
-Holländern aufpassen und ihnen ihre Häringe abnähmen? Und wenn diese
-fremde theure Waare -- denn Bücher sind in diesem System freilich nicht
-mehr und nicht weniger Waare, als Häringe und Käse -- überhaupt nicht
-eingeführt werden soll, wovon soll man sie denn im Lande abdrucken? ...
-Ei ja! wir werden uns wohl hüten, die Einfuhr fremder Bücher eher zu
-verbieten, als bis wir sie erst nachgedruckt haben.
-
-»Es sey ja für den Vortheil des Verfassers völlig gleichgültig, ob in
-einem Lande, wo die Einfuhr seiner rechtmässigen Ausgabe verboten sey,
-ein Nachdruck verkauft werde oder nicht, da er aus diesem Lande einmal
-keinen Gewinn ziehen könne«, sagt man auch noch. Und man hat recht, und
-übrig recht, in einem Systeme, in welchem nichts unrecht ist, als das
-was schadet.
-
-Ist jetzt Alles klärlich erwiesen, was erwiesen werden sollte: -- dass
-der Verfasser ein fortdauerndes Eigenthum an sein Buch behalte, und das
-vollkommene Recht habe, jeden zu verhindern, wider seinen Willen Nutzen
-aus dem, was der Natur der Sache nach sein bleibt, zu ziehen; dass
-mithin der Nachdruck eine offenbare, und zwar eine der sträflichsten
-Ungerechtigkeiten sey, -- so ist bei Untersuchung seiner Zulässigkeit
-davon gar nicht mehr die Frage, ob er nützlich sey; und wir können uns
-gänzlich enthalten, sie zu beantworten. Weder Herr R. noch das Publicum
-wird also etwas dagegen haben, wenn wir statt dieser Untersuchung eine
-^Parabel^ erzählen. Was sie, da wir nach obiger Erinnerung mit Büchern
-gar nichts Aehnliches haben, erläutern könne, was sie nach allem schon
-Erwiesenen noch zu erläutern habe, wird jeder einsehen.
-
-Zur Zeit des Khalifen Harun al Raschid, der wegen seiner Weisheit in der
-Tausend und Einen Nacht und sonst berühmt ist, lebte, oder könnte gelebt
-haben, ein Mann, der wer weiss aus welchen Salzen und Kräutern einen
-Extract verfertigte, der gegen alle Krankheiten, ja gegen den Tod selbst
-helfen sollte. Ohne nun eben alle die Wirkungen zu haben, welche sein
-Verfertiger von ihm rühmte, -- er war selbst ein wenig kränklich -- war
-er doch immer eine treffliche Arznei. Um in seinen chemischen Arbeiten
-durch nichts gestört zu werden, wollte er sich nicht selbst mit dem
-Handel befassen, sondern gab ihn in die Hände eines Kaufmanns, der
-allein im ganzen Lande damit handelte und einen beträchtlichen Gewinn
-dadurch erwarb. Darüber wurden nun seine Mitbrüder, die übrigen
-Arzneihändler, neidisch, und verschrien ihn und seinen Extract. Ganz
-anders aber benahm sich dabei Einer unter ihnen. Dieser passte den
-Leuten des Alleinhändlers auf, wenn sie das Arcanum vom Chemiker
-brachten, nahm es ihnen ab, raubte es wohl gar aus dem Waarenlager
-selbst; und das vermochte er, denn er war ein handfester Kerl. Er
-vereinzelte es darauf auf allen Jahrmärkten, in allen Flecken und
-Dörfern, und weil er es wohlfeil gab und den Leuten sehr einlobte, so
-hatte er reissenden Abgang. Darüber erhob dann der Alleinhändler ein
-Geschrei im ganzen Lande; und es fielen mitunter auch wohl Diebe, Räuber
-und dergleichen Benennungen, die bei solchen Gelegenheiten zu fallen
-pflegen und die dem Andern auch richtig überbracht wurden. Gern hätte
-der Alleinhändler ihm wieder etwas abgenommen, aber jener hatte nichts,
-das der Mühe des Nehmens werth war. Schon lange hatte er ihm
-nachgestellt, um seiner habhaft zu werden; aber jener war schlauer als
-er und entging allen seinen Schlingen. Endlich, wie denn das stete Glück
-unvorsichtig macht, fiel er doch noch durch Unachtsamkeit in die Hände
-seines Feindes, und ward von ihm vor den Khalifen geführt. Hier brachte
-der Arzneihändler seine Klage gegen jenen an, die mit der Klage unserer
-Buchhändler gegen die Nachdrucker ziemlich gleichlautend war. Jener,
-ohne sich bange werden zu lassen, -- er hatte bei seinem
-Marktschreiergewerbe seine Dreistigkeit vermehrt und eine gewisse
-Beredsamkeit sich eigen gemacht -- führte seine Verteidigung
-folgendermaassen:
-
-Glorwürdigster Nachfolger des Propheten! ich liebe nach Principien zu
-verfahren. Der einzig richtige Maassstab der Güte unserer Handlungen ist
-bekanntermaassen ihre Nützlichkeit. Je ausgebreitetere und je wichtigere
-Vortheile eine Handlung stiftet, desto besser ist sie. Es giebt zwar
-noch einige finstere Köpfe, die sich etwas erkünsteln, was sie, glaub
-ich, Recht nennen: ein Hirngespinnst, das sich im Leben nicht realisiren
-lässt; denn kann man nicht bei aller Rechtschaffenheit verhungern? Doch
-fern sey es, dass dergleichen altfränkische Ideen die aufgeklärten
-Zeiten von Eurer Majestät glorwürdiger Regierung entweihen sollten! --
-Wenn ich mithin beweise, dass mein Verfahren den ausgebreitetsten Nutzen
-stiftet, so beweise ich dadurch ohne Zweifel, dass es lobenswürdig ist;
-und dies ist so leicht zu erweisen. Dass meine Handlung von den
-vortheilhaftesten Folgen für das Publicum sey, sollte man das erst
-zeigen müssen? Ich verkaufe das Arcanum weit wohlfeiler, als der Kläger;
-der gemeinste Mann wird also dadurch in den Stand gesetzt, es sich
-anzuschaffen, was er bei dem hohen Preise des Alleinhändlers nicht kann;
-ich nöthige es dem unaufgeklärten Haufen durch meine Betriebsamkeit und
-durch alle Künste der Beredsamkeit auf, und brenne so von Eifer für das
-Beste Anderer, dass ich sie fast zwinge, sich durch diese heilsame
-Arznei gesund zu machen. Welch ein Verdienst um die leidende Menschheit!
-Könnte ich doch Eurer Majestät das Aechzen der Leidenden, das Röcheln
-der Sterbenden recht lebhaft malen, die durch die von mir gekaufte
-Arznei gerettet worden sind! Wie vielen Kindern habe ich ihre Väter, die
-bereits in den Händen des Todes waren, wieder zurückgegeben, ihnen
-selbst aber die Möglichkeit, zu guten Staatsbürgern gebildet zu werden,
-und einst wieder ihre Kinder, und vermittelst dieser ihre ganze
-Nachkommenschaft zu guten Staatsbürgern zu bilden, dadurch erhalten! Man
-berechne die Arbeiten, welche jeder, dem durch diese wunderthätige
-Arznei einige Jahre zu seinem Leben hinzugesetzt werden, in diesen
-Jahren noch zur Cultur des Landes verrichten kann; die noch grössere
-Cultur desselben, die hierdurch wieder möglich wird, und so ins
-Unendliche fort; berechne die Menge der Kinder, die er in diesen Jahren
-noch zeugen kann, und die Kinder dieser Kinder: und ziehe das Resultat
-der vergrösserten Volksmenge und Cultur, die dadurch erfolgt, und welche
-schlechterdings nicht möglich war, wenn ich nicht dem Kläger seine
-wohlthätigen Tropfen raubte.
-
-Es sagen zwar freilich verleumderische Zungen, dass das Arcanum
-gemeinhin ein wenig verdorben bei mir gekauft worden; und wenn ich ihnen
-auch -- ich liebe die Wahrheit -- sollte zugestehen müssen, dass an der
-Sache etwas sey: so ist das wahrlich nicht meine Schuld. Ich würde
-lieber, wenn ich könnte, ihm noch grössere Kraft geben, damit man es
-allein bei mir kaufte, und mein Kläger alle seine Kunden verlöre; und
-das bloss aus Liebe zum allgemeinen Besten. Aber wie sollte es mir bei
-der beständigen Flucht, auf der ich vor meinem Gegner seyn muss, und bei
-der Beschimpfung, die er meiner Handthierung anthut, und die mich
-nöthigt, die lockersten Gesellen anzunehmen, möglich seyn, es mit der
-gehörigen Sorgfalt aufzubewahren? Wenn nur einmal meinem Gewerbe völlige
-Ehre und Sicherheit zugesprochen seyn wird, wie ich um der grossen
-Nützlichkeit desselben hoffe, so werde ich dadurch zugleich in Stand
-gesetzt werden, auf die Conservation desselben mehr Sorgfalt zu wenden.
-
-Ich werde angeklagt, dem Verfertiger des Arcanums, und dadurch mittelbar
-dem Publicum zu schaden, weil Kläger, wenn ich in die Länge fortfahre,
-ihm seine Tropfen wegzunehmen, nothwendig verarmen und ausser Stand
-gesetzt werden müsse, den Chemiker weiter zu bezahlen, weshalb denn
-dieser nothwendig die Arbeit werde einstellen müssen. -- Allein, da
-kennt man den Mann nicht. Er wird sie darum nicht einstellen; denn es
-ist einmal seine Liebhaberei, und er arbeitet ja so nur um der Ehre
-willen. Im Gegentheil, je mehr ich seinem Unterhändler wegnehme, und je
-weniger dieser ihm für die Arznei wird bezahlen können; desto mehr wird
-er arbeiten müssen, um kümmerlich zu leben: desto mehr wird folglich
-diese heilsame Arznei vervielfältiget werden. Und wird nicht sein Ruhm
-durch mich in die entferntesten Dörfer verbreitet? posaune ich ihn nicht
-mit lauter Stimme an jedem Jahrmarkte aus meiner Bude? steht nicht sein
-Name auf allen meinen Büchsen und Gläsern mit grossen Buchstaben in
-Golde? Ist ihm das nicht Ehre genug? braucht er dazu noch Brot? Er mag
-von der Ehre leben!
-
-Endlich soll ich Klägern Nachtheil verursachen. -- Aber ich muss
-gestehen, dass hier mich mein kaltes Blut verlässt. Ich muss Ihnen
-sagen, mein Herr, dass Sie sich der Unbilligkeit dieser Anklage schämen
-sollten. Haben Sie nicht schon genug durch Ihren Alleinhandel gewonnen?
-Ach! dürfte ich doch den Verlust, den Sie zu haben vorgeben, mit Ihnen
-theilen! Warum wollen Sie mir denn nicht erlauben, Ihnen zu stehlen, was
-ich fortbringen kann? Warum wollen Sie mir denn nicht erlauben, eine
-kleine Nachlese zu halten? Giebt es nicht noch jetzt, seitdem ich diese
-reichlich halte, Leute genug, die entweder um der vermeinten grösseren
-Güte Ihrer Arznei willen, die doch wenig betragen kann, oder aus einem
-altfränkischen Vorurtheile für rechtmässigen Besitz, und vermeinter
-Theilnahme an der Dieberei Anderer, lieber Ihre theure Waare kaufen, als
-meine wohlfeile; -- als ob ich nicht auch, wenn man denn einmal von
-Rechtmässigkeit reden will, dadurch das rechtmässige Eigenthum Ihrer
-Waare erhielte, dass ich mir die Mühe gebe, sie zu stehlen?
-
-Vielmehr habe ich, wenn Sie kalt darüber nachdenken wollen, eben um Sie
-selbst das grösste Verdienst. Sie kennen noch Ihren Chemiker nicht.
-Schon längst dachte er, voll Neid über den Gewinn, den Sie durch sein
-Arcanum machen, darauf, sich des Handels mit demselben selbst zu
-bemächtigen. Er hat zwar seine Zeit weit nöthiger zur Verfertigung
-desselben; er versteht zwar nichts vom Arzneihandel; er ist zwar bei
-einigen Versuchen im Kleinen schon sehr übel angekommen: aber dennoch --
-glauben Sie mirs auf mein Wort -- er hätte Sie des Handels beraubt. Nur,
-schlau wie er ist, merkte er meinen Anschlag auf Ihren Waarenkasten, und
-wollte lieber Sie, als sich selbst bestehlen lassen. Wenn Sie also
-überhaupt noch in einigem Besitze des Handels sind, so haben Sie es mir
-zu verdanken.
-
-Dies sind die beträchtlichen Dienste, Glorwürdigster Nachfolger des
-Propheten, die ich dem gläubigen Volke, die ich dem nützlichen
-Verfertiger des Extracts, die ich dem Kläger selbst leiste. Und ich nun,
-was habe ich dafür? Wenn man den geringen Preis, um den ich das Arcanum
-verkaufe, gegen die Kosten, die ich auf desselben Conservation doch
-wende, die Reisen, die ich mache, berechnen will; so wird man finden,
-dass mir die Mühe, sie zu stehlen, sehr gering bezahlt wird, und dass
-ich die Verleumdungen meines Gegners, die Schurken und Diebe, die er
-gegen mich ausstösst, fast ganz umsonst hinnehmen, oder nur sehr niedrig
-in Anschlag bringen muss. Durch diese Verunglimpfungen wird mir nun mein
-ehrlicher Name, auf welchen die Menschen einen so grossen Werth setzen
-sollen, jämmerlich abgeschnitten, so dass rechtliche Leute schon
-anfangen, sich sehr zu bedenken, ob sie mir abkaufen wollen. Ich bin
-also ein Märtyrer für das Beste der Welt; und wenn eine Handlung dadurch
-gewinnt, dass man recht viel bei ihr aufopfert, so ist die meinige eine
-der verdienstlichsten. Dies Verdienst möchte ich mir nun nicht gern
-rauben lassen, wenn nicht durch die Ehrlosigkeit, die dadurch auf mein
-Gewerbe fällt, der Fortgang desselben gehindert, und dem allgemeinen
-Besten Abbruch gethan würde. Ich bitte demnach Eure Majestät
-anzubefehlen, dass hinfüro jeder mein Gewerbe für ein ehrliches halte,
-bei namhafter Strafe; und dass Kläger gehalten sey, mir nicht nur
-Abbitte und Ehrenerklärung zu thun, und öffentlichen Dank für den
-geleisteten Dienst abzustatten, sondern auch inskünftige sich von mir
-bestehlen zu lassen, so viel ich will.
-
-So redete der Marktschreier. Wie würde Herr Reimarus, wie würde jeder
-Gerechtigkeitsliebende hierbei geurtheilt haben? -- Ebenso urtheilte der
-Khalif. Er liess den nützlichen Mann aufhängen.
-
-
-
-
- B.
- Zwei Predigten aus dem Jahre 1791.
-
-
- Statt der Vorrede.
-
- Der Verfasser und sein Freund.
-
-D. V. Sie bringen die Handschrift zurück? Haben Sie sie durchgelesen?
-
-D. Fr. Ja.
-
-D. V. Und Ihr Urtheil?
-
-D. Fr. Sie haben Ihre Zeit nicht ganz übel angewendet. Es übt die Feder,
-wenn man sich bemüht, etwas gründlicher, als gewöhnlich, und doch plan,
-wie es für die Kanzel seyn soll, zu arbeiten; es macht unsere eigene
-Erkenntniss lebendiger, wenn man sie überdies mit einiger Wärme
-vorträgt.
-
-D. V. Ich verstehe. -- Und ein Exercitium hat seine Bestimmung erreicht,
-wenn es unsere eigenen Kräfte geübt hat. Es gehört vor die Augen des
-Lehrmeisters, oder des gutmüthigen Freundes, wenn man über die Jahre
-hinaus ist, einen Lehrmeister zu haben; nicht vor das Publicum.
-
-D. Fr. Wenn Sie es so nehmen wollen! -- Doch erlauben Sie mir eine
-Frage: auf welche Art der Leser rechnen Sie?
-
-D. V. Auf Leser aller Art, welche moralische und religiöse Wahrheit, und
-das Nachdenken darüber lieben.
-
-D. Fr. -- Die das Nachdenken lieben, mithin dasselbe kennen, aus
-Erfahrung kennen, die in einem Stande leben, der ihnen ehemals
-Unterricht, jetzt Musse gewährt. -- Vielleicht finden diese etwas noch
-Besseres zu lesen, als Ihre Predigten.
-
-D. V. Und warum sollten sie nicht auch in Ständen gelesen werden, die
-auf einer tieferen Stufe der Cultur stehen, die ihnen weniger Quellen
-eröffnet? -- Sie haben doch nicht vergessen, was ich Ihnen sagte, dass
-der grösste Theil dieser Predigten in mancherlei Ländern, vor sehr
-gemischten Zuhörern, nicht ohne merklichen Eindruck gehalten worden?
-
-D. Fr. Abgerechnet, dass Sie allenthalben Fremder und Gastprediger waren
--- angenommen, dass Ihre Eigenliebe diesen merklichen Eindruck sich
-nicht um eines Haares Breite grösser vorgestellt habe -- alles, was Sie
-wollen, abgerechnet und angenommen: so wissen Sie doch gewiss, welch ein
-Unterschied es ist, Predigten hören oder Predigten lesen.
-
-D. V. Aber es werden doch darum noch häufig Predigten gelesen, in
-höheren und niederen Ständen.
-
-D. Fr. Welcher innere Unterschied zwischen jenen häufig gelesenen
-Predigten und den Ihrigen sey, werden Ihnen die Recensenten sagen; auf
-den Unterschied in den Personen übernehme ich es, Sie aufmerksam zu
-machen. -- Gehen Sie hin, und werden der Lieblingsprediger des feineren
-Publicums in einer volkreichen, Ton angebenden, von Fremden häufig
-besuchten Stadt; dann sammeln Sie Ihre Predigten und setzen Ihren Namen
-vor. Wird man sie auch nicht immer lesen, so wird man sie doch kaufen,
-sauber binden und in seine Bücherschränke aufstellen. Aber -- anonyme
-Predigten -- das ist unerhört! Oder wollen Sie Ihren unbekannten Namen
-vorsetzen?
-
-D. V. Und wäre er berühmt, so würde ich desto mehr Anstand nehmen, ihn
-zu nennen. Ich möchte die Aufmerksamkeit dem Inhalte verdanken, und
-nicht dem Namen.
-
-D. Fr. Dem Inhalte? So hätten Sie entweder weniger gewöhnliche
-Gegenstände behandeln, oder die behandelten gewöhnlichen von einer
-gewöhnlichen Seite darstellen sollen! Sie haben der Sache beides, zu
-wenig und zu viel, gethan. Wer Ihre Predigten verstehen, beurtheilen,
-schätzen könnte, liest keine Predigten; und wer Predigten liest,
-versteht die Ihrigen nicht.
-
-D. V. Wenn nicht etwa hier und da ein Prediger.
-
-D. Fr. -- Welche Predigten lesen, um entweder sie für die ihrigen zu
-gebrauchen, oder sich darnach zu bilden. Sie gestehen mir wohl zu, dass
-derjenige, der der Bildung fähig ist, bessere Muster findet. -- Wegen
-des Gebrauchens -- wer Ihre Predigten desselben werth findet, macht
-bessere; und wer keine besseren macht, hält die Ihrigen für schlecht und
-völlig unbrauchbar. -- Noch habe ich Ihnen geschenkt, dass sich
-dieselben sehr ungleich sind; gleichsam eine bunte Musterkarte der
-Veränderung Ihres Systems seit zehn Jahren, oder länger.
-
-D. V. Nach allem also wäre Ihr Rath?
-
-D. Fr. Mein aufrichtiger Rath, dass Sie sie ruhen liessen, wo sie zum
-Theil schon lange genug geruht zu haben scheinen.
-
-D. V. Sie haben mir die Sache nach Ihrer Art vorgestellt; ich zeige sie
-Ihnen jetzt nach der meinigen. -- Gesetzt nun, ich hätte einen Versuch
-machen wollen, Darstellungsarten, die bis jetzt nur für die Schule
-gewöhnlich waren, auf die Kanzel zu bringen; und ich legte diese
-Versuche darum dem Publicum vor, um zu erfahren, ob es der Mühe lohnte,
-sie fortzusetzen?
-
-D. Fr. Aber so hätten Sie diesen Versuchen wenigstens die Predigtform
-nehmen sollen, die doch einmal nicht die einladendste ist; und dann sind
-noch einige Predigten beibehalten, die diese Entschuldigung nicht für
-sich haben.
-
-D. V. Und wenn ich nun anderweitige, vielleicht persönliche Gründe
-gehabt hätte, eben die Predigtform, und eben jene Predigten, auf die Sie
-zielen, beizubehalten?
-
-D. Fr. Dann müsste freilich das gutwillige Publicum, das etwa noch
-Predigten kauft, Ihre Ankündigung, dass Sie unter andern auch predigen,
-mit seinem Gelde bezahlen. -- Und wie wollen Sie das, was Sie zu Ihrer
-Entschuldigung mir jetzt gesagt haben, dem Publicum auf eine schickliche
-Art sagen?
-
-D. V. Ich darf nur gerade unser Gespräch vordrucken lassen.
-
-D. Fr. Mit allem, was ich zum Nachtheile Ihrer Predigten gesagt habe?
-
-D. V. Mit allem. Dann bin ich wenigstens sicher, dass nichts Schlimmeres
-über sie gesagt werden könne, als schon gesagt ist.
-
-D. Fr. Aber einen schöngeisterischen Dialog vor Predigten! Das ist
-wieder unerhört. Sie sind nicht Rousseau, und schrieben keine Heloise.
-
-D. V. So muss ich denn auch schon diesen Uebelstand mit den übrigen
-verantworten.
-
-
- Ueber die Pflichten gegen Feinde.
-
-
- Eingang.
-
-Die Auswege, die das menschliche Herz nimmt, m. th. Fr., um der Pflicht
-auszuweichen, sind unzählbar, in ihren Wendungen verschieden, und nur
-darin kommen sie überein, dass alle auf irgend eine Art die Strenge des
-Gesetzes zu umgehen suchen. -- Man zieht die Pflicht zu seinen Neigungen
-herab, wie wir einst an dieser Stelle an dem Beispiele der Ehrlichkeit
-und der Menschenliebe zeigten: man übertreibt sie auch wohl im
-Gegentheile zu einer Höhe, auf der sie der menschlichen Natur
-widerstreitet, um nur, wenn einmal zugestanden ist, dass in der
-erdichteten Vollkommenheit sie dem Menschen unmöglich sey, gar nichts
-thun zu dürfen, sondern unter dem geräumigen, viel fassenden Mantel der
-menschlichen Schwachheit seinen Mangel an gutem Willen verbergen zu
-können.
-
-So ist es mit der durch das Christenthum gebotenen Pflicht der
-Feindesliebe ergangen. Zu bequem, oder unfähig nachzudenken, was durch
-diesen Ausdruck gefordert werden ^könne^, hat man das Wort in seiner
-ersten scheinbarsten Bedeutung genommen, und nun, wie zu erwarten war,
-die Ausübung dieser Pflicht unmöglich gefunden, weil es der menschlichen
-Natur widerstreitet, sich über Beleidigungen zu freuen, wie über
-Wohlthaten, und bei dem Anblicke des Feindes eben das Vergnügen zu
-empfinden, wie bei dem des Freundes. -- Des ^Handelns^ überhoben, meinte
-man sich nun durchs ^Reden^ hervorzuthun, und wollte sich gegen ein
-Gebot, dem man den Gehorsam versagte, durch Lobeserhebungen abfinden.
-Daher die prahlenden Lobpreisungen so vieler Christen über die
-Erhabenheit ihrer Sittenlehre, als der einzigen, welche Feindesliebe
-empfehle; so vieler Christen, welche noch wenig Neigung zeigen, ihr
-Vaterland, ihre Freunde, ihre Wohlthäter zu lieben -- Lobpreisungen,
-welche, wenn auch die Anempfehlung dieser Pflicht der christlichen
-Sittenlehre ausschliessend eigen wäre, doch immer eine sehr zweideutige
-Schmeichelei seyn würden. Viel verlangen ist keine so grosse Kunst, und
-es gereicht keiner Sittenlehre zur Empfehlung, Dinge zu fordern, die der
-menschlichen Natur widerstreiten.
-
-Wir, m. Br., wollen unsere vortreffliche Religion nicht so verfänglich
-loben, sondern lieber mit Lernbegierde und Folgsamkeit ihre Vorschriften
-anhören, und sie zu ihrer wahreren Ehre in unserem Leben darzustellen
-suchen. In gegenwärtiger Stunde werden wir uns von den Pflichten gegen
-Feinde unterrichten.
-
-^Text.^ Die gewöhnliche Epistel am ersten Advents-Sonntage, Röm. 12, v.
-17-21.
-
-
- Abhandlung.
-
-Das zwölfte Capitel des Briefes an die Römer, woraus unsere Epistel
-genommen ist, enthält christliche Sittenlehren mancherlei Gehalts in
-einer leichten Verbindung. Auf die Pflichten gegen Feinde wird der
-Apostel zweimal gebracht: einmal durch ein Wortspiel[29] v. 14. ^Segnet,
-die euch verfolgen^ u. s. w., einmal bei Gelegenheit der allgemeinen
-Menschenliebe, v. 19. 20. 21. Wir wollen jetzo, ohne seinen Ausdrücken
-genau zu folgen, im allgemeinen sehen, welche Pflichten gegen die Feinde
-Gewissen und christliche Religion uns auflege.
-
-[Fußnote 29: Nemlich im Grundtexte: »Die Ausübung der Gastfreiheit
-verfolget; die ^Euch^ verfolgen, segnet.«]
-
-Wenn man eine so grosse Menge von Menschen über eine so grosse Menge von
-Feinden klagen hört, so sollte man glauben, der Hass der Widersacher sey
-eines der grössten Erdenleiden, und die Pflichten gegen Feinde seyen
-nicht nur an sich die schwersten, sondern auch ihre Ausübung sey von der
-weitesten Ausdehnung. Es scheint also unserem Vorhaben nicht
-unangemessen, zuvörderst zu untersuchen: ^Wen wir einen Feind zu nennen
-berechtiget sind^, um zu finden, ob von der Summe dieses Leidens nicht
-ebensowohl, wie von der Summe mancher anderen Leiden etwas abgehe, und
-ob die Pflichten, die es uns auflegt, -- wenn sie auch so schwer seyn
-sollten, als man glaubt -- in der Ausübung oft vorkommen.
-
-In der allgemeinsten Bedeutung nennen wir alle diejenigen unsere Feinde,
-die an der Ausführung unserer Unternehmungen uns hinderlich sind. Dies
-aber kann aus zweierlei Ursachen entstehen, nemlich, entweder weil
-^unsere Unternehmungen^, oder weil ^wir selbst^ ihnen misfällig sind;
-der dritte mögliche Fall, dass sie beiden abgeneigt seyen, gehört mit
-unter die zwei ersten. --
-
-Unser Vorhaben kann Anderen zuwider seyn, entweder weil es ungerecht
-^ist^, oder weil es ihnen nur so ^scheint^. -- Im ^ersteren Falle^ also
-wollen wir ungerecht seyn; wollen handeln, als ob die ganze Schöpfung
-nur für uns, und ihre vernünftigen Bewohner nur zu Werkzeugen unserer
-Einfälle da seyen: und wenn dann Einer sich unterfängt, zu glauben, dass
-es noch etwas gebe, was er von uns nicht ertragen müsse -- Einer sich
-nur in den Weg stellt, und unseren Anmaassungen Grenzen setzt: so
-schreien wir über Verfolgung, und nennen jenen muthigen Vertheidiger des
-Rechts unseren Feind. -- Und mit welchem Rechte? Wollen wir ihn bloss
-^an sich^ seinem persönlichen Werthe nach betrachten, so nöthigt unser
-Herz, sey es so verdorben es wolle, uns das Bekenntniss ab, dass ^der^
-Mann -- fordere es nun bloss die allgemeine Menschenpflicht, oder
-fordere es überdies noch seine besondere Pflicht in der Gesellschaft von
-ihm -- dass ^der^ Mann, der ohne Kummer um unseren Verdruss und unsere
-Feindschaft sich der Ungerechtigkeit muthig entgegenstellt, und dem die
-unvertheidigte Sache des heiligen Rechtes theurer ist, als unsere
-Freundschaft, unendlich mehr werth ist, als wir, und dass wir nicht viel
-Ehre haben, unsere Klagen über ihn laut werden zu lassen; -- oder wollen
-wir ihn ^in Beziehung auf uns^ betrachten, so werden wir in dem Manne,
-der uns die unvertilgbare Schande, und die blutige Reue, und das
-unauslöschbare Andenken, und die nie endenden Folgen einer ungerechten
-That erspart, und uns zwingt, besser und glückseliger zu seyn, als wir
-wollten, unseren wahrsten Wohlthäter anerkennen müssen. Solche Gegner
-also gehören gar nicht in die Zahl unserer Feinde.
-
-In ^dem zweiten Falle^ waren die Feinde der Jünger Jesu, und überhaupt
-der ersten Christen, an welche die Ermahnungen des Apostels gerichtet
-sind. Sie widersetzten sich dem Vorhaben der Apostel und ihrer Anhänger,
-weil es ihnen ungerecht schien. -- Es war damals eben wie jetzt. Die
-Juden, deren grösster Beweis für die Wahrheit ihrer Religionsgrundsätze
-der war, dass ihre Väter und Grossväter auch so geglaubt, auch so
-geopfert, auch mit den Formeln gebetet hatten, hassten, verfolgten,
-tödteten, wenn sie konnten, die ersten Christen, weil sie eine
-aufgeklärtere Gottesverehrung einführen wollten, welches jene für ein
-sehr sträfliches Unternehmen hielten. -- So wurde das Vorhaben der
-ersten Christen verkannt, und darum angefeindet, und so kann es auch das
-unsrige werden, von welcher Natur es auch sey. -- Auch solche Gegner
-können wir nicht mit Recht Feinde nennen; ihr Widerstand entsteht nicht
-aus boshaften Absichten gegen unsere Personen; sie meinen für das Recht
-zu kämpfen, und ihre Triebfeder wenigstens ist edel. Sollten wir uns
-darüber erzürnen, dass wir erleuchteter sind, als sie? Diese Gegner
-sinds, von denen der Apostel sagt: ^segnet sie^ -- wünscht ihnen von
-ganzer Seele alles Gute, und besonders dasjenige Gute, dessen sie am
-meisten bedürfen -- Erleuchtung. Wünscht sie ihnen nicht bloss, sondern
-sucht werkthätig durch weise Belehrung und durch das, was kräftiger
-wirkt als alle Belehrung, durch einen reinen Wandel ihre Begriffe zu
-berichtigen. Führet einen guten Wandel unter den Heiden, auf dass die,
-so von euch afterreden, als von Uebelthätern, eure guten Werke sehen und
-euren Vater im Himmel preisen.
-
-Endlich kann Jemand, ohne unser persönlicher Feind zu seyn, unser
-Widersacher auch bloss darum werden, weil wir seinem Eigennutzen im Wege
-stehen, weil ^unsere^ Erniedrigung ^ihn^ heben soll. Wir finden uns
-einmal auf seinem Wege, und er rennt uns nieder -- nicht etwa -- aus
-besonderer Abneigung gegen uns; er hätte jeden anderen, der auf unserem
-Platze gestanden hätte, auch niedergerannt. Er schreitet seinen Schritt
-einher -- es kommt ein Wurm unter seine Füsse -- er zertritt ihn. Aber
-warum musste auch der Wurm unter seinen Fuss kommen; er hätte ihm sonst
-sein Leben wohl gönnen mögen. -- -- Ohne das Fürchterliche einer solchen
-Sinnesart mildern zu wollen, dürfen wir doch sagen, dass auch ein
-solcher Gegner nicht unser Feind zu nennen sey. Er ist freilich auch
-nicht unser Freund: er ist Niemandes Freund, als der seiner eigenen
-geliebten Person. Er ist freilich ein Feind des Rechts und der
-Menschheit, und der unsrige, weil wir zu ihr gehören; aber er hasst doch
-keinen weniger, als uns, und das, was uns trifft, ist nichts, als das
-allgemeine Loos. Wir haben freilich nicht nur das Recht, sondern auch
-die Pflicht ihn zu behandeln, wie jeden Feind der Gerechtigkeit; aber
-wenn wir ihn mit persönlicher Erbitterung hassen wollten, so würden wir
-selbst ungerecht und ihm ähnlich werden.
-
-Es ist also Niemand übrig, den wir mit Recht unseren Feind nennen
-könnten, als derjenige, der eine persönliche Abneigung gegen uns hat,
-und unser Vorhaben hindert, bloss darum, weil es das ^unsrige^ ist.
-Solche Gegner eigentlich, und nur in einem gewissen Sinne die der beiden
-letzteren Klassen, sind der Gegenstand der Pflichten gegen Feinde.
-
-Da nichts in der Welt ganz ohne Ursache geschieht, und folglich auch der
-Hass unserer persönlichen Feinde nicht völlig ohne Grund seyn möchte, so
-ist es hierbei die erste Regel der Sittenlehre, sich sorgfältig und
-unparteiisch zu prüfen, ^ob^ man, und ^wodurch^ man Gelegenheit zu
-dieser Abneigung gegeben habe. Die Menge der Freunde oder Feinde ist
-zwar nie ein richtiger Maassstab zur Schätzung des sittlichen Charakters
-eines Menschen; wenn aber so gar viele aus dem Haufen treten und sagen:
-du habest sie gedrückt, so kannst du mit hoher Wahrscheinlichkeit
-vermuthen, dass du eine harte Seite habest. Jede uns bekannt gewordene
-Abneigung legt uns die Pflicht auf, uns sorgfältig zu prüfen, ob
-wir vielleicht durch unsere Ungerechtigkeit, durch unsere
-Unterdrückungssucht uns hassenswürdig gemacht haben; -- und dann wären
-wir ja wahrlich nicht werth, unsere Augen gegen unsere Gegner
-aufzuheben; -- oder ob wir vielleicht bei wirklich guten Absichten durch
-unser unzweckmässiges Benehmen, durch eine rauhe, unfreundliche
-Steifigkeit, durch einen Mangel der Schonung gegen Anderer Schwachheiten
-ihnen einen Verdacht gegen den Baum beigebracht haben, der so herbe
-Früchte trägt. Sollten wir in dieser Prüfung, bei der wir uns ja nicht
-schmeicheln müssen, etwas von der Art finden, so bleibt uns nichts
-übrig, als die Folgen unserer eigenen Unklugheit geduldig zu tragen,
-hinzugehen und uns zu bessern.
-
-Finden wir aber an uns keine Schuld, so tritt unsere erste heiligste
-Pflicht ein: die, dem Unrechte zu widerstehen, insoweit wir können, ohne
-selbst ungerecht zu werden, und die Ordnung zu zerstören. -- Irret euch
-nicht, m. Br.: alles sich gefallen zu lassen, alles gut zu heissen,
-alles zu dulden, fordert kein Christenthum; und die Vernunft erklärt
-dies für Unverstand und Mangel an wahrer Abneigung gegen das Böse, wenn
-sie es bloss an sich -- und für Unterstützung und Verewigung der
-Unordnung, wenn sie es in Rücksicht seiner Folgen für das Ganze
-betrachtet. Wer das Böse an Anderen nicht hasst, der hasst es gewiss
-auch nicht an sich selbst; und wer keiner Empfindlichkeit gegen
-zugefügtes Unrecht fähig ist, ist ebensowenig der Dankbarkeit für
-erzeugte Wohlthaten fähig. -- Zwar sagt Jesus: ^Ich sage euch, dass ihr
-allerdings nicht^, überhaupt und in keinem Falle nicht, ^widerstreben
-sollt dem Uebel^. ^Nimmt dir jemand den Rock, dem lass auch den Mantel^,
-u. s. w. Aber es ist bei diesen und ähnlichen Stellen zu bemerken, dass
-die Evangelisten uns nicht nur diejenigen Aussprüche Jesu, welche er als
-Dolmetscher des Willens der Gottheit an die Menschen zu gültigen
-Gesetzen für alle Zeiten und Völker aufstellte, sondern auch solche
-Reden aufbehalten haben, in denen er als klügerer Freund, bloss seinen
-Jüngern einen guten Rath für ihre besondere Lage giebt. Ob eine
-Vorschrift zu der ersteren oder zu der letzteren Art gehöre, ist nur
-daraus zu ersehen, ob sie durch unsere Vernunft, als ein
-allgemeingültiges Gesetz bestätigt werde oder nicht. Die Jünger Jesu
-würden vor jüdischen oder heidnischen Richterstühlen nicht nur keine
-Genugthuung erlangt haben, sondern auch dadurch in ihrem ersten Berufe,
-die christliche Religion zu predigen, gestört, und vielleicht weit eher,
-als es für ihre Bestimmung seyn sollte, getödtet worden seyn. Ihnen
-blieb also kein Mittel übrig, um sich ihren mühseligen Zustand
-erträglicher zu machen, als alles geduldig zu ertragen, und durch die
-höchste Sanftmuth ihre Feinde wenigstens zu einiger Schonung zu
-erweichen. Späterhin, nachdem ganze christliche Gemeinen errichtet
-waren, sagt schon Johannes: ^Sündigt dein Bruder an dir, so strafe ihn
-alleine^; so verweise es ihm unter vier Augen; ^höret er dich nicht, so
-sage es der Gemeine; höret er die Gemeine nicht, so halte ihn als einen
-Zöllner und Sünder^. Für uns aber, die wir in ganzen christlichen
-Staaten leben, tritt die allgemeingültige, durch die Vernunft bestätigte
-Bemerkung Paulus in ihre volle Wirksamkeit ein: ^dass die Obrigkeit^,
-als Stellvertreterin der ganzen Gesellschaft, ^das Schwert nicht umsonst
-tragen, sondern dass sie des allvergeltenden Gottes Dienerin auf der
-Erde, und eine Rächerin seyn müsse über jeden, der Uebeles thut^; dass
-wir mithin, wenn dieser Satz nicht aufgehoben werden, und unseren
-übrigen Pflichten nicht widersprechen soll, sie zur Ausübung dieser
-Stellvertretung Gottes bei uns zugefügtem Unrechte auffordern müssen,
-mit dem Zutrauen, dass sie stets bereit seyn werde, das unterdrückte
-Recht zu rächen; ein Zutrauen, das sie, und Gott, dessen Bild sie ist,
-ehrt. -- Eben daraus aber, dass wir unsere Sache ihr übertragen sollen,
-folgt, dass wir uns nicht selbst rächen dürfen; sondern es lediglich
-ihr, ^als ihre eigene Sache^ überlassen müssen.
-
-Diese Genugthuung aber werde gesucht ^mit^ und ^aus Liebe^. Nicht das
-sey unser Zweck, dem Feinde wieder Böses zuzufügen, sondern bloss und
-einzig das, das Böse in ihm, und durch das Beispiel seiner Bestrafung
-auch in anderen kräftigst zu hindern. Wer irgend einer anderen Absicht
-sich bewusst ist; wer in seinem Herzen den geringsten Zug von
-Lieblosigkeit, die leiseste Freude über die gehoffte Bestrafung seines
-Beleidigers aufspürt; wer nicht sogar Schmerz empfindet, dass seine
-Pflicht ihn nöthigt, um desselben Bestrafung anzusuchen, verliert jenes
-Recht gänzlich, weil er durch Bestrafung seines Widersachers die
-Obrigkeit nicht zur Dienerin des Rechts, sondern zum Werkzeuge seiner
-Rachsucht und seiner Feindseligkeit machen, und in ihr Gott, dessen Bild
-sie ist, entweihen würde: -- durch welche Regel denn jene Erlaubniss
-Genugthuung zu suchen, wieder genau in ihre gehörigen Grenzen
-eingeschlossen wird. -- Man sey der Sache Feind, und der Person Freund.
-Man arbeite, kämpfe, ringe, das Unrecht zu verhindern; aber man sey in
-allen übrigen gerechten Dingen dem Gegner zu jedem Dienste und jeder
-Aufopferung bereit. Man ringe darnach, ihm zu dienen: -- zwar nicht
-ausgezeichnet vor allen anderen Menschen, und ebendarum, ^weil^ er der
-Feind ist; eine Warnung, die nur für wenige seltene Menschen noth thut.
--- Es giebt nemlich Menschen, die, mit einer Anlage zur Erhabenheit und
-Stärke der Seele geboren, dieselbe durch harte Selbstkämpfe erhöht
-haben, und aus diesem Kraftgefühl eben das Schwerste in ihren Pflichten
-begierig an sich reissen, und die unter zweien ihrer Hülfe gleich
-bedürfenden Gegenständen eben den Feind, und das eben um seiner
-Beleidigungen willen gegen sie, vorziehen würden; bloss um das erhabene
-Gefühl zu empfinden, die Bitterkeit in ihrer Seele besiegt zu haben. So
-edel und erhaben diese Triebfeder auch ist, so verbietet doch eine reine
-Sittenlehre, die Wahl der Gegenstände unserer Wohlthätigkeit dadurch
-bestimmen zu lassen. -- Die einzige allgemeingeltende Regel der
-Sittenlehre hierüber ist die: der Feind werde in völlige Gleichheit mit
-allen bedürftigen Gegenständen gesetzt; der ^Feind^ werde ^im
-Bedürfniss^ vergessen; unser hülfsbedürftiger, hungernder, unbekleideter
-Feind sey nicht mehr Feind, sey bloss hülfsbedürftig, hungernd,
-unbekleidet. Alle jene Ausdrücke von Verzeihung, von Versöhnlichkeit
-gegen den Feind sagen viel zu wenig; wo wir helfen und dienen können,
-müssen wir unserem Feinde nicht verzeihen; wir müssen keinen Feind
-haben, wir müssen nur den Hülfsbedürftigen sehen. Jeder Dienst, der sich
-auf etwas Anderes gründet, hat kein Verdienst.
-
-Die Liebenswürdigkeit solcher Gesinnungen brauche ich nicht erst zu
-zeigen: aber den Einwurf befürchte ich von vielen, dass dies nur schöne
-Gemälde seyen, die sich zwar gut darstellen und beschauen, aber nie ins
-menschliche Leben einführen liessen; und dass man die Welt und das
-menschliche Herz schlecht kenne, wenn man ihnen im Ernste so etwas
-anmuthen wolle. Wenn es hierbei bloss aufs Widerlegen ankäme, so dürfte
-ich nur das Beispiel Jesu, der im Angesichte des ungerechtesten und
-schmerzhaftesten Todes für seine Verfolger betete; oder, wenn euch das
-zu erhaben dünkte, das Beispiel seiner Jünger anführen, die gewiss
-schwache Menschen waren, wie wir, und eben das thaten. Zweckmässiger
-aber würde es seyn, die Mittel zu entwickeln, durch deren Gebrauch es
-leicht, sehr leicht wird, so gegen seine Feinde zu handeln. Sie sind --
-sorgfältige Selbstprüfung und lebhafte Erkenntniss seiner eigenen
-Schwachheiten, das daraus entstehende Gefühl der Gebrechlichkeit der
-menschlichen Natur überhaupt, und besonders die Ueberzeugung, dass das
-wenigste Böse in der Welt erweislich aus Bosheit, und bei weitem das
-meiste aus Unverstand geschehe: eine Betrachtung, die vor jetzt die
-Kürze der Zeit mir verbietet.
-
-Dies sind die allgemeinen Pflichten, die wir gegen unsern Feind, so wie
-gegen alle Menschen haben. Es giebt aber noch eine besondere gegen den
-ersteren, die: sie zu bessern und zu unseren Freunden zu machen; welche
-gleichsam die Probe enthält, ob wir alle unsere übrige Pflichten gegen
-sie redlich erfüllt haben. Haben wir alles weggeräumt, was dem Feinde
-Veranlassung geben könnte, uns zu hassen; haben wir ihn stets mit Liebe
-und Edelmuth behandelt, so kann es nicht fehlen, er wird endlich -- sey
-es so spät, als es wolle -- er wird endlich gewiss unser Freund werden.
-Und welch Vergnügen wird uns dann überströmen!
-
-Ich habe, theure Freunde, durch eine Schilderung der Ruhe und
-Heiterkeit, und des wahrsten Selbstgenusses, den solche Gesinnungen
-unserer Seele geben, ebensowenig, als durch eine Darstellung der
-Bitterkeit und der unangenehmen Empfindungen, welche Hass und
-Unduldsamkeit über unser Herz verbreiten, diese Betrachtung unterbrechen
-wollen, um nicht durch Vorstellung eures eigenen Nutzens euch zur
-Anerkennung eurer Pflicht zu bestechen zu scheinen. Jetzt aber, nach
-vollendeter Untersuchung, erlaubt mir einige Fragen an euer Herz zu
-legen.
-
-Ich will euch nicht fragen, ob ihr persönliche Feinde, -- solche Feinde
-habt, denen alles zuwider ist, was von euch kommt, die alle eure
-Unternehmungen zu hintertreiben suchen, die euer Unglück und euren
-Untergang geschworen zu haben scheinen? Solche Feinde sind überhaupt
-selten, und sind es besonders gegen eine stille, anspruchslose
-Lebensart. Aber das lasst euch fragen, ob ihr nie beleidigt worden seyd?
-und wer unter uns möchte wohl diese Frage mit Nein beantworten, da das
-menschliche Herz überhaupt nur zu leicht beleidigt wird? Ich mag auch
-nicht untersuchen, ob ihr euch nicht vielleicht durch eure eigene Schuld
-diese Beleidigung zuzoget -- ihr sollt völlig recht, euer Beleidiger
-völlig unrecht haben. Denkt euch jetzt einmal diese Beleidigung mit
-allen ihren Umständen; denkt euch den Beleidiger gegenwärtig; oder
-vielleicht ist er es, vielleicht ist er mit euch in diesem Gotteshause,
-und ihr könnt ihn erblicken.
-
-Wie wird euch bei seinem Anblick zu Muthe? was wünscht ihr ihm? wenn ihr
-ihm in diesem Augenblicke einen beträchtlichen Schaden zufügen könntet,
-würdet ihrs thun? wenn ihr in diesem Augenblicke ihm einen sehr
-wesentlichen Dienst erzeigen könntet, würdet ihr eilen? würdet ihrs
-willig und mit Freuden thun, oder würde es euch einen grossen Kampf
-kosten? würdet ihr vielleicht vorher eure Bitterkeit gegen ihn auslassen
-müssen?
-
-Wie? ihr hättet Feindschaft mit euch in dieses Haus des Friedens
-gebracht? indem ihr eure Stimmen mit den Stimmen eurer übrigen
-Mitchristen zur Anbetung Gottes vereinigtet, hätte in einem der
-geheimsten Winkel eures Herzens sich Abneigung gegen diejenigen
-verborgen, die ihre Stimmen mit den eurigen vereinigten? unter den
-Wünschen, die aus eurem Herzen zum Vater aller emporwallten, hätte sein
-allsehendes Auge Wünsche für das Elend derer entdeckt, die seine Kinder
-sind, wie ihr? Müsset ihr euch dann nicht vor Gott, dessen Auge wahrlich
-in diesem Augenblicke das Innerste eurer Herzen durchschaut, schämen?
-
-Seyd ihr bei diesen Gesinnungen bisher glücklich gewesen? Habt ihr euch
-nie der Schwachheit geschämt, eure Ruhe von gewissen Anblicken, gewissen
-Erinnerungen abhangen lassen zu müssen? eure ganze Seele als einen
-Schauplatz der niedrigsten Empfindungen erblicken zu müssen, sobald eure
-Gedanken auf gewisse Begebenheiten eures Lebens fielen?
-
-Empfindet ihr diese Scham -- fühlt ihr diese Unannehmlichkeit eures
-bisherigen Lebens -- o möchte es dann doch in dieser Stunde in allen
-Seelen, in denen es bisher trübe war, helle werden; möchte doch allen
-Freude aufgehen! Ihr könnt in diesem Augenblicke nicht hingehen zu eurem
-Beleidiger, ihm nicht die Hand drücken, und ihn versichern, dass aller
-Hass aus eurer Seele rein weggetilgt ist; -- dies ist nicht in eurer
-Macht, aber euer Herz ist in eurer Macht. -- O möchten sie doch, diese
-eure Herzen, in dieser Minute sich vereinigen, so wie ihr hier vereinigt
-vor Gott sitzt; möchten sie doch in dieser Minute, Gott, und
-alle seligen Geister, die uns hier umringen, zu Zeugen, den
-unzertrennlichsten Bund des Friedens schliessen!
-
-Du aber, o Gott, der du wahrlich hier zugegen bist, und unser aller Herz
-siehst -- sey unser Zeuge -- wir wollen uns lieben, und nie hassen, wir
-wollen von nun an allen Hass und Bitterkeit aus unserer Seele tilgen.
-Amen.
-
-
- Ueber die Wahrheitsliebe.
-
-
- Eingang.
-
-^A. Z.^ Das Wort ^Wahrheit^ wird in einer doppelten Bedeutung gebraucht,
-und bezieht sich entweder auf die Erkenntnisse unseres Verstandes, oder
-auf die Gesinnungen unseres Herzens. Wenn in Absicht unseres Verstandes
-unsere Vorstellungen von den Dingen mit den Dingen an sich
-übereinstimmen,[30] wenn z. B. dasjenige, was wir für ein Glück halten,
-wirklich ein Glück, und dasjenige, was wir für ein Unglück halten,
-wirklich ein Unglück ist, so ist Wahrheit in unserer ^Erkenntniss^, und
-dieser Wahrheit Gegentheil heisst ^Irrthum^. -- Wenn in Absicht unseres
-Herzens alle unsere Aeusserungen mit unseren inneren Gesinnungen
-übereinkommen, so ist dies Wahrheit in der zweiten Bedeutung, welcher
-wir ^Falschheit^ und ^Lüge^ entgegensetzen. Wenn man von Wahrhaftigkeit,
-von der Pflicht sich der Wahrheit zu befleissigen u. s. w. redet, so
-wird dies Wort in der letzteren Bedeutung gebraucht; denn Wahrheit in
-der ersteren, oder die Richtigkeit unserer Vorstellungen von den Dingen
-hängt von dem Maasse unserer Fähigkeiten und unserer Bildung, nicht aber
-von unserem freien Willen ab, und lässt sich mithin weder durch
-göttliche, noch durch menschliche Gesetze anbefehlen.
-
-Wer wissentlich falsch und ein Lügner ist, wird dadurch nicht nur ein
-sehr schädlicher Gegenstand für die Gesellschaft, sondern auch ein sehr
-schändlicher für sich selbst: denn wie niederträchtig feige muss sich
-derjenige erscheinen, der sich nie getrauen darf, seines Herzens Meinung
-zu entdecken, und der im Innern seines Herzens ohne Unterlass eine
-Schande sieht, die er vor jedes Anderen Auge sorgfältig verbergen muss!
-Diese Pein der Selbstverachtung, oft um eines sehr geringen Vortheils
-willen, auf sich zu nehmen -- dazu, sollte man meinen, würden die
-wenigsten Menschen Entschlossenheit genug haben; und es müsste mithin
-der Falschheit und der Lügen weit weniger unter ihnen seyn, wenn sie
-nicht meistentheils damit angefangen hätten, sich selbst zu betrügen,
-ehe sie andere betrogen, wenn ihr Herz in der Falschheit gegen andere
-sich nicht erst an ihnen selbst geübt, und dieser unselige Selbstbetrug
-sie nicht gegen die Schande, Betrüger Anderer zu seyn, abgehärtet hätte.
--- Ich habe jetzt, a. Z., ich habe die giftige Quelle genannt, aus
-welcher unser ganzes sittliches Verderben herfliesst. Nur diese lasst
-uns, wenigstens in uns selbst, zu verstopfen suchen. Hört mich deswegen
-aufmerksam an, wenn ich heute von der Gemüthsverfassung, welche vor
-jenem unseligen Selbstbetruge verwahrt -- wenn ich von ^Wahrheitsliebe^
-mit euch rede.
-
-[Fußnote 30: Man wird mir für die Kanzel diese Namenerklärung verzeihen,
-und die Untersuchung, ob so etwas sich überhaupt nicht etwa widerspreche
-und nichts gesagt sey, schenken. -- Wenigstens ist das hier Gesagte
-nicht aus Unwissenheit gesagt.]
-
-Du aber, o Gott, lautere Quelle aller Wahrheit, erwärme mich heute mit
-einem Strahle deines Lichtes, da ich zu deinem Ebenbilde von dem, was
-dein Wesen ausmacht, und wodurch allein der Sterbliche dir ähnlich wird,
-von Wahrheitsliebe, reden soll. Geuss Licht und Wärme über meinen
-Vortrag, und Verstand über den Geist meiner Zuhörer herab, die sich mit
-mir vereinigen Dich darum anzurufen, u. s. w.
-
-^Text.^ Das Evangelium am Sonntage Exaudi, besonders Joh. 15. v. 26.
-
-
- Abhandlung.
-
-Die verlesenen Worte sind aus der Abschiedsrede Jesu an seine Jünger.
-Jesus, der sorgfältige Führer derselben, sollte sie, eben im Begriffe
-ihr für die Menschheit so wichtiges, für sie selbst so schwieriges
-Lehramt anzutreten, noch überhäuft von Vorurtheilen des Verstandes, und
-noch grosser Schwachheiten des Herzens fähig, verlassen. Um sie hierüber
-zu beruhigen, versprach er ihnen einen anderen Tröster, oder richtiger
-^Führer^, der ihre Vorurtheile ebenso berichtige, und sie vor
-Schwachheiten ebenso sorgfältig warne, als er selbst es bisher gethan
-hatte, den ^Geist der Wahrheit^. Ich lasse ununtersucht, was man in
-diesen Worten etwa alles finden kann, wenn man recht begierig etwas
-recht Wunderbares sucht. Ungekünstelt erklärt sagen sie das, was ein
-zärtlicher Vater sagen würde, wenn er in der Todesstunde seine noch
-nicht völlig ausgebildeten Kinder um sich her versammelte, und zu ihnen
-spräche: Bisher habe ich eure Handlungen geleitet; jetzt muss ich euch
-verlassen, und das ist gut für euch, damit ihr endlich euch selbst
-regieren lernt.[31] Statt meiner verweise ich euch an einen erhabenern
-Führer, ^an euer Gewissen^. Wie ihr bisher auf meine Warnungen horchtet,
-ebenso horcht hinführo auf die Warnungen dieses; und wie bisher mein
-Beifall euer höchstes Ziel war, ebenso sey es hinführo der Beifall eures
-eigenen Herzens: und dass dieses euch nie täuschen werde, dafür bürgt
-mir die ^Wahrheitsliebe^, die ich in euch bemerkt und gepflegt habe. --
-Jesus sagt, dass er ihnen diesen Wahrheitsgeist ^senden^ wolle, nicht
-als ob sie etwa erst jetzt durch irgend ein Wunderwerk umgeschaffen die
-Wahrheit würden lieben lernen, -- die Jünger Jesu, die an sich weder
-besser unterrichtet, noch tugendhafter waren, als die übrigen Juden
-ihrer Zeit, zeichneten sich eben durch Wahrheitsliebe, und bloss durch
-sie von anderen aus, und wurden bloss um dieser willen Schüler Jesu --
-sondern, weil sie erst jetzt, nach dem Verluste ihres äusseren Führers,
-dieses inneren Führers bedürfen würden.
-
-Wir alle, meine th. Fr., sind eben so, wie die Jünger Jesu, an unser
-Gewissen gewiesen, und eben so nöthig, als Jene, bedürfen wir ^der
-Wahrheitsliebe^, um seine Stimme zu hören. Es ist also der Mühe werth,
-diese Wahrheitsliebe genauer kennen zu lernen.
-
-Die Wahrheitsliebe, ^von der wir hier und heute reden^, besteht kürzlich
-darin: ^dass man sich in seiner Meinung von seiner eigenen Tugend nicht
-betrügen wolle^. Dies nun scheint Anfangs widersprechend; denn es
-scheint auf den ersten Anblick unmöglich, ^sich selbst^ zu hintergehen,
-und hintergehen zu ^wollen^.
-
-[Fußnote 31: Joh. 16, 7.]
-
-Wenn man aber daran denkt, dass der menschliche Wille durch zwei sehr
-verschiedene Haupttriebe in Bewegung gesetzt wird, deren einer ihn
-antreibt, sich vor Beschädigungen seines Leibes und Lebens zu sichern,
-und die Mittel aufzusuchen, dieses Leben unter so vielen angenehmen
-Empfindungen hinzubringen, als möglich; -- ein Trieb, den wir
-^Eigenliebe^ nennen, und den wir mit den Thieren des Feldes gemein
-haben: -- deren zweiter aber ihn drängt, das Gute zu verehren und das
-Laster zu verabscheuen; -- ein Trieb, der uns in den Rang höherer
-Geister und zum Ebenbilde der Gottheit erhebt, und den wir das
-^Gewissen^ nennen; -- -- Triebe, die so verschieden sind, dass daher
-einige zwei Seelen im Menschen angenommen haben; eine Bemerkung, welche
-allein es schon hinreichend erklärt, wie Jesus von dem verheissenen
-Geiste der Wahrheit, als von etwas ^ausser den Jüngern^ reden konnte, so
-wie auch schon ein Weiser einer anderen Nation das Gute und Edle, das er
-that oder sagte, den Eingebungen eines höheren Geistes zugeschrieben
-hatte: --
-
-wenn man ferner bedenkt, dass diese beiden Antriebe, -- der der
-Eigenliebe und der des Gewissens -- sich oft geradezu widerstreiten,
-indem der erstere den Menschen antreibt, etwas als angenehm und nützlich
-zu begehren, was der zweite als schändlich und ungerecht ihn zu
-verabscheuen nöthigt:
-
-wenn man dieses beides bedenkt, so lässt sich sehr leicht einsehen, wie
-der Mensch, dem die Tugend nicht lieb genug ist, um alles für sie
-aufzuopfern, in dem Gedränge, in welches er bei diesem Widerstreite
-geräth, und in der Wahl, entweder die Befriedigung seiner liebsten
-Neigungen aufzugeben, oder sich selbst für einen ungerechten und
-schändlichen Menschen zu halten, einen Ausweg suchen und ihn darin
-finden werde, dass er sich überrede, sein Vergehen sey so gross noch
-nicht, und er könne demohngeachtet doch noch ein guter Mensch seyn.
-
-Solche Menschen sind nicht einmal stark genug, um ganz Bösewichter zu
-seyn, und begierig, die Lust des Lasters und die Freuden des guten
-Gewissens mit einander zu vereinigen, betrügen sie sich selbst, oder die
-schlechtere Seele in ihnen verfälscht die Aussagen der besseren. Der
-trüglichen Vorspiegelungen, deren sie sich dazu bedienen, sind
-unzählige.
-
-Jetzt überreden sie sich, andere ^Bewegungsgründe^ bei ihren Handlungen
-gehabt zu haben, als sie wirklich hatten, und glauben es sich z. B. im
-Ernste, dass Gerechtigkeits- und Pflichtliebe, oder Wohlthätigkeit sie
-da geleitet habe, wo sie doch ihrer angeborenen Härte oder ihrer
-Eitelkeit fröhnten. -- So waren die, von denen Jesus in unserem
-Evangelium sagt (Cap. 16, 2): sie werden, indem sie euch tödten, Gott
-einen Dienst damit zu thun meinen. -- Eigentlich war wohl beleidigter
-Stolz und Rechthaberei dasjenige, was die verfolgungssüchtigen Juden, so
-wie die Verfolger aller Zeiten und Völker, trieb, nicht aber die
-Begierde, Gott einen Dienst zu thun. Das letztere banden sie sich wohl
-nur so auf; denn es ist sehr zweifelhaft, ob sie, wenn ^sie^ an ihrer
-Seite die Gemarterten, und ^ihre Gegner^ die Marterer gewesen wären,
-unter den Qualen des schmerzlichsten Todes gerufen haben würden: o, was
-für liebe fromme Leute sind doch unsere Mörder! Es ist wahr, dass uns
-der Tod schwer, und die Qualen desselben schmerzhaft ankommen; aber sie
-meinen es dabei doch so herzlich gut, und martern uns aus brennender
-Andacht und sehr thätiger Menschenliebe zu Tode.
-
-Jetzt rechnen sie sich gewisse gute Handlungen, die sie darum thaten,
-weil sie ihnen die wenigste Aufopferung kosteten, so hoch als möglich
-an, und meinen damit alle ihre übrigen Vergehungen zu vergütigen. So
-soll etwa ein schweres Almosen, mit langsamer widerstrebender Hand
-dargereicht, für alle Ausbrüche unreiner Lüste, oder für eine Menge
-schreiender Ungerechtigkeiten genugthun.
-
-Das ist Selbstbetrug in der ^Anwendung^ der Aussprüche unseres Gewissens
-auf ^unsere Handlungen^; ein Betrug, der sich Keinem, dem es ein Ernst
-ist, sich selbst recht kennen zu lernen, lange verbergen kann; denn aus
-ihm entstehen die schreiendsten Widersprüche in den Grundsätzen, wonach
-wir ^uns^, und in denen, wonach wir ^andere^ beurtheilen. Wir wollen
-dann immer die Ausnahme von allen übrigen Menschen seyn, und was für
-alle andere ungerecht ist, soll für uns erlaubt, was bei allen anderen
-höchst zweideutig ist, soll bei uns schön und edel seyn.
-
-Da nun bei einem so groben Selbstbetruge unser Herz immer in der Gefahr
-ist, auf seiner Falschheit ergriffen zu werden; da ferner gewisse
-Handlungen nach allen möglichen Milderungen und Beschönigungen doch noch
-immer ein sehr hässliches Aussehen behalten, so fällt der Mensch aus
-diesem gefährlichen Selbstbetruge leicht in einen noch gefährlicheren:
-er sucht sich nemlich des einzigen höchsten Gesetzes für seine
-Handlungen, seines Gewissens, das ihm so lästig geworden ist, ganz zu
-entledigen, und beruft sich, -- ein Jeder nach Maassgabe seines
-Scharfsinnes -- auf ein anderes: der Schwache auf das Beispiel der
-grösseren, oder der vom Schicksale begünstigteren Menge; der
-Scharfsinnigere geradezu auf seine Neigung, die er statt des zum
-Vorurtheile herabgewürdigten inneren Gefühls durch tausend
-Spitzfindigkeiten als höchstes Gesetz für die freien Handlungen
-vernünftiger Wesen aufzustellen sucht; endlich ganze Zeitalter -- o
-unseligste Ausgeburt des menschlichen Verderbens! -- auf erdichtete oder
-verfälschte Offenbarungen der Gottheit, die, unter der Gewährleistung
-eben des Gottes, der seinen Willen unauslöschlich in unser Herz schrieb,
-diesem in unser Herz geschriebenen Willen geradezu widersprechen und in
-seinem Namen das Laster in Tugend verwandeln. -- Sehet da, m. Br., in
-dem Verderben der Menschen, und in ihrer Begierde, dieses Verderben vor
-sich selbst zu verbergen, die wahre Urquelle Jenes: »andere, die es doch
-besser verstehen sollten, machen es eben so« -- das man so oft hört;
-jener Gebäude von Sittenvorschriften, die jetzt feiner, jetzt gröber
-unsere Neigung als höchstes Sittengesetz aufstellen, und nach denen
-nichts unerlaubt ist, als wozu es uns an Kraft fehlt; jener
-Religionsgrundsätze, die uns dort durch Tausender, hier durch Eines
-fremdes Verdienst -- nicht etwa ^das Fehlende^ eigener Verdienste bei
-dem möglichst thätigen guten Willen -- eine solche Hoffnung bietet die
-Religion, und verstattet die Vernunft Jedem, der ihrer bedarf -- sondern
-den gänzlichen Mangel an eigenem guten Willen ersetzen lehren, und uns
-am Ende eines gemisbrauchten Lebens dort in eine Mönchskutte, und hier
-an ein kaltes: Herr, ich glaube, verweisen!
-
-Dies sind die Wege, die das menschliche Herz nimmt, um sich der
-Erkenntniss der Wahrheit zu entziehen. Um allen diesen Fallstricken, die
-der schlauste Verführer, unser eigenes Ich, uns legt, zu entgehen,
-bedarf es der ^Wahrheitsliebe: -- der entschiedenen vorherrschenden
-Neigung, die Wahrheit _bloss um ihrer selbst willen_ -- sie falle für
-uns auch aus, wie sie wolle -- anzuerkennen^. -- Diese Wahrheitsliebe,
-oder mit Jesu zu reden, dieser Geist der Wahrheit treibt uns fürs erste,
-unser Gewissen als den einzigen Richter über das, was recht oder unrecht
-ist, und als das höchste Gesetz anzuerkennen, dem wir immer und ohne
-Ausnahme zu gehorchen, schlechterdings schuldig sind. -- Die schönste
-Uebersetzung des allgemeinen Ausspruchs dieses Gesetzes ist die, welche
-Jesus gegeben hat: ^Was ihr nicht wollt, dass es euch die Leute thun,
-das thut auch ihr ihnen nicht^, oder allgemeiner: ^was euch an anderen
-ungerecht und schändlich vorkommt, das ists gewiss auch an euch; denn
-ebendieselbe Stimme in euch, die es an andern verdammt, verdammt es auch
-an euch^.
-
-Es ist also der erste und der Hauptgrundsatz der Wahrheitsliebe: ^nichts
-sich für erlaubt zu halten, was man nicht allen anderen stets und immer
-erlauben möchte^. -- Die Vernunftmässigkeit dieses Grundsatzes ist ^so^
-einleuchtend, und es ist ^so^ unvernünftig, zu glauben, dass ein
-Einziger eine Ausnahme vom ganzen Menschengeschlechte und allen
-vernünftigen Wesen machen solle; dass Ihm allein erlaubt seyn solle, was
-er allen anderen nicht erlaubt, und für ihn allein gerecht und edel seyn
-solle, was er an allen anderen ungerecht und schändlich findet: dass es
-schwer wird, es zu glauben, dass der grösste Haufen der Menschen sein
-eigenes geliebtes Ich in diesen Rang setze, und diesem Gedanken gemäss
-handele.
-
-Diese Wahrheitsliebe treibt fürs zweite den, in welchem sie herrschend
-geworden ist, ^sich nach den Vorschriften seines Gewissens unparteiisch
-zu prüfen^. -- Es ist ihm nur um die Wahrheit zu thun; nur sie ist ihm
-werth und willkommen; sie ist ihm weit theurer als Er sich selbst; laute
-sie, wie sie wolle, wenn es nur Wahrheit ist. Er wird also, weit
-entfernt nach Entschuldigungen und Beschönigungen zu haschen, vielmehr
-sehr sorgfältig über sein betrügerisches Herz wachen. Er wird seine
-Fehler nicht geringer, seine Tugenden nicht grösser machen wollen, als
-sie sind. Er wird sich, wenn die Stimme der Wahrheit, -- das heiligste,
-was er kennt -- ihn verurtheilt, dem Schmerze der Reue und dem Gefühle
-der Scham vor sich selbst edelmüthig unterwerfen.
-
-Diese Wahrheitsliebe nun treibt unwiderstehlich zur Tugend. Anerkennt
-man das Gewissen für sein höchstes Gesetz; prüft man sich unparteiisch
-nach demselben, so wird man die Pein, sich selbst verachten zu müssen,
-nicht länger ertragen, sich nicht entschliessen können, sich selbst für
-ungerecht und böse zu halten, und -- es bleiben zu wollen. So ein
-Zustand ist wider die menschliche Natur. Sich für verdorben halten, und
-sich entschliessen, es zu bleiben, ist widernatürlich.
-
-Dieser Wahrheitsgeist zeugt, laut unseres Textes, von Jesu. Er überzeugt
-Jeden, in dem er herrschend geworden, durch eigene Erfahrung, dass die
-Sittenlehre Jesu die reinste Darstellung der Aussprüche unseres
-Gewissens sey. ^So jemand will den Willen thun des, der mich gesandt
-hat, der wird inne werden, ob diese Lehre von Gott sey, oder ob ich von
-mir selber rede^, konnte er mit seinem vollen Rechte sagen.
-
-Doch hört noch, a. Z., die eigenen Worte dieses Jesus über
-Wahrheitsliebe, damit ihr euch noch mehr überzeugt, dass ich euch jetzt
-nicht etwa philosophische Untersuchungen, sondern reine Bibellehre
-vorgetragen habe, die jeden Christen angeht. So sagt Jesus Joh. 3,
-19-21.
-
-^Das ist das Gericht^, d. h. das ist der wesentliche Unterschied, der
-zwei sehr verschiedene Arten von Menschen ihrer Denkungsart, und ihren
-damit genau verbundenen Schicksalen nach unterscheidet, dass einige,
-^obgleich das Licht in die Welt gekommen ist, die Finsterniss mehr
-lieben, als das Licht^, d. h. dass sie, obgleich die Stimme der Wahrheit
-laut genug in ihrem Gewissen redet, und sie auch von aussen aufmerksam
-auf dieselbe gemacht werden, dennoch die Wahrheit nicht anerkennen
-^wollen^, sie hassen und meiden, und nur den Betrug lieben, der ihnen
-schmeichelt, ^da ihre Werke böse sind^. -- ^Wer Arges thut, hasset das
-Licht^, oder die Wahrheit, ^und er kömmt nicht an das Licht^, er weicht
-der Erkenntniss der Wahrheit sorgfältig aus, ^damit seine Werke nicht
-gestraft werden^, damit er nicht von seiner Verdorbenheit überführt, und
-vor sich selbst beschämt werde. -- -- Die von dieser Menschenklasse sehr
-Verschiedenen sind diejenigen, ^welche die Wahrheit thun^, welche ihr
-Gewissen für das höchste Gesetz ihres Verhaltens anerkennen, und fest
-entschlossen sind, der Stimme desselben in allem zu gehorchen: -- ^diese
-kommen an das Licht^, sie mögen sich gern in ihrer wahren Gestalt
-erblicken, ^damit ihre Werke offenbar werden^, und sie dadurch sich
-selbst kennen lernen, wie weit sie in der Tugend gekommen sind, und was
-ihnen zu thun noch übrig ist.
-
-Dieser Geist der Wahrheit ^geht^, nach den Worten Jesu in unserem Texte,
-^vom Vater aus^; er ist ein Geschenk der Gottheit, von welcher alle gute
-Gaben kommen, und das Edelste, was sie der Menschheit gab. Aber Gott gab
-dieses Geschenk nicht etwa nur einigen, und versagte es anderen, er gab
-die Anlage dazu allen; gab sie gewiss auch Jedem, der hier gegenwärtig
-ist. -- -- O, m. Br., warum kann ich nicht mit Jedem unter euch in die
-geheime Geschichte seines Herzens zurückgehen; warum kann ich nicht
-Jedem, Schritt vor Schritt, die Vorfälle aufzählen, bei denen die
-bessere Seele in ihm lauter wurde? --
-
-Denkt zurück an die innige Bewegung, mit der die meisten unter euch das
-erste Mal beim Nachtmahle erschienen; an die Thränen der Rührung, mit
-denen ihr damals vor den Augen Gottes und den Augen der Gemeine
-angelobtet, der Stimme eures Gewissens stets zu gehorchen; an die
-ernsthaften Vorsätze der Besserung, mit denen ihr diese Handlung oft
-wiederholt habt; an die noch ernsthafteren Vorsätze, die ihr fasstet,
-wenn Krankheit oder eine andere Noth euch veranlasste, einen Blick in
-euer Innerstes zu thun; an den Schauder und das Herzklopfen, das auch
-den Verdorbensten unter uns übermannte, wenn er eine Sünde thun wollte,
-die ihm neu und grösser war, als seine vorhergehenden; an das Entsetzen,
-das uns alle befällt, wenn wir von einer harten Ungerechtigkeit, von
-einer grossen Schandthat hören -- alles das waren und sind Spuren dieser
-besseren Seele in uns.
-
-Und nun ist es unsere Sache, uns zu prüfen, wie viel von dieser
-ursprünglichen Wahrheitsliebe wir in uns übriggelassen haben. Und diese
-Prüfung, m. Br., ist nicht schwer; auf der Stelle können wir unser Herz
-auf dem Betruge ergreifen, wenn es uns betrügt.
-
-Der gemeinste Begriff, den selbst der unausgebildetste von seiner
-Bestimmung hat, ist der, ^Gott zu gefallen und in den Himmel zu kommen^.
-Wer ist unter uns, der das nicht hoffe? Worauf gründen wir nun diese
-Hoffnung, -- nicht von ^Gottes^ Seite, davon ist hier nicht die Rede, --
-sondern von ^der unsrigen^, oder, was denken ^wir^ zu thun, um in den
-Himmel zu kommen? Tröstet ihr euch etwa eures Kirchen- und eures
-Nachtmahlsgehens -- oder wohl gar einer kalten Reue, die ihr einst auf
-eurem Sterbebette empfinden wollt -- tröstet ihr euch irgend eines
-Dinges, ausser der gewissenhaften Erfüllung aller eurer Pflichten, und
-des ernstesten Entschlusses nichts zu thun, was ihr für unrecht haltet:
-so hat euch bisher euer Herz betrogen, denn es hat euch an ein ander
-Gesetz angewiesen, als an euer Gewissen.
-
-Ihr habt alle irgend ein Vorhaben; ihr habt vielleicht ohnlängst irgend
-ein anderes ausgeführt. -- Könnt ihr im Ernste wünschen, dass jeder
-eurer Nebenmenschen stets und immer so handle, dass er auch gegen euch
-so handle, wie ihr gehandelt habt, oder zu handeln im Begriffe steht;
-könnt ihr wünschen, in einer Welt zu leben, wo jeder so handelt? Solltet
-ihr dieses nicht wünschen können, -- haltet ihr demohngeachtet eure
-Handlung noch für gerecht und billig? Haltet ihr sie dafür, so seyd
-versichert, dass euer Herz euch betrügt, und dass die Entschuldigungen,
-die es euch darbietet, eitel Täuschungen sind.
-
-Es ist, wenn wir in dieser Prüfung unser Herz nicht ganz lauter befunden
-haben sollten, nun unsere Sache, zu sehen, wie wir diese Wahrheitsliebe
-in uns wieder herstellen wollen, -- wenn wir anders nicht länger jeden
-Blick, den wir in unseren Busen werfen, mit Erröthen wieder
-zurückreissen wollen; nicht länger von dem Auge des ehrlichen Mannes uns
-gedrückt fühlen, und schüchtern suchen wollen, unser Herz vor ihm zu
-verbergen, dass er nicht durch irgend eine Spalte desselben unsere
-Schande entdecke; nicht länger dem Gedanken an Gott, den
-Herzenskündiger, und an die Zukunft, mit Angst ausweichen wollen.
-
-Dazu giebt es nun leider kein Mittel, was nicht wenigstens einen Theil
-dieser Wahrheitsliebe voraussetzte, die dadurch erst hervorgebracht
-werden soll. Wer gar keine mehr hat, der ist ohne Rettung verloren;
-treibt ihn in die Enge, soviel ihr wollt, -- er wird stets recht haben,
-und nie wird es ihm an Entschuldigungen und Ausflüchten fehlen; er wird,
-wie Jesus sagt, nicht glauben, und wenn die Todten auferständen, und ihm
-die Wahrheit predigten; daher denn auch die Gottesgelehrten diesen
-Zustand sehr passend das ^Gericht der Verstockung^ genannt haben. --
-Aber sollte es viele, sollte es überhaupt Menschen geben, die ^so^ tief
-verfallen seyen? Auf das verdorbenste Herz geschehen zuweilen noch gute
-Eindrücke; wenn ihnen ihr ganzer trauriger Zustand recht nach dem Leben
-vor Augen gemalt wird; oder, wenn sie in ein grosses Unglück verfallen,
-aus dem sie mit ihrer ganzen Kraft sich nicht retten können; oder wenn
-sie das Schauspiel einer grossen Unthat erblicken, und sich gestehen
-müssen, dass sie auf dem geraden Wege zu dem gleichen Verbrechen sind;
-oder, welches das letzte und härteste Rettungsmittel in der Hand der
-Vorsehung ist, -- wenn sie selbst in eine grosse Missethat fallen, über
-die sie hinterher sich selbst entsetzen.
-
-Gott gebe, dass keiner in unserer Mitte sey, der solcher Mittel bedürfe;
-er gebe, dass keiner, der ihrer bedarf, auch diese ungenützt lasse.
-Amen.
-
-
-
-
- C.
- Ueber Geist und Buchstab in der Philosophie. In einer Reihe
- von Briefen. 1794.[32]
-
-
- (Phil. Journal 1798. Bd. IX. S. 199-232. S. 292-305.)
-
-
- Erster Brief.
-
-Sie haben Ihre Erwartungen von der Philosophie noch nicht aufgegeben,
-mein theurer Freund; Sie fahren fort, an unseren Bemühungen um dieselbe
-Antheil zu nehmen, und füllen noch immer einen Theil Ihrer
-Erholungsstunden mit philosophischer Lectüre. Aber, so schreiben Sie
-mir, der Nachbar dürfte fast durch die Vorstellung einer neuen Gefahr
-Sie beunruhigen. Ihn macht der Unterschied bedenklich, den ein oder zwei
-neuere Schriftsteller zwischen Geist und Buchstaben in der Philosophie
-überhaupt, und insbesondere einer gewissen Philosophie und gewisser
-philosophischer Werke gemacht haben. Wo es hinauswolle, und was aus dem
-unermüdetsten Studiren werden könne, wenn es dem ersten dem besten
-erlaubt seyn solle, die mit saurer Mühe zusammengebrachten Kenntnisse im
-ersten Andrange des Kraftgenies zu streichen: unter dem Vorwande, dass
-dies doch nur der Buchstabe sey, und nicht der Geist? -- Der Nachbar
-denkt auf Sicherheit, und Sie wünschen eine klare Einsicht in die
-Beruhigungsgründe, die Sie schon jetzt dunkel fühlen. Sie haben bemerkt,
-dass ich auch mit für diese Unterscheidung stimme, und verlangen von mir
-eine gründliche und gemeinfassliche Auseinandersetzung: was Geist ^der^
-Philosophie, und Geist ^in^ der Philosophie heisse, und wie sich
-derselbe vom Buchstaben, und vom blossen Buchstaben unterscheide.
-
-[Fußnote 32: Die folgenden drei Briefe, deren Fortsetzung in einem der
-künftigen Hefte erscheinen wird, sind schon vor vier Jahren abgefasst
-worden. -- Ich erinnere dies, um das Stillschweigen über neuere Vorfälle
-und Aeusserungen, an die man durch diese Ueberschrift erinnert wird, zu
-erklären.
-
- (Anm. des Verfassers.)]
-
-Ich hoffe, dass Sie durch die Forderung der Gründlichkeit mich nicht
-über Vermögen verpflichten wollen: dass Sie durch dieselbe nicht mehr
-andeuten, als dass ich nach bestem Wissen und Gewissen, soweit ich
-selbst auf den Grund sehe, jenen Unterschied aus ihm ableite. Das würde
-denn auch in der Kürze geschehen können, wenn ich alles, was die
-unmittelbare Beantwortung Ihrer Frage voraussetzt, voraussetzen dürfte.
-Da dies aber Ihre Rechnung nicht zu seyn scheint, indem Sie zugleich
-Gemeinfasslichkeit fordern, so muss ich Sie einen längeren Weg führen,
-von welchem ich wünsche, dass er Ihnen nie als ein Umweg erscheinen
-möge. Sie sollen auf demselben langsam gehen, und zuweilen ruhen und
-Aussicht nehmen; aber mit ein wenig Geduld hoffe ich Sie an das Ziel zu
-bringen und ihre Besorgnisse zu heben. -- Was die Belehrung des Nachbars
-anbelangt -- doch, die Erfahrung, die Sie dabei zu machen haben, kann
-wenigstens für Sie selbst belehrend seyn.
-
-Ehe ich Ihnen deutlich machen kann, was ich unter Geist in der
-Philosophie verstehe, müssen wir uns darüber vereinigen, was wir
-überhaupt Geist nennen.
-
-Sie erinnern sich der Klagen, die Sie führten, als Sie ein gewisses, von
-einigen hochgepriesenes Buch lasen. Sie konnten sich in dasselbe nicht
-hineinlesen. Sie hatten es vor sich und Ihre Augen fest darauf geheftet;
-aber Sie fanden, so oft Sie auf sich selbst reflectirten, sich weit von
-dem Buche; jeder Ihrer Angriffe auf den Inhalt und den Gang desselben
-gleitete ab, und so oft auch Sie den spröden Geist desselben ergriffen
-zu haben glaubten, entschlüpfte er Ihnen unter den Händen. Sie hatten
-nöthig, immer und immer wieder sich selbst zu erinnern, dass Sie dieses
-Buch studiren wollten, es studiren müssten; und es bedurfte der oft
-wiederholten Vorstellung des Nutzens und der Belehrung, die Sie daraus
-erwarteten, um den fortdauernden Widerstand auszuhalten; bis Sie endlich
-aus anderen Gründen überzeugt wurden, dass Sie es ebensowohl ungelesen
-lassen könnten, und dass selbst die Ausbeute nur geringe und der
-aufgewandten Mühe nicht werth seyn werde. -- Lag dabei die Schuld
-lediglich an Ihnen, an Ihrem Mangel an Aufmerksamkeit, an dem
-Nichtverhältnisse Ihres Talents gegen die Tiefe und Gründlichkeit jenes
-Buches? Sie schienen das nicht zu glauben; die Stimmung, in der Sie sich
-bei der Lectüre anderer, nicht minder gründlicher Schriften fanden,
-erlaubte Ihnen, eine günstigere Meinung von sich zu fassen. Sie fühlten
-von diesen sich angezogen und gefesselt; es bedurfte keiner Erinnerung
-an Ihren Vorsatz, das Buch zu studiren, und an den Vortheil, den Sie
-sich aus dem Studium desselben versprachen. Sie brauchten bei einer
-Lectüre, die allein Ihren ganzen Geist ausfüllte, keinen Zweck
-ausserhalb derselben aufzusuchen, und nur das kostete Ihnen Mühe, sich
-davon loszureissen, wenn andere Geschäfte Sie abriefen. Sie waren
-vielleicht mehrmals in einem ähnlichen Falle, wie eine gewisse
-französische Frau. Die Stunde, da der Hofball eröffnet wurde, traf
-dieselbe bei der Lectüre der neuen Heloise. Man meldete ihr, dass
-angespannt sey; aber es war noch zu früh, nach Hofe zu fahren. Nach zwei
-Stunden, da man sie wieder erinnerte, war es noch immer Zeit genug; und
-zwei Stunden darauf fand sie es zu spät. Sie las die ganze Nacht durch,
-und opferte für dieses Mal den Ball auf.
-
-So gehts mit Büchern, so geht es mit anderen Producten der Kunst sowohl,
-als der Natur. Das eine lässt uns kalt und ohne Interesse, oder stösst
-uns wohl gar zurück; ein anderes zieht uns an, ladet uns ein, bei seiner
-Betrachtung zu verweilen und uns selbst in ihm zu vergessen.
-
-Diese Erfahrung ist um so merkwürdiger, da die Gründe, aus denen man sie
-etwa auf den ersten Anblick dürfte erklären wollen, nicht auslangen. Der
-weniger ernsthafte und oberflächliche Leser, der nur Vergnügen sucht,
-und an den die Belehrung fast nur durch einen feinen Betrug unter der
-Gestalt des ersten gelangen kann, mag im ganzen freilich lieber durch
-Erzählungen unterhalten seyn, als mit dem Schriftsteller nachdenken und
-forschen. Aber oft gelingt es der reichsten Erzählung, wo Begebenheiten
-auf Begebenheiten folgen, die eine immer abenteuerlicher als die andere,
-nicht, die Aufmerksamkeit des Lesers anzuziehen; und es giebt ihrer in
-Menge, die, ohne alle Rücksicht auf Belehrung, lieber mit Voltaire
-räsonniren, oder mit Lessing polemisiren, als die Begebenheiten der
-schwedischen Gräfin sich erzählen lassen. Es scheint daher allerdings
-der Mühe werth, und liegt vielleicht auf unserem Wege, zu untersuchen:
-was es doch eigentlich seyn möge, das uns hier, es sey zu Frivolitäten
-oder zu ernsthaften und wichtigen Untersuchungen, so mächtig hinzieht;
-dort, so wichtig und nützlich auch der abgehandelte Gegenstand sey, so
-unwiderstehlich zurückstösst?
-
-So viel ist klar, dass ein Werk der erstern Art unsern Sinn selbst für
-seinen Gegenstand anregen, beleben, stärken möge; dass ein solches Werk
-uns nicht bloss das Object unserer geistigen Beschäftigung, sondern
-zugleich das Talent gebe, uns mit demselben zu beschäftigen, uns nicht
-das Geschenk allein, sondern sogar die Hand darreiche, mit der wir es
-ergreifen sollen; dass es das Schauspiel und die Zuschauer zugleich
-erschaffe, und, wie die Lebenskraft im Weltall, mit demselben Hauche der
-todten Materie Bewegung und Organisation, und der organisirten geistiges
-Leben mittheile: da hingegen ein Product von der letztern Klasse gerade
-denjenigen Sinn, dessen man zu seinem Genusse bedürfte, aufhält und
-hemmt, und durch den fortdauernden Widerstand ermüdet und tödtet; so
-dass der in jedem Augenblicke abgelaufene Mechanismus des Geistes durch
-einen neuen Druck der Haupttriebfeder in ihm, der absoluten
-Selbstthätigkeit, wieder hergestellt werden muss, um im nächsten
-Augenblicke wieder unterbrochen zu werden. Im ersten Falle denkt unser
-Verstand, oder dichtet unsere Einbildungskraft von selbst mit dem
-Künstler zugleich, und sowie er es will, ohne dass wir ihr gebieten; die
-gehörigen Begriffe, oder die beabsichtigten Gestalten bilden und ordnen
-sich vor unserem geistigen Auge, ohne dass wir die Hand daran gelegt zu
-haben glauben. Im zweiten Falle müssen wir immer über uns selbst wachen
-und uns in strenger Aufsicht haben, stets das Gebot der Aufmerksamkeit
-wiederholen und über seine Beobachtung halten. Wie wir unser geistiges
-Auge wegwenden, entfleucht unsere Aufmerksamkeit vom Ziele, die
-unbewachte Phantasie sucht wieder ihre gewohnte Bahn, oder auch der
-Geist fällt in sein dumpfes Hinbrüten zurück. Mit einem Worte: Producte
-der erstern Art scheinen eine belebende Kraft zu haben für den innern
-Sinn, und insbesondere jedesmal für denjenigen besonderen Sinn, für den
-ihre Auffassung gehört; Producte der letztern Art mögen Ordnung und
-Gründlichkeit und Nutzbarkeit, sie mögen alles haben, was man will, jene
-Kraft haben sie nicht.
-
-Wir nennen diese belebende Kraft an einem Kunstproducte Geist, den
-Mangel derselben Geistlosigkeit, und stehen sonach gerade vor dem
-Gegenstande, welchen wir zu untersuchen haben.
-
-Wie erhält ein menschliches Product jene belebende Kraft, und woher hat
-der geistvolle Künstler das Geheimniss, sie ihm einzuhauchen? Mit
-angenehmem Befremden entdecke ich bei Betrachtung seines Werkes Anlagen
-und Talente in mir, die ich selbst nicht kannte. Hat er auf diese
-Anlagen in mir die Wirkung seiner Kunst berechnet? Ohne Zweifel; denn
-woher sonst dieser Erfolg? Aber wer hat ihm mein Inneres aufgedeckt, in
-welchem ich selbst ein Fremdling war? Wenn er noch allenfalls durch hohe
-Vorstellungen aus der Religion mich in überirdische Welten erhöbe, oder
-durch die Schrecken des Weltgerichts erschütterte, oder durch die Leiden
-der sanftduldenden Unschuld mir Thränen entlockte, möchte es seyn;
-unerachtet es noch immer wunderbar bliebe, wie er es dahin bringt, dass
-ich auf seine Dichtungen, die ich für nichts als Dichtungen halte, mich
-nur einlasse und ihnen Empfindungen widme, die nur zu wahr sind. Aber
-mit der gleichen Zuversicht schildert sein Griffel einen ländlichen
-Tanz, wirft sein Pinsel eine Feldblume auf die Leinwand, und mein Herz
-ist immer seine gewisse Beute. Wo liegt der unbegreifliche Zusammenhang
-dieser Mittel mit jenem Zwecke, und durch welche Kunst hat er errathen,
-was durch kein Nachdenken sich dürfte finden lassen?
-
-
- Zweiter Brief.
-
-Sie nehmen die am Ende meines vorigen Briefes hingeworfene Frage auf,
-und beantworten sie folgendermaassen:
-
-»Nirgends als in der Tiefe seiner eigenen Brust kann der geistvolle
-Künstler aufgefunden haben, was meinen und Aller Augen verborgen in der
-meinigen liegt. Er rechnet auf die Uebereinstimmung anderer mit ihm; und
-rechnet richtig. Wir sehen, dass unter seinem Einflusse die Menge, wenn
-sie nur ein wenig gebildet ist, wirklich in Eine Seele zusammenfliesst,
-dass alle individuelle Unterschiede der Sinnesart verschwinden, dass die
-gleiche Furcht, oder das gleiche Mitleid, oder das gleiche geistige
-Vergnügen Aller Herzen hebt und bewegt. Er muss demnach, inwiefern er
-Künstler ist, dasjenige, was allen gebildeten Seelen gemein ist, in sich
-haben, und anstatt des individuellen Sinnes, der uns andere trennt und
-unterscheidet, muss in der Stunde der Begeisterung gleichsam der
-Universalsinn der gesammten Menschheit, und nur dieser, in ihm wohnen.
--- Wir alle sind auf mannigfaltige Weise von einander verschieden; kein
-Einzelner ist irgend einem andern Einzelnen, dem Geistescharakter so
-wenig, als dem körperlichen nach, vollkommen gleich.«
-
-»Dennoch müssen wir alle, näher oder entfernter, nach Maassgabe der
-Gleichförmigkeit oder der Verschiedenheit unserer Ausbildung, schon auf
-der Oberfläche unseres Geistes, oder in seinen geheimeren Tiefen gewisse
-Vereinigungspuncte haben; denn wir verstehen uns, wir können uns
-einander mittheilen, und aller menschliche Umgang ist von Anbeginn an
-nichts anderes gewesen, als ein ununterbrochener Wechselkampf aller
-Einzelnen, jeden Einzelnen, mit dem sie im Gange des Lebens
-Berührungspuncte bekamen, mit sich selbst übereinstimmig zu machen. Was
-keinem so leicht, und keinem ganz gelingt, gelingt dem Künstler, indem
-er das Ziel verändert, und es aufgiebt, seine Individualität in andern
-darzustellen; vielmehr diese selbst aufopfert, und statt ihrer jene
-Vereinigungspuncte, die in allen Einzelnen sich wiederfinden, zum
-individuellen Charakter seines Geistes und seines Werkes macht. Daher
-heisst das, was ihn begeistert, Genius, und hoher Genius: ein Wesen aus
-einer höheren Sphäre, in welcher alle niedere und irdische Grenzlinien,
-die den individuellen Charakter der Erdenmenschen bestimmen, nicht mehr
-unterschieden werden und in einen leichten Nebel zusammenfliessen.«
-
-»Da die Mittel, deren er sich bedient, um jenen Gemeinsinn in uns
-anzuregen und zu beschäftigen, und die Individualität, so lange er uns
-unter seinem Einflusse hält, verstummen zu machen, -- da diese Mittel
-und ihr nothwendiger Zusammenhang mit der Wirkung durch kein Nachdenken,
-durch keine Beziehung auf ihren Zweck durch Begriffe, so leicht dürften
-aufgefunden werden, wenigstens alle bisherigen Bemühungen, sie auf diese
-Art aufzufinden, gescheitert sind: so kann er nur durch Erfahrung, durch
-eigene innere Erfahrung an sich selbst, zur Kenntniss derselben gelangt
-seyn. Er hat einst selbst empfunden, was er uns nachempfinden lässt, und
-dieselben Gestalten, die er jetzt vor unser Auge hinzaubert, --
-ununtersucht, auf welchem Wege sie vor das seinige kamen, -- haben ihn
-einst selbst in jene süsse Trunkenheit, in jenen holden Wahnsinn
-eingewiegt, der uns alle bei seinem Gesange, oder vor seiner belebten
-Leinwand, oder bei dem Tone seiner Flöte ergreift. Er ist wieder zur
-kalten Besonnenheit gekommen, und stellt mit nüchterner Kunst dar, was
-er in der Entzückung erblickte, um in seine Verirrung, deren geliebtes
-Andenken ihn noch mit sanfter Rührung erfüllt, das ganze Geschlecht
-hineinzuziehen, und die Schuld, welche die Einrichtung seiner Gattung
-auf ihn lud, unter die ganze Gattung zu vertheilen. Wo gebildete
-Menschen wohnen, wird bis an das Ende der Tage das Andenken seiner
-längst erloschenen Begeisterung durch ihre Wiederholung gefeiert
-werden.«
-
-So lösen Sie die vorgelegte Aufgabe; und ich glaube, Sie haben recht.
-Aber erlauben Sie, dass wir gemeinschaftlich uns Ihre Meinung weiter
-aufklären, sie in ihre feineren Bestandtheile zerlegen, sie aus ihren
-Gründen entwickeln, um uns etwas Bestimmtes zu denken unter jenem
-Universalsinne, den Sie Ihrer Erklärung zum Grunde legen; um klar
-einzusehen, wie jener Eindruck entstehe, den sie auf diesen Sinn in der
-Seele des Künstlers geschehen lassen; um zu begreifen, so gut es sich
-begreifen lässt, warum sich derselbe so leicht und so allgemein
-mittheile.
-
-Vollkommen unabhängig von aller äusseren Erfahrung, und ohne alles
-fremde Hinzuthun soll der Künstler aus der Tiefe seines eigenen Gemüthes
-entwickeln, was, Aller Augen verborgen, in der menschlichen Seele liegt;
-er soll nur unter Anleitung seines Divinationsvermögens
-Vereinigungspuncte für die gesammte Menschheit aufstellen, die sich in
-keiner bisherigen Erfahrung als solche bewährt haben. Aber das einzige
-Unabhängige und aller Bestimmung von aussen völlig Unfähige im Menschen
-nennen wir den Trieb. Dieser, und dieser allein ist das höchste und
-einzige Princip der Selbstthätigkeit in uns; er allein ist es, der uns
-zu selbstständigen, beobachtenden und handelnden Wesen macht. -- So weit
-der Einfluss der äusseren Dinge auf uns sich auch immer erstrecken möge,
-so erstreckt er sicher sich doch nicht so weit, dass er dasjenige in uns
-hervorbringe, was jene selbst nicht haben, und dass in ihrer Einwirkung
-gerade das Gegentheil von demjenigen liege, was in ihnen selbst, als in
-der Ursache, enthalten ist. Die Selbstthätigkeit im Menschen, die seinen
-Charakter ausmacht, ihn von der gesammten Natur unterscheidet und
-ausserhalb ihrer Grenzen setzt, muss sich auf etwas ihm Eigenthümliches
-gründen; und dieses Eigenthümliche eben ist der Trieb. Durch seinen
-Trieb ist der Mensch überhaupt Mensch, und von der grössern oder
-geringern Kraft und Wirksamkeit des Triebes, des innern Lebens und
-Strebens, hängt es ab, was für ein Mensch jeder ist.
-
-Lediglich durch den Trieb ist der Mensch vorstellendes Wesen. Könnten
-wir ihm auch, wie einige Philosophen wollen, den Stoff seiner
-Vorstellung durch die Objecte geben, die Bilder durch die Dinge von
-allen Seiten her ihm zuströmen lassen: so bedürfte es doch immer der
-Selbstthätigkeit, um dieselben aufzufassen und sie auszubilden zu einer
-Vorstellung, dergleichen die leblosen Geschöpfe im Raume um uns herum,
-denen die durch das ganze Weltall herumschweifenden Bilder so wohl als
-uns zuströmen müssen, nicht besitzen. Es bedarf dieser Selbstthätigkeit,
-um diese Vorstellungen nach willkürlichen Gesichtspuncten zu ordnen:
-jetzt die äussere Gestalt einer Pflanze zu betrachten, um sie
-wiederzuerkennen und von allen ähnlichen zu unterscheiden; jetzt den
-Gesetzen nachzuspüren, nach denen die Natur diese Bildung bewirkt haben
-mag; jetzt zu untersuchen, wie man jene Pflanze etwa zur Speise, oder
-zur Kleidung, oder zur Arznei gebrauchen könne. Es bedarf der
-Selbstthätigkeit, um unsere Erkenntniss von den Gegenständen
-unaufhörlich zu steigern und zu erweitern; und lediglich durch sie wird
-derselbe Stern für den Astronomen ein grosser, fester, in unermesslicher
-Entfernung nach unverbrüchlichen Gesetzen sich bewegender Weltkörper,
-der für den unbelehrten Naturmenschen immerfort ein Lämpchen bleibt, bei
-dessen Scheine er sein Ackergeräth zusammensuche.
-
-Inwiefern der Trieb solchergestalt auf Erzeugung einer Erkenntniss
-ausgeht, in welcher Rücksicht wir ihn auch um der Deutlichkeit und der
-Kürze willen den Erkenntnisstrieb nennen können, gleichsam, als ob er
-ein besonderer ^Grundtrieb^ wäre -- welches er doch nicht ist; sondern
-er und alle besonderen Triebe und Kräfte, die wir noch so nennen
-dürften, sind lediglich besondere Anwendungen der einzigen untheilbaren
-Grundkraft im Menschen, und man hat sich sorgfältig zu hüten,
-dergleichen Ausdrücke in dieser oder in irgend einer philosophischen
-Schrift anders, als so zu deuten; -- der Erkenntnisstrieb demnach wird
-in gewissem Maasse immer befriedigt; in jedem Menschen sind
-Erkenntnisse, und ohne sie wäre er kein Mensch, sondern etwas anderes.
-Dieser Trieb äussert also im allgemeinen sich durch seine Wirkung; von
-dieser schliessen wir auf die Ursache im selbstthätigen Subject zurück,
-und lediglich auf diese Weise gelangen wir sowohl zur Idee vom Daseyn
-jenes Triebes, als zur Erkenntniss seiner Gesetze.
-
-Nicht immer befriedigt wird der Trieb, inwiefern er nicht auf blosse
-Erkenntniss des Dinges, wie es ist, sondern auf Bestimmung, Veränderung
-und Ausbildung desselben, wie es seyn sollte, ausgeht, und praktisch
-heisst; dieses in engster Bedeutung, denn der Strenge nach ist aller
-Trieb praktisch, da er zur Selbstthätigkeit treibt, und in diesem Sinne
-gründet alles im Menschen sich auf den praktischen Trieb, da nichts in
-ihm ist, ausser durch Selbstthätigkeit: -- oder, inwiefern er ausgeht
-auf eine gewisse bestimmte Vorstellung, bloss um der Vorstellung willen,
-keinesweges aber um eines Dinges willen, das ihr entspreche, oder auch
-nur um der Erkenntniss dieses Dinges willen; welchen letzteren Trieb, da
-er in seiner Allgemeinheit noch keinen Namen hat, wir vorläufig so
-bezeichnen wollen, wie man bisher einen Zweig desselben bezeichnet hat,
-und ihn den ästhetischen nennen. Es ist klar, dass man zur Kenntniss
-dieser Triebe nicht auf dem gleichen Wege, wie zu der des
-Erkenntnisstriebes, durch eine Folgerung von der Wirkung auf die
-Ursache, gelangen könne; und es fragt sich demnach, wie man zu derselben
-gelangt sey. Aber ehe wir diese Frage beantworten, lassen Sie uns die
-soeben aufgestellten Triebe noch ein wenig schärfer unterscheiden.
-
-Der Erkenntnisstrieb zielt ab auf Erkenntniss, als solche, um der
-Erkenntniss willen. Ueber das Wesen, die äusseren oder inneren
-Beschaffenheiten des Dinges lässt er uns völlig uninteressirt; unter
-seiner Leitung wollen wir nichts, als wissen, welches diese
-Beschaffenheiten sind: wir wissen es und sind befriedigt. Auf seinem
-Gebiete hat die Vorstellung keinen andern Werth und kein anderes
-Verdienst, als das, dass sie der Sache vollkommen angemessen sey. Der
-praktische Trieb geht auf die Beschaffenheit des Dinges selbst, um
-seiner Beschaffenheit willen. Wir kennen dieselbe, wenn eine Anregung
-jenes Triebes eintritt, nur zu wohl; aber wir sind mit ihr nicht
-zufrieden: sie sollte anders und auf eine gewisse bestimmte Art anders
-seyn. Im erstern Falle wird ein durch sich selbst und ohne alles unser
-Zuthun vollständig bestimmtes Ding vorausgesetzt, und der Trieb geht
-darauf, es mit diesen Bestimmungen, und schlechterdings mit keinen
-andern, in unserem Geiste durch freie Selbstthätigkeit nachzubilden. Im
-zweiten Falle liegt eine, nicht nur ihrem Daseyn, sondern auch ihrem
-Inhalte nach durch freie Selbstthätigkeit erschaffene Vorstellung in der
-Seele zum Grunde, und der Trieb geht darauf aus, ein ihr entsprechendes
-Product in der Sinnenwelt hervorzubringen. In beiden Fällen geht der
-Trieb weder auf die Vorstellung allein, noch auf das Ding allein,
-sondern auf eine Harmonie zwischen beiden; nur dass im ersten Falle die
-Vorstellung sich nach dem Dinge, und im zweiten das Ding sich nach der
-Vorstellung richten soll. Ganz anders verhält es sich mit dem Triebe,
-den wir soeben den ästhetischen nannten. Er zielt auf eine Vorstellung,
-und auf eine bestimmte Vorstellung, lediglich um ihrer Bestimmung und um
-ihrer Bestimmung als blosser Vorstellung willen. Auf dem Gebiete dieses
-Triebes ist die Vorstellung ihr eigner Zweck: sie entlehnt ihren Werth
-nicht von ihrer Uebereinstimmung mit dem Gegenstande, auf welchen
-hierbei nicht gesehen wird, sondern sie hat ihn in sich selbst; es wird
-nicht nach dem Abgebildeten, sondern nach der freien unabhängigen Form
-des Bildes selbst gefragt. Ohne alle Wechselbestimmung mit einem Objecte
-steht eine solche Vorstellung isolirt, als letztes Ziel des Triebes, da,
-und wird auf kein Ding bezogen, nach welchem sie, oder welches nach ihr
-sich richte. Wie der praktischen Bestimmung eine Vorstellung zum Grunde
-liegt, die selbst ihrem Gehalte nach durch absolute Selbstthätigkeit
-entworfen ist, so liegt der ästhetischen Bestimmung eine auf die gleiche
-Weise entworfene Vorstellung zum Grunde; nur mit dem Unterschiede, dass
-der letztern, nicht so wie der erstern, etwas Entsprechendes in der
-Sinnenwelt gegeben werden soll. Wie der Erkenntnisstrieb eine
-Vorstellung zu seinem letzten Ziele hat, und befriedigt ist, nachdem
-diese gebildet worden, so der ästhetische; nur mit dem Unterschiede,
-dass die Vorstellung der ersteren Art mit dem Dinge übereinkommen, die
-der letztern Art mit gar nichts übereinkommen soll. -- Es ist möglich,
-dass eine Darstellung des ästhetischen Bildes in der Sinnenwelt
-gefordert werde; aber das geschieht nicht durch den ästhetischen Trieb,
-dessen Geschäft mit der blossen Entwerfung des Bildes in der Seele
-vollkommen geschlossen ist, sondern durch den praktischen, der dann aus
-irgend einem Grunde in die Reihenfolge der Vorstellungen eingreift, und
-einen möglichen äusserlichen und fremden Zweck jener Nachbildung in der
-Wirklichkeit aufstellt. So kann es gleichfalls geschehen, dass die
-Vorstellung eines wirklich vorhandenen Gegenstandes dem ästhetischen
-Triebe vollkommen angemessen sey; nur bezieht sich die dann eintretende
-Befriedigung dieses Triebes schlechterdings nicht auf die äussere
-Wahrheit der Vorstellung; das entworfene Bild würde nicht minder
-gefallen, wenn es leer wäre, und es gefällt nicht mehr, weil es
-zufälligerweise zugleich Erkenntniss enthält. -- So musste es denn auch
-seyn -- woran ich Sie hier nur im Vorbeigehen erinnere, und um mich noch
-deutlicher zu machen, nicht aber um daraus vorläufig weiter zu folgern
--- so musste es denn auch seyn, wenn beide unverträgliche Triebe, der,
-die Dinge zu lassen, wie sie sind, und der, sie überall und ins
-Unendliche hinaus umzuschaffen, sich vereinigen und einen einzigen
-untheilbaren Menschen darstellen sollten, nach unserer gegenwärtigen
-Ansicht der Sache; oder auch nach unserer obigen Weise sie anzusehen,
-welche der Strenge nach die einzig richtige ist, -- wenn beide Triebe
-Ein und ebenderselbe Trieb seyn, und nur die Bedingungen seiner
-Aeusserung verschieden seyn sollten. Der Trieb konnte nicht auf die
-Vorstellung des Dinges gehen, ohne überhaupt auf die Vorstellung um
-ihrer selbst willen zu gehen, und ebenso unmöglich war ein Trieb, auf
-das Ding selbst einzuwirken und es umzuarbeiten, nach einer Vorstellung,
-die ausser aller Erfahrung, und über alle mögliche Erfahrung
-hinausliegen sollte, wenn es nicht überhaupt Trieb und Vermögen gab,
-unabhängig von der wirklichen Beschaffenheit der Dinge Vorstellungen zu
-entwerfen.
-
-Wie mögen nun diese beiden zuletzt genannten Triebe sich äussern, wenn
-der ästhetische Trieb gar nicht, der praktische wenigstens nicht immer
-Handlungen hervorbringt, in denen sie der Beobachtung dargestellt
-würden? Auch dann noch bleibt folgendes Mittel übrig, um ihnen auf die
-Spur zu kommen. Da der Trieb, so wie sein Wirken im Menschen eintritt
-und überwiegend wird, die gesammte Selbstthätigkeit desselben anregen
-und aufreizen, und dieselbe auf etwas Bestimmtes, es sey nun ein Ding
-ausser ihm, oder eine Vorstellung in ihm, gänzlich hinrichten soll: so
-muss nothwendig die zufällige Harmonie des Gegebenen mit jener Richtung
-des Selbstthätigen, in einem fühlenden Wesen, wie der Mensch doch wohl
-seyn soll, sich durch ein überwiegendes Gefühl seiner selbst, seiner
-Kraft und Ausbreitung, welches man ein Gefühl der Lust nennt; die
-zufällige Disharmonie des Gegebenen mit jener Richtung sich durch ein
-ebenso überwiegendes Gefühl seiner Ohnmacht und Einengung offenbaren,
-welches letztere man ein Gefühl der Unlust nennt. So denken wir uns im
-Magnete eine Kraft, und als Grund dieser Kraft einen Trieb, alles Eisen
-anzuziehen, das in seine Wirkungssphäre kommt. Lassen wir ihn wirklich
-ein Stück Eisen anziehen -- sein Trieb äussert sich, er ist befriedigt,
-und geben wir dem Magnete das Gefühlsvermögen, so wird in ihm nothwendig
-ein Gefühl dieser Befriedigung, d. i. ein Gefühl der Lust entstehen.
-Lassen wir dagegen das Gewicht des Eisens seine Kraft überwiegen, so
-bleibt darum in ihm noch immer der vorige Trieb; denn er würde dasselbe
-Stück Eisen wirklich anziehen, wenn wir vom Gewichte desselben so viel
-wegnähmen, als seine Kraft überwiegt; aber er wird nicht befriedigt; und
-wenn wir dem Magnete das Gefühlsvermögen zuschreiben, so müsste er
-nothwendig einen Widerstand, eine Einschränkung und Einengung seiner
-Kraft, mit Einem Worte, Unlust empfinden. Dieses ist die einzige Quelle
-aller Lust und Unlust.
-
-Beide Triebe, der praktische sowohl, als der ästhetische, äussern sich
-auf diese Weise, nur mit Unterschied. Der praktische Trieb geht, wie
-gesagt worden, auf einen Gegenstand ausser dem Menschen, dessen Daseyn,
-inwiefern keine Handlung erfolgt, noch erfolgen kann, als unabhängig von
-ihm betrachtet werden muss. Der freilich leere Begriff von diesem
-Gegenstande ist in der Seele vorhanden. Es kommt demnach allerdings
-etwas im Gemüthe vor, wodurch der Trieb für das Bewusstseyn ausgedrückt
-und bezeichnet wird, nemlich der Begriff dessen, worauf er geht: die
-Bestimmung des Triebes ist dadurch charakterisirt, sie kann gefühlt
-werden, und wird gefühlt, und heisst in diesem Falle ein Begehren -- ein
-Begehren, inwiefern die Bedingungen, unter denen der Gegenstand wirklich
-werden kann, als nicht in unserer Gewalt stehend betrachtet werden.
-Kommen sie in unsere Gewalt, und wir entschliessen uns zu der Mühe und
-zu den Aufopferungen, die es uns etwa kosten wird, sie wirklich zu
-machen, so erhebt sich das Begehren zum Wollen. -- Man kann hier vor dem
-Daseyn des Gegenstandes vorherwissen, was Lust oder Unlust erregen
-werde, denn nur das wirkliche Daseyn des Gegenstandes erregt ein solches
-Gefühl; man kann daher die Bestimmung des praktischen Triebes von dem
-Gegenstande, und mithin von der Befriedigung oder Nichtbefriedigung
-desselben unterscheiden; der menschliche Geist bekommt gleichsam etwas
-ihm Angehöriges, einen Ausdruck seines eigenen Handelns ausser sich, und
-sieht mit Leichtigkeit in den Gegenständen, wie in einem Spiegel, seine
-eigene Gestalt. Ganz anders verhält es sich mit dem ästhetischen Triebe.
-Er geht auf nichts ausser dem Menschen, sondern auf etwas, das lediglich
-in ihm selbst ist. Es ist keine Vorstellung von seinem Gegenstande vor
-dem Gegenstande vorher möglich, denn sein Gegenstand ist selbst nur eine
-Vorstellung. Die Bestimmung des Triebes wird also durch nichts
-bezeichnet, als lediglich durch die Befriedigung oder Nichtbefriedigung.
-Die erstere lässt von der letztern sich durch nichts unterscheiden,
-sondern beide fallen zusammen. Das, was durch den ästhetischen Trieb in
-uns ist, entdeckt sich durch kein Begehren, sondern lediglich durch ein
-uns unerwartet überraschendes, in keinem begreiflichen Zusammenhange mit
-den übrigen Verrichtungen unseres Gemüthes stehendes, sondern völlig
-zweckloses und absichtloses Behagen oder Misbehagen. So gebe man dem
-Magnete zu dem Triebe, ein bestimmtes, seine Kraft überwiegendes, Stück
-Eisen anzuziehen, die Vorstellung dieses Eisens: so wird er ^begehren^,
-dasselbe anzuziehen; und wenn er sich über seine Anziehungskraft auch
-noch die Kraft zuschreiben kann, so viel, als sein Anziehungsvermögen
-überwiegt, von dem Gewichte des Eisens hinwegzunehmen, und der Trieb,
-jenes Eisen anzuziehen, stärker ist, als etwa seine Abneigung, die Last
-desselben zu verringern: so wird er es anziehen ^wollen^.[45] Nehmen Sie
-dem Magnete das Vermögen, sich das Eisen ausser sich, mithin auch sein
-Anziehen dieses Eisens vorzustellen, und lassen ihm lediglich Trieb,
-Kraft und Selbstgefühl: er wird, wenn die Schwere des Eisens seine Kraft
-überwiegt, eine Unlust; wenn Sie die Last wegnehmen, und er, sich selbst
-unbewusst, das Eisen selbst anzieht, eine Lust empfinden, die er sich
-durch nichts erklären kann, die für ihn mit nichts zusammenhängt, und
-die unserm ästhetischen Behagen oder Misbehagen völlig ähnlich ist --
-aber nicht aus dem gleichen Grunde entstanden. Aber, denken Sie sich, um
-ein passendes Bild der ästhetischen Stimmung zu haben, die liebliche
-Sängerin der Nacht; denken Sie sich, wie Sie es mit dem Dichter gar wohl
-können, die Seele derselben als reinen Gesang, ihren Geist als ein
-Streben, den vollkommensten Accord zu bilden, und ihre einzelnen Töne
-als die Vorstellungen dieser Seele. Durch die ganze Tonleiter herauf und
-herab treibt die Sängerin, ihr selbst unbewusst, die Richtung ihres
-Geistes, und er entwickelt durch die mannigfaltigsten Accorde hindurch
-allmählig sein ganzes Vermögen. Jeder neue Accord liegt auf der
-Stufenleiter dieser Entwickelung, und stimmt mit dem Urtriebe der
-Sängerin zusammen, den sie nicht kennt, weil wir ihr keine anderen
-Vorstellungen als Töne gegeben haben, und dessen Zusammenhang mit dem
-für sie zufälligen Accorde sie nicht beurtheilen kann; gerade so, wie
-unserem Auge die Richtung des ästhetischen Triebes verborgen liegt, und
-wie wir die -- ganz anderen Gesetzen zufolge sich in uns entwickelnden
-Vorstellungen nicht mit derselben vergleichen können. Doch muss jene
-Zusammenstimmung eine Lust in ihr erwecken, die ihr ganzes Wesen
-ausfüllt, und deren Gründe sie sich auch schon darum nicht angeben
-könnte. -- Aber ihr inneres und verborgenes Leben treibt sie weiter zum
-folgenden Tone; die Entwickelung desselben ist also noch nicht
-vollendet, dieser Accord drückt noch nicht ihr ganzes Wesen aus, und
-jene Lust wird daher blitzschnell durch eine Unlust aufgefasst, welche
-mit dem nächsten Tone sich in höhere Lust auflösen, aber wiederkehren,
-und die Sängerin abermals weiter treiben wird. Ihr Leben schwebt hin auf
-den sich drängenden Wellen des ästhetischen Gefühls, wie das
-Künstlerleben jedes wahren Genies.
-
-So kommt der praktische Trieb gar leicht und auf mancherlei Weise in
-seinen mannigfaltigen Bestimmungen zum Bewusstseyn, und es scheint sehr
-möglich, ihn selbst von der inneren Erfahrung aus vollständig kennen zu
-lernen und zu erschöpfen. In Absicht des ästhetischen Triebes zeigen
-sich mehrere Schwierigkeiten, und es scheint kein Mittel zu seyn, um bis
-zu ihm in die Tiefe unseres Geistes einzudringen, als dass man entweder
-ohne alle Rücksicht auf ihn in der äusseren Erfahrung fortschreite, und
-abwarte, ^ob^ er sich etwa, und ^wie^ er sich unter derselben zufällig
-äussern werde, oder dass man auf gut Glück und blindlings sich seiner
-Einbildungskraft überlasse, und erwarte, wie die mannigfaltigen
-Ausgeburten derselben auf uns wirken werden. In beiden Fällen ist man
-überdies noch in der Gefahr, eine Lust, die sich auf ein dunkles,
-unentwickeltes, vielleicht völlig empirisches und individuelles
-praktisches Bewusstseyn gründet, mit einem ästhetischen zu verwechseln.
-Und so blieben wir denn immer in der Ungewissheit, ob es auch überhaupt
-einen solchen Trieb gebe, wie wir den ästhetischen beschrieben haben,
-oder ob nicht alles, was wir für Aeusserungen desselben halten, auf
-einer feinen Täuschung beruhe; vor der wirklichen Erfahrung vorher
-könnten wir nie mit Sicherheit ahnen, was gefallen werde, und die
-Folgerung, dass das, was uns gefallen habe, allen gefallen müsse, bliebe
-ganz grundlos.
-
-Bedenken Sie hierbei noch den Umstand, dass ästhetische Vorstellungen
-zuvorderst nur in und vermittelst der Erfahrung, die auf Erkenntniss
-ausgeht, sich entwickeln können, so sehen Sie eine neue Schwierigkeit;
-von der anderen Seite aber eine Erleichterung, und die einzige, die den
-Uebergang aus dem Gebiete der Erkenntniss in das Feld der ästhetischen
-Gefühle öffnet.
-
-Sie sehen eine neue Schwierigkeit. -- Selbst die Erkenntniss wird
-zunächst nicht um ihrer selbst willen, sondern für einen Zweck ausser
-ihr gesucht. Auf der ersten Stufe der Bildung, des Individuums sowohl,
-als der Gattung, überschreit der praktische Trieb, und zwar in seiner
-niederen, auf die Erhaltung und das äussere Wohlseyn des animalischen
-Lebens gehenden Aeusserung, alle übrigen Triebe; und so fängt denn auch
-der Erkenntnisstrieb damit an, bei jenem zu dienen, um in diesem Dienste
-sich zum Vermögen einer selbstständigen Subsistenz auszubilden. Mit der
-Kargheit der Natur, oder mit dem Andringen unseres eigenen Geschlechtes
-gegen uns im Kampfe, haben wir nicht Zeit, bei der Betrachtung der Dinge
-um uns herum zu verweilen; emsig fassen wir die brauchbaren
-Beschaffenheiten derselben auf, um Nutzen von ihnen zu ziehen, unter
-unaufhörlicher Besorgniss der Nachtheile in der Ausübung, die uns eine
-unrichtige Ansicht derselben zuziehen möchte; mit Hastigkeit eilen wir
-fort von dieser erstürmten Erkenntniss zur Bearbeitung der Dinge, und
-hüten uns sehr, einen Augenblick bei der Erwerbung des Mittels zu
-verlieren, den wir zur unmittelbaren Erreichung des Zweckes anwenden
-könnten. Das Menschengeschlecht muss erst zu einem gewissen äusseren
-Wohlstande und zur Ruhe gekommen, die Stimme des Bedürfnisses von innen,
-und der Krieg von aussen muss erst beschwichtigt und beigelegt seyn, ehe
-dasselbe auch nur mit Kaltblütigkeit, ohne Absicht auf das gegenwärtige
-Bedürfniss und selbst mit der Gefahr sich zu irren, beobachten, bei
-seinen Betrachtungen verweilen, und unter dieser müssigen und liberalen
-Betrachtung den ästhetischen Eindrücken sich hingeben kann. So fasst die
-ruhige Fläche des Wassers das schöne Bild der Sonne; auf der bewegten
-werden die mit reinem Lichte gezeichneten Umrisse desselben
-untereinander geworfen und verschlungen in die gewaltsame Figur der
-unsteten Wellen.
-
-Daher sind die Zeitalter und Länderstriche der Knechtschaft zugleich die
-der Geschmacklosigkeit; und wenn es von der einen Seite nicht rathsam
-ist, die Menschen, frei zu lassen, ehe ihr ästhetischer Sinn entwickelt
-ist, so ist es von der anderen Seite unmöglich, diesen zu entwickeln,
-ehe sie frei sind; und die Idee, durch ästhetische Erziehung die
-Menschen zur Würdigkeit der Freiheit, und mit ihr zur Freiheit selbst zu
-erheben, führt uns in einem Kreise herum, wenn wir nicht vorher ein
-Mittel finden, in Einzelnen von der grossen Menge den Muth zu erwecken,
-Niemandes Herren und Niemandes Knechte zu seyn. In einem solchen
-Zeitalter hat der Unterdrückte zu thun, um unter dem Fusse des
-Unterdrückers sich lebendig zu erhalten, die nothwendige Luft zu
-schöpfen und nicht völlig zertreten zu werden, und der Unterdrücker, bei
-den mannigfaltigen Krümmungen und Wendungen des ersteren im
-Gleichgewichte zu bleiben und nicht umgeworfen zu werden; durch die
-gezwungene und unbehülfliche Lage des letzteren vermehrt sich noch seine
-Last und sein Druck; dadurch werden die Wendungen des ersteren nur noch
-ängstlicher und gewagter, und der Druck des letzteren abermals
-lastender, und so steigt durch eine sehr begreifliche Wechselwirkung das
-Uebel in einer unseligen Progression; keiner von beiden behält Zeit, und
-er wird sie immer weniger behalten, zu athmen, ruhig um sich zu sehen,
-und seine Sinne dem schönen Einflusse der freundlichen Natur offen zu
-lassen. Beide behalten lebenslänglich den Geschmack, den sie damals
-annahmen, als noch nichts, denn ihre Windeln sie fesselte: den Geschmack
-an greller, das stumpfe Auge gewaltsam reizender Farbe, und am Glanze
-reicher Metalle; und der dürftige Handarbeiter eilt, dies dem einzigen
-Vermögenden zu fertigen, um den kärglichen Lohn, dessen er zum Leben
-bedarf, bald einzunehmen. So sank im römischen Reiche die Kunst mit der
-Freiheit zu gleichen Schritten, bis sie unter Constantin dem
-barbarischen Gepränge fröhnen lernte. So werden die Elephanten der
-Kaiser von China mit schweren Goldstoffen bekleidet, und die Pferde der
-Könige von Persien trinken aus gediegenem Golde.
-
-Nur nicht niederdrückender, aber widerlicher und beunruhigender für die
-Kunst ist der Anblick, wenn unter freieren Himmelsstrichen und milderen
-Gewalthabern diejenigen, welche in der Mitte zwischen beiden Enden
-stehen, und denen alle Welt erlaubt, frei zu seyn, dieses letzten Restes
-der Freiheit, welchen ein über die Menschheit waltender Genius als ein
-Saatkorn für die Ernte künftiger Generationen in die Verfassung geworfen
-zu haben scheint, sich nicht bedienen; sondern den der ewigen
-Einförmigkeit müden Herrschern wider ihren Dank ihre Dienste aufdringen,
-und sich grämen, dass ihre wunderlichen Verbeugungen und Adorationen
-keiner zu Herzen nimmt, und dass es ihnen nicht gelingen will, denselben
-eine politische Wichtigkeit zu geben, die sie an sich nicht haben. Dann
-wiegt man mit haarscharfer Richtigkeit alle Art der Bildung gegen den
-künftigen Dienst ab; fragt die harmlos lustwandelnde Speculation, ehe
-sie uns über die Schwelle tritt, was sie mitbringe; durchsucht Romane
-und Schauspiele nach ihrer schönen Moral; hat kein Arges daraus,
-öffentlich zu bekennen, dass man eine Iphigenie, oder eine Epistel in
-derselben Stimmung, unpoetisch finde; und würde muthmaasslich den Homer
-einen schaalen Reimer nennen, wenn man ihm nicht um seines reinen
-Griechischen willen verziehe.
-
-Aber gerade der angeführte Umstand, dass wir mit der Erfahrung unser
-Leben anfangen müssen, eröffnet uns, wie oben gesagt worden, den einzig
-möglichen Uebergang zum geistigen Leben. Sowie jene dringende Noth
-gehoben ist, und nichts mehr uns treibt, den möglichen Geisteserwerb
-gierig zusammenzuraffen, um ihn sogleich wieder für den nothwendigen
-Gebrauch ausgeben zu können, erwacht der Trieb nach Erkenntniss um der
-Erkenntniss willen. Wir fangen an, unser geistiges Auge auf den
-Gegenständen hingleiten zu lassen, und erlauben ihm dabei zu verweilen;
-wir betrachten sie von mehreren Seiten, ohne gerade auf einen möglichen
-Gebrauch derselben zu rechnen; wir wagen die Gefahr einer zweifelhaften
-Voraussetzung, um in Ruhe den richtigen Aufschluss abzuwarten. Es
-bemächtigt sich unser der einzige Geiz, der edel ist, Geistesschätze zu
-sammeln, bloss um sie zu haben, und uns an ihrem Anblicke zu ergötzen,
-gesetzt auch, wir bedürften ihrer nicht zum Leben, oder sie wären nicht
-mit dem Stempel ausgeprägt, welcher allein Cours hat; wir wagen es, bei
-unserem Reichthume gleichgültiger gegen den möglichen Verlust, etwas
-anzulegen an Versuche, die uns mislingen können. Wir haben den ersten
-Schritt gethan, uns von der Thierheit in uns zu trennen. Es entsteht
-Liberalität der Gesinnungen, -- die erste Stufe der Humanität.
-
-Unter dieser ruhigen und absichtslosen Betrachtung der Gegenstände,
-indess unser Geist sicher ist und nicht über sich wacht, entwickelt sich
-ohne alles unser Zuthun unser ästhetischer Sinn an dem Leitfaden der
-Wirklichkeit. Aber nachdem der Pfad beider eine Strecke weit
-zusammengegangen ist, reisst sich am Scheidewege wohl auch der erstere
-los, und geht seinen Gang unabhängig und ungeleitet von der
-Wirklichkeit. So ruhte oft Ihr Auge auf der Gegend an der Abendseite
-Ihrer ländlichen Wohnung. Wenn Sie dieselbe, nicht um zu sehen, wie Sie
-den nächtlichen Anfällen des Raubgesindels entfliehen könnten, sondern
-ohne alle Absicht betrachteten, erkannten Sie nicht bloss die grüne
-Saat, und hinter ihr die mancherlei Kleearten, und hinter diesen das
-hohe Korn, und fassten in das Gedächtniss, was da wäre; sondern Ihre
-Betrachtung verweilte mit Vergnügen auf dem frischen Grün des ersteren,
-und verbreitete sich über die mannigfaltigen Blüthen des zweiten, und
-gleitete sanft über die kräuselnden Wellen des dritten die Anhöhe hinan.
-Es sollte, sagten Sie dann, dort auf der Höhe ein Dörfchen unter Bäumen
-oder ein Hain liegen. Sie begehrten nicht in dem ersteren eine Wohnung
-zu haben, oder in dem Schatten des letzteren zu wandern; und es würde
-Ihnen gerade so viel gewesen seyn, wenn man, ohne dass Sie es eben
-wüssten, durch ein optisches Kunststück Ihnen nur den Anschein dessen
-hervorgebracht hätte, was Sie wünschten. Woher kam das? Ihr ästhetischer
-Sinn war unter dem Anblicke der ersteren Gegenstände, indem ihn
-dieselben unvermuthet befriedigten, schon geweckt worden; aber es
-beleidigte ihn, dass diese Aussicht sich so plötzlich abreissen, und Ihr
-Auge hinter der Anhöhe in den leeren Raum versinken sollte. Nach seiner
-Forderung hätte sich die Ansicht in ein passendes Ende schliessen
-sollen, um das angefangene schöne Ganze zu vollenden und abzurunden: und
-Ihre bis jetzt an seiner Hand geleitete Einbildungskraft war vermögend,
-diese Forderung desselben aufzufassen.
-
-Sehen Sie in diesem Beispiele eine kurze Geschichte der Entwickelung
-unseres ganzen ästhetischen Vermögens. Während der ruhigen Betrachtung,
-die nicht mehr auf die Erkenntniss dessen, was längst erkannt ist,
-absieht, sondern die gleichsam noch einmal zum Ueberflusse an den
-Gegenstand geht, -- entwickelt, unter der Ruhe der Wissbegierde und des
-befriedigten Erkenntnisstriebes, in der unbeschäftigten Seele sich der
-ästhetische Sinn. Der eine Gegenstand hat unsere Billigung ohne alles
-Interesse, d. i. wir urtheilen alle, dass er so recht, und einer
-gewissen Regel, der wir nicht weiter nachspüren, gemäss sey, ohne dass
-wir darum gerade einen grösseren Werth auf ihn legen; ein anderer erhält
-diese Billigung nicht, ohne dass wir gerade viel Mühe anwenden würden,
-um ihn anders zu machen. Es scheint uns lediglich darum zu thun, zu
-zeigen, dass wir einen gewissen Sinn gleichfalls besitzen, und dass wir
-einer gewissen Kenntniss mächtig sind, die nichts weiter ist, denn
-Kenntniss, und die zu nichts führen und zu nichts gebraucht werden soll.
-
-Dieses Vermögen heisst Geschmack; auch die Fertigkeit, richtig
-und gemeingültig in dieser Rücksicht zu urtheilen, wird
-vorzugsweise Geschmack genannt: und das Gegentheil desselben heisst
-Geschmacklosigkeit.
-
-Von dieser noch an dem Faden der Wirklichkeit fortlaufenden Betrachtung,
-wo es uns schon nicht mehr um die wirkliche Beschaffenheit der Dinge,
-sondern um ihre Uebereinstimmung mit unserem Geiste zu thun ist, erhebt
-sich denn bald die dadurch zur Freiheit erzogene Einbildungskraft zur
-völligen Freiheit; einmal im Gebiete des ästhetischen Triebes angelangt,
-bleibt sie in demselben, auch da, wo er von der Natur abweicht, und
-stellt Gestalten dar, wie sie gar nicht sind, aber nach der Forderung
-jenes Triebes seyn sollten: und dieses freie Schöpfungsvermögen heisst
-Geist. Der Geschmack beurtheilt das Gegebene, der Geist erschafft. Der
-Geschmack ist die Ergänzung der Liberalität, der Geist die des
-Geschmackes. Man kann Geschmack haben ohne Geist, nicht aber Geist ohne
-Geschmack. Durch den Geist wird die an sich in die Grenzen der Natur
-eingeschlossene Sphäre des Geschmacks erweitert; seine Producte
-erschaffen ihm durch Kunst neue Gegenstände, und entwickeln ihn weiter,
-ohne ihn darum allemal zu sich emporzuheben. Seinen Geschmack bilden
-kann jeder; ob aber jeder sich zur Geistigkeit erheben könne, ist
-zweifelhaft.
-
-Das unendliche, unbeschränkte Ziel unseres Triebes heisst Idee, und
-inwiefern ein Theil desselben in einem sinnlichen Bilde dargestellt
-wird, heisst dasselbe ein Ideal. Der Geist ist demnach ein Vermögen der
-Ideale.
-
-Der Geist lässt die Grenzen der Wirklichkeit hinter sich zurück, und in
-seiner eigenthümlichen Sphäre giebt es keine Grenzen. Der Trieb, dem er
-überlassen ist, geht ins Unendliche; durch ihn wird er fortgeführt von
-Aussicht zu Aussicht, und wie er das Ziel erreicht hat, das er im
-Gesichte hatte, eröffnen sich ihm neue Felder. Im reinen ungetrübten
-Aether seines Geburtslandes giebt es keine anderen Schwingungen, als die
-er selbst durch seinen Fittig erregt.
-
-
- Dritter Brief.[46]
-
-Nur der Sinn für das Aesthetische ist es, der in unserem Innern uns den
-ersten festen Standpunct giebt; das Genie kehrt darin ein, und deckt
-durch die Kunst, die dasselbe begleitet, auch uns anderen die
-verborgenen Tiefen desselben auf. Derselbe Sinn ist es auch, der
-zugleich dem wohlerkannten und gebildeten Innern den lebendigen Ausdruck
-giebt.
-
-Der Geist geht auf die Entwickelung eines Innern in dem Menschen, des
-Triebes, und zwar eines Triebes, der ihn als Intelligenz über die ganze
-Sinnenwelt erhebt, und von dem Einflusse derselben losreisst. Aber die
-Sinnenwelt allein ist mannigfaltig, und nur inwiefern wir durch einen
-uns schlechterdings unsichtbaren Berührungspunct mit derselben
-zusammenhangen und ihren Einwirkungen offen stehen, sind wir als
-Individuen verschieden; der Geist ist Einer, und was durch das Wesen der
-Vernunft gesetzt ist, ist in allen vernünftigen Individuen dasselbe. Dem
-einen mag diese Speise besser schmecken, dem anderen eine andere; der
-eine mag diese, der andere jene Farbe vorzüglich lieben. Aber die
-Wirkungen der Geistesproducte sind für alle Menschen, in allen
-Zeitaltern, und unter allen Himmelsstrichen gemeingültig, wenn auch
-nicht immer gemeingeltend. Für alle liegt auf der Stufenleiter ihrer
-Geistesbildung ein Punct, auf welchen dieses Werk den beabsichtigten
-Eindruck machen würde, und nothwendig machen müsste; wenn sie auch etwa
-bis jetzt diesen Punct noch nicht erstiegen hätten, oder ihn, wegen der
-niedrigen Stufe, auf der sie anheben, bei der Kürze des menschlichen
-Lebens, diesseits des Grabes gar nicht ersteigen könnten. Was der
-Begeisterte in seinem Busen findet, liegt in jeder menschlichen Brust,
-und sein Sinn ist der Gemeinsinn des gesammten Geschlechts.
-
-Theils um diesen Sinn an anderen zu versuchen, theils um ihnen
-mitzutheilen, was für ihn selbst so anziehend ist, kleidet das Genie die
-Gestalten, die sich seinem geistigen Auge unverhüllt zeigten, in festere
-Körper, und stellt sie so auf vor seinen Zeitgenossen.
-
-Um seinen Sinn zu ^versuchen^ zuvörderst: nicht, als ob er der
-Beistimmung der Menge bedürfte, um in der Stunde der Begeisterung zu
-glauben, was sich ihm durch ein unwiderstehliches Gefühl, -- so
-unwiderstehlich als das seines Daseyns, -- offenbart; sondern um auf die
-Stunde der Erkältung und des Zweifels sich seines Glaubens im voraus zu
-versichern. Mein Werk ist aus der Fülle der menschlichen Natur
-geschöpft, darum muss und soll es Allen gefallen, die derselben
-theilhaftig sind, und wird unsterblich seyn wie sie: so schliesst er;
-der geistlose Schreiber, der nicht die leiseste Ahnung seines hohen
-Berufes hat, kehrt es um, und folgert: mein Product wird von der Menge
-gelesen, es bereichert die Buchhändler, und die Recensenten wetteifern,
-dasselbe zu lobpreisen, darum ist es vortrefflich: aber dennoch wird der
-Glaube des ersteren an sich selbst den Beifall gebildeter Menschen, als
-eine Zugabe, nicht verschmähen. So ist der Gläubige sicher, dass das
-Auge der Fürsehung über ihm walte, und dass jenseits des Grabes ein
-besseres Leben seiner warte; und in gewissen Stimmungen würde der
-Widerspruch des gesammten Reichs der vernünftigen Wesen ihn nicht um
-eines Haares Breite bewegen: denn sein Glaube kömmt ihm nicht von
-aussen, sondern er hat ihn in seinem eigenen Herzen gefunden. Dennoch
-fragt und forscht er sorgsam, ob andere dasselbe glauben, in dunklem
-Vorgefühle banger Stunden, wo er einer sonst so gering geschätzten
-Stütze, als die Beistimmung anderer ist, doch bedürfen könnte. So wird
-das wahre Genie durch die kaltsinnige Aufnahme seiner Meisterwerke oder
-durch den lautesten Tadel derselben nie aus seiner Fassung gebracht: er
-ist seiner Sache sicher und gewiss des Geistes, der ohne sein Verdienst
-in ihm wohnt; aber er will aus Achtung für denselben ihn auch von
-anderen anerkannt und geehrt wissen. -- Es verhält sich so mit allem,
-was wir bloss zufolge unseres Gefühls annehmen und nur glauben können.
-Wenn alle Anwesende einstimmig versichern, dass ein Gegenstand, den wir
-zu erblicken glauben, nicht vorhanden sey, so werden wir, wenn wir nur
-ein wenig mit den Täuschungen unserer Sinne und unserer Einbildungskraft
-bekannt sind, leicht irre, und fangen an, den Grund der Erscheinung in
-uns selbst zu suchen. An unser inneres Gefühl glauben wir schon weit
-fester; doch sehen wir auch dieses gern durch das Gefühl anderer
-unterstützt.
-
-Um seine Stimmung ^mitzutheilen^. Es ist, wie Sie selbst angemerkt
-haben, in allen Menschen der Trieb, andere um sich herum sich selbst so
-ähnlich zu machen, als möglich, und sich selbst in ihnen, so vollkommen
-als es gehen will, zu wiederholen; und dies um desto mehr, je mehr wir
-zu diesem Wunsche durch eigene höhere Bildung berechtigt sind. Nur der
-ungerechte Egoist will der einzige seiner Art seyn, und kann seines
-Gleichen ausser sich nicht dulden; aber der edle Mensch möchte, dass
-alle ihm glichen, und thut, so viel an ihm ist, um es dahin zu bringen.
-So der begeisterte Liebling der Natur. Er möchte, dass aus allen Seelen
-sein eigenes liebliches Bild ihm zurückstrahlte. Drum drückt er die
-Stimmung seines Geistes ein in eine körperliche Gestalt. Was in der
-Seele des Künstlers vorgeht, die mannigfaltigen Biegungen und
-Schwingungen seines inneren Lebens und seiner selbstthätigen Kraft sind
-nicht zu beschreiben; keine Sprache hat Worte dafür gefunden, und wenn
-sie gefunden wären, so würde die gedrungene Fülle des Lebens in der
-allmähligen, und zu einem einfachen Faden ausgedehnten Beschreibung
-verhauchen. Leben wird nur in lebendigem Handeln dargestellt; und sowie
-alle gesetzmässige Thätigkeit des menschlichen Geistes, so muss auch
-diese freie Geschäftigkeit desselben einen Gegenstand bekommen, den sie
-bearbeite, und in welchem durch die Weise ihres Verfahrens sie ihre
-innere Natur verrathe. So besteht das Wesen, das Grundprincip des ^Tons^
-in den harmonischen Bebungen und Schwingungen der Saite, die im
-luftleeren Raume nicht minder einander hervorbringen und bestimmen, ihre
-innere Wirksamkeit erfüllen, und für die Saite selbst den Ton bilden
-würden; aber nur in der umgebenden Luft bekommen dieselben einen
-äusseren Wirkungskreis, drücken sich selbst in sie ein, und pflanzen
-sich fort bis zum Ohre des entzückten Hörers, und lediglich aus jener
-Vermählung wird der Ton geboren, der in unserer Seele wiederhallt. So
-drückt der begeisterte Künstler die Stimmung seines Gemüthes aus in
-einem beweglichen Körper, und die Bewegung, der Gang, der Fortfluss
-seiner Gestalten ist der Ausdruck der inneren Schwingungen seiner Seele.
-Diese Bewegung soll in uns die gleiche Stimmung hervorbringen, welche in
-ihm war; er lieh der todten Masse seine Seele, dass diese sie auf uns
-übertragen möchte; unser Geist ist das letzte Ziel seiner Kunst, und
-jene Gestalten sind die Vermittler zwischen ihm und uns, wie die Luft es
-ist zwischen unserem Ohre und der Saite.
-
-Diese innere Stimmung des Künstlers ist der Geist seines Products; und
-die zufälligen Gestalten, in denen er sie ausdrückt, sind der Körper
-oder der Buchstabe desselben.
-
-Hier ist es, wo das Bedürfniss der mechanischen Kunst eintritt.
-
-Wer die Dinge einer gewissen Stimmung gemäss bearbeiten will, der muss
-es überhaupt verstehen, sie zu bearbeiten, und sie mit Leichtigkeit zu
-bearbeiten, so dass kein Widerstand sichtbar sey, und dass die todte
-Masse unter seinen Händen von selbst Bildung und Organisation angenommen
-zu haben scheine. Sobald die Materie widerstrebt, und es der Anstrengung
-bedarf, sie zu besiegen, ist die ästhetische Stimmung abgebrochen, und
-es bleibt uns anderen nichts übrig, als der Anblick des Arbeiters, der
-seinen Zweck zu erreichen strebt; ein nicht unwürdiger Anblick, den wir
-aber nur hier nicht haben wollten. Man hat diese Leichtigkeit der
-mechanischen Kunst sehr oft mit dem Geiste selbst verwechselt; und sie
-ist allerdings die ausschliessende Bedingung seiner Aeusserung, und
-jeder, der an das Werk geht, muss sie schon erworben haben; aber sie ist
-nicht der Geist selbst. Durch sie allein wird nichts hervorgebracht, als
-ein leeres Geklimper, -- ein Spiel, das auch nichts weiter ist, denn
-Spiel, -- das nicht zu Ideen erhebt, und höchstens einen Muthwillen und
-eine verschwendete Kraft ausdrückt, der man in der Stille eine bessere
-Anwendung wünscht. Zwar wird der leichteste und muthwilligste
-Pinselstrich des wahren Genies einen Anstrich von den Ideen haben; aber
-der blosse Mechaniker wird durch seine höchste Kunst nie etwas anderes
-hervorbringen, als ein mechanisches Werk, über dessen Bau man höchstens
-sich wundern wird.
-
-So ist in den letzten Meisterwerken des begünstigten Lieblings der Natur
-unter unserer Nation, -- im Tasso, in der Iphigenie, und in den
-leichtesten Pinselstrichen desselben Künstlers seitdem, -- es ist in
-ihnen, sage ich, nicht die so einfache Erzählung, nicht die ohne allen
-Schwulst so sanft hingleitende Sprache, durch welche der gebildete Leser
-so mächtig angezogen wird. Es ist nicht der Buchstabe, sondern der
-Geist. Mit der gleichen Einfachheit der Fabel, der gleichen
-Leichtigkeit, dem gleichen Adel der Sprache ist es möglich, ein sehr
-schaales, sehr schmackloses, sehr unkräftiges Werk zu verfertigen. Die
-Stimmung ist es, welche in diesen Werken herrscht: diese edelste Blüthe
-der Humanität, welche durch die Natur nur einmal unter dem griechischen
-Himmel hervorgetrieben und durch eins ihrer Wunder im Norden wiederholt
-wurde. Es schmiegt sich an unsere Seele das lebendige Bild jener
-geendigten Cultur, die den Angriffen des Schicksals nicht mehr mit
-gewaltsamen Anstrengungen und Renkungen entgegengeht, und die eher
-alles, als die reine Ebenheit ihres Charakters und die leichte Grazie in
-den Bewegungen ihres Gemüths, verliert: jenes Beruhens in sich selbst
-und auf sich selbst, das es nicht mehr bedarf, durch Anstrengung seine
-Kraft aufzuregen und gegen den Widerstand anzustemmen, sondern das auf
-seiner eigenen natürlichen Last sicher steht; jener Unbefangenheit des
-Geistes, welche die Dinge, auch bei ihrem gewaltsamsten Andringen auf
-uns, dennoch keiner anderen Schätzung würdigt, als der, die ihnen
-gebührt, dass sie Gegenstände unserer Betrachtung sind, und welche auch
-dann noch den gefälligen Formen derselben ein ästhetisches Vergnügen,
-den Verzerrungen derselben ein leichtes Lächeln, wie Grazien lächeln,
-abzugewinnen vermag; jener Vollendung der Menschheit, die sich von der
-Sinnenwelt nicht losgerissen, sondern abgelöst fühlt, und die mit
-gleicher Leichtigkeit derselben ohne Misvergnügen entbehren, oder ihrer
-mit Freude auf ihre Weise geniessen kann. Wir finden uns mit Vergnügen
-in eine Welt versetzt, in der allein eine solche Stimmung möglich ist,
-unter eine Gesellschaft, deren Mitglieder alle gerecht und wohlwollend
-sind, und deren Trennungen nicht durch bösen Willen verursacht, sondern
-selbst nur Stürme des widrigen Schicksals sind; -- (denn
-Ungerechtigkeiten freier Wesen können uns nie gleichgültig seyn, und
-werden immer ernste Misbilligung, keinesweges aber das leichte Lächeln
-erregen, wie die Verstösse der vernunftlosen Natur). Wir entdecken mit
-befriedigter Selbstliebe unter dem Einflusse des Künstlers eine Fassung
-in uns, die wir im Laufe des Lebens gewöhnlich nicht behalten; wir
-fühlen uns höher gehoben und veredelt, und innige Liebe ist der Lohn des
-Dichters, der uns so sanft schmeichelt, um uns zu bessern.
-
-Jeder hat den feinsten Sinn für diejenige Art der Ausbildung, der er
-zunächst bedürfte, und mag in der Stunde der Täuschung am liebsten das
-an sich finden, wovon eine leise Ahnung ihm sagt, dass es auf der
-nächsten Stufe der Cultur liege, die er zu ersteigen hat. Ein
-beträchtlicher Theil unseres Publicums ist noch nicht so weit, dass ihm
-nichts mehr, als die Grazie in seinen Bewegungen, die Leichtigkeit und
-Ungezwungenheit in seiner Kraftäusserung abgehe. Vielen fehlt es an der
-Kraft selbst. Für diese sind Darstellungen, wie die, von welchen wir
-redeten, unschmackhaft; sie verwechseln die durch die Fülle der Kraft
-gehaltene Kraft, die sie nicht kennen, mit der Kraftlosigkeit, die sie
-nur zu wohl kennen. Diese mögen im Bilde lieber die rohe, aber
-kraftvolle Sitte unserer Urahnen sich angetäuscht sehen -- eine Art, die
-so vorzüglich ist, als jede andere, wenn sie mit Geist behandelt wird --
-oder vergnügen sich wohl auch an den wunderlichen Renkungen in unsern
-gewöhnlichen Ritterromanen, und an hochtönenden und vermessenen Reden.
-
-Dem Dichter, von dem ich rede, war es gegeben, zwei verschiedene Epochen
-der menschlichen Cultur mit allen ihren Abstufungen auszumessen. Er nahm
-sein Zeitalter bei der letzteren Stufe auf, um es bei der ersteren
-niederzusetzen. Aber sein Genius überflog, wie es seyn musste, den
-langsamen Gang desselben. Er bildete, wie jeder wahre Künstler soll,
-sein Publicum selbst, arbeitete für die Nachwelt, und wenn unser
-Geschlecht höher steigt, so ist es nicht ohne sein Zuthun.
-
-Jene beiden Zustände, der der ersten ursprünglichen Begeisterung, und
-der der Darstellung derselben in körperlicher Hülle, sind in der Seele
-des Künstlers nicht immer verschieden, obwohl sie durch den genauen
-Forscher sorgfältig unterschieden werden müssen. Es giebt Künstler, die
-ihre Begeisterung auffassen und festhalten, unter den Materialien um
-sich herumsuchen, und das geschickteste für den Ausdruck wählen; die
-unter der Arbeit sorgfältig über sich wachen; die zuerst den Geist
-fassen, und dann den Erdkloss suchen, dem sie die lebendige Seele
-einhauchen. Es giebt andere, in denen der Geist zugleich mit der
-körperlichen Hülle geboren wird, und aus deren Seele zugleich das ganze
-volle Leben sich losreisst. Die ersteren erzeugen die gebildetsten,
-berechnetsten Producte, deren Theile alle das feinste Ebenmaass unter
-sich und zum Ganzen halten: aber das feinere Auge kann in der
-Zusammenfügung des Geistes und des Körpers hier und da die Hand des
-Künstlers bemerken. In den Werken der letzteren sind Geist und Körper,
-wie in der Werkstätte der Natur, innigst zusammengeflossen, und das
-volle Leben geht bis in die äussersten Theile; aber wie an den Werken
-der Natur entdeckt man hier und da kleine Auswüchse, deren Absicht man
-nicht angeben kann, die man aber nicht wegnehmen könnte, ohne dem Ganzen
-zu schaden. Von beiden Arten hat unsere Nation Meister.
-
-Gewisse höhere Stimmungen sind, wie soeben gesagt worden, nicht für
-gemeine Augen, und lassen sich denselben nicht mittheilen; bei anderen,
-die mittheilbar sind, ist wenigstens unsichtbar, woher es komme, dass
-das Werk zu ihnen erhebe; und nicht sehr feine Beobachter sind daher
-versucht, der Gestalt und dem Baue des Körpers die bewegende Kraft
-zuzuschreiben, die nur der Geist hat. Die Verhältnisse dieses Körpers
-und die Regeln, nach denen er gebildet ist, sind zu berechnen, zu lernen
-und durch Kunst auszuüben, da, wie oben zugestanden worden, der Körper
-des geistreichsten Werkes selbst nur durch Kunst hervorgebracht ist. Es
-giebt mancherlei Ursachen, die den geistlosesten Menschen bewegen
-können, auf diese Weise den mechanischen Theil eines geistvollen
-Products nachzubilden; und da auch dieser sein Gutes hat, verlieren
-manche Zuschauer nichts dabei. Solche Arbeiter sind Buchstäbler.
-Derjenige, der ohne Geist selbst der mechanischen Kunst nicht mächtig
-ist, heisst ein Stümper. -- Stelle Pygmalion seine beseelte Bildsäule
-hin vor die Augen des jauchzenden Volkes; er soll ihr, -- da nichts uns
-verhindert, die Fabel zu ergänzen, -- mit dem Leben zugleich den
-geheimen Vorzug ertheilt haben, nur von geistvollen Augen als lebend
-erblickt zu werden, für gemeine und stumpfe aber kalt und todt zu
-bleiben. Kostet es nicht mehr, um berühmt zu werden? denkt, -- indess
-das ganze Volk dem Künstler huldigt, ein Mann, der seinen Meissel auch
-zu führen versteht, misst mit Cirkel und Lineal genau die Verhältnisse
-der Bildsäule, geht hin, fertigt sein Werk, stellt es neben das Werk des
-Künstlers, und es sind viele, die keinen Unterschied zwischen beiden
-finden können.
-
-Die Regeln der Kunst, die sich in den Lehrbüchern finden, beziehen sich
-meist auf das Mechanische der Kunst. Sie müssen im Geiste gedeutet
-werden, und nicht nach dem Buchstaben. So lehren sie uns, wie wir die
-Fabel erfinden, mittheilen, allmählig entwickeln sollen, und es thut dem
-Künstler allerdings noth, dies zu verstehen. Versteht er aber auch
-nichts weiter, als die Beobachtung dieser Regeln, so hat er am Ende eine
-gute Fabel, die die Neugier reizt, unterhält, befriedigt; aber wir
-forderten noch etwas mehr von ihm. Die Einheit der geistigen Stimmung,
-die in seinem Werke herrscht, und die dem Gemüthe des Lesers mitgetheilt
-werden soll, ist die Seele des Werkes; ist diese Stimmung angedeutet,
-entwickelt, durchaus gehalten und siegend, dann ist das Werk vollendet,
-ob die äussere Begebenheit für die leere Neugier geschlossen sey, oder
-nicht; der Triumph dieser Stimmung über die mannigfaltigen Störungen
-derselben ist die wahre Entwickelung, obschon der gedankenlose Leser,
-der ein Mährchen hören wollte, frage, wie es nun weiter geworden sey.
-
-Sie rathen uns, zu täuschen; durch die Erzählung, meint der Buchstäbler,
-bietet er alle seine Künste auf, um uns sein Mährchen für eine wirkliche
-Begebenheit aufzubinden, und wenn alles mislingt, versichert er uns auf
-sein Ehrenwort, dass er eine wahre Geschichte erzähle. Nun wohl, so
-erzähle er, bis alle Gaffer sich wundern; aber er glaube nicht ein
-Kunstwerk geliefert zu haben. Unsere Erhebung zu einer ganz anderen, uns
-fremden Stimmung, in welcher wir unsere Individualität vergessen: -- das
-ist die wahre Täuschung, und für diesen Endzweck reicht diejenige
-Wahrheit der Geschichte, die er allein als Wahrheit kennt, nicht hin. In
-dieser handeln Erdenmenschen, wie wir unter den gleichen Umständen
-ungefähr auch handeln würden.
-
-Sie halten über reine Moral; und so thue denn wer kann und will das gute
-Werk, uns wichtige moralische Lehren durch Erzählungen anschaulich und
-eindringend zu machen. Er will uns dahin bringen, dass wir durch eigenen
-freien Entschluss das Bessere wählen; er ist unseres Dankes werth, und
-seine Bemühungen sind nicht allemal an uns verloren. Nur wisse er, was
-er ist, und stelle sich nicht in eine ihm fremde Klasse. Der begeisterte
-Künstler wendet sich gar nicht an unsere Freiheit, er rechnet auf
-dieselbe so wenig, dass vielmehr sein Zauber erst anfängt, nachdem wir
-sie aufgegeben haben. Er hebt durch seine Kunst uns ohne alles unser
-Zuthun auf Augenblicke in eine höhere Sphäre. Wir werden um nichts
-besser; aber die unangebauten Felder unseres Gemüths werden doch
-geöffnet, und wenn wir einst aus anderen Gründen uns mit Freiheit
-entschliessen, sie in Besitz zu nehmen, so finden wir die Hälfte des
-Widerstandes gehoben, die Hälfte der Arbeit gethan.[33]
-
-[Fußnote 33: Die Fortsetzung ist nicht erschienen.]
-
-
-
-
- D.
- Von der Sprachfähigkeit und dem Ursprunge der Sprache.
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- (Philos. Journal Bd. I. S. 255-273, S. 287-326. 1795.)
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-In einer Untersuchung über den Ursprung der Sprache darf man sich nicht
-mit Hypothesen, nicht mit willkürlicher Aufstellung besonderer Umstände,
-unter welchen etwa eine Sprache entstehen ^konnte^, behelfen; denn da
-der Fälle, welche den Menschen bei Erfindung und Ausbildung der Sprache
-leiten konnten, so mancherlei sind, dass sie keine Forschung ganz
-erschöpfen kann: so würden wir auf diesem Wege ebensoviel halbwahre
-Erklärungen des Problems erhalten, als Untersuchungen darüber angestellt
-würden. Man darf sich daher nicht damit begnügen, zu zeigen, dass und
-wie etwa eine Sprache erfunden werden ^konnte^: man muss aus der Natur
-der menschlichen Vernunft die Nothwendigkeit dieser Erfindung ableiten;
-man muss darthun, dass und wie die Sprache erfunden werden ^musste^.
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-Man hüte sich insbesondere bei dieser Untersuchung, so wie bei jeder
-anderen, das Resultat, das man etwa zu finden hofft, schon zum voraus im
-Auge zu haben. Man denke sich in den Gesichtspunct der Menschen hinein,
-welche noch überhaupt keine Sprache hatten, sondern sie erst erfinden
-sollten; welche noch nicht wussten, wie die Sprache gebaut seyn müsse,
-sondern die Regeln darüber erst aus sich selbst schöpfen mussten. Jedem,
-der dem Ursprunge der Sprache nachforscht, muss die Sprache so gut als
-nicht erfunden seyn: er muss sich denken, dass er sie erst durch seine
-Untersuchung erfinden soll.
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-Ferner hat man bei allen Untersuchungen über Entstehung der Sprache es
-auch darin versehen, dass man zuviel auf willkürliche Verabredung baute;
-dass man z. B. meinte: da ich ein Buch ^liber^, [Griechisch: biblion],
-book u. s. w. nennen kann, so müssen die Nationen einig geworden seyn,
-die eine, dieser bestimmte Gegenstand solle ^Buch^ -- die andere, er
-solle ^liber^, u. s. w. heissen. Aber auf eine solche Uebereinkunft
-dürfen wir wenig rechnen, da sie sich nur mit der grössten
-Unwahrscheinlichkeit denken lässt, und wir müssen daher selbst den
-Gebrauch der willkürlichen Zeichen aus den wesentlichen Anlagen der
-menschlichen Natur ableiten.
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-^Sprache^, im weitesten Sinne des Wortes, ist der ^Ausdruck unserer
-Gedanken durch willkürliche Zeichen^.
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-Durch ^Zeichen^, sage ich, also nicht durch Handlungen. -- Allerdings
-offenbaren sich unsere Gedanken auch durch die Folgen, welche sie in der
-Sinnenwelt haben: ich denke und handle nach den Resultaten dieses
-Denkens. Ein vernünftiges Wesen kann aus diesen meinen Handlungen auf
-das, was ich gedacht habe, schliessen. Dies heisst aber nicht ^Sprache^.
-Bei allem, was ^Sprache^ heissen soll, wird schlechterdings nichts
-weiter beabsichtigt, als die Bezeichnung des Gedankens; und die Sprache
-hat ausser dieser Bezeichnung ganz und gar keinen Zweck. Bei einer
-Handlung hingegen ist der Ausdruck des Gedankens nur zufällig, ist
-durchaus nicht Zweck. Ich handle nicht, um anderen meine Gedanken zu
-eröffnen; ich esse z. B. nicht, um anderen anzudeuten, dass ich Hunger
-fühle. Jede Handlung ist selbst Zweck: ich handle, weil ich handeln
-will.
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-Ich habe mich bei der Erklärung der Sprache des Ausdruckes:
-»^willkürliche Zeichen^« bedient. Darunter verstehe ich hier solche
-Zeichen, welche ausdrücklich dazu bestimmt sind, diesen oder jenen
-Begriff anzudeuten. Ob dieselben mit dem Bezeichneten natürliche
-Aehnlichkeit haben, oder nicht, das ist hier völlig gleichgültig. Ich
-mag zu dem anderen das Wort ^Fisch^ sagen -- ein Zeichen, das mit dem
-Gegenstande, welchen es ausdrücken soll, gar keine Aehnlichkeit hat --
-oder ich mag ihm einen Fisch vorzeichnen; ein Zeichen, das mit dem
-Bezeichneten allerdings Aehnlichkeit hat -- in beiden Fällen habe ich
-keinen Zweck, als den, die Vorstellung eines bestimmten Gegenstandes bei
-dem anderen zu veranlassen; -- folglich kommen beide Zeichen darin
-überein, dass sie ^willkürlich^ sind.
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-^Sprachfähigkeit^ ist das Vermögen, seine Gedanken willkürlich zu
-bezeichnen. Ich drücke mich absichtlich so allgemein aus, damit man
-nicht gleich an eine ^Sprache für das Gehör^ denke. Von der ^Ursprache^
-lässt sich gar nicht behaupten, dass sie bloss aus Tönen bestanden habe,
-bloss Gehörsprache gewesen sey. Diese letztere kann erst weit später
-entstanden seyn, und lässt sich nur unter Voraussetzung der Ursprache
-und auf eine weit verwickeltere Art deduciren.
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-Die Frage, die sich uns zunächst darbietet, ist folgende: ^Wie ist der
-Mensch auf die Idee gekommen, seine Gedanken durch willkürliche Zeichen
-anzudeuten?^ Diese enthält unter sich folgende zwei: 1) Was brachte den
-Menschen überhaupt auf den Gedanken, eine Sprache zu erfinden? 2) In
-welchen Naturgesetzen liegt der Grund, dass diese Idee gerade ^so^ und
-nicht anders ausgeführt wurde? Lassen sich Gesetze auffinden, welche den
-Menschen bei der Ausführung leiteten?
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-Ich mache mich deutlicher. Die Sprache ist das Vermögen, seine Gedanken
-^willkürlich^ zu bezeichnen. Sie setzt demnach eine Willkür voraus.
-Unwillkürliche Erfindung, unwillkürlicher Gebrauch der Sprache enthält
-einen inneren Widerspruch. Man hat sich zwar auf unwillkürliche Töne
-beim Ausbruche der Freude, des Schmerzes u. s. w. berufen, und daraus
-gar manches über Erfindung und Gesetze der Sprache ableiten wollen; aber
-beides ist völlig verschieden. Unwillkürlicher Ausbruch der Empfindung
-ist nicht ^Sprache^.
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-Um die Willkür zur Erfindung einer Sprache zu bestimmen, wurde eine Idee
-derselben vorausgesetzt. Daher die Frage: wie entwickelte sich in den
-Menschen die Idee, ihre Gedanken sich gegenseitig durch Zeichen
-mitzutheilen?
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-Allein daraus, dass sie sich die Aufgabe aufstellten, eine Sprache zu
-erfinden, folgt noch nicht, dass ihnen überhaupt, und durch welche
-Mittel ihnen die Ausführung gelang. Daher die zweite schon angeführte
-Frage: giebt es in der menschlichen Natur Mittel, welche man nothwendig
-ergreifen musste, um die Idee einer Sprache zu realisiren? Kann man
-diesen Mitteln nachspüren, und wie mussten sie gebraucht werden, wenn
-durch sie der Zweck erreicht werden sollte? Fänden sich solche Mittel,
-so liesse sich wohl eine Geschichte der Sprache ^a priori^ entwerfen.
-Und sie finden sich allerdings.
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-Zuvörderst: auf welchem Wege wurde die Idee von einer Sprache in dem
-Menschen entwickelt? -- Es ist im Wesen des Menschen gegründet, dass er
-sich die Naturkraft zu unterwerfen sucht. Die erste Aeusserung seiner
-Kraft ist gerichtet auf die Natur, um sie für seine Zwecke zu bilden.
-Selbst der roheste Mensch trifft irgend eine Vorkehrung für seine
-Bequemlichkeit und seine Sicherheit; er gräbt sich Höhlen, bedeckt sich
-mit Laub, und wenn er des Feuers etwa habhaft werden kann, zündet er
-Holz an, um sich so gegen den Frost zu schützen. Er wird von allen
-Seiten arbeiten, die feindselige Natur zu bezwingen, und wo er das nicht
-kann, wird er sie scheuen. So fürchtet der Mensch den Donner, weil er
-sich ausser Stande sieht, die Natur in dieser Aeusserung ihrer Kraft zu
-beherrschen. Sollten wir Mittel finden, dieselbe auch hier zu bezwingen,
-so würde sich jene Furcht bald verlieren. Der Mensch macht sich die
-Thiere dienstbar, oder flieht sie, wenn er das erstere nicht vermag. So
-war gewiss, ehe man die Kunst erfand, Pferde zu zähmen, dieses grosse
-starke Thier dem Menschen ein Gegenstand des Schreckens: jetzt, da er es
-sich unterworfen hat, fürchtet er es nicht mehr.
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-In diesem Verhältnisse steht der Mensch mit der belebten und leblosen
-^Natur^: er geht darauf aus, sie nach seinen Zwecken zu modificiren;
-aber diese widerstrebt der Einwirkung, und nimmt oft genug sie gar nicht
-an. Daher sind wir mit der Natur in stetem Kampfe, sind bald Sieger,
-bald Besiegte, -- unterjochen oder fliehen.
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-Wie verhält sich dagegen der Mensch ursprünglich gegen den ^Menschen
-selbst^? Sollte wohl zwischen ihnen im rohen Naturzustande dasselbe
-Verhältniss stattfinden, welches zwischen dem Menschen und der Natur
-ist? Sollten sie wohl darauf ausgehen, sich selbst untereinander zu
-unterjochen, oder, wenn sie sich dazu nicht Kraft genug zutrauen,
-einander gegenseitig fliehen?
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-Wir wollen annehmen, es wäre so: so würden gewiss nicht zwei Menschen
-nebeneinander leben können; der Stärkere würde den Schwächeren
-bezwingen, wenn dieser nicht flöhe, sobald er jenen erblickte. Würden
-sie aber auf solche Art wohl jemals in Gesellschaft getreten, würde
-durch sie die Erde bevölkert worden seyn? Ihr Verhältniss würde ganz so
-gewesen seyn, wie es Hobbes im Naturstande schildert: Krieg aller gegen
-alle. Und doch finden wir, dass die Menschen sich miteinander vertragen,
-dass sie sich gegenseitig unterstützen, dass sie in gesellschaftlicher
-Verbindung miteinander stehen. Der Grund dieser Erscheinung muss wohl in
-dem Menschen selbst liegen: in dem ursprünglichen Wesen desselben muss
-sich ein Princip aufzeigen lassen, welches ihn bestimmt, sich gegen
-seinesgleichen anders zu betragen, als gegen die Natur.
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-Ich weiss recht wohl, dass viele behaupten, die Menschen gingen von
-Natur darauf aus, einander zu unterjochen. Was auch immer gegen diese
-Behauptung sich einwenden lassen möge, so ist doch soviel gewiss: dass
-sich aus der Erfahrung mancherlei scheinbare Gründe für dieselbe
-auffinden lassen, und dass sie folglich der entgegengesetzten
-Behauptung, wiefern diese auch nur als Erfahrungssatz aufgestellt würde,
-in Rücksicht auf Gültigkeit gleichgesetzt werden könnte. Diese
-entgegengesetzte Behauptung muss also eben darum, damit ihre Gültigkeit
-entschieden sey, aus einem in der Natur des Menschen selbst liegenden
-Principe abgeleitet werden. Wir wollen dieses Princip aufsuchen.
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-Der Mensch geht darauf aus, die rohe oder thierische Natur nach seinen
-Zwecken zu modificiren. Dieser Trieb muss untergeordnet seyn dem
-höchsten Principe im Menschen, dem: sey immer einig mit dir selbst; nach
-welchem Principe er in den allgemeinsten Aeusserungen seiner Kraft
-beständig forthandelt, auch ohne sich desselben bewusst zu seyn. Der
-Mensch sucht also -- nicht gerade aus einem deutlich gedachten, aber aus
-einem durch sein ganzes Wesen verwebten, und dasselbe ohne alles
-Hinzuthun seines freien Willens bestimmenden Princip -- die nicht
-vernünftige Natur sich deswegen zu unterwerfen, damit alles mit seiner
-Vernunft übereinstimme, weil nur unter dieser Bedingung er selbst mit
-sich selbst übereinstimmen kann. Denn da er ein vorstellendes Wesen ist,
-und in einer gewissen Rücksicht, die wir hier nicht zu bestimmen haben,
-die Dinge vorstellen muss, wie sie sind: so geräth er dadurch, dass die
-Dinge, die er vorstellt, mit seinem Triebe nicht übereinstimmen, in
-einen Widerspruch mit sich selbst. Daher der Trieb, die Dinge so zu
-bearbeiten, dass sie mit unseren Neigungen übereinstimmen, dass die
-Wirklichkeit dem Ideale entspreche. Der Mensch geht nothwendig darauf
-aus, alles, so gut er es weiss, ^vernunftmässig^ zu machen.
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-Wenn er nun in diesen Versuchen auf einen Gegenstand stossen sollte, an
-welchem sich die gesuchte Vernunftmässigkeit ohne seine Mitwirkung schon
-äusserte, so wird er sich in Rücksicht auf diesen aller Bearbeitung wohl
-enthalten, da er dasjenige, was einzig und allein durch sie
-hervorgebracht werden soll, an dem entdeckten Gegenstande schon findet.
-Er hat etwas gefunden, was mit ihm übereinstimmt; würde es nicht
-ungereimt seyn, einen Gegenstand seinem Triebe entsprechend machen zu
-wollen, der schon, ohne sein Zuthun, demselben entspricht? Das Gefundene
-wird ihm ein Gegenstand des Wohlgefallens seyn: er wird sich freuen, ein
-mit ihm gleichgestimmtes Wesen -- einen ^Menschen^ angetroffen zu haben.
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-Aber woran soll er diese Vernunftmässigkeit des gefundenen
-Gegenstandes erkennen? An nichts anderem, als woran er seine eigene
-Vernunftmässigkeit erkennt -- am ^Handeln nach Zwecken^. -- Die blosse
-Zweckmässigkeit des Handelns aber an sich allein würde zu einer solchen
-Beurtheilung noch nicht hinreichen; sondern es bedarf noch der Idee des
-Handelns nach veränderter Zweckmässigkeit, und zwar von einem Handeln,
-das verändert ist nach unserer eigenen Zweckmässigkeit. Gesetzt, der
-Naturmensch handle auf einen Gegenstand, der entweder nach gewissen
-Regeln aufwächst, Früchte trägt u. s. w., oder einen, der nach einem
-gewissen Instincte auf Nahrung ausgeht, schläft, erwacht u. s. w., und
-den er deshalb als nach Zwecken handelnd beurtheilt. Sobald ein solcher
-Gegenstand, auf den der Naturmensch seinen Zwecken gemäss gehandelt hat,
-seinen Gang fortgeht, ohne nach Maassgabe jener Einwirkung eine
-Veränderung in seinem Zwecke anzunehmen, so erkennt er ihn nicht für
-vernünftig. Als zweckmässig und freihandelnd werde ich nur das Wesen
-ansehen, das seinen Zweck, nachdem ich meinen Zweck auf dasselbe
-anwende, auch ändert. Z. B., ich brauche Gewalt auf ein Wesen, und es
-braucht sie auch, ich erzeige ihm eine Wohlthat, es erwiedert sie; so
-ist immer Veränderung des Zweckes nach dem Zwecke, den ich für dasselbe
-habe: mit anderen Worten, es ist eine ^Wechselwirkung^ zwischen mir und
-diesem Wesen. Nur ein Wesen, das, nachdem ich meinen Zweck auf dasselbe
-äusserte, den seinigen in Beziehung auf diese Aeusserung ändert, das z.
-B. Gewalt braucht, wenn ich gegen dasselbe Gewalt brauche, das mir
-wohlthut, wenn ich ihm wohlthue: nur ein solches Wesen kann ich als
-vernünftig erkennen. Denn ich kann aus der Wechselwirkung, welche
-zwischen ihm und mir eingetreten ist, schliessen, dass dasselbe eine
-Vorstellung von meiner Handlungsweise gefasst, sie seinem eigenen Zwecke
-angepasst habe, und nun nach dem Resultate dieser Vergleichung seinen
-Handlungen durch Freiheit eine andere Richtung gebe. Hier zeigt sich
-offenbar ein Wechsel zwischen Freiheit und Zweckmässigkeit, und an
-diesem Wechsel erkennen wir die Vernunft.
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-Der Mensch geht also nothwendig darauf aus, Vernunftmässigkeit ausser
-sich zu finden; er hat einen Trieb dazu, der sich deutlich genug dadurch
-offenbart, dass der Mensch sogar geneigt ist, leblosen Dingen Leben und
-Vernunft zuzuschreiben. Beweise davon finden sich häufig genug in den
-Mythologien und den Religionsmeinungen aller Völker u. s. w. Wie wir
-gesehen haben, ist es der Trieb nach Uebereinstimmung mit sich selbst,
-welcher den Menschen anleitet, Vernunftmässigkeit ausser sich
-aufzusuchen.
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-Eben dieser Trieb musste in dem Menschen, sobald er wirklich mit Wesen
-seiner Art in Wechselwirkung getreten war, den Wunsch erzeugen, seine
-Gedanken dem anderen, der sich mit ihm verbunden hatte, auf eine
-bestimmte Weise andeuten, und dagegen von demselben eine deutliche
-Mittheilung seiner Gedanken erhalten zu können. Denn ohne diese Auskunft
-musste es sich häufig ereignen, dass der eine die Handlung des anderen
-misverstand und auf eine Art erwiederte, die ganz gegen die Erwartung
-des Handelnden war; ein Fall, der den Menschen in offenbaren Widerspruch
-mit seinen Zwecken versetzte, und folglich geradezu gegen die
-Uebereinstimmung mit sich selbst stritt, welche er bei der Aufsuchung
-vernünftiger Wesen beabsichtigte. -- Ich meine es vielleicht mit jemand
-gut, und will ihm mein Wohlwollen durch Handlungen zu erkennen geben.
-Allein jener deutet diese Handlungen unrichtig und erwiedert sie durch
-Feindseligkeiten. Ein solches Betragen muss nothwendig bei mir den
-Gedanken veranlassen, dass der andere meine Absichten verkenne; und
-diesem Gedanken muss bald der Wunsch folgen, ihm meine Gesinnungen auf
-eine weniger zweideutige Art ankündigen zu können.
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-So wie es mir mit anderen geht, so anderen mit mir. Wie leicht kann ich
-die wohlmeinende Handlung eines anderen misverstehen und mit Undank
-vergelten? So wie ich aber seine Absicht besser einsehe, so werde ich
-wünschen mein Vergehen wieder gut zu machen, und um deswillen von seinen
-Gedanken künftig besser unterrichtet zu seyn. -- Ich wünsche also, dass
-der andere meine Absicht wissen möge, damit er mir nicht zuwiderhandle,
-und aus gleichem Grunde wünsche ich, die Absichten des anderen zu
-wissen. Daher die Aufgabe zur Erfindung gewisser Zeichen, wodurch wir
-anderen unsere Gedanken mittheilen können.
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-Bei diesen Zeichen wird indessen einzig und allein der ^Ausdruck^
-unserer Gedanken beabsichtiget. Wenn ich auf jemand erzürnt bin, so
-zeigt sich ihm dieser Zorn allerdings durch feindliche Behandlung. Aber
-da ist die Absicht bloss, meine Gedanken ^auszuführen^, nicht aber, ihm
-ein ^Zeichen^ davon zu geben. Bei der Sprache aber ist lediglich die
-^Bezeichnung^ Absicht, nicht als Ausdruck der Leidenschaft, sondern zum
-Behufe einer gegenseitigen Wechselwirkung unserer Gedanken, ohne welche,
-wie soeben bemerkt wurde, eine unserem Triebe angemessene Wechselwirkung
-der Handlungen nicht bestehen kann.
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-Durch die Verbindung mit Menschen wird also in uns die Idee geweckt,
-unsere Gedanken einander durch willkürliche Zeichen anzudeuten -- mit
-Einem Worte: ^die Idee der Sprache^. Demnach liegt in dem, in der Natur
-des Menschen gegründeten Triebe, Vernunftmässigkeit ausser sich zu
-finden, der besondere ^Trieb, eine Sprache zu realisiren^, und die
-Nothwendigkeit, ihn zu befriedigen, tritt ein, wenn vernünftige Wesen
-miteinander in Wechselwirkung treten.
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-Wir denken uns bei der Sprache gewöhnlich nur ^Zeichen fürs Gehör^. Wie
-es gekommen ist, dass wir uns mit unserer Sprache eben an diesen Sinn
-wenden, wird in der Folge erklärt werden. ^Hier^ ist kein mögliches
-Zeichen ausgeschlossen; so wie in der Ursprache sicher ebensowenig
-irgend eins ausgeschlossen war.[34]
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-Die Aufgabe zur Sprache ist jetzt vorhanden: wie soll ihr aber nun
-Genüge geschehen?
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-Die Natur offenbart sich uns besonders durch Gesicht und Gehör. Zwar
-kündigt sie sich uns auch durch Gefühl, Geschmack und Geruch an: aber
-die Eindrücke, welche wir auf diesen Wegen erhalten, sind theils nicht
-lebhaft, theils nicht bestimmt genug, und wir lassen uns daher bei
-äusseren Wahrnehmungen vorzüglich durch Gesicht und Gehör leiten, wenn
-und wo uns der Gebrauch dieser Sinne nicht versagt ist. So wie die Natur
-den Menschen etwas durch Gehör und Gesicht bezeichnete, gerade so
-mussten sie es einander durch Freiheit bezeichnen. -- Man könnte
-eine auf diese Grundregel aufgebaute Sprache die ^Ur-^ oder
-^Hieroglyphensprache^ nennen.
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-[Fußnote 34: Ich beweise hier nicht, dass der Mensch ohne Sprache nicht
-denken, und ohne sie keine allgemeinen abstracten Begriffe haben könne.
-Das kann er allerdings vermittelst der Bilder, die er durch die
-Phantasie sich entwirft. Die Sprache ist meiner Ueberzeugung nach für
-viel zu wichtig gehalten worden, wenn man geglaubt hat, dass ohne sie
-überhaupt kein Vernunftgebrauch stattgefunden haben würde.]
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-Die ersten Zeichen der Dinge waren, nach diesen Grundsätzen, hergenommen
-von den Wirkungen der Natur: sie waren nichts weiter, als eine
-Nachahmung derselben. Hier war die Mittheilung der Gedanken selbst
-willkürlich, wie sie es bei jeder Sprache seyn muss, aber nicht die Art
-dieser Mittheilung: es stand in meiner Willkür, ob ich dem anderen meine
-Gedanken bezeichnen wollte, oder nicht; aber im Zeichen selbst war keine
-Willkür.
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-Diese Bezeichnung der Dinge durch die Nachahmung ihrer in die Sinne
-fallenden Eigenschaften gab sich leicht. Der Löwe wurde z. B. durch die
-Nachahmung seines Gebrülles, der Wind durch die Nachahmung seines
-Sausens ausgedrückt. So wurden Gegenstände, die sich durch das Gehör
-offenbaren, durch Töne ausgedrückt: andere, die sich durchs Gesicht
-ankündigen, konnten im leichten Umriss etwa im Sande nachgebildet
-werden. Z. B. Fische, Netze, mit einigen Gesticulationen und Winken
-gegen das Ufer hin begleitet, waren für den, an welchen diese Zeichen
-gerichtet waren, eine Aufforderung zum Fischen.
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-Diese Sprache war leicht erfunden, und hinreichend, wenn etwa zwei
-beisammen waren, um sich zu unterhalten, oder in der Nähe zusammen
-arbeiteten. Jeder giebt auf des anderen Zeichen Acht: der eine ahmt
-einen Ton nach, der andere auch; der eine zeichnet etwas mit dem Finger,
-der andere auch. So verstehen sie einander: der eine weiss, was der
-andere denkt, und dieser weiss, was jener will, dass er denken solle.
-Man stelle sich aber vor, dass diese zwei für sich arbeiten und entfernt
-von einander sind, z. B. auf der Jagd. Einer will dem anderen einen
-Gedanken mittheilen, der sich nur durch ein Zeichen fürs Gesicht
-ausdrücken lässt; aber zum Unglück richtet der andere seine Blicke nicht
-auf ihn, oder kann seine Zeichen wegen der grossen Entfernung nicht
-bestimmt erkennen. Hier ist die Unterredung unmöglich.
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-Ferner: man denke sich mehrere, die um sich zu berathschlagen versammelt
-sind. -- Dies wird bei rohen und uncultivirten Menschen, wie wir hier
-sie uns denken, oft der Fall seyn, weil sie oft des gegenseitigen Rathes
-bedürfen. -- Man erwäge, ob die angenommene Hieroglyphensprache für eine
-so grosse Gesellschaft bequem seyn werde. Gesetzt, es sind ihrer zehn
-beisammen; während einer redet und acht zuhören, fällt es dem zehnten
-ein, auch etwas vorzutragen. Aber alle seine Zeichen werden nicht
-beobachtet, weil die übrigen auf den ersten merken. Wie soll er es
-anfangen, um sich Aufmerksamkeit zu verschaffen?
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-Man erinnere sich einer Bemerkung, welche die tägliche Erfahrung
-bestätigt. -- Das Gehör leitet unwillkürlich die Augen: man richtet sich
-nach der Gegend, wo ein Schall herkam, selbst ohne sich mit Bewusstseyn
-die Absicht zu denken, der Ursache dieses Schalles nachzuspüren; ja, man
-hat oft Mühe, sich des Hinsehens zu erwehren. Da es der vorausgesetzten
-Person in der Ursprache freisteht, sich sowohl fürs Gesicht, als fürs
-Gehör auszudrücken, so wird er, unserer, nicht gerade deutlich
-gedachten, aber dunkel gefühlten Bemerkung zufolge, auf den letzteren
-Sinn zu wirken suchen, um die Gesellschaft fürs erste nur aufmerksam auf
-sich zu machen, und mag vielleicht zuerst einen unarticulirten Ton, etwa
-ein ^Hm!^ von sich geben. Jetzt werden die anderen ihre Blicke auf ihn
-richten, und er kann durch Zeichen für das Gesicht mit ihnen sprechen.
-Aber sie sind vielleicht in den Gedankenkreis desjenigen, der zuerst zu
-ihnen sprach, und der jetzt unterbrochen ist, unwiderstehlich
-hineingerissen, er allein interessirt sie, und sie wenden ihre Blicke
-von dem Zehnten wieder hinweg. Dies wird demselben nicht gleichgültig
-seyn. Er ist überzeugt, dass das, was er vortragen will, von der
-grössten Bedeutung sey, -- und wird sich nicht so ruhig gefallen lassen,
-dass seine Rede so wenig Eingang findet. Je stärker in ihm das Verlangen
-ist, sich mitzutheilen, desto lebhafter muss er auch sein Unvermögen
-fühlen, durch Zeichen fürs Gesicht der Versammlung seine Gedanken
-bemerkbar zu machen: und dieses Unvermögen, verbunden mit der Erinnerung
-an die Wirkung, welche der Laut, den er gleich anfangs von sich gab, auf
-die Gesellschaft machte, muss nothwendig die Vorstellung in ihm
-veranlassen, dass er die Gesellschaft nöthigen würde, auf seine ganze
-Rede zu achten, wenn sein Vortrag aus blossen Gehörzeichen bestehen
-würde.
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-Noch mehr. Man verwandle die vorausgesetzte Gesellschaft in eine solche,
-wo jeder reden will -- jeder wird wünschen, dass er die
-Hieroglyphensprache, in welcher Zeichen fürs Gesicht mit Gehörzeichen
-abwechseln, in eine blosse Gehörsprache umschaffen könnte, um mehr
-Eingang und Aufmerksamkeit zu finden. Durch eine solche Auskunft würde
-auch derjenige, der sich in dem zuerst angeführten Falle befand, in den
-Stand gesetzt werden, dem anderen auch in der Entfernung, oder in der
-Dunkelheit seine Gedanken anzuzeigen.
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-Durch diese Mängel der Ursprache, dass sie die Aufmerksamkeit nicht
-erregt, sondern sie schon voraussetzt, dass sie nur in der Nähe und am
-Tage anwendbar ist, entstand nothwendig ^die Aufgabe, dieselbe in eine
-blosse Gehörsprache zu verwandeln^.
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-Wie soll nun aber diese Aufgabe gelöst werden? Wie soll der Mensch
-Gegenstände, die sich durch den Ton nicht charakterisiren, durch Töne
-bezeichnen? Der Hirt wird sein Vieh, und die Feinde desselben, den
-Löwen, den Tiger, den Wolf, durch die Nachahmung ihrer Stimmen
-bezeichnen. Aber wie soll er einen Fisch, Vegetabilien und andere
-Gegenstände, welche uns die Natur nicht durch Töne ankündigt, fürs Gehör
-bezeichnen?
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-Dazu kommt noch, dass, so wie sich allmählig die Bedürfnisse der
-Menschen vermehren, auch immer mehr Dinge in Gebrauch kommen, z. B.
-Zelte, Netze und andere Werkzeuge, die, ihrer Natur nach, keinen Ton von
-sich geben. Und doch soll auch für diese ein bezeichnender Laut gefunden
-werden.
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-Man beruft sich gewöhnlich, um die Erfindung solcher Bezeichnungen zu
-erklären, auf Verabredung: man nimmt an, die Menschen, in einer Lage,
-die ihnen eine Gehörsprache nothwendig machte, wären übereingekommen,
-diesen Gegenstand ^Fisch^, jenen ^Netz^ zu nennen u. s. w. Allein dies
-ist grundlos. Denn erstlich: wie sollte man auch nur auf den Einfall
-gekommen seyn, Gegenstände durch willkürliche Töne bezeichnen zu wollen,
-nachdem man sie bisher immerfort durch natürliche Zeichen ausgedrückt
-hatte? Dann: wie kam es, dass derjenige, welcher die Töne vorschlug, sie
-selbst nicht wieder vergass, oder noch mehr -- dass sie von der ganzen
-Horde behalten wurden? Endlich: wie wäre es denkbar, dass eine Menge
-ungebundener Menschen sich dem Ansehen eines Einzigen unbedingt
-unterworfen -- dass sie einen Vorschlag, der sich auf nichts, als die
-Willkür dieses Einzigen gründete, so willig angenommen hätten?
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-Noch ist bei der ganzen Deduction der Sprache, und insbesondere bei der
-gegenwärtigen Untersuchung, wohl zu merken, dass die verschiedenen
-Momente der Erfindung und Modification einer Sprache nicht so schnell
-auf einander gefolgt sind, als sie hier erzählt werden. Wer weiss, wie
-viel tausend Jahre verflossen sind, ehe die Ursprache Sprache fürs Gehör
-wurde?
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-Ferner ist es durch die Erfahrung bestätigt, dass die Sprachen sich
-immer ändern, immer neue Modificationen annehmen; dass aber diese
-Veränderlichkeit nach Maassgabe der Cultur, welche eine bestimmte
-Sprache hat, sich stärker oder schwächer äussert. Vorzüglich zeigt sich
-durch Erfahrung, dass die Sprache sich am meisten bei einem Volk ändert,
-das noch nicht schreibt, sondern bloss spricht; weil der ursprüngliche
-Ton eines Zeichens, wenn er einmal verloren gegangen ist, nirgends
-wieder aufgefunden werden kann. Wo aber geschrieben wird, da wird der
-Ton festgehalten, und es lässt sich immer wieder bestimmen, wie ein Wort
-ausgesprochen werden muss. Durch Erfindung der Buchstaben wurde also die
-Sprache sehr befestigt.
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-Eine lebende Sprache verändert sich demnach immer im umgekehrten
-Verhältniss mit ihrer Cultur: je mehr Ausbildung sie erhalten hat, desto
-weniger rückt sie vorwärts, je uncultivirter sie noch ist, desto mehr
-modificirt sie sich; und sie verändert sich am stärksten, wenn ihre
-Laute noch nicht durch Schriftzeichen festgehalten werden. Diese
-Bemerkung brauchen wir, um uns zu erklären, wie die Ursprache sich in
-Gehörsprache verwandelt hat.
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-Nach diesen Vorerinnerungen kommen wir zur Beantwortung der Frage
-selbst: wie liess sich ^Hieroglyphensprache^ in ^Gehörsprache^
-umschaffen?
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-In der Ursprache mussten bald die Zeichen fürs Gehör, welche Nachahmung
-natürlicher Töne waren, z. B. die Bezeichnung des Löwen, des Tigers u.
-s. w., die durch das ihnen eigenthümliche Gebrüll ausgedrückt wurden,
-merkliche Veränderungen leiden. Bei einem Volke, das -- wie von den
-Stämmen der Wilden bekannt ist -- die Zusammenkünfte liebt, in
-Gesellschaft arbeitet und schmaust u. s. w., wird es leicht dahin
-kommen, dass Ein Mensch durch die Ueberlegenheit seines Geistes einen
-Vorzug vor den übrigen behauptet, und, ohne durch Stimmen dazu erwählt
-zu werden, den Heerführer im Kriege, und in ihren Versammlungen den
-Sprecher vorstellt. Ein solcher Mensch, auf dessen Reden man vorzüglich
-achtet, wird sich durch Gewohnheit eine Geläufigkeit im Sprechen
-erwerben, und durch diese Geläufigkeit bald dahin kommen, dass er die
-Dinge nur flüchtig bezeichnet, sich es nicht übel nimmt, den oder jenen
-Ton im Reden zu überspringen. Man wird sich an diese Abweichung bald
-gewöhnen, und diese flüchtigere Bezeichnung leicht verstehen lernen.
-Allmählig wird er sich von der eigentlichen Nachahmung der natürlichen
-Töne immer mehr entfernen, seine Bezeichnung wird nach und nach
-flüchtiger, kürzer und leichter werden; so dass sich -- vielleicht nach
-einem Zeitraum von einigen Jahrzehnden schon -- zwischen seiner
-Bezeichnung eines Gegenstandes und dem natürlichen Ton, durch welchen
-sich dieser dem Gehör ankündigt, kaum noch eine Aehnlichkeit wird
-entdecken lassen. Die Anderen, die sich bemühen, diese leichteren
-Gehörzeichen verstehen zu lernen, werden es bald bequemer finden, diese
-Art zu sprechen, die sich durch ihre grössere Leichtigkeit empfiehlt,
-auch nachzuahmen.
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-Je weiter nun die Menschen in dieser von der Natur sich entfernenden
-Bezeichnungsart fortgingen, desto lebhafter musste sich ihnen, selbst
-bei der flüchtigsten Aufmerksamkeit auf sich selbst und ihre Art, sich
-auszudrücken, die Bemerkung aufdringen, dass, da man Dinge fürs Gehör
-auf eine andere Art, als sie von Natur tönen, ausdrücken könne, man
-vielleicht auch Dinge, die an sich tonlos sind, durch einen Ton
-bezeichnen könnte. -- Welchen Weg musste man nun einschlagen, um diesen
-Gedanken zu realisiren?
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-Wenn auch gewisse Dinge sich nicht ausdrücklich unserem Ohr ankündigen,
-so kömmt ihnen doch zufälligerweise, unter besonderen Umständen, ein Ton
-zu. Z. B. der ^Reif^ hat an sich keinen Ton, wenn man aber über
-denselben weggeht, so entsteht ein gewisses charakteristisches Rauschen,
-von welchem er leicht benannt werden konnte: der ^Wald^ tönt an sich
-nicht, wohl aber, wenn man durchs Gesträuche geht, u. s. w. Oft konnte
-auch ein Zufall, welcher sich ereignete, als gerade ein Mensch mit der
-Betrachtung eines Gegenstandes sich beschäftigte, die Erfindung eines
-Tons für denselben veranlassen. Z. B. jemand sah eine Blume, indem flog
-eine Biene, welche Honig aus derselben gesaugt hatte, sumsend davon; er
-sah beides noch nie, in seiner Phantasie vereinigte sich jetzt das
-Sumsen mit dem Gedanken an die Blume, und diese Verbindung leitete ihn
-sehr natürlich darauf, für die Blume und Biene eine Bezeichnung zu
-finden.
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-Auf diese Weise kam man darauf, Dinge nach gewissen, zufällig mit ihnen
-verbundenen, oder auf sie bezogenen Tönen zu benennen. Man denke sich
-nun den Trieb, eine Zeichensprache in Gehörsprache umzuschaffen, selbst
-dann noch in fortdauernder Wirksamkeit, als schon die bekanntesten
-Gegenstände -- diejenigen, die im Kreise der täglichen Beschäftigungen
-des Menschen lagen, für das Ohr bezeichnet waren: so ist es sehr
-begreiflich, wie man endlich darauf geleitet wurde, auch Töne zu
-Bezeichnung eines Gegenstandes festzusetzen, zu welchen auch nicht
-einmal ein zufälliger Laut Veranlassung gab. Um die Bedeutung eines
-solchen Tones zu erklären, musste der Erfinder ihn durch andere schon
-bekannte Töne erläutern, durch deren Zusammensetzung er selbst neue
-Worte bilden konnte. So war es ihm leicht möglich, durch
-Zusammenstellung mehrerer Töne, deren Gegenstände mit dem zu
-bezeichnenden Objecte in gewisser Beziehung standen, seine Sprache mit
-neuen Bezeichnungen zu ^bereichern^.
-
-Aber wer war es denn, der für die Erfindung und Ausbildung einer
-Gehörsprache zu sorgen hatte? und wie konnte eine solche willkürliche
-Bezeichnung, die von einem Individuum aufgestellt wurde und wozu in dem
-Gegenstande entweder gar keine oder nur eine zufällige Veranlassung war,
-als ein allgemeinverständlicher Ausdruck in Umlauf gebracht werden? Der
-Natur der Sache nach musste dieses Geschäft vorzüglich dem Hausvater und
-der Hausmutter einer Familie angehören, die bei ihren häuslichen
-Geschäften oft Gelegenheit hatten, mancherlei neue Töne zu erfinden,
-womit sie ihren Hausgenossen die Bearbeitung eines Gegenstandes in einem
-Ausdrucke auftragen konnten, den sie anfänglich durch Vorzeigung des
-Gegenstandes erklärten. Durch den häufigen Gebrauch wurden diese
-Ausdrücke dem Vater und der Mutter selbst geläufiger.
-
-Allein, wenn auch der Hausvater sich durch die von ihm erfundenen
-Bezeichnungen seiner Familie verständlich machte; wenn ihm auch z. B.
-sein Sohn, wenn er eine ^Rose^ verlangt hatte, die Blume brachte, welche
-er mit diesem Ausdruck meinte: wie sollte dies Wort in der ganzen Horde
-gemeinbekannt werden? Warum sollte doch der zweite und dritte Nachbar
-nicht die Freiheit gehabt haben, die ^Rose^ anders zu benennen? Mithin
-liesse sich aus dem Vorgetragenen nur erklären, wie die ^Sprache der
-Familie^ gebildet und erweitert wurde; nicht aber, wie die Sprache der
-ganzen Horde sich entwickeln konnte. -- Dieser Einwurf lässt sich auf
-folgende Art auflösen.
-
-Es wird unter uncultivirten Völkern immer wenige geben, welche Kopf und
-Lust genug besitzen, sich mit Ausbildung der Sprache vorzüglich zu
-beschäftigen. Daher werden diejenigen, welche Fähigkeit und Neigung zu
-diesem mühsamen Geschäfte zeigen, schon dadurch bald über die Horde
-grossen Einfluss gewinnen. Wenn nun dieselbigen Menschen ausser diesem
-Verdienste auch noch andere Talente besitzen, die sie zur Besorgung der
-öffentlichen Angelegenheiten ihres Volkes geschickt machen (und dies
-lässt sich um so leichter annehmen, da die Menschen, wie wir sie hier
-uns denken, noch nicht durch äussere Verhältnisse zu einer einseitigen
-Bildung verleitet, leicht von mehreren Seiten zugleich sich auszeichnen
-konnten): so werden sie bald an der Spitze der Horde stehen, und in
-ihren Rathsversammlungen das Wort führen. Diese werden nun die
-Bezeichnungen, die sie für die Bedürfnisse ihrer Familie erfunden
-hatten, in die Volksversammlung bringen; man wird sie annehmen und
-fortbrauchen. Auf diese Art wird sich die Erfindung eines Hausvaters
-bald durch die ganze Horde verbreiten.
-
-Aber wie sollte man diese Ausdrücke immer verstehen und behalten? -- Man
-muss sich nur nicht vorstellen, dass dies alles auf einmal und plötzlich
-geschehen sey. Der Sprecher brachte nicht etwa ganze Reihen neuer Töne
-vor, die er auf einmal zu behalten ausdrücklich aufgab; sondern die
-Ausdrücke kamen im Fluss der Rede einzeln vor, und waren, wenn auch
-nicht an sich, doch durch den Zusammenhang mit anderen bekannten Worten
-verständlich. Aller Augen und Ohren sind auf den Redner gerichtet; man
-merkt genau auf ihn, prägt sich das Gehörte sorgfältig ein, und
-gebraucht die gelernten Zeichen nachher auch in seiner Familie.
-
-Bisher waren wir beschäftigt, zu zeigen, wie ^einzelne Gegenstände^ fürs
-Gehör bezeichnet wurden. Mit mehreren Schwierigkeiten wird die uns nun
-bevorstehende Untersuchung über Bezeichnung ^allgemeiner Begriffe^
-verbunden seyn. Es giebt in der Wirklichkeit keinen Gegenstand, der,
-ausser dem Merkmale seines Geschlechts, nicht auch das Merkmal einer
-besonderen Gattung dieses Geschlechts an sich trüge. Es giebt zum
-Beispiel keinen Gegenstand, von welchem sich weiter nichts sagen liesse,
-als dass er ein ^Baum^, und nicht zugleich, dass er etwa eine ^Birke^,
-^Eiche^, ^Linde^ u. s. w. sey. Wie kam man demnach darauf, ^allgemeine
-Begriffe^, z. B. den des Baumes, auszudrücken?
-
-Zu Bezeichnungen der ^Gattungsbegriffe^ gelangte man sehr leicht. Ein
-Hausvater zeigte einem seiner Kinder eine Blume, die er ^Rose^ nannte.
-Bald darauf schickt er es, ihm die Rose zu holen. Das Kind hatte mit
-diesem Tone gewiss den Begriff jener bestimmten individuellen Blume
-verbunden, welche ihm der Vater gezeigt hatte. Es findet aber die
-bestimmte Blume nicht mehr, doch erblickt es daneben eine Blume von
-gleicher Gestalt, welche dem Kinde nun auch Rose heisst. Es reisst sie
-ab und bringt sie dem Vater, der die Blume als Rose anerkennt. So kommen
-beide überein, dass der Schall Rose nicht bloss jenen einzelnen
-Gegenstand auf jener bestimmten Stelle, sondern überhaupt alle Blumen
-von derselben Gestalt, derselben Farbe, demselben Geruche bedeute. -- So
-war vielleicht in der gleichen Zeitreihe mit dem ersten Versuche einer
-Gehörsprache die Bezeichnung der Gattungsbegriffe möglich. -- Richtig
-ist überhaupt, dass die Gattungsbegriffe sich eher entwickelten, als die
-des Geschlechts, weil, um sich die letzteren zu denken, ein höherer Grad
-von Abstraction erfordert wird. Folglich mussten auch wohl die
-Bezeichnungen für jene früher entstanden seyn, als die Bezeichnungen für
-die letzteren. Auch ist kein so dringendes Bedürfniss da, den
-^Geschlechtsbegriff^ -- z. B. den des ^Baums^ zu bezeichnen, als etwa
-die ^Gattungsbegriffe Birke, Eiche^ u. s. w.
-
-Diejenigen Namen von ^Gattungsbegriffen^, denen das Zeichen des
-Geschlechtsbegriffs, zu welchem sie gehören, nicht angehängt ist,
-sind gewiss früher erfunden worden, als die Namen ihrer
-^Geschlechtsbegriffe^; hingegen, wo man den Ausdrucke eines
-Gattungsbegriffs die Bezeichnung seines Geschlechts beigefügt findet, da
-ist der erstere gewiss später erfunden worden. So sagt man nicht
-Birken^baum^, Fichten^baum^, weil die Namen dieser Gattungen von Bäumen
-früher waren, als die Bezeichnung des Geschlechts. Hingegen sagt man
-Birn^baum^, Apfel^baum^, Nuss^baum^ u. s. w., weil hier der
-Gattungsbegriff später zu unserer Kenntniss kam, als der seines
-Geschlechts. Denn es ist bekannt, dass diese Gattungen von Bäumen in
-Deutschland nicht einheimisch, sondern erst zu uns gebracht worden sind,
-da schon die wilden Baumarten, und das Geschlecht selbst bezeichnet war.
-Man nannte demnach die nun eingeführten fremden Bäume, ehe man einen
-bestimmten Namen für sie wusste, mit dem Geschlechtsworte: ^Bäume^. Die
-Frucht hatte indess schon vorher einen Namen, den man vielleicht durch
-die Kaufleute erfahren hatte, und so entstand denn der Ausdruck:
-Apfelbaum, Birnbaum u. s. w.
-
-Sehr abstracte Begriffe wurden erst ganz spät benannt, und die Zeichen
-derselben sind öfters vorher Zeichen der Gattung gewesen. -- Einer der
-allerabstractesten Begriffe ist der eines ^Dinges^; durch welches Wort
-ein ^Seyendes überhaupt^ bezeichnet wird. Im Deutschen ist die Ableitung
-dieses Wortes weniger verwickelt, als im Lateinischen, da das Wort ^Ens^
-in dieser Sprache nicht das Existiren, sondern den reinen Begriff des
-Seyns ausdrückt. Im Deutschen hiess wohl anfänglich alles, was als
-Werkzeug zu etwas gebraucht wird, ein ^Ding^. Dies sieht man bei Kindern
-und ungebildeten Menschen, die anstatt des eigentlichen Ausdrucks (wenn
-sie etwas entweder noch nicht kennen, oder sich dessen nicht sogleich
-entsinnen können) z. B. für ^Feder^ sagen: ein ^Ding^, womit man
-schreibt. -- Diese Bedeutung des Wortes ^Ding^ bestätigt sich dadurch,
-dass es sehr nahe mit ^Düng^ und ^Dung^ zusammenhängt, und auch sonst
-oft damit verwechselt wurde. Z. B. bei Luther kommt das Wort Ding häufig
-als Endung eines Wortes vor; als, statt ^Deutung^ -- ^Deutding^ u. s.
-w., und wenn man in den älteren Denkmälern unserer Sprache nachforschen
-wollte, so würde man es noch öfter in dieser Gestalt finden. Nach und
-nach schob man nun diesem Worte einen höheren Sinn unter, und so wurde
-endlich aus der Bezeichnung eines Gattungsbegriffs, aus dem Ausdrucke
-für ein Etwas, das zum Behuf eines anderen da ist, die Bezeichnung eines
-der allgemeinsten Begriffe, die Bezeichnung eines ^Etwas überhaupt^.
-
-Noch mehr Schwierigkeit findet sich bei der Erklärung des Wortes ^seyn^.
-^Seyn^ drückt den höchsten Charakter der Vernunft aus, und der Mensch
-muss sehr ausgebildet seyn, um sich zu der reinen Vorstellung desselben
-erheben zu können. Da wir indess die Worte: ^seyn^, ich ^bin^, du ^bist^
-u. s. w. auch in den Sprachen uncultivirter Völker antreffen, so kann es
-wohl jene hohe, nur der schärfsten Abstraction zugängliche Idee nicht
-seyn, was ursprünglich durch diese Zeichen ausgedrückt wurde. Sie
-bezeichnen in jenen früheren Perioden einer Sprache -- was sie auch uns
-in den meisten Fällen, wo wir uns ihrer bedienen, bedeuten -- das
-^Dauernde^ im Gegensatz des ^Wandelbaren^, oder den ^sinnlichen Begriff
-der Substanz^. Es versteht sich, dass ich dieses Wort hier in dem Sinne
-nehme, in welchem man es vor der Wissenschaftslehre genommen hat, und
-nehmen musste. Ich erkläre den Begriff der ^Substanz^ transscendental
-nicht durch das ^Dauernde^, sondern durch ^synthetische Vereinigung
-aller Accidenzen^. Die Dauer ist nur ein sinnliches Merkmal der
-Substanz, welches man aus dem Zeitbegriff hineinträgt. Offenbar ist
-nicht das Dauernde, sondern nur das Wandelbare Gegenstand unserer
-Wahrnehmungen. Denn da jede äussere Vorstellung nur durch ein
-Afficirtwerden entsteht, welches nur dadurch möglich ist, dass ein
-Eindruck auf unser Gefühl geschieht, folglich eine Veränderung in uns
-veranlasst wird: so ist klar, dass jeder Gegenstand, dessen wir uns
-bewusst werden sollen, sich uns durch und in einer Veränderung
-ankündigen müsse. Etwas Bleibendes ist demnach nicht wahrnehmbar; aber
-wir müssen alle Verwandlung auf etwas Bleibendes beziehen -- auf ein
-dauerndes Substrat, welches aber nur ein Product der Einbildungskraft
-ist. Auf dieses Substrat wird nun das Wort ^seyn^ oder ^ist^ angewendet.
-Keine Handlung unseres Geistes wäre ohne ein solches Substrat, und ohne
-eine Bezeichnung für dasselbe keine Sprache möglich. Daher kömmt das
-Wort ^seyn^ in einer Sprache vor, sobald sie nur anfängt, sich zu
-entwickeln. Aber es kömmt unter keiner anderen Bedeutung vor, als dass
-es das ^Dauernde^, welches allem Wechsel zum Grunde liegt, anzeigt.
-
-Eine andere noch schwierigere Untersuchung, welche wir anzustellen
-haben, betrifft die Erfindung von Zeichen für ^geistige Begriffe^. Zuvor
-muss der Begriff dagewesen seyn, ehe man eine Bezeichnung für ihn suchen
-konnte. Wir wollen also zuerst versuchen, den Weg, auf welchem jene
-Ideen sich entwickelten, ausfindig zu machen.
-
-So lange der Mensch, durch Nothdurft getrieben, nur um Befriedigung
-sinnlicher Bedürfnisse bekümmert ist, wird er zum Nachdenken, und
-insbesondere zur Entwickelung geistiger Begriffe keine Zeit haben.
-Sobald aber die Sinnlichkeit bis zu einem gewissen Grade ausgebildet
-ist, und der Mensch sich eine Geschicklichkeit erworben hat, sich seine
-Bedürfnisse leicht zu verschaffen, wird er auch durch den der Seele
-einwohnenden Trieb des Fortschreitens angeleitet werden, geistigen Ideen
-nachzuforschen. Er wird gewohnt, eine sinnliche Erscheinung sich aus
-einer anderen, und diese wieder aus einer dritten zu erklären. Wenn ihm
-nun bei diesem Erklärungsgeschäft eine und dieselbe Erscheinung sehr oft
-vorkommt, so wird er diese, als die letzte Ursache aller übrigen,
-annehmen. Hier wird seine Forschung vielleicht eine Zeitlang befriedigt
-stillestehen; aber bald wird er auch von der Erscheinung, welche ihm bis
-jetzt letzte Ursache war, wieder den Grund aufsuchen, und so zuletzt aus
-dem Sinnlichen zum Uebersinnlichen übergehen müssen. -- So ist nach und
-nach das Urtheil entstanden: es ^ist^ eine Welt, mithin ^auch^ ein
-Gott.[35]
-
-[Fußnote 35: Dieses Urtheil ist durch die kritische Philosophie
-angefochten worden, als eine Täuschung. -- Aus dem Gesichtspuncte des
-philosophischen Räsonnements können wir nicht sagen: es ^ist^ eine Welt.
-Das, was ausser mir ist, kann ich bloss fühlen, und in dieser Rücksicht
-nur ^glauben^. Dass Dinge ausser mir sind, ist also blosser
-Glaubensartikel; und wie will man aus etwas, das bloss geglaubt werden
-kann, etwas Erweisbares, einen demonstrativen Vernunftsatz machen? --
-Dieser Einwurf geht aber nur gegen den Philosophen, der -- anstatt, wie
-er sollte, das Theoretische von dem Praktischen, das, was innerhalb der
-Grenzen des Gefühls geglaubt wird, von dem was über diese Grenzen
-hinaus, im Gebiete des Verstandes erkannt wird, scharf zu unterscheiden
--- etwas bloss zu ^Glaubendes^ für etwas ^Erkennbares^ annimmt, und auf
-dieses vermeintlich Erkennbare einen Beweis gründen will, der ^seinem
-Gehalte nach^ für den Verstand gültig seyn soll. Dass Dinge ausser uns
-sind, ^erkennen^ wir nicht; das Daseyn dieser Dinge wird uns nur ^durchs
-Gefühl^ und im Gefühl gegeben, und ist also bloss Gegenstand des
-^Glaubens^. Nun ist es wohl ein einleuchtender Widerspruch, aus einem
-solchen ^Glauben^ die Existenz irgend eines Uebersinnlichen ^erweisen^,
-aus etwas Geglaubtem auf ein Uebersinnliches einen Schluss machen zu
-wollen, der für den Verstand, und nicht bloss für das Gefühl
-überzeugende Kraft hätte. Ein solcher Schluss würde die Forderung
-enthalten: entweder, dass der ^Verstand^, der, inwiefern er Verstand
-ist, nur erkennen, und nur durch Erkanntes überzeugt werden kann,
-^glauben^; oder, dass das ^Gefühl^, welches, als Gefühl, uns nur etwas
-zum glauben geben kann, ^erkennen^ soll. -- Also aus dem bloss gefühlten
-Daseyn der Dinge ausser uns können wir nicht erweisen, dass ein Gott
-^sey^.
-
-Aber aus einem Gefühle lässt sich leicht ein anderes entwickeln: wir
-können von einem Gefühle auf die Annehmbarkeit eines anderen, mithin von
-dem Glauben an die Dinge ausser uns, auf die Glaubwürdigkeit des Daseyns
-eines höchsten übersinnlichen Wesens schliessen. Diesen Schluss macht
-der ^gemeine Menschenverstand^; und, da es ihm nicht obliegt, Gefühl und
-Erkenntniss streng zu unterscheiden, er auch gar nicht vorgiebt, sie
-unterschieden zu haben: so wäre es ein blosser Misverstand, wenn man
-gegen das Urtheil des gemeinen Verstandes, »dass ein Gott ^sey^,« jenen
-Einwurf der Kritik geltend machen wollte.]
-
-Hat sich aber der gemeine Verstand einmal zu der Idee einer
-übersinnlichen Ursache der Welt erhoben, so entdeckt er von diesem hohen
-Gesichtspuncte aus bald auch die übrigen geistigen Ideen: der ^Seele^,
-^Unsterblichkeit^, u. s. w.
-
-So wie sich nun bei einem Menschen diese Ideen mehr und mehr aufklärten,
-regte sich auch in ihm der Trieb, andere mit dem, was er erforscht
-hatte, bekannt zu machen; denn nie ist der Trieb, sich mitzutheilen,
-lebhafter, als bei neuen und erhabenen Gedanken. Es mussten also auch
-Zeichen für jene Vorstellungen aufgefunden werden. Diese Zeichen finden
-sich bei übersinnlichen Ideen aus einem in der Seele des Menschen
-liegenden Grunde sehr leicht. Es giebt nemlich in uns eine Vereinigung
-sinnlicher und geistiger Vorstellungen durch die Schemata, welche von
-der Einbildungskraft hervorgebracht werden. Von diesen Schematen wurden
-Bezeichnungen für geistige Begriffe entlehnt. Nemlich das Zeichen, das
-der sinnliche Gegenstand, von welchem das Schema hergenommen wurde, in
-der Sprache schon hatte, wurde auf den übersinnlichen Begriff selbst
-übergetragen. Diesem Zeichen lag nun freilich eine Täuschung zum Grunde,
-aber durch dieselbe Täuschung wurde es auch verstanden, weil bei dem
-anderen, welchem der geistige Begriff mitgetheilt wurde, an dem gleichen
-Schema auch der gleiche Gedanke hing. -- So muss, um ein recht
-auffallendes Beispiel zu geben, die Seele, das Ich, als unkörperlich
-gedacht werden, insofern es der Körperwelt entgegengesetzt ist. Wenn es
-aber vorgestellt werden soll, so muss es ausser uns gesetzt, folglich
-unter die Gesetze, nach welchen Gegenstände ausser uns vorgestellt
-werden, unter die Formen der Sinnlichkeit gebracht, und mithin im Raume
-vorgestellt werden. Hier ist ein offenbarer Widerstreit des Ich mit sich
-selbst: die Vernunft will, dass das Ich als unkörperlich vorgestellt
-werde, und die Einbildungskraft will, dass es nur als den Raum
-erfüllend, als körperlich erscheine. Diesen Widerspruch sucht der
-menschliche Geist dadurch zu heben, dass er etwas, als Substrat des Ich,
-annimmt, das er allem, was er als grobkörperlich kennt, entgegensetzt.
-Also wird der Mensch, wenn er noch gewohnt ist, Materialien zu seinen
-Vorstellungen vorzüglich durch den Sinn des Gesichts zu erhalten, zu
-einer Vorstellung des Ich einen solchen Stoff wählen, der nicht in die
-Augen fällt, den er aber sonst wohl spürt, z. B. die ^Luft^, und wird
-die Seele ^Spiritus^ nennen.
-
-Diese Art der Bezeichnung verfeinert sich nach Maassgabe der
-Verfeinerung der Begriffe. Eine Philosophie, die alles aus Wasser
-entstehen lässt, und folglich Wasser für das erste und feinste Element
-hält, würde die Seele durch ^Wasser^ bezeichnen. Bei zunehmender
-Verfeinerung der Begriffe wird sie durch Luft, ^anima^, ^spiritus^,
-ausgedrückt; und bei noch höherer Cultur, wenn man schon von Aether
-hört, wird man sie durch ^Aether^ bezeichnen. -- Auf diese Art werden
-für geistige Begriffe Bezeichnungen gefunden.
-
-Die Uebertragung sinnlicher Zeichen auf übersinnliche Begriffe ist
-indess Ursache einer Täuschung. Der Mensch wird nemlich durch diese
-Bezeichnungsart leicht veranlasst, den geistigen Begriff, welcher auf
-eine solche Weise ausgedrückt worden ist, mit dem sinnlichen
-Gegenstande, von welchem das Zeichen entlehnt wird, zu verwechseln. Der
-Geist wurde z. B. durch ein Wort bezeichnet, welches den ^Schatten^
-ausdrückt: sogleich denkt sich der ungebildete Mensch den Geist als
-etwas, das aus Schatten bestehe. Daher der Glaube an Gespenster, und
-vielleicht die ganze Mythologie von ^Schatten im Orcus^.
-
-Die Täuschung war aber unvermeidlich; man konnte jene Begriffe nicht
-anders bezeichnen. Wer demnach seine Denkkraft noch nicht genug geübt
-hatte, um dem gebildeten Geiste des Forschers, der zuerst jene geistigen
-Ideen in sich entwickelte, in seinen schärferen Abstractionen folgen zu
-können, der konnte auch unmöglich den Sinn fassen, in welchem jener die
-bildlichen Ausdrücke verstand. Ein solcher glaubte also, es wäre bloss
-von den sinnlichen Gegenständen, von welchen die vorgetragenen Zeichen
-entlehnt waren, die Rede, und dachte sich also die geistigen Gegenstände
-sehr materiell. -- Daher entsteht auch nicht aller Aberglaube durch
-Betrügerei, sondern dadurch, dass geistige Ideen nicht anders, als durch
-sinnliche Worte ausgedrückt werden konnten, und dass derjenige, der sich
-nicht bis zum Bezeichneten erheben konnte, bei dem ersten rohen Zeichen
-stehen blieb.
-
-Bisher beschäftigte sich unsere Untersuchung bloss mit der Frage: wie
-kamen die Menschen darauf, einzelne Gegenstände durch in die Sinne
-fallende Zeichen auszudrücken? Wir haben also bloss die Entstehung der
-^Worte^ untersucht. Aber Worte allein machen noch keine Sprache aus.
-Sprache besteht aus der Zusammenfügung mehrerer Worte zur Bezeichnung
-eines bestimmten Sinnes. Auch erhalten die einzelnen Worte erst durch
-diese Zusammenfügung, durch den Ort, welchen sie in der Verbindung mit
-mehreren anderen einnehmen, völlige Verständlichkeit und Brauchbarkeit
-zur Bezeichnung unserer Gedanken. Wenn ich zu jemand sage: ^Rose^ -- so
-wird bei ihm nichts, als die blosse Vorstellung der Rose hervorgebracht
-werden. Wenn ich ihm aber sage: ^bringe mir die Rose^; so weiss er
-bestimmt, was ich gedacht habe, und was ich will, dass er thun soll. --
-Zu einer vollständigen Erklärung des Ursprungs der Sprache ist daher
-auch erforderlich, die Entstehung jener Zusammenfügung mehrerer Worte,
-d. h. der ^Grammatik^ zu zeigen.
-
-So irrig es ist, zu glauben, dass die willkürlichen Bezeichnungen der
-Gegenstände durch eine besondere Uebereinkunft der miteinander
-vereinigten Menschen gebildet worden seyen, so irrig ist es auch,
-anzunehmen, dass Grammatik durch Verabredung entstanden sey. Eine
-Verabredung zu einem solchen Zweck setzt einen Grad von Geistesbildung,
-und insbesondere von Philosophie der Sprache voraus, der bei den
-Menschen auf der Stufe der Cultur, auf der wir sie hier uns denken
-müssen, gar nicht stattfinden konnte. -- Vielmehr muss die Ableitung der
-Grammatik ebenfalls von einem, in dem Wesen des Menschen liegenden
-Grunde, von der natürlichen Anlage zum Sprechen ausgehen, und zeigen,
-wie diese Anlage durch das Bedürfniss geweckt, und nach und nach auf die
-Erfindung der verschiedenen Arten der Wortfügung geleitet wurde.
-
-Die ersten Wörter waren gewiss ganze Sätze: sie fassten, vielleicht in
-einer einzigen Sylbe, welche wiederholt werden konnte, ein Substantiv
-und ein Zeitwort in sich. Z. B. die Nachahmung des Löwengebrülls deutete
-der Horde an, es komme ein Löwe. -- Man hat behauptet: die ersten Worte
-seyen ^Zeichen des Vergangenen^ gewesen. Dies lässt sich aber nicht wohl
-annehmen: denn, wenn diese Worte das Geschehene hätten bezeichnen
-sollen, so müssten vergangene und gegenwärtige Zeit schon genau von
-einander abgesondert gewesen seyn, und zum Behuf dieser Unterscheidung
-beide ein bestimmtes Zeichen gehabt haben. Die ersten Worte waren
-vielmehr so unbestimmt als möglich; sie bezeichneten keine bestimmte
-Zeit, sondern waren bloss ^aoristisch^: es wurde das Vergangene und
-Gegenwärtige zugleich ausgedrückt. Z. B. ein Löwe will eine Horde
-anfallen. Dies kündigt der, welcher es sieht, durch ein Geschrei an, und
-drückt dadurch die ^vergangene^, ^gegenwärtige^ und ^zukünftige^ Zeit
-zugleich aus; denn er zeigt dadurch an, dass er den Löwen gesehen habe,
-dass er sie darauf aufmerksam machen, und ihnen die Folgen von dessen
-Annäherung anzeigen wolle, damit sie sich zu gemeinschaftlicher
-Vertheidigung rüsten können.
-
-Also die ersten Worte fassten in sich ein Substantiv und ein Zeitwort:
-das Tempus war der Aorist, die Person ganz gewiss die dritte; denn die
-Ursprache fängt an mit dem Erzählen, und der Ton der Erzählung redet in
-der dritten Person. -- Die ersten Zeitwörter waren weder Activa, noch
-Passiva, sondern Neutra. Denn das Neutrum bezeichnet einen Zustand, der
-durch sich selbst bestimmt ist, der folglich auch, seiner Einfachheit
-wegen, am frühesten zum Bewusstseyn und zur Bezeichnung kommen musste.
-
-Für alles das, was wir hier über die ursprüngliche Gestalt der
-Zeitwörter sagen, können die Wurzelwörter der orientalischen Sprachen
-zur Bestätigung dienen; diese sind Neutra, haben aoristische
-Zeitbedeutung, und gehen von der dritten Person aus.
-
-Jedes Ding wurde in der Ursprache durch seine höchste Eigenthümlichkeit
-ausgedrückt. Diese höchste Eigenthümlichkeit eines Gegenstandes bestand
-wohl in demjenigen, wodurch sich dieser Gegenstand dem Bewusstseyn der
-rohen Naturmenschen am lebhaftesten ankündigte. Dieses Auffallende an
-einem Dinge konnte nun schon an sich ein Ton seyn, und dann ahmte man
-denselben nach, um den Gegenstand, dem er angehörte, zu bezeichnen. Wenn
-es sich aber ursprünglich einem anderen Sinne, als dem Gehör entdeckte,
-so suchte man auf die oben beschriebene Art einen Ton, welcher mit jener
-ausgezeichneten Eigenschaft in Beziehung stand, um auf diese Art
-wenigstens mittelbar den Gegenstand durch seine Eigenthümlichkeit zu
-bezeichnen. Nun sollten aber noch andere Eigenschaften, die einem
-Gegenstande zukommen, auf Veranlassung der Umstände, auch ausgedrückt,
-als demselben zugehörig dargestellt werden. So wurde der ^Löwe^ durch
-Nachahmung seines Gebrülls angedeutet. Jetzt sollte ihm aber noch ein
-anderes Prädicat zugeschrieben werden, welches ihm zufällig zukam. In
-diesem Falle musste der Ton, welcher den Löwen bezeichnete, verbunden
-werden mit einem anderen, durch welchen die zweite Eigenschaft
-bezeichnet werden sollte. Z. B. es sollte ausgedrückt werden: ^der Löwe
-schläft^: hier musste das Zeichen des Löwen mit dem des Schlafs (etwa
-mit dem Tone des Schnarchens) zusammengesetzt werden; und dies hiess
-denn: »der Löwe, der sonst brüllet, schläft.« -- Bei dieser
-Zusammensetzung konnte aber nicht so lange auf dem Tone des Löwen in der
-Aussprache verweilt werden, als sonst geschah, da man, unserer
-Voraussetzung zufolge, durch den Ton des Löwen den ganzen Satz: ^der
-Löwe kömmt^, ausgedrückt hatte, wo freilich der Ton, welcher hier den
-ganzen mitzutheilenden Gedanken bezeichnete, gedehnt und mit Nachdruck
-ausgesprochen werden musste. Allein wenn dieses Zeichen mit einem
-anderen, auf welchem der Hauptsinn des ganzen vorzutragenden Satzes
-liegt, und welches also auch in der Aussprache durch einen längeren und
-stärkeren Ton unterschieden werden musste, verbunden werden sollte, so
-musste jenes erste Zeichen kürzer und leichter ausgedrückt werden, so
-dass es mit dem folgenden gleichsam in Ein Wort zusammenfloss. Auf diese
-Art entsteht aus einem Zeitworte ein Particip, das durch öfteren
-Gebrauch, vielleicht auch durch Hinzukunft einiger äusserer Zeichen sich
-leicht in ein Substantiv verwandeln kann. Es gehört also zum
-ursprünglichen Charakter des Substantivs, dass ein solches Wort kürzer
-und zusammenfliessend mit dem folgenden Worte vorgetragen wurde.
-
-Daraus erhellt auch -- was man sonst ebenfalls aus einer besonderen
-Verabredung erklären zu müssen glaubte -- wie man darauf kommen musste,
-die Zeitwörter durch bestimmte Endsylben zu bezeichnen, und durch andere
-Endungen, z. B. ^us^, ^os^ u. s. w., die Substantive zu charakterisiren.
-Nach unserer Deduction musste ein Wort, welches als Substantiv gebraucht
-werden sollte, den Satz eröffnen: und da das Wort, welches den Satz
-schloss, durchgängig den stärksten Ton erhielt, weil es denjenigen
-Begriff ausdrückte, auf dessen Mittheilung es hauptsächlich abgesehen
-war; so musste, weil unsere Kehle bei mehreren zugleich vorzutragenden
-Tönen nur Einen stärker aussprechen kann, nothwendig das Substantiv, als
-das vorangehende Wort, leichter und mit dem folgenden zusammenfliessend
-ausgedrückt werden; da hingegen das Zeitwort, welches, unserer Theorie
-gemäss, immer das letzte Wort in einem Satze war, sich dadurch
-auszeichnete, dass auf ihm der volle Ton ruhte.
-
-Wir gehen jetzt zu einer anderen Untersuchung fort, bei welcher uns, wie
-bei allen folgenden über die verschiedenen Arten der Wortfügung, die
-Aufschlüsse leiten werden, welche das soeben gefundene Resultat uns über
-die Entstehungsart fast aller Formen der Wortverbindung giebt. In dem
-vorher angeführten Falle sollte ein Gegenstand durch zwei Bestimmungen
-bezeichnet werden. Gesetzt nun aber, ein Gegenstand soll mit drei oder
-mehreren Bestimmungen zugleich ausgedrückt werden, es soll z. B.
-angedeutet werden: der schlafende Löwe ruht aus, so muss hier nach der
-von uns aufgestellten Regel der ^Löwe^, als der Hauptbegriff im ganzen
-Satze, zuerst bezeichnet werden: hierauf folgt die nähere Bestimmung des
-Löwen, nemlich, dass er ^schläft^: und zuletzt kömmt eine besondere
-Bestimmung dieses Schlafs -- das ^Ausruhen^. In dieser Verbindung muss
-demnach das Zeichen des Schlafs, welches in der vorher angeführten
-Zusammensetzung als das Hauptwort einen starken und gedehnten Ton hatte,
-abgekürzt, und zusammenfliessend mit dem Zeichen des Ausruhens, das hier
-den Hauptsinn des ganzen Satzes enthält, auf dem folglich in der
-Aussprache am längsten verweilt werden muss, vorgetragen werden.
-
-Man sieht ohne meine Erinnerung ein, dass in dieser Zusammensetzung die
-Bezeichnung des ^Schlafs^, welche vorher ein ^Zeitwort^ war, auf
-dieselbe Art, wie in dem vorher aufgestellten Satze die Bezeichnung des
-Löwen, zu einem ^Particip^ geworden ist; woraus sich leicht, etwa durch
-einige äussere Modificationen, ein Adjectiv bilden kann. -- So entstehen
-^Participien^, ^Substantive^ und ^Adjective^. Aber man könnte fragen:
-warum ist aus manchen Bezeichnungen ein ^Substantiv^, aus anderen ein
-^Adjectiv^ entsprungen, da doch sowohl das eine, als das andere, sich
-aus einem Zeitworte, und durch die Zusammensetzung desselben mit einem
-anderen Zeitworte gebildet hat? -- Die Antwort darauf liegt sehr nahe.
-Bei den ersten rohen Versuchen einer Wortfügung mochten nemlich Adjectiv
-und Substantiv nicht so streng unterschieden seyn, als wir sie jetzt in
-unseren Sprachen unterschieden finden: zumal, da die Verschiedenheit
-beider Bezeichnungsarten nicht sowohl auf inneren Merkmalen, als auf dem
-besonderen Gebrauche beruht, der von der einen und von der anderen
-gemacht wird. ^Substantiv^ war der Natur der Sache nach dasjenige Wort,
-welches den Hauptbegriff, oder das Subject eines Satzes bezeichnete:
-^Adjectiv^ hingegen war jedes Wort, sobald es eine nähere Bestimmung des
-Hauptbegriffes auszudrücken gebraucht wurde. Auf diese Art konnte
-dasselbe Wort, wenn es in dem einen Satze das Subject der Rede, in dem
-anderen nur ein Prädicat dieses Subjects ausdrückte, bald in
-substantiver, bald in adjectiver Bedeutung vorkommen. -- Die
-eigenthümliche Unterscheidung zwischen Substantiv und Adjectiv ist auch
-wohl erst später hinzugekommen. Für uns sind sie nun, nachdem durch
-gewisse äussere Merkzeichen der schwankende Unterschied zwischen beiden
-fixirt ist, scharf von einander abgeschnitten; aber in der Ursprache
-dürfen wir sie uns noch nicht ebenso von einander unterschieden denken.
-
-Aus dieser Gleichartigkeit ergiebt es sich auch, warum sich Substantiv
-und Adjectiv fast immer in den Endungen gleichen. Da beide durch
-Abkürzung des Stammwortes und durch Verkettung desselben mit einem
-anderen stärker und gedehnter auszudrückenden Worte entstehen, so folgt,
-dass sowohl das eine, als das andere mit einem Tone enden muss, der sich
-leicht dem folgenden Worte anschliessen lässt: da hingegen die
-Zeitwörter einen rauhen, harten Ton haben mussten, weil sie den Satz
-schliessen, und ihm den Nachdruck geben mussten. In cultivirten Sprachen
-werden freilich die Zeitwörter diesen rauhen Ton mehr oder weniger
-verlieren, weil sie dann ebenso oft in der Mitte, als am Ende eines
-Satzes vorkommen. Denn der gebildete Mensch begnügt sich nicht mit
-Sätzen, wie sie hier aufgestellt sind: mit der einfachen
-Zusammenstellung eines Substantivs, Adjectivs und Zeitworts. Sowie sich
-sein Geist mehr und mehr mit Vorstellungen bereichert, wird auch durch
-die mancherlei Bestimmungen, die er den vorgetragenen Begriffen als
-Erläuterungen beifügt, die Zusammensetzung verwickelter, der schlichte
-Satz zur Periode erweitert, und die ursprüngliche Wortfügung folglich
-verändert.
-
-Durch diese Zusammenfügung mehrerer Worte bildete sich auch allmählig
-ein eigenthümlicher Unterschied des Substantivs von dem Zeitwort, welche
-ursprünglich ein gemeinschaftliches Stammwort ausmachten, das einen
-Gegenstand und eine Handlung zugleich andeutete (wie nach dem oben
-angeführten Beispiele der ursprüngliche Ton, der den ^Löwen^
-bezeichnete, zugleich auch die ^Ankunft^ des Löwen ausdrückte). In der
-Verbindung mit anderen Worten, wo es nicht mehr den ganzen Gedanken
-ausdrücken sollte, musste ein solches Wort nicht mit dem vollen Ton,
-sondern leicht und fliessend ausgesprochen werden, weil ein anderes
-Zeichen folgte, auf welches der Nachdruck gelegt werden musste. Durch
-einen solchen leichteren und kürzeren Ton konnte sich das Substantiv in
-der Folge überhaupt recht wohl von dem Zeitworte, von welchem es
-abstammte, unterscheiden, ohne dass im Ganzen die Aehnlichkeit verloren
-ging, welche selbst noch in unseren Sprachen zwischen Substantiv und
-Zeitwort, wenn sie aus derselben Quelle entsprungen sind, stattfindet.
-
-Hier noch etwas über die Stellung der Worte, welche zusammengefügt
-werden sollen. Wenn ausgedrückt werden soll: der Löwe schläft und ruht
-aus; so wird zuerst der ursprüngliche Ton des ^Löwen^, hier in
-^substantiver^ Bedeutung, d. h. nicht mit der ganzen Stärke des Tons als
-Hauptwort, sondern kürzer abgebrochen mit dem folgenden Ton
-zusammenfliessend, vorgetragen: zu diesem wird, als ein ^Adjectiv^, der
-Ton des ^Schlafens^ hinzugefügt, und zuletzt kömmt das Zeitwort
-^ausruhen^. Der ursprünglichen Wortfügung gemäss, gehört also dem
-Substantiv der erste Platz. Wie kömmt es zu dieser Stelle? -- Der
-Naturmensch hält sich im Vortrage seiner Gedanken genau an die Ordnung,
-in welcher die Vorstellungen in der Seele auf einander folgen. Immer
-kömmt aber im Denken das am wenigsten Bestimmte zuerst, und hierauf
-folgen die näheren und noch näheren Bestimmungen. Folglich musste auch
-in der Natursprache das für uns Unbestimmte, oder am wenigsten Bestimmte
-zuerst gesetzt werden, und die näheren Bestimmungen erst nachfolgen. Nun
-ist das ^Substantiv^ immer das Unbestimmteste: durch ein Adjectiv, das
-hinzukömmt, wird es näher, und durch das Zeitwort endlich nach der
-Absicht hinlänglich bestimmt.
-
-Dieser Ordnung zufolge steht also in der Ursprache das Adjectiv immer
-nach dem Substantiv. Aber wir finden, dass diese Ordnung nach Maassgabe
-der Cultur der Sprachen sich ändert. Sobald eine Sprache nicht mehr
-bloss Natursprache ist und sich der Sprache der Vernunftcultur nähert,
-wird in ihr das Adjectiv bald vor bald nach gesetzt. Bei Homer z. B.
-finden wir meistens das Adjectiv nach dem Substantiv. In der
-lateinischen Sprache stehen die Adjective schon häufig voran. In der
-deutschen Sprache aber kann das Adjectiv niemals nach dem Substantiv
-gesetzt werden. Im Französischen setzt man auch das Adjectiv mehr vor
-als nach; wenn aber mehrere Adjective mit dem Substantiv verbunden
-werden sollen, so lässt man immer jene auf das letztere folgen, z. B.
-^un homme vertueux et bienfaisant^; welche Verbindungsart, um des
-Nachdrucks willen, der auf jedes der Adjective gelegt werden kann,
-allerdings einen entschiedenen Vorzug vor der deutschen hat. -- Wie kann
-es in einer Sprache dahin kommen, dass das Adjectiv, jener Ordnung des
-Denkens gerade entgegen, zuerst gesetzt wird? -- In dem Fortschritt der
-Cultur einer Sprache müssen die Wörter nicht mehr als einzelne gedacht
-werden, sondern mehrere zusammen machen Einen Begriff aus und werden als
-Ein Begriff gedacht. So wird auch das Substantiv nicht mehr als
-einzelner Begriff gedacht, der nachher durch Adjective bestimmt werden
-solle, sondern er wird mit diesen sogleich zusammen gedacht als Ein
-Begriff, und jene können ihm also auch vorhergehen.
-
-Eine andere Frage, die wir jetzt zu untersuchen haben, betrifft die
-Entstehung des ^Activs^ und ^Passivs^. Die ersten Zeitwörter waren
-^Neutra^. Aus dem ursprünglichen Neutrum lässt sich das ^Activ^ leicht
-entwickeln. Das ^Neutrum^ bezeichnet, wie wir schon bemerkt haben, einen
-^Zustand^, in welchem sich der Gegenstand der Rede befindet: bezieht man
-nun diesen Zustand auf ein anderes Object, welches mit demselben in
-Verbindung steht, so wird auch das Neutrum in ein ^Activ^ verwandelt. Z.
-B. in dem Satze: ^der Löwe frisst^ -- drückt das Wort ^fressen^ einen
-durch sich selbst völlig bestimmten Zustand des Löwen aus, und hat also
-eine völlig neutrale Bedeutung. Sage ich aber: der ^Löwe frisst das
-Schaaf^, so ist dieses Zeitwort ein ^Activ^: denn hier wird die durch
-dasselbe dem Löwen zugeschriebene Handlung auf ihr Object bezogen.
-
-Aus eben diesem Beispiele erhellt auch, dass das Wort für den
-Gegenstand, welcher mit der Handlung des Subjects in Verbindung gesetzt
-werden soll, schon als ^Substantiv^ gebraucht seyn, und ein festes
-Merkzeichen seiner substantiven Bedeutung haben musste, wenn die
-erwähnte Wortfügung, und folglich auch die Verwandlung des Neutrums in
-ein Activ zu Stande kommen sollte. Der ^Löwe^, welcher hier Subject des
-Satzes ist, wird durch den gewöhnlichen Laut, der eine Nachahmung seines
-Brüllens ist, ausgedrückt. Dieser Löwe ^frisst^. Auch dies kann durch
-den eigentlichen Ausdruck bezeichnet werden. Aber wie soll ich nun das
-^Schaaf^ ausdrücken? Wenn ich dieses auch durch seinen eigentlichen Ton
-andeuten will, so kann dieser Ton, welcher zugleich das Zeitwort des
-^Blökens^ ausdrückt, für dieses Zeitwort genommen werden, und dann
-bedeutete der ganze Satz: ^der fressende Löwe blökt^. Nun haben wir zwar
-weiter oben gesehen, dass das Substantiv sich von dem Zeitworte, von
-welchem es abgeleitet wurde, durch den leichteren Ton, in welchem es
-vorgetragen wurde, unterschied. Allein dieses Merkmal ist hier nicht
-anwendbar, da das Substantiv hier nicht den Satz anfängt, sondern
-beschliesst, und folglich nach unserer Theorie einen gedehnten und
-starken Ton erhalten muss. Diesem möglichen Misverständnisse ist also
-nicht eher abzuhelfen, als bis für das Wort, durch welches das Schaaf in
-substantiver Bedeutung bezeichnet werden soll, ein bleibendes
-Unterscheidungszeichen gefunden worden ist. Dies konnte aber auf die
-oben angegebene Art leicht geschehen, indem die Abkürzung, mit welcher
-ein solches Wort, wo es ein Substantiv ausdrückte, ausgesprochen wurde,
-bald in einen fixen eigenthümlichen Laut verwandelt werden musste; wobei
-sehr leicht auch noch ein Mittelton eingeschoben werden konnte, um
-dasselbe mit dem darauf folgenden Worte leichter zu verbinden. Solche
-Modificationen des ursprünglichen Tons wurden durch wiederholten
-Gebrauch so mit dem Worte verwebt, dass sie zuletzt einen Bestandtheil
-desselben ausmachten, und zu Merkzeichen der substantiven Bedeutung
-eines Wortes dienten. Ehe aber dergleichen Bestimmungen vorhanden waren,
-war der ganze Satz nicht auszudrücken, und eher war kein ^Activ^,
-sondern alle Zeitwörter blieben, was sie ursprünglich waren -- ^Neutra^.
-
-Um die Entstehung des ^Passivs^ zu erklären, muss ein Bedürfniss
-aufgezeigt werden, welches die Menschen zur Erfindung dieser
-Sprachbestimmung leitete; denn, dass in der Ursprache irgend etwas ohne
-Noth, bloss zur Verschönerung des Vortrags erfunden worden sey, lässt
-sich nicht annehmen. Um diese möchte man sich wohl bei den ersten rohen
-Versuchen einer Sprache nicht sehr bekümmert haben; da sagte man wohl
-eher: ^man schmähet mich^, als -- ich werde geschmähet; der Löwe
-zerreisst das Schaaf, als -- das Schaaf wird vom Löwen zerrissen.
-
-Ein solches Bedürfniss des Passivs tritt ein, wenn eine Handlung
-vorkömmt, welche, nach unseren Einsichten, einen Urheber hat, den wir
-aber auf keine Weise entdecken können. Sie muss ^erstlich^ einen Urheber
-haben; denn hat sie keinen, oder können wir keinen annehmen, so drücken
-wir uns durch das ^Impersonale^ aus -- wir sagen: ^es donnert, regnet^,
-u. s. w. ^Zweitens^ muss der Urheber unbekannt seyn, und gar nicht
-errathen werden können; denn, gesetzt der Wolf hätte ein Schaaf geraubt,
-so wird der noch ungebildete Naturmensch, auch selbst wenn er nicht
-Augenzeuge von dem Vorgange gewesen ist, doch nicht sagen: ^das Schaaf
-ist mir geraubt worden^; sondern: ^der Wolf hat das Schaaf weggenommen^;
-weil er schon aus Erfahrung weiss, dass dieser Schaafe raubt. Das
-Bedürfniss des Passivs trat also erst dann ein, wenn eine Handlung da
-war, bei der man ebenso klar sah, dass sie einen Urheber haben musste,
-als man sich bewusst war, dass man diesen Urheber nicht errathen könne.
-Ursprünglich wurde daher auch wohl das Passiv durch ein Zeichen
-ausgedrückt, wodurch der Redende andeutete, dass ein Urheber da sey und
-dass er ihn nicht kenne. Man hängte vielleicht den Worten, welche die
-That selbst ausdrückten, den Satz an: ^ich weiss nicht, wer es gethan
-hat^. Wenn nun diese Worte bei gleicher Gelegenheit mehrmals gebraucht
-wurden, so musste es bald dahin kommen, dass sie geschwinder
-ausgesprochen wurden, mit dem Zeitworte, welches die Handlung
-bezeichnete, enger zusammenflossen, und zuletzt einen Bestandtheil
-desselben ausmachten. Ob ein solcher Zusatz ursprünglich dem Zeitworte
-vorgesetzt, oder angehängt wurde, lässt sich nicht bestimmen. Im Ganzen
-aber folgt so viel, dass ursprünglich das ^Passiv^ wohl durch einen
-kleinen Zusatz zum Zeitwort ausgedrückt wurde, welcher eigentlich das
-Zeichen der Unbekanntheit des Urhebers war.
-
-Das ^Verbum medium^ bezeichnet eine Handlung, welche auf uns selbst
-zurückgeht: es gründet sich auf höhere Abstraction, und kann daher in
-einer Ursprache nicht wohl vorkommen.
-
-Die Entstehung des ^Numerus^ lässt sich auf folgende Art erklären. --
-Der ^Singular^ fand sich von selbst; er war der ursprüngliche Numerus;
-die ersten Wörter wurden alle im Singular gebraucht. Nun sollte aber der
-Horde eine Mehrheit angezeigt werden; es wollte z. B. einer sagen: es
-kommen mehrere Löwen! wie sollte er das andeuten? Durch das natürliche
-Bild einer Heerde: durch Dehnung und Wiederholung des Tons, und dadurch,
-dass dieser Ton immer fortschallte. Um wie viel oder wenig man den Ton
-dehnen, oder wie oft man ihn wiederholen sollte, um die mehrere Zahl
-anzudeuten, war vermuthlich nicht bestimmt. Der ^Pluralis^ wurde demnach
-durch Verlängerung des Wortes ausgedrückt.
-
-Der ^Pluralis^ war aber anfangs nur nöthig bei ^Zeitwörtern^,
-keinesweges bei Substantiven und Adjectiven; denn es verstand sich von
-selbst, dass auch sie, wenn sie von einem Zeitworte im Plural begleitet
-wurden, in der mehreren Zahl zu nehmen waren. Der Numerus der
-Substantive und Adjective ist daher in der Ursprache nicht zu suchen: er
-ist keinesweges eine durch Nothwendigkeit geforderte Sprachbestimmung,
-sondern eine Erfindung, welche das Streben nach Bestimmtheit und Eleganz
-im künstlichen Vortrage nöthig machte. Aber bei Zeitwörtern war der
-Plural unentbehrlich.
-
-Die ^verschiedenen Personen^ der ^Zeitwörter^ wurden ohne Zweifel in
-folgender Ordnung gebildet. Diejenige ^Person^, welche zuerst in der
-Sprache bezeichnet wurde, war gewiss die ^dritte^; denn urprünglich
-wurde in keiner anderen, als in der dritten Person geredet. Man nannte
-einen jeden bei seinem eigenthümlichen Namen: N. N. solle das thun! Die
-folgende, welche zunächst der dritten ihre besondere Bezeichnung
-erhielt, war die ^zweite Person^; weil man bei Verabredungen und
-Verträgen bald das Bedürfniss fühlte, dem anderen zu sagen: das sollst
-Du thun. Das ^Ich^, als die ^erste Person^, zeugt (besonders wo es an
-der Endung des Zeitwortes selbst angehängt ist) von höherer
-Vernunftcultur, und wurde also auch zuletzt bezeichnet. Bei Kindern
-sehen wir, dass sie immer in der dritten Person von sich sprechen, und
-sich, als das Subject, von welchem sie etwas sagen wollen, durch ihren
-Namen ausdrücken, weil sie sich bis zum Begriff des Ich, bis zur
-Absonderung des selben von allem ausser ihnen noch nicht erhoben haben.
-^Ich^ drückt den höchsten Charakter der Vernunft aus.
-
-Wie eine ^dritte^, ^zweite^, und ^erste Person^ im ^Plural^ gebildet
-werden konnte, ergiebt sich leicht, wenn der Plural schon vorhanden war.
-
-Die ^Tempora der Zeitwörter^ wurden wahrscheinlich auf folgende Art
-erfunden. Die ersten Zeitwörter wurden bloss ^aoristisch^ gebraucht: aus
-dem ^Aorist^ konnte leicht das ^Präsens^ gebildet werden, oder vielmehr
--- man musste den Aorist bald selbst als Präsens verstehen, weil die
-Bestimmungen bei rohen Nationen sich fast immer auf die gegenwärtige
-Zeit beziehen. Mehr Mühe mochte wohl die Erfindung der Bezeichnungen für
-vergangene und zukünftige Zeiten kosten. Als man zuerst das Bedürfniss
-fühlte, ^Vergangenes^ und ^Zukünftiges^ auszudrücken, gab man wohl die
-Zeit, in welcher etwas geschehen war, oder geschehen sollte, ganz genau
-an; es wurde z. B. nicht gesagt: ^es hat sich zugetragen^, sondern: ^es
-trägt sich vor so und so viel Tagen zu^; nicht: ^es wird sich ereignen^,
-sondern ^es ereignet sich nach so viel Tagen^. Diese Art sich
-auszudrücken, war dem noch ungebildeten Menschen sehr natürlich.
-Vollkommene Präcision im Ausdrucke kündigt eine höhere Verstandescultur
-an, als man den ersten Erfindern der Sprache zuschreiben kann. Der
-ungebildete Mensch theilt nicht bloss das mit, was der andere von einer
-Sache wissen soll, oder will, sondern auch was er selbst davon weiss.
-Daher giebts in den uncultivirten Sprachen eine Menge überflüssiger
-Bestimmungen, eine Menge Ausdrücke, die, der Verständlichkeit des Ganzen
-unbeschadet, weggelassen werden könnten. So auch mit den Bestimmungen
-der Zeit. Die Zeit, in welcher etwas vorgegangen war, oder kommen
-sollte, wurde, so weit man ^zählen^ konnte, bestimmt hinzugesetzt. Wo
-man aber auf einen Zeitraum stiess, welcher eine so genaue Bestimmung
-nicht zuliess, da bediente man sich, wie uns noch einige Spuren in alten
-Sprachen zeigen, der Worte: ^morgen^, ^gestern^ u. s. w., um die
-^verflossene^ oder ^zukünftige^ Zeit unbestimmt auszudrücken.
-
-Aus dieser Bezeichnungsart mussten aber bald mehrere Misverständnisse
-entstehen. Wie leicht konnte es Zwist verursachen, wenn der zweideutige
-Ausdruck ^morgen^ für den besonderen Fall, in welchem er gebraucht
-wurde, nicht gehörig bestimmt war? Z. B. es sagte einer zum andern: ich
-gebe dir das morgen. Hier konnte morgen ebensowohl den nächstkünftigen,
-als jeden anderen folgenden Tag bedeuten. Der andere legt es von dem
-nächstkünftigen Tage aus, und kömmt, um die Sache abzuholen: jener
-weigert sich aber, das Versprochene abzuliefern, weil er es nicht auf
-morgen, sondern überhaupt auf die Zukunft zugesagt hätte. Durch Fälle
-dieser Art konnten leicht Mishelligkeiten entstehen, an welchen sich das
-Bedürfniss einer bestimmten Bezeichnung für Vergangenheit und Zukunft
-deutlich offenbaren musste. Diesem Bedürfniss konnte vielleicht schon
-dadurch abgeholfen werden, dass man solche allgemeine Worte, wie
-^morgen^, ^gestern^ u. s. w., wenn sie die ^verflossene^ oder ^kommende^
-Zeit ^überhaupt^ ausdrücken sollten, mit dem Zeitwort zusammenfassender,
-schneller und kürzer aussprach, und im Gegentheil dieselben Worte, wenn
-sie bestimmt den ^zunächst vergangenen^ oder ^zukünftigen^ Tag
-bezeichnen sollten, durch einen festen, längeren Ton ausdrückte. So
-wurde zum Ausdrucke der vergangenen und zukünftigen Zeit ein Zusatz zum
-Zeitworte gefunden, welcher nach und nach inniger mit demselben
-zusammenfloss, und das ^Perfectum^ und ^Futurum^ in seiner jetzigen
-Gestalt bildete.
-
-Es fragt sich noch: wie entstanden die verschiedenen ^Casus^? -- Der
-^Nominativ^ und ^Accusativ^ sind wohl diejenigen, auf welche man am
-frühesten kam. Man bedurfte sie auch bei der einfachsten Wortfügung, und
-sie liessen sich auch leicht durch die Stelle, welche sie in einem Satze
-bekommen mussten, charakterisiren. Das Subject einer Rede musste, als
-der unbestimmteste Begriff, immer die erste Stelle in einem Satze
-einnehmen. Bei jeder Wortfügung musste also ein Substantiv vorangehen;
-darauf folgte das Zeitwort, der Ausdruck des Zustandes, in welchem sich
-das Subject befand. Sollte nun dieses Zeitwort bezogen werden auf einen
-Gegenstand, welcher mit der durch dasselbe bezeichneten Handlung des
-Subjects in Verbindung stand, so musste dieses seinen Platz gleich
-hinter dem Zeitworte erhalten. Dieser Anordnung der Worte gemäss muss
-das Substantiv, da es das Subject des Satzes anzeigen, gleichsam
-^nennen^ soll, im ^Nominativ^, das Object aber, welches auf die Handlung
-des Subjects bezogen wird, im ^Accusativ^ stehen; folglich der Nominativ
-den Satz anfangen, der Accusativ denselben beschliessen. -- Der
-Accusativ musste mithin auch, weil kein Wort weiter auf ihn folgte, den
-längsten und stärksten Ton haben, der Nominativ aber flüchtig
-ausgesprochen und mit dem Zeitworte verflochten werden. Es musste sich
-also bei einem und demselben Worte leicht unterscheiden lassen, ob es im
-Nominativ, oder Accusativ stehe, indem in dem letzteren Falle entweder
-eine Verlängerung, durch Zusetzung mehrerer Buchstaben oder Sylben, oder
-doch eine Verstärkung des Tones stattfand.
-
-Der ^Genitiv^ wurde als nähere Bestimmung des Substantivs angehängt, und
-ich glaube wohl, dass der Name, den er führt, den ursprünglichen
-Gebrauch bezeichnet, welchen man von diesem Casus machte. Man bediente
-sich seiner zur Bezeichnung der Abstammung eines Menschen, indem man
-erst den Sohn, und dann den Vater nannte. Späterhin wendete man diese
-Bestimmung auch auf das Besitzthum an, man sagte z. B. das Schaaf des
-Marcus u. s. w. Der Genitiv hatte deshalb auch seine Stelle, durch die
-er bezeichnet wurde, unmittelbar nach dem Substantiv, zu dessen näherer
-Bestimmung er diente. Z. B. man wollte unter einer Horde einen
-bezeichnen, der mit mehreren anderen einen gleichen Namen hatte; so
-setzte man, um ihn nicht mit einem von diesen Anderen zu verwechseln,
-den Namen seines Vaters hinzu, als: Marcus Caji, u. s. w. Da nun, nach
-den Grundsätzen, welchen wir bei der Ableitung der Grammatik gefolgt
-sind, jedes Wort, je weiter es in der Reihe der Zeichen zurückstand,
-einen desto längeren und stärkeren Accent erhielt: so musste auch der
-Genitiv einen längeren oder stärkeren Ton bekommen, als der Nominativ,
-hinter welchem er seinen Platz hatte.
-
-Auch der ^Ablativ^ ist, wie der Genitiv, entstanden, um ein Wort näher
-zu bestimmen, und drückte vielleicht anfangs das ^von einem Orte Nehmen^
-aus. Er ist mit dem Genitiv gewissermaassen gleichartig; beide drücken
-die Beziehung mehrerer Nennwörter auf einander aus. Die Entstehung
-dieser beiden Casus ist allerdings in der Ursprache zu suchen. Es war
-unter rohen Völkern sehr nothwendig, dergleichen Beziehungen recht
-verständlich auszudrücken. Wie leicht konnte man einem verdrüsslichen
-Misverständnisse vorbeugen, wenn man, um einen Menschen desto genauer
-kenntlich zu machen, den Namen seines Vaters zu dem seinigen hinzufügte;
-sowie man auch in allen alten Geschichtschreibern zur näheren Bestimmung
-des Sohnes den Namen des Vaters hinzugesetzt findet.
-
-Aber um alle die verschiedenen Beziehungen der Gegenstände auf einander
-zu bezeichnen, ist weder der Genitiv noch der Ablativ hinreichend; es
-bedarf also auch noch der ^Präpositionen^. Eine der gewöhnlichsten
-solcher Beziehungen ist z. B. die ^Local^beziehung, als: das Haus ^im^
-Dorfe, u. s. w. Diese Beziehungen wurden ursprünglich wohl dadurch
-ausgedrückt, dass man einen Buchstaben, eine Sylbe oder einen fast
-unmerklichen Ton einem von den beiden Nennwörtern, welche auf einander
-bezogen werden sollten, beifügte. Da dieser Zusatz, den man sich
-übrigens als Präfix oder Affix denken kann, nicht geschrieben, sondern
-ausgesprochen wurde, so liess sich auch nicht bestimmen, ob er einen
-besonderen Ton ausmachte, sondern er floss in der Aussprache mit dem
-Zeichen, welchem er vor- oder nachgesetzt wurde, zusammen.
-
-Der ^Dativ^ bezeichnet die Beziehung einer Handlung auf ein Drittes, auf
-etwas ausser dem Subject und Object, auf welches die Handlung eigentlich
-abzweckt. Z. B. ich gebe das Brot, ich nehme das Brot: hier fehlt
-offenbar die Beziehung auf ein Drittes, um dessen willen die Handlung
-vorgenommen, dem das Brot gegeben, oder genommen wird. Setze ich diese
-Beziehung hinzu, sage ich z. B. ich gebe oder nehme das Brot dem Hunde,
-so habe ich auch den ^Dativ^. Da der Gegenstand, mit welchem eigentlich
-die Handlung vorgenommen wird, zur Bestimmung der Handlung unmittelbar
-gehört, so muss auch der Accusativ, welcher dieses Verhältniss des
-behandelten Gegenstandes zu der Handlung bezeichnet, unmittelbar nach
-dem Zeitwort stehen; und der ^Dativ^, welcher den Gegenstand bezeichnet,
-um dessenwillen die Handlung eigentlich geschieht, folgt jenem nach. Er
-wird also den Satz schliessen, und folglich einen volleren Ton bekommen,
-als der Accusativ selbst.
-
-So entstand ^Grammatik^ bloss durch das Bedürfniss der Sprache, und
-durch die Fortschritte, welche die menschliche Vernunft nach und nach
-machte. Denn selbst bei der einfachsten Mittheilung der Gedanken musste
-sehr vieles durch Beziehung der Worte auf einander ausgedrückt werden,
-und der natürliche, durch die Vernunft geleitete Gang der Sprache
-brachte den Menschen, ohne dass Verabredung erforderlich gewesen wäre,
-auf die Bestimmung der verschiedenen Arten jener Beziehung.
-
-Man könnte gegen diese Theorie einwenden, dass es verschiedene Sprachen
-gebe, denen man ihre Entstehung nach den von uns vorgetragenen Regeln
-nicht ansehe. So soll, unserer Darstellung gemäss, das Wurzelwort immer
-ein Zeitwort seyn, und dieses Zeitwort soll ursprünglich in Einem Tone
-mehrere Begriffe ausdrücken, soll ursprünglich in der dritten Person
-vorgetragen werden, und aoristische Bedeutung haben. Nun zeigt sich in
-der griechischen und lateinischen Sprache offenbar das Gegentheil. In
-den Zeitwörtern derselben ist augenscheinlich nicht die dritte, sondern
-die erste Person diejenige, aus welcher alle übrigen gebildet sind, ist
-nicht der Aorist, sondern das Präsens die Wurzel. Woher also diese
-Verschiedenheit, wenn unsere Theorie richtig ist? Nehmen wir auch an,
-dass die genannten Sprachen keine Ursprachen gewesen sind, sondern sich
-aus schon entstandenen gebildet haben; so müssen wir doch zugeben, dass
-sie zuletzt aus solchen hervorgehen mussten, welche auf die hier
-vorgetragene Art entstanden waren. Warum zeigt sich nun in ihnen auch
-nicht die leichteste Spur von jener Ursprache? Denn, mag sich eine
-Sprache noch so sehr cultiviren, mag eine gebildetere Grammatik noch so
-viel Modificationen in sie hineintragen: so müssen sich doch in ihr noch
-Ueberreste von dem ersten rohen Zuschnitte finden, z. B. aus der dritten
-Person, und nicht aus der ersten, die Form der übrigen abgeleitet, und
-der Aorist, nicht das Präsens das Wurzelwort seyn.
-
-Auf diesen Einwurf lässt sich folgendes antworten. Man sah sich bald
-genöthigt, neue Worte zu erfinden, weil der menschliche Geist, bei
-seinen Fortschritten zur Cultur, sich immer mit neuen Vorstellungen
-bereicherte, und neue Bestimmungen in alte Begriffe hineintrug. Die
-Worte, welche man zu Bezeichnung dieser Vorstellungen erfand, -- man
-mochte nun dazu entweder ganz neue, in der Sprache bisher noch nicht
-vorgekommene Töne, oder eine Verbindung mehrerer, schon bekannter Töne
-gebrauchen, -- mussten auf jeden Fall das Gepräge der Bildung tragen,
-welche der menschliche Geist in dem Zeitpunct jener erfundenen neuen
-Bezeichnungen hatte. Nun geht der gebildete Mensch vom Ich aus, und
-betrachtet alles aus dem Gesichtspuncte des Ich: er wird also auf dieser
-Stufe der Cultur auch bei der Aufstellung eines neuen Zeitwortes von der
-ersten Person ausgehen. Daher kann es nicht fehlen, dass ein neues Wort,
-gebildet in Zeiten höherer Cultur, von den ursprünglichen Formen
-derselben Sprache abweichen musste. Im Anfange wurden nun solche Worte
-mit den alten, von welchen sie abstammten, zugleich gebraucht; aber bald
-wurden jene allgemein und verdrängten die letzteren. Denn, sowie die
-Nation in ihrer Cultur weiter vorrückte, musste sie nothwendig die
-neueren Formen ihren Begriffen angemessener finden, und über dem
-Gebrauche derselben die älteren bald vergessen.
-
-So wird selbst bei einem Volke, das von allen äusseren Einflüssen frei
-bleibt, sich mit keinem anderen Volke vermischt, seinen Wohnplatz nie
-verändert u. s. w., die rohe Natursprache nach und nach untergehen, und
-an deren Stelle eine andere treten, die von jener auch nicht die
-leichteste Spur an sich trägt. Man würde sich also irren, wenn man
-glaubte, die Griechen, Römer und andere hätten nie eine Ursprache
-gehabt, weil sich keine Ueberreste davon bei ihnen fänden. Jene Urtöne
-sind nach und nach aus der Ursprache verschwunden, als sie sich durch
-Zeichen ersetzt sahen, die dem cultivirten Geiste des Volkes besser
-entsprachen.
-
-Eine eigene Erscheinung in den neueren Sprachen sind die Hülfswörter;
-das: ^ich bin, werden u. s. w.^ Diese Bezeichnungen, wo sie sich in
-einer Sprache finden, beweisen einen hohen Grad der Abstraction. Man
-fand vermuthlich bald einen besonderen Nachdruck in der auszeichnenden
-Endung des Perfectum und Futurum, wodurch die Sprache an Rundung gewann.
-Aber immer ist es Zeichen einer noch höheren Cultur, wenn einzelne
-Begriffe erfunden werden, um Einen Gedanken desto bestimmter
-auszudrücken. Die Aufstellung dieser Bezeichnungen ist aber in einer
-Sprache wenigstens nicht früher möglich, bis in ihr der Begriff des
-Leidens oder das Passiv schon ausgedrückt ist.
-
-
-
-
- E.
- Ueber Belebung und Erhöhung des reinen Interesse für Wahrheit.
-
-
- (Aus Schillers Horen Bd. I, St. I. 1795.)
-
-Vergebens erwartet man durch irgend ein glückliches Ohngefähr die
-Wahrheit zu finden, wenn man sich nicht von einem lebhaften Interesse
-begeistert fühlt, mit Verläugnung alles Andern ausser ihr, sie zu
-suchen. Es ist demnach eine wichtige Frage für jeden, der die Würde der
-Vernunft in sich behaupten will: was habe ich zu thun, um reines
-Interesse für Wahrheit in mir zu erwecken, oder wenigstens dasselbe zu
-erhalten, zu erhöhen und zu beleben?
-
-Wie jedes Interesse überhaupt, so gründet sich auch das Interesse für
-Wahrheit auf einen ursprünglich in uns liegenden Trieb. Unter unseren
-reinen Trieben aber ist auch ein Trieb nach Wahrheit. Niemand ^will^
-irren, und jeder Irrende hält seinen Irrthum für Wahrheit. Könnte man
-ihm auf eine für ihn überzeugende Art darthun, dass er irre, so würde er
-sogleich den Irrthum aufgeben, und statt desselben die entgegengesetzte
-Wahrheit ergreifen.
-
-Kommt etwas hinzu, das sich auf diesen Trieb bezieht, entdeckt man in
-unserm Fall eine Wahrheit als solche, oder erkennt einen Irrthum für
-einen Irrthum, so entsteht nothwendig ein Gefühl des Beifalls für die
-erstere, eine Abneigung gegen den letztern; und beides völlig unabhängig
-von dem Inhalte und den Folgen jener Wahrheit und dieses Irrthums. Aus
-wiederholten Gefühlen der gleichen Art entsteht ein Interesse für
-Wahrheit überhaupt. Ein solches Interesse lässt sich daher nicht
-^hervorbringen^; es gründet sich der Anlage nach auf das Wesen der
-Vernunft, und wird seinen Aeusserungen nach in der Erfahrung durch die
-Welt ausser uns ohne unser wissentliches Zuthun geweckt; aber man kann
-dieses Interesse ^erhöhen^.
-
-Dies geschieht durch Freiheit, wie jede sittliche Handlung. Aber alle
-Regeln für Anwendung der Freiheit setzen die Anwendung derselben schon
-voraus; und man kann vernünftigerweise nur demjenigen zurufen: gebrauche
-deine Freiheit, der dieselbe schon gebraucht hat. Dieser erste Act der
-Freiheit, dieses Losreissen aus den Ketten der Nothwendigkeit geschieht,
-ohne dass wir selbst wissen wie. So wenig wir uns des ersten Schrittes
-in das Reich des Bewusstseyns überhaupt bewusst werden, ebensowenig
-werden wir uns unseres Uebertrittes in das Reich der Moralität bewusst.
-Irgend woher fällt ein Feuerfunke in unsere Seele, der vielleicht lange
-in heimlichem Dunkel glüht. Er erhebt sich, er greift umher, er wird zur
-Flamme, bis er endlich die ganze Seele entzündet.
-
-Jedes praktische Interesse im Menschen erhält und belebt sich selbst;
-darin besteht sein Wesen. Jede Befriedigung verstärkt es, erneuert es,
-hebt es mehr hervor im Bewusstseyn. Gefühl des erweiterten Bedürfnisses
-ist der einzige Genuss für das endliche Wesen. Die Hauptvorschrift zu
-Erhöhung jedes Interesse im Menschen, mithin auch des Interesse für
-Wahrheit, heisst demnach: ^befriedige deinen Trieb^! woraus für den
-gegenwärtigen Fall sich folgende zwei Regeln ergeben: entferne jedes
-Interesse, das dem reinen Interesse für Wahrheit entgegen ist, und suche
-jeden Genuss, der das reine Interesse für Wahrheit befördert!
-
-Man nehme keinen Anstoss an der sonst mit Recht verdächtigen Empfehlung
-des Genusses. Dass durch den Genuss, und allein durch diesen jeder
-Trieb, der in der vernünftigen Natur des Menschen gegründet ist,
-ausgebildet werde, ist einmal wahr. Genuss, der sich bloss auf
-Befriedigung der animalischen Sinnlichkeit gründet, verzehrt und
-vernichtet sich in sich selbst, und von ihm ist hier nicht die Rede.
-Geistiger Genuss, wie z. B. der ästhetische, erhöht sich durch sich
-selbst. Es ist demnach ebenso wahr, dass die obenaufgestellte Regel die
-einzige ist, die zur Erhöhung eines geistigen Interesse gegeben werden
-kann. Die Beantwortung einer ganz anderen Frage: ob nemlich irgend ein
-geistiger Genuss ganz unbedingt zu empfehlen sey? hängt ab von der
-Beantwortung einer höheren Frage: ob der Trieb, auf den jener Genuss
-sich bezieht, ins unbedingte zu erhöhen? und diese von der noch höheren:
-ob dieser Trieb irgend einem andern unterzuordnen sey? So ist der
-ästhetische Trieb im Menschen allerdings dem Triebe nach Wahrheit, und
-dem höchsten aller Triebe, dem nach sittlicher Güte, unterzuordnen. Ob
-der Trieb nach Wahrheit mit einem höheren Triebe in Streit kommen könne,
-wird sich aus unserer Untersuchung von selbst ergeben. -- Irgend einen
-Ausdruck aber zu vermeiden, weil er gemisbraucht worden, glaube ich
-wenigstens hier nicht nöthig zu haben.
-
-Unser Interesse für Wahrheit soll ^rein^ seyn; die Wahrheit, bloss weil
-sie Wahrheit ist, soll der letzte Endzweck alles unseres Lernens,
-Denkens und Forschens seyn.
-
-Die Wahrheit an sich aber ist bloss ^formal^. Uebereinstimmung und
-Zusammenhang in allem, was wir annehmen, ist Wahrheit, sowie Widerspruch
-in unserem Denken Irrthum und Lüge ist. Alles im Menschen, mithin auch
-seine Wahrheit, steht unter diesem höchsten Gesetze: sey stets einig mit
-dir selbst! Heisst jenes Gesetz in der Anwendung auf unsere ^Handlungen^
-überhaupt: handle so, dass die Art deines Handelns, deinem besten Wissen
-nach, ewiges Gesetz für alles dein Handeln seyn kann; so heisst
-dasselbe, wenn es insbesondere auf unser ^Urtheilen^ angewendet wird:
-urtheile so, dass du die Art deines jetzigen Urtheilens als ewiges
-Gesetz für dein gesammtes Urtheilen denken könnest. Wie du
-vernünftigerweise in allen Fällen kannst urtheilen wollen, so urtheile
-in diesem bestimmten Falle. Mache nie eine Ausnahme in deiner
-Folgerungsart. Alle Ausnahmen sind sicherlich Sophistereien. -- Darin
-unterscheidet sich der Wahrheitsfreund vom Sophisten: Beider
-Behauptungen an sich betrachtet kann vielleicht der erstere irren, und
-der letztere recht haben; und dennoch ist der erstere ein
-Wahrheitsfreund, auch wenn er irrt, und der letztere ein Sophist, auch
-da, wo er die Wahrheit sagt, weil sie etwa zu seinem Zwecke dient. Aber
-in den Aeusserungen des Wahrheitsfreundes ist nichts Widersprechendes,
-er geht seinen geraden Gang fort, ohne sich weder rechts noch links zu
-wenden; der Sophist ändert stets seinen Weg, und beschreibt seine krumme
-Schlangenlinie, sowie der Punct sich verrückt, bei welchem er gern
-ankommen möchte. Der erstere hat gar keinen Punct im Gesichte, sondern
-zieht seine gerade Linie, welcher Punct auch immer hineinfallen möge.
-
-Diesem Interesse für Wahrheit um ihrer blossen ^Form^ willen ist gerade
-entgegengesetzt alles Interesse für den ^bestimmten Inhalt^ der Sätze.
-Einem solchen materiellen Interesse ist es nicht darum zu thun, ^wie^
-etwas gefunden sey, sondern nur was gefunden sey.
-
-Wir haben schon etwa einen Satz ehemals behauptet, vielleicht Beifall
-damit gefunden und Ehre eingeerntet, und meinten es damals aufrichtig.
-Damals war unsere Behauptung zwar nicht ^allgemeine^ Wahrheit, die sich
-auf das Wesen der Vernunft, aber doch Wahrheit ^für uns^, die sich auf
-unsere damalige individuelle Denk- und Empfindungsart gründete. Wir
-irrten, aber wir täuschten nicht, weder uns noch andere. Seitdem haben
-wir entweder selbst weiter geforscht, wir haben unsere individuelle
-Denkart dem Ideale der allgemeinen und nothwendigen Denkart mehr
-genähert, oder auch andere haben uns unseren Irrthum gezeigt. Derselbe
-materielle Satz, der ehemals formale Wahrheit für uns war, ist uns
-jetzt, aus dem nemlichen Grunde, aus dem er dieses war, formaler
-Irrthum; und sind wir uns selbst treu, so werden wir ihn sogleich
-aufgeben. Aber dann müssten wir erkennen, dass wir geirrt haben;
-vielleicht dass ein anderer weiter gesehen habe, als wir. Ist unser
-Interesse für Wahrheit nicht rein und nicht stark genug, so werden wir
-gegen die auf uns eindringende Ueberzeugung uns vertheidigen, so lange
-wir können; und nun ist es uns nicht mehr um die Form zu thun, sondern
-um die Materie des Satzes; wir vertheidigen denselben, weil er der
-unsrige ist, und weil ein eitler Ruhm uns mehr gilt, denn Wahrheit.
-
-Eine Meinung schmeichelt unserm Stolze, unseren Anmaassungen, unserer
-Unterdrückungssucht. Man erschüttert sie mit den stärksten Gründen,
-gegen die wir nichts aufbringen können. Werden wir uns überzeugen
-lassen? Aber wir müssten dann entweder unsere gerechten Ansprüche
-aufgeben, oder uns für wohlbedächtige und überlegte Ungerechte
-anerkennen. Es ist zu erwarten, dass wir gegen die Ueberzeugung uns
-verwahren werden, so lange wir können, und dass wir in allen
-Schlupfwinkeln unseres Herzens nach Ausflüchten suchen werden, um ihr
-auszuweichen.
-
-Ein zweites Hinderniss des reinen Interesse für Wahrheit ist die
-Trägheit des Geistes, die Scheu vor der Mühe des Nachdenkens. Der Mensch
-ist von Natur ein vorstellendes Wesen, aber er ist durch sie auch nichts
-weiter. Die Natur bestimmt die Reihe seiner Vorstellungen, wie sie die
-Verkettung seiner körperlichen Theile bestimmt. Sein Geist ist eine
-Maschine, wie sein Körper; nur eine Maschine anderer Art, eine
-vorstellende Maschine, bestimmt durch Einwirkung von aussen und durch
-seine nothwendigen Naturgesetze von innen. Man kann viel wissen, viel
-studiren, viel lesen, viel hören, und ist doch nichts weiter. Man lässt
-durch Schriftsteller oder Redner sich bearbeiten, und sieht mit
-behaglicher Ruhe zu, wie eine Vorstellung in uns mit der andern
-abwechselt. Sowie die Weichlinge des Orients in ihren Bädern durch
-besondere Künstler ihre Gelenke durchkneten lassen, so lassen diese
-durch Künstler anderer Art ihren Geist durchkneten, und ihr Genuss ist
-um weniges edler, als der Genuss jener.
-
-Diesem blinden Hange thätig widerstreben, eingreifen in den Mechanismus
-der Ideenfolge, und ihr gebieten, ihr mit Freiheit eine Richtung geben
-auf ein bestimmtes Ziel, und von dieser Richtung nicht abweichen, bis
-das Ziel erreicht ist: das ist der rohen Natur zuwider, und kostet
-Anstrengung und Verläugnung.
-
-Jedes unthätige Hingeben ist dem Interesse für Wahrheit geradezu
-entgegen. Es wird dabei gar nicht auf Wahrheit oder Nichtwahrheit,
-sondern lediglich auf die Ergötzung geachtet, die jener Wechsel der
-Vorstellungen uns gewährt. Wir kommen dadurch auch nicht zur Wahrheit;
-denn Wahrheit ist Einheit, und diese muss thätig und mit Freiheit
-hervorgebracht werden, durch Anstrengung und eigene Kraftanwendung.
-Gesetzt, man käme durch ein glückliches Ohngefähr auf diesem Wege
-wirklich zu Vorstellungen, die an sich wahr wären, so wären sie es doch
-nicht ^für uns^, denn wir hätten von der Wahrheit derselben uns nicht
-durch eigenes Nachdenken überzeugt.
-
-Beide Unarten vereinigen sich in denjenigen, welche alle Untersuchung
-fliehen, aus Furcht, dadurch in ihrer Ruhe und in ihrem Glauben gestört
-zu werden. Was kann eines vernünftigen Wesens unwürdiger seyn, als eine
-solche Ausrede? Entweder ist ihre Ruhe, ihr Glaube gegründet; und was
-fürchten sie dann die Untersuchung? Die Güte ihrer Sache muss ja
-nothwendig durch die hellste Beleuchtung gewinnen. -- Aber sie fürchten
-vielleicht bloss unsere Trugschlüsse, unsere Ueberredungskünste? Wenn
-sie unsere Folgerungen nicht gehört haben, noch hören wollen: woher
-mögen sie doch wissen, dass es Trugschlüsse sind? Und setzen sie in
-ihren Verstand nicht das Vertrauen, dass er allen falschen Schein, der
-sich gegen ihre Ueberzeugung auflehnt, zerstreuen werde, da sie ihm doch
-das ungleich grössere zutrauen, dass er die einzig mögliche reine
-Wahrheit ohne sonderliches Nachdenken aufgefunden habe? -- Oder ihre
-Ruhe, ihr Glaube ist grundlos; und also ist es ihnen überhaupt nicht
-darum zu thun, ob er gegründet sey oder nicht, wenn sie nur nicht in
-ihrer süssen Behaglichkeit gestört werden. Es liegt ihnen gar nicht an
-der Wahrheit, sondern bloss an der Vergünstigung, dasjenige für wahr zu
-halten, was sie bisher dafür gehalten haben; sey es um der Gewohnheit
-willen, sey es, weil der Inhalt desselben ihrer Trägheit und
-Verdorbenheit schmeichelt. Sie erhalten etwa dadurch die Hoffnung, ohne
-alles ihr Zuthun, tugendhaft und glückselig, oder wohl gar ohne Tugend
-glückselig zu werden, recht viel zu geniessen, ohne etwas zu thun;
-andere für sich arbeiten zu lassen, wo sie Lust haben, träge und
-verdorben zu seyn.
-
-Alles Interesse von der angezeigten Art ist unächt, und in Ausrottung
-desselben besteht der erste Schritt zu Erhöhung des reinen Interesse für
-Wahrheit. Der zweite ist: man überlasse sich jedem Genusse, den das
-reine Interesse für Wahrheit gewährt. Die ^Wahrheit an sich selbst^,
-wiefern sie bloss in der Harmonie alles unseres Denkens besteht, gewährt
-Genuss, und einen reinen, edlen, hohen Genuss.
-
-Das ist eine gemeine Seele, der es gleichgültig ist, ob sie, so
-geringfügig der Gegenstand auch seyn möge, irre, oder im Besitz der
-Wahrheit sey. Es ist hierbei nemlich gar nicht um den Inhalt und um die
-Folgen eines Satzes zu thun, sondern lediglich um Einheit und
-Uebereinstimmung in dem gesammten System des menschlichen Geistes. Aber
-der Mensch ^soll^ einig mit sich selbst seyn; er soll ein eigenes, für
-sich bestehendes Ganzes bilden. Nur unter dieser Bedingung ist er
-Mensch. Mithin ist das Bewusstseyn der völligen Uebereinstimmung mit uns
-selbst in unserem Denken, oder doch des redlichen Strebens nach einer
-solchen Uebereinstimmung, unmittelbares Bewusstseyn unserer behaupteten
-Menschenwürde, und gewährt einen moralischen Genuss.
-
-Man bezeugt es sich durch jenes Streben, und durch die vermittelst
-desselben hervorgebrachte Harmonie, dass man ein selbstständiges, von
-allem, was nicht unser Selbst ist, unabhängiges Wesen bilde. Man wird
-des erhabenen Gefühls theilhaftig: ich bin, was ich bin, weil ich es
-habe seyn wollen. Ich hätte mich können forttreiben lassen durch die
-Räder der Nothwendigkeit; ich hätte meine Ueberzeugung können bestimmen
-lassen durch die Eindrücke, die ich von der Natur überhaupt erhielt,
-durch den Hang meiner Leidenschaften und Neigungen, durch die Meinungen,
-die mir meine Zeitgenossen beibringen wollten: aber ich habe nicht
-gewollt. Ich habe mich losgerissen, ich habe durch eigene Thätigkeit
-nach einer durch mich selbst bestimmten Richtung hin untersucht; ich
-stehe jetzt auf diesem bestimmten Puncte, und ich bin durch mich selbst,
-durch eigenen Entschluss und eigene Kraft darauf gekommen. -- Man wird
-des erhabenen Gefühls theilhaftig: ich werde immer seyn, was ich jetzt
-bin, weil ich es immer wollen werde. Der ^Inhalt^ meiner Ueberzeugungen
-zwar wird durch fortgesetztes Nachforschen sich ändern, aber um ihn ist
-es mir auch nicht zu thun. Die ^Form^ derselben wird sich nie ändern.
-Ich werde nie der Sinnlichkeit, noch irgend einem Dinge, das ausser mir
-ist, Einfluss auf die Bildung meiner Denkart verstatten; ich werde, so
-weit mein Gesichtskreis sich erstreckt, immer einig mit mir selbst seyn,
-weil ich es immer wollen werde.
-
-Diese strenge und scharfe Unterscheidung unseres reinen Selbst von
-allem, was nicht wir selbst sind, ist der wahre Charakter der
-Menschheit; die Stärke und der Umfang dieses Selbstgefühls ist bestimmt
-durch den Grad unserer Humanität; dieser unsere ganze Würde und unsere
-ganze Glückseligkeit.
-
-Mit dieser sichern Ueberzeugung, stets einig mit sich selbst zu seyn,
-geht der entschiedene Freund der Wahrheit auf dem Wege der Untersuchung
-ruhig fort; er geht muthig allem entgegen, was ihm auf demselben
-aufstossen möchte. Es ist für denjenigen, der mit sich selbst noch nicht
-recht eins geworden ist, was er denn eigentlich suche und wolle,
-äusserst beängstigend, wenn er auf seinem Wege auf Sätze stösst, die
-allen seinen bisherigen Meinungen, und den Meinungen seiner
-Zeitgenossen, und der Vorwelt widersprechen; und gewiss ist diese
-Aengstlichkeit eine der Hauptursachen, warum die Menschheit auf dem Wege
-zur Wahrheit so langsame Fortschritte gemacht hat. Von ihr ist
-derjenige, der die Wahrheit um ihrer selbst willen sucht, völlig frei.
-Er blickt jeder noch so befremdenden Folgerung kühn in das Gesicht. Ob
-sie ein befremdendes oder bekanntes Aussehen habe, ob sie seiner und
-aller bisherigen Meinung widerspreche oder nicht, darnach war nicht die
-Frage. Die Frage war: ob sie, seinem besten Wissen nach, mit den
-Gesetzen des Denkens übereinstimme oder nicht, und das wird er
-untersuchen. Wird sich finden, dass sie damit übereinstimme, so wird er
-sie als heilige, ehrwürdige Wahrheit aufnehmen; wird sie nicht damit
-übereinstimmen, so wird er sie als Irrthum verwerfen, nicht weil sie der
-gemeinen Meinung, sondern weil sie seinem besten Wissen nach den
-Gesetzen des Denkens widerspricht. Bis dahin ist er völlig gleichgültig
-gegen sie; über ihren Inhalt hat er die Frage nicht erhoben; derselbe
-ist ihm bekannt; ihre Form hat er noch zu untersuchen.
-
-Mit dieser kalten Ruhe und festen Entschlossenheit blickt er hinein in
-das Gewühl der menschlichen Meinungen überhaupt und seiner eigenen
-Einfälle und Zweifel. Es wirbelt und stürmt ^um ihn herum^, aber nicht
-^in ihm^. Er selbst sieht aus seiner unerreichbaren Burg ruhig dem
-Sturme zu. Er wird ihm zu seiner Zeit gebieten, und eine Welle nach der
-anderen wird sich legen. -- Er will nur Harmonie mit sich selbst, und er
-bringt sie hervor, so weit er bis jetzt gekommen ist. Dort ist noch
-Verwirrung in seinen Meinungen; das ist nicht seine Schuld, denn bis
-dahin hat er noch nicht kommen können. Er wird auch dahin kommen, und
-dann wird jene Unordnung in die schönste Ordnung sich auflösen. -- Was
-wäre denn wohl endlich das härteste, was ihm begegnen könnte? Gesetzt,
-er fände, entweder weil die Schranken der endlichen Vernunft überhaupt,
-welches unmöglich ist, oder weil die Schranken seines Individuums
-solches mit sich bringen, als letztes Resultat seines Strebens nach
-Wahrheit, dass es überhaupt gar keine Wahrheit und Gewissheit gebe. Er
-würde auch diesem Schicksale, dem härtesten, das ihn treffen könnte,
-sich unterwerfen; denn er ist zwar unglücklich, aber schuldlos; er ist
-seines redlichen Forschens sich bewusst, und das ist statt alles Glücks,
-dessen er nun noch theilhaftig werden kann.
-
-Ebenso ruhig -- wenn dieser Umstand der Erwähnung werth ist -- bleibt
-der entschiedene Freund der Wahrheit darüber, was ^andere^ zunächst zu
-seinen Ueberzeugungen sagen werden, wenn er in der Lage seyn sollte, sie
-mittheilen zu müssen; und der Gelehrte ist immer in dieser Lage, da er
-nicht bloss für sich selbst, sondern zugleich für andere forscht. Die
-Frage ist ja gar nicht, ob wir mit anderen, sondern ob wir mit uns
-selbst übereinstimmend denken. Ist das letztere, so können wir des
-erstern ohne unser Zuthun, und ohne erst die Stimmen zu sammeln, bei
-allen denen gewiss seyn, die mit sich selbst in Uebereinstimmung stehen;
-denn das Wesen der Vernunft ist in allen vernünftigen Wesen Eins und
-ebendasselbe. Wie ^andere^ denken, wissen wir nicht, und wir können
-davon nicht ausgehen. Wie ^wir^ denken sollen, wenn wir vernünftig
-denken wollen, können wir finden; und so, wie wir denken sollen, sollen
-alle vernünftige Wesen denken. Alle Untersuchung muss von innen heraus,
-nicht von aussen herein, geschehen. ^Ich^ soll nicht denken, wie
-^andere^ denken; sondern wie ^ich^ denken soll, so, soll ich annehmen,
-denken auch andere. -- Mit denen übereinstimmend zu seyn, die es mit
-sich selbst nicht sind, wäre das wohl ein würdiges Ziel für ein
-vernünftiges Wesen?
-
-Das Gefühl der für formale Wahrheit angewendeten ^Kraft^ gewährt einen
-reinen, edlen, dauernden Genuss.
-
-Einen solchen Genuss kann uns überhaupt nur dasjenige gewähren, was
-unser eigen ist, und was wir durch würdigen Gebrauch unserer Freiheit
-uns selbst erworben haben. Was uns hingegen ohne unser Zuthun von aussen
-gegeben worden ist, gewährt keinen reinen Selbstgenuss. Es ist nicht
-unser, und es kann uns ebenso wieder genommen werden, wie es uns gegeben
-wurde; wir geniessen an demselben nicht uns selbst, nicht unser eigenes
-Verdienst und unsern eigenen Werth. So verhält es sich auch insbesondere
-mit Geisteskraft. Das, was man guten Kopf, angebornes Talent, glückliche
-Naturanlage nennt, ist gar kein Gegenstand eines vernünftigen
-Selbstgenusses, denn es ist dabei gar kein eigenes Verdienst. Wenn ich
-eine reizbarere, thätigere Organisation erhielt, wenn dieselbe gleich
-bei meinem Eintritte ins Leben stärker und zweckmässiger afficirt wurde,
-was habe ^ich^ dazu beigetragen? Habe ich jene Organisation entworfen,
-unter mehreren sie ausgewählt und mir zugeeignet? Habe ich jene
-Eindrücke, die mich bei meinem Eintritte ins Leben empfingen, berechnet
-und geleitet?
-
-Meine Kraft ist ^mein^, lediglich inwiefern ich sie durch Freiheit
-hervorgebracht habe; ich kann aber nichts in ihr hervorbringen, als ihre
-Richtung; und in dieser besteht denn auch die wahre Geisteskraft. Blinde
-Kraft ist keine Kraft, vielmehr Ohnmacht. Die Richtung aber gebe ich ihr
-durch Freiheit, deren Regel ist, stets übereinstimmend mit sich selbst
-zu wirken; vorher war sie eine fremde Kraft, Kraft der willenlosen und
-zwecklosen Natur in mir.
-
-Diese Geisteskraft wird durch den Gebrauch verstärkt und erhöht; und
-diese Erhöhung giebt Genuss, denn sie ist Verdienst. Sie gewährt das
-erhebende Bewusstseyn: ich war Maschine, und konnte Maschine bleiben;
-durch eigene Kraft, aus eigenem Antriebe habe ich mich zum
-selbstständigen Wesen gemacht. Dass ich jetzt mit Leichtigkeit, frei,
-nach meinem eigenen Zwecke fortschreite, verdanke ich mir selbst; dass
-ich fest, frei und kühn an jede Untersuchung mich wagen darf, verdanke
-ich mir selbst. Dieses Zutrauen auf mich, dieser Muth, mit welchem ich
-unternehme, was ich zu unternehmen habe, diese Hoffnung des Erfolgs, mit
-der ich an die Arbeit gehe, verdanke ich mir selbst.
-
-Durch diese Geisteskraft wird zugleich das moralische Vermögen gestärkt,
-und sie ist selbst moralisch. Beide hängen innig zusammen, und wirken
-gegenseitig auf einander. Wahrheitsliebe bereitet vor zur moralischen
-Güte, und ist selbst schon an sich eine Art derselben. Dadurch, dass man
-alle seine Neigungen, Lieblingsmeinungen, Rücksichten, alles, was ausser
-uns ist, den Gesetzen des Denkens frei unterwirft, wird man gewöhnt, vor
-der Idee des Gesetzes überhaupt sich niederzubeugen und zu verstummen;
-und diese freie Unterwerfung ist selbst eine moralische Handlung.
-Herrschende Sinnlichkeit schwächt in gleichem Grade das Interesse für
-Wahrheit, wie für Sittlichkeit. Durch den Sieg, den das erstere über
-dieselbe erkämpft, wird zugleich für die Tugend ein Sieg erfochten.
-Freiheit des Geistes in ^Einer^ Rücksicht entfesselt in allen übrigen.
-Wer alles, was ausser ihm liegt, in der Erforschung der Wahrheit
-verachtet, der wird es auch in allem seinem Handeln überhaupt verachten
-lernen. Entschlossenheit im Denken führt nothwendig zur moralischen Güte
-und zur moralischen Stärke.
-
-Ich setze kein Wort hinzu, um die Würde dieser Denkart fühlbar zu
-machen. Wer ihrer fähig ist, der fühlt sie durch die blosse
-Beschreibung; wer sie nicht fühlt, dem wird sie ewig unbekannt bleiben.
---
-
-
-
-
- F.
- Aphorismen
- über Erziehung aus dem Jahre 1804.[36]
-
-
- 1.
-
-Einen Menschen erziehen heisst: ihm Gelegenheit geben, sich zum
-vollkommenen Meister und Selbstherrscher seiner ^gesammten^ Kraft zu
-machen. Der ^gesammten^ Kraft, sage ich; denn die Kraft des Menschen ist
-Eine und ist ein zusammenhängendes Ganze. Sogleich in der Erziehung
-einen abgesonderten Gebrauch dieser Kraft als Ziel ins Auge fassen, --
-den Zögling für seinen Stand erziehen, wie man dies wohl genannt hat,
-würde nur überflüssig seyn, wenn es nicht verderblich wäre. Es verengt
-die Kraft und macht sie zum Sklaven des angebildeten Standes, da sie
-doch sein Herrscher seyn sollte. Der völlig und harmonisch ausgebildeten
-Kraft kann man es überlassen, von welcher Seite her sie sich der Welt
-und der Praxis in ihr nähern werde; oder: in allen Ständen kommt es
-nicht darauf an, wozu man ^erzogen^ sey und was man ^gelernt^ habe,
-sondern was man ^sey^? Wer überhaupt nur wirklich ^ist^, ein
-vernünftiges und in jedem Augenblicke selbstthätiges Wesen, wird immer
-mit Leichtigkeit sich zu dem ^machen^, was er in seiner Lage seyn soll.
-Wer aber durch irgend eine äusserliche Einübung (Dressur) den leider
-ermangelnden Thierinstinct ersetzt hat, der bleibt eben in dieser
-Schranke befangen, die ihn wie eine zweite, ihm undurchdringliche Natur
-umgiebt, und die Erziehung, der Unterricht hat ihn gerade beschränkt,
-getödtet, statt ihn zu befreien und zum lebendigen Fortwachsen aus sich
-selbst fähig zu machen.
-
-[Fußnote 36: Als Rechenschaftsablegung bei Gelegenheit eines damals
-gefassten Planes geschrieben, einige Söhne ihm befreundeter Familien,
-zur Erziehung mit dem eigenen, in sein Haus aufzunehmen.
-
- (Anmerk. des Herausgebers.)]
-
-
- 2.
-
-Für Entwickelung der ^Geistes^kraft in diesem allgemeinsten Sinne haben
-wir Neueren nichts Zweckmässigeres, als die Erlernung der alten
-klassischen Sprachen. Ob man fürs Leben jemals dieser Sprachen bedürfen
-werde, davon sey nicht die Frage: ja sogar davon werde abgesehen, ob es
-dem aufkeimenden Geiste räthlicher sey, in der gepressten Luft der
-modernen Denkart, oder in dem heiteren Wehen der Schriftsteller des
-Alterthums zu athmen. Folgende Frage aber kann nicht geschenkt werden:
-wie der Zögling über den Nebel nicht von ihm geschaffener und deshalb
-nicht verstandener Worte, der nur den Geist, welcher ihm unbewusst in
-der Sprache umherwankt, keinesweges aber seinen eigenen, in ihm
-aufkommen lässt, -- über diesen Nebel, der den grössten Theil selbst der
-angeblich gebildeten Menschen zeitlebens gefesselt hält, zur lebendigen
-Anschauung der Sache selbst gelangen solle?
-
-Ich halte dafür, dass dies geschehen könne nur durch das Studium ^der^
-Sprachen, deren ganze ^Begriffsgestaltung^ von der Modernität völlig
-abweicht und jeden, der es in dieser Region bis zum ^eigentlichen
-Verstehen^ bringen soll -- was freilich mehr ist, als was der
-gewöhnliche Unterricht in den alten Sprachen bezweckt und in der Regel
-auch erreicht, der sich mit dem ungefähren Dolmetschen des Sinnes
-begnügt, -- entschieden nöthiget, über alle Zeichen hinweg zu etwas
-Höherem, als das Sprachzeichen ist, zu dem Begriffe der Sache sich zu
-erheben: -- ein Studium, welches ebendarum durch die Erlernung keiner
-neueren Sprache zu ersetzen ist, weil hierin mit nichtverstandenen
-Phrasen, gegen andere gleichgeltende, nur anderstönende, welche
-ebenfalls nicht verstanden werden, d. h. in denen niemals vom Ausdrucke
-und Bilde zum Begriffe vorgedrungen wird, -- ein Tauschhandel getrieben
-werden kann und getrieben wird. Daher nun die Nebelwelt
-halbverstandener, nie bis auf ihren Kern untersuchter Vorstellungen, in
-der das gewöhnliche Bewusstseyn, auch der sogenannten Gebildeten, lebt,
-und die ihre Wahrheit sind, nach der zufälligen Gestaltung des sie
-umgebenden Sprachgeistes und nach dem ebenso zufälligen Anfluge aus
-ihren specielleren Umgebungen, wo also nirgends das Bewusstseyn mit dem
-Realen und Wahren zu thun hat, sondern mit den Schattenbildern
-desselben.
-
-
- 3.
-
-Es liegt in der Sache, dass die ^Form^ des Unterrichtes und der Uebungen
-auf den beschriebenen Zweck berechnet seyn muss; eine Form, mit welcher
-ich aus alter Uebung im Unterrichte sehr bekannt zu seyn glaube. Eine
-Nebenrücksicht hierbei wird die seyn, den grössten Theil der Zeit und
-der Mühe, der in dem hergebrachten Unterrichte auf das Lateinische, eine
-sehr nachstehende Tochter des Griechischen, gewidmet wird, der Mutter
-selbst zuzuwenden, mit dem Griechischen, so viel dies möglich ist,
-anzufangen, dies als Hauptsache zu nehmen und bis zu Stil- und sogar
-Sprechübungen zu treiben, indem aus der für den geborenen Deutschen,
-wegen der sehr nahen Verwandtschaft des Griechischen mit seiner
-Muttersprache ohnedies leicht zu erlangenden Fertigkeit, eine Ansicht
-von der Sprache überhaupt und so auch eine Vorbereitung auf das weit
-ferner für uns liegende Lateinische erfolgt; welche auf umgekehrtem Wege
-nicht so sicher zu erreichen wäre.
-
-
- 4.
-
-Es versteht sich, dass über dieser Erlernung der alten Sprachen und der
-Ansichten der alten Welt, der alten Geschichte, Geographie u. s. w., die
-Kenntniss der umgebenden Welt nicht vergessen werde. Dies ist nun aber,
-weil es das Umgebende betrifft, mehr durch Leben und möglichst zu
-vermittelnde Anschauung, als durch todtes Studium und Ueberlieferung,
-mehr durch unmittelbare Erfahrung und Conversation darüber, als durch
-besondere Lehrstunden zu befördern. Ein lebendiger, durch seine tägliche
-Arbeit an Verknüpfung und Ordnung gewöhnter Knabe wird nicht ermangeln,
-von dem, was er erblickt, aufzusteigen zu dem, was er nicht erblickt,
-und darnach, so wie nach dem Zusammenhange beider zu fragen, und er wird
-Befriedigung erhalten, wenn diejenigen, die ihn umgeben, theils selber
-die Sache wissen, theils so zu antworten verstehen, dass keine todte,
-nur wiederholende Phrase, sondern eine lebendige Anschauung im Zöglinge
-entstehe.
-
-
- 5.
-
-Der innere Geist und Charakter dieser intellectuellen Erziehung, ohne
-welchen alle äusserlichen Fertigkeiten und Kenntnisse keinen Werth
-haben, ist der, dass der Zögling in der That und stets selbst arbeite,
-Alles durch eigene Geisteskraft sich erwerbe, keinesweges aber nur
-mechanisch etwas anlerne. Die Methode, leicht oder spielend zu lehren
-und zu lernen, kann daher in einem vernunftgemässen Erziehungsplane
-nicht eintreten, in welchem es gar nicht darauf ankommt, ^was^ da
-erlernt sey, sondern was der Zögling geistig vermöge, und wie dies
-Vermögen durch den Stoff des Unterrichtes entwickelt worden sey.
-
-Aus diesem Grunde wird das Studium der Mathematik, am geeignetsten nach
-Euklides oder in dieser Methode, der zweite Hauptzweig des eigentlichen
-Unterrichtes seyn.
-
-
- 6.
-
-Dagegen im unmittelbaren Leben, durch ein von selbst sich darbietendes
-oder künstlich herbeigeführtes Bedürfniss angeregt, sind die neueren
-Sprachen zu erlernen. Diese Erlernung ist dem Knaben, der schon an den
-alten Sprachen Kenntniss der Sprache überhaupt sich erworben, und Ohr
-und Zunge an ihnen geübt hat, der ferner Lateinisch versteht, besonders
-bei den Töchtern des Lateinischen sehr leicht, wenn dabei nur nicht auf
-eine zu nichts dienende Virtuosität im blossen Sprechen ausgegangen
-wird.
-
-
- 7.
-
-Jenen auf Anschauung gegründeten Unterricht in den Anfangsgründen der
-Geometrie und Arithmetik abgerechnet, ist ein eigentlich systematisches
-und speculatives Studium der Wissenschaften, vor den Jahren der
-anfangenden Reife, sogar nachtheilig. Früher werde nur reicher Stoff der
-Erkenntniss herbeigeführt, die Phantasie gestärkt und frei und
-selbstständig gemacht, der Verstand durch Uebung an den gesetzmässigen
-Gang ^angewöhnt^, als ob dies gar nicht anders seyn könne. Erst in
-dieser Richtigkeit des geistigen Blickes befestigt, möge er Ausflug
-nehmen zur Erforschung und zum deutlichen Bewusstseyn seiner Gesetze,
-denen er bisher, wie einem dunkeln Instincte, folgte. Mit Einem Worte:
-Transscendentalismus jeder Art, selbst in seinen leisesten Andeutungen,
-gehört nicht unter die Gegenstände der Erziehung. --
-
-
- 8.
-
-Der Körper ist so gut Ausdruck der ^gesammten^ menschlichen Kraft, als
-es der Geist ist. Abgerechnet nun, dass ganz gegen die gewöhnliche
-Meinung von der »Ungesundheit« des Fleisses und des ernsten Studiums,
-frühe Geistesbildung, wenn sie nur nicht ein Brüten der Memorie über
-todten, unverstandenen Phrasen, sondern ein Leben und Weben der
-Phantasie seyn soll, schon durch sich selbst auch für den Körper der
-wirksamste Lebensbalsam ist: -- dies abgerechnet, bleibt es noch
-besonderer Zweck der Erziehung, den Zögling auch seines Körpers Meister
-zu machen, also dass er diesen besitze, in keinem Sinne aber von ihm
-besessen werde, -- auch nicht durch körperliche Stimmungen und
-Aufregungen.
-
-Hierher gehört zuerst Entwicklung und Fixirung der Sinne; des Auges
-durch (nicht mechanisches, sondern perspectivisches) Zeichnen; des Ohres
-durch Uebung im harmonischen, einstimmigen und vielstimmigen Gesange,
-und, sofern Talent vorhanden, auch im Erlernen eines musikalischen
-Instrumentes: -- des allgemeinen Sinnes durch Gewöhnung an
-ununterbrochene Aufmerksamkeit und absolutes Nichtdulden des
-Zerstreutseyns. (Dieser Punct ist wichtiger als er scheint, und ich
-getraue mir zu behaupten, dass man das Menschengeschlecht mit Einem
-Streiche von allen seinen übrigen Gebrechen geheilt haben würde, wenn
-man jeden von dem Zerstreutseyn geheilt, und ihn dahin gebracht hätte,
-nur allemal seine ganze unzerstreute Aufmerksamkeit auf das zu richten,
-was er jetzt treibt.)
-
-Täglicher Genuss der frischen Luft, harmonische Ausbildung des Körpers
-durch gymnastische Uebungen, wie Tanzen, Ringen, Fechten, Reiten,
-insgesammt auf den Zweck gerichtet, den Körper unter die Herrschaft des
-Geistes zu bringen und ihn zugleich zum starken, ausdauernden Werkzeuge
-desselben zu machen, verstehen sich von selber im Ganzen dieses
-Erziehungsplanes.
-
-
- 9.
-
-Eine ^positive^ moralische Erziehung, d. h. eine solche, die sich den
-Zweck setze und ihn ausdrücklich ausspreche, den Zögling zur Tugend zu
-bilden, giebt es nicht; vielmehr würde ein solches Verfahren den inneren
-moralischen Sinn ertödten und gemüthlose Heuchler und Gleissner bilden.
-In der eigenen schamhaften Stille des Gemüthes, ohne Geschwätz und
-Selbstbespiegelung, muss die Sittlichkeit von selbst aufkeimen, und
-allmählig höher erwachsen und sich verbreiten, so wie die äusseren
-Beziehungen sich theils vermehren, theils dem Kinde klarer werden. So
-muss es seyn, und so wird es ohne alles absichtliche Zuthun allenthalben
-von selbst erfolgen, ^sofern nur lauter gute Beispiele den Zögling
-umgeben und alles Schlechte, Gemeine und Niedrige fern von seinem Auge
-gehalten wird.^
-
-Ausser dieser verhütenden Sorgfalt hat der Erzieher nur noch Folgendes
-zu thun: wenige, in sich selbst durchaus klare und leicht zu
-beobachtende positive Gebote aufzustellen, über deren Befolgung, ohne
-irgend eine Ausnahme und unverbrüchlich, gehalten werde. So wäre denn
-irgend einmal mit Feierlichkeit das sittliche Gesetz anzukündigen:
-schlechthin nicht zu lügen, nicht wissentlich und bedächtig gegen sein
-Bewusstseyn zu reden oder zu handeln. Nach aller Erfahrung ergreift
-dieses Gesetz mit einer wunderbaren Gewalt den Knaben, erhebt ihn, giebt
-ihm eine innerliche Fassung, und wird ihm unaustilgbare Quelle der
-inneren Rechtschaffenheit, die die Mutter aller Tugenden ist und Keinen,
-der sie besitzt, ohne Rettung fallen lässt.
-
-
- 10.
-
-Innere Religiosität des Gemüthes, das heisst: heilige Ahnung eines über
-alle Sinnlichkeit Erhabenen, und Hinneigung zu ihm, findet bei innerer
-Rechtschaffenheit des Gemüthes und zweckmässiger Geistesbildung, wie sie
-eben beschrieben worden, sich ganz von selbst. Sie planmässig anlehren
-zu wollen, würde abermals den inneren Sinn dafür ertödten und den
-Heuchler bilden. -- Die Unterweisungen in der positiven Landesreligion
-wird, wenn der Zögling in die Jahre kommt, an den Mysterien derselben
-theilzunehmen, der Geistliche seiner Confession (welches diese sey, ist
-unserer Erziehung völlig gleichgültig) besorgen, und unser
-Erziehungsplan wird jeder positiven oder negativen Einmischung und jedes
-Einflusses in diese Angelegenheit sich mit strenger Gewissenhaftigkeit
-enthalten.
-
-
- 11.
-
-Die äusseren Mittel zur Erreichung des angegebenen Zweckes werden
-folgende seyn:
-
-Es wird ein Hauslehrer, oder falls eine grössere Anzahl von Zöglingen
-sich fände, deren zwei gehalten. Die ausschliessenden Bedingungen, durch
-die man sich bei der Wahl dieser Lehrer leiten lassen wird, werden darin
-bestehen: zuvörderst, dass ihnen Pädagogik um ihrer selbst willen
-Geistes- und Herzensangelegenheit sey, und sie daher eine solche Stelle
-nicht als Mittel für einen fremden Zweck, sondern selbst als nächsten
-Zweck suchen; -- sodann, dass, wenn sie auch nicht alles, sogar nur
-weniges von dem, was sie lehren sollen, wissen, sie doch die
-Geistesfreiheit und Uebung haben, immer mit Leichtigkeit es zu lernen,
-so wie sie dessen bedürfen, und ebenso die zweckmässigste Methode, es zu
-lehren, besitzen oder diese sich anzueignen vermögen. Diese Männer
-werden, abwechselnd mit mir, unter täglich gegenseitiger Rücksprache und
-Rechenschaftsablegung, lehren und die Zöglinge unter ^ununterbrochener^
-Aufsicht behalten.
-
-
- 12.
-
-Fremde Kinder durchaus und ganz wie unser eigenes anzusehen und zu
-behandeln, dazu müsste uns, selbst wenn es keine höheren Antriebe gäbe,
-sogar die Klugheit und das Wohlwollen gegen unser eigenes Kind nöthigen,
-indem das entgegengesetzte Benehmen gerade für es selbst die
-nachtheiligsten Folgen haben würde.
-
-
-
-
- G.
- Bericht
- über den Begriff der Wissenschaftslehre und die bisherigen
- Schicksale derselben.
-
-
- (Geschrieben im Jahre 1806.)
-
-
- Erstes Capitel.
- Ueber den Begriff der Wissenschaftslehre.
-
-Falls etwa der Erkenntniss der Wahrheit durch den Menschen dieses
-Hinderniss im Wege stände, dass im natürlichen und kunstlosen Zustande
-diese Erkenntniss sich selber, nach eigenen innern und verborgen
-bleibenden Gesetzen gestaltete und bildete; diese ihre eigene Gestalt
-der zu erkennenden Wahrheit, ohne unser Vermerken, mittheilte, und so in
-der Erkenntniss sich selber in den Weg, und zwischen sich und die reine
-Wahrheit in die Mitte träte: so würde es auf diese Weise nie zur
-Wahrheit, und falls diese Selbstmodification der Erkenntniss wandelbar,
-veränderlich, und in ihrer verschiedenen Gestaltung vom blinden
-Ohngefähr abhängig seyn sollte, auch nie zu bleibender Einheit und
-Gewissheit in der Erkenntniss kommen. Diesem Mangel und den nothwendigen
-Folgen desselben könnte auf keine andere Weise abgeholfen werden, ausser
-dadurch, dass jene inneren Selbstmodificationen der Erkenntniss aus
-ihren Gesetzen vollständig erschöpft, und die Producte derselben von der
-erkannten Wahrheit abgezogen würden; worauf, nach diesem Abzuge, die
-reine Wahrheit übrigbleiben würde.
-
-So verhält es sich nun in der That; und dem zufolge würden, bis auf
-Kant, alle Denker und Bearbeiter der Wissenschaft ohne Ausnahme durch
-den verborgenen Strom jener inneren Verwandlungen der Erkenntniss
-herumgezogen, und mit sich selber und andern in Widerstreit versetzt.
-Kant war der erste, der diese Quelle aller Irrthümer und Widersprüche
-glücklich entdeckte, und den Vorsatz fasste, auf die einzig
-wissenschaftliche Weise, durch systematische Erschöpfung jener
-Modificationen, und, wie er es nannte, durch Ausmessung des ganzen
-Gebiets der Vernunft, sie zu verstopfen. Die Ausführung blieb jedoch
-hinter dem Vorsatz zurück, indem die Vernunft oder das Wissen nicht in
-seiner absoluten Einheit, sondern schon selbst in verschiedene Zweige
-gespalten, als theoretische, als praktische, als urtheilende Vernunft,
-der Untersuchung unterworfen; auch die Gesetze dieser einzelnen Zweige
-mehr empirisch gesammelt, und durch Induction als Vernunftgesetze
-erhärtet wurden, als dass eine wahre Deduction aus der Urquelle sie
-erschöpft, und als das, was sie sind, sie dargelegt hätte. Bei diesem
-Stande der Sachen ergriff die Wissenschaftslehre die durch jene
-Kantische Entdeckung an die Menschheit gestellte Aufgabe; zeigend, was
-der Wissenschaftsweg in seiner Einheit sey, sehr sicher wissend und
-darauf rechnend, dass aus dieser Einheit heraus die besonderen Zweige
-desselben sich von selbst ergeben, und aus ihr würden charakterisirt
-werden können.
-
-Wir sind nicht gemeint zu läugnen, dass nicht von einigen jene
-Wissenschaftslehre einigermaassen gefasst, und ihr Zweck nothdürftig
-historisch ersehen worden sey, indem von mehreren gestanden worden, dass
-durch jenes Werk die absolute Nichtigkeit aller Producte des
-Grundgesetzes des Wissens, der Reflexion, dargethan sey. Nur machte man
-aus dieser Entdeckung über das Resultat jener Philosophie den Schluss,
-dass eben um dieses Resultates willen die Wissenschaftslehre nothwendig
-falsch sey, indem eine Realität denn doch sey, diese Realität aber, weil
-nemlich diejenigen, die also dachten, für ihre Person dieselbe nicht
-anders zu erfassen vermochten, nur innerhalb des Gebiets des
-Reflexionsgesetzes erfasst werden könne. Durch dieselbe Voraussetzung
-machten sie nun die Wissenschaftslehre, dieselbe mit dem in ihrer Gewalt
-einig befindlichen Organe fassend, wirklich falsch; indem sie, gar nicht
-zweifelnd, dass ein objectives Seyn gesetzt werden müsste, und dass von
-diesem allgemeinen Schicksal der Sterblichkeit auch die
-Wissenschaftslehre nicht frei seyn werde, meinten, der Fehler dieser
-Philosophie bestehe darin, dass sie ein subjectives-objectives Seyn, ein
-wirkliches und concret bestehendes Ich, als das Ding an sich,
-voraussetze; welchem Fehler sie für ihre Person nun dadurch abzuhelfen
-vermeinten, dass sie statt dessen ein objectives-objectives Seyn,
-welches sie mit dem Namen des Absoluten beehrten, voraussetzten. Zwar
-hat man in Absicht der der Wissenschaftslehre angemutheten Voraussetzung
-von Seiten derselben nicht ermangelt, wiederholt und in den
-verschiedensten Wendungen zu protestiren; jene aber bleiben dabei, wie
-sie denn auch nicht füglich anders können, dass sie besser wissen
-müssten, was der Verfasser der Wissenschaftslehre eigentlich wolle, als
-dieser selbst. In Absicht ihrer eigenen Verbesserung ist sonnenklar, und
-es wird, falls jemals einige Besonnenheit an die Tagesordnung kommen
-sollte, jedes Kind begreifen, dass dieses ihr Absolute nicht nur
-objectiv ist, welches das erste Product der stehenden Reflexionsform,
-sondern zugleich auch, als Absolutes, bestimmt ist durch seinen
-Gegensatz eines Nicht-Absoluten, welche ganze Fünffachheit, noch
-überdies mit der im Nicht-Absoluten liegenden ganzen Unendlichkeit, in
-jener Operation mit dem Absoluten und ihrer Einbildungskraft durch
-einander verwachsen liegt, und so ihr Absolutes überhaupt gar kein
-möglicher Gedanke, sondern nur eine finstere Ausgeburt ihrer
-schwärmenden Phantasie ist, um die Empirie, im Glauben an welche sie
-fest eingewurzelt sind, zu erklären.
-
-Gegen Erinnerungen, wie die eben gemachte, meinen sie auf folgende Weise
-sich in Sicherheit bringen zu können. Es hat nemlich die
-Wissenschaftslehre, freilich nur fürs Erste, und als ein Hausmittel für
-diejenigen, denen der Zustand der Besonnenheit noch nicht der natürliche
-geworden ist, sondern in welchen er mit dem der Unbesonnenheit wechselt,
-vorgeschlagen, dass sie bei dergleichen Producten der stehenden
-Reflexionsform sich doch nur besinnen möchten, dass sie das Gedachte ja
-denken. Jene, wohl wissend, dass, wenn sie auf diesen Vorschlag
-eingehen, ihnen die geliebte Täuschung verschwinde, und das, was sie
-gern als das Ansich sähen, als ein blosser Gedanke sich gar klar
-manifestire, versichern, dass man an dieser Stelle sie nie zur Reflexion
-bringen solle; und berichten, dass gerade durch die consequente
-Durchführung jener Maxime die Wissenschaftslehre zu einem leeren
-Reflectirsystem werde, und dadurch eben, wie es sich denn auch wirklich
-also verhält, die ganze Reflexionsform in absolutes Nichts zerfalle,
-indem das eben die jenem Systeme verborgengebliebene Kunst sey, an der
-rechten Stelle die Augen zuzumachen und die Hand auf, um die Realität zu
-ergreifen. Es entgeht ihnen hierbei gänzlich, dass, völlig unabhängig
-von ihrem Reflectiren oder Nichtreflectiren auf ihren Denkact, derselbe
-an sich bleibt, wie er ist, und wie er durch die Form der Beschränkung,
-in der sie ihn vollziehen, nothwendig ausfällt; und dass es ein
-schlechtes Mittel ist gegen die Blindheit, vor der Blindheit selber
-wiederum die Augen zu verschliessen. So bleibt in dem angegebenen Falle
-ihr Absolutes, von dem sie doch durchaus nicht anders denken können, als
-dass es sey, immer ein Objectives, aus dem Schauen Hingeworfenes, und
-demselben in ihm selber Entgegengesetztes, durch sich und in seinem
-Wesen; ob sie nun den Gegensatz dazu, das Schauen, ausdrücklich
-hinsetzen oder nicht: und sie haben, wenn sie nicht mehr denn dieses
-Objectiviren vollzogen haben, nur das Seyn überhaupt, keinesweges aber,
-wie sie vorgeben, das Absolute gedacht; oder wollen sie doch auch dieses
-Letztere gedacht haben, so haben sie, innerhalb des Seyns überhaupt,
-noch durch einen zweiten Gegensatz mit einem nicht absoluten Seyn, eine
-weitere Bestimmung vollzogen, und ihr Absolutes ist ein besonderes Seyn,
-innerhalb des allgemeinen, und ihr Denken ist auf eine bestimmte Weise
-analytisch-synthetisch, weil nur durch ein solches Denken der Begriff,
-den sie zu haben versichern, zu Stande kommt, sie mögen es nun erkennen
-oder nicht.
-
-Dieses Alles ist ihnen nun seit dreizehn Jahren oft wiederholt und in
-den mannigfaltigsten Wendungen gesagt worden, und sie haben es auch
-recht wohl vernommen. Aber sie wollen es nicht weiter hören, und hoffen,
-weil wir einige Jahre geschwiegen, und sie nach aller ihrer Lust ihr
-Wesen haben treiben lassen, desselben auf immer erledigt, und in den
-ungestörten Besitz der Weisheit, die ihnen gefällt, eingesetzt zu seyn.
-
-Jedoch fehlt gar viel daran, dass dieses ihr Nichtwollen so ganz ein
-freies sey. Es gründet sich dasselbe vielmehr mit Nothwendigkeit auf die
-Beschaffenheit ihrer geistigen Natur. Sie vermögen nicht zu thun, was
-wir ihnen anmuthen, noch zu seyn, wie wir sie haben wollen. Wollen sie
-bei diesem Stande der Dinge nicht alles Seyn aufgeben und in die völlige
-Vernichtung fallen, so müssen sie sich auf das ihnen einzig mögliche
-Seyn stützen, und dasselbe aus aller Kraft aufrecht zu erhalten suchen.
-
-Jenes, oben an einem Beispiele dargestellte analytisch-synthetische
-Denken ist eine Function der Phantasie, und mischt mit den aus ihr
-erzeugten Schemen die Realität zusammen; wir aber muthen ihnen das reine
-und einfache Denken oder die Anschauung an, durch welches allein die
-Realität, in ihrer Einheit und Reinheit, an sie gelangen könnte. Sie
-sind des Letzteren durchaus unfähig, und sind darum allerdings
-genöthigt, falls sie nicht lieber das Denken überhaupt aufgeben wollen,
-sich der Herrschaft ihrer dunklen und verworrenen Phantasie zu
-überlassen. Wie sie auch mit ihrem Geiste sich hin- und herbewegen
-mögen, so werden sie nur auf andere Formen der Phantasie getrieben, aus
-dieser überhaupt nie herauskommend. Die Form der Phantasie ist allemal
-zerreissend das Eine: sie gehen nie anders, als mit schon zerrissenem
-Geiste an die Sache, und es kann darum das Eine nie an sie gelangen,
-weil sie selbst niemals das Eine sind.
-
-Darum verliert auch an ihnen alle Belehrung ihren Effect, weil dieselbe,
-um an sie zu kommen, erst durch ihr Organ hindurchgehen muss; in diesem
-Durchgange aber ihre eigene Form verliert, und die Form ihres Organs
-annimmt. Wenn man z. B. mit ihnen vom Ich, als der Grundform alles
-Wissens redet, so vermögen sie dieses Ich gar nicht anders an sich zu
-bringen, denn als ein objectives, durch ein anderes ihm
-entgegengesetztes objectives, bestimmtes Seyn, weil diese letztere Form
-eben die Grundform der Einbildungskraft ist; es ist darum nothwendig,
-dass sie die Wissenschaftslehre also verstehen, wie das deutsche
-Publicum sie verstanden hat; und es ist eben dadurch klar, dass gar
-keine Wissenschaftslehre an sie zu kommen vermag, sondern statt
-derselben nur ein höchst verkehrtes System, welches sie durch die
-entgegengesetzte Verkehrtheit berichtigen wollen.
-
-Das einfache Denken ist das innere Sehen; das Phantasiren dagegen ist
-ein blindes Tappen, dessen Grund dem Tapper ewig verborgen bleibt. Die
-Wissenschaftslehre war ein Gemälde, auf Licht und Augen berechnet, und
-wurde in der Voraussetzung, dass dergleichen vorhanden wären, dem
-Publicum vorgelegt. Man tappte einige Jahre herum auf dem Gemälde, und
-es fanden sich einige, welche Höflichkeitshalber versicherten, dass sie
-die angeblich abgezeichneten Gestalten unter dem Finger fühlten. Andere,
-die mehr Muth hatten, bekannten, dass sie nichts fühlten; dadurch
-verminderte sich denn auch die Schüchternheit und die falsche Scham der
-Ersteren, und sie nahmen ihr Wort zurück. Es fand sich indessen Einer,
-der der allgemeinen Noth sich annahm, und aus allerlei altem Abgange
-einen Teig zusammenknetete, den er ihnen darbot. Seit der Zeit
-befleissigt jeder, der Finger hat, sich des Befühlens, und es ist ein
-öffentliches Dankfest darüber angesagt, dass das Absolute betastbar
-geworden.
-
-Wo der eigentliche Punct des Streites, den die Wissenschaftslehre gegen
-sie führt, wahrhaftig liege, weiss unter allen vorgeblich
-philosophirenden deutschen Schriftstellern Keiner; ich sage mit Bedacht
-Keiner, und gedenke hierüber dermalen keine Ausnahme zu gestatten. Dass
-auch dieses System dafür halte, die Betastung sey der einzige innere
-Sinn, und dass es auch ein blosses, nur etwas wunderbares und von dem
-ihrigen verschiedenes Betasten sey, darüber regt nirgends sich einiger
-Zweifel. Ferner halten sie dafür, der Streit sey über objective
-Wahrheiten, und unser System läugne bloss einige Sätze, die sie
-behaupten, und wolle dieses durch andere Sätze verdrängen; da doch
-dieses System eine Bestreitung ihres gesammten geistigen Seyns und
-Lebens in der Wurzel ist, und ihnen vor allen Dingen Klarheit anmuthet,
-worauf es sich mit der Wahrheit ohne Weiteres auch geben werde. Nicht
-darauf kommt es an, was ihr denket, würde die Wissenschaftslehre ihnen
-sagen; denn euer gesammtes Denken ist schon nothwendig Irrthum, und es
-ist sehr gleichgültig, ob ihr auf die eine Weise irret, oder auf die
-andere; sondern darauf, was ihr innerlich und geistig seyd. Seyd das
-Rechte, so werdet ihr auch das Rechte denken; lebet geistig das Eine, so
-werdet ihr dasselbe auch anschauen.
-
-Nun aber ist das Erstere nicht ganz leicht, und wir haben keinen Grund,
-anzunehmen, dass dermalen mehr Geneigtheit und Fähigkeit dazu sich unter
-den Deutschen vorfinden werde, als ihrer seit dreizehn Jahren, oder wenn
-wir Kant, von welchem, nur mit etwas grösserem Aufwande des eigenen
-Scharfsinnes, dasselbe sich hätte lernen lassen, dazu nehmen, als seit
-fünfundzwanzig Jahren sich dargelegt hat. Dennoch wollen wir die
-neuerdings vom Publicum bei Seite gesetzte Sache wieder in Anregung
-bringen; unbekümmert übrigens darum, ob auch diese Anregung in derselben
-leeren Luft, in welcher seit geraumer Zeit alle Anregungen zum Besseren
-fruchtlos verhallet sind, gleichfalls ohne Erfolg verhallen werde.
-
-Um vor allen Dingen den Stand der Einstimmigkeit, sowie des Streites der
-Wissenschaftslehre mit dem Publicum festzustellen, und dadurch unseren
-eigentlichen dermaligen Zweck zu bestimmen:
-
-Das Publicum will -- wir fügen uns vorläufig seiner Sprache, bis wir
-tiefer unten dieselbe zerstören werden -- das Publicum will Realität,
-dasselbe wollen auch wir; und wir sind sonach hierüber mit ihm einig.
-
-Die Wissenschaftslehre hat den Beweis geführt, dass die, in ihrer
-absoluten Einheit erfasst werden könnende, und von ihr also erfasste
-Reflexionsform keine Realität habe, sondern lediglich ein leeres Schema
-sey, bildend aus sich selber heraus, durch ihre gleichfalls vollständig,
-und aus Einem Principe zu erfassenden Zerspaltungen in sich selbst, ein
-System von anderen ebenso leeren Schemen und Schatten; und sie ist
-gesonnen, auf dieser Behauptung fest und unwandelbar zu bestehen.
-
-Das Publicum, welches sein geistiges Leben über diese Form nicht hinweg
-zu versetzen, noch dieselbe von sich abzulösen, und sie frei anzuschauen
-vermag, hat, eben ohne es selbst zu wissen, seine Realität nur in dieser
-Form; da es nun aber doch Realität haben muss, so ist es geneigt, jenen
-von der Wissenschaftslehre geführten Beweis für fehlerhaft zu halten,
-weil ihm dadurch seine Realität, die es nicht umhin kann, für die einzig
-mögliche zu halten, vernichtet wird.
-
-Wenn wir nun bei diesem Stande der Sachen einen Augenblick annehmen
-wollen, dass diesem Publicum geholfen sey, und dass es uns zu verstehen
-vermöge; so könnte das Erstere nur dadurch geschehen, dass man mit ihm
-gemeinschaftlich und vor seinen Augen die Form, in der es befangen
-bleibt, ablöste und ausschiede und neu zeigte, dass zwar seine Realität,
-keinesweges aber alle Realität vernichtet sey, sondern dass im
-Hintergrunde der Form, und nach ihrer Zerstörung erst die wahrhafte
-Realität zum Vorschein komme. Dieses Letztere ist nun diejenige Aufgabe,
-welche wir zu seiner Zeit durch eine neue und möglichst freie
-Vollziehung der Wissenschaftslehre, in ihren ersten und tiefsten
-Grundzügen zu lösen gedenken.
-
-So jemand will, so mag er eine solche Arbeit auch für die Erfüllung des
-vor langem gegebenen Versprechens einer neuen Darstellung der
-Wissenschaftslehre nehmen; welcher Erfüllung ich mich übrigens, weil mir
-immer deutlicher geworden, dass die alte Darstellung der
-Wissenschaftslehre gut und vorerst ausreichend sey, schon längst
-entbunden hatte, und jetzt sie weiter hinausschiebe. Wie es mir aus den
-öffentlichen Aeusserungen dieser Erwartung wahrscheinlich geworden,
-hoffte man besonders, dass durch die neue Darstellung das Studium dieser
-Wissenschaft bequemer werden sollte; welcher Hoffnung zu entsprechen ich
-weder ehemals noch jetzt grosse Fähigkeit oder Geneigtheit in mir
-verspüre.
-
-Da ich soeben die ehemalige Darstellung der Wissenschaftslehre für gut
-und richtig erklärt habe, so versteht es sich, dass niemals eine andere
-Lehre von mir zu erwarten ist, als die ehemals an das Publicum
-gebrachte. Das Wesen der ehemals dargelegten Wissenschaftslehre bestand
-in der Behauptung, dass die Ichform oder die absolute Reflexionsform der
-Grund und die Wurzel alles Wissens sey, und dass lediglich aus ihr
-heraus Alles, was jemals im Wissen vorkommen könne, sowie es in
-demselben vorkomme, erfolge; und in der analytisch-synthetischen
-Erschöpfung dieser Form aus dem Mittelpuncte einer Wechselwirkung der
-absoluten Substantialität mit der absoluten Causalität; und diesen
-Charakter wird der Leser in allen unseren jetzigen und künftigen
-Erklärungen über Wissenschaftslehre unverändert wiederfinden.
-
-
- Zur vorläufigen Erwägung.
-
-Wenn es nun etwa jemand zu der Einsicht gebracht hätte, dass das Seyn --
-ich muss, um die Rede anknüpfen zu können, von diesem Begriffe, den ich
-demnächst zu zerstören gedenke, ausgehen -- dass das Seyn schlechthin
-nur Eins, durchaus nicht Zwei, und ein in sich selber Geschlossenes und
-Vollendetes, eine Identität, keinesweges aber eine Mancherleiheit seyn
-könnte: so würde von einem solchen billigerweise zu fordern seyn, dass
-er nach dieser Einsicht nun auch wirklich verführe, nicht aber zur
-Stunde wiederum gegen sie handelte, dass er demnach, falls er etwa noch
-überdies ein solches Seyn nicht problematisch an seinen Ort gestellt
-seyn lassen, sondern positiv und bejahend dasselbe annehmen wollte,
-dasselbe, treu seinem Grundsatze, eben nur ins positive Seyn selber oder
-ins Leben setzen, und annehmen müsse, dass es eben nur unmittelbar
-lebend, und im unmittelbaren Erleben und durchaus auf keine andere Weise
-sich bewahrheiten könne. Wollte er nun etwa dieses Leben wiederum
-absolut nennen, wie ihm, wenn er nur dadurch keinen Gegensatz, der ja
-gegen die angenommene Einheit des Seyns streiten würde, aufstellen,
-sondern nur soviel sagen wollte, dass dies das Eine in sich vollendete
-Seyn sey, ausser welchem gar nichts Anderes seyn könne: so würde er
-annehmen müssen, dass das Absolute nur in dem einzig möglichen innern
-Leben von sich, aus sich, durch sich sey, und durchaus auf keine andere
-Weise seyn könne, dass nur im unmittelbaren Leben das Absolute sey, und
-ausser dem unmittelbaren Leben gar kein anderes Seyn es gebe, und alles
-Seyn nur gelebt, nicht aber auf andere Weise vollzogen werden könne.
-Könnte nun ein solcher auch wohl freilich sich nicht abläugnen, dass er
-in dieser Operation das Leben doch nur dächte, und objectiv vor sich
-hinstellte, so müsste sich derselbe nur recht verstehen, um sogleich
-einzusehen, dass er dennoch nicht diesen ^Gedanken^ seines Lebens und
-das ^Product^ seines Denkens meine, indem er ja das Leben aus sich und
-von sich selbst, nicht aber aus seinen Gedanken heraus gedacht zu haben
-vermeint, sonach an diesem Gedanken sein Denken ausdrücklich zerstört,
-und durch den Inhalt dieses einzig möglichen wahren Gedankens das
-Denken, als etwas für sich bedeuten wollend, völlig vernichtet würde.
-Geradezu aber würde gegen die vorausgesetzte Einsicht gehandelt werden,
-wenn jemand das Seyn, und da das Seyn durchaus das Absolute ist, das
-Absolute, in ein nicht Einfaches, sondern Mannigfaltiges, und in ein
-sichtbares Erzeugniss und Product eines Andern ausser ihm setzen wollte.
-Dergleichen ist nun eben der Begriff des Seyns, von welchem wir die Rede
-anhoben. Er ist nicht von sich, sondern aus dem Denken, und dieses Seyn
-ist in sich selbst todt, wie dies auch nicht anders seyn kann, da sein
-Schöpfer, das Denken, in sich selbst todt ist, und an dem einzigen
-wahren Gedanken, dem des Lebens, sich also bewährt. Auch bewährt dieses
-Seyn sich wirklich also todt im Gebrauche, indem es für sich selbst
-nicht aus der Stelle rückt, und durch mündliche Wiederholbarkeit doch
-ein Etwas aus ihm herauskommt, sondern erst durch einen zweiten Ansatz
-des Denkens ihm Leben und Bewegung als ein zufälliges Prädicat ertheilt
-wird. Alle diese, dem Seyn hinterher noch beigelegten Prädicate sind nun
-nothwendig willkürliche Erdichtungen, indem, falls das Denken auf eine
-glaubhafte Weise Bericht vom Leben abstatten sollte, das letztere selber
-darin eintreten und unmittelbar von sich zeugen müsste; jenes Denken
-eines Seyns aber gleich ursprünglich das Leben von sich ausgeschieden,
-und ausser aller unmittelbaren Berührung mit ihm sich gesetzt hat, und
-darum nicht berichten, sondern nur erdichten kann; an welchem letzteren
-freilich die Möglichkeit noch besonders zu erklären ist.
-
-Würde nun etwa dennoch in einem gewissen Sinne, der noch näher zu
-bestimmen seyn würde, angenommen, dass Wir, oder was dasselbe bedeutet,
-dass Bewusstseyn sey: so wäre dieses, innerhalb der vorausgesetzten
-Grundeinsicht, nur also zu begreifen, dass das Eine absolute Leben eben
-das unsrige, und das unsrige das absolute Leben sey, indem es nicht zwei
-Leben, sondern nur Ein Leben zu geben vermöge, und dass das Absolute
-auch in uns eben nur unmittelbar lebend, und im Leben, und auf keine
-andere Weise dazuseyn vermöge, indem es überhaupt auf keine andere Weise
-dazuseyn vermag; und wiederum, dass nur in uns das Absolute lebt,
-nachdem es überhaupt in uns lebt, es aber nicht zweimal zu leben vermag.
-Inwiefern aber nun ferner angenommen wird, dass wir nicht bloss das Eine
-Leben, sondern zugleich auch Wir oder Bewusstseyn sind, so würde
-insofern das Eine Leben in die Form des Ich eintreten. Sollte sich, wie
-wir aus guten Gründen vorläufig vermuthen, diese Ichform klar
-durchdringen lassen, so würden wir einsehen, was an uns und unserem
-Bewusstseyn lediglich aus jener Form erfolge, und was somit nicht
-reines, sondern formirtes Leben sey; und vermöchten wir nun dieses von
-unserem gesammten Leben abzuziehen, so würde erhellen, was an uns als
-reines und absolutes Leben, was man gewöhnlich das ^Reale^ nennt,
-übrigbliebe. Es würde eine Wissenschaftslehre, welche zugleich die
-einzig mögliche ^Lebenslehre^ ist, entstehen.
-
-Was insbesondere das erste aufgestellte todte Seyn betrifft, so würde
-erhellen, dass dieses durchaus nicht das Absolute, sondern dass es nur
-das letzte Product des in uns in der Form des Ich eingetretenen wahrhaft
-absoluten Lebens sey; das letzte, sage ich, also dasjenige, in welchem
-in dieser Form das Leben abgeschlossen, erloschen und ausgestorben,
-somit in ihm schlechthin gar keine Realität übriggeblieben ist. Es würde
-einleuchten, dass eine wahrhaft lebendige Philosophie vom Leben
-fortgehen müsse zum Seyn, und dass der Weg vom Seyn zum Leben völlig
-verkehrt sey und ein in allen seinen Theilen irriges System erzeugen
-müsse, und dass diejenigen, welche das Absolute als ein Seyn absetzen,
-dasselbe rein aus sich ausgetilgt haben. Auch in der Wissenschaft kann
-man das Absolute nicht ^ausser^ sich anschauen, welches ein reines
-Hirngespinnst giebt, sondern man muss in eigener Person das Absolute
-seyn und leben.
-
-Ich füge nur noch folgende zwei Bemerkungen hinzu. Zuvörderst, dass
-durch diesen Satz alle Philosophie ohne Ausnahme, ausser der Kantischen
-und der der Wissenschaftslehre, für völlig verkehrt und ungereimt
-erklärt werde; und wir sprechen dieses bestimmt aus, indem wir niemals
-irgend eine Ausnahme, welchen Namen sie auch haben möge, zu gestatten
-gedenken. Sodann, so klar und so handgreiflich einleuchtend die gemachte
-Bemerkung auch jedem ist, der sie eben versteht, so möchte es doch Leser
-geben, die gar nicht leicht in dieselbe sich fänden. Der Grund ist der:
-weil es einiger Anstrengung bedarf, um sich zur Vollziehung der
-angemutheten Consequenz zu bringen, und dieselbe in seine freie und
-besonnene Gewalt zu bekommen, zuwider dem natürlichen Hange im Menschen,
-zum objectivirenden Denken, als dem leichtesten, und jedem ohne alle
-Mühe und Besonnenheit sich anwerfenden zurückzukehren. Dennoch kann die
-Vollziehung dieser Einsicht nicht erlassen werden, indem ausserdem es
-beim blinden Tappen bleibt und kein Sehen erfolgt, und der ganze
-Unterricht, aus Mangel eines tauglichen Organs der Aufnahme, seines
-Zweckes verfehlt.
-
-Endlich, dass beim Leben angehoben werden müsse, und von diesem erst zum
-Seyn fortgegangen werden könne, hat nur vorläufig verständlich gemacht
-werden sollen, um den dermalen vorhandenen Grund alles Irrthums bei
-Zeiten aus dem Wege zu bringen. Keinesweges aber haben wir uns dadurch
-die Möglichkeit abschneiden wollen, falls es nothwendig werden sollte,
-sogar über das Leben hinauszugehen, und auch dieses als nichts Einfaches
-und Erstes, sondern als Product einer klar nachzuweisenden Synthesis,
-nur ja nicht aus dem Seyn, darzustellen. Einer der nächsten Aufsätze
-dieser Zeitschrift wird sich mit dieser Aufgabe beschäftigen.
-
-
- Zweites Capitel.
- Auskunft über die bisherigen Schicksale der
- Wissenschaftslehre.
-
-
- I.
- Schilderung des bisherigen Zustandes unserer Literatur
- überhaupt.
-
-Es ist hier keinesweges unsere Absicht, bloss wieder zu sagen, wie sich
-das Publicum gegen die Wissenschaftslehre seit der Erscheinung derselben
-verhalten, sondern dasselbe aus seinen Gründen zu erklären, worauf dann
-derjenige, der das erstere nicht weiss, aus diesen Gründen selbst es ^a
-priori^ ableiten, oder auch in den seit jener Zeit erschienenen
-Schriften und Urtheilen es aufsuchen mag. Nur gründet ohne Zweifel
-dieses alles sich auf den bisherigen und noch dermalen fortdauernden
-Zustand der Literatur überhaupt; und es wird daher die begehrte Auskunft
-auf die von uns gewählte Weise ohne Zweifel gegeben, wenn der erwähnte
-Zustand gründlich geschildert wird.
-
-Welcher Schmerz übrigens und innige Wehmuth uns ergreife, indem wir aus
-dem klaren Aether der tiefsten Betrachtung, in welchem wir am liebsten
-uns aufhalten, herunterzusteigen haben in den Abgrund der
-intellectuellen und moralischen Verkehrtheit in der Wirklichkeit, thut
-nicht noth zu beschreiben. Wahrhaftig nicht unsere Neigung führt uns,
-sondern eine tiefe Unlust begleitet uns zu diesem Geschäfte, welche zu
-überwinden wir dennoch uns entschlossen haben, indem, so sicher wir auch
-überzeugt seyn mögen, dass nichts besser werden wird, es dennoch unsere
-Schuldigkeit ist, zu handeln, als ob es besser werden könnte, ganz
-sicherlich aber es nicht besser werden kann, bevor nicht das Uebel in
-seiner ganzen Grösse bekannt worden, und ein beträchtlicher Theil des
-Publicums darüber in ein heilsames Erschrecken versetzt worden. Und wenn
-es auch wahr seyn sollte, dass der jetzt ausgebildet lebenden Generation
-durchaus nicht zu helfen sey, sondern diese, als unverbesserlich,
-aufgegeben werden müsse: so bliebe es gleichwohl nothwendig, diejenige,
-welche dermalen entsteht und sich bildet, abzuschrecken, dass sie nicht
-in die Fusstapfen jener ersten trete, indem, wenn es wirklich besser
-werden soll, die Besserung doch irgend einmal in der Zeit anheben muss,
-nichts aber verhindert, dass wir wünschen, dass, inwiefern es möglich
-ist, diese Zeit eben jetzt sey.
-
-Nur zwei allgemeine Bemerkungen habe ich vorauszuschicken. Die erste ist
-die folgende: Ob das, was ich als den Charakter unseres gelehrten
-Publicums angeben werde, durchaus und ohne alle Ausnahme, oder ob es nur
-von der entschiedenen Majorität gelte, kann vorläufig an seinen Ort
-gestellt bleiben; und ich will es denjenigen unter meinen
-wissenschaftlichen Lesern, welche mit Wahrheit sich bewusst sind, dass
-ihnen niemals, weder in Schriften, noch auf dem Katheder, oder in
-mündlichen Unterhaltungen dergleichen Aeusserungen, wie wir anführen
-werden, entfallen sind, von Herzen gönnen; indem es mir wenig Vergnügen
-macht, mir die Zahl der Schuldigen recht gross zu denken. Gemeint sind
-nur diejenigen, welche selber, jedoch vor einer Selbstprüfung, in der
-sie sich nicht schmeicheln, sich getroffen fühlen.
-
-Sodann: die gewöhnliche, auch ehemals schon uns gegebene Antwort auf
-dergleichen Vorwürfe ist die: man habe übertrieben, oder auch ganz und
-gar die Unwahrheit gesagt, und sie seyen nicht also, wie wir sie
-dargestellt hätten. Der hierbei ihnen selbst zwar grösstentheils
-verborgen bleibende Grund ihrer Täuschung ist der, dass, da sie selber
-in allen ihren Aeusserungen immer nur sagen, was gesagt worden, und vor
-dem Worte vom Worte niemals zum Worte von der Sache zu kommen vermögen,
-sie ebenfalls von uns glauben, wir wollten berichten, wie sie sprechen;
-und da mag es denn oft wahr seyn, dass sie also, wie wir sie darstellen,
-sich selber nicht aussprechen. Unser Vorsatz aber war und ist, zu sagen,
-was sie innerlich und in der That wirklich sind und leben, welches
-letztere unter andern auch recht gut an demjenigen dargelegt werden
-kann, was sie seyen, dem jenes, ob sie es nun selber wissen oder nicht,
-dennoch zur Quelle und Prämisse wirklich und nothwendig dient. Und wenn
-es sich auch zuweilen zutrüge, dass sie, zur ausdrücklichen und
-wörtlichen Erklärung über dieselben Verhältnisse kommend, das gerade
-Gegentheil von dem, was sie nach unserer Behauptung wirklich sind,
-sagten: so ist doch dieses letztere nicht der Ausdruck ihres wahren
-Seyns, sondern nur ein auswendig Gelerntes, und eine am Markte
-erhandelte Maske, mit welcher sie ihre natürliche Haut übel genug
-verdecken; jenes aber, als Princip eines wirklichen Dafürhaltens im
-Leben, ist ihr wahres innerliches Leben.
-
-Und nun zur Sache! Dass das Organ für die Speculation, durch welche
-allein doch alles übrige Wissen begründet, geordnet und klar wird, und
-ohne welche alle Beschäftigung mit den Wissenschaften nur ein blindes,
-vom Ohngefähr mehr oder weniger begünstigtes Herumtappen bleibt, den
-gegenwärtigen Bearbeitern der Wissenschaften gänzlich abgehe, haben wir
-schon oben gesagt, und, falls jemand fähig seyn sollte, uns zu
-verstehen, durch unsere eigene Speculation es gezeigt. Nun würde ein
-Mangel, den unser Zeitalter mit der gesammten Vorwelt gemein hat, nicht
-jenem allein zum besonderen Vorwurfe gemacht werden können, wenn nicht
-der grosse Unterschied obwaltete, dass diese Vorwelt von wahrer
-Speculation niemals etwas vernommen, jenem aber nunmehr seit
-fünfundzwanzig Jahren, in einer ununterbrochenen Folge mannigfaltiger
-Schriften zweier in ihrem äusseren Vortrag sehr verschiedener Autoren,
-die Regeln der wirklichen Speculation, und die Ausübung derselben an
-mancherlei Materien, vorgelegt worden sind.
-
-Aber was soll man sodann sagen, wenn in überschwänglicher Klarheit
-erhellet, dass unter diesen vorgeblichen Bearbeitern der Wissenschaft
-sogar der Begriff von der Wissenschaft selber, ihren blossen formalen
-und äusseren Eigenschaften nach, nicht nur fast gänzlich verschwunden,
-sondern dass sie auch innerlich vor diesem Begriffe erzittern, und jede
-Anregung desselben leidenschaftlich anfeinden, und dass der einzige
-Trost ihres Lebens die Hoffnung ist, dass es wohl niemals wirklich zur
-Wissenschaft kommen werde, und der einzige Zweck ihrer Bestrebungen, zu
-verhindern, dass es dazu komme? Müsste man nicht sodann urtheilen, dass
-an die Stelle des unter uns ausgestorbenen gelehrten Publicums die
-heftigsten Feinde aller Wissenschaft getreten, welche die Maske der
-Gelehrsamkeit nur vorhalten, um unter deren Schutze die Wissenschaft nur
-sicherer und sieghafter zu bestreiten?
-
-Die Wissenschaft, so gewiss sie Wissenschaft ist, hat eine absolute und
-unveränderliche Evidenz in sich selber, vernichtend schlechthin alle
-Möglichkeit des Gegentheils und allen Zweifel; und, da diese Evidenz nur
-auf eine einzige unwandelbare und unveränderliche Weise möglich seyn
-kann, die Wissenschaft hat ihre feste und unveränderliche äussere Form.
-Dies gehört zum Wesen der Wissenschaft, als solcher; nur unter dieser
-Bedingung ist sie Wissenschaft; und so ist auch allenthalben, wo es ein
-wissenschaftliches Publicum gegeben hat, in demselben allgemein geglaubt
-und angenommen worden. Wie aber mögen über diesen Punct unsere
-vorgeblichen Gelehrten glauben und annehmen? Ich weiss nicht, wie viele
-es unter ihnen geben dürfte, denen nicht von Zeit zu Zeit Aeusserungen,
-wie die folgenden, entgangen seyen: es halte jemand sich für allein
-weise und allein Philosoph; es wolle jemand die Wissenschaft aus Einem
-Stücke haben; man müsse -- als ob es nemlich mehr als Einen Standpunct
-für jede Wahrheit geben könne -- bei Widerlegung der Gegner sich auf
-ihren Standpunct versetzen; man müsse es in der Untersuchung der
-Wahrheit nicht so strenge nehmen, sondern leben und leben lassen; und
-wie noch ins Unendliche fort die Wendungen lauten, in denen der
-Wissenschaft angemuthet wird, auf ihren absoluten Grundcharakter
-Verzicht zu thun: und dieses alles als gar nicht zu bezweifelnde Axiome,
-mit einer kindlichen Unbefangenheit, und so durchaus ohne alle Ahnung
-der eigenen Abgeschmacktheit, dass sie nicht nur sicher auf die
-Beistimmung aller übrigen hoffen, sondern sogar fest überzeugt sind, der
-wissenschaftliche Mann selber, den sie etwa des Anspruchs auf
-Alleinweisheit bezüchtiget, hätte sich dessen erst nur nicht besonnen;
-er werde auf ihre Erinnerung schon in sich gehen und sich schämen. Wenn
-nun etwa auch dieselben Schriftsteller, ein andermal von dem Wesen der
-Wissenschaft redend, sich ohngefähr ebenso darüber ausdrückten, wie wir
-es oben thaten: soll man dies für ihren Ernst halten? Wie könnte man?
-Dieses letztere sagen sie nur; das Gegentheil aber glauben sie wirklich,
-indem sie ja darnach in wirklicher Beurtheilung vorliegender
-Erscheinungen verfahren; wie denn auch einige zu dergleichen
-Geständnissen mit rührender Naivität hinzusetzen: das sey zwar wahr ^in
-abstracto^, keinesweges aber ^in concreto^; wodurch sie demnach klar
-bekennen, dass sie jenen Begriff der Wissenschaft nur für einen leeren
-Begriff des scherzhaften und spielenden Denkens halten, mit dem es
-hoffentlich niemals werde Ernst werden.
-
-Das innere Wesen der Wissenschaft ist auf sich selbst gegründet, und
-macht sich schlechthin durch sich selbst und aus sich selbst, ^so^, wie
-es sich macht, absolut vernichtend alle Willkür; und es ist die
-allererste Forderung an einen wissenschaftlichen Menschen, vor deren
-Erfüllung niemals auch nur ein Funke von Wissen in seine Seele kommen
-wird, dass alle Neigung in ihm vor dem heiligen Gesetze der Wahrheit
-verstumme, und er für immer entschlossen sey, alles, was ihm als wahr
-einleuchten werde, mit ruhiger Ergebung sich gefallen zu lassen. Sollen
-wir glauben, entweder, dass sie diese Bedingung vollzogen hätten, oder
-auch nur, dass sie es als einen möglichen Fall dächten, es werde jemand
-diese Forderung an sie machen? -- solche, welche ernsthaft vor dem
-gesammten Publicum uns benachrichtigen, dass unsere Wahrheit ihnen nicht
-gefalle, und auseinandersetzen, wie ihnen bei derselben eigentlich zu
-Muthe geworden, und beschreiben, wie diejenige Wahrheit aussehen müsse,
-die ihnen gefallen solle, und uns ersuchen, sie also zu machen und
-gelten zu lassen, und, wenn wir nicht wollen, sich ereifern und klagen,
-dass wir ihnen das Herz aus dem Leibe reissen wollten; welches letztere
-wir denn auch wirklich gerne thäten, wenn wir es vermöchten, bei eigenem
-Unvermögen aber es der göttlichen Gnade überlassen. Oder sollten wir das
-von denjenigen glauben, welche, noch unabhängig von dem Inhalte des
-Vorgetragenen, sich beklagen, dass man nicht freundlich genug sie
-belehre, dass man ihnen einen unsanften Ruck gegeben habe, der beinahe
-die ruhige Stimmung ihres Gemüthes gestört hätte; dass wir uns bessern,
-und ihnen künftig die Lehre und Arznei in die von ihnen geliebten
-Süssigkeiten einkleiden möchten, widrigenfalls sie zu unserer
-wohlverdienten Bestrafung nichts mehr von uns lernen würden? Soll man
-viele Ausnahmen von dieser Denkart glauben, wenn man sieht, dass eine
-neue Lehre fast mit keinen anderen Waffen bekämpft wird, als mit dieser
-Abneigung und der Erregung derselben in den Gemüthern der Leser, auf
-deren Sympathie und gleichmässigen Unverstand man sicher rechnet;
-ingleichen des Affects der Verwunderung über die ungeheure Abweichung
-der Lehre von der gemeinen Meinung, als ob jemand zuzugestehen dächte,
-dass etwas wahr sey, weil es gemein ist?
-
-Die allererste, dem wissenschaftlichen Menschen anzumuthende Erkenntniss
-ist die, dass die Wissenschaft nicht ein leeres Spiel oder Zeitvertreib,
-nicht nur ein zum erhöhten Lebensgenusse dienender Luxus, sondern dass
-sie ein dem Menschengeschlecht schlechthin Anzumuthendes, und die einzig
-mögliche Quelle aller seiner weitern Fortentwickelung sey: dass die
-Wahrheit ein Gut, und das höchste, alle anderen Güter in sich
-enthaltende Gut, der Irrthum dagegen die Quelle aller Uebel, und dass er
-Sünde und die Quelle aller anderen Sünden und Laster sey; und dass
-derjenige, der die Wahrheit aufhält und den Irrthum verbreitet, die
-allerschaudervollste Sünde am Menschengeschlechte begehe. Kann man diese
-Erkenntniss denjenigen zutrauen, welche ihr ganzes Leben hindurch durch
-alle ihre Worte und Werke die absoluteste Gleichgültigkeit gegen
-Wahrheit und Irrthum zeigen; welche alle die Tage ihres Lebens
-fortfahren zu lehren, ohne jemals etwas zu wissen; welche, ohne alle
-Ueberzeugung, dass Wahrheit sey, was sie behaupten, dennoch fort
-behaupten auf das gute Glück hin, dass sie es gleichwohl auch getroffen
-haben könnten, und so, innerlich zu einer concreten Heuchelei und Lüge
-geworden, lügend fortleben und von der Lüge essen, trinken und sich
-kleiden? Ohne alle Ueberzeugung, sage ich: denn es ist ein himmlisch
-klarer Satz, ganz allein durch sich der Menschheit den Besitz der
-Wahrheit sichernd, und welcher, obwohl er die Verderbtheit jener
-aufdeckt, und darum ein verhasster Gräuel ist in ihren Augen, dennoch
-ihnen zu Liebe nicht kann aufgegeben werden; der Satz: dass die Evidenz
-eine specifisch verschiedene innere und überzeugende Kraft bei sich
-führe, welche niemals auf die Seite des Irrthums treten kann, dass
-jederman unter allen Umständen seines Lebens wissen kann, ob das, was er
-denke, mit dieser Kraft ihn ergreife oder nicht, dass daher jedweder,
-von welchem hinterher sich findet, dass er geirrt habe, dennoch, obwohl
-er gar füglich seinen Irrthum nicht eingesehen haben kann als Irrthum,
-ihn doch auch sicher nicht als Wahrheit eingesehen hat, und dass er auch
-hätte entdecken können, dass er ihn nicht als solche einsehe, wenn er
-sich nur hätte besinnen wollen; dass er daher auf keine Weise der
-Ueberführung zu entgehen vermag, dass er leichtfertig und ohne
-wahrhaften Respect für die Wahrheit dahergefahren sey.
-
-Welches konnte die Quelle dieser strafbaren Gleichgültigkeit seyn?
-Allein Trägheit, Leichtsinn, Egoismus, tiefe moralische Auflösung. Das
-Leben reisst unaufhörlich uns heraus aus uns selber, und treibt uns
-dahin oder dorthin, so wie es will, nach seinem Gutdünken sein Spiel mit
-uns führend. Diesem Hange zuwider dennoch sich zusammenzunehmen, und
-betrachtend sich zu halten, bis man vollendet, kostet Anstrengung,
-Selbstverläugnung, Mühe, und diese thut wehe dem verzärtelten Fleische.
-Es will schon etwas sagen, nur zuweilen sich zu besinnen: dass man es
-aber in der Wissenschaft, zumal in der höchsten, in der Speculation, zu
-etwas Bedeutendem bringe, dazu bedarf es einer bis zur absoluten
-Freiheit geübten Kunst der Besinnung, und der erworbenen Unmöglichkeit,
-jemals von dem Strome der blinden Einbildungskraft gefasst zu werden;
-welches alles wiederum einen ganzen klaren, nüchternen und besonnenen
-Lebenslauf erfordert. Wie hätte einen solchen die Kraftlosigkeit unserer
-Tage ertragen können?
-
-Oder, selbst wenn sie gekonnt hätten, würden sie es auch nur gewollt
-haben, und würden sie jene Besonnenheit, wenn ohne alle ihre Mühe sie
-ihnen zu Theil würde, sich zur Ehre anrechnen oder zur Schmach? Ich
-sage, zu der letztern; denn es ist schon lange her, dass der Wetteifer
-mit jener Nation, von der wir jetzt für unsern guten Willen, ihr zu
-gleichen, und für unser Unvermögen dazu grausam bestraft werden, uns den
-Anschein deutschen Ernstes, Gründlichkeit und Fleisses verächtlich
-gemacht, und uns bewogen hat, alle Beschäftigung mit den Wissenschaften
-in ein Spiel zu verwandeln, und uns dem Strome unserer Einfälle, als dem
-einzigen, was den Anschein jener so sehr beneideten Leichtigkeit uns
-geben könne, zu überlassen. Um sicher zu seyn, dass wir nicht wie
-Pedanten aussähen, haben wir uns bestrebt, literarische Gecken zu
-werden, ohne dass es uns doch sonderlich gelungen. Ich möchte einmal,
-besonders unter unseren jüngeren Gelehrten, die Umfrage halten, um zu
-erfahren, wie viele darunter lieber dafür gelten möchten, dass sie die
-Wahrheit durch Fleiss und Nachdenken gefunden, als dafür, dass sie ihnen
-durch ihre glückliche Natur ohne alle ihre Mühe und Anstrengung von
-selber gekommen; und die nicht lediglich durch den Titel eines Genies
-sich geehrt, durch die Benennung aber eines fleissigen und besonnenen
-Denkers sich als beschränkte und geistlose Köpfe, und als solche, für
-welche die Natur doch auch gar nichts gethan, sich geschmähet finden
-würden. Und so brachte denn dasselbe Hinfliessen und Hinträumen in aus
-sich selbst erwachsenden Einfällen, welches der Bequemlichkeit zusagte,
-zugleich auch Ehre; und so liessen wir es uns denn besser gefallen, als
-den mühsamen und nicht ehrenden Ernst.
-
-Wenn denn nun jene, wie seit länger denn Einem Menschenalter in
-unermesslicher Klarheit sich gezeigt hat, von der Wissenschaft so
-durchaus nichts wussten, dass ihnen nicht einmal der Begriff derselben,
-oder die allerersten Bedingungen, um zu ihr zu gelangen, bekannt waren;
-warum konnten sie dennoch es durchaus nicht unterlassen, sich für
-Gelehrte auszugeben und zu schreiben, zu lehren, zu urtheilen, als ob
-sie die gründlichsten wären? Da die einzig möglichen Triebfedern, die
-Liebe zur Wahrheit und zur Wissenschaft, von welchen beiden sie nie
-einen Funken erblickt, sie nicht treiben konnten, so konnten die ihrigen
-nur die äusseren Triebfedern seyn: die bekannten des Geltenwollens, der
-Ruhmsucht und der anderen Emolumente, welche damit verknüpft zu seyn
-pflegen. Von diesen werden sie denn auch also getrieben und begeistert,
-dass sie die wirkliche Wissenschaft, von welcher sie den Verlust ihres
-eigenen Ansehens sich richtig prophezeien, mehr fürchten und hassen, als
-irgend etwas anderes, und dass ihnen kein Mittel zu schlecht ist, durch
-dessen Anwendung sie hoffen, den Anbruch des Lichts, wenigstens noch so
-lange als sie leben, aufzuhalten; im schamlosen Kampfe für eine
-tausendfach verwirkte Existenz, der sie selber, wenn sie noch einen
-Funken Ehrgefühl hätten, fluchen würden.
-
-Von diesem ihrem dumpfen Eigendünkel werden sie also geblendet und
-besessen, dass er sie zu den lächerlichsten und unglaublichsten
-Ungereimtheiten verleitet. Indess sie immerfort voraussetzen, dass
-keiner ganz recht habe, und dass es nirgends eine sichere und
-ausgemachte Wahrheit gebe, vergessen sie dennoch diesen, für alle
-anderen ausser ihnen ohne Ausnahme gelten sollenden Grundsatz gänzlich,
-sobald es ihre eigenen Personen sind, welche reden, indem sie immerfort
-aus dem Principe disputiren, sie hätten ja die, ohne Zweifel zugleich
-mit ihrem Munde ihnen angeborne wahre Wahrheit, und darum müsse der
-Gegner, der ihnen widerspricht, nothwendig unrecht haben; gar nicht sich
-besinnend, dass ja der andere ebenso schliessen könne, und das
-Privilegium des blinden Eigendünkels für sich allein und ausschliesslich
-begehrend. Ja, es ist sogar erlebt worden, und wird noch immerfort
-erlebt, dass jemand einer Lehre durch die Versicherung, er könne sie
-eben nicht verstehen, oder sie falle ihm so schwer, dass ihm Hören und
-Sehen dabei vergehe, das Zeichen der Verwerfung aufgedrückt zu haben
-geglaubt; mit kindischer Naivität bei der ganzen Welt dieselbe hohe
-Meinung von ihm, die er selbst hegt, als ihr absolutes Axiom und
-Prämisse aller ihrer Urtheile voraussetzend, und im Rausche seines
-Eigendünkels gar nicht ahnend, wie ihm geantwortet werden müsse.
-
-Zunächst zwar ist diese Schilderung des literarischen Zustandes unserer
-Tage entworfen, um daraus die bisherigen Schicksale der
-Wissenschaftslehre zu erklären; die Zeit aber, in welcher ich dieselbe
-abfasse, erwirbt mir vielleicht Verzeihung, wenn ich zugleich bemerke,
-dass der politische Zustand unserer Tage, in welchem, wenn nicht durch
-ein Wunder und auf einem natürlich nicht abzusehenden Wege uns Rettung
-kommt, alle seit Jahrtausenden von der Menschheit errungene Cultur und
-deren Producte zu Grunde gehen zu müssen scheinen, bis nach neuen
-Jahrtausenden dermalen uns unbekannte Wilde und Barbaren denselben Weg
-wieder von vorn beginnen, -- dass, sage ich, dieser politische Zustand
-lediglich und allein aus dem Zustande unserer Literatur entsprungen ist.
-Er ist herbeigeführt durch das allgemeine Unvermögen, irgend einen
-Gegenstand fest anzufassen und zu halten, und ihn nach seinem wahren
-Wesen zu durchdringen; und das Hülfsmittel dagegen ganz und ernst, und
-nicht noch zugleich sein Gegentheil zu wollen, und mit eiserner
-Consequenz, verläugnend alle Nebenzwecke, es durchzuführen. Bei wem aber
-sollten diejenigen, welche über unser Schicksal entschieden haben,
-Beispiele dieser Festigkeit holen, und wem dieselbe ablernen, wenn
-diejenigen, in deren Schulen sie zuerst gebildet sind und bei denen sie
-noch täglich, sey es auch nur für den Scherz, Unterhaltung suchen, ihnen
-keinen anderen Anblick geben, als den der absoluten Zerflossenheit? Wo
-eine Literatur ist, da sind es immerfort die Literatoren, welche ihr
-Zeitalter bilden. Gehen nun diese über in Fäulniss, so muss neben ihnen
-alles Uebrige nothwendig um so mehr verwesen.
-
-Um jedoch zu unserem eigentlichen Zwecke zurückzukehren: wie hätte man
-denjenigen, mit denen noch über die ersten Buchstaben alles Unterrichts,
-ob es wohl auch überhaupt Wissenschaft geben möge, zu streiten war,
-glaublich machen können, dass es wohl eine Wissenschaft der Wissenschaft
-selber geben möge; oder diejenigen, die überhaupt gar keiner Besinnung
-fähig sind, und dessen sich rühmen, zur allerhöchsten und vollendeten
-Besinnung heraufleiten können? Es war nichts Anderes zu erwarten, als
-dasjenige, was erfolgt ist, dass sie die Worte und Formeln dieser
-angetragenen Wissenschaft, zu dem, was sie allein wollen und begehren,
-zu einigen Scherzen für die Belustigung ihrer Leser verarbeitet, und
-wenn man dennoch ernsthaft geblieben, voll Eifer und Zornes auf uns
-geschmähet haben.
-
-Nur noch zwei Bemerkungen zum Schlusse. Sollten die Getroffenen auch
-über diese Schilderung sich erklären, so werden sie ohne Zweifel
-wiederum sagen, wie sie immer sagen, man habe die Unwahrheit vorgegeben
-und übertrieben. Nicht für sie, sondern für eine bessere Nachwelt, wenn
-dergleichen möglich wäre, merke ich an, dass alles auf dem oben
-angegebenen Axiome beruhe, dass jeder, von welchem sich hinterher
-findet, dass er unrecht habe, gar wohl hätte wissen können, dass er
-nicht überzeugt sey; dass er sonach auf keine Weise läugnen könne, er
-habe leichtsinnig und unmoralisch gehandelt. Dass sie aber fast in allen
-ihren eigenen Behauptungen unrecht haben, würde wenigstens eine bessere
-Nachwelt, wenn sie nicht zu gut dafür gesorgt hätten, dass keine solche
-entstehen könnte, klar begreifen.
-
-Sodann werden sie, wie sie gleichfalls immer zu sagen pflegen, wiederum
-sagen: wir hätten nur unserer Leidenschaft Luft machen wollen, und
-werden auch für diesen Erguss nicht ermangeln einen glaublichen Grund zu
-finden, nemlich, weil sie uns ihren Beifall und ihr Lob nicht ertheilt
-hätten. Nun haben wir ihnen schon zu verschiedenenmalen nicht verhehlt,
-dass wir, so lange sie nemlich also sind, wie sie sind, sowohl sie
-selber, als auch ihren Beifall von Herzen verachten; aber sie sind fest
-überzeugt, dass es ganz und gar unmöglich sey, dass irgend ein Mensch
-nicht diejenige achtungsvolle Meinung von ihnen habe, die sie selbst
-über sich hegen, dass daher einer also lautenden Versicherung niemals
-Glauben zuzustellen, sondern dass dieselbe allemal ein leeres Vorgeben
-und eine Maske sey, um dadurch etwas Anderes zu bedecken. Sie würden uns
-daher auch jetzt wieder nicht glauben, wenn wir auch jene Versicherung
-wiederholen, und ihnen bemerklich machen wollten, dass man, um durch
-seinen Beifall zu ehren, erst selber ehrwürdig seyn müsse, und dass wir
-ihren Beifall mit Danke sodann annehmen würden, nachdem sie sich erst
-den unsrigen erworben, dass wir aber bis dahin es für eine grosse
-Schmach und für einen Beweis der eigenen Niederträchtigkeit halten
-würden, wenn wir ihnen gefielen.
-
-
- II.
- Ein Beispiel insbesondere von dem philosophischen
- Beurtheilungsvermögen des Zeitalters.
-
-Es möchte gerathen seyn, diese fast allgemeine Schlaffheit und
-Geistlosigkeit des Zeitalters, noch insbesondere in Sachen der
-Philosophie, an einem neuerlichen, noch fortdauernden frappanten
-Beispiele darzulegen. Des Zeitalters, habe ich gesagt, im Allgemeinen;
-denn ich will nicht, dass der Mann, dessen Namen unten genannt werde,
-glaube, dass ich ihn für die Person meiner Gegensetzung würdige, oder
-dass er mir selber als Repräsentant jener allgemeinen Seichtigkeit gut
-genug sey, wodurch ich in der That übertrieben, und gegen die übrigen
-ungerecht seyn würde. Nur dass ein im Ganzen dennoch unterrichteteres
-Publicum durch ihn sich irre machen lassen konnte, ist es, was ihm die
-Ehre erwirbt, hier namentlich aufgeführt zu werden.
-
-Es war nemlich durch die Kantischen und durch unsere Schriften doch
-endlich dahingekommen, dass, obwohl die im Dogmatismus Aufgewachsenen
-nicht bekehrt wurden, dennoch unter den später Gebildeten mehrere zu der
-Ueberzeugung geführt worden waren, und auf derselben fest zu beruhen
-schienen, dass die Realität keinesweges in die Dinge, sondern dass sie
-in das Denken und seine Gesetze gesetzt werden müsse, obwohl keiner so
-recht eigentlich wusste, wie das letztere zu bewerkstelligen seyn möge;
-als es einem der verworrensten Köpfe, welche die Verwirrung unserer Tage
-hervorgebracht, Friedrich Wilhelm Joseph Schelling, gelingen konnte,
-durch das Gespenst eines Subjectivismus der Wissenschaftslehre, welches
-lediglich in seinem grossen Unverstande sich erzeugt hatte, selbst diese
-durch seine Autorität zu einem Irrthume zurückzubringen, welchen durch
-sich selbst zu fassen sie doch zu verständig waren, und dieselben von
-Kant und der Wissenschaftslehre zu Spinoza und Plato zurückzuscheuchen,
-bloss weil durch die noch tiefere Unwissenheit, wovon eigentlich die
-Rede sey, der Mann mit noch grösserem Muthe ausgerüstet wurde. Sie
-wussten sich nicht weiter zu rathen, und forderten wiederholt und in
-strafedrohenden Edicten den Verfasser der Wissenschaftslehre auf, zu
-widerlegen, wenn er könne, wozu es weder Kants, noch der
-Wissenschaftslehre bedurfte, sondern wovon schon seit Leibnitz nicht
-mehr die Rede seyn konnte. Dass der Mann dadurch seine absolute Unkunde
-von dem, was die Speculation sey und wolle, und seine natürliche
-Unfähigkeit zum Speculiren, sowie die durch ihn Geirrten die
-Unsicherheit ihrer Kunde gezeigt, leuchtet von selber ein und bedarf
-nach den obigen Erinnerungen keines weiteren Beweises. Aber inwiefern
-etwa die übrige dialektische Kunst, das schriftstellerische Talent, der
-sophistische Witz und die Gewandtheit des Mannes den Getäuschten zu
-einiger Entschuldigung gereiche, und was überhaupt dieser Mann an Geist
-und Kunst vermöge und aufzuwenden habe, möchte eine belehrende
-Erörterung abgeben.
-
-Wir wollen in dieser Erörterung, um mit der allerhöchsten Billigkeit zu
-verfahren, uns weder an die früheren Schriften des Mannes, noch auch an
-dessen sogenanntes Identitätssystem halten; obwohl dieses letztere so
-bedeutend geschienen, dass wir von einem der stehenden literarischen
-Tribunale namentlich aufgefordert wurden, dieses zu widerlegen oder
-anzuerkennen. War denn nun in diesem Systeme, so wie es im zweiten Hefte
-des zweiten Bandes der Zeitschrift für speculative Physik dargelegt ist,
-über welche Darlegung wir nur im Vorbeigehen einige Worte sagen wollen,
-der Irrthum so künstlich und so täuschend verarbeitet, dass man ohne
-fremde Hülfe sich nicht füglich rathen konnte?
-
-Diese Darstellung hebt §. 1. an mit der Erklärung: »Ich nenne Vernunft
-die absolute Vernunft oder die Vernunft, insofern sie als totale
-Indifferenz des Subjectiven und Objectiven gedacht wird.« -- Dass nun
-durch diesen Ausgangspunct der Mann gleich von vornherein die Vernunft
-von sich selbst ausscheide, und Verzicht darauf thue, selber vernünftig
-zu seyn, und sich ein einzigesmal zu besinnen, wie er es denn mache, um
-zu allen den Behauptungen, die nachfolgen sollen, zu kommen; -- dieses
-zu bemerken konnte dem Publicum, weil dadurch das bekanntermaassen
-abgehende Organ der Speculation vorausgesetzt würde, nicht wohl
-angemuthet werden. Dass aber die Eine und absolute Vernunft, ausser der
-nichts seyn solle, nicht die Indifferenz des Subjectiven und Objectiven
-seyn könne, ohne zugleich auch in derselben ungetheilten Wesenheit die
-Differenz desselben zu seyn; dass hier sonach ausser der Einen
-indifferenzirenden Vernunft noch eine zweite differenzirende im Sinne
-behalten würde, welche sodann auch wohl in aller Stille gute Dienste
-leisten dürfte; und dass dieser Fehler nicht etwa nur ein kleiner und
-unbedeutender Verstoss, sondern von den wichtigsten Folgen seyn möchte,
-hätte man gleichwohl, ohne alles Organ für Speculation, durch ein nur
-nicht ganz flüchtiges Tappen greifen können. Dass sie nicht bemerkten,
-dass durch diese Erklärung die Vernunft nun vollkommen bestimmt und in
-sich abgeschlossen, d. i. todt sey, und ihr philosophischer Heros nun
-zwar seinen ersten Satz nach Belieben werde wiederholen können, niemals
-aber auf eine rechtliche und consequente Weise ein Mittel finden, um aus
-ihm heraus zu einem zweiten zu kommen, wollen wir ihnen ebenso
-grossmüthig erlassen. Dass sie aber, als er nun wirklich nach seiner
-Weise anfängt, den Todten wieder zu erwecken, und in den folgenden §§.
-die Prädicate des Nichts und der Allheit, der Einheit und Gleichheit mit
-sich selber u. s. w., an diese seine Vernunft hält, und sie
-glücklicherweise in dieselbe hineindemonstrirt, sich nicht ein wenig
-gewundert, wie denn fürs erste nur er selber ^zu diesen Prädicaten^
-gelange, noch ihn darüber befragt; indem ja, wenn durch die erste
-Erklärung das Wesen der Vernunft wirklich erschöpft wäre, diese
-Prädicate selber erst, durch eine Analyse jener Erklärung, aus der
-Vernunft, als in ihr nothwendig begründet, abgeleitet werden mussten,
-keinesweges aber, Gott weiss woher geschöpft, durch blinde Willkür davon
-gehalten werden dürften; dass die Leser nicht hier das Leben und Regen
-jener §. 1. im Sinne behaltenen differenzirenden Vernunft in der Person
-ihres Autors selber fühlten; ja dass ihnen nicht einmal die materiale
-Willkür desselben in der beliebigen Folge der Prädicate, die er der
-Vernunft anzudemonstriren beliebt, auffiel, ist ein wenig schwerer zu
-verzeihen.
-
-Was aber soll man erst sodann sagen, wenn man diese Andemonstrirungen
-selber ansieht, und die Widersprüche, Erschleichungen und
-Ungereimtheiten entdeckt, durch welche eine ungebildete und verworrene
-Phantasie den Verfasser blind hinüberreisst, und wenn man sieht, dass im
-consequenten Verfahren aus seinem ersten Satze allenthalben das gerade
-Gegentheil seiner Behauptung erfolgt, und dennoch erlebt, dass diese
-Misgeburt von System anders, als mit allgemeinem und unauslöschlichem
-Gelächter empfangen wird?
-
-So lautet z. B. §. 2.: »^Ausser der Vernunft ist nichts, und in ihr ist
-Alles.^ Wird die Vernunft so gedacht, wie wir es (§. 1.) gefordert
-haben, so wird man auch unmittelbar inne, dass ausser ihr nichts seyn
-könne. Denn man setze, es sey etwas ausser ihr, so ist es entweder für
-sie selbst ausser ihr« -- So? ^für sie selbst^? Davon, dass ^für^ die
-Vernunft etwas seyn könne, haben wir ja in §. 1. kein Wörtlein
-vernommen, sondern es schiebt sich hier in aller Stille, und ohne dass
-wir wissen, woher sie komme, diese Voraussetzung zum Behufe des Beweises
-ein, und der Verfasser selber hat die Vernunft nicht gedacht, wie er §.
-1. gefordert hatte, sondern verleitet unmittelbar, indem er es dem Leser
-einschärft, ihn zum Gegentheile dieses Gedankens. Aber der Leser wird es
-wohl nicht merken, und so kann ihm der Beweis wohl gelingen. Er gelingt
-ihm, wie folgt: »es ist entweder für sie selbst ausser ihr; sie ist also
-das Subjective, welches wider die Voraussetzung ist; oder es ist nicht
-für sie selbst ausser ihr, so verhält sie sich zu jenem Ausserihr, wie
-Objectives zu Objectivem, sie ist also objectiv, allein dieses ist
-abermals wider die Voraussetzung.« Im Vorbeigehen: die zweite Hälfte des
-Beweises ist ohne allen Sinn und Verstand, wie der Leser selber finden
-mag, wenn er will, indem wir dabei uns nicht aufhalten wollen.
-
-Der richtige und ohne Erschleichung vollzogene §. 2. zu einem solchen §.
-1. über dem Prädicate des Nichts, ist der folgende: ^In der Vernunft und
-für die Vernunft ist schlechthin nichts.^ Wird die Vernunft so gedacht,
-wie wir es §. 1. gefordert haben, so wird man unmittelbar inne, dass
-weder in noch für die Vernunft etwas seyn könne. Denn setze, es solle
-etwas in oder für die Vernunft seyn, so könnte dieses nur dadurch
-geschehen, dass und insoweit die Vernunft selber es wäre; und zwar
-könnte dieses Etwas nur das subjective seyn, oder das objective, oder
-beides, indem wir ausser diesem in unserem §. 1. nichts vorfinden. Aber
-dass die Vernunft das subjective sey, oder das objective, oder beides,
-widerspricht schlechthin der Voraussetzung, dass sie nur sey die
-Indifferenz beider.
-
-Freilich wird in diesem Beweise vorausgesetzt, dass ja der Beweisführer
-während desselben sich nicht besinne, dass in demselben allerdings die
-Vernunft für ihn sey, und gesetzt sey; dass daher die eigene factische
-Möglichkeit des Beweises dasselbe voraussetze, wovon die Unmöglichkeit
-in ihm erwiesen wird; und zwar wird dieses mit Recht vorausgesetzt,
-indem das Gegentheil in einem Systeme, das lediglich durch
-Nichtbesinnung möglich ist, gegen die allererste Verabredung streiten
-würde.
-
-So lautet der Anfang von §. 3.: »^Die Vernunft ist schlechthin Eine, und
-schlechthin sich selbst gleich^, denn wäre nicht jenes, so müsste es von
-dem Seyn der Vernunft noch einen anderen Grund geben« -- (Hier schiebt
-sich demnach, zum Behuf des zweiten Beweises die zweite Voraussetzung
-ein, dass jedes Seyn einen Grund haben müsse? Woher wissen wir denn das?
-Woher überhaupt plötzlich die Kategorie des Grundes, noch dazu zum Behuf
-des Beweises der (formellen) Einheit der Vernunft? Grund ist eine weit
-speciellere Kategorie, erst eintretend in der Sphäre endlicher
-Bedingungen und Folgen.) -- der Beweis geht fort -- »noch einen anderen
-Grund geben, als sich selbst: denn sie selbst enthält nur den Grund,
-dass sie selbst ist, nicht aber, dass eine andere Vernunft sey.« So?
-woher wissen wir denn wiederum dieses? Liegt das auch in §. 1. oder in
-§. 2.? Doch erlassen wir ihm die Frage nach dem Woher! lassen wir seine
-Anwendung des Satzes vom Grunde, und die unbewiesene Behauptung, dass
-die Vernunft nur der Grund ihrer selbst sey, stehen; was würde denn nun
-mit alle dem der Satz beweisen? Warum könnte denn nicht doch die
-Vernunft innerlich und in sich selbst, eben als Vernunft, qualitativ
-Eins bleiben, wenn es auch einen Grund ihres formalen Daseyns ausser ihr
-selber gäbe? Nur das Seyn wäre sodann nicht Eins, und die Vernunft wäre
-nicht alles Seyn, und Eins mit dem Seyn. Die Einheit des Seyns daher,
-keinesweges aber die der Vernunft, wäre bewiesen, wenn dieser doppelt
-und dreifach falsche Beweis etwas beweisen könnte; aber unser Verfasser
-setzt hinzu: ^die Vernunft ist also Eine^, seinen eigenen Beweis nicht
-einmal verstehend.
-
-Der richtige §. 3. über dem Prädicate der Einheit und Sichgleichheit zu
-einem solchen §. 1. und 2. wäre der folgende: ^die Vernunft ist
-schlechthin weder Eines, noch sich selbst gleich.^ Denn setzet, dass sie
-das seyn solle, so könnte sie, da ausser ihr gar nichts ist, dasselbe
-nur in und für sich selbst seyn. Nun ist es (§. 2.) überhaupt unmöglich,
-dass in ihr oder für sie überhaupt etwas sey, daher kann in ihr oder für
-sie auch nicht Einheit und Sichselbstgleichheit seyn, daher kann
-überhaupt nicht Einheit und Sichselbstgleichheit seyn, und eben darum
-auch nicht die der Vernunft seyn. -- Freilich wird auch hier
-vorausgesetzt, dass ja niemand sich besinne, wie er selber doch wirklich
-und in der That in diesem Beweise Einheit und Gleichheit setze, wodurch
-derselbe Widerspruch zwischen dem Thun und Sagen, den wir schon bei dem
-vorigen Beweise nachwiesen, einträte, und der ganze Scherz in Nichts
-zerginge.
-
-Nach dieser Weise geht es nun fort durch das ganze Scriptum, und keine
-der folgenden Demonstrationen ist anderer Natur, als die eben geprüften.
-Der Erfolg aber aller dieser Anstalten ist der, dass, auf eine durchaus
-nur erdichtete Weise, und durch absolute Aufhebung des Satzes, von
-welchem ausgegangen wurde, die specifische Verschiedenheit der
-mancherlei wirklichen Dinge erklärt wird aus der Verschiedenheit des
-quantitativen Verhältnisses des Subjectiven und Objectiven in ihnen.
-Dass diese Erklärung völlig willkürlich und eine leere Hypothese sey,
-leuchtet unmittelbar ein; denn wie könnte irgend jemand auf sie kommen,
-der nicht schon als bekannt und ausgemacht voraussetzte, dass es
-specifisch verschiedene Dinge gebe, und der sich nicht in den Kopf
-gesetzt hätte, diese Verschiedenheit, es möchte nun Gott lieb oder leid
-seyn, zu erklären. Dass sie aber dem ersten Grundsatze widerspricht und
-ihn aufhebt, leuchtet also ein: Ist die Vernunft die absolute
-Indifferenz des Subjectiven und Objectiven, und giebt es gar kein
-anderes Seyn, ausser dem der Vernunft, so kann in keinem Seyn diese
-Indifferenz aufgehoben werden, und eine quantitative Differenz an die
-Stelle treten.
-
-Inzwischen, wie schon oben gesagt, ich will auch nicht nach dieser
-verjährten, und wenn auch nicht von dem naturphilosophischen Publicum
-erkannten, dennoch vielleicht von ihrem Urheber schon bereuten Sünde ihn
-richten,[37] sondern meine Untersuchung seines Geistes und Talentes auf
-eine andere Schrift, die er selbst für so heilig hält, dass er durch
-das: »Rühre nicht Bock, denn es brennt,« die Profanen an der Schwelle
-zurückweiset, und welche wirklich auch nach meinem Erachten die beste,
-d. h. die noch am wenigsten stümperhafte unter den zahlreichen Producten
-seiner Feder ist; auf seine Schrift: ^Religion und Philosophie^ betitelt
-(Tübingen, bei Cotta, 1804.), bauen.
-
-[Fußnote 37: Durch diese, übrigens ihre guten factischen Gründe für sich
-habende Vermuthung haben wir indessen, wie hinterher sich gefunden, ihm
-zu viel Ehre erwiesen. Es ist uns nemlich seit Abfassung jener Stelle
-das erste Heft der Jahrbücher der Medicin etc. in die Hände gefallen, wo
-(S. 9.) die soeben berührte Darstellung, und besonders »die allgemeinen
-Gründe, wie sie §. 1 bis 50. aufgestellt seyen,« noch immer als bewährt
-gepriesen und citirt werden. »Selbst dasjenige, was mehr noch aus
-Divination, als aus bewusster Erkenntniss entsprungen gewesen, habe sich
--- zum Wunder! -- bewährt.« Seine Divinationen also hat der Mann als
-Philosopheme drucken lassen, und sagt es selber, ohne ein Arges daraus
-zu haben? Welche Begriffe mag er von Philosophie haben und von
-Schriftstellerei überhaupt? Das Wunder inzwischen jener gerühmten
-Bewährung kann man irgendwo von uns sehr natürlich erklärt finden.
-Uebrigens ist in diesen Jahrbüchern die dogmatische Verstocktheit, das
-ohnmächtige Pochen auf die Unbesonnenheit, die trotzige Versicherung,
-dass diese eben das Rechte sey, und das grobe Misverstehen des
-Idealismus so arg, als jemals, und es ist Schonung, dass wir die
-gewählte Prüfung stehen lassen, und unseren Maassstab nicht an dieses
-neueste Product legen, das den sichtbaren Verfall seines Urhebers in
-jeder geistigen Kraft bezeugt.]
-
-Der bei weitem grösste Theil dieser Schrift hat es gar kein Hehl, dass
-nur frei und frank hinphantasirt werde, ohne dass man sich auch nur die
-Miene des Denkens oder der Untersuchung gäbe: es wird versichert,
-betheuert, behauptet, entschieden, ohne dass auch nur ein Schatten eines
-Beweises dazwischen eintritt. Alles also Beschaffene spricht schon durch
-sich selbst sich sein Urtheil, und wir können es übergehen. Wir wenden
-uns daher sogleich zur hervorstechendsten Stelle des ganzen Buches, die
-den Anschein des Denkens wirklich an sich nimmt, und über die dermalen
-höchsten Principien dieses Philosophen Auskunft zu geben verspricht,
-indem wir, wie schon oben gesagt, immer ungerügt lassen den Grundirrthum
-des Objectivirens, und bloss zusehen, mit welcher Fähigkeit und
-Gewandtheit man sogar im Irrthume sich bewege.
-
-Von S. 18. an wird eine Ableitung der endlichen Dinge aus dem Absoluten
-und eine Darstellung des Verhältnisses zu ihm angekündigt, mit welcher
-es denn auch S. 21. also zum Schlage kommt:
-
-»So gewiss jenes schlechthin einfache Wesen der intellectuellen
-Anschauung« (mit dem Worte: ^Wesen^ meint er das ^Object^ der erwähnten
-Anschauung; er hat aber seinen guten, uns sehr wohlbekannten Grund,
-dieses letztere Wort hier ja nicht in den Mund zu nehmen, indem dieses
-ihn in schlimme Verlegenheiten mit der Wissenschaftslehre bringen
-könnte) -- »so gewiss dieses Wesen Absolutheit ist: so gewiss kann ihm
-kein Seyn zukommen, als das durch seinen Begriff (denn wäre dieses
-nicht, so müsste es durch etwas anderes ausser sich bestimmt seyn, was
-unmöglich ist).«
-
-Halten wir gleich hier den schwellenden Strom dieses Beweises an, indem
-wir über einiges darin nicht ganz so leicht hinwegkommen können, als
-sein Urheber. Ich verstehe deutlich: wäre es nicht durch sich bestimmt,
-so wäre es durch ein anderes bestimmt, nemlich, wenn es überhaupt
-^durch^ etwas bestimmt seyn müsste, wofür der Beweis keinen Grund
-angiebt, sondern es nur eben hindichtet. Ich sehe, dass dieser Beweis
-sein Absolutes, das erst Eins seyn sollte, in zweie, in ein bestimmendes
-und in ein bestimmtes zerreisst, und so mit einer inneren und materialen
-Disjunction (die ursprüngliche und formale, dass es Hingeschautes ist
-aus einem Schauen, wird unserem Versprechen gemäss erlassen), über die
-er keine Rechenschaft giebt, anhebt; welches der erste Act der blinden
-Willkür ist. Sehe ich dieses Verfahren tiefer an, so finde ich, dass der
-bekannte Begriff vom Absoluten, dass es sey von sich, aus sich, durch
-sich, hier vollzogen werde, welcher, als blosser Begriff, äussere
-Charakteristik und Schema des Absoluten, und blosse Beschreibung seiner
-Form im Gegensatze mit der Form des Nichtabsoluten, das da nicht ist von
-sich selbst, keinesweges in dasselbe selber uns hineinzuführen vermag,
-sondern dasselbe unserem Blicke auf ewig verschliesst; welches nicht zu
-bemerken die zweite Blindheit ist. Ich sehe ferner, dass der Ausdruck:
-das sey unmöglich, wie er dasteht, eine Unmöglichkeit lediglich des
-Denkens ausdrücke, dessen reale Bedeutung vor allen Dingen
-hätte gesichert werden müssen; welches die dritte sehr grobe
-Unterlassungssünde ist. Wenn ich übrigens dieses alles hingehen, und mir
-das Absolute in seiner Zweifachheit als bestimmendes und bestimmtes
-gefallen lasse, so sehe ich noch immer nicht ein, warum es in seiner
-ersten Qualität, als bestimmendes, gerade ein Begriff seyn solle, wie
-mir gleichfalls ohne irgend eine Anführung des Grundes angemuthet wird;
-welches sonach die vierte blinde Willkür wäre. Ich sehe inzwischen sehr
-wohl ein, warum also verfahren werden musste; indem es nemlich auf
-andere Weise nicht zu der begehrten Schlussfolge: »das Absolute ist also
-überhaupt nicht ^real^, sondern an sich selbst nur ^ideal^,« kommen
-könnte.
-
-Ich will nicht nur gefällig seyn, sondern sogar ein Uebriges thun; ich
-will wirklich denken, was der Beweis von mir verlangt, und so nachholen,
-was sein Urheber versäumt hat; indem dieser, wie tiefer unten sich
-zeigen wird, das Begehrte in der That nicht gedacht, sondern nur leere
-Worte gemacht hat; welches, falls der besprochene Beweis uns gelingt,
-die fünfte Blindheit seyn würde.
-
-»Es kann dem Absoluten kein Seyn zukommen, ausser ^durch seinen
-Begriff^.« Wenn ich das letztere in vollem Ernste und wirklich, und
-nicht etwa bloss faselnd, so dass es wahr seyn solle, und doch wieder
-auch nicht wahr, denke, so denke ich, dass das Absolute einen Begriff
-von sich selber, eine Anschauung seiner selber, ein schematisches Seyn
-ausser seinem Seyn, -- denn also ist ein Begriff zu denken -- habe, und
-zwar von sich, als einem ^also^ bestimmten und beschränkten Seyn, wie es
-sich begreift. Ich sehe nunmehro klar ein, was dem Beweisführer selber,
-der nicht wirklich dachte, sondern nur faselte, bloss dunkel vorschweben
-konnte, dass auf diese Weise das Absolute in sich selbst durchaus nur
-ideal seyn könne; indem ich ja so consequent seyn werde, das Absolute
-selbst, und diesen seinen Begriff von sich selbst, durchaus für Eins und
-dasselbe zu halten, und ihm kein anderes formales oder materiales Seyn,
-und keinen anderen Sitz und Mittelpunct dieses letzteren zuschreiben
-werde, ausser eben in seinem Begriffe von sich selber unmittelbar und
-ganz. Das Absolute wird nun wieder Eins, ein zugleich bestimmendes und
-bestimmtes in der formalen Einheit des Begriffes, und die andere Hälfte
-der realen Bestimmtheit, welche ohne Zweifel nur als Hülfslinie des
-Beweises erst angelegt war, fällt hinweg. Zwar bekomme ich statt dieser
-Zweiheit in mein Absolutes die von der Form des Begriffes, in welcher
-Form nun das Absolute aufgeht, unabtrennbare Fünffachheit; aber das ist
-nun einmal unvermeidlich, und ich thue wohl, in das Unvermeidliche mich
-zu ergeben. Dass ich mich ja nicht besinne, dass zuletzt doch ich selber
-es sey, der jenen Begriff von einem Begriffe des Absoluten von sich
-selbst habe, und dass ich denselben auf das Zureden dieses stattlichen
-Beweises, mit sehr bewusster Willkür gebildet habe, -- wodurch ich zwar
-in das leere Reflectirsystem fallen, aber die Sache ein verwickelteres
-Ansehen erhalten würde, -- versteht sich, indem dies gegen die Abrede
-laufen würde.
-
-So weit im Reinen, lasset uns das Weitere vernehmen! »Aber gleich ewig
-mit dem schlechthin Idealen ist die ewige Form.« Gleich ewig? Wir
-erfahren sonach nebenbei und im Vorbeigehen, dass das schlechthin Ideale
-unter anderm auch ewig ist. Woher mag uns diese Kunde kommen, und was
-mag das heissen, ewig seyn? Seyen wir jedoch diesmal ausser Sorgen; der
-Verfasser will uns hier nichts aufbinden oder erschleichen; er denkt das
-Gesagte in der That nicht, und denkt diesmal gar nichts; er hat sich das
-Wort »ewig« nur stark angewöhnt, und es entfährt ihm hier unwillkürlich;
-denn wenn er daran gedacht hätte, dass er es vorbrächte, so hätte er
-zugleich auch gedacht, was es doch bedeuten möge; welches somit die
-sechste und die siebente Blindheit auf Einen Schlag ist.
-
-Gleich ewig ist also die ewige Form? Dies versteht sich eigentlich von
-selbst; denn wir haben ja schon oben gesehen, dass das Absolute, als
-durchaus nichts anderes, denn sein Begriff von sich selbst, in dieser
-Form des Begriffes aufgehe, welche Form somit ebenso absolut ist, als
-dasselbe selber, da sie es ja selber ist, und die, wenn das Wort »ewig«
-eine Bedeutung haben sollte, und das Absolute ewig wäre, auch ebenso
-ewig seyn würde, als dieses. Meint denn nun der Verfasser ^diese^ Form,
-oder meint er eine andere? Er meint eine andere; denn dass er schon an
-dem Begriffe des Absoluten von sich selber eine recht tüchtige und
-haltbare und sogar fünffache Form habe, ist ihm verborgen geblieben,
-woraus eben hervorgeht, dass er das oben dem Leser angemuthete Denken
-selbst nicht vollzogen, und so der oben versprochene Beweis
-nachgeliefert ist. Dass er aber noch eine zweite Form begehrt, kommt
-daher, weil er irrigerweise meint, vermittelst der ersten, selbst wenn
-er sie sich klar mache, lasse sich nichts aus dem Absoluten heraus
-ableiten, welches letztere doch sein eigentlicher Zweck ist.
-Irrigerweise meint er das, sagte ich; wenigstens wäre uns für unsere
-Person gar nicht bange, wenn wir einen solchen Begriff des Absoluten von
-sich selber unter die Hände bekämen, dass wir nicht daraus mit leichter
-Mühe Erde und Himmel, und alle ihr Heer sollten ableiten können. Wir
-haben ja in diesem Begriffe das ganze qualitative Seyn des Absoluten,
-welches es anschaut; dies wird doch wohl ohne Zweifel ein ergiebiges
-Mannigfaltige uns liefern. Wir dürfen von nun an nur die Augen und Hände
-aufthun, und uns geben lassen, was da ist; und haben nun für jedes Ding,
-das uns vorkommen mag, die immer fertige und stets sich gleich bleibende
-Antwort: das ist auch ein Qualitatives im Absoluten, und dieses
-gleichfalls, und dieses, und so ins Unendliche fort. Die einzige noch
-übrige Schwierigkeit wäre nur die, begreiflich zu machen, wie wir andern
-zur Mitwissenschaft vom Seyn des Absoluten, und zur Theilnahme an seinem
-Begriffe von sich selber gelangten; aber da unwidersprechlich erhellet,
-dass die innere Grundform des Begriffes des Absoluten von sich selbst
-die Ichform ist, so könnte ja wohl gerade durch diese Form jedwedes Ich
-an dem Absoluten Theil haben, und in dasselbe versinken; zu welcher
-kühneren Lösung der Aufgabe dieser Schriftsteller nur zu blöde und zu
-verzagt ist, und das Absolute, soweit als irgend möglich, sich vom Leibe
-hält. Aus diesem Grunde bleibt die erste Form unbenutzt, und es muss ihm
-eine zweite herbeigeschafft werden, in welche, als weniger vornehm, er
-mit einem kleineren Maasse von Unbescheidenheit seine Person
-hineinzuschieben hofft.
-
-Es ist also eine Form des Absoluten; und diese ist gleich ewig mit ihm;
--- so haben wir vernommen, ein Schatten eines Beweises aber erscheint
-nicht. Woher weiss denn der Verfasser, was er behauptet? und wie mag er
-wohl dazu kommen, eine solche Form anzunehmen? das werden wir ohne
-Zweifel am besten erfahren, wenn wir sehen, wozu er sie braucht und
-gebraucht. Aber er gebraucht sie bald darauf, um vermittelst derselben
-die Realität aus dem Absoluten zu erklären. Sein Bedürfniss demnach,
-diese Erklärung zu liefern, ist der wahre Schöpfer, und der wahre
-verschwiegen gebliebene Beweisgrund des Seyns einer solchen Form.
-
-Und so haben wir denn schon hier den Begriff dieses Mannes von
-Philosophie, und sein ganzes Verfahren, in unermesslicher Evidenz vor
-uns liegen. Die Realität ist eben an sich; darüber wird gar kein Zweifel
-rege, und dieses ist der wahre Grundpfeiler seines Systems. Diese kann
-und muss erklärt werden; und es ist das Geschäft der Philosophie, diese
-Erklärung zu liefern. Auch hierüber, als den zweiten Grundsatz dieses
-Systems, wird ebensowenig ein Zweifel rege. Zum Behufe dieser Erklärung
-muss nun eine ewige Form, und zum Behufe der Füllung dieser Form ein
-Absolutes angenommen werden, welches der dritte Theil und die wirkliche
-Vollziehung dieses Systemes ist. Der Ausgangspunct desselben ist daher
-der allerblindeste und stockgläubigste Empirismus, und ein Absolutes
-wird lediglich der Welt zu Liebe angenommen. Dies ist die wahre Meinung
-des Mannes vom Absoluten, denn also gebraucht er es; und wenn er ein
-andermal zur Abwechslung von unmittelbarer Erkenntniss und Anschauung
-des Absoluten redet, so ist dies leere Prahlerei und purer Scherz, indem
-er gar nicht aus dieser Prämisse, sondern aus der entgegengesetzten
-wirklich urtheilt und philosophirt. Höchstens mag an dem Ersteren, wie
-wir grossmüthig voraussetzen wollen, so viel wahr seyn, dass er die
-Nothwendigkeit einer unmittelbaren Erkenntniss, falls es jemals zu einer
-mittelbaren kommen sollte, überhaupt einsieht, ohne dass er sie doch an
-sich zu bringen weiss, noch auf seinem Wege jemals sie an sich bringen
-wird. Uebrigens ist dieses Nichtverstehen seiner eigenen wahren Meinung
-und Nichtbemerken seines blinden Empirismus und seines Erklärens durch
-eine willkürlich gesetzte Hypothese, die radicale Blindheit des Mannes,
-und von den hier geprüften die achte an der Zahl.
-
-Lassen wir inzwischen uns weitere Auskunft geben über diese ewige Form!
--- »Nicht das schlechthin Ideale steht unter dieser Form, denn es ist
-^selbst^ ausser aller Form, so gewiss es absolut ist.« Ausser aller
-Form; es ist somit das oben über desselben Begriff von sich selbst
-Gesagte, wenige Zeilen darauf, nachdem es gesagt worden, zurückgenommen,
-ohne dass es gemerkt wird, welches die neunte Blindheit wäre. Aber sehen
-wir doch näher hin, was der Mann eigentlich schwatzt. Das »selbst« ist
-auch im Urtext beschwabachert, und es thut wohl noth, wiewohl auch von
-der anderen Seite es ihm Verdruss bringen dürfte. Ich frage: ist es denn
-dasselbe Eine Absolute, von welchem oben geredet worden, das da seyn
-soll in der ewigen Form? Es muss wohl; denn sonst hätten wir ein zweites
-Absolutes, und wären mit dem ersten ganz vergebens bemüht worden, und es
-wäre ein Fehler, dass man uns nicht gleich von vornherein vor die rechte
-Schmiede des ergiebigen und erklecklichen Absoluten geführt hätte. Also
-ist es doch das Absolute selbst, das in der Form ist. Nun aber soll es
-doch wiederum nicht ^selbst^ in der Form seyn. Also ein Selbst, das
-zugleich auch Nichtselbst, eine Identität, die zugleich auch
-Nichtidentität ist? Giebt es kein Mittel, diesen Unsinn klar in die
-Augen springen zu lassen? Ich hoffe, Folgendes soll Dienste leisten. Ich
-frage: ist denn das Absolute in jenem Sichformiren ganz und ungetheilt
-dabei? oder ist es nicht ganz und ungetheilt dabei? Ist das Erste, so
-ist es ganz und in ungetheilter Wesenheit in der Form, und es ist
-nirgends und auf keine andere Weise, ausser in der Form. Unser Philosoph
-will nicht, dass es so sey, weil ihm um seine eigene selbstständige
-Individualität, welche sodann in das Absolute versänke, bange ist. Nach
-ihm ist also das Letztere; ist aber dies, so theilt in dieser Formirung
-das Absolute sich in zwei absolute Hälften, mit deren einer es selbst
-ausser aller Form bleibt, mit deren anderer aber es selbst ist in der
-Form. Wird dies unser Philosoph zugeben wollen? Ich hoffe das
-Gegentheil; inzwischen hat er es dennoch gesagt, ohne selbst zu wissen,
-was er redet, welches die zehnte hier obwaltende Blindheit ist.
-
-Ich werde es müde, und vielleicht eben also der Leser, dem Manne noch
-ferner Schritt vor Schritt zu folgen, und ihm seine Verworrenheiten
-vorzuzählen; und breche gerade hier um so lieber ab, da sogleich die
-zwei folgenden Zeilen so dicken und zähen Unsinn enthalten, dass gar
-manches Wort erfordert würde, ihn fliessend zu machen. Ich setze nur
-noch den Schluss dieser Erörterung über die ewige Form her. »Diese Form
-ist, dass das schlechthin Ideale, unmittelbar als solches, ohne also aus
-seiner Identität herauszugehen, auch als ein Reales sey.« Was mag real
-heissen? Nun, denkt der Mann, das weiss ja wohl jedes Kind, und macht
-sich keine Mühe mit der Bestimmung seines Begriffes. Wir aber möchten
-doch gleichwohl gerne wissen, welchen Sinn er mit diesem Begriffe zu
-verbinden hätte, und müssen es schon selber aus dem Zusammenhange
-aufsuchen. Real ist dem Verfasser der Gegensatz zum Idealen; das Ideale
-aber ist ihm, theils nach seinen ausdrücklichen Worten, theils zufolge
-der höheren Klarheit, welche wir denselben durch die wirkliche
-Vollziehung des angemutheten Denkens gegeben haben, dasjenige, was
-keines anderen Seyns bedürftig oder fähig ist, ausser im Begriffe: das
-Reale muss daher seyn ein Seyn, das keines anderen Seyns fähig ist, als
-nur des ausser dem Begriffe, die absolute Bewusstlosigkeit.
-
-So, sage ich, müsste nach unserem Philosophen das Reale gedacht werden,
-obwohl derselbe bei anderen Gelegenheiten wiederum sehr entfernt ist, es
-also zu denken; denn S. 23. »tritt die Form ^der Bestimmtheit^ des
-Realen durch das Ideale als ^Wissen^ ein in die Seele.« Wir hatten oben
-nur die Sichformirung des Idealen vermittelst und in der Form zum
-Realen, das unmittelbare Verschmelzen der Idealität in Realität (J X R):
-woher kommt uns denn jetzt diese neue Form höherer Abstraction ^einer
-Bestimmtheit^ des Realen durch das Ideale, welche wechselseitig seyn
-muss, und der blossen Realität zugleich den Grund ihres Soseyns
-hinzufügt
-
- F
- (J X R),
-
-und noch obenein eine ^Seele^, in welcher diese Form der Form eintritt?
-Es scheint ja, dass an diesem Systeme der würtembergische Katechismus
-wohl ebenso viel Antheil habe, als die Speculation.
-
-Mit der wirklichen Ableitung endlicher Dinge aus dem Absoluten gelingt
-es ihm nun, zu Ende von mancher Noth und Plackerei, die er sich bis
-dahin anthut, S. 29. unverhoffterweise folgendermaassen: »Das Absolute
-würde in dem Realen nicht wahrhaft objectiv, theilte es ihm nicht die
-Macht mit, gleich ihm, seine Idealität in Realität umzuwandeln und sie
-in besonderen Formen zu objectiviren.« Nun, da ist ja mit Einemmale
-alles gewonnen, und die Aufgabe aller Speculation in unermesslicher
-Klarheit und Leichtigkeit, zu allgemeinem Vergnügen und Bequemlichkeit,
-gelöst! Dass wir andern alle das Reale, in welchem das Absolute wahrhaft
-objectiv geworden, seyen, leidet keinen Zweifel; die Macht, unsere
-Idealität in Realität umzuwandeln, und sie in besondern Formen zu
-objectiviren, geht zufolge dieser Versicherung uns auch nicht ab; und so
-wird denn wohl die Welt nichts anderes seyn, als die Ausübung jener
-unserer Macht. Thun wir von nun an nur unsere Sinne, oder, in der
-Terminologie unseres Weltweisen, die uns mitgetheilte Macht, unsere
-Idealität in Realität umzuwandeln, auf, so werden wir ja hören und
-sehen, wie jene Macht in besonderen Formen sich objectivire; und so sind
-wir denn, freilich auf einem etwas mühsamen und holprigen Umwege, gerade
-bei demjenigen angekommen, wozu ich schon oben geglaubt, dass der
-Begriff des Absoluten von sich selber dienen könne. Was von nun an uns
-auch vorkommen könne, wir werden jedesmal zu sagen wissen, es sey dies
-eine Aeusserung der Macht, unsere Idealität in Realität umzuwandeln,
-durch welche Macht das Absolute in uns objectiv geworden.
-
-Leider werden wir in den freudigen Empfindungen, die wir hierüber
-gefasst haben möchten, schon S. 34. durch die unerwarteten und
-merkwürdigen Worte gestört: »Mit Einem Worte, vom Absoluten zum
-Wirklichen giebt es keinen stätigen Uebergang, der Ursprung der
-Sinnenwelt« (man bemerke, dass dieses Wort hier gleichbedeutend ist mit
-dem Wirklichen) »ist nur als ein vollkommenes Abbrechen von der
-Absolutheit, durch einen Sprung denkbar.« »Der Grund der endlichen Dinge
--- so beschliesst die S. 18. uns verheissene Auskunft über die Abkunft
-der endlichen Dinge aus dem Absoluten -- »der Grund der endlichen Dinge
-kann nicht in einer ^Mittheilung^ von Realität an sie, oder an ihr
-Substrat, welche Mittheilung vom Absoluten ausgegangen wäre, er kann nur
-in einer ^Entfernung^, in einem ^Abfall^ vom Absoluten liegen. Diese
-ebenso klare und einfache, als erhabene Lehre« (So? es scheint, der
-Geschmack ist mancherlei) »ist auch -- die wahrhaft Platonische. -- Nur
-durch den Abfall vom Urbilde lässt Plato die Seele von ihrer ersten
-Seligkeit herabsinken.« -- »Es war ein Gegenstand der geheimeren Lehre
-in den griechischen Mysterien, auf welche auch Plato nicht undeutlich
-hinweiset.«
-
-Nun, wenn Plato und die griechischen Mysterien das annahmen, so werden
-wir andern wohl Respect haben, und es uns gleichfalls gefallen lassen
-müssen; sollte es sich auch finden, dass in der ganzen Lehre durchaus
-kein Sinn und Verstand sey, und dass das Angemuthete niemals im
-wirklichen Denken vollzogen, sondern nur gesagt werden könne.
-
-Wir haben grossen Verdacht, dass das Letztere sich finden werde. Denn
-was soll doch dasjenige seyn, das da abfällt vom Absoluten? Es sind nur
-zwei Fälle möglich: entweder nemlich ist es das Absolute selbst, in
-welchem Falle dieses von sich selbst abfallen, d. h. sich in sich selber
-und durch sich selber vernichten müsste, welches absurd ist; oder es ist
-nicht das Absolute selbst; so ist es von, aus, durch sich selber, und
-wir haben der Absoluten zwei an der Zahl, was abermals absurd ist. Es
-geht nicht, dass man sage, das Absolute habe jenes andere gemacht, und
-es gut gemacht, und es sey nur nachher abgefallen: denn sodann müsste
-das in ihm liegende Vermögen, abzufallen, ihm entweder das Absolute
-ertheilt haben, in welchem Falle in der Ertheilung dieses Vermögens das
-Absolute in der That von sich abgefallen wäre, welches die erste
-Absurdität ist; oder es müsste dieses Vermögen von und aus sich selber
-haben, wodurch es wenigstens in Absicht dieses Vermögens absolut würde,
-welches die zweite Absurdität ist.
-
-Jedoch, wenn wir dieses Alles dem Verfasser übersehen wollten, wie passt
-denn diese Aeusserung zu allen seinen früheren Operationen? Ich bitte,
-ist denn das Absolute wirklich und in der That vorhanden, oder ist es
-nicht wirklich vorhanden? Ist denn an dem Objectivwerden dieses
-Absoluten in einer Macht, seine Idealität in Realität umzuwandeln, und
-sie wiederum in verschiedenen Formen zu objectiviren, ein wahres Wort,
-oder ist daran kein wahres Wort? Ist das Erstere, so ist ja die
-Wirklichkeit allerdings erklärt, und der stätige Uebergang vom Absoluten
-zum Wirklichen ist gefunden. Wird aber das Letztere angenommen, wie
-dadurch, dass die Unerklärbarkeit des Wirklichen aus dem Absoluten
-behauptet wird, allerdings geschieht, so wird ja alles früher Gesagte
-für unwahr erklärt und zurückgenommen, und es wird alle, sowohl wahre,
-als die hier herrschende vermeinte Speculation aufgehoben. Warum liess
-denn der Verfasser dennoch seinen Anfang stehen, nachdem er ein solches
-Ende gewonnen hatte?
-
-Haben wir ihn vielleicht nur nicht recht verstanden? Abgeleitet habe er
-nun wirklich und in der That etwas, lässt er sich vernehmen, aber dieses
-sey denn doch nur die pure Idee; und jenes uns so erfreuliche
-Objectiviren seiner Idealität in verschiedenen Formen mag wohl auch nur
-das blosse leidige Handeln, keinesweges aber, wie wir hofften, zugleich
-auch die ursprünglichen Weltvorstellungen bedeuten? Ich bitte, ist denn
-die Idee nicht wirklich, und kann sie denn nicht wirklich werden, und
-ist sie denn nicht in der ersten Hälfte des Buches, in der stattlichen
-Ableitung unseres Herrn Verfassers in der That wirklich geworden? Ja,
-wer vor Demuth zu einer solchen Annahme kommen könnte! Das ist Alles
-wohl gut, sagt der Mann, aber das ist doch nicht das rechte Wirkliche,
-nicht das wirklich Wirkliche; dafür lasse ich lediglich und allein die
-materielle Sinnenwelt gelten. Ist ihm denn aber im Laufe seines
-philosophischen Lebens niemals die Behauptung zu Ohren gekommen, dass
-eine Sinnenwelt überhaupt nur im Sinne, der Sinn aber nur in der Idee,
-als Sphäre des selbstständigen Lebens der Idee, wirklich da sey? Will er
-nun dieses nicht zugeben, wie er es denn allerdings nicht will; wie
-bringt er denn zuvörderst seinen Begriff von der Wirklichkeit zu Stande?
-Offenbar nur durch den Gegensatz mit der Idee; ein Seyn der Materie,
-durchaus unabhängig von der Idee, und da doch ohne Zweifel ausser der
-Idee und der Materie es nicht noch ein drittes wird geben sollen,
-unabhängig von irgend etwas Anderem, also ein wahres Ansich und
-innerliches Absolutes, das zweite an der Zahl, wenn es nemlich sein
-Ernst ist, dass es zugleich auch eine absolute Idee gebe. Und so ist
-denn bei diesem philosophischen Heros, wo es Ernst wird, nichts mehr zu
-finden, als der alte und wohlbekannte Scherz eines materialistischen
-Dualismus. Nicht Wissenschaftslehre, nicht Kant, sondern du, heiliger
-Leibnitz, bitte für ihn! Ferner, wie gedächte sich denn wohl der Mann
-bei dieser Denkart gegen diejenigen, welche auf der Einheit des
-Absoluten, und auf der Idee, als der einzig möglichen Realität
-beständen, zu schützen? Er wird niemals eine andere Weise finden, als
-diejenige, deren er sich wirklich bedient, dass er, als ein zweiter
-Friedrich Nicolai, sich auf das Zeugniss seiner Sinne, und auf den
-gesunden Menschenverstand berufe, und hoch betheure, die materiellen
-Gegenstände müssten aber doch seyn, denn er sehe sie ja, und höre sie,
-und keiner soll ihn jemals eines anderen bereden. Und so fällt denn an
-dieser Stelle dem Manne die Maske der Speculation, die er auch sonst
-locker genug trägt, völlig ab, und es tritt hervor die natürliche Haut
-des rohesten, stockgläubigsten Empirismus, wie denn sich über das
-Ansichseyn der Materie auch nicht einmal ein Verdacht regt.
-
-Da man unserm Publicum alles ausdrücklich sagen muss, und fast niemals
-darauf rechnen kann, dass es selber folgern oder annehmen werde, dass
-jemand wirklich wolle und zugebe, was aus seinen Sätzen folgt: so merke
-ich hier noch ausdrücklich an, dass alle Naturphilosophie auf diese
-Stockgläubigkeit, dieses Entsetzen und Erschrecken vor der Materie, und
-diese Scheu, selber lebendig, und nicht als ein blosses Naturproduct da
-zu seyn, sich gründe, und dass diese denen, die ihnen widersprechen,
-niemals eine andere Antwort werden geben können, als dass es ihnen am
-Gefühle fehlen müsse. Nun ist, da wir ebensowohl leben, denn sie, ohne
-Zweifel zu erwarten, dass wir ebensowohl hören und sehen mögen, denn
-sie; nur dass wir diesen Erscheinungen der Sinne nicht unmittelbar und
-ohne Weiteres Glauben beimessen, sondern sie mit dem Begriffe
-durchdringen, und in ihrer Bedeutung, als dem wahrhaft Realen an ihnen,
-sie verstehen. Woran es uns daher, ihnen gegenüber, in der That fehlt,
-das ist ihr blinder Aberglaube, und wenn sie unter ihrem Gefühle diesen
-verstehen, so haben sie ganz recht mit ihrem Verdachte, dass irgend
-etwas, das sie besitzen, uns abgehen möge. Möge ihnen doch nie ein Licht
-darüber aufgehen, welche Thoren sie geworden sind, da sie sich für Weise
-hielten.
-
-Um zurückzukehren zu unserem Philosophen: ein so über alle Maassen
-ungeschickter und stümperhafter Sophist, wie wir es ihm nachgewiesen
-haben, ist also der Mann, dem es gelungen ist, die Philosophen dieses
-Zeitalters irre zu machen.
-
-Inzwischen dürfte es eine Ungerechtigkeit sowohl gegen mich selber, als
-gegen den genannten Mann involviren, wenn ich hiermit dieses Capitel
-beschlösse. Gegen mich selber, indem ich nicht will, dass gewisse
-Gegner, über die er sich beklagt, und die er besonders in den Gegenden
-seines jetzigen Aufenthalts gefunden, glauben sollen, dass ich mich
-ihnen beigesellt habe; gegen ihn, indem, da es eine Zeit gegeben, da ich
-weniger geringschätzig über ihn geurtheilt, und da bekannt ist, dass wir
-beide ehemals in persönlichen Beziehungen gestanden, jemand glauben
-möchte, dass er noch auf andere Weise, denn als Philosoph, mir
-verwerflich geworden. Was zuerst meine früheren, weniger
-geringschätzigen Urtheile betrifft, so gebe ich dabei zu bedenken, dass
-damals, als ich diese fällte, der Mann schon um seiner Jugend willen der
-philosophischen Reife und Klarheit durchaus unfähig war, und ich daher
-diese an ihm loben weder wollte noch konnte; dass ich aber hoffte, er
-werde fleissig seyn, und nicht zweifelte, dass durch Fleiss ihm etwas
-gelingen könnte, und dass es allein diese Hoffnungen waren, welche ich
-aussprach. Wie ich über die im wirklichen Besitze des Mannes
-befindlichen philosophischen Kenntnisse von jeher geurtheilt, kann
-gleich im ersten Jahrgange des von mir mit herausgegebenen Journals eine
-meiner Noten zu einer Abhandlung desselben, in welcher die ersten Spuren
-des Irrthums, der sich nun gar stattlich zu einer Naturphilosophie
-herausgebildet, zum Vorschein kamen, noch bis heute klärlich beurkunden.
-Jene meine guten Hoffnungen von ihm hat er nun keinesweges erfüllt,
-sondern durch unverständige Schmeichler früh sich verderben lassen, und
-seit dieser Zeit keines anderen Dinges sich beflissen, denn des
-Hochmuths und des Eigendünkels, und durchaus den Rang ablaufen wollen
-demjenigen, welchen auch nur zu verstehen er gleichwohl fortdauernd
-unfähig geblieben.
-
-Um von denen seiner Gegner, denen ich nicht gleichen mag, mich
-auszuscheiden: -- Dass, wenn des Mannes System consequent verfolgt wird,
-kein Gott übrig bleibe, denn die Natur, und keine Moralität, ausser die
-der Naturerscheinungen, sehe ich klar ein; aber man muss dasjenige, was
-die Menschen bloss sagen, ebensowenig ihnen zum Nachtheil anrechnen, als
-diese Erörterung gemeint gewesen ist, es ihnen zum Vortheile gelten zu
-lassen. Die Worte sind überhaupt nichts, und nur das Leben will etwas
-bedeuten. Was nun die innere Religion des Mannes anbetrifft, so
-bescheide ich mich hierüber von Rechtswegen alles Urtheils, und halte
-dafür, dass dieses auch dem übrigen Publicum ebenso sehr gezieme. Was
-die Moralität anbetrifft, dürfte es nicht unschicklich seyn, folgenden
-Umstandes bei dieser Gelegenheit zu erwähnen.
-
-Es scheint geglaubt worden zu seyn, und ich finde noch vor kurzer Zeit
-in einem öffentlichen Blatte diese Insinuation wiederholt, dass der
-Genannte zu denen gehöre, welche bei meinem Abgange von Jena ein
-gewisses mir gegebenes Wort nicht erfüllt hätten. Ich halte es für
-angemessen, bei der gegenwärtigen Gelegenheit dieser Meinung förmlich zu
-widersprechen. Ich stand mit ihm keinesweges auf dem Fusse, dass ich
-über zu fassende bedeutende Entschliessungen mich vor der That mit ihm
-berathen hätte; was ihm mitgetheilt worden, ist ihm erst nach der That
-mitgetheilt worden; wie ich denn auch einem anderen meiner Freunde und
-Collegen, auf welchen, als Mitherausgeber des philosophischen Journals,
-gleichfalls einiger Verdacht gefallen, erst nach der That mich eröffnet.
-Derjenige Mann, der durch seinen ungesuchten Eintritt meinen unbedingten
-Entschluss, auf einen gewissen Fall meine Lehrstelle an der Universität
-Jena niederzulegen, den ich ohne ihn einfach und natürlich würde
-ausgeführt haben, in einen Versuch, zu capituliren, verwandelte, der
-einen gewissen ersten Brief, welcher ohne seine Dazwischenkunft nicht
-wäre geschrieben worden, mit mir verabredete und billigte; und als der
-Erfolg ausfiel, wie er ausfiel, mir einen zweiten, dessen ich bei meinem
-schon vorher gefassten festen Entschlusse nicht bedurfte, sondern der
-nur ihn decken sollte, abquälte und abpresste, und so auf eine ganz
-richtige, anständige und gebührliche Entschliessung von mir, die ich
-noch jetzt, nach Verlauf von acht Jahren, durchaus billige, und in
-derselben Lage heute wiederholen würde, den Anschein von Schwäche und
-Zweideutigkeit brachte, war ein anderer, und es war nur Einer, nicht
-mehrere; daher man auch meine übrigen Jenaischen Freunde und Collegen
-mit jenem Argwohn verschonen wolle. Inzwischen zürne ich auch diesem
-Einen so wenig, dass ich vielmehr gleich nach der That nur mich selber
-verurtheilt habe, indem der Stärke, die mit der nur einen Augenblick
-aufflammenden Schwäche gemeinsame Sache macht, ohne vorherzusehen, dass
-der augenblickliche Muth nicht fortdauern werde, ganz recht geschieht,
-wenn sie verlassen wird; und ich habe mit mir selbst mich ausgesöhnt
-lediglich durch die erworbene Sicherheit, dass mir dieses nicht zum
-zweiten Male begegnen wird.[38]
-
-Dies sey denn hiermit gesagt und abgethan; indem wir hoffen, dass die
-verworrene Leidenschaftlichkeit jener Tage nunmehr sich gesetzt habe,
-und man begreife, dass keinem Menschen in der Welt, ausser etwa den
-Weimarischen Finanzen, welche uns andere nichts angehen, daran liegen
-könne, ob dieser oder jener Mann Professor zu Jena sey, oder nicht, und
-ob Jena eine blühende, oder eine verlassene, oder auch gar keine
-Universität habe.
-
-[Fußnote 38: Zur Aufhellung der oben im Texte befindlichen Stelle ist
-Fichte's Lebensbeschreibung (I. S. 366. II. S. 300.) zu vergleichen. H.
-E. G. Paulus, der hier gemeint war, hat indess gegen jede solche
-Beziehung zu Fichte in den »Skizzen aus meiner Bildungs- und
-Lebensgeschichte« (Heidelberg, 1839. S. 168-170) protestirt, woraus eine
-Reihe von Verhandlungen zwischen ihm und dem Unterzeichneten sich
-ergeben hat, deren Erwähnung hier nicht umgangen werden kann, indem auch
-sie vorübergehend lebhafte Aufmerksamkeit erregten. Da jedenfalls beide
-Männer auch in dieser Beziehung mit einander vor die Nachwelt treten, so
-bleibt nichts übrig, um den Leser zu einem selbstständigen Urtheile in
-dieser Angelegenheit zu veranlassen, als ihn ausser dem schon
-Angeführten auf die weiteren Actenstücke zu verweisen. Man vergleiche:
-»Paulus und Fichte; über einen berichtigenden Zusatz zu J. G. Fichte's
-Lebensbeschreibung, als Anfrage oder Gegenberichtigung von J. H. Fichte«
-im ^Freihafen^ 1840. Zweites Heft S. 176-229; »Beleuchtung des
-Verhältnisses, welches zwischen Professor Fichte dem Vater und Dr.
-Paulus bei dem Atheismusstreit des Ersteren stattfand« in ^Paulus neuem
-Sophronizon^, I. Mittheilung 1841 S. 80-134; endlich: »Offenes Schreiben
-an Herrn Dr. Paulus in Bezug auf dessen Beleuchtung etc. von J. H.
-Fichte« in dessen ^Zeitschrift für Philosophie^, Bd. VII. S. 151-155.
-
- (Anmerkung des Herausgebers.)]
-
-Uebrigens ist auch das, was der Mann durch seine Speculation sucht und
-anstrebt, keinesweges etwas Schlechtes und Gemeines, sondern es ist das
-Höchste, dessen der Mensch theilhaftig werden kann; die Erkenntniss der
-Einheit alles Seyns mit dem göttlichen Seyn. Seine Absicht ist daher
-aller Ehren werth. Ebendasselbe will ja auch ich, und leiste es; er aber
-redet nur daran herum, und vermag es nicht zur Wirklichkeit zu bringen,
-tritt in den Weg denen, die es können, und macht irre andere, die ohne
-ihn vielleicht hören und verstehen würden; und dieses ist es, was ihm
-meinen Tadel zuzieht. Er hasset und fliehet die Besonnenheit, in welcher
-allein das Heilmittel vom Irrthume liegt, mit gutem Bedachte, indem er
-sie nur für leere Klarheit hält, und macht so die Unbesonnenheit zur
-ausdrücklichen Grundmaxime alles Realismus, erwartend von einer blinden
-Natur die Heilung. Dies ist nun absolute Unphilosophie und
-Antiphilosophie, und so lange er auf dieser Maxime beharrt, ist Alles,
-was er vorbringt, ohne Ausnahme nothwendig falsch, irrig und thöricht,
-und es vermag kein Funke von Speculation in seine Seele zu kommen. Und
-so werfe ich ihn denn, indem ich den Menschen an ihm in allem seinem
-möglichen Werthe lasse, als Philosophen ganz und unbedingt weg; und als
-Künstler erkenne ich ihn für einen der grössten Stümper unter allen, die
-jemals mit Worten gespielt haben.
-
-Was hier insbesondere ihm nachgewiesen worden, leidet, als gegründet
-lediglich auf die blosse allgemeine Logik, durchaus keinen Widerspruch,
-Ausrede oder Ausflucht, und es kann dagegen nichts vorgebracht werden,
-ausser etwa, man habe in den Einheitspunct eben nicht recht hineinkommen
-können, man meine ja doch das Rechte, und habe recht in der Sache, wenn
-auch die Form mangelhaft geblieben sey, welches Alles, als selber
-absolute Antiphilosophie, schon ehe es vorgebracht worden, abgewiesen
-ist. Sollten seine Mitstreiter, im Schmerze, ihren Vorfechter also
-abgefertigt zu sehen, etwas vorbringen wollen, so werde ich antworten,
-oder auch nicht, wie es mir gefallen wird, indem ich hierüber zu nichts
-verbunden seyn will. Mit dem genannten Manne selber rede ich, da wir
-durchaus von contradictorisch entgegengesetzten Maximen ausgehen,
-niemals, wie ich denn auch hier nicht mit ihm, sondern mit seinem
-Publicum geredet habe.
-
-
-
-
- Recensionen.
-
-
-
-
- A.
- Giessen, bei Heyer: Skeptische Betrachtungen über die Freiheit
- des Willens mit Hinsicht auf die neuesten Theorien über
- dieselbe, von Leonhard Creuzer. 1793. XVI. Vorrede (von Herrn
- Prof. Schmid). 252. 8.
-
-
- (Jenaer Allgem. Literatur-Zeitung, 1793. No. 303.)
-
-Wie es von jeher ergangen ist, ergeht es noch immer. Das dogmatische
-Verkennen der Grenzen der Vernunft erregte die Angriffe der Skeptiker
-auf dieses Vermögen selbst, und nöthigte dasselbe, sich einer Kritik zu
-unterwerfen.
-
-Sowie diese Grenzen von neuem überschritten werden, regt sich von neuem
-der Widerspruch der Skeptiker, und nöthigt, -- zum Glück nicht, eine
-neue Kritik zu unternehmen, aber -- an die Resultate der ehemals
-unternommenen wieder zu erinnern. Herrn Creuzers freilich nur
-uneigentlich sogenannter Skepticismus -- denn er nimmt mit der
-Kantischen Schule das Daseyn eines Sittengesetzes im Menschen als
-Thatsache des Bewusstseyns an -- hat die Theorien über Freiheit zum
-Gegenstande; das Resultat seiner Untersuchungen ist, dass keine der
-bisherigen den Streit zwischen dem Interesse der praktischen Vernunft
-und dem der theoretischen befriedigend löse; und ihr lobenswürdiger
-Zweck, zu Erfindung einer neuen und genugthuendern die Veranlassung zu
-geben. Ohne von der ganzen Schrift, welche theils über einen unrichtigen
-Grundriss aufgeführt worden (eine Behauptung, die sich nur durch
-Vorlegung des einzig richtigen darthun liesse, welches die Grenzen einer
-Recension überschreitet), daher nicht mit der strengsten Ordnung
-geschrieben ist, jetzt sich wiederholt, jetzt Dinge in ihren Plan
-aufnimmt, die nicht hineingehören, z. B. die Widerlegung des
-Spinozistischen Pantheismus, des Egoismus u. dergl. m.; theils gegen die
-vor-Kantischen Freiheitstheorien nichts gesagt, was nicht schon ehemals
-gesagt worden, -- ohne von ihr einen Auszug zu geben, möchte Rec. die
-Untersuchung nur auf denjenigen Punct lenken, der wenigstens für die
-Darstellung der Wissenschaft wahren Gewinn verspricht. -- Es ist von
-mehreren Freunden der kritischen Philosophie erinnert, und von Reinhold
-einleuchtend gezeigt worden, dass man zwischen ^derjenigen^ Aeusserung
-der absoluten Selbstthätigkeit, durch welche die Vernunft praktisch ist
-und sich selbst ein Gesetz giebt, und ^derjenigen^, durch welche der
-Mensch sich (in dieser Function seinen ^Willen^) bestimmt, diesem
-Gesetze zu gehorchen oder nicht, sorgfältig zu unterscheiden habe. Dass
-Hr. Creuzer diese Unterscheidung bald zu beobachten scheint, bald wieder
-vernachlässigt und mithin in ihrer ganzen Bestimmtheit sie sicher nicht
-gedacht hat, wollen wir nicht rügen. Aber er nimmt die durch Reinhold,
-Heydenreich, und zuletzt durch Kant selbst gegebene, im Wesentlichen
-einstimmige Definition der Freiheit des Willens, dass dieselbe ein
-Vermögen sey, durch absolute Selbstthätigkeit sich zum Gehorsam oder
-Ungehorsam gegen das Sittengesetz, mithin zu contradictorisch
-entgegengesetzten Handlungen zu bestimmen, als gegen das Gesetz des
-logischen Grundes streitend, in Anspruch. Reinhold -- (denn da es Rec.
-weniger um die Bestimmung des Verdienstes des Schriftstellers, als um
-die Bestimmung des bis jetzt fortdauernden Werthes seiner Schrift zu
-thun ist; so trägt er kein Bedenken, sich auf ein Buch zu beziehen, von
-welchem ihm, da er den deutschen Mercur nicht bei der Hand hat,
-unbekannt ist, ob Hr. Creuzer bei Abfassung des seinigen den Inhalt
-desselben habe benutzen können, oder nicht) -- Reinhold also hat diesen
-möglichen Einwurf (S. 282 ff. 2. Bd. der Briefe über die Kantische
-Philosophie) zwar schon im voraus gründlich widerlegt, aber nach Rec.
-Ueberzeugung, die er mit voller Hochachtung gegen den grossen
-Selbstdenker gesteht, den Grund des Misverständnisses weder gezeigt,
-noch gehoben. »Das logische Gesetz des zureichenden Grundes,« sagt
-Reinhold, »fordert keinesweges für alles, was ^da ist^, eine von diesem
-Daseyn verschiedene Ursache« -- -- »sondern nur, dass nichts ohne Grund
-^gedacht^ werde. Die Vernunft hat aber einen sehr reellen Grund, die
-Freiheit als eine absolute Ursache zu denken« -- und tiefer unten --
-»als ein ^Grundvermögen^, das sich als ein solches von keinem Anderen
-ableiten, und daher auch aus keinem Anderen begreifen und erklären
-lässt.« Rec. ist mit dieser Erklärung vollkommen einverstanden; nur
-scheint ihm der Fehler darin zu liegen, dass man durch anderweitige
-Merkmale verleitet wird, dieses Vermögen nicht als ein Grundvermögen zu
-denken. -- Es ist nemlich zu unterscheiden zwischen dem ^Bestimmen^, als
-freier Handlung des intelligiblen Ich, und dem ^Bestimmtseyn^, als
-erscheinendem Zustande des empirischen Ich.
-
-Die oben zuerst genannte Aeusserung der absoluten Selbstthätigkeit des
-menschlichen Geistes erscheint in einer Thatsache: in dem Bestimmtseyn
-des ^oberen Begehrungsvermögens,^ welches freilich mit dem Willen nicht
-verwechselt, aber ebensowenig in einer Theorie desselben übergangen
-werden muss; die Selbstthätigkeit giebt diesem Vermögen seine
-^bestimmte,^ und ^nur auf Eine Art bestimmbare Form,^ welche als
-Sittengesetz erscheint. Die von jener zu unterscheidende Aeusserung der
-absoluten Selbstthätigkeit im ^Bestimmen^ des ^Willens^ erscheint nicht,
-und kann nicht erscheinen, weil der Wille ursprünglich ^formlos^ ist;
-sie wird bloss als Postulat des durch jene Form des ursprünglichen
-Begehrungsvermögens dem Bewusstseyn gegebenen Sittengesetzes angenommen,
-und ist demnach nicht Gegenstand des Wissens, sondern des Glaubens. Die
-^Neigung^ (^propensio^ überhaupt) als ^Bestimmtseyn^ des (oberen oder
-niederen) ^Begehrungsvermögens^ erscheint; aber nicht das Erheben
-derselben zum wirklichen ^Wollen.^ Der Wille in der Erscheinung ist nie
-^bestimmend,^ sondern ^immer bestimmt,^ die Bestimmung ist schon
-geschehen; wäre sie nicht geschehen, so erschiene er nicht als ^Wille,^
-sondern als ^Neigung.^ Die scheinbare Empfindung des Selbstbestimmens
-ist keine Empfindung, sondern eine unvermerkte Folgerung aus der
-Nichtempfindung der bestimmenden Kraft. Insofern der Wille sich
-»selbstbestimmend« ist, ist er gar kein Sinnen-, sondern ein
-übersinnliches Vermögen. Aber das ^Bestimmtseyn^ des Willens erscheint,
-und nun entsteht die Frage: ist jenes für die Möglichkeit der Zurechnung
-als Vernunftpostulat anzunehmendes Selbstbestimmen zu einer gewissen
-Befriedigung oder Nichtbefriedigung, ^Ursache^ der ^Erscheinung^ des
-Bestimmtseyns zu derselben Befriedigung oder Nichtbefriedigung?
-Beantwortet man diese Frage mit Ja, wie sie Reinhold (S. 284 der
-angeführten Briefe) wirklich beantwortet (»aus ihren ^Wirkungen,^ durch
-welche sie unter den ^Thatsachen^ des Bewusstseyns vorkommt, ist mir die
-Freiheit (des Willens) völlig begreiflich u. s. w.«); so zieht man ein
-Intelligibles in die Reihe der ^Naturursachen^ herab, und verleitet
-dadurch, es auch in die Reihe der Naturwirkungen zu versetzen; ein
-Intelligibles anzunehmen, das kein Intelligibles sey. Wenn man sagt:
-»wer sich zur Frage berechtigt glaubt, aus welchem ^Grunde^ die
-^Freiheit^ sich zu ^A^ und nicht vielmehr zu Nicht-A bestimmt habe,
-beweist durch einen Cirkel die Nichtigkeit der Freiheit aus ihrer schon
-vorausgesetzten Nichtigkeit, und wenn er sich recht versteht, aus der
-Nichtigkeit eines Willens überhaupt:« -- so ist dies freilich sehr wahr
-erinnert; aber durch die Annahme, dass die Freiheit wenigstens Ursache
-in der Sinnenwelt seyn könne, hat man ihn unvermerkt in diesen Cirkel
-hineingezogen. Nur durch die Rückkehr zu dem, was Rec. der wahre Geist
-der kritischen Philosophie scheint, ist die Quelle dieses
-Misverständnisses zu verstopfen. Nemlich -- auf das ^Bestimmen^ der
-absoluten Selbstthätigkeit durch sich selbst (zum Wollen) kann der Satz
-des zureichenden Grundes gar nicht angewendet werden; denn das ist Eine,
-und eine einfache, und eine völlig isolirte Handlung; das Bestimmen
-selbst ist zugleich das Bestimmtwerden, und das Bestimmende das
-Bestimmtwerdende. Für das ^Bestimmtseyn^ als Erscheinung muss nach dem
-Gesetze der Naturcausalität ein wirklicher Realgrund in einer
-vorhergegangenen Erscheinung angenommen werden. Dass aber das
-Bestimmtseyn durch die Causalität der Natur, und das Bestimmen durch
-Freiheit ^übereinstimme,^ welches zum Behuf einer ^moralischen
-Weltordnung^ gleichfalls anzunehmen ist; davon lässt sich der Grund
-weder in der Natur, welche keine Causalität auf die Freiheit, noch in
-der Freiheit, welche keine Causalität in der Natur hat, sondern nur in
-einem höheren Gesetze, welches beide unter sich fasse und vereinige,
-annehmen: -- gleichsam in einer vorherbestimmten Harmonie der
-Bestimmungen durch Freiheit mit denen durchs Naturgesetz. (Vergl. Kant,
-über eine neue Entdeckung, nach der alle neue Kritik der reinen Vernunft
-durch eine ältere entbehrlich gemacht werden soll, S. 122 ff.) Nicht
-darin, wie ein von dem Gesetze der Naturcausalität unabhängiges »Ding an
-sich« sich selbst bestimmen könne, noch darin, dass eine Erscheinung in
-der Sinnenwelt nothwendig ihren Grund in einer vorhergegangenen
-Erscheinung haben müsse, sondern darin, wie beide gegenseitig von
-einander völlig unabhängige Gegenstände zusammenstimmen können, liegt
-das Unbegreifliche: das aber lässt sich begreifen, warum wirs nicht
-begreifen können, weil wir nemlich keine Einsicht in das Gesetz haben,
-das beides verbindet. -- Dass übrigens dies Kants wahre Meinung sey, und
-dass die in mehrern Stellen seiner Schriften vorkommende Aeusserung,
-dass die Freiheit eine Causalität in der Sinnenwelt haben müsse, nur ein
-vorläufig, und bis zur näheren Bestimmung aufgestellter Satz sey,
-scheint Rec. daraus zu erhellen, dass er zwischen einem empirischen und
-einem intelligiblen Charakter des Menschen unterscheidet; dass er
-behauptet, Niemand könne den wahren Grad seiner eigenen Moralität (als
-welcher sich auf seinen unerkennbaren intelligiblen Charakter gründet)
-wissen; dass er die Zweckmässigkeit als Princip der, beide
-Gesetzgebungen verknüpfenden, reflectirenden Urtheilskraft aufstellt
-(als welche Zweckmässigkeit sich nur durch eine höhere, dritte
-Gesetzgebung möglich denken lässt). Vorzüglich aber scheint eben dieses
-in seiner Schrift vom radicalen Bösen (jetzt dem ersten Stücke der
-^Religion innerhalb der Grenzen der blossen Vernunft^) aus seinem
-Beweise für die Annehmbarkeit eines absolut freien Willens ^aus der
-Nothwendigkeit der Zurechnung,^ und aus seiner Berufung auf ^einen
-unerforschlichen höheren Beistand^ (der nicht etwa unseren
-intelligiblen, bloss durch absolute Selbstthätigkeit zu bestimmenden
-Charakter statt unserer bestimme, sondern unsern erscheinenden
-empirischen mit jenen übereinstimmend mache, welches nur kraft jener
-höheren Gesetzgebung geschehen kann) hervorzugehen. Jene Beweisart und
-diese Berufung sind so innig mit dem Geiste der kritischen Philosophie
-verwebt, dass man wirklich sehr wenig mit ihm bekannt seyn muss, um in
-dieser Philosophie dieselben so abenteuerlich, so wider den gesunden
-Menschenverstand streitend, und so lächerlich zu finden, als Herr
-Creuzer sie findet. Es würde ein Leichtes seyn, ihm zu zeigen, dass er
-selbst zufolge der Prämissen, die er mit der Kantischen Schule annimmt,
-auch diese Sätze nothwendig annehmen müsse.
-
-Von Untersuchung dieser Theorie geht Herr Creuzer zur Prüfung des allen
-Lesern der A. L. Z. sattsam bekannten Schmidschen intelligiblen
-Fatalismus über. So sehr diese Theorie, von der speculativen Seite
-angesehen, ihn befriediget, so klar und einleuchtend thut er dar, dass
-sie alle Moralität völlig aufhebe. Rec. ist über den zweiten Punct
-völlig mit ihm einverstanden, und das, was Hr. Prof. Schmid selbst in
-der Vorrede zu diesem Buche zu seiner Vertheidigung hierüber sagt, hat
-ihm wenigstens noch ärger, als die Anklage geschienen. Zurechnung,
-Schuld und Verdienst fällt bei dieser Theorie, nach Hrn. Schmids eigenem
-Geständnisse, weg; nun wäre es an ihm, zu zeigen, wie man sich dabei
-noch ein für ^jede^ Handlung, die nach dem Gesetze beurtheilt wird,
-^gültiges Gesetz^ denken könne. Die Moralität, welche übrig bleiben
-soll, ist eben diejenige, welche in den ehemaligen Glückseligkeits- und
-Vollkommenheitstheorien übrig blieb: gut seyn ist ein Glück, und böse
-seyn ein Unglück. Ueber den ersteren Punct hören wir Hrn. Schmid selbst.
-»Man kann den undenkbaren Gedanken, den Nichtgedanken (einer
-Nothwendigkeit, die nicht Nothwendigkeit ist, eines unbeschränkten
-Vermögens, das nicht alles vermag, eines Unvermögens, das doch das
-völligste Vermögen ist, eines nothwendigen Grundes, der nicht nothwendig
-begründet, eines Individualdinges, das sich wie ein abgezogenes
-Allgemeinding verhält, also bestimmt und auch unbestimmt ist, endlich
-einer Unabhängigkeit, die aus einer doppelten Abhängigkeit hervorgeht«
-[passt denn diese Charakteristik auch auf die Reinholdsche Definition
-der Freiheit des Willens, oder etwa nur auf diejenige, welche praktische
-Vernunft und Willen verwechselt?]), »der doch für einen Hauptgedanken
-gelten soll, von einer Stelle der Theorie an einen anderen Platz
-hinbringen; man kann ihn aus der Sinnenwelt in die Welt der Noumenen
-verpflanzen; man kann gewissen anstössigen, und wegen ihrer Bestimmtheit
-ein wenig unbequemen Formeln aus dem Wege gehen, und bequemere (ich
-meine lenksamere, unbestimmtere) dafür gebrauchen; man kann endlich neue
-Vermögen der Willkür erdichten, sie aus ihrer Naturverbindung
-herausreissen, und so als isolirte Unbestimmtheiten aufstellen« (ganz
-eigentlich das, wenn man die Ausdrücke nicht ganz genau nimmt, hat Rec.
-hier gethan, und fragt: ob man das Daseyn eines allgemeingültigen
-Sittengesetzes anerkennen und consequent seyn, und dennoch das auch
-nicht thun könne?) -- -- »aber der Widerspruch selbst bleibt, was er
-war; der Verstand kann nicht denken wider die Gesetze der Möglichkeit
-alles Denkens.« Und jetzt entscheide das Publicum, ob hier noch ein
-Widerspruch, oder ob blosse Unbegreiflichkeit vorhanden sey? --
-Uebrigens glaubt Rec., dass die Philosophie sich von Hrn. Creuzer,
-sobald in seine ausgebreitete und mannigfaltige Belesenheit mehr
-Ordnung, und in seine Geistesthätigkeit mehr Reife gekommen seyn werde,
-viel Gutes zu versprechen habe. --
-
-
-
-
- B.
- Gotha, bei Ettinger: Ueber die sittliche Güte aus
- uninteressirtem Wohlwollen, von Friedrich Heinrich Gebhard.
- 1792. 290 S. 8. mit Dedic. und Vorber.
-
-
- (Jenaer Allgem. Literatur-Zeitung 1793. N. 304.)
-
-Rec. nahm dieses Buch nicht ohne grosse Erwartung zur Hand, da es ihm
-die Auflösung einer Schwierigkeit zu versprechen schien, die er noch
-nirgends befriedigend gelöst fand, und von deren Auflösung, wenigstens
-seiner Ueberzeugung nach, darum nicht minder die Allgemeingültigkeit des
-Kantschen Moralprincips abhängt; und er war höchst unzufrieden mit sich
-selbst, dass er bei den Ausdrücken des Verfassers sich so selten etwas
-Bestimmtes denken konnte, bis ihm endlich durch die Stelle S. 84.: »Das
-moralische Gefühl besteht in einer Billigung oder ^Misbilligung^ einer
-^Wirkung^ der ^praktischen Vernunft;^ denn sonst wäre ja nichts da, was
-gebilligt oder misbilligt werden könnte. Also ist es kein sittliches
-Gefühl, was uns zur uninteressirten Thätigkeit treibt, sondern jenes
-wird erst von dieser (der prakt. Vernunft) und von dem Bewusstseyn
-derselben erzeugt;« -- auf einmal völlig einleuchtend wurde, wie weit
-der Verf. selbst vom bestimmten Denken über seinen Gegenstand noch
-entfernt seyn müsse. Ein Aufsatz im Braunschweiger Journal (Juni 1791),
-der das von Smith als Moralprincip aufgestellte reine oder
-uninteressirte Wohlwollen gegen das Kantische Princip in Schutz nahm,
-war die Veranlassung der ersten drei Abschnitte dieser Schrift. Der
-erste Abschnitt vertheidigt Kant gegen die Beschuldigung des
-Journalisten, dass er nicht definirt habe, ^was^ sittlich gut sey, durch
-die Vorlegung der Kantischen Definition: es sey dasjenige, was man
-zufolge des mit Nothwendigkeit gebietenden praktischen Vernunftgesetzes
-^solle;^ und entwickelt überhaupt das Kantische Moralprincip. Hat etwa
-der Journalist eine Realdefinition begehrt (denn sollten ihm wohl jene
-Nominaldefinitionen unbekannt geblieben seyn? --); so hätte ihm Hr.
-Gebhard befriedigender geantwortet, wenn er ihm gezeigt hätte, ^dass^
-und ^warum^ das ^Materiale^ eines bloss ^formalen^ Imperativs sich nicht
-vorlegen lasse, und dass er mithin in seiner Forderung schon
-voraussetze, was er durch sie erweisen wolle. Neues hat Rec. unter einem
-unerschöpflichen Wortreichthume in diesem Abschnitte nichts gefunden,
-als das, dass der Verf. die allgemeingeltenden Vorschriften des
-Sittengesetzes nicht für bloss negativ (für Einschränkungen der den
-Willen bestimmenden Anmaassung des sinnlichen Triebes), sondern für
-positiv hält; dass es z. B. nach ihm Pflicht ist, nicht -- nie eine
-Unwahrheit zu sagen, sondern die Wahrheit immer, und in jedem Falle
-gerade herauszusagen. Der zweite Abschnitt untersucht, ob das reine
-Wohlwollen Princip der Moral seyn könne. Dass eine solche Untersuchung
-nicht aus bestrittenen Kantischen Prämissen, sondern aus solchen, die
-sein Gegner mit ihm gemeinschaftlich annimmt, geführt werden müsse,
-scheint der Verf., nach einer Stelle zu urtheilen, gefühlt zu haben; ob
-er diesem Gefühle gefolgt sey, wird sich zeigen. »Ein reines Wohlwollen
-sey ein uninteressirtes. Interesse sey rein oder pathologisch. Das
-letztere entstehe aus dem sinnlichen Triebe, und könne hier nicht
-gemeint seyn. Das erstere sey das durch die Gesetzgebung der praktischen
-Vernunft erzeugte, und könne ebensowenig gemeint seyn; denn sonst wäre
-ja dieses System mit dem Kantischen nicht im Widerspruche.« -- Dawider
-kann nun der Gegner die gegründete Einwendung machen: er nehme
-allerdings mit Kant eine uneigennützige (nicht auf Befriedigung des
-sinnlichen Triebes ausgehende) Neigung an; sein Wohlwollen gründe
-sich ebensowenig auf ein Interesse, als das Kantische obere
-Begehrungsvermögen; aber es bringe, ebenso wie dieses, eines hervor: nur
-leite er dieses zugestandene Gefühl keinesweges von einer absoluten
-Selbstthätigkeit des menschlichen Geistes ab, sondern halte es für einen
-Grundtrieb des Gemüths, der sich von keinem höheren Vermögen ableiten,
-noch daraus erklären lasse. Um zu zeigen, dass ein solches
-uninteressirtes Wohlwollen, wie er dem Gegner andichtet, überhaupt nicht
-möglich sey, verwechselt der Verf. kurz darauf ^Interesse,^ geistiges
-Wohlgefallen an der blossen Vorstellung von dem Daseyn eines
-Gegenstandes, mit ^Vergnügen,^ Lust an dem durch Empfindung als wirklich
-gegebenen Gegenstande: »wenn der Gegenstand unseres wohlwollenden
-Triebes realisirt würde, so würden wir nicht ermangeln, ein wirkliches
-Vergnügen zu empfinden, mithin sey unser Wohlwollen doch (pathologisch)
-interessirt.« Empfindet denn, kann ihn hier der Gegner fragen, der durch
-das praktische Vernunftgesetz Bestimmte kein Vergnügen, wenn er den
-Gegenstand seiner Willensbestimmung als realisirt empfindet? »Aber,«
-lässt er bald darauf den Gegner richtig antworten, »die Vorstellung
-dieses Vergnügens soll nur nicht der bestimmende Grund des Willens
-seyn.« Aber was denn? die Vernunft? so ist der Gegner ein Kantianer. Der
-Trieb selbst? Das kann Hr. Gebhard nicht einsehen. Von einem Dritten,
-das den Willen bestimmen könnte, einer absoluten Selbstthätigkeit, ist
-im ganzen Buche nicht die Rede.
-
-Nach diesen Vorübungen setzt endlich Hr. Gebhard den wahren Streitpunct
-sehr richtig so fest: Soll man der Vernunft oder dem reinen Wohlwollen
-das Primat zuerkennen? Hier entspinnt sich zuerst eine ermüdende
-langweilige Erörterung, dass die Vernunft, »wenn man sie auch etwa für
-die bloss theoretische Vernunft anerkennen wolle« (?), doch über die
-Anwendbarkeit des Princips des Wohlwollens auf bestimmt gegebene Fälle
-Richterin seyn müsse. Rec. sollte meinen, das wäre überhaupt nicht die
-Vernunft (das Vermögen ^ursprünglicher^ Gesetze), sondern die
-Urtheilskraft, die im Systeme seines Gegners hierunter das durch jenes
-wohlwollende Gefühl aufgestellte Gesetz (welches der Verstand in eine
-logische Formel zu bringen hätte) subsumiren würde; und dann -- muss
-denn nicht dieselbe Urtheilskraft auf dieselbe Art auch unter das
-praktische Vernunftgesetz subsumiren? Und nun endlich kömmt der Verf. zu
-dem, was er den Beweis nennt, dass der Vernunft, und zwar der
-praktischen Vernunft, das Primat über das reine Wohlwollen zukomme.
-»Warum kann man denn den Werth oder Unwerth des uninteressirten
-Wohlwollens nicht ebensogut, wie tausend andere Fragen, unentschieden
-lassen?« (Ist sein Gegner consequent, so läugnet er ihm die Befugniss zu
-einer solchen Frage geradezu ab: ist ihm der Werth dieses Wohlwollens
-absolut derjenige, nach welchem jeder andere Werth beurtheilt, welcher
-selbst aber nach keinem andern beurtheilt wird.) -- »Entschieden ^muss^
-werden, weil es hier auf Handeln und auf fehlerlose Richtigkeit des
-Handelns ankömmt. Nothwendigkeit des Handelns, verbunden mit dieser
-Regelmässigkeit desselben, ist aber hier noch nicht Sache des
-Wohlwollens; denn hierüber ist eben erst die Frage; sondern der
-Vernunft, und zwar nicht der theoretischen, sondern der praktischen.«
-
-Versteht Rec. diese Worte, so sagen sie so viel: das Wohlwollen kann
-nicht absolut erstes Gesetz des Handelns seyn; ich will hier einmal nach
-einem höheren Grunde fragen; mithin giebt es einen solchen höheren
-Grund: diesen höheren Grund will ich Vernunft, und zwar nicht
-theoretische, sondern praktische Vernunft nennen; mithin -- u. s. f.
-»Und so ist denn,« fährt Hr. Gebhard in Schwabacher Schrift fort, »die
-Subordination des uninteressirten Wohlwollens unter die praktische
-Vernunft klar erwiesen?« -- Ja wohl, wenn schon vorher angenommen war,
-dass die Vernunft auch praktisch seyn könne, und auch wirklich sey.
-
-Und was heisst denn Vernunft überhaupt; und wie ist denn insbesondere
-die praktische von der theoretischen unterschieden? Rec. hat im ganzen
-Buche vergebens nach einer Spur gesucht, woraus hervorginge, dass der
-Verf. auch nur eine leise Ahnung habe, was Vernunft überhaupt, und was
-praktische Vernunft in der kritischen Philosophie bedeute; vielmehr hat
-er dieses Wort bald für Verstand, bald für Urtheilskraft, bald für
-Willen, und endlich gar für sittliches Gefühl, kurz fast für alles
-gebraucht gefunden, was dem Verf. unter die Feder kam. -- »Das Princip
-des uninteressirten Wohlwollens sey unbestimmt. Uninteressirt sey ein
-unbestimmter Begriff.« ^Uninteressirt,^ wie es oben erklärt worden, ist
-ein negativer Begriff, aber kein unbestimmter; er erhält seine
-Bestimmung in der Erfahrung von dem ihm entgegengesetzten ^interessirt^
-(durch sinnlichen Trieb zur Neigung bestimmt).
-
-»Wohlwollen beziehe sich auf Glückseligkeit, und werde durch die
-Unbestimmbarkeit dieses Begriffs auch unbestimmbar.« Theoretisch wohl,
-aber nicht als Princip der Willensbestimmung, wenn diesem nicht die
-hervorzubringende, sondern bloss die rein zu berichtigende
-Glückseligkeit als Zweck aufgestellt wird. Ein Wille, der Glückseligkeit
-ausser sich wirklich machte, wäre in diesem Systeme legal; einer, dessen
-Triebfeder nur lediglich die Vorstellung dieses Zweckes gewesen wäre,
-wäre moralisch. Hr. Gebhard macht die Bestreitung dieses Systems sich
-noch ferner bequem, indem er die Unterscheidung der eigenen von der
-fremden Glückseligkeit in das Princip aufnimmt, und es nun, wie
-natürlich, bei der Anwendung in Widerstreit mit sich selbst gerathen
-lässt. Aber ein consequenter Vertheidiger desselben wird den Grund
-dieser Unterscheidung bloss in der interessirten sinnlichen Neigung
-aufsuchen, und für das uninteressirte Wohlwollen Glückseligkeit
-überhaupt, ohne Rücksicht auf das Subject derselben, zum Objecte
-aufstellen. »Dies Princip sey ferner unverständlich. Ein Princip müsse
-vernünftig gedacht, besonnen seyn.« Das heisst entweder: es muss für die
-Wissenschaft sich in einer bestimmten Formel aufstellen lassen (und
-warum liesse sich denn das Bestrittene nicht in der Formel aufstellen:
-die Hervorbringung der, deinem besten Wissen nach, möglichst grössten
-Summe der Glückseligkeit in der empfindenden Welt sey höchster Endzweck
-deiner freien Handlungen?), oder: es muss in dieser bestimmten Formel
-dem Bewusstseyn beim Bestimmen des Willens vorschweben; und der Verf.
-besteht besonders auf dem letzteren. Aber warum könnte es denn in jener
-Formel das nicht, wenn es müsste? oder warum müsste es denn? Wird denn
-nicht auch das praktische Vernunftgesetz dem Bewusstseyn bloss durch ein
-Gefühl gegeben; und ist denn keine Handlung rein moralisch, die sich
-bloss auf dieses Gefühl, und nicht auf eine klare, deutliche und
-vollständige Kenntniss des kategorischen Imperativs gründet? »Der
-Uebergang eines Gefühls in Handlungen lasse sich nicht begreifen.« Wie
-mag sich der Verf. doch den Uebergang des auf die praktische Vernunft
-sich gründenden sittlichen Gefühls in Handlungen begreiflich machen?
-
-Hoffentlich haben sowohl Hr. Gebhard, als die Leser an diesen Beweisen
-der völligen Unfähigkeit dieses Kantianers zur Lösung der aufgeworfenen
-Streitfrage genug; und überheben Rec. des langweiligen Geschäfts, den
-Auszug aus einer solchen Schrift fortzusetzen.
-
-Dass der Trieb des Wohlwollens, wenn er bei seiner Anwendung auf
-bestimmte Fälle von der Vorstellung der Glückseligkeit geleitet werden
-soll, welche erst durch Sinnenempfindung gegeben werden müsste, und in
-welchem Falle die Formel: was du ^willst^, dass man dir erzeige u. s.
-f., soviel heissen würde, als: was du durch den sinnlichen Trieb
-begehrest, was dir angenehm seyn würde, das sollst du u. s. f., nicht
-Princip der Moral seyn könne, lässt sich schon aus dem Bewusstseyn
-darthun, vermöge dessen wir manches für moralisch nothwendig anerkennen
-müssen, das uns doch als die Quelle des höchsten und allgemeinsten
-Elendes erscheint. Aber diese Beziehung auf Glückseligkeit, durch das
-handelnde Subject selbst, ist etwas dem Systeme zufälliges. Die
-Hauptfrage ist die: ob jenes Gefühl des schlechthin Rechten (nicht eines
-Glückseligkeit beabsichtigenden Wohlwollens), dessen Daseyn im
-Bewusstseyn der Gegner in seiner ganzen Ausdehnung zugestehen kann, von
-etwas Höherem, und zwar von einer praktischen Vernunft, abzuleiten sey,
-oder nicht? Gegen den, der dieses läugnet, kann man sich weder auf eine
-Thatsache berufen; -- denn was wirklich Thatsache ist, das gesteht er
-zu, und dass die Vernunft praktisch sey, und durch dieses ihr Vermögen
-jenes Gefühl bewirke, ist nicht Thatsache: -- noch auf das Gefühl einer
-moralischen Nothwendigkeit (jenes ^Sollen^), das damit vereinigt ist;
-denn dies entsteht auch im Kantischen Systeme aus der Bestimmung des
-oberen Begehrungsvermögens, als oberen, zur Neigung: -- noch auf einen
-in diesem Systeme stattfindenden Mangel eines Unterscheidungsgrundes
-zwischen dem sittlichen und widersittlichen Triebe; denn der
-Vertheidiger desselben kann nur den Grundsatz aufstellen: was sich als
-allgemein, stets, immer und auf jeden Fall, gültige Maxime für das
-Subject ohne Widerspruch denken lässt, ist Wirkung des sittlichen
-Triebes, und was sich, in dieser Allgemeinheit (für das Subject)
-gedacht, widerspricht, das widerspricht dem Sittlichen; -- denn wenn
-jenes Gefühl ursprünglich und einfach seyn soll, so kann es sich nicht
-selbst widersprechen (vom nichtsittlichen, dem animalischen Instincte,
-ist es freilich nicht zu unterscheiden, aber es soll auch in diesem
-System nicht davon unterschieden werden; seine Befriedigung ist hier
-selbst Pflicht): -- noch endlich darauf, dass in demselben jeder Grund,
-eine Freiheit des Willens anzunehmen, wegfalle; denn wenn eine solche
-Freiheit keine Thatsache des Bewusstseyns, sondern ein blosses Postulat
-des als Wirkung der praktischen Vernunft angenommenen Sittengesetzes
-ist; so behilft ein System, das ihrer nicht bedarf, sich gern ohne
-dieselbe; das sittliche Gefühl wirkt unwiderstehlich, wo kein Hinderniss
-seiner Wirkung vorhanden ist. Die eigentliche Moralität wäre freilich
-vernichtet, und wir wären wieder an die Kette der Naturnothwendigkeit
-angefesselt, aber die Thatsachen unseres Bewusstseyns wären
-doch befriedigend und mit höchster Consequenz erklärt, alle
-Unbegreiflichkeiten des Kantischen Systems gehoben, und jene Moralität
-eine erweisbare Täuschung. Um jene Triebfeder des schlechthin Rechten
-mit der übrigen Natur in Zusammenhang zu bringen, und den öfteren
-Widerstreit derselben mit dem ebenso natürlichen Glückseligkeitstriebe
-aufzuheben, würden wir auf die Hypothese getrieben: dass jene Triebfeder
-eine Veranstaltung der Natur sey, um die uns unbekannte Glückseligkeit
-auch ohne unser Wissen durch uns hervorzubringen, und dass das
-Rechtthun, wenn auch nicht in unserem gegenwärtigen, oder überhaupt in
-dem unsrigen, dennoch in irgend einem Verstande letztes Mittel zum
-höchsten Endzwecke der Natur, der Glückseligkeit, sey. Der wesentliche
-Unterschied eines solchen Systems vom Kantischen wäre der, dass in jenem
-das sittliche Gefühl zwar auch Wirkung der Vernunft (als Vermögen
-ursprünglicher Gesetze) wäre, aber der ^theoretischen^; dass mithin
-dieses Gesetz durch den Mechanismus unseres Geistes ^bedingt^, und auf
-alle Fälle, worauf es anwendbar wäre, mit ^Nothwendigkeit^ angewendet
-würde (die Erscheinung der Unabhängigkeit von ihm, welche allein es von
-den übrigen Gesetzen der theoretischen Vernunft unterscheiden, und das
-bei Anwendung jener Gesetze vorhandene Gefühl des Müssens in ein Gefühl
-des Sollens verwandeln würde, entstände daher, dass die Hindernisse der
-Anwendung desselben auf Fälle, worauf es anwendbar schiene, nicht
-ebenso, wie bei jenen, zu unserem deutlichen Bewusstseyn gelangten): in
-diesem aber dasselbe Wirkung einer Vernunft wäre, welche in dieser
-Function unter keiner andern Bedingung stände, als unter der
-Bedingung ihres eigenen Wesens (der absoluten Einheit und mithin
-Gleichförmigkeit), einer praktischen Vernunft.
-
-Dieses letztere nun lässt sich weder für eine Thatsache ausgeben, noch
-irgend einer Thatsache zufolge postuliren, sondern es muss bewiesen
-werden. Es muss bewiesen werden, ^dass^ die Vernunft praktisch sey. Ein
-solcher Beweis, der zugleich gar leicht Fundament ^alles^
-philosophischen Wissens (der Materie nach) seyn könnte, müsste ungefähr
-so geführt werden: der Mensch wird dem Bewusstseyn als Einheit (als Ich)
-gegeben; diese Thatsache ist nur unter Voraussetzung eines schlechthin
-Unbedingten in ihm zu erklären; mithin muss ein schlechthin Unbedingtes
-im Menschen angenommen werden. Ein solches schlechthin Unbedingtes aber
-ist eine praktische Vernunft: -- und nun erst dürfte mit Sicherheit
-jenes, allerdings in einer Thatsache gegebene sittliche Gefühl als
-Wirkung dieser erwiesenen praktischen Vernunft angenommen werden.
-
-Der vierte Abschnitt: »ob das höchste Princip der reinen praktischen
-Vernunft sich mit dem der Glückseligkeit verbinden lasse,« -- ist
-gerichtet gegen Hrn. Rapps Abhandlung ^über die Untauglichkeit des
-Princips der allgemeinen und eigenen Glückseligkeit zum Grundgesetze der
-Sittlichkeit^, Jena, bei Mauke, 1791. Hr. Rapp habe anfangs das
-Kantische Moralprincip in seiner völligen Reinheit aufgestellt, aber am
-Ende seiner Schrift sich zu einem Synkretismus der reinen Vernunft- und
-der Glückseligkeitstheorie hingeneigt. Gleich den ersten Satz, den der
-Verf. Hrn. Rapps Satze: der sittliche gute Wille sey zwar das höchste
-Gut, aber deshalb doch nicht der ganze letzte Zweck des Menschen --
-entgegengestellt: der sittliche Wille sey nicht nur das Absolutgute,
-sondern auch das höchste, und zwar das ganze höchste Gut -- könnte man
-ihm gelten lassen, wenn er unter dem sittlichen Willen nur wirklich den
-sittlichen ^Willen^ verstände. Da er aber auch hier, wie immer, die
-praktische Vernunft mit dem eigentlichen Willen verwechselt, so ist
-klar, dass ihn niemand verstehen kann, weil er selbst sich nicht
-verstanden hat.
-
-Der bescheidene Verf. bittet in der Vorrede nicht um Nachsicht, sondern
-um eine wohlthätig aufklärende Zurechtweisung, und nach allem scheint es
-ihm mit dieser Bitte ein Ernst zu seyn. Rec. kann ihm hier bloss den
-Rath geben, noch eine geraume Zeit über Kants und anderer grosser
-Selbstdenker Schriften nachzudenken, und wenn er dann ja die Resultate
-seines Nachdenkens mittheilen, und gelesen seyn will, sich einer
-grösseren Präcision, und besonders der Einfachheit, in seinem Ausdrucke
-zu befleissigen. Es ist unangenehm, da, wo man bestimmte Erklärungen
-erwartet, auf Kräuseleien zu stossen, wie folgende: »Es giebt Charaktere
-(^sic^) und Handlungen, deren Erhabenheit und Grösse wie ein ewig
-flammender Strahl von den Zeiten des grauen Alterthums bis zur jüngsten
-Menschenwelt herableuchtet.« Bruchstücke aus dergleichen Chrien in
-zierlicher Schreibart schiebt der Verf. ein, wo es sich nur irgend thun
-lässt.
-
-
-
-
- C.
- Zum ewigen Frieden. Ein philosophischer Entwurf von Immanuel
- Kant. Königsberg, bei Nicolovius. 1795. 104 S. 8.
-
-
- (Philos. Journal Bd. IV. S. 81-92. 1796.)
-
-Der Name des grossen Verfassers, das Interesse für die gegenwärtigen und
-nächstkünftigen politischen Ereignisse, die Parteilichkeit für oder
-wider gewisse Beurtheilungen derselben, die Begierde zu wissen, wie
-dieser grosse Mann sie ansehen möge, und wer weiss, welche Gründe noch
--- haben ohne Zweifel diese Schrift schon längst in die Hände aller, die
-die Lectüre lieben, gebracht, und unsere Anzeige käme für die meisten
-Leser dieses Journals wohl zu spät, wenn sie dieselben erst mit ihrer
-Existenz bekannt machen wollte. Aber gerade diese Beziehung derselben
-auf das Interesse des Tages, die Leichtigkeit und Annehmlichkeit des
-Vortrags, und die anspruchslose Weise, mit welcher die in ihr
-vorgetragenen erhabenen, allumfassenden Ideen hingelegt werden, dürfte
-mehrere verleiten, derselben nicht die Wichtigkeit beizumessen, die sie
-unseres Erachtens hat, und die Hauptidee derselben für nicht viel mehr
-anzusehen, als für einen frommen Wunsch, einen unmaassgeblichen
-Vorschlag, einen schönen Traum, der allenfalls dazu dienen möge,
-menschenfreundliche Gemüther einige Augenblicke angenehm zu unterhalten.
-Es sey uns erlaubt, auf die entgegengesetzte Meinung aufmerksam zu
-machen, dass diese Hauptidee doch wohl noch etwas mehr seyn möge; dass
-sich vielleicht von ihr ebenso streng, als von anderen ursprünglichen
-Anlagen erweisen lasse, dass sie im Wesen der Vernunft liege, dass die
-Vernunft schlechthin ihre Realisation fordere, und dass sie sonach auch
-unter die zwar aufzuhaltenden, aber nicht zu vernichtenden Zwecke der
-Natur gehöre. Auch sey es uns erlaubt, anzumerken, dass diese Schrift,
-wenn auch nicht durchgängig die Gründe, doch zum wenigsten die Resultate
-der Kantischen Rechtsphilosophie vollständig enthält, und sonach auch in
-wissenschaftlicher Rücksicht äusserst wichtig ist.
-
-^Erster Abschnitt.^ Präliminarartikel zum ewigen Frieden unter Staaten.
-1) »Es solle kein Friedensschluss für einen solchen gelten, der mit dem
-geheimen Vorbehalt des Stoffes zu einem künftigen Kriege gemacht
-worden;« in welchem der schon bekannte oder unbekannte Grund eines
-künftigen Krieges nicht zugleich mit aufgehoben werde. Ausserdem wäre
-kein Friede, sondern nur ein Waffenstillstand geschlossen, sagt Kant. Es
-liegt im Begriff des ^Friedens.^ Durch ihn versetzen sich, glaubt Rec.,
-die Contrahirenden, so gewiss sie contrahiren, überhaupt in ein
-rechtliches Verhältniss gegeneinander, und vertragen sich nicht nur über
-das bis jetzt streitige, sondern über alle Rechte, die zur Zeit des
-Friedensschlusses ein jeder sich zuschreibt. Wogegen nicht ausdrücklich
-Einspruch geschieht (wodurch aber der Friede aufgehoben würde), das
-gestehen die Parteien einander stillschweigend zu.
-
-2) »Es solle kein für sich bestehender Staat (klein oder gross, das
-gelte hier gleichviel) von einem anderen Staate durch Erbung, Tausch,
-Kauf oder Schenkung erworben werden können;« -- weil es, so wie die
-Verdingung der Truppen eines Staates an den anderen, überhaupt gegen den
-Staatsvertrag laufe; wie ^an sich^ klar ist: -- in Beziehung auf den
-beabzweckten ewigen Frieden; weil dies eine nothwendige Quelle vieler
-Kriege gewesen sey, und fortdauernd seyn werde.
-
-3) »Stehende Heere sollen mit der Zeit ganz aufhören« -- weil sie
-beständig mit Krieg drohen, und die Errichtung, Vermehrung, Erhaltung
-derselben oft selbst eine Ursache des Krieges werde.
-
-4) »Es sollen keine Staatsschulden in Beziehung auf äussere Staatshändel
-gemacht werden;« -- als ^Erleichterungsmittel der Kriege^ zu verbieten,
-wie die stehenden Heere, -- auch um des möglichen und zu seiner Zeit
-unvermeidlichen Staatsbanquerots willen.
-
-5) »Kein Staat solle sich in die Verfassung und Regierung eines anderen
-Staates gewaltthätig einmischen;« -- nicht etwa unter dem Vorwande des
-Skandals. Es sey allemal ^scandalum acceptum,^ und die fremde
-Einmischung selbst ein grosses Skandal.
-
-6) »Es solle sich kein Staat im Kriege mit einem anderen
-Feindseligkeiten erlauben, welche das wechselseitige Zutrauen im
-künftigen Frieden unmöglich machen müssen: als da sind, ^Anstellung der
-Meuchelmörder, Giftmischer, Brechung der Capitulation, Anstiftung des
-Verrathes^ in dem bekriegten Staate« u. s. w. -- weil dadurch der Friede
-unmöglich, und ein ^bellum internecinum^ herbeigeführt würde.
-
-Beiläufig wird aufmerksam gemacht auf den Begriff einer ^lex
-permissiva.^ Sie ist nur möglich dadurch, dass das Gesetz auf gewisse
-Fälle nicht gehe, -- woraus man, wie Rec. glaubt, hätte ersehen mögen,
-dass das Sittengesetz, dieser ^kategorische^ Imperativ, ^nicht^ die
-Quelle des Naturrechts seyn könne, da er ohne Ausnahme und unbedingt
-gebietet: das letztere aber nur ^Rechte^ giebt, deren man sich bedienen
-kann, oder auch nicht. Es ist hier nicht der Ort, sich weiter darüber
-auszulassen.
-
-^Zweiter Abschnitt,^ welcher die Definitivartikel zum ewigen Frieden
-unter Staaten enthält. -- Alles ist aufgebaut auf die Sätze, die Kant
-schon ehemals aufgestellt, die nicht geringen Anstoss erregt haben, und
-deren Prämissen auch hier nicht weiter als durch Winke angedeutet sind:
-»^Alle Menschen, die aufeinander wechselseitig einfliessen können,
-müssen zu irgend einer bürgerlichen Verfassung gehören.^« »Jeder hat das
-Recht, den anderen, den er dazu aufgefordert hat, feindlich zu
-behandeln; auch ohne dass derselbe ihn vorher beleidigt.« Es sey dem
-Rec. -- der, bei seinen Untersuchungen über das Naturrecht, aus
-Principien, die von den bis jetzt bekannten Kantischen unabhängig sind,
-auf diese und auf die tiefer unten folgenden Kantischen Resultate
-gekommen, und den Beweis derselben gefunden, auch sie öffentlich
-vorgetragen hat, ehe dieses Buch in seine Hände gekommen, -- erlaubt,
-einige Worte hinzuzusetzen, um vorläufig die Befremdung, die bei der
-herrschenden Denkart diese Sätze erregen müssen, ein wenig zu mildern.
-
-Nur inwiefern Menschen in Beziehung aufeinander gedacht werden, kann von
-Rechten die Rede seyn, und ausser einer solchen Beziehung, die sich aber
-dem Mechanism des menschlichen Geistes zufolge von selbst und unvermerkt
-findet, weil die Menschen gar nicht isolirt seyn können, und kein Mensch
-möglich ist, wenn nicht mehrere bei einander sind, ist ein Recht nichts.
-Wie können freie Wesen, als solche, bei einander bestehen? ist die
-oberste Rechtsfrage; und die Antwort darauf: wenn jeder seine Freiheit
-so beschränkt, dass neben ihr die der anderen auch bestehen kann. Die
-Gültigkeit dieses Gesetzes ist sonach bedingt durch den Begriff einer
-Gemeinschaft freier Wesen; sie fällt weg, wo diese nicht möglich ist,
-sie fällt weg gegen jeden, der in eine solche Gemeinschaft nicht passt,
-und es passt keiner hinein, der sich diesem Gesetze nicht unterwirft.
-Ein solcher hat mithin gar keine Rechte, er ist rechtlos. -- So lange
-Menschen nebeneinander leben, ohne anders, als vermittelst der
-gegenseitigen Erkenntniss aufeinander einzufliessen, ist es von beiden
-problematisch, ob sie jenem Gesetze sich im Herzen unterwerfen, oder
-nicht. Da jeder von dem anderen ebensowohl das letztere annehmen kann,
-als das erstere, so kann er vor demselben nie sicher seyn; auch schon
-darum nicht, weil der andere ebensowenig weiss, ob er sich dem Gesetze
-unterwerfe, und demzufolge Rechte habe, oder rechtlos sey. Es muss jedem
-Angelegenheit seyn, dem anderen seine Anerkenntniss des Rechtsgesetzes
-zu erklären, sich von seiner Seite die seinige von ihm zusichern, und,
-da keiner dem anderen vertrauen kann, sie sich von ihm ^garantiren^ zu
-lassen; welches lediglich durch die Vereinigung mit einem gemeinen Wesen
-möglich ist, in welchem jeder durch Zwang verhindert wird, das Recht zu
-verletzen. Wer diesen Vorschlag nicht annimmt, erklärt dadurch, dass er
-dem Rechtsgesetze sich nicht unterwerfe, und wird völlig rechtlos.
-
-»Alle rechtliche Verfassung ist sonach (nach Kant), in Absicht der
-Personen, die darin stehen: 1) die nach dem ^Staatsbürgerrechte^ der
-Menschen in einem Volke (^jus civitatis^); 2) nach dem ^Völkerrechte^
-der Staaten im Verhältniss gegeneinander (^jus gentium^); 3) die nach
-dem ^Weltbürgerrechte^, sofern Menschen und Staaten, in äusserem
-aufeinander einfliessendem Verhältnisse stehend, als Bürger eines
-allgemeinen Menschenstaates anzusehen sind (^jus cosmopoliticum^).«
-
-Es giebt sonach, wie jeder daraus leicht folgern kann, nach Kants Lehre
-gar kein eigentliches Naturrecht, kein rechtliches Verhältniss der
-Menschen, ausser unter einem positiven Gesetze und einer Obrigkeit; und
-der Stand im Staate ist der einzige wahre Naturstand des Menschen: --
-alles Behauptungen, die sich unwidersprechlich darthun lassen, wenn man
-den Rechtsbegriff richtig deducirt.
-
-^Erster Definitivartikel. »Die bürgerliche Verfassung in jedem Staate
-soll republikanisch seyn.^« -- Diese Verfassung sey die einzig
-rechtliche an sich, dem Staatsbürgerrechte nach, und führe den ewigen
-Frieden herbei, der durch das Völkerrecht gefordert werde: indem nicht
-zu erwarten sey, dass die Bürger über sich selbst die Drangsale des
-Krieges beschliessen werden, die ein Monarch, ohne für sich das
-geringste dabei zu verlieren, so leicht über sie beschliesst. Die
-^Republik^ sey von der ^Demokratie^ wohl zu unterscheiden. Die letztere
-sey diejenige Verfassung, in welcher das Volk in eigener Person die
-executive Gewalt ausübt, mithin immer Richter in seiner eigenen Sache
-ist, welches eine offenbar unrechtmässige Regierungsform sey: der
-Republikanism diejenige, in welcher die legislative und executive Macht
-getrennt (ob nun die letztere an Eine Person, oder an mehrere
-übertragen), mithin das Repräsentationssystem eingeführt sey.
-
-Dem Rec. hat diese vorgeschlagene Trennung der legislativen von der
-executiven Macht immer nicht bestimmt genug, wenigstens manchen
-Misdeutungen ausgesetzt, geschienen. Er glaubt, dass diejenige Macht,
-die der executiven entgegenzusetzen ist, einer näheren Bestimmung fähig
-sey. Er hat, wenn es ihm erlaubt ist, seine Darstellung der Kantischen
-hinzuzufügen, die Sache so gefunden -- das höchste Rechtsgesetz ist
-durch die reine Vernunft gegeben: jeder beschränke seine Freiheit so,
-dass neben ihm alle übrigen auch frei seyn können. ^Wie weit^ eines
-jeden Freiheit gehen solle, d. h. über das Eigenthum im allerweitesten
-Sinne des Wortes, müssen die Contrahirenden sich vergleichen. Das Gesetz
-ist nur ^formal, dass^ jeder seine Freiheit beschränken soll, aber nicht
-^material, wie weit^ sie jeder beschränken solle. Hierüber müssen sie
-sich vereinigen. Aber dass überhaupt jeder darüber etwas declarire,
-fordert das Gesetz. Die höchste Formel für alle möglichen Strafgesetze
-ist durch reine Vernunft gleichfalls gegeben: jeder muss von seiner
-Freiheit gerade so viel wagen, als er die des anderen zu beeinträchtigen
-versucht ist. Die Menge der Menschen, die sich im Staate vereinigen, der
-Bezirk, den sie einnehmen, und die Nahrungszweige, die sie bearbeiten,
-giebt also immer das positive Gesetz für den Staat, den sie errichten;
-und jeder kann ihnen ihr bestimmtes positives Gesetz aufstellen, dem man
-nur jene Data giebt. Alle, so wie sie in diesen bestimmten Staat treten
-wollen, sind verbunden, dieses bestimmte Gesetz anzuerkennen, und es
-bedarf da keiner Sammlung der Stimmen. Jeder hat nur zu sagen: ich will
-in diesen Staat treten; und er sagt damit alles. Die Gemeine darf das
-Zwangsrecht nicht unmittelbar durch sich selbst ausüben, denn sie würde
-dadurch Richter in ihrer eigenen Sache, welches nie erlaubt ist. Sie
-muss sonach die Ausübung desselben, es sey einem Einzelnen oder einem
-ganzen Corps, übertragen, und wird durch diese Absonderung erst ^Volk^
-(^plebs^). Dieses gewalthabende Corps kann zu nichts verbunden werden,
-als nur schlechtweg was Rechtens ist in Ausübung zu bringen. Dafür ist
-es ^verantwortlich^, und die allgemeinen und besonderen Anwendungen der
-Regel des Rechts auf bestimmte Fälle bleiben ihm sonach billigerweise
-überlassen. Es ist inappellabel; alle Privatpersonen sind ihm ohne
-Einschränkung unterworfen, und jede Widersetzlichkeit gegen dasselbe ist
-Rebellion. Wie es das Recht verwalte, darüber ist nur das Volk Richter,
-und es muss das Urtheil hierüber sich schlechthin vorbehalten. Aber so
-lange jenes Corps im Besitze seiner Gewalt ist, giebt es kein Volk,
-sondern nur einen Haufen von Unterthanen; und kein einzelner kann sagen:
-das Volk soll sich als Volk erklären, ohne sich der Rebellion schuldig
-zu machen, und die executive Gewalt wird das nie sagen; das Volk könnte
-nur sich selbst constituiren, aber es kann sich nicht constituiren, wenn
-es nicht ist. Es müsste sonach der executiven Gewalt ein anderer
-Magistrat, ein ^Ephorat^, an die Seite gesetzt werden, der -- sie nicht
-^richtete^, -- aber, wo er Freiheit und Recht in Gefahr glaubte, immer
-auf seine eigene Verantwortung, ^das Volk zum Gericht über sie beriefe^.
-
-^Zweiter Definitivartikel.^ »Das Völkerrecht solle auf einem
-^Föderalism^ freier Staaten gegründet seyn.« -- Es giebt kein
-Völkerrecht zum Kriege. Recht ist Friede. Der Krieg ist überhaupt kein
-rechtlicher Zustand, wäre dieser zu erhalten, so wäre kein Krieg. -- Wir
-begnügen uns auch nur mit Winken dies anzuzeigen, wie Kant. Es hat wohl
-nie eine ungereimtere Zusammensetzung gegeben, als die eines
-^Kriegsrechts^.
-
-Es könne für Staaten, um in Beziehung aufeinander aus dem gesetzlosen
-Zustande des Krieges herauszugehen, kein anderes Mittel geben, als
-dasselbe, welches es für einzelne giebt: dass sie sich, so wie diese zu
-einem Bürgerstaate, sie zu einem Völkerstaate vereinigen, in welchem
-ihre Streitigkeiten untereinander nach positiven Gesetzen entschieden
-werden. -- Dies ist allerdings die Entscheidung der reinen Vernunft, und
-der von Kant vorgeschlagene Völkerbund zur Erhaltung des Friedens ist
-lediglich ein Mittelzustand, durch welchen die Menschheit zu jenem
-grossen Ziele wohl dürfte hindurchgehen müssen; so wie ohne Zweifel die
-Staaten auch erst durch Schutzbündnisse einzelner Personen unter sich
-entstanden sind.
-
-^Dritter Definitivartikel.^ »Das ^Weltbürgerrecht^ solle auf Bedingungen
-der allgemeinen ^Hospitalität^ eingeschränkt seyn;« -- d. h. auf das
-Recht jedes Menschen, um seiner blossen Ankunft willen auf dem Boden
-eines anderen Staates, nicht feindselig behandelt zu werden; wozu nach
-den Grundsätzen des blossen Staatsrechts der Staat allerdings das
-vollkommenste Recht hätte.
-
-^Zusatz. Von der Garantie des ewigen Friedens.^ -- Wenn sich nun gleich
-zeigen lässt (wie es sich zeigen lässt), dass die Idee des ewigen
-Friedens, als Aufgabe, in der reinen Vernunft liege: wer steht uns denn
-dafür, dass sie mehr als ein blosser Begriff werden, dass sie in der
-Sinnenwelt werde realisirt werden? Die Natur selbst, antwortet Kant,
-durch die nach ihrem Mechanism geordnete Verbindung der Dinge. Nach den
-drei Arten des rechtlichen Verhältnisses hatte die Natur dreierlei
-Zwecke sich vorzusetzen.
-
-^Zuvörderst^, nach dem Postulate des Staatsbürgerrechts, den: die
-Einzelnen zur Vereinigung in Staaten zu treiben. Würde auch nicht die
-innere Mishelligkeit, so würde doch der Krieg von aussen, der
-gleichfalls in dem Plane der Natur lag, die Menschen genöthiget haben,
-ihre Macht zu vereinigen. Dass die Form dieser Vereinigung der allein
-recht- und vernunftmässigen sich immer mehr nähere, dafür ist durch das
-allgemeindrückende der Ungerechtigkeit und Gewaltthätigkeit gesorgt, so
-dass die Menschen endlich durch ihren eigenen Vortheil werden gezwungen
-werden, zu thun, was Rechtens ist.
-
-^Dann^, nach dem Postulate eines Völkerrechts, den: die Völker
-voneinander abzusondern, welches durch die Verschiedenheit der Sprachen
-und Religionen befördert wurde, wodurch zwar anfangs der Krieg erzeugt,
-endlich aber doch durch das entstandene Gleichgewicht ein beständiger
-Friede hervorgebracht werden muss; wozu ^drittens^ der Handelsgeist, der
-auf den Eigennutz eine Sicherheit gründet, die das Weltbürgerrecht
-schwerlich hervorgebracht haben würde, beiträgt.
-
-Es sey dem Rec. erlaubt, zur Erläuterung hinzuzusetzen, wie er selbst
-die Sache ansieht. -- Die allgemeine Unsicherheit, welche jede
-rechtswidrige Constitution mit sich führt, ist allerdings so drückend,
-dass man glauben sollte, die Menschen müssten schon längst durch ihren
-eigenen Vortheil, welcher allein die Triebfeder zur Errichtung einer
-rechtmässigen Staatsverfassung seyn kann, bewogen worden seyn, eine
-solche zu errichten. Dies ist bisher nicht geschehen; die Vortheile der
-Unordnung müssen sonach noch immer die der Ordnung im allgemeinen
-überwiegen; ein beträchtlicher Theil der Menschen muss bei der
-allgemeinen Unordnung noch immer mehr gewinnen als verlieren, und
-denjenigen, die nur verlieren, muss doch noch die Hoffnung übrig seyn,
-auch zu gewinnen. So ist es. Unsere Staaten sind für Staaten insgesammt
-noch jung, die verschiedenen Stände und Familien haben sich im
-Verhältniss aufeinander noch wenig befestigt, und es bleibt allen die
-Hoffnung, durch Beraubung der anderen sich zu bereichern; die Güter in
-unseren Staaten sind noch bei weitem nicht alle benutzt und vertheilt,
-und es giebt noch so vieles zu begehren und zu occupiren, und endlich,
-wenn auch zu Hause alles aufgezehrt seyn sollte, eröffnet die
-Unterdrückung fremder Völker und Welttheile im Handel eine stets
-fliessende, ergiebige Hülfsquelle. So lange es so bleibt, ist die
-Ungerechtigkeit bei weitem nicht drückend genug, als dass man auf die
-allgemeine Abschaffung derselben sollte rechnen können. Aber sobald der
-Mehrheit die sichere Erhaltung dessen, was sie hat, lieber wird, als der
-unsichere Erwerb dessen, was andere besitzen, tritt die recht- und
-vernunftmässige Constitution ein. Auf jenen Punct nun muss es endlich in
-unseren Staaten kommen. Durch das fortgesetzte Drängen der Stände und
-der Familien untereinander müssen sie endlich in ein Gleichgewicht des
-Besitzes kommen, bei welchem jeder sich erträglich befindet. Durch die
-steigende Bevölkerung und Cultur aller Nahrungszweige müssen endlich die
-Reichthümer der Staaten entdeckt und vertheilt werden; durch die Cultur
-fremder Völker und Welttheile müssen doch diese endlich auch auf den
-Punct gelangen, wo sie sich nicht mehr im Handel bevortheilen, und in
-die Sklaverei wegführen lassen, so dass der letzte Preis der Raubsucht
-gleichfalls verschwinde. Zwei neue Phänomene in der Weltgeschichte
-bürgen für die Erreichung dieses Zweckes: der auf der anderen Hemisphäre
-errichtete blühende nordamericanische Freistaat, von welchem aus sich
-nothwendig Aufklärung und Freiheit über die bis jetzt unterdrückten
-Welttheile verbreiten muss; und die grosse europäische Staatenrepublik,
-welche dem Einbruche barbarischer Völker in die Werkstätte der Cultur
-einen Damm setzt, den es in der alten Welt nicht gab, dadurch den
-Staaten ihre Fortdauer, und eben dadurch den Einzelnen das nur mit der
-Zeit zu erringende Gleichgewicht in denselben garantirt. So lässt sich
-sicher erwarten, dass doch endlich ein Volk das theoretisch so leicht zu
-lösende Problem der einzig rechtmässigen Staatsverfassung in der
-Realität aufstellen, und durch den Anblick ihres Glückes andere Völker
-zur Nachahmung reizen werde. Auf diese Weise ist der Gang der Natur zur
-Hervorbringung einer guten Staatsverfassung angelegt: sobald aber diese
-realisirt ist, erfolgt unter den nach diesen Grundsätzen eingerichteten
-Staaten das Verhältniss des Völkerrechts, der ewige Friede von selbst,
-weil sie bei dem Kriege nur verlieren können; dahingegen vor Erreichung
-des ersten Zweckes an die Erreichung des zweiten nicht zu denken ist,
-indem ein Staat, der in seinem Innern ungerecht ist, nothwendig auf
-Beraubung der Nachbarn ausgehen muss, um seinen ausgesogenen alten
-Bürgern einige Erholung zu geben, und neue Hülfsquellen zu eröffnen.
-
-Der Anhang ^über die Mishelligkeit zwischen der Moral und der Politik,
-in Beziehung auf den ewigen Frieden^, enthält eine Menge treffend
-gesagter Wahrheiten, deren reifliche Beherzigung jeder, dem Wahrheit und
-Geradheit am Herzen liegt, wünschen muss.
-
-
-
-
- Poesien
- und
- metrische Uebersetzungen.
-
-
- (Meist ungedruckt.)
-
-
-
-
- A.
- Das Thal der Liebenden.
- Eine Novelle.[39]
-
-
-In der anmuthigsten Gegend der Veltelin, ohnweit der Grenze von Italien,
-liegt ein kleines Thal, das Thal der Liebenden genannt. Haine von
-Lorbeeren und Pomeranzen und Citronen, die ohne Pflege wachsen, erfüllen
-es, und duften Sommer und Winter die angenehmsten Gerüche: in der Mitte
-desselben ist ein kleines Myrtenwäldchen, und im Myrtenwäldchen ein
-grosser Grabhügel, von immer blühenden Rosen umgeben. Vom hohen waldigen
-Gebirge bedeckt, von Felsen eingezäunt, erblickt es selten das Auge
-eines Sterblichen, verirrt dahin sich selten der Fuss des Wanderers. Nur
-wenige sind hineingekommen. Ein geistiges Wehen, wie Küsse eines Engels,
-fühlten sie an ihren Wangen; eine sanfte Wehmuth erfüllte ihre Seele;
-unvermerkt enttröpfelten ihren Augen Thränen, und das war ihnen so süss!
-Die Bilder ihrer verstorbenen Freunde oder Geliebten gingen vor ihrer
-Seele vorüber, und Ahnungen von Wiedersehen, Vorgefühle des ewigen
-Lebens erfüllten sie, wenn sie auf dem Grabeshügel im Myrtenwäldchen
-fünf Flämmchen blinken sahen, Symbole wiedervereinigter Treue nach dem
-Tode. Einst drang ein Landvogt auf der Jagd einem verwundeten Rehe nach,
-das hieher seine Zuflucht genommen hatte, in das Thal ein. Bangigkeit
-und Angst überfiel ihn, kalter Schweiss rollte über seine Stirn herab,
-er musste den geweihten Boden verlassen.
-
-[Fußnote 39: Geschrieben zu Zürich im Jahre 1786 oder 1787. -- Man
-vergleiche die Vorrede S. XVI.]
-
-In diese Gegenden hatte sich vor Jahrhunderten, erzählen die Hirten, ein
-junger Ritter verirrt. Im hohen Walde verloren, ermattet und hungrig,
-erblickte er durch die Nacht hin von ferne ein Feuer. Es waren Hirten,
-die bei ihrem Vieh wachten. Sie theilten willig mit ihm ihre geringe
-Kost, und er wärmte sich an ihrem Feuer. -- »Wie es dort wieder im
-Gebüsch heult!« sagte der eine, der jetzt eben zu ihnen hinzukam; »wie
-der Geist des armen Einsiedlers wieder winselt und ächzt! weiss Gott,
-die Haut schauert mir allemal, wenn ich da vorbeigehe.« -- »Mir auch,
-sagte der andere, ich mache lieber einen Umweg von einer Stunde. Und es
-war doch ein so guter frommer Mann, der Einsiedler: betete so fleissig,
-grüsste jedes Kind so freundlich, und wies zurechte und half. Weisst du
-noch, wie er mir den kranken Fuss heilte, den ich mir beim Herabstürzen
-von jenem Felsen zerquetscht hatte?« -- »Und wie er mir meine verirrten
-Lämmer wiederbrachte? Ach! wie wird es erst unser einem einmal gehen?
-Komm, wir wollen ein Vaterunser für seine arme Seele beten.«
-
-Wehmuth und Mitleiden erfüllten den Ritter. -- »Kommt, führet mich an
-den Ort.« Sie führten ihn hin. Es war eine trübe Nacht; der Wind sausete
-durch den Busch dem Ritter entgegen; es winselte und ächzte dumpf im
-Gebüsch. -- »Wer du auch seyest, unglückliche Seele, die im Fegefeuer
-leidet; können Gaben oder Seelenmessen, oder das Gebet irgend eines
-Sterblichen deine Qualen lindern, so entdecke dich mir: meine Seele
-liebt und bedauert dich,« sagte der Ritter, und plötzlich stieg unter
-dem Hügel eine Gestalt hervor. Ein langer Bart wallte ihm herab bis auf
-den Gürtel; sein Auge war eingefallen und erloschen, seine Wange
-abgewelkt, nagender Kummer war über sein Gesicht verbreitet; aber durch
-die dicke Wolke des Grams, die auf ihm lag, blickte ein einziger
-schwacher Zug von Ruhe und entfernter Hoffnung hindurch. Sein Anblick
-erfüllte die Seele mit Mitleid, aber nicht mit Grauen.
-
-»Jüngling,« so redete der Geist, »schaudere nicht vor mir zurück! Noch
-sind es nicht zehn Jahre, so war ich ein Ritter, jung und feurig, und
-mannhaft wie du -- solltest du nie den Namen Rinaldo gehört haben? --
-und ach! wie glücklich! Nicht umsonst vielleicht führte dich das
-Schicksal zu meiner Gruft, die noch nie ein Sterblicher so in der Nähe
-betrat. Höre die Geschichte meiner Leiden, und beklage mich.«
-
-»In meinen ersten Jünglingsjahren, jeder Tropfen Bluts in mir Feuer, und
-jede Nerve Kraft, kam ich an den Hof nach Paris. In jedem Turnier war
-der Preis für mich. Ich gefiel; die Ritter verleumdeten mich, und die
-Damen sprachen nur unter sich allein von mir. Einer der schönsten Tage
-meines Lebens war der Vermählungstag der Königstochter. Aus allen
-Ländern der Franken hatte die Krone der Ritter sich versammelt zum
-feierlichen Turnier. Wir kämpften drei Tage, und ich war Sieger. Die
-neidischen Blicke der Ritter und das laute Zujauchzen des Volkes von den
-Schranken her, beides war mir gleich festlich. Im Taumel der Freude sah
-ich rund um mich her, um alle Blicke des Beifalls einzusaugen, und sahe
-in der ersten Reihe in den Schranken ein Fräulein; ihr trübes
-schwimmendes Auge zur Erde gesenkt, ihr Haupt nach einer Seite geneigt,
-wie eine Lilie vor der Sonnenhitze sich herabbeugt; Ernst und tiefes
-Nachdenken in ihren sanften schwärmerischen Zügen. Kein fröhliches
-Händeklatschen, kein Lächeln, kein verlorener Seitenblick auf mich; --
-sie allein unter den Tausenden, die sie umgaben, kalt und ernsthaft! --
-Ich ward tief herabgeschleudert. -- Warum verachtet sie dich? eben sie,
-die vollkommenste unter den Mädchen?«
-
-»Ein Tanz beschloss den Tag. Alle drängten sich zu dem Sieger, stolz an
-seiner Seite die Reihen durchzuwallen, seine Blicke aufzufangen, und er
-suchte die in einem Winkel verborgene Verächterin. Sie flog mir
-entgegen, -- und auf einmal, wie aufgehalten, schien sich ihr unwilliger
-Fuss zu sträuben. Schüchtern und verscheucht tanzte sie; riss sich los,
-entfernte sich, tanzte mit andern, und feuriger. Sie verachtet dich,
-tönte es im Innersten meiner Seele, aber warum? -- Ich hätte mich selbst
-verachten mögen. -- Jetzt empörte sich beleidigter Stolz, sie zu meiden;
-jetzt sprach Liebe und Neugier, sie zu suchen. Ich schwur mir
-tausendmal, sie nie wieder zu sehen, und ging den ersten Morgen an einen
-Ort, wo ich sie zu finden hoffte. Sie war heiter bei meiner Ankunft;
-ihre Stirn umwölkte sich, sobald sie mich sah. So war sie immer.«
-
-»Ich beschloss, Paris zu verlassen, und sie nie wieder zu sehen. Ich
-beurlaubte mich vom Hofe. Schon war ich die Stufen herabgestiegen, als
-die Zofe mir ein Blatt folgenden Inhalts in die Hand drückte: »»Dank
-euch, edler Ritter, dass ihr Paris verlasset, und durch eure Entfernung
-einer Unglücklichen die Ruhe wiedergebt, die eure Gegenwart ihr raubte:
-ein Geständniss, das während derselben keine irdische Macht mir würde
-entrissen haben. Würdiget Eures Andenkens, Eurer Thränen, Eures Gebets
-die unglückliche Maria.««
-
-»Wonnegefühl engte meine Brust, ich musste ihr Luft machen. Ich eilte
-auf den Flügeln der Liebe zu ihr. Ich fand sie nicht; -- Unmuth ergriff
-mich. Die Falsche, sie lockt mich an, und stösst mich wieder zurück! --
-Ich konnte nach meinem Abschiede vom Hofe nicht mehr öffentlich
-erscheinen; stellte mich krank, um einen Vorwand für mein längeres
-Bleiben zu haben; und wards vor Liebe und Schmerz. Verlangen nach ihr
-gab mir das Leben wieder. Ich ging, und überraschte sie in einer
-einsamen Laube. Sie sass über einer Stickerei, in Trübsinn versunken.
-Noch ehe sie mich erblickte, lag ich zu ihren Füssen. -- »»Verlasst
-mich, grossmüthiger Ritter, rief sie: verlasst die Gegend, in der ich
-lebe. O das unselige Geständniss! warum musste es sich doch aus diesem
-Herzen heraufdrängen, das bei Euch nur einer flüchtigen Neigung zu
-begegnen fürchtete!«« Ich besänftigte sie. Bebend hörte sie meine
-Schwüre, auf ewig der ihrige zu seyn; bebend empfing sie meine heissen
-Küsse. Ein trauriges Vorgefühl schien ihre Seele zu durchschauern.«
-
-»Ihr Herz war offener; es kämpfte noch, aber es unterlag allmählig dem
-Gefühle der Liebe. Ich sah sie öfters in dieser Laube. Ein feindlicher
-Dämon gab mir ein, es gehöre unter die Trophäen eines Ritters, die
-Unschuld zu morden. Es war die Moral, die bei festlichen Gelagen oft an
-der Tafel meines Vaters ertönt hatte. -- In süsse Schwärmereien
-versunken, überraschte uns einst die schönste Sommernacht in unserer
-lieben Laube. Ich bestürmte ihre Tugend, und ich merkte mit jeder Minute
-ihren Widerstand schwächer werden. Schon glaubte ich gesiegt zu haben,
-als sie in Thränen zerfliessend meine Füsse umschlang. -- »Mann mit der
-stärkeren Seele, schluchzte sie, schone die schwächere weibliche. Siehe,
-ich bin in deiner Gewalt; du kannst der Schwachen, die jetzt ihr Leben
-für dich verbluten würde, das rauben, was ihr mehr ist als das Leben;
-aber schone der Armen, sey grossmüthig und thu' es nicht.« -- Kalter
-Schauer überfiel mich; die Tugend fing an, in mein Herz zurückzukehren;
-aber -- »besiegst du sie jetzo nicht, so entfernt sie dich nun auf immer
-von sich« -- flüsterte der feindliche Dämon, und -- er siegte.«
-
-»Ich verliess sie in Thränen gebadet. In meiner Wohnung traf ich Boten
-von meinem Vater: er erwarte seinen Tod; ich solle eilen, ihn noch
-lebendig zu finden. -- Ich verliess Paris sogleich, ohne sie sehen, ohne
-ihr ein Lebewohl sagen zu können. Mein Herz zog mich gewaltig zurück:
-aber der Zug ward schwächer, als neue, unerwartete Eindrücke mich
-bestürmten. Mein Vater starb in meinen Armen. Das Bild eines sterbenden
-geliebten Vaters, neue Sorgen, andere Gegenstände, alles vereinigte
-sich, das Andenken an Marien in meiner Seele zurückzudrängen. Eine
-dumpfe, theilnahmlose Trauer hielt lange meine Seele umfangen. Da sah
-ich Laura, das Meisterwerk des Schöpfers, und mit dem ersten Blicke
-waren unsere Seelen Eins. Heilige Bande verknüpften uns; wir tranken die
-Seligkeit der Liebe in vollen Zügen.«
-
-»Innige Liebe liebt keine Zuschauer: wir verliessen das Geräusch der
-Stadt, um in der einsamsten Gegend am Fusse der Alpen unseren Himmel
-aufzuschlagen. Wir durchirrten Arm in Arm die paradiesischen Fluren. Sie
-ging einst allein aus, um eine Gegend hinter einem angenehmen Hügel, der
-immer das Ziel unserer Wanderungen gewesen war, zu sehen. Ich war durch
-einen Zufall zu Hause geblieben. Ihre Zurückkunft verzog sich. Ich
-lauschte an der Laube, die ich ihr unterdessen an ihrem Lieblingsplatze
-bereitet hatte, um sie bei ihrer Rückkunft angenehm zu überraschen. Bei
-jedem Rauschen eines Blattes, jedem leisen Fusstritte glaubte ich sie zu
-hören. Es kam ein Bote von ihr. Zitternd eröffnete ich das Blatt, das er
-mir gab, und las folgende Worte: »»Wie könnte ich Rinaldo'n besitzen,
-indess Maria verlassen weint? Rührt dich ihr Elend nicht, so lass die
-Bitten der Laura -- ach deiner Laura! -- dich rühren, an ihr tief
-verwundetes, noch immer nur für dich schlagendes Herz zurückzukehren.
-Vergiss Lauren und störe die Ruhe nicht, der ich entgegeneile. Gehe
-ostwärts von deiner Wohnung, nach dem Hügel zu, den wir heute früh von
-der Morgensonne so schön vergoldet sahen, wo ein früher geliebtes Weib
-und eine süsse Tochter, ganz das Ebenbild Rinaldo's, auf deine
-Umarmungen warten.««
-
-»Der Schlag war fürchterlich. Nach geraumer Zeit erst erhielt ich meine
-Besonnenheit wieder. Die Scham hielt mich ab, Marien aufzusuchen: Laura
-war mir durch ihre Grossmuth doppelt theuer geworden. Ich wandte Alles
-an, sie wieder zu finden; kein Kloster, keine Einsiedelei, keine einsame
-Gegend wurde undurchsucht gelassen: ich durchstreifte selbst als Pilger
-die halbe Erde: ich hoffte sie durch meine Bitten zu erweichen; aber
-vergebens, ich fand sie nicht. Ich kam endlich in dieses Thal, lebte als
-Eremit in demselben, errichtete meiner Laura, die ich für längst todt
-hielt, ein Grab, betete und weinte auf ihrem Hügel, und starb auf ihm.«
-
-»Wenn der Geist die irdischen Fesseln verlassen, und von aller
-Zumischung der Sinnlichkeit frei ist, sieht er alles in einem anderen
-Lichte. Taumel dieser Sinnlichkeit berauschte mich, im Leben Marien zu
-vergessen; jetzt fühlte ich ihre Schmerzen, die Schmerzen Laurens und
-die Schmerzen der Armen, die unter Thränen geboren, dem Elende geweiht,
-nie den Vaternamen gestammelt hat; die vielleicht bestimmt ist, eine
-Beute des Elendes oder des Lasters zu werden. Ich leide alle Qualen, die
-ich diesen verursacht habe, im Fegefeuer, das die Reue eben gebiert und
-das stete Gedächtniss der unabänderlichen Vergangenheit, -- bis Laura
-und Maria glücklich sind, bis ich mein Kind an dem Arme eines Mannes
-sehe, der nur sie liebt. Ach! wird meine Qual wohl je aufhören? -- Aber
-ich fühle das Wehen der Morgenluft. Nicht umsonst vielleicht führte dich
-das Schicksal an meine Gruft. Lerne die Unschuld verehren, und rührt
-dich das Elend der Seele des armen Rinaldo, so bete für mich, und
-wallfahrte zum heiligen Grabe.« -- Hiermit verschwand der Geist.
-
-Schauder ergriff Don Alfonso; so hiess der junge Ritter. Er kniete
-nieder, und legte auf Rinaldo's Grabe das heilige Gelübde ab, nicht zu
-ruhen, bis er etwas zur Befreiung der armen Seele beigetragen, und die
-Unschuld immer zu verehren. Die Hirten versichern, dass er dieses
-Gelübde nie gebrochen.
-
-Durch seinen natürlichen Hang zur Andacht sowohl, als durch die
-Empfindungen, die an der Gruft Rinaldo's sich seiner bemächtigt hatten,
-begeistert, trat er die Reise nach dem heiligen Grabe an. Er besuchte
-alle die Oerter, wo der Weltheiland gelitten. Als er einst, sich selbst
-und die Welt um sich vergessend, auf dem heiligen Grabe in warmer
-Andacht kniete, und für die Seele des armen Rinaldo betete, überfiel ein
-Haufen sarazenischer Räuber Jerusalem, und führte ihn gefangen weg. Man
-brachte ihn unter die Sklaven des Emir von Medina.
-
-Je mehr seine Gestalt die Herzen der Heiden für ihn eingenommen hatte,
-desto heftiger wurden sie durch seine standhafte Weigerung, die Lehre
-ihres Propheten anzunehmen, erbittert. Er wurde mit den niedrigsten der
-Sklaven gebraucht, in den Gärten des Emir zu graben. Die Härte der
-ungewohnten Arbeit, die Strenge, mit der er behandelt wurde, und das
-brennende Klima verzehrten seine Kräfte. Er fiel an einem Abende, zur
-Zeit, da die Gärten geschlossen und die Arbeiter herausgelassen wurden,
-ohnmächtig nieder, und erwartete das Ende seiner Leiden. Niemand
-bemerkte den Vorfall.
-
-Eine süsse klagende Stimme, die in einem Zimmer des Serail, das an die
-Gärten stiess, in französischer Sprache ein Lied an die Jungfrau Maria
-sang, und durch öfteres Weinen und Schluchzen sich unterbrach, brachte
-ihn wieder zum Bewusstseyn. -- »O holde Mutter! seufzte die Stimme, wo
-bist du, um die Blume welken zu sehen, die du so zärtlich pflegtest?
-theure Cölestina! die du jedes Gefühl der Tugend in mir wecktest, wo
-bist du, um den letzten Trost in meine Seele zu giessen, und dies
-brechende Auge zu schliessen?« Sie schloss mit einem rührenden Gebete an
-die heilige Jungfrau, worin sie mit schwärmerischer Andacht ihren
-Entschluss entdeckte, sich den Dolch in das Herz zu stossen, ehe sie
-sich der Wollust des Emir aufopfere, die ihr diese Nacht drohe; und sie
-bat, ihr für diese That entweder Gnade bei Gott zu erflehen, oder ihr
-Hülfe zu senden.
-
-»Sie hat sie dir gesendet;« rief der Ritter, dem fremdes Elend die
-Kräfte wiedergab, die sein eigenes ihm genommen hatte, -- »hier ist mein
-Arm, und wenn tausende in Waffen gegen mich ständen, so rettete er
-dich!« -- »Eiserne Riegel und Gitter verwahren mich, edler Fremdling,
-ein Heer von Wächtern lauert auf mich. Dein Arm ist zu schwach, mich zu
-retten. Habe Dank für dein Mitleiden, habe Dank, dass ich nicht
-unbedauert sterben werde; und bist du ein Franke und ein Christ, wie
-deine Sprache zu zeigen scheint, so bete für die Seele der armen Marie.«
-
-Er ergriff zwei Baumleitern, und band sie zusammen, um das Zimmer
-Mariens zu ersteigen.
-
-Indessen war von dem Aufseher der Sklaven seine Abwesenheit bemerkt
-worden. Der erste Verdacht fiel auf den Garten. Man ging hinein, und
-traf ihn mitten in seiner Unternehmung. Die Absicht derselben war nicht
-zweideutig. Es wurde sogleich dem Emir gemeldet. Sein Zorn war grimmig;
-er bestimmte den nächsten Morgen zu seiner Hinrichtung.
-
-In jeder anderen Lage wäre vielleicht der Tod dem Alfonso willkommen
-gewesen, er hätte ihn nur als seinen Retter aus einer Sklaverei
-betrachtet, die ihm ebenso erniedrigend als hart schien; und hätte ihn
-gern gegen ein thatenloses Leben umgetauscht: aber jetzt kränkte das
-Schicksal der armen Marie, die er nicht retten konnte, ihn mehr, als
-sein eigenes, und auch jener Wunsch, vor seinem Ende noch etwas zur
-Befreiung der Seele Rinaldo's beizutragen, wurde lauter, je mehr er sich
-demselben zu nähern glaubte. Er ging, mehr unerschrocken als freudig,
-seinem Tode entgegen.
-
-Die Werkzeuge seiner Hinrichtung waren bereitet. Im Hofe des Serail war
-ein Scheiterhaufen errichtet. Der Pöbel strömte dem Schauspiele zu, und
-der Emir erschien mit seiner neuesten Favorite, Alzire, auf einem
-Balkon, um die Hinrichtung mit anzusehen.
-
-Er kam eben von dem ersten Genusse ihrer höchsten Gunst, und sein Feuer
-war dadurch gegen sie nicht erkaltet. Er war ihr ergebener, als er es
-seit langer Zeit einem Weibe gewesen war, und hatte ihr versprochen, ihr
-die erste Bitte, die sie an ihn thun würde, sie betreffe, was sie wolle,
-uneingeschränkt zu gewähren. War es ein geheimes Wohlwollen, das das
-Herz der Alzire bei Alfonso's Anblick plötzlich zu ihm neigte; oder
-konnte sie die That, dem Emir diejenige rauben zu wollen, von der allein
-sie ihren Sturz befürchten durfte, nicht sehr strafbar finden; oder war
-es eine unmittelbare Wirkung der Vorsehung, die Alfonso'n erhalten
-wollte: Alzire bat um sein Leben. Unwillig, aber ehrliebend genug, um
-sein Wort nicht zu brechen, und zu schwach, um Alzirens Bitte
-widerstehen zu können, gab der Emir sogleich Befehl, den Alfonso über
-die Grenze zu bringen.
-
-Der Ritter, untröstlicher, diejenige ihrem Schicksal zu überlassen, die
-er so gern mit Verlust seines Lebens gerettet hätte, als erfreut über
-die unvermuthete Rettung seines Lebens, durchirrte die rauhen Wüsten
-Arabiens. Wurzeln, die er sparsam fand, waren seine einzige Nahrung, und
-der heisse Sand brannte seine Füsse, und trocknete seine Kräfte aus. In
-der vierten Nacht, indess der Sturm ihn umheulte, und die Wolken den
-Schimmer des letzten Sterns vor seinem Auge verdeckten, arbeitete er
-sich mühsam durch verwachsene Büsche hindurch; und eben waren seine
-letzten Kräfte im Schwinden, als er aus einer Felsenkluft ein mattes
-Licht schimmern sah. Hoffnung belebte die Kraft, die ihm noch übrig war:
-er erreichte die Grotte.
-
-Ein Weib, weiss gekleidet, von schlankem Wuchse, trat ihm entgegen. Die
-ehemalige Schönheit der Jugend schien auf ihrem Gesichte einer
-erhabenern Schönheit Platz gemacht zu haben. Die geistigste Andacht
-flammte in ihrem grossen, zum Himmel emporgewöhnten Auge, und
-verbreitete sich über ihr ganzes Gesicht. Nichts liess in ihr die
-Sterbliche errathen, als die sanfte Wehmuth, von der alle diese Züge
-gemildert waren, und welche die Spur ehemaliger Leiden verwischt zu
-haben schien. Sehr verzeihbar war also der Irrthum des Ritters. --
-»Heilige Jungfrau, redete er sie an, und sank auf seine Kniee;
-wunderthätige Helferin! -- wer bin ich, dass du mich würdigest, den
-Himmel zu verlassen, um mich zu retten?« -- »O steh auf! rief ihm jene
-zu, und entweihe nicht den Namen der Heiligen. Ich bin eine Sterbliche,
-wie du; glücklich, wenn die Mutter Gottes sich meiner bedienen will, dir
-zu helfen! Aber welches Schicksal treibt dich in diese unzugängliche
-Wüste, wo ich seit vielen Jahren keinen Wanderer erblickte? Kann ich und
-womit kann ich dir dienen?«
-
-Die Entkräftung des Ritters erlaubte ihm nicht, auf die erste dieser
-Fragen zu antworten; aber sie nöthigte ihn, es auf die andere zu
-thun.[40] Er bat sie um einen Trunk Wasser und um etwas Speise.
-
-Sie ging und schöpfte ihm aus der Quelle, die hart an ihrer Grotte aus
-dem Felsen rieselte, und brachte milde Früchte, die sie selbst gezogen
-hatte. -- »Erquickt euch, Fremdling; sagte sie zu ihm, mit dem wenigen,
-was ich euch geben kann; und nehmet dann dieses Lager ein. Ich werde
-schon auch einen Platz finden. Wer wollte sich durch eine falsche
-Anständigkeit abhalten lassen, die Pflichten der Menschlichkeit zu
-erfüllen, wenn es nicht gegen unser eigenes Geschlecht ist?«
-
-Der Ritter war durch alles, was er sah und hörte, wie betäubt. Erst
-nachdem er von seiner Entkräftung sich ein wenig erholt, und einer
-ruhigen Besinnung mächtig war, fing die Neugierde und Verwunderung an,
-an die Stelle dieser Betäubung zu treten; aber seine Unbekannte, die
-allein sie hätte befriedigen können, war verschwunden. Wunderbare
-Ahnungen strömten durch seine Seele; noch konnte er sich nicht
-überreden, ein sterbliches Weib gesehen zu haben: aber bald wurden alle
-seine Zweifel durch einen festen Schlaf gefesselt.
-
-Das Erste, was seine Sinne traf, als er wieder erwachte, war die Melodie
-des Liedes, das die arme Maria gesungen hatte. Es war ihm, als ob ein
-Traum ihn wieder in die Gärten des Emir versetzte; er brauchte Zeit, um
-sich zu überzeugen, er wache; er horchte und horchte genauer; der Gesang
-kam vom Eingange der Grotte her. Die Unbekannte sass an der Morgensonne,
-und sang mit der rührendsten Stimme jenes Lied. Seine ganze Seele
-lauschte auf ihren Gesang: wie wär' es ihm möglich gewesen, sich selbst
-durch Muthmaassungen und Untersuchungen zu unterbrechen! -- Das Lied
-schloss und die Stimme schwieg. Eben war er im Begriff, sich seinem
-Erstaunen und seiner Begierde, sich diese Begebenheiten alle zu
-erklären, von neuem zu überlassen, als ein anderer Vorfall seine
-Betrachtungen unterbrach.
-
-[Fußnote 40: »Voltairisch!« (Randglosse des Verfassers.)]
-
-»Bist du es wirklich, meine Tochter?« sagte die Unbekannte zu einem
-jungen Frauenzimmer, das sich sprachlos und schluchzend in ihre Arme
-warf, und ihr weinendes Gesicht an ihrem Busen verbarg; -- »schenkt die
-heilige Jungfrau die als todt Beweinte mir wieder? -- Ja, du bist es,
-ich fühls an dem starken Schlagen deines Herzens gegen das meinige, an
-deinem freudigen Zittern in meinen Armen. Wer, als meine holde Maria,
-könnte mich so lieben? Aber, sieh mich an; lass mich dies so lang
-entbehrte Antlitz wieder sehen; lass michs auch in deinen Augen, in
-allen den wohlbekannten Zügen deines Gesichts lesen, dass du es bist,
-die mich so liebt. -- So sollte ich denn auch diese Freude noch auf der
-Erde haben, dich wieder zu sehen; sollte noch nicht von allem Irdischen
-mein Herz losreissen! Ich hatte auch diesen Wunsch daraus vertilgt, dich
-wieder zu haben; das ward mir schwer. -- Heiliger Gott, und du,
-gnadenvolle Mutter desselben, diese Belohnung meiner Leiden wagte ich
-nicht zu hoffen. Ich dankte dir für den Seelenfrieden und die
-Heiterkeit, die du mir gabst, meinen letzten und härtesten Verlust zu
-ertragen. Aber jetzt hilf mir die Freude tragen, dass sie mein Herz
-nicht von dir abziehe; und -- sieh auf mich herab, -- wenn du mir die
-Holde wieder nehmen willst, oder wenn ich sie nicht mehr rein und nur
-dir treu wiedergefunden hätte: hier bin ich, -- ich ergebe mich in
-deinen Willen! -- Und jetzt, liebe Tochter, erzähle mir: wo warst du
-seit jenem traurigen Tage, der dich von mir trennte, und was trennte
-dich von mir?«
-
-»Du warst, seitdem meine gute erste Mutter gestorben war, gütige
-Cölestina!« -- hörte der Ritter jene Stimme sagen, die er schon in den
-Gärten zu Medina gehört hatte, -- »nicht mehr immer so ganz heiter, als
-du es vorher warest. Ich bemerkte zuweilen, dass, wenn du mich an dein
-Herz drücktest, du plötzlich dich abwandtest, und dann kam es mir vor,
-als ob du eine Thräne unterdrücktest. Du gingest dann hinaus auf meiner
-Mutter Grab, und betetest, und bliebst oft lange; und wenn du
-zurückkamst, war so ein Glanz und so eine Heiterkeit in deinem Gesichte,
-und du warst so sanft und so feierlich froh, und mir war so wehmüthig
-wohl an deiner Seite, dass mich dünkte, du seyest auf dem Grabe verklärt
-worden, und seyest nicht mehr meine Mutter Cölestina, sondern ein
-heiliger Engel. -- Doch vernimm das Schicksal, das mich von dir getrennt
-hat. Einst an einem Morgen -- du ruhtest noch -- war ich ausgegangen,
-Blumen zu suchen, und meiner Mutter Grab damit zu schmücken. Ich hatte
-mich wohl zu weit entfernt, denn plötzlich erschienen die Räuber der
-Wüste, die mich mit Gewalt fortschleppten, und als ich schrie, damit du
-mir helfen solltest, mir den Mund verstopften. Sie hörten nicht auf mein
-Weinen noch Bitten, sondern brachten mich durch lange Wüsteneien in eine
-Stadt. Die Stadt hiess Medina, wie ich nachher erfuhr. Hier bedeckten
-sie mein Angesicht mit einem Schleier, bis sie mich zu einem reichen
-Manne brachten, der den Räubern Geld gab, und mich seinen Weibern
-übergab.«
-
-»Heilige Mutter Gottes! was waren dies für Weiber! Schön waren sie;
-einige dünkten mich noch schöner, als du, meine Mutter; aber doch sah
-ich sie nicht gern, und es war mir nie recht wohl, wenn sie mir ins
-Gesicht sahen. Man sah es nicht, ob sie mich liebten, oder ob sie sich
-untereinander liebten. Sie liebten mich wohl auch nicht? -- Wenn ich
-redete, so lachten sie. Ich musste ihre Sprache lernen; und ich lernte
-sie so gerne und so fleissig, damit ich mit ihnen reden könnte, und
-damit sie meine Freundinnen würden. -- Kaum lernte ich sie verstehen, so
-hörte ich, dass sie nichts vom Weltheilande und von seiner Mutter
-wussten; und als ich ihnen davon sagen wollte, und ihnen erzählen, wie
-gütig und huldreich sie wären, verlachten sie mich abermals, und redeten
-dagegen viel von einem grossen Propheten, der wohl ein falscher Prophet
-seyn muss, weil du mir nichts von ihm gesagt hast. -- Endlich kam einst
-jener reiche Mann wieder, der den Männern, die mich geraubt hatten, Geld
-gegeben hatte, und verlangte, ich sollte ihn lieben; und das konnte ich
-doch nicht: denn er sah so wild und grausam, und wusste ebensowenig vom
-Weltheilande, als seine Weiber, und that allerhand Dinge mit mir, die
-wohl schändlich seyn müssen, weil er sie that, und weil er so verstört
-dazu aussah. Ich stiess ihn zurück: die Mutter Gottes gab mir eine
-Kraft, die ich nie gefühlt hatte, dass ich Schwache dem starken Manne
-Widerstand leisten konnte. Ich weinte bitterlich; da ward der Mann sehr
-zornig, und sagte mir mit wildem Gesichte: er würde diese Nacht
-wiederkommen, und da würde mich nichts vor ihm retten.«
-
-»Mir war sehr eng ums Herz. Ich betete inbrünstig zur Mutter Gottes,
-mich zu erleuchten, was ich thun sollte; und wie ich feuriger betete,
-wurde ich immer muthiger. Es war, als ob eine geheime Stimme mir ins
-Herz flüsterte, es sey schändlich und sehr schändlich, was dieser Mann
-mit mir thun wolle, und ich müsse eher sterben, ehe ich es ertrüge. Ich
-wusste, dass eine meiner Gespielinnen ein Werkzeug hatte, -- sie nannte
-es einen Dolch -- wovon sie mir einst sagte, man könne jemand damit
-tödten. Damit kann man ja wohl auch sich selbst tödten, dachte ich. --
-Sage mir, liebste Mutter, that ich unrecht, dass ich es ihr heimlich
-wegnahm? Sie konnte es ja dann immer wieder haben, glaubte ich.« --
-»Erzähle weiter,« sagte Cölestina. -- »Der Entschluss mich zu tödten,
-ehe ich mich der Gewaltthätigkeit des Mannes überliesse, wurde nun immer
-fester in mir; und nachdem ich ihn der heiligen Jungfrau vorgetragen
-hatte, wurde mir innerlich wohl dabei, und ich glaubte gewiss, dass sie
-mir für diese That Gnade bei Gott erflehen werde; als plötzlich jemand
-unter dem Fenster rief: er wolle mich retten, und einige Leitern
-zusammenband, wie ich hörte. Gleich darauf aber vernahm ich, dass er
-ergriffen und unter tausend Verwünschungen weggeführt wurde. War es ein
-Sterblicher, -- er musste es ja wohl seyn, weil er sich ergreifen und
-fortführen liess, und mich nicht retten konnte, -- wie wird es dem Armen
-ergangen seyn, der um meinetwillen sich in diese Gefahr stürzte! Wie er
-ergriffen wurde, verschwand meine Ruhe. Sein Schicksal hat seitdem mir
-mehr Kummer gemacht, als das meinige.«
-
-»Er ist gerettet« -- rufte der Ritter, der jetzt erst es wagte, Theil an
-der Unterredung zu nehmen, weil er sich unter alten Bekannten zu seyn
-dünkte; -- »und hatte seit jener Nacht den ersten angenehmen Augenblick,
-da er auch dich gerettet sah.«
-
-Maria warf einen schüchternen, aber dankbaren Blick auf den Ritter, um
-sich -- schien es -- von der Wahrheit dessen zu überzeugen, was er
-sagte: und Alfonso erblickte ein Gesicht, auf welchem alle Reize der
-aufblühenden Jugend sich vereinigten, den reinsten Abdruck ihres
-unschuldigen Herzens darzustellen.
-
-Cölestina reichte ihm die Hand: »Seyd mir nochmals willkommen, edler
-Fremdling! -- aber erzähle weiter, du meine Tochter.«
-
-»Wunderbare Hülfe ward mir gesandt: erzählte sie; ich blieb diese Nacht
-über unbeunruhigt.« -- »Ja, sagte der Ritter, denn der Emir hat sie bei
-einer anderen neu angekommenen Schönen des Serail zugebracht, die ihn
-mit dem ersten Blicke gefesselt hatte, und die ihm weniger
-Schwierigkeiten entgegenstellte.« -- »Ich fühlte mich sogar nach einigen
-Stunden so ruhig, dass ein sanfter Schlaf auf mich herabsank. Ich wurde
-am Morgen durch ein Getümmel im Hofe des Serail aufgeweckt.« -- »Es war
-das Volk, das sich versammelte, mich verbrennen zu sehen;« sagte der
-Ritter. -- »Euch verbrennen wollte man? und der Todesgefahr, die Ihr
-ausgestanden, sollte ich meine Rettung verdanken? Doch, Gott Lob, dass
-Ihr gerettet seyd! -- das Getümmel nahm ab; es entstand eine lange,
-fürchterliche, erwartende Stille« -- »Alzire, so hiess die neue Favorite
-des Emir, sagte der Ritter, bat um mein Leben. Der Emir begnadigte mich,
-und liess mich sogleich über die Grenze bringen; daher entstand
-wahrscheinlich diese Stille.« -- »Jetzt erhob sich ein Gemurmel, fuhr
-Maria fort; nun ward es lauter; nun brausete es, wie das tobende Meer.
--- Wie? dem Hunde von Franken das Leben schenken? Er soll nicht
-verbrannt werden? Wir sind vergebens hieher geladen worden? Leidet es
-nicht! schienen einige Stimmen, die das Getümmel überschrien, zu sagen.
-Der Aufruhr verbreitete sich über die ganze Stadt: alles lief zu den
-Waffen. Die Wachen verliessen die Thüren des Serail, und stürzten sich
-bewaffnet gegen das Volk. -- War es ein unsichtbares Wesen, das mir den
-Entschluss eingab, mich jetzt durch die Flucht zu retten? ich fand alle
-Zugänge unbesetzt; ich drängte mich durch das Volk, das nichts sahe, als
-die Gegenstände seiner Rache. Ich kam -- ob ich mich noch dunkel des
-ehemaligen Weges erinnerte, oder ob unsichtbar Engel mich leiteten, --
-ich kam durch die lange Wüste wieder zu deiner Grotte, theuerste Mutter;
-bin wieder dein, um mich nimmer von dir zu trennen.«
-
-»Gott sey gelobt, dass ich dich wieder habe, meine Tochter, sagte
-Cölestina, und dass ich dich so wieder habe, wie ich dich verlor. Und er
-sey gelobet, dass er auch Euch erhielt, edler Fremdling! und Euch hieher
-brachte, dass ich Euch für den Antheil danken kann, den Ihr an dieser
-Unschuldigen nahmt.«
-
-»Schon lange scheint eine Frage auf Eurer Lippe zu schweben, und es ist
-billig, dass ich Eure Neugier befriedige, insoweit ich darf. Ich bin ein
-Weib, welches einst in der Welt sehr glücklich war. Aber vielleicht
-hatte ich mein Herz zu sehr in diesem Erdenglück verloren: Gott entzog
-es mir, um mir zu zeigen, dass nur Er es sey, in welchem man
-befriedigende und dauerhafte Glückseligkeit finde. -- Ich trennte mich
-von der Welt und von dem, der in ihr mein Abgott war. In der Stunde der
-Begeisterung, da ich dieses Opfer, das Tugend und Ehre und mein eigenes
-wahres Wohl heischte, begann, schien es mir so leicht, und nachdem es
-geschehen war, wollte mein Herz brechen. Ich suchte Trost und Ruhe an
-den heiligen Oertern, wo uns allen die Seligkeit erworben wurde. Da traf
-ich die Gesellin meiner Leiden, mit diesem ihrem Kinde. Ich hatte sie
-durch mein Elend glücklich machen wollen. Auf die Art, wie ich es mir
-gedacht hatte, sollte es nicht seyn. Wir sollten beide durch längeres
-Leiden zu einer reineren Glückseligkeit eingehen.«
-
-»Wir waren beide für die Welt, und sie für uns, auf immer verloren. In
-der heiligen Stadt und in ihrer Nähe waren wir kaum den sarazenischen
-Räubern entgangen. Wir beschlossen, uns in diese Wüsten, durch welche
-Gott einst sein auserwähltes Volk führte, zu begeben, und kamen in die
-Nähe des Gebirges, das Ihr hier vor Euch erblickt. Es ist das Gebirge
-Sinai.« --
-
-»Gott hatte uns den Platz unserer Ruhe schon bereitet. Wir fanden hier
-diese Grotte, und dort das Gärtchen; zwar damals verwildert, aber durch
-eine geringe Arbeit war es wieder in Stand gesetzt. Vielleicht dass
-ohnlängst hier ein frommer Einsiedler sein Gott geweihtes Leben
-beschlossen hatte.«
-
-»Hier haben wir geweint und gelitten. -- So lange noch eine geliebte
-Freundin gleiche Leiden mit mir litt, wurden die meinigen mir leichter.
-Ich stärkte meine Kräfte, um ihren Kummer tragen zu helfen, und vergass
-des meinigen, um Trost in ihre Seele zu giessen, und fand ihn dadurch
-selbst. Aber sie schlummerte bald in eine bessere Ruhe hinüber, und
-liess mich allein. Ich segnete ihr Geschick; aber -- du hattest es wohl
-gesehen, meine Tochter, -- das meinige ward mir schwerer. Nur die
-Zärtlichkeit gegen dich, und deine kindliche Liebe zu mir, holdes Kind,
-hielten mich aufrecht. Aber du konntest meine Leiden nicht mit mir
-fühlen.«
-
-»Noch hing mein Herz an etwas Irdischem; es hing an dir. Du musstest mir
-genommen werden. Musste durch so rauhe Wege Gott mich zu meinem Heile
-führen? -- Nichts war mir nun übrig, als Er. Nur in sein Herz konnte ich
-meine Empfindungen ausgiessen; nur von ihm Gegenliebe erwarten. O, hätte
-ich es doch eher gewusst, welchen süssen Frieden dies über mein Herz
-ausgiesset, wie völlig dies eine Seele befriedigt! -- welch eine Menge
-von Leiden hätte ich mir ersparen können!«
-
-»Aber verzeiht, guter Fremdling! dass ich so flüchtig über die näheren
-Umstände meiner Geschichte hinwegeilen musste. Es ist nicht Mistrauen.
-Wer so lange, als ich, sich nur mit Gott unterhalten hat, kennt dieses
-nicht; und in ein Antlitz, wie das Eurige, setzt es niemand. -- Ich habe
-Ruhe gefunden: aber noch lebt vielleicht Einer, der mir einst nur zu
-theuer war. Kann ich ihm den Seelenfrieden nicht geben, wenn er ihn noch
-nicht errungen hat, so will ich ihm doch denselben auch nicht nehmen,
-wenn er ihn etwa errungen hätte. Ihr kehrt in die Welt zurück, und seyd,
-wenn mich nicht Alles täuscht, von eben dem Stande und aus eben den
-Ländern, in denen er lebte. Ihr könntet ihn antreffen; ihn vielleicht
-antreffen, ohne ihn zu kennen. Gutherzigkeit oder ein von ohngefähr
-entfahrendes Wort könnte alle die Kämpfe in seiner Seele erneuern, die
-er vielleicht längst ausgekämpft hat.«
-
-»Ich muss freilich wieder von Euch weg, und in die Welt zurück: sagte
-der Ritter; aber Verehrung gegen Euch wird mich allenthalben begleiten,
-und Euer Wille wird immer mein Gesetz seyn.« Er sagte das Erstere so,
-als ob ihn dieser Entschluss etwas koste.
-
-Die Lage, in der er Marien in den Gärten von Medina zuerst gefunden,
-hatte so etwas Romantisches; Mitleiden und Theilnehmung an ihrem
-Schicksale hatten sich sogleich seines ganzen Herzens bemächtigt. Seine
-Phantasie hatte nicht gezögert, sie, die er nur gehört, nie gesehen
-hatte, in einen Körper zu kleiden; sie hatte ihn freigebig mit allen
-Reizen, die ihrer Silberstimme angemessen wären, ausgeschmückt. Er sah
-sie jetzt; und sie war weit über das Bild erhaben, das er sich von ihr
-gemacht hatte. Die blühende Wange, das sanfte Auge, das weiche, wallende
-Haar konnte er seinem Bilde geben; aber nicht jenen lebendigen Ausdruck
-der Unschuld, der Treue, der kindlichen Zärtlichkeit, weil es ihm dazu
-am Urbilde fehlte. Er sah sie jetzt, und sah sie in aller Freude des
-Wiedersehens an den Busen derjenigen, die ihr das Theuerste auf der Welt
-war, hingegossen; sah, wie sie in stummen Gefühlen an ihren Augen hing,
-gleichsam um alle die geliebten Züge wieder zu spähen, und die alte
-Vertraulichkeit mit ihnen zu erneuern. War es ein Wunder, dass seine
-Seele von eben den Gefühlen ergriffen wurde, deren reizendsten Abdruck
-er vor sich sah, und dass er sie mit der zu theilen wünschte, die ihm
-zuerst das schönste Bild derselben darstellte?
-
-Maria hatte den Unbekannten, der sich für sie in Lebensgefahr stürzte,
-bedauert, und, wie sie gewissenhaft war, sich den Vorwurf gemacht, die
-Ursache seines Todes zu seyn. Diese Empfindung allein hatte die Freude
-über ihre Errettung getrübt. Hier fand sie ihn unvermuthet wieder, an
-dem Orte, der ihr der liebste auf der Erde war. Nun erst getraute sie
-sich, sich ganz dem Gefühle, dass sie ihrer Pflegemutter wiedergegeben
-sey, zu überlassen; und es ist möglich, dass die Freude über seine
-Gegenwart unvermerkt einigen Antheil an dem stärkeren Ausdrucke ihrer
-Zärtlichkeit gegen ihre Pflegemutter hatte; und dass sie, ohne es zu
-wissen, einen Theil dessen, was sie bloss für Cölestinen zu empfinden
-glaubte, für Alfonso empfand.
-
-»Aber, kann ich, darf ich zurückkehren -- fuhr der Ritter fort -- ohne
-Trost für die Seele des armen Rinaldo gefunden zu haben? Ich hoffte doch
-gewiss am heiligen Grabe --«
-
-»Rinaldo? fiel Cölestina ihm in die Rede. Wer ist dieser Rinaldo? was
-wisst Ihr von ihm?«
-
-Alfonso erzählte, was er von seinem geängsteten Geiste selbst an seiner
-Gruft gehört hatte; erzählte die Bedingungen, unter welchen seine Qualen
-enden sollten; Cölestina hörte seine Erzählung mit stummer Betrübniss,
-und Maria mit Thränen an.
-
-»O möchten sie enden, die Qualen der unglücklichen Seele! und vielleicht
-sind sie schon grösstentheils geendet, sagte Cölestina. Maria hat ihre
-Leiden längst beschlossen; sie war die Freundin, die mir hier starb; sie
-ruht unter jenem Hügel. Das ist ihre und Rinaldo's Tochter. -- Ich habe
-aufgehört zu leiden. Ich habe die Wege der Vorsehung erkannt; sie waren
-nichts als Güte. -- Ich bin Laura: Maria wollte mich nicht anders als
-Cölestina nennen; drum habt Ihr mich hier so nennen hören.«
-
-»Und die letzte Bedingung seiner Erlösung -- sagte Alfonso -- möchte
-doch auch sie erfüllt werden! -- Ja, edle würdige Frau, ich darf es Euch
-sagen; -- ich habe nie geliebt; aber seitdem ich die Stimme dieses
-holden Geschöpfes gehört, seitdem ich sie hier an Eurem Herzen gesehen
-habe, -- entweder ich weiss nicht, was Liebe ist, oder ich liebe sie
-über Alles. Lasst mich -- o, Ihr seyd ja auch ihre Mutter, lasst mich
-sie an meinem Arme an die Gruft ihres Vaters führen; der Anblick wird
-den Geist erlösen.«
-
-Maria verbarg ihr Gesicht an Laurens Busen. Ihr Herz schlug stärker.
-
-»Fremdling, sagte Laura -- nehmt nicht etwa eine flüchtige Rührung, ein
-mattes Wohlbehagen, einige sich unwillkürlich Euch aufdringende Wünsche
-sogleich für Liebe. -- Ihr habt nie geliebt, sagt Ihr; -- Euer Herz ist
-unerfahren und leicht zu bewegen. Ihr habt dieses Kind im Leiden
-gesehen, und habt gewünscht, habt Euch bemüht, sie zu retten. Ihr seyd
-durch den Antheil, den Ihr an ihr nahmt, in Gefahr gekommen. Das kettet
-edle Seelen an den Gegenstand ihrer Grossmuth: aber diese Anhänglichkeit
-ist noch nicht Liebe. Ihr habt sie hier in allen Rührungen der
-zärtlichen Tochter gesehen; das hat sich Euch mitgetheilt. Uebereilet
-Euch nicht, edler Fremdling.«
-
-»Grossmüthige Frau, versetzte der Ritter, was ich fühle, fühl' ich so
-wahr und so stark, dass ich für die ewige Dauer desselben gut bin. Es
-ist wie mit Flammenschrift in mein Herz geschrieben, dass diese Mein
-seyn muss, dass sie Mir bestimmt ist, und dass ohne sie es kein Glück
-mehr auf der Erde für mich giebt.«
-
-»Ich glaube Euch, edler Mann, sagte Laura: Ihr scheint wahr und gut; ich
-glaube, dass Ihr mich nicht täuschen wollt: aber weder ich, noch selbst
-Ihr könnt wissen, ob Ihr nicht vielleicht Euch selbst täuschet. Erwartet
-es, bis Eure Empfindungen sich Euch selbst aufklären und entwickeln; und
-kommt Ihr dann, und sagt noch eben das, so ist sie Euer.«
-
-»Verzeiht, edle Frau, versetzte der Ritter: wie könnte ich in dem, was
-ich so innig und so warm fühle, mich täuschen? Täusche ich mich
-vielleicht auch, wenn ich mein Daseyn empfinde? -- Aber, ich soll
-warten, soll Euch verlassen, in Länder gehen, die weite Meere von Euch
-trennen? Wie werde ich das ertragen?«
-
-»Ihr sollt nicht allein gehen, sagte Laura. Dunkle Ahnung einer höheren
-Glückseligkeit, ein geheimes Verlangen, auf dem Grabe Rinaldo's zu seyn,
-durchströmt meine Seele. Ihr werdet mich und diese dahin begleiten, und
-dann -- wenn Ihr dann noch so denkt, ist diese Euer.«
-
-Sie hatten keine langen Zubereitungen zur Abreise zu machen. Es waren
-noch einige Juwelen von denen, die Maria bei ihrer Abreise aus Paris mit
-sich genommen hatte, vorhanden. -- »Hätte ich glauben können, dass ihr
-noch einst einen Werth für mich haben würdet?« sagte Laura, als sie sie
-zu sich nahm.
-
-Sie zogen unbeschädigt durch Arabien und Palästina, und setzten sich zu
-Damaskus auf ein Schiff. Ein günstiger Wind leitete sie; sie landeten
-bald an der europäischen Küste.
-
-In einer angenehmen Sommernacht kamen sie zu Rinaldo's Grabe. Ein
-sanfter Wind säuselte: Rosenduft erfüllte die Lüfte. Ruhe und Heiterkeit
-im Gesichte, glänzend und verklärt entstieg der Geist seiner Gruft.
-
-»Sey mir gesegnet, Alfonso! sagte er; du hast dein heiliges Gelübde
-gehalten. Du bist seiner werth, meine Tochter. In heiligeren Gefilden
-sehen wir uns wieder. -- Deine unglückliche Mutter hat ihre Leiden
-beschlossen; ihr Leib ruht weit von dem meinigen, aber ihr Geist ist bei
-mir: und du, meine Laura, wirst sie bald beschliessen.«
-
-Der Geist verschwand. Laura sank in süsser Wehmuth auf das Grab, und
-schlummerte in ein besseres Leben hinüber.
-
-Sanfte Trauer erfüllte Mariens und Alfonso's Seele. Die Klagen über den
-Verlust der Glückseligen wurden ihnen süss.
-
-Sie lebten in diesen Gegenden das Leben der Zärtlichkeit und der Liebe.
-Jeder Unglückliche segnete ihr Haus; es war Zuflucht jedes Hülfslosen.
-
-Am fünfzigsten Gedächtnisstage ihrer Vermählung, nachdem sie schon die
-Kinder ihrer Enkel zu ihren Füssen hatten spielen sehen, sassen sie in
-stummer Zärtlichkeit auf der Gruft, und das Andenken der Begebenheiten
-ihres Lebens ging vor ihrer Seele vorüber. Ein sanfter Schauer überfiel
-sie, sie umarmten sich, und ihre Seelen gingen vereint in das Vaterland
-der Liebe.
-
-Die Hirten fanden sie erstarrt auf dem Grabe liegen, und begruben sie
-nebeneinander, da, wo sie lagen. Rosenstöcke und Vergissmeinnicht und
-Tausendschön entsprossten dem Boden um das Grab herum und blühten.
-Ahnungen von Wiedersehen der Freunde erfüllten die Seelen der Hirten.
-Ihren Augen enttröpfelten Thränen. Sie gingen, und als sie hinter sich
-sahen, sahen sie fünf Flämmchen auf dem Grabe blinken. Hinter ihnen
-schloss sich das Thal. Sie hatten den Weg dahin nicht wieder gefunden.
-Sie nannten es das Thal der Liebenden.
-
-
-
-
- B.
- Kleinere Gedichte.
-
-
- Idylle.
-
- (Musenalmanach von A. W. Schlegel und L. Tieck, Tübingen 1802, S.
- 170.)
-
- Was regst du, mein Wein, in dem Fass dich?
- »Es brachten die Lüfte mir Kunde
- Von der Inbrunst meines Erzeugers,
- Das regte das Inn're mir auf!«
-
- »Ich möchte die Bande zersprengen,
- Die von ihm ferne mich halten,
- Und zerfliessen und in den Düften
- Zusammenströmen mit ihm!«
-
- So bringen heimliche Stimmen
- Der Geister Psychen die Kunde
- Von der unendlichen Liebe
- Im Unendlichen, ihrem Erzeuger;
-
- Und es dehnet sich ihr das Herz aus
- In unbeschreiblicher Wehmuth,
- In unaussprechlicher Sehnsucht,
- Bis die irdische Hülle zerreisst.
-
-
- Sonette.
-
-
- 1.
-
- Wenn dir das inn're Götterwort wird spruchlos,
- Verblasset auch die äussere Verspürung,
- Was dich umgiebt, verlieret die Verzierung,
- Was von dir ausgeht, wird nur schnöd' und ruchlos.
-
- Die Blüthe deines Lebens steht geruchlos,
- Was andre leitet, das wird dir Verführung;
- Denn du bist ausserhalb des Alls Berührung,
- Darum wird dir der äuss're Laut auch spruchlos.
-
- Das innen Todte glänze noch so scheinsam,
- Doch treibt dich fort zu ungemess'ner Wehmuth,
- Die unaufhaltsam schon dich griff, die Brandung. --
-
- Drum bleib' ich in mir selber still und einsam
- Und pflege fort mit kindergleicher Demuth
- Das Unterpfand der einst'gen frohen Landung.
-
-
- 2.
-
- Was meinem Auge diese Kraft gegeben,
- Dass alle Misgestalt ihm ist zerronnen,
- Dass ihm die Nächte werden heitre Sonnen,
- Unordnung Ordnung, und Verwesung Leben?
-
- Was durch der Zeit, des Raums verworr'nes Weben
- Mich sicher leitet hin zum ew'gen Bronnen
- Des Schönen, Wahren, Guten und der Wonnen,
- Und drin vernichtend eintaucht all' mein Streben? --
-
- Das ist's. Seit in Urania's Aug', die tiefe
- Sich selber klare, blaue, stille, reine
- Lichtflamm', ich selber still hineingesehen;
-
- Seitdem ruht dieses Aug' mir in der Tiefe
- Und ^ist^ in meinem Seyn, -- das ewig Eine,
- ^Lebt^ mir im Leben, ^sieht^ in meinem Sehen.
-
-
- 3.
-
- Nichts ist denn Gott, und Gott ist nichts denn Leben;
- Du weissest, ich mit dir weiss im Verein;
- Doch wie vermöchte Wissen dazuseyn,
- Wenn es nicht Wissen wär' von Gottes Leben!
-
- »Wie gern' ach! wollt' ich diesem hin mich geben,
- Allein wo find' ich's? Fliesst es irgend ein
- In's Wissen, so verwandelt's sich in Schein,
- Mit ihm vermischt, mit seiner Hüll' umgeben.«
-
- Gar klar die Hülle sich vor dir erhebet,
- Dein Ich ist sie; es sterbe, was vernichtbar,
- Und fortan lebt nur Gott in deinem Streben.
-
- Durchschaue, was dies Streben überlebet,
- So wird die Hülle dir als Hülle sichtbar,
- Und unverschleiert siehst du göttlich' Leben!
-
-
- Vorbereitung zur gemeinschaftlichen Andacht.
-
- Die Gemeine.
-
- Müde von des Lebens Leiden,
- Müder von des Lebens Freuden,
- Flüchten wir in eure Stille,
- Ob uns hier Erquickung quille.
- Frohseyn ist uns nie gelungen,
- Wie wir eifrig auch gerungen,
- Und wir sind des Treibens müde,
- Suchen Ruhe, wünschen Friede.
-
- Die Pfleger.
-
- Kommt Belad'ne zur Erquickung,
- Kommt Erschöpfte zur Entzückung!
- Neue Stärke soll die Matten
- Ueberschwänglich überschatten;
- Nur dass draussen ihr versenken
- Wollet euer Thun und Denken,
- Abthun euer altes Streben,
- Sterben ab dem eig'nen Leben.
-
- Die Gemeine.
-
- Und was habt ihr uns zu geben,
- Zum Ersatz für unser Leben?
-
- Die Pfleger.
-
- Solch' ein Leben, das gegründet
- In sich selber, nimmer schwindet,
- Nimmer wandelt, selbst sich gnüget.
- Dieses hier euch offen lieget.
- Aber nur von euch geschieden
- Geht ihr ein in seinen Frieden!
-
-
- Dem 15. März 1810.[41]
-
- Du edler Keim, der aus der kalten Erde
- Sich unaufhaltsam in das Lichtreich drängte,
- Du sinn'ge Blume, die, die Sonne fühlend,
- Mit allen Regungen nach ihr sich wandte:
-
- Wir streben beide, doch in anderm Sinne
- Jedwedes, liebend nach demselben Ziele,
- Und mehr als andres, eint uns dieses Streben,
- Und weiht mich dir mit inniger Ergebung.
-
- Nimm diese Früchte, die dasselbe Streben,
- Auf dir verschwistertem Stamme hat getrieben!
- Vielleicht, dass auch aus uns'rer Lieb' ein Zweig entsteht,
- Der einstens zeug' von unsrer höhern Liebe.
-
-
- Philomele.
-
- Meine Stimme von Staub spricht dich gefällig an?
- Aber möchtest du erst hören der Sphären Klang!
- Ich zwar sing' in dem Chore gezwungen und gerne. Das Ganze
- Fasset allein der sinnige Mensch.
-
- Jenseit des Aethers ström' eine Quelle
- Des Tones, der Schönheit, -- diese sind Eins, --
- Also lehrete mich mein Meister,
- Selber er tonlos, doch schlägt er den Tact!
-
-[Fußnote 41: Der Gattin zum Geburtstage, mit dem Geschenke von
-Klopstocks Werken, des Oheims derselben.]
-
-
- Prolog zur »Vesta.«[42]
-
- (Ungedruckt.)
-
- Die Herausgeber, ein Pränumerant.
-
- Die Herausgeber.
-
- Euer Edlen sind, hören wir, ein braver Mann,
- Nehmen sich auch der leidenden Menschheit an;
- So kommen wir denn von gleichem Triebe
- Beseelt und bitten Sie um die Liebe,
- Dass Sie doch möchten pränumeriren
- Ein Thaler quartaliter auf ein Journal:
- Wir werden's Vesta nennen zumal,
- Womit wir nächstens die Welt wollen zieren.
-
- Der Pränumerant.
-
- Ihr Journal und die Menschheit in Leiden,
- Wie hängen denn zusammen die beiden?
-
- Die Herausgeber.
-
- Die Armen sollen haben ohne Verdruss
- Von unserm Gewinne den Ueberschuss!
-
- Der Pränumerant.
-
- Ich verstehe! -- Doch nach welchem Plan oder Geist
- Werden Sie denn schreiben allermeist?
- Nach welchem wählen die Genossen?
-
- Die Herausgeber.
-
- Nach keinem: -- »Keiner ist ausgeschlossen,
- Und jeder Freund der Wahrheit, Anmuth und Kraft
- Ist uns willkommen« -- sofern er uns was schafft!
-
- Der Pränumerant.
-
- Ich verstehe ganz: -- ein Allerlei
- Von Sauer und Süss mit Façon dabei!
- Die Herren, so denk' ich mir's, jucket der Kitzel
- Gedruckt zu sehen ihre Papierschnitzel.
- Kein Verleger mag sie; für eigenes Geld
- Sich drucken zu lassen ihnen auch nicht gefällt.
- Da muss die Noth helfen aus der Noth:
- Nun können sie eher, ohne zu werden roth,
- Antragen auf Pränumeration,
- Und den Willigen wünschen ein Gotteslohn!
- Wer auch ihres Schreibsels nicht begehrt,
- Denkt, es sey den Armen ein Almosen beschert.
- Kann's leiden, dass man das Heft mir bringt;
- Niemand ist ja, der's zu lesen zwingt.
- Indess stehen die Herrn schon schwarz auf weiss,
- Mehr wollten sie nicht und sie haben ihren Preis.
- Drum genug, ihr Herrn! Hier ist mein Thaler,
- Wünsch' Ihnen recht viele und reichliche Zahler,
- Damit Ihre geistige Armuth und Noth
- Den leiblich Armen schaff' ein Stück Brot!
-
-[Fußnote 42: Zeitschrift, erschienen zu Königsberg 1807.]
-
- Die Herausgeber.
-
- So muss man es durchaus nicht anseh'n,
- Obwohl wir selber, wie uns gescheh'n
- Nicht recht zu wissen gern bekennen.
- Wir wollen für hohe Zwecke entbrennen,
- Eingreifen gewaltig in's Rad der Zeit,
- Dem Bedürfniss, dem Niemand Hülfe beut,
- Auch keiner als wir es kennt, reichen die Hand!
-
- Der Pränumerant.
-
- Ei sieh, Ihr seyd wohl gar auch arrogant?
-
- Die Herausgeber.
-
- Das wollen wir hoffen; -- dies gilt bei den Leuten,
- Succurs und Beifall sich zu bereiten!
- Drum darf auch die Zeitschrift sich nicht schämen,
- Irgend ein Erhab'nes zum Vorwand zu nehmen.
- »Wer für den Staat auch nicht die Waffen trägt,
- Der ist durch heil'ge Bürgerpflicht bewegt,
- Dass er ableite des Volkes Aufmerksamkeit
- Von dem die Kriege begleitenden Leid,
- Damit er dessen Blicke wende
- Von dem unvermeidlichen Kriegselende.«
-
- Der Pränumerant.
-
- Elend nur sieht und er nur sieht das Elend,
- Wer selber elend ist im Innersten;
- Denn seiner Leere, seines tiefen Grams,
- Seiner Zerrüttung Bild steigt aus dem Herzen
- In's Aug' empor und lagert ihm sich hin
- Ueber der Dinge breite Oberfläche;
- Sie geben stets ihm nur ihn selbst zurück!
- So auch wer in sich klar und mit sich Eins ist,
- Er bleibt gewiss der ew'gen Harmonie
- Im trüben, wildverschlungenen Gewirre
- Ird'scher Erscheinung; und ihm leuchtet hell
- Im Jammer selbst die immer nahe Hülfe! -- --
-
- Ein Herausgeber (ihm nachsehend).
-
- Der Mensch ist ein seltsam Kunstproduct,
- Vorweltlich, in alt ogygischem Stil!
-
- Der andere.
-
- Sey ruhig, Herr Bruder, wir sind ja gedruckt;
- Das Andre bedeutet uns nicht so viel!
- Und wo wär' Etwas von eigenem Werth,
- Wogegen sich nicht die Misgunst kehrt?
-
- Beide.
-
- Das ist der plausibelste Trost in der Welt,
- Dass man stets sich selber am Besten gefällt!
-
-
- Am 18. Januar 1812.[43]
-
- Ehrwürd'ge deutsche christliche Gesellschaft,
- Edle, biedere Tischgenossenschaft!
- Indem ich, als bestellt zum Sprechen,
- Zum erstenmale das Schweigen will brechen,
- Bitt' ich, dass man es günstig verspüre,
- Wenn ich im Knittelvers haranguire;
- Denn eingefasst von Rindfleisch und Braten
- Dürfte die Prosa zu vornehm gerathen!
-
- * * * * *
-
- Zuvörderst sollt' ich mit zierlichen Worten,
- Wie es gebräuchlich aller Orten,
- Mit Bezeugung schuldiger Devotion
- Ihnen danken für die Decoration,
- Die Sie durch dieses Amt mir verlieh'n.
- Doch: danke durch Thaten, spricht deutscher Sinn!
-
- Wie hoch ich es schätze im Herzensgrunde,
- Mit Ihnen zu bleiben im freundlichen Bunde,
- Und allen Ihren Wunsch und Willen
- Auch meinerseits gern mag erfüllen:
- Beweise, dass mit Herzlichkeit
- Ich Ihrem Wunsche mich geweiht;
- Beweise, wie ich die Geschäfte,
- So lang's verstatten meine Kräfte
- Und meine sonst besetzte Zeit,
- Werd' immer führen mit Heiterkeit.
- Was Sie an Gelde mir werden geben,
- Das werd' ich sorgfältig aufheben
- Und treulich bewahren und verwalten.
- Auch über die Gesetze will ich halten,
- Ohn' alles Anseh'n der Person.
- Zeigt gute Laune sich oder Liederton,
- Will ich, so gut ich kann, mitsingen.
- Auch die Gesundheiten will ich ausbringen;
- Und erscheint einst der festliche Pokal,
- Geziert mit dem Juden Simson zumal,
- So werd' ich um weitere Vorschrift bitten,
- Und diese sey nie überschritten.
-
-[Fußnote 43: Ueber die Veranlassung zu dieser Rede in Versen hat ihr
-Einsender uns zugleich Folgendes mitgetheilt: »A. v. Arnim hatte in
-Berlin eine christlich deutsche Gesellschaft errichtet, deren Vorsitz
-Fichte an jenem Tage übernahm. Bei dieser Veranlassung hielt er einen
-Vortrag in Knittelversen, welcher damals ungemein ansprach und auch, wie
-ich bestimmt weiss, noch jetzt in Ehren gehalten wird. Da ich das
-Tagblatt besitze, worin dieser Vortrag aufgeschrieben ist, so macht es
-mir ein grosses Vergnügen, Ihnen denselben mittheilen zu können.«]
-
- * * * * *
-
- Im Uebrigen kann ich von meinem Sprechen
- In voraus eben nicht viel versprechen.
- Zum Beispiel: Witzig zu seyn aus heiler Haut
- Ist ein Talent, nicht Jedem anvertraut;
- So selten fast als reine Vernunft, ist reiner Witz,
- Und beide, denk' ich, sind gleich viel nütz'.
- Wer witzig ist, ist's über Was und nebenbei,
- Denn Witz ist ja nicht Gold, noch Silber, noch Zinn, noch Blei,
- Sondern von Allem nur die Façon!
-
- So Jemand den Witz recht wollte pflegen und nähren,
- Der müsst' ihm nur reichlichen Stoff gewähren
- Durch tolle Streich' und Narrheiten viel,
- Und nur ihn treiben lassen sein Spiel,
- Und ja sich hüten, was übel zu nehmen.
- Zu dem Ersten wird die ehrbare Gesellschaft sich nie bequemen;
- So muss sie denn eben ohne Witz vorlieb nehmen!
-
- Zudem sind die bisherigen Stoffe verbraucht;
- Nicht Jude, nicht Philister mehr taugt,
- Um an ihnen zu finden ein Körn'chen Spass,
- Das nicht schon einigemale dawas! --
- Auch will es in der That was bedeuten,
- Ueber dergleichen zu spotten vor Leuten,
- Dass der Spott nicht auf uns selbst sitzen bleibe.
- Den Juden schiebt man sich wohl noch vom Leibe,
- Man ist nicht beschnitten; -- ^ergo^ ist man keiner.
- Mit dem Philister ist die Sache schon feiner.
- Streng genommen, Keiner sich durchschaut,
- So lang er steckt in der sündigen Haut,
- In Unschuld Keiner soll waschen die Hände,
- Wie Keiner selig ist vor seinem Ende!
- Ob wir durchaus nicht Philister waren,
- Werden wir im ewigen Leben erfahren.
- Doch es giebt auch für sterbliche Augen
- Kennzeichen, die zur Prüfung taugen,
- Dass man sich orientiren kann.
- Das Eine geb' ich im Gleichniss an.
-
- Es geschieht wohl, dass Einer träume, er wache,
- Und sich's versichre, und glaublich mache,
- Und ist doch gerade dies sein Traum!
- Wer wirklich wacht, kurzum der wacht,
- Und ist nicht weiter auf's Wachen bedacht.
- So, wer in der That nicht Philister ist,
- Der denket dessen zu keiner Frist;
- Ohne seinen Dank und Willen, und schlechtweg er's nicht ist.
- Wer aber sich's hin und her beweist
- Und Gott am Morgen und Abend preist,
- Dass er nicht ist, wie andre Leut,
- Ist vom Philisterthum nicht weit;
- Ja ihm sitzt die Philisterei
- Gerade im Denken, dass er's nicht sey!
-
- Da dieses sich so weit erstreckt
- Und bringen kann gar schlimmen Ruhm,
- So bleibt vor mir wohl ungeneckt
- So Juden- wie Philisterthum!
-
- * * * * *
-
- Doch reinige sich der Gedanke,
- Der über Niedrem schwebte,
- Um mit dem Höhern ganz sich auszufüllen!
- Füllet die Gläser! --
- Es lebe die Krone,
- Sie steig' auf in der alten Pracht,
- Ausgerüstet mit der alten Kraft,
- Umgeben von der alten Treue!
-
-
-
-
- C.
- Uebersetzungen aus dem Portugiesischen, Spanischen und
- Italiänischen.
-
-
- Aus Camoens' Lusiade.[44]
-
-
- Gesang 3, Stanze 118.
-
- Alfonso kehrt, nach dieses Sieges Glücke,
- Hinwieder zu des Tajo schönem Becken;
- Dass auch der Fried' ihn mit den Kränzen schmücke,
- Womit die Schlachten ihn so reich bedecken:
- O welch erbarmungswürdiges Geschicke,
- Das Todte könnt aus ihren Gräbern wecken,
- Trifft da die arme, zarte Dulderin,
- Die erst getödtet ward, dann Königin!
-
- Allein durch dich, durch dein allmächtig Sehnen,
- O reine Lieb', erstarb der Zeiten Zierde,
- Als dürftest du sie deine Feindin wähnen,
- Die treue, der dein schönster Lohn gebührte.
- Wohl sagt man, Amor, dass durch bittre Thränen
- Gestillt nicht werde deine grimme Gierde;
- Soll Menschenblut nun strömen vom Altare
- Zur süssen Augenweide dir, Barbare?
-
-[Fußnote 44: Zuerst abgedruckt im »Pantheon, Zeitschrift für
-Wissenschaft und Kunst, von Büsching und Kannegiesser. Berlin, 1810.« I.
-Bd. 1. Heft. Seite 1-8.]
-
- Man sah dir hold der Jahre Lenz verfliessen,
- In jene Seelenruh warst du versenket,
- Ignes, und in den Wahn, den blinden, süssen,
- Den keinem noch auf lang das Glück geschenket,
- In des Mondego angenehmen Wiesen,
- Den deiner schönen Augen Born getränket,
- Den Bergen lehrend, und der Flur den lieben
- Namen, der tief dir in die Brust geschrieben.
-
- Auch deines Prinzen Regungen vergalten
- Dein Sehnen wohl mit seelenvollem Danken;
- Dein Bild sie fest vor seinen Augen halten,
- Wenn er verbannt aus deiner Blicke Schranken:
- Des Nachts ihn täuschen süsse Traumgestalten,
- Des Tags entrücken ihn zu dir Gedanken,
- Und was er sinnt, und was er sieht im Innern,
- Ist alles nur Ein wonnevoll Erinnern.
-
- So vieler Fürstentöchter, schöner Frauen
- Bewerben hat bei ihm das Ziel verfehlet;
- Wie denn auf andres pflegt herabzuschauen
- Wess Herz die Eine, traute, hat erwählet.
- Der alte Vater blickt mit stillem Grauen
- Auf die Verirrung dieser Lieb', ihn quälet
- Des Volkes Murren und das Widerstreben
- Des Sohns, sich in der Ehe Band zu geben.
-
- Und so beschliesst er denn in argem Muthe
- Ignes dem süssen Lichte zu entrücken.
- Es könne nur in frech vergoss'nem Blute,
- So meint er, solcher Liebe Brand ersticken.
- War's Wahnsinn, der ihn trieb, sein Schwert, das gute,
- Das Schrecken sende nur der Feinde Blicken,
- Vor dem der Mauren Wuth gemusst erbeben,
- Gegen ein zartes Fräulein zu erheben?
-
- Zu ihm, dess Herz wohl möchte sich versöhnen,
- Wird sie geschleppt von wilden Ungeheuern,
- Und es gelingt den mordbegier'gen Tönen
- Des Pöbels, seinen Zorn neu anzufeuern.
- Sie aber -- flehend und mit bangem Stöhnen,
- Erpresst von Mitleid bloss mit ihrem Theuern
- Und mit den Kindern, die sie unterm Herzen
- Ihm trug, die mehr denn eigner Tod sie schmerzen;
-
- Die Augen hebend zu des Himmels Milde
- Aus denen eine grosse Zähre rollte,
- (Die Augen, denn die Hände hielt der wilde
- Mordknecht, der sie in Fesseln schlagen wollte)
- Dann nieder auf der Kinder zarte Bilde
- Sie senkend, die sie jetzt verlassen sollte
- Verwaiset, einsam, ohne Schutz und Rather --
- Spricht also an den grausamen Grossvater:
-
- Wenn wilde Thiere, deren Sinn zum Hassen
- Natur bestimmt, und Eis um sie geschlagen,
- Der Wüste Vögel, die, um Raub zu fassen
- Und anders nicht, den Flug in Wolken wagen,
- Mit kleinen Kindern, die sie seh'n verlassen,
- Solch zärtlich Mitleid und Erbarmen tragen,
- Wie man an Ninus Mutter hat geschauet,
- Und an den Brüdern, welche Rom erbauet;
-
- So trag auch du, dess Herz durchströmt vom warmen
- Menschlichen Blute schlägt (falls es zu nennen
- Menschlich, den Tod zu geben einer Armen,
- Bloss weil ihr Herz in Liebe musst' entbrennen),
- Trage mit diesen Kleinen das Erbarmen,
- Das man in meinem Urtheil muss verkennen.
- Mög' ihre Noth Mitleid in dir erregen,
- Da meine Unschuld dich nicht kann bewegen!
-
- Und wie du wusstest einst mit Schwert und Feuer
- Den Tod zu senden in der Mauren Reihen,
- Sey jetzt vom Tode gnädiglich Befreier
- Der Schwachen, die du keiner Schuld kannst zeihen.
- Falls aber Unschuld büssen soll so theuer,
- Verweis auf ewig mich in Wüsteneien,
- In Libyens Gluth, in Scythiens kalte Schauer,
- Wo ich mein Leben enden mög' in Trauer.
-
- Lass mich, wo alle Schrecken sich erheben,
- Hin in der Löwen und der Tiger Erbe,
- Dass ich, was Menschenherz nicht mochte geben,
- Erbarmen dort und Mitleid mir erwerbe.
- Dort will ich pflegen, innig hingegeben
- In's Angedenken dess, für den ich sterbe,
- Der nachgelass'nen Pfänder theure Gabe,
- Zu der leidvollen Mutter einziger Labe.
-
- Der König sinnt schon drauf, sie zu befreien,
- Ob ihrer Worte, die ihn tief bewegen;
- Das störr'ge Volk nur will ihr nicht verzeihen,
- Noch ihre Sterne, die nicht brachten Segen.
- Die, welche glauben, dass die That Gedeihen
- Dem Reiche bringe, ziehen scharfe Degen,
- Gegen ein Fräulein. Herz, schwarz und bitter,
- Ihr zeiget euch als Henker, nicht als Ritter!
-
- Wie gegen Priams Tochter, Polyxene,
- Aus der der Mutter letzte Freuden quellen,
- Damit Achilles Schatten sich versöhne,
- Man Pyrrhus sahe sich gerüstet stellen;
- Sie aber ihre jungfräuliche Schöne --
- Die Augen, welche wohl die Trüb' erhellen,
- Hin auf die Mutter, die vor Schmerzen wüthet,
- Gerichtet, -- zum Sühnopfer willig bietet:
-
- So gegen Sie, die Wüthenden; die Auen,
- Aus denen Liebe sieht mit hellen Blicken,
- In jedes Auge, das sie mag erschauen,
- Sanftheit und Milde strahlend und Entzücken,
- Und ihre süssen Blumen, die getrauen
- Sie sich mit Blutesströmen zu ersticken,
- Grimmig erbos't die Schwerter drein versenkend,
- Der Rache, die herannaht, nicht gedenkend.
-
- O hohe Sonne, hat dein Strahl genommen
- Von des Entsetzens That wohl Blick und Kunde?
- Ist er nicht auch denselben Tag verglommen,
- Wie in Thyestes Gastmahls Gräuelstunde?
- Ihr hohlen Thäler, die ihr da vernommen
- Das letzte Wort aus dem erblassten Munde,
- Noch lange hallte fort in euerm Laute
- Der Name Pedro, den sie euch vertraute.
-
- Wie einer Blume, so in Zier getauchet,
- Dass sie der Schmuck war auf den blüh'nden Heiden,
- Wenn sie gebrochen und zum Kranz verbrauchet,
- Der rohen Hand Betastung musst' erleiden,
- Der Schmelz vergeht, der süsse Duft verhauchet:
- So ist das Fräulein nach dem bittern Scheiden;
- Der Lippen Ros' erblasset, es entschweben
- Die lichten Farben mit dem süssen Leben.
-
- Der That zum ewigen Andenken kehren
- Mondego's Töchter, die sie lange klagen,
- In einen Quell die da geweinten Zähren,
- Und geben ihm den Namen, den er tragen
- Auf alle Zeiten soll: noch jetzo nähren
- Wo Ignes lebt und liebt in ihren Tagen,
- Von einem Quelle sich der Blumen Triebe,
- Dess Wasser Zähren sind, der Name: Liebe.
-
-
- Aus dem Spanischen.
-
-
- Madrigal.
-
- Ihr Augen, hell und reine,
- Da eure süssen Blicke preist die Menge,
- Warum, wenn ihr mich anschaut, blickt ihr strenge?
- Wenn ihr, je mehr voll Hulden,
- So mehr die Welt erfreut mit heitrem Scheine,
- Warum blickt ihr mit Zorn auf mich alleine?
- Ihr Augen, hell und reine,
- Erscheint mir nur, sey's auch mit solchem Scheine!
-
-
- Aus Cervantes.
-
-
- Amadis von Gallia an Don Quixote de la Mancha.
-
- Du, der nachahmtest jenes Thränenleben,
- Das auf des Armuthfelsens schroffer Kante
- Ich führte, da Verschmähung mich verbannte
- Von Freuden, mich der Busse zu ergeben;
-
- Du, dem vom Auge Fluthen man sah beben,
- Dass ihm der Salztrank schier das Herz abbrannte,
- Dem, als ihn Silber, Kupfer, Zinn schon nannte,
- Die Erd' auf Erde dürft'ges Mahl gegeben:
-
- Sey sicher, dass in alle Ewigkeiten,
- Mindstens so lang', als in der vierten Sphäre
- Der feuerrothe Phöbus treibt die Pferde,
-
- Den Preis der Tapfern keiner dir bestreiten,
- Dein Vaterland vor allen seyn das hehre,
- Dein weiser Meister einzig bleiben werde!
-
-
- Don Belianis von Gräcia an denselben.
-
- Mehr als ein Ritter auf dem Erdenrunde
- Thät ich in Handeln, Sprechen, Stechen, Hauen,
- Ob meiner Thatkraft all' erfasst' ein Grauen,
- All' Unbill rächend, die mir kam zur Kunde.
-
- Ich gab Grossthaten Fama's ew'gem Munde,
- Ich war galant, ich war beliebt bei Frauen;
- Wie Zwerglein thät ich alle Riesen schauen,
- Zu Kampf und Streit bereit in jeder Stunde.
-
- Fortuna lag zu meinem Fuss geschmieget,
- Das Glück stand meiner Weisheit treu ergeben,
- Wie eine gute Magd, stets zu Gebote.
-
- Ob nun mein Ruhm des Monds Horn überflieget,
- Ob auch noch nichts mir hat getrübt das Leben,
- Neid' ich doch dich, du grosser Held Quixote!
-
-
- Petrarca's Sonnet 36.
-
- Sie tritt mir vor's Gemüth -- vielmehr ist drinne,
- Dass Lethe nicht vermag sie wegzuheben, --
- Wie sie von ihres Sterns Strahlen umgeben,
- Im Lenz des Lebens trat mir vor die Sinne;
-
- Dass ersten Blickes ich ein Bild gewinne
- Von ihr, so sittig, still und gottergeben,
- Dass ich, »sie ist's,« mir sage, »ist am Leben,«
- Und Frag' an sie und hold Gespräch beginne.
-
- Bald giebt sie Antwort, schweigt auch wohl, dann siehe,
- Wie man halb wacht im Traum, der Irrthum webte,
- Sag ich meinem Gemüth: Du bist im Fehle;
-
- Tausend, dreihundert, acht und vierzig, frühe
- Ein Uhr, den sechsten des Aprils, entschwebte
- Dem süssen Leibe ja die sel'ge Seele.
-
-
- Gedruckt bei Julius Sittenfeld in Berlin.
-
-
-
-
-
-
-
-
-
- Nachtrag zum ersten Bande.
-
-
-S. 95 Zeile 5 von oben ist nach den Worten: »denn er ist gleich dem
-Satze X,« als Note unter dem Texte aus der 2. Auflage der
-Wissenschaftslehre folgender Zusatz hinzuzufügen:
-
-»D. h. ganz populär ausgedrückt: Ich, das in der Stelle des Prädicats A
-setzende, ^dem^ zufolge, ^dass es in der des Subjects gesetzt wurde^,
-weiss nothwendig von meinem Subjectsetzen, also von mir selbst, schaue
-wiederum mich selbst an, bin mir dasselbe.« (Anmerk. * * zur 2.
-Ausgabe.)
-
-Zu bemerken ist noch, dass die S. 91, 95 und 98 hinzugefügten Zusätze
-der 2. Ausgabe ^nur^ in der zweiten »verbesserten« Ausgabe, Jena und
-Leipzig bei Gabler 1802, nicht in der bei Cotta erschienenen
-»unveränderten,« sich finden.
-
-
-
-
- Druckfehler im siebenten Bande.
-
-
- S. 520, Z. 2 v. u. statt jener Zeitalter l. jenes Zeitalters.
- - 527, - 6 v. o. - erfolge l. erfolgte.
-
-
-
-
- Nachtrag.
-
-
- (Aus dem in ^Friedr. Schiller's Nachlass^ nach bereits beendetem
- Abdrucke dieses Bandes aufgefundenen Originaltexte der
- Abhandlung.)
-
-
-
-
- Zur Abhandlung: »Geist und Buchstab« S. 284. Z. 7. nach dem
- Worte:
- ^wollen^.
-
-
-[Fußnote 45: Durch diesen Wink soll nicht etwa dem ^intelligibeln
-Fatalismus^ das Wort geredet werden. Zwar wird der Wille allemal durch
-die für das Subject in seiner gegenwärtigen Stimmung überwiegenden
-Gründe bestimmt; aber dass ^diese^ Gründe überwiegen und nicht die
-entgegengesetzten, und dass das Subject gerade in dieser Stimmung ist
-und in keiner anderen, davon liegt der Grund in der absoluten
-Selbstthätigkeit. Diese ist es, welche das entscheidende Uebergewicht in
-die Wagschale legt durch freie Reflexion und Abstraction in dem
-absoluten Anfange eines jeden innern Lebensactes, der von da aus durch
-die mannigfaltigen Geschäfte des menschlichen Geistes hindurch
-nothwendigen Gesetzen folgt. Der Trieb treibt den Menschen nicht
-unwiderstehlich, wie etwa die Elasticität materieller Körper; denn es
-ist ein Trieb, gerichtet an ein selbstständiges Wesen. Es bedarf der
-Reflexion auf seine Richtung; diese Reflexion ist der Anfangspunct des
-fortgehenden steten Fadens, und von dem Grunde, ob überhaupt reflectirt
-wird oder nicht, und davon, wie reflectirt wird, ob auf die vollständige
-Anregung oder nur auf einen Theil derselben, hängt es ab, wie die
-Willensbestimmung ausfalle. Also: der Wille ist nicht frei, aber ^der
-Mensch ist frei^. Alle seine Vermögen hängen innigst zusammen, und
-greifen bei dem Handeln gesetzmässig in einander ein; und nur daraus,
-dass man für wirklich zersplittert hielt, was nur willkürlich und zum
-Behufe der Speculation zertheilt wurde, entstanden Theorien, die
-entweder dem natürlichen Gefühle oder dem Räsonnement, oder richtiger
-beiden zugleich widersprechen. Nicht bloss -- so hart diese Behauptung
-auch Manchem vorkommen mag -- nicht bloss die Willensbestimmung des
-empirischen Individuums, sondern sein gesammter innerer Charakter, seine
-Vorstellungs- und Begehrungsweise, woran er Vergnügen oder Misvergnügen
-finde sogar, hängt von eines Jeden Selbstthätigkeit ab. Man übertrug die
-durch das Selbstgefühl angekündigte Freiheit zuerst auf den Willen, weil
-dieser jeden innern Lebensact abschliesst und vollendet, und weil
-derselbe von ihm aus sogleich in die Aussenwelt übergeht, mithin auf
-diesem Grenzpuncte zuerst die Verschiedenheit des freien Subjects und
-des gebundenen Objects bemerkt wurde. Aber gerade darum, weil er die
-angeführte Stelle in der Reihe der Geistesgeschäfte einnimmt, ist der
-Wille am wenigsten frei, denn er ist durch das mehrste Vorhergehende
-bestimmt. Mit dem Willen fängt der Mensch einen neuen Zustand in der
-Sinnenwelt an; man folgerte, dass er mit demselben Willen auch den
-nothwendig vorauszusetzenden neuen Zustand in sich selbst anfinge; aber
-diese Folgerung ist unrichtig, und sie war zugleich unwahrscheinlich.
---]
-
-
-
-
- Dritter Brief. (S. 291.) Anfang.
-
-
-[Fußnote 46: Dem Nachbar, dem Sie meinen vorigen Brief mitgetheilt
-haben, ist in dem ganzen Zusammenhange desselben nur dasjenige
-aufgefallen -- melden Sie mir, -- was ich über die Hindernisse sagte,
-welche der Mangel an äusserer Freiheit der ästhetischen Bildung in den
-Weg stellte; er hat geeilt, die Anwendung davon auf sein Zeitalter und
-sein Vaterland zu machen, und wer weiss welche gefährliche Einflössungen
-in meinen Worten gefunden. Ich will mich nun seiner Besorgnisse wegen
-noch deutlicher erklären.
-
-In den von Germanen abstammenden Verfassungen Europens -- in den
-slawischen weit weniger; aber bin ich denn verbunden, auch auf diese
-Rücksicht zu nehmen, oder wenn ich in Deutschland schreibe, zu sorgen,
-dass meine Ausdrücke nicht gegen den Kaiser von Marokko oder den Dei von
-Algier verstossen? -- in den germanischen Verfassungen also hat es sich
-so gefügt, dass von Zeit zu Zeit Einzelne von den Unterdrückten unter
-der Last sich aufrichteten, Einzelne aus den unterdrückenden Ständen,
-durch Zufall oder durch freie Wahl, ihr Gewicht verloren oder aufgaben,
-und beide in einen glücklichen Mittelstand zusammenflossen; dadurch das
-Loos der Unterdrückten erleichterten, indem sie ihnen den Raum weiter
-machten, und auch die Sorgen der Unterdrücker mässigten, indem die Zahl
-derer, die sie zu bewachen hatten, sich verminderte. Hierdurch wurde
-denn auch die sonst unvermeidliche Progression der Sklaverei verhindert
-und die Sachen konnten vermittelst des entstandenen Spielraums mehr in
-der gleichen Lage bleiben, wie sie es denn auch, einzelne Zwischenzeiten
-abgerechnet, denen aber bald günstigere folgten, in der That geblieben
-sind. Aus jenem Mittelstande nun muss und wird sich alles Heil
-entwickeln, das noch über die Menschheit kommen soll. Jeder, den das
-Glück in diesen schönen Stand setzte, kehre daher nur sein Auge in sich
-selbst, ehe er es nach aussen wendet; er mache sich selbst frei, ehe er
-Andere befreien wolle; er erhebe sich zu der Denkart, die auf ihr selber
-ruhend, ihr selbst getreu und in sich ganz gerundet, über zeitliche
-Zwecke und irdische Befürchtungen sich erhebt, und nun lasse er den
-lebendigen Ausdruck dieser Denkart in Wort und Wandel auf seine
-Zeitgenossen wirken, wie er kann; und überlasse es der allmächtigen
-Natur, vor der Jahrtausende sind wie ein Tag, die Saat, die er streut,
-zu entwickeln und zu reifen. Wer diesen Geist nicht hat, der will weder
-sich, noch Andere befreien, sondern er will die Gewalthaber stürzen, um
-selbst an ihre Stelle zu treten, sey's auch unter der Form der Freiheit;
-er will nur die Gestalt der Knechtschaft verändern, -- er drohe nun
-offenbar den Tyrannen, oder er krieche an ihren Stufen, um einen Theil
-ihrer Gewalt zu erschmeicheln, die er zu ertrotzen nicht den Muth hat,
-und die er kühner durch den Erfolg ganz begehren wird. Ein solcher ist
-fern von der wahren Freiheit; denn er hat sich noch nicht von sich
-selbst befreit. Dies ist meine ganze Meinung, und ich mag wohl, dass sie
-der Nachbar wisse. --
-
-In unserem Innern, in welchem wir, wie soeben gefordert wurde,
-einheimisch seyn müssen, wenn eine unserer Wirkungen nach aussen einen
-Werth haben soll, giebt der Sinn für das Aesthetische uns den ersten
-festen Standpunct. Das Genie kehrt darin ein, u. s. w.]
-
-
-
-
- Liste der Unterzeichner
- auf
- Fichte's sämmtliche Werke.
-
-
- Aachen.
-
- Herr Buchhändler _J. A. Mayer_ 1
- für: Herrn Regierungsrath _Ritz_.
-
- Aarau.
-
- Löbl. _Sauerländer_sche Sortiments-Buchhandlung 3
- für: Herrn _E. Dorer-Egloff_ in Baden in der Schweiz
- -- _J. Correvon_, officier féderal du Génie in
- Iverdun.
- Bibliothèque cantonale in Lausanne.
-
- Altena.
-
- Herr Buchhändler _P. A. Santz_ 1
-
- Altenburg.
-
- Löbl. _Schnuphase_sche Buchhandlung 1
-
- Altona.
-
- Herr Buchhändler _G. Blatt_ 1
-
- Amsterdam.
-
- Herr Buchhändler _C. G. Sülpke_ 1
- für: Herrn _R. E. Bischofsheim_.
-
- Arnsberg.
-
- Herr Buchhändler _A. L. Ritter_ 1
- für: Herrn Ober-Landesgerichts-Referendar _Kaupisch_.
-
- Aschaffenburg.
-
- Herr Buchhändler _Th. Pergay_ 1
-
- Augsburg.
-
- Herr Buchhändler _Kollmann_ 1
- für: Herrn Königl. Studienlehrer _J. K. E. Oppenrieder_.
-
- Basel.
-
- Löbl. _Schweighauser_sche Buchhandlung 2
- für: Oeffentliche Bibliothek.
- Herrn Dr. _Joh. Gihr_ in Liestal.
-
- Herr Buchhändler _J. G. Neukirch_ 1
- für: Herrn Dr. _Drechsler_.
-
- Bautzen.
-
- Herr Buchhändler _Aug. Weller_ 1
- für: Herrn Canonicus Dr. _Prihonski_.
-
- Berlin.
-
- Herr Buchhändler _Adolf u. Comp._ 1
-
- Löbl. _Amelang_'sche Buchhandlung 2
- für: Herrn Dr. _R. Haym_.
- -- Commerzien-Rath _Westphal_.
-
- Herr Buchhändler _W. Besser_ 5
- für: Herrn Dr. _Ribbentropp_.
- -- -- _Schrader_ in Brandenburg.
- -- -- _Dalmer_ in Halle.
- -- Geh. Rath Dr. _Bunsen_ in London.
- -- Dr. _Thaulow_ in Kiel.
-
- Herr Buchhändler _Alex. Dunker_ 7
- für: Herrn Baron von _Richthofen_.
- -- Obristlieutenant von _Willisen_, Flügel-Adjutant
- des Königs.
- -- Geschichts- und Portraitmaler _Mila_.
- -- _Türrschmidt_.
- -- Professor Dr. _Röstell_.
- -- v. d. _Lage_, Director des Pädagogiums in
- Charlottenburg.
- -- Ungenannt.
-
- Löbl. _Enslin_'sche Sortiments-Buchhandlung 4
- für: die Bibliothek des Friedrich-Wilhelms-Gymnasiums.
- Herrn Kammergerichts-Referendar _Haack_.
- -- Stadtschulrath _Schulze_.
- -- Prediger Dr. _Schütze_ in Lissabon.
-
- Löbl. _Hirschwald_'sche Buchhandlung 1
- für: K. St. Wladimirsuniversität in Kiew.
-
- Herr Buchhändler _A. H. W. Logier_ 1
- für: Herrn Privatdocent Dr. _F. A. Märcker_.
-
- Herr Buchhändler _E. S. Mittler_ 1
- für: Herrn Postsecretär _Kaumann_.
-
- Löbl. _Nicolai_'sche Buchhandlung 3
-
- Löbl. _Oehmigke_'sche Buchhandlung 2
- für: Herrn Director der höh. Stadtschule _Zinnow_.
- -- Graf _v. Grabowski_ auf Rodawnitz.
-
- Herr Buchhändler _E. H. Schröder_ 8
- für: Herrn Dr. _E. Meyen_.
- -- Dr. _Glaser_, Privatdocent.
- -- Graf _R. Raczynski_.
- -- _Reichenow_ in Charlottenburg.
- -- Assessor von _Mörner_.
- -- von _Neumann_.
- -- von _Kudrefzef_.
- -- _Reinbott_, Lehrer am Diesterwegschen Semin.
-
- Herr Buchhändler _Jul. Springer_ 6
- für: Herrn Prediger _Hoyer_ in Fürstenau.
- -- Baron _v. Holtzendorf-Vietmannsdorf_.
- -- _Fuss_.
- -- _Siegmund_.
- -- Dr. _Voigtländer_.
- -- Assessor _Witte_.
-
- Herren Buchhändler _Veit u. Comp._ 7
- für: Herrn Professor Dr. _H. G. Hotho_.
- -- Geheimrath _Varnhagen von Ense_.
- -- Ober-Appellationsgerichts-Rath _Meyer_.
- -- _J. Lehmann_, Redacteur.
- -- Baumeister _W. Hoffmann_.
- -- Geheimerath Professor Dr. _Böckh_.
- -- Prediger Dr. _Sachs_.
-
- Bern.
-
- Herren Buchhändler _Huber u. Comp._ 1
- für: Herrn Privatdocent Dr. _Ris_.
-
- Bielefeld.
-
- Herren Buchhändler _Velhagen u. Klasing_ 3
- für: Herrn Gymnasiallehrer Dr. _Stahlberg_ in Herford.
- -- Conrector _Wortmann_.
- -- Pastor _Smidt_.
-
- Bonn.
-
- Herr Buchhändler _Ad. Marcus_ 9
- für: Die Königl. Universitäts-Bibliothek.
- Bibliotheque de l'université de Louvain.
- Herrn Director Dr. _Kortegarn_ in Bonn.
- -- Professor Dr. _Lassen_.
- -- Ober-Consistorial-Rath Professor Dr. _Nitzsch_.
- -- Privatdocent Dr. _Clemens_.
- -- -- -- _Volkmuth_.
- -- _Erskine_.
- -- Buchhändler _Marcus_.
-
- Herr Buchhändler _E. Weber_ 1
- für: Herrn Professor Dr. _Mendelssohn_.
-
- Brandenburg.
-
- Herr Buchhändler _J. J. Wiesike_ 2
- für: Die Gymnasial-Bibliothek.
- Herrn Collaborator _Döhler_.
-
- Braunschweig.
-
- Herr Buchhändler _Ed. Leibrock_ 1
- für: Herrn Dr. _Hanne_.
-
- Bremen.
-
- Herr Buchhändler _A. D. Geisler_ 1
-
- Herr Buchhändler _J. G. Heyse_ 1
-
- Breslau.
-
- Herr Buchhändler _F. Aderholz_ 2
-
- Herren Buchhändler _Grass, Barth u. Comp._ 1
-
- Herr Buchhändler _Gosohorsky_ 2
- für: Herrn Rector _Jordan_ in Trebnitz.
- -- Professor _Braniss_ in Breslau.
-
- Herren Buchhändler _Jos. Max u. Comp._ 4
- für: Herrn Divisionsprediger Dr. _Rhode_.
- -- Medicinalrath Dr. _Ebers_.
- -- Professor Dr. _Röpell_.
- -- Buchhändler _Sowade_ in Pless.
-
- Herr Buchhändler _Ferd. Hirt_ 1
-
- Brieg.
-
- Herr Buchhändler _Ziegler_ 1
- für: Herrn _Const. v. Ziegler-Knyphausen_, Lieutenant
- im 22. Infant. Regiment.
-
- Bromberg.
-
- Herr Buchhändler _E. S. Mittler_ 2
- für: Herrn Prediger _Gessel_ in Thorn.
- Ungenannt.
-
- Brünn.
-
- Löbl. _C. Winiker_'sche Buchhandlung 1
-
- Brüssel.
-
- Herr Buchhändler _C. Muquardt_ 2
- für: Herrn Professor _Tandel_ in Lüttich.
- La Bibliothèque _Royale_.
-
- Cammin.
-
- Herren Buchhändler _Domine u. Comp._ 1
- für: Herrn Dr. _Puchstein_.
-
- Carlsruhe.
-
- Löbl. _Braun_'sche Hof-Buchhandlung 1
- für: das Museum in Carlsruhe.
-
- Herr Buchhändler _Georg Holtzmann_ 1
- für: Herrn Lehrer _Herrmann_ in Ettlingen.
-
- Cassel.
-
- Herr Buchhändler _J. J. Bohné_ 1
- für: die Kurfürstl. Landesbibliothek.
-
- Cöln.
-
- Herren Buchhändler _J. u. W. Boisserée_ 2
-
- Herr Buchhändler _E. Welter_ 1
-
- Cöslin.
-
- Herr Buchhändler _C. G. Hendess_ 1
- für: die Gymnasialbibliothek.
-
- Constanz.
-
- Herr Buchhändler _W. Meck_ 1
- für: Herrn Professor _F. A. Kreuz_ am Lyceum.
-
- Darmstadt.
-
- Herr Buchhändler _G. Jonghaus_ 1
- für: die Grossherzogl. Hessische Hofbibliothek.
-
- Dessau.
-
- Herr Buchhändler _J. Fritsche_ 2
-
- Dorpat.
-
- Löbl. _Franz Kluge_'sche Buchhandlung 1
-
- Dresden.
-
- Löbl. _Arnold_'sche Buchhandlung 1
-
- Herr Buchhändler _H. M. Gottschalk_ 1
-
- Düsseldorf.
-
- Löbl. _Schaub_'sche Buchhandlung 1
- für: die Landesbibliothek.
-
- Elberfeld.
-
- Herren Buchhändler _J. Löwenstein u. Comp._ 1
- für: die Landesbibliothek.
-
- Elbing.
-
- Herr Buchhändler _Fr. L. Levin_ 1
- für: Herrn Director Dr. _Herzberg_.
-
- Flensburg.
-
- Herr Buchhändler _J. C. Korte-Jessen_ 2
- für: Herrn Oberlandesgerichts-Advocat _Fr. Johannsen_.
- -- Buchhändler _Korte-Jessen_.
-
- Frankfurt a. M.
-
- Löbl. _Jäger_'sche Buchhandlung 3
- für: Herrn _W. H. Ackermann_, Lehrer a. d. Musterschule.
- -- _W. C. Cartwright_ Esqu. in London.
- Ungenannt.
-
- Herr Buchhändler _C. Jügel_ 1
- für: Herrn Dr. _F. A. Balling_, Brunnenarzt in Kissingen.
-
- Herr Buchhändler _J. D. Sauerländer_ 1
- für: die Stadtbibliothek.
-
- Löbl. _Varrentrapp_'sche Sortiments-Buchhandlung 1
- für: Herrn Justiz- und Domänenrath Dr. _Oelschläger_
- in Regensburg.
-
- Freiburg im Breisgau.
-
- Herren Buchhändler _Lippe u. Comp._ 1
- für: Herrn Pfarrverweser _Lump_ in Riegel.
-
- Genf.
-
- Herr Buchhändler _J. Kessmann_ 1
-
- Giessen.
-
- Herr Buchhändler _G. F. Heyer Sohn_ 3
- für: die Universitätsbibliothek.
- Herrn Stud. _Liebknecht_.
- das Predigerseminar in Friedberg.
-
- Herr Buchhändler _J. Ricker_ 1
- für: Herrn Dr. _M. Carrière_.
-
- Glatz.
-
- Herr Buchhändler _E. L. Prager_ 1
- für: Herrn _Rostock_, Prinzl. Oberamtmann in Seitenberg.
-
- Glogau.
-
- Herr Buchhändler _C. Flemming_ 1
- für: die Lehrerbibliothek des kathol. Gymnasiums.
-
- Görlitz.
-
- Herr Buchhändler _G. Köhler_ 3
- für: Herrn Geh. Justizrath _Blumenthal_ in Friedersdorf
- bei Greifenberg.
- die Oberlausitzsche Gesellschaft der Wissenschaften.
-
- Göttingen.
-
- Herr Buchhändler _Deuerlich_ 3
- für: Herrn Hofrath Professor Dr. _Ritter_.
- -- Professor Dr. _Götze_.
- -- Professor Dr. _Dunker_.
-
- Löbl. _Dietrich_'sche Buchhandlung 1
-
- Herren Buchhändler _Vandenhoeck u. Ruprecht_ 1
- für: Herrn Cand. d. Theol. _Petersen_ in Hannover.
-
- Gotha.
-
- Herr Buchhändler _Carl Glaeser_ 1
- für: die Herzogl. öffentliche Bibliothek.
-
- Greifswald.
-
- Herr Buchhändler _Otte_ 3
- für: Herrn Professor Dr. _Semisch_.
- -- Professor Dr. _Boström_ in Upsala.
- Ungenannt.
-
- Halberstadt.
-
- Herr Buchhändler _F. A. Helm_ 1
-
- Halle.
-
- Herr Buchhändler _Anton_ 1
- für: Herrn. Professor Dr. _Ulrici_.
-
- Herr Buchhändler _Lippert u. Schmidt_ 4
- für: Herrn Professor Dr. _Schaller_.
- -- Privatdocent Dr. _Weissenborn_.
- -- Stud. phil. _Seifart_.
- -- Dr. _Dalmer_.
-
- Herr Buchhändler _Rich. Mühlmann_ 2
-
- Herren Buchhändler _C. H. Schwetschke u. Sohn_ 5
-
- Hamburg.
-
- Herren Buchhändler _F. H. Nestler u. Melle_ 4
- für: die Hamburgische Stadtbibliothek.
- _Osmond de Beauvoir Priaulx_ (Oxford et Cambridge
- Clubb).
- Sir _William Hamilton_ in _Edinburg_.
- Ungenannt.
-
- Herren Buchhändler _Perthes, Besser u. Mauke_ 2
- für: Herrn Professor Dr. _Ullrich_.
- Ungenannt.
-
- Hamm.
-
- Herr Buchhändler _C. Wickenkamp_ 1
- für: die Bibliothek des Gymnasiums.
-
- Hannover.
-
- Löbl. _Hahn_'sche Hofbuchhandlung 1
- für: die _Hahn_'sche Hofbuchhandlung.
-
- Löbl. _Helwing_'sche Hofbuchhandlung 2
- für: die Bibliothek der Ständeversammlung.
- Herrn Advocat _Ebhardt_.
-
- Heidelberg.
-
- Herr Buchhändler _E. Mohr_ 1
- für: Herrn Kirchenrath _Rothe_.
-
- Herr Buchhändler _K. Winter_ 2
- für: die Grossherzogl. Hofbibliothek in Carlsruhe.
- Herrn Pfarrer _Sturm_ in Buch am Ahorn.
-
- Jena.
-
- Herr Buchhändler _Fr. Frommann_ 3
- für: die Grossherzogl. Hofbibliothek in Weimar.
- Ihre Durchlaucht die Prinzessin _Caroline_ von
- Schaumburg-Lippe in Rudolstadt 2 Exempl.
-
- Kiel.
-
- Löbl. Akademische Buchhandlung 1
- für: Herrn Candidat _Sierck_.
-
- Löbl. _Schwers_'sche Buchhandlung 1
- für: Herrn Professor Dr. _Chalybaeus_.
-
- Königsberg.
-
- Löbl. _Bornträger_'sche Buchhandlung 9
- für: die Königl. akadem. Handbibliothek.
- die Königl. Bibliothek.
- die Bibliothek des Lyceum Hosianum in Braunsberg.
- Herrn Candidat _Böttcher_ in Koewe.
- -- Professor Dr. _Rosenkranz_.
- -- _von Stomczewski_.
- für: Herrn _Sydow_.
- -- Conrector _Suck_ in Wehlau.
- -- Professor Dr. _K. Lehrs_.
-
- Herren Buchhändler _Graefe u. Unzer_ 3
- für: Herrn Consistorialrath Dr. _Lehnerdt_.
- -- Divisionsprediger Dr. _Toop_.
- das Collegium Fredericianum.
-
- Herr Buchhändler _E. H. Mangelsdorf_ 1
- für: Herrn Subrector _G. W. A. Wechsler_.
-
- Kopenhagen.
-
- Herr Buchhändler _Eibe_ 1
-
- Löbl. _Gyldendal_'sche Buchhandlung 3
- für: die Grosse Königl. Bibliothek.
- die Akademie in Soröe.
- Herrn _Feilberg_ und _Landmark_, Buchhändler in
- Christiania.
-
- Herr Buchhändler _Andr. Fr. Höst_ 2
- für: Herrn Mag. Dr. _Cronholm_ in Malmö 2 Exempl.
-
- Herr Buchhändler _H. C. Klein_ 2
- für: Herrn _G. Plaug_, Cand. phil.
- die theologische Bibliothek.
-
- Herr Buchhändler _C. A. Reitzel_ 4
-
- Krakau.
-
- Herr Buchhändler _D. E. Friedlein_ 1
- für: Herrn _Goleberski_, Anwalt beim Tribunal.
-
- Landshut.
-
- Löbl. _Krüll_'sche Univ. Buchhandlung 1
- für: Herrn Appellationsgerichts-Accessist _v. Hessling_.
-
- Langensalza.
-
- Herr Buchhändler _Körner_ 1
- für: Herrn Conrector Dr. _Karl Schramm_.
-
- Leipzig.
-
- Herr Buchhändler _F. A. Brockhaus_ 2
-
- Löbl. _Dyk_'sche Buchhandlung 1
-
- Herr Buchhändler _C. L. Fritzsche_ 1
- für: Herrn Professor Dr. _Niedner_.
-
- Löbl _J. C. Hinrichs_'sche Buchhandlung 2
- für: die Stadtbibliothek.
- Ungenannt.
-
- Herr Buchhändler _K. Fr. Köhler_ 4
- für: Herrn Hofrath _Otto_ in Dorpat.
- die Universitätsbibliothek daselbst
- Ungenannt.
-
- Herr Buchhändler _Jul. Klinkhardt_ 1
-
- Herr Buchhändler _C. H. Reclam_ sen. 2
- für: Herrn Ober-Landesgerichts-Assessor _Lobedan_ in
- Naumburg.
- -- Gymnasiallehrer _Passow_ in Meiningen.
-
- Herren Buchhändler Gebr. _Reichenbach_ 1
- für: Herrn Dr. _C. Rössler_.
-
- Herr Buchhändler _Ludw. Schreck_ 1
- für: Herrn _W. Nemeth_, Buchhändler in Kronstadt.
-
- Herr Buchhändler _Leop. Voss_ 2
- für: Herrn Professor Dr. _Drobisch_.
- die Universitätsbibliothek.
-
- Lemberg.
-
- Herr Buchhändler _Joh. Millikowsky_ 2
- für: Herrn Domvicar _Mich. Formanyos_.
- die _Ossolinski_'sche Bibliothek.
-
- Liegnitz.
-
- Herr Buchhändler _C. E. Reisner_ 1
- für: Herrn Diaconus _Peters_.
-
- Lintz.
-
- Herren Buchhändler _Fr. Eurich u. Sohn_ 1
- für: die Stiftsbibliothek in Kremsmünster.
-
- London.
-
- Herren Buchhändler _A. Asher u. Comp._ 13
-
- Herren Buchhändler _Williams u. Norgate_ 13
-
- Lübeck.
-
- Löbl. _von Rohden_'sche Buchhandlung 1
-
- Luxemburg.
-
- Herr Buchhändler _G. Michaelis_ 1
- für: Herrn Pastor _Drischel_.
-
- Magdeburg.
-
- Herr Buchhändler _W. Heinrichshofen_ 1
- für: Herrn Rector _Bracker_ in Hundisburg.
-
- Löbl. _Rubach_'sche Buchhandlung 2
- für: Herrn Criminaldirector, Oberlandesger. Rath _Fritze_.
- die Stadtbibliothek.
-
- Mailand.
-
- Herr Buchhändler _Joh. Meiners u. Sohn_ 2
-
- Herren Buchhändler _Tendler u. Schaefer_ 2
- für: Herrn _Marchese Gozzani_ St. Georges in Turin.
- -- Abbate _Don Raimondi_ in Mailand.
-
- Marburg.
-
- Löbl. _Bayrhoffer_'sche Universitätsbuchhandlung 3
- für: die Kurfürstl. Universitätsbibliothek.
- Herrn Professor Dr. _Bayrhoffer_.
- -- -- -- _Franz Vorländer_.
-
- Herr Buchhändler _N. G. Elwert_ 1
-
- Marienwerder.
-
- Herr Buchhändler _Alb. Baumann_ 3
- für: Herrn Oberlandesgerichts-Rath _Scherres_.
- die Bibliothek der Königl. Regierung.
- die Bibliothek des Königl. Gymnasiums.
-
- Herr Buchhändler _E. Levysohn_ 1
- für: Herrn Referendar _Döring_.
-
- Meiningen.
-
- Herr Buchhändler _W. Blum_ 1
-
- Löbl. _Kesselring_'sche Hofbuchhandlung 1
- für: die Herzogl. öffentliche Bibliothek.
-
- Mitau.
-
- Herr Buchhändler _G. A. Reyher_ 1
- für: Herrn Professor Dr. _Strümpell_ in Dorpat.
-
- München.
-
- Löbl. _Literarisch-artistische Anstalt_ 2
-
- Herr Buchhändler _Georg Franz_ 1
- für: die Bibliothek des Oberconsistoriums.
-
- Löbl. _Palm_'sche Hofbuchhandlung 1
- für: die Königl. Hof- u. Staatsbibliothek.
-
- Münster.
-
- Löbl. _Wundermann_'sche Buchhandlung 1
- für: Herrn Regimentsarzt Dr. _Rudolph_.
-
- Löbl. _Theissing_'sche Buchhandlung 1
-
- Neisse.
-
- Herr Buchhändler _F. Burckhardt_ 1
- für: Herrn Graf _von Reichenbach_ auf Waltdorf.
-
- Nordhausen.
-
- Herr Buchhändler _Büchting_ 1
-
- Herr Buchhändler _F. Förstemann_ 1
- für: Herrn _M. L. von Eberstein_.
-
- Nürnberg.
-
- Herr Buchhändler _J. A. Stein_ 1
- für: die Gymnasialbibliothek.
-
- Oldenburg.
-
- Löbl. _Schulze_'sche Buchhandlung 1
- für: die Grossherzogl. Oldenburgische Bibliothek.
-
- Paris.
-
- Herr Buchhändler _A. Frank_ 2
-
- Herren Buchhändler _Degetau u. Comp._ 1
- für: Herrn _Rehfeld_.
-
- Herr Buchhändler _Klincksieck_ 6
- für: Herrn _Georg Herwegh_.
- la Bibliothèque Royale.
- Herrn _Victor Cousin_, Pair de France.
- -- _Ad. Lafont de Ladebas_.
- -- _Lerminier_.
- -- _Verny_.
-
- Pesth.
-
- Herr Buchhändler _Gust. Emich_ 1
- für: Herrn _Stancsics Mihaly_.
-
- Herr Buchhändler _C. Geibel_ 1
-
- Herr Buchhändler _C. A. Hartleben u. Altenburger_ 3
- für: Herrn Professor _August v. Széchy_.
- -- Director _Cyrill von Horváth_ in Szegedin.
- -- K. K. Kämmerer Graf _v. Zichy_ in Láng.
-
- Herr Buchhändler _Gust. Heckenast_ 1
- für: Herrn K. K. Major _Bein_.
-
- Herren Buchhändler _Kilian u. Comp._ 2
- für: die K. K. Universitätsbibliothek.
- Herrn _Marton_.
-
- Herr Buchhändler _Kilian_ sen. u. _Weber_ 3
- für: Herrn _Bartholomäus von Fischer_, Profess. der
- Moral und Theologie.
- -- _Jos. von Urmenyi_, Königl. Rath und Obergespann.
- -- _von Adamowics_.
-
- Petersburg.
-
- Herren Buchhändler _Eggers u. Comp._ 2
- für: Herrn wirkl. Staatsrath _v. Kranichfeld_.
- Ungenannt.
-
- Posen.
-
- Herr Buchhändler _E. S. Mittler_ 4
- für: Herrn Regierungs-Assessor _Duncker_.
- -- -- -- _Edler_.
- -- -- -- _Besser_.
- -- Consistorialrath _Kissling_.
-
- Herren Buchhändler Gebr. _Scherk_ 1
-
- Herr Buchhändler _Zupaíski_ 1
-
- Potsdam.
-
- Herr Buchhändler _Ferd. Riegel_ 1
- für: Herrn Braueigner _Müller_.
-
- Löbl. _Stuhr_'sche Buchhandlung 1
-
- Prag.
-
- Herren Buchhändler _Borrosch u. André_ 1
- für: Herrn Professor Dr. _Exner_.
-
- Herr Buchhändler _Ehrlich_ 2
- für: Herrn Candidat der Medicin _Springer_.
- -- Dr. _Smetana_.
-
- Herren Buchhändler _Kronberger u. Rziwnatz_ 2
- für: Herrn Professor Dr. _Bolzano_.
- Ungenannt.
-
- Presburg.
-
- Herr Buchhändler _C. Fr. Wigand_ 1
-
- Quedlinburg.
-
- Löbl. _Ernst_'sche Buchhandlung 1
- für: Herrn Geheimerath _Hertel_.
-
- Reichenbach.
-
- Herr Buchhändler _Fr. George_ 1
- für: Herrn Candidat _Peinert_ in Olbersdorf.
-
- Riga.
-
- Herr Buchhändler _J. Deubner_ 2
- für: Herrn Pastor Dr. _Martin Berkholz_.
- -- Bürgermeister Ritter _v. Timm_, Magnificenz.
-
- Herr Buchhändler _N. Kymmel_ 1
-
- Rostock.
-
- Herr Buchhändler _F. L. Schmidtchen_ 2
- für: Herrn Professor Dr. _Schmidt_.
- Ungenannt.
-
- Löbl. _Stiller_'sche Hofbuchhandlung 1
- für: die Grossherzogl. Universitätsbibliothek.
-
- Schaffhausen.
-
- Löbl. _Hurter_'sche Buchhandlung 1
- für: Herrn Decan _Benker_ in Diessenhofen.
-
- Schwäbisch-Hall.
-
- Herr Buchhändler _Nitschke_ 1
-
- Schweidnitz.
-
- Herr Buchhändler _C. F. Weigmann_ 2
-
- Solothurn.
-
- Herr Buchhändler _L. Jent_ 1
- für: die Professorenbibliothek.
-
- Speyer.
-
- Löbl. _F. C. Neidhard_'sche Buchhandlung 1
- für: die Bibliothek des K. Gymnasiums.
-
- Stettin.
-
- Herr Buchhändler _L. Saunier_ 1
- für: die Bibliothek des Königl. Gymnasiums.
-
- St. Gallen.
-
- Herr Buchhändler _C. P. Scheitlin_ 1
- für: die Stiftsbibliothek.
-
- Stockholm.
-
- Herr Buchhändler _F. Bonnier_ 3
-
- Strasburg.
-
- Herren Buchhändler _Treuttel u. Würtz_ 2
- für: die Bibliothek des protestantischen Seminars.
- Herrn _Colany_, Candidat der Theologie.
-
- Herr Buchhändler _Levrault_ 1
- für: Herrn Professor _Willm_.
-
- Stuttgart.
-
- Herren Buchhändler _Beck u. Fränkel_ 1
-
- Herr Buchhändler _Fr. H. Köhler_ 1
- für: Herrn Diaconus _Kornbeck_ in Marbach.
-
- Löbl. _J. B. Metzler_'sche Buchhandlung 1
- für: Herrn _Alexander Simon_.
-
- Herr Buchhändler _Paul Neff_ 2
- für: Herrn Rechtsconsulent Dr. _Steudel_.
- die Königl. Handbibliothek.
-
- Herr Buchhändler _Rommelsbacher_ 1
- für: die Königl. öffentl. Bibliothek.
-
- Thorn.
-
- Löbl. _E. Lambeck_'sche Buchhandlung 1
-
- Trier.
-
- Löbl. _Lintz_'sche Buchhandlung 2
- für: Herrn Ober-Amtmann _Sulz_.
- -- Dr. _Montigny_, Lehrer am Gymnasium.
-
- Tübingen.
-
- Herr Buchhändler _L. F. Fues_ 8
- für: die K. Universitätsbibliothek.
- die K. Seminarbibliothek.
- Herrn Professor Dr. _Reiff_.
- -- Stud. theol. _Jaeger_ }
- -- -- -- _Schuster_ }
- -- -- -- _Schnitzer_ } im Stift.
- -- -- -- _Fricker_ }
- -- -- -- _Koestlin_ }
-
- Löbl. _Zu Guttenberg_'sche Sortimentsbuchhandlung 1
- für: Herrn Pfarrer _Zotz_ in Ahldorf.
-
- Ulm.
-
- Löbl. _Stettin_'sche Sortimentsbuchhandlung 1
- für: Herrn Rechtsconsulent Dr. _Göritz_.
-
- Utrecht.
-
- Herren Buchhändler _Kemink u. Sohn_ 2
-
- Wien.
-
- Löbl. _Fr. Beck_'sche Univ. Buchhandlung 1
-
- Herren Buchhändler _Braumüller u. Seidel_ 16
-
- Herren Buchhändler _C. Gerold u. Sohn_ 6
-
- Herr Buchhändler _J. G. Heubner_ 1
- für: Herrn Abt _Altmann_ zu Goettweil.
-
- Löbl. _Jasper_'sche Buchhandlung 1
-
- Herren Buchhändler _Kaulfuss Ww., Prandel u. Comp._ 2
-
- Herren Buchhändler _Mörschner's Ww. u. Bianchi_ 2
-
- Herr Buchhändler _P. Rohrmann_ 3
- für: die K. K. Hofbibliothek.
- die K. K. Universitätsbibliothek.
- Herrn Dr. _Dworzak_.
-
- Herren Buchhändler _Schaumburg u. Comp._ 2
- für: Herrn Baron _Nicolaus Mattencloit_.
-
- Löbl. Fr. _Volke_'sche Buchhandlung 1
- für: Herrn Hofrath _v. Witteczek_.
-
- Herr Buchhändler _J. B. Wallishauser_ 1
- für: Herrn Baron _v. Locella_.
-
- Herren Buchhändler _Wimmer, Schmidt u. Leo_ 3
- für: Herrn Dr. med. _Lederer_.
- -- Edler _von Hasner_.
- Ungenannt.
-
- Wiesbaden.
-
- Löbl. _Friedrich_'sche Buchhandlung 1
- für: die Herzogl. Nassauische öffentl. Landesbibliothek.
-
- Herr Buchhändler _C. W. Kreidel_ 1
- für: Herrn Collaborator _Seyberth_ in Weilburg.
-
- Wittenberg.
-
- Löbl. _Zimmermann_'sche Buchhandlung 1
- für: die Bibliothek des Gymnasiums.
-
- Würzburg.
-
- Löbl. _Stahel_'sche Buchhandlung 1
- für: Herrn Rector Professor Dr. _Franz Hoffmann_.
-
- Herr Buchhändler _Ludw. Stabel_ 1
- für: Herrn Rechtspraktikant Dr. _Reder_.
-
- Züllichau.
-
- Herr Buchhändler _H. Sporleder_ 1
- für: die Bibliothek der Realschule in Meseritz.
-
- Zürich.
-
- Herren Buchhändler _Meyer u. Zeller_ 2
- für: Herrn Dr. _Mager_.
- -- Professor Dr. _Bobrich_.
-
- Herren Buchhändler _Orell, Füssli u. Comp._ 2
-
- Herr Buchhändler _Fr. Schulthess_ 2
- für: Herrn Regierungsrath _Hotz_ in Balchrist.
- -- Vicar _Fries_.
-
-
-
- Johann Gottlieb Fichte's
-
-
- von seinem Sohne herausgegebene sämmtliche Werke liegen nun
- vollständig in acht Bänden dem Publicum vor. Der Umfang des
- Ganzen beträgt gegen 300 Bogen und den Preis von 15 Thalern
- lassen wir vorläufig fortbestehen.
-
- Die Abtheilungen der Gesammtwerke werden auch besonders verkauft,
- und zwar:
-
- 1) Erste Abtheilung. Zur theoretischen Philosophie. Thlr. 5.
- Band I. und II.
- 2) Zweite Abtheilung. A. Zur Rechts- und Sittenlehre. Thlr. 5.
- Band III. und IV.
- 3) Zweite Abtheilung. B. Religionsphilosophische Thlr. 2 1/3.
- Schriften. Band V.
- 4) Dritte Abtheilung. Populär-philosophische Schriften. Thlr. 6.
- Band VI., VII. und VIII.
-
- Einer ganz besondern Verbreitung fähig sind namentlich die
- _Zweite Abtheilung_ B. (3) und die _Dritte_ (4), welche in die
- politische und religiöse Bewegung der Gegenwart so unmittelbar
- eingreifen, dass kein denkender Beobachter der Zeit sie ungelesen
- lassen darf. In den genannten Abtheilungen ist _Fichte_ weniger
- speculativer Philosoph als begeisterter Volksredner, der nächst
- Luther und Lessing das kräftigste Deutsch geschrieben hat. Diese
- vier Bände wird Niemand entbehren können, _der die deutschen
- Classiker in seiner Bibliothek vereinigen will_.
-
-
- Die zweite Abtheilung B. enthält:
-
- Aphorismen über Religion und Deismus, aus dem Jahre 1790.
-
- Versuch einer Kritik aller Offenbarung, 1792.
-
- Ueber den Grund unseres Glaubens an eine göttliche Weltregierung,
- 1798.
-
- Appellation an das Publicum gegen die Anklage des Atheismus, 1799.
-
- Gerichtliche Verantwortung gegen die Anklage des Atheismus, 1799.
-
- Rückerinnerungen, Antworten, Fragen. (Ungedruckt, aus dem Anfange
- 1799).
-
- Aus einem Privatschreiben, im Jänner 1800.
-
- Die Anweisung zum seligen Leben, oder auch die Religionslehre, 1806.
-
-
- Die dritte Abtheilung enthält:
-
- Zurückforderung der Denkfreiheit von den Fürsten Europens, die sie
- bisher unterdrückten, 1793.
-
- Beiträge zur Berichtigung der Urtheile des Publicums über die
- französische Revolution, 1793.
-
- Einige Vorlesungen über die Bestimmung des Gelehrten, 1794.
-
- Ueber das Wesen des Gelehrten, und seine Erscheinungen im Gebiete
- der Freiheit, 1805.
-
- Ueber die einzig mögliche Störung der akademischen Freiheit, 1812.
-
- Die Grundzüge des gegenwärtigen Zeitalters, 1804.
-
- Reden an die deutsche Nation, 1808.
-
- Anhang zu den Reden an die deutsche Nation, geschrieben im Jahre
- 1806. (Ungedruckt).
-
- Politische Fragmente aus den Jahren 1807 und 1813. (Ungedruckt).
- A. Bruchstücke aus einem unvollendeten politischen Werke vom
- Jahre 1806-7.
- 1) Episode über unser Zeitalter.
- 2) Die Republik der Deutschen.
- B. Aus dem Entwurfe einer politischen Schrift im Jahre 1813.
- C. Excurse zur Staatslehre, 1813.
- 1) Ueber Errichtung des Vernunftreiches.
- 2) Ueber Zufall, Loos, Wunder.
- 3) Ueber die Ehe, den Gegensatz von altem und neuen Staate
- und Religion u. s. w.
-
- Nicolai's Leben und sonderbare Meinungen, 1801.
-
- Deducirter Plan einer zu Berlin zu errichtenden höheren Lehranstalt,
- 1807.
- Beilagen zum Universitätsplane (Ungedruckt):
- a. Plan zu einem periodischen schriftstellerischen Werke an
- einer deutschen Universität, 1805.
- b. Rede bei einer Ehrenpromotion an der Universität zu
- Berlin, am 16. April 1811.
-
- Vermischte Aufsätze:
- A. Beweis der Unrechtmässigkeit des Büchernachdruckes, ein
- Räsonnement und eine Parabel, 1791.
- B. Zwei Predigten aus dem Jahre 1791 (Ungedruckt).
- C. Ueber Geist und Buchstab in der Philosophie, 1794.
- D. Von der Sprachfähigkeit und dem Ursprunge der Sprache, 1795.
- E. Ueber Belebung und Erhöhung des Interesse an Wahrheit, 1795.
- F. Aphorismen über Erziehung, 1804 (Ungedruckt).
- G. Bericht über die Wissenschaftslehre und die bisherigen
- Schicksale derselben, 1806 (Ungedruckt).
-
- Recensionen von:
- A. Creuzers skeptischen Betrachtungen über die Freiheit des
- Willens, 1793.
- B. Gebhard über sittliche Güte, 1793.
- C. Kant zum ewigen Frieden, 1796.
-
- Poesien und metrische Uebersetzungen:
- A. Das Thal der Liebenden, Novelle, 1786 (Ungedruckt).
- B. Kleinere Gedichte, (meist ungedruckt).
- C. Uebersetzungen aus dem Portugiesischen, Spanischen und
- Italiänischen, (meist ungedruckt).
-
- Veit & Comp.
-
-
-
-
-Anmerkungen zur Transkription
-
-
-Die »Liste der Unterzeichner auf Fichte's sämmtliche Werke« wurde vom
-Anfang an das Ende des Buches verschoben.
-
-Hervorhebungen, die im Original g e s p e r r t sind, wurden mit
-Unterstrichen wie _hier_ gekennzeichnet. Textstellen, die im Original
-kursiv gesetzt sind, wurden ^so^ markiert.
-
-Die variierende Schreibweise des Originales wurde weitgehend
-beibehalten. Lediglich offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert
-wie hier aufgeführt (vorher/nachher):
-
- [S. 1020]:
- ... ihm -- sein Geschichtschreiber sagt dies an seiner Urne mit ...
- ... ihm -- sein Geschichtsschreiber sagt dies an seiner Urne mit ...
-
- [S. 1039]:
- ... nicht eine ansgemachte Wahrheit unter allen alten
- Schriftstellern ...
- ... nicht eine ausgemachte Wahrheit unter allen alten
- Schriftstellern ...
-
- [S. 1064]:
- ... Resensionen herumblättern will, wird auf die oben angeführten
- Aeusserungen ...
- ... Recensionen herumblättern will, wird auf die oben angeführten
- Aeusserungen ...
-
- [S. 1076]:
- ... Oder hat etwa das deutsche Publicum bisjetzt in allem ...
- ... Oder hat etwa das deutsche Publicum bis jetzt in allem ...
-
- [S. 1105]:
- ... noch auschaulicher zu machen: -- Der Stoff, welchen der
- Meister ...
- ... noch anschaulicher zu machen: -- Der Stoff, welchen der
- Meister ...
-
- [S. 1124]:
- ... sich verleiten, dem Widerspuche zu widersprechen, so müsste ...
- ... sich verleiten, dem Widerspruche zu widersprechen, so müsste ...
-
- [S. 1141]:
- ... als den üblichen Fleiss uud Berufstreue gerechnet werden;
- indem ...
- ... als den üblichen Fleiss und Berufstreue gerechnet werden;
- indem ...
-
- [S. 1144]:
- ... wie späterhin die Regularen es sollen, zu einem
- geinschaftlichen ...
- ... wie späterhin die Regularen es sollen, zu einem
- gemeinschaftlichen ...
-
- [S. 1151]:
- ... oder Relegation, oder dess etwas stattfinde. Durch die ...
- ... oder Relegation, oder dass etwas stattfinde. Durch die ...
-
- [S. 1163]:
- ... möchten auch an diese Lehrer für diese eigenlich nicht im ...
- ... möchten auch an diese Lehrer für diese eigentlich nicht im ...
-
- [S. 1241]:
- ... noch zeugen kann, und die Kiuder dieser Kinder: und ziehe ...
- ... noch zeugen kann, und die Kinder dieser Kinder: und ziehe ...
-
- [S. 1241]:
- ... Es sagen zwar freilich verleumderiche Zungen, dass das ...
- ... Es sagen zwar freilich verleumderische Zungen, dass das ...
-
- [S. 1277]:
- ... Erfahrung als solche bewährt haben. Aber das einige
- Unabhängige ...
- ... Erfahrung als solche bewährt haben. Aber das einzige
- Unabhängige ...
-
- [S. 1317]:
- ... gelernten Zeichen nachher auch in seiner Famile. ...
- ... gelernten Zeichen nachher auch in seiner Familie. ...
-
- [S. 1331]:
- ... mehrere zusammen machen Einen Begriff aus und werpen ...
- ... mehrere zusammen machen Einen Begriff aus und werden ...
-
- [S. 1348]:
- ... so gerinfügig der Gegenstand auch seyn möge, irre, oder im ...
- ... so geringfügig der Gegenstand auch seyn möge, irre, oder im ...
-
- [S. 1352]:
- ... fest, frei und kühn au jede Untersuchung mich wagen darf, ...
- ... fest, frei und kühn an jede Untersuchung mich wagen darf, ...
-
- [S. 1457]:
- ... einer höheren Giückseligkeit, ein geheimes Verlangen, auf dem ...
- ... einer höheren Glückseligkeit, ein geheimes Verlangen, auf dem ...
-
-
-
-
-
-
-End of the Project Gutenberg EBook of Sämmtliche Werke 8: Vermischte
-Schriften und Aufsätze, by Johann Gottlieb Fichte
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK SÄMMTLICHE WERKE 8: ***
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-1.E.8.
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-Foundation" or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection
-of Project Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual
-works in the collection are in the public domain in the United
-States. If an individual work is unprotected by copyright law in the
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